Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines . ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abo beträgt: für wöchentlich 2 Büchey: 4 Bücher: unement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 W 2F—. §„„ ² 5. 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Der erſte Beſuch, den Harold Trach und Harry bei ihrer Ankunft in Paris abſtatteten, war, wie unſere Leſer wohl von ſelbſt vermuthen werden, bei ihrem frühern Freunde und Geſellſchafter, Lord Charles Murray, der ſie mit einer Herzlichkeit auf⸗ nahm, welche bewies, daß ſeine Gefühle für ſie ſich nicht geändert hatten. Alle Drei ſtanden in dem Alter, in welchem man für Freundſchaft ſchwärmt und das Verträuen auf die Mitmenſchen noch un⸗ erſchüttert iſt. Der Ernſt des Lebens, die grau⸗ ſamen Enttäuſchungen, hatten ſie noch nicht die cyniſche Weisheit, Zweifel genannt, gelehrt; denn wenn auch dunkle Wolken eine Zeitlang den reinen —Hinimel ihres Daſeins umwölkt hatten, ſo hatten ſich dieſe doch wieder zerſtreut oder waren nahe daran ſich zu zerſtreuen, und eine heitere Zukunft lächelte durch den zerriſſenen Schleier. Der Attaché hörte mit großem Intereſſe die Er⸗ zühlungen der Freunde von ihren Abenteuern in Spanien an, die ebenſo romantiſch als gefahrvoll geweſen waren, ihre Prüfungen und Entbehrungen, 1 ———————— — lachte, daß ihm die hellen Thränen über die Wangen liefen, über die Geſchichte von des guten D'Donnel's„potage de circonstance“ und weihte dem ſo feig ermordeten carliſtiſchen Anführer eine aufrichtige Thräne der Theilnahme. Er beſaß jene warme, theilnehmende Natur, welche ſo ganz dazu geſchaffen iſt, von einer Erzählung dieſer Art auf's Tiefſte ergriffen zu werden. Seine Aufmerkſamkeit ermattete daher auch keinen Augenblick und lange, nachdem ſeine Freunde ſchon mit den Hauptereig⸗ niſſen ihres Feldzuges zu Ende waren, fuhr er noch immer fort auf's Neue wieder ſie auszufragen, wo⸗ bei er von Zeit zu Zeit ſie ſtets wieder auf's Neue verſicherte, wie ſehr er ſich über ihre glückliche Rückkehr freue. Mehr als einmal hatte der Name des Fräuleins von Trouville und deren ariſtokratiſchen Tante, der Herzogin von Rohan, auf Harold's Lippen geſchwebt, bis ihm endlich Lord Charles zuvorkam. „Es iſt für uns alle gut,“ bemerkte dieſer,„daß Sie nicht früher in Paris eintrafen; die Frauen ſind ſo enthuſiaſtiſche Geſchöpfe. Sie werden die Löwen des Tages werden, und man ſieht ſich doch nicht gern in den Schatten geſtellt, ſelbſt von ſeinen theuerſten Freunden. Daß ich es nicht vergeſſe,“ fuhr er in ſchein bar gleichgültigem Tone fort,„ich habe mich geſtern mit Marie verlobt.“ Seine Freunde beglückwünſchten ihn über dieſes frohe Ereigniß auf eine ſo männlich ungezwungene und aufrichtige Weiſe, daß ſein ſchwacher, ſehr ſchwa⸗ cher Verdacht einer Vorliebe eines von Beiden für ſeine Braut,— welcher von Beiden es ſei, darüber —— ——— 3 ——— 5 ½ war er mit ſich nicht in's Klare gekommen— gänz⸗ lich verſchwand. „Unſere Freundin, die Herzogin, iſt doch endlich zur Anerkennung Ihrer Verdienſte gelangt,“ ſagte Harold.„Es freut mich dieß zu hören; ich hielt ſie immer für eine geſcheite Frau.“ „Es mußte aber doch ein trauriges Exeigniß in meiner Familie die Sache fördern,“ erwiderte der Lord ernſt. Die Freunde bemerkten jetzt erſt, daß er in tiefe Trauer gekleidet war. Der plötzliche Tod ſeines ältern Bruders hatte ihn zum Erben einer Pairie und einer fürſtlichen Herrſchaft gemacht. „In den Augen der Nichte bedurfte es für Sie ſolcher Vorzüge nicht,“ bemerkte Harry Burg. „Vielleicht nicht.“ „Vielleicht!“ wiederholte Harold.„Ich glaube, daß es das Privilegium aller Liebhaber iſt, ſich ſelbſt zu quälen, ſonſt müßte ich Ihnen ſagen, Charles, daß Sie ſelbſt für einen Stutzer, der Sie nicht ſind, zu ufvernünftig ſind. Vielleicht! Was gäbe ich nicht um die Sicherheit halb ſo innig und aufrichtig ge⸗ liebt zu werden!“ ſetzte er mit einem uwillkührlichen Seufzer hinzu. „Von welchen Kleinigkeiten hängt nicht zuweilen der Erfolg der Liebe eines Mannes ab!“ rief Harry in demſelben Tone.„Wäre ich zu der ariſtokrati⸗ ſchen Bezeichnung eines de vor meinem Namen be⸗ rechtigt geweſen, ſo hätte ich mich vielleicht verſucht gefühlt, die Liſte der Bewerber um die Nichte der Herzogin,zu vermehren; aber für einen bloßen Miſter Burg wäre die Ausſicht auf Erfolg eine gar zu geringe geweſen.“ „Wer weiß, da ſich das Fräulein ſo wenig aus Charles macht!“ bemerkte Harold mit komiſchem Spotte. „Schont mich!“ unterbrach ihn der Attaché lachend,„ich habe ja in dieſem Punkte meine Flagge geſtrichen und„mea eulpas gerufen,— ich laſſe aber nur meine intimſten Freunde die Schwächen meines Charakters ſehen.“ „Ein Vorzug, für den Sie ſich unendlich ver⸗ bunden erachten,“ bemerkte Harold und Harry. Den einzigen Abend, den die Freunde in Paris blieben, brachten ſie im Hotel der Herzogin von Rohan in Fauburg St. Germain zu, wo ſie von der Dame des Hauſes und deren Coterie gleich Paladinen alter Zeit, die von gefahrvollen Unter⸗ nehmungen und Abenteuern heimkehrten, aufge⸗ nommen wurden. Sie hatten der Polizei Louis Philipps— dem Manne der Tuilerien— eine Naſe gedreht;— das Entkommen des Miniſters des Don Carlos bewerkſtelligt;— das Schwert zu Gunſten ihrer vergötterten Legitimität gezogen,— ſich folg⸗ lich Anſprüche auf Bewunderung erworben, welche die größten Verdienſte um Literatur, Wiſſenſchaft oder Menſchheit im Vergleich mit ihren Leiſtungen nur geringfügig und unbedeutend erſcheinen ließen. Der Enthuſiasmus, den ihre Anweſenheit erregte, war ſo groß und die Hausfrau zeigte ſich gegen ſie ſo unendlich liebenswürdig, daß, ſoweit es wenig⸗ ſtens die Tante betraf, Lord Charles Befriedigung darüber nicht ungegründet erſchien, daß ſie nicht 7 eine Woche früher angekommen waren. Die herz⸗ liche Aufnahme ſowohl, die ſie fanden, als das vollkommene Vertrauen der Exminiſter, Hofleute und Ehrendamen der verbannten Dynaſtie auf den endlichen Triumph der Bourbons wurde aber durch die beſcheiden ausgeſprochene Anſicht der jungen Männer über den desorganiſirten Zuſtand der roya⸗ liſtiſchen Armee ſeit dem Tode Zumalacarregui's bedeutend gedämpft. Anfangs wollte man es gar nicht begreifen, wie der Verluſt eines Generals, von Geburt ein einfacher Landedelmann, die Sache ernſtlich berühren könne. Ja, wäre er ein Guz⸗ mann oder Medina Celi geweſen, ſo hätte die Sache einige Wahrſcheinlichkeit für ſich gehabt; aber ein Mann mit einem gothiſchen, unausſprechbaren Na⸗ men, den man ſelbſt in den Augenblicken ſeiner größten Erfolge für nichts weiter als für einen achtbaren, nützlichen Menſchen gehalten hatte,— die Vorausſetzung, daß die Krone Spaniens von ſeiner Exiſtenz abgehangen habe, dieß hielt dieſe in ihren Vorurtheilen befangene Geſellſchaft für et⸗ was ganz Widernatürliches und Unglaubliches. All⸗ mählig wurde zwar dieſes Vertrauen erſchüttert, aber man ließ ſich nicht herbei, es einzugeſtehen. „Hören Sie es, Baron,“ ſagte endlich die Her⸗ zogin zu einem kleinen verwitterten alten Herrn, deſſen intellectuelle Fähigkeiten nach dem Umſtande beurtheilt werden können, daß er zwanzig Jahre der Verbannung in England zugebracht hatte, ohne auch nur ein einziges Wort von deſſen Landesſprache zu erlernen. Hätte ihn Harold nicht in dieſer Ge⸗ ſellſchaft getroffen und das blaue Band nebſt dem Stern an ſeiner Bruſt geſehen, ſo würde er ihn wohl für einen Tanzmeiſter gehalten haben; und doch floß das reinſte Blut Frankreichs in ſeinen Adern, das heißt nach heraldiſcher Anſicht— denn er war ein Montmorency— ein Geſchlecht, das ſchon vor Jahrhunderten die Deviſe angenommen hat„Dieu aide le premier baron Chrétien“— Gott beſchütze den erſten chriſtlichen Baron. Wenn man dieſen letzten Sprößling anſah, ſo ſchien dieſer Wunſch ſehr gerechtfertigt. Herr von Montmorency war auf dieſen Vorzug im höchſten Grade ſtolz, eine Schwäche, welche Tal⸗ leyrand zu einem ſeiner beißendſten Wortſpiele Ver⸗ anlaſſung gab. Als dieſer nämlich Geſandter am Hofe von St. James unter der Regierung Wilhelms IV. war, hatte der' witzige Diplomat bei einem Levée meh⸗ rere ſeiner Landsleute vorzuſtellen; unter andern den Edelmann, mit dem wir ſo eben unſere Leſer bekannt gemacht haben, und den Chef des großen Bankhauſes Rothſchild in Paris. Der Letztere war kurz zuvor erſt in den Adelſtand erhoben worden. Abſichtlich hatte der Geſandte beide Namen hinter einander auf ſeine Liſte geſetzt. „Sir,“ ſprach ſeine Excellenz,„ich habe die Ehre Eurer Majeſtät Herrn von Montmorench, den erſten chriſtlichen Baron, und Herrn von Rothſchild, den erſten hebräiſchen, vorzuſtellen.“ Georg IV. würde ſein Wohlgefallen an dieſer Satyre durch ein feines Lächeln kund gegeben ha⸗ ben; Wilhelm aber, als alter Seemann, lachte laut auf— eine Beleidigung, welche das Haupt der 9 chriſtlichen Ritterſchaft von Europa nie verzieh. Von dieſem Tage an wurde er mehr als je in ſeinem Widerwillen gegen Alles, was Engliſch war, beſtärtt. Offenbar hatte aber der arme Bankier das meiſte Recht ſich zu beklagen. Der durch die Herzogin in's Geſpräch herein⸗ gezogene Edelmann, der, weil er in den Gardes⸗ du⸗corps Ludwigs XVI. gedient hatte, ſich für eine unbeſtreitbare Autorität in militäriſchen Angelegen⸗ heiten hielt, lächelte mitleidig, indem er ſeine reich mit Brillanten beſetzte Tabatiere durch die Finger gleiten ließ. „Die jungen Herren,“ ſagte er mit merklicher Betonung des Wortes jung—„vergeſſen, daß der König von Spanien die Armee in Perſon com⸗ mandirt.“ Die ariſtokratiſchen alten Damen und abgenütz⸗ ten Hofleute, die dieß hörten, hielten dieſe Antwort für völlig genügend, um die grauſamen Zweifel und Prophezeihungen Harold's triumphirend nieder⸗ zuſchlagen. Konnte man ihrer Anſicht nach etwas Schlagenderes ſagen, als„der König hat das Com⸗ mando übernommen?“ „Ich habe dieß nicht vergeſſen,“ verſetzte Harold, der die ganz unhofmänniſche Gewohnheit hatte, auf dem, was er für wahr hielt, beſtehen zu bleiben, „und dieß gehört gerade mit unter die Gründe, weßhalb ich an dem Erfolge zweifle. Seine Maje⸗ ſtät der König beſitzt allerdings manche fürſtliche und ſchätzenswerthe Eigenſchaften, unglücklicher Weiſe iſt er aber kein Militär.“ „Kein Militär!“ wiederholte der alte Edelmann 10 im Tone des Erſtaunens, in den ſich Mitleid über die augenſcheinliche Unwiſſenheit Harold's in Betreff des wichtigen Umſtands miſchte, den er jetzt kund zu geben im Begriffe ſtand.„Jeder ſpaniſche Prinz, mein Herr, iſt von ſeiner Geburt an Oberſt in der Garde!“ Dieß galt als unwiderlegbar, bis Graf Lilini im Salon erſchien. Seine Meinung wurde als eine Art von Autorität betrachtet. Wir brauchen wohl kaum zu verſichern, daß er die von den jungen Engländern ausgeſprochene Anſicht in ihrem ganzen Umfange beſtätigte. Als Harold der Herzogin ſeine Abſicht mittheilte, am folgenden Tage nach England abreiſen zu wol⸗ len, ſprach dieſe den Wunſch aus, ſeiner Tante ſchreiben zu wollen, ein Verſprechen, das ſie hielt oder das vielmehr ihre Nichte Marie v. Trouville in ihrem Namen ausführte, indem ſie den Brief unter dem Dictate ihrer Tante ſchrieb. Er fing mit„Meine theuerſte Freundin“ an und ſchloß un⸗ ter den Verſicherungen der fortwährenden Trauer über die gegenſeitige Trennung und der ſtets gleich⸗ bleibenden Liebe und Hochachtung mit den Worten: „Ewig die Ihrige, Anna von Rohan.“ Als die Epiſtel zu Ende war, erhob ſich eine kleine Schwierigkeit. Die Gnädige hatte nämlich den Namen ihrer theuerſten Freundin ver⸗ geſſen und wußte nicht, wie ſie den Brief adreſſiren ſollte. Eine Engländerin wäre wohl in Verlegen⸗ heit gerathen und über ihre Unaufrichtigkeit errö⸗ thet; dieß war aber bei der gewandten Franzöſin nicht der Fall, die ſogleich auf einen Ausweg verfil. 11 „Man kann dieſe engliſche Namen weder aus⸗ ſprechen, noch ſchreiben, Marie,“ bemerkte ſie mit dem graziöſeſten Achſelzucken.„Adreſſire ihn alſo „„An meine vielgeliebte Freundin, die Fräulein Tante des Herrn Harold.““ Lilini, Doctor Curry und Peter wollten ſich noch länger in Paris aufhalten. Den Caſſier und den Zigeuner Jack hatte der Graf unmittelbar nach der Ankunft der Aufmerkſamkeit ſeines Freundes, des Oberſten, empfohlen. Sie gingen überall hin und ſahen Alles, ohne entfernt zu ahnen, daß ſie ge⸗ wiſſermaßen gefongen ſeien, indem jeder ihrer Schritte bewacht war. Den folgenden Tag machte ſich Harold und ſein Freund Harry auf den Weg nach London. Ein Brief hatte bereits den Baronet von ihrer glückli⸗ chen Ankunft in Frankreich in Kenntniß geſetzt. Als das Poſtſchiff in den Hafen von Dover einfuhr, erblickte Harold die ehrwürdige Geſtalt ſeines On⸗ kels am äußerſten Ende des Dammes. Wie lange erſchien Beiden die Zeit bis ſie einander die Hand drücken konnten! Die Matroſen, deren Thätigkeit die Wanderer während der Ueberfahrt bewundert hatten, erſchienen ihnen jetzt als träge Müßiggän⸗ ger. Noch nie waren die Taue ſo ſchläfrig abge⸗ wunden worden. Wollte denn das Schiff gar nicht mehr beilegen? Es war des Herzens Ungeduld und viele unſrer Leſer werden wahrſcheinlich ſchon ge⸗ fühlt haben, was dieß iſt, wenn nicht, ſo bedauern wir ſie. Endlich ſtieß es an's Land und im näch⸗ ſten Augenblicke war Harold am Ufer. Das Zuſammentreffen von lang getrennten ——————————— 12 Freunden iſt gewöhnlich etwas ſehr Erfreuliches; aber wenn dieſelben aus Gefahren, ja ſogar gegen alle Hoffnung zurückkehren, ſo iſt es doppelt erfreu⸗ lich. Eine Thräne trat in die Augen Sir Mor⸗ daunt Tracy's, als er ſtillſchweigend ſeinen Neffen bewillkommte. In dieſem Augenblick fühlte er in ſeiner ganzen Stärke, wie unausſprechlich. theuer ſeinem Herzen der junge Mann ſei, den er aufer⸗ zogen hatte. „Liebſter Onkel!“ ſagte Harold,„es iſt gar zu gut von Ihnen, daß Sie in Ihren Jahren einen ſo weiten, ermüdenden Weg nicht geſcheut haben, um mich zuerſt zu bewillkommnen.“ „Das war mein Vorrecht,“ erwiderte der alte Mann.„Ich hätte mich meines theuerſten Privi⸗ legiums für beraubt gehalten, wenn Jemand An⸗ ders mir zuvorgekommen wäre.“ „Das war wohl nicht zu befürchten,“ bemerkte ſein Neffe mit einem Seufzer, indem ſeine Gedanken ſich Bella Trelawny zuwandten. Der Baronet lächelte. „Wie geht es—? Sie wiſſen was ich fragen wollte.“ „Gut, mein lieber Junge, ganz gut,“ verſetzte der Onkel.„Seit ihrer Schweſter Vermählung hat ſich ihr Geſundheitszuſtand vollkommen gebeſſert. Du haſt mehr Muth im Kriege, als in der Liebe gezeigt, glaube ich; ihr Vater und ich ſind von ihrer Liebe zu Dir überzeugt.“ „Sie vergeſſen, daß ſie mich wiederholt abge⸗ wieſen,“ antwortete der Liebhaber verzagt. „Ich vergeſſe nichts,“ verſetzte der Erſtere mun⸗ 13 ter.„Der Tauſend! Hab' ich nicht auch an die⸗ ſer Krankheit darnieder gelegen, und ich ſollte deren Symptome nicht kennen?“ Der zuverſichtliche Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, erweckte die nichts weniger als ganz erſtorbene Hoffnung auf's Neue in der Bruſt des Neffen, der in der Freude ſeines Herzens die wiederholten Verſicherungen Bella's vergaß, daß ſie nie die ſeinige werden könne, und er beſchloß, wie ſo Manche an ſeiner Stelle ſchon gethan, fortzu⸗ träumen, ohne an die Stunde des Erwachens zu denken. Des guten Toms Freude, als er Sir Mordaunt wieder ſah, ward nur durch die ſeines jungen Herrn übertroffen. Heimath, Eltern, Freunde, die hübſche Norah, Alles ſchien ihm in dieſem wiedergegeben zu ſein. In ſeinem Entzücken vergaß er ſogar den gewohnten Reſpekt ſo weit, daß er dem Baronet die Hand hinſtreckte. Plötzlich fiel ihm aber der Mißgriff, den er begangen hatte, ein und er zog, bis 1 die Schläfe erröthend, dieſelbe wieder zurück. Ein Emporkömmling würde ſich dadurch für be⸗ leidigt gehalten haben; bei dem Baronet war dieß aber keineswegs der Fall, denn er war viel zu ſehr ein Cavalier aus der alten Schule. Auf die freund⸗ lichſte Weiſe ſchüttelte er die ihm ſo herzlich dar⸗ gebotene Hand und dankte dem ehrlichen Menſchen für ſeine Treue gegen ſeinen Neffen. Tom wurde dadurch ſo gerührt, daß er in dieſem Augenblick vor Freude beinahe geſtorben wäre. An dieſem Tage fuhren fünf ſehr glückliche Men⸗ 14 ſchen vom Landungsplatze in Dover in einem vier⸗ ſpännigen Reiſewagen weg. Tom und Will mit dem Knittel ſaßen auf dem Hinterſitze, deſſen Eigen⸗ thümer und die beiden Reiſenden im Innern. Es wäre ſchwer zu unterſcheiden geweſen, wer unter Allen der zufriedenſte war. Miß Margaret Tracy hatte, trotz ihrer Pünkt⸗ lichkeitsliebe, merkwürdiger Weiſe, ohne ein unge⸗ duldiges Wort zu äußern, eine geraume Zeit über die gewohnte Stunde des Mittageſſens in Grans⸗ toun Park die Ankunft ihres Bruders und Neffen abgewartet. Faſt das ganze Familien⸗Silbergeſchirr war aus dieſer Veranlaſſung aufgeſtellt worden. Sie liebte ſolche Familien⸗Traditionen. Die Die⸗ nerſchaft hatte ihre beſten Livrée angezogen und zeigte eine ungewohnte Rührigkeit, und mehr als einmal bemerkte der alte Haushofmeiſter pfiffig, daß er jetzt wieder die Thurmuhr, je nach Umſtän⸗ den, werde reguliren müſſen. Auf den Arm des Generals Trelawny gelehnt, erwartete, trotz des ſcharfen Oſtwindes, das gut⸗ müthige alte Fräulein auf der Terraſſe vor der Halle die Ankunft des Wagens. Endlich zeigte ſich dieſer am Ende der breiten Allee, die er eilig her⸗ angerollt kam, indem die Poſtillone weder Peitſche noch Sporen ſchonten. Der General und ſeine Be⸗ gleiterin winkten mit den Sacktüchern und aus dem Gefährte heraus wurde ihr Bewillkommnungsgruß erwidert. Die herzliche Umarmung, welche Harold ſeiner Tante zu Theil werden ließ, obgleich dadurch ihre unvergleichliche Spitzenhaube etwas in Unordnung 15 gerieth, wurde nicht nur geduldet, ſondern auch er⸗ widert. Ein Jahr früher wäre ihm wenigſtens ein ſtundenlanger Sermon über ſein ungeſtümes Be⸗ nehmen zu Theil geworden; bei der jetzigen Sach⸗ lage aber zeigte ſich die Natur ſtärker als die Ge⸗ wohnheit. Wenn er ihren Schooßhund getreten, ihren Lieblingspapagey erſchoſſen oder irgend ein anderes ſchweres Vergehen dieſer Art ſich zu Schul⸗ den hätte kommen laſſen, ſo würde es ihm in die⸗ ſem Augenblicke die alte Jungfer verziehen haben. Unſere Leſer werden daraus erkennen, daß Miß Tracy's Herz weit beſſer war, als ihr Tempera⸗ ment oder Kopf. „Jetzt ſieht es doch in dem alten Hauſe wieder heimathlich aus!“ rief der Baronet, als er wieder⸗ holt Harold die Hand drückte.„Willkommen! Hun⸗ dertmal willkommen in Granstoun Hall!“ „Und auch Deiner Tante, mein Lieber,“ ſetzte die Dame hinzu, indem ſie ihren Kopfputz ordnete. „Erlauben Sie auch mir, Sie willkommen zu heißen,“ ſagte der General;„da ich kein Mitglied der Familie bin, ſo ſteht mir dieſes Recht kaum zu.“ „Sie könnten es aber ſein, Ned, und Sie ſollen es auch werden,“ verſetzte der Baronet. Die alten Herren lächelten und warfen ſich Blicke des Einverſtändniſſes zu, wie alte Herren lächeln und ausſehen, wenn ihnen ein Lieblingsgedanke oder ein großes Geheimniß auf dem Herzen liegt, das nebenbei geſagt, Jeder von ihnen längſt errathen hatte und gerne laut ausgeſprochen hätte. Das erſte Glockenzeichen zum Mittageſſen wurde gegeben und die Verwandten und Freunde trennten 16 ſich, um ſich wenige Minuten hernach im Speiſe⸗ zimmer wieder zu treffen. Harold, der am meiſten ſich gedrängt ſah, blieb weniger Zeit, als jedem Andern. Von der ganzen Dienerſchaft trat ihm Eines um das Andere in den Weg, um ihn zu Hauſe willkommen zu heißen. Die Haushälterin, die ihn vom erſten Milchzahne an, bis er in die reifern Knabenjahre getreten war, gepflegt hatte, erwartete ſogar einen Kuß von ihm, als ſie ihm im Gange begegnete, und ſo blieben ihm nur noch wenige Minuten zum Umkleiden, als er endlich in ſein Zimmer gelangte, wo er Tom eifrig mit Aus⸗ packen und Herrichten der nothwendigen Kleidungs⸗ ſtücke beſchäftigt fand. „Endlich ſind wir zu Hauſe,“ ſagte der ehrliche Menſch.„Wie behaglich Alles ausſieht! Firefley kennt mich noch. Ich bin ſo eben einen Augenblick im Stalle geweſen.“ „Kaum möglich!“ bemerkte ſein Herr. „Ganz gewiß, Squire,“ verſetzte der Burſche. „Das gute Thier wandte ſich um, wiherte und hieß mich mit ſeinen Augen ſo deutlich willkommen, wie es nur irgend ein Chriſtenmenſch hätte thun können. Bedürfen Euer Ehren dieſen Abend noch meiner Dienſte?“ ſetzte er hinzu;„ich werde nicht zu ſpät nach Hauſe kommen.“ Die Erlaubniß wurde von Herzen gern ertheilt und Tom ſattelte ſich, trotz aller Bemühungen, ihn im Geſindezimmer zurückzuhalten, deſſen Bewohner gerne ſeine Abenteuer ſich hätten erzählen laſſen, ſein Pferd, um hinüber nach dem Maierhofe zu reiten. Er hielt jedoch pflichtmäßig an der Hütte 17 ſeines Vaters, des alten Pächters, die am Wege lag, an. Doch dauerte dieſer Beſuch nur ſehr kurz, wie wir in Betracht der langen Abweſenheit des Sohnes mit Bedauern berichten müſſen, denn wir wiſſen nicht, ob unſere Leſer Norah's ſchwarze Au⸗ gen für eine genügende Entſchuldigung gelten laſſen werden. Wahrſcheinlich wird aber deren Ausſpruch von dem Alter abhängen, in dem dieſe ſtehen. Obgleich Harold Tracy's Herz nichts weniger als frei von Beklemmung war, ſo gab er ſich doch alle Mühe heiter zu ſcheinen. Sein dankbares Ge⸗ müth erlaubte ihm nicht, ſeine liebevollen Verwand⸗ ten merken zu laſſen, daß ihre Zärtlichkeit für ihn zu ſeinem Glücke nicht ausreichend ſei; aber trotz ſeiner Bemühungen merkte man ihm doch den wah⸗ ren Zuſtand ſeiner Gefühle an, und Sir Mordaunt gelangte nach und nach zu der Ueberzeugung, daß, obgleich er ſeinen Erben wieder bei ſich hatte, zum gänzlichen Frieden des Gemüths deſſelben doch noch mehr nothwendig ſei, als der Titel und das Ver⸗ mögen, die ihm heide mit der Zeit von ſelbſt zu⸗ fallen mußten. Dieſe Entdeckung, weit entfernt ihn zu beleidigen, machten ihm den jungen Mann nur noch um ſo theurer. Der alte Mann hatte die Schmerzen und Leiden, die er in einem ähnlichen Falle erduldet, nicht vergeſſen. Die Wunde war zwar geheilt worden, aber die Narbe war geblieben. Miß Trach fühlte einen viel zu großen Unwil⸗ len über Bella's vermeintliches launenhaftes Be⸗ nehmen, als daß ſie auch nur entfernt auf den Ge⸗ genſtand angeſpielt hätte. Daß irgend 6 Mäd⸗ Licht⸗ und Schattenſeiten. V⸗ 18 chen von Verſtand ihren Neffen habe abweiſen kön⸗ nen, ging über ihr Faſſungsvermögen. Dieſer war nämlich in ihrer Meinung ganz ungeheuer geſtiegen, ſeit ſie den Brief der Herzogin von Rohan geleſen hatte, die darin von ihm als einem Helden ſprach. Harold hatte ſich ſchon ſeit mehr als einer Stunde in ſein Zimmer zurückgezogen, in der Ab⸗ ſicht jedoch, ſich nicht eher zur Ruhe niederzulegen, bis Tom zurückgekehrt ſei. Obgleich des Maier⸗ hofes zwiſchen Beiden noch mit keiner Silbe ge⸗ dacht worden war, ſo hatte Harold doch errathen, an welchem Orte ſein Diener den längſten Beſuch abgeſtattet habe. Kein Wunder alſo, daß er nicht ſchlafen konnte; in der Liebe pflegt auch der unbe⸗ deutendſte Gegenſtand den geſchäftigen Geiſt zu quä⸗ len und das Herz in Träumereien zu verſetzen. Er vermochte ſich keine Rechenſchaft darüber abzulegen, was er zu erwarten habe, und doch konnte er nicht umhin, dem Bericht ſeines treu ergebenen Vertrauten ein beſonderes Gewicht beizulegen, obgleich er über ſeine Schwäche, wie er es ſelbſt nannte, faſt er⸗ röthete. Es war ſchon Mitternacht vorüber, als er end⸗ lich die Schritte von Norah's Liebhaber auf dem Gange vernahm. Das Klopfen an der Thüre ge⸗ ſchah aber ſo behutſam, daß wenn er nicht genau aufgehorcht hätte, er es gar nicht gemerkt hätte. Tom trat mit vor Freude ſtrahlendem Geſichte in das Zimmer, denn er wußte, daß die Nachricht, die er der hübſchen Kammerjungfer abgeſchmeichelt hatte, ſeinem theuren Herrn neues Leben und neue Hoffnung geben werde. X — X— —— 19 „Du biſt auf dem Hofe geweſen?“ fragte dieſer. „Das war ich, Squire, und habe dort Miß Bella geſehen, die ſo ſchön wie je iſt. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie freundlich ſie mit mir geſprochen, und wie ihre Stimme zitterte, als ſie nach Ihnen fragte. Das iſt aber noch nicht Alles; ich habe Norah geſprochen. Ich wußte wohl, daß ich Alles herausbringen werde. Es war gar nicht natürlich, und ich ſagte Ihnen ja immer, daß die junge Dame Sie liebe.“ Harold's Herz klopfte in mächtigen Schlägen. „Die ganze Schuld liegt an der Schweſter.“ „An Eugenia?“ „An ihr,“ wiederholte Tom.„Sie war nahe daran, mit Lieutenant Mortimer aus der Halle durch⸗ zugehen, als ſie dort auf Beſuch war. Miß Bella kam, wie es ſcheint, dahinter und überredete ſie wieder zurückzukehren, nachdem ſie bereits ſchon bis in den Blumengarten im Park gekommen war. Und was glauben Sie wohl, was ſie dazu veranlaßte?“ Harold's Geſicht zeugte deutlich, daß er zu be⸗ wegt war, um hierauf antworten zu können. „Die gute junge Dame leiſtete einen Eid, nie⸗ mals ohne die Einwilligung ihrer Schweſter Sie zu heirathen,“ fuhr Tom fort;„und damit iſt die Geſchichte erklärt. Norah hörte, wie ſie Miß Eu⸗ genia mehrmals bat, ſie ihres Eides zu entbinden; und ich glaube nicht, Squire, daß ſie dieß gethan hätte, wenn ihr Herz gegen Sie ſo kalt wäre, wie Sie ſich vorſtellen. Es war gar nicht natürlich; denn weßhalb hätte ſie Sie nicht lieben ſollen? Liebt ſie denn nicht Jedermann, wie Norah ſagt?“ 2 20 Es iſt unmöglich die Gefühle des Entzückens zu beſchreiben, die dieſe Worte auf Harold hervorbrach⸗ ten. Die ſcheinbare Inconſequenz in Bella's Be⸗ nehmen,— ihr ſterbender Blick, als ſie von ihm ſchied, die Zeichen der Liebe, welche, trotz ihres Entſchluſſes, zuweilen ſich bemerklich machten,— Alles war jetzt auf die befriedigendſte Weiſe erklärt. „Sie hat gebeten ihres Eides entbunden zu wer⸗ den?“ wiederholte Harold,„ſie ſoll davon entbun⸗ den werden; ich will dieſes Wort den Lippen ihrer Schweſter— ihrem Herzen, wenn ſie überhaupt eines hat, abzwingen. Unedelmüthiges Geſchöpf! Die innige Liebe ſolch' einer Schweſter zu einer Waffe zu machen, um dieſe zu verderben!— Tom, Du haſt mir neues Leben und neue Kraft gegeben; ich werde nie im Stande ſein, Dir für dieſen Dienſt genugſam zu danken und noch viel weniger Dich genugſam dafür zu belohnen. Eine innere Stimme flüſterte mir immer zu, daß Eugenia die geheime Urſache all' dieſes Elends ſei.“ „Sprechen Sie nicht davon wir zu danken oder mich zu belohnen,“ ſtammelte der ehrliche Tom. „Haben Sie mich nicht mehr wie einen Freund als wie einen Diener behandelt?“ „Du biſt auch ein Freund,“ unterbrach ihn ſein Herr, ihm die Hand ſchüttelnd.„Als ich ein Ge⸗ fangener war, haſt Du Dein Leben daran geſetzt. Piſt⸗du wirklich feſt überzeugt, daß Norah ſich nicht irrt?“ ²„Sich irrt?“ wiederholte deren Verehrer.„No⸗ rah ſollte ſich irren! Nein, nein! Sie war es ja welche die beabſichtigte Entführung zuerſt entdeckte 21 und Miß Bella davon benachrichtigte. Das Ge⸗ heimniß hab⸗ſie ſeitdem immer gedrückt, ſeit ich— das heißt nämlich, ſeitdem wir weg waren, und ſie beſchloß deßhalb mir Alles zu ſagen— trotz dem Verſprechen, das ſie ihrer Herrin gegeben hat— ſobald ich zurückkomme. Wie es einem braven Mäd⸗ chen geziemt, hat ſie es gethon. Ich verſprach ihr dafür— nämlich— Sie—“ hier hielt Tom inne. „Und was verſprachſt Du ihr denn?“ fragte Harold lächelnd. „Daß wenn Alles zwiſchen Ihnen und ihrer jun⸗ gen Gebieterin in Ordnung ſei, Sie Verzeihung fuͤr ſie auswirken wollten. Es würde ihr das Herz brechen, wenn Miß Bella böſe würde.“ „Fürchte deßhalb nichts.“ „Das iſt aber noch nicht Alles.“ „Was noch weiter? Sprich es aus.“ „Es bedurfte von meiner Seite einiger Ueber⸗ redung,“ fuhr Tom fort,„und ſo verſprach ich ihr, daß wir uns denſelben Tag, wie Euer Ehren und ihre Gebieterin, uns verheirathen wollten.“ „Sei unbeſorgt, Du ſollſt Dein Wort einlöſen,“ verſetzte Harold freudig,„und zugleich eines der beſten Pachtgüter meines Onkels als Hochzeitsge⸗ ſchenk erhalten.“ „Ich brauche kein Pachtgut,“ bemerkte Tom; „auch Norah verlangt nach keinem; wir möchten Beide lieber bei Ihnen bleiben.“ Ehe Harold ſeinen Diener entließ, mußte ihm dieſer nochmals Alles erzählen, was die Kammer⸗ jungfer ihm in der Fülle ihres Herzens anvertraut hatte. Er mußte es Wort für Wort wiederholen, 22 damit ja keine Silbe verloren gehe. Endlich, nach⸗ dem er ſich ſattſam von der Wirklichkeit ſeines Glücks überzeugt hatte, erlaubte er Tom, auf ſein Zimmer ſich zu begeben, um endlich der Ruhe zu pflegen. Obgleich Harold daſſelbe thun zu wollen ſich vor⸗ genommen hatte, ſo kam doch keine Ruhe über ihn. Wer kann ſchlafen, wenn das Herz wacht und eine glückliche Zukunft in reizenden Bildern die erregte Phantaſie umgaukelt? Anſtatt ſich zu Bett zu legen, ſtahl ſich der von neuen Hoffnungen erfüllte Lieb⸗ haber heimlich aus ſeinem Zimmer weg und aus der Halle in den Park, wo er ſo lang umher wan⸗ derte, bis die Göttin mit den Roſenfingern den Vorhang der Nacht weggezogen hatte und der Mor⸗ gen auf die ſchlafende Welt herabdämmerte. Es iſt jetzt Zeit, daß wir zu Bella zurückkehren, deren wahre Empfindungen unſern Leſern vom erſten Augenblicke an kein Geheimniß waren, nach⸗ dem ſie ihre Prüfungen mit angeſehen und dem armen Mädchen, wie wir nicht zweifeln, ihre Theil⸗ nahme gewidmet haben. Wir wünſchten hinzu fügen zu können, daß deren Leiden nun zu Ende wären. Wie oft halten wir irriger Weiſe das Aufhören von Schmerzen für die Wiederkehr der Geſundheit, Vergebung für Gleichgiltigkeit, Abſpannung für Philoſophie! Auch Bella war in einen Irrthum dieſer Art verfallen. Sie hatte gekämpft, und, wie ſie ſich einbildete, ihre Leidenſchaft beſiegt, bis die Rückkunft des Geliebten ſie aus ihrem Irrthume erweckte. Noch ehe ſie ihn geſehen, den Ton ſeiner ihr ſonſt ſo vertrauten Stimme gehört oder ſein Antlitz erblickt, hatte ſie der ganze Zauber der Ver⸗ N v— 23 gangenheit wieder ergriffen und ihr Herz ſchlug wieder ſo mächtig, wie ehemals. Vergeblich ſuchte ſie ſich zu überreden, daß dieß nur eine vorüber⸗ gehende Empfindung ſei, welche Stärke des Geiſtes, Beſchäftigung, ihre Blumen und Vögel, die Geſell⸗ ſchaft der Miß Cheerly und ihres Vaters ſie zu überwinden in den Stand ſetzen werde. Der Schlaf während der Abweſenheit des Letztern in Granstoun⸗ Park hatte ſie aber geflohen und ſo wandelte ſie ſchon in früher Morgenſtunde durch die Gefilde, in der Hoffnung, daß die friſche Morgenluft ihre Nerven und ihren Entſchluß ſtärken werde. „Ich quäle mich mit dieſen Sorgen um ſein Glück nutzlos ab,“ murmelte Bella vor ſich hin. „Wahrſcheinlich hat er mich längſt vergeſſen, ver⸗ geſſen, wie ich ihn ſelbſt gebeten habe, und ein Weſen getroffen, das ſeiner Liebe würdiger war. Ich hoffe, daß dieß der Fall war, und daß er glück⸗ lich, recht glücklich wird— ſo glücklich, wie ſein edler, männlicher Charakter es verdient.“ Das arme Mädchen hatte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, den Weg nach dem See eingeſchlagen, der ziemlich abgelegen war und wohin ſie oft mit Harold ſpazieren gegangen. Ihre Augen waren in ſeine Tiefe gerichtet— ein Beweis von der Träumerei ihres Geiſtes. Plötzlich erſchrack ſie und wurde blaß; ſie hatte ihren Namen von Jemand ausſprechen hören, deſſen Stimme die ſchlummernden Echos ihres Herzens erweckten. Harold befand ſich an ihrer Seite; er hatte die —.——————— 24 Halle mit Tagesanbruch verlaſſen und war nach dem Hofe geritten. Bella verſuchte einige Worte des Willkomms zu ſtammeln, aber die Lippen verſagten ihr den Dienſt. Aus Furcht, daß ihre Bewegung ſie verrathen möchte, legte ſie ſtillſchweigend ihre Hand in die ſeinige. „Ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, wie ſehr es mich freut, Sie wieder und in ſo blühender Ge⸗ ſundheit zu ſehen. Dem Himmel ſei's gedankt; die traurige Ahnung, welche meine Seele bei meinem Abſchiede quälte, iſt nicht eingetroffen. Sie wurden erhalten, um das Herz eines Sie zärtlich liebenden Vaters zu erheitern, zum Troſte ſeines Alters, zum Glück von allen Denen, die Sie lieben. Alle, ſagte ich,“ fuhr er ſich ſelbſt verbeſſernd fort.„Welch⸗ dünkelhaftes Wort! Gibt es doch Einen, für den Sie kein Lächeln— keine Hoffnung haben!“ „Für den ich aber doch die Anhänglichkeit einer Schweſter bewahrt habe,“ erwiderte das junge Mädchen, ſich zu einem Lächeln zwingend.„Ich ſchmeichelte mir— ich hoffte— daß Sie Alles vergeſſen hätten— Alles, außer unſerer Freund⸗ ſchaft und Achtung.“ Vergeſſen!“ wiederholte Harold.„Wie leicht iſt dieſes Wort auszuſprechen und wie ſchwer es zu hälten! Nein, Bella, ich habe Sie nicht vergeſſen. Ich habe mich in das Getümmel der Welt geſtürzt, habe große Städte geſehen und bin bei Kämpfen mit dabei geweſen; aber ſowohl im Getümmel der Modewelt, wie unter den Gefahren im Felde iſt mir Ihr Bild auch nicht einen Augenblick lang aus dem Sinn gekommen. Es begleitete mich wachend 8)— r (⸗ ie n n te n er e E d⸗ 25 und ſchlafend, und ich kehre eben ſo treu und liebe⸗ voll zu Ihren Füßen zurück, wie ich England ver⸗ laſſen habe.“ Trotz der Hoffnung, die Bella ſoeben ausge⸗ ſprochen hatte, daß Harold eine Andere gefunden haben möchte, deren Bild das ihrige in ſeinem jungen Herzen erſetze, ſo durchzuckte ſie doch eine innere Wonne, als ſie dieß Geſtändniß vernahm. Es iſt ſo ſüß, ſelbſt wenn uns die Hoffnung geraubt ſcheint, zu erfahren, daß wir von dem Gegenſtand unſerer. Wahl geliebt ſind. „Harold,“ hub ſie an,„ich meinte doch, bei unſerem letzten Zuſammentreffen hinreichend erklärt zu haben—“ „Nein, Bella, Sie haben nichts erklärt—“ unterbrach ſie Harold;„Sie verſchwiegen mir die Grauſamkeit und Ungerechtigkeit einer Schweſter, die Ihrer Liebe unwerth iſt. Welches Recht hatte Eugenia, Ihnen ein Gelübde zu entreißen, welches eine Schranke zwiſchen Ihnen und meinem Glück aufrichtete? Womit haben Sie ihren Haß verdient? Ein ſolches Benehmen war Ihrer Schweſter unwür⸗ dig. Nehmen Sie den Fall an, daß ich, anſtatt Ihnen gleichgiltig zu bleiben, ſo glücklich geweſen wäre, Ihre Liebe zu gewinnen, welche Folgen für Ihr körperliches und geiſtiges Wohl hätte dann dieſe Selbſtſucht gehabt?“ „Sie wiſſen dieß Alles?“ ſtammelte das zit⸗ ternde Mädchen. „Alles;— Ihre Hingebung, Ihr edelmüthiges Opfer, um Eugenia vom Verderben zu erretten⸗ Sie ſollen aber frei werden. Eugenſa ſoll auf die 26 grauſame Gewalt, die ſie ſo widernatürlicher Weiſe über Sie erlangt hat, verzichten. Wenn meine Bitten nichts nützen, ſo ſoll Ihr Vater—“ „Nein, nein!“ ſeufzte Bella,„gerade ſeine Liebe — ſeine zu parteiiſche Liebe für ſein jüngſtes Kind iſt die Urſache ihres Haſſes gegen mich.“ „Ich werde Sie von deren Folgen frei machen,“ antwortete der junge Mann entſchloſſen.„Iſt es denn ſchicklich— iſt es denn Recht, daß eine ver⸗ heirathete Frau die Macht beſitzen ſollte, meine Ver⸗ bindung mit ihrer Schweſter zu verhindern? Seien Sie unbeſorgt, aber ich werde die Mittel ausfindig zu machen wiſſen, durch die ich dieſe Verzichtleiſtung ihren Lippen abzunöthigen im Stande bin; und wenn mir dieß gelungen iſt,“ ſetzte er mit tiefer Bewegung hinzu,„ſo werde ich wenigſtens die trau⸗ rige Befriedigung des Bewußtſeins haben, ſelbſt wenn Sie mich dann noch abweiſen, daß ich Alles gethan habe, was ich thun konnte, um eine Liebe zu gewinnen, nach der mein Herz ſeufzt.“ Der Ton des männlichen Schmerzes, die ſorg⸗ fältige Weiſe, mit der Harold jede eingebildete An⸗ ſpielung auf die Kämpfe und die Vorliebe für ihn vermied, die er wohl bemerkt haben mußte, rührte das ſchöne Mädchen auf's Tiefſte, die ſich in Ge⸗ danken ſelbſt der Ungerechtigkeit anklagte. „Sie brauchen ſie nicht erſt zu gewinnen, Harold,“ erwiderte ſie,„denn Sie haben ſie längſt gewonnen.“ Dieſe Worte waren kaum ihren Lippen ent⸗ ſchlüpft, als der Liebhaber auch ſchon auf ſeinen Knieen lag und ihre Hand mit ſeinen Küſſen bedeckte. Von dem Augenblicke an, in welchem Bella ihre 27 Gefühle bekannt hatte, verſchmähte ſie jede weitere Verſtellung. Sie geſtand Alles ein, ſelbſt die Bitte, zu der ſie ſich herabgelaſſen hatte, um ihre Schwe⸗ ſter zu bewegen, ſie ihres edelmüthigen, aber unbe⸗ dachten Gelübdes zu entbinden. Das Entzücken von Liebenden iſt ſchon ſo oft beſchrieben und erzählt worden, und doch iſt es viel⸗ leicht das Einzige, welches ſelbſt bei Wiederholungen nicht ermüdet; eine Eigenthümlichkeit, deren Grund nicht in der Beredtſamkeit oder Anmuth der Feder des Erzählers, ſondern in den Erinnerungen zu ſuchen iſt, die dadurch erweckt werden. Ein einziges Wort reicht oft hin, die Vorrathskammer der Ver⸗ gangenheit aufzuſchließen. Obgleich Harold Tracy auf Bella's Bitten ein⸗ gewilligt hatte, den General Trelawny von Euge⸗ nia's Betragen erſt dann in Kenntniß zu ſetzen, wenn alle andern Mittel erſchöpft ſeien, ſo beſchloß er doch in Gedanken, daß keine Bitten ihn bewegen ſollten, das Geheimniß zu bewahren, wenn ſie ſich beharrlich weigern würde, ihre Schweſter ihres Eides zu entbinden. Es wird aber nicht dahin kommen, dachte er, und gekräftigt durch das Bewußtſein, daß er geliebt ſei, erſchien ihm die Zukunft eben ſo heiter und hoffnungsvoll, als die Vergangenheit drohend und düſter ausgeſehen hatte. Sir Mordaunt und Miß Tracy waren nicht wenig erſtaunt, als ihr Neffe am folgenden Morgen nicht beim Frühſtück erſchien. Das Fräulein ſchrieb es der Ermüdung zu und das Mahl wurde ohne ihn verzehrt. Gegen Mittag erſchien ein Groom 28 vom Hofe mit einem Billet an den Baronet, wel⸗ ches die Nachricht enthielt, daß Harold nach dem Maierhofe geritten ſei, um Miß Trelawny ſeine Achtung zu bezeigen und daß er erſt zum Mittag⸗ eſſen zurückkommen werde. „Sehen Sie, Ned,“ rief der erſtuui Onkel aus, indem er das Billet dem General einhändigte,„ſagte ich es nicht immer, unſere langjährige Freundſchaft wird am Ende doch noch durch eine Heirath unſerer Kinder enger geſchlungen werden! Ich wußte wohl, daß das Mädchen ihn liebt.“ Bella's Vater war erſtaunt, als er den Inhalt des Billets las. Zwar hatte er wohl geahnt, daß dieß der Fall ſei, aber er konnte dieſe plötzliche Wendung nicht begreifen. Das ſeitherige Benehmen ſeiner Tochter erſchien ihm daher entweder launen⸗ haft oder unerklärlich. Es ſah dieß dem ſchlichten, denkenden Mädchen ſo gar nicht ähnlich. „Der Himmel füge es ſo,“ erwiderte er. „Er hat es ſo gefügt,“ ſagte Sir Mordaunt. „Harold hat zu vie Verſtand, als daß er nach einer abermaligen Abweiſung geblieben wäre.“ „Das hoffe ich auch,“ bemerkte Miß Tracy feier⸗ lich;„ich kann übrigens nicht begreifen—“ „Es iſt auch gar nicht nöthig,“ unterbrach ſie ihr Bruder;„die Zeiten haben ſich geändert, ſeit wir jung waren.“ Es war dieß eine jener Bemerkungen, welche die Schweſter jedesmal zum Schweigen brachten. Ehe Harold in die Halle zurückkehrte, ſchrieb er einen männlichen, geradſinnigen Brief an Miſtreß Brandon Burg, in welchen er einen von ihrer 29 Schweſter einſchloß. In dem ſeinigen verlangte er Verzichtleiſtung auf Bella's Gelübde als ein Recht, Bella bat ſie darum als um eine Gefälligkeit. Wel⸗ chen Erfolg dieſe Zuſchriften hatten, wird ſich im Verlaufe unſerer Erzählung herausſtellen. Vorerſt können wir nichts weiter ſagen, als daß Eugenia nicht die Perſon war, die, wenn man ſich nur an ihre Gefühle und an ihren Verſtand wandte, einen Vortheil, den ſie erreicht hatte, gutwillig aufgab. Sehundfünfzigſtes Capitel. Unſer amerikaniſcher Abenteurer und deſſen Gat⸗ tin hatten ſich ſchon ſeit mehreren Monaten in ihrem prachtvollen Hotel in London niedergelaſſen und der Eitelkeit, dem dringenden Verlangen der Dame, in der Modewelt ausgezeichnet zu werden, war im vollſten Maße Genüge geſchehen, indem ihre Ge⸗ ſellſchaften die geſuchteſten während der ganzen Saiſon waren. Dieſen Erfolg verdankte ſie aber weniger ihrer Schönheit und ihren Talenten, als der plötz⸗ lich entſtandenen Freundſchaft, welche die Gräfin von Melbourg für ſie gefaßt hatte. Dieſe Pairs⸗ dame, obgleich eine der excluſivſten Leiterinnen des Modetons, hatte ſich Eugenia ſelbſt als eine Freun⸗ din der verſtorbenen Gemahlin des Generals Tre⸗ lawny vorgeſtellt. Brandon behandelte dieſe ſtolze Dame mit un⸗ verholener Verachtung; ſie beſann ſich nicht, ſelbſt 30 in deſſen Gegenwart, ihr Erſtaunen darüber aus⸗ zuſprechen, daß Eugenia mit einem ſolchen Manne ſich habe vermählen können; ſie lud ihn nie zu ihren Geſellſchaften ein, bei denen ſeine Gemahlin jedesmal anweſend war, und ſagte ihm ganz un⸗ umwunden, wenn er darauf anzuſpielen wagte, es möchte doch paſſend ſein, daß man ihn einmal dort ſehe, daß davon gar nicht die Rede ſein könne. Es war dieß ein Mangel an gegenſeitigen Rück⸗ ſichten, wenn nicht gar eine Rache!. Obgleich Brandon dieſe entſchiedene Weigerung ſchwer ärgerte, ſo ließ er ſich, ohne über den Grund ſich auszuſprechen, doch ſeinen Verdrhß nicht anmer⸗ ken. Ja, er leiſtete ſogar der Intimitet der Gräfin mit ſeiner Frau dadurch Vorſchub, daß er dieſe zwier holten Beſuchen veranlaßte, und ſelbſt gegen ſein n Freund und Rathgeber Albert ließ er ſich von der Wuth nichts anmerken, die ſein Inneres verzehrte. Dieſer konnte ihn gar nicht begreifen; das Beob⸗ achten war ihm zur andern Natur geworden und deßhalb legte er ſich jetzt auch auf die Lauer, um jede Karte, die ausgeſpielt wurde, zu bewachen und auf das häusliche Leben anzuwenden, deſſen Scenen ſich täglich vor ihm abſpielten. Wäre die Stellung der Gräfin weniger entſchie⸗ den oder nur im mindeſten zweideutig geweſen, ſo hätte Albert ſogleich den Schlüſſel zu dem Geheimniß gehabt oder wenigſtens zu haben geglaubt; ihr Rang war aber unbeſteitbar, das Vermögen ihres Gewahls, der keinen Willen, als den ihrigen, zu haben ſchien, eines der bedeutendſten im König⸗ reiche. Was konnte alſo eine Frau dieſer Art ver⸗ 8⸗ ne zu in n⸗ es rt e. k⸗ ig d r⸗ it r⸗ n r e. ⸗ d d v **— 31 anlaſſen, ſich ſo, wie ſie es that, Engenia zu wid⸗ men? Es war dieß ein Problem, deſſen Löſung ſchwierig war und gerade deßhalb ihn intereſſirte. Hätte er gewußt, was ſein Verbündeter wußte, ſo würde es ihm nicht ſo ſchwierig erſchienen ſein. Capitän Mortimer hatte bei dem ſo ſchlecht zu⸗ ſammenpaſſenden Ehepaar zu Mittag geſpeist; die Hausfrau hatte ſich zurückgezogen, um ſich für die Oper anzukleiden. Sie erwartete Lady Melbourg, die ſie abholen wollte, und die Herren waren bei ihrer Flaſche zurückgeblieben. „Nun, Brandon,“ ſprach der Officier, wie ge⸗ fällt Ihnen das Modeleben?“ „Es mag ſchon recht ſein,“ erwiderte der Yankee, „wenn man mit dabei und überall geladen iſt; aber für einen bloßen Zuſchauer iſt es ſcheußlich langweilig.“ „Zuſchauer!“ wiederholte Albert;„wie iſt dieß zu verſtehen, da man ja allgemein von Ihren Ge⸗ ſellſchaften ſpricht?“ „Sie meinen von denen meiner Frau?“ „Ihrer Frau oder der Ihrigen, das kommt auf Eins heraus.“ „Nein, durchaus nicht,“ erwiderte der Herr des Hauſes.„Sie gibt ſie, und ich bezahle ſie. Ich kann ja nicht einmal einen Freund einladen? So ließ ich geſtern meine Abſicht merken, den Oberſten Chucks von der penſylvaniſchen Miliz bitten zu laſſen, worauf Miſtriß Burg und die Gräfin über mich herfielen und mich einen gräulichen Menſchen nann⸗ ten, daß ich nur an ſo etwas denken könne,“ „Er iſt doch ein Cavalier?“ 32 „Ein Cavalier, ich glaube ſo,“ murmelte Brandon. „Warum laſſen Sie ſich dieß gefallen?“ fragte Albert, der, wo möglich, gern erfahren hätte, durch welche ganz beſondere Mittel der Brummbär des Hauſes zahm gemacht worden war. „Wenn Sie verheirathet wären, würden Sie dieſe Frage nicht an mich ſtellen.“- Dieſe Frage vermehrte nur die Neugierde Al⸗ bert's. „Die Sache kommt weniger von meiner u, als von ihrer ſaubern Freundin, der Gräfin,“ hr Brandon ſort;„dieſe leitet ſie ganz nach ihrem Belieben. Ich glaube wenigſtens, daß ſis eine Gräfin iſt?“ ſetzte er hinzu, ſeine Augen end auf Al⸗ bert gerichtet.. „Ob ſie eine Gräfin iſt?“ wiederholte der Leh⸗* tere.„Was meinen Sie damit?“„ „Richt nur eine ſogenannte; Sie wiſſen ja.“ „Ueber ihren Rang kann kein Zweifel herrſchen,“ erwiderte der Officier. „Auch nicht über ihr Vermögen?“ „Entfernt nicht.“ Dieſe letzte Verſicherung ſchien Eugenien's Gat⸗ ten ſehr zu beruhigen. „Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie je in Indien geweſen iſt?“ ſetzte er hinzu. „Ganz gewiß. Der Graf heirathete ſie ja dort. Ihr Vater war viele Jahre hindurch General⸗ gouverneur. Aber weßhalb fragen Sie?“ „Es war ohne weitere Abſicht,“ murmelte Bran⸗ don;„es erklärt dieß nur ihr ſeltſames Weſen. 33 Indien iſt ein ſonderbares Land unb es kommen ſonderbare Leute von dort her.“ Nach dieſer Bemerkung warf ſich der Hausherr in ſeinen Lehnſtuhl zurück, zündete eine Cigarre an und legte ſeine Beine auf das Kamingeſims, in welch' anmuthiger Stellung er verblieb, bis das Rollen eines Wagens die Ankunft der Pairsdame verkündigte. „Das iſt ſie!“ rief er aus. Er ſcheint immer mit Lady Melbourgh ſich zu beſchäftigen, dachte Albert, den das Benehmen ſei⸗ nes Verbündeten mehr und mehr in Erſtaunen ſetzte. Man hörte ein ſeidenes Gewand auf dem Vor⸗ platze rauſchen und ein leichter Schritt ließ ſich auf der Treppe vernehmen. „Sie iſt in meiner Frau Bodoar gegangen“ (wahrſcheinlich meinte er damit das Boudoir), ſagte Brandon, indem er ſeine Beine vom Kamingeſims zurückzog und ſich anſchickte, das Zimmer zu ver⸗ laſſen.„Läuten Sie nur, wenn Sie noch mehr Claret wünſchen. Ich kann gar nicht begreifen, wie ein vernünftiger Menſch ſo fades Zeug ver⸗ ſchlucken kann; doch das iſt Ihre Sache, nicht die meinige. Ich komme bald wieder.“ „Wohin gehen Sie denn?“ fragte ſein Freund. „Das iſt meine Sache und nicht die Ihrige!“ erwiderte der Yankee grinſend;„gemach, Albert; Sie werden nicht eher etwas erfahren, bis es mir beliebt, Ihnen etwas mitzutheilen. Verſuchen Sie nicht auszuwittern, wohin ich gehe.“ Das wäre nicht ſchwer, weil ich nur dem Ta⸗ baksgeruch folgen dürfte, dachte Capitän Mortimer, 5 Licht⸗ und Schattenſeiten. V⸗ 34 als Brandon das Speiſezimmer verließ. Je mehr er übrigens über die ganz außergewöhnliche Freund⸗ ſchaft zwiſchen den beiden Damen nachdachte, um ſo weniger konnte er ſie begreifen, und die Ver⸗ muthung, daß Brandon, für den er, wie wir kaum hinzuzuſetzen nöthig haben werden, eine tiefe Ver⸗ achtung hegte, den Schlüſſel zu dieſem Geheimniß gefunden habe, vermehrte noch ſeine Neugierde.⸗ „Weßhalb fragte er wohl, ob ſie wirklich eine Grä⸗ fin ſei?— Und was ſollen die Zweifel an ihrem Vermögen bedeuten?“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Hält der Dummkopf ſie für eine Betrügerin? Nein, nein! Eine Vermuthung dieſer Art wäre zu lächer⸗ lich, ſelbſt für ſein ſeichtes Gehirn! Ich will übri⸗ gens das meinige nicht länger mit dieſer Sache quälen.“ Wenn einmal die Neugierde oder die Intereſſen Brandon Burg's rege gemacht worden waren, ſo war er in der Wahl der Mittel, um zu ſeinen Zwecken zu gelangen, niemals verlegen. Nachdem er ſeinen Gaſt verlaſſen hatte, ſchlich er leiſe die Doneſtikentreppe hinauf in ſein Ankleidezimmer, das an das Boudoir ſeiner Frau ſtieß, in das er ſich unbemerkt hineinſtahl und ſich hinter einer ſpaniſchen Wand verbarg, um zu erlauſchen, was vorging. „Bewunderungswürdig!“ rief die Gräfin aus, als ſie die Geſtalt ihrer Freundin muſterte, die ſo⸗ eben ihre glänzende Toilette beendigt hatte.„Sie werden großes Aufſehen erregen, meine Liebe.“ „Was nützt es mich?“ fragte die ſtolze Eugenie, „bin ich denn nicht verheirathet?“ Der Ton des Bedauerns, in welchem dieſe 35 Worte ausgeſprochen wurden, konnte nicht mißver⸗ ſtanden werden. „Leider ſind Sie dieß,“ verſetzte die Dame;„und je öfter ich Sie ſehe, um ſo weniger begreife ich die Gründe, welche Sie veranlaßten, ſich an ein ſolches Ungeheuer wegzuwerfen;— ein Mädchen. von Ihren Talenten und Ihrer Schönheit.“ Ich danke, dachte Brandon. „Ich will Sie durch die Vorausſetzung nicht be⸗ leidigen, daß Sie ihn je geliebt haben,“ fuhr die Gräfin fort. „Nie!“ „Oder ihn geachtet.“ „Ich haſſe ihn und mich ſelbſt dazu,“ rief die unglückliche Frau, indem ihre dunkeln Augen Feuer ſprühten;„es iſt aber eine lange und ſchwerzliche Geſchichte, mit deren Erzählung ich ſie nicht lang⸗ weilen will.“ „Nichts, was Sie intereſſirt, meine Liebe, iſt mir gleichgültig.“ „Liebevolle Kreatur,“ murmelte der Lauſcher. Die beiden Damen ſetzten ſich auf eines der ſchwellenden Canapees vor dem Kaminfeuer. „Ich wurde in Indien geboren,“ ſagte Eu⸗ genia. „Ja, ja,“ unterbrach ſie die Gräfin,„ich weiß dieß Alles. Wir ſprechen aber jetzt von Ihrer Vermählung.“ „Mehrere Jahre hindurch,“ fuhr Eugenia fort, „wurde ich aus Gründen, die ich nie verſtehen konnte, aus dem väterlichen Hauſe fortgeſchickt und der Pflege von Miethlingen überlaſſen, während 3* 36 Sorgfalt und Lurus meine jüngere Schweſter um⸗ gaben. Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie ſehr mein Herz, ſo jung ich auch war, ſich gegen dieſe Ungerechtigkeit empörte. Nichts deſto weniger hätte ich ſie aber verziehen, wenn mein Vater, nach mei⸗ ner Rücktehr nach Hauſe, mich mit väterlicher Liebe behandelt hätte.“ 5 „Iſt es möglich, daß General Trelawny Sie fühlen ließ, daß Sie ein Fremdling in ſeinem Hauſe ſeien?“ fragte die Gräfin leidenſchaftlich.„Nein, nein, ſo herzlos konnte er nicht ſein.“ „Nicht ſeines Hauſes, ſondern ſeines Herzens,“ erwiderte Eugenia.„Bella war ſein Lieblings⸗ kind. Wir hatten zwar allerdings bieſelben Lehrer, dieſelben Diener, wir genoſſen den gleichen Unter⸗ richt: der Unterſchied lag in ſeiner Zärtlichkeit, die mir werther geweſen wäre, als ſeine Gaben; denn ich habe Mutterliebe nie gekannt. Ich war von Geburt an enterbt. Können Sie ſich alſo noch wundern, daß mir eine ſolche Heimath verhaßt war? — da ich begierig die erſte Gelegenheit ergriff, aus einer Heimath weazukommen, an die mich kein Band der Liebe oder Sympathie feſſelte?“ „Und iſt es möglich, daß dieſe Empfindung Sie veranlaßte, ſich an Mr. Burg wegzuwerfen?“ fragte ihre Freundin; Seien Sie aufrichtig mit mir; kein halbes Vertrauen; laſſen Sie mich Alles wiſſen.“ „Ich liebte einen Andern.“ „Hol's der Teufel!“ murmelte ihr Gatte vor ſich hin. „Bella wurde meine Nebenbuhlerin und machte mir ihn abſpännſtig; ſie iſt aber für ihre Treu⸗ — —,— 37 loſigkeit beſtraft. Doch kann ich ihr nicht die Kälte meines Vaters und das daraus folgende Elend zu⸗ ſchreiben, ſondern die Mutter, die unnatürliche Mutter iſt Schuld daran, die mich aus der Heimath wegſchickte und mich aus ihres Gatten Nähe ver⸗ bannte. Auf ihr Haupt—“ „Halten Sie ein!“ rief die Gräfin, vom Sitze aufſpringend.„Sie wiſſen nicht, welchen Schmerz Sie verurſachen— wie ſehr Sie ein Herz quälen. Die Gemahlin des Generals Tralawny war nicht Ihre Mutter; dieſe ſtarb, ohne von Ihrer Exiſtenz je etwas gehört zu haben.“ „Nicht meine Mutter!“ wiederholte Eugenie er⸗ ſtaunt. „So wenig, als der General Ihr Vater war.“ „Sie ſcherzen mit mir.“ „Scherzen!“ wiederholte die Gräfin melancho⸗ liſch;„es iſt kein Scherz.“ „Wem verdanke ich alſo mein Leben?“ „Dem Bruder des Mannes, den Sie ſo lang für Ihren Vater gehalten haben, und einer Frau, deren Namen ich nicht zu nennen wage.“ „Ich aber könnte ſie nennen,“ ſagte der ver⸗ borgene Zuhörer dieſer Unterhaltung höhniſch vor ſich hin. „Einer Frau, die ſich ſehnt, Sie in Ihre Arme zu ſchließen, Sie an Ihr Herz zu drücken und von Ihren Lippen den Namen Mutter zu hören.“ „Wo ſoll ich ſie finden?“ Lady Melbourg breitete die Arme aus und Eu⸗ genia warf ſich an ihre Bruſt. Brandon aber, der 38 Alles gehört hatte, was er wiſſen wollte, zog ſich leiſe aus dem Zimmer zurück. „Das Geheimniß muß in Deiner Bruſt begra⸗ ben bleiben,“ ſprach endlich die tief ergriffene Grä⸗ fin, als ſie das lang getrennte Kind endlich aus den Armen ließ.„Es ſind zu viele Intereſſen dabei im Spiele, als daß ich Dich zurückfordern⸗könnte — wenigſtens ſo lange mein Gemahl lebt.“ „Ihr Gemahl;“ wiederholte Eugenia traurig. „Mein jetziger,“ antwortete ihre Mutter ſtolz. „Beurtheile mich nicht falſch. Deine Geburt war nur ein Unglück, aber keine Schande für mich.“ Dieſe Verſicherung nahm eine große Laſt von dem ſtolzen Herzen der Tochter. Als der Herr des Hauſes in das Speiſezimmer zurück kam, wo er Capitän Mortimer gelaſſen hatte, fand er dieſen im Weggehen begriffen. „Bleiben Sie noch,“ ſprach er.„Wenn Sie die mindeſte Rückſicht für mich haben, ſo bitte ich Sie, noch einen Augenblick zu bleiben. Ich habe ſoeben ſaubere Geſchichten, die meine Haut ſehr nahe angehen, gehört.“ „Bei den Damen?“ Brandon nickte bejahend. „Sie benehmen ſich dabei wie ein Philoſoph,“ bemerkte Albert. „Wer kümmert ſich um den Biß einer Schlange,“ rief der Yankee,„wenn man ein Gegenmittel ge⸗ funden hat,— oder wer fürchtet ſich vor Armuth, wenn man eine Goldmiene auf ſeinem Grund und Boden beſitzt?— Ich nicht.“ „Sie ſprechen in Räthſeln.“ 39 „So löſen Sie ſie.“ „Unmöglich; Sie ſind im Stande, ſelbſt eine Sphynx in Verlegenheit zu ſetzen.“ „Ich weiß von keinem Sphynr etwas,“ antwor⸗ tete Brandon.„Es mag dieß eine ſehr geſcheite Perſon im alten Land geweſen ſein, aber das neue Land beſitzt Leute, die ihr die Würmer aus der Naſe zu ziehen verſtehen. Sehen Sie, Sie halten ſich für einen ganz geriebenen Kerl und ich glaube auch, daß Sie ſelbſt dem Teufel eine Naſe zu drehen verſtünden, aber dieß Alles iſt nur Kinderſpiel, gegen das, um was es ſich jetzt handelt.“ „Und was haben Sie denn ausfindig gemacht, wenn ich bitten darf?“ fragte der Officier unge⸗ duldig. „Das Geheimniß, das Sie ſchon ſo lange be⸗ ſchäftigt.“ „Eitle Prahlerei!“ „Soll ich Ihnen den Beweis liefern?“ rief der Yankee triumphirend.„Ich. habe große Luſt dazu. Ja, ich will; wir wollen Beide morgen Abend in die Geſellſchaft der Gräfin Melbourg gehen.“ „Sie ſcherzen?“ „Es gilt hundert Pfund.“ ₰ „Ohne hinausgewieſen zu werden?“ „Ohne hinausgewieſen zu werden. Ja, noch mehr— die Dame ſelbſt muß uns ihrem ſteifen Gemahl und ihrem dickköpſigen Sohne vorſtellen.“ „Es gilt,“ antwortete Albert Mortimer, indem er die Wette in ſein Notizbuch eintrug; denn er war feſt überzeugt, daß Brandon entweder von Eitelkeit oder Wein berauſcht ſei. 40 Im nächſten Capitel werden unſere Leſer er⸗ fahren, auf welche Weiſe dieſer ſein Wort hielt. Siebenundfünfzigſtes Capitel. Es findet ſich nirgends reinere, treuere Theil⸗ nahme, als in männlicher Freundſchaft; das Herz verlangt in der Ueberfülle von Freude oder Schmerz einen Vertrauten, dem es ſeine Empfindungen mit⸗ theilen kann, indem es ſonſt kränkeln würde. Dieſe Nothwendigleit ſteckt ſo tief in unſerer Natur, daß, wenn wir allein in der Welt ſtünden, wir unſere Gefühle den Winden, den Bäumen, den Blumen, zuflüſtern würden. Es waren noch nicht viele Stunden ſeit der Unterredung verfloſſen, welche Harold mit Bella gehabt hatte, als Harry Burg auch ſchon von dem Glücke ſeines Freundes und dem einzigen Hinder⸗ niſſe, das dieſem noch im Wege ſtand, unterrichtet war Dieſer erfuhr auch, daß Pliß Cheerly, Kit Corling und Nancy in dem Dorfe wohnten, und in welch' ſchlechtes Licht ihn die Niederträchtigkeit des Sir John Sellem bei dieſen drei Perſonen geſetzt hatte; ein Punkt, auf den er, nachdem die erſte Beglückwünſchung vorüber war, ſehr begreiflicher Weiſe wieder zurückkam. „Der Schurke!“ rief er aus,„der herzloſe Schurke! Nicht zufrieden, mich meines Vermögens 2 41 zu berauben, wollte er mir auch die Ehre abſchnei⸗ den. Für was für einen verächtlichen Menſchen muß das arme, mißhandelte Mädchen mich halten! Dem Himmel ſei's gedankt, daß ich in England bin, um ihn entlarven und beſtrafen zu können!“ „Ihn zu entlarven, ſteht in Ihrer Macht; ihn zu beſtrafen, iſt etwas Anderes,“ bemerkte Harold. „Die Quittung für das auf die Verſchreibung be⸗ zahlte Geld iſt nicht mehr in Ihrem Beſitze.“ „Aber mein Vetter—“ „Pah!“ unterbrach ihn ſein Freund;„glauben Sie denn noch immer an die Ehrenhaftigkeit dieſes Menſchen? Ich bin ſchon längſt überzeugt, daß Lilini Recht hat; es iſt beſſer, ſich auf den Kopf als auf das Herz zu verlaſſen! Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich kann mir die Ueberzeu⸗ gung, daß der Graf auf irgend eine Weiſe in die frühere Geſchichte Ihrer Familie verwickelt iſt, nicht aus dem Sinne ſchlagen. Das auffallende Inter⸗ eſſe, das er für Sie an den Tag gelegt hat, ſeine genaue Kenntniß Ihrer Angelegenheiten drängt mir die Ueberzeugung auf, daß, wenn je einmal das Ge⸗ heimniß gelöst wird, er als eine handelnde Perſon darin erſcheinen wird.“ Harry hatte ſchon längſt etwas Aehnliches ge⸗ ahnt und er war darin durch die ſo plötzliche Ver⸗ traulichkeit zwiſchen dem Doctor Curry und dem Grafen beſtärkt worden, die bei ihrem erſten Zu⸗ fn ſich gänzlich fremd zu ſein geſchienen atten. „Es klingt wie ein Roman,“ ſprach er,„aber 42 die Zeit wird hoffentlich Alles aufklären; und die⸗ ſer will auch ich es überlaſſen.“ Dieſe Unterredung hatte unmittelbar nach Ha⸗ rold's Rückkehr vom Maierhofe in die Halle ſtatt⸗ gefunden. Beim Mittageſſen hießen ihn Sir Mordaunt und der General mit ganz außergewöhnlicher Herz⸗ lichkeit willkommen. Es lag etwas Väterliches in ihrer Begrüßung, denn Beide erriethen aus ſeinen gerötheten Wangen und funkelnden Augen das Re⸗ ſultat ſeines Beſuches auf dem Hofe. Als die Dienerſchaft auf dem Punkte ſtand ſich zurückzuziehen, flüſterte der Baronet dem Haushof⸗ meiſter ein paar Worte in die Ohren, der den Speiſeſaal verließ und ſogleich wieder mit einem alten goldenen Pokale, einem Familienerbſtück, das nur bei feierlichen Gelegenheiten verwendet wurde, erſchien. Ein zweiter Diener folgte ihm mit einer Flaſche kaiſerlichen Tokayers, dem edlen ungariſchen Gewächſe, deſſen unſchätzbater Saft kein Reichthum ſich zu verſchaffen vermag, indem jeder Tropfen für den Keller des Kaiſers beſtimmt iſt, der zuweilen ſeinen Mitſouverainen in Europa oder ſeinen Ge⸗ ſandten ein Geſchenk damit macht. Dieſer war ein Geſchenk des Fürſten der Epi⸗ kuräer, Georg's IV, an den Eigenthümer von Grans⸗ toun Park. Kachdem zuerſt der Haushofmeiſter die koſtbare Flaſche in ihrem ſilbernen Gefäße herumgereicht hatte, um das kaiſerliche Siegel zu zeigen, zog er den Pfropf mit der Miene eines Mannes heraus, der ſich vollkommen der Wichtigkeit des ihm über⸗ 43 tragenen Auftrags bewußt iſt, und das reiche Bouquet erfüllte das ganze Gemach, als er den letzten Tropfen des edlen Weins in das koſtbare Gefäß goß, das er ehrerbietig vor ſeinen Herrn hinſtellte. Sir Mordaunt winkte ſeinem Neffen mit einem eigenthümlichem Blicke des Einverſtändniſſes zu, wie wenn er dieſen um ſeine Erlaubniß hätte befragen wollen. Harold lächelte und das war genug. „Auf die Geſundheit von Bella Trelawny und Harold Tracy!“ ſagte der alte Mann mit tief be⸗ bewegter Stimme, indem er ſein Glas an den Mund ſetzte und daſſelbe dann ſeiner Schweſter überreichte, die einen Augenblick zögerte, ehe ſie ſeine Worte wie⸗ derholte. Es geſchah dieß nicht deßhalb, weil es nicht mit ihren Wünſchen übereinſtimmte, ſondern weil ſie ſich in ihrer Würde verletzt fühlte. In einer ſo wichti⸗ gen Angelegenheit hätte ſie doch auch um ihre Zu⸗ ſtimmung befragt werden ſollen. Außerdem ſagte der Toaſt entweder zu wenig oder zu viel und ſie konnte den plötzlichen Wechſel nicht begreifen. Das Betragen der jungen Dame erſchien ihr als Koket⸗ terie, was ſie von ihrem Standpunkte aus höchlichſt mißbilligen mußte. Es liegt in der Schwäche der menſchlichen Na⸗ tur, daß ſie die Schwächen am härteſten verdammt, die ſie ſelbſt zu bereuen hat. Der General trank auf das Wohl ſeines Kindes und Harold's aus vollem Herzen, indem er zugleich dem Letztern auf's Wohlwollendſte die Hand drücte. Es bedurfte keiner weitern Erklärung. Schon längſt war es der theuerſte Wunſch ſeines Herzens ge⸗ weſen, Bella mit dem Neffen ſeines Freundes ver⸗ einigt zu ſehen und nun ſchien dieſer Wunſch nahe daran in Erfüllung zu gehen. Er hatte freilich keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die noch zu überwinden waren. „Der Wein verdient es, damit Beſcheid zu thun,“ ſagte er, indem er den Pokal Harry überreichte; „haben Sie noch viel davon?“ „Gerade noch vier Flaſchen,“ verſetzte der Ba⸗ ronet.„Zwei für ein gewiſſes Ereigniß, welches, wie ich hoffe, nicht mehr lange auf ſich warten laſſen wird, und zwei für die Kindtaufe, die, wie ich hoffe, darauf folgen wird.“ „Bruder!“ rief Miß Traey in jungfräulicher Entrüſtung,„keine unzarten Anſpielungen, wenn ich bitten darf. Ich erröthe für Dich.“ „Du errötheſt bei dem Gedanken an eine Taufe?“ erwiderte Sir Mordaunt munter;„und doch folgt dieſe meiſt auf die Vermählung.“ Die alte Jungfrau ſtand mit großer Würde auf und verließ rauſchend das Zimmer. Harold war der erſte, der ihr in das Empfangzimmer folgte, und es gelang ihm bald, nicht nur den Frieden mit ſich, ſondern auch mit ſeinem lockern Onkel, wie die ehemalige Schöne den Baronet zu bezeichnen pflegte, wieder herzuſtellen. Ehe General Trelawny nach dem Hofe zurück⸗ kehrte, erbat ſich Harold eine Unterredung, in wel⸗ cher er ihn von ſeiner Liebe zu ſeiner Tochter— welche dem Vater längſt kein Geheimniß mehr war— ſowie von dem Geſtändniſſe, daß dieſelbe erwidert —— 4⁵ werde, unterrichtete. Seinem Verſprechen getreu enthielt er ſich dabei Eugenien's zu erwähnen. „Gewinnen Sie ſich und vertragen Sie ſich mit ihr,“ erwiderte der Veteran;„ich wünſche nichts ſehnlicher, als ſie als Ihre Frau zu ſehen,— es hebt dieß meine letzte Sorge in dieſer Welt. Ich bin feſt überzeugt, daß Sie ſie glücklich machen werden; denn ein Mann, der ihre Verdienſte nicht zu würdigen verſtände, würde nie ihr Herz gerührt haben.“ Ausgerüſtet mit des Vaters Einwilligung und der Gewißheit von Bella's Liebe erſchien Harold die Zukunft glänzend und freudenvoll. Welches Hin⸗ derniß konnte ſich ihm noch entgegenſtellen? Die eiferſüchtige Laune ihrer Schweſter? Ein erzwun⸗ gener Eid? Abgeſchmackt! Lächerlich! Dieß waren die Gedanken des Liebhabers. Er vermochte ſich nicht vorzuſtellen, wie unbeugſam der Wille einer Frau werden kann, wenn verwundeter Stolz, Eitel⸗ keit und Eigenliebe dabei im Spiele ſind. Im Guten wie im Böſen ſteht dieſes Geſchlecht über dem Manne und gleicht von der leuchtenden Seite ſeines Cha⸗ rakters dem ſündenloſen Engel, auf der Schatten⸗ ſeite aber dem gefallenen Engel. „Du liebteſt ihn alſo von Anfang an, Bella?“ ſagte General Trelawny, als er nach feiner Rück⸗ kehr nach dem Hofe die erröthende Tochter in die Arme ſchloß.„Ich möchte Dich eigentlich ſo recht von Herzen ausſchelten, wenn ich daran denke, wie viel Kummer dieſe ſonderbare Weigerung uns ver⸗ urſachte, wie dieſelbe nahezu nicht nur Harold's Glück, ſondern auch das Deinige zerſtörte. Nun, * laß es nur gut ſein; ſage nichts weiter, ich verzeihe Dir ja. Du biſt endlich zu Verſtand gekommen und haſt Alles wieder gut gemacht. Ich glaube, das Ganze entſprang aus dem lächerlichen Gedan⸗ ken, daß er einſt Eugenien den Vorzug gegeben hat. Der unerfahrene junge Mann konnte die ſchimmern⸗ den Farben der ſtolzen Tulpe nur ſo lange bewun⸗ dern, bis der ſüße Wohlgeruch der Roſe ihm durch den Contraſt den Irrthum ſeiner Wahl bemerklich machte. „Sprechen Sie nicht lieblos von meiner Schwe⸗ ſter.“ murmelte Bella im Tone des Vorwurfs. „Es iſt wahr,“ verſetzte der alte Mann, ſie küſſend,„ich bin zu glücklich, als daß ich von irgend Jemand lieblos ſprechen oder denken könnte, und zum Beweis will ich Dich nicht einmal fragen, ob mein Verdacht gegründet war oder nicht. Dieß war eine große Beruhigung für Bella, welche ihrem Vater gute Nacht wünſchte, um die Einſamkeit ihres Zimmers aufzuſuchen, von dem ſelbſt bießmal die getreue Norah ausgeſchloſſen war. Es drängte ſie in der Stille mit ihrem Herzen zu Rathe zu gehen und daſſelbe zu befragen, ob das Gefühl des Glücks, das ſie faſt überwältigte, wirk⸗ lich vorhanden oder nur eine jener Täuſchungen ſei, die ſie ſo oft im Schlafe geäfft hatten. „Wird ſie wohl einwilligen, mich von meinem fatalen Gelübde zu entbinden, das wie ein Geſpenſt zwiſchen mir und Harold ſich erhebt?“ murmelte das zitternde Mädchen.„Wird er Mittel ausfindig machen, ihren eiſernen Sinn zu beugen und unſere Vermählung möglich zu machen?“ Nur die Zeit ————————— — 47 konnte dieſe Frage heantworten. Zuweilen, wenn ſie der Liebe und Unterwürfigkeit gedachte, welche ſie ſtets für ihre ſtolze Schweſter an den Tag ge⸗ legt hatte, flüſterte ihr die Hoffnung Bejahung zu; im nächſten Augenblicke aber verſetzte ſie der Ge⸗ danke an Eugenia's Charakter, die Bitterkeit, mit der dieſe von ihres Vaters Bevorzugung und Ha⸗ rold's Liebe geſprochen hatte, in Verzweiflung, und Alles ſchien wieder dunkel um ſie her. Mitternacht war längſt vorüber, ehe Bella Tre⸗ lawny in einen unruhigen Schlummer verſank, nach⸗ dem ſie zuvor noch beſchloſſen hatte, am folgenden Morgen nach dem Dorfe zu fahren und mit Miß Cheerly ſich zu beſprechen. Gleich der zarten Blume, welche die Winde zu rauh geſchüttelt haben, ſuchte ſie Troſt bei dem kräftigen Gemüth ihrer Freundin. In Kit Corling's Hauſe war eine große Ver⸗ änderung vorgegangen. Seit der ehrliche Zimmer⸗ mann ſeine Wohnung zwiſchen Granstvun und dem Hofe aufgeſchlagen, war es ihm nicht nur leiblich ſehr wohl ergangen, ſondern er hatte auch geiſtig ſehr bedeutende Fortſchritte gemacht. Ihrem Ver⸗ ſprechen getreu hatte Miß Cheerly ihre Zeit darauf verwendet, den Geiſt ihrer ergebenen, dankbaren Freundin auszubilden: Es war ganz merkwürdig, mit welcher Leichtigkeit Mann und Frau ihren Un⸗ terricht faßten. Nancy hatte bedeutende Fortſchritte im Fran⸗ zöſiſchen ſowohl als in der Muſit und in ihrer Mutter⸗ ſprache gemacht, die ſie jetzt ganz correct ſprach und ſchrieb, während ihr Mann ſich eifrig auf die Ge⸗ ſchichte warf, die für ihn eine ganz beſondere An⸗ 48 ziehungskraft zu haben ſchien; ja, er vermeinte ſo⸗ gar einigen Geſchmack für Mathematik in ſich zu verſpüren. Zwar hatte er allerdings nicht ſo viel Zeit zu ſeinen Studien wie ſeine Frau, was er aber durch ein überlegeneres Talent einholte. Jeden Abend hielt Emma regelmäßig Schule, in der ſie auch Kelf und Watſon zu ihren Zöglingen zählte, die, jeder in ſeiner Art, ebenfalls erſtaunenswetthe Fortſchritte machten. Es iſt ganz merkwürdig, wie raſch die Verfei⸗ nerung des Geiſtes auf die ganze Perſönlichkeit, namentlich bei Frauen übergeht. Selbſt ihre Leh⸗ rerin war über die Anmuth erſtaunt, welche bei Nancy ſich raſch entwickelte. Ihre Manieren hatten ſich geändert, und wenn ſie auch ihre frühere Ein⸗ fachheit nicht verleugnete, ſo hätte doch ſelbſt das kritiſchſte Auge nicht den leichteſten Schatten von Plumpheit oder Derbheit zu entdecken vermocht. Die Natur hatte ſie mit einer herrlichen Stimme begabt, einem kräftigen Mezzo⸗Sopran; allein es hatte ſehr lange gedauert, ehe ihre liebevolle Freun⸗ din es bei ihr dahin brachte, daß ſie ihn gebrauchte, während ſie doch in ihrer ſtillen Wohnung in Vaux⸗ hall zuweilen Stunden lang die Zeit ſich damit ver⸗ trieben hatte, einfache Melodien vor ſich hin zu ſummen. Kit's Entzücken war groß, als er Nancy zum erſten Mal ein Duett mit Emma ſingen hörte. „Das iſt wahrhaftig ein glückliches Leben!“ rief er aus, ſeine Frau zärtlich umarmend. O Miß Cheerly, wie viel verdanken wir Ihnen!— Sie haben Quellen des Vergnügens uns erſchloſſen, die 49 uns immer unbekannt geblieben wären. Wie manches Heimweſen, wo Unwiſſenheit und Faulheit vorherr ſchen, könnte heiter und froh gemacht werden, wie das unſerige, wenn die Mittel zur Erziehung vor⸗ handen wären. Und ſie werden ſich vorfinden,“ fuhr er fort,„ſobald die Geſellſchaft die wichtige Wahr⸗ heit einſehen gelernt haben wird, daß die Erziehung in der Schule tauſendmal mehr für ihre Sicherheit ſorgt, als die Strenge des Gefängniſſes.“ „Ein Reformator,“ beierkte Miß Cheerly lächelnd. „Ich wäre undankbar, wenn ich es nicht wäre,“ erwiderte Kit, indem er ſeine Frau liebevoll be⸗ trachtete,„nach dem Beiſpiele, das Sie und Nancy mir gegeben haben. Was ſie für mein Herz gethan hat, das haben Sie zur Ausbildung meines Kopfes gethan. Beide wären ohne Sie werthlos geblieben.“ „Nicht werthlos, Kit,“ riefen Emma und Nancy. „Werthlos,“ wiederholte der Zimmermann mit Betonung;„denn dem Erſteren hätte es zu ſeiner feſten Stütze an Religion gefehlt, und der Letztere wäre unfähig geweſen, den Trugſchlüſſen und Spöt⸗ tereien der Welt Widerſtand zu leiſten, wodurch ſchon mancher Menſch auf den Weg des Laſters geführt wurde. Ich hatte zwar allerdings einen unbeſtimmten Begriff von Recht und Unrecht, aber dieſen beſitzen wir Alle, und er nützt uns nicht viel, wenn uns nicht feſte Grundſätze dabei leiten. Frauen,“ fuhr er mit zunehmendem Ernſte fort,„ſind die beſten Lehrerinnen der Menſchen, denn ihre Inſtinkte und Gefühle ſind von Natur aus gut, wenn nicht Un⸗ dankbarkeit und Rohheit unſeres Geſchlechts ihre moraliſchen Begriffe abſtumpfen. Wir können die Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 4 Blume nicht knicken und dabei doch erwarten, daß die Friſche ihres Wohlgeruches ſich erhält.“ In früher Stunde am folgenden Morgen kam Bella in die beſcheidene Wohnung ihrer Freundin und theilte dieſer die Erklärung mit, die zwiſchen ihr und Harold ſtattgefunden hatte. Miß Cheerly gratulirte ihr von Herzen zu der glücklichen Aus⸗ ſicht, welche ſich ihr eröffnete. „Ausſicht auf Glück!“ wiederholte das gute Mäd⸗ chen.„Ach, dieſe ſcheint noch ſo ferne, wie je. Euge⸗ nia wird mich nie meines fatalen Gelübdes ent⸗ binden.“ „Ich denke beſſer von ihr,“ erwiderte Emma, „nicht von ihrem Herzen, aber von ihrem Verſtand. Wenn der grauſame Einfluß, den ſie über Ihr Schick⸗ fal erlangt hat, mit der Zeit bekannt würde, ſo würde ſie dieß nicht nur in den Augen der Velt lächerlich, ſondern verbrecheriſch erſcheinen laſſen. Als Schweſter hat ſie gar kein Recht, ein ſolches Verſprechen ihnen abzunöthigen; als Gattin noch viel weniger Sie daran zu binden. Bauen Sie feſt darauf, daß Mr. Tracy die Mittel ausfindig machen wird, ihr die richtige Anſicht von ihrer Lage beizubringen. Ungerechte Menſchen ſind gewöhnlich moraliſch feig. Wie kann ſie der Meinung det Welt — ihres Vaters Zorn Trotz bieten?—“ „Warum nicht? wenn dadurch ihrer Empfind⸗ üchkeit Genüge geſchieht.“ In dieſem Augenblick hörte man Stimmen in dem kleinen Garten, der ſich vor dem Häuschen befand. Harold und ſein Freund waren auf ihrem Wege nach dem Maierhofe hieher gekommen, um 51 ihren alten Bekannten, Kit, zu ſehen, und waren von den Pferden geſtiegen, als ſie gehört, daß Miß Trelawny im Hauſe ſich befinde. Die jungen Män⸗ ner waren durch die große Veränderung, welche in Ton und Benehmen des ehrlichen Zimmermanns vorgegangen war, ſehr angenehm überraſcht. Dieß gab ſich aber keineswegs durch eine falſche Scham kund, daß ſie ihn in ſeiner Arbeitskleidung trafen, denn Arbeit war die Bedingung ſeines Lebens, der Schild ſeiner Unabhängigkeit, und deßhalb war er ſtolz darauf. Als die beiden Herren und Kit in das kleine Wohnzimmer traten, erröthete Miß Cheerly ein wenig; ſie erkannte ſogleich Harry's Geſichtszüge wieder. Der Blick der Theilnahme, den er bei ihrem zufälligen Zuſammentreffen im Bankhauſe ihr hatte zu Theil werden laſſen, war aus ihrem Ge⸗ dächtniſſe nicht verwiſcht worden. Wie groß war aber ihr Erſtaunen, als Bella ihn als Mr. Burg vorſtellte. Iſt es möglich, fragte ſie ſich ſelbſt, daß er in der Angelegenheit der Ver⸗ ſchreibung ſo hartherzig gehandelt haben konnte? „Dieſes zufällige Zuſammentreffen freut mich von Herzen,“ rief der junge Mann mit edler Offen⸗ heit.„Es verſchafft mir Gelegenheit, einen Ein⸗ druck zu verwiſchen, welchen ich um Alles in der Welt nicht verdienen möchte. Ach, für was für einen verächtlichen, ſelbſtfüchtigen Menſchen muß Miß Cheerly mich gehalten haben!“ „Ich bemühte mich, Sie mild zu beurtheilen,“ verſetzte Emma,„aber ſprechen Sie nicht weiter 4 52 davon; Ihr Vetter hat ſehr edel gehandelt. Die Summe iſt zurückbezahlt.“ „Zurückbezahlt!“ wiederholten Harold und Harry. „Meine Sachwalter gaben ihm aber doch ihre Quittung für die Summe,“ ſetzte Letzterer hinzu, „als ſie nach meiner Anweiſung ſämmtliche auf die Herrſchaft bezüglichen Papiere ihm auslieferten.“ Das Erſtaunen und der Unwille Emma's war groß, als man Miß Cheerly von dem frechen Be⸗ truge in Kenntniß ſetzte, den Sir John Sellem ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. „Ich will meinen Freund durch die Voraus⸗ ſetzung nicht beleidigen, daß Miß Cheerly einen Be⸗ weis für die Richtigkeit ſeiner Angaben verlangt,“ bemerkte Harold;„aber ich habe die Quittungen, welche der betrügeriſche Bankier ihm gab, ſelbſt ge⸗ ſehen. Brandon empfing ſie aus den Händen der Sachwalter meines Onkels, den Herren Simpſon und Rackham. Harry, Harry,“ fuhr er fort,„wer⸗ den Sie auch fernerhin noch den Eingebungen Ihres Herzens folgen, anſtatt bei ihrem Kopfe ſich Raths zu erholen? Wie oft haben Lilini, Doctor Curry und ich Sie über ihren thörichten Edelmuth gegen dieſen vorgeblichen Vetter getadelt!“ „Sie ſprechen von Brandon Burg?“ fragte Kit Corling. „Geburt mag ihn zu einem Gentleman gemacht haben,“ fuhr der Zimmermann fort.„Das iſt aber der einzige Anſpruch, den er zu machen hat. Ich ſah ihn während ſeines Beſuchs in dieſer Ge⸗ gend mit Capitän Mortimer und erkannte ihn ſo⸗ 53 gleich wieder als den Meuchelmörder, der mir in Haymarket das Meſſer in den Arm ſtach.“ Es erfolgte nun eine Erklärung um die andere, ſo daß endlich ſelbſt Harry überzeugt wurde, daß er, einem mißverſtandenen Gefühle folgend, ſich von ſeinem edelmüthigen Herzen habe hinter's Licht füh⸗ ren laſſen. „Wie muß ich über meine Schwäche erröthen!“ rief er aus. „Erröthen Sie lieber über die Welt,“ bemerkte ſein Freund;„es iſt dieß kein Vorwurf für einen Mann, daß er nicht im Stande iſt, gegen Schlech⸗ tigkeit den Kampf zu beſtehen.“ Da der Morgen ſo außerordentlich ſchön war, ſo willigte Miß Cheerly ein, Bella zu begleiten und den Tag auf dem Hofe zuzubringen. „Halt!“ ſprach Harold, als ſie im Begriffe waren, wegzugehen;„wir haben ja die Hausfrau noch gar nicht begrüßt. Kommen Sie, Kit, und führen Sie uns zu Ihrer Frau.“ Die Augen des Gatten glänzten vor ſtolzer Freude über die ungezwungene, anmuthige Weiſe, mit welcher Nancy, die er aus dem innern Zimmer herbeirief, die Beſucher empfing. Dieſe hatte es nicht verſucht, ſich in der Schnelligkeit durch irgend einen Flitterſtaat herauszuputzen. Es war dieß auch gar nicht nöthig; denn ſo ſchlicht auch ihr Anzug war, ſo ſah er doch rein und pünktlich aus. „Ich ſehe,“ ſagte Bella, als ſie Nancy Adieu ſagte,„daß Sie nicht mit uns zu Mittag ſpeiſen wollen. Man ſieht an Ihnen, was es heißt, eine Familienmutter zu ſein, denn Sie haben für einen 54 Gatten zu ſorgen; aber ich hoffe, daß Sie und Kit den Abend mit uns zubringen werden. Sie wiſſen ja, wie ſehr den General Ihre Geſellſchaft freut,“ ſuhr ſie fort;„ja, er findet ſo viel Vergnügen an Ihrer Geſellſchaft, daß ich faſt auf Sie eiferſüchtig werden könnte, wenn ich Sie nicht ſo lieb hätte.“ Nancy nahm lächelnd die Einladung in derſel⸗ ben Weiſe auf, wie ſie ausgeſprochen wurde und die Damen verließen in Begleitung der Herren das Häuschen. „Sie ſind ein glücklicher Menſch,“ flüſterte Ha⸗ rold Tracy Kit zu, als er ihm an der Gartenthüre die Hand ſchüttelte.„Ihre Frau iſt nicht nur hübſch, ſondern gut, und würde jede Stellung im Leben zieren; auch Sie haben ganz merkwürdige Fort⸗ ſchritte gemacht.“ „Dank dem Unterrichte Miß Cheerly's,“ erwi⸗ derte der dankbare Zimmermann.„Wenn Sie mich verändert finden, ſo iſt es allein ihr Verdienſt. Sie iſt ein Engel.“ Dieſe letztere Bemerkung ging für das aufmerk⸗ ſame Ohr Harry Burg's nicht verloren, der, trotz der boshaften Andeutungen der Rebecca Bight und deren Anwalt auf dem Polizeibureau dieſelbe An⸗ ſicht zu gewinnen anfing. Es verfloß eine Woche, ohne daß eine Antwort von Eugenia eintraf. Die ſtolze Schöne freute ſich über den Schmerz, den ihr Stillſchweigen dem Her⸗ zen ihrer Schweſter verurſachen würde. Es wurde ein zweiter Brief geſchrieben, in welchem die beiden Liebenden ſie noch ernſter anflehten, an das Elend 55 zu denken, das ſie verurſache. Es bedarf wohl keiner Verſicherung, daß das Reſultat das gleiche war. Harold gerieth ganz außer ſich; von Bella's Geſicht war das Lächeln gewichen. Nur mit größter Ueberwindung hielt Harold an ſich, ſein Verſprechen nicht zu brechen und General Trelawny dieſes un⸗ natürliche Benehmen mitzutheilen. „Laſſen Sie uns Ihren Vater zu Rath ziehen,“ wiederholte er mehrmals dringend.„Sein Anſehen wird Eugenia wenigſtens zwingen, dieſes Stillſchwei⸗ gen zu brechen, das peinigender iſt, als der Tod.“ Das liebevolle Mädchen widerſtand ſeinem Drän⸗ gen. Sie betrachtete ihre Leiden als Strafe für die allzu parteiiſche Liebe des Vaters. Hätte ſie die Wahrheit gekannt, wie ganz anders würde ſie gehandelt haben; aber das Geheimniß von Euge⸗ nia's Geburt war nur ihrem unwürdigen Gatten, der Gräfin von Melbourg und dem Manne bekannt, der auf ſo edelmüthige Weiſe eingewilligt hatte, ſie zu adoptiren. Dieß war der Stand der Dinge, als Graf Lilini durch ſeine unerwartete Ankunft in der Halle Harold überraſchte. Er war in tiefe Trauer gekleidet. Der Gemahl der Frau von Courcie war nicht mehr: der blinde, alte Krieger des Kaiſerreichs hatte ſeine Wittwe als einzige Erbin ſeines ungeheuren Ver⸗ mögens zurückgelaſſen. Einem Manne von des Grafen Scharfblick fiel es nicht ſchwer, zu errathen, daß ein geheimer Kum⸗ mer am Herzen ſeines jungen Freundes nage, auch dauerte es nicht lange, bis ihn dieſer in ſein Ver⸗ trauen zog. 56 „Trelawny!“ wiederholte Lilini mehrmals.„Die Tochter des Generals Trelawny, der vor vielen Jahren in Indien gedient hat?“ „Derſelbe.“ „Ein freundlicher, ehrenwerther Mann. Ich tannte ihn wohl, und es ſoll mich ſehr freuen, meine Bekanntſchaft mit ihm zu erneuern. Aber nun, Harold,“ fuhr er fort,„muß ich eine Frage an Sie ſteilen, die Ihnen vielleicht ſonderbar erſcheint. Steht Ihr Vertrauen auf mich immer noch uner⸗ ſchüttert feſt?“ „Dieſe Frage iſt allerdings ſonderbar, weil ſie unnöthig iſt. Unerſchüttert! Ich könnte eben ſo leicht an der Gerechtigkeit der Vorſehung, als an der Ehre oder dem Worte des Grafen Lilini zweifeln.“ „Oder daß er beide leichtſinnig verpfänden würde.“ „Eben ſo.“ „Nun denn, ſo verſpreche ich Ihnen mit meinem Ehrenworte, daß in zwei Monaten, ja vielleicht noch früher, die Schranke, die von Ihrem Glück Sie trennt, gehoben ſein ſoll. Befragen Sie mich nicht um die Nittel, die ich dabei anwenden werde. Der Augenblick iſt noch nicht gekommen, um den Schleier meines vergangenen Lebens zu lüften. Wenn er einmal kommt, ſo werden Sie an mir vielleicht viel zu tadeln, aber weit mehr noch zu bemitleiden ha⸗ ben. Wollen Sie mir Vertrauen ſchenken?“ „Unbedingt,“ verſetzte Harold,„wie dem unab⸗ änderlichen Schickſal. Aber darf ich nicht den Bal⸗ ſam des Troſtes, den Sie in meine Wunden gegoſſen haben, Bella mittheilen 2* Lilini beſann ſich einen Augenblick. 57 „Ihr Herz bricht beinahe,“ fuhr Harold drin⸗ gend fort. 2 „Ihr und ihr allein,“ fuhr der Graf fort.„Ver⸗ geſſen Sie aber nicht, daß mein Verſprechen dadurch bedingt iſt, daß Sie es vor Jedermann, mit Aus⸗ nahme von Bella, geheim halten.“ Sir Mordaunt Trach nahm den Grafen auf's Herzlichſte auf. Sein Neffe hatte ihn ſchon längſt darauf vorbereitet, ihn als den vortrefflichſten Men⸗ ſchen zu betrachten. Miß Margaret war ganz ent⸗ zückt von ihm. Seine ritterliche Höflichkeit erinnerte ſie an ihre jungen Tage. General Trelawny erinnerte ſich ſehr wohl, den Grafen vor etwa drei⸗ bis vierundzwanzig Jahren als den vertrauten Freund ſeines Bruders gekannt zu haben, und was Bella anbelangte, ſo ſtand ihr Vertrauen auf ſein Verſprechen bald eben ſo feſt, als das ihres Liebhabers, obgleich ſie nicht wußte, auf was ſie ihre Hoffnungen gründete. „Bleiben Sie, wo Sie ſind,“ ſagte der merk⸗ würdige Mann, als Harold ſeine Abſicht ausſprach, nach London reiſen und eine Unterredung mit Eu⸗ genia durchſetzen zu wollen.„Alles, was ihr Herz befriedigen kann, iſt hier. Ueberlaſſen Sie Ihren Kampf mit der Welt mir. Ich bin ein im Kampfe ergrauter Soldat und fühle die Wunden nicht, die man dabei empfängt.“ Die Perfönlichkeiten, die den Grafen am mei⸗ ſten intereſſirten, waren Kit Corling und deſſen hübſche Frau. Er ſchien nicht müde zu werden, ihre Hütte zu beſuchen und mit ihnen ſich zu unter⸗ halten. Der männliche, unabhängige Geiſt des 58 Zimmermanns, die einfache Anmuth Nancy's und das offenbare Vergnügen, das ſie an ſeiner Ge⸗ ſellſchaft zu finden ſchien, hatte für ihn einen eigen⸗ thümlichen Reiz; ein Beweis, daß ſein Herz doch noch ein friſches Winkelchen ſich bewahrt hatte, das weder Unglück, noch Widerwärtigkeiten auszudörren vermocht hatten.. Nach einem mehrtägigen Beſuche kündigte Lilini ſeine Abreiſe nach der Hauptſtadt an. „Ich würde wieder ein Träumer werden,“ ver⸗ ſetzte er in Erwiderung auf die Vorſtellungen ſeiner Freunde, daß er ſie ſo bald verlaſſe—„würde wieder an meine Mitgeſchöpfe zu glauben anfangen; und doch bleibt mir noch ſo viel zu thun übrig, ehe ich einer ſolchen Schwäche mich hingeben darf. Ich verlaſſe Sie,“ ſagte er zu Harold,„um mein Ver⸗ ſprechen zu erfüllen— und um die Machinationen Ihrer Feinde zu Schanden zu machen,“ ſetzte er gegen Harry Burg hinzu. „Ich fürchte, daß dieß zu ſpät iſt,“ bemerkte Letzterer,„denn ich habe freiwillig auf die Herr⸗ ſchaft zu Gunſten meines falſchen Vetters Verzicht geleiſtet.