— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 2 von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe jiteeegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Wf. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Augenſcheinlich hatte er etwas auf dem Herzen, das er gerne ab⸗ gewälzt hätte. Er ſchrieb wenigſtens ein halbes Dutzend Briefe an ſeinen Schwiegerſohn, die er aber alle wieder zerriß; er befand ſich in der Lage eines Menſchen, der gern ein Geheimniß mittheilen möchte, daſſelbe aber nicht der Feder anzuvertrauen wagt.„Dieſes Mädchen iſt zu meiner Qual gebo⸗ ren worden,“ murmelte er öfters vor ſich hin. „Möchte dieß die letzte und ſchlimmſte Prüfung ſein, die ſie über mich zu bringen beſtimmt iſt.“ Dieſe Bitterkeit war ohne Zweifel durch den Verdacht er⸗ regt worden, den er hegte, daß das Leiden ſeines Lieblings, Bella, das Werk ihrer Schweſter ſei. Er hatte zwar keinen Beweis dafür, aber der In⸗ ſtinct der Vaterliebe täuſcht ſich ſelten. Dieſem Zuſtande der Unſchlüſſigkeit machte ein Artikel in der Morningpoſt ein Ende, den Mrs. Mortimer 1 F 4 beim Frühſtück vorlas, nachdem ſie zuvor durch den Ausruf eingeleitet hatte:„Wie entſetzlich abge⸗ ſchmackt!“ „Was iſt abgeſchmackt, liebe Frau?“ fragte der General. „Sie ſollen es hören,“ verſetzte die Wittwe:— „Bevorſtehende Vermählung in der gro⸗ ßen Welt.— Wir melden aus beſter Quelle, daß Mr. Brandon Burg, Esquire, dem vor Kurzem erſt die großen Güter ſeiner Familie zugeſprochen wur⸗ den, auf welche Mr. Harry Burg Erbanſprüche mochte, auf dem Punkte ſteht, die ebenſo liebens⸗ würdige als ſchöne Tochter des Generals Trelawny an den Altar zu führen. Der Familienſchmuck iſt neu gefaßt und ein prächtiges Haus bereits in einem der faſhionableſten Quartiere gemiethet worden. Die Trauung ſoll im Laufe des nächſten Monats ſtattfinden.““„ Eugenia's Geſicht überzog eine tiefe Röthe und ihr Herz zuckte krampfhaft zuſammen. Unwillkür⸗ lich wandten ſich ihre Gedanken Harold zu. Es entſtand eine peinliche Pauſe, die einige Minuten lang andauerte. Sie liebt ihn nicht, dachte Bella ſeufzend und hat ihn bloß deßhalb angenommen, um das Haus verlaſſen zu können, in dem ſie ſich unglücklich fühlt. Ich wollte, mein Vater hätte ſeine Liebe zu mir weniger an den Täg gelegt, oder er hätte ſie auch auf meine Schweſter übertragen. „Darf ich fragen, Mrs. Mortimer, was Sie an dem Gedanken der Vermählung meiner Tochter ſo Lächerliches finden?“ 5 Der leichte Anklang von Mißfallen, in welchem die Frage geſtellt wurde, ließ die Wittwe merten, daß ſie eine zarte Seite berührt habe. In gewohn⸗ ter taktvoller Weiſe bemühte ſie ſich den Mißgriff gut zu machen, indem ſie raſch verſetzte:„An ihrer Vermählung nichts, Herr General, denn wer kann Eugenia ſehen, ohne ſie zu bewundern. Nur die Wahl ihres Gatten überraſchte mich, welchen das einfältige Zeitungsblatt ihr zugedacht hat. Es iſt ja kaum länger als vierzehn Tage her, ſeit ſie Mr. Burg zum erſten Male ſah.“ Es war dieß eine jener Paraden, welche die Geſchicklichkeit des Fechtmeiſters beweiſen und mehr in Verlegenheit ſetzen als ein directer Angriff. „Sie hätten ohne Zweifel anders gewählt,“ bemerkte Eugenia ſpitzig. „Das will ich nicht ſagen,“ erwiderte die Wittwe mit gewinnendem Lächeln.„Der in Frage ſtehende Gentleman beſitzt Vermögen und Geburt; mein Sohn ſpricht von ihm als von einem ſehr ehren⸗ werthen und ſchätzbaren Manne, und Albert täuſcht ſich ſelten. Es war nur die plötzliche Veröffentlichung, die ich voreilig fand.“ „Es wäre allerdings taktvoller geweſen, wenn man damit noch zugewartet hätte,“ bemerkte der General trocken. Unmittelbar nach dem Frühſtück beſchied der General die Schweſtern in das Bibliothekzimmer und theilte ihnen mit, daß er auf mehrere Wochen mit ihnen nach London zu gehen beabſichtige, vor⸗ ausgeſetzt, daß Bella ihre Geſundheit für hinläng⸗ lich erſtarkt halte, dieſen Wechſel ertragen zu können. Das arme Mädchen brach in einen Strom von Thränen aus und fragte, ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlingend, ob denn die Verbindung unwider⸗ ruflich beſchloſſen ſei. „Darüber kann die Eugenia allein Aufſchluß geben,“ antwortete ihr Vater mild.„Ich war über ihre Wahl eben ſo erſtaunt wie Du.“ „Sie haben ſie alſo nicht dazu gezwungen?“ „Sie gezwungen!“ wiederholte General Tre⸗ lawny mit einer Aufwallung, welche andeutete, wie ſehr ihn dieſe Vorausſetzung ſchmerze;„ich glaubte, daß wenigſtens Du, Bella, mich genau genug ken⸗ neſt, als daß Du mich für fähig halten könneſt, auf Eugenia in einem Punkte einzuwirken, bei welchem das Glück ihrer Zukunft auf dem Spiele ſteht. Ich verlange bei der Vermählung meiner Kinder nichts Weiteres, als daß mein Schwiegerſohn von Familie und tadelloſem Rufe iſt. So weit ich es in dieſem Falle zu beurtheilen vermag, erfüllt Mr. Brandon Burg dieſe Bedingungen, und es ſteht mir blos zu, der Wahl, die Deine Schweſter getroffen hat, meine Zuſtimmung zu ertheilen. Wenn, wie es ſein ſollte, gegenſeitiges Vertrauen zwiſchen euch beſtünde,“ ſetzte er wie mit einem Vorwurfe hinzu,„ſo hätte eine Frage dieſer Art nie geſtellt werden können. Ich verlaſſe euch nun in der Hoffnung, daß, wenn ich wiederkehre, ihr euch unter einander und euren Va⸗ ter beſſer verſteht.“ Damit verließ er das Zimmer, trotz der flehenden Blicke ſeiner jüngern Tochter, die aus Furcht, ihn beleidigt zu haben, ihn nicht zu bitten wagte noch länger zu bleiben. „Du biſt eine vortreffliche Schauſpielerin, Bella,“ 7 bemerkte die Schöne in kaltem ſatyriſchem Tone, ſo⸗ bald ſie mit dieſer allein war.„Ich begreife jetzt des Vaters Vorliebe für dich. Deine verſtellte Herz⸗ lichteit kann Alle täuſchen, außer mich.“ „Verſtellte Herzlichkeit! O Eugenia, wie kannſt Du mich ſo mißkennen!“ „Weßhalb miſcheſt Du dich denn da ein, wo mein Glück auf dem Spiele ſteht? Willſt Du denn die Aufmerkfamkeit und Bewunderung eines Jeden für Dich in Anſpruch nehmen, der mich liebt? „Wie lieblos und unedel!“ rief ihre Schweſter mit mehr Lebhaftigkeit als ſie je zuvor an den Tag zu legen gewagt hatte, denn ihr Herz wies mit Un⸗ muth dieſe Anſchuldigung zurück.„Ich ſprach in der Ueberzeugung, daß es gänzlich unmöglich iſt, daß Du dieſen Mann, dieſen Brandon Burg, lieben kannſt, der von Sitten und Geiſt roh iſt und keine einzige Eigenſchaft beſitzt, die das Herz eines Weibes, die ſich ſelbſt achtet, zu gewinnen vermag. Ich hielt Dich, Eugenia, von einem falſchen Schritte ab und machte Pir nie einen Vorwurf über das Opfer, welches mich dieſe Handlung koſtete. Ich möchte mich nochmals zwiſchen deinen Stolz und dein böſes Ge⸗ ſchick ſtellen. Ich möchte—“ „Spare Dir die Mühe,“ unterbrach ſie das hoch⸗ müthige Mädchen,„mein Entſchluß ſteht feſt.“ „Die Gattin Brandon Burg's zu werden?“ „Ja.“ „Aber du liebſt ihn nicht,“ fuhr das ſanfte Mädchen dringend fort, die nicht begreifen konnte, wie ein Weib ihre Hand vergeben könne ohne zu⸗ gleich ihr Herz damit zu verſchenken. In ihrer 8 Argloſigkeit hatte ſie keine Ahnung davon, daß bei vielen Menſchen die Ehe nichts weiter als ein Han⸗ delsgeſchäft iſt, in welchem für ein paar Tauſend armſelige Pfunde oder ein Wittthum die köſtlichſten Pfänder der Liebe und Sympathie ausgetauſcht werden, die, wenn man ſie auch erſtickt, doch ein ganzes Leben von Kummer und Reue nach ſich ziehen. „Es iſt nicht nothwendig, daß ich ihn liebe,“ erwiderte Eugenia,„das heißt,“ ſetzte ſie ſich ſelbſt verbeſſernd hinzu,„im Sinne Deiner einfältigen und romantiſchen Begriffe. Ich kann ihn achten und das iſt zu einer vernünftigen Ausſicht auf Glück hin⸗ reichend. Er wird mich aus einer Heimath weg⸗ nehmen, in der ich mich unglücklich fühle, und in eine ſolche führen, wo das Leben ein goldener Traum iſt, vom Lande hinweg, das ich haſſe, in jene Welt, in welcher ich zu glänzen geboren bin.“ „Eine herzloſe Welt,“ murmelte Bella. „Aber deßhalb nichts deſto weniger glänzend,“ verſetzte ihre Schweſter.„Jetzt nachdem Deine liebe⸗ vollen Befürchtungen um mein Glück beſeitigt ſind,“ ſetzte ſie hämiſch hinzu,„hoffe ich über dieſen Gegen⸗ ſtand nicht weiter mehr behelligt zu werden.“ Dieſes Verlangen wurde nicht abſichtslos mit ſo bittern Worten geſtellt. Eugenia wünſchte nämlich jede Anſpielung auf den Eid abzuſchneiden, den ſie der Angſt und der uneigennützigen Liebe Bella's abgerungen und durch den ſie ſie von Harold Tracy getrennt hatte. Beide ſollten ſie ihr Leben lang un⸗ glücklich bleiben, denn das hochmüthige, rachgierige 4 9 Mädchen hatte entfernt nicht die Abſicht, Bella je ihres Verſprechens zu entbinden. „Wie konnte ich nur ſo ungerecht, ſo böſe ſein,“ rief Bella, als ſie ihren Vater wieder ſah,„auch nur entfernt zu denken, daß Sie Eugenia zu einer Verbindung gedrängt hätten, gegen die ſich ihr Herz auflehnt.“ „So hat ſie mir alſo Gerechtigkeit widerfahren laſſen,“ bemerkte der alte Mann, Bella küſſend. „Sie hat die Verbindung ſelbſt gewollt; denn ſie iſt des einfachen Landlebens müde. Möge ſie der Tauſch nie gereuen!“ Darauf wußte Bella, die ſo eben ihrer Schwe⸗ ſter Geſtändniß über dieſen Punkt vernommen hatte, nichts zu erwidern. „Bei der Annahme des Antrags iſt von ihrer Seite durchaus keine Reigung mit im Spiele,“ fuhr der General fort;„ich fürchte ſogar, daß ſie einer ſolchen Empfindung gar nicht fähig iſt. Ehrgeiz hat ihren Entſchluß gereift; der Wunſch eines Wechſels; die Eitelkeit, ihre eigene Herrin zu werden; in den Beſitz eines glänzenden Hausweſens zu gelangen und in der Modewelt eine große Rolle zu ſpielen, das ſind die Motive, die ſie leiten. Der Gedanke an ihre Heimath und uns zu verlaſſen ſicht ſie nicht an.“ „Papa, Papa,“ unterbrach ihn Bella,„Sie be⸗ urtheilen Eugenia zu hart; ſie muß Sie lieben.“ „Ich werde ſo handeln, wie wenn dieß der Fall wäre,“ bemerkte der alte Mann betrübt,„obgleich ich ſchon längſt allen Glauben an ihre Liebe ver⸗ loren habe. Nachdem es ſelbſt Deinem geduldigen 10 Charakter und Deiner einnehmenden Sanftmuth nicht gelungen iſt, eine Stelle in ihrem Herzen ein⸗ zunehmen, darf man ſich nicht wundern, daß meine kälteren Bemühungen fehl geſchlagen haben. Es war eine verhängnißvolle Stunde, in welchér ich ſie unter meinem Dache aufnahm.“ „Ihr Kind, Ihr älteſtes Kind! Sie ſprechen doch von ihr?“ rief das beſtürzte Mädchen. „Von ihr,“ ſagte der Vater, Bella küſſend;„ver⸗ giß aber meine Worte, die ich in der Leidenſchaft und vielleicht mit zu viel Härte ſprach. Die Zeit wird kommen, in der wir uns einmal beſſer ver⸗ ſtehen werden. Nachdem Eugenia ſich nun einmal entſchloſſen hat dieſen Brandon Burg zu heirathen, bleibt mir kein gegründeter Einwand dagegen übrig. Je bälder die Sache in Ordnung kommt, um ſo beſſer; hiezu iſt aber meine Anweſenheit in London nöthig, um dort die nöthigen Anordnungen zu tref⸗ fen. Eben fällt mir ein,“ ſetzte er hinzu,„Du könn⸗ teſt Miß Cheerly auffordern uns zu begleiten. Dein zukünftiger Schwager wünſcht ſobald als möglich deren Anſprüche zu erledigen. Man muß ihn, ſo raſch als es die Umſtände erlauben, beim Wort nehmen.“ Am folgenden Tag fuhren General Trelawny und Bella hinüber nach dem Dorfe zu Miß Cheerly, um ſie aufzufordern ſie nach London zu begleiten. Doch theilten ſie ihr den Grund ihres Beſuchs da⸗ ſelbſt nicht mit. „Es iſt ein Aufenthaltsort, den ich fürchte,“ erwiderte dieſe, indem ſie ſchaudernd des Elends gedachte, das ſie dort zu erdulden gehabt hatte. 11 „Ich hätte nicht gedacht, dieſe Stadt je wieder ſehen zu müſſen.“ „Ihre Intereſſen erfordern Ihre Anweſenheit dort,“ bemerkte der alte Herr.„2 Al s Ihr Vormund — zu dem ich mich freilich ſelbſt aufgeworfen habe, wie ich geſtehen muß,“ ſetzte er mit wohlwollendem e hinzu,—„muß ich darauf beſtehen. Eine Angelegenheit, welche meine Anweſenheit dort noth⸗ wendig macht, wird mich einige Zeit von hier fern halten, und Bella würde ſich ohne Sie ganz un⸗ glücklich fühlen.“ Dieſe Bemerkung überwand jedes Bedenken bei Miß Cheerly und ſie verſprach innerhalb drei Ta⸗ gen ſich bereit zu halten. Nancy äußerte ſich ſehr beſorgt, als ſie die be⸗ abſichtigte Abreiſe ihrer Freundin vernahm.„Es ſei etwas ſehr Schönes,“ meinte ſie,„daß die j junge D Dame ihr Geld wieder erhalten ſolle, deſſen man ſie ſo hartherzig beraubt habe; auch werden ihre Freunde auf dem Hofe ganz gewiß ſie wohl im Auge behalten; aber in Granstoun wäre ſie doch ſicherer, und weder Kit noch ſie ſelbſt würden je er⸗ müden für ſie zu arbeiten.“ „Gewiß nicht,“ erwiderte ihr Gatte, an den ſie ſich zur Beſtätigung ihrer Worte gewendet hatte; zu gleicher Zeit fügte er aber hinzu, daß er keine Beranl laſſung zu Befürchungen finden könne; es ſei ein großer Unterſchied, zwiſchen dem armen unbe⸗ kannten Mädchen, das in einer Mieth⸗ wohnung von dem geringen Ertrage ihres Erwerbs durch die Nadel lebte und derſelben Perſon, die unter dem Dache des Generals Treläwny ſich befinde. Ihre 12 Feinde würden ſich zweimal beſinnen, ehe ſie es wagen würden, eine Gewaltthat gegen ſie zu unter⸗ nehmen. Die gute Nancy wurde dadurch zwar zum Schwei⸗ gen gebracht, aber nicht überzeugt, und ſie ver⸗ mochte ſich mit der Trennung von Miß Cheerly nur dadurch auszuſöhnen, daß dieſe ihr täglich zu ſchreiben verſprach. Als Bella nach Hauſe kam, fand ſie ihr Kammer⸗ mädchen in großer Aufregung. Dieſelbe hatte ſo eben einen Brief von Tom erhalten, welchen Sir Mordaunt Trach mit einem Briefe an den General nach dem Hofe geſchickt hatte. „Das könnte ein Herz von Stein erbarmen!“ rief Norah,„geſchweige denn das eines Geſchöpfes von Fleiſch und Blut, wenn man hört, wie die barbariſchen Spanier den armen Menſchen mißhan⸗ delt haben. Aber ich weiß wohl, wem ich es zu dan⸗ ken habe und wer an dem ganzen Familienelend ſchuld iſt.“ „St!“ ſagte ihre Gebieterin;„kein Wort davon. Denk an Dein Verſprechen.“. „Gewiß, geliebte Miß,“ erwiderte das Mädchen; „ich ſagte auch nur, daß ich es wiſſe, nicht, daß ich es ſagen wolle. Wohl möglich, wenn ich es thäte, daß der feine Gentleman, der wie Finfine prahlend mir mittheilte, ihre junge Herrin heirathen will, dann weniger auf die Partie verſeſſen wäre. Aber ſehen Sie nur nicht ſo böſe drein; es geht Ihnen doch nicht von Herzen. Hören Sie nur, was Tom ſchreibt: „Mein guter Herr hat ſeine frühere heitere 13 Stimmung durchaus noch nicht wieder gewonnen. Zuweilen iſt er ſtundenlang ſo ernſt und ſchweig⸗ ſam, daß, wenn ich nicht die Urſache wüßte, ich fürchten müßte, ihn erzürnt zu haben.““ Hören Sie dieß, Miß Bella?— Er kennt allerdings die Urſache. Wenn es noch eine wahre Liebe auf ber Welt gibt, ſo iſt Squire Harold's Liebe eine treue.“ In dieſem Augenblicke kam Goroo, der ſchwarze Knabe, in das Zimmer, um zu melden, daß Gene⸗ ral Trelawny ſeine Tochter im Bibliothekzimmer zu ſprechen wünſche. Bella kam der Aufforderung mit pochendem Herzen nach, denn ſie war über⸗ zeugt, daß ihr Vater ihr Nachrichten von Harold mittheilen werde. „Mir bekannt, warum Du ſo vergnügt aus⸗ ſehen,“ bemerkte der Knabe gegen das Kammer⸗ mädchen.„Du hören von Tom. Goroo lieben Tom. Maſſa und jung Ladies gehen Alle nach London in drei Tagen. Finfine ſagt mir ſo und Finfine weiß es. Du wieder im Park mit dem großen Lakaien ſpazieren gehen.“ „Niemals, und wenn es außer ihm keinen an⸗ dern Mann in der Welt gäbe,“ verſetzte Norah, den Kopf verächtlich zurückwerfend.„Ich bin treu und wenn ich überhaupt ausgehen ſollte, ſo gehe ich nur mit Dir.“ „Nein,“ verſetzte der Knabe mit großem Ernſt, „ich Finfine nicht eiferſüchtig machen, Goroo iſt auch treu.“ Norah überlas Tom's Brief mehrmals und küßte ihn oft, worauf ſie ihn in den Buſen ſteckte. „Wenn Squire Harold zurückkommt,“ ſagte ſie zu 14 ſich ſelbſt,„theile ich ihm Eugenia's Verrath an ihrer Schweſter mit und mache meine geliebte junge Herrin gegen ihren Willen glücklich.“— Norah war ganz das Mädchen, um ihr Wort zu halten. Den Tag vor der Abreiſe Miß Cheerly's mit der Familie des Generals Trelawny nach London, traf Kit's langjähriger Camerad, Bob Spiers, ſei⸗ nem Verſprechen gemäß, in Granstoun ein und brachte den Knaben Watſon mit, der ſeine Lehrzeit antreten ſollte. Es war ein glücklicher Moment für Alle, beſonders aber für Kelf, den die An⸗ weſenheit eines Freundes und früheren Spielkame⸗ raden ſeines Alters einigermaßen über die bevor⸗ ſtehende Trennung von einer der guten Ladies trö⸗ ſtete, wie er noch immer Nancy und Emma be⸗ zeichnete. Er führte James in die Wertſtätte, wo er ihm das Handwerkszeug zeigte und, um ſeine Geſchicklichkeit in Handhabung deſſelben zu bewei⸗ ſen, ihm einige leichtere Arbeiten wies, welche ihm ſein Meiſter und Wohlthäter zur Ausführung an⸗ vertraut hatte. Als die Freunde Abends beim Thee beiſammen ſaßen, war Watſon außergewöhn⸗ lich nachdenklich und ſchweigſam, ſo daß Mrs. Cor⸗ ling ſich veranlaßt fand zu fragen, an was er denke. „Es muß hier herum ſehr geſchickte Aerzte ge⸗ ben,“ erwiderte er. „Wie ſo?“ fragte Kit. 2 James blickte nach Kelf hin, als wenn er da⸗ mit hätte ſagen wollen, daß der Blödſinnige ſeine Vernunft wieder erlangt habe. „Allerdings;“ bemerkte Miß Cheerly mit glück⸗ lichem Lächeln, denn die erwachende Vernunſt ihres 15 Schützlings gereichte ihr zu großer Befriedigung. „Der Erfolg iſt aber nur das Reſultat der lieb⸗ reichen Behandlung, nicht der Wiſſenſchaft. Du wirſt dieß einmal beſſer verſtehen, wenn Du nur einmal einige Tage unter dieſem glücklichen Dache zugebracht haſt.“ Kit und ſeine Frau blickten ſich lächelnd an, denn ihre Herzen ſagten ihnen, daß Miß Cheerly die Wahrheit geſprochen habe. Sogleich nach eingenommenem Thee machte ſich die Geſellſchaft, mit Ausnahme der beiden Knaben, denen man es überließ, ſich mit einander zu unter⸗ halten, auf den Weg, um Suſan in dem Schul⸗ hauſe zu beſuchen. Ehe ſie dieſes erreichte, ergriff Nancy die Gelegenheit, dem Freunde ihres Man⸗ nes mitzutheilen, wie exemplariſch ſich das arme Mädchen ſeither betragen habe und daß ſie täglich mehr die Achtung derer gewinne, die ſie kennen. „Ich hätte darauf geſchworen, daß dieß der Fall ſein werde,“ rief Bob mit vor Freude ſtrah⸗ lendem Geſichte.„Ihr Herz war nie verdorben; die Schuld liegt ganz allein an mir; denn ich kannte ihre Armuth und ihre Entbehrungen und zögerte doch, nüch auszuſprechen wie ein Mann. Ich will aber Alles wieder gut machen, denn es iſt jetzt kein Grund für eine längere Prüfung mehr vorhanden. Ich will ſie gleich jetzt heirathen und wenn ich zufrieden bin, ſo geht es die Welt nichts an.“ Die ſtreng geſinnte Frau ſchwieg, nicht weil ſie ſeine Abſicht tadelnswerth fand, denn ſie bewun⸗ derte im Gegentheil ſeinen Edelmuth, ſondern weil ſie ſeinen Entſchluß für übereilt hielt und den heil⸗ 16 ſamen Einfluß der Reue und des Gebetes zu ge⸗ nau kannte. „Sie ſind nicht mit mir einverſtanden,“ ſagte Bob überraſcht. „Ich glaube, daß Ihr erſter Entſchluß, ein Jahr lang zuzuwarten, der weiſere war,⸗ verſetzte Mrs. Corling,“ und es fragt ſich, ob Suſan ihre Zu⸗ ſtimmung zu einer Abänderung deſſelben gibt. Es hinzu, mühſam das freundliche Lächeln unterdrückend, welches die Zufriedenheit über ihre glückliche Ver⸗ bindung ausdrückte.„Sollten Sie ſpäter bereuen — hören Sie mich ganz aus— oder— oder durch ein raſches Wort oder einen unfreundlichen Blick Suſan an die Vergangenheit erinnern, ſo würde das Herz ihrer Frau brechen.“ „Damit hat es gute Wege; ich bin ja kein Kind,“ antwortete der junge Mann.„Ich werde ihr den Antrag ſtellen, und wenn Sie ihr nicht abrathen, ſo bin ich überzeugt— das heißt, ſo glaube ich— daß ſie Ja ſagen wird.—“ „Wenn ſie es thut,“ bemerkte Nancy,„ſo wer⸗ den meine Gebete für ihr Glück und meine beſten Wünſche ſie zum Altar begleiten; aber ich zweifle daran.“ „Vielleicht fragt ſie Sie um Rath.“ „Vielleicht.“ „Und Sie werden ihr dann ſagen—“ derte die geradſinnige Nancy.„Aber glauben Sie mir auf's Wort, es wird nicht dazu kommen.“ Nancy's Prophezeihung traf ein; denn als Bob iſt etwas ſehr Ernſtes um eine Heirath,“ fügte ſie „Was ich Ihnen ſo eben geſagt habe,“ erwi⸗ ———— 17 noch an demſelben Abend in Suſan um ihre Ein⸗ willigung drang, weigerte ſich dieſe ſo entſchieden, aber dabei auf eine ſo beſcheidene Weiſe, daß man ihr unmöglich über ihren Entſchluß zürnen konnte. „Rauben Sie mir nicht die Genugthuung,“ rief ſie aus,„mich, wenn es möglich iſt, Ihrer weniger unwerth zu machen, indem ich mich in der Ein⸗ ſamkeit und Reue mit dem Himmel verſöhne und für dieſe fürchterliche Vergangenheit büße, die mich wie mein Schatten verfolgt.“ „Sie lieben mich nicht,“ unterbrach ſie der Be⸗ werber in betrübtem Tone. „Ich denke nur zu oft an Sie,“ erwiderte Suſan, indem ihr Thränen in die Augen traten:„eben ſo an Ihren Edelmuth und Ihre Güte. Sie kennen das weibliche Herz nicht, wenn Sie glauben können, daß ſolche Eigenſchaften es nicht gewinnen müßten. Selbſt die Schlimmſte unter uns iſt nicht aus lau⸗ ter Eitelkeit zuſammengeſetzt.“ Bis jetzt hatte Bob Spiers Suſan bloß geliebt; von dieſem Tage an keimte aber noch eine beſſere Empfindung in ſeiner Bruſt, indem er anfing ſie zu achten, und während ſeines übrigen Aufenthalts in Granstoun, der nur bis zum Ablauf der Woche dauerte, denn er mußte wieder zu ſeinem Geſchäft auf der Werfte von Woolwich zurückkehren, erneu⸗ erte er ſeine Bitte um eine beſchleunigte Verbindung nicht mehr. „Sie hatten Recht,“ bemerkte er gegen Nancy, als die Geſellſchaft nach einem herzlichen Abſchied von Suſan zurücktehrte.„Ich weiß nicht, woher Licht⸗ und Schattenſeiten. 1V. 2 18 es kommt, aber es iſt dieß bei Ihnen immer der Fall.“ „Soll ich Dir's ſagen?“ erwiderte deren Gatte, welcher die Bemerkung gehört hatte.„Meine kleine Frau hat eine Gewohnheit, die uns gut anſtände, wenn wir ſie nachahmen wollten. Obgleich ihr Herz ſie zu nichts verführt, was nicht gut iſt, ſo faßt ſie doch nicht eher einen Entſchluß, als bis ſie ihren Kopf um Rath gefragt hat. Es iſt etwas Schönes um einen edelmüthigen Impuls, aber ein feſter Grundſatz iſt doch beſſer.“ „Kit! Kit!“ rief Nancy;„Du wirſt mich durch ſolche Schmeicheleien verderben.“ „Ich verzeih' es ihm, wenn er es thut,“ ſagte Miß Cheerly lächelnd. Am folgenden Tag nahm dieſelbe einen zärt⸗ lichen Abſchied von ihren Freunden und fuhr mit dem General und deſſen Familie nach London, wo Brandon Burg und Albert Mortimer deren Ankunft ſehnlichſt erwarteten; denn eine Stelle in dem Briefe, in welchem Eugenia's Vater ſeine Zuſtimmung zu ſeiner Tochter Vermählung ertheilte, beunruhigte beide in hohem Grade. Dieſe lautete folgender⸗ maßen: „Vor Abſchluß einer endgiltigen Uebereinkunft mit Ihnen iſt es nothwendig, daß wir uns ſprechen, damit ich Ihnen im ſtrengſten Vertrauen ein Ge⸗ heimniß mittheilen kann, mit welchem, obgleich es das Vermögen der Miß Trelawny nicht berührt, um meiner eigenen Beruhigung willen ich Sie be⸗ kannt zu machen wünſche.““ „Was kann dieß wohl ſein?“ fragte der Aben⸗ * NM N X— 19 teurer ſeinen Vertrauten.„Sie trägt doch kein Zeichen einer unreinen Miſchung an ſich?“ „Von was?“ rief Albert Mortimer, der ihn nicht verſtand. „Keine Farbenmiſchung— kein Negerblut,“ erwiderte der Yankee.„Kann's nicht verſtehen, da doch die Dollars in Ordnung ſind.“ „Pah! Ihre Mutter war eine Montreſſor.“ „Was war ſie?“ fragte Brandon, an den jetzt die Reihe des Nichtverſtehens gekommen war, wie es vorhin bei dem Officier der Fall geweſen. „Eine Tochter des Lord Montreſſor,“ ſagte dieſer,„eine der beſten Familien des Königreichs. Sie brauchen nicht zu befürchten, Ihren Stamm⸗ baum durch dieſe Verbindung zu beſchimpfen,“ ſetzte er in ſatyriſchem Tone hinzu,„und da das Ver⸗ mögen der jungen Dame nicht angefochten wird—“ „Das iſt allerdings die Hauptſache, denke ich,“ bemerkte Brandon gedehnt.„Die Schönheit hat allerdings ihren Werth, aber die Dollars ſind doch erſt das Rechte. Schönheit vergeht bald oder wir bekommen ſie ſatt, was am Ende auf Eines her⸗ auskommt, meine ich.“ „Und Dollars vermindern ſich,“ ergänzte ſein Freund. „Ja,“ erwiderte der kluge Rechenmeiſter,„wenn man ſie nicht feſt in der Hand hält.“ Mit dieſer Bemerkung wurde der Gegenſtand fallen gelaſſen. Den Tag nach der Ankunft der Familie in London hatte Brandon eine lange Unterredung mit General Trelawny. Welcher Art aber auch die % 20 ihm gemachte Mittheilung geweſen ſein mochte, ſo veranlaßte ſie ihn doch nicht, ſeinen Antrag zurück⸗ zuziehen; im Gegentheil, er drang, wo möglich noch eifriger als zuvor darauf Eugenia's Gatte zu werden. Was das Anlegen des Vermögens der jungen Dame betraf, zog er es vor, dieß ſeinen Anwälten Wigget und Tye zu überlaſſen. Seine Intereſſen konnten in keine beſſere Hände gegeben werden, als in die ihrigen, denn das Intereſſe dieſer Leute war auf das Engſte mit dem ſeinigen ver⸗ knüpft. Der Verluſt der Beſitzurkunden hatte es ihrem Clienten unmöglich gemacht, Geld auf die Herrſchaft aufzunehmen, um ihre Auslagen zu erſetzen. „Nun,“ rief Albert Mortimer, der mit Unge⸗ duld auf Brandon's Rückkehr von dieſer Unter⸗ redung gewartet hatte,„haben Sie das große Ge⸗ heimniß vernommen?“ „Allerdings habe ich es,“ erwiderte ſein Zögling. „Und darf ich fragen, worin es beſteht?“ „Gewiß, ganz ungenirt; nur kann ich es Ihnen nicht mittheilen.“ „Sie ſcherzen.“ „Ich war nie in meinem, Leben ernſthafter. Ich habe mein Wort gegeben.“ „Pah! Iſt dieß ein Grund?“ „Es iſt gegen mein Intereſſe, bevor die Ver⸗ mählung ſtattgefunden hat.“ „Gegen Ihr Intereſſe! Gut. Ich kann das be⸗ greifen.“ „Gewiß können Sie das.“ „Wie ſteht es mit dem Vermögen der jungen Dame? Oder iſt dieß auch ein Geheimniß?“ 21 „Dreißigtauſend Pfund,“ erwiderte der Yankee, froh, Albert in dieſem Punkte zufrieden ſtellen zu können, denn es lag nicht in ſeiner Abſicht, jetzt ſchon Streit mit ihm anzufangen;„in baagrem Geld. Wigget und Tye ſollen ſie anlegen. Etwas genirt mich aber; der alte Fuchs beſteht nämlich darauf, daß Miß Cheerly's Verſchreibung ſogleich ausbezahlt werden ſoll.“ „Das iſt Sir John Sellem's Sache,“ bemerkte Albert trocken.„Bei der Rechnungſtellung über die Erſparniſſe während Richard Burg's Minder⸗ jährigkeit repräſentirte die gefälſchte Quittung fünf⸗ tauſend Pfund, die er ſich zugeeignet hatte. Ich kann nicht zugeben, daß Sie beraubt werden.“ Durch Jemand anders, als mich ſelbſt, hätte er hinzuſetzen dürfen; denn wir brauchen wohl kaum unſern Leſern mitzutheilen, daß die berechnende Freundſchaft Alberts ſich nur auf das Vermögen, keineswegs aber auf die Perſon des Abenteurers erſtreckte, deſſen Intereſſen er ſo wohlwollend unter ſeinen Schutz genommen hatte. Brandon Burg ſchüttelte ihm warm die Hand und verſicherte ihn dagegen, daß er ihn wie ſeinen Bruder betr achte. Sir John Sellem drückte den heftigſten Unwil⸗ len aus, als die beiden jungen Männer ein paar Tage darauf ihn beſuchten und ihm mittheilten, daß er ſich bereit halten müſſe, die der Erbin des ver⸗ ſtorbenen Capitän Cheerly gehörige Verſchreibung einzulöſen. Im erſten Augenblicke ſchlug er dieſes Anſinnen rund ab, was ſeine früheren Verbündeten mit einem Lächeln beantworteten, denn ſie hatten 22 ſeine Lage wohl in's Auge gefaßt und wußten ge⸗ nau, daß ihm kein Ausweg bleibe. „Es iſt freilich hart, wenn man herausrücken muß,“ bemerkte der Amerikaner;„mir wäre es auch nicht lieb.“ „Ich habe aber auch nicht die Abſicht, heraus⸗ zurücken, wie Sie ſich auszudrücken belieben,“ ver⸗ ſetzte der Baronet,„und Sie haben kein Mittel mich dazu zu zwingen.“ Der Amerikaner fing an ein paar Takte des Yankee⸗Doodle zu pfeifen. „Die gefälſchte Quittung iſt vernichtet,“ ſetzte der Bankier hinzu. „Aber nicht die Zeugſchaft Harry Burg's,“ be⸗ merkte Albert Mortimer gelaſſen,„mit welchem Ge⸗ neral Trelawny durch Sir Mordaunt Tracy leicht ſich in Verbindung ſetzen kann. Sie können am beſten beurtheilen, wie weit es Ihnen dienlich iſt, ſich einer Bloßſtellung, wenn nicht gar einer Be⸗ ſtrafung auszuſetzen.“ Dem Bankier trat dicker Schweiß auf die Stirne, während die ſo wohl berechneten Worte, in kalt gemeſſenem Tone geſprochen, an ſein Ohr ſchlugen. Nicht allein ſein eigenes Vermögen, ſondern auch die Depoſiten der meiſten ſeiner Clienten ſteckten in ſeinen Speculationen in ſpaniſchen Papieren, und mußte ſeinen Baarvorrath ſorgfältig zuſammen⸗ alten. „Es kommt mir ſehr ungelegen,“ ſprach er; „ſechs Monate ſpäter wäre die doppelte Summe für mich von keinem Belange geweſen.“ Ungelegen! Wenn ſein Gewiſſen nicht ganz ab⸗ 23 geſtorben geweſen wäre, ſo hätte der ſchuldige Mann erröthen müſſen, als er dieſes Wort ausſprach. Hatte er ja daran gedacht, welche Ungelegenheit Miß Cheerly erduldet hatte, wenn ſie fröſtelnd, hungernd, vom Regen durchnäßt in demſelben Zim⸗ mer vor ihm ſtand? Wenn ſie mit brechendem Herzen und in ihrer Geſundheit erſchüttert Tag für Tag aus ihrer ärmlichen Wohnung in Vauxhall nach Lombard⸗ſtreet kam, um nach der Verſchreibung zu fragen, und hoffnungslos wieder von dannen ging, als er, um einer Entdeckung zuvorzukommen, ſie der Willkühr ſeines verbündeten Helsman preisgab, der, womöglich noch ein ärgerer Schurke als er ſelbſt war?— Alle Einwürfe halfen Sir John Sellem nichts; die ihm angelegte Schraube war zu wirkſam, und ſo willigte er endlich nicht nur darein, die fünf⸗ tauſend Pfund zu bezahlen, ſondern, was noch das Aergerlichſte dabei war, ſeine Einwilligung dazu zu geben, daß das Ganze als eine freiwillige Zahlung von Brandon Burg erſcheine, auf welche Miß Cheerly nichts weiter als eine Beſcheinigung zu geben habe, aus welcher zu erſehen ſei, daß die Verſchreibung eingelöst worden ſei, im Fall dieſe je wieder zum Vorſchein kommen ſollte. Zwei Tage hernach wurde das Geld bezahlt und von Generakl Trelawny für Emma angelegt, die dadurch mit einem Male unerwarteter Weiſe von ihrer Armuth, die ſie bis jetzt gedrückt hatte, befreit wurde. Auf Eugenia's Vater machte aber die ſcheinbare Freigebigkeit ſeines zukünftigen Schwie⸗ gerſohnes einen ſo vortheilhaften Eindruck, daß er 24 bereitwillig auf das Anſinnen der Herren Wigget und Tye einging, das ganze Vermögen ſeiner Tochter ihrem Gatten auszufolgen, mit Hypothek auf die Herrſchaft Burg⸗Hall, anſtatt nur die Hälfte davon, mit Uebertragung der andern Hälfte auf ſie ſelbſt, wie er urſprünglich beabſichtigt hatte. Der zarte Geſundheitszuſtand Bella's, der Wunſch, den er ſelbſt hegte, möglichſt bald wieder nach dem Hofe zurückzukehren, ſowie die Beruhigung, daß er, wie die Ehre es ihm dictirte, ein höchſt wichtiges Ge⸗ heimniß dem Bräutigam anvertraut hatte, dieß Alles zuſammen veranlaßte den General, ſeine Zuſtim⸗ mung zur Beſchleunigung der Vermählung zu geben. Er handelte dabei zwar gegen ſeine beſſere Ueber⸗ zeugung, aber Eugenia wünſchte es. In ihrer Un⸗ geduld konnte dieſe es kaum erwarten, möglichſt bald frei zu werden. Zwei Tage vor der Hochzeit ſchrieb Miß Cheerly einen langen Brief an Nanch, in welchem ſie dieſer nicht nur die Wiedererlangung ihres kleinen Ver⸗ mögens, ſondern auch die bevorſtehende Verbindung der Miß Trelawny mit ihrem edelmüthigen Schuld⸗ ner, Mr. Brandon Burg, meldete. „Mit wem?“ fragte Kit, als ſeine Frau ihm den Inhalt des Briefes mittheilte. Nancy wiederholte den Namen. „Die arme junge Dame!“ rief der ehrliche Menſch aus.„Ich habe Unrecht gethan ſo lange ſtill zu ſchweigen. Ihr Vater muß von ſeinem wahren Charakter unterrichtet werden. Ich muß mich noch heute Nacht nach London auf den Weg machen.“ Die arme Nancy, welche eine große Furcht vor 25 London hatte, erwiderte nichts, ſah aber ſehr be⸗ trübt darein. Es war dieß die erſte Trennung ſeit ihrer Verheirathung. „Es iſt meine Pflicht,“ fuhr ihr Gatte fort. „Dann gehe,“ antwortete ſie entſchloſſen,„und verzeihe mir meine thörichte Aengſtlichkeit. Wenn man ſeiner Pflicht folgt, ſo hat man ſich keinen Vorwurf zu machen.“ Kit fuhr die ganze Nacht hindurch und erreichte London gegen neun Uhr des folgenden Morgens. Sobald der Wagen, in dem er gekommen war, anhielt, miethete er ein Cab und fuhr darin nach dem Hauſe des Generals. Der Hochzeitszug hatte aber ſchon eine Stunde früher daſſelbe verlaſſen. Unſer ehrlicher Zimmermann war einer der Men⸗ ſchen, welche eine Gelegenheit Gutes zu thun nicht unbenützt vorübergehen laſſen. Es war immerhin möglich, daß es noch Zeit ſei, ein großes Unglück von der Familie ſeines Schutzherrn abzuwenden, für welches er die Vollziehung der Vermählung anſah, und ſo machte er ſich eiligſt auf den Weg nach der Kirche St. George in Hannover⸗ſquare. Die Menge Müſſiggänger, die ſich vor dem Por⸗ tale verſammelt hatten, ſowie die lange Wagenreihe, zeigten ihm deutlich an, daß hier eine Vermählung aus der großen Welt vor ſich gehe. Aber in dem Augenblicke, in welchem er nach der Kirche ſich Bahn brechen wollte, kam die Proceſſion aus dem heiligen Gebäude heraus; Brandon Burg führte ſeine junge Frau, die tief verſchleiert war, am Arm, dann folgten die vier Brautfräuleins, General Tre⸗ 26 lawny, Albert Mortimer, deſſen Mutter, Miß Cheerly und die übrigen Geladenen. „Zu ſpät!“ murmelte Kit bitter,„zu ſpät! Sie iſt ſeine Frau.“ Zugleich zog er ſich unter die Menge zurück, um nicht die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Vierundvierzigſtes Capitel. Es iſt Zeit, daß wir wieder zu Harold und ſei⸗ nem Freunde Harry zurückkehren, die ſich noch im⸗ mer als Gäſte im carliſtiſchen Lager befanden. Der große Dienſt, den ſie dem König bei der Flucht ſeines Miniſters geleiſtet hatten, machte, daß ſie mit großer Aufmerkſamkeit behandelt wurden. Es war ein wildes und ungebundenes Leben, welches ſie führten, das aber doch nicht ohne eigenthümli⸗ chen Reiz war. Heute behaglich in dem Genuß einer erhabenen Natur ſchwelgend, ſahen ſie ſich morgen genöthigt, einen angeſtrengten Ritt von zwölf bis fünfzehn Stunden zu machen, verfolgt von den Streitkräften Rodil's, der dem Krieg durch die Gefangennehmung des Don Carlos ein Ende zu machen ſuchte, welcher häufig nach einem angeſtreng⸗ ten Tagmarſch mit ſeinen Getreuen am Abend die⸗ ſelbe Stellung wieder einnahm, aus der er am Morgen vertrieben worden war. Der Weg der Chriſtinos durch ihr unglückliches Land war überall durch Blut und Grauſamkeiten aller Art bezeichnet; 27 die Bauern und Mönche wurden ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergemetzelt, bis zuletzt der Un⸗ willen der Bewohner ſo allgemein geweckt wurde, daß die meiſten derſelben ſich zu Gunſten des legi⸗ timen Fürſten erklärten und aus paſſiven Zuſchauern des Bürgerkrieges thätige Theilnehmer wurden. Vergebens bemühte ſich Zumalacarregui, dieſer bar⸗ bariſchen Art Krieg zu führen dadurch ein Ende zu machen, daß er ſelbſt das Beiſpiel der Mäßigung gab und die Gefangenen ſchonte, die in ſeine Hände fielen. Rodil beantwortete dieſes menſchliche Be⸗ ſtreben damit, daß er ſeinen älteſten Freund, den General Armencha, der in ſeine Hände fiel, er⸗ ſchießen ließ, eine Handlung der Barbarei, welche ſpäter furchtbare Wiedervergeltung nach ſich zog. „Es ſind Anſtalten zu einer geheimen Expedi⸗ tion getroffen,“ bemerkte Harold gegen ſeinen Freund Lilini, als ſie mit Tagesanbruch nach dem Morgen, an welchem man die Nachricht von Armencha's Tod erfahren hatte, durch das Lager ſchlenderten.„Zu⸗ malacarregui iſt, ganz abgeſehen von ſeinen per⸗ ſönlichen Gefühlen für den Unglücklichen, nicht der Mann, der einen ſolchen Schimpf ungerächt läßt. Der Streich wird plötzlich, aber unerwartet nieder⸗ fallen. Wir müſſen ein Exempel ſtatuiren, um die Prahlereien Rodil's zu dämpfen und zugleich dem Murren unſrer eignen Leute ein Ende zu machen, die insgeheim über ihres Führers Mäßigung auf⸗ gebracht ſind. Ein Spanier begreift nicht recht, wie man Gnade üben kann, wenn man den Feind in den Händen hat.“ Als die beiden Freunde den dringenden Wunſch 28 ausſprachen, mit bei dem Unternehmen zu ſein, bei welchem der Graf ebenfalls ſich zu betheiligen be⸗ abſichtigte, verſprach dieſer ihnen die Erlaubniß zu erwirken, die er auch bald darauf aus dem Haupt⸗ quartier mithrachte. Kurz nach Mitternacht machte ſich die Diviſion der Royaliſten auf den Weg, ge⸗ führt von den Landleuten, die ſich als Freiwillige und Spione herbeidrängten. Die Gegend war vor Kurzem erſt ſo gründlich durch die Chriſtinos ge⸗ ſäubert worden, daß nicht der entfernteſte Verdacht zu einem ſolchen Unternehmen gegen ſie bei ihnen vorlag, und der carliſtiſche Anführer war dadurch in den Stand geſetzt ſeinen geheimen Marſch bis an die Stelle, wo er den Hinterhalt beabſichtigte, zu bewerkſtelligen. Dieſe war in der Nähe der Felſen von San Fauſtus, unfern von Abruza, wo der Graf ſeinen Freunden den Grund der Expedi⸗ tion erklärte. Sie war unternommen, um den Ge⸗ neral Carandolet zu überrumpeln, der an der Spitze von ſiebenhundert Mann marſchirte, um zu Rodil zu ſtoßen. Er war ein Franzoſe von Geburt und bei jedem ſeiner früheren Zuſammentreffen mit Zu⸗ malacarregui ſo unglücklich geweſen, daß ſein Name bei der königlichen Armee ſprichwörtlich wurde we⸗ gen ſeiner Unfähigkeit und leider auch wegen ſeiner Grauſamkeit gegen alle diejenigen, welche das Un⸗ glück hatten in ſeine Hände zu fallen. Carandolet, der entfernt nicht an eine Ueber⸗ raſchung oder an ein Zuſammentreffen mit dem Feinde dachte, den er in dieſem Augenblicke ſo hart von Rodil bedrängt glaubte, daß er, um deſſen gänzlicher Vernichtung beizuwohnen, kaum noch zur e 29 rechten Zeit einzutreffen hoffte, marſchirte ganz ſorg⸗ los. In ſeiner Begleitung befanden ſich eine Menge höherer Officiere, ſowie der Graf von Via Monuel, ein Grand erſter Claſſe, der mit dem Range eines Oberſten als Volontair in der chriſtiniſchen Armee diente. Zumalacarregui, der ſoeben mit dem Ausſtellen ſeiner Leute fertig geworden war, kam in Beglei⸗ tung O'Donnels und ein paar Adjutanten an dem Grafen und den beiden Freunden vorüber. Als er die beiden jungen Engländer erkannte, lächelte er ernſt. „Es wird hart hergehen,“ bemerkte Lilini,„denn Tio hat den Säbel gezogen. „Die armen Schelme,“ ſagte Harold. „Sie verdienen Ihr Mitleid nicht,“ verſetzte der Graf.„Ich meine nämlich Carandolet und ſeinen Stab. Ihre Hände ſind mit dem Blute von alten und jungen Leuten befleckt. Sie haben nie Gnade geübt und haben daher auch kein Recht ſolche von Andern zu erwarten.“ Die Stellung, welche der carliſtiſche General genommen hatte, hefand ſich in einer äußerſt male⸗ riſchen Gegend, die zu dem Unternehmen, das man vor hatte, wie geſchaffen ſchien. Die Felſen von San Fauſtus, von welchen der Paß ſeinen Namen hat, erheben ſich in zerſtreuten Maſſen in einem je⸗ ner wilden Diſtrikte, in welchen dichtes Gehölz die Straße einfaßt, und rieſenhafte Steinblöcke, die ſich vom Hauptfelſen abgelöst haben und auf den fla⸗ chen Boden herabgerollt ſind, eine höchſt günſtige Gelegenheit zu einem Hinterhalte bieten. Hinter 30 alle dieſe Steinmaſſen waren Guerrillas, auser⸗ leſene Schützen, geſtellt worden. Nach dem gegebe⸗ nen Befehle ſollte man die Vorwache vorüberpaſſi⸗ ren laſſen und ſtillſchweigend das Weitere abwarten. Etwa nach einer Viertelſtunde kam eine Schwadron Chriſtinos, ahnungslos und ohne etwas Verdächtiges gewahr zu werden, herangeritten. Dieſen folgten ihre Gefährten, das wohlbekannte Lied ſingend: „Muera Pon Carlos, viva la Reyna.“(Es ſterbe Don Carlos, es lebe die Königin.) In dieſem Augenblicke zeigte ſich ein Bauer auf der Anhöhe, gerade vor ihnen, um die Bewegung der herannahenden Colonne zu beobachten. Einer der Officiere rief:„Baja te! Queres baja! Falso! Pactioso!“(Komm herab! Komm ſogleich herab! Verräther! Rebell!) Der Mann verſchwand aber mit höhniſchem La⸗ chen und unmittelbar darauf hallten die Felſen vechts und links von den Chriſtinos von Gewehr⸗ ſalven wieder. Salve auf Salve bewieſen dieſen nur zu deutlich, daß ſie in einen Löwenrachen ge⸗ rathen ſeien. Ehe aber der Feind von ſeiner Ver⸗ wirrung ſich erholen konnte, in die ihn der uner⸗ wartete Angriff verſetzt hatte, warf ſich Zumala⸗ carregui mit ſeinen vier Bataillonen mit dem Bajo⸗ nette auf ihn und richtete ein furchtbares Blutbad unter den ſo plötzlich überraſchten und von allen Seiten angegriffenen Chriſtinos an. Faſt ſämmt⸗ liche Officiere, welche Carandolet begleiteten, nebſt ſeinem ganzen Stabe, wurden entweder getödtet oder zu Gefangenen gemacht; er ſelbſt aber entkam, trotz den vielen Schüſſen, die ihm nachgeſendet wur⸗ 31 den, Dank der Behendigkeit ſeines Renners. Der Graf von Via Manuel, deſſen Pferd bei der erſten Salve getödtet worden war, hatte nacheinander zwei andere beſtiegen, die beide unter ihm erſchoſſen wurden, und ſo gerieth er, nebſt fünfzehn ſeiner Kameraden, in Gefangenſchaft. Eine beträchtliche Summe Geldes, wichtige Papiere und mehrere Wägen mit Militär⸗Ausrüſtungsgegenſtänden fielen in die Hände der Sieger. Unter allen Gefangenen bewahrte Via Manuel allein ſeine Geiſtesgegenwart und Feſtigkeit, als er vor den royaliſtiſchen General geführt wurde. Er ſagte, daß er von jeher freiſinnige Anſichten gehegt habe und hegen werde, und daß er es für ſeine Pflicht halte, dieſelben zu vertheidigen und zu ver⸗ breiten; aus dieſem Grunde habe er freiwillig mit⸗ gefochten. Er wiſſe wohl, ſetzte er hinzu, daß die⸗ jenigen, welche der Regierung der Königin dienen, kein Recht hätten, Gnade von den Carliſten zu er⸗ warten; wenn man ihm aber doch welche angedeihen laſſe, ſo wolle er ſein Wort verpfänden, fernerhin nicht mehr Partei gegen ſie zu nehmen und ſein politiſches Leben als geſchloſſen zu betrachten. Zumalacarregui gefiel die Offenheit des Charak⸗ ters des Grafen ſo wohl, daß er mit dem ſtrengen Entſchluß, augenblickliche Juſtiz für den an ſeinem Freunde Armencha verübten Mord zu üben, zögerte. Harold und Harry verwendeten ſich ſo ernſtlich für ihn, daß der General zuletzt nachgab.„Ich kann Sie nicht pardoniren,“ fagte er„aber ich will die Ausführung meines Spruches aufſchieben. Sie blei⸗ ben einſtweilen Gefangener auf Ehrenwort.“ Nach ein paar Stunden der Erholung und Er⸗ friſchung trat die ſiegreiche Partei den Rückgang wieder an und erreichte, begünſtigt durch die Nacht und die Treue ihrer Wegweiſer, am folgenden Tage mit ihrer Beute und ihrem Gefangenen wohlbehal⸗ ten das carliſtiſche Lager wieder. Die Uebrigen waren erſchoſſen worden. Der Sieger behandelte, wie es von ſeiner edlen Natur nicht anders zu er⸗ warten war, den Gefangenen nicht allein mit aller Auszeichnung, indem er ihn an ſeinen eigenen Tiſch einlud, ſondern ſchrieb ſogleich an Rodil, indem er ihm deſſen Austauſch gegen einen Officier von Ma⸗ nuel's Rang, der wenige Tage zuvor gefangen ge⸗ nommen worden war, vorſchlug. Man ſaß gerade bei Tiſche, als die Antwort eintraf. Der Brief enthielt blos folgende Worte: „Die gefangenen Rebellen haben bereits den Tod erlitten.