— — — — — —— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 ₰ von. 3. Cduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und SLeſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für eihchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M 55 P 2 Pf. „ 5„ 5. Auswäptige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Man zer⸗ brach ſich vergebens den Kopf darüber, was wohl die Veranlaſſung ſein mochte, da Sir Mordaunt weder in ſeinem Vermögen zurückgekommen, noch in ſeinem Ehrgeiz gekränkt worden war, und Rie⸗ mand ahnte den wahren Grund, der kein anderer als verſchmähte Liebe war. In ſchon ziemlich vor⸗ gerückten Jahren hatte er zum erſten Male ernſt⸗ lich geliebt und war zurückgewieſen worden, weil das Herz, das er anzubieten hatte, nicht von der Reinheit war, wie es der Gegenſtand ſeiner Wahl in Anſpruch nahm. Die Zeit heitte zwar auch dieſe Wunde, allein zugleich trat ein Freigniß ein, wel⸗ ches ihn der Nothwendigkeit enthob, um eines Nach⸗ folgers willen, der ſeine Titel und Güter erbte, ſeinen Entſchluß, ehelos zu ſterben, zu brechen. Sein einziger Bruder, Oberſt Trach, hatte ſich näm⸗ lich verheirathet und war von ſeiner Frau mit einem Sohne beſchenkt worden. Dieſer Knabe, Harold genannt, verlor beide Eltern, als er kaum fünf Jahre alt geworden war, und kam nun in das Haus ſeines reichen Onkels, der nach ſeinen eigenen Anſichten ihn zu erziehen beſchloß, oder wie deſſen unvermählt gebliebene Schweſter Margaret, einſt eine gefeierte Schönheit, jetzt die Haushälterin ihres Bruders, ſich auszu⸗ drücken pflegte, ihn auf jegliche Weiſe zu verziehen. Dieſe Vorausſagung wäre auch ohne Zweifel in Erfüllung gegangen, wenn dieſer Neffe nicht glücklicher Weiſe ſo ausgezeichnete Naturanlagen gehabt hätte, daß trotz aller Mißgriffe nichts an ihm verdorben werden konnte. Dafür wurde er aber auch ſeinem Onkel ſo lieb und werth⸗ daß Ha⸗ rold's Wille förmlich zum Geſetz in Granstoun⸗ Part wurde. Mit dem Studiren gab er ſich zwar nicht übermäßig viel ab, dafür erhielt er ſich aber einen frohen, heitern Sinn, und wenn auch manche Fehler mit ihm groß gewachſen waren, als er acht⸗ zehn Jahre alt wurde, ſo blieb er dagegen rein von jedem Laſter. Kein Wunder, daß Sir Mor⸗ daunt, ſtolz auf ſeinen Erben, ihn ſo innig, wie der Vater ſeinen einzigen Sohn liebte, und daß der Jüngling ihn für den beſten und liebreichſten Men⸗ ſchen auf der Welt hielt. Was Harold's Aeußeres betraf, ſo konnte man ſein Geſichts wohl hübſch nennen, doch lag deſſen Schönheit mehr im Ausdruck als in der Regel⸗ mäßigkeit der Züge. Seine Stirne war ſchön ge⸗ 5 gewölbt und von dichtem kaſtanienbraunem Haar beſchattet; blaue Augen und fein geſchnittene Lip⸗ pen deuteten auf Feſtigkeit des Charakters; ſie waren aber ſo häufig von einem freundlichen Lä⸗ cheln umſpielt, daß wenige Perſonen die eben be⸗ zeichnete Eigenſchaft bei ihm vorausſetzten. Er war groß für ſein Aſter und ſeine muskulöſen Glieder ließen auf bedeutende phyſiſche Kraft ſchließen. Wie ſchon geſagt, ſo plagte ſich Harold nicht allzu ſehr mit dem Lateiniſchen, Griechiſchen und der Mathematik, welche ihm der ehrwürdige Tho⸗ mas Lucket beibringen ſollte, und nur im Fran⸗ zöſiſchen machte er ſolche Fortſchrittte, daß er dieſe Sprache bald ganz geläufig redete. Am meiſten Vergnügen aber machte es ihm, ein Pferd zu tum⸗ meln und mit Tom, dem Muſter eines engliſchen Groom, über Berg und Thal zu reiten, wobei er zuweilen faſt das Heimkommen vergaß. An einem jener ſchönen Herbſtabende, wie ſie England eigenthümlich ſind, war Harold, wie ge⸗ wöhnlich, mit Tom ausgeritten, und ſchon hatte die locke zum Mittageſſen einmal geläutet, ohne daß der junge Squire nach Hauſe gekommen wäre. Johnſon, der Haushofmeiſter, zögerte abſichtlich mit dem zweiten Läuten, damit es nicht den Anſchein habe, als müſſe der alte Baronet auf ſeinen Neffen warten. Dies war ſchon längſt eine ſtillſchweigende Uebereinkunft. Sir Mordaunt ſtand mit ſeiner Schweſter auf der Terraſſe und gab ſich den An⸗ chein, als ſei es ihm nur darum zu thun, vor Tiſch ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen. „Es muß ſchon ſieben Uhr ſein, Bruder,“ be⸗ merkte Margaret verdrießlich. „Noch nicht.“ „Meine Uhr geht ſelten unrichtig.“ In dieſem Augenblicke ſchlug es in der That ſieben Uhr, und zugleich ſah man aber auch vom äußerſten Ende der Avenue her Harold auf ſeiner wohl dreſſirten Stute Maybud in geſtrecktem Ga⸗ lopp herabjagen, mit Tom hart hinter ihm. Unmittelbar darauf kam der junge Herr mit hochgerötheten Wangen unter der Terraſſe an. Der Baronet lächelte ihm, mit einem Seitenblick auf ſeine Schweſter, zu. Harold verſtand den Wink, warf die Zügel ſeiner Stute Tom zu und ſprang die Treppen hinauf. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, liebe Tante,“ ſprach er,„denn ich fürchte, Sie haben auf mich gewartet.“„ „Ja, beinahe eine Stunde,“ erwiderte die Dame ärgerlich. Bei Tiſch hatte Miß Margaret bei jeder Speiſe etwas auszuſetzen, indem ſie behauptete, das Eſſen ſei durch zu langes Kochen verdorben. „Dießmal ſind Sie aber ſelbſt Schuld daran, Tante,“ endlich Harold mit komiſchem Pathos, „Ja wohl,“ fuhr der junge Mann, mit dem Kopfe nickend, fort;„ich wußte, wie gern Sie den Namen der Familie erfahren hätten, welche ſich drüben auf dem Maierhofe niedergelaſſen hat. Ich ritt alſo hinüber und fragte den Haushofmeiſter. Rathen Sie einmal, wer es iſt.“ 7 „Wahrſcheinlich ein reicher Parvenu.“ „O nein! ſondern ein alter Freund von Ihnen und dem Onkel, denn ich habe Sie oft mit großem Intereſſe von ihm ſprechen hören; General Tre⸗ lawny.“ „Wie! Trelawny! Ned Trelawny!“ rief der Baronet. „Er iſt mit ſeinen Töchtern geſtern Nacht an⸗ gekommen.“ „Wie freut es mich, dieß zu hören,“ ſprach der alte Herr mit aufrichtiger Theilnahme;„das edelſte Herz unter der Sonne; es freut mich ganz aus⸗ nehmend, und dich wahrſcheinch auch, Margaret,“ ſetzte er mit feinem Lächeln hinzu,„obgleich du ihn ausgeſchlagen haſt und er dich beim Worte nahm,“ vervollſtändigte er in Gedanken.„Harold, deine Tante will mit dir anſtoßen.“ Die Aufforderung wurde freundlich angenommen. Ich hege die freundſchaftlichſten Geſinnungen für General Trelawny,“ ſagte Miß Trach,„ſeine Frau war eine weitläufige Verwandte von mir und ſtarb, wie ich glaube, in Indien.“ „Wir wollen morgen früh nach dem Maierhof hinüber reiten,“ ſprach der Baronet;„es drängt mich, meinem Freunde Ned die Hand zu drücken.“ Am andern Tage, unmittelbar nach dem Früh⸗ ſtück, machte ſich Sir Mordaunt mit ſeinem Neffen auf den Weg nach dem Maierhofe. Während ihres Ritts dahin ſei es uns vergönnt, den Leſer in das dortige Beſuchzimmer zu führen und die darin befindlichen Perſonen zu ſchildern. Da war eine Miſtriß Mortimer: die Wittwe eines Oberſten im Dienſte der oſtindiſchen Compa⸗ gnie, welche nach dem Tode ihres Gatten, auf eine kleine Penſion angewieſen, die Stelle einer Geſell⸗ ſchafterin der mutterloſen Töchter des General Tre⸗ lawny angenommen hatte, von denen die älteſte ſo eben das zwanzigſte, die jüngere das ſiebzehnte Jahr angetreten hatte. Es wäre ſchwer geweſen, das Alter der Dame anzugeben; trotz des ſtark aufgelegten Roth war ihr Geſicht nicht mehr ſchön und in ihren Zügen lag etwas Verſchloſſenes. Ein Phyſiognome hätte vielleicht daraus geſchloſſen, daß ſie etwas zu verbergen habe, während ein Philo⸗ ſoph auf heimlichen Kummer gerathen hätte. Sehr jung konnte ſie jedenfalls nicht mehr ſein, denn ſie hatte einen Sohn von zweiundzwanzig Jahren, der durch die Verwendung des General Trelawny eine Officiersſtelle in der Armee erhalten hatte. Dieſen hatte ſie bis zu ihrer Rückkehr nach England nicht mehr geſehen, nachdem er noch in zartem Alter zu ſeiner Erziehung nach England geſchickt worden war. In dieſem Augenblick befand er ſich auf Beſuch auf dem Maierhofe. Albert Mortimer glich ſeiner Mutter, doch waren ſeine Geſichtszüge edler und trugen den Stempel höherer Intelligenz. In ſeinem unſteten Blicke lag aber etwas Unheimliches, was dem aufmerkſamen Beobachter ein gewiſſes Mißtrauen gegen ihn ein⸗ zuflößen geeignet war. Während ſeine Mutter an⸗ ſcheinend in die Columnen der Times vertieft war, machte er der Lady Eugenia, der älteſten Tochter des General Trelawny, eifrigſt den Hof. Die Schönheit dieſer jungen Dame, die in ma⸗ 9 leriſcher Stellung auf einer Chaiſelongue ausge⸗ ſtreckt lag, war ganz eigenthümlicher, man hätte ſagen mögen, halb orientaliſcher Art; namentlich ſprach ſich dieß in dem ſchmachtenden, halb ſchläf⸗ rigen Ausdrucke ihrer großen ſchwarzen Augen aus, aus welchen zuweilen leidenſchaftliche Blitze ſchoſſen. Ihr Kopf war herrlich geformt und ſeine ſchönen Umriſſe noch gehoben durch die Art, wie ſie ihr Haar trug, das in einer einfachen Flechte ihre hohe Stirne umgab, wie es einſt die Paſta in der Rolle der Medea trug; ihr Mund war voll Anmuth, wenn ſie lächelte; wenn ſie aber ernſt war, ſo lag auf ihren Lippen vielleicht ein zu ſarkaſtiſcher Ausdruck. Es war mit Einem Worte einer jener Köpfe, welche jungen Männern Herzklopfen verurſachen und von denen ſie träumen, wenn ſie ſie zu genau betrach⸗ tet haben. Ihr Gewand von indiſchem Kaſchmir verbarg nur theilweiſe die tadelloſen Umriſſe ihrer Geſtalt, und ſie war wirklich hinreißend ſchön, wie ſie, einen Arm auf das Kiſſen geſtützt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen der Unterhaltung ihres Geſellſchafters lauſchte. „Sie haben eine ſonderbare Meinung von un⸗ ſerm Geſchlecht,“ ſprach ſie;„wielleicht reden Sie aber aus Erfahrung?“ „Nein; bloße Theorie.“ „Theorie!“ wiederholte das ſchöne Mädchen. „Schulweisheit, dem pedantiſchen Lehrer abgelauſcht. Miſtreß Mortimer,“ fuhr ſie fort,„haben Sie Ihres Sohnes Worte ſo eben gehört?“ „Ich habe in der„Times“ geleſen, meine Liebe,“ erwiderte dieſe, obgleich ſie nicht ein Wort von 10 dem Geſpräch verloren hatte, aber nicht unnöthiger Weiſe die Unwahrheit ſagen wollte. „Was glauben Sie wohl, daß er zu behaupten ſich erkühnte?“ Die Wittwe zuckte die Achſeln, als wenn ſie erwartete, irgend etwas Kindiſches zu hören. „Daß Frauen ſelten den Mann, den ſie lieben, zum Gatten wählen, ſondern den Mann, von dem ſie geliebt zu ſein wünſchen.“ „Was am Ende, nach meiner Anſicht, auf Eines herauskömmt,“ erwiderte Mrs. Mortimer. „Nicht ſo ganz, Mutter,“ ſprach der junge Mann. „Erlaube mir, meinen Gedanken auf populäre Weiſe auszuſprechen, und du wirſt mir zugeben, daß er richtig iſt. Denke dir, ich hätte geſagt, Frauen wählen ſelten das Kleid, das ihnen am beſten ſteht, ſondern das, welches ſie wünſchen, daß es ihnen am beſten ſtehe.“ „Das iſt Sache des Geſchmacks,“ rief Eugenia. „Eben ſo iſt es mit der Ehe.“ „Nicht immer,“ verſetzte die junge Dame ſar⸗ kaſtiſch. „Recht! ganz recht,“ fuhr der Officier in flüſtern⸗ dem Tone fort;„es gibt Frauen, deren Herzen nur durch den Verſtand gewonnen werden, durch gegenſeitige Sympathien, die ſich in gleicher Har⸗ monie, wie in der Muſik, begegnen; welche das Glück nicht blos da ſuchen, wo Reichthum und Rang zu finden iſt; die ihr Lächeln nur freiwillig ge⸗ währen und nicht verkaufen; welche den wahren Werth eines Mannes, trotz der Schmeicheleien, die ſie umgeben, zu würdigen wiſſen.“ 11 „Ah! Sie widerrufen Ihre Ketzerei,“ bemerkte Miß Trelawny. „Nein,“ erwiderte Albert;„ich gebe blos die Ausnahme meiner Regel zu; Ausnahmen,“ ſetzte er traurig hinzu,„die ich wohl geträumt, aber noch nirgends gefunden habe.“ „Suchen Sie,“ ſagte Eugenia kokett,„ſuchen Sie.“ „Wo?“ Das Wort war zu kühn, um es an⸗ ders, als im leiſeſten Tone zu flüſtern, ſo daß es ſeine Mutter nicht hören konnte. Das ſchöne Mädchen erröthete tief, nicht ſowohl über die Frage, als über den leidenſchaftlichen Blick, der dieſelbe begleitete. Einen Augenblick lang war ſie in ſichtbarer Verlegenheit, aus welcher ſie aber glücklicher Weiſe der Eintritt Goroo's, eines ſchwar⸗ zen Jungen, den der General aus Indien mitge⸗ bracht hatte und Pagendienſt bei den jungen Da⸗ men leiſtete, riß. Der Knabe war nicht älter als zehn Jahre, und war in einen Kaftan von ſchar⸗ lachrothem Tuch, mit Gold eingefaßt, gekleidet und auf dem wolligen Haare ſeines Kopfes ſaß ein Turban von demſelben Stoffe. „Was willſt du, Gorvo?“ fragte Mrs. Morti⸗ mer etwas ungeduldig, ſei es, daß ſie im Leſen der Times nicht geſtört ſein wollte oder aus irgend einem andern Grunde. „Sehen Sie denn nicht,“ erwiderte der Junge mit grinſendem Munde, der von einem Ohr zum andern reichte, und mit bezeichnendem Blick auf den Präſentirteller, den er in der Hand hielt und auf welchem zwei Karten lagen. „Gib ſie mir,“ ſagte Miß Trelawny. 12 „Ja, Mylady.“ Zugleich näherte ſich der Knabe, machte ſeinen Selam und überreichte mit einer ſo wichtigen Miene den Präſentirteller, daß er zu jeder andern Zeit ſeiner jungen Gebieterin ein Lächeln abgenöthigt hätte. Sie las die Namen auf den„ Karten— Sir Mordaunt und Miſter Harold Tracy. „Schade, daß der General ſich ſo unwohl fühlt,“ bemerkte die Wittwe bedächtlich. Ihr Sohn ſchwieg, denn er wünſchte den Eindruck zu ſehen, den die ſo ſlit unterbrochene Unterredung hervorgebracht habe. „Der Baronet iſt ein alter, werther Freund meines Vaters,“ ſagte die junge Dame, ohne den Wink zu beachten, den ihre Geſellſchafterin ihr ge⸗ geben.„Zu Hauſe.“ „Ja, Mylady.“ Mrs. Mortimer runzelte ein wenig, aber auch nur ein wenig die Stirne, indem ſie ihren Shawl ordnete. „Es iſt ſo langweilig auf dem Lande ohne Be⸗ ſuche,“ ſetzte Eugenia hinzu. Albert lächelte. Unmittelbar darauf wurde die Thüre des Beſuchszimmers von dem ſchwarzen Pa⸗ gen mit gewichtiger Miene geöffnet und der Ba⸗ ronet und ſein Neffe angekündigt. Zweites Kapitel. Eugenia ſtand von ihrer Chaiſelongur auf, um„ die Beſuche zu empfangen und ſtellte ihnen Mrs. 13 Mortimer und Albert vor. Der junge Officier ver⸗ beugte ſich und zog ſich, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, in den Hintergrund des Zimmers zurück, um ſich nicht in die Unterhaltung miſchen zu müſſen. Vielleicht geſchah es aus Aerger über die Störung, vielleicht glaubte er aber auch, von hier aus beſſer beobachten zu können. „Wie unglücklich,“ bemerkte die Wittwe,„daß General Trelawny durch ſeinen aiten Feind, die Gicht, in ſein Zimmer gebannt iſt. Er wäre ge⸗ wiß hoch erfreut, Sie zu ſehen.“* „Es wird Papa ſehr freuen, Sie zu ſehen, rief die junge Dame, an den Baronet ſich wen⸗ dend.„Ich habe ihn ſo oft von Ihnen ſprechen hören und ſtets erinnerte er ſich mit großem Ver⸗ gnügen der Zeit ſeiner Jugendfreundſchaft, als er mit Ihnen das Collegium beſuchte. Er hat uns mit Ihrem Namen ſo vertraut gemacht, daß ich Sir Mordaunt Tracy durchaus nicht als einen Fremden empfangen kann, ſondern als einen alten, werthen Freund.“ Dieſe Worte wurden mit ſo anmuthiger Würde und von einem Lächeln begleitet geſprochen, daß der Onkel völlig bezaubert, die ihm dargereichte Hand küßte, während Harold's Herz davon mit Wonne erfüllt wurde. Als Neuling in der Welt war dieſem noch nie eine ſo bezaubernde Erſchei⸗ nung vorgekommen. Unter Erröthen ſtammelte er endlich einige Worte, welches Vergnügen es ibm gewähre, die Bekanntſchaft der Tochter von Sir Mordaunt's altem Freunde zu machen, worauf er ſich, weil er nichts weiter mehr zu ſagen wußte, 14 auf einem Stuhle niederließ. Mrs. Mortimer, ob⸗ gleich innerlich geärgert, daß ihr Schützling ihre Abſicht errathen und durchkreuzt hatte, vermochte doch ein Lächeln über Harold's Verlegenheit nicht zu unterdrücken, als ſie in Gedanken einen Vergleich mit den vollendeten Manieren und der Gewandtheit ihres Sohnes anſtellte, obgleich dieſer gar nicht lächelte. So jung er war, ſo beſaß er doch mehr Menſchenkenntniß, als ſeine Mutter; denn er hatte ſie zu ſeinem Studium gemacht. Goroo, der noch immer grinſend und ſich verbeugend unter der Thüre ſtand, wurde von ſeiner jungen Gebieterin zu ihrem Vater geſchickt, um dieſen von des Baronets An⸗ weſenheit zu unterrichten und erſchien ſogleich wie⸗ der mit der Einladung an Letztern, ihm in das Gemach des Generals zu folgen. Harold blieb im Salon zurück und zwar nicht in der behaglichſten Lage, da er wohl fühlte, mit welch' prüfenden Blicken er von den Anweſenden gemuſtert wurde. Miß Trelawny fühlte das Unan⸗ genehme dieſer Situation und da ihr Harold nichts weniger als der Unaufmerkſamkeit unwerth ſchien, weil ihr ſowohl ſeine Perſönlichkeit, als auch ſeine Ausſicht auf die Erbſchaft der Baronin gefielen, ſo ſuchte ſie ihn mit jenem Takt, der den meiſten Töch⸗ tern Cva's eigen iſt, in eine Converſation zu ver⸗ flechten. Unglücklicherweiſe wußte aber Harold nichts vom Modeton, war ſeit ſeiner Kindheit nicht in London geweſen, hatte niemals einem Ball, ſelbſt nur auf dem Lande angewohnt und hatte eine ſo beſcheidene Meinung von ſeiner Kenntniß der Muſik, daß er kaum mehr als ſeine Vorliebe dafür zu be⸗ 15 kennen und weder von Poeſie noch Romantik zu ſprechen wagte. Dadurch entſtand eine Pauſe, ſo daß der junge Offizier es für gerathen hielt, ſich in die Unterhaltung zu miſchen. „Mr. Tracy,“ ſprach er,„iſt wahrſcheinlich ein Philoſoph und verachtet die Frivolitäten und Luſt⸗ barkeiten der Welt.“ Mit Einem Male verließen Harold ſeine Schüch⸗ ternheit und ſein ängſtliches Weſen; die Stimme von Einem ſeines Geſchlechts gab ihm ſeine Faſſung wieder; ſie tönte wie eine Ausforderung in ſein Ohr.„Ich habe nicht den mindeſten Anſpruch auf einen ſo lächerlichen Titel,“ erwiderte er.„Ein Philoſoph von achtzehn Jahren wäre noch abge⸗ ſchmackter, als ein Cyniker von zweiundzwanzig. Der Pfeil war abſichtslos abgeſchoſſen worden, aber er traf ſein Ziel, denn Albert zählte gerade zweiundzwanzig Jahre. Eugenia lächelte auf ſo bos⸗ hafte Weiſe, die zehnmal ärger iſt, als die ausge⸗ laſſenſte Heiterkeit. Miſtreß Mortimer fühlte ſich ſehr unangenehm berührt. Ihr Sohn, was immer ſeine Empfindung dabei geweſen, war zu ſehr Weltmann, um das, was in ſeinem Innern vorging, zu zeigen und begnügte ſich, in unbefangenem Tone, der jeden Verdacht entfernte, zu bemerken:„Wiſſen Sie auch, Mr. Tracy, daß Sie ſo eben ein Cpigramm gemacht haben? Ich bin gerade in dem Alter, von dem Sie ſprachen.“ „Aber gewiß kein Cyniker,“ bemerkte Harold. „Ich hoffe, nein.“ Von dieſem Augenblicke an nahm Harold mit weniger Verlegenheit Theil an der Unterhaltung. 16 Wenn er auch ein paar Mal in's Stocken gerieth, ſo gab ihm Albert durch eine wohlangebrachte Be⸗ merkung Gelegenheit, ſich wieder zu ſammeln und lange bevor Sir Mordaunt in den Salon zurückkam, war bei ſeinem Neffen der erſte Eindruck der Be⸗ fangenheit verſchwunden. „Sie haben meinen Vater wohl ſehr verändert gefunden?“ fragte Eugenia den Baronet mit einem Seufzer. „Es ſind jetzt fünfundzwanzig Jahre her, ſeit wir uns das letzte Mal ſahen,“ bemerkte der alte Herr;„mehr als des Lebens Sommer,“ ſetzte er ernſthaft hinzu,„aber mein Freund hält ſich wacker und hat die freundlichſte und liebevollſte Pflegerin.“ Eine leichte Wolke des Mißmuths flog über die Stirne des ſchönen Mädchens, ſo leicht und ſo ſchnell, daß Niemand ſie bemerkte— als Albert. „Meine Schweſter Bella,“ erwiderte ſie. „An der heute die Reihe der Pflegerin iſt,“ ſetzte der Offizier raſch hinzu, obgleich er von der Unwahrheit überzeugt war, denn Bella hatte den General von Anfang ſeines Unwohlſeins an täglich gepflegt und ſeitdem kaum ſein Zimmer verlaſſen, „Morgen,“ ſagte Sir Mordaunt, zum Fort⸗ gehen aufſtehend,„werde ich mir erlauben, Sie mit meiner Schweſter Miß Trachy bekannt zu machen; und ſobald der unglückliche Anfall von Gicht vorüber iſt, hoffe ich meinen alten Freund mit ſeinen liebens⸗ würdigen Töchtern auf längeren Beſuch in Grans⸗ tounpark zu ſehen.“ Eugenia reichte dem Baronet die Hand, der dieſe mit einer Galanterie küßte, wie ſie in den 17 jetzigen Tagen faſt vergeſſen zu ſein ſcheint. Wie ſehr beneidete ihn Harold um dieſes Vorrecht des Alters, als dieſelbe ſchöne Hand einen Augenblick lang in der ſeinigen ruhte. „Gefährlich!“ murmelte Albert vor ſich hin, als Harold das Zimmer verließ. Dieſes Wort bezog ſich aber nicht auf ſeine Liebe, denn er hatte nie ein ſo edles Gefühl gekannt, ſondern auf ſeine Pläne, welche, wie wir kaum unſere Leſer zu ver⸗ ſichern nöthig haben werden, auf die Hand ber älteſten Tochter des reichen Generals Trelawny ge⸗ richtet waren;— nach ihrem Herzen fragte er dabei nicht viel. Der Baronet und ſein Neffe ritten längere Zeit, jeder mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, ſtill⸗ ſchweigend neben einander her; der alte Mann dachte dabei an vergangene Tage, die das Wieder⸗ ſehen ſeines Jugendfreundes ſo lebhaft in ihm her⸗ aufbeſchworen hatten. Plötzlich zog er die Zügel ſeines Pferdes an und, ſeinen Begleiter ſirirend, ſagte er:„Haſt du den Gebrauch der Sprache ver⸗ loren?“ „Entſchuldigen Sie tauſendmal, theuerſter Onkel,“ erwiderte Harold, ous ſeinem Nachſinnen erwachend, „aber ich träumte.“ „Von was?“ Der junge Mann erröthete tief. Wie kann mich das überraſchen? dachte der Onkel. Das iſt der Lauf der Welt. Alter wie Jugend haben ihre Träume. Der Schatten von Mißmuth, welcher ſo raſch über die Stirne der ſtolzen und ſchönen Eugenia 2 18 geflogen war, als Sir Mordaunt Tracy mit ſo großer Bewunderung von ihrer Schweſter aufmerk⸗ ſamer und ſorgfältiger Pflege ihres Vaters geſpro⸗ chen hatte, entſprang aus Eiferſucht, deren Keime ſchon als Kind in ihre Bruſt gelegt worden waren, mit ihr aufwuchſen und mit den Jahren zunahmen. Dieſe traurige Empfindung war nicht die Folge von Bella's Schönheit oder höherer Intelligenz, denn in beiden hielt ſie ſich für überlegen, ſondern ſie war durch die augenſcheinliche Vorliebe entſtan⸗ den, welche der General für ſeine jüngere Tochter an den Tag legte, die er mit einer ſo ausneh⸗ menden Zärtlichkeit liebte, wie ſie ſich ſelten kund gibt, wenn man die Liebe theilt. Gegen ſeine ältere Tochter war er zwar immer freundlich und nach⸗ ſichtig, auch machte er keinen Unterſchied in den Geſchenken oder den Luxusgegenſtänden, mit denen ſeine Kinder zu umgeben ſein Stolz war; der Unter⸗ ſchied lag in ſeinem Herzen und verrieth ſich nur zu oft durch Worte, Blicke und Lächeln. Bella litt unter dieſem Vorzug ebenſo ſehr, wie ihre Schweſter, die ſie zärtlich liebte und ſie wandte tauſenderlei unſchuldige Künſte an, um es zu verbergen; es war dieß die einzige Wolke in dem Sonnenſcheine ihres Lebens und oft weinte ſie bittere Thränen, wenn Eugenia's kalter Blick ihre aufgeregten Em⸗ pfindungen verrieth, eine Aufregung, welche Mrs. Mortimer zum Verfolgen ihrer ſelbſtfüchtigen Ab⸗ ſichten noch zu ſteigern ſuchte. Harold war mehrere Tage hintereinander zum Beſuch auf dem Maierhof geweſen, ohne Bella zu erblicken, die er zum erſten Mal im Salon an dem 19 Worgen ſah, an welchem General Trelawny ſein Zimmer verließ. Ihre Erſcheinung machte ſo gut wie keinen Eindruck auf ihn; ſeine Gedanken waren zu ſehr mit ihrer Schweſter beſchäftigt. Wir ſagen ausdrücklich ſeine Gedanken, denn um mehr han⸗ delte es ſich bis jetzt nicht. Er bemerkte, daß ſie ein hübſches Mädchen ſei, lobte die Einfachheit ihrer Kleidung und die ungezwungene Weiſe, mit der ſie ihn empfing, und eine Minute hernach hatte er ſelbſt ihre Anweſenheit vergeſſen. Der Tölpel! dachte ihr Vater, ein ſchöner alter änn mit militäriſchem Aeußern von etwa ſechzig Jahren, der aber noch immer am Krückenſtock zu gehen genöthigt war, da die Gicht ihn noch nicht völlig verlaſſen hatte. Er täuſchte ſich aber in dem jungen Manne, denn Harold war nur ohne Welt⸗ erfahrung, aber nichts weniger als unbeholfen. Bella's Schönheit trug den Stempel des ächt lich, bezaubernd lieblich. Ihr ſeidenes Haar war von dem ſchönſten Kaſtanienbraun und ihre tief⸗ blauen Augen gehörten zu denen, welche Dichter in hätte nicht die entfernteſte Aehnlichkeit, weder im eußern, noch im Charakter, zwiſchen beiden Schwe⸗ ſtern entdecken können. Eugenia war voll Leben und Zauber und ſchien Bewunderung zu befehlen; ella war ſchüchtern und ſchien dieß vermeiden zu wollen. 20 „Ich ſagte ja, daß wir den Jungen auf dem Maierhofe finden werden, rief Sir Mordaunt, als er mit Miß Tracy am Arme erſchien.„Seit Sie in der Nachbarſchaft wohnen,“ ſetzte er, ſeinem al⸗ ten Freunde die Hand ſchüttelnd, hinzu,„kriegen wir den Burſchen kaum mehr zu Geſicht.“ Harold gab ſich alle Mühe, ſeine Verlegenheit zu verber⸗ gen.„Wie ich ſehe, ſo hat die Gicht Sie ver⸗ laſſen.“ Der General warf einen Blick auf ſeinen Krückenſtock. „Nun, das Uebrige wird ſich bald geben,“ fuhr der Baronet fort;„eine kleine Luftveränderung wird vollends Alles gut machen. Sie und Ihre Töchter müſſen uns beſuchen und wenigſtens eine Woche bei uns in Granstoun zubringen. Mrs. Mortimer und ihr Sohn wird uns die Ehre erzei⸗ gen, Sie zu begleiten. Harold drängt es, den jungen Damen ſeine Pferde, ſeine Hunde und was ihm ſonſt lieb iſt, zu zeigen, und meine Schweſter und mich verlangt es, von alten Zeiten mit Ihnen zu plaudern.“ Die Einladung wurde in ſo herzlichem Tone ausgeſprochen, daß ſie keine abſchlägige Antwort zuließ, und es wurde verabredet, daß die Familie in drei Tagen in Granstoun⸗Park eintreffen ſolle⸗ „Sie ſollen Maybud haben,“ bemerkte Harold gegen Eugenia, deren Augen im Vorgenuß des Vergnügens funkelten, das ſie bei den gemeinſchaft⸗ lichen Spazierritten und den köſtlichen Stunden, die ſie zuſammen zubringen würden, erwartete⸗ „Ihre Schweſter,“ ſetzte er, an Bella ſich wendend⸗ — hinzu,„wird mir erlauben, ihr Gnatly anzubieten, ein ruhiges, ſanftes Thier, das man mit einem ſeidenen Fädchen lenken kann.“ „Ich bin nur eine ſchüchterne Reiterin,“ ermi⸗ derte das ſchöne Mädchen;„Eugenia iſt mir in dieſer Kunſt, ſowie in jeder andern, weit überlegen,“ bemerkte ſie mit ungezwungenem Lächeln. Die ſtolze Schöne ſchlang ihren Arm um den Leib der Schweſter. Sie beſaß einen künſtleriſchen Geſchmack für Contraſte, und ſo ſtanden ſie einige Minuten lang in liebevoller Umarmung. Harold geſtand ſich, noch nie eine ſo außerordentlich ſchöne Gruppe, weder in der Plaſtik, noch gemalt geſehen zu haben, obgleich ſein Onkel ausgezeichnete Ge⸗ mälde beſaß. „Dieſe Bekanntſchaft mit den Tracy's iſt ſehr fatal,“ bemerkte Mrs. Mortimer gegen ihren Sohn, als ſie am Abend dieſes Tages mit dieſem allein war. „Warum?“ fragte der junge Mann gelaſſen. „Der Neffe iſt von Miß Eugenia bezaubert.“ „Bezaubert?“ wiederholte Albert langſam.„Ich e Sie haben recht, aber Bezauberung iſt keine iebe.“ „Es iſt aber der erſte Schritt dazu,“ ſetzte ſeine Mutter hinzu.&. „Nicht immer,“ lautete die Antwort.„Von dieſem Beſuche, der Sie ſo beſorgt macht, erwarte ich die glücklichſten Reſultate. Harold wird bald die große Ueberlegenheit des Herzens und Geiſtes Bella's gewahr werden; der bloße Zauher der Schönheit wird ſeine Gewalt verlieren, die Eifer⸗ 22 ſucht Eugenia's wird erwachen und mein Sieg iſt dann geſichert. Es iſt ein hartes Opfer“ ſetzte er hinzu,„aber die Armuth iſt unerbittlich. Ich hätte allerdings Bella tauſendmal ihrer Schweſter vorge⸗ zogen, aber ich fand bald, daß ich bei ihr gar keine Ausſicht hätte. Nur Thoren wagen das Unmög⸗ liche, verſtändige Menſchen begnügen ſich damit, Schwierigkeiten zu überwinden. Gute Nacht!“ Er hat Recht, dachte die Wittwe, nur bei Eu⸗ genia hat er Ausſichten. Nach der Verabredung traf die Familie Trela⸗ wny in Granstoun⸗Park ein, wo Alles auf das Bequemſte und Zierlichſte für ſie zubereitet war. Der erſte Abend, der gemeinſchaftlich in dem alt⸗ modiſchen Salon zugebracht wurde, verfloß für Alle auf die heiterſte Weiſe, mit Ausnahme der Miß Mortimer und ihres Sohnes, die mehr beobachteten, als ſprachen, um ihr Intereſſe keinen Augenblick aus den Augen zu laſſen. Harold durfte ſich nicht ausſchließlich Eugenia widmen, da die Höflichkeit verlangte, daß er Bella als Gaſt ſeines Onkels nicht vernachläſſigte. Seine Aufmerkſamkeit wurde von dieſer ſo ruhig hingenommen und war ſo entfernt von jeder Oſtentation, daß ſelbſt ihre Schweſter keine Eiferſucht fühlte. „Schlagen Sie vor, man ſoll muſiciren,“ flüſterte Albert ſeiner Mutter zu. Dieſe ließ den Wink nicht unbemerkt vorübergehen und lenkte gewandt die Unterhaltung auf dieſen Gegenſtand. „Ich weiß nicht recht, was ich ſingen ſoll,“ ſagte die ältere Schweſter, indem ſie die Finger über das Piano hingleiten ließ. ——— MNM ————— 23 Die Unterhaltung hörte auf und Miß Trelawny begann nach einem kurzen Präludium die Arie aus dem vierten Akt von„Robert der Teufel“!„Robert, obert, mein Geliebter,“ die ſie mit eben ſo viel Fertigkeit als Ausdruck vortrug, ſo daß ihre Zu⸗ hörer ganz entzückt davon waren. Miß Tracy ſagte: es ſei ſchön, ſehr ſchön geweſen, aber in ihrer Ju⸗ gend hätten junge Damen ganz anders geſungen. Harold ſprach nichts, ſein Dank lag in ſeinen Blicken. Höchlichſt zufrieden mit ihrem Triumph drang Eugenia in ihre Schweſter, ihren Platz am Piano einzunehmen. Vergebens weigerte ſich die arme Bella. „Du weißt ja, daß ich ſelten ſinge„ ſprach ſie unter tiefem Erröthen.„Ich beſitze weder dein Talent, noch deine Fertigkeit.“ „Sing nur, meine Liebe,“ flüſterte ihr der Ge⸗ neral zu. Jeder Wunſch ihres Vaters war für Bella ein Befehl, und ohne weitern Einwand ließ ſie ſich von darold an das Inſtrument führen. Sie wählte eine einfache Ballade, welche herrlich für ihre Stimmlage, einen tiefen, kräftigen Contre⸗Alt, paßte. Unter dem Vortrage wuchs der Muth des ſchüͤch⸗ ternen Mädchens. In dem Gedichte ſprachen ſich die Wünſche eines ſtillen, beſcheidenen Herzens aus, das ſich in niedriger Hütte bei Zufriedenheit an der Seite eines Weſens, von dem man verſtanden wird, glücklicher fühlt, als im ſtolzen Palaſte, in welchem Convenienz zwei Menſchen beiſammen hält. Worte, wie Muſik, machten auf Harold einen tiefen Eindruck und man ſah ihm an, daß ſie ſeine 24 Gedanken beſchäftigen. Eugenia bemerkte dieß und beſchloß, ihn dafür zu beſtrafen, daß er, wie ſie meinte, eine Anſpielung darin zu finden wagte. Sie ließ ſich daher auffallend von Albert Mortimer den Hof machen, und der Erfolg war richtig der, wie ihn dieſer zuvor ſchlau berechnet hatte. Wäh⸗ rend die capriciöſe Schöne alle Künſte der Koketterie anwandte, um Harold's Eiferſucht zu erwecken, dankte dieſer in den aufrichtigſten Worten ihrer Sber für das Vergnügen, das ſie ihm bereitet habe. „Sie ſind ſehr nachſichtig,“ ſagte das liebliche Kind ungeziert.„Mein Geſang war nicht weiter, als eine einfache Ballade und eigentlich nur gut genug, um im Familienkreiſe vorgetragen zu werden.“ „In einer Hütte, in der Sie hauſen, muß es ſich ſehr gemüthlich leben laſſen,“ bemerkte Sir Mordaunt⸗Tracy, der ihre Antwort überhört hatte, in verbindlichem Tone. Bella, die an ſolche Auf⸗ merkſamkeit nicht gewöhnt war, fühlte ſich faſt beſchämt. Als Eugenia am nächſten Morgen an ihr Ver⸗ ſprechen eines Spazierritts erinnert wurde, lehnte ſie anfangs ab, änderte jedoch im letzten Augenblic noch ihren Sinn und ließ dann zuletzt die Geſell⸗ ſchaft eine Stunde lang warten, bis ſie mit ihrer Toilette im Reinen war. Während des Ritts nahn ihre üble Laune immer mehr zu; ſie antwortete nur mit kurzen Worten, wenn Harold und ihre Schweſter ſie auf irgend einen ſchönen Punkt der Gegend aufmerkſam machten. Ihr Lächeln und ihre Unterhaltung ſparte ſie ausſchließlich für Albert te re er re ert 25 Mortimer, der an ihrer Seite ſich befand. Der arme Harold war zu unerfahren, um zu bemerken, daß ihr Benehmen erzwungen war. Bei ſeinem offenen und argloſen Charakter vermochte er nicht an ein unfreundliches oder capriciöſes Weſen bei einem Andern zu glauben. Das ſtolze Mädchen bemerkte ſeine Unruhe und ſchmeichelte ſich, daß ſein Herz dabei im Spiele ſei. Sie hoffte auf dieſe Weiſe die Kette feſter zu ſchmieden und dachte ent⸗ fernt nicht daran, daß ſie ſie damit auf immer zer⸗ reiße. Harold, der ſich dadurch gezwungen ſah, Bella beſtändig zur Seite zu bleiben, gewann immer mehr Intereſſe an ihrer Unterhaltung und hald wurde es ihm klar, daß ihre Geſchmacksrichtung, ihre Ge⸗ danken und Gefühle mit den ſeinigen übereinſtimm⸗ ten, und noch vor Rückkunft in die Halle hatte er ſich von ſeinem Erſtaunen und ſeinem Kummer faſt vollſtändig erholt. Beim nächſten Spazierritte nahm Harold von ſelbſt ſeinen Platz an Bella's Seite ein. Die gedankenloſe Kokette ahnte entfernt nicht die Folgen ihres Benehmens. Jedes Wort, das ihre Schweſter oder Harold ſprachen, begleitete Al⸗ bert Mortimer mit einer bittern Bemerkung und weckte dadurch ihre Eiferſucht dergeſtalt, daß ſie darüber ihre ganze Beſonnenheit verlor. „Ich bin ſehr unglücklich,“ rief ſie auf einem paziergang, den ſie am Morgen des letzten Tages, welchen ſie in Granstoun⸗Park zubringen ſollte, mit dem berechnenden Verführer machte.„Bella und mein Vater haſſen mich beide.“ Ihr Begleiter hörte ſie ſchweigend an und heuch⸗ leriſche Thränen füllten ſeine Augen. Eugenia 26 fühlte ſich von dieſer Theilnahme geſchmeichelt. „Ich will froh ſein, wenn ich dieſes Haus verlaſſen darf,“ fuhr ſie fort; ich haſſe die ganze Gegend, aber ich bin gefeſſelt! gefeſſelt! und muß mein grau⸗ ſames Geſchick ertragen.“ Jetzt iſt es Zeit, mit der Sprache herauszurücken, dachte Albert, der ſeine Erklärung damit einleitete, daß er bezweifelte, ob ein Mann zu finden ſei, der eines Herzens, wie das ihrige, werth wäre. Als Beweis ſeiner Uneigennützigkeit ſprach er ſein Be⸗ dauern darüber aus, daß er keinen Titel und Ver⸗ mögen ihr zu Füßen zu legen habe, und ſchloß mit einem Anerbieten ſeiner Hand.„Entfliehen Sie mit mir!“ rief er aus,„an einen Ort, wo Liebe und Glück unſer warten. Verlaſſen Sie die kalten, ſelbſtſüchtigen Weſen, die Ihren Werth nicht zu würdigen wiſſen. Geſtatten Sie Ihrer unnatür⸗ lichen Schweſter den Triumph nicht, Ihres Vaters Liebe ganz von Ihnen abzuwenden.“ Noch ſchwankte Eugenia; trotz ihrer Eiferſucht und ihres Zorns hatte die Stimme der Weiblichkeit und Vernunft noch die Oberhand. In dieſem Au⸗ genblicke ſah ſie aber Harold und ihre Schweſter mit einander auf der Terraſſe ſpazieren gehen. Bella hatte die Augen zu Boden geſchlagen und Harold ſprach ſehr lebhaft in ſie hinein. Die Ent⸗ fernung war zu groß, als daß ſie die Worte hätte hören können; ſie dachte ſich aber deren Sinn. „Ich bin die Ihrige, Albert,“ ſprach ſie raſch. „Führen Sie mich heute Nacht von dieſem Orte wegz aber Ihre Mutter muß uns begleiten.“ „Ihre Mutter, theuerſtes Mädchen!“ rief der r⸗ 5 t it 1⸗ r d t⸗ te 27 Verführer außer ſich über dieſen Erfolg.„Sie wiſſen ja, wie zärtlich ſie Sie liebt.“ Der unbe⸗ ſonnene Vertrag wurde durch einen Kuß an welchem Liebe keinen Antheil hatte; einen Seite war es gemeines, kaltes Berech Intereſſe, auf der andern Eiferſucht und gekränkte Eitelkeit. Als Beide ſich entfernt hatten, ſchaute der Kopf Gorro's aus einem dichten Gebüſche hervor, wel⸗ ches den Weg einfaßte, wo die Unterredung ſtatt⸗ gefunden hatte. Seine Augen rollten vor Ver⸗ gnügen über die Entdeckung, welche er gemacht und ſeine dicken Lippen verzogen ſich von einem Ohr zum andern;„gut!“ grinste er,„Miſſie Eugenia davonlaufen! Ich nichts ſagen. Ich ſehr froh ſein. ch Miſſie Eugenia nicht lieben.