“ Lilini begnügte ſich mit einem Lächeln. Am folgenden Morgen reiste er ab. Graf Blini war eine zu bedeutende Perſönlich⸗ keit auf der Weltbühne geworden, als daß er nicht vielen der erſten Familien Englands wohl bekannt geweſen wäre, von denen er die meiſten auf ſeinen auswärtigen Reiſen oder während ſeines Aufent⸗ halts an fremden Höfen kennen zu lernen Gelegen⸗ heit gehabt hatte. Begreiflicher Weiſe ſtand ihm 59 daher der Eintritt in die große Geſellſchaft offen. Jede Nocht ſah man ihn in einem oder dem andern ver ariſtocratiſchen Cirkel, anſcheinend als bloßen Beobachter; er gehörte aber unter die Menſchen, die unter der Maske der Gleichgiltigkeit die Ober⸗ fläche durchſchauen. So verfloß eine Woche auf dieſe Weiſe, ohne daß er einen bemerkbaren Schritt weder in Harold's, noch Harry's Angelegenheiten gethan hätte, als er eines Morgens ſein Hotel verließ und nach dem in der City gelegenen Comptoir eines auf der Börſe wohlbekannten Senſals fuhr und den Principal zu ſprechen verlangte. „Nun, Durrant, haben Sie die Papiere, die ich bei Ihnen beſtellte, ſich zu verſchaffen gewußt?“ Der Mäckler antwortete bejahend, bemerkte aber zugleich, daß dießmal ſeinen Clienten nicht der ge⸗ wohnte Scharfſinn geleitet habe. „Wie ſo?“ fragte der Graf. „Die Papiere ſind auf dem Markte gefallen und werden auch fernerhin noch fallen.“ „Ich weiß es.“ Der Senſal ſah ihn erſtaunt an. „Die Papiere?“ fuhr der Graf ungeduldig fort, „die Papiere?“ Mr. Durrant langte aus ſeinem Portefeuille holländiſche Papiere im Betrage von fünftauſend Pfund hervor und händigte ſie dem Grafen ein. „Und wie ſteht es mit meinem zweiten Auf⸗ trage?“ fragte dieſer. Der Senſal zog die Glocke, auf welches Zeichen ein Commis erſchien. „Iſt Mr. Silver da?“ fragte der Principal. „Ja, Herr.“ „Führen Sie ihn in mein Zimmer herein.“ Wenige Minuten hernach erſchien ein magerer WMann mit ſcharfen Geſichtszügen. Er war gut ge⸗ kleidet; vielleicht etwas zu geſucht für ein beobach⸗ tendes Auge. Es ſchien ihm darum zu thun zu ſein für reich zu gelten, und man weiß nur zu wohl, daß der wohlbegründete Ruf des Reichthums den äußern Anſchein deſſelben ohne Gefahr aus den Augen zu ſetzen wagen darf. Es entſpann ſich eine lange Unterredung zwi⸗ ſchen ihm und dem Grafen, nach deren Beendigung Beide unter gegenſeitiger Zufriedenheit mit einan⸗ der ſich trennten. Was kann wohl der Graf mit holländiſchen Pa⸗ pieren anfangen wollen?— Ich ſah ihn nie zuvor ein ſo ſchlechtes Geſchäft machen, dachte der Senſal. „Das Geld iſt gut angelegt,“ murmelte Lilini vor ſich hin, als er in's Hotel zurückfuhr;„es wird ſich zehnfach bezahlt machen.“ Auf welche Weiſe es ſich zehnfach bezahlt ma⸗ chen ſollte, werden wir ſpäter erfahren. Achtundfünfzigſtes Capitel. Der Londoner Geldmarkt fing eben an von ei⸗ nem jener Paniques ſich zu erholen, welche, gleich einem ſtarken Blutverluſte, dem Patienten einen ——* 61 geſundern Puls verſchaffen, denſelben aber, wie wir in einem unſerer früheren Capitel berichteten, ganz außerordentlich ſchwächen. Mehr als dreißig Fir⸗ men, welche ſtark in ſpaniſchen Papieren ſpeculirten, hatten fallirt; aber zu allgemeinem großen Erſtau⸗ nen befand ſich die Bank von Sir John Sellem nicht auf der in öffentlichen Blättern erſchienenen Liſte. Dem ſchlauen Baronet war es möglich ge⸗ worden die Thüren ſeines Geſchäfts offen zu hol⸗ ten und allen Anforderungen, die an ihn gemacht wurden, zu genügen. Nur Wenige, vielleicht ſogar Niemand, muthmaßten die Mittel, die er angewandt hatte, denn ſein Name ſtand zu hoch, um einem Argwohn Raum zu geben. Der Muth des gewiſſenloſen Mannes wurde durch die Briefe aufrecht erhalten, die er an jedem Poſttage aus Spanien erhielt. Sein Verbündeter, Helsman, munterte ihn fortwährend ſchriftlich auf auszuharren, indem der Stand der Dinge ſich än⸗ dern müſſe; und mit blindem Vertrauen auf dieſe Nachrichten hielt auch der Bankier aus, denn er hatte Nerven von Eiſen. Die Aengſtlichkeit dauerte indeſſen noch immer fort; jeden Tag erſchienen einige von ſeinen Clien⸗ ten, welche den Ueberſchuß ihrer Rechnung von ihm zurückzogen. Wären die zur Sicherheit bei ihm deponirten Gelder eben ſo ungeſtüm zurückverlangt worden, ſo hätte er ſchon längſt ſein Geſchäft ſchlie⸗ ßen müſſen, denn in ſeinem Leichtſinne hatte er dieſe längſt in ſeinen Nutzen verwendet, um ſeinen Cre⸗ dit aufrecht zu erhalten. Die engliſche Legion unter dem Commando des 62 Generals De Lach Evans ſtand auf dem Punkte ſich nach Spanien einzuſchiffen, und das ſpaniſche Anleihen fing langſam an, ſich etwas zu heben. „Wenn nur die nächſten drei Monate ſchon vor⸗ über wären!“ murmelte Sir John, indem er mit fiebriſcher Ungeduld in ſeinem Privatzimmer auf⸗ und abging.„Richt weiter als zwölfhundert Pfund im Hauſe. Ich muß auf der Hut ſein.“ Als er eben im Begriffe war die eiſerne Kiſte zu öffnen, in welcher ſich die noch nicht verwendeten Depoſiten von Leuten befanden, welche ihr Ver⸗ mögen ſeinen Händen anvertraut hatten, klopfte einer der Commis an der Thüre. Der Principal ſetzte ſich ſchnell wieder auf ſeinen Stuhl und rief dann„herein.“ „Hooker in Mark⸗lane,“ ſprach der Commis, „wünſcht eine neue Rechnung mit dem Hauſe zu eröffnen.“ Der Baronet überlegte ſich die Sache einen Au⸗ genblick lang. Dieſer Kunde hatte erſt vor weni⸗ gen Tagen ſein Geld zurückgezogen. „Er hatte nie ein Guthaben längere Zeit bei uns ſtehen,“ bemerkte er- „Sehr ſelten, Sir John.“ „Und verlangt Disconto?“ „Häufig.“ „Sind viele Leute auf dem Comptoir?“ „Sehr viele, Sir John.“ „Ich will ihn ſelbſt ſprechen.“ Der Bankier folgte dem Commis auf das Comp⸗ toir, wo deſſen Collegen emſig mit Auszahlen von n 63 Wechſeln beſchäftigt waren. Es ſah aus wie ein Sturm auf die Bank. „Nun, Mr. Hooker,“ ſprach der Baronet,„ha⸗ ben Sie eine Forderung an mich?“ „Durchaus keine, Sir John, durchaus keine. Was ich zu fordern gehabt habe, iſt auf die ehren⸗ vollſte Weiſe bezahlt worden; nichts als unnöthiger Lärm. Ich bedaure, mein Guthaben zurückgezogen zu haben; aber in Zeiten, wie dieſe, muß man vorſichtig ſein. Ich komme, um einen neuen Cre⸗ dit von dreitauſend Pfund mir zu eröffnen“ Mit dieſen Worten legte er einen Pack Banknoten, ſein früheres Abrechnungsbuch und einen ſchweren Gold⸗ barren auf den Zahltiſch. „Es thut mir leid, Ihrem Wunſche nicht ent⸗ ſprechen zu können,“ verſetzte der Baronet feſt;„es iſt gegen die Grundſätze meines Hauſes. Ein Kunde, der mir einmal ſein Vertrauen entzogen hat, kann nie mehr mit mir in neue Rechnung treten.“ Dieſe Worte brachten das größte Erſtaunen bei Allen hervor, die ſie hörten, namentlich aber bei ſeinen eigenen Commis, die wohl wußten, wie we⸗ nig zur Zahlungsunfähigkeit fehlte. Mehrere Per⸗ ſonen, die in der Abſicht gekommen waren, ihr Guthaben einzucaſſiren, fühlten ihr Vertrauen neu aufleben und verlangten nur eine kleine Summe des Scheines wegen. „Mein jährlicher Umſchlag iſt groß,“ bemerkte Hooker verdrießlich. „Ich kann den Verluſt deſſelben verſchmerzen,“ lautete die kühle, von einem Lächeln begleitete Ant⸗ —————— 64 wort, die auf die, welche ſie hörten, einen ganz wunderbaren Eindruck machte.„Guten Morgen, mein Herr.“ Der verblüffte Kunde raffte ſeine Banknoten, Abrechnungsbuch und Goldbarren zuſammen und verließ das Haus. Die Weigerung Sir John's wies ſich als ein Meiſterſtreich aus und die Kühnheit deſſelben war von dem beſten Erfolge begleitet. Wie konnte man einer Firma mißtrauen, die auf ſo unabhängige Weiſe handelte? Das Gerücht verbreitete ſich raſch durch die City, und von dieſem Tage an nahm der Andrang ab. Der Sicherheit wegen verkaufte aber der gewiſſenloſe Bankier noch mehrere der ihm zur Aufbewahrung anvertrauten Werthpapiere. Für alle Fälle gewappnet, dachte er, und der Stolz des ſchuldigen Mannes nahm mit ſeinem Selbſtvertrauen zu. Eine Gefahr ſchwebte aber über ihm, auf die er nicht gerechnet hette, die ihm aus der Aengſtlichkeit der Mutter des Caſſiers, der treuloſen Rebecca, erwuchs. Jeden Tag erſchien ſie in Lombard⸗ſtreet, um nach ihrem Sohne zu fragen, und jedesmal hatten ihr die Commis geantwortet, daß keine Briefe von ihm eingelaufen ſeien. Auf's Aeußerſte beun⸗ ruhigt, hatte die alte Frau endlich darauf beſtan⸗ den, den Principal ſelbſt zu ſprechen, was ihr mit einiger Mühe zuletzt auch gelang. „Wo iſt mein Sohn?“ rief ſie leidenſchaftlich aus, als ſie ſich endlich deſſen Principal gegenüber befand.„Er ſagte mir, er werde in etwa drei Wochen wieder zurück ſein und jetzt ſind es eben 65 ſo viele Monate. Da iſt Verrath, ſchwarzer Ver⸗ rath im Spiel, den ich Ihnen wohl zutraue.“ „Meine liebe Mrs. Bight, wie können Sie glau⸗ ben—“ „Ach!“ unterbrach ihn die Frau,„Ihre ſüßen Worte können mich nicht täuſchen. Habe ich dieſe nicht hundertmal gegen Miß Cheerly anwenden hören, damals, als Sie ſie beraubten und am Hungertuch nagen ließen?— Ich bin aber geſtraft für den Antheil, den ich an der Sache nahm,“ fuhr ſie, ſich vor die Stirne ſchlagend, fort. „Sie vergeſſen,“ bemerkte der Baronet,„daß Ihr Sohn Sie dabei leitete.“ „Und wer leitete denn ihn?“ fragte Rebecca. „Wer verſprach ihm, daß er Aſſocis des Hauſes werden ſolle, wenn der Plan gelinge?“ „Das wird er auch nach ſeiner Rückkehr werden.“ „Nach ſeiner Rückkehr!“ wiederholte die unbe⸗ gueme Beſucherin.„Wird er überhaupt je zurück⸗ kehren?“ „Ich hoffe es.“ „Das iſt eine Lüge!“ tief Rebecca heftig.„Sie wünſchen dieß gar nicht. Ich kann dieß in Ihren Augen leſen, die, trotz all⸗ ihrer Keckheit, meinen Blick nicht auszuhalten vermögen. O, was für eine Thörin war ich, daß ich mich von Ihnen verleiten ließ! Aber ich werde mich rächen, Sir John; Sie kennen mich noch nicht. Es befindet ſich mehr als ein Brief in meiner Hand, aus dem hervorgeht, daß das Vermögen des Capitän Cheerly— ein ganz anderer Brocken als die elenden fünftauſend . 5 5 Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 67 „Sie haben außer ihm keine Kinder, nicht wahr?“ „Nein.“ „Dann würden Sie alſo ſeine Hinterlaſſenſchaft erben, die, ſo viel ich gewiß weiß, etwas über drei Tauſend Pfund werth iſt.“ Wie groß auch die mütterlichen Gefühle der Mrs. Bight waren, ſo war ihre Liebe zum Geld Doch noch größer. Drei Tauſend Pfund!— Sie hätte nie geglaubt, daß ihr Sohn nur die Hälfte dieſer Summe beſitze. Was konnte ſie mit drei Tauſend Pfund nicht alles anfangen? Vielleicht that es ihr leid, daß ſie nicht zehn Jahre jünger war, was ihr eine längere Ausſicht auf Unabhän⸗ gigkeit und Genuß aus dieſem Vermögen eröffnet hätte. Der ſchlaue Bankier errieth genau, was in ihrem Innern vorging und gewann die Ueberzeugung, daß die Gefahr, wenigſtens fürden Augenblick, vor⸗ über ſei. Rebeeca verſprach noch acht bis zehn Tage warten zu wollen, un Sir John Zeit zu laſſen, ſeinem Correſpondenten in Spanien zu ſchreiben— um Nachforſchungen anzuſtellen, wie er ſagte.. Der nächſte Brief an Helsman enthielt folgen⸗ des Poſtſcriptum: „Senden Sie mir ein Certificat, daß Mr. Bight „von den Carliſten erſchoſſen wurde, und laſſen Sie „es vom engliſchen Conſul in Bilbao unterzeichnen; „oder bringen Sie es mit, wenn Sie, wie ich vor⸗ „ausſetze, nach Hauſe zu kommen die Abſicht haben.“ Damit waren aber die Widerwärtigkeiten des Lages noch nicht zu Ende; aber es ſchien, als wenn mit jeder neuen Schwierigkeit die geiſtige Kraft des 5* —— 68 Bankiers einen neuen Aufſchwung genommen hätte. Es liefen zahlloſe Briefe ein, in denen theils Auf⸗ ſchluß über die im Umlaufe befindlichen Gerüchte in Betreff ſeiner Zahlungsfähigkeit verlangt, theils nach den ihm anvertrauten Werthpapieren gefragt wurde, die ſchon längſt aus ſeiner eiſernen Kiſte verſchwunden waren⸗ Es erforderte keine geringe Erfindungsgabe alle die Gefahren abzuwenden, die ihn bedrohten; es gelang ihm aber in den meiſten Fällen das erſchütterte Vertrauen ſeiner betrogenen Elienten wieder herzuſtellen. Sein letzter Beſucher war Mr. Silver. „Wahrhaftig„ ſagte der Baronet, als er ihn ſah, denn er meinte, er komme, wie gewöhnlich, um Credit nachzuſuchen,„das Geld iſt ſo knapp auf dem Markte, daß es mir leid thut, Ihnen nicht willfahren zu können; Sie müſſen ſich anders wo⸗ hin wenden. Ich ſehe mich zwar von keiner Seite gedrängt,“ ſetzte er in gleichgültigem Tone hinzu; „aber ſelbſt der Klügſte vermag in jetziger Zeit nicht vorauszuſehen, was ſich ereignen kann.“. weiß,“ verſeßte der alte Mann ſänft,„daß Sie ſich durchaus nicht gedrängt ſehen. Hooker er⸗ zählte auf der Börſe, daß Sie ihm die Eröffnung einer neuen Rechnung abgeſchlagen hätten.“ „Das iſt ein unabänderlicher Grundſat meines Hauſes,“ bemerkte der Heuchler trocken. 3 „Es iſt alſo nicht wahr, daß Sie bedeutend in ſpaniſchen Papieren ſpeculirt haben?“ „Abgeſchmackt!“ rief der Bankier mit verächtlichet Miene,„das heißt auf meine Rechnung. Ich habt ſehr viele reiche Kunden, die toll genug waren, dieß t te ht ß r⸗ n9 es het abe dies 69 zu thun,— dieß thaten ſie aber auf ihre eigene Gefahr. Dieſe mögen ihre Finger verbrannt haben, während die meinigen unverſehrt blieben. Ich be⸗ ſchränke mich genau auf die legitimen Geſchäfte mei⸗ nes Gewerbes. Kecke Speculationen taugen nicht für das alte ſolide Haus von Sellem und Compagnie.“ „Freut mich dieß zu hören,“ ſagte Mr. Silver mit wohlgelungener künſtlicher Herzlichkeit.„Freut mich ſehr, dieß zu hören. Ich wünſchte, Andere wären auch ſo klug geweſen. Sie kennen mich ſchon ſeit vielen Jahren, Sir John,“ ſetzte er hinzu. Der Bankier gab zu, daß dieß der Fall ſei. „Und haben ſtets gefunden, daß ich meinen Ver⸗ bindlichkeiten auf den Tag hin gerecht werde?“ „Stets, das heißt, gewöhnlich, wenn mein Ge⸗ dächtniß mich nicht trügt. Aber wie ich Ihnen be⸗ reits geſagt habe, ſo iſt das Geld in der City aus⸗ nehmend knapp und—“ „Ich verlange keinen Vorſchuß,“ unterbrach ihn Silver.„In den nächſten drei Monaten bin ich ent⸗ weder ein reicher Mann oder ein Bettler. Die Klug⸗ heit giebt mir ein, mich für alle Fälle vorzuſehen; indeſſen wünſche ich fünf Tauſend Pfund bei Ihnen zu deponiren.“ „In baarem Gelde oder in Papieren?“ fragte der Bankier erſtaunt. „In holländiſchen Papieren von dieſem Betrage. Sollte irgend etwas ſich ereignen, ſo würden ſie doch bei Ihnen ſicher ſtehen?“ „Gewiß.“ „Und Sie verpflichten ſich, Niemand etwas von dieſem Depoſitum zu ſagen?“ 70 „Keiner lebenden Seele.“ „Ihr Name ſteht zu hoch, als daß irgend Je⸗ mand bei Ihnen Verdacht ſchöpfte. Der Vorfall mit Hooker hat das Vertrauen des Publicums neu belebt, das allerdings ein wenig erſchüttert war.“ Mit dieſen Worten legte Silver die vom Grafen Lilini erhaltenen Papiere auf den Tiſch. Während der Bankier den Empfangſchein ausſtellte, auf wel⸗ chem die Zahl, ſowie die Serie jedes einzelnen An⸗ lehensſcheines aufgeführt wurden, wünſchte er ſich im Stillen Glück zu dem Meiſterſtreich, den er durch die Weigerung der Eröffnung eines neuen Credits für ſeinen frühern Kunden ausgeführt hatte. Seine verwerthbaren Papiere waren dadurch um fünf Tau⸗ ſend Pfund vermehrt und ſein wankender Credit im Betrage dieſer Summe gekräftigt worden. „Es wird nicht lange anſtehen,“ ſprach er lächelnd, als er die Quittung unterſchrieb und ſie Mr. Silver einhändigte,„bis ſie Ihr Eigenthum wieder zurück⸗ verlangen. Ich kenne ja Ihre alte Vorliebe für Speculationen.“ „Ich werde ſie im Zaume zu halten wiſſen.“ a * „Ich habe es mir zugeſchworen,“ verſetzte der alte Mann pathetiſch;„ich bin doch nicht ganz der Thor, für den meine Freunde mich halten. Nein, nein, ſelbſt wenn ich fünfzig, ja ſogar hundert Pro⸗ cent damit gewinnen könnte, ſo würde ich mich doch nicht verſucht fühlen, dieſe Papiere anzurühren. Sie ſind mein Nothpfennig für die Zukunft.“ Und meiner für den Augenblick, dachte der Bankier. 2 71 Mit dieſer Uebereinkunft endigten die Geſchäfte des Tages. Mit derſelben Nachtpoſt gingen zwei Briefe von England ab, der eine von Sir John Sellem, ge⸗ ſchrieben an ein Bankhaus in Paris, welcher zu⸗ gleich Mr. Silver's Papiere enthielt, mit dem Auf⸗ trage, dieſelben zu verkaufen und den Erlös daraus ihm ſobald als möglich zuzuſenden. Der andere vom Grafen Lilini an ſeinen Freund, den Oberſten. Da⸗ rin hieß es ganz kurz: „Sollten holländiſche Staatspapiere(hier folgten zugleich die Nummern) an der Börſe ausgeboten werden, ſo kaufen Sie ſie um jeden Preis auf. Ein einziges davon genügt ſchon.“ Sobald dieß im Reinen war, kleidete ſich der Graf zu einer Geſellſchaft bei Graf von Mel⸗ bourg's an. Man findet auf der Welt viele Menſchen, welche im Stande ſind, ein Unrecht zu verzeihen, ſelbſt wenn ihre Intereſſen dadurch gefährdet wurden, aber es gibt nur wenige, die eben ſo nachſichtig ſind, wenn ihre Eitelkeit verletzt worden war oder wenn man ſie in den Augen der Geſellſchaft lächerlich gemacht hat. Obgleich Letzteres bei Brandon Burg nicht ſo eigentlich der Fall war— denn die Ge⸗ ſellſchaft im engern Sinne wußte ſo gut, wie nichts, von ihm und kümmerte ſich noch weniger um ihn — ſo war er doch gegen die Mutter der Mrs. Brandon, wie er die Gräfin von Melbourg be⸗ nannte, im höchſten Grade aufgebracht und er paßte nur auf eine günſtige Gelegenheit, ſie ſeine Em⸗ pindlichkeit fühlen zu laſſen. 72 Dieſe ließ nicht lange auf ſich warten. Die Dame, welche trotz ihrer vielen modiſchen Schwächen und Vorurtheile eine große Liebe zu ihrem Kinde hegte, von dem ſie ſo lange getrennt geweſen war, hatte wieder einen ihrer Beſuche abgeſtattet. Es geſchah dieß am Morgen des Tages, an wel⸗ chem Abends glänzende Geſellſchaft in Melbourg⸗ Houſe ſtattfinden ſollte, von welcher als einem der Ereigniſſe der Saiſon geſprochen wurde. Begreiflicher Weiſe war Eugenia dazu einge⸗ laden, und eben ſo begreiflicher Weiſe von ihrem Gatten keine Notiz genommen worden. Die Damen waren eifrig damit beſchäftigt, zu berathſchlagen, was für Geſchmeide Eugenia tragen ſollte, als Brandon im Boudoir erſchien. „Perlen, meine Liebe,“ ſprach die Gräfin, ohne ſeine Anweſenheit im mindeſten zu beachten,„ſind Frau erwartet man, daß ſie Diamanten trägt, die lich ausnehmen müßten. Sie müſſen durchaus Dia⸗ manten tragen.“ Eugenia erröthete uud blickte ihren Gatten vor⸗ wurfsvoll an. „Ich beſitze keine,“ ſeufzte ſie. „Keine Diamanten?“ wiederholte die Gräfin erſtaunt.„O! Mr. Burg, was für ein Vorwurf für Ihre Galanterie und guten Geſchmac.“ Der Yankee grinste. Es war dieß die Gelegen⸗ heit, auf die er gewartet hatte. wohl gut genug für Mädchen; aber von einer⸗ ſich in Ihrem prächtigen ſchwarzen Haar ganz herr⸗ „Nicht mein Fehler,“ erwiderte er.„Ich cal⸗ culirte, daß ſie die Diamanten ihrer Mutter haben ſollte.“ Es entſtand eine peinliche Pauſe. „Da aber General Trelawny die ihrer Mut⸗ ter ihr nicht gegeben hat,“ fuhr die Dame fort, „ſo iſt es Ihre Pflicht, dieſem Mangel abzuhelfen. Wie können Sie erwarten, daß Ihre Gemahlin ohne die gewohnte Auszeichnung der Geburt und des Vermögens in der Welt erſcheinen ſoll? Ich ſchäme mich für Sie!—“ „Wahrhaftig?“ ſagte Brandon. „Sie ſind reich.“ „Sie auch, ſo viel ich weiß.“ Das Wort„Sie“ wurde dabei mit merklicher Betonung ausgeſprochen. „In der That,“ fuhr die Dame fort, ihr un⸗ behagliches Gefühl bemeiſternd, welches ſein Thun und Benehmen in ihr erregten,„Sie müſſen mir erlauben, Mrs. Burg zu Rundle und Bridge zu begleiten. Dieſes Ueberſehen— Ihre Frau iſt ge⸗ neigt, es für ein ſolches zu halten— muß gutge⸗ macht werden.“ „Ich habe durchaus nichts dagegen einwenden, wenn Sie ſie zu Rundle und Bridge begleiten, und dort ſo viele Diamanten einkaufen, als— Sie zu bezahlen Luſt haben,“ ſetzte er mit plum⸗ pem Lachen hinzu. Die beiden Damen ſahen ſich verletzt und er⸗ ſtaunt an. „Es wird für meine Frau noch Zeit genug ſein, Diamanten zu tragen, wenn wir einmal zuſammen Beſuche machen,“ fuhr Brandon fort.„Ich will auch das ſehen, wofür ich meine Dollars ausgebe.“ Die Gräfin fühlte ſich auf's Unangenehmſte berührt. „Apropos, um wie viel Uhr ſollen wir heute Abend bei Ihrer Soare erſcheinen?“ Lady Melbourg war zu ſehr Weltdame, als daß ſie ſich ſo leicht hätte aus der Faſſung brin⸗ gen laſſen. Aber ſelbſt ihre Geiſtesgegenwart er⸗ hielt durch die Zuverſicht dieſes Menſchen einen Stoß. „Miſtreß Burg iſt mir zu jeder Stunde, in der es ihr gefällt, ſich bei mir einzufinden, willkom⸗ men,“ erwiderte ſie mit großer Würde. „Das iſt ſchön. Ich denke, wir werden nicht ſpät erſcheinen.“ Darf ich wohl hören, wen Sie unter„Wir“ verſtehen?“ fragte die Dame mit feinem Erſtaunen. „Miſtreß Burg und mich.“ Die Gräfin ſetzte ſich auf einen der üppig ge⸗ polſterten Fauteuils, und indem ſie ihre Lorgnette vor die Augen hielt, firirte ſie den Yankee eine Zeit lang mit jener ruhigen Reugierde, welche an⸗ deutete, daß ſie ihre Faſſung wieder erlangt habe. „Mein lieber Mr. Burg,“ erwiderte ſie;„ich zweifle keinen Augenblick, daß Ihre Perſon ein gro⸗ ßer Gewinn für jede Geſellſchaft— in Amerika wäre; aber in England ſind wir an eine Beredt⸗ famkeit in der eigenthümlichen Sprachweiſe der neuen Welt nicht gewöhnt, vielleicht weil wir ſie nicht zu würdigen wiſſen. Eben ſo wenig iſt man bei uns gewöhnt, Mann und Frau ſtets beiſam⸗ men zu ſehen. Ich empfange keinen Herrn in Mel⸗ 75 bourg⸗Houſe, der mir nicht von dem Grafen oder meinem Sohne vorgeſtellt iſt.“ „Auch nicht, wenn er von Ihrer Tochter vorgeſtellt wird?“ fragte Brandon höhniſch. Die Gräfin wurde todtenblaß. „Sehen Sie, Schwiegermutter,“ fuhr Brandon fort,„es liegt mir gar nichts daran, Ihr Schwieger⸗ ſohn zu ſein; aber nachdem es einmal ſo iſt, ſo will ich ein Hundsfott ſein, wenn ich Sie nicht zwänge, mich anzuerkennen. Ich bin nicht boshaft; aber Sie haben mich gereizt— und das cujonirt mich! Sie können der Mrs. Brandon Diamanten kaufen, ſo viel Ihnen beliebt, eigentlich verſteht es ſich von ſelbſt, daß Sie es thun— oder auch ihr Ihre eigenen geben. Obgleich Sie für Ihre Jahre noch recht gut ausſehen, ſo werden Sie doch ohne Diamanten noch beſſer ausſehen; aber übertölpeln laß ich mich von Ihnen nicht.“ „O Eugenia!“ flüſterte die Gräfin vorwurfsvoll, „Sie haben mich verrathen.“ „Gewiß nicht,“ verſetzte dieſe;„dazu haſſe ich ihn zu ſehr.“ „Ich danke Ihnen,“ murmelte der Yankee, der das eben nicht ſehr ſchmeichelhafte Geſtändniß ſeiner Frau gehört hatte. Lady Melbourg gewann nicht ohne Mühe ihre Faſſung wieder. „Und glauben Sie denn, daß die Welt dieſe lächerliche Behauptung glauben wird?“ fragte ſie. „Ihre Frau iſt, wie allgemein bekannt, die Tochter des Generals Trelawny.“ „Seines Bruders, wollen Sie ſagen,“ erwiderte Brandon.„Es hilft Sie nichts, denn ich weiß Alles. Der General hat mir vor meiner Verheirathung Alles geſagt, und nur den Namen hat er mir ver⸗ ſchwiegen.“ „Es iſt ein Grundſatz von mir, die Motive mei⸗ ner Handlungsweiſe nur denen mitzutheilen, die ſie zu würdigen verſtehen,“ ſagte die ſtolze Dame, in⸗ dem ſie alle Zeichen ihrer Schwäche bemeiſternd, von ihrem Stuhle aufſtand.„Eugenia iſt meine Tochter; ich brauche wegen ihrer Anerkennung nicht zu erröthen.“ . weiß,“ verſetzte ihr Schwiegerſohn zwei⸗ elnd. „Wenn es aber je der Fall wäre,“ fuhr die Dame fort,„und ich würde den Grafen überleben, ſo würde er mir anſtatt des unermeßlichen Reich⸗ thums, den zu erben ich mit allem Grund hoffen darf, nichts als das mir zukommende Witthum hinter⸗ laſſen. Sie und Eugenia wären zuletzt diejenigen, die allein verlören.“ Dieß war zwar nicht vollkommen wahr, aber wenigſtens glaubwürdig genug, um den gewünſch⸗ ten Effect damit hervorzubringen. „Entſcheiden Sie ſich.“ „Nur wenn ich zu Ihrer Soare eingeladen werde,“ antworkete der Amerikaner ſtörrig.„Ich will ein⸗ mal die Geſchichte zum Durchbruch bringen.“ „Genug,“ ſagte die Gräfin in reſignirtem Tone, „ich werde Sie erwarten.“ „Und meinen Freund, den Capitän Mortimer?“ Die Gräfin vermochte nur durch ein Nicken mit 3 dem Kopfe ihre Zuſtimmung auszudrücken. Der 77 Aerger hatte ihr faſt die Sprache geraubt. Dieß bemerkte der ankee und freute ſich im Stillen darüber. In ſeiner ſelbſtſüchtigen Natur fand ſich⸗ keine Spur eines edlen, männlichen Gefühls, deß⸗ halb beſchloß er auch, ſeinen Triumph noch weiter zu treiben. „Jetzt, nachdem unſere Händel geſchlichtet ſind,“ ſprach er,„wollen wir uns den Verſöhnungskuß geben und gute Freunde werden. Von unſern Fa⸗ milienangelegenheiten wollen wir nach der Soare ſprechen.“ Auch dieſe Demüthigung ließ man ſich gefallen und Brandon verließ voll Befriedigung, daß er ſeine Wette gewonnen und ſeine Schwiegermutter gedemü⸗ thigt habe, das Zimmer, nachdem er dieſer jedoch zuvor noch zu verſtehen gegeben hatte, daß ihr noch Zeit genug bleibe, zu Rundle und Bridge zu fahren. Obgleich Eugenia von Natur weder gefühlvoll, noch theilnehmend war, ſo drückte ſie doch die Lage, in welche ihre unglückliche Mutter wegen ihrer Ge⸗ burt verſetzt worden war, und ſie fragte ſich in Gedanken, in wie weit Bella ſich an ihr Gelübde gebunden halten würde, wenn ſie einmal erführe, daß ſie Couſinen und keine Schweſtern ſeien. „Das iſt unglücklich,“ ſprach ſie. „Sehr unglücklich“ wiederholte die Gräfin. „Der Graf iſt ein ſtolzer, reizbarer Mann, der mir die Täuſchung, der ich mich gegen ihn ſchuldig machte, nie verzeihen wird. Mein Sohn wird außer ſich gerathen; die Fehler meiner Jugend erheben ſich drohend gegen mich. Wie konnteſt Du aber auch einen ſolchen elenden Wicht heirathen?— einen Menſchen ohne alles Ehrgefühl, Männlichkeit, Deli⸗ cateſſe und Edelmuth?—“ „Mein Schickſal hat es ſo gewollt.“ „Und Niemand, der mir rathen kann,“ fuhr die Dame fort.„Wenn nur General Trelawny hier wäre! Lebe wohl,“ rief ſie plötzlich;„ich muß Zeit haben, nachzudenken und mich zu ſammeln.“ Als Brandon aus dem Boudoir ſeiner Frau herabkam, fand er Albert Mortimer im Billard⸗ zimmer ſeiner harrend. ſprach er. „Weßhalb?“ „Die hundert Pfund. Haben Sie Ihre Wette vergeſſen? Nun, ich bin eingeladen. Sie ſind ein⸗ geladen— alſo heraus mit den Dollars.“ Der vorſichtige Albert rückte jedoch mit dem Gelde nicht ſo haſtig heraus. Es war dieß gegen ſeine Gewohnheit. „Verlaſſen Sie ſich darauf, mein Beſter,“ er⸗ widerte er,„daß man Sie blos myſtificirt hat. Die ariſtocratiſche Gräfin würde eher daran denken, einen armen Künſtler oder ein Mitglied der Oppoſition zu einer ihrer glänzenden Soareen einzuladen als einen von uns.“ „Sie glauben mir alſo nicht?“ „Ich zweifle noch.“. 5 Der Yankee öffnete die Thüre des Billardzim⸗ mers. Lady Melbourg ging in dieſem Augenblicke über den Vorplatz nach ihrem Wagen. „Nicht wahr, ich komme zu Ihnen?“ ſagte er. Dame nickte mit dem Kopfe. 6 „Sie müſſen mir ein Paar Ponies bezahlen,“ Si 79 „Und der Capitän?“ 3 „Es wird mich ſehr freuen, Sie beide zu ſehen,“ verſetzte ſie, mit Mühe ihre Wuth bemeiſternd. Unmittelbar darauf fuhr die glänzende Equipage weg. Wer dieſelbe dahin rollen ſah, hätte ſich wohl ſchwerlich gedacht, wie unbehaglich die darin ſitzende Perſon ſich fühle. „Heraus jetzt mit den Dollars,“ rief der Ame⸗ rikaner, laut auflachend. Albert zahlte ihn aus, indem er zugleich eine Bemerkung in ſein Notizbuch machte, welche wir unſern Leſern zu ihrer Befriedigung mittheilen wollen. „Forderung von Einhundert Pfund nebſt In⸗ tereſſen an die Sehr Ehrenwerthe Gräfin von Mel⸗ bourg.“ Neunundfünfzigſtes Capitel. Nachdem die Gräfin von Melbourg das Haus ihrer Tochter, des Kindes, das ſie nicht anzuer⸗ kennen wagte, verlaſſen hatte, fuhr ſie nach dem Park, um ihre erſchütterten Lebensgeiſter wieder zu ſammeln, denn die Entdeckung ihres Geheimniſſes beunruhigte ſie ſehr, indem ſie ſich dadurch einem Menſchen preisgegeben ſah, den ſie, wie ſie wohl fühlte, zu tief beleidigt hatte, als daß er ihr je verzeihen konnte. Während ihrer Fahrt erſann ſie hundert Pläne und Entſchuldigungen, um ihren Gemahl und Sohn mit der Anweſenheit des anrüchigen Mr. Brandon ———————— 80 bei ihrer Geſellſchaft auszuſöhnen. Sie verwarf aber alle wieder als unausführbar; und als ſie eben auf dem Punkte ſtand, ſich ihrer Verzweiflung hinzugeben, kam ihr Beiſtand in der Perſon ihrer Schwägerin, der verwittweten Marquiſe von Cat⸗ teſſey, deren Equipage ſie in einer der Alleen be⸗ gegnete. Dieſe Dame war ſchon längſt Wittwe und da ſie ein großes Vermögen, aber keine Familie beſaß, ſo hatte ſie nichts zu thun, als mit ihren Schooßhunden, Vögeln und den Stadtgerüchten und den on dits des Tages ſich zu unterhalten. Ihre Freunde— denn gewöhnlich verdanken wir ſolchen uneigennützigen Perſonen Alles was Schlimmes von uns geſprochen wird— hatten ihr ſchon längſt den Beinamen„Morgenpoſt“ gegeben, weil ſie in zehn Fällen gegen einen, mochte man ſie treffen, wo man wollte, irgend einen neuen Scandal mitzutheilen hatte— eine Schwäche, die man übrigens, beiläufig geſagt, nicht allein in der Modewelt oder bei dem ſchönen Geſchlechte trifft. Auf ein Zeichen der in den Wägen ſitzenden Damen hielten dieſe an. „Haben Sie die Neuigkeit ſchon gehört?“ fragte die Marquiſe haſtig.„Ich habe meinen Bruder noch nie ſo aufgeregt geſehen.“ Das Herz der Gräfin ſchlug ängſtlich und wenn ſie nicht ſo dickes Roth aufgetragen hätte, ſo hätte ſich ihre Beklemmung äußerlich verrathen. „Mein Reffe,“ fuhr die Schwägerin fort,„hat mich ſo eben verlaſſen, um ſeinen Vater aufzu⸗ ſuchen.“ „Sie haben mir aber ja den Inhalt Ihrer ganz — Stimme fragte, in weſ 81 außerordentlichen Neuigkeit noch nicht einmal mit⸗ getheilt?“ bemerkte die Gräfin bebend. „Habe ich das noch nicht, meine Liebe? Sie werden ſie nur zu früh erfahren.“ Der Gräfin verging faſt ber Athem. „Ich bedaure Sie.“ „Ich bitte, ſprechen Sie ſich deutlich aus— Sie quälen mich.“ „Nun denn, meine Liebe; unſere theure Freun⸗ din, die Baronin Wenbanc, iſt geſtorben und es findet deßhalb wieder eine Wahl in's Parlament ſtatt.“ Lady Melbourg warf ſich hoch aufathmend, durch dieſe Mittheilung von einer großen Angſt befreit, in ihre Wagenecke zurück, indem ſie mit matter ſſen Hände denn ihrer theuren verſtorbenen Freundin Diamanten gelangen würden, welche nach ihren eigenen ſchon längſt als die präch⸗ tigſten in ganz London bezeichnet wurden. „Sie werden ohne Zweifel zwiſchen ihrer Tochter und ihrer Schwiegertochter getheilt werden.“ Merkwürdiger Weiſe machte dieſe Nachricht der Gräfin Freude, obgleich ſie kaum einen Augenblick zuvor aus ihrem peinlichen Zuſtande der Ungewiß⸗ heit geriſſen worden war. Ob die Juwelen getheilt würden oder nicht, das war ihr völlig gleichgiltig. Der Tod der Baronin, einer Pairin von Ge⸗ burt,*) hatte die Folge, daß deren Sohn ſeinen S *) Es gibt in England Güter, auf denen die Pairswürde ruht und dieſe geht auf die älteſte Tochter über, wenn kein Sohn vor⸗ handen iſt. Licht⸗ und Schattenſeiten.„ 6 82 Sitz im Oberhauſe einzunehmen berechtigt wurde, nachdem er zweimal zuvor den Sieg über ſeinen Mitbewerber, den Sohn der Gräfin, den jungen Vicomte, um die Vertretung der Grafſchaft Kum⸗ berland im Unterhauſe, davongetragen. Dieſe beiden Niederlagen hatten das politiſche Leben des alten Brafen in hohem Grade getrübt. Als daher Lady Melbourg nach Hauſe kam, traf ſie ihren Gemahl in nichts weniger als liebenswürdiger Stimmung. Die Möglichkeit einer dritten Niederlage war mehr, als er mit Geduld zu ertragen im Stande gewe⸗ ſen wäre. „Sie haben wahrſcheinlich die Neuigkeit ſchon ge⸗ hört?“ fragte er. Die Gräfin gab lächelnd zu, daß ſie ſie ſchon wiſſe. „Ich wollte, es hätte ſich dieß vor einer Woche zugetragen,“ fuhr der Lord fort.„Ihre auffallende Aufmerkſamkeit gegen die ſchöne Mrs. Brandon Burg und der eben ſo auffallende Mangel an Auf⸗ merkſamkeit gegen deren Gatten wird dieſen wahr⸗ ſcheinlich veranlaſſen, ſeinen Einfluß gegen uns gel⸗ tend zu machen. Mein Haushofmeiſter Masham ver⸗ ſichert mich, daß er über wenigſtens hundert Stim⸗ men verfügt. „Der Mann iſt ein ſo ungeſchlachter Menſch,“ erwiderte die Dame,„überdieß handelte ich nur nach Ihrer Eingebung.“ „Er iſt ein greulicher Tölpel,“ rief der junge Vicomte. „Stille, Auguſtus!“ ſagte ſein Vater ungedul⸗ dig.„Dieſer greuliche Tölpel, wie Du ihn nennſt, 83 kann, wenn er ſich auf Wenbanc's Seite ſchlägt, die Wahl zu unſerem Nachtheile entſcheiden.“ Der jugendliche Sprößling des Hauſes Melbourg nahm dieſe Rachricht auf eine Weiſe auf, aus wel⸗ cher hervorging, daß, welchen Ehrgeiz er auch ſonſt beſitzen mochte, die Ausſicht auf einen Sitz in der geſetzgebenden Verſammlung ihm vollkommen gleich⸗ giltig ſei. „Verdammt ärgerlich,“ murmelte der Pair.„Ich fürchte, daß es zu ſpät ſein wird, Brandon jetzt noch zu verſöhnen.“ „Das iſt bereits geſchehen,“ bemerkte ſeine Ge⸗ mahlin ruhig;„der Bär hat bereits einen Maul⸗ korb an.“* Ihr Gemahl bat ſie, ſich darüber zu erklären. „In demſelben Augenblicke, in welchem ich den Tod der Baronin erfuhr,“ ſagte die Gräfin,„fuhr ich ſogleich zu Mrs. Brandon Burg, um den Mor⸗ gen bei ihr zuzubringen; glücklicher Weiſe traf ich ihren Gatten in bem Beſuchszimmer.“ „Harriet, Sie werden aber doch nicht—“ „Auf die Wahl angeſpielt haben?“ fiel ihm ſeine Frau in's Wort;„mein lieber Lord, halten Sie mich denn für ſo taktlos? Gewiß nicht; ſondern ich plauderte im Gegentheil von allem Möglichen, nur nicht von Politik. Beim Weggehen bemerkte ich bloß, daß ich Beide zeitig bei mir zu ſehen hoffe.“ „Bewunderungswürdig,“ rief der Earl.*) Der Vicomte dagegen ſchnitt ein Geſicht, in wel⸗ chem zu leſen war, daß er über die Ausſicht, die Bezeichnung für engliſche Grafen. 6* 84 Bekanntſchaft des Yankee zu mochen, nichts weniger als entzückt ſei. „Was ſagte Brandon?“ „Er machte mir eine tiefe Verbeugung und ſagte, daß er nicht geladen ſei. Ich war natürlich in Ver⸗ zweiflung, ſchob die Schuld auf den Kammerdiener Martin und— enfin er wird zu uns fommen.“ Wenn auch die Erzöhlung der Gräfin über die Art, wie die Einladung erfolgt ſein ſollte, ihrer Wahr⸗ heitsliebe wenig Ehre machte, ſo erſchien dafür ihre Erfindungsgabe in um ſo glänzenderem Lichte. Lord Melbvurg verſor ſogleich ſeine üble Laune. War er nur erſt einmal in Berührung mit dem Gebieter von hundert Stimmen, ſo zweifelte er im Mindeſten nicht, daß ſein Takt und ſeine Beredtſamkeit das Uebrige zu Stande bringen werde. Zur großen Beruhigung ſeiner Gemahlin beſtand er darauf, daß ſein Sohn dem erwarteten Beſucher jete uögliche Aufnerſamkeit und Höflichkeit ange⸗ deihen laſſen ſolle, worauf er ſich auf ſein Zimmer zurückzog, um ſich zum Mittageſſen anzukleiden. „Ich kann es nicht begreifen,“ rief der Vicomte, indem er ſich auf den Sopha warf und die Beine nachzog. „Was kannſt Du nicht begreifen?“ fragte ſeine Mutter⸗ 4 „Den ganz außergewöhnlichen Antheil, den Sie an dieſen Leuten nehmen. Die Frau iſt allerdings ſehr ſchön, ſo ſchön, daß ich mich als ihren Anbeter bekenne und die nächſte Gelegenheit ergreifen werde, es ihr zu ſagen.“ „Auguſtus!“ rief ſeine Mutter entrüſtet;„Mrs. Brandon Burg iſt meine Freundin.“ 5 „Das denke ich mir,“ erwiderte der junge Ari⸗ ſtokrat kaltblütig. 3 „Und ihr Mann einer der beſten Schützen in England.“. „Ah, ich ſchieße auch nicht ſchlecht.“ Durch bittere Erfahrungen belehrt, daß es gänz⸗ lich vergebens ſei, ihrem hoffnungsvollen Sprößling Vernunft zu predigen oder beſſere Gefühle in ihm zu erwecken, verließ ihn die Gräfin, um die Be⸗ ängſtigung, die ſie fühlte, zu verbergen, wenn die Aufmerkſamkeiten ihres Sohnes Brandon Burg's Eiferſucht rege machen und ihn veranlaſſen ſollte, ihr Geheimniß zu verrathen. So weit die Sache Eugenia betraf, war ihr Herz vollkommen ruhig. Als es Nacht geworden war, hatte ſich eine Menge neugieriger Müßiggänger vor dem glänzen⸗ den Hotel des Grafen von Melbourg verſammelt, um die Ankunft der Eingeladenen zu ſehen. Wäh⸗ rend die Equipagen vorfuhren und ihre ſchöne oder verwitterte Laſt abſetzten, wurden von den Zuſchauern Ausrufe der Benunderung oder ſpöttiſche Bemer⸗ kungen, zum großen Unwillen der dienſtthuenden Policiſten und Aerger der Lakaien laut, die ver⸗ möge eines ganz eigenthümlichen Gedankengangs ihre eigene Würde durch unehrerbietige Bemerkun⸗ gen verletzt hielten, welche über die Perſon gemacht wurden, deren Livree ſie zu tragen ſich herbeige⸗ laſſen hatten. Armuth und Müßiggang machten ſich hier einen Feiertag und wurden von dieſem Schaukaſten durch 86 das ſtrenge„Zurück hier!“ der Polizei nicht zurück⸗ getrieben, die viel zu viel mit Aufrechthaltung der Ordnung, um die Wagen in einer Linie zu halten, zu thun hatte, als daß ſie ſich um andere Kleinig⸗ keiten hätte kümmern können. Die Müßiggänger hielten ſich deßhalb nichts weniger als zurück, ſon⸗ dern drängten im Gegentheile vorwärts, um die prächtigen Gewänder und glitzernden Juwelen der Damen mehr in der Nähe bewundern zu können. Was die liebe Jugend anbelangte, ſo machte ſie mehr Lärm, als der ganze übrige Haufen. Einige darunter erkletterten die eiſernen Gitter des angrän⸗ zenden Hotels, um beſſer ſehen zu können, trieben ſich unter den Equipagen herum und huſchten wie Schatten da und dort hin, ſo daß man keinen davon erwiſchen konnte. Es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen dem Voll⸗ blut⸗Straßenjungen von London und den Gamin von Paris. Der Erſtere iſt, wenn man ihn nicht barſch behandelt, ſelten mehr als naſeweiß, der Letz⸗ tere dagegen boshaft und hämiſch; der Eine gefällt ſich in Witzworten, der Andere in handgreiflichen, gefährlichen Scherzen. Ein engliſcher Straßenjunge neckt die Polizei, ein franzöſiſcher, namentlich wenn er von ſeinen Kameraden und dem Pöbel unterſtützt wird, bietet ihr Trotz; wenn er ſich aber allein ſieht, ſo macht er ſich aus dem Staub. Ein kleiner Witzbold von etwa vierzehn Jahren — nach der ſchwarzen Farbe an ſeinen Händen und ſeinem Geſichte zu ſchließen, wahrſcheinlich ein Buch⸗ druckerlehrling— hatte den Lampenpfoſten, gegen⸗ über dem an des Grafen Wohnung ſtoßenden Hauſe, 87 erklettert und genoß von ſeinem erhöhten Stand⸗ punkte eine vortreffliche Ausſicht auf die eintref⸗ fende Geſellſchaft. Mehr als einmal hatte er das Lachen der Menge durch die muthwillige Weiſe rege gemacht, in welcher er dieſelbe ſeinen Kameraden beſchrieb. Einen Herrn, der einen mit Pelz verbrämten Rock über ſeiner Uniform trug, kündigte er als den ruſſiſchen Geſandten an, und nachdem er zuvor das Miauen einer Katze nachgeahmt hatte, fragte er ihn, was ſein Fell koſte. Ein Anderer in reichem ungariſchem National⸗ coſtume mit ſpindeldürren Beinen wurde von ihm aufgefordert, dem Publikum zu erklären, wie er in ſeine Stiefel hineingekommen ſei. Schon mehrmals hatte der Sergeant der Poli⸗ zei den Knaben aufgefordert, herunter zu kommen. Dieſer dankte ihm aber für ſeine Höflichkeit und verſicherte ihn zur großen Heiterkeit der Umſtehen⸗ den mit großem Ernſt, daß er einen ganz bequemen Platz habe. Zuletzt fuhr eine Equipage vor, aus welcher ein Officier einer außerordentlich ſchönen Dame beim Ausſteigen behilflich war. Es war dieß Eu⸗ genia und unter der Menge wurde ein Murmeln der Bewunderung laut, als ſie ſie erblickte. „Eine Schönheit,“ rief der Knabe aus. Die Dame legte lächelnd ihren Arm in den des Capitän Mortimer. „Und ein Pavian!“ ſetzte der Junge hinzu, als Brandon zum Vorſchein kam. Die unaufgeklärten Britannier wagten zum großen 3 88 Unwillen des Yankee darüber zu lachen. In ſeiner Wuth hätte er gern eine Handvoll Dollars für das Vergnügen gegeben, den Knaben durchbläuen zu dürfen. Aber weil er in dieſem Augenblicke ſeiner ationalregung nicht Folge geben konnte, ſo mußte er ſich damit begnügen, einem der Policiſten ein Goldſtück in die Hand zu drücken mit dem bezeich⸗ nenden Wink, dem naſeweißen Burſchen Schläge zu geben oder ihn einzuſtecken. Der Mann hielt ſich aus Dankbarkeit verpflich⸗ tet, etwas zu thun und bedrohte den Witzbold ernſt⸗ lich, wenn er nicht herabſteige. Die Menge dagegen forderte ihn begreiflicher Weiſe auf, zu bleiben, wo er ſei. „Das iſt auch ganz und gar meine Abſicht,“ rief der Knabe, indem er ſeine Mütze abzog und iſt Freunden zuwinkte, wie um ihnen für ihren tath zu danken.. In Mitten dieſer Verwirrung kam eine wohl⸗ bekannte politiſche Perſönlichkeit angefahren. „Hurrah! hurrah!“ rief der Knabe auf dem Lampenpfoſten. „Huſſah!“ wiederholte die Menge, ohne recht zu wiſſen, wen ſie dadurch feierte. „Was gibt es hier,“ fragte der Staatsmann den Polizeiſergeanten. „Beſtechung und Corruption gibt es hier,“ rief der Buchdruckerlehrling.„Einer der gemietheten Auf⸗ wärter, der die Geſellſchaft da innen bedienen helfen ſoll, hat ihm ein Sechspfennigſtück gegeben mich zu ſchlagen.“ 89 Welche Schmach! Den Eigenthümer von Burg⸗ Hall für einen Aufwärter zu halten! „Er kann an dieſem Orte Niemand ſchaden,“ bemerkte der Herr gutmüthig, während er in das Hotel eintrat.„Sie können ihn daher füglich laſ⸗ ſen, wo er iſt.“ „Wahrhaftig, das kann er, Hurrah!“ Mehr als eine Stunde lang trafen ohne Unter⸗ brechung immer wieder neue Gäſte ein, während welcher Zeit der erzürnte Policiſt viel zu ſehr mit Aufrechthaltung der Ordnung unter den anlangen⸗ den Wägen beſchäftigt war, als daß er an ſeinen Quälgeiſt hätte denken können, und als er endlich dazu Muße fand, war dieſer verſchwunden. Nachdem wir unſere Leſer ſo lange Außen auf⸗ gehalten haben, iſt es nicht mehr als billig, daß wir ſie endlich in das Innere des Hotels führen, deſſen glänzende Salons ſchon ſehr gefüllt waren, als Eugenia und ihr Gatte eintrafen. Es war dieß des Yankees erſte Einführung in die wahrhaft ſaſhionable Geſellſchaft, und ſelbſt ſeine ungeheure Selbſtüberſchätzung wurde hier etwas abgekühlt, als er ſich in der Mitte von all' dem befand, was England Großes und Berühmtes be⸗ ſitzt. Dieſer Eindruck haftete aber nicht lange, denn es gibt nichts ſo Elaſtiſches als die Unverſchämtheit. Die Gräfin empfing ihre Tochter wie jede an⸗ ders Bekannte oder Freundin, verbeugte ſich gegen Brandon und ſtellte ihn dem Carl vor, der ihm zu Albert Mortimer's großem Erſtaunen die Hand ſchüttelte. Der berechnende Schlaukopf fing an, ſich für myſtificirt zu halten. 90 „Nun,“ ſagte der Eigenthümer von Burg⸗Hall, ſich umblickend,„es ſcheint mir, Mylord, daß Sie recht ſauber hier wohnen. Es reicht zwar noch nicht bis zum Gouvernementsgebäude in Washington oder dem Alston⸗Hotel in New⸗York, aber es iſt doch ein recht hübſches Haus.“ Der Gedanke Melbourg⸗Houſe mit einem Hotel in New⸗York zu vergleichen, klang ſo originell, daß Alle, die es hörten, mit Ausnahme ſeiner Gattin, ſich höchlichſt darüber beluſtigt fühlten. Eugenia's Lage war äußerſt peinlich. „Ich zweifle nicht,“ antwortete der Graf höflich, „daß Ihr feiner Geſchmack viel daran auszuſetzen finden wird.“ „Allerdings, könnte er das.“ Ein Officier von der Garde, der ſich in der Nähe befand, bat Brandon um nähere Belehrung. „Nun,“ erwiderte Brandon, erfreut über die Gelegenheit, ſeine Meinung behaupten und den Britanniern einen Hieb verſetzen zu können,„die Zimmer ſind ſehr hübſch herausgeputzt, aber die Bilder darin wollen nichts heißen,— ſie ſind zu alt und armſelig für ſo koſtbare Rahmen.“ „Ohne Zweifel ſind ſie an dem Orte, den Sie genannt haben, alle ganz neu?“ bemerkte der Officier. „Ganz neu,“ wiederholte Brandon ſtolz,„denn ſie werden alle drei Jahre mit den Tapeten gegen andere vertauſcht.“ Kein Lächeln bewegte das ariſtokratiſche Geſicht des Hausherrn. Er war einmal feſt entſchloſſen, das Martyrthum durchzumachen und er erduldete es auf die ehrenvollſte Weiſe. 91 Wenige Perſonen waren in der engliſchen Ge⸗ ſellſchaft oder vielmehr in dem reiſenden Theile derſelben allgemeiner gekannt als der Graf Lilini; man kannte ſein Geſicht an jedem Hofe. Ohne eine officielle Stellung einzunehmen, hatte man ſich längſt gewöhnt, ihn zu den diplomatiſchen Kreiſen zu zäh⸗ len. Die natürliche Folge davon war, daß, wo er ſich befand, die erſten Häuſer ihm offen ſtanden. Der Earl von Melbourg kannte ihn ſchon ſeit vielen Jahren und deſſen Gemahlin ſeit noch weit längerer Zeit. Ihre Bekanntſchaft datirte ſich aus Indien, aus der Zeit, alsihr Vater Generalgouver⸗ neur daſelbſt geweſen war. Er war einer der Zeu⸗ gen ihrer heimlichen Vermählung mit dem Bruder des Generals Trelawny geweſen, kein Wunder daher, daß er ein gefeierter Gaſt in Melbourg⸗Houſe war. Die Gräfin drehte ſich raſch um, als Brandon und Eugenia den Salon verließen, und ſah die Augen Lilini's feſt auf ſich gerichtet. Sie erröthete tief. Der Ausdruck, der darin lag, konnte nicht mißverſtanden werden; ſie ſagten ſo deutlich, als es die Sprache zu thun vermocht hätte; die mit der Sié ſo eben ſprachen, iſt Ihre Tochter. „Wahrhaftig Graf,“ lispelte ſie,„Sie ſind ein ganz außergewöhnlicher Menſch.“ „Wie ſo?“ „Sie— Sie errathen Alles.“ „Mit Ausnahme deſſen, was in dem Herzen einer Mutter vorgeht,“ erwiderte er ebenfalls mit halblauter Stimme.„Sie haben Ihr Geheimniß Ihrem Kinde mitgetheilt.“ * 92 „Können Sie mich deßhalb tadeln?“ erwiderte die Dame vorwurfsvoll. „Im Gegentheil. Ich billige das Gefühl, wel⸗ ches die Entdeckung veranlaßte. Sie iſt ſehr ſchön.“ „Nicht wahr?“ fragte die Dame ſtolz. „Aber ihr Gatte?“ „Sprechen Sie nicht von dem,“ murmelte die Gräfin;„er iſt ein wahres Ungeheuer. Ich kann es nicht begreifen, wie Eugenia ſich einem ſolchen Manne opfern konnte. Er hat das Band, das zwi⸗ ſchen mir und ihr beſteht, entdeckt.“ Dieß erklärt ſeine Anweſenheit hier, dachte Lilini. „Glücklicher Weiſe wünſchte der Earl ihn zu verſöhnen,“ fuhr die Dame fort.„Es ſteht eine Wahl in Brandon's Grafſchaft bevor, und er kann, wie es ſcheint, über wenigſtens hundert Stimmen daſelbſt verfügen.“ Der Graf lächelte. Er begriff den Grund, wenn er ihn auch nicht billigte, welcher den ſtolzen und reichen Carl von Melbourg veranlaßte, ſich die Ge⸗ ſellſchaft eines ſolchen Menſchen gefallen zu laſſen. Es geſchah nicht um ein Amt oder politiſchen Ein⸗ fluß zu erlangen,— denn um Beides konnte es ihm bei ſeinem Temperament und Bequemlichkeits⸗ ſinn entfernt nicht zu thun ſein,— ſondern die Ausſicht auf die Möglichkeit, ein Stückchen Band, oder mit andern Worten, den Hoſenbandorden her⸗ auszuſchlagen, war es, die den Lord veranlaßte, zu einer ſolchen Erniedrigung ſich herbeizulaſſen. Im Laufe des Abends wurde Lilini Brandon und deſſen Gattin vorgeſtellt. Der Erſtere hatte ſo eben wiede einen Verſtoß ſich zu Schulden kommen laſſen, 93 der Eugenien's ſtolzes Herz auf⸗'s Tiefſte verletzte. Er war nämlich dem ſpaniſchen Geſandten vorge⸗ ſtellt worden, der kein Wort engliſch ſprach. Seine Excellenz drückte ihr Vergnügen, die Bekanntſchaft des Senhor Burg zu machen, auf Franzöſiſch aus. „Merci,“ rief der Yankee erfreut, ſeine Kenntniſſe dieſer Sprache an den Tag zu legen, von der er während ſeines Aufenthalts in Canada einige Brocken aufgeſchnappt hatte; Monsieur est épagneul.“(Der Herr iſt ein Wachtelhund.) Es entſtand ein allgemeines Gekicher. „Espagno!(Spanier)!“ ſagte Albert Mortimer, der nur mit Mühe ſeinen Ernſt bewahrte, als er ihn verbeſſerte. „Pspagnol!“ wiederholte Brandon,„das kommt auf Eins heraus. Sie verſtehen mich doch?“ ſetzte er gegen den Geſandten hinzu, der eine höchſt un⸗ gehaltene Miene machte. Lilini erklärte ſeinem erſtaunten Landsmanne den unabſichtlichen Irrthum des Herrn, mit dem er geſprochen hatte. Die Excellenz lächelte wie Leute von Welt lächeln, wenn ſie verletzt worden ſind, die aber das Lächerliche mehr als den Schmerz der Wunde fürchten, und wandte ſich raſch ab. Sie hatte keine Luſt zum zweiten Mal mit dem Yankee und deſſen Franzöſiſch in Berührung zu kommen. Um den lächerlichen Eindruck möglichſt ſchnell zu verwiſchen, führte der Carl ſeinen unbeholfe⸗ nen Gaſt in das Spielzimmer, wo er ihm drei Robber Whiſt zum Opfer brachte, nur um ihn ruhig zu erhalten. Für einen ſtolzen Mann, wie er, war die Ausſicht, eine kleine Anzahl Smn 94 zu erhalten, theuer erkauft. Aber zu was läßt ſich Eitelkeit nicht herbei? Von der Nähe ihres Gatten befreit, fing Euge⸗ nia an freier aufzuathmen. Sie hatte den Arm des Grafen Lilini zum großen Verdruß des Capi⸗ täns Mortimer angenommen, der an ihrer wieder⸗ holten Demüthigung ein teufliſches Vergnügen fand, und machte mit dieſem die Runbe durch die Zimmer. Ihre Schönheit zog überall die Aufmerkſamkeit auf ſich. Mehrmals hörte ſie die Frage flüſtern:„Wer iſt dieſes liebliche Weſen?“ Die Antwort verletzte ſie auf's Tiefſte; denn ſie lautete gewöhnlich:„Sie iſt die Frau des ſonder⸗ baren Mannes,“ oder„des ungeſchickten Menſchen, der den ſpaniſchen Geſandten einen Wachtelhund geheißen hat.“ „Die engliſche Geſellſchaft,“ bemerkte ſie gegen ihren Begleiter,„muß Ihnen nach der auf dem Continent ſehr langweilig vorkommen.“„ „Im Gegentheil, ich gebe ihr den Vorzug,“ ver⸗ ſetzte Lilini.„In Deutſchland iſt ſie zu kalt, in Frankreich zu frei und in Spanien zu traurig. Aber wie komme ich dazu, Ihnen dieß zu erzählen? Sie kennen ohne Zweifel den Continent genau.“ „Nein; ich wurde in Indien geboren.“ „Ich weiß dieß,“ erwiderte der Graf. Eugenia ſah ihn erſtaunt an. „Ich bin ein alter, ſehr alter Freund des Ge⸗ nerals Trelawny,“ fuhr er fort,„den ich kürzlich auf dem Maierhofe beſuchte und wo ich auch die Bekanntſchaft Ihrer reizenden Schweſter machte.“ 95 Bei der Erwähnung Bella's verfinſterte ſich das Geſicht der Schönen. „Sie iſt ein liebenswürdiges und intereſſantes Mädchen,“ fuhr Lilini fort.„Ihre Schönheit hat jenen ruhigen, engliſchen Charakter, der bei Ihnen ſich gänzlich entfaltet hat. Sie haben ohne Zweifel ſchon von ihrem Verlöbniß mit Harold Tracy gehört?“ Eugenia nickte mit dem Kopfe. Sie war zu ärgerlich, als daß ſie hätte ſprechen können. „Es wird ein prächtiges Paar geben.“ Ein verächtliches Lächeln glitt über das Geſicht der Schönen, verſchwand aber ſogleich wieder. So kurz es aber auch geweſen war, ſo hatte der Graf es doch bemerkt, und dieſes Lächeln enthüllte ihm Eugenia's ganzes Herz— deſſen Kälte, Selbſtſucht und Falſchheit. Dieſe Saite ſchlägt nicht an, dachte er; ihre Einwilligung muß ihrem Stolz und ihrer Scham abgerungen werden. Obgleich Mrs. Brandon Burg ſich höchlichſt über Bella's Lob geärgert hatte, die ſie ſeit Jahren mehr als Folie, denn als Rivalin, ihrer Reize zu be⸗ trachten gewohnt war, ſo war ſie doch ſtolz auf die Aufmerkſamkeit, die ihr der Graf erzeigte. Es war nicht ſeine Unterhaltungsgabe, ſein glänzender Witz oder ſeine ſcharfe Satyre, welche ſie anzogen, denn ſie war nicht die Frau, Eigenſchaften dieſer Art zu würdigen, ſondern es war die Stellung, die er offenbar in der Welt einnahm, in welcher zu glänzen ihr Ehrgeiz ſie antrieb. Männer vom höchſten Range ſchüttelten ihm herzlich die Hand und ſprachen ihre Freude darüber aus, ihn in England zu ſehen. Bei der Damenwelt ſchien er noch beliebter zu ſein. Mehr als Eine Herzogin machte ihm ſcherzend dar⸗ über Vorwürfe, daß er der Gräfin dadurch den Vorzug gegeben, daß er dieſer den erſten Beſuch ge⸗ macht habe. Ich muß mich mit dieſem Manne befreunden, dachte Eugenia. Sie ahnte freilich nicht, wie gänz⸗ lich unmöglich dieſer Wunſch ſei, denn Lilini wußte bereits, wie dunkel die Schatten in dem Gemälde ſeien, welches die Welt, die irrig urtheilende Wekt, ſo allgemein bewunderte. Brandon Burg hatte, gleich den meiſten ſeiner Landsleute, eine hohe Meinung von dem, was er das Syſtem der Gegenſeitigkeit nannte. Er war in des Earls Hauſe eingeladen worden, und es ſchien ihm nicht mehr wie billig, daß er dieß, um uns ſeines eigenen, eleganten Ausdrucks zu bedienen, heim zu geben habe. Der Spieltiſch hatte ihn in gute Laune verſetzt, denn er hatte jeden Robber gewonnen. „Nun, Mylord,“ ſagte er, ſeinen Gewinn in die⸗ Taſche ſteckend,„Leute unſeres Schlags im Lande ſollten Gegenſeitigkeit üben. Mrs. Burg möchte gern eine Soare geben. Wenn Eure Lordſchaft und Ihre Ladyſchaft mit uns ſpeiſen wollen, ſo ſoll mich's ſehr freuen, Ihnen Gelegenheit zu geben, Ihre Dollars wieder zu gewinnen.“ Zum Erſtaunen Aller, welche die auf ſo ſonder⸗ bare Weiſe gemachte Einladung mit angehört hatten, wurde ſie von dem ſtolzen Poir ſogleich angenommen. „Und Sie bringen dann auch Ihren Sohn mit,“ ſetzte der Yankee hinzu, dem Vicomte zunickend. 97 Der Gedanke, daß der junge Edelmann irgend wohin mitgebracht werde, war in der That ein zu guter Witz, als daß er nicht ſogleich durch das Zim⸗ mer die Runde gemacht hätte. „Ich verſtehe kein Wort von all' Dem,“ be⸗ merkte Capitän Mortimer, der ſich in der Nähe be⸗ fand, gegen ein Mitglied der Oppoſition, das, weil es gegenwärtig nicht im Amte war, natürlich ein ſtandhafter Patriot war. „Ihr Freund,“ verſetzte der Angeredete lächelnd, „iſt allerdings ein ſehr excentriſcher Menſch, aber dafür iſt er reich.“ „Sehr reich,“ wiederholte Albert. „Und hat Grundbeſitz in Cumberland.“ „Beinahe Alles dort gehört ihm.“ „Dann wette ich Hundert gegen Eins, daß Mel⸗ bourg ſeinen Sohn mitbringt,“ fuhr das Parla⸗ mentsmitglied fort.„Denken Sie an mich. Er hat ſo eben mit Mr. Brandon Burg einen Hände⸗ druck gewechſelt. Ich zweifle gar nicht daran, daß der Vicomte bei der neuen Wahl dieſer Grafſchaft in's Parlament den Sieg vavontragen wird.“ Mit einem Male ging dem Ofſicier ein Licht auf. Das Geheimniß ſchien erklärt; und ſo weit es den Earl und den Vicomte betraf, war dieß auch der Fall. „Er will alſo in's Parlament gewählt werden,“ wiederholte er;„vielleicht habe ich da auch ein Wort mitzureden.“ Wahrſcheinlich waren in dem Zimmer noch meh⸗ rere Perſonen, die derſelben Anſicht waren. Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 98 ſeine Einladung angenommen worden war. Es war ein Triumph für ihn, einen wirklichen Grafen an ſeinem Tiſche zu haben. Er beſaß ein hübſches Haus, ſchönes Silbergeräthe, zahlreiche Dienerſchaft. Aber zu was diente dieß Alles, wenn er es nicht zeigen konnte? Er mußte alſo Gäſte finden. Eugenia, und faſt mehr noch die Gräfin, ath⸗ meten leichter auf, als die Geſellſchaft zu Ende ging. Beide hatten aus demſelben Grunde ſchwer aus⸗ geſtanden. „Nun,“ ſagte der Held dieſer Nacht, denn als ſolcher durfte Brandon nach der Senſation, die er erregt hatte, wohl bezeichnet werden;„Eins geſagt, wie das Andere, ſo bin ich nicht unzufrieden mit meinem Beſuch. Ich wünſche, daß Sie auch eine Soare geben, Mrs. Brandon, und zwar daß es eine Art hat, noch in dieſer Woche. Die Melbourg's wollen mit uns zu Mittag eſſen.“ „Mit uns zu Mittag eſſen!“ wiederholte ſeine Gattin erſtaunt. „Ich meine Mrs. Burg,“ bemerkte ihr Gatte, „daß mein Engliſch vollkommen verſtändlich iſt, wie auch mein Franzöſiſches beſchaffen ſein mag. Ich werde nimmer vergeſſen,“ fuhr er in ein lautes Lachen ausbrechend, fort,„wie der kleine Geſandte mich anglotzte, als ich ihn einen spagnieul(Wach⸗ telhund) anſtatt einen spaniard(Sponier) nannte.“ Und was ich dabei litt, dachte Eugenia. 6 ich gewiß weiß, daß man in Canada ſo ſagt.“ „Sie hätten unter keinen günſtigeren Auſpicien Der ſtrebſame Yankee war hoch erfreut, daß —— 99 in die Geſellſchaft eingeführt werden können,“ be⸗ merkte Albert Mortimer.„Mrs. Burg's Schönheit und Ihr Reichthum haben gleich große Senſation erregt. Die bevorſtehende Wahl wird Ihnen Ge⸗ legenheit geben, Ihren Einfluß durch Ihren Grund⸗ beſitz geltend zu machen.“ „Welche Wahl?“ „In Ihrer Grafſchaft— der Vicomte iſt dort Candidat.“ „Er iſt Candidat!“ rief der Beſitzer von Burg⸗ Hall in verächtlichem Tone aus.„Jetzt merke ich, weßhalb der Earl mir ſo um den Bart ſtrich; aber ich denke, er ſoll ſeinen Mann an mir gefunden haben. Ich werde ſelbſt für die Grafſchaft auf⸗ treten.“ Die Aeußerung dieſer Abſicht ſetzte ſeinen Freund eben ſo ſehr in Erſtaunen, als ſeine Gattin dadurch beunruhigt wurde, welche wohl vorausſah, daß in der Hitze des daraus ſich entſpinnenden Wettkampfes das Geheimniß, daß ihr Gatte auf ſo unehrenvolle Weiſe erlauſcht hatte, dieſem entwiſchen werde. „Wie konnte ich aber auch ihn heirathen?“ mur⸗ melte ſie vor ſich hin. In dieſem Augenblicke ſprach noch der Stolz aus ihr; aber die Zeit war nicht mehr fern, in welcher das Gewiſſen dieſelbe Frage ſtellen ſollte. 7* 100 Sechzigſtes Eapitel. Es ſollte nicht lange dauern bis Sir John Sellem die Befriedigung zu Theil wurde, ſeinen Verbündeten Helsman in London zu ſehen. Der ſchuldbefleckte Mann war in der Ueberzeugung, daß der einzige Zeuge, der ihn des Mordes an Bet Amos überweiſen konnte, im Grabe ruhe, keck zu⸗ rückgekehrt. Was die Geſchichte der Entführung der Miß Cheerly und Nancy's anbelangte, ſo war dieſe nur von untergeordneter Wichtigkeit, ſelbſt wenn ſie gegen ihn anhängig gemacht werden ſollte. Des Baronets erſte Frage war nach dem Todten⸗ ſcheine des Caſſiers. S Er wurde ihm mit der verlangten Beglaubigung des britiſchen Conſuls in Bilbao eingehändigt. „Und wie iſt denn der Stand der Dinge?“ fragte er. „Ganz nach Wunſch,“ erwiderte der Capitän, „obgleich ich eine Zeit lang fürchtete, daß es mit uns völlig aus ſei.“ „Die Fonds ſtanden entſetzlich tief,“ bemerkte ſein Verbündeter. „Bilbao hat uns gerettet.“ „Und die Kugel, welche den General Zumala⸗ carregui getroffen hat?“ Der Capitän kächelte bedeutungsvoll. Wahr⸗ ſcheinlich dachte er an Doktor Sanchez und die Elen⸗ den, die dieſen beſtochen hatten die Wunde des tapfern carliſtiſchen Befehlshabers zu vergiften „Einmal war die Straße nach Madrid für Don 101 Carlos offen,“ ſprach Helsman,„aber es waltet ein Schickſal in dergleichen Dingen. In der Hoffnung ein Anlehen zu erlangen, welches Oeſterreich und Rußland Gewähr leiſten wollten, unternahm der irre geleitete Fürſt die Belagerung, welche für ſeine Anſprüche ſo verhängnißvoll werden ſollte. Die Finanzmänner, welche vorgeblich mit ihm ſich ein⸗ laſſen wollten, verlangten den Fall der Stadt als ein Unterpfand ſeines Erfolgs. Ein gewandter Streich, ihn zu ſchwächen. Die Börſen von London und Paris haben den Streit um die Krone von Spanien entſchieden. Das Uebrige iſt vollends eine Kleinig⸗ keit, welche Evans und die Legion in Ordnung brin⸗ gen werden, ſo bald ſie nur erſt auf dem Schau⸗ platze erſchienen ſind. Dieſe Prophezeihung erwies ſich, wie unſere Leſer wiſſen, als vollkommen richtig. Die Lage des Sir John Sellem war aber, trotz all' Dem, nichts weniger als behaglich; denn ob⸗ gleich die ſpaniſchen Papiere auf dem Markte wieder zu Credit gelangten, ſo war dennoch der Fortſchritt nur ein ſehr langſamer. Das öffentliche Vertrauen in dieſelben war einmal erſchüttert worden, und deßhalb wagten es auch nur Speculanten hie und da Geſchäfte darin zu machen. Ein Verſuch, im jetzigen Augenblicke damit loszuſchlagen, hätte ge⸗ radezu zum Verderben geführt. Der Bankier ſandte ſogleich zu Rebecca Bight, indem er wohl überlegte, daß je früher die Sache abgemacht würde, um ſo beſſer es wäre. Er hatte ihre Drohung nicht vergeſſen, die ihm aber jetzt wenig Sorgen mehr machte, weil er ihren Charakter 102 kennen gelernt und die Hauptſchwäche deſſelben— die Habſucht— ſogleich herausgefunden hatte. Als die alte Frau zu ihm kam, theilte er ihr ohne alle Umſtände den vermeintlichen Tod ihres Sohnes mit und legte ihr das Zeugniß vor, dem zu Folge er von den Carliſten erſchoſſen worden war. Einige Minuten lang fühlte ſich die Mutter auf⸗s Tiefſte ergriffen. Bei all' ihren Fehlern und Laſtern, ihrer Undankbarkeit und Verrätherei gegen ihr Pflegekind war ihr doch noch einiges natürliche Ge⸗ fühl geblieben. Ihr Herz wäre ja ſonſt aller Menſch⸗ lichkeit bar geweſen. Der Baronet bemerkte genau, daß ſie ſich aller Drohungen und Vorwürfe enthielt; dennoch ließ er weislich den erſten Schmerzensaus⸗ druck vorübergehen, bis er auf Geſchäfte zu ſpre⸗ chen kam. „Es iſt dieß eine jener Schickungen der Vor⸗ ſehung,“ hub er endlich an,„denen wir uns Alle unterwerfen müſſen.“ „Sehr wahr,“ ſeufzte Rebecca,„aber er war mein einziger Sohn.“ „In Ihrem Falle,“ fuhr der Heuchler fort,„iſt der Verluſt durch die Erinnerung an ſeine viele guten Eigenſchaften— ſeinen Fleiß, ſeine Klugheit und Erſparniſſe gemildert.“ Rebecca fing an aufmerkſam zu werden. „Wie viel unglücklicher wäre Ihre Lage geweſen, wenn Ihr Sohn Sie in Ihrem Alter, abhängig von der Mildthätigkeit der Welt oder Ihre eigene Arbeit zurückgelaſſen hätte, während Sie im Gegen⸗ theil jetzt nahezu dreitauſend Pfund erben.“ „Mehr als dreitauſend, Sir John,“ unterbrach 103 ihn Rebecca ſcharf;„ſo ſagten Sie mir wenigſtens ſelbſt. Ich habe es nicht vergeſſen. Ich laſſe mich nicht berauben.“ „Ach ja, ich erinnere mich; es iſt etwas dar⸗ über,“ bemerkte der Bankier.„Zum Beweis meiner Achtung für das Andenken an meinen verſtorbenen Caſſier,“ fuhr er fort,„habe ich einen meiner Commis, einen geſetzten, zuverläſſigen Mann, be⸗ äuftragt, Ihnen in der Verwaltung Ihres Ver⸗ mögens an die Hand zu gehen. Er wird alle Aus⸗ lagen bezahlen.“ „Ich danke Ihnen, Sir John.“ „Meine Sachwalter, die Herren Wigget und Tye, werden die geſetzliche Procedur des Antritts Ihrer Erbſchaft beſorgen.“ Rebecca machte einen Knix. „Und ich ſetze Ihnen eine lebenslängliche Penſion von hundert Pfund aus,“ fügte er gedehnt hinzu⸗ „Gott ſegne Sie dafür!“ rief die Frau aus. „Sie ſind ein wackerer Mann.“ „Ich wünſche nur meine Pflicht zu erfüllen,“ verſetzte der Baronet beſcheiden, indem er zugleich zweimal an der Glocke zog. Auf dieſes Zeichen erſchien Mr. Banks, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, derſelbe, den er vorhin als geſetzt und zuverläſſig bezeichnet hatte. „Sie werden Mrs. Bight zu Wigget und Tye begleiten,“ ſagte der Prinzipal,„und den übrigen Commis ſagen, daß ſie alle ein ſchwarzes Band um den Hut und ſchwarze Handſchuhe zu tragen haben.“ „Wie Sie befehlen, Sir John.“ „Beſorgen Sie auch einen Traueranzug für die 104 Mutter meines Caſſiers. Ich kann nicht genug thun, um mein Bedauern über den Verluſt eines ſo getreuen Dieners an den Tag zu legen.“ Hier fing Rebecca wieder an auf's Reue laut zu weinen; da ſie aber einſah, daß ſie Alles er⸗ langt habe, was ſie herauszuſchlagen hoffen durfte, ſo trocknete ſie raſch ihre Thränen wieder und ver⸗ ließ in Geſellſchaft des Mr. Bank's das Comptoir. Dieſer Commis war ein Wittwer. Etwa eine Woche nach dem eben Exzählten wur⸗ den die ſpaniſchen Papiere mit einem Steigen von zwei und einem halben Procent an der Börſe no⸗ tirt. Das Glück ſchien in der That das kecke Spiel der Speculation, das Sir John Sellem und deſſen ſtiller Theilnehmer bei dem Handel, Helsman, ge⸗ trieben, zu begünſtigen. Die beiden Verbündeten gratulirten ſich gegenſeitig von Herzen über die Beſſerung ihrer Ausſichten. Yoch drei Monate,“ ſagte der Bankier,„dann wollen wir losſchlagen.“ icht eher bis ſie Pari ſtehen,“ warf der Ca⸗ pitän ein;„ein Paar Wochen früher oder ſpäter können keinen großen Unterſchied machen.“ Der Erſtere dachte an die Depoſiten, die er auf ſo unehrliche Weiſe ſich angeeignet hatte,— der Letztere an den vermehrten Gewinn. „Geduld, Geduld!“ murmelte Lilini vor ſich hin, als er in ſeinem einſamen Gemach in Claren⸗ don⸗Hotel ſaß.„Wer ſäet muß warten bis er ernten kann. Wie langſam die Zeit verſtreicht, wenn man etwas ungeduldig erwartet. Die letzte 105 Woche meines Lebens iſt mir länger erſchienen, als Monate des Duldens, die ihr vorangingen.“ Es wurde ihm Jemand zum Beſuche angekün⸗ digt. Es war ſein Freund, der Oberſt aus Paris. „Iſt es Ihnen gelungen?“ fragte der Graf haſtig. Der Oberſt öffnete ſein Portefeuille und über⸗ gab ihm eines der holländiſchen Staatspapiere, Num⸗ mer 3871, erſte Serie. „Hier habe ich es!“ rief Lilini freudig;„die Waffe iſt in meiner Hand und der Augenblick ge⸗ kommen, den Schlag zu führen!“ „Geſtern gelang es mir, das Papier mir zu ver⸗ ſchaffen,“ bemerkte der Franzoſe,„und ich verlor keinen Augenblick, es hieher zu bringen.“ Der Graf ſchüttelte ihm dankbar die Hand. Groß war das Erſtaunen und die Ueberraſchung an jenem Tage in Manſion⸗Houſe,*) als Mr. Silver vor dem Lord Mayor erſchien, um einen Verhaftsbefehl gegen Sir John Sellem den Bo⸗ ronet und Bankier in der City, auszuwirken, unter der Anklage, verbrecheriſcher Weiſe über De 5 verfügt zu haben, die der Sicherheit wegen Hände niedergelegt worden waren. Der Beweis wurde ſo vollſtändig geliefert und noch überdieß mit einem Eide bekräftigt, daß dieſer oberſte Be⸗ amte nicht umhin konnte, dem Verlangen zu will⸗ fahren. Leſer, haſt du je ſchon den Fortſchritt eines Feuers in einem dicht bevölkerten Stadttheile mit angeſehen, wie raſch die Flammen von Sparren zu *) Wohnung des Lord⸗Mayors. 106 Sparren, von Dach zu Dach ſpringen, bis endlich Haus um Haus in Einer Gluth ſteht? Wahrſchein⸗ lich haſt du dieß ſchon geſehen; und wenn dieß der Fall iſt, ſo wirſt du mit uns übereinſtimmen, daß die Geſchwindigkeit des verzehrenden Elements nur ein Schneckengang iſt im Vergleich mit der Schnel⸗ ligkeit, mit welcher das Gerücht von der Zahlungs⸗ unfähigkeit irgend einer großen Handlungsfirma oder Bank in Umlauf geſetzt wird. Es gränzt dieß in der That an's Wunderbare. Sir John und Capitän Helsman beſprachen eben in aller Ruhe ihre Ausſichten in dem Privat⸗ zimmer des Erſtern, als der Sturm ſeinen Anfang nahm. Anfangs hielten die Commis das Kommen von ein Paar Kunden, die ihr Guthaben verlang⸗ ten, für einen bloßen Zufall, aber als es deren immer mehrere und dieſe zugleich dringend wurden, ſo merkten ſie, daß das Spiel zu Ende ſei, und riefen ihren Principal herbei, den ſelbſt in dieſem kritiſchen Falle ſeine Nerven nicht im Stiche ließen. That, meine Herren,“ ſprach er,„das unerwartet. Erlauben Sie mir alſo—“ „Der Ruf:„Zahlen Sie uns! Zahlen Sie uns!“ unterbrach ihn. „Gewiß werde ich Sie bezahlen,“ erwiderte der Bankier in der Hoffnung, durch Keckheit den vor⸗ übergehenden paniſchen Schrecken, für was er das Ganze anſah, zu calmiren. Zugleich ging er nach einem eiſernen, in der Mauer befeſtigten Schrank, deſſen Schlüſſel er, wie den in ſein Privatzimmer, ſtets bei ſich trug. Eben als er im Begriffe ſtand, denſelben zu öffnen, brach kom - 107 ſich ein alter Herr durch die Menge Bahn zum Zahltiſche und rief laut nach ſeinen Depoſiten. Als der ſchuldbewußte Mann dieſes Wort hörte, erblaßte er. „Meine Staatspapiere und Eiſenbahnaktien!“ rief der alte Herr. „Wo ſind Silver's Papiere?“ fragte einer der Wenigen, die ſo glücklich waren, ihr Geld zu er⸗ halten. „In Paris verkauft!“ erwiderte ein Anderer. „Hören Sie denn nicht, was in Manſion⸗Houſe vorgefallen iſt?“ rief ein Dritter. * Als die Beamten eintrafen, um den Verbrecher feſtzunehmen, ſahen ſie ſich genöthigt nach einer Polizeiabtheilung zu ſchicken, um das Bankhaus vor dem Unwillen des Publikums zu ſchützen. Hunderte waren zu Grunde gerichtet und es fehlte nicht an lauten und tiefen Verwünſchungen über den Ver⸗ anlaſſer ihres Unglücks. „Sie waren doch gewiß nie ſo thöricht, die Ih⸗ nen zur Sicherheit anvertrauten Depoſiten ſich an⸗ zueignen?“ fragte Helsman, als der Verbrecher aus dem Comptoir in ſein Privatzimmer ſich zurückzog. „Ich habe ſie ſämmtlich verwendet.“ „Dann iſt Alles verloren.“ „Alles.“ Dieſes Wort wurde von dem Bankier mit einer Ruhe ausgeſprochen, als wenn ihn die Entdeckung rein nichts anginge. Merkwürdiger Weiſe hatte Sir John, ſeitdem es klar war, daß er an Vermögen und Ruf gänzlich zu Grunde gerichtet ſei, ſeine Selbſtbeherrſchung, ja wir möchten faſt ſagen, den * 108 Frieden ſeines Gemüthes wieder erlangt. Die Span⸗ nung der Nerven ſeines Gehirns, die in den letzten Monaten bis auf's Aeußerſte geſteigert worden war, ließ endlich nach. „Sie werden hoffentlich doch wenigſtens gegen mich ehrenvoll handeln,“ bemerkte der Capitän,„und mir meinen Antheil an den Staatspapieren aus⸗ liefern.“ „Nicht ein einziges davon,“ bemerkte der Ba⸗ ronet gelaſſen.„Ich bin bankerott, wenn nicht gar etwas Schlimmeres und wage nicht die Schwierig⸗ keit meiner Lage dadurch zu vermehren, daß ich einen einzigen Gläubiger bevorzuge. Ueberdieß,“ ſetzte er hinzu,„je mehr Procent ich zu bieten ver⸗ mag, um ſo beſſer komme ich weg.“ „Geben Sie mir nur wenigſtens die mit meinem eigenen Gelde erkauften Papiere heraus,“ drängte ſein Verbündeter. Auch von dieſem Verlangen, welches wenigſtens nicht unbillig ſchien, wollte der Baronet nichts wiſ⸗ ſen, indem er bemerkte, daß die Geſchäfte gempin⸗ ſam geweſen ſeien und daß das Handelsgericht jetzt entſcheiden müſſe. Es wurden eben lebhafte Worte darüber gewechſelt, als die Beamten erſchienen. So groß iſt der Einfluß der äußern Stellung, daß dieſe faſt mit einer gewiſſen Art von Reſpekt ihm verkündeten, daß er ihr Gefangner ſei. Obgleich Sir John ihr Erſcheinen nicht unerwartet kommen könnte, ſo wurde ihm doch bei ihrem Anblick das ganze Gefühl ſeiner Erniedrigung völlig klar. Er wurde leichenblaß und ſank in einen Stuhl zurück. In Folge eines der merkwürdigen Widerſprüche 109 in unſeren Geſetzen gehörte das Verbrechen, deſſen Sir John Sellem angeklagt war, unter die, für welche Bürgſchaft angenommen wird. Nach dem erſten Verhör vor dem Lord Mayor fand er Freunde, welche für ſein Erſcheinen am Gerichtstage gut ſtan⸗ den und wurde demgemäß freigelaſſen; aber jeder ſeiner Schritte wurde auf die Veranlaſſung eines Mannes bewacht, der die Fäden ſeines Geſchicks in ſeiner Hand hielt, eines Mannes, der ihn jeden Augenblick für ein weit größeres Verbrechen nach Newgate*) zu bringen im Stande war. Wir brauchen wohl kaum zu verſichern, daß dieß Niemand Anderes als Graf Lilini war. In dieſer mißlichen und unglücklichen Lage gab es immerhin noch zwei Perſonen, welche fortwäh⸗ rend großen Antheil an den Angelegenheiten des Bankiers nahmen. Es waren dieß ſeine Sachwalter, die Herren Wigget und Tye, die zu vielerlei Ge⸗ ſchäfte vertraulichen Charakters mit ihm gemacht hatten, als daß ſie ſich behaglich dabei hätten füh⸗ len können. Wenn wir ſagen:„behaglich,“ ſo können wir eigentlich nur Mr. Wigget dabei im Auge haben, denn wie unſere Leſer ſich erinnern werden, ſo war der kleine Mann die Seele, ſein Theilhaber aber nur der Körper der Firma. Das einzige Zeichen, daß er auch eine Meinung habe, beſtand bekanntlich darin, daß er die ſeines Aſſocie's beſtätigte. „Eine böſe, böſe Geſchichte, Sir John,“ rief Mr. Wigget aus, nachdem ſein Client den Stand Criminalgefängniß in Lynbon. 110 ſeiner Angelegenheiten genau dargelegt hatte.„Wie konnten Sie auch ſo unvorſichtig ſein?“ „Der Dämon der Speculation führte mich in Verſuchung,“ erwiderte der Baronet,„und wäre es mir gelungen, die Entdeckung der Mittel, durch den ſich mein Credit aufrecht erhielt, noch ein Paar Monate lang zu verhindern, ſo wäre Alles güt gegangen. Ich hätte jeden Schilling der mir an⸗ vertrauten Depoſiten erſetzen können und wäre den⸗ noch reicher als zuvor geweſen.“ „Das war ſehr verlockend, nicht wahr Tye?“ „Sehr verlockend,“ wiederholte ſein Aſſocie. „Was ich allein nicht verſtehe, iſt die Rolle, welche Silver in der Geſchichte ſpielte,“ fuhr der Baronet fort.„Als er mir die Papiere einhän⸗ digte, gab er mir zu verſtehen, daß er ſie minde⸗ ſtens innerhalb dreier Monate nicht zurückverlangen werde. Thor, der ich war, daß ich mich von ihm hinter's Licht führen ließ.“ „Eine Falle, wie ich glaube,“ bemerkte Wigget. „Was ſagen Sie dazu?“ „Gewiß eine Falle,“ antwortete Tye. „Die Frage iſt: von wem ſie mir gelegt wurde, und das möchte ich gern herausbringen. Ich bin zwar jetzt ein armer Mann, doch kann ich noch immer diejenigen bezahlen, welche—“ „Der Senior der Firma unterbrach den Bankier mit der Bitte, ſeine Gefühle doch ja nicht durch eine Anſpielung auf Geld zu verletzen. Sein Name und ſein Credit ſtünden noch immer ſo hoch, als je.„Iſt es nicht ſo?“ „Vollkommen,“ antwortete das Echo. 111 „Hegen Sie keinen Verdacht?“ fragte Wigget. Sein Client gab zu, daß er allerdings Jemand im Verdacht habe. „Und gegen wen iſt er gerichtet?“ „Gegen meinen verſtorbenen Caſſier.“ Wigget wiederholte die Worte„verſtorbenen Caſſier“ mit wohlgefälligem Tone. 8 „Ja, er wußte um die Vollmacht, die Sie aufgeſetzt und als Zeugen unterzeichnet aben, von den dreiprocentigen Papieren, die Summe von zwanzigtauſend Pfund zu verkaufen, welche auf den Namen des verſtorbenen Capitäns Cheerly liefen. Dem Schuft gelang es, ſich in den Beſitz gewiſſer Briefe zu ſetzen. Es iſt unmöglich, anzugeben, in weſſen Hände dieſe gefallen ſind; am Ende gar in die der Miß Cheerly ſelbſt. Wenn dieß der Fall iſt, dann habe ich freilich auf keine Gnade zu hoffen.“ „Dann werden Sie am Ende gar deportirt?“ ſtöhnte der Notar. „Ich fürchte, daß dieß der Fall ſein wird.“ Es bedarf wohl kaum der Verſicherung, daß der Mann des Geſetzes das Verſprechen gab, alle He⸗ bel in Bewegung zu ſetzen, um herauszubringen, ob der Verdacht des Bankiers gegründet ſei oder nicht, denn ſeine eigene Sicherheit ſtand dabei auf dem Spiele. Sobald ihr Client weggegangen war, rief der Senior der Firma einen Commis herbei, den er fragte, ob der Wittwe Vight die Papiere ausge⸗ folgt worden ſeien, vermittelſt welcher ſie den Beſitz ihrer Erbſchaft antreten könne. 112 „Es iſt Einſprache dagegen erhoben worden,“ erwiderte der Commis. „Von wem?“ fragten die Principale, indem ſie ſich erſtaunt anblickten. „Von Jemand, der eidlich deponirte, daß er einen Monat nach dem Datum des Certifikats des Conſuls, das den Todesfall bekräftigte, den angeb⸗ lich Verſtorbenen geſehen und geſprochen habe.“ „Das genügt allerdings.“ „Das wird die Geſchichte etwas verwickelt machen,“ bemerkte Tye, der, wie unſere Leſer wiſſen, ſich durchaus nicht in Geſchäfte miſchte— das heißt, ſo weit ſie die Clienten betrafen; dafür aber führte er die Bücher und die laufende Rechnung, und alle Wechſel wurden von ihm unterzeichnet. „Wird leicht zu beſeitigen ſein,“ antwortete ſein Aſſocie mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit. „Freut mich, dieß zu hören.“ „Apropos,“ fuhr der Erſtere fort,„ich bin im Begriff, in die City zu gehen, um Ince's Pfand⸗ verſchreibung in Ordnung zu bringen und brauche hiezu baares Geld. Sie können mir ja einen Wech⸗ ſel in Blanco ausſtellen, den ich dann mit der Summe, die ich brauche, ausfüllen werde.“ Zum erſten Mal, ſeitdem die beiden Männer mit einander aſſocirt waren, machte Mr. Tye Ein⸗ wendungen gegen das an ihn geſtellte Anſinnen, indem er bemerkte, es ſei dieß ein völlig unregel⸗ mäßiger Geſchäftsgang und bringe ſeine Rechnun⸗ gen in Verwirrung. „So ſtellen Sie mir wenigſtens einen Wechſel N 113 auf meine eigene Rechnung aus,“ fuhr der kleine Mann ärgerlich fort. „Das kann geſchehen. In welchem Betrag 7½ zigget nannte eine Summe, welche genau die Hälfte ihrer gemeinſchaftlichen Rechnung bei ihrem Bankier betrug, welcher aber auffallender Weiſe nicht Sir John Sellem war. Seit vielen Jahren hatten ſie nicht einen Schilling in deſſen Händen gelaſſen. Sein Aſſocie füllte den Wechſel aus und hän⸗ digte ihm denſelben lächelnd ein. Wenige Perſonen, welche dieſen Vorgang mit angeſehen hätten, wür⸗ den daraus geſchloſſen haben, daß das, was ſo eben zwiſchen Beiden unterzeichnet wurde, nichts mehr und nichts weniger als gewiſſermaßen eine Löſung ihres Geſellſchaftsverhältniſſes bedeutete. „Hol's der Henker!“ flüſterte Wigget;„die Buch⸗ ſchulden ſind doch auch etwas werth.“ „Das Eintreiben derſelben verurſacht große Ko⸗ ſten,“ erwiderte Tye, ebenſo mit halber Stimme. „Aber das Geſchäftsmobiliar?“ „Gleicht ſich gegen den Geſchäftsverluſt aus,“ erwiderte der Erſtere.„Ich bin der Anſicht, daß Sie bei mir nicht zu kurz gekommen ſind.“ „Wie! Du alter Heuchler!—“ Dieſes Wort war kaum den Lippen des kleinen annes entwiſcht, als die ſanften Züge ſeines Aſſo⸗ cie's plötzlich einen andern Ausdruck annahmen; in⸗ dem er eine Hand an die Glocke legte, deutete er mit der andern drohend nach der Thüre und ſagte: „Ich habe ſchon einmal einer geringern Belei⸗ digung wegen einen Mann an den Galgen gebracht,“ Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 8 1¹4 Der kleine Notar, den Jedermann als eine Art von Tyrannen gegen den ruhigen und ehrbaren Mr. Tye betrachtete, verließ auf dieſes hin das Zimmer. „Ich muß mich nach einem andern Aſſocie um⸗ ſehen,“ ſprach das zurückbleibende Mitglied der Firma ruhig vor ſich hin, ſobald es allein war.„Schon lange hegte ich den Verdacht, daß Wigget zu tief mit dem Sir John Sellem ſich eingelaſſen habe, als daß er mit heiler Haut davon kommen könnte.“ Die erſte Sorge des rührigen kleinen Notars war, den Wechſel, den er erhalten hatte, in baares Geld umzuſetzen. Sobald dieß geſchehen war, be⸗ gab er ſich zu dem belgiſchen Conſul, bei dem er ſich einen Paß verſchaffte, worauf er in der City zu Mittag ſpeiste. Hier traf er einen vertrauten Freund und entlehnte von dieſem eine anſehnliche Summe. Unglücklicher Weiſe für Wigget war dieſer Herr ein Mirglied deſſelben Standes, wie er ſelbſt. Geſchäft iſt Geſchäft, dachte der Entlehner, wäh⸗ rend er die Baarſchaft einſteckte. Noch in derſelben Nacht machte er ſich nach Oſtende auf den Weg. Wenige Reiſende, welche im Winter Belgien bereist haben, dürften ſich vorſtellen, daß dieſe ruhige, kleine Stadt Oſtende eines der ariſtokratiſch⸗ ſten Bäder Europo's iſt. Wir beabſichtigen aber nicht von ſeinen Beſuchern, ſeien es einheimiſche, oder fremde, ſondern von der hier beſtehenden eng⸗ liſchen Colonie etwas mitzutheilen. Was das Elſaß im NRittelalter, iſt Oſtende in 115⁵ jetziger Zeit— ein Zufluchtsort für Menſchen von desperatem Charakter, ein Aſyl für Jeden, der be⸗ weiſen kann, daß er die Mittel beſitzt, ſeinen linter⸗ halt zu beſtreiten und nicht unter falſchem Namen angekommen iſt. Nur Mörder ſind, ſo viel wir wiſſen, davon ausgenommen. Es wimmelt daher dieſer Ort von betrügeriſchen Schuldnern, durchgegangenen Ban⸗ krottirern und Commis, die ſich Veruntreuungen an ihren Principalen hatten zu Schulden kommen laſſen. Ja, es kann ſich ſogar trefſen, daß ein Ver⸗ brecher dieſer Art mit den Perſonen, die zu ſeiner Verfolgung ihm nachgeſchickt wurden, an einer und derſelben Tafel ſpeist, ohne daß Letztere etwas ge⸗ gen ihn auszurichten in der Lage ſind. Daß man unter den Fremden dieſer Art namentlich viele Eng⸗ länder trifft, iſt wegen der Nähe und bequemen Lage dieſer Stadt leicht begreiflich. Einundſechzigſtes Capitel. „Ehrlich währt am längſten.“ Es liegt viele Weisheit in alten Sprüchwörtern; denn ein Sprüch⸗ wort iſt ein Ding, das Erfahrung gebar und das einzige Kind vielleicht, das nie die Erwartungen einer Mutter getäuſcht hat. Sprüchwörter gleichen Warnungszeichen, welche iejenigen, welche vor uns den Lebenspfad gewan⸗ delt ſind, an den Orten errichtet haben, wo Straßen ſich kreuzen, um den Weg anzudeuten, den ſpätere 8* 116 Reiſende einzuſchlagen haben und es gehört nicht unter die geringſten Thorheiten der Jetztzeit, die⸗ ſelben zu verſpotten und unbeachtet zu laſſen. Die Geſeliſchaſt heutigen Tags gleicht einem wohlgenährten ſeurigen Roſſe, nelches das Gebiß mit den Zähnen gefaßt hat⸗ der Zügel der Klug⸗ heit iſt deßhalb machtlos um ſeinen tollen Lauf aufzuhalten. Die Seculation iſt das Irrlicht, dem wir Alle folgen, der Götze, dem wir göttliche Ver⸗ ehrung erzeigen, und das ſtündlich auf ſeinen Altar gebrachte Opfer iſt das Glück ſeiner getäuſchten Ver⸗ ehrer. Der Tempel dieſes fürchterlichen Dämons liegt in einem ſo tiefen Thale, daß der dahin führende Weg ganz außergewöhnlich ſteil iſt. Unter denen, welche ihn einmal betreten haben, beſitzen nur We⸗ nige Stärle genug, den Weg rückwärts wieder an⸗ zutreten. Selbſt die Dentmale, welche dieſe Straße bezeichnen— die Trümmer des verloren gegangenen guten Rufs, des zu Grunde gerichteten Familien⸗ glücks, der gebrochenen Herzen und der noch fürch⸗ terlichere Gedanke an menſchliche Juſtiz welche, trotz ihrer Blindheit, doch zuweilen den Schuldigen erreicht— kann den Bethörten aufhalten, der in toller Haſt kopfüber hinunterſtürzt, bis er mitten auf dem Wege zuſammenbricht oder das glänzende Portal erreicht, um jedoch auf der Schwelle deſſel⸗ ben noch zu Grunde zu gehen. „Ehrlich währt am längſten.“ Dieſe Ueberzeuguns drängte ſich Sir John Sellem etwas ſpät auf, a er ſich als einen ehrloſen Bankerottirer, einen Bett⸗ ler an Vermößen und Reputation in der Stadt der 117 „königlichen Kaufleute“ erkannte, wo er einſt ſeinen Kopf ſo ſtolz erhoben hatte. Gleich vielen Andern batte er das geheime Bewußtſein des Verbrechens mit Gemüthsruhe in ſich getragen, aber die Ver⸗ öffentlichung deſſelben machte ihn erbeben, wenn er an die Blicke kalter Verachtung und den Hohn der Welt dachte, die nun nicht länger mehr von ſeinen Laſtern und ſeinen Anſprüchen auf Rechtlichkeit ſich täuſchen ließ. Die Maske war gefallen und mit derſelben ſeine Feſtigkeit. Wie wir ſchon oben erzählt haben, befand ſich der Baronet gegen Caution auf freiem Fuße. Als der Tag ſeines zweiten Verhörs in Manſion⸗Houſe herankam, ging er ernſtlich mit dem Gedanken um, zu entfliehen, ein Schritt, von welchem ihn allein die Rathſchläge des Mr. Tye— der ſeit dem raſchen Abbruch ſeiner Verbindung mit Wigget ſich der Führung der verwickelten Geſchäfte ſeines Bureau's vollkommen gewachſen zeigte— allein abhielt. „Sie haben wahrhoftig nur wenig zu befürchten, mein lieber Sir John,“ bemerkte der ſchlaue An⸗ walt.