““ Dieß war eine klare Sentenz für den Gefange⸗ nen und Zumalacarregui händigte ſie ihm mit der⸗ ſelben Kaltblütigkeit ein, mit der er die Verkündi⸗ gung ſeines eigenen Geſchickes entgegengenommen hätte. Via Manuel wechſelte die Farbe; ſein Wirth theilte ihm höſlich mit, daß er bis Sonnenaufgang mit ſeinem Beichtvater beiſammen bleiben könne, und verließ das Zelt. Dieſe Nachricht traf den un⸗ glücklichen Edelmann wie ein Donnerſchlag, und es wurde auf deſſen lebhafte Bitte ein Bote an den König geſchickt, um deſſen Milde in Anſpruch zu nehmen. Die Antwort lautete dahin: daß, nachdem Soldaten und Officiere, die mit Waffen in der Hand gefangen genommen worden ſeien, von 33 Chriſtinos hingerichtet worden wären, unmöglich das Leben eines ſpaniſchen Granden geſchont wer⸗ den könne, der die Waffen gegen ſeinen rechtmäßi⸗ gen Souverain ergriffen habe. So wurde Via Manuel am folgenden Morgen in Lecumberri erſchoſſen; er war nicht der letzte in der langen Liſte ausgezeichneter Opfer, welche der Blutdurſt ihrer eigenen Partei Zumalacarregui nöthigte hinrichten zu laſſen. Das nächſte Opfer nach ihm war General O⸗Doyle, ein ſehr ausge⸗ zeichneter Ofſicier, irländiſcher Abkunft. Kurz nach dem Tode des Hidalgo Via Manuel traf ein Paket für Lilini im Lager ein; es enthielt außer ſeinen eigenen politiſchen und Privatcorre⸗ ſpondenzen Briefe für Harold Tracy und deſſen Freund. Einer davon war von Sir Mordaunt Trachy, in welchem dieſer ſeinen Neffen ernſtlich an⸗ ging, zu ihm zurückukehren, oder wenigſtens den gefährlichen Kriegsſchauplatz zu verlaſſen, auf wel⸗ chen ihn mehr der Zufall, als eigene Wahl geführt abe. „Wenn Du es nicht über Dich vermagſt, nach England zurückzukehren,“ ſchrieb ſein liebevoller Onkel,„wenn Dein Herz noch nicht geheilt iſt, ſo ſteht Dir ja Italien, Frankreich und die Schweiz offen. Ich finde keine Ruhe, bis ich höre, daß Du Spanien verlaſſen haſt. Die täglichen Berichte, die ich aus dieſem unglücklichen Lande leſe, rauben mir ſelbſt den Schlaf.“ Armer Onkel! dachte Harold, das iſt eine ſchlimme Vergeltung all“ Deiner Sorgfalt für mich, daß ich Dich einſam zu Hauſe laſſe. Ich muß zurück⸗ Licht⸗ und Schattenſeiten. IV. 3 34 kehren, die Dankbarkeit befiehlt es mir, nach der Halle zurückkehren, obgleich mich dort das traurige Loos erwartet, Bella in den Armen eines Andern zu ſehen. Als er die Augen aufſchlug bemerkte er einen freudigen lusdruck auf dem Geſichte Harry's. „Gute Nachrichten?“ fragte er. „Die beſten,“ erwiderte der edelmüthige junge Mann;„mein Vetter hat ſich als würdiger Sohn meines unglücklichen, aber edelgeſinnten Onkels Marmaduke erwieſen. Er bedankt ſich bei mir in männlicher, offener Weiſe dafür, daß ich meine An⸗ ſprüche auf die Herrſchaft aufgegeben habe und dringt in mich, zurückzukehren, um ſein Vermögen mit ihm zu theilen.“ Der Graf, der anweſend war, zuckte ungläubig die Achſeln. „Sie zweifeln noch immer an dem Beſſern der menſchlichen Natur,“ ſagte Harry. „O nein, mein Lieber,“ erwiderte Lilini,„es war dieß früher der Fall, aber Sie haben mich von dieſem Fehler geheilt.“ „Was halten Sie alſo von dem Briefe meines Vetters?“ „Daß er unter dem Einfluſſe guter Rathſchläge geſchrieben worden iſt, weiter nichts. Haben Sie ihn ganz geleſen?“ ſetzte er hinzu.„Steht nichts darin, was dieſe plötzliche Anwandlung von Groß⸗ muth erklärt? Leſen Sie ihn noch einmal,“ ſagte der Graf,„meine Vermuthungen täuſchen mich ſelten.“ „Die einzige weitere Notiz darin,“ ſuhr Harry fort,„iſt freilich eigenthümlicher Art; die Beſitzur⸗ e kunden der Herrſchaft, welche ich, wie ich glaubte, ſicher verwahrt im Familienarchiv zurückgelaſſen zu haben, ſind abhanben gekommen.“ „Geſtohlen worden?“ „Ich kann nicht begreifen, wie ſie weggekommen ſein ſollen; denn mein Vetter ſchreibt mir, daß das iegel unverletzt gefunden worden ſei, als er zur Beſitzergreifung angekommen ſei. Es iſt natürlich, daß mein Vetter meinen Beiſtand wünſcht, um die⸗ ſelben wieder aufzufinden.“ „Den Sie ihm begreiflicher Weiſe auch leiſten werden.“ „Allerdings, wenn ich wüßte, wohin ſie gekom⸗ men ſind; aber die Sache iſt mir eben ſo unerklär⸗ lich, wie ihm ſelbſt.“ „Es iſt ein Glück, daß Sie es nicht wiſſen,“ be⸗ merkte Lilini;„denn ſowie ſie in ſeinen Händen wären, würden die ſchönen Grundſtücke Ihrer Vor⸗ väter ſobald als möglich unter den Hammer ge⸗ bracht und der Erlös daraus im Auslande angelegt werden. Wie oft noch muß ich Ihnen widerholen, daß Sie von Ihrer eigenen Einbildungskraft ſich haben hinter das Licht führen laſſen, indem Sie einem Impulſe folgten, der zwar Ihrem Herzen Ehre macht, aber deſto weniger Ihrem Scharfſinn. Bran⸗ don Burg iſt ein Betrüger.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ rief Harold aus. ſchwere Beſchuldigung,“ verſetzte Harry ernſt. „Die ich Ihnen aber noch vor Ablauf weniger Wochen beweiſen zu können hoffe,“ erwiderte der Graf.„Ich habe ſichere Nachrichten, denen zu Folge 3* der Agent, der Ihnen in Paris nach dem Leben trachtete, jetzt bei den Chriſtinos ſich befindet. Soll⸗ ten die Wechſelfälle des Kriegs ihn in das Lager der Carliſten führen, ſo möchte ſelbſt Ihr Unglaube beſiegt werden.— Dieſer zärtlich geſinnte Vetter hat Ihnen nicht Alles mitgetheilt,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe fort,„und als einen Beweis ſei⸗ ner Unaufrichtigkeit ſage ich Ihnen, daß er in dem⸗ ſelben Augenblicke, in welchem er dieſen Brief ſchrieb, eine Vermählung mit der älteſten Miß Trelawny beabſichtigte, die ohne Zweifel jetzt ſchon ſeine Frau iſt.“ „Zuvor muß ich die Beweiſe ſehen, von denen Sie ſprechen, ehe ich meine Meinung ändere,“ be⸗ merkte Harry Burg feſt.„Selbſt Sie würden, trotz Ihrer Freundſchaft und Sorgfalt für mich, mich verachten, wenn ich meine Anſichten bei jedem Windſtoße wechſelte. Wenn ich ein Träumer bin, ſo laſſen Sie mich in Frieden träumen, bis die eiſerne Hand der Wirklichkeit mich erweckt.“ Von dieſem Tage an wurde über dieſen Gegen⸗ ſtand nicht weiter geſprochen, da Niemand darauf zurückzukommen geneigt war. Harold war eben ſo überraſcht wie ſein Freund über die Nachricht von Eugenia's Vermählung, an die er nimmermehr geglaubt hätte, wenn nicht Li⸗ lini ſie ihm mitgetheilt hätte, weil ſeines Onkels Brief kein Wort davon enthielt; ein Umſtand, über welchen unſere Leſer übrigens nicht im mindeſten erſtaunen werden, wenn ſie an die Eile denken, mit welcher die Sache abgemacht wurde. Faſt noch mehr aber, als über die Sache ſelbſt, waren die 37 jungen Männer darüber erſtaunt, daß Lilini über⸗ haupt nur von der Sache wiſſen konnte. Dieſer mußte offenbar in England eben ſo gute Correſpon⸗ denten haben, als in Frankreich, und offenbar mußte er ſich ſchon mehr mit Harold's Angelegen⸗ heiten beſchäftigt haben, als er einzugeſtehen für paſſend hielt. „Der Graf iſt mir ein Räthſel,“ ſagte Harold, „das ich nicht zu löſen vermag; allein ich bin deß⸗ halb doch überzeugt, daß er ein Ehrenmann iſt. „Daſſelbe ſagt auch mir mein Herz,“ bemerkte Harry bewegt.„Ich vermag mir keine genaue Rechenſchaft von meinen Empfindungen für ihn abzulegen, aber ich hege faſt die Liebe eines Soh⸗ nes zu ihm.“ „Bleiben wir dabei, daß Herz wie Kopf Recht haben,“ verſetzte Harold lachend,„und überlaſſen wir das Uebrige der Zeit, die ſo viele Dinge be⸗ gräbt oder aufdeckt.“ elsman, der noch immer bei der Armee Ro⸗ dil's ſich befand, empfing ſehr häufig Mittheilun⸗ gen von ſeinem Verbündeten, Sir John Sellem. Die ſpaniſchen Papiere, in welchen beide ſich in ſo große Speculationen eingelaſſen hatten, ſtiegen täg⸗ lich und des Baronets Briefe athmeten die beſte Laune; dabei vergaß er aber nicht in jedem der⸗ ſelben auf die Hinwegräumung Harry Burg's zu ringen, deſſen Tod nicht nur wegen ſeines Rufes nothwendig ſchien, ſondern auch ein unvermeidlicher chritt war, um zur Ausführung ſeiner Racheplane zu ſchreiten, die er gegen Brandon im Schilde führte. Nachdem einmal das Beweisſtück der Fäl⸗ 38 ſchung vernichtet war, und wenn erſt der einzige Menſch, der als Zeuge hätte auftreten können, im BGrabe lag, ſo wollte er mit dem Yankee und Al⸗ bert Mortimer eine Abrechnung halten, die dieſe ſehr überraſchen ſollte. Da Helsman ſich fortwährend in dieſem Punkt gedrängt ſah, zog er endlich den chriſtiniſchen Ge⸗ neral über die Mittel zu Rath, durch die ihm die Ausführung dieſes ſchwarzen Planes ermöglicht würde. Dieſer war gern bereit, ſich ihm verbind⸗ lich zu zeigen, weil er durch die Vermittlung des Capitäns täglich über ſpaniſche Staatspapiere ver⸗ fügen konnte, deren Erlös er ſogleich als ein kluger Mann in franzöſiſchen Fonds anlegte; denn bei all ſeiner Großſprecherei mochte er doch wohl füh⸗ len, daß über Kurz oder Lang ein Abrechnungstag für ihn kommen werde. „Ihr Verlangen,“ erwiderte Rodil,„iſt ſehr ſchwierig, aber nicht unmöglich, namentlich da Sie behaupten, daß dieſe Engländer unerfahrene junge Männer ſeien; aber ich darf es nicht wagen, die Hand dabei im Spiele zu haben. Selbſt wenn der Zufall ſie in meine Gewalt brächte, würde ich zögern ſie hinrichten zu laſſen, denn Ihr Parla⸗ ment verſteht es auf ſo unangenehme Weiſe unſere guten Freunde, die Miniſter durch läſtige Inter⸗ pellationen in Verlegenheit zu ſetzen, und wir kön⸗ nen vorderhand dieſe noch nicht entbehren.“ „Wenn Sie ſich auch nicht in die Sache miſchen können,“ bemerkte der Capitän,„ſo können Sie mich doch wenigſtens indirect unterſtützen.“ „Indirect— ja,“ ſagte Rodil.„Da iſt bei 39 den Urbanos ein Lieutenant, Namens imenes, der einen ganz beſonderen Widerwillen gegen Ihre Landsleute hegt. Ich glaube, dieſer Menſch würde täglich ſein eigenes Leben daran ſetzen, wenn er einem Engländer dafür an den Hals könnte. Dieſen will ich Ihnen zur Verfügung ſtellen. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn Sie mit dieſem nicht auf irgend eine Weiſe übereinkommen könnten, ſich einen Feind vom Halſe zu ſchaffen.“ „Kann er ihn nicht im Lager erdolchen?“ fragte der Capitän. „Das muß er ſelbſt beantworten,“ antwortete der General ausweichend.„Wenn er im Lager entdeckt wird, vermag nichts ſein Leben zu retten. El Tio, wie die Rebellen ihren Chef nennen, hat, wie ich der Wahrheit gemäß ſagen muß, ein ſchar⸗ fes Auge und läßt nicht mit ſich ſpaßen, was erſt kürzlich wieder der Tod des armen Manuel bewie⸗ ſen hat. Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn am Ende noch die Regierung der Königin ſich ge⸗ zwungen ſähe, ſich zu einem Abkommen mit ihm in Betreff der Behandlung der Gefangenen von beiden Seiten herbeizulaſſen. Wir ſind in der letzten Zeit ſehr unglücklich geweſen, und die Freunde ſeiner Opfer fungen an zu murren.“ Noch in derſelben Nacht hatte Lieutenant Hen⸗ rique Fimenes von der Bürgergarde die Ehre mit dem engliſchen Freunde ſeines Chefs zu ſpeiſen, der bald merkte, wie wenige Umſchweife er zu machen brauche und deßhalb ſogleich mit ſeinem Antrag herausrückte. Der Spanier ging eifrig darauf ein, vorausgeſetzt, daß die Bedingungen, die er ſtellte, 40 ihm gewährt würden. Die erſte betraf die Summe, die er für das Unternehmen erhalten ſollte, mochte daſſelbe gelingen oder nicht; die zweite und wich⸗ tigere war das Verlangen zu dem Rang eines Ca⸗ pitäns befördert zu werden. Im Vertrauen auf ſeinen Einfluß bei Rodil ſagte ihm Helsman auch die letzte Bedingung zu, dieſe jedoch nur für den Fall des Erfolgs. „Gut,“ ſagte Helsman, nachdem der Vertrag bündig feſtgeſetzt war und ſie, ihre Cigarren rauchend, in dem Gemache des Priors, in dem alten Kloſter von Breria, beiſammen ſaßen, wo in dieſem Augenblicke das Hauptquartier der Chriſtinos ſich befand.„Und wie wollen Sie es denn angreifen?“ „Das hängt davon ab, ob Sie ihn lebend oder todt in Ihre Hände bekommen wollen.“ „Lebend,“ erwiderte der kaltblütige Böſewicht nach einer Pauſe, während welcher er den Vortheil in Gedanken abwog, aus Harry, gleichviel durch welche Mittel, das Geheimniß herauszupreſſen, wo die Beſitzurkunden verſteckt ſeien;„doch iſt mir ſein Tod noch lieber, als daß er Ihnen am Ende ent⸗ wiſcht.“ „Ich verſtehe. In fünf Tagen ſoll er in Ihren Händen ſein.“ „Aber durch welche Mittel?“ fragte der Capitän ungeduldig. Ein finſteres Lächeln glitt über Fimenes' Ge⸗ ſicht,„durch ein Mittel, das ſelten fehl ſchlägt, wenn es richtig angewendet wird,“ erwiderte er, „und das die meiſten Männer in's Verderben führti — durch ein Weib.“ 41 „Iſt ſie jung?“ „Halten Sie mich für einen ſolchen Thoren, daß ich mir einbilden könnte, Ihr Landsmann würde durch ein altes Weib kirre gemacht werden?“ „Iſt ſie ſchön?“ „Wie die Schlange, die unſere Stammmutter Eva in Verſuchung führte.“ „Der Gedanke iſt gut,“ rief Helsman aus, „und wenn er geſchickt angewendet wird, ſo muß er gelingen, denn der betreffende Mann iſt ein roman⸗ tiſcher Thor, der erſt kürzlich auf ein ſchönes Be⸗ ſitzthum verzichtete, weil er glaubt, daß ein Anderer gegründetere Anſprüche, wie er, darauf habe.“ Der Spanier zuckte die Achſeln, denn eine ſolche Handlung der Thorheit ſchien ihm ſelbſt noch über die ſprüchwörtlich gewordene Ueberſpanntheit der Engländer zu gehen. Fünfundvierzigſtes Capitel. Die Repreſſalien zwiſchen den beiden ſtreitenden Armeen in Spanien wurden jetzt mit all' jener ſorgloſen Gleichgültigkeit gegen Menſchenleben und jenem leidenſchaftlichen und heftigen Haſſe geübt, welche den ſüdlichen Völkern eigenthümlich ſind. Das Wort Gnade ſchien beiderſeitig aus dem Wörter⸗ buche ausgeſtrichen zu ſein, und Jeder, der gefangen wurde, wurde auch ſogleich, ohne Rückſicht auf ſein Alter und ſeinen Rang, erſchoſſen. Selbſt die dem 42 Clerus angehörigen Perſonen wurden nicht länger reſpektirt. Die Chriſtinos, von denen viele ihrer beſten Offiziere, in Folge der ſtrengen Decrete Zumalacarregui's, gefallen waren, fingen an um ihre Sache beſorgt zu werden, ſo unverhältnißmäßig war die Zahl der aus ihren Reihen Gefangenen. Selbſt ihr wilder General wurde über die zuneh⸗ mende Unzufriedenheit beunruhigt und ſchrieb an die Regierung in Madrid um Verhaltungsmaßregeln. Die Antwort, die er erhielt, lautete: ſich mit dem Feinde über dieſen Gegenſtand in keine Unterhand⸗ lung einzulaſſen und, ſchrecklich zu ſagen, es wurde dieſelbe von einer Frau dictirt, der Wittwe Ferdi⸗ nand's und Nichte Louis Philipp's, die damals das Scepter im Namen ihrer minderjährigen Tochter führte. Rodil war ſehr aufgebracht darüber und ſprach ſich über dieſe Unmenſchlichkeit in nichts we⸗ niger als gemeſſenen Ausdrücken aus. „Sie hätten ſich die Mühe des Schreibens er⸗ ſparen können,“ bemerkte Helsman, welchem der General die Depeſchen des Kriegsminiſters vorlas; „ein Kind hätte die Antwort vorausſehen können. Denken Sie nur daran, welchen Eindruck es auf die Börſe von Paris und London hervorbringen müßte, wenn man erführe, daß Chriſtine ſich ge⸗ zwungen ſah, auf ein Uebereinkommen irgend einer Art mit Don Carlos ſich einzulaſſen, deſſen Armeen ſchon ſo oft vernichtet worden ſind— in den Spal⸗ ten der franzöſiſchen und engliſchen Zeitungen näm⸗ lich. Die ſpaniſchen Papiere würden auf dem Markte bodenlos fallen; ein Reſultat, das weder 43 dem Intereſſe der Königin, noch dem des alten Fuchſes jenſeits der Pyrenäen zuſagen würde.“ „Pah!“ rief Rodil,„ich kenne die Pariſer genau. Eine in den Moniteur eingerückte Widerlegung würde Alles wieder in's Gleichgewicht bringen.“ „Ja, aber Sie kennen die Engländer nicht,“ erwiderte der Capitän.„Obgleich das ſpeculativſte Volk in der Welt, ſo beſitzen dieſe doch einen ge⸗ wiſſen Grad von Moralität und geſunder Beurthei⸗ lung. Wenn dort der wahre Stand der Dinge auf der Halbinſel bekannt würde, ſo wäre ein fürchter⸗ licher Rückſchlag auf der Börſe die Folge davon, zwanzig der bedeutendſten Häuſer würden allen.“ Helsman's Worte erwieſen ſich als prophetiſch, denn als wenige Monate ſpäter die Erfolge der Carliſten nicht mehr verheimlicht werden konnten, erklärten ſich gegen dreißig bis vierzig Firmen, die ſämmtlich in ſpaniſchen Papieren ſpeculirt hatten, für bankerott. Wie viel einzelne Perſonen und Fa⸗ milien dadurch ruinirt wurden, läßt ſich unmöglich nachweiſen. Das furchtbare Blutvergießen machte auf Harold und ſeinen Freund den peinlichſten Eindruck. Mehr als einmal war es ihnen früher gelungen, durch ihre Vermittlung das Leben eines Unglücklichen zu retten, den die conſequente Strenge Zumala⸗ carregui's zum Erſchießen verdammt hatte. Jetzt wurden aber ihre Bitten nicht mehr geachtet. Man hatte zwar ihre Dienſte, die ſie bei der Befreiung des Biſchofs von Leon geleiſtet hatten, nicht ver⸗ geſſen, im Gegentheile, man behandelte ſie per⸗ 44 ſönlich noch immer mit derſelben oder ſogar mit noch mehr Rückſicht als je; aber die Zeit der Uebung der Milde war vorüber. „Es wäre ein Verrath an meinen braven Offi⸗ zieren und Soldaten,“ lautete unabänderlich die Antwort des carliſtiſchen Chefs auf ihre Bitten, „welche Rodil hingeſchlachtet hat.“ Und der Spruch, um den es ſich handelte, wurde vollzogen. 2 Der letzte Gefangene, deſſen Leben zu retten ihnen gelang, war ein Chriſtino, der unter Don Via Manuel gedient hatte und eine große Anhäng⸗ lichkeit an dieſen Edelmänn an den Tag legte. In der Abſicht ihn zu retten, hatte er ſich für einen Deſerteur von ſeiner Partei ausgegeben, aber er kam zu ſpät, um ſeinen Vorſatz ausführen zu kön⸗ nen. Der treue Menſch wurde ergriffen, als er eben die Vorpoſten paſſiren wollte. Man fand mehrere Gegenſtände ſeines Vorgeſetzten bei ihm, die er den Soldaten abgekauft hatte, welche die Erecution vollzogen hatten. Als man ihn vor ſei⸗ nen Richter brachte, geſtand er Alles ein. Von ſeiner Treue gerührt, ſchloß ſich Lilini den Bitten der beiden Freunde an, erhielt aber eine abſchlägige Antwort. „Wohin wollen Sie?“ fragte der Graf, als Harold Tracy, entrüſtet über die grauſame Scene, die jetzt vor ſich gehen ſollte, ſein Pferd beſtieg, indem er nicht eben die ſchmeichelhafteſten Worte über das Land, in dem er ſich befand, und den Kampf, der in demſelben wüthete, vor ſich hin murmelte. „Ich bin im Begriff mich davon zu überzeugen,“ 4⁵ erwiderte Harold,„ob etwas Dergleichen, das wie Dankbarkeit, ausſieht, in Spanien zu finden iſt. Sagen Sie O⸗Donnel, er möchte die Erecution ſo lang als möglich hinausſchieben,“ Nach dieſer kurzen Erwiderung gab der junge Mann ſeinem edlen Thiere die Sporen und ſprengte nach dem Hauptquartier des Don Carlos in Elois⸗ linda, das ſich etwa ſechs Stunden vom Lager ent⸗ fernt befand. „Hier handelt es ſich um ein Gnadengeſuch,“ ſagte Graf Lilini;„möge Erfolg es krönen.“ Der König wohnte eben einer Meſſe bei, welche der Biſchof von Leon in der alten Dorfkirche cele⸗ brirte,— einem Gebäude offenbar mauriſchen Ur⸗ ſprungs, das man aber, nach Vertreibung des Vol⸗ kes, von welchem es errichtet worden war, zu ſeiner jetigen Beſtimmung umgewandelt hatte,— als Harold, vom Staub und Schaum ſeines edlen Thieres faſt ganz bedeckt, am Portale des heiligen Gebäudes die Zügel anzog. Der Prälat hatte am Altare gerade die Monſtranz mit der geweihten Hoſtie erhoben. Ohne zu zögern ſchritt der junge Mann den mittleren Gang hinauf, kniete an dem Gitter vor dem Altar nieder und zupfte den Meſſe⸗ leſenden am Gewande. Obgleich hoch erſtaunt, ſetzte der Biſchof ruhig den Kelch auf den Altär nieder.„Was hat ſich zu⸗ getragen?“ flüſterte er. „Es handelt ſich um ein Leben! Ich komme, Sie um das Leben eines Gefangenen zu bitten,“ erwiderte Harold.„In einem ſolchen Augenblicke 46 und in Gegenwart von Dem, welchem Sie dienen, Excellenz, können Sie es mir nicht abſchlagen.“ „Begnadigung iſt allein dem König verliehen— an ihn alſo müſſen Sie ſich wenden—“ „Sie ſind ſein Rathgeber!“ unterbrach ihn der Bittſteller;„Ihnen ſchenkt er ſein Vertrauen. Aber Sie haben noch einen ſtolzern Titel; Sie ſind der Diener des Königs der Könige, deſſen heiligſtes Attribut die Begnadigung iſt. Ein Wort von Ihnen, nur ein kleines Wort, und ein unglückliches Ge⸗ ſchöpf, deſſen Momente, wenn Sie ſich nicht ſeiner annehmen, gezählt ſind, wird leben, um ſie zu ſeg⸗ nen, und mein Anſpruch auf Ihre Dankbarkeit iſt quitt.“ Der Biſchof von Leon war ein kalter, aber kein herzloſer Mann. Wäre er in einem andern Augen⸗ blicke angegangen worden, ſo hätte er es wahrſchein⸗ lich abgelehnt, wie in andern Fällen zuvor, den Vermittler zwiſchen der ſtrengen Juſtiz Zumalacar⸗ regui's und den von ihm zum Tode Verurtheilten zu machen; unter den vorliegenden Umſtänden war dieß aber unmöglich. Er verließ daher das Gitter, welches den übrigen Theil der Kirche von dem Heiligthume trennte, ſtieg die Stufe des Altars herab, nahm das Crucifix in ſeine Hand und ſchritt damit gerade auf die Stelle zu, wo Don Carlos ſaß, der über die Unterbrechung augenſcheinlich erſtaunte und beunruhigt wurde. Sire!“ rief der Prälat aus, vor ihm auf die Kniee ſich niederlaſſend.„Im Namen Deſſen, der für Alle geſtorben iſt, flehe ich um das Leben eines Gefangenen, der mit allem Recht verurtheilt wurde, 47 weil er die Waffen gegen Ihre höchſt geheiligten Rechte und Perſon getragen hat.“ Es folgte nun ein in flüſterndem Tone gehal⸗ tenes Zwiegeſpräch, an deſſen Schluſſe der Fürſt haſtig einige Worte auf ein weißes Papier ſeines Taſchenbuches ſchrieb, dieſes dann herausriß und es ſeinem Miniſter überreichte, der es dem jungen Manne gab, welcher nach einer tiefen Verbeugung ſogleich die Kirche verließ. Ehe Harold ſein Pferd wieder beſtieg, welches ein Soldat ihm gehaiten hatte, warf er einen Blick auf das Papier. Es ſtand nichts weiter dar⸗ auf geſchrieben, als:„E Rey, Carlos.“(Der König Carlos.) Dieß genügte. Mit dieſen einfachen Worten verſehen war Harold überzeugt, wenn es ihm ge⸗ linge zur rechten Zeit zurück zu ſein, ſich die won⸗ nige Genugthuung verſchaffen zu können, das Leben eines Mitbruders zu retten. Die Frage war aber die, ob er auch noch zur rechten Zeit eintreffen werde, denn die bereits ſich ſenkende Sonne zeigte die Zeit an, in welcher die Hinrichtungen im Lager vor ſich zu gehen pflegten. Es iſt ein Wettrennen um's Leben,“ rief er aus, als er ſeinem Pferde wieder die Sporen einſetzte.„Der Himmel gebe, daß O'Donnel's Geiſtesgegenwart und Standhaftig⸗ keit Stich hält!“ Damit ſprengte er über Berg und Thal, ohne auch nur Einmal den Zügel zu ver⸗ kürzen und ohne die Gefahr zu beachten, die ihn in einem Lande bedrohte, deſſen Boden zerriſſener war, als das raueſte Land in Cumberland. Unterdeſſen war Gil Perez, dieß war der Name 48 des Chriſtino, deſſen Schickſal Harold ſo intereſſirte, nebſt mehreren anderen Gefangenen zur Hinrichtung vorgeführt worden. Er war ein hubſcher Burſche von kriegeriſchem Atsſehen, mit einem Auge und einer Haltung, wie ſie den Bergbewohnern eigen⸗ thümlich iſt. „Bei meiner Seele,“ murmelte O'Donnel, dem Lilini ſeines Freundes Auftrag ausgerichtet hatte; „es iſt ſchade, einen ſolchen Burſchen zu erſchießen. Wie ſoll ich es aber anſtellen die Sache hinauszu⸗ ziehen? Es iſt gefährlich mit den Befehlen El Tio Tomas' zu ſpielen, der ſich's in den Kopf geſetzt hat, Disciplin zu erzwingen; aber wenn es mir möglich iſt, ſo will ich Harold's Wünſchen nachkom⸗ men.— Ich hab's! Ich hab's!“ ſetzte er leiſer hinzu;„der Clerus muß uns aus der Verlegenheit helfen.“ Zur Ausführung dieſes Gedankens ſuchte der Oberſt jetzt den Mönch auf, deſſen Obliegenheit es war, demjenigen, welcher den Tod erleiden ſollte, die letz⸗ ten Tröſtungen zukommen zu laſſen. Vermittelſt einer Unze Goldes, welches ſeiner ſchwachen Beredtſam⸗ keit in ſpaniſcher Sprache trefflich zu Hülfe kam, überredete er den ehrwürdigen Pater, dem Gil Perez unter den Delinquenten zuletzt die Beichte abzunehmen. Aber trotz des Zögerns des Prieſters, der noch nie zuvor in ſeinem Amte ſo ſäumig ge⸗ weſen war, waren bereits zwei Abtheilungen der Unglücklichen abſolvirt und hingerichtet worden. Die Wache war zurückgekehrt und wartete geduldig die Empfangnahme des Letzten ab, als ein Adju⸗ tant des Generals herbeigeritten kam und den Leuten 2 49 befahl unter das Gewehr zu treten, weil Zumala⸗ carregui im Begriffe ſtehe, die Vorpoſten zu viſi⸗ tiren. Der commandirende Sergeant langte an ſeine Dienſtmütze und meldete dem Officier, daß er und ſeine Leute den Befehl hätten, die Gefangenen zu erſchießen. „Wie? die ſollten ja ſchon ſeit einer Stunde todt ſein!“ erwiderte der Officier ungeduldig. „Sie ſind bei dem Prieſter.“ Für die meiſten Spanier iſt eine ſolche Ent⸗ ſchuldigung vollkommen gültig, weßhalb auch der Adjutant ſeine Ungeduld zügelte. „Vielleicht hat der Burſche etwas ſehr Wichtiges zu beichten, was ſein Leben retten kann,“ bemerkte O⸗Donnel, dem Adjutanten ſeine mit Wein ge⸗ füllte Feldflaſche reichend. Wenn er ihm nur auf eine halbe Stunde den Kopf wirre machte, dachte er, ſo geſchähe mir damit ein großer Gefallen. „Sie ſagten etwas von der Rettung des Lebens dieſes Burſchen,“ ſagte der Adjutant, ſich die Lippen wiſchend.„Apropos, woher haben Sie dieſen köſtlichen Alicante? Ein ſolchen hat der König nicht auf ſeiner Tafel. Man kennt Sie aber als den beſten Fouragierer im Lager. Wovon ſprachen wir nur ſo eben?“ „Von dem Leben des Gefangenen,“ antwortete der Oberſt. „Ja, von deſſen Erhaltung; umſonſt, ganz um⸗ ſonſt. Der General hat geſchworen, keine Gnade mehr zu gewähren; Rodil's Grauſamkeiten haben ſein Herz zu Stahl gemacht. Es würde dieß nur Licht⸗ unb Schattenſeiten. 1V. 4 50 Mißvergnügen unter unſern Leuten erwecken. Ich wage die Sache nicht länger aufzuſchieben; abſolvirt oder nicht, ſeine Stunde iſt gekommen.“ Zugleich ertheilte der Officier dem Sergeanten den Befehl in das Zelt hineinzugehen, in welchem Gil Perez ſeither mit dem Prieſter geblieben war, und ihn herauszuführen. Einem Boten dieſer Art mußte gehorcht werden und ſo erſchien auch der Verurtheilte ſogleich umgeben von ſeiner Wache. Als er an der Stelle vorüberkam, wo die beiden Officiere ſtanden, begrüßte er O'Donnel ehrerbietig auf militäriſche Weiſe. „Er iſt ein muthiger Mann,“ bemerkte der Letz⸗ tere gegen ſeinen Kameraden mit einem Seufzer des Bedauerns.„Ich liebe einen Menſchen, der dem Tod ins Angeſicht blicken kann ohne zu blinzeln. Laſſen Sie uns zuſehen.“ Ehe jedoch die Abtheilung, die mit der Execution beauftragt war, den hiezu bezeichneten Platz erreichte, kam Harold Tracy glücklicher Weiſe angeſprengt; ſein Roß keuchte und ſchäumte unter ihm, denn er hatte die zwölf Wegſtunden hin und her auf rauhem Wege mit dem edlen Thiere in drei Stunden zu⸗ rückgelegt.. „Halt!“ rief er abſteigend,„ich bringe Pardon!“ Die Augen des Gil Perez erglänzten vor Freude, aber ſonderbarer Weiſe verloren die Wangen, welche Todesfurcht nicht bleich gemacht hatte, ihre Farbe bei der plötzlichen Nachricht der Errettuug. „Pardon!“ wiederholte der Adjutant ungläubigz „von wem?“ 51 Der ermüdete Reiter übergab ihm das Blatt aus dem Taſchenbuche. „Ich glaube, daß dieß Pardon bedeutet,“ ſagte der Officier, reſpektsvoll an ſeine Dienſtmütze lan⸗ gend, als er die königliche Unterſchrift erkannte;„aber nur der General kann hier entſcheiden. Jedenfalls iſt aber genügender Grund vorhanden die Cxecution aufzuſchieben.“ Als nach einer kleinen Stunde etwa Zumalacarregui die Vorpoſten viſitirte, wurde ihm der Fall gemeldet. Sein plötzliches Stirnrunzeln und das eigenthümliche Zittern ſeiner Unterlippe, die Alle, welche mit ihm in Berührung kamen, be⸗ merkt haben müſſen, zeigte klar, daß ihm die Sache mißfiel— nicht, daß das Leben eines Feindes ge⸗ ſchont wurde, ſondern weil er das Beiſpiel für ge⸗ recht und nothwendig hielt. „Es iſt nichts als die Unterſchrift Seiner Ma⸗ jeſtät,“ bemerkte der Adjutant,„und es iſt dabei kein efehl ausgedrückt. Der junge Engländer, der ſie erlangte—“ er ſtockte, als er ſah, daß das Geſicht ſeines Chefs noch finſterer wurbe; denn dieſer treu ergebene Krieger war noch eiferſüchtiger auf die Autorität ſeines Souverains, als auf ſeine eigene. „Fahren Sie fort!“ rief er in jenem unge⸗ ſtümen Tone, den man an ihm bemerkte, wenn er zornig war;„der junge Engländer, der ſie erlangte: nun was iſt's mit ihm?“ „Hat nichts Schriftliches über ſeine Bitte, daß das Leben des Rebellen verſchont werden ſolle.“ „Und was ziehen Sie daraus für einen Schluß?“ „Verzeihen Sie, Herr General, es iſt nicht meine § 4* 52 Sache da Schlüſſe zu ziehen, wo Sie allein zu ent⸗ ſcheiden haben.“ El Tio Tomas lachte grimmig und ſchritt dann raſch auf die Hütte zu, aus welcher Gil Perez herausgeführt worden war. Vor derſelben ſtand noch die Wache unter den Waffen und unweit davon Harold, der O'Donnel, Lilini und Harty die Ein⸗ zelnheiten ſeines Geſprächs mit dem Biſchof Leon erzählte. „Jetzt ſetzt es ein tüchtiges Donnerwetter ab,“ flüſterte der Irländer, als der General näher kam. „Führt den Gefangenen vor!“ rief Zumala⸗ carregui in ſtrengem Tone. Harold war eben im Begriff vorzutreten und zu ſprechen, als der Graf die Hand auf ſeinen Arm legte und in ſeiner gewohnten ruhigen Weiſe zu ihm ſagte: „Fürchten Sie nichts, er wird ſeine Pflicht er⸗ füllen.“ Gil Perez wurde vorgeführt, um, wie Jeder⸗ mann glaubte, augenblicklich den Tod zu erleiden. „Rebell und Spion,“ hub der carliſtiſche Heer⸗ führer an. „Kein Spion,“ unterbrach ihn der Mann feſt;„ich wollte nur, wenn es möglich wäre, meinem theuern Herrn, dem Grafen von Via Manuel, zur Flucht ver⸗ helfen. Ich bin auf ſeinen Gütern geboren, habe Jahre lang ſein Brod gegeſſen, diente unter ihm— und zwar treu, was meine jetzige Lage beweist; ich bin aber kein Spion.“ Die jinſter gerunzelte Stirne des Commandeurs hellte ſich ein wenig auf, denn er gehörte unter die 53 Menſchen, denen eine kühne Antwort eher gefällt als mißfällt. „Seine Majeſtät der König hat geruht, Dir auf die Fürbitte dieſes edlen jungen Mannes Pardon zu gewähren. Mag dieſes Beiſpiel diejenigen, die in Waffen gegen ihn ſtehen, lehren, Gnade zu üben. Verlaß das Lager und kehre zu Deinen Freunden zurück.“ Anſtatt dem General zu danken, ging der Ge⸗ fangene, der ſo unerwartet dem Tod entriſſen wurde, auf Harold Tracy zu, ergriff deſſen Hand und drückté ſie an ſeine Lippen. Als die Carliſten hörten, daß ihre Beute ihnen entwiſche, begannen mehrere unter ihnen zu murren. Die Hinrichtung ſo mancher ihrer Officiere und Kame⸗ raden durch Rodil hatte ihre Wuth auf's Aeußerſte entflammt. Zumalacarregui trat aber nur mit ſeiner Reitpeitſche bewaffnet mitten unter ſie, rief ſeinen Adjutanten zu ſich und befahl ihm folgenden Tags⸗ befehl ſogleich niederzuſchreiben: „Der die Diviſion commandirende General er⸗ hält hiemit die Ermächtigung, den erſten unter ſei⸗ nem Befehle ſtehenden Soldaten, der, ſei es durch Worte oder Blicke ſeine Pflicht ſo weit vergeſſen ſollte, ſich mißbilligend über den Akt der Gnade zu äußern, welche der König in Ausübung ſeiner un⸗ zweifelhaften Prärogative zu gewähren ſich veran⸗ laßt fand, ſogleich erſchießen zu laſſen.“ Da dieſer Tagsbefehl laut dictirt wurde, ſo konnte Jedermann die Worte hören, und es war merkwürdig, wie raſch das Murren verſtummte und die ſo eben noch von Wuth entflammten Geſichter 54 einen ruhigen Ausdruck annahmen. Die Augen ſenkten ſich vor dem Adlerblicke ihres Generals zu Boden, der, nachdem er die Ordre unterzeichnet hatte, zu der Gruppe der Officiere trat, und indem er Harold Tracy und Harry die Hand drückte, ver⸗ traulich ſich mit ihnen unterhielt. „Beim Himmel!“ flüſterte Harold gegen Lilini, „er iſt ein edler Menſch!“ Der Graf lächelte, denn darüber war er mit ſich längſt im Reinen. „Das nenn' ich von der Leber weg ſprechen,“ bemerkte O'Donnel, als ſie wieder allein waren. „Jetzt wird ſich Jeder wohl hüten wieder zu murren.“ Er hatte Recht. Die Carliſten, wenn ſie auch insgeheim über das, was ſie an ihrem König Schwäche nannten, unzufrieden waren, hüteten ſich doch ſehr, auswärts etwas davon bekannt werden zu laſſen, ſo groß war der Einfluß ihres Führers, der ſowohl im Guten wie im Schlimmen unabänderlich ſein Wort hielt. Die Landbevölkerung, welche, wie wir ſchon früher mittheilten, im Allgemeinen der königlichen Sache ergeben war, hatte freien Zutritt in das Lager, und es verging kaum ein Tag, an welchem ſie ſich nicht zahlreich einfand; ein Theil davon mit Lebensmitteln, ein anderer mit Nachrichten über die Bewegung der Chriſtinos verſehen. Rodil konnte nie ſein Hauptquartier ändern oder ſelbſt nur ein einziges Regiment dislociren, ohne daß Zumala⸗ carregui es erfahren hätte, der es nie verſäumte, Vortheile aus dieſen Mittheilungen zu ziehen. Es war ein kleiner Krieg, in welchem große Schlachten vermieden, dagegen täglich Scharmützel geliefert wurden, ein Syſtem von Taktik, welches fortwährend die Reihen der Chriſtinos mehr lichtete, deren Füh⸗ rer lähmte und die Leute entmuthigte. Harold und Harry hatten kurz zuvor, ehe das ſo eben Erzählte ſich zugetragen, der Hochzeit eines ſpaniſchen Mädchens, Namens Juana, beigewohnt, die ihnen häufig Lebensmittel brachte, welche die jungen Männer freigebiger bezahlten, als ſelbſt der König von Spanien und beider Indien, trotz ſeiner hochtönenden Titel, es vermocht hätte. Sie war ein aufgewecktes, munteres Geſchöpf mit großen blitzen⸗ den Augen, blühender Geſichtsfarbe und einem Gang ſo leicht und behend wie eine Antilope, wenn ſie über ihre heimathlichen Berge läuft. Ihr Gatte hatte ſich als einer der unternehmendſten und nütz⸗ lichſten unter den carliſtiſchen Spionen bewährt. Seit drei Tagen aber hatte ſich die junge Frau zum großen Verdruſſe ODonnel's, der trotz ſeines Mißgeſchicks mit ſeiner potage de circonstance noch immer der Vorſtand des Küche⸗Departements, zu dem er ſich ſelbſt aufgeworfen hatte, geblieben war, nicht mehr im Lager eingefunden. Es bedarf wohl keiner Verſicherung, wie ſehr die culinariſchen An⸗ ordnungen darunter litten, da man ſich jetzt mit den gewönlichen Rationen hehelfen mußte. Die Freunde lachten über dieſes tißgeſchick und ertrugen es ſtand⸗ haft. Der Gedanke, daß ihrer nützlichen Verbündeten irgend etwas zugeſtoßen ſein müſſe, machte ihnen mehr Sorgen als die Entbehrungen. Am vierten Morgen endlich erſchien die Frau vieder und brachte ſo viele Hühner und Eier mit 56 ſich, daß ſogar die Vorwürfe des Oberſten darüber verſtummten, der ſogleich, um ſich für ſeine ge⸗ zwungene Enthaltſamkeit zu entſchädigen, ſich an die Zubereitung einer Omlette und eines Hühner⸗ fricaſse's machte, wie er etwas hochtrabend ſein im Feldkeſſel zubereitetes Gemengſel von grob zerhack⸗ tem Geflügel nannte. Harold bemerkte, daß in Juana's Geſicht eine auffallende Veränderung vor⸗ gegangen ſei; kein heiteres Lächeln ſpielte mehr um ihre Lippen, welche blaß und zuſammengepreßt waren, wie um einen geheimen Kummer zu ver⸗ bergen, und ihr früheres heiteres Lächeln war ver⸗ ſchwunden. „Sind Sie krank geweſen?“ fragte er, nachdem er ſie mit mehr als gewöhnlicher Freigebigkeit für die Nahrungsmittel, die ſie gebracht, bezahlt hatte. „Wir müſſen hinnehmen, was uns der Himmel ſchickt,“ erwiderte die Frau mit erzwungener Ruhe; „mein Mann iſt eben zu menſchlich und der Gene⸗ ral zu ſtreng.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Er hat einem Chriſtino Obdach gegeben,“ er⸗ widerte ſie, ihre Stimme dämpfend,„den er nach dem letzten Scharmützel in der Nähe unſrer Hütte verwundet gefunden hat. Wenn es verrathen wird, ſo macht El Tio kurzen Prozeß. Ich hätte meine Zuſtimmung nicht dazu gegeben, wenn es kein Eng⸗ länder geweſen wäre.“ Als die Freunde hörten, daß einer ihrer Lands⸗ leute in einer ſo kritiſchen Lage ſich befinde, horch⸗ ten ſie hoch auf und Harry fragte, woher ſie denn wiſſe, daß es ein Engländer ſei. 57 Juana zog nun ein zerknittertes Papier aus ihrem Buſen, das ſie ihm einhändigte und zugleich ausſah, als wenn eine ſchwere Laſt ihr vom Her⸗ zen genommen wäre. Es ſtanden nur wenige Worte darauf, aber dieſe genügten, um die Freunde zu überzeugen, daß es mit Juana's Angabe ſeine Rich⸗ tigkeit habe. Die Worte lauteten: „„Ich habe gehört, daß zwei meiner Landsleute im carliſtiſchen Lager ſich befinden. Ich bin ver⸗ wundet und in Gefahr entdeckt zu werden. Werde ichegefangen, ſo iſt mein Tod gewiß. Retten Sie mich.““ Es gibt wohl wenige Menſchen an die man eine ſolche Bitte vergebens ſtellen würde. Die bei⸗ den Freunde gehörten wenigſtens nicht zu dieſer Minderzahl, und deßhalb beriethen ſie ſich kurz, was in dieſer dringenden Gefahr zu thun ſei. Eine Verwendung bei dem Biſchof von Leon oder dem General wäre vergebens geweſen, wie ſie wohl fühlten, denn dort hatten ſie ihren Einfluß erſchöpft und ein Gefühl der Delicateſſe hielt ſie ab, Lilini oder O'Donnel in's Vertrauen zu ziehen, weil der Erſtere ein Unterthan des Don Carlos, der Zweite ein Officier im Heere war. „Iſt er denn ſo ſchwer verwundet?“ fragte Ha⸗ rold Tracy. „In das Bein, Senhor,“ erwiderte Juana.„Ich verſtehe nichts von ſolchen Dingen; ohne Hilfe muß er aber ſterben, und was wird dann aus uns wer⸗ den?“ „Glauben Sie, daß er ein Pferd beſteigen kann?“ „Ja, ohne allen Zweifel,“ rief Juana raſch; 58 „aber wir beſitzen nicht einmal ein Maulthier, und ſelbſt wenn wir eines hätten, ſo würden wir es nicht herzuleihen wagen. Jeder Bauer iſt der Spion ſeines Nachbars; wenn es heraus käme, daß wir den Chriſtino aufgenommen haben, ſo würde mein Mann erſchoſſen werden.“ Ihre Angſt und ihre Thränen ſchienen ſo na⸗ türlich, daß dadurch jeder Verdacht entwaffnet wurde. Dazu kam noch das von ihr gebrachte Billet, wel⸗ ches im reinſten Engliſch abgefaßt war. Die jun⸗ gen Männer hakten ſich bei mehr als einer Ver⸗ anlaſſung ſo weit über die Vorpoſten hinausgewagt, als die Hütte der Frau entfernt lag, und ſo ſahen ſie, von Menſchlichkeit angeſpornt, keinen Grund, weßhalb ſie dieß nicht wieder thun ſollten. „Kehren Sie heim,“ ſprach Harold, ihr ein Goldſtück in die Hand drückend, das Juana mit wirklicher oder verſtellter Gleichgültigkeit annahm. „Wir folgen Ihnen auf dem Fuße in Ihre Woh⸗ nung.“ „Beide?“ fragte ſie. „Beide,“ erwiderte Harolb. Die Augen der Bäuerin blitzten einen Moment lang faſt in demſelben Feuer, wie früher, als ſie von dem Stuhle der Feldhütte aufſtand und ſich zum Weggehen anſchickte. „Sie wollen alſo den Verwundeten von uns fortnehmen!“ rief ſie aus,„dann kann ich doch wieder ruhig ſchlafen. Sie können ſich die Todes⸗ angſt gar nicht vorſtellen, die ich in den letzten drei Tagen ausgeſtanden habe, weil ich jeden Augenblick fürchten mußte, daß Marodeure aus dem Lager in unſre arme Hütte kämen und das gefährliche Ge⸗ heimniß entdeckten. El Tio Tomas würde die frü⸗ hern Dienſte meines Mannes nicht berückſichtigen, ſondern ihn wie éinen Hund erſchießen laſſen. Seien Sie vorſichtig— ich bitte, recht vorſichtig, und ver⸗ rathen Sie uns nicht.“ Weit beruhigter, als ſie gekommen war, ver⸗ abſchiedete ſich Juana, indem ſie mit großem Ernſte fortwährend ihre Bitte wiederholte, daß ſie doch ja ihr Verſprechen halten möchten. „Und dieß nennt man einen Bürgerkrieg!“ ſagte Harold.„Der Himmel bewahre jedes Land vor dieſer Geißel. Der Vater gegen den Sohn, der Bruder gegen den Bruder! Die Angſt dieſes ar⸗ men Geſchöpfs iſt ſehr natürlich. Seit wenigen Wochen erſt iſt ſie verheirathet, und ſchon verdun⸗ kelt eine ſchwarze Wolke den Sonnenſchein ihrer neuen Exiſtenz. Sie hat ein treues weibliches Herz, denn es kam auch nicht ein Wort über ihre eigene Gefahr über ihre Lippen; jeder Gedanke und jedes Gefühl concentrirte ſich nur auf den Mann den ſie liebt.“ Unmittelbar nach dem Eſſen, auf welches man— Dank O'Donnel's Ungeduld— nicht lange zu war⸗ ten hatte, machten ſich die beiden Freunde, wohl⸗ beritten und bewaffnet, zu ihrer Expedition auf den Weg. Es war zwiſchen ihnen verabredet, dem Verwundeten eines ihrer Pferde zu geben, das ihn in Rodil's Hauptquartier brächte, wenn er es zu beſteigen im Stande wäre. Wenn dieß nicht der Fall wäre, ſo wollten ſie ſich nach andern Mitteln umſehen, um ihn zu retten. Als ſie die Vorpoſten 60 paſſirten, fragte Harry den Officier, der das Piket Siet ob ſich vom Feinde etwas habe blicken laſſen. „Keiner der Rebellen ſcheint das Lager verlaſſen zu haben,“ erwiderte der Lieutenant.„Die navar⸗ reſſiſchen Bataillone ſind ſo eben vom Säubern der Umgegend heimgekehrt. Die Chriſtinos fangen an klug zu werden. Wenn es bei uns in der Folge ſo fort geht, ſo zieht Seine Majeſtät noch vor Ab⸗ lauf dieſes Monats in Madrid ein.“ „Der Himmel geb' es lſagten die jungen Männer. „Viva el Reyl!“ rief der Spanier, eine friſche Eigarre nehmend, und die Freunde ritten weiter. Wie der Officier ihnen geſagt hatte, ſo zeigte ſich auch nicht die mindeſte Spur, daß in der letzten Zeit ein Feind vorübergekommen ſei. Das breite Aluzasthal lag lachend mehrere Stunden weit vor ihnen und hier und dort bemerkte man rohe, aber ſolid gebaute Bauernhäuſer, von denen eines die Wohnung Juana's war. Halb Wegs etwa hielten die Reiter an der Thüre einer Poſada, oder Wirths⸗ hauſes, wo ſie wohl bekannt waren, an. Unſre Leſer müſſen ſich aber ja nicht einbilden, daß eine Poſada einem Wirthshauſe in irgend einem andern Theile der Welt gleicht, wo dem Reiſenden im Allgemeinen wenigſtens Höflichkeit für ſein Geld zu Theil wird. Die ſpaniſchen Gaſtwirthe legen im Gegentheil eine ſo bewunderungswürdige Gleich⸗ gültigkeit für die Bequemlichkeit ihrer Gäſte an den Tag, die ankommen, in die Küche— dem einzigen allgemeinen Aufenthaltsorte— treten und dort den ganzen Tag bleiben können, ohne daß man im 61 Mindeſten ſich um ſie bekümmert. Auf die Frage des Hungrigen:„Que tiene usted de pueno2 (Was haben Sie uns Gutes vorzuſetzen ²) hört man unabänderlich die Antwort:„Was haben Sie mit⸗ gebracht?