7 N — 1 — ek 1 Leihbiblivth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo 6 Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebebingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens n. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offe 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ————— 8 Monat: Pf. „ 6 Bücher: 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der adenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer irin Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Licht- und Schattenſeiten des Lebens. Volksroman von I. F. Smith⸗ Frei aus dem Engliſchen von A, von Schraishuon. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Dreißigſtes Kapitel. Die Scene in ihrem Zimmer mit Bet Amos, ſo wie der augenſcheinliche Vergiftungsverſuch und die ſichtbare Einmiſchung der Vorſehung, durch die dieſer abgewendet worden war, hatten einen tiefen Eindruck auf Miß Cheerly und deren Mitgefangene gemacht, welche ſich jetzt Beide über das Gefährliche ihrer Lage nicht länger mehr täuſchen konnten. Es war klar, daß ſie ſich in den Händen von Men⸗ ſchen befanden, welche vor keinem noch ſo ſchwar⸗ zen Verbrechen zurückbebten, wenn es ſich darum handelte, die Folgen ihrer Schlechtigkeit zu ver⸗ bergen. Zwar hatte allerdings Bet Amos im er⸗ ſten Augenblicke, nachdem ihr Gewiſſen erwacht war, ihnen Beiſtund und Schutz verſprochen; aber die Frage war, ob ſie auch im Stande war, Wort zu halten? Ihr langes Ausbleiben ſchien dieß aller⸗ dings zweifelhaft zu machen. Nancy war, wie man ſich leicht denken kann, in großer Aufregung, denn offenbar wußte Bet um das Geheimniß ihrer Ge⸗ burt und beſaß den Schlüſſel zu dem Myſterium, das einen Schatten über ihr ganzes Daſein gewor⸗ fen hatte und deſſen Löſung ihr um keinen Preis zu theuer ſchien. „O Miß Cheerly,“ ſprach ſie;„wenn meine Eltern noch lebten! Wenn es mir gelänge ſie zu entdecken!— ihren Segen zu erlangen; mich von ihnen mit dem theuren Namen ihres Kindes nennen zu hören;— ich, die ich die Bande der Verwandt⸗ ſchaft nie gekannt habe. In welcher Lage des Lebens ſie ſich befänden, wäre mir gleichgültig,— wären ſie arm, ſo würde ich für ſie arbeiten,— wären ſie gottlos, für ſie beten,— aber es wäre zu ſüß, eine Mutter oder Schweſter zu haben, die ich lieben dürfte.“ „Ich begreife Ihre Gefühle, armes Mädchen, und theile ſie,“ verſetzte Emma.„Wenn wir wieder frei werden, ſo wird die Vorſehung Ihnen gewiß noch eine glückliche Zukunft gewähren. Es muß aber bald geſchehen,“ ſetzte ſie in Thränen aus⸗ brechend hinzu,„denn ich fühle, daß mein Geiſt und Herz dieſes Elend nicht mehr lange zu ertragen vermögen.“ „Sie vergeſſen, daß Kit uns nahe iſt,“ be⸗ merkte Nancy, ohne zu ahnen, wie nahe er in dieſem Augenblicke war.„Aber ſagen Sie mir, denn mein Gedächtniß iſt ganz wirre geworden, hatte denn dieſe grauſame Frau wirklich die Abſicht uns zu vergiften?“ Ihre Leidensgefährtin deutete ſtillſchweigend auf die zerbrochenen Taſſen am Boden. „Sie ſcheint ihre Abſicht zu bereuen,“ ſetzte 5 Nanch hinzu, Emma in die Augen blickend, um darin die Beſtätigung ihrer Hoffnung zu leſen. „Möge es der Himmel ſo fügen, daß meine Hoffnung nicht zu Schanden wird!“ „Ich begreife nicht, warum ſie nicht wieder kommt,“ rief Nancy beunruhigt;„was kann denn—“ „St!“ unterbrach ſie Emma.„Horchen Sie!“ Unten von der Treppe herauf ließen ſich laute Schläge vernehmen, auf die ein Krachen folgte. Es rührte von Capitän Helsman und dem Zigeuner Jack her, welche die hölzerne Thüre einſchlugen. „Das ſind unſre Mörder,“ ſchrie Miß Cheerly laut auf, halb wahnſinnig vor Schrecken.„Sie kommen, um ihr ſchändliches Vorhaben zu vollenden.“ „Nein, nein,“ rief Nanch, ihre Arme um Emma ſchlingend, als wenn ſie mit ihrer ſchwachen Kroft ſie beſchützen könnte;„Sie dürfen Ihnen nichts zu Leid thun. Vielleicht iſt es Kit,“ ſetzte ſie, von plötzlicher Hoffnung erfüllt, hinzu. Dieſe Vermuthung beruhigte Beide einigermaßen und ſie lauſchten auf's Neue mit athemloſer Angſt, bis ſie eine Stimme am Fuße der Treppe ausrufen hörten, daß das Thor nachgebe. Es war die Stimme ihres Verfolgers. „Verloren,“ ſprach Emma auf die Kniee ſinkend. „Laſſen Sie uns beten, Nancy; das iſt vas Einzige, was wir jetzt thun können; wir wollen wenigſtens. zuſammen ſterben.“ „Himmel erbarme dich unſer!“ ſchluchzte die Nähterin,„und erhalte Kit auf dem rechten Pfade!“ Es war dieß das Gebet eines treuen Herzens, das * 5 6 6 ſelbſt im Augenblick der höchſten Gefahr noch an das Wohl des Gegenſtandes ſeiner Liebe denkt. Auf Helsman's Ruf folgte ein lautes Krachen, das in den Ohren der Gefangenen wie das Geläute der Hoffnung ſchallte. Sie wußten, daß die Thüre gewichen war; aber, anſtatt ihren Schrecken zu vermehren, war dieſer merkwürdiger Weiſe dadurch gewichen; ſie waren über Furcht erhaben. Als die beiden Böſewichte in das Zimmer traten, wo ſie ein Schreien, Lamentiren und Flehen um Gnade erwarteten, fanden ſie Emma und Nancy in in⸗ brünſtigem Gebet auf dem Boden knieend. Dieſe Erſcheinung überraſchte ſie dergeſtalt, daß ſie einen Augenblick lang ſtutzten und ihre ſchändliche Abſicht nicht auszuführen wagten. „Verſtändige Mädchen, nicht wahr, Capitän?“ bemerkte der Zigeuner Jack.„Kein dummes Be⸗ nehmen; ſie ſcheinen ganz gefaßt, und das iſt auch das klügſte, wenn etwas Anderes nichts nützt.“ „Ich kenne Ihre Abſicht,“ ſprach Miß Cheerly, ſich an den Herrn des Hauſes wendend.„Sie ſind da, um mir das Leben zu nehmen. Wenn meine Feinde durchaus nicht anders zufrieden geſtellt wer⸗ den können, ſo muß ich mich Ihrer Grauſamkeit unterwerfen; aber weßhalb ſoll denn dieſes harm⸗ loſe Mädchen hier den Haß gegen mich mit ihrem Leben büßen?“ „Wenn ich wirklich dieſe Abſicht hätte,“ ver⸗ ſetzte der Capitän,„ſo geſchähe es blos um meiner Sicherheit willen. Dieß iſt aber nicht der Fall, ſondern das Haus kann jeden Augenblick durchſucht werden; Sie müſſen deßhalb herabkommen und ſich 7 bequemen in einem der Keller ſich zu verſtecken. Dieſer Mann,“ ſetzte er auf ſeinen Gefährten deu⸗ tend, hinzu,„wird bei Ihnen bleiben und es iſt nur Ihr eigener Fehler, wenn er zu einer Gewalt⸗ that gegen Sie ſich gezwungen ſieht.“ „Das Haus ſoll durchſucht werden?“ wiederholte Emma;„von wem?“ „Was der Capitän ſagt, hat ſeine vollkommene Richtigkeit, Miß,“ rief der Zigeuner Jack;„man will nach Schmugglern ſuchen, als ob ein reiche Gentleman irgend etwas Anderes ſchmuggelte, als höchſtens ein hübſches Mädchen oder dergleichen.“ Zugleich winkte er dem Capitän mit dem Blicke des Einverſtändniſſes zu. „Ich gehe nicht hinab,“ ſprach Emma feſt, denn eine Angſt, noch ſchrecklicher als die Todesfurcht, beſchlich ſie, allein mit dieſem gräßlichen Menſchen an einem Orte gelaſſen zu werden, wo man ihr Schreien nicht hören konnte,„Wenn man mich ermorden will, ſo kann ich eben ſo gut hier ſterben.“ Bei dem Worte„ermorden“ ſtieß Nancy einen halb unterdrückten Schrei aus, der die Böſewichte zum Begehen ihrer That anzuſpornen ſchien; denn ſie ergriffen jetzt plötzlich dis hilfloſen Opfer und verſuchten ſie die Treppe hinabzuſchleppen. Ver⸗ gebens umſchlangen ſich diezarmen Mädchen; aber was vermochte ihre ſchwache Kraft gegen die ihrer Feinde? Trotz ihres verzueiſtungsvollen Wider⸗ ſtandes waren ſie bald gekrennt. Das herzzer⸗ reißende Geſchrei, das ſie jſtt ausſtießen, verhin⸗ derte aber glücklicher Weiſe, aß die Schurken die Fußtritte Derer hörten, die zur Hilfe herbei eilten. Eben als es Helsman gelungen war, die bewußt⸗ loſe Emma über ſeine Schulter zu werfen, wurde die Thüre aufgeſtoßen und Kit Corling, dem ſein Freund Charley und die beiden Knaben auf dem Fuße folgten, erſchien in dem Zimmer. Kit warf ſich, ohne ſich zu beſinnen, auf den Zigeuner, der ſich Nancy's bemeiſtern wollte, ſtreckte ihn mit einem einzigen Streich zu Boden und fing das Mädchen mit dem Ausruf in ſeinen Armen auf:„Endlich habe ich Sie gefunden, mein treues, mißhandeltes Mädchen!“ Charley war auf Miß Cheerly zugeeilt, um ſie aus den Händen des Capitäns zu befreien, aber Kelf war ihm bereits zuvorgekommen. Als dieſer nämlich Emma beſinnungslos, mit aufgelöſten Haa⸗ ren und, wie er meinte, todt in dem Arm ſeines Herrn erblickte, verſchwand mit Einem Male ſeine Furcht vor demſelben gänzlich; er ſprang mit der Wuth eines Bulldoggs auf ihn zu und packte ihn dergeſtalt an der Gurgel, daß ſie zuſammen hin⸗ fielen. Es war ein Glück für den elenden Ver⸗ brecher, daß der Knabe unbewaffnet war, denn wenn er das Dolchmeſſer gehabt hätte, welches ſein Kamerad mitgebracht hatte, ſo würde er ihn ſicher getödtet haben. „Zahl' ihm aus, Jem!“ rief ihm James zuz „ahl' ihm aus!“ „Blödſinniger! Narr!“ brachte der Capitän mühſam hervor.„Ich werde Dich dafür peitſchen, daß Dir das Fleiſch von den Knochen fällt!“ Trotz dieſer Drohung ließ aber der Junge doch 1 nicht von ihm ab und der Angriff hätte ein ſchlim⸗ mes Ende nehmen können, wenn nicht Charley, der Emma aufgehoben und auf ihr Bett gelegt hatte, wo Nancy weinend ſich über ſie hinbeugte, Kit herbeigerufen hätte, ihm behilflich zu ſein, die Ringenden zu trennen. „Ich miſche mich nicht in die Sache,“ bemerkte James verdrießlich.„Es thut Beiden gut; Jem bekommt mehr Courage und ſein Herr etwas menſch⸗ licheres Gefühl.“ Auf Kit's Befehl ließ Kelf mit der Gelehrigkeit eines Kindes die Gurgel ſeines Herrn fahren und ſah ſich ängſtlich im Zimmer um, bis ſein Blick am Bett haften blieb, auf welchem Miß Cheerly noch immer beſinnungslos lag. Sobald er ſich klar bewußt wurde, wer dieß ſei, brach er in einen Strom von Thränen aus, eilte an ihre Seite, in⸗ dem er ſtöhnend ausrief:„Todt, todt!“ „Mit welchem Recht,“ fragte Helsman,„wagen Sie es in mein Haus zu dringen und ſich in eine Angelegenheit zwiſchen mir und meinen Hausge⸗ noſſen zu miſchen?“ „Mit dem Rechte,“ erwiderte Kit,„mit welchem Jedermann einzuſchreiten befugt iſt, wenn es ſich darum handelt ein Verbrechen zu verhindern. Wenn ich auch Ihren Opfern gänzlich fremd wäre und nie ein Wort mit einem von Beiden gewechſelt hätte, ſo hätte ich als Mann nicht anders handeln können; aber ich erniedrige mich, wenn ich mich herablaſſe, ein Wort an einen Menſchen zu verlieren, der bald vor den Schranken des Gerichts Auskunft über ſein Verbrechen zu geben hat. gener,“ ſetzte er hinzu. „So!“ rief der Capitän, indem er unvermerkt ſeine Hand in die Taſche ſeines Jagd⸗Wammſes gleiten ließ;„das wollen wir ſehen.“ „Er hat ein Piſtol, Kit,“ rief ihm James zu. Dieſe Warnung kam gerade zu rechter Zeit; eine Secunde hernach wäre es zu ſpät geweſen; denn in dem Augenblicke, in welchem der Capitän Feuer gab, bog Kit aus und die Kugel ſchlug in der Wand ein. „Hab' ich's nicht geſagt!“ ſprach James.„Hätte man lieber den Kelf ihn erwürgen laſſen.“ Während James Watſon den Zigeuner Jack, voll Vergnügen über den ihm zufallenden Dienſt, bewachte, gelang es Kit und Charley nach einem ſehr unbedeutenden Widerſtand den Capitän nicht nur zu entwaffnen, ſondern auch ſeine Arme ſo feſt zu binden, daß ihm dadurch jede weitere Gewalt⸗ thätigkeit unmöglich wurde. Während dieß vor⸗ ging, brütete ſein Verbündeter, der wieder zu ſich gekommen war, obgleich er ſich noch immer bewußt⸗ los ſtellte, über einem Entweichungsverſuch. „Nichts da, Jack,“ ſagte James, als er be⸗ merkte, daß dieſer allmählich den einen, dann den andern Augendeckel etwas aufhob;„ſo geht's nicht; ich habe ſchon manchen Fuchs, der ſich ſchlafend ſtellte, bewacht.“ Der Zigeuner verwünſchte ihn in Gedanken. „Wahrſcheinlich wird man dich hängen,“ fuhr er fort, prahleriſch das Dolchmeſſer ſchwingend. „Wenn dieß geſchieht, ſo verſpreche ich Dir, daß Sie ſind mein Gefan⸗ 11 ich Dich baumeln ſehen will. Das Hahnenwerfen iſt vielleicht nicht ſo einträglich, aber es iſt ein ſichereres Spiel als das Morden.“ „Ich habe Niemand ermorden wollen,“ mur⸗ melte der Zigeuner. „Lüge nicht, Jack,“ verſetzte der Knabe.„Die Geſchworenen glauben Dir doch nicht.“ Plötzlich ſprang der Zigeuner mit der Gewandt⸗ heit eines Gauklers auf, und indem er einen Schlag nach dem Jungen führte, deſſen Wucht dieſer nur durch ein glückliches Ausweichen entging, eilte er der Thüre zu und entkam. Der arme James ſah ihm höchſt verdutzt nach. „Laß ihn laufen,“ ſprach Kit lächelnd.„Wir haben den Hauptſpitzbbuben in unſerer Hand, und ſo wird man ſein Werkzeug zur rechten Zeit ſchon finden.“ „Er wäre nicht durchgekommen,“ bemerkte der Junge entſchloſſen,„wenn ich eines der Piſtole meines Vaters mitgebracht hätte, ſtatt dieſes nutz⸗ loſen Dings da von einem Dolchmeſſer. Aber die Mutter hält ſie immer eingeſchloſſen, wie wenn ich nicht damit umzugehen verſtände.“ Miß Cheerly fing an, Zeichen des wiederkehren⸗ den Lebens von ſich zu geben, aber es war ein Leben ohne Bewußtſein. Die langen Leiden, ſowie die ſo eben ausgeſtandene Todesangſt, hatten ihren Geiſt zerrüttet. Sie blickte wild um ſich her, ſchrie unaufhörlich angſtvoll auf und hing ſich, wie zu ihrem Schutze, an Nancy, die ſie um aller Barmherzigkeit willen bat, nicht zuzugeben, daß man ſie morde. Vergebens verſicherte ſie Nancy wiederholt, daß ſie 12 ſicher, daß alle Gefahr vorüber ſei, und deutete zur Beſtätigung ihrer Behauptung auf Kit; das arme Mädchen war aber unfähig, ſie zu verſtehen. Das Fieber hatte ihr Gehirn verwirrt und ſie blickte fortwährend ſtier auf den Capitän Helsman, von dem ſie die Augen nicht abzuwenden vermochte. „Ungeheuer!“ rief der Zimmergeſelle im Tone des Unwillens;„ſehen Sie da Ihr Werk.“ Der Böſewicht lächelte nur, denn die Geiſtes⸗ ſtörung ſeines Opfers war für ſeinen Zweck eben ſo dienlich, wie der Tod, und wenn ihn irgend ein Bedauren anwandelte, ſo war es nur, daß ihm dieß nicht ſogleich eingefallen ſei. Nachdem die jungen Männer ihren Gefangenen feſt gebunden hatten, führten ſie ihn in eines der anſtoßenden Zimmer und ſchloſſen ihn in der Ab⸗ ſicht dort ein, wieder zu kommen, ſobald ſie Nancy und deren Gefährtin aus dem Hauſe weg⸗ gebracht hätten, um ihn ſodann den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. Jem und James Watſon ſollten hier bleiben, um ihn zu bewachen. Der Schimmel wurde an den Charabane geſpannt und Alles war zur Abfahrt bereit, als ſich ein neues Hinderniß ergab. Miß Cheerly wollte ſich durchaus nicht von der Stelle ſchaffen laſſen, indem ſie behauptete, man wolle ſie ermorden, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es den liebreichen Bitten Nancy's, die ſie allein erkannte, gelang, ihren Schrecken zu beſänftigen. Sie gab endlich zu, daß man ſie völlig in ihr Bettcouvert einwickelte. Kachdem dieß geſchehen, nahm ſie Kit auf die Arme 13 und trug ſie nach dem Wagen, wohin Charley und Nancy folgten. Sobald die Mädchen unter dem beſcheidenen Dache der Mrs. Watſon untergebracht wären, beab⸗ ſichtigten die beiden Freunde zurückzukehren und nach dem Capitän zu ſehen, deſſen Gedanken nicht der angenehmſten Art waren. Gefangener in ſei⸗ nem eigenen Hauſe, das noch überdieß den kaum erkalteten Leichnam eines ſeiner Opfer unten im Keller verbarg! Er war ſich klar, daß ſeine Sicher⸗ heit an einem Faden hange und er verwünſchte ſeine Unvorſichtigkeit, zu der er ſich von ſeiner Wuth hatte hinreißen laſſen. Sobald der Zigeuner Jack das Haus hinter ſich hatte, war ihm viel wohler. Er fürchtete nicht verfolgt oder, wenn es auch geſchah, eingefangen zu werden; denn er kannte alle Wege ganz genau und war ein behender Läufer. Er verbarg ſich da⸗ her vorerſt in einem Gebüſch auf dem Wiesgrunde und überlegte hier, der Länge nach auf das Gras hingeſtreckt, was zu thun für ihn jetzt wohl das Klügſte ſei. Der Capitän hatte ihm eine große Belohnung zugeſagt, und dieſe Ausſicht hätte er nicht gern aufgegeben. „Ich fürchte, der Capitän hat das Spiel ver⸗ loren,“ murmelte er;„aber ſo lange noch Hoff⸗ nung da iſt, will ich ihm nicht untreu werden. Wenn die Sache vor Gericht kommt, ſo kann ich am Ende als Zeuge gegen ihn auftreten. Ich habe ja weiter nichts gethan, das heißt, nichts was der Rede werth wäre; und für ſeine Abſichten kann man Niemand beſtrafen. Woher hätte ich denn 14 wiſſen ſollen, daß die Mädchen gegen ihren Willen zurückgehalten werden?“ Sobald der Charabanc mit den jungen Män⸗ nern und Mädchen weggefahren war und etwa das Gitterthor beim Parkhäuschen erreicht haben konnte, kroch er vorſichtig dem Hauſe zu, in das er, wie ein finſterer Schatten, hineinglitt. Hier ſchlich er die Treppe hinauf, blieb mehrmals lauſchend ſtehen, bis er die Stimme der Knaben vernahm, welche in dem Zimmer oben plauderten. Die Brut iſt alſo zurückgeblieben, dachte er. Wo nur der Capi⸗ tän ſein mag? Er zog nun ſein Meſſer aus der Taſche und ſtieg vollends hinauf, nachdem er zuvor ſeine Schuhe ausgezogen hatte, damit ſeine Fuß⸗ tritte nicht gehört würden.* Sobald Kelf und ſein Kamerad allein in dem Zimmer zurückgelaſſen worden waren, verſchwand der Muth des Erſteren, den nur die Aufregung wach gerufen hatte. Er erinnerte ſich mit Schrecken und Erſtaunen, daß er gewagt hatte, Hand an ſei⸗ nen Brodherrn zu legen, an den Tyrannen, der ihm ſo große Furcht eingeflößt, vor deſſen Zorn er ſo lange ſich gefürchtet und wie ein unterwürfi⸗ ger Hund ſich geſchmiegt hatte. Es war etwas, was er nicht begreifen konnte; er wurde ganz ver⸗ wirrt und bat, die Augen flehend auf den Knaben Watſon gerichtet, daß ihn dieſer vor ſeinem Herrn errette. „Pah!“ erwiderte dieſer luſtig,„der kann Dir jetzt nichts mehr thun. Nimm Deinen Verſtand ein bischen zuſammen, Jem; Du kannſt es, wenn Du willſt, denn Du haſt es ſo eben bewieſen.“ —— 15 „Wo iſt er denn?“ flüſterte der Blödſinnige. „Im andern Zimmer; aber er kann nicht heraus. Mr. Corling und ſein Freund haben ihn eingeſchloſſen und ſeine Arme ſind ihm ſo feſt auf den Rücken geſchnürt, als ſie es je ſein werden, wenn er das Schaffot beſteigt. Ich wünſche dann nur, daß ihm der Zigeuner Jack Geſellſchaft leiſtet.“ Der ſo wohlwollend Bedachte knirſchte vor Wuth mit den Zähnen, denn er hatte an der Thüre lau⸗ ſchend Alles mit angehört. Kelf's Furcht verlor ſich durch dieſe Verſiche⸗ rung nicht völlig, denn er meinte, ſein Herr könnte wohl aus ſeinen Banden entwiſchen. „Er kann nicht entwiſchen, ſag' ich Dir,“ erwi⸗ derte James,„und wenn er es verſucht, ſo bin ich da.“ Zugleich zog er eines der Piſtole des Capi⸗ täns aus der Taſche, welches Kit in der Eile und Aufregung vergeſſen hatte mitzunehmen.„Iſt das nicht ein hübſches Spielzeug?“ fuhr er fort, indem er die Waffe bewundernd hin und her drehte, die in der That ſehr ſchön und reich mit Silber aus⸗ gelegt war.„Ich habe nie etwas Größeres als eine Krähe geſchoſſen. Ich wäre neugierig,“ ſetzte er hinzu,„wie mir zu Muthe wäre, wenn ich da⸗ mit einen Menſchen auf den Boden ſtreckte.“ Dieſe Frage rettete wahrſcheinlich ſein Leben, denn der Zigeuner Jack, wie er merkte, daß James bewaffnet ſei, trat nun nicht, wie er beabſichtigt hatte, in das Zimmer, um ſeine Wuth an ihm auszulaſſen, ſondern ſchloß die halbgeöffnete Thüre zu und ſchob den eiſernen Riegel vor. „Das wirſt Du eines Tages ſchon erfahren,“ 16 ſprach er in höhniſchem Tone,„und dann dafür ge⸗ henkt werden.“ Watſon ſprang muthig nach der Thüre, die er aber, trotz aller Anſtrengung, nicht zu öffnen ver⸗ mochte. zh Jett kommen ſie zurück und tödten uns!“ rief Kelf außer ſich vor Angſt. „Laß ſie kommen,“ erwiderte James, indem er den Hahn ſeines Piſtols ſpannte und ſich hart an der Thüre aufſtellte, um den Erſten, der einzutreten wagte, niederſchießen zu können.„Sie ſollen dieß aber ſchwerer finden, als ſie ſich denken. Ich wünſche nur, ſie ſo lange hinhalten zu können, bis, Kit und ſein Freund zurückkommt.“ Die große Körperkraft des Zigeuners machte es dieſem leicht möglich, die Thüre des Zimmers auf⸗ zubrechen, in welchem Capitän Helsman eingeſperrt war. Er traf dieſen in ruhiger Erwartung der Dinge, die kommen ſollten. „Zum Henker, Capitän,“ rief Jack mit einem Blicke der Bewunderung;„Sie faſſen die Sache ſehr kaltblütig auf; aber Sie ſind ein Gentleman mit viel Geld in der Taſche und wiſſen ſich damit ſchon aus der Verlegenheit zu helfen.“ „Es iſt etwas daran,“ verſetzte Helsman. „Schneide mir nur dieſen verdammten Strick entzwei, der mir faſt die Knochen zuſammendrückt. Die Kerle hätten wenigſtens ſo viel Rückſicht haben können, mich mit einem Sacktuch zu binden.“ „Es iſt ganz loſe gebunden, Capitän,“ bemerkte ſein Befreier, indem er den Strick mit ſeinem Meſſer durchſchnitt;„Sie hätten die Geſchichte ſchon längſt 17 abſtreifen können,“ ſetzte er mit einem verächtlichen Blick hinzu,„wenn Sie damit umzugehen verſtän⸗ den. Bei mir hätte ein ſo erbärmliches Machwerk nicht lange gehalten, das verſichere ich Sie.“ „Du haſt wahrſcheinlich viel Uebung darin!“ verſetzte Helsman philoſophiſch,„mir fehlt dieſe.“ Der Zigeuner nickte ihm bejahend zu, und auf einen andern Gegenſtand übergehend, erzählte er, daß Kit mit den Frauenzimmern weggefahren ſei und was er von der Unterredung der beiden Kna⸗ ben im Nebenzimmer erlauſcht hatte.„Das Beſte iſt wohl, wenn wir uns jetzt auch aus dem Staube machen,“ ſetzte er hinzu,„außer wenn Sie die Ab⸗ ſicht hätten, vorher Ihre Rechnung mit dem jungen Teufelsbraten abzuſchließen, der—“ „Der Burſche ſteht unter meiner Rache,“ unter⸗ brach ihn Helsman.„Du haſt aber nicht nur In⸗ telligenz, ſondern was ich noch mehr ſchätze, Treue in dieſer Geſchichte an den Tag gelegt; das Erſte iſt eine Eigenſchaft, die man mit Geld erkaufen kann, das Zweite iſt aber unbezahlbar.“ Wenn er freilich gewußt hätte, daß der Zigeuner, je nach Umſtänden, als Zeuge gegen ihn aufzutreten beab⸗ ſichtigte, ſo würde er in einem andern Tone mit ihm geſprochen haben. „Unter meiner Rache iſt er nicht,“ murmelte ſein Verbündeter,„und wenn ich je bei paſſender Gelegenheit an ihn kommen kann“— zugleich machte er eine bezeichnende Geberde mit der Hand gegen ſeinen Hals, um das Uebrige anzudeuten. „Ich verſprach Dir,“ ſagte der Capitän, ohne darauf zu achten,„fünfzig Pfund.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 2 18 „Das thaten Sie, Herr, und es iſt nicht mein Fehler, daß ich ſie nicht verdiente, ich habe mein Möglichſtes gethan.“ „Du kannſt ſie noch immer verdienen.“ Die dunklen Augen des Zigeuners glänzten vor Freude. „Ja, ſogar das Doppelte.“ „Wie, Capitän? durch Falſchmünzen?“ „Nein, ganz einfach damit, daß Du mir bei etwas behülflich biſt, was ich allein nicht ausführen kann. Es iſt hier nicht der Ort, noch die Zeit zur weiteren Erklärung. Du ſagſt, daß die naſeweiſen Bengel, die meine Plane durchkreuzten, im Begriff ſeien, wegzugehen. Wir müſſen ihnen ausweichen.“ „Indem wir nach meinem Dafürhalten ſogleich das Haus verlaſſen,“ verſetzte der Zigeuner, der durchaus keine Luſt in ſich verſpürte, noch einmal mit Kit oder deſſen Freund zuſammenzutreffen. „Nein.“ „Wie denn?“ „Indem wir in einem der Keller oder Gewölbt im Hauſe uns verbergen,“ verſetzte Helsman,„bis ſie fort ſind;„dort will ich Dir mein Anliegen auseinanderſetzen.“ Mit dieſen Worten verließ er nebſt ſeinem Spießgeſellen, der zur Beihilfe zu jedem Verbrechen aufgelegt war, wenn er nur gut bezahlt wurde, das Zimmer und ſtieg in den Keller hinab. Sie waren noch nicht lange in ihrem Ver⸗ ſteck, als man den Schimmel die Avenue herauf⸗ traben hörte. 6 Kit und Charley waren zurückgekommen, um ihren Gefangenen fortzuſchaffen, und man kann ſich ——— — 19 ihr Erſtaunen denken, als ſie ſahen, daß er ent⸗ wiſcht ſei. „Die Knaben! Die armen Knaben!“ rief Kit. „Der Himmel gebe, daß ihnen nichts zugeſtoßen iſt!“ Dieß äußerte er ſo laut, daß Kelf und Watſon, die im anſtoßenden Zimmer ſich befanden, ſeine Stimme hörten und zu rufen anfingen. Einige Mi⸗ nuten darauf waren ſie frei und erzählten, wie ſie von dem Zigeuner Jack überraſcht und eingeſchloſſen worden ſeien. Das Entkommen des Capitäns war jetzt erklärt. Da ſie ſonſt nichts Weiteres in dem Hauſe zu⸗ rückhielt, ſo verließen es alle Vier; zuvor ſpannten ſie aber noch den Schimmel am Charabanc aus und ſtellten ihn in den Stall. Nachdem dieß ge⸗ ſchehen war, eilten ſie mit raſchen Schritten Charl⸗ ton zu. „War meine Mutter nicht ſehr überraſcht, als Sie mit den jungen Frauenzimmern zurückkamen?“ fragte James. „Wahrſcheinlich,“ verſetzte der junge Mann, aber ihre Menſchenliebe überwog jedes Bedenken. Sie erlaubte ſogleich, daß Miß Cheerly mein Zim⸗ mer einnehmen dürfe und ſie lief ſelbſt nach dem Arzt. Ich wagte nicht, ihre Rücktehr abzuwarten, denn ich war wegen eurer in Sorgen.“ 6„Uns wär' es ganz gut gegangen,“ bemerkte der Züngling,„wenn nur der Riegel außen an der Thüre nicht geweſen wäre. Es wäre mir ſchon recht geweſen, mit dem Jack zuſammen zu treffen, denn ich bin ihm noch etwas ſchuldig und gebe mich 2 20 nicht eher zufrieden, bis ich mit ihm abgerechnet habe.“ „Es war ſo beſſer; es war ſo beſſer.“ Als ſie das Haus erreichten, bedeutete ihnen Mrs. Watſon mit dem Finger Stillſchweigen.„Kein Wort!“ ſprach ſie.„Das arme Mädchen phanta⸗ ſirt fortwährend, und jede andere Stimme, als die ihrer Freundin, bringt ſie in die höchſte Auf⸗ regung.“ „War der Axzt da?“ „Was ſagt er?“ „Daß Alles von der Ruhe abhängt.“ „Gute Ladies!“ ſchluchzte der Blödſinnige.„Jem will für gute Ladies beten.“ — Einunddreißigſtes Kapitel. Delsman und ſein Spießgeſelle hielten ſich voll⸗ kommen ruhig, bis Kit mit den beiden jungen Leuten fort war. Dann erſt wagten ſie ſich aus ihrem Verſtecke heraus, verſchloſſen älle Thüren, um ſich vor jeder Ueberraſchung zu ſichern, und blieben auf der Lauer, bis die Weggehenden jen⸗ ſeits des Wiesgrundes verſchwunden waren. „Endlich,“ ſprach der Hausherr mit einem tiefen Athemzuge,„ſind wir allein.“ Der Zigeuner prallte zurück, wie wenn er über 3 net en ein ta⸗ als uf⸗ em ll⸗ en us n, nd n⸗ en er 21 die Abſichten des Capitäns nicht recht im Reinen geweſen wäre. „Was fürchteſt Du denn?“ fragte dieſer. „Nun,“ erwiderte Jack zögernd,„ich wüßte gerade nichts, was ich fürchten ſollte; aber Sie haben eine ſo ſonderbare Weiſe zu ſprechen und ſehen aus—“ „Wie ſeh' ich aus?“ fragte der Capitän haſtig. J„Als wenn der Mor—, das heißt, das bewußte Geſchäft, Sie wiſſen ſchon, was ich meine, wirklich gethan worden und nicht mißlungen wäre.“ „Es iſt theilweiſe gethan worden,“ murmelte der Mörder der Bet Amos. „Wie ſo?“ „Es waren drei Frauenzimmer im Hauſe.“ Die Augen des Zigeuner Jack leuchteten hell auf in dem verſchmitzten Ausdruck, der ſeinem Stamme eigen iſt, als er den Capitän einen Mo⸗ ment ſeitwärts anblickte.„Drei,“ wiederholte er langſam;„es haben nur zwei das Haus verlaſſen.“ „Nur zwei.“ „Die andere iſt alſo noch hier?“ Der Capitän nickte bejahend. Ker ſehr „Die verhält ſich für ein Frauenzi ruhig.“ „Höre mich,“ ſprach Helsmann, ſeine Stimme zu einem Flüſtern dämpfend,„die dritte war eine Dienerin, die ſeit vielen Jahren in meinem Dienſte ſtand. Ich kam auf die Spur, daß ſie mich hinter⸗ gehen wollte, und ich— ich ſchloß die Rechnung mit ihr ab.“ „Und haben Recht daran gethan,“ rief Jack. 22 „Sie muß ein ſehr undankbares Weibsbild geweſen ſein, die ſich ſo etwas gegen ihren Herrn zu Schulden kommen ließ, der ſie freigebig bezahlte. Ich denke mir wenigſtens, daß Sie ſie freigebig bezahlten,“ ſetzte er bedeutungsvoll hinzu,„denn Treue muß man ſo bezahlen.“. „Ich war ſehr freigebig gegen ſie,“ bemerkte Helsman. „Dann ſag' ich nochmals: Es geſchah ihr Recht. Aber wie ſteht es denn mit den hundert Pfund, von denen Sie ſprachen, Capitän? Ich glaube doch, Sie ſagten hundert?“„ „So ſagte ich.“ „Dann bin ich Ihr Mann, ſei es für was es will.“ Der Mörder erklärte ihm nun, daß er ſeines Beiſtandes bedürfe, um den Körper ſeines Opfers vor Tagesanbruch nach der Kalkgrube zu ſchaffen, wo er ihn einzuſcharren beabſichtige und verſprach Jack nicht allein die genannte Summe, ſondern auch Nachlaß des Miethzinſes für die Zukunft unter der Bedingung, daß er über die Sache ſchweige. Der Handel z bald im Reinen und ſie ſtiegen zu⸗ ſammen in den Keller hinab. „Das nenn' ich ein ſäuberliches Machwerk, Capitän,“ ſprach Jack, den Leichnam Bet's betrach⸗ tend.„Es geht doch nichts über einen rechten Griff mit den Fingern; dos hält vom Quieken ab.“ Zugleich lud er den Körper auf die Schultern und folgte Helsman in die Vorhalle, wohin dieſer mit dem Lichte voranging; dort legte er ihn auf den Boden und der Capitän ging in den Stall, en ike 6 uß ht. id, ch, ich er er u⸗ iff n er ll, um den Schimmel an den Charabane zu ſpannen. Das war bald geſchehen, der Leichnam wurde, mit Stroh bedeckt, auf den Boden des Gefährtes gelegt und ſie fuhren zu ihrem gräßlichen Geſchäfte weg. — Mitternacht war längſt vorüber; kein Lüftchen wehte, kein Blatt rauſchte auf den Bäuem die ganze Natur ſchien zu ſchlafen, und die raſchen, aber ſchweren Tritte des Pf erdes über den weichen Raſen waren die einzigen Töne, welche das ringsum herrſchende Schweigen unterbrachen. Helsman horchte mit fieberiſcher Ungeduld, denn die Ereigniſſe der letzten paar Stunden hatten ihm ſeine ſonſtige Zuverſicht geraubt. Er fühlte ſich nicht mehr ſicher, weil er einen Vertrauten ſeines Geheimniſſes hatte, und mehr als einmal kam ihm der Gedanke, ſich deſſen zu entledigen. Dieß war aber gefährlich, denn Jack war eben ſo ſehr auf ſeiner Hut, wie er. Noch nie hatte der überlegte Weltmann ſeine Geſchäfte ſo ſchlecht beſorgt, wie in jüngſter Zeit. Seit dem Tage, an welchem er mit dem Grafen Lilini in Paris zuſammengetroffen war, ſchien Alles für ihn ſchief zu gehen. Die Kalkgrube befand ſich ganz in der Nähe der Markung der Gemeinde von Woolwich und kaum über eine halbe Stunde auf directem Wege vom Gute des Capitäns entfernt. Aus Vorſicht nahm er aber einen großen Umweg, um nicht zu nahe an der Stadt vorüber zu kommen. Das Glück ſchien ihn zu begünſtigen, denn er erreichte die Stelle, ohne einem menſchlichen Weſen zu begegnen. „Da wären wir,“ rief der Zigeuner, als Hels 24 man bei einer hohlen Ulme anhielt, welche ihre Aeſte über die Grube ausbreitete.„Auf der andern Seite iſt aber ein Sumpf,“ ſetzte er hinzu.„Wollen wir ſie nicht dort hinein werfen?“ „Nein,“ erwiderte ſein Spießgeſelle finſter. „Du wirſt in dem Gefährt einen Spaten finden; damit mache ihr Grab in dem Loch.“ „Könnten wir das Waſſer nicht eben ſo gut benützen?“ „Nein,“ verſetzte der Capitän ungeduldig.„Sie ſoll in die Grube, ſag' ich Dir.“ Der Mörder hatte wohl überlegt, daß wenn der Leichnam nur einige Tage in dieſem Grabe liege, ſo würde die zerſetzende Eigenſchaft des Bodens es unmöglich machen, die Identität der Perſon herzuſtellen; und auf ſo lange wenigſtens hoffte er auf die Dreue ſeines Helfershelfers zählen zu dürfen, der mit einem gewiſſen Widerwillen zur Ausführung ſeiner Befehle in die Grube hinabſtieg. Faſt eine halbe Stunde lang arbeitete er dort ſtillſchweigend und Helsman ſah ihm zu. Keiner von Beiden fühlte ſich behag⸗ lich; der reiche Verbrecher wußte, daß er ſich in die Hände des armen gegeben habe, und der Letztere mißtraute den Abſichten ſeines Auftraggebers. Der Capitän bedauerte ſchmerzlich den Verluſt ſeines Piſtols. Hätte er dieß noch gehabt, ſo wäre die Sache ſehr vereinfacht, jeder Zweifel leicht gehoben geweſen. „Jetzt iſt's tief genug,“ rief der Zigeuner, aus der Grube ſich heraufſchwingend. Dieß geſchah aber ſo plötzlich, daß ſein Gefährte darüber erſchrack, ohne jedoch etwas zu ſagen. S — N —— —— 8 8J 25 Jack holte jetzt den Leichnam aus dem Wagen. Als das Mondlicht auf das Geſicht der Ermordeten fiel, glaubte der ſchuldbeladene Mann einen höh⸗ niſchen Ausdruck darauf wahrzunehmen. Die Augen waren halb geſchloſſen, und es ſchienen drohende Blitze daraus hervorzuſchießen. Beide faßten den Körper und warfen ihn in das von Jack gegrabene Loch, was einen dumpfen Schall verurſachte, auf den ſich ein kreiſchender Schrei vernehmen ließ. Der Mörder erzitterte an allen Gliedern. Der Zigeuner aber lachte höhniſch laut auf, indem er mit dem Finger auf eine Eule deutete, die, auf den Aeſten der hohen Ulme ſitzend, in ihrer Ruhe geſtört worden war und ſich aufgeſchwungen hatte, um an einem fernern Orte ſich in Sicherheit zu bringen. Hels⸗ man athmete leicht auf. „Sie kann man leicht in Angſt jagen,“ bemerkte Jack. „Meine Nerven ſind nicht mehr ſo ſtark, als ſie waren,“ murmelte der Capitän. „Ich weiß nicht, was Nerven ſind,“ verſetzte der Zigeuner,„oder ſind die meinigen von Eiſen. Meine Hände ſind allerdings rein von Blut, und das macht vielleicht den Unterſchied. Ich habe meine Arbeit gethan,“ ſetzte er langſam hinzu.„Iſt's nicht ſo?“ „Noch nicht ganz: Du mußt noch einmal in die Grube hinunter und den Körper zudecken.“ Dieſe Forderung war ganz natürlich und ſo nahm Jack abermals den Spaten und vollendete ſein Werf. Nachdem er Alles ſäuberlich herge⸗ richtet hatte, wie er ſelbſt bemerkte, kam er wieder 26 herauf, und ſo blieben die beiden Männer einen ſchei lang, Angeſicht in Angeſicht, gegenüber tehen. „Gib mir jetzt den Spaten wieder,“ ſprach der Capitän,„und laß uns nach dem Hauſe zurückkeh⸗ kehren.“ „Sie vergeſſen, daß zuvor erſt noch etwas in's Reine zu bringen iſt.“ „Und was iſt dieß?“ „Die hundert Pfund.“ 8 „Die will ich Dir zu Hauſe auszahlen,“ verſetzte Helsman. „Oho!“ rief der Zigeuner.„Glauben Sie denn, daß ich mich allein mit Ihnen dahin wage? Ich bin kein ſolcher Narr und Sie haben es mit keinem Kind zu thun. Mich zu Hauſe auszahlen!“ wieder⸗ holte er argwöhniſch;„wahrſcheinlich würden Sie das in Ihrer gewohnten Münze thun. Nein! nein! Ich will das Geld hier, auf dieſer Stelle. Sie können nicht ſagen, daß Sie es nicht bei ſich haben, denn ich bemerkte, daß Sie Ihr Taſchenbuch aus dem Pulte nahmen, ehe wir weggingen.“ Im Bewußtſein, daß Jack ſeine Gedanken nur zu genau errathen habe, erfüllte Helsman ſo⸗ gleich deſſen Forderung und übergab ihm die be⸗ dungene Summe in Banknoten. Jack zählte genau nach. „Iſt Alles richtig?“ fragte Helsman. „Ganz richtig“, antwortete der Zigeuner, in⸗ dem er ihm den Spaten hinwarf und zugleich einige Schritte zurückſprang.„Und nun, Capitän Helsman, gute Nacht— oder vielmehr guten en er er n⸗ ch in en 27 Morgen. Halten Sie ihr Verſprechen mit dem Miethzins, und ich will reinen Mund halten. Was Ihre Abſicht betrifft, mich zu Hauſe auszuzahlen, ſo verzeihe ich ſie Ihnen. An Ihrer Stelle wäre mir wahrſcheinlich derſelbe Gedanke gekommen. Ich trage überhaupt ſo etwas nicht nach.“ „Du wirſt doch nicht glauben, daß ich etwas gegen Dich im Schilde führe?“ fragte Helsman unſchlüſſig. Jack begnügte ſich, mit einem leiſen Pfiff darauf zu antworten, wandte ſich dann raſch um und lief eilends hinweg. Verfluchtes Geſchick! dachte der Capitän, als er ihm nachblickte, das mich nöthigte, mich in die Hand eines ſolchen Elenden zu geben. Ich hänge ganz von ſeinem guten Willen ab. In England bin ich nicht mehr ſicher. Das Meer muß in Zukunft uns trennen. Ich fange an, kindiſch und unentſchloſſen zu werden. Es gab eine Zeit, wo ich ihm auf der Stelle den Schädel eingeſchlagen hätte; aber meine Nerven laſſen nach! Damit nahm er den Spaten in die Hand, ſetzte ſich in den Charabanc und kehrte nach dem einſamen Hauſe zurück, um dort die Papiere und Gegenſtände von Werth zu ſich zu ſtecken, die er auf der Reiſe nothwendig zu haben glaubte. Nachdem dieß geſchehen war, verſchloß er ſorgfältig alle Thüren und machte ſich mit Tages⸗ anbruch auf den Weg nach London. Nach einer langen Unterredung mit Sir John Sellem und deſſen Anwälten, den Herren Wigget und Tye, reiste er noch an ſelbem Tage nach Belgien ab. Frankreich wagte er nicht wieder zu beſuchen, denn 8 28 die Drohung des Grafen Lilini hatte von ihrem beängſtigenden Einfluß auf ihn noch nichts verloren. Er wünſchte nicht noch einmal in Berührung mit dem Spanier zu kommen. Zu früher Stunde am folgenden Tage verfügten ſich Kit und Charley zu dem nächſten Bezirksbeamten und deponirten dort, unter welch' geheimnißvollen Umſtänden ſie in dem einſamen Hauſe die beiden Frauenzimmer befreit hätten. Dieſe waren für ihre Perſon außer Stand, zu erſcheinen, denn die Eine lag an der Gehirnentzündung darnieder, die eine ſehr gefährliche Wendung zu nehmen ſchien, und die Andere hielt Hingebung an ihrer Seite. Die Geſchichte erſchien dem Beamten ſo außergewöhnlich, daß er in Begleitung ſeines Schreibers nach der Wohnung der Mrs. Watſon hinüber fuhr und dort die Ausſagen Nancy's entgegen nahm, auf welche hin er ſogleich einen Verhaftsbefehl gegen den Ca⸗ pitän Helsman erließ. Als aber der Polizeiagent dieſem Befehle nachkommen wollte, fand er, daß die Herren Wigget und Tye das Haus in Beſitz ge⸗ nommen hatten, indem, wie ſie ſagten, daſſelbe ihrem Clienten, Sir John Sellem, fuͤr eine bedeu⸗ tende Summe verpfändet ſei und der Eigenthümer erſt heute eine völlige Ceſſion ſeines Eigenthums unterzeichnet habe. Die beiden Rechtsgelehrten wußten durchaus keine Auskunft zu geben, wo der ſeitherige Eigenthümer ſich befinde. Mr. Wigget meinte, er werde ſich wohl nach Amerika eingeſchifft haben, und Mr. Tye bekräftigte, wie gewöhnlich, die Meinung ſeines Collegen durch die gleiche Verſicherung. . n. it n n n n re e ie id ie ie 29 Der Polizeiofficiant nahm die Angaben zu Pro⸗ tokoll und meldete ſeinem Vorgeſetzten, daß er nichts ausgerichtet habe. Das iſt ein tief angelegter Plan, dachte Kit Corling, als er dieſes Ergebniß erfuhr. Anfangs glaubte ich, das Ganze ſei nur von dem Caſſier und Rebecca ausgeheckt, um dahinter den Raub des Halsbandes zu verbergen; jetzt finde ich aber meinen Verdacht beſtätigt, daß dieſe Beiden nur die Werk⸗ zeuge von Leuten ſind, die ſich im Hintergrunde halten. Zehn Tage lang ſchwebte Miß Cheerly in be⸗ ſtändiger Todesgefahr, und nur Nancy's Hingebung, die faſt keinen Augenblick von ihrem Bette weg kam, ſowie der Geſchicklichkeit des Arztes verdankte es das arme Mädchen, daß die Wuth der Krankheit gebrochen wurde. Das Fieber verließ ſie; aber ſie blieb ſo ſchwach und elend, und dabei waren ihre Nerven ſo ſehr angegriffen, daß es noch immer zweifelhaft blieb, ob ſie je wieder ganz hergeſtellt werden würde. Sie vermochte nicht einen Augen⸗ blick lang allein zu bleiben, denn ſowie ſie nicht Nancy an ihrem Bette ſitzen ſah, deren Stimme im Zimmer hörte, oder den Druck ihrer Hand fühlte, ſtellte ſich ihre Beängſtigung wieder ein. Alles dieſes koſtete Kit viel Geld, der außer den beiden jungen Mädchen auch den Knaben Kelf zu erhalten hatte, da ſein Edelmuth es nicht zuließ, daß der⸗ ſelbe nach den wichtigen Dienſten, die er geleiſtet, wieder in das Armenhaus zurückgeſchickt werden ſolle. Er hatte ſich vorgenommen, etwas aus dem Knaben zu machen und er hielt ſein Wort. Zwar arbeitete 30 er von frühem Morgen bis an den ſpäten Abend, aber es blieben deßhalb ſeine Einnahmen doch unter ſeinen Ausgaben, und ſo hatte er unter dieſen Umſtänden keine andere Wahl, als die hundert Pfund, welche ihm als Erbtheil zugefallen waren, 7 anzugreifen. Sein feſter Entſchluß war, der Kranken es an nichts fehlen zu laſſen. Als er eines Abends von der Werfte zurückam, traf er Nancy mit Thränen in den Augen unweit des Hauſes. „Was hat es gegeben?“ fragte er ängſtlich. „Iſt Miß Cheerly wieder ſchlimmer geworden?“ „Sie ſchlummert,“ verſetzte das Mädchen,„und unſere Hauswirthin iſt bei ihr, denn ſonſt wäre ich nicht hier. O Kit! Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie ſehr es mich drückt, daß wir Ihnen ſo ſehr zur Laſt fallen.“ „Pah!“ verſetzte der Liebhaber mit hoffnungs⸗ vollem Lächeln.„Sie werden mir eines Tages meine Auslagen vergüten.“ „Die geliebte junge Dame fühlt dieß ebenfalls,“ fuhr Nancy fort,„und als der Arzt, wie gewöhn⸗ lich, dieſen Morgen da war, erklärte ſie ihm, daß ſie nach London zurückkehren und ſich dort um Näh⸗ arbeit umſehen wolle.“ „Näharbeit!“ wiederholte der Zimmergeſelle erſtaunt.„Wie kann ſie daran denken, da ſie ſich noch kaum allein im Stuhle aufrecht zu halten vermag.“ „Das ſagte ich ihr auch.“ „Es wäre ihr Tod.“ c——+—— 1— —— M M M „Das ſind des Doktors Worte!“ rief Nancy auf's Neue in Thränen ausbrechend. Er empfahl ihr, noch weiter von London weg auf das Land zu gehen, da eine Luftveränderung ihr unumgänglich nothwendig ſei. Das nützte aber gar nichts und ſie antwortete ihm nur mit einem ſo traurigen und troſtloſen Blicke, daß mir faſt das Herz darüber brach.“ „Hören Sie mich an, Nancy,“ ſprach der junge Mann;„Miß Cheerly ſoll, wenn ſie es gern thut, auf das Land gehen, und Sie ſollen zu ihrer Pflege ſie begleiten. Mir iſt London von Herzen entleidet und ich habe, wie Sie wiſſen, hundert Pfund, die mein gehören. Davon habe ich zwar ſchon etwas gebraucht, aber nicht viel und—“ „Nein, Kit, nein,“ unterbrach ihn Nancy.„Wir können unmöglich noch mehr Geld von Ihnen an⸗ nehmen. Was ſoll zuletzt aus Ihnen werden?“ „Aus mir! O ich gehe mit,“ verſetzte der Lieb⸗ haber. „Sie vergeſſen, wie hart die Welt urtheilt,“ bemerkte das Mädchen, die ihn noch nicht zu ver⸗ ſtehen ſchien. „Hole der Henker die Welt!“ rief der Zimmer⸗ geſelle feurig.„Ich meine es auch nicht ſo, denn was brauchen wir uns um die Meinung der Welt zu kümmern, wenn unſer Bewußtſein uns ſagt, daß wir recht handeln? Aber wie ſchlimm ſie auch ſein mag, ſo wäre es doch ſonderbar, daß ſie etwas Unrechtes daran fände, wenn Mann und Frau zu⸗ ſammen reiſen und eine junge Dame ſich unter ihren Schutz begibt. Hören Sie mich ganz an, Nanch,“ 32 fuhr er, ihre Hand ergreifend, fort;„Sie wiſſen, daß ich Sie zärtlich liebe und daß meine Liebe nicht ſtärker iſt als meine Achtung vor Ihren Grund⸗ ſätzen und Ihrem Charakter. Sie haben Ihren Einfluß auf mich kennen gelernt, denn ein Beweis davon iſt meine Bekehrung zu Ihrem religiöſen Glauben. Die jüngſten Ereigniſſe haben dieſen in mir befeſtigt. Werden Sie meine Frau und ich gebe Ihnen mein Wort als ehrlicher Mann, daß Sie die getroffene Wahl nie bereuen ſollen.“ Es lag ſo viele männliche Offenheit in dem Tone, in welchem er ſein Anerbieten vorbrachte, eine ſo achtungsvolle Bewunderung in ſeinem Weſen, die dem Frauenherzen ſchmeicheln mußte, ſo daß Nancy wohl nur einen Augenblick lang mit ihrer Einwilli⸗ gung zögern konnte. Sie hätte gerne geſprochen, aber Beſcheidenheit und Dankbarkeit verhinderten ſie daran, und ſie vermochte nur ſchweigend ihre Hand in die ſeinige zu legen. Das Entzücken des Liebhabers darüber kann man ſich leichter vorſtellen als beſchreiben. Es gab ſich in der ruhigen Weiſe kund, welche die Zufriedenheit des Herzens aus⸗ drückt. Der Preis, nach dem er ſo lange gerungen, war endlich gewonnen und unſere Leſer werden damit übereinſtimmen, daß er redlich gewonnen worden war, denn, wenn überhaupt Männlichkeit, Offenheit und Ehrbarkeit von einem Erfolge gekrönt zu werden verdienen, ſo war dieß ſicher bei Kit der Fall. Nachdem einmal Nanch das Anerbieten von Kit's Hand angenommen hatte, ſo glaubte ſie auch nicht damit zögern zu dürfen, den Vermählungstag 33 zu beſtimmen, ſobald ſie darüber mit Miß Cheerly ſich berathen habe. Kelf kam in dieſem Augenblick herbeigelaufen, um Naney zu ſagen, daß die gute Lady erwacht ſei und nach ihr gefragt habe. Das Brautpaar verfügte ſich nun in ihr Zimmer und theilte ihr mit, was ſich zugetragen habe. Ein freudiges Lächeln glitt über das bleiche Geſicht der Geneſenden, welche das erröthende Mädchen an ihr Herz zog und es mehrmals küßte. „Mögen Sie glücklich werden!