„Es wird zwar allerdings zu einer gericht⸗ lichen Verhandlung und wahrſcheinlich auch zu einer Verurtheilung kommen; denn ich ſehe nicht recht ab, wie dieſe zu vermeiden wäre; aber die Strafe wird nur leicht ausfallen, höchſtens ein oder zwei Jahre Gefängniß, aber gewiß nicht mehr.“ „Das iſt mein Tod,“ murmelte der elende Mann mit einem tiefen Seufzer, indem er zugleich das Geſicht mit ſeinen Händen bedeckte. „Was denken Sie?“ fuhr ſein Rathgeber fort. „Ihr Rang, die Pheilnahme an Ihrer Familie, an einem ſonſt ſo hochgeachteten Namen wird Ihnen gewiß Nochſicht verſchaffen, und wenn erſt einma einige Zeit darüber hingegangen iſt, ſo können Sie auf's Neue in der Welt auftreten, wozu Sie ſi als ein kluger Mann gewiß die Mittel bei Seite. gelegt haben werden.“ Auf dieſe letztere Bemerkung, welche ohne Zweifel ein Fühler ſein ſollte, gab ſein Client keine Antwort. „Zwiſchen uns ſollte vollkommenes Vertrauen herrſchen,“ ſetzte der Notar ſentenziös hinzu. „Dieß iſt auch der Fall, wie ich hoffe,“ mur⸗ melte der Baronet. Mr. Tye ließ ein trockenes, unbefriedigtes Hü⸗ ſteln hören. „Ich beſitze wenigſtens die Mittel, den Beiſtand, der mir zu Theil wird, und deſſen ich benöthigt bin, ſehr anſtändig zu bezahlen,“ ſagte Sir John. ˙ Ein befriedigtes Lächeln ſpielte um den Mund 3 des Anwalts. Bei ſeiner Menſchenkenntniß hatte er nicht daran gezweifelt, aber es war ihm ange⸗ nehm, ſeine Vorausſetzung beſtätigt zu hören, und er ſchlug deßhalb vor, weil man nicht wiſſe, was im Leben ſich ereigne, ſein Client möchte eine gewiſſe Abſchlagsſumme bezahlen. Daß dieſe ſehr groß war, weil die Geſchichte ſo außerordentlich verwickelt ſei, läßt ſich mit Sicherheit annehmen. Wo iſt denn Wigget?“ fragte der Baronet, ſobald die Geldangelegenheit geordnet war. „In Belgien, glaube ich,“ erwiderte deſſen ehe⸗ maliger Aſſocie.„Trotz all' ſeiner Gewandtheit, war er dennoch ein haſenherziger Narr. Es han⸗ delte ſich durchaus um keine wirkliche Gefahr.“ e⸗ 6 n⸗ 119 „Sind Sie deſſen ganz ſicher?“ fragte Sir John haſtig. „Ganz gewiß!“ antwortete der Notar.„Ich weiß, daß er ſich über eine, die Miß Cheerly be⸗ treffende Angelegenheit ängſtigte, von deren Ein⸗ zelnheiten ich, wie ſich von ſelbſt verſteht, nichts weiß— miſchte mich nie in derartige Geſchäfte. Ich habe die Nachfragen, die Sie wünſchten, ange⸗ ſtellt,“ fuhr er, dem Geſpräch eine andere Wendung gebend, fort;„die junge Dame hat London ver⸗ laſſen und ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach auf den Continent begeben.“ Der Baronet athmete hoch auf, wie Jemand, der ſich plötzlich von einem Schmerzen befreit fühlt. Wie unſere Leſer genau wiſſen, ſo hatte Miß Cheerly keineswegs England verlaſſen, und es war Jemand da, der über ihre Intereſſen wachte, den weder der rechtskundige Notar, noch deſſen Client, trotz all' ihrer Schlauheit, ſo leicht zu täuſchen ver⸗ mochten. Es war dieß Graf Lilini, der an dem⸗ ſelben Tage, an welchem die eben erzählte Unter⸗ redung ſtattfand, einen langen Brief an Harry Burg ſchrieb, in welchem er dieſem die Nothwendigkeit der Anweſenheit der jungen Dame in London bei dem Verhör des Sir John dringend an's Herz egte. „Ich bin den verbrecheriſchen Mitteln auf die Spur gekommen,“ ſetzte er hinzu,„durch welche die Waiſe ihres Vermögens beraubt worden iſt; es fehlen aber noch einige Beweisſtücke, die jedoch in wenigen Tagen, wie ich hoffe, in meinen Händen ſich befinden werden.“ Unmittelbar nach dem Empfange des Briefes zog Miß Cheerly, ehe ſie über die Schritte, die ſie thun ſollte, Beſchluß faßte, General Trelawny zu Rath, der ſogleich mit ſich im Reinen war. „Der Graf iſt ein Ehrenmann und unfähig Sie u hintergehen; ſeine Anweiſungen müſſen daher puchſtäblich vefolgt werden. Wir wollen Alle nach London gehen. Es ſteckt etwas hinter dem fort⸗ geſetzten Stillſchweigen der Mrs. Brandon Burg, das ich nicht verſtehen kann. Ich hobe Bella's Seelenangſt beobachtet, wenn ein Morgen um den andern verſtrich, die Poſt eintraf und keinen Brief von ihrer Schweſter brachte. Auch mit Harold iſt eine Veränderung vorgegangen; das Lächeln der Hoffnung hat ſich in den bleichen, ängſtlichen Aus⸗ druck des Zweifels und der Ungewißheit verwandelt. Was ſoll dieß bedeuten?“ Obgleich es Emmo antrieb, die Lage, in der ſich ihre Freundin befand, aufzuklären, ſo hielt ſie doch ihr gegebenes Verſprechen davon ab und ſie ſchwieg ſtille. „Erſt geſtern noch,“ fuhr der beſorgte Vater fort,„als ich mit Bella über ihre Vermählung ſprach, brach ſie in Thränen aus und eilte aus dem Zimmer. ch muß Alles erfahren, die Zeit der Verſtellung iſt vorüber.“ „Ich zweifle nicht, daß in London ſich Alles aufklären wird,“ bemerkte Miß Cheerly. Das wohlüberlegte Stillſchweigen Eugenia's, ihre entſchiedene Weigerung, auf den Brief ihrer Schweſter und Harold's zu antwotten, hatte au das reizbare Gemüth Bella's vollkommen den Ein⸗ —. 121 fluß geübt, den die herzloſe Frau berechnet hätte. Ihr Friede war dahin. Das Traumgebilde des Glücks, vas einen Augenblick lang ihr gelächelt hatte, ſchien ferner als je zu ſein. Sie beſaß keine Mittel ihre Schweſter zu zwingen ſie ihres Ge⸗ lübdes zu entbinden, und wenn dieß nicht geſchah, ſo verboten ihr Religion und Ehre gleich ſehr, ihre Hand dem Manne zu gewähren, der ſchon ſo lange ihre Neigung beſaß. Vergebens hob Harold Tracy die Nichtigkeit einer ſolchen Verbindlichkeit hervor und ſetzte mit der ganzen Beredſamkeit eines Liebhabers die Gründe auseinander, wie thöricht es ſei, dieß als Schranfe ihres gegenſeitigen Glückes anzuſehen. Bella ließ ſich nicht überzeugen. Ihre letzte Hoffnung ruhte daher auf dem Grafen Lilini. Sobald Harold von des Generals beabſichtigter Abreiſe nach London hörte, beſchloß er, ihn zu be⸗ gleiten und es wurde verabredet, den Hof am fol⸗ genden Tage zu verlaſſen. Sir Mordaunt und⸗ deſſen Schweſter verſprachen nachzufolgen, ſobald ihr Haus in der Stadt zu ihrer Aufnahme in Be⸗ reitſchaft geſetzt ſein werde. Die gute Nancy fühlte eine gewiſſe Unruhe, als ſie erfuhr, daß ihre Freundin, wenn auch in Geſellſchaft ſo mächtiger Beſchützer, in die unge⸗ heure Stadt zurückzukehren beabſichtige, in der ſie ſo viel erduldet hatte, und wenn ſie nicht die Aus⸗ ſicht, demnächſt Mutter zu werden, abgehalten hätte, ſo wäre ſie ebenfalls mitgegangen. Nur ihr Pflicht⸗ gefühl für das ungeborene Kind hielt ſie davon ab. Miß Cheerly verſprach ihr, täglich zu ſchreiben, lä⸗ 122 chelte über ihre Befürchtungen, empfahl ſie Kit's unausgeſetzter Aufmerkſamkeit und ſagte ihr Lebe⸗ wohl. „Wenn ihr etwas zuſtoßen ſollte„ bemerkte Nancy, als ſie ihre Freundin wegfahren ſah,„ſo werde ich in meinem Leben nicht mehr glücktich ſein.“ „Du machſt Dir unnöthige Sorgen,“ erwiderte ihr Gatte, ſie beruhigend;„ſo lange Harold Trach Bosheit ihrer Feinde ſpotten.“ „Das hoffe ich auch.“ „Die Liebe iſt ein gar eiferſüchtiger Beſchützer.“ „Liebe!“ wiederholte Nancy mit jener ſche mi⸗ ſchen Miene der Ueberraſchung, welche andeutet, daß Diejenigen, die ſie annehmen, nichts weniger o 3 überraſcht ſind.„Was willſt Du damit ſagen?“ „Hältſt Du mich denn für plind?“ rief Kit la⸗ chend aus,„oder glaubſt Du denn, ich hätte die Kennzeichen ganz vergeſſen, nachdem ich ſelbſt die Krankheit durchgemacht habe? Was ich damit ſagen will! Was bedeuten denn Harry Burg's Aufmerk⸗ ſamkeiten, ſeine Morgenbeſuche! ſeine Spaziergänge an der Gartenthüre zuflüſterte?— Ich zweifle nicht daran, daß Du Dich für außerordentlich ſchlau in Geheimhaltung eines Geheimniſ ir hä ſetzte er in demſelben gutgelaunten Tone hinzu. „Nur für einige Zeit,“ erwiderte ſeine Frau⸗ „Emma hält ihre Bekanntſchaft mit ihrem Verehrer ſfür noch zu neu, um ihren Verſpruch öffe i kannt zu machen.“ und Harry Burg über ſie wachen, kann ſie der ſes vor mir hältſt“ ntlich be⸗ mit Miß Cheerly? ſeine Abſchiedsworte, die er ihr e⸗ 123 „So ſind ſie alſo verſprochen?“ unterbrach ſie ihr Gatte. „Du weißt ja, wie empfindlich ſie ſelbſt gegen jeden Schein eines Vorwurfs iſt.“ 6 „Vorwurf! Selbſt die Verläumdung könnte kei⸗ nen Vorwand zu irgend einem Vorwurfe finden,“ ſagte der ehrliche Zimmermann.„Ihr Herz und Gemüth ſind Eines ſo rein, wie das Andere. Der Mann ihrer Wahl iſt ihrer vollkommen würdig.“ Als gehorſamer Ehemann verſprach Kit das Ge⸗ heimniß zu bewahren, bis Miß Cheerly ſelbſt es für paſſend erachten würde, es ihm mitzutheilen. An dem zum zweiten Verhöre des Sir John Sellem beſtimmten Tage war das Gerichtslokal des Lord⸗Mayor's dicht mit Menſchen angefüllt, indem ſich nicht nur die Opfer ſeiner Betrügereien, ſondern auch viele der erſten Bankiers und Kaufleute der City einfanden. Seit Jahren war kein Fall vor⸗ gekommen, der in der Handelswelt ſo großes Auf⸗ ſehen erregt hatte. Das Vertheidigungsſyſtem des Bankerottirers war ſehr klug ausgedacht und ganz darauf berech⸗ net, ſich die Theilnahme Derer zuzuwenden, die ihn zu tadeln in der Stimmung waren. Er gab auf⸗ richtig die unerlaubte Verwendung von Werthpa⸗ pieren und andern Sicherheiten, die ihm von ſeinen zahlreichen Clienten zur Aufbewahrung anvertraut waren, zu, geſtand, daß er der Verſuchung nicht widerſtanden habe, in ſpaniſchen Fonds zu ſpecu⸗ liren und daß dadurch der Sturm auf ſeine Bank entſtanden ſei, verſicherte aber, daß, wenn die Ent⸗ deckung ſechs Monate ſpäter erfolgt wäre, er jeden . 124 Schilling, der nicht ihm gehört habe, wieber erſetzt hätte. Zum Beweiſe dafür wies er auf den ſtei⸗ genden Werth der Papiere hin, von denen er eine ſo große Anzahl beſaß. Alle dieſe Umſtände ſeien, wie der Lord⸗Mayor treffend bemerkte, Punkte, welche am Gerichtstage bei den Geſchworenen in's Gewicht fallen dürften, die aber bei dem heutigen Verhör noch ohne Werth ſeien. Der erſte Fall, über welchen Nachfragen ange⸗ ſtellt wurden, betraf die Angelegenheit des Mr. Silver, der den Beweis, daß er Papiere dem Bankrot⸗ tirer zum Aufbewahren gegeben habe, durch Vor⸗ zeigen eines Empfangſcheins von deſſen Hand lie⸗ ferte, auf welchem jede Nummer derſelben verzeich⸗ net ſtand. „Mit Erlaubniß Eurer Lordſchaft,“ ſagte Mr. Tye,„wünſche ich einige Fragen an den Zeugen zu ſtellen. Sagen Sie mir doch gütigſt, mein Herr,“ fuhr er gegen Mr. Silver gewendet fort,„auf welche Weiſe Sie in den Beſitz dieſer Papiere gelangten?“ „Sie kamen im Laufe meines Geſchäftslebens in meine Hände,“ lautete die oh e alle Verlegen⸗ heit ertheilte Antwort. „Das heißt alſo wohl, durch Kauf?“ „Gewiß; ſie wurden mir nicht geſchenkt.“ „Nun, und von wem kauften Sie denn 2 fuhr der Anwalt fort. „Von einem fremden Herrn.“ „Wollen Sie es beſchwören, daß dieſer kein Eng⸗ länder war?“ „Meines Dafürhaltens nach war er dieß nicht, — 125 verſetzte Mr. Silver ohne Zögern,„obgleich er die Sprache geläufig redete. Wenn Sie noch Weiteres über dieſen Gegenſtand zu wiſſen wünſchen, ſo muß ich Sie an Turant und Compagnie weiſen, durch die ich mit ihm bekannt wurde.“ 8 „Und auf welche Weiſe,“ ſagte Mr. Tye nach einer Pauſe,„haben Sie ihn ausbezahlt?“ Dießmal ſchien der Zeuge mit ſeiner Antwort nicht ſo plötzlich bereit zu ſein. „Geſchah es in Gold oder Banknoten?“ Es erfolgte noch immer keine Antwort. „Oder vermittelſt eines Wechſels?“ „Weder in Gold, Banknoten oder Wechſel,“ er⸗ widerte Mr. Silver,„ſondern in ſpaniſchen und verſchiedenen andern Werthpapieren. Uebrigens bin ich überzeugt, daß Euere Lordſchaft,“ fuhr er gegen den oberſten Beamten gewendet fort,„das Unpaſſende, faſt möchte ich ſagen, das völlig Nutz⸗ loſe dieſer Art von Ausfragen einſehen wird. Die Delicateſſe gegen meine Clienten verbietet mir, auf Einzelnheiten dieſer Art mich einzulaſſen, welche in Geldangelegenheiten zwiſchen ihnen und mir ver⸗ handelt werden. Die Papiere gehören mein, das kann ich beſchwören, ſind mein völlig unbeſtrittenes Eigenthum. Daß ich ſie zur Sicherheit in die Hände des Sir John Sellem übergab, iſt ebenfalls gewiß. Hier ſein Schein beweist dieß. An ihm iſt es zu erklären, wenn er kann, wie Papiere, die auf ſolche Weiſe in Verwahrung gegeben wurden, auf den Markt kamen.“ Der Anwalt biß ſich verdrießlich auf die Lippen und ſetzte ſich, in ſeiner Hoffnung getäuſcht, nieder, 126 Der Plan war ihm mißlungen. Der Sache ſeines Clienten damit zum Siege zu verhelſen, hatte ihm begreiflicher Weiſe nicht einfallen können, aber er hatte wenigſtens gehofft, den Machinationen auf die geſtürzt hatten. Als ein Betrug nach dem andern gegen den Angeklagten von Wittwen und Waiſen bewieſen wurde, die ihre letzte Hilfsquelle ſeiner Ehre an⸗ vertraut hatten, ſchlug die ihm Anfangs günſtige Stimmung in das Gegentheil um. Man entſetzte ſich darüber, wie viele Perſonen er in's Verderben geſtürzt hatte. Als der Lord⸗Mayor mit Sir John's weiterem Verhöre fortzufahren ſich anſchicte, bahnte ſich Ca⸗ pitän Helsman Weg nach der Zeugenbank und ver⸗ langte gehört zu werden. Unter der Menge der anweſenden Zuſchauer befanden ſich aber zwei Per⸗ ſonen, welche ſein Erſcheinen mit Vergnügen er⸗ füllte. Es waren dieß der Caſſier und der Zigeu⸗ ner Jack. „Ich habe eine Bitte vorzutragen“, ſagte der Capitän,„welche Euere Lordſchaft mir, wie ich hoffe, gewähren wird. Ich wünſche nämlich, daß ein Pa⸗ ket Briefe und Papiere, ohne allen kaufmänniſchen Werth, und welche mit meiner Adreſſe verſehen ſind, mir übergeben werden.“ „Sie wenden ſich hier an das unrechte Gericht,“ erwiberte der hohe Beamte höflich.„Es ſteht außer Spur zu kommen, weiche denſelben in's Verderben meiner Befugniß hierüber etwas zu beſchließen⸗ Sämmtliche Papiere und Depoſiten, die ſich im Be 127 ſitz des Sir John vorfanden, befinden ſich in den Händen der Curatoren.“ Dieſer Umſtand ſchien dem Capitan Helsman ſehr unangenehm zu ſein. „Sir John wird aber,“ ſprach er,„meine An⸗ gabe beſtätigen.“ „Gewiß,“ verſetzte der Baronet.„Die Papiere, von welchen Capitän Helsman ſpricht, haben kei⸗ 3 commerciellen Werth und ſind ſein Privateigen⸗ thum.“ „In dem Augenblicke, in welchem der Name Helsman im Gerichtszimmer ausgeſprochen wurde, drängte ſich ein Polizeibeamter, der in der Nähe der Schranken ſich befunden hatte, durch die Menge, bis er neben der Heugenbank ſich befand, wo er hinter dem Capitän ſich aufſtellte. „Ich wiederhole, daß ich in der Sache nichts thun kann,“ wiederholte der Lord⸗Mayor nochmals. Das Gefuch muß bei einer andern Stelle vorge⸗ bracht werden.“ Helsman verbeugte ſich und war im Begriffe ſich zurückzuziehen, als er fühlte, daß eine Hand ſich auf ſeine Schulter legte,— es war die des Poli⸗ zeibeamten. Im Gerichtszimmer ließ ſich ein lautes Lachen vernehmen. Es kam von dem Zigeuner Jack, der ſeinem Begleiter zuflüſterte:„Er hat ihn.“ Der Caſſier lächelte bejahend. „Sie ſind mein Gefangener,“ ſprach der Poli⸗ zeibeamte. „Gefangener!“ wiederholte der Capitän erſtaunt, „das muß ein Mißverſtändniß ſein.“ 5 128 Der Beamte ſchüttelte den Kopf. „Weſſen klagt man mich an?“ „Des Mords.“ Als der Elende dieſes verhängnißvolle Wort hörte, verließen ihn Kaltblütigkeit und Muth. Er warf einen verzweiflungsvollen Blick um ſich, indem er in dieſem Augenblick Sir John Sellem's Lage beneidete. So tief gefallen auch dieſer war, ſo hätte er doch gerne mit dieſem getauſcht. Als er aus der Erſtarrung, in die er durch dieſen uner⸗ warteten Vorfall verſetzt worden war, wieder zu ſich ſelbſt kam, bemerkte er, daß ihm Handſchellen angelegt und die Augen aller Anweſenden mit jener peinlichen Neugierde auf ihn gerichtet waren, welche große Criminalverbrecher meiſtens einzufl ößen pflegen. Der Lord⸗Mayor, erſtaunt über einen ſo außer⸗ gewöhnlichen Vorfall, daß ein Mann wegen eines Criminalverbrechens in ſeinem Gerichtsſaale verhaf⸗ tet werde, ſah ſich veranlaßt zu fragen, auf weſſen Autorität hin dieſe Procedur ſtattgefunden habe. Der Polizeibeamte überreichte ſeiner Lordſchaft den Verhaftsbefehl. Derſelbe war unterzeichnet vom Oberſt Bryant, Friedensrichter und in der Nähe von Charlton wohnend. „Dieß iſt ein lächerlicher Irrthum!“ rief der Gefangene, deſſen Vertrauen bei dem Gedanken an den vermeintlichen Tod des einzigen Zeugen des Mords zurückkehrte,„oder etwas Schlimmeres, viel⸗ leicht der Verſuch eines geheimen Feindes, mich in einem Augenblicke der Freiheit zu berauben, in wel⸗ chem dieſe für meine Intereſſen von höchſter Vi tigkeit i 129 „Ich hoffe, daß es ſich ſo verhält,“ bemerkte der Lord⸗Mayor, indem er den Verhaftsbefehl dem Gerichtsſchreiber gab, der ihn dem Polizeibeamten wieder zuſtellte. „Wenn Eure Lordſchaft nur hören wollten.—“ „Es wäre nutzlos, gänzlich nutzlos,“ bemerkte dieſer, indem er zugleich befahl, den Gefangenen zu entfernen. Als dieſer, ſtarr vor Schrecken, aus dem Ge⸗ richtszimmer weggeführt wurde, hörte er ein leiſes Kichern, das ihn veranlaßte, ſich umzuſehen. Wie groß war ſein Erſtaunen, als ſeine Augen auf den Caſſier und den Zigeuner Jack fielen, die ihn mit einer triumphirenden Miene anblickten, etwa ſo wie zwei Jäger auf ein wildes Thier, das in die Netze zu treiben ihnen endlich gelungen war. „Nicht todt!“ murmelte er,„nicht todt!“ „Der Strick iſt ſicherer, als die Kugel,“ be⸗ merkte der rachſüchtige Bight ſo laut, Idaß Hels⸗ man ihn hören mußte. „Das Grab, welches der Henker gräbt, gibt ſeine Feie nicht mehr heraus,“ ſetzte deſſen Begleiter inzu.. Helsman verſtand dieß Alles nur zu wohl. Er ſah im Augenblicke ein, daß er der Rachſucht derer, die er zu opfern gedachte, die jetzige Gefahr ver⸗ danke. „Ich bin reich,“ flüſterte er, als er an ihnen vorüberging. Die beiden Männer begnügten ſich mit einem Lächeln. Licht⸗ und Schattenſeiten. v.. 5 N 130 „Und in der Lage—“ Die weitere Rede wurde durch die ſtrenge Stimme des Beamten abgeſchnitten, der ihm befahl, das Zimmer zu verlaſſen. Am Thore von Manſion⸗Houſe ſtand eine Chaiſe. Der Gefangene nahm in Geſellſchaft des Beamten und einigen City⸗Poliziſten in derſelben Platz und fuhr, nengierig angeſtärrt von der Menge, die das Gerichtszimmer verlaſſen hatte, um dieſes Schau⸗ ſpiel mit anzuſehen, ab. Wenn die Mädchen und der Zigeuner Jack als Zeugen gegen mich auftreten, ſo bin ich verloren, dachte der elende Mann. Der Wagen, in welchem Helsman ſaß, ſchlug genau denſelben Weg ein, den er im Jahr zuvor mit Miß Cheerly und deren Begleiterin genommen hatte. Dießmal waren es aber ganz andere Em⸗ pfindungen, mit welchen er jedes bekannten Gegen⸗ ſtandes ſich erinnerte. Damals war er voll Selbſt⸗ vertrauen, ſtolz auf ſeine Kraft und die Schlauheit, mit der die beiden hilf⸗ und freundloſen Weſen in ſeine Gewalt bekommen hatte, voll hochfliegender Plane für die Zukunft. Welcher Art war dieſe Zukunft nun? Er zitterte dieſe Frage an ſich zu ſtellen. Mehrmals tauchte der Gedanke an die Möglichkeit in ihm auf, die Diener der Gerechtig⸗ keit beſtechen zu können. Er betrachtete ſie ängſt⸗ lich, fand aber in ihren kalten, unbeweglichen Zü⸗ gen durchaus nichts, was ihn hätte ermuthigen kön⸗ nen. Er gab deßhalb dieſen Plan auf. „Dieß iſt ein ganz merkwürdiger Irrthum,“ ſagte er zu dem Beamten, der ihn arretirt hatte. 131 Dieſer gab ihm keine Antwort. „Könnten Sie mir nicht meine Handſchellen ab⸗ nehmen?“ „Nicht früher, als in Gegenwart der Richter.“ „Und wann wird dieß der Fall ſein?“ „Sobald wir nach Charlton kommen,“ verſetzte Beamte. „Man erwartet mich alſo dort?“ „Jeden Augenblick.“ Alles dieß bewies dem Gefangenen, daß nicht nur ſeine Anweſenheit in Manſion⸗Houſe, ſondern auch die Art ſeiner Arretirung in Berechnung ge⸗ de — nonimen und in einer Weiſe angeordnet worden war, um ihn zu erniedrigen und der Schande preis⸗ zugeben. Plötzlich fiel ihm ein, daß er in ſeinem Portefeuille mehrere von den Briefen habe, die er während ſeines Aufenthalts in Spanien von Sir John Sellem erhalten hatte, daß ſeine eigenen Briefe in dem Paket ſich befänden, das er öffentlich reclamirt hatte, uud daß es von der höchſten Wich⸗ tigkeit ſei, diefelben nicht in die Hände der Juſtiz fallen zu laſſen. Es fragte ſich, wie dieß zu ver⸗ meiden ſei. „Sie ſagten, glaube ich, ich ſei des Mords an⸗ geklagt?“ hub er, an den Beamten ſich wendend, wieder an. „Ja, des Mordes, Capitän.“ „Aber doch nicht des Raubes„hoffe ich,“ ſetzte der Gefangene, eine heitere Miene anneh⸗ menb, hinzu.„Ich hin zu reich, als daß ein ſo lächerkicher Verdacht auch nur einen Augenblick Glauben finden könnte. Wie mein Freund, der 9* 132 Oberſt Bryant dazu kam der erſtern Anklage Ge⸗ hör zu ſchenken, iſt mir unerklärlich; er ſollte mich beſſer kennen.“ „So viel ich weiß, liegt keine Anklage auf Raub vor,“ bemerkte der Beamte. „Mein Eigenthum bleibt deßhalb unberührt?“ „Wenn Sie nicht verurtheilt werden, ja. In dieſem Falle aber verföllt es der Krone. Dieß ſind aber Punkte, worüber Sie ſich beſſer mit Ihrem Anwalt beſprechen. Meine Pflicht erheiſchte nur Sie zu arretiren.“ Nicht mich zu durchſuchen,“ hätte Helsman gerne hinzugeſetzt, doch hielt ihn die Klugheit da⸗ von ab. Er ſah, daß er mit einem Manne zu thun hatte, der ſich weder beſtechen, noch überliſten ließ, und daß Ein unvorſichtiges Wort die ſchwache Hoff⸗ nung, die ihm verblieb, die Briefe bei Seite zu ſchaffen, vernichten könnte. Bei ſeiner Ankunft in Charlton wurde der An⸗ geklagte ſogleich nach der Wohnung des Oberſten Bryant geführt, bei welchem zwei oder drei andere Grafſchaftsbeamte verſammelt wgren. Er kannte ſie zwar alle perſönlich, aber keiner fand ſich veran⸗ laßt ſeinen Gruß zu erwidern. „Iſt es denn nothwendig, meine Herren,“ fragte er, einen Muth heuchelnd, der ihn faſt im Stich zu laſſen drohte,„daß man mich wie einen überführ⸗ ten Verbrecher behandelt, noch ehe ich wegen der geen mich erhobenen Anklage verhört worden bin?“ Bei dieſen Worten hielt er ſeine gefeſſelten Ge⸗ lenke in die Höhe. 133 „Man nehme ihm während des Verhörs die Hand⸗ ſchellen ab,“ ſagte der Oberſt. „Vorher möchte ich aber noch den Gefangenen durchſuchen,“ bemerkte der Poliziſt. Das ruhige Lächeln, das dieſe⸗Worte begleitete, bewies, daß der erfahrene Mann den Grund der Fragen, welche Helsman an ihn geſtellt, vollkom⸗ men durchſchaut hatte. Der Friedensrichter gab durch Nicken ſeine Zu⸗ ſtimmung zu erkennen. Der Inhalt der Taſchen des Mörders nurde auf den Tiſch gelegt. Er beſtand aus einer wohl⸗ gefüllten Börſe, einer goldenen Uhr und einem No⸗ tizbuche, in welchem ſich mehrere Briefe befanden. Letztere unterſuchte ein ſehr ehrwürdig ausſehender alter Herr, der Juſtizadvokat war und Rackham hieß, ſehr ſorgfältig. Nachdem er ſie durchleſen hatte, übergab er einen nach dem andern den Rich⸗ tern. Wie in den meiſten Fällen, ſo war die Vor⸗ unterſuchung nur eine Sache der Form, nach wel⸗ cher der Tag des weiteren Verfahrens feſtgeſtellt wird. Der Polizeibeamte händigte dem Oberſt Bryant und deſſen Collegen den Verhaftsbefehl gegen Capitän James Helsman ein, angeklagt des Mords an einer gewiſſen Betſy oder Bet⸗Amos, ſeiner Haus⸗ hälterin, und bat um einen Aufſchub bis nächſten Donnerſtag, bis wohin er in der Lage zu ſein hoffe, weitere Beweiſe gegen den Angeklagten vorzu⸗ bringen. „Ich verſtehe nicht viel vom Geſetze,“ bemerkte 134 der Angeklagte,„da ich den größeren Theil meines Lebens Militär geweſen bin; auch konnte ich mich unmöglich mit einem Rechtsfreunde berathen, da mir die Sache ganz unerwartet kommt, aber ich glaube berechtigt zu ſein, zu verlangen, daß man mir mittheilt, was gegen mich ausgeſagt wor⸗ den iſt.“ „Ganz gewiß,“ verſetzte der Oberſt;„der Ge⸗ richtsſchreiber wird Ihnen die Punkte vorleſen und Ihrem Anwalt die Ibſchrift davon einhändigen.“ Der erſte Punkt betraf eine Ausſage des John Lee, unter dem Namen Zigeuner Jack bekannt, welcher mit Angabe des Monattages und der Jah⸗ reszahl deponirte, daß er von ſeinem Hauseigen⸗ thümer, dem Capitan Helsman, dazu verwendet wor⸗ den ſei, den Leichnam der Bet⸗Amos aus dem Hauſe ihres Herrn nach der Kalkgrube auf der Markung der Gemeinde zu ſchaffen, um ſie dort zu begraben, und doß beſagter Capitän Helsman ihm geſtanden, daß er dieſe Perſon ermordet habe. Der zweite Punkt betraf die Angabe, daß der Zeuge für ſeinen Dienſt hundert Pfund und das Verſprechen der freien Wohnung in dem dem An⸗ geklagten gehörigen Häuschen bis an ſein Lebens⸗ ende erhalten habe. Als unwiſſender Menſch habe er nicht gewußt, auf welche Weiſe er die Juſtiz mit dieſer Sache bekannt machen ſolle, und während er mit ſich darüber zu Rathe gegangen ſei, habe ihn der Capitän überredet, nach Spanien zu reiſen. Dort ſei ein Attentat auf ihn verſucht worden in der Ab⸗ ſicht, ihn aus dem Wege zu räumen. Schließlich 135 erzählte er alsdann, auf welche Weiſe er dieſem entgangen und nach England zurückgekehrt ſei. „Und auf ein ſolches Zeugniß hin wurde ein Mann von meinem Stand, Anſehen und Vermögen wie ein gemeiner Verbrecher arretirt?“ rief der Gefangene aus.„Der Eid dieſes Menſchen iſt kei⸗ ſ Strohhalm werth. Er iſt ein notoriſcher Wild⸗ ieb.“ „Ein Mann kann ein Wilddieb und doch ein glaubwürdiger Zeuge ſein,“ bemerkte Mr. Rackham gegen die Richter.. „Welchen Beweis hat er für ſeine Angaben?“ „Der Leichnam iſt gefunden worden,“ erwiderte Oberſt Bryant. „Und auch erkannt worden?“ fragte Helsman. „Er wurde von dem Wundarzt, der die Er⸗ mordete früher einmal behandelte, an einer eigen⸗ thümlichen Formation des Unterkiefers erkannt. Außerdem fand man auch noch mehrere Gegen⸗ ſtände, die ihr gehörten, vor. Das war ein Schlag, den der Mörder nicht er⸗ wartet hatte. Er war der feſten Ueberzeugung ge⸗ weſen, daß der Kalk ein Wiedererkennen völlig un⸗ möglich gemacht haben würde. „Aber was für ein Grund,“ ſetzte er nach einer Pauſe hin n,„kann für ein ſo nutzloſes Verbrechen angegeben werden? Bet war eine vortreffliche Die⸗ nerin und ich hatte keine Urſache zu einer Klage gegen ſie.“ „Bei dem jetzigen Stand der Dinge iſt es nicht unſere Sache, den Gründen nachzuforſchen,“ be⸗ merkte der Richter;„es ſteht bei Ihnen, auf die Fragen, die ich an Sie zu ſtellen im Begriſſe bin, zu antworten oder nicht. Hielten Sie oder hielten Sie nicht zu der Zeit, in welcher der Mord, der Angabe gemäß, begangen worden iſt, zwei Frauen⸗ zimmer gegen deren Willen in Ihrem Hauſe ge⸗ fangen?“ Helsman ſchwieg, um nicht leugnen oder die Wahrheit eingeſtehen zu müſſen. „Ich muß es ablehnen, hierauf zu antworten,“ ſprach er,„bis ich zuvor mit meinem Anwalt mich berathen habe.“ Von dieſem Augenblicke an ſtellte er teine Frage mehr und machte auch keine ferneren Bemerkungen zu den verſchiedenen Angaben, die ihm vorgeleſen wurden. Nur ein⸗ oder zweimal verrieth ein con⸗ vulſiviſches Zucken ſeiner Mundwinkel die Seelen⸗ angſt, die er ausſtand, im Uebrigen erſchien ſein Benehmen ruhig und gefaßt. Schließlich wurde ein Gerichtstag anberaumt und der Gefangene in's Gefängniß abgeführt, nachdem ihm, mit Ausnahme der Briefe, Alles, was man bei ihm gefunden hatte, zurückgeſtellt worden war. Sobald er ſich in ſeiner Zelle befand, ſchrieb er ſogleich an ſeinen Freund Mr. Tye, daß er ſogleich zu ihm ſich bemühen möchte. Er hatte nämlich, ab⸗ weichend von den Anſichten der meiſten Clienten dieſes Mannes, ſich nie über deſſen vermeintliche Eiinfalt und Unerfahrenheit in Geſchäften täuſchen laſſen, ſondern hatte ihn ſchon längſt für einen ſchlauen Praktitus ohne alle Grundſätze erkannt, der die Verantwortlichteit der bedeutenden Geſchäfte und Verhondlungen der Firma ſeinem Collegen aus 3* 137 keinem andern Grunde überlaſſen hatte, als um ſelbſt jeder Verantwortung enthoben zu ſein. Nachdem der Brief abgeſchickt war, blieb ihm Zeit zum Nachdenken— ſeine Lage genau'in's Auge zu faſſen und die Möglichkeit für und gegen zu erwägen, ob es möglich ſein werde, der Strafe für ſein Verbrechen zu entgehen oder nicht. Letzteres war im höchſten Crade zueifelhaft. Es war augenſcheinlich, daß Jack nur das Werk⸗ zeug in den Händen eines Feindes, noch ſchlauer, wie er ſelbſt, war,— denn Alles war ganz be⸗ wunderungswürdig vorhergeſehen und eingeleitet. Wer war aber dieſer Feind? Dieß war die Frage, die er zu wiederholten Malen an ſich ſelbſt ſtellte. Mehrmals warf ſich ſein Verdacht auf Harry Burg, aber jedesmal wies er dieſen Gedanken wieder von ſich. Mehr als Einmal dachte er an den geheimniß⸗ vollen Spanier, der ſeine Plané in Paris durch⸗ kreuzt und ihm die Briefe der Frau von Courcie abgenöthigt hatte. Aber was für ein Grund ſollte dieſer haben, ihn in's Verderben zu ſtürzen? Es gab nur einen Menſchen, den er, wenn der⸗ ſelbe noch am Leben geweſen wäre, ſogleich als den Urheber ſeines Verderbens bezeichnet haben würde, einen Mann, deſſen Glück er zerſtört und deſſen Ruf zu untergraben er mitgeholfen hatte. aUnmöglich!“ murmelte er, als der Rame die⸗ ſes frühern Opfets über ſeine Lippen kam.„Das rab gibt ſeine Todten nicht heraus.“ In dieſem Zuſtande geiſtiger Angſt und Qual erwartete er die Ankunft ſeines Anwalts; Mr. * 138 Tye fand ſich aber erſt am folgenden Morgen in ſeinem Gefängniſſe ein. Dieſer hatte nämlich die Zeit bis dahin dazu verwendet, ſich Abſchriften von den verſchiedenen Ausſagen zu verſchaffen und ſo⸗ gleich war er über den Ausgang dieſer Angelegen⸗ heit vollkommen mit ſich im Reinen; da aber ſein Client reich war, ſo hielt er es für paſſend, mit ſeinen Anſichten zurückzuhalten. „Sonderbar!“ ſprach er,„höchſt ſonderbar, daß Sir John Sellem und Sie Beide von einer un⸗ ſichtbaren Hand ſich getroffen ſehen. Ich verſtehe dieß nicht.“ „Der Bankier konnte zuletzt nichts Anderes er⸗ warten, als daß ſein Treiben an den Tag komme,“ erwiderte der Capitän.„Sein Spiel war gar zu gewagt. Mein Fall iſt aber ganz anderer Art.“ „Vielleicht doch nicht ſo ganz.“, „Wie meinen Sie das?“ „Die Sache iſt ganz einfach die,“ erwiderte der Advokat,„daß die von Silver deponirten Fonds nur eine Lockſpeiſe waren, um ihn zu fangen. So viel ich weiß, war dieſer Menſch ſeit zehn Jahren keine tauſend Pfund mehr werth. Sie müſſen auf⸗ richtig gegen mich ſein, lieber Herr. In einem Falle wie der Ihrige, gibt es keinen fatalern Irrthum, als Mangel des Vertrauens zu dem Rechtsfreund. Es iſt dieß gerade ſo, als wenn ein Patient die Symptome ſeiner Krankheit ſeinem Arzte verſchwei⸗ gen wollte. Haben Sie und Sir John Sellem neuer⸗ dings oder vielleicht auch in früherer Zeit irgend einen Handel zuſammen gehabt, der Ihnen Beiden einen geheimen Feind hätte erwecken können?“ 139 „Dieß iſt wohl möglich,“ bemerkte der Capitän nachdenklich. „Ich dachte mir's doch.“ 8 „Der iſt aber längſt todt.“ Mr. Tye ſchüttelte den Kopf. „Ich ſage Ihnen, daß er todt iſt,“ wiederholte der Gefangene mit verſtärkter Stimme. „Haben Sie ihn ſterben ſehen?“ fragte der An⸗ walt gelaſſen.„Waren Sie bei ſeinem letzten Athem⸗ zuge anweſend? Hörten Sie ſeinen letzten Seufzer? Wenn dieß nicht der Fall iſt, ſo mißtrauen Sie jedem andern Zeugniß,“ Helsman fing an ernſtlich nachzuſinnen. „Wie nar denn der Charakter dieſes Mannes beſchaffen?“ fragte der Anwalt. „Er war ein ſanftmüthiges Lamm gegen die, welche er liebte,“ antwortete der Mörder, deſſen Ueberzeugung zu wanken anfing,„aber ein muthiger Löwe gegen diejenigen, die ſich ihm widerſetzten. Er beſaß einen ganz außergewöhnlichen Geiſt. Nur durch ſein Herz, ſeine Zuneigungen konnten wir an ihn gelangen.“ „Sie und Sir John Sellem?“ „Ja.“ „Dann verlaſſen Sie ſich auf mich, lieber Herr,“ rief der Anwalt aus,„daß ſie Beide nur ihm ihre jetzige Lage verdankei. Wie Sie wiſſen, ſpreche ich nicht oft meine Anſicht aus; aber wenn ich es thue, ſo trifft ſie meiſtens das Richtige. Ihr letzter Kampf mit dieſem fürchterlichen Feinde darf nicht im Ge⸗ richtsſaale oder mit den Waffen des Geſetzes, ſon⸗ dern muß mit andern Waffen und an einem an⸗ 140 dern Orte ausgefochten werden. Ueberlegen Sie es wohl, ob ihnen kein anderes Mittel bleibt, ſeine Rachgier zu beſänftigen. Ich ſpreche natürlich nicht von Bitten und Betheurungen.“ „Keines,“ erwiderte Helsman.„Doch halt,“ ſetzte er, von einer plötzlichen Erinnerung erfaßt, hinzu. „Wenn er es wirklich iſt, ſo kann ich theilweiſe wie⸗ der gut machen.“ „Vor Allem müſſen Sie mir ſagen, wer er iſt,“ bemerkte Mr. Tye. Der ſchuldige Mann ſprach langſam den Namen Marmaduke Burg aus. Der Advokat ſchrieb denſelben ohne den minde⸗ ſten Anſchein von Erſtaunen oder Ueberraſchung in ſein Notizbuch. „Wenn er noch lebt,“ ſprach er,„ſo werde ich ihn ausfindig machen. Und die Sühne, die Sie ihm zu bieten haben?“ „Muß ihm allein mitgetheilt werden,“ erwiderte ſein Client,„denn wenn er ſich weigert, mich zu retten, ſo geht das Geheimniß mit mir in's Grab.“ Dieſe Erklärung ſchien Mr. Tye nichts weniger als zu befriedigen, deßhalb verſprach er aber doch beim Abſchiednehmen, am folgenden Tage wieder zu kommen und zu melden, was er ausgerichtet habe. Zweiundſechzigſtes Capitel. Es war ein glückliches Zufammentreffen der Um⸗ ſtände für den ehrgeizigen Grafen von Melbourg, — 141 der ſein ganzes Leben hindurch darnach getrachtet hatte, den Hoſenbandorden zu erhalten, daß dieſe ſo lange gewünſchte Ehrenauszeichnung gerade zu der Zeit zur Verfügung der Miniſter geſtellt wurde, als der Parlamentsſitz für die Grafſchaft Cumber⸗ land vacant wurde. Ueberdieß war eine ernſtliche Criſis im Cabinet ausgebrochen und ſomit war jedes einzelne Votum von doppeltem Werth. In einer langen Unterredung zwiſchen dem edlen Lord und dem damaligen Premierminiſter wurde dem Erſtern das Band für den Fall zugeſagt, wenn ſein Sohn, der Vicomte, in der Wahl durchdringe. Dieß war ein Sporn, um alle Hebel in Bewegung zu ſetzen und es erklärt ſich daraus des Earl's über⸗ aus zuvorkommendes Benehmen gegen Brandon. „Ich wünſchte nur der Menſch ſpräche ſich einmal aus,“ bemerkte der Graf verdrießlich, als er eines Morgens im Boudvir ſeiner Gemahlin ſaß;„er iſt aber glatt, wie ein Aal, und man weiß nicht, wie man ihn packen kann.“ „Wer ſoll denn gepackt werden?“ fragte die Gräfin, indem ſie ſich den Anſchein gab, ihn nicht zu verſtehen. „Nun, Ihr Freund Brandon Burg. Ich habe gehört, obgleich die Nachricht faſt zu lächerlich iſt, als daß ſie wahr ſein könnte, daß er die Abſicht aus⸗ geſprochen habe, ſelbſt als Candidat aufzutreten. „Hat er vielleicht Ausſicht?“ „Nicht die geringſte.“ „Worüber ärgern Sie ſich alſo?“ „Darüber, daß dadurch die Gewißheit zweifelhaft 142 wird,“ erwiderte der Pair;„wenn er ſich auf meine Seite ſchlägt, ſo wäre die Wahl geſichert.“ Die Gräfin überlegte ſich die Sache einige Mi⸗ nuten lang, worauf ein Lächeln ihr noch immer ſchönes Geſicht erhellte. Es war ihr plötzlich der Ausweg eingefallen, auf dem ſie ſich aus einer pein⸗ lichen Lage erretten konnte, in welche ſie ſich in Folge der Entdeckung ihres Geheimniſſes durch ihren Schwiegerſohn verſetzt ſah. „Und was würden Sie mir geben,“ fragte ſie, „wenn es mir gelänge, Brandon auf Ihre Seite* zu ziehen?“ „Alles,“ erwiderte ihr Gemahl eifrig:„keine 4 Bitte, welcher Art ſie auch wäre, würde ich Ihnen abſchlagen,— kein Opfer, wie groß es auch ſein möchte, wäre mir für das Wohl meines Landes „Verſchonen Sie mich mit einer Parlaments⸗ rede, Mylord,“ unterbrach ihn die Gräfin lachend; „erinnern Sie ſich, daß Sie zu Hauſe ſind.“ „Wozu alſo dieſer Scherz mit mir?“ rief der Eark ärgerlich aus, denn er glaubte, aus dem Tone ſeiner Gemahlin ſchließen zu müſſen, daß ſie ſich einen Spaß mit ihm erlaubt habe.„Welchen Ein⸗ fluß können Sie auf die politiſche oder jede andere Handlungsweiſe des Mr. Brandon Burg ausüben?“ „Das bleibt mein Geheimniß.“ „Sie ſcherzen alſo nicht?“* „Scherzen!“ wiederholte die Gräfin,„das iſt eine eigenthümliche Frage für einen Politiker. Es ſind ſchon mehr Allianzen zu Stande gebracht, mehr Schwierigkeiten beſeitigt worden, ſelbſt in der Sphäre, in der ihr Männer euch für hoch überlegen haltet, ⸗ lange ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, ent⸗ 143 und zwar nur durch den Takt einer Frau, w rend alle andere Mittel fehlſchlugen. Wollen in den Vertrag eingehen?“ Mit dieſen Worten ſtreckte die Dame ihre H ihrem Gemahl entgegen. „Sprechen Sie in der That im Ernſt?“ fraz er, dieſelbe ergreifend. „In vollem Ernſt, wie je einmal in mein eben. Um jedoch jedem Mißverſtändniſſe vorz beugen, laſſen Sie uns die Punkte unſeres V trags recapituliren. Sie verſprechen mir bei Ihr Chrenworte, mir jede Gunſt zu gewähren, die ich ve langen mag, vorausgeſetzt, daß es mir gelingt, di ſen Mann zu beſtimmen, von der Mitbewerbu abzuſtehen und ſeinen ganzen Einfluß zu Gunſten u ſeres Sohnes Auguſtus aufzubieten.“ „Auf meine Ehre,“ wiederholte der Pair. Die Dame ſchellte und befahl, ihren Wagen vo fahren zu laſſen. S utf ich wohl fragen, durch welche Mitt 0 das iſt nicht in unſern Bedingungen i. begriffen,“ unterbrach ihn die Gräfin haſtig;„Si vergeſſen, daß ich die Tochter eines alten Diplo maten bin. Sohald einmal der Hauptvertrag ab geſchloſſen iſt, iſt kein Zuſatzartikel mehr zuläſſig. lit dieſer Bemerkung verließ die Dame ih ondoir, um weiteren Fragen über dieſen Punk vuszuweichen. Sie hatte das erreicht, was ſie als eine Garantie gegen den Zorn ihres Gemahls be⸗ trachtete, wenn einmal die Täuſchung, die ſie ſe 144 kt würde. Sein einmal verpfändetes Wort war verbrüchlich. Dieſe Unterredung fand nur zwei Tage nach der ſellſchaft ſtatt, in welcher der amerikaniſche Aben⸗ trer eine ſo auffallende Rolle geſpielt hatte. Eugenia konnte kaum glauben, daß ihr Gatte Ernſte die Abſicht habe, als Bewerber für die afſchaft aufzutreten. So wenig ſie auch von der⸗ eichen Dingen verſtand, ſo erſchien doch ſelbſt ihr ſolches Unterfangen gar zu widerſinnig und ſie twarf in der Stille alle möglichen Plane, um n wo möglich von ſeinem Vorſatze abzubringen. Brandon ſaß im Bibliothekzimmer, wo er ſeit ehreren Stunden über einer Anrede an die Wäh⸗ rgebrütet hatte, als ſeine Gattin hereintrat. Ihre tirne runzelte ſich unwillkürlich, als ſie aus dem or ihm liegenden Papiere ſah, womit er ſich be⸗ häftigt hatte. “ rief ſie aus,„Sie werden doch ndenken, eine ſolche Thorheit 2 „Wie ſchreiben Sie das Wort Indenſchion(In⸗ nſion)?“ fragte Burg ſtatt einer Antwort. „Denken Sie nur daran, wie ſehr Sie meine amilie dadurch verletzen,“ fuhr Eugenia fort, ohne ine Frage zu beachten. Der Candidat für einen Sitz in der Legislatur gte gelaſſen ſeine Feder weg und betrachtete ſie nit ſpöttiſchem Lächeln. „Welche Familie?“ der des Lords?“ „Beide.“ fragte er,„des Gensrals —— — 145 „Ich habe durchaus nicht im Sinn, meine Ta⸗ lente unter den S heffel zu ſtellen aus Gefälligkeit für den General, der nicht Ihr Vater iſt, oder der Mutter, die ſich ſchämt, Sie anzuerkennen,“ er⸗ widerte ihr Gatte.„Ich hoffe, den Britanniern zu zeigen, was es heißen will, ein Mitglied im Con⸗ greß zu haben, das mit dem Kopf durch die Wand rennt. Das alte Land braucht neue Ideen— neue Männer— neue Principien. Die alten ſind ab⸗ genützt wie alte Lumpen.“ „Sie werden ſich aber doch nicht einbilden, daß Sie bei der Wahl durchdringen?“ „Im Gegentheil, ich glaube, daß es mir gelingt.“ „Unſinn.“ „Glauben Sie?“ verſetzte der Yankee mit ver⸗ ächtlichem Lächeln.„Vielleicht finde ich Gelegenheit, mit Ihrem Zierbengel von Bruder, wenn er auf den Huſtings*) ſich mit mir in einen Kampf ein⸗ zulaſſen wagt, von ihm und ſeiner Familie von der eber weg zu reden. Ihre Mutter hat zwölftauſend Pfund jährlich eigene Einkünfte— wie kommt es, daß ich nicht auch etwas Havon bekomme?“ „Sie vergeſſen das Vermögen, das Ihnen be⸗ reits ausgefolgt worden iſt,“ bemerkte Eugenia. „Durchaus nicht,“ erwiderte ihr Gatte barſch; „ich ſage Ihnen aber, daß dieß nicht genug iſt. Sie koſten mich weit mehr, als Sie mir beigebracht haben.“ Dieſe brutale Antwort beugte den Stolz der Wahlbühne, von welcher herab die Canblhaten ihre Wih⸗ ler haranguiren. Licht⸗ und Schattenſeiten. v. 10 146 hochmüthigen Schönen auf's Tieſſte; ſie ſah, wie tief der Abgrund des Elends ſei, in welchen ſie ihre übereilte, ſo ſchlecht zuſammenpaſſende Verbindung geſtürzt habe. „Ich bin gehörig beſtraft dafür,“ murmelte ſie, „daß ich einem ſolchen Mann Gehör ſchenkte.“ „Sie ſind froh, daß Sie mich haben,“ verſetzte Brandon, deſſen ſchlimmſte Leidenſchaften erregt wor⸗ den waren.„Ich weiß, daß Sie lange genug ſich Mühe gaben, den jungen Harold Tracy zu fangen; aber er iſt nicht in's Netz gegangenz denn er wird jetzt Bella, und zwar trotz Ihnen, heirathen.“ Dieſe letzteren Worte verriethen eine Kenntniß von Umſtänden, die nur durch die unehrenvollſten Mittel ihm bekannt worden ſein konnten— näm⸗ lich durch Eröffnung ihrer Briefe, eine Entdeckung, welche ſie mit der höchſten Verachtung gegen Bran⸗ don erfüllte. In dieſem Augenblicke öffnete der ſchwarze Knabe Gorvo, der trotz der ſchlechten Behandlung, die ihm zu Theil geworden, noch immer im Dienſte ſeiner jungen Herrin geblieben war, die Thüre des Bi⸗ bliothekzimmers und meldete in ſeinem gewohnten feierlichen Tone:„Die Gräfin Melbourg.“ Die Lady beſaß zu viel Takt, um nicht ſogleich wahrzunehmen, daß ſie zu einer von jenen ehelichen Scenen angekommen ſei, die ſich ſo häufig im ehelichen Leben abſpielen. Die Bläſſe ihrer Tochter beun⸗ ruhigte ſie. Sie ſchloß ſie daher in ihre Arme und führte ſie aus dem Zimmer, indem ſie beim Weg⸗ gehen nichts weniger als ſehr liebreiche Blicke auf ihren Schwiegerſohn ſchoß. 147 Grinſe Du nur die Zähne, ſo viel Du willſt, dachte der Yankee, Du kannſt doch nicht mehr beißen⸗ Zugleich lachte er laut auf bei dem Gedanken, daß er die Mutter ſeiner Frau gänzlich in ſeiner Ge⸗ walt habe. Dießmal irrte er ſich aber, denn die Lady be⸗ abſichtigte zurückzukommen, um doch zu beißen. Nach etwa einer halben Stunde erſchien ſie wie⸗ der, und nachdem ſie ſich ruhig auf einem Stuhle niedergelaſſen hatte, bedeutete ſie Brandon, der bei ihrem Eintreten aufgeſtanden war, ſich ebenfalls wieder zu ſetzen. „Es gibt Leute,“ hub ſie on,„bei denen Deli⸗ eateſſe überflüſſig wäre und Mr. Brandon Burg gehört, wenn mein Urtheil mich nicht trügt, unter dieſe.“ „Nur keine Delicateſſe zwiſchen Verwandten,“ erwiderte der Yankee;„ſagen Sie, was Ihnen auf der Zunge liegt; ich werde es dann gerade ebenſo machen.“ Die feine Weltdame begnügte ſich auf dieſe Be⸗ merkung zu lächeln. „Sie werden nicht darüber erſtaunt ſein,“ fuhr ſie fort,„daß ich es für meine Pflicht hielt, Erkun⸗ digungen über den Mann einzuziehen, welchen eine übereilte Vermählung in meine Familie gebracht hat. Ich habe herausgebracht, daß ſelbſt ſein An⸗ ſpruch auf den Namen, den er trägt, zweifel⸗ haft iſt.“ Der Yankee fing an ſeine Schwiegermutter auf⸗ merkſamer zu betrachten und zog ſchweigend eines 10* 148 Beine von dem marmornen Kamingeſimſe erab. „Sein Recht auf das Vermögen, das ihm zuge⸗ fallen iſt,“ fuhr die Dame fort,„wird ihm in kür⸗ zeſter Zeit ſtreitig gemacht werden,“ „Von wem, Schwiegermutter 2“ fragte Bran⸗ don, auch das andere Bein herabziehend. „Von dem wahren Erben von Burg⸗Hall.“ „Ah! von meinem Vetter Harry. Der ſoll nur kommen.“ „Er wird kommen, wie Sie ſich zierlich aus⸗ vrücken,“ erwiderte die Lady;„Sie können ſich dar⸗ auf verlaſſen. Ich frage Sie aber, ob es unter dieſen Umſtänden vernünftig iſt, die Frau zu ver⸗ letzen, die Sie ſchon auf's Tiefſte beleidigten und deren Familie gegen Sie einzunehmen.“ Es lag etwas ſo Feſtes, ſo Geſchäftsmäßiges ſo⸗ wohl in dem Tone, wie in den Worten der Gräfin, daß der leichtfertige Abenteurer zu fürchten anfing, zu weit gegangen zu ſein. Albert Mortimer hatte ihm auf's Eindringlichſte hervorgehoben, daß die Hauptrückſicht, durch die er ſich bei einer Vermäh⸗ lung leiten laſſe, darin beſtehen müſſe, in eine Ver⸗ bindung zu treten, welche ihm, wenn einmal die Dinge ſchief gingen, nützlich ſein könnte. In ſeiner üblen Laune und ſeinem Eigenſinn hatte er dieſen Punkt ganz vergeſſen.. „Sehen Sie, Schwiegermutter,“ ſprach er,„was mein Recht auf den Namen Burg anbelangt, ſo iſt es jetzt Ihrer Tochter Name, den Sie, wie mir ſcheint, ihr ſtreitig machen wollen. Was mein Ver⸗ 149 mögen anbelangt, ſo hat mein Vetter ſeine An⸗ ſprüche darauf völlig aufgegeben.“ „Für den Augenblick,“ erwiderte die Gräfin; „aber wie hald kann er ſeine Anſicht ändern? Und er hat ſie in der That geändert. Ich weiß gewiß, daß das Gutachten der erfahrenſten Rechtsgelehrten eingeholt worden jſt Bei dieſer Nachricht erblaßte der Abenteurer ſichtbar. „Dann bleibt mir immer noch das Vermögen meiner Frau.“ „Sie vergeſſen, daß jeder Schilling davon auf dieſe ſelbſt eingeſchrieben iſt,“ entgegnete die Gräfin. „Sie ſind aber reich: zwölftauſend Pfund jähr⸗ lich, nicht wahr?“ Dieſem directen Angriff war nicht auszuweichen. Lady Melbourg erwies ſich aber in ihrer Antwort als eine Dame von Welt, die einen gegen ſie ge⸗ führten Streich zu pariren verſteht. „Wenn Sie darauf rechnen,“ bemerkte ſie 6 müſſen Sie Ihre Intereſſen mit den meinigen ver⸗ ſchmelzen. Die einzige Möglichkeit, den Lord mit dem Umſtand auszuſöhnen, daß ich ſchon früher ver⸗ mählt war, liegt in Ihrer Hand.“ „In meiner Hand?“ „Sie müſſen die Abſicht aufgeben, die Parla⸗ mentswahl ſtreitig zu machen und Ihren ganzen Einfluß aufbieten, daß die Grafſchaft den Vicomte wählt. nter dieſen Vedingungen verſpreche ich Ihnen meine Vermittlung bei Eugenia und daß ich die⸗ ſelbe als mein Kind anerkennen werde.“ Dieß war eine bittere Pille für Brandon Burg. 150 Er ſchluckte ſie aber, wie viele Andere unter gleichen Umſtänden es gethan haben würden, die ſich ſchach⸗ matt gemacht ſehen. Was noch weiter folgte, iſt kaum nöthig zu er⸗ zählen, es genügt anzuführen, daß unter dem Dictate der klugen Frau der Yankee einen Brief an den Poir ſchrieb, in welchem er ſich nicht allein ver⸗ bindlich machte, die Bewerbung ſeines Sohnes zu unterſtützen, ſondern auch ſich die Ehre eines Be⸗ ſuchs ſeiner Lordſchoft während der Dauer der be⸗ vorſtehenden Wahl in Burg⸗Hall ausbat. Auf dieſe Einladung erfolgte am Tage darauf eine höchſt huldreiche Antwort. Der erſte Beſuch, den Harold Trach und Harry Burg bei ihrer Ankunft in London abſtatteten, galt ihrem Freunde Lilini. Sie fanden ihn in ſeinem Hotel, zwar mit ernſten Gedanken beſchäftigt, doch nahm er ſie mit einem Wohlwollen auf, wie er es nie zuvor in ſo hohem Grade kund gegeben hatte. „Ich danke!“ ſprach er, von ſeinem Sitze auf⸗ ſtehend und ſeinen Beſuchern die Hand ſchüttelnd; „es iſt ein wahres Vergnügen, einem ſeiner Mit⸗ menſchen in's Ceſicht ſehen zu tönnen, ohne zugleich über das gemeinſchaftliche Band der Menſchheit, das uns Alle verbindet, zu ſchaudern. Ich danke, daß Sie ſo raſch meiner Aufforderung nachgekom⸗ men ſind.“ „Der General und ſeine Tochter begleiteten uns,“ bemerkte Harold.„Sie wollten es nicht zugeben, daß Miß Cheerly allein reiſe oder auch nur wenige Tage ohne Schutz in London verweile. Vergönnen 151 Sie mir aber vor Allem eine Frage; Sie wiſſen ja, welch' ein ungeduldiges Ding das Herz iſt.“ Lilini lächelte. „Ihr Verſprechen—“ „Werde ich buchſtäblich halten,“ erwiderte der Sonderling.„Wenn ich an die Ereigniſſe der letz⸗ ten Woche denke, fühle ich mich ganz überwältigt, ja gedemüthigt von dem Gefühle der Bedeutungs⸗ loſigkeit des Menſchen. Die Vorſehung führt ihre dunklen Plane ſo raſch aus, daß menſchliches Auge und Geiſt ihr kaum zu folgen vermögen. Wie geht es Bella?“ „Sie haben die Blume geſehen, Graf, deren zarte Blätter von keinem erquickenden Regen mehr erfriſcht wurden,“ erwiderte der Liebhaber traurig; „dieſer Art iſt ihr Zuſtand.“ „Der erfriſchende Regen wird bald fallen.“ „Der Himmel gebe es! ſonſt muß die Blume verwelken.“ „Haben Sie denn auch allen Glauben an mich verloren?“ fragte ſein Freund vorwurfsvoll. „Nein!“ rief Harold ſeſt.„Es gibt zwei Dinge auf Erden, an denen ich nie zweifeln kann— an Bella's Liebe und an Lilini's Freundſchaft.“ Der Graf lächelte. Es lag etwas in dem Ver⸗ trauen Herold's, das ihn an ſeine eigene Jugend erinnerte und das ihn wie in einem Spiegelbilde mit all' den edlen Impulſen, dem unerſchütterten Vertrauen und den Träumen der Zukunft in ihrem Gefolge anlächelte. „Ich erſah aus den Zeitungen,“ bemerkte Harry Burg,„daß die Seifenblaſe endlich geplatzt iſt; Sir John Sellem iſt nicht nur ein zu Grunde gerichte⸗ ter, ſondern auch ein entehrter Mann. Die äußerſte Schmach hat ihn getroffen.“ „Noch nicht die äußerſte!“ rief Lilini energiſch. „So tief er auch gefallen iſt, ſo iſt dieß doch noch nicht das Ende der Geſchichte. Die Mittel, die ich dabei anwende, wirken langſam, aber ſicher. Sie dürfen ſich icht verwundern,“ fügte er hinzu,„wenn ich in einigen Tagen mich auf eine Woche oder auf etwas länger, entferne.“ „Sie werden aber doch Bella zuvor ſehen?“ er⸗ widerte Harold;„Sie ſind unſere einzige Hoffnung.“ „Morgen,“ ſprach der Graf. „Nicht heute Abend?“ „Nein! Ich muß mich in das Weltgetümmel ſtürzen,“ rief der Graf mit einem Tone der Un⸗ geduld, aus dem zu erkennen war, daß er irgend ein unangenehmes Geſchäft abzumachen habe.„In das Getümmel der Welt, die ich ſo verachte; es iſt aber nothwendig und unvermeidlich. Es kommt mich aber jetzt weniger ſchwer an, nachdem ich Sie geſehen habe. Und nun leben Sie wohl!“ Seine Beſucher trennten ſich unter Händedrücken von ihm. „Auf! Träumer, auf!“ murmelte er, ſobald er allein war;„es gibt Arbeit. Wenn auch dein eige⸗ nes Glück zerſtört iſt, ſo ſei doch nicht gleichgültig gegen das Anderer. Es liegt ein gewiſſer Stolz da⸗ rin, muthig zu dulden und ſich nützlich i in Mitten der Zerſtörung von Hoffnungen zu zeigen, die einſt ſo glänzend und ſchön ſchienen.“ Es kam nicht oft vor, daß der Mann mit dem 153 ſtarken Geiſte ſich der Verzweiflung oder der Freude hingab. Das Mißgeſchick hatte ihn gelehrt der nad⸗ ten Wirflichkeit des Lebens unerſchrocken in's Ge⸗ ſicht zu blicken; aber dießmal war ſeine Standhaf⸗ tigkeit doch wankend gemacht worden. Er hatte näm⸗ lich heute einen Brief von Frau von Courcie erhalten, in welchem ſie ihm ihre Abſicht anzeigte, ſich aus der Welt zurückzuziehen, um Frieden in einem Kloſter zu ſuchen. Dieß hatte die ſchwache Hoffnung ver⸗ dunkelt, welche nach ſo vielen Jahren endlich zu dämmern angefangen hatte. Hätte das Kind noch gelebt, ſo wäre ihr Entſchluß nach ſeiner Ueber⸗ zeugung anders ausgefallen. In derſelben Nacht fand eine glänzende Geſell⸗ ſchaft im Hotel des öſterreichiſchen Geſandten ſtatt. Lady Melbourg und die ſchöne Mrs. Brandon waren beide dort. „Ah Graf!“ rief die Erſtere, ihm die Hand reichend,„Sie verdienen kaum, daß ich mich Ihre Freundin nenne; fünf Tage und nicht einen ein⸗ zigen Beſuch!“ „Meine Geſchäfte waren ſehr ernſter Art.“ „D ja! Ich weiß es ſchon— Politik: ich haſſe die Politik! Aber ich habe jetzt keine Zeit mit Ih⸗ nen zu ſchmollen. Ihre Durchlaucht hat mich an⸗ gelächelt und mir zweimal zugenickt. Nehmen Sie ſich meiner jungen Freundin an. Ihnen kann ich ſie wohl anvertrauen.“ Wie einem Voter,“ erwiderte der Graf ernſt, indem er zugleich Eugenia den Arm reichte, die ihn zitternd annahm. Nachdem er mit ihr durch die Zimmer gegan⸗ 154 gen war, ohne daß ein Wort geſprochen wurde, befand er ſich auf Einmal mit ihr im Gewächs⸗ haus, das, nur theilweiſe erleuchtet, erſt nach dem Souper zur Aufnahme von Gäſten beſtimmt zu ſein ſchien. 3. „Ich fürchte, bemerkte Eugenia,„daß es nicht gerne geſehen wird, wenn wir uns hier befinden. Es wäre wohl beſſer, wenn wir in den Ballſaal zurückkehrten. „Zuvor muß ich mit Ihnen ſprechen. General Trelawny und Bella ſind hier eingetroffen.“ „So!“ verſetzte Eugenia nach einer Pauſe, während welcher ſie vergebens ſich bemüht hatte, die Gemüthsbewegung zu verbergen, welche dieſe Nachricht ihr verurſachte. „Es iſt wahrhaftig ſehr plötzlich! ganz uner⸗ wartet! Ich brauche aber darüber nicht zu erſtau⸗ nen; beide fühlen wenig Liebe für mich.“ „Verdienen Sie ihre Liebe?“ fragte der Graf ernſt. „Graf Lilini!“ nicht beleidigen, wenn ſie Sie auch überraſchen mag. Ich wiederhole: Fühlen Sie, daß Sie die Liebe des edlen Mannes verdienen, der die Stelle des Vaters bei Ihnen vertrat, den Sie verloren— der Ihnen erlaubte, Theil an ſeinem Hauſe, ſeinem Herzen und ſeinem Vermögen zu nehmen? oder daß ſter hält?“ Eugenia wandte ſich ſtolz ab. „Meine Frage iſt ſehr einfach, und ſollte Sie Sie die Liebe des anhänglichen jungen Mädchens verdienen, die Sie noch immer für ihre Schwe⸗ 155 „Sie müſſen mich anhören,“ fuhr der Graf fort, ſie ſanft zurückhaltend;„ich habe ein Recht, gehört zu werden.“ „Ein Recht!“ wiederholte die Schöne weg⸗ werfend. „Ein Recht!“ ſprach der Graf mit noch ſtärke⸗ rer Betonung des Worts.„Ich war der Freund Ihres Vaters, der einzige Zeuge ſeiner Vermäh⸗ lung in Indien. Ich bin aber auch ein Freund von Harold Tracy.“ Als Eugenia den Namen des Mannes ausſpre⸗ chen hörte, deſſen Glück zu trüben ſie ſo viele Künſte angewendet hatte, erblaßte ſie plötzlich. „Ich weiß ſowohl um den Eid, den Sie Bella Trelawny abgenöthigt haben, als um die Veran⸗ laſſung, bei welcher er geleiſtet wurde. Sie müſſen ſie deſſelben entbinden.“ „Nie!“ rief Eugenie aus. „Das iſt ein raſches Wort,“ bemerkte der Graf. „Haben Sie aber auch überlegt, was es Alles in ſich ſchließt? Den Tod des reinen und ſchlichten We⸗ ſens, das ſich opferte, um Sie zu retten. Weßhalb wollen Sie ihr Glück zu Grunde richten?“ das meinige nicht zu Grunde gerichtet?“ fragte Eugenia ungeduldig.„Bin ich nicht mit einer eiſernen Kette an einen Menſchen gefeſſelt, den ich verabſcheue, verachte? Nur Ein Troſt iſt mir ge⸗ blieben und daran hünge ich— Bella ſoll mit mei⸗ ner Einwilligung nie Harold Tracy's Gattin werden.“ „Und vermögen keine Bitten Sie zu rühren?“ „Keine.“ „Genug,“ ſagte der Graf.„Ich habe Ihr Herz geprüft und habe es ſo kalt gefunden, wie die Steine, die Sie tragen. Ich hätte Ihnen gerne eine große Demüthigung erſpart. Wenn die Stunde kommt, in welcher in Schmerz und Beſchämung die Einwilligung Ihnen abgezwungen wird, die Sie jetzt verweigern, ſo klagen Sie mich nicht der Härte an.“ Es lag etwas ſo Entſchiedenes in dem Tone, in welchem Lilini die letzteren Worte ſprach, daß Eugenia darüber erſchrack. „Erklären Sie ſich näher, Graf,“ ſprach ſie mit unſicherer Stimme. „Die Zeit wird dieß thun,“ erwiderte Lilini, indem er ihr zugleich wieder ſeinen Arm reichte. „Geſtatten Sie mir, Sie wieder in den Ballſaal zurückzuführen.“ Eugenie nahm den Arm mechaniſch an, aber während des ganzes Abends kamen ihr die Worte, die ſie gehört hatte, nicht mehr aus dem Sinn. Dreiundſechzigſtes Capitel. Kit Korling ging als ein guter, aufmerkſamer Gatte jeden Morgen dem Poſtboten mehr als eine Stunde weit entgegen, damit Nancy die Briefe von 4 ihren Freundinnen in London um ſo viel früher erhalte. Mochte es regnen oder die Sonne ſchei⸗ nen, ſo war er zur Stelle; ſo unermüdlich iſt das Herz in ſeiner Zuneigung, wenn dieſe Zuneiguns 137 auf Tugend und gegenſeitige Achtung, bie einzige reele Baſis des Glücks des ehelichen Lebens ſich gründet. „Ich brauche ja nur eine halbe Stunde früher aufzuſtehen oder eine halbe Stunde länger zu ar⸗ beiten,“ erwiderte er auf die Vorſtellung, welche ſeine Frau ihm darüber machte, daß er ſich unnöthiger Weiſe abmühe. „Kelf oder Watſon können ja an Deiner Stelle gehen,“ ſprach ſie in ihn dringend. „Und mir dann Deinen Dank und Dein Lächeln rauben,“ erwiderte Kit.„Nein, nein; Du weißt, daß ich keinem von Beiden mein Recht abtreten würde. Das ſind die ächten Perlen des Lebens und die einzigen, auf die ich einen Werth lege. Adieu!“ fuhr er fort;„ich werde wieder zur Früh⸗ ſtückzeit zu Hauſe ſein.“ Kit hielt Wort und kam wieder zurück, als eben Nancy in dem reinlichen kleinen Wohnzimmer ſich niedergeſetzt hatte, von deſſen Fenſter aus man die Straße auf eine ziemliche Länge überſah. „Hier ſind deren zwei,“ rief er die Briefe auf den Tiſch legend, einer von Emma und der andere von Bella Trelawny. Ich verlange doppelten Bo⸗ tenlohn.“ Seine Frau blickte ihm lächelnd in's Geſicht und und bezahlte ihn willig. Wie hoch ſich der Boten⸗ lohn belief, müſſen wir der Phantaſie des Leſers überlaſſen und bemerken blos, daß er in keiner Münze bezahlt wurde, welche einen tieferen Stem⸗ pel trug, als den, welchen ein paar roſige Lippen hervorzubringen vermögen. Der Bote ſchien aber deßhalb doch vollkommen befriedigt, wie man we⸗ nigſtens aus dem glücklichen Ausdruck ſeines offe⸗ nen, männlichen Geſichts ſchließen zu dürfen ſich berechtigt halten konnte. „Alles wohl,“ ſagte Nancy, nachdem ſie die er⸗ ſten Linien des Briefes der Miß Cheerly geleſen hatte. Plötzlich erbleichte ſie aber wieder und vermochte nur mit Mühe ihre Gemüthsbewegung zu unter⸗ drücken. „O Kit,“ fuhr ſie fort,„der böſe Mann, der uns ſo grauſam verfolgte, iſt arretirt worden, weil man ihn des Mords an ſeiner Mitſchuldigen, dem elenden Weibe, von der ich Dir ſchon ſo oft erzählt habe, bezüchtigt. 3 Kit zeigte kein ſo großes Erſtaunen, als es viel⸗ leicht der Fall geweſen wäre, wenn er nicht eben⸗ falls Briefe und zwar von Harold und Harry Burg erhalten hätte. „Die Vorſehung,“ bemerkte er,„läßt ſelten ein Verbrechen unbeſtraft.“ „Oder die Tugend unbelohnt,“ ſetzte ſeine Frau hinzu. Der arme Kit befand ſich in einer großen Ver⸗ legenheit. In wenigen Wochen ſollte Nancy Mut⸗ ter werden und doch war ihre Anweſenheit in Lon⸗ don durchaus nothwendig, nicht nur um den Gang der Juſtiz fördern zu helfen, ſondern auch um wo möglich das Geheimniß ihrer Geburt aufzuhellen, worüber nach ihrer Ueberzeugung Helsman allein Aufſchluß geben konnte. Sie hatte mit ihrem Manne häufig die merkwürdigen Worte und das Beneh⸗ men der Bet Amos in der Nacht des Mords be⸗ 159 ſprochen, und Beide zweifelten im mindeſten nicht daran, daß die unglückliche Frau den Schlüſſel zu dieſem Geheimniß beſeſſen hatte. Der Brief, den Kit erhalten hatte, enthielt die dringende Aufforderung, ſeine Frau ſogleich nach London zu ſchicken und General Trelawny hatte mit ſeiner gewohnten Zuvorkommenheit zu dieſem Zwecke ſeinen Reiſewagen zurückgeſchickt. „Ich muß nach London gehen,“ rief Nancy in raſchem Entſchluſſe. „Bedenke aber,“ ſagte ihr Gatte unſchlüſſig. „Es iſt meine Pflicht,“ unterbrach ihn ſeine Frau,„und dieſes Bewußtſein wird mir Kraft ver⸗ leihen. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich die einzige Ausſicht, meine Eltern zu entdecken, un⸗ benützt vorübergehen ließe. O Kit! Wie oft hat ſelbſt mitten in meinem Glücke der Gedanke, daß ein Weſen am Leben ſei, dem ich den zärtlichen Namen„Mutter“ zu gehen berechtigt wäre, mich verfolgt. Wäre ſie arm, ſo würde ich für ſie ar⸗ beiten; ſchuldbeladen, ſie aufrichten; reuevoll mit ihr beten. Du wirſt mir gewiß meine erſte Bitte nicht abſchlagen?“ „Dir abſchlagen?“ wiederholte Kit voll Bewun⸗ derung über ihr Benehmen.„Nicht einmal mein Leben, Nancy, wenn Du es verlangteſt oder wenn dadurch Dein Glück gefördert werden könnte; aber ich fürchte die Aufregung, die Gemüthsbewegung, ie eine Scene dieſer Art nothwendig mit ſich füh⸗ ren muß. Deßhalb meine ich, wäre es beſſer, wenn ich allein ginge.“ „Würde ich denn hier nicht noch mehr durchzu⸗ ⸗ 160 machen haben, wenn ich in fortwährend geſpannter Erwartung jede Stunde Deiner Abweſenheit zählte oder Träumen der Hoffnung mich hingäbe, die ſich nicht erfüllten. Du weißt nicht, wie ſtark ich bin,“ fuhr Nancy mit einem Lächeln fort.„Diejenigen, welche in Glauben und Demuth um Beiſtand flehen, dürfen ſicher ſein, denſelben zu finden.“ Nur unten ſchwerem Bedenken willigte Kit end⸗ lich ein, indem er in Gedanken hundertmal wünſchte, er hätte die Briefe zurückbehalten, wozu ihn die Ausſteller derſelben bevollmächtigt hatten, wenn er es etwa für nothwendig erachten ſollte. So waren aber die Würfel gefallen; er hatte ſeine Einwilli⸗ gung gegeben, und jetzt war es zu ſpät, dieſelbe zurückzunehmen. Am folgenden Morgen begab er ſich daher mit Nancy auf die Reiſe, die langſam und bequem zu⸗ rückgelegt wurde, ſo daß er gerade zwei Tage vor dem letzten Verhör des Capitäns Helsman in Lon⸗ don in der Wohnung des Generals Trelawny ein⸗ traf, wo Bella und Miß Cheerly Alles auf's Sorg⸗ fältigſte zu Nancy's Aufnahme vorbereitet hatten. Kit hätte gern die Einladung Harold's abgelehnt, bei Sir Mordaunt Tracy in Geſellſchaft einiger Freunde deſſelben zu ſpeiſen. Die Entſchuldigung fand aber kein Gehör. „Ein ſchlichter Handwerksmann!“ ſagte Harold, ſeine Worte wiederholend.„Sie thun meinem On⸗ kel großes Unrecht, wenn Sie ſo engherzige Vor⸗ urtheile bei ihm vorausſetzen. Sie ſind noch mehr als ein Handwerksmann. Sie ſind ein Mann, auf deſſen Freundſchaft ſein Neffe ſtolz iſt, dem er ganz . 161 außergewöhnlich ſich verpflichtet fühlt,— der ſich durch ſeine eigene Kraft gehoben, ſeinen Geiſt unter Schwierigkeiten ausgebildet hat, welche die Meiſten unter uns abgeſchreckt hätten. Wenn Sie nicht mit uns zuſammenſein wollen, weil Sie Ihre Ueber⸗ legenheit fühlen, ſo kränken Sie uns wenigſtens nicht durch eine abſchlägige Antwort.“ Es war unmöglich, einem ſo edlen Andringen zu widerſtehen, denn was zuerſt Beſcheidenheit war, wäre jetzt Ziererei geworden. Als der Gatte der armen Nähterin in dem ſtatt⸗ lichen Speiſezimmer des Baronets ſaß, von dem er nicht nur herzlich aufgenommen, ſondern auch fort⸗ während mit der zarteſten und aufmerkſamſten Freundlichkeit behandelt wurde, fiel ihm unwill⸗ kürlich ein, daß er ſeine jetzige Stellung nur ſeiner Frau und der glücklichen Aenderung, die in ihm vorgegangen war, verdanke. Lilini, dem während ſeines kurzen Beſuchs in Granstoun ſowohl die Intelligenz, als der offene Charakter Kit's und die ruhige Anmuth Nancy's aufgefallen war, war über die Erneuerung dieſer Bekanntſchaft ſehr erfreut. Beſonders gefiel ihm der geſunde Verſtand und die klare, bündige Weiſe, in welcher der Zimmermann ſich ausdrückte, weil dieſe nur bei überlegenen Geiſtern angetroffen zu werden pflegt. Nach dem Eſſen kam man auf das bevorſtehende Verhör des Mörders und den Muth Nancy's zu ſprechen, den ſie dadurch an den Tag gelegt, daß ſie in den Umſtänden, in welchen ſie ſich befand, Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 11 eine Reiſe unternommen habe, um Zeugniß abzu⸗ legen. „Es war aber nicht allein ihre Gerechtigkeits⸗ liebe oder der Wunſch ihrer Freundin Miß Cheerly einen Dienſt zu leiſten,“ bemerkte ihr Gatte,„ſon⸗ dern eine theure Hoffnung, welche ſie dazu antrieb.“ „Eine theure Hoffnung!“ wiederholte Harry Burg. „Ihre Eltern ausfindig zu machen,“ fügte Kit hinzu. Der Graf, welcher ein leiſes Geſpräch mit dem Baronet geführt hatte, brach plötzlich daſſelbe ab, und wurde aufmerkſam. Kit erzählte nun die Umſtände, welche dem Tode der Bet Amos vorausgegangen waren, die Einla⸗ dung zum Thee, das Attentat auf das Leben der Gefangenen und das auffallende Benehmen dieſer Frau. „Nancy kannte alſo ihre wahren Eltern nie?“ fragte Harold. „Nie.“ Alle zeigten großes Intereſſe, am meiſten aber Lilini; vielleicht gehörte er unter die Menſchen, die ein beſonderes Vergnügen daran finden, jedem Ge⸗ heimniſſe auf den Grund zu kommen. Auf ſeine Bitte erzählte daher Kit noch einmal den Vorgang, wie er ihm von ſeiner Frau und Miß Cheerly mit⸗ getheilt worden war. Als er damit zu Ende war, ſchien Lilini eine Zeitlang in ein tiefes Nachſinnen zu verſinken. „Wo trug ſich das Ereigniß, ich meine die Ge⸗ burt ihrer Frau, zu?“ * 163 „In dem Dorfe Catton,“ antwortete der Zim⸗ mermann. „In Devonſhire, glaube ich.“ „Ja,“ „Wie! Graf!“ rief der Baronet im Tone des Erſtaunens.„Sie ſcheinen mit den verſchiedenen Ortſchaften in England beſſer bekannt zu ſein, als ich es bin. Hätte man mich gefragt, wo Catton liegt, ſo würde ich, Zehn gegen Eins, jede andere Graſſchaft eher als die rechte genannt haben.“ „Sie vergeſſen, was für ein Herumſtreicher ich geweſen bin,“ bemerkte ſein Gaſt;—„daß die weiten Ebenen Indiens,— der brennende Sand Afrika's— die endloſen Wälder der neuen Welt, und die Städte der alten mir gleich bekannt ſind.“ „Allerdings, aber ein Dorf, ein ſchlichtes Donfz ein Ort ohne jede hiſtoriſche Erinnerung?“ „Und wie hieß die Perſon, die das Kind auf⸗ zog?“ ſagte der Graf, ohne die letztere Bemerkung zu beachten. „Joſeph Bligh.“ „Haben Sie dieſen denn nie darüber befragt?“ „Er iſt ſchon lange todt,“ verſetzte Kit.„Nancy war erſt vierzehn Jahre alt, als der Verluſt ihrer Pfleg⸗ eltern ſie hilflos und ohne Schutz in die Welt warf. ie kam nach London; es würde Ihren Herzen wehe thun, wenn ich Ihnen alle Prüfungen, die ſie durchzumachen, die Kämpfe und Entbehrungen, die ſie zu erdulden hatte, erzählen wollte. Unermüdetes lrbeiten allein ſchützte ſie vor Mangel in ſeiner drohendſten Geſtalt.“ „Und was ſchützte ſie vor den Verlockungen, welche 11* 164 in einer Stadt, wie dieſe, die unbeſchützte Tugend auf allen Schritten umgeben?“ „Ihr Herz, Herr Graf,“ antwortete Kit ſtolz, „und die reinen Gedanken, die engelgleichen Eigen⸗ ſchaften, welche dort ihren Sitz aufgeſchlagen haben. Sie war etwa ſiebzehn Jahre alt, als ich ſie ken⸗ nen lernte; aber es dauerte lange, ſehr lange, bis ich die Erlaubniß erhielt, jeden Samſtag Abends neben ihr zu gehen, wenn ſie ihre Arbeit nach Haus in die City nahm. Sie brauchte einen Beſchützer, und endlich war ich ſo glücklich ſie zu überzeugen, daß ſie einen gefunden habe.“ „Die alte Eeſchichte,“ ſagte Harold;„zuletzt ſprachen Sie von Liebe und—“ „Wurde abgewieſen,“ ſetzte Kit ruhig hinzu,— „und zwar mit Recht. Ich war ihrer nicht würdig. Ich kann zwar kaum glauben, daß ich es jetzt bin; und doch liebte ſie mich: ſie geſtand es mir ſelbſt. Ich wurde abgewieſen, weil ich mehr an die eitle Fuſt der Welt dachte als an den, der ſie erſchaffen hat.— Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, welchen Eindruck dieß auf mich machte,“ fuhr er fort.„Mein erſter Gedanke war, ſie zu vergeſſen,— das war aber, wie ich bald fand, unmöglich. Nein nächſter, ſie zu überreden, ihren Entſchluß zu ändern,— das war aber eben ſo unausführbar. So habe ich mich denn endlich entſchloſſen, den Verſuch zu wagen, mich ihrer weniger unwürdig zu machen.“ „Und dieß gelang Ihnen?“ „Theilweiſe,“ verſetzte der Zimmermann.„Nanch fühlte ſich von dieſer Aenderung befriedigt, und ſtündlich habe ich Urſache dieſelbe zu ſegnen.“ 165 „Ich begreife Ihr Glück,“ bemerkte der Graf, ihm die Hand drückend.„Ihre Geſchichte hat mich höchlichſt intereſſirt und, wo möglich, meine Achtung, die ich vor Ihrem Charakter hege, noch vermehrt. Ich zweifle keinen Augenblick, daß das Geheimniß, das die Geburt Ihrer Frau umgibt, eines Tages noch aufgehellt werden wird. Beſitzen Sie denn gar nichts, was auf die Spur führen könnte?“ „Nichts, es wäre denn, daß ein Tuch von fei⸗ ner Leinwand, welches Joſeph Bligh ihr auf ſei⸗ nem Todtbette übergab, auf die Spur führen könnte,“ antwortete Kit.„Es iſt eigenthümlich gearbeitet und es ſtehen die Anfangsbuchſtaben A. H. darin.“ Hier wurde die Unterhaltung durch den Ein⸗ tritt Harri's, des Haushofmeiſters, unterbrochen, der ſeit ſo vielen Jahren ſchon des Baronets Haus in der Stadt unter ſeiner Aufſicht hatte. Lilini be⸗ trachtete ihn aufmerkſam, als er einige Flaſchen ſeltenen Weins auf den Tiſch ſtellte und ſich dann wieder entfernte. „Alter Wein und alte Diener,“ bemerkte er, während er ſein Glas füllte. „Ich bekenne meine Schwäche für beide,“ ant⸗ wortete Sir Mordaunt lachend.„Der Wein iſt ſeit etwa zwanzig Jahre in meinem Keller und Harris noch etwas länger in meinen Dienſten. Da fällt mir eben ein,“ ſetzte er, gegen Harry gewen⸗ det, hinzu,„er kam von einem Mr. Burg zu mir, — wahrſcheinlich einem Mitglied Ihrer Familie.“ „Wohl möglich,“ bemerkte der junge Mann, der ſich der Rührung wieder erinnerte, die der Haus⸗ hofmeiſter gezeigt hatte, als er das Portait ſeiner 166 Mutter am Morgen ſeines erſten Beſuches bei Ha⸗ rold ſah. Der Graf und Harold waren die erſten, welche die Geſellſchaft verließen. Der Erſtere hatte ſeinem jungen Freunde verſprochen, ihn bei Lady Mel⸗ bourg's Empfang vorzuſtellen, wo er Eugenia zu treffen hoffte. „Sie bleiben alſo noch immer feſt bei Ihrem Entſchluß, mit ihr zu ſprechen?“ ſagte Lilini wäh⸗ rend der Fahrt nach dem Hotel der Gräfin. „Ganz feſt.“ „Es wird vergebens ſein.“ „Ich vermuthe es,“ erwiderte Harold;„es iſt aber nichtsdeſtoweniger nothwendig, daß ich es thue. Ich werde dadurch des Verſprechens entbunden, das ich gegeben habe und in den Stand geſetzt, ihr un⸗ natürliches Benehmen ihrem Vater mitzutheilen. Sein Einfluß und ihre Freundſchaft ſind unſer ein⸗ ziger Hoffnungsanker.“ „Dieſer ſoll Sie auch nicht trügen,“ bemerkte der Graf. „Ein gewiſſes Schamgefühl ergriff Eugenia, als ſie den Mann erblickte, deſſen Glück zu zerſtören ſie ſich ſo Vieles hatte zu Schulden kommen laſſen, denn ihr Benehmen war um ſo hartherziger, da ſie ihn nie geliebt hatte. Gekränkte Eitelkeit und ver⸗ letzter Stolz hielten ſie aber aufrecht. Harold forderte ſie zum Tanzen auf, in der Hoffnung, auf dieſe Weiſe Gelegenheit zu finden, die Erklärung von ihr zu verlangen, die er zu for⸗ dern das Recht hatte. 167 Die verhätſchelte Schöne hatte nicht die Abſicht zu tanzen. „So bitte ich alſo um ihren Arm zu einer Pro⸗ menade.“ Das Promeniren war ihr im höchſten Grade zuwider. „Ich muß mit Ihnen ſprechen,“ ſprach Harold in einem Tone, der, trotz aller Höflichkeit einen feſten Entſchluß andeutete.„Ich habe eine Frage an Sie zu ſtellen, von welcher mein künftiges Glück abhängt. Muß ich dieſe Frage öffentlich vor Ihren Freunden an Sie ſtellen, oder wollen Sie mir hiezu Gelegenheit unter vier Augen geben?“ „Wollen Sie mir etwa gar mit einer Scene drohen? murmelte Eugenia blaß vor Zorn. „Das ſteht in Ihrer Wahl, Madame.“ Der Ton, in welchem er dieſe Antwort gab, konnte nicht leicht mißverſtanden werden; deß⸗ halb erhob ſich auch die Dame nach einer kurzen Ueberlegung vom Sopha, auf welchem ſie neben der Lady Melbourg geſeſſen, und nahm ſeinen Arm an. Die Gräfin, die jedes Wort, das geſprochen wor⸗ den war, vernommen hatte, blickte dem Paare un⸗ ruhig nach. „Ihr Freund,“ ſprach ſie, an Lilini ſich wen⸗ dend,„ſcheint eine Art von Sonderling zu ſein.“ „Es freut mich, Sie verſichern zu können,“ er⸗ widerte der Graf,„daß er in ſeinem Alter, in wel⸗ chem man gewöhnlich nur Unbedeutendheit und Mit⸗ telmäßigkeit findet, allerdings eine Ausnahme von der Regel macht. Die Dame des Hauſes ſah ihn mit Erſtaunen 168 an, indem ſie ihm zuflüſterte:„Am Ende gar ein verſchmähter Liebhaber?“ „Harold Trach war nie in Mrs. Brandon Burg verliebt.“ „Räthſelhaft, wie immer, Graf,“ bemerkte die Lady;„aber ich habe durchaus nicht die Abſicht, Ihr Geheimniß zu ergründen. Iſt ſie nicht ganz außerordentlich ſchön?“ fuhr ſie fort, indem ſie mit dem ganzen mütterlichen Stolze der dahinſchweben⸗ den Geſtalt ihrer Tochter nachblickte. „Außerordentlich ſchön,“ ſagte Lilini. „Der Augenblick iſt, wie ich hoffe, nicht mehr ſehr fern, in melchem ich im Stande ſein werde, der Welt einzugeſtehen, daß ſie mein Kind iſt,“ fuhr die Dame in demſelben halblauten Tone fort, in welchem ſeither die Unterredung geführt wor⸗ den war.„Alles hängt von der Wahl ab, bei wel⸗ cher Mr. Burg's Einfluß den Ausſchlag zu geben vermag. Er hat ſeinen Einfluß dem Vicomte zu⸗ geſichert.“ „Und der Miniſter hat dem Earl den Hoſen⸗ bandorden zugeſagt,“ bemerkte Lilini lächelnd. Die Gräfin vermochte ihr Erſtaunen nicht zu verbergen. „Wiſſen Sie,“ ſprach ſie,„daß ich anfange, mich vor Ihnen zu fürchten; Sie errathen Alles.“ „Lord Melbourg's Streben, das vacante Ordens⸗ band zu erlangen, iſt, glaube ich, kaum ein Ge⸗ heimniß,“ erwiderte der Graf.„Und Sie rechnen auf das Wahlreſultat hinſichtlich der Geheimhaltung Ihrer erſten Vermählung.“ „Ich habe ſein Verſprechen, daß er mir jede 169 Gunſt gewährt, welche ich verlangen möchte,“ ant⸗ wortete die Gräfin,„und Sie wiſſen ja, wie un⸗ verbrüchlich er ſein Wort hält.“ „Ich kenne dieſe Tugend an ihm,“ ſagte Lilini. „Aber noch eine Frage: weiß Ihr Schwiegerſohn das Band, welches zwiſchen Ihnen und ſeiner Frau beſteht?“ „Sie geſtanden es ihm ein? Wie unklug.“ „Leider iſt er dahinter gekommen,“ murmelte die Gräfin,„und zwar auf eine Weiſe, die ich nicht näher bezeichnen will.“ „Ich verſtehe.“ „Kennen Sie ihn?“ „Ich habe ihn geſehen,“ verſetzte Lilini,„und kann die ſchwierige Lage begreifen, in der Sie ſich befinden. Ich glaube übrigens, die Prophezeihung wagen zu dürfen, daß der Vicomte bei der Wahl ſiegen wird.“ „Und Ihre Prophezeihungen gehen in der Re⸗ gel in Erfüllung,“ rief die Gräfin freudig, indem ſie vom Sopha aufſtand und ihren Arm in den des Grafen legte, denn es drängte ſie, Harold und Eu⸗ genien zu folgen.„Ihre Anweſenheit in England in dieſem Augenblicke iſt für mich von höchſtem Werthe, denn Sie waren einer der Zeugen meiner Vermählung in Indien und Ihr Einfluß auf den Earl—“ „Soll ganz nach Ihrem Wunſche ausgeübt werden.“ Die Zimmer waren ſo ſehr von der anweſen⸗ den Geſellſchaft überfüllt, daß es Harold ſchwer fiel, 170 einen Winkel ausfindig zu machen, in welchem er ungeſtört mit Eugenia ſprechen konnte, die nach und nach ihre Faſſung und Entſchloſſenheit wieder ge⸗ wonnen hatte. „Sie erhielten doch meinen und Bella's Brief?“ fragte er. 1 „Und was erwidern Sie darauf?“ „Ich habe nichts darauf zu erwidern,“ verſetzte das hochmüthige Weib. „Nichts zu erwidern!“ wiederholte Harold, der, trotz ſeiner Verzweiflung, ſeine Ruhe ſich bewahrte. „Iſt es die Schweſter von Bella Trelawny, die Frau des Mr. Brandon Burg, die ſo gefühlloſe Worte ſpricht? Was haben wir verbrochen, wodurch uns Ihre Feindſchaft zugezogen? Womit haben wir dieſen unnatürlichen Haß verdient?“ „Dadurch, daß ich die Gattin des Mannes bin, den ſie nannten,“ antwortete Eugenia,„und weil Bella meine Schweſter iſt, deßhalb bleibe ich bei meinem Entſchluß. Bella raubte mir des Vaters Liebe, verkümmerte mir meine Jugend, trieb mich zu einer Vermählung, deren Feſſeln mein Herz bit⸗ ter machen. Was Sie anbelangt, ſo iſt es mir höchſt gleichgültig, wen Sie heirathen, wenn etwas dabei in Betracht kommt, ſo iſt es höchſtens das Bedauern das ich fühle, daß der unabänderliche Entſchluß, den ich gefaßt, ein Hinderniß für Ihr Glück iſt.“ „Dieſes merkwürdige Geſtändniß, Madame,“ ent⸗ gegnete Harold, entbindet mich meines Verſprechens. „Ich muß es nun dem General Trelawny über⸗ 171 laſſen, durch ſein Anſehen das Recht zu erlangen, um das ich vergebens gebeten habe.“ „Sie vergeſſen, daß ich eine Frau bin und daß er folglich keine Gewalt mehr über mich beſitzt, be⸗ merkte Eugenia in triumphirendem Tone;„wohl aber beſitzt er dieſe über den Gegenſtand Ihrer Neigung.“ Es lag etwas ſo furchtbar Kaltes, Rachſüchtiges in dem Blicke, der dieſe Bemerkung begleitete, daß Harold jede Hoffnung, bei dieſem herzloſen Ge⸗ ſchöpfe etwas auszurichten, aufgab. „Für einen Liebhaber,“ fuhr Eugenia in ironi⸗ ſchem Tone fort,„ſcheinen Sie, Mr. Trachy, nicht viel Vertrauen in Ihre Beredtſamkeit zu ſetzen. Wollen Sie es nicht lieber mit Bella verſuchen? Ueberreden Sie ſie, das feierliche Gelübde zu ver⸗ geſſen, das ſie geleiſtet hat—“ „Ihre Schweſter vor Schande zu bewahren,“ unterbrach ſie Harold bitter. „Und Sie, trotz deſſelben zu heirathen,“ ſetzte das herzloſe Weib, ohne ſeine Worte zu beachten, hinzu. „Sie kennen das Herz des reinen und ſanften Weſens, das Sie ſo ſchmählich behandeln, zu ge⸗ nau,“ erwiderte der junge Mann, als daß Sie auch nur einen Augenblick glauben könnten, daſſelbe würde die Stimme des Gewiſſens unbeachtet laſſen und meinen Bitten Gehör ſchenken. Sie ſpotten über mein Elend.“ Der herausfordernde, triumphirende Blick, den Eugenia auf ihn warf, ſo tief er ihn auch ſchmerzte, verfehlte ſeine Wirkung, indem er, anſtatt ihn nie⸗ derzudrücken, ihm ſeine ganze Kraft wieder verlieh. 172 „Ich werde Ihre Einwilligung, um die ich jetzt vergeblich bitte, Ihnen abzuzwingen wiſſen,“ ſprach er mit feſter Entſchloſſenheit. „Nie!— Hoffen Sie dieß nie— Laſſen Sie es ſich nicht träumen: lieber wollte ich ſterben.“ „Ihr Tod würde Bella ihres Eides entbinden,“ bemerkte Harold Tracy ruhig. „Eine Drohung!“ „Nein,“ erwiderte der Liebhaber traurig;„Sie haben ſich zwar wie ein dunkler Schatten zwiſchen mich und mein Glück geſtellt, aber dennoch ver⸗ ſchmähe ich es zu drohen. Bis zu dieſem Augenblick hatte ich keine Ahnung davon, wie ſehr die böſe Leidenſchaft der Eiferſucht und Rachſucht eine Frau ihrem Geſchlechte zu entfremden vermag; aber wenn auch meine Bitten, Bella's Thränen und ihres Va⸗ ters Autorität nichts über Sie vermögen, ſo bleibt wir doch noch Eine Hoffnung!“ „Und darf ich fragen, worauf dieſe Hoffnung beruht?“ „Auf dem Worte, das mir ein Mann verpfän⸗ det hat, der noch nie mich täuſchte.“ „Wie heißt dieſer?“ fragte Eugenia. Harold Trach deutete auf den Grafen Lilini, der in dieſem Augenblicke mit der Gräfin am Arm in das Boudoir trat, in welchem dieſe Unterredung ſtattgefunden hatte. Eugenia lächelte mit Geringſchätzung als ſie ihn erkannte, indem ſie ſich der Unterredung mit dem Grafen über denſelben Gegenſtand vor einigen Ta⸗ gen erinnerte. „Es wird ihm, wie allen Andern, mißlingen“ 173 bemerkte ſie gelaſſen.„Was ich Bitten verweigerte, werde ich Drohungen niemals zugeſtehen.“ Obgleich Lilini zu ferne ſtand, als daß er die Worte, die geſprochen wurden, hätte hören können, ſo errieth er doch deren Inhalt und lächelte. In dieſem Lächeln lag aber etwas, was Harold Tracy's erz mit neuer Hoffnung erfüllte.— Zur großen Freude Kit's und deſſen Freunden zeigte ſich Nancy an dem Morgen des Verhörs von Capitän Helsman ſo ruhig und gefaßt, als wenn es ſich um die Erfüllung einer alltäglichen Pflicht gehandelt hätte. Sie ſchauderte zwar ein wenig, als der elende Mann von ſeinen Wächtern den Gerichts⸗ beamten vorgeführt wurde; aber die Anweſenheit ihres Gatten, Emma's und der übrigen Perſonen um ſie herum, gaben ihr ſchnell ihre Faſſung wie⸗ der und ſie legte ihr Zeugniß nicht nur klar und deutlich ab, ſondern beſtand auch das Kreuzverhör des Mr. Tye, ohne die mindeſte Unruhe zu verrathen. Die Beweisführung wurde vollſtändig hergeſtellt und der Mörder von Bet Amos, als dieſes Ver⸗ brechens überführt, vor die nächſten Aſſiſen ver⸗ wieſen. Als er wieder in ſeiner Zelle ſich befand, ver⸗ langte er ſogleich ſeinen Anwalt zu ſprechen. „Haben Sie keine Spur von dem Manne ent⸗ i deſſen Namen ich Ihnen nannte,“ fragte er haſtig. „Keine,“ erwiderte Mr. Tye in kleinlautem Tone. „Dann iſt mein Schickſal entſchieden.“ 174 „Das Schickſal keines Menſchen iſt eher ent⸗ ſchieden, als bis er verurtheilt iſt;“ bemerkte der Anwalt;„und ſelbſt dann iſt bei dem jetzigen Sy⸗ ſtem die Beſtrafung eine Lotterie— keine Gewiß⸗ heit. Es bleiben Ihnen immer noch ein Dutzend Wechſelfälle.“ „Nennen Sie ſie.“ „Zuerſt kann man auf Unzurechnungsfähigkeit plädiren,“ „Dann der Einfluß Ihrer Freunde.“ „Ich beſitze keine.“ „Das Zeugniß— der Charakter der Zeugen tann durch eidliche Ausſagen angegriffen und da⸗ durch erreicht werden, daß die Sache dem Staats⸗ ſecretariate vorgelegt werden muß.“ „Es wäre vergebens, Tye, ganz vergebens,“ rief der Gefangene.„Sie ſahen ja die Freunde, von denen die beiden Frauenzimmer begleitet waren.“ Der Anwalt nickte bejahend. „Der Rang und Einfluß dieſer Männer machen die Ausführung dieſes Planes unmöglich. Ich ſage Ihnen daher, daß wenn ich einmal verurtheilt bin, nichts mehr mich zu retten vermag. Es handelt ſich alſo darum, die Verurtheilung zu vermeiden. Wenn der Zigeuner Jack beſeitigt wäre, dann könnte ich Hoffnung faſſen.“ Der Anwalt merkte, wo Helsman hinaus wollte, und ſchwieg deßhalb ſtille. „Ich hörte Sie einſt ſagen, daß man mit Geld Alles zuwegebringen könne, fuhr Helsman fort. „Man kann wenigſtens Viel damit ausrichten. 175 „Mit welcher Summe glauben Sie wohl, daß man Jack zum Schweigen bringen könnte?“ „Auf welche Weiſe?“ „Auf die wirkſamſte,“ antwortete der Mörder. Mr. Tye hatte bis jetzt, wie unſere Leſer ge⸗ ſehen haben, immer ſehr klug gehandelt und nie eine Rolle bei irgend einem Geſchäfte, in das die Firma ſich eingelaſſen, übernommen, durch welche ſein guter Leumund oder ſeine Sicherheit hätte com⸗ promittirt werden können, indem er ſtets die Lei⸗ tung und gänzliche Verantwortlichkeit ſeinem frühern Theilhaber überlaſſen. Unglücklicher Weiſe für ihn beſaß er aber eine Schwäche— den Geiz. „Scheuen Sie ſich nicht die Summe zu nen⸗ nen,“ fuhr der Verſucher fort. „Nun,“ erwiderte der Anwalt zögernd;„ich ſollte meinen, daß mit fünftauſend Pfund ſich viel ausrichten laſſe.“ „Wollen Sie darauf einſchlagen?“ fragte Hels⸗ man. „Können Sie über eine ſolche Summe verfügen?“ ſtammelte Tye, dem zugleich dicke Schweißtropfen auf die Stirne traten. „Ich kann mehr als bloß darüber verfügen,“ er⸗ widerte der Gefangene;„ich beſitze ſie.