“ denn in neun oder zehn Fällen iſt am Orte ſelbſt nichts zu haben. Der Ruf der Freigebigkeit, welchen die beiden jungen Männer im Lager und deſſen unmittelbarer Umgebung ſich erworben hatten, veranlaßte eine augenſcheinliche Ausnahme zu ihren Gunſten. Der Herr der Poſada, als er ſie vor ſeinem Hauſe ankommen ſah, ging ſelbſt hinab, um ihre Pferde zu verſorgen, während ſie in die Küche traten, um ſeinen Wein zu koſten, der in Schläuchen von Ziegenfell, in der baskiſchen Volksſprache Bor⸗ rachios genannt, aufbewahrt war, die an Klammetn an der Wand hingen. Sie trafen nur wenige Rei⸗ ſende, wie bei den geſtörten Zuſtänden des nicht anders zu erwarten war. Einer darumer war ein wohlhabend ausſehender Pächter, der einen Zug Maulthiere zum Verkauf nach dem Lager zu führen im Begriffe war. Harold dachte ſogleich, daß es das Beſte wäre, eines dieſer Thiere für ihren verwundeten Landsmann zu kaufen und brachte dem zu Folge auch ſogleich eines der kräftigſten davon in ſeinen Beſitz. Die nächſte Schwierigkeit handelte ſich nun darum, Jemand zu bekommen, der es bis nach Juana's Hütte reiten würde. Die⸗ ſer Verlegenheit half ein Bauer ab, der dem An⸗ ſcheine nach in einem Winkel hinter dem Herde ge⸗ ſchlafen hatte, und der ſich freiwillig erbot dieſen Dienſt zu übernehmen. Die Reiſenden hatten etwa 62 noch anderthalb Meilen zurückzulegen. Als ſie das Haus verließen, flüſterte der Wirth ihnen zu, ſie auf ihren Begleiter ein wachſames Auge aben. „Es iſt nicht wohl zu beſorgen, daß er uns un⸗ ſer Maulthier ſtiehlt,“ verſetzte Harold, ſeinem flüch⸗ tigen Pferde, auf dem er ſaß, den Hals klopfend. Der Spanier zuckte die Achſeln, als wenn er damit hätte ſagen wollen, daß es ſich um Gefahren anderer Art handle. „Wir ſind gut bewaffnet,“ ſetzte Harold hinzu, indem er auf die Piſtolen in ſeinem Gürtel deutete. „Mögen die Heiligen Sie ſchützen!“ ſagte der Wirth ungläubig;„er mag ein ehrlicher Menſch ſein, aber er iſt ein Fremder.“ Mit dieſer für die Spanier ſo charakteriſtiſchen Bemerkung, die Jeden, den ſie nicht kennen„für ihren Feind anſehen, zog er ſeine Mütze ab, und die Freunde ſetzten ihre Reiſe in Geſellſchaft des Mannes fort, der ihnen voraus das Maulthier ritt. Juana's Wohnhaus lag hart am Eingange des Thales, ſehr entfernt von jeder andern Wohnung. Pinter derſelben befand ſich ein Stück cultivirtes Feld, das von einer rohen Steinmauer eingeſchloſ⸗ ſen war, und an dieſes ſtieß ein dichtes Gehölz von alten Kaſtanienbäumen, deren verdorrte Zweige zur Feuerung, die Früchte aber zur Nahrung den Win⸗ ter hindurch dienten. Als man näher kam, erkann⸗ ten die jungen Leute das blaſſe, angſtvolle Geſicht der Frau, die ſich unter dem Fenſter befand, um ſich nach ihnen umzuſehen. 63 „Sie bringen einen Fremden mit ſich,“ ſagte ſie unruhig. „Fürchten Sie nichts, er wird Sie nicht ver⸗ rathen,“ antworteten die Freunde, indem ſie von ihren Pferden ſtiegen. Ehe ſie in die Hütte traten, bezahlte Harold den Mann für ſeine Mühe und befeſtigte die Zügel der Thiere an einem Baume hart hinter der Thüre. „Wo iſt Ihr Gaſt?“ fragte er. „Im innern Zimmer, Senhor; ich glaube er ſchläft.“ Die jungen Männer gingen unbefangen der an⸗ gedeuteten Richtung nach. Alles war ſo ruhig, daß auch nicht der leiſeſte Verdacht, daß Verrath im Spiele ſei, in ihrer Seele auſſtieg. Kaum waren ſie aber in das zweite Zimmer eingetreten, als die Vorhänge des Bettes, die zugezogen waren, plötz⸗ lich zurückgeſchlagen wurden und der Lieutenant der Urbanos und ein halbes Dutzend ſeiner Leute da⸗ hinter plötzlich zum Vorſchein kamen. Harolds erſte Abſicht war, nach der Thüre zurückzuſpringen; die verrätheriſche Juana hatte ſie aber verriegelt. Die Ueberraſchung war ſo plötzlich, daß, ehe einer der jungen Männer ſich vertheidigen konnte, ſie ent⸗ waffnet und gebunden waren. Der Officier, der die Unterſuchung ihrer Taſchen überwachte, war ganz außer ſich vor Vergnügen, nicht allein über den Erfolg ſeines Unternehmens, ſondern auch über die reiche Beute, die er vorfand, denn Doublonen waren in der Armee Rodil's nicht weniger ſelten, als in der der Carliſten. „Was ſoll dieſer Ueberfall bedeuten?“ fragte 64 Harry Burg.„Wir ſind Engländer, keine Spanier, und ſind durch eine wohlausgeſonnene Fabel von einem verwundeten Landsmann in dieſe Falle ge⸗ lockt worden. Weder mein Freund, noch ich haben je die Waffen in dieſem Kampfe getragen, der jetzt Ihr unglückliches Land verwüſtet. „Es iſt möglich,“ antwortete der Lieutenant kalt, „aber Sie werden deßhalb doch die verwirkte Strafe erdulden.“ „Elender! Wollen Sie uns denn ermorden?“ „Bezeichnen Sie ein Löſegeld, wie hoch Sie es für paſſend erachten,“ fügte Harold hinzu;„es ſoll bezahlt werden.“ „Suchen Sie Andere durch Ihre Beſtechungs⸗ verſuche zu verlocken, Senhor,“ antwortete der Lieutenant;„bei mir iſt jeder Verſuch vergebens. Zügeln Sie Ihre Ungeduld und, wenn Sie können, auch Ihre Zungen; in wenigen Stunden wird Ihr Schickſal entſchieden ſein.“ Die Pferde der Chriſtinos, welche in dem Ge⸗ hölze hinter dem Hauſe verborgen geweſen waren, wurden nun vorgeführt und die Gefangenen i in das äußere Zimmer gebracht. Sechsundvierzigſtes S Als die jungen Engländer, itricen gebun⸗ den, von ihren rohen Ueberwindern zum Hauſe herauskamen, indem man ſie mehr ſchleppte, als führte, ſiel ihr Blick auf Juana, die bleich und 65 ſchuldbewußt, mit gefalteten Händen daſtand, um ihr Weggehen mit anzuſehen. Die Falle war ſehr künſtlich gelegt worden, nicht nur hinſichtlich der Fabel, die ſie in die Gefahr geführt hatte, ſondern auch der Einzelnheiten, die dabei in Anwendung gebracht worden waren; denn der Bauer, der die Führung des Mauleſels übernommen hatte, war Niemand Anderes, als ein verkleideter Urbano, der jetzt wieder zu ſeinen Kameraden geſtoßen war. „Thut Ihnen nichts zu Leide!“ rief die Frau, von Seelenangſt gepeinigt.„Ihr wißt nicht wie gut und freigebig ſie ſind. Verſchont ſie— verſchont ſie!“ „Heuchlerin, warf ihr Harold Trach im Tone der Verachtung und des Widerwillens zu. Unſer Blut komme über Dein Haupt! Es wird furchtbar gerächt werden. Dein Mann wird es büßen müſſen.“ „Ach!“ erwiderte das elende Weib, er iſt be⸗ reis in den Händen der Chriſtinos. Um ſeine Frei⸗ heit zu erkaufen, habe ich in die Rolle gewilligt, die ich ſpielte. Bemitleiden Sie mich!“ „Trotz der gefährlichen Lage, in der ſich Harold befand, gereichte es ihm einigermaßen zum Troſte, daß nicht bloß Durſt nach Geld Juana veranlaßt hatte, ihn zu verrathen. „Sorgen Sie nicht, Senhor,“ bemerkte der Of⸗ ficier;„Sie ſind bereits gerächt, und das iſt im⸗ mer eine Genugthuung; wenigſtens ich halte es dafür. Ihr Mann iſt geſtern Nacht auf Befehl des Generals erſchoſſen worden. Ich ſelbſt war bei der Execution zugegen, und ich muß ihm die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, obgleich er ein Re⸗ bell und Carliſt war, daß er muthig geſtorben iſt.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. IW. 5 66 Keine Feder iſt im Stande, den durchdringenden Schrei zu beſchreiben, den Juana's bleiche Lippen jetzt ausſtießen und wobei ſie den Officier mit einem Ausdruck anſtierte, in welchem ſich Wahnſinn und Rache unverkennbar ausdrückten. „Ihr Eid! Ihr Eid, ihn zu retten,“ murmelte ſie endlich. Der Böſewicht antwortete ihr durch ein lautes Lachen. „Sie ſcherzen— ſagen Sie, daß Sie mit mir Scherz treiben,“ fuhr das unglückliche Geſchöpf fort, und ich will Sie ſegnen. O, wir waren ſo glücklich! Sie werden mir ihn wieder geben; Sie vermochten es nicht über ſich, uns hier und dort zu trennen; denn wenn er todt iſt, ſo ſtarb er als ein treu er⸗ ge bener, ehrlicher Mann, während ich— was kann meine Schuld, meine nutzloſe Schuld ſühnen?“ Einer der Chriſtinos zog aus ſeiner Taſche die ſilbernen Schnallen und das buntfarbige ſeidene Tuch, das ihr Gatte getragen hatte und jetzt mit ſeinem Blute befleckt war, hervor und hielt es ihr höhniſch vor die Augen. Ueberzeugt von der Wahr⸗ heit ihres Verluſtes, warf ſich Juana auf den Bo⸗ den und krümmte ſich im grimmigſten Schmerze wie ein Wurm ſo lange, bis Helsman's Helfershelfer mit ihren Gefangenen von der Hütte weggezogen waren. Allmälig wurde ſie ſodann ruhiger und ſie blieb eine Zeitlang, die Augen ſtier und verzweiflungs⸗ voll auf den Boden gerichtet, ſitzen. „Hier und dort,“ murmelte ſie mehrmals vor ſich hin. Dieſer Gedanke ſchien ſie unaufhörlich zu verfolgen. 67 Obgleich die Spanier von Natur das indolenteſte Volk in Europa ſind, ſo iſt es doch höchſt merk⸗ würdig, mit welcher Ausdauer und Anſtrengung ſie unter dem Einfluſſe einer großen Aufregung zu handeln fähig ſind. Wenn Rache im Spiele iſt, ſo ſind ſie im Stande, ihren Feind mit der Ge⸗ duld und dem Inſtincte eines Bluthundes Jahre lang zu verfolgen, keine Mühſeligkeit ſchreckt ſie ab, keine Entbehrung vermag ſie von dem einmal gefaßten Vorſatze abzubringen. Endlich ſtand die troſtloſe Wittwe mit einer Ruhe vom Boden auf, welche merkwürdig gegen den frühern maßloſen Schmerz contraſtirte, und verſchwand mit raſchen Schritten in dem Gehölz hinter ihrem Hauſe. Eine halbe Stunde hernach ſah man ſie auf einem flüch⸗ tigen Maulthiere nach dem carliſtiſchen Lager reiten. Die Schatten der Nacht hatten ſich bereits her⸗ abgeſenkt, ehe die Abweſenheit der jungen Englän⸗ der von ihren Freunden bemerkt wurde. Als Tom von Lilini und O'Donnel darüber befragt wurde, geſtand er nur zögernd ein, daß Harold und Harry in Folge eines Billets, welches die Bäuerin Juana ihnen gebracht habe, zu einer geheimen Erpedition ausgezogen ſeien. Dieß war Alles was der arme Menſch wußte, und ſelbſt dieß hätte man nicht aus ihm herausbringen können, wenn ihm nicht um ſei⸗ nen Herrn bang geweſen wäre. Als der Oberſt und der Graf dieß hörten, wech⸗ ſelten ſie ängſtliche Blicke. „Es kann ihnen gewiß nichts zugeſtoßen ſein,“ ſagte der treue Diener. 68 „Ein Ritt in dieſem Lande iſt gefährlich,“ be⸗ merkte O'Donnel trocken. „Wenn's nur das iſt, ſo habe ich keine Angſt,“ rief Tom.„Ich möchte wohl einen beſſern Reiter ſehen, als Squire Harold! In Spanien finden Sie wenigſtens keinen.“ „Gewiß, aber ich ſpreche von den Gefahren, die vom Feinde drohen,“ unterbrach ihn der Oberſt. „Geben Sie mir über einen Umſtand Auskunft,“ ſagte der Graf Lilini,„und ich weiß dann ſogleich, was zu thun iſt. War der Zettel oder das Billet, von dem Sie ſprachen, in engliſcher Sprache ge⸗ ſchrieben?“ Tom war überzeugt, daß dieß der Fall war, denn er hatte dahin zielende Aeußerungen von ſei⸗ nem Herrn und deſſen Freunde gehört, die nicht mißverſtanden werden konnten. „Und Juana hat ihn gebracht,“ rief ODonnel aus.„Heilige Mutter Gottes! Wo hört die Schlech⸗ tigkeit dieſer Welt auf? Es iſt kaum zu begreifen, daß ein junges Weib mit ſolch einem paar Augen im Kopfe eine Menſchenfängerin ſein ſollte! Das geht über meinen Horizont. Sie kann nicht ſo ge⸗ wiſſenlos ſein, denn ihre Eier waren immer friſch.“ Zu jeder andern Zeit hätte Lilini über das Raiſonnement des Irländers gelächelt, aber unter den jetzigen Umſtänden war er viel zu ſehr beun⸗ ruhigt um die Sicherheit ſeiner jungen Freunde. Er gehörte unter die Menſchen, bei welchen Ent⸗ ſchluß und Handlung zuſammenfallen.„Wir müſ⸗ ſen Zumalacarregui aufſuchen,“ ſprach er;„er iſt unſere einzige Hoffnung.“ 69 „Bei meiner armen Seele, die iſt ſehr gering,“ verſetzte der Oberſt.„El Tio Tomas iſt nicht in der beſten Launez im Rathe hat ihn etwas ge⸗ ärgert.“ Lilini hatte aber eine beſſere Meinung von ſei⸗ nem berühmten Landsmanne, den weder Zorn, noch Verdruß von dem Wege abzubringen vermochten, welchen ihm Ehre oder Pflicht vorzeichneten. Mit dem heißen Blute des Südens verband der carli⸗ ſtiſche Führer die kalte Ueberlegung des Nordens. Lilini täuſchte ſich auch nicht über ihn, denn El Tio Tomas hörte nicht nur ſeinen Bericht mit Auf⸗ merkſamkeit, ſondern ſogar mit tiefem Intereſſe an. „Die Armen!“ rief er, nachdem er die Mit⸗ theilung vernommen hatte.„Ihre Menſchlichkeit hat ſie in's Verderben geſtürzt. Ich würde eine Schlacht daran wagen, wenn ich dieß dafür ungeſchehen ma⸗ chen könnte!“ Zugleich rief er einen ſeiner Adjutan⸗ ten herbei und befahl ihm, eine Abtheilung Rei⸗ terei in das Thal hinabzuſchicken mit dem bündig⸗ ſten Befehle, Juana und deren Gatten hieher zu bringen; zugleich wurde noch eine größere Abthei⸗ lung beordert, ſich zu augenblicklichem Dienſt bereit zu halten.„Das iſt Alles, was ich thun kann,“ be⸗ merkte er.„Nichts würde mich rechtfertigen, wenn ich das Leben meiner Soldaten ohne poſitive Nach⸗ richten auf's Spiel ſetzte; das Uebrige liegt in den Händen der Vorſehung.“ Che O⸗Donnel oder Lilini antworten konnten, hörte man eine Frauenſtimme, die ſich mit den Ordonnanzen und Schildwachen am Eingang des Zeltes herumſtritt.. 7⁰ „Das iſt Juana!“ rief der Oberſt voll Freude aus.—„Die Verrätherin! Laſſen Sie ſie vor, Herr General. Um's Himmels willen, laſſen Sie ſie vor! Wenn Sie ſie in's Verhör nehmen, wird ſie Sie nicht lange zu täuſchen vermögen.“ Die Frau wurde hereingelaſſen und ſtand jetzt vor dem Chef, deſſen bloßer Name Gegenſtand ſo großer Furcht und Ehrerbietung unter dem Land⸗ volke war, daß man ihn nur zu nennen brauchte. Wären die Umſtände nicht ſo troſtlos geweſen, ſo würde auch die Frau ſich verlegen gefühlt haben und wäre mit ihren Antworten weniger raſch zur Hand geweſen, aber jetzt kannte ſie keine Furcht mehr; ihr Unglück hatte ſie muthig gemacht und ſie beantwortete die an ſie geſtellten Fragen mit einer Kürze und Ueberlegung, welche O'Donnel in Erſtaunen ſetzten. Lilini verſtand ſie aber; es war die Kürze und Ueberlegung der Verzweiflung, die, nachdem ſie jede Hoffnung verloren, jede andere Rückſicht von ſich geworfen hat. „Sie waren dieſen Morgen im Lager?“ fragte Zumalacarregui. „Ja.“ „Wiſſen Sie etwas von den beiden Engländern, denen Sie gewöhnlich Lebensmittel brachten?“ „Ich werde ihnen keine mehr bringen,“ ſagte Juana traurig. Das iſt ſehr Schade, dachte ODonnel. „Sie befinden ſich in den Händen der Chriſtinos!“ „Durch Verrath oder Zufall?“ „Durch Verrath, General.“ „Verrathen, durch wen? 71 „Durch mich.“ Der Oberſt ſtieß einen tiefen Seufzer aus, denn er liebte die beiden Freunde aufrichtig und Zuma⸗ lacarregui's Stirne zog ſich in noch tiefere Falten, wie zuvor. „Und nachdem Du das Gold von den Feinden Deines Königs und Landes angenommen haſt, um das Blut von zwei edlen jungen Männern zu ver⸗ kaufen,“ ſprach der General,„haſt Du die Keckheit, Dich vor mir blicken zu laſſen.“ „Wenn Gold mich zu meinem Verbrechen ver⸗ leitet hätte,“ erwiderte Juana,„ſo wäre ich nicht hier. Ich bin oder vielmehr ich war verheirathet,“ fuhr ſie, ſich ſelbſt verbeſſernd, fort,„nur wenige Wochen verheirathet, glücklich in der Liebe eines edlen und treu ergebenen Herzens, glücklich wie— doch es iſt nutzlos, von Dingen dieſer Art zu ſpre⸗ chen oder daran zu denken. Mein Mann fiel den Chriſtinos in die Hände. Sie boten mir an, ſein Leben zu ſchonen, wenn ich die Rolle übernehmen wolle, die ich ſpielte— und ich willigte ein. Ich muß verrückt geweſen ſein— verrückt,“ fuhr die unglückliche Frau nach einer Pauſe fort,„denn ſonſt hätte mir einfallen müſſen, daß der, für den ich dieſe Sünde beging, mich dafür verachtet und ver⸗ ſtoßen hätte.“ „Hat er dieß gethan?“ fragte Lilini ernſt, denn er erkannte in der unnatürlichen Ruhe, mit welcher die Frau ihre traurige Geſchichte erzählte, die An⸗ zeichen eines Grams, der ſie zu Boden drückte. „Er iſt todt,“ ſagte die Wittwe in demſelben gelaſſenen Tone.„Sobald man meines Verrathes 72 ſicher war, erſchoſſen ihn die Chriſtinos. Der Schmerz über meine Schande wurde ihm wenigſtens auf dieſe Weiſe erſpart.“ „Und was führt Dich hieher?“ „Ich verlange Gerechtigkeit.“ „Gerechtigkeit!“ wiederholten unwillkührlich ſämmtliche Anweſenden. „Ja; ſolche Gerechtigkeit, wie ſie El Tio Tomas zu üben pflegt,“ antwortete Juana feſt.„Tod für meinen Verrath und Rache für meinen gemordeten „Gatten. Die Schurken, welche die jungen Engländer gefangen nahmen, haben dieſelben nach dem Thurm von Iſolonda gebracht. Ich habe dieß erlauſcht. Nun aber wiederhole ich, daß Alles, was ich ver⸗ lange, in Gerechtigkeit für mein Verbrechen und Rache für den Todten beſteht.“ Der carliſtiſche Führer betrachtete ſie, als ſie ſo ruhig und aufrecht vor ihm ſtand, mit Blicken des Mitleids und der Bewunderung. Er kannte ſeine Landsmänninnen genau— deren leidenſchaft⸗ liche, rachſüchtige, feurig liebende Ratur. „Geh,“ ſprach er mit einer ſo ſanften Stimme, daß man Augen⸗ und Ohrenzeuge geweſen ſein mußte, um glauben zu können, daß ſie aus dem Munde eines ſo ſtrengen und rauhen Kriegers ge⸗ kommen ſei.„Der Spruch iſt ſchon gefällt, aber durch keinen irdiſchen Richter— der Himmel hat Deine Strafe ausgeſprochen. Es geziemt den Men⸗ ſchen nicht, etwas daran zu ändern.“ „Tod,“ murmelte Juana,„Tod! Ich verlange nichts Anderes.“ Hätten Lilini oder O⸗Donnel, die treuen Freunde der Gefangenen, die carliſtiſche Armee befehligt, ſo hätten ſie zur Befreiung derſelben keinen größern Eifer an den Tag legen können, als Zumalacarre⸗ gui, deſſen Befehle kurz und bündig waren. In weniger als einer Stunde, nachdem ihm der Ort, wo die beiden jungen Männer ſich in Gefangen⸗ ſchaft befanden, bekannt war, ſtand eine Abtheilung von tauſend Mann unter den Waffen, bereit zum Abmarſch und Angriff auf den Thurm; die Diviſions⸗ generale waren angewieſen worden, ſich bereit zu halten, die Bewegung für den Fall zu unterſtützen, wenn dieſelbe in ein allgemeines Gefecht ausarten ſollte, was übrigens kaum zu befürchten war, da Rodil ſchon lange auf Verſtärkungen wartete. Als die Carliſten aus dem Lager marſchirten, beſtieg die Wittwe ihr Maulthier und begleitete ſie. Der Thurm von Iſolonda, wohin Harold und ſein Gefährte als Gefangene geführt worden, war eines jener mauriſchen Gebäude, die man faſt noch in ihrem primitiven Zuſtande in den entfernten Diſtricten Spaniens findet; er war offenbar zur Vertheidigung aufgeführt worden, denn die Mauern waren von ungeheurer Dicke und die engen Fenſter in ſolcher Höhe angebracht, daß man unmöglich durch Sturmleitern zu ihnen gelangen konnte. Ohne Ar⸗ tillerie konnte man daher einen ſolchen Platz nur durch Hunger bezwingen. Glücklicher Weiſe war es um die Zeit, in welcher dieſe Begebenheit vorfiel, Reyna gelungen, einen ſeiner größeren Mörſer zu Stande zu bringen, welchen das Belagerungscorps mit ſich nahm. Obgleich der Thurm in ſtrategiſcher Beziehung von geringer Bedeutung war, ſo hatten 74 die Chriſtinos doch eine Zeitlang eine kleine Gar⸗ niſon hineingelegt, die aus einer Abtheilung Ur⸗ banos und Carabinieren beſtand, zur Ueberwachung des mißvergnügten Landvolks, das ſchwer unter ihren Ausſchweifungen zu leiden hatte. Der einzige Ein⸗ gang zu dieſer iſolirten Bergveſte geſchah durch ein enges Thor, das von beiden Seiten durch Schieß⸗ ſcharten mit Gewehren beſtrichen werden konnte. Es beſtand nur aus drei Stockwerken, das erſte füllten Lebensmittel und Gegenſtände, welche man in der Nachbarſchaft geplündert hatte, das zweite diente als Kaſerne für die Soldaten, und im dritten wohnten der Commandeur und ſeine Officiere. In dieſen hatte man die Gefangenen gebracht. Des Lieutenants erſte Frage nach ſeiner Rück⸗ kehr war nach Helsman, und es verdroß ihn ſehr, als er hörte, daß dieſer noch nicht eingetroffen ſei. Neben allen ſeinen Fehlern beſaß dieſer Menſch die den meiſten ſeiner Landsleute innewohnende gute Eigenſchaft, Muth— das heißt, wenn ſie zum Aeußerſten getrieben oder durch die Hoffnung auf Beute angefeuert werden. Mit einem Fluche über die Saumſeligkeit des Engländers, deſſen Abweſen⸗ heit ihn ärgerte, ging er hinab, um nachzuſehen, ob das Thor der kleinen Feſtung für die Nacht ge⸗ hörig geſichert ſei, und um die Schildwachen ſelbſt auszuſtellen; denn eine Ahnung ſagte ihm, daß Zu⸗ malacarregut, deſſen Schnelligkeit ihn faſt allgegen⸗ wärtig machte, den Platz noch ehe der Morgen graue angreifen werde. Während ſeiner Abweſenheit, die nur einige Minuten dauern ſollte, blieben die beiden Freunde 75 unter der Bewachung eines einzigen Soldaten, der zum Erſtaunen des Erſteren kein anderer war, als Gil Perez, deſſen Leben Harold kürzlich erſt gerettet hatte. Mit wenigen Worten drückte der dankbare Menſch ſeine Betrübniß aus, ihn in einer ſolchen Lage zu finden. „Unſere Gefangenſchaft wird nicht lange dauern,“ bemerkte Harold bitter. „Gewiß,“ erwiderte der Mann;„Sie ſind ja Engländer.“ „Darauf verlaſſe ich mich nicht.“ „Und haben nie die Waffen gegen die Königin getragen; ich kann dieß bezeugen, denn ich habe es ſelbſt von den Rebellen im Lager verſichern gehört.“ „Es geſchah zur Befriedigung des Haſſes irgend eines geheimen Feindes, weßhalb man uns ſo arg⸗ liſtig in die Falle lockte,“ bemerkte Harry Burg; „und diejenigen, welche Verrätherei nicht verſchmäht haben, werden ſich wohl nicht lange beſinnen, uns zu morden.“ „Morden!“ wiederholte Gil Perez.„Sie, die ihren Einfluß angewendet haben, ſo viele Leben zu retten! Onein, das wäre zu gräßlich, zu unmenſchlich.“ „Sie kennen doch Ihren Obergeneral ohne Zweifel,⸗ antwortete Harold mit Betonung. „Ja.“ „Dann können Sie auch wiſſen, wie wenig Aus⸗ ſicht diejenigen haben, die in ſoiche Hände gera⸗ then ſind—“ „Nur ſtill; Sie haben wenigſtens Einen Freund gefunden, der ſein Leben daran ſetzen will, das 76 Ihrige zu retten. Ich höre des Lieutenants Schritte auf der Treppe.“ Die Nacht hindurch brachte der ehrliche Spanier den Gefangenen alles, was ſie an Trank und Speiſe bedurften und, was ihnen noch eine größere Er⸗ leichterung war, durchſchnitt die Stricke, die ihnen in's Fleiſch einſchnitten. „Halten Sie ſich parat,“ ſprach er,„mir jeden Augenblick, wenn ich Ihnen ein Zeichen gebe, zu folgen. Ich habe meine Schuld der Dankbarkeit nicht vergeſſen, und würde ſelbſt eine Gefahr nicht ſcheuen, um dieſe abzuzahlen. So viel ich bemerken konnte, fürchtet der Lieutenant, von El Tio Tomas, wie die Carliſten ihn nennen, angegriffen zu werden. In dieſem Falle—“ „Sind wir die Erſten, die der Verzweiflung oder der Rache der Garniſon zum Dpfer fallen,“ be⸗ merkte Harold. „Das ſoll nicht geſchehen,“ flüſterte der Chri⸗ ſtind;„ich werde Sie retten. Auf dem obern Trep⸗ penabſatze vor den Zellen befindet ſich eine Leiter — der einzige Verbindungsweg, um unter das Dach des Thurmes zu gelangen. Ich habe bereits Zwieback und einen Schlauch mit Wein dorthin geſchafft. Wir haben dann nichts zu thun, als die Leiter nach uns zu ziehen, um vor jedem Angriffe von innen und außen geſichert zu ſein. Seit meines armen Herrn Tod bin ich des Krieges müde und möchte gern in einem andern Lande Dienſte ſuchen, bis wieder beſſere Zeiten kommen.“ Die beiden jungen Männer verſicherten ihn auf's Bündigſte, daß ſie, im Falle ihres Entkommens, 77 genügende Mittel beſäßen, ſeinem Wunſche zu ent⸗ ſprechen. Es gibt nichts Peinlicheres als Ungewißheit. Ein unabwendbares Mißgeſchick, wie ſchrecklich es auch ſein mag, erfüllt das Herz weit nicht ſo ſehr mit jenem bangen Zagen, in welchem es, bald der Hoffnung, bald der Verzweiflung preisgegeben, mit Bildern ſich abquält, von denen eines immer Fräß⸗ licher iſt, als das andere. Aus dieſem qualvollen Zuſtande wurden die Gefangenen, eben als der Tag zu grauen anfing, durch die Erſcheinung Gil Perez' geriſſen. „Gerettet!“ rief er, als er die Thüre ihrer Zelle öffnete.„Ihre Freunde ſind eingetroffen, um uns zu belagern. Es iſt aber kein Augenblick zu ver⸗ lieren, denn der Lieutenant iſt entſchloſſen, Sie nicht herauszugeben und bis auf den letzten Mann aus⸗ zuhalten. Er hat ſo eben Befehl ertheilt, Ihre Gräber zu graben.“ Bei dieſer Nachricht durchrieſelte ein kalter Schauer die Körper der beiden Freunde, welche, ohne einen Augenblick zu zögern, ihm unter das Dach ihres Gefängniſſes folgten. Sie waren kaum dort angekommen und hatten die Leiter nach ſich gezogen, als ſie die Stimme ihres Gefangenwärters vernahmen, der den Namen ihres Befreiers rief. „Der mag rufen, ſo lang er will,“ bemerkte der Spanier, ſeine Cigarre anzündend;„wenn Lieute⸗ nant Fimenes und ich uns je wieder treffen, ſo iſt es für einen von uns Beiden Zeit, ſein Conkitcor herzuſagen.“ Kaum hatte er dieß geſprochen, als eine ganze 78 Ladung von Flüchen und Ausrufungen über Ver⸗ rath bemerklich machten, daß ihr Entkommen ent⸗ deckt worden ſei. „Donnere nur,“ fuhr Gil fort;„Flüche tödten nicht; und wenn ſie es thäten, ſo kann ich auch damit aufwarten.“ „Sind keine Mittel da, auf irgend eine Weiſe zu uns zu gelangen?“ fragte Harold. „Das Dach iſt von Stein, feuerfeſt und wenig⸗ ſtens dreißig Fuß hoch, vom Boden an gerechnet, und überdieß weiß ich gewiß, daß es im ganzen Thurme keine andere Leiter gibt. Ich wiederhole daher, Senhor, daß wir ſicher ſind, und ſo nehmen Sie eine Cigarre von mir an wie ein guter Chriſt, — denn ich habe gehört, daß einige Engländer Chriſten ſein ſollen, obgleich unſer Pater nichts davon wiſſen will— und als tapferer Cabalero rauchen Sie im Frieden.“ Beruhigt durch dieſe wiederholten Verſicherungen und, was in dieſem Fall noch überzeugender war, durch die Ruhe und Gleichgültigkeit ihres Beſchützers faßten ſich die beiden Freunde bei der Hand al Zeichen gegenſeitiger Beglückwünſchung. Als de Tag völlig angebrochen war, begaben ſie ſich auf die Zinne des Gebäudes, in der Hoffnung, dort von ihren Freunden erkannt zu werden, aber un⸗ glücklicher Weiſe war die Entfernung zu groß. Es war ein ermuthigender Anblick für die Männer, die ſo eben noch nichts Anderes als ein frühzeitiges Grab vor ſich geſehen hatten, die weißen und ſchar⸗ lachrothen Schaaren der Carliſten wie Bienen um alle Punkte herum ſchwärmen zu ſehen, welche den 79 Thurm beherrſchten und El Tio Tomas ſelbſt zu erblicken, wie er den Mörſer dirigirte, welchen der junge Ingenieuroffizier Reyna nach ſo vielen Schwie⸗ rigkeiten endlich ſo glücklich gegoſſen hatte; ſodann Lilini, O'Donnel, Tom und Will, die Alle bei ein⸗ ander ſtanden. Die Gefangenen überwachten das Treiben ihrer Freunde mit wahrer Seelenangſt, wohl wiſſend, wenn der Mörſer ſeinen Dienſt verſage, daß alle Hoffnung verloren ſei, den Platz anders als durch Hunger einzunehmen. Endlich erfolgte der erſte Schuß und zwar mit einem Erfolg, wie ihn keiner von Beiden erwartet hatte. Die Bombe fiel auf das Dach des Thurmes. Harold ſprang ſogleich herbei und warf das gefährliche Wurfgeſchoß über die Zinne hinab, wo es, kaum auf dem Boden angelangt, platzte. „Wie geben wir ihnen nur zu verſtehen,“ ſprach er,„daß wir hier ſind? Die größte Gefahr droht uns nun von denen, welche das Leben daran ſetzen wollen, das unſerige zu retten.“ Gil Perez wurde darüber befragt, und auf ſei⸗ nen Rath befeſtigten die Freunde ihre Mützen, die man ihnen glücklicher Weiſe gelaſſen hatte, an das Ende der Leiter und ſtellten dieſe ſo auf, daß die Aufmerkſamkeit auf ſie gelenkt wurde. „Brav gemacht!“ rief der carliſtiſche General, als er geſehen hatte, mit welchem Erfolge die ge⸗ worfene Bombe über das Gebäude weggerollt war. Dieſer Spaß wird ſie bald mürbe machen.“ Der Mörſer wurde auf's Neue geladen, aber ehe El Tio ihn wieder abfeuern ließ, wurde ſeine ——— 80 Aufmerkſamkeit auf das außergewöhnliche Zeichen gelenkt, das der Feind aufgeſteckt hatte, und er nahm ſein Fernglas zu Hilfe, um es genauer zu betrachten. „Zielen Sie auf den tiefſten Theil des Thurmes,“ ſagte er zu Reyna, der neben ihm ſtand;„die Freunde, um derenwillen wir hier ſind, befinden ſich auf dem Dache.“ Die nächſten Bomben ſchlugen an das ſtark verbarricadirte Thor, daß von nun an zum Ziel⸗ punkte genommen wurde. Die Garniſon aber ver⸗ theidigte ſich fortwährend tapfer. Siebenundvierzigſtes Capitel. Von dem Augenblicke an, in welchem die Be⸗ ſatzungsmannſchaft des Thurmes von Iſolonda ſich überzeugt hatte, daß Zumalacarregui ſie in Perſon belagere, bereitete ſie ſich auf eine verzweiflungs⸗ volle Vertheidigung vor, weil ſie wohl wußte, daß ſie auf keine Gnade zu hoffen habe wenn ſie in ſeine Hände falle, denn unter allen königlichen Truppen hatten ſich die Urbanos durch ihre wilde Grauſamkeit gegen die verwundeten Carliſten und die Unglücklichen, die in ihre Hände fielen, am meiſten verhaßt gemacht. Von dem treu ergebenen Landvolke wurden ſie verwünſcht, und die Leute kamen zu Hunderten aus den benachbarten Dörfern herbei, um dem Belagerungscorps Beiſtand zu lei⸗ 81 ſten, meiſtens in Begleitung der Weiber, welche merkwürdiger Weiſe das Schlachtfeld für ein ſiche⸗ reres Aſyl als ihre Heimath während der Abweſen⸗ heit ihrer Manner, Brüder und Väter hielten. Das ſind die Schrecken des Bürgerkrieges. Al⸗ les Wilde und Dämoniſche in dem Menſchen iſt losgelaſſen; die Bande der Liebe und Natur werden geſprengt und Opfer auf den rothen Altar des Krieges niedergelegt, worüber Teufel ſich freuen und Engel weinen. Selbſt eine ſchwache Beſchrei⸗ bung der Unmenſchlichkeiten, welche während des Erbfolgekrieges in Spanien begangen wurden, würde unſere Leſer mit Schauder erfüllen. Das Skalpir⸗ meſſer und der Feuerpfahl der Indianer ſind Kin⸗ derſpiele dagegen. Trotz aller ſeiner Grauſamkeit achtet der Wilde wenigſtens doch noch die menſchliche Wurde; die Chriſtinos aber ſetzten einen Triumph darein, ſie mit Füßen zu treten. Glücklicher Weiſe lag es nicht mehr in der Macht des Lieutenants der Urbanos, das Helsman gege⸗ bene Verſprechen zu erfüllen, ſeine Gefangenen umzubringen. Vergebens befahl er ihnen von ihrer ſicheren Stelle auf der Zinne des Thurmes herab⸗ zukommen. Seine Drohungen, ſowie ſeine Verſpre⸗ chungen, daß ihnen kein Leid geſchehen ſolle, ließen ſie unbeachtet, denn ſie wußten, mit welch elendem Wicht ſie zu thun hatten. In ſeiner Wuth und Ver⸗ zweiflung hätte derſelbe ſicher das Dach und die Engländer mit demſelben in die Luft geſprengt, wenn er nicht ſeinen ganzen Vorrath von Pulver zur Vertheidigung des Platzes nothwendig gehabt Licht⸗ und Schattenſeiten. IW. 6 hätte; ſo aber mußte er ſich begnügen, ein Fäßchen mit Pulver unter das Gewölbe bringen zu laſſen, über dem ſie ſich befanden, um im Falle einer un⸗ vermeidlichen Niederlgge ſeine Handlungsweiſe durch einen letzten Akt der Verzweiflung und Rache zu krönen. Die Belagerung machte unterdeſſen raſché Fort⸗ ſchritte. Die Chriſtinos, welche von den höher ge⸗ legenen Fenſtern des alten mauriſchen Caſtells wohl⸗ gezielte Salven auf ihre Feinde unterhielten, wür⸗ den ein großes Blutbad unter dieſen angerichtet haben, wenn nicht El Tio Tomas ſeine Leute hinter die zahlreichen Felſentrümmer placirt hätte, welche den Schlußpunkt des rauhen Paſſes bildeten, der von der Cbene in die hohe Sierra del Buisco, die höchſte Gebirgskette, welche die Provinz in nahezu zwei gleiche Theile theilt, führt. Der Befehl des Generals wurde von Allen denau befolgt, mit Aus⸗ nahme von Tom und Will. Dieſe treuen Menſchen ſetzten ſich beſtändig den Schüſſen der Belagerten aus, in der Hoffnung, etwas von ihren Herren zu erblicken und dieſe durch Zurufe zu ermuntern, die aber wegen der Entfernung eben ſo wenig gehört, als die Zeichen, welche ſie gaben, verſtanden werden konnten. „Rufen Sie ſie zurück,“ ſagte Zumalacarregui zu dem Grafen Lilini, der neben ihm ſtand.„Das iſt Tollkühnheit.“ „Treue,“ erwiderte der Letztere ernſt. Ruhig, als wenn ſein Leben durch Zauberkraft beſchützt wäre, ſchritt der Graf durch das Kreuzfeuer der Chriſtinos auf den Punkt der Ebene zu, wo die — 83 beiden Diener ſo unklug ihr Leben auf's Spiel ſetzten, und ſprach ihnen zu, ſich zurückzuziehen. „Seht,“ jagte er, als abermals eine Kugel an das eiſerne Thor der Veſte ſchlug;„es wird bald zuſammenſtürzen. Noch vor Ablauf einer Stunde wird das Zeichen zum Sturm gegeben werden. Wollt ihr euch dann in einer Lage befinden, die euch außer Stand ſetzt, euern Freunden Beiſtand zu leiſten?“ „Dieſe Spanier werden das Ding da nie ein⸗ nehmen,“ murmelte Will in verächtlichem Tone. „Mit fünfzig Burſchen von Alſton würde ich in der halben Zeit den Platz genommen und in Trüm⸗ mer gelegt haben.“ „Wenn ſie Squire Harold nur ein Haar krüm⸗ men,“ rief Tom, von Unwillen und Schmerz erfüllt, „ſo will ich—“ Eine Salve von den Belagerten, die auf ſie gerichtet war, ſchnitt das Ausſprechen der Drohung ab; eine Kugel traf Lilini am Arme. „Da ſeht ihr,“ ſagte dieſer, ohne eine Muskel zu verziehen,„welchen Gefahren eure Hartnäckigkeit die Freunde eurer Herren ausſetzt.“ Dieſe Bemerkung brachte einen größern Eindruck auf die beiden Diener hervor, als das frühere Ver⸗ nunftpredigen des Grafen, und ſie zogen ſich hinter die nächſten Felſen zurück, wo ſie Juana und den carliſtiſchen Spion imenes fanden, welche mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Fortgang der Bela⸗ gerung überwachten. Das Geſicht des alten Mannes, der neben ſei⸗ nem Maulthiere ſtand, eine Hand auf den Sattel 84 gelegt, um daſſelbe nöthigen Falles ſogleich befeſti⸗ gen zu können, war ſtarr wie Eiſen; weder ein Zucken einer Muskel, noch ein Beben ſeiner Lippen drückten ſeine innere Aufregung aus, denn der Lieu⸗ tenant der Urbanos, der Commandant dés Thurms von Iſolonda, war ſein Sohn— ſein einziger Sohn. Die verrätheriſche Wittwe hingegen, die Urſache von Harry's und Harold's Mißgeſchick, war voll Aufregung und Ungeduld, wie eine Tigerin, die es nicht erwarten kann, ſich auf ihre Beute zu ſtürzen. So oft der Mörſer abgefeuert wurde, warf ſie ſich auf den Boden und kroch an die Fel⸗ ſenecke vor, um zu ſehen, welchen Erfolg der Schuß gehabt habe. Ihre blutgierigen Augen glänzten voll Triumph, als ſie den Fortſchritt der Zerſtörung gewahrte, und ihre Hand griff unwillkürlich nach dem langen catalaniſchen Meſſer, welches ſie im Gürtel trug, eine Waffe, welche die ſpaniſchen Frauen unglücklicher Weiſe nur zu gut zu führen verſtehen. Wehe dem Liebhaber, der ſie hintergeht, oder dem Fremden, der ſie beleidigt! In beiden Fällen gibt es nur Ein Mittel ſich zu retten— die Flucht. „Juana,“ ſagte der Graf, ſich in ihrer Mut⸗ terſprache an ſie wendend,„was ſuchſt Du hier?“ „Den Tod, den die thörichte Barmherzigkeit des⸗ El Tio mir verweigerte,“ antwortete die Frau in gleichgültigem Tone.„Sie ſind aber verwundet, Senhor; laſſen Sie mich Ihren Arm verbinden und kümmern Sie ſich nicht weiter um mich.“ Mit ihrem Halstuch und einem der breiten Bän⸗ der, das ihren Schnürleib ſchmückte, verband ſie nun die Wunde des Grafen. Als ſie damit fertig 85 war, ertönte abermals im Echo der Felſen ein Schuß aus dem Mörſer. Juana kroch wieder in voller Aufregung hinter ihrer ſteinernen Schirm⸗ wand vor. Das Thor des Thurmes wankte. „Es weicht,“ rief ſie aus.„Das Lager des Mörders meines Gatten, wird bald in den Händen der Rächer, Ihre Freunde werden in Freiheit ge⸗ ſetzt und das an mir begangene Verbrechen geſühnt ſein.“ „Vielleicht,“ bemerkte der Graf. „Zweifeln Sie auch an der Gerechtigkeit des Himmels?“ fragte Juana ſcharf. Lilini deutete nach einem weißen Tuche, welches die Chriſtinos an einem Flintenlauf aus einem Fen⸗ ſter ausgehängt hatten, als Zeichen, daß ſie zu par⸗ lamentiren wünſchten. „El Tio wird nie den König, den Himmel und ſein Vaterland ſo verrathen,“ rief die Frau,„daß er auf das Geheul um Gnade der Bluthunde hört. Welche Gnade haben ſie gegen mich gezeigt?“ O'Donnel kam mit einem Auftrage von Zuma⸗ lacarregui an den Spion Zimenes herbei, durch welchen dieſer angewieſen wurde, dem Thurme ſich zu nähern und zu hören, was die Belagerten vor⸗ zuſchlagen hätten. „Soll ich mit ihnen unterhandeln?“ fragte der alte Mann. „Nein.“ „Oder ſie durch Hoffnung hinhalten?“ „Sie ſollen nur hören, was die Schurken zu ſagen haben,“ verſetzte der Oberſt. Nachdem Fimenes vor Allem ein weißes Tuch 86 an das Ende ſeiner Reitpeitſche befeſtigt hatte, zum Zeichen, daß ſein Auftrag friedlicher Natur ſei, be⸗ ſtieg er ſein Maulthier und ritt in raſchem Trabe an den Fuß des Thurmes hin. Sein Sohn und mehrere Chriſtinos befanden ſich am Fenſter gerade über dem Eingange. So ſchlimm der Lieutenant auch war, ſo machte ſein Herz ihm doch Vorwürfe, als er ſeinen Vater erkannte und daran dachte, wie leicht eine Kugel aus ſeiner eigenen Flinte ihn zum Vatermörder hätte machen können. „Biſt Du ein Gefangener, Vater?“ rief er. „Ich bin nicht meines eigenen Vergnügens we⸗ gen hier,“ antwortete der alte Mann ausweichend; denn er wünſchte nicht, daß ſein Verhältniß zu den Carliſten bekannt würde.„Der General ſchickt mich, weil er glaubt, Du würdeſt meine grauen Haare reſpektiren, um nachzufragen, was die aus⸗ geſteckte weiße Fahne zu bedeuten habe.“ „Will er unſer Leben ſchonen, wenn wir den Platz ihm übergeben?“ rief der Lieutenant. „Dieß kann nur der General beantworten,“ ver⸗ ſetzte ſein Vater ernſt. „Was meinſt Du?“ Fimenes beſann ſich einen Augenblick und er⸗ widerte dann, daß er es nicht glaube. Er bemerkte „daß die Gefangenen ſich in Sicherheit be⸗ inden. „Beſſer gerächt ſterben, als wie ein wildes Thier hingeſchlachtet werden,“ bemerkte der Commandant des kleinen Caſtells.„Unſere Gefangenen ſind uns aber nicht entwiſcht, wie Du Dir einbildeſt; ich habe in das Zimmer unter dem Dache ein Faß 87 mit Pulver bringen laſſen. Sage dieß El Tio und bemerke ihm dabei, daß, wenn er keinen Pardon gewährt, ich mich nebſt den Engländern in dem Augenblick in die Luft ſprengen werde, in welchem ein Carliſt den Thurm betritt.“ „Ich werde Deinen Auftrag Wort für Wort ausrichten,“ rief Fimenes mit Nachdruck.„Sollte der General in Dein Verlangen willigen, ſo will ich dieſes dreimal hin und her ſchwenken,“ fügte er hinzu, indem er ſeine Reitpeitſche mit dem daran befeſtigten Tuche in die Höhe hob.„Schlägt er es ab, ſo bleibt nichts übrig als Unterwerfung.“ „Du vergißt die Alternative, Vater,— die Rache, die dem Spanier immer ſüß ſchmeckt.“ „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief der alte Mann, indem er zum erſten Mal eine ſanftere Regung ver⸗ rieth,„willſt Du ſterben mit Blutſchuld auf der Seele, ohne Reue und ohne Abſolution? Iſt dieß die Frucht der Lehren, die ich Dir gegeben habe? Denke an die Zerſtörung des Kloſters von Briera, die Niedermetzlung der Prieſter, die Plünderung des Altars, die Verwünſchung der Heiligen, deren Schreine Du entweiht haſt?“ Dieſe Anklage machte einen augenſcheinlichen Eindruck auf den Chriſtino. Es gibt wenige Spa⸗ nier, wie gottlos und wie obgehärtete Verbrecher ſie auch ſein mögen, welche den Gedanken ertragen können in Feindſchaft mit der Kirche zu ſterben. Selbſt bei den Schlimmſten erſetzt Aberglaube den wahren Glauben. „Bring mir El Tio's Antwort,“ ſagte der Lieu⸗ tenant,„und ich ſage Dir dann die meinige.“ 88 Fimenes ſchnellte am Zügel ſeines Maulthiers und ritt mit ſeinem Auftrage Friü Das ausdrucksvolle Geſicht Zumalacarregui's verrieth den innern Kampf, den er mit ſich beſtand, als ihm die unverſchämte Drohung und der Vor⸗ ſchlag der Chriſtinos vorgetragen wurde, die jetzt ganz in ſeiner Gewalt waren, denn die nächſte Kugel mußte ohne Zweifel das Thor zuſammen⸗ werfen. Lilini's Bitten, ſo wie ein Gefühl der Menſchlichkeit, trugen zuletzt über jede andere Rück⸗ ſicht den Sieg davon und er ſprach ſich mit kurzen Worten für die Annahme der Bedingungen aus. „Sie verlangen nichts weiter als ihr Leben?“ fragte er. „Nichts weiter,“ erwiderte der Spion. „Es ſei ihnen gewährt.“ Mehrere Officiere und Soldaten, die dieſe Worte vernahmen, fingen an zu murren. Der General blickte ſtreng umher und die Ausdrücke des Miß⸗ vergnügens verſtummten auf den Lippen. El Tio war einer jener Befehlshaber, die keine Einmiſchung in ihre Autorität geſtatten. Nur Eine Stimme wagte es gegen ſeinen Entſchluß ſich aufzulehnen; glücklicher Weiſe kam ſie aber von einer Perſon, die durch ihr Geſchlecht vor Strafe ſicher war, von einer Frau, der Wittwe Juana. „Die Wölfe ſind in den Schlingen!“ rief ſie aus„und die Jäger wollen ſie frei laſſen, damit ſie auf's Neue wieder wüthen und zerſtören können. Die Gerechtigkeit iſt von der Erde entflohen und der Himmel hat uns ſeine Ohren verſchloſſen.“ „Frau,“ ſagte der carliſtiſche Führer ruhig,„Du 89 blasphemirſt; es iſt beſſer Alles zu erdulden als das Bewußtſein von Schande und Undankbarkeit zu tragen. Die jungen Engländer, die durch Dei⸗ nen Verrath in die Hände ihrer Feinde gefallen ſind, haben dem König und deſſen Sache wichtige Dienſte geleiſtet; die Ehre verlangt ihre Rettung um jeden Preis. Du magſt Dich ſelbſt anklagen, daß ich mich gezwungen ſehe, da zum linterhandeln mich herabzulaſſen, wo ich befehlen ſollte.“ Juana ließ den Kopf ſinken, denn der Vorwurf hatte ſie tief getroffen. „Gehen Sie,“ fuhr El Tio gegen den Spionen fort,„das Leben der Rebellen ſoll geſchont werden unter der Bedingung, daß ſie ſogleich die Waffen niederlegen und eidlich geloben, nie mehr gegen ihren rechtmäßigen Souverain zu fechten.“ „Sollten ſie den Wunſch ausſprechen, in die Reihen ſeiner Vertheidiger zu treten,“ ſagte der alte Mann,„was ſoll ich ihnen dann antworten?“ „Nein,“ verſetzte Zumalacarregui.„Sie ſind Urbanos. Viele von denen, die gegen uns fechten, ſind durch ihre Jugend und falſche Vorſpiegelungen verleitet worden, durch die man ihnen weiß machte, daß ſie für die Freiheit ſtreiten. Dieſen Leuten ſteht aber keine ſolche Entſchuldigung zur Seite. Sie ſind Urbanos,“ wiederholte er,„für die der Krieg ein Handelsgeſchäft und das Elend, welches das unglückliche Spanien heimſucht, eine Quelle des Nutzens iſt. Der Sauerteig ihrer Laſter würde eine ganze Armee verderben.“ Nach dieſer bittern Strafrede ergriff der Gene⸗ ral Lilini's Arm und trat mit ihm bei Seite. 90 „Sie müſſen Ihre Freunde aufmerkſam machen,“ ſprach er,„daß ich die Disciplin meiner Leute nicht fernerhin mehr auf's Spiel ſetzen kann und will. Wenn ihre Unbeſonnenheit ſie noch einmal in Ge⸗ fahr ſtürzt, mag ihr Blut über ihr eigenes Haupt kommen; ich waſche meine Hände in Unſchuld.“ „Und doch können Sie nicht umhin, die edel⸗ müthige Sympathie zu bewundern, die ſie dazu an⸗ trieb,“ bemerkte der Graf.„In Zukunft will ich über ihre Sicherheit wachen und, ſobald der Weg offen iſt, ſie veranlaſſen nach Frankreich zurückzu⸗ kehren.“ „Nach Frankreich!“ wiederholte der carliſtiſche Anführer.„Und warum wollen Sie ihnen nicht lieber zureden Dienſte bei uns zu nehmen? Unſere Sache bedarf ſolcher Männer; aber leider iſt es mit der Ritterlichkeit in England vorbei und die materiellen Intereſſen ſind an deren Stelle getreten. Die Börſen von Paris und London haben eine un⸗ heilige Allianz gegen uns geſchloſſen, welcher die Ehre und wahren Intereſſen unſeres alten Alliirten zum Opfer gebracht werden.“ „Das iſt ein hartes Urtheil,“ bemerkte der Graf ernſt. „Aber gerecht,“ erwiderte der General. „Nicht gerecht,“ verſetzte Lilini,„denn es trifft alle Claſſen. Wiſſen Sie, wo die wahre Stärke und politiſche Moralität in England zu finden iſt? Bei dem Volke. Verwechſeln Sie dieß nicht mit der Clique, welche die mißleitete Maſſe regiert. Wäre der unmoraliſche Einfluß, die wahre Abſicht der gegenwärtigen Politik gegen Spanien der Na⸗ 91 tion bekannt, ſo würde deren angeborene Eiferſucht gegen Frankreich auf's Neue aufflammen und ein Sturm allgemeinen Unwillens die jetzige Partei vom Staatsruder vertreiben. Die Engländer ſind nicht die Erſten, die ſich einbilden, man könne Freiheit decretiren, während ſie doch nur die Frucht der Jahre iſt.