3 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzſiſcher Literatur on*. Eduard Oktmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ege welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 M 50 Pf. 2 Mk. f. „„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ borene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . * — — Licht- und Schattenſeiten des Tebens. Volksroman von I⸗ F⸗ S U t h. Frei aus dem Engliſchen von A. von Schraishuon. Zweiter Band. — 0OCSe— Stutigart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. v* Sechszehnes Kapitel. Fs dauerte eine geraume Zeit, ehe der Lenker des Broughams die Hausnummer ausfindig zu machen im Stande war, und eine noch viel längere Zeit verſtrich, bis er ſich hörbar machen konnte, denn die Hausbeſitzerin Mrs. Perkins ſtand klat⸗ ſchend mit ihrer nächſten Nachbarin unter deren Thüre, die eben ſo, wie ſie, in allen möglichen Muthmaßungen ſich erſchöpfte, weßhalb wohl ihre Miethsleute zu ſo früher Stunde die Wohnung ver⸗ laſſen hätten. „Es konnte nicht deßhalb geſchehen ſein, um ihre Arbeit zu verkaufen,“ bemerkte Mrs. Perkins,„denn es ſind erſt ſechs von den Sacktüchern fertig; eben ſowenig ſkönnen ſie durchzugehen beabſichtigen,“ wie ihre Gevatterin gemüthlicher Weiſe voraus⸗ ſetzte;„aus welchem Grunde ſollten ſie auch das thun, da Emma und Nancy immer eine Woche vorausbezahlt haben. Ich muß eben die Rückkehr der Mrs. Rebecca abwarten; dann erfahre ich's gewiß. Die Amme iſt eine ganz gemüthliche Per⸗ ſon, der's hier im Hauſe ganz wohl behagt. Iſt 4 auch nicht ein bischen ſtolz und gleicht darin gar nicht ihrer jungen Herrin.“ Miß Cheerly's Stolz beſtand nämlich darin, im Stillen zu dulden und Niemand zur Vertrauten ihres Kummers zu machen. In dieſem Augenblicke kam eines ihrer Kinder in das Haus gelaufen, um ſeiner Mutter zu be⸗ richten, daß ein vornehmer Herr mit einer golde⸗ nen Borte um den Hut ſchon ſeit wenigſtens zehn Minuten an die Hausthüre Kopfe. Der Junge erhielt eine Ohrfeige dafür, daß er nicht früher gekommen ſei, dieß zu berichten und Mrs. Perkins begab ſich ſogleich durch den Hof in ihre Wohnung. Ihrer Nachbarin aber fiel es plötzlich ein, daß die Staffel an ihrer vorderen Hausthüre geſcheuert werden müſſe. „„Iſt dieß Nummer Sieben?“ fragte Harry Burg, als Frau Perkins, mit einem Säugling auf dem Arm und einem Knaben von etwa ſechs Jahren, der ſich an ihren Rock hing und an ſeinen ſchmutzi⸗ gen Fingern kaute, erſchien. „Ja, Herr,“ erwiderte die Frau mit einem Knir. „Es wohnt eine junge Dame, Namens Cheerly hier?“ „Seit drei Monaten, Herr,“ erwiderte die Frau, S knixend,„und ihre Amme Mrs. Rebecca, e „Bringen Sie dieſe Karte der Dame und ſagen Sie ihr, daß ich Sie zu beſuchen wünſche.“ „Sie können ſie nicht beſuchen, Herr.“ „Und warum nicht, gute Frau?“ 5 „Weil ſie nicht zu Hauſe iſt.“ „Es wohnt auch ein junges Mädchen, Namens Nancy Bligh, im Hauſe,“ bemerkte der Fremde, „kann ich dieſe nicht ſprechen?“ „Eben ſo wenig; ſie ſind Beide abweſend.“ „Wohin gingen ſie?“ „Das iſt's ja eben, worüber ich mir den Kopf zerbreche,“ erwiderte Mrs. Perkins etwas boshaſt. „Ich habe früher nie bemerkt, daß Nancy ihre Arbeit verlaſſen hätte. Ich mache mir aber auch gar kein Geſchäft daraus. Zuerſt ging Mrs. Re⸗ becca weg, das war geſtern, dann kommt ein Mann vor einer halben Stunde ungefähr und mit ihm fuhr ihre junge Gebieterin und Nancy in einem offenen Wägelchen weg. Ich würde mich vor der Sünde fürchten,“ ſetzte ſie hinzu,„irgend Jemand etwas Schlimmes nachzuſagen, es fällt mir auch mein Lebenstag nicht ein, mich in Etwas zu miſchen, was mich nichts angeht, aber die Sache ſieht ſehr verdächtig aus.“ Wahrſcheinlich war der Mann, von dem die Frau ſprach, von der Polizei geſchickt worden, um Miß Cheerly als Zeugin vorzuladen, dachte Harry, ohne die Bemerkung der Zimmermietherin viel zu beachten, die, gleich den meiſten Frauen dieſer Art, nicht allzu gutmüthig in ihren Vorausſetzungen und vorſichtig in dem Ausſprechen derſelben war. Er wäre auch wieder weggefahren, wenn nicht gerade ein vom Inſpector geſandter Gerichtsdiener erſchie⸗ nen wäre, um Miß Cheerly als Zeugin vorzuladen, Der Mann erkannte Harry und langte an ſeinen Hut. Mrs. Perkins und ihre Nachbarin, die dießmal 6 ganz außergewöhnlich viele Sorgfalt auf die Rei⸗ nigung ihrer Hausſtaffeln verwendete, warfen ſich Blicke zu. Gleich dem hiſtoriſch berühmten Kleide der Königin Eliſabeth, das dieſe trug, als ſie ſich nach St. Paul begab, um dort für die Zerſtörung der ſpaniſchen Armada Gott zu danken, waren ſie nur Auge und Ohr. Zu ſeinem Erſtaunen erfuhr Harry Burg, daß der Polizeidiener die erſte und einzige Perſon war, welche geſchickt worden, Miß Cheerly von der Feſt⸗ nahme der Amme und der Wiederauffindung des Halsbandes zu unterrichten, ſo wie ihr eine Vor⸗ ladung zum Zeugnißablegen vor Gericht zu über⸗ bringen. Für alle Fälle wies Harry den Mann an, bis zur Zurückkunft der jungen Dame hier zu bleiben, flüſterte ihm noch zu, daß er vor der Neugierde der Zimmervermietherin auf der Hut ſein möchte, und fuhr dann weg, nachdem er dieſer zuvor ein Zeichen ſeines Dankes für die Mühe, die er ihr verurſacht, in die Hand gedrückt hatté. Bei der Gerichtsverhandlung machte das Zeug⸗ niß von Harold und Harry die Gründe, nach wel⸗ chen Kit gehandelt hatte, ſo klar, daß dieſer ſogleich von der gegen ihn erhobenen Anklage freigeſpro⸗ chen wurde zum großen Verdruß der Rebecca Bight und des Caſſiers, die ihn gar zu gern wegen eines Criminalverbrechens vor die Geſchworenen gebracht hätten. Mit dem Lächeln der ſich ſelbſt bewußten Un⸗ ſchuld verließ er die Anklagebank. 7 Der iſt gut weggekommen, dachte die Frau: uns wird es nicht ſo ergehen. Wegen Nichterſcheinens der Miß Cheerly mußte der Fall zweimal zurückgeſtellt und andere Partien vorgenommen werden. Endlich aber entſchloß ſich der Beamte, wiewohl ungern, das Verhör in ihrer Abweſenheit vorzunehmen. Kit wurde als Zeuge beeidigt. Seine Angaben lauteten ſo klar und bün⸗ dig, daß er damit eine höchſt günſtige Meinung für ſich erweckte, und Niemand an ſeinen Ausſagen zweifelte als Mr. Blether, Rebecca's Anwalt, der ſich erhob, um Kreuzfragen an ihn zu ſtellen. „Sie haben uns da eine recht intereſſante Ge⸗ ſchichte erzählt,“ ſprach er. „Eine wahre Geſchichte,“ verſetzte der Zimmer⸗ geſelle feſt. „Woher wiſſen Sie denn, daß Miß Cheerly die Eigenthümerin des Halsbandes iſt.“ „Nancy Bligh theilte es mir mit.“ „So, Nancy Bligh theilte es Ihnen mit. Und wer iſt denn dieſe Nancy Bligh?“ „Eine Freundin der jungen Dame, Herr.“ „Miß Cheerly ſprach alſo nie über die Sache mit Ihnen.“ „Nie, Herr.“ „Dann iſt die Sache gleich zu Ende,“ rief der Advokat, ſich an die Richter wendend.„Ich be⸗ haupte, daß auch nicht eine Spur von Verdacht ge⸗ gen meine Clientin vorhanden iſt, die eine Nacht lang eingeſperrt war in Folge einer unbefugten Neugierde dieſes jungen Mannes, deſſen Abſicht da⸗ bei, ob ehrlich oder nicht, ich dahingeſtellt laſſen will. 8 Hätte die junge Dame ſich herbeigelaſſen, zu erſcheinen, ſo wäre es mir ein Leichtes geweſen, den Beweis zu führen, welch' unbegrenztes Ver⸗ trauen nicht nur ſie in dieſe Frau ſetzt, die ſo ſchändlich mißhandelt wurde, ſondern auch, wie ſehr dieſelbe dieſes Vertrauen verdient.“ Hier fing Rebecca an, laut zu weinen. „Wie lange haben Sie mit Miß Cheerly zu⸗ ſammengelebt?“ fragte der Advokat. „Seit ihrer Geburt, Herr.“ „Sie hatte Unglück in Geldgeſchäften, nicht wahr.“ „Ja wohl, Herr; ſie lieh fünftauſend Pfund, Alles, was ſie beſaß, einem Schurken, Namens Hunket, der ſie darum prellte und das Land verließ.“ „Dieſer Hunket war ein verheiratheter Mann. Iſt es nicht ſo?“ Unmöglich konnte man den Ton, in welchem dieſe Frage geſtellt wurde, ſo wie den Blick, der ſie begleitete, mißverſtehen. Harry Burg zuckte, wie von einer Schlange geſtochen, zuſammen,— eine weitere ſchöne Täuſchung war auf dieſe Weiſe dahin. Die liſtige Frau beobachtete ein wohlberechne⸗ tes Stillſchweigen. „Ich frage, ob dieſer Hunket ein verheirather Mann war?“ wiederholte der Advokat. „Ich weiß darüber nichts anzugeben,“ bemerkte Rebecca in affectirtem Zorne.„Mag man mich mein ganzes Leben lang im Gefängniſſe zurückbehalten, mich in Stücke hauen, ich werde doch kein Wort gegen meine geliebte junge Dame ausſagen.“ Dieß genügte; der Streich hatte getroffen und man ſchrieb die Abweſenheit der Miß Cheerly der eheih 9 Furcht zu, auf irgend eine Weiſe compromittirt zu werden. Die Verläumderin wurde freigeſprochen und die Waiſe der Willkür ihrer Verfolger preisgegeben. Nach Beſchluß des Beamten ſollte das Hals⸗ band in den Händen der Polizei bleiben, bis die Eigenthümerin zu erſcheinen und es zu reclamiren für gut fände. Kit war außer ſich vor Unwillen über die ſo geſchickt eingeflochtene Verläumdung, mit der der ſchurkiſche Advokat ohne eine directe Behauptung aufzuſtellen, die Reinheit der Waiſe angetaſtet hatte. Er begriff gar nicht, wie dieß möglich ſei und wollte deßhalb ſprechen, dagegen proteſtiren, aber die Rich⸗ ter ſchenkten ihm kein weiteres Gehör mehr. Alles, was ihm bekannt war, wußte er nur vom Hören⸗ ſagen, was Nancy ihm erzählt hatte; und wenn auch für ihn die Worte des einfachen, ehrlichen Mädchens ſo völlig klar, wie die der heiligen Schrift waren, ſo war dieß eben kein Beweis. Er wurde deßhalb über das NRichterſcheinen der Miß Cheerly und der Nähterin im höchſten Grade unruhig. Nicht leicht war eine Abweſenheit unerklärlicher, unglücklicher, und es bedurfte der ganzen Ueber⸗ redungsgabe der beiden Freunde, nur noch ſo lange zu verweilen, bis ſie ihre Klage wegen des ruch⸗ loſen Angriffs in Haymarket bei dem Beamten vor⸗ gebracht hätten und welchem, auf den Wunſch Sir Mordaunt Tracy's und Harold's, nachgeſpürt werden ſollte. Denn obgleich kein poſitiver Beweis vorlag, daß der unſichtbare Vetter, der Prätendent von Burg⸗Hall, irgendwie dabei betheiligt ſei, ſo hegte der Baronet und deſſen Neffe doch im höchſten 10 Grade dieſen Verdacht. Ein Streit und ein daraus entſpringendes Duell war ein zu einfacher Weg, um den gordiſchen Knoten zu durchhauen. Auf des Baronets Rath wurde ſogar eine Belohnung von hundert Pfund für die Entdeckung der Rotte aus⸗ geſetzt, die ſich des Bowiemeſſers— einer ſo ganz ſpecifiſch amerikaniſchen Beweisführung— bedient hatte. Kaum war das Verhör vorüber, ſo machte ſich der Zimmergeſelle auf den Weg nach dem Hauſe in Vaurhall, nachdem er ſich ſchnell von den beiden Freunden verabſchiedet und dieſen verſprochen hatte, auf den Abend in St. James⸗ſquare ſich bei ihnen einzufinden. Rebecca war aber ſchon vor ihm nach Hauſe gekommen und hatte ihre Erlebniſſe in dem ihr günſtigen Sinne erzählt. Mrs. Perkins war jetzt ſteif und feſt überzeugt, daß die feine Miß,— wie ſie Emma benannte— ihre Wohnung in der Abſicht verlaſſen habe, um die myſteriöſe Perſon, Ramens Hunket, im Auslande aufzuſuchen, und daß ſie Nancy überredet habe, ſie zu begleiten. „Ich glaube kein Wort von Allem!“ rief Kit, als die geſchwätzige Frau ihm dieß erzählte.„Ich merkte gleich, daß dieß eine Lüge ſei, als im Po⸗ lizeiamt darauf angeſpielt wurde.“ „Ach! Sie ſind auf dem Polizeiamt geweſen?“ bemerkte die Zimmervermietherin,„davon hat mir die Amme nichts mitgetheilt.“ Kit war zu aufgeregt, um ſich in lange Erörte⸗ rungen einzulaſſen; die ſchrecklichſten Ahnungen er⸗ füllten ſeinen Geiſt. Er war überzeugt, daß die armen, unbeſchützten Mädchen unter irgend einem 1 nichtswürdigen Vorwande, vielleicht in der aller⸗ ſchlechteſten Abſicht, weggelockt worden ſeien. Aber keinen Augenblick ſtieg ein Zweifel an ihrer Unſchuld in ſeinem edlen Gemüthe auf.„Ich werde ſie auf⸗ finden,“ ſprach er,„und ſollte ich deßhalb England von einem Ende zum andern durchwandern müſſen; und wenn ich ſie finde, dann mögen ihre Feinde auf ihrer Hut ſein. Sie ſollen nicht umſonſt mit dem guten Namen Nanchy's und den Gefühlen Kit Corling's geſpielt haben.“ Mit dieſen Worten verließ er das Haus und begann mit ſeinen Nachforſchungen in der nächſten Kachbarſchaft. Viele Perſonen hatten das Gefährt, wie er es beſchrieb, bemerkt. Der Zolleinnehmer ſagte ihm, daß ein ſolches die Brücke paſſirt habe; ein Andeérer hatte es in der Richtung gegen den Tower, und ein Dritter gegen eine der Vorſtädte hin den Lauf nehmen ſehen. Der arme Menſch wurde ganz wirre. Er wußte nicht, welchen Weg er wählen oder wohin er ſich wenden ſollte, und je mehr Zeit darüber verfloß, um ſo ſchwerer und ſchwerer wurde ihm um's Herz. Harold Trach ſah mit großem Bedauern, daß die Verhandlung auf dem Polizeiamt einen ſehr peinlichen Eindruck auf ſeinen Freund gemacht habe, obgleich Harry ſich nicht wohl in Emma Cheerly verliebt haben konnte, denn ſein Herz war nicht ſo leicht zu beſiegen, auch hatte er ſie nur ein Einziges Mal begegnet und nicht einmal ein Wort mit ihr gewechſelt. Er erinnerte ſich ihrer blos als einer jener ſchönen Erſcheinungen, welche man in der Jugend auf dem Lebenswege trifft und die ſich im 12 Geiſte als Urbild der Unſchuld und Lieblichkeit ein⸗ niſten, welche in den Träumen der Phantaſie uns erſcheinen, denen ſo Viele nachhängen, obgleich ſie ſelten es einzugeſtehen wagen. „Ich muß Sir JohnSellem ſprechen,“ ſagte Harry. „Aus welchem Grunde?“ fragte Harold. „Um die Wahrheit zu erfahren.“ „Von ihm?“ „Von ihm,“ wiederholte Harry.„Wenn man einer Lüge nachforſcht, ſo entdeckt man oft die BGründe, welche ſie veranlaßten, und die des ver⸗ ſchmitzten Bankiers ſollen, trotz all' ſeiner Gewandt⸗ heit, mir nicht verborgen bleiben. Wie kommt es, daß wir ſeinen Kaſſier, ſeinen Vertrauten, ſeine Creatur in die Geſchichte des geſtohlenen Halsbandes verwickelt finden? Denn daß die alte Frau einen Betrug im Schilde führte, kann nimmermehr in Zweifel gezogen werden.“ Sein Freund erwiderte nichts darauf.. „Sie ſcheinen nicht meiner Anſicht zu ſein?“ „Nicht doch,“ erwiderte Harold lächelnd;„ich enthalte mich blos der Schlußfolgerung. Es iſt ge⸗ wiß, daß Miß Cheerly um ihr kleines Vermögen durch jenen herzloſen Menſchen, Namens Hunket, geprellt worden iſt, von dem der Advokat geſprochen hat, und ich frage Sie, ob dieß wohl der einzige Verluſt iſt, den ſie zu betrauern hat? Der Umſtand, daß ſie ihre Wohnung verlaſſen hat, um ihr Er⸗ ſcheinen vor Gericht zu umgehen, iſt, gelind geſagt, verdächtig.“ „Es beweist aber nichts,“ bemerkte Harry.„Ich will Sir John ſprechen.“ 13 Der ſcheinheilige Bankier war auf dieſen Beſuch vollkommen vorbereitet und empfing Harry Burg mit jener vorſichtigen Höflichkeit, welche einen Mann, der auf ſeiner Hut iſt, kennzeichnet. „Sie wünſchen von mir,“ ſprach er, nachdem Harry die Gründe auseinandergeſetzt hatte, die ihn nach Lombard⸗ſtreet geführt,„Alles zu erfahren, was mir in Bezug auf Miß Cheerly bekannt iſt. Ich habe keinen Grund, Ihnen dieß zu verweigern. Es iſt eine jener Geſchichten, die man ſo oft in der Welt hört und eben ſo ſchnell wieder vergißt. Ge⸗ gen meinen Rath, der in ihrem Falle höchſt unei⸗ gennützig war, beſtand ſie darauf, ihr kleines Ver⸗ mögen, das, wie Sie wiſſen, in fünftauſend Pfund beſtand, einem ſchlechten Menſchen anzuvertrauen, der einen ganz außerordentlichen Einfluß auf ſie erlangt hatte, und die Folge davon war, daß ſie es bis auf den letzten Schilling verlor.“ „Das habe ich ſchon mehrmals gehört,“ bemerkte Harry,„aber ich möchte hauptſächlich über die Na⸗ tur des außerordentlichen Einfluſſes, von dem Sie ſprechen, von Ihnen Aufſchluß haben. Der Bankier zuckte die Achſel. „Haben Sie mich verſtanden?“ „Vollkommen.“ „Und Ihre Antwort?“ „Was kann ich ſagen,“ antwortete der Bankier. „Es iſt mir nichts von einer anſtößigen Vertrau⸗ lichkeit zwiſchen Miß Cheerly und Hunket bekannt, der, wie ich gehört habe, verheirathet ſein ſoll,— aber die Welt ſcheint darüber ihre Anſicht feſtgeſtellt zu haben. Alles, was ich weiß, iſt, daß ſie nach 14 Entbeckung der Schurkerei ſich weigerte, den Men⸗ ſchen gerichtlich zu verfolgen, und daß ſie ſeitdem mit ihm correſpondirte.“ „Und das Benehmen Ihres Caſſiers in der Ge⸗ ſchichte des Halsbandes“— „Würde ihn ſeine Stelle gekoſtet haben,“ erwi⸗ derte der alte Mann,„wenn ihn nicht ein menſchen⸗ freundlicher Grund dabei geleitet hätte, wie ich glaube.“ „Wiſſen Sie auch, Sir John, daß zuweilen ſchon ganz eigenthümliche Zweifel in mir aufgeſtiegen ſind,“ verſetzte Harry, ungläubig lächelnd.„Schon mehrmals hobe ich die Frage an mich ſelbſt geſtellt, ob überhaupt die dem Capitän Cheerly ſchuldige Summe ſeiner Tochter je ausbezahlt worden ſei?“ „Davon ſollen Sie ſich ſelbſt überzeugen widerte der ſchlaue Mann, ohne daß nur eine Mus⸗ kel ſeines eiſernen Geſichts ſeinen ſtillen Zorn und Verdruß verrathen hätte. Er nahm eines von den vielen auf dem Tiſch liegenden Papieren und händigte es Harry ein. „Sie wünſchen, daß ich dieß leſen ſoll?“ fragte dieſer. „Ich gab es Ihnen aus dieſem Grunde.“ Es war einer jener Briefe, welche Emma, der warmen Empfindung ihres Herzens folgend, an den Heuchler geſchrieben hatte und worin ſie dieſem für ſeinen edelmüthigen Beiſtand dankte. Sie nannte ihn darin ihren einzigen Freund und verglich lobpreiſend ſein Benehmen mit dem jenes Mannes, der ſie ſo herzlos an den Bettelſtab gebracht hatte, indem er ihr betrügeriſcher Weiſe ihre einzige Hilfs⸗ quelle vorenthalte. 15 Harold konnte freilich nicht wiſſen, als er dieſe Zeilen las, daß die herzloſe Perſon, auf die darin angeſpielt war, er ſelbſt ſei. Er verglich die Hand⸗ ſchrift mit der der Adreſſe auf dem Unſchlage und ſah genau nach dem Datum der Poſtmarke. Sir John betrachtete ihn indeſſen mit der Miene eines Mannes, der einer unwürdigen Handlung verdäch⸗ tigt wird, deſſen Gewiſſen aber über jeden Vorwurf erhaben iſt. „Es iſt beſſer, wenn Sie ihn behalten,“ ſagte der Bankier, als der junge Mann ihm den Brief ſtillſchweigend zurückgeben wollte,„um die Unter⸗ ſchrift mit der auf der Quittung zu vergleichen.“ Dieſer letzte geſchickte Schachzug überzeugte Harry, daß ſein Verdacht ungegründet ſei. „Ich habe Ihnen Unrecht gethan,“ ſprach er. Der Bankier verbeugte ſich. „Unſere Unterredung,“ fuhr Harry fort,„hat mich überzeugt, daß ein Mann ſich herbeilaſſen kann zu—2 Er ſtockte, um nicht durch ein hartes Wort zu verletzen. „Zu einer Uebereinkunft“, ſetzte der alte Mann hinzu, indem er den Satz ergänzte,„und doch ein Verbrechen zu begehen zögert.“ Dieſe Unterſcheidung war fein, aber bezeichnend. „Sie haben Recht,“ fuhr er fort;„und je mehr ich über mein Benehmen nachdenke, daß ich einer Täuſchung Vorſchub leiſtete, die Sie ſo lange von Ihren Gütern ausſchloß, um ſo ſchwieriger wird es mir, mich mit mir ſelbſt auszuſöhnen. Aber das fortwährende Jagen nach Gewinn, der beſtändige 16 Contact mit den materiellen Intereſſen, welche die Welt bewegen, ſind leider nur zu geeignet, das fei⸗ nere Ehrgefühl und die edleren Empfindungen des Herzens abzuſtumpfen.“ Dieſe Worte wurden in einem Tone ſo tiefen Bedauerns und mit einer ſo flehenden Miene ge⸗ ſprochen, daß Harry von dieſem Geſtändniß gerührt wurde. „Ihr Unrecht,“ ſprach er,„iſt nicht ſo groß, wie Sie ſich einbilden. Sie haben wahrſcheinlich ſchon gehört, daß ein neuer Prätendent mit Anſprüchen auf die Herrſchaft aufgetreten iſt?“ Sir John gab zu, daß er ſchon davon gehört habe und ſetzte heuchleriſch hinzu, daß er ſich glück⸗ lich fühlen würde, Harry in dieſer Sache allen mög⸗ lichen Beiſtand zu leiſten, der in ſeiner Macht ſtehe. „Ich danke Ihnen,“ unterbrach ihn Harry;„ich glaube, ſie iſt in vortrefflichen Händen. Mein Vetter, wenn er wirklich mein Vetter iſt, hat blos ſein moraliſches Anrecht auf die Herrſchaft zu be⸗ weiſen,— um das geſetzliche kümmere ich mich nicht viel— und er wird mich zum Verzicht bereit finden.“ „Ein ſolches Verfahren iſt noch gar nicht da geweſen, und im höchſten Grade edelmüthig“, be⸗ merkte der Geldmann, der nur mühſam ein Lächeln über eine Handlungsweiſe unterdrückte, die, nach ſeiner Anſicht, an Wahnſinn gränzte. „Sagen Sie lieber gerecht,“ erwiderte Harry, ſich verabſchiedend. Beim Herausgehen aus dem Privatzimmer des Bahkiers traf Harrn Albert Mortimer, der wartete, weit er mit Sir John zu ſprechen hatte. 17 „Ich glaubte Sie bei Ihrem Regiment,“ rief Harry mit einem Händedruck. „Ich habe drei Tage Urlaub,“ erwiderte der Offizier,„und eilte hieher zu dem morgigen Lever. General Trelawny verſprach mir gütigſt, mich vor⸗ zuſtellen. Gehört der Brougham unter dem Hauſe Ihnen?“ „So iſt's, und es iſt ein Platz darin zu Ihrer Verfügung.“ „Ich wollte Sie darum bitten,“ bemerkte Albert. „Ich habe nur ein paar Worte mit Sir John zu ſprechen und werde ſogleich wieder bei Ihnen ſein.“ Alberts Geſchäfte, welcher Art ſie auch geweſen ſein mochten, hielten ihn nicht lange auf, denn ſchon nach einigen Minuten fand er ſich wieder bei ſeinem Freunde ein. „Machen Sie Bankgeſchäfte mit Sellem?“ fragte Harry, während ſie Lombard⸗ſtreet hinabfuhren. „Meine Mutter thut es,“ erwiderte der junge Mann.„Ich bin zu arm, um jetzt ſchon einen Bankier nöthig zu haben. Alles zu ſeiner Zeit,“ ſetzte er mit ſeinem gewohnten ruhigen Lächeln hinzu. Siebenzehntes Kapitel. Obgleich Emma und deren Begleiterin ihre be⸗ ſcheidene Wohnung in trübſeliger Stimmung ver⸗ laſſen hatten, denn ſie zweifelten nicht im Mindeſten an der Wahrhaftigkeit der Geſchichte, welche Jasper Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 2 1 18 Crouch von Rebecga's Erkranken ihnen erzählt hatte, ſo fühlten ſie doch die wohlthätige friſche Morgen⸗ luft, die um ihre bleichen Wangen ſtrich und auf dieſe eine leichte Röthe der Geſundheit, wenn auch vielleicht nur des Scheins derſelben, hauchte. Eine Fahrt auf das Land! Es war dieß etwas für die armen Mädchen, wie die Freiheit für den lange eingeſperrten Vogel— das Hören für den Tauben,— das Sehen für den Blinden! Und, trotz der Ahnung, die ſie bisweilen beſchlich, daß ſie die Amme vielleicht ſchlechter finden würden, als ihr Führer ihnen geſagt hatte, ſo war doch ihr dank⸗ bares Herz mit Freude erfüllt. „Ach, Miß Cheerly!“ rief die Nähterin aus, „Sie können ſich gar nicht vorſtellen, um wie viel beſſer Sie ausſehen! Sie haben ſo viel Farbe be⸗ kommen!“ „Und auch Sie, Nancy,“ bemerkte die Waiſe lächelnd.„Wenn nur Kit Sie jetzt ſehen könnte,“ ſetzte ſie flüſternd hinzu. Bei dem Namen ihres Liebhabers erröthete das arme Mädchen, dießmal aber vor Vergnügen, denn ſie fürchtete nicht länger mehr, ſich einzugeſtehen, wie innig ſie ihn liebe, ſeitdem er jeden Tag ihrer Zuneigung mehr und mehr würdig wurde. „Wenn ich daran denke,“ ſprach ſie,„daß die Wahl auf mich gefallen iſt, während er doch eine Tochter von ſeinem Meiſter hätte heirathen können!“ „Hat Ihnen dieß Kit geſagt?“ „Nein; dazu iſt er zu gut und zu edel. Es würde mir weh gethan haben, wenn ich dieß von ihm gehört hätte.“ — 19 Miß Cheerly betrachtete Nancy einige Minuten lang ſtillſchweigend, indem ſie im Stillen die Zartheit des Gefühls bei einem Mädchen bewunderte und darüber ſich ſogar verwunderte, für welche die Er⸗ ziehung ſo wenig, die Natur aber ſo viel gethan hatte. Weßhalb ſoll ich aber darüber ſtaunen? dachte ſie, nachdem ich ſo oft ſchon bei einer beſchei⸗ denen wilden Blume einen Wohlgeruch gefunden habe, welcher der prächtigen exotiſchen Pflanze ver⸗ ſagt iſt, die mit großer Sorgfalt und vielen Koſten aufgezogen wird? „Warum ſehen Sie ſo ernſthaft darein?“ fragte Nancy, die gewohnt war, jeden Wechſel im Geſichte ihrer Freundin mit liebevoller Aufmerkſamkeit zu bewachen.„Iſt Ihnen unwohl?“ „Im Gegentheit,“ verſetzte Emma;„ich fühle, daß die Luft mir gut thut und daß ich mit jedem Athemzug an Kraft gewinne.“ „Es muß doch um den Reichthum etwas ganz Herrliches ſein!“ rief die Nähterin vergnügt;„ſo mitten in Feldern und unter Blumen zu wohnen, dem Geſang der Vögel zu lauſchen, anſtatt in eine enge Stadt eingeſchloſſen zu ſein, in welcher man nichts als die Steinmauern der gegenüberliegenden Häuſer ſieht! Wiſſen Sie auch, Miß Cheerly, daß ich etwas in London beobachtete, was ich nie be⸗ greifen konnte? Ich will es Ihnen wohl ſagen, was es iſt,“ ſetzte ſie hinzu,„wenn Sie mir verſprechen wollen, daß Sie mich nicht darüber auslachen.“ „Mit Ihnen lache ich wohl recht gern, aber gewiß nie über Sie.“ „Wenn Sie es auch thäten,“ fuhr Nancy fort, 2 20 „ſo würde ich Ihnen doch nicht böſe darüber werden. Nun, ich begreife es nicht, wie die Sperlinge in London bleiben und ihre Neſter unter den finſtern Dächern erbauen mögen, da es ihnen doch ſo leicht wäre, wegzufliegen und eine Heimath in den lieb⸗ lichen Gefilden zu finden, wo ſie ihre Jungen unter grünen Bäumen und luftigen Gebüſchen aufziehen könnten. Ich ſtehle mich oft auf ein paar Minuten von meiner Arbeit weg, um dieſen Thierchen unter dem Firſt des Hauſes zuzuſehen, wo ſie fröhlich zwitſchernd und als ob die Welt nur aus Backſteinen und Mörtel beſtände, ſorglos umherflattern.“ Was dies für ein Paar Narren ſind! dachte Jasper Crouch, der, ſcheinbar ohne auf die Unter⸗ redung zu achten, jedes Wort belauſcht hatte. „Das kann ich Ihnen auch nicht ſagen,“ erwi⸗ derte Emma,„allein wir können die Lehre daraus ziehen, daß wir mit dem Looſe zufrieden ſein ſollen, welches die Vorſehung uns beſcheert hat.“ „Das muß es ſein,“ bemerkte die Nähterin nach einigem Nachdenken.„Wie gut und verſtändig Sie ſind! Ich hätte nie den wahren Grund errathen, und Sie haben ihn ſogleich herausgefunden.“ Unterdeſſen hatten ſie Blackheath erreicht. Hier gab ihr Führer den Pferden einen leichten Streich mit der Peitſche und lenkte den Charabanc gegen Charlton. „Iſt dieß Deptford?“ fragte Emma, ohne zu wiſſen, daß ſie darüber längſt hinaus waren. „Noch nicht, Miß,“ erwiderte der Mann;„wir werden aber bald dort ſein.“. „Arme Amme!“ ſagte das gutherzige Mädchen, 21 welche in ihrer Angſt vergaß, wie heuchleriſch ſich dieſe gegen ſie benommen hatte.„Ich hoffe, wir werden ſie beſſer finden.“ „Das hoffe ich auch, Miß.“ „Das war doch ein entſetzlich langer Weg für Rebecca zu Fuß und in ihrem Alter; wahrſcheinlich hat aber die Hoffnung, ihre Schweſter zu finden, ſie aufrecht erhalten. „Freilich war es ein fürchterlich langer Weg,“ wiederholte Jasper in ſeiner angenommenen bäue⸗ riſchen Weiſe,„und deßwegen liegt ſie auch jetzt auf der Naſe, wie der Doktor ſagt.“ „Ihre Frau muß ſehr überraſcht geweſen ſein, ſie nach ſo langen Jahren wieder zu ſehen,“ be⸗ merkte Nancy,„und gewiß hat ſie ſich ſehr darüber gefreut.“* „Ganz hölliſch hat ſie ſich darüber gefreut,“ rief der alte Schelm, der nur mit Mühe ſeine Freude verbarg, daß es ihm gelungen ſei, ſo geſchickt den ihm zu Theil gewordenen Auftrag auszuführen. „Mein Weib und ich,“ ſetzte er hinzu,„ſind keine gelehrte Leute, aber wir haben auch unſere Gefühle, wie ſie uns eben angeboren ſind.“ „Und häufig die richtigeren,“ verſetzte Miß Cheerly erfreut über die natürliche Einfachheit des Mannes, der ſeine Rolle vortrefflich durchführte. Jasper fuhr in geſtrecktem Trapp durch das Dorf, bis er an einen Seitenweg, rechts von der Hauptſtraße, gelangte, in den er einlenkte und nun dem ermüdeten, ſehr werthvollen Thiere geſtattete, in einen ruhigeren Schritt zu fallen. Alle Gefahr, 22 in der Nachbarſchaft, wo er ſehr wohl bekannt war, erkannt zu werden, war jetzt vorüber. Plötzlich fing das Pferd an laut zu wiehern. „Es weiß, daß es in der Nähe ſeines Stalles iſt,“ bemerkte der Führer, indem er zugleich an dem Gitterthor in der Nähe eines hübſchen Park⸗ häuschens anhielt. „Kelf! Kelf!“ wiederholte er, indem er den Na⸗ men mit einem Fluch begleitete, der ſeine Beglei⸗ terinnen ſchaudern machte. „Verfluchter Lümmel!“ ſetzte er hinzu.„Wohin hat der ſich wieder verſteckt! Dieß iſt die Folge, wenn man einem ſo aberwitzigen Burſchen die Be⸗ wachung eines Ortes anvertraut.“ Ein Junge von etwa ſechszehn Jahren kam jetzt gegen das Parkhäus en hergelaufen, mit dem Thorſchlüſſel in der Hand. Er war hoch aufge⸗ ſchoſſen, aber außerordentlich mager, und ſeine hell⸗ blauen Augen hatten jenen eigenthümlichen unruhi⸗ gen Ausdruck, welcher auf eine Störung der Ge⸗ hirnorgane ſchließen läßt. Seine Kleidung, die in einem Wamms und Beinkleidern von grobem grauen Tuch mit Metallknöpfen beſtand, zeigte deutlich an, daß er noch nicht lange das Armenhaus verlaſſen, wo man ihn noch bis über das gewöhnliche Alter hinaus behalten hatte, weil die Vorſteher wohl ein⸗ fahen, daß man ihn nirgends in die Lehre geben könne. „Endlich,“ murmelte Jasper, indem er eine Be⸗ wegung mit der ſchweren Peitſche machte, die für den armen Jungen nichts Gutes bedeutete. Kelf ſchloß mit zitternder Haſt auf, als wenn er — N r 23 damit den unverſchuldeten Verzug hätte gutmachen wollen,— denn er war gerade im Hauſe beſchäftigt geweſen,— und hielt das Thor ſo weit, als möglich, offen, damit das Gefährt bequem durchpaſſiren konnte. Der alte Mann ſchnellte an dem Zügel des Pfer⸗ des, und während dieſes die Allee hinauftrabte, hieb er den Jungen mit der Peitſche über das Ge⸗ ſicht, ſo daß ein langer rother Streifen auf deſſen Wange zurückblieb. Kelf ſtieß einen lauten Schrei aus, ohne aber den Verſuch zu machen, davon zu laufen, weil er wohl aus Erfahrung wußte, daß ihn dieß doch nichts nützen und ihn nur einer um ſo härteren Behandlung ausſetzen würde. „Schonen Sie ihn doch, ich bitte!“ riefen Emma und Nancy, indem ſie den Arm Jasper's hielten, der bereits zu einem zweiten Hieb erhoben war. „Dieſer Burſche kann die Geduld eines Heiligen ermüden,“ rief Jasper.„Ein blödſinniger Kerl, der auch nicht einen Funken Gehirn im Kopfe hat.“ „Um ſo mehr ſollten Sie Geduld mit ihm haben,“ bemerkte Miß Cheerly, empört über ſeine Grauſ amkeit. Jasper ſah ein, daß ſein rohes Benehmen und noch mehr aber die plötzliche Aenderung ſeines Tons und ſeiner Sprache ſeine junge Begleiterin⸗ nen erſchreckt habe, und es ſiel ihm ein, daß ſie noch nicht ſo ſicher in ſeiner Gewalt ſeien, daß er jetzt. ſchon die Maske der Biederkeit und Einfachheit ab⸗ werfen dürfe, die er bis jetzt mit ſo vielem Erfolg vorgenommen hatte. „Es thut mir leid, daß ich mich vom Zorn habe hinreißen laſſen,“ ſprach er,„und ſo hart zuſchlug.“ 24 „Sie ſollten ſich mehr zuſammennehmen,“ be⸗ merkte Nancy. „So bin ich leider; es iſt aber nicht ſo bös ge⸗ meint,“ erwiderte Jasper.„Jem,“ ſetzte er hinzu, indem er rückwärts ſah und dem Jungen zurief, der geduldig das geöffnete Thor mit der Hand hal⸗ tend daſtand,„ſchließ das Thor, bring den Schlüſſel in's Haus und ſage der Frau, ſie ſoll dir ein Glas Bier geben.“ Mit dieſen Worten fuhr er dem Landhauſe zu, einem großen Gebäude in modernem Styl, das auf einer leichten Anhöhe, mitten auf einer reichlich mit Waldbäumen bepflanzten Ebene ſtand. Als ſie näher kamen, bemerkte Miß Cheerly und Nancy, daß alle Läden feſt verſchloſſen waren, ein Umſtand, der aber deßhalb keinen Verdacht in ihnen erweckte, weil Jasper ihnen geſagt hatte, daß der Eigenthümer nur während der Sommermonate hier wohne. James Kelf oder Jem, wie man ihn allgemein nannte, war im Armenhauſe geboren und— wir kön⸗ nen nicht ſagen erzogen, denn damit pflegt die Welt einen Aufwand von Sorgfalt und Freundlichkeit zu verbinden, die er nie kennen gelernt hatte, ſondern — wild darin aufgewachſen; auch war ſeine Mut⸗ ter, nachdem ſie ihm das Leben gegeben hatte, dort geſtorben. Niemand wußte, ob die gänzlich un⸗ bekannte Frau verheirathet geweſen oder nicht, woher ſie kam oder wohin ſie ihre Schritte zu lenken beabſichtigte, als ſie, Kindswehen fühlend, Unterkunft im Armenhauſe geſucht hatte. Im Alter von ſechs Jahren wurde Jem der Zuchtruthe eines Schul⸗ meiſters überantwortet, der, nachdem er ihn vier 25 Jahre hindurch jeden Tag gepufft und beohrfeigt hatte, endlich entdeckte, daß an den Jungen nichts hinzubringen ſei und ihn den Vorſtehern als einen Cretinen bezeichnete. Auf dieſes hin wurde er der Behandlung des Bezirksarztes übergeben, der eine ganz eigenthümliche Erziehungsmethode bei ihm in Anwendung brachte. Er ſchloß das arme Kind von allen ſeinen Altersgenoſſen aus, ließ ihn Morgens und Abends am Pumpbrunnen kalte Bäder neh⸗ men, gleichviel wie ſtrenge auch die Witterung war, und zur Strafe für ſein Schreien und ſeinen Wider⸗ ſtand ſperrte er ihn zuweilen vierundzwanzig Stun⸗ den lang in ein einſames Gemach ein, wo er als Erweckungsmittel ſeiner ſchlafenden Intelligenz vier getünchte Mauern betrachten konnte. Im Alter von zwölf Jahren wurde Jem von dem Manne der Wiſſenſchaft, deſſen Geduld und Kunſt gleichweiſe erſchöpft waren, für unheilbar erklärt. Den Vor⸗ ſtehern war dieſe Mittheilung höchſt unangenehm, denn ſie fürchteten, daß ihnen der blödſinnige Knabe, der nicht einmal der Gemeinde angehörte, für im⸗ mer zur Laſt falle. Da aber vorerſt mit ihm nichts anzufangen war, ſo überließen ſie ihn ganz ſich ſelbſt, und merkwürdiger Weiſe verbeſſerte ſich Jem's körperlicher und geiſtiger Zuſtand, ſeitdem ihn die Schule und die Wiſſenſchaft aufgegeben hatten. Seine Geſundheit befeſtigte ſich und es gelang ihm, ſich im Hauſe durch allerlei Dienſtleiſtungen nützlich zu machen, wie wenn er geſucht hätte, dadurch die Gunſt des Aufſehers und der Aufſeherin zu gewin⸗ nen. Dieß dauerte einige Jahre, bis in einer ſchlimmen Stunde für den armen Knaben die radi⸗ 26 kale Partei der Gemeinde einen gewiſſen Simon Cob, einen zur Ruhe geſetzten Börſen⸗Mäkler, zum Director wählte. Er war ein thätiger, wühleriſcher Mann, der ſeinen Wählern die Einführung aller möglichen Reformen verſprochen hatte und dem es folglich ſogleich auffiel, daß Jem in ſeinem Alter noch nirgends in die Lehre gegeben ſei. Vergebens ſtellte man ihm vor, daß der Knabe ſchwachſinnig ſei. Mr. Cob erklärte dieß für eine bloße Ausrede, hinter der ſich Faulheit verberge, brachte die Sache vor den Ausſchuß, und dieſer beſchloß, ihn in die Dienſte des Mannes zu geben, den wir unter dem Namen Jasper Crouch kennen gelernt haben. Weil dieſer Knabe beſtimmt iſt; eine ſehr wich⸗ tige Rolle in der Entwicklung unſerer Geſchichte zu ſpielen, ſo haben wir für nöthig erachtet, unſeren Leſern das mitzutheilen, was von ſeiner Vergan⸗ heit bekannt war. Die Zukunft wird für ſich ſelbſt ſprechen. Nachdem Jem das Thor, wie Jasper ihm be⸗ fohlen, wieder geſchloſſen hatte, ſtand er einige Zeit völlig regungslos da und ſah dem Charabanc nach, der die Avenüe hinauf fuhr, bis ſich zuletzt ſeine Augen mit Thränen füllten. Dieſe preßten ihm aber keineswegs der Schmerz aus, denn daran war er zu ſehr gewöhnt, ſondern ſie floſſen in Folge eines Gefühls, das er nie zuvor empfunden hatte. Es war ihm nämlich nicht entgangen, daß Emma und Nancy den Arm ſeines Herrn aufge⸗ halten hatten, um der Wiederholung der Züchtigung zuvorzukommen, und ſein erſtes Gefühl war Er⸗ ſtaunen geweſen, daß Jemand dafür ſich intereſſiren 27 könne, ob er geſchlagen werde oder nicht. Es war dieß die erſte Kundgebung von Wohlwollen und Theilnahme von ſeinen Mitgeſchöpfen, die er nie zuvor kennen gelernt hatte, und da er nur lang⸗ ſam zu begreifen vermochte, ſo wurde dem vermeint⸗ lichen Cretinen wohl und weh um's Herz und er fühlte eine Art Würgen im Hals, das in Thränen ſich Luft machte. Plötzlich fing er an zu tanzen, riß ſeine Mütze vom Kopf und warf ſie mehrmals unter wildem, unartikulirtem Freudengeſchrei in die Luft, bis er zuletzt, von ſeinen ſeltſamen Poſſen er⸗ müdet, ſich der Länge nach auf das Gras hinſtreckte, den Kopf auf ſeine Hand ſtützte und in eine Art von Träumerei verfiel. Seine Gedanken waren allerdings ohne innern Zuſammenhang, aber zuwei⸗ len fing er den zerriſſenen Faden auf und lächelte. Der erſte Schritt auf dem Pfade der Vernunft war gethan; ein neues Gefühl,— das der Dankbar⸗ keit,— war erweckt und er fragte ſich um deſſen Grund. „Gute Ladies! Gute Ladies!“ ſprach erz„freund⸗ lich Fgen Jem.“ ann erinnerte er ſich des Befehls, den er er⸗ halten hatte und ſprang mit dem Schlüſſel dem Hauſe zu, in der Hoffnung, ſeine Beſchützerinnen wieder zu ſehen. Jasper erwartete ihn unter der Thüre und befahl ihm barſch, das Pferd auszu⸗ ſchirren und in den Stall zu führen. Beim Tone dieſer Stimme verſchwand aber der ſchwache Schim⸗ mer der Intelligenz aus dem Geſichte des armen Knaben und er ging traurig weg. Beim Ausſteigen aus dem Charabanc wurde 28 Miß Cheerly und ihre Begleiterin von einer Frau mit plumpen Geſichtszügen empfangen, die ihr Füh⸗ rer als ſein Weib vorſtellte. Dieſe verzog die Mund⸗ winkel zu einem gezwungenen Lächeln, als die hin⸗ tergangenen Mädchen ihr die Hand drückten. „Wie geht es meiner armen alten Amme?“ fragte Emma beſorgt. „Etwas beſſer,“ erwiderte die Frau. „Seien Sie ſo gut und führen Sie mich ſogleich zu ihr; es drängt mich, ſie zu ſehen.“ „Sie ſchläft und der Doktor hat mir befohlen, ſie unter keinen Umſtänden zu ſtören; aber ſobald ſie erwacht, will ich ihr Ihre Ankunft mittheilen. Wollen Sie nicht nach Ihrer Fahrt Etwas zu ſich nehmen? Dieſen Weg,“ ſetzte ſie, die Treppen hin⸗ aufſteigend, hinzu;„es thut mir leid, Sie ſo hoch hinauf führen zu müſſen, aber die beſten Zimmer ſind während der Abweſenheit der Familie ge⸗ ſchloſſen.“ „Wohin Sie wollen! Es bedarf keiner Entſchul⸗ digung,“ riefen die argloſen Freundinnen. Rebecca's angebliche Schweſter führte ſie in das oberſte Stockwerk, wo ſie ein großes Schlafzimmer öffnete, in deſſen Mitte ein Tiſch ſtand, auf wel⸗ chem kalte Speiſen, Brod, Milch und eine maſſiv ſilberne Kanne mit Ale ſich befanden. „Machen Sie ſich's bequem,“ ſprach die Frau; Sie ſind uns willkommen.“ Miß Cheerly und Nancy nahmen ihre Hüte ab und legten ſie auf das Bett. „Bewohnen Sie dieſes Zimmer?“ fragte Emma, welche bemerkte, daß die Läden, welche mit Jalouſien 29 verſehen waren, um einiges Licht hereinzulaſſen, verſchloſſen waren. „Mein Zimmer befindet ſich zu ebener Erde,“ er⸗ widerte die Frau ohne die mindeſte Verlegenheit; „aber Rebecca ſchläft hier oben und ich meinte, es würde Ihnen hier beſſer gefallen.“ Dieſe Erklärung ſchien ſo natürlich, daß Emma nicht weiter fragte, ſondern ſich mit Nancy an den Tiſch ſetzte, um Etwas von den Speiſen zu genießen. Möchten Sie vielleicht gerne Wein haben?“ fragte die Frau. „Wein!“ wiederholte die Nähterin.„Ich habe in meinem Leben nie welchen gekoſtet und habe keine Idee wie er ſchmeckt.“ Die Frau erklärte, daß ihre Neugierde befrie⸗ digt werden ſolle und verließ, trotz der Vorſtellun⸗ gen, die Miß Cheerly dagegen machte, das Zimmer, deſſen Thüre ſie ſorgfältig hinter ſich abſchloß. „Was für ein prächtiges Haus!“ rief Nanchy aus. „Wie gern möchte ich Alles ſehen. Rebecca's Schwe⸗ ſter und Schwager müſſen wahrhaftig ſehr ehrliche, wackere Leute ſein, daß man ihnen ſo Vieles an⸗ vertraut. Sehen Sie nur einmal dieſe Kanne, Miß Cheerly. Ich glaube gar, ſie iſt von maſſivem Sil⸗ ber! Die muß viel Geld gekoſtet haben.“ Emma lächelte über die Naivetät ihrer Be⸗ gleiterin. „Aber Sie eſſen ja gar nicht!“ bemerkte dieſe. Emma beklagte ſich über die drückende Hitze im Zimmer, in deſſen Kamin ein luſtiges Feuer brannte. Die Nähterin ſtand von ihrem Stuhle auf und eilte nach dem Fenſter, um einen der Läden zu öffnen: 30 dieſer war aber mit einem ſchweren Vorlegſchloſſe verſehen. „Da braucht man ſich nicht vor Räubern zu fürch⸗ ten,“ rief ſie lachend.„Die würden Mühe haben, hier zu öffnen.“ Sie machte nun am zweiten Fenſter den Ver⸗ ſuch, jedoch mit demſelben Erfolg. Miß Cheerly unterſuchte beide Vorlegſchlöſſer und verwunderte ſich über die Entdeckung, daß beide ganz neu waren. „Ich will die Thüre öffnen,“ ſprach Nanch. Auch dieſe war verſchloſſen. Die hülfloſen Mädchen ſahen einander einige Minuten lang ſtillſchweigend an, da keine von bei⸗ den den Grund begreifen konnte, weßhalb man ſie gefangen hielt.. „Wie argwöhniſch!“ bemerkte die Nähterin. „Was argwöhnen Sie?“ fragte ihre Unglücks⸗ gefährtin zaghaft. „Ich? Nichts. Auf uns iſt man argwöhniſch,“ erwiderte Nancy,„oder vielmehr auf mich, denn ich hoffe, daß die Leute nicht ſo niederträchtig ſind, etwas Schlimmes von Ihnen vorauszuſetzen. Glau⸗ ben dieſe vielleicht, es gelüſte mich, ihre ſchöne Kanne zu ſtehlen! ſelbſt nicht, wenn ſie von Gold, ſtatt von Silber wäre,“ ſetzte ſie hinzu. Emma nahm die Kanne vom Tiſche weg und hob ſie gegen das Licht; hier bemerkte ſie zu ihrem Erſtaunen, daß das Wappen Sir John Sellem's darauf gravirt war. Während ihren Entbehrungen, die ſie fo lang und geduldig ertragen, hatte ſie ſich öfter gefragt, ob der Bankier wirklich mit der Ge⸗ — 31 wiſſenhaftigkeit gegen ſie gehandelt habe, welche die Welt ihm beimaß. Sie wußte, daß ihr Vater un⸗ bedingtes Vertrauen in ihn geſetzt hatte. Sein Ruf war makellos und deßhalb hatte ſie auch, ſo oft ein Verdacht in ihr auftauchte, denſelben als un⸗ edel verworfen; jetzt aber regte er ſich ſtärker, als je in ihr und ſie erinnerte ſich mehrerer Umſtände, die ihn beſtätigten. Der Aufwand, den ihr Vater in Italien gemacht, deutete auf einen nicht unbe⸗ deutenden Reichthum und doch hatte Sir John bei ihrer Rückkehr nach England durch die Nachricht ſie überraſcht, daß ihr ganzes Vermögen in einer Verſchreibung von fünftauſend Pfund beſtehe, und ſelbſt dieſe kam nicht zum Vorſchein. „In einigen Minuten muß ſich dieſes Geheim⸗ niß aufklären,“ murmelte ſie.„Wenn Rebecca nicht hier iſt, ſo bin ich unter einem falſchen Vorwand hieher gelockt worden, und es iſt klar, daß der Mann, dem mein ſeliger Vater vertraute, ein Heuch⸗ ler und Schurke iſt.“ „Was iſt Ihnen, theure Miß Cheerly?“ fragte Nancy im höchſten Grade erſchreckt über die Bläſſe, welche das Geſicht ihrer Freundin bedeckte. „Nichts, wenigſtens nichts Wichtiges, wie ich hoffe,“ erwiderte Emma,„aber die Umſtände, unter denen wir in dieſes Haus gebracht wurden und hier als Gefangene gehalten werden, ſind verdächtig.“ „Gefangen!“ „Still!“ unterbrach ſie Emma.„Ich höre Tritte auf der Treppe; wir werden jetzt bald ſehen, ob wir unſere Thorheit zu belächeln oder den Himmel um Stärke anzuflehen haben, daß er uns Kraft zu neuen 32 Prüfungen verleihe. Machen Sie keine Bemerkung über dieſe ſilberne Kanne,“ ſetzte ſie flüſternd hinzu. Die Thüre öffnete ſich und Jasper Crouch er⸗ ſchien, gefolgt von der Frau, die eine Flaſche Wein in der Hand trug. Als Jasper's Blick auf die Kanne ſiel, zuckte es über ſein Geſicht und er mur⸗ melte etwas in zornigem Ton gegen ſeine Beglei⸗ terin, welche das Gefäß ſogleich vom Tiſche nahm und eilig das Zimmer verließ. „Wie geht es meiner armen alten Amme?“ fragte Emma, indem ſie ſich auf's Aeußerſte zuſam⸗ mennahm, um ſo gefaßt, als möglich, zu ſcheinen und als ob ſie nicht entfernt an der Redlichkeit des Mannes zweifelte, obgleich das, was ſie ſo eben wahrgenommen, ihren Muth tief erſchüttert hatte. Jasper lächelte. Er war ein zu erfahrener Phy⸗ ſiognome, als daß ein zu unerfahrenes und argloſes junges Mädchen ihn ſo leicht hätte täuſchen können. „Miß Cheerly,“ erwiderte er, indem er mit Einem Male die Sprache und Manieren eines ſchlichten, ehrlichen Landmanns, die er bis jetzt mit ſo großem Erfolge nachgeahmt hatte, ablegte,„wir wollen von jetzt an das Spiel mit aufgelegten Karten zu Ende führen. Ich ſehe gern meines Gegners Hand und habe nicht den entfernteſten Grund, die meinige zu verbergen.“ „Was für ein Spiel?“ fragte Nancy naiv. „Ich will Ihre Wahrheitsliebe nicht durch Fra⸗ gen auf die Probe ſtellen,“ fuhr Jasper fort, ohne die Bemerkung der Nähterin einer Antwort zu würdigen,„ob Sie Verdacht ſchöpfen, daß die angeb⸗ liche Krankheit ihrer Amme nichts weiter, als ein 33 Vorwand war, Sie hieher zu locken? Sie ſind über⸗ zeugt, daß es ſo iſt.“ „Ich bin feſt überzeugt, daß es nur ein ſchänd⸗ licher Vorwand iſt.“ „Und Sie möchten wohl den Grund davon er⸗. rathen?“ „Sagen Sie lieber, ich wünſchte ihn von Ihnen zu erfahren,“ antwortete Emma mit einer Entſchie⸗ denheit und einer ruhigen Selbſtbeherrſchung, welche den Verbündeten des verrätheriſchen Bankiers ver⸗ anlaßte, ſie mit mehr Aufmerkſamkeit, als zuvor, zu betrachten. „Wenn ich Ihnen ſagte,“ ſprach Jasper,„daß ein treuer Freund, unterrichtet ſowohl von den Ent⸗ behrungen, die Sie ſeither erduldet, als auch davon, daß eine gewiſſe Gefahr Sie bedrohe, Ihnen dieſe Freiſtätte ausgeſucht habe— Wenn ich Ihnen dieß erzählte,—“ „So würde ich Ihnen nicht glauben,“ unter⸗ brach ihn Emma. „„Ganz recht! Deßhalb werde ich Ihnen nichts der Art ſagen.“ „Freundſchaft,“ fuhr ſie fort,„kennt weder Hin⸗ terliſt, noch Falſchheit. Wenn das Motiv rein iſt, ſo erweckt auch die Handlung Vertrauen.“ „Wie ein Buch geſprochen,“ bemerkte Jasper kalt.