“ den Tag über fühlte ſich Bella pein⸗ lich berührt von dem aufgeregten Benehmen ihrer Schweſter, deren Augen triumphirende Blitze ſchoſſen, während jedes ihrer Worte eine Bitterkeit enthielt. Die Geſeilſchaft hatte ſich zur Nachtruhe in ihre Zimmer zurückgezogen; aber anſtatt zu Bett zu gehen, ſetzte ſich Bella an das Fenſter und weinte, enn eine Ahnung von Unheil hatte ſich ihres Geiſtes bemächtigt. Plötzlich ließ ſich Geräuſch auf em Gange vernehmen. Sie horchte, weil ſie die Urſache nicht errathen konnte. Ihre Ungewißheit ſollte aber nicht lange dauern, denn Norah, ihr Zimmermädchen, eine gutmüthige Irländerin, deren Mutter Amme in des Generals Familie in Indien geweſen, kam herein, Goroo am Ohre nach ſich ziehend. Der Knabe war übher dem Gedanken, daß 28 Miſſie Eugenia das Haus verlaſſen werde, ſo außer ſich vor Vergnügen, daß er einzelne Worté hatte fallen laſſen, die Norah gehört, worauf ſie ihn zum vollen Geſtändniß gezwungen hatte. „Theuerſte Miß!“ rief ſie aus, nachdem ſie ihre junge Gebieterin von ihrer Schweſter Abſicht unter⸗ richtet hatte,„meinetwegen hätte ſie wohl gehen können, aber ich weiß, daß es den Herrn General tödten und Ihr weiches Herz brechen würde.“ Es war kein Augenblick zu verlieren. Die be⸗ ſtürzte Bella rannte in ihrer Schweſter Zimmer; Eugenia und Finfine, deren franzöſiſche Kammer⸗ jungfer, waren beide nicht da. „Fort! fort!“ murmelte ſie, in eine Fluth von Thränen ausbrechend,—„fort!— Noch iſt es vielleicht möglich, ſie zu retten,“ ſetzte ſie hinzu. „Norah, ich muß ſogleich das Haus unbemerkt ver⸗ laſſen.“ „Das kann leicht geſchehen,“ erwiderte Norah, „aber ich muß mit Ihnen gehen.“ „Ich gehe allein.“ „Verlangen Sie das nicht von mir,“ ſprach das anhängliche Mädchen.„Sie wiſſen, daß ich für Sie ſterben würde; aber verlangen Sie nicht von mir, Sie allein gehen zu laſſen. Trauen Sie denn Ihrer getreuen Norah nicht mehr?“ „Der Knabe,“ flüſterte Bella,„könnte Lärm machen.“ „Daß dieß nicht geſchieht, dafür will ich ſorgen,“ erwiderte die Dienerin. Zugleich faßte ſie dieſen am Kragen ſeines Rocks und ſchob ihn in einen großen, alten Kleiderkaſten hinein, drohte ihm, der Himmel N.— —— 8 2P — ——* 29 weiß, mit welchen Schreckniſſen, verſprach ihm dagegen, wenn er ſich ruhig verhalte, einen Kuß(eine Zu⸗ ſage, welche ſie, wie wir wohl kaum zu verſichern brauchen, keineswegs zu halten geſonnen war) und ſchloß die Thüre ab. Einige Minuten hernach war ſie mit ihrer jungen Gebieterin im Park, ohne von Jemand geſehen worden zu ſein. Goroo rührte t. ſich nich Drittes Kapitel. Eugenia fühlte bereits, daß ſie einen unbeſon⸗ nenen Schritt gethan habe; aber falſcher Stolz, der ſchon ſo manches junge Herz zu Grund gerichtet hat, erlaubte ihr kein Zurücktreten. Sie konnte entſchuldigen, denn Albert Mortimer war ihr gleich⸗ giltig und ein richtiges Gefühl ſagte ihr, daß ihr Vermögen, und nicht ihre Perſönlichkeit, den kalten berechnenden Bewerber und deſſen Mutter leiteten. Der Mond ſchien hell und klar, als das irre gelei⸗ tete Mädchen in die große Avenue von Granstoun⸗ Park. gelangte, unb der ſanfte Abendwind, der durch die Blätter ſtrich, tönte wie die warnende Stimme ihres guten Engels in ihr Ohr. Sie zögerte, dachte an ihren Vater und ihre Schweſter und wollte on umwenden, als ihr Stolz ſie von Neuem vor⸗ wärts trieb.„Schwäche!“ rief ſie,„Schwäche! Weßhalb ſoll ich an ſie denken? Ich habe keinen Theil an ihrer Liebe. Bella möchte ohne Zweifel allerdings, daß ich bliebe, um Zeuge ihres Trium⸗ phes über mich zu ſein, wenn Harold ſie heirathet. Nein, nein! Dieſer Gedanke beſtimmt mich.“ Zu⸗ gleich zog ſie ihren Shawl feſter um die Schultern und eilte dem Ausgange des Parkes zu, wo eine vierſpännige Poſtchaiſe bereit ſtand, in welcher Mrs. Mortimer bereits ſaß und ſie ſchon ſeit einer Stunde erwartete. Ihr Sohn ſtand auf der Lauer. Als Eugenia dem Theile der Avenue ſich näherte, wo dieſelbe durch ein hohes eiſernes Gitterthor vom Blumengarten getrennt war, wurde ſie durch die plötzliche Erſcheinung einer weiblichen Geſtalt er⸗ ſchreckt, die, in ein weißes Nachtgewand gehüllt, auf ſie zugelaufen kam, und ehe ſie von ihrem Schrecken ſich erholt und ihr auszuweichen im Stande gewe⸗ ſen, warf ſich Bella mit aufgelösten Haaren, die ihr um den Hals und Schultern flatterten, faſt vor Aufregung und Anſtrengung in ihre rme. „Gerettet, gerettet!“ brachte das arme Mädchen mühſam hervor,„gerettet!“ Es entſtand eine Pauſe; mehrere Minuten lang ſprach keine der Schweſtern ein Wort: die ſtolze Schöne duldete die Liebkoſung, ohne ſie zu erwidern und ſtand kalt und regungslos, wie eine Statue, da, während das liebevolle Mädchen ganz außer ſich, Thränen der Freude an ihrem Buſen vergoß. „Willſt du mir Lebewohl ſagen, Bella?“ fragte ſie endlich,„weil du dein Zimmer verlaſſen haſt und in dieſer leichten Kleidung der Nachtluft trotzeſt? „Ich wußte nicht,“ ſetzte ſie mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu,„daß ich dir ſo feſt in's Herz gewachſen ſei.“ 31 „Wie unfreundlich, Eugenia! Biſt du nicht meine Schweſter, meine geliebte Schweſter? Wen ſollte ich denn lieben, wenn nicht dich? Kehre mit mir zu⸗ rück,“ ſetzte ſie dringend hinzu.„Niemand im Hauſe weiß, daß du es verlaſſen haſt; Niemand ahnt es. Es bleibe für immer ein Geheimniß zwiſchen uns eiden.“ „Nein.“ „Noch ein Wort,“ fuhr das bekümmerte Mäd⸗ hen ſo eindringlich fort, als wenn es ſich um ihr Leben gehandelt hätte; du kannſt dieſen Albert nicht lieben, du kannſt es nicht; und wäre es, ſo ſollte die Tochter des Generals Trelawny nicht auf dieſe eiſe gewonnen werden. Es wird dieß unſeres alten Vaters Herz brechen.“ „Sage lieber, ſeinen Stolz,“ lautete die gefühl⸗ loſe Anwort. „Schweſter! Schweſter!“ „Du bleibſt ihm ja.“ Bella fühlte die ganze Bitterkeit dieſes Vor⸗ wurfs, denn ſie konnte ſich nicht verhehlen, wie ſehe er Vater ſie vorzog. „Du haſt Recht,“ fuhr Eugenia fort;„ich liebe Mann nicht, dem ich meine Hand zu reichen im Begriffe ſtehe. Ich fliehe mit ihm, weil ich ein Haus zu verlaſſen wünſche, in dem ich mich un⸗ glücklich fühle, in welchem ich keinen Antheil am Herzen des Vaters habe. Sein Lächeln gilt nur dir, dir ſeine Zärtlichteit, ſeine Sorgfalt, die Blicke, die beredter ſind als Worte und in denen ſich des aters Liebe ausſpricht. Du haſt mir meinen An⸗ theil an ſeiner Zuneigung geraubt; du biſt es, der ich entfliehe.“ Eugenia bemerkte wohl, wie jeder ihrer grauſamen Vorwürfe das gefühlvolle Herz ihrer Schweſter auf's Tiefſte verwundete. Den⸗ noch ſprach ſie ſie ruhig und mit voller Ueberle⸗ gung aus, als wenn der Schmerz, den ſie dadurch verurſachte, ihr Freude machte. Ein faſt höhni⸗ ſches Lächeln ſpielte um ihre ſchöne Lippen, als ſie der Schweſter Seufzer hörte und deren heiße Thränen auf ihren Nacken träufeln fühlte. „Aber ich liebe dich,“ rief Bella, ihre Gemüths⸗ bewegung bemeiſternd.„Kam je ein unfreundliches Wort über meine Lippen? Suchte ich nicht ſtets deinen Wünſchen zuvorzukommen? Gäbe es ein Opfer, das ich nicht gerne brächte, um die Liebe meiner einzigen Schweſter zu gewinnen?“ Bei dem Worte„Opfer“ blitzte es triumphirend in den Augen der ſtolzen Schönen. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, der ihr einen größern Triumph verſprach als die Wunde, welche ihre Flucht dem Stolz des General Trelawny und ſeiner Vorliebe für ihre Schweſter zu ſchlagen geeignet war, und der ſie zugleich vor den Folgen ihres unbeſonnenen Schrittes, den ſie zu thun im Begriffe ſtand, be⸗ wahrte, eines Schrittes, den ſie bereits halb be⸗ reute.„Und auch ich hätte dich lieben können, Bella,“ erwiderte ſie in ſanfterem Tone,„wenn die jüngſten Vorgänge nicht wären.“ Das argloſe Mädchen ſah ſie fragend an. „Als Harold Tracy uns das erſte Mal auf dem Hofe beſuchte,“ fuhr ſie fort,„widmete er ſeine ganze Aufmerkſamkeit mir: ſeine Worte und Blicke galten nur mir. Mehr als Einmal ſah ich ſein —— 33 Geſtändniß auf ſeinen Lippen ſchweben. Da er⸗ ſchieneſt du und Alles änderte ſich. Ich wurde ver⸗ geſſen.“ „Du miedeſt ihn,“ bemerkte ihre Schweſter ſchüch⸗ tern,„ließeſt ihn deine Launen fühlen.“ ollte mich die Veränderung in ſeinen Worten und Blicken nicht empören?“ verſetzte die ſtolze chöne;„doch dieß iſt vorbei. Du haſt mir ſeine deigung entzogen und— ich verlaſſe euch.“ ein, nein!“ rief Bella, ſich feſter an ſie hän⸗ gend. „Du liebſt ihn ja.“ Bella ſchwieg. „Lebe wohl!“ ſetzte ihre Schweſter hinzu.„Ich nil dir keine Vorwürfe hierüber machen, obgleich ich— „Es wurde kein Wort zwiſchen uns geſprochen, das deinen Verdacht rechtfertigen könnte,“ unter⸗ brach ſie das liebevolle Mädchen.„Du darfſt an meinem Wort nicht zweifeln. Ich betrachte Harold als einen Bruder, als einen theuren Bruder,— als nichts mehr. Kehre mit mir zurück in die Halle; nie wird Jemand Etwas von dem Abenteuer dieſer Nacht erfahren und ich— ich verſpreche— Sie hielt einen Augenblick inne, aus Furcht, vielleicht eine zu beſtimmte Frage an ihr Herz zu ſtellen. „Was?“ fragte Eugenig. „Ich verſpreche dir,— nie ohne deine Zuſtim⸗ mung ſeine Frau zu werden.“ „r Worte, bloße Worte, welche die Bitten eines Liebhabers oder der Wunſch deines Vaters, in Licht⸗ und Schattenſeiten.. 3 34 Uebereinſtimmung mit deiner Neigung, verwehen. Willſt du es beſchwören? Nein?— Alſo Adieu!“ Zugleich riß ſie ſich aus der Umarmung ihrer Schwe⸗ ſter los und eilte davon. Sie hatte aber kaum einige Schritte zurückgelegt, als Bella ſie ſchon wie⸗ der einholte, ſich an ſie hing und ihr zu Füßen fallend ausrief: „Bei unſeres Vaters Liebe, unſerer ſeligen Mut⸗ ter Andenken, bei dem Himmel, der uns hört, ſchwöre ich dir, nie Harold Trachy's Frau zu wer⸗ den, ohne die Einwilligung meiner theuren, theuren Schweſter!“— Ueberwältigt von der Aufregung wurde das arme Mädchen ohnmächtig. Als ſie wie⸗ der zu ſich kam, fand ſie ſich in Eugenien's Armen, welche in heuchleriſchem Tone mit den liebevollſten Worten zu ihr ſprach. Nachdem dieſe ihre Abſicht erreicht hatte, wünſchte ſie ſelbſt ſehnlichſt, unbe⸗ merkt in das Haus zurückzukehren. „Steh auf, ſteh auf, Theuerſte,“ liſpelte ſie, während ſie zugleich jedes Wort mit einem ver⸗ rätheriſchen Kuß begleitete.„Setze dich nicht dem Zorn des Vaters, dem Gelächter ſeiner Freunde, dem Geſpötte der Dienerſchaft aus, ich ſehe Albert vom Ausgang der Avenue herkommen.“ „Ich fühle mich wieder ſtark,“ ſeufzte ihre Schwe⸗ ſter,„o, ſo ſtark. Laß uns gleich gehen.“ „Soll er uns aber begegnen?“ „Spude dich und du biſt gerettet,“ rief Bella⸗ „Dieſen Weg, dieſen Weg.“ Durch Zuſammen⸗ raffen ihrer ganzen Kraft gelang es dem guten Mädchen, ihrer Schwäche völlig Herr zu werden, und ſie geleitete ihre Schweſter an das Thor des Blumen — a. n⸗ 35 gartens, wo Norah ihrer wartete.„Kein Wort,“ flüſterte ſie in das Ohr der getreuen Dienerin, als ſie an ihr vorüberging. „Nicht auf dem Todbette,“ erwiderte die Kam⸗ merjungfer, indem ſie den Schlüſſel, der im Schloſſe ſteckte, umdrehte.„Nun kann er allein durchgehen, — viel Glück auf den Weg.“ Albert Mortimer kam eben recht, um noch zu ſehen, wie die, welche er hatte bethören wollen, mit ihren Schutzengel ſich der Halle zuwandte, und mit Einem Blick wurde ihm Alles klar. Hätte er wirklich ge⸗ liebt, ſo würde ihn das Fehlſchlagen in Verzweif⸗ lung verſ tzt haben; er aber berechnete blos.„Fehl⸗ geſchlagen!“ rief er ohne die mindeſte Betrübniß aus; „Uund das Schlimmſte dabei iſt, daß meine Mutter eben ſo, wie ich, dabei compromittirt iſt. Ich muß dieſen Schlag pariren.“ Dieſem Beſchluſſe lag nicht Kindesliebe, ſondern nur Klugheit zu Grunde. Die Stellung, welche die intriguante Frau in der Fa⸗ milie des Generals Trelawny einnahm, bot zu viele Vortheile, als daß ſie ſo leicht in die Schanze zu ſchlagen geweſen wären, denn ſie verſetzte ſie in die age, ihre ganze Penſion ihrem Sohne zuzuwenden, Nach kurzem Ueberlegen war er mit ſich im Rei⸗ nen, was er zu thun habe. Er eilte nach der Poſt⸗ chaiſe hin, in welcher Mrs. Mortimer ſchon über eine Stunde ungeduldig wartete, und ſagte dieſer, während er ihr heraushalf:„Sie müſſen in das Haus zurückkehren.“ „Zurückkehren“ „Paz Bella hat ihrer Schweſter Abſicht errathen und dieſe überredet, davon abzuſtehen.“ 3* „Wie dumm!“ murmelte verdrießlich die Wittwe. „Aber wie kann ich zurückkehren? Die beabſichtigte Flucht wird dem General verrathen werden.“ „Der wird ſie nie erfahren,“ verſetzte ihr Sohn zuverſichtlich. „Bella wird meinen Antheil an dem Plane ver⸗ muthen und dann—“ „Laſſen Sie mich dafür ſorgen. Kehren Sie in das Haus zurück und überlaſſen Sie mir das Uebrige.“ In vollem Vertrauen auf Albert's Gewandt⸗ heit und feſt entſchloſſen, das von ihm vorgeſchrie⸗ bene Benehmen einzuhalten, verließ die Mutter ih⸗ ren Sohn, ohne eine weitere Einwendung zu machen, und es gelang ihr, unbemerkt ihr Zimmer zu er⸗ reichen. Nachdem der junge Mann die Poſtillone entlaſſen, die er zuvor reichlich bezahlt, folgte er ihr und ſchrieb, ehe er ſich zu Bette legte, nach⸗ ſtehenden Brief: „Der Traum meines Lebens iſt zu Ende und ich bin ſchwer beſtraft dafür, daß ich Sie hinter⸗ gehen wollte. Wahrſcheinlich war es die Entdeckung, daß ich allein in der Chaiſe war, welche ihre De⸗ likateſſe beleidigte und ſie zur Umkehr veranlaßte; aber ich wagte nicht um der Seligkeit willen, die mir winkte, meine Mutter in die Sache zu ver⸗ wickeln. Ihre ſtrengen Grundſätze, ihr tiefes Ehr⸗ gefühl würde Sie gezwungen haben, Alles Ihrem verehrten Vater zu verrathen. Haben Sie Mit⸗ leid und vergeben Sie mir. Ich kann mich auf meine Vernunft nicht verlaſſen, wenn wir uns wie⸗ der begegnen ſollten; ich werde deßhalb in wenigen Stunden zurückkehren. Leben Sie wohl, auf ewig!— 8 te n in 7. t⸗ e⸗ h⸗ n, r⸗ ne er d r⸗ 8, e⸗ e ie r⸗ r⸗ it⸗ uf e⸗ en 37 Eugenia befand ſich in ihrer Schweſter Zimmer, als zu früher Stunde am folgenden Morgen ihr ädchen Finfine ihr den wohl überdachten Brief brachte. Die launenhaf öne ü i i te Schöne überlas ihn ein paar Mal und reichte ihn dann Bella hin. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief dieſe, nachdem ſie ihn ebenfalls geleſen hatte.„Mrs. Mortimer wußte nichts von ihres Sohnes ſchlechten Abſichten.“ „Nein,“ erwiderte Eugenia in einem Tone, wel⸗ her einer erfahreneren Beobachterin genugſam be⸗ wieſen hätte, daß ſie nichts weniger als davon über⸗ zeugt ſei.„Wir müſſen die Sache vor ihr geheim halten,“ ſetzte ſie hinzu. „Vor Jedermann,“ erwiderte ihre Schweſter, ſie zärtlich küſſend.„Sprechen wir nie wieder davon; das Beſte iſt, Alles zu vergeſſen.“ „Nur deinen Eid nicht,“ bemerkte Eugenia ernſt. „Nur meinen Eid nicht,“ wiederholte Bella un⸗ willkürlich innerlich ſchaudernd s die Schweſtern in das Zimmer in welchem die Familie und die Beſuche verſam⸗ melt waren, bemerkten ſie zu ihrer großen Be⸗ bereits fort war.„Er hat 1 aufgetragen,“ ſagte ihnen die heuchleriſche Wittwe„und Ihnen für die angeneh⸗ men Stunden zu danken, die ihm in Ihrer Geſell⸗ t zuzt gönnt geweſen ſind. Ich hatte gehofft, ihn wenigſtens noch drei herabkamen, Wochen länger um mich zu haben,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu,„deßhalb ſchmerzt mich auch dieſe unerwartete Einberufun ung zu ſeinem Regiment ſo ſehr. Ein ſo vortrefflicher, begabter, ehrenwerther, ebler Sohn!“ Zugleich drückte ſie das Sacktuch an die Augen, in denen in der That Thränen ſtanden. Die ältere Schweſter, wohl in der Ueberzeugung, daß Alles Komödie war, vermochte kaum ein Lä⸗ cheln zu unterdrücken; Bella aber bemitleidete ſie aufrichtig. „Auf's Frühjahr ziehen wir in die Stadt, meine liebe Mrs. Mortimer,“ ſprach der General,„und dann können Sie ihn täglich ſehen. In der That ein wackerer und geſcheidter junger Mann,“ ſetzte er, gegen den Baronet gewendet, hinzu,„der ge⸗ wiß ſeine Carridre machen wird.“ Noch denſelben Tag kehrten der General und ſeine Töchter nach dem Hofe zurück, wo Harold von nun an ein täglicher Beſucher war und ſeine Bewerbung trat hier ſo deutlich hervor, daß man ſich nicht darüber täuſchen konnte, welchen Eindruck Bella auf ſein Herz gemacht hatte. An ihm lag es nicht, daß es zu keiner Erklärung kam; aber Eugenia ließ das Paar keinen Augenblick allein; ihre Eiferſucht hielt ſtrenge Wache. Im Vertrauen auf ihre überlegene Schönheit hatte ſie mit dem Herzen geſpielt und erkannte zu ſpät ihre Reigung, nachdem ſie ihn verloren hatte. Für Tom wurde dieſer Stand der Dinge am meiſten fühlbar, und mehr als einmal hätte er gern mit ſeinem Herrn über die Sache geſprochen. Weil zwei Kammer⸗ jungfern auf dem Hofe waren, Finfine und Norah, ſo konnte der arme Burſche nicht eher in's Reine kommen, in welche er ſich verlieben ſolle, bis ſein junger Herr ſich entſchieden habe. Harold's Wahl ſollte auch die ſeinige leiten. —— 39 Bella fühlte, daß es Zeit ſei, ihr Herz zu he⸗ fragen und die Antwort, die ſie erhielt, erſchreckte ſie, denn ſie entdeckte, daß es nicht mehr ihr ge⸗ höre. Es war fort und Harold hatte ihre Liebe gewonnen. Es war keine Mädchenlaune, kein blos augenblicklicher Eindruck, welchen Zeit, Abweſenheit oder die Aufmerkſamkeiten eines Andern verwiſchen konnten, ſondern es war eine ſo reine und tiefe Neigung, welche mit den Organen des Lebens ver⸗ miſcht, den Strom deſſelben klar und fröhlich machen oder für immer trüben kann. Das arme Mädchen erkannte mit Einem Male den Fehler, den ſie began⸗ gen, der nicht mehr gut zu machen war, denn ſie n Schweſter zu gut, als daß ſie nur einen Augenblick lang hätte hoffen kön⸗ nen, dieſe würde ſie ihres Eides entbinden. Mit dem feſten Entſchluß, die Qualen der Un⸗ gewißheit nicht länger zu ertragen, ritt Harold zu früherer Stunde, wie gewöhnlich, nach dem Hofe, und zum erſten Mal ſeit der Rückkehr der Familie dahin, traf er Bella allein in dem Salon. „Ich will es dem Vater ſagen, daß Sie hier ſind,“ ſprach das junge Mädchen, aufſtehend, um as Zimmer zu verlaſſen und, wo möglich, eine rklärung zu vermeiden. „Bleiben Sie, Miß Trelawny,“ rief Harold; vendlich findet ſich die heißerſehnte Gelegenheit und jetzt, da ſie da iſt, erſterben mir die Worte, die ich ſprechen möchte, auf den Lippen. Ich liebe Sie innigſt, von ganzem Herzen; ich liebe Sie mit einer reue, welche die Zeit nicht zu ſchwächen vermag. önnte ich mein Herz vor Ihnen öffnen,“ ſetzte er hinzu,„daß Sie die Treue in demſelben zu leſen vermöchten. Ein Wort, ein Lächeln verwan⸗ delt meine Zweifel in Freude.“ Anſtatt des Lächelns, um das er gebeten, brach die arme Bella in Thränen aus.„Für was für eine herzloſe Kokette wird er mich halten,“ mur⸗ melte ſie in ſich hinein. „Vielleicht habe ich ſie beleidigt,“ ſprach Harold aufſtehend,„indem ich die Form der Etikette oder des Reſpekts verletzte; aber Sie werden mir dieß verzeihen. Meine Lippen und mein Herz ſind nicht in der Schule des Lebens gebildet worden. Ich ſpreche wie das Gefühl es mir eingibt, ein Gefühl, das eben ſo heiß, wie aufrichtig iſt. Bella,“ ſetzte er hinzu, ihre Hand ergreifend, die ſie ihm willen⸗ los überließ,„ſpielen ſie nicht mit meinem Schmerz. Handeln Sie edelmüthig, ihrer ſelbſt würdig und machen Sie meinem Zweifel ein Ende. Darf ich hoffen?“ „Miſter Tracy,“ erwiderte das zitternde Mädchen. „Miſter Tracy,“ wiederholte der junge Mann. „Und warum nicht Harold? das klingt herzlicher.“ „Es klingt allerdings herzlicher,“ fuhr ſie mit verzweiflungsvoller Feſtigkeit fort,„verzeihen Sie mir die kältere Bezeichnung. Sie haben mich nicht beleidigt. Die Liebe eines ehrenwerthen Mannes iſt eine Huldigung, auf welche die reichbegabteſte Frau ſtolz ſein darf, um wie viel mehr Eine, die eines Herzens, wie das Ihrige, gar nicht werth iſt! Es iſt aber unmöglich, daß ich Ihnen je mehr als Schweſter ſein kann.“ „Eine Schweſter!“ rief Harold. 41 „Eine treue und liebevolle,“ erwiderte Bella, „wenn Sie den Namen nicht verſchmähen; eine Schweſter, die beten wird, daß Sie mit einer An⸗ dern glücklich werden, denn ich kann nie die Ihrige ſein.“ „Eine Andere!“ ſtammelte der beſtürzte Lieb⸗ haber;„o! nie! nie! Beleidigen Sie mich nicht durch dieſes Wort; zertreten Sie das Herz nicht, das Sie verworfen haben. Ich bin zu raſch verfahren,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich ihr abermals zu Füßen warf und flehend in ihre Augen ſah.„Geſtatten Sie mir Zeit, Bella, dieſen Entſchluß zu beſiegen, der mich vernichtet. Ich bin auf dem Lande erzogen worden und es fehlt mir die Anmuth der Sprache und Manieren, um ein Frauenherz zu gewinnen.“ „Sie können nie eine nähere Stelle erlangen, als die Sie bereits einnehmen,“ erklärte Vella, be⸗ müht, einer für heide Theile ſo peinlichen Scene ein Ende zu machen.„Mein Entſchluß bleibt unwider⸗ ruflich.“ Harold ahnte freilich entfernt nicht, als er bleich und zerknirſcht ſich von den Knieen erhob, wie das duldende Mädchen kaum im Stand war, ihre Liebe zu ihm zu verbergen, obgleich ſie ihm in dieſem Augenbicke jede Hoffnung abgeſchnitten hatte. „Verzeihen Sie mir, Miß Trelawny,“ ſprach er nach einer Pauſe;„ich ſehe ein, daß ich zu einge⸗ bildet war. Hätte ich gewußt, daß ein Anderer Ihre Liebe beſitzt.—“ Er wandte ſich ab, um die Thrä⸗ nen zu verbergen, welche ihn der Unmännlichkeit in ihren Augen anklagen konnten. „Harold!“ rief ſie, außer Stande, ihre Bewegung zu bemeiſtern,„glauben Sie nicht von mir, daß ich eine ſo falſche, ſo unwürdige Rolle geſpielt habe. Sie ſind der Erſte und einzige Mann, der je mit mir von Liebe geſprochen hat, und Bella Trelawny iſt nicht das Mädchen, das ſo leicht oder ungeſucht gewonnen wird. Laſſen Sie uns als Freunde ſchei⸗ den,“ ſetzte ſie, ihre Hand in die ſeinige legend, hinzu,„und ach! verzeihen Sie mir den Schmerz, den ich Ihnen unwillkürlich verurſacht habe. Sie werden bald ein weibliches Weſen finden, das Ihre Liebe erwidert. Mögen Sie dann glücklich werden, Harold, recht glücklich; und wenn wir uns wieder ſehen, möge ein heiteres Geſicht mir zeigen, daß Ihr Herz Ruhe gefunden hat.“ Dieſe Worte wur⸗ den mit zitternder Stimme geſprochen, ſo daß Ha⸗ rold nicht wußte, was er davon denken ſolle. Ehe er eine Antwort darauf fand, hatte Bella das Zim⸗ mer verlaſſen, weil ſie wohl fühlte, daß, wenn ſie länger bliebe, der Anblick ſeines Kampfes und ſei⸗ nes Schmerzens das Geſtändniß der Erwiderung ihrer Liebe ihren Lippen entſchlüpfen würde. Einige Minuten lang ſtand Harold, wie feſtge⸗ bannt und den Blick nach der Thüre gerichtet, durch welche ſie verſchwunden war. Immer wieder ſtellte er die Frage an ſich, ob es nicht ein Traum ſei. Waren die glühenden Hoffnungen, mit denen er den Hof beſucht hatte, wirklich verſchwunden und für immer dahin? Er konnte dieß nicht glauben. Die⸗ ſem peinlichen Zuſtande des Nachdenkens machte die Erſcheinung Eugenia's und ihres Vaters ein Ende, der ihm herzlich die Hand ſchüttelte. „Um's Himmels willen, mein Lieber, was iſt 43 Ihnen?“ fragte dieſer;„Sie ſehen ja ſo bleich aus, als wenn Sie ein Geſpenſt erblickt hätten.“ Allerdings habe ich eines geſehen, dachte Ha⸗ rold, das Geſpenſt des entſchwundenen Glückes. „Iſt zu Hauſe Alles wohl?“ fuhr der alte Herr fort. „Vollkommen wohl,“ erwiderte Harold mit ge⸗ zwungenem Lächeln. „Das freut mich.“ „Ich bin im Begriff, Granstoun auf einige Zeit zu verlaſſen,“ bemerkte der junge Mann,„und deß⸗ halb ritt ich ſo früh dieſen Morgen herüber, um mich ön verabſchieden.“ „Was! Sie wollen uns verlaſſen!“ rief der Ge⸗ neral überralcht;„es thut mir leid, ſehr leid; wir werden Sie auf dem Hofe höchlichſt vermiſſen. Rufe deiner Schweſter, meine Liebe.“ „Es iſt nicht nöthig,“ fiel ihm der junge Mann in's Wort,„ich habe mich bereits von Bella verab⸗ ſchiedet, und ſo bleibt mir nur noch übrig, meine auf⸗ richtigen Wünſche für die Geſundheit des General Trelawny und das Glück von Eugenia auszuſprechen.“ Letzterer war ſogleich Alles klar, was vorgegan⸗ gen, und ihr dunkles Auge blitzte triumphirend bei dem Gedanken an den Schmerz, den ſie verurſacht hatte. Er hatte ihr Herz oder, beſſer geſagt, ihre Eitelkeit verletzt, und ſie freute ſich über das Miß⸗ lingen ſeiner Hoffnungen.„Sie vergeſſen, Papa,“ ſprach ſie lächelnd,„wie lange wir Mr. Tracy's Zeit und Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen haben und daß er noch andere Freunde beſitzt, welche an Beide ein früheres Anrecht haben.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der alte Herr verſtimmt, denn er hatte den Reffen ſeines älteſten Freundes ſtark in Affection genommen und heimlich die Hoff⸗ nung genährt, ihn mit ſeiner Lieblingstochter zu vermählen. Er konnte natürlich nicht ahnen, daß Bella ihn ſo eben ausgeſchlagen habe.„Der Him⸗ mel begleite Sie; wahrſcheinlich treffen wir uns in London.“ Harold ſtammelte etwas dergleichen, wie„Ver⸗ gnügen und Hoffnung, daß dieß der Fall ſein werde,“ und nahm Abſchied, denn es drängte ihn, allein mit ſeinen Gedanken zu ſein, mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen und Muth zu ſammeln, um männlich den un⸗ erwarteten Schlag des Schickſals ertragen zu lernen. Sir Mordaunt Tracy war eben auf ſeinem ge⸗ wohnten, behaglichen Spaziergang in der Nähe von Granstoun⸗Park begriffen, als er zu ſeinem großen Erſtaunen ſeinen Neffen wie wahnſinnig auf die Halle zuſprengen ſah. Es war aber nicht das gewöhnliche Wettrennen zwiſchen ihm und Tom, denn dieſer war weit hinter ihm.„Gott ſteh mir bei!“ rief er aus, „was mag ihn wohl ſo früh zurückgeführt haben?“ Wenige Minuten hernach parirte Harold ſeine keuchende Stute hart an ſeiner Seite. Der Baro⸗ net blickte ihn ängſtlich an, denn Harold's Geſicht, anſtatt von der Bewegung zu glühen, war ganz außergewöhnlich bleich und ſeine Augen ſchienen trüb und eingefallen.„Iſt dir etwas zugeſtoßen, lieber Junge?“ fragte er. „Nein, Onkel, nichts, wenigſtens nichts ſehr Wich⸗ tiges,“ antwortete der junge Mann mit einem Seuf⸗ zer.„Ich will Ihnen Alles erzählen, wenn Sie 45 mir erlauben, Sie nach Ihrem Zimmer zu beglei⸗ ten.“ Mit dieſen Worten ſprang er vom Pferde, das er dem unterdeſſen herangekommenen Tom über⸗ gab, ergriff Sir Mordaunt's Arm und ging mit dieſem weg.„Ich muß Sie verlaſſen, lieber Onkel,“ ſprach er endlich;„ich muß Sie auf eine Zeit lang verlaſſen, bis meine fröhliche Stimmung wiederkehrt, die ich verloren habe.“ „Mich verlaſſen!“ wiederholte der alte Herr in erſtauntem Tone.„Was wandelt dich denn an, Harold? Ich ſchmeichelte mir, du ſeieſt zu glücklich, als daß es dir nur im Traume einfiele, deine Hei⸗ math zu verlaſſen und daß ſeit der Ankunft der Trelawny's auf dem Hofe die Gegend einen An⸗ ziehungspunkt mehr für dich biete.“ „Sprechen Sie mir nicht von dem Hofe oder ſeinen Bewohnern,“ erwiderte der unglückliche Lieb⸗ haber mit bebenden Lippen;„meine theuerſten Hoff⸗ nungen ſind dort vernichtet worden.“ „Unmöglich.“ „Bella hat mich abgewieſen.“ „Die herzloſe Kokette!“ rief ſein Onkel un⸗ willig.“ „Kein Wort des Vorwurfs, Sir Mordaunt,“ unterbrach ihn Harold z er iſt unverdient. Man konnte nicht offener ſprechen wie ſie, als ſie mir erklärte, daß meine Bewerbung fruchtlos ſei. Sie bedauerte den Schmerz, den ihr Geſtändniß mir ver⸗ urſache, ſprach von Freundſchaft und ſchweſterlicher Zuneigung zerklärte aber zugleich entſchieden, daß ſie unmöglich je meine Frau werden könne.“ „Ich werde mit ihrem Vater darüber ſprechen,“ rief der Baronet aus;„da ſteckt etwas dahinter. Das Mädchen liebt dich, Harold. Lächle nicht ſo trübſelig, mein Junge; ich bin feſt überzeugt, daß ſie dich liebt. Ihr Vater und ich theilen dieſe An⸗ ſicht ſchon ſeit mehr als einer Woche. Er ſoll ihr über ihr Benehmen den Kopf zurecht ſetzen.“ „Um alle Welt nicht,“ erwiderte Harold.„So ſehr ich an ihr hange, ſo möchte ich doch ihren Beſitz nichts Anderem als ihrer Liebe perdanken. Nein, Onkel, glauben Sie mir, ich habe gewiß den ver⸗ nünftigſten Entſchluß gefaßt, wenn ich Granstoun auf einige Zeit verlaſſe und mich in der Welt um⸗ ſehe. Bliebe ich, ſo würde ſich mein Herz verzeh⸗ ren; die Erinnerung würde ſtets an mir nagen, und darum iſt es beſſer, wenn ich mich entferne, wie ſchmerzlich mir auch die Trennung von Ihnen, mein Wohlthäter und zweiter Vater, fallen wird.“ Sir Mordaunt Tracy ging eine Zeit lang unter Stillſchweigen weiter. Der Schlag kam ſo unerwar⸗ tet und erinnerte ihn ſo lebhaft an die Sorgen und Kämpfe ſeiner Jugend.„Du haſt Recht, Harold,“ ſprach er endlich,„und ich danke dem Himmel dafür, daß du Energie genug beſitzeſt, das Mißgeſchick zu ertragen, das meine ſchwächere Natur überwältigte. Es wird hier trübſelig werden, wenn du fort biſt,“ ſetzte er traurig hinzu;„ich werde dein herzliches Lachen und deine freundlichen Blicke, die beredter als Worte ſind, ſchmerzlich vermiſſen und ich werde jeden Augenblick meinen, ich müſſe dich auf Maybud die Allee herabjagen ſehen. Selbſt die Hunde wer⸗ den dich vermiſſen, denn wer mit dir in Berührung kam, liebte dich.“ 3 47 Mit Ausnahme einer Einzigen, dachte Harold ſeufzend. In des alten Mannes Geſicht lag ein ſo ſchmerzlicher Ausdruck, daß Harold, der ſonſt nie einen Entſchluß aufzugeben gewohnt war, wankend wurde.„Wenn meine Anweſenheit zu Ihrem Glück durchaus nothwendig iſt, ſo will ich bleiben,“ ſagte er deßhalb. „Ich danke dir, lieber Junge,“ ſprach der Ba⸗ ronet, ihm freundlich die Hand ſchüttelnd,„ich danke dir für das Anerbieten. Ich vermag dir nicht aus⸗ zudrücken, wie wohl es meinem Herzen that; aber ich bin nicht ſo ſelbſtfüchtig, es anzunehmen. Nein, Harold, der Friede deines Gemüths iſt mir theurer, als deine Geſellſchaft. Du ſollſt Granstoun⸗Park ſogleich verlaſſen. Zeit und veränderte Umgebung werden die Wunde vernarben laſſen, welche Ein⸗ ſamkeit vielleicht unheilbar machen würde. Ich kenne aus Erfahrung ihren verderblichen Einfluß.“ Am folgenden Tage ging Harold in Tom's Be⸗ gleitung nach London ab. Viertes Kapitel. An einem jener kalten, hellen Morgen, welche die Herbſtzeit in England ſo geſund machen ging ein bleicher, übelſichtiger, junger Mann von etwa einundzwanzig Jahren, in den ſeidenen Studenten⸗ rock gekleidet, auf dem Platze vor dem Chriſtcolle⸗ gium von Orford ſpazieren. Sein Aeußeres hatte durchaus nichts Anziehendes, denn ſein Geſicht war abgemagert und von gemeinem Ausdruck, ſeine Augen klein, liefliegend und von gräulicher Farbe; mit Einem Wort, es war ein Menſch, den ein Phyſio⸗ gnomiker zu allerletzt zu ſeinem Freunde gewählt oder an den man ſich um eine Wohlthat gewendet hätte; und doch war er reich, außerordentlich reich an Glücksgütern der Welt. Die einzige Armuth, die er je gekannt, lag in ſeinem Herzen, im gänz⸗ lichen Mangel an jenen edlen Empfindungen, welche die Jugend oft ſelbſt zu Thorheiten verleiten. Ri⸗ chard Burg hatte ſich aber nie eine ſolche zu Schul⸗ den kommen laſſen; er war die perſonificirte Klug⸗ heit, und die Profeſſoren des Collegiums ſtellten ihn ſtets als Muſter für diejenigen auf, die nicht ſo fleißig, wie er, die Vorleſungen beſuchten. In ſehr früher Jugend hatte er ein großes Vermögen geerbt, das er, wie Alle prophezeiten, die ihn kannten, ein⸗ mol gewiß nicht verſchwenden würde; denn Niemand kannte den Werth der Guineen beſſer oder zeigte einen größern Widerwillen gegen das Ausgeben der⸗ ſelben, als er. Richard Burg ſtand allein in der Welt. Er hatte keine Geſchwiſter; der einzige Ver⸗ wondte, den er beſaß, war ein entfernter Vetter, der denſelben Namen trug, zwei Jahre älter war wie er, und den er von Herzen haßte, nicht wegen deſſen überlegeneren Talenten, ſondern weil er arm war und die wenigen hundert Pfund, die er ſein eigen genannt, auf ſeinen Reiſen durch Italien und Griechenland, um dort Kunſtſtudien zu machen, aus gegeben hatte. Von dieſem Vetter hatte er in jüng ſter Zeit einige Briefe erhalten, in welchen derſelb „ 49 ſeinen Beiſtand an⸗ f erwidert hatte, er nes Bankiers, ber mund war, die Stelle eines Com⸗ Dieß hatte Harry Burg, der nur für ſeine Kunſt glühte, entſchieden abgelehnt. Ri⸗ chard glaubte genug gethan zu haben und zog jetzt die Hand von ihm ab, die gewöhnliche Weiſe, arme Vermandte loszubekommen und jedenfalls eine wohl⸗ feilere, als wenn man ſie unterſtützt. Der kluge lunge Mann überlegte in dieſem Augenblicke, ob er den Grafen Tuft und den ehrenwerthen PVercy Ho⸗ ward auf einer Schiffpartie begleiten ſolle oder nicht, weil, wie wir ſo eben geſagt, der Morgen zwar heiter, aber ſehr kalt war. Er war ebhen mit ſich in“8 Reine gekommen, daß er ſich dabei be⸗ theiligen wolle, als er um eine Ecke biegend ſich eben ſo unerwartete ſeinem Vetter Harry gegenüber befand. Er erkannte ihn ſogleich wieder, obgleich er ihn ſeit vielen Jah⸗ ren nicht geſehen hatte.„Du in Orford!“ rief er in einem Tone aus at, wie zugleich ſein Vor mis verſchaffen. rein großer, ſchöner, junger n von etwa. dreiundzwanzig Jahren, in ein⸗ acher, ja faſt ärmlicher Kleidung, in der er ſich aber eſſenungeachtet das Ausſehen eines Mannes von and zu bewahren wußte. Im Aeußern hatten Beide ni ht die entfernteſte Aehnlichkeit, denn der e Hdare und Augen und jenen gedankenvollen Ausdruck, welchen Maler an den ortraits von Vand yk und Velasquez bewundern. en. 1. 4 50 Sein Geſicht war ausnehmend bleich, mehr als ge⸗ wöhnlich, vielleicht aus Ermüdung, denn er war von London her zu Fuß gekommen, in der Hoffnung, durch eine Unterredung den Beſchluß ſeines Vetters umzuändern. „In Ouford,“ wiederholte er unter tiefem Er⸗ röthen, denn er fühlte ſeine Demüthigung tief,„weil ich nicht glauben kann, daß Du eine Ahnung von der Noth haſt, in der ich mich befinde. Es handelt ſich bei mir nicht um Luxus, ja nicht einmal um die allergewöhnlichſten Gemächlichkeiten des Lebens, denn dieſe kenne ich längſt nicht mehr.“ „Und weſſen Schuld iſt dieß?“ fragte Richard Burg mit ſeiner ſcharfen, einſchneidenden Stimme. „Bei Deinen Talenten ſollteſt Du Dich nicht ge⸗ nöthigt ſehen, Dich an mich zu wenden. Ueberdieß,“ fuhr er fort,„haſt Du den einzigen Rath, den ich Dir zu geben vermochte, von Dir gewieſen. Sir John Sellem, mein Vormund, würde Dir eine Com⸗ misſtelle auf ſeinem Comptoir gegeben haben. Aus Stolz lehnteſt Du dieſe ab.“ „Weil ich außer Stande bin, mich von dem Beruf, den ich gewählt, zu trennen, die Kunſt gegen die Alltäglichkeiten eines Comptoirs zu vertauſchen,“ erwiderte ſein Vetter.„Du kennſt ja das Motto unſerer Familie,“ ſetzte er mit mattem Lächeln hinzu: „Treu bis in den Tod.“ „Nun, und was iſt jetzt Dein Wunſch?“ fragte der Erſtere ungeduldig.„Da Du einmal hier biſt, ſo darf ich wohl annehmen, daß es auf etwas ab⸗ geſehen iſt.“ „Auf Nichts,“ antwortete Harry ſtolz.„Ich 51 kam, um mich perſönlich zu überzeugen, ob Du Dich noch der Zeit erinnerſt, als meine theure Mutter Dich als ein kränkliches Kind in ihr beſcheidenes, aber glückliches Haus aufnahm und Dich mit müt⸗ terlicher Sorgfalt pflegte; der Zeit, in der wir zu⸗ ſammen ſpielten und— doch genug, ich ſehe, Du haſt dieß vergeſſen und darum lebe wohl! Ich bin lieber der arme Harry Burg, als ſein reicher Vet⸗ ter Richard.“ Mit dieſen Worten wandte ſich der Sprechende um und ging raſch ſeines Weges. Viel⸗ leicht ſtahl ſich eine Thräne in ſeine Augen und er wünſchte dieſe ungeſehen abzuwiſchen. „Der Thor!“ murmelte der Student, ihm nach⸗ blickend.„Ich bin überzeugt, daß er keine Guinee im Sacke, hat, und ich war nahe daran, ihm fünf Goldſtücke zu geben, nur um ihn loszukriegen. Hof⸗ fentlich bleibt er nicht in Orford. Ich möchte nicht um 50, ja um 100 Pfund nicht, daß Lord Tuft oder Percy Howard erführen, daß ich einen hettel⸗ haften Künſtler zum Verwandten habe. Der Henker hole alle dieſe armen Verwandten!