“ Während dieſe Unterredung geführt wurde, war Juana bemüht die Landleute, welche in großer An⸗ zahl ſich eingefunden hatten, um die Belagerung des Thurmes mit anzuſehen, aufzuhetzen, daß ſie das Entkommen der Vertheidiger nicht zugeben ſoll⸗ ten. Es lag eine gewiſſe rohe Beredtſamkeit in ihren leidenſchaftlichen Vorwürfen, die einen tiefen Ein⸗ druck auf die Gemüther der Bauern machte. „El Tio hat ſie begnadigt!“ rief ſie;„wir ha⸗ ben es aber nicht. Wirkt das catalaniſche Meſſer weniger tödtlich als die Flintenkugel? oder wiſſen Weiber allein, welchen Gebrauch man davon macht? Unſere Feinde ſind Urbanos. Urbanos!“ wieder⸗ holte ſie mehrmals, weil ſie wohl wußte, wie ver⸗ haßt ſich diejenigen durch ihre Gewaltthaten gemacht hatten, welche dieſen Namen führen.„Wie viele Hütten in den Thälern und auf den Bergen ſind durch ſie in Aſche gelegt worden; wie oft haben ſie das Blut von Jung und Alt zum bloßen Scherz und Hohn vergoſſen! Sollen ſie alſo entwiſchen?“ Ein tiefes, aber nachdrückliches„Nein!“ ertönte von den Lippen der Männer, die in einzelnen Hau⸗ fen zuſammentraten, um über die Sache zu ſpre⸗ chen, was ſie aber nur flüſternd thaten, ein Zeichen, daß es ihnen mit ihrem Vorſatze ernſt ſei. Bei den Spaniern, wie bei den meiſten ſüdlichen Völ⸗ kern, herrſcht die eigenthümliche Gewohnheit, daß, ſo lange ſie geſtikuliren und drohen, wenig Gefahr von ihrem Zorne zu beſorgen iſt; dagegen iſt die plötzliche Ruhe und das Stillſchweigen der Leiden⸗ ſchaft am meiſten zu fürchten. Die Stille, welche dem Donnerſchlag vorausgeht, die dichte Dunkelheit, welche den nahenden Blitz verkündet, verbirgt die Rache des Spaniers. Die carliſtiſchen Officiere zogen ſich abſichtlich zurück, um die Worte nicht zu hören, welche ſie ſonſt, ihrer Pflicht gemäß, ihrem Führer zu melden ſich gezwungen geſehen hätten; die Soldaten aber hörten eifrig und beifällig zu. Unterdeſſen war der alte Spion Timenes wieder an den Thurm zurückgeritten, wo ſein Sohn und deſſen Gefährten geſpannt ſeine Rückkehr erwarteten. Der alte Mann ſchwenkte dreimal ſein weißes Tuch, zit Zeichen, daß das Leben der Garniſon geſchont werde. „Haſt Du El Tio's Wort?“ rief der Lieutenant aus dem Fenſter. „Ich habe ſein Wort,“ antwortete der Greis. Das Feuer wurde nicht mehr erneuert, und es wurde verabredet, daß eine Abtheilung Carliſten unter O⸗Donnel's Commando ſogleich Beſitz von dem Thurme ergreifen und die Unterwerfung der Chriſtinos entgegennehmen ſolle, welche ihre Waffen in dem untern Theile des Gebäudes auf einen Hau⸗ fen zuſammenlegten. Von ihrem erhabenen Standpunkte aus hatten Harold und ſein Freund nicht nur alles, was vor⸗ ——— 93 ging, mit angeſehen, ſondern auch mit angehört; namentlich auch die furchtbare Drohung das Dach des Thurmes und mit ihm ſeine Gefangenen in die Luft zu ſprengen, wenn ſeine Bedingungen nicht zugeſtanden würden. Es bedarf wohl keiner Ver⸗ ſicherung, daß dieſe Ungewißheit für ſie furchtbar war. „Kommt herab, kommt herab, meine lieben Jun⸗ gen! Komnmt zu uns!“ rief der Oberſt, ſobald ſeine Leute Beſitz von dem Platze genommen und die Chriſtinos zu Gefangenen gemacht hatten.„Jetzt ſag' mir noch einmal Jemand etwas von der Leich⸗ tigkeit, mit der man einen Irländer in die Patſche führen kann. Ihr könnt es mit dem albernſten Burſchen von Connaught oder Tipperary keck auf⸗ nehmen.“ Die Leiter wurde wieder angelegt, und wenige Minuten darauf hatten die Befreiten eine Reihe von Umarmungen, die denen eines Bären wenig nachgaben, von O'Donnel zu erdulden, der ſie bald mit Vorwürfen über ihren Mangel an Vertrauen zu ihm überſchüttete, daß ſie ihn nicht zuvor um Rath gefragt hätten, ehe ſie auf ihre Expedition ausgezogen ſeien, bald zu ihrer Befreiung ihnen von Herzen Glück wünſchte. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Harold Trach, als Tom und Will, bis an die Zähne bewaffnet, herbei gelaufen kamen, um ſich von ihrer Herren Wohlbefinden zu überzeugen.„Unſere Unbeſonnen⸗ heit hat keinem einzigen Freunden das Leben ge⸗ koſtet.“ „Sie vergeſſen den Grafen,“ ſagte der Oberſt. 94 „Iſt er todt?“ riefen die beiden jungen Män⸗ ner ſchmerzlich ergriffen. „Nein— nur verwundet. Er kriegte Eins an den linken Arm,“ erwiderte O'Donnel.„Es ſteigen mir zuweilen Zweifel darüber auf, ob er wirklich ein Spanier iſt. Der Menſch iſt ſo kaltblütig wie ein Deutſcher und tapfer wie ein Engländer.“ Harry und ſein Gefährte wechſelten Blicke, denn merkwürdiger Weiſe war der gleiche Zweifel auch ſchon öfters in ihnen aufgeſtiegen. In Begleitung von Gil Perez, den ſie nicht mehr aus dem Geſicht laſſen wollten, verließen die befreiten Gefangenen den Thurm, in deſſen obern Theil nun die Chriſtinos eingeſperrt wurden. Als ſie durch das zerſchmetterte Thor paſſirten, warf ſich die elende Juana ihnen zu Füßen, indem ſie ſchluchzend das Wort„Pardon“ rief. „Der Teufel ſteckt in den Weibern!“ bemerkte O'Donnel.„Selbſt einem Philoſophen ſteht der Verſtand ſtill, wenn es ſich darum handelt, ſie ver⸗ ſtehen zu lernen. Sind ſie auch noch ſo ſchlecht, daß man gar nichts zu ihren Gunſten ſagen kann, ſo findet ſich doch, wenn man ihre Herzen prüft, ein kleiner Winkel, der nicht ſo ſchwarz iſt, als es ſcheint. Ihr Gatte war Gefangener, und deßhalb hat ſie in der Hoffnung, ſein Leben zu retten, ſich zu der ſchlechten Rolle hergegeben, die ſie geſpielt hat; ſie haben ihn aber dennoch erſchoſſen.“ Harold und Harry verſicherten beide ſie ihrer Vergebung. „Es ging von Herzen!“ rief der Oberſt im Tone des Mitleids.„Geſprochen, wie es guten Chriſten 95 zukommt. Armes Ding,“ ſetzte er hinzu,„ich glaube nicht, daß es ihr um irgend eine Vergebung noch lange zu thun ſein kann.“ Die Frau ſtand jetzt von ihren Knieen auf, küßte die Hände der jungen Männer und ſchlich ſich in den Thurm. Als die Freunde an die Stelle kamen, wo Zu⸗ malacarregui, umgeben von ſeinem Stab, ſtand, dankten ihm die beiden Freunde herzlich für ſeine eben ſo raſche als edelmüthige Hilfe, ohne welche der Beiſtand Gil Perez nutzlos geweſen ſein würde. „Es gibt nur Einen Weg, Herr General,“ ſagte Harold,„Ihnen unſre Dankbarkeit zu beweiſen, und zwar dadurch, daß wir unſer Leben und unſere Dienſte der Sache weihen, welcher Sie Ihre ganze Kraft und Geſchicklichkeit gewidmet haben.“ Es war dieß das erſte Mal, daß einer der bei⸗ den jungen Männer die Abſicht ausſprach, Dienſte in der Armee des Don Carlos zu nehmen, und ſo⸗ wohl Lilini, wie O'Donnel, war davon überraſcht. Der Letztere vermochte kaum ſeine Freude über die⸗ ſen Entſchluß zu unterdrücken, denn Harold und Harry waren, wie er ſich auszudrücken pflegte, Jungens nach ſeinem Herzen, Officiere, wie er ſie ſich ausgeſucht hätte, die begreiflicher Weiſe in kei⸗ nem andern Regiment, als in dem ſeinigen, Dienſte nehmen konnten. Der Graf lächelte beifällig; es war das Motiv und nicht der Entſchluß, was er billigte. „Die Dienſte von Männern von Kopf und Muth,“ bemerkte der carliſtiſche Anführer,„ſind unſchätzbar. 96 Ihre Patente ſollen für das Regiment, das Sie wählen, ausgefertigt werden.“ Die Augen des Oberſten funkelten vor Vergnü⸗ gen, denn er war überzeugt, daß ſie kein anderes, als das ſeinige, wählen würden. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Zumalucarregui mit ſeiner ſchweren Reitpeitſche nach Gil Perez deutend, der auf eine kleine Entfernung von der Gruppe ſtehen geblieben war. Man nannte ſogleich ſeinen Namen und die Dienſte, die er geleiſtet hatte. „Und was iſt jetzt ſeine Abſicht?“ fragte der ernſte Krieger;„will er die Waffen für den König tragen?“ „Nein,“ erwiderte der Mann kühn.„Das Blut meines verſtorbenen Herrn, des Gpafen von Via Manuel, laſtet auf ihm. Ich kaun niemals Don Carlos von Bourbon dienen.“ „So kehre alſo zu den Rebellen zurück, Du biſt rei. „Das wird eben ſo wenig geſchehen,“ fuhr Gil Perez fort.„Ich kann deren Sache nicht mehr gut heißen. Da Sie mir die Freiheit geſchenkt haben, ſo werde ich nach Frankreich zu entkommen ſuchen.“ Der General nickte ihm beifällig zu und ver⸗ ſicherte ihn, es ſolle ihm ein Paß ausgefertigt wer⸗ den, vermittelſt deſſen er frei durch die carliſtiſchen Linien paſſiren könne. Es bedarf wohl keiner Verſicherung, daß die⸗ jenigen, denen er Dienſte geleiſtet, ihn nicht nur reichlich mit Mitteln, die ihn vor allem Mangel 97 ſchützten, ſondern auch mit Empfehlungsbriefen an ihre Freunde nach Frankreich verſahen. Die erſte Sorge des Officiers, dem die Bewa⸗ chung des Thurms von Iſolonda anvertraut wurde, war dahin gegangen, das Pulverfäßchen zu entfer⸗ nen, welches die Chriſtinos unter dem Dache auf⸗ geſtellt hatten, und es in das untere Stockwerk, unmittelbar unter das große Zimmergewölbe bringen zu laſſen, in das man die frühere Garniſon einge⸗ ſperrt hatte. Nachdem dieß geſchehen war, verließ er das Gebäude, um bei ſeinem Chef neue Verhal⸗ tungsbefehle einzuholen. Dieſe zu ertheilen, war eben der General im Begriff, als der Spion Rimenes leichenblaß und in der höchſten Aufregung herbei⸗ gelaufen kam. „Retten Sie ſie!“ rief er aus;„die Bauern haben ein Complot gemacht, die Gefangenen zu ermorden. Juana hat die Ausführung übernommen. In dieſem Augenblick,“ ſetzte er, die Hände mit Todesangſt ringend, hinzu,„wird die Mine gelegt. tein Sohn! mein Sohn! Er hat ſich nur auf meine Verſicherung, daß Sie Ihr Wort für ſeine Sicher⸗ heit verpfändet hätten, ergeben. „Und dieſes Wort darf nicht gebrochen werden,“ ſagte El Tio entſchloſſen,„oder ich theile ſein Schickſal. Zurück, meine Herren!“ rief er, als ſeine Officiere ſich um ihn drängten.„Es iſt vielleicht der letzte Befehl, den ich Ihnen ertheile. Niemand darf mich begleiten.“ Angſt und Schrecken malten ſich auf den Ge⸗ ſichtern Aller, die ihn gehört hatten, als er mit Licht⸗ und Schattenſeiten. WV. 7 98 haſtigen Schritten auf den Thurm zuging. Er hatte aber kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als die carliſtiſchen Soldaten, die als Wache zurückge⸗ laſſen worden, ihm mit Schrecken erfüllten Geſichtern entgegengelaufen kamen. Selbſt die ſtrenge Stimme ihres Anführers vermochte nicht die Flüchtlinge zum Stehen zu bringen. Es war nicht Gefahr, ſondern Tod, dem ſie zu entgehen ſich bemühten. Juana hatte ſich nämlich mit einer brennenden Fackel bei dem Pulver aufgeſtellt und ihnen fünf Minuten Zeit zum Entkommen gegeben. Ihre eigene Ver⸗ nichtung war gewiß; dieſe achtete aber die verbre⸗ cheriſche Wittwe nicht, wenn nur die Mörder ihres Gatten zugleich mit ihr untergingen. „Feiglinge!“ rief Zumalacarregui;„was fürch⸗ tet ihr?“ Eine donnernde Exploſion vom Innern des Thurmes her, von dem zugleich mehr als die Hälfte zuſammenſtürzte, diente ihm als Antwort. Kein einziges lebendes Weſen innerhalb ſeiner Mauern war entkommen, das gewölbte Dach ſtürzte in ſich zuſammen und zerſchmetterte Alle, die ſich unter demſelben befanden. Einzelne Bruchſtücke von Steinen wurden ſo weit geſchleudert, daß mehrere Soldaten, die ſich zunächſt der zerſtörten Maſſe be⸗ fanden, dadurch getödtet und verwundet wurden. Ein lautes Geſchrei von den Bauern verkündigte ihre Befriedigung über dieſen Ausgang, worauf ſie ſich ſogleich zu zerſtreuen anfingen, weil ſie die Juſtiz El Tio Tomas fürchteten, der unter jene feſten An⸗ führer gehörte, die ſelbſt ihre wärmſten Anhänger nicht ungeſtraft mit ſich ſpielen laſſen. Die Ur⸗ WN 99 heberin dieſer wilden ſeiner Gewalt, denn zu Grunde gegangen. „Beim nächſten Fang, den wir machen, wird's einen kurzen Prozeß abſetzen, bemerkte O'Donnel gegen die beiden Freunde, als ſie zuſammen an der Spitze ſeines Regiments marſchirten.„Der General hat mehr als den ihm allein zukommenden Antheil von caſtilianiſchem Ehrgefühl im Leibe. Er hätte eher ſein Leben daran geſetzt, als ſein Wort ge⸗ brochen, obgleich es nu iebellen gegeben worden war.“ Juſtiz war freilich außerhalb Juana war mit ihren Opfern „Und daran hätte er ganz Recht gethan,“ ſagte Lilini, der eben hinzugekommen war;„denn der ann, der ſein Wort gebrochen hat, hat ſeine Ehre verloren.— Nichts weiter als eine Fleiſchwunde,“ fuhr er auf Harry's Befragen nach ſeiner Bleſſur ort,„kaum der Rede werth. Ich fange an zu glauben, daß die Vorſehung ein ganz beſonders wachſames Auge auf Sie hat, denn Ihr Entkom⸗ men iſt ein wahres Wunder.“ „Ich kann mir gar nicht vorſtellen, weßhalb man einen ſolchen Anſchlag auf uns ausführte,“ ant⸗ wortete Harry Burg,„da unſer Leben oder Tod keinen Einfluß auf den Ausgang dieſes Kriegs ha⸗ ben kann.“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ verſetzte der Graf. „Sie werden beharrlich von einem Menſchen ver⸗ folgt, der eine Rolle in dem Complot ſpielt, durch das man Sie Ihres Vermögens beraubt hat. Bald werde ich im Stande ſein, mich deutlicher über die Sache auszuſprechen und ſein Bemühen zu Faubs 100 zu machen. Für den Augenblick bin ich aber noch durch eine Kette gebunden, die mein Handeln ſeit Jahren gehemmt hat. Die Ringe fangen aber an, zu brechen; die Zeit hat ſie nahezu zerfreſſen,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu. Von dieſer Periode an datirte ſich eine Reihe glänzender Erfolge, welche Zumalacarregui Anſpruch auf den Ruhm eines der erſten Feldherren ſeiner Zeit verſchafften und trotz der Bemühungen der von einem paniſchen Schrecken ergriffenen Börſenſpeku⸗ lanten, die Wahrheit zu verbergen, gelangten doch die Nachrichten von dem wahren Stand der ſtrei⸗ tenden Parteien auf der Halbinſel nach England und Frankreich. Unglücklicher Weiſe erlauben die unſerer Geſchichte geſteckten Gränzen nicht, Schritt für Schritt einer Laufbähn in's Detail zu folgen, die an der Spitze einer Bande Bergbewohner be⸗ gann und ſo traurig vor den Wällen von Bilbao mit dem Oberbefehl über eine wohldisciplinirte Armee endigte. Bei der Belagerung der erſten befeſtigten Stadt, welche der carliſtiſche General zu belagern wagte, traf ihn eine Kugel in's Bein. Harold Tracy fing ihn mit den Armen auf, und es gelang ihm, ihn unter einem heftigen Feuer des Feindes vom Schau⸗ platze wegzuführen. Für dieſe tapfere Handlung verlieh ihm Don Carlos den Orden des heiligen Ferdinand. Obgleich derſelbe auf dem Schlacht⸗ felde erworben worden war, ſo hätte Harold doch die Ehre gerne abgelehnt, wenn es ohne Beleidi⸗ gung hätte geſchehen können, denn er gab ſich dar⸗ über keiner Täuſchung hin, daß die engliſche Re⸗ 101 gierung ihm die Annahme niemals geſtatten würde. Was er weit höher anſchlug, das war der Säbel, welchen der dankbare Obergeneral ihm überreichte, weil es derſelbe war, den er während des Feldzugs getragen hatte. Es war das Geſchenk eines Sol⸗ daten und eben ſo werthvoll von der Hand deſſen, der es gab, als würdig in der Hand deſſen, der es empfing. Schon nach wenigen Tagen aber ſah man den verwundeten Helden wieder im Felde, thätig wie immer, zur großen Beſtürzung der Chriſtinos, welche die Nachricht von ſeinem Tode ausgeſprengt hatten und deren Lage am Ende ſo deſperat wurde, daß 6 in Ungnade von ſeinem Commando abberufen ward. Die Nachricht von dieſen Unglücksfällen traf die Börſen von London und Paris wie ein Donner⸗ ſchlag. Innerhalb zehn Tagen wurden nicht weni⸗ ger als dreißig Bankerote von Häuſern, die bedeu⸗ tend in ſpaniſchen Fonds ſpekulirt hatten, an der Londoner Börſe angeſchlagen, und wenn Sir John Sellem dießmal einem gleichen Schickſale entging, ſo geſchah es nur deßhalb, weil er, um den an ihn geſtellten Forderungen zu genügen, zu Hilfsmitteln ſeine Zuflucht nahm, welche ſeine gewiſſenhafteren Collegen verſchmähten. Welcher Art dieſe Mittel waren, wird der weitere Erfolg dieſer Geſchichte enthüllen. Um dieſe Zeit gaben ſich die Agenten des Don Carlos alle Mühe, ein Anleihen von fünf Millionen auf den Geldmärkten von England und Frankreich zu Stande zu bringen, ein Verſuch, deſſen Reſultat 102 der Ruin ſeiner Sache war und ihm die Krone aus den Händen wand, nach der er faſt nur noch zu langen brauchte. Die Banquiers, die ein weit größeres Intereſſe dabei hatten, daß er untergehe, als ſeine Sache mit Erfolg durchführe, verlangten als Vorbedingung, daß er Bilbao einnehme. Man beabſichtigte dabei eine Falle und ſie gelang; denn wenn die Carliſten, anſtatt ihre Zeit durch die Be⸗ lagerung dieſes Orts zu verlieren, unmittelbar auf Madrid losmarſchirt wären, ſo hätten ſich alle Spanier zu ſeinen Gunſten erhoben und Iſabellen's Scepter wäre für immer zerbrochen geweſen. Ver⸗ gebens drang Lilini im Rathe des Monarchen darauf, der durch die Nothwendigkeit gedrängt und durch die verrätheriſchen Einflüſterungen derer ver⸗ leitet, die ſeinen Untergang herbeizuführen ſuchten, in einer ſchlimmen Stunde fuͤr ſeine Dynaſtie, beſchloß, ihre Rathſchläge zu befolgen. Zumalaccarregui gab zögernd nach, obgleich bei ihm Ergebenheit und Ge⸗ horſam unzertrennlich waren. „Die Feinde Spaniens haben geſiegt,“ ſagte der Graf, als er den Beſchluß erfuhr.„Der Be⸗ fehl zur Belagerung, obgleich von Don Carlos unterzeichnet, iſt in dem Kabinet des Louis Philipp oder an der Börſe ausgeheckt worden.“ „Gleichviel, von wem,“ verſetzte El Tio Tomas; zic werde Bilbao nehmen, wenn ich am Leben eibe.“ „Wenn,“ wiederholte der Graf.„Eine Krone hängt von dieſem kleinen Worte ab. Wehe der Nation,“ ſetzte er feierlich hinzu,„deren Geſchicke von eines Menſchen Leben abhangen.— Je größer 103 deſſen Verdienſte ſind, um ſo unerſetzlicher iſt deſſen Verluſt.“* „Pah!“ ſagte der eiſerne Krieger, ihm die Hand ſchüttelnd,„wir werden im Triumph in Madrid einziehen.“ 4 Achtundvierzigſtes Capitel. Zur Verwunderung Vieler, die wußten, wie tief Sir John Sellem ſich in Speculationen mit ſpani⸗ ſchen Papieren eingelaſſen hatte, fuhr dieſer fort, den Kopf aufrecht zu halten, oder, mit andern Worten, den Anſprüchen an ſeinen Credit zu ge⸗ nügen. Der ſchlaue Mann beſaß nicht nur ſtarke Nerven, ſondern er war auch völlig Herr über den Ausdruck ſeines Geſichts. Seit Wochen ſchon ſchlief er auf einem Vulkan, den ein unvorſichtig geſpro⸗ chenes Wort, eine ungelegene Anfrage oder irgend eine der vielen Zufälligkeiten, welche im täglichen Leben ſich ſo häufig zutragen, zum Ausbruch brin⸗ gen, und dadurch ſeine Schmach und ſeinen Ruin zur Folge haben konnten. So glücklich er aber auch durch dieſe Klippen bisher immer durchgekom⸗ men war, ſo entging er deßhalb doch nicht der innern Strafe. Wohl oder übel ſah er ſich ge⸗ zwungen, ſein Bankhaus in Lombard⸗ſtreet den ge⸗ wohnten Gang gehen zu laſſen. Bei jedem Klopfen an ſein Privatzimmer pochte ſein Herz wild bis er wußte, ob der Beſucher nicht ein Polizeibeamter ſei, 104 5 der, mit einem Verhaftsbefehle verſehen, ihn vor Gericht führen würde, oder ob es ein Kunde ſei, deſſen Vertrauen durch eine ſcheinbar glaubwürdige Darſtellung der Verhältniſſe auf's Neue zu miß⸗ brauchen, ihm gelingen würde. Wenn dieß nicht der Fall war, wie es hie und da vorkam, ſo wurde jedesmal die Differenz ausgeglichen und die Rech⸗ nung geſchloſſen. Auf welchem Wege er auch dieß zu bewerkſtelligen wußte, ſo gelang es ihm wenig⸗ ſtens den Bankerot abzuwenden. Schon vor einigen Wochen hatte Sir John an den Capitän Helsman mehrere Briefe geſchrieben, worin er ihn ſehr dringend aufforderte, nach Eng⸗ land zurückzukehren. Er vermißte den kühnen, um keine Mittel verlegenen Agenten, deſſen Geiſtes⸗ gegenwart und keckes Handeln ihm ſchon bei mehr als einer Gelegenheit gedient hatte. Auf alle dieſe Aufforderungen hatte der Capitän einmal wie das andere geantwortet: „„Schicken Sie mir vor Allem den Menſchen, der auf meinem Gute lebt, der Zigeuner Jack ge⸗ nannt, und zehn Tage nach ſeiner Ankunft hier werde ich bei Ihnen in London ſein. Um dieß auszuführen, dazu gehörte Zeit, und Zeit war gerade jetzt für den Bankier koſtbarer als Geld; es war die Waare, über die er am wenig⸗ ſten zu verfügen hatte. Eine weitere Veranlaſſung zu Sorgen lag in dem täglich wiederholten Ver⸗ langen ſeines Caſſiers, daß er endlich ſein Ver⸗ ſprechen erfüllen und ihn zu ſeinem Theilnehmer an der Firma machen ſolle; denn dieſer Menſch wußte zu viel, als daß man ihn fortwährend mit 105 leeren Verſprechungen hätte hinhalten können, und zu wenig, um ihm ſein ganzes Vertrauen zu ſchenken. Erſchöpft und ermüdet von den täglichen Qua⸗ len, die er erduldete, ſchrieb endlich der abgehetzte Mann folgende Antwort ſeinem Correſpondenten: „„Die Perſon, welche Sie verlangen, wird in drei Tagen London verlaſſen— der Caſſier Bight; der Zigeuner Jack wird ihn begleiten. Nehmen Sie ſich Beider gleich an.““ Dieſen Brief trug er ſelbſt auf die Poſt. Am folgenden Morgen kam der Caſſier wieder, wie gewöhnlich, auf ſein Anliegen zu ſprechen. „Der Augenblick zu einer Veränderung der Firma wäre nichts weniger als gut gewählt,“ ver⸗ ſetzte ſein Principal ſanft.„Weßhalb nicht lieber noch warten?“ „Weil ich lange genug gewartet habe,“ ſagte der Caſſier,„und es iſt etwas Langweiliges, auf Verſprechungen zu warten. Bis daher habe ich Ihnen immer treu gedient, ſehr getreu.“ „Und wie viel ſagten Sie, daß Sie in das Ge⸗ ſchäft einzulegen bereit ſeien?“ fragte der Bankier überlegend. „Dreitauſend Pfund.“ „Das iſt nicht viel.“ „Aber meine Dienſte—“ „Sind kein Geld,“ unterbrach ihn Sir John. „Wie Sie wiſſen, ſo habe ich Freunde gefunden, deren Vertrauen in meine Rechtlichkeit und die Sol⸗ venz meines Hauſes mich in den Stand ſetzten, dem Sturme Trotz zu bieten. In unſerm Geſchäfts⸗Ver⸗ trag kann die Summe höher angegeben werden; 106 das können wir durch ein Privatübereinkommen ordnen. Vor Allem muß ich Ihnen aber mitthei⸗ len, daß ich Sie zu einer vertraulichen Sendung zu verwenden geſonnen bin. Sie müſſen ſogleich nach Spanien reiſen und zwar mit der Berechtigung zur Signatur meines Hauſes verſehen. Ich habe bereits die nöthigen Schritte gethan zur Ausferti⸗ gung des Inſtruments, das Ihnen die Procura überträgt. Marſana und Söhne werden Ihnen Verſchreibungen für fünf Millionen Realen gegen gewiſſe Wechſel ausfolgen, die ich Ihnen geben werde, und den Tag nach Ihrer Rückkehr ſoll der Vertrag, der Sie zu meinem Aſſocis macht, unter⸗ zeichnet werden.“ „Ohne weitern Verzug— oder Ausflüchte?“ fragte Mr. Bight, ihn ſcharf firirend. „Gewiß nicht, auf Ehre.“ Der Caſſier ſah ihn an, als wenn ihm eine weitere Sicherheit lieber wäre. „Wenn Sie an mir zweifeln,“ fuhr der Bankier fort,„ſo gebe ich Ihnen, wenn Sie wollen, ſchrift⸗ lich die Vollmacht, die Verſchreibungen ſo lang in Händen zu behalten, bis Sie als Theilhaber der Firma aufgenommen ſind.“ „Gut,“ verſetzte der Caſſier in kriechendem Tone; „das mürde genügen; nicht als ob ich an dem Worte Sir John Sellem's zweifelte, aber das Leben iſt ſo unſicher und eine Unterſchrift bindet den Leben⸗ den und den Todten.“ Der Principal lächelte; was aber dieſes Lächeln bedeutete, davon hatte der junge Mann freilich keine Ahnung. 107 „Sie werden Ihren Weg über Cadix nehmen,“ ſagte der Baronet,„und auf demſelben Wege zu⸗ rückkehren, ſo daß ſie den Kriegsſchauplatz gänzlich vermeiden. Appropos,“ ſetzte er, wie von einem plötzlichen Gebanken ergriffen, hinzu,„wäre das nicht eine vortreffliche Gelegenheit, uns den ſtörri⸗ gen Geſellen auf Helsman's Gute— den Zigeuner Jack vom Halſe zu ſchaffen? Er hat mir förmlich Trotz geboten, als ich ihn aus dem Hauſe auswei⸗ ſen wollte, und ſeine Drohungen und Prahlereien tragen fortwährend dazu bei, die Geſchichte von Miß Cheerly's Entführung in der Nachbarſchaft von Charlton im Schwunge zu erhalten.“ „Gewiß, Sir John, gewiß,“ erwiderte der jetzt wieder ſehr nachgiebig gewordene Mr. Bight.„Der Mann wird höchſt zufrieden ſein, wenn er auf einige Zeit das Land verlaſſen kann. Es iſt mir bereits gelungen, wie Sie mir aufgetragen haben, zwei Verhaftsbefehle gegen ihn auszuwirken.“ „Ohne daß ich aber dabei ins Spiel komme, wie ich hoffe?“ unterbrach ihn der Principal. „Gewiß, ohne daß Sie dabei in⸗s Spiel kom⸗ men, Sir John,“ verſetzte der Caſſier in vertrau⸗ lichem Tone;„ich bin kein ſo unwürdiger Schüler eines ſo erfahrenen Meiſters. Das Beſte daran i daß Jack mich für ſeinen zuverläſſigſten Freund ält.“ „Vortrefflich!“ „Köſtlich!“ Zugleich brachen Beide in ein herzliches Ge⸗ lächter aus. „Da jetzt dieſe Angelegenheit im Reinen iſt. 108 ſagte der Bankier, nachdem er ſeinen Ernſt wie⸗ der gewonnen hatte,„Copiren Sie dieſe Briefe; ſobald dieß geſchehen iſt, fahren Sie nach Charlton und treffen dort die weitern Anordnungen. Ich denke die Sache wird keine Schwierigkeiten haben, denn der Aufenthalt an dieſem Ort kann jetzt für Jack nichts weniger als angenehm ſein. Dort will ich Ihnen die letzte Inſtruction ertheilen.“ „Wahrſcheinlich die letzten, die ihn betreffen,“ ſagte der zukünftige Aſſocis mit grinſendem Lächeln. „Nein, Bight, nein,“ erwiderte Sir John Sel⸗ lem in ernſthaftem Tone.„Eine etwas ſcharfe Praxis im Geſchäftsleben, das mag hingehen; aber nur kein Verbrechen! Wenn auch meine Grundſätze es mir zuließen, ſo habe ich doch zu vielen geſunden Verſtand, um meinen Kopf außerhalb dieſer Schlinge zu halten. Der wahre Grund, warum ich Jack be⸗ ſeitigen möchte, iſt, weil ich das Gut zu verkaufen beabſichtige und dieſes Menſchen lächerlicher An⸗ ſpruch, das Häuschen nebſt dem dazu gehörigen Garten pachtfrei behalten zu wollen, iſt ein fort⸗ währendes Hinderniß. Jetzt wiſſen Sie, warum ich ihn für einige Wochen beſeitigt wiſſen möchte.“ „Er muß dem Capitän ſehr wichtige Dienſte geleiſtet haben,“ bemerkte der Caſſier,„denn ich habe dieſen noch nie ſo freigebig gefunden.“ „Dieß vermuthe ich auch.“ „Haben Sie kürzlich etwas von ihm gehört.“ Von wem?“ „Von Capitän Helsman.“ „Sehr häufig,“ verſetzte der Baronet, ohne im mindeſten eine Gemüthsbewegung oder Erſtaunen 109 merken zu laſſen.„Hören Sie,“ ſetzte er hinzu, „wenn Sie aus dem Zigeuner Jack herauszubringen vermöchten, welcher Art ſeine Anſprüche an den Capitän ſind, ſo könnte dieß ſehr nützlich werden. Es geht nichts über die Vorſicht.“ „Nichts, Sir John.“ Mit dieſer Bemerkung verließ Mr. Bight das Privatzimmer ſeines Principals, voll Befriedigung, Triumph und Vertrauen in die Zukunft. Es war der Traum meines Lebens ſeit dem Tage meines Eintritts in das Bankhaus als ein armer Lehrjunge, ein Theilhaber zu werden, und jetzt ſtehe ich auf dem Punkte, dieſen Wunſch ver⸗ wirklicht zu ſehen. Ich habe meine Karten gut ge⸗ miſcht, dachte er. Wenn er jedoch ſeiner Sache hätte ganz ſicher ſein wollen, ſo hätte er auch die Karten müſſen ſeines Gegners ſehen. Bei dem Geſtändniß, daß er oft von Helsman gehört, hatte Sir John Sellem nur ſeine Klugheit und ſeinen Takt zu Rathe gezogen, denn er war überzeugt, als der Caſſier dieſe Frage ſtellte, daß dieſer genau wiſſe, daß dieß der Fall geweſen. Es liefen nur wenige Briefe an ſeinen Principal ein, deren Poſtmarken er nicht zuvor unterſucht hätte; zuweilen trieb er ſogar ſeine Neugierde noch weiter. Die Summe, welche der Zigeuner Jack von ſeinem ſchuldbefleckten Grundherrn erhalten hatte, um ihm das Beweisſtück ſeines Verbrechens ver⸗ bergen zu helfen, war bald in Saus und Braus darauf gegangen. Auf ſchlechtem Wege erworbenes Geld hält nicht lange. In dieſem Falle zog ſein 110 Beſitz noch weitere ſchlimme Folgen nach ſich, indem es einen Menſchen vollends zum Müſſiggänger machte, der gleich den meiſten ſeines Stammes ohnehin einen gewiſſen Widerwillen gegen die Arbeit hatte. Zwar hatte er allerdings Haus und Garten pacht⸗ frei inne, aber er ließ den letztern unbebaut, und ſo ſtellte ſich bald Mangel bei ihm ein; und Mangel iſt bei gewiſſen Menſchen, anſtatt ſie zur verſtärk⸗ ten Thätigkeit anzufeuern, nur der Vorläufer des Verbrechens. In der Nachbarſchaft waren einige kleine Raub⸗ anfälle vorgekommen, als deren Thäter Jack von der öffentlichen Meinung bezeichnet wurde und in Folge davon war mehr als ein Verhaftsbefehl ge⸗ gen ihn erlaſſen worden. Bei dieſem Stand der Dinge hatte ſein Freund, der Caſſier, keinen allzu großen Aufwand von Beredtſamkeit nöthig, ihn zu veranlaſſen, mit nach Spanien zu gehen, nament⸗ lich da ſein Principal ihm die Vollmacht ertheilt hatte, freigebige Verſprechungen zu machen. „Spanien!“ wiederholte der Burſche mehrmals, zwer hätte je geglaubt, daß ich dahin kommet Wiſſen Sie auch, Mr. Bight, daß nach einer alten Sage wir aus dieſem Lande ſtammen ſollen? Auch habe ich gehört, daß das Rothwelſch, die Sprache, die wir unter uns reden,— denn wir haben eine andere Sprache als die Leute, unter denen wir woh⸗ nen— dort allgemein ſein ſoll?“ „Dann werdet Ihr Euch ja ganz heimiſch füh⸗ len,“ rief der Caſſier, ihm vertraulich auf die Schul⸗ ter klopfend.„Ich beſitze dann an Euch ebenſowohl einen Dollmetſcher, als einen Begleiter. Wir wer⸗ 1 den vergnügte Tage haben; der Wein iſt dort wohl⸗ feiler als das Bier in England.“ „Ich weiß nichts von Wein,“ verſetzte Jack,„ich habe noch keinen getrunken.“ „Aber Branntwein.“ „Das iſt mein Trank,“ bemerkte der Zigeuner; „der ſchwemmt Erinnerungen weg und hält böſe Träume vom Leibe; und wenn er ſie nicht vom Leibe hält, ſo vergißt man ſie wenigſtens darüber, und das kommt auf Eins heraus.“ „Weßhalb ſolltet Ihr aber böſe Träume haben, Jack?“ fragte ſein Freund ſanft. Dieſer war aber zufälliger Weiſe in nüchternem Zuſtande, und ſo machte ihn dieſe Frage vorſichtig. „Ihr habt nie etwas Böſes gethan.— nämlich etwas ſehr Böſes,— oder habt Ihr doch?“ „Haben Sie vielleicht etwas angeſtellt?“ fragte der Burſche, ſich plötzlich umdrehend, indem er ſeine ſchwarzen, durchdringenden Augen auf ihn richtete. „Wenn dieß der Fall iſt, ſo will ich Ihnen einen guten Rath geben: Behalten Sie Ihr Geheimniß bei ſich, gerade ſo wie ich es mache.“ Der Caſſier merkte, daß er ſich auf einen ge⸗ fährlichen Boden gewagt habe und änderte deßhalb gewandt den Gegenſtand des Geſpächs. Noch den⸗ ſelben Abend machten ſich Beide auf den Weg nach London, wo Mr. Bight, nachdem er ſeinen Reiſe⸗ begleiter zuvor anſtändig equipirt hatte, dieſen in die Privatwohnung des Bankiers führte, der den eſuch in ſeinem Speiſezimmer entgegennahm. Leſer, haſt du je den Spürhund eines Wild⸗ diebs ſeinem Herrn bei hellem Tage auf den Fer⸗ 112 ſen nachſchleichen ſehen, wenn dieſer durch ein reich⸗ lich von Wild bevölkertes Gehege ging, wie dieſer ein aufmerkſames Auge auf die halbgezähmten Thiere hatte, welche Furcht ihn zu reſpektiren lehrte, wäh⸗ rend Inſtinct ihn zu einem Angriff auf dieſelben antrieb? Wenn du das ſchon geſehen haſt, ſo kannſt du dir einen ſchwachen Begriff von den verſtohle⸗ nen Blicken machen, mit welchen der Zigeuner Jack von Zeit zu Zeit den wohlgefüllten Silberſchrank betrachtete und während er daſaß, in Gedanken den Werth des Geſchirrs berechnete, das ihm entgegen blitzte. Auf ſeine Unwiſſenheit machte es den Ein⸗ druck eines unerſchöpflichen Schatzes und er hielt deſſen Eigenthümer für den reichſten Mann der Welt. Der Baronet lächelte. Mit ſeinem gewohnten Scharfblick hatte er geleſen, was in dem Innern ſeines Gaſtes vorging, und er befahl deßhalb dem Haushofmeiſter, dieſen in ſein Zimmer einzuſchließen, wenn er zu Bett gegangen ſei; eine Vorſicht, welche ihn in ſeinem Entſchluſſe, den Menſchen nach Spa⸗ nien zu ſchicken, noch mehr beſtärkte; denn als man das Schloß der Thüre den folgenden Morgen unter⸗ ſuchte, ſtellte ſich deutlich heraus, daß ein Verſuch gemacht worden war, es zu ſprengen. Nachdem die Angelegenheit in Betreff der Pro⸗ cura völlig geordnet war, begleitete Sir John den Caſſier und Jack nach Southampton, wo er bis zu ihrer Einſchiffung nach Cadir blieb, während der Nacht zurückreiste und am folgenden Tag zur Eröffnung der Bank wieder in London eintraf. „Ich kann es nicht länger mehr ertragen,“ mur⸗ melte er, als er gänzlich erſchöpft ſich in den Lehn⸗ 113 ſtuhl ſeines Privatzimmers warf;„das geht über menſchliche Kräfte.“ Allmählig wurde aber ſeine Stimmung wieder heiterer bei dem Gedanken, daß Helsman aller Wahrſcheinlichkeit nach jetzt bald in England eintreffen werde und daß er ſich den an⸗ maßenden, unermüdlichen Bight, wie er hoffte, für immer vom Halſe geſchafft habe“ Unmittelbar nach der Vermählung ſeiner älteſten Tochter war General Trelawny, Bella und Miß Cheerly auf's Land zurückgekehrt, wohin ihnen Kit Corling bereits vorausgegangen war, ſehr betrübt darüber, daß er zu ſpät in London eingetroffen ſei, um den wahren Charakter des Bräutigams zu ſchil⸗ dern und dadurch die Heirath zu verhindern. Nach⸗ dem dieß mißlungen war, hielt er es für das Beſte, die Dinge ihren Lauf nehmen zu laſſen. Miß Cheerly hoffte mit Beſtimmtheit, daß Eugenia, nachdem ihre Verbindung mit einem Andern für immer eine Scheidewand zwiſchen ihr und Harold Trachy gezogen hatte, ihre Schweſter des unbedachten Gelübdes entbinden werde, das ſie dieſer abgenom⸗ men; aber das Opfer dieſes Verraths kannte dieſe beſſer. Bella hatte ſich nie dieſer Hoffnung hin⸗ gegeben und war daher nicht beſonders überraſcht, als die junge Frau mit einem kalten Kuſſe von ihr Abſchied nahm. „Mögeſt Du glücklich werden, ſchluchzte das arme Mädchen,„recht glücklich! Meine Gebete und beſten Wünſche begleiten Dich, obgleich Du edelmüthiger gegen mich hätteſt handeln können.“ „Ich werde auch gewiß glücklich werden,“ er⸗ widerte Mrs. Brandon Burg, als ſie aus ihrem Licht⸗ und Schattenſeiten. 6 8 114 Boudoir herabkam, um in den eleganten Reiſewagen zu ſteigen, auf deſſen Hinterſitze ihr Mädchen Finfine und der Knabe Goroo, der aus dem Dienſte ſeines ſeitherigen Herrn in den von deſſen Schwiegerſohn übergetreten war, bereits ſaßen.„Was ſollte mei⸗ nem Glück im Wege ſtehen? Mein Gemahl iſt reich, führt einen ehrenvollen Namen und iſt mir ganz ergeben. Das Glück hat unſere Looſe weislich nertheilt. Ich bin für die Geſellſchaft, Du für die Zurückgezogenheit geboren. Adieu!“ „Wirſt Du auch zuweilen an mich denken?“ „Sehr oft,“ verſetzte die ſtolze Schöne mit eigen⸗ thümlicher Betonung,„ſehr oft.“ „Und ſchreiben, Eugenia? nicht an mich, aber wenigſtens an unſern theuern Vater?“ „An Beide,“ erwiderte die junge Frau;„und jetzt, nachdem die Komödie der Vater⸗ und Schwe⸗ ſterliebe ausgeſpielt iſt, wollen wir den ermüdeten Schauſpielern Ruhe gönnen und den Vorhang fallen laſſen. Lebe wohl!“ Nachdem ſie dieſe gefühlloſen Worte geſprochen hatte, reichte ſie ihrem Gemahl die Hand,„der ihr in den Wagen half, welcher ſodann unter dem Ge⸗ flüſter der Bewunderung des Straßenpublikums da⸗ von fuhr, das die Abreiſe mit anzuſehen ſtehen geblieben war. Es folgte ihr aber kein Segens⸗ wunſch nach, denn für alle Herzen, mit Ausnahme deſſen der bekümmerten Bella, war der Abgang des herzloſen Geſchöpfs eine wahre Erleichterung. Miß Cheerly war ſehr erſtaunt, als ihr Kit von ſeinem Beſuch in London erzählte, und noch mehr, als ſie den Grund davon erfuhr; ſie ſtimmte ihm * 115 aber vollkommen bei, daß, nachdem die Verbindung unwiderruflich geworden, es beſſer ſei, ſeine Kennt⸗ niß von Brandon's Charakter der Vergeſſenheit an⸗ heimfallen zu laſſen. In ihrer heißen Dankbarkeit für die ſcheinbar edelmüthige Rolle, welche Brandon bei der Rückgabe ihres kleinen Vermögens geſpielt hatte, hoffte ſie ſogar, daß der wohlmeinende Kit ſich ge⸗ irrt habe. Nach ihrem einfachen Urtheile hielt ſie es für unvereinbar, daß ein Menſch, der ſich ſo edel gezeigt habe, einen ſchlimmen Charakter beſitzen könne. Die verhältnißmäßig glückliche Lage, in die ſie ſich jetzt verſetzt ſah, erlaubte ihr, nachdem ſie der täglichen Sorge dadurch enthoben war, auch an Genüſſe zu denken, welche die Dankbarkeit ihr ein⸗ gab, indem ſie ihre Talente ihrer eben ſo beſchei⸗ denen als treuergebenen Freundin widmete, bei der ſie fortwährend wohnen blieb, obgleich ſie den grö⸗ ßern Theil des Tages auf dem Hofe zubrachte. Das Mobiliar in ihrem kleinen Wohnzimmer hatte ſie durch nichts als durch ein Piano und eine ausge⸗ wählte Sammlung von franzöſiſchen und italieni⸗ ſchen Büchern vermehrt. „Und können Sie denn alles dieß leſen, Miß Emma?“ fragte Nancy, als dieſe mit Erſtaunen und Bewunderung die Bücher betrachtete.„Wie geſchickt müſſen Sie ſein?“ „Das werden Sie bald auch können,“ erwiderte Emmc. „Was! ich ſollte Franzöſiſch und Italieniſch lernen?“ 116 „Und auch Muſik,“ ſetzte ihre Freundin hinzu, indem ſie den Arm um Nancy's Nacken ſchlang. „Schweſtern im Unglück, wollen wir auch das Glück mit einander theilen. Die Natur hat Sie, Nancy, wie ich ſchon oft zu bemerken Gelegenheit hatte, mit mehr als gewöhnlichen Geiſteskräften und Talenten ausgeſtattet und dieſe müſſen cultivirt werden. Wäre Ihre Erziehung eben ſo vollendet, als Sie gut ſind, ſo würden Sie wenige Frauen finden, mit denen Sie ſich nicht meſſen könnten; es wäre daher ein großes Unrecht von mir, und höchſt undankbar, wenn ich das Wenige, was ich weiß, nicht Ihnen mitzutheilen mich beſtrebte.“ „Aber Kit—“ antwortete Nancy zögernd. „Dieſer muß auch mein Zögling werden,“ ver⸗ ſetzte Miß Cheerly.„Wer weiß, welche Stellung er bei ſeinem Fleiße und ſeinem Talente im Leben noch einzunehmen beſtimmt iſt.“ koch ehe die Woche abgelaufen war, hatten Mann und Frau die erſten Unterrichtsſtunden bei ihrer freundlichen Lehrerin genoſſen. Es gab wohl nir⸗ gends ein glücklicheres Heimweſen; denn Liebe und Freundſchaft verbanden deſſen Bewohner auf's Engſte. Der Eindruck, den die Muſik auf Kelf hervor⸗ brachte, war gaonz eigenthümlicher Art. Er war eben mit Arbeiten im Garten an einem ſpäten Som⸗ merabende beſchäftigt, als zum erſten Mal die Töne des Piano's an ſein Ohr ſchlugen. Unwillkür⸗ lich legte er den Spaten bei Seite, mit dem er gegraben hatte, und ſtand eine Zeit lang ganz ent⸗ zückt lauſchend da, während Thränen über ſeine jetzt von Geſundheit blühenden Wangen floſſen. 117 „Was iſt Dir denn?“ fragte Watſon, dem ſolche Töne nicht neu waren. „Sei ſtill,“ erwiderte der Knabe,„ſei ſtill!— Die guten Ladies ſprechen mit den Engeln im Himmel.“— Engenia war noch nicht viele Tage Bewohnerin von Burg⸗Hall geworden, als auch ſchon ihre Täu⸗ ſchungen, denen ſie ſich in Betreff ihrer Vermählung hingegeben, gänzlich dahingeſchwunden waren und ſie einſehen gelernt hatte, daß ſie ſich ihr Leben lang an einen rohen, gemeinen und ſelbſtſüchtigen Menſchen gekettet habe, der weit entfernt, ihren Launen, ihrer Vergnügungsſucht und ihrem Drange in der Modewelt eine Rolle zu ſpielen, nachzugeben, vielmehr ein boshaftes Vergnügen daran zu finden ſchien, ihre Wünſche zu durchkreuzen und dieſen Hinderniſſe aller Art zu bereiten, um ihr dadurch zu beweiſen, daß ſie, indem ſie ihn zum Gatten genommen, zugleich auch einen Herrn ſich gegeben habe. Der gemein vertraute Fuß, auf dem er mit dem Rentmeiſter Snape und der Haushälterin zu ſtehen ſchien, verletzte ihre Begriffe von Schicklich⸗ keit in höchſtem Grade; ſie konnte es gar nicht be⸗ greifen und ſehnte ſich ſogar bisweilen wieder nach der Einſamkeit des Hofs zurück. Anfangs verſuchte ſie es mit Vorſtellungen, die aber mit Gleichgültigkeit angehört wurden; dann drohte ſie damit an ihren Vater zu ſchreiben. „Schreiben Sie nur zu,“ verſetzte Brandon,„der General kennt Sie. Ueberdieß hat der Alte weder das Recht noch die Abſicht ſich einzumengen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte die 118 ſtolze Schöne, nur mit Mühe ihre Thränen unter⸗ drückend. „Daß Sie meine Frau ſind,“ rief der Yankee, „und daß ich nicht der weichherzige Pinſel bin, für den Sie mich zu halten ſcheinen. Obgleich ich ein geborner Britännier bin, ſo wurde ich doch auf gut amerikaniſch erzogen. Was haben Sie gegen mei⸗ nen Rentmeiſter und meine Haushälterin einzu⸗ wenden? Sie ſind ſo gut wie Sie und die menſch⸗ liche Natur iſt ſich ganz gleich, wenn nur die Haut⸗ farbe die gleiche iſt.“ Auf's Tiefſte verletzt zog ſich die junge Frau aus dem Zimmer zurück, während ihr Gatte ihr den Yankee⸗Doodle nachpfiff. „Ich calculire,“ ſprach er, ſich in dem Em⸗ pfangszimmer eine Cigarre anzündend, daß ich eine gehörige Portion Widerſpenſtigkeit erſt be⸗ zwingen muß, eh' ich Mrs. Burg zu einigem Ge⸗ horſam zwingen kann. London! London! Nichts damit! Ich weiß ſchon, was das heißen will. Ge⸗ ſellſchaften, wo man mich auslacht und meiner Frau den Hof macht; bin kein ſolcher Eſel.“ Als ein paar Stunden hernach der Eigenthümer von Burg⸗Hall im Parke ſpazieren ging, begegnete er dem Knaben Goroo. Gleich den meiſten ſeiner Landsleute hegte er einen ganz eigenthümlichen Widerwillen gegen Jeden, der nur eine Spur von farbiger Abſtammung an ſich trug, und ſo fragte er ärgerlich, wohin er gehe. „Ich in das Dorf gehen,“ antwortete der Junge, nichts weniger als erfreut über den Ton, in dem er angeredet wurde. 119 „Wer gab Dir hiezu die Erlaubniß?“ „Miß Eugenia, meine Lady, will ich ſagen. Mrs. Brandon Burg, wie Sie wiſſen.“ „Komm hieher, Schneeball,“ murmelte ſein Herr zwiſchen den Zähnen, indem er ihn zugleich mit einem wahrhaft wilden Ausdrucke anblickte.„Wir müſſen ein paar Worte mit einander ſprechen. Du haſt einen Brief von meiner Frau bekommen.“ „O nein, Maſſa! auf Chre nicht.“ „Auf Ehre!“ wiederholte der Yankee, ihn am Ohr faſſend.„Halt ſtill! oder ich reiße Dir die Wolle von deinem Kopf mit ſammt der Haut herunter.“ Goroo, der ſeit dem Tage ſeiner Geburt nie auf ſolche Weiſe behandelt worden war, ſtieß ein lautes Geheul aus, welches ſeinen Peiniger in ſolche Wuth verſetzte, daß er einen ledernen Riemen aus der Taſche zog und ihn damit unbarmherzig zerbläute. „Jetzt,“ ſagte der Unmenſch, ermüdet von der an dem Knaben verübten Grauſamkeit,„gib mir den Brief.“ Goroo händigte ihm denſelben zögernd ein. „Und nun mach', daß Du fortkommſt!“ ſetzte der rohe Menſch hinzu, indem er dem Knaben einen Fußtritt gab. Dieſer wartete keine zweite Aufforderung ab, ſondern rannte dem Hauſe zu, um ſein Herz und ſeine Klagen bei dem franzöſiſchen Kammermädchen Finfine auszuſchütten. In Brandon Burg's Geſicht drückte ſich Zorn und Verdruß im höchſten Grade aus, als er den Brief durchlas, den er auf ſo ſchmähliche Weiſe ſich 120 verſchafft hatte und in welchem die Rohheit ſeiner Sitten und die auffallende Veränderung in ſeiner Sprechweiſe mit all' dem bittern Spott einer tief⸗ beleidigten weiblichen Feder geſchildert war, und es wäre ohne Zweifel der Verfaſſerin übel ergangen, wenn ihn nicht ein Wagen eingeholt hätte, in wel⸗ chem Albert Mortimer ſaß, deſſen Ankunft er ſchon ſeit ein paar Tagen entgegenſah. Beim Anblicke ſeines Mentors, der ſeinen Einfluß über ihn nicht perloren hatte, kühlte ſich aber die Wuth des Aben⸗ teurers bedeutend ab. „Sind Sie toll?