„Wären Sie vor einigen Stunden eben ſo überlegt geweſen, wie jetzt, ſo hätte ich mich genö⸗ thigt geſehen, andere Mittet anzuwenden, Sie hieher zu bringen. Und nun, Miß Cheerly,“ ſetzte er hinzu,„da ich ſehe, daß wir uns gegenſeitig voll⸗ Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 3 34 kommen verſtehen, ſo iſt das, was noch zu erörtern übrig bleibt, ziemlich einfach. Sie und Ihre Be⸗ gleiterin werden einige Wochen— vielleicht einige Monate hier bleiben. Ihre Bedürfniſſe werden Ihnen gereicht werden. Wenn Sie vernünftig ſind, ſo machen Sie keinen Verſuch zu entfliehen, denn es ſollte mir leid thun, zu harten Maßregeln greifen zu müſſen.“ „Mit welchem Recht,“ fragte Emma in höchſtem Unwillen,„maßen Sie ſich an, mich der Freiheit zu berauben? Wollen Sie—“ „Nur gemach,“ unterbrach ſie Jasper;„das Recht auf dieſer Welt iſt auf der Seite des Stär⸗ keren und ich bin der Stärkſte hier.“ Außer Stande, ihre Empfindungen länger zu verbergen, wandte ſich Emma ab, um ihrem Ver⸗ folger den Triumph nicht zu laſſen, ihre Thränen zu ſehen, welche, trotz ihres weiblichen Stolzes und Unwillens, über dieſe unmännliche Behandlung reich⸗ lich floſſen. „Sie haben da eine eben ſo gottloſe, als thö⸗ richte Lüge ausgeſprochen!“ rief Nancy.„Selbſt in dieſer Welt liegt das Recht in der Hand des Him⸗ mels! Laſſen Sie ſich nicht einſchüchtern, ich bitte, laſſen Sie ſich nicht einſchüchtern, theure Miß Cheerly. Wir haben Freunde, welche uns bald auffinden werden. Ich bin überzeugt, daß Kit nicht ruhen wird, bis er unſere Spur entdeckt hat; und der freundliche, gute, wohlwollende Mann, Sir John Sellem, wird Ihnen ſchon Gerechtigkeit zu ver⸗ ſchaffen wiſſen.“ Glücklicher Weiſe ruhte in dieſem Augenblicke N 8 v———— N 8 8 8——*8 v 35 Emma's Kopf auf Nancy's Schulter, ſo daß Jasper ihr Geſicht nicht ſehen konnte. „Sir John Sellem!“ wiederholte dieſer. „Ja, Sie dürfen wohl darüber erſchrecken,“ fuhr die Nähterin fort;„Sir John Sellem, der reiche Bankier, welcher den Vater dieſer jungen Dame kannte, der ihr ſelbſt Freundſchaft erwies und wel⸗ cher Ihre Schlechtigkeit Ihnen theuer wird bezah⸗ len laſſen.“ Dieſe im Tone der aufrichtigſten Ueberzeugung geſprochenen Worte täuſchten Jasper gründlicher, als es die geſchickteſte Verſtellung vermocht hätte. Dieſe hätte er durchſchaut; ſo aber gelangte er zu der feſten Ueberzeugung, daß keine der beiden betro⸗ genen Mädchen Wappen und Motto auf der Kanne entdeckt hätten. Emma beſchloß, die Entdeckung, die ſie gemacht, vor ihrer Freundin geheim zu halten, deren Unkenntniß des Namens des intellectuellen Urhebers der Gewaltthat vielleicht von Nutzen ſein konnte. „Ich muß gegen die Gefahr auf meiner Hut ſein, ſo gut ich kann,“ bemerkte Jasper, indem er aufſtand und zum Weggehen ſich anſchickte.„Die einzigen Perſonen, außer mir, welche Sie während Ihres Aufenthalts hier ſehen werden, ſind die Frau,“ ein ironiſches Lächeln begleitete dieſe Be⸗ zeichnung,„und der Knabe, welcher bei Ihrer An⸗ kunft das Thor öffnete. Er iſt zu blödſinnig, als daß er Ihre Lage begriffe, wenn Sie ſie ihm erklä⸗ ren wollten, und zu feig, als daß er Ihnen Bei⸗ ſtand leiſtete, ſelbſt wenn er ſie begriffe; und was die Frau anbelangt, ſo iſt dieſe unbeſtechbar.“ 3 Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, deſſen Thüre er ſorgfältig hinter ſich abſchloß. „Was für ein Heuchler iſt dieß!“ bemerkte die Nähterin im Tone des Erſtaunens.„Wie ich ihn ſo von ſeinem Weibe, von Rebecca und dem weiten Wege, der ſie ſo hart mitgenommen habe, ſprechen hörte, hielt ich ihn für faſt eben ſo ſchlicht, als mich ſelbſt. O Miß Cheerly! Miß Cheerly!“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie mit troſtloſer Miene um ſich blickte, „was wird der arme Kit denken?— Was wird er empfinden?—“ „Es iſt dies nicht mein geringſter Kummer,“ bemerkte Emma,„daß Ihre Liebe zu mir, Sie gu⸗ tes, freundliches Mädchen, zur Genoſſin meines Elends machte.“ „Das bedaure ich nicht,“ verſetzte die Rähterin, mit Mühe das Weinen unterdrückend,„denn wie hätten Sie dieß Alles allein durchmachen können? Leider kann ich Ihnen nicht von großem Nutzen ſein; denn ich bin viel zu einfältig, um Ihnen Rathſchläge zu ertheilen. Ich kann nicht einmal den Grund errathen, weßhalb man uns hieher ge⸗ bracht hat. Können Sie es?“ Emma ſchüttelte traurig den Kopf. „Die Leute können doch nicht ſo ſchlecht ſein, uns umbringen zu wollen,“ fuhr Nanchy fort, deren Wangen bei dieſem Gedanken ſich gänzlich entfärbten. „Ich hoffe, nein.“ „Was haben wir ihnen denn zu Leide gethan?“ „Ich glaube nicht, daß wir perſönliche Gewalt⸗ thätigkeit zu fürchten haben,“ bemerkte Miß Cheerly, indem ſie den Arm um ihre Freundin ſchlang und in, vie en en al ge⸗ in, ren en. 2 alt⸗ l, ind 37 ſie näher an ſich zog, damit, wenn Jemand an der Thüre lauſche, ihre Unterredung nicht gehört werde. „Ich bin froh, daß Sie dieß glauben,“ ſagte Nanch, ihr mit kindlichem Vertrauen in's Geſicht blickend,„denn es wäre hart, ſo jung ſterben und Jemand zurücklaſſen zu müſſen, der— der—“ „Sie liebt,“ ergänzte Emma. „Ja. Ich wagte nicht, das Wort ſelbſt auszu⸗ ſprechen,“ erwiderte Nancy, die Thränen abwiſchend, die bei dem Gedanken an Kit ihr in die Augen ge⸗ treten waren.„Sie ſehen, was für ein ſchwaches, thörichtes Geſchöpf ich bin.“ „Ich wiederhole,“ flüſterte Emma,„daß ich keine Gewaltthat zu befürchten habe,“— wenigſtens vorerſt, ſetzte ſie in Gedanken hinzu,„aber dieſe Entführung hat mir einen heimlichen Verdacht be⸗ ſtätigt, der ſchon lange mich quälte, jedoch in ganz unbeſtimmter Form. Dieſe Form nimmt aber jetzt Geſtalt an. Ich bin um mein Erbe betrogen wor⸗ den, Nancy, gewiſſenlos betrogen worden, und meine alte Amme, in die ich ſo blindes Vertrauen ſetzte, hat ſich bei der Beute betheiligt.“ „Die ſchändliche Creatur!“ rief ihre Unglücks⸗ gefährtin;„aber ich fürchte, Sie haben Recht. Ich mochte Ihnen nie etwas dergleichen ſagen, aber Kit hegte ſtets den Verdacht, daß ſie das Halsband, das Sie ihr anvertrauten, unterſchlagen habe. Und ich ſchalt ihn darüber und nannte ihn lieblos, daß er ohne Urſache ſo ſchlimm von Jemand denke! Ich glaube jetzt faſt ſelbſt, daß er die Welt beſſer kennt, als ich, obgleich er nie aus London hinaus 38 kam und ich den weiten Weg von Devonshire her zurückgelegt habe.“ Den ganzen übrigen Theil des Tages blieben die Gefangenen ungeſtört; aber gegen Abend wurde die Thüre ihres Zimmers aufgeſchloſſen und Kelf erſchien mit einer Lampe und einem Vorrath von Holz und Kohlen. „Armer Knabe,“ ſagte Emma, als ſie den noch immer rothen Striemen auf ſeinem Geſichte bemerkte. „Gewiß ſchlägt dich dein Herr ſehr oft.“ Der Blödſinnige nickte lächelnd Bejahung, wie wenn er ſich nicht viel daraus machte. „Schlägt er dich oft?“ fragte Nancy. „Ja, alle Tage.“ „Der Elende!“ riefen die beiden Mädchen. „Jem fühlt jetzt keinen Schmerz,“ murmelte er, „gute Ladies ſprechen für Jem— gut gegen ihn — gut gegen ihn!“ Während er ſo daſtand und ſie anblickte, ver⸗ minderte ſich allmählig der unſtäte Blick ſeiner Au⸗ gen und das Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln. Plötz⸗ lich ließ ſich aber die Stimme Jasper Crouch's ver⸗ nehmen, der ihm herunter zu kommen befahl. Er zuckte zuſammen und verließ eiligſt das Zimmer. * Achtzehntes Kapitel. Niedergeſchlagen und ermüdet von ſeinen ver⸗ geblichen Nachforſchungen fand ſich Kit Corling im Hauſe des Sir Mordaunt Tracy ein, nicht weil er 39 dabei an den Empfang einer Belohnung für ſein mannhaftes Benehmen bei dem Streite in Hay⸗ market dachte, ſondern weil er im Stillen hoffte, daß es Harold oder deſſen Freund gelungen ſei, die Urſache des geheimnißvollen Verſchwindens von Nancy und Miß Cheerly zu ergründen. Ueberdieß hatte er zu kommen verſprochen, und er ſetzte einen Stolz darein, ſein Wort zu halten. „Ihre Nachforſchungen ſind erfolglos geblieben,“ bemerkte Harry, als er die niedergeſchlagene Miene des Zimmergeſellen ſah. „Leider ja, Herr.“ „Ich wußte es zum Voraus.“ „Sie wußten es zum Voraus!“ wiederholte Kit erſtaunt.„Woher konnten Sie es denn wiſſen?“ Keiner der beiden Freunde gab eine Antwort; denn obgleich ſie an die Schwäche Emma's glaub⸗ ten, welche Sir John Sellem ſo argliſtig hatte durch⸗ blicken laſſen, um ſeine eigenen ſchändlichen Pläne dahinter zu verſtecken, ſo hielt ſie doch ein Gefühl der Delicateſſe, eine ſchwache Hoffnung vielleicht, der ſie ſich ſelbſt kaum recht bewußt waren, davon ab. „Ich bitte um Entſchuldigung, meine Herren,“ fuhr deßhalb Kit fort,„ich bin zwar ein ſehr armer Menſch, aber hier handelt es ſich um einen Punkt, in welchem Reiche und Arme ſich gleich ſind. Ich halte mich zu dieſer Frage berechtigt.“ „Die wir auch gern beantworten würden,“ erwi⸗ derte Harold,„wenn wir es vermöchten.“ „Leute von Ihrer Erziehung,“ verſetzte Kit kopf⸗ ſchüttelnd,„wiſſen immer, woran ſie ſind.“ „Ganz recht,“ rief Harold im Gefühl, daß etwas 40 Unedelmüthiges darin liege, mit den Empfindungen Anderer zu ſpielen;„deßhalb wollen wir auch auf⸗ richtig gegen Sie ſein. Wir haben Grund, zu ver⸗ muthen, daß Miß Cheerly ihre Wohnung freiwillig verließ, um nicht beim Polizeigerichte gegen ihre Amme zeugen zu müſſen.“ „Und Nancy?“ „Weßhalb die Perſon, deren Namen Sie eben nannten, ihre Wohnung verließ, wiſſen wir nicht, aber ohne Zweifel begleitete ſie die Miß freiwillig.“ Harry Burg zeigte durch ein beifälliges Lächeln, wie wohl ihm der Takt ſeines Freundes gefiel, durch den dieſer eine nähere Erklärung zu vermeiden ver⸗ ſtanden, die ihn geſchmerzt haben würde. Er ſchenkte der Geſchichte des Bankiers Glauben und obgleich dieſelbe ihn aus ſeinem ſchönen Traum erweckt hatte, ſo hatte er dieſen deßhalb doch nicht vergeſſen. „Ich fürchte beinahe, daß Sie Recht haben, meine Herren,“ ſagte Kit,„denn trotz der Amme Verrä⸗ therei und Undankbarkeit war ihre Miß ihr doch ſehr zugethan. Welche Schwäche,“ ſetzte er in Ge⸗ danken hinzu,„und daß Nancy dieſer nachgab!“ Es war ein Unglück, daß die beiden Freunde ſich nicht für berechtigt hielten, dem armen Menſchen Alles zu erzählen, was ſie gehört hatten. Hätten ſie es gethan und hätten ſie Sir John Sellem als ihren Gewährsmann genannt, ſo würde ſein geſun⸗ der praktiſcher Verſtand wahrſcheinlich ſogleich den Schlüſſel zu dem Räthſel aufgefunden haben, den er in Folge ihres Schweigens nun vergebens ſuchte. Aber es ſtand, ihrer Anſicht nach, der Ruf des ſchönen und verlaſſenen Mädchens auf dem Spiele; 41 aus dieſem Grunde blieb ihr Mund ſtumm und ſie theilten ihm nur mit, daß ſie nach dem Continent zu reiſen beabſichtigten. „Ich habe Ihre Antwort nicht vergeſſen,“ be⸗ merkte Harry Burg,„als Sie die Annahme einer Belohnung für Ihr muthiges Benehmen ausſchlu⸗ gen und erklärten, daß Sie ſolche Dienſte nicht ver⸗ kauften. Deßhalb ſpreche ich auch jetzt nicht von Geld; ich bewundere Ihren unabhängigen Sinn zu ſehr, als daß ich ihn auf's Neue verwunden möchte, aber Sie werden mir hoffentlich ein ſolches Zeichen meiner Achtung nicht ausſchlagen, das ein Freund dem andern wohl anbieten darf.“ Mit dieſen Wor⸗ ten legte er eine goldene Uhr in die Hand ſeines Vertheidigers, die er zugleich herzlich drückte. Der Zimmergeſelle zögerte einen Augenblick, aber die Art, mit welcher das Geſchenk angeboten wurde und mehr noch die Worte, die es begleiteten, waren zu ſchmeichelhaft, als daß er es hätte aus⸗ ſchlagen können. Mit einem einfachen„Ich danke Ihnen, Herr,“ ſteckte er die Uhr in ſeine Taſche. „So iſt's recht!“ rief Harold.„Der Mann, welcher wahren Stolz beſitzt, macht ſich nicht leicht einer falſchen Schaam ſchuldig. Und nun, Kit, hö⸗ ren Sie mich,“ fuhr er fort;„es gibt Veranlaſſun⸗ gen im Leben, in welchen man, unbeſchadet ſeiner Ehre oder ſeiner Unabhängigkeit, den Dienſt eines Freundes anrufen und annehmen darf. Sollte ſich dieſer Fall ereignen, ſo vergeſſen Sie Harold Trachy nicht. Wäre dieſer auch aus England abweſend, ſo wird ſein Onkel, Sir Mordaunt Trach, ſein Wort einlöſen.“ 1 42 „Sie beſchämen mich, meine Herren, durch Ihre Freigebigkeit und Freundlichkeit,“ erwiderte Kit; „aber mehr noch durch Lobeserhebungen, welche ich nicht zu verdienen glaube, die ich aber zu verdienen mich bemühen werde.“ Als er ſich zum Weggehen anſchickte, befragten ihn die Freunde, was er denn weiter zu thun be⸗ abſichtige? „Ich werde Nancy aufſuchen,“ erwiderte er, „und müßte ich deßhalb England von einem Ende zum andern durchwandern. Ich fühle wohl, daß ich ohne ſie nicht glücklich ſein kann.“ „Iſt ſie denn gar ſo ſchön?“ fragte Harry. „Ich weiß nicht, ob ſie gerade das iſt, was die Welt ſehr ſchön heißt,“ erwiderte Kit lächelnd;„aber ſie iſt gut, und darüber kann gar kein Zweifel herr⸗ ſchen. Wenn Sie wüßten, wie emſig ſie gearbeitet hat, um ſich ein ehrliches Brod zu verdienen, wie ſittſam ihre Aufführung iſt, wie ſtandhaft ſie mich als Gatten ausſchlug, weil ich meine religiöſen Pflichten vernachläſſigte, obgleich ſie mir damals ſchon ſagte, daß ich ihr nicht gleichgiltig ſei, ſo würden Sie ſich über meinen Entſchluß nicht wundern.“ Auf das Dringen ſeiner neuen Freunde erzählte Kit nun die Geſchichte ſeiner erſten Bekanntſchaft mit der Nähterin; den Einfluß, den ſie allmählig über ihn gewonnen und alle Umſtände ſeiner Frei⸗ werbung. Als er zu Ende war, wünſchten ihm die jungen Männer, die ihm mit großem Intereſſe zu⸗ gehört hatten, von Herzen Glück, indem ſie bemerk⸗ ten, daß eine ſolche Frau ein wahrer Schatz ſei. „Wer kann nach der Geſchichte dieſes ehrlichen 43 Menſchen noch behaupten,“ ſprach Harold,„daß Tugend nur ein leerer Wahn oder daß die Zeit des Heldenmuths vorüber ſei? Es liegt etwas Groß⸗ artiges in der Handlungsweiſe dieſer Nähterin, die nur kümmerlich durch ihrer Hände Arbeit ſich er⸗ nährte und doch den Mann, den ſie liebte, aus Grundſatz ausſchlug.“ Bei dem Lever wurden die beiden jungen Män⸗ ner ſehr gnädig aufgenommen, doch beluſtigten ſie ſich im Stillen über die ſeemänniſche Freimüthigkeit Wilhelm's IV., der in ſeinen jüngern Jahren ein Freund und Genoſſe Sir Mordaunt Tracy's ge⸗ weſen war. Beide hatten manche vergnügte Stunde mit einander verlebt und die Regierungsſorgen hat⸗ ten aus dem Herzen des warmfühlenden Monarchen die Erinnerung an die freundſchaftlichen Beziehun⸗ gen nicht verwiſcht, in denen er früher zu dem Ba⸗ ronet geſtanden hatte. „Sehr erfreut, Sie zu ſehen, Mordaunt!“ rief der König;„außerordentlich erfreut. Haben ſich losgemacht aus Ihrem Granstoun; werden uns hoffentlich noch öfters ſehen. So, das iſt Ihr Neffe, ah? Hübſcher Junge, wahrhaftig! Schade, daß Sie ihn nicht zur Marine ſchicken— wie gemacht für einen Seemann. Erinnere mich ſeines Vaters wohl. Was haben Sie für Abſichten mit ihm?“ Mit einer tiefen Verbeugung theilte der alte Edelmann Seiner Majeſtät mit, daß Harold zu reiſen beabſichtige. „Reiſen!“ wiederholte Wilhelm,„die Welt ſehen — gonz recht; obgleich kaum der Mühe werth. »S iſt nicht die Welt, die wir gekannt— hat ſich 44 arg verändert.— Soll Empfehlungsbriefe vom aus⸗ wärtigen Amt haben. Da Sie jetzt in London- ſind,“ ſetzte er hinzu,„müſſen Sie mit mir ſpeiſen, ehe Sie es verlaſſen. Kehre morgen nach Windſor zurück; die Königin wird ſich freuen, Sie zu ſehen — Habe oft mit ihr von Ihnen geſprochen.“ Bei dieſem neuen Zeichen des Wohlwollens ſei⸗ nes Souverains verneigte ſich das wohlgepuderte Haupt des Baronets in tiefſtem Reſpect. Viele der anweſenden Zeugen dieſes gnädigen Empfangs moch⸗ ten ihn wohl darum beneiden, während der Baro⸗ net ſich mehr dadurch beläſtigt, als beglückt fühlte, denn er hatte gehofft, mit dem Hofe abgeſchloſſen zu haben; aber die Einladung ſeines Monarchen war ein Befehl, den er als loyaler Unterthan nicht ablehnen konnte. Nachdem das Lever vorüber war und Onkel und Neffe St. James Palaſt verließen, begegneten ſie General Trelawny und Albert Mortimer, der von Erſterem vorgeſtellt worden war. „Wann verlaſſen Sie London?“ fragte Bella's Vater, Harold herzlich die Hand ſchüttelnd. „Morgen, Herr General.“ „Morgen!“ erwiderte dieſer im. Tone fehlge⸗ ſchlagener Hoffnung.„Nun, vielleicht haben Sie Recht; es geht nichts über einen feſten Entſchluß. Ich hatte gehofft— hm! Alte Leute haben keinen Anſpruch auf Hoffnung; ſie finden ſich darin überall getäuſcht. Nicht wahr, Trach?“ Der Baronet lächelte traurig. Seine Hoffnun⸗ gen waren ſchon in der Jugend getäuſcht worden und hatten ſein ganzes Leben getrübt. Da er aber 45 den geheimen Gedanken ſeines Neffen errieth und ihm gerne den Schmerz erſpart hätte, den Namen Bella's ausſprechen zu müſſen, ſo fragte er nach dem Befinden der jungen Damen. „Eugenia iſt ganz wohl und ſo heiter wie immer,“ erwiderte deren Vater,„aber ihre Schweſter macht mir Sorgen. Doktor Halford ſagt mir zwar, er könne kein Symptom der Schwindſucht an ihr er⸗ kennen, der ſchlimmen Krankheit, die mir ihre Mutter raubte; ich weiß aber nicht, was ihr fehlt— ich weiß es nicht. Der Himmel ſei mit Ihnen! mein lieber Junge!“ ſetzte er hinzu,„wohin Sie ſich auch wenden, vergeſſen Sie nicht, mich auch gelegentlich von Ihnen hören zu laſſen.“ Harold ſagte auf's Bereitwilligſte zu, denn es lag ihm ſelbſt am allermeiſten daran. Noch an ſelbem Tage ſchrieb er einen langen Abſchiedsbrief an Bella, in welchem aus jeder Linie ſeine Liebe athmete, obgleich dieſes Wort mit keiner Silbe darin ſtand. Er beſchwor ſie, um ihres Vaters und um ſeinetwillen ſich das Leben zu erhalten, wenn es auch dazu dienen ſollte, auf einen Andern das Glück zu übertragen, das er zu erringen nicht vermocht habe.„Vergeſſen Sie nicht,“ ſetzte er am Schluſſe hinzu,„daß Sie einen Vater und einen Bruder haben. Sie ſind zu edel, als daß Sie dieſen Titel widerrufen oder das Vorrecht, das er gewährt, in Abrede ziehen ſollten.“ Weil Harold den Brief nicht gerne durch die Poſt abſchicken wollte, ſo rief er Tom herbei, der eben auf's Eifrigſte mit Einpacken in ſeines Herrn Ankleidezimmer beſchäftigt war. Zum evſten Mal, 46 ſeit er ihn kannte, bemerkte er einen Ausdruck der Unzufriedenheit auf dem Geſichte des treuen Burſchen, den er nichts Anderem, als ſeinem Be⸗ dauern, England verlaſſen zu müſſen, zuſchrieb. Kummer macht uns ſelbſtſüchtig, dachte er. Weß⸗ halb ſoll ich dieſes ehrliche Herz aus den Banden, die es hier feſthalten, wegreißen? „Gewiß haſt du die Abſicht, Tom,“ ſprach er, „in das Haus des Generals zu gehen, um dich im Dienerſchaftszimmer zu verabſchieden?“ „Ja, Squire,“ verſetzte dieſer.„Ich möchte nicht gern aus dem Sattel gehoben werden. Schwache Herzen haben noch nie ein Weiberherz gewonnen. Es hat zwiſchen mir und dem langen Lakai ein Wettrennen ſtattgefunden um Norah's Herz, aber ich habe ihn beim erſten Umlauf beſiegt.“ „Und wirſt es auch beim zweiten,“ bemerkte ſein Herr. „Weiß es nicht, weiß es nicht, Maſter Harolb. Kann dieſes nicht beſtimmt ſagen;'s iſt gegen das Geſetz der Rennbahn, daß, wenn zwei Pferde lau⸗ fen und eines zurückgezogen wird, das andere den Weg zum Ziel fortſetzt.“ „Wenn du aber nicht zurückgezogen wirſt?“ „Wie?“ „Ich dachte mir, Tom,“ fuhr Harold fort,„daß es nicht recht wäre, dich aus England, deiner Hei⸗ math, und der hübſchen Norah wegzunehmen. Ich werde dich zwar ſehr vermiſſen, denn du warſt mir mehr Freund als Diener, aber—“ „Mich vermiſſen!“ unterbrach ihn Tom.„Ich hoffe, daß Sie dieß würden, aber mir ging es gerade 47 eben ſo. Wie könnte ich, ohne ſchamroth zu werden, Maybud oder Firefly(die Namen von Harold's Lieb⸗ lingspferden), in's Geſicht blicken? Sie wüßten, daß ich meine Pfiicht bei Ihnen nicht erfüllt habe. Was Norah betrifft, ſo will ich nicht leugnen, daß es mir leid thut, dem eingebildeten Burſchen das Feld allein zu überlaſſen, aber ich weiß deßwegen doch, was noch ärger iſt.“ „Du kannſt dir ja mein Anerbieten noch über⸗ legen.“ „Iſt ganz unnöthig.“ „Ich werde vielleicht vor Jahren nicht nach Eng⸗ land zurückkehren. „Das iſt's ja gerade, Maſter Harold,“ rief der Groom.„Wenn es ſich nur um ein paar Wochen gehandelt hätte, ſo hätte ich die Sache verſchmerzt; aber Sie ſollten Jahre lang weg ſein und ich nicht mit Ihnen, das kann nicht geſchehen, wenn Sie mich nicht geradezu wegſchicken.“ Bei dieſen Wor⸗ ten zitterte die Stimme des armen Menſchen; denn obgleich er entfernt keinen Grund hatte, dieß zu vermuthen, ſo machte ſchon der Gedanke an die bloße Möglichkeit einer derartigen Abſicht ſeines jun⸗ gen Herrn den ſchmerzlichſten Eindruck auf ihn. „Was ſchwatzſt du da für einfältiges Zeug, Tom,“ bemerkte Harold, gerührt von ſeiner Treue.„Sprich nichts mehr davon; du weißt, daß ich blos aus Rückſicht für dich, dir das Anerbieten machte, in England zurückzubleiben.“ „Und die Rückſicht für Sie, Squire,“ erwiderte der Groom,„erlaubt mir nicht, das Wort auszuſpre⸗ chen, welches mich abhalten könnte, das Anerbieten — 48 anzunehmen. Da jetzt dieſe Sache im Reinen iſt, ſo will ich vollends einpacken, vorausgeſetzt, daß Euer Ehren mir keinen andern Befehl zu ertheilen haben.“ „Ich wünſche, daß du dieſen Brief Norah für ihre Gebieterin überbringſt,“ ſprach Harold.„Da, nimm ihn.“ „Wiſſen Sie auch, was Norah ſagt, Sir?“ „Nein, Tom.“ „Wollen Sie nicht böſe werden, wenn ich es Ihnen mittheile.“ „Durchaus nicht.“ „Nun denn, Maſter Harold,“ rief der Burſche: „Norah behauptet, Sie hätten zu übereilt gehandelt, und daß ein junger, hübſcher Gentleman, wie Sie, ein Nein für keine Antwort halten ſollte, bis es wiederholt worden ſei.“ Es wurde aber leider wiederholt, dachte Harold. „Weiter ſagte ſie,“ fuhr Tom fort,„ſie wiſſe ge⸗ wiß, daß ihre junge Dame Sie liebe; daß Sie aber einen Feind hätten.“ 5 „Einen Feind!“ wiederholte Harold;„ich habe mir nie Jemand zum Feinde gemacht.“ „Ich fagte ihr auch, daß dieß unmöglich ſei,“ verſetzte Tom;„ſie blieb aber dabei, daß es ſich ſo verhalte und daß Sie England nicht ſo ſchnell ver⸗ laſſen ſollten.“ „Nimm meinen Brief, Tom,“ fuhr Harold fort, der dieſe Behauptung für leeres Geſchwätz hielt; „ich bin feſt entſchloſſen, morgen abzureiſen.“ An demſelben Tage wurde Harry Burg, der 49 eifrig mit den Vorbereitungen ſeiner Abreiſe be⸗ ſchäftigt war, durch einen Beſuch William Frank⸗ lin's überraſcht, der nur in der Abſicht, ihn zu be⸗ ſuchen, von Alston⸗Moor gekommen war. Harry vermuthete, daß ihn die Angelegenheit wegen der Farm nach London geführt habe und er empfand jenes ſchmerzliche Gefühl, das edlen Gemüthern eigen iſt, wenn ſie ſich in Ausführung der Abſich⸗ ten verhindert ſehen, welche Dankbarkeit ihnen vor⸗ ſchreibt. „Leider bin ich um Eures eigenen Beſten willen genöthigt, einen Akt der Gerechtigkeit zu verſchie⸗ ben,“ ſprach er.„Ich könnte Euch zwar allerdings in den Beſitz der Lock⸗Farm ſetzen, aber ich kann Euch den Beſitz nicht zuſichern. Es iſt ein Prätendent mit Anſprüchen auf die Herrſchaft aufgetreten, und bis das Geſetz entſcheidet,—“ „Das iſt es nicht, Squire,“ unterbrach ihn Will mit dem Knittel;„ich weiß, daß Ihre Abſichten gut ſind und bin Ihnen ſo dankbar, als wenn Sie Ihr Verſprechen gelöst hätten; aber die Sache iſt die, daß ich mich nicht mehr ſo ſicher fühle, wie früher. Dobſon und Baines thun ihr Möglichſtes, mich um die Farm zu bringen. Der Rentmeiſter Snape iſt mein Feind, und deßhalb hat der Doktor, weil er fürchtete, die Sache möchte ſchief ablaufen, mir ge⸗ rathen, nach London zu gehen. Dieß ſcheint mir aber ein ſonderbarer Ort, um—“ „Wie geht es dem würdigen Doktor?“ fragte Harry.„Hat er Euch keinen Auftrag an mich ge⸗ geben?“ Will ſchüttelte den Kopf. Licht⸗ und Schattenſeiten. IH. 4 50 „Das iſt auffallend.“ „Das meinte ich auch,“ bemerkte Will naiv. „Wenn er nur wenigſtens geſchrieben hätte.“ „Freilich hat er geſchrieben,“ rief der Freiſaſſe, indem er mit der Hand in ſeine weite Taſche fuhr und daraus einen Brief hervorzog, welchen er auf den Tiſch legte.„Vielleicht hat darin der Doktor Alles erzählt, was er zu ſagen hat. Harry lächelte, während er das Siegel aufbrach, über Will's Naivetät, der mit der Stärke und Ge⸗ ſtalt eines Rieſen die Harmloſigkeit eines Kindes verband. Das Schreiben enthielt Folgendes:„Mein lie⸗ ber Harry Burg.— Es freut mich, Ihnen mit⸗ theilen zu können, daß jeder Verſuch, den bis jetzt Ihr Rentmeiſter und die Agenten des wirklichen oder vorgeblichen Sohnes von Marmaduke Burg, die Bergleute aufzuſtiften ſich in den Beſitz der Halle zu ſetzen, geſcheitert iſt. Ich bin noch immer Vogt von Burg⸗Hall und werde fortfahren Ihr Intereſſe zu wahren. In Ihrem letzten Schreiben ſprechen Sie die Abſicht aus, Spanien zu durchreiſen. Soll⸗ ten Sie Burgos berühren, ſo ſuchen Sie das Colle⸗ gium der engliſchen Benedictiner auf und fragen Sie dort nach Pater Cyprian; dieſer kann Ihnen ohne Zweifel ſehr wichtige Aufſchlüſſe über Ihren Onkel Marmaduke geben. Ich ſende Ihnen dieß durch William Franklin, in der Hoffnung, daß Sie ihn als Diener mit ſich nehmen werden. Der arme Menſch befindet ſich hier in einer ſehr mißlichen Lage und ich kann kaum für ſeine Sicherheit ſtehen wenn er hier bleibt, da die Fehde zwiſchen ihm 51 und Dobſon's Partei einen ſehr ernſten Charakter angenommen hat. Ich bitte, daß Sie doch ja den Wink in Betreff von Burgos und des Pater Cy⸗ prian nicht vergeſſen.“ „Ihr wünſcht alſo, Will, zu reiſen?“ fragte Harry, als er mit dem Leſen des Briefes zu Ende war. Dieſer räuſperte ſich und drehte mehrmals den Hut verlegen mit den Händen um, ehe er antwor⸗ tete. Mit Ihrem Verlaub, Squire,“ verſetzte er endlich,„der Doktor meint, daß, wenn Sie in fremde Länder reiſen, ein treues Herz und ein ſtarker Arm Ihnen von Nutzen ſein könnten. Ich will Ihnen aber gar nicht zur Laſt fallen, denn ich bin nicht ohne einige Pfunde in der Taſche nach London ge⸗ kommen.“ „Beſter Freund,“ verſetzte Harry,„Ihr hättet mir kein größeres Vergnügen machen können, als durch Euer Anerbieten, mich begleiten zu wollen. Wir brechen morgen auf.“ „Ich bin zu jeder Stunde bereit,“ rief Will. „Sie werden mich zwar allerdings Anfangs etwas linkiſch finden, Squire Harry; ich bin nicht an den Dienſt gewöhnt, aber ich will ihn gern erlernen.“ „Darüber werden wir keinen Streit bekommen,“ verſetzte Harry, dem die Ausſicht auf einen ſolchen Zuwachs der Reiſegeſellſchaft ſehr wohl gefiel,„und Mr. Tracy wird mit dieſer Anordnung gewiß eben⸗ falls ſehr zufrieden ſein.“ Am folgenden Tag verließen Harry und Harold, begleitet von Franklin und Tom, der den Schmerz ſeines Abſchieds von der hübſchen Norah noch nicht ganz überwunden hatte, London. Als ſie Haus — 52 des Baronets in St. James⸗ſquare verließen, flü⸗ ſterte ſein Herr, der den innern Kampf des armen Burſchen wohl bemerkte, dieſem in's Ohr: „Noch iſt es nicht zu ſpät.“ „Zu ſpät! Zu was, Squire?“ „Zum Zurückbleiben.“ Ja, es iſt es, Maſter Harold,“ erwiderte der treue Diener;„es iſt mir allerdings gar flau um's Herz, daß ich Norah verlaſſe. Vielleicht bleibt ſie mir treu, vielleicht aber auch nicht, und dann ge⸗ ſchieht mir's recht; denn warum habe ich mich in ſie verliebt, da ich doch wußte, was Euer Ehren vorhatten.“ „Ich denke nicht, daß du deinen Rivalen zu fürchten haſt,“ bemerkte Harold. „Den langen Lakaien!“ rief Tom. RNicht im Geringſten.„Ich habe ihn geſtern Nacht im Be⸗ dientenzimmer des Generals aufgefordert, die Sache auszufechten, und als er nicht wollte, gab ich ihm eine Maulſchelle und machte hiemit der Sache ein Ende. Norah hat zu viel Verſtand, als daß ſie einen Feigling lieben könnte. Er iſt aber nicht der ein⸗ zige Burſche, der ſeine ſechs Fuß mißt und einen hüb⸗ ſchen Backenbart hat. Ich kann nicht begreifen, was die Mädchen Beſonderes daran finden können.“ „Ich auch nicht,“ verſetzte ſein Herr. Wären Beide um einige Jahre älter geweſen, ſo würden ſie wahrſcheinlich anders gedacht haben; für jetzt waren aber ihre Wangen noch gänzlich jenes Haarſchmucks beraubt, der einen ſo großen Einfluß auf das weibliche Herz ausüben ſoll. Der Abſchied zwiſchen Sir Mordaunt Trach und 53 ſeinem Neffen war ſehr ſchmerzlich; erſt im Augen⸗ blick der Trennung fühlten Beide, wie theuer ſie einander waren und wie feſt Jahre, in Liebe und Nachſicht hingebracht, ihre Herzen verbunden hatten. „Schreibe mir,“ ſprach der alte Mann, ſeines Neffen Hand feſt in der ſeinigen haltend,„ſchreibe mir oft, das iſt Alles, was ich verlange,— wenig⸗ ſtens für den Anfang. Aber wenn einmal durch Veränderung des Schauplatzes deine Wunde ver⸗ narbt und dein Herz wieder völlig hergeſtellt iſt, ſo erinnere dich der Heimath, in der du ſchmerzlich vermißt wirſt.“ Harold verſprach dieß, umarmte ſeinen ehrwür⸗ digen Wohlthäter, Verwandten und Freund und ſagte ihm haſtig Lebewohl, um ſeine Wehmuth zu verbergen, welche, wie er wohl wußte, nur ſeines Onkels Schmerz vermehrt haben würde. In derſelben Nacht ſchliefen die Reiſenden in und den Tag darauf landeten ſie in Frank⸗ reich. Neunzehntes Kapitel. An demſelben Tage, an welchem die Reiſenden England verließen, gab Sir John Sellem einigen ſeiner auserwählten Freunde in ſeiner Privatwoh⸗ nung in Bloomsbury⸗ſquare ein Diner. Die Ge⸗ ſellſchaft beſtand aus den Herren Wigget und Tye, ſeinen vertrauten Sachwaltern, Albert Mortimer, dem Rentmeiſter Snape, der expreß wegen dieſer 54 Veranlaſſung nach London gekommen war, dem Manne, den wir im vorhergehenden Kapitel unſeren Leſern als Jasper Crouch vorgeführt haben, der ſich aber Capitän Helsman nannte und einem lan⸗ gen, magern, abgelebten Menſchen von etwa drei⸗ undzwanzig oder höchſtens fünfundzwanzig Jahren, deſſen ſtiere, ſchlangenartigen, grauen Augen, ſtraf⸗ ſes ſchwarzes Haar, zuſammengekniffene Lippen, hervorſtehende Backenknochen und bleichgelbe Ge⸗ ſichtsfarbe mehr noch, als ſein näſelnder Accent ihn als einen ächten Sohn Amerika's erkennen ließen. Die auf dieſe Weiſe beſchriebene Perſon war Niemand anders, als der Prätendent der Herr⸗ ſchaft von Burg⸗Hall,— der vorgebliche Vetter unſe⸗ res Freundes Harry. Dieſer Gentleman,— denn er würde Jedem, der ihm dieſen Titel ſtreitig gmacht hätte, auf den er Anſpruch zu haben wähnte, mit einem Meſſerſtich oder einer Ausforderung geant⸗ wortet haben,— war als literariſcher Abenteurer nach England gekommen. Damals hieß er kurzweg Mr. Brandon, und erſt ſpäter hatte er noch den Namen Burg hinzugefügt. Mr. Wigget, oder wie ihn ſeine näheren Be⸗ kannten vertraulich nannten, die Wespe, war ein ſehr beweglicher kleiner Mann mit kleinen ſtechen⸗ den, ſchwarzen Augen, von großer Zungenfertigkeit und noch größerer Verſchmitztheit. Im Benehmen ſowohl, als im Aeußern repräſentirte er den ſtreng⸗ ſten Contraſt mit ſeinem Aſſocie Mr. Tye, einem großen und ſehr ernſt ausſehenden Manne, der ſelten in Wigget's Gegenwart ſprach, außer um durch ſeine Verſicherung die ausgeſprochene Anſicht 55 ſeines Collegen zu verſtärken, mit der er ſich nie⸗ mals erlaubte, nicht übereinzuſtimmen. Die weib⸗ lichen Clienten ſetzten unbegrenztes Vertrauen in Mr. Tye. Dieſer war immer ſo pünktlich gekleidet; es lag etwas ſo Geſetztes und Elegantes in ſeinem weißen Halstuch; dazu kam noch ſeine weiche und ſanfte Stimme, die wie Milch und Honig von ſei⸗ nen Lippen floß, ſo daß es wahrhaft ſchamlos ge⸗ weſen wäre, an der Rechtſchaffenheit dieſes vollkom⸗ menen Gentlemans zu zweifeln. Bei ihren Stan⸗ desgenoſſen ſtanden dieſe beiden Herren im Rufe tüchtiger Geſchäftsmänner; beim Publikum als re⸗ ſpektable Leute, und mehr verlangten ſie nicht. Die Verſchwörung gegen das Vermögen Harry Burg's,— denn darum handelte es ſich,— hatte ein ganz eigenthümliches Gepräge. In ihren Unter⸗ redungen, Berathungen und Berichten drückten ſich die Verbündeten auf eine Weiſe aus, als ob ſie auf die rechtlichſte Weiſe auf der Welt handelten und auf's Vollkommenſte von der Gerechtigkeit der Anſprüche des angeblichen Erben überzeugt wären, der einerſeits den Advokaten eine Verſchreibung auf eine große Summe gegeben, zahlbar jedoch nur im Falle des Erfolgs, andererſeits aber gegen den Bankier ſich verbindlich gemacht hatte, ihm die Herr⸗ ſchaft, ſo bald er in deren Beſitz gelange, um die Hälfte ihres Werths zu überlaſſen. Was das Ab⸗ kommen des Baronets mit Albert Mortimer und Capitän Helsman anbelangt, ſo iſt es für den Augenblick nicht nöthig, näher darauf einzugehen. Nachdem das Tiſchtuch weggenommen war und die Diener ſich zurückgezogen hatten, ſtand der 56 Feſtgeber von ſeinem Stuhle auf, füllte ſein Glas und bat um Erlaubniß, auf die Geſundheit ſeines geſchätzten Freundes, Mr. Brandon Burg und auf günſtigen Erfolg der Herſtellung ſeiner Rechte trin⸗ ken zu dürfen. Die Geſellſchaft leerte mit Begeiſterung ihre Gläſer. „Seines Raubs,“ flüſterte Wigget ſeinem Aſſocie in's Ohr, indem er mit ihm anſtieß. Tye nickte ihm beifällig zu. „Mr. Brandon Burg's Geſundheit und Rechte!“ wiederhölte Albert Mortimer lächelnd; mögen ſie ihn nach Sidney zur Deportation, oder nach Burg⸗ Hall führen, ſetzte er in Gedanken hinzu. Auf das Trinken des Toaſts folgte die gewohnte Pauſe, welche man in der Abſicht macht, um dem auf dieſe Weiſe Gefeierten Zeit zu laſſen, ſich zu einer paſſenden Antwort zu ſammeln, obgleich neun⸗ mal unter zehn Fällen die Verlegenheit dadurch vermehrt wird. „Gentlemen,“ hob der Amerikaner an, nachdem er zuvor mehrmals mit bewunderungswürdiger Ge⸗ ſchicklichkeit den Speichel durch die Zähne hindurch auf des Bankiers polirten Kaminroſt geſpritzt hatte. „Ich erhebe mich mit Begeiſterung, um die ſo ſchmeichelhaft mir geſpendeten Complimente der an dieſem ehrenwerthen Tiſche verſammelten erleuch⸗ teten Britannier zu erwidern.“ „Hört! Hört!“ „Seit meinem zehnten Jahre habe ich alle Vor⸗ urtheile abgeſtreift—“ Und alle Grundſätze, dachte der Anwalt. 1 57 „Aber ich habe die menſchlichen Geſchöpfe,— mit Ausnahme der Neger,— als Geſchwiſter einer großen Familie erkennen gelernt.“ „Hört! Hört!“ rief Capitän Helsman. „Ich kam in das alte Land herüber,“ fuhr der Sprecher, wärmer werdend, fort,„mit einem großen Vorrath von Philantropie und Dollars in der Taſche, um den hartnäckigen Alligator, John Bull genannt, in ſeinen eigenen Gewäſſern zu ſtudiren und mich mit ihm zu meſſen,— und ich habe ihn gefunden; aber wie?“ Hier ließ der Bankier ein heiſeres Huſten hören. „Ich wiederhole, meine Herren,“ rief Brandon mit zunehmender Heftigkeit, indem er mit der ge⸗ ballten Fauſt auf den Tiſch ſchlug,„ich kam in der Abſicht, jeden Eingeborenen des alten Landes als einen Freund zu behandeln, mit ihm zu frühſtücken, mit ihm zu Mittag zu eſſen, mit Einem Wort, mit ihm in blutsverwandter Gemeinſchaft zu leben. Aber obgleich ich mehr als hundert Karten bei den aus⸗ gezeichnetſten Männern Londons abgegeben habe, ſo hat auch nicht ein einziger Britannier Notiz davon genommen.“ „Vielleicht ſind Sie ihnen nicht vorgeſtellt wor⸗ den,“ bemerkte Albert Mortimer gelaſſen. „Ihnen vorgeſtellt!“ wiederholte der beleidigte Yankee in wegwerfendem Tone.„Ich verachte der⸗ gleichen veraltete Gewohnheiten. War ich nicht ein Amerikaner und ein Bruder?“ „Welche Undankbarkeit!“ rief der Capitän.„Sie müſſen ihnen aber verzeihen.“ „Ich habe ihnen verziehen,“ erwiderte der Red⸗ 58 ner in großmüthigem Tone,„und wenn ich die grobe Ungaſtlichkeit und den höchſt eckelhaften Mangel an Bildung Eurer bigotten, unwiſſenden Landsleute vergeſſe, ſo geſchieht es aus Delicateſſe, meine Her⸗ ren, um nicht die zwiſchen uns beſtehende harmo⸗ niſche Uebereinſtimmung zu zerſtören.“ „Es geht doch nichts über die Beſcheidenheit eines Amerikaners!“ rief Wigget. „Und Takt!“ ſetzte Tye hinzu, indem er ſeinem Aſſocie einen heimlichen Blick zuwarf, den dieſer erwiderte. „Ich ſchmeichle mir von Beiden, eine genügende Portion zu beſitzen,“ bemerkte ihr Client mit großer Würde,„und was meine Rechte anbelangt, ſo weiß ich dieſe zu vertheidigen. Ich bin ein ächter Amerika⸗ ner, zäh wie Leder, behend wie ein Alligator, und ich verpflichte mich, dieſelben nicht aufzugeben, ſo lange ich noch einen Dollar in der Taſche habe oder eine britiſche Jury finde, die ſich der Sache annimmt. Mein Glaube beruht auf dem Einfluß des Sternenbanners und der Beredſamkeit eines guten Revolvers!“ Das„Hört! Hört!“ der Anweſenden übertönte theilweiſe die letzten Worte, als der Redner mit äußerſt befriedigter Miene ſeinen Sitz wieder ein⸗ nahm und jetzt weit nicht mehr ſo gelb ausſah, als ehe er aufſtand. „Haben Sie Mr. Brandon's Angelegenheit ſtu⸗ dirt?“ fragte Sir John Sellem ſanft, an den Se⸗ nior der Geſetzes⸗Firma ſich wendend. „Mit aller Sorgfalt,“ erwiderte Wigget. „Und die Beweiſe— die Briefe?“ fragte Snape. 59 „Sind ſehr befriedigend,— das heißt einige davon; aber wir ſind ja nicht verbunden bei der gerichtlichen Verhandlung irgend etwas vorzubrin⸗ gen, was der Hauptfrage fremd iſt. Ich zweifle im mindeſten nicht an der Gerechtigkeit ſeiner An⸗ ſprüche.“ „Das glaube ich auch,“ rief der Yankee. „Der Beklagte hat ſeine Abſicht ausgeſprochen,“ fuhr der Advokat fort,„auf die ehrenvoliſte Weiſe handeln zu wollen, indem er nur die morgliſchen Beweiſe,— welche zu liefern wir bereit ſind,— von der Identität ſeines Vetters verlange, um ihm ſodann die Herrſchaft abzutreten. Ich fürchte aber, daß eine unglückliche Geſchichte, die vor einigen Tagen Abends ſich in Haymarket zutrug, ſeinen Entſchluß geändert haben könnte.“ Hier erzählte er nun den Streit und den renomiſtiſchen Angriff auf Harry, um dieſen zu einem Duell zu nöthigen, den unſere Leſer bereits kennen. Der Vorfall fand allgemeinen Tadel nicht ſowohl wegen ſeiner Im⸗ moralität, als wegen der Unklugheit, daß er unter⸗ nommen worden ſei. „Glauben Sie, daß der landräuberiſche Kerl ein ſolcher Thor iſt,“ fragte Brandon.„Ich glaub's nicht. Redensarten! Ich kenne das aus eigener Er⸗ fahrung; nichts als hohle Worte.“ „Da irren Sie ſich, mein Lieber, da irren Sie ſich gewaltig;“ unterbrach ihn Albert Mortimer. „Harry Burg iſt ganz der Mann, der im Stande iſt die unbegreifliche Thorheit zu begehen, auf ein Vermögen zu verzichten, an welches, wie er glaubt, ein Anderer gegründetere Anſprüche hat. Sie haben 60 durch Ihre Unklugheit einen Point im Spiele ver⸗ loren. In Zukunft müſſen Sie ſich durch Ihre Rathgeber leiten laſſen.“ „Muß ich!“ wiederholte dieſer auffahrend. „Sie müſſen,“ erwiderte der Officier mit ſtarker Betonung des Worts, indem er ihm zugleich feſt in's Geſicht ſah.„Ich bin überzeugt, Mr. Burg verſteht das Wort. Männer von Ehre, welche ſeine Intereſſen verfechten, können ſich nicht der Gefahr ausſetzen, ihren Ruf durch jene transatlantiſche Ge⸗ nieſtreiche bloszuſtellen, welche, wenn gleich in dem erleuchtetſten Theile unſerer Erdkugel prakticirt, von den neidiſchen Britanniern nicht verſtanden werden.“ Es lag etwas in dem Tone und noch mehr in dem Ausdrucke des Auges des Sprechenden, das den Renomiſten einſchüchterte, der die Beine über die Stuhllehne hängend vor ſich hin murmelte, er wolle ſeinen Freunden keinen Zwang auferlegen. Als auch Snape, Helsman und der Bankier ſeinen Anſchlag tadelten, verſprach endlich Brandon mürriſch, ſich in ſeiner Handlungsweiſe künftig gänz⸗ lich nach ihnen zu richten. „Ich kann den verdammten Kerl, den Mortimer, nicht ausſtehen,“ bemerte Brandon, als er dem Ban⸗ kier gute Nacht wünſchte;„ich bin kein Neger, der ſich nur ſo ohne Weiteres befehlen läßt.“ „Gewiß nicht,“ verſetzte der Baronet. „Wer iſt er denn?“ „Derbeſte Schütze in der Armee,“ ſagte Sir John; „unſchätzbar als Verbündeter, gefährlich als Feind.“ „Iſt er auf unſerer Seite?“ „Allerdings, denn wenn er ſich zurücköge, ſo 61 wäre die ganze Geſchichte aus; ich würde ſie hoff⸗ nungslos für verloren geben,“ erwiderte der Bankier. Der Bankee verabſchiedete ſich. Albert und die beiden Advokaten folgten unmittelbar darauf ſeinem Beiſpiele und ließen ihren Feſtgeber mit Snape und dem Capitän allein. Die Nothwendigkeit, ſich zu verſtellen, war nun zu Ende; namentlich kannten ſich die beiden Letztern ſchon zu lange, als daß ſie Anſtand genommen hätten, ſich gegenſeitig unum⸗ wunden auszuſprechen. „Brandon iſt mehr ein Großſprecher als ein muthiger Menſch,“ bemerkte Capitän Helsman, ſeine Cigarre anzündend,„und es freut mich, daß Mor⸗ timer ihm den Text geleſen hat. Ich hoffe, daß er hinreichend geſunden Verſtand beſitzt, um den ge⸗ hörigen Nutzen daraus zu ziehen.“ Der Baronet zuckte die Achſeln. „Sie haben eine ſchlechte Wahl getroffen,“ be⸗ merkte der Rentbeamte. „Ich hatte keine Auswahl,“ erwiderte der Ban⸗ kier bitter.„Brandon iſt der einzige Mann im Kreiſe meiner Bekannten, der die nöthigen Eigen⸗ ſchaften für unſere Pläne beſitzt. Seine Anteceden⸗ tien ſind unbekannt, dabei iſt er unbeſtreitbar ein Amerikaner, alſo aus dem Lande, wohin Marma⸗ duke floh, ein verwegener Abenteurer, der Alles zu gewinnen und keinen Ruf zu verlieren hat. Im Ganzen,“ ſetzte er bedächtlich hinzu,„war ſein Ge⸗ danke, Harry zu beſeitigen, nicht ſchlecht; es war nur die Art, wie er ihn ausführte, eine ſchlechte.“ „Ich kann den Vortheil davon nicht einſehen,“ rief Snape aus. 62 „Auch dann nicht, wenn er als geſetzlicher Erbe in den Beſitz der Herrſchaft gelangt wäre?“ fragte Sir John. Den Spießgeſellen ging ein Licht auf und ſie begriffen, daß auf dieſe Weiſe die Sache ſehr ver⸗ einfacht worden wäre. „Schade, daß Harry England verlaſſen hat,“ mur⸗ melte Helsman, indem er ſich in ſeinen Stuhl zurück⸗ warf und die anmuthig gegen die Zimmerdecke ſich ringelnden Wölkchen aus ſeiner Cigarre betrachtete. „Iſt denn Paris gar ſo weit?“ fragte der Ban⸗ kier in ſcheinbar gleichgültigem Tone. So einfach die Frage war, ſo klang ſie doch in den Ohren der beiden Andern nach, die ſich einige Minuten lang ſtillſchweigend anblickten. „Sehen Sie, Sir John,“ hob endlich der Rent⸗ meiſter nach einigem Ueberlegen an,„wir ſind hier unter lauter Freunden, die ſich gegenſeitig auf ein⸗ ander verlaſſen können; der geſetzliche Weg iſt lang⸗ ſam und ungewiß und deßhalb meine ich allerdings, daß Etwas geſchehen ſollte.“ „Ganz meine Anſicht,“ erwiderte der Baronet, tief Athem holend. „Und auch die meinige,“ bemerkte der Capitän in ruhigem Tone. „Ich kann nicht franzöſiſch,“ fuhr Snape fort. „Wenn ich dieſes verdammte Rothwelſch ſprechen könnte, ſo machte ich wohl ſelbſt einen Sprung über den Canal. Ueberdieß kennt man mich und meine Anweſenheit in England iſt unumgänglich nöthig.“ „Die meinige auch,“ ſetzte der Gefangenwärter von Emma und Nancy hinzu. 63 „Sie, mein lieber Helsman, könnten wohl Ih⸗ res beſchwerlichen Amtes enthoben werden,“ be⸗ merkte Sir John Sellem,„denn da fällt mir ſo eben ein, daß ich eine vertraute Perſon für ein paar Wochen nach Paris ſchicken muß, um eine ge⸗ wiſſe Operation an der dortigen Börſe zu leiten. Wie es ſcheint, ſo werden die Carliſten demnächſt einen Aufſtand in den baskiſchen Pryinzen wagen.“ „Pah! Sie ſind zu ängſtlich.“ „Es iſt Thatſache, wie ich Sie verſichern kann,“ ſagte der Bankier;„meine Rachricht iſt ſicher. Die ſpaniſchen Fonds müſſen fallen. Eine gewiſſe hohe Perſon läßt verkaufen—“ „Louis Phil—“ „St! keinen Namen! Wollen Sie den Auftrag übernehmen? „Ich wüßte nicht, warum nicht,“ erwiderte der Capitän in ſorgloſem Tone,„vorausgeſetzt, daß ich gut bezahlt werde und meine Anweſenheit nicht un⸗ umgänglich nothwendig iſt. Bet mag einſtweilen haushalten. Es gibt nur Einen Schlüſſel zu dem eingeſchrumpften Ding, das dieſes Weib Herz nennt, der muß aber von Gold ſein, und das beſitzen die beiden Vögel in meinem Käfige nicht. Ich will Sie morgen in der City beſuchen, wo wir ruhiger über die Sache ſprechen können.“ „Es iſt beſſer, die Sache ſogleich in's Reine zu bringen,“ fiel Snape ein, der unter allen Feinden Harry Burg's derjenige war, der ſeinen Untergang am ſehnlichſten wünſchte. Er hatte durch vorſichtig angeſtellte Nachfragen in Erfahrung gebracht, daß William Franklin ihn begleite, und da er Beide 64 ebenſo herzlich haßte, wie fürchtete, ſo drang er begreiflicher Weiſe auf Ausführung eines Plans, der ihm Strafloſigkeit für die Vergangenheit und unangefochtenen Genuß ſeines unrechtmäßig erwor⸗ benen Reichthums, ſo wie die Befriedigung ſeiner perſönlichen Rachgier ſicherte.„Ich habe gehört, daß derlei Dinge ſich in Frankreich leicht ausfüh⸗ ren laſſen,“ ſetzte er hinzu;„man könnte ſie dort ohne allen Verdacht aus dem Wege räumen.“ „Sie!“ wiederholte Helsman erſtaunt.„Welchen Nutzen könnte uns denn der Tod ſeines Beglei⸗ ters Harold Tracy's bringen.“ „An den denk' ich auch nicht,“ erwiderte der Rentmeiſter. „Snape hat eine Privatabrechnung mit einem Burſchen, Will mit dem Knittel genannt,“ bemerkte John Sellem lächelnd,„und er wünſcht, daß Sie dieſelbe für ihn in's Reine bringen.“ „Es käme mir auf ein paar hundert Pfund nicht an, wenn ich hörte, daß er tod ſei,“ rief der alte Böſewicht. „Haben Sie vielleicht ſein Leben verſichert?“ fragte der Capitän. „Nein.“ „Er wünſcht nur ſeinen eigenen Hals zu ſichern,“ ſagte der Bankier.