“ Zugleich riß er das Futter ſeines Rockes auf und zog fünf eng⸗ liſche Banknoten, jede im Werth von tauſend Pfund hervor. „Eine davon muß ich haben, um damit zu ope⸗ riren,“ ſagte Tye, deſſen Entſchluß beim Anblick des Geldes feſtſtand. Sein Client händigte ihm eine ein. 176 „Und den Reſt?“ „Erhalten Sie am Tage, an welchem ich wegen mangelnden Zeugenbeweiſes freigeſprochen werde.“ „Innerhalb einer Woche ſollen Sie Weiteres von mir hören,“ bemerkte der Anwalt, indem er die Beſtechungsſumme einſteckte. Mit einem Händedruck verabſchiedete er ſich von ſeinem Clienten. Faſt eine Stunde lang ging der ſchuldbeladene Mann mit unſicheren Schritten in ſeiner Zelle auf und ab, indem er die Ausſichten für und gegen ſein Entrinnen aus der Gefahr abwog. In einem Augenblicke war er voll Vertrauen, daß Tye das fürchterliche Unternehmen, zu dem er ſich verbind⸗ lich gemacht, gelingen werde; im nächſten Augen⸗ blicke zweifelte er aber wieder an deſſen Entſchloſſen⸗ heit und verwünſchte auf's Bitterſte ſeine Thorheit, daß er ſeinen ſchlimmen Eingebungen gefolgt habe, die ihn in eine ſolche Lage geſtürzt hatten. „Wenn ich nur dießmal noch durchſchlüpfe,“ mur⸗ melte er,„ſo werde ich keinen Fuß mehr nach Eng⸗ land ſetzen. Ich war ein Thor, daß ich zurückkehrte. Ich bin noch jung,— zu jung, um ſchon zu ſter⸗ ben und dazu noch was für einen Tod! Irgend ein Glücksfall— irgend ein unerwartetes Ereigniß muß eintreten, um mich zu retten.“ Von ſeinen Empfindungen überwältigt, warf ſich der Gefangene auf ſein Lager, und, nachdem er ſich eine Zeitlang darauf hin⸗ und hergewälzt hatte, verfiel er in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf,— das heißt: der Körper ſchlief, aber der Geiſt blieb wach; wie in einem Spiegel entrollte ſich dieſem 177 im Traume das furchtbare Nebelbilb der Vergan⸗ genheit und das noch weit gräßlichere der Zukunft. Zuerſt ſah er ſich in dem einſamen Hauſe in Charlton im Kampfe mit ſeinem Opfer im Biblio⸗ thekzimmer begriffen. Jeder einzelne Umſtand ſei⸗ nes Mordes ſtellte ſich im Traume nochmals dar, — der flehende Blick der Todesangſt, das allmälige Brechen des Auges, das Echo des Röchelns im Halſe. Die Viſion verſchwand und er ſtand an der Gemeinde⸗Kalkgrube, mit dem Zigeuner Jack an ſei⸗ ner Seite, im Begriffe, den Leichnam in das Loch hinunterzuſtürzen; kalte Schweißtropfen drangen aus allen Poren ſeiner zitternden Glieder; der Mörder wußte, daß er ſchlafe, konnte aber nicht erwachen. Eine rächende Hand ſchien ſeine Augenlider wieder zuzupreſſen, ſo oft er dieſe zu öffnen verſuchte; er wollte um Hilfe rufen, aber ſeine Stimme verſagte ihm den Dienſt. Werde ich denn nie mehr erwachen? dachte er, indem er ſich, wie eine zertretene Schlange, auf ſeinem Lager krümmte. Der letzte Theil feines Traumes war ſogar noch fürchterlicher als das was vorangegangen war. Er ſtand auf dem Schaffot, mit dem Nachrichter an ſeiner Seite. Tauſende von bleichen Geſichtern ſahen zu ihm herauf; Neugierde, Abſcheu und Auf⸗ regung ſchienen ſich auf jedem derſelben abzuzeich⸗ nen. Plötzlich änderte ſich der Ausdruck derſelben; Einige ſchienen ihn zu verſpotten und zu verhöhnen, Andere nahmen eine Aehnlichkeit mit ſeinem Opfer an. Wie ſehnlichſt wünſchte er den Tod! Daß die Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 12 Erde ihn aufnehme und verſchlinge! daß der Him⸗ mel einfalle und ihn zerſchmettere! Er wünſchte nur Vernichtung, auf welche Art es auch wäre, um der Qual, die ihn jetzt folterte, zu entgehen und die ihm, wie kurz ſie auch war, doch ſchon Jahr⸗ hunderte lang zu dauern ſchien⸗ Endlich meinte er die Hand des Nachrichters an ſeinem Nacken zu fühlen; der Zauber war gebro⸗ chen: mit einem lauten Schrei zerriß der Mörder die Bande des Schlafs und erwachte. Es war beinahe Morgen geworden; die erſten Strahlen des Lichts drangen ſchüchtern durch das vergitterte Fenſter ſeines Gefängniſſes. Der von ſeinem Gewiſſen gepeinigte Elende fiel auf ſeine Kniee und verſuchte in ſeiner Todesangſt zu beten; aber das Gebet war ihm, wie jedem verhärteten Verbrecher, verſagt. Nur der Reue gewährt der Himmel daſſelbe. „Was für eine Nacht habe ich hingebracht!“ murmelte er ſchaudernd.„Ich wage gar nicht wie⸗ der zu ſchlafen. Wenn dieſenigen, an nelchen ich mich verfündigt habe, meine Seelenangſt mit an⸗ geſehen hätten, ſo würden ſie das an ihnen began⸗ gene Verbrechen für geſühnt anſehen.“ Der Elende vergaß in ſeiner Verzweiflung, daß die einzige Sühne in der Reue liegt. 179 Vierundſechzigſtes Capitel. „Und ſind Sie wirklich überzeugt, daß die Ab⸗ weſenheit Ihren Einfluß bei den kühnen Bergleuten und ehrlichen Pächtern von Cumberland nicht ge⸗ ſchwächt hat?“ bemerkte Lilini gegen Doctor Curry, als Beide am Morgen nach der Geſellſchaft bei det Lady Melbourg beim Frühſtück in dem Hotel, no der Graf wohnte, beiſammen ſaßen. „Allerdings,“ verſetzte der Arzt wohlbedächtig. „Obgleich ich im Allgemeinen keine hohe Meinung von der Dankbarkeit der Menſchen hege, ſo bin ich doch immer noch dieſer Anſicht.“ „Und Sie wagen es nach Alston zurückzukehren?“ „Warum nicht?“ fragte der alte Mann mit ge⸗ wohnter Lebhaftigkeit,„das heißt,“ ſetzte er hinzu. „wenn triftige Gründe zu dieſer Reiſe vorhan⸗ den ſind.“ „Sie mögen ſelbſt urtheilen,“ ſagte Lilini.„Es handelt ſich um eine bevorſtehende Wahl der Graf⸗ ſchaft.“ bourg zu unterſtützen.“ „Nicht Ein Pächter ſoll für ihn ſtimmen!“ rief der Doctor eifrig. „Im Gegentheil, es iſt mein ernſtlichſter Wunſch, daß nicht Ein Pächter anders ſtimme, als wie Mr⸗ randon Burg die Loſung gibt.“ 12* „Sprechen Sie im Ernſt?“ „Sie wiſſen, daß ich ſelten ſcherze.“ „Das iſt wahr,“ murmelte der Doctor im Tone der Ueberzeugung,„und Riemand kennt die Gründe, weßhalb, beſſer als ich. Sie haben Vieles erduldet und wacker gegen ein Mißgeſchick gekämpft, das einen gewöhnlichen Menſchen zu Boden gedrückt hätte, ſelbſt wenn er ein Herz von Eiſen gehabt hätte, was bei dem Ihrigen nicht der Fall iſt. Und Sie wünſchen alſo,“ fuhr er fort,„daß dieſer Empor⸗ kömmling, dieſer intriguante Abenteurer, der die Erbſchaft einer alten Familie erſchlichen hat, bei der Wahl den Ausſchlag gebe?“ „Das iſt mein Wunſch. „Ich begreife es nicht, weßhalb Sie den Schelmen „Um ihm ſodann einen um ſo tiefern Fall zu bereiten,“ erwiderte der Graf.„Das iſt aber nicht mein einziger Grund. von dem Erfolge meiner Pläne ab.“ „Iſt dieß der Fall?“ rief der alte „dann m Alston. Ich glaube nicht, daß Brandon es wagen wird, mich eher wegen der Beſitzurkunde zu behel⸗ ligen, als bis nach der Wahl.“ „Höchſt wahrſcheinlich wird er dieß nicht thun,“ „Im ſchlimmſten Falle handelt es ſich um einige Monate Gefängniß.“ „Gefängniß!“ wiederholte Lilini, von ſeinem Stuhle aufſpringend und die Hand des Arztes er⸗ greifend;„in's Gefängniß!— Sie!— der ehr⸗ lichſte und beſte Menſch!— Nie, nie! Ich werde Mann aus; Harold Tracys Glück hängt. ache ich mich ſogleich auf den Weg nach — 181 nie die Hand dazu bieten, das Glück eines Freun⸗ des zu fördern auf Koſten der Freiheit eines An⸗ dern. Sprechen Sie nicht mehr davon; ich muß einen andern Weg ausfindig machen.“ „Das heiß ich ſprechen, wie es eines Mannes, wie Sie, würdig iſt,“ bemerkte der Doctor.„Aber vielleicht iſt die Gefahr nicht ſo groß. Auf jeden Fall will ich gehen.“ „Nein!“ „Ja,“ ſagte der Arzt feſt;„und wenn ich ein⸗ mal etwas mir in Kopf geſetzt habe, ſo wiſſen Sie ja, was für ein hartnäckiger Rarr ich bin. Bodger und ich ſind alte Soldaten, ſie ſollen uns nicht ſo leicht fangen.“ Vergebens machte Lilini Vorſtellungen gegen die⸗ ſen Entſchluß; der Doctor blieb feſt, und an demſel⸗ ben Tage, an welchem der Graf London verließ, um nach Paris zu reiſen, machte er mit ſeinem getreuen Diener Peter ſich auf den Weg nach Cumberland. Sein Erſcheinen in Alston erregte großes Aufſehen. Sohald die Bergleute Kenntniß davon erhielten, verließen ſie ihre Arbeit, und Hunderte von rauhen und harten Händen wurden ihm entgegengeſtreckt, um ihn willkommen zu heißen. Peter's erſtes Geſchäft nach ſeiner Rückkehr war, nach ſeiner Uniform und Ausrüſtung zu ſehen. Wäh⸗ rend ſeiner langen Abweſenheit waren dieß die ein⸗ zigen Gegenſtände geweſen, die ihm Sorgen gemacht hatten. Sonſt fühlte er ſich überall da zufrieden, wohin ſein Herr ging. Alles, was dieſer that, ſchien ihm eben ſo natürlich zu ſein, als ſeine Anhäng⸗ lichkeit und Dankbapkeit für denſelben. 182 Der Rentmeiſter Snape war einer der Erſten, der Doctor Curry's Rückkehr vernommen hatte, und wenn nicht die Wahl vor der Thüre geſtanden hätte, ſo würde er ſogleich darauf gedrungen haben, daß der Verhaftsbefehl, der gegen den Arzt und deſſen Diener erlaſſen war, in Ausführung gebracht werde. Er wußte aber, mie ſehr ein Schritt dieſer Art den Intereſſen ſeines neuen Herrn ſchaden würde. der ihn auf's Dringendſte aufgefordert hatte, ſeinen ganzen Einfluß bei den Wählern der Herrſchaft an⸗ zuwenden, daß dieſe zu Gunſten des Picomte ſtim⸗ men ſollten. „Laſſen Sie es weder an Verſprechungen, noch an Drohungen fehlen!“ ſchrieb der Yankee in einem ſeiner Briefe,„und vermeiden Sie es vor Allem, irgend etwas zu thun, was die Leute gegen mich aufbringen könnte.“ Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß dieſe Handlungsweiſe, die ſo gänzlich im Widerſpruche mit ſeiner gewohnten Leidenſchaftlichkeit ſtand, ihm von Albert Mortimer an die Hand gegeben worden war, den er bei dieſer Veranlaſſung wieder in ſein Vertrauen gezogen hatte. Snape ſchrieb um genaue Verhaltungsmaßregeln, und erhielt umgehend folgende Antwort: „Fahren Sie in den Vorbereitungsanſtalten zu „unſerer Ankunft in der Halle fort und ſparen Sie „keine Koſten, dieſelbe der Gäſte, die ich mitbringen „werde, würdig herauszuputzen. Was Doctor Curry „anbelangt, ſo laſſen Sie ihn bis nach der Wahl „ungeſchoren, außer wenn er ſich auf gefährliche „Weiſe thätig gegen mich zeigen ſollte; in dieſem — — 183 „Falle bringen Sie dann den Verhaftsbefehl in Aus⸗ „führung.“ „In Ausführung bringen!“ wiederholte der Rent⸗ meiſter, nachdem er den Brief der Haushälterin vor⸗ geleſen hatte;„das iſt leicht geſagt, ich ſoll den Ver⸗ haftsbefehl ausführen laſſen. Hernach aber brauchte ich eine ganze Compagnie Soldaten, wenn ich die Halle auch nur eine Stunde lang ſchützen ſollte.“ „Mir behagt die Rückkehr des Doctors nach Als⸗ ton im jetzigen Augenblicke gar nicht,“ bemerkte die Frau;„er iſt ein gefährlicher Feind, wenn man ſich mit ihm in einen Kampf einläßt. Ich halte es für das Beſte, wenn Sie ihn beſuchen.“ Dieſer Rath war zwar nicht ſehr nach Snape's Geſchmack, aber nach reifer Ueberlegung hielt er es doch für das Beſte ihn zu befolgen; denn es quälte ihn eine fortwährende Unruhe, und dieſe erſetzt zuwei⸗ len den Mangel an Muth. Der Doctor ſaß, umgeben von einem halben Dutzend Pächtern, im Wohnzimmer ſeines kleinen Hauſes, als Snape vor dem Gartenthore angefah⸗ ren kam. „Iſt Ihr Herr zu Hauſe?“ fragte er. Peter, der eben daran war, das reichlich auf⸗ geſchoſſene Unkraut in einem der Blumenbeete aus⸗ zujäten, nickte bejahend. „Kommen Sie und halten Sie mein Pferd.“ Der alte Soldat fuhr in ſeiner Arbeit fort. „Hören Sie mich nicht?“ Bodger beantwortete dieſe Frage mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln. „Biſt Du ſowohl taub, wie ſtumm, heute Morgen, 184 Peter?“ fragte der Doctor, das Fenſter öffnend, von dem aus er die ganze Scene mit angeſehen— hatte.„Siehſt Du denn nicht, daß dieß ein alter Freund iſt, der mich beſuchen will? Thue, was er Dir ſagt, und halte das Pferd.“ Dem Rentmeiſter gefiel zwar der Ton, in wel⸗ chem dieſer Befehl ertheilt worden war, nicht be⸗ ſonders, denn er klang zu freundlich, als daß er hätte aufrichtig ſein können; aber er war zu weit gegangen, als daß er jetzt noch hätte umkehren können. Er warf deßhalb Peter die Zügel zu, der ſie mürriſch in Empfang nahm, ſtieg von ſeinem Gig herab und trat in das Haus. Als er aber die vielen Perſonen, lauter Wähler, hier verſam⸗ melt fand, wurde ihm ſchwül um's Herz. Der alte Schelm iſt alſo bereits an der Arbeit, dachte er, worauf er laut hinzu ſetzte:„Ich denke, Doctor Curry, daß Sie den Grund meines Beſuchs kennen?“ „Ich glaube, ihn errathen zu können,“ antwor⸗ tete der Arzt;„immer noch die alte, lächerliche Ge⸗ ſchichte wegen der Beſitzurkunden.“ „Davon iſt jetzt gar nicht die Rede,“ ſagte Snape, dem die feindlichen Blicke, welche die Pächter auf ihn warfen, von denen keiner von Allen ihn be⸗ grüßt hatte, mißbehagten,„ſondern von der Wahl. Ich hoffe, daß Sie auf unſerer Seite ſind?“ „Sie wiſſen ja, daß ich nur Eine Stimme ab⸗ zugeben habe.“ „Aber Ihr Einfluß auf die Pächter und die Bergleute?“ „Der kann allerdings für etwas zählen,“ ant⸗ 185 wortete der Doctor mit ſelbſtzufriedener Miene.„Der Vicomte iſt ein ſehr ehrenwerther Mann und wird ein eben ſo gutes Mitglied im Parlament abgeben, als jeder andere Gentleman in der Graſſchaft.“ „Sie ſind alſo nicht gegen ihn?“ „Ich!“ rief der alte Mann im Tong des Er⸗ ſtaunens aus:„ich denke nicht daran. Auf meine Stimme darf er rechnen, wie ich ſo eben meinen Freunden hier geſagt habe.“ Snape blickte die Pächter mit ungläubiger Miene an. „So iſt's, Maſter Rentmeiſter!“ riefen mehrere von den Bauern.„Der Doctor ſagt, es ſei unſere Pflicht, mit unſerm Gutsherrn zu ſtimmen, und wir haben eingewilligt, ſeinem Rath zu folgen.“ „Alle hier?“ „Alle, wie wir hier ſind.“ Es wäre ſchwer zu ſagen, ob Snape mehr Er⸗ ſtaunen oder Freude über dieſe unerwartete Ver⸗ ſicherung empfand, denn beide waren gleich groß. Mit der Ueberlegung ſtiegen aber Zweifel in ihm auf; die Umwandlung erſchien ihm zu plötzlich und deßhalb ſandte er unmittelbar nach ſeiner Rückkehr in die Halle einen detaillirten Bericht von dem, was vorgefallen, ſeinem Gutsherrn. Als Brandon dieſen Brief empfangen hatte, händigte er ihn Albert ein, wobei er aufmerkſam die Geſichtszüge deſſelben während des Durchleſens beobachtete. „Dieſer alte ſchottiſche Fuchs ſpielt, wie ich glaube, ein doppeltes Spiel mit mir, bemerkte er. „Daran iſt nicht zu zweifeln,“ erwiderte der Of⸗ ficier;„ich werde deßhalb ſogleich nach Alston⸗Moor reiſen und ſein Treiben beobachten. Er muß ſehr ſchlau ſein, wenn er mich täuſchen will.“ „Ich glaube ſelbſt, daß er dieß ſein muß,“ be⸗ merkte der Yankee. Es iſt nicht wohl anzunehmen, daß ein Mann, wie Capitän Mortimer, ſich mit Leib und Seele der Beförderung der Wahl eines Candidaten ange⸗ nommen hätte, wenn nicht ſein eigenes Intereſſe im Spiel geweſen wäre. Er wußte aber, daß der Einfluß des Earl im Kriegsminiſterium groß war, und obgleich darüber kein Vertrag beſtand, ſo war doch ſtillſchweigend angenommen, ihm, im Falle des Gelingens, ein Majorspatent oder wenigſtens eine Stelle im Stab in irgend einer Colonie zu ver⸗ ſchaffen. Die Gräfin hatte mit gewohntem Takte ſogleich herausgefunden, wie nützlich verwendbar Al⸗ bert ſei, und hatte ihm daher zu verſtehen gegeben, welche Ausſicht man ihm dafür eröffnen könne. „Ich hoffe, Ihnen verſprechen zu können,“ ſagte Albert, als er von Brandon Abſchied nahm,„daß Sie dießmal eine beſſere Aufnahme finden werden, wie damals, als ſie Beſitz von der Herrſchaft nahmen.“ Dem Abenteurer ſchwoll bei dieſen Worten das Herz vor Freude. „Aber Alles muß meiner Ritung überlaſſen werden.“ „Das ſoll geſchehen,“ erwiderte Brandon.„Ich habe bereits an Snape geſchrieben, daß er Ihrem Rathe in jeder Beziehung folgen ſolle.“ „Vielleicht gelingt es ihm, die Pächter dahin zu bringen, daß ſie mich feierlich ſunsn 7* 187 Der Officier nickte mit dem Kopfe. „Und eine Anrede an mich halten?“ „Ich habe ſie bereits ſchon in meinem Notizbuche concipirt,“ antwortete der Capitän. „Ein geſcheiter Kerl!“ murmelte der Yankee, als der Wagen wegfuhr.„Nur zu geſcheit, als daß ich ihm auch für die Zukunft trauen könnte. Er erräth Alles, und ich errathe ihn; ich weiß daher, wer der Schlaueſte von uns Beiden iſt. Wenn nur erſt einmal der Earl Mrs. Burg als ſeine Schwie⸗ gertochter anerkannt hat, dann wollen wir ſchon weiter ſehen, was—“ Ein leiſes Pfeifen vollendete den Schluß des Satzes. Gleich vielen Perſonen, die ihren Scharfſinn überſchätzen, bildete ſich Brandon ein, daß er Albert Mortimer's Charakter durch und durch ergründet habe. Er irrte ſich aber, denn hier fand ſich ein Abgrund, den kein geiſtiges Senkblei zu ergründen vermochte. Bis jetzt war dieſer Verbünbete mit den verſchiedenen Summen zufrieden geweſen, die er für ſeine Dienſtleiſtungen erhalten hatte; aber nicht leicht war Geld unter einem nichtigern Vorwande erlangt worden, denn der, welcher bezahlt worden war, hatte nur für ſich ſelbſt gearbeitet. Jetzt galt es, um den höchſten Einſatz noch zu ſpielen, und der berechnende Albert war der An⸗ ſicht, daß die gewinnende Karte in ſeiner Hand ſich befinde. Als er in der Halle einträf, beſtand ſein erſtes Geſchäft darin, ſich bei dem Rentmeiſter auf's Genaueſte nach dem Stand der Dinge zu erkundi⸗ gen, und wie die Pichter geſinnt ſeien. Snape verſicherte ihn, daß ſo Alles nach Wunſche gehe und die Pächter wie Ein Mann für den Can⸗ didaten ſtimmen werden, den ihr Gutsherr vorge⸗ ſchlagen habe. „Und welchem Umſtand ſchreiben Sie dieſen Wech⸗ ſel zu?“ „Dem Einfluſſe des Doctors.“ „Alſo auch Sie glauben an ſeine Aufrichtigkeit?“ rief der Officier im Tone der Geringſchätzung über des Rentmeiſters Mangel an Scharfblick aus. „Ich glaube an das, was ich geſehen und ge⸗ hört habe,“ erwiderte Snape etwas ärgerlich.„Doc⸗ tor Curry hat zweimal eine Rede an die Wähler gehalten und jedesmal dieſelben dringend aufgefor⸗ dert, ihre Stimmen dem Vicomte zu geben.“ „Oeffentlich?“ „Heffentlich,“ wiederholte der Rentmeiſter. Albert's Verdacht fing an zu ſchwinden. „Wie ſteht es aber mit den Beſitzurkunden?“ fuhr er fort. „Darüber kann ich nichts aus ihm herausbrin⸗ gen,“ verſetzte Snape. „Das thut nichts,“ rief Brandon Burg's B genoſſe aus;„es iſt nach der Wahl noe daran zu denken. Ich muß Doctor Curry ſpr chen. Es ſei nichts leichter als dieß, bemerkte der Rent⸗ meiſter, da die Wähler heute Abend eine Zuſammen⸗ kunft im Wirthshauſe zu den Bergleuten hielten, wo man den Doctor ſicher treffen werde. Albert kam dieſer Umſtand ſehr erwünſcht, indem er ihm Gelegenheit verſchaffte, dem Mann, dem er noch 189 immer nicht recht traute, ſich auf dieſe Weiſe unbe⸗ fangen nähern zu können. Gegen acht Uhr Abends war das Speiſezunmer der Dorfſchenke, in welchem Harry und Harold bei ihrer erſten Ankunft in Alston geweſen waren, an⸗ gefüllt mit Wählern. Es fehlte faſt kein einziger unter den zum Gute gehörigen Pächtern. Der Doe⸗ tor hielt eben eine Anrebe an dieſelben, als Capi⸗ tän Mortimer in Begleitung des Rentmeiſters er⸗ ſchien. Beide ſtanden einige Minuten lang unter der Thüre, um die Rede mit anzuhören, ehe ſie be⸗ merkt wurden. „Sind Sie jetzt überzeugt,“ flüſterte Snape. Albert nickte bejahend. Er hatte zu ſeinem großen Erſtaunen eine eindringliche Anrede zu Gunſten des Vicomte, deſſen Candidatur unterſtützt werden ſolle, und die Hinweiſung auf die Nothwendigkeit vernom⸗ men, den Einfluß des Gutsherrn in der Grafſchaft auf dieſe Weiſe zu heben. Als der Doctor damit zu Ende war, ertönte ein allgemeiner Beifallsruf, durch den ſich das Mur⸗ ren einiger Wenigen kaum bemerklich machte. „Sie haben ohne Zweifel ganz Recht, Doctor,“ bemerkte ein junger Mann, der am untern Ende eines der Tiſche ſaß, ruhig,„aber ich verſtehe die Sache nicht recht.“ „Was verſtehen Sie nicht recht?“ fragte der Doctor. „Die plötzliche Aenderung Ihrer Anſichten; das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ Einige der ältern Pächter und Bergleute wech⸗ ſelten bedentungsvolle Blicke. 190 Es bedeutet, daß ein Menſch heute geſcheiter 7 ſein kann, als geſtern,“ erwiderte der alte Mann ohne den mindeſten Anſchein von Verdruß,„und daß nur ein Dummkopf oder ein Schelm ſich ſchämen kann dieß einzugeſtehen. Da ich nun keines von Beiden bin, ſo zögere ich keinen Augenblick einzu⸗ geſtehen, daß ich mich geirrt habe.“ Der junge Pächter fühlte ſich aber mit dieſer Erwiderung keineswegs befriedigt, denn wenn er auch nicht gerade ſtark in der Logik war, ſo beſaß er dafür doch hinreichend geſunden Menſchenverſtand. „Sie ſagten uns aber ja früher, daß der Squire Harry der rechtmäßige Eigenthümer von Burg⸗Hall ſei,“ fuhr er fort. „Und jetzt ſage ich euch, daß er es nicht iſt,“ antwortete der Doctor ruhig.„Ich irrte mich— er hat nicht mehr Anſprüche auf die Herrſchaft, als ich ſie habe.“ Als die beiden Lauſcher an der Thüre dieſe Er⸗ klärung vernahmen, traten ſie vollends ganz in das Zimmer, und Albert ſchüttelte dem Doctor herzlich die Hand. „Ihr habt gehört, was euer treuer, vielbewähr⸗ ter Freund euch geſagt hat!“ rief Capitän Mortimer aus.„Riemand iſt glücklicher als ich, das Einge⸗ ſtändniß ſeines Irrthums zu vernehmen; die Offen⸗ heit, mit der er dieß bekannt hat, macht ſeinem Charakter alle Ehre. In einigen Tagen wird euer Gutsherr hier eintreffen und ich hoffe, daß der Em⸗ pfang, den ihr ihm bereiten werdet, jede Spur des frühern Mißtons verwiſchen wird.“ „Hört, hört!“ rief der Doctor mit lauter Stimme⸗ 191 Dieſe Zuſtimmung fand übrigens nur ein ſehr ſchwaches Echo. „Stephen,“ ſagte der Doctor, den jungen Mann zu ſich heranwinkend, der offenbar an der Spitze einer mißvergnügten Partei ſtand, die, obgleich für den Augenblick noch klein, ſich bedeutend vermehren konnte, wenn man ſich nicht mit ihr verſtändigte, es wäre gut, wenn Sie auf dem Heimwege beim Pächter Brank einſprächen, Sie wiſſen, daß er ein ehrenfeſter Mann iſt.“ „Heut zu Tage weiß man kaum mehr, wer ehren⸗ feſt iſt, murmeite der geradſinnige Cumberländer. „Ich glaubte auch einmal, daß Sie—“ Er hielt inne. Ein gewiſſer Reſt von Anhäng⸗ lichkeit und Vertrauen hielt ihn ab, die eben nicht ſehr ſchmeichelhafte Bemerkung auszuſprechen. „Daß ich ehrenfeſt ſei— nicht wahr?“ „Das habe ich nicht geſagt.“ „Aber Sie haben es gedacht, Stephen,“ fuhr der Toctor in mildem Tone fort,„und das kommt auf daſſelbe heraus. Gehen Sie zu Brank,“ ſetzte er halblaut hinzu,„und vielleicht denkt dieſer noch im⸗ mer, wie früher, von mir.“ Der junge Mann kehrte ſtillſchweigend auf ſeinen Sitz zurück und nach einer langen Anrede des feinen Gentleman aus London, wie die Wähler Albert be⸗ nannten, brach die Verſammlung mit drei herzlichen Hochs auf den edlen Condidaten und einem ziemlich ſchwachen auf Brandon Burg auf. „Doctor Curry,“ ſprach Albert Mortimer, als er unter der Thüre des Hauſes deſſelben ſich ver⸗ abſchiedete,„nichts hätte mir ein größeres Vergnü⸗ 192 gen bereiten können, als das ehrenvolle Beneh⸗ men, das Sie bei dieſer Veranlaſſung an den Tag gelegt haben.“.* „Sprechen Sie nichts mehr davon,“ bemerkte der alte Mann beſcheiden. „Es iſt ſelten, daß man einen ſo offenen und geraden Sinn trifft, denn es iſt keine Kleinigkeit, ſeinen Irrthum ſo unummunden einzugeſtehen.“ „Die Sache läßt ſich ja nicht mehr in Abrede ziehen.“ „Allerdings,“ erwiderte der Capitän.„Die Wahl des Vicomte ſcheint geſichert,“ ſetzte er hinzu. „Ohne allen Zweifel.“ „Er wird in zwei oder drei Tagen mit ſeinem edlen Vater hier eintreffen, um meinen Freund Bran⸗ don Burg zu beſuchen, dem, beiläufig bemerkt, die Pächter für den kalten Empfäng, den ſie ihm das erſte Mal zu Theil werden ließen, eine Genug⸗ thuung ſchuldig ſind.“ „Das iſt ganz richtig,“ ſagte der Doctor. „Könnte man nicht eine Adreſſe an ihn zu Stande bringen?“ „Nichts leichter, als das.“ „Und einen feierlichen Empfang?“ „Daran dachte ich ſo eben,“ murmelte der Doe⸗ tor ungeduldig. „Beſuchen Sie mich morgen,“ ſprach der Officier, „dann können wir weiter über die Sache reden.“ Die beiden Männer drückten ſich ſcheinbar mit großer Herzlichkeit die Hände und trennten ſich. „Ja, ja!“ ſprach der Doctor zu ſich, als er in ſein Haus trat;„wer hätte wohl gedacht, daß ich ——— 193 den Heuchler ſo geſchickt ſpielen könne. Der Vorwurf des ehrlichen Burſchen Stephen bringt Schande auf meine grauen Haare. Ich muß ihn aufſuchen, denn ich kann nicht einſchlafen, bis er mich von einer beſſern Seite kennt. Wahrſcheinlich finde ich ihn im Bergwerke,“ ſetzte er nachſinnend hinzu. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, warf Doctor Curry einen weiten Regenmäntel um, den er gewöhn⸗ lich trug, wenn er Nachts ſeine Patienten beſuchte ſodann verließ er das Haus von der Rückſeite durch den Garten und ging eiligen Schritts durch die Straße. Als er aber um die erſte Ecke ſich wandte, ſchlich ein dunkler Schatten ihm nach. Es war dieß Albert Mortimer. Dieſer ſchlaue Menſch überließ nicht gern etwas dem bloßen Zufall. Er hatte den Stephen ertheilten Rath erlauſcht, bei dem Pächter Brank einzuſprechen, und er zweifelte deßhalb nicht im mindeſten daran, daß er den Doc⸗ tor dort treffen werde. Um wo möglich die Unter⸗ redung zu erlauſchen, die dort ſtattſinden würde, ſpielte er jetzt ben Spionen. Der Doctor richtete aber ſeine Schritte nicht nach der Farm, wie Albert vermuthet hatte, ſon⸗, dern ſchlug den Weg nach dem Moor ein. Die Nacht war hell und Mortimer bemerkte hald meh⸗ rere Perſonen, die eilig dieſelbe Richtung verfolgten. „So, ſo!“ murmeite er, Hda gibt es alſo noch eine andere Verſammlung;— aber wo?“ Während er dieſe Frage an ſich ſelbſt ſtellte, machte ſich ein tiefrother Feuerſchein ſichtbar, wie ihn Reiſende häufig in den Bergwerksdiſtrikten be⸗ merken können, wenn ſie dieſelben bei Nacht paſſiren. Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 13 194 „Jetzt iſt mir Alles klar,“ ſetzte er hinzu,„die eigentliche Verſammlung der Wähler wird anderswo abgehalten.“ Anſtatt dem directen Wege zu folgen, machte Albert einen Umweg, um denen, die er belauſchen wollte, Zeit zu laſſen, vor ihm an Ort und Stelle zu gelangen. Auf dieſe Weiſe kam er ſeitwärts an einen kleinen Hügel, deſſen Fuß das Waſſer eines nicht ſehr tiefen Fluſſes beſpülte, an deſſen jenſei⸗ tigem Ufer ein Boot angebunden war. Unmittel⸗ bar dahinter befand ſich der Eingang in das Berg⸗ werk. Ohne einen Augenblick ſich zu beſinnen wadete er durch das Waſſer. Nachdem er eine Zeitlang in der Dunkelheit fortgeſchritten war, entdeckte er ein ſchwaches Licht, das von einer eiſernen Lampe her⸗ rührte, die an der Wölbung des Felſen angebracht war. Auf dieſes Licht zu richtete er ſeinen Weg und dieſer führte ihn ſo nahe, daß er den Doctor und eine Gruppe Männer erkennen konnte, die von den Strah⸗ len dieſes Lichtes beleuchtet wurden. Doctor Curry hielt eben unter lebhaften Geſticulationen eine An⸗ rede an dieſelben. Der Lauſcher hätte viel darum gegeben, wenn er die Worte hätte hören können; das war aber unmöglich, ohne eine Gefahr zu laufen, die er zu beſtehen nicht Luſt hatte. Mitten auf dem Wehe ſtand, auf ſeine Flinte gelehnt, ein Bergmann, ein träftiger Burſche, der offenbar als Schildwache hier aufgeſtellt war. Nachdem Albert eine Zeitlang ge⸗ wartet hatte, ließ ein wirres Gemurmel ſich ver⸗ nehmen, auf welches ein wildes Schreien erfolgte, aus welchem heraus er den Namen Marmaduke 195 Burg zu vernehmen glaubte. Er lauſchte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit;— das Geſchrei wieder⸗ holte ſich. Es war nicht länger mehr zu zweifeln. „Marmaduke Burg!“ wiederholte er ſich ſelbſt, „das iſt eine Gefahr, von welcher weder Sir John Sellem, Helsman, noch ich ſelbſt uns etwas haben träumen laſſen. Die Sache muß ergründet werden.“ Ueberzeugt, daß er nichts Weiteres mehr hören könne, ſchlug er haſtig den Rückweg“ ein und lief mehr, als er ging, nach der Halle, wo Snape und die Haushälterin ihn erwarteten. „Haben Sie etwas entdeckt,“ fragte der Rent⸗ meiſter ungeduldig, während die Frau ängſtlich ihren ſtechenden Blick auf den Officier gerichtet hielt. „Nein,“ erwiderte Albert kalt,„meine Mühe war vergeblich.“ „Sie ſind im Bergwerk geweſen,“ bemerkte Mrs. Lawrence, auf ſeine triefenden Kleider deutend. „Ich folgte dem Doctor dahin, aber ſein Beſuch galt nur einem Kranken. Apropos,“ ſetzte er hinzu, „in welchem Jahre ſtarb Marmaduke Burg?“ Die Haushälterin und Snape wurden beide todtenblaß. „Weßhalb fragen Sie dieß?“ fragten ſie. „Aus purer Neugierde. Ich meinte dieſen Na⸗ men von den Bergleuten erwähnen gehört zu haben. — Dieß iſt der Grund.“ Die treuloſen Diener erzitterten. Sie erinner⸗ ten ſich der Drohung des Doctors Curry, daß, wenn er wieder in die Halle zurückkehre, er nicht allein ſein werde, und ſie hatten ſich deßhalb häufig befragt, 13 196 ob der Mann, zu deſſen Verderben ſie ſich ver⸗ ſchworen hatten, auch wirklich todt ſei. Gut, dachte Albert, mein Verdacht trügt mich nicht. Sie haben keinen Beweis von ſeinem Tod. Marmaduke Burg iſt es, den ſie fürchten. Fünfundſechzigſtes Capitel. Unmittelbar nach dem Tode ihres Gemahls hatte ſich Frau von Courcie in ein religiöſes Haus, wohl⸗ bekannt in Paris als das Kloſter zum heiligen Her⸗ zen zurückgezogen. Von dieſem Zufluchtsorte äus hatte ſie den Brief geſchrieben, der Lilini mit ſo großer Betrübniß erfüllte, indem ſie darin ihre Ab⸗ ſicht, aus der Welt ſich zurückzuziehen und den Reſt ihrer Tage Gebet und Nachdenken zu widmen, an⸗ gekündigt hatte. Obgleich auf's Tiefſte davon ergriffen, kam dem Grafen dieſer Entſchluß nicht unerwartet. Diejenigen, welche mit den langen und ermüdenden Stürmen des Lebens gekämpft und, trotz dieſer Anſtrengungen jede Hoffnung haben ſcheitern ſehen, vermögen leicht jenes Sehnen nach Ruhe zu begreifen, welches ermüdete Geiſter fühlen, jenen unwiderſtehlichen Drang nach Einſamkeit, welche, gleich den reichen Harmonien der Natur oder den ſtimmloſen Melodien der Nacht, die Seele, wenn auch nicht das Ohr, berühren und gleich einem beſänftigenden Einſchläferungsmittel auf das müde Herz und Gehirn wirken. 197 Erfahrung lehrt uns, daß nur Wenigen das Loos unausgeſetzten Glückes zu Theil wird; ja, wir fragen, ob im buchſtäblichen Sinne des Wortes es irgend Jemand zu Theil wird? Es iſt dieß aber eine weiſe Einrichtung; denn wenn dieß der Fall wäre, ſo würden wir ſo ſehr an dieſer Welt hän⸗ gen, daß wir keine Zeit fänden an eine andere zu denken. So, wie es iſt, wird kein Band zerriſſen oder ein Weſen, das wir lieben, uns genommen, ſon⸗ dern die Erde verliert hloß einen Theil ihrer An⸗ ziehungskraft und die Erinnerung an das Geſtor⸗ bene macht den Gedanken an das Grab minder ſchrecklich. Die Jugend der Frau von Courcie hatte einem jener trüben und umwölkten Wintertage geglichen, den nur einmal auf einen Augenblick ein Sonnen⸗ ſtrahl erheitern zu wollen geſchienen hatte. Wir brauchen wohl kaum zu verſichern, daß dieſer kurze Sonnenſtrahl Lilini's Liebe zu ihr war. Ihre Ge⸗ burt war nicht nur eine Duelle der Sorgen, ſon⸗ dern auch bitterer Täuſchung für den Oberſten Hardy, ihren Vater, geweſen. Ihn nur hatte ſie gekannt, denn ihre Mutter hatte nur ſo lange gelebt, um ihr Kind zu umarmen, worauf ſie geſtorben war, indem ſie die Pflege dieſer zarten Pflanze ihrem Gatten, einem kalten, ernſten Manne überließ, der ſich ſehnſüchtig einen Sohn gewünſcht hatte. Unſere Leſer ſind bereits mit dem Umſtande von Adelaiden's geheimer Vermählung mit dem Grafen, aber nicht, was demſelben vorausgegangen war, be⸗ kannt. Das mutterloſe Mädchen hatte ein Alter von ſiebzehn Jahren erreicht, als ſie mit ihrem Geliebten betannt wurde. Die Natur ſchien Beide für ein⸗ ander geſchaffen zu haben. Sie hatten dieſelben Sympathien, denſelben Sinn für das Einfache, und ſo dauerte es nicht lange, bis Jedes die Vorzüge des Andern erkennen lernte. Anfangs gefielen dem Oberſten die Bewerbungen Lilini's— oder vielmehr Marmaduke Burg's, denn dieß war der wahre Name des vermeintlichen Spa⸗ niers— und eine Zeitlang ſchien es auch, als ob ſeine theuerſten Wünſche dadurch erfülit werden ſollten, was auch in der That der Fall geweſen wäre, wenn nicht ein falſcher Freund und ein älte⸗ rer Bruder ſich zwiſchen ihn und dieſes Glück ge⸗ ſtellt hätten. Capitän Helsman, ein Menſch ohne alle Grund⸗ ſätze und ſeiner zerütteten Vermögensverhältniſſe wegen zu jedem Unternehmen bereit, das ihm Aus⸗ ſicht auf Gewinn eröffnete und deſſen Regiment zu jener Zeit in Exeter in Garniſon ſtand, hatte, ver⸗ anlaßt durch Richard Burg, der ihm ſchon mehr⸗ mals aus Geldverlegenheiten geholfen, die Bekannt⸗ ſchaft des argloſen Marmaduke gemacht und, nur in der Abſicht ihn zu verrathen, hatte er in deſſen Vertrauen ſich eingeſchlichen. Als der ältere Bruder von der beabſichtigten Heirath hörte, ſchwoll ſein Herz von Bitterkeit und aß. Er hatte das heißblütige Benehmen des Jünglings nie verziehen, der, anſtatt ſeinem rauhen Temperament ſich zu unterwerfen, ihn in Gegen⸗ wart ſeiner Diener gedemüthigt hatte, ihn, den 199 Erſtgebornen! den Erben der Grundherrſchaft! das Haupt der Familie!— Im Stillen hatte er ſich zu rächen geſchworen und die ſich darbietende Ge⸗ legenheit war zu lockend, als daß er ſie unbenützt hätte vorübergehen laſſen mögen. Er richtete deßhalb an den Oberſten einen Brief, in welchem er von Marmaduke in den verächtlichſten Ausdrücken ſprach und dieſen als einen Wüſtling und Verſchwender ſchilderte. Zugleich rieth er ihm, wenn ihm ſeiner Tochter Friede und Glück am Her⸗ zen liege, die Verbindung abzubrechen, ehe es zu ſpät ſei. Die Folge davon war, daß dieſer dem Liebhaber das Haus verbot und Adelaiden befahl, nicht weiter mehr an ihn zu denken. Adelaide hatte auch Pirklich die Abſicht zu ge⸗ horchen, aber die Liebe erwies ſich ſtärker als der Gehorſam. Den leidenſchaftlichen Vorſtellungen Mar⸗ maduke's, ſeinem Schmerz und ſeiner Verzweiflung gelang es, ſie zu einer heimlichen Vermählung zu überreden. Helsman beſorgte einen Geiſtlichen, das heißt, einen Mann, den er für einen ſolchen ausgab. So verfloß ein Jahr und die junge Frau war auf dem Punkte Mutter zu werden. Marmaduke theilte dieß ſeinem falſchen Freunde mit, indem er zugleich die Abſicht ausſprach nach Burg⸗Hall ſich zu verfügen, um dort mit ſeinem Bruder ſich ausein⸗ ander zu ſetzen, der zugleich auch der Verwalter ſei⸗ nes kleinen Vermögens war. „Ein Geheimhalten iſt nicht länger mehr mög⸗ lich, ſprach er.„Ich muß unſere Verbindung der 20⁰ Welt verkündigen. Ich kümmere mich nichts darum wie ſehr ich mich durch dieſen Schritt demüthige. Ich will ſogar um Adelaiden's willen zu Bitten mich herbeilaſſen.“ Dieß war ein Schritt den die beiden Betrüger nicht erwartet hatten; denn Helsman hatte ganz nach den Anweiſungen Richard Burg's gehandelt. Sie mußten befürchten, daß ihre beiderſeitige Schlech⸗ tigkeit dadurch an den Tag komme und, was das Schlimmſte dabei war, daß ſie dadurch nicht nur dem Zorn des Oberſten Hardy, ſondern auch Mar⸗ maduke's ſich ausgeſetzt ſehen würden. „Wann gedenken ſie nach Cumberland zu gehen, WMarmaduke“ fragte Helsman, um ſeine Verwirrung unter dem Antheil an ſeinem Geſchick zu verbergen. „Morgen,“ erwiderte der argloſe junge Mann. Helsman machte ſich noch in derſelben Nacht auf den Weg, um ſeinen nichtswürdigen Vertrauten vor der Gefahr, die ihm drohe, zu warnen. Neidiſche und rachſüchtige Menſchen ſind meiſtens feig. Der Eigenthümer von Burg⸗Hall fühlte noch größere Angſt, als er dieſe Nachricht erfuhr, als ſein Mitſchuldiger; und weil ſtets ein Verbrechen ein anderes nach ſich zieht, ſo verabredeten ſich beide unter einander, daß der harmloſe Jüngling aus dem Wege geräumt werden ſolle. Derſelbe Mann, den er ſo lange für ſeinen Freund gehalten und dem er ſeine theuerſten Geheimniſſe anvertraut hatte, übernahm die Ausführung dieſes Planes. Der Zufall wollte, daß die Brüder ſich im Parke trafen, wohin der auf der Lauer ſtehende Mörder ſich begeben hatte, und es erfolgte ein heftiger Wort⸗ 201 wechſel. Gereizt durch die Weigerung Richards, ſeine Verläumdungen zu wiederrufen, die er dem Oberſten Hardy geſchrieben hatte, verließ ihn Mar⸗ maduke, der fühlte, daß er nicht länger mehr an ſich halten konnte, und rannte wie beſeſſen in den benachbarten Wald. Der Tag neigte ſich zu Ende: man hörte einen Schuß; er eilte den Weg, den er eingeſchlagen hatte, zurück und fand ſeinen Verfol⸗ ger ſchwer verwundet. In der Dämmerung hatte Helsman Kain für Abel gehalten. Richard und deſſen Rentmeiſter Snape klagten Marmaduke laut der That an. Es wurde ein Ver⸗ haftsbefehl gegen dieſen erlaſſen und der unglückliche Gatte Adelaiden's fand nur dadurch Sicherheit, daß er ſich im Bergwerk verſteckte, deſſen muthige Be⸗ wohner ihn mit ihrem Leben vertheidigt hätten. Von dieſem Zufluchtsorte aus ſchrieb er ſeinem vermeintlichen Freunde, er möchte zu ihm kommen. Schon nach wenigen Lehen ſich der Heuchler ein, indem er vorgab, ſo eben von Exeter eingetroffen zu ſein. Mit Thränen in den Augen, denn er war ein vortrefflicher Komödiant, theilte er Mar⸗ maduke mit, daß ſeine Frau nach der Entbindung geſtorben ſei und das Kind mit ihr. Mehr als einen Monat lang verfiel Marmaduke in Raſerei und er hätte wohl in dieſem Zuſtande ohne die Geſchicklichkeit und unermüdliche Sorgfalt des Dokters Curry die geheimen Wünſche und Ab⸗ ſichten ſeines unnatürlichen Feindes erfüllt. Nachdem er wieder hergeſtellt war, verließ der unglückliche Mann, der noch immer den Rathſchlä⸗ 202 gen ſeines Verderbers folgte, gebrochenen Herzens, an Leib und Seele abgeſpannt und vor der Zeit gealtert, England. In Spanien, wo er in die Armee eintrat, war er ſo glücklich das Leben des damaligen Infanten Don Carlos zu retten, deſſen Vater, der regierende König, ihm nicht allein einen Naturaliſationsbrief ausſtellte, ſondern ihm auch den Titel eines Grafen von Lilini verlieh. Erſt viele Jahre hernach kam er dahinter, welch' falſche Rolle Helsman gegen ihn geſpielt hatte, und daß Adelaide die Gemahlin des Generals von Courcie geworden war. Von dieſem Augenblicke an betrachtete er ſie nur noch als eine Schweſter. Kaum ſah ſich Richard Burg von ſeinem Bru⸗ der befreit, deſſen Glück und guten Namen zu zer⸗ ſtören ihm wenigſtens für eine Zeitlang gelungen war, als er an den Oberſten Hardy ſchrieb. Die⸗ ſem Briefe legte er ein gefälſchtes Zeugniß von ſeines Bruders Tode bei. Zugleich gab er ihm durch argliſtige Winke zu verſtehen, daß eine ge⸗ heime Vermählung ſtattgefunden habe. Dieß hatte er gethan in der Hoffnung, die ſchändliche Lüge, die er ausgeſonnen, in Wahrheit zu verkehren, und in der teufliſchen Berechnung, daß ſowohl dieſe niederſchmetternde Nachricht, als des Vaters Vor⸗ würfe wahrſcheinlich das Opfer ſeines Verraths und deſſen ungebornes Kind in ein frühzeitiges Grab ſtürzen würden. In dieſer ſchwarzen Abſicht wurde der unnatür⸗ liche Bruber nicht allein von Helsman, ſondern auch von dem Rentmeiſter Snape und der Haushälterin ——— 203 Mrs. Lawrence beſtärkt, die ihm dazu gerathen und ihre Mithilfe hatten angedeihen laſſen. Snape meinte dadurch einen Einfluß auf ſeinen Herrn zu erlangen, wenn er deſſen ſchlimmen Leidenſchaften Vorſchub leiſte und Mrs. Lawrence war ſchon längſt ſeine Geliebte geweſen. Es war ihr Sohn, den Richard ſo lange vor der Welt als illegitimen Sprößling ſeiner mißhan⸗ delten und vernachläſſigten Gemahlin gelten ließ, nach deren Tod er ſicher die Haushälterin gehei⸗ rathet haben würde, wenn nicht ſein jüngſter Bru⸗ der ihm ſo überzeugende Beweiſe von deren Un⸗ würdigkeit geliefert hätte, daß er dieſen Plan be⸗ ſchämt fallen ließ. Daher ſchrieb ſich der Haß dieſer Frau gegen Harry und der Eifer, mit welchem ſie ſich der Ver⸗ ſchwörung anſchloß, die dahin zielte, dieſen ſeines Familien⸗Erbthums zu berauben. Der Brief gelangte glücklicher Weiſe erſt den Tag, nachdem Adelaide Mutter geworden war, an ſeinen Beſtimmungsort. Noch in der Stunde nach der Geburt des Kindes hatte ſie ſich von demſelben getrennt, obgleich ihr der Schmerz darüber faſt das Leben geraubt hatte. Wie kalt und ſtreng auch Oberſt Hardy war, ſo erinnerte er ſich doch, daß er Vater ſei; und als er den jammervollen Zuſtand ſeiner Tochter ſah, obwohl er ſogleich die Urſache ahnte, ſo entſchlüpfte doch kein Vorwurf ſeinen Lippen. Er hielt ſie für rechtmäßig vermählt. Hätte er die ganze Wahrheit gekannt, ſo fragt es ſich ſehr, ob der alte Mann ſeinen Unwillen hätte bemeiſtern können. 2„ Es ſtand lange, ſehr lange an, ehe die unglück⸗ * liche Mutter ſo weit genas, daß ſie ihren Vater nach Frankreich begleiten konnte, wo ſie mit Gene⸗ ral von Courcie bekannt wurde, der ihr ſeine Hand anbot. Vergebens ſprach Adelaide den Wunſch aus, dieſe abzulehnen; ihr Vater zeigte ſich unerbittlich. Er war von denen, welchen er die Ergründung des Ge⸗ heimniſſes aufgetragen hatte, gut bedient worden. Man legte ihr die Beweiſe vor, daß ihre Vermäh⸗ lung keine rechtmäßige geweſen ſei und theilte ihr zugleich die Nachricht vom Tode ihres Kindes mit. In ihrem hilfloſen Zuſtande blieb ihr nichts übrig, als das von ihr verlangte Opfer zu bringen. Ein Jahr darauf ſtarb der Oberſt. Der übrige Theil dieſer traurigen Geſchichte iſt unſern Leſern bereits bekannt. Lilini, denn ſo werden wir ihn auch fortan nen⸗ nen— hatte zweimal geſchrieben, ehe die verwitt⸗ wete Adelaide ihn zu ſehen einwilligte, und als er ſie endlich im Sprechzimmer des Kloſters traf, fand er ſie ſo verändert, ſo bleich und leidend, daß ihm beinahe der Muth entſank. Er war mit der Hoff⸗ nung, ja, mit der Gewißheit, wie er meinte, ge⸗ kommen, ſie mit einem unverhofften Glück bekannt zu machen. Bei ihrem Anblick fragte er ſich aber im Stillen, ob er ihr nicht gar den Tod bringe, denn Freude tödtet zuweilen raſcher als der Kummer. Auch er fühlte ſich auf's Tiefſte erregt. Der Anblick der Frau, die er immer noch ſo zärtlich ge⸗ liebt, raubte ihm faſt alle Kraft. „Sehen Sie mich nicht ſo vorwurfsvoll an, Mar⸗ 205 maduke,“ ſprach ſie;„und verzeihen Sie mir den Schmerz, den ich unfreiwillig Ihnen verurſacht habe. Ich hatte gehofft, daß dieſe Scheideſcene vermieden würde.“ „Und weßhalb ſollen wir ſcheiden?“ rief er aus. „Ich habe reiflich über Alles nachgedacht, was Sie geſagt haben und was Sie vorbringen können; aber Vernunft ſowohl, als Liebe ſträuben ſich gegen den Schritt. Die Vorſehung hat die einzige Schranke entfernt, die unſerer Verbindung im Wege ſtand, ſollen wir uns unerbittlicher zeigen als der Himmel und uns weigern, die Gelübde zu heiligen, die unſere Herzen ſchon längſt ausgeſprochen haben? Sie ſchul⸗ den dieß ſich ſelbſt und meiner Ehre.“ „Ich kann die Vergangenheit nicht ungeſchehen machen,“ bemerkte die unglückliche Frau tief er⸗ röthend,„die Erinnerungen, die mich verfolgen— die Reue, die mich tödtet. Wenn ich mich wieder vermählte, könnte ich je vergeſſen, daß ich Mutter geweſen bin; daß mein Kind, mein unſchuldiges Kind, ein Opfer meiner falſchen Scham, meiner fei⸗ gen Aengſtlichkeit, ſtarb. Hätte ich es in meiner Nähe behalten, anſtatt es der Pflege von Mieth⸗ lingen zu überlaſſen, ſo würde es vielleicht mich zu beglücken am Leben geblieben ſein.“ „Und iſt dieß,“ fragte der Graf, ihre Hand er⸗ greifend,„Ihr einziger Einwurf, weßhalb Sie ein Recht nicht beſtätigen wollen, deſſen mich nur der Verrath eines Schurken beraubte? Erwägen Sie es wohl.“ „Es iſt die Sühne für meine Schwäche, für mein Verbrechen,“ murmelte Adelaide. 206 „Verbrechen!“ wiederholte Lilini.„Nicht dieſes Wort, Adelaide, nicht dieſes Wort, das mich ent⸗ muthigt! Wenn das Unterpfand unſerer früheren Liebe und unſerer Sorgen noch lebte, ſo hätten wir noch glücklich werden können, denn dann hätten Sie mich nicht abweiſen können. Wäre dieß nicht ein ſüßer Troſt gemeſen, wenn die Vorſehung mir zu ſagen geſtattet hätte: Sieh Dein Kind an! Es iſt der Liebe ſeiner Mutter würdig, würdig alles deſſen, was eines Vaters Stolz nur wünſchen kann. Es iſt rein, unſchuldig und lieblich. O, mit welcher Freude, mit welchem Entzücken hätte ich Sie dann an mein Herz gedrückt und Ihnen zugeflüſtert: Se⸗ hen Sie hier die Entſchädigung für alle unſere frü⸗ here Prüfungen!“ Frau von Courcie zitterte heftig; ihr Herz pochte mächtig unter den Empfindungen, welche dieſe Worte in ihr wach riefen. „Dann das Vergnügen,“ fuhr der Graf fort, „der Entfaltung der edlen Eigenſchaften ſeines Gei⸗ ſtes und Herzens zu folgen,— die Freude, wenn es ſich dann herausſtellt, daß es wie Gold aus den Läu⸗ terungen des Lebenskampfes hervorging, um ſo ge⸗ läuterter, je härter es zu kämpfen hatte,— das der theuren Namen Mutter, Vater zu ören—“ „O hören Sie auf!“ unterbrach ihn die unglück⸗ liche Frau im Tone der Verzweiflung.„Jedes Wort, das Sie ſprechen, erfüllt meine Seele mit Ge⸗ wiſſensbiſſen.“ „Warum ſoll ich aber das Bild nicht weiter aus⸗ malen?“ fragte er ſanft. ————— 207 „Weil es ſich nie verwirklichen kann,“ erwiderte Adelaide in Thränen ausbrechend,„weil das Grab ſchon längſt das Kind aufgenommen hat, das ich ſo feigerweiſe der Pflege einer Fremden überließ,— weil mein Kind geſtorben— der Ort, wo es be⸗ graben liegt, mir unbekannt iſt,— geſtorben, ohne die Pflege der Mutter im letzten peinlichen Kampfe mit der Natur,— ohne einen Kuß der Mutter,— ohne ein Gebet der Mutter, um es zu ſegnen!“ „Sie haben Recht,“ verſetzte Lilini,„und doch kann ich nicht umhin bei dem Gegenſtande zu ver⸗ weilen. Die Vorſehung bewahrt uns zuweilen ein Glück auf, das wir kaum zu träumen wagten, denn ihre Güte iſt eben ſo unerſchöpflich wie ihre Macht.“ Durch dieſe mit langſamer Betonung ausge⸗ ſprochenen Worte wurde Frau von Courcie im höch⸗ ſten Grade betroffen. Eine ſchwache Hoffnung— eine Ahnung, ſo unbeſtimmt jedoch, daß nur die Zähigkeit der Mutterliebe daran ſich zu halten fähig war, drückte ſich in ihrem bleichen Geſichte aus. „Sprechen Sie!“ ſtammelte ſie;„Sie ſind zu gut, zu wohlwollend, als daß Sie nutzloſe Qual zu ver⸗ urſachen im Stande wären.“ „Erinnern Sie ſich der Vergangenheit!“ ſprach der Graf. „Sie kommt mir keinen Augenblick aus dem Sinne,“ antwortete die Baronin ſchwermüthig. „Man ſagte mir, Sie ſeien geſtorben,“ fuhr er fort,„und doch trafen wir uns wieder. Die Zer⸗ ſtörer unſeres Glücks ſchrieben daſſelbe von mir, und dennoch lebe ich.“ „Es iſt wahr,“ ſtöhnte Adelaide. * Selbſtvorwurfs, mein Ungeſtüm hat ſie getödtet 208 „Welche Beweiſe haben wir dafür, daß unſer Kind nicht mehr exiſtirt?“— daß nicht der Him⸗ mel in ſeiner Gnade—“ Ehe er noch endigen konnte, hatte das Herz der Mutter das Uebrige errathen. Sie kannte den Mann ihrer Liebe zu genau, als daß ſie auch nur einen Augenblick hätte vorausſetzen können, er ſpiele mit ihren Gefühlen. „Sprechen Sie!“ rief ſie.„Nein, nein! das Wort— die Freude würde mich tödten und ich würde es nicht mehr erleben, mein Kind zu umar⸗ men,— es an mein vereinſamtes Herz zu ſchließen, — es das Wort Vergebung ausſprechen zu hören. Ein Blick— Marmaduke, genügt.“ Der Blick unausſprechlicher Zärtlichkeit, die Thrä⸗ nen, welche trotz der langen Gewohnheit der Selbſt⸗ beherrſchung über ſeine männlichen Wangen rollten, beſtätigten ihre Glückſeligkeit, und Frau von Courcie wäre, überwältigt von ihren Gefühlen, ohnmächtig zu ſeinen Füßen niedergefallen, hätten nicht Lilini's Arme ſie aufgefangen. „Ich habe ſie getödtet!“ rief er im Tone des . Einige Minuten lang ſchienen Leben und Tod ſich den Sieg um Adelaide ſtreitig machen zu wollen. Glücklicherweiſe behielt die Lebenskraft die Ober⸗ hand. Das warme Blut, welches eine Reihenfolge heftiger Gemüthserſchütterungen vom Herzen weg⸗ getrieben hatte, kehrte dahin zurück und ihr todten⸗ hleiches Geſicht färbte ſich wieder ein wenig. Als Adelaide wieder ſich ſelbſt bewußt wurde, bildete ſie ſich ein, ihre Phantaſie habe ſie durch 209 einen jener Träume im wachenden Zuſtande getäuſcht, welche das ſehnſüchtige Verlangen der Seele abſpie⸗ geln und ſie weinte, weinte laut an der männlichen Bruſt, an welche ihr matt herabhängendes Haupt ſich lehnte. O wie ſehr freute ſich Lilini über den Anblick ihrer Thränen. Er kannte deren heilſamen Einfluß, wußte, daß ſie gleich dem auf die vergelkte Blume fallenden Thau neu beleben und aufrichten. „Der Anfall iſt glücklich vorüber,“ murmelte erz„ſie iſt gerettet!“ Ehe er Ad elaide der Pflege der zwei Schweſtern überließ, die ſogleich, als es ruchbar wurde, daß Frau von Courcie in Ohnmacht gefallen ſei, in das Sprech⸗ zimmer des Kloſters geeilt waren, flüſterte er ihr in's Ohr: „Sie lebt! und iſt, wie Ihre Liebe ſie nur wün⸗ ſchen kann. Sie müſſen ſich aber Keeit Ade⸗ laide. Nach einer Scéne, wie dieſe, verlangt die Na⸗ tur Ruhe. Muthen Sie Ihrer Kraft nicht zuviel zu.“ Verlaſſen Sie mich nicht,“ erwiberte ſie ſchwach. „Ich vermag nur ſo lange Sie in meiner Nähe ſind, zu glauben, daß mein Glück wirklich und keine bloße, grauſame Täuſchung iſt. 4 Der Graf löste von ſeinem Halſe ein Schlöß⸗ chen ab, das er dort an einer kleinen zer Kette trüg. Es das erſte Geſchenk, das Ade⸗ Sü ihm gegeben hatte und das nie von dieſer ele gekommen war, ſeitdem ihre Hände es dort befeſtigt hatten. Nehmen Sie dieß,“ ſprach er,„und wenn n Zweifel an die frohe Wirklichkeit in Ihnen Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 14 5 ₰ 210 3 auſſteigen ſollte, ſo ſei dieß das Unterpfand, daß Ihre Phantaſie Sie nicht getäuſcht hat, daß Sie noch immer Mutter ſind. Es war dieß mein Begieiter auf meinem Lebenswege durch ſo viele Prüfungen und Gefahren, durch die langen Jahre meiner ein⸗ ſamen Wanderungen. Sie erinnern ſich ſeiner doch noch?“ Eln Blick, der mehr ausdrückte als das ſchwache Ja, welches auf den Lippen der Frau erſtarb, die er ſo zärtlich liebte, ſagte ihm, daß ſie ſich des An⸗ denkens erinnere. Während die Nonnen ſie aus dem Zimmer wegführten, blieben ihre Augen feſt auf den ſeinigen haften, und als die Thüre ſich hinter ihr ſchloß, fielen ihre Blicke auf die Kette und das Schlößchen, das ſie krampfhaft in der Hand hielt. Sie fühite, daß das Glück, welches ſo lange ſchon ihr fremd geworden war, gleich einem neugeborenen Engel in ihr Herz ſich ſchlich. Bei jeder neuen Unterredung wurde der Geiſt der Frau von Courcie ruhiger und ſie blickte hoff⸗ nungsvoll in die Zukunft, die ihr vor Kurzem noch ſo dunkel und freudenlos erſchienen war. Nur eine Mutter vermag die zahlloſen Fragen zu erſinnen, die ſie an Lilini ſtellte; es war un⸗ möglich, Alles das zu beantworten, was ſie zu wiſ⸗ ſen wünſchte. Das Meiſte konnte nur durch ihr Kind ſelbſt beantwortet werden, deſſen Anweſenheit erſt ihrer Freude das Siegel und die Beſtütig aufzudrücken vermochte. Es war begreiflicher Weiſe jetzt keine Rede me dovon, daß Adelaide ſich aus der Welt zurück hen werde, die noch nie ſo viel verſprechend jetzt geweſen war oder ſo freundlich ihr zugelächelt hatte. Der Graf erzählte ihr nun unter Vermeidung aller Umſtände, welche ſie aufregen und betrüben konnten, auf welche Weiſe das Leben des Kindes erhalten worden ſei und theilte dann deſſen Lebens⸗ geſchichte mit bis zu dem Zeitpunkte ſeiner Verhei⸗ rathung mit Kit Corling. „Berheirathet!“ wiederholte Frau von Cyurcie ängſtlich. „An einen Mann, den ich unter die edelſten und beſten Menſchen zähle,“ erwiderte Nancy's Va⸗ ter;„an einen Mann, der ihrer vollkommen würdig iſt. Als Ihr Kind nach dem Tode Derer, die es beſchützt hatten, einſam in der Welt ſtand, wachte er mit brüderlicher Sorgfalt über daſſelbe. Die Aengſtlichkeit eines Liebhabers ſchützte das Mädchen vor all' den Gefahren, welchen unbewachte Un⸗ ſchuld ſtets ausgeſetzt iſt. „Gott ſegne es ihm!“ murmelte Adelaide, deren Vefürchtung für das Wohl ihrer Tochter durch dieſe Verſicherung eben ſo ſchnell wieder verſchwanden, als ſie aufgetaucht warenz„er hat ſie verdient. Ich fühle mich ſtark, Marmaduke, ſtark genug,“ ſetzte ſie hinzu,„nach England zu reiſen.“ „Wir wollen in einigen Tagen zuſammen dahin abgehen,“ verſetzte Lilini. einien Tagen!“ „Sie ſind wegen Ihrer Ruhe nothwendig, Ade⸗ aide,„und wegen der Vorbereitungen zu unſerer Vermählung. Ich verlange dieſe jetzt nicht mehr 14 2¹2 allein um meiner ſelbſt, ſondern auch um Ihres Kindes willen. 4 „Sie haben Recht, denn meine Tochter darf über ihre Mutter nicht erröthen,“ erwiderte die Ba⸗ ronin.„O Marmaduke! Wenn ſie meine Auffüh⸗ rung tadelte und kalt auf mich herabſähe, ſo würde dieß mein Herz brechen.“ Dieſer Gedanke regte Adelaide ſo auf, daß es einiger Zeit bedurfte, ehe ſie ſich ſo weit wieder faßte, um Lilini's Gründen Gehör ſchenken zu können. „Sie quälen ſich mit eitler Furcht ab, ſprach er,„denn Sie haben ſich in keiner Hinſicht Vor⸗ würfe zu machen. Der ſtrengſte Moraliſt kann Sie, das Opfer des Verbrechens eines Andern, nicht an⸗ klagen. Seien Sie gerechter gegen ſich ſelbſt und Ihre Tochter.“ och vor Ablauf der Woche hatte Frau von Courcie das Kloſter zum heiligen Herzen verlaſſen und war in das Hotel ihres verſtorbenen Gemahls zurückgekehrt zum großen Verdruß ihrer Verwand⸗ ten, welche darauf gerechnet hatten, nach ihrem Rück⸗ tritt aus der Weilt einen beträchtlichen Theil ihres Vermögens zu erlangen. Anſtatt eines Antheils überließ ſie ihnen aber Alles, denn weder ſie ſelbſt, noch Marmaduke hätten den Gedanken erträgen kön⸗ nen, auch nur einen Theil des Reichthums des ver⸗ ſtorbenen Generals für ſich zu behalten. Siehe⸗ faßen auch ohne dieſen genug, um glücklich zu leben. Die Vermählung, welche wegen des noch nicht lange erfolgten Todes des Gemahls der Braut in größter Stille gefeiert wurde, fand in der Kapelle der britiſchen Geſandtſchaft ſtatt. Lord Charles 213 Murray, die Herzogin von Rohan und deren NRichte, Marie von Trouville, waren die einzigen Zeugen. Unmittelbar nach der Ceremonie reisten der Graf und die Gräfin Lilini nach England ab. Wie groß aber auch die Prüfungen geweſen waten, welche Adelaide ſchon zu beſtehen gehabt hatte, ſo ſtand ihr die größte noch bevov. Sie ſollte ihre Tychter als eine Fremde ſehen,— den lang gehegten ſehnlichen Wunſch, ſie in ihre Arme zu ſchließen, an ihrem Halſe zu weinen und ſie mit dem theuren Namen„Kind“ zu begrüßen, unter⸗ drücken. Geheimhaltung war durchaus nothwendig, denn die jähe Freude über eine ſolche Entdeckung Fie in Nancy jetzigem Zuſtande gefährlich werden önnen. Nicht leicht zeigte ſich die Stärke mütterlicher Liebe rührender, als in der Selbſtbeherrſchung der zärtlichen Mutter, als Bella und Miß Cheerly ſie in das Zimmer führten, wo Kit Corling's Frau an ihrer Arbeit ſaß, eifrig damit beſchäftigt, die Sticke⸗ rei zu einem Häubchen für den erwarteten Welt⸗ bürger zu vollenden. Keine Thräne trat in ihr Auge und doch war ihr Herz ſo voll, ſo übervoll; nur ihre Lippen zitterten ein wenig, als Nancy mit ihrer ruhigen, gewohnten Anmuth ihrer neuen Be⸗ kannten die Hand entgegenſtreckte; aber kein Wort Pi iſchte denſelben. „Die Gräfin iſt angegriffen und leidend,“ be⸗ merkte Miß Trelawny, das Stillſchweigen unterbre⸗ chend.„Emma und ich werden ſie pflegen, ſo lange ſie hei uns bleibt und ſie hat uns verſprochen, daß 214 dieß während der Abweſenheit des Grafen der Fall ſein ſolle.“ Dann bin ich feſt überzeugt, daß ſie ſich bald wohl befinden wird,“ bemerkte Nancy mit wohl⸗ wollendem Lächeln, indem ſie zugleich der Dame auf dem Sopha neben ihr Platz machte.„Sie ſehen, wie man mich hier verhätſchelt,“ fuhr ſie fort,„man kommt jedem meiner Wünſche zuvor. Ich frage mich oft ſelbſt, womit ich ſo viele Zuvorkommenheit verdient habe.“ „Sie haben wahrſcheinlich diejenigen, die Sie umgeben, gelehrt Sie zu lieben,“ murmelte ihre Mutter in bewegtem Tone. Nancy blickte ſie erſtaunt an. „So geht es Allen, die ſie kennen,“ rief Miß Cheerly, indem ſie ſanft den Arm um den Nacken ihrer Freundin ſchlang und dieſe küßte, um ihre Aufmerkſamkeit von der Aufregung, in der ſich die Gräfin befand, abzulenken. Sie iſt die Güte ſelbſt. Selbſt die hypochondriſchſte Natur könnte ihr nicht gram ſein oder der Neid ihr die geringſte Unvoll⸗ kommpnheit des Herzens oder Gemüthes nachweiſen. „Emma, Emma,“ ſagte der Gegenſtand dieſer Lobeserhebungen tief erröthend,„was wird die Dame hier von einer ſo übertriebenen Empfehlung den⸗ ken. Sie wird ſich entſetzlich enttäuſcht finden, wenn ſie entdeckt, was für ein ſchwaches, einfaches Ge⸗ ſchöpf ich bin. „Einfach, allerdings,“ bemerkte Bella;„wahres Verdienſt iſt immer ſo beſchaffen; aber ſchwäch, das ſind Sie keineswegs. Die Gräfin wird übrigens Gelegenheit finden, ſelbſt zu urtheilen, und ich will 215⁵ nie wieder zu prophezeihen wagen, wenn ſie nicht in wenigen Tagen ſchon nicht nur derſelben Anſicht iſt, ſondern Sie auch ſo innig liebt, wie wir.“ „Ich kam ſchon in dieſer Abſicht hieher,“ erwi⸗ derte Adelaide, die Hand Nancy's ergreifend, die ſie voll Zärtlichkeit anblickte. „In dieſer Abſicht!“ wiederholte dieſe. „Haben Sie denn zuvor ſchon von mir gehört?“ „Mein Gatte hat oft von Ihnen geſprochen.“ „Der Graf iſt außerordentlich gut, ſowohl gegen mich, als gegen Kit. Sie können ſich gar nicht denken, wie herablaſſend er uns in unſerm kleinen Hauſe auf dem Lande beſuchte; denn obgleich Sie mich hier in dieſem ſchönen Hauſe finden, umgeben von Lurus, ſo bin ich doch nur eines armen Zim⸗ mermanns Frau und verdanke dieß Alles nur mei⸗ nen Freunden. „Er hat mir auch von Ihrem Manne erzählt,“ fuhr die Gräfin fort. „Kit verdient ſein Lob, rief Nancy mit Wärme. „Sie können ſich gar nicht vorſtellen, wie gut er iſt. In ſeinem ganzen Leben hat er mir noch kein un⸗ freundliches Wort geſagt. General Trelawny be⸗ handelte ihn wie einen Mann ſeinesgleichen. Sir Mordaunt Tracy achtet ihn 4 der edle Graf Li⸗ lini nennt ihn Freund, eine Bezeichnung, mit der er gewiß nicht freigebig iſt, wie ich feſt überzeugt bin.“ „Es ſcheint, daß mein Gemahl ein Liebling von Ihnen iſt,“ bemerkte die Gräfin. „Dieſes Wort iſt viel zu familiär, als daß ich es gebrauchen dürfte,“ verſetzte Kit Corling's Frau 216 beſcheiden.„Ich verehre den Grafen— er iſt ſo weiſe, ſo edel, ſo groß in allen ſeinen Gedanken. Das erſte Mal, als ich ihn ſah, überkam nic ein eigenthümliches Gefühl,— ein Gefühl, in das ſich Scheu, Achtung und Liebe miſchte. Wenn ich von Liebe ſpreche,“ ſetzte ſie mit leichtem Erröthes hin⸗ zu,„ſo verſtehe ich nur dié Liebe darunter, welche eine Tochter gegen ihren Vater fühlen kann.“ Adelaide war von dieſer Bemerkung zu tief er⸗ griffen, als daß ſie darauf zu antworten gewagt hätte. „Es iſt ſonderbar,“ hub Nancy nach einer Pauſe wieder an,„daß mich jetzt daſſelbe Gefühl wieder anwandelt; vielleicht rührt dieß Daher, weil wir von dem Grafen geſprochen haben. Sie müſſen ihm aber meine thörichten Worte nicht wieder ſagen; ſie könn⸗ ten erzürnen und ich möchte um die Welt nicht ihn beleidigen.“ Ein unterdrückter Seufzer, der ſich unwillkürlich den Lippen der Gräfin Lilini entwand, erſchreckte Nancy, die ihre Freunde ängſtlich anblick te aus Furcht, ſie möchte etwas Ungeſchicktes geſagt haben. Vie gedankenlos ich bin!“ ſagte Bella Trela⸗ wny zu der Gräfin, die im Kampfe mit ihrer Ge⸗ müthsbewegung die Stimme der Natur zu unter⸗ drücken ſuchte, damit dieſe das Geheimniß nicht zu früh verrathe, das noch geheim zu halten ihr ſo dringend aneripfohlen war.„Die lange Reiſe hat Sie ermüdet und aufgeregt; erlauben Sie mir daher, Sie in Ihr Zinimer zu geleiten.“ Mit faſt t übernatürlicher Anſtrengung ſtand die Mutter von ihrem Sitze auf, preßte ihre Lippen auf S 217 6 die Stirne ihres erſtaunten Kindes und indem ſie Bella's Arm ergriff, verließ ſie wankenden Schrittes das Gemach. „Die arme Dame!“ bemerkte Nancy;„ihre Ge⸗ ſundheit ſcheint ſehr angegriffen zu ſein.“ „Sie htte ſchwere„ Fini zu beſtehen,“ erwi⸗ derte Miß Cheerly, froh daß das erſte Zuſammen⸗ treffen war;„dieſe ſind aber glücklich über⸗ S wie ich hoffe, und die Zukunft ſcheint ihr zu lächeln. Ich bin überzeugt, daß Sie ſie liebge⸗ winnen werden.“ „O ja!“ rief Nancy in herzlichem Tone;„das iſt ſchon jetzt der Fall. Welch ein Ausdruck— welch eine Melancholie in ihren Zügen! Das müſſen böſe Menſchen geweſen ſein, die ihr ſo gro⸗ ßen Kummer bereitet haben! Wie freundlich ſie mit mir ſprach! Wie zärtlich ſie mich küßte! Mein Herz wurde dadurch von innigſter Freude erfüllt. Sie lieb gewinnen! Ich fühle, daß ich ihr jetzt ſchon auf's Innigſte zugethan bin. Wann werde ich ſie ſehen?“ „In einigen Tagen,“ Emma. Nancy machte eine betrübte Miene. „Sie bedarf der Ruhe,“ fuhr das vorſichtige Mädchen fort.„Ihre Nerven ſind ſo angegriffen; ſie iſt ſo aufgeregt, daß der geringfügigſte Umſtand ſie erſchüt ttert und in Ihrem gegenwärtigen Zuſtande ich— „O, für mich en Sie nichts zu befürchten!“ unterbrach ſie Nancy lächelnd.„Da ich jetzt die Ur⸗ ſache kenne, ſo werde ich im mindeſten nicht dadurch beunruhigt werden. Es iſt dieß alſo nur ihre Art?“ 218 „Nichts Anderes.“ Um Nanch keine weitere Veranlaſſung zu geben, ſich noch länger mit dem ſo eben ſtattgehabten Zu⸗ ſammentreffen zu beſchäftigen, gab Miß Cheerly dem Geſpräch geſchickt eine andere Wendung; ſie ſetzte ſich neben ihre Freundin auf den Sopha und bat ſie, ihr zu erlauben, bei ihrer Arbeit ihr behülflich ſein zu dürfen. ch ſitze ſo gerne heben Ihnen,“ ſprach ſie, „und es freut mich in Ihre freundlichen ausdrucks⸗ vollen Augen blicken zu können, die— dem Himmel ſei Dank!— nicht mehr getrübt ausſehen, während wir arbeiten. Es erinnert mich dieß an vergangene Zeiten, an die wir jetzt ohne Furcht und ohne Vor⸗ wurf zurückdenken können.“* Die beiden Freundinnen blickten ſich an und lächelten. „Ich habe ſie geſehen— ihre Stimme gehört— meine Lippen auf ihre bleiche Stirne gedrückt!“ rief Adelaide aus, als ſie in die Arme ihres Gemahls ſank, der in ängſtlicher Spannung das Reſultat die⸗ ſes Zuſammentreffens im Beſuchzimmer abgewartet hatte.„Ich habe den Segen unterdrückt, der auf meiner Zunge ſchwebte,— ich habe es über mich vermocht das Wort zu unterdrücken, das auszuſpre⸗ chen mein Herz ſo ſehnlichſt wünſchte,— ich habe es um meines Kindes willen über mich vermocht!“ „Und hat Nanchy keine Ahnung?“ „Keine, Graf,“ antwortete Bella, in deren Augen Thränen ſtanden;„nie ſah ich einen heldenmüthi⸗ geren Kampf mit an.“ „Und wo iſt jetzt Nancy?“ — 2¹9 „Ich ließ ſie bei Miß Cheerly zurück.“ „Noch ein wenig Geduld,“ ſagte der Graf, ſeine Gemahlin beruhigend,„und der Schleier wird vol⸗ lends fallen. Ich weiß, daß es eine harte Prüfung iſt, aber ſie iſt nothwendig. Die Wolken, welche den Morgen Ihres Lebens verdunkelten, haben ſich verzogen und Hoffnung auf hellen Sonnenſchein iſt vorhanden. Laſſen Sie uns nicht mißmuthig werden, wenn der Sturm noch in der Ferne rauſcht, ſondern an die ſüße Belohnung für unſere Leiden denken.“ „Fürchten Sie nichts,“ erwiderte die Gräfin, „welcher Art auch meine Gefühle ſein mögen, ſo ſollen meine Lippen ſie nicht laut werden laſſen oder ſoll ein unvorſichtiger Blick das Geheimniß ver⸗ rathen. Ich bin ſtärker, gefaßter, ſeit ich ſie ge⸗ ſehen habe, und kenne den Werth des Schatzes, den ich gefunden habe, zu wohl, als daß ich den Ver⸗ zuſt deſſelben auf's Spiel ſetzen möchte. Verlaſſen Sie ſich— nicht auf mein Verſprechen, auf meine Ver⸗ ſchwiegenheit,— ſondern auf etwas, was hundertmal ſtärker iſt, als beides, auf die Liebe der Mutter.“ Die Liebe der Mutter! Das Grab allein kann ſie vernichten— die Erde beſitzt kein herrlicheres Band oder der Himmel eine reinere Freude, als ſie. Sechsundſechzigſtes Capitel. Es iſt jetzt Zeit, daß wir zu dem Notar Wigget zurückkehren, den wir in der freiwilligen Verban⸗ nung in Oſtende verließen. 220 Wie alle Engländer, wenn ſie zum erſten Mal den Continent beſuchen, wußte der unglückliche Pro⸗ jectenmacher nicht, was er mit ſeiner Zeit anfangen ſolle. Er ſprach nur wenig Franzöſiſch— das Leſen war ihm zuwiser, wenn es ſich nicht um den Geſchäftsbrief eines reichen Clienten handelte, — er hatte die Kirche beſucht,— die Leuchter und Gemälde ſo lange angeguckt, bis er die letztern auswendig wußte, und war auf dem Damm wohl hundertmal hin und her gegangen, ohne auchznur eine einzige Bekanntſchaft unter ſeinen Landsleuten zu machen. Es iſt dieß in der That auch ſehr ſchwierig, wenn man nicht bei den wenigen Fami⸗ lien, die einer näheren Bekauntſchaft, werth ſind, förmlich eingeführt wird. Die übrigen gleichen⸗ hungrigen Hayfiſchen, die nur zu gierig auf den unbedachtſamen Herumlungerer losſtürzen, der ſich in ihre Waſſer wagt. Die Lords von Oſtende— wie die Belgier die engliſche Colonie bezeichnen— kann man in drei Claſſen theilen. Die erſte und achtbarſte beſteht aus ſolchen, die aus Gründen der Hekonomie oder der Erziehung ihrer Kinder wegen hier ihren Wohnſitz aufgeſchla⸗ gen haben. Dieſe nennt man die Rückkehrfähigen, was ſo viel heißen will, daß ſie, wann es ihnen beliebt, nach England zurückkehren können, ohne daß ſie fürchten müſſen, daß die Juſtiz ihre eiſerne Hand auf ihre Schultern legt, um ſie für irgend ein früheres Vergehen zur Rechenſchaft zu ziehen. Die nächſten nach ihnen auf der geſellſchaftlichen Stufenleiter ſind die Schuldner, die in langen Zwiſchen⸗ 221 räumen und unter Beobachtung großer Vorſichts⸗ maßregeln ihren heimathlichen Boden zu beſuchen wagen, indem ſie es gewöhnlich ſo einrichten, daß ſie an einem Sonntag an's Land ſteigen, an jenem glücklichen Tage, der dem Geſetze ſeine Kraft raubt, die gerichtliche Vorladung aufhebt und den gefürch⸗ teten Gerichtsdiener zu nichts weiter als zu einem ganz gewöhnlichen Sterblichen macht. Es iſt unterhaltend, die Erzählungen dieſer unſchuldigen Dulder anzuhören. Ein jedes von dieſen intereſſanten Opfern iſt, nach ſeiner An⸗ gabe wenigſtens, durch nichts Anderes als miß⸗ brauchtes Vertrauen, oder durch eine ganz außer⸗ ordentliche Ungerechtigleit, oder eine Reihenfolge von Ereigniſſen, welche außerhalb des Bereichs menſchlicher Vorausſicht waren, in dieſe Lage ver⸗ ſetzt worden. Es iſt ein wahres-Wunder, wie dieſe Leute es angreifen, um exiſtiren zu können, denn Geld beſitzen ſie keines, und Credit iſt, wie unſere Leſer ſich denken können, bei ihnen eine eben ſo große Seltenheit. Dieſem Mangel an baarer Münze wiſſen ſie aber durch ihre Talente abzuhelfen; ſie ſind im Allgemeinen gewandt, wunderbar gewandt, und man ſagt ihnen nach, daß wenn dieſe ganze Rotte unter ſich nur einen Franken beſäße, ſo würde Jeder an dieſem Tage für ſich ſein Mittageſſen damit be⸗ ſtreiten, und dazu gehört denn doch kein geringes Talent. Einige darunter führen den Titel eines Profeſ⸗ ſors, Andere nennen ſich Agenten, aber was die Erſtern lehren oder was die Letztern für Geſchäfte unternehmen, das weiß Niemand als ſie ſelbſt. N 222 Die letztere, und zu unſerem Bedauern müſſen wir's ſagen, die zahlreichſte Categorie, ſchließt die Kinder des Verbrechens in ſich,— Menſchen, die allein in der Verbannung ihre Sicherheit finden. Unter dieſen gibt es Reiche und Arme. Wer von ihnen nach Oſtende kommt, darf hier bleiben, wenn er Geld beſitzt; denn die Regierung liefert nur bei Capitalverbrechen aus. Im Allgemeinen leben dieſe Leute unangefochten und nur wenn große Inter⸗ eſſen auf dem Spiele ſtehen, veranlaßt der Miniſter des Innern einen Verbrecher dieſer Art, das Land zu meiden, indem er ihm freiſtellt, wohin er ſeinen Paß viſirt haben will. Mr. Wigget befand ſich ſchon ſeit mehreren Wochen in Oſtende, und wir brauchen wohl kaum zu verſichern, daß er ſeines Aufenthalts herzlich müde war. Der Dämon der Langenweile hatte gänzlich von ſeinem Geiſte Beſitz ergriffen: er wußte die Zahl der Häuſer in jeder beliebigen Straße,— er hatte die Pflaſterſteine abgezählt— den Abgang und die Rückkehr jedes Fiſcherboots beobachtet, ſo daß er jedes einzelne ſchon von Weitem an ſeiner Bauart und Ausrüſtung erkannte; er meinte, er müſſe wie ein Geſpenſt ausſehen und fing bereits an, an ſeiner eigenen Identität zu zweifeln. Alexander ſoll, wie die Geſchichte erzählt, dar⸗ über geweint haben, daß es nicht noch eine zweite Welt zu erobern gebe; unſer Notar war nicht ſo ehrgeizig, indem dieſer ſich damit ſchon begnügt hätte, wenn er nur etwas Neues hätte zu ſehen bekommen können. Vergeblicher Wunſch! In Oſtende gab es nichts Friſches, außer Fiſche. Zuweilen dachte * 223 er an ſeinen Aſſocie, den klugen Mr. Tye, und er fluchte dann ſeiner Thorheit, daß er ſich von dieſem pfifſigen Menſchen an der Naſe habe herumführen laſſen. Seufzend gedachte er der glücklichen Tage, in welchen er noch Gehilfe geweſen war mit drei⸗ ßig Schilling Gehalt wöchentlich, und wenn auch ſein Name damals nicht an der Spitze einer Firma prangte, ſo hatte er auch dafür keine Verantwortung zu tragen. Er bekam das Heimweh. Sein Geiſt, von dem er eine ſo hohe Meinung gehabt hatte, ſiechte aus Mangel an Beſchäftigung dahin. In dieſem Gemüthszuſtande trat er eines Tages in ein Sus in der Nähe des Kai's, das er ſchon oft auf ſeinen einſamen Spaziergängen bemerkt hatte. Ein prunkender Aushängeſchild, auf dem mit großen rothen Buchſtaben zu leſen war:„Bri- tish Tavern“(Engliſche Weinſchenke) hing über der Thüre. Hinter einem Fenſter ſtand ein eng⸗ liſcher Theekeſſel, drei ärmliche Eibecher und ein Fayenceteller, auf welchem zwei eben nicht ſehr ein⸗ ladende Hammelsrippchen lagen. Es war weder der Theekeſſel, voch die Eibecher oder Rippchen, welche Wigget's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, denn er hatte bereits gefrübſtückt, ſon⸗ dern ein ſchmutziger Fetzen Papier war es, der ihn feſſelte, der unter einer Glasrahme ſich befand und auf welchem gedruckt ſtand:„Hier wird die Times gehalten.“ 8 Die Times!! Es war dieß wie ein Stück hei⸗ mathlichen Bodens. Briefe von abweſenden Freun⸗ den!— England ſinnbildlich dargeſtellt mit ſeiner ganzen commerciellen Thätigkeit!— Politik!— 224 Polizeiberichte!— Ereigniſſe!— Verbrechen!— Geſuche!— ⸗Anerbietungen und Notizen aller Art. Nur Solche, welche lange von Hauſe abweſend waren, vermögen ſich des Flüchtlings fieberiſche Ungeduld vorzuſtellen. „Sie halten die Times hier?“ fragte Wigget haſtig. Snake, der Wirth, ein großer, hagerer Mann von brauner Geſichtsfarbe, der eben Billard ſpielte, kam ſogleich an den Schenktiſch gelaufen und hän⸗ digte die neueſte Nummer ihm ein. Er war ein neuer Kunde und hatte das Ausſehen eines Men⸗ ſchen, der Geld beſitzt. „Kann ich Ihnen mit Etwas aufwarten?“ fragte or.„Ausgezeichneten Wein, nur drei Franken die Flaſche; engliſches Ale und Porter.“ „O ja! irgend Etwas“, murmelte der neue Gaſt ungeduldig. 5 Der Wirth winkte ſeiner Frau und eine Flaſche Bordeaux, welche man aber zuvor erſt aus einem benachbarten Wirthshauſe hatte holen laſſen, wurde dem Notar vorgeſetzt, welcher ſich bereits wie ein hungriger Cpikuräer in die leitenden Spalten der Times vertieft hatte. Da Wigget Geld genug in ſeiner Taſche hatte, ſo war dieſe Ausgabe eine Kleinigkeit für ihn; er bezahlte den Wein, welchen er, nachdem er ihn ge⸗ koſtet, ſo klug war, nicht zu trinlen. „Ich danke Ihnen, Herr,“ ſagte Snake, deſſen ſcharfes Auge ſogleich das Gold und Silber in der Hand ſeines Kunden entdeckt hatte.„Es ſoll mich ſehr freuen, Sie wieder bei uns zu ſehen.“ 22⁵ „Erhalten Sie die Times täglich?“ „Regelmäßig, Herr. Sie werden jeden Abend ſehr reſpektable Geſellſchaft hier finden: Capitän Cutter— Major Dun— lauter feim Leute von hier.“ Wigget ſah ſich um: das Lokal war nichts we⸗ niger als einladend. Ein halbes Dutzend Herren in fadenſcheiniger Eleganz und ein paär Männer in groben Kitteln ſaßen an verſchiedenen Tiſchen, wovon Einige Karten ſpielten, Andere ein Glas Grog vor ſich hatten und dazu rauchten. Ohne ein beſtimmtes Verſprechen zu geben, wie⸗ der kommen zu wollen, entfernte ſich Wigget. Kaum war er aber zur Thüre hinaus, als eine Menge Vermuthungen über ihn laut wurden, die zum Theil da hinausliefen, daß er am Ende gar ein verkapp⸗ ter Polizeiſpion ſei. Dieſe Vermuthung nurde aber von Snake, der früher ſelbſt bei der Polizei ange⸗ ſtellt geweſen war, durch die Bemerkung widerlegt, daß er den Herrn in dieſem Falle erkannt haben würde, und da man vermuthete, daß der Wirth in der Stille noch immer mit ſeinen früheren Came⸗ raden in Verbindung ſtehe, ſo fand ſeine Behaup⸗ tung Glauben. An demſelben Abende hatte ein großer Mann von militäriſchem Aeußern, mit dem Bande der Ehrenlegion im Knopfloche, eine lange Unterredung mit Mr. Snake in einem abgelegenen Zimmer der Schenke. Wigget fand ſich von nun an beinahe täglich in dem Hauſe ein, um die Times mit Bequemlichkeit leſen zu können, und weil ihn die Geſellſchaft des Licht⸗und Schattenſeiten. V. 15 226 Schenkwirths unterhielt, der als ein ſchlauer und ge⸗ wandter Menſch bald die Schwächen ſeines Gaſtes heraus hatte, dem er ſich durch Gefälligkeiten und Schmeicheleien angenehm zu machen wußte. Zum Erſtaunen aller, die ihn kannten, vernachläſſigte er ſogar ſeine Geſchäfte, wenn es ſich darum handelte, Mr. Wigget auf ſeinen Spaziergängen zu begleiten, und in Kurzem ſtand er ihm ſo gänzlich zu Befehl, wie ein gemietheter Lohndiener. Bei einem dieſer Spaziergänge auf dem Kai machte er den Notar auf eine elegante Yacht auf⸗ merkſam, an deren Bord die Tricolore wehte. „Ein ſchön gebautes Fahrzeug und gewiß auch ein capitalen Segler“, bemerkte Wigget, das Schiff mit dem kritiſchen Auge eines Kenners muſternd. —„Engliſche Bauart.“ „Nein.“ „Ich weiß es gewiß.“ „Vielleicht haben Sie Recht,“ erwiderte Snake im Tone wohlberechneter Gleichgültigkeit; ich ver⸗ ſtehe mich nicht darauf. Alles, was ich weiß, iſt, daß das Schiff einem franzöſiſchen Edelmanne ge⸗ hört, der alle Jahre nach Oſtende kommt. Der Ca⸗ pitän iſt ein ſehr reſpektabler Mann— ein Eng⸗ känder! Sie ſollten nur ſehen wie das Schiff aus⸗ geſtattet iſt! Die Cajütte iſt vom feinſten Holz und alle Möbel darin ſind mit Sammt überzogen⸗ In dieſem Augenblicke erſchien ein unterſetzter kräftiger Mann auf dem Verdecke und grüßte den Wirth, der unter einer Entſchuldigung gegen ſeinen Begleiter ſicheiligſt an Bord begab. Wigget ging langſam ſeines Weges weiter. „ 227 Nach etwa zehn Minuten holte ihn aber Snake wieder ein. „Das traf ſich ſehr glücklich, daß ich hieher kam,“ ſprach er,„denn ich habe ſo eben eine an⸗ genehme Einladung erhalten. Der Baron iſt heute Morgen nach Brüſſel gereist, und der Capitän hat mich aufgefordert, morgen an Bord mit ihm zu Mittag zu eſſen. Der Maſchinenmeiſter des Dampf⸗ boots, der Steuermann und noch einige andere ſeiner Freunde werden dabei ſein. Es wird einen recht heitern Abend geben.“ Unglücklicher Weiſe hatte Mr. Wigget eine Schwäche für heitere Abende. Hätte man ihn ohne Weiteres dazu eingeladen, ſo wäre vielleicht ſein Argwohn dadurch rege gemacht worden, ſo aber bedauerte er nicht mit unter der Zahl der Gäſte zu ſein.* „Ich werde mich unterdeſſen zu todt langweilen,“ murmelte er.„Dieß iſt der ungeſelligſte Ort, den ich je in meinem Leben kennen gelernt habe. Die Engländer weichen einander aus, als wenn ſie von der Peſt angeſteckt wären.“ „Der Cäpitän gehört nicht zu dieſer Sorte“, bemerkte Snake; er forderte mich auf, Sie mitzu⸗ bringen; aber ich ſagte ihm, daß Sie ein vornehmer Herr ſeien und ich es nicht wage, mir eine ſolche Freiheit gegen Sie herauszunehmen.“ „O, deßhalb hätten Sie keine Umſtände machen ſollen“, erwiderte Wigget;„ich bin nicht ſtolz.“ „Sie wollen doch damit nicht ſagen, Herr, daß Sie die Einladung angenommen hätten?“ „Vielleicht doch.“ 15* 228 „Es iſt noch nicht zu ſpät dazu. Der Capitän kommt heute Abend in mein Haus, und da will ich Sie mit ihm bekannt machen.“ Es wirde verabredet die Sache auf dieſe Weiſe einzuleit 1, und der Notar, nichts Schlimmes ahnend, begab ſih zum Mittageſſen in ſein Hotel. Wie Snake geſagt hatte, ſo zeigte es ſich, daß ſein Fre and am Bord der Yocht ein ſehr amüſanter Mann war, der ſein Vergnügen darüber ausſprach, die Bekanntſchaft eines Engländers zu machen, was ſehr begreiflich ſchien, da er ſeit mehreren Jahren ſein Heimathland nicht mehr beſucht hatte. „Ihr Brodherr ſcheint kein großer Verehrer von England zu ſein?“ bemerkte Wigget. „Gleich den meiſten Franzoſen haßt er es. Sie ſind eiferſüchtig auf uns.“ „Und doch ſtehen Sie in ſeinem Dienſt?“ „Er kommt ohne mich nicht zurecht,“ erwiderte der Capitän lachend;„er verſteht ſo wenig ein Schiff zu leiten, als ich ein Rhinoceros. Sechs Monate im Jahr befinden wir uns auf Kreuzfahrten, bald im mittelländiſchen Meere, bald tummeln wir uns unter den griechiſchen Inſeln herum.“ „Ein glückliches Leben!“ bemerkte der Notar ſeufzend;„der Baron muß ſehr reich ſein.“ „Was das anbelangt, ſo iſt das Geld das Ding, das ihm am wenigſten Sorgen macht. Nach meiner Anſicht beſitzt er davon mehr, als er brauchen kann.“ Mehrere der Gäſte der Schenke, die dieß hörten, meinten, er ſoll ſeinem Herrn ſagen, er möchte ihnen etwas von ſeinem Ueberfluſſe zukommen laſſen. Schließlich wurde ausgemacht, daß Wiaget an 229 folgenden Abend an dem Mittageſſen Theil nehmen ſolle. Er erbot ſich einige Flaſchen Champagner an Bord zu ſchicken; aber der Capitän der Yacht ver⸗ ſicherte ihn, daß dieß ganz unnöthig ſei; die beſten franzöſiſchen Weine ſeien auf dem Schiffe vorräthig, und es werde ihn ſehr freuen wenn er dieſe koſten wolle. Zur feſtgeſetzten Stunde ging der ahnungsloſe Betrogene mit Snake den Kai hinab; die Yacht hatte aber ihren Ankerplatz verlaſſen, weßhalb ein Boot ſie erwartete, um ſie aufzunehmen. Nach einer kurzen Fahrt gelangten ſie an Bord der Sylphide, wo die Geſellſchaft ſchon verſammelt war, die auf⸗ fallender Weiſe aus lauter Engländern beſtand. Die Lobeserhebungen des Capitäns erwieſen ſich als vollkommen gerechtfertigt. Das Mittageſſen war vortrefflich und die Weine demſelben vollkommen entſprechend. Im Laufe des Abends wurde ein Kartenſpiel vorgeſchlagen und man ſtellte deßhalb zwei Tiſche zurecht. Kaum bemerkte der verrätheriſche Schenkwirth, daß Wigget's Aufmerkſamkeit ausſchließlich auf ſein Spiel gerichtet war, als er ſich leiſe aus der Cajütte nach dem Mitteldeck ſchlich, wo der Herr mit dem Bande der Ehrenlegion im Knopfloche ihn bereits erwartete. „Ich hoffe, Herr Oberſt,“ ſagte Snake,„daß Sie mit mir zufrieden ſind.“ „Vollkommen.“ „Und kann ich jetzt an's Land zurückkehren?“ „Wann es Ihnen beliebt.“ 230 Vor ſeinem Weggehen war noch eine kleine Um⸗ ſtändlichkeit in's Reine zu bringen. Der Herr, den er als Oberſt angeredet hatte, zahlte Mr. Snake Zweihundert Pfund in Banknoten aus. Es war dieß der Preis, für welchen er ſeinen theuren Freund, den Notar, zu verrathen eingewilligt hatte. In Be⸗ tracht der Intimität, die zwiſchen ihnen beſtand und der Verſicherung der Freundſchaft, die er ihm ge⸗ macht hatte, konnte er anſtändiger Weiſe nicht weni⸗ ger annehmen. Während einige der Matroſen in aller Stille ein Boot herabließen, das ihn an's Ufer bringen ſollte, bat der Schenkwirth den Herrn, der ihn be⸗ ſtochen hatte, ihm eine Frage zu beantworten. Der Franzoſe nickte ihm Bejahung zu. „Ich bin nicht neugierig,“ fuhr Snake fort, „aber ich möchte doch gern wiſſen, was der arme Teufel ungeſtellt hat?“ Der Oberſt ſprach das Wort:„Fälſchung!“ aus. „Dann muß er baumeln!“ rief Snake im Tone des Erſtaunens aus, ohne jedoch im mindeſten da⸗ bei Gewiſſensbiſſe zu verrathen. „Wohl möglich,“ erwiderte der Oberſt, dem die Geduld auszugehen ſchien,„gerade wie es einem andern ſeiner Landsleute, den ich aber nicht nennen will, wahrſcheinlich ergehen würde, wenn ich dieſen, anſtatt ihn an's Ufer zu ſchicken, in Feſſeln ſchlagen ließe und mit mir nach England nähme. Kennen Sie einen Menſchen dieſer Art?“. „Ich? Nein!“ ſtammelte der erſchrockene Wicht. „Ich ſpreche von einem Menſchen, der einſt bei der Polizei angeſtellt war, der einen armen Teufel 231 beſtach— ich glaube es war in Kent— um in einer Farm Feuer einzulegen, und dieſen dann denuncirte, um die ausgeſetzte Belohnung zu er⸗ halten. Das Verbrechen wurde entdeckt und er ent⸗ floh nach Oſtende.“ Snake befiel ein jämmerliches Zähneklappern. „Zweihundert Pfund ſind auf ſeine Hobhaft⸗ werdung ausgeſetzt,“ fuhr der Quälgeiſt fort, den die Grimaſſen des Schenkwirths und ſein Bemühen, unbefangen zu erſcheinen, zu ergötzen anfingen. „Sie verpfändeten mir aber ihr Ehrenwort,“ ſtammelte Snake. „Glauben Sie denn an etwas dergleichen, was man Ehwe nennt?“ fragte der Oberſt. „Pah!“ murmelte der Erſtere zweifelnd, Unterdeſſen war das Boot herabgelaſſen worden und die Matroſen ſaßen mit ihren Rudern in Be⸗ reitſchaft wegzufahren. Es war merkwürdig mit anzuſehen mit welcher Behendigkeit der Schenkwirth die Strickleiter an der Yacht hinabglitt und ſeinen Sitz einnahm. Unmittelbar darauf ſtieß das Boot ab, aber ſeine Angſt legte ſich nicht eher, bis er wieder den feſten Boden unter ſeinen Füßen fühlte. „Das heiß' ich glücklich entwiſchen!“ murmelte er auf dem Heimwege vor ſich hin. Bei ſeiner An⸗ kunft zu Hauſe gab er ſeiner Frau den bündigſten Auftrag, wenn er je einmal drei oder höchſtens vier Stunden hinter einander von Hauſe abweſend ſein ſollte, ſie ſogleich die Hafenpolizei veranlaſſen ſolle, ſämmtliche vor Anker liegenden Schiffe nach ihm durchſuchen zu laſſen. Er hatte jetzt geſehen, 232 wie leicht der Schutz der belgiſchen Regierung um⸗ gangen werden könne, und dieß hatte ſein Rach⸗ denken erweckt.