“ Auf dem Wege nach ſeiner Wohnung begegnete Richard Burg den beiden eben genannten Herren, welche in ihn dran⸗ gen, ſie doch ja bei ihrer Schiffparti er des Vergnügens ihrer Geſellſchaft nicht verluſtig gehen wollte. Es fing am folgenden Tag ſchon an zu dunkeln, als der arme Künſtler mübe„mit wunden Füßen 4 und noch zwei Schillingen in der Taſche in London eintraf; in ſeine Wohnung wagte er nicht zu gehen⸗ denn er hatte verſprochen, Geld zu bringen, und da ſeine Hoffnung ihm fehlgeſchlagen hatte, ſo konnte er auch ſeine Zuſage nicht halten. Lieber wollte 6 er ſich den Tod geben, als ſich den Vorwürfen ſeines groben Hausherrn ausſetzen. Mechaniſch ſchlug er 3 den Weg nach Hyde⸗Park ein, bei Tag der Tum⸗ melplatz der Jugend, Schönheit, Mode, des Reichthums, der hier gern ſeinen Pomp in den Augen der Welt zur Schau ſtellt, bei Nacht aber die Heimath manches heimathloſen Unglücklichen. Es hatte ihn keine beſtimmte Abſicht in den Park geführt. Der geſchäftige Strom des Lebens, das Rollen der Equipagen, der Lärmen und das Ge⸗ räuſch auf den Straßen regten ſeine Nerven auf, 5 er ſuchte deßhalb Ruhe und die war er ſicher an dieſem abgelegenen Orte zu finden. Sonderbare Gedanken dämmerten in ihm auf, als er ſich über das eiſerne Brückengeländer am Serpentinefluſſe lehnte und er maß in Gedanken die Tiefe des unter ihm fließenden Waſſers. Es lag etwas fürchterlich Einladendes in der Ruhe, die ihm hier unten winkte. „Wie viel Träume, reich an Poeſie und Liebe,“ murmelte er vor ſich hin,„wie viele Entwürfe von verhungernden Genie's und weitausſehende Spe⸗ kulationen haben hier unten ihr Grab gefunden! Könnten die dunklen, ſtillen Waſſer ſprechen, was für ein trauriges Bild würde ſich vor unſern Augen entrollen.“ „Eine kalte Nacht, ſich zu ertränken,“ flüſterte eine Stimme in ſeiner Nähe. 53 Er erſchrack und als er die Augen erhob, er⸗ kannte er in der ſprechenden Perſon eines jener unglücklichen Geſchöpfe, auf deren Antlitz Schande und Elend ihren erniedrigenden Stempel gedrückt haben. Das Mädchen, das ihren ärmlichen Shawl feſt um die Schultern gezogen hatte, um die Kälte von ſich abzuhalten, betrachtete ihn mit neugierigem Blicke. „Eine kalte Nacht in der That,“ erwiderte er weggehend. „Ah, Sie fürchten ſich!“ ſprach ſie;„Sie haben aber Recht. Ein Mann kann ſich immer wieder aufraffen; nur unſer Geſchlecht iſt zu endloſem Elend in dieſer Welt verdammt.“ Mit dieſen Worten näherte ſie ſich der Stelle, die Harry ſo eben ver⸗ laſſen hatte, und ſchaute über das Geländer hinab. Der Maler kehrte wieder um.„Warum gehen Sie nicht heim?“ fragte er. „Weil ich kein Geld habe,“ erwiderte das ädchen. Harry drückte ihr einen Schilling in die Hand, indem er meinte, dieß würde ihr wenigſtens für dieſe Nacht ein Obdach verſchaffen und weil er ſich ſelbſt nicht länger in der Nähe des Waſſers traute, verließ er eiligſt den Park. Faſt eine Stunde lang trieb er ſich umher, ſo tief in Nachdenken verſunken, daß ihn das Geräuſch der Menge, das Rollen der Wagen und der helle Glanz der Lichter, die ihm vorhin ſo zuwider waren, nicht länger ſtörten. Es mußte etwas ganz beſonders Auffallendes in ſeiner Erſcheinung liegen„denn viele Perſonen, die ihrer Geſchäfte oder des Vergnügens wegen an ihm vor⸗ 54 bei eilten, blieben ſtehen, um ihn zu betrachten. Einer der Vorübergehenden, den dieſes bleiche, geiſt⸗ reiche Geſicht, mit dem tief melancholiſchen Ausdruck des ſtieren Auges und des aus demſelben ſprechen⸗ den Elends ſo lebhaft ergriffen, wandte ſich um und folgte ihm, und zwar nicht aus Neugierde, ſondern weil das innigſte Mitleid in ihm wach geworden war. Plötzlich blieb Harry am Laden eines Juwe⸗ liers ſtehen, zog ein Miniaturbild, in ein ſchmales Arniband gefaßt, aus der Bruſttaſche, betrachtete es einen Augenblick lang, wiſchte eine Thräne ab und trat dann in den Laden. Armer Menſch! dachte der Herr, der ihn beob⸗ achtet hatte, er will es gewiß verkaufen, und dem h einer edlen Empfindung nachgebend, folgte er ihm. „Das Miniaturbild iſt ſehr ſchön,“ hörte er den Eigenthümer des Ladens ſagen,„aber es hat keinen Kaufwerth.“ „Es iſt aber von Isbay gemalt,“ bemerkte Harry traurig,„und iſt das Bildniß meiner Mutter.“ „Ich kann nur zehn Schilling für das Gold bezahlen.“ „Nicht mehr?“ „Nicht einen Schilling,“ erwiderte der Kaufmann; „esiſt ausländiſche Arbeit und hat keinen legalen Stempel.“ Zehn Schilling! dachte der Künſtler. Ein Ob⸗ dach und ein Mahl für eine Nacht! Lieber ſoll es mit mir begraben werden, und ſeinen Hut aufſetzend, verließ er den Laden, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. 55 „Sehen Sie, was an meiner Uhr fehlt,“ ſprach der Fremde, ein werthvolles Exemplar auf den La⸗ dentiſch legend,„und ſchicken Sie ſie morgen nach dem Orte dieſer Adreſſe.“ Zugleich übergab er eine Karte und folgte raſch dem armen Wanderer, der eben nach Soho⸗ſquare einbog.„Entſchuldigen Sie,“ ſprach er, ſanft ſeine Schukter berührend,„aber ich glaube, ich hörte Sie ſoeben ein Miniaturbild von Isbay zum Verkauf anbieten.“ „Wohl möglich, mein Herr.“ „Wenn Sie noch nicht darüber verfügt haben. ſo wäre ich wohl Liebhaber dazu. Ich habe Ge⸗ ſchmack— eine Art von Leidenſchaft für ſolche Dinge.“ Harry lächelte. Der junge Mann, der ihn an⸗ geredet, war wenigſtens zwei bis drei Jahre jünger, wie er.„Ich habe meine Abſicht aufgegeben und will es nun nicht mehr ablaſſen. Es hat keinen Kaufwerth,“ ſetzte er bitter hinzu,„und das Gold iſt nicht mehr als zehn Schilling werth.“ „Es wäre um eben ſo viele Guineen vielleicht noch wohlfeil,“ bemerkte der junge Mann. Das Anerbieten war zu lockend und Harry zog das Bild zögernd noch einmal aus der Taſche. „Ausgezeichnet in der That,“ ſagte der Andere, es betrachtend.„Hier ſind zehn Guineen.“ „Und hier das Miniaturbild,“ ſprach der Künſtler, es an ſeine Lippen drückend, ehe er es weggab. „Jetzt kann ich es nicht mitnehmen,“ ſprach der Käufer. „Mein Herr!“ „Verſtellung iſt mir fremd, auch ſehe ich über⸗ 56 haupt nicht ein, warum ich nicht aufrichtig mit Ihnen reden ſoll. Ihr Aeußeres hat mich intereſſirt, denn ich leſe in Ihren Zügen keinen gewöhnlichen Kummer und ich fühle Theilnahme für Alle, welche trauern.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiderte Harry Burg, „für Ihren männlichen Freimuth und Ihr edles Gefühl, das Sie antrieb; aber ich kann kein Almo⸗ ſen annehmen.“ „Das iſt ein hartes Wort.“ „Wie kann ich Ihr Geſchenk anders benennen! Sie müſſen entweder Ihr Gold zurück⸗ oder das Miniaturbild annehmen.“ „Wie wäre es, wenn wir ein Uebereinkommen träfen,“ ſprach der junge Mann. „Ich verſtehe Sie nicht!“ „Bringen Sie es mir morgen Vormittag. Hier iſt meine Adreſſe. Vielleicht finden Sie mich Ihrer Bekanntſchaft nicht unwerth. Vielleicht vermag ich auch Ihnen dienlich zu ſein; aber dieß iſt weder die Stunde, noch der paſſende Ort zu Erklärungen. Darf Sie alſo erwarten?“ Ja „Ich verlaſſe mich auf Ihr Wort.“ Damit zog der junge Mann den Hut und ging raſch Opxford⸗ ſtreet zu. „Wie ſonderbar,“ murmelte Harry, als er allein war.„Er muß ſehr ſcharf in meinem Geſicht geleſen haben. Ich dachte nicht entfernt daran, daß Ver⸗ zweiflung ſo beredt ſein könne. Ich bin ſehr erfreut darüber, ſehr erfreut, denn ich werde die Welt jetzt mit einer beſſern Meinung von meinen Mitgeſchöpfen verlaſſen. Es haben nicht Alle, wie mein Vetter 57 Richard, Herzen von Stein. Zugleich warf er einen Blick auf die Karte, welche ſein unbekannter Wohl⸗ thäter ihm eingehändigt hatte, und las den Namen „Harold Tracy, St. James's⸗ſquare,“ der ſeit drei Tagen in London angekommen war. Harry ſtutzte; vich habe dieſen Namen oft gehört, dachte er, meine ſelige Mutter hat unzählige Male von den Tracy's geſprochen. Wie ſonderbar, daß der Zufall mir einen dieſes Namens in den Weg geführt hat und zwar in einem ſolchen Augenblicke! Ein Zufall, ſage ich! Nein, eine Fügung war es, um mich vor dem ärg⸗ ſten Verbrechen, dem Selbſtmord, zu bewahren.“ Zu Hauſe angekommen, hatte Harold Zeit, über ſein erſtes Abenteuer in London nachzudenken. Bei etwas mehr Erfahrung hätte er leicht Verdacht ge⸗ ſchöpft, daß er von ſeinem Gefühle ſich habe hin⸗ ter's Licht führen laſſen; aber dieſer Gedanke ſtieg auch nicht entfernt in ſeinem edlen Gemüthe auf, und er wünſchte ſich Glück, einen Mitbruder vom Untergange gerettet zu haben, denn er hatte den verzweiflungsvollen Entſchluß in deſſen verzerrten Zügen und geiſterhaft ſtieren Augen geleſen. Dieß war aber nicht alles, was ihm für dieſen Mann Intereſſe einflößte. Harry's Geſichtszüge ſchienen ihm ſo bekannt, wie ein halb noch in der Erinne⸗ rung fortlebendes Traumbild. Er konnte ſich zwar nicht erinnern, wo er ihn geſehen habe; daß dieß aber ſchon der Fall geweſen, davon war er feſt überzeugt.„Ich will mich nicht länger damit quälen,“ rief er aus,„das Geheimniß zu ergründen. Die Zeit, welche ſo Manches aufklärt, wird ſicher auch 58 dieſen Schleier lüften; wahrſcheinlich erfahre ich morgen ſchon ein Mehreres.“ Am folgenden Morgen ſaß er eben beim Früh⸗ ſtück, als der erwartete Beſucher ihm von dem ge⸗ treuen Diener angekündigt wurde, der nebſt ſeiner Frau ſeit ſo vielen Jahren ſchon Sir Mordaunt Tracy's Haus in London hütete. Der alte Mann hatte ſeine wohlausgebürſtete Livree zu Ehren des Erben ſeines Herrn angezogen, den er nicht genug ausfragen und betrachten konnte, weil dieſer, wie er behauptete, dem Baronet ſo ähnlich ſehe. Die jungen Männer ſchüttelten ſich die Hände. „Haben Sie ſchon gefrühſtückt,“ fragte Harold. „Ja wohl,“ erwiderte Harry, indem er zugleich das Miniaturbild auf den Tiſch legte. „Ich werde ſogleich damit zu Ende ſein,“ ſagte der Erſtere, hier ſind einſtweilen die Morgenblätter zu Ihrer Durchſicht.“ Der Diener brachte den Herald, der auf einem der Tiſche lag. Zugleich fiel deſſen Auge auf das Portrait; er ſtutzte, nahm es in die Hand und hielt es gegen das Licht, indem er ausrief:„Wie kam dieß hieher?“ „Was haben Sie, Harris?“ fragte Harold. „Haben Sie das Original gekannt, daß Sie ſo davon erregt werden?“ „Ja— nein— das heißt— ich glaube Jemand geſehen zu haben, der ihm gleicht. Verzeihen Sie mir, mein lieber junger Herr, wenn ich Mangel an Reſpekt vor Ihnen an den Tag legte; es ſoll mir dieß nicht wieder paſſiren.“ „Das iſt ſonderbar,“ bemerkte Harry Burg, 59 Kaber ich habe oft meine ſelige Mutter den Namen Trach nennen hören.“ „War dieſe Dame Ihre Mutter, Herr?“ fragte Harris. „So iſt's, ich war ihr einziger Sohn.“ Der alte Mann, den ſeine Erregung, die er ver⸗ gebens zu verbergen ſuchte, überwältigte, verließ eilig das Zimmer. Fünftes Kapitel. Mehrere Minuten lang, nachdem der Diener hinausgegangen war, blickten die beiden jungen Männer einander ſtillſchweigend an. Keiner von Ihnen vermochte die Urſache ſeiner Aufregung zu begreifen. „Es iſt doch ſonderbar,“ bemerkte endlich Harold, „daß das Portrait Ihrer Mutter einen ſolchen Ein⸗ druck auf den alten Mann gemacht hat. Offenbar hat er es auf den erſten Blick erkannt; ſein Ge⸗ dächtniß konnte ihn nicht wohl getäuſcht haben.“ „Ich vermag darüber keine Auskunft zu geben,“ verſetzte Richard;„zwar hörte ich allerdings oft den Namen Trach nennen, aber auf keine Weiſe, daß ich daraus auf eine nähere Bekanntſchaft unſerer Familien hätte ſchließen können.“ „Es gleicht Ihnen ſehr,“ ſagte Harold, das Miniaturbild betrachtend;„als ich Ihnen geſtern Nacht auf der Straße begegnete, kam mir Ihr Ge⸗ ſicht ſehr bekannt vor, und doch,“ ſetzte er, ſich beſin⸗ 60 nend hinzu,„haben wir uns noch nirgends ge⸗ troffen.“ „Nirgends!“ rief Harry Burg im Tone der Ueberzeugung. „Vergebens bemühte ich mich, in's Klare zu kommen,“ fuhr Harold fort;„zuweilen, wenn ich eben meine, der Sache auf der Spur zu ſein, iſt Alles auf einmal wie weggewiſcht. Können Sie mir dabei nicht behilflich ſein? Unterſtellen Sie mir aber dabei keine Gründe bloßer Neugierde, ſondern ſeien Sie überzeugt, daß nur der Wunſch, Ihnen dienen zu können, mich leitet.“ „Meine Lebensgeſchichte iſt bald erzählt,“ erwi⸗ derte der Künſtler.„Meine früheſten Erinnerungen führen in ein altes Haus auf dem Lande im Nor⸗ den von England zurück, wo ich mit meiner Mutter, die Wittwe war, lebte, zwar nicht mit Glanz, aber doch wenigſtens mit den einfachſten Bequemlichkeiten des Lebens umgeben. Es beſuchte uns Niemand, als der Geiſtliche des Kirchſpiels und meines Vaters Bruder, ein finſterer, alter Mann, deſſen Anweſen⸗ heit, warum weiß ich ſelbſt nicht, mir ſtets ein unheim⸗ liches Gefühl verurſachte. Er ſtarb, als ich zwölf Jahre alt war, und ſein Sohn, Richard Burg, der ſich gegenwärtig in Oxford befindet, wurde nun unſer Hausgenoſſe. Er war ein kränkliches, ſchwäch⸗ liches Kind, und meine theure Mutter pflegte ihn mit der gewiſſenhafteſten Aufmerkſamkeit, bis ſein Vormund, Sir John Sellem, ſeine Geſundheit für hinreichend erſtarkt hielt, um ihn zu ſeiner weitern Ausbildung nach Harrow ſchicken zu können.“ „Sir John Sellem, der Bankier?“ fragte Harold. 61 „Derſelbe,“ fuhr der junge Mann fort,„ein in der Geſchäftswelt wohlbekannter Name. Man erzählt ſich viel von ſeiner Rechtſchaffenheit und ſei⸗ nem Wohlwollen, aber—“ er zögerte einen Augen⸗ blick, wie wenn er verlegen wäre, weiter fortzufah⸗ ren.„Es iſt ſchwer,“ ſetzte er endlich hinzu,„das auszuſprechen, was ich eigentlich ſagen möchte, ohne ungerecht zu erſcheinen, und ich möchte ſelbſt meinem bitterſten Feinde nicht Unrecht thun, geſchweige denn einem Manne, deſſen Ruf ſo glänzend iſt. Ich war nie ſo glücklich, mir ſein Wohlwollen zu erwerben— wahrſcheinlich lag der Fehler an mir, und nach dem Tode meiner Mutter, obgleich er ſich zur Vormund⸗ ſchaft über mich herbeiließ, hielt er mich doch ge⸗ fliſſentlich von meinem reichen Vetter ſtets fern, ſo daß ich, als ich einundzwanzig Jahre alt wurde, allein in der Welt ſtand, ohne Freund, der mich leitete oder mir mit Rath an die Hand ging, allein mit einem Vermögen von einigen hundert Pfunden.“ „Das war eine traurige Lage,“ bemerkte Ha⸗ rold theilnehmend. „Sie können ſich keine Vorſtellung von den Prü⸗ fungen und Verſuchungen machen,“ ſetzte Harry traurig hinzu;„obgleich ein Mann an Jahren, war ich doch ein Kind an Erfahrung. Anſtatt dem Ernſt des Lebens ein ſtarkes und entſchloſſenes Herz ent⸗ gegen zu ſetzen, wie ich es hätte thun ſollen, lebte ich nur meinen Träumereien. Eine meiner früheſten war die geweſen, Italien zu beſuchen, um dort der Malerei mich zu widmen und meinen Namen wo möglich den Männern anzureihen, welche durch die Kunſt ſich Unſterblichkeit erworben hatten. Thörich⸗ 62 ter Weiſe glaubte ich eines Beſchützers entbehren zu können; in meinem Enthuſiasmus hoffte ich durch die Macht des Genie's mir von ſelbſt Bahn zu bre⸗ chen, und ſo kehrte ich nach zweijähriger Abweſenheit und unermüblicher Anſtrengung, arm an Geld, aber reich an Hoffnung nach England zurück. Nach und nach ſchwand aber eine Hoffnung um die andere und ſo ſah ich mich endlich dem furchtbaren Geſpenſt, dem Mangel, gegenüber. Ich verkaufte meine Ge⸗ mälde, die ich für unbezahlbar gehalten hatte, um des täglichen Brodes willen an Händler um Spott⸗ preiſe. Sie ſehen,“ ſetzte er mit melancholiſchem Lächeln hinzu,„daß ich meine Schwäche und Be⸗ ſtrafung offen bekenne.“ „Aber der Vetter, von dem Sie ſprachen,“ be⸗ merkte Harold,„wußte denn dieſer nichts von Ih⸗ rer Noth?“ „Er kannte ſie ganz genau.“ „Und bot Ihnen niemals ſeinen Beiſtand an!“ rief Harold unwillig. „Er ſchickte mir einen Brief an ſeinen Vor⸗ mund,“ ſprach Harry,„den ich, ohne den Inhalt zu kennen, dieſem übergab. Sir John las ihn auf⸗ merkſam, überlegte hierauf eine Weile, ſagte mir dann, daß er die Lage, in die ich mich verſetzt, längſt als Folge meiner Unbeſonnenheit vorausgeſehen habe, und ſetzte dann hinzu, daß er, obgleich es ihn etwas genire, aus Rückſicht für ſeinen Mündel, mir die Stelle eines zweiten Commis auf ſeinem Comptoir geben wolle. Ich lehnte dieſes Anerbieten ab, da ich lieber geſtorben wäre. Vor drei Tagen machte ich mich nach Orford auf den Weg, in der Abſicht, 63 meinen reichen Vetter, den Mann, der denſelben Namen wie ich trägt, aufzuſuchen. Erſparen Sie mir die Erzählung der Demüthigung dieſes Zu⸗ ſammentreffens. Ich fand ihn herzlos und kehrte nach London zurück, ärmer als ich es verlaſſen hatte. Geſtern Nacht wollte ich heimathlos, von allen Mit⸗ teln entblößt— doch Sie wiſſen ja das Uebrige.“ Es lag etwas in dem Tone, was Heuchelei und ſelbſt die gewandteſte Darſtellungskunſt nicht nach⸗ zuahmen vermöchte; es war der Ton der Wahr⸗ heit, der den unbefleckten Lippen der Jugend ent⸗ quoll. Jedes Wort wirkte überzeugend auf das Gemüth des Zuhörers, der zum erſten Male in ſei⸗ nem Leben ein wahrhaftes Vergnügen darüber em⸗ pfand, reich zu ſein. „Ich habe Ihnen die Umſtände erzählt, welche mich dahin brachten, dieſes koſtbare Andenken an die Vergangenheit zu veräußern,“ fuhr Harry Burg fort, auf das noch immer auf dem Tiſche liegende Miniaturbild deutend.„Ich habe mein Wort gelöst; erlauben Sie mir nun, Ihnen für Ihren Zartſinn — für Ihr edelmüthiges Benehmen gegen mich zu danken und Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ „Das ſollen Sie Alles nicht thun,“ erwiderte ſein Wohlthäter, von ſeinem Stuhle aufſtehend und ihm die Hand reichend.„Ich kenne die Welt ſehr wenig, bin ein eben ſo großer Träumer, wie Sie, geweſen und befrage häufig mein Herz mehr als meinen Kopf; beide aber ſagen mir in dieſem Augen⸗ blicke, daß ich Recht daran thue, wenn ich Sie darum bitte, mich als Freund zu betrachten.“ Der arme Maler erröthete tief.„Vir ſind Beide jung,“ fuhr 64 der Erſtere fort;„wären wir Beide auf eine einſame Inſel geworfen worden, ſo würde Jeder von uns ohne Zögern, Stolz oder falſche Delikateſſe Beiſtand von dem Andern gefordert und angenom⸗ men haben.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ bemerkte Harry. „Betrachten Sie London als eine einſame Inſel;“ ſprach Harold,„und ich habe bereits genug geſehen, um mich zu überzeugen, daß es für ſolche, die keine Freunde beſitzen, nicht viel mehr iſt, Ich bin allein darin, denn ich habe bis jetzt noch keinen meiner Empfehlungsbriefe abgegeben. Ich ſehe, daß Sie mich verſtehen,“ ſetzte er mit einem Lächeln hinzu. „Das Gleichniß? vollkommen.“ „Alſo genug,“ fuhr Harold fort;„das Uebrige wird ſich mit der Zeit geben. Ueberdieß ſchätze ich mich ſehr glücklich, Mr. Burg, Ihre Bekanntſchaft ge⸗ macht zu haben, denn ich verſprach meinem Onkel, Sir Mordaunt Tracy, mein Bild nach Granstoun⸗ Park zu ſenden. Wann wollen Sie mich in den Stand ſetzen, mein Wort zu löſen?“ Es dauerte einige Zeit, ehe der Maler zu ant⸗ worten vermochte, ſo tief fühlte er ſich von dem ſo zart eingekleideten Edelmuthe ergriffen. Endlich murmelte er etwas dergleichen, daß ſeine Zeit zu Mr. Tracy's Verfügung ſtehe. Gleich morgen ſoll die erſte Sitzung ſein,“ ſprach Harold mit befriedigter Miene:„heute, da Sie ein ſo großer Freund von Gemälden ſind, will ich Ih⸗ nen ein paar zeigen, die Ihrer Aufmerkſamkeit werth ſind. Die beſten aus meines Onkels Sammlung ſind zwar in Granstoun, aber im Salon hängt ein 65 Vandyk, der, ſo viel ich weiß, von jeher der Fa⸗ milie gehörte.“ Er klingelte, worauf Tom und der alte Diener erſchienen. „Harris,“ ſprach der junge Mann,„öffnen Sie die Läden im Salon und—.“ Seine Rede wurde durch einen plötzlichen Ausruf des Erſtaunens von Seite des Malers unterbrochen. Harold wandte ſich um und ſah dieſen, den Blic ſtier auf den Mor⸗ ning⸗Harold gerichtet, den er convulſiviſch zitternd in der Hand hielt. Alle Liniamente ſeines aus⸗ drucksvollen Geſichtes ſchienen von der heftigſten Bewegung ergriffen und dicke Schweißtropfen ſtan⸗ den auf ſeiner Stirne. „Um's Himmels willen, lieber Herr, was hat ſich zugetragen?“ Harry Burg reichte ihm das Blatt und ſank auf ſeinen Stuhl zurück. Die Stelle, welche ihn ſo heftig ergriffen hatte, lautete folgendermaßen:„Trauriger Vorfall in Ox⸗ ford. Am Dienſtag fuhr ein Boot mit drei un⸗ graduirten Studirenden von Chriſtchurch, Lord Tuft, der ehrenwerthe Percy Howard und Richard Burg, Esquire, den Iſis hinauf, wobei der letztgenannte junge Mann unglücklicher Weiſe ertrank. Das trau⸗ rige Ereigniß hat auf der ganzen Univerſität die tiefſte Senſation gemacht. Mr. Burg fehlten, ſoviel wir hören, nur noch drei Monate bis zur Volljäh⸗ rigkeit, die ihn in den unumſchränkten Beſitz eines großen Vermögens geſetzt hätte.“ „Ich begreife jetzt Ihre Ueberraſchung,“ ſprach Harold, nachdem er geleſen hatte,„aber nicht Ih⸗ ren Schmerz.“ Licht und Schattenſeiten. 1. 5 66 „Ich bin ſein Erbe,“ murmelte der junge Mann; „fühlen Sie mit mir— aber verachten Sie mich deßhalb nicht, wenn ich Ihnen geſtehe, daß meine erſte Empfindung beim Leſen der Nachricht ſeines Todes mich mit Freude erfüllte und dieſe Empfin⸗ dung hat mich erſchreckt, indem ſie mich veranlaßte, mit Schaudern in mein Inneres zu blicken. Armuth,“ ſetzte er bitter hinzu,„iſt ein ſchlimmer Moraliſt. Freude über den Tod eines Mitbruders— Freude über das Gelangen zu ſo viel Plunder, den ich zu verachten mir geſchmeichelt habe!“ „Wir müſſen die Menſchheit nehmen, wie ſie iſt,“ bemerkte Harold.„An Ihrer Stelle würde ſich in mir wahrſcheinlich daſſelbe Gefühl geregt haben. Vergeſſen Sie nicht, daß weder Liebe noch Frinnerung an genoſſene Freundlichkeit, noch Sym⸗ pathie, ſondern blos die Bande des Bluts zwiſchen Ihnen beſtanden. Ihr Selbſtvorwurf iſt deßhalb ganz unnöthig.“ Die beiden Diener verließen das Zimmer und der ſo unerwartet reich gewordene Erbe blickte in das Geſicht des Sprechenden, indem er matt lächelte. „Empfangen Sie meinen Glückwunſch,“ ſprach Letzterer. „Der Einzige, der mir Vergnügen macht,“ er⸗ widerte Harry,„denn ich weiß, daß er von Ihnen aufrichtig gemeint iſt. Ich bin jetzt reich,“ ſetzte er tiefaufathmend hinzu;„ich darf jetzt nach der Schön⸗ heit meine Blicke richten, ohne einen froſtigen Blick zu gewärtigen, der den Armen zu befragen ſcheint, ob er auf Vermögen ſpeculire. Ich kann jetzt meine Freundſchaft anbieten, ohne die Zurückweiſung zu 67 erfahren, die der Armuth ſo oft zu Theil wird. Ich beſitze jetzt Geld! Die Geſellſchaft wird jetzt mich aufnehmen, mir den Hof machen und mir ſchmeicheln, das heißt, meinem Geld! Und die Welt wird nichts darnach fragen, ob das Herz des Be⸗ ſitzers deſſelben kalt wie Stein, oder freundlich und wohlwollend iſt. Die vormalige Null iſt eine Ein⸗ heit in der geſellſchaftlichen Stufenleiter geworden. Einſamkeit, wenn ich dieſe überhaupt aufſuchen ſollte, wird mich fliehen, denn der gemeine Erdenplunder hat mich eben ſo umgewandelt wie die verachtete Raupe, wenn ſie das Grab, das ihr Leben um⸗ ſchließt, durchbricht und mit ihren bunten Flügeln ſich im vollen Sonnenſchein ihres kurzen Sommer⸗ lebens umhertummelt.“ „Das iſt Bitterkeit, keine Freude,“ bemerkte Harold. „Zerquetſche die Blume,“ ſprach der Maler,„und ſie vermag blos den Geruch von ſich zu geben, der ſich in ihr geſammelt hat. Wüßten Sie, was ich alles erduldet habe, und Sie würden ſich über mich nicht mehr wundern; aber Sie haben nie den Druck der Armuth gefühlt, ihren Fluch, ihren eiſernen Scepter, der Neigungen, Gefühle, Geſchmack, mit Einem Wort, Alles, was den Menſchen veredelt, niederdrückt; nie gezittert vor den Schritten, die ſich Ihrem einſamen Zimmer näherten, aus Furcht, es könnte ein harter Gläubiger mit beleidigenden Wor⸗ ten erſcheinen; Sie wiſſen nicht, was ein Verſpre⸗ chen heißt, das in einem ſolchen Augenblicke abge⸗ preßt wird, und wie das Gehirn ſich abmüht, Mit⸗ tel zu finden, um nicht eine Lüge wruhnngen, 68 vor der man innerlich erröthet. Ich habe alles Dieß empfunden,“ ſetzte er hinzu;„das Gift der Schlange hat die Blüthe befleckt, als ſie darüber hinkroch.“ „Sie rechten zu ſtreng mit der Vergangenheit,“ be⸗ merkte Harold.„Armuth wird ſelbſt in unſerm mate⸗ riellen Zeitalter nicht als ein Verbrechen betrachtet.“ „Allerdings,“ antwortete der Erbe ſarkaſtiſch, „ſie iſt blos eine moraliſche Vernichtung, und der Reichthum, der ſie verdrängt, dient nur dazu, einen Leichnam zu beleben.“ „Noch immer!“ rief Harold im Tone des Vor⸗ wurfs. „Verzeihen Sie,“ ſprach Harry.„Sie haben allerdings das Recht, mich zu tadeln; denn Sie allein auf der ganzen Welt haben mir Theilnahme in der Noth bewieſen. Sie iſt vorüber,“ ſetzte er hinzu; „Sie haben die Schwäche meines Herzens geſehen, jetzt ſollen Sie auch deſſen Standhaftigkeit kennen lernen.“ Mit dieſen Worten trat er an's Fenſter und blickte einige Minuten lang auf die Straße hinab. Als er wieder auf ſeinem Stuhle Platz nahm, waren ſeine Züge ruhig und heiter; alle Spuren des Sturms der Gefühle, die ſo eben in ihm gewogt, waren verwiſcht. „Was für Schritte gedenken Sie jetzt zu thun?“ fragte Harold. „Mein erſter Beſuch,“ erwiderte der junge Mann, „wird Sir John Sellem gelten, meinem Bankier in Lombard⸗ſtreet.“ „Soll ich Sie begleiten?“ „Ich wagte nicht, Sie darum zu bitten; aber 69 ich nehme es dankbar an,“ ſprach der Erbe.„Wenn es Sie intereſſirt, die menſchliche Natur in ihren mannigfachen Geſtalten zu ſtudiren, ſo wird Sie dieſe Unterredung für Ihre Mühe reichlich lohnen. Bis jetzt hat dieſer Menſch mich mit ſtolzer Verach⸗ tung behandelt; Sie ſollen ſehen, wie tief er ſich vor ſeiner Gottheit Gold, die ſich in meiner Per⸗ ſon verſinnlicht, bücken kann.“ In wenigen Minuten ſtand der Brougham am Thore und die beiden jungen Männer fuhren nach der City. Das Bankhaus von Sir John Sellem und Compagnie war eines ber älteſten in Lombard⸗ ſtreet, und übereinſtimmend mit ſeinem Alter hatte es ein ſehr ſolides und ehrwürdiges Ausſehen. Drei wohlerhaltene Granitſtufen führten zur Thüre der Bank, die mit kreiſchendem Geräuſch ſich in ihren Angeln drehte, als die beiden Freunde in das In⸗ nere des Geſchäftslokals traten, in welchem ein Duzend Commis, ſämmtlich von reiferem Alter, in ſchwarzem Anzug und tadellos weißer Halsbinde, damit beſchäftigt waren, theils Einträge in die Bü⸗ cher zu machen, theils Geld in Empfang zu neh⸗ men oder auszuzahlen. „Ich wünſche Sir John zu ſprechen,“ ſagte arry Burg, an den Hauptkaſſier ſich wendend. „Ich fürchte, daß dieß nicht ſein kann,“ lautete die ruhige, aber deßhalb doch nicht weniger patzige Antwort. „Gut,“ dachte der Erbe;„er kennt die Neuig⸗ keit noch nicht.„Sehen Sie gefälligſt in meinem Namen nach!“ ſetzte er laut hinzu. Nach kurzer Zeit kam der Kaſſier mit der Nach⸗ 70 richt zurück, daß der Bankier durch dringende Ge⸗ ſchäfte abgehalten ſei. „Ich kann warten,“ erwiderte Harry. „Das iſt unnöthig, Sir John will Sie nicht empfangen. Sie können ihm ja ſchreiben.“ „Ich habe keine Zeit zum Schreiben und mein Geſchäft iſt ſo wichtig als irgend eines, das Ihren Principal im Augenblick in Anſpruch nimmt. Fürchtet er vielleicht einen Sturm auf ſeine Bank?“*) ſetzte er lächelnd hinzu, daß er ſich vor ſeinen Kun⸗ den verleugnen läßt?“ Bei den Worten„Sturm auf ſeine Bank,“ welche mit erhobener Stimme geſprochen worden waren, ſahen ſich mehrere Perſonen, die am Zahltiſche zu thun hatten, fragend um, und das Geſicht des Haupt⸗ kaſſiers färbte ſich von Weiß in gallicht Grün, doch bewahrte er ſich ſeinen Gleichmuth, den nur ein Erdbeben hätte erſchüttern können.„Ich werde Ihr auffallendes Benehmen Sir John berichten, mein Herr,“ erwiderte er, indem er ſich abermals in das Privatzimmer des Principals begab. Der Baronet erſchien ſogleich. Er war ein lan⸗ ger, hagerer Mann mit eisgrauen Haaren, buſchi⸗ gen Brauen, und um die Enden ſeiner Lippen ſpielte ein ſpöttiſcher Zug. Sein Geſicht glich dem einer Mumie, ſo dunkel war es gefärbt; jetzt hatte aber Zorn ſeine Wangen geröthet, und ſein durchdrin⸗ gendes ſchwarzes Auge funkelte wie das einer ge⸗ reizten Viper.„Was ſoll Ihr Hierſein bedeuten, *) Wenn der Krebit eines Hauſes wankt und Jedermann ſein Guthaben noch zurückzuverlangen ſich beeilt. — — 71 mein Herr?“ fragte er ſtolz,„und der beleidigende Ausdruck, deſſen Sie ſich über mein Geſchäft be⸗ dient haben?“ Wollte ich der Eingebung meines gerechten Unwillens Folge geben, ſo würde ich zu Ihrer Ausweiſung mich an die Polizei wenden.“ „Ohne Zweifel,“ erwiderte Harry gelaſſen. „Nur die Achtung für Ihren würdigen Vetter hält mich davon ab,“ fügte der Bankier hinzu. „Ich kenne Ihre Geſinnungen gegen mich voll⸗ kommen, Sir John,“ bemerkte Harry kalt,„und den Antheil, welchen Sie aus Gründen, die ich vor⸗ erſt bei Seite laſſen will, an der Entfremdung hat⸗ ten, die zwiſchen mir und meinem verſtorbenen Vetter herrſchte.“ Bei den Worten„verſtorbenen Vetter“ fuhr der Geldmann zuſammen, als wenn er einen elektriſchen Schlag bekommen hätte, und ſeine Geſichtszüge ver⸗ zerrten ſich ſichtbar.„Verſtorbener Vetter“ wider⸗ holte er gedehnt. Harry reichte ihm den Morning⸗Herald und zeigte ihm den Artikel, der Richard's Tod meldete. Der Bankier überlas ihn bedächtig zweimal, und wäh⸗ rend er dieß that, trat ihm der Schweiß auf die Stirne.„Armer junger Mann,“ murmelte er,„ein ſo guter, vortrefflicher Menſch! in der Blüthe ſeiner Jahre hingerafft.“ „Und wenige Monate, bevor er majorenn ge⸗ worden wäre,“ ſetzte Harry hinzu. Sir John Sellem verſtand vollkommen das ganze Gewicht dieſer Bemerkung.„Sie ſind vielleicht ſo gütig, Mr. Burg, in mein Privatzimmer zu treten. Wir können uns dort bequemer beſprechen.“ ———— 72 „Ich glaubte, Sie ſeien ſehr dringend beſchäf⸗ tigt,“ erwiderte der junge Mann.„Wenn dieß der Fall iſt, ſo kann ich ja warten; es wäre dieß nicht das erſte Mal. „Ich ſtehe zu Ihrem Befehl.“ „Oder kann ich auch ſchreiben, wie Ihr Kaſſier gemeint hat.“ „Es iſt viel beſſer, wenn wir die Anordnungen, welche dieſes traurige Ereigniß nothwenbig gemacht hat, ſogleich treffen,“ ſprach der Bankier, deſſen Ton nach und nach immer verbindlicher geworden war. „Wie Ihnen beliebt,“ erwiderte Harry, mit ſeinem Freunde ein Lächeln austauſchend. Sir John Sellem trat an ein Pult und ſchrieb ein paar Linien auf ein Blatt Papier.„Beſorgen Sie dieß ſoaleich,“ ſagte er ſodann zu ſeinem Kaſ⸗ ſier.„Dieſen Weg, meine Herren.“ Zugleich öff⸗ nete er die Thüre und verbeugte ſich höflich, als er die beiden Freunde in ſein Privatzimmer einließ. Ehe er ein Wort ſprach, muſterte er ſorgfältig eine Anzahl Briefe, die uneröffnet auf ſeinem Schreib⸗ tiſche lagen. Er hatte ſich noch nicht mit ſeiner Correſpondenz befaßt gehabt. Einer trug das Poſt⸗ zeichen von Oxford und war ſchwarz geſiegeltz er enthielt die Mittheilung des traurigen Ereigniſſes. „Sd iſt es alſo nur zu wahr,“ ſprach er mit einem Seufzer.„Es wäre Heuchelei, Mr. Burg, wenn ich Ihnen dazu Glück wünſchte, daß Sie zu dem Vermögen Ihres Vetters gelangt ſind, denn ich be⸗ daure ſeinen Verluſt zu tief. Er war ein junger Mann von vielverſprechenden und ſehr ſchätzbaren Eigenſchaften. Ich hoffte, daß er— doch dieß ge⸗ 73 hört jetzt eben auch zu den vielen fehlgeſchlagenen Hoffnungen auf dieſer Welt. Sie finden mich be⸗ reit zur Erfüllung meiner Pflicht,“ ſetzte er hinzu. „Zur Rechnungsablegung über ſein Vermögen?“ fragte Harry. „Allerdings,“ erwiderte Sir John,„ſobald die Zeit da iſt. Richard war noch nicht volljährig und—“ „Aber ich bin es,“ unterbrach ihn der Erbe. „Allerdings, allerdings! Bitte tauſendmal um Entſchuldigung. Der Schmerz hat mich ganz ver⸗ wirrt gemacht. Was iſt nun Ihre Abſicht?“ „Ich werde mich ſogleich nach Orford begeben,“ antwortete Harry,„um die Verbindlichkeiten mei⸗ nes Vetters dort zu bezahlen. Wie kalt und ſelbſt⸗ ſüchtig er auch gegen mich ſich benommen hat, ſo will ich doch nicht, daß er zu Grabe getragen werde, ohne daß ein Verwandter ſeinem Sarge folge.“ „Wollen Sie nicht lieber mich damit beauftra⸗ gen?“ fragte der Baronet. „Sir John Sellem, ich ändere ſelten meine Be⸗ ſchlüſſe.“ Der Bankier biß ſich auf die Lippen, denn er bemerkte nur zu deutlich die Richtigkeit dieſes wich⸗ tigen Umſtandes. „Zur Ausführung dieſes Vorhabens,“ fuhr Harry fort,„bedarf ich eines augenblicklichen Vor⸗ ſchuſſes von Geld.“ Sir John that, als ob dieſe Bemerkung nicht ihm gegolten hätte. „Häben Sie mich nicht verſtanden?“ „Vollkommen,“ erwiderte der alte Mann mit einiger Betonung;„und ſobald Sie die Güter mei⸗ nes verſtorbenen Mündels übernommen haben und 74 alle nothwendigen Formalitäten bereinigt ſind, ſo ſollen Sie ihn haben.“ „Und nicht früher?“ „Nicht einen Schilling!“ verſetzte der Bankier feſt. „Darf ich wohl um den Grund dieſes auffallen⸗ den Benehmens fragen?“* „Geſchäftsform, mein Herr, nichts als Geſchäfts⸗ form; es iſt gegen alle Gewohnheit—“ „Pah!“ unterbrach ihn der Erbe;„ich fragte nach dem Grund, nicht nach dem Vorwand. Spie⸗ len Sie Schach, Sir John?“ „Zuweilen.“ „Ich auch. Dann wiſſen Sie auch, daß ein guter Spieler ſich nicht ſogleich matt gibt. Guten Morgen!“ Die beiden jungen Männer ſtanden zugleich auf, um das Zimmer zu verlaſſen. Der Baronet be⸗ gleitete ſie nach dem Comptoir. Hier bemerkte Harry, daß der Kaſſier einen Blick mit ſeinem Principale wechſelte.„Haben Sie meinen Befehl nicht voll⸗ zogen?“ fragte dieſer in ärgerlichem Tone. „Sie vergaßen den Namen des Orts zu ſchrei⸗ ben, wohin ich einen Extra—“ „Schon gut,“ unterbrach ihn ſein Principal ha⸗ ſtig;„ich will die Sache ſelbſt beſorgen. Ich habe jetzt keine Zeit, Sie anzuhören,“ ſagte er, an ein anmuthiges junges Mädchen von etwa achtzehn Jah⸗ ren, in tiefe Trauer gekleidet, ſich wendend, die am Zahltiſche ſtand. „Ach, nur ein Wort, Sir John,“ verſetzte die junge Dame flehendlich. „Nicht eine Sylbe,“ lautete die barſche Antwort; „kommen Sie in einigen Tagen wieder, und ich will B— ꝛ 75 ſehen, was ich thun kann.“ Mit dieſen Worten zog ſich der Geldmann in ſein Privatzimmer zurück, deſſen Thüre er zornig hinter ſich abſchloß. Die Bittſtellerin ließ ihren Schleier herab und reichte ihren Arm einer ehrwürdigen Matrone, die das Ausſehen einer Dienerin hatte, und verließ das Comptoir; doch hatte Harry Burg zuvor noch Ge⸗ legenheit bekommen, ihr ſchönes Geſicht, den tiefen Kummer, die Verzweiflung, die ſich in ihren Zügen ausdrückte, zu bemerken. Es war eines jener Ge⸗ ſichter, das, einmal geſehen, in unſeren Träumen wieder erſcheint. „Ihres Vetters Vormund iſt ein höchſt unliebens⸗ würdiger Menſch,“ bemerkte Harold, als Beide wie⸗ der in dem Brougham ſaßen,„und mich wundert's jetzt nicht mehr, daß Sie ihn nicht mögen. Ich möchte nicht mein Glück und mein Vermögen in die Hände eines ſolchen Mannes legen. Uebrigens begreife ich die Gründe ſeines Benehmens nicht.“ „Ich kann ſie blos vermuthen,“ erwiderte Harry. Sie hörten doch, was der Kaſſier ſagte.“— Sie vergaßen den Namen des Orts zu ſchrei⸗ ben, wohin ich den Extra— Zug beſtellen ſolle,“ wollte er ohne Zweifel hinzuſetzen, wenn ſein Principal ihn nicht unterbrochen hätte. Seine Abſicht iſt, vor mir nach Opford zu kommen und ſich in den Beſitz von meines Vetters Papieren zu ſetzen. Dahinter ſteckt ein Geheimniß, dem ich gerne auf die Spur kommen möchte, wenn es mir nicht an Mitteln gebräche. Sir John weiß, daß ich ohne Geld bin.“ „Aber nicht ohne einen Freund!“ rief Harold 76 im Tone des Vorwurfs,„wenn Sie mir dieſes Vorrecht zugeſtehen wollen. Sie haben Recht; ich fange an, klar zu ſehen!“ Ein Cabriolet, in welchem der Kaſſier ſaß, fuhr vorüber; der Menſch lüpfte den Hut und verbeugte ſich mit ironiſcher Höflichkeit. „Nach Hauſe,“ rief Harold dem Kutſcher zu. „Sie ſprachen vom Schach, Harry; jetzt wollen wir den Bankier matt machen.“ Eine Stunde hernach ſtiegen die beiden Freunde, von Tom begleitet, am Bahnhofe ab und fragten den Vorſtand, ob ein Separatzug nach Orford be⸗ ſtellt worden ſei?“ „Für Sir John Sellem?“ „Ja.“ „Ganz recht, meine Herren,“ erwiderte der Be⸗ amte, in der Vorausſetzung, daß ſie diejenigen wären, für welche der Zug beſtellt worden war, und dieſe Ueberzeugung gewann noch mehr Wahrſcheinlichkeit, als Harold der geforderten Summe noch eine Guinee beilegte für die Pünktlichkeit, mit der die Beſtellung gusgeführt worden war. Ohne Zögern ſetzten ſich alle drei in den Wagen. Das Signal wurde gegeben und der Train ſetzte ſich eiligſt in Bewegung. Etwa eine halbe Stunde nach ſeinem Abgang kam der Bankier angefahren und fragte, ob der Zug parat ſei. „Wohin, mein Herr?