“ rief der Officier,„oder glau⸗ ben Sie etwa, daß eine junge Dame von Geburt und Vermögen, wie Ihre Gemahlin, ungeſtraft wie einer Mulattin Kind oder einer Sklavin Tochter behandelt werden darf?“ „Von ihrer Geburt, verſteht ſich,“ murmelte Brandon. „Danken Sie es Ihrem guten Glück,“ fuhr ſein Rathgeber fort,„daß ich zur rechten Zeit gekommen bin, um Sie von einer Gewaltthätigkeit abzuhalten, die ganz ſicher eine Eheſcheidung und Zurückerſtat⸗ tung des Vermögens Ihrer Gemahlin zur Folge gehabt hätte.“ Mit dieſen Worten ergriff er Brandon's Arm und fuhr fort ihm den Text zu leſen, während er mit ihm auf das Haus zuſchritt. 121 Neunundvierzigſtes Kapitel. Als Brandon Burg mit ſeinem Freunde in die Halle kam, hatte er einen Sturm zu beſtehen, auf den er nicht gefaßt war, da derſelbe keineswegs durch Vorwürfe ſeiner beleidigten Gemahlin her⸗ vorgerufen wurde, die ſich voll Unwillen und in ihrem Stolze auf's Tiefſte verletzt, in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, worüber ſie ſich nicht mit Wor⸗ ten, ja ſelbſt nicht einmal mit Thränen Luft zu machen vermochte, ſondern der Sturm ging von der franzöſiſchen Kammerjungfer, von der wüthenden Finfine, aus, die nichts weniger als in gemeſſener Sprache ihm die feige Beſchimpfung ihres Schütz⸗ lings und Anbeters, des ſchwarzen Knaben Gorov vorhielt. Es wäre vergebene Mühe geweſen ihrer Zunge Einhalt zu thun, die förmlich mit ihr durchzugehen ſchien. Sie wolle an den General Trelawny ſchrei⸗ ben, ſchrie ſie, und ſehen, ob Mr. Brandon ihre Briefe ebenfalls aufzufangen ſich erlaube, wie er es ſpeben mit dem ihrer theuren Gebieterin ſich's erlaubt habe; ſie werde an ihren Geſandten um ſeinen Schutz ſchreiben; an einen Polizeibeamten um einen Verhaſtsbefehl wegen des Attentats, das barbariſch! ſchändlich!! vihiſch!!! geweſen ſei. Ihre lange Tirade ſchloß ſie damit, daß ſie ihn ein Un⸗ geheuer nannte. „Iſt es auch der Mühe werth einen ſo großen Halloh darüber zu machen, wenn ein Neger durch⸗ gebläut wird?“ rief der Yankee im Tone des tief⸗ ſten Widerwillens, als die erſchöpfte Zungenfertig⸗ 122 keit der Franzöſin ihn endlich zu Wort kommen ließ. „Sie iſt von den Britanniern angeſtellt worden,— Mangel an freiſinniger Anſicht. Wir würden im neuen Lande Jedem in's Geſicht ſpucken,“ ſetzte er gegen Albert Mortimer gewendet hinzu,„der ſich ſo weit erniedrigte, für eine ſchwarze Haut, wie Goroo eine trägt, ſich zu verwenden.“ „Mir in's Geſicht ſpucken!“ ſchrie das Kammer⸗ mädchen;„mir in's Geſicht ſpucken! O mon Pieu! Den Mann möchte ich ſehen, der mir in's Geſicht ſpuckt! Ich würde ihm die Augen auskratzen! Seine beiden Augen würde ich ihm auskratzen!“ Albert, der wohl einſah, daßehiſes eine der häuslichen Scenen war, bei welcher viel zu verlie⸗ ren, aber nichts zu gewinnen war, machte dem Auf⸗ tritt dadurch ein Ende, daß er ſeinen Gaſtfreund in das Bibliothekzimmer führte, wo er ihm über ſein Unterfangen, mit ſeiner Frau einen Streit herbeizuführen, ſehr ernſte Vorſtellungen machte. „Sie haben durch Ihre Verbindung mit der Tochter des Generals Trelawny eine Stellung in der Welt erlangt.“ „Hol' der Henker dieſe Stellung!“ unterbrach ihn Brandon rauh. Verwünſchen Sie ſie, ſo viel Sie wollen,“ fuhr ſein Mentor fort,„aber benützen Sie ſie.“ „Meine Frau macht ſich gar nichts aus mir.“ „Ich glaubte auch nie, daß ſie dieß thun werde,“ erwiderte Albert in ſeinem gewohnten ſarkaſtiſchen Tone;„Ihre beiderſeitigen Gewohnheiten, Sym⸗ pathien und Geſchmacksrichtungen ſind ſo himmel⸗ weit verſchieden. Eugenia heirathete Sie, um frei 123 zu werden. Ihre Heimath war ihr zuwider gewor⸗ den. Sie nahmen ſie um ihres Vermögens willen, und in dieſem Punkte wenigſtens ſind Sie nicht getäuſcht worden. Haben Sie nicht bedacht, daß Sie durch Ihre Gewaltthätigkeit Ihr bereits Grund zur Tren⸗ nung gegeben haben? Es iſt gut, daß ich zu rech⸗ ter Zeit eintraf, um einen Bruch abzuwenden.“ Beim Durchleſen der Morgenblätter fiel Mrs. Brandon Burg die Anzeige auf, daß Lieutenant Mortimer durch Kauf zum Commando einer Com⸗ pagnie befördert worden ſei, und dieſes Wort hatte ſie nachdenklich gemacht. „Kauf,“ wiederholte ſie mehrmals vor ſich hinz „woher hat er dazu das Geld bekommen 2 Der Verdacht, daß ihr früherer Liebhaber ſie zum Beſten gehabt habe, ſtieg mit einem Mal in ihr auf, und es gibt für eine ſtolze, leidenſchaftliche Frau nichts Demüthigenderes als der Gedanke, daß man auf ſie ſpeculirt habe. Mit dieſen Empfin⸗ dungen erſchien ſie beim Mittageſſen in nichts we⸗ niger als liebenswürdiger Stimmung, und ihr Be⸗ nehmen gegen den Capitän war fremd und zurück⸗ haltend, gegen ihren Gemahl aber eiskalt. Nach und nach übte aber Albert's achtungsvoller, feiner Ton, der Blick der Theilnahme, der jedes Wort begleitete, die in die Unterhaltung ſo künſtlich ge⸗ mengte Bewunderung ihren Einfluß auf die erzürnte Schöne; ihre Eitelkeit fühlte ſich geſchmeichelt, und ihr Urtheil wurde dadurch befangen. Der junge Mann ſuchte ihr Vertrauen zu gewinnen und es gelang ihm. Es iſt ein gefährlicher Schritt, wenn eine Frau 124 ihren wirklichen oder eingebildeten Kummer einer Perſon anvertraut, die nicht ihres Geſchlechtes iſt. Die zarte Weiblichkeit leidet darunter. „Ich bin hintergangen, ſchändlich hintergangen worden,“ bemerkte ſie am folgenden Morgen, als ſie mit ihrem Gaſt im Garten ſpazieren ging. „Brandon's Sitten ſind roh und gemein; ſeinen vertraulichen Ton gegen den Rentmeiſter und die Haushälterin kann ich nicht begreifen. Die Art, wie er Goroo behandelt hat, iſt abſcheulich.“ „Sie müſſen ihn beſſer ziehen,“ verſetzte Albert. „Sein Weſen iſt allerdings rauh; aber ich bin überzeugt, daß er Ihnen auf's Innigſte ergeben iſt. Er fühlt den Unterſchied, die ungeheure Ueberlegen⸗ heit Ihres Geiſtes, und dieſe Ueberlegenheit demü⸗ thigt ihn. Wo treue Liebe iſt, iſt auch immer Eiferſucht.“ „Eiferſucht!“ wiederholte die Dame,„abge⸗ ſchmackt.“ „Er iſt eiferſüchtig auf Ihre Vorzüge,“ fuhr der ſchlaue Mann in ſeinem einſchmeichelnden Tone fort.„Ich weiß aus ſeinem eigenen Munde, daß dieſes Gefühl ihn drückt und bis jetzt ſeine Rückkehr nach London in die Kreiſe, in welchen Sie zu glänzen geboren ſind, verhinderte. Wenn ſeine Unſcheinbarkeit ſchon auf dem Lande auf ſo pein⸗ liche Weiſe hervortritt, wie viel mehr müßte ſich dann dieſelbe erſt dort fühlbar machen, wenn er Contraſten gegenüber ſtände? Das iſt die Frage, die er ſich ſtellt, und das was er fürchtet und ver⸗ meiden möchte.“ „Er braucht dieß nicht zu fürchten,“ erwiderte 225 Mrs. Brandon trocken,“ denn ich werde nicht nach London gehen.“ „Wahrhaftig!“ „Ich werde meinem Vater ſchreiben, der wenig⸗ ſtens mich beſchützen wird,“ fuhr ſie bitter fort, „und nach dem Hofe zurückkehren.“ „Unmöglich!“ rief Albert aus;„verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, aber Sie können, Sie dürfen nicht einen Schritt thun, der denen, die Sie nicht lieben, einen Triumph verſchaffen würde und deren Mitleid für ein Herz, wie das Ihrige, viel bitterer wäre, als ihr Haß. Ich habe Ihrem Gemahl meine Anſicht geſagt; er ſieht ſeine Fehler ein, beſchwört Sie, dieſelben zu vergeſſen und macht ſich verbindlich, daß Sie von nun an eben ſo vollſtän⸗ dig Herrin Ihrer Handlungen werden ſollen, als Sie bis jetzt die ſeines Herzens geweſen ſind.“ „Dieſes Verſprechen iſt doppelſinnig,“ bemerkte Eugenia;„aber angenommen— merken Sie wohl, ich ſage bloß angenommen— ich wäre ſchwach ge⸗ nug, ſeiner Entſchuldigung Gehör zu ſchenken, auf wie lange calculirt er noch— ich glaube dieß iſt ſein Ausdruck— mich in dieſem troſtloſen Orte einzukerkern?“ „In zehn Tagen beabſichtigt er nach London zurückzukehren,“ verſetzte Albert.„Die Wohnung wird dort nicht eher fertig. Sie wiſſen ja, wie langſam unſere Handwerksleute ſind. Wenn ſie aber fertig iſt, ſo wird ſie ein wahrer Bijon ſein. Das Voudoir— blau mit Gold— iſt das rei⸗ zendſte, was ich je in meinem Leben geſehen habe 226 ein wahrer Tempel für die Göttin, die darin zu thronen beſtimmt iſt.“ „Capitän Mortimer,“ ſagte Eugenia nach einer kurzen Ueberlegung,„ich nehme den Vertrag an. Ich wünſche nicht nach dem Hofe zurückzukehren. Sie brauchen mir für mein Vertrauen nicht zu dan⸗ ken, denn Sie haben Alles längſt errathen, ſowie mit Ihrem gewohnten Takt und Verſtand klar in der Sache geſehen. Auch ich wünſche die Lächer⸗ lichkeit einer Trennung zu vermeiden, nicht aus Rückſicht für den Mann, dem ich meine Hand ge⸗ reicht habe, ſondern weil ich weiß, welch ein Triumph es für diejenigen wäre, die mich nicht lieben.“ „Sie haben weislich entſchieden,“ bemerkte der gewandte Unterhändler, mit Mühe ſeine Befriedigung verbergend. „Der Vertrag muß aber pünktlich gehalten werden.“ „Ich verbürge mich dafür, daß dieß der Fall ſein ſoll.“ „Alſo in zehn Tagen verlaſſe ich Burg⸗Hall, um entweder nach London oder nach dem Hofe zu gehen. Von meinem Gatten hängt es ab, ob das Eine oder das Andere geſchehen ſoll.“ In dieſem Augenblicke ſah man Brandon von einem Seitenwege her ſich nähern und Eugenia, deren Herz noch zu ſehr von Bitterkeit erfüllt war, entfernte ſich deßhalb. Es war nicht mehr Gleich⸗ gültigkeit, ſondern Haß, der ihre Seele füllte, denn ſeine Grobheit und Rohheit hatten ſie im höchſten Grade verletzt. 3 „Sie beſitzt mehr Verſtand, als ich ihr zutraute,“ 127 murmelte der Officier vor ſich hin, während ihre Geſtalt hinter den Gebüſchen verſchwand.„Zwei Dinge kann ich aber nicht verſtehen,— das Ge⸗ heimniß, welches General Trelawny ihrem koſtbaren Gatten vor ſeiner Vermählung anvertraute und den Einfluß, welchen Bella anwandte, um ſie von einem Durchgehen mit mir abzuhalten. Ich hoffe aber, daß Beides mit der Zeit ſich aufklären wird.“ „Nun,“ ſagte der Yankee, als er an die Stelle kam, wo ſein Mentor ſich befand,„hat ſie ange⸗ biſſen?“ „Allerdings,“ erwiderte Albert,„aber ſie hat den ausgeworfenen Köder wohl bemerkt, um in Ihrer zarten Sprechweiſe mich auszudrücken. Dieß⸗ mal ſind Sie gerade noch durchgeſchlüpft.“ Der Abenteurer murmelte vor ſich hin, daß das Durchſchlüpfen gegenſeitig ſei. „Ich habe mich in Ihrem Namen verbindlich gemacht, daß Sie in zehn Tagen nach London zu⸗ rückkehren werden.“ „Sehen Sie, Capitän,“ ſagte der Yankee, dieſen Titel merklich betonend,„Wigget und Tye, Snape, Sellem, Mortimer und Compagnie ſind, wie ich wohl merke, ſchmählich mit mir umgegangen. Dieſe feine Speculation hat Ihre Intereſſen mehr beför⸗ dert, als die meinigen. „Wie ſo? Die Herrſchaft gehört ja Ihnen.“ „Eine ſchöne Herrſchaft, auf die ich keinen Pfen⸗ nig aufnehmen kann!“ verſetzte der Abenteurer. „Ich will Ihnen aber ſagen, was wirklich mein— geſetzlich mein iſt.— Das Vermögen meiner Frau, 128 und ich habe nicht die Abſicht, auch nur einen Dol⸗ lar davon herauszugeben.“ „Ich meinte, Sie ſeien auf die Spur gekommen, wo die Beſitzurkunden ſich befinden,“ bemerkte Albert. „Der Rentmeiſter behauptet, der verfluchte Kerl von Doktor habe ſie geſtohlen. Wahrſcheinlich eh' er dieß ſelbſt ausführen konnte, wie ich vermuthe,“ ſetzte er wüthend hinzu. „Geduld, Mann, Geduld! Snape wird mit mir kein falſches Spiel ſich erlauben. Wir haben zehn Tage, zehn volle Tage vor uns. Es wurden in kürzerer Zeit ſchon Feldzüge beendigt und König⸗ reiche verloren und gewonnen. Wenn wir die Be⸗ ſitzurkunden auffinden, können wir Geld aufnehmen, ſo viel uns beliebt.“ „Können wir das?“ ſagte der Yankee. „Unter allen Umſtänden verbleiben Ihnen aber die verfallenen Pachtzinſe,“ fuhr Mortimer fort, dem es nicht entgangen war, welches Mißfallen der Ausdruck„wir“ erregt hatte. „Die Pachtzinſe!“ wiederholte der Eigenthümer von Burg⸗Hall mit bitterem Lachen:„nachdem den Pächtern die Weiſung zugegangen iſt, ſie nicht zu bezahlen. Ich hörte dieß ſoeben vom Rentmeiſter. Er wird Ihnen dieß Alles ſelbſt erzählen, wenn wir uns heute Abend im Bibliothekzimmer zuſammen finden.“ „Von wem iſt die Weiſung ausgegangen?“ fragte der Capitän nachdenklich. „Von Doktor Curry; Snape ſagt, daß dieſer auch die Beſitzurkunden habe.“ Wie oft haben wir ſchon geſehen, daß die gei⸗ 129 ſtige Kraft mit den Schwierigkeiten wächſt. Der praktiſche Mann, der kalte Berechner, der bis jetzt die Stärke und Schwäche, die Leidenſchaften und Neigungen ſeiner Mitmenſchen nach ſeinen Zwecken gelenkt hatte, fing an zu ahnen, daß er endlich einen ſeiner Gewandtheit würdigen Gegner gefun⸗ den habe. „Dieſer Schottländer iſt ein ſehr pfiffiger Burſche,“ bemerkte Albert.„Wir werden aber mit vereinter Kraft doch zuletzt mit ihm fertig werden. Wenn er die Urkunden genommen hat, ſo hat er unſer Spiel geſpielt und iſt folglich in unſerer Ge⸗ walt. Laſſen Sie mich einmal die Sache überlegen,“ ſetzte er hinzu.„Eine Belohnung— ein Verhafts⸗ befehl— ja, ja, es iſt mir Alles klar.“ Bei dieſer Berechnung waren aber Albert zwei Umſtände entgangen: der erſte war die Ergebenheit und Treue des alten Soldaten Peter Bodger; der andere die Rachſucht der zornentflammten Finfine, die keineswegs ihre Abſicht aufgegeben hatte, an Brandon für das brutale Benehmen gegen ihren Anbeter Goroo Wiedervergeltung zu üben. Das Reſultat der Beſprechung im Bibliothek⸗ zimmer wird ſich am Deutlichſten durch die Erzäh⸗ lung des Beſuchs herausſtellen, den das Kammer⸗ mädchen am folgenden Tag dem Doctor abſtattete. Harry's treuer Freund war eben mit dem Durchleſen eines Briefes, der eine auswärtige Poſt⸗ marke trug, zu Ende gekommen und deſſen Inhalt ihn ſehr aufgeregt hatte. Mehrmals murmelte er vor ſich hin:„Wie ſchade, daß ich zu alt bin! Licht⸗ und Schattenſeiten. IV. 9 130 Was würden meine Patienten anfangen?“ als Pe⸗ ter die Thüre ſeines Herrn Heiligthums öffnete und ein tief verſchleiertes Frauenzimmer einführte. „Meine Liebe, meine Liebe!“ fragte der Mann der Wiſſenſchaft,„iſt Ihr Fall dringend? Ich habe in dieſem Augenblick Geſchäfte und—“ „Sie müſſen mich aber doch anhören, Monsieur 1e Docteur.“ „Eine Franzöſin,“ rief der alte Mann, im Stil⸗ len ſich wundernd, daß ein ſo ſeltener Vogel ſich nach Alston verirrt habe. „Ah! Sie ſprechen franzöſiſch.“ „Oui. Madame.“ „Dann erlauben Sie mir, in dieſer Sprache mich mit Ihnen zu unterhalten,“ verſetzte die Fremde, die wohl fühlte, daß ſie in ihrer Mutterſprache ſich beredter als auf Engliſch auszudrücken verſtehe. „Ich bin Ihre Freundin.“ Mit dieſen Worten legte ſie ihre Hand auf ſeinen Arm. „Verrückt,“ murmelte der Doctor,„offenbar verrückt.“ Dieſer Schluß war zwar ſehr verzeihlich, aber nichts weniger als höflich. „Verrückt!“ wiederholte Finfine, die den Aus⸗ druck vollkommen verſtanden hatte;„vielleicht bin ich dieß, aber ich bin dafür weder blind, noch taub, noch dumm.“ „Gewiß nicht.“ „So will ich Ihnen alſo mittheilen, daß in drei Stunden ein Verhaftsbefehl gegen Sie erlaſſen werden wird. Man hat Sie einen Pack aus der Halle wegtragen ſehen. Der Rentmeiſter iſt bereit einen Eid zu ſchwören, daß derſelbe die Beſitzurkun⸗ 131 den der Herrſchaft enthielt, für deren Wiederauf⸗ findung eine Belohnung ausgeſetzt werden ſoll. Verſtehen Sie mich jetzt?“ „Vollkommen,“ erwiderte der alte Mann, ſie ſcharf fixirend, denn ſeine gewohnte Vorſicht ließ ihn eine Falle ahnen, die ihm von den Bewohnern der Halle gelegt worden ſei,„nur verſtehe ich den Grund nicht, der Sie hieher führte. Ich ſetze kein Vertrauen in eine ſo plötzliche Freundſchaft. Ich bin Ihnen gänzlich fremd.“ „Sie müßten ſehr einfältig ſein,“ bemerkte die Franzöſin,„wenn Sie nicht fühlten, daß Rache mich hieher führte. Ich verabſcheue Brandon Burg.“ „Wohl möglich!“ „Meine Lady hat er betrogen, meinen— das heißt, einen jungen Mann, an dem ich großen An⸗ theil nehme, hat er geſchlagen,“ fuhr Finfine fort, „und deßhalb beſchloß ich ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Aus dieſem Grunde verbarg ich mich geſtern Nachts in der Bibliothek und hörte dort, daß er, Capitän Mortimer und der Rentmeiſter zu⸗ ſammen verabredeten, daß ein Verhaftsbefehl gegen Sie wegen Stehlens der Beſitzurkunden der Herr⸗ ſchaft erwirkt werden ſolle. Sie haben zwei Zeu⸗ gen, Baines und Dobſon, welche Sie mit einem großen Packet das Herrenhaus verlaſſen ſahen. Das Bergwerk ſoll durchſucht werden; Ihr Haus ſoll durchſucht werden; jeder Mann und jeder Ort ſoll durchſucht werden; und nun frage ich Sie, ob Sie mir glauben.“ E war unmöglich, ſich ſolchen Thatſachen ge⸗ genüber, welche die Beſucherin, eine nach der andern, 132 mit größter Zungenfertigkeit vorbrachte, unüber⸗ zeugt zu bleiben. Der Doctor fühlte ſich von der Aufrichtigkeit des Mädchens überzeugt, doch war er ein zu erfahrener Praktikus, als daß er ſie in die Karten hätte blicken laſſen, die er auszuſpielen ge⸗ ſonnen war, und ſo dankte er ihr, indem er ſie zugleich verſicherte, daß er nichts zu fürchten habe. „Dann kennen Sie diejenigen nicht, mit denen Sie zu thun haben,“ erwiderte das Kammermädchen. Der alte Mann lächelte. „Sie ſind im Stande Sie zu morden,“ ſetzte ſie mit einem Blicke des Entſetzens hinzu. „Das wäre ein kühner Schritt,“ bemerkte der Doctor ſcharf;„ſo ſchlecht und verwegen ſie auch ſein mögen, ſo glaube ich doch, daß Ihr Herr und ſeine Freunde ſich beſinnen werden, mir an's Leben zu gehen.“ „Thörichter Mann! Thörichter Mann!“ rief Finfine aus,„ich habe Sie gewarnt. Sie werden aber doch nicht verrathen?“ ſetzte ſie ängſtlich inzu. 8ie dürfen feſt überzeugt ſein, daß dieß nicht geſchehen wird,“ ſagte der Doctor Curry, indem er ihr ein Paar Souverains in die Hand drückte,„aber e Ihnen, daß ich nichts zu fürchten habe.“ Finfine verabſchiedete ſich, indem ſie vor ſich hin murmelte: es ſei allerdings etwas Schönes um die Unſchuld, aber Vorſicht könne niemals ſchaden. In jeder dringenden Lage des Lebens iſt ein raſcher Entſchluß von großem Werth, denn er führt 3 oft Ereigniſſe, welche ſehr ungünſtig ſich zu geſtalten 133 ſcheinen, zu einem glücklichen Ausgang. Der Brief, welchen der alte Mann im Laufe des Morgens er⸗ halten, hatte ihn ſchon halb und halb beſtimmt eine lange und gefährliche Reiſe anzutreten; der Beſuch des aufgebrachten Kammermädchens hatte vollends den Ausſchlag gegeben.„Verhaftsbefehle!“ wiederholte er mehrmals vor ſich hin;„man erläßt keinen gegen mich, ohne mich vorher rufen zu laſſen. Das gibt eine Verzögerung von fünf bis ſechs Stun⸗ den; hiezu noch ſechs Stunden bis man meine Flucht merkt. Das macht im Ganzen zwölf. Es wird ge⸗ lingen,“ fuhr er, ſich die Hände reibend, fort.„Ich werde ihnen doch ein Schnippchen ſchlagen.“ Mit dieſen Worten rief er noch Peter Bodger und befahl dieſem, ſein Pferd, einen kräftigen Hengſt, an das Chaischen zu ſpannen, in welchem er die entfernteren Patienten ſeines Diſtrikts zu beſuchen pflegte. „Zieh' Du dann Deinen Ueberrock an, Peter,“ ſagte ſein Herr,„Du mußt mich fahren.“ Der Veteran ſah ihn erſtaunt an, denn es war ihm dieſer Fall noch nie anders, als während der Nachtzeit vorgekommen; da aber unbedingter Ge⸗ horſam ihm zur zweiten Natur geworden war, ſo beeilte er ſich dem Befehle nachzukommen. In nicht ganz einer Stunde, nachdem Finfine weggegangen war, fuhren Doctor Curry und ſein Diener Peter durch das Städtchen. „Iſt im Bergwerk etwas vorgefallen?“ fragte einer der Inſpectoren, der die Reiſenden in der Hauptſtraße begegnete. 134 „Ich hoffe nicht,“ erwiderte der Arzt mit Be⸗ tonung. „Alſo etwas weiter weg?“ „Ja, ja! Ein ſchlimmer Fall! Ein ſehr ſchlim⸗ mer Fall!“ Und weiter ging es des Weges fort. Es dauerte geraume Zeit, ehe das Pferd, wel⸗ ches ſeit Jahren von ſeinem Herrn an einen kurzen Trab gewöhnt worden war, zu merken anfing, daß man dießmal eine ganz ungewohnte Eile von ihm verlange; nachdem ihm aber einige Male mit Peitſche und Zügel zugeſprochen worden war, fing das kräf⸗ tige Thier an muthig auszuſchreiten und es wurden dreißig Meilen*) in weniger als drei Stunden zu⸗ rückgelegt. Noch vor Einbruch der Nacht erreichten die Reiſenden ein an der Poſtſtraße gelegenes Wirthshaus, vor welchem zwei Poſtillone und ein ſtämmiger Hausknecht mit vier ſtattlichen Braunen in Bereitſchaft ſtanden und auf die Briefpoſt war⸗ teten. „Coco hat ſeine Schuldigkeit wacker gethan, Peter,“ ſagte der Doctor, das dampfende Pferd ſtreichelnd.„Wir ſind zu rechter Zeit eingetroffen.“ Der alte Soldat gab keine Antwort, ſondern blickte ſeinen Herrn ſtier an und es dauerte lange, bis er von ſeinem Staunen ſich erholen konnte, weil er nicht begriff, um was es ſich handelte. Glücklicher Weiſe waren in der bald darauf ein⸗ treffenden Poſtkutſche zwei Plätze leer, welche der Doctor ſogleich für ſich in Anſpruch nahm. Zuvor *) Fünf engliſche Meilen auf eine deutſche Meile. 135 ſchon hatte er Coco und ſein Chaischen einem be⸗ nachbarten Pächter übergeben, von dem er über⸗ zeugt war, daß er beide um ſeinetwillen wohl ver⸗ ſorgen würde, und wenige Minuten hernach rollten die Flüchtlinge eilends auf der Straße nach London dahin. Leider ſind die ſchönen Tage des Reiſens in Poſtkutſchen dahin! Sie leben nur noch in der Erinnerung und werden bald zu einer Tradition unter uns werden. Der Dampf mit all ſeinen Er⸗ leichterungen iſt entſetzlich proſaiſch. Wir erinnern uns noch des Entzückens, mit welchem wir in un⸗ ſern Jugendtagen uns auf den Bock— unſern Lieb⸗ lingsſitz— des ſtattlichen Fuhrwerks ſetzten, das kräftige Geſpann mit ſeinem ſauberen Geſchirr ganz nahe vor uns und den behäbigen, wohlerfahrenen Kutſcher, eine wichtige Perſon auf der Straße, an unſerer Seite, der tiefen Ehrerbietung, mit welchem wir ihm unſern Wunſch andeuteten, eine Station weit die Zügel führen zu dürfen— ein Wink, der übrigens häufiger gegeben, als befolgt wurde— der großen Befriedigung, mit welcher wir, wenn die Einwilligung erfolgte, an dem Poſthauſe vor⸗ fuhren und der Würde, mit welcher wir die Zügel dem ſchmunzelnden Hausknechte zuwarfen, der des Empfangs eines Schillings als Trinkgeld ſich ſo ſicher fühlte, als wenn er ihn bereits ſchon in ſei⸗ nen harten Händen gefühlt hätte. Mehrere Tage waren nach der Flucht des Doe⸗ tors Curry und ſeines Dieners Peter verfloſſen, ehe man daran glaubte, daß ſie Alston Moor ver⸗ laſſen hätten, und ſelbſt dann noch waren die An⸗ 136 ſichten getheilt. Einige behaupteten, ſie würden wieder zurücklehren, Andere dagegen meinten, daß man ſie nie mehr zu Geſicht bekommen werde. Die Letztern wußten wahrſcheinlich, daß ein Verhafts⸗ befehl von den Richtern Batt und Shortſight gegen ſie erlaſſen worden ſei. Trotz des äußern Scheins, der ſehr gravirend gegen den Abweſenden zeugte, vertheidigten ihn die alten Bergleute auf's Beharrlichſte. „Die Zeit wird lehren,“ ſagten ſie,„wer Recht oder Unrecht hat.“ In einem Punkte erreichten Brandon und deſſen Verbündete ihren Zweck. Die Pächter des Guts weigerten ſich nicht länger mehr ihre Zinſen zu be⸗ zahlen. Das Geld ging raſch ein und es war alle Ausſicht zu einer vergnügten Saiſon in London vorhanden, wie Albert Mortimer es verſprochen hatte. Trotz dieſes Erfolgs war dieſer aber doch nicht ganz zufrieden, denn es war ihm mit ſeinem ganzen Aufwand von Dialektik und Ueberredung bis jetzt noch immer nicht gelungen, das Geheimniß herauszubringen, welches General Trelawny ſeinem Schwiegerſohn vor ſeiner Vermählung mit Eugenia mitgetheilt hatte. Auf alle ſeine Fragen erwiderte dieſer ſtets:„Es betraf eine Familienangelegenheit.“ „Weiß Ihre Frau darum?“ fragte Albert. 7 „Nein. „Deren Schweſter?“ „Nein.“ „Nur um Ihres Vortheils willen, mein Lieber,“ vemerkte der Officier,„wünſche ich es zu wiſſen. Ein wohlbenütztes Familiengeheimniß iſt für den 137 Beſitzer, wenn er zur Familie gehört, eine Gold⸗ grube; für mich wäre es werthlos. Was in aller Welt ſollte ich damit machen?“ „Darum handelt es ſich nicht, nach meiner An⸗ ſicht,“ erwiderte der Zögling, der, ſonſt in jeder Hinſicht ſo gelehrig, in dieſem Punkte aber uner⸗ ſchütterlich hartnäckig war.„Die Frage iſt die, was Sie nicht damit machen würden? Es iſt eine wunderliche Geſchichte,“ fuhr er mit höhniſchem Lä⸗ cheln fort,„und es würde ſelbſt Ihnen nicht wenig Kopfzerbrechens koſten, etwas daraus zu machen.“ „Warum machen Sie nicht etwas daraus?“ fragte der Rathger, deſſen Neugierde dadurch nur noch mehr rege geworden war. „Weil ich die Beweiſe nicht in den Händen habe.“ „Aber wenn Sie ſie einmal haben?“ „Hm!“ murmelte Brandon zweifelnd,„der Ge⸗ neral iſt ein wunderlicher Kautz, zäh wie Leder und ſchlau wie ein Fuchs. Er ſagte mir nicht Alles.“ „Wie ſo?“ „Er behielt die Namen für ſich.— Nun,“ fuhr Brandon fort,„laſſen wir die Sache beruhen und die Geſchichte ihren Weg gehen. Ich werde die Augen offen behalten wenn wir nach London kommen, das ſage ich Ihnen.“ Albert Mortimer kannte den Mann, mit dem er zu thun hatte, zu genau, als daß er auch nur einen Augenblick ſich eingebildet hätte, daß Ehrgefühl oder Delicateſſe der Grund ſeines beharrlichen Schwei⸗ gens ſei. Ihn konnte nur Ein Motiv, das Inter⸗ eſſe leiten, und Albert beſchloß deßhalb, um jeden Preis hinter das Geheimniß zu kommen. 138 Ich muß meiner Mutter ſchreiben, dachte er, ſie iſt mit den Verhältniſſen aus dem frühern Le⸗ ben des Generals Trelawny in Indien bekannt, von denen ich nichts weiß. Ein Faden, ein Haar kann hier auf den rechten Weg leiten. „Ueber was ſinnen Sie nach?“ fragte Brandon Burg frappirt von dem Stillſchweigen ſeines Freun⸗ des.„Wenn ich das Zwickern ihrer Augenlieder ſehe, ſo meine ich immer, daß es nicht ganz geheuer in der Luft iſt. Es iſt dieß ein natürliches Zeichen, wie ein Indianer ſagen würde. Es ſind verfluchte Kerle, dieſe Rothhäute; ich habe nie einen ihres⸗ gleichen im alten Land getroffen. Es gibt Dinge, ſie den weißen Mann weit hinter ſich aſſen.“ „Wahrſcheinlich im Verfolgen des niedergetrete⸗ nen Graſes,“ bemerkte der Officier mit ſcheinbarem Intereſſe für die Sache. „Ja,“ erwiderte der Yankee gedehnt,„oderm Irreführen von der aufgefundenen Spur.“ Albert merkte ſich den gegebenen Wink und hü⸗ tete ſich im Verlauf des Tages in Brandon's Ge⸗ genwart wieder in Nachdenken zu verfallen. Doctor Curry hielt ſich nur ſo lange in London auf, als nöthig war, um ſeine Vorkehrungen zur bevorſtehenden Reiſe zu treffen, und machte ſich dann nach Southampton auf den Weg, um ſich auf der„Tigreß“ einzuſchiffen, deren Abgang nach Ca⸗ dir auf den folgenden Tag angekündigt war. Glück⸗ licher Weiſe war er ſo vorſichtig geweſen, ſich ver⸗ mittelſt Aufſetzens einer Perücke und einer grünen Brille zu verkleiden, denn eine der erſten Perſonen, N 139 denen er bei ſeinem Eintritt in das Hotel begeg⸗ nete, war Sir John Sellem. Der Bankier war nur wenige Stunden vor ihm eingetroffen, um, wie wir im letzten Capitel gemel⸗ det haben, bei der Einſchiffung ſeines Caſſiers und des Zigeuner Jack's nach Spanien anweſend zu ſein. „Was zum Teufel, macht denn Der hier?“ mur⸗ melte der ſchlaue Schottländer, als er den Bankier von dem Fenſter ſeines Zimmers aus beobachtete, „und wer mögen wohl dieſe zwei Leute ſein, mit denen er ſo eifrig ſpricht?“ „Kennen Sie den Namen dieſes Herrn?“ fragte er den Kellner, der eben mit einer Flaſche in der Hand in ſein Zimmer trat. „Dieß iſt der große Londoner Bankier Sir John Sellem, Herr,“ erwiderte der Kellner durch die Scheiben blickend.„Man ſagt, er ſei eine Million werth. Er ſteigt immer in unſerm Hauſe ab, wie überhaupt die ganze Ariſtokratie. Die Herren, die bei ihm ſind, wollen nach Cadix gehen. Sie haben Cajütten auf der„Tigreß“ gemiethet.“ „Ah! Und wie heißt der Capitän der„Tigreß“, junger Mann?“ „Capitän Cuttle, Herr; ſteigt immer in unſerm Hauſe ab, wie überhaupt alle Capitäns.“ „Das trifft ſich ja ganz vortrefflich,“ ſprach der Doctor zu ſich, während er ſeiner Flaſche Portwein zuſprach.„Der Eine von meinen Mitreiſenden ſcheint ein verſchmitzter Burſche zu ſein. Aus dem werde ich nicht viel herauskriegen. Viel eher ſcheint mir etwas mit dem zigeunerartig ausſehenden Kerl zu 140 machen zu ſein, und ich glaube, es ſollte mir wohl gelingen, ihn zu—“ Der Doctor vollendete ſeinen Satz nicht. Das aber, was er jetzt that, zeigt deutlich, was er be⸗ abſichtigte, denn während er dieſe Gedanken vor ſich hingemurmelt, hatte er bedächtlich die Hand⸗ ſchuhe angezogen. Da er ſich vor Erkennung ganz ſicher fühlte, ſo ging er vom Wirthshauſe aus di⸗ rect zu dem Schiffsmäkler und miethete Cajütten für ſich und ſeinen Diener auf dem Schiffe, das morgen nach Cadix zu ſegeln beſtimmt war. Noch in derſelben Racht begab er ſich an Bord deſſelben, wohin ihm. Peter Bodger mit der Lenkſamkeit eines Lammes folgte. Zu ſeiner großen Beluſtigung ſah er aber, wie der alte Soldat ihn anſtarrte und ſich die Augen rieb, wie wenn er ſich hätte überzeugen wollen, ob er nicht träume. Die Perücke und grüne Brille hatte ihm ein ſo verändertes Ausſehen ver⸗ liehen, daß ſein Diener ihn nur an der Stimme erkannte, und das war für dieſen genügend. Als Sir John die„Tigreß“ aus dem Hafen. hinausfahren ſah, ahnte er nicht, wie ſcharf ein Paar durchdringende graue Augen auf ihn gerichtet waren und jedesſeiner Bewegungen beobachteten. „Wohlan!“ ſagte der Beſitzer der eben bezeich⸗ neten Augen, als er den Baronet von der Werft⸗ gemächlich auf ſeinen Wagen zuſchreiten ſah.„Wenn wir uns das nächſte Mal treffen, ſo werden wir eine fürchterliche Abrechnung mit einander zu hal⸗ ten haben.“ „Haſt Du wohl eine Ahnung, Peter,“ fragte ſein Herr,„wohin wir zu gehen im Begriffe ſind?“ 141 Der alte Soldat ſchüttelte ſein Haupt traurig, als Zeichen, daß ſeine Gedanken erſchöpft ſeien. „Ich dachte mir's wohl,“ fuhr der Doctor fort. „So will ich Dir's alſo ſagen; wir gehen nach Spanien.“ Es war ganz merkwürdig mit anzuſehen, wel⸗ chen Eindruck der Name des Landes auf den Ve⸗ teranen hervorbrachte, der ſämmtliche Feldzüge un⸗ ter Wellington daſelbſt mitgemacht hatte. Er ſprang von dem Mantelſacke auf, auf welchem er bis jetzt troſtlos geſeſſen hatte, richtete ſich mit ſeiner ganzen Geſtalt in die Höhe und fuhr mit ſeiner rechten Hand an die linke Seite, wie wenn er nach ſeinem Säbel hätte greifen wollen. Als er dieſen aber nicht fand, ſchnitt der arme Menſch ein gar jämmer⸗ liches Geſicht. „Den brauchen wir nicht, Peter, und es war auch nicht möglich ihn mitzunehmen,“ fuhr der Doe⸗ tor fort;„wir haben eine friedliche Expedition vor. Die Luft der Halbinſel wird mein, wie Dein Blut erwärmen. Jedenfalls,“ ſetzte er im Tone warmer Empfindung hinzu,„iſt dieß beſſer, als Dich ſechs Monate oder gar noch länger im Gefängniß von Carlisle zu wiſſen. Dieſer Gedanke wäre mir un⸗ erträglich.“ Doctor Curry glich einer jener Nüſſe mit rauher Schale, welche die Eingeborenen der Küſte von Afrika ſo ſehr lieben, deren Außenſeite nichts we⸗ niger als einladend ausſieht, die aber darunter einen ſüßen und wohlſchmeckenden Kern verbergen. Es kam ihm ſelten vor, daß er ſeiner angeborenen Gutmüthigkeit in Worten Ausdruck verlieh, aber 142 wenn er es that, ſo drang dieſe auch zu Herzen und man konnte ſie nicht mißverſtehen. Auch Peter verſtand ihn und drückte die ihm dargereichte Hand.„Ich weiß es,“ ſtöhnte er, denn das Sprechen koſtete ihn immer einige Anſtrengung; „Bücher— Papiere— Burg⸗Hall— Alles in Ordnung.“ „Still!“ ſagte ſein Herr, aus Furcht, man möchte ihn hören. Die Aufregung des getreuen Dieners machte dem Doctor den Tag über noch manchen Spaß, denn der alte Mann ſtand oft mehrere Minuten lang wie in tiefes Nachdenken verſunken, dann ſprang er plötzlich auf, murmelte das Wort Spa⸗ nien vor ſich hin und fing an zu lachen. Er träumte offenbar von der Vergangenheit. Es fiel einem alten Praktikus, wie unſer wür⸗ diger Schottländer einer war, nicht ſehr ſchwer, Nutzen aus der Schwäche und Eitelkeit des Caſſiers und deſſen Begleiter zu ziehen. Er lauſchte den Geſchichten des Erſtern und lachte über die gemei⸗ nen Witze des Letztern; bedauerte, daß er nicht weiter als nach Cadir reiſe, wo er einen Freund zum Abſchluß eines Weingeſchäfts zu treffen hoffe, und ſchnitt durch dieſe freiwillige Mittheilung be⸗ ſchwerliche Nachfragen ab. Mr. Bight vergalt Vertrauen mit Vertrauen und erzählte dafür, daß er ſtiller Theilhaber der Firma Sir John Sellem und Compagnie ſei und ſeine Reiſe nach Spanien finanzielle Operationen zum Zwecke hätten. „Iſt Ihr Freund auch Bankier?“ fragte der 143 Doctor mit verſtellter Einfalt. Der Caſſier lächelte über dieſe Frage, denn der Zigeuner Jack hatte wohl während ſeines ganzen Nomadenlebens kaum mehr als die Außenſeite eines ſolchen Geſchäfts geſehen. „O nein,“ verſetzte der Caſſier,„ich habe ihn blos zu meinem Schutze mitgenommen. Er iſt Päch⸗ ter auf Sir John's Gut in Charlton.“ „Charlton,“ wiederholte der Doctor;„ich kenne die Gegend ein wenig. Oberſt Wilſon beſitzt dort ein ſchönes Haus und Capitän Helsman.“ „Von deſſen Gut ſpreche ich eben; Sir John hat es gekauft.“ In der Nacht, ehe die„Tigreß“ in Cadix ein⸗ lief, wurden die Reiſenden durch ein lautes Ge⸗ ſchrei erſchreckt, das aus Jack's Cajütte ſich ver⸗ nehmen ließ, der, wie gewöhnlich, in betrunkenem Zuſtande ſich dahin begeben hatte. Der Säufer⸗ wahnſinn hatte ihn befallen und in ſeiner momen⸗ tanen Tollheit plauderte er unaufhörlich von der Kalkgrube in der Gemeinde von Woolwich, dem Capitän und dem Leichnam der ermordeten Haus⸗ hälterin. „Er ſpricht im Delirium,“ rief der Caſſier, dem es höchſt unangenehm war, daß Jemand, außer ihm dieſe verfänglichen Redensarten hörte. „Verſteht ſich,“ bemerkte der Doctor etwas ſarkaſtiſch.„Menſchen in ſeinem Zuſtande phanta⸗ ſiren von allen möglichen gräßlichen, unwahrſchein⸗ lichen Auftritten. Ich beſitze in Fällen dieſer Art einige Erfahrung und will an ſeiner Seite wachen. 144 Bis morgen wird wieder Alles bei ihm in Ord⸗ nung ſein.“ Da es nichts weniger als nach Mr. Bight's Geſchmack war, allein bei ſeinem Reiſegefährten zu bleiben, ſo wurde dieſes Anerbieten gerne an⸗ genommen; er könne ſich wohl mit Sicherheit, dachte er, auf die Discretion ſeines neuen Freundes ver⸗ laſſen. Auf dieſe Weiſe kam es, daß Doctor Curry und Peter Bodger den übrigen Theil der Nacht in der Cajütte des Zigeuner Jack's zubrachten. Fünfzigſtes Capitel. Nach dem Landen in Cadir trennten ſich die Rei⸗ ſenden und zwar, trotz der ſcheinbaren Freundſchaft, welche ſich zwiſchen ihnen entſponnen hatte, zu bei⸗ derſeitiger Befriedigung. Der Doctor hatte Alles erfahren, was er herausbringen zu können hoffen durfte, und der von Natur argwöhniſche Caſſier 3 fing an, ſich Vorwürfe darüber zu machen, daß er wohl zu mittheilſam geweſen ſei. Hätte er erſt Alles gewußt, was ſein Begleiter während ſeines vorübergehenden Wahnſinns ausgeplaudert hatte, ſo hätte er einen noch weit ernſteren Grund zn Befürchtungen gehabt. Wohl keine Stadt Spaniens war ſo ſehr bei dem Erfolg der Revolution intereſſirt, welche das Scepter in die Hände eines Kindes gelegt hatte, wie Cadir. Während der Regierung Ferdinand's cetohe 145⁵ war dieſe Stadt Republik und einer der letzten feſten Plätze der uſurpirenden Cortes geweſen; auch jetzt war es zweifelhaft, ob nicht die Begeiſterung für die Sache Iſabellen's einen anderweitigen Plau verbarg, welcher ſchließlich die ſchlaue Politik der Königin Mutter und die moraliſche Unterſtützung Englands und Frankreichs zu täuſchen beabſichtigte. Die Niederlage Rodil's und die fortgeſetzten Erfolge der Carliſten fachten die Wuth der Be⸗ wohner faſt bis zum Wahnſinn an, und die We⸗ nigen, die im Verdacht ſtanden, Anhänger des Don Carlos zu ſein, hatten nur in der Flucht Sicher⸗ heit gefunden. Mord und Verbannung waren an der Tagesordnung. Dieß war ein ſchlimmer Zuſtand der Dinge für den Doctor, deſſen Abſicht, wie wir kaum unſere Leſer zu verſichern nöthig haben werden, dahin ging, Harold und Harry Burg aufzuſuchen, die ſich noch immer bei der königlichen Armee befanden. Glücklicher Weiſe beſaß der alte Mann nicht nur Ausdauer, ſondern auch die ſeinen Landsleuten eigenthümliche Behutſamkeit. Anſtatt ſich ängſtlich zurückzuziehen, wie es ein weniger erfahrener Tak⸗ tiker wohl gethan haben würde, nahm er ſeine Wohnung keck in dem erſten Hotel und ſpeiste täg⸗ lich an derſelben Tafel mit vielen Officieren der Garniſon. Unterdeſſen befanden ſich der Caſſier und der Zigeuner Jack auf dem Wege nach Madrid. Unter die erſten Notabilitäten der liberalen Par⸗ tei zählte auch ein Kaufmann, Namens Erſambal, Licht⸗ und Schattenſeiten. IV. 10 146 ein Mann, der ſich durch die Leidenſchaftlichkeit ſei⸗ ner Meinung und vermeintliche Ergebenheit für die Sache der Chriſtinos auszeichnete. Und doch war es gerade dieſer, an welchen der Doctor bei ſeiner Ankunft ſich um Belehrung und Beiſtand zu ſeiner Weiterreiſe zu wenden angewieſen war. Hiezu hatte er aber weder einen Empfehlungsbrief, noch einen mündlichen Auftrag, ſondern bloß ein ganz eigen⸗ thümlich zugeſchnittenes, Stückchen von einer Karte erhalten,— ein gewöhnliches Zeichen unter den Carliſten. Der vermeintliche Patriot befand ſich gerade in ſeinem Comptoir, als ihm Doctor Curry ſeinen Beſuch machte. An den Wänden hing der Säbel, Lſchako und die Uniform der Bürgergarde, bei der er eine Officiersſtelle bekleidete, wie abſichtlich in die Augen fallend, und ſeine ſämmtlichen Commis hatten die Nationalcocarde auf ihre Hüte geſteckt. Man konnte ſagen, daß der Liberalismus des gan⸗ zen Geſchäfts ein Gepräge vom reinſten Waſſer trug. Der Sponier hatte den Schottländer ſchon meh⸗ rere Tage zuvor an der Table⸗d'hote des Hotels, in welchem dieſer abgeſtiegen war, getroffen, ſo daß ſich alſo Beide nicht mehr fremd waren. „Ruhmvolle Neuigkeiten— ſiegreiche Neuigkei⸗ teni“ rief der Kaufmann aus, dem Doctor eine Cigarre anbietend.„Die Papiere ſind wieder ge⸗ ſtiegen. Valdes iſt von ganz anderem Metall als Rodil, den die Regierung mit vollem Rechte abge⸗ etzt hat.“ „Vielleicht auch nicht,“ erwiderte der Doctor trocken. 147 „Nicht,“ wiederholte der Kaufmann erſtaunt; „wie ſo? da er doch fortwährend geſchlagen wurde. Dieſer hölliſche El Tio, wie die Rebellen ihren An⸗ führer nennen, hat die Reihen der Armee der Kö⸗ nigin ſo gelichtet, daß ſelbſt ihre wärmſten Freunde an ihrer Sache zu verzweifeln anfingen. Wäre dieſer unfähige Menſch nur noch ſechs Monate an der Spitze der Armee geblieben, ſo wäre der Ty⸗ rann in Madrid eingezogen.“ „Sie ſprechen von dem Könige,“ ſagte der Doctor. „Von Don Carlos, der ſich ſelbſt König nennt,“ antwortete Senhor Erſambal ängſtlich, denn er konnte nicht begreifen, wie ſein Beſucher ſolche Kühnheit ſich herausnehmen könne. „Und wäre denn dieß ein gar ſo großes Un⸗ glück geweſen?“ fragte der Doctor ruhig, indem er zugleich die Karte aus ſeiner Taſche zog, welche aber der Kaufmann im erſten Augenblicke nicht be⸗ merkte. „Es wäre entſetzlich, Senhor, entſetzlich!“ rief dieſer aus;„die Reaction wäre fürchterlich geweſen; von unſerer theuer errungenen Freiheit gar nicht zu prechen— von der Aufhebung der Inſtitutionen, welche aus unſerem in Parteien zerfallenen Lande mit der Zeit ein zweites England, ſowohl in com⸗ mercieller, wie conſtitutioneller Beziehung machen würde. Sie ſetzen mich in Erſtaunen, und nach den Anſichten, welche ich Sie ſo eben ausſprechen hörte, muß ich Ihnen bemerken, daß meine Pflicht mich zwingt, Ihnen zu— zu—“ Hier hielt er plötzlich inne, denn S war 148 auf das Zeichen gefallen, welches ſein Beſucher ſpie⸗ lend zwiſchen den Fingern drehte. „Was wollten Sie ſo eben ſagen, zu was Sie Ihre Pflicht zwinge?“ fragte der Doctor ſanft. „Zu geſtehen, daß Sie ein vortrefflicher Schau⸗ ſpieler ſind,“ erwiderte der Royaliſt, denn dieß war er in der That;„weil Sie ſelbſt mich getäuſcht haben.“ Dann aber bat er aus Furcht, vielleicht zuviel eingeſtanden zu haben, um Erkaubniß, die Karte unterſuchen zu dürfen, was ihm gerne ge⸗ währt wurde.„Sie ſind alſo der Herr,“ fuhr er lächelnd fort,„in Betreff deſſen mir beſondere Inſtructionen zugekommen ſind. Glücklicher Weiſe iſt die Schwierigkeit, Sie zu der Armee zu ſchaffen, weniger groß als ſie noch vor wenigen Monaten war. „Und Valdes?“ „Pah! iſt ein eben ſo eitler Großſprecher wie ſein Vorgänger Rodil.“ „Und ſeine Siege?“ „Sind bloße Zeitungsnachrichten, um die Fonds in die Höhe zu treiben.“ „Ich dachte mir's wohl,“ antwortete der Doctor. „Und nun zum Zwecke meines Geſuches. Ich ſollte durchaus in möglichſt kurzer Friſt bei der Armee ſein. Es hat ſich etwas zugetragen, was für meine Freunde von höchſter Wichtigkeit iſt. Wann kann ich abreiſen?“ „Schon morgen„ erwiderte der Kaufmann, „wenn Sie es wünſchen. Der Generalcapitän der Provinz iſt mein beſter Freund. Wir haben ſchon manches gute Geſchäft zuſammen gemacht. Ich will Ihnen ſein Viſa unter ihren Paß verſchaffen. Da⸗ ——* r l 149 mit können Sie durch ganz Spanien reiſen, oder vielmehr durch den Theil, der in den Händen der Chriſtinos ſich befindet. Können Sie nicht etwa,“ fuhr er fort,„eine Sendung an Valdes vorgeben?“ „Von wem?“ „Von einem der großen Bankhäuſer in Lon⸗ don. Der General iſt als Speculant bekannt und der Zweck Ihrer Reiſe erſcheint dadurch glaublich. Der Führer, den ich Ihnen mitgeben werde, iſt treu und kennt das Land genau. Sie können ſich ſeiner Leitung unbedingt anvertrauen. Die Gefahr, mit Ausnahme von Guerillabanden iſt gering, bis etwa auf eine Tagreiſe von dem Orte Ihrer Be⸗ ſtimmung.“ Der Kaufmann hielt Wort, und am folgenden orgen verließen Doctor Curry und Peter Bodger unter der Leitung eines kräftigen Maulthiertreibers, der ganz das Ausſehen eines Schleichhändlers hatte, Cadix. Dem alten Manne war es zwar nichts weniger als angenehm, einen großen Theil von Spanien auf einem Maulthiere durchziehen zu müſ⸗ ſen, aber er mußte ſich in die Umſtände fügen, denn merkwürdiger Weiſe iſt das Reiſen in der Dilligence in dieſem Lande weniger ſicher und weni⸗ ger raſch, und wegen der vielfachen Halte und der elenden Einrichtung der Wirthshäuſer weit er⸗ müdender. Bei ihrer Ankunft in Madrid wurden der Caſ⸗ ſier und ſein Gefährte von Marſana und Söhnen, den Agenten und Correſpondenten Sir John's mit offenen Armen empfangen. Noch nie war Mr. Bight ſo geſchmeichelt und ſchön gethan worden und 150 noch nie war ſeinem Selbſtgefühl ſo viele Genüge geſchehen als durch die unausgeſetzten Aufmerkſam⸗ keiten, die ihm hier zu Theil wurden. Man ſtellte ihn nicht nur bei mehreren der erſten kaufmänniſchen Firmen als Aſſocié des großen Londoner Hauſes Sel⸗ lem und Compagnie vor, ſondern man fragte ihn auch um Rath und hörte ſeine Meinung mit ſchmeichelhafter Ehrerbietung an. Kein Wunder, daß er eine ſehr günſtige Meinung von Spanien zu bekommen an⸗ fing. Er wurde mit Aufmerkſamkeiten und Com⸗ plimenten förmlich überfluthet, und Alles ſtand zu ſeiner Verfügung, mit Ausnahme der Wechſel von fünf Millionen Realen, die durchaus nicht zum Vorſchein kommen wbllten. Wenn Mr. Bight dringend auf den Gegenſtand zu ſprechen kam— denn bei all ſeiner Schwäche hatte er in Geſchäften ein ſcharfes Auge—, ſo nahm der Chef der ſpaniſchen Firma eine geheim⸗ nißvolle Miene an und theilte ihm unter dem Sie⸗ gel der Verſchwiegenheit, denn es war faſt ein Staatsgeheimniß, mit, daß die fraglichen Verſchrei⸗ bungen Eigenthum des Generals Valdes ſeien, der ſie nicht eher herausgeben wolle, bis er die Wechſel auf London in Händen habe. „In dieſem Falle iſt meine Miſſion zu Ende,“ bewerkte der Caſſier,„denn ich werde keinesfulls die Wechſel ohne die Verſchreibungen herausgeben.