„ Sobald das Boot wieder zurück war, befahl der Oberſt, der auf dem Deck zurückgeblieben war, den Leuten, den Anker mit möglichſt wenigem Geräuſch zu lichten, worauf er das Schiff mit der Fluth aus dem Hafen laufen ließ. Seinem Befehle wurde Folge geleiſtet und in weniger als einer Stunde hatte man den Hafendamm hinter ſich. „Dieß gehört eigentlich nicht zu den Geſchäften, denen ich bis jetzt mich zu unterziehen pflegte,“ murmelte der Oberſt vor ſich hin,„aber was thut man nicht, um ſich einem Freunde gefällig zu zeigen!“ Nach und nach verſtummte das Lachen und der Geſang, die ohne Unterbrechung fortgedauert hatten, um Wigget zu verhindern das Ankerlichten und die Bewegung der Sylphide wahrzunehmen. Einer um den andern der Gäſte ſchlich ſich weg und trat, nachdem er die Kleider gewechſelt hatte, ſeinen Dienſt auf dem Verdecke an; denn, mit Ausnahme von zweien, gehörten alle zur Mannſchaft. Dieſe beiden Ausnahmen waren Harold Tracy's Diener Tom, und Will mit dem Knittel. Graf Lilini hatte ſie ſich ausgebeten, um den Notar entführen zu helfen, den er um Miß Cheerly's willen gern in ſeine Gewalt bekommen hätte, weil nur durch ihn Sir John Sellem der Fälſchung überwieſen werden konnte, vermittelſt welcher er die Waiſe ihres Ver⸗ mögens beraubt hatte. „Zuletzt verließ auch der Capitän die Caſüte. 233 „Wie ſteht es?“ fragte der Oberſt. „Er ſchläft.“ „Gaben Sie ihm den Wein?“ Ja Dann erwacht er vor Morgen früh nicht.“ Er hatte Recht: das letzte Glas Chateau⸗Margot, welches Mr. Wigget geleert, hatte einen Schlaf⸗ trunk enthalten. Es war heller Tag als der Notar erwachte und zu ſeinem großen Erſtaunen ſich in einer Häng⸗ matte in einer der Cajüten fand. Es dauerte ge⸗ raume Zeit, ehe er ſich entſinnen konnte, wo er ſei. „Ich muß ſtark angetrunken geweſen ſein,“ mur⸗ melte er;„aber Snake iſt ein Mordkerl und hat für mich geſorgt.“ Wenn er ihn einen Spitzbuben genannt hätte, ſo wäre er der Wahrheit näher gekommen. „Aber wie kalt iſt es auf dem Waſſer!“ fuhr er während des Ankleidens fort;„ich habe noch nie ſo gefroren, noch nie!“ wiederholte er, als plötzlich eine Ahnung der Wahrheit in ihm auf⸗ tauchte.„So wahr Gott lebt, wir ſind auf der See!“ Er eilte auf das Verdeck, wo er ſeine Wahr⸗ nehiung beſtätigt fand. Oſtende war kaum mehr ſichtbar und man konnte nur noch die Kirche und den Leuchtthurm unterſcheiden. Einige Minuten lang tobte er wie beſeſſen auf dem Verdeck— zum großen Spaß der Mannſchaft, Tom's und Will's,— ſchrie, man habe ihn hinter⸗ gangen,— er ſei von dem Schuft Snake verkauft worden. Mehrmals warf er gedankenvolle Blicke auf das Waſſer hinab, wie wenn er die Abſicht 234 hätte, ſich über Vord zu ſtürzen; wahrſcheinlich beſann er ſich aber eines Beſſern und wandte ſich weg. „Das iſt ſchändlich!“ murmelte er. Was iſt ſchändlich?“ fragte ein rauh ausſehen⸗ der Seemann in ſeiner Nähe. Wigget wandte ſich um und erkannte den Ca⸗ pitän, der ihn zu ſich an Bord geladen hatte. „is iſt nicht meine Schuld,“ fuhr der Seemann fort,„daß mein Herr unerwartet an Bord kam und abzuſegeln befahl, und daß Sie zu feſt ſchliefen, als daß man Sie an's Ufer hätte ſchaffen können!“ „Der Baron?“ fragte der Notar, durch dieſe Antwort irre geführt. Der Capitän nickte bejahend. „Wo iſt er?“ „In ſeiner Cajüte.“ ¹ „Kann ich ihn ſprechen?“ „— Der Capitän führte ihn nach der Staatscajüte, in welcher er einen großen, ernſt und militäriſch ausſehenden Mann ſah, der behaglich ſein Frühſtück verzehrte. Obgleich im Morgenanzuge, zeigte ſein Aeußeres doch etwas ſo Distinguirtes, daß der Notar auch nicht einen Augenblick lang verſucht war, ihn für einen geheimen Polizeiagenten zu halten und ſich im Geheimen Glück wünſchte, daß er ſich nicht unnöthiger Weiſe geängſtigt hatte. „Der Gefangene,“ ſprach der Capitän, ſeinen Vorgeſetzten achtungsvoll grüßend. Bei dem Worte„Gefangener“ merkte Wigget, daß Alles vorbei ſei.— 235 „Sie werden ohne Zweifel erſtaunt ſein, ſich am Bord der Sylphide zu befinden,“ bemerkte der Oberſt in geläufigem Engliſch. „Sehr erſtaunt,“ murmelte der in Tod er⸗ ſchrockene Mann. „Können Sie die Urſache errathen?“ „Nein.“ „Ich liebe die Wahrheit über Alles,“ ſprach der Oberſt, finſter die Stirne runzelnd,„und es gilt mir als Geſetz, mit Leuten mich nicht ferner einzu⸗ laſſen, die, nachdem ich ſie einmal gewarnt, mich zu hintergehen ſuchen. In dieſem Augenblicke ſind Sie nur mein Gefangener, aber in wenigen Stun⸗ den können Sie ſich in Händen befinden, die weit unerbittlicher ſind als die meinigen. Es hängt dieß von Ihnen ab. Ich wiederhole jetzt, können Sie den Grund errathen?“ „Irgend ein Mißverſtändniß in Betreff von Um⸗ ſtänden, die ſich in England zugetragen häben,“ murmelte Wigget. „Wollen Sie dieſe erklären? aber vergeſſen Sie nicht, der Wahrheit gemäß.“ Auf dieſes blieb der kleine Notär die Antwort ſchuldig. „Es ſcheint, daß ich für Sie ſprechen muß,“ fuhr der Oberſt fort.„Sie waren Sir John Sel⸗ lem nicht nur behilflich bei der Fälſchung einer Ge⸗ neralvollmacht, durch welches er Miß Cheeyly ihres Vermögens beraubte, ſondern auch bei mehreren andern ſchlechten Streichen. Die Beweiſe Ihrer Schuld liegen klar vor, nicht aber ebenſo die des Bankiers. Es gibt für Sie nur Einen Weg, auf 236 dem Sie ſich aus der Schlinge ziehen können— wenn Sie als Zeuge auftreten und dadurch ſich Verzeihung erwerben.“ „Ich will auftreten, wie m an es von mir ver⸗ langt, wenn ich dadurch meinen Hals retten kann,“ rief der Gefangene freudig. Es folgte nun eine lange und intereſſante Unter⸗ redung, an deren Schluß Mr Lage viel zufriedener ſich zeiate Siebenundſechzigſtes Wigget mit ſeiner als Anfangs. Capitel. Rebecca Bight nahm den Bankerott des großen Bankhauſes Sellem und Compagnie mit wunder⸗ barem Gleichmuth auf. Der Grund war klar, denn ſie verlor nichts bei dem Falliment, das ſo manche bis daher glückliche Familie in Verderben und Ver⸗ zweiflung geſtürzt hat. Im Beſitze des Certificats ꝙ des Conſuls von dem Tode ihres Sohnes hatte ſie ſich in den Beſitz ſeines Eigenthums geſetzt, ſeine dreiprocentigen Papiere an ſich gezogen, ſich eine hübſche Trauer angeſ kleines Haus gemiethet, in der lichkeit und Unabhängigkeit zu chafft und in Camberwell ein Abſicht, wie ſie ſo ſehnlichſt wünſchte, den Reſt ihrer Tage in Behag⸗ beſchließen. Es ſah ſauber und nett bei ihr aus; in ihrem kleinen Wohnzimmer ſtanden ſechs Mahagoniſtühle; die Fenſter zierten blaue Vorhänge von Wollen⸗ zeug, mit gelben Franſen eingefaßt; an einem Sopha 237 fehlte es auch nicht; über dem Kamingeſimſe befand ſich ein Spiegel und vor dem Kamine lag ein dicker Teppich. Da Rebecca eine Freundin des Wohllebens war, ſo können ſich unſere Leſer denken, daß die Küche ungefähr auf demſelben Fuße eingerichtet war. Die erſten paar Wochen wurde Rebecca nicht müde, ihr Haus, ihr neues Geräthe, ihre ſchöne Trauer und ſich ſelbſt zu bewundern; aber ſo groß auch ihr Vergnügen daküber war, ſo überſättigte ſie ſich doch zuletzt daran. Sie wünſchte nicht immer allein zu leben und es kam ihr vor, als wenn dieſe Wohnung für eine Perſon zu groß wäre. Nach langem Hin⸗ und Herüberlegen entſchloß ſie ſich daher, Jemand in die Miethe zu nehmen und ſie gab dieſe Abſicht durch ein kleines Placat kund, das ſie am Fenſter ihres Wohnzimmers aushängte und auf welchem zu leſen ſtand:„Wohnung für einen einzelnen Herrn zu vermiethen.“ Geld iſt Geld dachte die alte Frau kluger Weiſe und beim Lichte beſehen ſind drei tanſend Pfund keine große Summe. Sechs Monate früher hätte ſie dieſelben für ein Vermögen gehalten. Gleich am erſten Tage erfolgten zwei odet drei VNachfragen: ein Herr in einem Schnürrock und mit einem ungeheuren Schnurrbart wurde ſogleich ent⸗ ſchieden abgewieſen. Ebenſo ging es einem Schau⸗ ſpieler vom Surreytheater und einem Sänger aus Vauxhall⸗Gardens;— ſie hatte keinen Sinn für Kunſt; einem Schriftſteller wurde kein beſſerer Em⸗ ic zu Theil.— Kurz, es war klar. daß kein 238 gewöhnlicher Miethsmann Gnade vor den Augen der Herrin don Camomile Cottage, dieſen Namen führte ihr Haus, finden würde. Rebecca war eben auf's Angelegentlichſte mit den Geheimniſſen ihrer Küche beſchäftigt, als das Mädchen, das ſie aus dem Armenhauſe genommen und zu ihrer Dienerin erhoben hatte, mit dem Aus⸗ rufe herbeigelaufen kam:. „O Miſſis, Miſſis, hier iſt ſchon wieder ein Herr, der die Wohnung beſehen will.“ RNachdem ſie ihrer Dienerin Verhaltungsmaß⸗ regeln ertheilt,— was ſie begreiflicher Weiſe im Gefühle ihrer Würde in wohlabgemeſſenen Aus⸗ drücken that— ihr namentlich eingeprägt hatte, wohl Acht zu haben, daß die Speiſen nicht anbren⸗ nen, legte ſie ihre Bruſtſchürze ab, ſetzte eine Haube auf und begab ſich ſodann in das Wohnzimmer. Hier ſah ſie einen Mann, eingehüllt in einen weiten üeberrock, mit einem dicken Shawl um den Hals, der den größern Theil ſeines Geſichts verbarg, be⸗ haglich auf ihrem neuen Sopha ausgeſtreckt, das Ameublement muſternd und vielleicht im Stillen berechnend, wie viel jeder einzelne Gegenſtand ge⸗ koſtet haben möge. Rebecca gab ihre Anweſenheit durch ein unzu⸗ friedenes Hüſteln kund. „Hol mich der Henker, wenn die nicht von Silber ſind!“ rief der Fremde aus, indem er aufſtand und die Glasthüre eines kleinen Wandkäſtchens öffnete, um ein halb Dutzend Theelöffel zu beſehen, welche etwas prahleriſch in einem Trinkglaſe ſtacken. — — 239 Der Ton dieſer Stimme machte Nebecca erzit⸗ tern und jagte die Farbe von ihren Wangen. „Sehr behaglich eingerichtet!“ fuhr der Fremde bitter fort;„ſehr behaglich in der That.“ Rebecca vermochte ihre Ungeduld nicht länger mehr zu zügeln; ſie trat raſch auf den Zudring⸗ lichen zu, riß ihm den Shawl vom Nacken herab und erkannte die Geſichtszüge ihres Sohnes. Sie hatte ſich zu früh in den Beſitz der Erb⸗ ſchaft geſetzt. „Noch am Leben?“ ſtammelte ſie. „Noch am Leben!“ wiederholte der Caſſier mit ſpöttiſchem Grinſen.„Das iſt ſehr verdrießlich, nicht wahr?“ „O mein theurer, theurer Sohn!“ rief die Heuchlerin, ihn umarmend,„welch eine Ueber⸗ raſchung! Wer hätte das gedacht— dieſer elende Sir John ſagte mir, Du ſeieſt geſtorben.“ „Er hatte ſeine guten Gründe dieß zu glauben, Mutter.“ 5 „Welch ein unerwartetes Glück!“ rief Rebecca, bemüht, vergnügt auszuſehen. Wie ſehr ſie ſich aber auch anſtrengte, ſo gelang es ihr doch nicht, ihren Sohn zu täuſchen. Der Grund lag nähe; denn Beide hatten in derſelben Schule des Täuſchens ihre Studien gemacht. „Ich bin ſo entzückt, ſo außer mir vor Freude!“ fuhr Rebecca, die Augen reibend, fort, um, wo möglich, eine Thräne hervorzulocken. „Ich zweifle nicht daran,“ erwiderte der Caſſier, „und es bedurfte aller dieſer Sachen hier, um 240 Dich einigermaßen zu tröſten. Sehr behaglich!“ ſetzte er, um ſich blickend, hinzu. „Allerdings,“ bemerkte ſeine Mutter, der eine unbeſtimmte Idee vorſchwebte, daß das, was ein⸗ mal in ihren Beſitz übergegangen ſei, auch darin bleiben werde.„Es iſt ſehr hübſch bei mir.“ „ch ſehe es1“ „Du kannſt bei mir bleiben, bis Du wieder eine Stelle haſt,“ fuhr ſie eifrig fort. „Wie freundlich!“. Das herzliche Lachen, mit welchem dieſes Ver⸗ ſprechen aufgenommen wurde, erregte in Rebecca eine peinliche Ahnung. Plötzlich fiel ihr aber ein, daß, wer im Beſitz ſei, neunmal im Recht ſich be⸗ finde, und dieſer Gedanke beruhigte ſie einigermaßen. „Es gehört gber ſchon mein,“ rief ihr Sohn aus.„Ich habe bereits durch ein Executions⸗Mandat auf das baare Geld Beſchlag legen laſſen. Du kannſt keinen Pfennig mehr davon erheben.“ Wie groß auch das mütterliche Gefühl Rebecca's geweſen ſein mochte, ſo erſchien ihr doch ein ſo un⸗ natürliches Benehmen zu graß, das nach ihrer Anſicht doppelt undankbar war, nachdem ſie ihrem Sohne doch geſtattet, bei ihr zu bleiben, bis er wieder eine Stelle habe und ihm die rührende Ausſicht eröffnet hatte, ihr Eigenthum, im Falle ihres Todes, zu erben. Ihre ganze Geſtalt, die eben nicht von der ſymmetriſchſten Form war, ſchwoll vor Wuth an und ihr Geſicht färbte ſich dunkelroth. „Das wollen wir doch ſehen!“ murmelte ſie vor ſich hin. 241 „Was haſt Du da geſagt?“ fragte ihr Sohn gelaſſen. „Daß ich mich nicht berauben laſſen will,“ er⸗ widerte Rebecca grollend.„Das Geld iſt mein und ich will es behalten. Es gibt heut zu Tage keine Achtung mehr vor grauen Haaren. Ich weiß genug, um Deinen koſtbaren Principal und Dich an den Galgen zu bringen.“ „Du wirſt doch nicht daran denken, Mutter, Deinen Sohn in eine ſolche Lage zu verſetzen!“ fuhr der Caſſier fort, um ſie noch mehr auf die Probe zu ſtellen. „Meinſt Du?“ rief Rebecca in einem Tone, welcher keinen Zweiſel über ihre Abſicht zuließ, mochte ſie die Mittel dazu beſitzen oder nicht. „Und dieß Alles deßhalb, weil ich mein Eigen⸗ thum zurückverlange?“ „Gleichviel.“ „Ha, Du obſcheuliches, herzloſes Geſchöpf!“ ſprach der junge Mann mit Unwillen.„Es iſt ein Glück für Dich, daß ich nicht vergeſſen habe, daß Du meine Mutter biſt. Ich hatte die Abſicht, Dir das ganze Ameublement zu überlaſſen und Dir einige Schillinge wöchentlich auszuſetzen. Jetzt aber laß ich Dir keinen Stuhl— kein Stück Holz! Alles werde ich Dir nehmen, und Deine Drohungen ver⸗ lache ich.“ „Das wird ſich finden,“ antwortete ſeine Mutter. Der Caſſier ging nach der auf die Straße füh⸗ renden Thüre, öffnete dieſe und ließ den Zigeuner Jack herein. „Ich ſetze Dich hier in Beſitz,“ ſprach er: Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 16 Rebecca ſchäumte vor Wuth. „Du wirſt nicht zugeben, daß irgend Etwas hier weggenommen wird. Hier,“ fuhr er fort, in⸗ dem er Jack ein gerichtliches Document einhändigte, „iſt die Vollmacht, nach der Du zu handeln haſt.“ „Schon gut,“ ſagte der Zigeuner. „Auf Ddieſe Weiſe ſich behandelt zu ſehen,“ rief die alte Frau, in Thränen ausbrechend,„und noch dazu von meinem eigenen Fleiſch und Blut!“ „Das hätte Dir früher einfallen ſollen,“ be⸗ merkte der Caſſier. Mit dieſen Worten ergriff er ſeinen Hut und verließ das Haus. Seine Kindesliebe war nie ſehr groß geweſen, und nun hatte ihn vollends das ſchmutzige und unnatürliche Benehmen ſeiner Mutter empört. „Ich bring' ihn an den Galgen!“ ſtöhnte Re⸗ becca, die Hände ringend und mit den Füßen auf den Boden ſtampfend.„Ich werde ihn an den Galgen bringen.“ „Das können Sie nicht,“ ſagte der Zigeuner Jack. „Er hat einen Freund gefunden, der ihm überall durchhilft.“ „Kann er ihm auch aus den Händen der Juſtiz helfen,“ fragte die Frau boshaft. „Ja, und Sie dafür hineinbringen,“ Jack mit lautem Lachen.„Ich hörte mit meinen eigenen Ohren, wie der Advocat zu Miß Cheerly ſagte, ſig ſolle Sie wegen eines im Complot gegen ſie verübten Verbrechens verklagen.“ Bei dem Namen ihres Fflegkinds wurde die Alte nachdenklich. —— 243 „Und was erwiderte dieſe?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Sie wollte nichts davon wiſſen, weil ſie ein Engel iſt,“ erwiderte Jack;„ſie ſagte, Sie ſeien früher ſo gut gegen ſie geweſen, hätten während ihrer Mutter Krankheit viel geleiſtet und— doch ich kann ſchöne Redensarten nicht im Kopf be⸗ halten.“ „Meine theure, ſüße, junge Dame!“ rief die Heuchlerin, ergriffen von einer plötzlichen Liebe für die Waiſe, die ſie ſo ſchmählich hintergangen hatte. „Was würde ſie ſagen, wenn ſie ſehen könnte, wie man mich behandelt!“ „Sagen!“ wiederholte der Zigeuner in erſtaunen⸗ dem Tone.„Nun, ſie würde ſagen, daß Sie es nicht beſſer verdient hätten. Ich bin ein ſchlimmer Menſch, denn man hat mich nichts Beſſeres gelehrt; aber Sie— Sie können leſen und ſchreiben, wiſſen nicht, was es heißen will, nichts zu eſſen zu haben; man hat Sie überall gut behandelt, und doch ha⸗ ben Sie ſich in ein Complot eingelaſſen, um Ihre Herrin ihres Vermögens zu berauben. Pfui Teufel! Ich bin ein Heiliger im Vergleich mit Ihnen!“ Rebecca unterdrückte den Strom von Schimpf⸗ worten, die auf ihren Lippen ſchwebten, und anſtatt ihrer angeborenen Beredtſamkeit freien Lauf zu laſſen, fragte ſie Jack, wo er Miß Cheerly geſehen habe. „In London.“ Rebecca ſchüttelte den Kopf mit verſtellter Un⸗ gläubigkeit, denn dieß war nicht die Antwort, die ſie gewünſcht hatte. 16* 244 „Bei dem Advocaten,“ fuhr Jack fort,„und im Hauſe des Generals Trelawny in Hanover⸗ſquare.“ Dieß genügte. Rebecca hatte die Adreſſe er⸗ fahren, alſo das, was ſie zu Ausführung ihrer Ab⸗ ſicht bedurfte. Nachdem ſie die Thüre des Wand⸗ ſchränkchens ſorgfältig verſchloſſen hatte, wahrſcheinlich der ſilbernen Löffel wegen, die ſie noch immer für ihr Eigenthum anſah, verließ ſie das Zimmer, aber nicht, um ſich in die Küche zu begeben— denn an das Eſſen dachte ſie im jetzigen Augenblicke nicht— ſondern um ſich umzukleiden. „Das alte Weib führt etwas im Schilde,“ ſprach Jack bei ſich ſelbſt;„ich war ein Dummkopf, daß ich mein Maul ſo weit aufmachte.“ Als Rebecca, ausgerüſtet zu ihrer bevorſtehen⸗ den Unternehmung, wieder in das Wohnzimmer zu⸗ rückkam, bemerkte ſie zu ihrem großen Unwillen, daß ihr unwillkommener Gaſt ſich das ſchmackhafte Eſſen, das ſie für ſich ſelbſt zubereitet hatte, treff⸗ lich behagen ließ. Er nickte ihr frech zu und fragte ſie, ob ſie ihm nicht Geſellſchaft leiſten wolle. Der letzte Tropfen iſt es, der das Gefäß zum über⸗ laufen bringt. Wenn die Herrin von Camolile Cottage noch unſchlüſſig geweſen wäre in Betreff des Schritts, den ſie zu thun im Begriffe ſtand, ſo hätte dieſer Anblick ſie in ihrem Beſchluſſe beſtärkt. Daß ihr Sohn ein ſolches Unthier zur Beſitzergreifung zu⸗ rückgelaſſen hatte, ſchien ihr noch gräßlicher als ſein Verlangen der Rückgabe ſeines Eigenthums. Gleich vielen Perſonen, die einen angenehmen Traum gehabt haben, wollte ſie ſich durchaus nicht 245 überzeugen, daß es ſich nicht um Wirklichkeit ge⸗ handelt habe. Miß Cheerly, Bella, Harold und Harry waren im Beſuchszimmer des Generals Trelawny verſam⸗ melt, um hier die Rückkehr des Grafen und Kit's abzuwarten, welche an Bord der Sylphide gegan⸗ gen waren, die an dieſem Morgen eingelaufen war, um ſich zu übenzeugen, was durch Erweckung von Furcht und Hoffnung aus dem Gefangenen herauszubringen ſei. Wie unſere Leſer bereits wiſ⸗ ſen, hatte aber der Oberſt bereits ſo auf dieſen ein⸗ gewirkt, daß Wigget nicht nur ſich willfähria, ſon⸗ dern ſogar ſehr eifrig zeigte, Alles zu thun, ſoweit es von ihm abhange, Sir John Sellem zu über⸗ führen und die Waiſe in den Stand zu ſetzen, ſich wieder in den Beſitz des Vermögens zu ſetzen, an deſſen Raub er ſelbſt ſich betheiligt hatte. In dieſer Gemüthsſtimmung beſtärkte ihn das Verſprechen von Strafloſigkeit für ſeinen Antheil an dieſem Handel, das ihm Graf Lilini gab, noch mehr in ſeinem Entſchluſſe, und er willigte ein, un⸗ ter dem Schutze von Tom und Will auf dem Schiffe zu bleiben, bis der Augenblick ſeines Erſcheinens vor Gericht da ſei. Es waren erſt ein oder zwei Tage her, daß Nancy ihren Gatten zum Vater eines hoffnungs⸗ vollen Knaben gemacht hatte. Es war daher kein Wunder, daß Kit mit einem gewiſſen Ausdruck von Aengſtlichkeit auf dem Geſichte in's Zimmer trat, da er den ganzen Morgen mit Graf Lilini abweſend geweſen war. „Ihrer Frau geht es ganz gut, Kit,“ ſagte Miß 1 246 ihm die Hand reichend.„Die Gräfin iſt ei ihr.“ 8 „Ich bringe Ihnen gute Nachrichten mit,“ be⸗ merkte der ehrliche Menſch freudig;„der ſchurkiſche Notar, der Sellem bei dem an Ihnen begangenen Raube behilflich war, hat Alles eingeſtanden. Der Graf hat mich verſichert, daß die Wiedererſtattung Ihres Vermögens gar nicht fehlen könne.“ „Eriſt ja aber bankerott,“ bemerkte Emma betrübt. „Die Bank von England iſt für das Geld haftbar, was durch eine gefälſchte Generalvollmacht erhoben worden iſt,“ ſagte Harold.„Ich hörte heute Mor⸗ gen Rackham dieſen Punkt des Geſetzes meinen Onkel auseinanderſetzen.“ Emma blickte Harry Burg lächelnd an, obgleich ſie entfernt nicht ſeiner edlen Natur durch dieſe Vor⸗ ausſetzung zu nahe zu treten beabſichtigte, daß die Gelangung zu Reichthum auf ſeine Liebe irgend einen Einfluß üben könnte; dazu kannte ſie ihn zu gut. Wenn ſie ſich über etwas freute, ſo war es der Gedanke, zugleich mit ihrer Hand dieſe Glücks⸗ güter dem Manne zubringen zu können, dem ſie be⸗ reits ihr Herz geſchenkt hatte. Die arme Bella, welche das Glück, das ſich in den Blicken dieſes Paares ausſprach, bemerkte, ver⸗ mochte einen Seufzer nicht zu unterdrücken, den der Graf und Harold hörten. „Zweifeln ſie an meinem Verſprechen?“ flü⸗ ſterte der Erſtere ihr in's Ohr. „Nein.“ „Es ſoll buchſtäblich in Erfüllung gehen,“ ſetzte ———— 247 er hinzu;„ja ich bin des Erfolgs ſo ſicher, daß ich faſt die Stunde bezeichnen könnte.“ Ehe Bella Trelawny antworten konnte, trat ein Diener in das Zimmer mit der Meldung, daß eine Frau draußen warte, welche durchaus Miß Cheerly ſprechen wolle. „Mich ſprechen!“ rief Emma erſtaunt.„Ich kenne Niemand in London.“ „Sie ſagt, ſie ſei Ihre Amme geweſen, Miß,“ bemerkte der Diener. Die beiden jungen Damen nannten zu gleicher Zeit den Namen Rebecca Bight. „Laſſen Sie ſie immerhin vor,“ ſagte der Graf lächelnd:„daß wir ſie hier ſehen, daran iſt ohne Zweifel blos die unerwartete Rückkehr ihres Soh⸗ nes Schuld. Sie hatte ſich bereits, ſo viel dieſer mir geſagt hat, in den Beſit ſeines Eigenthums geſetzt.“ „Ich will ſie ſehen, weil Sie mir dazu rathen,“ erwiderte Emma,„obgleich ihr Anblick mir ſehr peinlich ſein wird. Es iſt ſo hart, Jemand, den man einſt liebte, verachten und ihm harte Worte ſagen zu müſſen.“ Rebecca wurde vorgelaſſen. Die Herren ver⸗ mochten über ihre Erſcheinung im Beſuchzimmer faum ein Lächeln zu unterdrücken, denn ſie trug einen bis auf die Kniee reichenden Trauerflor von Krepp, eine auffallend große Haube, und in der Hand hielt ſie einen altmodiſchen grünen Regen⸗ ſchirm von Baumwollzeug. Das argliſtige Weib hatte gehofft, ihre ehemalige Herrin allein zu finden. Das ſanfte, abgehärmte Mädchen, die ihre ſchändlichen Intriquen faſt zur erzweiflung getrieben, hatte ſie nie gefürchtet, aber jetzt, als ſie ſie von Geſundheit und Glück ſtrah⸗ lend, ruhig und gefaßt, von Freunden umgeben wieder fand, fing ihr Vertrauen an zu wanken. „O meine theure, verehrte junge Dame!“ rief Rebecca in weinerlichem Tone aus,„habe ich Sie endlich aufgefunden! Wie bin ich nach Ihnen um⸗ hergelaufen! Ach, man hat mir grauſam mitge⸗ ſpielt!“ „Ich fürchte, Amme, daß es mir eben ſo ge⸗ gangen iſt,“ antwortete Miß Cheerly mit Würde. „Ich darf gar nicht daran denken, daß ich den Ueberredungskünſten meines ſchlechten Sohnes nach⸗ gab, der mich zu der Rolle verleitete, die ich Ihnen gegenüber geſpielt habe. Sie mögen immerhin lä⸗ cheln, meine Herren,“ fuhr ſie fort,„aber Sie wiſ⸗ ſen nicht, weſſen ein Mutterherz fähig iſt. Ich habe es aber bereut und komme deßhalb, um mein Ver⸗ gehen zu ſühnen. Wollen Sie mir verzeihen?“ „Wie es einer Chriſtin geziemt, habe ich dieß längſt gethan,“ bemerkte Emma. „Sie ſprachen von Sühne?“ ſagte der Graf. Die alte Frau blickte ihn ſcharf an, denn ſie hatte durchaus nicht die Abſicht, ſich näher zu er⸗ klären, ehe zuvor einige Präliminarpunkte in Ord⸗ nung gebracht wären. Die Welt war gar undank⸗ bar, wie ſie aus Erfahrung wußte. „Ich wünſche allerdings, die Vergangenheit zu ſühnen,“ erwiderte ſie;„ich— ich kam in dieſer Abſicht hieher— obgleich Gott nur weiß, was in meinem Alter aus mir werden ſoll. Ich zweifle allerdings nicht daran, daß meine junge Dame für 249 ihre alte Amme ſorgen wird, wenn ſie die Mittel dazu beſitzt. Sie ſagte ja oft, daß ſie das thun würde, und ich weiß, daß ich mich auf ihr theures Wort verlaſſen kann.“ „Sie ſind alſo wohl in der Abſicht gekommen, einen Vergleichsvorſchlag zu machen?“ bemerkte Li⸗ lini ernſt. „Es handelt ſich nicht gerade um einen Ver⸗ gleich,“ bemerkte Rebecca mit einem verlegenen Hü⸗ ſteln.„Ich will Alles thun, was in meiner Macht ſteht, um meiner lieben jungen Herrin zu ihrem Recht zu verhelfen; aber es würde mir ein großer Stein vom Herzen genommen werden, wenn ich wüßte, was aus mir werden ſoll.— Ich denke nicht daran, Bedingungen zu machen; ſo etwas könnte mir entfernt nicht einfallen.“ „Miß Cheerly wird durchaus dem Rathe ihrer Freunde folgen,“ ſagte Harold Tracy;„der Graf und ich ſind bevollmächtigt, in ihrem Namen zu handeln.“ „Leben Sie wohl,“ ſagte Emma;„Sie haben mich um meine Vergebung gebeten für alle die Lei⸗ den, die Ihr Verrath mir verurſacht hat; nehmen Sie ſie, ich gewähre ſie Ihnen ohne Rückhalt und hoffe nur, daß die Zeit kommen wird, in welcher Sie im Stande ſein werden, ſich ſelbſt zu verzeihen. Was die Mittheilungen anbelangt, welche Sie hin⸗ ſichtlich meiner materiellen Intereſſen zu machen im Stande ſind, ſo muß ich Sie an dieſe Herren hier weiſen.“ Mit dieſen Worten nahm ſie Bella's Arm und verließ des Zimmer. Rebecca ſah ihr verblüfft nach. 250 „Sollte ſich herausſtellen, daß die Mittheilung, welche Sie zu machen haben, von Werth iſt,“ be⸗ merkte Harry Burg,„ſo können Sie ſich darauf ver⸗ laſſen, eine entſprechende Entſchädigung dafür zu erhalten.“ Die Amme wünſchte als eine kluge Frau ein be⸗ ſtimmteres Verſprechen zu hören; deßhalb erwiderte ſie mürriſch:„Ich muß genau wiſſen, was ich zu erwarten habe.“ „Ich wiederhole, daß die Belohnung von den Umſtänden abhängen wird.“ „Und was ich zu ſagen habe,“ rief Rebecca höchlichſt erzürnt über die Undankbarkeit ihres Pfle⸗ gekinds aus,„hängt von der Belohnung ab. Ich will nicht umſonſt mich zu Grunde richten und vielleicht meinen Sohn anden Galgenbrin⸗ gen laſſen. Es wäre nicht vernünftig dieß zu erwarten.“ „Gewiß nicht,“ ſagte Harold ernſt. „Ich habe auch meine Gefühle, Herr,“ ſetzte ſie in winſelndem Tone hinzu. „Sie zeigen es.“ „Sie weigern ſich alſo?“ bemerkte Lilini.„Sie ſind aber bereits zu weit gegangen, um noch zurück⸗ treten zu können, denn Sie haben zugegeben, daß Sie im Stande ſind, Mittheilungen über die Art und Weiſe zu machen, durch welche Miß Cheerly ihres Vermögens beraubt wurde.“ „Das iſt ganz richtig.“ „Um Ihretwillen hoffe ich, daß es ſich nicht ſo verhält,“ fuhr der Graf fort, ohne ihre Unter⸗ brechung zu beachten,„denn ſonſt wäre ich genö⸗ 251 thigt, Sie dem nächſten richterlichen Beamten aus⸗ zuliefern, weil Sie Geld unter falſchem Vorwand zu erlangen ſuchten.“ Zugleich ſchellte er und befahl dem Bedienten, der auf dieſes Zeichen erſchien, einen Polizeibeam⸗ ten herbeizuholen. Bei dieſen Worten entſfiel der grüne Schirm den Händen der Amme vor Schrecken, indem ſie zugleich über Mißhandlung klagte und meinte, daß im Men⸗ ſchengeſchlecht die Dankbarkeit ganz ausgeſtorben ſei. Zugleich fing ſie an bitterlich zu weinen, und dieß⸗ mal wenigſtens waren ihre Thränen aufrichtig. Da ſie aber ſah, daß weder ihre Beredtſamkeit, noch ihr Schmerz den beabſichtigten Eindruck hervorbrach⸗ ten, raffte ſie ihren Schirm auf, wiſchte ſich die Augen ab und erklärte, den Blick feſt auf den Gra⸗ fen gerichtet, mit großer Feſtigkeit, er möge ſie vor ein Dutzend Beamten führen laſſen, ſie wolle doch ſehen, ob Einer ſie zum ſprechen bringen werde. „Das wollen wir ſehen,“ erwiderte der Graf mit verächtlichem Lächeln. „Wir werden es ſehen,“ wiederholte Rebescca ganz außer ſich vor Wuth;„ich werde meine Lip⸗ pen nicht öffnen, kein Wort ſollen ſie aus mir her⸗ ausbringen— nicht einen einzigen Brief!“ „Brief! Sie beſitzen alſo Briefe „Das iſt meine Sache, Herr,“ rief die Amme in hochtrabendem Tone. „Wenn Sie einmal vor dem Beamten ſtehen,“ bemerkte Harold,„ſo kann nichts mehr Sie retten. Ihre Mitſchuld an einem ſchändlichen Complot ge⸗ gen Ihre Herrin liegt klar am Tage; von dem 252 Verdacht, ein Halsband von Perlen geſtohlen zu haben, der' ſie ganz in deren Hand gibt, will ich gar nicht ſprechen.“ Dieſe Anſpielung auf die Precioſen ſchien das Selbſtvertrauen der Heuchlerin zu erſchüttern. „Die darauf ſtehende Strafe iſt ſehr ſtreng; unter Umſtänden handelt es ſich ſogar um Depor⸗ tation.“ In dieſem Augenblicke kam der Diener in Be⸗ gleitung eines Polizeibeamten zurück. „Sie haben die Wahl,“ ſprach Harry Butg, „die Briefe oder das Gefängniß. Nehmen ſie ſich fünf Minuten Zeit zur Ueberlegung.“ Auf dieſes hin wandten ſich die Herren nach dem Fenſter und fingen an über gleichgültige Dinge ſo ruhig und unbefangen zu ſprechen, als wenn außer ihnen Niemand mehr im Zimmer wäre. Der heutige Tag war offenbar ſehr unglücklich für die Beſitzerin der Camomile Cottage. Das Wie⸗ dererſcheinen ihres Sohnes hatte ſie bereits ihres Vermögens beraubt und nun hatte der Coup, durch welchen ſie ihr Mißgeſchick abzuwenden gehofft hatte, nicht nur gänzlich fehlgeſchlagen, ſondern ſogar ihre Freiheit bedroht. „Und wenn ich Ihnen die Briefe herausgebe,“ rief ſie erbost,„erlauben Sie mir dann zu gehen?“ „Wohin es Ihnen beliebt.“ Der Ton der Verachtung und des Widerwillens, in welchem dieſe Worte ausgeſprochen wurden, über⸗ zeugten Rebecca, daß mit ihrer frühern Herrin nichts mehr anzufangen ſei; ſie zog deßhalb zögernd die Briefe aus ihrer weiten Taſche und warf ſie auf einen in der Nähe befindlichen Tiſch. „Sind es Alle?“ fragte der Graf. Ale „Was iſt denn das?“ fuhr er fort, auf ein zu⸗ ſammengelegtes Pergament deutend, von welchem eine Ecke unter ihrer Kleidung hervor ſichtbar wurde. Rebecca ſchob es haſtig zurück. „Ich muß das Teſtament auch haben.“ „Welches Teſtament?“ fragte ſie vor Wuth faſt weinend. „Das Teſtament des Capitän Cheerly.“ Lilini hatte recht gerathen. Das undankbare Geſchöpf hatte nach dem Tode ihres Herrn, der ein blindes Vertrauen in ſie geſetzt, daſſelbe ſchändlicher Weiſe entwendet und die Exiſtenz deſſelben ſogar John Sellem und ihrem Sohne verſchwiegen. Sollte die Waiſe ſterben, calculirte ſie, ſo müßte der ſchlechte Vormund und Fälſcher ihr Stillſchweigen theuer erkaufen. Der Teufel hole dieſen Menſchen! ſprach die Amme in Gedanken zu ſich; man kann vor ihm— nichts verborgen halten. Gleich vielen andern ſchlauen und nichtswürdi⸗ gen Menſchen, die Jahre lang hindurch geſündigt und intriguirt haben, um ein gewiſſes Ziel zu er⸗ reichen, fand ſich die Amme in einem Augenblick, in welchem ſie es am allerwenigſten erwartete, um den Lohn all ihrer Bemühungen gebracht. Sie war in die Hände eines Mannes gefallen, den ſie weder täuſchen, noch mit dem ſie heimlich unterhandeln konnte. Das Teſtament wurde deßhalb ebenſo, wie 254 die Briefe, ausgeliefert. Unter den letztern befan⸗ den ſich mehrere von der Hand des Caſſiers, die zwar ſehr vorſichtig abgefaßt waren, aber doch das Verſprechen künftiger Unabhängigkeit ausdrückten, wenn Rebecca ſeiner Weiſung zu folgen ſich her⸗ bei laſſe.— 2 „Hier ſind genügende Beweiſe,“ bemerkte ſie, als ſie ſah, daß die Freunde Miß Cheerly's mit ſich zu Rath zu gehen ſchienen,„um ihn an den Golgen zu bringen oder ihn wenigſtens deportiren zu laſſen.“ Es lag etwas Entſetzliches in dem Blicke, welcher dieſe Worte begleitete, um ſo entſetzlicher, als es ſich dabei um ihren eigenen Sohn handelte. „Mehr als genug,“ erwiderte Harry Burg. Gut, dachte Rebecca, ſo iſt doch wenigſtens meine Mühe nicht ganz umſonſt geweſen. Ihre Schlüſſe waren von einer ſchauderhaften Logik. Sie war feſt überzeugt, daß Emma, obgleich ſie dieſelbe zu berauben mitgeholfen hatte, nie zu⸗ geben werde, daß man ſie gerichtlich verfolge, und wenn ihr Sohn gehenit oder deportirt würde— zu ihrer Ehre wollen wir hoffen, daß ihre Berechnung nur den letztern Fall in ſich ſchloß— ſo verblieb ihr deſſen Eigenthum nach wie vor. „Gehen Sie!“ ſagte der Graf, außer Stande länger den Widerwillen zu verbergen, den dieſes Venehmen ihm einflößte.„Ich weiß wo ich Sie zu finden habe, wenn wir Ihrer wieder bedürfen. Niedergeſchlagen, aber immer noch das Beſte hoffend, verabſchiedete ſich die alte Frau, nachdem ſie aber zuvor noch Harold— den jüngſten unter 255 den drei Herren— erſucht hatte, ihrer theuren jungen Dame ihren liebevollſten Reſpekt zu melden. „Das Ungeheuer!“ rief Harry aus. Harold zuckte die Achſeln. „Wer ſollte wohl glauben, daß eine Frau und Mutter einer ſolchen Schlechtigkeit fähig wäre?“ fuhr der Erſtere fort.„Wenn man dergleichen Dinge erlebt, ſo möchte man an ſeinen Mitmenſchen ver⸗ zweifeln.“ „Das Verbrechen iſt an kein Geſchlecht gebun⸗ den,“ bemerkte Lilini.„Ich habe ſeiner Zeit viel geduldet, wie Sie eines Tages einmal erfahren werden,— wurde von Jemand hintergangen, der mich hätte lieben und voll Treue gegen mich ſein ſollen,— kann aber deßhalb doch dem Himmel dafür danken, daß die Bitterkeit meiner Erfahrun⸗ gen mein Vertrauen in die Menſchheit nicht zer⸗ ſtört hat, denn ohne dieſes wäre die Welt nichts weiter als ein großes Beinhaus.“ Unſere Leſer haben ohne Zweifel den Vertrag nicht vergeſſen, den Helsman und ſein Anwalt Mr. Tye gegenſeitig eingegangen hatten, den Zigeuner Jack vor dem zur Gerichtsverhandlung anberaumten Termin bei Seite zu ſchaffen und dadurch die Ueber⸗ führung unmöglich zu machen. Es war keine kleine Aufgabe, welche der Notar auf ſich genommen hatte, indem ſie eben ſo vielen Takt als Muth erforderte. Wenn es ſich einfach blos um ein Menſchenleben gehandelt hätte, ſo wäre der Auftrag wohl ſchon längſt erfüllt geweſen. Im Laufe unſter Erzählung hatten wir mehr⸗ mals Gelegenheit zu bemerken, daß Mr. Tye eins 256 nicht alltägliche Klugheit beſaß; das Organ der Selbſterhaltung hatte ſich bei ihm auf's Vollkom⸗ menſte entwickelt, wie aus ſeinem Verhalten zu ſeinem frühern Theilnehmer genügend zu erſehen war. Er beſaß aber unglücklicher Weiſe noch ein zweites Organ, welches das Erſtere neütraliſirte— die Erwerbeluſt— die Liebe zum Geld war bei ihm eben ſo unerſättlich, als ihm die Mittel gleich⸗ gültig waren, durch welche er ſich daſſelbe zu ver⸗ ſchaffen im Stande war. Die noch in Ausſicht ſtehenden viertauſend Pfund waren daher für ihn kein geringes Reizmittel. Im Laufe ſeines Geſchäftslebens hatte der wür⸗ dige Mann die Bekanntſchaft von einer Menge Leute gemacht, um deren Vermögensverhältniſſe es eben⸗ ſo verzweifelt ſtand, als um ihren Charakter; die Schwierigkeit für ihn beſtand daher nicht ſowohl darin, Jemand zu finden, der den Streich ausführe, als vielmehr Jemand, dem er ſich anvertrauen konnte. Er wußte nur zu gut, daß Genoſſenſchaft im Verbrechen ſehr häufig zu Erpreſſungen führt, na⸗ mentlich wenn ein Theil arm und der andere reich iſt. Mehrmals, wenn er ſich die Sache überlegte, machte er ſich darüber Vorwürfe, mit Wigget zu ſchnell gebrochen zu haben, denn dieſer kleine Mann war in kritiſchen Lagen ein ganz unſchätzbarer Bundes⸗ genoſſe. Man ſagt, jeder Zweifel müſſe mit der Zeit ſein Ende finden. Mr. Tye's Zweifel endeten durch die Entdeckung gewiſſer Briefe, die er unter den Papieren ſeines Clienten fand und von dem Rennt⸗ meiſter von Burg⸗Hall geſchrieben waren. 257 „Das iſt der rechte Mann!“ rief er aus, nach⸗ dem er dieſe Papiere ein paarmal überleſen hatte. „Er wird ſich nicht weigern den Dienſt zu über⸗ nehmen.“ Sogleich ſetzte er ſich hin und ſchrieb folgenden Brief an Mr. Snape: „Sie haben ohne Zweifel aus den Zeitungen erſehen, daß Ihr Freund, Capitän Helsman, unter der Anklage eines Mords im Gefängniße ſitzt. Un⸗ ter den Documenten, die er mir übergeben hat, befinden ſich mehrere, welche Aufſchluß über den Tod eines Mannes geben, den Sie genau kann⸗ ten, Namens Franklin. Wenn ihnen einigermaßen etwas daran liegt, daß dieſe Papiere nicht in die Hände der Juſtiz fallen, ſo müſſen Sie ſogleich nach London kommen.“ Das wird ihn hieher führen, dachte Mr. Tye, der das ängſtliche Gemüth des Mannes, an den er geſchrieben hatte, kännte; keine Stimme ſpricht ſo laut als die des Gewiſſens. Schade, daß das ſeinige noch nicht die Sprache gefunden hatte. Es wäre für ihn von großem Nutzen geweſen. Snape ephielt den Brief mitten unter den Vor⸗ bereitungen zum Empfange Brandon Burg's und ſeiner Gäſte in der Halle. In drei Tagen erwar⸗ tete er deren Ankunft. Richts deſto weniger zögerte er keinen Augenblick, der Aufforderung nachzukom⸗ men, indem er Albert Mortimer das Werben der Stimmen für die bevorſtehende Wahl, ſo wie die Anordnungen zu dem feierlichen Empfange durch die Pächter überließ. Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 17 258 Seine Aufregung war ſo groß, daß er bei ſeinem Eintreffen in' der Hauptſtadt ſich in jener Stimmung befand, in welcher ſelbſt feige Menſchen zu den kühn⸗ ſten Handlungen ſich angetrieben fühlen. In einer ſolchen Gemüthsſtimmung konnts ein ſchlauer, mit Beredtſamkeit begabter Schurke, wie der Notar einer war, wohl kaum auf große Schwierigkeit ſtoßen, ihn ſeinen Planen geneigt zu machen. Ja dieſer war von dem Gelingen ſeines Planes ſo feſt über⸗ zeugt, daß er den Tag vor Snape's Ankunft ein Paar vortreffliche Piſtolen erkauft hatte. Er ſah voraus, daß er dieſelben brauchen werde. Durch ſeine Spione hatte er bereits erfahren, wo der Caſſier Zigeuner Jack wohnen und wie deren Beſchützer heiße. Er ahnte entfernt nicht, daß der Graf von Li⸗ lini eben die Perſon ſei, von welcher ſein Client vermuthete, daß dieſer den Streich gegen ihn geführt habe, der ihn in's Gefängniß brachte und, wenn nicht ein Wunder oder ein Verbrechen geſchah, ihn nothwendig einem ſchmachvollen Tode entgegenfüh⸗ ren werde.* Furcht beſitzt die Eigenthümlichkeit auf gewiſſe Fähigkeiten wunderbar einzuwirken— ſie ſtärkt Ohr und Auge und ſchärft das Urtheil. Hätte Tye den Namen des vermeintlichen Spaniers ſeinem Clienten genannt, ſo würde dieſer höchſt wahrſcheinlich das Geheimniß errathen haben. 259 Achtundſechzigſtes Kapitel. Mr. Tye hatte auf die Stunde hin berechnet, wann Snape eintreffen könne, denn nichts iſt ſo pünktlich als die Furcht. Gleich einer Spinne in ihrem Netze erwartete er den Beſuch. Er war ſo feſt überzeugt, daß ſein Opfer ihm nicht entwi⸗ ſchen könne, daß er ſeinen Gehilfen die bündigſten Befehle ertheilte, Niemand ſonſt vorzulaſſen, da das Geſchäft zu wichtig ſei und folglich mindere Intereſſen zurückſtehen müßten, Begreiflicher Weiſe beſtand die Wichtigkeit für ihn nicht darin, das Leben ſeines Clienten zu retten, dazu beſaß er zu viele Philoſophie, um ſich durch eine derartige Rück⸗ ſicht leiten zu laſſen, ſondern er hatte dabei einzig und allein die viertauſend Pfund im Auge, die ihm, im Falle des Erfolgs, in Ausſicht ſtanden. Der Rentmeiſter traf auch beinahe auf die Mi⸗ nute ein, wie er berechnet hatte. Bleich, abgehärmt und von Angſt faſt verzehrt, die ihm mehr zugeſetzt hatte, als die Ermüdung der beſchleunigten Reiſe, trat er in das Zimmer. Der Notar wies ihm gelaſſen einen Sitz an. Er hatte durchaus keine Eile. Snape ließ kaum vernehmbar den Namen„Hels⸗ man“ hören. „Eine ſchlimme Geſchichte,“ murmelte Tye,„eine ſchlimme Geſchichte!“ „Hat er keine Hoffnung durchzukommen?“ eeine,“ erwiderte der Anwalt;„es liegen voll⸗ ſtändige Beweiſe gegen ihn vor. Dieß ſage ich Ihnen begreiflicher Weiſe als Freund, nicht als 1 260 Anwalt, denn gegen Jedermann ſonſt ſpreche ich laut die Ueberzeugung ſeiner Unſchuld aus. Der arme Schelm iſt vollſtändig in ſein Schickſal ergeben. Das Unglück hat ihn niedergedrückt, und erſt noch geſtern ſprach er ſeine Abſicht aus, ſo weit es in ſeiner Macht ſtehe, alle Verbrechen, die er began⸗ gen habe, zu ſühnen.“ „Alle!“ wiederholte Snape beſtürzt. „Alle,“ ſagte der Notar emphatiſch. „Die Geſchichte mit Marmaduke Burg?“ „Ja.“ „Und das Complot gegen Harry?“ „Alles.“ „Aber das trifft ja auch Sie!“ rief der Rent⸗ meiſter, deſſen Hoffnung plötzlich neu aufzuleben ſchien. „Nur meinen früheren Aſſocie Wigget,“ bemerkte Mr. Tye freundlich.„Sie wiſſen ja, daß ich mich in den Handel nicht miſchte. Das kann mir einige Ungelegen⸗ heiten verurſachen, aber keineswegs Gefahr bringen— vielleicht einige Einbuße an Reputation, weiter nichts. Es liegen keine Beweiſe gegen mich vor.“ „Sie haben ſich ſehr klug zu benehmen ſtan⸗ ſtanden,“ murmelte Snape bitter.. Tye gab dieſes im Tone des Vorwurfs gehal⸗ tene Lob zu. „Der arme Helsman!“ rief Snape mit verſtellter Theilnahme an deſſen Geſchick;„gibt es denn kein Mittel ihn zu retten?“ „Geſetzliche Mittel keine.“ „Ich nehme Antheil an ihm,“ fuhr der ſchuld⸗ bewußte Mann fort,„und würde alles thun, was in meiner Macht ſteht. Er iſt ein treuer Freund — 261 von mir und ich zweifle keinen Augenblick, daß er mir die Papiere herausgeben würde, deren Sie in Ihrem Briefe erwähnten. Wenn ich ihn nur ſpre⸗ chen könnte.“ „Sie können ihn aber nicht ſprechen,“ antwortete der Notar.„Niemand als ſein geſetzlicher Anwalt wird in ſeine Zelle zugelaſſen; und ſelbſt wenn Sie Zutritt zu ihm erhielten, würde Sie dieß nichts nützen, weil die Briefe ſich nicht mehr in ſeinem Beſitze befinden.“ „In weſſen denn?“ fragte Snape ungeduldig. „In dem meinigen.“ Obgleich Snape den geldgierigen Charakter Tye's vollkommen kannte, ſo fühlte er ſich doch durch dieſe Mittheilung ſehr beruhigt. Er wußte nun, mit wem er es zu thun habe. Im ſchlimmſten Falle, dachte er, dürfte es ſich jetzt um das Opfer eines Theils des ſchlecht erworbenen Gewinnes handeln. Was lag aber daran, wenn ſeine Sicherheit auf dem Spiele ſtand.— Während er ſich dieſe Gedanken machte, erkalteten ganz merkwürdig ſchnell ſeine Theilnahme und Freundſchaft für den Gefangenen. „Was können aber dieſe Papiere Sie nützen?“ fragte er. „Mich? Nichts.“ „Sie beabſichtigen alſo wohl dieſelben heraus⸗ zugeben?“ „Ja.“ Snape's Augen funkelten vor Freude. „Der Wittwe Franklin will ich ſie geben,“ fuhr Tye fort, mit Mühe ein höhniſches Lächeln unter⸗ drückend.„Sie ſind ein heiliges Depoſitum, das 262 mir anvertraut iſt, und wenn der Copitän unglück⸗ licher Weiſe für ſchuldig erkannt werden ſollte, ſo muß ich dieſe Pflicht erfüllen.“ „Hören Sie, Tye,“ ſprach Snape in einſchmei⸗ chelndem Tone,„dieß wäre Alles recht ſchön gegen⸗ über von einem Fremden, aber Sie und ich, wir ſind ja ſeit Jahren ſchon befreundet.“ „Eben dieß macht mir meine Pflicht um ſo pein⸗ licher,“ bemertte Tye feſt. „Nennen Sie die Summe, aber ſeien Sie dabei ſo mäßig, als Sie können.“ „Mit Geld ſind die Popiere nicht zu erkau⸗ fen,“ bemerkte der Notar, indem er das Wort„Geld“ ganz beſonders betonte. „Mit was ſonſt?“ „Durch die Freiſprechung Helsman's. In dieſem Falle würde er dann England für immer verlaſſen und alle Gefahr wäre für Sie vorüber. Es exiſtirt nur ein einziger Zeuge, durch den er des Mords überwieſen werden kann, ein Kerl, mit Namen Zi⸗ geuner Jack. Der Capitän vertraute ſich ihm un⸗ vorſichtiger Weiſe an, indem er deſſen Hilfe beim Verbergen des Leichnams ſeiner Haushälterin in Anſpruch nahm.“ „Der Dummkopf,“ murmelte Snape;„kann er den Kerl nicht beſtechen?“ „Unmöglich,“ antwortete Tye.„Der Mann haßt den Capitän tödtlich, weil auf deſſen Anſtiften in Spanien ein Attentat auf ſein Leben gemacht worden iſt. Wäre er bei Seite geſchafft oder träfe ihn irgend ein Mißgeſchick, was gar nicht unmöglich wäre, da er jede Nacht ganz allein durch St. 263 James Park geht, ſo würden die Angaben der übri⸗ gen Zeugen nicht ausreichen unſern armen Freund zu überführen. Jedes Wort wurde ſo überlegt geſprochen daß für Snape's Ohr auch nicht eine Silbe verloren ging, der endlich zu merken anfing, welchen Preis er für die Beweiſe ſeiner Schuld zu bezahlen habe. Kalte Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner umwölkten Stirne und ſeine Augen ſchweiften abwechslungsweiſe bald zu den regungsloſen Geſichtszügen des Notars, bald zu dem Paar Piſtolen, das auf dem Tiſche lag, hinüber. „Er geht alſo jede Nacht allein durch den Park,“ wiederholte er in einem Tone, dem man anmerkte, daß er ſich im Geiſte die Gefahr, die Möglichkeit der Ausführung und deren Folgen vergegenwärtigte. „Ja, und zwar ſchon ſeit einiger Zeit,“ fuhr der Rotar fort.„Den Tag über verweilt er in dem kleinen Hauſe in Camberwell, das er für einen Freund im Beſitz behält.“ „Es iſt ein abgelegener Ort,“ bemerkte Snape. „Sehr abgelegen.“ „Und es gibt viele Wege, auf denen man ent⸗ wiſchen— ich wollte ſagen, auf denen man ihn verlaſſen kann.“ „Eine Menge gibt es,“ ſprach Tye, der ihn voll⸗ kommen verſtand. „Es wäre mir lieb, wenn ich den Menſchen ſehen könnte.“ „Nichts iſt leichter,“ erwiderte der Verführer ſo gleichgültig, als wenn es ſich um die einfachſte An⸗ gelegenheit, die man ſich denken könnte, und nicht 264 um das Leben eines Mitmenſchen gehandelt hätte. „Eſſen Sie mit mir zu Mittag und auf den Abend will ich ihn Ihnen zeigen.“ „Er muß ein nichtswürdiger Burſche ſein,“ fuhr der Rentmeiſter fort. „Ganz nichtswürdig.“ „Sein Tod wäre kein großer Verluſt.“ „Für die menſchliche Geſellſchaft gewiß nicht,“ antwortete der Mann des Geſetzes,„für meinen Clienten wäre er aber ein großer Gewinn. Der Kerl iſt, wie ich Ihnen ſchon ſagte, ein Zigeuner, beſitzt weder Freunde, noch Verwandte und würde kaum vermißt werden.“ „Ich glaube einmal gehört zu haben,“ bemerkte Snape, der ſeit einigen Minuten ſich bemühte, ſei⸗ nen ganzen Muth zuſammen zu raffen, um ihn auf den nöthigen Culminationspunkt zu ſchrauben,„Zi⸗ geuner ſeien keine Chriſten.“ Mr. Tye verſicherte ihn ernſthaft, daß er über bieſen Punkt ebenfalls ſehr bedeutende Zweifel hege. „Und wenn dem Schelmen etwas zuſtöße, ſo würde der Capitän frei ausgehen?“ „Gewiß.“ „Und ich würde die Briefe bekommen, die ich Weiſe an ihn geſchrieben habe?“ lle.“ „Das ſind recht hübſche Piſtolen.“ Der Verführer nahm ſie mit einem Lächeln der Befriedigung vom Tiſche weg und gab ihm eines davon in die Hand. Sein Zweck war erreicht. Es war allerdings kein Wort über den Gegenſtand zwiſchen Beiden gewechſelt worden, aber dieß wäre 265 auch unnöthig geweſen. Der Notar und ſein Werk⸗ zeug verſtanden ſich vollkommen. 3 Den Reſt des Tages brachte der Rentmeiſter von Burghall ruhig auf dem Bureau des Anwalts des Capitäns Helsman zu, wo Beide töte⸗a⸗téte zu Mittag ſpeisten. Als kluger Mann ließ der Caſſier den Zigeuner Jack fortwährend im Beſitz von Camomile Cottage, bis er Gelegenheit gefunden hätte, das Geräthe mit möglichſt wenigem Verluſt zu verkaufen. Dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregel war höchſt nothwendig, denn hätte er ſeine Frau Mutter nur einige Stunden allein darin gelaſſen, ſo hätte dieſe bei ihrer großen Ge⸗ ſchäftsgewandtheit ſehr ſchnell damit loszuſchlagen geſucht. Ihr Sohn kannte ihr ſpecifiſches Talent, mit dem ſie es verſtand Dinge bei Seite zu ſchaf⸗ fen, und handelte darnach, um dieſer Gefahr vor⸗ zubeugen. Regelmäßig um elf Uhr jede Nacht befreite er ſeinen Freund von ſeinem läſtigen Auftrag und übernahm die Bewachung ſeines Eigenthums ſelbſt. „Nun, Jack,“ rief er aus, als er eines Abends ſpäter, wie gewöhnlich, erſchien,„heute habe ich Sie zum letzten Mal bemüht; morgen verkaufe ich Alles.“ Rebecca, welche auf dem Sopha ſaß, vermochte kaum ihren Unwillen zu unterdrücken. Im erſten Augenblick loderte der Zorn in ihr auf, aber als ſie die ſechs Mahagoniſtühle, die blauen Wollmou⸗ ſelinvorhänge mit gelben Franſen, den weichen Tep⸗ pich am Kamin und alle die behaglichen Gegenſtände um ſie herum betrachtete, beſchlich ſie ein weicheres 266 Gefühl. Sie hielt ſich für eine mißhandelte, hilf⸗ loſe Frau und brach in wirkliche Thränen aus. Dießmal' ſind ſie ächt, dachte der Caſſier; ich ſah ſie nur Einmal in meinem Leben weinen. Er ſchauderte, als er an die Veranlaſſung dachte; es war dieß an jenem Abende, als er zum erſten Male eingewilligt hatte, dem Complot ſeinen Beiſtand zu leihen, durch das Miß Cheerly dem Elende preis⸗ gegeben werden ſollte; und er fragte ſich, ob es nach der Verkündigung, die er hatte laut werden laſſen, klug ſei, die Nacht unter demſelben Dache mit ſeiner Mutter zuzubringen. Während der letz⸗ ten Tage hatte er in ihrem Benehmen etwas wahr⸗ genommen, was ihm nicht recht gefallen wollte. Sie war nachdenklich und ſchweigſam geweſen, ein Beweis, daß ſie auf Unheil ſann. Unterdeſſen hatte Jack ſeinen groben Rock, der draußen im Gange hing, angezogen und kam noch einmal in das Zimmer, um gute Nacht zu ſagen. „Ich habe mir die Sache anders überlegt,“ ſprach ſein Freund, denn es hatte ſich allmählig eine Art von innigerem Verhältniß zwiſchen beiden gebildet,„und ich würde in die Stadt zurückkehren, wenn Sie ſich nichts daraus machen, hier zu blei⸗ ben. Ich muß morgen frühzeitig den Trödler ſpre⸗ chen und—“ „Es bedarf keiner Entſchuldigung,“ erwiderte der Zigeuner,„ich kann wohl hier bleiben; aber ziehen Sie dieſen hier an,“ ſetzte et, ſeinen Rock ausziehend, hinzu;„die Nacht iſt ſehr kalt.“ Rebecca ſchien dieß nicht gern zu ſehen; viel⸗ leicht vereitelte dieſer Umſtand irgend einen ihrer 267 Pläne, deren Ausführung das Tageslicht nicht zu ertragen pflegt. Der Caſſier verabſchiedete ſich, und als er das Haus verließ, folgten ihm zwei Männer nach. Der eine war Tye, der andere der Rentmeiſter Snape. „Dieß iſt Ihr Mann,“ flüſterte der Erſtere, durch Jack's Rock getäuſcht. Sein Gefährte nickte blos, denn das gräßliche Vorhaben, mit dem er umging, beſchäftigte ihn zu ſehr, als daß er zu ſprechen vermocht hätte. „Sie können ihn nicht fehlen.“ „Nein, nein,“ murmelte Snape heiſer. Ohne ſich ihrem Opfer zu ſehr zu nahen, folg⸗ ten die Mörder auf eine Weiſe, daß ſie es nicht aus dem Geſichte verloren mit der Beharrlichkeit und dem Inſtinct von ein Paar Bluthunden, bis ſie es durch das Storey⸗Einlaßthor in den St. Ja⸗ mes⸗Park eintreten ſähen. „Hier muß ich Ihnen gute Nacht ſagen,“ be⸗ merkte der Notar ſo laut gegen ſeinen Gefährten, daß der daſelbſt befindliche Polizeidiener, der mit der Schildwache plauderte, ihn hören mußte.„Blei⸗ ben Sie kaltblütig,“ ſetzte er in leiſerem Tone hin⸗ zu„und vergeſſen Sie nicht, wie viel von dem Er⸗ folge abhängt.“ Die Hand des Elenden zitterte heftig, als der verhängnißvolle Moment herannahte. Feigling!“ ſagte Tye in demſelben flüſternden Tone,„iſt der zweite Mord ſchlimmer als der erſte? Ich werde Sie im Laufe des Morgens ſprechen,“ ſetzte er laut hinzu. Aus Furcht, daß die Gelegenheit ihm entgehen 268 und ſein Opfer entwiſchen könnte, faßte Snape ei⸗ nen raſchen Entſchluß, wünſchte ſeinem Begleiter gute Nacht und folgte eilig dem Caſſier, den er noch immer für den Zigeuner Jack hielt. Der Verführer lächelte, als er ihn weggehen ſah. Er hatte alle Vorſichtsmaßregeln ergriffen, ſich ſelbſt ſicher zu ſtellen, und das Glück ſchien ihn zu begünſtigen, indem es ihm nöthigen Falls Zeu⸗ gen verſchafft hatte. „Hat es ſchon zwölf Uhr geſchlagen?“ fragte er an den Polizeidiener ſich wendend. „Noch nicht, Herr, obgleich es nicht weit davon ſein kann, denn ich glaube die Ablöſung zu hören.“ Tye horchte; der ſchwere, gemeſſene Schritt von Soldaten, welche durch den Park marſchirten, wurd⸗ deutlich vernehmbar. Unter weiterem Plaudern mit dem Polizeidiener verblieb er an der Stelle, bis die Soldaten erſchienen und die Wache ablösten. „Hier iſt es nicht ſehr behaglich,“ bemerkte er, „denn die Nacht iſt ſehr kalt.“ Ehe der Mann ihm antworten konnte, ließ ſich ein Piſtolenſchuß hören. „Was war dieſes?“ ſetzte er hinzu. „Dieß klang wie ein Schuß.“ „Im Park? Unmöglich!“ bemerkte der Notar. Der Poliziſt war nicht ſo feſt von der Unmög⸗ lichkeit überzeugt, wie er, ſondern öffnete das Thor mit dem Schlüſſel, den er bei ſich führte, und eilte auf dem kürzeſten Wege nach dem Punkte, von wel⸗ chem her der Schuß vernehmbar geweſen war. In der feſten Ueberzeugung, die fünf Tauſend Pfund verdient zu haben, machte ſich Helsmans 269 Anwalt gemächlich auf den Weg nach Hauſe, indem er ſich im Stillen über den Takt Glück wünſchte, mit dem er die Angelegenheit ſo erfolgreich zu Ende geführt hatte. Er hätte auch hinzu ſetzen dürfen: und auf ſo wohlfeile Weiſe. Ohne entfernt eine Gefahr zu ahnen, hatte der Caſſier ſeinen Weg in der Richtung der Bildſäule des Herzogs von York genommen, die ſich in der Mitte der Avenue befindet. Er war zu ſehr mit Plänen für ſeine Zukunft beſchäftigt, als daß er den dunklen Schatten Snape's hätte wahrnehmen können, der hinter ihm her ſchlich. Mehr als Ein⸗ mal entſank dem Mörder der Muth und das Leben des Opfers war noch auf eine Zeit lang gefriſtet. „Das iſt Thorheit!“ murmelte dieſer vor ſich hin.„Das nächſte Mal.“ Das nächſte Mal aber, als ſich wieder eine gün⸗ ſtige Gelegenheit darbot, kam einer jener obdach⸗ loſen Unglücklichen, dem der freie Himmel zum Zelte und ein Aſt in dem Parke zum Lager dient, ihm ſo nahe, daß er es nicht für klug hielt, zu feuern. Der Himmel in ſeiner Gnade ſchien geneigt, ihn an einem zweiten Verbrechen zu verhindern, aber er ließ deſſen Warnungen unbeachtet. Ein Baumſtumpen fand ſich in ſeinem Wege; hinter dieſen ſtellte er ſich auf, drückte ab, und der Caſſier fiel mit einem ſchweren Seufzer zu Boden. Einige Minuten lang ſtand der Mörder betäubt von Schrecken über die That, die er begangen hatte, da, unfähig ſich von der Stelle zu bewegen, bis ihn endlich die Nothwendigkeit der Flucht zu neuer That⸗ 270 kraft zwang. Er warf das Piſtol weg, damit es nicht bei ihm gefunden werde, wenn man ihn an⸗ halten und befragen ſollte und eilte dann in einer andern Richtung davon. Drei Perſonen kamen faſt zu gleicher Zeit zu der Stelle, auf welcher der Verwundete lag, der Polizeidiener zuerſt und unmittelbar darauf Tom und Will. Dieſelben hatten den Abend im Diener⸗ ſchaftszimmer bei der hübſchen Norah zugebracht und kehrten eben durch den Park nach Hauſe zurück, als ſie den Schuß vernahmen. „Was hat es gegeben?“ fragten die Cameraden. „Ein Mord iſt begangen worden,“ erwiderte der Poliziſt auf den Körper weiſend, indem er zugleich ſe Schnarre ertönen ließ, um Beiſtand herbeizu⸗ rufen. Der Caſſier ſtöhnte matt. Tom und Will eilten äuf ihn zu, um ihm Bei⸗ ſtand zu leiſten. „Rühren Sie ihn nicht an, wenn's geſällig iſt, meine Herren,“ ſprach der Polizeidiener haſtig;„ich bin verantwortlich dafür.— Es geſchah in meinem Diſtrikt.“ Zugleich ließ er das Licht ſeiner Laterne auf das Geſicht des Verwundeten fallen. „Das iſt ja Bight!“ rief Tom. Will ſtieß einen Schrei vor Schrecken aus. Kei⸗ ner der beiden jungen Männer hatte zwar je be⸗ ſondere Freundſchaft für den Caſſier empfunden; aber die entſetzliche Bläſſe ſeines Geſichts, ſeine von Blut triefenden Kleider erweckten ihr Mitleid. 271 „Ihr kennt ihn?“ ſagte der Poliziſt. Beide bejahten dieſe Frage. „Und befandet euch bei ihm?“ „Nein: wir verließen kaum vor einigen Minu⸗ ten das Haus des Generals Trelawny und kamen nach Ihnen an dieſe Stelle.“ Trotz aller Einwendungen des Poliziſten nahm Will den Caſſier auf ſeine Arme und ließ es ſich nicht nehmen, ihn auf den nächſten Poſten zu tragen. „Es mag gegen Ihre Verhaltungsmaßregeln ſein,“ ſprach er,„aber ich kann nicht zugeben, daß er aus Mangel an Beiſtand zu Grunde geht.“ Etwa halb Wegs durch den Park kam noch wei⸗ terer Beiſtand in der Perſon eines zweiten Polizei⸗ dieners; mit deſſen Hilfe wurde der Verwundete vollends nach dem Poſten geſchafft und ſodann ein Wundarzt herbeigeholt. Unterdeſſen nahm der Com⸗ miſſär die drei Zeugen in's Verhör, welche zuerſt an Ort und Stelle geweſen waren. Der erſte Po⸗ liziſt produzirte ein Piſtol, welches er in der Nähe des Verwundeten aufgefunden hatte. „Ganz friſch erſt abgefeuert,“ bemerkte der Com⸗ miſſär, es ſorgfältig unterſuchend.—„Offenbar das Inſtrument, mit welchem das Verbrechen begangen worden iſt.“ Die beiden Freunde verließen den Polizeipoſten nicht eher, bis ſie den Ausſpruch des Wundarztes gehört hatten. Die Kugel war in den Rückgrat ein⸗ gedrungen; die Wunde war tödtlich, obgleich der Verletzte noch einige Stunden leben konnte. *„In dieſem Falle,“ bemerkte Will,„werde ich ihn nicht verlaſſen. Er war zwar von jeher ein 272 ſchlimmer Geſelle, aber es iſt doch verteufelt hart, ſo unter Fremden ſterben zu müſſen.“ Es wurde verabredet, daß Will bleiben ſolle, während Tom Harold und den Grafen Lilini von dem, was ſich zugetragen⸗ zu benachrichtigen ſich beeilte. In weniger, als einer Stunde, waren beide ſchon da in Begleitung eines Beamten, der die An⸗ gaben des Sterbenden zu Protokoll nehmen konnte. Dieſer war unterdeſſen ſo weit zu ſich gekom⸗ men, daß er einige Auskunft über den Vorgang zu geben im Stande war, obgleich er nicht viel zu ſagen wußte, da er das Geſicht ſeines Mörders nicht erkannt hatte. Während er dieß that, hielt ihn Will in ſeinen Armen, und es ſchien, als wenn ſeine moraliſchen Leiden noch größer als ſeine phy⸗ ſiſchen wären. Alles, was er wußte, war, daß er, während er auf dem Boden lag, einen großen, kräftigen Mann hinter einem der Bäume habe hervortreten ſehen, der ihn eine Zeit lang petrachtet, dann das abge⸗ feuerte Piſtol zu Boden geworfen habe und end⸗ lich raſch davon gelaufen ſei. S „Sie können alſo keine nähere Beſchreibung ſei⸗ ner Perſon geben?“ bemerkte der Beamte. „Keine.“ „Haben Sie keine Vermuthung über den Grund dieſer That?“ „Den Grund,“ wiederholte der Caſſier.„O deren gibt es mancherlei. Sir John Sellem würde die Hälfte ſeines Vermögens darum geben, wenn ich aus dem Wege geräumt wäre, und meine—“ „Nein, nein,“ murmelte er vor ſich hin,„ſo 3 273 ſchlimm ſie auch iſt, ſo kann ſie doch die Hand da⸗ bei nicht im Spiele haben.“ Die Augen ernſt auf den Wundarzt gerichtet, bat er dieſen, ihm genau zu ſagen, wie lange er noch zu leben habe. Dieſer zuckte ſchweigend die Achſeln. „Bleibt mir noch Zeit mein Teſtament zu ma⸗ chen?“ fuhr er fort. Der Wundarzt erwiderte, daß dieß allerdings der Fall ſei. Durch dieſe Verſicherung etwas beruhigt, erſuchte der Verwundete Will, ihn ſachte auf das Kiſſen zu⸗ rückzulegen; er wünſche zu ſchlafen. „Wecken Sie mich, ſobald der Notar kommt,“ murmelte er. Will verſprach ihm dieß. Mehrere Stunden lang ſchlief der Caſſier ſo feſt, daß mehr als einmal die Umſtehenden meinten, er ſei geſtorben. Gegen ſechs Uhr Morgens er⸗ wachte er aber. Der Notar und ein Geiſtlicher be⸗ fanden ſich im Zimmer. Lilini hatte den Letztern geſchickt, nachdem er ihm zuvor einige Einzelnheiten aus dem Leben des Sterbenden mitgetheilt hatte. Nic ſeiner Eingebung wurde das Teſtament ab⸗ gefaßt. Seiner Mutter vermachte er einen kleinen Jah⸗ resgehalt, der ausreichte, um ſie vor Mangel zu ſchützen und den Ueberreſt ſeines Geldes vertheilte er zwiſchen dem Gefährten ſeiner Abenteuer in Spa⸗ nien und Will mit dem Knittel, der ihm zuerſt bei⸗ geſprungen war. Obgleich er ſich hinſichtlich ſeiner Licht und Schattenſeiten. V. 18 274 frühern Verſündigungen ſo reuvoll als möglich zeigte und erklärte, daß er allen Menſchen verzeihe, ſo vermochte er es doch nicht über ſich, in einem Punkte ſeine Empfindlichkeit zu unterdrücken. Er beſtimmte nämlich ausdrücklich, daß ſein Ameublement in Ca⸗ momile Cottage verkauft und der Erlös daraus als Preis für die Auffindung ſeines Mörders ausgeſetzt werden ſolle. Als Tye in ſeine Wohnung zurückkam, fand er bereits Snape vor, der ihn erwartete. Der Notar beglückwünſchte ihn über ſeinen Muth, vielleicht hielt er dieß für ein geeignetes Mittel dieſen auf⸗ recht zu erhalten, denn der Wörder ſchien ganz ab⸗ geſpaunt zu ſein und alle Thatkraft verloren zu haben. „Die Landluft wird Sie wieber neu beleben,“ ſprach er.„Das Beſte iſt wenn Sie ſchon mit anbrechendem Morgen London verlaſſen.“ „Das iſt auch meine Abſicht,“ erwiderte der Rentmeiſter—„zuvor aber— „Zuvor aber wünſchen Sie die Briefe zu er⸗ halten, die ich Ihnen verſprochen habe. Ich finde vas ganz begreiflich, denn Sie haben ſie ſauer ver⸗ dient.“ Snape ſeufzte ſchwer auf. Beide begaben ſich auf das Bureau, wo die Papiere, nachdem ſie zuerſt ſorgfältig durchgeſehen worden waren, vernichtet wurden. Der Tag brach beinahe an, als ſie ſich trennten; Snape um mit der Diligence nach Cumberland zu fahren, der Ro⸗ tar, um ſich in ſeine Privatwohnung zu begeben. ——— „Wie dumm!“ rief letzterer, als er nach Hauſe 275 kam;„der Kerl vergaß, mir das Piſtol zurück⸗ zugeben.“ Vielleicht hätte er nicht ſo feſt geſchlafen, nach⸗ dem er ſich zu ſo ſpäter Stunde zu Bett begeben hatte, wenn er gewußt hätte, in weſſen Hände es gefallen war. Neunundſechzigſtes Capitel. Der Tag, an welchem Brandon Burg und deſſen vornehme Gäſte in Burg⸗Hall eintreffen ſollten, war endlich angebrochen und— Dank den uner⸗ müdlichen Anſtrengungen Albert Mortimer's— der, zum großen Erſtaunen Aller, die nicht in die Ge⸗ heimniſſe ſeiner Gründe eingeweiht waren, von Doctor Curry auf's Eifrigſte unterſtützt worden, war Alles auf's Beſte zu einem ſchmeichelhaften Em⸗ pfange vorbereitet. Schon in früher Morgenſtunde waren die Haupt⸗ ſtraßen der kleinen Stadt Alston⸗Moor auf's Freund⸗ lichſte mit Immergrün und Fahnen geſchmückt worden. Vorne an dem Wirthshauſe zu den Bergleuten war das Wort„Willkommen“ geſchmackvoll in Blumen von allen Farben und Ruancirungen zu leſen. Die meiſten Einwohner hatten ihre beſten Kleider ange⸗ zogen und Alles deutete auf einen Feſttag. Außer dieſen Vorbereitungen war ein feſtlicher Empfang von Seiten der Pächter zu Pferd vorbe⸗ reitet, nebſt einer Adreſſe, welche der älteſte Pächter des Guts ableſen ſollte; auf den benachbarten Hü⸗ geln waren Anſtalten zu Freudenfeuern 1 276 ein ganzer Ochſe ſollte im Park gebraten werden, an deſſen Leckerbiſſen alle, die kommen ſollten, Theil nehmen durften, und Ale konnte man nach Dis⸗ cretion, oder vielmehr Indiscretion, trinken, da für den einzelnen Mann durchaus kein Ouantum vorgeſchrieben war, um den Enthuſiasmus der Menge im Schwunge zu erhalten; dem gemeinen, intri⸗ guanten Yankee einen künſtlichen Schein zu verleihen und dem Earl eine hohe Meinung von deſſen großem Einfluſſe in der Grafſchaft beizubringen. Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß ein ſo ge⸗ ſcheiter und ſelbſtſüchtiger Menſch, wie Albert, all' dieſe Mühe nicht blos deßhalb ſich gegeben hatte, um ſeinem Verbündeten ſich angenehm zu erweiſen; im Gegentheile, er dachte dabei an ſeinen eigenen Vortheil, und was die Mittel anbelangte, um zu' ſeinem Zwecke zu gelangen, ſo hatte er bei ver⸗ ſchiedenen früheren Veranlaſſungen ſchon gezeigt, daß er nichts weniger als ſcrupulös war, und daß er unter die Menſchen gehöre, in deren Herzen Gewiſſen und Intereſſen ſo gefügige Freunde ſind, daß wenn es ſich um die Letzteren handelte, das Erſtere gewöhnlich ganz verſtummte. In ſeinem Codex der Moral gab es eigentlich keine Verbrechen, ſondern blos Irrthümer; Verbrechen waren in ſeinen Augen nur dann Verbrechen, wenn ſie nicht von Erfolg begleitet oder ohne die gewiſſe Ausſicht auf einen nutzbringenden Erfolg begangen worden waren. Wenn ſchon an und für ſich das Mißlingen ſeines tief angelegten Planes auf die Hand und das Vermögen Eugenien's ihn auf's Empfindlichſte gekränkt hatte, ſo ſteigerte ſich ſein Verdruß bei wei⸗ — 277 tem noch mehr, als er erfuhr, daß ſie die Tochter der Gräfin Melbourg ſei, welche in wenigen Ta⸗ gen ſie anzuerkennen verſprochen habe. Die Lady beſaß ein ihr eigenthümlich zugehöriges Gut und hatte von ihrem jetzigen Gatten nur einen einzigen Sohn. Es waren dieß Umſtände, welche den Werth des Preiſes, den er verloren hatte, zehnfach in ſeiner Werthſchätzung ſteigerten. Die meiſten Menſchen hätten in der Lage des Capitän Mortimer alle Hoffnung aufgegeben; er aber fühlte ſein Vertrauen in ſeinen Takt und ſein Gluck dadurch gehoben. Es kam ihm dabei ſeine uner⸗ ſchöpfliche Geduld, mit der er wie ein Maulwurf im Dunkeln fortarbeitete und ſeine Zähigkeit eines Bluthundes zu Hilfe, der ſeine Beute bis zum Tode verfolgt. Von dem Tage an, an welchem er die glänzen⸗ den Ausſichten Eugema's entdeckt hatte, beſchloß er, ſie zu ſeiner Frau zu machen; ein Entſchluß, wel⸗ cher in Betracht, daß ſie bereits verheirathet und er ihr völlig gleichgültig war, ganz außergewöhn⸗ liche Geſchicklichkeit und Ausdauer zu ſeiner Aus⸗ führung erforderte; er war aber unerſchöpflich an Hilfsmitteln und ſetzte ein unbegrenztes Vertrauen in ſich ſelbſt. Archimedes rühmte ſich, die Erde von der Stelle bewegen zu können, wenn man ihm einen Stütz⸗ punkt gebe, von welchem aus er es zu thun ver⸗ möge. Bei dem ſchwierigen Geſchäft, das Albert unternommen, hatte, er bereits den Stützpunkt und den Hebel gefunden. Der Erſtere war ſein unbeug⸗ ſamer Wille, der Letztere der tiefe Abſchen, den 278 Brandon ſeiner Frau eingeflößt hatte,— ein Ge⸗ fühl, welches die unbeſonnene Frau zu verbergen ſich keine Mühe gab, und was ihn veranlaßte, jede Gelegenheit zu ergreifen, zu deſſen Steigerung noch beizutragen, indem er die gemeinen und ſchmutzigen Eigenſchaften ihres Gatten, ſeinen rohen Geſchmack und ſeine noch voheren Sitten bei jeder Beranlaſſung im ſchärfſten Lichte erſcheinen ließ. Ehe er von London abgereist war, hatte er den Kampf ihres ſtolzen Geiſtes, ihre bittere Reue und Scham darüber, daß ſie ihr Geſchick ſo eng an einen ſo gemeinen Egoiſten gekettet, auf's Genaueſte beobachtet und im Stillen über das Gift gelächelt, welches, ganz ſeinen Wünſchen gemäß, fortwährend in ihr wirkte. Mehr als einmal hatte er ſeinen Einfluß auf ſeinen Verbündeten dazu angewendet, um Eugenien neue Demüthigungen und Beleidigungen zu erſparen. Dieß hatte er aber immer erſt dann gethan, nachdem ihr Gatte ſeine Abſicht hiezu be⸗ reits kundgegeben. Dieß war der erſte Schritt, den der berechnende Mann gethan hatte; den zweiten und weit wichti⸗ gern verſchob er bis auf die Ankunft der Geſell⸗ ſchaft in Burg⸗Hall. Er wußte wohl, daß er nur durch ein Verbrechen zu ſeinem Ziele gelangen konnte, das ſelbſt zu begehen er zu klug war. Es mußte durch ſein Opfer ſelbſt geſchehen und dieſes ſich dadurch in ſeine Gewalt begeben. Mit der Liebe hatte er es bereits verſucht, und dieſes Ex⸗ periment hatte fehlgeſchlagen; jetzt wollte er ſehen, was Furcht auszurichten vermöge, um ihn an das Ziel ſeiner Wünſche zu führen. 279 Mit dieſem finſteren Plane beſchäftigt, aber mit einem Geſichte, das von Freundlichkeit und Lächeln ſtrahlte, ſtellte ſich Albert an die Spitze der Pächter. In ſeiner Begleitung befand ſich Snape, der den Tag zuvor aus London wieder eingetroffen war, der Doctor und ein großer Theil der Land⸗Edelleute der Rachbarſchaft, welche mit dem neuen Beſitzer von Burg⸗Hall Bekanntſchaft zu machen geſonnen waren. Sämmtliche Theilnehmer waren vor dem Auszuge im Wirthshauſe zu den Bergleuten gehörig bewirthet worden, um die Be⸗ geiſterung auf die rechte Höhe zu ſteigern. Nur ein Punkt machte Mortimer Scrupel: es war ihm nämlich nicht gelungen, die wahren Geſinnun⸗ gen des Doctors zu ergründen. Der Auftritt, den er in jener Nacht mit angeſehen hatte, in welcher er Curry in das Bergwerk nachgeſchlichen war, hatte einen Argwohn in ihm erweckt, den aller Eifer nicht zu beſeitigen vermochte, den der Doctor durch Stimmwerbung für den Vicomte und Reden an die⸗Pächter an den Tag legte. Zuweilen machte ſich ein ſarkaſtiſcher Ausdruck in den Augen und ein höhniſcher Zug um den Mund des alten Man⸗ nes bemerklich, was den Capitän ſtutzig machte, der trotz ſeiner Schlauheit und Welterſahrung zu fürchten anfing, daß er dem Doctor Curry am Ende doch nicht gewachſen ſei. Die traurigſte Figur in der Prozeſſion ſpielte der von ſeinem Gewiſſen geplagte Rentmeiſter; das ſoeben erſt begangene Verbrechen laſtete ſchwer auf ſeiner Seele. Seit jener Nacht, in welcher er den Mord begangen, hatte er keinen Augenblick mehr 280 Ruhe gehabt. Wenn er Jemand raſch auf die Halle zukommei ſah, oder ein fremdes Geſicht in ſeiner Nähe erblickte, erfaßte ihn Todesangſt, weil er immer fürchtete, es möchte ein Gerichtsbote ſein, der ihn feſtzunehmen gekommen ſei. „Nun, Snape,“ ſagte der Doctor, ihm ver⸗ traulich auf die Schulter klopfend,„iſt heute nicht ein glücklicher Tag?“ „Glücklich!“ wiederholte der Wicht.„O— ja— gewiß iſt er das.“ „Jedermann iſt dieſer Anſicht,“ fuhr ſein Quäl⸗ geiſt fort,„das Erbe Ihrer alten Herren in den Händen des wahren Erben zu ſehen.“ „Gewiß.“ „Und ein ſo wackerer Erbe noch dazu,“ fuhr der Doctor fort;„Sie ſcheinen aber verſtimmt; vielleicht hat Sie die Reiſe nach London angegrif⸗ fen, oder Sie denken am Ende gar an den armen Harry Burg.“ „Wer hat Ihnen denn geſagt, daß ich in Lon⸗ don geweſen bin?“ fragte der Rentmeiſter beſtürzt. „Ich habe es errathen;“ erwiderte der alte Mann tocken,„ich habe es errathen.“ „Dann haben Sie eben unrecht gerathen,“ mur⸗ melte der Mörder;„und was Harry Burg anbe⸗ langt, ſo habe ich Anderes zu thun, als an ihn zu denken.“ „Zweifle nicht, zweifle nicht;'s iſt ein geſchäfts⸗ voller Tag für uns Beide.“ Unterdeſſen war man an den Theil der Straße gelangt, wo die Ankunft der Wagen erwartet wer⸗ den ſolite. Albert blickte ſich wohlgefällig um, ———— 281 denn die Zahl der Theilnehmer an dieſem Aufzuge war ſehr beträchtlich, und er drückte ſeine Befrie⸗ digung gegen den Doctor durch ſeinen Dank für ſeine eifrige Mitwirkung dabei aus. „Ich leugne nicht, daß ich, was in meinen Kräften ſtand, dazu beitgetragen habe,“ antwortete Curry beſcheiden;„übrigens war es nicht mehr wie billig, daß ich dieß that, nachdem ich früher ſo thöricht Partei für Harry Burg genommen habe.“ „Was Sie gewiß jetzt aufrichtig bereuen?“ ſagte Mortimer, ſein Auge forſchend auf ihn gerichtet. „Ganz gewiß,“ rief der Doctor im Tone des Erſtaunens,„obgleich ich nicht umhin kann, den armen Menſchen zu bedauern, obwohl er nicht der geſetzliche Erbe war.“ „Und Sie glauben jetzt, daß Brandon es iſt.“ „Er muß es ſein, wenn er der Sohn von Mar⸗ maduke iſt,“ lautete die vorſichtige Antwort. „So iſt es— von Marmaduke,“ wiederholte Albert—„von Marmaduke.“ „St! Herr! wiederholen Sie dieſen Namen nicht ſo laut,“ ſagte der Doctor;„es liegt ein Zauber darin, der die g ganze Gegend weit und breit in Auf⸗ regung zu bringen im Stande iſt. So roh dieſe Bergleute auch ſind, ſo haben Sie doch warme Her⸗ zen für diejenigen, die ſie liebreich zu behandeln verſtehen. Er war ihr Freund und ſie haben ihn nicht vergeſſen. Sie werden nie einen Andern ſei⸗ nes Namens und ſeines Stammes ſo lieben, wie ihn ſelbſt.“ „Auch ſeinen Sohn nicht?“ fragte der Capitän. 282 „Seinen Sohn,“ wiederholte der Arzt,„ach, dieſen vergaß ich. Seinen Sohn; ja, das wäre möglich.“ Abermals zuckte es in den grauen Augen des Doctors und ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, wodurch der aufmerkſame Weltmann ſich ſehr unbehaglich berührt fühlte. Er hätte viel darum gegeben, wenn es ihm gelungen wäre, das Vertrauen des alten Mannes zu gewinnen; da er aber wohl einſah, daß dieß unmöglich ſei, ſo war er klug genug, gar keinen Verſuch zu wagen. Im Ganzen war es auch nur von ſecundärer Wichtig⸗ keit, ſo weit es ſeine Pläne betraf, ob Marmaduke am Leben war oder nicht. Sobald Brandon todt war, mußte ja doch die Herrſchaft an den nächſten Erben fallen, und nach ſeiner Berechnung konnte der Yankee nicht wohl lange mehr leben. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein lautes Rufen vernehmen. Zwei Wägen, jeder mit vier Pferden beſpannt, erſchienen auf dem Kamme des Hügels. Der Augenblick iſt da, dachte der Capitän, wel⸗ cher zeigen muß, ob dieſe Burſche es aufrichtig meinen.„Vorwärts, meine Herren!“ fuhr er laut fort; indem er ſein Pferd in Galopp ſetzte. „Und vergeſſen Sie Ihre Rede nicht, ſagte der Doctor, ſich an einen alten Pächter wendend, der die Anrede ableſen ſollte,„und überſehen Sie nicht, gehörige Pauſen zu machen, damit man„Hoch“ rufen kann.“ 5 „Ich kann nicht,“ rief der alte Mann beſtürzt, während Beide neben einander her galoppirten. „Warum nicht, Alter?“ fragte Curry.“ ————— ———-—————— —— 5 283 „Ich habe meine Rede verloren.“ „Dann muß ich ſie halten,“ murmeite der Doe⸗ tor gelaſſen.„Es iſt zwar eigentlich nicht meine Sache; aber Noth bricht Eiſen, wie das Sprichwort ſagt.“ In dieſem Augenblicke waren die Wägen und Reiter ſich ſo nahe gekommen, daß Letztere und die Poſtillone, wie nach gegenſeitiger Uebereinkunft, faſt zu gleicher Zeit die Zügel anzogen; dann folgten hinter einander ſo anhaltende Hochrufe, daß Albert Zeit hatte, der Gräfin und Eugenia, die in dem erſten Wagen mit Brandon und dem Earl ſaßen, die Hände zu drücken. „Alles geht nach Wunſch,“ flüſterte er ſeinem Bundesgenoſſen in's Ohr, der vom Wagenſitz auf⸗ ſtehend ſeinen Hut abzog und wiederholte Verbeu⸗ gungen machte. „In der That, ein ſehr anſehnlicher Haufen Leute!“ bemerkte der Graf. „Und lauter Votanten, Mylord,“ ſagte der Yan⸗ kee mit bedeutungsvollem Blicke.„Nun, Snape,“ fuhr er fort,„iſt Alles in Ordnung in der Halle?“ „Alles, Squire,“ erwiderte der Rentmeiſter dienſtfertig,„aber die Pächter wünſchen, an Sie eine Anrede zu halten.“ „Ganz recht, nur'raus damit— losgedrückt,* wie wir im neuen Lande zu ſagen pflegen.“ Doctor Curry näherte ſich, zog ſeinen Hut und hielt in derbem, ſchottiſchem Accent die Rede, Wort für Wort ſo, wie der Capitän und er ſelbſt ſie aufgeſchrieben hatten. Am meiſten geſiel dem 284 Helden des Tages der Theil derſelben, in welchem die Pächter ihr tiefes Bedauern über die Kälte ihres erſten Empfangs und ihre ehrliche Ueberzeugung ausſprachen, daß ſein Vetter Harry keinen Schatten von Anſpruch auf die Herrſchaft beſitze. Am Schluſſe erfolgte wiederum ein mehrfaches Hoch, welches der Doctor ausbrachte und in das die Andern einfielen. Endlich wurde es ſtille und Brandon begann, nachdem er zuvor ein paarmal den Speichel mit wundervoller Geſchicklichkeit durch die Zähne geſpritzt und ſeine plumpe Hand auf den Theil der Bruſt gelegt hatte, wo man annimmt, daß das Herz ſei⸗ nen Sitz habe, ſeine Erwiderung. „Meine Herren,“ hub er an,„obgleich als Ari⸗ ſtokrat geboren, wurde ich in einem freien und auf⸗ geklärten Lande erzogen und theile deßhalb die Ge⸗ fühle, die ich ſo eben ausſprechen hörte. Sie ſind recht hübſch und machen euch alle Ehre.“ Hier drehte der Redner etwas in ſeinem Munde um— wahrſcheinlich Tabak, den er zu kauen pflegte — und machte eine Pauſe. „Hört, hört! rief der Doctor ſeinen Hut ſchwen⸗ kend, und abermals ertönte ein Hoch, wie überhaupt bei jeder Pauſe, welche der Redner machte. „Ich komme mit den beſten Geſinnungen unter euch,“ fuhr der Yankee fort:„freiſinnig und hoch⸗ herzig. Damit iſt's aber nicht abgemacht; mit Re⸗ densarten wird der Pacht nicht bezahlt; vergeßt das nicht und macht deßhalb keinen Verſuch; bezahlt regelmäßig und ihr werdet einen vortrefflichen Herrn an mir finden, mild wie Maitrank und Honig auf 285 Butterbrod, verſucht aber nicht, mich verſchlingen zu wollen, denn ſonſt fahre ich wie der Blitz unter euch hinein, denn ich halte auf Ordnung und laſſe mir kein A für ein U machen. Und ihr ſeid gewiß auch der Anſicht, daß es ſo recht iſt?“ Auf dieſe ſonderbare Rede ließ ſich ein leiſes Gemurmel unter den Pächtern vernehmen, die aber zum Glück für den Redner nicht ſo recht eigentlich verſtanden, was er ſagte. Hätten ſie ihn ganz verſtanden, ſo würde ſein triumphirender Einzug in Alston Moor ein ganz anderes Ende genommen haben. „Sehr ſchön und vollkommen richtig!“ rief der Doctor, auf den Aller Augen gerichtet waren.„Lang lebe der Erbe von Burg Hall! Schreit doch!“ ſetzte er halb leiſe gegen die ihm zunächſt Befindlichen hinzu, ſonſt verdirbt der Narr noch Alles.“ Die Aufforderung fand augenblickliche Folge. „Es wird mich mit wahrem Stolz erfüllen!“ rief Brandon,„dem aufgeklärten Individuum, das eine ſo richtige Bemerkung machte, die Hand zu drücken.“ „Sind Sie verrückt oder betrunken?“ flüſterte Albert ihm zu, daß Sie Dinge dieſer Art vor⸗ bringen?“ Der Yankee merkte ſich den Wink. Der Vicomte, der mit zweien ſeiner Freunde, die gleich ihm in der Garde dienten, im zweiten Wagen ſaß, fühlte ſich durch dieſen Auftritt im höchſten Grade beluſtigt. Mehrmals rief er: Bravo! Bravo!“ und zwar in einem Tone, der den Yankee ſehr ärgerte, welcher ihm dafür ebenfalls einen Hieb zu verſetzen beſchloß. 286 „Dieß, meine Herren,“ fuhr Brandon, auf Eugenia deutend, fort, mit der Miene eines Men⸗ ſchen, der einen Raritätenkaſten zeigt,„iſt Mrs. Brandon.“ Die ſtolze Schöne verbeugte ſich, um ihren Ver⸗ druß zu verbergen. „Und dieß,“ fuhr er fort, in derſelben incere⸗ moniöſen Weiſe auf ſeine beiden Gäſte deutend, „Lord Melbourg und ſeine Frau— ſo wackere Leute, als man ſie nur finden kann.“ 5 „Der Tölpel!“ murmelte die Gräfin, die es nicht wagte, ihren Gemahl anzublicken, welchen Er⸗ ſtaunen und Widerwille förmlich der Sprache beraubt hatten. Das ſchallende Gelächter des Vicomte und ſeiner beiden Freunde ſchlug peinlich an ſeine Ohren und überzeugte ihn von der Lächerlichkeit der Lage, in die er ſich geſetzt hatte. „Im nächſten Wagen, meine Herren,“ hub der Yankee wieder an, deſſen unglückliche Leidenſchaft,“ Reden zu halten, unſere Leſer bereits kennen ge⸗ lernt haben,„ſitzt der Sohn und Erbe meines er⸗ habenen Freundes, des Carl; ich meine den im weißen Rock, der unter allen Dreien am wenigſten vorſtellt. Er iſt, wie ihr bereits wißt, der Candi⸗ dat für die Grafſchaft.“ „Dreimal Hoch für den Vicomte,“ riefen die Pächter. Der Erbe des alten Hauſes Melbourg begnügte ſich, mit einer Verbeugung dieſe Auszeichnung zu erwidern. „So iſt's recht,“ ſagte Brandon, der durch ſeine ————————— 287 Beredtſamkeit ſich ſelbſt zu ſteigern ſchien,„laßt ihn noch einmal leben und gebt ihm eure Stimmen.“ „Die ſoll er haben,“ riefen die Pächter. „Es iſt mehr an ihm, als ihr glaubt,“ bemerkte Brandon mit einem bezeichnenden Geſichtsausdrucke; „aber Alles zu rechter Zeit, wie der Alligator ſagt, wenn er ſeine Eier in den Sand legt. Er iſt ein junger Mann, den ich ſchätze und in's öffent⸗ liche Leben einzuführen beabſichtige; da er aber das Sprechen noch nicht gewohnt iſt, ſo will ich euch in ſeinem Namen danken. Eilt nach dem Poll, gebt ihm dort eure frei und verſtändige Stimme, und ſchlaget dort ſeinen Gegner ſo zu Boden, daß er ſich nicht mehr rühren kann.“ „Das wollen wir! Das wollen wir!“ rief die WMehrzahl der Zuhörer. „Jeden Pächter, der gegen ihn iſt, den jage ich von meinen Gütern fort.“ „Hört! hört! hört!“ „Und peitſche ihn noch überdieß durch.“ „Hört! hört!“ „Ich dulde keine Tyrannei; alle Menſchen ſind gleich, wenn ſie keine Neger ſind. Mein Motto heißt: Freie Wahl! Freiheit! Donnerwetter! Das ſternbeſäte Banner! und alle Stimmen für meinen ehrenwerthen Freund! Und jetzt,“ fuhr er gegen die Muſikbande gewendet hinzu, welche die Prozeſ⸗ ſion begleitet hatte,„ſpielt den Yankee⸗Doodle oder ſonſt ein ſchönes Stück auf und geht voran, daß wir in die Halle kommen.“ Als Brandon Burg mit dieſer merkwürdigen Anrede zu Ende war, ließ er ſich auf ſeinem Sitze 288 nieder in der Erwartung, für ſeine Berebtſamkeit won dem Earl beglückwünſcht zu werden, während der Wagen ſich in Bewegung ſetzte. Glücklicher Weiſe machten die Töne der Muſik, ſowie das Schreien der Menge, jeden Verſuch eine Unterhal⸗ tung anzuknüpfen unmöglich. Der Lord ſah ſich deßhalb gezwungen ſeine Aeußerungen des Unwil⸗ lens zu verſchieben; nichts deſto weniger bemerkte aber der Yankee an ſeinem Geſichtsausdrucke, daß den Earl etwas verletzt habe, was er aber nur dem Neid und der Eiferſucht zuſchrieb. Der alte Narr hörte wahrſcheinlich nie zuvor eine Rede, wie die meinige, dachte er. Sie ſtach ihm in die Naſe, weil ſie über ſeinen ärmlichen Horizont ging. Wenn erſt Mrs. Brandon mit ihren in Ordnung iſt, ſo will ich dieſen vorſündfluthlichen Mamouth noch ganz anders in Erſtaunen ſetzen. O ja! Ich ver⸗ ſtehe mich darauf. „Die Würde der Pairie ſteht auf dem Spiele,“ murmelte der Lord in ſich hinein,„es iſt unmöglich. daß ich oder Lady Melbourg länger Gäſte eines ſo entſetzlich ordinären Menſchen bleiben.“ Eugenia hatte es nicht gewagt auch nur Ein⸗ mal ihre Augen zu ihrer Mutter aufzuſchlagen, deren Beſchämung und Verdruß womöglich noch größer waren als der ihrige. Die Gräfin konnte es nicht begreifen wie ihre Tochter ſich hatte herbeilaſſen können, einen ſo un⸗ geſchliffenen Menſchen zu heirathen. Bis die Geſellſchaft die Halle erreichte, hatte aber die Klugheit wieder die Oberhand gewonnen 289 und der Unwille hatte ſich etwas gelegt. Der Earl meinte, daß, nachdem er ſchon ſo viel für die Si⸗ cherheit der britiſchen Verfaſſung und das Wohl ſeines Landes erduldet,— von dem blauen Bande gar nicht zu ſprechen, das ſchon ſeit Jahren der einzige Gegenſtand ſeines Ehrgeizes geweſen,— ſo könne er wohl ſeinen Unwillen bemeiſtern und bis an's Ende ausharren. Wenn ſein Sohn in der Wahl nicht obſiegte, ſo durfte er nicht an den Ho⸗ ſenbandorden denken. Schon ſtanden die Sachen ſo, daß die Wage ſich auf ſeine Seite neigte, ſobald ſich aber Brandon gegen ihn erklärte, ſo war Alles aus. Die Gräfin verließ ſich auf die Gutmüthig⸗ keit ihres Gemahls und auf das ſtrenge Halten ſeines Worts, das ſie aus ihrer peinlichen Lage befreien ſolte. Eugenia hoffte, daß die Zeit oder irgend ein Zufall ſie von der erniedrigenden Kette befreien würde, durch die ſie ſich ſelbſt geſeſſelt hatte. Die einzige Perſon, die ſchwer zu verſöhnen war, war der Vicomte. Er— ein Excluſiver vom reinſten Waſſer— war protegirt worden!!! Ihn hatte man einen jungen Mann geheißen!!! Ihn hatte Brandon, um ſich über ihn luſtig zu machen, zu unterſtützen verſprochen!!! Er fühlte ſich zu tieſ indignirt, als daß er ſeinem Unwillen Worte zu leihen vermocht hätte, während ſeinen beiden Be⸗ gleitern die Sache unendlichen Spaß machte. Dieſe ertlärten, daß dieß der beſte Witz in der ganzen Saiſon ſei und ſtachelten durch fortgeſetzte Spotterei ſeinen Aerger immer mehr auf. „Köſtlich, mein lieber Junge! Köſtlich!