“ ſprach ſie,„ſo glücklich, wie Sie es verdienen; eine liebende Schweſter könnte Ihnen nichts Beſſeres wünſchen. Kit,“ fuhr ſie fort,„Sie haben einen Schatz ge⸗ funden, welcher Ihren häuslichen Herd, wie be⸗ ſcheiden er auch ſein mag, reich an Liebe und jener zarten Sympathie machen wird, ohne welche jelbſt ein Palaſt eine Einöde iſt. Während unſres Dul⸗ dens, ſo lange wir uns in der Gewalt jenes fürch⸗ terlichen Mannes befanden, waren ihre Gedanken bei Ihnen, betete ſie für Sie, daß Sie den Pfad nicht wieder verlaſſen möchten, auf welchen ſie Sie geführt hat.“ „Ach, meine liebe Miß Cheerly,“ rief Nancy beſcheiden,„ich bitte, loben Sie mich nicht da, wo ich es nicht verdiene; Sie waren voll der bewun⸗ derungswürdigſten Ergebung, welche mir als Bei⸗ ſpiel diente. Ihre Standhaftigkeit hielt mich auf⸗ recht;— doch wir wollen von dem fürchterlichen Orte nicht mehr ſprechen,“ ſetzte ſie hinzu, aus Furcht, daß die Erinnerung einen nachtheiligen Einfluß auf die Nerven der noch immer ſehr an⸗ gegriffenen Emma ausüben könnte. Licht⸗ und Schattenſeiten III. 3 34 „Ich werde oft, ſehr oft an Sie denken, Nancy,“ bemerkte dieſe,„wenn Sie fort ſind, und Ihr hei⸗ teres Lachen und Ihre freundlichen Worte ſchwer vermiſſen. Aber der Gedanke, daß Sie glücklich ſind, wird mich dann über Ihren Verluſt tröſten.“ „Sie werden doch nicht daran denken, uns zu verlaſſen?“ unterbrach ſie der Zimmergeſelle haſtig. „Ohne Sie würden wir uns gar nicht heimiſch füh⸗ len, denn wenn ich von der Arbeit heim käme, ſo würde ich von meiner Frau, ſtatt mit einem Lächeln, wie ich es erwarte, mit Thränen empfangen wer⸗ den, weil ſie an Sie dachte.“ „Ich bin Ihnen nur zu lange ſchon zur Laſt gefallen,“ rief Emma aus. „Nichts davon, Miß. Ich habe Ihnen eine Menge Dinge zu ſagen, von denen Sie bis jetzt noch nichts wiſſen; und wenn ich nicht fürchtete, daß es Sie ermüdet, wenn ich es Ihnen mittheile— Emma verſicherte ihn, daß dieß nicht der Fall ſei und Kit erzählte nun genau, wie und unter welchen Umſtänden er das Halsband bei der treu⸗ loſen Amme und dem Caſſier entdeckt habe und daß daſſelbe in den Hänben der Behörden geblieben ſei, reclamiren. „Möge ihr der Himmel verzeihen!“ murmelte Emma, von deren Herzen eine ſchwere Laſt durch dieſe Nachricht genommen wurde, die, wenigſtens für einige Zeit, das Geſpenſt der Armuth verbannte, welches ſie auf ihrem Krankenlager fortwährend gequält hatte. Die Ausſichten geſtalteten ſich freund⸗ licher und, ſtatt der Nothwendigkeit, den ganzen 1 bis ſie ſich wohl genug befinde, um daſſelbe zu 35 Tag und halbe Nächte hindurch mit der Nadel ſich abarbeiten zu müſſen, um nur das nackte Leben zu friſten, durfte ſie hoffen, durch Ruhe ihre Kraft und Geſundheit wieder zu gewinnen und, was ihr noch mehr am Herzen lag, ſie ſah ſich dadurch in die Lage verſetzt, ihrer getreuen Freundin und Leidensgenoſſin ihre Dankbarkeit beweiſen zu können. „Sie gehen mit uns auf's Land,“ rief Nancy, „denn Kit wünſcht London, wenigſtens eine Zeit lang, zu verlaſſen. Dort will ich Sie pflegen und mit Ihnen ſpazieren gehen. Sie werden bald ſehen, wie bald dann die Farbe der Geſundheit wieder Ihre Wangen färbt. Es wird eine Freude ſein,“ ſetzte ſie, von dem Gedanken an das bevorſtehende Glück hingeriſſen, hinzu,„wenn wir Abends Kit entgegengehen, der von ſeiner Arbeit nach Hauſe kommt.“ „Ganz gewiß,“ verſetzte Miß Cheerly;„aber was ſoll aus dem armen Kelf werden? Ich kann es nicht zugeben, daß er wieder in das Armenhaus zurückkehrt.“ „Das ſoll er auch nicht,“ bemerkte Nancy's Bräutigam;„ich werde ihn mein Handwerk lehren. Aber jetzt will ich Sie verlaſſen. Sie dürfen ſich nicht zu ſehr anſtrengen, ſonſt ſchilt der Doctor und Ihre Pflegerin. Ehe ich aber gehe, möchte ich mir eine Frage erlauben.“ „Recht gern.“ „Ich bitte, daß Sie mir nicht darauf antworten, wenn es Sie aufregt oder Sie nicht davon ſprechen wollen, denn ich habe kein Recht dazu.“ Emma ſah ihn fragend an. 36 „Waren Sie je mit einem Mann— einem Gentleman, wie ich ihn wohl benennen ſollte,“ ſetzte er ſich verbeſſernd ſh„Namens Hunket bekannt?“ „Nie.“ „Oder haben Sie dieſem Geld gelichen? 2 „Nicht einen Schilling,“ verſetzte Miß Cheerly noch mehr erſtaunt.„Bei meiner Ankunft in Eng⸗ land, nach dem Tode meines ſeligen Vaters, fand ich deſſen Angelegenheiten in gänzlicher Verwirrung. Anſtatt des Vermögens, auf welches zu hoffen ich mich für berechtigt hielt, entdeckte ich, daß mir nichts verblieb, als eine Verſchreibung von fünf Tauſend Pfund, welche Mr. Burg zu bezahlen ſich weigerte, weil ſie verlegt oder verloren war, ſo wie das Halsband, daß Sie ſo dienſtfertig für mich wieder aufgefunden haben; folglich hatte ich kein Geld herzuleihen. Aber weßhalb fragen Sie dieß?“ „Ich hatte— keinen beſondern Grund,“ er⸗ widerte Kit, welcher fürchtete, ſie unnöthig aufzu⸗ regen, wenn er ihr die ſchändliche Verdächtigung mittheilte, welche die Amme und der Caſſier vor Gericht hatten durchſcheinen laſſen.„Wir haben für jetzt bereits zu viel geſprochen.“ Damit verließ er das Zimmer, im Herzen voll Unwillen über das niederträchtige Benehmen ihrer Freunde, und feſter als je überzeugt, daß das ſchutzloſe Mädchen das Opfer einer Verſchwörung ſei, in der Abſicht ge⸗ macht, ſie um ihr Vermögen zu bringen. Ich bin zwar ein armer Mann, dachte er, aber ich ruhe nicht, bis ich ihr zu ihrem Recht verholfen habe. Daß Mr. Burg ſie zu bezahlen ſich weigern 37 ſoll, weil die Verſchreibung verloren ſei, ſo glaub' ich nicht daran. Wenn es derſelbe Mr. Burg iſt, den ich kenne, ſo iſt dieſer nicht fähig, eine ſo ehr⸗ loſe Handlung zu begehen. Je mehr er über die Umſtände nachdachte, um ſo feſter wurde ſeine Ueberzeugung, und mehrmals an jenem Abende murmelte er den Namen des Sir John Sellem vor ſich hin. Nach Ablauf einer weitern Woche gab der Arzt zu verſtehen, daß die Geneſende ohne Nachtheil für ihren Zuſtand nach London gebracht werden könne, eine Anſicht, welche ihre Freunde geradezu als eine Erlaubniß anſahen, und ſonach ſich zur Abreiſe mit ihr anſchickten. Die Freude Kelf's, als man ihm ſagte, daß er mit dürfe, gab ſich auf die poſſier⸗ lichſte Weiſe zu erkennen; er lachte, tanzte und ſchnitt ſolche Fratzengeſichter, daß Kit ihm endlich drohen mußte ihn zurückzulaſſen, wenn er ſich nicht vernünftiger benehme. Der arme Burſche ſchob dann ſein grobes leinenes Sacktuch in den Mund, um damit gleichſam den Ausbruch des Lachens zu verſtopfen, das man ihm nicht mehr erlauben wollte. Seine letzten Gedanken beim Einſchlafen und ſeine erſten beim Erwachen waren die guten Ladies, die ihn beten gelehrt und ihn jetzt mit ſich nehmen wollten. Che Kit Charlton verließ, gelang es ihn James Watſon zur großen Freude ſeiner Mutter auf der Werfte unterzubringen. Dieſes Ereigniß verſüßte der armen Frau allein das aufrichtige Leid über den Verluſt ihrer Miethsleute. James aber war faſt untröſtlich darüber, und Kit mußte ihm ver⸗ 38 ſprechen, daß er, wenn er einmal ein eigenes Ge⸗ ſchäft anfange, ihn zu ſich in Arbeit nehmen werde. Nanch ließ erſt mehrere Tage in dem neuen Wohnſitze in Walworth vorübergehen, ehe ſie es wagte, Miß Cheerly von dem ſchändlichen Verſuch, ihren Ruf zu beflecken, in Kenntniß zu ſetzen. Emma nahm aber dieſe Nachricht mit mehr Feſtigkeit auf, als ſie erwartet hatte. Es hielt ſie nicht allein das Bewußtſein der Unſchuld, ſondern auch ihr Pflicht⸗ gefühl aufrecht. Sie fühlte, daß ſie dem Andenken ihres verſtorbenen Vaters ſchulde, der Welt zu be⸗ weiſen, daß ſie ſeines Namens nicht unwürdig ſei. Deßhalb begab ſie ſich in Begleitung ihrer beiden Freunde am folgenden Tag auf das Polizeiamt und verlangte dort zuerſt die Auslieferung des Halsbandes, die auch ſogleich erfolgte, ſobald ſie ſich über ihre Perſönlichkeit ausgewieſen hatte. So⸗ dann machte ſie über ihre und Nancy's unfreiwillige Entführung ſo klare und überraſchende Angaben, daß der Beamte kaum recht ſeinen Sinnen trauen⸗ zu dürfen glaubte, als er dieß hörte. „Sie ſind, glaube ich, krank geweſen, Miß Cheerly,“ ſprach er. „Ich lag an einer Gehirn⸗Entzündung darnieder in Folge der erduldeten Mißhandlung,“ verſetzte Emma feſt. Der Beamte und ſein Schreiber wechſelten be⸗ deutungsvolle Blicke mit einander. „Ich bin aber jetzt vollkommen ruhig und wie⸗ der bei voller Ueberlegung,“ fuhr ſie ſort.„Wenn Sie an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln, ſo iſt meine Leidensgefährtin im Stande, Ihnen alle De⸗ 39 tails zu beſchwören. Ebenſo der wackere, ergebene Freund, dem wir unſere Befreiung verdanken.“ „Ich kann aber noch immer nicht begreifen,“ bemerkte der Beamte, durch ihre Feſtigkeit in ſeiner vorgefaßten Meinung etwas erſchüttert,„aus wel⸗ chem Grunde dieſer Capitän Helsman die von Ihnen erzählte Gewaltthätigkeit begangen haben ſollte.“ „Er ließ ſich dazu gebrauchen.“ „Durch wen?“ „Durch den Mann, den ich einſt für meinen Freund hielt, von dem ich aber jetzt vermuthe, daß er mich meiner Erbſchaft beraubte, und nicht nur meine Amme zur Unredlichkeit verleitete, ſondern dieſe auch veranlaßte, Bemerkungen laut werden zu laſſen, durch welche, ohne eine directe Behaup⸗ tung, mein Ruf verdächtigt wurde. Mein Name wurde nämlich mit dem eines Mannes in Zuſam⸗ menhang gebracht, den ich in meinem Leben nie geſehen habe. Es wurde behauptet, ich hätte die⸗ ſem eine Summe geliehen, die ich, wie Sir John Sellem wohl weiß, nie beſeſſen habe.“ „Sie werden doch nicht einen ſo achtungswür⸗ digen Namen mit dem Menſchen in Verbindung bringen wollen, durch den Sie ſo lange Ihrer Frei⸗ heit beraubt wurden!“ rief der Beamte aus. „In meinem Innern waltet darüber nicht der geringſte Zweifel,“ verſetzte die Waiſe;„denn der Diebſtahl der Juwelen, meines letzten Nothpfennigs, war das Werk ſeines Caſſiers und meiner Amme. Die Verdächtigung meiner Sittlichkeit kam aus der⸗ ſelben Quelle. Sodann bemerkte ich am Tage meiner Ankunft in dem einſamen Hauſe im Zimmer 40 eine ſilberne Kanne mit Sir John Sellem's Namens⸗ zug und Wappen. Ich habe mein Krankenbett ver⸗ laſſen,“ fuhr ſie mit tiefer Erregung fort,„um den von meinem Vater ererbten Ncmen zu vertheidigen, — um zu beweiſen, daß dieſer durch keine Hand⸗ lung von mir befleckt worden iſt; wäre es, wie meine Feinde es gewünſcht, mein Todtenbett ge⸗ weſen, ſo würde ich gerade eben ſo gehandelt haben.“ Beim Schluſſe dieſer Anrede wurde das arme Mädchen von ihren Gefühlen ſo überwältigt, daß man ſie in das Privatzimmer des Beamten brin⸗ gen mußte, wo ſie blieb, bis ſie ſich ſo weit wieder erholt hatte, daß ſie nach Hauſe zurückkehren konnte. Die Sache machte aber ſolches Aufſehen, daß ſämmt⸗ liche Abendblätter, die ihre Berichterſtatter bei den Verhandlungen der Polizeiberichte hatten, den Fall veröffentlichten. Am folgenden Tag erſchien dagegen eine Er⸗ klärung, unterzeichnet von den Sachwaltern des Ban⸗ kiers, worin es hieß, daß ihr Client mit Capitän Helsman nur in Geſchäftsbeziehung geſtanden habez Sir John habe eine Verpfändung auf das Gut deſſelben in Händen, die aber ſoeben jetzt ver⸗ fallen ſei. Das Vorfinden der Kanne wurde damit erklärt, daß ihr Client das Haus des Capitäns Helsman ſchon ſeit mehreren Jahren während der Sommermonate gemiethet habe, wo dieſes Eigen⸗ thumsſtück, durch Zufall vergeffen, zurückgeblieben ſei. Was die Angabe der jungen Dame hinſicht⸗ lich des von Sir John Sellem an ihr begangenen Raubs anbelange, ſo ſei dieſe zu lächerlich, als daß ſie einer Widerlegung bedürfe. Man befinde ſich 41 in der Lage das Gegentheil zu beweiſen, indem dieſer Mann ihr freigebiger Wohlthäter geweſen ſei und ſie in ihrem Unglück unterſtützt habe. Die Berichtigung ſchloß mit der Bemerkung, daß, wenn Jemand in dem Dienſte ihres Clienten ſich etwas habe zu Schulden kommen laſſen, dieſer keinesfalls dafür verantwortlich gemacht werden könne, und an eine Theilnahme an einem Vergehen von ſeiner Seite ſei ſo wenig zu denken, daß kein geiſtig ge⸗ ſunder Menſch auch nur einen Augenblick lang im Ernſte daran glauben könne. Seine allgemein be⸗ kannte wohlwollende Geſinnung, ſeine Rechtlichkeit und ſeine religiöſen Grundſätze ſeien eine genügende Antwort auf eine ſolche Anklage. Dieſe Notiz war unterzeichnet von Wigget und Tye. Kit fühlte ſich von gerechtem Unwillen erfüllt, als er dieſe geſchraubte Erklärung las, und er ſchrieb darauf eine Erwiderung, in welcher er in bündiger und einfacher Sprache die Wahrheit dar⸗ zuſtellen ſich bemühte Aber keine Zeitung wollte ſie aufnehmen, aus Furcht, in einen Preßproceß verwickelt zu werden. Auf dieſe Weiſe war der Ruf des Bankiers, vorderhand wenigſtens, gerettet. Das Erſcheinen der Miß Cheerly auf dem Po⸗ lizeiamte hatte wenigſtens eine gute Folge, indem ſie den würdigen Vorſtand deſſelben ſich dadurch zu ihrem Freunde gemacht hatte. Er beſuchte ſie mehrmals und beſorgte ſogar auf ihre Bitte den Verkauf des Halsbandes, aus welchem vierhundert Pfund erlöst wurden. Es war dieß in der Lage der armen Waiſe ein Vermögen. Kurze Zeit darauf fand, nach Erfüllung der 42 nothwendigen Förmlichkeiten, Kit's und Nancy's Copulirung in der Kirche von Walworth ſtatt, und noch an ſelbem Tage machten ſich Alle, Kelf mit eingeſchloſſen, nach dem Dorf Granstoun auf den Weg. Dem Bräutigam hatte bei ſeinem früheren Beſuch die geſunde und freundliche Lage deſſelben ſehr wohl gefallen und im Stillen hoffte er dort Beſchäftigung zu finden. — Zweiunddreißigſtes Kapitel. Es iſt Zeit, daß wir zu Harold und ſeinem Freunde zurückkehren, die, während der eben er⸗ zählten Vorgänge in England, Anſtalten trafen, Paris zu verlaſſen. Namentlich trieb ſie Graf Li⸗ lini dazu an, der ein immer enger werdendes Band der Freundſchaft mit ihnen geknüpft hatte. Es war ihm gelungen, einen ganz merkwürdigen Einfluß über die beiden jungen Männer, namentlich über Harry, zu gewinnen. Es ließ ſich dieß ganz leicht erklären, denn es gab rich leicht einen uneigen⸗ nützigeren Menſchen als den Grafen. Die Leiden, die er erduldet, ſchienen ſein Herz von aller Selbſt⸗ ſucht geläutert und ihn zugleich nachſichtig gegen die Schwächen Anderer gemacht zu haben. Er bewegte ſich in der großen Welt, ohne an deren Laſter ſich zu betheiligen, leitete politiſche Intriguen durch die bloße Macht ſeines Verſtandes, ohne die Hände, welche die Zügel führten, zu beſudeln. Wenn auch zu⸗ weilen eine gewiſſe Bitterkeit in ſeine Unterhaltung —— 43 ſich miſchte, ſo geſchah es nur dann, wenn er auf den cyniſchen Materinlismus zu ſprechen kam, der Ehre und Loyalität ganz verdrängt habe. „Es iſt beſſer, ſich unter das Schwert eines Königs oder das Kreuz eines Prieſters zu beugen,“ konnte er dann wohl ſagen,„als nur dem gemei⸗ nen Mammon zu huldigen.“ Er hatte darin vollkommen Recht, tägliche Er⸗ fahrung lehrt, daß nichts ſo ſehr die Menſchheit er⸗ niedrigt als der Uebermuth des Reichthums. Gold iſt der Götze der Welt geworden! Sein Cultus iſt überall im Schwunge; in wenigen Jahren wird es die Kette der Erde werden, und ſeine Prieſter wer⸗ den die Welt regieren. Die Entdeckung des Liebesverhältniſſes zwiſchen Lord Charles Murray und der bezaubernden Ma⸗ rie von Trouville verſetzte Harold in die unbefan⸗ genſte Lage ihr gegenüber, nachdem er ſie früher eher etwas gemieden und ihr nur ſo viele Aufmerk⸗ ſamkeit bewieſen hatte, als eine Dame von einem Manne von Erziehung zu erwarten berechtigt iſt. Den Abend vor der Abreiſe nach Spanien brachte er, wie gewöhnlich, in dem Salon der Herzogin von Rohan zu, die vertrauter und liebenswürdiger, als je, mit dem Attachs plauderte, der keine Ah⸗ nung davon hatte, aus welchem Grunde die intri⸗ guante alte Dame ihm heute ſo freundlich zulächelte und ihn mit Aufmerkſamkeiten überhäufte. Der Graf, der ebenfalls anweſend war, erſchien einem oberflächlichen Beobachter als ganz unbetheiligter Zuſchauer; die Eingeweihten konnten aber wohl be⸗ 44 merken, daß eine Art telegraphiſcher Correſpondenz zwiſchen ihm und der Dame vom Hauſe beſtand. Wie ſonderbar doch das Herz iſt,“ bemerkte Harold gegen ſeine ſchöne Geſellſchafterin:„wer hätte wohl geglaubt, als ich vor einigen Wochen nach Paris kam, daß ich es ſo ungern wieder ver⸗ laſſen werde! Die Ausſicht, Spanien zu beſuchen, hat ſeinen Reiz verloren, ſeit ich ein gewohnter Be⸗ ſucher des Hotels Rohan geworden bin.“ „Ich glaubte, Sie hielten es für langweilig,“ verſetzte die junge Dame mit ſchelmiſchem Lächeln. „Anfangs freilich, ich geſtehe es; jetzt aber ziehe ich es tauſendmal den lärmenden, gemeinen Luſt⸗ barkeiten in den Tuilerien vor. „Sie haben die Tuilerien noch nie geſehen,“ flüſterte Marie. 1 „Ich verſtehe,“ ſagte Harold, dem ihre Anſpie⸗ lung auf die verbannte Familie nicht entging; um aber nicht die letzten Stunden, die ihm in ihrer Geſellſchaft zuzubringen vergönnt waren, durch Be⸗ ſprechung von Politik zu verderben, um die er ſich nichts kümmerte und von der er nichts verſtand, fragte er das Fräulein, ob ſie ihm keine Aufträge nach Spanien mitzugeben habe. „Ich wüßte allerdings einen,“ verſetzte das ſchöne Mädchen mit funkelnden Augen,„aber dazu gehört Scharfſinn und Takt.“ „Die kann ich freilich nicht mit Sicherheit ver⸗ ſprechen,“ rief der junge Mann lachend, überzeugt, daß der Scharfſinn und Takt, die ihr nothwendig ſchienen, ſich auf die Auswahl einer Mantille oder einen der ausgezeichnet fein gemalten Fächer oder Spitzen beziehe, deren Fabrikation in dieſem Lande ganz beſonders berühmt iſt;„ich will aber thun, was in meinen Kräften ſteht.“ „Auch Muth iſt hiezu erforderlich,“ ſetzte Marie hinzu, indem ſie ihr dunkles Auge mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdruck auf ihn richtete.„Ich will Sie nicht täuſchen, denn ich verſchmähe es, freundſchaft⸗ liche Geſinnungen, die Sie für mich an den Tag gelegt haben, mit einer Täuſchung zu vergelten. Der Dienſt, den ich verlange, iſt in hohem Grad ehrenvoll; zugleich aber auch, und ich bitte dieß nicht zu überſehen, nicht gefahrlos.“ „Ich hoffe, daß Fräulein von Trouville mir ſo viele Gerechtigkeit widerfahren läßt, daß ſie nicht glaubt, die letztere Rückſicht könnte einen Einfluß auf mich üben,“ bemerkte Harold ernſt. „Aber auf mich,“ verſetzte die junge Dame mit mehr Wärme, als einer Franzöſin, wenigſtens einer unverheiratheten an den Tag zu legen erlaubt iſt; „aber ich mag Sie jetzt nicht darum bitten.“ „Weßhalb nicht?“ „Weil Sie mich Fräulein von Trouville nann⸗ ten,“ antwortete ſie;„ein Beweis, daß ich Sie be⸗ leidigt habe.“ „Wie ſoll ich Sie denn nennen?“ „Marie! nennen Sie mich kurzweg Marie.“ „Nun denn, Marie,“ fuhr Harold lächelnd fort, „ich muß darauf beſtehen, daß Sie mir ſagen, worin der gefährliche Dienſt beſteht, den Sie von mir verlangen.“ „Und Sie wollen ihn leiſten?“ „Unbedingt.“ 46 „Wohlan; es handelt ſich darum, einen alten Diener, den die orleaniſtiſche Regierung in Frank⸗ reich gefangen hält, einem theuren Freunde wieder zu geben; er wird in Bayonne zu Ihnen ſtoßen.“ „Einen Diener?“ a ² „Der vielleicht die Waffen getragen hat.“ „Nie!“ rief Marie haſtig.„Ich verpfände mein Wort dafür, daß er dieß nie gethan hat. Ja, noch mehr, daß er ganz unfähig iſt, es zu thun. Ich würde mir nicht erlauben, Sie zu hintergehen. Er iſt von niederer Geburt.“ „Und ein Diener,“ ſetzte Harold mit einem Lä⸗ cheln hinzu. „Nichts als ein Diener,“ wiederholte das ſchöne Mädchen ſchmollend.„Sie fragen mich ja aus, wie ein Advokat, nicht wie ein Cavalier. Durch ein höchſt ungerechtes Verfahren geht man damit um,“ fuhr ſie fort,„den Freund, von dem ich ſprach, ſeiner Güter zu berauben, und dieſes Mannes An⸗ weſenheit, Zeugniß oder was er ſonſt leiſten ſoll, iſt ſehr wichtig. Unglücklicher Weiſe haben ſeine Feinde genug Einfluß, ihn unter irgend einem lächer⸗ lichen Vorwand als Gefangenen in Frankreich zu⸗ rückzuhalten.“ Zufriedengeſtellt, daß keine politiſche Intrigue dabei im Spiele ſei, erneuerte Hgrold ſein Ver⸗ ſprechen und fragte, wie er dieſen Mann in Bayonne finden ſolle. 6 „Er wird Sie aufſuchen.“ „Und ſein Name?“ Leon.“ 47 Alles dieß wurde mit ſo argloſer Miene geſpro⸗ chen, daß jeder Verdacht in Harold zum Schweigen gebracht wurde, und er nur noch zu wiſſen wünſchte, wie er den Mann zu behandeln habe. „Wie einen Diener, verſteht ſich,“ verſetzte Ma⸗ rie,„aber freundlich, weil er alt und denen getreu ergeben iſt, welchen er dient; und weil Treue ſelbſt den beſcheidenſten Verhältniſſen Achtung ver⸗ ient.“ Während des Abends fanden die Freunde Ge⸗ legenheit einige vertraute Worte mit einander zu wechſeln. Beide hörten zu ihrem größten Erſtau⸗ nen, daß das gleiche Verlangen an jeden von ihnen geſtellt worden war. Bei Harry hatte es die Tante übernommen, bei Harold die Nichte! Wenn es nur von Seite der Herzogin geſchehen wäre, ſo hätten ſie irgend eine politiſche Intrigue dahinter vermu⸗ thet, aber von Marie konnten ſie das nicht wohl vorausſetzen. Beim Weggehen begleitete ſie der Graf Lilini nach ihrem Hotel, da dieß wahrſcheinlich für lange Zeit die letzte Nacht war, die ſie zuſammen zubrin⸗ gen konnten. Bald darauf ſtellte ſich auch Lord Charles ein. „Apropos,“ bemerkte der Attachs,„wie viele Diener ſoll ich in Ihrem Paſſe eintragen? Ich habe morgen früh bei dem Miniſter des Aelßern Geſchäfte und will Ihnen ein ſpecielles Viſa ver⸗ ſchaffen.“ „Wir haben nur zwei,“ veyſetzte Harry Burg. Tom und William Franklin. Der Lord ſah ihn erſtaunt und gewiſſermaßen 48 enttäuſcht an; der Graf aber, der ruhig ſeine Ci⸗ garre rauchend daſaß, nickte beifällig. „Zwei!“ wiederholte Lord Charles.„Ich glaubte, Sie wünſchten vielleicht einen Führer oder Courier mit eingetragen zu haben.“ „Nein.“ „Alſo nur zwei?“ „Wir kennen den Grund Ihrer Frage, Char⸗ les,“ bemerkte Harold;„aber ich und Harry haben uns über die Sache beſprochen und ſind überein⸗ gekommen, daß Sie bei dem, was wir zu thun be⸗ abſichtigen, gänzlich aus dem Spiel bleiben ſollen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Lilini. „Wir ſind zwar in das Myſterium nicht einge⸗ weiht, in dem wir uns zu blinden Mitſpielern her⸗ gegeben haben,“ fuhr Harold fort,„aber ohne im mindeſten an der Wahrheit der Behauptung des Fräuleins von Trouville zu zweifeln, daß der Mann, den wir in Spanien einzuſchmuggeln im Begriffe ſte⸗ hen, ein Diener iſt, oder, vorauszuſetzen, daß ſie im Stande wäre, uns irgendwie zu hintergehen, ſind wir doch überzeugt, daß ein Geheimniß dahin⸗ ter ſteckt. Sie haben eine officielle Stellung, die Sie an gewiſſe Geſetze bindet, die uns nicht be⸗ rühren.“ „Ich bin feſt überzeugt, daß Marie die Wahr⸗ heit geſprochen hat,“ rief der junge Mann feurig, „und nichts Ahderes. Aber wie groß auch meine Vorliebe für ſie ſein mag, ſo würde ich doch die⸗ ſer meine Pflicht als Beamter nicht zum Opfer bringen.“ 49 „Wiſſentlich gewiß nicht, davon ſind wir über⸗ zeugt,“ bemerkten die beiden Freunde. Lord Charles verabſchiedete ſich mit dem Ver⸗ ſprechen, morgen zum Frühſtück ſich einzufinden, da er für heute noch eine andere Einladung angenom⸗ men habe. „Sie haben Seiner Lordſchaft eine Lection der Klugheit, wenn nicht gar der Ehre, gegeben,“ be⸗ merkte Lilini ernſt, als ſie allein waren. „Es geſchah dieß gewiß ohne alle Abſicht,“ ver⸗ ſetzte Harry Burg;„denn er iſt einer der argloſe⸗ ſten und offenherzigſten Menſchen, die ich kenne. Ich möchte ihm um Alles in der Welt nicht weh thun.“ „Auch iſt er verliebt,“ ſetzte Harold mit einem Seufzer hinzu;—„ein Zuſtand, der noch größere Thorheiten, als die ſeinigen, entſchuldigt.“ „Sie ſprechen wie aus Erfahrung über dieſen Gegenſtand,“ ſagte der Graf;„aber ich habe nicht die Abſicht, mir Ihr Vertrauen erzwingen zu wollen.“ „Sie haben auch kein Recht dazu,“ rief Harold lachend,„denn Sie haben uns auch das Ihrige noch nicht geſchenkt. Soll ich Ihnen gerade heraus⸗ ſagen, was ich vermuthe?— daß, trotz meines Ver⸗ trauens, das ich in Marie von Trouville ſetze, etwas mehr, als es den Anſchein hat, hinter der Ge⸗ ſchichte ſteckt, in die wir uns eingelaſſen haben! Ich bin überzeugt, daß Sie um das Verlangen an uns wußten, eh' es geſtellt wurde.“ „Allerdings,“ verſetzte der Graf, ohne ſich zu beſinnen. „Und daß Sie es mißbilligten.“ „Nein.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 4 50 „Warum haben Sie es dann nicht ſelbſt ge⸗ ſtellt?“ fragten die beiden jungen Männer. „Weil eine abſchlägige Antwort mir weh ge⸗ than haben würde. Dieß war aber nicht der ein⸗ zige Grund. Obgleich die Herzogin von Rohan und ihre Nichte die Wahrheit fagten, als ſie behaupte⸗ ten, daß der Mann, den Sie beſchützen, und aus Frankreich mit ſich nehmen ſollen, ein Diener ſei, ſo ſagten ſie doch nicht Alles; ſie waren aber auch nicht in der Lage, dieß zu können. Ich ſchwieg ſtille und überließ die Sache Anderen, weil bei Perſonen, welchen ich meine Freundſchaft zuwende, aüch nicht ein Schatten von Zweifel über meine oder über meine Gründe herrſchen arf.“ „Es liegt Ihnen alſo viel an dem Entkommen dieſes Mannes?“ „Sehr viel,“ verſetzte der Graf. Harold und Harry verſicherten ihn, daß ſie es weder an Vorſicht, noch Klugheit fehlen laſſen woll⸗ ten, um ſein Entkommen zu ſichern. „Ich bin davon überzeugt,“ bemerkte Lilini; „aber Ihre Ablehnung der Abänderung in Ihren Päſſen, die Lord Charles beabſichtigte,— eine Ab⸗ lehnung, welche ich billige und bedaure— hat die Sache ſchwieriger gemacht, als Sie ſich denken. Doch iſt ſie nicht unmöglich,“ ſetzte er nachſinnend hinzu;„die Welt wagt ſo viel um des Gewinnes willen; ſollte denn Niemand der Ehre wegen etwas auf das Spiel ſetzen? Bei Ihrer Ankunft in Bayonne wird der Mann, von dem die Herzogin und ihre Nichte ſprachen, ſich bei Ihnen in Ihrem Hotel 51 einfinden,— höchſt wahrſcheinlich in der Geſtalt eines Couriers, möglicher Weiſe aber auch in einer andern Verkleidung. Ich theile Ihnen dieß mit, damit Sie nicht davon überraſcht werden, An der Grenze müſſen Sie, nach Umſtänden, nach eigenem Urtheile handeln; ſobald Sie auf ſpaniſchem Boden ſind, befinden Sie ſich in Sicherheit.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, ſich zum Weggehen anſchickend. „Werden wir uns je wieder treffen?“ fragte Harold mit einem herzlichen Händedruck; denn durch den ehrenvollen Sinn und die Delicateſſe, welche der Graf bei jeder Gelegenheit an den Tag gelegt, hatte dieſer ſein ganzes Vertrauen gewonnen. „Ich denke wohl.“ „In Spanien?“ „Oder in England;“ verſetzte Lilini,„wohin die blinde Göttin mich verſchlägt. Wenn die Sache der Legitimität triumphirt, ſo komme ich vielleicht als Geſandter dahin; wenn ſie unterliegt, als Flücht⸗ ling. Für jetzt ſchwankt noch die Wage in völligem Gleichgewicht. Unter allen Umſtänden,“ jetzte er ausdrücklich gegen Harry Burg hinzu, als dieſer ihm Lebewohl ſagte,„verſpreche ich Ihnen, daß wir uns wieder treffen.“ Was die hohe Ehrenhaftigkeit und die mancher⸗ lei guten Eigenſchaften ihres ercentriſchen Bekann⸗ ten betraf, waren die beiden Freunde ganz gleicher Anſicht: allein während Harold ihn für einen Phi⸗ loſophen hielt, erklärte ihn Harry für eine Art von Menſchenſeind. Bei entgegengeſetzten Anſichten liegt in der Regel die Wahrheit in der Mitte, und ſo 52 war es auch in dieſem Falle, denn Graf Lilini war von Beiden etwas. Den folgenden Tag verließen die jungen Männer Paris und erreichten nach drei Tagen Bayonne, wo ſie am Hotel de Poſte vorfuhren. Der Wirth empfing ſie mit ehrerbietigem Lächeln und der Verſicherung, daß ihre Zimmer bereit ſeien, da ihr Courier, der einige Stunden zuvor eingetroffen ſei, die nothwen⸗ digen Befehle ertheilt habe. Die jungen Männer hörten die Mittheilung, ohne das mindeſte Erſtau⸗ nen zu verrathen, an, da ſie von Lilini avertirt waren; Tom dagegen war im höchſten Grade er⸗ ſtaunt, da er nichts davon gehört hatte, daß ſein Herr einen Courier engagirt habe. Glücklicher Weiſe hatte er aber im Franzöſiſchen noch nicht ſo viele Fortſchritte gemacht, als daß er ſeine Vermuthung hätte deutlich machen können. „Nun,“ rief Harold, als der Groom in den Salon trat, nachdem die Kellner ſo eben die Ueber⸗ reſte eines vortrefflichen Diners weggeräumt hatten, „haſt Du Deinen neuen Kameraden geſehen?“ „Freilich hab' ich ihn geſehen,“ verſetzte der Burſche in mißvergnügtem Tone.„Er befahl mir und Willie, ihn zu ſerviren, als wenn wir ſeine und nicht Ihre Diener wären; und das Sonder⸗ barſte dabei iſt, daß wir gehorchten; denn er hat ein ſo vornehmes Weſen, gerade wie Sir Mor⸗ daunt, als die Richter während der letzten Aſſiſen bei ihm ſpeisten.“ Die Freunde vermochten kaum ein Lächeln zu unterdrücken. „Er iſt zu alt, als daß er uns auf der Reiſe viel nützen könnte,“ fuhr Tom fort;„auch verſteht er kein Wort Engliſch. Der Wirth hat eine Menge Fragen an mich geſtellt.“ „Und Du gabſt darauf Antwort?“ „Gerade ſo, wie ich es in Paris that,“ ver⸗ ſetzte Tom, auf ſchauderhafte Weiſe das Fran⸗ zöſiſche radbrechend.„Ich glaube, daß er mich ver⸗ ſtanden hat, denn er antwortete mir auf dieſelbe Weiſe, und ſo ſtanden wir, einander angrinſend und achſelzuckend gegenüber, bis ich die Glocke von Euer Ehren hörte und glaubte kommen zu müſſen, um Ihnen Alles zu erzählen.“ „Du haſt Deine Sache vortrefflich gemacht,“ be⸗ merkte Harold.„Ich habe Dir übrigens zweierlei Dinge anzuempfehlen, die Du buchſtäblich ausfüh⸗ ren wirſt, wie ich von Deiner Treue nicht anders erwarte. Erſtens wirſt Du den Courier mit der größten Hochachtung behandeln und jedem Befehl, den er Dir erheilt, eben ſo unbedingt gehorchen, als wenn er von mir ausgegangen wäre.“ Tom vermochte kaum ſein Erſtaunen zu verbergen. „Sodann wirſt Du dafür ſorgen, daß er keine Mühe mit unſerm Gepäcke hat und keine Bemer⸗ kung gegen den Wirth laut werden laſſen, was Du auch ſehen und hören magſt.“ „Sie haben zu befehlen,“ verſetzte der Groom. „Schicke mir den Herrn,“ fuhr Harold fort. „Wen ſoll ich ſchicken, Herr?“ „Den Courier wollt' ich ſagen,“ verſetzte Ha⸗ rold, ſich verbeſſernd. Tom ließ ein langgedehntes Ah, ſo! hören. Er war ein kluger Burſche und die Benennung 54 „Herr“ gab ihm Aufſchluß über die ganze Ge⸗ ſchichte. Zugleich verließ er das Zimmer, um ſei⸗ nen Auftrag auszurichten. Einige Minuten hernach ließ ſich ein leiſes Klo⸗ pfen an der Thüre vernehmen und es erſchien ein hoher, ehrwürdig ausſehender Mann. Es lag etwas ſo Diſtinguirtes in ſeinem Weſen, welches den Ein⸗ druck auf Tom wohl erklärte, als er dieſem befohlen hatte, ihn zu bedienen. Auch Harold und Harry fühlten dieſen Einfluß, denn ſie erhoben ſich un⸗ willkürlich und gingen ihm bis in die Mitte des Zimmers entgegen. „Bleiben Sie ſitzen, meine Herren,“ ſprach er, ſie in geläufigem Engliſch anredend,„und erlauben Sie mir, die Hoffnung auszuſprechen, daß Sie mit den Anordnungen, die ich zu Ihrer Aufnahme ge⸗ troffen habe, zufrieden ſind.“ „Ganz vollkommen,“ verſetzten die jungen Männer. „Ohne Zweifel haben Sie Ihre Abſicht, Ihre Reiſe morgen früh forzuſetzen, nicht geändert?“ fuhr der Fremde mit höflichem Lächeln fort. „Durchaus nicht; es wäre denn, daß Sie es nicht räthlich fänden.“ „Iſt Ihnen fünf Uhr nicht zu früh?“ „Wir richten uns ganz nach Ihnen.“ Seine Art des Verbeugens erinnert mich lebhaft an meinen Onkel, dachte Harold Tracy, als der Fremde ſeinen Kopf zum zweiten Mal, um zu dan⸗ ken, verneigte. „Ich werde Ihnen alſo,“ fuhr der angebliche Cou⸗ rier fort,„zu der von mir bezeichneten Stunde mit der Bagage und den Päſſen an die Grenze voraus⸗ 55 eilen und, nach Bereinigung der Förmlichkeiten, welche ſeit einiger Zeit auf ſehr beſchwerliche Weiſe gehandhabt werden, meinen Weg noch nach Pas⸗ cara fortſetzen, um dort die Befehle zu Ihrer Auf⸗ nahme zu ertheilen. Wenn Sie viel Geld, Credit⸗ briefe oder andere Gegenſtände von Werth bei ſich haben, ſo werden Sie wohl daran thun, dieſe zu ſich zu ſtecken. Eine Reiſe in Spanien iſt etwas ganz Anderes, als in Frankreich.“ Die jungen Männer dankten ihm und ſprachen ihre Abſicht aus, ſeinem Rathe Folge zu leiſten. „Haben Sie mir noch weitere Befehle zu er⸗ theilen?“ Der vollkommene Ernſt, mit welchem dieſe Frage geſtellt wurde, brachte faſt ein Lächeln bei den bei⸗ den Freunden hervor. „Für den Augenblick wiſſen wir nichts,“ ver⸗ ſetzte Harry Burg;„ſollte aber Ihnen ſelbſt noch etwas einfallen, ſo haben Sie wohl die Güte, es uns mitzutheilen.“ Der Fremde verbeugte ſich abermals in ſeiner graziöſen Weiſe und ſchritt dann der Thüre zu. Dort blieb er aber ſtehen, und kehrte dann wieder zurück.„Sie haben Ihre Zimmer in Augenſchein genommen,“ ſprach er, ſeine Stimme dämpfend. „Sie ſtoßen an einander. Laſſen Sie die Thüre von Nr. 7 unverſchloſſen und erſchrecken Sie nicht, wenn ich während der Nacht es für nothwendig erachten ſollte, mit Ihnen zu ſprechen.“ Die Freunde verſicherten ihn, daß er ſie wach finden ſolle, worauf ſich ihr geheimnißpoller Schütz⸗ ling entfernte. 56 Die jungen Männer ſahen ſich eine Zeit lang ſtillſchweigend an. „Ein Diener!“ murmelte Harold Tracy in un⸗ gläubigem Tone.„Ich frage Sie, ob Carl der Fünfte ein edleres Benehmen zeigen könnte.“ „Wir haben aber das Wort der Herzogin von Fekat und der Fräulein Marie von Trouville,“ ſagte arry. „Mit der Modification von Lilini's Erklärung,“ bemerkte Harold.„Sahen Sie ſeine Hände, wie weiß, wie ſchön geformt, eine vollkommene Studie für einen Maler oder Bildhauer.“ Keiner der beiden Freunde bereute die Aufgabe, der ſie ſich unterzogen oder fürchtete die Gefahr, die damit verknüpft ſein könnte. Sie dachten nur daran, daß Graf Lilini erklärt hatte, wie ſehr er ſich für den Erfolg intereſſire, und der Einfluß, den dieſer über ſie erlangt hatte, war ſo groß, daß ſie es für eine heilige Pflicht hielten, ſeine Wünſche auszuführen. Im Laufe des Abends theilte ihnen der Wirth, der unter verſchiedenen Vorwänden bei ſeinen Gäſten erſchienen war, mit, daß die Nach⸗ richt von dem Entweichen eines wichtigen Gefange⸗ nen von Bordeaux eingetroffen ſei. „Eines Räubers?“ fragte Harold. „O nein,“ verſetzte der Wirth.„Eines politiſchen Gefangenen; wegen eines gemeinen Diebs würde man den Telegraphen nicht in Bewegung ſetzen. Ich hoffe, meine Herren, daß die Geſchichte Ihnen keine Weitläufigkeiten an der Grenze machen ſoll. Ihr Courier hat mir mitgetheilt, daß Sie mit Tagesanbruch abzureiſen gedenken.“ 57 „Bis jetzt iſt dieß unſere Abſicht.“ In dieſem Falle will ich Ihre Päſſe heute Nacht noch eintragen laſſen.“ Die Reiſenden händigten ihm ſogleich dieſelben ein und der Wirth verließ das Zimmer. Die Po⸗ lizei war bereits da, um ſie in Empfang zu nehmen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Prüfung der Päſſe ergab, ſo weit ſie die Reiſenden betraf, durchaus keinen Anſtand. Die Unterſchriften des ſpaniſchen Geſandten und des Mi⸗ niſters des Aeußern Louis Philipp's beſeitigten jeden Verdacht; aber unglücklicher Weiſe war der Name des angeblichen Couriers nicht darin eingetragen, und zwar, wie ſich unſere Leſer erinnern werden, aus Delicateſſe gegen Lord Charles Murray, deſſen edelmüthiges Anerbieten, denſelben aufzunehmen, die Freunde abgelehnt hatten. Der Wirth, der im Dienſte der Polizei ſtand, bewachte aufmerkſam das Geſicht des Commiſſärs, während dieſer die Papiere durchlas, und als dieſer gewichtige Mann Alles voll⸗ kommen in Ordnung erklärte, drückte die Miene des Wirths nichts weniger als Zufriedenheit aus. Es war nicht ſowohl das Entgehen einer Belohnung von Seite der Regierung, die er zu hoffen gehabt hätte, wenn etwas nicht richtig geweſen wäre, ſon⸗ dern vielmehr die ſo raſche Wiederabreiſe ſo ein⸗ träglicher Gäſte, welche ihm unangenehm war. „Gibt es denn kein Mittel, ſie zurückzuhalten?“ fragte er. 58 Der Commiſſär ſchüttelte den Kopf. „Sie ſind jung und unerfahren,“ ſetzte der eben nicht ſehr gewiſſenhafte Gaſtwirth hinzu. „Unglücklicher Weiſe iſt auch nicht der leiſeſte Vorwand vorhanden,“ erwiderte der Beamte. „Ihre Päſſe ſind in Ordnung. Auch iſt die Perſon, welche von Bordeaux entwiſcht iſt, ein alter Mann.“ „Ich hab's!“ rief der ſchelmiſche Gaſtwirth aus, „der Courier iſt ein alter Mann.“ „Wann iſt er angekommen?“ „Gegen drei Uhr heute Nachmittag. Steht ſein Name in dem Paſſe?“ Der Beamte ſuchte in dem Papiere nach; er befand ſich nicht darin. Obgleich keiner von Beiden entfernt den Ver⸗ dacht hegte, daß der Courier wirklich die Perſon ſei, welche feſtzunehmen der Telegraph den Befehl gebracht hatte, ſo war dieß doch immerhin möglich, und es ward deßhalb beſchloſſen, ihn holen zu laſ⸗ ſen. Einer der Kellner wurde deßhalb ſogleich in ſein Zimmer geſchickt, wohin er ſich bereits zurück⸗ gezogen hatte, um ihn zu dem Commiſſär herab⸗ zuholen. Der alte Mann gehorchte ohne alle Wi⸗ derrede. 2 „Warum ſchickten Sie Ihren Paß nicht ſogleich mit denen Ihrer Herren?“ fragte der Polizei⸗ commiſſär. „Ich war nicht anweſend, als ſie abverlangt wurden,“ verſetzte der alte Mann ohne die mindeſte Verlegenheit, indem er zugleich ein langes Document hervorzog, das mit ſo vielen Viſa's und Siegeln 59 bedeckt war, daß kaum noch Platz für eine weitere Unterſchrift war. Als dieß der Wirth ſah, zuckte er verzweifelnd die Achſeln, denn es war ihm nun klar, daß ſein Plan, die Reiſenden zum Beſten ſeines Hotels län⸗ ger aufzuhalten, zu Boden gefallen war. „Ihr Name iſt Leon?“ fragte der Beamte. „Wie Sie ſehen.“ „Alter dreiundſechzig.“ „So iſt es.“ „Und Sie waren—“ „Pah!“ unterbrach ihn der Courier;„laſſen Sie uns dieſe Poſſe endigen. Sie wiſſen ſo gut, wie ich, daß meine Papiere in Ordnung ſind. Wenn Sie noch Näheres über meine Perſönlichkeit zu wiſſen wünſchen, ſo leſen Sie dieß.“ Zugleich zog er aus einer in dem Futter ſeiner Weſte angebrach⸗ ten Taſche eine Karte hervor, auf welcher einige Linien in Chiffern geſchrieben ſtanden. Dieſelbe war von dem Miniſter der franzöſiſchen Polizei unterzeichnet und mit dem Siegel der Präfectur verſehen. Es war dieß einer jener Ausweiſe, wel⸗ chen die Regierung ihren geheimen Agenten gab und welchen alle Civil⸗ und Militär⸗Behörden zu reſpectiren verbunden waren. Der Graf Lilini hatte es ihm durch Vermittlung des Oberſten verſchafft. Der Beamte, der hier ſeine Stellung mißbraucht und das Siegel darauf geſetzt hatte, war ohne Zweifel hoch belohnt worden. Der Commiſſär lachte herzlich und ſtreckte ſeine Hand aus, bei deren Be⸗ rührung der alte Mann ſichtbar erröthete. „Wer hätte das geglaubt!“ rief der Commiſſär. „Noch nie in meinem Leben habe ich mich ſo gründ⸗ lich getäuſcht. Ihr Wirth und ich hofften, dieſe Zugvögel ein paar Tage lang hinzuhalten, um ſie mit Muße rupfen zu können.“ „Unmöglich! Meine Befehle ſind zu bündig,“ verſetzte der alte Mann. „Wer ſind ſie?“ „Engländer.“ „Und kennen ſie Sie?“ fragte der Polizeimann. „Nur als ihr Courier, den ſie auf Empfeh⸗ lung eines Freundes in Paris engagirten. Sie ken⸗ nen weder mein ſonſtiges Treiben, noch den Grund, der mich veranlaßte, in ihre Dienſte zu treten. Gleich vielen Andern ſind ſie unbewußte Werkzeuge eines ihnen unbekannten Zwecks.“ „Und dieſer Zweck iſt?“— „Ein Geheimniß,“ verſetzte der alte Mann ernſt. „Herr Wirth, geben Sie uns Wein.“ Als der Herr des Hauſes ſah, mit wem er es zu thun habe, wollte er gern eine Vergütung für die durch ihn verurſachte Störung leiſten und ging deßhalb weg, um eine Flaſche von ſeiner beſten Sorte zu holen. „Wo iſt Onfroy?“ fuhr der alte Mann fort, ſobald er ſich mit dem Commiſſär allein befand. „Er verließ Bayonne, um ſich nach Fuentarabia zu begeben, ſobald er das Entweichen des Gefan⸗ genen von Bordeaux erfuhr. Es gibt keinen Car⸗ liſten, den er nicht kennt, und wenn es dieſem auch gelingt, durch die franzöſiſche Grenze zu kommen, ſo fällt er bei ſeiner Ankunft ſicher in die Hände der Chriſtinos und—“ 61 „Wird erſchoſſen,“ ergänzte der Courier ruhig. „So lautet der Befehl,“ antwortete der Be⸗ amte, der ſeinem neuen Bekannten unbegrenztes Vertrauen zu ſchenken ſchien. „Es thut mir leid, daß er nicht da iſt,“ be⸗ merkte Leon;„ich wüßte etwas für ihn, aber Cle⸗ ment kann es eben ſo gut verrichten. Schicken Sie mir dieſen.“ „Noch heute Nacht?“ „Jaz wir reiſen mit Tagesanbruch weiter.“ „Sind Sie von Clement's Treue überzeugt?“ fragte der Oberbeamte der Bayonner Polizei.„Ich habe neuerdings Grund zum Verdacht, daß er mit den Carliſten in Verbindung ſteht.“ „Mit Schmugglern vielleicht,“ erwiderte der alte Mann;„ſonſt nicht.“ Der Wirth erſchien jetzt mit dem Wein. Leon trank nur ein Glas und zog ſich dann unter dem Vorwande, daß er morgen ſehr frühzeitig aufſtehen müſſe, in ſein Schlafzimmer zurück, nachdem er den Beamten nochmals aufgefordert hatte, ihm ja gewiß Clement zu ſchicken. Dieſer fand ſich auch noch während der Nacht richtig ein. Es war ein wohlgeſtalteter, rüſtiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, der nach einer kurzen Unterredung mit dem vorgeblichen Courier ſich wieder verabſchiedete, welch Letzterer ſich gekleidet, wie er war, auf's Bett legte und bis Tagesanbruch ſchlief. Es war ein heiterer, lieblicher Morgen, als die Reiſenden von Bayonne aufbrachen. Weder Harold, noch ſein Freund ſprachen ein Wort, bis der Wa⸗ 62 gen über der Zugbrücke der Stadt weggerollt war und ſie das offene Land erreicht hatten. „Die Gefahr iſt jetzt vorüber,“ rief Harold fröhlich. „Im Gegentheil, ſie beginnt erſt jetzt,“ bemerkte ihr geheimnißvoller Begleiter. Der junge Mann blickte ihn erſtaunt an.„Jeden⸗ falls ſind wir aber ſicher,“ ſprach er,„wenn wir einmal Fuentarabia erreicht haben.“ Wir kommen nicht dahin,“ verſetzte der Courier, „ich habe mir erlaubt, die Reiſeroute, die Sie mir geſtern Abend gaben, zu verändern, und wir wer⸗ den jetzt Spanien bei Zugaramurdi betreten. Die Entfernung iſt nur fünf Meilen; am erſten Orte paßt ein chriſtiniſcher Agent auf mich, um mich zu denunciren.“ „Die Pferde ſind aber nach Fuentarabia gemie⸗ thet.“ „Ich weiß es; die Anordnung ging von mir aus.“ „Unſere Päſſe ſind nach Fuentarabia viſirt.“ „Das macht nichts.“ „Und die Poſtillons?