„Es iſt eine alte Geſchichte, und obgleich ich ihm ſchon oft geſagt habe, daß jetzt ihn keine Gefahr mehr bedrohe, ſo will unſer Freund ſeine Angſt doch nicht beſchwichtigen laſſen. Er freite einſt um die Tochter eines der älteſten Päch⸗ ter aus der Herrſchaft Burg⸗Hall, aber das Mäd⸗ chen hatte den unverzeihlichen ſchlechten Geſchmack 65* einem Andern den Vorzug zu geben und, was noch verdrießlicher war, dieſen zu heirathen. Der junge Mann, von dem wir ſo eben ſprachen, iſt ihr Sohn.“ „Und der Vater?“ „Wurde todt gefunden,“ fuhr der Bankier fort, — ermordet, wie einige dumme Leute behaupteten.“ „Ermordet!“ wiederholte Helsman, den Rent⸗ meiſter fixirend, der ſich nichts weniger als behag⸗ lich zu fühlen ſchien, während die Geſchichte erzählt wurde. „Der Leichnam wurde in der Nähe des alten Schachts gefunden,— nicht wahr, Snape?“ „Ich glaube ſo, Sir John,“ murmelte der Rent⸗ meiſter. „Mit eingeſchlagenem Schädel,“ ſetzte der Ban⸗ kier hinzu. Der alte Mann zuckte zuſammen. „Und was das Sonderbarſte dabei iſt,“ fuhr der Erſtere fort,„daß um dieſelbe Zeit Marmaduke Burg aus der Gegend entfloh. Jetzt kennen Sie die ganze Geſchichte.“ „Ich verſtehe nun die Gefühle Ihres Freundes vollkommen,“ bemerkte der Capitän.„Zweihundert Pfund,“ wiederholte er überlegend,„ſind nicht viel, indeſſen für einen alten Bekannten—“ Ein ſtillſchweigender Händedruck wurde gewech⸗ ſelt und der Vertrag war beſiegelt. Um unſeren Leſern Ekel zu erſparen, welchen Einzelnheiten in ihnen erwecken müßten, die über⸗ dieß nur dazu dienen könnten, den Werth der Menſch⸗ heit in ihren Augen herabzuſetzen, begnügen wir Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 5 66 uns mit der Verſicherung, daß die Vortheile, welche dem Mörder aus dem Raub der Herrſchaft Burg⸗ Hall zugeſichert werden ſollten, mit größter Kalt⸗ blütigkeit beſprochen, geordnet und gut geheißen wur⸗ den, ehe der kluge Mann zu dem Verbrechen ſich verbindlich machte, das die Verbündeten durch ſeine Hand ausgeführt wünſchten. Nachdem dieſer wichtige Punkt im Reinen war, ſprach man nicht mehr davon. Der Baronet, um uns einer kaufmänniſchen Phraſe zu bedienen, hielt jetzt ſeine Rechnung mit Harry Burg für ſo gut wie abgeſchloſſen. „Kehren Sie heute Nacht noch nach Charlton zurück?“ frägte er Helsman, und als dieſer be⸗ jahend nickte, ſetzte er ginzu:„Sie ſind doch über⸗ zeugt, daß dort Alles ſicher iſt?“ „Vollkommen ſicher.“ „Und daß man auf mich keinen Verdacht ſchöpft?“ „Nicht im mindeſten,“ rief der Capitän. „Der beſte Witz dabei iſt, daß die Mädchen mir mit der Rache ihres Freundes, des guten und wohl⸗ wollenden Sir John Sellem drohen. Wie muß der Vater der Lügen über dieſe Einfalt lächeln!“ „Dieß kann aber auch nur Maske ſein,“ be⸗ mertte der Bankier argwöhniſch. „Ich ſage Ihnen, daß dieß nicht der Fall iſt,“ erwiderte Helsman etwas ungeduldig.„Maske,“ wiederholte er in verächtlichem Tone;„ich möchte die Maske ſehen, die mich täuſchen könnte und unter der ich nicht das wahre Geſicht zu erkennen ver⸗ möchte!“ ſetzte er in vertrauungsvollem Tone hinzu. Seine Genoſſen lachten in ſich hinein, denn Jeder 67 ſchmeichelte ſich, ihn ſchon auf irgend eine Weiſe hintergangen und getäuſcht zu haben. Sie irrte ſich aber, denn er hatte in der Seele Beider geleſen. Nancy hatte ihn auch nicht getäuſcht, denn dieſe ſprach mit vollkommener Ueberzeugung von dem Wohlwollen Sir John Sellem's und deſſen Un⸗ willen, wenn er die an ihrer Freundin begangene Gewaltthat erfahren würde. Nur Emma ſchöpfte Verdacht gegen den Bankier und dieſe hatte be⸗ kanntlich ihren Gedanken keine Worte verliehen. Nicht ohne Grund rechnete Helsman auf die ſichere Haft ſeiner Gefangenen, denn Frau Bet war an ſeine Intereſſen durch das ſtärkſte Band— die Furcht— gekettet. Die Fenſter des Hauſes waren nicht nur ſo feſt mit Läden verſehen, daß dadurch jede Verbindung nach Außen abgeſchloſſen wurde, ſondern es ſperrte auch eine ſchwere eichene Thüre die Treppe, welche nach dem obern Zimmer führte, von dem übrigen Theile des Hauſes ab, das, wie unſere Leſer wiſſen, einſam, von Gehölz und Feldern um⸗ geben daſtand. Den Schlüſſel zu der erwähnten Thüre hatte er oder ſeine Haushälterin in Ver⸗ wahrung, die dieſelbe nur öffnete, wenn ſie den Knaben Kelf einließ, der den Gefangenen Speiſen oder andere zum Lebensunterhalt nothwendigen Dinge zu bringen hatte, jedesmal aber hinter ihm ſogleich wieder abſchloß und ſeine Rückkehr abwartete. Zuweilen war es dem Blödſinnigen vergönnt über eine Stunde in dem Zimmer zu verweilen, ehe ſie ihm rief, wieder herabzukommen. Sobald er dieſe Stimme vernahm, verſchwand plötzlich wieder der Schimmer von Intelligenz, welchen 3 Ireund⸗ 68 lichen Worte und die liebevolle Theilnahme Emmo's und Nancy's auf ſeinem Geſichte geweckt hatten, und an ſeine Stelle trat der Ausdruck der Angſt; er verließ dann jedesmal ſogleich haſtig das Zim⸗ mer, nachdem er jedoch noch einen dankbaren Blick zurückgeworfen hatte. Unter den beiden, auf ſo willkürliche Weiſe zurück⸗ gehaltenen Gefangenen fühlte die arme Nähterin wahrſcheinlich den Verluſt der Freiheit auf's Em⸗ pfindlichſte; es war dadurch plötzlich der einzige goldene Faden, der kürzlich in das düſtere Gewebe ihres einſamen Lebens ſich geflochten, zerriſſen wor⸗ den, und doch war ſie mehr um Kit's, als um ihrer Selbſt willen beſorgt. Es liegt darin für die⸗ jenigen, welche darüber nachdenken, nichts Ueber⸗ raſchendes, denn ein treu liebendes weibliches Herz iſt einer Verlengnung fähig, von der die männliche Selbſtſucht im Allgemeinen nichts weiß. „Er wird den Pfad wieder verlaſſen, den er vor Kurzem erſt betreten hat, Miß Cheerly,“ pflegte ſie zu ſagen,„am Gotteshauſe noch auf der Schwelle wieder umkehren.“ „Das wird er nicht thun,“ erwiderte dann Emma tröſtend.„In betrübten Stunden verläßt das Herz am wenigſten den einzigen Troſt, der ihm geblieben iſt. Ein guter Engel wird ihn auch fernerhin noch leiten.“ „Was für ein Engel?“ fragte Nancy, die ſie nicht ganz verſtand. „Der Engel der Erinnerung,“ verſetzte ihre Freundin.„Es gibt nur Wenige unter uns, die deſſen Einfluß nicht ſchon empfunden haben. Wie 69 oft ſchon hat die Erinnerung an die Lehren der Mutter und ihre Gebete die wankende Seele vom Verbrechen abgewendet, die härteſte Natur erweicht und Thränen aus Felſen entlockt. Sie glauben doch an Kit's Liebe zu Ihnen, nicht wahr?“ „Und an ſein Vertrauen auf Sie?“ „Er wird nie an mir zweifeln,“ antwortete das arme Mädchen mit kindlichem Vertrauen. „Dieſes Vertrauen und dieſe Liebe nun,“ fuhr Emma fort,„wird ihn auf dem Pfad erhalten, wo er allein Sie zu finden hoffen kann.“ „Sie müſſen dieß in der That beſſer verſtehen, als ich,“ bemerkte Nanch, deren Hoffnung neu belebt wurde, obgleich ſie ſich von den Beweisgründen ihrer Freundin noch nicht völlig überzeugt fühlte.„Ich würde auch nicht ſo ſehr verzweifeln,“ ſetzte ſie hinzu, im Zimmer ſich umblickend,„wenn ich nur die ge⸗ ringſte Hoffnung hegte, von hier entwiſchen zu kön⸗ nen. Ich will nur ſehen, wie lang man uns hier behält.“ „Es iſt doch Hoffnung da,“ flüſterte Emma,— der Knabe.“ „Kelf?“ „Gerade ſein blödſinniges Weſen wird uns be⸗ hilflich ſein,“ fuhr Miß Cheerly fort, welche ihren Operationsplan reiflich überlegt hatte.„Die Haupt⸗ ſchwierigkeit wird die ſein, uns Schreibmaterialien zu verſchaffen;— haben wir einmal dieſe, ſo iſt alles Uebrige leicht.“ „Jetzt verſtehe ich Alles,“ rief Nancy freudig; „Sie wollen Kelf einen Brief zur Beſorgung an Sir 70- John Sellem übergeben. Der Knabe wird um ihret⸗ willen Alles auf's Spiel ſetzen.“ „Nein, nicht an dieſen,“ unterbrach ſie Emma unwillkürlich ſchaudernd bei dem Namen ihres Ver⸗ folgers, von deſſen Schlechtigkeit und Falſchheit ſie jetzt vollkommen überzeugt war; denn es war ihr nun⸗ mehr klar, daß er ſie beraubt und ihre Entführung zur Verbergung ſeines Verbrechens veranſtaltet hatte, —„ſondern an einen edlen und treuen Freund.“ „An welchen?“ fragte die Nähterin erſtaunt. „An den einzigen, der uns geblieben iſt,— an Kit Corling,“ antwortete Emma.„Wir müſſen aber vorſichtig zu Werke gehen, denn wir ſind in den Händen verwegener und, wie ich fürchte, höchſt ge⸗ wiſſenloſer Gegner. Wir wollen um Nähterei bit⸗ ten, um uns damit die Zeit zu vertreiben.“ „Und dann?“ „Wenn erſt einmal die Frau des Hauſes ent⸗ deckt, wie geſchickt wir ſind, ſo wird es nicht lange dauern, daß ſie Nutzen daraus zu ziehen ſuchen wird. Schlimme Charaktere ſind ſelten frei von Eigennutz,“ ſetzte Miß Cheerly hinzu. Es lag eine tiefe Wahrheit in dieſet letzten Be⸗ merkung, denn Erfahrung lehrt, daß ſelten ein La⸗ ſter das Herz ausſchließlich beherrſcht. Betſey Amos oder, wie man ſie häufig nannte, Bet, des Capitäns Haushälterin und alleinige Die⸗ nerin, mit Ausnahme des Blödſinnigen, die im Hauſe wohnte, war eine jener Perſonen, welche die Lauf⸗ bahn des Verbrechens betreten, ohne es zu ahnen oder zu beabſichtigen. Gleich vielen Andern hatte ſie ſich damit getäuſcht, bis auf eine gewiſſe Grenz⸗ —— 71 linie zu gehen. Aber nichts reißt ſo ſchnell mit ſich fort als das Laſter; wenn auch die erſten Schritte langſam und mit Zögern geſchehen, ſo nehmen die folgenden in arithmetiſcher Progreſſion reißend ſchnell zu, bis ſie zuletzt das irre geführte Opfer kopfüber an den Rand des Abgrunds führen, nachdem es alle Kraft zum Widerſtand verloren hat. Es war noch nicht lange her, daß Bet dieſe furchtbare Wahr⸗ heit eingeſehen gelernt hatte, aber die Lehre kam zu ſpät. Nachdem ſie ſich einmal in die Gewalt ihres gewiſſenloſen Brodherrn gegeben hatte, zögerte ſie auch nicht mehr jedem Befehl, den dieſer ihr ertheilen mochte, zu gehorchen. Nachdem ſie zuerſt ſein Werkzeug geweſen, wurde ſie ſeine Sklavin. Was ihr Aeußeres anbelangte, ſo war ſie groß von Geſtalt, und wenn auch ihre Geſichtszüge einen har⸗ ten Ausdruck hatten, ſo machte doch ihr ganzes Weſen den Eindruck einer gewiſſen Achtbarkeit. Durch einen ſtrengen Meiſter war ſie in der Kunſt des Täuſchens unterrichtet worden, und der Zögling zeigte ſich ſeines Lehrherrn würdig. Sie ſaß gerade in ihrem kleinen Arbeitszimmer, wo ſie die meiſten ihrer einſamen Stunden hinbrachte, als der Capitän nach Hauſe kam. An eben dieſem Tage war die Bitte um Nähterei von den Gefangenen an ſie ge⸗ ſtellt worden, und ſie war in dieſem Augenblicke damit beſchäftigt, ihre Kleidungsſtücke durchzumuſtern, um dieſes Anliegen zu ihrem Nutzen auszubeuten. „Legen Sie dieſe Fetzen bei Seite, Bet,“ ſprach ihr Herr,„und hören Sie mir zu.“ Betſey gehorchte ihm ſtillſchweigend. „Ich werde morgen nach Paris reiſen.“ 72 „So, Herr,“ verſetzte ſie, ohne im mindeſten Erſtaunen oder Freude barüber kundzugeben. Wahr⸗ ſcheinlich war es ihr gleichgültig. „Ich muß die Mädchen ganz allein unter Ihrer Obhut laſſen,“ fuhr Helsman fort.„Sie wiſſen, wie wichtig es iſt, ihr Entkommen zu verhindern.“ „Ich weiß es.“ „Oder ihnen irgend eine Mittheilung an ihre Freunde zu geſtatten.“ „Haben ſie denn Freunde?“ fragte Bet.„Nach ihrem Aeußern zu urtheilen, müſſen dieſe ſehr arm ſein. Freunde!“ wiederholte ſie,„dann ſind ſie beſ⸗ ſer daran wie ich.“ „Freunde oder nicht. Es gibt in der Welt im⸗ mer ſolche Narren, die ſich in Alles miſchen und daher ſich auch dieſer Mädchen annehmen würden. Iſt etwas vorgefallen in meiner Abweſenheit?“ „Nichts, Herr,— das heißt, ſo gut wie nichts. Sie finden nur, daß ihnen die Zeit gar zu lang⸗ ſam verſtreicht, was ich ſehr wohl begreife, und ſo war ich eben daran, ihnen Arbeit zum Nähen zn ihrer Beſchäftigung auszuſuchen.“ „Auf ihr Verlangen?“ „Ja, auf ihr Verlangen, Herr.“ Der Capitän überlegte die Sache einige Minu⸗ ten lang, dann ſagte er:„Sie hätten mich zuerſt darüber befragen ſollen.“ „Das war auch meine Abſicht, ehe ich etwas hergab.“ „Ich verſtehe den Plan,“ bemerkte der ver⸗ ſchmitzte Menſchenkenner.„Die Mädchen möchten ſich 73 gern dadurch in Ihre Gunſt einſchmeicheln, daß ſie ſich Ihnen nützlich machen.“ Die Frau lächelte bitter. „Bei jeder Andern könnte es gelingen,“ fuhr der Capitän fort,„aber auf Sie kann ich mich ver⸗ laſſen, nicht wahr, Bet?“ Dieſe Frage wurde in halb drohendem, halb vertrauungsvollem Tone geſtellt. Die Haushälterin, die während dieſer Unter⸗ redung die an ſie geſtellte Frage mit, einer Ruhe beantwortet hatte, welche Jemand, der ihren Cha⸗ rakter nicht kannte, leicht für Gleichgültigkeit hätte halten können, erhob einen Augenblick lang ihr dunk⸗ les Auge und blickte ihren Herrn damit vorwurfs⸗ voll in's Geſicht.„Sie können es,“ erwiderte ſie. „Ich weiß dieß,“ verſetzte Helsman,„und es iſt mir lieb, daß Sie die Nothwendigkeit fühlen, nach meinen Vorſchriften zu handeln. Es wäre mir ſehr unangenehm, nach ſo vielen Dienſtjahren mich hintergangen zu finden. Auch iſt das Geſetz ſo er⸗ barmungslos, noch mehr als ich es bin,“ ſetzte er hinzu. Bet ſchüttelte den Kopf, als ob ſie an dieſer Behauptung zweifelte. „Ich ſage Ihnen, daß es ſo iſt,“ ſagte ihr Ty⸗ rann;—„es würde Sie zum Strang verurtheilen, und ſo ſtreng ich auch bin, ſo vermöchte ich das doch nicht zu thun.“ „Mit ihren eigenen Händen allerdings nicht, Capitän Helsman,“ antwortete die Frau ruhig; „dazu ſind Sie ein zu feiner Gentleman. Wenn Sie durch dieſe Worte die Furcht, die ich vor Ihnen 74 hege, vermehren wollen, ſo iſt dieß unmöglich. Wenn Sie ein neues Verbrechen mir zumuthen wollen, ſo iſt es unnöthig, denn ich wage es nicht, Ihnen den Gehorſam zu verſagen.“. „Wie Bet!“ rief der ausgelernte Böſewicht höh⸗ niſch,„Sie fangen an, logiſch zu werden.“ „Ich bin, zu was Sie mich gemacht haben.“ „So hören Sie mich alſo an,“ ſprach ihr Herr. „Sie geben den Mädchen Nähterei, wenn ſie es wünſchen; es wird ſie dieß von anderem Unfug ab⸗ halten, wenn überhaupt etwas ein ſolches Wun⸗ der bei Einer Ihres Geſchlechts zuwegebringen kann. Sie müſſen nach und nach ſich ſtellen, als wenn Sie Mitleid mit ihrem harten Geſchick fühlten. Ge⸗ lingt es Ihnen, ihr Vertrauen zu gewinnen, ſo können Sie alle Entweichungsverſuche vereiteln.“ „Ich verſtehe Sie.“ „Sollte aber dennoch Gefahr ſich zeigen, ſollten Sie merken, daß man Sie hintergehen will,“ fuhr er fort, indem er ein kleines Fläſchchen mit einer dunkeln, chokoladefarbenen Flüſſigkeit aus der Taſche zog, ſo werden einige Tropfen unter die Speiſen gemiſcht, allen Schwierigkeiten ein Ende machen. Ich wünſche aber nicht, daß dieſes Mittel unnöthiger Weiſe angewendet werde.“ Die Frau nahm das Gift, ohne das mindeſte Zögern oder auch nur entfernt Gemüthsbewegung zu verrathen, und ſteckte es in ihren Buſen.„Soll Jem die Mädchen auch noch fernerhin bedienen?“ fragte ſie. „Dann und wann. Miß Cheerly iſt ſcharfſich⸗ tiger, als Sie glauben, und es möchte Verdacht er⸗ 75⁵ regen, wenn Sie in der erſten Zeit ſich zu häufig in ihrem kleinen Zimmer einfänden. Sie kennen jetzt Ihre Inſtruction; ſehen Sie zu, daß Sie mit Ihrer gewöhnlichen Intelligenz und Feſtigkeit ausgeführt wird, wenn wir Freunde bleiben ſollen.“ Helsman ſprach dieſe letzten Worte in jenem bezeichnenden Tone aus, der ihnen das Gewicht einer Drohung verlieh, und verließ dann das Zim⸗ mer, um das Nothwendige zu ſeiner morgigen Ab⸗ reiſe vorzukehren. Als er die Thüre hinter ſich zu⸗ machte, blickte ihm Bet finſter nach, indem ſie vor ſich hinmurmelte:„Wird denn dieſe Kette nie bre⸗ chen;— wird ſie nie brechen 2 Zwauzigſtes Kapitel. Paris hatte im Jahre 1834 ſowohl in ſittlicher, als in materieller Beziehung ein ganz anderes Aus⸗ ſehen, als das heutige, nachdem es ſeitdem eine jener Erſchütterungen durchgemacht hat, die gleich einem Erdbeben die alten Grenzſcheiden der Geſell⸗ ſchaft durch einander werfen, entwurzeln und zer⸗ ſtören, ohne neue an deren Stelle zu ſetzen. Der Sturm, welcher den Thron der Bourbonen erſchüt⸗ terte, hatte das Land überraſcht; ſeitdem iſt die Revolution einheimiſch geworden und hat deßhalb aufgehört, tiefe Spuren zu hinterlaſſen. Die Pariſer waren zu der Zeit, von der wir ſprechen, kaum erſt aus ihrem Freiheitstraume erwacht, das heißt, ob⸗ gleich der berauſchende Trank, der ihnen von der 76 erblichen Verſchwörung des Polais⸗Royal mit Bei⸗ hülfe Lafayette's, Lafitte's und den Börſeſpekulan⸗ ten gebraut worden war, zu ſchlimmen Verwicklungen geführt hatte, gährte doch der Dunſt des Tranks in manchem ſchwachen Gehirn noch fort. Der Bür⸗ gerkönig hatte ſeine Popularität noch nicht verloren, ſondern konnte noch mit ſeinem weißen Hut, die Nationalkokarde darauf, mit ſeinem Schirm in der Hand oder unter den Arm geſteckt, ſich aus den Tuilerien herauswagen, ohne Gefahr zu laufen, von irgend einem mißvergnügten Patrioten nieder⸗ geſchoſſen zu werden, was ſpäter ſo häufig verſucht wurde. Bald wandte ſich freilich die Fluth gegen ihn und die Seifenblaſe platzte; ſo lange ſie aber feſthielt, mußte Louis Philipp ein ſehr glücklicher Mann geweſen ſein. Zwar fuhr der Faubourg St. Germain fort, über den Wechſel der Dinge zu ſchmollen; der Adel ſchloß ſeine großen Hotels oder zog ſich auf ſeine Landgüter in die Provinz zurück und verſchmähte es, ſeinen Hof zu ſchmücken. Aber was machte dieß! Seine Geſchäfte prosperirten, der Telegraph ſtand ihm zu Befehl, die Börſe lieh ihm bereitwillig zur Spekulation ihre Dienſte und die Krone Frankreichs hielt er in der Taſche. Spanien hatte ebenfalls ſeine Revolution gehabt, das ſaliſche Geſetz war dort abgeſchafft und der Scepter Carl V. in die Hand eines Kindes und zwar eines weiblichen Kin⸗ des gelegt worden! Keine ſchlechten Ausſichten für den mächtigen Nachbar, der ſich erinnerte, daß er viele Söhne zu verſorgen habe und, was nicht über⸗ ſehen werden darf, der arme, einfältige John Bull ſah gemüthlich zu und klatſchte dabei in die Hände. 77 Dieß war der Stand der Dinge, als Harold Tracy und ſein Freund, in Begleitung von Will mit dem Knittel und Tom in Paris eintrafen. Wie ſich von ſelbſt verſtand, ſo ſtiegen ſie in Meurice's Hotel ab, damals noch in der Straße St. Honoré und der Sammelplatz der meiſten engliſchen Reiſenden, welche Geldausgaben nicht zu ſcheuen hatten. Den Tag nach ihrer Ankunft gaben ſie ihre Empfehlungs⸗ briefe an den Geſandten Lord Granville ab, deſſen Gaſtfreundſchaft ſprüchwörtlich geworden iſt, der England im wahren Sinne des Wortes repräſentirte und ſeinen Poſten nicht, wie manche ſeiner Collegen, für eine bloße Sinecure anſah. Unter anderen Brie⸗ fen hatte Miß Margaret Tracy ihrem Reffen auch einen an die Herzogin von Rohan mitgegeben, die ſie in London als eine der ausgezeichnetſten Emi⸗ grantinnen der erſten Revolution kennen gelernt hatte, mit der dringenden Bitte, denſelben unmittel⸗ bar nach ſeiner Ankunft in Paris abzugeben, welcher Bitte auch Harold pflichtmäßig nachgekommen war. Zwei Tage hernach erhielt er ein Billet mit einem ungeheuren Wappenſiegel und von kleiner, tritlicher, weiblicher Hand geſchrieben, in welchem ihm gemeldet wurde, daß die Herzogin zweimal in der Woche in ihrem Hotel empfange,— Montag und Donnerſtag— und daß ſie ſich freuen würde, Mr. Harold Trach und deſſen Freund, Mr. de Burg bei ſich zu ſehen. „De Burg!“ wiederholte Harry, als ſein Freund ihm den Inhalt vorgeleſen hatte.„Warum denn de? Ich bin nicht dazu berechtigt.“ „Ohne Zweifel eine Höflichkeit von Seiten der 78 gnädigen Frau,“ erwiderte Harold lachend,„ober halten Sie; ich habe es. Sie verdanken ohne Zwei⸗ fel dieſe Erhöhung meiner guten alten Tante.“ „Die ſie mit ruhigem Gewiſſen annehmen kön⸗ nen,“ bemerkte Lord Charles Murray, einer der eng⸗ liſchen Attaché's, der die Bekanntſchaft der beiden Freunde auf der Geſandtſchaft gemacht hatte und nach Meuricé's Hotel gekommen war, um ſeine Dienſte anzubieten.„In Frankreich würden Sie für adelig gelten, denn jeder Gentleman iſt es oder war es vielmehr. Sie ſind ſehr glücklich,“ ſetzte er hinzu. „Glücklich!“ wiederholte Harold;“ in welcher Hinſicht?“ „Daß Sie zu den Empfangstagen der Herzogin von Rohan geladen ſind.“ „Sind denn die Geſellſchaften dort ſo angenehm?“ „Die langweiligſten, die man ſich auf der Welt nur denken kann,“ erwiderte der Lord,„aber auch die excluſivſten. Was zur Zeit Ludwig's XIV. das Fahren in einem Wagen bedeutete, das iſt heut zu Tage eine Einladung in das Hotel von Rohan,— das heißt, die größte Auszeichnung, welche das Glück Jemand zu Theil werden laſſen kann. Ich hatte einige Ausſicht, auf dieſe Weiſe begünſtigt zu werden; aber obgleich mein Voter, der einer der älteſten Freunde der Herzogin iſt, zweimal an die⸗ ſelbe geſchrieben hat, ſo blieb ſie doch unerbittlich. Meine Sünde war unverzeihbar.“ „Wenn es nicht indiscret wäre, Mylord,“ be⸗ merkte Harry Burg,„ſo möchte ich wohl fragen, 79 nete Art die Sünde war, auf die Sie anſpie⸗ en?“ „Sollte Ihnen dieſelbe wirklich unbekannt ſein,“ fragte der Attaché mit erſtauntem Blick.„Sie be⸗ ſteht in meiner Verbindung mit der Geſandtſchaft. Die Herzogin iſt eine reine Legitimiſtin.“ „Und ſtehen denn die Geſandten nicht auf dem Beſuchsfuße mit ihr?“ „Nicht ein einziger,“ erwiderte Lord Charles. „Für Jeden der an dem Hofe Louis Philipp's accre⸗ dirt iſt, ſind die Thore des Hotels von Rohan ge⸗ ſchloſſen.“ „Wie lächerlich!“ rief Harold aus. „Wie ärgerlich, wollen Sie ſagen,“ bemerkte der Attaché.. „Ich kann's nicht begreifen.“ „Weil Sie den Einfluß der Mode nicht begrei⸗ fen, welche in Paris der einzige Deſpot iſt der über alle Revolutionen lächelt. Die fragliche Dame iſt weder jung, ſchön, noch beſonders reich; aber es gibt keinen Diplomaten, alt oder jung, der nicht einen größeren Triumph darein ſetzen würde, ihre Hartnäckigkeit zu beſiegen, als den glänzendſten Er⸗ folg am Hofe zu erringen. Und was die Damen anbelangt, ſo hat mehr als eine ihren Gemahl ge⸗ zwungen, dem neuen Stand der Dinge ſeine Zu⸗ ſtimmung zu verſagen, aus Furcht, die Herzogin zu beleidigen. Es liegt etwas ganz Außergewöhnliches in dem Empreſſement, das die alte Dame dadurch gezeigt hat, daß ſie Ihnen ſo bald nach dem Em⸗ pfang des Briefes Ihrer Tante geantwortet hat. Sie muß dazu ihren beſondern Grund haben. Ich 80 verſtehe es nicht. Die beiden Damen müſſen ſehr eng befreundet ſein. „Es ſind etwa zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahre her, ſeit ſie ſich kennen lernten,“ verſetzte Harry. „Sie werden ſich alſo am Donnerſtag bei der Herzogin einfinden?“ „Sie vergeſſen, daß wir zum Hofball eingeladen ſind,“ ſagte Harry. „Nach Hof! mein Verehrteſter,“ rief der junge Lord.„Pah! wer legt gegenwärtig noch einen Werth auf einen Ball in den Tuilerien, wo man jeden Augenblick mit ſeinem Schneider oder Hand⸗ ſchuhmacher zuſammentreffen kann, die dort in Na⸗ tionalgardeUniform ſich breit machen. Man kann nach Hof gehen, mit dem König en famille ſpeiſen, mit den Prinzeſſinnen walzen, mit den Prinzen jagen und doch unbekannt bleiben; aber wer die Feuerprobe des Hotels von Rohan beſtanden hat, der wird eine Berühmtheit. Es iſt dieß der passe partout in die beſte Geſellſchaft; man wird von den Männern beneidet und von den Frauen bewundert. Ueberdieß werden Sie dort die Richte der Herzogin, Marie von Trouville, finden, das reizendſte Mäd⸗ chen in Frankreich, und wenn die Fama nicht über⸗ treibt, auch das geiſtreichſte. Auch kann man zu jeder Stunde noch in's Schloß fahren,“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Wir können unſere Leſer verſichern, daß in der Haltung des legitimiſtiſchen Adels in Paris, wie wir ſie ſo eben geſchildert, und wie ſie derſelbe nach dem Fall Carl's X. unter Thronbeſteigung Louis Philipp's angenommen hatte, nichts übertrieben iſt. 81 Die Männer lehnten jedes Amt ab, welches eine Anerkennung der neuen Dynaſtie in ſich geſchloſſen hätte, und ihre Frauen und Töchter weigerten ſich, bei Hof zu erſcheinen. Der Kreis, welcher das Kö⸗ nigthum der Barrikaden umgab, war weniger glän⸗ zend als der, in welchem der Repräſentant deſſelben ſich zuvor bewegt hatte. Die Rohans beſtritten, wie män ſich erinnern wird, der Familie Louis Philipp's das Erbe des ermordeten Condé; denn daß dieſer ermordet wurde, ſtellte ſich unzweifelhaft bei der Obduction ſeiner Leiche heraus. Der Prinz war auf der ganzen rechten Seite gelähmt und hatte ſich deßhalb nicht ſelbſt an dem Fenſterriegel aufhängen können, von welchem ihn ſein vertrauter Kammer⸗ diener und ſeine Geliebte, die Baronin von Fauchie⸗ res, abgeſchnitten zu haben behaupteten. Die Rohans verloren aber ihren Prozeß und der Verdruß darüber vermehrte begreiflicher Weiſe die Heftigkeit ihrer politiſchen Parteinahme. Wir denken zwar entfernt nicht daran, den König der Franzoſen bei dieſem Verbrechen für betheiligt zu halten; dafür liegt auch nicht der leiſeſte Beweis vor; aber als guter Fa⸗ milienvater verſchmähte er es nicht, Nutzen daraus zu ziehen. Als in Folge des Dekrets des jetzigen Kaiſers die Beſitzungen des Hauſes Orleans ver⸗ kauft wurden, wurde das ſchöne Gut Chantilly von Miß Burdett Coutts*) und, wie Viele glauben, als Agentin für die verbannte Familie erſtanden.“ „Ich fürchte, daß wir eine Thorheit begehen,“ bemerkte Harold Tracy gegen ſeinen Freund, als *) Tochter des Banquier Coutts und eine der reichſten Er⸗ binnen Englands. Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 6 82 ſie nach dem Hotel der Herzogin fuhren,„ich kann einen ſolchen Einfluß nicht begreifen. Hier iſt Lord Charles, der einen der edelſten Namen in Europa trägt und ſich um Zulaſſung in einen Kreis bemüht, der, was man auch davon Rühmens machen mag, nicht die mindeſte Anziehungskraft bietet.“ „Sie vergeſſen die Richte,“ erwiderte Harry. „Welche Nichte?“ „Marie von Trouville.“. „Es iſt wahr,“ verſetzte Harold ſeufzend, denn ſeine Gedanken wandten ſich Bella und ſeinem Ab⸗ ſchiede von ihr in des Generals Salon zu.„Sie müßte ganz außergewöhnlich ſchön ſein, wenn ſie mich die Vergangenheit vergeſſen machen könnte, die mich, wie mein Schatten, verfolgt.“ Als die Freunde das Hotel erreichten, fuhren ſie in einen weiten altmodiſchen Hof hinein und ſtiegen am Perron ab, der nur von einer einzigen Lampe erleuchtet wurde. Ein ernſt ausſehender Die⸗ ner in abgetragener Livrée war die einzige Perſon, die ſie empfing. Sie nannten ihm ihre Namen, die der Lakai ſodann ziemlich verſtümmelt dem auf der Treppe harrenden Kammerdiener zurief, der ſie noch mehr verſtümmelte, bis zuletzt der an der Thüre befindliche Page anſtatt Trach und Burg etwas in den Salon hineinrief, das wie Crazy Burge klang. Hier waren etwa zwölf Perſonen verſammelt, mei⸗ ſtens Damen und nur ein Paar Herren. Die Dame des Hauſes, eine welke, kleine alte Frau in ſchwarz⸗ ſeidenem Kleide, ſtand von ihrem Sitze beim Kamin⸗ feuer auf, um die Ankömmlinge zu empfangen. Sie war hochroth geſchminkt und man hätte ſie ſehr un⸗ 83 bedeutend nennen können, wenn ſie nicht ein dunkles ausdrucksvolles Auge beſeſſen hätte, das ſie, trotz ihres Alters, noch immer ſpielen zu laſſen verſtand. Sie reichte den beiden jungen Männern mit vor⸗ nehmer Höflichkeit die Hand und ſtellte ſie ihren Freunden vor, von denen faſt jeder einen hiſtoriſch bekannten Namen trug. „Sie beſuchen Paris zu einer langweiligen Zeit, meine Herren,“ ſprach ſie,„die Geſellſchaſt iſt todt und die wenigen Perſonen, die Sie hier ſehen, tra⸗ gen Trauer um ſie.“ „Nennen Sie ſie lieber die Repräſentanten der⸗ ſelben, Herzogin,“ antwortete Harold, der, eingedenk Sir Mordaunt's Beiſpiel, als er ihn bei den Töch⸗ tern des Generals Trelawny einführte, galant ihre Hand küßte. „Und wie geht es meiner lieben Freundin, Mar⸗ garet Tracy?“ fragte die Dame lächelnd. Harold verſicherte ſie, daß ſie ſich vollkommen wohl befinde. „Und noch immer ſchön?“ fragte die Hausfrau. „Neffen ſind keine unparteiiſchen Richter der Schönheit einer Tante,“ erwiderte der junge Mann gewandt,„und die Zeit,“ ſetzte er mit einer Ver⸗ beugung hinzu,„ſchont das Vollkommene nicht immer.“ „Pas mal!“ ſagte die Dame beifällig, der das Compliment eines jungen Mannes, der zum erſten Mal in der franzöſiſchen Geſellſchaft debutirte, ſehr wohl gefiel.„Es freut mich, daß die jungen Män⸗ ner in England noch immer die traditionellen guten Sitten der gewählten Geſellſchaft ſich bewahrt haben. 84 Wir beſitzen wenige junge Männer mehr in Frank⸗ reich,“ ſetzte ſie mit einem leichten Achſelzucken hin⸗ zu, das ſo viel ausdrückte.„Es iſt wahr,“ fuhr ſie fort, als Harold ſie erſtaunt anblickte,„aber für unſere Jugend hat uns die Revolution eine Menge Philoſophen, Jockeys und Spekulanten ge⸗ liefert. Habe ich nicht Recht, Graf?“ Dieſe Frage wurde an einen großen Mann mit militäriſchem Aeußern von etwa fünfzig Jahren ge⸗ richtet, der ein fremdes Ordensband trug. Es lag etwas ſo Auffallendes in ſeiner Erſcheinung, in dem dunklen ſchwarzen Bart, der ſein Geſicht be⸗ ſchattete, daß die Freunde neugierig wurden, ſeinen Namen zu erfahren. „Die gnädige Frau hat immer Recht,“ erwiderte der Fremde.„Dieſe Herren ſind Engländer, wenn ich nicht irre.“ „Graf Lilini, Grande von Spanien,“ ſagte die Dame, ihn vorſtellend,„Monſieur Harold Trachy und Monſieur de Burg.“ Bei dieſem Namen bemerkte Harry, daß der Graf eine raſche Bewegung machte und ihn einen Augenblick lang ſehr ſcharf fixirte, ehe er ſeine Ver⸗ beugung erwiderte. „Ich muß Ihnen die Unterhaltung dieſer Herren jetzt überlaſſen, Graf,“ ſetzte die Herzogin hinzu, „denn ich ſehe meine Nichte und die Gräfin Montre⸗ nelle kommen.“ Die Thüren des Salons waren geöffnet wor⸗ den und eine ehrwürdig ausſehende Dame erſchien, geſtützt auf den Arm eines der lieblichſten Mädchen, welches die Freunde je geſehen hatten. Sie brauch⸗ — 85 ten nicht nach ihrem Namen zu fragen, es war Marie von Trouville. „Lord Charles hat ganz Recht,“ flüſterte Harold, „ſie iſt wunderſchön.“ Dann wandte er ſich gegen den Spanier, um die Unterhaltung mit dieſem fort⸗ zuſetzen. Harry blieb ganz in den Anblick Mariens ver⸗ ſunken. Harold bemerkte mehrmals, daß der Graf ihn zu beobachten ſchien. Einundzwanzigſtes Kapitel. Wenn die in dem Salon der Herzogin von Rohan befindlichen Perſonen eine Geſellſchaft von Verſchwörern geweſen wären, die ſich zum Umſturz des Staates verſammelten, ſo hätte die Unterhaltung in keinem geräuſchloſeren Tone geführt werden kön⸗ nen. Nirgends war eine Effecthaſcherei oder das Bemühen bemerkbar, zu glänzen oder witzig zu ſein, ſondern jeder Gaſt ſprach und bewegte ſich wie im Bewußtſein, an ſeinem rechten Platze ſich zu befinden. Niemand war über ſeine Stellung zwei⸗ felhaft und folglich gab auch Niemand ſich Mühe, dieſelbe auf irgend eine Weiſe geltend machen zu wollen; nur der Emporkömmling lebt in der be⸗ ſtändigen Furcht, unterſchätzt zu werden. Als die Zahl der Beſucher zunahm, theilte ſich die Geſell⸗ * ſchaft in Coterien, deren zahlreichſte ſich um die errin des Hauſes ſammelte. Es war ein höchſt 86 langweiliges Treiben und das Ganze erſchien den beiden jungen Männern mehr als eine Geſellſchaft von Leidtragenden nach einem Leichenbegängniß, dłs eine jener glänzenden Geſellſchaften, von denen ſie ſo viel geleſen und gehört hatten. Sie hatten darin nicht Unrecht, denn die Habitués des Hotels von Rohan waren gleich ſeiner edlen Eigenthümerin Legitimiſten vom reinſten Blut und folglich Leid⸗ tragende um die Vergangenheit. Nicht als ob ſie den Fall des Hauſes Bourbon aus perſönlicher Anhängktichkeit an Karl X. oder die Prinzen ſeiner Familie bedauert hätten, ſondern deßhalb, weil ihr eigener Einfluß und ihre politiſche Wichtigkeit damit gefallen waren. „Und dieß iſt die Geſellſchaft,“ bemerkte Harold Trach auf Engliſch gegen Harry,„um deren Ein⸗ tritt uns der arme Lord Charles ſo ſehr beneidet!“ Graf Lilini lächelte. „Sie verſtehen uns alſo, Graf?“ fragte Harold. „Vollkommen,“ erwiderte der Spanier mit leich⸗ tem, fremdem Accent.„Ich habe mehrere meiner glücklichſten Jahre in England verlebt und habe ſeine Sprache nicht vergeſſen.“ „Und die Freunde, die ſie daſelbſt fanden, wie ich hoffe,“ ſetzte Harold hinzu. „Ich beſitze keine Freunde,“ erwiderte düſter der Spanier. Der Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, machte auf die beiden jungen Männer einen peinlichen Eindruck, denn die völlige Gleichgültigkeit, mit der der Graf dieß geäußert, deutete auf jene gänzliche Apathie, welche nur dann ſich einſtellt, 87 wenn heftige Gefühle und Leidenſchaften das Herz völlig verödet haben. „Ich gehöre unter die Menſchen,“ fuhr der Graf Ffort,„die ihr Leben damit vergeudet haben, die Welt zu unterſuchen, anſtatt ſich ihrer zu erfreuen. Eine angeborene Raſtloſigkeit, auf die vielleicht auch Familienverhältniſſe einwirkten, trieb mich in mei⸗ nen jungen Jahren ſchon zum Wanderleben, welches diejenigen Bande zerreißt, die ebenſowohl unſere Schwäche, wie unſere Stärke ausmachen. In In⸗ dien ſtudirte ich die Gviliſation in ihrer Wiege, in Cgypten in ihrer Mannheit, in Griechenkand in ihrer Schönheit und in Italien in ihrem Verfall. Iſche! Aſche! überall Aſche!“ murmelte er vor ſich hin, als wenn er nicht wüßte, daß ihm Jemand zuhöre.„Die Noth,“ fuhr er plötzlich wieder ſich ſammelnd fort,„nicht die gemeine Noth der Armuth — darüber hätte ich lächeln können— ſondern der gebieteriſche Drang nach Thätigkeit zwang mich, die Lebensweiſe fortzuſetzen, die ich einmal angefangen hatte. Als ich mich häuslich niederlaſſen wollte, fand ich dieß unmöglich; der Wechſel war mir zur Lebensnothwendigkeit geworden. Die Folge davon iſt, daß ich in vielen Ländern zu Hauſe bin, ohne aber eine Heimath zu beſitzen; daß ich viele Sprachen ſpreche, viele Perſonen kenne,— kurz, gleich allen großen Reiſenden, reich an Erinnerungen, aber äußerſt arm an Freunden bin.“ „Traurig, ſehr traurig!“ rief Harold, den dieſe Mittheilung ſehr intereſſirte. „Kismet, wie der Türke ſagen würde, es iſt dieß mein Geſchick,“ erwiderte der Spanier mit me⸗ 88 lancholiſchem Lächeln.„Sie beabſichtigen nach Spa⸗ nien zu reiſen?“ ſetzte er hinzu. „Es iſt unſere Abſicht,“ erwiderte Harold er⸗ ſtaunt, daß die Herzogin es der Mühe werth ge⸗ funden hatte, den Grafen davon in Kenntniß zu ſetzen. „Es iſt ein merkwürdiges Land,“ fuhr dieſer fort,„und verdient wohl ſtudirt zu werden; man darf ſeine Bewohner aber nicht mit dem gewöhn⸗ lichen Maßſtabe meſſen; ſie haben ihre große Feh⸗ ler, aber auch manche edle Eigenſchaften. Spanien iſt nur dünn bevölkert und hat, während olle übri⸗ gen Nationen vorwärts geſchritten ſind, durch die merkwürdigen Veränderungen ſeiner politiſchen Ge⸗ ſchichte Rückſchritte gemacht ſowohl in ſeinen Fehlern als in ſeinen Tugenden.“ „Der kaum beendigte Kampf,“ bemerkte Harry Burg,„muß aber das Land über ſeine wahren In⸗ tereſſen aufgeklärt haben.“ „Sie irren ſich,“ verſetzte der Graf ernſt,„der Kampf hat jetzt erſt begonnen; wie er endigen wird, das läßt ſich unmöglich vorausſehen. Darauf können Sie aber mit Zuverſicht rechnen, daß die Sache des Don Carlos durchaus nicht ſo ſchlecht ſteht, als Sie ſich's wohl denken.“ „Ich geſtehe,“ ſagte Harold,„daß ich nie recht begreifen konnte, aus welchem Grunde der Bruder des Königs vom Throne ausgeſchloſſen wurde.“ „Das kann ich Ihnen erklären,“ erwiderte der Spanier,„doch fürchte ich, daß Sie meinen Grün⸗ den mißtrauen, denn ich brauche wohl kaum zu 89 verſichern, daß ich, meiner politiſchen Anſicht nach, Carliſt bin. „Wir ſtimmen Ihrer Vorliebe bei,“ bemerkte Harold. „Nun denn,“ fuhr der Graf fort,„um Sie völlig in die Lage zu ſetzen, den Stand der Dinge in meinem unglücklichen Vaterland zu verſtehen, muß ich Ihnen bemerken, daß der revolutionäre Geiſt, welcher für kurze Zeit in Frankreich durch die Rückkehr der Bourbonen unterdrückt worden war, mit doppelter Heftigkeit in Spanien wieder ausbrach, als der verſtorbene König bald ein Ge⸗ fangener in den Händen ſeiner rebelliſchen Unter⸗ thanen geworden war. Der Herzog von Angou⸗ léme überſchritt, trotz Englands Drohungen, an der Spitze einer Armee die Pyrenäen und es glückte ihm, ſeinem Verwandten die Freiheit und Ausübung ſeiner königlichen Vorrechte wieder zu verſchaffen. England rächte ſich dadurch, daß es den ſpaniſchen Provinzen in Amerika zur Herſtellung ihrer Unab⸗ hängigkeit verhalf, durch welche kurzſichtige Politik es dieſelben zur leichten Beute der vereinigten Staaten machte, von denen ſie gelegentlich ver⸗ ſchlungen werden, nachdem der eiſerne Zahn Eng⸗ lands thörichter Weiſe für ſeine früheren Coloniſten die harte Nuß aufgeknackt hat. Die geſchlagenen, aber nicht beſiegten Liberalen ſuchten durch Politik wieder zu gewinnen, was ſie durch Waffengewalt verloren hatten, und brachten die Vermählung zwi⸗ ſchen Ferdinand und Chriſtine zuwege, aus deren Ehe jedoch nur weibliche Kinder entſproſſen. Ob⸗ gleich die Royaliſten ſahen, daß ein Staatsſtreich 90 ſich vorbereite und Ferdinand bei ihnen höchſt un⸗ populär war, ſo betrachteten ſie ihn doch als ihren geſetzlichen Souverain und folglich widerſtrebte es ihrer Anſicht, gegen ihn zu revoltiren zu Gunſten eines Prinzen, der nichts weiter als Thronerbe war. Einige Wenige, namentlich die Generale, überzeugt, daß der regierende Monarch durch ſeine Krankheit ſchwachſinnig geworden war, und voll Un⸗ willen über das geheime Complot gegen Ausſchlie⸗ ßung ſeines Bruders von der Krone, ſtimmten für einen augenblicklichen Aufſtand, in welchem ſie den Infanten Don Carlos zum Regenten ausrufen wollten. Nur der beſtimmte und ausdrückliche Be⸗ fehl des Prinzen hielt ſie davon ab. In dieſem Zuſtand der Schwäche wurde Ferdinand die Be⸗ ſtimmung entriſſen, ſeine Tochter zu ſeiner Nach⸗ folgerin zu ernennen. Einige behaupten ſogar, das Ganze ſei nur eine Fälſchung, obgleich bei des Kö⸗ nigs Charakterloſigkeit man ſich eben nicht wundern dürfte, wenn er dem fortgeſetzten Andringen endlich nachgegeben hat, dem zu widerſtreben gar nicht mehr in ſeiner Macht ſtand. So viel iſt gewiß, daß er bereits der Sprache beraubt und in faſt bewußt⸗ loſem Zuſtande, in ſeinem Wagen künſtlich aufrecht erhalten, durch die Straßen von Madrid geſchleppt wurde, um die Volksmaſſen zu beruhigen. Don Carlos kehrte hierauf, wie Sie wiſſen, nach Portugal zurück und bei Ferdinand's Tode wurde die In⸗ ſantin Iſabella zur Königin und deren Mutter zur Regentin ausgerufen.“ „Es iſt dieß ein merkwürdiges, aber, wie ich 91 glaube, getreues Bild, das Sie hier vor uns ent⸗ rollt haben,“ bemerkte Harold. In dieſem Augenblick erſchien ein hagerer, ari⸗ ſtokratiſch ausſehender Mann, ohne irgend eine De⸗ coration oder auch nur ein Band im Knopfloche, was in Frankreich höchſt ungewöhnlich iſt, in dem Salon und ſchritt gemächlich auf das Kaminfeuer zu, an welchem die Herzogin von Rohan ſaß, um dieſer ſeinen Reſpekt zu bezeugen. Er war weder jung, noch ſchön, aber ſeine Geſichtszüge trugen den ſo ſeltenen Stempel, welchen, einmal geſehen, man nie wieder vergißt, den Stempel des Genies. „Wer iſt der Mann mit dem edlen Geſichtsaus⸗ druck?“ fragten beide Freunde halblaut. „Es hätte mir leid gethan, wenn Sie mich nicht darum befragt hätten,“ erwiderte der Graf,„denn dieß iſt der merkwürdigſte Mann in ganz Frankreich Sein letzter Ritter ohne Tadel, ſein größter Dichter und Staatsmann. Es iſt Chateaubriand, deſſen Werke Napoleon mehr geſchadet haben, als eine Armee im Stande geweſen wäre. Die Legitimiſten nennen ihn die Kaſſandra des Hauſes Bourbon, denn er prophezeihte ihren Sturz, obgleich Niemand darauf achtete, bis er erfolgt war.“ „Ich habe meinen Onkel oft von ihm ſprechen hören,“ ſagte Harold Tracy, den Dichter mit Be⸗ wunderung und Achtung betrachtend.„Er lebte, glaube ich, mehrere Jahre in England.“ „Als Verbannter ſowohl, wie als Geſandter,“ bemerkte der Graf.„Ich machte ſeine Bekannt⸗ ſchaft in Amerika. Eriſt der uneigennützigſte Menſch, der mir je vorgekommen iſt. Louis Philipp hatte „ 92 ihm die verlockendſten Anerbietungen gemacht; die Königin bat ihn perſönlich, ein Amt anzunehmen, Süs. vergebens. Obgleich der ältere Zweig der Bourbons ihn ſchlecht behandelt hat, bleibt er ihm doch im Unglück getreu. Nach dem Sturze Carl's X. verzichtete er nicht allein auf die Penſion, auf die er als ehemaliger Geſandter und Miniſter des Aeußern Anſpruch hatte, ſondern ſchickte auch mehreren Fürſten Europa's die hohen Orden zu⸗ rück, die ſie ihm verliehen hatten.“ Iſt er reich?“ fragte Harry Burg. „Er lebt vom Ertrag ſeiner Feder,“ verſetzte der Spanier.„Der Herr, mit dem er ſo eben ſpricht, iſt der Herzog von Briſac, ehemaliger Kam⸗ merherr Ludwig's XVIII. Soll ich Sie vorſtellen?“ Das Anerbieten war zu ſchmeichelhaft, als daß man es hätte ablehnen mögen und die beiden Freunde fühlten wohl, was es heiße, einmal ſagen zu kön⸗ neſe Chateaubriand gekannt zu haben. Der Dichter empfing Beide mit jener anſpruchs⸗ loſen Liebenswürdigkeit, welche den Bewunderer, dem Genius gegenüber, ſogleich in eine behagliche Stimmung verſetzt. „Ich hätte ſogleich errathen, daß Sie Englän⸗ der ſind,“ bemerkte er, Lilini zugleich die Hand drückend,„auch wenn ich nicht das Vergnügen ge⸗ habt hätte, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Der ſächſiſche Typus ſpricht ſich aber zu deutlich bei Ihnen aus. Wenn mein Gedächtniß mich nicht täuſcht,“ ſetzte er hinzu, während der Graf über die eben gehörte Bemerkung lächelte,„ſo hatte ich während meines erſten Aufenthalts in England das Vergnü⸗ 93 gen, die Bekanntſchaft Sir Mordaunt Trach's zu machen. Es iſt dieß Ihr Vater wahrſcheinlich?“ „Mein Onkel,“ verſetzte Harold. „Mr. de Burg und ſein Freund ſind im Be⸗ griff, Spanien zu beſuchen,“ bemerkte Graf Lilini. „Ich habe ihnen in kurzen Umriſſen den Stand der öffentlichen Dinge dort mitgetheilt.“ „Sie werden viel Intereſſantes in dieſem Lande finden,“ ſagte der Dichter,„denn es iſt ein Irr⸗ thum, wenn man glaubt, daß Cervantes alle Ritter⸗ lichkeit daſelbſt weggelacht habe; nur der Adel iſt ausgeartet, im Bauernſtande aber finden ſich noch viele vortreffliche Eigenſchaften. Sie werden ſich ſelbſt davon überzeugen, namentlich wenn Sie nach dem Beiſpiele vieler Ihrer Landsleute Dienſte in dieſem Lande nehmen ſollten. Ich habe Sarsfield und O⸗Donnell genau gekannt.“ „Das war ein Irländer,“ bemerkte Harry. „Und Sie ſind?“ „Ein Engländer.“ „De Burg iſt aber ein irländiſcher Name.“ „De Burg iſt es allerdings,“ verſetzte Harry,“ „mein Name iſt aber Burg, ſchlechtweg Burg. Ich ſtamme aus einer Familie des Nordens und habe keinen Anſpruch auf das adelige Prädikat de, wel⸗ ches die Clanrickards und andere Abkömmlinge von Wilhelms normann'ſchen Heerführern auszeichnet.“ Bei dieſer Erklärung ging im Geſichte des Gra⸗ fen eine Veränderung vor. Er richtete ſeinen Blick einige Secunden lang mit finſterem Ausdruck auf Harry, worauf er lächelnd wegging. Sein Beneh⸗ men war ſo auffallend, daß die beiden jungen Männer 94 ſich ſehr unangenehm dadurch berührt und faſt be⸗ leidigt fühlten. „Beachten Sie ihn nicht weiter,“ ſagte Chateau⸗ briand mit gedämpfter Stimme,„im Kopfe des ar⸗ men Lilini iſt es nicht immer ganz richtig. Es wandeln ihn zuweilen ſeltſame Dinge und Launen an; feſt wie ein Fels, wenn es ſich um Grundſätze der Ehre und Freundſchaft handelt, iſt er in allem Uebrigen capriciös wie ein jünges Mädchen. In wenigen Augenblicken wird er wahrſcheinlich zu Ih⸗ nen zurückkehren und die Unterhaltung wieder auf⸗ nehmen, als wenn gar nichts Unangenehmes vorge⸗ fallen wäre.“ Dieſe Vorausſetzung traf aber keineswegs zu, denn der Spanier ſchien den ganzen Abend über die jungen Engländer ſorgfältig zu meiden, und als dieſe von der Herzogin ſich verabſchiedeten, wandte er ſich um, in der augenſcheinlichen Abſicht, ihnen beim Weggehen nicht noch eine Verbeugung machen zu müſſen. „Sonderbar!“ ſprach Harold auf dem Wege nach den Tuilerien.„Womit können wir ihn beleidigt haben?“ „Fragen Sie lieber, womit ich ihn beleidigt haben kann,“ verſetzte ſein Freund,„denn ſeine Unart— ich weiß kein anderes Wort dafür— galt ausſchließlich mir. Ich habe ſchon von ſpaniſchem Stolze gehört, aber dieß übertrifft alle meine Er⸗ wartungen. Sein eaſtiliſches Blut empörte ſich wahrſcheinlich gegen die Berührung mit dem bloßen Namen Harry Burg;— das de macht den ganzen Unterſchied.“ 95 „Das kann ich doch nicht glauben,“ bemerkte Harold. „Was ſoll man es ſonſt zuſchreiben? denn wir haben uns nie zuvor geſehen. Pah! Ich will nicht mehr an ihn denken und möchte am liebſten meinen Beſuch im Hotel Rohan ganz vergeſſen, wenn ich dort nicht Chateaubriand vorgeſtellt worden wäre.“ „Und Marie von Trouville,“ ſetzte Harold hinzu. „Geſtehen Sie nur, daß Sie von ihrer Schönheit ganz bezaubert wurden.“ „Mehr aber noch von ihrer Unterhaltung,“ er⸗ widerte ſein Freund.„Schon ihre Stimme klingt ſo ſanft und melodiſch, was bei einer Franzöſin eine Seltenheit iſt, daß der bloße Ton das Ohr mit Wonne erfüllt.