“ rief der Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 19 290 ehrenwerthe Cornet Montague;„Sie müſſen ihn wahrhaftig an unſern Officierstiſch einladen.“ „Ich will den Kerl in Stücke hauen,“ rief der Pariaments⸗Candidat ungeſtüm. „Das wäre ja Schade,“ erwiderte Lord March⸗ mont. „Es würde uns um das Vergnügen bringen, Sie im Parlament zu ſehen,“ ſetzte der Cornet hinzu. „Und zwar unter der Protection von Brandon Burg,“ fuhr der Lieutenant fort.„Laſſen Sie ihm den Spaß, Sie an das politiſche Tageslicht zu fördern.“ Dieſe Unterhaltung fand Statt während der Fahrt durch den Park nach der Halle und wurde mehrmals durch das Hoch der Pächter und Bergleute unterbrochen, welche mit ihren Weibern und Kin⸗ dern an dem Wege ſich aufgeſtellt hatten. Das freigebig geſpendete Bier hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt und die handfeſten Stimmgeber, von ſeinen Dünſten begeiſtert, ſchrieen aus Leibeskräften. „Es iſt am beſten, wenn Sie mit dem Vicomte ſprechen;“ flüſterte der Earl ſeiner Gemahlin in's Ohr, als er ihr am Haupteingange aus dem Wa⸗ gen half.„Ich bin wahrhaftig nicht in der Stim⸗ mung, es zu thun.“ Die Gräfin ergriff den Arm ihres Sohnes unter dem Vorwande, daß ſie ſich zu ermüdet fühle, um ohne Unterſtützung die Treppen hinaufzuſteigen. Mrs. Lawrence ging voraus, um der Dame ihre Zimmer anzuweiſen. Mutter und Sohn waren ſchon einige Minuten 291 allein gelaſſen, ehe eines von beiden den Muth zum Sprechen fand. 5„Eine abſcheuliche Geſchichte,“ bemerkte der junge ord. „Sehr abſcheulich,“ erwiderte ſeine Mutter.„Un⸗ ſer Gaſtfreund iſt ein wahrer Bär.“ „Ich bin ganz außer mir. Ich kann nicht—“ „Nichts dergleichen,“ unterbrach ihn ſeine Mut⸗ ter;„das Schlimmſte iſt vorüber und ein Sitz iſt Dir geſichert. Was die lächerliche Rede anbelangt, auf die ich kaum anzuſpielen wage, ſo wird dieſe, wenn ſie je den Weg in die öffentlichen Blätter finden ſollte, für einen ſchlechten Spaß gehalten werden, wie er bei Wahlumtrieben häufig vor⸗ kommt.“ „Mir liegt aber nichts an dem Sitz!“ ſagte der junge Lord. „Es liegt Dir aber daran, daß Deine Schulden bezahlt werden,“ bemerkte die Gräfin,„und dieß kann nur durch Deinen Wahlſieg geſchehen. Dein Vater weigert ſich entſchieden, ſie unter irgend einer anderen Bedingung einzulöſen, und Du weißt, wie ſtreng er an ſeinem Worte hält.“ Der angehende Staatsmann erbleichte ſichtlich. „Sie ſind aber reich,“ murmelte er,„und für einen einzigen Sohn—“ „Nicht einen Schilling erhältſt Du von mir,“ rief die Gräfin aus,„wenn Du Burg⸗Hall verläßt.“ „Denken Sie nur an die Lächerlichkeit,“ flehte der junge Lord kläglich. „Daran hätteſt Du früher denken ſollen, ehe Du Dich ſelbſt in dieſe Verlegenheiten geſtürzt haſt. 292 Unſere Thorheiten rächen ſich an uns,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu,„und wir werden früher oder ſpäter dafür beſtraft.“ „Aber Montague und Marchmont?“ „Warum haſt Du ſie mitgebracht?“ „Weil ich mir vorſtellte, daß es entſetzlich lang⸗ weilig hier ſein würde,“ erwiderte ihr Sohn;„aber ich ſehe ſchon, ich muß mich darein ergeben. Uebri⸗ gens ſind meine Schulden nicht ſo übermäßig groß; das Ppie iſt ſchon noch ein Tauſend Pfund weiter werth.“ „Du ſollſt ſie haben,“ erwiderte ſeine Mutter, die um jeden Preis froh war, einen Bruch verhü⸗ tet zu haben.„Die Wahl findet in drei Tagen Statt; die Stimmen der Graſfſchaft ſind bereits gewonnen, der Weg iſt Dir folglich vollkommen ge⸗ ebnet. Gehe jetzt in Dein Zimmer und kleide Dich an; was Deine beiden Freunde betrifft, ſo über⸗ laſſe ſie mir.“ Das Mittageſſen ging ziemlich ungeſtört vor⸗ über. Brandon wollte zwar durchaus ein paar Reden preisgeben, um, wie er ſagte, die Ehre zu erwidern, daß man auf ſeine Geſundheit getrunken, und er eine ſo begeiſterte Aufnahme gefunden habe, aber Albert Mortimer hatte die Gelegenheit wahr⸗ genommen, ihm Vorſtellungen über ſein thörichtes Benehmen zu machen. „Sie werden den Earl disguſtiren und ſeinen Stolz beleidigen,“ ſprach er. „Ich mache mir nichts daraus. Habe ich nicht ebenfalls Grund ſtolz zu ſein,“ erwiderte der Yankee. 293 „Sie werden Ihre Schwiegermutter aufbringen,“ bemerkte Albert eindringlich. „Mag ſie in Zorn gerathen. Habe ich nicht alles Mögliche für ihren Tölpel von Sohn gethan?“ „Ihre Frau verliert dadurch alle Ausſicht, die Güter ihrer Mutter zu erben. Vergeſſen Sie nicht, daß die Gräfin ganz freie Verfügung darüber hat.“ „Das verdient allerdings einige Erwägung,“ erwiderte Brandonz„aber es iſt verdammt hart, ſich ſelbſt einen Maulkorb anzulegen und im eige⸗ nen Hauſe die zweite Geige zu ſpielen. In meinem freien und aufgeklärten Vaterlande—“ „Sie vergeſſen, daß Sie ein Engländer ſind,“ unterbrach ihn der Capitän. „Ich meine,“ ſagte Brandon ſich ſelbſt verbeſ⸗ ſernd,„in dem freien und aufgeklärten Lande, in welchem ich erzogen wurde, würde nur ein Neger ſich gänzliches Stillſchweigen auferlegen laſſen, aber ihr Britannier habt keine Idee von Unabhängigkeit. Was will ich denn thun? Ich glaube, ich habe Alles doch recht hübſch und ſauber gemacht?“ Es lag etwas ſo Unbefangenes in dem Tone, in welchem die Frage geſtellt wurde, eine ſo gänz⸗ liche Ahnungsloſigkeit, daß irgend etwas Unpaſſen⸗ des geſchehen ſei, daß Albert kaum ein Lächeln zu unterdrücken vermochte. „Sprechen Sie nur ſo wenig, als möglich,“ er⸗ widerte er. „Da ſteckt's ja eben!“ rief der Yankee aus; „der alte Narr iſt auf mein Rednertalent eiferſüch⸗ tig. Ich kann nichts dafür, daß er mit meiner an⸗ geborenen Beredtſamkeit ſich nicht meſſen kann. Ich 294 weiß wohl, daß dieß eine Gabe iſt, die man nicht erlernen kann.“ „Sprechen Sie von Seiner Lordſchaft als von Ihrem edlen Freund, von dem Vicomte als von dem ehrenwerthen Condidaten; aber vor Allem hüten Sie ſich, ſich den Anſchein geben zu wollen, als ob Sie ihn protegirten.“. „Protegire ich ihn denn aber nicht?“ „Dieß iſt ja eben der Grund, weßhalb ich Ihnen Vorſicht anrathe,“ bemerkte Albert;„Sie können nicht erwarten, daß Ihre Dienſte ſowohl durch De⸗ ſ wie durch Vortheile ſich bezahlt machen ollen.“ Dem Yankee ſchien ein neues Licht aufzugehen. „Ihre Protectormiene beleidigt.“ „Ich verſtehe,“ rief Brandon aus,„ich ſoll es nicht merken laſſen.“ „Das iſt es.“ Dieſe Unterredung hatte die gute Folge, daß das Diner ohne eine abermalige Abgeſchmacktheit von Seite des Gaſtgebers vorüberging, deſſen Auf⸗ merkſamkeit während des übrigen Theils des Abends zum Glück für ſeine Gäſte zwiſchen ihnen und dem Feuerwerke, dem Geſellſchaftszimmer und dem Park, getheilt war. Einer der folgenden Tage ſollte zur Stimmbe⸗ werbung in der Nachbarſchaft verwendet werden, worauf die Geſellſchaft beabſichtigte, ſich zur Wahl nach dem Städtchen zu begeben, wo dieſelbe vor ſich gehen ſollte. Am folgenden Morgen trafen ſich Brandon Burg und ſeine Gäſte frühzeitig am Frühſtücktiſche; keiner ——— 295 derſelben fehlte. Der Graf und ſeine Gemahlin, um durch ihre Anweſenheit eine raſche Zornesauf⸗ wallung ihres Sohnes zu verhindern; Albert Mor⸗ timer, um das Betragen des Yankee zu überwachen, und die beiden Garde⸗Officiere, um ſich auf Koſten Aller zu beluſtigen. Eugenia erſchien zu allerletzt. Ihre Bläſſe und leidendes Ausſehen fielen allgemein auf. Sie hatte, wie ſie ſagte, eine furchtbare Nacht zugebracht: ſie litt an entſetzlichem Kopfweh. Finfine hatte es mit cölniſchem Waſſer und allen möglichen Hausmitteln verſucht, aber Alles vergebens; nichts hatte helfen wollen. „Verzeihen Sie mir, Mrs. Burg,“ ſagte Albert, „aber Sie haben mein Specificum nicht angewendet; ich reiſe nie ohne daſſelbe.“ „Ich auch nicht ohne das meinige,“ bemerkte der Yankee. Es geht nichts über Branntwein mit Pfeffer und Auflegen von Hundshaaren, die—“ „Ich bitte, holen Sie Ihr Mittel,“ fiel die Gräfin raſch ein, um zu verhindern, daß die ele⸗ gante Sprechweiſe ihres Schwiegerſohnes nicht ge⸗ hört werde;„unſre ſüße Freundin iſt ſchwer leidend.“ „Recht gern; es befindet ſich in meinem Reiſe⸗ Neceſſaire.“ Mit dieſen Worten ſtand Albert vom Tiſche auf, um es zu holen; aber Eugenia, welche während ſeiner Abweſenheit irgend eine Unzartheit ihres Gatten befürchtete, kam ihm zuvor, indem ſie dem Haushofmeiſter den Befehl ertheilte, das Kiſtchen aus Capitän Mortimer's Zimmer zu holen. Nach wenigen Minuten erſchien der Diener wie⸗ der mit einem ſehr hübſchen indiſchen Kiſtchen, das 296 er auf den Tiſch ſtellte. Albert öffnete es ſogleich und reichte der Herrin von Burg⸗Hall ein kleines Kryſtallfläſchchen mit der Bitte, daran zu riechen. „Herrlich!“ ſeufzte die Dame, die durch die kräf⸗ tige flüchtige Eſſenz, welche es enthielt, augenblick⸗ liche Erleichterung fühlte.„Welch köſtlicher Geruch!“ „Das iſt ja ein wahres Medizinkiſtchen!“ ſagte Lady Melboura, indem ſie ein zweites Fläſchchen daraus hervorlanate. „Das müſſen Sie nicht anrühren!“ rief Albert. „Weßhalb nicht?“ „Es enthält Gift.“ Sämmtliche Anweſende wiederholten das Wort im Tone des Erſtaunens. Die Gräfin ſtellte es ſogleich wieder an ſeinen Ort. „Und zwar ein eben ſo merkwürdiges, als tödt⸗ liches Gift,“ fuhr Albert fork:„ich erhielt es von einem arabiſchen Arzt in Indien. Ich wünſchte da⸗ mals ein Lieblingspferd, welches das Bein gebrochen hatte, ſchmerzlos zu tödten.“ „Und es gelang?“ „Es ſtarb ohne allen Kampf.“ „Daran finde ich nichts Beſonderes,“ bemerkte der Earl, der aus Liebhaberei etwas Chemie trieb. „Ich könnte ein Dutzend verſchiedener Säuren nen⸗ nen, die alle denſelben Erfolg hervorbringen.“ „Das Speeciſiſche dieſes Giftes beſteht darin,“ bemerkte Albert,„daß die Doſis ſo gereicht werden kann, daß der Tod augenblicklich, nach ein Paar Stunden, einem Tage, einer Woche oder einem Monat herbeigeführt werden kann, und zwar ohne daß man bie Spuren zu entdesen vermag; denn ——— 297 die Chemie iſt außer Stande, dieſes Gift zu analy⸗ ſiren. Sie wundern ſich vielleicht darüber, daß ich ein ſo gefährliches Mittel mit mir führe, aber die Eſſenz, welche ſo eben Mrs. Burg ſo ſchnell gehol⸗ fen hat, iſt daraus bereitet.“ Alles Dieß wurde in ſo natürlichem Tone mit⸗ getheilt, daß Niemand ahnte, daß bei Erläuterung der Eigenſchaften des Giftes irgend eine geheime Abſicht mit ünterlaufe. Sobald Albert das Fläſchchen wieder in das Kiſtchen geſtellt, daſſelbe verſchloſſen und den Schlüſ⸗ ſel in die Taſche ſeines Fracks geſteckt hatte, war dieſer Zwiſchenfall von Allen ſchnell vergeſſen, nur von Eugenia nicht. Die Worte des verſchmitzten Schurken hatten einen gefährlichen Eindruck auf ſie hervorgebracht, der fortwährend ihre Gedanken be⸗ ſchäftigte. Die Anfunft des Doctor Curry und mehrerer Herren, welche den Vicomte bei ſeiner Stimmbewer⸗ bung begleiten ſollten, machte der Unterhaltung ein Ende. Die Pferde wurden vorgeführt, und in Kur⸗ zem befand ſich die Gräfin mit ihrer Tochter allein. Die Erſtere überredete Eugenia, ſich in ihr Zim⸗ mer zurückzuziehen, um dort der Ruhe zu pflegen. Dieſe machte zwar einige Einwendungen, welche aber die Gräfin dadurch beſchwichtigte, daß ſie ihre Abſicht ausſprach, einen Spaziergang in den Park zu machen. Dieß war gerade die Gelegenheit, welche die Herrin des Hauſes gewünſcht hatte, denn kaum ſah ſie ſich allein, als ſie in Albert Mortimer's Zim⸗ mer eilte und haſtig in den Taſchen ſeines Frackes 298 nachſuchte. Dieſer hatte abſichtlich den Schlüſſel darin zurückgelaſſen. „Wie glücklich!“ murmelte ſie. Ihr guter Engel ſeufzte aber, als ihre Lippen dieſes Wort aus⸗ ſprachen. Sie goß einen Theil des tödtlichen Inhalts des Flacons in ein Fläſchchen, das ſie mitgebracht hatte, worauf ſie den Schlüſſel wieder in die Fracktaſche ſteckte. Zitternd und verwirrt kehrte ſie in ihr Zim⸗ mer zurück. Eugenia wäre wahrſcheinlich außer Stande ge⸗ weſen, ſogar ſich ſelbſt die Frage zu beantworten, weßhalb ſie das Gift genommen habe, denn ſie war ſich ſelbſt darüber noch nicht klar geworden, was für einen Gebrauch ſie davon machen wolle. Die Handlung, die ſie ſo eben begangen hatte, war ihr durch einen jener ungeſtümen, unbeſtimmten Wünſche eingegeben worden, gegen die das Herz nicht genug auf ſeiner Hut ſein kann, denn ſie ſind die Vor⸗ läufer des Verbrechens, deſſen erſte Schritte ſo un⸗ merklich ſind, daß wir ſelten davor zurückſchrecken. „So,“ murmelte Albert Mortimer vor ſich hin, als er hei ſeiner Rückkehr in die Halle ſein Reiſe⸗ Neceſſaire unterſuchte,„ſie hat ſich alſo bereits ſchon mit der Waffe verſehen; mit der Zeit wird ſie auch den Muth finden, ſie zu gebrauchen.“ Nachdem er dieſe teufliſche Berechnung hatte laut werden laſſen, ſchickte er ſich an, ſich für das Mit⸗ tageſſen anzukleiden. — 299 Siebzigſtes Capitel. Wir fürchten die Geduld unfrer Leſer zu er⸗ müden, wenn wir durch Beſchreibung der komiſchen Auftritte bei einer Grafſchaftswahl, ſelbſt in den ſo genannten guten alten Zeiten, in welchen Beſte⸗ chungskunſt förmlich wiſſenſchaftlich betrieben wurde und die Votanten in aller Bequemlichkeit käuflich waren, den Gang unſrer Erzählung aufhalten wür⸗ den. Wir begnügen uns daher mit der Bemerkung, daß nach einem dreitägigen harten Kampfe die Wahl zu Gunſten des Vicomte zu glücklichem Aus⸗ gange geführt wurde, der von dem Ober⸗Sherif für geſetzlich erwählt erklärt und zu großer Befriedigung von Allen, mit Ausnahme von ihm ſelbſt, auf einem Stuhle durch die Stadt getragen wurde. Montague meinte, das neue Mitglied ſehe aus, als wenn es ſeekrank wäre, und Marchmont ent⸗ warf eine ſo vortreffliche Skizze von ihm, indem er ihn darſtellte, wie er ſich an der Stuhllehne hielt, während ſeine Zuhörer zu wiederholten Malen wahnſinnige Lebehochrufe brüllten, daß er dieſe Zeichnung noch in derſelben Nacht durch die Poſt an den Officierstiſch abſchickte. Das unvermeidliche Feſteſſen und der Wahlball folgten, wie gewöhnlich, worauf die Geſellſchaft nach Burg⸗Hall zurückkehrte, wo der Vicomte und die beiden Gardeofficiere nur noch eine Nacht zubrachten. „Ich werde in einem oder höchſtens zwei Tagen nachfolgen,“ ſagte der Earl, als er ſeinem Sohne 300 beim Abſchiede die Hand drückte;„der Aufenthalt hier iſt entſetzlich langweilig.“ „Und unſer Wirth unerträglich gemein.“ „Das läßt ſich allerdings nicht ganz läugnen,“ bemerkte der Graf gutmüthig;„wir dürfen aber nicht vergeſſen, daß er unſer Gaſtfreund iſt. Schicke das Verzeichniß Deiner Schulden meinem Bankier, damit er ſie bezahlt; es iſt aber das letzte Mal.“ Wenn ihn nicht die Phantaſie ankommt, Mar⸗ quis zu werden, dachte das neugebackene Parla⸗ mentsmitglied. Dem Earl fiel ein, daß die Bezahlung der Schul⸗ den ſeines Sohnes nicht der einzige Preis ſei, den er für die Erkaufung des blauen Bandes ſchulde, welches der Miniſter ihm verſprochen hatte, wenn die Wahl des Vicomte's durchgeſetzt werde. Es blieb ihm noch übrig, ſeine Abrechnung mit der Gräfin in's Reine zu bringen. Was in aller Welt mag ſie nur verlangen? dachte er. Es kann kein Geld ſein, das verſteht ſich von ſelbſt.— Es handelt ſich alſo wohl um eine Weiberlaune. Nun, ich werde es ſeiner Zeit erfahren. Als er bei ſeiner Gemahlin den Gegenſtand in Anregung brachte, verſprach ihm dieſe, unmittelbar nach der Rückkehr nach London, wohin Brandon und Eugenia ſie begleiten ſollten, darüber Auskunft zu geben. Den Abend vor der Abreiſe hielten der Yankee, Albert und Snape eine lange Conferenz. Der Ver⸗ luſt der Beſitzurkunden war etwas höchſt Unbeque⸗ — 301 mes, weil Brandon ohne dieſelben kein Geld gegen Hypothek auf die Güter aufnehmen konnte. „Sie haben den Verhaftsbefehl gegen Curry erlangt?“ bemerkte er. Der Rentmeiſter nickte bejahend. „Und gegen ſeinen Diener Peter Bodger?“ „Gegen Beide.“ „Arretiren Sie ſie ſogleich nach meiner Abreiſe,“ ſagte der Gutsherr. Da die Wahl vorüber und die Freundſchaft oder Feindſchaft des Doctors ohne alle weitere Be⸗ deutung war, ſo billigte Capitän Mortimer den Beſchluß. „Ich will dieſen Leuten zeigen,“ rief der Yankee aus,„daß ich nicht mit mir ſpielen laſſe. Wenn der Kerl einen ſolchen Streich einem meiner Vor⸗ fahren vor hundert oder zweihundert Jahren ge⸗ ſpielt hätte, ſo hätte er an der höchſten Eiche in meinem Parke baumeln müſſen. Bei dieſer Anſpielung auf ſeine Abſtammung vermochte keiner der beiden Verbündeten ſeinen Ernſt zu bewahren; der Rentmeiſter lachte laut auf und Albert lächelte. Des Yankee's Verblendung in Betreff ſeiner Familie war wirklich poſſierlich; zuweilen hielt er ſich in der That für den Sohn von Marmaduke Burg, ein Beweis, daß es Menſchen gibt, die end⸗ lich ihre Lügen ſelbſt glauben. „Ich werde die Ausführung des Verhaftsbe⸗ fehls ſelbſt überwachen,“ ſagte Snape, der gegen den Doctor feindſeliger, als je, geſinnt war. „Aber erſt nach unſrer Abreiſe,“ bemerkte der 302 Capitän,„damit es um's Himmelswillen keinen Auftritt mehr gibt, ſo lange der Earl noch auf Beſuch in Burg⸗Hall iſt. Am folgenden Morgen machte ſich die ganze Geſellſchaft nach London auf den Weg, und nur der Rentmeiſter nebſt einigen Dienern blieben zu⸗ rück. Die Abreiſe geſchah unter weniger Ceremonie als die Ankunft, indem nur ein Theil der Pächter die Wägen begleitete; Brandon vermochte es aber doch nicht über ſich, die Gelegenheit vorübergehen zu laſſen, um vor ſeinen edlen Gäſten mit der Macht ſeiner Beredtſamkeit zu glänzen, die, wohl oder übel, ſeine Abſchiedsrede mit anhören mußten. Endlich war auch dieſe Qual überſtanden und die Reiſe konnte weiter fortgeſetzt werden. Oogleich die Polizeibeamten mit dem Verhafts⸗ befehl jeden Augenblick zu Gebot ſtanden, ſo wies ſie Snape doch an, die Ausführung bis zum Ein⸗ bruch der Nacht außzuſchieben. Es befand ſich noch immer eine Menge Pächter und Bergleute in der Stadt, und es war zu befürchten, daß der Verſuch für Jeden der dabei Betheiligten gefährlich aus⸗ fallen könnte, und bekanntlich hatte er die Abſicht ſelbſt bei der Arretirung des Arztes anweſend zu ſein. So wurde es Mitternacht, bis Snape in Be⸗ gleitung der beiden Häſcher an die Thüre klopfte. „Nur herein!“ rief eine Stimme, welche er für die des alten Mannes hielt. Der Rentmeiſter tappte im Finſtern den Gang hinab bis in das kleine Wohnzimmer, wo er zu ſeinem Erſtaunen anſtatt des Mannes, den er zu arretiren gekommen war, zwei gut gekleidete Fremde 303 fand, deren Mienen und determinirtes Benehmen ihm aber nicht ſonderlich gefiel. „Iſt Doctor Curry zu Hauſe?“ fragte er. „Nach London verreist.“ „Peter Bodger, ſein Diener?“ „Ebenfalls.“ „Dann iſt unſer Geſchäft hier ſchon zu Ende,“ bemerkte Snape, froh wieder fortzukommen. „Aber wir haben noch ein Geſchäft hier,“ be⸗ merkte einer der beiden Fremden, indem er auf den Rentmeiſter zuſprang und ihn am Rockkragen ſ während ſein Gefährte ihm Handſchellen an⸗ egte. „Was ſoll das bedeuten?“ ſtammelte der ſchuld⸗ bewußte Wicht. „Verhaftung wegen Mords, ſonſt nichts. Der alte Herr, der hier wohnt, ſagte uns, Sie würden gewiß hier einſprechen und ſomit erwarteten wir Sie.“ Die Entdeckungs⸗Polizeiagenten— denn dieß wa⸗ ren beide— wieſen ihre Beglaubigung vor zur Beſchwichtigung der beiden Beamten, die den Ge⸗ fangenen in gleicher Abſicht hieher begleitet hatten. „Kann ich nicht einen Brief ſchreiben?“ fragte Snape. „Nein.“ „Oder zu meinem Anwalt ſchicken?“ „Der ſitzt ebenfalls im Gefängniß.“ Trotz Snape's Bitten und Beſtechungsanerbie⸗ tungen, die er freigebig machte, weigerten ſich die Männer, die ihn zum Gefangenen machten, ihn mit irgend Jemand in Verbindung treten zu laſſen oder ſeine Abreiſe zu verſchieben. Sie hatten eine Chaiſe 304 bei ſich, welche hinter dem Hauſe wartete, in wel⸗ cher ſie ohne weitern Verzug mit ihm nach London fuhren. Als er an dem Parfeingange vorüberkam, beſchien der Mond hell die Stelle, an welchem der arme Franklin ermordet worden war. Der Mörder ſchauderte und ſank in die Wagenecke zurück. Das von dem Mörder im Park weggeworfene Piſtol hatte zur Arretirung des Mr. Tye geführt, welchem nachgewieſen wurde, daß er das Paar ge⸗ kauft hatte, und als der Notar ſah, daß ihm kein anderer Ausweg bleibe ſich aus der Schlinge zu zie⸗ — hen, klagte er Snape an, daß er es ihm aus ſeinem Bureau entwendet habe. Die Erwählung des Vicomte war ein großer Triumph für die Regierung, und der Miniſter hatte ſein Verſprechen getreulich erfüllt. Der Earl er⸗ hielt den vacanten Hoſenbandorden, das einzige Ziel des Ehrgeizes, nach welchem er je in ſeinem Leben geſtrebt hatte. Nach ſeiner Rückkehr von der Inveſtitur, welche in St. James Palaſt ſtattgefunden hatte, begab ſich Seine Lordſchaft, noch voll Wonne über die ihm zu Theil gewordene Ehre, in das Boudoir ſei⸗ ner Gemahlin, um ihre Glückwünſche entgegenzu⸗ nehmen. „Ich habe es nicht vergeſſen,“ verſetzte er in Erwiderung der Complimente, die ſie ihm ſpendete, „wie viel ich Ihrer Geduld und Ihrem Tait in der Wahlangelegenheit zu verdanken habe.“ Sagen Sie mir jetzt, ſetzte er mit einem Lächeln hinzu,„worin die Gunſt beſteht, die ich Ihnen gewähren ſoll?— Die Zeit iſt gekommen, mein Verſprechen zu löſen.“ 305 „Und Sie wollen nicht zornig werden?“ ſagte ſeine Gemahlin. „Es müßte wahrhaftig etwas ſehr Ernſtes ſein, was mich an einem Tage, wie der heutige, gegen Sie aufzubringen vermöchte,“ antwortete der Pair, indem er ihr zugleich galant die Hand küßte. Nach einigem Bebenken und Zögern geſtand end⸗ lich Lady Melbourg ihre frühere Vermählung mit Capitän Trelawny und Eugeniens Geburt. Das Erſtaunen, welches ihre Worte auf den Grafen her⸗ vorbrachte, war, wie man ſich denken kann, groß. Es dauerte lange, ſehr lange, ehe er nur ihrer Ausſage Glauben ſchenkte. Zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte er, daß felbſt der Hoſenband⸗ orden zu theuer erkauft worden ſei. Nachdem die ſchöne Verbrecherin mit ihrer Beichte zu Ende war, folgte ein ominöſes Schweigen. „Sie haben mich tiefer verletzt, als Sie ſich vorſtellen,“ ſagte ihr Gemahl,„indem Sie dadurch das blinde Vertrauen, das zwiſchen uns beſtanden hat, zerriſſen und mich der Lächerlichkeit und Schande preisgegeben haben.“ „Nicht der Schande,“ ſtöhnte ſeine Gemahlin, agebrauchen Sie dieſes Wort nicht; die Familie Trelawny iſt ſo alt, wie die Ihrige.“ „Und Brandon Burg!“ fuhr der Lord mit bitte⸗ rer Betonung dieſes Namens fort.„Denken Sie nur an das Gelächter in den Clubbs, an den Hohn der Oppoſition, an die ſpöttiſchen Glückwünſche unſrer Freunde, wenn es ruchbar wird, daß dieſes Ungeheuer von Gemeinheit und Roheit Ihr Schwie⸗ gerſohn iſt.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. v. 20 306 „Er iſt reich,“ bemerkte die ſchöne Fürſprecherin begütigend.. „Wiegt Gold Unwiſſenheit und Roheit auf?“ Lächerlichkeit den Stachel zu nehmen?! Er iſt ein Balken ein jedem Wappen. Wie!“ fuhr er fort, „ich ſoll ihn in meinem Familienzirkel empfangen, mich ſeiner zudringlichen Familiarität ausſetzen, mich Schwiegervater von einem ſo ſchlecht erzogenen Men⸗ ſchen nennen laſſen? Niemals! niemals!— Der Carl von Melbourg, Schwiegervater von Brandon Burg. Der Gedanke macht mich wahnſinnig!“ „Aber Ihr Verſprechen,“ ſagte die Gräfin drin⸗ gend,„Ihr Verſprechen!“ „Sie müſſen mich⸗ deſſelben entbinden.“ „Dieß ſteht nicht mehr in meiner Macht; der Menſch weiß Alles.“ Entſchluß des erzürnten Pairs, weil dadurch die Unmöglichkeit zu Tage lag, die fatale Verwandt⸗ ſchaft geheim halten zu können. Er ſah nur zu klar ein, daß keine Ueberredungskunſt den eiteln, ehrgeizigen Yankee dahin zu bringen vermöchte, ſich des Vortheils der Veröffentlichung derſelben vor der Welt zu begeben, deren Bosheit man, wie Er⸗ fahrung ihn gelehrt, beſſer durch Lächeln trotzt, als man ſie burch Aengſtlichkeit zum Schweigen zu bringen vermag. „Dann bleibt mir freilich nichts Anderes übrig, als die Rolle durchzuführen, die Sie mir zugewie⸗ ſen haben,“ murmelte er. Am folgenden Tage, nachdem er zuvor mit ſei⸗ fragte ihr Gemahl bitter,„Oder vermag es der Dieſer letzte Schlag entwaffnete vollkommen den 307 N nen Freunden ſich berathen, denen er die Beweiſe der erſten Vermählung ſeiner Gemahlin vorgelegt hatte, erklärte er dieſer, daß es ihr frei ſtehe, ihre Tochter anzuerkennen. Lady Melbourg wollte ihm dafür die Hand küſ⸗ ſen; er aber zog ſie kalt zurück. „Sie ſchulden mir keinen Dank,“ ſprach er, „denn Sie haben meine Einwilligung erzwungen; lieber will ich mich lächerlich machen, als mich ent⸗ ehren. Es iſt mein Wille,“ fuhr er fort,„daß alle unſre Freunde zu einem großen Balle eingeladen werden, und daß auf dieſem Mrs. Brandon Burg als Ihre Tochter vorgeſtellt wird.“ Es lag etwas ſo Strenges in dem Benehmen des Lords, daß die Gräfin nur leiſe den Namen Brandon zu lispeln wagte. „Nie! Nie!“ rief der Earl aus,„nie ſoll die⸗ ſer die Schwelle meines Hauſes betreten. In die⸗ ſem Punkte ſteht mein Entſchluß unwiderruflich feſt. Eugenia iſt Ihr Kind,“ ſetzte er mit männlicher Offenheit hinzu;„auf ihrer Geburt laſtet kein Ma⸗ kel. Wenn ich es nur früher gewußt hätte, ſo wäre uns Beiden viel Schmerz erſpart worden. Sie beſitzt Anſprüche auf der Mutter Zärtlichkeit, ob⸗ gleich dieſe etwas ſpät erwacht iſt Eugenia will ich empfangen und nöthigen Falls beſchützen, den Mann aber, den ſie geheirathet hat, niemals. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ der be⸗ leidigte Gatte das Zimmer. Es dauerte nicht lange, ſo ließen die Morgen⸗ blätter Winke über eine romantiſche Entdeckung in der vornehmen Welt fallen. Anfangs waren die 20 308 Artikel mit äußerſter Vorſicht abgefaßt; als aber kein Widerſpruch eingelegt wurde, wurden die Mit⸗ theilungen kecker und enthielten die Anfangsbuch⸗ ſtaben der betreffenden Perfonen, was die Veröffent⸗ lichung eines Briefes von Seite der Verwandten des Earls zur Folge hatte. „Aus Familienrückſichten ſei es nicht bekannt gemacht worden,“ hieß es darin,„daß Lady Mel⸗ bourg ſchon früher in Indien verheirathet geweſen ſei. Ihr erſter Gemahl ſei Capitän Trelawny ge⸗ weſen, Bruder des Generals gleichen Namens, und die fragliche Tochter ſei die ſchöne Mrs. Brandon Burg.“ Es folgte ſodann eine Liſte der Zeugen und die Angabe des Datums. Niemand war über dieſe unerwartete Entdeckung erſtaunter als Harold und Bella. Die Letztere wurde dadurch des einzigen Selbſtvorwurfs enthoben, den ihr reines und unſchuldiges Herz je ihr zu machen Urſache hatte; des Vorwurfs, daß ſie der bevorzugte Liebling ihres Vaters geweſen war. Eugenia war nur ſeine Nichte; ſie aber war ſein Kind; jene hatte alſo kein Recht auf ſeine Vorliebe; denn welche Liebe kann mit dem Bande rivaliſiren, welches Eltern und Kinder verhigdet? Unglücklicher Weiſe entband ſie aber dieſe Se r Gelübdes nicht. Am folgenden Tage kamen Einladungskarten von der Gräfin zu einem Balle. „Sie werden doch hingehen?“ fragte Lilini, der zugegen war. „Ich muß,“ verſetzte Bella,„ſonſt meint Euge⸗ nia, ich beneide ſie um ihr Glück.“ Es lag etwas ſo Betrübtes in ihrem Tone und 309 Blicke, daß man wohl bemerkte, wie ſehr ſie ge⸗ litten hatte. „Mrs. Burg kann, wenn ſie ſich nicht vor ſich ſelbſt ſchämen will, nicht länger mehr die herzloſe Tyrannei beſtehen laſſen, die ſie ſo lange geübt hat,“ rief Harold aus.„Ich würde ihr Benehmen der ganzen Welt mittheilen.“ „Das iſt ganz unnöthig,“ bemerkte der Graf mit einem wohlwollenden Blicke gegen Bella.„Hö⸗ ren Sie mich an. In der Nacht des Balles ſoll Eugenia's Gewalt ihr Ende finden, die Ihrem Glücke im Wege ſteht. Sie ſoll Ihnen die Freiheit des Handelns wieder geben, deren Sie ein übermäßig edles Opfer beraubt hat. Fürchten Sie nichts, denn ich werde die Kette zerbrechen, ſelbſt wenn ſie von Diamanten geſchmiedet wäre. Machen Sie mir die Freude, Sie heiter und froh, ſtrahlend von Schön⸗ heit und Tugend bei dem Feſte zu ſehen. Es iſt Ihres Vaters Wunſch und mein Rath, daß Ihre Verlobung mit Harold bei dieſer Veranlaſſung öf⸗ fentlich verkündigt wird.“ Eine tiefe Röthe ergoß ſich über die Wangen des ſchönen Mädchens. „Willigen Sie ein,“ flüſterte Harold mit bittender Stimme,„können Sie an unſerm Freunde zweifeln?“ „Nein,“ murmelte Bella,„denn mein Ver⸗ trauen auf ihn iſt unerſchütterlich.“ „Sie willigen alſo ein?“ „Ja.“ Die Befriedigung des Generals Trelawny und Sir Mordaunt's war groß, als ſie erfuhren, was ſich alles zugetragen. Der Baronet rieb ſich vor 310 Freuden die Hände, als er es ſeiner Schweſter mittheilte, die ſich begnügte, trocken zu bemerken, daß es endlich Zeit ſei, dieſer ſentimentalen Thorheit ein Ende zu machen. Vielleicht lag etwas Bitteres in den Worten der alten Jungfer, zu deren Entſchuldigung wir aber anführen müſſen, daß ihr wahrſcheinlich die näheren Umſtände gänzlich unbekannt geblieben waren. Sie liebte ihren Neffen und konnte nicht begreifen, wie ein verſtändiges Mädchen mit deſſen Gefühlen hatte ſpielen können. Wenn es ſich aber um einen Irrthum handelte, ſo entſprang dieſer aus dem Kopfe und nicht aus dem Herzen, denn noch venſelben Tag fuhr ſie zu einem Juwelier, um dort die neue Faſſung eines koſtbaren Diadems von Diamanten zu beſtellen, das nicht mehr das Tages⸗ licht erblickt hatte ſeit ihrem letzten Balle in Carlton Houſe, wo ſie mit dem Regenten getanzt hatte. Wir ſind zu galant, um zu ſagen, vor wie vielen Jahren dieß der Fall geweſen war. Es exiſtirten zwei beſcheidene Herzen, welche ſich über die Ausſicht auf eine Verbindung der beiden Liebenden mehr, als alle Andere, freuten; es war dieß Norah und der getreue Tom. Der letztere hatte es ſtets als ſeinen unabänderlichen Entſchluß ausgeſprochen, nie ſeinen jungen Herrn zu verlaſſen, daher hatte ſich der Barometer ſeiner Zuneigung ſtets nach Harolds Bewerbung gerichtet. Sobald ſein Herr heirathe, beabſichtigte Tom ebenfalls zu heirathen, aber nicht eher. Wie unſre Leſer ſich wohl vorſtellen werden, ſo hatten Miß Cheerly, Bella und Nancy viel zuſammen 311 zu flüſtern und ſich zu beglückwünſchen. Die Letztere war— Dank der wachſamen Pflege der Gräfin Lilini, die faſt nie ihr Zimmer verlaſſen hatte!— nahezu wieder hergeſtellt. „Ich ſehe ſchon, wie es gehen wird,“ rief die glückliche Frau des Zimmermanns:„Emma und Harry werden ſich zu gleicher Zeit vermählen.“ Es möchte ſchwer halten, die Wuth Brandon's zu beſchreiben, als er erfuhr, daß er nicht nur vom Balle ausgeſchloſſen ſei, ſondern auch, daß der Graf von Melbourg ganz entſchieden ſich weigere, in Zukunft noch irgend etwas mit ihm zu thun zu haben. Sein Zorn und Aerger machten ſich in den gemeinſten und roheſten Schimpfworten Luft. „Das nenne ich Gegenſeitigkeit!“ rief er gegen Albert Mortimer aus;„das ſieht aber den dick⸗ köpfigen Britanniern ganz gleich. Habe ich nicht ſeinen Schafskopf von Sohn zum Mitgliede des Congreſſes gemacht?“ „Das thaten Sie.“ „Und dem alten Narren zu ſeinem Orden ver⸗ holfen?“ „Ganz gewiß haben Sie dazu beigetragen, daß Seiner Lordſchaft dieſe Ehre zu Theil wurde,“ erwiderte ſein Verbündeter. „Es ſteckt nicht mehr Dankbarkeit in ihm, als in einem Krokodil.“ Der Capitän zuckte die Achſeln. „Ich laſſe mich nicht zum Narren halten,“ fuhr der Yankee fort.„Man hat mir ſo lange um den Bart geſtrichen, bis man mich um den Parlamentsſitz geprellt hat, den ich ſelbſt hätte einnehmen können, 312 und dieß Alles that Mrs. Brandon und ihre koſt⸗ bare Mutter.“ „Es ſcheint dieß allerdings ein unfeines Benehmen zu ſein,“ erwiderte Albert, der ſeine Gründe hatte, den Sturm im Gange zu erhalten. „Unfein!“ unterbrach ihn Brandon;„unmenſchlich iſt es. Aber Mrs. Brandon ſoll ohne mich nicht auf den Ball gehen.“ „Daran thäten Sie ſehr unrecht, und viel beſſer wäre es, wenn ſie nach ihr hingingen,“ flüſterte Albert.„Ich kenne den Earl; er iſt von Natur ſehr feinfühlend und hat einen wahren Abſcheu vor jedem Scandal. Finden Sie ſich nur keck ein; man wird Sie aufnehmen, aber Sie müſſen Ihre Abſicht vor Mrs. Brandon geheim halten.“ Dieſer während Eugenien's Abweſenheit ertheilte Rath reizte die Phantaſie des Yankee dergeſtalt, daß er denſelben zu befolgen ſich entſchloß. Jeden Tag, bis zu dem für den Ball beſtimmten Abende wurde der ſtolze Geiſt von Brandon's Gattin dadurch verletzt und gedemüthigt, daß ſie ſich genöthigt ſah, die plumpen Beleidigungen des Mannes mit anhören zu müſſen, den ſie jetzt bitter haßte; anſtatt aber, daß dieſe Qual ihr erz weicher geſtimmt hätte, verhärtete dieſes nur immer mehr. Es fiel ihr entfernt nie ein, daß das, was ſie in Foige ihrer unpaſſenden Heirath erduldete, nur eine ge⸗ rechte Züchtigung für ihr Benehmen gegen die unſchul⸗ dige Bella ſei. „Hätte ich das Geheimniß meiner Geburt nur ein paar Monate früher gekannt,“ murmelte ſie häufig vor ſich hin,„wie ganz anders wäre mein 313 Schickſal als die anerkannte Tochter der Gräfin aus⸗ gefallen. Reich, gebildet und ſchön hätte ich leicht einen Mann gefunden, der mich zu würdigen ver⸗ ſtanden und in den Kreis erhoben hätte, aus welchem das Ungeheuer, an das ich mich weggeworfen habe, mich herausreißt.— Ich wollte, er wäre todt.“ Es iſt ein furchtbarer Augenblick, wenn ſolche Worte zum erſten Male den Lippen einer Frau entſchlüpfen; der Gedanke an ein Verbrechen ſchleicht ſich dann unwillkührlich in das Herz. In dem Gefühl ihres verletzten Stolzes und ihrer Schmach betrachtete Eugenia unwillkührlich das Fläſchchen mit Gift, das ſie aus dem Reiſe⸗Neceſſaire des Capitäns entwendet hatte, indem ſie die Frage an ſich ſtellte, ob wohl das Mittel die furchtbaren Eigenſchaften beſitze, die man ihm zuſchreibe, und ob es wirklich ganz unmöglich ſei, die Spuren des⸗ ſelben nach dem Tode zu entdecken. An dem für den Ball beſtimmten Tage ſpeiſte Albert Mortimer bei ſeinem Freunde Brandon zu Mittag, der heute in ſeinen Auslaſſungen wo möglich noch alles das übertraf, was er an gemeinen Schimpſworten ſchon vorgebracht hatte. Obgleich er ſich wohl hütete, ſeine Abſicht laut werden zu laſſen, als ungeladener Gaſt bei dem Grafen ein⸗ zudringen, ſo vermochte er es doch nicht über ſich, einige dahin zielende Winke fallen zu laſſen. „Ich werde mit dem alten Fuchs ſchon noch fertig werden,“ ſagte er, ſeinem Gaſte zuwinkend. „Sie wollen mich nicht haben! Natürlich! Wir wollen aber ſchon ſehen.“ 314 „Die Zeit verändert oft viel in der Stimmung,“ bemerkte der Capitän,„und der Lord wird gewiß noch einmal Ihren Werth und die Dienſte aner⸗ kennen, die Sie ihm geleiſtet haben.“ .„Daß ich ſeinen Schafskopf von Sohn in den Congreß befördert habe!— Vielleicht wartet er bis wieder einmal eine Wahl nöthig wird und gibt mir dann gute Worte, daß ich nicht gegen ihn bin.“ „Bis dahin wird wohl Alles längſt beigelegt ſein.“ „Glauben Sie?“ ſagte der Yankee,„vielleicht iſt es aber dann zu ſpät.“ Aus dieſen und ähnlichen Bemerkungen ſchloß Cugenia, daß Brandon irgend Etwas im Schilde führe, und dieſer Gedanke beunruhigte ſie. Sie kannte ihren Gatten zu gut, als daß ſie nicht gewußt hätte, daß er in ſeiner Leidenſchaft ſelbſt die größte Gewaltthätigkeit zu begehen ſich nicht ſcheue. Sobald der Nachtiſch aufgetragen war, entfernte ſie ſich aus dem Speiſezimmer, um ſich anzukleiden. Finfine händigte ihr ein Billet ein; es war von Albert und lautete folgendermaßen: „Brandon hat die Abſicht, ſich heute Abend in „Lord Melbourg's Hauſe einzufinden. Ich habe mein „Möglichſtes gethan, ihm dieſen Gedanken auszu⸗ „reden. Ich befürchte einen großen Scandal und „kenne keinen andern Ausweg, dieſen zu vermeiden, „als wenn Sie den Earl überreden, ihn zu „empfangen.“ Die unglückliche Frau ſtand wie vom Donner gerührt da. Ihr Stolz lehnte ſich gegen die brutale Gemeinheit eines ſolchen Schrittes auf. 315 „Beſchimpft!“ murmelte ſie;„öffentlich beſchimpft vor der Welt! Hundert höhniſche Augen auf mich gerichtet— darunter die von Bella und Harold. Wie iſt dieß zu vermeiden?“ Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte ſie und ſie ihrem Kammermädchen das Zimmer zu ver⸗ aſſen. Brandon Burg hatte die Gewohnheit, unmittel⸗ bar nach ſeinem Diner in die Bibliothek ſich zu begeben, um dort eine Cigarre zu rauchen und ein Glas Grogg zu trinken, den er ſich ſelbſt bereitete. Zu dieſem Zwecke ſtellte der Haushofmeiſter jeden Tag eine Karaffine mit Waſſer und den nöthigen Ingredienzien auf den Tiſch. Dieſer hatte noch nicht lange das Zimmer verlaſſen, als Eugenia hereingeſchlichen kam, eher einem Geſpenſt als einem lebenden Weſen ähnlich. Ihr Geſicht war todten⸗ bleich— bleich wie das eines Leichnams und ohne den außerordentlichen Glanz ihrer großen dunklen Augen, die voll Leben und Ausdruck waren, hätte man ſie auch für einen wandelnden Leichnam halten können. Nur keine Schwäche, dachte ſie; die Würfel ſind gefallen. Mit feſter Hand zog die mit Mordgedanken erfüllte Frau das Fläſchchen aus ihrem Buſen und goß einige Tropfen ſeines Inhalts in das Glas. Der Ton von Brandon's Stimme drang vom Speiſe⸗ zimmer her in ihr Ohr. Sie ſchauderte. Aller Wahrſcheinlichkeit nach ſollte ſie dieſe Stimme zum letzten Mal hören. Nachdem Eugenia ihr Vorhaben ausgeführt hatte, * 316 blickte ſie das Fläſchchen an und lächelte; es enthielt immer noch hinreichend Gift für ſie ſelbſt im Falle der Entdeckung. Als ſie zwei Stunden ſpäter, um in den Wagen zu ſteigen, an dem Bibliothekzimmer vorüberkam, hlt ſie einige Augenblicke vor demſelben lauſchend tehen.— Nichts rührte ſich darin. Einundſiebenzigſtes Capitel. Alles, was großer Reichthum, Familienver⸗ bindungen und guter Geſchmack zu Stande zu bringen vermögen, war aufgewendet worden, um den Ball der Lady Melbourg zu dem glänzendſten Feſte der Saiſon zu machen. Die vornehmſten Titel in der Pairie, Namen, die ſich in Politik, Künſten und Literatur berühmt gemacht hatten, waren in den ſplendid erleuchteten Salons verſammelt, die durch die Anweſenheit eines königlichen Prinzen, die Miniſter, mehrere Geſandte und eine Menge von Ataché's geziert waren, deren ſchimmernde Uniformen Erſatz für die glitzernden Epauletten der Garde⸗ offiziere leiſten mußten, von denen keiner anweſend war. Der Vicomte hatte nämlich ſo ernſtlich gegen jede Einladung ſeiner Cameraden proteſtirt, daß ſeine Mutter, wenn auch ungern, ihm in dieſem Punkte nachgeben mußte. Er hatte ſein Erſcheinen an dieſe Bedingung geknüpft. Er fürchtete nämlich das Geſpött ſeiner Cameraden, dem ein verſtändiger Mann getrotzt hätte. 317 Unter den Gäſten, welche am frühzeitigſten ein⸗ trafen, befand ſich General Trelawny und ſeine Tochter. Allen fiel die außerordentliche Bläſſe Eugenien's auf, und doch war ſie vielleicht nie ſchöner geweſen. Ihre Toilette war bewunderungs⸗ würdig; ihre Juwelen, das Geſchenk der Gräfin für dieſe Veranlaſſung, waren prächtig, obgleich der Glanz ihrer dunklen Augen, welche von Triumph und Aufregung leuchteten, dieſelben verdunkelte. Hätte Glück daraus hervorgeleuchtet, ſo wäré der Ausdruck wohl etwas milder geweſen. Kein Wunder, daß ihre Mutter ſtolz auf das Kind war, das ſie zum erſten Male vor der Welt anerkannte. Selbſt der Earl, als er die ſtattliche Geſtalt und königliche Miene betrachtete, fühlte ſich faſt mit der Entdeckung verſöhnt, und er wäre es wohl ganz geweſen, ohne die peinliche Erinnerung an ihren Gatten, den gemeinen, rohen Yankee, das Pendant zu dem bezaubernden Portrait. Bella's Lieblichkeit war nicht ſo ſehr in die Augen fallend, ſie zog die Aufmerkſamkeit auf ſich, während ihre Couſine ſie herausforderte. Sie erinnerte den, der ſie betrachtete, an eines jener beſcheidenen kleinen Bilder, Edelſteine an Lieblich⸗ keit und Ausdruck, auf denen das Auge ſo gerne weilt, die bezaubern, ohne zu blenden, und mehr an das Ideal, als an die Wirklichkeit erinnern. Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über die Lippen ihrer Couſine, als ſie das einfache weiße Kleid gewahrte, das Bella ohne alles Geſchmeide oder irgend eine Verzierung trug, mit Ausnahme einer 318 halbentfalteten Roſenknoſpe in ihrem reichen Haare. Es war dieß die Kleidung einer Verlobten. In ihrem Herzen beſchloß Eugenia, daß mit ihrer Einwilligung es ſich nie in das Gewand einer Braut umwandeln ſolle. Harold bemerkte dieſen Ausdruck und erwiderte ihn durch einen Blick der Geringſchätzung. Der General, der nicht wußte, wie unglücklich ſeine Nichte ſein Lieblingskind auf ſo herzloſe Weiſe gemacht hatte, küßte dieſelbe herzlich und gratulirte ihr zu der hlücklichen Veranlaſſung. „Du kannſt nie genugſam die Schuld der Dank⸗ barkeit gegen Deinen zärtlichen Onkel abtragen, meine Liebe,“ bemerkte die Gräfin, ihm die Hand drückend;„er war für Dich ein zweiter Vater.“ „Ich that wenigſtens mein Möglichſtes,“ erwiderte der General, verletzt durch Eugenia's Benehmen, „um ihr den Verluſt ihres Vaters zu erſetzen, den ihr die Vorſehung ſo frühzeitig raubte. Ich werde Bella wohl bald verlieren,“ ſetzte er hinzu;„Harold Tracy iſt im Begriff, ſie mir zu entführen. Ich gebe ihr aber mit meinem Vermögen meinen Segen mit auf den Weg.“ Ueber dieſe öffentliche Verkündigung ihrer Ver⸗ lobung erröthete das gute Mädchen tief; aber der kräftige Arm ihres Geliebten und das liebevolle Lächeln ihres Vaters liehen ihr Beiſtand, und ſie empfing die Beglückwünſchungen der Umſtehenden mit jener beſcheidenen Zurückhaltung, welche eine Frau ſo reizend macht. Es wäre zu auffallend geweſen, wenn Mrs. Brandon Burg die einzige Perſon in dieſem Kreiſe 319 geweſen wäre, die es unterlaſſen hätte, ihrer Couſine Glück zu wünſchen. Als ſie aber die Stirne ihres Dpfers mit ihren brennenden Lippen berührte, flüſterte ſie demſelben in's Ohr: „Nimm Dich vor dem Glück in Acht, das durch ein gebrochenes Gelübde erkauft wird.“ Bella ſchauderte; aber in demſelben Augenblicke gab ihr Lilini's Stimme, der in das Empfangzimmer trat, ihre Sicherheit wieder. Es lag faſt etwas Väterliches in dem Ausdrucke von Zärtlichkeit, mit welchem er ſie betrachtete. „Ehe Sie dieſes Haus wieder verlaſſen, werden Sie frei ſein,“ ſagte er halblaut zu ihr. Eugenia ſah ihn mit herausforderndem Blicke und verächtlicher Ungläubigkeit an; ſie hatte ſeine Worte gehört. Er muß mehr, als ein Menſch ſein, dachte ſie, wenn er dieſes Zugeſtändniß von mir erzwingen will. Ohne dieſe ſtumme Herausforderung zu beachten, ging der Graf weiter, um der Gräfin ſeinen Reſpect zu bezeigen. „Sie müſſen ſich ſehr glücklich fühlen,“ bemerkte er gegen dieſe. „Allerdings wäre ich dieß,“ erwiderte die Dame, ihren Arm mit der Vertraulichkeit einer alten Freundin in den ſeinigen legend, indem ſie mit ihm nach dem Saale ging, wo getanzt wurde,„wenn mich nur nicht immer ein entſetzlicher Gedanke verfolgte.“ Lilini ſah ſie mit Erſtaunen an. „Ich meine das traurige Subject, Eugenia's Gatte,“ fuhr die Gräfin fort. 320 Lilini gab keine Antwort, denn bei aller Höflich⸗ keit war es ihm unmöglich, ein Wort zu Gunſten Brandon Burg's zu ſagen. „Meine Tochter,“ fuhr ſie fort,„beſitzt alle Eigenſchaften, die ein Mutterherz nur wünſchen kann, ſowohl was ihre Perſon, als was ihr Herz und ihren Geiſt anbelangt.“ „Sie iſt außerordentlich ſchön,“ ſagte der Graf. „Ich kann es nicht begreifen, wie der General ſeine Einwilligung zur Verbindung mit einem ſolchen Menſchen geben konnte,“ rief die Gräfin in einem Tone der tiefſten Betrübniß und des höchſten Be⸗ dauerns aus.„Iſt er nicht abſcheulich? Wenn der Mann arm wäre, ſo könnte man ihn zum Conſul in Timbuctu ernennen laſſen, ihn nach In⸗ dien, China oder ſonſt wohin, weit von hier, ſchicken, wo man nie mehr von ihm gehört hätte; aber das Ungethum iſt reich. Sollten Sie es glauben; obgleich er ganz genau weiß, daß der Garl ihn nie empfangen will, hat er doch gedroht, heute Abend ſich hier einzufinden.“ „Von einem Menſchen dieſer Art iſt mir Alles glaublich,“ erwiderte der Graf ernſt.„Fürchten Sie aber nichts, ich will Sie von ſeiner Gegenwart befreien.“ Die Gräfin ſah ihn mit Erſtaunen an. „Es wird keinen Scandal ſetzen, außer wenn Ihre Tochter einen veranlaßt,“ fuhr Lilini fort. „Das Gewächshaus wird wahrſcheinlich für Ihre Gäſte erſt nach dem Souper geöffnet werden?“ Die Gräfin erwiderte, daß dieß nicht eher der Fall ſein werde. 321 „Befehlen Sie dem Kammerdiener, mir den Schlüſſel dazu einzuhändigen,“ ſagte der Graf,„und befragen Sie mich nicht weiter, bis ich Sie auf⸗ fordere, mir dorthin zu folgen, wo Ihre Anweſen⸗ heit ſowohl, wie die des Earl und Eugenia's nothwendig ſein wird.“ „Sie ſind in der That der unbegreiflichſte Menſch, der mir je vorgekommen iſt,“ bemerkte Lady Mel⸗ bourg;„es ſoll aber nach Ihrem Wunſche geſchehen.“ Das Erſcheinen von zwei Herren, welche unmittel⸗ bar, nachdem das Feſt ſeinen Anfang genommen hatte, ſichtbar wurden und ohne Jemand zu kennen, oder von Jemand gekannt zu ſein, gravitätiſch durch die Zimmer ſchritten, erregte unter den ariſtokrati⸗ ſchen Gäſten ungewöhnliches Aufſehen. An ihrem Anzuge war nichts beſonder Auffallendes zu be⸗ merken, indem derſelbe gerade ebenſo beſchaffen war, wie der der übrigen Gäſte; es war vielmehr ihr gezwungenes Weſen und der ordinäre und erſtaunte Ausdruck in ihren Geſichtern, was die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. „Wer ſind ſie? Wer mögen ſie wohl ſein?“ entſchlüpfte manchen ſchönen Lippen, wenn ſie ſchweigſam und ſteif, gleich zwei Stummen in eiſer Leichenproceſſion vorübergeſchritten kamen. Die⸗ jenigen, welche Eugenia's Gatten ſchon geſehen hatten, äußerten wohlwollend, es müßten Verwandte von Mr. Brondon Burg ſein; ihre Familienähnlich⸗ keit mit ihm ſei gar nicht zu verkennen. Man irrte ſich aber, denn die Fremden waren Engländer und zwar ſehr achtenswerthe, nützliche Leute in ihrer Art, obgleich es für Jedermann Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 21 322 wünſchenswerth iſt, niemals deren amtliche Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Es waren nämlich zwei Entdeckungs⸗ Polizeiagenten. Obgleich der Yankee feſt entſchloſſen war, ſich auf dem Balle einzufinden und, wenn er nicht angenommen würde, mit Gewalt ſich den Weg zu dem Earl zu bahnen und dieſem Vorwürfe über ſeine Undankbarkeit für den Dienſt, den er ihm in der Wahlangelegenheit geleiſtet, vor ſeinen ver⸗ ſammelten Gäſten zu machen, ſo ſtiegen doch, als der Zeitpunkt näher kam, Bedenken in ihm auf, und er fand, daß zur Ausführung ſeines Vorhabens noch mehr gehöre, als eine Steigerung des Muthes durch einige Gläſer Grogg. „Schellen Sie einmal, Albert,“ ſprach er, indem er das mit ſeinem Lieblingsgetränke halbgefüllte Glas bei Seite ſchob;„für heute Abend muß ich Branntwein haben.“ Der Officier zog die Glocke. „Ich fühle mich nicht halb ſo unternehmend, wie gewöhnlich.“ „Vielleicht fürchten Sie ſich vor der Scene, die Sie hervorzurufen im Begriffe ſtehen,“ bemerkte ſein Gefährte ruhig. „Hol' der Teufel jede Furcht!“ rief Brandon ſich aufraffend;„ich habe mich noch nie vor Etwas gefürchtet. Ich bin in einem freien Lande erzogen worden und ſo ein Haufe ſcheinheiliger, unaufge⸗ klärter, ungaſtfreundlicher Britannier kann mich nicht einſchüchtern mit ihren kalten Blicken und ihren un⸗ verſchämten Mienen des Erſtaunens, als wenn an mir etwas ganz Anderes, als an jedem andern — X 323 Gentleman, zu begaffen wäre. Ich glaube, daß mein Rock ſo gut gemacht iſt, wie der eines Jeden.“ Nur mit Mühe vermochte Albert ein Lächeln zu unterdrücken. „Branntwein!“ ſagte der Hausherr zu dem Haus⸗ hofmeiſter, der in das Rauchzimmer trat,„und Eis⸗ waſſer. Dieſer Grogg,“ ſetzte er hinzu, indem er den Speichel mit ächt amerikaniſcher Geſchicklichkeit durch die Zähne in das Kamin ſpritzte,„ſchmeckt ſcheußlich ſchlecht.“ Schade, daß du ihn nicht ganz getrunken haſt, dachte der Capitän, der jetzt auf ſeine Uhr ſah und bemerkte, daß es für ihn Zeit ſei, nach Hauſe zu gehen, um ſich anzukleiden. „Sie ſind alſo auch eingeladen?“ fragte Bran⸗ don bitter. J „Natürlich ſind Sie geladen,“ fuhr der Erſtere mit ſatyriſchem Grinſen fort;„Mrs. Brandon und meine koſtbare Schwiegermutter können nichts thun ohne Sie, ohne daß ſie ſich aber darum kümmern, wie ſehr ſie meine Gefühle dadurch verletzen und mich ärgern. Ein Gatte ſteht zuweilen im Weg. Man ſoll nicht glauben, daß ich blind bin.“ „Eiferſüchtig!“ rief Albert lachend. „Vielleicht bin ich es, vielleicht bin ich es auch nicht, murmelte der Yankee mürriſch. „Auf Ihren Freund— wie lächerlich!“ Bei dem Worte:„Freund“ brach Brandon Burg in ein plumpes, beleidigendes Gelächter aus, indem er es mehrmals wiederholte. 21* 324 „Bin ich das nicht?“ fragte der Capitän, ohne ſich aus der⸗Faſſung bringen zu laſſen. „Das ſind Sie allerdings,“ erwiderte der Haus⸗ herr.„Niemand weiß dieß beſſer als ich. Ich kann Ihnen auf den Schilling hin ſagen, wie viel mich Ihre Freundſchaft ſchon gekoſtet hat. Erſtens vier tauſend Pfund zur Erkaufung Ihrer Compagnie, dann zweitauſend Pfund um—“ „Sie in den Beſitz einer ſchönen Herrſchaft zu ſetzen, auf die Sie auch nicht einen Schatten von Anſpruch hatten,“ unterbrach ihn ſein Verbündeter kaltblütig;„um Ihnen zu erlauben, einen Namen zu tragen, den Ihre Sprechweiſe und Sitten ent⸗ ehren; um Sie in der Geſellſchaft zu halten und Ihnen behilflich zu ſein in einer Familie zu hei⸗ rathen, die, wenn ſie Ihren wahren Stand gekannt hätte, Ihren Antrag mit Verachtung von ſich ge⸗ wieſen haben würde. Wenn Sie mir die Anzahl Dollars nachrechnen, die meine Freundſchaft Sie gekoſtet hat, ſo iſt es nicht mehr wie billig, daß ich Sie an meine Dienſtleiſtungen erinnere.“ „Ich bin mißhandelt und geprellt,“ murmelte der Yankee.„Uebrigens iſt es nicht der Mühe werth, daß wir uns darüber ſtreiten.“ „Das müſſen Sie am beſten verſtehen.“ „Ich ſage Ihnen, daß es ſo iſt, und die Schuld liegt nur an Ihnen, wenn es geſchieht. Sie ver⸗ geſſen, daß ich ein Gentleman bin.“ Die Reihe des Lachens war nun an dem Capi⸗ tän, der dem Yankee eine Lection zu geben beſchloß. „Und Sie vergeſſen, daß ich Ihre frühere Lauf⸗ bahn ganz genau kenne,“ erwiderte dieſer.„Mögen 325 Sie auch vor der Welt eine Maske tragen; für mich ſind Sie nichts Anderes, als der windige Aben⸗ teurer, der ſeine ärmliche Exiſtenz durch literariſche Freubeuterei friſtete, die er für einen diebiſchen Verleger in New⸗York beſorgte, deſſen Agent und Helfershelfer Sie waren. Wenn man freilich Sie hört, ſo ſollte man meinen, Sie bilden ſich in der That ein, der Sohn und Erbe von Marmaduke Burg zu ſein.“ „Ich wies mich wenigſtens geſetzlich darüber aus, und das kommt am Ende auf Eins heraus,“ ſagte Brandon in rechtfertigendem Tone,„und es diente dieß Ihren Zwecken eben ſo gut, wie den meinigen. Ich habe das alte Land und die Geringſchätzung der Britannier ſatt, die nicht wiſſen, was Gegen⸗ ſeitigkeit heißt. Wenn ich nur die verdammten Be⸗ ſitzurkunden hätte, ſo würde ich die Herrſchaft ver⸗ kaufen und mich auf und davon machen.“ „Das dürfte ein gefährliches Experiment ſein,“ bemerkte Albert. „Das kann ich nicht einſehen.“ „Der Verkauf der Herrſchaft würde Verdacht erregen und die Gerechtigkeit hat lange Arme.“ „Ich möchte die Arme ſehen, die über das at⸗ lantiſche Meer hinüber reichen und einen freigebor⸗ nen Bürger greifen könnten, der in Amerika eine halbe Million Dollars in ſeiner Taſche hat,“ rief der Yankee aus.„Ich möchte es nicht verſuchen. Uebrigens ſind wir jetzt wieder Freunde, nicht wahr?“ ſetzte er hinzu, ſeinen Bundesgenoſſen im Verbre⸗ chen mit ſeinen ſcharfen, ſchlangenartigen Augen fixirend. 326 „So weit wir überhaupt je Freunde waren,“ lautete die Antwort. Nicht ohne ein gewiſſes Gefühl von Widerwillen berührte der Officier die ihm entgegengeſtreckte Hand; doch war es mehr gebildeter Geſchmack, als ein moraliſches Gefühl, der ihm die Berührung unan⸗ genehm machte. Albert Mortimer war nur da ein Böſewicht, wo ſeine Intereſſen in's Spiel kamen, er war ein Schurke aus Berechnung, ohne eine natür⸗ liche Vorliebe für das Verbrechen zu haben. Leute, wie er, gibt es gar viele in der Welt. Als Brandon oben auf der Haupttreppe von Melbourg⸗Houſe ankam, fragten die beiden Poli⸗ zeiagenten, die er für Diener ohne Livree hielt, nach ſeinem Namen. Weil er glaubte, es geſchehe dieß, um ihn anzukündigen, nannte er ihn ohne Zögern. „Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen, Herr,“ ſagte einer von ihnen. „Wohin?“ „In das Gewächshaus, wo der Earl Sie ſpre⸗ chen will.“ Der alte Fuchs fängt an die weiße Fahne aus⸗ zuſtecken, dachte der Yankee, der mehr und mehr von dem Schritte, den er gethan, ſich befriedigt fühlte.„Ganz recht, Mann,“ ſetzte er laut ſpre⸗ chend hinzu,„nur flink voran.“ „Dieſen Weg, Herr.“ Das Gewächshaus, welches ſich längs der gan⸗ zen Breite des Hauſes erſtreckte, lief parallel mit den Empfangzimmern und war glänzend erleuchtet. Zwei marmorne Fontainen kühlten die Luft ab, 327 welche die Lampenhitze erſtickend heiß gemacht haben würde, und die ſeltenſten ausländiſchen Gewächſe entzückten eben ſowohl durch ihre Wohlgerüche, als durch die Pracht ihrer mannigfaltigen Farben. Ein ganz hübſcher Ort hier, dachte Brandon, während er ſich umſah; wie gemacht, um in aller Behaglichkeit eine Cigarre zu rauchen und ein Glas Grogg nach dem Mittageſſen zu trinken. Eine Zeit lang unterhielt er ſich damit, die Blumen näher zu unterſuchen, und ſo oft er eine darunter aus ſeinem Vaterlande fand, trat ein wohl⸗ gefälliges Lächeln auf ſeine Lippen; es fiel ihm dann dabei ein, wie der rothe Indier in den pfad⸗ loſen Wäldern der neuen Welt täglich mit ſeinen Füßen, oder vielleicht gänzlich unbeachtet, über die ſüß duftenden Geſchenke der Natur hinwegſchreitet, für welche man in der alten Welt ein Vermögen aufwenden muß, um ſie nachzuziehen. Endlich war er des langen Wartens auf den Earl müde, und er ſprach, von der Muſik ange⸗ zogen, ſeine Abſicht aus, den Lord aufſuchen zu wollen, die Thüre war aber verſchloſſen. Er rief einem der beiden Männer zu, er möchte ſie ihm öffnen. „Unmöglich,“ erwiderte dieſer. „Warum nicht? Sie haben ja den Schlüſſel.“ Der Mann hielt ihn baumelnd zwiſchen den Fingern. „Weil es meiner Ordre entgegen iſt.“ „Ihrer Ordre entgegen 1“ wiederholte der Yankee wüthend; denn gleich den meiſten Parvenues reizte ihn jeder Widerſpruch auf's Aeußerſte;„bildet ſich 328 der alte Narr ein, er könne mich zum Gefangenen machen? Oeffnen Sie ſogleich, ſage ich, oder ich ſchlage Ihnen die Knochen entzwei.“ Zugleich erhob er ſeinen Arm, um ſeine Dro⸗ hung in Ausführung zu bringen; in demſelben Au⸗ genblicke aber ſtellte ſich einer der Polizeiagenten zwiſchen ihm und der Thüre auf und zog raſch ein⸗ Paar Handſchellen aus der Taſche. Es war ganz merkwürdig, welchen Eindruck der Anblick von Feſſeln auf Brandon Burg hervor⸗ brachte. Sein ohnehin bleiches Geſicht wurde aſch⸗ grau; Ahnungen, wie ſie ihn ſchon mehrmals wäh⸗ rend ſeiner abenteuerlichen Laufbahn angewandelt hatten, ſtiegen in ihm auf. „Was ſoll dieß bedeuten?“ ſtammelte er. „Es wäre, glaub ich, beſſer, wenn Sie nicht darnach fragten; nicht wahr, Jem?“ ſagte der Mann, an ſeinen Cameraden ſich wendend;„denn wenn wir einmal den Verhaftsbefehl vollziehen, ſo weiß ich nicht, wie wir ihn wieder loslaſſen können.“ „Gewiß nicht,“ bemerkte ſein Camerad. „Fälſchung iſt eine gar ſchwere Anklage.“ „Man hängt jetzt allerdings ſelten mehr Einen deßhalb,“ ſetzte ſein Camerad hinzu,„das heißt, wenn der Gefangene Freunde hat, die ſich ſeiner annehmen. Wenn freilich Unſereiner die Urkunde des Todes eines Menſchen, der noch lebt, fälſchte und ſich in den Beſitz einer Herrſchaft ſetzte, indem er ſich für den Sohn eines Mannes ausgäbe, den er vorher gar nie geſehen hat, ſo würde er ohne allen Zweifel gehenkt werden.“ Dieſe Worte machten dem entſetzten Wicht die 329 Gefahr, die ihn bedrohte, völlig klar. Die Seifen⸗ blaſe war zerplatzt und das Vermögen, das er ſich erſchlichen, entſchlüpfte nicht nur ſeinen Händen, ſondern, was noch weit wichtiger war, es ſtand ſo⸗ gar ſein Leben deßhalb auf dem Spiele. Völlig entmuthigt und außer Faſſung gebracht, ſaß der Bankee mit verſchlungenen Armen, das leib⸗ hafte Bild der Verzweiflung, da, als der Graf und die Gräfin von Melbourg, von Lilini und Eugenia gefolgt, in das Gewächshaus traten. „Sie hier!“ rief ſeine Gattin im Tone der Ueberraſchung und des Schreckens, denn ſie hatte das verhängnißvolle Stillſchweigen nicht vergeſſen, das in dem Rauchzimmer herrſchte, als ſie daran vorüberging und darum hatte ſie einen ganz andern Ausgang erwartet. „s iſt Alles aus, Mrs. Burg,“ ſeufzte ihr Gatte. „Was ſoll denn dieſe ungewöhnliche Scene be⸗ deuten?“ fragte der Earl. „Sie bedeutet, Mylord,“ erwiderte der Graf, „daß der Elende, den Sie hier vor ſich ſehen, ein Gefangener iſt, der dem verletzten Geſetze dafür Rede ſtehen muß, daß er ſich einen Namen ange⸗ maßt hat, zu dem er nicht berechtigt iſt; daß er ſich in den Beſitz meiner Familiengüter geſetzt hat, indem er vorgab, mein Sohn zu ſein und Zeugniſſe nicht nur in Betreff ſeiner Geburt, ſondern auch meines Todes fälſchte.“ „So ſind ſie alſo—“ Marmaduke Burg,“ erwiderte der Graf mit ſeiner gewohnten Würde.„Der Titel, unter dem 330 Sie mich bisher gekannt haben, iſt mir von dem verſtorbenen König von Spanien verliehen worden.“ Es folgte eine Pauſe, denn es dauerte geraume Zeit, ehe der Hausherr— der, geziert mit den Emblemen von Englands edelſtem Orden, deſſen Wappen makellos war, und deſſen Name hoch in Ehren ſtand— die Schmach und das Unglück, wovon er plötzlich betroffen worden war, in ſeinem ganzen Umfange zu faſſen vermochte. Als aber endlich ihm Alles klär zu werden anfing, warf er einen Blick des bitterſten Vorwurfs auf ſeine zitternde Gemahlin. „Hätte ich alles Dieß nur früher gewußt!“ murmelte er. „Lilini! Freund!“ rief die Gräfin flehend aus, „haben Sie Mitleid mit der Ehre meines Hauſes, mit dem guten Namen meiner Tochter! Ich bin reich; alles, um was man Sie gebracht hat, ſoll Ihnen erſetzt werden.„Frſparen Sie mir nur die Schmach, das Herz meines Gemahls gebrochen zu haben! Mitleid! Mitleid!“ „Wenden Sie ſich an Ihre Tochter,“ erwiderte der Graf tief bewegt;„das Schickſal des nichts⸗ würdigen Subjects, an das ſie gebunden iſt, liegt in deren Händen.“ „In Eugenia's?“ „Ja. Sie kennt den Preis, um welchen ich ihren Gatten zu ſchonen geneigt bin.“ „Nennen Sie ihn,“ rief die Mutter haſtig. Die ſtolze Schöne verharrte in hartnäckigem Stillſchweigen. Sie verließ ſich darauf, daß das Gift ſie von der Schmach, die ſie bedrohte, befreien 331 würde, und warf einen herausfordernden Blick auf den edelmüthigen Mann, der gerne ſie auch von ihren böſen Leidenſchaften befreit hätte. „Warum ſprechen Sie denn nicht, Mrs. Bran⸗ don?“ winſelte Brandon.„Sie ſehen ja, in welcher Patſche ich ſitze. Ein ächtes Yankeeweib würde Alles thun, um ihren Mann aus der Schlinge zu ziehen. Der Gentleman macht gewiß annehmbare Anerbietungen, und Sie werden Sie nicht aus⸗ ſchlagen, mögen ſie auch beſtehen, in was ſie wollen.“ Es iſt unmöglich, den Ekel und Widerwillen zu beſchreiben, den dieſe zweideutige Rede hervor⸗ brachte. „Graf Lilini,“ ſagte der Carl,„es iſt klar, daß die Ehre meiner Familie in Ihren Händen liegt und ich kenne Sie zu genau, als daß ich nur einen Augenblick annehmen könnte, daß Sie einen Makel derſelben ſich abkaufen ließen, um mir dafür einen andern anzuhängen. Worin beſteht die Bedingung, die Sie vorſchlagen?“ „Daß Mrs. Brondon Burg Bella Trelawny des Gelübdes entbindet, das ſie unedelmüthiger Weiſe von ihr erpreßt hat— Harold Tracy ohne ihre Zuſtimmung nicht zu heirathen.“ „Hörſt Du es?“ ſagte ihre Mutter. „Können Sie einen Augenblick zögern?“ fragte der Lord unwillig. „Sie beſitzt nicht mehr Gemüth, als ein Kro⸗ kodil,“ murmelte ihr Gatte.„Hätte ich nur einen Farrenſchwanz und eine Unterredung von einer Stunde unter vier Augen mit ihr, ſo wollte ich es bald von ihr heraus haben.“ 332 „Iſt dieß der Lohn für das Opfer, das ich Dir gebracht habe?“ fuhr die Gräfin mit Thränen in den Augen fort,„für die Liebe, die ich für Dich hege?— Muß ich mich bei meinem eigenen Kinde zu Bitten und Thränen herablaſſen?— O Himmel!“ fuhr ſie in Verzweiflung, ihre mit Eeſchmeide bedeckten Hände ringend, fort,„wie hart wird der Fehltritt meiner Jugend an mir beſtraft!“ „Sie ſuchen einen Stein zu erweichen,“ bemerkte ihr Gemahl in verächtlichem Tone. „Mrs. Burg! Mrs. Burg! Haben Sie denn gar kein Herz?“ rief der Yankee verzweifelnd aus. „Meine letzte Hoffnung ruht auf Ihnen,“ mur⸗ melte die unglückliche Mutter, indem ſie ſich vor dem Grafen auf die Kniee werfen wollte. Lilini verhinderte ſie daran. Sein edelmüthiges Herz war durch ihren Schmerz tief gerührt, aber die Erinnerung an Bella und Harold und das Ver⸗ ſprechen, das er dieſen gegeben, machte ihn feſt. „Unmöglich,“ ſprach er,„mein Wort iſt ver⸗ pfändet. Wenn Mrs. Brondon die einzige Bedin⸗ gung verwirft, unter der ich ihren Gatten ſchonen kann, ſo muß das Geſetz ſeinen Lauf nehmen.“ „Laſſen Sie ihm den Lauf,“ ſagte Eugenia in leiſem, aber entſchloſſenem Tone.„Ich haſſe ihn! Meine Jugend iſt auf immer getrübt: Es liegt mir nichts mehr an dem Leben;— aber diejenigen, welche mein Elend verſchuldet haben, ſollen nicht über meine Schande triumphiren.“ „Die Schlange!“ murmelte der Gefangene, ver⸗ zweiflungsvoll in ſeinen Stuhl zurückſinkend. „Denken Sie an die Welt,“ drängte der Pair. 333 „Ich kann ihr Trotz bieten, Mylord. Das Vermögen, das ich beſitze, reicht hin für ein zurück⸗ gezogenes Leben.“ „Sie beſitzt keinen Schilling mehr,“ rief Bran⸗ don aus,„es wurde alles ausgegeben, um Albert Mortimer, Sir John Sellem und die ganze Rotte, die mich in dieſe Patſche gebracht hat, auszuzahlen.“ „Ich kann ſelbſt Armuth ertragen,“ erwiderte Eugenia. Die Wirkungen des Gifts fingen an, vermehrt durch die furchtbare Aufregung, in welcher der Elende ſeit einer Stunde ſich befand, ſich an ihm zu äußern. Er verfiel in heftige Krämpfe, und es bedurfte der vereinten Kraft der beiden Polizeiagen⸗ ten, um ihn zu halten. Während er ſich vor Schmer⸗ zen krümmte, ſchäumte ſein Mund und er ſtieß die gräßlichſten Verwünſchungen nicht nur gegen ſeine Frau, ſondern auch gegen alle, die ihr nahe ſtanden, aus. „Das iſt Wahnſinn,“ bemerkte Lilini. „Gift,“ ſagte einer der Polizeiagenten, deſſen erfahrenes Auge ſogleich die Symptome gekannt hatte.„Soll ich ihn vielleicht ſogleich auf unſern Poſten ſchaffen?“ Bei dem Worte„Gift“ ſank die ſchuldbewußte Eugenie auf einen Stuhl. Die Gräfin eilte, trotz der Vorſtellungen des Farl, zu ihrem Beiſtande herbeiz denn ein Mutterherz, wie tief es auch ver⸗ letzt ſein mag, iſt ſelten gleichgültig gegen die Leiden ihres Kindes. „Sie wird Ihren Bitten nachgeben, Mylord: ich bin feſt überzeugt, daß ſie dieß thut; es iſt der 334 menſchlichen Natur unmöglich, ſolchen Eindrücken des Schreckens zu widerſtehen.“ Während ſie das Kleid ihrer Tochter aufneſtelte, fiel ein kleines, mit Gold eingefaßtes Cryſtallfläſchchen auf den Boden. Lilini hob es in der Abſicht auf, es dem Grafen Melbourg einzuhändigen, als es ihm plötzlich aus der Hand geriſſen wurde. Er wandte ſich um und erblickte Albert Mortimer, der, beunruhigt über das Nichterſcheinen Brandon's, bei der Dienerſchaft nachgefragt und von dieſer erfahren hatte, daß dieſer ſchon längſt da ſei und im Gewächs⸗ haus ſich befinde. Unbemerkt hatte er ſich dahin geſchlichen und ſeit zehn Minuten alles gehört, was daſelbſt vorging. „Was ſoll das heißen, mein Herr?“ fragte der Graf. „Ich will mich dadurch in den Beſitz des Pfandes meiner Sicherheit ſetzen und zugleich es Ihnen möglich machen, das Verſprechen zu erfüllen, das Sie Harold Tracy und Bella gegeben haben. Meiner Bitte wird Mrs. Brandon nicht widerſtehen,“ ſetzte er bedeutungsvoll hinzu. Eugenia kam nur allmählig wieder zu ſich, aber beim Anblicke Albert's mit dem verhängnißvollen Beweisſtücke ihres Verbrechens in den Händen und den drohenden Blicken, die er auf ſie warf, durch⸗ rieſelte es eiskalt vor Schrecken ihre Adern, und wenig fehlte, ſo wäre ſie zum zweiten Male ohn⸗ mächtig geworden. „Ich kann ihn retten,“ fuhr er in demſelben ruhigen Tone fort.„Eine Stunde noch und es wäre zu ſpät geweſen. Wählen Sie zwiſchen der Ein⸗ 335 willigung in die Bitte dieſes Gentleman's,“ ſetzte er, auf den Grafen deutend, hinzu,„oder einem ſchmählichen Tode auf dem Schaffot.“ Ein Schrei des Entſetzens entfuhr dem Munde aller Anweſenden bei dieſem Worte. „Ungeheuer!“ rief die Gräfin,„wie können Sie es wagen, mein Kind anzuklagen!“ „Ihre Blicke klagen ſie an,“ verſetzte der Capitän achtungsvoll.„Haben Sie das indiſche Arzneimittel vergeſſen, das Ihre Neugierde in Burg⸗ Hall ſo rege gemacht hat? Mein Verbündeter iſt damit vergiftet worden, indem es Ihre Tochter heim⸗ lich aus meinem Reiſe⸗Neceſſaire entwendete.“ „Schändliches Geſchöpf!“ murmelte der Earl. „Welche Beweiſe haben Sie für eine ſo unwahr⸗ ſcheinliche Anklage?“ fragte die Gräfin. Der Capitän hielt ihr das Fläſchchen hin. Die unglückliche Mutter wandte ſich entſetzt ab. „Entſcheiden Sie ſich,“ ſprach Albert im Tone gelaſſener Höflichkeit zu Eugenia;„die Zeit drängt — Sie wiſſen, daß ich nicht zu ſpaßen pflege.“ Die ſchuldbewußte Frau, zerknirſcht und zu Boden gedrückt durch den langen und fürchterlichen Kampf zwiſchen Stolz und Angſt, ſtöhnte:—„Ich willige ein.“ „Die Einwilligung muß ſogleich ſchriftlich gegeben werden,“ bemerkte der Capitän. „Zweifeln Sie an meinem Wort?“ Ein ſatyriſches Lächeln war die einzige Antwort auf dieſe unkluge Frage. 6. Mit zitternder Hand ſetzte Eugenia die von ihr erpreßte Einwilligung auf und händigte ſie Albert 336 ein, der, als er ſie Lilini übergab, dieſem zu⸗ flüſterte: „Legen Sie den Dienſt, den ich Ihnen ſo eben geleiſtet habe, in die Wage, wenn Sie über meine Beſtrafung beſchließen.“ „Das werde ich thun,“ antwortete der Graf, „aber wie ſehr ich auch dieſen elenden Menſchen hier verachte, ſo kann ich doch ſeinen Todeskampf nicht länger mit anſehen.“ „Man gebe dem Patienten die nächſte Stunde hindurch alle fünf Minuten einige Tropfen Aether und Branntwein ein und die Gefahr wird bald vorüber ſein. Die flüchtige Eſſenz wird ſich mit dem Gift verbinden, wodurch dieſes verdunſtet, wäh⸗ rend der Branntwein Brandon's Kräfte erhält,“ be⸗ merkte Mortimer ruhig. Die Gräfin eilte in ihre Zimmer und kehrte augenblicklich wieder mit Aether zurück, den ſie von ihrem Toilettetiſche nahm. In weniger als einer Stunde war Brandon ſo weit wieder hergeſtellt, daß man alle Gefahr als beſeitigt betrachten durfte. „Kehren Sie jetzt zu Ihren Gäſten zurück, My⸗ lord,“ ſprach der Graf im Tone der tiefſten Theil⸗ nahme zu dem Earl.„Der Scandal, der Ihre Familie bedrohte, iſt glücklich abgewendet worden. Ueberlaſſen Sie das Uebrige mir.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte der Lord;„Schwäche darf das nicht wieder verderben, was durch ein ſolches Opfer erkauft worden iſt. Sie werden mich begleiten,“ ſetzte er hinzu, ſeiner Gemahlin den Arm reichend. Lady Melbourg blickte zögernd auf Eugenia, die —— S. 337 überwältigt und niedergebeugt durch die Bloßſtellung und den fürchterlichen Kampf zwiſchen Stolz, Haß und Furcht, den ſie zu beſtehen gehabt hatte, auf einer Bank ſaß oder vielmehr ſich daran lehnte. „Wählen Sie,“ ſagte der Pair feſt,„zwiſchen Ihrem Gemahl und dieſem elenden Geſchöpſe; zwi⸗ ſchen dem Manne, der Sie geehrt und geliebt hat, und der entlarvten Mörderin, die nur Schmach über Sie gebracht hat. Wäre ſie nicht Ihr Kind, ſo ſchliefe ſie heute Nacht im Gefängniß.“ „Mylord! Mylord! Nur ein Lebewohl!“ ſtöhnte die unglückliche Mutter. „Ihre Wahl iſt, wie ich merke, getroffen,“ ant⸗ wortete Graf Melbourg mit großer Würde.„Mögen Sie es in dieſem Leben nie bereuen! Ich werde dieſes Haus ſogleich verlaſſen und mich auf mein Gut in Berkſhire begeben. Bei meiner Rückkehr hoffe ich, daß Sie bis dahin ſich einen andern Wohn⸗ ſitz ausgeſucht haben. Unſre Sachwalter ſollen das Uebrige ordnen.“ „Sie haben mich zu meiner Pflicht zurüͤckgerufen,“ erwiderte ſeine Gemahlin unterwürfig, indem ſie zugleich ſich ihm näherte und ſeinen Arm ergriff; „und mein künftiges Leben ſoll fortan in dem un⸗ ausgeſetzten Bemühen beſtehen, mich ſo vieler Güte würdig zu machen. Eugenia's Vermögen ſcheint aber verloren, und ich kann ſie doch nicht dem Man⸗ gel preisgeben.“ 3 „Gewiß nicht,“ bemerkte ihr Gemahl, während er die Gräfin aus dem Gewächshauſe führte,„aber ſie ſoll England für immer verlaſſen.“ Eine Stunde hernach erſchienen die edlen Eigen⸗ Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 22 398 thumer von Melbourg⸗Houſe wieder unter ihren Gäſten und bewegten ſich durch die gebrängten Salons, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ihre Abweſenheit war aber auch in der That kaum be⸗ merkt worden. Gegen ein Paar Damen, welche während des Abends die Gräfin aufgeſucht hatten, um derſelben ihre reizenden Töchter vorzuſtellen, bemerkte dieſe, daß Mrs. Brandon Burg in Folge der Hitze unwohl geworden, und ſich nach Hauſe habe zurückziehen müſſen. „Was ſollen wir mit unſerm Gefangenen an⸗ fangen?“ fragten die Polizeiagenten, ſobald der Yankee ſoweit wieder hergeſtellt war, daß man ihn wegſchaffen konnte. „Nehmen Sie ihn mit ſich in Ihre Privatwoh⸗ nung und bewachen Sie ihn dort bis morgen früh,“ antwortete der Graf,„ich werde ihn dann aufſuchen und für ſeine Abreiſe aus England Sorge tragen. Laſſen Sie Niemand zu ihm, und vor Allem die höchſte Discretion über Alles, was ſich heute Nacht zugetragen hat.— Sie können ſich ſowohl auf Lord Melbourg's, als auf meine Freigebigkeit verlaſſen.“ „Verſchwiegenheit gehört mit zu unſerem Ge⸗ ſchäfte,“ bemerkten die Männer, die wohl wußten, mit wem ſie es zu thun hatten. Ein Geheimniß, das die Ehre eines der reichſten Mitglieder der Pairie betraf, konnte nicht ſchlecht bezahlt werden, wie ſie wohl einſahen. „Wenn er aber einen Verſuch zur Flucht machen⸗ ſollte?“ fragte einer der Offizianten. „Da er wegen Fälſchung in Ihrer Hut iſt,“ erwiderte Lilini,„ſo nehme ich an, daß Sie ohne 339 meine Inſtruction wiſſen werden, was die Pflicht von Ihnen erheiſcht. Dann ſchießen Sie ihn wie einen tollen Hund oder irgend ein wildes Thier, das im Kriege mit der menſchlichen Geſellſchaft lebt, nieder. Wenn er in Folge von Geſetzesbruch um⸗, kommt, ſo iſt das Verbrechen ebenſo, wie das Riſico auf ſeiner Seite und nicht auf der Ihrigen. Sie verſtehen mich?“ Die Poliziſten verſicherten ihn, daß ſie ihn voll⸗ kommen verſtanden hätten. Brandon, der genugſam wieder hergeſtellt war, um auf jedes Wort achten zu können, das geſpro⸗ chen wurde, ſchnitt bei dieſen eben nicht ſehr er⸗ muthigenden Redensarten eine leichte Grimmaſſe, denn er hoffte noch immer mit dem gräflichen Ehe⸗ paar ein Abkommen treffen zu können, indem er im Stillen berechnete, daß keines von beiden vor einem außerordentlichen Opfer zurückbeben werde, um einen öffentlichen Scandal zu vermeiden. „Werden ſich's wohl noch überlegen,“ murmelte er vor ſich hin, als ihn ſeine Gefangenwärter aus dem Gewächshauſe nach dem Wagen brachten, der am Dienerſchafts⸗Eingange des Hotels wartete. „Dieſe unaufgeklärten Britannier verſtehen nichts von dem, was in dem aufgeklärten neuen Lande der Brauch iſt.“ Als er die Hintertreppe hinabſtieg, begegnete er dem Vicomte, der wegen der Spöttereien, die er um ſeinetwegen zu erdulden gehabt hatte, nicht in der beſten Laune war. Ihn⸗, Schwager,“ rief der Jankee, wie geht es Ihnen? 340 Der junge Lord richtete ſich vornehm in die Höhe, was cber nur ein höhniſches Lächeln von Seite des Gefangenen zur Folge hatte. „Sie werden mir morgen für Ihr unbefugtes Eindringen Rede ſtehen, Herr.“ „Gewiß werde ich das; Sie werden mich morgen in der Wohnung dieſer Leute bei den Herren Ein⸗ fang und Haltfeſt finden. Geben Sie ihm doch Ihre Karten, fügte er, gegen die Poliziſten gewen⸗ det, hinzu. Dieſe bemühten ſich, den Gefangenen möglichſt ſchnell wegzuſchaffen, der aber Widerſtand leiſtete, weil er ein gemeines Vergnügen daran fand,„den jungen Mann, den er in den Congreß gebracht hatte,“ zu quälen. Der Vicomte ſeiner Seits ver⸗ langte begreiflicher Weiſe Aufklärung. „Die werden ſie am beſten von dem Earl erhal⸗ ten,“ ſagte einer der Männer reſpectsvoll. „Und der wird Ihnen ſagen,“ rief Brandon, „daß mein Spiel aus iſt— daß ich der Fälſchung angeklagt bin. Fürchten Sie aber nichts; ſie werden nicht wagen, mich vor Gericht zu bringen.— Nicht wahr Fangein? Man wird mich alſo in der Stille aus dem Land ſchicken. Mrs. Brandon und deren Freund, Albert Mortimer, wollten einen kürzeren Weg mit mir einſchlagen, vermittelſt Gift! Sie werden beide im Gewächshauſe finden.“ Die letzten Worte wurden nicht ohne Abſicht ge⸗ ſprochen, denn Brandon wußte wohl, daß der junge Lord einer der beſten Piſtolenſchützen in England war;— die einzige Eigenſchaft, die er von je an ihm geachtet hatte. 341 „Verliebt in die Schwiegermutter„rief der Ver⸗ brecher noch aus, als es den Poliziſten endlich ge⸗ lang, ihn wegzuſchleppen. Zweiundſiebenzigſtes Capitel. Wenige Minuten nach dem Weggange ihres un⸗ würdigen Gatten verließ auch Eugenia Melbourg⸗ Houſe, um es nie wieder zu betreten. Als ein letzter Akt der Güte war der Kammerjungfer der Gräfin erlaubt worden, ſie in ihre einſame Woh⸗ nung zu begleiten. Das Herz der hochmüthigen Schönen war zwar auf's Tiefſte gekränkt, aber nicht gedemüthigt worden, und auf's Bitterſte fluchte ſie der Schwäche, daß ſie ihre Zuſtimmung ertheilt habe, während ſie doch hundertmal geſchworen hatte, ſie ſich nicht abzwingen zu laſſen. In dieſem Ge⸗ müthszuſtande müſſen wir ſie für einige Zeit verlaſ⸗ ſen und zu Lilini und Albert Mortimer zurückkehren, die im Gewächshauſe zurückgeblieben waren. Der Graf war in Verlegenheit, was er mit Mortimer anfangen ſolle. Dieſer war kein gewöhn⸗ licher Böſewicht, und der Dienſt, den er ſoeben erſt geleiſtet, obgleich nur ſelbſtſüchtige Motive ihn gelei⸗ tet hatten, verlieh ihm allerdings Anſpruch auf einige Berückſichtigung. Ohnehin konnte keine Rede davon ſein, ihn auf's Aeußerſte zu treiben und un⸗ möglich konnte man ihn wegen der Rolle, die er bei dem Complot um den Beſitz von Burg⸗Hall geſpielt hatte, vor Gericht ziehen, während man die Haupt⸗ perſon entwiſchen ließ. 342 Der Capitän hatte im Stillen alle Vortheile, die ſeine Lage ihm bot, berechnet und ſchien deßhalb vollkommen ruhig. Er erwartete ohne das leiſeſte Zeichen von Ungeduld oder Aengſtlichkeit den Zeit⸗ punkt ab, bis der Graf über ſeine Abſichten ſich auszuſprechen für gut finde. „Nach dem, was vorgefallen iſt,“ ſagte Lilini, „muß Ihnen das Schicklichkeitsgefühl ſagen, mein Berr, daß Sie nicht länger mehr Gaſt in Mel⸗ bourg⸗Houſe bleiben können.“ „Wenn ich nicht ein Gaſt von Melbourg⸗Houſe geweſen wäre,“ bemerkte Albert,„ſo wäre ein Mord zu beſtrafen geweſen, anſtatt daß es ſich jetzt blos darum handelt, einen Mordverſuch zu vertuſchen. Und ſelbſt Ihre Gewandtheit,“ ſetzte er mit einer ſpöttiſchen Verbeugung hinzu,„wie hoch ich dieſe auch anzuſchlagen geneigt bin, hätte nicht hingereicht, den erſteren zu verbergen.“ „Ich würde es auch nicht verſucht haben.“ „Vielleicht nicht.“ „Beim Himmel!“ rief der Graf aus, peinlich ergriffen von dem kalten, cyniſchen Ausdruck in Mortimer's Geſicht,„ich kenne die Welt nicht mehr. Jugend iſt nicht mehr Jugend; an die Stelle ſorg⸗ loſen Wagens iſt ſchmutzige Berechnung getreten; anſtatt warmer Empfindungen und ſchwärmeriſcher Hoffnungen trifft man nur noch gemeinen Eigennutz. Sie ſind Militär, eine ehrenvolle Laufbahn liegt vor Ihnen, und doch konnten Sie ſich erniedrigen, Jugend und Ehre um des elenden Geldes willen zu vergeſſen!“ „Ich bin arm,“ antwortete Albert. 343 „Arm!“ wiederholte Lilini unwillig. „Sie wiſſen vielleicht nicht, Herr Graf, was, dieſes einſilbige Wort alles in ſich ſchließt. Es lähmt jeden Unternehmungsgeiſt, macht die meiſten Beſtrebungen nutzlos oder, was noch ſchlimmer iſt, lächerlich. Es verſchließt Einem die Herzen der Schönheit eben ſo hermetiſch, als von Seiten kluger Mütter die Thüren. Von Kindesbeinen an fühlte ich die Nothwendigkeit reich zu werden; meine Schul⸗ kameraden beſtätigten durch ihre angemaßte Ueber⸗ legenheit dieſe Ueberzeugung in mir, und die Welt befeſtigte mich darin. Ich ſchlug den nächſten Weg ein; mein Geſchmack hatte daran keinen Antheil, aber die Nothwendigkeit ließ mir keine andere Wohl.“ Ehe Lilini ihm darauf antworten konnte, kam der Vicomte, blaß vor Wuth und ſeiner ſelbſt kaum mächtig, in das Gewächshaus, ging gerade auf Mortimer los und nannte dieſen einen Schuft. Albert begnügte ſich mit einem Lächeln. Dieſe Mittheilung enthielt für ihn nichts Neues. Der einzige Unterſchied war nur der, daß es ihm dieß⸗ mal ein Anderer ſagte und nicht er ſich ſelbſt. „Und dazu noch ein ſehr verſchmitzter,“ fuhr der junge Lord unwillig fort;„dieſes Zeugniß kann ich Ihnen geben.“ „Sie beſchämen mich,“ erwiderte der Capitän mit einer ironiſchen Verbeugung,„durch den uner⸗ warteten Edelmuth eines ſolchen Geſtändniſſes.“ „Verlaſſen Sie ſogleich das Haus,“ rief der Vicomte aus,„oder ich rufe die Diener herbei, um Sie hinauswerfen zu laſſen. Ich kann mich mit Ihnen nicht befaſſen. Wenn auch die Natur mir 344 die Berebtſamkeit verſagt hat, um das auszudrücken, was recht iſt, ſo hat ſie mir dafür wenigſtens das richtige Ehrgefühl verliehen.“ „Sie können in keinen Streit mit ihm ſich ein⸗ laſſen,“ bemerkte der Graf, ſeine Hand freundlich auf des jungen Mannes Arm legend. „Und warum nicht?“ „Weil er entehrt iſt,— weil er ein elender, nichtswürdiger Gauner iſt,“ erwiderte Lilini,„wel⸗ chem Umſtände zwar für einige Zeit noch Straf⸗ loſigkeit ſichern, den aber die Gerechtigkeit ſicher noch erreichen wird.“ Der junge Lord beſchloß, daß ſeine Hand das Werkzeug ſein ſolle, und um ſeinem Feinde die Möglichkeit zu benehmen, ein Zuſammentreffen mit ihm, das zu verlangen er ein Recht hatte, zu ver⸗ weigern, fügte er ihm auf eine Weiſe eine Beſchim⸗ pfung zu, welche nach dem Vorurtheile der Welt nur durch das Herzblut eines Mitgeſchöpfes rein gewaſchen werden kann.„Sie ſind mein Zeuge, Graf,“ ſprach er. Albert Mortimer wurde todtenbleich, nicht aus Furcht— denn um gerecht zu werden, müſſen wir verſichern, daß er ein ſo erniedrigendes Gefühl nie hatte, ſondern aus Schaam und verletztem tolz. „Dieſer Schlag, Mylord,“ ſprach er,„hat uns gleich gemacht. Morgen früh ſollen Sie von mir hören.“ „Ich hoffe, daß dieß der Fall ſein wird,“ er⸗ widerte der Vicomte ſtolz,„ſonſt wiederhole ich bei unſerm nächſten Zuſammentreffen dieſe Züchtigung. — 345 Wollen Sie mein Secundant ſein, Graf?“ fuhr er fort, nachdem der Capitän das Gewächshaus ver⸗ laſſen hatte;„es wäre mißlich, einem Regiments⸗ kameraden die Veranlaſſung unſres Streites aus⸗ einanderſetzen zu müſſen.“ „Ich kann nicht,“ erwiderte Lilini feſt.„Ich bin aus Grundſatz ein Gegner des Duells und ſchon längſt ſteht bei mir der Entſchluß feſt, den ich auch ſeither unverbrüchlich gehalten habe, mich nie mehr wieder mit einem Duelle zu befaſſen.“ „Dann muß ich Montgomery darum angehen,“ bemerkte der Vicomte im Weggehen.„Er wird es mir nicht abſchlagen.“ Wie unſere Leſer ſich wohl vorſtellen werden, ſo verfloß der Abend unter Hoffen und Zagen für Harold Trach und Bella Trelawny. Das Glück ihres Lebens hing von dem Verſprechen ab, das Lilini ihnen gegeben hatte. Während ihre Freunde ſich um ſie ſammelten und Eines um das Andere ſeine Glückwünſche anbrachte, ſo fragten ſie ſich doch im Stillen, trotz des Vertrauens in ein Wort, das bisher noch nie gebrochen worden war, ob der Graf wohl auch im Stande ſei, es zu halten oder ob nicht ſeine Freundſchaft für ſie ihn zu weit geführt habe. Bella erinnerte ſich des verächtlichen und herausfordernden Blicks, mit dem Eugenia ihn an⸗ geſehen, und der Worte die dieſe in ihr Ohr ge⸗ flüſtert hatte. Der General und Sir Mordaunt waren die ein⸗ zigen Mitglieder der Familie, die ſich ganz behag⸗ lich fühlten, aber dieſe wußten auch glücklicher Weiſe 346 nichts von der Schranke, welche die Liebenden von ihrem Glücke trennte. „Muth, Muth,“ ſagte Harold, ſeine Ahnungen unter einem matten Lächeln verbergend,„die Nacht iſt ja noch nicht vorüber.“ Bella blickte auf die Uhr und ſeufzte; es war bereits zwei Uhr nach Mitternacht und der Graf hatte ſich in den Salons noch gar nicht blicken laſſen. In dieſem Augenblicke gingen der Graf und die Gräfin von Melbourg hart an ihnen vorüber. „Ein Freund wartet auf Sie in dem Gewächs⸗ hauſe,“ ſprach die Letztere, die Hand ihres ſchönen Gaſtes ergreifend.„Eilen Sie dahin, ehe es für die ganze Geſellſchaft geöffnet wird.“ Mit dieſen Worten ging ſie weiter. Harold führte ſeine liebliche Gefährtin nach dem Gewächshauſe und nach wenigen Minuten erreichten ſie den feenhaft ſchönen Ort, an welchem die gräß⸗ lichen Ereigniſſe ſich zugetragen, die wir im vorigen Capitel beſchrieben haben. Lilini ſtand allein an der marmornen Fontaine. Beim Laut ihrer Schritte wandte er ſich um; aber noch ehe er ein Wort ſprechen konnte, laſen ſchon die Liebenden ihr Glück in dem Ausdrucke ſeines männlichen Geſichts, in den theilnehmenden Blicken ſeiner Augen. „Endlich,“ ſprach er, beiden die Hand entgegen⸗ ſtreckend,„iſt der Zauber gebrochen. Sie ſind frei.