“ „Sie braucht deßhalb nicht zu Ende zu ſein,“ verſetzte der Bankier argliſtig,„denn das Haupt⸗ quartier des Generals iſt nur drei Tagreiſen von Madrid entfernt. Dieſer wird durch ein ſolches Zeichen des Vertrauens, wie Ihr Beſuch, ſich ſehr geſchmeichelt und befriedigt fühlen; ſo drückte er wenigſtens ſich ſelbſt gegen mich aus, als ich ihn vor kaum einer Woche verließ.“ „Als Sie ihn verließen?“ wiederholte der Caſſier zweifelnd.„Es iſt— es iſt alſo bei der Reiſe keine Gefahr zu befürchten?“ Der Bankier lachte herzlich über dieſe Frage. „Gefahr!“ ſprach er.„Ich ſehe, lieber Herr, daß Sie ſich durch die Berichte haben einſchüchtern laſſen, welche leider in engliſchen Blättern erſchienen ſind und welche auf der Börſe ſo viel Unheit angerichtet haben. Valdes iſt ein ganz anderer Mann als Rodil; bei ihm trifft man keine Schwäche, kein Zögern. Die Sache der Rebellen iſt in den letzten Zügen. Der beſte Beweis dafür, den ich Ihnen zu geben vermag, liegt in der Weigerung des Generals, die Papiere ohne die Verſchreibungen herauszugeben. Dieſe ſind ſo gut wie Ihre engliſchen Banknoten. Wenn es ſich anders verhielte, ſo hätte die Sache keine Schwierigkeit, weil dann der General ſich glücklich geſchätzt hätte, auf jede Bedingung hin zu einem Abſchluß zu gelangen.“ Durch dieſe und ähnliche Beweiſe gelang es dem verſchmitzten Manne, den Caſſier zu der Reiſe nach dem Hauptquartier der Chriſtinos zu beſtimmen, um dort mit eigenen Augen Einſicht von dem Stand der Dinge nehmen und darnach handeln zu können. Den Abend vorher aber, ehe der Caſſier ſich auf den Weg machte, wurde ein Bote an Capitän Helsman abgeſchickt, um dieſen von dem zu erwar⸗ tenden Beſuche zu unterrichten; doch hütete ſich der Spanier ſorgfältig, dieſen Namen zu erwähnen. 152 Hätte der Zigeuner Jack ihn gehört, ſo hätte es bei ihm kräftigerer Ueberredungsmittel als bloßer Worte bedurft, wie verſchwenderiſch auch ſein vor⸗ trefflicher Freund Mr. Bight und der Bankier da⸗ mit umgingen, den Erſtern auf ſeinem projectirten Ausflug in das chriſtiniſche Lager zu begleiten, ein Unternehmen, das weit gefährlicher war, als Beide ſich vorſtellten. Würde man den Chef der Firma Marſana nur der Täuſchung anklagen, ſo hieße das ſein Beneh⸗ men in dieſer Angelegenheit mit einem ſehr milden Ausdrucke bezeichnen. Er hatte aber gelogen, ab⸗ ſichtlich gelogen, um ſeinem verehrten Correſpon⸗ denten in London und deſſen Agenten, dem Capitän Helsman, gefällig zu ſein. Zum Verſtändniſſe unſerer Leſer über die Stel⸗ lung der Krieg führenden Parteien wollen wir einen kurzen Blick auf die Veränderung zurückwerfen, welche ſtattgefunden hatte, ſeit Harold Tracy und deſſen Freund Dienſte in der Armee des Don Carlos genommen. Valdes war, nachdem er in den Kammern laut gegen die Unfähigkeit Rodil's gedonnert hatte, mit weitgehenden Vollmachten zum Commando der Nord⸗ armee berufen worden. Vor ſeinem Abgange aus der Hauptſtadt erklärte er laut, daß er entweder die Royaliſten in's Meer jagen, oder die Pyrenäen überſchreiten werde. Er fühlte ſich ſeines Erfolges ſo gewiß, daß er in der That an General Hariſpe, der das„franzöſiſche Obſervationscorps“ comman⸗ dirte, wie man daſſelbe des Scheins wegen nannte, ſchrieb, er möchte ſich bereit halten, die Carliſten, 153 welche über die Gränze fliehen würden, zu ent⸗ waffnen. Als El Tio dieſe Prahlereien hörte, begnügte er ſich, darüber zu lächeln und unbekümmert darum die Blokade von Baſtan und aller übrigen befe⸗ ſtigten Orte fortzuſetzen. Der Plan des chriſtiniſchen Befehlshabers war nicht ſchlecht entworfen, wenn er ihn auszuführen im Stande geweſen wäre. Seine Abſicht ging dahin, ſo große Streitkräfte zu ſammeln, daß ſeine Gegner, außer Stande ſich in freiem Felde zu zei⸗ gen, ſich gezwungen ſehen würden, in die gebirgigen Theile des Landes ſich zurückzuziehen, wohin er ihnen zu folgen geſonnen war, und, nachdem er auf dieſe Weiſe Amescvas und die Sierra de Andia geſäubert habe, die Spitäler und Pulvermagazine, welche die Carliſten errichtet hatten, zu zerſtören. Nachdem ihm dieß gelungen wäre, wollte er ſie von ihrer Niederlage ſich nicht erholen laſſen, ſondern Tag für Tag ſie verfolgen, bis zu ihrer gänzlichen Aufreibung. Gleich ſeinen Vorgängern im Commando hatte Valdes außer Berechnung gelaſſen, daß, ſelbſt wenn die Carliſten zurückgeſchlagen wären, der Zuſtand der Straßen, ſeine eigenen Verwundeten und der Mangel an Lebensmitteln ihn verhindern würden, einen weſentlichen Nutzen daraus zu ziehen, ohne zugleich ſeine eigene Armee einer ſichern Vernich⸗ tung durch einen Guerillakrieg auszuſetzen, der nothwendig folgen mußte. An der Spitze von zwan⸗ zigtauſend Mann ſuchte er zuerſt in die Amescvas einzudringen, ein langes und wildes Thal, das ſich 154 parallel mit der Borunda hinzog, von der es durch eine Bergkette getrennt iſt, deren Spitzen faſt durch⸗ gängig eine Hochebene bilden. Es gibt nichts Ma⸗ leriſcheres, als dieſe dichtbewaldete Gegend, deren Bäume an die amerikaniſchen Urwälder erinnern. Hier erhielt Valdes die erſte Schlappe. Jeder Marſch war mit Verlegenheiten aller Arten verbun⸗ den, denn die behenden und unermüdlichen Berg⸗ bewohner kamen hinter jedem Felsblocke zum Vor⸗ ſchein, ſandten von dort ihr mörderiſches Feuer ge⸗ gen die Anrückenden und verſchwanden dann ſogleich wieder, um ihre Gewehre zu laden und an einem andern Orte ſich auf's Neue aufzuſtellen. Halb verhungert und vom Hohn der Sieger verfolgt, zogen ſich die Chriſtinos auf Eſtella zurück, wo der Caſſier und deſſen Gefährte nur wenige Tage nach dieſer Niederlage eintrafen. Anſtatt zu Valdes geführt zu werden, wie Beide es erwartet hatten, trafen ſie hier den Capitän Helsman, der ſie mit jener ausgeſuchten Herzlichkeit empfing, unter welcher argliſtige Menſchen häuſig Unaufrichtigkeit und verrätheriſche Abſichten ver⸗ bergen. Jack ſah ſogleich ein, daß er hintergangen wor⸗ den ſei, und fluchte in Gedanken ſeiner Thorheit, England verlaſſen zu haben. Er meinte, es wäre beſſer geweſen, ſich dem Ungefähr des Ausſpruchs einer engliſchen Jury als der Willkür eines Mannes auszuſetzen, der, wie er wohl wußte, keine Barm⸗ herzigkeit kannte. Doch gelang es ihm der Gefahr kühn in's Auge zu ſehen und ein gleichgültiges 15⁵ zu heucheln, ſo viel es ihn auch Mühe koſtete. „Der General iſt im Begriff, Venta de Leiſo anzugreifen,“ ſagte Helsman zu Bight, der eben⸗ falls nichts weniger als behaglich ſich fühlte, denn Eſtella war von Madrid doch gar zu entfernt.„Er hat mich angewieſen, Ihnen bis hieher entgegen zu geben. Ah, Jack,“ fuhr er fort, indem er ſich den Anſchein gab, den Zigeuner erſt jetzt zu erkennen. „Du biſt auch hier! Das iſt ja ein ganz unerwar⸗ tetes Vergnügen. Wie ſteht es denn in Charlton?“ „Dort iſt noch Alles am alten Fleck,“ wiederholte dieſer mit Betonung jedes Worts.„Neues gibt es nichts.“ Ohne den Ankömmlingen Zeit zu laſſen, ſich nach ihrer langen und ermüdenden Reiſe ein wenig zu erholen, beſtand der herzloſe Böſewicht darauf, daß ſie ſich ſogleich in ein kleines, völlig geſchloſſe⸗ nes Gefährt ſetzen ſollten, das ſie, wie er ſagte, zu General Valdes bringen würde, der ſie mit Un⸗ geduld erwarte. Eine Abtheilung Urbanos— Elende, die ſich zu jedem Verbrechen gebrauchen ließen— ſollte ſie auf ihrem Wege beſchützen. „Adieu!“ ſagte der Capitän vergnügt,„wenn wir uns wieder treffen, Jack, ſo wollen wir von alten Zeiten und Charlton plaudern.“ Die Flüche des Zigeuners wurden von dem Geraſſel der Räder übertönt und das Gefährt rollte raſch durch die Straßen von Eſtella. „Was habt Ihr denn?“ fragte Mr. Bight in nichts weniger als zuverſichtlichem Tone, denn er 156 begriff es nicht, weßhalb man ihn und ſeinen Be⸗ gleiter ſo ohne alle Umſtände weiter ſchickte. „Sie werden es bald erfahren,“ verſetzte der Zigeuner.„Helsman iſt ein Teufel. Ich weiß zu viel, afs für ſeine Sicherheit gut iſt, wie Sie wahr⸗ ſcheinlich von Ihrem koſtbaren Principal auch zu viel wiſſen werden.“ Dem Caſſier ging ein fürchterliches Licht auf. „Thor!“ fuhr der Zigeuner fort;„Sie haben uns Beide in's Verderben geſtürzt.“ „Aber abſichtslos, Jack,“ rief der unglückliche Mann, in Verzweiflung ie Hände ringend, aus. „Sir John würde es nimmermehr wagen, mir einen ſolchen Streich zu ſpielen. Was könnte ihn mein Tod nützen?“ „Das müſſen Sie am beſten wiſſen.“ Die Reiſenden blieben über die Abſichten ihrer Eskorte nicht lange in Zweifel. Ungefähr eine Meile von der Stadt zwang man ſie auszuſteigen und band ſie, trotz ihres Widerſtands, an einen Baum. In dieſem Augenblicke erfolgte eine lange Salve, von der aber keine einzige Kugel die Engländer traf, ſondern vielmehr die Hälfte derer, die ſie hatten ermorden wollen, zu Boden ſtreckte. Zu⸗ gleich brach eine Abtheilung Carliſten, die in dem Gehölz verſteckt geweſen war, daraus hervor und jagte die Ueberlebenden in die Flucht, die ihre Ge⸗ fangenen in den Händen des Feindes zurückließen. Bei ſeiner Rückkehr nach Eſtella theilte der Officier der Urbands dem Capitän Helsman mit, daß er ſeinen Befehl genau ausgeführt habe und empfing dafür die verſprochene Belohnung. —— 157 Jetzt kann ich ſicher wieder nach England zurück⸗ kehren, dachte der Böſewicht. Das Spiel iſt nun ganz in meiner Hand. Das Geheimniß der Kalk⸗ grube kann jetzt nicht mehr als Zeuge gegen mich auftreten. Gleich vielen geſchickten Rechenmeiſtern war er dazu beſtimmt, getäuſcht zu werden. Die Männer, von denen er glaubte, daß ſie in dieſem Augen⸗ blicke in ihrem Blute ſich wälzten— die Opfer ſeines argliſtig ausgeſonnenen Planes befanden ſich, den Umſtänden angemeſſen, ſicher in den Händen eines edelmüthigen Feindes. Die Carliſten führten die befreiten Männer vor⸗ läufig nach der Venta de Leiſo, bis der General über ihr Schickſal entſchieden haben werde. Ob⸗ gleich noch immer daſſelbe Syſtem ſchonungsloſer Schlächterei von beiden Seiten vorherrſchte, ſo hatten doch die eigenthümlichen Umſtände, unter welchen die Reiſenden aufgegriffen worden waren, ihre Ci⸗ vilkleidung und gänzliche Unbekanntſchaft mit der ſpaniſchen Sprache die Sieger veranlaßt, ſie zu Ge⸗ fangenen zu machen, anſtatt ſie auf der Stelle nie⸗ derzuſchießen, was ſie unter gewöhnlichen Umſtänden gethan haben würden. El Tio Tomas hielt gerade Kriegsrath, als man ſie in das Wirthshaus führte, das einſt eine Bergveſte geweſen war. Mr. Bight und ſein Un⸗ glücksgefährte wurden, nachdem man ſie zuvor auf's Genaueſte durchfucht und jedes Gegenſtands von Werth beraubt hatte, in ein hochgewölbtes Zimmer im untern Raum geführt und Jeder an eine der 158 Säulen, die in doppelter Reihe das Dach trugen, angekettet. Der traurige Beweis, daß das gleiche Schickſal Beiden zugedacht geweſen, zerſtreute den Verdacht Jack's, daß der Caſſier ihn abſichtlich an Helsman verrathen habe, dem er fürchterliche Rache ſchwur, wenn er je wieder England zu ſehen bekomme. „Ich kann den Schurken an den Galgen brin⸗ gen,“ murmelte er mehrmals zähneknirſchend,„an den Galgen bringen.“ „Ich kann Sir John noch Schlimmeres zufügen,“ ſetzte ſein Mitgefangener hinzu;„ich kann ihn ent⸗ ehren, das gonze Gebäude ſeines Glücks, das auf Betrug und Verbrechen gegründet iſt, zuſammen⸗ ſtürzen. Thor! Blödſinniger Thor, der ich war, daß ich dieſe mit ſo ſüßer Miene eingefädelte Schur⸗ kerei nicht durchſchaute,“ ſetzte er leidenſchaftlich hinzu.„Ich gäbe mein Leben darum, wenn ich mich an ihm rächen könnte!“ „Das iſt nicht genug!“ bemerkte eine tiefe Stimme neben ihm. Es war der Graf Lilini, der geſprochen hatte. Schon ſeit einiger Zeit hatte er, hinter einer der Säulen verborgen, die Unterredung mit angehört. „Ihr Leben iſt bereits verwirkt,“ ſetzte er, auf den Caſſier zuſchreitend, hinzu.„Sie müſſen daher Reue, den aufrichtigen Wunſch, frühere Verbrechen, die ſie begangen haben, zu ſühnen, und das Ver⸗ ſprechen der Beſſerung für die Zukunft hinzufügen.“ „Verbrechen!“ wiederholte der Gefangene mit unſicherer Stimme,„ich weiß von keinem.“ „Elender!“ rief der Graf aus.„Muß ich Ihr —,—— 2. 159 Gedächtniß auffriſchen? Befindet ſich nicht in dieſem Augenblicke in einem entfernten Lande eine Perſon, die ſich abhärmt oder vielleicht gar in frühzeitigem Grabe modert, deren Lebensglück Sie gemeinſchaft⸗ lich mit Ihrem ſchändlichen Principal zerſtörten, und deren Namen Sie brandmarkten?“ „Meine Sünde rächt ſich an mir!“ rief der elende Menſch in Verzweiflung;„meine Sünde rächt ſich an mir!“ „Früher oder ſpäter thut ſie dieß bei allen Menſchen,“ bemerkte der Graf.„Sie haben lange genug auf dem Pfade des Verbrechens gewandelt und haben ihn mit Dornen beſät gefunden— haben einen Pact mit dem Verſucher gemacht und gefunden, daß er Sie hintergangen hat. Verſuchen Sie es jetzt einmal mit der Wahrheit und Ehrlichkeit.“ „Ich will es, ich will es!“ „Ich muß Beweiſe haben.“ „Nennen Sie ſie, nennen Sie ſie!“ „Als Sie England Ihrer jetzigen Expedition wegen verließen,“ fragte der Graf,„haben Sie nicht ganz gewiß gewußt, daß Capitän Helsman in Spanien ſei?“ „Und wußten Sie den Grund, weßhalb dieſer Menſch da verlockt wurde, Sie zu begleiten?“ „Ja, ich geſtehe es.“ „Zu welchem Zwecke? Keine Lüge, keine Aus⸗ flucht! Ich laſſe mich nicht zum zweiten Mal herab, mit Jemand mich zu beſprechen, der mich zu täu⸗ ſchen verſucht hat.“ So groß auch ſeine Furcht war, ſo zögerte doch 160 der ehrenwerthe Mr. Bight, ſeine Schlechtigkeit ein⸗ zugeſtehen, bis er ſah, daß der Fremde, der offen⸗ bar ein Mann von Bedeutung war, im Begriff ſtand wegzugehen, worauf er ausrief „Ihn den Händen des Capitäns zu überliefern, der ſich ſeiner zu entledigen beabſichtigte.“ Der Zigeuner Jack ſtieß ein lautes Geheul aus, als er hörte, daß ſein ſehr werther Freund, der Caſſier, Kenntniß von dem liſtig angelegten Plan zu ſeiner Vernichtung gehabt habe; und wenn die Kette ihn nicht an der Säule feſtgehalten hätte, ſo würde er ſeinem Unwillen auf eine viel ausdrucks⸗ vollere Weiſe als bloß durch Worte, Ausdruck ver⸗ liehen haben. „Helsman iſt ein Schurke!“ rief er ausz„aber ich werde das Leben behalten, um mich an ihm rächen zu können.“ „Geduld, Geduld!“ verſetzte Lilini;„die Rache wird nur um ſo ſüßer ſchmecken, wenn ſie verſcho⸗ ben wird. So lange ihr die Wahrheit ſprecht und meiner Anleitung folgt, iſt euer Leben geſichert; brecht ihr aber die Bedingungen, ſo ſtehe ich euch keine Stunde dafür.“ Es bedarf wohl keiner Verſicherung, daß beide Gefangene dieß verſprachen, worauf ihr Beſucher das Gewölbe verließ. ——————— 5 161 Einundfünfzigſtes Capitel. Niemand iſt für Unrecht empfindlicher, als die⸗ jenigen, welche ihr ganzes Leben hindurch Andern Unrecht zugefügt haben. Der Dieb beklagt ſich bitter, wenn auch er einmal von Andern ausgeplündert wird; der Intriguant findet es ſchändlich, wenn man ihn überliſtet; der hämiſche Verläumder ärgert ſich zu Tod, wenn er ſeinen Ruf durch dieſelben Mittel befleckt ſieht, welche er ſo oft angewendet hat, um Andere zu Grunde zu richten, und der Rachedurſt erwacht ſo ſtark in Menſchen dieſer Art, daß das eigene Intereſſe und nicht ſelten ſogar die Selbſterhaltung davor in den Hintergrund tritt. Rachſucht iſt aber eine furchtbare Leidenſchaft, weil ſie unlenkbar iſt. Bei dem Vertrag, welchen Graf Lilini mit den Gefangenen in dem Gewölbe ſchloß, leitete ſeinen geraden Sinn das Gerechtigkeitsprincip, den andern Theil dagegen Rache und gemeine Furcht. Bei Erzählung der Abenteuer der Helden un⸗ ſerer Geſchichte haben wir, wie ſchon einmal be⸗ rührt, durchaus nicht die Abſicht den verſchiedenen Phaſen des Bürgerkriegs zu folgen, welcher Spa⸗ nien verwüſtete, ſondern es genügt für unſern Zweck zu berichten, daß ein General nach dem andern, der von Madrid an die Spitze der Chriſtinos geſchickt wurde, durch das überlegenere Genie des carliſtiſchen Anführers geſchlagen wurde, der am Ende ſeiner Laufbahn zum großen Erſtaunen der Börſenſpecu⸗ lanten von London und Paris an der Spitze einer Licht⸗ und Schattenſeiten. TV. 12 162 wohlausgerüſteten Armee ſtand und die wichtige Stadt Bilbao belagerte. Es war dies El Tio's erſter und letzter Fehler. Sein eigener Plan war geweſen, direct auf die Hauptſtadt loszumarſchiren, aber die ſchlimmen Ein⸗ gebungen der Rathgeber des Königs trugen die Oberhand davon. Dofür verurtheilte ſich aber Don Carlos, indem er ihrem Einfluſſe nachgab, anſtatt den Thron ſeiner Vorfahren zu beſteigen, zu einem Gefangenen in Frankreich, der in der Verbannung in einem fremden Lande zu ſterben beſtimmt war. Bilbao liegt etwas über ſechs Stunden nord⸗ weſtlich von Durango an den Ufern des Ibaizabal. Seine Umgebung iſt bergig und die Straßen ſind an vielen Orten durch dichte Felſenmaſſen gehauen. Auf der rechten Seite des Fluſſes iſt das Land eben und auf den durch die Krümmungen des Fluſſes gebildeten Flächen befinden ſich theils Gehölze, theils cultivirtes Land. Beide Ufer verbindet eine ſchöne ſteinerne Brücke. Jenſeits der Brücke liegt das Dorf Puente Nuevo, nur aus wenigen Häuſern und einer Venta be⸗ ſtehend, wo während der Belagerungsarbeiten das Hauptquartier der Carliſten aufgeſchlagen war. Na Cadir und Barcelona iſt Bilbao die bedeutendſte Hondelsſtadt in Spanien; ſeine Straßen ſind gut gebaut und die Häuſer längs der Kais und an den Hauptplätzen hoch und regelmäßig. Das umliegende Land iſt außerordentlich fruchtbar und die Ufer des Ibaizabal ſind bis an ſeinen Ausſluß in die Bay von Biscaya— die nur zwei Stunden entfernt iſt— dicht mit Landhäuſern beſät. 163 Zur moraliſchen Unterſtützung ber belagerten Garniſon hatte die franzöſiſche Regierung zwei Schiffe in Hlaveaga ſtationirt, denen eine engliſche Fregatte,„der Saracen,“ zu demſelben Zwecke Ge⸗ ſellſchaft leiſtete. Die Stadt war durch dreißig Geſchütze verthei⸗ digt und es war daher Zumalacarregui unmöglich, ſie durch Zuſammenſchießen der vereinzelten Forts zu nehmen, denn er hatte nur zwei Achtzehnpfünder und drei oder vier Piecen von ſechs und acht Pfun⸗ den; deßhalb beſchloß er zu ſtürmen. In der Halle des Palaſtes, von deſſen Mauern aus die zwei Achtzehnpfünder der Carliſten ein zer⸗ ſtörendes Feuer auf die Feſtungswerke der Stadt unterhielten, warteten Lilini, D'Donnel, Harold und Harry, die jetzt die Uniform der Guiden tru⸗ gen, ungeduldig auf das Zeichen zum Sturme, nach⸗ dem die Breſche für prakticabel erklärt worden war. „Morgen um dieſe Zeit,“ rief der Oberſt fröh⸗ lich aus,„ſind wir in Bilbav. Ich habe von lange her eine Abrechnung mit Miraſo(der General, der jetzt die chriſtiniſchen Streitkräfte commandirte) aus⸗ zugleichen. Ihr werdet mich in ſeinem Quartiere finden. Er hat nur Eine kriegeriſche Eigenſchaft.“ „Und welche iſt dieß?“ fragte Harold. „Er lebt gern gut.“ „Halten Sie dieß für eine Tugend?“ „So lange, bis Sie mir beweiſen können,“ er⸗ widerte der Oberſt,„daß die Vorſehung das, was auf dieſer Welt gut ſchmeckt, für Schelmen und ſare beſtimmt hat, werde ich dieß für kein Laſter alten.“ 164 „Und doch nehmen dieſe den größten Theil da⸗ von für ſich in Anſpruch,“ bemerkte der Graf ernſt. Dieſe kurze Unterredung war im lauteſten Tone geſprochen worden, während des fortwährenden Don⸗ nerns der Kanonen, welche bei jedem Schuß die ſchlummernden Echo's des maſſiven Gebäudes weck⸗ ten, in welchem ſie ſtanden. Plötzlich hörte das Schießen auf. Die erſte Folge war Erſtaunen, dem Unbehagen folgte, denn man konnte die Urſache da⸗ von nicht begreifen. „Vielleicht haben die Feinde die Waoffenſtillſtands⸗ fahne ausgeſteckt,“ ſagte O⸗Donnel;„es kann nichts Anderes ſein. Ich komme ſogleich wieder.“ Mit dieſen Worten verließ er die Halle. Dieſe Erklärung oder vielmehr Vermuthung beruhigte Ha⸗ rold und ſeine Gefährten. „Nun, Graf,“ ſagte dieſer mit heiterem Lächeln, „ich hoffe, daß Sie dießmal zugeben werden, in Ihren Prophezeihungen ſich getäuſcht zu haben.“ „Wir ſind noch nicht in Bilbao,“ verſetzte Lilini düſter. „Morgen werden wir aber dort ſein,“ ergänzte Harry. „Morgen iſt es noch immer Zeit, meine Fehl⸗ barkeit einzugeſtehen,“ antwortete der Graf;„bis dahin bleibe ich bei meiner Ueberzeugung, die auf einer jener Ahnungen beruht, die weder der Ver⸗ ſtand analyſiren, noch Philoſophie zu erklären ver⸗ mag, die aber ſelten täuſchen. Merkwürdiger Weiſe theilt ſie auch der General; denn es geſchah gegen ſeine beſſere Ueberzeugung und nur auf den aus⸗ drücklichen Befehl des Königs, daß er von ſeinem 165 Marſch nach Madrid abſtand und dieſe fatale Be⸗ lagerung unternahm.“ „Weßhalb fatal, nachdem ſich die Ausſichten ſo günſtig anlaſſen?“ „Sie iſt unter allen Umſtänden fatal,“ erwiderte Lilini.„Die Miniſter haben Don Carlos die Ueber⸗ zeugung beigebracht, daß die Aufnahme eines An⸗ lehens bei den europäiſchen Geldmännern noth⸗ wendig ſei; bei dieſen Intriguanten, die ſchon längſt auf ſein Verderben ſpeculirten. Selbſt im Falle des Erfolgs können ſie noch ihre Bedingungen ma⸗ chen. Befände er ſich aber in der Hauptſtadt ſeines Königreichs, ſo wäre er in der Lage dieſe zu dictiren. Gold,“ ſetzte er im Tone der Verachtung hinzu,„wird nie eine Krone zurückerobern; dieß vermag nur Muth und Entſchloſſenheit.“ In dieſem Augenblicke erſchien O'Donnel wieder; ſein männliches offenes Geſicht hatte ſich vor Aerger und Verdruß hochroth gefärbt. Die Anweſenden ſahen ſogleich, daß ſich ein Un⸗ glück zugetragen habe, und fragten ungeſtüm, was es Neues gebe. „Neues!“ wiederholte der Oberſt aufgebracht. „Verrath gibt es.— Das iſt aber in Spanien nichts Neues. Könnt ihr's glauben? Eine ſo präch⸗ tige Breſche, weit genug, daß ſechs Mann neben einander ſie hätten erſteigen können. Ich bin außer mir vor Wuth, obgleich es mich nichts nützte, ſelbſt wenn ich mir die Naſe deßhalb abbeißen würde.“ „So erklären Sie ſich doch!“ riefen ſeine Zu⸗ hörer ungeduldig. 166 „Ich bin ja eben im Begriffe. Die Munition iſt ausgegangen.“ „Unmöglich!“ rief der Graf. „Das ſagte ich auch,“ fuhr O'Donnel fort,„aber leider iſt die Sache nur zu wahr.“ „Weiß es der General?“ „Ob er es weiß?“ wiederholte der Oberſt;„ich wollte, ihr hättet ihn geſehen. Es war in ſein Ge⸗ ſicht geſchrieben ſchwarz wie die Nacht. Er iſt ſelbſt mit einem Bataillon Guiden nach der Kirche un⸗ ſerer lieben Frau von Begona gegangen, wo das Magazin ſich befindet, und mir hat er befohlen, mit meinen Leuten hier zu bleiben.“ „Vermuthen Sie einen Ausfall?“ fragte Harry Burg lebhaft. „Einen Ausfall von den Chriſtinos?“ fragte O⸗Donnel.„Der iſt kaum zu hoffen, denn ſie ſind emſig wie die Ameiſen darüber her, die Breſche durch Säcke mit Sand und Faſchinen zu verſtopfen. Wenn ſie nur einmal hinter ihren Mauern hervor⸗ kommen und ſich wie chriſtliche Ritter mit uns ſchla⸗ gen würden, ſo würde ich ihnen den Aerger ver⸗ zeihen, den ſie mir verurſacht haben.“ „Der Sturm iſt alſo verſchoben?“ fragte Harold. „Freilich iſt er es,“ erwiderte der Oberſt bitter, „und zwar bis morgen; wir haben dann das Ver⸗ gnügen eine neue Breſche machen zu müſſen, denn die alte wird ſtark vertheidigt werden.“ Für Zumalacarregui war es ein harter Schlag, als er ſah, daß der Sieg, der ſo theuer errungen worden war, ihm plötzlich aus den Händen gewun⸗ den wurde. Doch war ſein Aerger darüber noch klein im Vergleiche mit der Entrüſtung über den Gedanken, daß Verrätherei dabei im Spiele ſei; denn daß dieß der Fall ſei, davon erhielt er ſo⸗ gleich genügende Beweiſe. Als er nämlich bei der Kirche von Begona eintraf, fand er den Officier, dem die Bewachung des Magazins anvertraut war, nicht auf ſeinem Poſten. Der Verräther war zum Feinde übergegangen; er war mit dem Golde der Börſe erkauft worden. „Schurke!“ murmelte El Tio zwiſchen den Zäh⸗ nen, als er den Trupp Leute und die Maulthiere erblickte, welche ſchon ſeit mehreren Stunden vor dem Gebäude warteten, um von da die Munition nach dem Polaſt zu bringen.„Ich bin zu rechter Zeit gekommen.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich ein furchtbarer Schrei aus dem Innern des Gebäudes vernehmen und die Mannſchaft, welche das Magazin zu be⸗ wachen hatte, kam in buntem Durcheinander aus dem Portal herausgeſtürzt. Einige ſprangen durch die Fenſter und Entſetzen malte ſich auf den Ge⸗ ſichtern Aller; das Haar ſtand den Männern, die auf dem Schlachtfelde ſchon tauſend Mal dem Tod offen in's Antlitz geſchaut hatten, in buchſtäblichem Sinne zu Berge, ſie an ihrem Anführer vorbei liefen, deſſen Stimme dießmal vergebens ſich hören ließ. Wüthend über ihr Benehmen, das El Tio an⸗ fangs der Feigheit oder einer abergläubiſchen Furcht wegen der Heiligkeit des Ortes zuſchrieb, zog er ſeinen Säbel, packte einen der Flüchtlinge an der 168 Gurgel und befahl ihm dieſes ſonderbare Benehmen zu erklären. „Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich,“ ſtöhnte der Mann—„das Pulver— der Zündfaden!“ In einem Augenblicke begriff der Anführer Alles. Das Geheimniß war erklärt. Er warf die jetzt nutz⸗ loſe Waffe aus der Hand, denn in ſolcher Gefahr war ſie werthlos; eilte mit raſchen Schritten auf die Kirche zu, ging, ohne eine Miene zu verziehen, hinein und, indem er ſich ſcharf umblickte, entdeckte er den Zündfaden, der, an einem der Fäßchen be⸗ feſtigt, langſam fortbrannte. Noch einige Sekunden und der Funke hatte das Pulver erreicht,— füͤnf⸗ zehn Hundert Zentner im Ganzen. Zumalacarregui riß den Faden mit der Hand ab, die er, unbekümmert um den Schmerz, den er ihm verurſachte, nicht eher öffnete, bis er das Ma⸗ gazin verlaſſen hatte und alle Gefahr beſeitigt war. „Ihr ſeht,“ ſprach er, indem er die Aſche aus ſeiner mit Blaſen bedeckten Hand fallen ließ,„was ein wenig Geiſtesgegenwart zu Stande zu bringen vermag.“ Es ertönte ein allgemeiner Schrei der Bewun⸗. derung über ſeine Aufopferung und ſeinen Muth. „Ich brauche keine Erklärung,“ fuhr der Ober⸗ general fort;„es befand ſich ein Verräther unter uns und das Gold der Rebellen brachte beinahe zu Stande, was ihre Waffen nie vermocht hätten.“ Zugleich rief er einen Adjutanten herbei, den er nach dem Palaſt zurückſchickte mit dem Befehl, daß O'Donnel und der übrige Theil der Guiden zu ihm zu ſtoßen habe. Noch vor Ablauf einer Stunde 169 waren dieſe zur Stelle und ehe die Glocke Mitter⸗ nacht verkündigte, war der ganze Vorrath Pulver ſicher in's Hauptquartier gebracht. Die Nachricht- von dem, was ſich zugetragen, hatte ſich ſchnell in der ganzen Armee verbreitet, und als der Obergeneral bei ſeiner Rückkehr von ſeiner Expedition die Vorpoſten paſſirte, wurde er mit einem herzlichen Hochrufe empfangen, der, ſich von Linie zu Linie fortpflanzend, in ein donnerndes Beifallsgeſchrei ausartete, das man ſelbſt im Mittel⸗ punkte der Stadt Bilbao hörte. Einen Augenblick lang hatten ſich alle Bande der Disciplin gelöst. Die Officiere drängten ſich um den Feldherrn und wünſchten ihm von Herzen Glück zu ſeiner Errettung. Anfangs ſchien El Tio ſich darüber zu ärgern, denn er hatte einen ganz eigenthümlichen Widerwillen gegen jede Demonſtration; aber die Kundgebung war ſo herzlich und ſo ungekünſtelt, daß ſein Stirn⸗ runzeln ſich in ein Lächeln verwanbelte. „Ich danke Euch, meine Herren,“ ſprach er mit der Reitpeitſche an ſein Baret langend.„Mag Ihr nächſtes Hoch von den Wällen von Bilbao ertönen.“ „Das ſoll es! Das ſoll es!“ rief es aus tauſend Kehlen. Als Zumalacarregui den Palaſt erreichte, grüßte er nochmals und zog ſich dann zurück, um den Plan zum Sturm für den folgenden Tag zu entwerfen. Es wurde Befehl ertheilt, eine Batterie links von der Kirche von Begona aufzuführen, welche mit Anbruch des Tages die Mauern zuſammen ſchießen ſollte, welche die detachirten Forts verband. Dieſe Arbeit wurde unter der Leitung des jungen 17⁰ Artillerie⸗Officiers Reyna ausgeführt und die Ka⸗ nonen auf die Lafetten gelegt. Die Leute zeigten ſich voll Begeiſterung. O⸗Donnel hatte mit der ihm eigenthümlichen ritterlichen Tapferkeit um die Erlaubniß nachgeſucht, die Sturmeolonne führen zu dürfen. Es war ihm aber abgeſchlagen worden. „Ich kann es Ihnen nicht geſtatten,“ bemerkte der General in ſeinem gewohnten barſchen Tone. „Schlagen Sie ſich's aus dem Kopfe— ich muß Sie zu einem andern Dienſte aufſparen— zu einem gefährlicheren Dienſte,“ ſetzte er hinzu, als er den verdrießlichen Ausdruck in den Mienen des Oberſten las,„den ich keinem Andern anvertrauen kann.“ 6s war dieß Balſam, der den verwundeten Stolz des verwegenen Kriegers heilen ſollte, was aber deßhalb doch keineswegs der Fall war, denn es ſchien ihm, wie er nachher ſich darüber ausſprach, ganz unnatürlich, eine Stadt zu ſtürmen, ohne einen Irländer mit der Führung der Sturmcolonne zu beauftragen. Die Chriſtinos hatten in der vollen Ueberzeu⸗ gung, daß die Breſche, welche den Tag zuvor prak⸗ tikabel gemacht worden war, angegriffen würde, die ganze Nacht hindurch an Wiederherſtellung ihrer Vertheidigungsfähigkeit gearbeitet. Sie hatten eine tiefe Tranchée gegraben und dieſe ſtark mit ſpani⸗ ſchen Reitern verſehen, hinter welchen die Urbanos, die vom Feinde keinen Pardon zu erwarten hatten, aufgeſtellt wurden. Die beſten Schützen in der Armee beſetzten die Ramparts. In Reſerve ſtand eine Abtheilung Marineſoldaten von„Saracen“. Man behauptet, daß aus der Büchſe eines Mannes 17¹ dieſer Abtheilung die Kugel kam, durch welche Zu⸗ malacarregui verwundet wurde, welche ihn das Leben und Don Carlos den Thron von Spanien koſtete. Der Palaſt neben der Kirche gewährte eine ſehr ausgedehnte Ausſicht. Obgleich nicht weiter als hundert Klafter von den feindlichen Werken entfernt, begab ſich der General, ohne die Vorſtellungen ſeines Stabs zu beachten, dahin und ſtellte ſich auf dem Balkon mit ſeinem Fernglaſe auf. Das Holz⸗ werk des Fenſters ſah wie ein Sieb aus und die Eiſenſtäbe waren durch Kartätſchenſchüſſe faſt alle weggeſchoſſen. Sobald Jemand hier ſich zeigte, unterhielt der Feind ein beſtändiges Musketenfeuer auf dieſe Stelle. Kaum erkannte man den General, als ſämmt⸗ liche Schützen, welche in Linie vor der Batterie ſich befanden, zu feuern anfingen. Von welch kleinen Umſtänden kann das Schick⸗ ſal eines Königreichs abhangen! Eine von unbe⸗ kannter Hand abgeſchickte Kugel— ob von eng⸗ liſcher oder ſpaniſcher Hand iſt unmöglich mit Si⸗ cherheit zu beweiſen— traf den tapfern Krieger in den innern Theil der Wade des rechten Beins, an welcher Stelle er ſchon früher verwundet worden war, drang, ohne das Schienbein zu verletzen, wei⸗ ter und zerſchmetterte den kleinen Knochen. Da ſie nicht hinreichende Kraft beſaß weiter zu dringen, ſo blieb ſie hier ſtecken und ſenkte ſich, wie es gewöhn⸗ lich bei ermatteten Kugeln zu ſein pflegt, ein Paar Zoll tiefer im Fleiſch. El Tio verließ langſam den Balkon. Keine 172 Muskel ſeines Geſichts verrieth die Schmerzen, die er erlitt, weil er es aber unmöglich fand ſeine Lahmheit zu verbergen, ſo ſah er ſich genöthigt ein⸗ zugeſtehen, daß er verwundet ſei. Seine Umgebung gerieth in Verzweiflung. Doctor Sanchez, der Wundarzt, der ihn gewöhn⸗ lich behandelte, befand ſich in Durango, wo der König ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hatte. Man beſchloß daher, den General dorthin zu ſchaffen. Während zwölf Soldaten ihn auf ihren Schultern trugen, unterhielt er ſich ungezwungen mit ſeinen Adjutanten, verſicherte dieſe, daß ſeine Wunde un⸗ bedeutend ſei und fuhr fort, obgleich er die gräß⸗ lichſten Schmerzen ausſtand, während des ganzen Wegs ſeine Cigarette zu rauchen. Es iſt unmöglich die Beſtürzung zu beſchreiben, welche die ganze Armee ergriff, als dieſe Nachricht von Poſten zu Poſten ſich verbreitete. Die Leute flüſterten ſie ſich zu und ſchüttelten verzagend die Köpfe. Ihr gewohnter Muth war mit dem Genius und dem dirigirenden Geiſte des Unternehmens da⸗ hingeſchwunden. Lilini, der an der Batterie mit O⸗Donnel und ſeinen jungen Freunden arbeitete, nahm die Nach⸗ richt mit trübem Lächeln auf. Seine Ahnungen hatten ihn alſo doch nicht getäuſcht! „Ich muß nach Durango gehen,“ ſprach er, „und nach dem Stand der Dinge ſehen. Carlos hat mit ſeinem Glück geſpielt; das Lächeln der ſchwachen Göttin entflieht wie ein Winterſonnenſtrahl. Obgleich ich mir nicht mit der Hoffnung ſchmeichle, daß meine Worte ihn aus ſeiner Täuſchung zu 173 reißen vermögen, ſo will ich wenigſtens den Verſuch machen.“ Harold und ſein Freund hätten den Grafen gern begleitet, den kein militäriſcher Rang bei der Armee feſthielt, aber ſie feſſelte die Ehre an ihren Poſten. „Laſſen Sie uns doch ja ſogleich die erſte Nach⸗ richt zukommen!“ riefen ſie aus. „Fürchten Sie nichts,“ erwiderte ihr Freund düſter;„ſie wird Sie nur zu bald erreichen.“ Gleich wie der Zuſtand ihres Anführers den Geiſt der Carliſten niederdrückte, ſo zeigte es ſich dagegen bald, daß der Muth der Feinde dadurch gehoben wurde, welche ihre Stimmung durch fort⸗ währendes Freudengeſchrei und kräftige Erneuerung ihres Feuers zu erkennen gaben. O'Donnel fluchte und tobte wie ein Raſender über den Kleinmuth ſeiner Soldaten. Jetzt erin⸗ nerte er ſich auch der Worte, die ſein verwundeter Chef zu ihm geſprochen, als er gern an die Spitze der Sturmeolonne ſich geſtellt hätte.„Ich ſpare Sie für einen gefährlicheren Dienſt auf, den ich nur Ihnen anvertrauen kann.“ Dieſer Dienſt war das Commando über die Batterie und dieſem unterzog er ſich in aufopferndſter Weiſe. Wo ſeine Anwe⸗ ſenheit nothwendig war, fand man den tapfern Mann, indem er die Ermattenden durch ſein Bei⸗ ſpiel ermunterte und, wo es möglich war, ſogar ſelbſt die Kanonen bedienen half. Seine jungen Freunde thaten ihr Aeußerſtes ihm beizuſtehen, und ihren vereinten Bemühungen gelang es endlich, den moraliſchen Muth der Leute wieder herzuſtellen. „Was würde El Tio ſagen,“ rief der Oberſt, 174 „wenn er hören würde, daß ſeine Batterie erlahmt ſei! Das Donnern eurer Kanonen, Jungens, wird ihm erſprießlichere Dienſte leiſten, als alle Wund⸗ ärzte in der Armee.“ Dieſe Anrede that ihre Wir⸗ kung. Die Carliſten beantworteten ſie mit einem lauten Geſchrei und machten ſich mit ihrer frühern Energie wieder an ihr mühſames Werk. Gegen Mittag war eine Breſche in die Courtine geſchoſſen, welche die detachirten Forts verband. Reyna hielt ſie für praktikabel. O⸗Donnel und ſeine Officiere nahmen dieſe Nachricht mit einem lauten Freudengeſchrei auf, die in den Reihen der Vertheidiger von Bilbao Ent⸗ muthigung hervorbrachte. „Ich will das Ganze leiten,“ rief der Oberſt mit befriedigtem Lächeln, das über ſein dunkles Geſicht glitt.„Der Stahl, Jungens, der kalte Stahl muß jetzt das Uebrige thun.“ Bereits ſtand das Regi⸗ ment der Guiden mit Leitern und Brettern zum Ueberſchreiten der Tranchéen verſehen, aufmarſchirt, als General Benito Eraro, der das Armeecommando übernommen hatte, von einem glänzenden Stabe umgeben, erſchien. Er war ein Militär aus der alten Schule, und obgleich er ohne allen Zweifel ein tapferer und treu ergebener Mann war, ſo fehlte ihm doch der Genius, welcher die rechte Ge⸗ legenheit zu benützen oder herbeizuführen verſteht. „Was ſollen dieſe Leute hier d“ fragte er. „Es iſt die Sturmcolonne,“ rief der Oberſt. „Das iſt Tollkühnheit!“ erwiderte Eraro,„kein Muth. Bemerken Sie denn nicht, daß die Kanonen 175 der linken Baſtion noch nicht zum Schweigen ge⸗ bracht ſind?“ „Wir wollen ſie zum Schweigen bringen.“ „Daß die Mauern mit Urbanos beſetzt ſind?“ „Die wollen wir verjagen,“ erwiderte der tapfere Irländer. „So ſehr ich Ihre Tapferkeit bewundere,“ ſagte der General,„ſo kann ich doch ein ſo nutzioſes Opfer nicht zugeben. Ich habe einen Plan entwor⸗ fen, durch welchen Bilbao in unſere Hände fallen muß. Fahren Sie fort Ihre Kanonen ſpielen zu laſſen, aber das Stürmen verbiete ich durchaus. Meine Pflicht gegen den König zwingt mich dazu.“ Vergebens ſuchte der ritterliche O⸗Donnel durch Bitten, Vernunftgründe und ſelbſt heftige Worte eine Aenderung des Beſchluſſes herbeizuführen; Eraro ließ ſich durch nichts erſchüttern und galop⸗ pirte, um alle weitere Ungelegenheit über dieſen Gegenſtand abzuſchneiden, raſch hinweg. Thränen ſtanden in den Augen des tapfern Irländers, als er ſo ſeine Hoffnungen zuſammen ſtürzen ſah— Thränen der Wuth und der Enttäuſchung. „Feigling!“ murmelte er auf Engliſch vor ſich hin.„Gibt es denn für ihn nicht eben ſo gut eine Kugel, als für den tapfern Thomas? Das iſt aber einmal mein Schickſal,“ ſetzte er gegen Harold ge⸗ wendet hinzu,„daß immer Etwas zwiſchen mich und das Glück tritt. Ich könnte der älteſte Sohn ſein, wenn mein Bruder, Sir Terence, nicht ein Jahr vor mir auf die Welt zu kommen für gut gefunden hätte, und wenn nicht er, ſtatt meiner, * 176 die kothigen Aecker geerbt und den Titel von mei⸗ nem Namen mir geraubt hätte.“ „Seien Sie ruhig,“ verſetzte Harold lächelnd; „die Reihe wird auch einmal an Sie kommen.“ „In Geſtalt einer Flintenkugel,“ ſagte der Oberſt;„und bei St. Patrick, da iſt ſie ſchon,“ ſetzte er hinzu, als eine Kugel ihn in den fleiſchigen Theil des rechten Armes traf.„Harold, mein lie⸗ ber Junge, wenn Sie noch irgend eine Rückſicht für mich haben, ſo unterlaſſen Sie es, mir Glück prophezeihen zu wollen, denn es trifft allemal das Gegentheil ein.“ „Die Prophezeihung ging von Ihnen aus,“ bemerkte ſein Freund, während er die Wunde un⸗ terſuchte, die ſich glücklicher Weiſe als ſehr leicht erwies. Harry half ſie mit einem Sacktuch verbin⸗ den. O⸗Donnel erklärte, es ſei nur eine Kleinig⸗ keit, gewiſſermaßen ein Certificat, daß er im Gefecht geweſen ſei, und kehrte wieder zu den Kanonen zu⸗ rück, die während des Tages fortfuhren auf die geöffnete Breſche zu ſpielen— leider vergebens! die Gelegenheit, Bilbao zu nehmen, war vor⸗ über. Von dieſem Tage an wurde die Belagerung in eine Blokade verwandelt; der Feind gewann Zeit, und Zeit war bei dem jetzigen Stand der Dinge ſoviel wie Sieg. Es herrſchte von nun an nicht mehr die frühere Thötigkeit bei dem Theil der carliſtiſchen Armee, der nicht in den Tranchéen ſtand. Unter ihrem frühern Anführer war Alles beſchäftigt geweſen. 6 Sein thätiger Geiſt entwarf fortwährend kühne Un⸗ 177 ternehmungen, welche die Reihen der Chriſtinos lichteten und den Zauber und Schrecken ſeines Na⸗ mens vermehrten. Am dritten Tage kam Lilini von Durango zurück. Die Bulletins, welche täglich über den Geſundheitszuſtand des Generals ausgegeben wurden, hatten ſehr günſtig gelautet. In vierzehn Tagen, ſo behaupteten ſie vertrauensvoll, würde er wieder im Stande ſein zu Pferd zu ſteigen und an die Spitze der. Armee ſich zu ſtellen. Die Freunde waren deßhalb ebenſo erſtaunt als enttäuſcht, als ſie das düſtere Geſicht des Grafen, das ſchwere Sorgen ausdrückte, gewahrten. „Die Wunde an und für ſich iſt unbedeutend,“ ſprach er,„aber die damit im Zuſammenhang ſtehen⸗ den Umſtände wollen mir nicht gefallen. Trotz der Verſicherung des Doctor Sanchez vom Gegentheil bin ich überzeugt, daß der Brand angeſetzt hat. Dieſer Menſch iſt nichts weiter als ein Charlatan, wenn nicht gar noch etwas Schlimmeres,“ ſetzte er halblaut hinzu, denn gleich den meiſten edel geſinn⸗ ten Menſchen zögerte er, einen Verdacht auszuſpre⸗ chen, der vielleicht keinen tieferen Grund, als ſeine Angſt um das Leben des Mannes hatte, den er ſchätzte. Tom und Will, die, während es heiß an der Batterie herging, an der Seite ihrer Herren gefoch⸗ ten hatten, waren während dieſer Unterredung an⸗ weſend. „Wenn nur der alte Curry hier wäre,“ bemerkte Will,„der hätte den General ſchon längſt wieder auf die Beine gebracht.“ „Ich wollte auch, er wäre hier,“ rief Lilini Licht⸗ und Schattenſeiten. IV. 12 178 unwillkührlich—„wollte der Himmel, er wäre hier! Es gibt keinen Menſchen auf Erden, den ich ſo ſehnlich zu ſehen wünſche.“ „Sie kennen ihn alſo!“ ſagte Harold im Tone des Erſtaunens. „Ich ſpreche von ſeiner Geſchicklichkeit,“ erwiderte der Graf ausweichend.„Die Wundärzte in Spa⸗ nien ſind alle aus Sangrado's Schule, ebenſo un⸗ wiſſend, als eingebildet.“ Der Graf verſchwieg hier offenbar etwas, was übrigens zum erſten Mal vorkam, ſeitdem Harold und Harry ihn kannten, und ſie fühlten, daß er nicht mit jener Offenheit geantwortet habe, die ſie ſo ſehr an ſeinem Charakter bewunderten. Es trug ſich aber unmittelbar darauf ein Umſtand zu, wel⸗ cher ſchnell ihren Gedanken eine andere Richtung gab. Sie waren eben im Begriff einen Soldatenimbiß zu ſich zu nehmen, ehe ſie ſich zur Ruhe niederleg⸗ ten, als O⸗Donnel mit zwei Gefangenen eintraf, die bei dem Verſuch, die Vorpoſten zu paſſiren, er⸗ tappt worden waren. Sie wären natürlich unter ſoichen Umſtänden ſelbſt ohne die Umſtändlichkeit eines Kriegsgerichts erſchoſſen worden, wenn nicht die Thatſache, daß ſie Engländer waren und mit Harold Tracy und Harry Burg bekannt zu ſein behaupteten, denen ſie einen Beſuch zugedacht hätten, zu ihren Gunſten geſprochen hätte. „Wenn ſie Spionen ſind,“ hatte O'Donnel ge⸗ ſagt,„ſo iſt der Aufſchub, den ſie dadurch erlangen, nur kurz.“ Eine Abtheilung Guiden von des Oberſten eige⸗ nem Regiment folgten mit den beiden Männern. tiges läge. Sie ſchoſſen auf Peter und mich, als 12 179 Man kann ſich das Erſtaunen der noch beim Wach⸗ feuer Verſammelten denken, als ſie denſelben Men⸗ ſchen, von dem ſo eben erſt die Rede geweſen, leib⸗ haftig vor ſich ſtehen ſahen, nämlich den Doctor Curry und deſſen Diener, Peter Bodger, mit auf den Rücken gebundenen Armen. „Tauſend Dank, theuerſter Oberſt!“ riefen beide junge Männer.„Er iſt allerdings ein Freund, ein theurer und geſchätzter Freund. Wir ſind bereit mit unſerm Leben für die Reinheit ſeiner Abſichten zu ſtehen.