“ „Dieſen läßt man keine Wähl,“ fuhr der alte Mann in demſelben ruhigen Tone fort. In nicht ganz einer Stunde werden wir den Wagen ver⸗ laſſen. Handelte es ſich allein um mein Leben, ſo würde ich Bedenken tragen, Ihnen für Ihre groß⸗ müthige Gefälligkeit eine beſchwerliche Zumuthung zu machen; aber es ſtehen große Intereſſen auf dem Spiel und ich darf mich denſelben nicht entziehen. Sie werden einen Umweg nach Madrid machen und zuerſt die baskiſchen Provinzen beſuchen, wo ſich die * 5 63 Natur in ihrer ganzen Größe kund gibt, und wo Alle, die treu und edel und des Namens eines Spaniers würdig ſind, für die Sache ihres geſetzlichen Königs unter den Waffen ſtehen. Sie werden nicht die einzigen Engländer im Lager des Don Carlos ſein.“ Es war dieß das erſte Mal, daß der alte Mann auf die Sache anſpielte, deren Parteigänger er war, ſo wie auf die Gründe ſeiner Flucht aus Frank⸗ reich. Unter andern Umſtänden hätte ein Beſuch im Lande des Cid Harold und Harry hoch ent⸗ zückt; aber daß man ſie gegen ihren Willen, gleich⸗ ſam in einer von der Herzogin von Rohan und deren Nichte gelegten Schlinge gefangen, dahin ſchleppte und ſie die Rolle von politiſchen Agenten in einer Sache ſpielen ließ, die ſie nicht einmal recht verſtanden,— das verdroß ſie, und ſie gaben deßhalb keine Antwort. „Noch iſt es nicht zu ſpät, wieder umzukehren,“ erwiderte der Flüchtling, der ihren Gedanken er⸗ rieth;„Sie brauchen mich bloß dem Militärpoſten zu denunciren, den wir in wenigen Minuten er⸗ reichen werden und General Harispe, welcher den Truppencordon, der die Grenze bewacht, comman⸗ dirt, wird jede Schwierigkeit, die ſich Ihrer Reiſe auf dem Wege nach Madrid entgegenſtellt, beſei⸗ tigen, und ſowohl Ihre Regierung, wie die von Frankreich, wird Ihnen für Ihre Dienſte danken.“ „Und Sie?“ fragte Harold. „Ich werde aller Wahrſcheinlichkeit nach den Chriſtinos ausgeliefert und erſchoſſen werden.“ „Es iſt zwar allerdings nicht der Weg, den wir zu machen beabſichtigten,“ bemerkte Harold,„aber 64 ſollte er ſelbſt zum Tode führen, ſtatt in die bas⸗ kiſchen Provinzen, ſo würde ich ihn doch hundert⸗ mal der von Ihnen genannten Alternative vorzie⸗ hen. Wir haben uns einmal in das Unternehmen eingelaſſen— unüberlegter Weiſe vielleicht; aber nachdem es geſchehen iſt, können wir, ohne uns zu entehren, nicht zurücktreten. Verfügen Sie alſo über uns.“ Der Courier lächelte und dankte den Freunden mit der Miene eines Mannes, der eine Gnade gewährt, anſtatt eine zu empfangen. Für einen Domeſtiken, für den Marie von Trouville ihn ausgegeben hatte, beſaß er allerdings ein ſehr ariſtokratiſches Weſen; am meiſten machte aber die Freunde Lilini's Be⸗ hauptung wirre, auf deſſen Wort ſie unbedingt ver⸗ trauten; und dieſer hatte ſie verſichert, daß die geheimnißvolle Perſon, welche man ihrer Obhut anvertraute, von niederer Geburt ſei. War dieß der Fall, ſo beſaß er dafür die Manieren eines Prinzen. Ehe man den Militärpoſten erreichte, von wel⸗ chem Leon geſprochen hatte, verließ dieſer das In⸗ nere des Wagens und ſetzte ſich auf den Bock, und als der Wagen an dem Wachhauſe vorfuhr, über⸗ gab er kaltblütig die Päſſe dem Corporal, der ſie zur Prüfung dem commandirenden Officier hinein⸗ trug. Es verfloß faſt eine Viertelſtunde, ehe ſie wieder zurückgegeben wurden, und doch gab der alte Mann, deſſen Leben hier an einem Faden hing, weder durch ein Wort, noch eine Geberde, die Un⸗ ruhe, die er fühlen mußte, zu erkennen. „Haben Sie etwas von dem Entwiſchen eines . 65 carliſtiſchen Gefangenen gehört?“ fragte der Cor⸗ poral, als er die Papiere wieder einhändigte. „Man ſprach von nichts Anderem in Bayonne,“ erwiderte der vermeintliche Courier;„der einfältige Commiſſär ließ mich mitten in der Nacht wecken, um meine Päſſe zu unterſuchen. Ich ſehe ganz wie ein ſpaniſcher General aus, nicht wahr?“ ſetzte er mit einem herzlichen Lachen hinzu. „Es iſt aber kein General,“ antwortete der Unterofficier. „Fort! fort!“ rief der Flüchtling den Poſtillons zu, die ihre Pferde in raſchen Galopp ſetzten. „Es iſt der—“ Das Geräuſch, welches der plötzlich in Bewe⸗ gung geſetzte Wagen machte, ſo wie das Schreien und Knallen der Poſtillons verhinderten Harold Tracy und deſſen Gefährten, die letzten Worte des Corporals zu vernehmen. „Ich denke, wir werden es ſeiner Zeit ſchon erfahren,“ bemerkte Harold. „Bis dahin alſo Geduld,“ rief Harry lachend. Die Reiſenden erreichten bald jenen Theil der Straße, wo der Paß von Huarte von der Haupt⸗ route abzweigt. Anfangs ſteigt er nur allmälig in die Höhe und windet ſich zwiſchen Felſen und dich⸗ tem Geſtrüppe durch, das den Rand des engen Maulthierpfades einfaßt, an deſſen Seiten ſich zu⸗ weilen gigantiſche Steinmaſſen aufthürmen, die, von der Höhe herabgeſtürzt, durch ihr eigenes Ge⸗ wicht auf dem Boden wurzeln und äußerſt günſtige Punkte für einen Hinterhalt darbieten. Tom und Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 5 66 Will glaubten auch Anfangs, ihre Herren ſeien in einen ſolchen gefallen, denn plötzlich ſprangen aus einem ſolchen Verſteck ein Dutzend wild ausſehen⸗ der Männer in baskiſchem Coſtume, das aus einer kurzen Jacke, weiten Sammtbeinkeidern, einer rothen Binde um den Leib und einer rothen runden Mütze beſteht, aus dem Gehölze hervor, umringten augen⸗ blicklich den Wagen und ſchrieen den Poſtillonen ein Halt zu, welchem Befehle dieſe ſchleunigſt nach⸗ zukommen ſich beeilten, denn die Angreifenden waren wohl bewaffnet. „Gemach!“ rief der Flüchtling, als er ſah, daß Tom auf den Anführer der Truppe anſchlug und Will einen Andern mit ſeiner Piſtole auf's Korn nahm:„es ſind Freunde.“ „Freunde! Tom,“ ſchrie Harold aus dem In⸗ nern des Wagens,„ſchieße nicht.“ Dieſe Worte wurden gerade zur rechten Zeit geſprochen, um das Leben wenigſtens eines der Schleichhändler zu retten. Der getreue Burſche war noch nie der Stimme ſeines Herrn ungehorſam ge⸗ weſen.„Freunde!“ wiederholte er, ohne den Fin⸗ ger von dem Drücker dem Piſtole zu entfernen;„es ſoll mir lieb ſein, wenn ſie dieß ſind. Sie ſehen aber Räubern ſo ähnlich, wie ein Ei dem andern. Was meinſt Du, Will?“ „So ähnlich,“ erwiderte dieſer,„daß ein eng⸗ liſches Gericht und Geſchworene ſie ſchon wegen dieſer Aehnlichkeit aufhängen ließen.“ Unterdeſſen war der Courier vom Bock herab⸗ geſtiegen. Sämmtliche Schmuggler zogen ihre Mützen 67 ab und ſtanden entblößten Hauptes vor ihm. Einige beugten ſogar das Knie. Der Anführer des Haufens, eine kräftige Ge⸗ ſtalt, mit Nacken und Schultern eines Gladiators würdig, und einem Adlerblicke, näherte ſich nun dem Wagen und erklärte den Freunden in geläu⸗ figem Franzöſiſch, daß ihr Weg über die Berge führe.„Meine Leute werden Ihr Gepäck beſorgen.“ „Das glaube ich,“ verſetzte Harold lachend, in⸗ dem ihm die Vorſichtsmaßregel einfiel, welche der Fremde im Hotel in Bayonne in Betreff des Gel⸗ des und Geldeswerths anempfohlen hatte. „Wir ſind Schmuggler, Senhor,“ murmelte der Anführer mit gerunzelter Stirne,„keine Räuber. Wenn Ihnen bei Ihrer Ankunft in San Esteban nur eines Maravedi's Werth an Ihrem Eigen⸗ thum fehlt, ſo will ich mein Leben verwirkt haben. Wer hörte je, daß ein Baske das ihm geſchenkte Vertrauen mißbraucht hätte?“ Man führte jetzt die Maulthiere vor und der Courier wurde ſorgfältig darauf gehoben. Zugleich wurde das Gepäck raſch vom Wagen ab⸗ und eini⸗ gen der Thiere aufgeladen. Harold und ſein Freund lehnten es ab, eines derſelben zu beſteigen, weil ſie vorzogen zu Fuß zu gehen. Eben als man im Begriffe war, den Bergpaß hinaufzuſteigen, bemerkte man einen Mann, der raſch auf die Stelle, die man verlaſſen wollte, zugeritten kam. Die Männer richteten in der Stille ihre Gewehre zurecht. Es war Clement, der Car⸗ liſtiſche Spion von Bayonne. Er kam daher ge⸗ ſprengt, um zu melden, daß der polz 68 Onfroy dem Flüchtling auf der Spur ſei. Man habe allarmirt und die Truppen des Generals Ha⸗ rispe ſtänden unter dem Gewehr. „Um ſo beſſer,“ rief der Anführer der Schmugg⸗ ler.„Kein Franzoſe, der ſich über die Grenze wagt, ſoll lebend zurückkehren und von dem Empfang, der ihm zu Theil geworden, erzählen können. Nun, Jungens, in die Berge! Greift man uns an, ſo denkt zuerſt an die, die ſich der Ehre und Ergeben⸗ heit der Basken anvertraut haben.“ Die Männer antworteten mit dem Rufe:„Viva el Bey!“ und die Truppe ſetzte ſich, mit Einſchluß Clement's, der nicht mehr wagte, nach Bayonne zurückzukehren, nachdem er die Behörden hintergan⸗ gen, und vor den Poſtillons ſich als einen Carli⸗ ſtiſchen Spionen zu erkennen gegeben hatte, durch den Paß in Bewegung, der ſie nach wenigen Minu⸗ ten vor den Augen derer barg, welche die Straße gezogen kommen mochten. Nur Einer der Schmugg⸗ ler blieb zurück, ein gewandter Burſche, der nach ſeiner Geſtalt zu ſchließen, die Behendigkeit einer Ziege beſaß. Ohne das mindeſte Bedenken oder Furcht an den Tag zu legen, nahm er ſeine kurze Flinte von den Schultern und kroch hinter eine dichte Granitmaſſe, welche in ſpitzem Winkel gegen den engen, gewundenen Pfad vorſprang. Man war noch nicht weit gekommen, als ein ſcharfer, wiederhallender Ton gehört wurde. Der zurückgebliebene Baske hatte Feuer gegeben. Ha⸗ rold wandte ſich mit einem fragenden Blicke nach dem Manne um, der an ſeiner Seite ging. Dieſer zuckte die Achſeln und flüſterte den Namen Onfroy. 69 Zu jeder andern Zeit wäre Harold ſtehen ge⸗ blieben, um dem eigenthümlichen Effecte zu lauſchen, welchen der Schall hervorbrachte, und welcher von hundertfachem Echo mit ſolcher Schnelligkeit weiter getragen und beantwortet wurde, daß es wie das Gelächter der Natur in der Wildniß ertönte, die ſich über den nachgeahmten Donner luſtig machte. „Es iſt ein Mord begangen worden,“ ſagte er, gegen ſeinen Freund Harty ſich wendend;„ein nutzloſer, unnöthiger Mord, und mag daraus ent⸗ ſtehen, was da will, ſo bin ich entſchloſſen, dieſe Leute zu verlaſſen.“ „Ganz recht,“ verſetzte ſein Gefährte, die Stimme dämpfend;„wir haben uns durchaus nicht dazu verbindlich gemacht, ſelbſt nur als Zeugen bei dem Begehen eines Verbrechens uns zu betheiligen.“ Einige Stunden lang ſetzten die Reiſenden ihren Marſch über das rauhe Gebirg fort, deſſen tiefe Klüfte mit alten knotigen Kaſtanienbäumen, beladen mit ihrer ſtachligen Frucht, ausgefüllt waren. Auf den Höhen über ihnen ſahen ſie zuweilen Ziegen und ſpaniſche Schafe mit ihren langen Haaren, welche das armſelige Gras abweideten, das zwi⸗ ſchen den Felſen ſproßte, die als hohe fantaſtiſche Maſſen, hoch über dem Maulthierpfade, theils in kantigen Zinnen endigten, theils über einander auf⸗ geſchichtet lagen und den Wanderer unten bedroh⸗ ten. Auf einem der nächſten Punkte des Paſſes hielten die Reiſenden, um auszuruhen, an; es wur⸗ den Schildwachen in verſchiedenen Richtungen aus⸗ geſtellt und ſodann der Courier mit großem Re⸗ ſpekt von ſeinem Mauleſel herabgehoben und ihm 70 ein Sitz von den Schmugglern bereitet, welche zu dieſem Zwecke ihre Jacken auf den Boden ausbrei⸗ teten. Der alte Mann lud Harold und Harry ein, neben ihm Platz zu nehmen. „Sie ſehen, Senhor,“ ſagte der Anführer der Bande, auf das Gepäck deutend, das den Thieren abgenommen wurde, ſo lange man ſie fütterte,„daß ich mein Wort gehalten habe; es fehlt nichts bars Harold erwiderte nichts darauf. „Sie ſcheinen verſtimmt,“ bemerkte g „Ich bin an kein Verbrechen gewöhnt.“ „Verbrechen!“ erwiderte dieſer ſtolz und erſtaunt; „ich verſtehe Sie nicht. Ich bin kein franzöſiſcher Unterthan; und ſelbſt wenn ich es wäre, ſo wäre Louis Philipp mein König nicht. Ich habe nur von dem Recht Gebrauch gemacht, das jedem freien Manne zuſteht, der die Freiheit, der man ihn un⸗ gerechter Weiſe beraubt hat, wieder zu erlangen ſucht.. „Das meine ich nicht.“ „Was denn?“ fragte der vorgebliche Courier ungeduldig.„Lilini ſagte mir, daß Sie muthig, offen und ehrenfeſt ſeien; daher kann ich Sie nicht verſtehen.“ „Fragen Sie dieſen Mann!“ rief Harold Tracy, indem er auf den Schmuggler deutete, der zurück⸗ gelaſſen worden war und eben jetzt ſeine Kamera⸗ den wieder einholte.„Er wird Ihnen den Namen des Opfers nennen, das er mordete.“ Bei dem Wort„ermordete“ ſprang der alte Mann von ſeinem Sitze auf, und aus ſeinen ſonſt ſo milden Augen blitzte ein ganz ungewohntes Feuer. 71 „Mordete!“ wiederholte er;„nachdem ich doch den ſtrengſten Befehl ertheilt habe, daß kein Tro⸗ pfen Bluts vergoſſen werden dürfe. Wenn ſich dieß beſtätigt, ſo wird der Schurke an den erſten Baum gehängt, der ſein Gewicht zu tragen vermag, ſobald wir die Grenze paſſirt haben.“ Zugleich deutete er auf eine Reihe weißer Grenzſteine und einige ver⸗ krüppelte Bäume, welche die Grenze beider König⸗ reiche bezeichneten. Sie waren kaum mehr als eine Meile entfernt, aber eben dieſe Meile war die ge⸗ fährlichſte, die man zu paſſiren hatte, weil das da⸗ zwiſchen liegende Thal von den Truppen des Ge⸗ nerals Harispe von der einen und den Carliſten von der andern Seite auf's Schärfſte bewacht wurde. Da das Leben deſſen, der dieſe Drohung ausge⸗ ſtoßen hatte, von der Treue ſeiner Führer abhing, ſo machten dieſe Worte einen ganz beſondern Ein⸗ druck auf die Freunde. „Aus welchem Grunde wurde dieſer Mann zurück⸗ gelaſſen?“ fragte Leon den Anführer der Schleich⸗ händler, der unbedeckten Hauptes vor ihm ſtand. „Um Onfroy's Ankunft abzuwarten.“ „Und ihn niederzuſchießen, Elender 2* „Richt ihn, ſondern ſein Pferd, Senhor,“ er⸗ widerte der Schmuggler mit tiefem Reſpekt:„um den Verräther zu verhindern, die franzöſiſchen Trup⸗ pen zu allarmiren und ſie auf unſere Spur zu führen, ehe wir einen gehörigen Vorſprung vor ihnen gewonnen haben.“ Leon winkte mit der Hand, zum Zeichen daß er mit der Erklärung zufrieden geſtellt ſei und nahm ſeinen Sitz wieder ein. Die Basken aber, welche erriethen, durch wen dieſe Nachfrage veranlaßt wor⸗ den ſei, betrachteten von dieſem Augenblicke an die beiden Engländer mit Widerwillen, wenn nicht gar mit Mißtrauen. „Ihr Irrthum war ſehr natürlich,“ ſagte der Courier, an die beiden Freunde ſich wendend;„ſelbſt ich wurde einen Augenblick lang davon irre geführt.“ „Sie ſchenken alſo der Angabe dieſes Menſchen Glauben?“ „Ich würde mein Leben für die Angabe deſſel⸗ ben verpfänden,“ verſetzte der alte Mann,„denn ſo wild und unbändig dieſe Schmuggler auch ſind, ſo haben ſie doch gewiſſe Begriffe von Ehre, die Sie nicht verſtehen. Sie machen ſich kein Gewiſſen daraus, einen Zollbeamten zu belügen und zu be⸗ trügen, aber mir würden ſie doch ihr Wort nicht brechen. Sie berauben den unglücklichen Reiſenden, der in ihre Hände fällt, mit eben ſo wenig Beden⸗ ken, als ſie einem Wolf das Fell abſtreifen, aber ſie würden keinen Maravedi aus dem Schatze eines Königs entwenden, wenn dieſer ihnen anvertraut würde. Es liegt vielleicht ein Widerſpruch darin, aber es findet ſich etwas dergleichen nichtsdeſtowe⸗ niger in den meiſten Naturen.“ Welches auch die Meinung der beiden Freunde ſein mochte, ſo waren ſie wenigſtens feſt überzeugt, daß der alte Mann von dem, was er ihnen mit⸗ getheilt hatte, durchdrungen war. „Wann werden wir unſern Marſch weiter fort⸗ ſetzen?“ fragte Harold Tracy. „Nicht vor Einbruch der Nacht,“ verſetzte ſein geheimnißvoller Bekannter.„Ich will lieber mich 73 den Unbequemlichkeiten eines Halts in den Bergen ausſetzen, als einen Zuſammenſtoß riskiren, in wel⸗ chem Menſchenleben verloren gehen können. Ver⸗ geſſen Sie nicht, daß wir noch auf franzöſiſchem Territorium ſind. „Die Franzoſen ſind aber Feinde Ihres Königs,“ bemerkte Harold. „Leider,“ ſagte Leon,„denn ohne die perfide Politik Louis Philipp's wäre Carl jetzt in Madrid. Der orleaniſtiſche Fuchs hat England zum Beſten, das blind zur Vergrößerung ſeiner Familienmacht beiträgt, indem es die Politik aufgegeben hat, welche ſo beharrlich die Großſprecherei Ludwig's XIV. zu nichte machte, daß es keine Pyrenäen mehr gebe.“ „Glauben Sie denn von ihm, daß er die bei⸗ den Kronen zu vereinigen ſich beſtrebt?“ „Spanien würde ſich nie dieſe Erniedrigung ge⸗ fallen laſſen,“ verſetzte der alte Mann ſtolz;„ſelbſt Napoleon wagte dieß nicht. Aber mit einer Frau auf dem Throne und einem Prinzen aus dem Hauſe Orleans als deren Gemahl wäre eine ſolche Ver⸗ einigung, mit Ausnahme der Form, vollſtändig. Die Nacht war ſchon gänzlich angebrochen, als die Wanderer ſich wieder in Bewegung ſetzten. Un⸗ glücklicher Weiſe erſchien aber der Mond hell und glänzend an dem wolkenloſen Horizont. Wohl auf jeden Reiſenden macht die Größe und Erhabenheit der Scenerie des Gebirgslandes einen überwältigenden Eindruck. Auch Harold und Harry ging es ſo, und trotz der Gefahr, welche ein un⸗ vorſichtiges Wort veranlaſſen könnte, brachen ſie zuweilen in Ausrufungen der Bewunderung und 74 des Erſtaunes aus zum großen Verdruß ihrer Füh⸗ rer, die, mit der Gegend bekannt, ihre Empfindun⸗ gen weder zu theilen, noch zu begreifen vermochten, ſondern mehrmals, ehe ſie das Thal erreichten, warnten, ſich dieſer Ausbrüche zu enthalten. Man war jetzt an die Stelle gekommen, wo man ſich von dem Gepäck und der Bagage tren⸗ nen mußte. „Die größte Gefahr iſt jetzt nahe,“ bemerkte der Courier, als ſie hinter einem Haufen Kaſtanien⸗ bäumen Halt machten. „Und doch ſind Sie unbewaffnet,“ verſetzte Ha⸗ vold, indem er ihm ein Piſtol anbot. Der alte Mann lehnte es mit der Bemerkung ab, daß er keinen Gebrauch davon zu machen wage. Es wurde verabredet, jedem der Flüchtlinge einen Schmuggler als Führer beizugeſellen, deſſen Schritten er folgen ſolle, ohne ſich im Mindeſten um ſeine Gefährten zu bekümmern. Durch dieſe Vorſichtsmaßregel hoffte man, daß im Falle eines Allarms das Feuern der franzöſiſchen Soldaten we⸗ niger ſchade, als wenn Alle auf einem Haufen mar⸗ ſchirten. Durch dieſe Trennung hoffte man auch die Verfolgung zu erſchweren. Es bedurfte aber des ganzen Einfluſſes Harold's und Harry's, um Tom und William Franklin, ihre getreuen Diener, zu ver⸗ anlaſſen, auch nur auf kurze Zeit zu einer Trennung von ihren Herren zu vermögen. Endlich willigten ſie aber doch, wenn auch widerſtrebend, ein, und ſo löste ſich die Geſellſchaft in verſchiedene kleine Abtheilungen. Der Anführer und der unterneh⸗ menſte unter den Basken gingen voraus; der Eine 75 vor, der Andere hinter dem Gegenſtand ihrer Sorg⸗ falt, dem geheimnißvollen Senhor Leon. Indem ſie ſo leiſe als möglich auftraten, ſchlichen ſie mehr, als ſie marſchirten, bis ſie wenigſtens die Hälfte des Thales überſchritten hatten, und plötzlich das „Qui vive?“ einer franzöſiſchen Schildwache ge⸗ hört wurde. Man gab keine Antwort darauf. Als dieſelbe Aufforderung ebenfalls erfolglos wiederholt worden wär, feuerte der Soldat ſein Gewehr ab, und einer der Schmuggler fiel. Der Anführer rief ſeinen Leuten etwas auf Spaniſch zu, die ſogleich mit der Schnelligkeit der Bergbewohner der Gränze zurannten, indem ſie zuweilen ihre Pi⸗ ſtolen in die Luft abfeuerten zum großen Erſtaunen der vier Engländer, die den Grund dieſer feigen Handlungsweiſe, für die ſie ſie hielten, nicht be⸗ greifen konnten, da ihre Verfolger ſchonungslos nach der Richtung ſchoſſen, welche die Flüchtlinge einge⸗ ſchlagen hatten. Die beiden Basken aber, welche den Courier begleiteten, verfolgten indeſſen ihren Weg eilig und in aller Stille. Sie feuerten nicht, ſondern ſchlugen weislich eine andere Richtung ein. Harold und Harry waren die erſten, welche die Gränze überſchritten, wo ſie eine Abtheilung Car⸗ liſten fanden, die zu ihrer Aufnahme bereit ſtand. Der commandirende Offizier ritt ihnen entgegen; als er aber ihre Geſichter ſah, wandte er faſt un⸗ willig ſich ab. Einige Worte von einem der Führer erklärten, wer ſie wären. Plötzlich wurde ein lauter Schrei ausgeſtoßen. Die Leute ergriffen die Wafſen. Er wurde wiederholt und der Anführer der Schmugg⸗ 76 ler erſchien athemlos und aus einer Wunde blutend, die er in die Bruſt erhalten hatte, indem er den Fremden unterſtützte, der faſt nicht mehr gehen konnte. Kaum ſah er ihn ſicher in der Mitte ſeiner Freunde, als der getreue Menſch erſchöpft und ſter⸗ bend zu Boden ſank. „Es iſt kein Augenblick zu verlieren!“ rief der Offizier.„Eine Diviſion von Rodil's Armee iſt gegen die Gränze marſchirt und ihre Vorpoſten ſtehen kaum eine halbe Stunde von hier. Steigen Sie auf, Excellenz, und fliehen Sie!“ „Nicht eher, als bis ich meine Pflicht erfüllt habe,“ erwiderte der alte Mann ruhig. Hierauf kniete er an der Seite des Schmugglers nieder und hörte eine ziemlich beträchtliche Zeit lang die Beichte deſſelben an, die dieſer ihm in's Ohr flüſterte. Man rief, die Chriſtinos ſeien im Anmarſch, er aber blieb unbeweglich auf ſeiner Stelle. Endlich ſtand er raſch auf, und ſeine Hände ausſtreckend ſprach er über den Sterbenden die Abſolution aus; im hächſten Augenblicke war der Anführer der Basken eine Leiche. „Nun, meine Herren, zu Pferde!“ ſagte der Courier.„Wir werden auch jetzt noch den Feinden unſeres königlichen Herrn entkommen.“ Auf dieſe Worte folgte ein lauter Ruf.„Lang lebe der Biſchof von Leon!“ Das Geheimniß war jetzt enthüllt; der vorgeb⸗ liche Courier war Niemand anders, als der gewandte Miniſter des Don Carlos, der ſo lange von Louis Philipp gefangen gehalten worden war; mit welchem Recht möchte ſchwer anders zu veranttorten ſein, 77 als mit dem, welches überhaupt dem Stärkeren ver⸗ liehen iſt. Harold und Harry, welche ebenfalls zu Pferd geſtiegen waren, folgten dem Trupp, aber der Auf⸗ tritt, den wir ſo eben beſchrieben haben, war ſo raſch vor ſich gegangen, daß keiner von Beiden die Abweſenheit von Tom und Will bemerkte, welche in die Hände der Soldaten Rodil's gefallen waren. — Vierunddreißigſtes Kapitel. Tom und Will hatten von ihren Herren die Weiſung erhalten, ſobald ſie die Gränze überſchrit⸗ ten hätten, ſich dem erſten Trupp von Leuten, den ſie ſehen würden, anzuſchließen, in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß dieß Freunde ſein müßten. Die armen Burſche hatten dieſem Beſehle buchſtäblich Folge geleiſtet; aber, anſtatt ſich den Carliſten anzuſchließen, waren ſie einer Abtheilung Chriſtinos in die Hände gelaufen, welche, durch das Feuer der Franzoſen alarmirt, raſch zu den Waffen gegriffen hatten. Anſtatt eines herzlichen Empfangs, den ſie erwartet hatten, wurden ſie mit Flintenkolben zu Boden ge⸗ ſchlagen und ſo feſt geknebelt, daß aller Widerſtand vergebens geweſen wäre. Ihre Ueberwinder glaub⸗ ten aber, daß ſie ſämmtliche Flüchtlinge gefangen genommen hätten, und da ſie eben nicht darauf ver⸗ ſeſſen waren, mit ihren Feinden in ein Gefecht ſi einzulaſſen, deren Anweſenheit in der Nähe ihnen 78 bekannt war, ſo eilten ſie mit ihrem Fang Lecaros zu, wo Rodil mit ſeiner Armee ſtand. Vergebens verſicherten ſie die Gefangenen, daß ſie Freunde ſeien, denn weder der das Detachement commandi⸗ rende Officier, noch ſeine Leute verſtanden ſie. Tom's Drohen mit dem, was ſein Herr thun werde, und Will's noch energiſchere Demonſtrationen blie⸗ ben, die einen wie die andern, unbeachtet. „Hol's der Henker!“ rief der Erſtere;„wenn man dieß zum Vergnügen reiſen heißt, dann wäre ich lieber zu Hauſe geblieben. Wo mag nur Squire Harold ſein? Wenn dieſe ſpaniſchen Schufte ihn eben ſo behandelt haben!“ Ein Schlag in's Geſicht, den ihm einer der Sol⸗ daten verſetzte, machte ihn auf die Nothwendigkeit aufmerkſam, ſeine Gedanken für ſich zu behalten. Tom erwiderte nichts darauf, ſondern blickte den Menſchen nur auf eine Art an, welche für dieſen feigen Angriff eine höchſt unliebſame Auseinander⸗ ſetzung weiſſagte, im Fall, daß beide Theile ſich unter günſtigeren Umſtänden wieder treffen ſollten. Der Soldat, in der Ueberzeugung, daß die Gefan⸗ genen unmittelbar nach ihrer Ankunft im Haupt⸗ quartier des Generals erſchoſſen würden, ſetzte dieſer ungeduldigen Wuth nichts als ein beleidigendes Lä⸗ cheln entgegen. Während des ferneren Marſches, der bis lange nach Tagesanbruch fortgeſetzt wurde, ſprach keiner der beiden Gefangenen ein Wort mehr, ſondern ſie marſchirten, in ſich gekehrt, neben einander her. Tom war übrigens mehr um die Sicherheit ſeines jungen Herrn bekümmert, als über die brutale Be⸗ 8 handlung, die ihm zu Theil geworden war. William Franklin dagegen ärgerte es, daß er bei ſeiner außergewöhnlichen Körperkraft in die Gewalt von Leuten gefallen war, die ihm eben ſo unbe⸗ deutend, wie dem Gulliver die Liliputer, vorkamen. Lecaros iſt eine kleine Stadt oder vielmehr ein Dorf, denn es beſteht nur aus einer einzigen, lang⸗ geſtreckten Straße, mit der Kirche an dem einen, dem Gefängniß und der Wohnung des Alcaden oder Bürgermeiſters an dem andern Ende. Im letztern Gebäude hatte der Chriſtiniſche Ge⸗ neral Rodil ſeine Wohnung genommen. Es war dieß ein gewandter, aber großſprecheriſcher Mann, der bei Uebernahme des Commando's über die kö⸗ niglichen Truppen eine Proclamation erlaſſen hatte, in welcher er Don Carlos einen Abenteurer und Zumalacarregui, einen Anführer von Räubern ge⸗ nannt hatte, den er entweder in das Meer zu werfen oder nach Madrid zu bringen gedroht hatte. Einige Monate ſpäter, als er gänzlich geſchlagen, und nach völliger Verſprengung ſeiner Armee durch denſelben Zumalacaregui als Flüchtling nach Madrid kam, wurde er daſelbſt mit dem verdienten Hohn und Spott empfangen. Rodil ging eben im Hofe vor dem Gefängniß auf und ab, in welchem ſich mehrere Officiere ſeines Stabs befanden, die ſich aber in gehöriger Entfer⸗ nung hielten, um die Unterredung nicht zu hören, welche ihr Chef mit einem Manne von etwa fünfzig Jahren hatte, deſſen einfacher ſchwarzer Rock und runder Hut gegen die glitzernden Uniformen und 80 bunten Federnhüte der Officiere merkwürdig abſtach, als die Gefangenen ihm vorgeführt wurden. „Ver ſeid Ihr?“ fragte er ſie auf Spaniſch. Tom nahm zu der Ausdrucksweiſe, die er für die Unwverſalſprache jedes Fremden hielt, ſeine Zu⸗ flucht, indem er die Achſeln zuckte. „Antwortet mir,“ ſetzte der General, die Stirne runzelnd, hinzu. Das Achſelzucken wurde wiederholt. Rodil wurde wüthend darüber und er drohte mit augenblicklichem Tode, wenn die Fremden ſich herausnehmen wür⸗ den, ſeine Geduld noch länger auf die Probe zu ſtellen. „Was zum Teufel will er denn von uns, Will?“ rief Tom;„ich glaube gar, er will uns freſſen.“ „Mager und hungrig genug ſieht er dazu aus,“ erwiderte ſein Unglücksgefährte;„wenn ich nur meine Arme frei hätte, dann wollt' ich ihm ſchon den Appetit dazu vertreiben.“ Als der Mann im runden Hut und ſchwarzen Rock Engliſch und zwar auf ſo verſtändliche Weiſe, ſprechen hörte, lächelte er und flüſterte dem Ge⸗ neral einige Worte in's Ohr. „So examiniren Sie ſie,“ ſagte Rodil,„und ſehen Sie, was Sie aus ihnen herausbringen.“ Mit dieſen Worten ging er weg. „Wie in aller Welt, ihr guten Leute, kommt ihr denn ohne Päſſe und irgend welche Papiere nach Spanien?“ Als die Gefangenen die Laute ihrer Mutter⸗ ſprache vernahmen, waren. ſie feſt überzeugt, daß ſie doch in die Hände von Freunden gefallen ſeien, 81 und Tom wollte ſogleich wiſſen, ob ſein Herr ſchon angekommen ſei.„Der Squire hat meinen Paß bei ſich,“ ſetzte er hinzu. „Wer iſt denn Ihr Herr?“ fragte der Schwarz⸗ rock im ſanfteſten Tone. „Harold Tracy, Esquire, von Granstoun⸗Park,“ verſetzte der Groom,„einer der beſten Gentleman, die es je gegeben hat.“ „Harold Trach,“ erwiderte der Andere.„Reist er allein?“ „Nein, Herr, mein Herr, der Squire Harry Burg von Burg⸗Hall iſt mit ihm. Wenn etwas nicht in Ordnung iſt, ſo bin weder ich, noch mein Kamerad Schuld daran, ſondern blos, wie ich be der alte Kerl, der in Bayonne zu uns am.“ Selbſt ein weniger erfahrener Weltmann als Ro⸗ dil's Freund zu ſein ſchien, hätte aus zwei ſchlichten Menſchen, wie die beiden Diener waren, Alles, was er zu wiſſen wünſchte, herausgebracht. Ohne jeden Rückhalt erzählten ſie von ihrem Zuſammen⸗ treffen mit dem geheimnißvollen Fremden im Hotel, daß ſie den Wagen verlaſſen hätten und mit den Schleichhändlern in das Gebirge gegangen ſeien, wo ſie dann die Grenze paſſirt hätten und zuletzt in Gefangenſchaft geratyen ſeien. Nachdem der Fremde Alles, was ſie wußten, aus ihnen herausgelockt hatte, ging er zu Rodil, der während der Unterredung ungeduldig ſeine Ci⸗ garre geraucht hatte.* „Der Fang iſt uns entgangen,“ ſprach Der Licht⸗ und Schattenſeiten. MI. 6 S 82 ſchlaue Miniſter des Don Carlos, den die Regie⸗ rung in Madrid weit mehr fürchtet als die Bande Fanatiker und Räuber, welche ſich auf ſeine Seite geſchlagen haben, hat unter dem Schutze zweier Eng⸗ länder die Grenze paſſirt.“ „Die ich erſchießen laſſen werde, noch ehe der Tag um eine Stunde älter iſt,“ rief Rodil mit vor Wuth blitzenden Augen. „Halt!“ unterbrach ihn der Fremde.„Dieſe armen Tropfen ſind nur ihre Diener.“ „Gleichviel.“ FUnd an Ihrem Verdruſſe ganz unſchuldig.“ „Sie müſſen deßhalb doch ſterben.“ „Daran iſt nicht zu denken,“ verſetzte der Eng⸗ länder kalt. Der General betrachtete ihn mit Erſtaunen, in⸗ dem er nicht begriff, wie Jemand es wagen könne, ſeinen Befehlen ſich widerſetzen zu wollen.„Sie ſind ſehr menſchenfreundlich,“ bemerkte er ſarkaſtiſch; „doch ich vergaß, daß Sie ein Mann des Friedens ſind. Geld, Anleihen und Handelsgeſchäfte, davon verſtehen Sie mehr, als wie man Rebellen, Ver⸗ räther oder Spione behandelt.“ „Werfen Sie meine Menſchlichkeit und Ihre Klugheit in zwei gegenüber hängende Wagſchalen, und es wird ſchwer halten, zu beſtimmen, welche davon am leichteſten wiegt,“ verſetzte der Fremde. „Hören Sie mich aber an. Wenn Sie zwei Eng⸗ länder, die unter ſolchen Umſtänden in Ihre Hände gefallen ſind, erſchießen ließen, ſo würde dieß in England einen höchſt ungünſtigen Eindruck machen und die Regierung nöthigen, auf eine Erklärung — 83 zu dringen. Sodann habe ich einen perſönlichen Grund zu wünſchen, daß Sie die Leute ein paar Tage in Ihrer Gewalt behalten, ohne ihnen etwas zu Leid zu thun. Meine Intereſſen und folglich auch die Ihrigen, ſind dabei im Spiele.“ Der Führer der Chriſtinos willigte endlich, wie⸗ wohl ungerne, ein; aber da, wo die Stimme der Menſchlichkeit vergeblich angeklopft hätte, überwog die des Intereſſes. Anſtatt Ordre zum Erſchießen zu ertheilen, befahl Rodil dem Officier, die beiden Leute in's Gefängniß zu führen und dort wohl zu bewachen. Die Krieger und Müſſiggänger, die ſich im Hofe geſammelt hatten in der Erwartung des Anblicks einer Erecution, machten ſehr unzufrie⸗ dene Mienen, als man die Gefangenen durch ſie hindurchführte. Der Mann, der ſo eben ſo großen Einfluß auf den ſpaniſchen General geübt hatte, daß ſich dieſer beſtimmen ließ, das Leben zweier ſeiner Landes⸗ leute zu ſchonen, war Niemand Anders als Hels⸗ man, der nach ſeiner Flucht aus England ſich nach dem Kriegsſchauplatze auf den Weg gemacht hatte. Als Agent des Sir John Sellem, der nebſt einigen andern Bankiers und Börſeſpekulanten in dieſem Augenblicke mit der Regierung der Königin wegen eines Anleihens in Unterhandlung ſtand, hatte er einen gewiſſen Einfluß erlangt, den er auch einmal zu einem guten Zwecke, wenn auch nicht um des Guten ſelbſt willen, anwandte. Er hoffte, die Ge⸗ fangenen zu ſeinen Abſichten, die er noch immer gegen das Leben Harty Burg's im Schilde führte, verwenden zu können. Durch Rodil's 84 getäuſcht, hatten Chriſtina's Miniſter den Capitän azu der Armee geſchickt, um dort, wie ſie hofften, Zeuge des Triumphs ihrer Sache und der gänz⸗ lichen Vernichtung der Carliſten zu ſein; ſtatt defſen ſollte er aber der Niederlage des Generals bei⸗ wohnen. Harold und Harry bemerkten erſt mehrere Stun⸗ den, nachdem ſie ihre Flucht angetreten hatten, daß Tom und William Franklin fehlten. Ihre Anhäng⸗ lichkeit an dieſe Leute war aber ſo groß, daß ſie allein zurückgekehrt wären, um ſie aufzuſuchen, wenn der commandirende Officier ſie nicht beruhigt hätte. Dieſer ſagte ihnen, daß die bei ihren Dienern be⸗ findlichen Schmuggler mit allen Wegen genau be⸗ kannt ſeien; das Landvolk ſei der Sache des Königs enthuſiaſtiſch ergehen und man dürfe deßhalb im mindeſten nicht daran zweifeln, daß ſie in Sicher⸗ heit gebracht würden. „Innerhalb vierundzwanzig Stunden,“ ſprach er,„werden ſie wohlbehalten im Hauptquartier Sei⸗ ner Maſeſtät eintreffen.“ Wenn auch nicht völlig überzeugt, ſo vertrauten doch die beiden Freunde dieſen Worten und ſetzten in Geſellſchaft des Biſchofs von Leon und deſſen Anhänger die Reiſe fort. Als der Tag ſich zu neigen anfing, ließ man in der Eile, in der man ſeither weiter gezogen war, etwas nach, da jede wirkliche Gefahr vorüber war, und wenn die beiden Freunde ſich der fortwähren⸗ den Sorge um ihre getreuen Diener hätten entſchlagen können, ſo würde ſie die Gegend, durch welche ſie paſſirten, höchlichſt entzückt haben, indem die hohen 85 Gebirgspäſſe zuweilen die zerliſte Ausſicht auf die, vor ihnen ſich ausbreitende Ebene geſtatteten. Aber“ wenn das Herz krank iſt, ſo fehlt auch die Stimmung, die zu dem Genuß einer ſchönen Natur gehört. „Armer Tom,“ rief Harold, als er an der Seite ſeines Gefährten ritt;„wenn ihm etwas zugeſtoßen ſein ſollte, ſo kann ich mir dieß nie berzeihen. Das Romantiſche unſeres jetzigen Abenteuers und ſelbſt der befriedigende Gedanke, unſern Freunden in Pa⸗ ris gedient zu haben, wäre dite zu theuer er⸗ kauft. Beim erſten Halt werde ich den Biſchof über die geeigneten Schritte befragen, die in der Sache zu thun ſind.“ Hätte er erſt gewußt, wie roh und barbariſch die Chriſtinos mit den unglücklichen Gefangenen umgingen, die das Kriegsglück oder andere Um⸗ ſtände in ihre Hände führten, ſo wäre ſeine Unruhe noch weit größer geweſen. Lord Elliot machte zwar, geſtützt auf den Einfluß ſeiner Regierung, dieſem barbariſchen Syſtem von Kriegführung ein Ende, dieß geſchah aber erſt, nachdem die Carliſten, auf allen Punkten ſiegreich, furchtbare Repreſſalien geübt hatten. Ein Beiſpiel wird hinreichen, unſern Leſern zu beweiſen, wie gerechtfertigt dieſe Behauptung iſt. Zu Anfang des Kriegs waren nämlich zwei Töch⸗ ter des Carliſtenführers Zavala in die Hände der Chriſtinos gefallen und wurden von dieſen ſtets in die Plänklerlinie der Garniſon von Bilbao geſtellt, die täglich mit ihm im Gefecht war. Der un⸗ glückliche Vater, aus Furcht, ſeine eigenen Kinder zu tödten, ſah ſich genöthit, ſeinen Leuten das 86 Erwibern des Feuers auf ihre Feinde zu verbieten, die durch dieſes ſchmähliche Mittel mehrfache Er⸗ folge errangen. Endlich beſchloß Zavala, durch die Vorwürfe ſeiner Lente und die tödtliche Angſt ſei⸗ ner Vaterliebe zur Verzweiflung getrieben, ſeine Kinder der Pflicht zum Opfer zu bringen. Nach einer Anrede ag ſeine Truppen legte er dieſe in einen Hinterhalt, und als die Chriſtinos anrückten, wie gewöhnlich, mit ſeinen Töchtern an der Fronte, gab er Befehl zum Feuern, das ſeine Leute mit Lebhaftigkeit eröffneten, ſodonn plötzlich mit dem Bajonet hervorbrachen und ſo glücklich waren, die bis in den Tod erſchrockenen Mädchen zu befreien. Dieſe waren übrigens nur dodurch dem Verderben entgangen, daß zwei von den Soldaten, welche ſie feſthielten, gleich bei der erſten Charge gefallen waren. Die Niederlage der königlichen Truppen war bei dieſer Veranlaſſung vollſtändig, und das Regiment Chinchilli, das ſich dieſer unmönnlichen Handlung ſchuldig gemacht hatte, ließ allein meh⸗ rere Hundert Todte auf dem Felde. Die Armee des Don Carlos war zu jener Zeit unregelmäßig bewaffnet und noch unregelmäfiger gekleidet. Es war daher ſeinen Anhängern auf den erſten Anblick oft ſehr ſchwer, ſich zu erkennen und mehr als Ein fataler Zuſammenſtoß war die Folge davon. Um einem ſolchen Mißverſtändniſſe vorzu⸗ beugen, mäßigten die Flüchtlinge ihren Schritt, als ſie ſich dem Feldlager der königlichen Truppen auf den Höhen zwiſchen Fliſondo und Lecaros näherten. Dieſe Vorſicht war nothwendig, denn ehe ſie die Zelte erreichten, wurden ſie mehrmals angerufen, 87 bis zuletzt die Officiere, um fernerem Aufenthalt zu⸗ vorzukommen, vorausritten, um auseinanderzu⸗ ſetzen, wer ſie ſeien. Von da an erfuhren ſie keine Unterbrechung mehr; viele Soldaten präſentirten ihre Gewehre vor dem Prälaten, als er vorüber⸗ kam; Andere knieten nieder, um ſeinen Segen zu empfangen. Endlich langte die Cavalcade bei einer armſeligen Hütte an, vor der die königliche Fahne flatterte. Ein unterſetzter Mann von mittlerem Al⸗ ter und wenig einnehmendem Aeußern kam auf den Biſchof von Leon zu, als dieſer vom Pferde ſtieg, und reichte ihm die Hand zum Kuſſe. Es war dieß der legitime König von Spanien— Don Carlos. Beide gingen mit einander in das Haus. Kaum war der Antheil, welchen die jungen Englönder an der Befreiung des Miniſters ihres königlichen Herrn genommen hatten, bekannt ge⸗ worden, als die Officiere vom Dienſt herbeigeſtrömt kamen, und ihnen ihre Freundſchaft auf die zuvor⸗ kommenſte Weiſe anboten; ja ſie gingen dabei mit einem ſolchen Eifer zu Werk, daß Harold und Harry, von denen keiner geläufig ſpantſch ſprach, ſehr in Verlegenheit geriethen, was ſie darauf antworten ſollten. Plötzlich hörten ſie eine Stimme ausrufen:„Eng⸗ lénder, wo ſind Sie?“ Die Menge theilte ſich, und ein ſchöner, ſtatt⸗ licher Mann, deſſen Geſichtszüge, ſo wie Accent, d irländiſche Abkunft verriethen, kam herbei und ſchüttelte ihnen die Hand. „Sie meinen es gut, meine Herren,“ ſprach er „aber dieß iſt auch Alles, wofür Sie ſich bei dieſen 88 Leuten zu bedanken haben werden. Es gibt ſelbſt keinen Oberſten in der Armee, der mehr als zwei Hemden beſitzt, und was die Capitäns anbelangt, ſo iſt der ein glücklicher Menſch, der nur ein ein⸗ ziges unzerfetztes beſitzt. Aber ſie meinen es gut.“ Der Sprechende trug einen blauen, militäriſchen Rock, der bis unter das Kinn zugeknöpft war, und eine baskiſche Mütze, welche ſeine von der Sonne verbrannte Stirne deckte, unter welcher ein Paar ſo muntere und verſchmitzte Augen hervorblitzten, als je aus dem Kopfe eines Sohnes des grünen Frin. geleuchtet haben. „Wir ſind keines Beiſtandes der Art, wie Sie meinen, benöthigt,“ verſetzte Harold Tracy,„vor⸗ ausgeſetzt, daß unſer Gepäck ſicher eintrifft.“ „Gepäck!“ wiederholte ihr neuer Bekannter, mit komiſchem Ernſt ſich verbeugend;„Bagage! Bitte tauſenmal um Verzeihung für meine ungeſchickte Vorausſetzung, denn die Gewichtigkeit eines jeden Mannes hier beruht auf ſeiner Bagage. Die Sei⸗ ner katholiſchen Majeſtät ſchließt ein Nachtſack ein, die meinige kann man in einem Sacktuch unter⸗ bringen; dafür iſt er aber auch der legitime König von Spanien und Indien und ich bin nur ein armer Artillerie⸗Oberſt Patrick⸗O'Donnel, Ihnen zu dienen.“ „Wahrhaftig!“ rief Harry Burg, umherblickend; „führen Sie denn Artillerie mit ſich?“ „Jedenfalls haben wir ein Artillerieregiment,“ erwiderte der Officier,„leider ſind aber die Kano⸗ nen noch nicht eingetroffen; wir werden ſie aber 89 ſeiner Zeit ſchon bekommen, gerade wie früher die Musketen.“ „Von wem?“ fragte Harold, dem dieſe gut⸗ gelaunte Offenheit gefiel. „Vom Feinde, Herr, vom Feinde,“ erwiderte der Officier ſtolz. Trotz des wechſelvollen Lebens, das ſie umgab, dachten die beiden Freunde auch jetzt an Tom und William. Sie zogen deßhalb ihren neuen Bekann⸗ ten bei Seite, theilten ihm den Verluſt ihrer ge⸗ neuen Diener mit und baten ihn um ſeinen Rath, wie ſie auf die ſicherſte Weiſe etwas Gewiſſes über deren Schickſal erfahren konnten. „Die armen Burſche!“ murmelte der Oberſt; „ich fürchte, daß dieſes traurig iſt. Aber wenn irgend Jemand ſie retten kann, ſo iſt es Vater Tomas.“ „Wer?“ „Zumalacarregui oder El Tio Tomas, wie die Spanier ihn nennen. Seine Augen ſind überall und ſeine Hände reichen ſo weit, als er ſieht. Kom⸗ men Sie mit mir, wir finden ihn jetzt in ſeinem Zelt.“ Die Freunde folgten dem Oberſten, der ſie in eine Hütte führte, die zum Theil mit Segeltuch und zum Theil mit Stroh und Baumzweigen bedeckt war. Sie war zwar etwas größer als die der übri⸗ gen Officiere, aber, wie dieſe, ohne Geräthe, mit Ausnahme eines rohen Tiſches und zweier gefloch⸗ tenen Stühle, wenn dieſe überhaupt den Namen eines ſolchen Möbels verdienten. An dieſem Tiſch ſaß der earliſtiſche General mit Schreiben beſchäftigt, 90 und ſeine äußere Erſcheinung überzeugte Harry und ſeinen Freund, daß ſie ſich einem außergewöhnlichen Menſchen gegenüber befänden. Sein Geſicht war ſchmal und ernſt, aber ohne finſtern Ausdruck. Das Proſil hatte einen antiken Schnitt, nicht unähnlich den Basreliefs, durch welche uns die Züge Hannibal's überliefert worden ſind. Seine Augenbrauen waren dunkel, ohne ſchwarz zu ſein; ſein Schnurrbart lief mit dem Backenbarte zu⸗ ſammen, und ſeine dunkelgrauen Augen, welche dichte Wimpern einfaßten, bewegten ſich merkwürdig raſch und hatten etwos tief Eindringendes. Die Klei⸗ dung des Obergenerals war ſtets dieſelbe und be⸗ ſtand aus der Buina, dem runden Nationalbaret, von hochrother Farbe, von dichtem wollenem Zeug gewoben, aus der Camarra oder Pelzjacke, aus dem ſchwarzen Fell des Merino⸗Schafs gemacht, mit weißem Pelz gefüttert und einem Vorſtoß von carmoiſinrothem Sammet mit ſchwer vergoldeten Haken und Haften. An den Stiefeln trug er flache, ſchwere Sporen, wie ſie in Spanien allgemein Mode ſind. Dieß war das Aeußere des merkwürdigen Man⸗ nes, der ſo lange die Legitimität in Spanien auf⸗ recht erhielt und deſſen Tod allein Schuld war, doß Don Carlos nicht den Thron beſtieg. Von dieſem Tode werden wir ſpäter zu ſprechen Ge⸗ legenheit haben, ſo wie von den Folgen, die der⸗ ſelbe herbeiführte. Als der General O'Donnel gewahrte, erſuchte er ihn, einen Augenblick zu warten, bis er mit ſeinen Depeſchen fertig ſei. Als er damit zu Ende 91 war, und ſie verſiegelt hatte, ſchickte er ſie durch eine Ordonnanz weg, und nachdem dieß geſchehen war, wandte er ſich raſch an den Oberſten und fragte ihn, was er von ihm wünſche und wer ſeine Begleiter ſeien. Es enſpann ſich darauf eine leb⸗ hafte Unterredung, die Horold und Harry nur theil⸗ weiſe verſtanden. Sobald Zumalacarregui vollſtän⸗ dig von dem Antheil unterrichtet war, den ſie an der Flucht des Biſchofs Leon genommen hatten, bat er ſie auf Franzöſiſch, ihm ſo kurz als mös⸗ lich die Umſtände mitzutheilen, unter denen ihre Diener von ihnen getrennt worden waren. Harold ſetzte dieß in ſo wenigen Worten, als möglich, auseinander. „Warum wenden Sie ſich nicht an den Mini⸗ ſter?“ fragte der General. „Er iſt bei dem Könige beſchäftigt; und mein Freund hier verſichert mich, daß Sie der einzige Kann ſind, der ſowohl die Macht, als das Herz beſitzt, ſie zu retten.“ Der rauhe Krieger wiederholte das Wort„Herz“ mehrmals in ſarkaſtiſchem Tone, doch bemerkte man deutlich, daß es ihm nicht mißfiel.„Ich werde thun, was ich kann,“ ſprach er,„aber ſelbſt meine Macht iſt begrenzt. Die Treue ſollte, wie Sie richtig be⸗ merkten, nicht im Stich gelaſſen werden, obgleich dieß oft in der Welt ihr Schickſal iſt. O⸗Donnel,“ ſetzte er, ſich an den Oberſten wendend, hinzu,„ſchicken Sie mir Fimenes.“ Der Oberſt verließ die Hütte und kehrte nach wenigen Minuten mit einem kleinen alten Manne von ausnehmend ſanften Geſichtszügen zurück. 92 „Wiederholen Sie Ihre Angaben, meine Her⸗ ren.