* Eugenia entbindet ihre Couſine ihres allzu edel⸗ müthigen Gelübdes.“ Vella zitterte, als ſie den brennenden Blick ihres Geliebten auf ſie gerichtet ſah, dem der Graf das Papier übergeben hatte, deſſen Zeilen Furcht, nicht 347 Edelmuth, ihrer Couſine abgerungen. Harold über⸗ las den Inhalt haſtig. Die Freilaſſung war unbe⸗ dingt und vollſtändig.* „Meine Bella!“ rief er aus, ſie an ſeine männ⸗ liche Bruſt drückend.„Mein, ohne daß ein Schatten von Vorwurf auf Ihrem reinen Herzen laſtet. Edelmüthiger Mann,“ ſetzte er hinzu,„wie vermag ich Ihnen für Ihre aufopfernde Freundſchaft ge⸗ nugſam zu danken?“„ „Wenn ich Zeuge ihrer ſegensvollen Folgen ſein darf, ſo werde ich mich reichlich belohnt fühlen,“ erwiderte der Graf.„Wie, nicht ein Wort?“ fuhr er an Bella ſich wendend fort, die zu tief bewegt war, um ſprechen zu können. „Dankbarkeit,“ murmelte das ſchöne Mädchen, „iſt zuweilen ſtumm, wie die Freude.“ „Ich muß Sie für einige Augenblicke verlaſſen,“ bemerkte der Graf.„Faſſen Sie ſich. Wenn ich Sie wieder erblicke, ſo hoffe ich Sie vor Freude ſtrahlend zu finden. Ich werde dann nicht allein ſein, denn die übrige Geſellſchaft wird ſich bald hier einfinden. „Auf welche Weiſe gelang es Ihnen denn?“ fragte Harold.„Ich hielt es kaum für möglich, daß ſelbſt die Beredtſamkeit eines Engels dieſes verhär⸗ tete Herz rühren könne.“ Lilini bedeutete ihm aber durch ein Zeichen, für jetzt nicht weiter nachzuforſchen und verließ das Gewächshaus, um den Liebenden Zeit zu laſſen, ſich von ihrer Aufregung zu erholen, in welche Unge⸗ wißheit und Hoffnung ſie ſo lange verſetzt hatten. Er erinnerte ſich der Tage ſeiner eigenen, jugend⸗ 348 lichen Leidenſchaft, und von damals her wußte er, wie oft die Seele ſich ſehnt, mit dem Gegenſtande ihrer zarten und reinen Neigung, dem Theilnehmer kunftiger Freuden und vergangener Leiden allein zu ſein. „Mein,“ wiederholte Harold, indem er ſeine Braut mit unausſprechlicher Zärtlichkeit anblickte. „Bella, lehren Sie mich ſo großen Glücks mich würdig zu beweiſen. Würdig, ſagte ich? Das iſt unmöglich! Wie bei irgend einem koſtbaren Ge⸗ ſchenke der Vorſehung vermag ich blos die Güte zu bewundern, die es mir verleiht.“ Wir werden die Neugierde unſrer Leſer durch die darauf ertheilte Antwort nicht befriedigen. Die meiſten derſelben haben, wie wir nicht zweifeln, ähnliche Prüfungen beſtanden und Worte von dem⸗ ſelben Gewicht gehört oder ausgeſprochen. Die äl⸗ teren darunter können die Erinnerungen ihrer Ju⸗ gend zurückrufen, um die Antwort zu errathen; vermögen ſie es nicht, ſo bedauern wir ſie. Den jüngeren wird ſie von ſelbſt auf den Lippen ſchweben. Als der Graf das junge Paar wieder traf, ſtrahlte Harold's Geſicht von Glück; auf Bella's Antlitz zeigte ſich jene ruhige, tiefe Zufriedenheit, welche von ſelbſt zum Herzen ſpricht. „Wir warteten nur, um Sie noch einmal zu ſehen und Ihnen zu danken, ehe wir von hier weg⸗ gehen,“ ſagte Harold.„Bella drängt es, unſere Freude Miß Cheerly und Nancy mitzutheilen; auch fühlen wir uns Beide einſam hier.“ „In einer ſo glänzenden Menge!“ bemerkte Li⸗ lini ſpöttiſch, denn Niemand wußte beſſer, wie er, 349 daß es Veranlaſſungen gibt, in welchen die Geſell⸗ ſchaft zur Einſamkeit wird. „Eben da!“ „Fort mit euch!“ rief ihr Freund;„ihr paßt nicht in das Modeleben; es fehlt euch die gefir⸗ nißte Maske, das ſtets fertige Lächeln, die es ver⸗ langt. Wir werden uns morgen ſehen.“ Ehe Bella ſich zur Ruhe niederlegte, wurden noch zwei Perſonen mit der glücklichen Wendung ihres Geſchicks bekannt gemacht— Miß Cheerly und die getreue Norah. Es war faſt eine Handlung der Grauſamkeit an dem armen Kammermädchen, weil dieſe deßhalb verhindert wurde, den Reſt der Nacht, oder vielmehr des Morgens, ein Auge zu ſchließen, ſo ſehr trieb ſie die Ungeduld, die Nachricht Tom mitzutheilen. Zu früher Morgenſtunde trafen zwei mit Poſt⸗ pferden beſpannte Wagen faſt zu gleicher Zeit in einem der abgelegenſten Theile von Hyde⸗Park ein und es ſtiegen drei Herren aus jedem derſelben. In dem erſten ſaßen der Vicomte und ſeine zwei Freunde, in dem andern Albert Mortimer und ſeine Secundanten. Das Geſicht des Capitäns war bleich, aber entſchloſſen. „Ich ſetze voraus, daß keine Ausſicht auf ein gütliches Arrangement vorhanden iſt,“ bemerkte Ca⸗ pitän Mortimer's Secundant. „Durchaus nicht,“ antwortete Montgomery, der in derſelben Eigenſchaft für den Vicomte handelte. „Dann haben wir nichts zu thun, als die Di⸗ ſtanz zu meſſen.“ „Sonſt nichts.“ 35⁰ Während dieſe Worte gewechſelt wurden, luden die beiden andern Herren die Piſtolen. „Wiſſen Sie, um was der Streit anging?“ fragte der Eine. „Mortimer weigerte ſich, ſich darüber auszuſpre⸗ chen. Und der Lord?“ „Schwieg ebenfalls ſtill,“ erwiderte der Andere, der vor Kurzem erſt in das Gardecorps getreten war.„Ich habe nicht viele Erfahrungen in der⸗ gleichen Dingen, aber Montgomery ſagt, die Sache ſei ganz in Ordnung.“ „Sie können ſich auf ſein Wort verlaſſen.“ „O ja; er erſchoß von Shilligern und Max vom einundvierzigſten Regiment,“ bemerkte der junge Mann mit einem Blicke der Bewunderung;„es ſollte mich wundern, wenn er zum erſten Male fehlte.“ Die Vorbereitungen waren beendigt und die bei⸗ den Dusllanten hatten ſich einander gegenüber ge⸗ ſtellt. Anfangs war vorgeſchlagen worden, um den erſten Schuß zu loſen, dann hatte man aber be⸗ ſtimmt, daß derſelbe gleichzeitig abgefeuert werden ſolle. Beide Gegner waren ſo ruhig und gefaßt, daß die Secundanten fühlten, ſie hätten ein Recht, ſtolz auf ihre Mandanten zu ſein. In Albert Mor⸗ timer's Auge war eine kalte, ſchlangengleiche Ent⸗ ſchloſſenheit zu leſen; das Geſicht ſeines Feindes da⸗ gegen drückte nichts als ruhiges Selbſtvertrauen aus. „Wünſchen Sie mir noch etwas zu ſagen, ehe ich das Signal gebe?“ flüſterte Montgomery ſeinem Freunde in's Ohr. „Nichts,“ erwiderte der Lord.„Ich war in 351 meinem ganzen Leben nie ſo ſehr von der Gerech⸗ tigkeit meiner Sache überzeugt.“ Eine gleiche Frage wurde von ſeinem Freunde an Albert Mortimer geſtellt, der darauf zur Ant⸗ wort gab: „Wir haben noch Zeit genug zum Plaudern, mein Lieber, wenn ich ihn erſt todt geſchoſſen habe.“ Einige Secunden ſpäter und der, welcher dieſe vermeſſene Antwort ertheilt, hatte zu leben aufgehört, denn auf das gegebene Signal hatte die Kugel des Vicomte's ſein Herz durchbohrt. Er ſtürzte, ohne einen Laut von ſich zu geben, zuſammen und war augenblicklich todt. Der mörderiſche Schuß verhallte langſam in der ſchweren Luft; dann erfolgte eine tiefe Stille. So leichtſinnig und gedankenlos aber auch die Theil⸗ nehmer an dieſer Verbrechens⸗Scene waren— denn das Duelliren, wenn auch die Geſellſchaft es be⸗ ſchönigt oder die Geſetze ein Auge zudrücken, bleibt deßhalb doch ein Verbrechen— ſo konnten ſie doch das Gefühl der großen Verantwortung, die auf ihnen laſtete, nicht unterdrücken. Dieſes Gefühl war aber raſch vorübergehend. „Todt, todt,“ ſagte der Secundant des Gefallenen, indem er ſeine Hand auf den Leichnam legte. „Sie haben ihn prächtig getroffen,“ ſagte Mont⸗ gomery voll Artigkeit zu dem Lord,—„ich habe in meinem Leben keinen ſchönern Schuß geſehen.“ Zu jeder andern Zeit würde der Vicomte ge⸗ lächelt haben, denn er war der Schmeichelei ſehr zugänglich. Um ihm aber gerecht zu werden, müſſen 352 wir anführen, daß er mehr ſchwach, als laſter⸗ haft war. „Ich hoffe, meine Herren, daß Sie vollkommen überzeugt ſind, daß Alles nach den ſtrengſten Ge⸗ ſetzen der Ehre zuging,“ fuhr Montgomery fort. Albert Mortimer's Freunde erklärten, daß ſie vollkommen zufrieden geſtellt ſeien. Die vier Secundanten zogen hierauf die Hüte ab und ſalutirten gegen einander mit der ausge⸗ ſuchteſten Höflichkeit. Nachdem dieſem Punkte der Etiquette Genüge geleiſtet war, kehrte der Vicomte mit ſeinen Cameraden zu ſeinem Wagen zurück und fuhr augenblicklich weg. „Nach dem Continent wahrſcheinlich?“ bemerkte Montgomery, als ſie durch Regen⸗ſtreet rollten. 7 a.“ „Das iſt das beſte. Wahrſcheinlich wird die Sache zur öffentlichen Verhandlung kommen. Sie können ja den Tag, ehe dieſe ſtattfindet, wieder zurückkehren.“ „Das iſt meine Abſicht,“ erwiderte der Lord. „Ich muß es Ihrer Freundſchaft überlaſſen, dem Earl mitzutheilen was vorgefallen iſt, und mir den Urlaub bei den Horſe⸗Guards*) zu erwirken.“ Montgomery verſprach, beide Aufträge zu be⸗ ſorgen, worauf er ſeinem Freunde die Hand drückte und, nebſt dem andern Zeugen, von dieſem ſchied. In Piccadilly wurden vier Poſtpferde an den Wagen geſpannt— in welchen der Kammerdiener auf ſeines Herrn Befehl bereits das nöthige Gepäck gebracht hatte,— ſo gewiß war der Lord geweſen, *) Kriegsminiſterium. ——— 3⁵⁸ daß er ſeinen Gegner erſchießen werde— und be⸗ fohlen, nach Dover zu fahren. Lilini war vielleicht die einzige Perſon, die ſich nicht wunderte, als der Bericht des Duell's und deſſen fataler Ausgang in der zweiten Ausgabe der Morgenblätter zu leſen war. Albert Mortimer's Tod war für Eine Perſon ein großer Verluſt, die dadurch ſowohl in materieller, wie in moraliſcher Beziehung ſchwer dadurch berührt wurde. Es war dieß die verwittwete Mrs. Mor⸗ timer, die trotz ihres ſelbſtſüchtigen und intriguanten Charakters ihren Sohn doch aufrichtig geliebt hatte, obgleich ſich ſtets etwas Furcht zu dem Stolz geſellte, den ſie vor ſeinem Verſtande hegte, der ihr bange machte. Ohne die Freigebigkeit des Generals Tre⸗ lawny wäre der Schlag noch viel härter geweſen; dieſer ſicherte ſie aber vor Mangel durch Ausſetzen einer kleinen Leibrente. Brandon— wir wollen ihn nicht mehr länger Brandon Burg nennen— ſaß beim Frühſtücke in demſelben Zimmer mit den beiden Polizeiagenten, die ihn keinen Augenblick aus dem Geſichte ließen, als die aufwartende Dienerin mit einem der Morgen⸗ blätter erſchien. Einer der Poliziſten händigte es ihm ein. „Nein, ich danke,“ murmelte der Gefangene. „Ich kümmere mich nichts mehr um engliſche Neuig⸗ keiten und um alle Britannier. Die alte Weit iſt kein Gegenſtand des Intereſſes mehr für mich, denle ich. Ich werde jetzt hoffentlich bald wieder in der neuen Welt ſein und mich ſehr freuen ſie Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 23 354 wieder zu ſehen. O ja, das wird bald der Fall ſein und kann gar nicht fehlen.“ Haltfeſt, in deſſen Hauſe der Gefangene die Nacht zugebracht hatte, ſchlug das Journal aus⸗ einander und nachdem er die Vorkommniſſe, Ver⸗ brechen und Polizeiberichte raſch überleſen hatte, die ihn begreiflicher Weiſe am meiſten intereſſirten, las er folgende kurze Notiz: „Duell in der vornehmen Welt.“ Bei den erſten Worten ſpitzte Brandon die Ohren. „Ein feindliches Begegnen fand dieſen Morgen zwiſchen dem Vicomte M., von der Garde, und dem Capitän M., von der Linie, ſtatt. Bei dem erſten Schuſſe fiel der Letztere tödtlich verwundet— in das Herz getroffen. Sein edler Gegner hat ſich, wie wir hören, auf den Continent begeben in der Abſicht, zu geeigneter Zeit ſich vor Gericht zu ſtellen.“ „Vicomte M.,“ wiederholte der Yankee langſam. „M. bedeutet Morden*) und A. M. Albert Mortimer. In's Herz geſchoſſen; ich glaubte nie, daß er ein Ding der Art beſitze; das weiß man aber bei den Britanniern nie ganz genau. Es wäre mir lieber geweſen, es wäre der umgekehrte Fall eingetreten,“ ſetzte er nachdenklich hinzu. Dieſen Gedanken gab ihm kein freundſchaftliches Gefühl für den Todten ein, den er ſtets gehaßt hatte, ſondern der teufliſche Wunſch, den Grafen und die Gräfin in ihrem Stolze und für ihren Mangel an Gegenſeitigkeit, wie er ſich auszudrücken beliebte, geſtraft zu ſehen. *) Familien⸗Name bes Grafen Melbourg, den der Sohn be⸗ kanntlich führt, bis er des Vaters Titel erbt. 355 „Wer hätte wohl geglaubt,“ ſprach er,„daß der Capitän ein ſolcher Eſel ſei, ſich von meinem Schafs⸗ kopf von Schwager todtſchießen zu laſſen;— der Capitän, der ſich überall hinauszuhelfen wußte.“ „Wie ſollte er es aber vermeiden?“ bemerkte einer der Poliziſten;„es kommen uns in unſerem Stande viele Leute dieſer Art vor, die ſich gewöhn⸗ lich alltzuſehr auf ſich ſelbſt verlaſſen und zuletzt ein ſchlimmes Ende nehmen.“ „Ich bin kein ſolcher Dummkopf, wie er,“ er⸗ widerte Brandon. „Gewiß nicht,“ ſagte der Polizeiagent. „Nun, für was halten Sie mich denn?“ „Für einen kleinen Spitzbuben,“ antwortete der erfahrene Mann des Geſetzes, ohne einen Augen⸗ blick ſich zu beſinnen,—„für ein Mittelding, wie ihr in Amerika drüben ſagen würdet, zwiſchen einem Fuchs und einer Klapperſchlange; Sie beſitzen nicht Muth genug, ein großes Verbrechen zu begehen, und nicht Ehrgefühl genug, ein kleines zu bereuen.“ „Sie vergeſſen, daß ich ein Gentleman bin,“ bemerkte der Yankee, ſich auf eine lächerliche Weiſe in die Bruſt werfend. „In Newgate oder Old Bailey macht man keinen Unterſchied.“ Der Abenteurer, obgleich außer ſich vor Wuth, hielt es der Klugheit für angemeſſen zu ſchweigen, denn ſeine Angelegenheit war noch nicht in Ordnung. Wie der Poliziſt richtig bemerkt hatte, ſo war er ſeinem Weſen nach allerdings eine Art von Fuchs. 23* 356 Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. In jenen Landſtädtchen, in welchen Aſſiſen ab⸗ gehalten werden, wird das monotone Leben der Bewohner derſelben periodiſch auf eine Weiſe unter⸗ brochen, daß ſie ſich gleichſam mitten in die Thätig⸗ keit und Aufregung der Hauptſtadt verſetzt ſehen. Die Proceſſion der Geſchworenen— der Einzug der Richter— der feierliche Gottesdienſt in der Kirche, womit die ernſte Procedur beginnt, von der oft Leben und Tod abhängt,— und mehr als alles Dieß, der Antheil, welchen die Stadtbewohner an dem Schickſale der Gefangenen nehmen, welche, ver⸗ möge ihrer Verbindungen in dem Orte, mehr oder weniger mit denen bekannt ſind, um deren Urtheils⸗ ſpruch es ſich handelt,— verleihen den Verhand⸗ lungen der Aſſiſen ein außerordentliches, ja ſelbſt ſchmerzliches Intereſſe, welches nur Diejenigen zu würdigen vermögen, welche bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſchon anweſend waren. Zur Zeit unſrer Erzählung hatte noch keine Eiſenbahn Maidſtone ſo nahe an London heran⸗ gerückt, daß man es faſt in eben der Zeit erreichen konnte, welche man braucht, um von einem Theile der Hauptſtadt in den andern zu gelangen. Es war noch immer ein Ort mit allen den Eigenthüm⸗ lichkeiten eines engliſchen Landſtädtchens und nicht, wie jetzt, eine bloße Vorſtadt von London. Die Unruhe und Aufregung, welche die Aſſiſen jedesmal in Maidſtone hervorbrachten, war dießmal bedeutend vermehrt durch die außerordentlichen und 357 oftmals übertriebenen Gerüchte, die über Helsman im Umlauf waren.. Als der Tag der Verhandlung herankam, war die Stadt mit Beſuchern aus der ganzen Umgegend angefüllt. Kein Heus, kein Zimmer blieb unbeſetzt, ſo groß war der Antheil an einem Falle, der ſo viele aufregende Elemente in ſich ſchloß. Die Lage des einſamen Hauſes von Charlton, wo der Mord begangen worden war, die grauſame Entführung der zwei guten Ladies, wie Kelf, der ſich unter den Zeugen befand, Emma und Nancy noch immer nannte, das einnehmende Aeußere derſelben und ihr glückliches Entgehen einer doppelten Todesgefahr durch Gift und auf gewaltſame Weiſe, alles dieß zuſammen erregte die Neugierde und Theilnahme des Publikums im höchſten Grade. Kit Corling war der Abgott des Tages. Die Ausdauer, die Unermüdlichkeit und die Gewandtheit, vermittelſt deren er die Spur zu dem Gefängniſſe ſeines Liebchens und der Miß Cheerly aufgefunden hatte; die Entſchloſſenheit, mit der er dieſelbe ver⸗ folgt, und die Kaltblütigkeit und der Muth, womit er die Befreiung zu Stande gebracht, dieß Alles zuſammen hatte ihn zu einem volksthümlichen Helden gemacht. Unter allen Nationen Europa's ſind die Eng⸗ länder, und namentlich das gemeine Volk dieſes Landes, die größten Bewunderer von Mannhaftigkeit und Muth, wenn ſich derſelbe in Vertheidigung des Schwachen und Hilfloſen kund gibt. Es beſtand offenbar ein merkwürdiges Geheimniß in der Ver⸗ bindung zwiſchen dem Gefangenen und Betſy Amos, 358 dem Opfer ſeiner That. Die teufliſche Gewalt, welche Helsman über ſie ausgeübt hatte, die Mittel, die er beſeſſen, um ſie durch Schrecken zur Begehung jedes Verbrechens anzutreiben, das er ausgeführt wiſſen wollte, ſowie die nach und nach zu Tag kom⸗ menden, Helsman betreffenden Thatſachen, trugen dazu bei, die bevorſtehende Verhandlung zu einer der causes célebres des criminellen Kalenders zu machen. Der Verbrecher ſelbſt ſchmeichelte ſich indeſſen noch immer mit der Hoffnung, durchzuſchlüpfen. Er wußte, nach dem Eindrucke, den von jeher Geld auf ſeine eigene entartete Natur gemacht, daß die Ge⸗ müther der Wenigſten deſſen Einfluſſe zu wider⸗ ſtehen vermögen; und obgleich in ſeiner düſtern Zelle das Bewußtſein der ſchmählichen Verbrechen, die er begangen— Mord, Fälſchungen, Entfüh⸗ rungen, Wortbruch, Meineid und Complotirungen— wie Blei auf ſeinem Herzen laſtete, ſo überließ er ſich doch keinen Gewiſſensbiſſen, deren Beute die⸗ jenigen ſein müſſen, die nicht zu bereuen im Stande ſind. Ueberdieß hielt Tye die Hoffnung auf⸗ recht, daß durch einen weitern Mord der Hauptzeuge gegen ihn beſeitigt werden würde. Hätte er den wahren Stand der Dinge gekannt, ſo wären ſelbſt ſeine eiſernen Nerven, welch' hartgeſottener Sünder er auch war, erſchüttert worden. Der ſchlaue Notar hatte ihm noch nicht mitgetheilt, daß ſeine letzte Hoffnung in Folge von Snape's Irrthum geſchwun⸗ den ſei, welcher den Caſſier Bight für den Zigeuner Jack gehalten hatte, und er hoffte deßhalb noch immer im Stillen faſt zuverſichtlich auf die Wirkung 359 der fünf Tauſend Pfund, welche der Anwalt am Tage ſeiner Freiſprechung aus Mangel an genügen⸗ dem Zeugenbeweiſe erhalten ſollte. Tye, der nach Gefangenſetzung Snape's wegen Mords an dem Caſſier aus dem Gefängniſſe ent⸗ laſſen worden war, fuhr fort, Helsman um des eigenen Intereſſes wegen mit der Verſicherung zu täuſchen, daß der Zigeuner Jack aus dem Wege geſchafft worden ſei. Der ſchlaue Rabuliſt wußte wohl, daß Helsman, ſobald er die Hoffnungsloſigkeit ſeiner Sache erkennen würde, keinen Augenblick zögern dürfte, alle die betrügeriſchen Geſchäfte zu bekennen, in welche er ſich mit ihm und Sir John Sellem eingelaſſen hatte, worunter namentlich die gefälſchte Vollmacht gehörte, durch welche Miß Cheerly ſo lange Zeit ihres Vermögens beraubt geblieben war. Endlich erſchien der für die Verhandlung be⸗ ſtimmte Tag. Die herrliche Juliſonne ſchien mit ihren glänzenden, goldenen Strahlen der traurigen Mauern der Gefängnißzelle zu ſpotten, von welcher Capitän James Helsman, angeklagt des Mordes an einer Frau, die unter ſeinem Dache und ſeinem Sab⸗ gelebt hatte, auf die Verbrecherbank geführt würde. Der Gerichtsſaal war zum Erdrücken voll mit Menſchen angefüllt. Helsman erblickte in der Menge, die ihm Worte der Verwünſchung nachrief, als er vorüber kam, manches wohlbekannte Geſicht. Tye flüſterte ihm bei ſeinem Eintreten Worte des Troſtes zu, und der Verbrecher nahm mit Blicken voll Haß und herausfordernder Keckheit, die er auf die Richter 360 und die Geſchworenen warf, auf der ihm ange⸗ wieſenen Bank. Platz. Der Verbrecher wurde jetzt öſſentlich angeklagt, und der Gerichtsſchreiber las die ihn betreffenden Akten vor. Ein Gefühl des Abſcheu's bemächtigte ſich der Zuhörer bei der einfachen Darlegung eines ſolchen Verbrechens, obgleich dieſelbe in die conciſe Sprache legaler Technik gekleidet war, und ein Murmeln ber Verwünſchung, das aber ſogleich unterdrückt wurde, ließ ſich auf die fälſchliche Antwort des Ge⸗ fangenen vernehmen, als die feierliche Frage an dieſen geſtellt wurde: Ob er ſich ſchuldig oder nicht ſchuldig bekenne? Die Geſchworenen wurden nun aufgerufen und, nach einigen Vemerkungen von Seiten des geſetz⸗ lichen Anwalts des Gefangenen, nahm die Verhand⸗ lung ihren Anfang. Der Staatsanwalt, ein Mann von hohem Rufe in ſeinem Stande und berühmt durch ſeine Gewandtheit und Klarheit in Behand⸗ lung der ihm anvertrauten Fälle, ſetzte jetzt die Art des Verbrechens, ſo wie die Umſtände, unter denen es begangen worden war, und die Zeugenausſagen, in Folge deren eine Verurtheilung verkangt werde, in einer Rede auseinander, welche mit lautloſer Stille angehört wurde. „Meine Herren Geſchworenen,“ ſprach er,„indem ich Sie auffordere, über die Schuld oder Unſchuld des vor den Schranken ſtehenden Gefangenen zu entſcheiden, inuß ich Sie dringend auffordern, den Eindruck zu erſticken, welchen die verſchiedenen Ge⸗ rüchte über ſein Leben, ſeine Gewohnheiten und ſein 361 Benehmen auf Sie hervorzubringen nicht verfehlt haben können, und Ihren Wahrſpruch auf keine anderen Gründe, als die Zeugenausſagen zu ſtützen, welche Ihnen zur Aufrechthaltung der Anklage mit⸗ getheilt werden ſollen. Capitän Helsman— der des entſetzlichen Mordes angeklagte Mann— iſt tein Gefangener gewöhnlicher Art. Wenn er ſchul⸗ dig erfunden wird, ſo vermag er ſein Verbrechen weder durch Unwiſſenheit, noch Maongel zu entſchul⸗ digen. Er iſt von Geburt ein Gentleman. Er ſtand im Dienſte Sr. Majeſtät und war ſeit Jahren mit einem Manne verbunden, welcher, obgleich er jetzt ebenfalls der Entſcheidung eines Gerichtshofes harrt, der über eine Anklage beſchließen wird, von der ſeine Freiheit und Ehre abhängt, einſt eine hohe Stellung in der kaufmänniſchen Welt Londons ein⸗ nahm.“ „Meine Herren Geſchworenen, der Gefangene iſt angeklagt, zwei höchſt achtenswerthe junge Damen unter falſchem Borwand und in der Abſicht, ent⸗ weder ſich ſelbſt oder ſeinen Mitſchuldigen in Beſitz des der einen derſelben gehörigen Vermögens zu ſetzen, in ſein Haus gelockt zu haben. Ueber die Wahrheit dieſer Anklage mögen Sie nach deren Ausſage entſcheiden. Er iſt ferner angeklagt, die⸗ ſelben längere Zeit als Gefangene bei ſich behalten und das unglückliche Opfer ſeiner Grauſamkeit be⸗ auftragt zu haben, deren Leben durch Gift ein Ende zu machen, weil Grund zur Befürchtung für ihn vorlag, daß der Ort ihres Verſtecks durch den un⸗ ermüdlichen und edlen jungen Mann entdeckt worden 362 ſei, dem es auch endlich gelang, ſie aus ihrer ge⸗ fährlichen Lage zu befreien.“ „Aus den Zeugenausſagen, welche Sie vernehmen werden, werden Sie erſehen, daß die ermordete Frau, Betſy Amos mit Namen, Haushälterin des Angeklagten und Gefangenwärterin der Zeuginnen, durch ſeine Drohung und ihre Angſt bewogen, nahe daran war, die ſchändliche Abſicht auszuführen, als durch ein ganz beſonderes Dazwiſchentreten der Vorſehung(denn für was Anderes können wir das⸗ ſelbe halten?) die Mörderin in demſelben Augen⸗ blicke, als ihre Opfer im Begriffe waren, das ver⸗ hängnißvolle Getränke zu genießen, erfuhr, daß ſich unter ihnen ihr Pflegekind befand, das ſie zu er⸗ tränken beabſichtigt gehabt hatte. Dieſe Entdeckung erlöste ſie, wie Sie aus der Ausſage dieſer Damen erſehen werden, aus der Gewalt des jetzt vor Ge⸗ richt ſtehenden Gefangenen, der ſie zum Inſtrument aller ſeiner Verbrechen gemacht, indem er ihr fort⸗ während gedroht hatte, daß er ihre That zur Anzeige bringen werde. Sie warf die Schaale mit dem darin befindlichen Getränk auf den Boden, welches zu genießen ſie vorher aufgefordert gehabt hatte, theilte den jungen Damen die Gefahr mit, in der ſie geſchwebt hatten und verſprach ihnen zur Flucht behilflich zu ſein. Der Gefangene, der ängſtlich an der Thüre auf die Rückkehr der Haushälterin ge⸗ wartet hatte, ſah ſich ſehr getäuſcht, als ſie ſich endlich einfand, ohne das ſchändliche Verbrechen ausgeführt zu haben, und indem ſie ihm ſogar drohte und Trotz bot. Dieß veranlaßte ihn, ſie mit mörderiſchem Griffe an der Kehle zu packen und mit ————————— —— 363 teufliſcher Grauſamkeit, die man eher ſich vorſtellen, als beſchreiben kann, ihr ſo lange den Hals zu⸗ ſammen zu preſſen, bis Blut und Schaum aus dem Munde traten und er ſich dadurch überzeugt hatte, daß ſie todt ſei. Von John Lee oder, wie man ihn gewöhnlich nennt, dem Zigeuner Jack werden Sie erfahren, daß der Leichnam der gemordeten Frau zuerſt in dem Keller des Gefangenen verbor⸗ gen und ſpäter dann von dem Mörder und dem Zeugen an einen Ort, die Kalkgrube geführt wurde, wo der Zigeuner Jack ihn eingeſcharrt, welcher von dem Gefangenen für den geleiſteten Beiſtand die Summe von hundert Pfund ſo wie das Verſprechen erhielt, ſo lange er lebe pachtfrei ein dem Capitän Helsman gehöriges Haus bewohnen zu dürfen. Zur Beſtätigung der Schuld des Angeklagten werden Sie aus den Ausſagen nicht allein von Seite des Zigeuner Jack's, ſondern vuch von verſchiedenen ſehr reſpectablen Zeugen, die ich aufrufen kann, erfahren, daß der Angeklagte den Zigeuner Jack nach Sponien gelockt hat und daß es ihm bei⸗ nahe gelungen wäre, dieſen durch die Chriſtino's erſchießen zu laſſen. Ein Einſchreiten der Juſtiz wäre wahrſcheinlich durch die von dem Gefan⸗ genen gebrauchte Vorſicht, den Leichnam der Frau in einer Kalkgrube zu begraben, unmöglich ge⸗ weſen, wenn nicht der Wundarzt, der ſie in früheren Zeiten behandelt, ſie nicht an einer eigenthümlichen Formation des Unterkiefers erkannt hätte. So uner⸗ forſchlich ſind die Wege der Vorſehung und ſo un⸗ möglich iſt es für den ſchuldigen Menſchen, wie klug und fein er auch ſeine Plane angelegt haben mag, 364 der rächenden Gerechtigkeit ſich zu entziehen, welche den Schritten des Mörders nachſpürt.“ „Meine Herren Geſchworenen, ich lege den Fall mit Vertrauen in Ihre Hände, indem ich mich auf die Unpartheilichkeit und den Scharfſinn verlaſſe, womit Sie die Zeugenausſagen prüfen und dieſelben nach ihrem wahren Werthe beurtheilen werden.“ Bei Nennung des Namens des Zigeuner Jack's fuhr der ſchuldbefleckte Elende auf der Anklagebank, der mit ſcheinbarer Theilnahmloſigkeit die Einleitung angehört hatte, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, zuſammen. Er ſah ſich wild nach Tye um, dem er einen Blick voll teufliſcher Bosheit und Haß zuwarf, in welchem ſo deutlich, als Blicke es vermögen, zu leſen war, wie völlig er jetzt deſſen elenden Kunſtgriff durchſchaue. Die erſte Zeugin für die Anklage, welche auf⸗ gerufen wurde, war Miß Emma Cheerly. Die an⸗ muthige und ſchöne junge Dame, gekleidet wie es ihrer Stellung im Leben und ihren verbeſſerten Glücksgütern angemeſſen war, und ſtrahlend jetzt von Geſundheit und Zufriedenheit, legte ihr Zeug⸗ niß in einer klaren, beſcheidenen und einfachen Weiſe ab, welche alle Zuhörer für ſie einnahm und die Geſchworenen überzeugte, daß ſie ſich auf jedes Wort verlaſſen könnten, das von ihren Lippen kam. Sie erzählte, daß Capitän Helsman in der Verkleidung eines Landmannes ſie und Nancy unter dem Vor⸗ wande, ſie zu ihrer kranken Amme zu führen, von Hauſe weggelockt habe, wie er ſie mit Gewalt zu⸗ rückbehalten und Betſy Amos beauftragt habe, ſie zu vergiften. Sie erzählte die Umſtände, unter — 365 welchen ſie der dringenden Gefahr entgangen ſei und wie Helsman und der Zigeuner Jack nach Betſy's Ermordung mit Gewalt in das Zimmer hätten eindringen wollen. Keine Kreuzfragen von Seiten des Anwalts des Gefangenen vermochten das furchtbare Gewicht dieſes Zeugniſſes zu ſchwächen. Vergebens machte dieſer von ſeinem Vorrechte als Rathgeber bis zur äußerſten Grenze Gebrauch, in⸗ dem er bei ihrem Eide Fragen an ſie ſtellte, vor denen ihre Sittſamkeit erröthete. „Können Sie es beſchwören, daß Sie Capitän Helsman zuvor nie gekannt haben?“ 4 „Er war mir gänzlich unbekannt.“ „Wie kam es denn aber, daß Sie, eine junge Dame von Geburt und Erziehung, ohne weitere Rachfrage und ohne zu zögern, ſich der Leitung und dem Schutze eines Fremden anvertrauten?“ Der Staatsanwalt erklärte dieſe Frage als nicht zur Sache gehörig. Da aber geltend gemacht wurde, daß die Glaubwürdigkeit der Zeugin von ihrer Ant⸗ wort darauf abhänge, ſo genehmigte der Hof die Stellung dieſer Frage. Harry Burg— der nebſt dem Grafen Lilini, ſeinem jetzt öffentlich anerkannten Onkel— zu Miß Cheerly's Schutze mitgekommen war— warf dem unverſchämten jungen Advocaten“ vernichtende Blicke zu, der geſtützt auf die Straf⸗ loſigkeit ſeines Amtes es gewagt hatte, durch ſeine Frage die Reinheit des Motiv's eines ſo tugend⸗ haften und guten Weſens anzutaſten. Emma antwortete aber darauf mit ſo vieler Unbefangenheit und Natürlichkeit, daß ſie den Ge⸗ richtshof und die Geſchworenen überzeugte. 366 „Ich ging mit ihm, weil meine Angſt um meine Amme, die ſich, ſeit ich Waiſe geworden war, nie zuvor auf ſolche Weiſe von mir entfernt hatte— ſo groß war, daß ich in jenem Augenblicke an nichts Anderes, als an ihre Krankheit dachte.“ Die Ausſage von Miß Cheerly murde in jeder Einzelnheit von Nancy und deren Gatten, Kit Cor⸗ ling, beſtätigt; und als endlich der Zigeuner Jack als Zeuge aufgerufen wurde, ſah der Gefangene ein, daß jetzt alle Ausſicht für ihn verloren ſei. Die Glaubwurdigkeit eines Zeugen wie der Zigeu⸗ ner wäre ohne die gleichlautenden Ausſagen von anderer Seite leicht anzugreifen geweſen; aber da Graf Lilini, Harold Tracyh und Harry Burg an⸗ weſend und im Stande waren, ſeine Mittheilung zu beſtätigen, daß Helsman ihn den Chriſtino's in die Hände geſpielt habe, damit er als carliſtiſcher Ge⸗ fangener erſchoſſen werde, ſo war dieſes Zeugniß zu überwältigend, als daß es ſelbſt im Hinblick auf die Unregelmäßigkeit des Lebens des Zigeuners zu erſchütternd geweſen wäre. Der Gefangene verſuchte ein Alibi nachzuweiſen. Die häufige und lange Abweſenheit Helsman's in verſchiedenen Theilen Englands und auswärts hätte dieſer Art von Vertheidigung einige Wahrſcheinlich⸗ keit verliehen, wenn Kelf's Zeugniß nicht geweſen wäre, der an jenem Tage von ſeinem Herrn in die Scheune eingeſperrt worden war, um zu verhindern, daß Erkennungszeichen zwiſchen Nancy und Kit aus⸗ getauſcht würden; eine Angabe, welche Kit und Watſon beſtätigten, die den gefangenen Blödſinni⸗ ——————— ———— 367 gen befreit. Dieſe Vertheidigungsweiſe ſchlug deß⸗ halb fehl. Vom Anwalt des Gefangenen wurde geltend gemacht, daß kein Geſchwornengericht einen Men⸗ ſchen des Verbrechens des Mords ſchuldig erkennen könne auf die Angabe eines ſo ehrloſen Zeugen hin, eines Menſchen, der als gemeiner Zigeuner einer ſo verächtlichen und vervehmten Race in den Augen des Geſetzes angehöre,— daß der Paragraph noch nicht aufgehoben ſei, welcher Jeden, der vier⸗ undzwanzig Stunden lang in deren Geſellſchaft ſich blicken laſſe, ſich eines todeswürdigen Verbrechens für ſchuldig erkenne.„Meine Herren Geſchwore⸗ nen,“ ſprach er,„es iſt augenſcheinlich, daß ein Complot gegen das Leben meines Clienten von einer hochſtehenden und mächtigen Perſon(zugleich warf er einen Blick auf den Grafen Lilini) organiſirt worden iſt, welche, obgleich ſie ſcheinbar keinen thätigen An⸗ theil un den Maßregeln, ihn vor Gericht zu brin⸗ gen, genommen hat, dennoch Urheber der ganzen Procedur iſt. Verhindern Sie daher als ächte Eng⸗ länder und Freunde offenen Handelns, daß dieſes geheime Complot gegen das Leben eines Lands⸗ mannes gelinge. Wonmit iſt es denn erwieſen, daß die Frau überhaupt ermordet worden iſt? Wo finden ſich die Beweiſe von angewendeter Gewalt? Mit welchem Inſtrument ſoll denn das Verbrechen verübt worden ſein? Wer hat den Streich führen ſehen oder hörte die Hilferufe der Verſtorbenen? Die Beweiſe gegen den Gefangenen ſind blos aus zufälligen Umſtänden hergeleitet und ſind noch über⸗ dieß, meine Herren Geſchworenen, ſehr unhaltbar. 365 Mit dem Wegführen zweier jungen Damen haben Sie ſich gar nicht zu befaſſen. Capitän Helsman ſteht wegen Mords und nicht wegen Menſchendieb⸗ ſtahls vor Gericht; und wie klar auch ſeine Schuld in dem einen Falle ſein mag, ſo kann ſie doch die Wahrſcheinlichkeit des andern weder vermehren noch vermindern. Sie vermögen keinen Grund für ein ſo ſchändliches und nutzloſes Verbrechen anzugeben. Männer— namentlich Männer von der geſeliſchaft⸗ lichen Stellung und der Lebenserfahrung des Ge⸗ fangenen begehen keinen Mord aus bloßer Luſt am Tödten, oder verfangen dieſe ihren Hals in einer Schlinge ohne einen genügenden Grund. Ueberlegen Sie daher wohl, ehe Sie über die Schuld oder Un⸗ ſchuld des Angeklagten ſich ausſprechen. Er mag ſo ſein, wie ſeine Feinde ihn geſchildert haben, aber wenn es dieſen nicht gelungen iſt, Ihnen auf eine über alle Zweifel erhabene Weiſe darzuthun, daß er das Verbrechen begangen hat, deſſen er angeklagt iſt, ſo ſind Sie verpflichtet, ihn frei zu ſprechen. Laſſen Sie mich, meine Herren Geſchworenen, Sie dringend angehen, ehe Sie ſich in das Berathungs⸗ zimmer zurückziehen, die Weisheit und Milde des Grundſatzes wohl zu erwägen, nach welchem es beſſer iſt, zwanzig Schuldige entkommen zu laſſen, als einen Unſchuldigen zu beſtrafen.“ Die Rede des gewandten Advocaten brachte den von ihm gewünſchten Eindruck hervor; in dem Augen⸗ blicke, in welchem das Schickſal des ſchuldbefleckten Elenden, der vor den Gerichtsſchranken ſtand, für immer beſiegelt ſchien, wurden der Hof und die Geſchworenen wieder auf bas Meer der Ungewißheit 369 hinausgeſtoßen. So mächtig iſt der Einfluß, den ein geſchickter und pfiffiger Advocat auf die Leicht⸗ gläubigkeit der geſetzesunkundigen Laien auszuüben vermag. Mit Recht konnte einſt Warrn Haſtings,*) als man ihm eine Kette von Freigniſſen, die ſich gar nie zugetragen hatten, geſchickt mit wirklichen Freigniſſen in einander verwoben entgegenhielt, ſo daß er kaum wußte, wie er ſie entwickeln ſolle, aus⸗ rufen:„Als ich alles Dieß mit anhörte, hielt ich mich ſelbſt für ſchuldig.“ „Mich ſoll der Teufel holen, Jack,“ ſagte ein Zigeuner zu dieſem, ſeinem Cameraden,„wenn dieſer Kerl nicht im Stande iſt, einem den Kopf ſo toll zu machen, daß man nicht mehr weiß, ob man leben⸗ dig oder todt iſt.“ „Wart noch ein wenig,“ ſagte Jack;„eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus; wir wollen erſt ſehen, was die große Perücke ſagt, die noch ein größerer Hexenmeiſter iſt, als Alle mit einander, 1 die ſich nicht ſo leicht ein 4 für ein U machen äßt.“ Der Staatsanwalt verzichtete auf ſein Recht zu antworten und unter todtengleicher Stille begann der Richter ſein Reſume. Er recapitulirte ſorgfältig ſämmtliche Zeugenausſagen, machte da und dort bei augenfälligen Widerſprüchen Bemerkungen, enthielt ſich aber, irgend eine Meinung auszuſprechen, auf welcher Seite die Wahrſcheinlichkeit der Wahrheit liege. Dann machte er die Geſchworenen aufmerkſam, ²) General⸗Gouverneur von Indien, dem man wegen angeb⸗ licher Erpreſſungen in England einen Prozeß anhängte, der von 1788 1795 dauerte und mit einer gänzlichen endigte. Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 370 daß ſie bei ihrem Eide gebunden ſeien, furchtlos ihre Pflicht zu erfüllen, und daß dieſe darin beſtehe, ihren perſönlichen Gefühlen keinen Einfluß auf ihr Urtheil zu geſtatten oder ihren Wahrſpruch darnach zu formuliren.„Wenn,“ ſprach er,„Sie nach dem Zeugniß dieſer Damen überzeugt ſind, daß der vor den Schranken ſtehende Gefangene in der That deren Tod beabſichtigte und die verſtorbene Frau mit der Ausführung ſeiner mörderiſchen Abſicht beauftragte, ſo iſt der Grund des Begehens des Verbrechens, deſſen der Angeklagte beſchuldigt iſt, mit Einem Male augenfällig. Der Fall iſt dann ſo klar, daß Ihr Wahrſpruch hauptſächlich von der Glaubwürdigkeit des von Miß Cheerly und Nancy Corling abgeleg⸗ ten Zeugniſſes abhängt. Sie werden ſich erinnern, daß die Verſtorbene, Betſy Amos, nicht mehr lebend geſehen wurde nach jenem Abend, an welchem ſie nach der Angabe dieſer beiden Damen die Entdeckung gemacht hatte, welche das Leben derſelben rettete. Ebenſo werden Sie nicht vergeſſen haben, daß der Hauptzeuge gegen den Gefangenen ſein Mitſchuldi⸗ ger bei dem Angriffe war, den er nach dem Mord⸗ verſuche auf die Damen machte, und daß nach dem Zeugniſſe der drei Herren, die ihn in Spanien kannten, darüber kein Zweifel herrſchen kann, daß der Gefangene ſeinen Mitſchuldigen nur deßhalb aus dem Lande ſchickte, um ſich dadurch einen unange⸗ nehmen Zeugen vom Halſe zu ſchaffen.„Sie müſſen nun ſelbſt beurtheilen, ob alle dieſe zuſammenpaſſen⸗ den Umſtände genügen, die Glaubwürdigkeit des Zeugen feſtzuſtellen, deſſen frühere Lebensweiſe und Bekanntſchaften ſeinen Angaben wenig oder keinen 371 Werth verleihen würden. Wenn Sie noch einen Zweifel hegen, ſo ſind Sie verbunden, dem Ge⸗ fangenen Ihre Zweifel zu Gut kommen zu laſſen; wenn Sie aber von deſſen Schuld überzeugt ſind, ſo ſind Sie durch Ihren Eid gehalten, die Pflicht furchtlos und ohne Anſehen der Perſon zu erfüllen, welchen dieſer Eid Ihnen auferlegt. Sie können ſich jetzt zurückziehen und über Ihren Wahrſpruch berathen!!“ Vierundſiebzigſtes Capitel. Der Morgen verfloß ſehr langweilig in der trau⸗ rigen Wohnung des Polizeiagenten Haltfeſt. Die beiden Poliziſten und der Gefangene hatten, um die Zeit todt zu ſchlagen, ungebührlich lange ge⸗ frühſtückt. Auf Brandon's Wunſch, der ſich bereit erklärte,„frei zu halten,“folgten eine Flaſche Brannt⸗ wein und Cigaren auf den ſchlechten Thee, die fetten Hammelsrippchen, heißen Schnitten, ſtinkenden Eiern und ranzige Butter, womit das Kleeblatt ſich gütlich gethan hatte. Haltfeſt hatte die Times von Vorne und von Hinten vorgeleſen, trotz aller Proteſtationen Brandon's gegen die Langweiligkeit der darin befindlichen Artikel. „Keiner von dieſen Britanniern,“ ſprach er, den Saft gekauten Tabaks über alle Leitartikel ſpritzend,—„keiner von dieſen Britanniern, ſelbſt keiner unter dieſen Ariſtokraten der Intelligenz, für welche ſich die Timesſchreiber halten, verſteht es, einen rechten Artikel zu ſchmieren. 372 Schwätzer ſind ſie alle. Wenn unſere Scribler in der neuen Welt nicht mehr Erfindungsgeiſt und Ge⸗ hirn, als dieſe alten, aufgeblaſenen Fröſche hätten, ſo würde man ihnen in's Geſicht ſpeien. Seichtes Geſchwätz und honigſüße Worte würden bei einem aufgeklärten Volke nicht ziehen, das dazu geſchaffen iſt, die ganze Welt in die Taſche zu ſtecken, und vor Allem das ſcheinheilige, heulende alte Weib, John Bull genannt; das Gefaſel in dieſen Zeitun⸗ gen, ſage ich, iſt mehr dazu geignet, Kinder und alte Weiber in Schlaf zu lullen, als den Geiſt zu wecken, wie dieß bei einem Artikel erſter Qualität von einem noblen Zeitungsſchreiber in der neuen Welt der Fall iſt.“ „Ich verſtehe nicht viel von Politik,“ ſagte Haltfeſt,„aber ich denke, und was ich denke, ſage ich— nicht hinter dem Rücken, ſondern in's Ge⸗ ſicht— es gibt kein Land, wie Alt⸗England, und keinen Gentleman, wie einen engliſchen Gentleman, — ja es gibt ſogar nirgends einen Gentleman, als da.“ „Es gibt keinen?“ grinzte Brandon, ſeine Hand. zur Fauſt ballend, wie wenn er ein Bowie⸗Meſſer darin hielte;„ich will Ihnen ſagen, ob es noch andere gibt, wenn wir uns einmal im neuen Land treffen. Dort will ich Ihnen zeigen, was ein Gentleman iſt, und Ihnen, mein Verehrteſter, hand⸗ greiflich einen Begriff vom Lynchgeſetz beibringen.“ „Ich danke Ihnen dafür. Ich kann Amerika nicht ausſtehen, und wen ich unter allen Menſchen am meiſten haſſe, das ſind die Yankees.“ „Es iſt Schade, daß ich das nicht früher gewußt 373 habe. Nehmen Sie ſich mit Ihren Redensarten in Acht, Sie vorurtheilsvoller Britannier! Machen Sie mich nicht zornig! Sie haben wahrſcheinlich noch nie einen Mann aus dem neuen Land mit ſei⸗ nem Meſſer geſehen; bringen Sie es daher nicht dahin, daß Sie das meinige zu Geſicht bekom⸗ men, wenn Ihnen Ihre Haut lieb iſt. Uebrigens rechne ich darauf, bald von hier wegzukommen, und wer weiß, ob dieß nicht noch vor Sonnenuntergang geſchieht!“ Mit dieſen Worten entlud er ſich wie⸗ der einer großen Maſſe Tabakſafts, den er gegen das trübe Fenſter ſpuckte, wandte ſich mürriſch um, ſchloß die Augen und ſchien bald darauf tief einge⸗ ſchlafen zu ſein. Es war ein langweiliger Tag für Haltfeſt und Fangein, die an ein bewegtes Leben gewöhnt waren, und das ruhige Verweilen zu Hauſe ohne ihre gewohnte Beſchäftigung des Aufſpürens und Aufpaſſens uner⸗ träglich fanden. Ueberdieß regnete es unaufhörlich. Die enge Straße war mit ſchwarzem Koth bedeckt, und der Himmel ſah ganz bleifarbig aus; es zeigte ſich auch gar nichts was ſie im Mindeſten intereſ⸗ ſirt hätte. Einige wenige Fußgänger mit alten baumwollenen Regenſchirmen waren die einzigen lebenden Geſchöpfe, die ſichtbar wurden. Die Ti⸗ mes war für jemand Anders abgeholt worden, im Hauſe war kein Buch, kein Kartenſpiel oder ein Paar Würfel vorräthig, und Graf Lilini erſchien immer noch nicht. Brandon hatte ſich ſein ſeidenes Sacktuch um den Kopf gebunden, ſich auf den alten, ledernen 374 Sopha hingeſtreckt und ſchlief feſt, oder that wenig⸗ ſtens dergleichen. „Ich meine,“ ſagte Fangein, dem das Zuhauſe⸗ bleiben und das lange Warten noch langweiliger wurden als Haltfeſt,— der, weil er einige Erzie⸗ hung genoſſen, wenigſtens hie und da einen eigenen Gedanken hatte und übrigens eine Art von Witz⸗ bold war— ich meine, weil der Yankee feſt ein⸗ geſchlafen iſt, ſo könnte ich wohl einen Beſuch in des Earls Hauſe machen, und nachſehen, warum der Graf nicht kommt. Ich werde nicht lange aus⸗ bleiben, alter Junge, aber ich glaube, daß es einmal Zeit iſt, daß wir erfahren, woran wir ſind. Aber wenn auch der Yankee aufwacht, ſo biſt Du allein ihm völlig gewachſen; von ihm heißt's: Viel Geſchrei um wenig Wolle;— er iſt nichts weiter, als ein Großmaul.“ „Ja,“ erwiderte Haltfeſt,„Großmaul iſt ein ganzer Kerl, aber Haltfeſt iſt doch noch ein beſſerer.“ „Das will ich meinen,“ ſagte Fangein;„Du kannſt Jeden in ein Mausloch jagen. Wenn Du im Parkament fäßeſt, ſo würde nicht Alles ſo ver⸗ dammt ſchläfrig gehen, wie der Yankee ſagt, daß es der Fall iſt. Großmaul iſt ein ganzer Kerl, aber Haltfeſt iſt noch ein beſſerer. Ha! ha! ha! He! he! hei Hil! hi! hi! Ho! ho! ho! Das iſt der beſte Witz, den ich je gehört habe.“ „Er iſt nicht ſchlecht,“ ſagte Haltfeſt, dem ſein eigener Witz und das Wohlgefallen, das ſein Freund daran fand, ein ſelbſtgefälliges Vergnügen verur⸗ ſachte, und er wiederholte ihn deßhalb noch mehr⸗ 375 mals, wie es Leute, denen Erziehung fehlt, gerne zu thun pflegen. „Er iſt ganz köſtlich, alter Junge. Großmaul iſt ein ganzer Kerl, aber Haltfeſt iſt noch ein beſ⸗ ſerer,“ wiederholte Fangein, mit dem Daumen über die Schulter weg nach dem ſchnarchenden Yankee deutend, und Beide lachten über dieſen Witz, daß ihnen die hellen Thränen über die wettergebräunten Geſichter liefen, wähvend Brandon lauter und immer lauter ſchnarchte. Endlich, nachdem ſie einigermaßen ihre Heiter⸗ teit und ihre Kraft erſchöpft hatten, kamen ſie überein, daß Fangein in das Haus des Grafen Melbourg gehen, und ſich dort nach dem Stand der Dinge erkundigen ſolle, und daß er in zwei Stunden— es war jetzt halb ein Uhr vorüber— zum Mittageſſen wieder zurück ſein ſolle. Haltfeſt war nämlich mit ſich ſelbſt und dem Triumph, den er gefeiert, ſo zufrieden, daß er in Alles gewilligt hätte. „Ich empfehle ein Stück Schweinebraten mit Aepfelſauce und Plumppudding,“ ſagte Haltfeſt. „Großmaul hier kann ſchon einmal recht in Beutel langen. Du kannſt dieß Alles bei dem Garkoch an der Ecke beſtellen; vergiß auch Knoblauch und Sel⸗ lerie nicht, und damit Alles ſauber und anſtändig iſt, ſorge auch für ein friſches Liſchtuch, Meſſer, Gabeln, Teller, Gläſer, und was man ſonſt braucht. Seit meine Alte geſtorben iſt, habe ich keinen guten Schweinsbraten mehr im Hauſe geſehen, und werde auch keinen ſolchen mehr zu Geſichte bekommen. Riemand verſteht es ſo, wie ſie, einen Braten gar zu machen.“ 376 Zugleich zog Fangein ſeinen Ueberrock an, ſetzte ſeinen Wachstuchhut auf und verließ das Zimmer. Als er ſchon auf der Straße war riß Haltfeſt das Fenſter auf und rief hinunter:„Holla, alter Junge! Holla!“ „Was gibt es?“ rief Fangein von Unten herauf. „Großmaul iſt ein ganzer Kerl,“ erwiderte Halt⸗ feſt, wieder mit dem Daumen nach dem auf dem Sopha liegenden Brandon deutend,„aber Haltfeſt iſt noch ein beſſerer!“ Fangein brach abermals in ein unmäßiges Ge⸗ lächter aus— der einzige heitere Ton in dieſer naſſen, einſamen Straße— und Haltfeſt, nachdem er das Fenſter wieder geſchloſſen, überließ ſich eben⸗ falls dem Ausbruch ſeiner Heiterkeit über ſeinen eigenen Witz. Dann machte er ſich über den Reſt von Branntwein her, ſteckte eine Cigarre an, ſetzte ſich auf einen Stuhl am Fenſter, legte die Beine auf einen andern, kreuzte die Arme über ſeiner breiten Bruſt, ſchloß die Augen und überließ ſich in Behaglichkeit der Ruhe und Bequemlichkeit. Als Fangein nach des Earls Haus kam, fand er daſelbſt ein an ihn adreſſirtes Billet mit der Be⸗ merkung„Sogleich zu beſorgen“, das aber unbe⸗ rührt auf dem Tiſche in der Vorhalle lag, während zwei rieſengroße Lakaien, ganz Puder, Plüſch, Ne⸗ ſteln und Unverſchämtheit, den Laufjungen aus⸗ ſchimpften, daß er es nicht an ſeinen Beſtimmungsort getragen habe. Fangein war, wie wir bereits zu bemerken Ge⸗ legenheit hatten, kein Gelehrter, eben ſo wenig konnte aber auch einer der pomphaft ausſtaffirten 377 Rieſen das Billet entziffern! dagegen war der kleine Laufjunge, wie einer der Lakaien bemerkte, ein Teufelskerl, der zwar phyſiſch zu ſeinen rieſenhaften Unterdrückern aufblickte, geiſtig aber auf ſie herab⸗ ſah, weil er die folgenden Worte fließend zu leſen verſtand: „Die beiden Polizeiagenten Haltfeſt und Fangein werden erſucht, ihren Gefangenen ſcharf zu bewa⸗ chen, bis Graf Lilini dieſen beſuchen kann. Dieß wird aber wahrſcheinlich nicht vor morgen früh ge⸗ ſchehen können, da Ereigniſſe von Wichtigkeit des Grafen Anweſenheit anderwärts erfordern. Die Herren Haltfeſt und Fangein werden für ihre Zeit und Mühe gehörig belohnt werden.“ „In dieſem Falle,“ ſagte Fangein,„habe ich nichts zu thun, als nach Haltfeſt's Haus zurückzu⸗ kehren, und mir dort einen ſetten Schweinebraten und eine Aepfelſauce nebſt Plumppudding u. ſ. w. u. j. w. ſchmecken zu laſſen.“ ⸗ „Natürlich,“ ſagte Dorrington, der Längſte unter den Lakaien,„bei Ihrer Lebensart in der freien Luft kann man Dinge dieſer Art ſchon verdauen. Mein Magen iſt zu zart, als daß ich Schweinebra⸗ ten eſſen dürfte.“ „Ich könnte ihn ſchon ertragen,“ ſagte ein An⸗ derer,„wenn ich ihn mit einem Glas guten Porter und franzöſiſchem Liqueur hinabſchwemmen dürfte; aber kommen Sie, Polizeimann, Sie haben noch Zeit genug, und trinken Sie ein gutes Glas mit uns. Alle im Hauſe ſind aus, um nach Mrs. Bran⸗ don Burg zu ſehen, die, wenn es wahr iſt, was man ſagt, ſich ſelbſt vergiften wollte. Die Familie 378 iſt nach Dover gefahren, wohin die Miſtreß ſich auf dem Weg nach Frankreich begeben hat. Kommen Sie, alter Junge; wir wollen eine gute Bowle Rhumpunſch brauen, dann wird Ihnen die Kälte auf Ihrem Heimweg nichts mehr anhaben können.“ „Da müſſen Sie ſich aber ſpuden,“ ſagte Fang⸗ ein, der nie ein angebotenes Glas zurückwies,„ich muß um vier Uhr in Haltfeſt's Hauſe zurück ſein, und der Weg iſt verdammt weit.“ „Sie wären ein rechter Narr, wenn Sie zu Fuß gingen,“ ſagte Dorrington;„laſſen Sie ſich von dem Laufjungen hier ein Cab holen und bringen Sie's in Rechnung. Jeden, der zu Fuß geht, wenn er auf fremde Koſten fahren kann, nenne ich einen Schafskopf.“ Die Andern ſtimmten Dorrington's Meinung bei, worauf die Geſellſchaft ſich nach dem Dienerzimmer auf den Weg machte, und Fangein vergaß bei dem angenehmen Geplauder und Punſchtrinken ſo ſehr, daß der Schweinebraten in Haltfeſt's Hauſe längſt kalt geworden wäre, wenn er ſich nicht eines Cabs bedient hätte, das der arme kleine Laufjunge, trotz des herabrieſelnden Regens von einer fernen Station herbeigeholt hatte. Fünfundſiebzigſtes Capitel. Fangein kam eben in dem Augenblick an, als der Knecht aus der Garküche den ſtark duftenden Schweinebraten, an dem Salbei und Zwiebel nicht geſpart waren, auf den Tiſch ſetzte. 379 Brandon, obgleich er in letzter Zeit nur Schild⸗ trötenſuppe, Wildpret, Seefiſche und Delicateſſen aller Art zu eſſen gewohnt geweſen, war bei ſeinem Erwachen entzückt, als ihm der Geruch eines Ge⸗ richts in die Naſe duftete, das er im Stillen dem Gemengſel, wie er ſich ausdrückte, der feinen eng⸗ liſchen und franzöſiſchen Küche vorzog. Sein Magen hatte ſich von dem erhaltenen Gifte wieder gänzlich erholt. Seine Arme und Beine ausdehnend und mit weit aufgeriſſenem Munde zum Gähnen, ſo daß ſein Rachen dem eines Löwen wenig nachgab, näherte er ſich dem Tiſche, ergriff einen der Teller, auf welchem Haltfeſt von dem Schweinsbraten vorgelegt hatte, und rief: „Paßt auf Britannier. Wenn ich ein ſo ver⸗ fluchter Vornehmthuer aus dem alten Lande, an⸗ ſtatt aus dem neuen Lande wäre, ſo würde ich meine Naſe vor dem Zeug hier auf dem Tiſche zu⸗ halten; aber ich bin ein Bürger aus dem aufge⸗ klärten neuen Lande, in das ich, ſobald ich kann, zurückkehren werde, und ich ſage euch, Schweins⸗ braten mein Leibeſſen.“ Mit dieſen Worten tauchte er ſeine Hand in die Sauce, indem er auf türkiſche Weiſe, die Gabel ver⸗ ſchmähend, ſich behalf. Die beiden Poliziſten und ihr Gefangener ließen ſich das Eſſen trefflich ſchmecken, und als es vor⸗ über und der Tiſch abgeraumt war, beſtellte Bran⸗ don, der in beſter Laune war, Branntwein, heißes Waſſer, Eitronen und Zucker, um ein Gebräu nach ſeiner Art daraus zu machen. Es regnete in Strömen; die Nacht brach ein 380 — auch war es neblicht und kalt, wie im Decem⸗ ber, obgleich Juli im Kalender ſtand. Brandon, der, wie alle Yankee's, fröſtelnder Natur war, wünſchte dringend, daß im Kamin Feuer angemacht werde, wozu das nöthige Holz vorräthig da lag. Haltfeſt, der glaubte die Honneurs in ſeinem Hauſe machen zu müſſen, legte Feuer an das Holz und die Hobelſpäne, und bald loderte eine luſtige Flamme auf, welche das kleine niedrige Zimmer faſt behaglich machte. Brandon ſchob den Sopha für ſich nach dem Feuer hin, und die beiden Poli⸗ ziſten näherten ihre Stühle ebenfalls dem Kamine. Das„Gebräu“ war ſehr kräftig, und nachdem es getrunken war, wurde ein zweites noch kräftigeres, hergeſtellt. Die Polizeiagenten erzählten haarſträubende Vor⸗ fälle aus ihrem amtlichen Wirken, bei denen ihr Leben oft in größter Gefahr geſchwebt, weil es ver⸗ zweiflungsvolle Kämpfe ſetzte, und Brandon theilte Geſchichten aus ſeinem Leben mit, in denen er jedes Mal der Held war und bei welchen man mit dem orientaliſchen Dichter mit Recht hätte ſagen mögen: „Dieſe Geſchichten gleichen einer Lüge, wie ein Ei dem andern.“ Haltfeſt und Fangein waren tüchtige Zecher und konnten es mit jedem Engländer aufnehmen; aber mit einem Yankee waren ſie nicht im Stande, gleichen Schritt zu halten. Er behielt den Kopf ganz beiſammen, während die beiden Poliziſten be⸗ reits auf ihren Stühlen zu wanken anfingen. Der ſtarke Branntweinpunſch brachte ſeinen gewohnten Eindruck hervor. Die Poliziſten waren zuerſt aus⸗ 381 gelaſſen luſtig, dann wurden ſie benebelt, ſtritten ſich wohl auch ein wenig, und machten ſich dann wieder gegenſeitig Complimente, ja ſogar an Bran⸗ don kamen einige davon, der, obgleich völlig nüch⸗ tern, behauptete, daß er mehr als halb berauſcht ſei. Das Feuer im Ofen wurde immer kräftiger angefacht und die Pfeifen angezündet. Das kleine Zimmer glich einem Schmelzofen, ſo daß Brandon ſeinen Rock auszog und mit trunkener Stimme ausrief: „Gute Nacht, Britannier. Ich gehe in das Land, wohin ich mich ſehne, denn ich hoffe wieder eben ſo angenehm zu träumen, wie ich heute ſchon einmal geträumt habe.“ „Was hat Ihnen denn geträumt, altes Haus?“ brachte Fangein mühſam hervor. „Nun, ich träumte, ich ſei zurück im neuen Land und hätte dort meinen Farrenſchwanz zur Hand genommen, mit dem ich— nicht etwa zwei Neger— ſondern den breiten Rücken meiner köſt⸗ lichen Schwiegermutter und die feinen, weißen, ſammtgleichen Schultern der Vergifterin, meiner Frau, tüchtig verarbeitete. Ha! was für Striemen gab der Farrenſchwanz!— Wie heulte ſie und das alte Crokodil! Wie winſelten ſie und baten um Gnade! Ich hörte in meinem Leben nie einen Neger einen halb ſo verteufelten Lärmen machen, wie dieſe, während ich immer darauf losſchlug, auf die Alte und Junge, daß die Fetzen davon flogen.“ „So! das war alſo Ihr Traum, altes Haus?“ ſagte Fangein, indem er ſich und Haltfeſt abermals einen Becher mit Branntweinpunſch vollſchenkte. 382 „Ja, Britannier, ſo war er, und ich wünſche nur, daß er in Erfüllung gehen möchte.“ „Ich trinke Ihnen zu,“ ſagte Haltfeſt, als er ſeinen Becher an die Lippen führte. „Ich thue Ihnen Beſcheid,“ ſagte der Yankee ſich auf dem Sopha niederlaſſend.„Es iſt ſo ver⸗ teufelt heiß, daß man nicht im Rock ſchlafen kann,“ ſprach er, den Rock ausziehend,„und ich möchte doch gern eine gute Nacht haben.“ Mit dieſen Worten ſtreckte er ſich aus und ſchien einzuſchlafen. „'s iſt köſtlich warm,“ ſagte Haltfeſt, indem er ebenfalls ſeinen Rock auszog und ſich auf einer Bank niederlegte. Fangein folgte ſeinem Beiſpiel. „Die Thüre iſt doch verſchloſſen, nicht wahr?“ fragte Haltfeſt halb im Schlafe. „Ja, der Schlüſſel befindet ſich auf dem Kamin⸗ geſims,“ ließ Fangein kaum hörbar vernehmen und bald waren Beide feſt eingeſchlafen. Sobald Brandon an ihrem lauten Schnarchen gewahrte, daß Beide in jenen feſten Schlaf ver⸗ fallen ſeien, welchen der Branntweinpunſch hervor⸗ bringt, öffnete er wie ein ächter Baſtard von Fuchs und Klapperſchlange, als welcher er bezeichnet wor⸗ den war, zuerſt ein Auge, dann das andere, worauf er ein Bein nach dem andern auf den Boden glei⸗ ten ließ und auf den Zehenſpitzen ſich wegſchlich. Er hatte ſich Zeit genommen, Alles zuvor ge⸗ nau zu erwägen und ſeine Pläne zu machen. Vor Allem lag ihm daran, aus den Klauen der Polizei⸗ agenten zu entwiſchen und ſich an irgend einem Orte zu verbergen, von wo aus er Lilini und der ſtolzen Familie ſeiner Frau ſeine Bedingungen wiſ⸗ 383 ſen laſſen konnte. So lange er ein Gefangener war, mußte er in Alles willigen. Er wünſchte deß⸗ halb ſich in eine Lage zu verſetzen, in der er die⸗ tiren konnte, und wenn er, Alles gegen einander abgewogen, ſich erinnerte, daß er zwar ein Fälſcher ſei, ſeine Frau aber, der Gräfin Tochter, einen Mordverſuch an ihm ſich habe zu Schulden kommen laſſen, ſo war er überzeugt, daß die adeliche Fa⸗ milie Melbourg mehr Urſache habe einen öffentlichen Scandal zu fürchten, als er. Ja der Gedanke des Verſuchs, den Eugenia gegen das Leben ihres„Herrn und Meiſters“ zu machen gewagt hatte, wofür er ſich zu halten für berechtigt hielt, verſetzte ihn in eine ſolche Wuth, daß, wenn er ſie allein bei ſich gehabt hätte, von ihrer zarten weißen Haut nicht ſo viel übrig geblieben wäre, daß man hätte ſehen können, ob ſie eine Britannierin oder eine Negerin ſei. Je länger Brandon ſich mit dieſem Gedanken beſchäftigte, um ſo ſehnſüchtiger wünſchte er die grauſamſte Rache an ſeiner elenden, ſchuldbefleckten Frau zu nehmen, und jede perſönliche Furcht und Fückſicht trat davor in den Hintergrund. Wenn es ihm gelingen ſollte zu entwiſchen und ſich in die Lage zu verſetzen, Bedingungen vorſchrei⸗ ben zu können, anſtatt alle einzugehen, die man ihm auferlege, gelobte er ſich mit einem ſchweren Eide, verlangen zu wollen, daß ſeine Frau— Bein won ſeinem Bein und Fleiſch von ſeinem Fleiſche— ſein ausſchließliches Eigenthum, das er ſchwarz oder blau zu zeichnen das Recht hatte— ihm ausge⸗ liefert werde und ihn nach dem neuen Lande be⸗ gleiten müſſe. Bei dem Gedanken, wie er ihr aus⸗ 384 zahlen wolle, wenn er ſie über den großen Teich bringe, leuchteten ſeine blutunterlaufenen Augen voll teufliſcher Freude über dieſen Vorgenuß ſeiner grauſamen Pläne. Die Polizeiagenten lagen wie Klötze da und ſchnarchten wie Dächſe. Die Poſaune des Weltge⸗ richts hätte ſie nicht zu erwecken vermocht. Brau⸗ don ſchlich auf den Zehen nach dem Stuhle, auf welchem Haltfeſt ſeinen Rock abgelegt hatte. Er ſelbſt hatte noch die ſchwarzen Beinkleider an, die er auf Lady Melbourg's Ball getragen hatte. Er zog Haltfeſt's Rock an, ſetzte Fangein's Wachstuch⸗ hut auf, der ihm beſſer paßte, als der Haltfeſt's, und wandte ſich dann nach dem Kamingeſims, um dort den Schlüſſel zu holen. Während er damit beſchäftigt war, machte Haltfeſt eine Bewegung, murmelte einige Worte und ſchien ſich aufraffen zu wollen. Brandon wurde todtenblaß und zitterte wie ein Eſpenlaub. Er kam aber mit dem bloßen Schrecken davon, denn Haltfeſt drehte ſich nur auf die andere Seite und fing wieder an zu ſchnarchen. Brandon ſteckte jetzt den Schlüſſel in das Schloß, öffnete dieſes leiſe, ſchloß es hinter ſich wieder ab, riegelte die äußere Thüre auf, machte dieſe eben⸗ falls ſachte wieder zu, lief dann, wie ein Verfolg⸗ ter, durch mehrere Straßen, von denen er keine auch nur dem Namen nach kannte, und athmete nicht eher wieder frei auf, bis er ſich auf einem einſamen Kirchhofe befand— einſam, obgleich dicht bevölkert und zwar mitten in einer großen Stadt; ſchlich ſich dann unter den Schatten einer daſelbſt befindlichen Capelle, ließ ſich dort auf einem Grab⸗ 385 ſteine nieder, wo er ſich vorderhand für ſicher hielt. Hier ließ der elende Wicht nach der Aufregung, der Angſt und den Gefahren ſeiner verzweifelten Flucht einem Strom von Thränen, welche die Wuth ihm entlockte, freien Lauf. Sechsundſiebzigſtes Capitel. Die unglückliche Eugenia hatte vergebens ge⸗ hofft, in der Flucht einige Erleichterung für ihren gequälten Geiſt zu finden. Es waren nicht allein Gewiſſensbiſſe, die ſie folterten, ſondern es war vielmehr ihre auf's Tiefſte verletzte Eitelkeit, welche ſie der Verzweiflung nahe brachte. Ihre Stellung in der Geſellſchaft, für welche ſie das Heil ihrer Seele verſchrieben hatte, war verſcherzt— verloren für immer, und als ſie nach einer Fahrt, die gar nicht endigen zu wollen ſchien, mechaniſch einigen der Mitreiſenden in das Hotel zum Schiff in Dover folgte, bildete ſie ſich ein, daß jedes Auge das Zeug⸗ niß ihrer Schuld in ihrem abgehärmten Geſichte leſe und daß Jeder, dem ſie begegnete, die Abſicht habe, ſie der verdienten Strafe zu überliefern. Sie war mit der Briefpoſt gereist, um zu rech⸗ ter Zeit vor Abgang des Paketſchiffs einzutreffen, das jedoch erſt in ein paar Stunden abgehen ſollte. Das ſie begleitende Kammermädchen bemerkte bald, daß ihre Herrin außer Stand ſei irgend eine noth⸗ wendige Maßregel zu ergreifen oder einen Befehl zu ertheilen. Sie fand ſich daher veranlaßt, auf Licht und Schattenſeiten. V. 25 386 eigene Fauſt zu handeln und befahl dem Kellner, ihrer Dame ein Zimmer anzuweiſen und ſobald als möglich ein Frühſtück zu ſerviren. Sodann über⸗ redete ſie Eugenia eine Taſſe Thee zu ſich zu neh⸗ men und auf eine Stunde ſich auf das Bett zu legen, worauf ſie ſelbſt, von Anſtrengung erſchöpft, ſich in einem Armſtuhle niederließ und bald ſo feſt ſchlief, als wenn ſie in einem Bett von Eiderdunen ruhte. Eugenia, die keinen Schlaf finden konnte, erhob ihren Kopf von ihrem Kiſſen und betrachtete mit Reid das ruhige Geſicht ihrer Zofe. Ein gegenüber hängender Spiegel warf ihre eigenen Züge zurück. Die Vergleichung erfüllte ſie mit Schrecken. Ihr Geſicht war geiſterhaft bleich; ſchwarze Ringe zogen ſich um ihre Augen; ihr Mund war krampfhaft herabgezogen und ihr üppiges Haar befand ſich in gräßlicher Unordnung. Sie erhob ſich vom Bette in der Abſicht, ſich äußerlich etwas beſſer herzu⸗ richten. Ein weibliches Herz kann den Gedanken häßlich auszuſehen ſo wenig ertragen, daß kaum der nahende Tod eine Frau zu veranlaſſen vermag, ihre Toi⸗ lette zu vernachläſſigen. Uum friſche Luft in das Zimmer zu laſſen, trat Eugenia an das Fenſter, öffnete es und betrachtete die prächtige Waſſerfläche, welche ruhig und klar dalag und das ſanfte Himmelblau eines lieblichen Julimorgens abſpiegelte. Bei Kummer und in gedrückter Stimmung übt der Anblick der Natur oft einen mildernden und wohlthätigen Eindruck; wenn aber Schuldbewußtſein 387 den Geiſt drückt, ſo bringt ihr Anblick oft gerade die entgegengeſetzte Wirkung hervor. Die Schönheit der Scenerie, die ringsum herr⸗ ſchende Ruhe und das behagliche, gleichförmige Ath⸗ men ihres Mädchens ſchien geradezu ſich über Eu⸗ genia's Beklemmung luſtig zu machen, und die Ab⸗ ſicht vergeſſend, um derenwillen ſie das Bett ver⸗ laſſen hatte, beſchäftigte ſie plötzlich jetzt nur noch der Gedanke, auf welche Weiſe ſie einem Elend ein Ende machen könne, das ſie nicht länger mehr zu ertragen vermöge. Leider ſuchte ſie gerade da den Troſt nicht, wo er allein zu finden iſt! Obgleich Todesfurcht ihr eine Conceſſion abge⸗ rungen, die ſie nie zu gewähren beſchloſſen hatte, ſo hoffte ſie jetzt von einem Tode, den ſie ſich ſelbſt zu geben beſchloß, Erlöſung. So unbeſtändig iſt die menſchliche Natur! Sie wußte mit welcher Leichtigkeit in jeder eng⸗ liſchen Stadt man ſich Gift verſchaffen kann. Sie legte ihren Shawl um, ſetzte ihren Hut auf und, das Geſicht unter einem dichten Schleier ver⸗ bergend, ſtahl ſie ſich aus dem Hotel auf die Straße. Die ärmliche Ausrede, ſie brauche Laudanum, um etwas damit einzureiben, genügte. In dem erſten Droguiſtenladen, in den ſie ein⸗ trat, verſchaffte ſie ſich ſo viel davon, daß ſie dem Leben von einem halben Dutzend Menſchen damit ein Ende hätte machen können. Es war allerdings nur ein Lehrling, der ſie bediente, da der Herr um dieſe Stunde noch tief im Bette lag; aber man ſollte doch glauben, daß da, wo Gift egeben 388 wird, die Verkäufer die Augen weit offen behalten. ſollten. Salomon ſagt: die Erfüllung eines Wunſches ſei für die Seele ſüß. Wir wollen das, was der Weiſeſte unter allen Menſchen, welche je gelebt, geſagt hat, nicht beſtreiten, aber ſo viel iſt gewiß, daß, nachdem Eugenia ihre entſetzliche Abſicht aus⸗ geführt und den Trank geſchluckt hatte, in der Hoff⸗ nung durch ihn in ewigen Schlummer zu ſinken, ihre Lage nicht beneidenswerth war. Der hölliſche Feind hatte triumphirt. Sie be⸗ fand ſich in ſeiner Gewalt, war ſein, ſein für immer!! „Rette mich, rette mich!“ ſchrie ſie ihrer er⸗ ſchrockenen Kammerjungfer in's Ohr.„Ich ſterbe, ich ſterbe!“ „Was gibt es, meine theure Miſtreß?“ rief Finfine von ihrem Stuhle aufſpringend. „Gift! Gift!“ ziſchte Eugenia ihr in's Ohr. Das Mädchen beſaß Geiſtesgegenwart. Die Be⸗ trübniß und die Verzweiflung Eugenia's waren ih nicht entgangen, und folglich war es ihr den Au⸗ genblick klar, daß dieſe den fatalen Trank abſichtlich genommen habe; doch ließ ſie ihren Verdacht nicht laut werden. Ohne eine Anweiſung von ihrer Herrin erhal⸗ ten zu haben, ſchellte ſie heftig„und als der Kell⸗ ner erſchien, ſagte ſie dieſem, ihre Dame ſei plötz⸗ lich erkrankt und ſie wünſche deßhalb, daß man ſo⸗ gleich nach dem Arzte ſchicke. „In fünf Minuten kann der Doctor bei Ihrer Dame ſein,“ ſagte der Kellner. 389 „Er ſoll ſogleich kommen!“ rief Eugenia,„oder es iſt zu ſpät.“ Schrecken malte ſich auf dem Geſichte des Kell⸗ ners, als er ſich entfernte, und es verfloſſen nur wenige Minuten, als er ſchon wieder mit Mr. Cu⸗ reton zurückkehrte, der, ach! zu oft ſchon in ähn⸗ lichen Fällen gerufen worden war, als daß er lange Erklärungen verlangt hätte. Mit großem Takt und außerordentlicher Sicher⸗ heit beruhigte er die Bangigkeit der ſchuldbewußten Frau, die eben ſo viel Eifer an den Tag legte, die ihr gegebenen Gegenmittel zu nehmen, als der Doctor Eifer zeigte, dieſelben anzuwenden. Als Graf Lilini nach einigen Stunden unruhi⸗ gen Schlafs aufſtand, um ſich nach Haltfeſt's Woh⸗ nung zu begeben, um dort ſeine Abrechnung mit Brandon zu halten, fiel ihm ein, vor ſeinem Zu⸗ ſammentreffen mit dem Yankee ſich erſt zu erkundi⸗ gen, was aus deſſen unglücklicher Gattin geworden ſei. Auch drängte es ihn zu erfahren, wie es der Gräfin Melbourg gehe, und wie ſie die erſten Stun⸗ den nach der Verbannung ihrer ſchandbefleckten Tochter zugebracht habe, die ſie ſo zärtlich geliebt und auf welche ſie leider nur zu ſtolz und zu eitel geweſen war. „ Ghe daher der Graf nach Haltfeſts Wohnung ſich begab, fuhr er zuvor noch nach Melbourg⸗ Houſe. Hier fand er Alles in der größten Ver⸗ wirrung und höchſten Aufregung, und es dauerte ziemlich lange, bis er erfahren konnte, was für ein Ereigniß ſich zugetragen habe, das ſelbſt einen auf den Geſichtern der Dienerſchaft lesbaren Schrecken 390 hervorzubringen vermochte, der ſich ſogar mit plum⸗ per Verſtellung bei den beiden ſtrotzenden Lakaien ausdrückte. Endlich brachte er heraus, daß Mrs. Brandon Burg(wie ſie die Dienerſchaft noch immer nannte) mit ihrer Kammerjungfer nach Dover gereist ſei, um ſich von dort auf den Kontinent zu begeben, und daß erſt vor wenigen Minuten eine Nachricht von dem Kammermädchen eingelaufen ſei, in wel⸗ cher die Gräfin aufgefordert worden ſei, an das Krankenlager ihrer Tochter zu eilen; dieſe habe, wie dem Leſer bereits bekannt, in einem Augen⸗ blicke geiſtiger Abweſenheit, durch Gewiſſensbiſſe und Verzweiflung herbeigeführt, Gift genommen. Zur Vermehrung der Verzweiflung der Lady Melbourg war der Carl, von ſeinem Groom be⸗ gleitet, für mehrere Stunden ausgeritten, um ſich in freier Luft von den Gemüthsbewegungen der vergangenen Nacht zu erholen, und bis zur Rückkehr ihres Gemahls hatte die erſchrockene und tief be⸗ trübte Mutter Niemand zur Seite, der ihr mit Rath oder That hätte beiſtehen können. Nachdem Graf Lilini ein Billet an Haltfeſt ge⸗ ſchrieben und dieſes Dorrington übergeben hatte, der es ſogleich zu beſorgen verſprach, bot er ſeine Dienſte an, die mit großem Danke unter Thränen angenommen wurden, welche bei einer ſonſt ſo ſtol⸗ zen und mit Geringſchätzung auf Andere herabſehen⸗ den Dame etwas wahrhaft Ergreifendes hatten. Brandon's Angelegenheit, der in der Haft der beiden Polizeiagenten für vollkommen geſichert ge⸗ halten wurde, war jetzt von untergeordneter Wich⸗ 391 tigkeit, da es ſich darum handelte, mit der Mutter an das vermeintliche Todbett ihrer, wenn auch ſchuldbefleckten, doch immer noch geliebten Tochter zu eilen. Als die Gräfin Melbourg und Graf Lilini in Dover ankamen, fanden ſie Eugenia noch am Leben, und der Mutter erſtes Gefühl war das der Dank⸗ barkeit gegen Gott, der in ſeiner großen Gnade es geſtattet hatte, daß ſie das zärtlich geliebte Weſen noch einmal ſehen durfte. Nachdem aber die erſte freudige Aufregung dar⸗ über vorüber war, daß Eugenia nicht geſtorben war, ergriff das Mutterherz ein tiefer Schmerz, als dieſe beim Lichte der nac mittäglichen Juliſonne, das man abſichtlich herein ließ, um Eugenia wach zu erhal⸗ ten, die Verwüſtungen gewahrte, welche Verzweif⸗ lung und das ſtarke Gift angerichtet und eine Schön⸗ heit vernichtet hatten, die ſo wenige Stunden vor⸗ her noch die Diamantel, welche ſie ſchmückten, ver⸗ dunkelt hatte. Der Doctor war ein gutmüthiger, galanter al⸗ ter Herr, der gerne plauderte, ein großer Bewun⸗ derer der Schönheit und Verehrer hohen Ronges: zugleich war er ein tüchtiger Praktikus, der lange in der Armee gedient hatte. Er war deßhalb voll⸗ kommen in der Lage das Geeignete in einem ſo ein⸗ fachen, leider aber ſo oft vorkommenden Falle, wie Vergiftung durch Laudanum, anzuordnen. Als aber die Gräfin die eingefallenen Geſichts⸗ züge erblickte, die gläſernen Augen ſah und die un⸗ zuſammenhängenden, halb delirirenden Worte hörte, ſchlug ſie Mr. Cureton vor, einen weitern Arzt bei⸗ 392 zuziehen. Dieſer Vorſchlag ſchien aber Mr. Cure⸗ ton etwas zu beleidigen, indem er erklärte, daß, wenn noch Jemand conſultirt würde, er ſich mit der Sache nicht weiter befaſſen könne; wenn man ihn aber allein gewähren laſſe, ſo ſtehe er für den Erfolg der Kur. Er ſeie zwar nicht im Stande, die Geiſtesverwirrung, welche dieſe raſche Handlung veranlaßt habe, wohl aber die Folgen des Giftes zu heben, an denen ſeine ſchöne Patientin leide. Die Gräfin berieth ſich mit Lilini, und weil es nicht gerathen ſchien Eugenia ſo lange ohne ärztliche Pflege zu laſſen, bis noch ein zweiter Doctor her⸗ beigerufen ſei, ſo überließen ſie ſie gänzlich dem Mr. Cureton. Die Verkündigung dieſes Beſchluſſes von den Lippen der Mutter, die noch überdieß eine Gräfin war, verſetzte Cureton wieder in vollkommen gute Laune. Er ſchickte nach ſeinem Gehilfen und einer Wärterin und widmete ſich mit aller Energie einer Kur, die er auf dem einfachſten Wege zu Stande brachte. Zuerſt hatte er die Magenpumpe angewendet und dann gab er kräftige Säuren und ſtarken Kaf⸗ fee in kurzen Intervallen mehrmals ein; zugleich ließ er die Kranke im Zimmer auf und ab führen oder vielmehr ſchleppen und ſuchte ſie durch Unter⸗ haltung und friſche Luft wach zu erhalten. Trotz dieſer kräftigen Mittel verfiel ſie aber mehrmals in eine Art von Schlafſucht, und die Gräfin erſuchte Lilini an Bella und den Earl zu ſchreiben, um dieſe zu veranlaſſen hieher zu kommen. Ehe dieſe eintrafen, war eine Wendung zum ———— 393 Beſſern eingetreten und Eugenia außer Gefahr er⸗ klärt worden. Jetzt erſt fiel Lilini wieder ein, daß er von London einen Brief erhalten habe, in wel⸗ chem man ihm das Entwiſchen Brandon's meldete. Er fuhr nach London zurück, aber jede Spur von dem Yankee blieb verloren. Haltfeſt und Fangein ſuchten zwar ihre Schuld durch ein Gewebe von Lügen zu beſchönigen, aber ihre Strafe beſtand dar⸗ in, daß ihnen die verſprochene Belohnung entging, die ſie jedoch durch das Wiedereinfangen Brandon's zu erlangen hofften, in welcher Abſicht ſie ſich ſo⸗ gleich auf den Weg machten. Als Lilini ſah, daß es für ihn in der Stadt nichts mehr zu thun gebe und er hörte, daß Eu⸗ genia, wenn gleich noch ſchwach, doch fortwährend auf dem Wege der Beſſerung ſich befinde und zärt⸗ lich von der Gräfin und Bella gepflegt werde, be⸗ ſchloß er zu ſeiner geliebten Gattin und ſeinem ſüßen Heimweſen ſich auf den Weg zu machen— denn er beſaß jetzt eine Gattin und ein Heimweſen — ja noch mehr, eine Tochter und ein Enkelkind; einen wahren Engel, der das Glück ſeiner guten und bezaubernden Naney vollendete. Es gab auch keinen ſtolzern Vater als Kit Cor⸗ ling oder eine lieblichere Mutter, als deſſen Gattin. Es war ein wonniger Abend gegen Ende des blätterreichen Monat Juli, als der Graf unange⸗ kündigt und unerwartet, aber eines Empfanges ſicher, wie er wenigen unerwartet eintreffenden Vä⸗ tern und Gatten zu Theil wird, allein von dem Dorfwirthshauſe von Burg⸗Hall raſch durch den Part ſchritt, durch das Fenſter des Bibliothekzim⸗ 394 mers, das nach dem freien Platze zu lag, in das Haus gelangte, von. wo er ſich ſogleich in der Grä⸗ fin Boudoir begab. Die Thüre war offen, denn die Hitze war groß, und der Graf ſtand unbemerkt einige Minuten lang auf der Schwelle, indem ſich vor ſeinen Augen ein Bild entrollte, welchem, was Anmuth, Schönheit, Gefühl, Ausdruck, Colorit und Gruppirung betraf, ſeiner Anſicht nach kein anderes von irgend einem Meiſter irgend einer Schule der Alt⸗ oder Neuzeit ſich an die Seite ſetzen durfte. Die noch immer anmuthige Gräfin beugte ſich über die ſchlanke Geſtalt ihrer Tochter, welche hin⸗ geriſſen von Kindesliebe und Ehrerbietung zu ihren Füßen niedergeſunken war, um ihren Segen zu em⸗ pfangen; und in demſelben Augenblicke hatte ihr engelgleiches Kind aus ſeinem roſigen Schlummer erwachend zum erſten Male ihr zugelächelt und ſeine kleinen Händchen der glücklichen Mutter entgegen⸗ geſtreckt. Als die Gräfin ihr von Thränen feuchtes Ge⸗ ſicht erhob, erblickte ſie ihren Gatten, ſtieß einei Freudenſchrei aus und flog in ſeine Arme. Nancy kam erröthend mit ihrem Kinde am Buſen herbei, und auf ein Knie ſich niederlaſſend murmelte ſie: „Segnen Sie mich und mein Kind, o mein Vater!“ Der Graf hob ſie zärtlich auf, indem er aus⸗ rief:„Ich ſegne euch beide, meine Lieben!“ Hierauf ſchloß er die geliebten drei Weſen in ſeine Arme, und als er ſich ſodann neben die Grä⸗ fin auf den Sopha ſetzte, ließ ſich Nancy mit ihrem Säugling am Buſen auf der Ottomane zu ihren 395 Füßen nieder. Nicht lange därauf fand ſich auch Kit Corling ein, was das Glück des kleinen Krei⸗ ſes vervollſtändigte. Es gibt aber eine Wonne, die ſich durch Worte nicht ſchildern läßt, weßhalb wir hier den Vorhang fallen laſſen wollen. Siebenundſiebzigſtes Capitel. Wir ließen Helsman in der deſperateſten und erniedrigendſten Lage zurück, in welche ein Menſch verſetzt werden kann. Des Mordes angeklagt er⸗ wartete er unter Zittern und Beben den Wahr⸗ ſpruch, welcher ihn entweder der Welt wiedergeben für immer ſeine irdiſche Laufbahn ſchließen ollte. Während die Geſchworenen im Berathungszimmer ſich befanden, herrſchte eine peinliche Ruhe im Ge⸗ richtsſaale. Die Leidenſchaften des Haſſes und der Verachtung ſchwiegen jetzt gegenüber der ernſten Juſtiz. Alle Augen waren auf den Gefangenen ge⸗ richtet, dem ſich jede Minute zur Ewigkeit ausdehnte. Das einzige Geräuſch, welches ſich vernehmen ließ, waren die harten Athemzüge der Zuhörer, welche mit Spannung den Wahrſpruch erwarteten, und das ſcharfe Kritzeln der Feder des Gerichtsvorſtandes, der gelaſſen das Protokoll corrigirte. Endlich ließ ſich ein unterdrücktes Murmeln ver⸗ nehmen. Jedermann wußte, was es zu bedeuten habe. Die Geſchworenen hatten ſich zu einem Be⸗ ſchluſſe geeinigt. Es lag etwas furchtbar Ausdruck⸗ 396 volles in Helsman's Blick, als er ſeine Augen auf die bleichen Geſichtszüge des Obmanns richtete. „Die Geſchworenen, Mylord,“ ſagte der Gerichts⸗ ſchreiber. Der Oberbeamte legte die Feder nieder. „Wie lautet Ihr Ausſpruch, meine Herren?“ fragte er.„Iſt der Gefangene, James Helsman, ſchuldig oder nicht ſchuldig?“ „Schuldig,“ erwiderte der Obmann. Abermals erfolgte ein tiefes Schweigen. Der jetzt für überwieſen angenommene Verbrecher wiſchte ſich mehrmals mit ſeinem Sacktuche die Stirne ab; allein obgleich der Tag ſehr heiß geweſen war, ſo waren doch die ſchweren Schweißtropfen, die auf ſeine Stirne traten, kalt wie Eis. Er entdeckte Tye, der ſich aus dem Gerichtsſaale wegſchlich, indem ein leichtes ſpöttiſches Grinſen um ſeine Lippen ſpielte. Die gewöhnliche Frage wurde an den Gefan⸗ genen geſtellt, ob er etwas vorzubringen habe, weß⸗ halb kein Todesurtheil gegen ihn ausgeſprochen werden ſollte. Helsman vermochte blos mit einer ſtummen Ver⸗ beugung darauf zu antworten. Nachdem nunmehr an das Auditorium die Auf⸗ forderung ergangen war ſtille zu ſchweigen, erfolgte der furchtbare Spruch und der Gerichtshof brach auf— um nebſt den Mitgliedern des Advokaten⸗ ſtandes dem Sherifsdiner beizuwohnen, eine Sitte, die offenbar noch weit barbariſcher iſt, als die ſo⸗ genannten Leichenſchmäuſe auf dem Continent. Wenn Richter und Advokaten eine Stunde hernach, nachdem ſie einen Verbrecher zum Tode verurtheilt haben, banketiren müſſen, ſo ſollte wenigſtens der Tiſch mit —— 397 einem Leichentuche gedeckt und der Henker gehalten ſein die Toaſte auszubringen. Als Helsman wieder in ſeine Zelle zurückge⸗ bracht worden war, fand er daſelbſt den Director des Gefängniſſes, den Oberſherif der Grafſchaft und mehrere Magiſtratsperſonen vor, die ihn in Empfang nahmen. Der Erſtere theilte ihm im Tone der Theilnahme mit, daß es nöthig ſei, ihn zu durch⸗ ſuchen und ihm jede Waffe, ſowie jedes Mittel, wo⸗ mit er ſich tödten könnte, zu nehmen. Der Gefangene unterwarf ſich dieſer Vorſichts⸗ maßregel ohne Murren; aber als man ihm auch zumuthete ſeine eigene Kleidung mit einem Gefan⸗ Sgenenanzug zu vertauſchen, zögerte er und fragte, ob dieſe Maßregel unumgänglich nothwendig ſei. „Sie iſt es,“ erwiderte der Direktor, indem er den Sherif und die Magiſtrate anblickte. „Dann muß ich mich ihr freilich unterwerfen,“ erwiderte der Verurtheilte mit einem Blicke der Re⸗ ſignation, mit der es ihm aber keineswegs ernſt war,„obgleich dieſe Maßregel ſehr hart iſt. Ich habe geglaubt, daß der Tod alle Schuld tilge, daß ſelbſt der Juſtiz durch dieſe Sühne Genüge geſchehe; aber wie es ſcheint, ſo muß auch noch Erniedrigung hinzugefügt werden.“ Die Beamten beriethen ſich einige Augenblicke mit leiſer Stimme, worauf ſie den Direktor bei Seite riefen. „Sie haben ihn durchſuchen laſſen?“ flüſterte der älteſte unter den Beamten. 398 „Und es iſt ihm Alles genommen worden, wo⸗ mit er ſich ſelbſt das Leben rauben könnte?“ „Alles; außerdem läßt man ihn keinen Augen⸗ blick allein, bis—“ Das Uebrige verſtand ſich von ſelbſt. „Am Wechſel der Kleidung liegt an und für ſich nicht viel,“ bemerkte der Beamte. Helsman verbeugte ſich dankbar gegen die Herren, als ſie ihm ihren Beſchluß mittheilten, und hörte ohne ein Zeichen von Ungeduld den Rath des She⸗ rifs an, den Ermahnungen des Caplans ein auf⸗ merkſames Ohr zu ſchenken. Ueberhaupt ſchien er ſo ruhig und in ſein Schickſal ergeben, daß Nie⸗ mand den furchtbaren Entſchluß in ihm ahnte, einem öffentlichen und ſchmachvollen Tod durch Selbſtmord zu entgehen. „Erlauben Sie mir Ihnen für Ihre Nachſicht zu danken. Werden mir Schreibmaterialien ver⸗ willigt?“ „Morgen Vormittag.“ „Meine Zeit iſt ſehr kurz,“ bemerkte Helsman, „und ich möchte gerne das, was ich noch zu ordnen habe, ſogleich in's Reine bringen, um meinen Geiſt ſodann ganz von dem Irdiſchen ab dem Ewigen zu⸗ wenden zu können.“ Auch dieſer Wunſch wurde ihm gewährt, worauf die Behörden ſich entfernten. Mehrere Stunden hindurch beſchäftigte ſich der Gefangene ausſchließlich mit Schreiben. Es lag eine entſetzliche Ruhe in ſeinen Geſichtszügen, als das Licht der einſamen Lampe auf dieſelben fiel. Selbſt die beiden Wächter, die bei ihm zurückgeblieben, 399 waren davon überraſcht und fühlten ſich unbehaglich dabei. Sie hatten Verzweiftung, Verwünſchungen oder leidenſchaftliche Bitten um Gnade erwartet, wie es ſchon ſo oft bei ähnlichen Veranlaſſungen ihnen vorgekommen war. Mehrmals, wenn Helsman beim Schreiben ſich ermüdet fühlte, ſtand er von ſeinem Sitze auf und ging in ſeiner Zelle auf und ab; aber die Augen ſeiner Wächter folgten jedem ſeiner Schritte. „Sie haben einen unangenehmen Dienſt,“ ſprach er, zum erſten Mal das Stillſchweigen unterbrechend. „Wir ſind daran gewöhnt,“ bemerkte einer der Männer reſpektsvoll. Der Gefangene wiederholte mehrmals mit eigen⸗ thümlichem Ausdruck das Wort„gewöhnt“ und fragte, bei wie vielen Verurtheilten ſie ſchon in die⸗ ſer Zelle Wache gehalten hätten. „Bei neun oder zehn,“ antwortete der ältere Wächter.— „Und wurden ſie alle hingerichtet?“ „Alle.“ „Entkam keiner?“ „Nicht Einer.“ „Das iſt merkwürdig,“ murmelte der Verur⸗ theilte nachdenklich. „Durchaus nicht; wir haben ein wachſames Auge.“ Helsman lächelte matt, kehrte auf ſeinen Stuhl am Tiſche zurück und fing wieder an zu ſchreiben. Es war nahezu Mitternacht, als er mit ſeinem Ge⸗ ſchäft zu Ende war, worauf er die eng beſchriebenen Papiere ſorgfältig zuſammenlegte, einen Umſchlag 400 darüber machte und dieſen verſiegelte. Sodann legte er ſich, ohne die Kleider auszuziehen, auf ſeine Britſche, unter dem Vorwand ſchlafen zu wollen. Von den zur Wache des Gefangenen beſtimmten Männern war der Eine alt und der Andere jung. Der Letztere verſah zum erſten Mal dieſen pein⸗ lichen Dienſt, der in ihm jenes bange Gefühl und das tiefe Intereſſe erweckte, das die meiſten Men⸗ ſchen empfinden, wenn es ſich um das Leben eines Mitbruders handelt. Sein Kamerad dagegen be⸗ trachtete das Ganze als eine ſelbſtverſtändliche Sache. Er war ſeit beinahe dreißig Jahren am Gefäng⸗ niſſe angeſtellt und hatte ſich ſchon ſo oft in dem⸗ ſelben Falle befunden, ſo daß ſeine Nerven wie von Eiſen waren. „Ich glaube,“ flüſterte der jüngere Wächter, deſſen Augen, wie durch magnetiſche Kraft, auf die Britſche gebannt blieben,„daß er leicht ſterben wird. Was glauben Sie?“ Der alte Mann nickte zum Zeichen, daß er der⸗ ſelben Anſicht ſei.„ „Er ſcheint im mindeſten nicht beunruhigt,“ fuhr der Jüngere fort. „Warten Sie nur bis morgen,“ bemerkte ſein erfahrener Gefährte im gleichen halblauten Tone; „das heißt, wenn die Reaction eintritt, wie der Doktor ſich ausdrückt.“ „Wie tief er ſchläft! Ob er wohl träumt?“ „Er ſchläft nicht,“ ſagte der Erſtere,„er ſtellt ſich nur ſchlafend. Ich weiß, wie ſie's machen. Sein Athem iſt zu regelmäßig; übrigens träumen Mörder immer. Wenn er wirklich eingeſchlafen iſt, 401 ſo werden Sie ſehen, wie er auffährt und zittert, S Arme um ſich wirft und tiefe Seufzer aus⸗ tößt.“ Obgleich dieſe Unterredung flüſternd geführt wor⸗ den war, ſo hatte der Verurtheilte doch jedes Wort ſo deutlich vernommen, als wenn es im gewöhn⸗ lichen Tone geſprochen worden wäre und ein kalter Schauder durchrieſelte ſeinen Körper. Mein Schlaf wird bald ewig ſein, dachte er, und ich möchte wohl wiſſen, ob man im Grabe auch von Träumen gequält wird. Eben als das erſte Tageslicht durch die ver⸗ gitterten Fenſter ſeiner Zelle drang, rief der Ge⸗ fangene ſeinen Wächtern, ſagte dieſen, daß es ihn friere und bat, daß einer unter ihnen ihm ſeinen Teppich über die Schultern ziehen möchte. „Thun Sie dieß,“ ſagte der jüngere;„ich mag ihn nicht anrühren.“ Sein Camerad näherte ſich der Britſche und deckte den Gefangenen mit dem Teppich ſo ſorgfältig zu, als wenn er ein Kind in der Wiege vor ſich gehabt hätte. „Ich danke Ihnen,“ murmelte Helsman.