“ Unter dieſem Geſpräche hatte der Wagen den Carrouſelplatz erreicht und fuhr an den Tui⸗ lerien vor. Der Contraſt zwiſchen dem ſpärlich er⸗ leuchteten und nur halbgefüllten Salon der Herzo⸗ gin von Rohan und den überfüllten Sälen der Tuilerien war ſehr ſtark. Frauen in reicher Toi⸗ lette, ſtrahlend in Diamanten und von jener eigen⸗ thümlichen Schönheit, welche von der großen Dame abwärts bis zu der einfachen Griſette das weibliche Geſchlecht in Paris ſo pikant macht; Staatsmänner, Diplomaten, Hofleute, Gelehrte, Bankiers, Kauf⸗ leute und Speculanten, geſchmückt mit Orden aus allen Ländern der Welt, eine Menge Militärs von der geſtickten Marſchallsuniform bis zu der aus Wolle gewirkten Cpaulette des Nationalgardiſten; Engländer und Amerikaner in einfachem ſchwarzem Fracke, Alles trug zuſammen zu dem Glanze oder 96 dem wunderlichen Ausſehen der Scenerie bei. Der erſte Eindruck, den dieſelbe auf die Freunde hervor⸗ brachte, war Bewunderung,— der ſchlimmſte viel⸗ leicht für den Anfang, denn er haftet am wenigſten, da in neun Fällen unter zehn eine nähere Unter⸗ ſuchung denſelben zerſtört. Mit einiger Geduld und Ausdauer gelang es Harold und Harry in einer Ecke im Thronſaal, wo das Gedränge am größten war, Platz zu faſſen und von dort aus ihre Be⸗ merkungen zu machen und Vergleichungen anzu⸗ ſtellen. „Es iſt wahrhaftig prächtig,“ flüſterte Harold, nachdem er einige Minuten lang ſtillſchweigend das ſtets wechſelnde Schauſpiel betrachtet hatte. Harry ſchien nicht dieſer Anſicht zu ſein. 7 „Aber gemein,“ ſetzte der Erſtere hinzu,„und gar nicht den Begriffen entſprechend, die ich mir von der Golanterie des franzöſiſchen Hofes gemacht habe. Sehen Sie nur, wie die Herren an den Damen anſtoßen, wie die Aufmerkſamkeit der Letztern fort⸗ während auf ihre Toilette gerichtet iſt, an welche die meiſten gar nicht gewöhnt ſcheinen. Ganz ab⸗ geſehen von der Legitimität, begreife ich jetzt, weß⸗ halb unſere kleine Herzogin im Faubourg St. Ger⸗ main ein Gewühl, wie dieſes, meidet.“ „Ich denke an ihren ruhigen, kleinen Salon, den ich mit ſeinen vierzig bis fünfzig Beſuchern dieſem Orte weit vorziehe,“ verſetzte Harry.„Der dortige Empfang gleicht einem Cabinet ausgeſuchter Ge⸗ mälde von den berühmteſten alten Meiſtern; ein Ball in den Tuilerien aber einer ſchimmernden 97 Theaterſcene, bei welcher Flitterſtaat und Carmeſin verſchwenderiſch angewendet wurden.“ In dieſem Augenblick näherte ſich Lord Charles Murray, der die Freunde lange geſucht und mit großer Mühe ſich endlich zu ihnen durchgearbeitet hatte. Er ſah ſehr echauffirt aus. „Haben Sie getanzt?“ fragte Harold. „Getanzt!“ widerholte der Lord wegwerfend; „Sie ſind entweder ſehr naiv, mein Lieber, oder verdammt ſatyriſch, daß Sie dieſe Frage an mich ſtellen. In den Tuilerien denkt Niemand an's Tanzen als die Nationalgarden, die Frauen der Deputirten oder die Jüdinnen, deren Männer auf der Börſe allmächtig ſind.“ „Tanzt denn Niemand, der zum Hofe gehört?“ „Nennen Sie denn dieſes einen Hof?“ fragte der Attaché, der ſich keine Mühe gab, ſeine Sym⸗ pathie mit der verbannten Familie zu verhehlen. „Der einzige Hof, der in Frankreich geblieben iſt, iſt dort, wo Sie herkommen.— Ich habe die Ge⸗ ſandtin zu ihrem Wagen geleitet— ſetzte er hinzu — kein leichtes Geſchäft in einem ſolchen Gewühl. Die Etikette verlangte, daß ſie ſich hier zeige,— und die Etikette,—“ „Hält Eure Lordſchaft hier zurück,“ ergänzte Harold. „Ganz richtig,“ erwiderte der junge Diplomat; übrigens kann man ſich die Sache wohl einmal anſehen. Warten Sie, bis die Speiſezimmer geöff⸗ net werden und Sie werden dann Zeuge eines Sturmlaufens und Stoßens ſein, das ſich einem Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 7 98 Markt in Greenwich oder einem Oſtermontag wür⸗ dig an die Seite ſtellt.“ Die weitere Unterhaltung wurde durch ein Ge⸗ ſumme abgeſchnitten, welches das Kommen des Bürgerkönigs ankündigte, der unter dem Voraus⸗ tritt zweier Kammerherren im Thronſaale erſchien, die Königin am Arme führend; hinter ihm ſeine Schweſter, Madame Adelaide und die übrigen Mit⸗ glieder der königlichen Familie. Seine Majeſtät bemühte ſich eine befriedigte Miene zu zeigen, man ſah ihr aber nur zu deutlich an, daß ſie ſich Zwang anthat. Die Prinzen und Prinzeſſinnen gaben ſich feine Mühe zu verbergen, wie unbehaglich ſie ſich fühlten. Es war teine kleine Aufgabe für Louis Philipp, in dieſer drückenden Atmoſphäre, die ihm dicke Schweißtropfen erpreßte, durch die Zimmer zu ſchreiten, rechts und links ſich huldreich zu verbeu⸗ gen und ſich einen Weg durch die Menge zu bahnen, die zwar allerdings einen engen Spalier gebildet hatte, um ihn und ſeine Familie durchzulaſſen, der aber faſt jeden Augenblick durch Neugierige durch⸗ brochen wurde, welche den König um jeden Preis in der Nähe ſehen wollten. „Die Barrikaden⸗Monarchie en iamille,“ be⸗ mertte Lord Charles trocken. „Wer iſt dieſe ältliche Dame am Arme des Herzogs von Orleans?“ fragte Harry Burg. „Seine Tante, Madame Adelaide,“ antwortete der Attaché;„der gute oder böſe Genius ihres Hauſes, je nachdem. ihre ehrgeizigen Pläne zu einem guten oder ſchlimmen Ende führen werden. Bruder und Schweſter ſind gleich würdige Zög⸗ 59 linge von ihres Vaters Geliebten, der Frau von Genlis.“ „Iſt es möglich,“ rief Harold,„daß die Frau, deren Schriften in meiner Knabenzeit mich ſo ſehr entzückten, die Geliebte des elenden Philipp Egalité geweſen ſein ſoll?“ „Jeder Knabe in Frankreich kann Ihnen ſagen, daß ſie dieſe war,“ ſagte der Lord.„Wo in aller Welt haben Sie denn die ganze Zeit über gelebt?“ „Auf dem Lande,“ verſetzte Harold unbefangen. „Das ſieht man,“ bemerkte der Andere lächelnd. Sobald die königliche Familie ſich zurückgezogen hatte, wurden die Speiſezimmer geöffnet, worauf eine Scene folgte, die jeder Beſchreibung ſpottet. Die von Amtswegen Anweſenden und die diſtin⸗ guirteren Perſonen, welche bis jetzt hatten verweilen müſſen, entfernten ſich ſo raſch als möglich aus den Tui⸗ lerien und überließen es der buntſcheckigen Verſamm⸗ lung, ſich um die feinen Speiſen und Getränke, womit die Buffets beladen waren, abzumühen und etwas davon zu erhaſchen zu ſuchen; Börſenmäkler ſtreckten ihre Arme über die Schultern der Damen, indem ſie Champagner verlangten; Ofſiziere und ſelbſt Soldaten der Rationalgarde arbeiteten mit den El⸗ lenbogen, um Platz für ihre Frauen und Schwe⸗ ſtern zu gewinnen, während diejenigen, welche nicht nahe genug waren, daß man ſie hätte bedienen können, ihren glücklicheren Bekannten zuriefen, ihnen behilflich zu ſein. „Welch eine Unordnung!“ bemerkte Harold. „Sind wir wirklich an einem Hofe?“ „Königthum in Maskerade!“ verſetzte ſein Freund. 100 „Die Dienerſchaft verſteht übrigens ihren Dienſt, und iſt zahlreich,“ ſetzte Harry hinzu, erſtaunt über die große Menge von Dienern in glänzender Livrée, die ſich unermüdlich in Bedienung der Geſellſchaft zeigten. „Polizei!“ flüſterte Lord Charles.„Es iſt That⸗ ſache,“ fuhr er fort, als die beiden Freunde ihn erſtaunt und ungläubig anblickten,„und allgemein in Paris bekannt. Der Verluſt von Silbergeſchirr auf den erſten drei oder vier Bällen, die Louis Philipp nach ſeiner Thronbeſteigung gab— ſo muß ich die Sache wohl nennen— war ſo groß, daß er ſeitdem die Tafel durch Agenten der Polizei in Livrce bedienen und bewachen läßt. Iſt dies nicht eine ſinnreiche Erfindung? Sie ſtaunen! Haben Sie nie die geiſtreiche Antwort der Herzogin von Gram⸗ mont gehört, als man in ſie drang, bei Hof zu erſcheinen?“ „Nie!“ antwortete Harold. „Wie ſollten Sie auch 2 erwiderte der Attaché, „da Sie immer auf dem Lande lebten. Die Her⸗ zogin antwortete, daß ſie ablehnen müſſe, einen Ort zu beſuchen, deſſen Gäſte man bei ihrem Weg⸗ gehen zu durchſuchen ſich genöthigt ſehe.“ „Aus all' dieſem ſcheint hervorzugehen,“ ſagte Harry,„daß Louis Philipp—“ „Ein Monarch ohne Hof iſt. Er hat die Krone Frankreichs geſtohlen, aber wagt nicht, ſie zu tra⸗ gen. Er war viel glücklicher und viel geachteter, ſo lange er noch Herzog von Orleans war. Sollte ſeine Dynaſtie ſich halten— woran ich übrigens zweifle— ſo mag vielleicht ſein Großenkel wagen, 101 den König zu ſpielen. Der jetzige Mann hält den Thron als Fauſtpfand, denn einen Beſitz kann man es kaum nennen.“ „Iſt er reich?“ fragte Harold. „Wie Cröſus. Er erhielt einen großen Antheil an der Entſchädigungs⸗Milliarde, die von der Reſtauration den Emigranten zugewendet wurde. Das Vermögen des Prinzen von Conds hat ſeinen Reichthum noch bedeutend vermehrt, und ſeit er König geworden iſt, ließ er ſich ſeine Civilliſte vom Staatsſchatze ſtets in Gold ausbezahlen.“ „Weßhalb in Gold?“ „Fragen Sie die Geldwechsler in Paris, die ihm eine Prämie von zwei bis zwei ein halb Pen⸗ nies auf jedes Stück bezahlen. Auch ſteht ihm der Telegraph zu Befehl.“ „Sie werden doch damit nicht behaupten wollen, daß er an der Börſe ſpekulire?“ rief Harry Burg. „Spekuliren!“widerholte Lord Charles,„gewiß nicht; denn Spekulation ſetzt ein Riſico voraus, und dazu iſt Louis Philipp viel zu klug. Sein Spiel iſt ein ſicheres. Er weiß Alles zuerſt. Sie verſtehen? Der Muſterkönig— der gute Familienvater, wie ihn die engliſchen Blätter zu nennen belieben, iſt ein zu ſorglicher Vater, als daß er die Gelegenheit, welche die Revolution in ſeine Hand gegeben hat, unbenützt vorübergehen ließe. Doch ich ſehe, die Komödie iſt beinahe vorüber,“ ſetzte er, ſich um⸗ blickend, hinzu;„laſſen Sie uns daher den Schau⸗ platz verlaſſen, um das Gedränge des großen Hau⸗ fens zu vermeiden.“ Die Freunde folgten Lord Charles, der die Lo⸗ 102 calitäten genau zu kennen ſchien, und gelangten vor dem allgemeinen Aufbruch in den Ehrenhof, wo ihr Wagen ſtand. Als ſie über den Carrouſelplatz fuh⸗ ren, ſprang ein bärtiger, in eine Blouſe gekleideter Kerl auf den Tritt und bat um ein Almoſen. Es lag etwas ſo Finſteres im Tone und Aeußern dieſes Menſchen, daß der Attaché das Fenſter in die Höhe zu ziehen ſuchte. Der Mann hatte aber die Hand darauf gelegt, und hielt es dadurch nieder. „Kein Geld,“ ſagte der Lord auf franzöſiſch. „Ariſtokrat,“ murmelte der Bettler zähneknir⸗ ſchend, indem er zugleich noch immer das Fenſter niederhielt. „Was gibt es?“ fragte Harry Burg, der an dem entgegengeſetzten Fenſter ſaß.„Was will er Lord Charles ſah, wie der Kerl ein Piſtol unter ſeiner Blouſe hervorzog, und, die Gefahr ſogleich erkennend, beugte er ſich raſch vor und verſetzte dem Elenden mit der geballten Fauſt einen ſo hefti⸗ gen Schlag an die Schläfe, daß er beſinnungslos zu Boden ſtürzte. „Raſch zugefahren!“ rief der Lord. Der Kutſcher merkte, daß ſich etwas Außer⸗ gewöhnliches ereignet habe, und hieb ſo lange auf ſeine Thiere, bis dieſe in eine Art von Galopp ver⸗ fielen, wie man ihn nicht beſſer von franzöſiſchen Pferden erwarten konnte, und, was das Merkwür⸗ digſte dabei war, ſie verblieben in dieſem Tempo, bis in den Hof von Meurice⸗Hotel. „Sie entſchuldigen, mein Lieber,“ ſprach hier der junge Edelmann, der allein die Gefahr bemerkt hatte, welche ſeine Geiſtesgegenwart abgewendet; 103 „Sie fragten mich vorhin etwas, was ich damals zu beantworten nicht Zeit fand. Sie wünſchten zu wiſſen, was der liebenswürdige Menſch an unſerm Wagenfenſter gewollt. Augenſcheinlich das Leben Eines von uns!“ „Das Leben!“ riefen die beiden Freunde er⸗ ſtaunt.„Unmöglich!“ „So iſt es und nicht anders.“ Zugleich erzählte Lord Charles, was er geſehen hatte. „Mörder in der nächſten Umgebung des Schloſſes!“ rief Harold Tracy.„Ich kann dieß kaum für mög⸗ lich halten. Der Kerl wollte offenbar nichts weiter als uns Angſt einjagen und uns dann unſer Geld abnehmen.“ „Der Menſch war weder ein Bettler, noch ein Räuber,“ bemerkte der Attachs ernſt,„wovon Sie ſich hätten überzeugen können, wenn wir ihn feſt⸗ genommen hätten, was ich aber, weil wir unbe⸗ waffnet waren, nicht für angemeſſen hielt. Ein ſolches Attentat iſt ganz außergewöhnlich,“ ſetzte er nachdenklich hinzu,„und ſollte Sie veranlaſſen, ſehr auf Ihrer Hut zu ſein.“ „Auf unſrer Hut ſein!“ ſprach Harry,„weß⸗ halb? Glauben Sie denn, daß es uns gegolten hat?“* Harold ſchwieg, denn er hatte das Abenteuer in Haymarket nicht vergeſſen. „Es war nicht auf meinen Wagen abgeſehen,“ erwiderte der Lord,„denn es iſt ja der reinſte Zufall, daß ich hier in dieſem ſitze. Ich werde morgen den Polizeipräfecten beſuchen. Seien Sie nur recht vor⸗ ſichtig, ich bitte Sie, denn ich bin feſt überzeugt, 104 daß, wie kurze Zeit auch Sie in Paris ſind, Sie bereits einen Feind hier haben. Ich ſah die Hand des Menſchen, während er das Wagenfenſter nieder⸗ hielt; ſie war weiß und zart und ein Diamant von nicht unbeträchtlichem Werthe glänzte an einem der Finger.“ Mit dieſen Worten trat er an einen Tiſch, auf welchem ein vortreffliches Paar Piſtolen mit gezo⸗ genem Lauf, ein Abſchiedsgeſchenk Sir Mordaunt Tracy's an ſeinen Neſſen, lag, nahm ſie in die Hand und unterſuchte ſie ſorgfältig.„Ich bitte mir dieſe zu leihen,“ fuhr er fort,„mein Diener ſoll ſie Ihnen morgen wieder bringen.“ „Fürchten Sie denn Gefahr für ſich, wenn Sie das Hotel verlaſſen?“ fragte Harold. Lord Charles zuckte die Achſeln. „In dieſem Falle muß ich darauf beſtehen, daß Sie hier bleiben,“ fuhr Harold fort,„oder mir erlauben, Sie zu begleiten.“ „Ich hege keinerlei Befürchtung,“ verſetzte der junge Mann,„aber man fühlt ſich unter allen Um⸗ ſtänden ſicherer auf den Straßen von Paris, wenn man bewaffnet iſt; übrigens will ich ſie Ihnen nicht zurückſchicken, ſondern ſie Ihnen ſelbſt bringen und mit Ihnen frühſtücken.“ Vergebens drangen die Freunde in ihn zu blei⸗ ben oder zu erlauben ihn zu begleiten. Er lachte über ihre Aengſtlichkeit und verabſchiedete ſich, nach⸗ dem er zuvor die Piſtolen ſorgfältig geladen hatte. „Unſer erſtes Abenteuer in Paris iſt nichts we⸗ niger als angenehm,“ bemerkte Harold gegen ſeinen Freund.„Sie müſſen auf Ihrer Hut ſein, Harry!“ „Ich?“ „Ja, Sie. Haben Sie Haymarket vergeſſen? Ihr liebenswürdiger Vetter ſcheint ſich offenbar nicht allein auf die Gerechtigkeit ſeiner Anſprüche auf Burg⸗Hall zu verlaſſen. Gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ widerholte Harry, ihm die Hand ſchüttelnd.„Ich kann mich aber mit Ihrer Anſicht noch nicht einverſtanden erklären, denn Brandon kann unmöglich ein ſolcher Schurke ſein.“ „Die Zeit wird es lehren.“ Mit dieſer Bemerkung trennten ſich die Freunde, um ſich in ihre Schlafzimmer zurückzuziehen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Als Lord Charles Muray das Hotel verließ, ſah er ſich ſorgfältig um, um ſich zu vergewiſſern, ob ſein Weggehen nicht überwacht werde. Mit Aus⸗ nahme eines Stadtſergeanten und eines vereinzelten Chiffonier, der bei dem Lichte ſeiner Laterne ſeiner ſchmutzigen Handthierung nachging, war keine Seele auf der Straße ſichtbar. Man hat uns alſo nicht nachgeſpürt, dachte er, ſich feſt in ſeinen Mantel hüllend, um darunter ſeine geſtickte Uniform zu verbergen. Hätte er freilich den raſchen, durch⸗ dringenden Blick bemerkt, welchen der Chiffonier ihm nachſandte, ſo wäre er zu einem andern Schluſſe gelangt. So ſchritt er aber gemächlich durch die Straße dahin, und der Mann, der allem Anſcheine 106 nach mit ſeinem Stocke den Haufen Kehricht, der vor dem Hotel lag, genugſam durchſucht hatte, ſchlug ſeinen Weg in derſelben Richtung ein, nicht ſo nahe, daß ſein Nachfolgen hätte Verdacht er⸗ wecken können, aber doch ſo, daß er den Attaché ſtets im Geſichte behielt. An der Ecke der Rue Royale begegnete der Lord einigen ſeiner Bekann⸗ ten, die zu Fuß von den Tuilerien zurückkehrten und die in ihn drangen, die Nacht, oder vielmehr den Morgen, noch vollends in ihrer Eeſellſchaft zuzubringen. Er lehnte aber die Einladung ab. „Ein Abenteurer 1“ rief Einer. „Charles liebt es, ſeine Wege allein zu gehen,“ ſetzte ein Zweiter hinzu. „Der Egoiſt!“ riefen lachend die Andern. Es entſpann ſich nun ein Geſpräch, wie man es von jungen Leuten dieſes Standes und Alters zu hören gewohnt iſt. In der Nähe befand ſich aber wieder einer jener Kehrichthaufen, aus wel⸗ chem die Chiffoniers ihren Lebensunterhalt ziehen, indem ſie ſie durchſtöbern und in ihre Körbe auf dem Rücken Gebeine, Papierfetzen, zerbrochenes Glas, Lumpen, Abfall aller Art und weggeworfene Dinge, wie ſie der Zufall beſcheert, ſchieben. Die nächt⸗ lichen Wanderer durch die Straßen von Paris ſind an dieſe Sammler und Diebe— denn ſie ſind beides, je nachdem ſich ihnen Gelegenheit bietet— ſo gewöhnt, daß man ihnen nicht die geringſte Auf⸗ merkſamkeit ſchenkt. „Ihr irrt euch,“ verſetzte der Attaché ernſt; ich gehe nach Hauſe, denn mein Abenteuer iſt be⸗ 107 reits zu Ende.“ Seine Freunde meinten, daß es gewiß ein ſehr angenehmes geweſen ſei. „Wenn ihr die Gefahr, erſchoſſen zu werden, an⸗ genehm findet,“ erwiderte er. „Alſo ein Duell?“ „Nein.“ „Man wird doch nicht gar ein Attentat auf Sie gemacht haben?“ bemerkte einer der Nüchternſten aus der Geſellſchaft. „Ich kann es nicht wohl ein Attentat nennen,“ ſagte der Lord,„auch glaube ich nicht einmal, daß der Angriff mir gegolten hat, ſondern einem der Freunde, in deren Wagen ich wegfuhr.“ Er er⸗ zählte nun ohne Bedenken den ganzen Vorfall. „Sie hätten den Kerl feſtnehmen ſollen, nach⸗ dem Sie ihn niedergeſchlagen hatten,“ ſagte einer der jungen Männer. „Zu was hätte dieß gedient?“ fragte Charles, „da ich morgen ſo leicht ſeiner habhaft werden kann. Obgleich er geläufig franzöſiſch ſprach, ſo habe ich ihn an ſeinem Accent doch als Engländer erkannt. Ueberdieß habe ich noch andere Wahrzeichen, ihn wieder zu erkennen.“ Der Chiffonier ſtutzte. „Er trug einen werthvollen Diamantring an ſeiner rechten Hand,“ fuhr der Lord fort,„und wenn ich mich nicht ſehr täuſche, ſo wird er das Merkmal, das ich ihm an den Kopf zeichnete, meh⸗ rere Tage mit ſich herumtragen. Der Polizeiprä⸗ fect wird Sorge tragen, daß jedes Hotel in Paris unterſucht wird, bis man ihn gefunden hat.“ 108 Hier nahm der Mann, nachdem er den Haufen unterſucht hatte, ſeinen Korb wieder auf die Schul⸗ tern und ging ſeines Weges nach der Richtung des Concordien⸗Platzes, wo Lord Charles wohnte. Als er dort ankam, löſchte er das Licht in ſeiner La⸗ terne aus, indem er auf Engliſch vor ſich hin mur⸗ melte:„Jetzt kenn' ich doch den Namen des Gelb⸗ ſchnabels, der meine Abſicht vereitelte und mich zu Boden ſchlug. Das iſt ſchon Etwas. Der Poli⸗ zeipräfect! Alle Hotels durchſuchen!“ wiederholte er nachſinnend.„Das muß vermieden werden. Ob wohl der Narr bewaffnet iſt? Ich muß es darauf ankommen laſſen.“ Zugleich nahm er den Haken von dem Ende ſeines Stockes ab— der nichts ge⸗ ringeres, als eine Windbüchſe war— und ſtellte ſich gerade dem Eingange des Hotels gegenüber auf, um die Ankunft ſeines Opfers zu erwarten, was nicht lange hernach geſchah. In dem Augen⸗ blicke, als Lord Charles die Hand ausſtreckte, um die Portierglocke zu ziehen, drückte er ab und der junge Edelmann ſiel. Die Kugel war ihm in den Hals gedrungen. Der Chiffonier wartete, bis er den Getroffenen in das Hotel tragen ſah, ging dann quer über den Platz, zündete ſeine Laterne wieder an und ſetzte gemächlich ſeinen Weg fort. Harold und Harry erwarteten am folgenden Morgen geduldig Stunde um Stunde die Ankunft ihres Freundes. Zuweilen ſtieg der Verdacht in ihnen auf, daß etwas Außergewöhnliches ſich zuge⸗ tragen habe, und nur die Furcht, ausgelacht zu werden, hielt ſie ab, ſich nach ſeinem Befinden er⸗ kundigen zu laſſen. Endlich ließ ihnen aber die Sh— 109 Beſorgniß keine Ruhe mehr, und ſie waren eben im Begriff, ſich ſelbſt nach ſeiner Wohnung zu verfü⸗ gen, als Tom in das Zimmer trat. Sein Herr ſah ihm ſogleich an, daß er irgend eine ſchlimme Nachricht zu verkündigen habe. „Bitte um Verzeihung, Herr,“ ſprach er,„aber wie heißt der Gentleman, den Sie zum Frühſtück erwarten?“ „Lord Charles Murray,“ erwiderten die bei⸗ den jungen Männer. Der Groom klopfte ſich auf den Schenkel, was er gewöhnlich that, wenn etwas ſchlimm ging oder ihn verdroß.„Das iſt er!“ rief er. „Erklär' dich!“ ſprach Harold ungeduldig. „Dieſe ſchurkiſchen Franzoſen haben ihn ermor⸗ det, Herr; das iſt Alles.“ Keiner der beiden Freunde vermochte ein Wort hervorzubringen. Der Schrecken hatte ihnen förm⸗ lich die Sprache geraubt. „An der Thüre ſeines Hotels haben ſie ihn geſtern Nacht mit einer Windbüchſe niedergeſchoſſen,“ fuhr der Diener fort;„die feigen Schurken! Es ſieht ihnen aber ganz gleich, denn ſie haſſen die Eng⸗ länder.“ „Todt!“ ſtammelte Harry Burg;„iſt er denn wirklich todt?“ „Beinahe,“ erwiderte Tom;„der arme Herr kann kein Wort mehr ſprechen.“ Die beiden jungen Männer machten ſich ſogleich zu Fuß auf den Weg nach dem Concordien⸗Platze, um durch perſönliche Nachfrage genaue Auskunft über den Zuſtand des muthigen Freundes zu er⸗ 110 langen, der ſie kurz zuvor noch in voller Geiſtes⸗ und Lebenskraft verlaſſen hatte, indem ſie ſich bittere Vorwürfe darüber machten, daß ſie ihn allein in ſein Hotel hatten gehen laſſen. Als ſie ſeine Woh⸗ nung betraten, begegneten ſie dem Geſandtſchafts⸗ Secretair. „Eine traurige Geſchichte,“ ſagte dieſer, Beiden die Hände ſchüttelnd,„und ganz unbegreiflich. Ich verſtehe den Grund dieſes Verbrechens durchaus nicht. Es geſchah nicht, um Lord Charles zu be⸗ rauben, denn man fand ſeine Uhr und ſeine Börſe bei ihm.“ Es gereichte Harold zum Troſte, daß der Se⸗ cretair nicht von ſeinem Leichname geſprochen.„Kön⸗ nen wir ihn nicht ſehen?“ fragte er. „Unmöglich! Die Wundärzte erlaubten ſelbſt mir nicht, in das Zimmer zu treten. Seine Ercellenz wurde allein zugelaſſen, und auch dieſe nur auf einige Minuten. Die geringſte Aufregung könnte verderblich wirken.“ „So iſt alſo doch noch Hoffnung!“ „Die Kugel iſt herausgezogen worden,“ ver⸗ ſetzte der Secretair,„und wenn keine Entzündung hinzukommt, ſo iſt Hoffnung, daß er gerettet wird. Davon hängt Alles ab.“ In dieſem Augenblick erſchien der Polizeiprä⸗ fect, der von der Sache ſich ſelbſt zu inſtruiren ge⸗ kommen war. Es war Gisquet, deſſen Andenken noch in der Erinnerung vieler unſerer Leſer ſein wird. Der unſichtige Miniſter bedauerte es in hohem Grad, als man ihm ſagte, daß, wenn überhaupt 111 Lord Charles wiedergeneſe, jedenfalls mehrere Tage darüber hingehen werden, bis er zu ſprechen im Stande ſei.„Sehr fatal!“ murmelte er.„Hätte ich nur einen, wenn auch noch ſo unbedeutenden Leitfaden.“ „Ich glaube,“ ſprach Harold,„daß ich Ihnen den einzigen, den es in dieſer traurigen Geſchichte gibt, zu verſchaffen vermag.“ Er erzählte nun das Aben⸗ teuer der geſtrigen Nacht, wobei er des Umſtandes nicht vergaß, daß der Verwundete einen Diamant⸗ ring an der Hand des Kerls auf dem Carrouſel⸗ platze bemerkt hatte. „Offenbar eine Privatrache,“ bemerkte der Prä⸗ fect, als Harold zu Ende war, und deßhalb um ſo ſchwieriger, den Thäter zu entdecken.“ „Anfangs war ich geneigt, zu vermuthen, daß das Attentat auf meinen Freund, Mr. Burg, ab⸗ geſeben war; jetzt bin ich aber leider nur zu ſehr überzeugt, daß ich mich geirrt habe.“ „Und weßhalb gegen ihn?“ fragte Herr Gisquet. „Weil er kürzlich in London auf die feigſte Weiſe überfallen wurde, wobei Jemand, wie ich glaube, im Spiele war, der Anſpruch auf ſeine Güter macht.“. Dieſe Angabe warf ein neues Licht auf die An⸗ gelegenheit, und der Polizeipräfect machte ſich dar⸗ über eine Notiz. Das Mordattentat auf einen Attachs der briti⸗ ſchen Geſandtſchaft und einen Mann von Lord Char⸗ les Murray's Rang erregte natürlich unter den in Paris wohnenden Engländern große Senſation, die 112 ſich täglich zahlreich in dem Hotel einfanden, und ihre Namen als Zeichen ihrer Achtung in das dort aufgelegte Beſuchsbuch eintrugen. Einer der Eif⸗ rigſten darunter war Capitän Helsman. Allein nicht nur in den höhern Zirkeln gab ſich das Gefühl des Unwillens kund, ſondern es ſprach ſich auch in den niedern Claſſen aus, welche das wohlbe⸗ kannte Kaffeehaus in der Rue St. Honoré zu be⸗ ſuchen pflegten, das eine Engländerin, Namens Bradford, daſelbſt hielt. Dieſes Haus wurde zu⸗ weilen auch von vornehmern Perſonen beſucht, na⸗ mentlich von Pferdeliebhabern, denn es war der Rendezvous⸗Platz der Jockeys, Grooms mit und ohne Condition, und von einer Menge zweideutiger Perfönlichkeiten und Abenteurer, die ſich in Paris umhertreiben und ihr Leben auf eine Weiſe friſten, 6 Niemand als die Vorſehung und die Polizei kennt. Wegen ihrer nähern Bekanntſchaft mit den Ein⸗ zelnheiten des Vorfalls und weil ſie indirect in den⸗ ſelben verwickelt waren, waren Tom und William Franklin, die bereits ihren Weg dahin gefunden hatten, an dieſem Orte die Löwen des Tags; ſie mußten erzählen, was ſie wußten, was freilich nicht viel war— und immer wieder mußten ſie von Neuem den Stammgäſten dieſes Wenige erzählen. Hier wurden ſie mit einem wunderlichen Kautzen, Namens Harris bekannt, der, als er hörte, daß einer von ihnen aus Alſton Moore zu Hauſe ſei, darauf be⸗ ſtand, ſie zu regaliren. En ſei dort geboren, ſagte er, und man konnte nicht wohl daran zweifeln, daß — es ſo ſei, denn er kannte dort Alles ſo genau und beantwortete alle an ihn geſtellten Fragen mit einer Sicherheit, die Will mit dem Knittel in Erſtaunen ſetzte, weil er ſchon dreißig Jahr aus England ab⸗ weſend zu ſein behauptete. „Was für ein merkwürdiges Gedächtniß Sie ha⸗ ben!“ rief dieſer deßhalb.„Ich laſſe mich hängen, wenn ich mich nur halb ſo vieler Umſtände er⸗ innere!“ „Man vergißt ſelten die Jugendzeit,“ verſetzte der alte Mann. „Wollen Sie denn nie in die Heimath zurück?“ fragte Tom. „Nicht eher, bis ich nicht mehr dienen kann,“ antwortete Harris;„ich bin zwar im Augenblicke ohne Platz, aber ich habe Ausſicht, bald wieder in einen einzutreten.“ „Bei einem engliſchen Gentleman?“ „Nein, bei einem ſpaniſchen— einem großen Reiſenden, der in der ganzen Welt und ſo⸗ gar in der andern Welt geweſen iſt, wenn es wahr iſt, was die Leute von ihm ſagen. Er ſpricht ganz gut engliſch, ja ſogar noch beſſer, als ich.“ Er meinte damit den Grafen Lilini. Nachdem William Franklin ſich die Freiheit ge⸗ nommen hatte, ſeinen neuen Bekannten auszufra⸗ gen, ſo konnte er ſelbſtverſtändlich nicht umhin, eben⸗ falls wieder jede Aubtunt zu geben, die dieſer von ihm zu haben wünſchte. Viele Perſonen, nach denen der Alte fragte, waren geſtorben. Allmälig lenkte er aber die Unterhaltung auf ſeines Herrn Familie Licht- und Schattenſeiten. II. 8 in der Halle und lockte aus dem ſchlichten Menſchen die Erzählung von dem Tode Richard Burg's und der Nachfolge Harry's in deſſen Grundherrſchaft. Vor Allem ſchien ihn aber Ein Punkt zu intereſſiren, nämlich der Anſpruch Brandon's an die Güter, wo⸗ bei er äußerte:„Ihr Herr wird kein ſolcher Narr ſein, daß er ſein Recht darauf aufgibt.“ William konnte darüber keine Auskunft geben, auch verſtand er nichts von dem Geſetze. Alles, was er wußte, war, daß ſein junger Squire einer der nobelſten Menſchen auf der Welt ſei und daß er ihm, ob reich oder arm, unter allen Umſtänden zu dienen ſich glücklich fühlen werde. Damit war die Unterhaltung zu Ende, und einige Tage hernach theilte ihm Harris mit, daß er in Dienſt des ſpa⸗ Grafen getreten ſei, von dem er ihm erzählt abe. Etwa eine Woche nach dem Mordverſuche wurde Lord Charles Murray zur großen Freude ſeiner Freunde außer Gefahr erklärt, doch mußte er noch, und zwar für längere Zeit, das Bett hüten. Er hatte eine lange Unterredung mit dem Polizeiprä⸗ fecten gehabt, aber die Mittheilungen, die er zu machen im Stande war, kamen jetzt zu ſpät. Das Merkmal des Schlags, den er dem Meuchelmörder an den Kopf verſetzt hatte, war ſeitdem längſt ver⸗ ſchwunden, und was den engliſchen Accent und den Diamantring anbelangte, ſo war dieß etwas zu Unbe⸗ ſtimmtes, als daß man darnach hätte Nachforſchun⸗ gen anſtellen können. „Seien Sie auf Ihrer Hut,“ flüſterte er den 115 beiden Freunden zu, die an ſeinem Bette ſaßen, denn der Arzt hatte ihm nur in leiſem Tone zu ſprechen erlaubt;„beim nächſten Schuß könnte beſſer gezielt werden.“ Harold ſchauderte und wünſchte insgeheim, daß Harry ſicher aus Paris hinaus wäre. „Haben Sie unterdeſſen Ihren Beſuch im Hotel Rohan wiederholt?“ fragte der Kranke. „Wir ſind ſeit der fürchterlichen Nacht, in der Sie uns bald entriſſen worden wären, nicht mehr dort geweſen,“ verſetzte Harold,„Wie können Sie uns für ſo herzlos halten?“ Der Attaché drückte den Freunden die Hände, und fragte matt lächelnd.„Was haben wir heute für einen Tag?“ „Donnerſtag.“ „Der Empfangsabend der Herzogin. Sie wür⸗ den mich verbinden, wenn ſie hingingen,“ ſetzte der Lord leicht erröthend hinzu:„und wenn— zum Henker auch! zu was die Verſtellung!— Wenn Marie Trouville Sie fragen ſollte, ob ich todt oder lebend ſei, ſo wiſſen Sie, was Sie zu antworten haben.“ Die Freunde begriffen jetzt vollkommen, weß⸗ halb Lord Charles ſo ſehnlichſt gewünſcht hatte, bei der Führerin der legitimiſtiſchen Partei in Paris vor⸗ geſtellt zu werden. DHätt' ich es nur gewußt,“ ſagte Harold. Der Verwundete legte den Finger auf ſeine Lippen, wie um ihm Discretion anzuempfehlen. Arme Marie! dachte Harry Burg. Wie vielen 8* 116 ſin und Angſt hätten wir ihr zu erſparen ver⸗ mocht! Am ſelben Abend fuhren die Freunde nach dem ſpärlich erleuchteten Hotel in Faubourg St. Ger⸗ main, wurden von demſelben feierlich ausſehenden Diener in der abgetragenen Livrée empfangen und von demſelben Pagen, der ihre Namen ſchon bei dem erſten Beſuch ſo arg verſtümmelt hatte, ange⸗ meldet. Bei ihrem Eintritte in den Salon war die erſte Perſon, die ihnen in die Augen fiel, der Graf Lilini und die Nichte der Dame vom Hauſe, die ſich zuſammen unterhielten. Als ſie die Engländer er⸗ blickten, flüſterte das ſchöne Mädchen dem Grafen einige Worte zu, der beifällig lächelte. Kaum hat⸗ ten dieſe der Herzogin ihre Verbeugung gemacht, als der Spanier zu ihrem großen Erſtaunen auf ſie zukam und Beiden herzlich die Hand drückte. Es war dies ſo unerwartet nach der plötzlichen und faſt beleidigenden Art, in welcher er ſich bei ihrem früheren Beſuche von ihnen abgewendet hatte, daß ſie nicht recht wußten, wie ſie ſein jetziges Entgegen⸗ kommen deuten ſollten. „Ich würde Sie beſucht haben,“ ſagte er, ohne von ihrem Erſtaunen und ihrer Verlegenheit Notiz zu nehmen,„wenn ich überzeugt geweſen wäre, daß Sie meinen Beſuch nicht für eine Aufdringlichkeit gehalten hätten. Ein Bekannter meines Alters iſt in dieſer vergnügensreichen Stadt kaum wünſchens⸗ werth.“— „Ich kenne keinen Mann, der beim erſten Be⸗ gegnen einen günſtigeren Eindruck auf mich gemacht hätte, antwortete Harry Burg. 117 „Und nachher?“ fragte der Spanier, ihn feſt firirend. „Vielleicht verſtand ich Sie nicht ganz recht,“ er⸗ widerte Harry. „Ganz recht,“ rief der Graf beiſtimmend.„Ich liebe den Geiſt, der zu ſtolz iſt, um ſich durch eine höfliche Unwahrheit hinauszuhelfen. Wenn etwas Beleidigendes in meinem Benehmen lag, ſo ver⸗ ſtanden Sie mich nicht; verſtehe ich mich doch zu⸗ weilen ſelbſt kaum.“ Es lag etwas ſo Liebens⸗ würdiges in dieſer Abbitte, ſo daß ſelbſt der An⸗ ſpruchvollſte ſich davon hätte befriedigt fühlen können. Harold und ſein Freund erinnerten ſich an das, was Chateaubriand von ihm geſagt hatte. „Gehen Sie jetzt und plaudern Sie mit Fräu⸗ lein von Trouville,“ fuhr der Graf, an Harold ſich wendend, fort.„Sie werden finden, daß es der Mühe lohnt, ihre Bekanntſchaft zu machen. Sie können ihr ja,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu, „die Einzelnheiten eines Abenteuers mittheilen, das ganz Paris in den letzten vierzehn Tagen beſchäf⸗ tigte,— das Attentat auf das Leben ihres Lands⸗ mannes Lord Charles.“ Harold benützte den Wink und ſetzte ſich auf den Stuhl neben der jungen Dame, den der Spa⸗ nier ſo eben verlaſſen hatte. „Dieſes Attentat,“ bemerkte Harry,„galt aber, zu vermuthen allen Grund habe, nicht dem ord.“ „Wem ſonſt?“ fragte der Graf. „Mir.“ 118 „Schändlich!“ murmelte der Graf, indem ſeine dunklen Augen voll Unwillen funkelten; ſeine Empfin⸗ dung aber ſchnell bemeiſternd, ſetzte er hinzu:„Ich habe nur unſichere Gerüchte über die Sache gehört und dieſe waren ſo ohne allen Zuſammenhang und übertrieben, daß ich ihnen nur wenig Glauben ſchenkte.“ Es lag etwas in dem Tone und mehr noch in dem Benehmen des Spaniers, was einen ganz eigen⸗ thümlichen Zauber auf Harry Burg ausübte, der, da kein Grund zum Geheimthun vorlag, ſich ver⸗ anlaßt fand, manche Einzelnheiten ſeines frühern Lebens, ſeine Streifzüge in Italien und Griechen⸗ land, ſo wie den plötzlichen Tod ſeines Vetters Ri⸗ chard und das Auftreten eines neuen Präten⸗ dentew, mit Anſprüchen auf die Güter, zu er⸗ zählen. „Sie ſind im Beſitz,“ bemerkte der Spanier, der mit großer Aufmerkſamkeit zugehört hatte. „Beſitz ſchließt aber nicht immer das Recht in ſich,“ verſetzte der junge Mann.“ Ich hätte ſehr gern unſere gegenſeitigen Anſprüche einem Schieds⸗ gerichte unterworfen, aber Brandon weigerte ſich beharrlich. Ich verlange nichts weiter als den mo⸗ raliſchen Beweis von der Gültigkeit ſeiner Anſprüche und bin dann bereit, ihm die Herrſchaft abzu⸗ treten.“ „Unſinn!— Tollheit!“ rief der Graf. „Nennen Sie es, wie Sie wollen, mein Entſchluß ſteht feſt. Ich verſchmähe es, auch nur eine Stunde lang ungerechtes Gut zu beſitzen.“ 119 „Aber ſein Benehmen gegen Sie!“ „Würde ein Unrecht von meiner Seite nicht ent⸗ ſchuldigen.“ „In der Theorie haben Sie vielleicht Recht,“ veſſetzte der Graf,„in der Praxis aber entſchieden Unrecht. Sie ſind der Sohn von Harry Burg. Ich te Sie ſagten von Harry, dem dritten Bru⸗ „Das bin ich allerdings,“ erwiderte der junge Nann,„obgleich ich mich nicht erinnere, es Ihnen mitgetheilt zu haben. „Der verſtorbene Bruder war ein Landſtreicher, der offenbar von ſeiner Familie verſtoßen wurde,“ uhr der Spanier fort;„und wenn dieſer auch einen Sohn hinterlaſſen hat, ſo iſt deſſen Recht—“ „Sowohl durch Geſetze, wie durch Ehre, gehei⸗ ligt, fiel ihm Harry in's Wort.„Was meinen unglücklichen Onkel Marmaduke anbelangt, obgleich ich bis vor wenigen Monaten nie zuvor von ihm gehört habe, ſo kann ich es doch nicht ertragen, wenn man geringſchätzig von ihm ſpricht. Die Ar⸗ men in der Umgebung der Grundherrſchaft liebten ihn alle; er muß daher manche edle Eigenſchaften beſeſſen haben. Ich weiß, daß er meinen Vater vor der Tyrannei des ältern Bruders ſchützte. Es handelt ſich alſo um eine Schuld der Dankbar⸗ keit. Brandon mag ſein Geburtsrecht beweiſen und von dieſem Augenblicke an iſt die Herrſchaft ſein. „Sie ſind ein edler Menſch,“ rief der Graf, mit Wärme ſeine Hand drückend,„und verdienen, ſie u behalten.“ 120 Harry ſah ihn erſtaunt an. „Achten Sie nicht auf das, was ich ſage,“ fuhr der Graf fort;„ich ſtecke voll wunderlicher Grillen und Launen. Es iſt mir aber lieb, daß Sie nir dieß anvertraut haben, denn ich werde jetzt während Ihres fernern Aufenthaltes in Paris über Ire Sicherheit wachen.“ „Sie, Graf?“ „Ja, ich,“ wiederholte der Spanier.„Es göt eine Polizei in Frankreich, die noch mächtiger it, als die des Herryn Gisquet.“ ————— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Kit Corling trieb ſich nur deßhalb noch fort⸗ während in London herum, weil er hoffte, endlich eine Spur von der Nähterin aufzufinden, deren be⸗ harrliches Stillſchweigen ihn noch mehr als ihr plötzliches Verſchwinden überzeugte, daß ſie und Miß Cheerly die Opfer eines argliſtigen Planes ihrer gewiſſenloſen Feinde geworden ſeien, welche die aber nicht der Mann, um ein Mädchen, das er liebte, weit entfernt, nachzulaſſen, nahm immer mehr zu je größere Schwierigkeiten ſich ihm entgegenſtellten „Wäre Nancy freiwillig abweſend,“ erwiderte er auf die nicht allzu liebreichen Winke und Ver muthungen der Mrs. Perkins, die fortwährend au 6 Letztere aus dem Wege ſchafſen wolltten. Kit war im Unglück zu verlaſſen, und ſeine Entſchl ſſenheit, — Sellem nachzufolgen. Aber die Bemühungen Beider 121 dem beſten Fuße mit der ſcheinheiligen Rebecca ſtand, „ſo hätte ſie mir gewiß geſchrieben. Da ſie dieß aber unterlaſſen hat, ſo bin ich feſt überzeugt, daß ſie irgendwo gefangen gehalten wird.“ 5 „Nachdem ſie wahrſcheinlich wegen ihrer Schön⸗ heit entführt worden iſt,“ bemerkte die Frau mit ſpöttiſchem Kichern. So ſehr aber auch dem jungen Mann der Mangel an Mitgefühl und Theilnahme an dem Schickſale ihrer Hausbewohnerinnen an der Frau mißfiel, ſo kam er doch immer wieder, obgleich ſeine Hoffnung, endlich einmal Etwas zu erfahren, immer ſchwä⸗ cher wurde. Jede Nacht hatte er dem Caſſier aus dem Bank⸗ hauſe in Lombard⸗ſtreet aufgepaßt und einen ſeiner Kameraden überredet, dem Wagen des Sir John blieben fruchtlos; der troſtloſe Liebhaber brachte nichts weiter heraus, als daß der Verbündete der Amme in Pentonville wohne und das Ergebniß der Nachforſchungen ſeines Kameraden war, daß ſich der Baronet regelmäßig nach ſeiner Privatwohnung oder ſeinem Clubb begeben habe. Kit war, wie gewöhnlich, niedergeſchlagen und verdrießlich in ſeine Wohnung zurückgekehrt, als er ſeinen Freund Bob Spiers fand, der ihn erwartete. Er ſah dem jungen Mann ſogleich im Geſichte an, daß er ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe. „Was gibt es Neues?“ ſagte er, ihm die Hand ſchüttelnd;„laß mich nicht lang in Ungewißheit.“ „Zieh dich an und komm mit mir auf den Tanzboden.“ 122 „Ich habe dieſe Art von Unterhaltung aufge⸗ geben.“ „Nur auf eine Stunde.“ „Nicht auf eine Minute,“ antwortete der Zim⸗ mergeſelle feſt;„es wäre eben ſo unrecht als falſch von mir, wenn ich jetzt, da, wie du weißt, Nancy nicht hier iſt, mein Verſprechen brechen würde. Ich habe geglaubt, du habeſt was Neues in Erfahrung gebracht.“ „Das habe ich auch.“ „Und doch kannſt du mir in einem ſolchen Augen⸗ blick vorſchlagen, mich auf ſolche Weiſe zu zer⸗ ſtreuen,“ bemerkte Kit vorwurfsvoll. „Weil es nöthig iſt,“ ſagte Bob Spiers.„Hör' mich an. Du erinnerſt dich doch noch der Suſan Aſhford?“ „Die für Shadrac Aaron und Compagnie ar⸗ beitet?“ Sein Freund nickte bejahend. „Das arme Mädchen! Was iſt mit ihr?“ „Ich ſah ſie dieſen Abend in den Brougham des John Shadrac oben in Regent⸗ſtreet. Du weißt, daß ich immer eine Schwäche für ſie hatte und es mir mehr leid that, als ich von ihrem Fehltritte hörte, als ich öffentlich zeigen wollte. Sie war allein und trotz ihrer ſchönen ſeidenen Kleider und Federn ſah ſie ſo betrübt aus, daß ich unwillkühr⸗ lich ſtehen blieb, um ihr ein freundliches Wort zu ſagen. Es würde dir ſelbſt ganz weh um's Herz geworden ſein, wenn du geſehen hätteſt, wie bitter⸗ lich ſie weinte und wie ſehr ſie ergriffen war, als ich ihr ſagte, daß ich Mitleid mit ihr habe. Ihr 123 Herz iſt nicht verdorben, Kit— das bin ich feſt überzeugt, und am ganzen Unglück iſt nur der Tanz⸗ boden Schuld.“ „Und doch ſchlägſt du mir vor, dorthin zu gehen?“ „Weil ſie dich gern ſprechen möchte,“ verſetzte Bob.„Sie kann dir etwas von Nancy mittheilen.“ Kit überlegte erſt einige Minuten lang, ehe er eine Antwort gab. Zu der Zeit, als Suſan und Nancy zuſammen für das jüdiſche Handlungshaus arbeiteten, hatte Erſtere eine gewiſſe Vorliebe für ihn an den Tag gelegt, die ihm häufig Neckereien ſeiner Kameraden zuzog und öfters Bob's Eiferſucht erweckte.„Glaubſt du wirklich, daß ſie im Stande iſt, mir irgend Etwas mitzutheilen?“ fragte er endlich. „Ganz gewiß,“ verſetzte ſein Freund,„ſie hat mir genug geſagt, um mich davon zu überzeugen.“ „Es wäre mir lieb, wenn du mir mittheilteſt, was zwiſchen euch geſprochen worden iſt,“ bemerkte der Zimmergeſelle. Bob zögerte, erröthete ſichtbar und ſah verle⸗ gen d'rein. „Wenn du freilich glaubſt, du könneſt es nicht„ thun—“ fuhr Kit fort. „Darum handelt ſich's nicht,“ unterbrach ihn der Andere,„aber man geſteht auch ſeinem nächſten Bekannten nicht gern ſeine Schwäche ein. Ich weiß, daß du mich auslachen wirſt, wenn ich dir ſage, daß ich Suſan Vorſtellungen über ihr kaſterhaftes Leben machte; daß ich ihr meinen Beiſtand anbot, wenn ſie daſſelbe aufgeben wolle; ihr Hoffnung machte, daß— kurz, daß ich, von den Thränen, die 124 ſie vergoß, dreiſt gemacht, ſie fragte, ob ſie damals nicht glücklicher geweſen ſei, als ſie noch mit Nancy von ihrer Näharbeit lebte, welch Letztere ich als ein Muſter der Sittſamkeit und Eingezogenheit ſchilderte.“ „Nun, und was ſagte ſie darauf?“ „Daß Nanch um kein Haar ſittſamer ſei, wie ſie ſelbſt.“ „Dann ſprach ſie die Unwahrheit,“ rief Kit im Tone des Unwillens. „Dann hat man ſie vielleicht in dieſem Punkt falſch berichtet, ſetzte Bob begütigend hinzu, der offenbar Suſan in keinen ſchlimmen Handel ver⸗ wickeln wollte.„Ich glaube nicht, daß ſie abſicht⸗ lich etwas Unwahres, namentlich was Nancy zum Nachtheil gereicht, von der ſie mit Liebe und Ach⸗ tung ſprach, ſagen würde. Eins iſt aber gewiß, daß ſie ſie und Miß Cheerly in dem offenen Wagen geſehen hat, in welchem Beide nach der Ausſage der Mrs. Perkins weggefahren ſind. Die Beſchreibung des Schimmels und des Mannes, der kutſchirte, iſt keine Erfindung von ihr.“ „In fünf Minuten bin ich bereit, dich zu be⸗ gleiten,“ ſprach Kit, durch dieſe Bemerkung über⸗ zeugt, daß er auf dieſem Wege die Spur auffinden könnte, um die er ſich ſchon ſo lange vergeblich be⸗ müht hatte. Er kleidete ſich raſch an und noch vor Ablauf der verlangten Friſt verließen die beiden jungen Männer das Haus. „Sieben Pennies für Jeden der Gentlemen!“ rief ein ſchmutziger, liederlich ausſehender junger Menſch, der an der Caſſe ſaß, Kit und ſeinem Be⸗ gleiter zu, als dieſe in den Gang traten, der in den 125 Ballſaal führte.„Sechs Pennies für das Entree und einen für Ihre Hüte.“ Das Geld wurde bezahlt, aber der Eingang in den Saal wurde ihnen durch einen ſtämmigen, roth⸗ wangigen Burſchen vom Lande verſperrt, der eben vor einem kleinen, an der Wand hängenden Spiegel mit einem zerbrochenen Kamm ſein Haar ordnete. „Bitte um Entſchuldigung,“ ſprach dieſer— „thut mir leid, Sie aufzuhalten— bin gleich fertig; aber's iſt unmöglich, einen Kopf von einem halb⸗ wegs anſtändigen Umfang in einem ſo kleinen Spiegel zurecht zu machen. Ich bringe den meinigen nur halb hinein.“ „Wie, Charley!“ rief Bob Spiers, als der Menſch, der jetzt mit Ordnen ſeines Haars fertig geworden war, ſich umwandte.„Was führt dich hieher?“ „s iſt Zeit, daß ich auch einmal was zu ſehen kriege,“ erwiderte der ländliche Stutzer, dem Fra⸗ genden die Hand ſchüttelnd. Bob ſtellte ihm ſeinen Begleiter als Mr. Crawley, Obergeſellen auf der Schiffswerfte von Woolwich, vor. „Iſt dieß wirklich Ihr erſter Beſuch auf dem Tanzboden?“ fragte Kit. „Der allererſte,“ antwortete der Angeredete, indem er ſeine Seitenlocke nochmals ſorgfältig mit dem Finger zuſammendrehte. „Wenn Sie vernünftig ſind, ſo iſt es auch ihr letzter,“ bemerkte Kit,„denn man lernt an dieſem Orte nicht viel Gutes, wohl aber viel Schlimmes.“ „Sie und mein Vetter ſind aber ja auch hier,“ erwiderte der junge Mann ſchlau. 126 Es war hier weder die Zeit, noch der Ort, um ſich näher zu erklären, deßhalb ſchwieg Kit; Spiers nahm ſeinen Vetter unter'm Arm und ſo gingen alle Drei in den Tanzſaal hinein. Hier trieb ſich eine ſehr bunte Verſammlung herum; Mädchen, von denen viele kaum erſt der Kindheit entwachſen waren, Frauen im Flitterſtaat, wie man ihn auf dem Trödelmarkt zuſammen kauft, lachend, plaudernd, trinkend an dem Schenktiſche oder kokettirend mit den ſtutzerhaft gekleideten Com⸗ mis und Lehrlingen, die ſich für gemachte Leute hielten, weil ſie vergoldete Ketten und Ringe an ſich hatten und breite Ueberhemden mit auffallend großen Knöpfen daran trugen. Hier und dort ſah man einen wohlgekleideten Mann von einem ge⸗ wiſſen Alter geräuſchlos durch die Menge ſich ſchlei⸗ chen, der rechts und links ſeine Blicke warf, als wenn er irgend Jemand ſuchte. Es waren dieß die Roués und Wüſtlinge aus höhern Ständen, die ſich hier neue Opfer ausſuchten. Kit fand ſogleich den Gegenſtand, den er ſuchte, auf einer Bank an der entgegengeſetzten Seite des Saales, neben dem jungen Shadrac ſitzend, und ſein Blut wallte vor Unwillen bei dieſem Anblick, weil ihm einfiel, auf welche ſchändliche Weiſe Ar⸗ muth und troſtloſe Lage ausgebeutet werde. Suſan erröthete tief, als ihr Blick dem ſeinigen begegnete; der Engel der Unſchuld war noch nicht ganz von ihr gewichen, als ſie die Beute des Verführers geworden war. „Der Schurke!“ murmelte Bob, zähneknirſchend. „Ich kann nicht lange hier bleiben,“ flüſterte er Kit 127 in's Ohr.„Wenn ich mit dieſem Kerl zuſammen⸗ träfe, ſo würde es Händel ſetzen und ich bekäme mit der Polizei zu thun. Sprich Du mit Suſan, ſobald Du kannſt, und laß uns dann wieder gehen.