“ Mit dieſen Worten kehrte der Obergeneral an den Tiſch zurück und fing wieder an zu ſchrei⸗ ben, ohne ſich weiter in die Unterredung zu miſchen, bis die jungen Engländer ihre Abenteuer dem alten Manne erzählt hatten, der ihnen mit großer Auf⸗ merkſamkeit zuhörte. „Was meinen Sie?“ fragte Zumalacarregui, an Fimenes ſich wendend. ſie noch am Leben ſind, ſo rette ich ſie.“ „Gut.“ „Wenn ſie todt ſind, ſo müſſen Sie ſie rächen.“ „Gut,“ wiederholte der Chef. „In drei Tagen ſollen Sie Nachricht von mir haben.“ Joch denſelben Abend verließ Fimenes das La⸗ ger und ſchlug ſeinen Weg nach dem Hauptquar⸗ tier Rodil's ein. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Obgleich der Anführer der Schmuggler ſein Le⸗ ben bei dem gelungenen Unternehmen, das Entkom⸗ men des Biſchofs Leon zu ſichern, verloren hatte, ſo wurde doch ſein Harold und Harry gegebenes Verſprechen von ſeinen Leuten pflichtlich gehalten und man brachte dieſen am folgenden Tage ihr Gepäck unverletzt in das Lager, ohne daß auch nur. der kleinſte Gegenſtand daran gefehlt hätte. Den jun⸗ gen Männern wäre es aber tauſendmal lieber ge⸗ . —————— ein halbes Dutzend von ihnen anzunehmen. 93 weſen, wenn maon ihnen ihre getreue Diener zurück⸗ gegeben hätte. O'Donnel gerieth völlig in Exſtaſe, als er die wohlgefüllten Koffer öffnen und deren Inhalt in der Hütte auslegen ſah, welche Zumalacarregui ſeinen neuen Belannten angewieſen hatte. El Tio Tomas oder der kleine Thomas, wie die carli⸗ ſtiſchen Soldaten ihren Chef vertraulich nannten, hatte trotz ſeiner vielfachen Geſchäfte ſeine Gäſte nicht vergeſſen, welche täglich ihre Rationen aus⸗ getheilt erhielten, als wenn ſie Dienſte unter ſeinem Commando genommen hätten. „An was denken Sie, Oberſt?“ ſprach Harold, als dieſer in Betrachtungen verloren vor einem Haufen des feinſten Weißzeugs ſtand, eines Luxus⸗ gegenſtandes, der noch rarer wie das Geld im Lager der Carliſten war. „Ich dachte eben darüber nach, was für eine eigenſinnige Mähre der Ruhm ſei,“ verſicherte der Irländer.„Vielleicht iſt er blind wie das Glück: das mag als Entſchuldigung gelten. Wir errichten Monumente Dichtern, die ſchlechte Verſe geſchrieben haben; Kriegern, die mehr Schlachten verloren, als gewonnen haben; Staatsmännern, die Reiche ſchlecht regierten, aber keines dem größten und erhabenſten Genie, das die Welt je geſehen hat.“ „Und wer iſt dieſes?“ fragte Harry. „Der Mann, der zuerſt das Hemd erfand,“ ver⸗ ſetzte der Erſtere ernſt.„Es iſt dieß offenbar die größte Entdeckung der alten und neuen Zeit.“ Die jungen Männer drangen lachend in ihn, „Ein halbes Dutzend!“ rief O'Donnel in dem⸗ ſelben ſcherzhaften Tone.„Wollen Sie denn, daß man mich wegen meines Reichthums umbringt? Der König von Spanien und Indien— der Himmel gebe ihm ſein Eigenthum und zwar bald— könnte kein ſolches Geſchenk machen— es iſt glänzend! königlich! kaiſerlich! prächtig! ungeheuer!— ein halbes Dutzend Hemden! Das mocht die ganze Armee neidiſch und ich verliere meine halbe Ruhe damit, weil es mich zwingt, mit einem Auge ge⸗ ſchloſſen und mit dem andern geöffnet zu ſchlafen, um mein Eigenthum zu bewachen; von den Schwie⸗ rigkeiten, eine ſo ſchwere Bagage fortzuſchaffen, gar nicht zu ſprechen. Ein einziges iſt genug, meine lieben Jungen, um den Stand meines Weißzeugs um das Doppelte zu vermehren, denn ich kann doch den zweiten Fetzen von Hemd, an welchem der Major und Zahlmeiſter, jeder ein Drittel Antheil hat, nicht mitrechnen.“ Der Oberſt willigte endlich ein, zwei Hemden anzunehmen, nachdem er aber zuvor noch großmü⸗ thig auf ſeinen Antheil an dem eben erwähnten Fetzen zu Gunſten ſeiner Mitofficiere verzichtet hatte. Im Laufe des Tages wurden die beiden jungen Engländer von dem Biſchof von Leon Don Carlos vorgeſtellt. Der Monarch, der ſo muthig um die Erlangung ſeiner Krone kämpfte, empfing ſie huld⸗ voll und dankte ihnen für den großen Dienſt, den ſie ihm dadurch geleiſtet hatten, daß ſie ihm ſeinen Freund und Miniſter wieder gegeben hatten. „Die Zeit wird hoffentlich kommen,“ ſetzte er 95 hinzu,„in der ich im Stande ſein werde, meinen Dank auf eine Meiner würdigere Weiſe auszudrücken.“ „Unmöglich, Sire,“ verſetzte Harold, tief gerührt von dieſem Unglück,„ein König iſt nie größer, als wenn er gegen unverdientes Mißgeſchick kämpft.“ „Wenn Ihre Landsleute ebenſo dächten,“ be⸗ merkte der Prälat,„ſo befände ſich Seine Majeſtät jetzt in Madrid und ſeine Feinde lägen zu ſeinen Füſßen.“ „Sie haben hier eine Aufnahme voll Entbeh⸗ rungen gefunden,“ fuhr der Fürſt, der Unterhal⸗ tung eine andere Wendung gebend, fort,„aber ſie iſt deßhalb nichtsdeſtoweniger aufrichtig. Sie ſehen, wie Wir ſelbſt wohnen,“ ſetzte er, in der ärmlich möblirten Hütte umherblickend, hinzu, die nicht viel beſſer war, als die, welche ihnen der carliſtiſche General angewieſen hatte,„und Sie werden hoffent⸗ lich unſere Gaſtfreundſchaft nicht nach unſern Mit⸗ teln bemeſſen. Beabſichtigen Sie wieder nach Frank⸗ reich zurückzukehren?“ Die Freunde theilten dem König den Verluſt ihrer Diener mit und daß ſie unmöglich das Lager eher verlaſſen könnten, als bis ſie über deren Schickſal Gewißheit hätten. „Eine ächt ritterliche Geſinnung,“ ſagte der König, zu ſeinem Miniſter gewendet.„Sorgen Sie dafür, daß den jungen Engländern jeder Beiſtand zu Theil wird; ich will ſelbſt mit Zumalacarregui über die Sache ſprechen. Wir müſſen ſchon etwas daran ſetzen, um unſere Dankbarkeit zu beweiſen.“ Harold und Harry beſaßen zu vielen Takt, als daß ſie Seiner Majeſtät geſagt hätten, daß der Ge⸗ neral bereits mit dem Verſprechen zuvorgekommen ſei, Alles aufzubieten, um die Gefangenen aus den Händen der Chriſtinos zu befreien; auch wollten ſie den unglücklichen Fürſten nicht des einzigen Mittels berauben, ihnen ſeine Dankbarkeit für den gelei⸗ ſteten Dienſt an den Tag legen zu können. Sie verbeugten ſich deßhalb ſtillſchweigend und zogen ſich zurück. Der Charakter des Don Carlos iſt ſehr ver⸗ ſchiedenartig beurtheilt worden, und ſeine Anſprüche auf den Thron von Spanien wurden von den Par⸗ teien in England, je nach ihrem Standpunkte, auf's Heftigſte angegriffen und ebenſo vertheidigt. Einige hielten ihn für bigott; vielleicht war dieß auch der Fall. Andere beſchuldigten ihn der Abſicht, die Inquiſition in Spanien wieder einführen zu wollen; wenn dieß ſo war, ſo verdiente er ſeinen Fall. Aber ſelbſt ſeine erbittertſten Feinde ſtimmten darin überein, daß er muthig und von ehrenfeſtem Cha⸗ rakter war, und in dem Kampfe, der ſo lange das unglückliche Land zerrüttete, ſich dem Blutvergießen abhold zeigte. Mehr als einmal machte er Aner⸗ bietungen, dem furchtbaren Repreſſalien⸗Syſtem ein Ziel zu ſetzen, das den Krieg ſo ſchrecklich und un⸗ natürlich machte; aber die Chriſtinos erſchoſſen die Boten, die er als Herolde des Friedens ausgeſandt hatte. Als ſpäter die Chriſtinos, auf allen Seiten geſchlagen, die engliſche Regierung veranlaßten, Lord Eliot und den Oberſten Curwood zu ſchicken, um darüber ein Abkommen zu treffen, daß von heiden Seiten das Leben der Gefangenen geſchont werde, gaben Don Carlos und ſein General ſogleich ihr 97 Zuſtimmung. Der Letztere begnadigte ſogar auf die Bitte des edlen Abgeſandten ſogleich zwanzig bis dreißig Leute, deren Loos bereits entſchieden war. Durch dieſe Uebereinkunft wurde wohl das Leben von Tauſenden auf beiden Seiten geſchont. Unter andern Umſtänden würde das wilde und maleriſche Ausſehen der Bergbewohner, die reizende Landſchaft und das Romantiſche dieſes Lebens die beiden jungen Engländer entzückt haben; ſo aber waren ſie in ſteter Unruhe über das Schickſal der Gefangenen. Tom war weit mehr ein Bruder als ein Diener ſeines jungen Herrn, und ſeine langen Dienſte und ſeine Treue rechtfertigten vollkommen deſſen Anhänglichkeit an ihn.„Was wird man zu Hauſe ſagen?“ fragte er ſich wiederholt,„wenn ich ohne ihn zurückkomme?“ Am Abende vor Ablauf des von dem General geſteckten Termins ſchickte dieſer nach den beiden Freunden. Als ſie in ſeine Hütte traten, fanden ſie ihn in ernſter Unterredung mit dem bedächtigen alten Manne, den er Limenes genannt hatte, obgleich er unter den Soldaten beſſer unter der Bezeichnung „Cardinal“ bekannt war, wegen ſeiner Namens⸗ gleichheit mit dem berühmten Prälaten, der Spanien während der Minderjährigkeit Carls V ſo erfolg⸗ reich regiert hatte. „Wie ſteht es um unſere Diener?“ fragte Harold haſtig und noch ehe ein anderes Wort geſprochen worden war. Zumalacarregui, weit entfernt, über dieſe abrupte Frage ſich beleidigt zu fühlen, ſtreckte ihm lächelnd icht⸗ und chattenſeiten. III. 7 98 die Hand entgegen, denn er mar einer der Menſchen, die eine warme Empfindung höber ſtellen, als ſteife Ceremonie.„Ich wünſche Ihnen Glück,“ ſprach er; „ſie leben noch. Rodil hat zum erſten Mal in ſei⸗ nem Leben Menſchlichkeit geübt.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ riefen die beiden jungen Männer hocherfreut. „Und auch Ihnen, General,“ ſetzte Harry hinzu, „denn ohne Sie wäre ihre Lage hoffnungslos, wie ich fürchte.“ Sie erzählten ihm nun ihr Geſpräch mit dem König und das Intereſſe, das dieſer in Betreff Tom's und Will's an den Tag gelegt habe. „Wiederholen Sie dieſen. Herren die Nochricht, die Sie mir gebracht haben,“ ſagte der General zu dem Spionen, der bis jetzt ſtillſchweigend dageſtan⸗ den hatte; und nachdem er dieſen Befehl gegeben, ließ er ſich an dem Tiſche wieder nieder und fing an die Verichte der Diviſionsgenerale durchzuſehen, die ihm ſo eben eingeſchickt worden waren. „Ich habe einen Sohn,“ hub der alte Mann bedächtlich an,„der Commandant der Urbanos (Bürgerwehr) von Villa⸗franca in Rodil's Armee iſt. Ein Detachement ſeines Regiments wurde abgeſchickt, die Gränzen zu bewachen, denn der Rebellengeneral hatte irgendwo her Kunde von dem Entkommen des Biſchofs aus Bordeaur erhalten. Ihre Diener, welche die Chriſtinos für Freunde hielten, liefen dieſen entgegen, wurden von ihnen gefangen ge⸗ nommen und in das Hauptquartier von Legaros geſchickt, wo ſie augenblicklich erſchoſſen worden wären, wenn ein Landsmann von ihnen ſich ihrer nicht ——————— 99 angenommen hätte, der glücklicher Weiſe in dieſem Augenblicke bei Rodil ſich befand.“ „Möge ihm der Himmel ſeine Menſchlichkeit ver⸗ gelten!“ riefen die beiden Freunde aus. Zumalacarregui lächelte ernſt, denn augenſchein⸗⸗ lich hatte er jedes Wort gehört, obgleich er nur mit ſeinen Papieren beſchäftigt zu ſein ſchien. „Sie würden ſich nicht ſo ſehr von Dankbarkeit erfüllt fühlen, wenn Sie ſeine Abſichten kennten,“ bemerkte Fimenes trocken.„Der Plan dieſes wohl⸗ wollenden Engländers war, Sie in ſeine Gewalt zu bekommen, und es wurde aus dieſem Grunde ver⸗ abredet, daß ein Soldat von den Urbanos deſer⸗ tiren und Ihnen eine gefälſchte Botſchaft von den Gefangenen bringen ſolle, in der dieſelben Sie drin⸗ gend bitten, ihnen bei einem Plane zu ihrer Flucht behilflich zu ſein“ „Unmöglich! Kein Engländer kann ein ſolcher Schurke ſein.“ on „Wenn es dieſem gelungen wäre, Ihr Vertrauen zu gewinnen,“ fuhr der alte Mann fort, ohne die Unterbrechung zu beachten,„ſo wollte man Sie in einen Hinterhalt locken und dort augenblicklich er⸗ ſchießen.“ Harry und Harold blickten einander mit ſtum⸗ mem Erſtaunen an, denn keiner von Beiden ver⸗ mochte einen ſo unerſättlichen Haß zu begreifen. Letzterer hatte zwar immer vermuthet, daß der auf Lord Charles Murray in Paris gemachte Angriff ſeinem Freunde gegolten habe; aber wie der Mörder in Spanien ihre Spur aufgefunden haben, in der Armee der Chriſtinos ſich befinden und 100 Einfluß über den General ausüben ſollte, das war mehr, als er hegreifen fonnte.„Da muß ein Irr⸗ thum im Spiele ſein,“ bemerkt er deßhalb. Der Spion zuckte lächelnd die Achſeln. „imenes irrt ſich ſelten,“ ſagte der General, vom Tiſche aufſtehend.„Ich habe ſeine Treue ſchon bei hundert Veranlaſſungen erprobt. In dieſem Falle kann ich für jedes Wort, das er geſprochen hat, einſtehen. Es iſt mehr als—“ „Und der Soldat?“ unterbrach ihn Harry, nichts weniger als überzeugt. „Iſt geſtern Nacht eingetroffen,“ erwiderte Zu⸗ molacarregui. „Können wir ihn ſehen?“ 2˙* * „An dem Galgen hängend, zu welchem ihn mein Spruch verurtheilt hat,“ verſetzte der General. „Der Elende geſtand Alles und bot ſich ſogar an, wenn man ihm ſein miſerables Leben ſchenke, zum Verräther an denen zu werden, welche ihm den ge⸗ fahrvollen Auftrag ertheilt hatten. Ich weigerte mich aber, ſeinen Aßerbietungen Gehör zu ſchenken. Ich traue dem Menſchen nie,“ ſetzte er betonend hinzu,„der ſich zu einer Schurkerei verbindlich macht. Ueberdieß werden wir Ihre Freunde auch ohne ihn befreien, wie ich hoffe, Ich habe bereits Befehle ertheilt; um Mitternacht greifen wir Lecaros an. Ihre Freunde ſind in dem alten mauriſchen Thurm im Mittelpunkte des Gefängniſſes eingeſchloſſen. Sind ſie noch am Leben, ſo befreien wir ſie ſind ſie todt, ſo rächen wir ſie.“ 101 „Wenn aber ihre Gefangenwärter Befehl haben, ſie umzubringen!“ rief Harold Tracy, eingedenk der Etzählung von der Crauſämkeit der Chriſtinos,„ſo wird der Angriff, von dem Sie ſptechen, ihr Schictſal beſchleunigen. Ich bin reich und will daher gern jede Summe, die Rodil als Löſ Sheh n be⸗ zahlen.“ „Das wäre nutzlos,“ betnettte der tarliſtiſche Anführer,„denn der Bote, der Ihr Anerbieten überbringen ſollte, würde ſich ſelbſt einem gewiſſen Tode ausſetzen. Die Gefahr, von der Sie ſprechen, iſt mir nicht entgangen, und ich habe deßhalb das einzige Mittel, welches ſie retten kann, ergriffen. Sie ſind gewarnt und wenn ſie die ihnen gegebene Anleitung befolgen, ſo können ſie der Wuth ihrer Gefangenwärter trotzen, bis der in unſerer Gewalt iſt.“ Harold und Harry teien dringend, an dem Un⸗ ternehmen Theil nehmen zu dürfen. Es war zwar nicht ihre Abſicht geweſen, das Schwert auf irgend einer Seite zu ziehen, aber ein Zurückbleiben von einer Erpedition, die allein deßhalb unternommen wurde, um Tom und Will zu befreien, wäre wie eine Feigheit und Undankbarkeit erſchienen. Det Bitte wurde ſogleich willfahren. Denen, welche mit den Einzelnheiten des Kriegs in Spanien nicht bekannt ſind, mag es auffallend erſcheinen, daß der carliſtiſche General ſo genau von jeder Bewegung ſeiner Feinde unterrichtet war; ſie erklärt ſich aber aus der Anhänglichkeit der Geiſt⸗ lichkeit und der Bauern an die Sache des Don und enthält alſo nichts Wunderbares. Außer 102 den zahlreichen Spionen, welche Zumalacarregui hielt, übte er die. nachſichtsloſeſte Strenge gegen Jeden, der gegen ſeine Beſehle ungehorſam zu ſein wagte. So oſt er fechtend auftrat, ſah man die Landleute athemlos in ſein Hauptquartier eilen, um ihn von den Bewegungen der Chriſtinos zu unter⸗ richten; der Tod ſtand darauf nenn man ihm etwas verbarg. Wenn dagegen eine Colonne der königlichen Truppen in eine Stadt oder ein Dorf einrückte, ſo wagte kein einziger Einnohner, außer in Gegenwart von Zeugen, in die Hauſer einzu⸗ treten, in welchen der General oder einer ſeiner Offiziere einguartirt war, damit er nicht von ſeinen Nachbarn als ein Verräther an der königlichen Sache verdächtigt werde. Der Belagerungszuſtand, in welchen dieſer außerordentliche Führer alle die Städte erklärt hatte, welche Rodil verſchanzt hatte, bewies die Kühnheit ſeines Genius, obgleich dieſe Maßregel ein bloper Scherz von Seiten des Mannes ſchien, der bei Annäherung einer jeden größeren Truppenabtheilung zu fliehen ſich genöthigt ſah. Er ſormirte ſogar ein Corps Aduaneros oder Zoll⸗ ſchutzwächter aus den pyrenäiſchen Schmugglern— Leuten von großer Kühnheit und Muth, die ihm bedeutende Dienſte leiſteten. Gewöhnlich ſtellte er eine Abtheilung derſelben in der Nähe von jeder Stadt auf, welche die Chriſtinos inne hatten, und bedrohte jeden Mann mit dem Tode und jede Frau mit dem Abſchneiden des Haares, die bei dem Ver⸗ ſuche, in einen ſolchen Ort hineinzugehen, gefangen würden; und er führte dieſen Beſchluß mit ſolcher Strenge durch, daß er dem Feinde nicht allein jede 103 Zufuhr an Lebensmitteln, ſondern, was noch wich⸗ tiger war, jede Naochricht über ſeine Bewegungen abſchnitt. Wenn ſich ſodann ein Detachement her⸗ auswagte, ſo feuerten die Aduaneros von einem geſicherten Hinterhaltsorte auf daſſelbe, retirirten darauf in die Berge und kehrten zurück, ſobald der Feind abgezogen war. Durch dieſe ſtrenge Maß⸗ regel ſicherte der Schrecken die Treue, denn El Tio Tomas war eben ſo unerbittlich im Beſtrafen, als er zuverläſſig im Halten eines gegebenen Wortes ſich zeigte. Beim Weggehen aus der Hütte des Generals trafen Harold und Harry ihren Freund O'Donnel, den ſie von dem beabſichtigten Angriff in Kenntniß ſetzten. Als ächter Jrländer war er ganz entzückt über dieſe Mittheilung, denn welche Fehler auch die Söhne Erins haben mögen, ſo kann man ihnen Feigheit am allerwenigſten zur Laſt legen. „Meiner Treu,“ ſprach er,„da muß ich ſuchen mit dabei zu ſein.“ „Suchen!“ wiederholte Harold, das Wort be⸗ tonend. 3 „Und zwar auf eine feine Art muß das ge⸗ ſchehen,“ fuhr der Oberſt fort.„Sie kennen El Tio Tomas noch nicht. Ich möchte den General ſehen, der es wagte, an einer Expedition ohne ſeine Er⸗ laubniß Theil zu nehmen oder ihn nur darum zu bitten. Der eiſerne Herzog(Wellington), wie ihn daheim nennen, hielt keine ſtrengere Manns⸗ zucht.“ Wie wollen Sie es denn angreifen?“ „Durch eine Anſpielung, meine lieben Jungen; 104 durch eine Anſpielung. Er verſteht Winke, wenn er auch bei Bittgeſuchen aufbraust.“ „Wie wäre es, wenn ihn der Biſchof darum erſuchte?“ bemerfte Harold. „Das wäre das Allerſchlimmſte,“ rief der Oberſt mit der Zunge ſchnollzend.„Der General iſt der beſte Katholik auf der Welt, aber er kann die Ein⸗ miſchung der Geiſtlichkeit in militäriſche Angelegen⸗ heiten nicht leiden. Ich hab' es!“ ſetzte er, plötzlich von einem Gedanken erfaft, hinzu⸗„Ich will zu ihm, wie zufällig, hineingehen und ihm ſagen, ich habe gehört, er habe nach mir gefragt. Er weiß dann ſchon, was das heißen ſoll; denn wenn er es auch nicht gethan hat, ſo hätte er es thun fönnen.“ Dem Oberſten wurde übrigens die Ausführung ſeiner eben nicht gar feinen Liſt durch das Eintreffen einer Ordonnanz erſpart, die ihm ein Papier über⸗ brachte. „Sehr wohl!“ rief O'Donnel, nachdem er es geleſen hatte.„El Tio verſteht's; ich bin zum Dienſt befohlen. Es wäre wahrhaftig eine Gering⸗ ſchätzung geweſen, einen Irlönder zurückzulaſſen, wenn es ſich um ein Gefecht zur Befreiung ſeiner Landsleute handelt.“ Voll Freude über die Ausſicht einer baldigen Befreiung ihrer Diener nahmen die Freunde gerne die Einladung des Oberſten an, die Zeit bis zum Angriff in ſeiner Hütte zuzubringen. Wie ſchmal aber auch die Rationen waren, die ausgetheilt wur⸗ den, ſo war der tapfere Mann doch ſelten ohne eine Cigarre und eine Flaſche ſtarken Landweins oder wenigſtens Branntweins, die er ſeinen Beſuchern 105 anzubieten vermochte. Heute war er ſogar in der Lage, noch etwas mehr, nämlich ein erträgliches Mittagseſen, zu bieten, indem ſeine Ordonnanz, ein geborner Baske, ſehr glücklich beim Fouragiren ge⸗ weſen war. „Sie können Alles mit gutem Gewiſſen eſſen,“ ſprach O'Donnel,„denn der Mundvorrath iſt dem Feinde abgenommen und ich hobe ihn ſelbſt gekocht.“ Unter vicken andern guten Eigenſchaften that er ſich auf ſeine Geſchicklichkeit in der culinariſchen Kunſt ſehr viel zu gut, die in der militäriſchen Erziehung, zumal wenn man in Feindes Land campirt, nicht gering zu ſchätzen iſt. Von dieſem Talent haben wir vielleicht ſpäter Gelegenheit noch mehr zu ſpre⸗ chen; für jetzt iſt es ober Zeit, daß wir zu den in den Händen der Chriſtinos befindlichen Gefangenen zurückfehren. Das Zimmer oder die Zelle in dem mauriſchen Thurm, wo Tom und Will ſich eingeſperrt ſahen, war ziemlich groß und befand ſich im obern Theile des Gebäudes. Vier Mauern von ungeheurer Dicke, an welchen noch Ueberreſte architektoniſcher Orna⸗ mentik in orientaliſchem Geſchmack ſichtbar waren, trugen ein niederes Steingewölbe, und der einzige Eingang war durch eine dicke eichene Thüre, die, auf beiden Seiten mit Eiſenplatten beſchlagen, ſo ſchwer war, daß es der ganzen Anſtrengung eines ſtarken Mannes bedurfte, um ſie in ihren gewich⸗ tigen Angeln hin und her zu bewegen. Wenn man ſie verriegelte, ſo war die vereinte Kraft von einem Dutzend Menſchen nicht im Stande, ſie zum Weichen zu bringen. Ein Fenſter war nicht vorhanden, und 106 das wenige Licht, das in die Zelle fiel, kam durch eine ſtark vergitterte Heffnung aus der anſtoßenden Halle herein, welche die Gefängnißwache, ein De⸗ tachement der Urbanos, beſetzt hatte. nol Die Gefangenſchaft hatte einen ſehr verſchieden⸗ artigen Einfluß auf die Gemüther der beiden Leute geübt. Tom war unruhig und ängſtlich, und ſeine Gedanken waren ſtets bei ſeinem lieben jungen Herrn, um deſſen Sicherheit er im höchſten Grade beſorgt war. Der getreue Burſche dachte wenig an ſich ſelbſt. Sein Gefährte hingegen war feſt über⸗ zeugt, daß Alles den rechten Weg gehen werde, wie er ſich ausdrückte. Harry Burg ſei nicht der Mann, der ihn in der Schlinge ſtecken laſſe; es müſſe überhaupt ein Mißverſtändniß ſein, daß man ſie eingeſteckt habe. Man werde ſie am nächſten Morgen vor einen Beamten führen und dann frei laſſen. Er klagte über nichts, als über Mangel an Speiſe. „Das mag ein ſchöner Beamter ſein!“ rief ſein Mitgefangener ungeduldig. „Was können ſie uns denn thun?“ fragte Will, eben ſo ungeduldig.. „Daran denke ich nicht,“ rief Tom,„ſondern was Sir Mordaunt ſagen wird und was ſie in der Halle denken werden, wenn Squire Harold etwas zuge⸗ ſtoßen iſt. Daran denke ich.“ Dieſes Geſpräch fand zwei Tage nach der Ge⸗ die ſpärlichen Mundportionen vermehrt wurden, die man ihnen reichte und welche etwa in einem Pfunde fangennehmung ſtatt, deren Schreckniſſe noch durch 107 Roggenbrod, mit Knoblauch vermiſcht, und einer Kanne ſauren Weins beſtanden. 1 „Sie werden uns doch nicht verhungern laſſen,“ bemerkte William in einem Tone, welcher andeutete, daß die Stunde, in der man ihnen bis jetzt ihre Nahrung verabreichte, ſeiner Anſicht nach bereits vorüber war. „Ich halte ſie eher für fähig, daß ſie uns er⸗ ſchießen,“ verſetzte ſein Gefährte mit einer gewiſſen philoſophiſchen Ruhe, welche anzudeuten ſchien, daß ihm dieſe Todesart angenehmer wäre als Aus⸗ hungerung. Endlich wurde der Schlüſſel im Schloſſe umge⸗ dreht, und ein Soldat erſchien mit ihren Portionen. Derſelbe trug die Uniform der Urbanos, alſo des Regiments, das wegen der grauſamen Behandlung aller derer, die in ſeine Hände fielen, berüchtigt war. Tom erkannte ihn ſogleich als den Mann, der ihn ſo feig geſchlagen hatte, während ſeine Arme gebunden geweſen waren, und ſeine ſcharf⸗ blickenden Augen funkelten vor Wuth. „Halte die Thüre zu, Willie,“ ſprach er,„und ſieh zu, daß es ehrlich zugeht.“ Dieſer Aufforderung vermochte Will nicht zu widerſtehen. Er unterdrückte männlich ſeine Unge⸗ duld, ſich über den Mundvorrath herzumachen und ſtemmte ſich gelaſſen mit den Schultern gegen die gewichtige Thüre der Zelle, ſo daß Niemand weder aus⸗ noch einpaſſiren konnte. Der Soldat, der, ohne die mindeſte Ahnung einer Gefahr, mitten in das Zimmer gekommen war,— denn ſeine Cameraden waren ja in der anſtoßenden Halle— erblaßte, als 108 er dieſe Vorbereitung bemerkte. Grauſame Men⸗ ſchen ſind immer Feiglinge. Das bischen Muth, das er beſaß, verſchwand plötzlich, als er die un⸗ verſtändlichen Zeichen und Kreisbewegungen Toms mit den Fäuſten bemerkte, der zuerſt in ſchiefem Winkel auf ihn zuſchritt und dann um ihn herum⸗ ging, indem er ihn zugleich aufforderte, ſich als ein Mann zu vertheidihen, weil et es verſchmähte einen Schlag zu führen, ehe ſein Feind im Ver⸗ theidigungszuſtande ſich befand. Dieſer meinte aber wahrſcheinlich, der gefangene Ketzer ſage irgend einen gräßlichen Zauberſpruch her, denn er bekreuzte ſich nicht nur und rief alle Heiligen zu heinem Schutze an, ſondern er bedeckte auch in einem unglücklichen Moment ſein Geſicht mit den Händen, um die gräß⸗ liche Erſcheinung, die, wie er meinte, ſich jetzt zeigen mußte, nicht ſehen zu müſſen. Dieſe Bewegung entſchied, und Toms gymnaſtiſche Geberden waten in dieſem Moment durch einen wohlgezielten Schlag erklärt, welcher den Augen des Gegners ein Blin⸗ zeln verurſachte, wie man es bei einer Eule ſehen kann, die in das Sonnenlicht blidt. Ueberraſchung und Wuth des Urbano nahm mit jedem darauf⸗ folgenden Schlag zu, bis endlich ſein Schreien ſeine Cameraden, nicht zu ſeinem Beiſtande, denn dieſer war unmöglich, da Will mit ſeiner herkuliſchen Kraft ſich dem Heffnen der Thüre widerſetzte, ſon⸗ dern als Zuſchauer der wohlverdienten Beſtrafung eines Elenden herbeiführte, die ſie durch das eiſerne Gitter mit anſehen konnten. Dieſer brüllte vor Vuth und ſtieß fortwährend Drohungen aus, die aber Tom, ſelbſt wenn er ſie verſtanden hätte, un⸗ 109 beachtet gelaſſen hätte, denn ſein Blut war zu ſehr in Wallung; der langverhaltene Unwille über die ihm angethane Beſchimpfung war ihm in die Fauſt⸗ gelenfe gefahren und er arbeitete daher ſo lange auf ſeinen Feind los, bis dieſer faſt zuſammenbrach. „Quartel! Quartel!“ rief dieſer; quartel, por Pios!“ Gnade, Gnade, um Gotteswillen! „Dein franzöſiſches Fluchen nützt Dich nichts,“ verſetzte Tom;„ich verſtehe kein Wort davon; und wenn ich es auch verſtünde, ſo würde ich mich nichts darum fümmern; es iſt vergebliche Mühe.“ In ſeiner Einfalt nannte Tom jede fremde Sprache franzöſiſch; überdies hatten die ſpaniſchen Töne ſo viel Aehnlichkeit mit dem Franzöſiſchen, daß ſein Ohr keinen Unterſchied zu machen vermochte. Enplich ſank der Spanier auf die Kniee, und dieſes Zeichen verſtund Tom, deſſen Wuth ſogleich nachließ. „Haſt Du genug?“ ſprach er, ſeine Hand aus⸗ ſtreckend; denn nachdem er ihn tüchtig durchgebläut, und die Ehre ſeines Landes ſeiner Anſicht nach gerächt hatte, grollte er ihm nicht weiter mehr. Der elende Feigling faßte aber die ihm ſo ehr⸗ lich gebotene Hand, indem er zugleich ein langes cataloniſches Meſſer aus der Scheide zog. Tom's Auge war aber dieſe Bewegung nicht entgangen, er macht einen Satz rückwärts und indem er ſich dadurch gewaltſam frei machte, verlor der Mörder das Gleichgewicht und fiel auf das Geſicht. Unter den außen an dem Gitter verſammelten Soldaten entſtand ein zorniges Gemurmel, und . 1¹⁰ Einige riefen nach Gewehrenals glücklicher Weiſe der durch ihr Geſchrei herbeigelockte Officier der Wache auf dem Schauplatze erſchien“ Da er von Rodil Befehl erhalten hatte, die Gefangenen vor jeder Mißhandlung zu ſchützen, ſo unterdrückte er die Wuth ſeiner Leute und verbot ihnen irgend Etwas zu unternehmen, bis er die Sache dem Ge⸗ neral gemeldet habe. 6 „Soll ich ſie hereinlaſſen?“ fragte William nach mehrmaligem vergeblichem Verſuche von Außen die Thüre zu forciren. „Meinetwegen,“ verſetzte ſein Gefährte,„ich wüßte nicht, warum man ſie außen halten ſollte. v wie ein Mann gehandelt, nicht wahr, Will?“ „Das unterliegt keinem Zweifel.“ „Nun denn, ſo laß ſie herein; und wenn ſich etwas zutragen ſollte— Du weißt ſchon, was ich meine— ſo vergiß nicht meine Schuldigkeit gegen meinen jungen Herrn und meinen Auftrag an No⸗ rah. Ich bin beiden treu geblieben.“ „Für was hältſt Du mich denn?“ fragte Will mit dem Knittel, indem er von der Thüre wegging und einen ſchweren eichenen Stuhl, eine gewichtige Waffe in ſeiner Hand, aufhob;„ich bleibe an Dei⸗ ner Seite und will doch ſehen, ob mir dieſe Schufte ein Haar krümmen. Nein, nein, mit gefangen, mit gehangen! ſo iſt's in Cumberland Mode. Wir leben oder ſterben zuſammen.“ Der Officier der Urbanos begnügte ſich ſeinen Leuten zu befehlen, ihren zerſchlagenen Cameraden wegzuſchaffen, was ſie auch ſo raſch als möglich 111 ausführten, indem ſie ſich ſelber nicht eher ſicher fühlten, als bis die eiſenbeſchlagene Thüre zwiſchen ihnen und ihren Gefangenen wieder verſchloſſen war. Sobald Tom und ſein Gefährte von der Gegen⸗ wart der Wache befreit waren, ſetzten ſie ſich auf den Boden ihrer Zelle und machten ſich über das Roggenbrod und den ſauren Wein her, den ihnen der Soldat gebracht hatte. Während ſie dies tha⸗ ten, erzählten ſich deſſen Cameraden, die fortwäh⸗ rend durch das beiſerne Gitter hereinſahen, eine Menge Anekdoten von der Stärke und dem Muth der engliſchen Ketzer und deren Gewandtheit im Boxen. Ein alter Urbano, der unter Balaſteros in dem Kriege gegen die Franzoſen gedient hatte, erzählte alles Ernſtes, daß er es ſelbſt mit ange⸗ ſehen, wie ein Regiment Rothröcke, das ſeine Mu⸗ nition verſchoſſen gehabt habe, anſtatt davon zu laufen, wie es von vernünftigen Menſchen zu er⸗ warten geweſen wäre, plötzlich die Musketen weg⸗ geworfen und die Feinde mit den Fäuſten ange⸗ griffen habe, und dazu habe ihnen der große Wil⸗ lainton, wie er den eiſernen Herzog nannte, ſelbſt das Beiſpiel gegeben. Helsman mußte ſeinen ganzen Einfluß auf Ro⸗ dil aufbieten, um dieſen abzuhalten, die beiden Eng⸗ länder nicht augenblicklich hinrichten zu laſſen, als der Officier der Wache die Züchtigung meldete, welche einer ſeiner Leute von deren Händen erhal⸗ ten hatte; denn eiferſüchtig auf die Ehre ſeines Regiments behauptete er, beide Gefangenen ſeien auf dieſen eingedrungen und hätten ihn dadurch überwältigt. Die Gründe, die der Capitän vor⸗ 112 brachte, waren aber zu triftig, als daß ſie unbe⸗ achtet hätten bleiben können; er befand ſich im ſen⸗Speculanten, welche der Regierung der Königin die Mittel zur Führung des Krieges lieferten, von deſſen glücklichem Ausgang nicht nur Rodil's Ver⸗ mögen und Leben, ſondern auch ſein militäriſcher Ruß abhing. Er gab deßhalb endlich, wiewohl ungern nach, ungefähr mit dem Gefühle eines Ti⸗ gers, der ſeine Beute fahren laſſen muß. Ich laſſe ihnen vorderhand das Leben,“ rief er trotzig,„weil Sie es wünſchen; obgleich ich den Nutzen Ihres fein angelegten Planes, die Herren dieſer Burſche in unſre Hände zu bekommen, durch⸗ aus nicht einſehe. Ihre Plane haben bereits einem meiner Leute das Leben gekoſtet. Unſer ongeblicher Deſerteur kommt aus dem carliſtiſchen Lager nicht mehr zurück. Ohne Zweifel hat der Teufelskerl von Zumalacarregui, der überall ſeine Spione hat, ſeine Abſicht entdeckt und ihn erſchießen oder auf⸗ hängen laſſen.“ „Woran nicht viel liegt,“ bemerkte Helsman kalt, „da ihm ſeine Abſicht mißgiückt iſt. Ich wünſche nur, daß ein nochmaliger Verſuch gemacht wird.“ „Thun Sie was Ihnen beliebt,“ erwiderte der General,„aber ich will nicht noch einen Soldaten auf's Spiel ſetzen.“ „Dieß iſt auch gar nicht nöthig,“ verſetzte der Erſtere.„Unter den Mönchen, die Sie kürzlich aus dem Kloſter von Brera ausweiſen ließen, befindet ſich ein alter Irländer, der ſich noch im Dorfe auf⸗ hält. Ich ſchlage vor, dieſen zu den Gefangenen chriſtiniſchen Lager als Agent von Londoner Bör⸗ 113 zu ſchicken unter dem Vorwande, ſie zum Tode vor⸗ zubereiten, in Wahrheit aber, um von ihnen einen ſolchen Brief zu erhalten, wie ich ihn dictiren werde, und in welchem ſie ihre Herren flehentlich bitten zu kommen und ihnen zu ihrer Flucht behilflich zu ſein. Wäre mein erſter Bote mit einem ſolchen Document verſehen geweſen, ſo wäre ihm ſein Vor⸗ haben gelungen.“ „Und durch wen wollen Sie dieſen Brief be⸗ ſorgen laſſen?“ „Durch den Mönch ſelbſt.“ „An ſeinem Leben,“ rief Rodil lächelnd,„liegt nicht viel; thun Sie, was Ihnen beliebt.“ Man ſchickte ſogleich nach dem Pater Callighan, der ſchon nach einer Stunde im Hauptquartier ſich einfand. Er war ein kräftiger, munter ausſehender Mann, deſſen wohlgerundetes Geſicht genügend den Widerwillen erklärte, den der alte Mann gegen das Verlaſſen der Gegend eines Zufluchtsortes an den Tag legte, wo er den größern Theil ſeines Lebens zugebracht hatte. Von der ganzen heiligen Ge⸗ meiſchaft war er allein zurückgeblieben, indem die Jüngeren die Kutte ausgezogen und die Waffen für die Sache des Don Carlos ergriffen hatten, für den ſie muthig fochten, wie man zu ihrer Ehre ihnen nachſagen muß. Der Capitän muſterte erſt eine Zeitlang den Prieſter, ehe er ihm den Grund mittheilte, weßhalb er nach ihm geſchickt hatte; es lag aber etwas in deſſen ſtechenden grauen Augen, was ihm nicht ge⸗ rade gefiel. Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 8 114 „Sie haben hoffentlich Ihr Engliſch nicht ganz vergeſſen?“ fragte er. Der arme Mönch erzitterte, nicht aus Furcht, ſondern aus Freude, denn es waren ſo viele Jahre verfloſſen, ſeit er die Töne ſeiner Mutterſprache nicht mehr gehört hatte, und ſo klangen ihm dieſe jetzt in's Ohr wie eine Muſik aus der Kindheit. „Nicht ganz,“ antwortete er reſpektsvoll. „Sie ſollen zwei Engländer beſuchen, die im mauriſchen Thurm eingeſperrt ſind und dieſelben auf den Tod vorbereiten.“ „Sind ſie Katholiken?“ fragte der alte Mann. „Nein; aber was macht das? Nach Ihrem Glauben ſind ſie deßhalb des Troſtes um ſo mehr benöthigt.“ „Wahr, ſehr wahr.“ „Das iſt aber nicht Alles„fuhr der Capitän fort;„Sie können ihnen die Hoffnung in Ausſicht ſtellen, daß ihr Leben verſchont bleibe, ja Sie kön⸗ nen ihnen ſogar verſprechen, daß dieſes der Fall ſein werde, wenn ſie ſich herbeilaſſen, einen Brief an ihre Herren im carliſtiſchen Lager zu ſchreiben, von dem ich Ihnen eine Abſchrift zuſtellen werde.“ „Ich will mein Möglichſtes thun.“ Helsman und Rodil waren zwar allerdings mit dem trockenen Tone, in welchem der Mönch dieſes Verſprechen machte, nicht ganz zufrieden, aber da ſie zur Ausführung ihrer ſchändlichen Abſichten kei⸗ nen andern Ausweg wußten, ſo mußten ſie ent⸗ weder ihren Plan aufgeben oder ſeiner Treue ver⸗ trauen, deren der General ſich noch dadurch zu 115 verſichern ſuchte, daß er ihm mit Hängen oder Er⸗ ſchießen drohte, wenn er ſein Wort bräche. „Mein Leben ſteht in den Händen Eurer Ex⸗ cellenz,“ ſagte der Mönch,„Sie dürfen an meinem Eifer nicht zweifeln.“ „Kommen Sie dieſen Abend wieder,“ ſetzte Hels⸗ man hinzu,„der Brief iſt dann bereit.“ Der alte Mann verbeugte demüthig ſein ge⸗ ſchornes Haupt und verließ das Zimmer, während der General ihm drohend nachblickte. „Sie ſind Alle gegen uns!“ rief er ungeduldig aus.„Da iſt auch nicht Ein Mönch oder Geiſt⸗ licher in Spanien, vom einfachen Chorrock des Dorf⸗ prieſters bis zum goldverbrämten Gewande des Prälaten, in welchem nicht ein Verräther an der Sache der Königin ſteckt.“ Wenn man die Art und Weiſe, mit welcher der Clerus ſeiner Einkünfte beraubt und in vielen Fäl⸗ len in hohem Alter in das CElend hinausgeſtoßen worden war, in's Auge faßt, ſo wird man ſich über dieſe Behauptung eben ſo wenig wundern als über das Mißtrauen gegen den von dem Capitän ge⸗ wählten Agenten. Um jedoch keine Vorſichtsmaß⸗ regel zu verſäumen, beſchloß Rodil, dem Officier der Urbanos den Befehl zukommen zu laſſen, ein wachſames Auge auf den Mönch während ſeiner Unterredung mit den Gefangenen zu halten. 8* 116 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Noch fehlten zwei Stunden bis Mitternacht— der von Zumalacarragui beſtimmten Zeit zum An⸗ griff— als Pater Collighan in die Zelle der Ce⸗ fangenen trat, welche Hunger ſowohl, wie die Ge⸗ fährlich leit ihrer Lage und die Ungewißheit über das Schicſal Harold's und Harry's wach erhalten hatte. Die ſpärliche Ration, die ſie erhielten, hatte ihren Appetit mehr gereizt als befriedigt. „Ich glaube,“ bemerkte Will mehrmals,„daß dieſe hölliſchen Spanier uns aushungern wollen.“ Tom legte die Hand auf den Magen und ſeufzte. „Benedicite!“ ſprach der Mönch. „Ich ſpreche nicht franzöſiſch,“ murmelte der Groom. „Verſuch's nur auf Engliſch, mein Sohn,“ ſagte der alte Mann mit wohlwollendem Lächeln;„es wird mir eine Freude und Wonne ſein, euch in eurer Trübſal zu tröſten.“ „Haben Sie uns etwas zu eſſen mitgebracht?“ fragte William Franklin. „Ich bringe nur geiſtige Speiſen,“ antwortete der Mönch. Die Gefangenen wandten ſich verdießlich ab, denn ſie hätten etwas Subſtantielleres vorgezogen. „Mich ſchickt der General, um euch zum Tode vorzubereiten.“ „Zum Tode 1“ wiederholte Tom;„weßhalb? Was haben wir gethan? Zum Tode! Ich glaub's nicht. Wir ſind Engländer, die ihre Heimath verließen— 117 leider daß wir ſolche Thoren waren— um fremde Länder zu ſehen,— um mit unſeren rechtmäßigen Herren zu reiſen.“ „Die Sache hat ihre Richtigkeit, ſo wahr ich ein chriſtlicher Prieſter bin,“ fuhr Pater Callighan fort, „und ſo leid es mir auch thut, es euch mittheilen zu müſſen; aber der General iſt unerbittlich.“ „Welcher General?“ wiederholte Willie. „Es gibt nur ein Mittel, euer Leben zu retten,“ fuhr der Mönch fort, ohne die Frage zu beant⸗ worten. „Nun,“ bemerkte Tom,„wenn es nur Ein Mittel gibt, ſo theilt uns dieſes mit. Wahrſchein⸗ lich will man Geld von uns. Weder der junge Squire noch Sir Mordaunt werden knickern, wenn es ſich um eine runde Summe zu unſerer Frei⸗ laſſung handelt. Warum ſagte man uns dieſes nicht ſogleich und behandelte uns nicht wie menſch⸗ liche Geſchöpfe?“ „Es handelt ſich nicht um Geld.“ „Um was denn?“ „Ihr müßt dieſen Brief hier an die Herren, deren Diener ihr ſeid, ſchreiben und welche ſich in Sicherheit im carliſtiſchen Lager befinden.“ „In Sicherheit!“ rief der getreue Burſche mit einem Freudenſchrei;„dann würden Sie beſſer daran thun, Ihren General, wie Sie ihn nennen, zu warnen, das, was er mit uns vorhat, ja nicht auszuführen, denn Harold Tracy wird, ſo arm ich bin— denn ich bin nur ſein Diener, obgleich er mich wie ein Freund behandelt— mein Blut rächen wie das eines Bruders.“ 118 „Sie glauben alſo, daß Ihr Herr ſich nicht wei⸗ gern würde, wenn Sie ihm ſchreiben, er möchte an einen gewiſſen Ort hinkommen, um Ihnen zu ihrer Flucht behülflich zu ſein?“ bemerkte der Prieſter. „Sich weigern!“ wiederholte Tom;„er würde keinen Hund, den er liebt, im Stiche laſſen, viel⸗ weniger einen Mitmenſchen, der ihm treu und ehr⸗ lich gedient hat.“ „So brauchen Sie ihm alſo nur zu ſchreiben.“ „Das werde ich auch thun.“ Der Mönch runzelte die Stirne, wie wenn ihm dieſe Aeußerung mißſiele. Dieß ging aber ſchnell vor⸗ über; denn wahrſcheinlich glaubte er einen Augen⸗ blick lang, der Groom ahne den dahinter ſtecken⸗ den Verrath, was aber keineswegs der Fall war. „So hören Sie alſo,“ ſprach der alte Mann, das Concept des Briefes aus der Taſche ziehend, das Helsman ſo ſchlau abgefaßt hatte. „Leſen Sie es uns vor,“ ſprach Tom. „Mein lieber junger Herr— „Das geht nicht,“ bemerkte Tom,„ich nenne ihn immer Squire Harold.“ „Das können wir ändern,“ verſetzte der Mönch. „Wir ſind in Feindeshände gefallen, welche uns mit Hängen oder Erſchießen drohen, und Will und ich ſind um unſer Leben beſorgt.“ „Halt, halt!“ rief William Franklin dazwiſchen. „Weder Maſter Harry, noch ſein Freund, glauben dieß; wir haben noch keineswegs Angſt gezeigt, nicht wahr, Tom?“ „Gewiß nicht,“ bemerkte dieſer;„aber nur weiter.“ 5 119 „Wir haben einen Freund gefunden,“ fuhr der alte Mann fort,„der uns zur Flucht behilflich ſein will, wenn Sie ihm hundert Unzen auszahlen. Er wird uns nach dem alten Kloſter bringen, welches halb⸗ wegs zwiſchen der Stadt und Ihrem Lager ſteht, wenn Sie ſich dazu verſtehen, dort mit dem Gelde ſich einzufinden,— aber Sie und Mr. Burg müſſen allein kommen. Er ſagt, er wage nicht, ſich irgend einem Carliſten anzuvertrauen, ſo drückte er ſich, glaub' ich, aus, wenn einer mit Ihnen kommen wollte. In großer Noth und Trübſal die Ihrigen Tom und Will.“ „Wir haben ja aber keinen Freund gefunden,“ bemerkten die Gefangenen. „Das hat mit dem Brief nichts gemein, meine Söhne,“ erwiderte der Abgeſandte Rodil's und des Capitäns.„Die Frage dreht ſich darum, ob ihr dieſes ſchreiben wollt?“ Die jungen Männer blickten ſich einige Minuten lang ſtillſchweigend an, wie wenn ſie ſich gegenſei⸗ tig über den in ihnen aufſteigenden Verdacht be⸗ fragen wollten, während welcher Zeit der Mönch ſie ängſtlich beobachtete. „Nein!“ rief endlich Tom in raſchem Ent⸗ ſchluſſe.„Lieber ſollen ſie mich hängen. Was! Ich ſoll ſchreiben und meinen jungen Herrn in die Hände dieſer blutdürſtigen Schufte verlocken, die ihm gern an's Leben möchten! Was würde man in der Halle dazu ſagen! Was würde mein eigenes Herz dazu ſagen?“ Zugleich wiſchte ſich der ehrliche Burſche ſeitwärts eine unwillkürlich hervortretende 120 Thräne ab, die ihm der bloße Gedanke an eine ſolche Niederträchtigkeit entlockt hatte. „Bedenkt, daß das Leben ſüß iſt,“ bemerkte der Bote. „Aber meine Fäuſte ſind ziemlich hart,“ ver⸗ ſetzte Tom,„wie einer der Schlingel, die uns durch das Gitter unſeres Käfigs, als wenn wir wilde Thiere wären, angrinſen, bezeugen kann, und mit denen Sie für Ihren Antrag ſelbſt Bekannt⸗ ſchaft zu machen Gelegenheit hätten, wenn Ihre weißen Haare mich nicht abhielten. Schämen Sie ſich, einen armen Burſchen, der am Leben hängt, in Verſuchung führen zu wollen, ſein Leben durch eine ſolche Schlechtigkeit zu retten.“ Es war dem Pater Callighan nicht entgangen daß die Urbanos ihn beobachteten, denn ſonſt hätte er, längſt von ſeinen Gefühlen überwältigt, dem redlichen Menſchen die Hand gedrückt. „Weiße oder ſchwarze Haare,“ rief William Franklin;„alt oder jung, wenn er mir ein ſolches Anerbieten macht, ſo drehe ich ihm mit eben ſo wenig Umſtänden den Hals um, wie einem Moor⸗ huhn.“ Dieſe Worte waren zugleich mit einem Blicke begleitet, welchem man wohl anmerkte, daß es ſich um keine leere Drohung handle. „Dieß iſt aber der einzige Ausweg euch zu retten.“ „Wir wollen aber einen ſolchen Ausweg nicht,“ riefen die beiden Männer zornig. „Hört mich an,“ fuhr der Prieſter fort,„und hütet euch vor Allem durch ein Zeichen der Freude zu verra⸗ then, denn man bewacht eure Blicke und Geberden. 121 Ich bin euer Freund; eure Anhänglichkeit und Er⸗ gebenheit gegen eure Herren hat mich dazu gemacht. Hättet ihr das Anerbieten angenommen, das ich gezwungen euch machte, ſo hätte ich euch wie Hunde ſterben laſſen. Aber jetzt, meine Jungen, will ich thun, was in meiner Macht ſteht, euch zu retten, wenn ihr meiner Anleitung folgen wollt.“ „Ich will Alles thun, nur nicht dieſen nieder⸗ trächtigen Brief ſchreiben,“ bemerkte Tom, und ſein Unglücksgefährte trat durch beifälliges Nicken mit dem Kopfe dieſem Entſchluſſe bei. „Ganz recht,“ verſetzte Pater Callighan;„ihr könnt aber euch anſtellen, als ob ihr ſchriebet.“ „Zu was ſoll das führen?“ „Wir gewinnen dadurch Zeit,“ fuhr der Mönch ſtüſternd fort;„es iſt jetzt zehn Uhr; um Mitter⸗ nacht wird die Stadt von den Carliſten angegriffen, — mögen die Heiligen das Vorhaben ſegnen! Der Augenblick der Gefahr tritt erſt mit dem erſten An⸗ griff ein; denn die Chriſtinos morden dann jedes⸗ mal ihre Gefangenen,— die Heiden.“ „Thun ſie das,“ rief Will, indem er ſich nach einem Gegenſtand, mit dem er ſich vertheidigen könnte, umſah. „St!“ rief ihr neuer Freund.