„Wollen Sie mir die Hand geben?“ Der alte Mann reichte ſie ihm. „Um wie viel Uhr wird der Caplan kommen?“ „Um ſieben Uhr.“ „So laſſen Sie mich bis dahin ſchlafen.“ Es dauerte nicht lange, als ſchwere Athemzüge und tiefes Seufzen die Aufmerkſamkeit des jüngern Wächters erweckten, deſſen Geſicht immer bläſſer und bläſſer wurde, als er dieſen Seelenkampf mit Licht- und Schattenſeiten. V. 26 402 anſah, der dem körperlichen Todeskampfe voraus⸗ * ging.. „Jetzt ſchläft er,“ ſprach der alte Mann;„er träumt— wie Mörder zu träumen pflegen.“ Sein Camerad ſchauderte. „Ich ſah dieß nie anders,“ fuhr der Alte fort; „die Ruhe dauert nie lange; ſeine Nächte werden fürchterlich ſein, wenn er auch die Tage unter dumpfem Hinbrüten hinbringt; der Sturm erfordert immer einige Zeit, um ſeine Kräfte zu ſammeln, ehe er ausbricht. Im Schlafe ſind ſie Alle am ſchlimmſten.“ Mit all' ſeiner Erfahrung täuſchte ſich aber der Wächter dießmal. Helsman ſchlief nicht, ſondern hatte Gift verſchluckt, das er, im Futter ſeines Rockes verborgen, bei ſich gehabt hatte. Aus dieſem Grunde hatte er ſich ſo ſehr gegen das Anziehen der Gefängnißkleidung geſträubt; ſeine Bitte, ihm den Teppich über die Schultern zu ziehen, war nichts als eine Liſt geweſen, um darunter ſein Geſicht ver⸗ bergen zu können, während er den verhängnißvollen Trank genoß. So feſt entſchloſſen war der Elende der ſtrafen⸗ den Gerechtigkeit zuvorgekommen, daß, wenn er nicht die Unterredung ſeiner beiden Wächter mit angehört hätte, er alle äußere Kundgebung ſeiner innern Qualen unterdrückt und in aller Stille geſtorben wäre, gleich einem Raubthiere, das ſich in ſeine Höhle zurückzieht, um dort allein zu verenden. „Die Dummköpfe meinen, ich träume,“ murmelte er vor ſich hin, als die ätzende Wirkung des Giftes ihm Krämpfe und Convulſionen verurſachte;„ich bin ganz ausgetrocknet— ich brenne, wie wenn ich 403 glühende Kohlen geſchluckt hätte! O wenn ich nur ein Glas Waſſer hätte!“ Wenn auch der unglückliche Verbrecher darum zu bitten gewagt hätte, ſo würde es ihn doch nichts genützt haben, denn ſelbſt ein durch ſeine Adern geleiteter Eisſtrom würde kaum das Fieber, das in ihm raste, gekühlt und ſein Blut verdünnt haben, das ſchon zu gerinnen anfing, ſich gegen ſein Ge⸗ hirn drängte und ihn mit Geiſtesverwirrung be⸗ drohte. In den kurzen Zwiſchenräumen, wenn die über alles Maaß angeſpannten Nerven auf einen Augen⸗ blick ſchlaffer wurden, gingen Viſionen aus ſeinem frühern Leben in raſcher Folge an ihm vorüber. Zuerſt ſah er ſich in ſeiner Knabenzeit als Gegen⸗ ſtand elterlicher Liebe— thränenfeuchte Augen ſchie⸗ nen auf ihn herabzublicken: ſie gehörten ſeiner Mutter, und ein wehklagender Ton, in welchem er das Wort„Reue“ zu unterſcheiden glaubte, fiel wie mit leiſer, trauernder Stimme zugeflüſtert in ſein Ohr. Dieſer Eindruck war ſo lebhaft, daß er laut ſtöhnend ausrief:„Zu ſpät! zu ſpät!“ Dann er⸗ ſchienen bleiche Geſichter rund um ſein qualvolles Lager; Diejenigen, welche er in ſeiner Jugend ge⸗ liebt und welche ihn frei von Verbrechen gekannt hatten, ſchienen ebenfalls im Echo das Wort zu wiederholen. Und abermals ſtöhnte er laut:„Zu ſpät! zu ſpät!“ „Es iſt ganz merkwürdig,“ ſagte der ältere Wächter zu ſeinem Cameraden, der ſtarr vor Ent⸗ ſetzen die convulſiviſchen Bewegungen des Gefange⸗ nen unter ſeiner Bettdecke beobachtete,„wie oft ſie 26* 404 derartige Worte wiederholen. Sie gleichen ſich darin alle und mir iſt noch Keiner vorgekommen, der nicht ausgerufen hätte:„Zu ſpät!“ Der Caplan ſagt, es ſei ein gutes Zeichen, weil das Gewiſſen erwacht ſei. Er iſt ein wackerer Herr und ein gewaltiger Prediger. Ich habe Verbrecher geſehen, die ihn zuerſt mit Flüchen und Verwünſchungen aufnahmen, welche aber, je näher der Tag kam, allmählig ſanft wie die Kinder unter ſeiner Hand wurden und wie Lämmer ſtarben.“ Sein Camerad ſchauderte, denn wie wir wiſſen war er noch ein Neuling in ſeinem Dienſte und hatte noch nie einer Hinrichtung beigewohnt. Selbſt für die ſtärkſten Geiſter gibt es eine Grenze, wo ihre Selbſtbeherrſchung aufhört; plötz⸗ lich ſtieß Helsman einen ſo lauten und fürchterlichen Schrei aus, daß das ſchlummernde Echo der Ge⸗ fangenenzelle darob erwachte. Er faßte ſich mit beiden Händen um den Hals, ſchnappte nach Luft und wand und krümmte ſich auf ſeinem Lager, wie eine zertretene Schlange. „Er bildet ſich wahrſcheinlich ein, mit dem Henker zu ringen,“ bemerkte der jüngere der beiden Wächter. Sein Camerad nahm die Lampe und näherte ſich dem Bett. „Waſſer! Waſſer!“ ſtöhnte der Sterbende, in⸗ dem er zugleich die Decke wegwarf, unter der er bis jetzt ſeine verzerrten Geſichtszüge verborgen hatte:„Waſſer! Ich verbrenne— ich erſticke!“ Es wurde Lärm gemacht, denn bei aller ſeiner Erfahrung war dem älteren Wächter nie ein ähn⸗ licher Fall früher vorgekommen. Der Gefängniß⸗ Inſpector erſchien in Begleitung des Arztes. Kaum hatte der Letztere den Zuſtand des Gefangenen ge⸗ ſehen und deſſen Puls befühlt, als er das Wort „Gift“ ausſprach. „Gift!“ wiederholte der Inſpector, ſeine beiden Untergebenen vorwurfsvoll anblickend. „Das muß er verborgen bei ſich gehabt haben,“ erwiderte der Wächter ohne den mindeſten Anſchein von Verlegenheit.„Sie hätten darauf beſtehen ſollen, daß er die Gefangenenkleidung an⸗ ziehe.“ Es geſchah auf Befehl der Beamten, dachte der Inſpector, froh jeder Verantwortung in dieſem Punkte überhoben zu ſein. Obgleich dieſer Gedanke ihn beruhigte, verlangte er doch von dem Doctor die Anwendung der für dieſen Fall dienenden Gegenmittel. Sein Stolz kam mit in's Spiel, denn der Gedanke war ihm unan⸗ genehm, daß ein unter ſeiner Obhut befindlicher Gefangener anders als auf dem g ewohnten Wege aus derſelben entlaſſen werde. Der Mann der Wiſſenſchaft erklärte aber, daß Alles vergeblich wäre, indem der Verurtheilte in den letzten Zügen liege. So war es auch. Wir wollen die Gefühle un⸗ ſerer Leſer nicht dadurch martern, indem wir mit aller Umſtändlichkeit den Todeskampf eines an Ver⸗ brechen ſo reichen Lebens beſchreiben; der religiöſe Glaube, den Helsman längſt aufgegeben, die Angſt vor der Ewigkeit, die er im Stolze ſeiner ſchlechten Natur und im Gefühl ſeiner Manneskraft verhöhnt hatte, machten ſich jetzt mit aller Macht geltend. Er wandte 406 ſich flehend an den Arzt, indem er ihn beſchwor, ſein Leben nur noch einige Tage zu erhalten. „Zeit zur Reue,“ ſtöhnte er,„um meinen Frie⸗ den zu machen!— Retten Sie mich— ſelbſt für das Schaffot!“ Etwa zwanzig Minuten, ehe der Elende den letzten Seufzer aushauchte, endeten ſeine Leiden und er ſchien ziemlich ruhig zu ſein. Mehrmals ſah man ſeine Lippen ſich bewegen. Hoffentlich geſchah es in der Abſicht, um zu beten. „Man ſollte aber'doch Etwas thun,“ bemerkte der Inſpector. Der Doctor legte ihm aber ſeine Finger auf die Lippen, zum Zeichen, daß er ſtille ſchweigen möchte; in demſelben Augenblicke ſtreckte Helsman ſeine Glieder, ſtieß einen tiefen Seufzer aus und verſchied. „Todt,“ ſagte der Doctor und die beiden Wächter wiederholten das Wort. Alle verließen die Zelle, deren Thüre der In⸗ ſpector ſorgfältig vetſchloß, worauf er den Schlüſſel in die Taſche ſteckte. In früher Morgenſtunde fand eine Sitzung der Beamten ſtatt, in welcher das medieiniſche Gutachten und die Ausſagen der Gefangenwärter zu Protokoll genommen wurden. Es wurde begreiflicher Weiſe ſo abgefaßt, daß auch nicht der leiſeſte Tadel auf irgend Jemand fallen konnte. Von einem Wechſel der Kleider war darin gänzlich Umgang genommen worden. Die Zeitungen berichteten den Fall in folgen⸗ der Weiſe: 407 „Selbſtmord des Capitäns Selsman. — Dieſer überwieſene Verbrecher wurde unmittel⸗ bar, nachdem er in die Zelle der Verurtheilten ge⸗ bracht worden war, von einem plötzlichen Unwohlſein befallen. Die Wächter, welche ihn keinen Augen⸗ blick verlaſſen hatten, ſchickten ſogleich nach dem Inſpector und dem Arzte, in deren Gegenwart der Unglückliche kurz darauf verſchied. Er hatte Gift genommen, das er bei ſich verborgen gehabt und ohne Zweifel in dem Augenblick verſchluckt hatte, als er in der Gerichtsſitung ſah, daß die Zeugen⸗ ausſagen gegen ihn ſo gravirend ſeien, daß ihm durchaus keine Hoffnung auf Freiſprechung bleibe. Soviel wir hören, fand man Banknoten von be⸗ trächtlichem Werthe und einige Papiere in dem Futter ſeines Rockes. Das Mittel zu ſeinem Selbſt⸗ mord war ohne Zweifel an demſelben Orte verbor⸗ gen geweſen.“ Auf dieſe Weiſe waren die Freunde von Schre⸗ ckensſcenen um das Schauſpiel und der Henker um ſeinen Lohn geprellt. Kehren wir jetzt zu Eugenia und deren Gatten zurück. Die Erſtere haben wir noch immer im lei⸗ denden Zuſtande, aber unter der Pflege ihrer Mut⸗ ter, in Dover verlaſſen; der Letztere war ſo eben aus dem Hauſe der beiden Polizeiagenten entwiſcht. Wie unſere Leſer wohl vermuthen werden, ſo dauerte Brandon's Schwäche nicht lange; ſeine Energie kehrte bald wieder zurück und er bereitete ſich vor„zum Handeln“, wie er ſich ausdrückte. England war nicht mehr das rechte Land für ihn, weil er innerhalb ſeiner ſeeumſchloſſenen Grenzen 408 ſowohl was Geſchäfte als Haltfeſt's Bande anbe⸗ langte, geradezu ein Gefangener war; denn daß der Letztere ihm nachſpüren werde, ſobald die Wirkun⸗ gen des Punſches verdampft wären, unterlag keinem Zweifel. „Für mich iſt hier nichts mehr zu machen,“ mur⸗ melte er nach kurzem Ueberlegen.„Bin ich einmal drüben über dem Waſſer, dann kann ich mit aller Ruhe und Bequemlichkeit mich mit Mrs. Burg und deren ſaubern Freunden abfinden. Die Britannier werden ſich hölliſch ärgern, daß ich ihnen eine rechte Naſe gedreht habe; namentlich der Earl, dem ſoll ſein Orden theuer zu ſtehen kommen.“ Des Yankee's erſte Sorge war jetzt ſein Taſchen⸗ buch zu unterſuchen. Er fand darin gerade drei⸗ hundert Pfund und einige einzelne Goldſtücke. Ein Jahr oder zwei früher hätte er eine ſolche Summe ein Vermögen geheißen; aber bei ſeinen jetzigen Anſprüchen hielt er ſie kaum für ausreichend zur Befriedigung ſeiner augenblicklichen Bedürfniſſe. Gleich den meiſten ſeiner Landsleute war er ein Menſch von großen Hilfsmitteln, und wenn er ein⸗ mal mit ſich darüber im Reinen war, irgend eine Schurkerei oder einen Plan auszuführen, wodurch er etwas zu gewinnen hoffen konnte,— oder wie er ſich in ſeiner eigenthümlichen Kunſtſprache aus⸗ drückte, wenn ihm eine geniale Speculation im Kopf ſtack— ſo konnte er dieſe mit einer Kaltblütigkeit und Entſchloſſenheit verfolgen, welche einer beſſern Sache würdig geweſen wäre. Er miethete ein Cab, befahl dem Kutſcher, ihn nach der City zu fahren, und ſtieg an der Börſe aus; von hier ging er 409 Leadenhall⸗ſtreet hinab, wo er wieder ein Fuhrwerk miethete, das ihn in der dichtbevölkerten Nachbar⸗ ſchaft von Ratcliffe⸗Highway abſetzte, wo er bei einem jüdiſchen Trödler einen Matroſenanzug kaufte, den er in eine Reiſetaſche packte, welche er ebenfalls erhandelt hatte. Von da ging er über die Themſe und ſchlug den Weg nach Graveſend ein, das er ermüdet erreichte. Damit es unmöglich ſei, ſeine Spur aufzufinden, hatte er unterwegs auf der Land⸗ ſtraße die Kleider gewechſelt und Rock und Bein⸗ kleider, welche er abgelegt, in einem Graben liegen laſſen zur Ueberraſchung des nächſten Reiſenden nach ihm, der ſo glücklich wäre, ſie dort zu finden. Es gelang ihm ſich ſo gründlich zu verkleiden, daß, als er den folgenden Tag Dover erreichte, ſelbſt die Argusaugen der Polizei ihn für nichts Anderes als einen Matroſen gehalten hätten. Des Flüchtlings erſte Frage war nach dem Paketſchiff, das aber erſt um zwei Uhr des folgen⸗ den Tages abſegeln ſoilte; er hatte folglich noch viele Stunden zu ſeiner freien Verfügung vor ſich. Daher ſäumte er nicht, ſogleich ſich zu dem ameri⸗ kaniſchen Conſul zu begeben, der ihm ohne Um⸗ ſtände einen Paß ausfertigte; dann ſah er ſich nach einem ſichern Hauſe um, wo er einige Stunden der Ruhe pflegen und die Zeit bis zu ſeiner Abreiſe unbemerkt zubringen konnte. Der Schild zur Königskrone ſchien ihm dieſem Zwecke zu entſprechen. Es war ein kleines Wirths⸗ haus, das an das Hotel ſtieß, in welchem ſeine un⸗ glücktiche Gattin und die Gräfin Melbourg ihr Ab⸗ ſteigequartier genommen hatten. 410⁰ Von dem Fenſter des Zimmers, in welchem er ſaß, überſah man nicht nur die Rückſeite des Hotels, ſondern auch den Hofraum, in welchem ſich eine WMenge Equipagen befanden, unter welchen vorzugs⸗ weiſe eine Berline ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, die er ſchon öfter geſehen zu haben ſich er⸗ innerte. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ murmelte Bran⸗ don vor ſich hin,„dieſes Gefährte gehört meiner koſtbaren Schwiegermutter. Es war damals ganz neu, als wir zu der Narrenkomödie nach Burg⸗ Hall fuhren;— ſie iſt folglich hier.“ Die nächſte Frage, die ſich ihm begreiflicher Weiſe aufdrängte, beſtand darin, ob die Lady allein ſei oder ob Eugenia ſie begleitet habe. Dieſer Zwei⸗ fel beantwortete ſich durch das Erſcheinen Goroo's, des ſchwarzen Knaben, deſſen eigenthümliches Coſtum ſowohl, als ſchwarze Geſichtsfarbe jeden Zweifel hoben und welcher jetzt durch den Hof nach dem an dem Ende deſſelben liegenden Pavillon ſtolzirte. Mrs. Burg iſt hier, dachte er. Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie ihr Juwelenkäſtchen mitgebracht hat; ein EChemann kann ſelbſt in dieſem vorurtheilsvollen, ſcheinheiligen Lande nicht abgefaßt werden wegen eines Diebſtahls an ſeinem Weibe. Was ihr iſt, gehört auch ſein. Eine engliſche Frau iſt ebenſo das Eigenthum ihres Mannes, wie ein Neger in Vir⸗ ginien dem Pflanzer gehört. Der Gedanke an die Diamanten wollte ihm gar nicht mehr aus dem Sinn; fortwährend berechnete er im Geiſte ihren Werth, die Anzahl der Sklaven, die er darum kaufen könnte, und die ſichere Unabhän⸗ 8 — — X 41¹1 gigkeit, in die er dadurch verſetzt würde⸗ Das End⸗ reſultat davon war, daß er beſchloß, auf jede Ge⸗ fahr hin in den Beſitz derſelben ſich zu ſetzen; ſie waren wenigſtens ihre dreißig Tauſend Dollars werth, und welcher Yankee ſeines Schlags hätte für eine ſolche Summe ſich nicht jeder Gefahr aus⸗ geſetzt? Obgleich die Bewohner des Hotels ſich zur Ruhe begeben hatten, ſo erglänzten doch noch Lichter aus dem obern Theile des Pavillons, den die Gräfin und ihre Tochter inne hatten. Die bekümmerte Mutter wachte bei ihrem leidenden Kinde, deſſen Verbrechen, wie ſtreng auch Andere ſie beurtheilen mochten, ihr doch keineswegs ein Recht verliehen hätten, ſie ihrem Schickſale zu überlaſſen. Hätte ſie von Anfang an dieſe zärtlichen Gefühle gehegt und nicht eine glänzende Heirath ihrer Pflichterfüllung vorgezogen, ſo wäre viek Elend verhütet worden. Wir haben mehrmals zu verſtehen gegeben, daß die Kammerjungfer Finfine eine gewiſſe zärtliche Empfindung für den ſchwarzen Jungen Goroo hegte, der jetzt dem Mannesalter nahe ſtund. Vielleicht war er nur ein Nothbehelf, weil ſie, nichts weniger als ſchön, und nicht mehr ganz jung, ſeit ihrer Rück⸗ kehr aus Indien keinen Bewunderer von hellerer Farbe zu gewinnen ſo glücklich geweſen war. Die hübſche Irländerin Norah hatte Tom's Neigung ſo ſchnell gewonnen, daß für Finfine keine Ausſicht übrig blieb, und Will mit dem Knittel hatte ihr Kolettiren und Liebäugeln mit ſolcher Gleichgiltigkeit aufgenommen, daß ſie ihn für einen Menſchen er⸗ . klärte, mit dem nichts anzufangen ſei,— und was 412 dieſe Bezeichnung im Munde einer Franzöſin be⸗ deutet, iſt genugſam bekannt. Finfine hatte mit Goroo von ihren Plänen für die Zukunft geplaudert, indem ſie Winke über ihre Erſparniſſe fallen ließ und ihm zugleich zu verſtehen gab, daß ihr kleines Vermögen und ihre Perſon nur auf einen Antrag von ſeiner Seite warteten, als der Glockenſchlag der mitternächtlichen Stunde das Paar aufmerkſam machte, daß es Zeit ſei, ſich zu trennen. Goroo wünſchte ihr gute Nacht und richtete ſeine Schritte nach ſeinem Zimmer, zu wel⸗ chem er nur gelangen konnte, wenn er den langen Gang durchſchritt, in welchem das Gepäck ſeiner Herrin und der Gräfin ſich befand. Da er mit der Lokalität ganz genau bekannt war, ſo hatte er kein Licht mit ſich genommen. Gleich den meiſten ſeiner Landsleute waren dem Schwarzen noch manche Inſtinkte des wilden Lebens verblieben; namentlich konnte er Gegenſtände in dichter Finſterniß unterſcheiden, wo kein Europäer etwas zu ſehen vermochte, und ſelbſt beim Rauſchen des Windes den leiſen Fußtritt eines nahenden Feindes vernehmen. Bereits befand er ſich faſt ganz in der Nähe ſeines Zimmers, als ſein ſcharfes Auge die Geſtalt eines Mannes gewahrte, der ſich plötzlich hinter den aufgethürmten Koſfern verbarg. In früheren Zeiten hätte er um Hilfe gerufen, aber die neueſten Ereigniſſe und die Lehren, die ihm die Kammerjungfer ertheilt, hatten ihm Vorſicht gelehrt. „Ein Dieb,“ murmelte er vor ſich hin.„Oo! Goroo gern einen Dieb todt ſchießen!“ Und damit 41¹3 ging er ſorglos ſeines Weges, als wenn er nichts Auffallendes bemerkt hätte. „Das iſt der verfluchte Neger,“ ſprach Brandon vor ſich hin(denn der Dieb war Niemand Anders, als Goroo's Herr).„Ich erkannte ihn an ſeinen Augen, welche, wie die einer wilden Katze oder eines Panthers, in der Dunkelheit funkelten. Glück⸗ licherweiſe hatte er kein Licht bei ſich, ich wäre ſonſt genöthigt geweſen, dem Wurm das Genick umzu⸗ drehen, um ihn zum Schweigen zu bringen.“ Wie der Ausgang der Sache zeigte, ſo wäre es für den Yankee beſſer geweſen, wenn der Junge ein Licht bei ſich gehabt hätte, denn Goroo war keineswegs ein ſo verächtlicher Feind als Brandon ſich einbildete. Dem Yankee war es bereits gelungen den großen Koffer zu öffnen, welcher das Juwelenkäſt⸗ chen ſeiner Gattin enthielt, als er plötzlich zurück⸗ fuhr, denn er fühlte etwas Eiskaltes an ſeiner Schläfe. Ehe er ſich aber umwenden oder ein Wort hervorbringen konnte, ließ ſich das Knarren eines vorſpringenden Hahnen hören, und er fiel mit zer⸗ ſchmettertem Schädel auf den Boden. „Diebe! Mörder!“ rief der Junge. Finfine, welche ſeine Stimme erkannte, wiederholte den Ruf. In wenigen Minuten waren die Bewohner des Hotels allarmirt, und der Gong füllte ſich mit Dienern und Gäſten. Mehrere darunter brachten Lichter mit und fragten ängſtlich nach der Urſache des Lärms. Goroo deutete mit vor Angſt klappernden Zähnen, denn er fürchtete ſich vor dem Gedanken an ſeine That, auf den Leichnam. 414 In dieſem Augenblicke erſchien der Eigenthümer des Hotels und die Gräfin, welche einen Schlaf⸗ rock über ihr Nachtkleid angezogen hatte. „Unglücklicher Knabe!“ rief Lady Melbourg, als ſie die Waffe in Goroo's Hand erblickte.„Was haſt Du gethan?“ „Habe ihn erſchoſſen, Mylady,“ erwiderte der Schwarze unterwürfig.„Kam, um die Diamanten von Miſtreß zu ſtehlen. Sie ſehen,“ fuhr er fort, auf den Koffer deutend, deſſen Inhalt zum Theil zer⸗ ſtreut auf dem Boden umher lag,„daß er wußte, wo nachſuchen.“ Dieſe unbeſonnenen Worte erſchütterten die un⸗ glückliche Mutter auf's Tiefſte. Sie betrachtete den entſtellten Leichnam, aber die Geſichtszüge deſſel⸗ ben waren durch den Piſtolenſchuß ſo entſtellt wor⸗ den, daß ſie faſt unkenntlich waren. Es gereichte ihr faſt zum Troſte, daß der Elende Matroſenkleider anhatte.* Jetzt hatte ſich auch Finfine, welche ſich Zeit genommen ihr Haar zu ordnen, das ſie nach dem Weggehen ihres Liebhabers theilweiſe in Papillo⸗ ten gewickelt hatte, bei der ſchreckerfüllten Gruppe eingefunden. Der Hoteleigenthümer, nachdem er ſich üb er zeugt hatte, daß die Juwelen gerettet ſeien, bat⸗ ſeine Gäſte, ſich in Ihre Zimmer zurückzuz iehen und das Uebrige ihm zu überlaſſen. Er ſei ganz troſtlos, ſagte er, daß ein ſo fatales Ereigniß in ſeinem Hotel ſich zugetragen habe, er wolle aber ſogleich nach der Polizei ſchicken; es ſei eine ganz merkwürdige Geſchichte, und er könne gar nicht be⸗ — 41⁵ greifen, wie ein gemeiner Matroſe in das Innere ſeines Etabliſſements habe dringen können. „Er kein gemeiner Matroſe,“ murmelte Goroo, der, die Augen voll Schrecken und Erſtaunen ſtier auf den Leichnam gerichtet daſtand,„er iſt—“ „Ein Dieb,“ fiel ihm die Kammerjungfer mit großer Geiſtesgegenwart in's Wort; denn auch ſie hatte Brandon's Leichnam erkannt.„Es iſt ein großes Glück, daß wir nicht alle ermordet wurden. Dieſen Weg, Mylady. Goroo, leuchte voran!“ Der Knabe hätte gerne eine Antwort gegeben, aber ein ausdrucksvoller Blick Finfine's bedeutete ihm ſtill zu ſchweigen, und ſo ſchritt er der Gräfin und der Kammerjungfer voran nach deren Gemächer ohne ein Wort zu ſprechen.. WVelche Schreckniſſe warten noch auf mich?“ fragte die unglückliche Lady. Melbourg, ihre Hände in Verzweiflung ringend.„Dieſer unglückliche Menſch—“ Sie hielt inne, indem ſie ihre Blicke ängſtlich auf die Franzöſin gerichtet hielt. „Iſt Ihr Schwiegerſohn,“ antwortete dieſe auf Franzöſiſch. Die Gräfin ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Die Schmach, der Scandal, welchem zu entgehen ſie ſich ſo viele Mühe gegeben hatte, ſchien jetzt unvermeidlich. „Tröſten Sie ſich Mylady, man kennt ihn nicht.“ Melbourg blickte nach dem ſchwarzen Kna⸗ en hin. „Ja, ja! Goroo kennt ihn,“ fuhr Finfine fort; „aber Goroo iſt zu verſtändig, als daß er etwas 416 ſagt. Ueberlaſſen Sie Alles mir und ich verſpreche Ihnen, daß die Sache ohne Scandal vorübergehen ſoll.“„ Finfine hielt Wort.“ Begreiflicher Weiſe wurde am folgenden Morgen eine gerichtliche Unterſuchung an dem Leichnam des Diebs vorgenommen, deſſen Namen Niemand kannte, weßhalb man ihn für einen Matroſen von einem der fremden, im Hafen liegenden Schiffe hielt, der er⸗ ſchoſſen wurde, als er eben im Begriffe ſtand, das Gepäck der vornehmen, in dem Hotel wohnenden Gäſte zu plündern. Goroo, anſtatt, wie er er⸗ wartet hatte, in's Gefängniß geſchickt zu werden, wurde von dem Todenſchauer wegen ſeines Muths becomplimentirt, deſſen Ausſpruch lautete:„Ge⸗ rechtfertigter Todtſchlag.“ Da man bei dem Leichname weder Geld noch Papiere fand, ſo wurde er auf Gemeindekoſten in der Armengrube begraben. Wie es Finfine angriff, ihr Verſprechen zu halten, wurde nie genau be⸗ kannt; aber ein Umſtand iſt gewiß, daß nach ihrer Rückkehr nach London ihr Salair um einige Hun⸗ dert Pfund jährlich vermehrt wurde. Dieß war das Ende des Abendteurers Brandon Burg. Eugenia's fernere Lebensſchickſale können wir mit wenigen Worten melden. Die unglückliche Frau erlangte zwar ihre Geſundheit wieder, aber niemals kehrte die Schönheit wieder zurück, die ſie ſo eitel und herzlos gemacht hatte, und ſie brachte den Reſt ihrer Tage in tiefſter Zurückgezogenheit und, wie wir hoffen wollen, Reue hin. 417 Achtundſiebzigſtes Capitel. Kaum war es in der Umgegend von Alſton⸗ Moor ruchbar geworden, daß der lang verfolgte Marmaduke wieder in die Heimath ſeiner Väter zurückgekehrt ſei, als die derben Bergleute ihre Arbeit verließen— denn ſie waren nicht zurückzu⸗ halten, und es gab einen allgemeinen Feiertag. So roh und uncultivirt ſie waren, bewieſen die Söhne der Arbeit, daß ſie eine der erſten und edel⸗ ſten menſchlichen Tugenden, Dankbarkeit, beſitzen. Sie erinnerten ſich, wie oft er ihre Rechte gegen die tyrauniſchen Anforderungen ſeines ältern Bru⸗ ders vertheidigt hatte; wie freundlich und liebreich er gegen ſie geweſen ſei. Den ältern Männern war ſein Name ſo geläufig wie ihr eigener, und den jüngern war gewiſſermaßen traditionell gelehrt worden, ihn mit Ehrfurcht und Achtung zu nennen. Vie Geſellſchaft in Burg⸗Hall war bald durch die Ankunft Harold's und Harry's vermehrt wor⸗ den, welche auf einige Tage ſich vom Maierhofe entfernt hatten, um Augenzeuge des Glücks ihrer Freunde zu ſein und, wo möglich, dieſelben zu überreden, mit ihnen nach Granstoun⸗Park zurück⸗ zukehren, um bei der Doppelheirath anweſend zu ſein, die dort gefeiert werden ſollte. Miß Cheerly hatte entſchieden erklärt, daß Niemand anders, als Kit ihre Hand vergeben dürfe und Nancy ſie an den Altar begleiten müſſe. Es waren dieß alte Verſprechungen, auf deren Erfüllung ſie drang, weil ihr Herz ſie wünſchte. Licht⸗ und Schattenſeiten. V. 27 Der Graf empfieng die jungen Männer ſo warm und herzlich, als wenn ſie ſeine Söhne geweſen wären. Namentlich war er gegen ſeinen Neffen außerordentlich liebreich, deſſen edles und uneigen⸗ nütziges Benehmen er längſt würdigen zu lernen Ge⸗ legenheit gefunden hatte. „So lang ich lebe, mein lieber Junge,“ ſprach er,„muß ich Herr von Burg-Hall bleiben; aber Sie ſollen eine ſolche jährliche Rente erhalten, wie ſie ſich für meinen Erben geziemt.“ „Für Ihren Erben?“ rief der junge Mann im Tone ungekünſtelten Erſtaunens;„Sie vergeſſen, daß Sie ein Kind haben, welches—“ „Weiblichen Geſchlechts iſt,“ unterbrach ihn ſein Onkel, der ſelbſt von einem ſo nahen Verwandten die Frage der Legitimität nicht in Anregung gebracht zu ſehen wünſchte.„Sie ſchulden mir keinen Dank,“ fuhr er fort;„die Erbfolge iſt ſo genau vorgeſchrie⸗ ben, daß ſie nur auf die männliche Linie übergehen kann; die Gräfin und ich ſind reich genug, um Nancy und deren Gatten auch ohne die Güter glück⸗ lich zu machen. Wer weiß,“ fuhr er, ſeinem Ideen⸗ gange folgend, fort,„ob nicht den rivaliſirenden Anſprüchen auf Dankbarkeit eines Tages durch eine Verbindung Ihrer Nachkommenſchaft mit meinem Enkelkinde Genüge geſchehen kann.“ „Mögen ſich Ihre Worte als Prophezeihung bewähren!“ rief der junge Mann mit Herzlichkeit. Viele Jahre nach den Ereigniſſen, welche wir im Laufe unſerer Erzählung mitgetheilt haben, ver⸗ wirklichte ſich dieſer ſo ſehnlichſt gewünſchte Traum 419 durch die Vermählung von Kit's Sohn mit der ein⸗ zigen Tochter ſeines Freundes Harry. Von Niemand waren Harry und Harold herz⸗ licher bewillkommt worden, als von Doctor Curry. Der würdige Mann hatte ſich wieder bei ſeinen Patienten eingefunden, nachdem der gegen ihn er⸗ laſſene Verhaftsbefehl zurückgenommen worden war. „Nicht wahr, Harry,“ rief er aus,„Sie finden den Ort etwas verändert? Snape ſitzt im Gefäng⸗ niß, das er, wie man mir ſagt, wahrſcheinlich nur um gehenkt zu werden verlaſſen wird; und Marma⸗ duke weiß, daß ihm damit nur ſein verdientes Loos wi⸗ derfährt. Mrs. Lawrence iſt freiwillig fortgegangen, Niemand weiß wohin und Niemand kümmert ſich darum. 2 „Das iſt allerdings eine glückliche Veränderung,“ erwiderte der junge Mann mit voller Ueberzeugung. Der Doctor ſah ihn ſcharf an; obgleich er an ſeiner Aufrichtigkeit nicht zweifelte, ſo war der Ver⸗ luſt eines ſchönen Gutes doch ein Gegenſtand den wenige Menſchen gelaſſen hinnehmen, und es ging ſelbſt über ſeine Philoſophie, die Ruhe ſeines Freun⸗ des zu begreifen. „Und doch ſind Sie der einzige Verlierende,“ bemerkte er. „Verlierende!“ wiederholte Harry im Tone des Erſtaunens.„Sie wollen wohl ſagen: Gewinnende. Ich ſtehe nicht mehr vereinzelt in der Welt, denn ich habe einen Verwandten gefunden, deſſen Ehren⸗ feſtigkeit ich volles Vertrauen ſchenken kann, der mir den Vater, den ich verloren, erſetzt und als wahrer Freund mir rathen und mich kann. 420 Was will der Verluſt von noch ſo vielen Morgen Boden gegen einen ſolchen Gewinn heißen!“ „Ich glaube es Ihnen, mein Lieber, ich glaube es!“ murmelte der Doctor von Bewunderung hin⸗ geriſſen. Wenn Marmaduke ſich nicht freigebig ge⸗ gen ihn zeigt, ſetzte er in Gedanken hinzu, ſo iſt er nicht der Mann, für den ich ihn gehalten habe. Unterdeſſen hatte ſich eine ungeheure Menſchen⸗ menge auf dem freien Platze vor dem Herrſchafts⸗ hauſe verſammelt— Männer, Frauen und Kinder. Es handelte ſich weder um einen feierlichen Aufzug, noch um eine Adreſſe, wie bei einer früheren Ver⸗ anlaſſung, ſondern aus Aller Kehlen ertönten ein fortwährendes Hoch und Rufe nach dem Squire Marmaduke. Es wäre ſchwer die Begeiſterung zu beſchreiben, mit welcher der lang verfolgte Gegenſtand ihrer Huldigung aufgenommen wurde, als er endlich er⸗ ſchien. Die ältern Leute drängten ſich mit achtungs⸗ voller Familiarität an ihn heran, und Hunderte von rauhen, aber ehrlichen Händen ſtreckten ſich aus, um die ſeinige zu drücken. Die Rufe:„Will⸗ kommen zu Hauſe! Willkommen in der Heimath!“ tönten durch die Lüfte, während die Jüngern vor Freude ihre Mütze in die Höhe warfen. „Haben Sie mich nicht vergeſſen, Squire?“ rief Einer.„Haben Sie die Jagd nicht vergeſſen in dem Walde da drüben, wo ich dabei war?“ fragte ein Zweiter. Die meiſten hatten ein Wort der Erinnerung oder eine Anſpielung auf die Vergan⸗ genheit. Viele fragten, ob es ihm nicht an Geld fehle, 421 um ſeine Rechte zu verfolgen, und es that ihnen förmlich leid, als ſie hörten, daß dieſelben nicht mehr beſtritten würden. In ihrer Dankbarkeit hät⸗ ten ſie die Erſparniſſe ihres arbeitſamen Lebens zu ſeiner Verfügung geſtellt. „Ich danke euch, meine lieben Freunde, ich danke euch,“ ſagte Lilini tief bewegt.„Ich habe in man⸗ chen fernen Landen an euch gedacht und zum Him⸗ mel gefleht, daß ich eines Tages wieder unter euch leben dürfte. Dieſer Tag iſt endlich erſchienen.“ „Und Sie wollen uns nicht wieder verlaſſen?“ fragte die Menge. „Ich hoffe unter euch leben und ſterben zu dür⸗ fen,“ erwiderte der Graf;„aber wenn ich euch will⸗ kommen bin, ſo iſt hier Jemand, der es euch eben⸗ falls ſein muß— der künftige Eigenthümer dieſer Herrſchaft.“ Zugleich nahm er Harry an der Hand und führte ihn vorwärts. Die Bergleute ließen ein ſchwaches Hoch ertönen, weil ſie nicht begreifen konnten, weßhalb der Neffe ihres Abgotts dieſem folgen ſolle. Sie hatten ge⸗ hört, daß derſelbe eine Tochter beſitze. „Burg⸗Hall vererbt ſich, wie ihr Alle wißt, nur auf die männliche Linie,“ fuhr der Graf fort,„und ich könnte mir keinen würdigeren Erben wünſchen. Er iſt vom alten Stamm— meines Bruders Sohn, und ich wollte, er wäre der meinige. Aus Achtung für das Andenken an ſeinen Onkel und die ver⸗ meintlichen Rechte von deſſen Erben ſtand er von einem Rechtsſtreite ab, wodurch mein Eigenthum eine Zeit lang in die Hände eines unverſchämten Betrügers gelangte.“ 422 Jetzt erklangen die Hochrufe herzlicher, denn der natürliche Rechtlichkeitsſinn der Bergleute war be⸗ friedigt. „Ich habe euch,“ fuhr der Gutsherr fort,„für eure Treue zu danken, mit der ihr meine Rechte während meiner Abweſenheit gewahrt habt, und es bleibt mir jetzt nichts mehr zu thun übrig, als mich in den Beſitz von dem zu ſetzen, deſſen getreue Wächter ihr geweſen ſeid.“ Auf dieſes, Verlangen erfolgte eine allgemeine Stille. „Verſteht ihr mich nicht?“ Als abermals keine Antwort erfolgte, wandte ſich der Graf mit erſtauntem Blicke nach Doctor Curry um. „Sie wollen, daß Sie ſich in das Bergwerk be⸗ geben,“ ſagte der Doctor,„und ſelbſt die Beſitzur⸗ kunden in Empfang nehmen ſollen.“ Der ſo natürliche Wunſch wurde bereitwillig zu⸗ geſtanden. Marmaduke bezeichnete den folgenden Tag zu ſeinem Beſuche an dieſem Orte, und nichts fehlte mehr zur Vervollſtändigung des Glücks ſeiner beſcheidenen Freunde, als die Anweſenheit der Frau und der Tochter ihres Wohlthäters, welche auf die erhaltene Aufforderung ſogleich auf dem Platze er⸗ ſchienen. Man kann ſich der armen Nancy Gefühle vor⸗ ſtellen, als ſie ſich als den Gegenſtand allgemeiner Reſpektsbezeigungen ſah. Die Frauen drängten ſich um ſie herum, um ihr Heil und Segen zu wün⸗ ſchen; die Männer warfen ihre Mützen in die Luft 423 und hießen ſie mit ihren rauhen Stimmen unter ihnen willkommen. „Ich verdanke dieſen Empfang nur meinem gu⸗ ten, theuren Vater,“ murmelte ſie, indem ſie ſich zu ihrer Stütze auf den Arm ihres erfreuten Gat⸗ ten lehnte;„an ihm iſt es, euch zu danken.“ „Du wirſt ſie einmal Deiner eigenen Tugend verdanken,“ flüſterte ihr Kit zu,„wenn ſie Dich näher kennen werden. Ich wollte, ich wäre Deiner würdiger.“ Seine Gattin ſah ihn mit Erſtaunen an; ſie konnte nicht begreifen, wie dieß noch mehr der Fall ſein könne, denn in ihren Augen befaß er alle Tu⸗ genden edler Männlichkeit bereits. Es war in der That ein Tag des Glücks für Alle. Selbſt die beiden liebenden jungen Männer vergaßen unter der Aufregung der vor ihren Augen vorgehenden Scenen die Abweſenheit von Bella und Emma und dachten nur an die Zufriedenheit ihrer Freunde. „Das nenne ich eine aufrichtige Anhänglichkeit,“ bemerkte Harold Tracy mit Hindeutung auf die Begeiſterung der den Grafen umgebenden Gruppen. „Durch welchen Zauber iſt es Ihnen gelungen, eine olche Ergebenheit zu erwecken?“ Marmaduke lächelte. „Ich will es Ihnen ſagen,“ verſetzte der Arzt, der die Frage gehört hatte;„durch eine Kunſt der einfachſten Art, aus welcher aber die Größten im Lande eine Lehre ziehen ſollten— durch den Zau⸗ ber der Freundlichkeit.“ Zu früher Stunde des folgenden Tages machten 4 424 ſich der Eigenthümer von Burg⸗Hall und deſſen Freunde auf den Weg nach dem Bergwerke. Als ſie an den Fluß kamen, fanden ſie das Boot hübſch mit Immergrün und Blumen geziert, und vier von den älteſten Bergleuten waren bereit, ſie hinüber zu rudern. Dieß war bald geſchehen und wenige Minuten hernach gelangten ſie in den engen ge⸗ wundenen Gang, welchen Albert Mortimer ſo vor⸗ ſichtig in jener Nacht betreten hatte, als er Doctor Curry nachgeſchlichen war. Er war nur ſchwach erleuchtet, und es ſchien kaum, als wenn Anſtalten getroffen wären, die Geſellſchaft zu empfangen. „Warten Sie nur,“ ſagte der ſchlaue Doctor, der die Gedanken der Bergleute errieth,„wir ſind noch nicht im Empfangzimmer.“ Eine plötzliche Wendung brachte die Geſellſchaft in den Mittelpunkt des Bergwerks, wo ſich ihr ein über jede Vorſtellungskraft erhabener Anblick dar⸗ bot. Hunderte von hell lodernden Feuern, die in den verſchiedenen Vertiefungen angebracht waren, erleuchteten den Ort mit Tageshelle; die an den Erzſtufen und Stalakiten hinaufzüngelnden Flam⸗ men brachen ſich in tauſend Strahlen, während eine Muſikbande mit Blasinſtrumenten aus einer gewiſ⸗ ſen Entfernung die Ankömmlinge mit ihren Tönen begrüßte. Die Bergleute waren alle in ihrem Sonntags⸗ anzuge verſammelt. Der älteſte darunter trat aus der Gruppe heraus und rief, auf eine ungeheure Steinmaſſe deutend, ſeinen Gefährten zu: „Jetzt iſt es Zeit.“ „Zu was iſt es Zeit?“ flüſterte Harold. 425 „Werden Sie nicht ungeduldig,“ erwiderte Doe⸗ tor Curry;„Sie werden es bald ſehen.“ Fünfzig Paar kräftiger Arme ſetzten ſich jetzt ſogleich in Bewegung, um mit tüchtigen Hebeln die ungeheure Maſſe in Bewegung zu ſetzen, welche nur langſam bei Seite rollte, als ob ſie ungerne das Geheimniß enthüllte, das ſie ſo getreulich verborgen hatte. In einer in den Felſen gehauenen Vertie⸗ fung kam jetzt ein in Eiſen gebundenes Käſtchen zum Vorſchein, welches die Beſitzurkunden der Herr⸗ ſchaft Burg⸗Hall enthielt. „Nehmen Sie es in Empfang,“ ſprach der alte Mann, der die Arbeit geleitet hatte,„und ſagen Sie, ob die Bergleute von Alſton⸗Moor nicht getreu⸗ lich ihre Pflicht erfüllt haben?“ „Sehr getreu,“ antwortete der Grundherr tief bewegt. „Ja, ja,“ bemerkte der Doctor,„ich wußte wohl, wo man die Papiere verſtecken mußte, daß keine Polizeimacht im Stande ſei, ſie aufzuſtöbern.“ „Zuerſt hätte man uns in Stücke hauen müſſen,“ riefen die Männer. „Selbſt die von Brandon ausgeſetzte Belohnung brachte dieſe braven Leute nicht dahin, etwas zu verrathen; mit Gold erkauft man die wackern Burſche Cumberlands nicht.“ „Mein nächſter Dank,“ ſagte Marmaduke Burg, des Arztes Hand ergreifend,„Lebührt Ihnen—“ „Und Peter Bodger,“ unterbrach ihn dieſer, auf den alten Soldaten deutend, der in ſeine Uniform gekleidet, mit der Waterloo⸗Medaille auf der Bruſt ein ſtummer Zuſchauer dieſer Scene war.„Wenn 426 er nicht geweſen wäre, ſo hätte ich den geheimen Eingang in das Archiv nie entdeckt. Wer hätte wohl geglaubt, wenn man den grauköpfigen alten Sen anſieht, daß er ſo viel Krütze beſitzt. Wir waren Beide feſt entſchloſſen, lieber in's Gefängniß zu wandern, als etwas auszuplaudern, und wenn es je ſo weit gekommen wäre, ſo hätten dieſe braven Leute hier ſchon ein Verſteck für uns ausfindig gemacht. Nach beendigter Wahl hat eine ſehr ſcharfe Nachſuchung ſtattgefunden.“ Wie unſere Leſer begreiflicher Weiſe vorausſetzen werden, ſo beſchränkte ſich die Dankbarkeit eines Mannes, wie Marmaduke Burg, nicht blos auf Worte. Noch an demſelben Tage faßte er den Ent⸗ ſchluß, den er auch kurz darauf mit Hilfe des Doc⸗ tors ausführte, eine Lehrſchule für die Bergleute zu gründen. Zwar waren viele darunter zu alt, um noch Nutzen daraus zu ziehen, aber ſie begriffen wenigſtens den Vortheil davon und ſahen mit Ver⸗ gnügen, welche Wohlthat ihren Kindern dadurch zu Theil ward. Zum Schluſſe fand noch ein großes Feſt in dem Park ſtatt, worauf die Geſellſchaft ſich nach London begab, um bei der Gerichtsverhandlung gegen Sir John Sellem und dem Rentmeiſter Snape gegen⸗ wärtig zu ſein, deſſen Schickſal nur zu gewiß war; denn ſelbſt, wenn er des Mords an dem Caſſier nicht überwieſen werden konnte, ſo lagen jetzt Zeugen⸗ ausſagen vor, daß er den Tod des Vaters von Will mit dem Knittel verſchuldet habe. „Nein, nein,“ ſagte der Doctor, als Harold Tracy und Harry in ihn drangen, ſie nach Grans⸗ 427 toun⸗Park zu begleiten, um bei ihrer Vermählung anweſend zu ſein,„Peter und ich ſind zu alt zum Reiſen; überdieß können mich meine Patienten nicht entbehren, und ſomit wünſche ich Ihnen olles Glück zum Voraus. Halten Sie mich nicht für undank⸗ bar, nachdem Sie mir ſo viel Liebes und Gutes er⸗ wieſen haben, aber Alles hat ſeine Zeit. Spanien hat mir wenigſtens ein Dutzend Jahre zu meinen ſechsundſechszigen auf den Rücken gebunden.“ „Dann müſſen wir Ihnen unſre jungen Frauen bringen, damit dieſe Sie kennen lernen,“ antwor⸗ teten die jungen Männer vergnügt. Es iſt wohl nicht nöthig anzuführen, wie herz⸗ lich ſie bei ihrer Rückkehr nach London von Bella und Miß Cheerly, ſowie von Sir Mordaunt und dem General willkommen geheißen wurden. Miß Margaret Trach allein konnte nicht ſo lange ver⸗ weilen bis die Gerichtsſizung über den Baronet vorüber war. Ihre Diamanten waren unterdeſſen neu gefaßt worden, und es lag ihr ob, die Halle zu den Vorbereitungen für die Hochzeit in Stand zu ſetzen; in ihren Augen ein Ereigniß von höchſter Vichtigkeit, weil es nicht nur das Glück ihres Neffen begründete, ſondern auch eine Garantie gegen das Crlöſchen des Namens, auf den ſie ſo ſtolz war, zu bieten ſchien. Kit's erſter Beſuch galt Suſan's Liebhaber, der feſter als je entſchloſſen war, ſein Wort zu halten und das arme Mädchen zu heirathen. „Ich habe mir zweihundert Pfund erſpart,“ ſprach er,„damit können wir in Amerika ſehr glück⸗ lich leben.“ 423 „Und weßhalb nicht in England?“ fragte ſein Freund. „Ich wäre ganz damit zufrieden,“ antwortete der junge Mann,„aber ich fürchte, daß es mit Suſan ſich nicht ebenſo verhält; die iſt ſo empfind⸗ lich. Es iſt mir lieb, daß Du gekommen biſt,“ fuhr er fort,„denn ich ſtehe gerade auf dem Punkt, nach dem Maierhofe mich zu begeben. Ich zweifle nicht, daß ich ſie unverändert finden werde.“ „Du wirſt ſie ganz nach Wunſch finden,“ be⸗ bemerkte Kit,„wenn je Reue ein Herz gereinigt hat, ſo iſt es bei dem ihrigen der Fall; Du mußt aber ihren Freunden erlauben, auch etwas zu eurem künftigen Glücke beizutragen. Deine Frau wird nicht mit leerer Hand kommen.“ „Wie meinſt Du das?“ „Daß Miß Cheerly und Nancy jede ihr ein Ge⸗ ſchenk von hundert Pfund machen wollen.“ „Nancy?“ wiederholte Bob erſtaunt, denn er konnte nicht begreifen, wie das Mädchen, das er ſo arm gekannt hatte, über eine ſolche Summe ver⸗ fügen könne, bis ſein Freund ihm die Freigniſſe mittheilte, die vor Kurzem erſt ſich zugetragen hatten. „Du biſt ein glücklicher Menſch,“ bemerkte Bob, nachdem er ihm gratulirt hatte;„aber Du verdienſt auch, daß es Dir gut geht. Ich wollte, ich wäre auch ſo vernünftig geweſen wie Du.“ „Laß jetzt das Bedauern,“ erwiderte Kit fröhlich; „wenn das Herz unverdorben iſt, ſo iſt es nie zu ſpät ſich zu beſſern. Ich verdanke meinen Wohlſtand nicht meinen Verdienſten, ſondern denen meiner Frau. Es war ein glücklicher Tag, als ich die eitlen 429 Thorheiten eines Lebens voll Luſtbarkeiten gegen eines, das ihrer würdiger war, aufgab.“ Der Liebhaber der reumüthigen Suſan machte ſich den folgenden Tag nach dem Maierhofe auf den Weg, wo er ſich mit ihr vermählte. Nach ihrer Rücktehr nach London machte das Paar nur Einen Beſuch— nämlich bei ihren Wohlthätern. Seitdem haben wir vernommen, daß es ſich wohl und glücklich in Amerika befindet. Neunundſiebzigſtes Capitel. Die Entdeckung von der Fälſchung der Voll⸗ macht, durch welche Sir John Sellem ſich in den Beſitz des Vermögens der Miß Cheerly geſetzt hatte, war ein Schlag, deſſen Folgen weder Redensarten noch Rechtsverdreherei abzuwenden vermochten. Hin⸗ ſichtlich des Bankerotts und des Mißbrauchs des Ver⸗ trauens fühlte ſich der Baronet ziemlich beruhigt. Das Geſetz war in dieſen Punkten ziemlich ungewiß, und er durfte bei ſeinem Rang auf eine gewiſſe Sympathie zu ſeinen Gunſten rechnen; denn mag es ſich damit verhalten wie es will, ſo findet das Publikum in Folge der moraliſchen Irrthümer beim Beurtheilen, die weder Vernunft noch Philoſopbie zu erklären vermögen, Entſchuldigungsgründe für die Verbrechen eines Menſchen, der vermöge ſeiner Stellung gerade am allerwenigſten Grund hatte, den Verſuchungen nachzugeben. Dagegen hat es wenig Mitleid mit dem halbverhungerten Unglück⸗ 430 lichen, der durch Elend gedrängt vielleicht durch das Geſchrei ſeiner Kinder zur Verzweiflung getrie⸗ ben, einen Laib Brod ſtiehlt. Der vornehme Dieb dagegen, der Mann von Erziehung, der ſeine Be⸗ trügereien in höherem Style betreibt, welcher das Glück derjenigen zerſtört, die ihm vertrauten, dem Alter die Stütze, den Wittwen und Waiſen ihren kleinen Lebensunterhalt raubt, erregt durch ſeinen Fall Mitleiden anſtatt Verachtung. Es iſt ein wahres Glück für England(ſowie auch für andere Länder), daß die Richter im All⸗ gemeinen von dieſer Schwäche frei ſind. Mit ſtren⸗ gem Rechtlichkeitsgefühl legen ſie das Geſetz aus und halten die krankhaften Gefühlsäußerungen der Geſchworenen in den geeigneten Schranken. Am Morgen der Gerichtsſitzung war der Gerichts⸗ ſaal von Old Baily über und über mit Menſchen angefüllt; es fehlte faſt keine der merkantilen Ro⸗ tabilitäten der City von London. Die Sherifs waren mit Bitten um Plätze förmlich beſtürmt worden, denn es hieß, daß ſehr merkwürdige Enthüllungen zur Sprache kommen werden. Der Anwalt der Bank von England und der Juſtitiar derſelben traten als Kläger auf, und als die Richter ihre Sitze einnahmen entfaltete der Letz⸗ tere ein umfangreiches Protokoll. Es war die Anordnung getroffen worden, daß Wigget zuerſt abgeurtheilt, aber kein Zeuge gegen ihn vernommen werden ſolle, damit ſeine Frei⸗ ſprechung ihn in den Stand ſetze, ein Zeugniß ab⸗ legen zu können, durch das man einen größern und weit ſchuldigeren Verbrecher zu überführen im Stande wäre. Der kleine Mann zeigte eine ſehr beſtürzte Miene, als er auf der Anklagebank Platz nahm; denn Aller Augen im Saale waren auf ihn ge⸗ richtet. Die Komödie des Vorleſens der Anklageakte ging vor ſich, aber ſobald dieſe zu Ende war, erhob ſich der Staatsanwalt mit der Erklärung, daß keine Zeugſchaft dafür vorliege. Begreiflicher Weiſe erfolgte eine augenblickliche Freiſprechung und der Notar beeilte ſich leichten Fußes die Anklagebank mit der der Zeugen zu ver⸗ tauſchen. Er war ein weißgewaſchener Mann, ge⸗ ſetzlich unſchuldig erkannt an einem Verbrechen, das er zehn Minuten ſpäter, durch ſeinen Eid bekräftigt, als begangen zugeſtehen mußte. Es entſtand ein dumpfes Murmeln und Ge⸗ —räuſch unter den Zuſchauern, als Sir John Sellem in ganz ſchwarzem Anzuge vor den Schranken er⸗ ſchien. Er ſchien vom Kummer zu Boden gedrückt — überwältigt von dem peinigenden Gefühle ſeiner Schmach,— kurz ſein Aeußeres entſprach ſo voll⸗ ſommen der Veranlaſſung, um derenwillen er hier war, daß er denſelben Effect hervorbrachte, wie ein beliebter Schauſpieler in einer Forcerolle, nur mit dem Unterſchiede, daß ihm kein Applaus zu Theil wurde. Während die Anklageacte vorgeleſen wurde, hielt der Lord Oberrichter ſeine Augen feſt auf den Gefangenen gerichtet. Sie hatten ehemals oft bei Diners für wohlthätige Zwecke und ſonſtige Ver⸗ anlaſſungen neben einander geſeſſen. Als der Ge⸗ richtsſchreiber zu Ende war, flüſterte ſeine Lordſchaft einem andern Richter an ſeiner Seite etwas in's 432 Ohr, der die Lippen zuſammenpreßte, um ein Lä⸗ cheln zu unterdrücken; wahrſcheinlich war es ein Bonmot oder ſchlechter Witz, den er ſelbſt in dieſem ernſten Augenblicke nicht zu unterdrücken vermochte. Nachdem Wigget als Zeuge geſchworen, und ſeinen Namen angegeben hatte, begann das Ver⸗ hör mit ihm. „Seit wie lange kennen Sie den vor den Schran⸗ ken ſtehenden Gefangenen?“ fragte der Staats⸗ anwalt. „Seit etwa zehn Jahren.“ „Und ſeit wie lange ſind Sie von ihm mit Ge⸗ ſchäften beauftragt worden?“. „Nahezu ſeit eben ſo lange.“ „Haben Sie auch Vollmachten für ihn ausge⸗ fertigt?“ „Mehrmals.“ „Befindet ſich därunter eine auf den Namen von Emma Cheerly?“ „ Ja. „Wann war dieß?“ „Vor ungefähr drei Jahren.“ „Geben Sie den Grund davon an.“ „Es geſchah in der Abſicht, um Sir John Sel⸗ lem in Stand zu ſetzen, dreiprocentige Papiere, im Betrag von etwa dreißig Tauſend Pfund, zu ver⸗ kaufen, welche auf deren Namen und den ihres verſtorbenen Vaters, des Capitän Cheerly, liefen,“ antwortete Wigget. 5 „Und waren Sie Zeuge der Unterſchrift?“ fragte der Staatsanwalt. „Ich ſah die Unterſchrift.“ „ „Von wem war dieſe?“ „Von Sir John Sellem.“ „Sie wollen alſo damit ſagen, daß es Sir John Sellem war, der den Namen von Emma Cheerly geſchrieben hat?“ „Bei Ihrem Eid?“ „Bei meinem Eid.“ Hier zog der Staatsanwalt, nachdem er unter ſeinen Papieren nachgeſucht hatte, das verhängniß⸗ volle Document hervor' und händigte es dem Zeu⸗ gen ein, der nichts weniger als erfreut ausſah über die demüthigende Rolle, die er zu ſpielen ge⸗ nöthigt war. „Iſt dieß die Vollmacht?“ „Sie iſt es.“ „Und dieß Ihre Unterſchrift als Zeuge?“ O Wir können in der That nicht annehmen, daß Sie ſich zu einem Akt dieſer Art aus bloßer Freund⸗ ſchaft für den Gefangenen herbeiließen; denn ich glaube, daß Sie zu der Zeit, als die Fälſchung be⸗ gangen wurde, eine achtbare Stellung an der Spitze der Firma Wigget und Tye einnahmen.“ „Ich ſtand nie an der Spitze der Firma und wgr ſogar kaum ein Theilhaber derſelben,“ antwor⸗ tete der kleine Mann haſtig.„Mr. Tye war die Hauptperſon. Ich mußte nur recht tüchtig arbeiten; Tye, der nie offen zu Werke ging, leitete Alles im Geheimen. Auf dieſe Weiſe war das Riſico ganz auf meiner Seite, während er ſich den Löwenan⸗ theil an der Beute zueignete.“ Mehr als eine Perſon im die Licbt⸗ und Schattenſeiten. V. 434 dieſe merkwürdige Ausſage hörte, fühlte ſich ge⸗ neigt, den Zeugen des Meineids zu beſchuldigen; ſo groß war das Vertrauen, welche die weiße Cra⸗ vatte und der tadellos ſchwarze Anzug, mehr als Beides aber das ſcheinheilige Weſen des Mr. Tye einflößte. „Wie viel erhielten Sie dafür, daß Sie die Urkunde aufſetzten und beglaubigten?“ „Dreihundert Pfund, von denen aber mein Partner zweihundert für ſich nahm.“ „Wurden Sie in Gold oder Banknoten bezahlt?“ „In Banknoten.“ Nichts konnte klarer ſein, als das Zeugniß Wigget's, und doch mußte es aus ihm herausge⸗ wunden werden, wie das Gold aus den Griffen des Geizigen, indem er nur zögernd und unter ſchweren Kämpfen mit ſich ſelbſt ſeine Ausſagen machte; denn wenn er auch hinſichtlich der Fälſchung nichts mehr zu befürchten hatte, ſo fah er ſich doch in Lilini's Hand gegeben, deſſen unermüdliche Agen⸗ ten noch andere Anklagepunkte gegen ihn ausfin⸗ dig gemacht hatten. Der Caſſier hatte dieſe zuerſt auf die Spur geführt, und ſein eigenes Zeugniß hatte die Beweiſe geliefert, ſo daß es gänzlich von dem Grafen abhing, ob er ihn weiter verfolgen wolle oder nicht. Die Folter ſchien dem armen Schelm ein Roſenbett im Vergleich mit den Qualen, die er zu erdulden hatte, als der für die Verthei⸗ digung beſtellte Anwalt ſich erhob, um ein Kreuz⸗ verhör mit ihm vorzunehmen. „Sie ſind ein Rechtskundiger, Mr. Wigget, ſo viel ich weiß?“ hub dieſer an. „Das bin ich.“ — 435 „Und Ihr Name ſteht noch immer in der Liſte der Anwälte?“ „Noch immer,“ antwortete der kleine Mann, tief erröthend, indem er ſich bemühte, den Blicken ſo vieler neugieriger Augen, die auf ihn gerichtet waren, auszuweichen, was ihn aber nichts nützte, denn wohin er ſich wandte, folgten ihm dieſe nach. „Auf welche Weiſe wurden Sie zuerſt mit dem vor den Gerichtsſchranken ſtehenden Gefangenen be⸗ kannt?“ „Auf dem Geſchäftswege.“ „Und haben Sie wirklich die Abſicht zu beſchwö⸗ ren, daß Sir John Sellem Ihnen den Vorſchlag machte, dieſe Fälſchung auszuführen, durch die er ſeine Ehre und ſeinen Ruf in die Hände eines un⸗ und gewiſſenloſen Menſchen, wie Sie, egte?“ Der Zeuge ließ den Kopf ſinken. „Antworten Sie mir, mein Herr!“ rief der An⸗ walt, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend, indem er ſich zugleich zu dem nöthigen Grad von Unwillen tiniſſegerte„und vergeſſen Sie dabei nicht Ihren i— „Es war nicht unſer erſtes Geſchäft dieſer Art,“ ſagte Wigget mit matter Stimme. So gedrückt er auch war, ſo lief doch eine kleine Bosheit mit unter; denn trotz ſeiner Verwirrung war er doch no hinreichend Herr ſeiner ſelbſt, daß er das Gewicht jedes Wortes, das er ſprach, genau kannte. In dieſem Augenblicke ſteckte des Baronets Rechts⸗ freund dem Anwalt ein in der Eile mit Bleiſtift von dem Angeklagten geſchriebenes Billet zu, das dieſer, nachdem er es durchleſen, zu den Akten 28* 436 legte, und dann gewandt auf einen andern Punkt des Verhörs überging; denn der, den er ſo eben angeregt hatte, ſchien für die Intereſſen des Ban⸗ kiers eine gefährliche Wendung zu nehmen. Der Staatsanwalt begnügte ſich ebenſo taktvoll, wie ſein gelehrter College, eine Notiz, ſowohl über die geſtellte Frage, als die Antwort, zu Papier zu bringen. Nach noch manch andern Kreuz⸗ und Querfragen, welche dem kleinen Schelmen bald heiß, bald kalt machten, wurde es ihm endlich vergönnt, mehr todt, als lebendig, ſich von der Zeugenbank entfernen zu dürfen. Der gelehrte Anwalt für die Verthei⸗ digung hatte zwar offenbar einen großen Triumph gefeiert, aber die Sache ſeines Clienten war da⸗ durch nicht beſſer geworden, indem das Zeugniß Wigget's in dem Punkte, um den es ſich handelte, nicht erſchüttert worden war. Miß Cheerly und deren Freunde, denen reſer⸗ virte Sitze in dem Gerichtsſaale eingeräumt worden waren, fühlten einiges Unbehagen, als endlich der Zeitpunkt erſchien, in welchem ſie verhört werden ſollte. Sie hatte aber durch den einfachen Vortrag ihrer ausgeſtandenen Leiden bei Helsman's Prozeſſe ſo großes Intereſſe erweckt, daß der Vertheidiger es nicht für politiſch hielt, ſie nochmals einer ähnlichen Probe auszuſetzen, indem er fürchtete, daß die Sache ſeines Clienten dadurch nur noch ſchlimmer würde. Um die Erreichung eines Ziels, an welches ſelbſt Autoren endlich gelangen müſſen, nämlich den Schluß nicht länger zu verzögern, begnügen wir uns anzu⸗ führen, daß nach einer vortrefflichen Vertheidigungs⸗ ——— 437 rede, welche eine Menge Hypotheſen enthielt, die aber von dem Staatsanwalt gründlich widerlegt wurden, der Baronet, Sir John Sellem, Bankier und Han⸗ delsmann in der Eity von London, des Verbre⸗ chens der Fälſchung für ſchuldig erkannt und zu lebenslänglicher Deportation verurtheilt wurde. Tod⸗ tenbläſſe bedeckte ſein Antlitz, als er die Gerichts⸗ ſchranken verließ; denn welche Vorſätze er auch für die Zukunft gefaßt haben mochte, ſo war ſeine Exi⸗ ſtenz jetzt geſchloſſen; man hatte ihm nichts gelaſſen, als das Leben, aber unter Verhältniſſen, die das⸗ ſelbe zu einem Fluche und nicht zu einem Zut much⸗ ten. Selbſt die Waiſe, die er ſo ſchändlich mitge⸗ ſpielt, fühlte Mitleid mit ihm. In dieſem, wie in ähnlichen Fällen war, die Bank von England der durch dieſe Fälſchung verlierende Theil. Der Wahrſpruch gab Miß Cheerly das Ver⸗ mögen zurück, das ihr ſo lange entzogen worden war⸗ Am folgenden Tage machten ſich die in London anweſenden Freunde auf den Weg nach dem Lande; die Liebenden in der Ausſicht auf ihr bevorſtehen⸗ des Glück, Sir Mordaunt Tracy, General Trelaw⸗ ny, Kit, deſſen Gattin und deren Eltern im Mit⸗ gefühle des Glücks derjenigen, die ihnen mit Recht ſo theuer waren. In einer der nächſten Gerichtsſitzungen wurde der Rentmeiſter Snape des Mords an dem Caſſier für ſchuldig erkannt und zum Tode verurtheilt. Er hatte nicht, wie ſein Verbündeter Helsman, die Vorſicht gebraucht, ſich mit einem Mittel zu ver⸗ ſehen, durch das er ſich der zeitlichen Strafe zu ent⸗ ziehen vermocht hätte; allein ſelbſt wenn er es be⸗ 438 ſeſſen hätte, ſo hätte es ihm an dem gräßlichen Muthe gefehlt, daſſelbe gegen ſich anzuwenden. Unmittelbar nach dieſer Sitzung trafen ſich die beiden Notare, Wigget und Tye, zufällig in einer Garküche in der Nähe von Old⸗Bailey. Es war das erſte Mal, daß ſie ſich ſeit der Rückkehr des Erſtern wieder ſahen. Tye, der ungeheure Opfer hatte bringen müſ⸗ ſen, um ſich nicht in die Anklage des Mords als Mitſchuldiger verwickelt zu ſehen, ſah ſehr nieder⸗ geſchlagen aus. Sein Ruf, und was ihn noch mehr betrübte, ſein ſchlecht erworbenes Geld war fort; denn ein Zeugniß zur Beſchwörung eines Alibi wird ſelbſt in England nicht ohne große Koſten erlangt. Auch das Mißtrauen ſeiner Clienten war rege ge⸗ worden; die meiſten darunter hatten ihm ihre Ge⸗ ſchäfte entzogen, und er war daher im buchſtäblichen Sinne des Wortes ein ruinirter Mann. Längere Zeit ſprach keiner der beiden früheren Partner ein Wort mit dem andern, ſondern ſie ſaßen mit finſtern Blicken ſich gegenüber. Wigget that den erſten Schritt; er konnte es am eheſten wagen, denn der Graf hatte ihn mit Mitteln ver⸗ ſehen, durch die er ſich eine neue Exiſtenz im Aus⸗ lande gründen konnte. „Schlechter Wind,“ ſprach er. „Allerdings,“ erwiderte Tye. „Wer hätte geglaubt, daß Sir John ein ſolcher Dummkopf ſei? Was gedenken Sie anzufangen?“ Tye zuckte verzweiflungsvoll die Achſeln. „Sie wiſſen es nicht?“ „Nein.“ ——— —— 439 „Ich auch nicht,“ bemerkte Wigget.„Mit unſrer ſeitherigen Prarxis iſt es hier zu Ende.“ „Leider iſt es ſo,“ ſeufzte Tye. „Diejenigen, mit welchen ich zu thun hatte, ha⸗ ben, wie ich nicht anders ſagen kann, ſich freigebig gegen mich gezeigt, denn ſie haben mir dreihundert Pfund gegeben, um damit eine neue Exiſtens mir zu gründen. Man hat mir gerathen, nach Amerika zu gehen, aber wie ſehr wir uns auch in England abmühen mußten, ſo fürchte ich doch, daß man da drüben noch angeſtrengter arbeiten muß.“ Sein Leidensgefährte bemerkte, daß es ihm ge⸗ lungen ſei aus ſeinem Schiffbruche eine ungefähr gleich große Summe zu retten. Die Unterhaltung wurde intereſſant; vielleicht war es möglich, daß Beide auf's Neue wieder Geſchäfte zuſammen ma⸗ chen konnten. „Sehen Sie, Tye, für Männer mit unſern Fähigkeiten und Grundſätzen iſt es nie zu ſpät, auf's Neue ihr Glück zu verſuchen; aber weßhalb ſoll man es auf der andern Seite des atlantiſchen Meeres ſuchen, wenn es daheim viel näher liegt?“ „Gewiß nicht,“ erwiderte der Erſtere, ſeinen Stuhl näher rückend,„und obgleich Sie in Ihrer Zeugenausſage zu beweiſen ſuchten, daß ich ein Schuft ſei, ſo trage ich Ihnen dieß doch nicht nach.“ „Ich war durch meinen Eid gebunden,“ bemerkte der kleine Mann ernſt. Sein Partner gab durch ein trockenes Hüſteln zu verſtehen, daß es bei ihm vergebliche Mühe ſei ſich weiß waſchen zu wollen. „Ueberdieß befand ich mich in den Händen von Leuten, die mir keine Gnade hätten angedeihen laſ⸗ 5 440 ſen, wenn ich etwas verſäumt oder Ausflüchte ver⸗ ſucht hätte,“ fuhr Wigget fort.„Selbſterhaltung — Sie kennen ja das Sprichwort.“ Für einen Menſchen, wie Tye, war eine ſolche Erläuterung vollkommen genügend, weil ſie ver⸗ ſtändlich war; er würde in einer ähnlichen Lage gerade eben ſo gehandelt haben. „Sprechen wir nicht mehr davon; hier iſt meine and.“ Wigget reichte ſie ihm. „Und wenn Sie etwas vorzuſchlagen wiſſen— vorausgeſetzt, daß es ſicher, ganz ſicher iſt—“ „Sicher!“ wiederholte ſein Camerad;„wenig⸗ ſtens iſt es einträglich, und jedes große Riſico kann vermieden werden. Sie haben doch vermuthlich ge⸗ hört, wo ich mich aufgehalten habe?“ „Nein.“ „Auch nicht, wie man mich erwiſcht hat?“ „Nein.“ „Dann muß ich Ihnen eine Beſchreibung von dem Orte meines Aufenthalts und den Leuten, die dort leben, machen,“ rief der kleine Mann aus. Nach einer kurzen Beſchreibung von Oſtende, von deſſen rückkehrfähigen und nicht rückkehrfähigen Lords, durch deren Wiederholung wir unſere Leſer nicht ermüden wollen, wies Wigget auf das weite Feld hin, den ein ſolcher geſellſchaftlicher Zuſtand der Energie und dem Unternehmungsgeiſte darbiete 3 „denn ſollten Sie es glauben,“ ſetzte er hinzu, „daß trotz dieſer Buntſcheckigkeit von Leuten doch eine Gattung dort fehlt.“ „Und welche meinen Sie?“ 441 „Es fehlt an einem Advokaten— einem ächten engliſchen Advokaten.“ Tye's Geſicht drückte Erſtaunen und Widerwillen aus. Wahrſcheinlich konnte er nicht begreifen, wie irgend eine Geſellſchaft ohne ein ſolches Mitglied beſtehen könne. „Ich habe dort über dieſen Punkt nachgedacht und bin halb und halb geneigt dahin zurückzukehren und mich zu etabliren.“ „Allein?“ „Allein oder mit einem Theilnehmer,“ erwiderte Wigget;„aber erinnern Sie ſich wohl, es darf ſich dießmal nicht um einen Löwenantheil handeln, ſon⸗ dern um einen Partner mit völlig gleichem Antheil.“ „Soll dieß ein Anerbieten ſein?“ fragte der Herr in der weißen Cravatte, der ſich mit Stolz bewußt war, daß ſein höchſt achtbares Ausſeben als Geſchäftsmann mit in Betracht zu ziehen ſei. Er hatte ſeinen ſchadhaft gewordenen Ruf bereits ver⸗ geſſen. „Wenn Ihnen mein Vorſchlag gefällt, ſo ſchla⸗ gen Sie ein.“ „Wie viele Tage gewähren Sie mir zur Ueber⸗ legung?“ „Drei,“ erwiderte Wigget. Nach Ablauf dieſer Zeit wurde ein Geſellſchafts⸗ Vertrag aufgeſetzt und die beiden würdigen Com⸗ pagnons machten ſich auf den Weg nach Oſtende. Das Erſtaunen des Schenkwirths Snake iſt ſchwer zu beſchreiben, als er den Mann, den er ſo ſchlau verrathen hatte, plötzlich wieder bei ſich eintreten ſah, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Trotz ſeiner Unverſchämtheit— die nicht klein war 1 . 1 —ů——z—z———— 442 Umſtand, der ſich ſeit des Notars Abweſenheit zu⸗ getragen, ſeine Nerven etwas angegriffen. Einer ſeiner Spießgeſellen, der mit ihm aus England zu derſelben Zeit und zwar wegen deſſelben Vergehens wie er entflohen war, Namens Morton, hatte ſich in Williams Tavern in Brügge durch Erhängen das Leben zu nehmen geſucht, war aber glücklicher Weiſe noch zu rechter Zeit von dem Wirthe abge⸗ ſchnitten worden. Beide waren gleiche Verbrecher. Der einzige Unterſchied zwiſchen ihnen war aber der, daß Morton noch einen Funken Gewiſſen be⸗ ſaß, Snake dagegen gar kein Gewiſſen hatte. Im Verlauf von einigen Tagen war ein Haus gemiethet, an deſſen Thüre eine imponirende Meſ⸗ ſingplatte prangte— denn es wäre wohl ein Ueber⸗ maß von Beſcheidenheit geweſen, ihre Namen auf anderes Metall zu graviren,— in den Tagblät⸗ tern war die Ankündigung zu leſen, daß die Her⸗ ren Wigget und Tye als Notare und General⸗ agenten von Belgien ſich hier niedergelaſſen hätten, und es dauerte nicht lange ſo fanden ſie vollauf Beſchäftigung. Die meiſten der Coloniſten hatten Geſchäfte ſehr zarter Art zu ordnen, welche Takt und Erfahrung erforderten, und Leute, die keinen Schilling aufzutreiben vermochten um eine liquide Schuld zu bezahlen, wußten die Mittel zu finden, die Habſucht der beiden Anwälte zu befriedigen. Der Grund lag eigentlich ſehr nahe: die belgiſchen Wirthshausbeſitzer und Kaufleute gaben Credit, was die Herren Wigget und Tye nicht thaten. Kurz nach ſeiner Rückkehr erfreute ſich der kleine Mann einer gewiſſen Befriedigung ſeiner Rachſucht. — gerieth er in Verlegenheit. Vielleicht hatte ein 443 Sein Freund Snake, der einmal in ſeinem Leben ſeine gewohnte Schlauheit vergaß, ſteckte faſt all ſein Geld in ein patentirtes neues Unternehmen, das nichts weiter als lauter Windmacherei geweſen war. Zu allem Unglück brannte ihm zu gleicher Zeit ein Haus, das er in Kent beſaß, ab. Es war dieß ſeine letzte Hilfsquelle geweſen; allein obgleich verſichert, weigerte ſich die Braändkaſſe ihn eher auszuzahlen, als bis er ſeine Anſprüche gehörig nachgewieſen habe. Wahrſcheinlich witterten die Direktoren Unrath; welche Gründe ſie aber auch immerhin haben mochten, ſo waren ſie ſicher ge⸗ gründeter Art. In Folge dieſer Mißgeſchicke ſah ſich Mr. Snake, der vor Kurzem ſich mit hochflie⸗ genden Planen noch getragen, genöthigt ſein Wirths⸗ haus in Oſtende aufzugeben und nach Brüſſel über⸗ zuſiedeln, da es ihm an ſeinem ſeitherigen Aufent⸗ haltsorte zu heiß geworden war und Belgiens Haupt⸗ ſtadt einem Genius, wie dem ſeinigen, ein weiteres Feld für ſeinen Wirkungskreis bot. So oft er ſpä⸗ ter mit einem ſeiner früheren Bekannten zuſammen⸗ traf, vergoß er jedesmal einige Krokodilthränen, beklagte um ſeiner theuren Familie willen ſein Miß⸗ geſchick und nannte ſich einen zu Grund gerichteten Mann. Auch mit der Firma Wigget und Tye können wir kurz abſchließen, um uns ſodann einem ange⸗ nehmeren Gegenſtande— der Belohnung der Tu⸗ gend— zuzuwenden. Nach zwei oder drei Jahren erfolgreicher, aber vorſichtiger Praris, ließen ſich die beiden Theilneh⸗ mer, die ihre alten Winkelzüge nicht vergeſſen konn⸗ ten, in eine Speculation ein, bei der es ſich um 444 Eiſenbahnprojekte handelte, und welche, wenn ſie unentdeckt geblieben wäre, ſie ſehr bereichert hätte. Wenn es aber etwas gibt, von dem ſich der Bel⸗ gier ungern trennt, ſo iſt es das Geld. Die Ac⸗ tien⸗Inhaber wurden unruhig. Eine allgemeine Verſammlung wurde zuſammenberufen, die Erläute⸗ rungen verlangte. Wigget entwickelte ſeinen gan⸗ zen Takt, und Tye nahm das reſpektabelſte Aus⸗ ſehen an, ſo daß er in der That wie das Urbild der Ehrenhaftigkeit und der Solidität ausſah; aber dieß Alles nützte nichts; dießmal gelang es der weißen Cravatte und dem tadelloſen ſchwarzen An⸗ zug nicht, den gewohnten Eindruck hervorzubringen, und ſo kam es, daß nach einer langen Haft die bei⸗ den Partner an einem ſchönen Frühlingsmorgen ſich am Bord eines Schiffes trafen, das im Hafen von Antwerpen vor Anker lag, um nach Amerika unter Segel zu gehen. Sie bte zuſammen ge⸗ rade zehn Pfund in der Taſche. Als das Schiff die Rhede verließ, ſprang Wig⸗ get auf, und indem er mit der Miene eines Man⸗ nes, der ſo eben eine wichtige und unerwartete Entdeckung gemacht hatte, an ſeinen Gefährten ſich wandte, ſprach er das wohlbe annte Sprichwort aus, welches wohl die meiſten von uns während der Schulzeit in ihr Notizbuch geſchrieben haben, und deſſen Richtigkeit im ſpätern Leben ſich bewahr⸗ heitete: „Ehrlich währt am längſten. „Ganz gewiß,“ rief Tye. „Schade, daß wir dieſe 6 früher erkannten. 2 „Ja wohl.“ — 6 „Vielleicht iſt es noch nicht zu ſpät,“ bemerkte der kleine Mann. Sein Genoſſe zog mit troſtloſer Miene ſeine Börſe hervor und deutete zuerſt auf die fünf Sou⸗ veräns darin, dann auf ſeine grauen Haare, indem er mit matter Stimme die Worte:„zu ſpät,“ mur⸗ melte. Wigget wandte ſich abſeits. Beide waren wohl entmuthigt, aber wir zweifeln ſehr, ob ſie je beſſere Menſchen geworden ſind. Daß Ehrlichkeit am längſten währt, beweiſen die Erfahrungen im Leben ſowohl, als die Lehren der Philoſophie und Moral, und es ſollte eine der Hauptaufgaben derer ſein, welche zur Belehrung und Unterhaltung der Jugend ſchreiben, dieſe gol⸗ dene Regel mit den glühendſten Farben zu ſchildern⸗ Wenn es dem Verfaſſer der„Licht⸗ und Schatten⸗ ſeiten des menſchlichen Lebens“ nur theilweiſe ge⸗ lungen iſt, wenn er nur Einen Menſchen auf dem Wege zu dem ſchwindelnden Abgrunde des Verder⸗ hens aufgehalten hat, ſo findet er darin einen rei⸗ chen Lohn für ſeine Arbeit. Wir haben geſehen, daß das Complott gegen das Vermögen der Familie von Burg⸗Hall und die verwaiste Tochter des Capitän Cheerly nicht nur gänzlich ſcheiterte, ſondern daß auch die Haupttheil⸗ nehmer daran die eiſerne Hand des Geſetzes erfaßte oder die eben ſo ſtrenge Geſellſchaft ſie richtete. Al⸗ bert Mortimer, mit Talent und Vorzügen ausge⸗ rüſtet, die ihm bei richtiger Verwendung derſelben zu Reichthum und Anſehen verholfen hätten, wurde mitten in ſeiner Laufbahn von einer rächenden Hand ereilt; Sir John Sellem wurde als Fäiſcher depor⸗ 446 tirt; Snape und Capitän Helsman— doch wir wollen die Gefühle unſrer Leſer durch längeres Ver⸗ weilen bei deren Schickſal nicht länger verletzen und den Vorhang niederrollen laſſen. Achtzigſtes Kapitel. An einem lieblichen Frühlingsabende fuhren die Wägen Sir Mordaunt Tracy's, General Trelaw⸗ ny's und Lilini's die prächtige Avenue hinauf, welche nach Granstoun⸗Hall führt. Es empfing ſie keine Prozeſſion von Pächtern, weil dieſe für einen Tag aufgeſpart wurde, welcher, wie man ſich zuflüſterte, nicht meht ferne ſei, und an welchem der Erbe ihres verehrten Grundherrn ſein Schickſal mit dem der lieb⸗ lichen Bella verbinden würde, die ſtrahlend von Glück an ſeiner Seite ſaß. Das dunkle Gewitter, welches ihren Lebenspfad bedroht, hatte ſich verzogen und die Zukunft ſchien hell und glänzend. Wenn wir ſagen„verzogen“, ſo müſſen wir vielleicht eine kleine Wolke ausnehmen— es war dieß der Gedanke an Eugenie. Das gutherzige Mädchen konnte es nicht vergeſſen, daß ſie ſie lange Jahre hindurch für ihre Schweſter gehalten hatte. Die Erinnerung an frü⸗ here Tage kehrte von Zeit zu Zeit in ihr zurück, und wenn ihr Vater es ihr nicht ausdrücklich ver⸗ boten hätte, ſo hätte ſie ſich beeilt, ihr Troſt zu bringen. „Es darf nicht ſein,“ ſagte der alte Krieger feſt; „die Tugend ſoll mit dem Laſter nie verkehren.“ „Aber ſie bereut ja,“ machte Emma geltend. — G ——— —————,—— F 447 „Ob es ihr damit ernſt iſt, ſoll ſie erſt durch ihr zukünftiges Benehmen beweiſen,“ erwiderte der General,„dann will ich mich auch Deinen Wün⸗ ſchen nicht länger widerſetzen; für jetzt grämt ſie ſich mehr über den Verluſt ihrer Schönheit, als über ihre früheren Irrthümer. Ich kann ihr ihre Undankbarkeit gegen mich verzeihen, aber nicht ihren rachſüchtigen, grauſamen Verſuch, Dein und Harold's Glück zu zerſtören. Wäre ihr Plan gelungen, wer hätte mich über den Verluſt meines Kindes, Deinen Bräutigam über ſeine vernichtete Hoffnung getröſtet?“ Bella ſchauderte über das vor ihren Augen ent⸗ rollie Bild und brachte die Sache nicht weiter mehr zur Sprache, ſondern begnügte ſich, da ihr Vater ihr dieß nicht verboten hatte, ihrer Couſine zu ſchreiben, daß ſie ihr völlig verziehen habe. Dieſer Brief blieb unbeantwortet; Eugenia's Wunden waren vernarbt, aber nicht geheilt. Der alte Sauerteig von Stolz, der ſie in's Verderben geſtürzt hatte, war zurückgeblieben. Von ihrem Vater ſowohl, als von Harold ge⸗ drängt, den Tag der Vermählung feſtzuſetzen, wil⸗ ligte Bella endlich ein; doch wollte ſie zuerſt mit Viß Cheerly Rückſprache nehmen, denn es war längſt zwiſchen den beiden Freundinnen verabredet, daß ſie ſich zu derſelben Stunde mit den Männern ihrer 3 Wahl verbinden wollten. Wahrſcheinlich wäre der ſchwierige Punkt aber nicht ſobald in Ordnung ge⸗ kommen, ohne eine kleine Liſt des alten Militärs. Harold und Harry waren, wie gewöhnlich, zu dem Frühſtück auf den Hof geritten gekommen, und die glückliche Geſellſchaft ſaß an dem Tiſche eines Zimmers, deſſen Flügelthüren ſich auf den Raſen⸗ platz öffneten. Der General hatte bemerkt, daß keine rechte Unterhaltung in Gang kommen wollte, und weil er befürchtete, daß ſeine Anweſenheit dar⸗ an Schuld trage, ſtand er auf, um ſich in das Bi⸗ bliothekzimmer zurückzuziehen. „Wollen Sie uns verlaſſen, Papa?“ fragte Bella erſtaunt. „Ich habe Briefe zu ſchreiben.“ „Briefe?“ wiederholte ſeine Tochter. „Ja, einen an meinen Anwalt, um ihm mitzu⸗ theilen, daß er ſich mit dem Heirathsvertrage, wo⸗ mit ich ihn beauftragte, nicht zu beeilen habe. Mir ſcheint, daß es damit noch in einem Jahre Zeit hat.“ Die jungen Männer blickten Emma und Bella flehend an. „Einen zweiten,“ fuhr der General fort,„an Mrs. Mortimer.“ „Papa! Papa! An dieſe hinterliſtige Frau?“ „Was kann ich machen?“ fragte der alte Herr in ſcheinbar verdrießlichem Tone.„Es paßt nicht, daß Mädchen von Deinem Alter in einem einſamen Landhauſe ohne eine Geſellſchaftsdame leben, und ſie iſt die einzige Perſon, die ich kenne. Ich zweifle nicht,“ ſetzte er boshaft hinzu,„daß ſie ihren Dienſt gerne wieder antreten wird.“ Bella erröthete bis unter die Schläfe. „Wenn Du verheirathet wäreſt,“ fuhr der Ge⸗ neral fort,„ſo verhielte ſich die Sache anders; da ich aber ſehe, daß hiezu vorderhaͤnd keine Ausſicht iſt, ſo werde ich meine Briefe ſchreiben.“ Die jungen Damen ſtanden auf, nahmen ſich unter'm Arm und ergingen ſich auf dem Raſengrunde. „Ihr ſollt ſehen, meine Jungen,“ flüſterte der 449 General mit einem Lächeln ihnen zu,„daß in der Liebe, wie im Kriege, nichts über eine rechtzeitige Diverſion zu Gunſten des angreifenden Theils geht. Ich erwarte euch in der Bibliothek, wohin ihr kom⸗ men werdet, um mir mitzutheilen, daß der Tag endlich feſtgeſetzt iſt.“ Er hatte ſich nicht getäuſcht; noch ehe eine Stunde um war, ſuchten ihn die Liebhaber mit vor Freude ſtrahlenden Geſichtern auf. Noch zehn Tage ſollte ihre Prüfungszeit dauern, ein Zeitraum, welchen der General für ziemlich billig hielt, weil man noch die Putzmacherinnen und die Anwälte zu Rath zu ziehen hatte. „Ich dachte mir's wohl!“ rief der General aus, indem er ſeinem künftigen Schwiegerſohne und Harry herzlich die Hände drückte.„Der letzte Schuß traf, obgleich ich noch einen andern in Reſerve hatte. Der Himmel ſegne euch Beide! Ohne Zweifel,“ fuhr er, an Harold gewendet, fort,„rängt es Sie nach der Halle hinüber zu reiten, um Sir Mordaunt in Kenntniß zu ſetzen.“ Harold meinte, ob nicht der General hinüber reiten wolle. Sein Onkel werde ſehnlich wünſchen ihn zu ſehen, denn er habe viel mit ihm zu ſpre⸗ chen, aber er könne doch unmöglich Bella an einem ſolchen Tage verlaſſen. 2 „Ich bin doch faſt zu alt zu Hymens Boten,“ bemerkte der General;„vielleicht iſt es das Beſte, wenn Sie Ihren Freund Harry ſchicken.“ Harry hatte aber auch ſehr triftige Einwendun⸗ gen zu machen, die er mit einem großen Aufwand von Beredtſamkeit vorbrachte, weil er fühlte, daß Licht, und Schattenſeiten. V. 29 45⁰ ſeine Gründe auf weniger Nachſicht von Seiten des Generals Anſpruch zu machen hatten. „Beſtelle, daß man den Wagen anſpannt,“ rief der General in fröhlichem Tonèé.„Ich bringe mei⸗ nen alten Freund und deſſen Schweſter zum Mit⸗ tageſſen mit mir zurück.“ „Es war ganz merkwürdig, wie raſch dieſe Be⸗ fehle ausgeführt wurden. Die jungen Männer eil⸗ ten ſelbſt in die Ställe, um ſich zu überzeugen, daß kein Verzug ſtattfinde. „Zäume nur ab, Tom,“ ſ getreuen Groom, nachdem er ſelbſt nach Firefly ge⸗ ſehen hatte; ein Geſchäft, das er keinem Andern anvertraute. „Wollen Sie denn nicht nach Hauſe zurückrei⸗ ten?“ fragte der Diener. „Nein, ich bleibe hier.“ Ein gutes Zeichen, dachte Norah's Liebhaber mit einem Blicke des Einverſtändniſſes gegen ſeinen Herrn. Harold erinnerte ſich ſeines Verſprechens und fühlte ſich ſelbſt zu glücklich, als daß er die Neuig⸗ keit nicht dem armen Menſchen mitgetheilt hätte, der ihm ſo lange und ſo getreu gedient. „In zehn Tagen, mein guter Burſche,“ ſprach er. Dieß genügte vollkommen. Der Wagen war bereit, noch ehe der General angekleidet war. Wenige Minuten nach deſſen Wegfahren hätte Cupido, wenn er auf die Jagd gegangen wäre, drei Liebespaare in der nächſten Umgebung des Hofes auf Einmal einfangen können, denn Tom und die hübſche Norah gehörten mit unter dieſe Zahl. Bis der Baronet, deſſen Schweſter und die übri⸗ gen Freunde eintrafen, hatten Bella und Miß Cheer⸗ agte Harold zu ſeinem 451 ly ihre Faſſung wieder gewonnen. Jetzt ging es an ein Küſſen und Gratuliren unter den Damen, welche die Bräute den übrigen Theil des Abends hindurch keinen Augenblick mehr verließen. Miß Tracy, die Gräfin und Nancy ſchienen ſie förmlich in Beſchlag genommen zu haben zum großen Leid⸗ weſen Harold's und deſſen Freund, die ſich förmlich für mißhandelt anſahen, als das alte Fräulein beim Zurückziehen vom Speiſeſaal in das Beſuchzimmer ihrem Neffen und Harry bedeuteéte, den Damen nicht eher zu folgen, bis ſein Onkel und die übrigen Herren ihren Wein ausgetrunken hätten. Kaum ſah ſich Miß Margaret Tracy mit ihrer künftigen Nichte allein, als ſie die Glocke zog und nach ihrer Kammerjungfer verlangte, die ſie mitge⸗ bracht hatte. Dieſe erſchien auch augenblicklich mit einem Kiſtchen unter dem Arm, das, wie unſere Leſer wohl errathen haben werden, nichts Geringe⸗ res, als die Familiendiamanten enthielt, welche für die bevorſtehende Vermählung neu gefaßt worden waren. Das alte Fräulein näherte ſich jetzt Bella, küßte ſie zärtlich und händigte ihr den kleinen ſilbernen Schlüſſel des Käſtchens ein. Es lag etwas ſo Ein⸗ faches und Ungeziertes in der Weiſe, mit der ſie das Geſchenk machte, daß das ſchöne Mädchen nur durch ein Lächeln zu danken vermochte. Seither hatte ſie die gravitätiſche alte Jungfer faſt gefürch⸗ tet, aber deren jetzige Freundlichkeit verſcheuchte die⸗ ſes Gefühl für immer und ſie war feſt überzeugt, daß ſie ſie in Zukunft innig lieben könne; nicht wegen des Werthes der Edelſteine, denn Bella's reines Herz war über dergleichen käufliche Rückſich⸗ 29 452 ten erhaben, ſondern in Folge der Art und Weiſe, wie das Geſchenk gegeben worden war. Es ſchien als wenn die Zeit noch einmal das verwelkte Herz geöffnet hätte, um es für ein neues Band, für eine neue Liebe zugänglich zu machen. „Wie vermag ich Ihnen für ein ſo glänzendes Geſchenk genugſam zu danken, Miß Trach?“ brachte ſie endlich hervor. Die alte Dame wiederholte unter Stirnerunzeln 2 einer Art von Mißbilligung die Worte„Miß racy“. „Meine liebe, gute Tante,“ ſetzte Bella halb laut hinzu. Es war dieß das letzte Zeichen von Mißbilli⸗ gung, welches ſie auf dem Antlitz des alten Fräu⸗ leins zu ſehen bekam. „So iſt es recht, meine Liebe,“ rief dieſe aus. „Durch Ihre Vermählung mit Harold werden Sie meinem Herzen ſo theuer, wie mein eigenes Kind. Er iſt der letzte unſres Stammes, und es iſt deß⸗ halb nicht zu verwundern, daß mein Bruder und ich alle unſere Liebe auf ihn und Sie übertragen.“ Emma beſtand mit der jungen Damen verzeih⸗ lichen Neugierde bei Dingen, wo es ſich um eine Vermählung handelt, darauf, den Inhalt des Käſt⸗ chens zu unterſuchen, und wir brauchen wohl kaum zu verſichern, daß der Anblick der reichen Gegen⸗ ſtände ihr mehrmals den Ausruf:„Herrlich! Präch⸗ tig!“ entlockte. In ihrem Entzücken drang ſie in ihre ſchöne Freundin, das Halsband und das Dia⸗ dem von Diamanten anzulegen. „Sie ſind prächtig,“ bemerkte Bella;„aber hier iſt ein Geſchmeide, das ich jedem andern vorziehe, —— ——— 4⁵3 und welches ich mit meiner Tante Erlaubniß be⸗ ſtändig tragen werde.“ Es war dieß ein einfaches goldenes Bracelet mit dem Bilde der Geberin, nach einem Gemälde von Sir Thomas Lawrence, auf Emaille gemalt, welches Miß Tracy in vollem Glanze ihrer Schön⸗ heit darſtellte, durch welche ſie ein halbes Jahr⸗ hundert zuvor ſo viele Köpfe verdreht hatte. „Es wundert mich, daß Sie es erkennen,“ er⸗ widerte das alte Fräulein ſeufzend. Die beiden jungen Damen verſicherten ſie, daß die Aehnlichkeit zu groß ſei, als daß man ſich irren könnte. Miß Margaret glaubte ihnen und legte un⸗ ter Lächeln ihrer künftigen Nichte das Armband an. Endlich erſchien der wichtige Tag, der noch heute in der Grinnerung der Dorfbewohner von Grans⸗ toun fortlebt, obgleich viele Jahre ſeither verfloſſen ſind. Die ländliche Kirche, in welcher die Ceremo⸗ nie ſtattfand, war mit den köſtlichſten Blumen de⸗ corirt worden, und auf dem dahin führenden Wege hatten ſich die beiden Familien zugehörenden Päch⸗ ter in zwei Reihen aufgeſtellt. Die herzlichſten Segenswünſche begleiteten die jungen Frauen und deren Gatten, als ſie in Prozeſſion das heilige Ge⸗ bäude verließen. Tom und Norah waren zu gleicher Zeit getraut worden. PNach einem ſplendiden Frühſtück, auf welches ein Mittageſſen für die Pächter und Dorfbewohner folgte, reisten die jungen Paare nach dem Conti⸗ nent ab. Als die Wägen wegfuhren, verſicherte Miß Margaret huldvoll ihren Bruder, daß ſie mit ſeinem Betragen bei dieſer Veranlaſſung völlig zu⸗ 45⁵⁴4 frieden ſei. Das Herz des alten Mannes war aber auch zu ſehr von Freude erfüllt geweſen über das bevorſtehende Glück ſeines Adoptivſohnes, als daß er ſich erlaubt hätte einen ſeiner gewöhnlichen Witze zu machen. Nach einem Aufenthalt von einem Monate in Paris, wo Harry und Harold ihre jungen Frauen bei der Herzogin von Rohan und deren reizenden Nichte, der jetzigen Lady Charles Murray, einführten, kehrten die neuvermählten Paare wieder nach Hauſe zurück, wo die Freudenbezeigungen auf'sNeue anfingen. Als Bella und Emma ausſtiegen, hießen ſie die freundlichen Geſichter Nancy's, der Gräfin Lilini und Miß Tracy's willkommen. Der General, Sir Mordaunt und Kit waren ihnen entgegen geritten. „Es iſt Zeit, daß wir jetzt auch an die ernſten Pflichten des Lebens denken,“ bemerkten die jungen Frauen gegen ihre Gatten, als ſie mit Kit und der lieblichen Nancy auf der alterthümlichen Terraſſe von Granstoun⸗Hall ſaßen. Die Herren verſicherten ſie, daß ſie nichts ſehn⸗ licher wünſchten, als von ihnen geleitet zu werden. „Vor Allem,“ ſagte Emma,„müſſen Kelf und Watſon in die Schule geſchickt werden.“ „Das iſt bereits geſchehen,“ unterbrach ſie Kit Corling;„ich kenne den Werth des Unterrichts zu gut, als daß ich den jungen Leuten nicht hiezu Ge⸗ legenheit zu verſchaffen geſucht hätte.“ „Tom und deſſen Frau müſſen auf einer Farm untergebracht werden,“ meinte Bella. „Mein Onkel hat heute einen Pachtvertrag, durch den ihnen eine Farm angewieſen wird, unterzeich⸗ net,“ erwiderte Harold. — „Es iſt alſo ſchon an Alles gedacht,“ riefen die beiden Damen. „Das Glück macht Diejenigen nicht vergeßlich, welche Tugend und gute Grundſätze beſitzen,“ be⸗ merkte Graf Lilini, der die Unterredung mit ange⸗ hört hatte.„Nur Leidenſchaftlichkeit oder Selbſtſucht fühlen keine Theilnahme bei dem Mangel Anderer.“ Wie ſehr wir auch mit dem Schluſſe unſrer Ar⸗ beit zögern mögen, ſo müſſen wir ſie doch endlich zum Schluſſe führen, und doch fühlen wir, gleich den meiſten Autoren, ein natürliches Bedauern, in⸗ dem wir von den Perſonen Abſchied nehmen, welche unſere Phantaſie geſchaffen hat, ja, die nicht ein⸗ mal alle gänzlich aus ihr geſchöpft ſind, denn mehr als Eine darunter iſt nach Charakter, Denk⸗ und Gefühlsweiſe treu den Erinnerungen nachgebildet, welche, wenn auch in dunkeln Umriſſen, ſich in un⸗ ſerm Andenken zu erhalten gewußt haben. Einen Umſtand müſſen wir aber noch unſern Leſern mittheilen, ehe wir unſere Feder niederlegen; die Geburt eines Sohnes ſeines Neffen vollendete das Glück Sir Mordaunt Tracy's und deſſen Schwe⸗ ſter, indem es ſie der Furcht enthob, daß ihr alter Name und Familie ausſterbe. Kaum war der Knabe alt genug, um reiten lernen zu können, als Tom, der jetzt ein behäbiger Pächter war, darauf beſtand, ihm den erſten Un⸗ terricht zu ertheilen. Der treue Menſch wollte die Aufſicht über ſeinen jungen Herrn keinen andern Händen anvertrauen. In der Jagdzeit, während welcher Harold nie verſäumte Granstoun zu be⸗ ſuchen, mußte Tom ſtets die Punkte, wo es die 45⁵6 meiſten Hühner gab, und er fühlte ſich nie glück⸗ licher, als wenn er Harold begleiten durfte. Ddie letzte Nachricht, die wir von Kit mitzuthei⸗ len wiſſen, iſt, daß eine Stadt in Devonſhire, ganz nahe bei den Gütern der Gräfin, ihn in's Parla⸗ ment wählte, und es unterliegt keinem Zweiſel, daß er mit ſeinen rechtlichen Grundſätzen und ſeinem praktiſchen Verſtande ein ausgezeichnetes Mitglied geben wird. Für Watſon wurde inſofern geſorgt, daß man ihm eine Anſtellung im Zollweſen verſchaffte. Was Kelf betrifft, ſo konnte ſich dieſer nie mit dem Ge⸗ danken befreunden, ſich von den guten Ladies zu trennen, wie er Emma und Nancy noch immer nennt, und er bringt deßhalb ſeine Zeit abwechs⸗ lungsweiſe bei der Einen oder der Andern zu und hütet deren Kinder mit der Treue des Hundes und der Liebe eines dankbaren Herzens. Will mit dem Knittel bebaut jetzt unangefochten die Farm, welche Harry ihm zugedacht hatte. Suſan und deren Gatte haben mehrmals aus Amerika geſchrieben, daß ſie glücklich ſeien und daß es ihnen gut gehe. Der Graf oder vielmehr Marmaduke Burg und deſſen Gemahlin verleben den Abend ihres Lebens auf Burg⸗Hall, wo Doctor Curry ſie täglich beſucht. Für den Wanderer ſind die Stürme des Lebens für immer vorüber, und in ſeinem Alter kann er, umgeben von allem Dem, was Liebe wünſcht, ruhig in die Zukunft blicken, ohne dieſe befürchten oder die Vergangenheit beklagen zu müſſen. 1 9 8 9 10 11 12 13 14 15 15 1 £ 9 8 y S