“ Kit nickte ihm Bejahung zu. Jetzt kam ein lebhafter kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren in weißer Weſte und baumwollenen Handſchuhen auf den Zehenſpitzen in die Mitte des Saales geſchritten und rief mit kreiſchender Stimme „Polka, Ladies und Gentlemen! Polka!“ Es war der Feſtordner. Es erfolgte nun eine allgemeine Bewegung und Engagiren der Tänzerinnen; die Muſik ſpielte auf und der Tanz begann. Kit bemerkte mit Befriedi⸗ gung, daß Suſan nicht tanzte. Mit einiger An⸗ ſtrengung gelang es ihm, ſich durch die Menge durch⸗ zuarbeiten, worauf er ſich an ihrer Seite niederließ. „Es thut mir leid, ſehr leid,“ ſprach er,„Sie hier zu treffén.“ „Sprechen Sie nicht in dieſem Tone mit mir,“ erwiderte das Mädchen, mühſam ihre Gemüthsbe⸗ wegung unterdrückend.„Ich kann Alles eher er⸗ tragen, als die Stimme der Freundlichkeit, Sie erinnert mich an vergangene Zeiten, als— doch wozu nützt es jetzt, daran zu denken! Laſſen Sie mich das fragen, was ich zu fragen habe, und Ih⸗ nen mittheilen, was ich Ihnen mitzutheilen habe, eh' er uns bemerkt. Ihr Freund ſagt mir, daß Nancy ihre Wohnung verlaſſen habe?“ „Allerdings,“ verſetzte der junge Mann,„ſie be⸗ gleitete eine junge Dame, welche, unter einem fal⸗ 128 ſchen Vorwand, in die Gewalt ihrer Feinde gelockt wurde.“ „Sie glauben dieß?“ ſagte das Mädchen, die Augen ernſt auf ihn richtend. „Ich würde mein Leben dafür verpfänden,“ ver⸗ ſetzte Kit.„Sie vergeſſen, daß ich ſie ſeit ihrer Kindheit kenne, daß ich ſie all' den Verſuchungen und Verlockungen ausgeſetzt ſah, die allein die Ar⸗ muth kennt und die ſie ſtets mit Geduld ertrug. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen damit einen Vor⸗ wurf machen will, aber der Zweifel, den Sie über Kancy's Aufführung laut werden ließen, hat mich geſchmerzt und überraſcht.“ „Dann hat Shadrac mir die Unwahrheit berich⸗ tet, murmelte Suſan. „Was kann der von ihr wiſſen?“ „Ich will Ihnen Alles ſagen. Ich kehrte mit ihm vor einigen Tagen von Greenwich heim, als wir an Nancy und einem andern Frauenzimmer, ungefähr von demſelben Alter wie ſie, in tiefer Trauer vorüber kamen. Sie fuhr in einem hüb⸗ ſchen offenen Wagen, und ein Mann, der einem Pächter gleichſah, kutſchirte.“ „Sprachen Sie mit ihr?“ fragte der junge Mann haſtig. „Ich wagte es nicht, weil ich mich ſchämte, und weil ich den Schleier herabgelaſſen hatte, erkannte ſie mich nicht. Mein— mein Begleiter verſicherte mich, ſie lebe ſchon ſeit einiger Zeit mit— doch ich will Sie nicht gegen ihn aufbringen durch Er⸗ zählung der Unwahrheit, die er mir mittheilte; es würde nur zu einem Streit zwiſchen ihm und Ih⸗ 129 nen führen, und er würde dann ſeine Rache an mir auslaſſen. Aber wie tief gefallen ich auch bin, ſo kann ich doch jetzt der Vorſehung danken, daß Nancy noch immer der Liebe eines ehrbaren Mannes wür⸗ dig iſt.“ „Noch ein Wort,“ unterbrach ſie Kit.„Welchen Weg ſchlug das Gefährt ein?“ „Blackheath zu.“ „Und welche Farbe hatte das Pferd?“ „Es war ein Schimmel.“ „Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, Suſan,“ rief Kit hoch erfreut,„wie dankbar ich Ihnen für die Spur bin, auf die Sie mich geführt haben. Sie haben mir dadurch eine Centnerlaſt vom Herzen genommen. Kann ich denn gar nichts für Sie thun, um Ihnen behülflich zu ſein, daß Sie den verächt⸗ lichen Kerl, der Sie bethört hat, verlaſſen, und die Achtung vor ſich ſelbſt wieder gewinnen können?“ „Nichts,“ erwiderte das Mädchen traurig. „Haben Sie keine Freunde?“ „Hätt' ich Freunde oder eine Heimath beſeſſen, ſo wäre ich nicht gefallen. Ich ſtand allein in der Welt ohne allen Rath und Beiſtand; ohne Con⸗ ition— er hatte ſie mir geraubt. Sie wiſſen nicht, welch' ſchlimme Gedanken Hunger und Ein⸗ ſamkeit eingeben. Die Frau, bei der ich wohnte, drohte mich auf die Straße zu ſetzen; mit dem Elend oder dem Armenhauſe vor Augen wurde ich, was ich jetzt bin.“ „Alſo nicht aus eigener Wahl?“ 8 „Aus eigener Wahl!“ widerholte ſie ſchaudernd — o nie!— o nie!“ Licht⸗ und Schattenſeiten. II.. 9 130 Die letzten Worte wurden in einem ſo ſchmerz⸗ vollen Tone ausgeſprochen, welcher deutlich zeigte, daß er aus einem gebrochenen Herzen kam, daß Kit auf's Tiefſte gerührt wurde. Plötzlich fiel ihm ein, was Harold geſagt hatte, daß, wenn irgend eine Gelegenheit ſich darbiete, in welcher er ihm dienlich ſein könne, ſo ſolle er ohne Umſtände ſich an ihn oder, in ſeiner Abweſenheit, an ſeinen On⸗ kel, Sir Mordaunt Tracy, wenden, der gewiß ſein Verſprechen einlöſen werde. „Suſan,“ ſprach er,„wenn eine Gelegenheit ſich darböte, daß Sie London verlaſſen und Sie ſo, wie Sie ſollten, ehrbar und anſtändig leben könnten, würden Sie ſie ergreifen?“ S „Mit Dank,“ rief das Mädchen,„mit dem innig⸗ ſten Dank.“ „Späteſtens in drei Tagen ſollen Sie wieder von mir hören,“ verſicherte Kit. Die Polka war jetzt zu Ende und Moſes Sha⸗ drac, der die Unterredung Beider bemerkt hatte, verließ ſeine Tänzerin und kam raſch auf die Stelle des Saales zu, wo ſie ſich befanden mit einem vor Wuth und Eiferſucht glühenden Geſichte.„Was haſt Du mit dieſem Menſchen da zu ſchwatzen?“ fragte er barſch, und als Suſan zögerte, fuhr er fort, in⸗ dem er ſie am Arme faßte und dieſen heftig kniff: „Antworte mir. Kannſt Du nicht?“ Dieſes Benehmen war denn Kit doch zu bunt; er faßte den Bengel beim Kragen und warf ihn unwillig auf die Seite. Zorn, indem er ſich jedoch in reſpectvoller Entfer⸗ „Du Lump!“ rief der Wüſtling außer ſich vor . 131 nung hielt.„Wie kannſt Du es wagen, Hand an einen Gentleman zu legen?“ Bei dem Worte Gentleman ließ ſich ein Kichern unter der Menge vernehmen, die ſich um die Strei⸗ tenden geſammelt hatte. „Sie mögen reich ſein, Mr. Moſes Shadrac,“ verſetzte Kit ruhig,„aber Sie haben keinen An⸗ ſpruch darauf, als Gentleman— ja nicht einmal als ein Mann, behandelt zu werden, denn ein Mann wird ſich nicht an einem Frauenzimmer vergreifen. eichen Sie mir den Arm,“ ſetzte er leiſe hinzu, „und verlaſſen Sie mit mit dieſen Ort. Ich kann nicht zugeben, daß Sie meinetwegen ſeinen Miß⸗ handlungen ausgeſetzt bleiben.“ Das Mädchen ſah ihn zögernd an. „Mißtrauen Sie mir nicht,“ ſprach er,„ich bin Nancy's Verlobter.“ ie zögerte nun nicht länger mehr, ſondern legte ihren Arm in den ſeinigen. Vergebens wollte der wüthende junge Bengel ihr Weggehen verhindern. Kit beizuſtehen. „Ich glaube, Ihr Freund hat Recht,“ bemerkte etzterer, als ſie ihre Hüte draußen im Gang in Empfang nahmen,„es iſt wenig Gutes und viel Böſes auf dieſen Tanzböden in London zu lernen. Ich habe genug davon geſehen und kehre wieder nach Woolwich zurück.“ Bob hatte ihm, während ſie die Tour durch den Saal gemacht hatten, die Geſchichte der armen Suſan Afhford erzählt. Indem Kit einem edlen Impulſe des Augen⸗ blicks gefolgt war, hatte er ſich eine Verlegenheit 9* 132 bereitet, denn er hatte dem armen verlaſſenen Mäd⸗ chen, die er unter ſeinen Schutz genommen, keine Heimath anzubieten; ſein einziger Rückhalt war ſein Vertrauen auf die Güte des Sir Mordaunt Tracy's, auf die er allerdings zuverſichtlich rechnen durfte. Nachdem er Sufan in ſeine Wohnung gebracht und ſeiner Hauswirthin anempfohlen hatte, ging' er mit ſeinem Freunde weg, um bei dieſem die Nacht zuzubringen. „Ich bin ein großer Thor geweſen,“ bemerkte Bob mit einem Seufzer, als die drei jungen Männer in ſeinem Zimmer ſaßen. „Wie ſo?“ 3 „Ich liebte Suſan,“ erwiderte er,„und, was dieſen Punkt anbelangt, ſo weiß ich nicht recht, ob ich ſie nicht noch liebe. Hätte ich mich, wie ein Mann, ausgeſprochen, ſo hätte das ganze Unglück vermieden werden können. Ich wußte, daß ſie arm war und bildete mir ein, ich könne mich jederzeit entſchließen, ſie zu heirathen.“ Der Ton des Selbſtvorwurfs, in welchem dieſes Geſtändniß abge⸗ legt wurde, zeigte, wie tief er ihren Fall bedauerte. „Armes Ding!“ rief Charley Crawley;„was wird aus ihr werden?“ Vob zuckte die Achſeln, blickte Kit an und fing dann verzweiflungsvoll mit den Fingern auf dem Tiſch zu trommeln an. Es war klar, daß Eifer⸗ ſucht oder Zweifel an Kit's Abſichten in ihm auf⸗ ſtiegen. Das will ich euch ſagen,“ ſprach der Letztere. „Das Erſte, was ich morgen zu thun beabſichtige, iſt, einen reichen Gentleman aufzuſuchen, deſſen 133 Neffe meint, mir einigen Dank ſchuldig zu ſein und der mir das Verſprechen abnahm, in jeder Noth mich an ihn oder an ſeinen Onkel zu wenden. Die Noth iſt da. Er iſt ein ſehr einflußreicher und, wie ich glaube, ſehr wohlwollender Mann.“ „Auf das Verſprechen eines vornehmen Herrn kann man ſich ſelten verlaſſen,“ antwortete Spiers, „namentlich wenn er jung und lebensluſtig iſt.“ „Der Gentleman, von dem ich ſpreche, iſt alt,“ verſetzte Kit,„und ſein Reffe hat England verlaſſen, um auf Reiſen zu gehen,“ ſetzte er hinzu, weil er wohl bemerkte, welche Empfindungen ſeine Bemer⸗ kung rege gemacht hatten. „Wenn er aber nicht Wort hält?“ warf ſein Freund ein. „In dieſem Fall müſſen wir thun, was wir vermögen,“ ſagte der Zimmergeſelle,„und jeder von uns muß das Mädchen ſo lange unterſtützen, bis ſie ſich Arbeit verſchafft hat. Jede Entbehrung, die ſie zu erdulden hat, iſt beſſer als die Rückkehr zu dem herzloſen Schuft Moſes Shadrac. Was mich betrifft, ſo werde ich London morgen verlaſſen.“ „Du haſt das Herz auf dem rechten Fleck,“ rief der ehemalige Liebhaber der unglücklichen Suſan, indem er ſeinem Freunde die Hand reichte.„Ver⸗ zeih mir, wenn ich Dir Unrecht that und Mißtrauen in Deine Abſichten ſetzte.“ Kit lächelte, denn er hatte die Gedanken ſeines Freundes errathen. S „Ich will auch meinen Antheil an dem guten Werke haben,“ ſagte Charley, der anfing großen Reſpekt und Hochachtung vor ſeinem neuen Bekann⸗ 134 ten zu bekommen.„Sie ſagten, Sie wollten Lon⸗ don verlaſſen?“ ſprach er. „Ja.“ „Ich habe auch nicht im Sinn, es ſobald wieder zu beſuchen. Wohin wollen Sie ſich denn wenden, wenn ich fragen darf?“ „Ich denke mich um Arbeit in der Nachbarſchaft von Greenwich oder Blackheath umzuſehen.“ „Warum nicht auf den Werften von Woolwich?“ fragte Charley. „Ich kenne dort Niemand, der ſich meiner an⸗ nimmt.“ „Aber ich,“ verſetzte ſein neuer Freund;„der Oberinſpektor iſt mein Taufpathe,— wenn Sie wollen, ſo ſpreche ich mit ihm.“ Das Anerbieten wurde eben ſo ohne Umſtände angenommen, als es gegeben worden war. Unſere Leſer werden Kit's Gründe, weßhalb er in dieſer Gegend Arbeit ſuchte, leicht begreifen, denn in der Nähe von Greenwich hatte Suſan Nancy und Miß Cheerly begegnet. Es war höchſt unwahrſcheinlich, daß dieſe weit von London weggereist ſein ſollten; alſo nur dort konnte er hoffen, den zerriſſenen Fa⸗ den wieder anzuknüpfen und den Verſteck zu ent⸗ decken, in welchem, ſeiner Ueberzeugung nach, Beide gelockt worden waren. Vor Allem machte er dem Baronet in St. Ja⸗ mes⸗ſquare am folgenden Morgen ſeine Aufwartung. In ſeiner gewohnten, aufrichtigen und ungekünſtel⸗ ten Weiſe erzählte er dieſem Suſan's Geſchichte und theilte ihm den Grund ſeines Beſuches mit. Sir Mordaunt fühlte ſich verlegen; einerſeits 135 wünſchte er Kit zu dienen, andererſeits fürchtete er Skandal zu erregen, denn er war noch nicht alt genug, als daß die Welt ſeiner Handlungsweiſe bloß wohlthätige Abſichten unterſtellt hätte. Hätte es ſich nur um Geld gehandelt, ſo wäre die Schwie⸗ rigkeit leicht zu heben geweſen. „Ich ſehe nicht recht ab, in welcher Weiſe ich Ihnen in dieſer Sache anders dienlich ſein kann als mit meiner Börſe,“ bemerkte er deßhalb zögernd, „und über dieſe mögen Sie nach Belieben verfügen.“ „Ich danke Ihnem, Sir Mordaunt,“ verſetzte Kit;„ſo arm ich auch bin, ſo fiele es mir doch nicht ein für meine Freunde zu betteln, ſo lange ich noch eine Guinee beſitze, die ich ihnen geben könnte oder kräftig genug bin, um für ſie zu ar⸗ beiten.“ Zugleich nahm er ſeinen Hut, um das Zimmer zu verlaſſen. „Bleiben Sie noch,“ ſprach der alte Herr;„Sie dürfen mich nicht unzufrieden verlaſſen. Was würde Harold denken? Ueberdieß hat das, was Sie mir mitgetheilt haben, mich wirklich intereſſirt. Sie ſagen alſo, daß ich Ihnen nicht mit meiner Börſe helfen kann.“ „Gewiß nicht, Sir Mordaunt.“ „Auf welche Weiſe denn?“ fragte der Baronet; „Sie ſehen, daß ich die Frage ganz offen ſtelle.“ „Dadurch, daß Sie dem armen Mädchen eine Heimath geben,“ verſetzte Kit,„in der ſie vor Nahrungsſorgen geſchützt iſt. Armuth, Einſamkeit und Verlaſſenſein, das ſind die Verſucherinnen, welche in dem prächtigen, mildthätigen London, wie man es zu nennen pflegt, dem Verderben mehr 136 Opfer zuführen als die honigſüßen Worte der Ver⸗ führer. Suſan iſt geſchickt und fleißig und würde einer Stelle in Ihrem Dienerſchaftszimmer keine Unehre machen.“ Sir Mordaunt ſeufzte, denn es ſiel ihm dabei die gravitätiſche Geſtalt ſeiner Schweſter Margaret Trach ein und was dieſe wohl zu einem Vorſchlag dieſer Art ſ ſagen möchte. Plötzlich aber wich der Ausdruck von Zögern und Zweifel aus ſeinem Geſichte, und an ihre Stelle trat wohlwollende Be⸗ friedigung. Es war ihm ein Ausweg eingefallen, der alle Lchwierigieiten beſeitigte, ohne ihm in den Augen der prüden alten Jungfrau zu compromit⸗ tiren. „Kann die junge Perſon, von der Sie ſprechen, leſen und ſchreiben?“ fragte er. „Sie beides,“ verſetzte der junge Mann, „und iſt außerdem eine ausgezeichnete Arbeiterin.“ „Vortrefflich,“ ſprach der alte Herr;„ich will ihr einen Brief an die Vorſteherin der Mädchen⸗ ſchule in Granstoun geben,— einer reſpektablen ältern Frau, welche ſie als ihre Gehülfin aufneh⸗ men ſoll. Die Frage iſt nur die, wie man ſie hinbringen kann.“ „Das ſoll kein Hinderniß ſein,“ rief Kit voll Vergnügen;„ich und mein Freund werden ſie hin begleiten.“ „Sie ſoll Koſt und Wohnung bei der Schul⸗ lehrerin haben,“ fuhr der Baronet fort,„und einen Gehalt von dreißig Pfund bekommen, wovon ich die Hälfte voraus bezahlen will. Nur keinen fal⸗ ſchen Stolz,“ ſetzte er hinzu, als er ſah, daß Kit 137 das Geld abweiſen wollte,„oder ich ziehe mein Anerbieten zurück. Bilden Sie ſich denn ein, Herr Zimmermann, daß Sie allein das Recht haben Gutes zu thun?“ Dieſe letzten Worte waren mit einem freundlichen Lächeln begleitet. Unter dieſen Umſtänden war es unmöglich, das wohlwollende Anerbieten abzulehnen. Der Brief wurde geſchrieben und Kit verabſchiedete ſich in dem glücklichen Bewußtſein dazu beigetragen zu haben, ein irrendes Geſchöpf vom Verderben zu erretten. In Begleitung ſeines Freundes Bob eilte er in ſeine Wohnung in Vauxhall, um Suſan die glück⸗ liche Ausſicht, die ſich ihr eröffnete, mitzutheilen. Das arme Mädchen nahm die Rachricht mit mattem Lächeln auf, denn es miſchte ſich Reue über die Vergangenheit, die nicht mehr zu ändern war, mit dem Gefühle der Dankbarkeit. Wäre die rettende Hand ihr früher gereicht worden, wie ganz anders wäre ihr Schickſal geweſen! dachte ſie. Ihr Be⸗ ſchützer, in der Vorausſicht, daß ſie an dem Zu⸗ fluchtsort, wohin er ſie zu führen beabſichtigte, hinreichend Muße finden werde, ſolchen Gefühlen Raum zu geben, drang in ſie, augenblicklich Vor⸗ bereitungen zu ihrer Abreiſe zu treffen. Das un⸗ umgänglich Nothwendige, deſſen ſie in ihrer neuen Lage in dem Dorfe bedurfte, war hald eingekauft, und ſo verließ Suſan noch am ſelben Tage, in Begleitung der beiden Freunde, London, um nach Granstöun überzuſiedeln. Mrs. Barlow, die Schullehrerin, war von der unerwarteten Ankunft etwas überraſcht; nachdem ſie aber den Brief Sir Mordaunt Tracy's geleſen 138 hatte, hieß ſie ihre Gehülfin freundlich willkommen, ohne weitere Fragen an ſie zu ſtellen, deren Beant⸗ wortung Suſan Verlegenheit hätte bereiten können. Entweder hatte der Baronet ihr dieß zu thun unter⸗ ſagt oder die Lage ſeines Schützlings ihr erklärt. Ehe Bob Spiers von Suſan Abſchied nahm, hatte er mit dem aufrichtig reumüthigen Mädchen eine halbſtündige Unterredung. Kit vermuthete zwar, was zwiſchen Beiden vorging, hütete ſich aber wohl, eine Bemerkung darüber laut werden zu laſ⸗ ſen, da es ſich dabei um einen Punkt handelte, in welchem das Herz allein zu richten vermag. Von dieſer Unterredung kam Suſan überraſcht, beſchämt und voll Dankbarkeit zurück.„Der Him⸗ mel ſegne Sie!“ rief ſie, dem Zimmergeſellen die Hand drückend zu, nachdem ſie ihm zuvor ein Pa⸗ tet übergeben hatte, in welchem ſich das ſeidene Kleid, die goldene Uhr und Kette befanden, die ſie beim Weggehen vom Tanzboden getragen hatte.„Stel⸗ len Sie ihm ſeine Geſchenke wieder zu, und ver⸗ ſchweigen Sie ihm wo möglich meinen Zufluchtsort, denn ſeine Rache würde mich ſelbſt bis hieher ver⸗ folgen.“ „Seien Sie darüber ganz ruhig,“ verſetzte Kit, „von mir wird er dieß nie erfahren.“ 8 „Sie werden Nancy wieder auffinden,“ fuhr das arme Mädchen fort;„ich bin es feſt überzeugt, denn der Himmel iſt zu gerecht, als daß er ſo viele Güte unbelohnt ließe. Wenn Sie ihr von meinen Verirrungen erzählen,“ ſetzte ſie zu Boden blickend hinzu,„ſo erzählen ſie ihr auch von meiner Reue. Bitten Sie ſie, daß ſie für mich bete,— denn in 139 welchem Lande ich mich auch befinden mag, ſo werde ich für ihr Glück und das Ihrige beten.“ „In welchem Lande Sie ſich befinden mögen!“ widerholte Kit.„Ah! ich verſtehe. Bob iſt ein wackerer Burſche, und Sie ſollen ſich jetzt ſeiner wür⸗ dig zeigen.“ „Ein Jahr,“ flüſterte Suſan,„nur ein Jahr! und doch glaubte ich gottloſer Weiſe, der Himmel habe mich verlaſſen.“ „Er verläßt uns nicht eher,“ verſetzte der junge Mann,„bis alle Hoffnung auf unſere Beſſerung verloren iſt, und dann, Suſan, trauert er um uns.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich und eilte ſeinem Kameraden nach, der ihn bereits an der Straßenecke erwartete, wo die Landkutſche auf ih⸗ rem Wege nach London vorüberkommen mußte. „Du hältſt mich wohl für einen großen Narren — verlache und verdamme mich“— ſprach Bob, als Kit ihn einholte,„aber ich bin mit mir im Rei⸗ nen und Alles, was Du mir über die Sache ſagen kannſt, nützt nichts. Ich hätte mich wie ein Mann ausſprechen und nicht ſo albern zögern ſollen; da ich Suſan's Armuth kannte und wiſſen mußte, wel⸗ chen Verlockungen ſie ausgeſetzt war. Die Hälfte der Schuld trifft mich, und wenn ſie ſich, wie ich feſt überzeugt bin, ein Jahr lang vernünftig auf⸗ führt, ſo mach' ich ſie zu meinem Weibe und gehe mit ihr nach Auſtralien oder Amerika.“ „Dich verlachen!— dich verdammen!“ wieder⸗ holte ſein Freund:„im Gegentheil, ich bewundere Deinen Edelmuth.“ Kit's erſtes Geſchäft, als er wieder nach Lon⸗ 140 don kam, war das Paket, das Suſan ihm anver⸗ traut hatte, in dem Handlungshauſe von Shadrac Aarons und Compagnie in der City abzugeben. Moſes war nicht zu Hauſe und die Thüre wurde ihm von deſſen Vater geöffnet. Dieſer überlas Su⸗ ſan's Brief zweimal und gerieth ganz außer ſich vor Zorn— nicht ſowohl über die Niederträchtig⸗ keit(denn dieſe hätte er überſehen können), ſondern über die Verſchwendung ſeines Sohnes, und ſein Zorn hatte ſich noch nicht gelegt, als dieſer endlich nach Hauſe kam. „Ich muß doch auch eine Unterhaltung haben,“ erwiderte der Wüſtling, auf die Vorwürfe, womit ſein Vater ihn überhäufte, als er ſich bei ihm ein⸗ fand. „Unterhaltung!“ wiederholte Shadrac, senior. „Nun, kannſt du ſie denn nicht haben im Surrey⸗ und Victoria⸗Park? Und kannſt du nicht gehen zu deinem Onkel Levi? Aber da iſt's dir nicht vor⸗ nehm genug wahrſcheinlich.— Seide,“ ſetzte er hin⸗ zu, die Falten des Kleides, das noch immer auf ſei⸗ nem Pulte vor ihm lag, mit Kennermiene durch die Finger ſchiebend.—„Aechter Gros de Naples, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Koſtet wenig⸗ ſtens ſieben Schilling die Elle. Das kam nicht aus deiner Taſche.“ Moſes murmelte etwas dergleichen wie von einem Reſt, den er wohlfeil von ſeinem Vetter Iſak ge⸗ kauft habe.* „Hat dich gewiß über's Ohr gehauen,“ bemerkte der alte Mann gereizt;„er wußte, mit was für einem Dummkopf er es zu thun hatte. Iſt dieſe 141 vielleicht auch ein Reſt?“ ſetzte er hinzu, Uhr und Kette in die Höhe haltend;„Gold! achtzehnkarätiges Gold! Was ſagſt du zu dieſer Verſchwendung? Das Kleid will ich noch laſſen hingeh'n, aber eine Uhr, eine Uhr von Gold! Gibt es denn nicht Tom⸗ back, den nur rechte Leute unterſcheiden können von Gold.“ Während er ſo geſprochen, hatte ſeine Wuth immer mehr zugenommen. Er behauptete, beſtohlen worden zu ſein, und wollte wiſſen, woher ſein Sohn das Geld genommen habe. „Nun, ſo will ich es ſagen,“ verſetzte der junge, hoffnungsvolle Sprößling.„Ich habe ſechs Pen⸗ nies an der Arbeit für jedes Dutzend Hemden und neun Pennies an den Beinkleidern und Jocken ab⸗ gezogen und ließ die Leute den Faden ſelbſt bezah⸗ len, ſtatt daß ich ihn lieferte.“ Die Geſichtszüge des würdigen Hauptes der Firma nahmen auf dieſe Erklärung hin nach und nach wieder ihren ruhigen, wohlwollenden Ausdruck an. Er war als Vater entzückt über den Scharf⸗ ſinn ſeines Sohnes, der dem Geſchäft einen Vor⸗ theil zugewendet hatte, den er zuvor für unmöglich gehalten hatte. In ſeinem Stolz und ſeiner Freude verzieh er ihm beinahe.„Ach Moſes,“ ſeufzte er, ves iſt aber nicht genug, zu machen Geld, man muß es auch wiſſen feſtzuhalten. Wir werden aber Alle weiſer mit der Zeit; ich muß daher auch überſehen deinen Leichtſinn. Vergiß aber nicht,“ ſetzte er ſcharfbetonend hinzu,„daß für die Zukunft die Preis⸗ herabſetzung geht auf meine Rechnung. Du haſt lange genug gezogen daraus den Nutzen, du junger Schlingel.“ 142 „Ich werde aber doch auch meine Procente da⸗ von haben,“ bemerkte der junge Mann ſchmollend. „Wohl, wohl!“ erwiderte ſein Vater kichernd: „wollen wir nicht ſtreiten um die Procente, Moſes; habe ich doch auch immer welche genommen,— habe immer welche genommen.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Graf Lilini gehörte unter die Menſchen, die ſich nicht mit bloſen Verſprechungen begnügen, ſondern welche an eingegangenen Verpflichtungen mit einer Beharrlichkeit feſthalten, die eben ſo einen ſehr ſtar⸗ ken, als einen ſehr ſchwachen Geiſt charakteriſirt. Augenſcheinlich hatte er an Harry Burg und deſſen Freund, Harold Tracy, großes Intereſſe gewonnen. Vielleicht ſchmeichelte er ſich damit, ſie als politiſche Parteigänger benützen zu können, denn er war der Sache des Don Carlos und dem Siege der Legiti⸗ mität in Spanien auf's Eifrigſte ergeben. Er ſaß in ſeinem Salon im Faubourg St. Germain zum Ausgehen angekleidet; aber obgleich ſein Miethwa⸗ gen ſchon über eine Stunde unter der Thüre ſeines Hotels wartete, ſo war er doch noch immer in tie⸗ fes Nachdenken verſunken, die Blicke auf das luſtig im Kamin lodernde Feuer gerichtet. So ſehr war er in ſeiner Träumerei vertieft, daß es eines mehr⸗ maligen Klopfens an ſeine Zimmerthüre bedurfte, um ihn aus derſelben herauszureißen. S 143 „Herein!“ rief er endlich, ohne aufzuſtehen, und es erſchien der Diener Harris, deſſen Bekanntſchaft Tom und William Franklin in dem engliſchen Kaf⸗ feehauſe gemacht hatten. „Es iſt ſpät,“ bemerkte ſein Herr. „Nicht meine Schuld,“ erwiderte der Mann kurz. „Ich weiß dieß, alter Getreuer!“ rief der Graf; „verzeih' mir meine Ungeduld. Haſt du die Perſon entdeckt, die ich dir zu ſuchen aufgetragen habe?“ Der Mann nickte bejahend. „Und haſt du ſie geſehen?“ Er nickte abermals. „Nun?“ ſagte der Graf erwartungspoll. „Es iſt Kapitän Helsman, wie Sie vermuthe⸗ ten,“ entgegnete Harris; er wohnt in der Rue du Bac, Nummer 17. In der Nacht des Balls in den Tuilerien ſchlief er nicht zu Hauſe.“ „Der Schurke!“ murmelte der Graf,„der herz⸗ loſe Schurke!— Fahre fort,“ ſetzte er hinzu,„und achte nicht auf meine Unterbrechungen.“ „Er iſt zweimal im Hotel von Courcie geweſen.“ „Und hat er den General geſehen?“ „Nein.“ „Adelaide?“ „Noch nicht. Er hat ihr geſchrieben und ſie hat ihn heute um drei Uhr zu ſich beſchieden.“ Der Graf ſah auf ſeine Uhr; es fehlte noch eine halbe Stunde an der beſtimmten Zeit und ſo ſteckte er ſie mit befriedigtem Lächeln wieder ein, indem er fragte:„Auf welche Weiſe haſt du alles dieß erfahren?“ „Ich habe den Portier ſeines Hotels beſtochen, 144 daß er des Kapitäns Briefe öffne,“ verſetzte der Diener trocken.„Im Krieg wie in der Liebe iſt jede Liſt erlaubt. Es war auch einer von dem eng⸗ liſchen Bankier, Sir John Sellem, darunter. Es ſcheint, daß die Herren in ſpaniſchen Papieren ſpe⸗ kuliren.“ „Gut!“ rief Graf Lilini in befriedigtem Ton; „gut. Ich will ſie an den Bettelſtab bringen.“ Nachdem er Harris den Befehl ertheilt hatte, ſeine Rücktehr abzuwarten, ſtieg er eiligſt die Treppe hinab in den Hof, ſetzte ſich in den Miethwagen und befahl dem Kutſcher, nach dem Hotel von Courcie zu fahren. General Baron von Courcie, der es bewohnte, war einer der ausgezeichnetſten Krieger des Kaiſer⸗ reichs geweſen. Nichts deſto weniger war er weder ein Schmeichler, noch ein Verehrer des außerordent⸗ lichen Mannes geweſen, der deſſen Geſchicke lenkte. Für ſein Voterland, für Frankreich, hatte er gefoch⸗ ten und ſein Blut vergoſſen, nicht für den Nuhm ſeines Kriegsherrn oder die Befviedigung ſeines eigenen Ehrgeizes; denn als Napoleon durch das Volk ſich zum Kaiſer wählen ließ, hatte der Gene⸗ Anhänger der neuen Dynaſtie den Marſchallſtab gen Rang und dem von ſeinen Vorfahren ererbten Titel. Er unterwarf ſich dem Beſchluſſe des Landes, nahm aber keinen Theil daran. Während der Re⸗ ſtauration vernachläſſigten ihn die Bourbons, und ral gegen ihn geſtimmt. Vergebens hatten ihm die und Auszeichnungen anderer Arten in Ausſicht ge⸗ ſtellt; die Antwort des Barons lautete kalt und entſchieden dahin: er ſei zufrieden mit ſeinem jeti⸗ bald darauf raubte ihm eine Krankheit, zu welcher der Keim auf den Schneefeldern Rußkands gelegt worden war, das Licht der Augen, melches Uglüc ihn zwang, in einer gewiſſen Zurückgezogenheit. zu leben. Unmittelbarnach der Rückehr Ludwig's XVII. hatte er eine reizende Eng änderin geheirathet deren Liebenswürdigkeit und tugendhafte Aufführung alle Welt einig war. Sie verließ ſelten das pracht⸗ volle Hotel, in dem ſie wohnte, und wibmete ſich ausſchließlich ihrem Gemahl. Frau von Courcie ſaß in ihrem Boudoir, und in ihrem ſonſt ſo bleichen Geſichte war heute eine große Aufregung bemerkbar. Es mußte etwas ganz Außergewöhnliches ſich zugetragen haben, das ſie ſo ſehr beſchäftigte. Obgleich nicht mehr jung, denn ſie hatte das vierzigſte Lebensjahr bereits zurück⸗ gelegt, hatte ſich in ihren Zügen, wenn auch nicht die Friſche der Jugend, doch jener eigenthüm⸗ liche ausdrucksvolle Reiz erhalten, welcher deren Verluſt mehr als erſetzt; auf ihrem Antlitz waren noch keine Falten bemerkbar, und ihr Haar und Auge war noch ſo dunkel wie der Schleier der Nacht. Mehrmals erhob ſie den Kopf lauſchend, wenn ſie Schritte im Vorzimmer zu hören meinte und ließ ihn mißmuthig wieder ſinken, wenn ſie fand, daß ſie ſich getäuſcht hatte. „Dieſe Spannung iſt fürchterlich,“ murmelte ſie. „Die Stunde iſt ſchon vorüber, die ich beſtimmte. Warum kommt er nicht?— Vielleicht glaubt er durch ſein Zögern meine Angſt noch zu vermehren. S Dieſe Mühe könnte er ſich erſparen. Muth, Adelaide!“ ſetzte ſie hinzu,„der Böſewicht ſoll nicht 10 Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 146 den Triumph haben, mich ſchwach zu ſehen.“ Mit dieſen Worten ſtand die Baronin auf und ordnete ihr Haar, das etwas in Unordnung gerathen war. Als ſie ſich vom Spiegel umwandte, trat ein Die⸗ ner ein mit der Meldung, daß der Capitän Hels⸗ man da ſei. Sie ließ ſich auf ihren Stuhl wieder nieder und bedeutete mit ruhiger Würde dem unterdeſſen eingetretenen Beſucher ihr gegenüber Platz zu neh⸗ men, was dieſer ſtillſchweigend that. Einige Minu⸗ ten lang blickten ſich beide, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, an. Das Benehmen des Capitän Helsman war das eines Mannes von guter Erziehung. Er war einer jener kalten Verbrecher mit äußerem Schliff, die ſelbſt in Glachandſchuhen den Mörder⸗ dolch mit ſicherer Hand zu führen verſtehen. „Es freut mich ſehr,“ ſprach er,„wieder einmal die Ehre zu haben, der Baronin von Courcie meinen Reſpekt bezeugen zu können.“ „Keine Worte, wenn ich bitten darf,“ erwiderte die Dame,„die in Ihrem Munde nur Beleidigungen enthalten können. Was iſt Ihr Begehren? Haben Sie mich noch nicht genug ausgeplündert? mein ganzes Leben zu einer Lüge gemacht? mich gezwun⸗ gen, die Juwelen wegzugeben, mit denen die Güte meines Gemahls mich ſo reichlich beſchenkte, um Ihren ſchändlichen Erpreſſungen Genüge zu leiſten?“ „Man verſteht ſie in Paris ausgezeichnet nach⸗ zumachen,“ lautete die ironiſche Antwort. Die Baronin biß ſich vor Unwillen auf die Lippen. „Sie haben vielleicht Recht, Madame,“ fuhr Helsman in demſelben Tone fort:„in Geſchäfts⸗ Angelegenheiten iſt es das Beſte, ſogleich auf die 147 Sache ſelbſt einzugehen. Sie fragen, was ich be⸗ gehre— eine Kleinigkeit— fünftauſend Pfund.“ „Und woher ſoll ich mir dieſe Summe ver⸗ ſchaffen?“ Der Capitän lächelte, als ob das Woher und Wie ihn entfernt nicht anginge. „Ich habe bereits meine Diamanten verkauft,“ ſetzte die Dame hinzu,„habe ſie bei Ihrem letzten Beſuch zum Opfer gebracht, als Sie verſprachen, die Briefe auszuliefern.“ „Ich glaube ein derartiges Verſprechen gemacht zu haben,“ verſetzte Helsman kalt;„das war in einem Augenblick der Schwärmerei. Seitdem bin ich aber in meinen Spekulationen unglücklich geweſen, und deßhalb kurz und gut, ich muß das Geld haben. Wenn Sie es nicht auftreiben können, ſo kann und wird es die Familie des Generals von Courcie.“ „Ungeheuer!“ rief Adelaide,„das würde meinen Gemahl tödten. Wenn es ſich nur um mein Ver⸗ derben handelte, ſo würde ich Ihnen Trotz bieten.“ „Ihren Gemahl tödten!“ wiederholte der Ca⸗ pitän gedehnt.„Sonderbar! Daran habe ich nie gedacht, und wenn ich jetzt daran denke, ſo ſollte ich in der That meinen Preis erhöhen; ſeine Erben würden ihn ſehr gerne bezahlen.“ „Haben Sie denn gar kein Herz!“ rief die unglückliche Frau vorwurfsvoll. Helsman's Augen blitzten einen Moment auf; ann wurden ſie wieder kalt und düſter wie zuvor. „Ich hatte eines, aber es wurde verworfen,“ ver⸗ ſetzte er langſam.„Uebrigens, über was beklagen 0 148 Sie ſich? Ich biete Ihnen für Gold, das Sie ſich verſchaffen können,— denn weibliche Liſt iſt uner⸗ ſchöpflich, wenn Eitelkeit dabei im Spiele iſt,— einen guten Ruf, die Achtung der Welt; geſtatte Ihnen, die Maske der Reinheit und Ehre noch länger zu tragen, die ein Wort von mir Ihnen vom Geſicht reißen kann. Wie würden die Orlea⸗ niſten und Parvenues lachen und triumphiren, wenn man ihnen ſagte, daß die exeluſive Frau von Cvurcie, deren Salon ihnen verſchloſſen iſt, Mutter war, ehe ſie Frau geworden iſt!“ Die unglückliche Frau ſank halb ohnmächtig in ihren Fauteuil zurück. „Und daß ihr Kind ein Grab gefunden hat, das kein Todtengräber gegraben und kein Prieſter geweiht hat.“ 4 „O, ich bin beſtraft!“ ſtöhnte die Baronin;„aber der Himmel wird eines Tages meine Schuldloſigkeit an dieſem Verbrechen an den Tag bringen. Mein Kind iſt mir geſtohlen worden.“ Capitän Helsman begnügte ſich, ungläubig zu lächeln. „Ich muß dieſem fürchterlichen Zuſtand ein Ende machen,“ fuhr ſie fort.„Es iſt dieß kein Leben zu nennen, ſo lange dieſe furchtbare Drohung über mir hängt. Sie haben meine Briefe, wie Sie ſagen?“ „Sie wiſſen, daß ich ſie habe.“ „Und das Bekenntniß der Amme?“ „Durch Zeugen beglaubigt, Baronin.“ „Und verſprechen Sie dieſelben herauszugeben, wenn ich, an die Liebe meines hintergangenen Gatten 149 mich wendend, Ihnen die Summe verſchaffe, die Sie verlangen?“ „Auf Ehre!“ verſetzte der Schelm raſch, obgleich er entfernt nicht die Abſicht hatte, Wort zu halten. „Kommen Sie in drei Tagen wieder und die Summe ſoll bereit liegen.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich die Stimme des Generals im Vorzimmer hören, wo er mit Je⸗ mand ſprach. „Kein Wort!“ rief die Baronin flehend;„haben Sie Mitleid!“ Die Thüre des Boudoirs wurde geöffnet und herein trat der blinde Krieger, geſtützt auf den Arm des Grafen Lilini. „Adelaide,“ ſprach er,„ich bringe dir hier einen Freund, den zu ſehen dich freuen wird; doch, wenn ich nicht irre, ſo haſt du Beſuch.“ „Einen Engländer,“ verſetzte ſeine Gattin, müh⸗ ſam ihre Bewegung unterdrückend,„einen Mann, den ich ſeit meiner Kindheit kenne, Capitän Helsman.“ „Es freut mich immer, Landsleute meiner Frau zu empfangen,“ ſprach der General, ſeine Hand ausſtreckend, welche der Heuchler mit Lächeln faßte. „Du biſt ſo ſchweigſam, Adelaide,“ ſetzte er hinzu, „haſt du denn kein Wort für Lilini? Du warſt ihm ja doch ſonſt gewogen.“ Als die Baronin den Namen des Spaniers hörte, den ſie in ihrer Beſtürzung noch nicht erkannt hatte, ſtieß ſie einen Schrei des Erſtaunens und der Be⸗ friedigung aus. Ein Liebhaber, dachte der Capitän, Beide ſcharf firirend. 150 „Seit wann ſind Sie in Paris?“ fragte ſie eifrig. „Seit wenigen Tagen,“ verſetzte der Graf auf Spaniſch. Er verſteht Engliſch, wenn er es auch nicht ſprechen kann, dachte der Capitän, der, ohne zu wiſſen, weßhalb, ſich nicht behaglich in der Geſell⸗ ſchaft des Grafen fühlte, obgleich er ihn nie vorher geſehen zu haben ſich erinnerte. Er war ihm gänzlich fremd. Je mehr er ſein Gedächtniß darüber befragte, um ſo mehr wurde er davon überzeugt, und doch fühlte er durch einen jener unerklärlichen Inſtinkte der Natur in ihm die Nähe eines Feindes. Er hätte ſich gerne wegbegeben, aber ein Gefühl von Unruhe hielt ihn, wie unwillkührlich, feſt⸗ gebannt. Der Graf fing die Unterhaltung mit jener Un⸗ gezwungenheit an, welche dem Menſchen eigen iſt, der entweder nichts zu verbergen hat, oder ſo auf ſeiner Hut iſt, daß keine Aufwallung oder Ueber⸗ raſchung ihn zu irgend einer Indiscretion verleiten kann. Mehrmals bemerkte er zwar, daß die Augen des Engländers forſchend auf ihn ge⸗ richtet waren, aber der Blick, den er ihm zurück⸗ ſandte, ſchien ihn zu verſpotten und zu ſagen: Forſche nur, du kannſt mich doch nicht durchſchauen. Er bemerkte, daß die Baronin leidend war und ſann deßhalb auf ein Mittel, das ihr möglich machen ſollte, das Boudoir, ohne Aufſehen zu erregen, verlaſſen zu können. „Wie vergeßlich ich bin,“ ſprach er, ein Billet aus ſeinem Kartentäſchchen ziehend, das er der Dame 151 überreichte;„ich verſprach der Herzogin von Rohan, heute Abend Ihre Antwort zu überbringen.“ „Ich will ihr ſogleich zurückſchreiben,“ verſetzte die Dame vom Hauſe, indem ſie eilig das Zimmer verließ. Sobald ſie weg war, wandte ſich die Unterhal⸗ tung der Politik zu; auf die Ausſichten der Car⸗ liſten in den baskiſchen Provinzen und auf die ſpa⸗ niſchen Anleihen. Zur Verwunderung des Generals von Courcie ſchilderte ſein Freund die Sache, der er jelbſt auf's Eifrigſte ergeben war, in den trau⸗ rigſten Farben. Helsman war ganz Ohr; er hatte hier eine unſchätzbare Bekanntſchaft gemacht, die für ihn bei ſeinen Speculationen an der Börſe von großem Nutzen war. „Sie glauben alſo, daß die Fonds ſteigen wer⸗ den?“ ſprach er. „Können Sie daran zweifeln,“ verſetzte der Graf, „da England und Frankreich ſich verbindlich ge⸗ macht haben, die conſtitutionelle Partei zu unter⸗ ſtützen? In unſerem Lande iſt der Handelsſtand, im andern Louis Philipp auf's Höchſte dabei in⸗ tereſſirt.“ „Beſitzt der König ſpaniſche Staatspapiere?“ fragte der Capitän lebhaſft. „Für viele Millionen. Das Vermögen von Ma⸗ dame Adelaide ſteckt ganz in dieſem Unternehmen.“ „Und Sie?“ „Ich?“ wiederholte der Spanier lächelnd;„ich ſpeculire nie.“ Der verſchmitzte Intriguant, der jetzt keinen wei⸗ tern Vorwand mehr hatte, länger zu bleiben, ver⸗ 152 abſchiedete ſich und gab noch denſelben Tag ſeinem und Sir John Sellem's Agenten den Auftrag, große Aufkäufe in ſpaniſchen Fonds zu machen. Es wurden noch weitere Beſuche gemeldet und weil der General ſeiner Frau die Mühe erſparen wollte, dieſelben zu empfangen, nahm er den Arm ſeines Kammerdieners, begab ſich in den großen Salon, und ließ den Grafen Lilini mit Adelaide in ihrem Boudoir allein. „Ich ſehe Alles, Adelaide,“ ſprach der Graf, in⸗ dem er ihre Hand ergriff und reſpektvoll an ſeine Lippen drückte;„es trifft ſich glücklich, daß ich gerade jetzt in Paris bin, um Sie zu retten.“ „Ach, wie ich zitterte, als Sie mit Helsman zuſam⸗ mentrafen!“ verſetzte die noch immer geängſtigte Frau. „Hat er Sie erkannt?“ „Es war eine unnöthige Furcht,“ bemerkte Li⸗ lini traurig;„der Kummer hat mich ſo verändert, daß ſelbſt die Mutter, die mich geboren, wenn ſie noch am Leben wäre, ihr eigenes Kind nicht wieder erkannt haben würde. Ich habe den prüfenden der Liebe beſtanden und verlache den des a es.. „Dieſer iſt aber zuweilen ſeiner Sache gewiſſer,“ verſetzte die Baronin. „Wahr, ſehr wahr!“ ſprach der Graf nachdenk⸗ lich.„Wie viel ſucht dießmal Ihr Verfolger von Ihnen zu erpreſſen, Adelaide?“ fetzte er hinzu. Fünftauſend Pfund.“ „Der Schuft!“ „Ich muß ſie in drei Tagen bezahlen,“ fuhr ſie in ſüſteruben Tone fort.„Sonſt drohte er, die 153 Briefe den Händen der Familie des Barons, die mich haßt, zu übergeben. Ich beſitze noch einige Juwelen, ſodann einige Erſparniſſe der letzten zwei Jahre und—“ „Nicht einen Schilling, nicht einen Pfennig, Adelaide,“ unterbrach ſie der Graf.„Die Sache iſt jetzt in meinen Händen und ich will ſie ordnen.“ „Und die Beweiſe?“ „Sollen herausgegeben werden.“ „So lange ſie in ſeinen Händen ſich befinden, iſt das Leben mir zur Laſt. Ich bin die Sklavin einer namenloſen Angſt, die mich quält. Ich ver⸗ möchte dem Hohn, dem Mitleid der Welt Trotz zu bieten, aber ich könnte den Jammer meines Gatten nicht ertragen. Sein edles, großmüthiges Vertrauen in mich kennt keine Grenzen. Die Entdeckung würde ihn tödten, denn er könnte die Schande eben ſo we⸗ nig überleben, als die Gewiſſensbiſſe.“ „Gewiſſensbiſſe fühlt nur der Schuldige, Adelaide, nicht der Unſchuldige.“ „Der Unſchuldige,“ wiederholte die Baronin traurig. „Der Unſchuldige,“ wiederholte der Spanier, ſie mit achtungsvoller Zärtlichkeit betrachtend.„Sie wiſſen, daß ich kein Sophiſt, ſondern einer der Men⸗ ſchen bin, welche die Dinge mit ihrem rechten Na⸗ men bezeichnen, welche die Tugend— Tugend und das Laſter— Laſter nennen. War es Ihre Schuld, daß der Schurke, in welchen Sie und der Mann, den Sie liebten, Vertrauen ſetzten, einen falſchen Prieſter zur Vollziehung des Trauungsactes be⸗ ſtellte, der aus nothwendiger Rückſicht wegen der 154 Eiferſucht eines tyranniſchen Bruders geheim gehalten werden mußte, und daß Ihr Kind Ihnen geſtohlen wurde? RNein, Adelaide, nein. Die Geburt dieſes unſchuldigen Weſens mag wohl ein Gegenſtand der Sorge, aber nie des Vorwurfs für Sie geweſen ſein.“ „Ach, wie gerne möchte ich dieß glauben!“ ſeufzte die Dame. „Als Gattin war Ihre Aufführung tadellos,“ fuhr der Graf fort,„und ich kenne jetzt die Prü⸗ fungen, die Sie zu beſtehen hatten. Doch genug davon. Der Augenblick des Handelns iſt gekommen und glücklicher Weiſe bin ich zur Stelle, um Sie zu vertheidigen. Sie müſſen an Helsman vertrauens⸗ voll wie ein Kind ſchreiben.“ Frau von Courcie ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb, was ihr der Graf dictirte: „Kommen Sie nicht wieder in das Hotel; in drei Tagen ſchicke ich Ihnen meine Kammerfrau oder Jemand, dem ich vertraue, mit der feſtgeſetzten Summe. Handeln Sie edelmüthig und geben Sie die Papiere zurück.“ „Dieß ſchicken Sie ſogleich fort,“ ſprach er. Das Billet wurde geſiegelt und weggeſendet. „Sind Sie heute Abend bei der Herzogin?“ fragte die Baronin. „Sie werden mich erſt in drei Tagen wieder ſehen,“ erwiderte Lilini,„wenn ich das Glück haben werde, in Ihre Hände die Papiere zu legen, die für den Frieden Ihres Gemüths ſo nothwendig ſind.“ „Er hat mir dieß ſchon ſo oft verſprochen,“ be⸗ merkte die Dame „Dießmal ſoll er aber ſein Wort halten,“ ſagte 15⁵ der Graf aufſtehend, um ſich zu verabſchieden.„Ent⸗ ſchuldigen Sie mich bei dem General, ich habe aber keine Zeit zu verlieren; der Capitän iſt ein geſchick⸗ ter Spieler, und die, welche mit ihm ſpielen, müſſen aufpaſſen, daß ſie keine Karte gegen ihn verlieren. Der Spanier begab ſich nach Hauſe und ſpeiste allein— wenn man das, was er genoß, ſpeiſen nennen konnte; denn ſein Geiſt war ſo beſchäftigt, daß er die Platten kaum berührte, die Harris vor ihm aufſtellte, wenn er aber wenig aß, ſo trank er dafür um ſo mehr. Ein Glas nach dem andern von dem ſtarken, feuerigen Burgunder verſchwand, bis der Diener, beunruhigt über dieſes Gebaren, ihm endlich die Flaſche wegzunehmen ſuchte. „Laß ſie nur ſtehen, Harris,“ ſprach ſein Herr, ohne aber dabei den mindeſten Unwillen zu ver⸗ rathen.„Dieß beruhigt mich. Es iſt ſo,“ wieder⸗ holte er in verzweifeltem Tone, als der Mann ihn ungläubig anſah.„Sonſt möchte ein Exceß dieſer Art wohl gefährlich geweſen ſein; aber mit dem Jugendfeuer iſt's vorbei. Ich bin Eis, ganz Eis und bedarf des edlen Safts der Sonne, um mich aufzuthauen.“ 6 „Armer Herr,“ murmelte der Diener. „Kannſt Du es wohl glauben, Harris, daß ich heute dem Manne gegenüber ſtand, den ich auf der Welt am meiſten haſſe, der mein Vertrauen miß⸗ brauchte, das Glück meiner Jugend zerſtörte, und daß ich dennoch lächelte und ihn nicht zu meinen Füßen niederſchmetterte. Welch' eckelhafte Maske! Wie machen wir uns dadurch vor uns ſelbſt zum Geſpött!“ 156 „Ich will froh, ſehr froh ſein, wenn wir nach Spanien zurückkehren.“ „Vorerſt habe ich noch in Paris zu thun,“ rief der Graf.„Iſt dieß abgemacht, dann fort in das Land der Oliven und der Sonne, wo das Leben wie ein heiterer Traum, wie ein Sommertag da⸗ hin fließt, der zwar vielleicht zuweilen durch Ge⸗ witterſtürme unterbrochen wird, auf die aber immer wieder der hellſte Sonnenſchein folgt.“ „Ihr Leben iſt aber nicht dieſer Art.“ „Ganz recht, alter Mann,“ ſeufzte der Graf, plötzlich den Ton ändernd.„Du haſt Recht; aber wer kann ſein Geſchick ſelbſt beſtimmen? Ich hatte auch nicht die Abſicht, mich dem Wein und der Liebe zu ergeben. Ich bin, was die Welt aus mir ge⸗ macht hat.“ Mit dieſen Worten ſank er in ſeinen Stuhl zu⸗ rück, ſchloß die Augen und blieb faſt eine Stunde lang in tiefes Nachdenken verſunken. Die Anwand⸗ lung von Aufregung war vorüber. Harris, der ſeines Herrn Humor kannte, hatte im Stillen den Wein weggenommen. Als er bemerkte, daß dieſer aus ſeiner Träumerei wieder erwachte, zog der ge⸗ treue Menſch die Klingel und nahm dem Aufwärter die Taſſe mit Kaffee unter der Thüre des Salons ab, um ſie ſeinem Herrn zu präſentiren, der ſein gewohntes te und ruhiges Weſen wieder ange⸗ nommen hatte. „Vielleicht kehre ich heute Nacht nicht in's Hotel zurück, Harris,“ ſprach der Graf.„Sollten Be⸗ ſuche kommen, ſo vergiß nicht, daß ich zu unwohl bin, um Jemand zu empfangen.“ 157 Der Mann verbeugte ſich, ohne im mindeſten von dieſer Mittheilung überraſcht zu ſcheinen. „Gieb mir meinen Mantel und Hut und ſage Andreas, daß er mich bis Mitternacht, wie gewöhn⸗ lich am Pont Royal erwarten ſoll.“ Nachdem der Graf ſich angekleidet hatte, ver⸗ ließ er das Hotel und ging gegen den Pont Royal, dem Kai entlang, gemächlich hinab, bis er das Inſtitut erreichte, auf deſſen erleuchtetem Ziffer⸗ blatt er ſah, daß noch ein Viertel bis zu neun Uhr fehle. Wie langſam die Zeit dahin ſchleicht! dachte er, doch ging er nicht weiter, ſondern ſtellte ſich unter die Colonnade, welche den Tag über Büchertrödler einnehmen, und betrachtete den Sphynxbrunnen, deſſen gleichförmiges Gemurmel einen beruhigenden Eindruck auf ihn hervorzubringen ſchien. Vielleicht erinnerte ihn die leidenſchaftsloſe, aber nicht ausdrucksloſe Statue an ſeine Wande⸗ rungen in Aegypten und die Wunder der verlaſſe⸗ nen Städte dieſes Landes, Monumente der Civili⸗ ſation, welche der Phantaſie ein ſo reiches Feld eröffnen. Während er ſo in Betrachtung verſunken daſtand, näherte ſich ihm ein hoher ſchlanker Mann von militäriſchem Aeußern, der das Band des Or⸗ dens der Ehrenlegion im Knopfloche trug. Dieſer verbeugte ſich höflich gegen ihn, indem er bemerkte, daß er hoffentlich Seine Excellenz nicht habe warten laſſen. „Keinen Titel, Herr Oberſt; bei dem Geſchäfte, das wir vor haben, iſt es wohl das Beſte, ihn zu vergeſſen.“* 158 Der Fremde erwiderte, daß er ſich ganz nach dem Wunſche Seiner Excellenz richten werde. „Iſt es Ihnen gelungen?“ fragte Lilini. „Beide Aufträge, die mir Eure Ex— hm— das heißt— welche mir der Herr Graf vertraut haben. Die Depeſchen an Don Carlos befinden ſich in dieſem Augenblick auf dem Wege nach Madrid, und zwar ſogar in dem Briefpaket der Königin Mutter.“ „Und wie ſteht es mit dem andern Auftrage?“ „Ich habe das Haus ausfindig gemacht, in welchem der Mörder ſeine Verkleidung entlehnte. Wenn Sie wünſchen, Graf, will ich es Ihnen zeigen.“ Lilini erſuchte den Oberſten ihn dahin zu führen, hüllte ſich tief in ſeinen Mantelkragen, der ſein Geſicht zur Hälfte verbarg und folgte ihm nach der Rue du Bac, wo die Künſtler gewöhnlich alle Arten von Coſtumen entlehnten, welche ſie zu malen be⸗ abſichtigten. Gegenüber von einem dieſer Etabliſſe⸗ blieb der Oberſt ſtehen, indem er ſagte: „Hier.