„St! Klugheit, Jungens!— Klugheit! Wenn wir auch in dieſen blutigen Zeiten etwas von der Unſchuld der Taube verloren haben, ſo iſt doch die Klugheit der Schlange geblieben. Beim erſten Schuß will ich euch zeigen, wie man die Eiche fällt, wie wir in Maynooth (katholiſches Prieſterſeminar in Irland) zu ſagen pflegten. Nun kniet nieder, damit die Wache glaubt, ich hätte euch bekehrt.“ Will und Tom zögerten. Der Segen eines alten Mannes kann euch nicht ſchaden, meine Junzen. Die Gefangenen ſahen dieß ein und bequemten ſich den Segen des ſchlichten Mönchs entgegenzu⸗ nehmen, den er ihnen ebenſo willfährig ertheilte wie Anhängern ſeines Glaubens, Nachdem dieß ge⸗ ſchehen war, verlangte Pater Callighan von dem Hauptmann der Wache, der ſich in der anſtoßenden Halle befand, einen Tiſch, Federn, Tinte und Papier. Der Officier hatte keinen Auftrag den Gefange⸗ nen dieſe Gegenſtände verabfolgen zu laſſen. „Beeilen Sie ſich, daß wir alles Dieß bekom⸗ men,“ verſetzte der Prieſter,„ſonſt werden am Ende die Gefangenen wieder andern Sinns.“ Es verfloß beinahe eine Stunde, ehe der Offi⸗ cier mit dem Befehle aus dem Hauptquartier, die Gefangenen mit Allem zu verſehen, was der Mön verlange, wieder erſchien. Zu gleicher Zeit ließ Rodil mit gewohnter Grauſamkeit drei Gräber graben und ein Peloton Infanterie die Flinten laden, um die Leute ſogleich erſchießen zu laſſen, ſobald der Brief in ſeinen Händen ſei. Er beab⸗ ſichtigte nämlich den Ausführer von Helsmans Pla⸗ nen das gleiche Schickſal mit ſeinen Landsleuten theilen zu laſſen. Um ſo viel Zeit als möglich zu gewinnen, fand der Mönch zuerſt die Tinte zu dick, dann verlangte er anderes Papier und andere Federn, ſo daß nur 123 noch eine Viertelſtunde bis Mitternacht fehlte, als alle Einwände gegen die Ausführung des Vorha⸗ bens erſchöpft waren. „Setzen Sie ſich jetzt und thun Sie, als wenn Sie ſchrieben,“ ſprach er, an Tom ſich wendend, „oder ſchreiben Sie meinetwegen was Sie wollen. Dieſer Hauptmann iſt ein ſchlauer Menſch und wachſam wie ein Luchs. Es könnte ihm einfallen, von Zeit zu Zeit hereinzukommen, um nachzuſehen, ob Sie noch nicht bald fertig ſind.“ „Ich will an Norah ſchreiben,“ verſetzte dieſer. „Das iſt ja ein irländiſcher Name,“ rief der alte Mann. „Norah iſt aber auch ein irländiſches Mädchen und zwar ſo lieb und gut wie Eine, die jemals mit„ja“ auf das Anerbieten eines ehrlichen Her⸗ zens geantwortet hat.“ „So ſegne euch denn beide der Himmel und führe Sie wohl und geſund zu ihr zurück! das iſt mein Gebet, denn Spanien iſt jetzt ein trauriges Land, ſo ſchön und herrlich es ſonſt geweſen iſt.“ Unterdeſſen hatte Tom ſeinen Brief begonnen und ſchrieb eifrig ſort, ſo daß er ſchon eine halbe Seite zu Stande gebracht hatte, als ſich plötzlich aus der Ferne ein Schrei und Gewehrfeuer ver⸗ nehmen ließ. „Nun, meine Jungen!“ rief Pater Callighan, „jetzt will ich euch zeigen, was man unter dem Fäl⸗ len einer Eiche verſteht. Helft mir beide; denn es gilt euer Leben zu retten. Zugleich zog er unter der Kutte einen ſchweren Hammer und ein Paar eiſerne Keile hervor, welche William Franklin, 124 nach ſeiner Anleitung, unterhalb der Thüre ein⸗ trieb, ſo daß man dieſe von Außen unmöglich for⸗ ciren konnte. Kaum war dieß geſchehen, als die Stimme des Hauptmanns ſich vernehmen ließ. Der unerwar⸗ tete Angriff der Carliſten war auf zwei Punkten zugleich erfolgt. Der erſte, ein bloßer Schein⸗ angriff, geſchah gegen die Kirche am andern Ende der Stadt, die von Rodil in eine Kaſerne für ſeine Soldaten umgewandelt worden war,— der zweite galt dem Gefängniß. „Laßt mich ein!“ rief der Officier, der Befehl hatte, die Gefangenen zu erſchießen, wenn ein Ver⸗ ſuch gemacht würde, ſie zu befreien. „Was hält Sie ab?“ fragte der Mönch ihn auf Spaniſch. „Die Thüre iſt geſchloſſen.“ „Heffnen Sie ſie.“ „Von Innen.“ „Forciren Sie ſie.“ „Unmöglich,“ antwortete der Befehlshaber der Urbanos in zornigem Tone;„ſie iſt zu feſt.“ „Es freut mich, dieß aus Ihrem eigenen Munde zu vernehmen,“ erwiderte der alte Mann;„es iſt nicht das erſte Mal—“ Der Schluß des Satzes wurde durch eine laute Exploſion, begleitet von dem Weheklagen der Ver⸗ wundeten, den Flüchen der Chriſtinos und dem Geſchrei der Angreifenden übertönt, deren Petarden das Gefängnißthor zuſammengeworfen hatten, wo⸗ durch ſie ſich in den Stand geſetzt ſahen, in den Hofraum einzudringen. 125 „Drückt euch in die Ecken der Zelle, meine Jun⸗ gen,“ ſprach der Prieſter,„denn die feigen Schurken werden durch das Gitter auf uns feuern.“ Dieſe Vorſichtsmaßregel war nicht überflüſſig, denn es wurden von der Wache in der anſtoßenden Halle mehrere Schüſſe durch die mehrerwähnte Oeff⸗ nung auf's Gerathewohl hereingefeuert, die aber glücklicher Weiſe Niemand trafen Der Hauptmann der Urbanos tobte und wüthete wie ein Raſender, weil er fürchtete, daß ſeine Beute ihm entwiſchen und er ſich ſchwer vor Rodil zu verantworten ha⸗ ben würde, wenn er deſſen Befehle nicht ausgeführt habe. Er rief deßhalb einige ſeiner Leute herbei und befahl ihnen einen Balken zu ergreifen und dieſen gleich einem Mauerbrecher gegen die Thüre zu ſtoßen. Bei dem erſten Stoße fiel der alte Mann auf ſeine Kniee.„Heiliger Patrick!“ murmelte er,„ora Pro nobis!“— Es erfolgte ein zweiter Stoß und zugleich aber⸗ malige Anrufung eines andern Heiligen; aber die eiſenbeſchlagene Thüre wich nicht. „Geſegnet ſei der Baum, aus dem ſie gemacht iſt!“ rief der Mönch, deſſen Hoffnung neu auflebte, als er ſah, daß die Thüre gar nicht wankte,— „und der Zimmermann, der ſie ſie gefertigt hat,— er war ein ehrlicher Mann,— mag er in Frieden ruhen!— denn er hat als ein treuer Chriſt und gewiſſenhafter Arbeiter ſein Werk gefertigt.“ Der untere Theil des Gefängniſſes war jetzt in den Händen der Carliſten, die nach Wiederladen ihrer Gewehre in das obere Stockwerk heraufge⸗ 126 ſtiegen kamen, an ihrer Spitze O'Donnell und hinter ihm Harold Trach und deſſen Freund. Zwiſchen den Urbanos und den Royaliſten herrſchte der grim⸗ migſte Haß, denn ſie gewährten beiderſeits ſelten Pardon, wenn ſie zuſammentrafen. Als der Haupt⸗ mann durch einen Schuß durch den Kopf bei der erſten Charge der Angreifenden gefallen war, reti⸗ rirten ſeine Leute unter das Dach des Thurmes, mehrere Todte in der Halle zurücklaſſend, die ſie ſo eben noch beſetzt gehalten hatten. Nachdem ſie dieſe ſichere Stellung gewonnen hatten, die ſie wenig⸗ ſtens für den Augenblick ſchützte, zogen ſie die Leiter zu ſich herauf und fingen an auf ihre Feinde zu ſchimpfen, indem ſie ihnen Pfaffenknechte und an⸗ dere beleidigende Ausdrücke zuriefen. O'Donnel blieb ſtehen; denn trotz ſeiner toll⸗ kühnen Tapferkeit wußte er nicht, wie er hier weiter kommen ſolle.„Ich fürchte, daß wir ohne Erfolg wieder umkehren müſſen,“ bemerkte er. „Durchaus nicht,“ verſetzte Harold,„denn ich verlaſſe dieſen Ort nicht eher, als bis ich über das Schickſal meines getreuen Freundes im Reinen bin.“ Als Tom die Stimme ſeines jungen Herrn er⸗ kannte, gerieth er ganz außer ſich. Er rannte nach der Thüre und beſchwor William Franklin und den Mönch die Keile zu entfernen. „Es wäre beſſer noch ein wenig zu warten,“ ſagte der alte Mann ruhig,„bis wir ganz ſicher ſind.“ „Warten!“ wiederholte der Burſche, ihm den Hammer aus der Hand reißend,„daß ſie den Squire unterdeſſen ermorden, die blutdürſtigen Schufte!“ 127 Ein halbes Dutzend Schläge entfernte das Hin⸗ derniß und die befreiten Gefangenen ſtürzten, ge⸗ folgt von Pater Callighan, in die Halle. „Sind Sie vernundet, Squire?“ war Toms erſte Frage, als ihm Harold die Hand entgegenſtreckte. „Sind dieß Ihre Freunde?“ fragte O'Donnell. „Ja— und beide wohlauſ,“ verſetzte Harry Burg. „Dann ziehen wir uns, je eher je lieber, zurück,“ bemerkte der tapfere Soldat.„El Tio Tomas hat bereits zum Einſteten des Feuerns blaſen laſſen. Unſere Leute haben die Kirche eingenommen und eilen zu unſerm Beiſtand herbei.“ Bei dieſem Angriff hatte Zumalacarregui ent⸗ fernt nicht die Abſicht im Beſitz der Stadt ſich zu halten, dazu war Rodil's Armee zu zahlreich und zu wohl mit Artillerie verſehen. Er hatte ihn blos in der Abſicht unternommen, die beiden gefangenen Engländer zu befreien und, ehe er ſich in die Berge zurückziehe, dem Feinde einigen Schrecken einzujagen. „Nimm eine meiner Piſtolen, Tom,“ ſprach ſein Herr, indem er ihm eine ſolche in die Hand gab. Harry Burg hatte daſſelbe bei Will beabſichtigt. Dieſer zog aber eine Muskete vor, welche einer der Urbanos weggeworfen hatte. Er wiſſe beſſer damit umzugehen, meinte er, und da jetzt ſeine Hände frei ſeien, ſo ſolle Jeder, der ihn aufzuhalten wage, ſich vorſehen, daß er ihm nicht Eins auf gut Cum⸗ berländiſch verſetze. Will hielt auch Wort, denn als die in den Thurm Gedrungenen mit ihren Freunden ſich vereinigen wollten, welche zu ihrem Beiſtand heranrückten, ſtießen ſie auf ein Regiment Fußvolk, welches Ro⸗ 128 dil raſch zuſammengezogen hatte, um ihnen den Rückweg abzuſchneiden. In der Dunkelheit ſchadete ihnen glücklicher Weiſe deren Salve wenig. Will ging mitten unter die Feinde hinein, rechts und links mit dem Kolben um ſich ſchlagend, indem er die Muskete in der Luft ſchwirren ließ, als wenn dieſe nur ein leichter Knittel geweſen wäre. Wo er aber hintraf, ſetzte es einen zerſchmetterten Schädel, und die Carliſten, ermuthigt durch ſein Beiſpiel, hand⸗ habten ihre Waffen auf die gleiche Weiſe. Der chriſtiniſche General ſchäumte vor Wuth. „Fünfzig Unzen,“ rief er,„für den Kopf dieſes engliſchen Rieſen!“ Die angebotene Belohnung würde wahrſcheinlich einen oder den andern ſeiner Leute verlockt haben den Verſuch zu machen, aber der Ruf„El Tio Tomas!“ wurde gehört, und zugleich ſah man Zu⸗ malacarregui an der Spitze ſeiner Leute, bloß mit einer Reitpeitſche bewaffnet, herankommen; denn nur in Augenblicken der höchſten Gefahr konnte er ſich entſchließen den Säbel zu ziehen. Als er die Kirche am andern Ende der Stadt verlaſſen, hatte der Feind geglaubt, die Carliſten hätten ſich zurück⸗ gezogen. Es war dieß aber nur eine Finte geweſen; denn anſtatt ſich in die Berge zurückuziehen, war der carliſtiſche Anführer durch die Vorſtädte mar⸗ ſchirt und würde den Schauplatz des Kampfes un⸗ bemerkt erreicht haben, wenn nicht plötzlich im alten Thurme des Gefängniſſes Feuer ausgebrochen wäre, deſſen Flammen den ganzen Platz erhellten. Die Ankunft dieſer Verſtärkung entſchied das Gefecht. Rodil und ſeine Leute zogen ſich nach ihrem Lager 129 zurück, und die Carliſten wandten ſich den Bergen zu. Ohne Artillerie war es ihnen unmöglich die Stadt zu halten. Im Begriff den Hof zu ver⸗ laſſen, vernahm Willie ein Geſtöhne, und als er ſich umwandte, erkannte er Pater Callighan, der einen Schuß in das Bein erhalten hatte. „Laß mich nicht zurück, mein Sohn!“ ſprach der. alte Mann,„ſonſt ſchlagen mich die Chriſtinos, wenn ſie zurückkommen, wie einen Hund todt.“ „Sie zurücklaſſen!“ verſetzte Will;„was denken Sie von mir? Das iſt nicht cumberländiſcher Ge⸗ brauch. Wenn wir auch unſern Feinden harte Hände zeigen, ſo haben wir doch weiche Herzen für unſere Freunde. Stützen Sie ſich auf mich.“ Der gutmüthige Prieſter verſuchte aufzuſtehen, aber er fühlte ſich zu ſchwach dazu und ſank mit einem Schmerzensruf wieder zu Boden.. „Lege mich an einen verborgenen Platz,“ mur⸗ melte er,„wo ich ruhig ſterben kann.“ Währenddem war bereits die Hälfte der Car⸗ liſten vorübergezogen. William Franklin überlegte ſich die Sache einen Augenblick, dann warf er ſeine Muskete weg, nahm den Verwundeten auf ſeine Arme und trug ihn, trotz ſeines ſchweren Ge⸗ wichts, ſo leicht wie ein Kind von dannen. Die⸗ jenigen, welche ſo eben noch Zeugen ſeines Muthes geweſen waren, riefen ihm jetzt freundliche Worte über ſeine Menſchlichkeit zu, als er an ihnen vor⸗ überkam. Faſt eine halbe Stunde weit ſchleppte der brave Burſche ſeine ere Laſt, bis Zumalacar⸗ regui, weil er ſah, Saß er nicht verfolgt werde, ſeine Leute halten ließ. Wie wir wiſſen, war er Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 9 130 ein ernſter Mann, der ſelten lächelte, aber ſeine durchdringenden grauen Augen leuchteten voll Be⸗ wunderung, als er den kräftigen Engländer erblickte, der, in Schweiß gebadet, mit dem verwundeten Prie⸗ ſter einhergeſchritten kam. Er ſteckte die Hand in die Taſche und zog einige Goldſtücke hervor, die er ihm anbot. „Ich brauche dieß Geld nicht,“ ſprach William. „Was ſagt er?“ fragte der General den Oberſten O Donnel, der in ſeiner Nähe war. „Er ſagt, er verlange keine Belohnung für das, was er gethan habe,“ verſetzte dieſer. „Er hat ganz recht,“ bemerkte der General; „Handlungen dieſer Art belohnen ſich durch ſich ſelbſt. Laſſen Sie eine Tragbahre herrichten, damit dieſer wackere Menſch ſeine Laſt losbekommt. Nun,“ ſetzte er zu Harold und Harry gewendet hinzu,„Ihre Diener ſind frei, wie ich höre. Wo ſind ſie?“ Harold bezeichnete ſie mit der Hand. „Sie verdienen Ihre Sorgfalt; unſere Schuld und Dankbarkeit iſt jedoch noch nicht abgetragen. Es ſoll aber noch geſchehen,“ ſetzte er raſch, die Stirne runzelnd und nach der Stadt deutend, hinzu; „der Feind, der Ihnen und Ihrem Freunde nach 5 Leben trachtete, iſt nur für den Augenblick ent⸗ wiſcht.“ „Ein Feind!“ riefen die beiden Freunde mit Er⸗ ſtaunen.„Woher. wiſſen Sie, General, daß wir einen haben?“ „Von einem Freunde, d eine Stunde zuvor, ehe ich das Lager verließ, elbſt eintraf, und der 131 ohne einen ausdrücklichen Befehl des Königs mich begleitet hätte,— von dem Grafen Lilini.“ Die jungen Männer vernahmen dieſe Nachricht mit Vergnügen, denn abgeſehen von der Vor⸗ liebe, die ſie für den Grafen hegten, verlangte es ſie Nachrichten von ihren Freunden in Paris zu hören. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Bei ihrer Rückkunft in das carliſtiſche Lager wurden Harold und Harry vom Grafen Lilini auf das Herzlichſte bewillkommt, der um ihretwillen mehr Angſt ausgeſtanden hatte als er einzugeſtehen für gut hielt. Der Graf war keiner der Männer, die ihr Herz auf den Lippen tragen, ſondern die im Gegentheil die Gefühle, welche der menſchlichen Natur Ehre machen, als Schwäche verbergen. Viel⸗ leicht hatte er in ſeinem frühern Leben manche Täuſchungen erfahren, indem Freunde ihn verra⸗ then oder ſein Vertrauen mißbraucht hatten; allein wie dem auch ſein mochte, ſo war nur die Ober⸗ fläche bei ihm erſtarrt, während in ſeinem tief Innerſten noch ein warmer Strom voll Theilnahme für ſeine Mitgeſchöpfe floß, wenn er auch denſelben unter verſtelltem Cynism oder Gleichgiltigkeit zu verbergen ſucht. Gegen die beiden jungen Männer war gegen das Ende ihres Aufenthalts in Paris ſein Benehmen ſtets freundlich geweſen; 132 hatte er ſogar zuweilen eine faſt auffallende Hin⸗ neigung kund gegeben. Seine Ueberlegenheit hatte er dazu angewendet, nicht allein deſſen intellectuelles Vermögen zu erforſchen, ſondern, was noch weit ſchwieriger iſt, ſein Herz zu ergründen und zwar mit einer Beharrlichkeit, welche auf mehr als ge⸗ wöhnliches Intereſſe an dem Erfolae hindeutete; ja er bezeugte hiebei eine ſolche Ausdauer, daß die Freunde öfters ihre Bemer ungen darüber und Schlüſſe daraus ſich mittheilten. „Wie! Graf!“ rief Harold, ihm herzlich die Hand drückend,„wer hätte gedacht, daß wir uns ſo bald wieder treffen ſol'ten! Sie müſſen ja Paris faſt an demſelben Toge verlaſſen haben!“ „Einige Stunden ſpäter,“ verſetzte Lilini. „Wie ſelbſtſüchtia!“ ſagte Harry,„daß Sie uns des Vergnügens Ihrer Geſellſchaft beraubten! Warum ſind wir nicht zuſammengereist!“ „Aus keinem andern Grund, als weil die Straße, die ich wählte, gefährlich war.“ „Die unſrige war eben auch nicht die ſicherſte,“ bemerkte Harold. „Iſt dieß ein Vorwurf?“ „Nein, auf Ehre nicht,“ bemerkte Harold raſch. „Ich kann Ihnen nicht genug für das Vergnügen danken, das Sie mir verſchafft haben, oder den Genuß beſchreiben, welchen mir dieſe herrlichen Ge⸗ birgslandſchaften gewährten, deren friſche Luft mei⸗ nen Geiſt und Körper ſtärkten, während romantiſche Abenteuer uns Abwechslung jeder Art brachten. Da Sie jetzt wieder bei uns ſind, und nachdem es uns gelungen iſt unſere treuen Freunde aus den 133 Händen der Chriſtinos zu befreuen, habe ich keinen Grund mehr, irgend Etwas zu bedauern.“ „Sie haben einer edlen Sache gedient,“ ſprach der Graf.„Meine Aufgabe in Paris beſtand da⸗ rin, von der legitimiſtiſchen Partei in Frankreich Geldunterſtützungen zu erlangen, und es iſt mir dieß, obgleich ich große Gefahr dabei lief, gelungen. Als ich ungefähr eine Stunde vorher, ehe Zumalacarregui auf ſein Unternehmen auszog, im Lager eintraf, hätte ich mich von Herzen gern, wie ich wohl kaum zu ſagen brauche, angeſchloſſen, aber meine Ver⸗ pflichtungen gegen den König von Spanien hielten mich zurück.“ Die beiden jungen Männer fanden es auffallend, daß der Graf Don Carlos König von Spanien und nicht ſeinen Souverain nannte. „In einigen Stunden,“ fuhr Lilini fort,„wird das Lager abgebrochen werden und die Armee ſich tiefer in's Gebirge hinein ziehen. Wir können ge⸗ gen die befeſtigte Stadt ohne Artillerie nichts aus⸗ richten.“ S „Zu deren Erlangung wenig Hoffnung vorhan⸗ den iſt,“ bemerkte Harry. „So gar hoffnungslos ſteht es damit nicht,“ erwiderte der Graf lächelnd;„überhaupt gibt es wenige Schwierigteiten, welche Geduld und Aus⸗ dauer nicht zu überwinden vermögen. Die Gebirge ſind reich an Mineralien,— wir haben Holz in Menge; weßhalb ſollten wir alſo nicht Kanonen gießen können?“ Mit Tagesanbruch ſtand die carliſtiſche Armee zu ihrem Rückzug in's Gebirge in Bereitſchaft. Ehe 134 ſie aber aufbrach, beſchloß der Biſchof von Leon eine militäriſche Meſſe in Gegenwart des Königs und deſſen Gefolge zu feiern. Man hatte zu die⸗ ſem Zweck einen rohen Altar von Raſen errichtet, den als einziges Ornament die darüber wehende ſpaniſche Flagge ſchmückte. Es war dieß ein Schau⸗ ſpiel von eigenthümlich grotesker Erhabenheit, welches kaum der Pinſel eines Salvator Roſa na⸗ turgetreu wiederzugeben vermocht hätte. Man ſah die mannigfaltigſten Gruppen; hier Guerillas in ihrer maleriſchen Kleidung auf ihre langen Flinten gelehnt, in der Stellung andächtigſter Aufmerkſam⸗ keit; dort reguläre Truppen zum Präſentiren der Gewehre bereit, wenn die Hoſtie erhoben würde; während rings auf den Spitzen und Hügeln Lauer⸗ poſten ſtanden, um im Falle der Annäherung des Feindes Warnungszeichen zu geben. Hart neben dem ehrwürdigen Prälaten ſtunden Don Carles und Zumalacarregui einige Schritte vor ihrem Stabe; der Erſtere ruhig und geſammelt, als wenn das Land den tiefſten Frieden genöſe und er dieſer ergreifenden Ceremonie ſeines Glaubens in einer der alten berühmten Cathedralen Spaniens bei⸗ wohnte. Gegen den Schluß der Meſſe kniete die ganze Armee nieder, um den Segen des Biſchofs zu em⸗ pfangen, der ſodann an die Officiere und die ihm zunächſt Stehenden eine kurze, aber eindringliche Rede über die Sache, für die ſie die Waffen ergrif⸗ fen und die gerechten Gründe, um derenwillen ſie ihre Familie und Heimath verlaſſen, hielt. Seine Worte wurden mit athemloſer Aufmerkſamkeit an⸗ gehört, denn ſie wurden mit jener Beredtſamkeit geſprochen, die zum Herzen dringt. Als er ſchloß blitzten tauſend Schwerter in der Luft und aus den Reihen ertönte der enthuſiaſtiſche Ruf:„Lang lebe Don Carlos von Bourbon! Lang lebe unſer recht⸗ mäßiger König!“ Einige Minuten hernach ertönten die Trompeten und die carliſtiſche Armee trat ihren Rückzug in's Gebirge an. „Ich begreife die Begeiſterung Ihrer Soldaten,“ bemertte Harry Burg gegen den Grafen Lilini während des Hinaufſteigens zu Fuß, in Geſellſchaft von O'Donnel und mehrerer Officiere,— denn weder er noch ſein Freund hatten ſich Pferde ver⸗ ſchaffen können.„Die Rede, welche wir ſo eben hörten, hätte ſelbſt einen Feigling tapfer gemacht und ein Weib zum Ergreifen der Waffen veranlaßt. Man fühlt in Spanien noch die Macht der Beredt⸗ ſamkeit.“ „Leider iſt es ſo,“ bemerkte der Graf ernſt. Die jungen Männer ſahen ihn erſtaunt an. „Ich bleibe dabei,“ fuhr Lilini fort,„denn es beweist dieß nur unſern halbbarbariſchen Zuſtand. Je weiter die Cviliſation vorſchreitet, um ſo mehr muß der Redner ſeinen Einfluß auf Volk und Re⸗ gierung verlieren und der Denker ſeine Stelle ein⸗ nehmen. Es iſt dieß weniger poetiſch, ich gebe dieß zu, aber praktiſcher. England liefert davon ein Beiſpiel. Als Buck einen Dolch aus ſeiner Taſche zog und ihn auf den Boden des Hauſes der Ge⸗ meinen warf, hielt man dieß für ſublim und erhob dieſen Akt bis in den Himmel; jetzt würde man 136 darüber lachen und es für eine Hanswurſtiade er⸗ klären, obgleich nicht viel mehr als vierzig Jahre verfloſſen ſind, ſeitdem dieſer abgeſchmackte Auftritt ſtattgefunden hat.“ „Ihre Kenntniß unſrer parlamentariſchen Ge⸗ ſchichte ſcheint außerordentlich genau,“ bemerkte Ha⸗ rold Tracy, der häufig ſeinen Onkel, der zu jener Zeit Mitglied des Hauſes geweſen war, von dieſem Vorfalle hatte ſprechen hören. „Verlaſſen Sie ſich darauf,“ ſagte der Graf, ohne die Bemerkung zu beachten,„daß der Zauber der-Rethorik im Abnehmen und der Sinn für das Praktiſche im Zunehmen iſt. Niemand kann davon mehr überzeugt ſein als der Prälat, deſſen Beredt⸗ ſamkeit Sie ſo bewunderten; aber er paßt die Mit⸗ tel ſeinem Zwecke an. Könnten Sie ihn im Rathe hören, ſo würden Sie über die Kürze und Einfach⸗ heit ſeiner Sprache erſtaunen. Wenn er mit Män⸗ nern ſpricht, ſo wendet er ſich an den Verſtand; die unwiſſende, enthuſiaſtiſche Landbevölkerung behandelt er wie Kinder und er ſpricht daher blos Worte.“ „Wie ſchade für die Beredtſamkeit!“ ſeufzte Harry urg. „Wie ſchade für die Poeſie!“ ſetzte Harold hinzu. „Wenden Sie Ihr Mitleiden lieber der armen Vernunft zu,“ erwiderte der Graf,„die ſo lange gegen Beider Einflüſſe gekämpft hat. Der Irrthum fkommt aus dem Herzen, die Vernunft aus dem Gehirn; wir wiſſen, welches von Beiden das 137 Schwächere iſt. Wir dürfen uns daher nicht wun⸗ dern, daß Erſteres die Welt regiert.“ „Wenn man Sie ſo ſprechen hört, Graf,“ rief Harold lachend,„ſo möchte man Sie für einen Li⸗ beralen halten.“ „Das glaube ich auch zu ſein im wahren Sinne des Wortes,“ bemerkte Lilini;„ich möchte gern alles das ausrotten, was den wahren Fortſchritt der Menſchheit aufhält und Denen beiſtehen, die ihm Vorſchub leiſten.“ „Und glauben Sie, daß Don Carlos dieß thun wird?“ fragte Harry. „Ja,“ verſetzte der Graf,„und wahrſcheinlich gegen ſeinen Willen. Die Macht der Ereigniſſe iſt aber ſtärker als die der Könige,— ſelbſt ihr eiſer⸗ ner Wille iſt dagegen ohnmächtig; der Fortſchritt der Nationen iſt, wie der Gang der Zeit, wider⸗ ſtandslos wenn nicht Anarchie ſie darin aufhält. Träumer der Jetztzeit bilden ſich ein, ſie könnten Freiheit und conſtitutionelle Regierung decretiren und vergeſſen, daß beide das Product des Alters ſind. Doch genug von Politik!“ ſetzte er hinzu. „Wir befinden uns hier der Natur in ihrer wilde⸗ ſten Schönheit gegenüber; befragen Sie ſie, und ſie wird getreulich Antwort geben. Die Natur ver⸗ leugnet ihren Charakter nie. In ihrer Lieblichkeit und Troſtloſigkeit, in ihrer Größe oder Wildheit iſt ſie immer gleich wahrhaftig; ſie iſt die einzige Ge⸗ liebte vielleicht, die noch nie getäuſcht hat.“ Durch den erſten Tagmarſch gelang es den Carliſten, das Baſtanthal zwiſchen ſich und die Chri⸗ ſtinos zu legen, die, trotz Rodil's Großſprechereien, 138 mit großer Vorſicht zu Werk gehen mußten, wenn ſie ſich aus ihren verſchanzten Stellungen in's offene Land hinauswagen wollten, das ihnen durchaus ſo feindlich geſinnt war, daß die Bauern ſich lieber ihren Grauſamkeiten und Erpreſſungen ausſetzten, ſo arg dieſelben auch waren, als daß ſie ihnen die geringſten Nachrichten über die Bewegungen der earliſtiſchen Streitkräfte zukommen ließen. Dieſe Stimmung war ſo allgemein, daß die Generale der Truppen der Königin ſelbſt die unbedeutendſte Re⸗ cognoscirung nicht anders als an der Spitze eines großen Corps auszuführen wagten. Es war merkwürdig mit anzuſehen, wie ſchnell die Leute, als man für die Nacht Halt machte, ihre rohen Feldhütten von Baumäſten aus dem benach⸗ barten Walde aufrichteten. Stabsofficiere und Subalterne legten mit Hand an, ſo daß zu der Zeit, als die jungen Engländer und ihr Begleiter, die mit der Nachwache marſchirt waren, das Lager erreichten, die meiſten Hütten ſchon fertig waren; zwar leicht genug aufgeführt, aber vollkommen hinreichend, um in einem ſo be⸗ ſtändigen und milden Clima gegen Wind und Regen zu ſchützen. Die einzigen Zelte, welche dieſen Namen ver⸗ dienten, gehörten Don Carlos und Zumalacarregui. Selbſt die Generale waren nicht beſſer untergebracht als die gemeinen Soldaten; ja einige davon nicht einmal halb ſo gut, in ſofern alles, was perſön⸗ liche Bequemlichkeit anbelangt, Jeder nur ſeiner eigenen Geſchicklichkeit und Erfindungsgabe verdankte. „Das iſt ja ſchlimmer als ein Zigeunerleben!“ 139 rief Tom, als er erſtaunt die Reihen von Feld⸗ hütten überblickte.„Maſter Harold wird ſich dafür bedanken in ein ſolches Loch ſich einzulögiren. Die Ställe in Granstoun,“ ſetzte er ſeufzend hinzu, „ſind wahre Paläſte dagegen. Was würde Sir Mordaunt oder gar Miß Tracy ſagen, wenn ſie dieß ſehen könnten?“ „Das ſtärkt die Geſundheit,“ ſprach Jemand in ſeiner Nähe.„Es geht nichts über eine ſchön aus⸗ geſchmückte Hütte, wie ſich die Franzoſen ausdrücken, während der Sommerhitze.“ Der treue Diener ſah ſich um und erblickte einen ſchönen ſchlanken Mann von militäriſchem Aeußern, mit zufriedenem, freundlichem Ausdrucke des Auges, der ſorgfältig das Brodeln eines eiſernen Feldkeſſels überwachte, der an drei Pflöcken über einem Feuer hing, das ſich gerade einer Feldhütte gegenüber befand. Seinen Rock hatte er ausgezogen und die Aermel ſeines ſchneeweißen Hemdes aufgeſtülpt, ſo daß ein Paar ſehnige Arme ſichtbar waren, an denen Blut und eine Menge Federn klebten. „Sie ſind doch Harold Tracy's Diener?“ fragte der auf dieſe Weiſe Beſchäftigte, höchlichſt amüſirt über Tom's Erſtaunen. „Ich glaube ſo, Sir.“ „Das iſt wahrſcheinlich die engliſche Umſchreibung für ja,“ bemerkte der dilletirende Koch, in welchem unſere Leſer bereits den Oberſten O'Donnel erkannt haben werden.„Nun, mein Beſter, ich dachte eben daran, wie ich Ihren Herrn und deſſen Freund Harry Burg ausfindig machen könne. Die armen Jungen müſſen jetzt tüchtig Hunger haben. Melden 140 Sie ihnen meine Grüße und ſagen Sie ihnen, daß ich ſie zum Diner erwarte.“ „Weſſen Grüße, Herr?“ „Sie ſind mächtig neugierig,“ rief der excen⸗ triſche Irländer.„Was geht es Sie an, wer ich bin! Harold weiß, daß es nur Einen Mann in ber Armee gibt, der ihn zu einem ſolchen Feſte ein⸗ laden kann.“ Zugleich rührte er mit dem Ladſtock aus einer neben ihm liegenden Flinte die wohlriechende Maſſe in dem Keſſel um.„Köſtlich!“ ſetzte er, den Dunſt mit innerem Behagen einſchlürfend, hinzu. „Lucullus hatte nie ein ſolches Gericht auf ſeiner Tafel. Jedenfalls brachte er nie einen ſolchen Ap⸗ petit zum Eſſen mit, und das iſt ungefähr daſſelbe. Doch halt: ich will Ihren Herrn und ſeinen Freund ſelbſt aufſuchen; dann weiß ich doch gewiß, daß mein Auftrag ſicher ausgerichtet wird. Ihr bleibt einſtweilen hier, meine Freunde, und erhaltet die Brühe kochend; zuerſt aber helft mir meine Uni⸗ form anziehen.“ Damit deutete O'Donnel auf einen blauen Rock mit ein Paar ſilbernen Epau⸗ letten, der an einem Baumzweige neben ſeiner Hütte hing.„Gemach, gemach!“ rief er, während er mit den Armen nebſt allem was daran hing mit Tom's Beihilfe in die Aermel ſchlüpfte;„es iſt der einzige Rock, den ich beſitze.“ „Iſt denn das Tuch in Spanien ſo rar?“ fragte dieſer harmlos. „Rar!“ wiederholte der Oberſt.„Haben wir nicht mehr, als wir brauchen? Es iſt nur ſchwer zu bekommen, weil es meiſtens noch in Geſtalt von Wolle auf dem Rücken der Schafe ſich befindet. 7 141 Die Weber ſind nur ſelten,“ ſetzte er ernſt hinzu, „und was unſern Stahl anbelangt, ſo haben wir dieſen viel zu ſehr zu unſern Schwertern nöthig, als daß wir ihn durch Fabriciren von Nadeln ver⸗ ſchwenden könnten. Geben Sie wohl auf den Keſ⸗ ſel Acht und denken Sie an die Piraten.“ „Wer ſind denn dieſe, Herr?“ fragte Tom, der nicht verſtand, was der Oberſt damit meinte. „Leute mit einem Hunger, um den Wallfiſch aufzufreſſen, der Jonas verſchlungen ut verſetzte der Officier,„und dieß auch ohne alles Bedenken thun würden; was man ihnen übrigens nicht einmal übel nehmen könnte!“ Mit dieſen Worten ging er raſch nach der Stelle des Plateaus, welches die Nachwache ſo eben erreicht hatte. Auf ſeinem Wege dahin begegnete er mehreren ſeiner Leute, welche das Gepäck der beiden Freunde auf ihren Schultern trugen, und befahl ihnen, daß ſie daſſelbe in ſein Quartier, wie er etwas hochtrabend die von ihm errichtete Hütte nannte, bringen ſollten. Als er endlich Harold und Harry traf, fragten ihn dieſe ſogleich, ob er ihre Diener geſehen habe? „Sie ſind wohlbehalten in meiner Küche, meine lieben Jungen, ganz wohlbehalten.“ jungen Männer lächelten bei dem WVorte Küche „Sie können noch manchen Tagmarſch zurück⸗ legen, ehe ſie eine beſſere finden,“ bemerkte ihr ex⸗ centriſ ſcher Freund,„oder eine, die nur halb ſo gut iſt; drei Hühner und eine Ente,“ ſetzte er flüſternd hinzu.„Der Tiſch Seiner tathb⸗ 142 liſchen Majeſtät hat nicht halb ſo viel aufzuweiſen, als der unſerige.“ „Weil Sie von der unſrigen ſprechen, ſo ſchließe ich daraus, daß Sie uns als ihre Gäſte betrach⸗ ten,“ ſagte Harold lachend. „Ich möchte den Mann ſehen, den König oder El Tio Tomas ausgenommen, der mich Ihrer Ge⸗ ſellſchaft berauben ſollte!“ rief der Oberſt.„Ob⸗ gleich ich als friedliebender Mann im ganzen Lager bekannt bin, ſo müßte doch Jeder, der mir dieſe Beleidigung zufügen wollte, zuvor einen Gang mit dem Degen mit Terence O'Donnel machen.“ „Und etwas Verlockenderes als drei Hühner und eine Ente anzubieten haben,“ ſetzte Lilini lä⸗ chelnd hinzu.„Ich kann nichts beſſeres thun, als Sie in dieſen gaſtfreien Händen laſſen.“ „Allerdings könnten Sie etwas Beſſeres thun, Graf,“ ſagte der Oberſt. „Wie ſo?“ „Wenn Sie ſich ſelbſt in dieſelben begeben wür⸗ den; wo genug für Drei vorhanden iſt, würde auch ein Vierter nicht Noth leiden.“ Aus der Ferne ertönte der Ruf:„Lang lebe der König!“ „Seine Majeſtät durchwandert das Lager, ich muß Sie jetzt verlaſſen. Sie können nichts Beſſe⸗ res thun, als bei O'Donnel zu bleiben. In der gan⸗ zen Armee iſt kein tapferer und zuverläßigerer Mann wie er. Ich werde morgen Sie wieder aufſuchen.“ Mit dieſen Worten ging der Graf in der Richtung weg, aus welcher die Rufe der Soldaten vernom⸗ men worden waren. 143 „Sollten wir uns nicht nach unſerem Gepäck umſehen?“ fragte Harold. „Es iſt ganz wohlerhalten in meinem Quartier,“ erwiderte der Oberſt. „Wir müſſen aber doch Anordnungen für die Nacht treffen.“ „Iſt Alles bereits beſorgt, meine Jungen,“ erwiderte O'Donnel ungeduldig.„Habe ich nicht eine elegante Hütte, geräumig genug, um ein gan⸗ zes Dutzend aufzunehmen? Iſt dort nicht trockener Boden zu einem Federnbett mit Ihren Mänteln als Zudecke, und finden Sie nicht ein Diner, eines Lu⸗ eullus würdig, vor Schlafengehen, vom herzlichen Willkomm gar nicht zu ſprechen, der mehr werth iſt als Alles?“ Als der Oberſt bei ſeinem Quartier wieder ein⸗ traf, wie er es nannte, fand er, daß Tom und Will ſeinen Anordnungen getreulich nachgekommen waren; ſie hatten nicht nur den Keſſel kochend er⸗ halten, ſondern es war ihnen auch gelungen viele hungernde Officiere abzuhalten, die gern an ſeinem Inhalt ſich betheiligt hätten; aber der Reſpekt vor H'Donnel,— denn man kannte ſeinen Koch⸗Ap⸗ parat— und Will's breite Schultern ſchreckten ſie ab. „Gerechter Himmel!“ rief der Bewirther, nach⸗ dem ſie ſich um das Feuer geſetzt hatten.„Auf was wollen wir die Fleiſchbrühe ſerviren? Mein ein⸗ ziger Teller wurde zerbrochen, als wir unſern letz⸗ ten Lagerplatz verließen, und der einzige Löffel, der dem letzten der O Donnels geblieben, iſt eine große Nußſchale mit etwas Drath daran als Stiel.“ Harold riß ihn aus dieſer Verlegenheit, dem 144 einfiel, daß er ein kleines Käſtchen mit Silberge⸗ räthe bei ſich führe, das Miß Tracyh ihm vor der Abreiſe zum Geſchenk gemacht hatte. Es nurde ſogleich aus einem der Koffer hervorgeholt, und es fanden ſich nicht nur ein halbes Dutzend Löffel, Meſſer und Gabeln, ſondern auch ein Paar ſilberne Schalen darin vor. „Prächtig! Königlich! Herrlich 1 rief der Oberſt, als Tom dieſe Gegenſtände vor ihm ausbreitete. „Der Himmel gebe Ihnen noch ein Dutzend ſolcher Tanten und mache mich zum Neffen von einer der⸗ ſelben!“ Eben, als ſie im Begriffe waren zu beginnen, näherte ſich der König und der Biſchof von Leon in Begleitung Zumaläcarregui's, des Grafen Lilini und eines zahlreichen Stabs von Officieren der Hütte. Der Oberſt ſprang auf die Beine, und da er ſeinen Säbel nicht an der Seite hatte, ſo ſalu⸗ tirte er Seine Majeſtät mit dem Ladſtock, mit wel⸗ chem er in dem Feldkeſſel gerührt hatte und der deßhalb einen lieblichen Geruch von ſich gab. „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ ſagte Don Carlos. „Wahrhaftig, Majeſtät, es paſſirt mir nicht oft, daß ich bei einer Mahlzeit geſtört werde,“ bemerkte der Irländer. Der Prälat runzelte die Stirne; aber der Fürſt, der den humoriſtiſchen Charater des kühnen Spre⸗ chers zu würdigen verſtund und wohl wußte, wie wohlgemuth er Entbehrungen in ſeinem Dienſte er⸗ duldet hatte, lächelte und bat ſogar, um ihm an⸗ genehm zu ſein, um die Erlaubniß, ſeine Kraft⸗ brühe koſten zu dürfen. 145 Eine der ſilbernen Schalen wurde ſogleich ge⸗ füllt und dem Könige präſentirt. „Vortrefflich!“ ſprach er, nachdem er gekoſtet hatte;„in der That vortrefflich! Ihr Koch muß ein wahrer Schatz ſein— ein Künſtler erſten Ran⸗ ges.“ „Ein Irländer und armer Oberſt im Dienſte Eurer Majeſtät,“ verſetzte O'Donnel, indem er die andere Taſſe füllte und ſie dem Biſchof anbot, der ſie gern annahm. „Morgen, meine Herren,“ fuhr der König fort, „müſſen wir Ihnen Ihre Gaſtfreundſchaft erwidern. Sie ſpeiſen mit uns, und was unſerem Oberküchen⸗ meiſter an Geſchicklichkeit abgeht, wollen wir durch herzlichen Willkomm zu erſetzen ſuchen.“ Mit einem gnädigen Nicken gegen die jungen Engländer, welche in die Einladung inbegriffen waren, ſetzte der Fürſt mit ſeiner Begleitung ſeinen Weg weiter fort. „Ich werde noch General, eh' ich ſterbe,“ rief O'Donnel, indem er ſich wieder ſetzte.„Und nun, meine Jungen, fügte er hinzu,„laßt euch ebenfalls nieder und betet zu den Heiligen, daß ſie uns vor jeder weitern Unterbrechung gnädigſt beſchützen.“ Die drei Hühner und die Ente wurden aus dem Keſſel herausgeſiſcht und auf den Deckel gelegt, um als zweiter Gang ſervirt zu werden. Nachdem dieß geſchehen, wurde das Gefäß in die Ritte geſtellt und alle Drei ſetzten ſich um daſſelbe herum. Noch nie zuvor hatte Harold und ſein Freund ein ſo kräftiges Mahl eingenommen. Das ſchwarze Rog⸗ genbrod erſchien ihnen köſtlich und, was die Fleiſch⸗ brühe betraf, ſo überhäuften ſie den Oberſten mit Licht⸗ und Schattenſeiten IM 10 146 Complimenten über deren Vortrefflichkeit, die er mit aller Beſcheidenheit eines Irländers annahm. „Es will nichts heißen,“ ſprach er,„gewiß, es will nichts heißen; nur eine potage de circonstance, wie die Franzoſen ſich ausdrücken. Koſtet einmal die Vögel.“ Der Deckel des Feldkeſſels wurde jetzt in die Mitte genommen und O'Donnel zerlegte mit großer Geſchicklichkeit die Flügel und Schlegel der Hühner nebſt den Bruſtſtückchen, die er ſeinen Gäſten an⸗ bot, indem er für ſich das Gerippe behielt, zum Ab⸗ nagen, wie er ſagte. Plötzlich ſeufzte er tief auf. Harold ſah zu ſeinem Erſtaunen, daß das Geſicht des Oberſten ſcharlachroth geworden war und auf ſeinen Zügen halb komiſch, halb ernſt, ein gewiſſer Widerwille ſich ausdrückte. „Wos iſt Ihnen?“ fragte er.„Iſt Ihnen un⸗ wohl?“ „Fragt mich nicht, Jungens,“ erwiderte der Gaſtgeber in bittendem Tone,„fragt mich nicht. Es iſt beſſer, wenn Ihr's nicht wißt. O'Donnel's Stolz iſt dahin. Morgen werde ich wegen Hoch⸗ verraths erſchoſſen; denn ich habe Kirche und Staat vergiftet. Heiliger Patrick!“ ſetzte er im Tone tie⸗ fer Zerknirſchung hinzu;„wenn ich daran denke, daß ich dieß einem Biſchof gegeben habe. Ich kann pu nun an nie mehr einem Prieſter in's Geſicht ehen.“ „Was haben Sie gegeben?“ riefen die beiden Freunde, die ernſtlich beſorgt zu werden anfingen. „Die Brühe! die Brühe 4 „Sie ſprachen dabei von Vergiftung.“ — 147 „Ich habe den Muth nicht, es euch zu ſagen und doch haben wir alle davon genoſſen. Es iſt ja ein altes Sprichwort: Was man nicht weiß— ihr kennt es wohl.“ „Oberſt,“ ſprach Harold Tracy,„als Mann von Ehre und als Soldat haben Sie eine Pflicht gegen Seine Majeſtät und deſſen Miniſter zu erfüllen; von Ihren Gäſten will ich gar nicht reden— aber dieſen gegenüber haben Sie Alles zu bekennen; und wenn irgend ein unglücklicher Umſtand ſich zu getragen hat—“ ODonnel ſtöhnte tief. „Es dürfte noch nicht zu ſpät ſein ein Gegen⸗ mittel zu finden.“ „Ein Gegenmittel!“ wiederholte ihr Gaſtgeber. „Da gist es kein Gegenmittel. Wo in aller Welt iſt es Gebrauch, die Hühner erſt dann auszuneh⸗ men, wenn ſie gekocht ſind?“ Trotz eines gewiſſen Ekels, der die jungen Män⸗ ner anwandelte, konnten ſie doch nicht umhin über die Aufklärung zu lachen, die ſie von einer weit ernſteren Vefürchtung befreite. Sie beſchloſſen aber, daß in Zukunft Tom und Will das Kochen über⸗ wachen ſollten, da durch dieſen Vorfall ihr Ver⸗ trauen in das culinariſche Talent ihres Wirthes bedeutend erſchüttert worden war. „Reden wir nicht mehr davon,“ ſagten ſie. „Recht gern, Jungens,“ verſetzte der Oberſt trocken,„denn die Erinnerung daran iſt nichts we⸗ niger als angenehm. Aber was nützt mein Schwei⸗ gen wenn die Kuh aus dem Stalle iſt. Ich werde zum Stichblatt der ganzen Armee v 148 Die beiden Freunde verſicherten ihn, daß er ſich auf ihre Discretion verlaſſen dürfe. Die bei⸗ den Diener waren glücklicher Weiſe ſo ernſtlich mit dem Herrichten des Gepäcks ihrer Herren in der Hütte beſchäftigt, ſo daß von ihrer Seite kein Ver⸗ rath zu befürchten war. Durch dieſes Verſprechen einigermaßen beruhigt, holte der Oberſt einen Schlauch mit Wein und einen Bündel Cigarren her⸗ vor, bei welchem alle Drei ſich über den Unfall beim Eſſen zu tröſten ſuchten. Bei dem Diner im Zelte des Königs am fol⸗ genden Tage wurde Harold's und Harry's Ernſt⸗ haftigkeit auf eine harte Probe geſtellt und O'Don⸗ nel ſaß wie auf Nadeln, namentlich als Don Car⸗ los mehr als einmal herablaſſend auf ſeine treff⸗ liche Fleiſchbrühe anſpielte und wie ihm dieſelbe gemundet habe. „Wahrſcheinlich hat der lange Marſch Eurer Majeſtät großen Appetit verurſacht, und es hat aus dieſem Grunde die Brühe ſo gnädige Beurtheilung gefunden,“ bemerkte der Oberſt beſcheiden. „Sie verkleinern Ihre Geſchicklichkeit,“ verſetzte der Monarch. „Ich habe nie etwas derartiges gekoſtet.“ Das hoffe ich, dachte der Schuldbewußte. „Wie nennen Sie Ihr Werk?“ Der unglückliche Irländer wurde über und über roth. „Potage de eirconstance,“ antwortete Harold Tracy in ſeinem Namen;„aber ich glaube, daß mein Freund allerdings Recht hat; ihr größter 149 Werth liegt in dem Appetit derjenigen, welche da⸗ von eſſen.“ Damit wurde zum großen Troſt der drei in das Geheimniß eingeweihten Perſonen der Gegenſtand verlaſſen. Einige Wochen lang ſetzten die Carliſten den Guerillakrieg in den Bergen fort, indem ſie zuwei⸗ len in die Ebenen hinabſtiegen, um ein feindliches Detachement abzuſchneiden, von deſſen Annäherung die treu ergebenen Bauern ſtets bei Zeiten Anzeige machten. Auf dieſe Weiſe disciplinirte Zumala⸗ carregui nicht allein ſeine Truppen, ſondern, was eben ſo wichtig war, es gewann auch der junge Ingenieurofficier Reyna Zeit, Kanonen gießen zu laſſen, die man unumgänglich nothwendig hatte, ehe man eine verſchanzte Stellung anzugreifen wa⸗ gen konnte. Wie wechſelvoll das Leben und romantiſch auch die Abenteuer waren, an welchen die Freunde ſich betheiligten, ſo hatte Harold Tracy doch den Frie⸗ den des Gemüths noch nicht wieder gewonnen, deſſen Verluſt ihn aus England fortgetrieben hatte. Bella's Bild war noch nicht aus ſeinem Herzen gewichen. Wenn er es auch unter den Gefahren und deren Aufregung den Tag über vergaß, ſo verfolgte es ihn in ſeinen Träumen; zuweilen ſchien es ihm zuzulächeln und ihm Hoffnung zuzuflüſtern. Seine Liebe war mit ſeinem ganzen Weſen ver⸗ wachſen und machte einen Theil ſeines Seins aus. Er und ſein Freund hatten ſich längſt Pferde zu verſchaffen gewußt und machten auf dieſe Weiſe in Begleitung des Grafen und O'Donnel's häufig 150⁰ Ausflüge an ſolche Orte, wohin der Reiſende ſelten kommt und die nur dem Schmuggler und Maul⸗ thiertreiber bekannt ſind. Wohin ſie bei dieſen Ex⸗ curſionen kamen, wurden ſie überall von dem Land⸗ volke mit Freundlichkeit und Gaſtfreiheit aufge⸗ nommen; man gab ihnen Wohnung und verköſtigte ſie, ſo gut man es vermochte, und Niemand nahm das von ihnen angebotene Geld an. Sie waren Krieger und Freunde des rechtmäßigen Königs, und das genügte. Bei der Rückkunft von einem dieſer Ausflüge fand Lilini ein Paket mit Correſponden⸗ zen äus Paris und unter andern Briefen auch vier für ſeine jungen Freunde, und da er wußte, wie ſehnſüchtig dieſe darauf warteten, ſo beeilte er ſich mit der Uebergabe an dieſelben. Drei davon wa⸗ ren an Harold und nur einer an Harry Burg adreſſirt. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief der Erſtere, nachdem er den Brief ſeines Onkels geleſen hatte: „ſie iſt noch am Leben,— ihre Ahnung hat ſie getäuſcht.“ Er meinte damit Bella Trelawny, deren Geſundheit, wie ihm geſchrieben wurde, ſich ſeit ſeiner Abreiſe bedeutend gebeſſert hatte. Sie und ihre Schweſter befanden ſich noch mit ihrem Valer auf dem Hofe und der Baronet ſah ſie faſt täglich. Mit dem Inhalte des Briefes der Miß Trach wollen wir unſere Leſer verſchonen. Der dritte Brief, obgleich an ſeinen Herrn gerichtet, ſchloß einen an Tom von der hübſchen Narah in ſich. „Nun, wie ſteht es, Harry?“ fragte ſein Freund. 151 „Sie machen eine ſo ernſte Miene,— doch keine ſchlimme Nachrichten, will ich hoffen?“ „Keineswegs,“ verſetzte der junge Mann,„er iſt von meinem Rechtsanwalt und vollkommen be⸗ friedigend.