“ fragte der Portier. „Nach Opford.“ „Geht um vier Uhr ab.“ „Ich ſpreche von einem Separatzug, der für Sir John Sellem beſtellt wurde;“ erwiderte der Ban⸗ kier ungeduldig. 77 „Iſt ſchon ſeit einer Stunde fort.“ Der Leſer kann ſich die Wuth des Baronet den⸗ ken, als er entdeckte, daß er auf ſo geſchickte Weiſe überliſtet worden war. Vergebens verlangte er von dem Beamten, nach Orford telegraphiren zu laſſen, man ſolle die beiden Reiſenden als Betrüger feſt⸗ nehmen. Dieſer ſchlug das Geſuch mit dem Be⸗ merken ab, daß die beiden jungen Herren den Zug bezahlt hätten; es möge daher wohl ein Mißver⸗ ſtändniß zu Grunde liegen, aber ſicher auch nichts weiter.* Sir John ſah auf ſeine Uhr.„In wie viel Zeit können Sie einen neuen Zug in Bereitſchaft haben?“ In einer halben Stunde, mein Herr.“ „Zwanzig Guineen für Sie, wenn er in fünf Minuten abgeht.“ Es geſchah nach Wunſch und der Bankier ſetzte ſich, nach Bezahlung der verſprochenen Gratification, in nichts weniger als beneidenswerther Laune in den Wagen.„Ich muß mich auf irgend einen Zu⸗ fall verlaſſen,“ ſprach er, während der Zug dahin raste;„ſie können unterwegs aufgehalten werden oder im Collegium auf irgend eine Schwierigkeit ſtoßen. Wenn ſie vor mir ankommen, ſo bin ich zu Grunde gerichtet. Zugleich zog er den Hut tie⸗ fer herein in die Stirne und erwog in ſeinem ge⸗ ſchäftigen Gehirn die Wechſelfälle für und gegen, bis er in Opford anlangte, wo er erfuhr, daß die eine halbe Stunde vor ihm eingetroffen eien. 78 Sechstes Kapitel. Als Sir John Sellem in die Zimmer ſeines verſtorbenen Mündels im Chriſtcollegium kam, fand er Harry Burg eben damit beſchäftigt, ein Paket Briefe und Papiere zu ſiegeln, welche er aus einem offenen Pulte vor ihm ausgeſucht hatte. Das Antlitz des Erben war bleich und gedankenvoll,— kein Ausdruck von Triumph, kein Zeichen der Freude lag darauf. Ueberwältigt von der Ueberzeugung, daß er zu ſpät gekommen ſei, ſank der Bankier auf einen Stuhl und betrachtete ihn einige Zeit ſtill⸗ ſchweigend.„Sie wiſſen jetzt Alles,“ ſprach er endlich. „Alles,“ wiederholte der junge Mann im Tone des tiefſten Widerwillens.„Ich ſagte Ihnen ja, daß man einen gewandten Spieler nicht ſo leicht ſchachmatt macht. Das Spiel iſt aus und ich bin der Sieger.“ Damit ſteckte er das Paket in die Bruſttaſche und knöpfte den Rock feſt darüber zu. „Ich habe den Schlüſſel zu Ihrem Räthſel gefun⸗ den,“ fuhr er fort,„und kann jetzt das Betragen meines reichen Vetters gegen mich vollkommen be⸗ greifen. Es war den Verhältniſſen angemeſſen— ſeiner völlig würdig; aber das Ihrige—“ „Hören Sie meine Erklärung, ehe Sie urthei⸗ len,“ unterbrach ihn der Baronet.„Das Geheim⸗ niß gehörte nicht allein mir; ich hatte kein Recht, das in mich geſetzte Vertrauen zu täuſchen.“ „In Sie geſetztes Vertrauen!“ rief Harry mit bitterem Lachen,„ſagen Sie lieber ein Vertrauen, 79 das Sie erſchlichen und zu Ihrem eigenen Nutzen ausgebeutet haben. Können Sie es glauben, Ha⸗ rold,“ fuhr er, gegen ſeinen Freund gewendet, fort: „Richard Burg war ein Baſtard und dieſer Mann wußte es, leiſtete ſeinen Beiſtand, mich meiner Erb⸗ ſchaft zu berauben, mich in Noth, Elend und Tod hinauszutreiben, um die Beute mit ſeinem vortreff⸗ lichen, gewiſſenhaften, ehrenwerthen Mündel zu theilen!“ „Unmöglich! Die menſchliche Natur kann nicht ſo ſchwarz ſein,“ bemerkte Harold. „Ich wundere mich nicht über Ihre Ungläubig⸗ keit,“ erwiderte ſein Freund,„denn es kommt uns ſchwer an, uns vom Gegentheil zu überzeugen, wenn wir die Maske vom Geſichte der Heuchelei abgezo⸗ gen ſehen. Blicken Sie ihn an! Ich habe die Straßen Londons durchwandert, ohne einen Biſſen zu eſſen zu haben und er wußte es; aber die Welt, die blinde Welt hält ihn für einen Ehrenmann. Sein Name hat in der Handelswelt einen guten Klang. Wer würde beim Anblick dieſer grauen Haare glau⸗ ben, daß ſo viele Schlechtigkeiten und Betrügereien ſie bedecken! Er hat nicht einmal die Entſchuldigung der Armuth für ſein Benehmen,“ ſetzte er hinzu: „denn wenn das, was die Welt behauptet, wahr iſt, ſo iſt er ſehr reich an Erdengütern und nur an Ehrenhaftigkeit bankrott.“ „Ich will das Geſchehene gut machen,“ ſtöhnte der alte Mann, von der gegen ihn erhobenen An⸗ klage zu Boden gedrückt. „Gutmachen!“ wiederholte der Erbe unwillig. „Der Thor meint, jedes Unrecht laſſe ſich durch 80 Gold vergüten! Aber davon beſitze ich jetzt genug. Geben Sie mir das Vertrauen in meine Mitge⸗ ſchöpfe, in die menſchliche Natur, die Hoffnungen und Sympathien zurück, die das Daſein freudevoll machen. Verwiſchen Sie aus meinem Gedächtniß die unſelige Erinnerung an tauſend Erniedrigungen, an die Ver⸗ lockung, gegen welche die Seele in Einſamkeit und Armuth anzukämpfen hat bis ſie gebeugt und krank, den Geſetzen ihres Schöpfers zuwider, ihren ein⸗ zigen Zufluchtsort im Grabe ſucht. Reinigen Sie mich von dieſem Gewiſſensbiſſe, und dann ſprechen Sie vom Gutmachen des Unheils, das Sie ange⸗ richtet haben.“ Beunruhigt durch die wachſende Aufregung ſeines Freundes verließ Harold das Fenſter und legte ſanft die Hand auf ſeine Schulter:„Nichts mehr davon,“ flüſterte er,„er vermag Sie doch nicht zu verſtehen.“ „Wahr, ſehr wahr, ich habe kein Recht, ſeinen Mentor zu ſpielen. Sir John Sellem war ein Mann von ſcharfer Wahrnehmung; Welterfahrung hatte ihn Menſchen⸗ kenntniß gelehrt und er verſtand es, gehörigen Nutzen daraus zu ziehen.„Was habe ich zu er⸗ warten?“ fragte er in unterwürfigem Tone. „Gerechtigkeit,“ erwiderte Harry Burg ſtreng, „wenn deren Hand ſtark genug iſt, Sie zu errei⸗ chen; wenn nicht, wenigſtens die Verachtung, die jeder Ehrenmann für Ihr Benehmen gegen mich Sie fühlen laſſen wird.“ „Ich werde dieß nicht überleben,“ rief der Ban⸗ kier in verzweiflungsvollem Tone, denn es wird den Ruin meines Vermögens nach ſich ziehen, mein 81 einziges Kind in's Verderben ſtürzen und mit ihm noch hundert Andere. Leben Sie wohl, mein Herr. Ich bitte nicht um Ihre Vergebung, denn nach den Unbilden, die ich Ihnen zugefügt, weiß ich wohl, daß dieß vergebens wäre. Sie ſind oder ſpielen den Philoſophen,“ ſetzte er hinzu.„Haben Sie nie darüber nachgedacht, ob es einem Menſchen zuſteht, ein Verbrechen abzuurtheilen, da es doch Sache des Himmels iſt, die Verlockung dazu in die Wage zu legen?“ Harry fühlte die Wahrheit dieſer Bemerkung. Ich, der auf dem Punkte ſtand, das ärgſte Ver⸗ brechen zu begehen, dachte er, nehme mir heraus, ein Mitgeſchöpf anzuklagen! Dieſer Gedanke erfüllte ihn mit tiefer Beſchämung. „Der Himmel ſelbſt hat ſich gnädiger gegen Sie gezeigt,“ fuhr der Baronet fort, der den Eindruck, den ſeine Worte hervorgebracht, ſcharf beobachtet hatte;„er errettete Sie vom Selbſtmorde; mich treibt es—“ „Blasphemiren Sie nicht,“ unterbrach ihn der Erbe,„damit nicht der Himmel aus Unwillen über Ihre Undankbarkeit das bereits weicher geſtimmte Herz wieder verhärte. Sie ſprachen wahr; Men⸗ ſchen beurtheilen das Verbrechen, der Himmel die Verſuchung. Kehren Sie nach London zurück, und ſobald die nothwendigen Formalitäten es erlauben, bereiten Sie ſich vor, genaue Rechenſchaft über die Verwaltung meines Vermögens abzulegen, die Sie ſo lange uſurpirt haben. Ihr Geheimniß, mein Herr, iſt ſicher. Richt ein Wort; ich haſſe die Redens⸗ Licht- und Schattenſeiten. I. 6 ½ 82 arten der Dankbarkeit, durch die man oft ſich be⸗ leidigt fühlen könnte.“ Der alte Sünder beſaß zu vielen Takt, um ge⸗ gen einen ſo poſitiven Befehl ſich zu vergehen. Er verbeugte ſich achtungsvoll und ſchien tief gerührt. „Und die Briefe?“ fragte er. „Sollen an demſelben Tage vernichtet werden, an welchem ich die Urkunde unterzeichne, die Sie Ihrer Verantwortung als Vormund meines ver⸗ ſtorbenen Vetters enthebt. „Erlauben Sie mir vielleicht,“ ſprach Sir John in einſchmeichelndem Tone, indem er ſein Porte⸗ feuille hervorzog. „Nicht einen Schilling, bis ich meines Vetters Güter übernommen und die nöthigen Formalitäten erfüllt habe,“ erwiderte der Erbe, indem er die Worte wiederholte, die der Bankier in ſeinem Hauſe geſprochen hatte.„Wir haben jetzt weiter nichts mehr mit einander abzumachen und Ihre fernere An⸗ weſenheit in Oxford iſt unnöthig. Ich werde ſelbſt meines Vetters Leichenbegängniß beſorgen.“ Mit beſchämter Miene zog ſich der Bankier zu⸗ rück, innerlich lächelnd über die Einfalt des Mannes, den er durch ſeine vorgeblichen Gewiſſensbiſſe hin⸗ ter's Licht geführt zu haben ſich einbildete, und aus Freude darüber, daß er einer öffentlichen Schmach entgangen war. Noch aber lag eine ſchwere Sorge auf ſeinem Herzen. Es handelte ſich um den Aus⸗ weis über die großen Summen, die ſich während der Minderjährigkeit von Richard Burg in ſeiner Hand angeſammelt, und die er zu verſchiedenen Specula⸗ tionen auf der Börſe ſo frei, als wenn ſie ſein —— ihe 83 eigen geweſen wären, verwendet hatte. Mit dem unehelichen Vetter wäre dieß ein leichtes Geſchäft geweſen; ganz anders aber verhielt es ſich gegen⸗ über von Harry. „Sie haben edel gehandelt,“ bemerkte Harold gegen ſeinen Freund, ſobald ſie allein waren.„An Ihrer Stelle, fürchte ich, würde ich kaum ſo edel⸗ müthig geweſen ſein, ſo große Vergebung zu üben.“ „Loben Sie mich nicht zu ſehr, erwiderte der Erbe. „Meine Handlungsweiſe hat wenig Verdienſtliches. Ich betrachte das Aufgeben meiner Rache nur als einen ſchwachen Verſuch zur Sühne.“ „Der Sühne!“ für was?“ „Für meine eigenen Irrthümer, für meinen Mangel an Vertrauen in die göttliche Vorſehung. Ich bitte, fragen Sie mich nicht weiter über die Sache.“ Harold fielen die Umſtände wieder ein, unter denen er ſeinen Freund zum erſten Mal geſehen hatte, auf deſſen bleichem Geſichte der Ausdruck ent⸗ ſchloſſener Verzweiflung zu leſen geweſen war, und ſchauderte. Er verſtand ſeine Gefühle, und die Hoch⸗ achtung, die er bereits jetzt ſchon für ihn hegte, wurde dadurch noch vermehrt. Unmittelbar nach dem Leichenbegängniſſe Ri⸗ chard Burg's, das ohne Oſtentation begangen wurde, kehrten die beiden jungen Männer nach London zurück, wo Harold Briefe von Granstoun⸗Park fand, die für ihn eingelaufen waren. Mehrere Tage lang war Sir John Sellem eifrig mit Zuſammenſtellung der Rechnungen beſchäftigt, die er dem Rechtsfreunde, den ihm Harry Burg ſenden werde, vorzulegen hatte. S konnte ge⸗ 84 ordneter ſcheinen als die Weiſe, in der er dieß that, denn für jeden eingenommenen oder ausgegebenen Schilling lagen Belege vor. Aber dennoch blieb noch eine ungeheure Summe in der Schwebe, und die Frage war, wie dieſe zu decken ſei; denn der ſchänd⸗ liche Vertrag mit ſeinem verſtorbenen Mündel war nicht die einzige Speculation, die er gemacht und die einen unglücklichen Ausgang genommen hatte. Zwar befanden ſich noch bedeutende Fonds in Bankbilletten und auswärtigen Papieren in ſeinen Händen, allein dieſe waren ihm von ſeinen verſchiedenen Clienten zur Sicherheit übergeben worden,— nicht als De⸗ poſiten, welche er rechtlicher Weiſe in ſeinem Geſchäft hätte verwenden können,— ſondern ſolche, welche jeden Augenblick von ihren Eigenthümern von ihm zurückgefordert werden konnten. Kein Wunder, daß er zögerte, ehe er das in ihn geſetzte Vertrauen täuſchte. Endlich kam der verhängnißvolle Tag. Allen nothwendigen Formalitäten war Genüge geſchehen; Harry hatte ſich als ſeines Vetters Erbe bei den Be⸗ hörden ausgewieſen, indem er es edelmüthig ver⸗ ſchmähte, das Andenken eines Mannes, der ihn ſo herzlos behandelt hatte, oder deſſen Namen mit Ille⸗ gitimität zu brandmarken. Zur feſtgeſetzten Stunde traf er mit ſeinem Anwalte im Bankhauſe ein. Der Bankier erwartete ihn nebſt ſeinem Rechtsfreunde in ſeinem Privatzimmer. „Haben Sie die Rechnungen durchgeſehen?“ fragte Sir John im gewinnenſten Tone. a „Ich hoffe, Sie ſind überzeugt, daß ich ein ge⸗ treuer Hüter war.“ 85 „Des Eigenthums allerdings,“ erwi⸗ derte Harry. Sir John fühlte die Unterſcheidung, doch war er zu ſchlau, um etwas darüber zu ſagen; er hatte ſich vollkommen in der Gewalt. Die Generalquittung war unterzeichnet und eine Summe von über dreißigtauſend Pfund in engliſchen Banknoten dem Erben übergeben worden. „Ich ſtellte mir vor, Sie würden dem baaren Em⸗ pfang in dieſer Form einem Wechſel auf mein Haus den Vorzug geben,“ bemerkte der Baronet;„obgleich die Firma Sellem und Compagnie ſich ſehr geehrt fühlen würde, wenn Sie die Verbindung fortſetzen wollten, die ſo lange zwiſchen der Bank und ihrer Familie beſtanden hat.“ „Ich mache meine Geſchäfte mit„Drummond,“ erwiderte der Erbe kalt zum großen Erſtaunen der beiden rechtskundigen Zeugen.„Ehe ich jedoch Lom⸗ bardeſtreet verlaſſe,“ fuhr er fort,„wünſche ich mit Sir John eine kurze Unterredung ohne Zeugen.“ Die Fremden verſtanden den Wink und zogen ſich zurück. „Ich habe mein Verſprechen nicht vergeſſen,“ ſagte der junge Mann, ſobald ſie allein waren,„und bin bereit, es zu erfüllen. Hier,“ ſetzte er hinzu, indem er einige Briefe aus dem Paket hervorzog, das er in der Hand hielt,„iſt der Brief, in welchem Sir Richard Burg von der Entdeckung in Kenntniß geſetzt wurde, die Sie hinſichtlich ſeiner Geburt gemacht haben. Dieſer hier enthält die Bedingungen, unter welchen Sie die Sache geheim zu halten verſprachen. Aber hier iſt einer, den ich nicht verſtehe, wenn Sie 86 mir nicht darüber Aufſchluß geben wollen. Sie ſagen darin, daß ſeines Vaters Verſchreibung von 5000 Pfund an Capitain Cheerly in Ihren Händen ſei. Wer war dieſer Capitain Cheerly?“ „Ein Freund Ihres verſtorbenen Onkels, der in auswärtigen Dienſten ſtarb,“ erwiderte der Bankier ohne den mindeſten Anſchein von Verlegenheit. „Und weßhalb wurde die Verſchreibung aus⸗ geſtellt?“ „Als Sicherheit für eine entlehnte Summe zur Heimzahlung einer auf den Gütern beſtandenen Hy⸗ pothek.“ „Und iſt dieſes Anleihen heimgezahlt worden?“ „Beinahe ſeit einem Jahr. Wenn Sie unter den Belegen nachſehen wollen, ſo werden Sie eine von der Hand Emma Cheerly's, des Capitains einziges Kind, ausgeſtellte Quittung darunter finden.“ Harold ſah die Papiere durch. Alles ſchien ſo vollkommen in Ordnung, die Antworten des Ban⸗ tiers lauteten ſo unbefangen, daß Harry nicht länger zweifelte, ſondern die Briefe auf den Tiſch legte und ſeinen Hut ergriff, um das Zimmer zu verlaſſen. „Hier ſind die Dokumente ihrer Schande, Sir John Sellem. Vernichten Sie dieſelben oder bewahren Sie ſie zur Warnung für die Zukunft auf, ganz wie es Ihnen beliebt. Ich habe mein Verſprechen gelöst. Trachten Sie jetzt darnach, durch ein ehrenvolles Be⸗ nehmen in Zukunft ſich in Ihrer eigenen Achtung wieder aufzurichten, und wenn die Vergebung eines Mannes, den Sie auf's Grauſamſte benachtheiligt haben, einigen Werth für Sie hat oder ihr Gemüth zufrieden ſtellen kann, ſo nehmen Sie ſie hin, ſie ſoll 87 Ihnen nicht vorenthalten bleiben.“ Mit dieſen Wor⸗ ten verließ er das Zimmer. Ohne ein Wort zu erwidern, unterſuchte der Ban⸗ kier ſorgfältig jeden einzelnen Brief, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß es die Hriginale ſeien, warf er ſie in das Feuer und ſtürte ſo lange mit dem Schierhaken darin herum, bis auch das kleinſte Stückchen zerſtört war. Nachdem dieß geſchehen, ſetzte er ſich in ſeinen Lehnſtuhl und verfiel in tiefes Nachdenken. Er war einer jener Menſchen, die lange Zeit an der Grenzlinie des Verbrechens ſtehen blei⸗ ben, die aber, wenn einmal der Rubicon überſchritten iſt, dieſe Bahn mit Kühnheit und Gewandtheit ver⸗ folgen; denn er beſaß nicht nur ein Herz, ſondern auch Nerven von Eiſen, und unter der eiſernen Maske von Ruhe verbarg er ein leidenſchaftliches, ſtolzes und rachgieriges Gemüth. Er ſchloß ein neben ihm auf dem Tiſche ſtehendes Pult von Ebenholz auf, zog daraus ein Notizbuch hervor und ſchrieb einige Linien hinein.„Es iſt richtig eingetragen,“ ſprach er zu ſich.„Harry Burg, Schuldner von Sir John Sellem,— die Herrſchaft Burg Hall und dreißig⸗ tauſend Pfund. Ich bin ein nachſichtiger Gläubiger. Ich will mich nicht an Edelmuth übertreffen laſſen, und werde ihm daher drei Jahre Zeit laſſen, mich zu bezahlen.“ Eben als er das Notizbuch wieder in dem Pult verſchloß, erſchien der Kaſſier im Zimmer, um ſeinem Principal zu melden, daß Miß Cheerly ſchon lange im Comptoir warte, in der Hoffnung, ihn ſprechen zu können. „War ſie ſchon da, als Mr. Burg durch das Zim⸗ mer ging?“ fragte der Baronet. 88 „Nein, Sir John.“ „Laſſen Sie ſie eintreten.“ Daſſelbe intereſſante junge Mädchen, deren Er⸗ ſcheinung ſchon bei ſeinem früheren Beſuche im Bank⸗ hauſe Harry's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte, wurde eingeführt. Sie war noch immer in Trauer gehüllt; doch hing das Kleid loſer an ihr als das erſte Mal. Ein leichter blauer Ring zog ſich um ihr glänzendes Auge, und ihre Wangen ſchienen bleicher und ſchmäler. Es lag etwas unausſprechlich Ge⸗ drücktes in dem ängſtlichen Blicke, den ſie auf den Bankier richtete, als dieſer ihr einen Stuhl anwies. „Ich danke Ihnen, Sir John,“ ſprach ſie mit leiſer, melancholiſcher Stimme,„aber ich bin gänzlich durchnäßt, und es möchte meiner Geſundheit ſchaden, wenn ich mich dem Feuer näherte.“ Der Bankier blickte nach dem Fenſter und ſah, daß der Regen in Strömen herabfiel. „Ich möchte wohl anfragen,“ ſetzte ſie hinzu,„ob Sie von der Verſchreibung noch gar nichts in Erfah⸗ rung gebracht haben?“ „Durchaus nichts, meine liebe junge Dame,“ er⸗ widerte der Heuchler im Tone väterlicher Freundlich⸗ keit,„obgleich ich mir alle Mühe gegeben habe, der Sache auf die Spur zu kommen. Sind Sie denn auch ganz gewiß, daß ſie nie bezahlt wurde?“ „Vollkommen,“ erwiderte die Dame.„Mein ſeli⸗ ger Vater verſicherte mich deſſen auf's Beſtimmteſte.“ Die Sprache verſagte ihr beinahe, ſo voll war ihr Herz.„Könnte ich nicht vielleicht Mr. Burg ſpre⸗ chen?“ ſetzte ſie hinzu;„gewiß, wenn er meine trau⸗ rige Lage kennte, ſo würde er als Mann von Ehre — 89 wegen einer bloßen geſetzlichen Form die Bezahlung nicht verweigern. Ich ſpreche nicht von meinen eigenen Entbehrungen und Leiden, obgleich dieſe zuweilen hart zu ertragen ſind, ſondern von denen einer alten, trenen Perſon, die keinen andern Unterhalt hat als den durch meine Arbeit, und in der letzten Zeit war ich leider zu leidend, als daß ich viel hätte verdienen können.“ „Mr. Richard Burg iſt todt,“ ſagte Sir John. „Ich las das unglückliche Ereigniß in der Zei⸗ tung;“ bemerkte Miß Cheerly. Sie liest alſo die Zeitung, dachte der Bankier. „Aber ſein Erbe?“ „Iſt ein ausſchweifender Menſch,“ unterbrach ſie Sir John,„einer jener verderbten und herzloſen Elenden, welche Unſchuld und Armuth zu ihrer Beute auserſehen. Ueberdieß befindet er ſich auf dem Con⸗ tinent. Ich vermag Ihnen daher nur Geduld an⸗ zuempfehlen. Ich weiß, daß dieß eine harte Schule iſt,“ ſetzte er hinzu,„aber ſie iſt beſſer, als die Erb⸗ ſchaft d erSchande.“ Purpurröthe übergoß das Ge⸗ ſicht des jungen Mädchens.„Ich will ihm noch ein⸗ mal von der Sache ſchreiben und ſeine Aufmerſam⸗ keit darauf lenken,“ fuhr der Heuchler fort,„denn Ihre unglückliche Lage flößt mir das tiefſte Intereſſe ein. Ich kann nicht begreifen, wie mein verſtorbener Su ſeine Tochter in ſo ärmlicher Lage zurücklaſſen onnte.“ „War er Ihr Freund?“ rief das arme Mäbchen mit einem Blick auf ihre durchnäßten Kleider, indem ſie zugleich im Stillen ſich wunderte, wie Jemand, 90 der ihren Vater gekannt und geliebt hatte, ungerührt das Elend ſeines Kindes mit anſehen konnte. Der Baronet fand für gut, ihre Frage zu über⸗ hören, indem er bemerkte:„Ich habe ihn immer für reich gehalten.“ „Ich glaubte es auch,“ erwiderte Miß Cheerly, „denn bis zu ſeinem Tode, der ſo unerwartet erfolgte, beſaß ich Alles, womit die Hand der Liebe das ein⸗ zige Kind umgeben kann.“ wahr, Sie verloren ihn in Italien 7* a Die Intelligenz, welche die junge Dame bei mehr als einer Gelegenheit an den Tag gelegt hatte, wenn ſie mit ihm über die Mittel und Wege berathſchlagte, durch welche man die Verſchreibung auffinden könnte, welche ihr Vater, der Sicherheit wegen, in die Hände des Bankier niedergelegt hatte, machte Sir John auf die Gefahr aufmerkſam, irgend etwas zu ſagen, was hinſichtlich ſeiner Handlungsweiſe oder ſeines Charak⸗ ters Verdacht erwecken könnte. Er hatte Capitain Cheerly ſeinen Freund genannt, und deßhalb zwang ihn die Klugheit, etwas Weniges zu thun, das den Anſchein dieſes Verhältniſſes hatte.„Meine liebe junge Dame,“ ſprach er,„es ſchmerzt mich, daß Sie mich nicht früher mit Ihrem Mangel— Ihrer Ar⸗ muth bekannt machten. Ich konnte gar nicht ahnen, daß Sie ſo gänzlich von allen Mitteln entblößt ſeien.“ Zugleich legte er fünf Souvereigns in ihre Hand. „Beſuchen Sie mich etwa in einem Monat wieder, vielleicht kann ich Ihnen bis dahin günſtigere Nach⸗ richten mittheilen.“ 91 „O, Sir John! meinen herzlichſten Dank, mei⸗ nen— „Nicht ein Wort— nicht eine Silbe,“ unterbrach ſie der Bankier;„ich verdiene es nicht.“ Dießmal ſprach er die Wahrheit.„Es iſt ſo wenig, was ich Gutes thun kann,“ ſetzte er hinzu;„denn meine Mit⸗ tel ſind nicht groß, obgleich die Welt mich für reich hält; aber was ich thue, thue ich mit Freuden. Apro⸗ pos,“ ſetzte er, wie von einem plötzlichen Gedanken etgriffen, hinzu,„haben Sie nicht vielleicht Luſt, die Stelle einer Geſellſchafterin bei einer jungen Dame anzunehmen, welche zu ihrem Gatten nach Indien zu gehen beabſichtigt? Es wäre wohl möglich, daß ich Ihnen den Platz verſchaffen könnte.“ Miß Cheerly verſicherte ihn, daß ſie das Aner⸗ bieten mit Dank annehmen würde und verabſchiedete ſich unter nochmaliger Dankbezeugung. „Fünf Pfund,“ murmelte der Bankier,„Almo⸗ ſen!„Gut, gut; es iſt dieß nichts weiter als eine Abſchlagszahlung, eine armſelige Dividende, ich kann mich nicht beklagen.“ Zugleich ſetzte er ſich wieder in ſeinen Armſtuhl und verfiel auf's Neue in Nach⸗ denken. „Wir fahren nach Hauſe, Amme,“ ſprach Miß Cheerly, den Arm einer Frau ergreifend, die wäh⸗ rend der eben beſchriebenen Unterredung auf dem Comptoir gewartet hatte. „Fahren!“ erwiderte die alte Frau erſtaunt. „Ja, Amme.“ „Die Verſchreibung hat ſich alſo nicht vorgefun⸗ den, meine Liebe?“ „Nein, aber Sir John hat mir die Pein und 92 Erniedrigung erſpart, mich an ſein Mitleid wenden zu müſſen, wie ich beabſichtigt hatte,“ antwortete die junge Dame und mich unaufgefordert unterſtützt. „Der Himmel ſegne ihn dafür!“ rief die Amme aus.„Jedermann nennt ihn auch einen guten, freundlichen Mann.“ „Amen,“ ſagte das dankbare Mädchen;„ich habe jedenfalls allen Grund, gut von ihm zu reden.“ Die beiden Frauen ſtiegen in ein Cab,*) das ſie in ihre Wohnung in der Nähe von Vaurhall brachte; beim Ausſteigen war aber Miß Cheerly vom Regen und der Kälte ſo erſtarrt, daß ſie ohne Beihülfe nicht ſich aufzurichten vermochte und ſogleich zu Bett gebracht werden mußte. Am folgenden Morgen lag ſie im heftigſten Fieber. Häufig trifft es ſich aber im Leben, daß der Arme den bereitwilligſten Beiſtand wieder bei dem Armen findet. In demſelben Hauſe, in wel⸗ chem die beiden Frauen eingemiethet hatten, wohnte auch ein ſchlichtes, braves Mädchen, Namens Nancy Bligh, die ihren Lebensunterhalt durch Nähen ge⸗ wann. Das arme Geſchöpf arbeitete mit ihrer Nadel vom Morgen bis in die Nacht. Sobald ſie davon hörte, daß die junge Dame in dem Zimmer unter ihr krank nach Haus gebracht worden ſei, kam ſie herab und trug ſogleich ihre Dienſte als Wärterin an. Am Abend deſſelben Tages kam auch noch die Hauseigen⸗ thümerin, und als ſie den Zuſtand der Miß ſah, rieth ſie, man ſolle ſogleich nach dem Arzte ſchicken. „Ach!“ erwiderte die alte Frau,„weder meine liebe junge Dame, noch ich, beſitzen ein Stück Geld. Einſpänniger Miethwagen. —— 93 Was ſoll aus uns werden? Ich wollte, wir wären geſtorben.“ Kein Geld!“ wiederholte Nancy.„Das begreife ich nicht. Ich ſah Sie doch vier Sovereigns und, was weiß ich, wie viel Silber aus dem kleinen ſeidenen Beutel nehmen?“ „Wahrhaftig! Das habe ich ganz vergeſſen. Ja, ja, wir haben etwas Geld; mein Jammer hat mir alle Beſinnung geraubt.“ Ihr Jammer mag groß ſein, dachte Nancy, aber das iſt eine ſonderbare Art, ihn an den Tag zu legen; und damit ſetzte ſich das gefühlvolle Mädchen wieder an das Bett der Kranken. 5 Siebentes Kapitel. Nancy Bligh war eines jener ſchlichten Geſchöpfe, welche die göttliche Vorſehung mit dem angeborenen Trieb zur Arbeit ſowohl, als einem fröhlichen Ge⸗ müth und großer Ausdauer ausgerüſtet hatte. Dieſe Eigenſchaften waren ihr eben ſo verliehen worden, wie den Vögeln der Inſtinct, zu ihrem Schußz gegen die tauſenderlei Schlingen und Gefahren, welche in einer großen Stadt, wie London, bei jedem Schritte Unſchuld und Jugend bedrohen. Man hatte Nancy ſchon öfters geſagt, daß ſie hübſch ſei, aber ſie hatte darüber gelacht und nur um ſo emſiger gearbeitet; nicht weil ſie es geradezu nicht gläubte, denn das Stückchen Glas, von einem zerbrochenen Spiegel, 94. das über dem Kamin ihres Zimmerchens hing, gab ihr die gleiche Verſicherung, wenn ſie hie und da ein⸗ mal von ihrer unausgeſetzten Arbeit einen Blick hin⸗ einwarf, um ihr Haar wieder zu ordnen, oder wenn ſie Sonntags eine umſtändlichere Toilette für die Kirche machte; eine Pflicht, welche die arme Nähterin ſelten verſäumte, ohne Rückſicht darauf, wie lange ſie den Abend zuvor die Nadel gehandhabt hatte. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem ſie feierte und den ſie, nach der göttlichen Vorſchrift, in Ruhe, Sammlung und Gebet hinbrachte. Selbſt wenn ſie kein Brod für das Frühſtück des morgigen Tages hatte, ließ ſie ſich bewegen, zu ihrer Nadel zu greifen. Und ſie war in dieſem Punkte ſo feſt, daß ſelbſt diejenigen, welche Anfangs ihren Aberglauben, wie ſie es nann⸗ ten, verlacht hatten, zuletzt die Charakterfeſtigkeit des ohne Freunde in der Welt ſtehenden Mädchens be⸗ wunderten. Sie war übrigens doch nicht ganz ohne Freunde, wie man irriger Weiſe vorausſetzte. Nancy beſaß einen Freund, einen jungen Zimmergeſellen, Namens Kit Corling, der nur wenige Häuſer von ihr entfernt wohnte. Er war ein hübſcher Burſche, flink bei der Arbeit, die ihm einen guten Wochenlohn ein⸗ brachte, den er aber gern mit ſeinen Kameraden in allerlei Luſtbarkeiten verbrauchte. Dabei war er aber weder ein Trinker, noch Spieler, oder ſonſt aus⸗ ſchweifend, aber er ging gerne ein⸗ oder zweimal die Woche zum Tanz oder in's Theater. Dieß führte zu allerlei Erörterungen zwiſchen ihm und Nancy, die ihm jedesmal ihre Begleitung rundweg abſchlug, wenn er ſie dazu aufforderte. Nur an Einem Abend in der Woche brachte ihn keine Ueberredungskunſt 95 3 ſeiner Kameraden dazu, mit von ihrer Partie zu ſein, und zwar am Samſtag. Mit dem Schlag neun Uhr Abends ſtand er regelmäßig unter Nancy's Haus⸗ thüre, um ſie nach der City in das Handlungshaus von Schadrac, Aarons und Compagnie die großen Kleider⸗ und Weißwaarenhändler, für die ſie arbei⸗ tete, zu begleiten, um dort den armſeligen Lohn für ihre Nähterei in Empfang zu nehmen. Oft wunderte er ſich, wie ſie mit einem ſo kleinen Ertrag auskom⸗ men könne; allein das Geheimniß lag einzig in der ſtrengen Sparſamkeit, welche das Mädchen übte, deſſen Nahrung manchen Tag aus nichts weiter, als einer Kanne Milch und einem Stück Brod beſtand. Fleiſch war zu koſtſpielig, als daß ſie öfters, als zu⸗ weilen Sonntags, daran hätte denken dürfen. Ein paar Mal bot ihr Kit den Beiſtand ſeiner Börſe an, ohne jedoch dabei, wie wir zu ſeiner Ehre ſagen müſ⸗ ſen, einen hinterhaltigen ſchlimmen Gedanken zu hegen; Nanch lehnte aber ſo entſchieden ab, daß er ſein Offert nicht mehr zu wiederholen wagte. Sie zeigte ihm dadurch deutlich, daß auch in der Armuth Würde liegen könne. Dieß war das Mädchen, die ſich an Miß Cherly's Bett geſetzt hatte und mit ſchweſterlicher Aufmerkſam⸗ keit ſie pflegte, bis das Fieber vorüber war und das Opfer von Sir John Sellem's Falſchheit und Ehr⸗ loſigkeit ihre Stickerei wieder vornehmen konnte. Emma vermochte ihr blos zu danken; es war dieß ſchon mehr, als ſie verlangte; denn die freundliche Wärterin fühlte ſich reichlich bezahlt durch das Be⸗ wußtſein, einem Geſchöpf nützlich geweſen zu ſein, das noch unglücklicher, als ſie ſelbſt, war und das 96 ſie jetzt wieder hergeſtellt ſah. Jeden Morgen klopfte Nancy an die Thüre ihrer Mitbewohnerin und brachte ihr eine Taſſe Milch und ein Stück Brod, das ſie zu genießen ſie bat, ehe ſie das Zimmer verlaſſe. Vielleicht war dieß blos ein Vorwand, um ein paar Minuten plaudern zu können, ehe ſie an ihr Tag⸗ werk ging, vielleicht geſchah es aber auch, um ſich zu überzeugen, daß die Reconvalescentin ihre Gabe nicht der Rebecca Vight, der alten Dienerin, zuwende, die ſie gewöhnlich in dem großen Stuhle ſchlummernd fand und die wie die Behaglichkeit und Zufriedenheit ſelbſt ausſah, was, in Betracht der harten Entbehrun⸗ gen, die ſie zu erdulden hatte, ſehr auffallend war. Die Nähterin hatte ſonderbarer Weiſe einen Wider⸗ willen gegen ſie gefaßt, denn während der Krankheit ihrer jungen Gebieterin hatte ſie ſich oft ſtundenlang entfernt und mehrmals eine Ungeduld an den Tag gelegt, die ihr, da Emma für Beide arbeitete, als höchſt undankbar erſchien. Zwar zweifelte das argloſe Mädchen entfernt nicht an der Treue einer Frau, die über zwanzig Jahre in der Familie der Miß Cheerly geweſen war, aber ſie fand ihr Betragen herzlos, und wenn dieß auch blos ſo ihre Art war ſo vermochte ſie doch keinen Antheil mehr an ihr zu nehmen. Eines Morgens, als Nancy, wie gewöhnlich, ihr Brod und ihre Milch brachte, bemerkte ſie, daß Miß Cheerly die ganze Nacht gearbeitet hatte.„Halten Sie ſo Ihr Verſprechen?“ rief ſie im Tone des Vorwurfes aus. Die Kranke winkte ihr mit dem Finger Still⸗ ſchweigen zu und deutete auf Rebecca, die, wie ge⸗ wöhnlich, im Armſtuhl ſchlief. 97 „Es hat keine Gefahr, daß ſie erwacht,“ ſagte das Mädchen mit leiſer Stimme.„Die ſchläft feſt.“ „Das treue Geſchöpf,“ verſetzte die junge Dame, ſie mit liebevollem Blicke betrachtend;„das Herz bricht mir faſt bei dem Gedanken an das, was ſie um meinetwillen durchzumachen hat.“ Nancy zuckte leicht die Achſeln. „Und noch dazu in ihrem Alter.“ „In dem Ihrigen muß es aber noch viel här⸗ ter ſein,“ unterbrach ſie ihre beſcheidene Freundin; „den ganzen Tag eingeſchloſſen in dieſes düſtere, elende Zimmer, die Stiche Ihrer Stickerei zählend, bis Ihnen die Augen wehe thun und Ihr Gehirn gans wirre wird. Ich weiß, was das iſt, aber ich bin auch von Kindheit an an nichts Anderes ge⸗ wöhnt. Sie aber ſind als eine Dame geboren, hatten Leute zu Ihrer Bedienung und Freunde, die Sie liebten. Doch, was habe ich geſagt?“ ſetzte ſie hinzu, als ſie ſah, wie ſchmerzlich ihre Anſpie⸗ lung Miß Cheerly berührte.„Ich bitte, verzeihen Sie mir!“ „Ich habe nichts zu verzeihen, liebe Nancy; es war nur augenblickliche Schwäche— es iſt vor⸗ über. Ich wünſche Ihren Rath zu hören.“ „Meinen Rath!“ wiederholte das Mädchen er⸗ ſtaunt. „Ja, der Lohn, den ich für dieſe Stickerei ein⸗ nehme, reicht nicht, ſelbſt bei der ſtrengſten Spar⸗ ſamkeit, zur Beſtreitung der allernothwendigſten Le⸗ bensbedürfniſſe. Glauben Sie nicht, wenn ich Batiſt kaufte und einige Sacktücher ſtickte, daß dieß mir einen größern Gewinn bringen würde?“ Licht⸗ und Schattenſeiten. 1. 7 98 „Allerdings,“ erwiderte Naney,„aber dieß würde viel Geld koſten, und Sie müſſen doch etwas zu leben haben, ſo lange Sie arbeiten.“ „Ganz richtig.“ „Dann könnten Sie auch nicht von Laden zu Laden gehen und ſie zum Verkauf ausbieten,“ fuhr das Mädchen fort;„zwar könnte ich Sie dieſer Mühe entheben, wenn Sie nur erſt das Geld haben zur Anſchaffung des Stoffes.“ Emma zog aus dem Buſen ein ſchwarzes Band hervor, an welchem ein goldenes Schlößchen und ein Ring mit einem kleinen Diamant hing.„Dieß muß ich verkaufen,“ ſprach ſie.„Das Erſtere enthält meiner ſeligen Mutter Haar; der Ring war meines Va⸗ ters erſtes Geſchenk. Wollen Sie mich zu einem Juwelier begleiten?“ „Sehr gern,“ erwiderte die Rähterin,„aber ich habe keine Idee von dem Werth dieſer Gegenſtände, und da würde man uns am Ende übervortheilen. Glauben Sie nicht, daß Ihre Amme die geeignetſte Perſon zum Verkaufe wäre? Sie befitzt mehr Er⸗ fahrung als wir Beide.“ „Ich möchte ihr den Schmerz erſparen, wenn ſie erführe, daß ich zu dieſem Schritte mich genb⸗ thigt ſah,“ verſetzte Emma.„Ueberdieß,“ fuhr fie zögernd fort,„würde ſie dieß an einen Verluſt er⸗ innern, über den ſie ſich immerwährend Vorwürfe macht.“ Auf einen fragenden Blick Nancy's ſetzte Miß Cheerly hinzu:„In der erſten Zeit unſerer Armuth übergab ich ihr ein Halsband von Perlen und ein kleines Diamantkreuz zum Veräußern. Sie verlor es aber.“ 99 „Sie verlor es!“ wiederholte die Nähterin. „Man ſtahl es ihr,“ ergänzte Emma,„und dieß brach ihr faſt das Herz.“ „Meines würde es ganz gebrochen haben,“ be⸗ merkte das Mädchen mit einem Blicke auf Rebecca, die noch immer behaglich in ihrem Stuhle ſchlief und nichts weniger als wie Jemand ausſah, der großen Kummer gelitten hat. „Das war ſehr dumm— ſehr unglücklich, Miß, will ich ſagen.“ „Das war es allerdings.“ „Ich will Kit um Rath fragen,“ rief Nancy; „er iſt ein ganz geſcheidter Menſch, kennt die Welt und wird uns auf den rechten Weg verhelfen.“ „Wer iſt denn dieſer Kit?“ fragte die junge Dame. „Ein Freund von mir,“ antwortete das Mäd⸗ chen, tief erröthend,„ein treuer und ehrlicher Freund, der einzige, den ich je auf der Welt beſaß, bis ich Sie kennen lernte. Er begleitet mich jeden Samſtag in die City, denn es wird zuweilen ſehr ſpät, bis Schadrac, Aarons und Compagnie ihre Arbeiter auszahlen, und London iſt ein ſchlimmer Ort. Es iſt nicht ſicher für junge Mädchen, allein durch die Straßen zu gehen.“ „Ich verſtehe,“ erwiderte Emma lächelnd;„er iſt ein Verehrer von Ihnen, Nancy.“ „Nein! Miß; Kit iſt nicht mein Verehrer; ein armes Geſchöpf, wie ich, das ſtreng arbeiten muß, hat keine Zeit an ſo etwas zu denken. Er iſt etwas Beſſeres als ein Verehrer, der mir nur 36 Kopf 100 mit allen möglichen Thorheiten wirre machen würde. Er iſt mein Beſchützer, mein Bruder.“ Hier gab die Schläferin ein Zeichen des Er⸗ wachens, und Emma, indem ſie den Finger auf die Lippen legte, als Andeutung des Stillſchweigens, nahm ihre Arbeit wieder auf. „Noch immer mit der Nadel beſchäftigt, liebes Kind?“ ſprach die Frau in weinerlichem Tone. „O daß ich es erleben mußte, die Tochter meiner Gebieterin in ſolchem Elend zu ſehen 10 „Wozu daran erinnern 2“ fragte Nancy ſcharf, „da ſie ihren ganzen Muth zuſammenzuraffen hat, um dagegen anzukämpfen?“ Ueber Rebecca's Geſicht zog ſich eine leichte Wolke, vielleicht weil es ihr unangenehm war, von einem ſo jungen Mädchen geſchulmeiſtert zu werden. „Es wird uns bald beſſer gehen, Amme,“ ſagte Emma mit erzwungenem Lächeln;„ich bin von mei⸗ ner Krankheit geneſen und der Himmel hat mir eine Freundin geſendet.“ „Die ſo arm iſt, wie Sie ſelbſt,“ ergänzte die Alte.„Ich weiß zwar wohl, daß ihr Herz gut iſt, aber was kann ſie thun?“ Der mürriſche Ton, in welchem dieſe Frage aufgeworfen wurde, brachte einen peinlichen Ein⸗ druck auf Emma und Nancy hervor. Die Letztere erwiderte daher auch mit einem Seufzer:„Nichts nichts.“ „Sehr viel;“ erwiderte Miß Cheerly,„ihr Bei⸗ ſpiel hat mich auf die Vorſehung zu vertrauen ge⸗ lehrt. Der Himmel verläßt ſelten die, welche auf ihn bauen.“ 101 „In Ihrem Alter iſt Hoffnung ein gut Ding,“ brummte die Amme:„aber in meinem? was ſoll ich in meinem erwarten?