“ Graf Lilini verabſchiedete ſich von ihm und trat in das Haus. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Laden des Kleidertrödlers zeigte ein Bild der bunteſten Verwirrung, in welcher die Eitelkeit und Thorheit aller Länder und Zeitalter aufgehäuft 159 neben einander ſich befanden und durch ihren merk⸗ würdigen Contraſt einen überraſchenden Eindruck auf den Beſucher hervorbrachten. Auf einem und demſelben Geſtell konnte man den Rock eines Biſchofs neben dem fantaſtiſchen Gewande eines chineſiſchen Bonzen nebſt deſſen Attributen ſehen. Chriſtenthum und Confucius in Berührung. Auf dem nächſten Geſtell befanden ſich die reichgeſtickte Uniform eines Generals des Kaiſerreichs, die höchſt wahrſcheinlich bei Jena, Wagram oder Auſterlitz mit dabei ge⸗ weſen war und das weibiſch verbrämte Hofkleid irgend eines Petit Maitre des alten Regimes. Na⸗ poleon und Ludwig XIV. oder Genie und Eitelkeit an einander gereiht. Auf dem dritten Geſtelle lag ſorgfältig zuſammengefaltet ein Damenkleid, das, vermöge ſeines zarten Gewebes, wohl die Geſtalt Marie Antoinette's geſchmückt haben, oder von einer Du Barry oder Pompadour getragen worden ſein konnte. Es war zum Theil vor dem Staub der Lokalität durch das darüber hängende nüchterne Ge⸗ wand einer Nonne geſchützt. Genußſucht und Schwär⸗ merei, wie überhaupt Ertreme ſich zuletzt berühren. Das Wamms aus der Zeit Ludwig's XIII. nebſt ſeidenen Pluderhoſen; der fantaſtiſche Mantel eines Ritters vom heiligen Geiſt mit ſeinen Flammen⸗ ſchwertern; die Soutane eines Cardinals, auf wel⸗ cher die Schellenkappe eines Hofnarren lag, und eine roſtige Axt nahmen mehrere der übrigen Ge⸗ ſtelle ein, während das Baret des Richters, der Tſchako des Kriegers, der Federhut des Hofmannes, Schwerter, wie ſie die Liguiſten geführt oder die Mignons Heinrich's III. harmlos an der Seite ge⸗ 160 tragen, der bunte Theaterrock und die Krone von Rauſchgold in maleriſcher Unordnung auf dem La⸗ dentiſche lagen, über welchen eine maſſive Lampe, die wahrſcheinlich aus irgend einer Kirche oder einem Kloſter während der Revolution geraubt worden war, ihr melancholiſches Licht ergoß. Wie in der Welt das Falſche und Wahre— Tombak und Gold neben einander. Die Ecken des Ladens waren mit Trophäen von Waffen, verſchiedenen Zeitaltern und Nationen angehörig, von dem mit zwei Händen geführten. Schwerdte des Kreuzritters an bis zu dem reich ausgelegten Scepter von mailändiſcher oder ſpaniſcher Arbeit und der rohen Keule des Malaien. Vor dieſen Trophäen ſtanden mehrere Reihen von Harniſchen, und auf einem derſelben ſaß ein ausgebälgter Affe, der einen Apfel in der Pfote hielt und dabei grinſte, als wenn er ſich über all dieſen Kram rings umher mokirte. Der Eigenthümer deſſelben, Michael Perlet, war ein ſchwermüthig ausſehender, kleiner alter Mann, der nie oder ſelten ſein Haus verließ. Die Welt — das heißt, der künſtleriſche Theil derſelben— um den er allein ſich kümmerte, kam zu ihm,— denn es hätte müſſen etwas außerordentlich Seltenes, in die Kategorie der Coſtüme Gehöriges ſein, was ſeine Sammlung nicht hätte liefern können. Michael beſaß eine Eigenthümlichkeit, die ſich na⸗ mentlich bei einem Franzoſen ſelten findet. Er kaufte, aber verkaufte nie. Sein Syſtem beſtand darin; ſeine Schätze auszuleihen. Sein Geſchäft beſchränkte ſich aber nicht allein darauf, Coſtüme an Maler oder Schau⸗ ſpieler auszuleihen, ſondern es befand ſich in der 161 engen Paſſage, die parallel mit der Seite ſeines Hauſes lief, eine beſondere Thüre, durch welche jene, welche wußten, wie man daran klopfen mußte, zu jeder Stunde der Nacht Einlaß erlangen, jede Verkleidung, die ſie wünſchten, bekommen, dieſe anlegen, in ihr weggehen, wieder kommen, ihre eigene Kleidung wieder anziehen und ſich wegbe⸗ geben konnten, ohne daß eine Frage deshalb an ſie geſtellt wurde— vorausgeſetzt, daß ſie gut be⸗ zahlten. Selbſt die geheime Polizei machte ſich zu⸗ weilen die Vortheile zu Nutzen, welche das Etabliſſe⸗ ment Michael's darbot. Manchmal fand der alte Mann Blutſpuren auf den ausgeliehenen Kleidungs⸗ ſtücken; da er aber in ſeiner Art ein Philoſoph war, ſo wuſch er dieſe ſorgfältig ab, ehe er ſie an ihren Aufbewahrungsort brachte, und ſie erſchienen dann auf dieſe Weiſe am folgenden Morgen wieder friſch und rein. Dieß war der Mann, den Graf Lilini, gekleidet in einen Schlafrock von verſchoſſenem Utrechter Sammet an ſeinem Ladenpult ſitzend fand, gerade unter der Lampe, deren Licht auf ſeinen kahlen Schädel und bleiche Geſichtszüge fiel, die dadurch einen geiſterhaften Ausdruck erhielten, ſo daß er einem Portrait Rembrandt's glich, das plötzlich Leben bekommen hat. Der alte Mann blickte den Eintretenden mehrere Secunden lang an, ohne ein Wort zu ſprechen. Wahrſcheinlich hielt er ihn Anfangs für einen Künſtler, ein Irrthum, zu dem ihn wahrſcheinlich der weite, nachläſſig über die Schulter geworfene Licht⸗ und Schattenſeiten II. 11 162 ſpaniſche Mantel, der Hut mit breiter Krämpe und der dunkle Bart verleitete. „Womit kann ich die Ehre haben, dem Herrn zu dienen?“ fragte er.„Ich beſitze einige ſeltene Gegenſtände in meiner Sammlung: Hut und Mantel des Cardinals Richelieu; das geſtickte Kleid, in welchem Ludwig XIV. in dem berühmten Ballet in Verfailles tanzte; das Schwert des großen Candé und den Krönungsmantel Ludwigs XVI. „Ich wünſchte noch etwas Merkwürdigeres zu ſehen,“ perſetzte der Graf. „Etwas von Waffen?“ fragte Michael, erſtaunt aufblickend. Lilini nickte ihm Bejahung zu. „Sie müßten ſchwer zu befriedigen ſein,“ fuhr der Trödler fort,„wenn Sie nicht bei mir das Ge⸗ ſuchte fänden. Ich beſitze eine zahlloſe Menge von Toledo⸗ und ächten Damaszener Klingen mit dem wohlbekannten Zeichen und den Koranverſen, die in goldenen Lettern darauf eingebrannt ſind; Dolche von den beſten italieniſchen Waffenſchmieden, und einen Helm und Schild in Hautrelief von Benve⸗ nuto.“ Der Graf ſchüttelte den Kopf. „Wollen Sie vielleicht venetianiſche Arbeit?“ „Nein, engliſche.“ „Engliſche!“ erwiderte der Mann mit Gering⸗ ſchätzung.„Die Engländer haben nichts von Be⸗ deutung produzirt, ſo viel ich weiß, mit Ausnahme von Gewehren. Ich beſitze eine Vogelflinte von einem ihrer beſten Büchſenmacher.“ Zugleich ſtand Michael von ſeinem Sitze auf, ſchritt langſam einer 163 Ecke ſeines Ladens zu und zog unter einem Haufen von Waffen eine ächte Manton hervor, die er dem Fremden übergab, der ſie mit Kennermiene beſah. „Schwerer Schaft,“ bemerkte dieſer. „Horace Vernet hat mir Tauſend Franken da⸗ für geboten,“ ſagte Michael,„aber ich verkaufe nie Etwas.“ „Ich weiß es,“ verſetzte der Graf, die Flinte auf den Tiſch legend,„und dieſe Eigenthümlichkeit kommt mir ſehr zu Statten, denn ſie bürgt mir da⸗ daß ich den Artikel finden werde, den ich uche.“ „Nun, und was iſt das für einer?“ fragte der Trödler ungeduldig. „Eine Windbüchſe.“ Vei dem Worte Windbüchſe ging im Geſichte des Trödlers eine leichte Veränderung vor, die Pu⸗ pille ſeines ſcharfen grauen Auges zog ſich zuſam⸗ men und es zuckte um ſeinen Mundwinkel. „Mit einem eiſernen Haken, den man oben be⸗ feſtigen kann,“ fuhr der Graf fort,„ſo daß ſie dem Krückenſtock eines Chiffonier gleicht. Wenn Sie dann noch eine Blouſe, Schlapphut, falſchen Bart, Hängkorb und Laterne hinzufügen, ſo iſt die Ver⸗ kleidung des Mörders des Lord Charles Murray vervollſtändigt.“ Die Ueberraſchung des alten Mannes machte ſich nur einen Augenblick bemerkbar; es war ſchwer, ihn aus der Faſſung zu bringen. Die Geſchichte konnte freilich dießmal ernſter ablaufen, wie gewöhnlich, wegen des Eifers, welchen der Polizeipräfekt und deſſen Agenten an den Tag legten. 164 „Ich beſitze keinen der Artikel, welchen der Herr verlangt,“ erwiderte der Alte. „Beſinnen Sie ſich, Michael,“ antwortete der Graf.„Es iſt noch nicht lange her, daß Sie ſie ausgeliehen haben. Sie können ſie nicht verlegt haben— und Sie ſagen ja ſelbſt, daß Sie nichts verkaufen.“ Dieß wurde in einem ſo zuverſichtlichen Tone geſprochen, daß er jeden Zweifel an die Wahr⸗ heit der Behauptung ausſchloß. Der Trödler begnügte ſich deßhalb mit einem Achſelzucken, womit er andeuten zu wollen ſchien, daß er über dieſen Punkt nichts Weiteres mehr zu ſagen habe. Zugleich bemerkte er:„Es iſt jetzt Zeit, daß ich meinen Laden ſchließe, und wenn der — mir nichts Weiteres mehr zu ſagen hat, o* „Durchaus nichts,“ verſetzte der Graf, ſich ruhig auf einem Stuhle niederlaſſend. „Ich warte, um meine Thüren ſchließen zu kön⸗ nen,“ ſagte Michael. „Und ich warte auf die Windbüchſe, mit dem Chiffoniers⸗Haken daran.“ „Ich habe Ihnen aber ja bereits geſagt, daß ich nichts derartiges beſitze,“ rief der Trödler zornig, denn ſeine Geduld und Höflichkeit waren jetzt er⸗ ſchöpft.„Ich weiß auch gar nicht, warum Sie zu mir kamen, wenn nicht in der Abſicht, mich zu berauben.“ „Unverſchämter!“ rief der Graf gelaſſen. „Oder mich zu ermorden.“ Statt einer direkten Antwort begnügte ſich der Graf, in eben ſo gelaſſenem Tone das Wort„Dumm⸗ kopf“ fallen zu laſſen. 165 Der alte Mann wußte wohl, daß, wenn er nur erſt ſeinen Beſucher vom Hals habe, ihm nichts leich⸗ ter falle, als die Beweiſe ſeiner Mitſchuld an dem Verbrechen, das ganz Paris in Bewegung ſetzte, bei Seite zu ſchaffen. Die Perſon, der er die Mord⸗ waffe und Verkleidung geliehen, kannte er durch⸗ aus nicht, auch beſaß er keine Spur, die ihn zur Entdeckung derſelben hätte führen können. „Ich ſehe,“ ſprach er, die Seite des Ladentiſches verlaſſend, an der er ſeither geſtanden hatte, und indem er der Thüre zuſchritt,„der Herr hat die Abſicht, mich zu beleidigen; ich habe aber nichts zu fürchten, denn ich bin in meinem Viertel wohl be⸗ kannt und geachtet, ſtehe mit der Polizei auf gutem Fuße und—“ Plötzlich blieb er ſtehen; denn als er an die Thüre kam, erblickte er die hohe, impo⸗ ſante Geſtalt des Mannes, welchen der Graf mit dem Titel Oberſt angeredet, der ihn zu dem Laden und jetzt durch das Glasfenſter herein⸗ ah. 3 Der Trödler blieb einige Zeit zögernd, wie feſt gebannt ſtehen und blickte bald den Mann an der Thüre, bald ſeinen Beſucher fragend und zweifelnd an. Als er aber den Außenſtehenden ihm zunicken und auf den Spanier deuten ſah, kehrte er wieder auf ſeinen Platz hinter dem Ladentiſch zurück, wo er ſeinen Sitz wieder einnahm. Der unter der Benennung„der Oberſt“ in Paris ſo wohlbekannte Mann war einer der merkwür⸗ digſten Menſchen, die je mit der Polizei in Berüh⸗ rung ſtanden. Er beſaß in hohem Grade das Ver⸗ trauen Ludwigs XVIII., der ſeinen Berichten mehr 166 Glauben beimaß, als denen ſeiner Miniſter. Carl X., obgleich von ſeiner Ehrenhaftigkeit überzeugt, ſchenkte leider ſeinen Warnungen weniger Aufmerkſamkeit, die er ihm von Zeit zu Zeit zukommen ließ. Am erſten Tage der Revolution war der Oberſt nach St. Cloud geeilt, wo er eine Audienz bei ſeiner Majeſtät hatte.„Nehmen Sie die Ordonnanzen zurück, Sir,“ hatte dieſer geſagt,„unterzeichnen Sie einen Befehl zur Feſtnahme von drei Perſo⸗ nen, die ich Ihnen nennen will, und ich ſtehe Ihnen für die Sicherheit des Staates.“ Unglücklicher Weiſe erkannte der König die Gefahr, die ſeiner Krone drohte, nicht genugſam, doch wollte er die Namen Derer, die arretirt werden ſollten, wiſſen.„Der Herzog von Orleans, Lafitte und Lafayette,“ wurde ihm erwidert.„Unmöglich!“ erwiderte der Mo⸗ narch. Am zweiten Tage ſandte er ſeinem Rath⸗ geber die von dieſem verlangte Vollmacht. Dieſer gab ſie aber mit der Antwort zurück, daß ſie jetzt zu ſpät komme. Louis Philipp hätte ihn ſehr gerne angeſtellt, aber getreu ſeinem Principe— denn er war Legitimiſt— legte der Oberſt ſeine Stelle nieder. Obgleich nicht mehr in offizieller Stellung, war ſein Einfluß über diejenigen, die früher unter ihm gedient hatten, doch noch außerordentlich groß. Bei jeder delicaten und ſchwierigen Angelegenheit wurde der Oberſt zu Rath gezogen und handelte man nach ſeiner Anleitung; doch ließ er ſich nie herbei, ſelbſt thätigen Antheil zu nehmen; es wäre denn geweſen, um einen politiſchen oder perſönlichen Freund, was bei Lilini der Fall war, ſich zu ver⸗ binden. 167 Der bloße Name des Oberſten war ein Schrecken für alle Galgenſtricke von Paris. Es war daher kein Wunder, daß der Trödler mit der Bereitwillig⸗ keit eines Kindes ſeinen Fis wieder einnahm, als er dieſen Mann unter der Thüre ſeines Etabliſ⸗ ſements erblickte. Er wußte wohl, daß kein gewöhn⸗ licher Grund oder die Gefälligkeit für eine unbe⸗ deutende Perſon dieſen veranlaßt haben könne, ſich in die Sache zu miſchen. „Nun,“ ſagte der Spanier,„wie lange muß ich noch warten?“ „Es fällt mir eben ein, daß ich doch eine ſolche Waffe beſitze, wie Sie ſie beſchrieben haben,“ er⸗ widerte Michael Perlet. „Ich wußte das wohl.“ „Und ſie ſoll dem Herrn zu Befehl ſtehen unter einer Bedingung.“ „Nennen Sie ſie. „Daß Jener,“ ſprach der Trödler mit ſchlecht verhehlter Angſt, auf das bleiche Geſicht deutend, das noch immer mit funkelnden Augen unter der Thüre ſtand,„mir ſein Wort verpfändet, daß ich keine Ungelegenheit von meinem unvorſichtigen Aus⸗ leihen habe.“ „Iſt mein Verſprechen nicht genügend?“ „Nein, ich muß das ſeinige haben.“ Lilini machte ein Zeichen und der Oberſt trat in den Laden. Wäre es Vater Samſon, der Scharf⸗ richter von Paris ſelbſt geweſen, ſo hätte der kleine, eingeſchrumpfte Mann nicht bläſſer werden können. „Wie es ſcheint, ſo hat man Eurer Excellenz Schwierigkeiten gemacht,“ bemerkte der Oberſt. * 168 Excellenz! wiederholte ſich der arme Sünder in Ge⸗ danken, alſo wenigſtens ein Prinz oder ein Geſandter. Der Graf theilte ihm mit, worin die Schwie⸗ rigkeit beſtanden habe.„ „Michael Perlet,“ ſprach der Oberſt;„wenn ich Ihnen das verlangte Verſprechen gebe, ſo geſchieht es auf den Wunſch dieſes Herrn und unter der Be⸗ dingung, daß Sie ſeine Befehle buchſtäblich aus⸗ führen; zugleich aber ſage ich Ihnen, wenn Sie ſeinen Wünſchen nicht vollkommen entſprechen, oder ihn hintergehen, ſo bringe ich Sie innerhalb ſechs Monaten auf's Shrßpt. Sie wiſſen, daß ich nie mein Wort breche, und jetzt ſchicken Sie fort nach der Flinte.“ „Ich will ſie holen,“ murmelte der Mann, in⸗ dem er aufſtand, um den Laden zu verlaſſen. „Ich ſagte ausdrücklich, Sie ſollen darnach ſchicken,“ bemerkte der Obepxſt ſtreng. Der Trödler zog die Glocke, worauf ſeine Frau erſchien, die heftig erſchrack, als ſie die wohlbekannte Geſtalt erkannte und dann eiligſt ſich aufmachte, den Befehl auszuführen, den ihr Mann ihr mit⸗ theilte. In wenigen Minuten kehrte ſie wieder, nicht nur mit der Windbüchſe, ſondern mit der voll⸗ ſtändigen Verkleidung des Chiffoniers zurück. Lilini griff haſtig nach der Waffe, denn mit ihr hielt er die Sicherheit der Frau von Courcie in den Händen.„Was für eine hölliſche Erfin⸗ dung!“ rief er aus, ſie ſorgfältig unterſuchend. „Sie iſt nicht von mir,“ bemerkte Michael ſchüch⸗ tern,„ſondern— „Von Ihrem Vater?“ unterbrach ihn der Oberſt, „der, wenn er ſechs Monate länger gelebt hätte, 169 ſeine Verbrechen unter der Guillotine gebüßt haben würde. Es trifft ſich nicht oft,“ ſetzte er bedeu⸗ tungsvoll hinzu,„daß zwei Mitglieder der nämlichen Familie gleich glücklich ſind.“ Der Trödler und ſeine Frau erbebten. „Sie haben dieſes Inſtrument und dieſe Klei⸗ dung in der Nacht vom 15. an Jemand ausge⸗ liehen?“ ſagte der Graf. „So iſt es, Excellenz— ich will ſagen, mein Herr,“ verſetzte der Mann, ſich verbeſſernd, als er bemerkte, daß der Graf bei dieſem Prädikat die Stirne runzelte. 52 „War der Mann ein Engländer?“ „Ich weiß es nicht. Er ſprach in fremdem Accent und bezahlte mich wie ein Fremder.“ „Wiſſen Sie ſeinen Namen?“ „Nein.“ „Wo er wohnt?“ „Ich weiß weder ſeinen Namen, noch wo er wohnt,“ antwortete Michael demüthig, indem er verzagt den Kopf ſchüttelte,„und eben ſo wenig den Zweck, wozu er die Dinge entlehnte. Ich würde ihn aber aus Hunderten heraus wieder erkennen, denn ich vergeſſe ein Geſicht, das ich einmal ſah, nie wieder.“ „Der Oberſt wird Ihnen mittheilen, was für einen Dienſt ich von Ihnen verlange,“ bemerkte Lilini, nachdem er mit dieſem einige Worte gewech⸗ ſelt hatte;„thun Sie, was er Ihnen ſagt, und ich werde Sie freigebig dafür belohnen.“ Mit dieſen Worten verließ er den Laden, ſeinem Freunde, der ihm einen ſo wichtigen Dienſt geleiſtet hatte, die Hand drückend, und nahm die Windbüchſe mit ſich fort. 170 „Ruinirt!“ rief der Trödler;„ruinirt! Ich muß vor dem Gerichtshof erſcheinen,— werde verhört — unter polizeiliche Aufſicht geſtellt werden—!“ „Das wird nur Ihre Schuld ſein,“ erwiderte der Oberſt,„wenn ein ſolches Unglück Sie trifftz es zu vermeiden, gibt es nur Einen Ausweg.“ „Und dieſer iſt?“ „Stillſchweigend und unbedingt dem Befehle Sei⸗ ner Excellenz zu folgen. Gute Nocht jett; Sie wiſſen, daß man auf mein Verſprechen ebenſo, wie auf meine Drohung, ſich verlaſſen kann.“ Damit verließ auch der Oberſt den Laden des Trödlers. Michael Perlet fühlte ſich im höchſten Grade be⸗ unruhigt. Bis jetzt hatte er ſein Geſchäft ſo ruhig fortgeführt, daß der achtbare Theil ſeiner Kund⸗ ſchaft auch nicht die entfernteſte Ahnung von dem in Frage ſtehenden, aber jedenfalls einträglichſten Zweig deſſelben hatte, der in dem Verkehr mit ſei⸗ nen mitternächtlichen Kunden beſtand, welche im voll⸗ kommenſten Vertrauen zu ihm kamen; denn der alte Mann hatte bis jetzt ſelbſt die größten Be⸗ lohnungen ausgeſchlagen, die man ihm angeboten, ohne daß er je Jemand verrathen hätte. Daß er ſchweren Schlag, der ſeinen Handelscredit getroffen. „Ich gäbe zehnmal die Summe darum, die ich für das Herleihen der Gegenſtände eingenommen habe, ſo groß ſie auch war, wenn ich nur Rath und Hilfe wüßte,“ murmelte er,—„aber wie? wie?“ Ver⸗ gebens ſann er nach und quälte ſich um Mittel und Wege ab. Er hatte das Beweisſtück aus den Hän⸗ den gegeben,— wußte nicht, wo er denjenigen fin⸗ jetzt dazu gezwungen war, betrachtetete er als einen 171 den ſollte, der ihn ſo freigebig bezahlt hatte, und wenn eben wieder ein neuer Plan in ſeinem er⸗ giebigen Gehirn auftauchte, deſſen Ausführlichkeit einigermaßen möglich ſchien, ſo trat die Geſtalt des Oberſten geſpenſtig dazwiſchen. So gab er endlich vor Wuth und. Verzweiflung ſeufzend jeden Gedan⸗ ken an ein falſches Spiel auf, fügte ſich in die Rolle, die ihm auferlegt worden und tröſtete ſich endlich philoſophiſch damit,„daß es ſich ja dabei nur um einen Engländer handle.“ Der Tag, welchen Frau von Courcie zur Bezah⸗ lung der Fünf Tauſend Pfund anberaumt hatte, und an welchem Capitän Helsman die Briefe aus⸗ liefern ſollte, erſchien endlich. Da dieſem die Stunde nicht beſtimmt worden war, in welcher ſie zu ihm ſchicken wollte, ſo blieb er Vorſichtshalber den gan⸗ zen Morgen zu Haus. In ſeiner gewohnten be⸗ trügeriſchen Weiſe hatte er Copieen oder, beſſer ge⸗ ſagt,„Faeſimiles“ der Briefe gefertigt, welche ſo⸗ wohl den Seelenfrieden, als den Ruf der Dame gefährdeten, und die, ſtatt der Originale, gegen die Banknoten ausgetauſcht werden ſollten. Dieſe wollte er auf alle Fälle in ſeinen Händen behalten. Um ſeinen eigenen gemeinen Ausdruck zu gebrauchen, ſo war er nicht der Narr, der die Gans tödtete, die ſolche goldene Eier legte, oder, mit andern Worten, der Documente aus der Hand gab, die ihm ein ſol⸗ ches Uebergewicht verliehen. Gewinnſucht war übri⸗ gens nicht der einzige Grund, der ihn leitete, ſon⸗ dern es war auch unbefriedigte Leidenſchaft— das Wort Liebe wäre Profanation— bei ſeiner be⸗ harrlichen Verfolgung im Spiele. Er hatte in ſei⸗ 172 ner Jugend um Adelaide angehalten und war ab⸗ gewieſen worden. Viele Männer verzeihen dieſe wirkliche oder eingebildete Beleidigung nie, und er gehörte unter dieſe. Obgleich Mittag ſchon vorüber war, ſo ſaß er doch noch immer am Frühſtücktiſche, eine Flaſche Lafitte und die Ueberreſte einer Straß⸗ burger Gansleberpaſtete vor ſich. „Nun, Frangois,“ ſprach er, ſein Glas füllend; „was gibt es Neues?“ „Sehr wenig, was dieſen Namen verdient,“ verſetzte dieſer.„Paris iſt langweilig, wie ein Kirchhof, ſeit der Revolution. Doch halt!“ ſetzte er plötzlich, ſich entſinnend, hinzu;„Sie haben heute Ihr Zimmer noch nicht verlaſſen und haben wohl nicht gehört, daß Mylord geſtorben iſt.“ „Welcher Lord?“ fragte der Capitän, ſein Glas gegen das Licht haltend, wie um die rubinrothe Farbe des Weins zu prüfen. „Mylord Murray.“ Der Mörder führte, ohne daß eine Muskel ſei⸗ nes Geſichtes gezuckt hätte, das Glas mit feſter Hand an ſeine Lippen und trank es aus; dann fragte er:„Wann ſtarb er?“ worauf er das leere Glas auf den Tiſch ſtellte. „Heute Morgen,“ antwortete der Diener.„Es ſcheint, daß eine Schlagader, welche verletzt worden war, plötzlich aufgeſprungen iſt, und ſo dem Leben plötzlich ein Ende machte. Der arme Herr! ſo jung, ſo reich! Ich hoffe, daß man den Mörder ausfin⸗ dig machen wird.“ „Das hoffe ich auch,“ bemerkte der Heuchler. 173 „Ich möchte ihn guillotiniren ſehen,“ bemerkte Frangois. Bei dieſer ſo natürlichen Aeußerung des Un⸗ willens fühlte Helsmann unwillkührlich ein unbe⸗ hagliches Jucken in ſeinem Nacken. „Seit der Revolution,“ fuhr der Aufwärter fort, „haben wir nicht die Hälfte von Engländern hier wie früher, und jetzt werden ſie noch ſeltener wer⸗ den. Der Mörder wird aber entdeckt werden, ich bin es feſt überzeugt. Wenn nur der Oberſt noch bei der Präfectur wäre!“ Bei dieſer Aeußerung dachte Franogois entfernt nicht daran, daß der Mann, deſſen Name ſo lange der Schrecken aller Gauner von Paris war, in die⸗ ſem Augenblicke im Vorzimmer ſtand, ſo daß er ſeine Worte beinahe hätte hören können. An der Glocke des Appartements wurde geläutet. „Sehen Sie nach, wer da iſt,“ ſprach Helsman ruhig,„und wenn es derjenige iſt, den ich erwarte, ſo vergeſſen Sie nicht, daß ich nur für dieſen, und ſonſt für Niemand zu Hauſe bin.“ „Der Aufwärter verließ das Zimmer, kam aber ſogleich wieder und meldete den Grafen Lilini. „Welch' unerwartetes Vergnügen!“ rief der Gauner im Tone eines Weltmannes, mit Mühe ſein Erſtaunen und ſeinen Verdruß bemeiſternd. „Darf ich wohl fragen, welchem Glück ich die Ehre Ihres Beſuches verdanke?“ „Ich meinte, Sie wüßten es,“ verſetzte der Spanier. „Nein.“ 174 „Hat denn Frau von Courcie Ihnen nicht ge⸗ ſchrieben?“ Der Teufel! dachte der Capitän, dem es nichts weniger als angenehm war, die Sache mit einem ſolchen Agenten in's Reine zu bringen. Er iſt in ihrem Vertrauen, da muß ich auf meiner Hut ſein. „Sie brauchen nicht zu warten, Frangois,“ ſetzte er laut hinzu. Dieſer verließ das Zimmer. Einige Secunden lang blickten der Graf und Helsman einander ſtillſchweigend an, gleich zwei Gladiatoren, die vor Beginn des Kampfes ihre Kräfte meſſen. „Sie haben mir meine Frage noch nicht beant⸗ wortet, Graf,“ bemerkte endlich Helsman, im Tone der ausgeſuchteſten Höflichkeit, das Stillſchweigen unterbrechend. „Ganz recht,“ erwiderte dieſer; ich bin hier als der Freund Ihres Opfers, um gewiſſe Briefe zurück⸗ zufordern, die Sie ehrloſer Weiſe zurückbehalten haben und zu dem ſchlechteſten Zwecke ausbeuten.“ „Eine ſolche Sprache iſt zwiſchen Männern von Ehre ganz ungewöhnlich.“ „Ehre!“ wiederholte der Spanier in ironiſchem Ton.„Der Dieb und der Erpraſſer ſchwatzt von Ehre. Bleibt Ihnen das Wort nicht auf der Zunge kleben und jagt es Ihnen nicht die Schamröthe auf?— Doch ich ſpreche hier hohle Worte,“ fuhr er plötzlich, ſich ſelbſt unterbrechend fort:„wo keine Scham iſt, iſt auch keine Reue.“ „Das iſt eine Beleidigung, Graf.“ ⸗ 175 „Nein, ich beleidige nur Meinesgleichen,“ ver⸗ ſetzte dieſer ruhig. „Alſo eine Drohung!“ „Ich drohe nie, ſondern treffe. Wir verlieren unſere Zeit. Ich bringe Ihnen das Geld, denn das Wort der Dame, die es Ihnen verſprochen hat, muß gelöst werden. Alſo ſchnell, Menſch; nehmen Sie Ihren Plunder und geben Sie mir die Briefe.“ Zugleich öffnete Lilini ſein Portefeuille und ohne abzuwarten, welchen Eindruck ſeine Sar⸗ kasmen auf Helsman hervorgebracht hatten, fing er an, die Banknoten zu zählen.. „Sparen Sie ſich die Mühe,“ ſagte dieſer wüthend,„ich werde die Briefe nicht herausgeben.“ „Hier iſt die Summe; fünf Tauſend Pfund.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich ſie nicht will.“ „Sie weiſen ſie alſo zurück?“ „Entſchieden.“ Der Graf legte die Noten wieder in ſein Porte⸗ feuille, ſteckte dieſes in die Taſche und ſagte dann ruhig:„Nachdem Sie das Geld zurückgewieſen ha⸗ ben, ſo bleibt nichts mehr zu thun, als daß Sie die Briefe ausliefern.“ Der Capitän brach in ein beleidigendes Geläch⸗ ter aus.„Halten Sie mich vielleicht für blödſinnig, oder glauben Sie, daß ich mir durch Renomiſterei oder Schmeichelei die Beweiſe aus den Händen winden laſſe, welche den Ruf der Frau von Courcie in dieſe legen? Sie kennt mich und hat deßhalb ihren Boten ſchlecht gewählt.“ „Die Dame, die Sie durch bloße Nennung ihres 176 Namens beleidigen, hat mich nicht zu ihrem Agen⸗ ten erwählt.“ „So!“ ſagte der Capitän, eine Cigarre anzündend. „Ich habe ſelbſt meine Dienſte angeboten.“ „Und darf ich fragen, weßhalb?“ fragte Hels⸗ man.„Entſchuldigen Sie, Graf— ich weiß nicht, ob Sie rauchen?“ „Weil ich Sie kenne,“ verſetzte Lilini in dem⸗ ſelben leidenſchaftsloſen Tone, in welchem er bis daher die Unterredung geführt hatte:„weil ich die grundſatzloſe, herzloſe, verächtliche Schlechtigkeit Ih⸗ rer Natur kenne; weil ich mit Einem Worte Sie zwingen kann, daß Sie wie ein geſchlagener Hund zu meinen Füßen kriechen; weil ich unter allen Menſchen vielleicht der einzige bin, dem Sie weder ſtraflos Trotz bieten, noch den Sie hintergehen können.. „Dieſes Wort möchte ich wohl hören,“ rief Helsman verächtlich.„Das muß ein wahrer Talis⸗ mann ſein! Citirt man damit am Ende gar den Teufel?“ „Etwas Schlimmeres— den Nachrichter,“ ver⸗ ſetzte der Spanier feierlich, indem er zugleich unter dem Mantel die Windbüchſe, mit dem eiſernen Haken daran, hervorzog.. Beim Anblick des Inſtruments ſeines Verbre⸗ chens, dem furchtbaren Beweisſtücke ſeiner Schuld in der Hand des Gegners, ging eine Veränderung im Geſichte des mitternächtlichen Mörders vor; er wurde leichenbkaß und dicke Schweißtropfen traten auf ſeine Stirne. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er ſich ſo weit wieder geſammelt hatte, um 177 ſprechen zu können und die Worte herauszuſtottern: „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Und doch iſt nichts einfacher,“ bemerkte Lilini ſtreng.„Ich ſprach von dem Nachrichter. Wenn Sie an meiner Macht zweifeln, meine Drohung ausführen zu können, ſo bemühen Sie ſich in das Vorzimmer, wo Sie den Mann finden werden, von dem Sie die Verkleidung entlehnten, die Sie in der Nacht des an Lord Charles begangenen Mordes tru⸗ gen. Er iſt da, um Ihre Identität herzuſtellen. Es befinden ſich auch zwei Agenten der Polizei bei ihm, die nur auf das Zeichen warten, um Sie zu arretiren. Verſtehen Sie mich jetzt, Capitän?“ Der Elende ſtand, ohne ein Wort zu ſprechen, von ſeinem Stuhle auf, ging an die Thüre ſeines Salons, die er ein wenig öffnete und erblickte den Trödler— den Oberſten, deſſen Perſönlichkeit ihm wohl bekannt war, und einen Mann, der vollkom⸗ men das Ausſehen eines Mitglieds der Polizei hatte.„Vollkommen,“ ſprach er, auf ſeinen Platz zurückkehrend.„Zahlen Sie die fünf Tauſend Pfund.“— „Nicht einen Schilling daran, Sie haben ſie be⸗ reits ausgeſchlagen,“ unterbrach ihn der Spanier. Helsman biß ſich vor Aerger auf die Lippen. „Ich habe keine Zeit, weitere Worte zu ver⸗ lieren,“ fuhr der Erſtere fort.„Sie müſſen ſich ſogleich entſcheiden. Ihr Anblick iſt mir ekelhaft, ſelbſt die Luft, die Sie ausathmen, iſt anſteckend.“ „Verfluchtes Mißgeſchick!“ murmelte der Elende. „Im Gegentheil, Sie ſind glücklich.“ „Glücklich!“ Licht⸗ und Schattenſeiten II. 12 178 „Ja, glücklich,“ wiederholte der Graf,„denn ohne dieſe Entdeckung, welche mir die Macht verleiht, Sie zu vernichten, wäre ich genöthigt geweſen, Sie zu tödten,— meine Hand mit einem Blut zu beſu⸗ deln, welches ſelbſt die des Henkers entehrte. Ich laſſe Ihnen fünf Minuten Zeit,“ ſetzte er, ſeine Uhr herausziehend, hinzu,„ſich zu entſcheiden— für die Briefe oder das Schaffot;— wählen Sie.“ „Und welches Pfand habe ich für meine Sicher⸗ heit, wenn ich die Briefe herausgebe?“ fragte der Mörder mürriſch. „Mein Wort. Eine der Perſonen draußen wird Sie nach Calais begleiten und für ihre ſichere Ein⸗ ſchiffung nach England ſorgen.“ Während der Graf dieß ſprach, blickte er unverwandt auf ſeine Uhr. Der Capitän ging an einen Schrank, der ſich am Ende des Zimmers befand, ſchloß dieſen auf und holte ein Packet daraus hervor, das er mit ver⸗ drießlicher Miene auf den Tiſch legte.„Da ſind ſie,“ ſprach er. Lilini ſteckte die Uhr in die Taſche und erbrach das Siegel.„Das ſind ja aber nicht die Origi⸗ nale,“ rief er nach oberflächlicher Prüfung,„ſon⸗ dern bloß geſchickt nachgeahmte Kopien.“ „Ich habe keine andere,“ murmelte Helsman. „Das thut mir für Sie leid. Paris wird dann eine Hinrichtung zu ſehen bekommen; denn nur die Originale können Sie retten. Wenn Sie ſie ver⸗ loren oder weggegeben haben, ſo iſt jede Hoffnung auf Gnade dahin. Thor! Dieſer Streich iſt ab⸗ genützt; nur wenigen Menſchen gelingt es, denſel⸗ ben Schurkenſtreich zweimal zu wiederholen. Sie 179 haben nur noch eine Minute,“ ſetzte er hinzu, wie⸗ der auf die Uhr ſehend. Helsman riß jetzt heftig die Nath ſeiner Weſte auf und zog ein Päckchen mit einem ſchwarzen Band umwickelt, hervor. Es enthielt die Originale. Nachdem der Graf dieſe ſorgfältig geprüft und nachgeſehen hatte, ob nichts daran fehle, ſchellte er zweimal, worauf der Oberſt erſchien.„Sie werden dieſen Menſchen nach Calais begleiten,“ ſprach er mit verächtlicher Handbewegung auf den zerknirſch⸗ ten Elenden deutend,„und dafür ſorgen, daß er mit dem Poſtſchiff nach Dovre geſchafft wird.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, Excellenz.“ „Wenn er Ihnen zu entwiſchen ſucht oder wei⸗ ter zu reiſen ſich weigert, ſo nehmen Sie ihn feſt.“ „Wenn er aber zurückkehrt?“ fragte der Oberſt. „Dann iſt mein Wort, welches ich ihm füt ſeine Sicherheit verpfändete, erloſchen. Dann fällt er dem Procurator des Königs und dem Nachrichter anheim.“ Ganz außer ſich vor Wuth eilte Helsman an den Schreibpult und würde einen Brief angefangen haben, wahrſcheinlich an die Familie des Generals, wenn der Wächter, den der Spanier zurückgelaſſen, ihm nicht die Hand auf die Schulter gelegt und eſant hätte:„Gegen den Befehl. Gegen den Be⸗ eh 32 3 Soll ich nicht einmal ſchreiben dürfen?“ „Nein.“ „Aber einen Boten darf ich doch abſchicken?“ „Nein.“ 12* * 180 „Bin ich denn ein Gefangener?“ „Bis jetzt noch nicht,“ verſetzte der Oberſt,„aber der leiſeſte Verſuch des Ungehorſams wird Sie dazu machen. Bezahlen Sie Ihre Rechnung; in einer halben Stunde wird ſich eine Poſtchaiſe am Thore Ihres Hotels einfinden und Sie entweder nach Ca⸗ lais oder in's Gefängniß führen. Sie haben die Wahl.“ „Lieben Sie das Geld?“ rief der Capitän, die perſönliche Gefahr vergeſſend, der er ſich in ſeinem wahnſinnigen Rachedurſt ausſetzte. „Ganz außerordentlich,“ lautete die Antwort. „Nennen Sie jede beliebige Summe für die Er⸗ laubniß, an den Jeffen des Generals von Courcie einen Brief ſchreiben oder eine Botſchaft ſchicken zu dürfen.“ „Pah!“ erwiderte der Oberſt;„wenn ich auch der Beſtechung zugänglich wäre, ſo würde Sie das wenig nützen; es iſt daher das Beſte, wenn Sie ſich in Ihr Schickſal ergeben. Es trifft ſich nicht häufig, daß Jemand, der den Grafen beleidigt, ſo wohlfeilen Kaufes davon kommt.“— „Wer iſt dieſer Mann, deſſen Macht Michael Perlet, der bis jetzt noch nie ſein Wort denen ge⸗ brochen, die ihm vertrauten, vermocht hat, mich zu denunciren und dem die Polizei von Paris zu Gebot ſteht?“ 3 „Sie thäten beſſer daran, dieß nicht erforſchen zu wollen.“ „Warum nicht?“ „Weil ich, ohne ein Prophet zu ſein, Ihnen dann vorher ſagen möchte, daß die Stunde, in der 181 Sie entdecken, wer er iſt, die letzte Ihres Lebens wäre.“ „Pah!“ „Er ſagte mir dieß und ich habe den Grafen Lilini noch nie vergebens drohen hören.“ Kach einer halben Stunde befand ſich Helsman in Begleitung des Oberſten auf dem Wege nach Calais. Letzterer traf durchaus keine Vorſichts⸗ maßregeln, um ein Entwiſchen ſeines Begleiters zu verhindern, ſondern ſchien es ganz deſſen eigenem Ermeſſen anheim zu ſtellen, woraus Helsman ſchließen zu dürfen glaubte, daß im Stillen ſolche Anord⸗ nungen getroffen ſeien, die jeden Verſuch vereiteln würden. Zwei Tage darauf traf der überliſtete Betrüger in London ein, wo er zu ſeinem Verdruß in den Zeitungen die Nachricht vom Tode des Lord Charles Murray widerſprochen fand. Sie war obſichtlich durch den Oberſten und deſſen Agenten in Paris ausgeſtreut worden. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Da unſern Leſern bekannt iſt, wie viel von der Unterredung zwiſchen dem Grafen Lilini und dem unbarmherzigen Verfolger der Frau von Courcie abhing, ſo werden ſich dieſe wohl vorſtellen können, in welcher Aufregung dieſe Dame an dem Tage in ihrem Boudoir ſaß, an welchem der wichtige Act vor ſich gehen ſollte, und in fieberhafter Beklem⸗ 182 mung die Minuten zählte, die noch zu der Stunde fehlten, in welcher ihr Retter ſie zu beſuchen ver⸗ ſprochen hatte. Der Erfolg der Unterhandlung war für ſie eine Frage des Lebens oder Todes. Nicht als ob die unglückliche Frau mit ſelbſtmörderiſchen Gedanken umgegangen wäre, ſondern es handelte ſich um jenen moraliſchen Tod, welcher den Verluſt des Rufs, die Zerſtörung des häuslichen Glückes, getnicktes Vertrauen und für immer verſcherzte Achtung zur Folge hat.. „Kommt er denn immer noch nicht?“ murmelte ſie;„wird es ihm gelingen? Wenn es ihm gelungen wäre, ſo wäre er bereits hier. Dieſe Marter iſt furchtbar! Werde ich von nun an ein verſtoßenes und verachtetes Geſchöpf ſein oder die geachtete Frau des ebicen Mannes bleiben, deſſen Namen ich trage?“ Mit dieſen und ähnlichen Fragen verſetzte ſie ſich in immer größere Aufregung, über die ſie bei⸗ nahe von Sinnen kam. Endlich ſchlug die Stunde und mit dem verhallenden letzten Schlage erſchien der Graf mit freudeſtrahlendem Geſicht. Seit Jahren war dieß das erſte Lächeln, das man wieder darauf erblickte. Frau von Courcie ſah ihn einen Augen⸗ blick lang an, lehnte ſich dann an ſeine Schulter und weinte vor Freuden wie ein Kind. „Arme Adelaide!“ murmelte er;„ich kann mir denken, wie viel Sie gelitten haben; aber Alles iſt jetzt vorüber. Ich habe der Schlange die Zähne aus⸗ geriſſen, deren Gift jetzt nicht mehr verwunden kann.“ Zugleich zog er das verhängnißvolle Paket aus der Taſche und übergab es ihr.„Hier ſind die Briefe 183 alle,“ ſetzte er hinzu,„und es fehlt auch nicht Einer davon.“ „Und das Geſtändniß der Amme?“ fragte ſie haſtig. „Das werden Sie bei den Briefen finden.“ Frau von Courcie trat an das Fenſter und prüfte haſtig den Inhalt. Wie der Graf ſie verſichert hatte, ſo fehlte kein einziger. Von jetzt an, dachte ſie, kann ich in Frieden ſchlafen. „Ehe Sie ſie zerſtören,“ bemerkte Lilini,„möchte ich das Papier durchleſen, welches Helsman als das Bekenntniß der Amme bezeichnete.“ Die Baronin übergab es ihm. „Wie ich vermuthete,“ fuhr er nach aufmerk⸗ ſamer Durchſicht und genommener Notirung des Namens der Frau, welche Betſy Amos hieß, fort, eine Lüge von Anfang bis zu Ende. Ich muß dieſe Perſon ſprechen.“ „Richt meinetwegen,“ rief Adelaide bittend, „nicht meinetwegen. Weßhalb ſollen Sie ſich nach England wagen, wo Sie ſo viele Feinde haben?“ „Ich muß mir die Sache überlegen„erwiderte Lilini nachſinnend.„Wenn es für Ihre Gemüths⸗ ruhe nöthig iſt, ſo muß es geſchehen; was mich be⸗ trifft, ſo verlache ich die Gefahr.“ „Meine Gemüthsruhe iſt geſichert,“ verſicherte die Dame,„ſobald dieſe Papiere vernichtet ſind.“ Ein Brief nach dem andern wurde in das Feuer geworfen und der Graf wachte ſorgfältig darüber, bis die Papiere gänzlich zu Aſche verbrannt waren, die er ſodann durch das Schüreiſen in die kleinſten 184 Atome auflöste.„Erſcheinen Sie heute Abend bei der Herzogin von Rohan?“ fragte er ſodann. „Ich habe es dem General verſprochen,“ erwi⸗ derte ſie. „Laſſen Sie mich dann dort wieder Ihr Lächeln ſehen,“ ſetzte ihr Erretter hinzu, Adelaide mit einem huen Zärtlichkeit anblickend, welche mehr als bloße Freundſchaft ausdrückte, aber keineswegs auf Leidenſchaft deutete.„Wie ſehr freue ich mich darauf, noch einmal die Sonne ohne die darüber lagernde Wolke, die Züge wieder zu ſehen, deren Andenken ohne den Schleier des Kummers, welcher Ihre Schönheit verdunkelt, tief in mein Herz ge⸗ graben iſt.“ Zugleich drückte er ſeine Lippen ſanft auf ihre Stirne: Es war ein Kuß, wie ihn der Vater ſeinem Kinde, ein Bruder ſeiner Schweſter gibt, und doch erröthete die Frau des Generals von Courcie, als ſie ihn empfing. Es exiſtirte offen⸗ bar ein ſtarkes Band der Sympathie zwiſchen Beiden, das aus einer Erinnerung an frühere Tage und an einen andern Schauplatz ſtammte; eine jener unſicht⸗ baren, aber unzerreißbaren Ketten, welche zuweilen zwei Herzen auch dann noch verbunden halten, wenn längſt ihre Hoffnungen zu Grund gegangen ſind— eine Kette, welche Abweſenheit und Prüfungen ſtärker machen, und die der Tod allein zu brechen vermag. „Haben Sie den General geſprochen?“ fragte die Baronin. Sie wußte zwar wohl, daß dieß nicht der Fall geweſen ſei; aber die Frage brachte den von ihr gewünſchten Erfolg hervor. Sie rief den Grafen — 185 Lilini in die Gegenwart zurück und erweckte ihn aus einem Traume, an welchem quälende Erin⸗ nerungen vielleicht einen zu großen Antheil hatten. „Ich werde ihn bei der Herzogin ſehen,“ erwi⸗ derte er mit melancholiſchem Lächeln,„wo ich die beiden jungen Engländer, die ich Ihnen nannte, Ihnen vorzuſtellen wünſche. Finden Sie ſich zeitig ein, denn Marie von Trouville bedarf Ihres Bei⸗ ſtandes zu einem Plan, den wir in der Abſicht ent⸗ worfen haben, ihre Tante zu beſtimmen, den Lord Charles Murray in ihrem Hotel zu empfangen.“ aben Sie denn nichts davon gehört?“ fragte die Dame beſorgt.„Der arme Lord Charles iſt—“ „Auf dem beſten Wege zur Wieder⸗ herſtellung,“ unterbrach ſie der Graf.„Die Nach⸗ richt ſeines Todes war falſch, und wurde aus irgend einem Grunde, der uns gleichgiltig ſein kann, in Umlauf geſetzt. Er iſt ein gewandter junger Mann, deſſen Grundſätze ich bewundere; er kann vielleicht der Sache nützlich ſein.“ „Sie vergeſſen, daß er bei der Geſandtſchaft attachirt iſt.“ „Durchaus nicht.“ „Sie werden ihn aber doch nicht in Verſuchug führen wollen, Graf— etwas— etwas—“ „Seiner Unwürdiges zu thun, wollten Sie ſagen, ergänzte Lilini, als er bemerkte, daß Frau von Courcie den Satz zu vollenden zögerte;„gewiß nicht. Auf dieſer Welt beachten die wenigſten Menſchen die Folgen ihrer Handlungen. Der Dienſt, den ich von ihm wünſche, kann geleiſtet werden, ohne daß Lord 7 186 Charles entfernt ahnt, welche Rolle er dabei ge⸗ ſpielt hat.“ „Es handelt ſich alſo wieder um Politik?“ ſagte Adelaide. „Und machen Sie mir dieß zum Vorwurf?“ „Nein, denn ich verſtehe nichts davon. Ich weiß, daß Männer eines gewiſſen Reizmittels be⸗ dürfen; ihr Herz und Kopf würden ſonſt ſtarr und träge werden; nur uns Frauen genügt die Befrie⸗ digung des Herzens.“ „Und ſie haben darin Recht,“ rief der Graf, ſich verabſchiedend,„und ihr beſſerer Engel verläßt ſie, wenn ſie ſich über die ihnen angewieſene Sphäre erheben.“ Harold und ſein Freund waren hoch erfreut, als ſie ihrer Landsmännin, der Baronin von Courcie, vorgeſtellt wurden, die ſie dieſen Abend zum erſten Mal im Salon der Herzogin trafen. Seit Lord Charles Neigung für die liebenswürdige Marie von Trouville kein Geheimniß mehr war, betrachtete Harry das ſchöne Mädchen nur noch mit den Augen eines Freundes. Eine abermalige Täuſchung war ihm entſchwunden; aber das ganze Leben iſt ja nur eine fortgeſetzte Kette von Täuſchungen! Im Laufe der Soitee kam Marie auf das Ge⸗ rücht zu ſprechen, das über den Tod ihres Ver⸗ ehrers in Paris circulirt hatte. „Es muß aolle Diejenigen, die ihn kannten, ſehr erſchreckt haben,“ bemerkte Harold. „Ich war vorbereitet,“ erwiderte Marie ruhig. Harold war erſtaunt, dieß zu hören. Frau von 187 Courcie lächelte, denn es war ihr ſogleich klar, daß Lilini bei ſeiner gewohnten Umſicht das junge Mäd⸗ chen gewarnt hatte, dem Gerüchte Glauben zu ſchenken. „Wie lebhaft Ihre Tante heute Abend iſt!“ bemerkte ſie in der Abſicht, Marie aus ihrer Ver⸗ legenheit zu helfen.„Sie vertheidigt ſich bewun⸗ derungswürdig. Der Graf ſcheint bei dem, was er unternommen hat, auf größere Schwierigkeiten zu ſtoßen, als er ſich dachte.“ Die Freunde ahnten nicht, daß die lebhafte Un⸗ terredung nichts Geringeres, als die Einführung von Lord Charles bezwecke. „Enfin, Herzogin,“ ſprach der Graf. Unfin, Graf,“ wiederholte die Herzogin. Die Nichte war ganz Ohr. „Sie beſtehen alſo darauf, daß ich den Grundſatz verletze, den ich bis daher ſo ſtreng durchgeführt habe,“ fuhr die alte Dame fort;„einen Grundſatz, welcher gleich den Geſetzen der Meder und Perſer bis jetzt unantaſtbar war.“ „Wer würde es wagen, bei der Herzogin von Rohan auf Etwas zu beſtehen!“ wurde galant erwidert.„Ihre intimſten Freunde erlauben ſich blos zu bitten.“ M „Ich fürchte, der Graf braucht Beiſtand,“ flüſterte arie. Frau von Courcie beachtete den Wink, verließ den Sopha und miſchte ſich in die Unterhaltung; aber anſtatt gelaſſener zu werden, äußerte ſich die Herzogin nur um ſo energiſcher. „Ich fürchte, daß das Bemühen unſers Freundes 188 mißglückt, worin es auch beſtehen mag„ bemerkte Harold Tracy.„Ihre Tante iſt unerbittlich.“ Fräulein von Trouville begnügte ſich mit einem Lächeln. „Sie ſind nicht meiner Anſicht,“ ſagte er. „Weil ich meine Tante beſſer kenne, wie Sie. Wäre ihr Beſchluß, wie Sie meinen, unumſtößlich geblieben, ſo würde ſie ſich dabei ganz anders be⸗ nommen haben. Graf Lilini hat geſiegt, und dar⸗ über ärgert ſie ſich.“ „Er muß einen großen Einfluß auf die Her⸗ zogin ausüben,“ ſagte Harry. „Ganz gewiß.“ „Ohne Zweifel iſt er ein alter Freund von ihr.“ „Sie kennt ihn erſt ſeit einem Monat,“ ant⸗ wortete Marie von Trouville lachend.„Sie müſſen mich aber nicht weiter ausfragen, ſonſt verrathe ich zuletzt noch die Geheimniſſe des Hotels von Rohan.“ „Dann muß das Herz dabei im Spiele ſein,“ rief Harold,„wenn Sie ſich damit befaſſen.“ „Glauben Sie dieß wirklich?“ fragte Marie, die Augen feſt auf ihn gerichtet.„Ich hätte Ihnen mehr Scharfſinn zugetraut. Es gibt wenige Ge⸗ heimniſſe des Herzens in Frankreich; der Kopf regiert Alles. Sehen Sie mich aber nicht ſo ernſt⸗ haft an, ſonſt bringen Sie mich zum Lachen und meine Tante könnte dann den Grund errathen.“ Erſt gegen Ende der Soiree theilte Graf Lilini Harold und Harry mit, daß ſie ihren Freund bei ihrem nächſten Beſuche in dem Hotel einführen könnten. Jetzt verſtanden ſie auch Marien's An⸗ ſpielung. 189 Unter die günſtigſten Eindrücke des Abends rech⸗ neten ſie die glänzende Unterhaltung und die wahr⸗ haft kriegeriſche Erſcheinung des blinden Generals des Kaiſerreichs, der auch an ihrer Geſellſchaft Ge⸗ fallen zu finden ſchien und mehrmals ſeine Frau fragte, ob ſie nicht ſchon öfters den Namen Burg nennen gehört habe. Dieſe ſchien aber durch dieſe Frage gewiſſermaßen in Verlegenheit zu gerathen und antwortete jedesmal ausweichend. Die Unterhaltung wurde durch die Erſcheinung eines großen, vornehm ausſehenden Mannes von etwa dreißig Jahren unterbrochen, den Frau von Courcie als Vicomte Alfred von Migniet, ihres Gemahls Neffen, vorſtellte. Harold und Harry glaubten in ſeinem Geſichte einen eyniſchen Ausdruck zu entdecken, als er ihre Begrüßung erwiderte, was ihnen einen gewiſſen Widerwillen gegen ihn einflößte. Es war dieß einer jener Eindrücke, denen wir Alle mehr oder weniger unterworfen ſind und von welchen wir keine Rechenſchaft abzulegen vermögen. „Schon wieder zurück?“ bemerkte der General; „des Landlebens ſchon überdrüſſig, Alfred?“ „Familienangelegenheiten,“ erwiderte der junge Mann.„Meine Schweſter ſoll dieſer Tage mit dem Baron von Rochemont vermählt werden.“ „Freut mich dieß zu hören,“ rief ſein Onkel. „Die Verbindung iſt ganz tadellos; einer der älte⸗ ſten Namen Frankreichs.“ „Von Seite unſerer Familie iſt keine Meſſaliance zu fürchten.“ Dem Onkel ſchien dieſe Antwort zu mißfallen; 190 Frau von Courcie lächelte blos, indem ſie fragte: „Wann ſoll denn dieſes glückliche Ereigniß ſtatt⸗ finden?“ „In zehn Tagen.“ „Auf dem Schloſſe?