“ Da ſeit der Abreiſe erſt eine ſo kurze Zeit ver⸗ floſſen war, ſo dachte Harold entſernt nicht daran, daß der Prozeß um die Herrſchaft Burg⸗Hall be⸗ reits entſchieden ſei, und noch weniger, daß der Entſcheid zu Gunſten Brandon Burg's, wie der vor⸗ gebliche Vetter ſich nannte, ausgefallen ſein könnte. Die Zuſchrift kam von Harry's Rechtsfreunden, welche darin ihre feſte Ueberzeugung ausſprachen, daß der Spruch durch Meineid und Fälſchung er⸗ langt worden ſei, was bei einer neuen gerichtlichen Unterſuchung leicht zu beweiſen wäre. Dazu ſei aber vor Allem ſeine unverweilte Rückkehr nach England nothwendig. Sie ſtützten ſich dabei na⸗ mentlich auf den Umſtand, daß die Verheirathung Marmaduke Burg's nichts weniger als zur Genüge bewieſen worden ſei. Dieß war aber gerade der Punkt, der am wenigſten ihren Clienten beſtimmen konnte, der, ohne ſeine Freunde dabei zu Rathe zu ziehen, beſchloß, alle ſeine Anſprüche an den Mann abzutreten, den er als den legitimen Erben betrach⸗ tete. In einem männlichen, in offener Sprache abgefaßten Briefe,— der ſeinem Herzen mehr als ſeinem Verſtande Ehre machte,— lehnte er jedes weitere Prozeßverfahren ernſt ab und gab ſeinen Correſpondenten den Auftrag, alle Papiere, Urkun⸗ den, Quittungen u. ſ. w., die auf die Herrſchaft Bezug hätten, ſeinem Vetter auszuliefern, der ſämmt⸗ 152 liche Documente in Betreff des Eigenthums in dem wohlverwahrten Archiv in Burg⸗Hall finden würde. Der Brief, der dieſes edelmüthige Opfer enthielt, war ſchon ſeit mehr als einer Woche abgegangen, ehe Harry gegen Harold oder den Grafen Lilini eine Aeußerung darüber fallen ließ, die beide von dieſer Nachricht wie vom Donner gerührt waren. „Thorheit!“ rief Harold;„eine falſches Gefühl von Delicateſſe hat Sie zu Grunde gerichtet.“ „Wahnſinn!“ ſetzte der Graf hinzu,„einen Abenteurer auf dieſe Weiſe zu bereichern!“ „Er iſt der Sohn meines Onkels Marmaduke, meines Vaters Bruders, ſeines Beſchützers,“ ver⸗ ſetzte der beraubte Erbe.„Es wäre mehr als un⸗ dankbar, wenn ich ihm Unrecht thun würde.“ „Die Herrſchaft ſoll doch noch Ihnen zukom⸗ men,“ bemerkte Lilini eifrig, denn es lag etwas in dem edelmüthigen Opfer, das ſein junger Freund gebracht hatte, welches eine Saite ſeiner eigenen Natur berührte.„Wenn auch langſam,“ ſetzte er hinzu,„ſo übt die Vorſehung doch Gerechtigkeit und trifft ſicher den, der ſich an ihr vergeht.“ Von dieſem Tage an ſchien der Graf ſich enger als je an Harry Burg anzuſchließen; beim Vor⸗ rücken und bei den Rückzügen der Carliſten über⸗ wachte er ihn mit der Sorgfalt eines Vormunds, die ſicherlich aus keinem gemeinen Motive entſprang. Velches dieſes Motiv war, wird die Zukunft vielleicht aufklären. Für jetzt iſt es Zeit, daß wir mit un⸗ ſern Leſern nach Granstoun zurückehren, wo Kit Corling und ſeine Frau nebſt Miß Cheerly ihren Aufenthalt genommen hatten. 153 Achtunddreißigſtes Kapitel. Unmittelbar nach der Abreiſe Harold's und ſeines Gefährten hatte ſich Sir Mordaunt Tracy auf den Weg nach Granstoun gemacht. London war ihm zuwider geworden; denn der Reiz, den einſt die große Welt und deren Luſtbarkeiten für ihn gehabt, war längſt dahin. Es iſt etwas ſehr Trau⸗ riges in die Heimath zurückzukehren, in welcher man ein befreundetes Antlitz vermißt. Die Bewillkomm⸗ nungsworte tönen kalt in das Ohr, denn die Au⸗ gen ſuchen vergebens den Abweſenden; die Heimath iſt nicht mehr heimiſch, und der leere Platz am Herde wirft einen fortwährenden Schatten auf das Herz. Selbſt Miß Tracy bedauerte, trotz ihrer Eigenheiten als alte Jungfer, den Verluſt des Neffen. Zwar ertönte die Mittagsglocke nicht mehr zu unregelmäßiger Stunde, aber das Mahl war langweilig und freudenlos, ſie vermißte Harold's munteres Geplauder und lebendige Unterhaltung. Anfangs meinte ſie, dieß ſei nur vorübergehend und man werde ſich daran gewöhnen. Aber als es mit der Zeit nicht anders wurde, entdeckte ſie, daß ihr Neffe ihr tiefer im Herzen ſaß, als ſie es bei irgend einem lebendigen Geſchöpfe für möglich ge⸗ halten hätte, und ihr Unwille warf ſich auf die 0 Bella Trelawny, weil dieſe ihn abgewieſen hatte. „Die Koketterie der heutigen Mädchen,“ konnte ſie öfters ausrufen, wenn ſie auf dieſen Punkt zu ſprechen kam,„iſt unerträglich!“ 154 Der Bardnet lächelte dann jedesmal in der Erinnerung an ihr Benehmen in der Jugend. Dieß fand Miß Trach höchſt beleidigend und die Unterhaltung endigte gewöhnlich mit einem Streit. „Ich zweifle nicht daran, daß Sie ſie verthei⸗ digen,“ bemerkte das alte Fräulein bitter. „Weil ich überzeugt bin,“ entgegnete Sir Mor⸗ daunt,„daß das arme Mädchen nicht abſichtlich mit Harold's Liebe geſpielt hat und daß ſie eben ſo ſehr wie er leidet. In der gonzen Geſchichte waltet ein Geheimniß, das die Zeit allein aufzuklären ver⸗ mag⸗„Ned,“ wie der Baronet den General ſtets bezeichnete,„iſt eben ſo im Unklaren, wie ich.“ „Ich wünſche, der junge Menſch hätte Eugenie gewählt.“ „Ich nicht.“ „Und weßhalb?““ Der alte Herr zuckte die Achſeln, denn er be⸗ aß zuviel von der Galanterie der alten Schule, els daß er einer Dame etwas Schlimmes nachge⸗ ſagt hätte. „Du mußt doch zugeben, daß Eugenia wunder⸗ ſchön iſt,“ ſagte Miß Trach. „Ich gebe es zu.“ „Von vollendeter Erziehung.“ „Vielleicht von zu viel.“ „Und glänzend.“ „Wie der Diamant,“ erwiderte der Baronet, „und eben ſo kalt. Harold hat vernünftig ge⸗ wählt; wäre ich an ſeiner Stelle, ſo wollte ich lie⸗ ber Jahre lang mich bemühen ein Eckchen in dem warmfühlenden, weichen, guten Herzen von Bella 155 Trelawny zu gewinnen, als von fünfzig ſolcher Mäd⸗ chen wie deren Schweſter, angebetet zu werden. Das alte Fräulein gab ſich alle Mühe, mög⸗ lichſt mädchenhaft geziert auszuſehen, und als ſie glaubte, daß ihr Geſicht einen genügenden Gräd von Unwillen über ihres Bruders lockere Sprech⸗ weiſe, wie ſie ſich einbildete, ausdrückte, begann ſie ihren Tadel mit der Bemerkung, daß ſie unmöglich mit ihm über einen ſo zarten Gegenſtand ſprechen könne, da ſeine Anſichten ſo durchaus verwerflich ſeien.„Fünfzig Mädchen,“ wiederholte ſie dann; „nur Du biſt im Stande, einen ſolchen Gedanken auszuſprechen!“ Miß Tracy war nichts weniger als befriedigt, daß Suſan der Dorfſchulmeiſterin an die Seite gegeben worden war, wahrſcheinlich weil man ſie darüber nicht zu Rath gezogen hatte. Nach und nach legte ſich aber ihr Mißtrauen. Das arme Mädchen be⸗ nahm ſich ſo ruhig und beſcheiden, und kleibete ſich für ihre Verhältniſſe ſo paſſend, daß ſelbſt ihre Tadelſucht entwaffnet wurde. Wenn Bella Trelawny eine Beſtrafung ihrer Schweſter beabſichtigt hätte, ſo hätte ſie nichts, was dieſe empfindlicher traf, erſinnen können, als daß ſie in ihren Vater drang, nach dem Hofe zurück⸗ zukehren. Dadurch wurde die ſtolze Schöne dem Schauplatze ihrer Triumphe, dem Dunſtkreiſe des Weihrauchs, in dem ſie allein athmete, dem ver⸗ gnügungsſüchtigen Kreiſe, der ſo enthuſiaſtiſch ſie willkommen geheißen, entrückt. Das Schlimmſte dabei war, daß ſie gegen dieſen Beſchluß nicht ein⸗ mal zu murren wagen durfte, denn der General 156 war die einzige Perſon, die ſie je gefürchtet hatte, und deſſen Benehmen gegen ſie, ſeit ſein Lieblings⸗ kind leidend war, noch kälter und abgemeſſener geworden war. Eugenie wagte nicht mehr, ihn der Ungerechtigkeit gegen ſie anzuklagen. Ihr Gewiſſen ſagte ihr, daß ſie ſeine Unfreundlichkeit verdiene und ſchloß ihr den Mund über dieſen Gegenſtand ſelbſt gegenüber von ihrem Opfer, das ſie, wo mög⸗ lich noch tiefer haßte, als je. Bella allein litt unter dem augenſcheinlichen Unterſchiede, den ihr Vater zwiſchen Beiden machte und ſie wagte es mehrmals mit ihm über dieſen Punkt zu reden. „Hat denn Eugenia ſich darüber beklagt,“ fragte der alte Mann ernſt. „Dazu iſt ſie zu ſtolz,“ erwiderte Bella, ſeinen Nacken umſchlingend.„Ich bin es, die dieſen Unter⸗ ſchied fühlt. Denken Sie nur daran, mein lieber guter Vater, daß wenn ich Ihnen entriſſen würde, ſie meine Stelle in Ihrem Herzen einnehmen und der Troſt und die Stütze Ihrer alten Tage wer⸗ den würde.“ „Niemals!“ unterbrach ſie ihr Vater. Darauf vermochte Bella nur mit Thränen zu antworten. „Höre mich, mein liebes Kind,“ fuhr der Vater fort:„es gibt Gründe für meine Gefühle, die ich nicht näher bezeichnen kann, welche mich aber vor mir ſelbſt rechtfertigen. Du weißt, daß ich ſtets ein ſtrenger Richter gegen meine eigene Handlungsweiſe war. Hätte Eugenia Dich geliebt, ſo würde ich vielleicht meine Neigung zwiſchen euch Beiden ge⸗ theilt haben; aber ſie haßte Dich von Kindheit an 157 und ſie ſpielte, wenn mein Verdacht mich nicht trügt, eine grauſame Rolle zwiſchen Dir und Ha⸗ rold Tracy.“ „Nein, nein!“ unterbrach ihn das erſchrockene Mädchen haſtig.„Glauben Sie mir, daß Sie keine Veranlaſſung zu dieſer Vorausſetzung haben. „Wäre ich meiner Sache gewiß,“ fuhr der Ge⸗ neral fort,„ſo würde ich ſie der Armuth und Ver⸗ achtung preisgeben. Doch genug davon— es greift Dich zu ſehr an; aber davon darfſt Du überzeugt ſein, daß weder jetzt, noch ſpäter mein Herz mir je einen Vorwurf über den Vorzug machen wird, den ich für mein Lieblingskind an den Tag legte. Du kannſt Dich auf Deines Vaters Wort verlaſſen, Bella. Oder kannſt Du es nicht?“ Es lag eine gewiſſe Zurückhaltung, wenn nicht gar Bedauern in dem Tone, mit welchem das Wort ausgeſprochen worden war. Die Unterredung hatte aber wenigſtens einen guten Erfolg auf das Ge⸗ müth des edlen Mädchens, das, wenn auch nicht vollkommen beruhigt, doch mehr als zuvor über⸗ zeugt wurde, daß der Vater die Schweſter nicht un⸗ gerecht behandle. Gegen Bella's eigenes Hoffen fing ihr Geſund⸗ heitszuſtand bald, nach der Rückkehr auf den Hof, merklich ſich zu beſſern an. Zwar färbte ihre Wan⸗ gen noch nicht wieder das frühere Roth, aber die Leichenbläſſe war wenigſtens von denſelben gewichen und ihr Gang war wieder feſter geworden. Etwa drei Wochen hernach fühlte ſie ſich daher ſtark ge⸗ nug die Kirche beſuchen zu können. Das erſte 158 Mal, als ſie dieſelbe betrat, fiel ihr eine junge Dame auf, die offenbar eben ſo leidend wie ſie, auf den Arm von Kit Corling und deſſen Frau geſtützt, langſam den Chorgang herauf gegen den Stuhl der Dorfſchulmeiſterin geſchritten kam, in welchem Mrs. Barlow und Suſan bereits ſaßen. Es gibt eine gewiſſe Feinheit des Benehmens, etwas Diſtinguirtes im Aeußern mancher Perſonen, was Armuth nicht unterdrücken und Reichthum nicht verleihen kann. Es iſt dieß die Anmuth des Gei⸗ ſtes, und dieſe Anmuth beſaß Miß Cheerly in hohem Grade. Harold und Harry war dieß ſogleich auf⸗ gefallen, als ſie ſie zum erſten Mal in Sir John Sellem's Bankhauſe in Lombard⸗ſtreet geſehen hat⸗ ten. Die Waiſe wohnte ſeit etwa zehn Tagen in Granstoun, wo ihre beſcheidenen, aber getreuen Freunde in einem kleinen Hauſe in der Nähe der Kirche ſich eingemiethet hatten. Da kein Zimmer⸗ meiſter im Orte anſäſſig war, obgleich mehrere reiche Familien in der Nachbarſchaft wohnten, ſo hatte ſich Kit hier niedergelaſſen, weil ihm Sir Mor⸗ daunt Trach nicht nur Beſchäftigung, ſondern auch ſeine Empfehlung zugeſagt hatte. Wenn ſchon eine gewiſſe Sympathie bei freu⸗ digen Ereigniſſen ſich nicht in Abrede ziehen läßt, ſo exiſtirt eine noch viel engere Verwandtſchaft un⸗ ter Duldenden. Bella fühlte dieß und lächelte deß⸗ halb der bleichen Emma freundlich zu, als ſie auf dem Platze vor der Kirche an ihr vorüberging. „Welch intereſſantes Mädchen!“ bemerkte ſie gegen ihren Vater. „Sehr intereſſant,“ erwiderte dieſer. — — N ——— 159 „Wer ſie wohl ſein mag?“ „Das kann ich Ihnen ſagen, meine Liebe,“ ant⸗ wortete Mrs. Mortimer, die mit Eugenia hinter ihr ging.„Sie wohnt in dem Häuschen des jun⸗ gen Mannes, der ſich kürzlich als Zimmermeiſter in dem Dörfchen niedergelaſſen hat. Seine Frau war, wie ich glaube, ihre Dienerin oder etwas der⸗ gleichen. Sie erinnern ſich vielleicht, Herr General,“ ſetzte ſie hinzu,„einer romantiſchen Geſchichte, die vor einigen Wochen in den Blättern ſtand und in der von zwei Mädchen die Rede war, die man entführt und in einem einſamen Hauſe in der Nähe von London, ich glaube in Charlton, gefan⸗ gen gehalten hatte.“ General Trelawny erinnerte ſich der Sache, aber der Name war ihm entfallen.. „Eine derſelben gab ſich für die Tochter des Capitän Cheerly aus,“ fuhr Mrs. Mortimer fort, die ihre Nachrichten von Albert hatte, der aus ganz beſondern Gründen ſeine interiguante Mutter angewieſen hatte ein wachſames Auge auf die aiſe zu halten. Der General wiederholte den Namen Cheerly mehrmals.„Sie kann nicht die Tochter des Cheerly ſein,“ ſprach er,„den ich im ſiebenten Regimente kannte, denn ein Kind von dieſem könnte nicht wohl gänzlich verarmt ſein.“ es aber doch ſo wäre, Papa,“ bemerkte ella. „Ich werde mich morgen von der Sache ſelbſt überzeugen, meine Liebe,“ antwortete ihr Vater, der den halb ausgeſprochenen Wunſch in ihrem unſchul⸗ 160 digen Herzen las.„Mordaunt ſprach mit mir von den Leuten, bei denen das Mädchen lebt; der Mann leiſtete einen wichtigen Dienſt, glaube ich, einem— einem ſeiner Freunde,“ ſetzte er hinzu, um nicht den Namen Harold vor ſeiner Tochter nennen zu müſſen. Alles dieß war Eugenien höchſt langweilig. Die ſtolze Schöne fühlte durchaus keine Sympathie mit dem Leiden eines Andern, ſelbſt wenn dieſes ihrem eigenen Geſchlechte angehörte. Sie flüſterte deß⸗ halb der Mrs. Mortimer eine ſpöttiſche Bemerkung über die Theilnahme ihrer Schweſter in's Ohr. Dieſe lächelte; denn gleich ihrem Sohne beſaß ſie zu viel Takt, um ſich durch eine directe Ant⸗ wort zu compromittiren. Ihr Intereſſe erheiſchte es mit beiden Töchtern des Generals Trelawny gut zu ſtehen, beſonders mit der ältern, welche ſeit der Nacht der beabſichtigten Entführung ihr ſehr unverblümt zu verſtehen gegeben hatte, daß ſie die Rolle, die die Wittwe dabei geſpielt, genau kenne, und aus dieſem Grunde ſie tyranniſirte. Hätte die ſchlaue Frau freilich gewußt, was Alles dabei vor⸗ gegangen war, ſo hätte ſie nicht ermangelt Glei⸗ ches mit Gleichem zu vergelten. Unglücklicher Weiſe war aber nur Ein Zeuge dabei geweſen, die ge⸗ treue Norah, deren Mund aber durch das Ver⸗ ſprechen, das ſie ihrer jungen Gebieterin gegeben hatte, geſchloſſen war, und welche, trotz ihres Un⸗ willens über den unnatürlichen Vertrag, bis jetzt geſchwiegen hatte, obgleich ſie ſich manchmal großen Zwang dabei auferlegen mußte. Mehr als einmal hatte ſie auf dem Punkte geſtanden vor den General 161 zu treten und dieſem Alles einz zugeſtehen, was ſie auch gewiß gethan hätte wenn nicht Bella's Bitten ſie davon abgehalten hätten. Am folgenden Tag ſuchte General Trelawny unter dem Vorwand, daß er ein Geſchäft für ihn habe, Kit Corling in ſeinem Häuschen auf. Er fand den wackern Mann bei der Arbeit unter einem Schoppen hinter dem Garten, während welcher er nebenbei dem blödſinnigen Knaben Kelf Uunteruicht in der Handhabe der Werkzeuge ertheilte. Der alte Militär war Phyſiognomiker; er hielt fiel auf eine offene Stirne, ein fröhliches Geſicht und ein Auge, das den fragenden Blick eher aufſuchte als vermied. Alles dieß fand er bei dem Dorfzimmer⸗ mann, deſſen männliches, gerades Weſen ihm geſiel. „Iſt dieß Ihr Lehrl ing?“ fragte er, auf Kelf deutend, nachdem die Geſchäftsangelegenheit bald abgemacht war,„oder ein Verwandter von Ihnen?“ „Keines von Beiden, Herr General,“ verſetzte der junge Mann.„Es iſt ein armer Junge, für den die bei uns wohnende junge Dame ſich intereſſirt, und deßhalb verſuche ich es ihn ein Handwerk zu lehren.“ „Gute Ladies,“ rief der Knabe, indem er lächelnd aufblickte,„und zu Kit. Niemand ſchlägt jetzt den armen Jem, und er hat alle ſeine Gebete gelernt.“ „Wen verſteht er denn unter den guten Ladies?“ fragte der General. „Miß Cheerly und meine Frau, Herr.“ „Ich habe etwas von deren Geſchichte Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 162 fuhr der General fort,„und ich will Ihnen nicht verhehlen, daß der Wunſch, etwas mehr von der Sache zu vernehmen, mich hieher geführt hat. Ich ſpreche offen mit Ihnen, denn die Art wie Sie ſich ausdrücken und Ihr Benehmen beſtätigt mir die gute Meinung, die mein alter Freund Sir Mordaunt Tracy von Ihnen hegt.“ „Ich hoffe, ſeine Achtung mir zu erhalten,“ ver⸗ ſetzte Kit beſcheiden;„auch daß Sie, Herr, ſich nicht beleidigt fühlen, wenn ich, ehe ich Ihre Frage be⸗ antworte, die Gründe Ihrer Nachforſchung zu er⸗ fahren wünſche. Es geſchieht dieß nicht wegen meiner, ſondern um Miß Cheerly's willen. Die arme junge Dame hat ſchon ſo viel zu leiden ge⸗ habt, weil müßige Leute ſich in ihre Angelegenheiten miſchten.“ Weit entfernt, ſich beleidigt zu fühlen, bewun⸗ derte vielmehr General Trelawny den männlichen und geraden Sinn, der dieſe Antwort eingegeben hatte.„Ein Wort,“ ſprach er,„wird Alles erklä⸗ ren. Iſt dieſe Miß Cheerly, von der Sie ſprechen, die Tochter deſſelben Capitän Cheerly, der vor zwei Jahren in Italien geſtorben iſt?“ „Ja, Herr General.“ „Ich war ein Freund ihres Vaters, und jetzt kennen Sie den Grund meines Beſuchs.“ Kit zögerte jetzt nicht länger mehr, ſondern legte ſeine Säge weg und erzählte von Anfang bis zu Ende die Geſchichte ſeines Bekanntwerdens mit der Waiſe, die Entbehrungen, die dieſe erduldet, den Verrath ihrer Dienerin und des Caſſiers, den Ver⸗ luſt des Halsbandes, ihre Gefangenſchaft und ihr 163 Entkommen. Kurz, er machte den General mit der Geſchichte ihrer Leiden ſo genau bekannt, wie es unſere Leſer bereits ſind, und verſchwieg ſogar nicht einmal den ſchändlichen Verſuch, der vor dem Po⸗ lizeibeamten gemacht worden war, Emma's Auffüh⸗ rung zu verdächtigen. Als Kit damit zu Ende war, ſah er den General ernſt an, aus Furcht vielleicht, daß ſeine ſchlichte Beredtſamkeit dieſen nicht ſo feſt, wie er es wünſchte, von dem gänzlichen Ungrund einer derartigen Beſchuldigung überzeugt habe. „Sie haben in dieſer Sache wie ein braver und ehrlicher Mann gehandelt,“ ſagte der General ſeine Hand ausſtreckend. „Aber Miß Cheerly, Herr,“ verſetzte Kit, dem mehr daran lag, zu erfahren, was der General von dieſer denke, als einen Lobſpruch über ſein Beneh⸗ men in der Sache zu hören. „Melden Sie der jungen Dame meine Compli⸗ mente und ſagen Sie ihr, daß ein alter Freund ihres verſtorbenen Vaters ſie zu beſuchen wünſche.“ Jetzt erſt griff Kit nach der ihm dargereichten Hand und ſchüttelte ſie reſpektsvoll. Hatte ſchon die einfache Erzählung des Zimmer⸗ manns den General von der Wahrhaftigkeit ſeiner Angaben überzeugt, ſo war dieß in noch weit höherem Grade durch die Erzählung der Miß Cheerly der Fall, welche ihre Erlebniſſe mit dem tiefen Ernſt und der lebendigen Empfindung erzählte, welche nur aus dem Herzen kommen kann. Sie hatte ihren Vater oft von General Trelawny ſprechen hören, und es gewährte ihr eine traurige Freude, von ihm erkannt zu werden. 164 „Wir wollen von Geſchäften ſprechen,“ ſagte der General,„ſobald Ihre Geſundheit ſich mehr befeſtigt hat und Ihre Stimmung ruhiger geworden iſt; einſt⸗ weilen betrachten Sie mich als Ihren Beſchützer, der nichts ſehnlicher wünſcht, als den Weg aus⸗ findig zu machen, womit er Ihnen dienen kann.— Es ſoll mich freuen, Sie mit meinem lieben guten Mädchen bekannt zu machen,“ ſetzte er hinzu;„Sie werden ſie in jeder Hinſicht Ihrer Freundſchaft würdig finden, und ich kann Sie verſichern, daß ſie Ihnen in jeder Weiſe entgegenkommen wird.“ Emma hätte gern gehört, welche der⸗ beiden jungen Damen, die ſie in der Kirche geſehen hatte, der General gemeint habe. Nach ihrer Ueberzeu⸗ gung mußte es Bella ſein, denn von Eugenia war ihr kein Blick des Mitgefühls zu Theil geworden, ſondern es hatte ſie dieſe blos neugierig und kalt angeſtarrt. Der General kam ſehr erfreut über die Ent⸗ deckung die er gemacht, nach Hauſe zurück, daß die intereſſante Fremde nicht allein die Tochter eines alten Freundes, ſondern ein Weſen ſei, wie er es zur Geſellſchaft für ſein geliebtes Kind ſich nur wünſchen mochte; ein Veſen, deſſen Herz und Geiſt unverdorben waren und aus deſſen vertrautem Um⸗ gange er die ſchönſten Hoffnungen für die Zukunft ſchöpfte. Schon längſt hatte er ſich zu ſeinem Leid⸗ weſen überzeugt, daß weder Mrs. Mortimer noch Eugenia die Perſonen ſeien, welche Bella's Ver⸗ trauen zu gewinnen im Stande wären. Bei Tiſch erzählte er den jungen Damen von dem Beſuche* den er gemacht habe, und ſprach dabei den Wunſch 165 aus, daß ſie morgen einen Beſuch in dem kleinen Häuschen abſtatten möchten. Bella dankte ihm herzlich für die Freude, die er ihr damit gemacht habe; Eugenia begnügte ſich mit zuſtimmendem Kopfnicken, denn ſie intereſſirte ſich im Mindeſten nicht für die Sache. An demſelben Abende ſchrieb Mrs. Mortimer einen langen Brief, der dieſe Ereigniſſe umſtändlich enthielt, an ihren Sohn, welcher noch immer in London ſich aufhielt, wo er ruhig ſein eigenes Spiel ſpielte und den Gang der Ereigniſſe abwartete. Er hatte es nicht vergeſſen, wie ſehr Eugenia, nicht ſeine Liebe, ſondern ſeine Intereſſen getäuſcht habe, und er war nicht der Mann, ſo etwas zu verzeihen oder zu vergeſſen. Obgleich er unter den Verbündeten zuletzt erſt mit Brandon Burg bekannt geworden war, ſo hatte er doch ſehr bald einen entſchiedenen Einfluß auf dieſen erlangt. Der ſchlaue Yankee beſaß, trotz all“ ſeiner Eitelkeit und Selbſtgenügſam⸗ keit, praktiſchen Verſtand genug, um zu bemerken, daß der junge Officier nicht nur in ſeinem Beneh⸗ men und Auftreten, ſondern ſelbſt an Weltkenntniß, wie viel er ſich auch ſelbſt darauf zu gut that, ihm weit überlegen ſei. Anfangs beneidete er ihn da⸗ rum, bis er ihn zuletzt copirte. Ja er ging ſogar ſo weit, daß er gegen Albert ſein Bedauern über den Vertrag ausſprach, den er mit Sir John Sellem eingegangen und in welchem er dieſem die Güter zu überlaſſen verſprochen hatte. „Ich habe es im unbegränzteſten Vertrauen ge⸗ than, ſagte er. „Mein Beſter,“ verſetzte ſein Mentor, als Bran⸗ 166 don weiter in ihn drang und ſeine Anſicht hören wollte, ob es nicht möglich ſei, den Contract zu brechen,„man kann in der Welt viele Dinge aus⸗ führen, wenn man den Muth und die Entſchloſſen⸗ heit dazu beſitzt; im jetzigen Augenblicke können Ihnen aber ſelbſt dieſe Eigenſchaften nichts nützen. Zuerſt muß der Prozeß zu Ende ſein, und dieſer kann— Dank Ihrer Unbeſonnenheit— noch Jahre lang dauern.“ „Welcher Unbeſonnenheit?“ fragte der Ameri⸗ kaner. „Ich ſpreche von Ihrem Angriffe auf Ihren Vetter in Haymarket. Er iſt einer jener roman⸗ tiſchen Thoren, der, wenn Sie den Edelmüthigen zu ſpielen geſchienen hätten, zu jedem Opfer zu bringen geweſen wäre. Jetzt hat er England ver⸗ laſſen und uns dadurch jedes Mittel benommen, auf ſeine Leichtgläubigkeit zu wirken.“ „Wigget und Tye ſind aber der Anſicht—“ „Wigget und Tye ſind nichts weiter als Rabu⸗ liſten,“ unterbrach ihn der Officier. „Der Bankier meint—“ „Sir John iſt mit all' ſeiner Schlauheit ein kurzſichtiger Thor. Wenn es Ihnen gelingt, einen richterlichen Spruch zu erlangen, ſo gibt er ſich ganz in Ihre Hände.“ „Wie ſo?“ fragte Brandon haſtig. „Das iſt mein Geheimniß,“ verſetzte Albert Mortimer lächelnd;„in den Händen geſchickter Spieler ſind Sie ein Trumph, in den Händen von Thoren aber ganz nutzlos. Wenn mir die Leitung der Sache übertragen worden wäre, ſo hätte ich 167 zuerſt einen Erziehungs⸗Curſus mit Ihnen durch⸗ gemacht, ich meine keinen ſolchen, den man in der Schule erlangt, ſondern den, welchen man ſich durch das Leben in der Geſellſchaft erwirbt. Sobald dieß geſchehen geweſen hätte ich mich nach einer Frau für Sie umgeſehen, einem Mädchen von Familie und Vermögen, deren Connexionen von Nutzen ſein könnten.“ Dieſer Gedanke kitzelte die Eitelkeit des Yankee, der beſcheiden bemerkte, daß es damit wohl noch nicht zu ſpät ſein dürfte. Albert ſchüttelte zweifelnd den Kopf. „Verſuchen Sie es einmal mit mir,“ ſetzte Bran⸗ don hinzu,„mit einem Meiſter, wie Sie—“ „Allerdings,“ erwiderte Albert lachend,„läßt ſich da etwas hoffen; aber es erfordert große Geduld.“ „Ich habe Geduld.“ „Und, was noch ſchwieriger iſt, Beſcheidenheit, um eine unangenehme Wahrheit ertragen zu können. Jedes Land iſt berechtigt ſeine eigenen Begriffe von Moral und Sitten feſtzuſtellen; Sie mögen ein ganz tadelloſer Amerikaner ſein, aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß dieß in der hieſigen guten Ge⸗ ſellſchaft keine Anerkennung findet. Erſtens ſind Sie grob und anmaßend—“ „Nur ein wenig heftig, ich geſtehe es.“ „Hören ſich ſelbſt ſehr gerne ſprechen.“ „Wir halten nichts von einem Mann in unſerem Lande, der nicht mit Beredtſamkeit ausgeſtattet iſt; ein Congreßmitglied muß einen Alligator zu Boden ſchwatzen können.“ „Wir haben keine Alligatoren in England,“ 168 bemerkte Albert trocken,„außer in Menagerien. Sie müſſen alſo vor Allem ſich Unterwürfigkeit aneignen.“ „Zugeſtanden.“ „Sodann Stillſchweigen.“ „Ebenfalls zugeſtanden.“ „Drittens müſſen Sie ſich unbedingt in meine Hände geben.“ Auch dieß geſtand Brandon zu, und unter dieſen Bedingungen machte Albert Mortimer ſich verbind⸗ lich, ihn in der feinen Lebensweiſe zu unterrichten. Wir werden ſehen, welche Fortſchritte er darin machte. Neununddreißigſtes Capitel. Während der Prozeß in London ſeinen Lauf nahm, blieb Doktor Curry in Burg⸗Hall, trotz der unverſchämten Oppoſition des Rentmeiſters und des ſchlecht verhehlten Widerwillens der Haushälterin, welche ihn aus verſchiedenen Gründen gern aus dem Hauſe vertrieben hätten, wo er für ihr Treiben ein fortwährendes Hinderniß war. Der gelaſſene Mann erduldete aber ihre üblen Launen und ſelbſt ihre offenen Feindſeligkeiten mit bewunderungs⸗ würdigem Gleichmuthe; und als ſie ſich endlich ent⸗ ſchieden weigerten, ihn zu bedienen und ihn mit Speiſen zu verſehen, um ihn durch Hunger auszu⸗ treiben, ließ er ſeinen eigenen Diener kommen, 169 einen alten Soldaten, Namens Peter Bodger, der auf der Halbinſel und bei Waterloo mitgeholfen und mit einer Penſion von neun Pfennigen täglich und einer Schußwunde in der Hüfte, welche die Spitalwundärzte für unheilbar erklärt hatten, aus der Armee entlaſſen worden war. Als Peter nach Alston⸗Moor, ſeinem Geburts⸗ ort, zurückgekommen war, hatte er ſich dem Doktor in die Cur gegeben, dem es nicht allein gelungen war die Kugel auszuziehen, welche dem Verwun⸗ deten unerträgliche Schmerzen machte, ſondern ihm auch wieder zum Gebrauch des verletzten Beines zu helfen, ein Triumph der Geſchicklichkeit des Dorf⸗ arztes, der ſehr ſtolz darauf war, da es ſich wirk⸗ lich um einen merkwürdigen Fall gehandelt hatte. Nachdem dieß geſchehen, nahm er den Veteranen, der eine unbegrenzte Dankbarkeit für ihn an den Tag legte, in ſeinen Dienſt, welche Handlung des Wohlwollens er während der vielen Jahre, die ſie zuſammen verlebten, nie zu bereuen hatte. Es wäre ſchwer geweſen, zwei Perſonen von verſchiedenartigerem Charakter und Temperament zu finden, als Doktor Curry und deſſen Bedienten; der Erſtere war lebhaft, raſch, ſarkaſtiſch, leicht er⸗ regbar und liebte das Plaudern; Fehler, welche hundert andere gute Eigenſchaften des Kopfes und Herzens weit ausglichen. Peter dagegen war von ſchwerfälligem, trägem Temperament und ließ ſich weder leicht von Heiterkeit noch durch Zorn hin⸗ reißen; dabei war er ſo wortkarg, daß er gewöhn⸗ lich nur in einſylbigen Worten ſprach;„Ja“ und 17⁰ ⸗ ſpielten die Hauptrolle in ſeinem Wörter⸗ uche. Gleich den meiſten Menſchen, die in der Armee gedient haben, waren dem alten Soldaten viele Ei⸗ genthümlichkeiten ſeines Standes geblieben. Er war außerordentlich ſauber in ſeiner Kleidung, hielt ſich ſtramm aufrecht und vollzog die Befehle, die man ihm ertheilte, mit militäriſcher Pünktlichkeit; das heißt buchſtäblich. Am Jahrestage jeder großen Schlacht, in der er mitgefochten hatte, zog er ſeine wohlausgebürſtete Uniform an und trug ſeine Wa⸗ terloo⸗Medaille, auf die er eben ſo ſtolz war, wie ſeine Vorgeſetzten auf den Bath⸗ oder Hoſenband⸗ Orden. Sein Herr theilte des Veteranen Gefühl, und jedesmal, wenn er ihn en grande tenue ſah, lud er ihn ein, ein Glas Wein nach Tiſch mit ihm zu trinken; eine Vertraulichkeit, welche bei vielen Untergebenen hätte gefährlich werden können, was aber bei Peter keineswegs der Fall war. Den Tag darauf war dieſer wieder ſo ſchweigſam und reſpekts⸗ voll, wie immer. Noch ein Pinſelſtrich, und wir glauben dann ſein Portrait hinreichend gezeichnet zu haben, um unſre Leſer genügend mit ihm bekannt zu machen. Peter ſchlief ſtets mit dem Dragonerſäbel an der Seite ſeines Bettes. Es machte ihm ein Vergnü⸗ gen ihn zu betrachten und die Scharten an ſeiner Klinge zu zählen. Seine Lieblingsbeſchäftigung war ihn zu putzen. Das ſtrengſte militäriſche Auge hätte keinen Roſtflecken weder an der Scheide, noch an der Klinge, noch am Griffe entdecken können. Wenn ihn etwas ärgerte, oder wenn er ſonſt ver⸗ 171 drießlich war, ſo pflegte er ſich in ſein Zimmer zu⸗ rückzuziehen und vor dem Spiegel Exercitien vorzu⸗ nehmen. Es war dieß ein unfehlbares Beruhigungs⸗ mittel. Die einzige Bitte, die Peter je an ſeinen Herrn geſtellt hatte, war die, daß er ihn in ſeiner Uniform mit Medaille und Säbel begraben laſſen ſolle, und merkwürdiger Weiſe hatte der Doktor, der die Thorheiten und Schwächen von Jedermann verlachte, ihm dieß zugeſagt, für den Fall, daß er ihn überlebe, was nicht ſehr wahrſcheinlich war, da er wenigſtens ein Dutzend Jahre mehr zählte als Vodger, deſſen kräftige, gedrungene Geſtalt und mäßige Lebensweiſe es ſehr wahrſcheinlich machten, daß er ein hohes Alter erreichen werde. ie Anweſenheit dieſes Dieners in der Halle war für Doktor Eurry nicht nur ein Schutz ſondern auch eine große Annehmlichkeit, da er ſich dadurch in den Stand geſetzt ſah ſeine Patienten in ge⸗ wohnter Weiſe zu beſuchen, ſeinen Einfluß auf die ergleute ſich zu erhalten und zugleich Alles zu er⸗ fahren, was Snape und die Haushälterin während ſeiner Abweſenheit vornahmen. Ihre Verführungs⸗ künſte machten auf den alten Soldaten ſo wenig Eindruck, als wenn ſie ſich herausnahmen, ihn als Spion zu behandeln; ihre Schmeicheleien, wie ihre narten, mit denen ſie es abwechslungsweiſe ver⸗ ſuchten, prallten an ihm ab; er blieb ruhig beim üchenfeuer ſitzen und rauchte ſchweigend ſeine Pfeife. Seine unverwüſtliche gleiche Laune ärgerte dieſe Leute noch mehr als ſeine Geſellſchaft. Allmählig wagte der Rentmeiſter zu handgreif⸗ licheren Mitteln ſeine Zuflucht zu nehmen, um ſeiner 172 los zu werden. In einem Augenblicke der Leiden⸗ ſchaft legte er Hand an Peter, deſſen Blut bei die⸗ ſer geſetzwidrigen Handlung dergeſtalt in Wallung gerieth, daß er ihn mit einem Schlag, um den ihn Will mit dem Knittel ſelbſt beneidet haben würde, zu Boden ſtreckte, worauf er ſodann ſich wieder niederſetzte und ruhig fortrauchte, als wenn nichts geſchehen wäre. Dieſer Stand der Dinge dauerte einige Monate hindurch, während welcher Zeit Snape und die Haus⸗ hälterin ſich genöthigt ſahen, ihre Wuth zu zügeln und ſtillſchweigend die Aufdringlinge, wie ſie den Doktor und ſeinen Diener nannten, zu dulden; denn es ſtand ihnen kein Recht zu, den Fartnäcſen Gaſt hinaus zu weiſen, der handſchriftlich von Harty autoriſirt war, Beſitz von dem Hauſe zu nehmen⸗ Um eine Gewaltthätigkeit gegen den Doktor ſich zu erlauben waren beide zu klug, da ſie wohl wußten, wie grimmig die Bergleute ſelbſt nur einen Schat⸗ ten von Beleidigung, ihrem Freunde und Wohl⸗ thäter zugefügt, rächen würden. So roh und un⸗ gebildet dieſe Leute waren, ſo beſaßen ſie wenigſtens eine Tugend— die Dankbarkeit, und man kann das Herz nicht ganz verdorben nennen, in welchem die ſeltenſte aller Pflanzen Wurzel gefaßt hat. „Biſt Du auf der Poſt geweſen?“ fragte eines Tages Doktor Curry ſeinen treuergebenen Diener, als er zum Frühſtück herabkam. O 7 „Keine Briefe?“ „Nein.“ Mancher würde ſich über die Kürze von Peters — 7—— W N W N— —— — 173 Antworten erzürnt haben, was aber bei dem Dok⸗ tor keineswegs der Fall war, denn er war daran gewöhnt. Nichts deſtoweniger ließ er ſich mit ver⸗ drießlicher Miene am Tiſche nieder.„Ich begreife es nicht,“ murmelte er mehrmals vor ſich hin,„daß ich keine Antwort auf meine Briefe von Harry er⸗ halte. Während er in fremden Ländern ſich herum⸗ treibt, geht der Prozeß ſeinen Gang und er ver⸗ liert zuletzt noch Haus und Hof. Der arme Menſch! Man ſollte doch glauben, er habe in ſeiner Jugend hinreichend erfahren was es heißen will, nichts zu beſitzen, daß es ihm hätte vergehen können, in ſei⸗ nem Mannesalter mit einer ſo ſchönen Erbſchaft zu ſpielen. s iſt ein eigenſinniges Geſchlecht, das im⸗ mer ſeinen ganz beſondern Weg geht.“ Hier gab Peter, der ſchon längſt den Kaffee eingeſchenkt hatte, durch ein Räuſpern zu verſtehen daß das Frühſtück kalt werde. Dieß veranlaßte den Doktor die Taſſe in die Hand zu nehmen, in die er, ohne ſich ſtören zu laſſen, hineinſtarrte.„Ein gewöhnlicher Menſch könnte darüber den Verſtand verlieren,“ fuhr er fort;„bei mir iſt es aber, Gott ſei Dank, noch nicht ſo weit. Kommt da nicht ein Pferd die Avenue herauf galoppirt?“ „Il.. 2 „Wer ſitzt darauf?— Der Schurke von Snape?“ Nein.“ —. 2 Der Doktor wußte wohl, daß es vergebens wäre, eine poſitive Antwort von dem alten Sol⸗ aten anders als durch eine Reihe von Fragen, die er an ihn ſtellte, zu erlangen. Deßhalb trat 174 er ſelbſt an das Fenſter, um nachzuſehen, wer der Reiter ſei. „Iſt es nicht der Sohn des Poſtmeiſters von Alton?“ rief er aus. Der bringt eine durch einen Expreſſen angelangte Nachricht. Auf dieſes vermochte Peter Bodger, der nicht wußte ob ſeines Herrn Vorausſetzung richtig ſei, keine Antwort zu geben. „Armer Harry!“ murmelte der Doktor;„der Schuft, der ſich ſeinen Vetter nennt, hat gewonnen. Ich will ihm aber doch noch eine Naſe drehen,“ ſetzte er halblaut hinzu. An der Glocke zum Haupteingang wurde heftig geläutet, worauf der Rentmeiſter erſchien, der bald darauf mit einem offenen Briefe in der Hand in das Zimmer geſtürzt kam. Ihm folgte Mrs. Law⸗ rence auf dem Fuße. Beide ſchienen ſehr aufgeregt. „Sie haben jetzt nichts mehr hier zu ſchaffen!“ rief Snape in triumphirendem Tone;„der legitime Erbe hat ſeinen Prozeß gewonnen.“ „Freut mich zu hören,“ antwortete der Dok⸗ tor kalt. „Mr. Brandon, nicht Harry Burg, iſt jetzt der Eigenthümer von Burg⸗Hall,“ ſetzte Snape hinzu, erſtaunt über des Doktors Gleichgültigkeit. „Und wie lange glauben Sie wohl, daß es ihm vergönnt ſein wird zu bleiben?“ fragte der Doktor mit demſelben ſarkaſtiſchem Tone.„Sie vergeſſen, Mann, daß es etwas gibt, was man Appellation heißt und peinliche Verfolgung wegen Betrugs und 175 Meineids. Sie ſind ein Schelm; aber Ihnen wird es nicht anders ergehen, wie Allen Ihres Gelichters.“ „Herr Doktor,“ ſprach die Haushälterin,„wir haben Ihre Anweſenheit hier und die Unverſchämt⸗ heit Ihres Bedienten zu lange ſchon ertragen. Jetzt haben Sie auch nicht den leiſeſten Vorwand mehr hier zu bleiben. Ich muß darauf beſtehen, daß Sie das Haus verlaſſen, denn es bleibt uns nur kurze Zeit um das Nöthige zum Empfang des rechtmä⸗ ßigen Herrn vorzubereiten.“ „Noch viel weniger Zeit als Sie glauben, Mi⸗ ſtres Lawrence,“ verſetzte der alte Mann, ſie mit ſeinen ſcharfen grauen Augen firirend.„Der recht⸗ mäßige Herr dürfte früher eintreffen, als Sie ihn erwarten.“. Das Weib und ihr Verbündeter errötheten bis unter die Schläfe, denn es lag eine furchtbare Dro⸗ hung in dieſen Worten, die ſie erzittern machte. Nichtsdeſtoweniger drang der Rentmeiſter, der unter allen Umſtänden entſchloſſen war den Doktor ſich vom Halſe zu ſchaffen, in dieſen, das Haus zu verlaſſen. „Ich muß erſt den Beweis in den Händen ha⸗ ben, daß ihr mich nicht hintergeht,“ verſetzte dieſer. Snape händigte ihm den Brief ein. Er war von den Herren Wigget und Tye, in dem ſie ihn benachrichtigten, daß ein Spruch zu Gunſten ihres Clienten erfolgt ſei und daß er Burg⸗Hall für die unmittelbare Ankunft des Herrn in Stand zu ſetzen „Pah!“ ſprach der Doktor, nachdem er geleſen 176 hatte;„das beweist nichts, und iſt vielleicht nichts weiter als ein Taſchenſpielerſtückchen der Herren Wigget und Tye, die im Punkte der Zuverläſſigkeit und Ehrlichkeit nicht im beſten Rufe ſtehen. Sie werden keinen Beamten in der ganzen Graſfſchaft finden, der auf dieſe Autorität hin einſchreitet. Ich bleibe hier, bis ich einen Bericht über das gericht⸗ liche Verfahren in den Zeitungen leſe.“ „Und das wird—“ „Sehr wahrſcheinlich morgen der Fall ſein.“ „Und wenn Sie ihn geleſen haben, ſo verſpre⸗ chen Sie fortzugehen,“ rief Mrs. Lawrence aus. „Ich kann mich dazu nicht verbindlich machen, Frau,“ antwortete der Doktor.„Es ſteckt etwas von Ihrem zähen Weſen in mir, nur iſt es, dem Himmel ſei Dank, bei mir nicht ſchlimmer Art; deßhalb bleibe ich auch, bis ich auf geſetzlichem Wege ausgewieſen werde. Peter,“ ſetzte er an den alten Soldaten ſich wendend hinzu,„ich gehe jetzt in das Dorf um meine Kranke zu beſuchen. Du wirſt die Halle unter keiner Bedingung verlaſſen, bis ich zu⸗ rückkomme.“ Bodger nickte, was ſo viel ſagen wollte als: Sie können ſich auf mich verlaſſen; worauf der Doktor ſeinen ſchottiſchen Schlafrock mit einem Aus⸗ gangrocke vertauſchte, ſeinen Hut und Stock zur Hand nahm und das Haus verließ. Die Haushäl⸗ terin ſtarrte ihm nach wie eine Tigerin der ihre Beute entwiſchte. „Ich wollte, ich wäre ein Mann,“ rief ſie aus; „nur auf eine Stunde! Ich wollte kurzen Prozeß — 177 machen! Aber die heutigen Männer ſind zu nichts gut als um die Spindel zu drehen.“ „Und was würden Sie dann thun?“ fragte der Rentmeiſter erzürnt über dieſe Bemerkung. Peter ſprach nichts, ſondern blickte nur auf, wie wenn auch er gern ihre Antwort vernommen hätte. „Ich würde Burg⸗Hall von ſeinen Eindringlin⸗ gen ſäubern,“ verſetzte die Frau zornig,„oder, wenn dieß nicht gelänge, wenigſtens dieß Gemach vor ihnen verſchließen.“ „St!“ flüſterte Snape;„wer iſt jetzt unvorſich⸗ tig? Man ſoll ſich nicht von ſeinem Temperament hinreißen laſſen.“ „s iſt Schade, daß Sie nicht immer ſo dachten!“ erwiderte die Haushälterin bedeutungs⸗ voll, worauf ſie plötzlich, ſich faſſend, das Zimmer verließ. Ihr Verbündeter, deſſen Geſicht kreideweiß geworden war, folgte ihr auf dem Fuße; offenbar hatte ſie etwas geſagt, was eine unangenehme Er⸗ innerung in ihm erweckt hatte. Bodgers erſtes Geſchäft, ſobald er allein ſich befand, war, die Thüre zu derſchließen. Die Worte waren für ihn nicht verloren gegangen, und obgleich ihm dabei nur ſehr unbeſtimmt der Gedanke vor⸗ ſchwebte, daß eine gewiſſe Bedeutung darin liege, ſo grübelte er doch darüber nach, was bei vielen Leuten, zu welchen auch der Veteran ſich zählte, ein ſehr mühſames Geſchäft iſt. Aus dieſem Grunde hatte er ſich in die Bibliothek eingeſchloſſen, um nicht geſtört zu werden, denn wenn der Faden 1 ſeiner Gedanken einmal zerriſſen war, ſo wußte 12 Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 178 er wohl, daß es ihm unmöglich ſei ihn wieder an⸗ zuknüpfen. So blieb er ungefähr eine Stunde, ſeine Pfeife ſchmauchend, ſitzen, die Augen feſt auf das Kamingeſims gerichtet. Vielleicht war etwas in der Zeichnung oder der Anordnung der Farben, was ſeinen geiſtigen Fähigkeiten zu Hülfe kam; denn nach Ablauf dieſer Zeit ſtand er langſam auf und ein grimmiges Lächeln ſpielte um ſeine harten, wetterfeſten Züge. Er war zu dem Schluſſe gelangt, daß, weil Snape und die Haushälterin ſeinen Herrn gerade aus dieſem Zimmer ausgeſchloſſen haben wollten, etwas darin ſich befinde, das ſie vor ihm verbergen wollten. Dieſe wichtige Thatſache wiederholte er ſich ein paar Mal, aus Angſt er möchte ſie wieder vergeſſen, ehe der Doktor zurückkomme. Ein Verſuch, zu erfahren, worin dieſes Etwas be⸗ ſtehe, kam ihm entfernt nicht in Sinn. Wie ſo viele ehrliche und wohlmeinende Leute, war auch er unfähig, mit zwei Gedanken zumal ſich zu be⸗ faſſen, indem einer den andern verwiſcht haben würde. Als Doktor Curry zurückkam, bemerkte er an dem Benehmen ſeines Dieners, daß dieſer ihm et⸗ was mitzutheilen habe, aber daß er in Folge ſeiner angeborenen Schweigſamkeit nicht wußte, wie er es anbringen ſolle. Da er an dieſe Eigenthümlichkeit gewöhnt war, ſo ſetzte er ſich zu ihm und fragte ihn behutſam aus, um ihn nicht aus der Faſſung zu bringen. „Nun, Peter, haſt Du Beſuch gehabt?“ „Nein.“ „Hat Snape oder die Frau, die noch tauſend⸗ 179 mal ſchlimmer wie dieſer iſt, nicht nach meinem Weggehen Dich beläſtigt?“ „Nein.“ „Was zum Henker iſt es denn?“ rief der Herr ungeduldig. 8 Die Augen des alten Soldaten rollten geheim⸗ nißvoll in ihren Höhlen und ſeine Geſichtszüge zuck⸗ ten krampfhaft. Endlich keuchte er heraus:„Sie möchten Sie gern aus dieſem Zimmer hinaus haben.“ „Aus dem Hauſe meinſt Du?“ „Aus dieſem— dieſem Zimmer!“ wieder⸗ holte der Mann. Der alte Herr ſah ſich eben ſo verwirrt um, wie es ſein Diener gethan hatte. Er hatte freilich die bedeutungsvollen Blicke des Rentmeiſters nicht geſehen, auch deſſen Vorwurf gegen Mrs. Lawrence nicht gehört, als ſie unvorſichtig die Worte hatte fallen laſſen, ſonſt würde er die Wahrheit weit raſcher als Peter errathen haben. „Dieſes Zimmer!“ murmelte der Doctor mehr⸗ mals.„Warum ſoll ihnen mehr daran liegen, mich aus dieſem Zimmer hinauszutreiben als aus einem andern?“ „ iſt etwas drinn,“ brummte Vodger,„das Sie nicht ſehen ſollen, oder was die Andern gern haben möchten.“ Erſchöpft von der ungewöhnlichen An⸗ ſtrengung ſank er in den Stuhl zurück und blieb in dieſer Lage, den Blick ernſt auf ſeinen Herrn gerichtet. „Eureka!“ rief der Doctor„Eureka! Ich hab's gefunden. Der geheime Eingang in das Archiv von Burg⸗Hall iſt von hier aus.“ Der griechiſche 12 180 Philoſoph, der dieſes Wort ſprichwörtlich gemacht hat, konnte über die Entdeckung nicht entzückter ſein, als der Doctor.„Peter, alter Knabe,“ ſetzte er hinzu, indem er zu ſeinem Stuhle hinging und ihm vertraulich auf die Wange klopfte,„Du brauchſt Dein Gehirn jetzt nicht weiter mehr anzuſtrengen, ich weiß Alles!“ Ein Ausdruck innerer Ruhe— beſeligender Ein⸗ falt— ergoß ſich allmählig über das Geſicht Peter Bodgers. Die Laſt war ihm abgenommen einen Gedanken feſt halten zu müſſen, der ihm ſo viele Beſchwerde verurſacht hatte; und von dieſem Au⸗ genblicke an ſchlug er ihn auch dergeſtalt aus dem Sinn, als wenn er ihm nie aufgeſtoßen wäre. Die Exiſtenz des Archivs in Burg⸗Hall war Jedem bekannt, der je in dem Hauſe gewohnt hatte, denn das ſchwere eiſerne Thor mit ſeinen maſſiven Schlöſſern war einer der erſten Gegenſtände der in die Augen fiel, wenn man in die Holle trat. Neben dieſen Schlöſſern hatte Harry, ehe er das Haus verließ, ſein Siegel aufgedrüͤckt. Die Schlüſ⸗ ſel befanden ſich in den Händen ſeiner Anwälte. Doctor Curry, der die drei Brüder in ihrer Jugend gekannt, hatte öfters Marmaduke von dem geheimen Eingang ſprechen hören, den nur die Mit⸗ glieder der Familie kannten. Der Zufall hatte ihn wahrſcheinlich der Haushälterin und dem Rentmei⸗ ſter verrathen, die ihn nun gern zu ihren eigenen ſchändlichen Abſichten benützt hätten, was ihnen auch ohne die außergewöhnliche geiſtige Anſtrengung des alten Soldaten geglückt wäre. Der Doctor war zu vorſichtig, als daß er den 181 Tag über, während Snape und Mrs. Lawrence nicht nur im Hauſe ſich befanden, ſondern häufig auch unter den Fenſtern vorübergingen, welche die Ausſicht auf den offenen Grasplatz gewährten, offen⸗ bar um ihn und ſeine Handlungen zu überwachen, etwas unternommen hätte. Peter bereitete ſein ein⸗ faches Mahl und er ſpeiste wie gewöhnlich, worauf er ſeinen Pult öffnete und den Reſt des Abends mit Schreiben zubrachte. Dieß ſchläferte allen Ver⸗ dacht ein, denn den treuloſen Dienern entging dieſe Weſchäftigung nicht. Der Doctor trieb aber ſeine Vorſicht ſo weit, daß er die Läden nicht eher, als zur gewöhnlichen Zeit, ſchließen ließ, und ſo wurde es Mitternacht, bis er mit ſeiner Nachforſchung be⸗ ginnen konnte. Mit ſo wenig Geräuſch als möglich hob er zuerſt den Teppich in die Höhe und unter⸗ ſuchte den eichenen Boden, indem er auf jede ein⸗ zelne Diele hinklopfte; dieſe waren aber alle feſt. Hier iſt es nicht, dachte er und legte den Tep⸗ pich wieder zurecht. Nachdem er eine Zeit lang über die Lage des Archivs und der Bibliothek nachgedacht hatte, kam er zum Schluſſe, daß, wenn eine Communication zwiſchen Beiden beſtehe, dieſelbe gegenüber dem Kamin ſtattfinden müſſe. Dieſe Seite war ganz mit Büchern verdeckt, die auf eichenen Geſtellen ſtanden, welche ſich vom Boden bis an die Decke des Gemachs erhoben. „Die müſſen weg,“ murmelte er,„ſonſt hilft mich mein Suchen nichts.