“ „Die Hoffnung auf die Belohnung eines wohl⸗ vollbrachten Lebens,“ erwiderte ihre Gebieterin, ſie küſſend;„die Liebe, welche für Sie arbeiten und ihre letzte Brodkrume mit Ihnen theilen wird. Ver⸗ zweifeln Sie nicht, Amme,“ ſetzte ſie, in Thränen ausbrechend, hinzu:„Der Himmel wird uns nicht verlaſſen, wenn wir feſt auf ſein Erbarmen hoffen.“ „Vergeben Sie mir, liebes Kind,“ ſprach die Frau, indem ſie ihr Geſicht wie zum Weinen ver⸗ zog;„aber Sorge und Entbehrung haben mich ſtörriſch gemacht. Ach, wir kannten den Mangel nicht zu Ihres guten Vaters Lebzeiten! Wer hätte auch gedacht, daß er uns in ſolcher Armuth zurück⸗ laſſen würde! Wohlan! des Himmels Wille geſchehe.“ Nancy bemerkte wohl, daß jedes Wort eine neue Wunde in dem gefühlvollen Herzen der armen Re⸗ convalescentin aufriß und ihr Widerwille gegen Re⸗ becca fand dadurch neue Nahrung. „Ich fühle mich ſehr ſchwach,“ ſagte die Alte, worauf ihre junge Gebieterin ſie zärtlich nach dem Armſtuhle zurückführte, den Tiſch vor ſie hinrückte und das Brod und die Milch mit den Worten vor ſie hinſtellte:„Eſſen Sie, Amme, eſſen Sie.“ „Und Sie, meine Liebe?“ „Ich habe bereits gefrühſtückt,“ erwiderte Emma mit einem Seufzer. Ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, Shn die alte Dienerin die vor ſie hingeſtellte peiſe. 102 Ihre Liebe gleicht ungefähr ihrem Schmerz, dachte die Nähterin; ſie mag aufrichtig ſein, aber es wäre nicht meine Weiſe, ſie an den Tag zu legen. Mit dieſer Reflexion verabſchiedete ſie ſich. Am Abend dieſes Tages legte Nancy früher, wie gewöhnlich, ihr Geſchäft bei Seite, zog ſich zum Ausgehen an und eilte in die Wohnung ihres Freundes Kit, den ſie gerade traf, als er im Be⸗ griffe ſtund, mit einem ſeiner Freunde auf den Tanzboden zu gehen. Der junge Mann ſah ſie ver⸗ blüfft an, denn ſo lange er ſie kannte, hatte das ſittſame Mädchen niemals ſeine Wohnung betreten. Er wußte nicht recht, ſollte er ſich über dieſe plötz⸗ liche Veränderung freuen oder ärgern. Sein Ka⸗ merad machte eine überaus pfiffige Miene, wie ſie Leuten dieſer Klaſſe eigen zu ſein pflegt. Kit ärgerte ſich ſchwer darüber.„Sie hier, Nancy?“ ſprach erz „auf einen Beſuch von Ihnen war ich wahrhaftig nicht gefaßt.“ „Mit allem Recht, erwiderte die Nähterin ver⸗ ſchämt,„aber ich möchte gern mit Ihnen ſprechen, Sie um Ihren Rath fragen. Sie wiſſen ja, daß ich außer Ihnen keinen Freund in der ganzen Welt beſitze.“ ch komme nach,“ flüſterte der Zimmergeſelle ſeinem Gefährten zu. „Ich verſtehe,“ rief der Letztere mit cyniſchem Lachen;„es hat keine Eile. Wahrſcheinlich bringſt du ſie dann mit?“ Kit hätte ihm gern einen derben Schlag ver⸗ ſetzt, als er das tiefe Erröthen auf Nancy's ſonſt ſo bleichem Geſichte bemerkte.„Hören Sie nicht darauf, was er ſagt; er iſt ein dummer Schwätzer und weiß nicht, was er ſpricht. Theilen Sie mir mit, was ſich zugetragen hat; ich habe keine Ruhe, bis ich es weiß.“ „Sie erinnern ſich doch der jungen Dame, von der ich Ihnen ſchon öfter erzählte?“ „Die Sie ſo ſorgfältig pflegten, Nancy. Ja wohl erinnere ich mich dieſer. Was iſt's mit ihr?“ „Werden Sie nicht ungeduldig, ich muß Ihnen die Sache auf meine Weiſe erzählen. Sie arbeitet ſich faſt zu todt um ein armſeliges Stück Brod für ſich und die undankbare alte Frau zu verdienen, die ſich ihre Dienerin nennt, die aber weit mehr die Herrin iſt, und Sie wiſſen, daß ich nicht viel für ſie thun kann.“ „Ganz gewiß nicht viel!“ unterbrach ſie Kit. „Sie verdienen Ihr Brod auf harte Weiſe.“ „Ich verdiene es aber in Ehren,“ erwiderte das Mädchen ſtolz,„und darum ſchmeckt es auch beſſer. Dieſe junge Dame nun hat mir ein goldenes Schlöß⸗ chen und einen Ring zum Verkauf anvertraut. Ich glaube, es iſt ein Diamant baran. Ich verſtehe den Werth von ſolchen Dingen nicht, und weil man vielleicht Anſtand nehmen könnte, ſie einem armen Mädchen abzukaufen, ſo dachte ich, ob Sie uns nicht begleiten würden, wenn Sie gerade nichts An⸗ deres vorhaben?“ „Recht gern,“ rief der junge Mann.„Ich habe ohnehin wenig Gelegenheit, für Andere Gutes zu thun, und ſo müßte ich ein roher Menſch ſein, wenn ich eine Veranlaſſung, die ſich mir darbietet, abwieſe und noch dazu, wenn Sie mich darum bitten,“ ſetzte er 104 lächelnd hinzu. Dieß wurde mit einer Offenheit und einer Galanterie geſprochen, welche das Herz der armen Nähterin mächtig klopfen machte, denn ſie war nicht gleichgültig gegen Kit's gute Eigen⸗ ſchaften und die Achtung, mit der er ſie ſtets be⸗ handelte. Es war daher kein Wunder, daß ihr Vertrauen zu ihm unbegrenzt war, da er ſich in ſeinem Betragen gegen ſie ſtets männlich und offen zeigte. Kit ſchlug den Omnibus vor, ja er ließ ſogar ein Wort vom Miethen eines Cab fallen, aber Nancy lehnte entſchieden ab; das Fahren ſei ihr zu theuer und aus Grundſatz laſſe ſie ihren Freund nicht für ſie zahlen, ſie ziehe daher das Gehen vor. Nach mehreren Verſuchen in verſchiedenen Läden, um einen möglichſt hohen Preis aus den Gegenſtän⸗ den zu erlöſen, ſchlugen ſie endlich zur großen Freude und Verwunderung der Nähterin um ſieben Pfund damit los.„Wer hätte wohl gedacht,“ ſagte dieſe, auf dem Rückwege nach Vauxhall,„daß das kleine, unſcheinbare Ding einen ſo hohen Werth hätte. Ich habe zwar ſchon oft von Diamanten ſprechen hören, habe aber noch nie zuvor einen geſehen. Es muß der armen jungen Dame ſehr ſchwer ge⸗ fallen ſein, ſich davon zu trennen, denn es war ein Geſchenk ihres Vaters, wie ſie ſagte. Ach, ſie iſt ſo ſchlicht und gut! Sie beſaß auch ein Perlen⸗ halsband und ein Diamantkreuz, die ihre Amme hätte verkaufen ſollen, aber die dumme Frau ver⸗ lor beide.“ „Ein Diamantkreuz,“ wiederholte der junge Mann,„das muß einen großen Werth gehabt haben. 105 Die Arme; ſie war gewiß recht betrübt darüber, daß ſie es verloren hat. Das war aber ein Un⸗ glück und kein Fehler von ihr. Weßhalb nennen Sie ſie denn dumm, Nancy?“ „Weil ich— ich—“ ſie zögerte, ſich weiter auszuſprechen. „Weil Sie was?“ — ich ſie nicht mag. Ich halte ſie nicht für ehrlich. 5 Kit blickte Nancy mit Erſtaunen an. Es war das erſte Mal, daß er von ihr über Jemand eine mißliebige Aeußerung hörte. Sie muß ſehr ſchlimm ſein, dachte er, wenn Nancy ſie verdammt, und dieſer Gedanke beſchäftigte ihn dergeſtalt, daß er einige Zeit ſchweigend neben ihr herging. „Sie halten mich für ungerecht,“ ſprach das arme Mädchen, ſanft ſeinen Arm drückend, wie um ihn aus ſeiner Träumerei zu erwecken. „Durchaus nicht; ich kenne Sie zu gut, als daß ich Sie für ungerecht halten könnte. Ich möchte aber wohl noch Weiteres über dieſe Dienerin hören.“ Nancy erzählte ihm alles, was ſie mit ange⸗ ſehen hatte, namentlich von deren fortwährende Kla⸗ gen, mit denen ſie mehr den Kummer ihrer jungen Gebieterin friſch erhielt, als daß ſie ſie zu tröſten ſuchte; auch vergaß ſie nicht das Verleugnen des Geldes an dem Abende, an welchem Miß Eheerly erkrankte. „Ich will ſie doch auch ſehen,“ bemerkte der Zimmergeſelle nachdenklich.„Wiſſen Sie auch, Ranch, daß ſie ein ſehr häßliches Bild von ihr entworfen haben? Haben Sie nie eine Verdacht gehegt.“ 8 106 „Was für einen Verdacht?“ fragte die Nähte⸗ rin, die ihn nicht verſtand. „Daß ſie das Halsband unterſchlagen 7 „Das Halsband unterſchlagen!“ erwiderte das Mädchen mit erſtauntem Blick;„nein, Kit, ein ſo ſchlimmer Gedanke kam mir nie in den Kopf. Weß⸗ halb ſollte ich ſie auch deſſen zeihen? Sie war we⸗ nigſtens zwanzig Jahre in der Familie der jungen Dame, theilte ihre glücklichſten Tage und wird jetzt von ihrer Hände Arbeit unterſtützt. Sie ſollte das Halsband unterſchlagen haben und Miß Emma, krank, faſt dem Hungertode preisgegeben ſehen; da wäre ſie ja ein wahres Ungeheuer!“ „Deren gibt es viele in der Welt, Nancy,“ er⸗ widerte der junge Mann trocken. „Jetzt ſind Sie ungerecht, Kit.“ „Ich kenne die Welt beſſer wie Sie.“ „Wie kann dieß ſein?“ fragte die Nähterin un⸗ ſchuldig,„da Sie aus London nie hinausgekommen ſind und ich den weiten Weg von Devonſhire bis hieher gemacht habe. „Daran dachte ich freilich nicht,“ erwiderte ihr Begleiter, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. Damit ließ er die Sache fallen, nicht weil er über⸗ zeugt worden war, ſondern weil er den Gegen⸗ ſtand für weitere Beſprechung für gefährlich hielt. Die für die Schmuckſachen erlöste Summe über⸗ traf Emma's Erwartungen ſo ſehr, daß ſie in ihrer Dankbarkeit darauf beſtand, Kit zu ſprechen, um ihm perſönlich für die Mühe, die er ihretwegen ge⸗ habt hatte, zu danken⸗ Der Zimmergeſelle war über 107 dieſes Zeichen ihrer Anerkennung eben ſo verlegen, wie vorhin über die Naivetät ihrer Freundin.„Es war nicht der Mühe werth,“ ſagte er.„Es freut mich, einerFreundin Nancy's dienen zu können.“ „Und hier iſt das Geld,“ rief Letztere, indem ſie ſieben Pfund in ſchönen blanken Goldſtücken auf den Tiſch zählte. „Sieben Pfund!“ wiederholte Rebecca, die ſich bis jetzt noch nicht aus ihrem Stuhle erhoben hatte. „Liebes Kind, was hatten Sie denn zu verkaufen, das eine ſolche Summe einbringen konnte?“ „Mein Schlößchen und Ring, Amme,“ erwiderte die junge Dame. Der alten Frau ſchien dieß im höchſten Grade zu mißfallen und ſie meinte, man hätte viel mehr daraus erlöſen können. Sie hätte es beſſer zu verwerthen gewußt, wenn man ſie damit be⸗ auftragt hätte. Emma ſchmerzte dieſe Aeußerung, die ihr als eine Undankbarkeit erſchien.„Sie vergeſſen, daß Sie in London fremd ſind und daß die leichteſte Beſchwerde Sie ermüdet. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht mehr, ja nicht einmal ſo viel dafür er⸗ löst hätten.“ „Man hätte Sie übervortheilt,“ ſagte Nancy. „Oder Sie hätten das Geld verloren,“ bemerkte Kit ſarkaſtiſch,„und das wäre ein noch größeres Unglück geweſen.“ Rebecca erröthete bis unter die Schläfe und ſetzte ſich wieder nieder; Kit aber verwunderte ſich nicht mehr darüber, daß ſie nicht leiden mochte, es ging ihm jetzt gerabe eben ſo. 108 „Wenn Sie mich brauchen können, ſo geniren Sie ſich gar nicht,“ ſprach er;„halten Sie mich deßhalb nicht für anmaßend, daß ich dieſes Anerbieten mir erlaube, aber Nancy ſagt mir, daß Sie nicht viele Freunde in London beſitzen.“ „Der Arme beſitzt ſelten viele Freunde,“ er⸗ widerte die junge Dame mit einem Seufzer.„Wenn es freilich nur von der Theilnahme und Aufopfe⸗ rung dieſes vortrefflichen jungen Mädchens abhinge, ſo hätten meine Sorgen auf dieſer Welt bald ihr Ende erreicht. Sie wachte bei mir wie eine Schwe⸗ ſter und ihr Mitleid und ihre Mildthätigkeit—“ „O Miß,“ unterbrach ſie Nancy⸗„nicht dieſes Wort! Meine Mildthätigkeit! als ob ein armes Geſchöpf, wie ich, mehr vermöchte als höchſtens ein bischen Gutes zu thun.“ Emma ſchlang ihren Arm um ihren Nacken und küßte ſie liebevoll, worüber dos beſcheidene Mäd⸗ chen vor Vergnügen erröthete, und Kit fand, daß ſie noch nie ſo ſchön, wie eben jetzt, ausgeſehen habe. „Gute Racht,“ ſagte die Nähterin, ihm die Hand reichend,„und meinen beſten Dank; Ihre Freunde werden Sie wahrſcheinlich ſchon längſt erwarten.“ „Es preſſirt mir gar nicht, ſie aufzuſuchen.“ „Aber ich habe noch eine Arbeit fertig zu ma⸗ chen, und morgen iſt, wie Sie wiſſen, Samſtag.“ „Morgen ſehe ich Sie alſo wieder? Um wie viel Uhr?“ „Shadrac und Aarons zahlen nie vor neun Uhr aus.“ Der zimmergeſelle verbeugte ſich ehrerbietig vor 109 Miß Cheerly. Es war nicht ihrem höhern Rang oder ihrer beſſern Erziehung, denen er auf dieſe Weiſe Ehre erwies, ſondern ihrem Unglück und der Würde, mit der ſie es trug. „Ich gehe nicht auf den Tanzboden,“ flüſterte er Nancy zu, während er ihr unter der Thüre die Hand drückte. „Weßhalb nicht?“ „Weil ich weiß, daß es Ihnen mißfällt. Sie ſind ein gutes Mädchen, Nancy, und ich glaube, daß Sie Recht haben, denn man lernt nichts Gu⸗ tes an ſolchen Orten.“ „Es thut mir wohl, dieß von Ihnen zu hören, Kit,“ rief das Mädchen erfreut.„Ich höre es gerne um Ihrer ſelbſt willen. Weßhalb dachten Sie aber nicht ſchon früher ſo?“ „Weil ich nicht Ihre Welterfahrung beſaß,“ verſetzte Kit mit ſcheinbarem Ernſt,„denn Sie wiſ⸗ ſen ja, daß ich nie aus London hinauskam und Sie den weiten Weg von Devonſhire bis hieher ſchon zurückgelegt haben.“ Nancy meinte zwar, er verſpotte ihre Einfalt, aber ſie fühlte ſich zu glücklich über ſeinen Ent⸗ ſchluß, als daß ſie ihm jetzt einen Vorwurf hätte machen können und ſo ſchieden ſie. Wie der Leſer ohne Zweifel vorausſetzen wird, fühlte Kit etwas mehr, wie bloße Freundſchaft für Nancy. Er bewunderte ihren Charakter und ihre Grundſätze, und obgleich er dieſelben oft zu ſtreng nannte, fo hätte er doch von keinem Andern geduldet, daß er leicht von ihr geſprochen oder ihre Unſchuld zu verderben geſucht hätte. Aber noch hielt 110 er ſich für noch nichts weniger als verliebt in ſie. Dieſes Gefühl hatte ſich aber ſo allmälig in ſein Herz geſchlichen, daß er deſſen Vorhandenſein kaum gewahrte. „Ich wußte nicht, daß Sie einen Liebhaber ha⸗ ben,“ bemerkte Emma, als die Nähterin, welche Kit bis unter die Hausthüre begleitet hatte, wieder in das Zimmer zurückkam. „Einen Liebhaber!“ wiederholte Nancy.„Wer, Kit? O der iſt nicht mein Liebhaber, ſondern, wie ich ſchon geſagt habe, nur mein aufrichtiger erge⸗ bener Freund. Ich kenne ihn ſchon ſeit vielen Jah⸗ ren. Er iſt mein Beſchützer und nichts weiter.“ Nancy ſprach dieſe Verſicherung mit ſolchem Ernſt aus, daß Emma von deren Aufrichtigkeit voll⸗ kommen überzeugt wurde. „Er ſcheint ein ſehr wackerer junger Mann zu ſein,“ fuhr Miß Cheerly fort.„Beſucht er Sie oft?“ „Nein! Heute betrat er mit mir zum erſten Mal dieſes Haus.“ „Und warum?“ „Die Welt iſt ſo ſchlimm,“ erwiderte Nancy, und obgleich ich zu arm und zu einfältig für Kit bin, als daß er je daran denken möchte, mich zur Frau zu nehmen, ſo achtet er mich doch zu ſehr, als daß er den böſen Zungen Veranlaſſung geben möchte, übel von mir zu reden.“ „Sie müſſen großen Einfluß über ihn üben,“ ſagte Emma. „Ja, das glaube ich,“ erwiderte das einfache Mädchen;„zwar brummt er zuweilen, wenn ich mir herausnehme, ihm etwas Moral zu predigen; aber 111 zuletzt geſteht er mir doch jedesmal ein, daß ich Recht habe.“ Nancy ſprach dieſe Worte mit ſolchem Eifer, daß Emma die Ueberzeugung gewann, die Gefühle des Mädchens ſeien bei dieſer Sache doch mehr im Spiele, als ſie ſich ſelbſt bewußt war. Emma glaubte deßhalb doch, ſie darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß Kit früher oder ſpäter ſich verheirathen werde. „Allerdings wird er das,“ erwiderte das arme Mädchen gedehnt:„und es iſt dieß auch das Beſte für ihn, denn er nimmt viel Geld ein, und eine Frau kann dieß dann zu ſeinem Beſten verwalten. Möge Gott ihn bei ſeiner Wahl lenken,“ fuhr ſie eifrig fort,„und ſein Herz wenden, denn er wird einen ganz vortrefflichen Ehemann abgeben, ſo⸗ bald er einmal ſeinen religiöſen Pflichten mehr nachkommt und nicht mehr ſo vergnügungsluſtig iſt, wie jetzt.“ Von dieſem Abende an wurde Kit eifriger als je zuvor in ſeinen Aufmerkſamkeiten, und wenn er zur Arbeit ging oder davon zurückkam, ſo machte er jedesmal einen Umweg, nur um an Nancy's be⸗ ſcheidener Wohnung vorüber zu kommen. Er war dann ſicher, ſie an ihrem Fenſter zu ſehen, in un⸗ ermüdlicher Geduld mit ihrer Nadel beſchäftigt. Sie lächelten ſich zu und die Frinnerung an einander beſchäftigte Beide den Tag über bei ihrer einför⸗ migen Arbeit; dabei dachte er: wenn ſie nur nicht gar ſo pedantiſch wäre! und ſie: wenn er nur ſein Herz etwas mehr Gott zuwenden wollte. 112 Achtes Kapitel. Die Möglichkeit, irgend einer Beleidigung auf der Straße ausgeſetzt zu ſein, war es aber nicht allein, welche der Rähterin Kit's Schutz ſo noth⸗ wendig machte; ſeit einiger Zeit war ſie einer weit größeren Gefahr ausgeſetzt. Moſes Shadrac, der Kaſſier und Sohn des Principals der Firma, für welche ſie arbeitete, hatte ſchon ſeit lange großes Wohlgefallen an ihr gefunden und ſchon mehrmals ſie um ihre Einwilligung angegangen, ſie beſuchen zu dürfen, was Nancy aber jedesmal rund abge⸗ ſchlagen hatte. Dafür rächte ſich der junge Wüſt⸗ ling durch Chicanen aller Art. Sie wurde immer zuletzt ausbezahlt und man übertrug ihr immer das wenigſt einträgliche Geſchäft. Als ſie am nächſten Samſtag ſich, wie gewöhnlich, wieder in dem Kauf⸗ hauſe einfand, wußte es Moſes abermals einzu⸗ richten, daß ſie allein noch da war, nachdem die übrigen Arbeiterinnen ausbezahlt und entlaſſen worden waren. „Zwei Duzend Hemden,“ ſprach er, ihre Rech⸗ nung nachſehend,„und ein Duzend Unterröcke macht elf Schilling und neun Pennies. Hm, Hm! Sie ſind reich dieſe Woche.“ „Ich habe ſehr ſtreng gearbeitet, Herr.“ „Weßhalb arbeiten Sie denn ſo ſtreng 2“ fragte er mit unverſchämtem Blick,„da Sie doch leicht einen Freund finden könnten.“ „Ich habe einen,“ erwiderte das Mädchen unbe⸗ fangen,„Kit, der auf mich wartet.“ 113 „Ein Schatz wahrſcheinlich?“ „Gewiß nicht,“ rief die Arbeiterin, über den gemeinen Ton erröthend, in welchem die Frage ge⸗ ſtellt wurde;„er iſt ſehr gut gegen mich und be⸗ gleitet mich jeden Samſtag Abends nach der City; denn es iſt für arme Mädchen nicht ſicher allein auf der Straße.“ „Mir erlauben Sie nie, Sie zu beſuchen,“ mur⸗ melte Moſes ärgerlich. „Wie könnte ich Sie auch ſo bemühen, Herr!“ „Sie würden mich dadurch nicht bemühen,“ erwiderte er, und als Nancy darauf keine Antwort gab, fuhr er fort, indem er zugleich einen Pack öffnete und ſeidene Stoffe auf dem Tiſche ausbrei⸗ tete:„Sehen Sie einmal her, was halten Sie davon?“* „Ach, wie ſchön! Herr!“ „Nicht wahr?“ erwiderte der junge Mann gecken⸗ haft,„ich habe einen guten Geſchmack. Würde das nicht ein wunderſchönes Kleid geben?“ „Sehr ſchön, Herr.“ „Und wollen Sie es annehmen?“ rief er leb⸗ haft aus. „Annehmen!“ erwiderte das Mädchen erſtaunt. „Was ſollte ich damit machen?“ „Es tragen, Nanch, zum Andenken an mich,“ erwiderte Moſes, indem er ihre Hand zu faſſen ſuchte.„Sie wiſſen, daß ich Sie ſchon lange be⸗ wundere. Ich beſitze Geld genug zur Bezahlung einer behaglichen Einrichtung; ſprechen Sie nur ein Wort und Sie brauchen ſich mit Ihrer Nähterei nicht mehr abzumühen, kein Hunger klopft mehr an Licht⸗ und Schattenſeiten. 1. 8 114 Ihre Thüre, der mühſame Weg nach der City iſt Ihnen erſpart; dafür winkt Ihnen eine hübſche Wohnung, in der Sie den ganzen Tag der Ruhe pflegen und Abends Theater oder Bälle beſuchen können.“ „Wollen Sie mich nicht auszahlen, Herr?“ fragte Nancy, mit Mühe ihre Thränen unterdrückend, denn ſie verſtund vollkommen den ſchmählichen Antrag, der ihr gemacht worden war. „Sie müſſen zuerſt Ihr Kleid annehmen,“ be⸗ merkte der Wüſtling. „Nein.“ „Dann erhalten Sie auch keine Bezahlung,“ rief der junge Mann barſch,„und Sie können uns we⸗ gen Ihres Guthabens moniren. Ihre Arbeit iſt ſchlecht, einige Unterröcke ſind verdorben, und ſo, meine ſtolze Jungfer, mögen Sie verhungern. Der Hunger wird bald Ihren Stolz demüthigen.“ „Das wäre noch nicht das Schlimmſte, das mir begegnen könnte,“ erwiderte ſie. „Nicht? Nun ſo verſuchen Sie es. Ich möchte wohl etwas Schlimmeres kennen lernen.“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ erwiderte die Näh⸗ terin;„die Schande, die Gewiſſensbiſſe, die Selbſt⸗ verachtung, vor der man ſich nicht zu retten ver⸗ magz aber,“ ſetzte ſie, in Thränen ausbrechend hinzu, „Sie werden gewiß nicht ſo grauſam ſein.“ „Warum nicht?“ „Ich habe Ihnen nie etwas zu Leide gethan.“ „Das iſt nicht ſo ganz gewiß,“ erwiderte der junge Mann barſch.„Ich bin zu nachſichtig mit Ihnen geweſen, habe zu lang Ihrem Geſichtchen 115 vertraut und deßhalb nie Ihre Arbeit ſo ſtreng viſitirt, wie ich hätte thun ſollen, und dieß iſt jetzt mein Dank. Wie man in den Wald ſchreit, ſo ſchreit es heraus; ihr ſeid alle trotzig, bis euch der Hunger mürbe macht. Kommen Sie, Nancy,“ ſetzte er nach einer kurzen Pauſe hinzu, als er bemerkte, daß ſie noch immer keine Miene machte, nachzugeben, „ſeien Sie nicht thöricht und nehmen Sie das Kleid, es wird Ihnen allerliebſt ſtehen.“ Die einzige Antwort, welche die beleidigte Näh⸗ terin gab, war, daß ſie ihren ärmlichen Shawl feſter um die Schultern zog und das Kaufhaus verließ. Ihr Stolz hielt ſie aufrecht, ſo lange ſie der hart⸗ näckige Wüſtling noch ſehen konnte, dann aber for⸗ derte die Natur ihre Rechte, und ſie fing an bitter⸗ lich zu weinen. Kit darf nichts davon erfahren, dachte ſie, weil er mir ſonſt ſeinen Beiſtand mit ſeinem Gelde anbietet! Nein, nein, ich will kein Geld von ihm, denn das würde mir das Recht nehmen, ihm Rathſchläge zu ertheilen und Vernunft zu predigen; es würde mir die Macht, ihm Gutes zu thun, rauben.“ Mit einer Selbſtbeherrſchung, welche vielleicht Wenigen in ihrer Lage möglich ge⸗ weſen wäre, gelang es ihr, ihrer Thränen Herr zu werden und ſie begab ſich eilig nach der Straßenecke, wo der junge Zimmergeſell, wie gewöhnlich, ſie erwartete. „Wie lange ſind Sie aus geweſen, Nanch?“ rief er aus, als er ſie erblickte,„und wie blaß Sie ſind! Iſt etwas vorgefallen?“ „Nichts! das heißt nichts von Bedeutung,“ 8 116 erwiderte ſie, indem ſie ſeinen Arm ergriff und raſch den Weg antrat. „Wollen wir über den Markt gehen?“ fragte er. „Nein, Kit; ich habe für heute Abend nichts einzukaufen, ich danke.“ 356 Dieſe Antwort machte den jungen Mann nach⸗ denklich; er kannte den Charakter von Moſes Shadrac nur zu gut. Er hatte ihn öfters auf dem Tanzboden mit mehr als einem ſeiner Opfer geſehen, und dieſer Gedanke beſchäftigte ihn, bis er mit ſeiner Begleiterin über die Weſt⸗Minſter⸗Brücke geſchritten war. „Laſſen Sie uns dieſen Weg hier einſchlagen, Nancy,“ ſprach er, indem er nach Bishop's⸗walk ein⸗ zulenken ſuchte, und als das Mädchen zögerte, ſo ſetzte er hinzu: Wie! glauben Sie nicht, ſich mir anver⸗ trauen zu können?“ „Nicht mich Ihnen anzuvertrauen!“ wiederholte die Rähterin;„weßhalb nicht? Ich wäre ja das undankbarſte Geſchöpf von der Welt, wenn mein Herz Arges von Ihnen dächte, aber es iſt nicht mein gewohnter Weg.“ „Aber ich wünſche mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte der Zimmergeſelle,„und die belebten Straßen ſind nicht der paſſende Ort zu dem, was ich Ihnen zu ſagen habe.“ Nancy weigerte ſich nun nicht länger mehr, und ſo ſchlugen ſie den fraglichen Weg ein. 5 Panſche, daß Sie mir eine Frage beant⸗ worten,“ ſagte der junge Mann, ſobald ſie einen einſamen Theil der Straße erreicht hatten,„und ich bin überzeugt, daß Sie mir ſie aufrichtig beant⸗ worten werden.“ 117 „Wenn ich überhaupt eine Antwort gebe, Kit, ſo wird ſie gewiß auch aufrichtig ausfallen.“ „Sind Sie heute Abend ausbezahlt worden?“ Das„Nein“ wurde ſo leiſe ausgeſprochen, daß er das Wort mehr errieth, als hörte. „Ich dachte mir's doch!“ rief er aus;„der miſerable Geſelle! Es war doch der junge Shadrac, der Sie auszuzahlen ſich weigerte?“ „Ja.“ „Und aus welchem Grunde?“ Nanch erwiderte nichts. „Ich will Sie nicht in Verlegenheit ſetzen, indem ich weiter in Sie dringe,“ fuhr der junge Mann fort; ſchon ſeit lange iſt mir die Sache verdächtig, und dieſer Vorfall beſtätigt es mir. Nancy, die Zeit iſt da, in der ich, wie ich wohl fühle, mich ausſpre⸗ chen muß. Ich liebe Sie in ehrbarer Weiſe, ganz gewiß; denn ſonſt hätte ich den Muth nicht, es Ihnen zu ſagen; ſchon lange habe ich Ihre Geduld, Ihren Fleiß, Ihr tugendhaftes Weſen bewundert und es hat mir dieß eben ſo viel Achtung, als Liebe für Sie eingeflößt.— Antworten Sie mir jetzt nicht, denn ich weiß, daß ich Ihrer noch nicht ſo würdig bin, wie ich es zu werden wünſche. Ich vermag Ihnen ein anſtändiges, behagliches Hausweſen an⸗ zubieten, denn ich habe hundert Pfund in der Bank deponirt, die mir mein Pathe hinterlaſſen hat; außerdem verdiene ich wöchentlich dreifig Schillinge. Glauben Sie nicht, daß wir ſehr glücklich werden könnten?“ „O ich danke Ihnen, Kit,“ brachte das Mädchen mühſam hervor;„ich danke Ihnen, daß Sie mich 118 eines ſolchen Anerbietens werth erachten, das viele Mädchen von Herzen gern annehmen würden.“ „Wollen Sie es annehmen?“ flüſterte er, ſanft ihre Hand drückend. Es war ein harter Kampf. Liebe auf der einen Seite, denn der Schleier war gefallen und Nanch fühlte jetzt, daß ſie ihm von Herzen gut ſei, und Grundſätze von der andern Seite; der Furcht vor Mangel, des drohenden Hungers, des Winters Kälte und der Einſamkeit ihres ärmlichen Zimmers gar nicht zu gedenken. Dennoch ſiegte bei ihr das ange⸗ borene Rechtlichkeitsgefühl und ſie ſtammelte:„Ich — ich wage es nicht.“ „Sie wagen es nicht!“ wiederholte der Zimmer⸗ geſelle eben ſo erſtaunt, als betrübt;„wagen es nicht! Was ſoll das heißen? Sie lieben vielleicht einen Andern?“ „Seien Sie nicht böſe über mich,“ verſetzte Nancy unter einem Strom von Thränen.„Ich will Ihnen meine Gründe ſagen, ſobald ich zu ſpre⸗ chen vermag. Ich liebe Sie von Herzen, Kit; ich wußte bis auf dieſen Augenblick nicht, wie theuer Sie mir ſind; ich fühlte nie und werde nie für einen Andern fühlen, wie für Sie, und doch kann ich Ihre Frau nicht werden.“ „Und weßhalb nicht?“ fragte der Liebhaber ungeduldig. „Ich wage es nicht, einen Mann zu heirathen,“ erwiderte ſie mit betrübtem Ernſt,„der keine Ver⸗ ehrung für ſeinen Schöpfer hat.“ „Das iſt thöricht,“ erwiderte er.„Sie ſprechen, 8 119 als ob ich ein Heide wäre. Ich thue Niemand etwas zu Leide.“ „Das weiß ich.“ „Bin ein ehrlicher Menſch.“ „Wie es nur einen gibt,“ erwiderte die Nähterin. „Was können Sie alſo mehr verlangen?“ fuhr er fort.„Ich geſtehe, daß ich nach harter Arbeit die Woche hindurch am Sonntag mir gern eine Unterhaltung gönne. Das iſt aber ja nichts Un⸗ rechtes, und.. wenn Sie es aber durchaus wün⸗ ſchen, ſo würde ich auch zuweilen mit Ihnen in die Kirche gehen.“ „Der Drang dazu muß in Ihnen liegen, Kit,“ bemerkte Nancy. Verzeihen Sie mir die Mühe, die ich Ihnen verurſachte; ich wäre gern allein gegangen, aber Sie wiſſen ja, daß ich außer Ihnen keinen Freund habe, der mich beſchützt.“ „Sie weiſen mich alſo völlig ab?“ ſprach der junge Mann, tief verletzt durch ihre Worte. „Als Gatte ja; aber wir können deßhalb doch Freunde bleiben.“. „Freunde!“ wiederholte er bitter;„das iſt ein armſeliger Troſt für die Hoffnungen, die ich gehegt habe. Alles, was gut an mir iſt, verdanke ich Ihnen, denn wie oft habe ich den Verſuchungen zu irgend einer Thorheit nur dadurch widerſtanden, daß ich mir dachte, ſie könnte Ihnen zu Ohren kommen und Sie betrüben. Dieß iſt aber jetzt alles vorbei. Ich will Sie jetzt noch nach Hauſe beglei⸗ ten, Ihnen Adieu ſagen, und dann iſt Alles aus zwiſchen uns.“ Nancy nahm ſeinen Arm und ſie gingen ſtill⸗ 120 ſchweigend neben einander her. Am Hauſe war ein kühles„gute Nacht“ alles, was noch zwiſchen ihnen geſprochen wurde; denn Keines hatte den Muth, ein Wort weiter zu ſagen. „Pedantiſches, hartnäckiges Mädchen!“ mur⸗ melte Kit vor ſich hin, als er wegging;„mich wegen einer ſolchen Kleinigkeit abzuweiſen, nachdem ſie doch eingeſteht, daß ſie mich liebt.“ Wenn nur der Himmel ſein Herz änderte! dachte die Nähterin; bei ſo vielen ſonſtigen guten Eigenſchaften ließe ſich dann wohl etwas hoffen. In der Einſamkeit ihres ärmlichen Zimmers hatte das arme Mädchen einen neuen Kampf mit ihrer Neigung und ihren Grundſätzen zu beſtehen. Es war die härteſte Prüfung ihres ganzen Lebens. Um dieſem innern Kampfe ein Ende zu machen, ſandte ſie ein inbrünſtiges Gebet zu Gott, in dem ſie um Stärke für ſich und um Bekehrung des Her⸗ zens ihres Liebhabers flehte. Ehe ſie ſich zur Ruhe legte, theilte ſie aber noch ihren Kummer und ihren Kampf Emma mit, welche, beunruhigt, daß ſie ihr nicht, wie gewöhnlich, gute Nacht geſagt hatte, auf ihr Zimmer gekommen war. „Sie haben edel und weiſe gehandelt,“ ſagte Miß Cheerly, voll Bewunderung über ihre Stand⸗ haftigkeit.„Wie Wenige in Ihrer Lage hätten auch nur einen Augenblick lang gezögert. Der arme Kit! Wie bedaure ich ihn! Hoffen wir, daß er einſt noch Ihrer würdig werden wird.“ „Ach, loben Sie mich nicht zu ſehr; mein Herz iſt ſchwächer, als Sie glauben.“ Als Emma das obſcheuliche Benehmen von 121 Moſes Shadrac vernahm, pſflichtete ſie der Anſicht ihrer Freundin bei, daß ſie keine Arbeit in dieſem Hauſe mehr nachſuchen ſolle. „Er glaubt mich durch Hunger zur Schande zu zwingen,“ bemerkte Nancy,„weil er weiß, daß ich ganz mittellos bin.“ „Aber ich bin es nicht,“ erwiderte Miß Cheerly im Tone des Vorwurfs.„Die Vorſehung hat uns als Kinder des Unglücks zuſammengeführt; wir wollen uns gegenſeitig durch Stärke und Geduld aufrecht erhalten. Selbſt auf die finſterſte Nacht folgt ein Morgen, wenn auch nicht auf Erden, doch wenigſtens dort, wo jeder Kummer aufhört und wo Engel Diejenigen empfangen, die ihre Prüfungen mit Geduld und Glauben ertragen haben.“— Harold Trach und Harry Burg, welche das Schickſal auf ſo merkwürdige Weiſe zuſammengeführt hatte, wurden immer engere Freunde, beſuchten die⸗ ſelben Geſellſchaften, wurden überall gleich gut auf⸗ genommen und theilten Freude und Leid mit einander. Vor Kurzem hatte Harold zufällig Albert Mortimer getroffen und ſeine Bekanntſchaft mit ihm erneuert. Harry gefiel dieſe neue Bekanntſchaft nicht ſonder⸗ lich. Er war von Natur zu offen und ungezwungen, daher begriff er wohl die Klugheit des Alters, aber nicht die Berechnung der Jugend. Trotz dieſer Em⸗ pfindung, die ſich mehr in Gleichgiltigkeit, als in offenbarem Mißfallen kund gab, lud er den jungen Offizier ein, ihn und Harold nach Burg⸗Hall zu be⸗ gleiten, wo er ſeinen erſten Beſuch abzuſtatten ge⸗ dachte. „Ich bin nie dort geweſen,“ ſagte er,„und 122 fürchte, daß die Nachbarſchaft nur wenig Unterhal⸗ tung bieten wird; es liegt mitten in der Wildniß von Cumberland, nicht weit vom Alſton⸗Moor und die ganze Bevölkerung beſteht aus Bergleuten.“ „Da wird Ihnen von Ihren Pächtern gewiß ein ſehr guter Empfang zu Theil werden,“ bemerkte Albert. „Schwerlich,“ erwiderte Harry,„denn ich beab⸗ ſichtige incognitd dahin zu gehen und ein paar Tage unerkannt zu bleiben. Einem Grundherrn, der in der Lage war, ſchon viel Gutes auf ſeinen Beſitzun⸗ gen zu Stande zu bringen, mag eine öffentliche Kundgebung wohl einige Genugthuung gewähren, ich habe aber noch keine Gelegenheit gehabt, mich zu bewähren und bin kein Freund von anbefohlener Begeiſterung.“ „Wann ſoll denn die Reiſe angetreten werden?“ fragte Harold. „In drei Tagen,“ verſetzte der Erbe. Vor der Abreiſe theilte Albert Mortimer Harold mit, daß ſeine Mutter ihm geſchrieben habe, General Trelawny habe für die Saiſon ein Haus in London gemiethet.„Es wird Sie dieß gewiß ſehr freuen,“ ſetzte er hinzu,„denn ich hoffe, daß wir Beide manche angenehme Stunde in Grosvenor⸗ſquare zubringen werden.“ „Sie vielleicht,“ erwiderte Harold,„aber ich werde bis dahin England verlaſſen haben.“ „Sie wollen alſo auf Reiſen gehen?“ bemerkte Harry Burg, ſobald ſie allein waren.„Das iſt ein raſcher Entſchluß.“. „In dieſem Augenblick gefaßt.“ 123 „Und zwar in Folge der Abſicht des General die Saiſon in London zuzubringen?“ „Sitzt die Wunde ſo tief?“ fragte ſein Freund, denn Harold hatte ihm die Urſache ſeiner plötz⸗ lichen Abreiſe von Granstoun⸗Park mitgetheilt. „Ich habe gehofft, die Zeit habe bereits ſchon einen Theil der Kur vollbracht. Nun, wenn dieß nicht der Fall iſt, ſo bin ich jeden Augenblick bereit, Sie zu begleiten. Wo gedenken Sie hinzugehen?“ „Mir gilt jedes Land gleich,“ erwiderte Harold Tracy;„mich verlangt nur nach Thätigkeit und Aufregung, um die Schläge meines Herzens zu übertäuben. Ich bedaure bei meiner Abſicht nur Eines, und dieß iſt der Kummer, den meine Ab⸗ weſenheit meinem theuren, mir ſo wohlwollenden Onkel verurſachen wird.“ „Er iſt alſo nicht gegen Ihre Abreiſe?“ „Im Gegentheil, er dringt darauf.“ „Laſſen Sie mich einmal nachſinnen, wohin wir gehen wollen,“ ſprach ſein Freund.—„Ich habe es, ich habe es!“ rief er mit einem Mal.„Nach Spanien! dem Lande der Romantik; der Bürger⸗ krieg, der dort wüthet, verſpricht eine große Aus⸗ beute von Abenteuern.“. „Alſo nach Spanien,“ verſetzte Harold in gleich⸗ giltigem Tone. Noch an demſelben Tage theilte er Sir Mor⸗ daunt ſeine Abſicht mit und umgehend erhielt er die Antwort des Baronet, in welcher dieſer ſeinem Plane ſeine vollſte Zuſtimmung ertheilte. „„Du haſt Recht, ganz Recht, lieber Junge,“ 124 ſchrieb der alte Mann;„es gibt keine beſſere Kur „zur Heilung von Wunden, als die Veränderung „des Schauplatzes. Ich hatte zwar die Abſicht ge⸗ „habt, London nicht zu beſuchen, jetzt komme ich „aber doch, um dir Lebewohl zu ſagen. Außerdem „führt mich aber noch ein anderer Grund, oder „beſſer geſagt, eine Entſchuldigung, zu dir. Ich „wünſche die Bekanntſchaft deines Freundes Mr. „Burg zu machen.““ Drei Tage hernach machten ſich die beiden Freunde, in Begleitung von Albert Mortimer, auf den Weg nach Cumberland zum Beſuch von Burg⸗Hall. Neuntes Kapitel. Nach einer kurzen Reiſe, auf der ſich nichts Er⸗ wähnenswerthes zutrug, erreichten die drei jungen Männer Alſton⸗Moor. Es war eben Mittag, und da gerade Markttag war, ſo war das Wirthshaus „Zuden Bergleuten“ daſelbſt, das einzige, in dem man zur Noth abſteigen konnte, voll Landleuten aus der Nachbarſchaft, von denen viele Pächter von den zu Burg⸗Hall gehörenden Grundſtücken waren. „Tretet nur herein, ihr Herren!“ rief ihnen der Kellner, ein ungeſchlachter Naturjunge, entgegen; „um zwei Uhr wird zu Mittag gegeſſen, nur eine halbe Krone die Perſon.“ „Vielleicht wollen aber die Herren allein auf 125 einem Zimmer ſpeiſen,“ bemerkte die Wirthin, eine kleine, runde Frau, die herbeigelaufen kam. „Der gewöhnliche Mittagstiſch iſt uns ganz recht,“ erwiderte Harry, der die Gelegenheit, mit ſeinen Pächtern Bekanntſchaft zu machen, nicht unbenützt vorübergehen laſſen wollte. „Wie's Ihnen beliebt;“ brummte die Frau ver⸗ drießlich,„aber bei einer halben Krone,“ ſetzte ſie mit ſtechendem Blick auf den Kellner hinzu,„iſt das Bier nicht inbegriffen.“ „Auch das Trinkgeld für den Kellner nicht,“ ſetzte letzterer grinſend hinzu. „Wir werden wegen Ihrer Rechnung keinen Streit bekommen,“ ſprach Harold höchlichſt ergötzt. Durch dieſe Verſicherung einigermaßen wieder ausgeſöhnt, kehrte die Wirthin„Zu den Bergleuten“ auf ihren Platz an dem Schenktiſche zurück, wo ver⸗ ſchiedene Gäſte nach Ale, Branntwein und ſo weiter ſchrieen. „Nun, Mann,“ fuhr Harold, gegen den Kellner gewendet, fort,„wollen Sie uns unſere Zimmer anweiſen.“ „Wie! Beabſichtigen Sie denn bei uns über Nacht zu bleiben?“ fragte dieſer. Nein. „Zu was brauchen Sie aber dann Zimmer?“ „Um uns zu waſchen und—“ „Ha, ha! da erkennt man gleich die Londoner Krämer,“ unterbrach ihn der Burſche;„glaubt ihr vielleicht, es gebe keinen Brunnen hier im Ort?“ „Und wie heißen Sie denn, Sie Allervortreff⸗ lichſter?“ fragte Harry. 8 126 „Turnbull, und wie heißt Du?“ Dieſe Frage kam ſo unerwartet, daß der Erbe von Burg⸗Hall, der ſein Incognito zu bewahren wünſchte, mit der Antwort zögerte. Der Kellner grinste wieder und es ſchien, als wenn er eine ſehr geringe Meinung von der Intelligenz der Reiſenden oder wenigſtens von Einem derſelben gewänne. „Es ſcheint, daß ihr nicht gewöhnt ſeid, viele Gäſte in eurem Hauſe zu empfangen?“ bemerkte Albert Mortimer. „Mehr, als Du denkſt,“ verſetzte der Kellner; „kommt nur herein, ich will euch die Zimmer zeigen. Ihr könnt auch eines haben. Wir ſehen zuweilen ſehr feine Leute hier. Erſt geſtern Nacht war ein vornehmer Herr hier, der von London kam, um den alten Snape zu beſuchen.“ Harry horchte auf, denn ſein Rentbeamter hieß Snape.„Iſt der Herr noch hier?“ fragte er. „Nein, er hat ſich ſchon nach der Halle auf den Weg gemacht.“ „Wiſſen Sie ſeinen Namen?