“ „Nein, in Paris,“ erwiderte der junge Mann. „Meine Mutter und Schweſter treffen morgen ein. Es iſt beſchloſſen,“ ſetzte er in wohlgefälligem Tone hinzu,„daß die Verwandten beider Familien ein⸗ geladen werden ſollen.“ Dieſe Nachricht war ein harter Schlag für die arme Frau, die der Capitän ſo oftmals geplündert und gepreßt hatte; denn ſie ſah ſich dadurch in die Nothwendigkeit verſetzt, ihre Diamanten zu tragen. Der Vicomte hatte ſchon lange Verdacht geſchöpft, daß ſie ſie veräußert habe und ein Brief, den Hels⸗ man geſchrieben, in welchem er verſteckt andeutete, daß er gewiſſe Papiere beſitze, welche in der Dis⸗ poſition des Vermögens ſeines Onkels eine Aende⸗ rung veranlaſſen dürften, hatte ihn in ſeinem Ver⸗ dachte beſtärkt. Er hatte den Intriguanten heute Abend noch in ſeinem Hotel aufgeſucht, allein ſein Beſuch kam, wie unſere Leſer ſich vorſtellen können, zu ſpät; die Briefe waren vernichtet und der ſeit⸗ herige Beſitzer derſelben auf dem Wege nach England. „Erlauben Sie mir, Ihnen zu gratuliren, Ge⸗ neral,“ ſprach Graf Lilini, der den letzten Theil des Geſprächs mit angehört hatte und Adelaiden's Verlegenheit vollkommen begriff;„mir ſcheint, daß die Vicomteſſe und deren Sohn den ganz richtigen Weg eingeſchlagen haben. Es iſt ganz paſſend, daß die Vermählung in Paris mit dem Glanze gefeiert 191 wird, welcher dem Range und Vermögen beider Theile entſpricht.“ „Ich, für meinen Theil, hätte einer ſtillen Ver⸗ heirathung den Vorzug gegeben; da aber meine Schweſter anderer Anſicht iſt, ſo kann ich nichts dagegen einwenden.“ „Frau von Courcie iſt gewiß nicht dieſer Anſicht,“ erwiderte Lilini.„Obgleich ſie weniger Werth, als die meiſten ihres Alters und Geſchlechts, auf den äußern Glanz legt, ſo muß es ihr doch eine gewiſſe Befriedigung gewähren, die koſtbaren Juwelen zu tragen, die ſchon ſo oft, wie ich hörte, in den Tuile⸗ rien Bewunderung und Neid erregt haben.“ Die Generalin ſah ihn einen Augenblick mit Erſtaunen an, denn das, was er ſagte, war ent⸗ weder grauſame Ironie oder darauf berechnet, einen Strahl der Hoffnung zu erwecken, zu deren Ver⸗ wirklichung ſie keine Ausſicht vor ſich ſah. Harold und Harry erſchien das, was hier ge⸗ ſprochen wurde, höchſt natürlich und faſt trivial, denn es zeigte ſich in dieſem Falle wieder, daß in dem Drama des Lebens zuweilen die ergreifendſten Scenen vor unſern Augen ſich abſpielen, ohne daß wir ahnen, daß die Mitwirkenden ſich in dieſem Moment auf der Scene befinden. „Aenſtigen Sie ſich nicht,“ flüſterte der Graf der Baronin in's Ohr, als er ſie eine Stunde her⸗ nach an ihren Wagen geleitete.„Die boshafte Ab⸗ ſicht des Neffens ihres Gemahls ſoll nicht erfüllt werden. Sie ſollen ihre Diamanten tragen, Ade⸗ laide, und die Edelſteine an Ihrem Kleide ſollen nicht weniger rein ſein als das Herz, das unter demſelben ſchlägt.“ „Ich kann dieſes Opfer für mich nicht anneh⸗ men,“ rief die Dame;„Sie haben mich bereits ſchon einmal vom Verderben gerettet.“ „St!“ unterbrach ſie Lilini;„Sie vergeſſen, daß ich das Recht dazu habe.“ „Das Recht!“ wiederholte ſie. „Ja, das, welches gemeinſchaftliches Dulden verleiht.“ Als Lord Charles Murray von ſeinen Freunden erfuhr, daß die Thore des Hotels von Rohan nicht länger mehr⸗ vor ihm verſchloſſen bleiben ſollten, fand er nicht Worte genug, ſeinen Dank auszuſpre⸗ chen. Er erklärte, ſeine Wunde ſei geheilt und er fühle ſich ſtark genug, ſeine Wohnung zu verlaſſen, um ſie am nächſten Donnerſtag bei ihrem Beſuche begleiten zu können. „Was wird aber der Wundarzt dazu ſagen?“ „Hole der Henker die Wundärzte!“ rief der junge Mann,„das heißt, nicht alle,“ ſetzte er, ſich verbeſſernd, hinzu,„obgleich die Nachricht, die Sie mir gebracht haben, mir mehr als glle ärztliche Geſchicklichkeit geholfen hat. Wer hätte jemals ge⸗ glaubt, daß Sie ſolche Diplomaten wären! Welchen Zauberſpruch, welchen Einfluß wandten Sie an, um die Herzogin zu Aufhebung ihres Verbots zu vermögen!“ „Wir wandten nichts der Art an,“ verſetzte Ha⸗ rold Tracy ſcherzhaft,„denn ich glaube, daß weder Harry, noch ich, den Muth hätten, um eine ſolche Gunſt zu bitten.“ 193 „Wem verdanke ich alſo dieß Glück? Marien nicht, denn ihr wäre die Bitte abgeſchlagen worden.“ „Dem Grafen Lilini und der Baronin von Courcie.“ „Der Himmel ſegne Beide dafür!“ rief der Lord, „und Sie, daß Sie die Boten einer ſo herrlichen Nachricht waren. Glauben Sie doch ja nicht, daß ich mich aus bloßer Eitelkeit ſo über alle Maßen freue, in einem Hauſe empfangen zu werden, von welchem alle, die nicht Legitimiſten vom reinſten Waſſer ſind, ſich ausgeſchloſſen ſehen.“ „Wir denken nichts der Art,“ bemerkte Harry Burg ernſt:„haben Sie denn das Bild ganz ver⸗ geſſen, das Sie uns von Fräulein Marie von Trou⸗ ville entwarfen? Geſtehen Sie nur, daß Sie dabei einigen Mangel an Vertrauen gegen uns an den Tag legten.“— „Ich zeigte ſo viel Vertrauen, als ſich mit der Sicherheit vertrug,“ erwiderte Charles;„denn wenn der Verbacht der Tante erweckt worden wäre, ſo hätte ſie die Nichte bis zur Vermählung mit irgend einem politiſchen Parteigänger der geſtürzten Fa⸗ milie in ein Kloſter geſchickt!“ „Wenn Sie ſie nicht vorher entführt hätten,“ ſetzte Harold Tracy hinzu. Das kann noch kommen, dachte der Attaché, be⸗ hielt aber weislich ſeinen Gedanken bei ſich. Am nächſtfolgenden Donnerſtag hielt Lord Char⸗ les Murray ſein Wort, obgleich die Wundärzte be⸗ deutend den Kopf ſchüttelten, als er ihnen ſeine Abſicht mittheilte, und begleitete ſeine beiden Freunde in das Hotel der Herzogin von Rohan, die ihn auf die ausgeſucht höflichſte Weiſe aufnahm, indem ſie 13 Licht⸗ und Schattenſeiten. U. 194 ihm ſogar Vorwürfe darüber machte, daß er ſie nicht ſchon längſt beſucht habe.„Das war nicht recht, ja ſogar grauſam,“ rief ſie aus,„von dem Sohne eines ſo alten und werthgeſchätzten Freundes, der mir der Graf, ihr Vater, war.“ Ein Novize in der Welt hätte ſie an die vielen Karten, die man zurückgelaſſen, die vielen Beſuche die gemacht worden, erinnert und wie man jedes⸗ mal die Antwort erhalten, daß die Herzogin nicht ſichtbar ſei. Der Lord entſchuldigte ſich aber ein⸗ fach damit, daß er erklärte, er habe vor Kurzem erſt erfahren, daß die Gnädige von ihrem Landſitze in der Normandie zurückgekommen ſei. „Pas mal,“ flüſterte die Herzogin dem Grafen zu, als ſie ihren Fauteuil beim Kamin wieder ein⸗ nahm;„der junge Mann beſitzt Takt.“ Und Geſchmack, dachte der Spanier, das blühende Geſicht der Nichte betrachtend. „Ich hoffe, daß Sie gegen Ihre Freunde nicht eben ſo aufrichtig ſind,“ bemerkte Harold Trach mit komiſchem Ernſt, als die Vorſtellung vorüber war und die Dame im Hauſe ihren Sitz wieder eingenommen hatte. „Der Himmel bewahre!“ erwiderte der Attachs; „bei dieſen lege ich die Maske bei Seite. Heuche⸗ lei gegenüber von einem Mann, den ich achte, wäre mir im höchſten Grade zuwider.“ Die Vermählung der Nichte des Generals fand an dem jeſtgeſetzten Tage ſtatt, bei der, zum großen Erſtaunen und Aerger des Vicomte von Migniet, Frau von Courcie ihre Juwelen trug. Vergebens bat die Vicomteſſe, die ihre Schwägerin 195 von Herzen haßte, dieſelben in der Nähe bewun⸗ dern zu dürfen, in der Hoffnung, zu entdecken, daß ſie falſch ſeien. Sie waren aber ächt und es fehlte auch nicht Ein Stein daran. Graf Lilini hatte Wort gehalten. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Blackheath, Primroſe Hill, Highgate und Rich⸗ mond kann man als die Lungen des Ungeheuers des über ſich ſelbſt hinausgewachſenen Hayfiſches, London genannt, bezeichnen. An dieſen Lieblings⸗ orten ſchöpfen der geſchnigelte Subalternbeamte, der geckenhafte Ladendiener und der abgearbeitete Handwerker friſche Luft, wenn Geſchäfte und Ar⸗ beit ihnen erlauben, einen Feiertag zu machen. Namentlich der erſtere Ort iſt deßhalb bei den un⸗ tern Claſſen beliebt, weil man leicht zu Schiff oder auf der Eiſenbahn dahin gelangen kann. An ge⸗ wiſſen Tagen im Sommer geht es in Blackheath wie auf einem Markte her. Da gibt es Unterhal⸗ tung jeder Art und für jedes Alter.— Eſel und Ponies zum Reiten für junge Leute und Pfahl⸗ werfen für Kinder, während Verliebte ſchattige Spa⸗ ziergänge in dem nahen Park finden, wo der ge⸗ ſchwätzige Penſionär von Greenwich ſeine Geſchich⸗ ten von Nelſon, Trafalgar und dem Nil ſeinem bewundernden, mit offenem Munde daſtehenden Auditorium erzählt, oder dem erſtaunten Pflaſter⸗ treter eine teleskopiſche Anſicht der St. Fwürhe anbietet, welche unter zehn kaum Einer, obgleich er täglich daran vorübergeht, je zu betreten Zeit fand. Es iſt faſt eben ſo ſelten, einen Londoner zu finden, der St. Paul beſucht, als einen Seemann, der nicht unter Nelſon gefochten hat. Um dieſe Jahreszeit halten namentlich die Zigeuner in Black⸗ heath ihre reiche Ernte;— die Männer mit ihren zottigen Eſeln und unzugerittenen Ponies, die ſie für ſechs Pennies oder einen Schilling, je nach dem Aeußern des Kunden, zu einem Ritt herleihen; die Weiber durch Wahrſagen, indem ſie den erröthen⸗ den leichtgläubigen Mädchen Gatten, und halb grü⸗ nen Jünglingen, die ſich für Männer halten, weil ſie eine Cigarre rauchen, eine tombakene Uhrkette und Vatermörder tragen, Frauen verſprechen. Vor einer alten Decke, die auf einem Dutzend Pflöcke ausgeſpannt war, hatte ein langer Kerl, deſſen wildes Haupthaar und durchdringende Augen ihn als ein Mitglied des wandernden Stammes er⸗ kennen ließen, einige Stäbe aufgeſtellt, an deren Enden Kokusnüſſe, Nodelkiſſen und verſchiedene andere Gegenſtände von geringem Werth befeſtigt waren. Nach dieſen wird mit Pfählen geworfen und zwar von jedem Spieler drei Mal hinter ein⸗ 3e wofür er für jeden Wurf einen Penny be⸗ zahlt.— Ein anſtändig ausſehender Mann von mittlerem Alter, deſſen Frau und Kinder ſein bis jetzt erfolg⸗ loſes Bemühen, einen Preis herabzuwerfen, ängſtlich mit den Augen verfolgten, hatte eben ſeinen letzten Wurf. „Etwas mehr rechts,“ ſagte der Zigeuner, mit 197 einem Blick des Einverſtändniſſes gegen ſeinen Hel⸗ fershelfer, deſſen Amt es war, die Pfähle auſzu⸗ leſen, welche geworfen worden waren.„Vielleicht iſt Ihr Arm etwas ſteif.“ „War ein hartes Jahr für die Schneider!“ rief ein keck ausſehender Junge, der daneben ſtand. Der Mann holte aus und es fiel ein Nadel⸗ kiſſen herab, welches der Spielunternehmer ihm einhändigte. „Noch eine Tour, Herr?“ fragte er. „Heute nicht mehr,“ verſetzte der Gewinner, den Preis ſeiner Frau überreichend. Seine Kinder klatſchten in die Hände und be⸗ mühten ſich vergnügt auszuſehen, aber gewiß wäre es ihnen lieber geweſen, wenn er eine Kokusnuß gewonnen hätte. „Es iſt ſehr hübſch,“ bemerkte die Frau. „Und auch ſehr wohlfeil,“ ſetzte der Junge hinzu, der vorhin die Bemerkung über die Schneider ge⸗ macht hatte;„es koſtet ja nur neun Pennies.“ Der Zigeuner blickte den Jungen finſter an, der ſeinem Zorn ein muthwilliges Lachen entgegenſetzte, das dieſen noch mehr in Harniſch brachte.„Wie kannſt Du es wagen, einen achtenswerthen Gentle⸗ man zu beleidigen?“ ſprach er.„Ich habe große Luſt, dich beſſere Manieren zu lehren, du Schlingel!“ „Wäre es nicht vielleicht beſſer, wenn Ihr ſelbſt zuvor Unterricht darin nähmet?“ verſetzte der Burſche. Auf dieſes hin ſprang der Zigeuner auf ihn los, aber der junge Menſch, der mit ſeinen Beinen ebenſo flink war, wie mit ſeiner Zunge, machte 198 ſich davon und es entſpann ſich ein Wettlauf zwi⸗ ſchen beiden. „Thut ihm nichts zu Leid!“ rief der Mann gut⸗ müthig, deſſen Verluſte Veranlaſſung zu dem Scherz gegeben hatten.„Ich bin nicht böſe darüber.“ Der Zigeuner war es aber, und er würde wahrſcheinlich mit dem jungen Menſchen ſchlimm verfahren ſein, wenn er ihn hätte zur Hand be⸗ fommen können. Der Flüchtling aber, als er merkte, daß ſein Verfolger daran war ihn einzu⸗ holen, verkürzte ſeinen Schritt, ohne daß man es merkte, und in dem Augenblick, in welchem der Zigeuner die Hand ausſtreckte, um ihn am Kragen zu faſſen, blieb er plötzlich ſtehen und duckte ſich, ſo daß ſein Verfolger zu Boden ſtürzte. In dem⸗ ſelben Moment war aber auch der Junge ſchon wieder auf den Beinen und ſetzte ſeine Flucht fort. Dieſes Manöver brachte den Zigeuner vollends in Wuth und er rief mit einem gräßlichen Fluche dem Jungen zu, daß er ſtehen bleiben ſolle, was dieſer aber zu thun entfernt nicht beabſichtigte. „So nimm dieß, verfluchter Kerl,“ rief der Wüthende, indem er ihm einen ſchweren Prügel, den er in der Hand hielt, mit ſolcher Sicherheit nachſchleuderte, daß er hart am Kopfe des Beleidi⸗ gers vorüberflog. Der Wettlauf wurde unterdeſſen fortgeſetzt und es war augenſcheinlich, daß der kräf⸗ tige Mann zuletzt den Sieg über den ermüdeten Knaben davon tragen würde, der hart bedrängt auf eine Gruppe von drei Perſonen zueilte, die den Auftritt mit angeſehen hatten. „Leidet es nicht, daß er nich ſchlägt,“ ſprach 199 er, ſich hinter den erſten der Daſtehenden verber⸗ gend, der kein Anderer als Kit Corling war.„Er will mich umbringen.“ „Was haſt Du angeſtellt?“ fragte der Zimmer⸗ geſelle?„Haſt Du Etwas geſtohlen?“ „Ich bin ſo ehrlich wie Sie,“ erwiderte der Flüchtling bis unter die Schläfe erröthend. Kit gefiel dieſe Antwort, und weit entfernt, darüber zornig zu werden, ſtellte er ſich, als der Verfolger näher kam, um den Jungen zu faſſen, zwiſchen Beide und ließ dieß nicht zu.„Was wollt Ihr von ihm?“ fragte er. „Ich will ihm die Knochen entzwei ſchlagen,“ erwiderte der Zigeuner außer ſich vor Wuth. „Das habt Ihr ſo eben beinahe durch Euern Wurf gethan,“ bemerkte Kit gelaſſen. „Zurück, oder—“ „Oho, Mann!“ bemerkte Erſterer, der ſogleich ſah, mit wem er es zu thun habe.„Mit ſchwarzen Haaren und ſtolzen Worten ſchüchtert man nur Kinder ein.“ „Er war unverſchämt gegen mich.“ „Wohl möglich; aber Ihr ſeid jetzt nicht in der paſſenden Stimmung, um ihn zu ſtrafen.“ „Er hat einen achtungswerthen Gentleman einen Schneider geheißen.“ „Nein, das that ich nicht!“ rief der Knabe. „Ich ſagte blos, daß dieſe ein hartes Jahr gehabt hätten, und daß das Pfennignadelkiſſen, das er gewonnen hat, ihn neun Pennies koſte. Und hatte ich nicht Recht? denn er warf ſiebenundzwanzig Mal, eh' er in dieſem betrügeriſchen Spiel etwas gewann. 200 Dreimal neun iſt ſiebenundzwanzig,“ ſetzte er hinzu. „Drei Würfe einen Penny.“ Unterdeſſen hatten ſich mehrere Zigeuner ihrem Standesgenoſſen angeſchloſſen, die zuſammen große Luſt zeigten, ſich in einen Kampf einzulaſſen. Charley Crawley gab aber zu verſtehen, daß er und ſein Freund auf die Schiffswerfte von Woolwich gehör⸗ ten und daß ſich wenigſtens zwanzig ihrer Mitge⸗ ſellen auf der Heide befänden, die ihnen ſogleich beiſtehen würden. Als die Zigeuner dieß hörten, legte ſich ihre Raufluſt und ſie ſchlichen ſich davon. Sobald der Knabe dieß ſah, klatſchte er ein paar⸗ mal in die Hände und fing an wie ein Hahn zu krähen. „Still!“ rief Kit ſtreng.„Ich habe Dich vor der Mißhandlung dieſes Menſchen geſchützt, aber keineswegs um Dich zu ermuthigen, unverſchämt gegen ihn zu ſein.“ „Ich will zu ihm hingehen und ihm ſagen, daß es mir ſehr leid thue, ihn verhöhnt zu haben,“ erwiderte der Junge,„wenn Sie mir beiſtehen wollen. Ich will überhaupt Alles thun, was Sie von mir verlangen.“ „Das Beſte iſt, Du läßt die Sache beruhen,“ bemerkte Charley, der keine Luſt hatte, ſich oder ſeinen Freund in einen Streit verwickelt zu ſehen. „Mach Du dich lieber auf und davon, ſo lange Du noch ſicher biſt.“ „Erlauben Sie mir nur mit Ihnen über die Heide zu gehen,“ ſprach der Knabe,„dann iſt mir Alles recht. Ich finde dann eine Menge Kameraden, die mir beiſtehen.“ 201 „Wohnſt Du denn nicht in London?“ fragte Kit. „Früher wohnte ich dort,“ erwiderte der Knabe mit einem Seufzer, als wenn er den Vechſel be⸗ dauerte,„jetzt aber wohne ich in Greenwich.“ Trotz des Verweiſes, den er von Kit bekommen hatte, konnte er ſich aber während des Wegs über die Heide doch nicht enthalten Bemerkungen zu machen, worunter einige ſo muthwillig waren, daß ſie ſeinen Begleitern unwillkührlich ein Lächeln ab⸗ nöthigten. „Die Dame gehört gewiß dem Verein gegen die Thierquälerei an,“ rief er, als eine ſehr cor⸗ pulente Frau auf einem kleinen Eſel vorübergeritten kam, den zwei zerlumpte Jungen unter Schlägen vorwärts trieben. Die Reiterin nannte ihn einen unverſchämten Bengel. „Hat ſie nicht Löcher in ihren Strümpfen!“ ſetzte er hinzu, auf ihre Füße deutend, die bau⸗ melnd über den Sattel herunter hingen. „Das iſt nicht wahr!“ rief die Frau zornig. „Es iſt aber doch ſo,“ kläffte der Quälgeiſt zu⸗ rück,„und zwar ſehr große Löcher. Denn wie könnte ſie ſie denn ſonſt anziehen?“ „Willſt Du Frieden geben!“ rief Kit mit Mühe zum Ernſt ſich zwingend. „St!“ verſetzte der Junge;„kein Wort mehr, wenn Sie es verlangen.“ Kaum hatte er das Verſprechen gegeben, als ſich ein Schrei vernehmen ließ und man den blöd⸗ ſinnigen Knaben James Kelf gewahrte, der auf ſeines Herrn Schimmel, wie beſeſſen, mitten durch 202 die Mezge ritt. Der arme Menſch war von einigen Müſſigßängern und Straßenjungen erkannt worden, die ſich ein Vergnügen daraus machten ihn zu hänſeln. Ihr Geſchrei hatte das Thier ſcheu ge⸗ macht und der Reiter befand ſich in der augen⸗ ſcheinlichſten Gefahr herabgeworfen zu werden. Die Farbe des Pferdes, ſowie die Nachbarſchaft von Greenwich erweckten augenblicklich Kit's Aufmerk⸗ ſamkeit und veranlaßte ihn ebenſo, wie die Regung des Mitleids, dem Reiter beizuſpringen. Ohne ſich daher nur einen Moment lang zu beſinnen, faßte er das geängſtigte Thier am Zügel und brachte es zum Stehen, während ſeine Begleiter die Menge zurückhielten. Der Reiter, der noch immer feſt ſaß, blickte ſtier umher. „Verrückter Jem!“ riefen die Jungen.„Ver⸗ rückter Jem!“ „Was ſagen ſie?“ fragte Charley Crawley. „Sie nennen ihn verrückter Jem,“ verſetzte ſein neuer Bekannter;„s iſt nur gut, daß ſein Herr nicht hier iſt; der hätte alle niedergeritten.“ „Wer iſt denn ſein Herr?“ fragte Kit, „Squire Helsman.“ „Wo wohnt der?“ „In dem einzelnſtehenden Hauſe hinter Charlton.“ „Iſt denn der Knabe wirklich verrückt?“ „Verrückt wie ein Märzhaſe, obgleich ich nicht weiß, warum die Haſen in dieſem Monat verrückter ſein ſollen als in einem andern.“ In der Hoffnung, endlich einmal dem geheim⸗ nißvollen Verſchwinden von Nancy und Miß Cherly auf die Spur kommen zu können, flüſterte Kit 203 ſeinem Begleiter zu, ſich hart an ihn zu halten, während er das Pferd und Jem von der Heide weg nach der Straße nach Charlton führte. Als das Geſchrei ſeiner Quälgeiſter nach und nach ſchwä⸗ cher wurde, verſchwand auch allmählig die Furcht des Blödſinnigen, und wie im Bewußtſein, daß Kit ſich liebreich gegen ihn gezeigt habe, blickte er ihn an und lächelte. „Sie ſagen es Herrn nicht?“ ſprach er.„Herr wird ſonſt Jem ſchlagen und gute Ladies können ihn jetzt nicht abhalten.“ „Was für Ladies?“ fragte Kit haſtig. Kelf ſchüttelte geheimnißvoll den Kopf. „Was für Ladies?“ wiederholte Kit unge⸗ duldig. Der arme Menſch ſchien zu erſchrecken und ſah ſich um, wie wenn er gern entwiſcht wäre. „Das iſt nicht der rechte Weg, auf dem man eine Antwort von ihm erhält,“ bemerkte der Junge, den Kit aus den Händen des Zigeuners errettet hatte, und der ſeinem Beſchützer noch immer nach⸗ folgte.„Sie müſſen freundlich mit ihm ſprechen.“ „Du haſt Recht,“ ſagte der junge Mann, ſich mühſam ſelbſt bezwingend, und einen Ton anſchla⸗ gend, wie man etwa mit Kindern ſpricht, gelang es ihm nach und nach die Aengſtlichkeit und die Auf⸗ regung des Blödſinnigen zu beſiegen, den er bis zu dem ſchmalen Seitenweg begleitete, der zu ſeines Herrn Wohnung führte. Aber alles, was er aus ihm herausbrachte, war, daß zwei gute Ladies, die ſehr liebreich gegen ihn ſeien und ihn beten gelehrt haben, daſelbſt wohnten, daß ſie nie ihr Zimmer 204 verließen, und daß er ſie oft ſchon in Thränen ge⸗ funden habe. „Aber ihre Namen?“ fragte Kit dringend;„Du mußt doch ihre Namen wiſſen?“ „Gute Ladies, gute Ladies.“ tehr wußte Kelf nicht. Plötzlich erinnerte ſich Kit, daß er ein bunt⸗ farbiges ſeidenes Taſchentuch bei ſich habe, das die arme Nähterin geſäumt und mit einer Nummer verſehen hatte. Gelang es ihm, ihr dieß in die Hände zu ſpielen, ſo mußte ſie es augenblicklich erkennen, und es war darauf zu zählen, daß ſie auf Mittel ſinnen würde, ihm ebenfalls irgend ein Zeichen zukommen zu laſſen. „Die Ladies ſind alſo ſehr gut gegen Dich?“ ſprach er. Der Knabe nickte lächelnd mit dem Kopfe. „Und Du möchteſt ihnen gern ein Geſchenk machen?“ „Jem iſt arm, Jem hat kein Geld.“ „Sieh her,“ fuhr der Zimmergeſelle fort, in⸗ dem er das Tuch aus der Taſche zog und ſeine Farben in der Sonne ſpielen ließ;„wäre dieß nicht ein hübſches Geſchenk?“ Die Augen des Blödſinnigen leuchteten vor Freude.„Für mich?“ rief er,„für mich!“ „Du darfſt es aber Niemanden ſehen laſſen,“ ſprach der junge Mann, indem er es ihm gab. „Nur den Ladies,“ verſetzte der Knabe, indem er es ſorgfältig zuſammenlegte und zwiſchen Hemd und Weſte ſteckte. 205 „Auch Deinem Herrn nicht, der würde Dir's wieder nehmen.“ „Bös gegen mich— bös gegen Alle,“ ſtöhnte der Blödſinnige ſchaudernd. Dieſe Worte beſtärkten Kit in der Ueberzeugung, daß er auf der rechten Fährte nach den Verlorenen ſei. Kelf war von dem Capitän, der erſt geſtern aus Frankreich wieder eingetroffen war, mit dem Pferd in die Schmiede geſchickt worden. Er ſetzte ſich jetzt raſch in Trab, denn er fürchtete ſich vor Strafe, wenn er allzu lange ausbleibe, da er den Jähzorn des Mannes wohl kannte, dem er über⸗ geben worden war. Dieſelbe Furcht hielt ihn aber auch ab, etwas von dem Vorgefallenen zu erzählen. Inſtinkt, nicht Vernunft, lehrte ihn Vorſicht. „Nun,“ ſagte Kit zu dem Jungen, deſſen Be⸗ kanntſchaft er auf der Heide gemacht hatte;„ich denke, Du haſt Dir alles wohl gemerkt, was vor⸗ gefallen iſt?“ „Und wirſt es wieder ausplaudern.“ „Nicht ein Wort, wenn Sie es mir verbieten; ich bin nicht ſo ſchlimm wie Sie glauben.“ „Du biſt ein guter Junge!“ rief Kit,„und ich traue Dir.“ Zugleich zog er eine halbe Krone aus der Taſche und bot ſie ihm an. Der Knabe, der zwar armſelig aber ſorgfältig gekleidet war, richtete ſich ſtolz auf und ſagte:„Ich glaube gar, Sie wollen mich beſtechen.“ „Wie ſo „Wenn ich Ihr Geld annähme, um Ihr Ge⸗ heimniß zu bewahren, ſo würde ich auch von Je⸗ 206 mand Anders Geld annehmen, um es zu verkaufen. Nein; nein! So bin ich nicht. Ich bin Ihnen gut, obgleich Sie mir einen Verweis gegeben ha⸗ ben. Sie retteten mich vor einer Portion Schläge, die ich eigentlich verdient hätte, und das vergeſſe ich nicht.“ „Wie heißt Du?“ „James Watſon.“ „Gut, James Watſon,“ ſprach Kit, das Geld wieder in die Taſche ſteckend,„ich will Dir die halbe Krone nicht noch einmal anbieten, aber ich will Dir dafür etwas Beſſeres geben, den Rath eines Freundes, der, wenn Du ihn befolgſt, eines Tags einen tüchtigen Mann aus Dir machen wird⸗ Du beſitzeſt zu viele gute Eigenſchaften, als daß diejenigen, die Dich kennen, nicht wünſchen ſollten, daß ſie ſich noch vermehrten. Wie kann ein ordent⸗ licher, geſcheiter Burſche ſeine Zeit im Müſſiggange hinbringen und mit Jedem, der ihm in den Weg läuft, Händel anfangen. Du nannteſt die Straßen⸗ jungen von Greenwich Deine Kameraden. Ich habe lange genug hier in der Nachbarſchaft gelebt, ſo daß ich wohl weiß, welches Gelichters ſie ſind. Das wird und muß ein böſes Ende nehmen.“ „s iſt nicht ganz meine Schuld„ antwortete James Watſon unter Erröthen.„Ich habe nichts Anderes zu thun.“ „Treibſt Du denn kein Gewerbe?“ „Nein.“ „Warum lernſt Du keines?“ „Das ſagt meine Mutter alle Tage,“ rief der Junge,„wenn der Voter nüchtern genug iſt, daß er 207 ſie anhört; und dann verſpricht er jedesmal am nächſten Tage, wenn er wieder ſeine Penſion ein⸗ nehme, mich irgendwo in die Lehre zu geben; aber wenn dieſer Tag kommt, dann betrinkt er ſich und vergißt ſein Verſprechen, bis das Geld verbraucht iſt, und dann würde es nichts nützen, ihn daran zu erinnern.“ Wie es ſchien, ſo war James Voter ein penſio⸗ nirter ſubalterner Schiffsofficier, der gleich Vielen ſeines Standes, ſich mit nichts beſſerem als Trinken zu beſchäftigen wußte. Seine Frau dagegen war fleißig und ſparſam und ſuchte durch Vermiethen einiger Zimmer etwas Geld zu erübrigen. Der Zimmergeſelle überlegte ſich die Sache einige Mi⸗ nuten lang. Charlton war von der Werfte nicht allzu entfernt, wo er auf Charley's Empfehlung hin Arbeit bekommen hatte; es war alſo nahe bei dem Orte, wo er eine Spur von Nancy und deren Mitgefangenen entdeckt zu haben glaubte. Sein Entſchluß war daher ſchnell gefaßt. „Hat Deine Mutter alle Zimmer vermiethet?“ fragte er. „Nicht ein einziges,“ erwiderte der Burſche; „unſer letzter Miethbewohner verließ uns am Samſtag.“ „Willſt Du mir das Haus zeigen?“ James war ſeelenvergnügt darüber, er ging munter voraus, führte ſeinen Begleiter nach dem Dorfe zurück und deutete dort auf ein reinliches Bauernhaus, unter deſſen Thüre eine Frau von mittlerem Alter ſtrickend ſaß. Es lag etwas ſo Vertrauen Erweckendes in ihrer Erſcheinung, daß der 208 junge Mann ſchnell die Ueberzeugung gewann, er könne nichts Beſſeres thun, als unter ihrem Dache ſich einzuquartieren. Man war bald über den Preis einig und es wurde verabredet, daß er am morgi⸗ gen Abend Beſitz von dem kleinen Zimmer neh⸗ men ſolle. „Wohnen Sie ſchon lange hier, Mrs. Watſon?“ fragte Kit. „Seit zehn Monaten ſchon,“ verſetzte die Frau. „Wenn Sie aber mir nachfragen wollen, ſo kann Ihnen der Oberinſpector auf der Werfte von Woolwich jede Auskunft geben.“ „Das meine ich nicht,“ unterbrach ſie der Zim⸗ mergeſelle.„Ich bin von Ihrer Rechtſchaffenheit vollkommen überzeugt. Ueber einen Ihrer Nach⸗ barn möchte ich gern etwas erfahren.“ Die Frau ſah ihn erſtaunt an. „Er meint den Squire von dem einſam ſtehen⸗ den Hauſe, Mutter,“ bemerkte der junge Menſch. „Kennen Sie denn den?“ fragte die Frau miß⸗ trauiſch. „Ich kenne nicht einmal ſeinen Namen.“ „Er nennt ſich Capitän Helsman,“ fuhr ſie fort, und ihr Geſicht wurde wieder freundlicher. „Er ſcheint aber ein Mann von zweideutigem Cha⸗ rakter zu ſein. Niemand von den Honoratioren im Dorfe beſucht ihn, und er iſt doch reich; er ſieht überhaupt gar keine Geſellſchaft bei ſich; das Haus iſt drei Viertheile im Jahr geſchloſſen; in den Som⸗ mermonaten vermiethet er es gewöhnlich an einen großen Londoner Kaufmann oder Bankier,— ich vergaß an welchen.“ 209 „Sir John Sellem?“ fragte Kit haſtig. Die Frau ſchüttelte den Kopf; ſie war ihrer Sache nicht gewiß, glaubte aber, daß dieß der Name ſei; jedenfalls wolle ſie nachfragen und ihm mor⸗ gen Abend, wenn er wieder komme, mittheilen, was ſie erfahren habe. „Er fährt mit einem Schimmel, nicht wahr?“ fragte der Zimmergeſelle. Darüber konnte die Frau beſtimmte Auskunft geben, denn ſie hatte ihn ſchon oft durch das Dorf fahren ſehen. Mit freundlichem Dank für ihre Mittheilung verabſchiedete ſich ihr neuer Miethsmann und machte ſich in Geſellſchaft von ſeinen zwei Begleitern Char⸗ ley und Bob Spiers auf den Heimweg nach Wool⸗ wich. Der Knabe, der ihn ſehr in Affection ge⸗ nommen hatte, beſtand darauf, ihn bis auf die Heide zu begleiten, und als er ſich endlich dort von ihm trennen mußte, ſagte er mit einem herzlichen Händedruck:„Ich möchte' wohl Ihren Zeitvertreib kennen.“ „Zeitvertreib?“ wiederholte Kit. „Womit Sie ſich beſchäftigen,“ ſetzte der junge Menſch erklärend hinzu.„Ich kann Ihnen nütz⸗ licher werden, als Sie glauben. Jem hat gar keine Angſt vor mir, denn ich habe ihn nie geplagt und gehänſelt wie die andern Knaben. Ich kann ihn zum Sprechen bringen,— ja, zum vernünftig Sprechen; es kommt nur darauf an, wie man es angreift.“ Es lag ein ſolcher Ernſt und ſo viel Vertrauen⸗ Erweckendes in James Worten, ſo daß die jungen Licht⸗ und Schattenſeiten. M. 14 210 Männer überzeugt wurden, daß man ihm Vertrauen ſchenken könne.„Kann ich mich wirklich auf Dich verlaſſen, wenn ich Dir etwas mittheile?“ fragte Kit. „So wahr ich lebe!“ rief der Junge mit vor Freude ſtrahlenden Augen. „Nun denn, ich wünſche zu erfahren, ob die Ladies, von denen Kelf ſprach, gegen ihren Willen in dem Haus zurückgehalten werden.“ „Gegen ihren Willen!“ wiederholte James er⸗ ſtaunt.„Das Haus iſt ja kein Gefängniß, obgleich alle Fenſter mit feſten Läden verſchloſſen ſind.— Ich will dieß aber bald herausbekommen.“ „Sei nur vorſichtig.“ Der Knabe nickte ihm zuverſichtlich zu und ging dann nach ſeiner Wohnung zurück. In den beiden letzten Stunden war er ganz außerordentlich in ſei⸗ ner Selbſtachtung geſtiegen. Kit hatte ihm ſein Vertrauen geſchenkt. Es galt ein Geheimniß auf⸗ zuſpüren, und er beſchloß, dahinter zu kommen. Hiezu ſchlug er ſeinen eigenen Weg ein; ob es ihm glückte oder nicht, wird der ſpätere Verlauf dieſer Geſchichte ausweiſen. Die Haushälterin Bet machte ſich, wie Miß Cheerly vorausgeſehen, den Fleiß und die Geſchick⸗ lichkeit der beiden Gefangenen in hohem Grade zu Nutzen und brachte häufig ganze Stunden, nament⸗ lich Abends, in ihrer Geſellſchaft zu; aber alle Verſuche, ihre Treue gegen ihren Brodherrn wankend zu machen oder Schreibmaterialien durch ſie ſich zu verſchaffen, ſchlugen fehl. Sie war beſtändig auf ihrer Hut. Wenn die Mädchen unter dem Vorwand Papier verlangten, Muſter auszuſchneiden, um die 211 Keidungsſtücke beſſer darnach anfertigen zu können, gab ſie ihnen alte Zeitungen und ein Stückchen Kohle, ſtatt Federn und Tinte, zum Außzeichnen, und ſelbſt dieß nahm ſie wieder, ſobald ſie das Zimmer verließ. Dieſe ſtrengen Maßregeln ergriff die Frau vielleicht nicht ſowohl aus eigenem Antrieb, als aus Furcht vor ihrem Brodherrn, der, wie wir geſehen, mit eiſerner Ruthe ihre Handlungsweiſe leitete. Vielleicht war das unglückliche Geſchöpf nicht von Natur bösartig oder ſo herzlos, daß Grauſamkeit ihr Vergnügen machte, denn mehr wie einmal glaubte Nancy zu bemerken, daß ihr Auge mit Mitleid und Theilnahme auf ihr ruhe. Seit zwei Tagen aber hatte ſie ſich nicht blicken laſſen. Der Capitän war zurückgekehrt, und Bet fürchtete ſeinen Argwohn zu erregen. Trotz der peinlichen Lage, in welcher die Ge⸗ fangenen ſich befanden, hatte aber ihre Geſundheit merkwürdiger Weiſe dennoch nicht nur nicht gelitten, ſondern ſie fühlten ſich ſogar ſtärker und wohler, als früher. Nancy hatte es in ihrem Leben noch nie ſo gut gehabt, wie jetzt. Anſtatt Nächte hin⸗ durch bei einem trüben Lichte mit der Nadel ſich abmühen zu müſſen, durfte ſie jetzt in einem guten Bett ſchlafen und konnte der Ruhe pflegen. Die beiden Freundinnen hatten übrigens ihre Plane mit dem Blödſinnigen nicht vergeſſen.— Wir nennen ihn aus Gewohnheit noch ſo, obgleich er, gegenüber von ihnen, dieſe Bezeichnung nicht mehr verdiente, denn die ſanfte Behandlung, die ſie ihm angedeihen ließen, hatte ſeine ſchlummern⸗ den geiſtigen Kräfte überraſchend 48 ver⸗ 212 ſtand Alles, was Miß Cheerly oder Nanch ihm ſag⸗ ten. Nur wenn er von ihnen ferne war, ſchwand dieſer Zauber wieder; ſein Gehirn verwirrte ſich dann und ſein Gedächtniß ließ ihn im Stiche. Er erinnerte ſich alsdann nur einiger abgeriſſener Sätze aus den Gebeten, die ſie ihn gelehrt hatten, und obgleich ſie ihm ihre Namen ſchon hundertmal ge⸗ nannt und dieſe ihn hatten wiederholen laſſen, ſo ſprach er doch nie anders von ihnen, als von„gu⸗ ten Ladies.“. „Der arme Kelf!“ ſagte Nancy, als ſie eines Abends mit Miß Cheerly plauderte.„Seit ſein Herr zurück tſt, hat er wieder ein gutes Theil ſeiner In⸗ telligenz verloren. Ich fürchte, daß wir wenig von ihm zu hoffen haben.“ „Geduld und Muth!“ erwiderte Emma;„unſere Gefangenſchaft kann nicht ewig währen.“ „Das iſt es nicht, was mich beunruhigt,“ be⸗ merkte die Nätherin. „Was denn?“ „Die Art, wie ſie endigen wird,“ ſprach Nancy in Thränen ausbrechend.„Ach! Miß Cheerly, haben Sie nicht die Miene beobachtet, mit welcher die Frau uns betrachtet? Zuweilen glaubte ich ſchon Mitleid mit uns in ihren harten Zügen ge⸗ leſen zu haben. Die Leute, welche ſich nicht ſcheu⸗ ten, uns die Freiheit zu rauben, werden auch vor einer Gewaltthat nicht zurückbeben, um ihr Ver⸗ brechen zu verbergen.“ Bei dieſer Bemerkung, die nur ihre eigenen ge⸗ heimen Gedanken in Worte kleidete, wurde ihre 213 Unglücksgefährtin leichenblaß; das Geſpenſt, gegen das ſie bisher immer vergeblich gekämpft hatte, ſtand mit Einem Male in Schrecken erregender Geſtalt vor ihr.„Unſer Leben liegt in des Höchſten Hand,“ erwiderte ſie nach einer Pauſe,„ohne deſſen Wil⸗ len kein Sperling vom Dache fällt. Ich glaube üb⸗ rigens nicht,“ fuhr ſie nach einigem Ueberlegen fort,„daß ohne einen gewichtigen Grund, welcher unſere Verfolger veranlaßte, uns der Freiheit zu berauben, ſie uns auch das Leben nehmen werden. Wäre das ihre Abſicht geweſen, ſo würden ſie es gleich Anfangs gethan haben.“ „Eine Sünde zieht die andere nach ſich,“ ſeufzte Nancy verzweiflungsvoll.„Wer kennt alle Folgen, die der erſte Schritt zum Böſen nach ſich zieht!“ „Ich verzweifle nicht,“ rief die junge Dame feſt, ihre eigene Angſt bezwingend, um den Muth ihrer Freundin neu zu beleben.„Ich ſehe einen Abgrund vor uns; aber ich weiß, daß der Arm der Vorſehung unſern Fall in denſelben verhindern oder aus ſeinen Tiefen uns erretten kann.“ „Dieſe Hinweiſung auf den religiöſen Glauben der Nähterin brachte auch den beabſichtigten Ein⸗ druck hervor; das arme Mädchen trocknete ihre Thränen, indem ſie ſich Vorwürfe machte, daß ſie unnöthiger Weiſe ihre Mitgefangene geängſtigt habe. Sie ahnte freilich nicht, wie lange dieſe ſchon der gleiche Gedanke gequält hatte. In dieſem Augenblicke ließen ſich die ſchweren Schritte Kelf's auf der Treppe hören, der den Ge⸗ fangenen ihr gewohntes Abendeſſen und eine Lampe für die Nacht brachte. Die Freundinnen lauſchten 214 und ſeufzten dann getäuſcht, als ſie erkannten, von wem das Geräuſch herrühre. Das fortwährende Ausbleiben der Frau Bet Amos beunruhigte ſie. Hat man ſie wohl aus dem Hauſe geſchafft? dach⸗ ten ſie, um ihren Gefangenwärter leichter in den Stand zu ſetzen, eine Gewaltthat zu begehen, ohne befürchten zu müſſen, geſtört oder entdeckt zu werden? Der Knabe trat in das Zimmer und ſtellte ein Speiſebrett auf den Tiſch, wobei ſeine Geſichtszüge ganz ungewöhnlich freundlich leuchteten. Er nickte den Gefangenen zu, lächelte und deutete auf die Spei⸗ ſen, indem er ſie dadurch zum Eſſen einlud. „Wir ſind nicht hungerig,“ ſprach Miß Cheerly. „Nicht hungerig!“ wiederholte der Knabe mit einem Blick des Erſtaunens, als ob dieß etwas wäre, was er nicht zu begreifen vermochte;„Jem iſt im⸗ mer hungrig. Gute Ladies ſind krank.“ „Im Herzen,“ erwiderte Emma mit einem Seuf⸗ zer, herzenskrank. Und unfähig, länger die Ge⸗ fühle zu unterdrücken, die ſchon ſo lange ſie gequält hatten, brach das arme Mädchen in Thränen aus und weinte bitterlich am Buſen ihrer Freundin. „Daran ſind nur meine kindiſchen Thränen Schuld,“ rief Nancy im Tone des Vorwurfs gegen ſich.„Verzeihen Sie mir; ich kann jetzt über meine Aengſtlichkeit lachen; es iſt ja nichts zu befürch⸗ ten, ich bin es feſt überzeugt. Wer könnte auch Ihnen etwas zu Leide thun? Ach, ſo lächeln Sie doch wieder!“ Der Anblick der Betrübniß der beiden Mädchen ſchien auf den Blödſinnigen einen tiefen Eindruck 215 zu machen; über ſeine Backen rollten dicke Thränen, die er nicht zu verbergen ſuchte. Er zog das Sack⸗ tuch hervor, welches Kit ihm gegeben hatte, und ſuchte mit unbeholfener Freundlichkeit die Thränen der Miß Cheerly damit abzutrocknen.„Weinen Sie doch nicht,“ ſchluchzte er;„weinen Sie doch nicht! Jem will für Sie beten.“ Plötzlich ſtieß die Nätherin einen Freudenſchrei aus. Sie hatte das Tuch erkannt; unwillkürlich riß ſie es dem Jungen aus der Hand und hielt es gegen das Licht, um die Buchſtaben zu unterſuchen, die ſie in die Ecke eingenäht hatte. „Woher haſt Du dies?“ fragte ſie, kaum ihrer mächtig. Die Aufregung, die ſich in ihrem ganzen We⸗ ſen kund hab, erſchreckte Kelf, der, weil er meinte, daß er etwas Unrechtes, oder was ihr mißfalle, ge⸗ than habe, verwirrt wurde. „Es iſt Kit's Sacktuch,“ flüſterte ſie ihrer Ge⸗ fährtin zu.„Ich könnte darauf ſchwören, wenn ich es unter Tauſenden ſähe. Ich habe es für ihn geſäumt und gezeichnet.“ Zugleich deutete ſie auf die Anfangsbuchſtaben des Namens in der Ecke. „Sie hatten Recht, ganz Recht,“ fuhr das Mädchen fort;„der Himmel wacht über uns und ich bin ein böſes, undankbares Geſchöpf, daß ich an ſeinem Er⸗ barmen zweifeln konnte.“ Es iſt ganz wunderbar, welch hohen Grad von Selbſtbeherrſchung der Menſch zuweilen beſitzt. Die ſo unerwarteter Weiſe ſich darbietende Hoffnung brachte auf Miß Cheerly eine Wirkung der Art hervor. Sie wußte, daß der einzige Weg, eine vernünftige Ant⸗ 216 wort von dem Knaben zu erlangen, darin beſtand, ruhig zu ſcheinen, und deßhalb zwang ſie ſich zu dieſer ſcheinbaren Ruhe, trotz ihrer heftigen Gemüths⸗ bewegung.„Es iſt hübſch, wahrhaftig recht hübſch, Kelf,“ ſprach ſie. Ihre Gefährtin blickte ſie erſtaunt an. „Sie ſind alſo nicht böſe über mich?“ verſetzte der Knabe. Emma reichte ihm die Hand, indem ſie ſich zu einem Lächeln zwang. „Es iſt für Sie. Ich gebe es Ihnen und Nancy!“ rief der arme Menſch im Begriff, vor Freude zu tanzen; dann blickte er beide einen Au⸗ genblick lang an und brach in ein lautes Gelächter aus. Vielleicht war er ſelbſt über den Gedanken erſtaunt, daß er etwas zu verſchenken hatte. „Ich glaube, ich ſollte es nicht annehmen,“ fuhr Miß Cheerly fort. „O ja; mein! ganz mein!“ „Ich fürchte, Du haſt es Deinem Herrn ge⸗ ſtohlen.“ „Nein, nein, guter Gentleman, der das Pferd aufhielt, als es durchging mit mir, gab es mir; hat freundlich mit Jem geſprochen.“ „Wer iſt er?“ fragte Nancy geſpannt. Der Knabe wußte es nicht. „Wirſt Du ihn wieder ſehen?“ Er vermochte es nicht zu ſagen. „Jedenfalls,“ bemerkte Emma, die vollkommen begriff, weßhalb Kit das Tuch weggeſchenkt habe, mußt Du ihm auch etwas geben, wenn Du ihn wie⸗ 217 der ſiehſt; wir müſſen gegen diejenigen ebenfalls aufmerkſam ſein, die es gegen uns ſind.“ Zugleich verlangte ſie von ihrer Gefährtin ein Nadelbüchschen, das der Zimmergeſelle für dieſe gemacht hatte. Das arme Mädchen, obgleich ſie die Abſicht ihrer Freundin vollkommen errieth, gab es doch nur zögernd her, denn es war ihr, als wenn ſie von einem theuren Freunde ſich trennen ſollte. „Gib ihm dieß,“ ſprach Emma, das Büchschen in Jem's Taſche ſteckend;„und gebe der Himmel, ſetzte ſie in Gedanken hinzu, daß das Zeichen nicht zu ſpät kommt.“ Kelf nickte, wie wenn er damit hätte ſagen wol⸗ len, daß er ſie verſtehe. Die Stimme des Capi⸗ täns ließ ſich jetzt auf der Treppe vernehmen, der ihm zurief, herab zu kommen. Der Knabe verließ zitternd das Zimmer und ſchloß, wie ihm befohlen worden war, die Thüre hinter ſich ab. „Was haſt Du da oben zu plaudern gehabt?“ fragte ſein Herr mit zornigem Blick, als der arme Burſche unten an der Treppe ankam. „Nichts. Gute Ladies lehren Jem beten, das iſt Alles.“ „Ich will Dich's auch lehren,“ murmelte Hels⸗ mann, der im Nebenzimmer Alles mit angehört hatte.„Komm mit mir in den Stall.“ Der Knabe gehorchte ohne den mindeſten Wi⸗ derſtand.„Maſter, mich nicht ſchlagen?“ ſagte er. „Nein.“ Kelf blickte ihn zweifelnd an. „Ich ſage dir, nein,“ wiederholte der Capitän, obgleich Du es reichlich verdient hätteſt.„Es gehört 218 aber mehr Verſtand dazu, als du beſitzeſt, um gegen Weiberliſt auf ſeiner Hut zu ſein. Ich kenne nur Einen Weg,“ ſetzte er in Gedanken hinzu. Welchen Weg er damit meinte, mögen ſich unſere Leſer ſelbſt vorſtellen. Als der Capitän in den Stall kam, befahl er dem Blödſinnigen in den Speicher hinauf zu klet⸗ tern, wo er zu ſchlafen pflegte. Nachdem Kelf dieß gethan, verriegelte er die Fallthüre und zog die Lei⸗ ter weg. Kelf war ein Gefangener. „Nun,“ rief der Capitän mit finſterem Lächeln, „mögen ſie Erkennungszeichen mit einander austau⸗ ſchen, wenn ſie können.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Helsman war wegen der Hinderniſſe, auf die er geſtoßen war, in der übelſten Laune aus Frankreich zurückgekehrt. Zum erſten Male in ſeinem Leben hatte ihm ein Plan fehlgeſchlagen, und ſein Aerger darüber war noch durch die Entdeckung der Liſt ver⸗ mehrt worden, welche Graf Lilini und deſſen geſchick⸗ ter Agent, der Oberſt, gegen ihn angewendet hat⸗ ten; denn wie bereits erwähnt, ſo war eine der erſten Nachrichten, die er den Tag nach ſeiner An⸗ kunft in England in den Zeitungen las, die Wider⸗ legung des Gerüchts des Todes von Lord Charles geweſen. Es war jetzt zu ſpät, zurückzukehren, 219 denn die Briefe und das Geſtändniß der Amme waren nicht mehr in ſeinem Beſitz. Frau von Courcie war ſeinen Erpreſſungen glücklich ent⸗ gangen. Ehe er wieder in's Haus trat, ging er eine Zeit lang auf dem Platze vor demſelben auf und ab, indem er über das Complot, das er entdeckt hatte, nachdachte. Es war klar, daß er nicht hof⸗ fen durfte, Miß Cheerly länger im Gewahrſam zu behalten; ihr Freund Kit war ihr auf der Spur, und er hatte genug von deſſen Unternehmungsgeiſte gehört, um überzeugt ſein zu dürfen, daß man die⸗ ſen jungen Mann weder täuſchen noch hinter's Licht führen könne. Eine Freilaſſung der Gefangenen, ehe über die Anſprüche auf Burg⸗Hall gerichtlich entſchieden war, würde ſeinen Freund, den Bankier, zu Grund gerichtet haben, mit deſſen Intereſſen die ſeinigen Hand in Hand gingen, denn die Fälſchung der Quittung über die fünf Tauſend Pfund mußte unvermeidlich an's Tageslicht kommen, wenn nicht Brandon den Sieg davon trug, in welchem Falle dann die Sache vertuſcht werden konnte. Nach reif⸗ licher Erwägung der ganzen Sachlage gelangte er philoſophiſch zu dem Schluß, daß es das ſicherſte ſei, Emma zu beſeitigen und, in nothwendiger Folge dieſes Todes, ihre Freundin Nancy mit ihr. „Es lag nicht in meiner Abſicht,“ murmelte er, „denn ich bin nicht blutdürſtig, und ſie hat mir nie etwas zu Leide gethan. Die Nothwendigkeit drängt mich dazu, deren eiſernem Willen wir uns unter⸗ werfen müſſen. Armes Mädchen! Wenn mich irgend ein menſchliches Geſchöpf dauern könnte, ſo könnte 220 es mir leid thun, daß ſie auf meinem Wege mir in die Quere kam. Nachdem es aber einmal ge⸗ ſchehen iſt, ſo ſind auch die Folgen davon unver⸗ meidlich. Sie mag ihren böſen Stern darum an⸗ klagen, nicht mich; ich bin nur deſſen Inſtrument.“ Als er in ſein Arbeitszimmer getreten war, ſchellte er zweimal um Kaffee. Die Haushälterin, die ſeine Gewohnheiten kannte und es zu vermei⸗ den ſuchte, ihn durch Wartenlaſſen in Harniſch zu bringen, erſchien damit faſt unmittelbar darauf, ſetzte das Getränk ſtillſchweigend auf den Tiſch und hätte wieder das Zimmer verlaſſen, wenn der Ca⸗ pitän ihr nicht zu bleiben befohlen hätte. Die Frau erröthete leicht und erblaßte ſodann. In der Regel wurden nur wenige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt, denn ihr Herr ſprach faſt nie mit ihr, außer wenn er ihr Befehl zu einem neuen Ver⸗ brechen zu ertheilen hatte oder wenn er ſie durch Drohungen einſchüchtern wollte, ſo oft er glaubte, daß er ihre Wachſamkeit anſpornen müſſe oder wenn er Zweifel in ihre Zuverläſſigkeit ſetzte. „Bet,“ ſprach er;„trotz Ihres Eifers— ich will Sie dießmal nicht tadeln— iſt auswärts der Verdacht rege geworden, daß Miß Cheerly hier ver⸗ borgen ſei.“ „Iſt es möglich, Herr?“ „Der blödſinnige Kelf brachte deren Begleiterin ein Zeichen von ihrem Liebhaber, einem naſeweiſen unternehmenden Burſchen, der uns ſchon in London zu ſchaffen gemacht hat.“ * „War es denn nöthig, dieſes Mädchen mitzu⸗ bringen, Herr?“ 221 „Hm! vielleicht nicht unumgänglich nöthig, und wenn ich hätte vorausſehen können— Jedenfalls erleichterte es die Sache. Sie haben die Mädchen in den letzten Tagen nicht geſehen, glaub' ich.“ „Seit Ihrer Rückkehr nicht mehr.“ Capitän Helsman fuhr nach einem kurzen Ueber⸗ legen fort:„Für heute Nacht iſt es zu ſpät,— denn unſer Plan muß in aller Ruhe ausgeführt werden.“ Die Züge der elenden Frau blieben regungs⸗ los; auf ihrem Geſichte gab ſich auch nicht der leich⸗ teſte Ausdruck kund und kein Zucken der Muskeln deutete auf den geheimen Abſcheu vor einer That, auf die ſo klar hingedeutet wurde. Die lange Ge⸗ wohnheit der Selbſtbeherrſchung ſetzte ſie in den Stand, jede Gemüthsbewegung zu unterdrücken. „Sie haben das Fläſchchen noch, das ich Ihnen gab?“ ſetzte er hinzu. Bet zog es aus dem Buſen hervor und hielt es ihm hin.„ „Gut,“ ſprach der Capitän.„Morgen früh kön⸗ nen Sie die Mädchen wieder beſuchen und ihnen ſagen, daß ich das Haus verlaſſen habe. Dieß wird jeden Verdacht entfernen, auch einen genügenden Grund für Sie abgeben, den Thee mit ihnen zu trinken und den Abend in ihrer Geſellſchaft zuzu⸗ keigen Das Uebrige iſt leicht.