“ Mit Peters Hilfe machte er ſich entſchloſſen an's Werk und begann zuerſt mit Abräumen der Fächer, 182 auf welchen Bücher religiöſen Inhalts und darüber die Kirchenväter ſtanden, gewichtige Bände, die zu⸗ letzt von gewöhnlichen Leſern aufgeſucht zu werden pflegen. Die Hälfte des Gemachs war bereits mit Büchern bedeckt, als die Suchenden endlich auf den Boden eines zweiten Fachs ſtießen, das unbeweglich ſchien; der erſte war leicht wegzuheben geweſen. Dieſe Entdeckung ermuthigte ſie fortzufahren, und nach einer halben Stunde wurde ihre Mühe durch die Entdeckung einer Thüre belohnt, die ſo geſchickt angebracht war, daß man ſie bei oberflächlicher Be⸗ trachtung für nichts weiter als einen Theil des Bücherkaſtens hielt. ſit Die Frage war nun die, wie man ſie öffnen ſolle. Nach mehreren fruchtloſen Verſuchen entdeckte der Doctor glücklicher Weiſe eine Feder, auf die er drückte, worauf das Fach auf ſeinen roſtigen Angeln ſich drehte und dadurch ein dunkler Gang ſich öffnete. Er betrat denſelben, und Peter, der das Ganze als wie eine ſelbſtverſtändliche Sache betrachtete, folgte ihm auf dem Fuße, denn er er⸗ ſtaunte nie über etwas, was ſein Herr that. Am Ende dieſer Paſſage, die in einer der Zwiſchenwan⸗ dungen angebracht war, zeigte ſich eine zweite Thüre, die von Außen verriegelt war. Mit einiger Mühe gelang es dieſe ſchweren Riegel zurückzuſchieben, und die Suchenden konnten nun ungehindert in das Archiv eintreten. Der dabei an den Tag gelegte Scharfſinn war wirklich zu bewundern, denn ſobald dieſe Thüre wieder geſchloſſen war, ſo konnte Je⸗ mand, der in das Geheimniß nicht eingeweiht war, 183 nicht ahnen, daß man auf eine andere Weiſe als durch die eiſerne Thüre, welche auf die große Halle ſich öffnete, in dieſes Geheimeabinet gelangen könne. Der Doctor ſuchte nun vor Allem ſich der Ur⸗ kunden über die Herrſchaft zu verſichern, ohne welche dieſelbe niemals geſetzlich verkauft werden konnte; ſobald er dieſe gefunden, ſteckte er ſie zu ſich. Nach⸗ dem dieß geſchehen war ſchaute er ſich um. Wie es ſchien, war ſonſt nichts Werthvolles mehr vor⸗ handen. Alles, was ſich zeigte, waren Bündel von Rechnungen und Quittungen, die Bücher der Rent⸗ meiſter ſeit mehreren Generationen und ein kleiner Schreibpult, zu dem aber der Schlüſſel fehlte. Doc⸗ tor Curry erinnerte ſich ſeiner wohl, denn er hatte früher Marmaduke Burg gehört und war ſpäter von deſſen Bruder Richard zur Aufbewahrung ſei⸗ ner Papiere und Correſpondenzen benützt worden. Er verſuchte ihn wegzunehmen, aber dazu war das Möbel zu ſchwer, und ſelbſt wenn man es hätte von der Stelle ſchaffen können, ſo wäre es ein zu großer Gegenſtand geweſen, als daß man ihn un⸗ entdeckt aus dem Hauſe hätte bringen können. „Es iſt nicht wegen meiner,“ ſprach er, den Pult nachdenklich betrachtend,„denn ich bin nicht neugierig; aber eine Ahnung ſagt mir, daß er et⸗ für das künftige Wohl Harry's Wichtiges ent⸗ te Peter langte an ſeinen Arm und deutete dann auf das Möbelſtück, „Zu ſchwer,“ ſagte ſein Herr;„zu ſchwer!“ Der alte Soldat ſchüttelte den Kopf, um damit anzudeuten, daß er dieß nicht damit gemeint habe. 184 „Was meinſt Du denn? Kannſt Du es denn nicht ſagen?“ „Brechen Sie es auf!“ „Womit?“ Bodger zeigte ſeine derbe, knochige Fauſt, die er einen Augenblick in die Höhe hob und dann wie einen Schmiedehammer auf den Pult herabfallen ließ. Beim zweiten Schlag ſtürzte der Deckel, in ein Dutzend Stücke zerbrochen, herab. Der Doctor machte ſich ſogleich daran den In⸗ halt zu unterſuchen. Derſelbe beſtand hauptſächlich in Briefen. Darunter befand ſich aber auch ein Paket mit einem Zettel, auf welchem geſchrieben ſtand:„Vor meinem Tod zu vernichten.“ Unter⸗ zeichnet:„Richard Burg.“ Wie oft ſchon iſt dieſelbe Abſicht vereitelt wor⸗ den, gerade wie in dieſem Falle durch das plötzliche Freigniß, welches den, der dieſes geſchrieben, des Lebens beraubt hatte! Ein Blick überzeugte den Doctor, daß die Briefe von Marmaduke's Hand geſchrieben waren nebſt Copien der Antworten, welche ſein Bruder darauf gegeben hatte. „Vortrefflich!“ ſprach er;„ich glaube, wir haben das Möglichſte in einer Nacht geleiſtet; jetzt können wir in die Bibliothek zurückkehren, Peter, und dort überlegen, wie wir dieſe Gegenſtände vor Denen in Sicherheit bringen, die einen ſchlimmen Gebrauch davon machen könnten.“ „Das iſt leicht,“ antwortete Bodger. „Iſt das ſo leicht?“ verſetzte ſein Herr.„Die ganze Umgegend wird weit und breit darnach durch⸗ 185 ſucht werden. Ich wage nichts Geringes dabei, daß ich die Urkunden einer großen Herrſchaft ohne die Erlaubniß ihres Eigenthümers bei Seite ſchaffe. Ich wollte er wäre hier, um dieſe zu ertheilen. Da Du übrigens die Sache ſo leicht findeſt,“ ſetzte er ſpottend hinzu,„ſo kannſt Du mir wohl ſagen, wo ich ſie verbergen ſoll.“ „Im Bergwerk.“ „Wahrhaftig, Peter, Du biſt heute Nacht mit mehr als bloßem Inſtinkt begabt. Was Du ſprichſt, iſt faſt Vernunft. Im Bergwerk,“ ſetzte er vor ſich hinmurmelnd hinzu;„ja, ja, da ſind ſie ſicher genug. So ſoll es ſein.“ Damit verließen beide das Archiv. Es fing bereits an zu tagen, als der Doctor und ſein Diener die Bücher wieder auf die Geſtelle gebracht und jede Spur ihrer Entdeckung entfernt hatten, worauf ſie ſich zu Bett legten. Am folgen⸗ den Morgen verließ der Erſtere das Haus, um, wie gewöhnlich, ſeine Patienten zu beſuchen; doch nahm er die Urkunden und die Briefe mit ſich und ertheilte Peter den ſtrengſten Befehl, das Zimmer nicht eher als bis zu ſeiner Rückkehr zu verlaſſen. Dieſer Anweiſung kam auch der alte Soldat auf das Pünktlichſte und buchſtäblich nach, zum großen Verdruß des Rentmeiſters und der Haushälterin, die ihre Ungeduld, ſich allein im Beſitze des Hau⸗ ſes zu wiſſen, kaum zu zügeln vermochten. Als der Arzt zum Eſſen nach Burg⸗Hall zurück⸗ kam, ſpielte ein wohlgefälliges Lächeln um ſeine Lippen. Er hatte ſich von der Wichtigkeit der Per⸗ gamente und Papiere vollkommen überzeugt und 186 dieſelben vor dem vorgeblichen Erben und deſſen Rathgebern in vollkommene Sicherheit gebracht. Mochte dieſer auch die Herrſchaft eine Zeit lang ſich aneignen, ſo konnte er dieß immer nur als Stellvertreter des legitimen Erben thun; er konnte ſie weder verkaufen noch Schulden darauf contrahi⸗ ren. Der Schaden war daher wieder gut zu machen. „Nun, Bodger,“ rief der alte Mann, ſobald die Läden geſchloſſen und Lichter in die Bibliothek ge⸗ bracht worden waren,„Dein Geſchäft iſt noch nicht zu Ende, denn ich glaube, daß ich mich auf Dich verlaſſen kann.“ Dieſe Bemerkung war in einem Tone gemacht worden, der ſo viel ſagen wollte, als: Kann ich mich auch auf Dich verlaſ⸗ ſen? Und da von ſeinem Herrn an Peter noch nie eine ſolche Frage geſtellt worden war, ſo machte dieſer darüber ein verdrießliches Geſicht, denn er zeigte ſich dadurch eben ſo beleidigt, als erſtaunt. „Ich glaube wenigſtens,“ brummte dieſer. „Ich bin feſt davon überzeugt,“ verſetzte der Doctor,„und ich drückte mich ungeſchickt aus, wenn ich den mindeſten Zweifel merken ließ; aber ich habe einen kecken Schritt gewagt, da mir geſetzlich durchaus kein Recht zuſteht auch nur ein einziges Document aus dieſem Hauſe wegzunehmen. Es iſt möglich, Peter, daß man unſerm Unternehmen von geſtern Nacht auf die Spur kommt.“ „Sd?“ „Und daß man einen von uns in's Gefängniß teckt.“ „Ich gehe hinein.“ 187 „Aber wenn ſie Dich vor Gericht befragen, was willſt Du antworten?“ „Nichts.“ Zugleich nahm der Veteran eine ſo entſchloſſene Miene an, daß ſein von der Sonne verbranntes Geſicht eine nahezu ſchwarzbraune Fär⸗ bung erhielt. „Ich möchte Dich aber dort wiſſen,“ ſetzte ſein Herr hinzu. „Pah!“ „Es kann ein oder zwei Monate währen; es wäre dieß freilich eine ſchöne Prüfung Deiner Treue— Geduld wollte ich ſagen,“ ſprach der Doctor ſich corrigirend. Auf Bodgers Geſicht gab ſich ein krampfhaftes Zucken kund, was anzudeuten ſchien, daß er im Be⸗ griff ſei eine Rede zu halten, ein Verſuch, welcher ihm mehr Pein verurſachte als der Gedanke ins Verhör genommen und bei dieſer Veranlaſſung ins Gefängniß geſteckt zu werden. Der getreue Menſch hatte nur eine Zuneigung auf der Welt— es war die für ſeinen Herrn; nur Eine Geſellſchafterin— ſeine Pfeife.„Sie werden nichts aus mir heraus⸗ bringen,“ erwiderte er;„wenn ich auch nicht geſcheid ſprechen kann, ſo kann ich wenigſtens das Maul halten.“ „Das verſtehſt Du,“ bemerkte ſein Herr,„und ich kann es Dir auf zehnjährige Erfahrung geſtützt bezeugen.“ „Gefängniß oder nicht Gefängniß! Ausfragen oder nicht ausfragen! ſo verſpreche ich Ihnen kein Wort zu ſagen, außer wenn Sie es mir befehlen. Ich weiß, daß Sie zuweilen kommen und mich be⸗ 188 ſuchen werden,“ ſetzte der alte Soldat in einem Tone hinzu, welcher dem Arzt Thränen entlockte,„und das iſt für Peter genug.“ „Ich würde lieber ſelbſt ins Gefängniß gehen,“ murmelte Doktor Curry,„tauſendmal lieber ſelbſt; aber meine Freiheit iſt nothwendig, um ein ſchwar⸗ zes Complott zu vereiteln und der grechten Sache zum Siege zu verhelfen. Was haſt Du? Sprich es aus,“ ſetzte er hinzu, als er bemerkte, daß der alte Soldat einen Anlauf nahm noch etwas zu ſagen. „Nicht viel; nur wenn ich dort ſterben ſollte, ſo möchte ich, daß man in mein Zeugniß ſetzt, ich ſei als ehrlicher Mann geſtorben. Der Gemeine Bodger hat ſtets einen guten Namen im Regi⸗ ment gehabt— zwanzig Dienſtjahre und nie eine Strafe;— und ſie vergeſſen auch nicht, mich in meiner Uniform und mit meiner Medaille begraben zu laſſen?“ „Schweig davon!“ rief ſein Herr, ihm die Hand drückend.„Wenn auf einen von uns Verdacht fällt, ſo will ich Alles eingeſtehen und ſelbſt ins Gefäng⸗ niß wandern, und dann, Peter, kannſt du kommen und mich beſuchen,“ fügte er lächelnd hinzu. Dieſen Gedanken verlachte aber der alte Soldat, indem er erklärte, daß er lieber verfaulen als zu⸗ geben wolle, daß ſein Herr nur auf eine Stunde eingeſperrt würde. Damit endigte die Unterredung. Trotz der Ungeduld Snape's und der Mrs. Lawrence blieben der Arzt und ſein Diener„in Burg⸗Hall und zwar, zum großen Verdruß der ün⸗ getreuen Diener, fortwährend in der Bibliothek, die ſie ſelbſt in der Nacht nicht verließen. Obgleich der — 189 Wahrſpruch in dem großen Prozeß von Burg gegen Burg zu Gunſten des Prätendenten erfolgt war, ſo ſchien dieſer doch nichts weniger als ungeduldig ſich in den Beſitz ſeines Eigenthums zu ſetzen. Zum großen Erſtaunen des Rentmeiſters wurde deſſen Beſuch von einem Tag auf den andern verſchoben. Der Grund lag darin, weil Harry's Anwälte auf eigene Fauſt auf eine neue Unterſuchung angetragen hatten, zu großer Befriedigung Doktor Curry's, der dieſe Nachricht in den Zeitungen las. „Nun, Snape,“ pflegte er auszurufen, wenn er dem Rentmeiſter im Hauſe oder auf dem Felde be⸗ gegnete,„Burg⸗Hall hat ſeine Herren noch nicht geändert.“ Snape pflegte dann jedesmal mit einem Fluch ſich wegzuwenden. So blieb der Stand der Dinge un⸗ gefähr drei Wochen, als eines Abends, eben als der Arzt im Begriff war ſich zu ſeinem Mittageſſen niederzuſetzen, eine mit vier Pferden beſpannte Poſtchaiſe vor dem Hauſe vorfuhr. „Alſo doch!“ murmelte der alte Mann bitter. Peter ſah bedeutungsvoll zuerſt nach ſeinem Dragonerſäbel und dann nach ſeinem Herrn. „Nein, nein,“ erwiderte dieſer auf die ſtumme Anfrage,„das iſt nicht der rechte Weg; der Schlau⸗ heit muß man Schlauheit entgegenſetzen. Der iſt nicht der ſchlechteſte General, der ſich zuweilen zu⸗ rückzieht, was wir jetzt zu thun haben; alſo keine Gewaltthätigkeit.“ Der Veteran ließ ein unzufriedenes„Hm“ hören, denn er hätte es mit ſeiner Logik gar zu gerne verſucht. 190 „Hier ſind ſie,“ fuhr der Doktor fort, während die Reiſenden ausſtiegen.„Sir John Sellem— mancher weit ehrlichere Mann hat ſeine letzte Rede in Newgate gehalten; da iſt Wigget, der Notar wahrſcheinlich, und— iſt es möglich?— der Offi⸗ cier, der mit Harry und dem jungen Tracy hier war! Nicht der erſte falſche Freund! Und hier— ich hab's— der glückliche Schelm ſelbſt. Dieſe Commentare wurden gemacht während die bezeichneten Perſonen am Haupteingange aus⸗ ſtiegen, wo der Rentmeiſter und die Haushälterin ſie mit tiefen Bücklingen empfingen.„Ich zweifle nicht,“ fuhr der Doktor fort,„daß ſie kurzen Prozeß mit dem Aufräumen machen werden.“ Indeſſen verfloß geraume Zeit, ehe zwiſchen den Ankömmlingen und dem Arzte eine Verhandlung ſtattfand. Endlich erſchien Snape mit triumphiren⸗ der Miene, indem er zur Thüre hereinrief:„Squire Brandon Burg wünſcht den Doctor Curry im Speiſe⸗ zimmer zu ſprechen.“ „Ich kenne den Mann nicht.“ „Aber er kennt Sie.“ „Wer weiß,“ antwortete der Arzt mit einem ganz beſonders ſchlauen Ausdruck;„wenn der Menſch, von dem Sie ſprechen, mir etwas mitzutheilen hat, ſo findet er mich hier.“ Wenige Minuten hernach, nachdem dieſe Bot⸗ ſchaft ausgerichtet war, fanden ſich Brandon und deſſen Verbündete ein. Doktor Curry ſtand weder bei ihrem Eintreten auf, noch lud er ſie ein ſich zu ſetzen. Er fühlte, wie jeder ehrliche Mann, ſich weit erhaben ſelbſt über den gluͤcklichſten Schelm. — X 8 X —— N 191 Dank dem Unterricht Albert Mortimers, der aus ganz beſondern Gründen es auf ſich genommen hatte, den ungeſchlachten Yankee in Lebensart und feiner Sprechweiſe zu unterrichten, machte Brand jetzt eine ziemlich paſſable Erſcheinung. Seine Spra wat, wenn er nicht in Affect gerieth, frei von d ſen eigenthümlich amerikaniſchen Ausdrücken, die ihn ſonſt gekennzeichnet hatten. Mit andern Worten: das Bild in ſeiner jetzigen Geſtalt war ſo vortreff⸗ lich gefirnißt, daß das Auge eines Kenners dazu gehörte um daran die urſprünglich rohe Malerei zu entdecken. „Ich ſetze voraus, Herr,“ ſagte er mit einer ſteifen Verbeugung,„daß Sie den Beſchluß kennen, der mich zum Herrn dieſes Gutes macht.“ „O ja! auch die Mittel, wodurch er erlangt wurde.“ Sir John Sellem biß ſich auf die Lippen und Wigget ſtieg das Blut ins Geſicht. „Da nun aber einmal dieſer Beſchluß erfolgt iſt,“ bemerkte Albert Mortimer,„ſo können Sie nach Ihrem auffallenden Benehmen nicht erſtaunen, wenn mein Freund Brandon wünſcht, daß Sie das Haus ſogleich verlaſſen.“ „Ihr Freund!“ wiederholte der Doctor ſarka⸗ ſtiſch.„Als Sie das erſte Mal in dieſe Gegend kamen, Herr, war es in Geſellſchaft eines andern Freundes; ehrliche Blicke und ſchöne Worte, aber ein verrätheriſches ſchwarzes Herz.“ „Aus Rückſicht für Ihre Jahre,“ rief der Ban⸗ kier,„wünſcht Mr. Burg Gewalt zu vermeiden.“ „Aus Klugheit, meinen Sie, Sir John, aus 192 Klugheit; die Achtung vor einem ehrbaren Leben ſchützt mich. Eine gegen mich aufgehobene Hand würde Ihnen die Bergleute auf den Hals bringen. Snape weiß dieß wohl, denn. ſonſt hätte ich nicht ſo viel Monate hindurch ſicher mit ihm unter einem Dach geſchlafen. Der Haß, den er gegen den armen Franklin hegte, der bei dem alten Schacht ermordet gefunden wurde— mit Erlaubniß zu melden— iſt nichts gegen den Haß, den er gegen mich hegt.“ Der Rentmeiſter wurde leichenblaß bei der An⸗ ſpielung auf das Schickſal ſeines frühern Neben⸗ buhlers. „Wenn ich recht verſtehe, Herr,“ fragte Wigget, „ſo weigern Sie ſich das Haus zu verlaſſen.“ „Sie haben's getroffen.“ „Unter welchem Rechtstitel beſtehen Sie darauf hier zu bleiben?“ „Ich nehme keinen Anſtand Ihnen denſelben zu zeigen,“ antwortete der Doktor, indem er Harry's ſchriftliche Aufforderung aus der Taſche zog, Beſitz von der Halle zu nehmen. Der Notar las ſie ſorgfältig durch, dann ſagte er:„Die iſt jetzt werthlos.“ „Ich wüßte nicht, warum.“ „Der Wahlſpruch der Geſchwornen—“ „Kann anullirt werden,“ unterbrach ihn Doktor Curry,„namentlich auf die Zeugſchaft hin, die einige ſeiner Freunde ablegen können; überdieß haben Harry's Advokaten auf eine neue Unterſuchung an⸗ getragen.“ „Die aber deren Client abgelehnt hat,“ rief Brandon in triumphirendem Tone, indem er zu⸗ 193 gleich Harry's Brief hervorzog.„Mein Vetter hat wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich werde ihn dafür anſtändig entſchädigen.“ „Wenn Sie dieſen Brief leſen wollen, Doktor Curry,“ bemerkte Albert Mortimer,„ſo werden Sie finden, daß Ihnen auch nicht ein Schatten von Vor⸗ wand bleibt, länger auf Vurg⸗Hall zu verweilen.“ Dem alten Manne liefen die Augen über, denn die Handſchrift war unverkennbar.„Armer Junge!“ murmelte er;„armer Junge! Warum mußteſt Du in die Hände ſolcher Harpyen fallen! Ich gehe und laſſe euch den Triumph eurer Schlechtigkeit; aber ich gebe euch mein Wort, daß er nur kurz dauern wird. Seht euch aber vor, denn wenn ich zurück⸗ kehre, komme ich ich nicht allein.“ „Er wird uns doch nicht die Bergleute auf den Hals hetzen,“ bemerkte Sir John Sellem ängſtlich. Doktor Curry ließ ſich aber zu keiner Erwi⸗ derung auf dieſe Bemerkung herbei, ſondern befahl Peter Bodger ſeinen Koffer auf die Schulter zu nehmen, worauf er das Haus verließ, ohne das Mittageſſen angerührt zu haben, und durch den Park nach ſeiner eigenen Wohnung in Alston⸗Moor ſich auf den Weg machte. An jenem Abende ging es in der Halle luſtig zu, aber mitten in der Freude quälte die Geſellſchaft doch fortwährend der Gedanke, was der Doktor mit der Drohung hatte ſagen wollen, daß er, wenn er wieder komme, nicht allein ſein werde. „Was liegt daran,“ ſagte endlich der Bankier, nachdem man lange hin und her gerathen hatte, Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 13 194 „wenn es ihm nicht gelingt, Marmaduke Burg aus dem Grabe heraufzubeſchwören.“ Darauf erfolgte ein allgemeines Gelächter, denn Marmaduke war ſchon längſt von allen, die ihn kannten, zu den Todten geſchrieben worden. Es ſchien deshalb höchſt unwahrſcheinlich, daß er wieder erſtehen und die Vaterſchaft über den Abenteurer zurückweiſen werde, der ſeinen Namen uſurpirt hatte. Vierzigſtes Kapitel. Von dem Augenblicke an, in welchem General Trelawny ſich überzeugt hatte, daß Miß Cheerly wirklich die Tochter ſeines früheren Freundes und in jeder Beziehung des nähern Umgangs mit ſeiner Lieblingstochter würdig ſei, begünſtigte er die In⸗ timität zwiſchen Beiden auf jede mögliche Weiſe. Er ſowohl, wie Bella, hatten Emma vorgeſchlagen auf dem Hofe ihre Wohnung zu nehmen, was dieſe jedoch dankend mit Entſchiedenheit abgelehnt. Sie vermochte es nicht über ſich, das ſchlichte anhäng⸗ liche Geſchöpf, das ihre Gefährtin in der Gefan⸗ genſchaft geweſen, die unermüdliche getreue Pflegerin während ihrer Krankheit zu verlaſſen. Sie hätte dieß für herzlos und undankbar gehalten. Ihre neuen Freunde verſtanden den Zartſinn ihres Ge⸗ fühls und ihre Achtung nahm dadurch nur noch mehr zu. 195 Auf Bella machte der Umgang mit einem Weſen ihres Geſchlechts, dem ſie ihre Gedanken, ihren Kum⸗ mer und ihre Gefühle, die ſie ſelbſt des Vaters Ohren nicht anzuvertrauen wagte, einen höchſt heil⸗ ſamen Eindruck. Ihr Geiſt, der gekränkelt hatte, fing an zu geſunden, und Eugenia begann zu ahnen, daß der Plan, durch den ſie das Glück ihrer Schweſter untergraben hatte, zu ſcheitern drohe. An die Stelle des Kleinmuths, der gar keiner Hoffnung Raum gibt, war bei dieſer eine gewiſſe Schwermuth getreten. Es bedarf wohl keiner Verſicherung, daß Eugenia Miß Cheerly deßhalb haßte, und dieſe, wenn ihr Vater nicht um den Weg war, mit einer gewiſſen Gönnermiene und Herablaſſung behandelte, welche für ein gefühlvolles Herz peinlicher iſt als Un⸗ freundlichkeit. Es dauerte aber nicht lange, ſo wur⸗ den Emma die Gründe dieſer Handlungsweiſe klar. „Um ein krankes Herz zu kuriren gibt es kein beſſeres Mittel, als eine thätige Ausübung von Wohlthaten,“ bemerkte ſie öfters gegen Bella, wenn ſie mit dieſer während ihrer täglichen Beſuche auf dem Hofe ſpazieren ging;„indem wir Glück um uns verbreiten, vergeſſen wir unſere eigenen Sorgen.“ „Ach, Emma,“ erwiderte das erröthende Mäd⸗ chen, denn ſie fühlte die Wahrheit dieſer Lehre; „ich wollte, ich hätte Ihre Willenskraft. Ich wäre geſtorben, wenn ich halb ſo viel Elend und Wider⸗ wärtigkeitens zu erdulden gehabt hätte wie Sie; meine Geſundheit wankte ja ſchon bei dem erſten Schlag, der mich getroffen hat. Sie können ſich gar nicht vorſtellen,“ ſetzte ſie hinzu, wie viel 13 196 ſtärker ich mich an Geiſt und Körper fühle, ſeit ich eine Freundin beſitze die mir mit Rath und That beiſteht. Das Geheimniß meiner Liebe zu Harold nagte an meinem Herzen.“ „Gewiß nicht,“ antwortete Emma mit einem Lächeln,„denn Ihre Liebe war rein; ſagen Sie vielmehr, der unbedachte Eid war es, durch welchen Sie ſich verbindlich machten, niemals ſich ihm zu vermählen.“ „Armer Harold,“ ſeufzte Bella. „Arme Bella!“ ſeufzte ihre Freundin ſcherzend. „Verſpotten Sie mich denn?“ „Sie wiſſen, daß ich Sie zu ſehr liebe um das zu thun,“ erwiderte Emma, ſie herzlich umarmend. „Ihr Kleinmuth war es, der meine Heiterkeit er⸗ regte. Sie werden gewiß Miß Trelawny nicht für ſo ſchlimm und herzlos halten, daß dieſe Sie nicht des Verſprechens entbände, welche ſchweſterliche Liebe und Rückſichten auf deren eigenes Intereſſe Ihnen abgenöthigt hat. Die Zumuthung iſt zu wider⸗ natürlich und abſcheulich.“ „Sie kennen Eugenia nicht. Dieſe würde mich lieber im Sarge ſehen, als je zugeben, daß ich Ha⸗ rold Tracy's Gattin werde.“ „Dann müſſen Sie ſich an Ihren Vater wenden.“ „Das würde ich wohl thun,“ verſetzte Bella, mühſam ihre Thränen unterdrückend,„wenn ich nicht fürchtete, daß ſeine Vorliebe für mich ihn zu einer Ungerechtigkeit gegen Eugenia verleitete. Emma, liebe Emma!“ ſetzte ſie in immer größere Aufregung gerathend hinzu;„in dieſer Vorliebe liegt der ganze 197 BGrund meines Elends; ſie hat das Herz meiner Schweſter von mir abgewendet.“ „Vermögen Sie denn nicht den Grund davon in Ihrem liebenswürdigen Charakter und Ihrem gefühlvollen Herzen zu finden?“ fragte Emma. „Es war von Kindheit an ſo; und ſelbſt wenn ich die Eigenſchaften beſäße, die Ihre Freundſchaft mir zuſchreibt, ſo wäre der Grund davon noch nicht erklärt. Es macht mich aber ſehr unglücklich. Ich kann Ihnen nicht genug ausdrücken, wie ſehr ich einſt Eugenia liebte und wie, trotz ihrer Lieb⸗ loſigkeit, mein Herz immer noch an ihr hängt.“ Aus dieſer Unterhaltung iſt zu erſehen, welch' inniges Vertrauen zwiſchen beiden jungen Mädchen herrſchte, obgleich ſie ſich erſt ſeit kurzer Zeit kann⸗ ten. Ihr inneres Weſen zog ſie ſympathetiſch zu einander. Es liegt eine magnetiſche Anziehungskraft in der Unſchuld und Tugend. Weit entfernt irgendwie Eiferſucht über dieſe Intimität zu fühlen, freute ſich vielmehr Nancy oder wie wir ſie jetzt nennen müſſen, Mrs. Corling darüber. Die beſcheidene Frau fühlte, daß Miß Cheerly einer Freundin bedürfe, die geiſtig höher ſtehe wie ſie, und wenn daher Bella in ihres Vaters eleganter Equipage vor der Thüre ihres Häuschens vorfuhr, um Emma abzuholen, ſo fühlte ſie ſich ſtolz und glücklich darüber, ja noch zehnmal mehr als wenn dieſe Aufmerkſamkeit ihr ſelbſt zu Theil ge⸗ worden wäre. „Die beiden ſind wie für einander geſchaffen,“ pflegte ſie dann ihrem Manne zuzurufen, der ihr 4 198 jedesmal für dieſe edlen Empfindungen beifällig zulächelte. Sobald es bekannt wurde, daß der General und Sir Mordaunt Trachy ſich für den neuen Zimmer⸗ mann in Granstoun intereſfirten, beeilten ſich nicht nur die Pächter, ſondern auch die benachbarten Edelleute, ihn zu beſchäftigen, und es kamen in ſolcher Menge Aufträge, daß alle Ausſicht für ein glüͤckliches Gedeihen des Geſchäfts vorhanden war⸗ Kit, der nie ein gegebenes Verſprechen vergaß, ſchrieb deßhalb an Mrs. Watſon nach Charlton und bot ihr an ihren Sohn bei ſich aufzunehmen. Es bedarf wohl keiner Verſicherung, welch freudigen Eindruck dieſes Anerbieten machte. James gerieth ganz außer ſich vor Wonne bei der Ausſicht ſeine Freunde bald wieder zu ſehen. „Warte noch eine Woche etwa,“ ſagte Charley, der ihn nach Haus begleitet hatte, um dort über die Sache zu ſprechen,„dann nimmt dich Bob Spiers mit ſich. Ich weiß, daß er die Abſicht hat ſich ein paar Feiertage zu machen.“ Dein Knaben erſchien zwar eine Woche als eine ſehr lange Zeit, aber er hatte die Lehren, die ihm die Miethsleute ſeiner Mutter gegeben hatten, nicht vergeſſen. Die Dorfſchule ſtand, wie die meiſten Anſtalten dieſer Art, unter der Aufſicht und Gönnerſchaft eines Damen⸗Comite's, von welchem begreiflicher Weiſe Miß Tracy und die Miß Trelawny's Mit⸗ glieder waren. Anfangs hatte ſich das alte Fräu⸗ lein gegen die neue Gehilfin ſehr zurückhaltend be⸗ nommen, aber Suſan's Betragen überwand ſelbſt 199 ihre Vorurtheile und ſie erklärte ſie zuletzt für eine ganz vortreffliche junge Perſon. Nachdem ſie aber einmal zu dieſer Anſicht gelangt war, wäre es für Jedermann gefährlich geweſen, dieſelbe in Zweifel zu ziehen, denn Miß Margaret hielt ihre gute Meinung von Jemand für eine hinreichende Ga⸗ rantie, daß daſſelbe jede gute Eigenſchaft unter der Sonne beſitze. Es paſſirte ihr jedoch ſehr ſelten, daß ſie ſich, wie in dieſem Falle, ſo entſchieden ausſprach. Obgleich der Baronet ſich ſehr für die armen Kinder intereſſirte, ſo kam er doch nie in das Schulhaus, und hatte Suſan ihn noch nie geſehen. Erſt bei Veranlaſſung eines kleinen Feſtes, welches Bella mit Emma's und Nancy's Hilfe zur Unterhaltung der Kinder zu Stande ge⸗ bracht hatte, fand Suſan Gelegenheit, ihm für ſeine Wohlthaten zu danken, was ſie in Gegenwart ſeiner Schweſter auf ſo einfache und innige Weiſe that, daß der alte Ghennuin ſich innerlich erfreut fühlte, in der Lage geweſen zu ſein, ihr dienen zu können. Dieß geſchah auf einem der Spazierwege des Gartens, der vor dem Schulhauſe ſich befand. Unmittelbar darauf kehrte das arme Mädchen an den Stuhl zurück, auf welchem Mrs. Barlow ſaß und den Spielen der Kinder zuſah. „Sie iſt in der That ſehr hübſch,“ bemerkte Sir Mordaunt, ihr nachblickend. Margaret richtete ſich in die Höhe.„Sie iſt brav, Bruder, und das iſt mehr als Schönheit.“ „Dachteſt Du auch ſo, als Du noch jung warſt?“ „Ich bite mich nicht durch frivole Bemerkun⸗ 200 gen zu verletzen,“ rief die alte Jungfrau unwillig. Vielleicht gefiel ihr die Anſpielung auf ihr Alter nicht.„So lange du jung wareſt,“ iſt ſelbſt eine für einen Bruder zu gefährliche Phraſe, als daß er ſie wagen dürfte. „Du mißverſteheſt mich.“ „Vergeſſen Sie nicht, wo Sie ſind, Sir Mor⸗ daunt,“ unterbrach ihn Miß Tracy.„Ein Schau⸗ ſpiel wie dieſes, ſollte Gedanken anderer Art er⸗ wecken. Ich erröthe für Sie.“ Der Baronet ertrug ihre üble Laune und ihren ſalbungsvollen Verweis mit guter Laune, denn er hatte wahrhaftig keinen Grund zum Erröthen; aber ſeine Schweſter affektirte in der Unterhaltung ſtets eine tugendhafte Ueberlegenheit über ihren Bruder, indem ſie gänzlich überſah, daß er nicht mehr der leichtfertige Modeherr von fünfundzwanzig, ſondern ein geſetzter Landedelmann von dreiundſechzig Jah⸗ ren war, der, ſo weit es möglich war, mit ſolch einem lebenden Memento mori in der Halle die Erinnerung an die Thorheiten vergeſſen hatte, um deren Willen er ſich ſo bekannt gemacht und die er ſo theuer bezahlt hatte. Ihre Thorheiten hatte die Dame völlig vergeſſen, die allerdings von weniger tadelnswerther Art geweſen und die ſie vernünftiger Weiſe nie Jemanden, nicht einmal ſich ſelbſt eingeſtanden hatte. Der Ort, auf welchen das alte Fräulein an⸗ ſpielte, war ein freier, ſchattiger Platz vor der Schule, vor deren Eingang die Schullehrerin ſaß, neben ihr Suſan ſtehend, während die Kinder in froher Luſt ſpielend ſich herumtummelten, indem 201 einige über Seile ſprangen, andere Guirlanden von Feldblumen flochten, mit welchen ſie ihre jüngeren Kamerädinnen zu fangen ſuchten. Bella und Miß Cheerly freuten ſich über die allgemeine Freude, deren Schöpferinnen ſie waren, und die Kinder kamen unbedenklich zu ihnen her gelaufen, faßten ſie an den Kleidern und blickten ſie mit dem liebe⸗ vollen Vertrauen an, das einer gleichen Erwiderung ſicher iſt. Ganz anders aber verhielten ſie ſich Eugenia gegenüber, vor der ſie eine gewiſſe Scheu zu haben ſchienen; denn wenn ſie ihr Lauf an die⸗ ſer vorüber führte, ſo hielten ſie plötzlich inne und bemühten ſich einen Knix, ſo ſchön als ſie ihn zu machen vermochten, anzubringen. „Sie machen mich noch wahnſinnig,“ murmelte die ſelbſtſüchtige⸗Schöne,„wahnſinnig! Das Leben hier tödtet mich langſam; jedes Schickſal iſt beſſer, als dieſes, außer,“ ſetzte ſie mit einem bittern Blick nach ihrer⸗Schweſter hinzu,„der Pein, ſie und Harold vereinigt zu ſehen.“ Das Schlimmſte für ſie war, daß ſich gar keine Ausſicht auf eine Veränderung des jetzigen Zuſtan⸗ des zeigte; denn General Trelawny wollte nichts von einer Rückkehr nach London hören, ſo lange der Landaufenthalt ſo förderlich für den Geſund⸗ heitszuſtand ſeiner Lieblingstochter war. Nicht leicht war ein Vergehen ſo vollſtändig durch ſich ſelbſt beſtraft worden. Die Folgen des Schwurs, den Eugenia ihrer Schweſter entriſſen hatte, fielen auf ſie ſelbſt. Sie verzehrte ſich faſt vor Lang⸗ weile, während ihre Schweſter unter der theilneh⸗ menden Leitung Miß Cheerly's ſich von deren tödt⸗ 202 lichem Einfluß erholte. Um die Zeit todt zu ſchla⸗ gen, hatte Eugenia einen franzöſiſchen Moderoman mitgebracht, in welchem ſie las, was ſie aber nicht verhinderte, von Zeit zu Zeit die Augen zu erhe⸗ ben, wenn ein lauter Ausbruch der Fröhlichkeit ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. In einem ſolchen Augenblicke gewahrte ſie Albert Mortimer und einen Fremden, den ſie nie zuvor geſehen hatte, und welche von der andern Seite der Gartenhecke nach ihr her⸗ über ſahen. Was kann er wollen? dachte ſie. Meint er vielleicht, daß Einſamkeit und der Landaufenthalt bei mir gewirkt haben? Er mag kommen; ich werde mich nicht ein zweites Mal wieder ſo erniedrigen. Die Herren kraten in den Garten ein,— Al⸗ bert unter dem Vorwand, nach ſeiner Mutter zu fragen, die auf dem Hofe zurückgeblieben war. Der General, der das Feſt mit ſeiner Gegenwart beehrt hatte, empfing ihn herzlich, die Schweſtern aber benahmen ſich ſehr kühl gegen ihn. „Mrs. Mortimer iſt leider nicht mit uns,“ be⸗ merkte Bella.„Sie würde ſich ſehr gefreut ha⸗ ben, Sie zu ſehen. Sie iſt aber wegen einer leich⸗ ten Unpäßlichkeit zu Hauſe geblieben.“ Der junge Officier drückte ſeine Freude darüber aus, daß er das ſchöne Mädchen ſoweit beſſer aus⸗ ſehend finde, wie zur Zeit als ſie London ver⸗ laſſen hatte. K „Nicht wahr!“ rief der erfreute Vater, ſie zärt⸗ lich anblickend;„es geht nichts über einen Land⸗ aufenthalt! London wird mir nachgerade gans zu⸗ wider und ich gehe ernſtlich mit dem Gedanken 203 um, das Haus, das ich auf drei Jahre dort ge⸗ miethet habe, aufzugeben, und mich ganz auf dem Hofe niederzulaſſen.“ Albert blickte unwillkührlich nach Eugenia hin, um in ihren Gedanken zu leſen, aber das Geſicht des ſtolzen Mädchens blieb völlig regungslos. Sie hätte um keinen Preis ihre Empfindungen im jetzi⸗ gen Augenblicke verrathen. Während dem war Sir Mordaunt Tracy, deſſen Schweſter und Miß Cheerly ebenfalls herbeigekom⸗ men. Der Baronet ſchüttelte dem jungen Mann die Hand und hieß ihn, in der Erinnerung, daß er Harold's Begleiter geweſen war, herzlich will⸗ kommen. „Appropos!“ ſagte der General,„Sie haben uns Ihren Freund noch nicht vorgeſtellt.“ Albert Mortimer ſtellte auf die ungezwungenſte Weiſe Mr. Brandon vor. Der Baronet verbeugte ſich ſteif, die arme Emma aber erſchrack bei dem Namen, in der Meinung, es ſei dieß derſelbe Mann, der ſie ſo gewiſſenslos ihres kleinen Vermögens beraubt habe. „Der Prätendent von Burg⸗Hall, wie ich glaube,“ bemerkte der Baronet bedeutungsvoll. „Der Eigenthümer, Sir Mordaunt, der unan⸗ gefochtene Eigenthümer dieſes Beſitzthums,“ erwi⸗ derte Brandon.„Mein Vetter hat im Gefühl, daß er keinen moraliſchen Anſpruch an die Herrſchaft beſitzt, den geſetzlichen Weg verſchmäht und ſich der weitern Einſprache begeben.“ „Wenn er das gethan hat, ſo hat er edel ge⸗ handelt,“ rief General Trelawny aus. 204 „Sehr edel,“ ſetzte Miß Tracy hinzu. „Oder ſehr thöricht,“ ſagte ihr Bruder. „Edel oder thöricht,“ wiederholte Albert Mor⸗ timer, eifrigſt bemüht, einen günſtigen Eindruck für ſeinen Begleiter zuwege zu bringen,„mein Freund hat mich erſucht, ihn nach Granstoun zu begleiten, in der Hoffnung, hier vielleicht Aufklä⸗ rung über einen Umſtand zu erlangen, welcher ſeine Abſicht vereitelte, eine Summe Geldes aufzuneh⸗ men, die er ſeinem Vetter zu übermachen wünſcht.“ „In Granstoun!“ wiederholte der Baronet er⸗ ſtaunt.„In welcher Beziehung kann ich zu der Sache ſtehen?“ „Die Beſitzurkunden der Herrſchaft fehlen und Brandon glaubte, Sie könnten vielleicht Ihnen zur Aufbewahrung anvertraut worden ſein.“ „Ich habe ſie nie zu Geſicht bekommen,“ er⸗ widerte Harold's Onkel,„ohne Zweifel ſind ſie in den Händen der Notare.“ „Nein.“ „Alſo bei Harry's Bankier.“ „Auch da ſind ſie nicht.“ „Halten Sie,“ ſprach der Baronet, ſich erin⸗ nernd;„ich entſinne mich, daß Ihr Vetter meinem Neffen geſagt hat, ſie befänden ſich im Archiv von Burg⸗Hall, an deſſen Thüre er ſein Siegel ange⸗ heftet habe.“ „Wir fanden das Siegel unverletzt,“ rief Bran⸗ don bitter,„aber die Urkunden ſind fort. Ich fange an zu glauben, daß meines Vetters Edel⸗ muth nur fingirt war, denn alle übrigen Papiere ſind übergeben worden.“ 7 ———— 205 „Fanden Sie unter dieſen nicht vielleicht eine Verſchreibung Ihres Onkels Richard an Capitän Cheerly, den Vater dieſer jungen Dame, im Be⸗ trag von fünf Tauſend Pfund?“ rief General Tre⸗ lawny. „Die Verſchreibung nicht, wohl aber die Quit⸗ tung über die Wiederbezahlung derſelben.“ „Von wem unterzeichnet?“ rief Emma. „Von—“ Ein Blick von Albert Mortimer hielt Brandon ab, den Namen zu nennen. „Ich habe ihn wahrhaftig vergeſſen,“ ſetzte der Yankee hinzu.„Vielleicht iſt es eine andere Ver⸗ ſchreibung; übrigens welche Forderung dieſe Dame haben mag, ſo bedarf es nichts weiter, als daß ihre Gültigkeit nachgewieſen wird, worauf ſie unbedingt ausbezahlt werden ſoll.“ „Geſprochen wie ein Gentleman,“ ³) ſagte der General,„und ſo heiße ich Sie, Mr. Brandon, noch einmal herzlich in Granstoun willkommen.“ Sir Mordaunt Tracy ſprach ſich mit gleicher Höflichkeit, wenn auch nicht eben ſo warm, aus. Von dieſem Tage an datirte der amerikaniſche Abenteurer ſeine Zulaſſung in die wahrhaft gute engliſche Geſellſchaft. 0 Mit dieſen Worten bezeichnet der Engländer nicht nur einen vornehmen, ſondern auch einen edel geſinnten Mann. 206 Einundvierzigſtes Kapitel. Ohne allen Zweifel mußte Brandon Burg, um General Trelawny und Sir Mordaunt Tracy über ſeine vorgebliche Freigebigkeit gegen ſeinen Vetter, — die, wie wir kaum zu verſichern brauchen, blos in Worten beſtand,— zu täuſchen, ſeine Rolle ge⸗ ſchickt einſtudirt haben, und der Brief, welchen Harry in einem unglücklichen Augenblick des Edel⸗ muths geſchrieben hatte, trug ebenfalls noch dazu bei, die Täuſchung wahrſcheinlicher zu machen. Weder der Baronet, noch deſſen Freund, konnten ſich denken, daß derſelbe von allzu großer Delica⸗ teſſe und übertriebenem Ehrgefühle eingegeben wor⸗ den ſei, ſondern gelangten natürlicher Weiſe zu der Ueberzeugung, daß der Verfaſſer deſſelben im Be⸗ ſitze von Thatſachen in Betreff der Anſprüche ſei⸗ nes Gegners auf die Herrſchaft ſich befinde, durch die er ſich veranlaßt geſehen habe, von einem wei⸗ tern Proceßverfahren abzuſtehen. In Folge dieſer Anſicht wurde Brandon ſowohl auf dem Hofe, wie in Granstoun⸗Hall als Gaſt empfangen. Als der General mit ihm über Miß Cheeriy's Verſchreibung und deren traurige Lage ſprach, drückte der Yan⸗ kee großes Erſtaunen aus; es ſei das erſte Wort, das er von dieſer Forderung höre; übrigens liege darin nichts Auffallendes, da er ſo ſpät erſt in den Beſitz der Herrſchaft gelangt ſei und noch keine Zeit gefunden habe die Rechnungen und Papiere ſeines Vetters durchzuſehen. Der Umſtand, daß die Verſchreibung verloren gegangen ſei, könne, wie er . 8— 207 mit ſcheinbarer Offenheit erklärte„die Anſprüche nicht ſchwächen. Er würde erröthen, aus einem derartigen Umſtand Nutzen zu ziehen, und ſo bald er wieder nach London komme, wolle er bei Sir John Sellem nachfragen; er verlange bloß den moraliſchen Nachweis, um ſogleich die Auszahlung erfolgen zu laſſen. Kein Wunder, daß Brandon auf dieſe Weiſe täglich in der Meinung ſeiner neuen Freunde ſtieg. Es bedarf aber wohl keiner Verſicherung, daß die männliche und uneigennützige Rolle die er ſpielte, ihm von Albert Mortimer eingelernt worden war, der auf ihn jenen Einfluß übte, den ein überlege⸗ ner Geiſt ſtets über ein ſchwaches Gemüth zu er⸗ langen pflegt. Der gierige Yankee, mit ſeinem ſelbſt⸗ ſüchtigen Weſen, wäre gänzlich unfähig geweſen, irgend eine edlere Empfindung an den Tag zu legen, dagegen verſtand er es aber, eine ſolche zu heucheln, wenn es ſich darum handelte ſeine Intereſſen zu fördern oder Jemand zu täuſchen. „Ich begreife nicht,“ bemerkte er an dem Abende, an welchem er Sir Mordaunt Trach und dem Ge⸗ neral vorgeſtellt worden war,„weßhalb Sie mein Geſtändniß verhinderten, daß ich im Beſitze von Miß Cheerly's Qnittung über den Empfang von fünftauſend Pfund bin, die deren Vater meinem Onkel Richard geliehen hat.“ „Einfach deßhalb, weil Sir John ſie fälſchte,“ verſetzte ſein Rathgeber. Brandon Burg ließ einen langen Pfiff hören, worüber Albert die Stirne runzelte.„Ich wünſchte „ 208 daß Sie ſich meiner Lehren erinnerten,“ fuhr die⸗ ſer fort;„das Pfeifen iſt eine gemeine Gewohnheit.“ „Wir ſind ja aber unter uns!“ bemerkte ſein Zögling verſtimmt,„und es iſt ſcheußlich ſchwer,— „Wollen Sie nicht lieber ſagen, ſehr ſchwer?“ unterbrach ihn der Officier. „Meinethalben, alſo ſehr ſchwer,“ fuhr ber Er⸗ ſtere fort,„ſeine Worte ſelbſt in einem Geſpräch unter vier Augen abzuwägen. Daß ich ſo etwas vor dem ſteifen, alten Narren von Baronet und deſſen Freund nicht ſage, mag wohl gut ſein, aber wir kennen uns beſſer— nicht wahr?“ „Id. Hätte Brandon den Ausdruck von Verachtung und Spott bemerkt, der einen Augenblick aus dem ſonſt ſo kalten und berechnenden Auge ſeines Men⸗ tors blitzte, ſo würde er dieſelbe Frage ſich ſelbſt zum zweiten Male geſtellt haben. „Ich mag nicht gern blinde Kuh mit mir ſpie⸗ len laſſen,“ rief der Abenteurer. „Mißtrauen Sie mir?“ fragte Albert ſtolz. „Nein; ich kann nicht gerade ſagen, daß ich Ih⸗ nen mißtraue,“ erwiderte der Amerikaner gedehnt, „aber ich beklage mich darüber, daß ich Sie nicht verſtehen kann.“ „Und doch iſt das Spiel klar genug.“ „Ich glaube, daß man mich auch noch nie zum Narren gehalten hat,“ bemerkte Brandon, deſſen Empfindlichkeit durch den Ton der Ueberlegenheit, welchen Albert gegen ihn annahm, erregt wor⸗ den war. „So hören Sie denn,“ erwiderte Mortimer; 209 „zuerſt möchte ich Sie aus den Händen des Sir John Sellem befreien, der einen drückenden Ver⸗ trag mit Ihnen abgeſchloſſen hat, indem er ſich ſelbſt den Löwenantheil an der Beute zueignete. Dieß vermag ich in Folge des Fehlens der Beſitz⸗ urkunden, welche auf eine unbegreifliche Weiſe aus dem Archiv in Burg⸗Hall verſchwunden ſind, ſo wie der Entdeckung einer Fälſchung der Quittung der Miß Cheerly über Rückahlung der fünftauſend Pfund, die er offenbar Ihrem abenteuerlichen Vet⸗ ter zur Laſt legt. Aber Stillſchweigen gegen Still⸗ ſchweigen.“ „Wie ſoll ich aber zu Geld kommen, um die Anſprüche von Wigget und Tye zu bezahlen?“ fragte Brandon, dem es nicht übel einleuchtete, dem Bankier ein Schnippchen zu ſchlagen.„Geld muß ich haben. Dann kommt auch Ihr Antheil an dem Handel, obgleich ich vorausſetze, daß Sie nicht dar⸗ auf dringen werden, ihn zu erhalten.“ „Ich kann zuwarten.“ „Schön,“ rief Brandon voll Erſtaunen;„das nenne ich nobel.“ „Ein paar Wochen,“ ſetzte Albert hinzu. Der Yankee hätte gar zu gern ein abermaliges Pfeifen hören laſſen. „Was Wigget und Tye anbelangt,“ fuhr der Erſtere fort,„ſo können Sie hinreichend dadurch Geld ſich machen, daß Sie Bauholz ſchlagen laſſen und langjährige Pachtverträge zugeſtehen, womit Sie dieſe Leute befriedigen können. Snape und die Haushälterin können auf die gleiche Weiſe bezahlt Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 14 210 werden. Mit mir können Sie ſich bei Ihrer Ver⸗ mählung abfinden.“ „Himmel und Erde! Daran habe ich nicht ge⸗ t „Aber ich habe daran gedacht,“ erwiderte Al⸗ bert kalt.„Sie befinden ſich jetzt in einer Lage, um eine glänzende Partie machen zu könnenz ver⸗ binden Sie ſich mit einer Familie, deren Einfluß und Anſehen Sie in Stand ſetzt, ſich in der ge⸗ ſellſchaftlichen Stellung zu erhalten, die Sie ſich auf ſo geſchickte Weiſe erworben haben. Sehen Sie ſich nach einer Frau um, deren Vermögen Sie aus allen Verlegenheiten reißt.“ „Iſt dieß ausführbar?“ rief Brandon. „Ich verſchwende meine Zeit nie an Unmög⸗ lichkeiten.“ „Wenn die Dame nicht zu alt iſt und das Noth⸗ wendige beſitzt, ſo bin ich gar nicht abgeneigt.“ „Für ihr Vermögen kann ich ſtehen,“ ſagte der Ofſicier.„Ihr Vater beſitzt nicht nur großen Ein⸗ fluß, ſondern auch ein ungeheures Vermögen. Was halten Sie von der älteren Miß Trelawny?“ „Ein prächtiges Geſchöpf!“ rief der Yankee; „ein Kernmädchen!— ganz wie für mich geſchaffen. Mir gefällt das wie ſie den Kopf in die Höhe wirft. Ich möchte ſie wohl Broadway hinunter ſteuern ſehen mit ihrer ſtattlichen Geſtalt; und wenn ich glauben könnte, daß ſie mich nähme— „So würden Sie um ſie anhalten 2 „Im Augenblick.“ „Sie wird Sie erhören, mein Wort darauf!“ antwortete ſein Freund. 