“ „Rein, er machte es wie Du,“ erwiderte Turn⸗ bull mit pfiffiger Miene. „Wie ſo?“ „Er ſagte ihn nicht.“ Obgleich nichts Auffallendes in dem Umſtande lag, daß ein Fremder von London zum Beſuch ſeines Rentbeamten kam, ſo machte er Harry doch nachdenklich und eine unbeſtimmte Ahnung ſagte ihm, daß dieß nichts Gutes zu bedeuten habe, ob⸗ gleich er ſich darüber keine Rechenſchaft zu geben vermochte, weßhalb und inwiefern. 127 Beim Mittageſſen ging es, wie an allen Markt⸗ tagen, ſehr lärmend her. Man hielt die drei Frem⸗ den für Handlungsreiſende, alſo für Leute, die heute hier, morgen dort ſind und deren Anweſenheit nicht nöthig zu machen ſchien, in der Unterhaltung ſich Zwang aufzuerlegen, welche um verſchiedene Lokal⸗ intereſſen, wie um Kornpreiſe, Pachtgüter, die zu miethen waren u. ſ. w. ſich drehte. Mehr als Ein⸗ mal hörte Harry Burg ſeinen Namen von den Gä⸗ ſten nennen und Anſichten über den Charakter des neuen Gutsherrn, ſo wie darüber, was etwa von dieſem zu erwarten ſei, ausſprechen.. „Schlechter, wie der Letztere, kann er nicht ſein!“ ſagte einer der Pächter, ein Mann mit rother Ge⸗ ſichtsfarbe und ungeſchlachtem Aeußern. „Höre, Baines,“ erwiderte ein Anderer,„du haſt am wenigſten Urſache, dich über den Squire Richard zu beklagen. Du kamſt bei ihm nicht zu kurz. Whitmore bot zwei Hundert jährlich mehr Pacht für die Lock⸗farm.“ „Und das iſt ſie auch werth,“ ſetzte ein Dritter hinzu. „Du mußt des alten Snape's Hand tüchtig ge⸗ ſchmiert haben,“ bemerkte ein alter Mann unten am Tiſche,„ehe er dieſen Vertrag aus ſeinen Fingern ſchlüpfen ließ.“ Dieſe Bemerkung verurſachte ein allgemeines Gelächter. „Sie lernen hier den Werth Ihrer Beſitzungen beſſer kennen, als Sie vermutheten,“ flüſterte Ha⸗ rold ſeinem Freunde in's Ohr. „Der Vertrag iſt keinen rothen Heller werth,“ rief der Mann mit dem röthlichen Geſicht, den die 128 Anweſenden mit dem Namen Baines bezeichnet hat⸗ ten. Dieſe Bemerkung erweckte allgemeines Erſtau⸗ nen.„Ich bin geprellt,“ ſetzte er hinzu, indem er mit der Fauſt ſo heftig auf den Tiſch ſchlug, daß die Gläſer klirrten;„Squire Richard war gar nie der rechtliche Eigenthümer von Burg⸗Hall, denn er war nicht ehelich geboren.“ „Wer ſagte dir das?“ „Der alte Snape ſelbſt,“ fuhr der Pächter fort, „dem ich vierhundert Pfund für den Vertrag be⸗ zahlte. Er hat mir auch verſprochen, von dem neuen Squire einen andern zu verſchaffen, der ein ein⸗ fältiger Menſch iſt und den Werth des Geldes gar nicht kennt, ſondern das, was er hat, mit Malen im Auslande verthut.“ Sie ſollen wenigſtens erfahren, daß ich den Er⸗ tragswerth von Lock⸗Farm genau kenne, dachte Harry Burg. 7 „Wenn aber der neue Erbe ſich nicht darauf einläßt?“ bemerkte Dobſon pfiffig ſchmunzelnd. „Ich will dann ſchon einen aus dem Rentmei⸗ ſter herausklopfen,“ rief Baines mit vermehrter Heftigkeit auf den Tiſch ſchlagend.„Er hat kein Recht, mir mein Geld für Nichts abzunehmen.“ „Oder die Intereſſen ſeines Gutsherrn zu ver⸗ kaufen,“ warf Albert Mortimer dazwiſchen. Durch dieſe Unterbrechung der Unterhaltung ent⸗ ſtand eine Pauſe, während welcher die Blicke aller Anweſenden ſich auf den Sprechenden richteten, der aberdadurch im mindeſten nicht ſich aus der Faſſung bringen ließ, ſondern im Gegentheil daran ſich zu ergötzen ſchien. Er füllte ſein Glas, nickte den 129 Pächtern zu, was ſo viel hieß, als:„Eure Ge⸗ ſundheit!“ und trank es aus. „Ein kaltblütiger Burſche!“ flüſterte einer der Anweſenden, während die Anderen ſich unter ein⸗ ander befragten, wer er ſei. „Das will ich bald heraus haben,“ ſprach Dob⸗ ſon, der für ein Witzbold bei ſeinen Kameraden galt;„überlaßt ihn nur mir.„Wie ſteht's mit der Baumwolle?“ fragte er, plötzlich ſich an den Of⸗ ficier wendend. „Sie iſt weich, wie immer, lieber Mann,“ lau⸗ tete die Antwort. Die Andern lachten Dobſon aus, als ſie ſahen, daß ſeine Abſicht, den Fremden zu ſchrauben, mißlungen war. Dieſer gab ſich aber noch nicht gefangen, ſondern ſuchte auf anderem Wege ſeine Abſicht zu erreichen.„Wir haben hier herum nicht viel mit Baumwolle zu ſchaffen, oder mit Baumwollehändlern,“ fuhr er, ärgerlich über das Lachen der Anweſenden fort„Sie werden mehr Hanf auf dem Wege gefunden haben?“ „Ja wohl, und er ſcheint ſehr wohl gerathen zu ſein.“ „Ja, aber wir verkaufen ihn nicht,“ erwiderte der Witzbold, der ohne Zweifel erwartet hatte, der Fremde werde ihn fragen, was ſie damit anfangen, für welchen Fall er ſchon eine Antwort bereit hatte, um die Lacher auf ſeine Seite zu bekommen. „Ich verſtehe, ihr behaltet ihn zum eigenen Ge⸗ brauch,“ bemerkte Albert;„ohne Zweifel iſt eine bedeutende Nachfrage darnach. „Daran wird es nicht fehlen, wenn wir jeden Narren aufhängten, der in dieſe Gegend kommt,“ Licht⸗ und Schattenſeiten. 3 9 130 rief der Bauer, ſeines Zornes kaum mehr mächtig. „Oder hier geboren wurde,“ ſetzte der Officier inzu. Auf dieſe Erwiderung verlor der Angreifer alle Geduld, er faßte eine ſchwere zinnerne Kanne, ſchwang ſie über ſeinem Kopfe und ſchrie, er wolle dem Fremden ſchon das Maul ſtopfen. „Nur zu, Dobſon,“ rief es allgemein. Velche Fehler auch Albert Mortimer immer haben mochte, Feigheit gehörte ſicher nicht dar⸗ unter. Er ſprang raſch auf und ſtellte ſich, feſt entſchloſſen, jeden Angriff zurückzuweiſen, in Po⸗ ſition. Harry und Harold zeigten ſich bereit, ihm beizuſtehen. Ehe jedoch die Sache zum Aeußerſten kam, erhob ſich ein junger Landmann, der bis da⸗ her an der Unterhaltung keinen Theil genommen, von ſeinem Stuhle. William Franklin, oder Will mit dem Knittel, unter welchem Namen er allge⸗ mein bekannt war, der beſte Boxer in Cumberland; er maß ſeine ſechs Fuß, drei Zoll, beſaß die Stärke eines Rieſen und die Gutmüthigkeit eines Kindes; dabei war er ſtets bereit, den Streit zu vermeiden oder da, wo es welchen gab, Friede zu ſtiften. Gelaſſen ergriff er den Arm Dobſon's, nahm ihm die Kanne aus der Fauſt, legte dann die Hand auf ſeinen Kopf und drückte ihn auf ſeinen Stuhl nie⸗ der.„Sei ruhig,“ ſprach er,„willſt du wohl? Iſt das die Art, Fremde zu behandeln? Leute, wie du, bringen unſere Gegend in Verruf. Brauchſt mich nicht mit ſo klotzenden Augen anzuſehen! Was ich geſagt habe, habe ich geſagt.“ 1 — „Er mag ſich bei Will bedanken,“ brummte der + XN—* — n 131 zornige Bauer,„daß ich ihm nicht den Schädel ein⸗ geſchlagen habe.“ „Womit ihm ganz recht geſchehen wäre!“ rief es allgemein. Damit war die Ruhe wieder hergeſtellt; die Reiſenden hatten aber genug geſehen und gehört und verließen den Tiſch. „Stolze Narren ſind es,“ hieß es allgemein hin⸗ ter ihrem Rücken; nur Will war anderer Anſicht, doch hütete er ſich weislich, dieſe auszuſprechen. Da Harry noch immer Willens war, ſein Incognito zu bewahren, ſo wurde beſchloſſen, daß er und ſeine Gefährten zu Fuß nach Burg⸗Hall ſich begeben ſoll⸗ ten; und da dieſes nur zwei Stunden entfernt war, ſo konnten ſie morgen Jemand ſchicken, der ihr Ge⸗ päck abholte. Tom wurde herbeigerufen und die Geſellſchaft verließ, nachdem die Rechnung bezahlt war, das Wirthshaus zu den Bergleuten und ließen der verblüfften Wirthin, die gar zu gern zuvor noch * durch allerlei Fragen herausgebracht hätte, wer die Fremden ſeien, ſo wie ihrem wohldreſſirten Kell⸗ ner, das Nachſehen. „Haben Sie nicht gehört, wohin die Fremden gehen wollen?“ fragte die Wirthin, ſobald dieſe außer dem Gehörbereiche waren. Der Kellner kratzte ſich am Kopfe, indem er erwiderte, ſie hätten es ihm nicht geſagt, vielleicht könne aber Dick Murchinſon, der Bergmann, dar⸗ über Auskunft geben, mit dem er die Herren habe ſprechen ſehen. Dick wurde hereingerufen; ein Glas Ale, das ihm eingeſchenkt wurde, brachte ihn leicht zu der 9 132 Mittheilung, daß die Fremden nach dem Weg zu dem alten Schacht, wie man ein Bergwerk, gegen⸗ über der Zinngrube von Burg⸗Hall nannte, ge⸗ fragt hätten. „Ich ſehe ſchon, dieſe Londoner Krämer wollen ſich über uns luſtig machen,“ bemerkte Dobſon, der ſeinen Durchfall nicht verſchmerzen konnte,„und auch über dich, Will.“ „Vielleicht war es aber doch nur auf dich ab⸗ geſehen,“ erwiderte dieſer. „Ich hoffe nur, daß ſie noch länger in der Ge⸗ gend bleiben, dann will ich ſie ſchon kriegen,“ ſprach der Erſtere.„Ich will doch ſehen, wer zuletzt lacht.“ „Und Recht behält,“ riefen die Anderen,„wie's im Cumberland der Brauch iſt. Wir helfen dir.“ Zugleich riefen ſie den Kellner herbei, von dem ſie erfuhren, welchen Weg die Fremden eingeſchla⸗ gen hätten, zahlten ihre Zeche und verließen das Zimmer, mit Ausnahme Will's, der ruhig ſeine Pfeife ſchmauchend ſitzen blieb. „Die haben nichts Gutes vor,“ ſprach er zu ſich, als er ſie vor dem Hauſe die Köpfe zuſammen⸗ ſtecken ſah.„Meinethalb, mich geht es nichts an. Es geht mich aber doch an,“ ſetzte er nach einiger Ueberlegung dazu;„es iſt Sache eines jeden bra⸗ ven Mannes, nicht zu dulden, daß man einem Frem⸗ den etwas zu Leide thut, und der Henker ſoll mich holen, wenn ich es leide. Wartet nur, Dobſon und Baines, ich will euch ſchon dafür thun. Ich kenne euch ſchon von Lange her“ Mit dieſen Worten knöpfte der ehrliche Freiſaſſe ſein Wamms über ſeiner breiten, männlichen Bruſt zu, nahm ſeinen 133 Knittel zur Hand und verließ das Zimmer. Er kannte die Gegend ganz genau, und ſo machte er ſich auf dem nächſten Wege auf, um diejenigen einzuholen, die er zu beſchützen beſchloſſen hatte. Die Fußgänger waren etwas über eine Stunde gegangen geweſen, als ſie hinter ſich eine Stimme hörten, welche ihnen zurief, daß ſie halten möchten. „Unſer Freund aus dem Wirthshaus zu den Bergleuten,“ ſagte Harry Burg, der ihn zuerſt er⸗ kannte.. „He! Ihr ſeid gut ausgeſchritten,“ rief Will, als er in ihrer Nähe war.„Ihr habt mich tüch⸗ tig in Athem verſetzt, obgleich ich den nächſten Weg gegangen bin.“ Die drei Freunde ſchüttelten ihm die Hand, nann⸗ ten ihn einen wackern Burſchen und ſagten ihm, wie ſehr es ſie freue, ſeine Bekanntſchaft zu machen. „Iſt dieß wahr und ehrlich gemeint, und ihr wollt nicht über mich lachen?“ fragte Will.„Nun dann freut es mich auch hölliſch, eure Bekanntſchaft zu machen, und ich halte zu euch in Gefahr oder nicht Gefahr. „Wie iſt das zu verſtehen?“ fragte Harolbd, über⸗ raſcht von den letzten Worten des Mannes. „Ihr habt euch über Dobſon luſtig gemacht,“ ſagte ihr neuer Freund. „Wie ſo?“ „Jetzt kommen ſie, um euch durchzubläuen, das iſt Alles,“ erwiderte Will.„Baines, der meinen armen, alten Großvater mit Hilfe des alten Snape, dem Rentmeiſter um die Lock⸗Farm betrogen hat, und ein Haufe Bergleute mit ihm, werden bald 134 hier ſein. Aber fürchtet euch nicht, es können nicht mehr als etwa ein Dutzend ſein.“ „Und wir ſind nur unſer Vier,“ verſetzte Albert Mortimer.„Schöne Ausſicht!“ ſeſ„Fünf, wenn Sie erlauben“ erwiderte der Frei⸗ ſaſſe. Was haben wir denn den Leuten gethan?“ fragte Harry. „Wegen euch iſt Dobſon ausgelacht worden.“ „Daran iſt ſein eigenes thörichtes Benehmen Schuld.“ William Franklin ſuchte ſich jetzt am Wege ein Paar junge Eſchenſtämme aus, die ihm zu ſeinem Zwecke am dienlichſten ſchienen und ſchnitt ſie zu tüchtigen Knitteln zurecht. „Da drüben wären beſſere zu finden,“ ſprach Harry Burg, auf eine Anpflanzung junger Bäume, jenſeits der Hecker, deutend. Der Freiſaſſe ſchüttelte den Kopf, indem er ſagte: „Mußt die nicht berühren!“ „Warum nicht?“ „Sie gehören dem Squire Burg.“ „Iſt denn der Squire ſo geizig?“ fragte Harold. „Nicht wegen des Squires,“ erwiderte der Frei⸗ ſaſſe,„den haben wir noch gar nicht geſehen, ſon⸗ dern wegen des alten Snape. Er haßt mich, weil ich einmal wegen meines armen, alten Großvaters frei von der Leber weg mit ihm geſprochen habe, und wenn ich daher nur ein Sperlingsneſt auf dem Gute ausnähme, ſo würde er mich wegen Eierdieb⸗ ſtahl deportiren laſſen.“ „Guter Freund, Eure Skrupel mag Euch die 135 Klugheit eingeben,“ ſprach der Officier, aber ich hege keine ſolche Furcht. Leiht mir Euer Meſſer.“ Will reichte es ihm; Albert ſprang über die Hecke und ſchnitt ein halbes Dutzend der ſtärkſten jungen Bäumchen ab, die er an ſeine Begleiter aus⸗ theilte und welche dieſelben zum Gebrauch ſich zu⸗ recht richteten. „Was wird der Rentmeiſter dazu ſagen,“ mur⸗ melte ihr Verbündeter. „Wir wollen ihn im Herrſchaftshauſe aufſuchen und ihm Alles erklären,“ antwortete Harry Burg, „und Ihr ſollt uns den Weg zeigen.“ „Ich?“ rief der Freiſaſſe.„Gott behüte! das würde ſchlimm für mich ablaufen,“ „Er haßt Euch alſo.“ „Böſe Menſchen haſſen immer die, welchen ſie Unrecht gethan haben,“ erwiderte der Freiſaſſe bitter. Die Geſellſchaft machte ſich nun wieder auf den Weg, und während des Gehens erfuhr der Erbe von Burg⸗Hall von dem neuen Begleiter eine Menge Einzelnheiten über die Verhältniſſe ſeiner Pächter, den Werth ſeiner Ländereien und den perſönlichen Charakter ſeines Beamten, von dem er eben nicht die vortheilhafteſte Meinung zu gewinnen anfing. Zu ſeinem Erſtaunen entdeckte er, daß die Pachtgüter weit unter ihrem Werth vergeben waren, was ſich durch das Handſchmieren des Miſter Snape genügend erklärte. Dennoch wäre ihm die Zuſtimmung ſeines verſtorbenen Vetters zu dieſen Verträgen unbegreif⸗ lich geweſen, wenn ihm nicht das Geheimniß der ungeſetzlichen Geburt deſſelben eingefallen wäre. Ohne Zweifel hatte der Vormund und der Rentbeamte 136 jeder für ſich gehörigen Vortheil aus dieſem Umſtande gezogen. Der alte Schacht war, wie wir oben bemerkten, ein altes Bergwerk, deſſen Eingang gerade dem Parkhäuschen von Burg⸗Hall⸗Park gegenüber lag, von wo das Land wellenförmig und dicht bewaldet ſich erhob. Auf einer dieſer Anhöhen ſtand das Herrſchafthaus, ein weitläufiges Gebäude in dem ſchweren gothiſchen Style erbaut, welcher in Eng⸗ land unter der Regierung Wilhelm's und Maria's Mode wurde. Es beherrſchte die Umgegend auf eine große Entfernung, und ſein Umfang ſchien die Größe der dazu gehörenden Beſitzungen andeuten zu ſollen. „Dort ſind die Burſche!“ rief Will, auf einen Haufen Leute deutend, welche, mit Dobſon an der Spitze, einen Theil der Straße zwiſchen ihnen und dem Parkhäuschen beſetzt hielten. „Laßt uns ruhig an ihnen vorübergehen,“ be⸗ merkte Albert,„wenn ſie uns nicht daran verhindern.“ „Wenn!“ wiederholte Harold, indem er ſeinen Knittel feſt in die Hand nahm. Anfangs ſchien es, als ob dieß der Fall wäre, denn auf die Anweſenheit Will's hatten ſie nicht gerechnet. Sie kannten ſeinen Muth und ſeine unge⸗ heure Körperkraft, ſo wie ſeine Entſchloſſenheit zu gut, wenn er einmal Partei auf einer Seite des Strei⸗ tes genommen hatte. „Was iſt euer Begehr, meine Freunde?“ fragte Harry, bemüht, wo möglich, das Aeußerſte zu meiden. Dobſon murmelte etwas vor ſich hin, das wie Streit, der zwiſchen ihnen ſtattgefunden habe, klang. —,— 137 „Dir geſchah ganz Recht,“ erwiderte der Frei⸗ ſaſſe;„warum warſt du auch gegen die Fremden ſo vorlaut und unverſchämt!“. „So iſt's in Cumberland Mode. „Das iſt nicht wahr,“ verſetzte der Erſtere,„und du kannſt gar kein Cumberländer Kind ſein. In Cumberland iſt es Mode, ehrlich zu Werk zu gehen und nichts durch Gunſt zu erſchleichen.— Doch das wäre vergebens, mit dir vernünftig zu ſprechen: alſo laß uns unſeres Weges ziehen.“ „Du kannſt paſſiren,“ riefen die Männer;„wir wollen keinen Streit mit dir.“ „Und meine Freunde?“ „Die mögen ſehen, wie ſie allein fertig werden.“ „Ich helfe ihnen aber!“ rief Will, indem er ſeinen Knittel ſchwang und unter ſie eindrang, um den Weg frei zu machen. Der Angriff erfolgte ſo plötzlich von Seite des Sprechenden und wurde von deſſen Gefährten ſo geſchickt unterſtützt, daß Dobſon und ſeine Kamera⸗ den einen Augenblick lang in Verwirrung geriethen. Sie ſammelten ſich aber ſchnell wieder und es ent⸗ brannte ein verzweifelter Kampf. Tom focht wie ein Löwe an der Seite ſeines jungen Herrn. Er ſchien dabei gar nicht an ſich zu denken, ſondern blos ſein Augenmerk auf Harold zu richten. Will machte dem Rufe ſeines Muthes alle Ehre; bereits hatte er mehr als einen der Angreifer kampfunfähig gemacht, als ſeine Aufmerkſamkeit auf die außer⸗ ordentliche Kaltblütigkeit und Gewandtheit gelenkt wurde, mit welcher Albert Mortimer ſich verthei⸗ digte. Als ein guter Fechter führte er den Knittel 138 mit einer Geſchicklichkeit, daß ihm keiner der An⸗ greifer etwas anhaben konnte. „Recht ſo,“ rief ihm Will im Tone der Be⸗ wunderung zu. Dieſen Vortheil einer augenblicklichen Zerſtreu⸗ ung benützte Dobſon und verſetzte dem armen Men⸗ ſchen einen furchtbaren Hieb über die Schläfe. Die Bergleute ſtießen einen Freudenſchrei aus, als ſie in Folge davon den gefürchtetſten ihrer Gegner fallen ſahen. Harold Trach und Tom kamen ſo⸗ gleich herbei geſprungen, um den auf dem Boden Liegenden vor weiteren Mißhandlungen zu ſchützen. „Jetzt muß die Sache ein Ende nehmen,“ rief der Officier, indem er ein Paar Piſtolen aus der Taſche zog und eine davon Harold in die Hand drückte. „Was haben Sie vor?“ fragte dieſer. Beim Anblick der Feuerwaffen wichen die An⸗ greifenden zurück. „Wir vertheidigen unſer Leben,“ verſetzte Albert kaltblütig,„und dem Erſten, der noch einen Schritt vorwärts zu machen wagt,“ ſetzte er, gegen den Haufen gewendet, hinzu,„jage ich eine Kugel durch den Kopf.“ „Er wagt es nicht, Feuer zu geben,“ ſchrie Dobſon. Im nächſten Augenblick blitzte es aus der Röhre und der feige Burſche ſchlich ſich hinter den Haufen. „Was ſoll denn dieſe Gewaltthätigkeit bedeu⸗ ten?“ fragte Harry,„oder womit haben wir ſie uns zugezogen? Ich kam zu euch mit dem Wunſche, Gutes zu thun; wie ein gerechter, umſichtiger Guts⸗ 139 herr zu handeln, indem ich mich perſönlich von den Bedürfniſſen und Wünſchen meiner Pächter über⸗ zeugen wollte, und dieß iſt mein Lohn.“ „Wer biſt du denn?“ fragte einer aus der Menge. „Ich heiße Harry Burg.“ Bei dieſem Namen ſchlichen ſich die weniger Un⸗ geſtümen dovon. „Dobſon ſagte uns, ihr ſeid Schauſpieler,“ rief einer der Bergleute. Nun kamen ein Paar Waldhüter und in dem Park beſchäftigte Arbeiter, die indeſſen ruhig, viel⸗ leicht gar mit innerem Vergnügen der Schlägerei zugeſehen hatten, herbei; da die beiden Erſteren mit ihren Flinten bewaffnet waren, ſo war nicht daran zu denken, den Kampf zu erneuen, und die Angreifer waren froh, ohne weitere Behelligung ſich davon machen zu können. „Wenn dieſer wackere Burſche hier ſtirbt,“ be⸗ merkte Harold Tracy,„ſo iſt dieſer Menſch dort,“ auf Dobſon deutend,„ſein Mörder und ich werde ihn der Gerechtigkeit überliefern, ſelbſt wenn es mich mein halbes Vermögen koſten ſollte.“ Die Wegelagerer blickten finſter nach ihm hin, wie wenn ſie ſich ſeine Geſichtszuge hätten einprä⸗ gen wollen, ſetzten dann über die Hecke und ver⸗ ſchwanden. Auf Harry's Befehl hoben die Waldhüter den ohnmächtigen Will auf und trugen ihn, gefolgt von den drei Freunden, nach dem Herrſchafthauſe. Ein Bote wurde ſogleich abgeſchickt, um den nächſten Wundarzt herbeizuholen. 140 Zehntes Kapitel. Erſt nach mehrmaligem Klopfen an dem Haupt⸗ eingange des Herrenhauſes, wurde die Thüre von einem hagern Manne von etwa ſechzig Jahren, der wie ein Pächter ausſah, geöffnet und in barſchem Tone von dieſem gefragt, was ihr Begehr ſei. „Will mit dem Knittel iſt halb todt geſchlagen worden,“ erwiderte einer von den Waldhütern re⸗ ſpektvoll. „Weiter nichts? Tragt ihn in den Stall.“ „Ihr bringt ihn in das Haus, ſprach Harry Burg, indem er, gefolgt von ſeinen Freunden, in den Vorſaal trat.„Ich habe allein hier Befehle zu ertheilen.“ „Und wer ſind Sie, Herr?“ fragte der alte Mann. „Ihr gebietender Herr,“ erwiderte der Erbe, „wenn, wie ich vorausſetze, Ihr Name Snape iſt.“ Der Rentbeamte, denn er und Niemand Gerin⸗ geres war es, erblaßte und erwiderte mit weit we⸗ niger Hochmuth, daß dieſe Vorausſetzung allerdings richtig ſei. „Ich verdanke mein Leben dieſem wackern Bur⸗ ſchen,“ ſetzte Harry hinzu.„Wir wurden von einer Anzahl Bergleute angegriffen, mit einem gewiſſen Dobſon an der Spitze, der, wie ich glaube, ein Pächter auf dieſen Gütern iſt. Ich hätte nie ge⸗ glaubt,“ ſetzte er hinzu,„daß es im neunzehnten Jahrhundert einen Diſtrikt in England gebe, in welchem eine ſo durchaus ungerechtfertigte Brutali⸗ tät begangen werden könne.“ 141 „Es wohnen hier herum rohe Leute,“ erwiderte Mr. Snape,„und nur wenn man ſie recht ſtreng hält, kann man einigermaßen die Ordnung in der Nachbarſchaft aufrecht erhalten. Belieben Sie hier einzutreten, Herr,“ fuhr er fort, indem er eine Thüre in den Hauptſalon öffnete.„Ich werde dar⸗ auf Acht haben, daß Will gehörig verpflegt wird.“ „Das werde ich mit Ihrer Erlaubniß ſelbſt be⸗ ſorgen,“ bemerkte der Grundherr;„den Dienſt, den er mir geleiſtet, ließ er auch nicht durch einen Stell⸗ vertreter verſehen.“ Der Freiſaſſe, der noch immer bewußtlos dalag, wurde jetzt von den Waldhütern in das beſte Zim⸗ mer getragen und in ein Bett gelegt. Keiner von denen, welche er ſo tapfer vertheidigt hatte, ver⸗ ließ das Zimmer vor der Ankunft des Wundarztes, — einem ſchlauen, geſchickten Schottländer— der nach einer ſorgfältigen Unterſuchung erklärte, daß keine Verletzung des Knochens ſtattgefunden habe. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Harold Tracy. „Ja wohl, denn es wäre ein großes Unglück geweſen,“ bemerkte Doktor Curry; ſo hieß der ge⸗ rufene Arzt;„der arme Menſch iſt die einzige Stütze ſeiner Mutter, einer Wittwe, und er iſt einer der beſten Burſchen in der Umgegend, obgleich er mehr Feinde hat, als ich dachte,“ ſetzte er mit Betonung hinzu. „Schicken Sie nach ſeiner Mutter, Mr. Snape,“ befahl Harry Burg.„Sie iſt die tauglichſte Pfle⸗ gerin ihres Sohnes.“ „Miſtreß Lawrence, die Haushälterin, iſt eine vor⸗ 142 treffliche Krankenwärterin,“ bemerkte der Rentbeamte, der ſeine genügenden Gründe hatte, zu wünſchen, daß Mrs. Franklin und ſein Gutsherr in keinerlei Berührung kämen. „Ich bin nicht gewohnt, meinen Wunſch zwei⸗ mal auszuſprechen,“ verſetzte Harry trocken.„Sie werden nach meinem Befehle handeln; und nun, Doktor,“ ſetzte er hinzu,„wollen wir Sie mit Ih⸗ rem Patienten allein laſſen. Ich bin überzeugt, daß ich nicht nöthig habe, Ihnen die größte Auf⸗ merkſamkeit anzuempfehlen.“ „Sie dürfen überzeugt ſein, daß ich es an nichts fehlen laſſen werde,“ erwiderte der Wundarzt;„Dun⸗ can Curry macht keinen Unterſchied zwiſchen Vor⸗ nehmen und Niedern. Ich habe von dem ſchänd⸗ lichen Angriff gehört, der auf Sie bei Ihrer An⸗ kunft gemacht worden iſt, Mr. Burg, und ich be⸗ daure nur Eines, daß ich nicht in Ihrer Nähe ge⸗ weſen bin.“ „In Ihrem Alter, lieber Herr,“ ſprach Harold, „war es beſſer, daß Sie fern waren. Es ging ſehr ſcharf her und die Hiebe fielen dicht.“ „Die Geſchichte wäre gar nicht vorgefallen, wenn ich da geweſen wäre.“ „Der Doktor ſteht bei den Bergleuten und Bauern in faſt unglaublichem Anſehen“ bemerkte der Rent⸗ beamte ſpöttiſch,„und ſeine Gegenwart hätte Ihnen vielleicht mehr Dienſte geleiſtet, als Sie ſich vor⸗ ſtellen. Ich habe es ſelbſt mit angeſehen, daß durch ſeinen Einfluß der Pöbel ſich zerſtreute, nachdem die Obrigkeit und ſelbſt ich nichts ausgerichtet hatten. „Ich begreife das vollkommen,“ erwiderte Harry, 143 „was Sie für Aberglauben der Bergleute halten, nenne ich Dankbarkeit für freundlich geleiſtete Dienſte.“ „Recht, Mr. Burg! Recht,“ rief Doktor Curry aus;„das iſt die einzige Zauberkraft, die ich aus⸗ geübt habe. Es freut mich, Jemand zu finden, der mich verſteht. Seien Sie willkommen auf Ihrem Grundbeſitz,“ ſetzte er, ihm herzlich die Hand ſchüt⸗ telnd, hinzu,„und mögen Sie lange leben, um ſich deſſelben zu erfreuen.“ Obgleich von dem Augenblicke an, als der neue Beſitzer von Burg⸗Hall ſich genannt hatte, das Be⸗ nehmen Snape's eben ſo geſchmeidig und zuvor⸗ kommend wurde, als er Anfangs barſch aufgetreten war, ſo that er ſich doch dabei offenbar einen Zwang an, den er nicht ganz abzulegen vermochte. Es war, als ob er Komödie ſpielte, und wenn er auch ſeine Rolle gut durchführte, ſo war es doch nichts⸗ deſtoweniger Komödie. Die Haushälterin hatte ſich bis jetzt noch nicht blicken laſſen. Doktor Curry verließ ſeinen Patienten nicht eher, bis deſſen Mut⸗ ter da war und er ſich überzeugt hatte, daß ſie die Pflege übernommen habe. Jetzt erſt kam er in das Beſuchszimmer herab, wo die Herren eben ihren Kaffee tranken. „Nun, Doktor,“ fragte Harold,„wie ſteht's mit dem Patienten?“ „Erträglich,“ erwiderte dieſer;„das Gehirn, der Sitz der Gedanken,— damit will ich aber nicht ſagen, daß der arme Will ein großer Denker ſei — iſt unverletzt. In drei Tagen wird er ſo weit hergeſtellt ſein, daß er im Stande iſt, wieder ſeinen Fnittel zu ſchwingen.“ 144 „Ich kann gar nicht begreifen, was die Leute, mit denen wir kaum ein paar Worte gewechſelt hatten, veranlaßte, uns auf ſo ſchändliche Weiſe zu überfallen,“ bemerkte Harry Burg. „Ich eben ſo wenig,“ erwiderte der Doktor, „aber ich werde es erfahren. Ich glaube,“ ſetzte er mit faſt flüſternder Stimme hinzu,„daß ſie auf⸗ gehetzt worden ſind. So roh und raufſüchtig ſie auch ſein mögen, ſo iſt mir doch kein einziger Fall von einem ſolchen Vandalismus bekannt.“ „Aufgehetzt!“ widerholte der Grundherr;„wer ſollte ſie aufgehetzt haben. Ich habe keine Feinde.“ „Wer kann dieß ſagen?“ fragte der alte Mann ernſt.„Wenn Sie einmal ſo lange in der Welt mitgelaufen ſind, wie ich, ſo werden Sie die Er⸗ fahrung machen, daß ſelbſt Ihre Tugenden Ihnen Feinde erwecken.“ Es lag eine Bitterkeit in des alten Mannes Worten, welche die Anweſenden zur Ueberzeugung führten, daß er aus Erfahrung ſpreche. Unmittel⸗ bar darauf verabſchiedete er ſich mit dem Ver⸗ ſprechen, morgen früh zeitig nach ſeinem Patienten zu ſehen. Die drei Freunde aber zogen ſich, er⸗ müdet durch die Anſtrengungen und Abenteuer des Tages, bald darauf in ihre Zimmer zurück, um ſich zur Ruhe niederzulegen. Albert Mortimer war, wie wir ihn unſern Leſern bereits geſchildert haben, ein ſcharfer Beobachter der Menſchen. Kein Wort, das geſprochen worden, war ihm entgangen; eben ſo wenig vergaß er die Verlegenheit des Mr. Snape bei der Ankunft, ſowie die Vermuthung des Doktor Curry, daß die 145 Bergleute zu dem Angriff aufgehetzt worden ſeien. Hier herrſchte ein Geheimniß, das er aufzuhellen beſchloß. In dieſer Abſicht, anſtatt ſich zu Bett zu legen, löſchte er ſorgſallig das Licht aus und ſtellte ſich hinter die Thüre ſeines Zimmers auf die Lauer. Lange Zeit hindurch war Alles ruhig, und ſchon befürchtete er, daß ſeine Mühe vergeblich ſei, als er plötzlich Fußtritte auf der langen Gallerie ver⸗ nahm, auf die man von den Schlafzimmern gelangte. „Endlich!“ murmelte er mit zufriedenem Lächeln vor ſich hin. Als die Fußtritte verhallt waren, öffnete er ſachte die Thüre und gewahrte eine weibliche Geſtalt leiſe die Gallerie hinabſchleichen, mit einer Lampe in der Hand, die ſie ſorgfältig zu bedecken ſich bemühte. Einen Augenblick lang blieb ſie vor einem Portrait ſtehen, welches an dem äußerſten Ende hing, erhob das Licht gegen daſſelbe, wie um es zu betrachten, ſeufzte tief und verſchwand dann. Der Offizier merkte ſich genau die Stelle, an der das Portrait hing, um es am Morgen wieder zu finden, folgte dann vorſichtig der Frau und gelangte gerade noch recht an die Thüre, durch welche ſie die Gallerie verlaſſen hatte, ſo daß er ſehen konnte, wie ſie in das runde Beſuchszimmer gegenüber eintrat. In dieſem Moment erblickte er darin den Rentbeamten und noch einen Herrn, beide an einem Tiſche ſitzend, auf dem Papiere lagen. Ihnen t befand ſich ein offenes Cabinet. Die Intrigue verwickelt ſich, dachte der Offizier. Der Fremde kann Niemand anders, als der vor⸗ nehme Herr ſein, von welchem der Kellner in dem Wirthshauſe zu den Bergleuten ſprach. 5 muß Licht⸗ und Schattenſeiten. 1. 146 womöglich erfahren, wer er iſt. In dieſer Abſicht näherte er ſich vorſichtig der Thüre und legte ſein Ohr an das Schlüſſelloch. Die drei Perſonen im Beſuchzimmer waren der Rentbeamte Snape, ein fein ausſehender Mann von etwa fünfzig Jahren und Mrs. Lawrence, die Haushälterin, welche, wie wir eben geſehen, Alberts Neugierde rege gemacht hatte. Hätte er ihre Ge⸗ ſichtszüge geſehen, ſo wäre dieſe höchſt wahrſchein⸗ lich noch mehr geſteigert worden. Im Geſicht der Mrs. Lawrence, das noch Spuren früherer Schön⸗ heit trug, lag der Ausdruck heftiger Leidenſchaften und großer Entſchloſſenheit des Charakters. Nach ihren ſchwarzen, ſehr großen Augen hätte man auf ſpaniſche Abkunft bei ihr ſchließen mögen. Ihr Mund war klein und an den Ecken etwas nach unten gezogen. Was ihre Erſcheinung am auffallendſten machte, war das ſchneeweiße Haar, das ſie in ſchlichtem Scheitel über ihrer hohen Stirne trug. Es ſtach daſſelbe gar ſeltſam von den tiefſchwarzen Augbrauen ab, und man war verſucht, zu glauben, daß die Kopfhaare ſich plötzlich in Folge einer großen Gemüthsbewegung oder eines Schreckens gefärbt hätten. Jedenfalls erſchien dieſer Contraſt unnatürlich. „Und ſind dieß alle Briefe, die Sie gefunden haben?“ fragte der Rentbeamte. „Alle,“ erwiderte die Frau. „Sind Sie gewiß, daß keine andern da ſind?“ „Allerdings, wenn ſie nicht in dem braunen eichenen Cabinet in der Bibliothek verborgen ſind, zu dem ich aber den Schlüſſel nicht habe.“ 147 „Ich auch nicht,“ ſagte Mr. Snape. „Ich ſuchte darnach unter den Papieren Ihres verſtorbenen Herrn,“ bemerkte der dritte Anweſende am Tiſche,„aber vergebens. Es liegt im Ganzen nicht ſo viel daran. Dieſe,“ ſetzte er, auf einen Pack Briefe deutend, die er ſorgfältig unterſucht hatte, hinzu,„reichen zu unſerem Zweck vollkom⸗ men aus.“ „Wir ſind alſo über die Bedingungen einig,“ bemerkte der Rentmeiſter;„ich erhalte eine Quittung über ſämmtliche Forderungen und fünf tauſend Pfund.“ „Zahlbar an dem Tage, an welchem der ächte Erbe Beſitz ergriffen hat,“ bemerkte der Andere. „Und Sie, Mrs. Lawrence?“ „Ich verlange nichts,“ erwiderte die Haushäl⸗ terin in ſtolzem Tone; laßt es mich erleben, daß ich den Eindringling aus der Erbſchaft meines armen Sohnes vertrieben ſehe und hören, daß der Sohn jenes Harry Burg, der es zu verhindern wußte, daß ich die Frau ſeines Bruders werde, wieder zum Bettler geworden iſt, und ich werde mich für hin⸗ reichend entſchädigt halten.“ Die iſt wenigſtens uneigennützig, dachte der Lauſcher. Unterdeſſen hatte der Fremde die Briefe und Papiere ſorgfältig zuſammengepackt und das Paket verſiegelt.„Erſt wenn ſie ſicher auf meinem Comptoir in London eingetroffen ſind, werde ich frei athmen,“ bemerkte er. Der Sprechende ſaß mit dem Rücken gegen die Thüre des Zimmers, welche plötzlich ge⸗ öffnet wurde, und ehe der Rentmeiſter ſeinem 0 148 Erſtaunen ſich erholen oder die Haushälterin einen Schrei ausſtoßen konnte, war das Paket urch Albert ſeiner Hand entriſſen. Er wandte ſich um und Beide erkannten einander. „Sir John Sellem!“ „Mr. Mortimer!“ riefen Beide zu gleicher Zeit. Mr. Snape, der eine ſchwer beſchlagene Jagd⸗ peitſche herbeigelangt hatte, war im Begriff, ſich vorſichtig an die Thüre zu ſchleichen, als der Offizier ihm bemerkte, er ſolle ſich nicht weiter bemühen, da er bewaffnet ſei. Zugleich zog er eine der Piſtolen aus der Taſche, welche ihm heute ſchon einmal gute Dienſte geleiſtet hatte. „Um's Himmels willen, keine Gewaltthätigkeit!“ rief der Baronet, der zuerſt von ſeinem Erſtaunen ſich erholte.„Dieſer Herr und ich ſind Bekannte.“ „Und zwar ſchon von lange her,“ ſetzte der Offizier in gleichgiltigem Tone hinzu. „Wir werden uns bald verſtändigen,“ ſagte der Bankier. „Wenn Sie meinen billigen Forderungen Gehör ſchenken,“ flüſterte Albert. Die Haushälterin und der Rentbeamte wurden erſucht, ſich ein wenig zurückzuziehen, und nachdem dieß geſchehen, fand eine vertrauliche Beſprechung zwiſchen den Herren ſtatt. Anfangs ſchienen ſich einer Verſtändigung große Schwierigkeiten entgegen⸗ zuſtellen; nach und nach kamen ſie aber darüber weg, und als die beiden anderen Perſonen in's Zimmer wieder zurückkamen, ſahen ſie die zwei Herren friedlich am Tiſche ſitzen, auf welchem das Paket lag. 149 „Nun?“ ſagte Mr. Snape. Die Haushälterin ſprach kein Wort, ſondern blieb, die Augen mit einem ganz eigenthümlichen Ausdruck auf den Offizier gerichtet, ſtehen. „Ein Freund und Verbündeter!“ erwiderte der Bankier, auf den wir uns in jeder Noth verlaſſen können.“ „Um ſo beſſer,“ murmelte der Rentmeiſter, indem er ſich aber zugleich im Stillen vornahm, ein wachſames Auge auf ihn zu haben.„Bei unſerem Vertrage bleibt es.“ „Auf Ehre.“ „Mit der Abänderung,“ ſetzte Albert Mortimer hinzu,„daß die Ihnen verſprochene Summe ver⸗ doppelt werden ſolle. Ich halte ſie nicht für zu⸗ reichend.“ „Und mein Antheil an der Belohnung?“ fragte die Frau.„Ich verlange weder Geld, noch Län⸗ dereien, aber Rache!“ „Die ſoll Ihnen ſo werden, daß Ihre Seele ſich vollkommen befriedigt fühlen wird,“ erwiderte der neue Verbündete gegen das Vermögen und das Glück Harry Burg's. „Halten Sie dieſes Verſprechen,“ rief die Haus⸗ hälterin,„ſo bin ich genügend belohnt; brechen Sie es aber, ſo werde ich Ihre Pläne zu nichte machen. Ja, ja, junger Herr,“ ſetzte ſie hinzu,„ſehen Sie mich an, wie Sie wollen, aber verachten Sie meine Warnung nicht. Alle, welche mich von lange her kennen, werden Ihnen ſagen, daß ich noch nie ver⸗ gebens drohte.“ 15⁰ „Noch nie,“ wiederholten Sir John und Snape nachdrücklich. „Fürchten Sie nichts,“ erwiderte Albert,„ich bin meinem Vortheil ſo treu, als Sie nur immer Ihrem Haſſe ſein können.“ Damit verließ er das Zimmer und nahm das Paket mit ſich. In der⸗ ſelben Nacht aber noch oder vielmehr gegen Mor⸗ gen kehrte Sir John Sellem nach London zurück, ohne daß der Eigenthümer von Burg⸗Hall erfuhr, daß er hier geweſen ſei. Am folgenden Tag erhielt Albert Mortimer vorgeblich ein dienſtliches Schrei⸗ ben, welches ihn durchaus nöthigte, ſogleich nach London zu reiſen, und er verabſchiedete ſich von Harry und Harold mit dem Verſprechen, in einigen Tagen wieder zu kommen. Tom begleitete ihn, denn da ſein Herr vorausſichtlich länger aus⸗ zubleiben ſich genöthigt ſah, als er vermuthet hatte, ſo mußte er ſeine Anordnungen darnach treffen. Noch am Tage ſeiner Ankunft in London, als der arme Burſche einſam und ſich verlaſſen fühlend in St. James⸗Park ſpazieren ging, wurde er durch eine plötzliche Ausrufung aufmerkſam gemacht, und als er ſich umblickte, ſah er Norah, die hübſche Kammerjungfer von Bella Trelawny. Das Mäd⸗ chen ließ den Arm eines langen Lakaien los, der ſie ſpazieren führte, und kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zugelaufen. Goroo, der ſchwarze Knabe, der Finfine führte, grinste vor Vergnügen, als er Tom erkannte, der durch ſeine Gutmüthigkeit und ſeine heitere Laune die ganze Dienerſchaft des Maierhofes während ſeiner Anweſenheit daſelbſt für ſich eingenommen hatte. Nur der lange Lakai — 151 mochte ihn nicht leiden als Mitbewerber um das hübſche Kammermädchen. „Sie in London?“ rief der Groom.„Und der General und die jungen Damen?“ „Sind alle hier,“ erwiderte Norah.„Ach, Tom! Ihr Herr hatte gar zu große Eile, das Land zu verlaſſen. Sagen Sie ihm, daß er ein Nein nie für eine Antwort halten ſollte, wenn es nicht wenigſtens ein paar Mal wiederholt worden iſt.“ „Iſt das wirklich und wahrhaftig Ihre Mei⸗ nung?“ fragte Tom. „So wahr ich lebe.“ „Was Sie und mich anbelangt, ſo iſt es auch die Meinige,“ fuhr er fort,„und meinem Herrn werde ich es ausrichten. Nun, Schneeball,*) ſetzte er, dem ſchwarzen Knaben die Hand ſchüttelnd, hinzu,„wie gefällt's denn dir in London?“ „Sehr— viel; London der Ort für Goroo.