“ Wohin ſoll man die Leichname aſeu⸗ fragte die Haushälterin in ruhigem Tone⸗. „Ueberlaſſen Sie das mir,“ erwidetie ihr Herr. „Haben Sie die Kalkgrube auf dem Gute vergeſſen? Sind ſie einmal dort begraben, ſo iſt ein Wieder⸗ 222 erkennen nach vierundzwanzig Stunden unmöglich. Haben Sie mich verſtanden?“ „Ja wohl,“ rief die Frau,„nur zu gut. Iſt denn das Verbrechen unvermeidlich?“ fragte ſie in einer plötzlichen Anwandlung von Gewiſſensſcrupeln und Mitleid;„ſie ſind Beide noch ſo jung.“ „Was weiter?“ „So unſchuldig.“ „Sind ſie denn jünger und unſchuldiger als das Kind, das Sie umbrachten 2“ fragte Helsman mit ſcharfer Betonung.„Damals fühlten Sie keine Scrupel und keine Gewiſſensbiſſe. Es iſt etwas mit Ihnén vorgegangen.“ „Finſamkeit und Erinnerung!“ ſeufzte Bet Amos —„die Erinnerung an die Vergangenheit, die mich wie mein Schatten verfolgt, Nachts, wenn ich mich niederlege, die Vorhänge an meinem Bette zuzieht und ſie Morgens, wenn ich von böſen Träumen ermüdet erwache, wieder auseinander ſchlägt! Meine Sünde ſteht immer vor mir.“ „Die Strafe, die Sie erwartet, wenn Sie mir nicht gehorchen,“ bemerkte ihr Zuchtmeiſter barſch, „wird in der Wirklichkeit noch die eingebildeten Schreckniſſe übertreffen.“ Das hilfloſe Werkzeug ſeiner Schlechtigkeit ſtieß einen tiefen Seufzer aus und blieb mit gefalteten Händen unterwürfig vor ihm ſtehen. „Nachdem Sie die gewohnte Poſſe von Heuche⸗ lei und Reue abgeſpielt haben,“ fuhr er fort,„mit der Sie Niemand als ſich ſelbſt täuſchen, frage ich Sie nochmals, ob Sie bereit ſind, meine Befehle auszuführen?“ 223 „Sie wiſſen ja, daß ich ſie ausführen muß.“ „Sehen Sie, daß Sie ſie buchſtäblich aus⸗ führen.“ „Und meine Belohnung?“ rief Bet.„Werden Sie mir dann das Geſtändniß, das Sie meiner Seelenangſt abgerungen haben,— das Geſtändniß, das mein Leben in Ihre Hand legt, zurückgeben?“ „Ich verſprach es Ihnen. Soll ich es Ihnen zuſchwören?“ ſetzte er mit cyniſchem Lächeln hinzu, als ſie ihn ungläubig anblickte. „Nein,“ erwiderte die Frau verzweiflungsvoll. „Die Luſt, das Verbrechen dadurch größer zu machen, könnte Sie veranlaſſen, Ihren Eid zu brechen. Ich will in dem von Ihnen entworfenen Drama meine Rolle übernehmen. Sehen Sie zu, daß Sie Ihr Verſprechen halten.“ Mit dieſen Worten verließ die Haushälterin das Zimmer. Wenn ſie wüßte, dachte Helsman, daß das Pa⸗ pier vernichtet iſt, daß meine Drohungen nichts wei⸗ ter als Luftblaſen ſind, daß ich außer Stande bin, ihr etwas anzuhaben, wie raſch würde ſie umkeh⸗ ren und mir Trotz bieten. Takt! Takt! nichts geht über Takt. Der Verſtand kann ausführen, wozu die gelähmte Hand den Dienſt verſagt Dennoch war er mit der Art und Weiſe ſeines bis jetzt ganz ergebenen Werkzeugs nicht ganz zufrieden und er fragte ſich mehrmals, ob es nicht rathſam ſei, ſo⸗ bald Miß Cheerly und Nancy beſeitigt ſeien, Bet Amos ebenfalls aus dem Wege zu räumen. Es war dieß ein Gedanke, über den er reiflicher nachzudenken ſich vornahm, denn er gehörte unter 224 die Menſchen, die nichts ohne gründliche Erwägung zu thun pflegen. Am folgenden Morgen wurde den Gefangenen zu ihrem großen Bedauern ihr Frühſtück, ſtatt durch Kelf, von der Haushälterin in ihr Zimmer gebracht. Sie fürchteten, daß ſich etwas zugetragen habe, was den Verdacht ihres Gefangenwärters gegen den Knaben rege gemacht, und daß damit die Hoffnung, mit Kit ſich in Verbindung zu ſetzen, zu nichte ge⸗ macht ſei. „Der Herr“— ſie bediente ſich nie einer an⸗ dern Bezeichnung für den Capitän—„iſt für ein paar Täge verreist,“ ſprach ſie in wohl eingelern⸗ ter Rede,„und hat Jem mitgenommen, weßhalb ich ſie bedienen muß.“ Die armen Mädchen gaben ſich alle Mühe, er⸗ freut über dieſen Wechſel zu ſcheinen. „Ich bringe Ihnen hier das Kleid, von dem ich ſprach,“ fuhr ſie fort, auf ein ſeidenes Gewand deu⸗ tend, das ſie über dem Arm hängen hatte.„Es be⸗ darf keiner großen Veränderung. Sie ſind aber vielleicht von vielem Arbeiten ermüdet.“ „Durchaus nicht,“ verſetzte Miß Cheerly.„Die Arbeit zerſtreut uns; fürchten Sie deßhalb ja nicht, uns zu überladen. Ohne Beſchäftigung würde ich Gefahr laufen, wahnſinnig zu werden.“ „Es iſt freilich ſehr einſam hier,“ bemerkte die Frau, ſich umblickend;„auch ich fühle zuweilen Lan⸗ geweile, obgleich ich daran gewöhnt bin. Ich werde Ihnen heute frühzeitig den Thee bringen und ihn mit Ihnen trinken, wenn Sie es erlauben.“ Die Mädchen verſicherten ſie, daß ihre Anweſen⸗ 225 heit für ſie eine Erleichterung ſein werde. Sie wa⸗ ren zu wahrheitsliebend, als daß ſie hätten ſagen mögen, daß es ihnen ein Vergnügen gewähre. Nach dieſer Verabredung ging Bet weg. Viel⸗ leicht fürchtete ſie, durch ihre Gewiſſensbiſſe ſich zu verrathen, welche ſie über das Verbrechen fühlte, deſſen Ausführung ſie übernommen hatte, und die immer heftiger und heftiger wurden, je näher der Augenblick der Ausführung rückte. „Es iſt mir lieb, daß wir den Grund von Kelf's Abweſenheit jetzt wiſſen,“ ſprach Nanchy, als ſie wieder allein waren. Ihre Unglücksgefährtin ſchüttelte zweifelnd den Kopf. „Glauben Sie nicht daran?“ fragte die Näh⸗ terin. „Ich weiß nicht, was ich glauben oder denken ſoll,“ verſetzte Emma verzweifelnd.„Ich ſetze zwar in ihn nicht das mindeſte Mißtrauen, denn er iſt eben ſo ſchlicht als die Andern ränkevoll ſind; aber eine zufällig geſtellte Frage kann möglicher Weiſe zur Entdeckung geführt haben, daß er uns Kit's Sacktuch gebracht hat. Es lag etwas ſo Verſteck⸗ tes in dem Benehmen der Frau, während ſie ihre Theilnahme über die Einſamkeit, zu der wir ver⸗ urtheilt ſind, ausſprach, die mich beunruhigt.“ „Vielleicht reut ſie die ſchlimme Rolle, die ſie dabei übernommen hat,“ meinte ihre Freundin, die im Bewußtſein, daß ihr Liebhaber in der Nähe ſich befinde, ſchnell wieder friſchen Muth gefaßt hatte. „Vielleicht.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 15 226 „Kit wird uns bald ausfindig machen,“ fuhr das Mädchen zuverſichtlich fort;„Sie glauben gar nicht, wie gewandt und beharrlich er iſt. Er hat zuerſt Verdacht gegen Rebecca geſchöpft. Mir wäre das entfernt nie eingefallen. Haben Sie vergeſſen, wie geſchickt er ſie in dem Speiſehauſe ausfindig gemacht hat?“ Von der weit wichtigeren Entdeckung, die ihr Liebhaber in der Perlenhalsbandgeſchichte gemacht hatte, konnte ſie noch nichts wiſſen. „Was nützt es, wenn wir uns eitlen Hoffnun⸗ gen hingeben;“ verſetzte Miß Cheerly, bemüht, ihre Feſtigkeit wieder zu gewinnen.„Zum Glück haben wir Beſchäftigung,“ fügte ſie, auf das Kleid deu⸗ tend, hinzu, das Bet Amos ihnen gebracht hatte, „die den mit düſtern Gedanken beſchäftigten Geiſt vor Wahnſinn und das Herz vor Verzweiflung ſchützt, denn Arbeit iſt Arznei für den Körper wie für den Geiſt.“ Die Nähterin ſetzte ſich neben ſie an den Tiſch und Beide machten ſich eifrig an's Geſchäft, das ſie unverdroſſen bis zum Abend fortſetzten. Gegen fünf Uhr erſchien Bet Amos mit den Zubereitungen zum Thee. In ihrem Benehmen war durchaus nichts Auffallendes; im Gegentheile, ihre Geſichts⸗ zuge ſchienen vollkommen ruhig und ſtarr, wie wenn ſie aus Eiſen geformt wären. „Sie werden wohl ſehr ermüdet ſein,“ bemerkte ſie, während ſie ihren argloſen Opfern behilflich war, den Tiſch aufzuräumen. „Mehr von unſern Gedanken als durch Arbeit,“ verſetzte Nancy;„wir ſind daran gewöhnt.“ 227 „Eine Taſſe guten Thees wird Sie erfriſchen,“ erwiderte die Frau.„Bei mir iſt dieß wenigſtens der Fall. Sie werden gut darauf ſchlafen.“ Ich wollte, ich könnte ſchlafen— ohne zu träumen, fügte ſie in Gedanken hinzu. Mit dieſen Worten ſetzte ſich Bet und fing an den Thee zuzubereiten. Als Miß Cheerly ſich dem Tiſche näherte, warf die Frau raſch einige Stücke Zucker in die beiden Taſſen, um die Tropfen der ſchwarzen Flüſſigkeit aus dem Fläſchchen zu bedecken, welches Capitän Helsman ihr gegeben hatte, und goß etwas Thee darüber. „Wir wollen ihn noch einige Augenblicke ſtehen laſſen,“ ſprach ſie;„er iſt noch nicht ſtark genug.“ Es erfolgte eine Pauſe und das nichtswürdige Geſchöpf fühlte ihr Herz wild ſchlagen, denn je näher der Augenblick kam, in welchem ſie die Be⸗ fehle ihres ſchändlichen Brodherrn ausführen ſollte, fing ihre Selbſtbeherrſchung an ſie zu verlaſſen. „Sie haben wahrſcheinlich,“ bemerkte ſie gegen die arme Nähterin, welche geſchäftig Brod ſchnitt und Butter darauf ſtrich,„dieß früher öfters für Ihre Brüder und Schweſtern gethan.“ „Ich habe weder Brüder, noch Schweſtern.“ „Sie ſind alſo das einzige Kind?“ „Ich glaube ſo.“ „Sie glauben ſo?“ wiederholte Bet.„Kennen Sie denn Ihre Herkunft nicht?“ „Ich habe meine Eltern nie gekannt,“ erwiderte das arme Mädchen, ſich heimlich eine Thräne ab⸗ wiſchend,„das heißt, meine rechten Eltern. Aber ich habe welche, die ich ſo nannte und als ſolche 15 228 liebte. Der Tod hat ſie mir jedoch längſt ge⸗ Dem Himmel ſei Dank! dachte die mit Mord⸗ gedanken erfüllte Frau. Sie hat alſo keine Mutter, die ſie beweinen wird. „Ich habe Ihnen, glaube ich, meine Lebens⸗ geſchichte noch nie erzählt, Miß Cheerly,“ fuhr Nancy fort.„Wenn es Ihnen recht iſt, will ich es jetzt thun; es wird uns als Zeitvertreib dienen.“ „Thun Sie es,“ erwiderte die Frau, ſich auf⸗ raffend.„Ich— ich möchte ſie gern hören.“ Zu⸗ gleich, wie um ihre zunehmende Aufregung zu ver⸗ bergen, rrgriff ſie die Kanne und fing an den Thee einzuſchenken. „Wie ich vermuthe, bin ich in Devonſhire ge⸗ boren,“ ſprach Nancy,„und bis zu meinem zehnten Jahre hielt ich mich für die einzige Tochter eines zwar armen, aber braven und ehrlichen Ehepaars, das in dem Dorfe Catton wohnte.“ Als Bet den Namen dieſes Ortes hörte, er⸗ ſchrack ſie. „Es war ein maleriſch ſchöner Ort und berühmt wegen der Forellen in ſeinem Fluſſe. Im Früh⸗ ling und Sommer kamen viele reiche Herren von London und andern Orten, um hier zu ſiſchen. Mein Vater— denn ſo muß ich ihn wohl nennen — Joſeph Bligh, verdiente ſein Brod damit, daß er ſie bediente.“ „Welchen Namen nannten Sie da?“ fragte Bet. „Joſeph Bligh. Kannten Sie ihn?“ „Ich? meine Liebe! Nein,“ verſetzte die Frau, indem ſie ihr zugleich eine Taſſe Thee reichte. 229 „Der Schluß meiner Geſchichte iſt bald erzählt,“ fuhr Nancy fort, die Taſſe niederſetzend, weil der Thee noch zu heiß war.„Joſeph wurde eines Tags nach Brambly Hall geſchickt, um für den nächſten Tag eine Beſtellung für einen jungen Gentleman zu machen, der jedes Jahr ſich einfand und bei dem alten Oberſten Hardy ſich aufhielt und daſelbſt wohnte. Auf dem Heimwege nach Catton wurde er von einem heftigen Gewitter über⸗ raſcht.“ Hier blickte ſie die Haushälterin ſo auf⸗ merkſam an, daß ſie inne hielt. „Befinden Sie ſich nicht wohl?“ fragte Miß Cheerly.„Sie ſehen ſo blaß und leidend aus.“ „Fahren Sie nur fort,“ murmelte die Frau mit heißerer Stimme„und kehren Sie ſich nicht an mein Ausſehen.“ „Er war ſchon eine halbe Stunde von Brambly Hall entfernt,“ fuhr Nancy fort;„es hätte ihn alſo nichts genützt, wenn er zurückgekehrt- wäre. Dazu kam noch, daß die Nacht ſchon angebrochen war und er fürchtete ſeine Frau zu beunruhigen, wenn er zu lange ausbleibe, und ſo ſuchte er unter der ganz in der Nähe befindlichen Abbot's⸗Brücke Schutz mit dem Entſchluß, ſeinen Weg nach Hauſe fortzuſetzen, ſobald der Sturm vorüber ſei.“ Bet Amos ächzte laut auf. „Achten Sie nicht auf mich,“ ſtöhnte ſie, als ſie bemerkte, daß Miß Cheerly und die Nähterin über ihr Gebahren ſich beunruhigt zeigten,„ſondern fahren Sie in Ihrer Geſchichte fort. Es hängt mehr davon ab, als Sie ſich träumen oder denken können.“ 230 Auf dieſe Aufforderung fuhr Nancy in ihrer Erzählung fort, in Gedanken ſich verwundernd, was die Frau für ein beſonderes Intereſſe daran finden könne. „Während der Sturm tobte und durch die Bäume heulte, hörte der alte Mann plötzlich einen Fall in das Waſſer; es war etwas von der Brücke herabgeworfen worden. Er hätte aber die Sache vielleicht unbeachtet gelaſſen, wenn er nicht zugleich einen ſchwachen Schrei zu vernehmen geglaubt hätte. Nur auf das Gefühl der Menſchlichkeit achtend, ſtürzte er ſich in den Fluß, und nachdem er einige Ellen weit geſchwommen war, entdeckte er einen Gegenſtand, der wie ein Päckchen Leinwand ausſah und vom Waſſer fortgetrieben wurde. Er zog es an's Ufer und fand, daß ſich ein neugebornes Kind darin befand.“ Unterdeſſen hatte ſich der Thee abgekühlt und Nancy ergriff, vom Sprechen ermüdet, die Taſſe, in der Abſicht daraus zu trinken. Miß Cheerty folgte ihrem Beiſpiel. „Noch ein Wort!“ kreiſchte Bet Amos.„War das Kind am Leben?“* „Ja wohl,“ verſetzte die Nähterin,„denn ich bin das Kind.“ Die Giftmiſcherin ſprang auf, riß ihr die Taſſe aus der Hand und ſank dann, von der Anſtrengung erſchöpft, auf den Boden nieder. „Was ſoll das heißen?“ fragte das arme Mäd⸗ chen, einen beſtürzten Blick auf ihre Gefährtin werfend, die bleich und zitternd ihre Taſſe wieder auf den Tiſch geſtellt hatte.„Was habe ich denn gethan?“ 231 „Durch eine geheimnißvolle Reminiscenz, die Sie in der Frau erweckten, haben Sie ein Ver⸗ brechen verhindert, deſſen Opfer wir beinahe Beide geworden wären.“ „Ein Verbrechen!“ ſtammelte Nancy. Bei dem auf ſolche Weiſe wiederholten Worte „Verbrechen“ erhob ſich Bet wieder etwas, klam⸗ merte ſich an das Kleid des erſchrockenen Mädchens und beſchwor ſie, ihr aufrichtig zu ſagen, ob die Geſchichte, die ſie ſo eben erzählt habe, nicht blos eine Erfindung ſei zu ihrer Unterhaltung oder um ihre Wachſamkeit einzuſchläfern. „Weßhalb ſollte ich Ihre Wachſamkeit einzu⸗ ſchläfern ſuchen?“ fragte Nanch. „Es iſt wahr,“ murmelte die verbrecheriſche Frau,„ſie konnte keine Ahnung von meiner Ab⸗ ſicht haben. Gerettet! gerettet!“ ſetzte ſie mit trium⸗ phirendem Tone hinzu,„wenigſtens iſt die Kette zerbrochen, und in Zukunft kann ich ihm Trotz bieten.“ „Wem können Sie trotz bieten?“ „Ihrem und meinem Tyrannen,“ antwortete Bet, indem ſie ihre Stimmée zum Flüſtern herab⸗ ſinken ließ;„dem verbrecheriſchen Eigenthümer dieſes Hauſes. Aber ich werde Sie retten. Zweifeln Sie nicht an meinem Wort und vertrauen Sie mir ohne Furcht. Zum Dank dafür, daß Sie eine Zentner⸗ laſt von meiner Seele genommen und daß Sie mir ein Verbrechen erſpart haben, und weil ich den Capitän Helsman auf's Tiefſte haſſe, will ich Sie aus ſeinen ſchuldbefleckten Händen befreien.“ *———— 232 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Als Kit Corling am folgenden Abend kam, um in ſeine neue Wohnung einzuziehen, erwartete ihn der Sohn ſeiner Hauswirthin an der Biegung der Straße nach Charlton, wo ſie von der Heide von Blackheath abfällt. In der Hoffnung, von dem Knaben etwas Neues zu erfahren, ſprang er von dem Wägelchen herab, in welchem ihn und ſein Gepäck ſein Freund Charley von Woolwich hieher gefahren hatte. „Nun James,“ rief er,„haſt Du etwas aus⸗ gekundſchaftet?“ Der Knabe ſchüttelte den Kopf. „Verwünſchti“ rief der junge Mann verdrießlich. „Es iſt aber nicht Deine Schuld, das weiß ich wohl; denn ich bin überzeugt, daß Du Dein Möglichſtes gethan haſt.“ „Das hab ich auch,“ verſetzte der junge Ver⸗ bündete.„Ich bin den ganzen Tag um das Haus herum geſchlichen wie ein Fuchs oder ein Dieb, ohne aber Kelf zu ſehen zu bekommen. Ich glaube, daß ihn ſein Herr irgend wohin verſchickt hat.“ „Und weßhalb glaubſt Du das?“ „Weil,“ erwiderte der Knabe mit zuverſichtlichem Blick,„während ich hinter dem Heuſchoppen ver⸗ borgen lag, ich ſah, daß der Capitän ſelbſt in den Stall ging und ſein Pferd fütterte, was ſonſt immer Jem's Geſchäft war.“ „Warum ſollte er ihn aber wegſchicken?“ fragte it. 233 „O das können Sie ſich wohl denken!“ erwiderte der Knabe mit einem gewiſſen pfiffigen Lächeln. „Wenn ich es wüßte, ſo würde ich nicht gefragt haben.“ „Vielleicht war es ihm nicht recht, daß Sie Kelf das Sacktuch für die guten Ladies gaben, von denen er immer ſpricht; wohl möglich, daß dieß ihn eiferſüchtig machte. Wenn er ihn nicht wegge⸗ jagt hat,“ ſetzte er, wie von einem neuen Gedanken erfaßt, ernſthaft hinzu,„ſo hat er vielleicht etwas Schlimmeres gethan.“ „Etwas Schlimmeres!“ „Ihn eingeſperrt. Eben fällt mir ein, daß der Capitän einen Korb trug, als er in den Stall ging, unter deſſen Deckel ein Flaſchenhals hervor ſah. Jem ſchläft auf dem Boden über den Pferden und ich war ein rechter Dummkopf, daß ich nicht ſo⸗ gleich daran dachte. Das will ich aber bald heraus⸗ kriegen! Warten Sie nur bis es dunkel iſt, dann wird ſich's bald zeigen.“ „Da iſt nichts Anderes zu machen,“ rief Kit mit einem Seufzer gegen ſeinen Begleiter.„Hätte ich nur den entfernteſten Beweis, daß mein Ver⸗ dacht gegründet iſt, ſo würde ich mich an den näch⸗ ſten beſten Polizeibeamten wenden; ging ich aber geradezu auf das Haus los, ſo würde dieß nur den Capitän, wie James ihn nennt, zu Vorſichts⸗ maßregeln veranlaſſen. Ich muß mich daher zur Geduld bequemen und Wache halten.“ „Da ich über Nacht bleibe und mit Ihnen wachen will,“ erwiderte Charley,„ſo wollen wir das Pferd irgendwo im Dorfe anbinden, dem 234 Wägelchen wird nichts geſchehen und wir können dann morgen in aller Früh nach der Werfte zu⸗ rückfahren.“ Nachdem dieß verabredet war, machte man ſich auf nach dem Hauſe auf den Weg, wo Mrs. Watſon bereits den Thee für ihren neuen Miethsmann be⸗ reitet hatte, der glücklicher Weiſe nicht ahnte, daß in dieſem Augenblicke Miß Cheerly und Nancy mit Bet Amos ihren Thee trinken ſollten, wie im vor⸗ hergehenden Capitel erzählt worden, und bei wel⸗ chem ein furchtbares Verbrechen ſo unerwartet ab⸗ gelenkt wurde. Als es zu dunkeln anfing, gähnte der Knabe mehrmals, reckte die Arme und ſtellte ſich auf ſo natürliche Weiſe ſchläferig, daß nicht nur ſeine Mutter, ſondern auch die jungen Männer dadurch getäuſcht wurden. „Es iſt das Beſte, wenn Du in's Bett gehſt, James,“ bemerkte Erſtere.„Du biſt den ganzen Tag müßig umhergeſchlendert— kamſt ja nicht einmal zum Mittageſſen— und mußt alſo ſehr müde ſein.“ „Durchaus nicht,“ verſetzte der junge Menſch, indem er ſich ſtellte, als wenn er ſich aufraffen wollte. Die Frau betrachtete ihn beſorgt und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Als dieß James ſah, ſprang er plötzlich von ſeinem Stuhle auf, ſchlang ſeine Arme um ihren Nacken und küßte ſie mehr⸗ mals.„Ich habe nichts Schlimmes gethan, Mutter,“ rief er, Zgewiß nicht. Du ſollſt Alles wiſſen. Ich ging nut unſerem neuen Miethsmann entgegen. Wenn ich den ganzen Tag ſpiele, ſo iſt es blos deßhalb, weil ich nichts zu arbeiten habe, und es iſt immer noch beſſer, zu ſpielen, als zu ſtehlen. Ich bin wenigſtens ehrlich,“ ſetzte er ſtolz hinzu. „Davon bin ich überzeugt,“ bemerkte Kit;„mein Wort darauf, es iſt mehr Gutes als Schlimmes in ihm, Mrs. Watſon; aber Müßiggang iſt aller Laſter Anfang, und deßhalb will ich und mein Freund ihm auf der Werfte ein Unterkommen zu verſchaffen ſuchen.“. „Das würde mich ganz glücklich machen,“ rief der Knabe voll Freude;„ich verlange nichts Beſſeres, als nur arbeiten zu dürfen!“ Die Frau lächelte unter ihren Thränen, denn jedes Mutterherz hört gern das Lob ihres Kindes, und verließ dann das Zimmer, um noch ein wei⸗ teres Bett für Charley herzurichten, auf deſſen Uebernachten ſie nicht gerechnet hatte. „Es thut mir leid, daß Du ſo müde biſt,“ be⸗ merkte Kit. Der Knabe ſah ihn an, als wenn er ſich über ſeine Einfalt verwunderte.„Ich bin nicht müde,“ ſprach er. „Alſo ſchläfrig?“ „Auch nicht ſchläfrig; ich ſtellte mich nur ſo, um meine Mutter nicht zu beängſtigen. Sie müſſen ihr nicht ſagen, daß ich nach dem einſamen Hauſe gehe, um nach Kelf zu ſehen. Sie würde es nicht zugeben, denn das Haus iſt verrufen.“ „Und fürchteſt Du Dich nicht?“ „Nicht im Geringſten!“ rief James.„Ich nehme meines Vaters Dolchmeſſer mit, das oben in meiner 236 Stube hängt. Der Capitän kann mich nicht fangen, und wenn er es thäte, ſo fände er es nicht der Mühe werth, mir etwas zu Leid zu thun. Sobald die Mutter glaubt, daß ich eingeſchlafen ſei, kann ich aus dem Fenſter ſchlüpfen und auf demſelben Weg zurückkehren.“ „Ich darf nicht zugeben, daß du ſie hintergehſt,“ bemerkte Kit, deſſen ſtrenger Rechtlichkeitsſinn ſich gegen den Gedanken auflehnte, ſich zum Mitſchul⸗ digen einer Täuſchung zu machen, die ein Kind an einer ſo vortrefflichen Mutter zu begehen beab⸗ ſichtigte. „Sic wird es nicht erfahren,“ bemerkte der Junge. „Aber der Himmel ſieht es,“ verſetzte der junge Mann.„Es iſt daher beſſer, du ſagſt ihr Alles und bitteſt um ihre Erlaubniß. Wir wollen dich begleiten.“ Der Knabe ſchien mit dieſer Beſtimmung nichts weniger als zufrieden, denn er hätte für ſeinen Theil das Fenſter vorgezogen: aber ſeine neuen Freunde hatten einen ſo großen Einfluß auf ihn erlangt, daß er ihren Anordnungen nicht widerſtehen mochte. Als die Frau wieder in's Zimmer kam, theilte ihr Kit ſo viel, als nöthig war, von dem Grunde mit, der ihn veranlaßte, in Charlton ſeinen Wohnſitz aufzuſchlagen, und bat für James um die Erlaubniß, ihn und Charley bei ihrem Unternehmen begleiten zu dürfen, bei dem ſie beabſichtigten, dem Geheimniß der guten Ladies auf die Spur zu kommen, von denen der Blödſinnige immer ſprach.„So erwünſcht mir ſein Mitgehen iſt,“ ſagte er,„denn er kennt * 237 den Ort, während wir völlig fremd ſind, ſo will ich aber doch lieber allein mich auf den Weg machen, als Sie täuſchen. Gefahr kann keine dabei ſein, denn ich verſpreche, daß ich und mein Freund ihn nicht aus dem Geſicht verlieren wollen.“ Die Offenheit und Biederkeit Kit's machten einen ſo guten Eindruck auf Mrs. Watſon, ſo daß ſie, wenn gleich ungern, ihre Einwilligung ertheilte; denn welche Mutter gibt ohne Widerſtreben ihre Zuſtimmung zu etwas, wo ihrem Kinde auch nur ein Schatten von Gefahr droht? Nachdem ſie dem Knaben noch dringend einige Vorſichtsmaßregeln an's Herz gelegt hatte, die er aber nur mit halbem Ohre anhörte, machte ſich die Geſellſchaft auf den eg. Bald gelangten ſie an das Parkhäuschen, wo Miß Cheerly und Nancy den Eigenthümer des ein⸗ ſamen Hauſes auf ſo menſchliche Weiſe vor wei⸗ teren Gewaltthätigkeiten gegen den blödſinnigen Kelf abgehalten hatten. „Hier können wir nicht hinüber,“ ſprach der Führer;„ein wenig weiter unten, wo die Hecke niederer iſt; da ſind wir auch gleich mitten im Gebüſch.“ Der Rath wurde befolgt, denn es war dieſe Vorſicht um ſo nöthiger, als der Mond hell ſchien. Einige Minuten hernäch hatten ſie glücklich die erſte Schwierigkeit überwunden, und ſie näherten ſich durch das dichte Gehölz von Fichten und Immergrün, das ſich bis an die Stallungen hinzog, dem Hauſe, das jenſeits deſſelben lag, und, von der Baum⸗ pflanzung in einem Halbkreis umgeben, durch ſie 238 vor den Oſtwinden geſchützt wurde. Hier müſſen wir die Verbündeten aber auf kurze Zeit verlaſſen und zu dem Capitän und deſſen bußfertiger Helfers⸗ helferin zurückkehren. Es gibt wohl wenige Menſchen, wie verhärtet ſie auch in Verbrechen ſein mögen, in denen ſich nicht zuweilen die Stimme des Gewiſſens vernehmen läßt, und Helsman machte keine Ausnahme von dieſer Regel; denn während Bet Amos ſich in dem Zimmer ſeiner harmloſen Gefangenen befand, um dort, wie er meinte, ſeine gräßlichen Pläne aus⸗ zuführen, ging er in ſeinem Arbeitszimmer mit unſicheren, haſtigen Schritten auf und ab. Zuweilen blieb er ſtehen, um zu lauſchen, und ein dichter Angſtſchweiß trat auf ſeine Stirne. Es lag etwas Unerträgliches in dem todtenähnlichen Schweigen, das im ganzen Hauſe herrſchte; denn Miß Cheerly und Nancy wohnten zu weit entfernt, als daß ihre Stimmen bis zu ihm hätten dringen können. „Hätte ich dieſe furchtbare Nothwendigkeit vor⸗ ausgeſehen,“ murmelte er,„ſo hätte ich den Auf⸗ trag nicht übernommen, ſondern Sir John und Snape die Ausführung ihrer finſtern Pläne über⸗ laſſen. Meine perſönliche Sicherheit iſt jetzt bloß⸗ geſtellt und ich kann nicht mehr zurück; es iſt zu ſpät.“ Wie Viele machen dieſelbe Betrachtung! Das „zu ſpät“ hat ſchon manche Laufbahn des Laſters beſiegelt. Könnte man immer die Folgen eines erſten Schrittes vorausſehen, ſo hätten nur Wenige den Muth, denſelben zu thun. „So jung,“ murmelte er mehrmals vor ſich hin, 239 „und unſchuldig.“ Vielleicht erinnerte ſich der Böſe⸗ wicht in dieſem verhängnißvollen Augenblick ſeiner Schweſtern, der freundlichen Geſpielinnen ſeiner Knabenjahre in demſelben Hauſe, in welchem er jetzt ein gräßliches Verbrechen zu begehen beab⸗ ſichtigte, oder trat die Erinnerung an ſeine Mutter vor ſeine Seele, um ſeine rohe Natur zu beſänf⸗ tigen. Unglücklicherweiſe dauerte aber dieſer Ein⸗ druck nicht lange und ging ſo raſch vorüber, wie der Blitz, welcher zwar den Stahl ſchmilzt, dieſen aber, wenn auch als formloſe Maſſe, doch hart, wie zuvor, läßt. „Es iſt geſchehen,“ rief er plötzlich mit einem tiefen Athemzuge,„und ein Bedauern iſt jetzt eben ſo kindiſch, als unnütz.“ Er hatte nämlich das Geräuſch von Bet's Fall auf den Boden und das Aufſtehen vom Theetiſche gehört. Faſt eine Viertelſtunde lang blieb er lauſchend ſtehen, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, jeden Augenblick in der Erwartung, daß die Frau herab⸗ kommen würde. Er konnte ihr verlängertes Aus⸗ bleiben nicht begreifen. Eben als ſeine Geduld erſchöpft war und er ſich entſchloſſen hatte, ſelbſt ſie im Zimmer des Todes aufzuſuchen, erſchien die Haushälterin mit leichenblaſſem Geſicht und noch von ihren Thränen feuchten Wangen. „Endlich, Bet,“ ſprach er, ſich zum Lächeln zwingend.„Man hätte glauben können, es ſei dieß Ihr erſter Verſuch. Doch, ich vergaß,“ ſetzte er, nichts weniger als befriedigt von dem Blick, den ſie ihm zuwarf, hinzu,„daß es ſich beim erſten Schritt 240 nur um einen kleinen Balg, um ein neugeborenes Kind handelte. Sind Beide todt?“ „Nein,“ antwortete die Frau ruhig.“ „Das Mittel war doch ſtark genug. Ich habe es jelbſt zubereitet.“ „Sie haben es nicht genommen.“ „Nicht genommen!“ wiederholte der Capitän im Lone der Wuth und des Erſtaunens. Alle ſeine früheren Empfindungen von Gewiſſensbiſſen, Un⸗ ſchlüſſigkeit und Bedauern waren bei dieſer Nach⸗ richt verſchwunden.„Haben Sie ein falſches Spiel ſich mit mir erlaubt: mir zu trotzen gewagt? Thörin! Thörin! Sie vergeſſen, daß Sie gänzlich in meiner Gewalt ſind!“ „Es iſt Zeit,“ ſprach Bet mit mehr Muth, als Helsman je zuvor an, ihr wahrgenommen,„dieſen Scherz zu endigen. Zu lange ſchon bin ich deſſen Sklavin geweſen, und Sie haben mich mit eiſerner Ruthe gelenkt. Meine Hand iſt unſchuldig an dem Blute des Kindes meiner jungen Herrin; und das wiſſen Sie; nicht ich bin in Ihrer Hand, ſondern Sie ſind in der meinigen“ „Wahrhaftig,“ murmelte ihr Herr. „Ich beabſichtige nicht, den Vortheil zu miß⸗ brauchen,“ fuhr Bet fort,„aber ich werde auch nicht zugeben, daß zwei junge, harmloſe Mädchen vor meinen Augen ermordet werden. Geben Sie ſie frei. Sie haben mir bei Allem, was ihnen heilig iſt, verſprochen, nie, weder den Ort, wo man ſie gefangen hielt, noch den Namen ihres Kerker⸗ meiſters zu verrathen.“ „Und Sie haben wirklich ſo viele Rückſicht für 241 mich gehabt, Bet?“ rief Helsman, mit Mühe ſeinen Zorn bemeiſternd.„Sie vergeſſen, daß Sie mit mir ällein im Hauſe ſind.“ Die Frau erſchrack. „Und daß die Thüre verſchloſſen iſt,“ ſetzte er hinzu. Sie blickte ihn entſetzt an. „Der Schlüſſel iſt in meiner Hand.“ Fs lag etwas ſo furchtbar Jroniſches in dem Tone, in welchem der Capitän die unglückliche Frau an ihren gänzlich ſchutzloſen Zuſtand erinnerte, der ſie völlig ſeiner Willkür preisgab. „Capitän Helsman!“ brachte ſie mühſam hervor, denn die Angſt hatte ihr faſt gänzlich die Ueber⸗ legung geraubt.„Ich will Alles thun, was Sie verlangen. Ich hatte Unrecht, Ihnen Trotz zu bieten. Gnade! Gnade! Thun Sie mir nichts zu Leid; erinnern Sie ſich, wiè lange und wie geduldig ich Ihre unterwürfige Sklavin geweſen bin.“ Während ſie dieſe Sätze nur abgeriſſen heraus⸗ zubringen vermochte, hatte ſich Bet Amos, die Augen fortwährend auf ihren Herrn gerichtet, nach der Zimmerthüre zurückgezogen. Sie hatte ſie gerade erreicht, als der Böſewicht mit der Behendigkeit und Wildheit eines Wolfs auf ſie zuſprang, ſie mit eiſernem Druck um den Hals faßte und nach dem Sopha zerrte. „Das Kind lebt alſo?“ ſprach er, ſie wild an⸗ ſtierend.„Danke für dieſe Nachricht. Meine Ohren ſind die letzten, denen Sie dieſes anvertrauen werden.“ Licht⸗ und Schattenſeiten. II. 16 242 Der nun folgende Kampf, wie heftig er auch war, verurſachte doch kein Geräuſch, denn Helsman hatte ſein Opfer zu feſt gepackt, ais daß es einen Schrei hätte ausſtoßen können. Allmählig ließ der Widerſtand nach; es erfolgte ein convulſiviſches Zucken der Glieder, auf welchen ein Erguß von Schaum und Blut aus Mund und Naſe folgte. Alles war vorüber. Der Mörder ließ nur allmählig und vorſichtig mit ſeinem Griffe nach, bereit, bei der geringſten Bewegung denſelben zu wiederholen, und erſt, als er völlig überzeugt war, daß die That vollendet ſei, entfernte er ſich möglichſt weit vom Sopha und betrachtete den Leichnam mit jener an Wahnſinn ſtreifenden Empfindung, welche gewöhnlich auf das Begehen eines Verbrechens folgt. Er meinte, ein Geräuſch zu hören, fuhr plötzlich auf und eilte an die Thüre der Treppe, welche in das Gemach der Gefangenen führte. Sie war aber verſchloſſen. „Sicher,“ murmelte er,„Banz ſicher,“ und kehrte dann langſam in das Zimmer zurück, das er ſo eben verlaſſen hatte, um in den Kleidern des Leichnams den Schlüſſel in's obere Stockwerk zu ſuchen. Er fand ſich aber nicht vor. Außer ſich vor Verdruß, zog er in ſeiner Wuth die Toſchen der ermordeten Frau heraus, kehrte ſie um, ſchüttelte au ihren Kleidern und leuchtete auf dem Teppich herum in der Meinung⸗ er könnte ihr während des Kampfes entfallen ſein; aber Alles erfolglos. Bet hatte nämlich, feſt ent⸗ ſchloſſen, die Gefangenen vor einem zweiten Attentat zu ſchüczen, den Schlüſſel verſteckt, ehe ſie zu der Auseinanderſetzung mit ihrem Herrn gekommen war. 243 Die dicke eichene Thüre, das feſte Schloß daran, ſowie überhaupt die Vorſichtsmaßregeln, die er an⸗ gewendet hatte, das Entwiſchen der Opfer ſeiner Schlechtigkeit unmöglich zu mochen, dienten nun zu deren Sicherheit. Der Mörder konnte jetzt nicht zu ihnen gelangen, und in ſeiner Wuth fluchte er der Uebereilung, daß er nicht zuvor ſich des Schlüſſels bemächtigt habe. In ſeinem Bedauern lag aber weder Mitleid mit ſeinem Opfer, noch Reue über ſein Verbrechen. Er kehrte an die Thüre zurück und verſuchte mehrmals vergebens, ſie zu öffnen; ſie widerſtand aber ſeinem ganzen Kraftaufwand. Ohne Beihilfe, das war klar, konnte er nicht hoffen, daß es ihm gelingen werde. Aber wem ſollte er Vertrauen ſchenken? Es war dieß eine ſehr ernſte Frage, namentlich wenn er daran dachte, daß ſein Leben vielleicht von deren Beantwortung abhange. Die gefahrvolle Lage, in der er ſich befand, dämpfte allmählig ſeine Aufregung. Er wurde kälter und die ruhige Ueberlegung ſtellte ſich wieder ein. Sein erſter Gedanke war, ſich der Hilfe des Knaben Kelf zu bedienen; dann fiel ihm aber ein, daß er ſich auf deſſen Stillſchweigen nicht verlaſſen könne, ſelbſt wenn er ſtark genug wäre, ihm be⸗ hilflich ſein zu können; dann verfiel er auf einen ſeiner Pächter, der auf einem entfernten Theil des Gutes in einem Häuschen wohnte, einen ſtarken, entſchloſſenen Menſchen, jedoch von ſehr zweifel⸗ haftem Charakter, Zigeuner Jack genannt— der⸗ ſelbe, vor deſſen Gewaltthätigkeit Kit Corling den Sohn ſeiner neuen Hauswirthin in Schutz genom⸗ men hatte. Es war dieß ein gefährlicher Schritt, 168 244 aber die Noth drängte, und ſo beſchloß der Mörder das Haus zu verlaſſen und dieſen aufzuſuchen. Zuvor wollte er aber Bet's Leichnam bei Seite ſchaffen, den er vorerſt einem Keller anvertraute, der ſelten oder nie benützt wurde und ſich ziemlich weit unter dem Hauſe hin erſtreckte. Wäre die Nacht dunkel geweſen, ſo hätte er ihn ſogleich in die Kalkgrube geworfen, aber der Mond ſchien zu hell und deßhalb wagte er dieß nicht. Nachdem er ſein Vorhaben ausgeführt und die Kellerthüre wieder verſchloſſen hatte, die ganz maſſiv von Eiſen war, begab er ſich in ſein Ankleide⸗ zimmer, um jede Spur ſeines Verbrechens von ſeinen Händen zu entfernen. Sobald dieß geſchehen war, verließ er das Haus, um den Zigeuner Jack auf⸗ zuſuchen. Der arme Kelf war nun ſchon ſeit mehr als vierundzwanzig Stunden Gefangener auf dem Boden über den Ställen. Der Ort erinnerte ihn an die einſame Zelle, in die man ihn ſo oft geſperrt hatte, ſo lange er noch ein Bewohner des Armenhauſes geweſen war, und die Schreckniſſe dieſer Zeit tauchten wieder in ſeiner Erinnerung auf. Er hätte gern geſchrieen, wenn er es gewagt hätte, aber ſein roher Herr hatte ihm mit der grauſamſten Züchtigung ge⸗ droht, wenn er nur einen Ton von ſich zu geben ſich erlaube. In ſeiner Einfalt bildete er ſich ein, dieſer horche fortwährend unten, ob er ſeinen Be⸗ ſehlen nachkomme oder nicht, und ſei jeden Augen⸗ blick bereit, bei der geringſten Uebertretung herauf zu kommen, um ihn zu beſtrafen. Vergebens ſuchte er ſich zu beſchäftigen. Er hatte nichts, als die vier kahlen Wände ſeines Gefängniſſes, die er be⸗ trachten konnte; denn das einzige Fenſter deſſelben war oben im Dache angebracht. Für einen ſo ſchwachen Geiſt, wie den ſeinigen, war dieß eine ſehr harte Prüfung, denn als das Tageslicht zu ſchwinden anfing und die maſſiven eichenen Balken, auf denen das Dach ruhte, phantaſtiſche Schatten auf den Boden warfen, nahm ſeine Angſt zu. Das Zwillicht erſchien ihm noch fürchterlicher, als die Dunkelheit, und er verbarg ſein Geſicht in ſeine Hände, um, wo möglich, den Drang um Beiſtand gegen die eingebildeten Schreckniſſe zu rufen zu unterdrücken. „Jem wird hier ſterben,“ murmelte er mehr⸗ mals vor ſich hin,„Jem wird hier ſterben.“ Plötzlich fiel ihm ein, die Gebete zu wieder⸗ holen, welche die guten Ladies ihn gelehrt hatten und er ſank auf die Kniee, um in gebrochenen Lau⸗ ten ſein unſchuldiges Flehen um Schutz zu der Macht zu ſenden, von deren Exiſtenz er bis vor Kurzem noch ſo wenig gewußt hatte. Während er damit beſchäftigt war, hörte er leiſe ſeinen Namen flüſtern, wie es ſchien aus der Luft über ihm. Kelf erzitterte heftig, denn ſeine Lehre⸗ rinnen hatten ihm von guten Engeln erzählt, die über den Traurigen wachen, und in ſeiner Einfalt meinte er, daß ein ſolcher herabgeſtiegen ſei, um ihn zu tröſten. Es war der Sohn der Hauswirthin Kit's. Seine Gefährten hatten ihm, wiewohl ungern, erlaubt, auf das Dach des Stalles, durch Erklettern einer 246 ſchlanken Ulme, deren rieſige Aeſte ſich über dem⸗ ſelben ausbreiteten, zu ſteigen. „He! Kelf!“ rief der Knabe;„ſieh zu mir her⸗ auf und fürchte Dich nicht. Was knieſt Du denn da unten? Hat Dein Herr Dich eingeſchloſſen? Kennſt Du mich denn nicht? Ich bin's,— Watſon.“ Der Gefangene wagte endlich, die Augen in die Höhe zu richten und erkannte mit einem Freuden⸗ ſchrei den, der mit ihm ſprach. James hatte oft mit ihm auf den Feldern und Gehölzen, die das Haus umgaben, geſpielt und ihn immer liebreich behandelt. „Sprich nicht,“ flüſterte er⸗„Herr iſt unten.“ „Kein Gedanke daran, Jem,“ verſetzte ſein Freund;„ich habe ihn ſo eben das Haus verlaſſen ſehen; er iſt nach dem Stechpalmengebüſch hinunter gegangen, wo wir im Frühjahr das Droſſelneſt aus⸗ genommen haben.“ „Weißt Du es gewiß? ganz gewiß?“ fragte Kelf. „Ganz gewiß; und ſelbſt wenn er hier wäre, ſollte er Dir nichts zu Leide thun. Erinnerſt Du Dich noch des Herrn, der Dir das Sacktuch für die guten Ladies gab, von denen Du immer ſprichſt?“ „Ja, ja; Jem erinnert ſich.“ „Er iſt unten mit einem Freund. Die würden nicht leiden, daß man Dich mißhandelt. Soll ich zu Dir hinunter kommen?“ Der Gefangene willigte zitternd ein, worauf James das Fenſter ſorgfältig bei Seite ſchob, an einem Dachſparren einen Strick befeſtigte, den er mit ſich gebracht hatte, und an dieſem ſich hinunter 247 ließ. Sobald er feſten Boden unter ſich hatte, ſchüt⸗ telte er ſeinem blödſinnigen Freunde die Hand und ſprach in den liebreichſten Worten mit ihm, um ihn zu tröſten und ihm Muth einzuflößen. Er wünſchte, ihn dahin zu bringen, daß er mit ihm den Ort ver⸗ laſſe; aber es dauerte ziemlich lange, ehe er den armen Burſchen nur dahin brachte, daß er auf ſei⸗ nen Vorſchlag hörte, ſo groß war deſſen Furcht vor dem Capitän. „Es iſt blos die Furcht, die Dich abhält, Jem,“ ſprach er.„Weißt Du nicht mehr, wie Dein Herr mir einmal nachlief und mich fangen wollte, als er mich auf ſeinem Grund und Boden ſpielend fand; wie ich ihn dann hinter den Bäumen foppte, und, wenn er mich zu haſchen glaubte, Ferſengeld gab“ Ich blieb nicht ſtehen, wie Du, wenn er Dir ruft, und wartete wie ein Narr, bis er kam, um mich zu ſchlagen. Du kannſt ſo ſchnell laufen wie ich.“ 0 jc murmelte der Blödſinnige unſicher; „Jem kann laufen.“ „So komm alſo fort von hier und laufe jetzt. davon. Du biſt ſtark, arbeiteſt gern und kannſt Dein Brod überall verdienen.“ „Aber die guten Ladies nicht wieder ſehen,“ erwiderte Kelf betrübt. „Was die guten Ladies betrifft,“ verſetzte James, „ſo glaube ich, daß der Capitän ſie umbringen will, und das wird er gewiß, wenn Du hier bleibſt.“ „ Dieſe auf's Gerathewohl geſprochenen Worte machten einen merkwürdigen Eindruck auf Kelf. Seine lichtblauen Augen, die gewöhnlich ſo mild und fanft waren, blitzten voll Feuer und er ballte wüthend ſeine Hände.„Nicht ſo lang ich zi t verſetzte er.„Herr iſt ein böſer Mann. Jem wird ihn vorher umbringen.“ „Er thut es, während Du hier biſt. Komm alſo mit, und hilf uns ſie zu retten.“ Begreiflicher Weiſe hatte James entfernt nicht die Idee davon, daß Nancy und Miß Cheerly ge⸗ gen ihren Willen in dem einſamen Hauſe zurück⸗ gehalten wurden oder daß ihr Leben in Gefahr war. Er ſagte dieß Alles blos, um Kelf zu ver⸗ anlaſſen, mit ihm hinabzuſteigen. Was der Wunſch, der brutalen Tyrannei Helsman's zu entgehen, nicht zuwegebringen konnte, brachte der Gedanke an eine Gewaltthat gegen diejenigen, welche ſo freundlich gegen ihn geweſen waren, zu Stande und beſiegte Jem's ſchüchterne Natur. Er fühlte ſich von einem Muth und einer Thatkraft erfüllt, die man bis jetzt an ihm nicht gekannt hatte, und er hätte in die⸗ ſem Augenblick ſeinem Tyrannen ſich entgegenge⸗ ſtellt, wenn es der Vertheidigung der guten Ladies gegolten hätte. „Ich will mitgehen,“ ſprach „Das iſt recht,“ rief James erfreut;„ich will Dir den Weg zeigen. Doch,“ ſetzte er hinzu,„es iſt, glaube ich, beffer, wenn Du zuhrſt hinaufſteigſt; ich bin an das Klettern beſſer gewöhnt als Du, und will hier bleiben, bis Du auf dem Dache ilt und den Strick unten feſt halten.“ Hätte er geſa daß er damit vorbeugen wolle, daß Kelf andern Sinnes werde⸗ ſo wäre er der Wohrheit näher gekommen. In wenigen Minuten war Kelf durch das Fen⸗ 249 ſter oben geſtiegen und James folgte ihm raſch, worauf er den Strick losknüpfte und auf den Bo⸗ den hinabfallen ließ. „So iſt's recht, Jem,“ flüſterte er;„jetzt gibt es keinen Rückweg mehr.“ Dieſer dachte auch nicht mehr daran, denn es ſchien ihm doch lockender mit ſeinem Kameraden das Freie zu gewinnen, als wieder eine Nacht auf dem Heuboden zuzubringen. Obgleich James noch nicht völlig eine halbe Stunde weg war, ſo erſchien doch Kit und Charley die Zeit, welche verſtrichen war, entſetzlich lang und der Erſtere ſah fortwährend unruhig auf ſeine Uhr. „Wenn er in fünf Minuten nicht da iſt,“ ſprach er,„ſteige ich ſelbſt auf das Dach und ſehe nach ihm. Wenn ihm irgend etwas zugeſtoßen oder Ge walt an ihm verübt worden wäre, ſo würde ich' mir nie verzeihen.“ „Es kann keine Gewalt an ihm verübt wor⸗ den ſein,“ bemerkte ſein Freund.„Wir ſahen ja den Capitän ſelbſt das Haus verlaſſen; auch iſt ihm gewiß nichts zugeſtoßen, denn er kennt den Ort genau und hat den Kopf auf dem rechten Fleck.“ „Er kann durch das Fenſter hinunter gefallen ſein,“ warf Kit ein. „Dann hätten wir ein Gepolter gehört,“ ver⸗ ſetzte Charley;„die Nacht jſt ſo ſtill, daß kein Blatt auf den Bäumen rauſchen kann, ohne daß wir es hören.“ ² Aller Unruhe der Beiden machte die Erſchei⸗ nung Kelf's und des jungen Watſon auf den Zwei⸗ gen der Ulme ein Ende. Der Blödſinnige ſtieg 250 zuerſt herab, denn ſein Begleiter, der der Nachhal⸗ tigkeit ſeines Muthes nicht recht traute, beabſichtigte dadurch, daß er hinter Jem blieb, ſeine Rückkehr in den Stall unmöglich zu machen. So gedrängt und ermuthigt durch die liebreichen Worte der jungen Männer unten, ſtieg Jem herab und befand ſich bald an der Seite der Harrenden. „Hier,“ ſprach ſein Befreier mit ſelbſtzufriede⸗ ner Miene,„hier iſt er wohl und geſund. Er hat mir viel zu ſchaffen gemacht, denn er hat nicht mehr Herz wie eine Taube.“ Jem hörte dieſe Anklage gutmüthig an. „Nun,“ ſprach Kit, als der arme Menſch ſich ein wenig von ſeinem Schrecken erholt hatte,„haſt Du die guten Ladies geſehen, die ſo freundlich ge⸗ gen Dich geweſen ſind?“ Der Junge nickte bejahend. „Und gabſt Du ihnen das hübſche Sacktuch.“ Er nickte abermals. „Und gaben ſie Dir nichts dagegen?“ „O ja,“ erwiderte der Blödſinnige,„aber Sie dürfen mir's nicht nehmen!“ „Ich verſpreche Dir, daß ich dieß nicht thue,“ rief Kit freudig.„Du ſollſt es behalten, Jem; ich verſpreche Dir's heilig, daß Du es behalten darfſt; ich will es nur ſehen.“ Kelf zog zögernd das Nadelbüchschen aus ſeiner Taſche, welches die Gefangenen ihm gegeben hatten. Beim Anblick dieſes wohlbekannten Zeichens ſtieß Nancy's Liebhaber einen lauten Freudenſchrei aus. Er konnte jetzt nicht länger mehr zweifeln— Miß Cheerly und die Nähterin waren die in dem einſamen Hauſe — 251 zurückgehaltenen Perſonen, und er beſchloß, den Ort nicht eher zu verlaſſen, bis er ſie befreit habe. „Ich will ſie herausbekommen,“ rief er,„und müßte ich einen Stein um den ondern an ihrem Gefängniß abtragen. Was mögen ſie durchgemacht haben! Charley, ich war ein Narr, daß ich nicht Ihrem Rathe folgte. Hätten wir ein Dutzend von unſern Mitgeſellen von der Werfte mitgebracht, ſo wäre jeder Widerſtand unmöglich geweſen.“ „Gleichviel,“ erwiderte ſein Gefährte;„wir müſſen jetzt ſehen, wie wir ohne dieſe zurecht kommen. Ich bin noch einmal ſo feſt entſchloſſen, ſeit ich weiß, daß wir eben ſo das Geſetz, wie das Recht, auf unſerer Seite haben. Aber ſind Sie auch ganz ge⸗ wiß, daß kein Irrthum, kein Mißverſtändniß im Spiele iſt?“ „Irrthum! Mißverſtändniß!“ wiederholte Kit. „Habe ich nicht das Nadelbüchschen ſelbſt gemacht? s war mein erſtes Geſchenk für Nanch— würde ſie es ſonſt wohl hergegeben haben? Selbſt wemt es ihr an Brod gefehlt haben würde, hätte ſie dieß nicht gethan.“. „Nicht ſo laut,“ flüſterte James, indem er nach dem Wieſengrund hindeutete, über welchen zwei Männer raſch gegen das Haus zugeſchritten kamen. Einer davon war der Capitän, der Andere der Zigeuner Jack. Beim Anblick ſeines Herrn kehrte Kelf's Furcht zurück und er ſchmiegte ſich feſter an ſeine neuen Freunde. Es war ein glücklicher Umſtand, daß dieſe, beſchützt von dem tiefen Schatten der Bäume, da⸗ 252 ſtanden, welche den Weg einfaßten, ſonſt hätte man ſie im Mondlicht nothwendiger Weiſe ſehen müſſen. „Iſt dieß Dein Herr?“ fragte Kit. „Ja,“ erwiderte Jem zitternd. „Und der Andere?“ „Den kenn' ich nicht.“ „Aber ich kenne ihn,“ bemerkte James;„s iſt der Zigeuner Jack, derſelbe, der mich geſtern auf der Haide durchbläuen wollte, weil ich ihn vexhöhnte.“ Zu was hat ihn wohl Capitän Helsman ge⸗ holt? dachte der Zimmergeſelle, und ſein Herz pochte mächtig, als er dieſe Frage an ſich ſtellte. Wenn er dem Impulſe des Augenblicks hätte fol⸗ gen dürfen, ſo wäre er hervorgeſprungen und hätte geradezu die Freigebung der beiden Mädchen ver⸗ langt, aber ſein Kamerad hielt ihn davon ab. „Denken Sie daran,“ ſprach dieſer,„daß wir unbewaffnet ſind Laſſen Sie ſie daher zuerſt in's Haus hineingehen.“ „Nein, wir ſind nicht unbewaffnet,“ rief der junge Watſon.„Ich habe meines Vaters Dolch⸗ meſſer bei mir;“ und zugleich zog er die Waffe, die er in ſeiner Hoſentaſche trug, hervor und gab ſie Kit, der damit ſicher dießmal aus ſeinem Ver⸗ ſteck herausgetreten wäre und ſeine Anweſenheit ver⸗ rathen hätte, ohne Charley's Geiſtesgegenwart. „Vorſichtig, Kit!“ rief er ihm zu;„wir machen ſie damit nur aufmerkſam und veranlaſſen vielleicht gerade das Unheil, das wir gerne abwenden möch⸗ ten. Warten Sie, bis ſie im Hauſe ſind; es wird wohl mehrere Eingänge geben, und wahrſcheinlich ſind dieſe nicht alle verſchloſſen; jedenfalls kennt ſie — 253 Kelf, und der kann uns an einen führen, durch den wir hineingelangen.“ 8 „Sie haben Recht,“ murmelte der junge Mann mit einem ungeduldigen Seufzer,„ich glaube, Sie haben Recht. Haben Sie Geduld mit mir!“ Sein Freund drückte ihm die Hand und ſie ver⸗ blieben unter dem Schutze der Bäume, bis Capitän Helsman und der Zigeuner Jack im Hauſe waren, worauf ſie ihm, nebſt den beiden Knaben, raſch nachfolgten. 0OE—— 2 10 11 12 13 14 15 16 17 18 0 6 y 8