“ Sobald Will ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, zog er ſein Meſſer heraus und ſchritt auf den Doctor zu, um die Stricke zu durchſchneiden, womit die Gefangenen zuſammengebunden waren. „Fürchten Sie ſich nicht, Doctor,“ ſprach er; „fürchte Dich nicht, Peter, Du biſt unter Freunde gerathen. Gott! Gott! Wie ſich das fügt! Wir ſprachen eben von Ihnen. Dieß iſt der Doctor,“ ſetzte er an Lilini ſich wendend hinzu,„von dem der Squire und Euer Ehren ſo eben geſprochen haben.“ „Doctor Curry,“ ſagte der Graf mit einem Blicke des Erſtaunens. „Nicht nur der geſchickteſte Wundarzt,“ ſetzte Harry hinzu,„ſondern auch einer der beſten Men⸗ ſchen. Ich fürchte, daß ſeine Freundſchaft für mich ihn in dieſe zweideutige Lage gebracht hat „Zweideutig!“ erwiderte Doctor Curry mit ſar⸗ kaſtiſchem Lächeln.„Nun, wir wollen nicht über Worte ſtreiten, aber mir kam es vor, als wenn in der Hundlungsweiſe dieſer Herren nichts Zweideu⸗ 180 wenn wir jagdbare Thiere wären, und behandelten uns auf die Weiſe, wie ſie geſehen haben. Wenn nicht Ihr irländiſcher Freund da geweſen wäre,“ ſetzte er mit einer Verbeugung gegen O'Donnel hinzu,„der uns, wie ich wohl ſagen kann, anſtän⸗ dig behandelte, ſo hätten ſie uns entweder aufge⸗ henkt oder erſchoſſen.“ „Erſchoſſen hätten ſie Sie, mein lieber Herr, erſchoſſen hätten ſie Sie,“ rief der Oberſt haſtig aus, beſorgt um die Ehre ſeines Regiments.„Die Guiden hängen nie ihre Gefangenen auf; dieſer Gefahr waren Sie nie ausgeſetzt, das kann ich Sie verſichern.“ „Noch einer andern Gefahr, wie ich hoffe,“ be⸗ merkte Harold ängſtlich. „O⸗Donnel betrachtete ſeinen jungen Freund mit verlegenem oder vielmehr komiſchem Ausdruck. „Sagen Sie nur Alles heraus,“ bemerkte der Doctor. „Der Obergeneral weiß um Ihre Arretirung. Ihre Popiere ſind ihm eingeſchickt worden.“ „Ich ſtehe für die Sicherheit dieſes Herrn,“ ſagte Graf Lilini in feſtem Tone. Es war dieß das erſte Wort, das man von ihm vernahm. „Wer iſt dieſer Herr, Harry 2 fragte der Doc⸗ tor leiſe. Harry ſtellte den Doctor und den Grafen gegen⸗ ſeitig vor, und kein Blick oder Lächeln von beiden Seiten deutete darauf hin, daß die beiden Männer ſich je ſchon einmal im Leben geſehen hätten. — — 181 „Iſt er ein Spanier?“ fragte der Doctor, nach⸗ dem dieſe Ceremonie vorüber war. „Ich glaube ſo.“ „Er ſpricht recht gut engliſch.“ „Sehr gut,“ antwortete Harold trocken. Der arme O'Donnel, um möglichſt ſchnell den Mißgriff wieder gut zu machen, den er ſich durch das raſche Abſchicken der Papiere der Gefangenen in das Hauptquartier hatte zu Schulden kommen laſſen, verließ eiligſt ſeine Freunde, um das Unheil, das er angerichtet hatte, wieder gut zu machen. „Nun ſagen Sie mir aber, Verehrteſter,“ fragte Harry,„was in aller Welt verſchafft mir das Ver⸗ gnügen Sie in Spanien zu ſehen?“ „Sie haben allen Grund dazu, mich das zu fragen,“ antwortete der Doctor mit einem Seufzer. „Ich fange an zu glauben, daß ich ein Thor war eine ſolche Reiſe zu unternehmen, noch ein größerer Thor, als Sie ſelbſt, Mr. Burg, als Sie das ſchöne Grundeigenthum Ihrer Voreltern an einen ſchlauen Betrüger abtraten, der nicht mehr von dem Blute Ihrer Familie in den Adern hat, als ich.“ „Sprechen Sie im Ernſt?“ „Im Ernſt. Es wäre ein ſchlechter Spaß, mich und Peter in dieſem höll— Hm— maleriſchen— ſo ſagt man, glaube ich— Land, wie ein wildes Thier jagen zu laſſen. Es iſt aber gut für Sie, daß ich meine fünf Sinne beiſammen behielt, nach⸗ dem Sie die Ihrigen verloren haben. Der Kerl kann keinen Acker Landes verkaufen oder verpfän⸗ den. Ich habe ſämmtliche Urkunden über das be⸗ wegliche und unbewegliche Eigenthum aus dem Ar⸗ 182 chiv der Halle weggeſchafft, und es iſt das Beſte, wenn ich Ihnen ſogleich ſage, wo ſie zu finden ſind, ehe man mich aufhenkt— ich bitte Ihren Freund um Verzeihung— ehe man mich für meine Mühe erſchießt.“ „Den will ich ſehen, der den Doctor erſchießt oder der ihm auch nur ein Haar krümmt!“ rie Will, gelaſſen ſeine Piſtole unterſuchend,„und ich ſtände dabei.“ „Wenn ich glauben könnte, daß Ihrem Freunde wirtlich Gefahr droht,“ bemerite Harold Trach,„ſo würde ich vorſchlagen, ihn ſogleich an den Fluß zu bringen, dort auf ein Boot zu ſetzen und ihn zu ſeinem Schutze auf den„Saracen“ zu ſchaffen.“ Während er dieß ſprach, blickte er Lilini an, deſſen Geſicht aber ganz theilnahmlos blieb, als wenn er nichts gehört hätte. Er hatte ſein Wort verpfändet, und dieß ſchien ihm hinreichend. Außerhalb des Palaſtes ließ ſich jetzt ein Klir⸗ ren der Waffen vernehmen, ein Zeichen, daß der Obergeneral auf der Runde begriffen war. Die beiden Freunde eilten, von Thom gefolgt, dem Thore zu, um zu ſehen, was vorgehe. Während ſie ihm den Rücken kehrten, ergriff der Graf die Gelegenheit, heimlich ein Papier dem Dor⸗ tor Curry in die Hände zu ſpielen, der es ohne das geringſte Zeichen von Erſtaunen in Empfang nahm. Will aber, der es mit anſah, war von dem . iihenfeitigen Einverſtändniß im höchſten Grade übor⸗ raſcht. 8 „Kein Wort,“ flüſterte der Doctor ihm zu. —— ———————— 183 Will nickte mit dem Kopfe, was bei ihm ſo viel galt, als wenn er ſein Ehrenwort gegeben hätte. Erarv hatte das Benehmen ODonnel's noch nicht verziehen, deſſen Bravour bei der Batterie ſo grell gegen ſeine Klugheit, wir wollen es nicht Feigheit nennen, abſtach, und ſeinem kleinlichen Sinne that es jetzt wohl, eine Gelegenheit zu fin⸗ den, diefen zu demüthigen. „Sie haben unrecht daran gethan,“ ſprach er mit ſtrengem Blicke, während er in das Zimmer trat,„ſehr unrecht, mir nicht die Gefangenen ſo⸗ gleich zuzuſchicken, wie Ihre Pflicht es Ihnen vor⸗ ſchrieb. Doch darüber wollen wir ſpäter ſprechen. Wer ſind dieſe Leute? Laſſen Sie ein Peloton unter's Gewehr treten, man wird es brauchen.“ Dem tapfern Oberſten trat der kalte Schweiß auf die Stirne und es gelang ihm nur mit höchſter Anſtrengung ſeinen Zorn zu bemeiſtern. „Ich verſprach ihnen Schonung ihres Lebens,“ ſagte er. „Sie hatten keine Vollmacht zu einem ſolchen Verſprechen,“ antwortete der Genéral barſch. „Recht oder unrecht, mein Wort iſt verpfändet.“ „Es iſt werthlos.“ Der Oberſt ſtand eben im Begriff eine hitzige Antwort zu geben, welche ohne allen Zweifel ihm einen augenblicklichen Arreſt zugezogen hätte, wenn nicht Lilini in warnendem Tone das Wort„Still⸗ ſchweigen“ ausgeſprochen hätte. „Es ſind dieß keine Gefangene, General,“ ſagte er auf Spaniſch.„Dieſer Herr iſt mit einer Voll⸗ 184 macht verſehen, welche Jeder von uns reſpektiren „Von wem?“ fragte Eraro in übermüthigem Tone. „Von dem König.“ Der Doctor übergab das Papier, welches der Graf ihm zugeſteckt hatte, einem Adjutanten, der es ſeinem Vorgeſetzten überreichte, in deſſen Geſicht ſich Aerger und Verdruß malte. Es war ein von Don Carlos unterzeichneter Paß, der allen Officie⸗ ren und Perſonen in ſeinem Dienſte befahl, den Doctor Curry und deſſen Diener frei durch die Ar⸗ mee paſſiren zu laſſen und ihm Hilfe und Beiſtand zu gewähren. „Richtig,“ murmelte der General,„ganz rich⸗ tig, indem er ſeinen Federnhut— denn unähnlich ſeinem Vorgänger trug er ſtets die große General⸗ lieutenantsuniform— aus Achtung vor der könig⸗ lichen Unterſchrift, lüpfte. „Eure Cxcellenz,“ fuhr der Graf fort,„werden es unter dieſen Umſtänden ganz paſſend finden, daß dieſem Herrn ſeine Papiere uneröffnet zurückgegeben werden.“ Da Eraro ſie in der Hand hielt, ſo hatte er noch keine Zeit gefunden ſie durchzuſehen. Er ſah ſich alſo gezwungen einzuwilligen, denn der Graf war gerade derjenige Mann in der Armee, mit dem er am allerwenigſten in Streit zu gerathen wünſchte. Er drehte ſich daher ſchnell auf den Ab⸗ ſätzen herum und verließ den Palaſt. „Aber mein Liebſter, Beſter, warum haben Sie denn Ihren Paß nicht ſogleich vorgezeigt? Und —,— —— 185 wo in aller Welt war es Ihnen denn möglich ihn zu verbergen. Meine Leute verſtehen ſich doch ſonſt auf's Durchſuchen und der beſte Polizeiofficiant lauft ihnen darin den Rang nicht ab.“ „Ich hatte meine Gründe dazu,“ erwiderte der Doctor trocken. Wir brauchen unſern Leſern wohl ſeine Gründe nicht auseinander zu ſetzen, denn das Papier hatte ſich früher in Lilini's Taſche befunden. So müde auch der alte Mann war, ſo dachte er doch nicht daran ſich ſchlafen zu legen, und ſchon fing der Tag an zu grauen, als er erſt mit ſeinem Berichte von all' dem zu Ende war, was ſich zu⸗ getragen, ſeitdem die Freunde England verlaſſen hatten. „Eugenia iſt vermählt!“ rief Harold Tracy mit unverſtelltem Erſtaunen. „Und zwar mit meinem Vetter Brandon,“ ſetzte Harry hinzu. „Ein kurzes Freien und eine lange Reue,“ er⸗ widerte der Doctor.„Hätte ich zu rechter Heit da⸗ von gehört, obgleich ich Eugenia's Vater nur dem Na⸗ men nach kenne, jo hätte ich einen Schritt gethan, der des Schelmen Speculation verdorben hätte. Aber ſo ſchlimm er auch iſt, ſo kenne ich doch Ei⸗ nen, der noch ſchlimmer iſt.“ „Und wer iſt dieſer?“ „Sein Freund, Rathgeber und Premierminiſter, der Capitän Mortimer.“ „Capitän!“ wiederholten die jungen Männer. „So iſt es. Die Dienſte eines ſolchen Mannes können nur erkauft werden.“ . 186 Zweiundfünfzigſtes Capitel. Da alle active Operationen unter dem klugen Nachfolger Zumalacarregui's ſuſpendirt blieben, ſo erhielten die Freunde leicht die Erlaubniß ſich auf einen Tag aus dem Lager zu entfernen und nach Durango zu reiten. Der Urlaub wurde um ſo be⸗ reitwilliger ertheilt, als das Bulletin des Tages den Zuſtand des Generals als höchſt günſtig ſchil⸗ derte, und Erara deßhalb nicht wußte, wie lange er das Commando der Armee vehalten werde. Auf Lilini's Bitten willigte Doctor Curry darein, mit von der Partie zu ſein, ohnehin konnte er im Hinblick auf den Dienſt, den ihm der Graf erſt kürzlich geleiſtet, nicht wohl eine abſchlägige Ant⸗ wort ertheilen. Während des Ritts erkundigte er ſich genau darnach, vor wie vielen Tagen der Ober⸗ general verwundet worden ſei. „Vor acht Tagen,“ erwiderte der Graf. „Und wann wurde die Kugel ausgezogen?“ „Sie iſt noch gar nicht ausgezogen,“ ſagte Harold. „Die Dummköpfe!“ murmelte der Doctor.„Nicht ausgezogen! Ein Kind oder ein Weib hätte dieß thun können.“ Zugleich ſpornte er vor Ungeduld ſein Maulthier. Die Eile der Reiſenden wurde aber durch die Ungeſchicklichkeit Peter BVodger's beträchtlich verzö⸗ gert. Der alte Soldat, obgleich er bei der Caval⸗ lerie gedient, hatte in ſeinem Leben kein Maulthier beſtiegen. Es bedurfte der ganzen Autorität ſeines Hertn ihn dahin zu bringen, ſich auf das Thier zu 187 ſetzen, das O⸗Donnel ihm geliehen hatte. Er hielt 6 es für eine Schande. Vielleicht war dieß das erſte Mal in ſeinem Leben, daß er Vorſtellungen zu ma⸗ chen ſich erlaubte. „Unter dieſen Umſtänden werden wir ihn wohl bei den Dienern zurücklaſſen müſſen,“ ſagte der Graf. „Dann müſſen Sie mich mit ihm zurücklaſſen,“ erwiderte der Doctor.„Peter und ich haben zu lange mit einander gelebt, als daß wir uns in einem ſo wilden Lande trennen könnten, obgleich er es beſſer kennt als ich, da er unter Wellington in allen ſei⸗ nen Feldzügen gedient hat.“ „Abgeſehen von dem Vergnügen Ihrer Geſell⸗ ſchaft,“ bemerkte Harry Burg„und der Dankbar⸗ keit, die ich für die wichtigen Dienſte, die Sie mir geleiſtet, für Sie hege, ſo vermag vielleicht Ihre Kunſt einem der edelſten und beſten Menſchen das Leben zu retten.“ „Das Leben hängt von Dem über uns ab,“ verſetzte der Arzt.„Die Weiſeſten unter uns ſind nur Werkzeuge in ſeiner Hand. Wenn nur Zu⸗ mala— la— wie zum Henker heißt denn dieſer heidniſche Name? Sie wiſſen aber ſchon, wen ich meine— in keine ſchlimmeren Hände gefallen iſt!“ ſetzte er im Bewußtſein einer gewiſſen Berufswürde hinzu.„Es wäre nicht die erſte Kugel, die ich ausgezogen habe.“ Lilini, der an ſeiner Seite ritt, ließ einen halb unterdrückten Seufzer vernehmen. Mittag war ſchon vorüber, als die Reiſenden Durango erreichten. Eines der beſten Häuſer in der Stadt, gerade der königlichen Reſidenz gegen⸗ 188 über, war dem verwundeten General eingeräumt worden, den die Miniſter faſt ſtündlich zu beſuchen pflegten und ihn mit Fragen quälten, die er voll Ungeduld beantwortete, denn er hatte mit den Rath⸗ gebern Seiner Majeſtät nie auf dem beſten Fuße geſtanden. Sobald Don Carlos von ſeinem Eintreffen ge⸗ hört hatte, war er eiligſt ihn zu beſuchen gekom⸗ men. Seine Ausdrücke des tiefſten Bedauerns, die gewiß aufrichtig gemeint waren, beantwortete der derbe Soldat mit den Worten des Sprüchworts: „Der Krug geht ſo lange zum Waſſer, bis er zerbricht. Zwei Monate ſpäter und ich hätte eine Wunde nicht bedauert, die mich auf das Todten⸗ bett bringt.“ „Sprechen Sie nicht von Sterben,“ antwortete der Monarch.„Sanchez iſt ſehr geſchickt und er hat mich verſichert, daß Sie in zwei bis drei Wochen wieder gänzlich hergeſtellt ſeien. Wir werden doch neben einander triumphirend in Madrid einziehen. Beim Himmel! Das Wiedergewinnen der Krone wird mir nicht halb ſo viel Befriedigung gewähren, als die Lage, in die ich dadurch verſetzt werde, den edelſten Unterthan, mit dem je ein Monarch beglückt wurde, zu belohnen.“ Die Augen des Verwundeten glänzten vor Freude, nicht weil es ihm ſchmeichelte, daß ſeine Dienſte belohnt würden,— über Gedanken dieſer Art war er erhaben,— denn er focht für ein Princip und nicht zur Befriedigung ſeines Ehrgeizes. Unter allen den vielfachen Decorationen und Auszeich⸗ nungen, womit ihn der König beehrt hatte, legte G 189 er nur auf Eine einen Werth— auf den Orden des goldenen Vließes, weil derſelbe nur ſelten an⸗ dern Perſonen als Prinzen von Geblüt und einigen enigen vom älteſten Adel Spaniens verliehen wurde. Trotz der Verſicherungen des Doctor Sanchez verbeſſerte ſich der Zuſtand ſeines Patienten durch⸗ aus nicht, ſondern es nahm das Fieber, das An⸗ fangs nur leicht geweſen war, nach und nach immer mehr zu, und es ſtellte ſich bereits zuweilen Phanta⸗ ſiren ein. In ſeinem Irrereden ertheilte der edle Krie⸗ ger Befehle und hiekt Anreden an ſeine Leute, als wenn er an der Spitze der Armee auf dem Schlacht⸗ felde ſtünde. Seine Umgebung wurde dadurch be⸗ unruhigt und meinte, es ſollten noch andere Aerzte beigezogen werden. Sanchez wollte aber bavon nichts hören und bemerkte auf Aeußerungen dieſer Art jedesmal:„Er kenne El Tio's Leibesbeſchaffenheit. Alles dieß habe nichts zu bedeuten 5er habe es nicht anders erwartet.“ Dieß war der Stand der Dinge, als Lilini mit ſeinen Freunden nach Durango kam. Obgleich man ihm ſagte, daß der König ſich bei dem General befinde, an deſſen Wiederaufkommen Manche bereits zu zweifeln anfingen, ſo begab er ſich doch mit ſei⸗ nen Begleitern in das Zimmer des Patienten. Car⸗ los ſaß an der Seite ſeines Lagers und der Arzt war gerade damit beſchäftigt, einen Trank zu be⸗ reiten, der, wie er Seine Majeſtät verſicherte, die unerträglichen Schmerzen lindern ſollte, über welche der General ſich beklagte. „Verzeihen Sie, Sir,“ ſprach der Graf beim 190 Eintreten,„den ſcheinbaren Mangel an Hochachtung, weil ich trotz Ihrer Anweſenheit hier mich einzu⸗ finden mir erlaube; aber es iſt ein engliſcher Arzt zum Beſuch dieſer Herren im Lager eingetroffen. In der Hoffnung, daß deſſen Kunſt ſich an einem Nanne bewähre, der mit Recht Ihnen ſo theuer iſt, haben wir ihn mitgebracht.“ Auf dem bleichen, angſtvollen Geſichte des Kö⸗ nigs leuchtete ein Hoffnungsſtrahl auf. Mit mili⸗ täriſcher Offenheit hatte ihm Zumalacarregui den traurigen Irrthum aufgedeckt, der dadurch began⸗ gen worden war, daß man den Marſch auf die Hauptſtadt vetzögert hatte, und den Monarchen be⸗ ſchworen, daß, wenn wieder eine ſolche Gelegenheit ſich darbiete, man dieſe ja nicht unbenützt vorüber⸗ gehen laſſen ſolle— ein Rath, der gleich den meiſten Rathſchlägen zu ſpät kam. Sanchez hatte kaum die Worte vernommen, daß ein engliſcher Arzt anweſend ſei, als er ſachte aus dem Zimmer ſchlich, und einige Minuten hernach ſah man ihn auf einem flüchtigen Pferde raſch die Hauptſtraße der Stadt hinabreiten. Hätten diejeni⸗ gen, welche ihn erblickten, die Urſache ſeiner Flucht errathen, ſo würden Hunderte von Kugeln ihm nach⸗ geſchickt worden ſein, und eben ſo viele Hände wären bereit geweſen; ihn für ſeinen Verrath in Stücke zu hauen. „Was ſagen Sie dazu, theuerſter Freund?“ flüſterte der Monarch dem General zuz„wollen Sie ſich dieſem Engländer anvertrauen?“ „Wem?“ fragte der Sterbende, ohne die Augen zu öffnen. „Einem engliſchen Arzte, den Lilini mitge⸗ bracht hat.“ Bei dem Namen des Grafen ſtreckte der Patient die Hand aus und lächelte.„Ja,“ murmelte er ſchwach,„ihm kann ich trauen.“ Mit einer Hand ſo zart, als die einer Frau, wenn Sie ein geliebtes Weſen pflegt, löste Doctor Curry ſorgfältig die Bandagen ab, mit denen die Wunde verbunden waren. Kaum aber erblickte er dieſe, als ſeine Geſichtsfarbe wechſelte; der Graf, der ihn genau beobachtete, war im Begriff, zu ſpre⸗ chen, aber der alte Mann winkte ihm heimlich Still⸗ ſchweigen zu. Er reinigte nun das eiternde Glied mit einem Schwamme und führte eine Sonde in den Einſchnitt, welchen Sanchez gemacht hatte, in der Hoffnung, wie er ſagte, die Kugel aufzufinden. Eine ſchwarze Materie quoll aus der Wunde. Der Patient zuckte und rührte ſich nicht, ſon⸗ dern ſchien vielmehr gar nicht zu wiſſen, was mit ihm vorging. „Zu ſpät,“ ſagte Doctor Curry im Tone der tiefſten Theilnahme,„zu ſpät!“ Glücklicher Weiſe geſchah dieſer Ausruf auf Engliſch. „Iſt keine Hoffnung mehr?“ fragte der Graf. „Keine! Die Wunde iſt vergiftet wor⸗ den. Er hat keine Stunde mehr zu leben.“ Ein Ausruf des Entſetzens und Erſtaunens ent⸗ ſchlüpfte Harold's und Harxy's Lippen. „Kein Wort— kein Blick— kein Zeichen—“ ſagte Lilini, ſeine Gemüthsbewegung bemeiſternd. „Das edle Herz des Opfers darf nicht durch die 192 Nachricht von dem Verrath gebrochen werden, der Urſache ſeines Todes iſt. Der Elende, der dieſes ſchändliche Verbrechen begangen hat, war ſeit Jah⸗ ren ſein Arzt und beſaß ſein volles Vertrauen, ja ſogar ſeine Freundſchaft. Denken Sie ſich ſelbſt, wie peinlich ihm dieſe Entdeckung ſein müßte.“ „Was ſagt Ihr Freund?“ fragte Don Carlos unruhig, denn Lilini hatte ſeine Empfindung nicht ſo gänzlich bemeiſtert, daß nicht Spuren davon in ſeinem Geſicht zu leſen geweſen wären. Der General, der die Frage gehört hatte, er⸗ hob ſich von ſeinem Lager.„Ich will ſie beant⸗ worten,“ ſagte er mit Ruhe.„Ich bin aufgegeben — ſterbend.“ Der König, der trotz all' ſeiner Schwäche ein großer Freund der Wahrheit war, die ſelbſt unter den ſchwierigſten Umſtänden ſich nicht ſelbſt belügt, vermochte nur ſeine Hand zu faſſen, indem er ſchluchzend ausrief:„Für mich! für mich!“ „Für mein Land,“ ſagte der General.„Ich wußte, daß es ſo kommen würde. Der Himmel hätte mir keinen ſchönern Tod ſenden können,— außer in der Stunde des Sieges,“ ſetzte er ſeuf⸗ zend hinzu,„außer in der Stunde des Sieges.“ Mit größter Feſtigkeit ſchickte er ſich nun an, dem Fürſten, dem er ſo treu gedient hatte, ſeine. letzten Rathſchläge zu ertheilen. Seine Worte waren klar und ſeinem Charakter angemeſſen. Als er damit zu Ende war, zog er unter ſeinem Kiſſen den Plan hervor, den er für den Feldzug entwor⸗ fen hatte, und legte ihn in des Königs Hände. „Finden Sie ſich nur den Mann dazu, der ihn 193 ausführt, und ich bin nicht vergebens geſtorben. Sie werden Ihren Thron wieder gewinnen.“ „So eben erſt,“ ſagte Don Carlos,„ſprachen wir von der Zukunft, von Ihrem Einzug in Madrid, von dem Triumph Ihrer Sache. Haben Sie kein Anliegen? Wiſſen Sie mir nichts zu bezeichnen, womit Ihr König Ihnen ſeine Dankbarkeit bewei⸗ ſen kann?“ Der Sterbende hauchte ein ſchwaches„Ja“, indem er zugleich mit der Hand winkte, daß alle Anweſenden, mit Ausnahme des Königs, ſich aus dem Zimmer entfernen möchten. Es verfloß beinahe eine halbe Stunde, ehe dieſe wieder zugelaſſen wurden. „Iſt denn wirklich ein Verbrechen zu beſtrafen?“ fragte der Graf, ſobald er ſich mit ſeinen Freun⸗ den im Vorzimmer befand;„für wie leicht erkäuf⸗ lich ich auch im Allgemeinen die Spanier halte, ſo kann ich es doch kaum glauben, daß einer darunter einer ſolchen Schändlichkeit fähig iſt. Ich weiß,“ ſetzte er, gegen den Doctor gewendet, hinzu,„daß Sie ein ſeltenes Wiſſen beſitzen; aber haben Sie ſich dießmal nicht getäuſcht?“ „Die Wiſſenſchaft täuſcht nie,“ bemerkte der Doctor ernſt.„Ich könnte Ihnen ſogar das Mit⸗ tel nennen, das angewendet wurde— die Art und Weiſe bezeichnen, durch die man es in die Wunde brachte. Nicht nur das Fleiſch iſt vergif⸗ tet,— damit wäre ich fertig geworden— ſon⸗ dern der Mörder hat es mit hölliſcher Geſchicklich⸗ keit verſtanden, das Mark des zerſchmetterten Kno⸗ chen zu vergiften.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. W. 13. 194 „Und er iſt entwiſcht!“ rief Lilini, ſich um⸗ ſchauend.„Schlafen denn die Donner ewig?“ Ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, verließ er das Haus und begab ſich auf den großen Platz, wo eine Gruppe Officiere verſammelt war, ängſtlich der Neuigkeiten über den Zuſtand des Generals harrend. Ihnen erzählte er die gräßliche Geſchichte, die ſie mit Schaudern erfüllte. Sie machten unter Verwünſchungen ihrem gepreßten Herzen Luft und allgemein rief man, man ſolle den Mörder auf⸗ ſuchen. „Ich Thor!“ rief einer von Zumalacarregui's Adjutanten im Tone des Selbſtvorwurfs,„der ich ihn unbefragt durchließ, und noch dazu auf des Generals eigenem Pferde. Ohne Zweifel iſt er jetzt zu denen entwiſcht, die ihn gedungen haben, um die Belohnung für ſein heilloſes Verbrechen in Empfang zu nehmen.“ Es wurde ſogleich einer Abtheilung Eavallerie Befehl ertheilt, die ganze Umgegend zu durchſtrei⸗ fen, und wenn Sanchez gefunden würde, denſelben todt oder lebendig zurückzubringen. Das Fenſter in des Sterbenden Zimmer wurde jetzt geöffnet und Don Carlos, ganz bleich vor Schmerz, erſchien auf dem Balkone. „Kommen Sie herein, meine Herren, ſprach er, „und ſeien Sie Zeugen der letzten Augenblicke eines Helden.“ „Kein Wort!“ rief Lilini, die Finger auf die Lippen legend;„wenn auch unſere Herzen vom tief⸗ ſten Unwillen ergriffen und wir Alle von dem Wunſche beſeelt ſind, daß an dem Mörder geſchehe, 195 was Rechtens, ſo darf deßhalb doch nicht eher ein Wort verlauten, bis der Todeskampf Ihres Chefs vorüber iſt, um ihm wenigſtens den Schmerz über Undankbarkeit auf dem Todtenbette zu erſparen.“ Es bedarf wohl keiner Verſicherung, daß der eindringlich gegebene Rath befolgt wurde. Mit niedergeſchlagenen Augen folgten die Officiere dem Grafen in den Paolaſt. Als ſie in das Zimmer traten, fanden ſie Don Carlos knieend an dem La⸗ ger ſeines Generals, während der Biſchof von Lcon die Sterbegebete ſprach. Verzweiflung malte ſich auf jedem Geſichte. Zumalacarregui war ſo oft ſchon den größten Ge⸗ fahren entgangen, daß die Wenigſten an die Mög⸗ lichkeit dachten, daß er fallen könne, ehe ihre Sache vom Siege gekrönt worden ſei. Als der General den Grafen ſah, winkte er ihn an ſeine Seite und ſeine Hand faſſend flüſterte er ihm zu:„In fünf Tagen werden Sie frei ſein.“ „Denken Sie nicht an mich—“ „Es iſt jetzt vergeblich. Ich habe des Königs Verſprechen, und Sie wiſſen, wie heilig er ſein Wort hält. Ihre Freunde werden Sie begleiten; ſie dürfen nicht hier bleiben. Das Band, das ſie an unſere Sache feſſelte, war das der Dankbarkeit gegen mich.— Dieß wird bald zerriſſen ſein. Der arme Sanchez!“ fuhr er fort,„wo iſt er nun? Ich hätte ihm gerne noch für ſeine Pflege, ſeine Treue und ſeine Güte gedankt. Der arme Mann! Wie ſehr wird er ſich darüber grämen, daß ſeine offnung ihn täuſchte!“ Ein Schauder durchzuckte die Anweſenden, als 13 196 ſie den auf ſo ſchändliche Weiſe Hingeopferten ſo dankbar und liebevoll von ſeinem Mörder ſprechen hörten. Als endlich der Todeskampf eintrat, fing der Kranke an wieder zu phantaſiren. In ſeinem De⸗ lirium rief er ſeinen Bataillonen zu und munterte ſie auf, bei dem Angriff auszurufen:„Für Spanien und Carlos!“ nannte mehrere ſeiner Officiere, unter Andern O'Donnel, auf deſſen Muth er große Stücke hielt. Plötzlich fiel er auf ſein Kiſſen zurück und hauchte ſeinen letzten Athemzug aus. Der König erhob ſich langſam von ſeinen Knieen und drückte mit eigenen Händen dem Manne die Augen zu, der nahe daran geweſen war, ihm ſeine Krone wieder zu erlangen.„Requiescat in pace!“ ſprach er in feierlichem Tone.„Er ſtarb den Tod des Soldaten und als treuer und loyaler Spanier.“ „Sir, man hat Sie hintergangen,“ riefen die Officiere.„El Bio“— in dieſem Augenblicke ver⸗ mochten ſie ihren geliebten Chef nur bei ſeinem alten Familiennamen zu nennen—„iſt ermordet worden.“ Ein Ausruf des Entſetzens und der Ungläubig⸗ keit entſchlüpfte den Lippen des Don Carlos und ſeines Miniſters. So gräßlich und unwahrſcheinlich ſchien dieſe Anklage. „Ermordet,“ wiederholte der Fürſt,„von wem?“ Ein Dutzend Stimmen riefen den Namen Sanchez. „Unwahrſcheinlich!— Unmöglich!— Er kann kein ſolches Ungeheuer ſein. Wer iſt ſein Ankläger 2 „Ich bin es,“ erwiderte der Graf vortretend, „und zwar auf die Autorität dieſes Herrn hier,“ fuhr er auf Doctor Curry deutend fort,„den ich in MM 197 der Hoffnung mitbrachte, durch ihn das Leben mei⸗ nes Freundes gerettet zu ſehen.“ „Ein Engländer?“ bemerkte der Biſchof von Leon zweifelnd. „Eine Verdächtigung, Excellenz, die ich von Ihrem Munde am wenigſten erwartet hätte,“ er⸗ widerte Lilini;„denn wenige Männer in Spanien haben überzeugendere Beweiſe in Händen, als Sie, wie treu Engländer der Sache dienen, die ſie ein⸗ mal zu der ihrigen gemacht haben.“ „Er kann ſich aber irren,“ ſetzte der Prälat hinzu. „Hier iſt kein Irrthum möglich,“ unterbrachen ihn mehrere Officiere, denn der Schmerz ließ ſie allen Unterſchied des Ranges vergeſſen.„Sanchez iſt zu den Chriſtinos entflohen.“ Dieſer Beweis war ſchlagender als alle wiſſen⸗ ſchaftliche Beweisführung des Doctor Curry über die Wahrheit ſeiner Anklage, und in Gegenwart des Leichnams des verſtorbenen Foldherrn entblößten ſich Hunderte von Schwertern und wurben eben ſo viele Eide geleiſtet ihn wo möglich zu rächen. Von dieſer Entdeckung auf's Tiefſte ergriffen, zog ſich Don Carlos aus dem Sterbezimmer zurück, indem er ſich auf den Arm ſeines Miniſters ſtützte. Der Mörder, der zu Miraſol, dem Gouverneur von Bilbao geflohen war, brachte die Rachricht vom Tode Zumalacarregui's mit. Er hatte, wie wir geſehen haben, ſeine Maßregeln nur zu gut ge⸗ troffen, als daß er an dem Reſultate hätte zweifeln können. Bei den Chriſtinos wurde die Neuigkeit mit Enthuſiasmus aufgenommen. Sie beſetzten ſo⸗ 198 gleich die Wälle, ſteckten Flaggen aus, um ihren Triumph kund zu geben und riefen die Nachricht den Belagerern zu, die ihnen mit der Drohung ant⸗ worteten, daß Alle in der Stadt mit ihrem Leben den Verluſt ihres Führers büßen müßten. Von dieſem Tage an bemerkte man bei dem Feinde eine vermehrte Energie und größeres Selbſt⸗ vertrauen. Sie verſtärkten nicht nur ihre Werke, ſondern machten auch mit überraſchender Heftigkeit mehrere Ausfälle auf die Batterien. Zwar wurden ſie jedesmal zurückgeſchlagen, aber der Muth der Carliſten, der moraliſche Muth, der ebenſo das Herz wie die Hand kräftigt— war dahin, war mit ihrem Anführer zu Grabe getragen worden. „Die Bourbons ſind, wie ich fürchte, ſowohl in Spanien, wie in Frankreich, ein unmögliches Ge⸗ ſchlecht,“ bemerkte Lilini traurig;„ihre Tugenden gereichen ihnen zum Verderben. Morgen verlaſſen wir dieſes Land des Bürgerkriegs.“ Dieſe Worte äußerte er in Gegenwart Harold's, Doctor Curry's und Harry's am Abende des vierten Tages nach dem Hingange El Tio Tomas'. „Wenn ich mich frei ausſprechen darf,“ äußerte der Doctor,„ſo thut mir dieß gar nicht leid. Peter und ich ſind zu alt für einen ſolchen Schauplatz des Bluts und der Metzeleien.“ „In einem Punkte ſind Sie im Jrrthum, Graf,“ ſagte Harold entſchloſſen.„In einem Augenblicke der Gefahr können mein Freund und ich nicht ein⸗ willigen, eine Sache zu verlaſſen, die wir einmal ergriffen haben. Die Ehre verbietet es.“ 199 Als der Doctor dieſe Erklärung vernahm, zuckte er mißbilligend die Achſel. „Es bleibt Ihnen keine andere Wahl,“ erwiderte Lilini. „Wie ſo?“ „Der König ſelbſt entläßt Sie.“ Die Geſichter der jungen Engländer rötheten ſich vor Unwillen über dieſe vermeintliche Belei⸗ digung. „Es war dieß Zumalacarregui's letzte Bitte,“ fuhr Lilini fort,„er wußte, daß nur Dankbarkeit Sie in Spanien zurückhielt, und er ergriff deßhalb den einzigen Ausweg, der Ihr Weggehen vor Ihnen ſelbſt rechtfertigte. Es iſt dieß das letzte Vermächt⸗ niß von El Tio Tomas.“ „Und noch dazu ein recht vernünftiges,“ mur⸗ melte der Doctor. Tom, der dieſe Worte gehört hatte, war ganz derſelben Anſicht. Dreiundfünfzigſtes Capitel. Fünf Tage waren verfloſſen und Bilbao befand ſich noch immer in den Händen der Chriſtinos. Wie der ſterbende Held vorausgeſehen hatte, ſo war das Mißlingen der Unternehmungen Eraro's eben ſo gewiß als ſeine Bravaden zuvor eitel und an⸗ maßend geweſen waren: die Armee ſetzte kein Ver⸗ trauen in ihn, und nur ihre Anhänglichkeit an die 200 Sache des Don Carlos und der heiße Wunſch, den gefallenen Feldherrn, der ſie ſo oft zum Siege ge⸗ führt hatte, zu rächen, hielt die Disciplin und den Geiſt in ihr aufrecht. Die Ueberlegenheit von Zumalacarregui's Genie wurde unmittelbar nach ſeinem Tode peinlich ge⸗ fühlt. Während ſeines Obercommandos dachte Nie⸗ mand entfernt baran ſeine Plane zu kritiſiren; Officiere und Soldaten folgten ihm mit jenem blin⸗ den Gehorſam, der einzig aus dem Vertrauen ent⸗ ſpringt; die Plane ſeines Nachfolgers dagegen wur⸗ den ganz offen beſprochen und zwar nicht allein von Diviſionsgeneralen, ſondern auch von Oberſten und Subalternen, welche ſelbſt auf eigene Verantwor⸗ tung hin manchmal dieſelben änderten oder mo⸗ dificirten. Am ſechsten Tage traf der König aus Durango ein, in der Abſicht das Lager zu inſpiciren und mit eigenen Augen ſich von den Fortſchritten der Bela⸗ gerungsarbeiten zu überzeugen. Die Truppen jauchzten ihm in gewohnter Weiſe zu, als er durch die Linien ritt; aber trotz ſeines Bemühens ſeine Stimmung zu verbergen, gab ſich dennoch auf ſeinen Zügen Muth⸗ loſigkeit und tiefer Kummer kund; auf ſeinem Geſichte lag jener melancholiſche Ausdruck, welcher, wie Manche meinten, das Schickſal der franzöſiſchen und ſpaniſchen Bourbons gewiſſermaßen prophetiſch andeutete. Unmittelbar nach dieſer Inſpicirung fand eine Rathsſitzung im Palaſte ſtatt, dem Miniſter und Generale anwohnten, aber die unbezähmbare Energie, der kräftige Wille, der Genius, der dieſelben ſonſt leitete, blieb dießmal ſtumm. 201 „Meiner Treu!“ ſprach O'Donnel, als er in Geſellſchaft Lilini's und ſeiner jungen Freunde in ſein Quartier zurückkehrte.„Seine Majeſtät ſcheint wahrhaftig ſo ſtumpf, wie ſein Namensvetter Carl V zu ſein, als dieſer ſeinem eigenen Leichenbegängniß beiwohnte.“ „Er hat demſelben beigewohnt,“ bemerkte der Graf ernſt. Seine Begleiter blickten ihn erſtaunt an. „Oder vielmehr dem der ſpaniſchen Monarchie, was für ihn auf daſſelbe hinausläuft,“ fuhr der Graf fort.„Ein König, der ſeine Krone verloren hat, iſt nur ein lebender Leichnam.“ „Verloren!“ wiederholte der Oberſt;„er mußte ſie doch zuerſt beſeſſen haben.“ „Seine Hand war nahe daran,“ erwiderte Lilini; „ſchlimme Rathgeber allein hielten ihn ab ſie zu er⸗ greifen. Wären die Rathſchläge des Verſtorbenen befolgt worden, ſo wären Don Carlos und El Tio nach Madrid gekommen.“ „Er wird deßhalb doch noch hinkommen!“ rief D'Donnel eifrig. Damit endigte die Unterredung. Der Graf gab keine Antwort und dieß ſchien Harold und Harry ein genügender Beweis, daß er die Ausſichten des Fürſten mit dem Obergeneral zu Grabe getragen erachte. Als die Rathsſitzung zu Ende war, in welcher Pläne aller Art, ausführbare und nicht ausführbare, debattirt worden waren, erſchien ein Adjutant, wel⸗ cher an Lilini und bie jungen Engländer die Auf⸗ forderung überbrachte in dem Palaſte zu erſcheinen. 202 „Wer ſagt jetzt noch, daß wir Madrid nicht zu ſehen bekommen werden,“ rief O Donnel ganz ver⸗ gnügt aus.„Der König iſt endlich zur Vernunft gekommen,— hat dem Verrath einen Riegel vor⸗ geſchoben,— wozu es, unter uns geſagt, die höchſte Zeit war. Graf,“ ſetzte er mit einer halb ſcherz⸗ haften, halb ernſten Verbeugung hinzu,„Sie wer⸗ den hoffentlich meine Dienſte nicht vergeſſen, wenn Seine Majeſtät Sie an die Spitze der Geſchäfte ge⸗ ſtellt haben wird.“ „Wenn Ihr Potent als General nicht eher unterzeichnet wird, als bis ich Miniſter bin,“ er⸗ widerte Lilini,„ſo fürchte ich, daß Sie als Oberſt leben und ſterben werden.“ „Das wäre für uns Beide ſchade,“ murmelte der tapfere Soldat.„Aber ob General oder Oberſt, ſo werde ich doch der Sache, welche nach meiner Ueberzeung die gute iſt, und dem armen mißleiteten Fürſten dienen, ſo lange ſeine Fahne auf ſpaniſchem Boden weht, oder er noch einen einzigen Soldaten beſitzt, der ſie vertheidigt.“ Oberſt O'Donnel hielt ſein Wort und kämpfte während des ganzen unglücklichen Feldzugs mit einer Ergebenheit und einem Muthe, die ein beſſeres Schickſal verdient hätten. Als der Verrath Marotto's, der zuletzt das Commando über die carliſtiſche Armee führte und das Gold der Börſeſpeculanten von Lon⸗ don und Paris ſeine Truppen corrumpirt hatte, ſuchte er an der Spitze von einem Dutzend ſeiner Leute, die alle eben ſo entſchloſſen, wie er ſelbſt, waren, den König auf, der auf dem Punkte ſtand, Zuflucht in Frankreich zu ſuchen und erbot ſich den 203 Verräther an der Spitze ſeiner Armee niederzu⸗ ſchießen, wenn Seine Majeſtät deſſen Todesurtheil unterſchreiben wolle. Der wankelmüthige Fürſt ſchlug aber dieſes Anſinnen aus, worauf der tapfere O Donnel in Verzweiflung ſeinen Degen zerbrach. Zehn Tage ſpäter wurde er bei dem Verſuch über die Grenze zu kommen gefangen genommen und von den Chri⸗ ſtinos erſchoſſen, trotz der Convention, welche die engliſche Regierung, die Lord Ellivt zu dieſem Zwecke abgeſchickt, moraliſch garantirt hatte. Dieß war das Schickſal eines ſo tapfern Mannes als je einer ein Schlachtfeld betreten hatte; aber Muth iſt die Eigenthümlichkeit ſeines Geſchlechts. Als Lilini in Harold's und Harry's Begleitung in den Palaſt kam, wurde nur er bei Don Carlos vorgelaſſen, den er in dem möbelloſen, verödeten Zimmer, in einer nichts weniger als beneidens⸗ werthen Gemüthsſtimmung auf⸗ und abgehend traf. Der Monarch hatte, wiewohl zu ſpät, den Fehler einſehen lernen, den er begangen hatte, als er ſei⸗ nen Marſch von Madrid abgelenkt, um die Bela⸗ gerung von Bilbao zu unternehmen. Die Meinungs⸗ verſchiedenheit, der er in den damaligen Raths⸗ ſitzungen Gehör geſchenkt, und die hinterliſtigen Räthe falſcher Freunde hatten ihn beſtimmt. Aber trotz ſeiner ſchwierigen Lage, welche ſelbſt einen ſtärkern Geiſt zu überwältigen im Stande geweſen wäre, hatte er doch ſein Zumalacarregui gegebenes Verſprechen nicht vergeſſen. Wenn ſeinem Charakter auch die Entſchloſſenheit und Entſchiedenheit ſeines berühmten Ahnherrn Heinrichs 1V fehlte, ſo muß zu ſeiner Ehre doch bemerkt werden, daß er ritterlich 204 ſein gegebenes Wort zu halten bemüht war, obgleich es ihn einen großen innerlichen Kampf koſtete, ſich von einem Manne zu trennen, der ihm ſo aufrichtig und uneigennützig gedient hatte. „Sie werden ohne Zweifel errathen haben,“ ſprach er,„aus welchem Grunde ich nach Ihnen ge⸗ ſchickt habe?“ Eine reſpectsvolle Verneigung des Kopfes Lilini's bejahte dieſe Frage. „Sie wünſchen alſo Spanien zu verlaſſen?“ „Schon ſeit Monaten iſt dieß mein ſehnlichſter Wunſch,“ erwiderte Lilini.„Es ſind Umſtände ein⸗ getreten, welche mir Ausſicht eröffnen, daß die Wolke ſich zerſtreut, die mein ganzes Daſein verdunkelte, die mich zum Manne machte, ehe ich noch recht aus den Knabenjahren getreten war, die mir jede Hoff⸗ nung auf das Leben raubte und jede warme Empfin⸗ dung in meiner Bruſt ertödtete.“ „Es ſteht Ihnen frei abzureiſen,“ ſagte Don Carlos, es wird dann nur ein Freund weniger da ſein; allerdings der treueſte und ſchätzbarſte,“ ſetzte er hinzu, als er bemerkte, daß das ſtolze Geſicht des Grafen bei dieſen Worten ein flammendes Roth überzog.„Es war dieß die letzte Bitte eines Mannes, der das Recht hatte, die Dankbarkeit ſeines Sou⸗ verains in Anſpruch zu nehmen.“ „Ich werde bleiben,“ antwortete der Graf feſt, aber achtungsvoll,„bis der Traum— die Hoffnung, wenn Sie wollen— meinen Namen zu reinigen, dem Geſchick entgegen zu treten, das mich verfolgt, vorüber iſt. Ich habe Ihren edelmüthigen Schutz nicht vergeſſen, den Sie dem Flüchtlinge angedeihen 205 ließen, den das Schickſal verfolgte; eben ſo wenig den freiwilligen Eid, den ich leiſtete, als Verräther ſich verſchworen, Sie Ihrer Krone zu berauben, mich Ihrem Dienſte zu weihen. Sie werden mich allerdings dieſes Eides entbinden, aber es muß dieß nach Ihrem freien Willen geſchehen und nicht in Folge einer Verpflichtung, die Sie in einem Augen⸗ blick der Rührung vielleicht gegen einen Andern übernommen haben.“ „Sie bleiben alſo?“ rief der König mit einem Ausdrucke der Befriedigung. „So habe ich mich geäußert, Sir.“ „Und Ihre Treue iſt unerſchüttert?“ Auf Lilini's Geſichte wechſelte Röthe und Bläſſe, als er dieſe ſeine Ehre ſo tief verletzende Zweifels⸗ frage vernahm. „Eure Majeſtät iſt der einzige Menſch, der eine ſolche Frage ungeſtraft an mich zu ſtellen ſich er⸗ lauben darf,“ erwiderte er.„Unerſchüttert! Habe ich nicht hundertmal dem Tode getrotzt, um dieß zu beweiſen?— Meine theuerſten Wünſche ſtillſchwei⸗ gend zum Opfer gebracht?— Habe ich je Macht oder Gunſtbezeugungen aus Ihren Händen verlangt? — Habe ich nicht meinen Entſchluß ausgeſprochen, Verzicht auf den theuerſten Wunſch meiner Seele zu leiſten?— Wäre mein Rath, wären meine Bit⸗ ten befolgt worden, ſäßen Sie nicht in dieſem Augen⸗ blicke auf dem Throne Ihrer Vorfahren? „Wahr— Alles wahr!“— murmelte Don Carlos. „Und doch können Sie an mir zweifeln,“ er⸗ widerte Lilini bitter. 206 „Ein Vorwurf!“ rief der Fürſt im Tone ver⸗ letzten Stolzes. „Nur in dem Falle, wenn Ihr Herz etwas davon weiß,“ rief Lilini.„Ihre frühere Huld und Ihr Vertrauen ſind zu tief in mein Herz gegraben, als daß über meine Lippen ein Wort ſchlüpfen könnte, das zu verletzen oder zu beleidigen im Stande wäre.“ Der Monarch— denn dieſe Bezeichnung kam ihm noch zu, obgleich das Scepter beinahe ſchon ſeinen Händen entfallen war— fuhr fort, noch einige Minuten lang ſtillſchweigend in dem weiten, einſamen Gemache, in welchem die Unterredung ſtatt⸗ gefunden hatte, auf⸗ und abzuſchreiten; mehrmals blieb er einen Augenblick ſtehen und betrachtete den Grafen, der in ſeiner reſpectsvollen Stellung ver⸗ harrte, wie wenn er hätte ſprechen wollen, worauf er jedesmal wieder ſeine Promenade fortſetzte. Endlich hielt er damit plötzlich inne und ſtreckte die Hand gegen den Grafen aus, der auf ein Knie ſinkend, dieſelbe an ſeine Lippen drückte. Es iſt dieß das Siegel auf das Grab meiner neu erwachten Hoffnungen, dachte dieſer, und, trotz ſeiner Feſtigkeit, entglitt ihm unwillkührlich ein Seufzer. Die Kette iſt abermals zuſammen ge⸗ ſchmiedet. Dießmal irrte ſich aber der Graf. Wie ſchwach, unſchlüſſig, ja ſogar ungerecht der Fürſt ſein konnte, ſo war ſein Herz als Freund feſt, rein wie ächtes Gold und den Berührungen der Sympathie eben ſo zugänglich, als die Saiten einer Laute, die durch eine geſchickte Hand angeſchlagen werden. 207 „Lilini,“ ſprach er, mit faſt gerührter Stimme — und es war ſelten, daß ihn dieſe Gemüthsbewe⸗ gung überkam—„hören Sie meine Befehle und vergeſſen Sie nicht, daß dieſe unwiderruflich ſind. Sie und Ihre engliſchen Freunde ſollen Spanien verlaſſen. Ich kann auf keine Einwendung weder von dieſen, noch von Ihnen hören. Ich verbiete Ihnen bei Ihrer Anhänglichkeit und, was noch mehr iſt, bei Ihrer Freundſchaft, eher wieder nach Spanien zurückzukehren, bis ich ſicher auf dem Throne ſitze. Sie ſehen,“ ſetzte er mit melancholiſchem. Lächeln hinzu,„gleich Ihm, deſſen Verluſt wir Beide beklagen, daß ich Sie gegen die Schwäche Ihrer Dankbarkeit wie gegen die meiner Unentſchloſſenheit ſicher geſtellt habe.“ „Sir „Hören Sie mich,“ unterbrach ihn Carlos;„in aris können Sie meinen Intereſſen beſſer dienen, als hier. Ich habe dieſer Tage Nachricht erhalten, daß Deſterreich und Rußland gewillt ſind, die Ga⸗ rantien für die Intereſſen eines Anleihens zu über⸗ nehmen, das für den endlichen Erfolg meiner Be⸗ ſtrebungen ſo unumgänglich nothwendig iſt. Einen Monat früher hätte dieß den Erfolg völlig ſicher geſtellt.“ ſeünt wiſſen dieß Ihre Räthe, Sir?“ fragte ini. 1 „Ja.“ Lilini hörte dieſes Eingeſtändniß mit Bedauern, denn er ahnte, und zwar wohl nicht mit Unrecht, daß mehr als Ein Verräther ſich unter denſelben beſinde. 208 „Kommen Sie dieſen Abend zu mir,“ fuhr der König fort,„und ich werde Sie mit Inſtructionen und Creditiven verſehen. Jetzt aber führen Sie mir Ihre engliſchen Freunde herein.“ Auf eine eben ſo huldvolle, wie ſeiner Würde angemeſſene Weiſe theilte jetzt der unglückliche Mo⸗ narch den beiden tapfern jungen Männern, deren Dienſte ihm ſo nöthig ſeien, mit, daß er ihre erbe⸗ tene Entlaſſung aus der Armee angenvmmen habe. Harold und Harry blickten ihn begreiflicher Weiſe erſtaunt an. „England ſteht auf dem Punkte, ſich an dem Kriege zu betheiligen,“ fuhr deßhalb der König fort, „um meinen Feinden eine Hilfslegion zu ſchicken. Unter dieſen Umſtänden können Sie nicht anders handeln. Nehmen Sie daher das an, was der König von Spanien in dieſem Augenblicke Ihnen allein anzubieten vermag— ſeinen warmen Dank für den Muth und die Ergebenheit, welche Sie für ſeine Sache an den Tag gelegt haben.“ Die jungen Männer verbeugten ſich ſtillſchwei⸗ gend. Die Art und Weiſe ihrer Entlaſſung war ſo ſchmeichelhaft und verbindlich, daß ſelbſt das allerfeinſte Ehrgefühl nichts daran auszuſetzen ver⸗ mochte; überdieß ſehnten ſich Beide ſeit der Ankunft des Doctor Curry im Lager und den Nachrichten, die er mitgebracht hatte, nach England zurück. Daß Tom und Will dieſelbe Sehnſucht hegten, bedarf wohl kaum einer Verſicherung. Es war dieß ihre letzte Audienz bei Don Carlos, und wenn die Freunde auch während des Feldzugs Veranlaſſung gefunden hatten, dieſen der Unſchlüſſig⸗ 209 keit, der Schwäche und des Mangels aller jener Eigenſchaften anzuklagen, welche die Menſchen zu Helden ſtempeln, ſo hatten ſie doch dafür die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß ſein Herz unverdorben war. O⸗Donnel's Leid war groß, als er den bevor⸗ ſtehenden Abgang ſeiner beiden Officiere erfuhr. Anfangs wollte er gar nicht daran glauben. Er meinte, der König müſſe den Verſtand verloren haben, und nur mit Mühe hielt man ihn ab, um Audienz nachzuſuchen, um„reſpectvollſt“, wie er ſich ausdrückte, Gegenvorſtellungen gegen einen ſolchen Wahnſinn zu machen. Der Schmerz des armen Menſchen war aufrichtig. Die Kameradſchaft im Felde— der Marſch durch das Gebirge— der Bivouac— die Nachtwachen bei dem wärmenden Feuer— die gemeinſchaftlichen Gefahren, denen ſie getrotzt und glücklich entgangen waren— alles dieß hatte ein Band der Freundſchaft geſchlungen, das dauerhaft war, weil es aufrichtig war. „Wenn ihr fort ſeid, ſo kann ich nur noch mit halber Seele gegen die ſchuftigen Chriſtinos fechten!