“ „Ihr Diener,“ ſetzte Tom, dem langen Lakaien zunickend, hinzu, indem er zugleich ſeinen Arm Norah anbot, die ihn lächelnd annahm. Der Lakai trennte ſich voll Ingrimm von der Geſellſchaft und ſchlug ſeinen eigenen Weg ein. Elftes Kapitel. Zur großen Unzufriedenheit von Rebecca Bight hatte ihre Herrin es ſo eingerichtet, daß Nancy *) Spottname für einen Neger. anſtatt ſich nach Arbeit in der City umzuſehen, ihr beim Sticken der Sacktücher behilflich war, zu denen ſie den Batiſt mit einem Theile des Geldes gekauft hatte, das ſie aus den Schmuckſachen erlöst. Der Nutzen ſollte zwiſchen Beiden getheilt werden. Ein weiterer Grund zu ihrer Unzufriedenheit war, daß man ihr den Einkauf nicht anvertraut hatte; aber die Nähterin hatte, ohne die von Kit erhaltenen Winke zu verrathen, die Vortheile des Selbſtein⸗ kaufs des Stoffes ſo klar auseinandergeſetzt, daß ſie ihre Abſicht erreichte, unbekümmert um die zor⸗ nigen Blicke der Dienerin, welche auf ihre langen und ſcheinbar getreuen Dienſte ſowohl, als auf die troſtloſe Lage Emma's fußend, nach und nach einen Einfluß erlangt hatte, der faſt an eine gewiſſe Autorität über ſie gränzte, welche ſie, wenn einmal die verlaſſene Waiſe Widerſtand zu leiſten wagte, durch Betheuerungen ihrer Liebe, vermiſcht mit Vorwürfen und Thränen, aufrecht zu halten ver⸗ ſtand.„Sie wiſſe wohl, daß ſie eine Laſt für ihre geliebte junge Herrin ſei,“ konnte ſie in einem ſolchen Augenblicke ausrufen;„ſie habe wohl die beſten Jahre ihres Lebens in ihrem und ihrer Mutter Dienſt geopfert, aber Dienſtleute ſeien kein Erbſtück und nur ein Thor rechne auf Dankbarkeit in dieſer Welt. Sie ſei bereit, in ein Armenhaus zu gehen und dort zu ſterben.“ Solche Worte ſchmerzten das gefühlvolle junge Mädchen tief, und oft brachte ſie ihre beſſere Ueber⸗ zeugung zum Opfer, nur um keine Vorwürfe dieſer Art hören zu müſſen. Mehrmals, wenn Nancy Morgens zur Arbeit 153 herabkam, bemerkte ſie, daß ihre Freundin geweint hatte, und aus der mürriſchen Weigerung der Amme, ſich am Frühſtück zu betheiligen, errieth ſie leicht den Grund davon. Sie fragte ſich, ob Kit mit ſeinem Verdacht wohl ſo Unrecht gehabt habe, als ſie gemeint. „Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie ſehr mich das Betragen Rebecca's betrübt,“ bemerkte Miß Cheerly, als dieſe wieder, wie gewöhnlich, das Haus verlaſſen hatte, ohne Theil an ihrem Mahle zu nehmen. „Man muß ſie gewähren laſſen,“ erwiderte Nanch trocken;„in ihrem Alter iſt ein ſolches Be⸗ nehmen thöricht, wenn nicht gar ſchlecht.“ „Schlecht!“ wiederholte Emma,„d nein! Die Amme kann nichts Schlechtes thun. Sie iſt das getreueſte Geſchöpf der Welt und würde für mich ſterben. Sie liebt mich, wie ihr eigenes Kind und kann es nicht ausſtehen, wenn Jemand meine Zu⸗ neigung theilt. Ich glaube,“ ſetzte ſie zögernd hinzu,„daß das arme Geſchöpf ſogar auf Sie eiferſüchtig iſt.“ „Und das nennen Sie Liebe?“ fragte die Nähterin. „Was kann es ſonſt ſein?“. „Tyrannei,“ erwiderte das aufrichtige Mädchen, „oder etwas Schlimmeres— Heuchelei.“ Miß Cheerly fühlte ſich durch dieſe Bemerkung ſo verletzt, daß ſie ihre Freundin bat, den Gegen⸗ ſtand nie mehr zu berühren, und ſo arbeiteten Beide eine Zeit lang ſtillſchweigend fort. Nancy's Herz ſchwoll und die Augen liefen ihr über, ſo daß ſie 154 ihre Stiche nicht mehr ſicher machen konnte und ſich ein paar mal in den Finger ſtach, daß dieſer blutete. Sie vermochte es nicht länger mehr zu ertragen. „Sie zürnen mir,“ ſprach ſie, den Batiſt auf den Tiſch legend. „Ich zürne Ihnen nicht,“ verſetzte Emma in viel freundlicherem Tone als zuvor,„aber ich bin ver⸗ letzt durch das ungerechte Urtheil, das Sie über die arme Rebecca fällten, die für ihr unſeliges Temperament hinreichend beſtraft iſt. Sie hat Niemand auf der Welt, als mich.“ „Und wie oft hat ſie Sie durch eben dieſes Temperament, von dem Sie ſprechen, zur Arbeit unfähig gemacht?“ fragte die Rähterin, welche im Gefühle ihres Rechts auf jede Gefahr hin ihre Meinung aufrecht zu erhalten entſchloſſen war. „Warum verläßt ſie denn faſt jeden Morgen das Haus, nachdem ſie einen Streit mit Ihnen an den Haaren herbeigeführt hat?“ „Wahrſcheinlich um ihren Gleichmuth wieder zu gewinnen,“ erwiderte Emma;„ſie kommt jedesmal in beſſerer Stimmung wieder zurück.“ „Das iſt keine Kunſt,“ ſagte Nancy, die ihre Gründe hatte, das Betragen der Amme aus einem andern Geſichtspunkte zu beurtheilen,„nach einem tüchtigen Frühſtück.“ „Frühſtück!“ wiederholte Miß Cheerly vorwurfs⸗ voll.„Sie wiſſen ja, daß ſie kein Geld hat; daß ſie ſich weigerte, welches anzunehmen.“ „Dann hat ſie gute Freunde,“ bemerkte Nancy; denn ich habe mehr als einmal Brodkrumen auf 155⁵ ihrem Kragen bemerkt, und geſtern erſt entdeckte ich bei ihrer Rücktehr ein Stückchen von einem Ei, noch ganz friſch, darauf. „Unmöglich!“ „Ich hoffe, daß Sie an meiner Wahrheitsliebe nicht zweifeln,“ verſetzte die Nähterin ernſt. „Nein, nein, das iſt unmöglich!“ ſeufzte das gekränkte Mädchen.“„Aber es hat mich tief ge⸗ ſchmerzt.“ Ein Strom von Thränen ſtürzte aus ihren Augen. Nancy nahm das Sacktuch vom Tiſche, an dem ſie arbeitete, ſiel auf die Kniee nieder und ergriff Miß Cheerly's Hände, indem ſie ausrief:„Weinen Sie nicht! Ich bitte Sie, weinen Sie nicht; es zer⸗ reißt mir das Herz, wenn ich das ſehe; Sie waren immer ſo gut, ſo geduldig, aber ich konnte es nicht länger mit anſehen, daß Sie fortwährend das Opfer Ihrer Gefühle ſein ſollen. Wenn meine unglück⸗ liche Auseinanderſetzung mit Kit nicht geweſen wäre, ſo wüßte ich ſchon längſt Alles von Rebecca, was uns Auftlärung geben könnte. Ich bereue zwar meine Handlungsweiſe gegen Kit durchaus nicht; es iſt beſſer ſo für uns Beide; aber er hätte ſchon längſt Alles ausfindig gemacht, denn er iſt eben ſo geſcheidt, als beharrlich. Uebrigens,“ ſetzte ſie, be⸗ trübt über die Wirkung ihrer Worte, hinzu,„kann vielleicht die Amme ihr Betragen rechtfertigen, und ich— ich habe mich vielleicht—“ Sie hielt inne, indem nicht einmal der Gedanke, daß ſie ihre Freundin beruhigen könne, das rechtlich denkende Mädchen zu einer Lüge veranlaſſen konnte. „Geirrt?“ ſagte Emma, freier aufathmend. 156 Nancy ſchwieg, denn ſie wußte nur zu gut, daß ſie ſich nicht geirrt habe. „Ich muß Feſtigkeit gewinnen,“ fuhr Miß Cheerly fort,„aber es iſt hart, ſich von denen, die wir lieben, hintergangen zu ſehen.“ „Immerhin iſt es aber noch beſſer jetzt, da Sie eine treue, wenn auch niedrige Freundin an der Seite haben, dieſe Entdeckung zu machen, als wenn Sie einmal allein mit Rebecca in der Welt ſtehen,“ ſetzte die Nähterin hinzu. „Sehr wahr,“ ſagte Miß Cheerly, ſie umarmend. „Das Herz gleicht den Reben, welche die Vorſehung mit Ranken umgibt, die aufſchießen und gegen die Stürme des Lebens ſchützen.“ Als die alte Frau gegen Mittag nach Hauſe kam, fand ſie die beiden Freundinnen, wie gewöhn⸗ lich, bei ihrer Arbeit und emſig mit der Nadel be⸗ ſchäftigt. Das Geſicht ihrer jungen Dame war ruhig, wiewohl vielleicht etwas bläſſer, als gewöhn⸗ lich. Sie legte Hut und Shawl auf das Bett ab und ſetzte ſich, als wenn ſie ganz abgemattet wäre, in den alten Armſtuhl. Emma ſtand von ihrem Sitze auf, ſchob ein Tiſchchen vor ſie und ſtellte ihr eine Taſſe mit Milch hin, und dazu ein rundes Brod.„Eſſen Sie, Amme,“ ſprach ſie.„Sie wer⸗ den ſehr hungrig ſein.“ „Kümmern Sie ſich nicht um mich,“ erwiderte Rebecca in winſelndem Tone.„Meine Leiden werden bald vorüber ſein.“ „Das wird allerdings der Fall ſein,“ verſetzte Nancy ruhig,„wenn Sie darauf beſtehen, ſich aus⸗ zuhungern.“ 157 „Ich habe keinen Appetit.“ „Sie haben vielleicht ſchon gefrühſtückt?“ „Gefrühſtückt!“ wiederholte die Frau, ſichtbar erröthend;„und wo ſollte ich denn frühſtücken? Ich habe auf der ganzen Welt keinen Freund, ja nicht einmal ein Weſen, das jetzt noch für mich ſorgte,“ t ſie mit merklicher Betonung des Wortes inzu. „Ich ſorge für Sie,“ ſagte Miß Cheerly. „Ja, ſonſt.“ „Und noch jetzt,“ erwiderte die junge Dame. „Sie können nicht daran zweifeln; meine Freund⸗ ſchaft hat in der Armuth und in vielen harten Prüfungen des Lebens die Probe beſtanden. Kom⸗ men Sie, Rebecca,“ fuhr ſie in liebreichem Tone fort;„geben Sie dieſes ſtörriſche, unfreundliche Betragen auf, das uns Beiden das Leben verküm⸗ mert und Ihrer ganz unwürdig iſt. Weßhalb ver⸗ bittern Sie ſich das beſcheidene Mahl, das die Vor⸗ ſehung beſcheert, durch Unfreundlichkeit?“ Von ihrer Empfindung hingeriſſen, ſchlang ſie ihreh Arm um den Hals der Amme, deren üble Laune bereits zu weichen anfing, als Nanch, welche hinter dem Stuhle ſtand, leiſe mit dem Finger auf einige Brodkrumen deutete, welche ſich auf Rebecca's Kragen und in den Falten ihres Rockes befanden. Ein ſchmerz⸗ liches Gefühl ergriff Emma. „Nun!“ ſagte die alte Frau,„ich will ver⸗ ſuchen, ob ich eſſen kann.“ „Es muß Sie ſehr darnach verlangen, ſprach 3 ihre Empfindung bemeiſternd. „Ach ja!“ 158 „Denn Sie haben ſeit geſtern nichts über den Mund gebracht?“ „Nichts als ein Glas Waſſer.“ Riß Cheerly kehrte auf ihren Platz zurück und nahm ruhig ihre Arbeit wieder auf. Sie beſaß glücklicher Weiſe ſo viel Selbſtbeherrſchung, daß man ihr nichts von dem ſchmerzlichen Erſtaunen anmerkte, welches die Entdeckung ihr verurſacht hatte. Nancy folgte ihrem Beiſpiele. Keine ſprach ein Wort, aber Beide fanden hinreichenden Stoff zum Nach⸗ denken. Die alte Heuchlerin merkte wohl, daß etwas vorgegangen ſei, und ſie fühlte ſich im Be⸗ wußtſein der Täuſchung, die ſie ſich hatte zu Schul⸗ den kommen laſſen, beunruhigt. Hätte ſie ſich ſchuldlos gefühlt, ſo hätte ſie Erklärung verlangt, im Bewußtſein des Gegentheils aber vermied ſie ſie. Um ihre Verlegenheit zu verbergen, fing ſie an, Brod und Milch mit verſtelltem Heißhunger zu ver⸗ ſchlingen, was ihre junge Gebieterin mit Wider⸗ willen erfüllte und der Nähterin mehrmals ein Lächeln abnöthigte. Von dieſem Tage an war das Betragen Emma's gegen ihre Amme zwar immer freundlich, wie ſonſt, aber ſie ließ ſich keine Schwäche mehr gegen ſie zu Schulden kommen, denn ihre Zuneigung hatte einen harten Stoß erlitten. Rebecca merkte die Verän⸗ derung ſogleich, weil ſie aber die Urſache davon nicht kannte, ſchrieb ſie ſie der Nähterin zu, auf die ſie jetzt ihren ganzen Haß warf⸗ wie überhaupt ſchlechte Menſchen diejenigen haſſen, die ihre Plane durchkreuzen. Nancy's Weigerung, Kit's Frau zu werden, —j—— 159 und zwar in demſelben Augenblick, in welchem ſie ihm ihre Liebe eingeſtanden, verurſachte dieſem vieles Kopf⸗ zerbrechen. Im erſten Augenblick war er über dieſe getäuſchte Hoffnung zornig geworden, bald aber gewann das beſſere Gefühl wieder die Oberhand bei ihm; denn er beſaß, wie wir bereits geſagt haben, viele gute Eigenſchaften, und der einzige Hauptfehler, den man ihm zur Laſt legen konnte, war eine gewiſſe Gleichgiltigkeit in religiöſen Dingen. Vom Fenſter ſeiner Wohnung beobachtete er Nancy am folgenden Morgen, als ſie zur Kirche ging, und er fühlte ſich nicht abgeneigt, um Erlaubniß zu bitten, ſie begleiten zu dürfen; aber die falſche Scham, einzugeſtehen, daß er heute vernünftiger ſei, als geſtern, hielt ihn zurück. Wie würden meine Kameraden lachen, dachte er, wenn ſie es hörten. Nein, ich muß Nancy aufgeben und mir eine andere Frau ausſuchen; ſie iſt zu pedantiſch für mich. Am Samſtag darauf ſtellte er ſich aber doch bei ihr ein, um ſie, wie gewöhnlich, nach der City zu be⸗ gleiten. Die Nähterin empfing ihn, als ob nicht ein Wort von Liebe zwiſchen ihnen geſprochen worden wäre. „Ich danke Ihnen freundlich, Kit,“ ſprach ſie, „aber ich bin Ihres Dienſtes für heute nicht be⸗ nöthigt.“ „So bin ich alſo nicht mehr Ihr Freund?“ rief der Zimmergeſelle halb ärgerlich, halb betrübt. „Nun, wie Sie wollen.“ In die Augen des armen Mädchens traten Thränen. „Gute Nacht!“ ſetzte er, ſich wegwendend, hinzu. 160 „Sehen Sie nur, wie jähzornig und ungerecht Sie ſind,“ erwiderte Nancy, ihren Arm ſanft in den ſeinigen legend.„Ich gehe nur deßhalb nicht nach der Eity, weil ich keine Arbeit dort abzuholen habe; wäre dieß, ſo wiſſen Sie ja, wie gern ich Ihren Schutz annähme. „Keine Arbeit!“ wiederholte der junge Mann traurig;„und doch wollen Sie mich nicht erhören.“ „Sie irren ſich,“ unterbrach ihn das Mädchen, „ich habe nur keine nach Haus zu holen; aber ich habe die ganze Woche mit Miß Cheerly gearbeitet, die ſich mir als meine beſte Freundin erwieſen hat.“ „Die beſte Freundin, Nancy!“ rief Kit aus; „ich meinte, Jemand Anderes hätte doch auch noch einigen Anſpruch auf dieſen Titel. „Allerdings,“ erwiderte Nancy;„denn Sie ha⸗ ben ſich noch mehr, denn als bloßer Freund bewährt. Seit ich Sie kennen lernte, war ich mir bewußt, daß ich nicht mehr allein in der Welt ſtehe, daß Jemand Antheil an meinem Wohlergehen nehme, über mir wache, mich nöthigenfalls beſchütze, und dieſe Ueberzeugung machte mich ſo glücklich, daß ich mit doppeltem Muthe arbeitete und die Stunden tin Samſtag zählte, wo ich Sie wieder ſehen ollte.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte der Zimmer⸗ geſelle, erfreut über dieſes offene Geſtändniß;„ein Mann, für den Sie dieß fühlen, muß für Sie mehr, als nur ein Freund ſein.“ „Ein Bruder.“ „Oder ein Gatte,“ flüſterte der junge Mann, —.— 161 die Hand der Nähterin ergreifend, welche ihm dieſe nicht zu entziehen ſuchte.„Weßhalb ſollen Sie ſich fortwährend plagen und abarbeiten und ſich Be⸗ leidigungen ausſetzen, da ich doch im Stande und Willens bin, für uns Beide zu arbeiten? Sprechen Sie das Wort, das kleine Wort, und machen Sie mich glücklich!“ „Ich wage es nicht, Kit.“ „Sie wagen es nicht?“ „Meine Grundſätze verbieten es“, ver⸗ ſetzte Nancy.„Dringen Sie nicht auf's Neue in mich, Kit; ich beſchwöre Sie. Die Worte, die Sie mir in Bishop's⸗Walk zuflüſterten, haben mir die ganze Woche hindurch keine Ruhe gelaſſen; ich habe ſie ſelbſt im Traume gehört. Es liegt etwas ſo Süßes in dem Gedanken, geliebt zu ſein, und das Herz iſt ſo ſchwach, daß ich zittere—“ „Vor ſeiner Entſchließung, Nancy?“ „Nein, vor ſeinen Schmerzen,“ erwiderte das Mädchen mit unerſchütterlicher Feſtigkeit;„denn ich weiß, daß Sie zu gut ſind, mich abſichtlich zu be⸗ trüben. Seien Sie daher edelmüthig, und dringen Sie nicht weiter in mich.“ Ich werde ſie doch noch gewinnen, dachte der junge Mann, und mögen auch meine Freunde über mich lachen, bis ſie genug haben.„Allerdings,“ ſagte er,„will ich das nicht,“ ſetzte er laut hinzu. „Sie verſprechen mir dieß?“ „Meine Hand darauf; weil ich Sie aber in keiner Hinſicht täuſchen mag, Nancy, ſo will ich Ihnen nur geſtehen, daß ich mir feſt in den Kopf geſetzt habe, Sie noch zu meiner Frau zu machen, Licht⸗ und Schattenſeiten I. 11 162 wenn Sie mich nicht vorher geradezu fortſchicken. Bis aber der rechte Zeitpunkt kommt, an dem ich mich ausſprechen darf, will ich Ihr Freund oder, wie Sie eben geſagt haben, Ihr Bruder bleiben.“ Zugleich reichte er ihr die Hand, welche die Näh⸗ terin ergriff, weil ſie wußte, daß ſie ſich auf ſein Wort verlaſſen dürfe. „Warten Sie nur einen Augenblick,“ ſprach ſie vergnügt,„bis ich meinen Hut aufgeſetzt habe. H, Kit! Ihr Verſprechen macht mich ſo glücklich! Ich kann jetzt ungezwungener mit Ihnen ſprechen und ich habe Ihnen ſo Vieles mitzutheilen. In wenigen Minuten kam ſie zurück mit Hut und Shawl, reichte Kit ihren Arm und ging mit ihm der Brücke zu. Unterwegs erzählte ſie ihm Rebecca's auffallendes Betragen und die Entdeckung, die ſie gemacht hatte. „Ich traute ihr von Anfang an nicht viel Gutes zu“, bemerkte der junge Mann,„und nur weil Sie ſie ſo warm vertheidigten, meinte ich, ich hätte mich geirrt.“ „Was meinen Sie nun, daß ich thun ſolle?“ „Ueberlaſſen Sie die Sache mir, erwiderte der Liebhaber.„Seit ich nicht mehr auf den Tanz⸗ boden gehe, weil Sie es nicht gern ſehen, habe ich manchen freien Abend. Ich werde dieſe Rebecca wie meinen Schatten bewachen und Ihnen bald Nachricht über ihr Treiben bringen. Es will mir gar nicht aus dem Kopf, daß ſie das Vertrauen der armen jungen Dame ſo ſchändlich mißbraucht hat, woran nach dem, was Sie mir mitgetheilt haben, gar nicht mehr zu zweifeln iſt.“ 163 Nach einem Spaziergang, der viel länger ausfiel, als Nancy ſich vorgenommen hatte, weil Emma ſie wieder bei der Arbeit erwartete, geleitete ſie Kit nach ihrer beſcheidenen Wohnung zurück. Ehe ſie ſich aber unter der Hausthüre trennten, erlaubte ihm Nancy, morgen Abend auf einige Minuten zu ihr heraufzukommen,— aber nur auf einige Mi⸗ nuten, um Bericht zu erſtatten, ob er dem geheim⸗ nißvollen Treiben Rebecca's auf die Spur gekom⸗ men ſei. Es vergingen zwei Tage und erſt am dritten Abend hatte Kit etwas von Wichtigkeit mitzuthei⸗ len.„Setzen Sie ſogleich Ihren Hut auf und kom⸗ men Sie mit mir,“ ſprach er, in Nancy's Zimmer tretend;„die alte Frau wechſelt wie ein Fuchs, aber ich habe doch zuletzt den Bau aufgeſtöbert.“ Als die Nähterin in wenigen Minuten zum Aus⸗ gang bereit war, ſetzte er hinzu:„Wir müſſen fah⸗ ren.“ Ohne eine Antwort von ihrer Seite abzu⸗ warten und um alle weiteren Einwürfe abzuſchneiden, legte er Nancy's Arm in den ſeinigen und ſchob ſie in ein Cab, das an der nächſten Ecke ſeine Sta⸗ tion hatte; er ſelbſt aber ſetzte ſich auf den Bock, eine Zartheit, für welche ihm Nancy im Herzen ſehr dankbar war, und rief dem Kutſcher zu, ſo raſch, als möglich, zu fahren. Nach einer halben Stunde etwa hielt das Gefährt in Cheapſide und die jungen Leute ſtiegen aus. „Ihren Arm, Nancy,“ ſprach Kit, und dieſe willfahrte unter freundlichem Lächeln. Er führte ſie eine jener engen Straßen hinab, welche nach der Themſe führen und die nach Fün der Ar⸗ 1 164 beitsſtunden in der City wenig beſucht ſind. Ein vereinzelter Polizeimann, ein paar Vorübergehende und einige Kinder waren die einzigen Perſonen, die ihnen begegneten.„Hier,“ ſprach er, nach dem Fenſter eines großen Speiſehauſes deutend,„gerade gegenüber der Gaslaterne.“ Nancy ſah hin und erkannte Rebecca Bight, die an einem kleinen Tiſche in Geſellſchaft eines gut gekleideten Mannes in ſchwarzem Anzuge ſaß. Die Ueberreſte eines vortrefflichen Mittageſſens und eine halbgefüllte Flaſche ſtanden vor ihnen.„Die Heuchlerin!“ rief ſie aus.„Jetzt wundert mich nicht mehr, daß ſie zu Hauſe Milch und Brod verſchmäht. Ich glaube gar, ſie trinken Wein.“ „Ganz gewiß.“ „Und ihre arme junge Herrin arbeitet wie eine Sklavin zu Hauſe. Das iſt ſchändlich! Eine ſolche niederträchtige Selbſtſucht!“ „Ich fürchte, daß dieß noch lange nicht ihre ſchlimmſte Eigenſchaft iſt.“ Nancy ſah ihn fragend an. „War der Vater der Miß Cheerly nicht reich?“ fragte Kit. „Ich glaube ſo,“ erwiderte Nancy,„denn ich habe ſie mehr als Einmal von einer Verſchreibung von fünftauſend Pfund ſprechen hören, die verloren gegangen iſt.“ „Wahrſcheinlich eben ſo, wie das Halsband,“ rief der junge Mann, dem es, wie der Leſer be⸗ merkt haben wird, keineswegs an Scharfſinn ge⸗ brach.„Ich will Ihnen Etwas ſagen, Nancy, hier wird ein falſches Spiel geſpielt, dem ich auf die 165 Spur zu kommen entſchloſſen bin. Sie müſſen jetzt nach Hauſe zurück und das, was Sie geſehen ha⸗ ben, der hintergangenen jungen Dame mittheilen, — vorausgeſetzt, wenn Sie ihr Selbſtbeherrſchung genug zutrauen, daß ſie ſich bei der Amme nicht verräth.“ „Und was wollen Sie denn jetzt thun?“ „Ich werde hier Fleiben und den Herrn im ſchwarzen Kleide beobachten.“ Mit dieſen Worten führte Kit Nancy an das Cab zurück, und nachdem er den Kutſcher vorausbezahlt hatte, wies er ihn an, nach Vauxhall zurückzufahren. Nach neun Uhr erſt fand ſich Rebecca Bight wieder in ihrer Wohnung ein; ſie traf Emma und ihre Freundin eifrig mit ihrer Arbeit beſchäftigt. Das Geſicht der Erſtern war ganz außergewöhnlich bleich, was ſie aber nichts Anderem als der Ermü⸗ dung zuſchrieb. Sie kann's nicht lange mehr trei⸗ ben, dachte die Heuchlerin, und dann!— Was ſie mit dieſem Wort„dann“ ſagen wollte, wird der fernere Verlauf der Geſchichte ergeben. „Ich fürchte, daß dieſe langen Spaziergänge Sie ſehr ermüden, Amme,“ bemerkte Miß Cheerly. „Allerdings, meine Liebe,“ erwiderte die Frau, „und deßhalb unternehme ich ſie. Unſer Unglück geht mir Tag und Nacht im Kopfe herum und ſelbſt im Traume verfolgt es mich.“ „Wir haben Ihnen das Nachteſſen aufgehoben,“ ſprach Emma. „Das dachte ich mir wohl,“ verſetzte Rebecca, die bei ihrem wohlgefüllten Magen ſich vor den⸗ Gedanken entſetzte, die ihr zugedachte einfache Speiſe 166 mit ſcheinbarem Appetit verſchlingen zu müſſen. Ich brauche nicht viel; der Kummer raubt allen Hunger.“ Ramentlich wenn man ihn mit Wein hinabge⸗ ſchlürft und brav Fleiſch dazu gegeſſen hat, dachte Nancy, indem ſie von ihrem Stuhle aufſtand, um Rebecca die gewöhnliche Portion Brod und Milch vorzuſetzen, von welchem ſich die Heuchlerin mit ſchlecht verhehltem Widerwillen abwandte. „Das iſt mehr, als ich brauche,“ ſprach ſie. „Unmöglich, Amme,“ erwiderte Emma;„Sie nehmen kaum ſo viel zu ſich, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig iſt.“ „Und doch ſieht ſie ſo wohlgenährt aus,“ be⸗ merkte die Nähterin mit kaum merklichem Lächeln. „Ich wollte, Sie hätten nur halb ſo viel Geſichts⸗ farbe. Aber vielleicht verdankt ſie dieſe nur ihren Spaziergängen.“ Dieß war eine gefährliche Anſpielung, und Re⸗ pecca fing deßhalb an, um weitere Bemerkungen über ihr Ausſehen abzuſchneiden, mit ſcheinbarem Heiß⸗ hunger zu eſſen, was Emma tief ſchmerzte, denn ſie überzeugte ſich dadurch, mit welch' tiefer Berech⸗ nung die Frau ihr Syſtem von Argliſt und Be⸗ trug treibe, deſſen Grund ſie aber, trotz allem Nach⸗ denken, nicht zu errathen vermochte. Eine Thräne ſtahl ſich über ihre bleichen Wangen, die ſie aber im Stillen abwiſchte. Sie war gewiſſermaßen das Siegel auf das Grab des erſchütterten Vertrauens und der Zuneigung zu einer Perſon, die ſie von Kindheit an geliebt hatte. In dieſer Nacht theilte Miß Cheerly unter dem Vorwand, daß ſie ſehr lange — MW* 167 an ihrer Stickerei fortzuarbeiten habe, mit Nancy das Zimmer, ein Entſchluß, der Rebecca gar nicht unlieb war, weil ſie dann hoffen durfte, ohne alle Störung ſchlafen zu können. Hätte ſie freilich die Gründe gekannt, welche ihre Gebieterin veranlaßten, das Zimmer nicht mit ihr zu theilen, ſo würde ſie wahrſcheinlich nicht ſo feſt geſchlafen haben. Als am darauf folgenden Sonntag Nancy auf ihrem Wege zur Kirche unter Kit's Wohnung vor⸗ über kam, hörte ſie raſche Schritte hinter ſich, die ihr offenbar folgten. Sie fühlte, daß er es war, ohne Zweifel im Begriffe, irgend eine Luſtbarkeit aufzuſuchen, was ſie tief ſchmerzte. „Nancy,“ rief ihr der junge Mann zu,„nur ein paar Worte!“ Sie wandte ſich um und meinte, er werde ihr ſagen wollen, wohin er gehe; und ſchon ſchwebte ein leiſer Vorwurf auf ihren Lippen, als er ſie faſt verſchämt fragte, ob er ſie zur Kirche begleiten dürfe. Zugleich zog er ein ganz neues Gebetbuch aus der Taſche. Beim Anblick dieſes ſichtbaren Zei⸗ chens ſeines aufrichtigen Willens fühlte Nanch ſich vor freudiger Erregung außer Stande, zu antwor⸗ ten, und nur ein dankbarer Blick ſagte ihm, wie gern ſie ſeine Begleitung nach dieſem Orte an⸗ nehme. Zugleich legte ſie ihren Arm in den ſeini⸗ gen und ſo wanderten Beide dem Gotteshauſe zu, indem Nanch über! die Bekehrung ihres Freundes und Kit über ſeine Selbſtüberwindung ſich auf's Innigſte freute. Als Nancy nach dem Gottesdienſt nach Hauſe kam, erzählte ſie Miß Cheerly, was vorgefallen war 168 unb erklärte den heutigen Tag für den glücklichſten ihres Lebens. Zwölftes Kapitel. Das Verſprechen des Arztes bewährte ſich, denn in weniger als drei Tägen war William Franklin oder Will mit dem Knittel, wie man ihn nannte, nicht allein im Stande, ſein Zimmer zu verlaſſen, ſondern ſogar bereit, wie er ſagte, einen abermali⸗ gen Strauß zur Vertheidigung ſeiner neuen Freunde zu beſtehen, wenn dieſe ſeine Hilfe in Anſpruch nehmen ſollten. Die Freude des guten Burſchen kannte keine Grenzen, als er erfuhr, daß er ſeinen Gutsherrn gegen die feigen Angriffe von Dobſon und den Bergleuten beſchützt habe, und man pro⸗ phezeite ihm von allen Seiten, daß er eine ſchöne Belohnung davontragen werde, ſo oft auf den Vor⸗ fall die Sprache kam, was eine Woche hindurch regelmäßig jeden Abend im Wirthshauſe von Alston Moor der Fall war. Baines zitterte für den ver⸗ ſprochenen Pacht von Lock⸗Farm. „Nun, mein Freund, was kann ich für Sie thun?“ fragte Harry Burg mit einem herzlichen Händedruck den Freiſaſſen, als dieſer in Begleitung ſeiner Mutter ihn in ſeinem Bibliothekzimmer auf⸗ ſuchte, um ſich zu verabſchieden. „Was weiß ich, Euer Ehren,“ erwiderte er ver⸗ legen.„Ich kann weiter nicht viel als boxen und den Knittel ſchwingen.“ O Willie, das mußt du nicht ſagen,“ rief ſeine 169 Mutter ängſtlich.„Er kann auch eine Furche ſo ge⸗ rade wie Einer in der Graſſchaft ziehen, wenn er nur will.“ „Da wäre alſo ein Pachtgut etwas Paſſendes für Euch,“ bemerkte Harold Tracy. „Das möchte wohl der Fall ſein, Herr,“ erwi⸗ derte William,„aber um ein Gut zu pachten, braucht man jetzt viel Geld und ich bin nicht reich.“ „Still! ſtill! Willie,“ unterbrach ihn ſeine Mut⸗ ter;„hab' ich denn nicht dreihundert Pfund außer dem Häuschen und Garten? Und biſt du nicht mein einziges Kind?“ „Ich will davon nichts wiſſen,“ rief der junge Mann mit Nachdruck.„Keinen Pfennig möchte ich davon anrühren; denn ich will nicht das Brod dei⸗ nes Alters daran wagen. Ich bin kräftig und kann mich ſchon durch die Welt ſchlagen; aber ich würde es mir nie verzeihen, wenn du durch mich in dei⸗ nen hohen Jahren noch Mangel leiden müßteſt.“ „Eigenſinniger Menſch!“ murmelte die Frau; „aber ſo war er von Jugend auf. Voriges Jahr ſchon hätte er ein Gut vom Oberſt Beaumont pach⸗ ten können, und ich bot ihm das Geld dazu an, er aber hat es ausgeſchlagen.“ Die letzten Worte waren eigentlich an die beiden Freunde gerichtet, in der Hoffnung, daß ihre Klagen ihres Sohnes Sinn ändern möchten, den ſie im Stillen thöricht nannte, während Harry und Harold ein edles Ge⸗ fühl in ſeiner Weigerung erkannten. „Wenn ich es recht weiß,“ ſprach Harry,„ſo 8 er Vater viele Jahre lang Pächter von Lock⸗ Farm?“ 170 „Freilich war er das,“ verſetzte die Wittwe,„und es hat ihm das Herz gebrochen, als man ihm kün⸗ digte. Er zahlte aber jeden Schilling ſeines Pacht⸗ zinſes,“ ſetzte ſie ſtolz hinzu.„Weder ſein Grund⸗ herr, noch ſonſt Jemand verlor einen Heller an ihm.“ „Und weßhalb hat man ſie ihm denn genom⸗ men?“ fragte Harry. „Ach, das iſt eine lange und traurige Geſchichte.“ „Setzt Euch und erzählt ſie; ich habe Zeit, ſie anzuhören. Wenn ein Unrecht geſchehen iſt, das nun freilich, ſo weit es Euren Vater betrifft, nicht mehr gut gemacht werden kann, ſo bin ich wenigſtens im Stande, ſeine Nachkommen zu entſchädigen.“ Als die Frau verlegen ſchwieg, rief William: „Sag nur Alles, Mutter; wir brauchen uns nicht daran zu ſchämen.“ „Ich bin eigentlich an Allem Schuld, Herr,“ ſagte die Frau etwas verlegen; der Rentmeiſter, Mr. Snape, wollte mich heirathen und— und—“ „Ihr ſchlugt ihn aus,“ ergänzte Harry. „Ja, Herr. Ich war meinem Vetter, Willie's Vater, verlobt und hätte dieſem die Treue nicht gebrochen, ſelbſt wenn ich die Herrin von Burg⸗ Hall hätte werden können. Es iſt wahr, wir ſahen ſchlimme Tage mit einander, aber wir erlebten auch viele ſchöne und glückliche Zeiten. Es war ein guter Hausvater, auf den jede Frau hätte ſtolz ſein dür⸗ fen, und es war eine traurige Zeit, als ich ihn verlor.“ „Weine nicht, Mutter; weine nicht,“ flüſterte ihr Sohn ihr zu, indem er ihre Thränen wegküßte; „es kommt gewiß noch einmal Alles an den Tag. 171 Mein Vater wurde ermordet, gnädiger Herr,“ fuhr der junge Man fort, um ſeiner Mutter den Schmerz zu erſparen, ihr Unglück erzählen zu müſſen;„man fand ihn todt nicht weit von dem alten Schacht, wo wir das Scharmützel mit den Bergleuten hat⸗ ten. Ich war damals noch ein kleiner Knabe, aber ich habe den Anblick nie vergeſſen.“ „Und hat man nie erfahren, durch wen?“ fragte Harold. „Nie, Herr.“ „Oder auf Jemand Verdacht geworfen?“ „Wir haben kein Recht, Jemand zu verdäch⸗ tigen,“ verſetzte die Wittwe,„aber für unſere Ge⸗ danken können wir freilich nicht ſtehen. Sehen Sie, meine Herren, ungefähr ein Jahr nach meines Mannes Tod verlangte mich Mr. Snape abermals zum Weibe, allein, ob er oder ein Anderer, ſo fühlte ich einen größern Widerwillen, als je, gegen ihn. Willie war ſein Anblick durchaus zuwider. Ich ſchlug ihn aus, und das verzieh er mir nie.“ „Wie verhielt es ſich aber mit der Lock⸗Farm?“ fragte Harry Burg, um ihre Gedanken von einem ſo ſchmerzlichen Abſchnitt ihres Lebens abzulenken. „Hier ließ der Rentmeiſter uns ſeinen Zorn fühlen, Herr, denn als die Pachtzeit zu Ende war, ſo wurde mein Vater, der viel Geld ausgegeben hatte, um eine Erneuerung zu erlangen, hinaus⸗ gewieſen, ohne daß man ihm zuvor auch nur den leiſeſten Fingerzeig gegeben hätte. Vergebens wandte er ſich an Ihren Onkel. Der Squire wagte oder wollte nicht ſich in Mr. Snape's Händel mi⸗ ſchen. Das Uebrige iſt vollends bald erzählt. Der 172 alte Mann ſtarb bald darauf; Einige behaupteten, an Altersſchwäche; ich weiß es aber beſſer. Er ſtarb am gebrochenen Herzen, denn er war an die⸗ ſem Orte geboren worden und hatte gehofft, auch ſeine Tage da beſchließen zu können.“ „Das Geſchehene kann ich freilich nicht unge⸗ ſchehen machen, Mrs. Franklin,“ bemerkte der neue Grundherr von Burg⸗Hall,„aber glücklicher Weiſe bin ich in der Lage, es einigermaßen gut zu ma⸗ chen. Die Lock⸗Farm iſt alſo, wie Ihr ſagt, er⸗ ledigt.“ „So hörte ich, Herr.“ „Dann ſoll mein Freund Willie ſie haben.“ „Was ich! Ich Pächter von der Farm?“ rief der junge Mann.„Ich ſoll den alten Herd wieder aufbauen? O, Herr, Sie ſpaßen mit mir. Zum Betrieb braucht man ja wenigſtens tauſend Pfund.“ „Ich glaube es wohl,“ verſetzte Harry,„und dieſe ſollt Ihr haben.“ Der arme Willie wußte nicht, ob er wache oder träume, und traute ſeinen eigenen Ohren nicht. „Ich ſoll ſie haben?“ wiederholte er deßhalb. „Gegen Sicherheit,“ verſetzte der Gutsherr. Dieſes Wort ernüchterte ihn wieder und er er⸗ widerte mit einem Seufzer:„Ich vermag keine Sicherheit zu bieten.“ „Die beſte liegt in Euch ſelbſt,“ rief Harry Burg, Willie die Hand reichend,„in Eurem ehr⸗ lichen Herzen und geraden, offenen Sinn. Zögert Ihr, mein Anerbieten anzunehmen?“ ſetzte er hinzu, als er ſah, daß der junge Mann von ſeinem Edel⸗ muthe zu tief ergriffen ſei, als daß er hätte ant⸗ 173 worten können.„Ich bin Euer Schuldner gewor⸗ den, wie könnt Ihr alſo zögern, der meinige zu werden? Noch heute will ich die Anweiſung erthei⸗ len, daß der Pachtvertrag auf Euch ausgeſtellt wird.“ Es gibt eine Dankbarkeit, deren Beredſamkeit nicht in den Worten liegt, und dieſe Art von Dank⸗ parkeit fühlten die Wittwe und ihr Sohn.„Nun, Mutter,“ rief Letzterer, ſie umarmend,„du haſt mir oft geſagt, daß Boren und Knittelſchwingen mir nichts Gutes bringen würden, und doch haben dieſe jetzt mir einen edlen Freund gewonnen!“ „Wir haben kein Recht, dieſe Künſte zu tadeln,“ bemerkte Harold Trach lächelnd,„da wir Alle unſer Leben ohne Zweifel nur Eurer Geſchicklichkeit und Eurem Muth verdanken. Aber vergebens ſinne ich hin und her,“ fuhr er fort,„aus welchem Grunde die Leute uns überfallen haben. Es konnte doch offenbar nicht wegen der paar Worte geſchehen ſein, welche zwiſchen dem Anführèr des Haufens— Dob⸗ ſon, glaube ich, nannte ſich der Burſche,— und unſerm Freund Albert Mortimer gewechſelt wor⸗ den ſind.“ „Ich weiß es auch nicht,“ verſetzte Will.„Viel⸗ leicht geſchah es, weil ſie Sie für Fremde hielten.“ „Behandeln ſie denn alle Fremde ſo?“ „Die meiſten, wie ich glaube.“ „Burg⸗Hall iſt in der That ein ſehr ſchönes Beſitzthum,“ bemerkte Harold, nachdem die Wittwe und ihr Sohn ſich verabſchiedet hatten,„aber die Leute hier herum gefallen mir nicht.“ „Sie ſind roh“ verſetzte Harry. 174 „Eben ſo wenig Ihr Renntmeiſter,“ fuhr Ha⸗ rold fort. „Ich geſtehe, daß Sie hier einen Punkt berührt haben, in welchem ich Ihrem Vorurtheile vollkom⸗ men beiſtimme, obgleich noch nicht einmal genügende Gründe zu einem Verdacht vorliegen. Freilich der gewaltſame Tod von Will's Vater— doch nein! — Unmöglich. Er kann kein ſolcher Böſewicht ſein.“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen worden, als Mr. Snape in das Zimmer trat. Er war ein kräftiger, unterſetzter Mann, der gewohnt ſchien, ſeine Meinung ganz entſchieden geltend zu machen, was aber vielleicht nur eine Folge davon war, daß er ſeit vielen Jahren die Güter faſt ohne alle Controle verwaltet hatte. Er brachte einige Haus⸗ bücher, ſo wie einen Stoß Papiere mit, darunter Entwürfe zu verſchiedenen Pachtverträgen, auf deren unweigerliche Unterzeichnung er von Seiten Harry's rechnete, in der Ueberzeugung, daß dieſer den Zu⸗ ſtand und den Werth der Farmen nicht kenne. Darin hatte er ſich aber gänzlich verrechnet, denn ſein Herr hatte die Unterhaltung zwiſchen Dobſon und Baines am Mittagstiſche im Wirthshauſe zu den Bergleuten nicht vergeſſen. „Wie viele Morgen enthält dieſe Farm?“ fragte der Gutsherr, auf eine Karte deutend, auf welcher das Gut verzeichnet war. „Ungefähr dreihundert und zwanzig, Herr.“ „Und die dafür verlangte Pachtſumme?“ „Fünfhundert jährlich. „Das ſcheint mit ſehr wenig,“ bemerkte Harold. „Ich kenne zwar allerdings den Werth des Bodens — 175⁵ nicht allzu genau; aber mein Onkel, Sir Mordaunt Trach, hat viele Pachthöfe auf ſeinen Gütern in Norfolk, und dieſe tragen, ſo viel ich weiß, fünfzig Schillinge per Morgen.“ Snape ſah ihn mit einem Blicke an, als wenn er ihn hätte durchbohren mögen.„Der Boden iſt ſchlecht,“ murmelte er. „Ueberall?“ „Nein, nur theilweiſe, und Baines iſt ein ſehr tüchtiger Pächter, der dem Boden nicht zuviel zu⸗ muthet. Die Bedingungen ſeines Vertrages ſind ſehr günſtig, er macht ſich darin verbindlich, das Sumpfland in ſeinem Bezirke innerhalb zweier Jahre auszutrocknen.“ „Und wie viel hat Whittaker für die Farm ge⸗ boten?“ fragte der Grundherr, ihn feſt fixirend. dieß war offenbar eine Falle, aber der unred⸗ liche Rentbeamte verlor deßhalb die Faſſung nicht, obgleich er wohl merkte, daß er verrathen wor⸗ den war. „Whittaker iſt ein Abenteurer,“ ſprach er,„der noch auf keiner Farm, die er in Pacht genommen, fortgekommen iſt. Beim Oberſten Beaumont iſt er ſechs Quartale im Rückſtande geblieben. Auf's Ver⸗ ſprechen kommt es ihm nicht an. Sie werden ge⸗ wiß nicht daran denken, gnädiger Herr, ihn zum Pächter anzunehmen?“ „Ich denke auch nicht entfernt daran,“ verſetzte Harry lächelnd. „Snape athmete hoch auf.„Und wie verhält es ſich alſo mit dem Vertrage?“ fragte er. 176 „Ich werde ihn unterzeichnen, jedoch mit einer kleinen Abänderung.“ „Hinſichtlich des Zinſes oder der Bedingungen?“ „Wegen keines von beiden,“ verſetzte ſein Herr, „ſondern ich werde einen andern Namen hineinſetzen. Anſtatt den von Baines werden Sie den Namen des wackern jungen Mannes eintragen, welchem, aller Wahrſcheinlichkeit nach, meine beiden Freunde und ich unſer Leben verdanken, William Franklin.“ Der Rentmeiſter blickte Harry mit einem ganz eigenthümlichen Ausdrucke an. Es lag faſt etwas Drohendes in ſeinen großen düſteren Augen, mit welchen er ihn fixirte, und ſeine geballte Hand ſiel ſchwer auf den Tiſch nieder. Harry ſah nach ihm hin, wie um ihn zu fra⸗ gen, was ſein Benehmen zu bedeuten habe, das nichts weniger als von Reſpekt für ſeinen Herrn zeugte. „Sie können dieß,“ ſagte Snape endlich mit bitterm Lächeln,„wenn es Ihnen beliebt.“ „Allerdings kann ich es.“ „Sie ſind der Herr,“ ſetzte er hinzu,„für jetzt. Aber ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß William Franklin nicht lange Pächter von Lock⸗Farm blei⸗ ben wird.