211 Es gab Vieles, was Mr. Brandon Burg glaubte, aber auch Manches, woran er zweifelte. Unter Letz⸗ teres gehörte namentlich der Glaube an Uneigen⸗ nützigkeit und Freundſchaft von Seiten irgend eines Menſchen. Er konnte nicht begreifen, weßhalb Mor⸗ timer, wenn die junge Dame wirklich das Vermö⸗ gen, von dem er ſprach, beſaß, dieſelbe nicht für ſich zu erlangen ſuche. Dieſer Gedanke machte ihn nachdenklich, ſo daß Albert endlich ungeduldig wurde, der als genauer Menſchenkenner in der Seele des Abenteurers die Zweifel las, welche ſein Vorſchlag erweckt hatte, und deßhalb beſchloß, durch ein offenes Geſtändniß mit einem Male dieſelben zu zerſtrenen. „Die Dame würde ſich nicht ſehr geſchmeichelt fühlen, wenn ſie Zeuge Ihres Zögerns wäre,“ be⸗ merkte er. „Ich zögere nicht, ſondern wundere mich nur — Sie wiſſen wohl, daß man für ſeine Gedanken nichts kann— daß, wenn Miß Trelawny ſo reich iſt, Sie nicht ſelbſt um ſie angehalten haben.“ „Ich habe es gethan.“ Brandon ſperrte die Augen weit auf bei die⸗ ſem Bekenntniſſe. „Und bin abgewieſen worden,“ ſetzte Albert ruhig hinzu. „Wie!“ rief der Yankee, indem er ihn prüfend muſterte;„Sie ſetzen mich in Erſtaunen. Ich glaubte, kein britiſches Frauenzimmer ſchlage einen Officier aus. Im Süden ſieht man den rothen Rock als den beſten Köder für Fraueuzimmer ſowohl, wie für Schlangen, an; deßhalb möchte ich— das heißt, wenn Sie es ihr nicht wieder ſagen gerne N 212 hören—“ Er hielt inne, denn in ſeinem Verhält⸗ niß zu Albert Mortimer gab es eine Grenze der Vertraulichkeit, über welche ſich ſogar ſeine kalte Unverſchämtheit nicht hinauswagte. „Aus welchem Grunde meinen Sie wohl?“ ſagte der Officier. „Das iſt's; ich wollte nur nicht gern darnach fragen, denn eine offene Wunde juckt, wenn man daran kratzt.“ „Ich bewundere Ihre Delicateſſe,“ bemerkte Mortimer mit ironiſchem Lächelnz„aber dieſe Wunde iſt ſchon ſo lange geheilt, daß ich eine Berührung ohne Schmerzen wohl ertragen kann. Miß Tre⸗ lawny wies mich aus zwei Gründen ab. Ich hatte ihr nichts anzubieten als meinen Degen und mei⸗ nen Kopf. Der Erſtere iſt in dieſer jämmerlichen Friedenszeit nicht geeignet ſeinem Herrn den Weg zum Glück zu bahnen. Den Letztern,“ ſetzte er be⸗ dächtlich hinzu,„unterſchätzte ſie vielleicht zu ſehr.“ „Sie lieben ſie alſo nicht mehr?“ bemerkte Bran⸗ don. „Ich ſollte ſie lieben!“ wiederholte Albert mit einem teufliſchen Ausdrucke des Geſichts.„Habe ich Ihnen nicht gerathen ſie zur Frau zu nehmen?“ „Was beweist dieß?“ „Daß ich ſie haſſe,“ antwortete der junge Mann ruhig,„und ſie gern mit einem Manne vermählt ſähe, der ihren ſtolzen Geiſt bräche, ſie in den Staub träte und ihr flatterhaftes Herz, wenn ſie überhaupt eines hat, demüthigte; überdieß würde dieſe Heirath unſer gegenſeitiges Intereſſe fördern.“ „Ich glaube, daß wenn irgend ein Mann im ———— — 213 Stande iſt den Teufel bei einer Frau auszutrei⸗ ben,“ ſagte der Yankee,„daß ich es bin. Ich fing ſchon jung an, kaum fünfzehn Jahre alt. Wie ich Ihnen ſchon einmal ſagte, ſo wurde ich von einem Onkel im fernen Weſten erzogen, deſſen Frau uns Beiden das Leben ſauer machte. Sie war ſo gif⸗ tig wie eine Klapperſchlange, und hitzig wie ein Alligator. Jonathan, ſagte mein Onkel eines Tages zu mir, nachdem es, wie gewöhnlich, wieder einen Sturm abgeſetzt hatte— man nannte mich damals Jonathan— ich kann's mit Deiner Tante nicht länger mehr aushalten— ſie bringt mich noch unter den Boden. Ich gehe aus der Farm fort. Das wäre ſehr thöricht, ſagte ich, denn ſie iſt ſehr einträglich, und ich ließe mich durch keine Frau vertreiben. Das würdeſt Du nicht thun? verſetzte der alte Junge, mit den Augen blinzelnd. Was würdeſt Du denn thun? Ich ſagte es ihm nicht, aber wir verſtanden einander, und es wurde ver⸗ abredet, daß er auf ein paar Wochen ſein Hausweſen verlaſſen ſolle. Als er wieder zurückkam, fand er ſie ſo ruhig und unterwürfig, als er es nur wünſchen konnte.“ „Auf welche Weiſe haben Sie denn dieſes Wun⸗ der zuwegegebracht?“ fragte Albert. „Ich habe ſie jeden Morgen und Abend durch⸗ gegerbt!“ antwortete der Amerikaner;„Sie glau⸗ ben gar nicht, wie überzeugend dieſe Art von Be⸗ weisführung iſt. Ich habe noch nie einen Neger oder eine Frau gefunden, die ihr widerſtanden hätten.“ „Ihr Onkel muß über die Veränderung ſehr er⸗ ſtaunt geweſen ſein.“ 214 Brandon nickte ihm bejahend zu, indem er ſagte, daß ſeine Tante noch weit mehr erſtaunt ge⸗ weſen ſei.„Sie glauben gar nicht, wie ſehr ſie ſich beſſerte,“ ſetzte er hinzu;„ſie wurde ſo mürbe, wie ein gebratener Apfel!“ „Mittel dieſer Art mögen allerdings in Amerika von großer Wirkung ſein,“ bemerkte der Officier; „aber in England dürfte man ſich gegen eine Frau von dem Stande der Miß Trelawny ſo Etwas nicht herausnehmen.“ „Anfangs allerdings nicht.“ „Ich will Ihnen jetzt ſagen,“ fuhr der Officier fort,„auf was für Gründe ich den Erfolg meiner Hoffnung baue. Eugenia iſt eitel, ſtolz, ehrgeizig und darauf aus, eine Stellung in der Modewelt einzunehmen, von welcher der Beſchluß ihres Va⸗ ters, wegen ſeiner jüngern Tochter Geſundheit auf dem Land zu leben, ſie ferne hält. Man hält Sie nicht nur für reich, ſondern auch für den Träger eines ehrenvollen Namens. Sie brauchen bloß an⸗ zuhalten, um angenommen zu werden. Für Mor⸗ gen ſind wir zum Diner in die Halle geladen; Sie können ſehen, wie die Sachen ſtehen, und wenn die Umſtände günſtig ſind—“ „Gleich losdrücken!“ rief der Yankee. Am folgenden Morgen verließ Mr. Brandon Burg das Wirthshaus, wo er und ſein Gefährte abgeſtiegen waren, um allein einen Spaziergang zu machen. Es war ihm unmöglich, zu einem feſten Entſchluſſe zu kommen, ſo lange das Auge Albert Mortimer's auf ihm haftete. Der kalte, durchdrin⸗ gende Blick deſſelben übte eine Art von magneti⸗ 2¹5 ſchem Einfluß auf ihn, dem er ſich, wiewohl mit Widerwillen. unterwarf. Obgleich er ſelten oder nie ſeines Mentors Vorſchläge ablehnte, ſo war es ihm doch lieber, wenn er allein mit ſich zu Rathe gehen, ſie gewiſſermaßen mit Muße geiſtig verdauen konnte. Nachdem er durch das Dorf geſchlendert war, wandte er ſich der einſam ſtehenden Kirche zu. Kein Lüftchen rauſchte in den Blättern der Ulmen, deren hohe Aeſte gleichſam ein grünes Schattendach über den Weg bildeten. Ein Freund der Natur wäre ſtehen geblieben, um die üppige Vegetation zu bewundern; er war aber von andern Gedanken erfüllt, denn er hatte keinen Sinn für eine ſo erha⸗ bene Scenerie. Wenn man ihn auf den Berg Li⸗ banon verſetzt hätte, ſo würde er nur den Kubik⸗ inhalt und den Werth der Cedern darauf berechnet„ haben. In ſeinem Gemüth ſteckte nicht mehr Poeſie als Wohllaut in der Kehle einer Eule. „Albert iſt ein geſcheidter Kerl,“ murmelte Brandon Burg vor ſich hin.„Er würde einen Vogel aus ſeinem Neſte wegpfeifen, wenn er deſſen Eier ausnehmen wollte und ihm kein anderer Weg zu Gebot ſtünde; aber er ſoll mir nur vor Allem dazu verhelfen, mir den Sir John vom Halſe zu ſchaffen, der zuerſt die Kirche berauben und dann ſeine Gebete herſagen würde— daß ich die Herr⸗ ſchaft behalten darf, anſtatt ſie um die Hälfte ihres Werthes zu verkaufen— und ich will ihn gegen den beſten Advocaten in der ganzen Welt decken. Ich war ein Hauptnarr, daß ich einen ſolchen blin⸗ den Handel eingegangen habe— daß ich die Nüſſe für Andere aufknackte, damit dieſe bequem die Kerne 216 eſſen können.“ Während dieſes Monologs überkam ihn ein ſo bitteres Gefühl, als wenn Burg⸗Hall ihm von Rechtswegen, und nicht durch Betrug, Fälſchung und geheime Verſchwörung zugefallen wäre. Der legitime Erbe der Güter hätte ſich unter ähnlichen Umſtänden nicht mit mehr Unwillen aus⸗ ſprechen können.„So geht es,“ ſetzte er nach eini⸗ gem ferneren Nachdenken hinzu,„ſo geht es; der alte Fuchs iſt in der Falle. Er mag ſich winden und ziſchen, wie eine Klapperſchlange mit zerbro⸗ chenem Rückentheil, aber er kann, gleich dieſer, nicht mehr beißen. Er muß den Vertrag fallen laſſenz denn wir haben der Schlange die Zähne ausgeriſſen.“ Das Project einer Verbindung zwiſchen ihm und Eugenia Trelawny ſchmeichelte der Eitelkeit des Yankee außerordentlich. Ihre Schönheit hatte ihm imponirt und er war ſchlau genug, um ſogleich alle Vortheile einer Verbindung mit einer ange⸗ ſehenen und reichen Familie einzuſehen. Der Um⸗ ſtand, daß ſie Albert Mortimer abgewieſen hatte, hob ſie in ſeiner Achtung, die ſich keineswegs ver⸗ mindert hätte, wenn er auch alle Umſtände dabei gewußt hätte. Nachdem er Alles genau hin und her überlegt hatte, gelangte er zu dem Schluſſe, daß er nichts Beſſeres thun könne, als vorderhand ganz durch ſeinen Freund ſich leiten zu laſſen. Dabei behielt er ſich jedoch vor, ſeinen Rathgeber ſeiner Zeit, wenn er deſſelben nicht mehr bedünfe, ſich ebenfalls vom Halſe zu ſchaffen. In dieſem Naochſinnen wurde Brandon durch Suſan's Kommen geſtört, die einige der jüngeren Kinder zum Beſuche ihrer Eltern in das Dorf zu 217 führen im Begriffe war. Als das arme Mädchen an ihm vorüberging, machte ſie eine höfliche Ver⸗ beugung. Brandon ſah ſcharf nach ihr hin und brach dann in ein unbändiges Gelächter aus. Er erkannte ſie, weil er ſie mehrmals auf dem Tanz⸗ boden geſehen hatte. „Was machſt denn Du hier?“ fragte er.„Hol mich der Teufel, wenn ich gleich wußte ob ich mei⸗ nen Augen trauen ſoll. Erinnerſt Du Dich meiner nicht?“ „Nein, Herr.“ „Aber ich kenne Dich.“ Suſan erröthete tief. „Soll ich Dir ſagen, wo ich Dich ſchon geſehen habe?“ ſetzte er in höhniſchem Tone hinzu. Außer ſich vor Scham und Verwirrung gab das unglückliche Mädchen keine Antwort, was ihren Pei⸗ niger veranlaßte, ein paar Takte einer wohlbekann⸗ ten Polka zu pfeifen. 1 „Du ſpielſt alſo die Sittſame,“ fuhr er fort, indem er ſie unter dem Kinn zu faſſen ſuchte. „Auf Ehre! Du ſiehſt verteufelt nett aus in dieſem Häubchen.“ Suſan, im Gefühle der beleidigten Sittſamkeit, wich unwillig einen Schritt zurück; als ihr aber zugleich einfiel, daß ſie ganz in ſeine Gewalt gege⸗ ben ſei, brach ſie in Thränen aus und faltete flehend die Hände, indem ſie ausrief: „Verrathen Sie mich nicht, Herr; vertreiben Sie mich nicht von einem Orte, an welchem ich auf eine honette Weiſe meinen Lebensunterhalt verdiene und wo mein Elend und meine Schande unbekannt ſind. 218 Wenn Sie die Entbehrungen kennten, die ich erdul⸗ dete, die Kunſtgriffe, die mich zu dem machten, was ich geweſen bin, ſo würden Sie mich bemitleiden und nicht beleidigen; gewiß würden Sie dieß, Herr. Allein in der Welt, ohne einen Freund, der mir gerathen hätte, oder mir beigeſtanden wäre— ohne Arbeit, ohne Obdach— dem Hungertode preisge⸗ geben— Verzweiflung im Herzen. Barmherzig⸗ keit! Barmherzigkeit!“ Die Kinder, welche ſie begleiteten, geängſtigt durch die Thränen, die ſie vergoß, fingen ebenfalls an zu weinen und hingen ſich angſtvoll an ihre Kleider. Wenn nur ein Funke menſchlichen oder edlen männlichen Gefühls in der Bruſt des Yankee vorhanden geweſen wäre, ſo müßte er bei dieſem Auftritte gerührt worden ſein; aber ſtatt ſich er⸗ griffen zu fühlen, ſchien er im Gegentheil ſich daran zu beluſtigen. Was Reue heiße, davon hatte er keine Ahnung, wie er überhaupt durchaus keinen Glauben an Andere beſaß. „Dich verrathen?“ wiederholte er;„wer denkt daran, Dich zu verrathen! Es wird nur Deine Schuld ſein, wenn wir nicht ganz gute Freunde werden.“ Der frivole Blick, mit dem dieſe Bemer⸗ kung begleitet war, konnte nicht mißverſtanden wer⸗ den.„Ich bin ein reicher Cavalier,“ fuhr er ſtolz fort;„hier iſt nicht der Ort für ein Mädchen mit Deinen Anſprüchen. Sprich nur ein Wort und Du kannſt mit mir nach London zurückkehren.“ „Niemals,“ erwiderte Suſan feſt. „Dann magſt Du die Folgen Dir ſelbſt zuſchrei⸗ ben,“ erwiderte Brandon gereizt.„Sei keine Närrin,“ 219 ſetzte er hinzu, als er ſah, daß das Opfer ſeiner Brutalität einer Ohnmacht nahe war;„ich will Dir einige Stunden Bedentzeit geben, um mein Aner⸗ bieten zu überlegen. Komm morgen früh hieher in die Allee. Willigſt Du ein, ſo iſt es gut; wenn nicht, ſo ſtelle ich Dich an den Pranger und ver⸗ treibe Dich mit Schande von dieſem Ort.“ Mit dieſen Worten ging er, die Polka pfeifend, weg, weil er einen Mann durch die Allee herauf auf den Ort, wo er ſich mit Suſan befand, zuſchreiten ſah, mit der er ſich in keiner Unterredung begriffen über⸗ raſchen laſſen wollte, und ſetzte ſeinen Spazier⸗ gang fort. Das arme Mädchen rang verzweiflungsvoll die Hände; es ſchien, als wenn ihr hartes Schickſal, das eine Zeit lang ſie verſchont hatte, grauſamer als je ſein Opfer auf's Neue zu verfolgen beginnen wolle.„Ich hätte es wiſſen ſollen, daß es ſo nicht bleiben könne,“ murmelte ſie.„Ich war zu glück⸗ lich. Glück iſt nur für die Unſchuld, für das reine Herz. Ich muß dieſen Ort und die theuren Freunde verlaſſen, die mich aufgenommen haben. Es wäre undankbar von mir, wenn ich ihnen Schande machte. Aber wohin kann ich fliehen? Ohne Heimath, ohne jede Ausſicht!“ „Nun, Suſan,“ rief die wohlbekannte Stimme Kit Corlings— denn das Kommen des ehrlichen Zimmermanns hatte den Wüſtling vertrieben— „was haben Sie denn? Sind Sie krank? Sie ſehen ja ſo blaß aus, als wenn Sie ein Geſpenſt erblickt hätten!“ „Das habe ich auch, Kit; das habe ich auch.“ 220 „Ein Geſpenſt!“ rief der junge Mann;„das iſt zum Lachen.“ „Das Geſpenſt der Vergangenheit,“ verſetzte das büßende Mädchen,„iſt erſchienen, um mir das Ur⸗ theil zu ſprechen. Sind Sie dem fürchterlichen Manne begegnet?“ „Dem Gentleman, der am Ende der Allee an mir vorüberging?— Ja. Was iſt's mit ihm?“ „Er kennt mich— kennt die unerbittliche Ver⸗ gangenheit, welche mich in meinen Träumen verfolgt — und er hat gedroht, mich an den Pranger zu ſtellen;— er will mich mit Schande aus der Dorf⸗ ſchule und von den armen Kindern wegtreiben, die mich lieben und mir anhängen, wenn ich nicht— Erſparen Sie mir die Beſchämung,“ ſetzte ſie ſchau⸗ dernd hinzu,„Ihnen ſeine ſchmählichen Anerbie⸗ tungen zu wiederholen. „Der Schurke!“ murmelte Kit.„Wer iſt er?“ „Ich weiß ſeinen Namen nicht. Er kam geſtern mit dem jungen Officier, einem Freunde des Ge⸗ nerals Trelawny, hier an. Ich muß fliehen— fliehen,“ wiederholte Suſan,„um der Verachtung zu entgehen.“ „Das ſollen Sie wohl bleiben laſſen!“ verſetzte Kit entſchloſſen,„ſo lange ich und Nancy Ihnen noch ein Unterkommen zu bieten haben. Er kann kein ſo gewiſſenloſer Schuft ſein, ſondern er drohte Ihnen bloß, um Sie einzuſchüchtern. Ich will ihm nach und mit ihm ſprechen. Bringen Sie die Kinder zurück in die Schule und warten Sie meine Rück⸗ kehr bei Nancy ab.“ 221 „Fangen Sie aber um meinetwegen mit ihm keinen Streit an,“ ſchluchzte Suſan;„ich bitte Sie inſtändigſt darum.“ „Wenn es ſo weit kommt, ſo iſt es ſeine Schuld. Gehen Sie nur; es wird ſich Alles machen, ſage ich Ihnen.“ Durch dieſe Verſicherung beruhigt, nahm ſich das arme Mädchen zuſammen und ſchlug mit den Kindern, die ſich eng an ſie anſchloſſen, und glück⸗ licherweiſe zu jung waren, um das, was vorge⸗ fallen war, zu verſtehen, den Weg nach dem Schul⸗ hauſe ein. Brandon hatte ſich indeſſen faſt eine halbe Stunde weit vom Orte entfernt, wo er Suſan ge⸗ troffen hatte, äußerſt vergnügt und beluſtigt über das Abenteuer, das er ſo eben beſtanden, als ihn plötzlich Jemand von Hinten auf die Schulter klopfte. Wie er ſich umwandte, erkannte er den Mann, der vor Kurzem in der Allee an ihm vor⸗ übergegangen war. „Entſchuldigen Sie, Herr,“ ſagte Kit;„aber ich wünſche mit Ihnen zu ſprechen.“ „Mit mir! Das iſt verdammt keck, ſage ich. Was können Sie mir mitzutheilen haben?“ Beim Tone dieſer Stimme horchte der Zimmer⸗ mann auf und ſah den Abenteurer feſt an, der im Glauben, durch ſeine angenommene Würde einge⸗ ſchüchtert zu haben, ſeinen Spaziergang weiter fort⸗ geſetzt haben würde, wenn Kit ihn nicht zuruckge⸗ halten hätte. „Sie müſſen mich anhören.“ 222 „Muß ich! Willſt Du mich vielleicht berauben, Burſche?“ „Das iſt nicht meine Art, Herr,“ antwortete der ehrliche Menſch.„Ich verdiene mein Brod durch meine Arbeit; Ihnen möchte vielleicht ſchwe⸗ rer fallen, mir zu erklären, wie Sie das Ihrige verdienen.“ „Unverſchämter!“ rief der Yankee.„Weißt Du, mit wem Du ſprichſt? Ich bin Brandon Burg,“ ſetzte er in hochtrabendem Tone hinzu, mit dem er den männlichen Vertheidiger der armen Su⸗ ſan einzuſchüchtern und demſelben vor den Folgen ſeines Schrittes bange machen wollte.„Der Eigen⸗ thümer von Burg⸗Hall.“ Dieſe Behauptung beſtätigte den Verdacht, wel⸗ chen der Ton der Stimme rege gemacht hatte. Kit . überzeugt, daß er dieſe früher ſchon gehört hatte. „Sie wollen alſo Ihre Drohung gegen das arme Mädchen wahr machen?“ „Buchſtäblich.“ „Hören Sie mich und merken Sie auf meine Worte, denn ich werde das meinige halten. Wenn Sie ſich noch einmal beigehen laſſen, ſie anzureden, oder nur ein Wort gegen irgend Jemand von ih⸗ rem früheren Mißgeſchick zu äußern, ſo ſchleppe ich Sie beim nächſten Zuſammentreffen, wo es auch ſei und in welcher Geſellſchaft Sie ſich be⸗ finden mögen, vor den nächſten Polizeibeamten.“ „Wie lächerlich!“ „Es wäre beſſer, wenn Sie es nicht darauf an⸗ kommen ließen.“ 223 „Aus welchem Grunde?“ Kit, der während der Unterredung ſeinen Geg⸗ ner feſt im Auge behalten hatte, ſtreifte den Aer⸗ mel ſeiner Jacke in die Höhe und zeigte die Narbe der Wunde an ſeinem Arm, die er in Haymarket erhalten hatte. Brandon Burg, Esquire, wie er ſich ſelbſt nannte, wurde beſtürzt. „Ich ſah Ihr Geſicht zwar nur einen Augen⸗ blick,“ fuhr der Zimmermann fort,„aber es iſt zu häßlich, als daß man es ſo leicht vergäße. Ihre Stimme hörte ich aber mehrmals, das kann ich be⸗ ſchwören. Es wurde eine Belohnung auf Ihre Habhaftwerdung ausgeſetzt.“ Vergebens behauptete der Abenteurer, daß er ſich irre, affektirte eine unwillige Miene und fand es ganz überflüſſig, ſeinen Ankläger zu überzeugen, daß er ihn für einen Andern halte. Kit ließ ſich von ſeiner Ueberzeugung nicht abbringen und durch Nichts irre machen. „Sie können mich weder täuſchen, noch beſchwa⸗ tzen,“ bemerkte er;„auch fürchte ich Ihre finſtere Blicke nicht. Sie ſind in England und nicht in Amerika, und kein Polizeibeamter hier zu Land hat die mindeſte Sympathie für ein Bowiemeſſer, das ſage ich Ihnen.“ Mit dieſer Warnung wandte ſich Kit um und ließ den Yankee, außer ſich vor Wuth und Aerger über die Entdeckung ſeines Verbrechens und die Lection, die er bekommen hatte, ſtehen.. „Es iſt doch nicht auszuhalten in dieſem unauf⸗ geklärten, bigotten, alten Lande!“ murmelte Bran⸗ don.„Dieſe Britanier ſind um eine halbe Welt 224 in ihren Begriffen zurück. Hat ſich dieſer Kerl doch benommen wie ein gereizter Bulldogg! Ich muß mich aber zuſammennehmen und ſchweigen, denn es paßt nicht für das Ohr von Eugenia und deren Vater, wenn ſie etwas von der Geſchichte in Hay⸗ market erfahren würden. Dieſer Albert hatte am Ende doch Fecht. Es war ein Mißgriff und kein bloßes Verſehen. Es iſt ein verfluchter Kerl!“ Unter dieſen Betrachtungen hatte er ſeinen Spaziergang weiter fortgeſetzt, nichts weniger als befriedigt mit ſich ſelbſt und der Wendung, welche ſeine Angelegenheit genommen hatte. Kit eilte unterdeſſen nach Haus, um möglichſt ſchnell Suſan von ihrer Angſt zu befreien, die er in einem bemitleidenswerthen Zuſtande von Auf⸗ regung fand, während ſeine Frau vergebens ſie zu tröſten ſich bemühte. „Muth gefaßt!“ rief er lächelnd.„Ich habe Ihren Feind zum Schweigen gebracht.“ Das arme Mädchen blickte ihn zweifelnd an. „Er wird ſich's zweimal überlegen, ehe er ein Wort ausſchwatzt,“ fuhr ihr Beſchützer fort;„ich habe dem Bären einen Maulkorb angelegt.“ „Aber wenn er mich blamirt, was werden die⸗ jenigen, die mich jetzt achten, ſagen? Was wird Miß Cheerly, die immer ſo gut gegen mich gewe⸗ ſen iſt, denken?—“ „Miß Cheerly weiß Alles,“ verſetzte Nancy. „Ich wollte ihr nichts verſchweigen, und wenn ſie bis jetzt nichts über Ihr Unglück geſprochen hat, ſo geſchah es, um Ihnen keine Pein zu verurſachen.“ „Sie weiß Alles,“ wiederholte das mehr durch — H — — 225 Armuth, als Laſter gefallene Mädchen, tief er⸗ röthend;„und ſie hat dennoch ſich herabgelaſſen, mit mir zu ſprechen, ſich um mein Wohlergehen zu kümmern,— womit habe ich ſo viele Güte ver⸗ dient?“— „Durch etwas,“ verſetzte Kitt,„was weit mehr Mitleid erregt, als das Beſte unter uns überhaupt zu gewähren im Stande iſt, weil es die Verzeihung des Himmels erwirbt— durch die Reue. Eigenes Leiden hat Miß Pheer nachſichtig gemacht und ihr edles weibliches Herz vollendete, wozu ſie von ſelbſt ſich angetrieben fühlte. Ich hatte heute auf einen recht glücklichen Tag gehofft,“ fuhr er faſt ver⸗ drießlich fort,„denn ich habe einen Brief von mei⸗ nem Freunde erhalten, den Sie gewiß zu ſehen ſich freuen werden,— von einem, der an Ihrem Wohl⸗ ergehen einen noch innigeren Antheil nimmt, weil ſein eigenes Glück dabei im Spiele iſt.“ Suſan errieth, daß er damit auf den edelmüthi⸗ gen jungen Mann anſpiele, der, trotz ihrer Ver⸗ gangenheit, verſprochen hat, ſie nach Verfluß eines Jahres zu ſeiner Frau zu machen. „In wenigen Tagen wird er hier ſein und den jungen Watſon mitbringen.“ Dieſe letztere Be⸗ merkung machte er gegen ſeine Frau. Mit einem Zartgefühl, welches Viele in einer höhern Lebensſtellung nicht gezeigt haben würden, verließ Kit das Haus, damit Nanch und Suſan ungeſtört beiſamen ſein könnten. „Vielleicht kommt er, um ſein Verſprechen frü⸗ her in Ausführung zu bringen, Suſan.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. III. 226 „Darf ich es denn wagen, ſein Anerbieten an⸗ zunehmen?“ rief das reumüthige Mädchen. „Dieſe Frage mußt Du an Dein eigenes Herz ſtellen,“ erwiderte ihre gewiſſenhafte Freundin. „Niemand kann für Dich antworten. Wenn Du fühlſt, daß es durch die Prüfung gereinigt iſt, die Du erduldet haſt, daß Du ihn wirklich liebſt und ihn glücklich machen iuunſt— Ja! Er weiß Alles; und der Mann, der edelmüthig genug iſt, ein ſol⸗ ches Opfer zu bringen, läßt ſich's ohne gewichtigen Grund ſelten gereuen, und dazu wirſt Du ihm, wie ich feſt überzeugt bin, nie Veranlaſſung geben.“ „Nie!“ ſchluchzte Suſan—„nie, nie!“ Zweiundvierzigſtes Capitel. An demſelben Tage ſpeisten Albert Mortimer und Brandon auf dem Hoſe zu Mittag, wohin Sir Mordaunt Tracy, deſſen Schweſter und Miß Cheerly ebenfalls geladen waren. Den Eingebungen ſeines gewandten Leiters gemäß widmete der amerikaniſche Abenteurer der älteren Miß Trelawny eine auffallende Aufmerkſamkeit, die ſeine Huldigung mit der gan⸗ zen ſtolzen Gleichgültigkeit einer gefeierten Schön⸗ heit hinnahm. Sie fühlte ſich aber deßhalb doch geſchmeichelt; denn wenn auch dieſe Bewunderung, wie unſere Leſer ſich wohl denken können, nicht von der zarteſten Art war, ſo erſchien ſie ihr doch beſſer als gar keine. Im Verlaufe des Abends 227 bat Brandon den Baronet um die Adreſſe der Reiſenden. „Es drängt mich,“ ſprach er,„das ſchöne Be⸗ nehmen meines Vetters anzuerkennen und durch Handlung mehr, als durch Worte, zu beweiſen, daß ich deſſelben nicht unwürdig bin.“ „Leider bin ich nicht im Stande, Ihnen die Adreſſe genau anzugeben,“ verſetzte Sir Mordaunt. „Die unbeſonnenen jungen Leute haben ſich un⸗ glücklicher Weiſe den politiſchen Parteien ange⸗ ſchloſſen, die ſich gegenwärtig die Krone Spaniens ſtreitig machen, und befanden ſich nach dem, was ich zuletzt von ihnen hörte, bei der carliſtiſchen Armee in den baskiſchen Provinzen.“ „Die gänzlich geſchlagen worden iſt,“ bemerkte Albert. Bella machte eine ſehr betrübte Miene und blickte vorwurfsvoll nach ihrer Schweſter hin, deren unnatürliches Benehmen Harold veranlaßt hatte, England zu verlaſſen. Ihr Vater und Sir Mor⸗ daunt bemerkten beide ihre Betrübniß und gelang⸗ ten, Einer wie der Andere, zu der Ueberzeugung, daß trotz ihrer unerklärlichen Weigerung, das arme Mädchen Harold aufrichtig liebe. „Sie irren ſich,“ ſagte der Baronet, gegen Mortimer gewendet.„Weit entfernt, geſchlagen zu ſein, wächst die Hoffnung der Royaliſten. Die chriſtiniſchen Generale haben bedeutende Nieder⸗ lagen erlitten, von welchen die königliche Partei nur aus Mangel an Artillerie keinen größern Vor⸗ theil zu ziehen vermochte. Meine Nachricht iſt ge⸗ nau; Harold ſpricht ſich auf die nce 228 3 Weiſe über das Genie und den Charakter Zuma⸗ lacarregui's aus.“ „Hören Sie es,“ flüſterte Miß Cheerly ihrer Freundin zu. „Aber ſein Leben iſt in Gefahr,“ antwortete Bella ebenfalls halblaut,„und ich bin die Veran⸗ laſſung. Leider kann ich nur für ihn beten.“ Brandon drückte, wie man ſich denken kann, das tiefſte Bedauern aus, daß er auf dieſe Weiſe nuicht im Stande ſei, mit ſeinem verehrten Vetter ſich in Briefwechſel ſetzen zu können. „Mein Bruder wollte dieß nicht damit ſagen,“ erwiderte Miß Tracy, die ſich von ſeinem anſchei⸗ nenden Edelmuth völlig täuſchen ließ.„Briefe un⸗ ter der Adreſſe an meine theure Freundin, die Her⸗ zogin von Rohan, kommen ihm ſicher zu.“ Brandon dankte ihr und machte eine Bemerkung in ſein Notizbuch.„Es muß ein glorreicher Kampf ſein,“ bemerkte er. „Und dazu einer, mit welchem ein rechtlich den⸗ kender Menſch ſympathiſiren muß,“ verſetzte das alte Fräulein, deren Anſichten ſtreng legitimiſtiſch waren.„Ich mißbillige es nicht, daß mein Neffe entſchieden Partei ergriffen hat; es liegt etwas Romantiſches, Ritterliches, dem Namen Trach völlig Würdiges darin.“ Sir Mordaunt ſeufzte, denn er dachte mehr an ſeinen Neffen als an die Sache, in welche dieſer ſich eingelaſſen hatte. „Hören Sie es!“ rief Eugenie lachend ihrem Bewunderer zu;„Ruhm und Liebeslächeln ſind beide in Spanien zu gewinnen. Sollte ihr Vetter am 229 Leben bleiben und zurückkehren, ſo kann er, trotz des Verluſtes ſeines Vermögens, ein gefährlicher Nebenbuhler in der Modewelt für den Beſitzer von Burg⸗Hall werden. Wenige Damen dürfien den Helden eines ſolchen Abenteuers zurückweiſen. „Wenn ich dieß glauben könnte,“ flüſterte Bran⸗ don,„ſo würde ich mich ſogleich auf den Weg ma⸗ chen.“ Der Blick der Bewunderung, welcher dieſe Worte begleitete, war zu deutlich, als daß ein Zwei⸗ fel über deren Sinn möglich geweſen wäre. „Bleiben Sie, wo Sie ſind, mein Verehrter,“ ſagte Albert Mortimer,„und überlaſſen Sie das Kriegführen den vermögensloſen jüngern Söhnenz es iſt dies ihr natürliches Erbe. Ein Mann mit Pfund Einkünfte jährlich hat nicht das Recht in ihr Privilegium einzugreifen. „Erträgt Burg⸗Hall ſo viel?“ fragte der Ge⸗ neral. „Die Herrſchaft wird ſo viel ertragen,“ erwi⸗ derte der Offizier, der ſeine beſonderen Gründe hatte, den Werth derſelben zu übertreiben,„wenn ſie gut bewirthſchaftet wird; und noch bedeutend mehr, wenn die Pachtverträge geſteigert würden.“ Zwanzigtauſend Pfund, wiederholte ſich Eu⸗ genie in Gedanken, indem ſie zugleich den vermeint⸗ lichen Herrn eines ſolchen Vermögens anblickte. Was könnte eine Frau von Verſtand und Geſchmack mit einer ſolchen Summe nicht alles anfangen? Während ſie dieß dachte, erſchien ihr Brandon Burg nicht halb ſo häßlich und lächerlich mehr, als bisher. „Was ſoll ich damit anfangen?“ bemerkte der ſchlaue Yankee.„Meine Geſchmacksrichtung iſt in * Folge der republikaniſchen Einfachheit, in welcher ich erzogen wurde, ebenfalls einfach. Dieſes große Vermögen wird mehr eine Laſt, als ein Segen für mich ſein, es wäre denn, daß ich ein weibliches WVeſen fände, das dieſen Reichthum mit mir theilte und mir die Laſt davon abnähme. Mit ſo vortrefflichen Geſinnungen,“ rief Sir Mordaunt Tracy lachend,„wird es Ihnen nicht chwer werden eine Frau zu finden.“ „Pfui! Bruder,“ ſagte ſeine Schweſter, indem ſie ſich den Anſchein gab, als wenn ſie durch eine ſolche Vorausſetzung ſich verletzt fühlte;„mein Ge⸗ det man vielmehr bei dem Deinigen. Sonſt mühte ein Mann ſich ab Ruhm und Vermögen zu erwer⸗ ben, um ſich dadurch einer Frau würdig zu machen; jetzt muß die Frau mit Reichthum geſegnet ſein, wenn es ihr gelingen ſoll einen Gatten zu bekom⸗ men. Die Männer, ſelbſt wenn ſie reich ſind, ſtel⸗ len ſich, wie eine Waare, gleichſam zur Schau aus für Diejenige, die den höchſten Preis bietet.“ Die beiden jungen Männer verwahrten ſich feier⸗ lich gegen den allgemein gehaltenen Tadel der Miß Tracy. „Meine Verwahrung iſt unnütz,“ bemerkte Al⸗ bert,„denn ich bin arm, und Armuth wird ſtets für eine eigennützige Zeugin gehalten.“ Brandon zeigte ſich ſehr beredt, indem er er⸗ klärte, daß ſeiner Anſicht nach der einzige richtige Gebrauch von Reichthum darin beſtehe, eine Frau zu Füßen lege, ihren Launen und ihrem Vergnügen ſchlecht iſt nicht ſo käuflicher Art; dieſen Fehler fin⸗ damit glücklich zu machen, indem man ihr denſelben huldige und jedem ihrer Wünſche zuvorzukommen ſuche.„Wo könnte mein Familienſchmuck glänzen als an dem Halſe einer Ga um des Gebers willen werth halten witd welchem andern Zweck ſoll ich mein Haus don, meine Wägen, Pierde und meine Ein behalten als in der Hoffnung, Eine zu finden, dieſe Geg zenſtände mit mir theilt?“ Alles Dieß ermangelte nicht den beab ſichiihen Eindruck auf Eugenien's Einbildungskraft hervot⸗ zubringen, die in Gedanken ihre Stellung als die Frau eines Mannes, wie Brandon einer zu ſein ſchien, mit ihrem jetzigen einſamen Leben, fern von der Modewelt, deren Zierde ſein zu können ſie ſich ſchmeichelte, verglich. Albert binen dem ſchein⸗ bar ohne ſie zu beobachten, keiner ihrer Blicke ent⸗ ging, lächelte in ſich hinein. Er ſah, daß die Stunde ihrer Erniedrigung und ihres Elends ſich nahe. Er hatte ſie zwar nie geliebt, jetzt aber haßte er ſie, weil ſie ſeine Berechnungen durchkreuzt und ihn vor ſich ſelbſt lächerlich gemacht hatte. „Mit ſolchen Gefthlen„Mr. Burg,“ ſagte Ge⸗ neral Trelawny trocken,„werden Sie nicht lange in Verlegenheit ein, Junggeſelle zu bleiben, glau⸗ ben Sie mir. Die Mütter werden Sie einladen, die Väter werden höflich gegen Sie ſein, und, was deren Töchter ſo wird die Hälfte der Schönen in London ſog leich ihre Netze nach Ihnen auswerfen,— das heitt, der Schönen, wie ſie heut zu Tage ſind, ſetzte er galant hinzu, als er das Stirnerunzeln der Miß Tracy bemerkte, die ſogleich durch dieſes Compliment ſich beruhigt fühlte, denn ſie war längſt mit ſich darüber im Reinen, daß die Mädchen jetzt weit mehr vorſchnell und eingebildet ſeien als zu ihrer Blüthezeit. Der übrige Theil des Abends ging ziemlich langweilig vorüber, denn die Gedanken von mehr als Einem Mitgliede der Geſellſchaft weilten bei dem abweſenden Harold, und in der darauffolgen⸗ den Nacht wurde ein Gebet, ſo rein als je eines von den Lippen der Unſchuld geſprochen worden war, an den Thron der Gnade für den in der Fremde Umherirrenden gerichtet. Während der Paar Tage, welche Brandon und ihr Sohn in der Rachbarſchaft des Hofes zubrach⸗ ten, verſchaffte Mrs. Mortimer dem Erſtern häufig Gelegenheit mit Miß Trelawny zuſammen zu tref⸗ fen, deren Phantaſie durch die Aufzählung ſeines Reichthums erhitzt worden war, und der lenkſame Anſtrich, den Brandon ſich gab,— den ſie unmög⸗ lich zu lieben im Stande war,— war die beſte Eigenſchaft, die er beſitzen konnte. Zuweilen, wenn ſie ſeinem aufgeblaſenen Wortſchwall lauſchte, ver⸗ glich ſie ihn unwillkürlich mit Harold Trach und die Qual der Reue drückte ihr Herz. Den letztern hatte ſie durch ihre eigene Thorheit und Koketterie verloren und die Reue kam, wie in den meiſten Fällen, auch hier zu ſpät. Als der Yankee ſie um die Erlaubniß bat an den General ſchreiben zu dürfen, gab die ſtolze Schöne nur zögernd ihre Einwilligung, die ſie unmittelbar darauf wieder zu⸗ rücknehmen wollte; aber der Gedanke in der Ver⸗ bannung bleiben zu müſſen, wie ſie den Landauf⸗ enthalt nannte, hielt ſie davon zurück. —e ———— 233 „Lieber jedes Schickſal als dieſes,“ murmelte ſie, und die Worte, die ſie noch hätten retten kön⸗ nen, verſtummten auf ihren Lippen. Am folgenden Tage verabſchiedete ſich der er⸗ hörte Liebhaber unter dem Verſprechen, ſogleich nach ſeiner Ankunft in London an General Trelawny zu ſchreiben, der von der Eroberung, die ſeine Toch⸗ ter gemacht, eben ſo wenig eine Ahnung hatte, als er ſie wünſchte; denn bei all ſeiner zur Schau ge⸗ ſtellten Großmuth und ſeinem Zartgefühl hatte Brandon dennoch den alten Militär darüber nicht zu täuſchen vermocht, daß ſowohl ſein Geiſt, wie ſeine Sitten roh ſeien. Selbſt Albert Mortimers Firniß, wie geſchickt er auch damit überzogen wor⸗ den war, hatte dieß nicht zu verdecken vermocht. Die Abreiſe der beiden jungen Männer war durch einen dringenden Brief von Sir John Sellem beſchleunigt worden. Den Bankier drängte die Un⸗ geduld, zu erfahren, ob die Beſitzurkunden der Herr⸗ ſchaft, die er zu kaufen eingewilligt hatte, gefunden worden ſeien, eine Anfrage, welche die Verbündeten aus mancherlei Gründen nicht anders als perſönlich zu beantworten wünſchten, da ſchon mancher Mann, wie Albert ſich wiederholt ausdrückte, durch ſeine Handſchrift ſich blosgeſtellt habe. Gleich den fol⸗ genden Morgen nach ihrer Ankunft in London mach⸗ ten ſich die Reiſenden, deren Intereſſen jetzt ganz identiſch geworden zu ſein ſchienen, nachdem ſie zu⸗ vor ihren Operationsplan genau abgeſprochen hat⸗ ten, zuſammen auf den Weg nach Lombard⸗ſtreet, wo ſie von Sir John auf die herzlichſte Weiſe em⸗ 234 3 pfangen wurden, was vielleicht gerade ein Beweis war, daß er ihnen mißtraute. „Warum antworteten Sie mir denn nicht auf meine Briefe?“ fragte er, ſobald er ſeine Glück⸗ wünſche über die glückliche Rückkehr ausgedrückt hatte. „Es iſt zuweilen etwas Gefährliches um Briefe,“ bemerkte der Officier;„ſie können in unrechte Hände fallen.“ „Vorſichtig, wie immer.“ „Uebrigens,“ fuhr Albert fort,„hätten wir eben ſo gut in London als in Burg⸗Hall bleiben kön⸗ nen, denn unſere Mühe und unſere Zeit ſind rein verloren. Sir Mordaunt Tracy weiß nichts von den Beſitzurkunden der Herrſchaft.“ „Und Sie glauben dieß? „Unbedingt.“ Das Geſicht des Bankiers drückte großen Ver⸗ druß aus, denn ſein Herz hing an dem Gedanken, ſich zum Eigenthümer des Guts zu machen. In ſeinem Aerger darüber ließ er den Verdacht durch⸗ ſchimmern, als ob falſches Spiel geſpielt worden ſei, ohne jedoch die beiden jungen Männer der Theilnahme zu bezüchtigen. „Falſches Spiel!“ wiederholte Brandon;„ich glaube allerdings, daß falſches Spiel und am Ende wohl auch gar thörichtes Spiel geſpielt worden iſt. Ich bin ſchmählich beraubt worden.“ „Auf welche Weiſe?“ fragte Sir John.„Ah ſo! Sie meinen die Beſitzurkunden. Ich weiß nicht, auf wen Sie Verdacht haben. Die Siegel an der Thüre des Archivs in Burg⸗Hall ſind zuverläſſig nicht erbrochen worden. Aber die Sache braucht 235 Ihnen keine Sorge zu machen,“ ſetzte er hinzu; „es laſſen ſich deßhalb doch Mittel ausfindig ma⸗ chen, um die Uebertragung der Herrſchaft geſetzlich und befriedigend zu bewerkſtelligen. Ich habe be⸗ reits Wigget und Tye darüber zu Rath gezogen.“ „An den Galgen mit Wigget und Tye!“ rief der Yankee;„denn da fällt mir eben die gefälſchte Quittung über Capitän Cheerly's Verſchreibung von fünftauſend Pfund ein.“ „Wir trafen nämlich Miß Cheerly auf dem Hofe,“ bemerkte Albert Mortimer ruhig, indem er ſich an des Bankiers Schreibtiſch ſetzte,„und unſer Freund hätte ohne meine Geiſtesgegenwart die Quit⸗ tung vorgewieſen.“ „Das hätte er nicht gewagt,“ antwortete der Geldmann, mit Mühe die Beſtürzung verbergend, e welche ihn die unerwartete Entdeckung verſetzt hatte. Brandon lachte laut auf. „Ich wiederhole nochmals, daß er es nicht ge⸗ wagt hätte,“ fuhr der Bankier fort.„Er vergißt, daß mein Zeugniß ihm den Reichthum, in deſſen Beſitz er ſich geſetzt hat, wieder rauben kann.“ „Sie haben es bereits abgelegt,“ erwiderte der Officier. „Und dieß,“ ſagte ſein Gefährte in triumphiren⸗ dem Tone, indem er die gefälſchte Quittung her⸗ vorzog,„wird Sie jederzeit an den Galgen bringen. Sie haben in der letzten Zeit zu gute Geſchäfte gemacht, als daß Sie dieß riskiren möchten. Das Leben iſt gar ſüß, meine ich, wenn man reich iſt.“ „Sie werden mir doch Ihr Wort nicht brechen 236 wollen,“ ſtammelte der ſchuldbefleckte Mann.„Er⸗ innern Sie ſich daran, wie arm, wie entſetzlich arm Sie waren, als ich Sie auffand und mich Ihrer annahm.“ „Was liegt daran?“ fragte Brandon ungedul⸗ dig;„Sie thaten dieß nicht aus Liebe zu mir, cal⸗ culire ich, ſondern aus Haß gegen meinen Vetter Harry.“ „Ihren Vetter!“ murmelte der Bankier mit ſpöttiſchem Lächeln. „Vorwürfe, Sir John Sellem,“ bemerkte Albert, der es paſſend fand ſich jetzt einzumiſchen,„ſind unvernünftig und nutzlos. Sie haben Ihre Karten ſchlecht ausgeſpielt und ſollten ſich über die Folgen nicht wundern. Der Vertrag, den Sie mit meinem Freund Brandon abgeſchloſſen, iſt, gelind ausge⸗ drückt, ſehr hart. Sie können ihn darüber nicht tadeln, daß er die Entdeckung, die er gemacht hat, dazu benützt, ſich davon loszumachen.“ „Damit er um ſo bequemer in Ihre Hände fällt,“ erwiderte der Bankier bitter. „Wohl möglich,“ lautete die kühle Entgegnung. „Sehen Sie, Mr. Mortimer,“ fuhr der Baronet fort;„es handelt ſich nicht ſowohl um den Werth der Herrſchaft, als vielmehr um den ganz beſondern Wunſch, den ich ſchon ſeit Jahren hege, dieſelbe zu beſitzen. Wenn Ihr Freund, wie Sie ihn nennen, mit den Bedingungen nicht zufrieden iſt, ſo mag er andere ſtellen. Wir werden uns wegen ein paar tauſend Pfund hin oder her nicht ſtreiten.“ „Sie müſſen auf den Vertrag verzichten, durch ———— den ich mich verbindlich machte, die Herrſchaft an Sie zu verkaufen,“ rief Brandon aus. „Niemals!“ „Dann geht dieſe Quittung noch heute Nacht an General Trelawny ab. Sie werden ſelbſt am beſten beurtheilen können, was Sie von dieſer Seite dann zu erwarten haben.“ „Iſt dieß Ihr letztes Wort?“ „Mein erſtes und letztes,“ erwiderte der Jankee, ſeinen Hut ergreifend, um ſich zum Weggehen an⸗ zuſchicken. Die beiden jungen Männer hatten bereits die Thüre des äußeren Comptoirs erreicht, als einer der Commis ſie zurückrief, indem er ihnen meldete, daß Sir John etwas vergeſſen habe, was er ihnen noch zu ſagen wünſche. Albert lächelte. Er wußte wohl, wie gänzlich der elende Menſch in ihrer Hand ſei und das Zurückrufen kam ihm deßhalb nichts weniger, als unerwartet. „Hatte ich nicht Recht?“ ſagte er zu ſeinem Ge⸗ fährten. „Sie haben immer Recht,“ erwiderte dieſer voll Bewunderung.„Sie ſollten dem jungen Lande an⸗ gehören, wahrhaftig, das ſollten Sie. Es thut dem Gefühl eines Freundes und Patrioten weh, daß ſolche Talente an einen Britanier weggeworfen ſind. Amerika iſt das einzige Land, das Ihrer würdig wäre. Wir wiſſen dort das Genie zu ſchätzen.“ Als ſie wieder in das Privatzimmer eintraten, fanden ſie den Bankier, den ſie in der leidenſchaft⸗ lichſten Aufregung verlaſſen hatten, wieder ſo ruhig und geſammelt, als wenn gar nichts Außergewöhn⸗ 238 liches vorgefallen wäre. Er hatte ſich ſeine Lage klar gemacht und gefunden, daß ihm nichts Anderes übrig bleibe, als nachzugeben. Nachdem er zu dieſem Schluſſe gelangt war, ſchien ihm jede weitere Bedenkzeit unnöthig. „Sie werden mir wenigſtens das Geld erſetzen,“ ſprach er,„das ich Wigget und Tye zur Führung Ihrer Sache vorſchoß.“ „Es kommt darauf an, wie viele Intereſſen Sie dafür fordern,“ bemerkte Brandon. „Ohne Intereſſen.“ Dieſes Anerbieten ſchien ſo billig, daß weder der Jankee, noch deſſen Rathgeber vernünftiger Weiſe dagegen Einſprache erheben konnten. Es wurde deßhalb eine Urkunde aufgeſetzt und von einem der Commis als Zeuge unterſchrieben. „Hier,“ ſprach Sir John, indem er die frühere Urkunde hervorlangte, in welcher für den Fall des Gelingens der Geltendmachung ſeiner Anſprüche auf Burg⸗Hall der jetzige Beſitzer ſich anheiſchig machte, die Herrſchaft ihm um eine gewiſſe Summe zu ver⸗ kaufen,„iſt unſer erſter Contract. Ich bin bereit denſelben gegen die Quittung auszutauſchen.“ Dieſe Manipulation bot einige Schwierigkeit, weil Keiner dem Andern traute. Zur Beſeitigung dieſes Dilemas wurde eine dritte Perſon herbeige⸗ rufen, mit deren Beiſtand das ſchwierige Werk voll⸗ bracht wurde. Sobald der Baronet im Beſitz der Quittung war, trat er damit an das Fenſter und prüfte ſie ſorgfältig, um ſich zu überzeugen, ob es auch dieſelbe ſei, die er fabrizirt hatte. Nachdem er ſich darüber beruhigt hatte, übergab er ſie den 239 Flammen, indem ein finſteres Lächeln über ſein Geſicht glitt, während das Papier verbrannte.„Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen, meine Herren,“ ſprach er;„wenn Sie nicht noch ein weiteres Ge⸗ ſchäft mit mir abzumachen haben, muß ich Sie bit⸗ ten, mich allein zu laſſen.“ „Tragen Sie's uns nicht nach!“ rief Brandon; „aber ſo ſeid ihr Britanier. In Newyork iſt es Anders. Wenn man dort Jemand mürbe gemacht hat, ſo wird man nur um ſo beſſer Freund mit ihm als zuvor.“ „Wir ſind aber nicht in Newyork.“ „Das iſt freilich ſchade,“ ſagte der Jankee,„ſehr ſchade.“ Alle Bemühungen zu einer Verſöhnung wurden von dem Bankier kalt abgewieſen, der bemerkte, daß er einem Menſchen, der ihn einmal hintergangen habe, nie mehr trauen könne. „Wie es Ihnen beliebt, Sir John,“ bemerkte Albert Mortimer in gleichgültigem Tone.„Wenn Feindſchaft zwiſchen uns beſtehen ſoll, ſo werden Sie ſich gefälligſt erinnern, daß ich keine Schuld trage.“ Der Bankier antwortete mit einer ſteifen Ver⸗ beugung. „Und daß die fünftauſend Pfund der Miß Cheerly bezahlt werden müſſen,“ ſetzte Brandon Burg hinzu. „Mein guter Name ſteht dabei auf dem Spiele.“ Trotz ſeines Aergers konnte der alte Mann bei dem Ausdruck„guter Name“ nicht umhin zu lächeln. Die Sache kam ihm gar zu ſpaßhaft vor.„Sie ſollen bezahlt werden,“ ſagte er;„Sie können dieß 240 dem General Trelawny und der jungen Dame mit⸗ theilen.“ Mit dieſer Zuſage verließen die beiden jungen Männer Lombard⸗ſtreet in der vollſten Ueberzeugung, daß das Gelingen ihres Planes ihnen einen bittern, unverſöhnlichen Feind gemacht habe, gegen den von nun an auf der Hut zu ſein, es keine kleine Auf⸗ gabe ſei. „Ich tröſte mich nur damit,“ ſagte der Ameri⸗ kaner während der Fahrt durch die City,“ daß der alte Schuft nicht lange mehr leben kann. Er ſieht jetzt ſchon ſehr miſerabel aus.“ „Er gehört unter die Menſchen, die man ſelbſt im Grabe noch fürchten muß,“ bemerkte ſein Ge⸗ fährte,„und es iſt kein kleiner Beweis meiner Freundſchaft, daß ich mir um Ihretwillen ſeinen Zorn auf den Hals geladen habe, denn er iſt eben ſo ſchlau, als rachgierig.“ Brandon gab keine Antwort, ſondern dachte an das, was der Bankier hinſichtlich der Abſichten Mortimers auf ſeine Herrſchaft geſagt hatte, und überlegte bereits, ob er ihn nicht eben ſo leicht ſich vom Halſe ſchaffen könne, wie es ihm mit Sir John Sellem gelungen war. ſoch denſelben Abend gingen zwei Briefe, die Albert in die Feder dictirt hatte, nach dem Hofe ab. Der eine war an den General gerichtet, in welchem Mr. Brandon Burg nicht nur um die Ehre bat, ſein Schwiegerſohn werden zu dürfen, ſondern auch ihm meldete, daß die Summe von fünftauſend Pfund in der Bank von Sir John Sellem und Compagnie zur Verfügung der Miß Cheerly niedergelegt ſei, 8 2 10 11 12 13 14 15 16 17 9 6 y S