“ rief er aus. Mit Tagesanbruch am folgenden Morgen machte ſich die Geſellſchaft, deren Mitglieder die Kleider friedlicher Reiſenden angelegt hatten, auf, um den Weg nach Frankreich anzutreten. Sie beſtand aus Lilini, Harold, Harry und deren beiden Dienern, Doktor Curry, Peter, dem Caſſier und dem Zigeu⸗ ner Jack. Der Letztere ſchien ſich dem Grafen ganz und gar ergeben zu haben, der mit ſeinem gewohn⸗ ten Scharfblick bald die rechten Mittel herniät⸗ Licht⸗ und Schattenſeiten. IV. 210 funden hatte, deſſen Vertrauen zu gewinnen und zu benützen. Vielleicht war es das erſte Mal während ſeines Vagabundenlebens, daß Jack ſich mit Freund⸗ lichkeit behandelt ſah. Bis dahin war Jedermanns Hand gegen ihn aufgehoben geweſen und ſeine Hand gegen Jedermann. Alle waren wohl bewaffnet, und zu weiterer Vorſicht begleitete ſie noch O'Donnel bis nach dem Dorfe Hermandez, zehn Meilen weit, mit einer Abtheilung ſeines Regiments. In derſelben Stunde verließen etwa zwanzig Urbanos, als Bauern verkleidet, das Lager, wurden von den Booten des„Saracen“ den Fluß hinauf geſchafft und in einer beträchtlichen Entfernung von der Belagerungsarmee an's Land geſetzt; in wel⸗ cher Abſicht, wird die Folge zeigen. „Vergeſſen Sie nicht,“ ſprach Harold Tracy, als er O'Donnel Lebewohl ſagte— denn die Stunde des Scheidens hatte geſchlagen—„wenn die Wech⸗ ſelfälle des Krieges ſich gegen Sie kehren, daß Sie Freunde in England beſitzen, deren Heimath die Ihrige ſein muß.“ Der tapfere Soldat vermochte nur durch einen Druck der Hand zu antworten, die er noch immer in der ſeinigen hielt. An die Mannſchaft vertheilte Harold den Inhalt ſeiner Börſe, welche ſeiner Freigebigkeit durch einen militäriſchen Gruß Anerkennung zu Theil werden ließ, und ſodann langſam den Rückmarſch nach dem Lager antrat. „Der Himmel ſegne euch, meine lieben Jungen!“ rief der Oberſt, der hinter ſeinem Detachement zu⸗ rückgeblieben war, bis er es beinahe aus dem Ge⸗ 211 ſicht verloren hatte,„bis wir uns wieder in Eng⸗ land oder Irland treffen. Sehet euch vor, bis ihr aus dieſem unglücklichen Lande hinaus ſeid. Miß⸗ traut Jedem, den ihr trefft, und vertraut nur euern Piſtolen— die verrathen euch nicht; und ſolltet ihr hören, daß O⸗Donnel ein Grab des Soldaten in Spanien gefunden habe, ſo vergeßt ihn nicht.“ „Vergeſſen!“ riefen die jungen Männer,„nim⸗ mermehr!“ „Ich bin es überzeugt und ich war ein Narr, daß ich eine Bitte dieſer Art vorbrachte,“ erwiderte O'Donnel mit mattem Lächeln;„denn die Erinne⸗ rung des Herzens iſt ſtärker, als die des Gehirns. Das meinige taugt nicht mehr viel,“ ſetzte er hinzu im Gefühl, daß die Trennung, je länger ſie hinaus⸗ gezogen werde, um ſo ſchmerzlicher ſich fühlbar mache. „Ich werde demnächſt Capuziner werden. Adieu! Mögt ihr Beide tauſend Jahre leben! wie die Spa⸗ nier ſich ausdrücken, und mir vergönnt ſein, dieß zu ſehen.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte im Galopp ſeinen Leuten nach. Einmal, aber auch nur ein einziges Mal, wandte er ſich um und winkte mit der Hand, eben als eine Wendung der Straße ihm den Anblick der Reiſen⸗ den entziehen mußte. Dieſe gaben ihm ſeinen Gruß durch das Schwenken ihrer Barrets zurück. Sie ſahen ihn nie wieder. Das ſo eben Erzählte hatte ſich vor einer Venta an der Gränze von Navarra zugetragen, einer ma⸗ leriſchen Gebirgsgegend, in welcher der Fremde, ohne einen Führer, in dem S langer, 212 enger Thäler und tiefer Schluchten, aus denen ſich rauhe, gigantiſche Felsblöcke erheben, ſich verirrt und zu Grunde geht. In den nördlichen, an die Pyrenäen ſtoßenden, Theilen ſind die Berge kühner und kecker, als in den ſüdlichen Diſtricten, und an ihrem Fuße von Kaſtanienbäumen oder jener eigenthümlichen Art von ſpaniſchen Eichen eingefaßt, die man encina nennt, deren Eicheln die Bauern zu ihrer Nahrung röſten. In ihrer Mitte ſind dieſe Berge mit Buſchwerk oder bloßem Pfriemenkraut bekleidet, wogegen ihre Spitzen nur nackte Felſen bilden, die ſich in den phantaſti⸗ ſchen Umriſſen zeigen. Einige dieſer Höhen ſind faſt gänzlich unfruchtbar und haben ein ödes Aus⸗ ſehen. Die einſame Hütte eines Schäfers oder eine kleine Kapelle, zu welcher eine Linie von Kreuzen den Weg andeutet, ſind die einzigen Gegenſtände, welche die Aufmerkſamkeit des Reiſenden auf ſich ziehen. Außerdem findet man nur hie und da einen einzeln ſtehenden Baum, welchen der Wind oder ein Blitzſtrahl zertrünmert hat. Im Allgemeinen übri⸗ gens deutet der Boden mehr auf die Gleichgiltigkeit ſeiner Bewohner, als auf Kargheit der Natur; denn es gibt Tauſende von Morgen in dieſen Berg⸗ diſtrikten, welche, wenn man ſie anpflanzte, eine Traube hervorbringen würden, die in dem Glaſe eines Epikuräers zu funkeln würdig wäre und bei Weitem den widerlichſüßen Wein, den man in den fetten Ebenen zieht, übertreffen würden. In eini⸗ gen Theilen beſchattet der immergrüne Erdbeerbaum die Berge mit ſeinem dunklen Blätterwerk, das dem Lorbeer nicht unähnlich iſt und eine Frucht trägt, 213 die der ächten Erdbeere nicht unähnlich, aber un⸗ ſchmackhaft und von betäubender Wirkung iſt. Auf ſolche Weiſe war die Gegend beſchaffen, welche Lilini und ſeine Begleiter durchwandern mußten, ehe ſie die Gränzen von Frankreich erreich⸗ ten. Ihre erſte Sorge war, ſich einen Führer zu verſchaffen, der nicht allein den Weg genau kannte, ſondern auch ein Menſch war, dem man vertrauen konnte. Als man den Eigenthümer der Venta über dieſen Punkt befragte, meinte dieſer, daß dieß ſchwierig ſei, da die meiſten jungen Männer während des Krieges abweſend ſeien, und was die Schleichhändler betreffe, ſo ſei deren Geſchäft wegen des Cordons, den die franzöſiſchen Truppen entlang der Gränze gezogen hätten, in Navarra zu Ende. Er kenne nur Einen, einen Zigeuner, der zuweilen die Pferde ſeiner Gäſte verſorge.„Wahrſcheinlich werden aber Eure Excellenz“— jeder Reiſende in Spanien, der gut bezahlt, erhält dieſes Prädikat—„dieſen nicht wollen,“ fuhr der Wirth fort,„da man ſich auf ſeine Ehrlichkeit nicht zum Beſten verlaſſen kann.“ „Kennt er die Gegend?“ fragte der Graf. „Er ſollte wohl,“ erwiderte der alte Mann mit einem bejahenden Kopfnicken,„denn er hat ſie, ſo viel ich weiß, ſchon mehr als ein Dutzend Mal mit der Brüderſchaft der Hermandad*) durchſtreift. Er iſt aber gerade im Stall; Sie können ihn ſehen und dann ſelbſt urtheilen.“ Wenige Minuten hernach trat Caralan, ſo hieß ) Cine militäriſche Polizei zum Schutz der Straßen. 214 der auf ſo zweideutige Weiſe empfohlene Führer, in das Zimmer. Er war ein großer, kräftiger und unternehmend ausſehender Mann von höchſtens drei⸗ bis vierundzwanzig Jahren, mit einem finſteren Ge⸗ ſichtsausdrucke, der aber mehr Keckheit, als Wild⸗ heit ausſprach. Man konnte ſich unmöglich über den eigenthümlichen Typus ſeines Stammes irren, wenn man ſein wildes, unruhiges Auge, ſein raben⸗ ſchwarzes Haar und den halborientaliſchen Schnitt des Geſichtes ſah, der bündiger, als alle Traditio⸗ nen, den Urſprung ſeines Stammes beweist. Der Eindruck, den ſeine Erſcheinung hervorbrachte, war ein durchaus ungünſtiger. „Trauen Sie ihm nicht, Mylord,“ ſagte Jack, nachdem er ihn ſcharf gemuſtert hatte;„der würde uns für eine Unze Gold mehr, als Sie ihm ver⸗ ſprachen, ſammt und ſonders verkaufen.“ Obgleich dieß auf Engliſch geſprochen worden war, ſo ſchien doch Caralan den Sinn der Worte errathen zu haben, denn er blickte Jack einen Au⸗ genblick lang wild an und gerieth dann etwas in Verlegenheit. Vielleicht war der Verdacht in ihm aufgetaucht, daß der Fremde zu ſeinem eigenen Stamm gehöre. Wenn dieß aber wirklich der Fall geweſen, ſo ſchwand dieſer Argwohn bald wieder. Die Geſellſchaft, in welcher er ihn fand, machte dieſe Vorausſetzung unwahrſcheinlich; denn es traf ſich ſehr ſelten, daß ein Zigeuner mit Leuten, die ein ſeſtes Obdach haben, Freundſchaft ſchloß oder Dienſte bei denſelben nahm, wenigſtens in Spanien, wo man dieſes Volk als Auswurf der menſchlichen Geſellſchaft betrachtet und behandelt. 215 „Glaubſt Du auch, daß er uns um eine Unze als ich ihm zahle, verrathen würde?“ fragte ilini. „Das iſt nicht zu befürchten,“ antwortete Jack, „außer Sie würden ihn ſchlagen.“ „ Der Mann ſprach ſeine Willfährigkeit aus, die Reiſenden an die Grenze zu führen, welche von dem Punkte aus, wo ſie ſich befanden, in fünf Tagen zu erreichen ſei, wie er ſagte. Die Belohnung, die er verlangte, war ſehr mäßig, und nach einer kur⸗ zen Beſprechung mit Harold und Harry wurden ſeine Dienſte angenommen. „Diene uns treu,“ ſagte der Graf,„und die Summe, die Du genannt haſt, ſoll verdoppelt, viel⸗ leicht verdreifacht werden; verſuchſt Du aber uns auf irgend eine Weiſe zu hintergehen, ſo werden wir ſelbſt Gerechtigkeit üben und Dich auf der Stelle niederſchießen. Du ſiehſt, daß wir zahlreich und wohlbewaffnet ſind.“ Der Menſch verſprach Treue, und es wurde nun ſogleich für ihn ein Maulthier von dem Wirthe der Venta erkauft; denn da die Reiſenden alle beritten waren, ſo konnte er unmöglich zu Fuße mit fort⸗ kommen. „Verzeihen Sie mir, Herr Graf,“ bemerkte der Doctor,„ich erlaube mir zwar nicht Ihnen in frem⸗ dem Lande einen Rath ertheilen zu wollen,„ne sutor ultra crepidam;“ aber wenn ich mich nur ein wenig auf Phyſiognomik verſtehe, ſo iſt dieſer Kerl ein ſo großer Schurke als irgend einer im Hochlande herumläuft. Mancher weit ehrlicher aus⸗ ſehende Menſch iſt ſchon an den Galgen gekommen. 2¹6 „Peter!“ fuhr er, gegen den alten Soldaten ſich wendend, fort, der zu ſeinen Piſtolen im Gürtel noch einen Cavallerieſäbel bekommen hatte.„Halte ein wachſames Auge auf Den.“ Der Veteran nickte bejahend zu. Merkwürdiger Weiſe hatte ſeit ſeiner Rückkehr in das Land, in welchem er mehrere Feldzüge mitgemacht hatte, ſein Verſtand und ſeine Selbſtbeherrſchung auf merk⸗ würdige Weiſe ſich verbeſſert. Mehr als Einmal hatte er ſeinen Herrn dadurch in Erſtaunen geſetzt, daß er von ſelbſt eine Unterhaltung angefangen; dieß war aber nur geſchehen, wenn Beide allein waren. Die Reiſenden machten ſich früh am Morgen auf den Weg; ihr Führer, dem die Neuheit des Reitens Spaß zu machen ſchien, ritt auf eine kleine Entfernung von ihnen voraus. Mehrmals während des Tages ſah Lilini ſich genöthigt, ihm Vorſicht anzuempfehlen, als er immer wieder die rohen Me⸗ lodien ſeiner wandernden Stämme zu ſingen an⸗ fing; er that dieß aber, ohne deßhalb Verdacht einer ſchlimmen Abſicht dadurch zu erregen, in⸗ dem man es für eine bloße Gewohnheit hielt, die ihm als Zigeuner abzulegen ſchwer falle. Harry war entzückt über die wilde und maleriſche Schön⸗ heit der Gegend, durch welche man kam; ſein Auge weilte mit der Schwärmerei eines Dichters und Malers auf der ſtets wechſelnden Landſchaft und er machte ſeine Begleiter auf die Eigenthümlichkeiten derſelben aufmerkſam, Harold war aber der Ein⸗ zige darunter, der Theil an ſeinem Entzücken nahm. Der Graf ſchien zu tief in ſeine Gedanken verſun⸗ 217 ken. Der Doctor bemerkte mehr als Einmal ſpöt⸗ tiſch, daß das ſchwärzeſte Moor in Schottland in ſeinen Augen mehr Reize habe, als dieſe wilden Felſen, Flüſſe und Wälder, die gar kein Ende neh⸗ men wollten. Tom und Will ſchienen ganz derſel⸗ ben Anſicht zu ſein, wenn gleich Reſpekt ihre Zun⸗ gen gebunden hielt. Sie hatten auf ihren Reiſen in der Fremde jetzt genug geſehen. Der Erſtere dachte an die hübſche Norah, der Letztere an ſeine alte Mutter und die behagliche Hütte in Alston⸗Moor. Zwei Tage waren ohne den entfernteſten An⸗ ſchein einer Gefahr verfloſſen, und man geſtattete Caralan ſeine Neigung zum Geſang zu befriedigen, ohne daß der Graf ihn daran verhinderte. Es ging auf Mittag und die Reiſenden hatten ſoeben eines jener engen, gewundenen Defilées betreten, welche die Berge Navarra's nach allen Richtungen durch⸗ ſchneiden. Als ſie um eine ſcharfe Ecke der Straße bogen, verließ ein Knabe von etwa vierzehn Jahren ſeine kleine Ziegenheerde, die er hütete, und bat um ein Almoſen. Der Führer erhob im wirklichen oder gekünſtel⸗ ten Zorn ſeine Peitſche, um den Zudringlichen zu ſchlagen. „Halt ein!“ rief Harold, mit dem Pferde zwi⸗ ſchen Beide ſich drängend, um den Schlag aufzu⸗ halten, denn die Erſcheinung des Knaben intereſſirte ihn.„Iſt er nicht von Deinem eigenen Stamme?“ „Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht,“ antwor⸗ tete der Zigeuner finſter. „Du weißt es nicht!“ wiederholte Harold,„und doch möchte man euch faſt für Brüder halten. Noch 218 nie habe ich die charakteriſtiſchen Merkmale ſo klar und deutlich gefunden. Sehen Sie nur her, Harry,“ fuhr er gegen ſeinen Freund gewendet fort,„die⸗ ſelben blitzenden Augen, dieſelben in dichten, lan⸗ gen Locken herabfallenden Haare, wie Murillo ſie ſo gerne malte. Jeder der beiden jungen Männer gab dem Bett⸗ ler ein Zehnrealenſtück, eine größere Summe wahr⸗ ſcheinlich, als er je zuvor geſehen hatte, denn er fing an aus lauter Freude Capriolenſprünge zu machen, die er wahrſcheinlich den Thieren der Heerde, die er hütete, abgelernt hatte. Als er endlich mit ſeinen grotesken Sprüngen aufhörte, flüſterte der Führer einige Worte in der Sprache ſeines Stammes dem Knaben zu, die die⸗ ſer mit einem bejahenden Kopfnicken beantwortete. Jack, der ſo eben mit den Dienern auf dem Platze anlangte, hörte glücklicher Weiſe, was ge⸗ ſprochen worden war, und merkte ſogleich, daß hier Gefahr drohe. „Wir ſind verrathen, Mylord,“ ſprach er leiſe zu Lilini, der ihn ungläubig anblickte. „Ich kenne das Rothwelſch,“ fuhr Jack fort; „es iſt in allen Ländern gleich. Caralan fragte den Knaben, ob die Soldaten ſich auf ihrem Poſten befänden.“ Es war klar, daß die Reiſenden in einer jener kritiſchen Lagen ſich befanden, in welchen man mit Geiſtesgegenwart mehr, als mit Tollkühnheit aus⸗ richtet. Ohne eine Muskel des Geſichts zu verzie⸗ hen, ertheilte der Graf ſeine Befehle. 219 „Verſichere Dich des Knaben,“ ſprach er,„und überlaſſe den Führer mir.“ „Warten Sie,“ erwiderte Jack,„bis Sie ſehen, daß ich ihn am Kragen gefaßt habe. Er iſt behend, wie ſeine Ziegen, und wenn er Verdacht ſchöpft, ſo könnte er leicht entwiſchen, indem er die Berg⸗ wand hinunter rutſcht. Es wäre Schade, wenn man ihn erſchöſſe.“ Dieſe letztere Bemerkung war aber mehr eine Frage, als eine Aeußerung menſchlichen Gefühls. „Thu' ihm ja nichts zu Leid!“ erwiderte der Graf. Jack zog jetzt ein Stück Zwieback und ein halbes Huhn aus ſeiner Satteltaſche und fing an zu eſſen. Der Junge ſah ihm gierig zu.„Biſt Du hungrig?“ fragte Jack. „Ich habe immer Hunger,“ antwortete der Knabe. Jack hielt ihm etwas von ſeinem Imbis hin; aber kaum hatte der Junge das Dargereichte in Empfang genommen, als die Hand, welche die Wohlthat ausgetheilt hatte, ihn an ſeiner zerriſſenen Jacke faßte, in die Höhe hob und ihn wie einen Waarenballen vorne über den Sattel legte. Zu gleicher Zeit ergriff Lilini den Zügel von des Füh⸗ rers Maulthiere und drückte dieſes gewaltſam mit⸗ ten unter die Gruppe der Mitreiſenden. „Wenn Du nur einen Laut von Dir gibſt,“ raunte Jack ſeinem ſich ſträubenden Gefangenen zu, „ſo drehe ich Dir mit eben ſo viel kaltem Blute, wie einem Feldhuhn, den Kragen um.“ Dieß wurde auf Rothwelſch geäußert. Kaum hatte der Zigeuner dieſe Töne gehört, als er ſo⸗ gleich einſah, daß ſein Verrath entdeckt ſei; er bat 220 flehentlichſt um Gnade und verſprach zur Sühne ſeines Verraths die Reiſenden zu retten. Er habe ſie nicht hintergehen wollen, aber die Urbanos hät⸗ ten ihn dazu genöthigt. „Ich traue keinem Verräther,“ bemerkte der Graf ſtreng, deſſen Piſtol in höchſt unheimlicher Nähe des Sünders ſich befand.„Ich habe Dich zuvor gewarnt, als ich Dich als Führer engagirte.“ „Schonen Sie ihn, wo möglich,“ rief Harold aus.„Ich kann es nicht zugeben, daß Ihre Hand mit ſo unedlem Blute ſich befleckt.“ „Es gibt für Dich einen Ausweg, aber nur einen einzigen, Dein elendes Leben zu retten. Antworte mir aufrichtig, denn bei der erſten Lüge ſchwirrt die Kugel durch Dein Gehirn: wo ſind die Sol⸗ daten aufgeſtellt?“ i„In der Schlucht, drei Meilen rechter Hand von ier⸗“ „Wie viele ſind es?“ „Siebenundzwanzig.“ Der Zigeuner Jack hatte dieſelbe Frage zuvor ſchon an den Knaben geſtellt, und es fand ſich, daß ihre Antworten übereinſtimmten. „Er ſpricht die Wahrheit, Mylord,“ ſagte er. „Dieſer junge Teufelsbraten hat mir dieſelbe Ant⸗ wort gegeben.“ „Und auf welche Weiſe meinſt Du, daß wir ſie vermeiden können?“ Der zitternde Verräther theilte nun mit, daß etwa eine Meile von hier zur linken Hand eine tiefe Schlucht ſich befinde, welche die Gegend meh⸗ rere Stunden weit durchſchneide und zu der man 221 nur über eine leichte, ſchmale Brücke, aus bloßen Baumſtämmen zuſammengefügt, gelangen könne. Sobald man dieſe hinter ſich habe, könne man ſie leicht zerſtören und die Verfolgung des Feindes um ſo eher unmöglich machen, als dieſer nicht ſo gut beritten ſei, als wie die Reiſenden. Es war dieß ein höchſt unſicherer Ausweg, aber er bot wenigſtens einige Ausſicht auf Erfolg, und ſo beſchloſſen die Reiſenden nach einer kurzen Beſprechung, dem Rathe des Führers zu folgen und die Weiterreiſe ſogleich anzutreten. Der Führer ritt zwiſchen Harold und Harry und zeigte den Weg. Sobald die Schlucht paſſirt war, ſtiegen Alle ab; der Zigeuner und ſein Verbündeter wurden mit Stricken an einander gebunden, um ihr Entwiſchen unmöglich zu machen, und es wurde ſogleich zur Zerſtörung der Pfeiler der Brücke Hand angelegt. In dieſem kritiſchen Augenblicke erwies ſich die her⸗ kuliſche Körperkraft Will's mit dem Knittel als ganz unſchätzbar. Der treue Menſch rüttelte an den Fich⸗ ten und Eſchenſtämmen ſo lange, bis er einen nach dem andern aus ſeiner Lage brachte. Die Arbeit war nahezu vollbracht, als Jack plötzlich ausrief: „Man verfolgt uns!“ Sein ſcharfes Ohr hatte die Huftritte der Pferde gehört. „Sie ſind ihrer zwanzig,“ bemerkte der Graf gelaſſen;„eine große Ueberzahl. Jetzt müſſen wir uns auf unſere Waffen anſtatt auf Kriegsliſt ver⸗ laſſen.“ Alle verbargen ſich hinter einem ſchützenden Fel⸗ ſen oder in dem dichten Unterholze, welches den Rand des Abgrunds einfaßte, den Finger auf dem 222 Drücker der Piſtolen, bereit zu feuern, ſobald das Zeichen gegeben würde. Man brauchte nicht lange zu warten, denn wenige Minuten darauf kamen die Urbanos angeritten; es erfolgten ſieben Schüſſe und eben ſo viele Sättel wurden leer. Die Uebrigen rückten vor; fünf befanden ſich bereits auf der wankenden Brücke, als dieſe mit lautem Krachen zuſammenſtürzte. Die Ueberleben⸗ den, entſetzt über das Schickſal ihrer Cameraden, feuerten ihre Waffen auf's Gerathewohl ab und entflohen. „Willie,“ ſagte der Arzt, dieſem vertraulich auf ſeine breiten Schultern klopfend,„Du haſt mich heute für die vielen verletzten Schädel bezahlt, auf die ich Pflaſter gelegt habe, von den Beinen gar nicht zu ſprechen, die ich einrichtete. Es iſt wahr⸗ haftig was Schönes darum, die Kraft eines Rieſen und dazu das Herz eines Mannes, dieſelbe zu be⸗ nützen, zu beſitzen. Ein tiefer Seufzer unterbrach die Freunde, welche ſich gegenſeitig Glück wünſchten, der gemeinſchaftli⸗ chen Gefahr entgangen zu ſein. Den verrätheriſchen Führer hatte das Schickſal erreicht, das er ſo reich⸗ lich verdient hatte. Eine Kugel von einem der flie⸗ henden Soldaten abgeſandt, hatte ihn in die Seite getroffen und den erſchrockenen Knaben, der mit ihm zuſammengebunden war, mit Blut bedeckt. Trotz ſeiner Schurkerei wollte man ihn doch nicht in ſeinem jetzigen Zuſtande zurücklaſſen. Der Doc⸗ tor unterſuchte deßhalb die Wunde, die er jedoch ſogleich als tödtlich erkannte. „Er hat nur noch wenige Minuten zu leben,“ ſprach erz„ erſticken.“ Der Sterbende, deſſen ſtiere Augen ängſtlich auf den Arzt gerichtet waren, während dieſer die Wunde unterſuchte, errieth das Gewicht ſeiner Worte und ſeufzte ſchwer. Mehrmals verſuchte er zu ſpre⸗ chen, aber es kam nur ein dumpfer, gurgelnder Ton über ſeine Lippen. In ſeiner Verzweiflung und Wuth warf er ſich auf den Boden und preßte krampfhaft ſeinen Hals zuſammen, wie wenn er damit das fließende Blut hätte zurückdrängen wol⸗ len, das aus ſeinem Munde zu quellen anfing. Plötzlich ſprang er auf die Beine, ſtieß einen lau⸗ ten Schrei aus und ſtürzte dann todt zuſammen. Es dauerte ziemlich lange, bis es gelang, den Schmerz und die Angſt des Knaben zu beſchwichti⸗ gen, der, wie Harold Tracy vermuthet hatte, nun bekannte, ein Bruder des getödteten Führers zu ſein. Nachdem man ihn aber verſichert hatte, daß ihm kein Leid geſchehen ſolle, wurde er nach und nach ruhig und verſicherte Lilini auf deſſen Befra⸗ gen, daß er ſelbſt die kleinſten Seitenwege nach der Grenze ſo genau kenne, wie der älteſte Mann ſei⸗ nes Stammes. „Geleite uns ſicher,“ ſagte der Graf,„und wir werden Dich gut belohnen. Ich will für Deine künftige Exiſtenz ſorgen. Anſtatt gejagt zu wer⸗ den wie eine wilde Katze in den Bergen, anſtatt verhöhnt und geſchlagen zu werden, wenn Du Dich in ein Dorf oder in die Nähe menſchlicher Wohnun⸗ gen wagſt, ſollſt Du ein ehrlicher und geachteter Menſch werden.“ die Blutergießung nach Innen wird ihn 224 „Ich haſſe All, die in Häuſern wohnen,“ er⸗ widerte der Knabe. „Aber nicht ihre Bequemlichkeiten,“ warf Jack ein, in ſeiner gewohnten Sprache mit ihm redend. „Ihr funkelndes Gold, ihren prächtigen Wein, ihr weißes Brod, ihre ſchönen Kleider und flüchtigen Pferde.“ „Dieſe liebe ich allerdings,“ murmelte der Knabe lächelnd. „Und willſt Du uns treulich geleiten?“ Ja Er hielt Wort. Auf ſeines Bruders Maulthier geſetzt, ritt er an der Spitze der Reiſenden, die drei Tage hernach die Grenze überſchritten. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Lilini, als ſie an den Pfählen vorüberkamen, wir ſind wieder in Frankreich.“ „Und in einem civiliſirten Lande,“ ſetzte der Doctor hinzu,„das heißt, wenn man ein Land civi⸗ liſirt heißen kann, in welchem Fröſche eine Delica⸗ teſſe und Hafergrütze und Ale*) unbekannt ſind.“ Vierundfünfzigſtes Kapitel. General von Curcie, der blinde Krieger des Kaiſerreichs, mit dem wir unſere Leſer in einem frühern Abſchnitte unſerer Erzählung bekannt ge⸗ macht, war reich und kinderlos. Eine natürliche Folge davon war, daß ſeine ſämmtlichen Verwand⸗ ²) Das bekannte engliſche Bier. ten eiferſüchtig auf den Einfluß ſeiner immer noch ſchönen Frau waren, deren Ergebenheit dem un⸗ würdigen Wunſche, ſein ganzes Beſitzthum zu erben, zugeſchrieben wurde. Die Verehrung, mit der ſie zu ihm aufblickte, die geduldige Anmuth, mit wel⸗ cher ſie ſeit Jahr und Tag ſeine Einſamkeit zu er⸗ heitern ſuchte, erſchienen dieſen vorurtheilsvollen Gemüthern nicht anders, als eine wohl ausgeſon⸗ nene Rolle, durch die ſie am ſicherſten zu ihrem Ziele zu gelangen hoffen konnte. Es war deßhalb kein Wunder, daß man ſie fürchtete und haßte. Der Vicomte Alfred von Migniot, der Sohn der einzigen Schweſter des Generals, war lange daran gewöhnt geweſen, ſich als den Erben ſeines Onkels zu betrachten, und als die Geſundheit des Veteranen ſichtbar zu wanken anfing, zeigte er ſich unermüdlich in ſeinen eigennützigen Aufmerkſam⸗ keiten. Er hatte Capitän Helsman's Anerbieten ſo wenig vergeſſen, wie deſſen Winke hinſichtlich der Juwelen und die noch weit bedeutungsvolleren Andeutungen über Fehltritte, welche die Generalin Zeiten ſich habe zu Schulden kommen aſſen. Wir haben geſehen, wie das Attentat auf das Leben Lord Charles Murray's Lilini in den Stand geſetzt hatte, des Capitäns Abſicht zu vereiteln, den Ruin der Baronin durch den Verkauf der Beweis⸗ ſtücke der vermeintlichen Schwachheit der Tante an den ſpeculirenden Neffen zu vollenden. Obgleich aber dieſe Abſicht fehlgeſchlagen, ſo hatte der edle Vicomte doch einigen Aufſchluß über deren Vergan⸗ genheit erhalten und er ſuchte dieſen Umſtand mög⸗ Licht⸗ und Schattenſeiten. 1V. 15 2 226 lichſt zu ſeinem Vortheile auszubeuten. Die etwas geſchwächte Geiſteskraft ſeines Verwandten kam ihm dabei zu Statten, und er benützte dieſen Umſtand, um verdeckte Winke über die Treue ſeiner Frau fallen zu laſſen, und dabei zu bemerken, wie leicht es für eine Frau ohne Grundſätze ſei, einen Gat⸗ ten zu hintergehen, der von der Vorſehung auf eine Weiſe, wie er, heimgeſucht worden ſei. Anfangs wurden dieſe Einflüſterungen mit zor⸗ niger Ungeduld, wenn nicht gar mit Unwillen auf⸗ genommen; nach und nach aber wurden ſie ange⸗ hört und, wenn ſie auch nicht gerade Glauben fanden, ſo blieb doch etwas davon haften. Die Stimmung des Generals wurde reizbar und die ruhige Gelaſſenheit, die unermüdliche Freundlich⸗ keit der Frau von Courcie, Eigenſchaften des Her⸗ zens, welche an und für ſich ſchon die unwürdigen Einflüſterungen hätten Lügen ſtrafen ſollen, wurden ihrer Furcht zugeſchrieben und für einen Beweis des ſchlechten Gewiſſens gehalten. Unglücklicher Weiſe tauchten Erinnerungen in dem grauſam getäuſchten Gatten auf, die ihn gläu⸗ biger ſtimmten, als er es unter andern Umſtänden geweſen wäre. Adelaide hatte ihm offen mitge⸗ theilt, als er um ihre Hand angehalten, daß ſie einen Andern geliebt habe und daß ihr Herz mit in deſſen Grab geſenkt worden ſei. Zur Zeit, als die edle Frau dieſes Geſtändniß gemacht, war es ohne die mindeſte Abſicht zu täuſchen geſchehen. Hätte ſie damals entfernt geahnt, daß der Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe noch am Leben ſei, ſo würde ſelbſt der ſtrenge Befehl ihres Vaters, des Ober⸗ 227 ſten Hardy, ſo ſehr ſie dieſen auch fürchtete, ſie nicht vermocht haben, des Generals Gattin zu werden. Nachdem die Eiferſucht und der verwundete Stolz des alten Kriegers genugſam aufgeſtachelt waren, deutete Alfred von Migniot auf die Befrie⸗ digung hin, die ſeine Tante fühlen müſſe, wenn ſie einmal als reiche Wittwe hinterlaſſen werde. Es war dieß ein ſehr zarter Punkt, und wenn der Onkel nicht in einem höchſt aufgeregten Zuſtande ſich befunden hätte, in den ihn ſeine im höchſten Grade verletzten Gefühle verſetzt hatten, ſo wäre das niedrige Motiv ſogleich erkannt worden. „Ich will ſie als Bettlerin zurücklaſſen!“ rief der blinde Mann leidenſchaftlich.„Kannſt Du es glauben: in meinem thörichten Vertrauen— in meiner unbegrenzten Liebe zu ihr,— im Vertrauen auf ihre Scheintugend habe ich ihr Alles, was ich beſitze, vermacht! Es iſt aber noch nicht zu ſpät, ſie zu beſtrafen.“ Hätte der Blinde den Ausdruck des Geſichts ſeines Neffen ſehen können, als derſelbe dieſen Aus⸗ ſpruch vernahm, ſo hätte es für ihn keiner weiteren Beweiſe für die Ränke, die man gegen ihn an⸗ wandte, bedurft. „Geh' morgen zu meinem Notar,“ fuhr er fort. „Es drängt nicht ſo ſehr,“ bemerkte der Vicomte mit freudigem Lächeln;„Sie können ja noch zu⸗ warten.“ „Keinen Tag, keine Stunde länger,“ erwiderte der General.„Wenn ich auch meine Ehre nicht zu beſchützen vermag, ſo kann ich ie mein 228 . Vermögen gegen ihre Abſichten ſichern. Ich ver⸗ biete Dir, ohne den Notar vor mir wieder zu er⸗ ſcheinen. Mein Entſchluß ſteht unwiderruflich feſt.“ Dieſe Unterredung fand Abends ſtatt, und der Verläumder entfernte ſich unmittelbar darauf. Frau von Courcie hatte mit zunehmender Angſt die Entfremdung ihres Gemahls wahrgenommen und deren Urſache nur zu richtig errathen. Es war nicht die Befürchtung, daß deſſen Glücksgüter ihr entgehen werden, die ſie mit Betrübniß erfüllte, denn in ihrem edlen Herzen war kein Raum für niedrige Speculationen, ſondern es war der Verluſt ſeines Vertrauens und ſeiner Achtung, der ſie auf⸗s Tiefſte ſchmerzte. Sie beſaß keine Freunde, die ihr mit Rath und Hilfe hätten an die Hand gehen können, und ihre Lippen waren ſtumm über eine Vergangenheit, in der ſie zwar keine Schuld traf, ſ. die aber ſich auszuſprechen es ihr an Muth ehlte. Wie häufig trifft es ſich, daß die Nacht beſſern Rath bringt! Während der ſchlafloſen Stunden, welche der General von Courcie hinbrachte, fand die⸗ ſer Zeit, nicht allein die Anklagen, die man gegen ſeine Gemahlin vorgebracht hatte, zu erwägen, ſon⸗ dern auch den Charakter der Frau, die er des Ver⸗ mögens zu berauben und im Falle ſeines Todes hilflos in der Welt zurückzulaſſen auf dem Punkte ſtand, noch einmal einer genauen Prüfung zu unter⸗ ziehen. Die Anklagen gegen ſie ſtützten ſich ent⸗ fernt nicht auf einen Beweisgrund,— ihr Charak⸗ ter hatte ſich ſtets in dem beſcheidenſten, edelſten und ſiebevollſten Lichte gezeigt. Kein Wunder alſo, 229 baß er die Frage an ſich ſtellte, ob er nicht einen zu raſchen Entſchluß gefaßt habe. „Der größte Verbrecher darf nicht ungehört ver⸗ urtheilt werden,“ murmelte er vor ſich hin;„ich will morgen früh mit Adelaide ſprechen. Zwar kann ich allerdings ihr Erröthen, ſei es aus Scham, oder aus Unſchuld, nicht ſehen, aber der Ton ihrer Stimme wird mir verrathen, ob ſie ſich ein Un⸗ recht gegen mich hat zu Schulden kommen laſſen, oder nicht. Dieſem will ich vertrauen.“ Wenn ihm dann wieder eiüfiel, daß ſeine Frau die Andeutungen und Vorwürfe angehört habe, welche auf ihr Betragen abzielten, ſo ſtellte ſich ſein Verdacht mit verſtärkter Macht wieder ein und er klagte ſich der Schwäche an, daß er einer blinden Hoffnung ſich hingebe und gegen ſeine beſſere Ueber⸗ zeugung noch vertraue. Nichtsdeſtoweniger hielt er ſeinen Entſchluß auf⸗ recht, und als am folgenden Morgen ſeine Ge⸗ mahlin in ſeinem Gemache erſchien, um nachzufra⸗ gen, wie er die Nacht zugebracht habe, traf ſie ihn in ſeinem Stuhle ſitzend, aber nicht aufgeregt und ungerecht, wie er in der letzten Zeit ſo häufig ge⸗ weſen war. „Sie befinden ſich beſſer,“ rief ſie erfreut über dieſe Veränderung aus.„Ich bin überzeugt, daß es Ihnen beſſer geht. Oder iſt es nicht ſo?“ „Reichen Sie mir die Hand, Adelaide.“ Sie legte ſie in die Hände des Generals, der ſie zugleich freundlich auf die Stirne küßte. Es iſt vielleicht das letzte Mal, dachte er. So 230 viel für die menſchliche Schwäche, der wir Alle mehr oder weniger unſern Tribut bezahlen. „Ich befinde mich beſſer,“ verſetzte er in Er⸗ widerung ihrer Frage;„ich fürchte aber, daß es das letzte Aufflackern, das Aufhören der Schmerzen iſt, das dem Ende vorangeht, und gewiſſermaßen ein Mahnungszeichen iſt, daß wir von dem ſcheiden müſſen, was uns im Laufe der Zeit theuer ge⸗ worden iſt. „Sprechen Sie doch keine ſo traurigen Worte,“ unterbrach ihn ſeine Gattin,„ich weiß ja, daß wir Alle ſterben müſſen.“ „Alle,“ wiederholte der General feierlich,„dann werden auch die Geheimniſſe aller Herzen offen⸗ kundig— der Schleier des Betrugs wird gelüftet — die Maske fällt von dem heuchleriſchen Antlitz. Wie manches Herz, das jetzt noch in ſeinem Ver⸗ trauen glücklich iſt, findet dann, daß ſein Glück eine bloße Täuſchung war und trauert über die Irr⸗ thümer und Schwächen eines Weſens, das es am meiſten liebte.“ „Sehr wahr,“ antwortete Adelaide nachdenklich. „Zwiſchen uns Beiden fand aber eine Täuſchung dieſer Art nicht ſtatt,“ fuhr der blinde Mann mit bewegter Stimme fort.„Sie haben nie mit dem Namen geſpielt, der Ihrer Ehre anvertraut wurde. Sie haben nie das Unglück des Mannes, der Sie liebte und Ihnen vertraute, mißbraucht, indem Sie auf ſeine Stirne das Brandmal der Schande drück⸗ ten? Nein, nein; es wäre zu gräßlich, zu ſchlecht, — unmöglich! Die Frau des Generals von Courcie iſt eines ſolchen Verraths unfähig.“ 231 „Sie wiſſen, daß ſie es iſt,“ verſetzte Adelaide mit ruhiger Würde. „Sie haben mich nie hintergangen?“ „Nie.“ Der Verdacht des Gatten fing an zu ſchwinden; noch einen Augenblick und er hätte ſie an ſein Herz gedrückt. „Auch nichts vor mir geheim gehalten, Adelaide?“ fragte er weiter.„Beantworten Sie mir dieſe Frage bloß zu meiner vollkommenen Beruhigung. Sie erſchrecken! Ihre Hand zittert in der meinen. Iſt denn Alles wahr? Alles wahr, was ich zu glau⸗ ben nicht vermochte,“ fuhr er bitter fort,„und die Ehre, welche die Feinde meines Vaterlandes nicht zu beflecken vermochten, iſt durch eine Frau beſchimpft.“ „Womit habe ich dieſen ungerechten Verdacht verdient?“ rief die Generalin aus, mit Mühe ihre Thränen unterdrückend.„Iſt er Ihrer oder mei⸗ ner würdig? Als Sie mir antrugen, Ihren Namen mit mir zu theilen, ſagte ich Ihnen, daß meine Liebe einem Andern gehört habe.“ „Und daß dieſer todt ſei,“ unterbrach ſie der General;„war dieß wahr?“ „Ich glaubte es.“ „Sie glaubten es!“ wiederholte ihr Gemahl wüthend.„Jetzt iſt mir Alles klar. Schlange— Geſchöpf ohne Scham und Erröthen— die Dunkel⸗ heit meiner Augen iſt auf mein Herz gefallen. Verlaß mich, damit ich nicht aus Entrüſtung über das Gefühl meiner verletzten Ehre vergeſſe, daß Du ein Weib biſt.— Geh mir aus dem Geſicht 232 und nimm mit Dir den Fluch des vertrauensvollen Thoren, den Du hintergangen haſt!“ „Nein, nein!“ ſtöhnte das unglückliche Weſen, auf die Kniee ſinkend,„Sie thun mir Unrecht: bei Allem, was dem Herzen heilig iſt, Sie thun mir Unrecht. Ich bin ſchuldlos.“ General von Courcie wiederholte das Wort „ſchuldlos“ mit verächtlichem Lachen und wies nach der Thüre, welche in demſelben Augenblicke geöff⸗ net wurde, indem Graf Lilini unter derſelben erſchien. Dieſer errieth ſogleich, welcher Art die Scene geweſen, die durch ihn unterbrochen worden war, und indem ér in das Zimmer hereinſchritt, hob er Adelaide aus ihrer flehenden Stellung auf. „Gehen Sie,“ flüſterte er ihr zu,„und laſſen Sie mich mit Ihrem Gemahl allein.“ „Wer ſprach?“ fragte der entrüſtete Mann. „Ihr Freund Lilini.“ „Lilini?“ wiederholte der Blinde.„Ja, ja, Sie ſind ein Freund. Wären auch Wahrheit und Ehre gänzlich von der Welt entwichen, ſo würden ſie doch noch einen Zufluchtsort in dieſem männ⸗ lichen Herzen finden.“ „Und doch könnte es dahin kommen, daß Sie ſelbſt an mir zweifeln,“ bemerkte der Graf, der, nachdem er Frau von Courcie bis an die Thüre geleitet hatte, wieder zurückgekehrt war. „Unmöglich!“ rief der General aus;„ſelbſt die Warnung eines Engels vermöchte meinen Glauben an Ihre Ehrenfeſtigkeit nicht zu erſchüttern. Freund! Bruder! Lebensretter! Sie ſind gerade in einem Augenblicke angekommen, in welchem Ihre Anwe⸗ * 233 ſenheit am allernothwendigſten war. Die Frau, welche Sie zu meinen Füßen knieen ſahen—“ „Ihre Gemahlin—“ fiel ihm Lilini in's Wort. „Hat mich entehrt.“ „Hätte irgend eine andere Zunge dieſe Verläum⸗ dung ausgeſprochen,“ verſetzte Lilini,„ſo würde er es mit ſeinem Leben zu verantworten gehabt haben. Sie iſt die Reinheit ſelbſt.“ „Aber Sie wiſſen nicht—“ „Ich weiß Alles,“ unterbrach ihn der Graf— „wie argliſtig Sie von einem gemeindenkenden Neffen hintergangen worden ſind, deſſen Abſichten auf Ihr Vermögen gerichtet ſind— wie ſchwach Sie waren, dieſem Eindrucke nachzugeben— wie grauſam Sie gerichtet haben! Hören Sie mich an: es iſt Zeit, daß ich ein Geheimniß aufdecke, welches, wie ich ſo eben ſagte, Sie ſelbſt an mir zu zweifeln veranlaſſen kann.“ „An Ihnen zu zweifeln?“. „Ich war achtzehn Jahre alt, als ich Ihts Gemahlin kennen lernte. Fahren Sie nicht auf; Sie ſollen Alles erfahren. Ich würde ſelbſt dem Himmel kein freieres Geſtändniß ablegen, als Ihnen. Wir liebten uns. Sie wiſſen, was dieſes Wort in Herzen, wie die unſrigen, die nur Unſchuld und „Wahrheit kannten, zu bedeuten hat. In jener Cpoche meines Lebens hing ich von einem ältern Bruder ab, den man unkluger Weiſe zum Vormunde mei⸗ nes kleinen Vermögens beſtellt hatte. Ich wagte nicht, ihn um ſeine Einwilligung zu meiner Ver⸗ mählung anzugehen, da ich ganz gewiß wußte, daß er nicht nur eine abſchlägige Antwort ertheilen, 234 ſondern auch den ſtrengen Vater Adelaidens von unſerer Liebe unterrichten würde. Ich vertraute mich einem Freunde an, der zu einer heimlichen Vermählung rieth. Sie fand Statt; er ſorgte für die Licenz und den Geiſtlichen.“ „Was höre ich!“ rief der General ganz außer ſich vor Erſtaunen.„Will denn die Hölle ſich über mich luſtig machen!“ „Geduld, alter Krieger,“ fuhr Lilini freundlich fort,„das Uebrige wird bald erzählt ſein. Der Freund, dem ich ſo blindlings vertraute, war ein unglücklicher Nebenbuhler. Die Licenz, die er mir verſchafft hatte, war gefälſcht, der Geiſtliche ein Betrüger. Voll Unwillen über dieſe Entdeckung warf ich ihm und meinem Bruder, der, wie es ſcheint, in Uebereinſtimmung mit ihm handelte, ihren beiderſeitigen Verrath vor. Es erfolgte ein Kampf — ein Schuß wurde abgefeuert und mein falſcher Bruder ſiel.— Ich beſaß Freunde, die mich vor den Verfolgungen, die alſogleich begannen, in Sicherheit brachten, denn es war ausgeſprengt wor⸗ den, ich hätte durch Brudermord mich in den erb⸗ lichen Beſitz der Herrſchaft unſerer Voreltern ſetzen wollen. Da ſchon lange böſes Blut zwiſchen uns beſtanden hatte, ſo wurde die Geſchichte allgemein geglaubt, mit Ausnahme eines Mannes, der Zeuge des ganzen Vorfalles geweſen war. Er wagte es, meine Unſchuld zu betheuern und bezahlte mit ſeinem Leben ſeine Unbeſonnenheit. Er wurde ermordet.“ „Und Ihr Bruder?“ „Blieb am Leben und wurde Gatte und Vater. Mein Tod wurde allgemein geglaubt. Adelaide —————— 235 ertrug ihren Schmerz in der Stille. Sie lernten ſie kennen, Sie trugen ihr Ihre Hand an und wurden, was ich einſt ſo ſehnlich zu werden gewünſcht hatte— ihr Gatte.“ „Und doch wußte ſie, daß ſie getäuſcht worden war,“ bemerkte der General bitter. „Sie erfuhr es erſt viele Jahre hernach“— erwiderte Lilini,„ſonſt würde ihr ſtrenges Ehrge⸗ fühl ſie veranlaßt haben, Alles zu geſtehen. Haben Sie vergeſſen, wie entſchieden ich eine Einführung in Ihre Familie abgelehnt habe?— wie ungern ich Ihrem wiederholten Andringen endlich nachgab? Ein peinlicher Schritt war nöthig, um Adelaide in Kenntniß zu ſetzen, daß ich noch lebe, und ihr das Geheimniß zu erklären, das ſie geſetzlich zu Ihrer Frau machte.“ „Aber ſeitdem—“ brachte der General mühſam hervor. „Seitdem,“ wiederholte der Erzähler dieſer trau⸗ rigen Ereigniſſe,„iſt ſie mir nichts weiter als eine Schweſter geweſen.“ Der General wiederholte dieſes Wort in zwei⸗ felndem Tone. „Mann!“ rief Lilini leidenſchaftlich aus,„be⸗ ſitzen Sie weder Herz, noch Verſtand?— Sind beide der Ueberzeugung verſchloſſen? Dieſer unedle Verdacht nöthigt mich, Ihnen die Veranlaſſung in's Gedächtniß zurückzurufen, die uns in Toulouſe zu Freunden machte. Als Sie dort nach der Charge der britiſchen Cavallerie verwundet und hilflos liegen geblieben waren, wer ſchleppte Sie dort, ohne Rück⸗ ſicht auf die eigene Gefahr, von den Haufen der Getödteten weg und rettete Ihr Leben? Hätte ich nur einen Augenblick gezögert, ſo wäre das Hin⸗ derniß zwiſchen mir und der Frau, die ich einſt wahnſinnig geliebt, gehoben geweſen. Die Ehre forderte mich aber auf, zu handeln, denn Sie waren Adelaiden's Gemahl.“ „Wahr, ſehr wahr!“ „Hätte ein Bruder Sie ſorgfältiger pflegen, ge⸗ duldiger über Ihrem Krankenlager wachen können, als ich, dem Sie jetzt mißtrauen? Was wir doch für Träumer ſind!“ fuhr Lilini bitter fort.„Mit all meiner Erfahrung hinſichtlich der Undankbarkeit der Welt bildete ich mir in meiner Schwäche doch ein, daß es noch einen Mann gebe, der, ohne ſich durch Leidenſchaft oder Schwäche beeinfluſſen zu laſ⸗ ſen, fähig wäre, einen Freund zu ſchätzen.“ „Vergeben Sie mir, Lilini,“ ſprach der General, auf's Tiefſte ergriffen;„ich bin durch Krankheit ſchwach geworden; mein Herz iſt durch das Gift, das ihm eingeträufelt wurde, in einem ganz unna⸗ türlichen Zuſtande. Mein Vertrauen iſt unerſchüt⸗ tert. Hier meine Hand. Wenn Sie ſie ergreifen können, thun Sie es, und der letzte Zweifel wird dadurch aus meinem Gemüth verſchwinden.“ Im nächſten Augenblicke hielten ſich die beiden Männer in herzlicher Umarmung umfaßt. „Wo iſt meine Frau?“ fragte der General. Der Graf zog zweimal die Glocke und Frau von Courcie trat langſam in das Zimmer. Es war das zwiſchen ihrem Vertheidiger und ihr ver⸗ abredete Zeichen. Ihre Aufregung war ſo groß, daß ſie gegen den Stuhl, auf welchem ihr Gemahl 3 5 A 237 ſaß, mehr wankte, als zuſchritt und dort auf ihre Kniee ſank. „Nicht hier,“ ſtammelte der blinde Mann, ſie zu ſich emporziehend,„ſondern an mein Herz, da iſt Ihr Platz!“ „Sie wiſſen Alles,“ ſtammelte die Baronin. „Alles,“ wiederholte der General. „Und vergeben mir mein Stillſchweigen?“ Ein Kuß war das Siegel der Verſöhnung. Der Graf ſah dieſe Scene ohne Pein mit an; denn er hatte die Wahrheit geſagt, daß die einſt ſo heiß verehrte Adelaide jetzt nur noch eine Schweſter für ihn ſei. Mit einem Lächeln der Beftiedigung ve⸗ ließ er das Zimmer und kehrte zu ſeinen Freunden in ihr Hotel zurück. Als Alfred von Migniot zu einer ſpätern Stunde deſſelben Tages mit dem Notar eintraf, wurde er von ſeinem Onkel im Bibliothekzimmer empfangen. Dieſer hatte ſein Teſtament vor ſich, das er dem Manne des Geſetzes mit der Aufforderung einhän⸗ digte, es laut vorzuleſen. In dieſem Documente war Alles ſeiner Gemahlin verſchrieben. „Iſt es in jeder Hinſicht geſetzlich?“ fragte der General, als das Vorleſen zu Ende war;„iſt keine Lücke darin, die anfechtbar iſt oder es beſtreitbar machen kann?“ „Keine einzige.“ „Kann man es nicht noch bindender machen?“ „Unmöglich,“ wiederholte der Notar;„aber wenn ich die Mittheilungen des Herrn Vicomte recht ver⸗ ſtunden habe, ſo wurde meine Anweſenheit deßhalb verlangt, um es zu vernichten.“ 238 „Im Gegentheil,“ wiederholte der blinde Mann, „ich beſtätige es in jeder Einzelnheit, als Beweis meines unerſchütterlichen Vertrauens in die Liebe und Unſchuld der Frau, die mein eigennütziger Neffe ſo ſchmählich verläumdet hat. Entferne Dich,“ fuhr er fort, indem er von ſeinem Stuhle aufſtand; „Deine Handlungsweiſe iſt bekannt und Deine Be⸗ weggründe ſind klar. Verlaſſe das Haus des Mannes, den Du gröblich beleidigt haſt und beſudle ſeine Schwelle nie mehr!“ Der verblüffte Nefſe hätte zwar gern auf nähere Erörterungen gedrungen, aber ein ungeduldiger Wink mit der Hand von Seite ſeines Onkels bedeutete ihn, daß es vergebens ſei. Er hatte ſein Spiel als gewiſſenloſer Spieler geſpielt und verloren. ſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 4 9 † 8 8 —