“ „Und warum nicht,“ riefen die beiden jungen Männer. Der alte Mann blickte bald den Einen, bald den Andern unter ſeinen buſchigen Augbrauen an und wiegte ſeinen Kopf hin und her, wie Jemand, der mit ſich ſelbſt zu Rathe geht. 177 „Soll ich Ihre Worte für eine Drohung hal⸗ ten?“ fragte Harry Burg. „Nein, für eine Warnung,“ murmelte Snape. „Und wozu dieſe Warnung?“ „Weil ich durchaus nicht überzeugt bin, daß Sie der wahre Erbe der Güter ſind. Ich weiß zwar wohl, daß Sie der Sohn von Harry Burg ſind,“ ſetzte er hinzu,„aber Harry Burg hatte einen ältern Bruder.“ „Das iſt mir bekannt, meinen Onkel Richard. Der iſt aber todt.“. „Von dieſem ſpreche ich nicht,“ rief der Rent⸗ meiſter im Tone zunehmender Aufregung,„ſondern von Marmaduke, der vor etwa fünfundzwanzig Jah⸗ ren aus England entflohen iſt. Man hat allerdings lange Zeit nichts von ihm gehört, aber ſein Bruder Richard erhielt, wie ich weiß, fortwährend Briefe von ihm. Er kann noch leben oder ſich verheirathet und einen Sohn mit Erbanſprüchen hinterlaſſen haben; in welchem Falle,“ ſetzte er bedeutungsvoll hinzu,„meine Freundſchaft und Dienſte für Sie von größerem Werthe ſein könnten, als Sie ſich einbilden.“ „Nicht im mindeſten,“ verſetzte Harry, welchem augenblicklich klar war, welche Erwartung an die Drohung geknüpft war. „Was würden Sie aber in einem ſolchen Falle thun?“ fragte Mr. Snape erſtaunt. „Die Anſprüche meines Onkels oder Vetters auf das Genaueſte unterſuchen, und, wenn ich an der Gültigkeit derſelben im mindeſten zu zweifeln Grund hätte, ihrer Anſprache bis auf den letzten Schil⸗ Licht⸗ und Schattenſeiten. l. 12 178 ling, der mir bliebe, ſtreitig machen. Wenn ſie mir aber im Gegentheile unbeſtreitbar erſchiene, ſo würde ich die Güter als ein ehrlicher Mann abtreten.“ Harold ſchüttelte ihm ſtillſchweigend die Hand. „Worte! Worte!“ rief der Rentmeiſter in un⸗ gläubigem Tone;„es liegt nicht in der menſchlichen Natur, freiwillig Reichthum mit Armuth zu ver⸗ tauſchen. Sie werden ſich eines Andern beſinnen.“ „Niemals, wenn ich mich ſelbſt recht kenne,“ verſetzte Harry Burg,„denn ich würde die Verach⸗ tung meiner Selbſt, der ich mich nie entziehen könnte, noch viel härter finden. Sie lächeln,“ ſetzte er hinzu,„und es wundert mich gar nicht, daß Sie den Stolz der Rechtlichkeit, welche dem Unglück die Stirne bietet, ohne davor ſich zu entſetzen, nicht be⸗ greifen. Es iſt dieß aber ein Gefühl, das ich für den ehnfacen Werth meiner Güter nicht hingeben würde.“ Seine Tugend ſteht der Probe näher, als er ſich träumt, dachte der alte Mann. „Vorderhand,“ fuhr Harry,“ faſt ärgerlich über den Eifer, von dem er ſich hatte hinreißen laſſen, fort,„ſind die Anſprüche, auf die Sie anſpielten, nichts weiter als eingebildet. Noch bin ich der Herr, und Sie werden deßhalb in den Pachtcon⸗ tract den Namen William Franklin eintragen, wie ich Sie angewieſen habe.“ „Sie ſind nicht mehr blos eingebildet,“ bemerkte Snape mit höhniſchem Lächeln. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Daß der Sohn Ihres Onkels, Marmaduke Burg, —— 179 nach England mit den Beweiſen ſeiner Geburt und ſeinen Familien⸗Erbanſprüchen zurückgekehrt iſt.“ Zugleich legte er ein paar Briefe, von denen einer eröffnet war, auf den Tiſch nieder, raffte ſeine Bü⸗ cher und Papiere zuſammen und verließ mit trium⸗ phirender Miene das Zimmer. Einige Minuten lang ſaßen die beiden Freunde, außer ſich vor Erſtaunen, ſich gegenſeitig anblickend, einander gegenüber. „Dieß iſt nichts weiter als eine leere Drohung oder eine ſchändliche Intrigue, lieber Harry,“ rief Harold aus.„Wollen Sie nicht die Briefe leſen?“ Der Arme nahm ſie mechaniſch und verſuchte ſie zu durchleſen, aber ein Nebel ſchien ſeine Augen zu verdunkeln und er legte ſie muthlos wieder weg. „Ich kann nicht,“ ſeufzte er.„Ich fühlte, daß der Traum zu ſchön und zu glänzend war, als daß er hätte dauern können. Die Macht zu beſitzen, Gutes zu thun, die Hand dem kämpfenden Genius zu rei⸗ chen, unverſchuldeter Armuth beizuſtehen und allen jenen göttlichen Anregungen unſerer Natur Folge leiſten zu können, ohne welche der Menſch auf eine Stufe mit dem wilden Thier herabſinkt, iſt dahin; mein Traum von Unabhängigkeit hat ein trauriges Ende genommen.“ „Das iſt Kleinmuth,“ bemerkte Harold Tracy, Erlauben Sie mir, die Briefe für Sie zu leſen.“ Harry nickte ihm bejahend zu. Der erſte Brief war von einer wohlbekannten Rechts⸗Firma in Lon⸗ don und lautete folgendermaßen: 180 „Mein Herr— wir ſind von unſerem Clienten, Brandon Burg, Esquire, Sohn des verſtorbenen Marmaduke Burg aus Süd⸗Carolina in den ver⸗ einigten Staaten, beauftragt, die geſetzlichen Schritte zu ſeiner Einſetzung in gewiſſe Güter zu thun, auf welche er durch ſeinen verſtorbenen Vater und als nächſter Vetter und Leibeserbe von dem verſtorbe⸗ nen Richard Burg von Burg⸗Hall, zuletzt im Chriſt⸗ collegium in Opford, Rechtsanſprüche hat. Theilen Sie uns gefälligſt den Namen Ihres Anwalts mit, damit wir Sie nicht mit Perſonalnotizen u. ſ. w. u. ſ. w. behelligen müſſen. Ihre ergebenſten Diener. Gezeichnet: M'Craw, für Wigget und Tye.“ Der zweite Brief enthielt nichts weiter als die Notiz für den Rentmeiſter, durchaus kein Geld, das er in Händen habe, oder von den Pächtern ein⸗ nehmen würde, an Jemand anders als an Bran⸗ don Burg oder deſſen Bevollmächtigte auszuzahlen, da beſagter Brandon Burg behaupte, der recht⸗ mäßige Erbe der Güter zu ſein. „Und doch wollte Snape Sie überreden, den Pachtvertrag zu unterzeichnen,“ ſprach Harold, nach⸗ dem er den Brief und das Billet bedächtig durch⸗ leſen hatte.„Ich bin überzeugt, Harry, daß die Anſprüche ungegründet ſind und Sie müſſen bis auf's Aeußerſte Widerſtand leiſten.“ „Ich wünſche mit den Waffen der Rechtlichkeit, und nicht des Geſetzes, zu kämpfen,“ erwiderte Harry. Auf ſeines Freundes Rath wurde ſogleich ein Diener mit einem Briefe nach Alston Moor geſchickt mit der Bitte, daß der Doktor ſich nach Burg⸗Hall bemühen möge. Die beiden jungen Männer hatten 181 in dem kurzen Verkehr mit ihm bemerkt, daß er einen bedeutenden geſchäftlichen Scharfblick beſaß; auch hatten ſie die beſte Meinung von ſeinem ehren⸗ feſten Charakter gewonnen. Sie fanden ſich auch in dem Urtheil, das ſie ſich über ihn gebildet, nicht getäuſcht. „Marmaduke Burg,“ widerholte der alte Mann, nachdem er den Brief der Herren Wigget und Tye, die Harry ihm vorgelegt, geleſen hatte,„und Bran⸗ don, ſein Sohn? Ich glaube nicht ein Wort davon.“ „Ich ſagte es Ihnen ja gleich,“ flüſterte Ha⸗ rold Tracy. „Aber es exiſtirt doch ein ſolcher Menſch,“ be⸗ merkte der Erbe. „Allerdings,“ erwiderte der Doktor,„und er exiſtirt wahrſcheinlich noch immer, denn dieſer Menſch hatte eine Roßnatur und ein ganz merkwürdiges Glück, jeder Gefahr zu entgehen. Ich hörte ihn mehr als hundertmal behaupten, wenn er ſich ſei⸗ ner Kriegsthaten in fremden Ländern rühmte,— denn Ihr Onkel war Militär, wie Sie wiſſen müſ⸗ ſen,— daß die Kugel, die ihn treffen ſolle, noch gar nicht gegoſſen ſei.“ „Sonderbar,“ ſprach Harty nachſinnend,„daß ich meine ſelige Mutter nie von ihm ſprechen hörte.“ „Es wäre noch auffallender geweſen, wenn ſie es gethan hätte,“ verſetzte der Arzt. „Doktor!“ rief Harry Burg,„ich bat Sie um Ihren Beſuch, um Sie wegen der eigenthümlichen Lage, in die ich gerathen bin, um Rath zu fragen. Was rathen Sie mir, daß ich thun ſoll?“ „So ſchnell als möglich von hier abzureiſen,“ 182 erwiderte der alte Mann,„nach London zurückzukeh⸗ ren, dort ſich einen ehrlichen Advokaten auszuſuchen, und wenn ſolch ein ſeltener Vogel gefunden iſt, dieſem die Sache zu übergeben. Dann vergeſſen Sie aber Eines nicht, wenn die Sache zu einer ge⸗ richtlichen Unterſuchung kommt, daß Sie mich zum Zeugnißablegen aufrufen laſſen. Was Haus und Hof anbetrifft, ſo laufen dieſe nicht davon, obgleich Sie Vorſichts halber gut thun werden, mich einſt⸗ weilen darin zu inſtalliren.“ „Lieber Herr,“ bemerkte Harold Tracyh,„was vermöchten Sie zu thun, wenn Mr. Snape,— der meiner Anſicht nach hinter der ganzen Geſchichte ſtect— den Verſuch machen ſollte, das Gut in die Hände des neuen Prätendenten zu ſpielen?“ „Gerade aus dieſem Grunde machte ich den Vorſchlag, weil ich mich für den einzigen Mann in der ganzen Gegend halte, den der Rentmeiſter fürchtet; er würde eben ſo leicht ſeine Hand in's Feuer ſtecken, als mich zu vertreiben wagen.“ „Weßhalb?“ „Ich vermöchte die ganze Umgegend gegen ihn auf⸗ zuwiegeln,“ erwiderte der Doktor;„nicht durch ge⸗ heime Kunſtmittel, wie meine gelehrten Vorgänger, ſondern nur durch ein Wort zu eben jenen Menſchen, die Ihnen einen ſo rohen Empfang bei Ihrer An⸗ kunft in Alston Moor zu Theil werden ließen. Sie ſind arme, unwiſſende Menſchen,“ fuhr er fort, „aber ſie ſind feſt wie Granit.“ „Ohne aber dabei deſſen Politurfähigkeit zu be⸗ ſitzen, wie mir ſcheint,“ bemerkte Harold Trachy lã chelnd. 183 „Sie mögen nicht ganz Unrecht haben,“ erwi⸗ derte der Arzt;„aber wie ungünſtig auch Sie die⸗ ſelben zu beurtheilen allen Grund haben, ſo ſind ſie doch einer beſſeren Empfindung fähig.“ „Und wie heißt dieſe?“ „Dankbarkeit. Ich habe mehr als zwanzig Jahre unter ihnen gelebt und in dieſer langen Zeit ih⸗ nen manchen guten Dienſt geleiſtet; ſie wiſſen, daß ich ihr Freund bin, und deßhalb trauen ſie mir. So alt und ſchwach ich auch bin, ſo kann ich mit vollſter Sicherheit die Gegend nach jeder Richtung hin durchreiſen und würde überall Schutz finden, wenn irgend Jemand es wagen wollte, mir etwas zu Leide zu thun.“ „Wollen Sie nicht Ihr Geheimniß verkaufen, Doktor?“ fragte Harold.„Es wäre ein unſchätz⸗ bares Univerſalmittel für neue Gutsherren und um⸗ herſchweifende Touriſten.“ „Ich will es nicht verkaufen, Mr. Tracy, ſon⸗ dern gratis geben. Es iſt dieß die Erinnerung, daß ſelbſt der Aermſte und Niedrigſte unſer Mitbruder iſt, und daß man ihn deßhalb menſchlich und freund⸗ lich behandeln ſoll. Das iſt das einzige Univerſal⸗ mittel, das ich kenne, das ich allein nur in An⸗ wendung brachte; und daſſelbe iſt es auch, wel⸗ ches Ihrem Onkel Marmaduke ein großes Ueber⸗ gewicht über dieſe wilden Geiſter verlieh. Es war ihm dieß von großem Nutzen, denn ſie retteten ihn in der Stunde der dringendſten Gefahr.“ „Sie ſpielen hier auf Umſtände an, die mir gänzlich unbekannt ſind,“ bemerkte Harry Burg, 184 „denn bis zum heutigen Tage hörte ich noch nie den Namen Marmaduke nennen.“ „Nun,“ verſetzte der Doktor,„ich muß geſtehen, als Erbe von BVurg⸗Hall ſind Sie mit der Ge⸗ ſchichte Ihrer Familie ſo unbekannt, wie ein neu⸗ geborenes Kind. Meine Patienten können mich ſchon auf ein paar Stunden entbehren, und ſo werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Sie darüber aufzuklären und Ihnen reinen Wein einzuſchenken.“ Es bedarf wohl kaum der Verſicherung, daß die⸗ ſes Anerbieten mit Dank angenommen wurde. Dreizehntes Kapitel. „Nicht leicht fand ſich bei drei Brüdern eine größere Verſchiedenheit des Charakters,“ hob der Dokter an,„als bei Richard, Marmaduke und Harry Burg. Sie waren alle noch junge Männer zu der Zeit, als ich mich in dieſer Gegend niederließ. Der älteſte hatte kaum erſt ſeine. Volljährigkeit erreicht und von ſeinem väterlichen Gute Beſitz genommen, deſſen Verwaltung er feſt in die Hand nahm, was viele der älteren Pächter noch bezeugen können. Er war ein finſterer, kalter, ſtrenger Mann, der, von ſeiner Wichtigkeit auf's Höchſte durchdrungen, ſeine jüngeren Brüder ſcharf unter dem Daumen hielt; worüber man ſich eben nicht allzu ſehr zu wundern braucht, wenn man wie gern er bei jeder Gelegenheit ſeine Machtvollkommenheit zur 185 Schau ſtellte und ſie fühlen ließ, daß ſie zumeiſt von ſeiner Großmuth abhingen.“ „Das Bild, das ſie von ihm entwerfen, ſcheint mir nur zu richtig,“ bemerkte Harry,„denn ich er⸗ innere mich ſeiner nur zu wohl noch, ſo wie des peinlichen Eindrucks, den ſeine Beſuche auf meine arme Mutter machten.“ „Ihr Vater,“ fuhr der Doktor fort,„war eine ſanfte, gemüthliche Natur und unterwarf ſich ohne Murren; nicht aber ſo Marmaduke. Dieſer war aus anderem Stoffe geformt und ſein Herz und ſein Kopf ſchienen von Eiſen. Er leiſtete dem Deſpo⸗ tismus Richard's Widerſtand und ſo kam es zu vielfältigen Streitigkeiten zwiſchen ihnen. Einmal vergaß ſich der ältere Bruder ſo weit, daß er den jüngern Bruder in Gegenwart der Dienerſchaft mit der Reitpeitſche ſchlug.“ „Das mußte eine Kriſis herbeiführen,“ ſagte Harold Tracy. „Eine Kriſis!“ widerholte der alte Mann.„Or⸗ kan wäre das geeignetere Wort und ſelbſt dieß vermöchte noch nicht den Sturm der Leidenſchaft zu bezeichnen, welcher das Herz Marmaduke's durch⸗ tobte. Sie ſind nie in Indien geweſen und haben nie den Sprung des Tigers geſehen, der von einem Jäger angeſchoſſen wurde;— aber ſelbſt dieß würde nur ein ſchwaches Bild von der Wuth des belei⸗ digten Jünglings geben. Er riß ſeinen Angreifer vom Pferde, warf ihn zu Boden, trat mit den Füßen auf ihm herum und ſpie ihn an.—“ „Gräßlich!“ riefen die beiden jungen Freunde. „Wie endigte dieſe Scene?“ 186 „Wenn ſich nicht die Diener dazwiſchen gewor⸗ ſen hätten, ſo möchte wohl das Ende noch viel ſchrecklicher ausgefallen ſein. Nur mit großer Mühe gelang es ihnen, ihren Herrn frei zu machen, wor⸗ auf ſie ihn nach Hauſe trugen. Man ſchickte nach mir und es kam für mich, wie Sie ſich denken kön⸗ nen, eine einträgliche Zeit, denn ich mußte beide Brüder in die Kur nehmen. Marmaduke war in ein hitziges Fieber verfallen in Folge ſeiner unge⸗ heuren Aufregung und des beleidigten Stolzes.“ „Ich begreife ſeine Gefühle,“ murmelte der Neffe des Mannes, den der Doktor ſo genau geſchil⸗ dert hatte. „Wie endigte ſich dieß Alles?“ fragte Harold. „Mit einer Verſöhnung, die allerdings von bei⸗ den Seiten nicht allzu aufrichtig war, wie es ſich ſpäter herausſtelltez aber Richard ſah ſich gezwun⸗ gen, Abbitte zu leiſten, denn die ganze Umgegend war über ihn empört. Eine Weigerung wäre ge⸗ fährlich geweſen, weil die Zeiten damals noch viel wilder waren als jetzt, und weil Marmaduke wegen ſeines offenen, muthvollen Weſens, ſeiner Bereit⸗ willigkeit, den Nothleidenden zu dienen und wegen tauſend edler, männlicher Eigenſchaften von den Pächtern und Bergleuten verehrt wurde. Wer aber am meiſten bei dieſem Streite gewann, das war der jüngſte der drei Brüder. Marmaduke warf ſich zu ſeinem Beſchützer auf und wachte beſtändig über ihm, ſo daß Richard nicht länger mehr die Ueber⸗ legenheit zu mißbrauchen wagte, welche Alter und Stellung ihm verliehen hatten.“ „Auf 1 Vort,“ bemerkte Harold;„rotz 187 ſeines leidenſchaftlichen und etwas rachſüchtigen Charakters, ſcheint mir doch Marmaduke der beſte Ihrer beiden Oheime geweſen zu ſein, Harry.“ „„Rachſüchtig,“ wiederholte der Arzt,„das iſt das rechte Wort, obgleich ich für meinen Theil manchmal dachte, es müſſe in ſeinem Kopfe nicht ganz richtig ausgeſehen haben, denn wie hätte er ſonſt ſeinem ältern Bruder nach dem Leben trachten können?—“ „Unmöglich,“ rief Harry. „Ich fürchte, daß der Verdacht nur zu gegründet iſt, denn Richard wurde durch einen Schuß aus Marmaduke's Flinte ſchwer verwundet nach Hauſe gebracht. Auf ſeine Ausſage allein hin hätte man noch zweifeln können, im Hinblick auf den zwiſchen ihnen beſtehenden Haß; aber er hatte einen Zeugen.“ „Einen Zeugen!“ „Snape, den Rentmeiſter.“ „Auf das Zeugniß dieſes Menſchen würde ich keinen Hund hängen laſſen,“ rief Harold.„Ich ſah noch nie einen Menſchen mit ſo finſterem Ge⸗ ſichtsausdruck, dem die Schurkerei auf der Stirne geſchrieben ſteht.“ „St! St!“ unterbrach ihn der Doktor;„dieſer Menſch iſt ſchlecht genug, aber doch nicht ſo ſchlecht. ueberdieß ereignete ſich noch ein Umſtand, den keiner von Marmaduke's Zreumeu erklären vermochte.“ „Welcher?—“ S „Seine Flucht. Er verbannte ſich freiwillig aus ſeinem Geburtslande, was die meiſten Leute für ein ſtillſchweigendes Eingeſtändniß ſeiner Schuld anſahen; und ſelbſt diejenigen, welche am günſtigſten 188 für ihn geſtimmt waren, änderten ihre Meinung, als ſie hörten, daß Richard Burg nicht nur ſich wei⸗ gerte, ihn gerichtlich zu verfolgen, ſondern daß er auch ihm das von ſeinem Vater hinterlaſſene Vermächt⸗ niß ausbezahlt habe. Ich weiß gewiß, daß Beide ihre Erbitterung ſo weit vergaßen, daß ſie ſpäter bisweilen Briefe wechſelten.“ „Das iſt auffallend“, bemerkte Harry;„ich habe ſorgfältig alle Papiere in den meinem verſtorbenen Onkel gehörigen Schubladenſchränkchen durchſucht, und auch nicht Einen von Marmaduke herrührenden Brief darin gefunden. Wahrſcheinlich hat er ſie vor ſeinem Tode vernichtet.“ „Das glaube ich nicht.“ „Weßhalb?“ „Weil erſtens Richard Burg ein Mann war, der in ſeinen Geſchäften große Ordnung hielt, und weil ich ihn zweitens einer wahrhaft edelmüthigen Handlung für durchaus unfähig halte. Ich weiß, daß er gewöhnlich die Briefe ſeines Bruders deſſen Freunden zeigte, wie wenn er damit ſeines hoch erhabenen Benehmens ſich hätte rühmen wollen. Wenn ſie ſich nicht im Hauſe vorfinden, ſo glaube ich, daß ſie geſtohlen wurden.“ „Zu welchem Zweck?“ „Wer kann das ſagen? Briefe ſind manchmal läſtige Dinge. Wer würde z. B. zu beſchwören wagen, daß ein Mann zu einer gewiſſen Zeit in einem Lande verheirathet war, wenn eine Corre⸗ ſpondenz exiſtirt, welche beweist, daß er ganz wo anders gelebt hat? Uebrigens habe ich noch einen Grund für meinen Verdacht. Ich habe unter den 189 Bergleuten Nachfrage gehalten; ſo ſchlimm ſie auch ſind, ſo mochten ſie mich doch nicht anlügen. Der Angriff auf Sie und Ihre Freunde war eine abge⸗ kartete Sache.“ „Von wem?“ „Von Dobſon.“ „Und aus welchem Grunde?“ fragte Harry Burg. „Das vermag er allein zu erklären,“ erwiderte der Doktor.„Ich halte mich nur an Thatſachen, welche im ſpeciellen Falle ich mehr Mühe hatte, herauszubringen, als ich erwartete. Eines iſt aber ſicher, daß Dobſon mehrere Tage vor Ihrer Ankunft die Leute mit Bier und Branntwein traktirte und dabei von einigen pfiffigen Londoner Geſellen ſprach, die hieher kommen und ſie zum Beſten haben würden.“ „Sie kannten mich aber damals noch nicht,“ bemerkte Harry. „Keiner von Allen, mit Ausnahme von Dobſon vielleicht, und ſie ſind jetzt wüthend über ihn, daß er ſie zu einem ſolchen Verſehen verleitete. Ihre Familie iſt eine der älteſten in der Gegend und die Leute hegen einen altherkömmlichen Reſpekt vor ihr. Selbſt jetzt noch reicht der Name Marmaduke's hin, um ſie zu einem begeiſterten Hoch zu veranlaſſen.“ „Dann wird freilich die Sache meines Vetters ſehr populär unter ihnen werden,“ bemerkte der junge Mann. „Wenn er wirklich Ihr Vetter iſt, ſo will ich dieß nicht in Abrede ſtellen,“ erwiderte der Arzt; „aber ich kann es nicht glauben. Der Menſch muß ein Betrüger ſein; denn ſo viel ich weiß, liebte 190 Marmaduke zu innig und zu hoffnungslos, ehe er England verließ, als daß er ſich anderswo verhei⸗ rathet hätte. Und nun,“ fuhr er fort,„wenn Sie den Rath eines Freundes nicht verſchmähen, ſo ver⸗ laſſen Sie die Gegend ſogleich und kehren nach London zurück. Dort nur kann der Kampf des Rechts gegen Unrecht entſchieden werden. Ich werde einſtweilen Ihr Intereſſe hier bewahren.“ „Ich bin überzeugt, lieber Herr,“ rief der Erbe, „daß ich es keinen beſſern Händen anvertrauen kann.“ „Das dürfen Sie mit Recht,“ mögen Sie davon aufrichtig überzeugt ſein oder nicht,“ erwiderte der alte Mann.„Mag Snape den Pächtern drohen und die Bergleute gegen Sie aufhetzen, ſo werden dieſe doch thun, was ich ihnen ſage.“ Es war dieß keine bloſe Prahlerei, denn der Arzt hatte durch eine lange Praxis in dieſem be⸗ ſchwerlichen Diſtrikt einen ſo großen Ruf hinſichtlich ſeiner Menſchenliebe und Geſchicklichkeit erlangt, daß Jedermann ihm die höchſte Achtung zollte. Wenn in dem Bergwerke irgend ein Unglück ſich ereignete, ſo war er der Erſte, der hinabſtieg, um den Ver⸗ unglückten Hilfe zu bringen, und mehr als einmal hatte er jenen moraliſchen Muth an den Tag gelegt, der weit mehr, als phyſiſche Kraft, ſelbſt den Gei⸗ ſtern der unwiſſenden Menge imponirt. „Nun,“ ſprach er lächelnd, als er ſah, daß Harry Burg in tiefes Nachdenken verſunken ſchien, „über was ſinnen Sie nach?“ „Ich ſinne über den Grund nach, der meinen Rentmeiſter veranlaſſen mag, ſo entſchieden Partei gegen mich zu nehmen,“ erwiderte der junge Mann. 191 „Haben Sie nicht Willie Franklin die Lok⸗Farm zugeſagt?“ „Allerdings, und ich hoffe, im Stande zu ſein, ihm mein Wort zu halten. Sein Großvater wurde höchſt ungerechter Weiſe daraus vertrieben.“ „Sie mögen darin wohl Recht haben,“ mur⸗ melte der Doktor. „Ich verdanke mein Leben einem ſeiner Nach⸗ kommen und deßhalb verlangt es ſowohl Dank⸗ barkeit, als Gerechtigkeit von mir.“ „Es freut mich, dieß zu hören,“ verſetzte der Doktor, ihm herzlich die Hand ſchüttelnd.„Es iſt doch ſonderbar, wenn man die Geſchichte einer Familie aufmerkſam verfolgt, wie man da findet, daß gewiſſe Eigenſchaften und Talente durch Gene⸗ rationen hindurch in einer Familie verſchwinden, und dann gleich einem Schößling, der abgeſchnitten iſt, auf einmal wieder kräftige Sproſſen reibt.“ „Sie haben aber noch gar nicht von meinem Vater geſprochen,“ bemerkte Harry;„ich war noch ein Kind, als er ſtarb, und es iſt mir deßhalb auch kaum eine ſchwache Erinnerung ſeiner Perſon ge⸗ blieben.“ „Ich kann Ihnen auch nicht viel über ihn mit⸗ theilen“, erwiderte der Arzt;„denn ſobald er voll⸗ jährig wurde, verließ er dieſe Gegend und heirathete nachher, wie ich hörte, Ihre Mutter. Ich erinnere mich ſeiner blos als eines höflichen, fleißigen Jüng⸗ lings, von dem Jedermann Gutes ſprach, der an dem armen Marmaduke mit Leib und Seele hing und ſeinen ältern Bruder in hohem Grade fürchtete.“ 192 „Dieſer Richard muß ein höchſt tyranniſcher Menſch geweſen ſein,“ bemerkte Harold Trach,„und jetzt wundert mich auch das herzloſe Benehmen ſeines Sohnes gegen Sie nicht mehr.“ „Kannten Sie Ihren verſtorbenen Vetter?“ fragte der Doktor, ſich an den Hausherrn wendend. „Er kam als ein ſchwaches, kränkliches Kind zu meiner Mutter,“ erwiderte Harry;„als Männer begegneten wir uns blos zweimal, und ich wünſchte am Kliebſten, unſer Zuſammentreffen gänzlich zu vergeſſen.“ „Dieß erklärt die Wegnahme des Portraits,“ bemerkte der Doktor. „Welches Portraits?“ fragte Harry erſtaunt. „Das, welches über dem Bücherſchranke hing.“ Zugleich deutete der Arzt mit dem Stock nach der bezeichneten Richtung hin. Harry Burg ſchellte zweimal zum Zeichen, daß die Haushälterin zu erſcheinen habe. Mrs. Lawrence fand ſich auch ſogleich ein, indem ſie, in gewohnter Weiſe, langſam in das Zimmer geſchlichen kam. Zum erſten Mal fanden die beiden jungen Männer Gelegenheit, die Frau aufmerkſam zu betrachten, und ſie erſtaunten über die Marmorbläſſe ihres Geſichts, deſſen Züge ſtarr und kalt wie die einer Todten waren, wogegen ihr dunkles, forſchendes Auge ſeltſam abſtach. „Iſt irgend eine Veränderung in der Einrichtung dieſes Zimmers vorgenommen worden?“ fragte der Hausherr. „Ja wohl,“ erwiderte die Frau ruhig. „Wurde ein Portrait weggenommen?“ 193 a „Ich dachte mir's. Weſſen Portrait?“ „Des verſtorbenen Richard Burg.“ Sie ſprach dieſen Namen mit einem faſt unmerklichen Zittern der Stimme aus, das aber den Anweſenden nicht entging. „Und auf weſſen Befehl?“ „Auf meinen,“ erwiderte die Haushälterin in einem Tone, aus welchem erſichtlich war, daß ſie ſich nichts darum kümmerte, ob die Freiheit, die ſie ſich genommen, Beifall finde oder nicht.„Der Erbe liebt in der Regel jene Andenken nicht, welche ihn daran erinnern, daß er nicht immer im Beſitz von Glücksgütern geweſen iſt.“ „Was mich anbetrifft, ſo haben Sie darin Unrecht,“ verſetzte Harry,„und ich wünſche deßhalb, daß das Portrait augenblicklich wieder an ſeine frühere Stelle gehängt wird. Mein verſtorbener Vetter und ich waren uns zwar ziemlich fremd, und zwar deßhalb, weil ich zu ſeinen Lebzeiten mich über ſein Benehmen zu beklagen hatte; das iſt aber jetzt vergeſſen. Der Tod hebt die Erinnerung an jede Schuld auf.“ Die Frau betrachtete ihn einen Augenblick lang mit einem faſt freundlichen Ausdrucke und eine Thräne zitterte in ihren Augen.„Ihrem Wunſche ſoll ſogleich entſprochen werden,“ ſagte ſie und ver⸗ ließ das Zimmer. „Richard Burg muß doch einige gute Eigen⸗ ſchaften beſeſſen haben, die ich bis jetzt nicht bei ihm vorausſetzte,“ bemerkte Harold Tracy,„da ſein Andenken ſo lebhaft in dem Herzen einer Perſon Licht⸗ und Schattenſeiten. I. 13 194 fortlebt, welche für derartige Gefühle längſt abge⸗ ſtorben ſcheint.“ „Wir können die menſchliche Natur nicht vor⸗ ſichtig genug beurtheilen,“ ſagte der Doktor;„das Herz iſt ein Geheimniß für Alle, mit Ausnahme deſſen, der es erſchaffen hat.“ Die Neuigkeit, daß ein Prätendent mit Erb⸗ anſprüchen in der Perſon eines Sohnes des ver⸗ ſtorbenen Marmaduke Burg aufgetreten ſei, ver⸗ breitete ſich wie ein Lauffeuer nach allen Seiten und kühlte den Eifer der Pächter dergeſtalt ab, daß ſie die bereits beſchloſſene Adreſſe und Deputation an den neuen Gutsherrn auf unbeſtimmte Zeit ver⸗ tagten. Dobſon und Baines waren ganz außer ſich vor Vergnügen, und Letterer war jetzt voll⸗ kommen überzeugt, daß er den Pacht von Lock⸗Farm erhalten werde. Sie ſprachen es nicht nur im Wirthshauſe„Zu den Bergleuten“, ſondern überall, wohin ſie kamen, aus, daß Harry Burg ein Be⸗ trüger ſei, und ihre Behauptung würde auch überall Glauben gefunden haben ohne die Freundſchaft und den Einfluß des Doktors, der ſich eifrig bemühte, dieſem Gerüchte zu widerſprechen. Dieß verurſachte eine Spaltung in den Meinungen, und als am folgenden Tage nach Harry's und ſeines Freundes Abreiſe die Heftigſten, von Snape aufgehetzt, vor⸗ ſchlugen, ſich in Beſitz der Halle zu ſetzen, und dieſe für den wahren Erben mit Beſchlag zu belegen, gaben es die Anderen aus dem Grunde nicht zu, weil der Doktor es mit dem Fremden gehalten habe. Dieſer ſchlug auch verſprochenermaßen ſeine Woh⸗ nung im Herrnhauſe auf, was ſich als höchſt nützlich 195 erwies, weil er auf dieſe Weiſe den Rentmeiſter controliren konnte, der wohl fühlte, daß ein wach⸗ ſames Auge ſein Treiben genau beobachtete. Weder Harold, noch ſein Freund kehrten in heiterer Stimmung nach London zurück. Der Erſtere hatte bereits erfahren, daß General Trelawny mit ſeiner Familie in der Stadt ſei, und er zitterte bei dem Gedanken, Bella zu treffen, und ſein Herz neuen Prüfungen ausgeſetzt zu ſehen. Harry ſah den Umſturz ſeines plötzlichen Glückes voraus, denn er war feſt entſchloſſen, die Güter ohne Prozeß abzutreten, wenn ſein plötzlich aufgetauchter Vetter den moraliſchen Beweis ſeiner Anſprüche zu führen im Stande ſei. Den geſetzlichen Weg wollte er durchaus nicht betreten. Zwar drohte ihm nicht mehr völlige Armuth; denn er hatte unbeſtreitbare Anſprüche auf die Hälfte des baaren Geldes, welches Sir John ihm ausbezahlt hatte und das an und für ſich fünfzehntauſend Pfund betrug. Er machte deßhalb mehrmals Verſuche, Brandon zu ſprechen, der ihm aber, ſei es aus Zartſinn, oder anderen Gründen, beharrlich auswich und ihn an ſeine Sachwalter, die Herren Wigget und Tye, wies, ein paar trockene, pedantiſche Geſchäftsleute, denen in keiner Weiſe beizukommen war. Bei dieſem Stand der Dinge war die Ankunft Sir Mordaunt Tracy's in London, der ſeinem Neffen Lebewohl zu ſagen gekommen war, ein wahres Glück, denn Harry hatte noch nicht einmal einen Advokaten zu Rath gezogen. „Ihre Gefühle ſind ſehr lobenswerth, Mr. Burg,“ bemerkte der Baronet, nachdem ihm V 196 niſſe auseinandergeſetzt worden waren,„aber ge⸗ ſtatten Sie mir die Bemerkung, daß Sie kein Recht haben, ſich von dieſen leiten zu laſſen und dabei Gefahr zu laufen, das Erbe Ihrer Familie in die Hände eines Betrügers gelangen zu ſehen. Sie müſſen mir erlauben, Sie mit meinen Rechtsfreunden bekannt zu machen, welches Männer von unbezwei⸗ felter Rechtlichkeit und großer Geſchäftskenntniß ſind. Sie können Ihre Ehre und Intereſſen vertrauens⸗ voll in deren Hände legen.“ „Das iſt es, worauf ich ſchon längſt drang,“ rief Harold. „Wenn Brandon beweist, daß er der legitime Sohn meines Onkels Marmaduke iſt,“ erwiderte Harry feſt,„ſo gebe ich alle meine Anſprüche auf die Güter auf. Marmaduke war meines Vaters Freund und ſein Beſchützer gegen die Tyrannei ſeines ältern Bruders. Dankbarkeit, Gerechtigkeit, Ehre ſchreiben mir das Benehmen vor, welches ich mir vorgezeichnet habe.“ „Darin haben Sie ganz Recht! ganz Recht!“ erwiderte der Baronet;„aber wie kann er es be⸗ weiſen? Nur durch eine gerichtliche Unterſuchung, durch klare Darſtellung der Thatſachen, Vorlage von Dokumenten und Beibringen von Zeugen. Es iſt ein altes Sprüchwort, daß nichts der Wahrheit ſo ähnlich ſieht, als eine wohl ausgeſonnene Lüge, und dagegen haben Sie ſich zu verwahren. „Aber die Gerichtskoſten?“ „Die müſſen aus den Gütern beſtritten werden,“ unterbrach ihn der Baronet,„ſelbſt wenn es Brandon gelingt, ſeine Erbanſprüche darzuthun. Ich verſtehe 197 noch immer ſo viel von Geſetzeskunde, daß ich Sie von der Richtigkeit dieſes Umſtandes verſichern kann. Ihr Vetter, ſagen Sie, weigert ſich, Sie zu ſehen. Ohne Zweifel handelt er nach Rathſchlägen, und dieß müſſen auch Sie thun. Jedes andere Ver⸗ fahren wäre Wahnſinn und nicht Edelmuth.“ Die Beweisgründe des Baronets brachten Harry Burg zwar zum Schweigen, ohne ihn jedoch zu überzeugen, und ſo entſchloß er ſich mit innerem Widerſtreben, ſeine Angelegenheit in die Hände der Herren Simpſon und Rackham, den Anwälten Sir Mordaunt Tracy's, zu legen, bei denen er den andern Tag Beſuch machte. Der Vorſtand dieſer Firma glaubte ſeinen Ohren nicht zu trauen, als ihm ſein neuer Client auseinanderſetzte, daß ihm die moraliſche Ueberzeugung, wenn er ſie erlangen könnte, genügen würde, und er den Prozeßweg vermeiden möchte. „Das moraliſche Recht iſt von dem geſetzlichen unzertrennlich,“ bemerkte der Advokat; in ſeiner ganzen langen Praxis habe er nie von einem ſolchen Abkommen gehört und um ſeines Rufes willen ſei er genöthigt, es abzulehnen, ſich dabei zu bethei⸗ ligen; es ſei ein reiner Wahnſinn, nur daran zu denken.„Bedenken Sie wohl,“ fuhr er fort,„wel⸗ chen Vortheil Sie dadurch Ihrem Gegner einräumen, dem es unter Anleitung eines geſchickten Rechts⸗ freundes nicht ſchwer fallen wird, Beweiſe aller Art vorzubringen, wenn er weiß, daß dieſe nicht nach dem Buchſtaben des Geſetzes geprüft und ſtreitig gemacht werden.“ Dieſes letzte Argument, das vollkommen den 198 Wünſchen und Anſichten ſeiner Freunde entſprach, ſchlug durch, und Harry willigte ein, ſeine Ange⸗ legenheit in die Hände der Herren Simpſon und Rackham niederzulegen, wobei er ſich jedoch in der Stille vorbehielt, ganz nach ſeinem Gewiſſen und ſeiner Ueberzeugung zu handeln. „Um's Himmels willen, Sir Mordaunt,“ flüſterte der Mann des Geſetzes dem Baronet beim Weg⸗ gehen in die Ohren,„ſchaffen Sie ihn ſo raſch als möglich von hier fort, denn wenn Wigget und Tye Aeußerungen, wie ſie hier gefallen ſind, hörten, ſo würden ſie ſogleich auf Niederſetzung einer Com⸗ miſſion antragen, um ihn für wahnſinnig erklären zu laſſen.“ Der Baronet verſprach ſein Möglichſtes zu thun. Am nächſten Morgen wurde Harold von ſeinem Onkel mit der Nachricht überraſcht, daß er für ihn eine Einladung zum Mittageſſen bei General Tre⸗ lawny angenommen habe.„Wer weiß, was da geſchieht,“ rief der alte Herr mit wohlwollendem Lächeln.„Seit deiner Abreiſe von Granstoun hat Bella ſichtlich gekränkelt. Mädchen ſind wetterwen⸗ diſch; dein Antrag hat ſie vielleicht überraſcht und ſie hat ſich wohl die Sache beſſer überlegt. Jeden⸗ falls iſt ſie noch eines zweiten Verſuches werth,“ ſetzte er hinzu, als ſein Neffe traurig den Kopf ſchüttelte;„denn der Mann, der ihre Liebe gewinnt, trägt einen Schatz davon.“ „Ich bin nicht zu dieſem Glücke geboren!“ rief Harold ſeufzend.„Es lag nichts Kokettes in ihrem Benehmen, als ſie mich abwies; ihre Rührung und ihre Thränen entſprangen aus dem Bedauern, wel⸗ — 199 ches ein gefühlvolles Herz immer empfinden muß, wenn es ein anderes betrübt. Sie geſtand mir offen, daß ihre Empfindung für mich keine andere ſei, als die einer Schweſter.“ „Das wird ſich geben,“ murmelte der Baronet, „das wird ſich geben.“ Während des Beſuchs in Granstoun⸗Park und nachher auf dem Hofe hatte er Bella und ſeinen Neffen genau beobachtet und die Ueberzeugung von einer gegenſeitigen Neigung hatte ſich in ihm ſo feſtgeſetzt, daß er ſich nicht mehr davon zu trennen vermochte. Je mehr er die Sache überlegte, um ſo unerklärlicher erſchien ihm ihre Weigerung. Sie muß ihn lieben, dachte er, mit ſeinem ſchönen, kräftigen Aeußern und ſeinem friſchen, unverdorbenen Herzen. Wenn ich Beide nur noch einmal zuſammenbringe, ſo werden ſeine guten Ei⸗ genſchaften und ihr geſunder Verſtand das Uebrige thun. Von dieſer feſten Ueberzeugung ausgehend, drang er in ſeinen Neffen, ihn zu begleiten. „Wenn Sie es wünſchen, Onkel, ſo gehe ich mit,“ erwiderte Harold,„jedoch nicht in der Hoff⸗ nung, daß—“ „Freilich wünſche ich es, lieber Junge,“ unter⸗ brach ihn Sir Mordaunt;„du weißt, daß ich dich zu ſehr liebe, als daß ich dich die beſten Kräfte deines Herzens und deiner Jugend in hoffnungs⸗ loſer Leidenſchaft verzehren ſehen möchte. Das Mädchen iſt wohl eines nochmaligen Verſuches werth.“ „Gewiß iſt ſie der heißeſten Liebe würdig und es verlohnt der muthigſten Anſtrengung, ſie zu ge⸗ winnen,“ rief Harold feurig.„Niemand kennt den Werth eines Edelſteins ſo genau, als der, welcher 200 ihn verlor. Doch, gleich viel; es ſei darum, wenn auch die Wunde wieder friſch zu bluten anfängt— ich werde Sie in's Haus des Generals begleiten.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, um ſeine Gemüthsbewegung zu verbergen, die er nicht länger mehr zu unterdrücken vermochte. „Ich gebe die Sache noch nicht für verloren,“ ſprach der Baronet zu ſich im Tone der Ueberzeu⸗ gung;„es kann nicht in der Abſicht der Vorſehung liegen, daß die Liebe des Reffen ebenſo, wie die des Onkels getäuſcht werden ſolle. Ich mag vielleicht mein Schickſal verdient haben; aber Harold— nein, nein, der iſt zu unſchuldig.“ Ich ſoll ſie alſo wieder ſehen, dachte Harold, aber ich darf ihr nicht ſagen, was ich fühle. Ich werde ihre Stimme hören, aber nicht eingeſtehen, wie mein Herz bei deren Ton ſchlägt; ihre Hand in der meinigen halten, ihre elektriſche Berührung fühlen, ohne den leiſeſten Druck dabei wagen zu dürfen; ich muß meine Augen bewachen, damit ihr Leuchten nicht die Liebe verräth, die ſie abgewieſen hat. Mein guter, liebevoller Onkel ahnt freilich nichts von der Qual, der er mich unterwirft, denn ich muß eine Maske vor das Geſicht legen und meine Worte in die Form der kalten Höflichkeit zwängen. Ich hätte nie geglaubt, daß ich ein Benehmen dieſer Art einſtudiren müßte. Ein Troſt war ihm aber noch in ſeinem Schmerz geblieben, die Ueberzeugung nämlich, daß nur er unter dieſen Verhältniſſen leide. Er dachte entfernt nicht daran, daß in demſelben Augenblicke, in welchem er zu dieſem Schluſſe ge⸗ langte, die arme Bella ihr Herz und Geſicht eben⸗ 201 falls künſtlich abrichtete, damit kein unbeſonnenes Wort oder ein unbewachter Blick den wahren Zu⸗ ſtand ihrer Gefühle verrathe, von Gefühlen, welche bereits die roſige Farbe der Geſundheit von ihren Wangen verſcheucht und nur deren farbloſe Schwe⸗ ſter darauf zurückgelaſſen hatte. Im Begriff, ſich anzukleiden, erinnerte ſich Harold⸗ daß er verſprochen hatte, Albert Mortimer und Harry dieſen Abend in die Oper zu begleiten. Das iſt eine vortreffliche Entſchuldigung, dachte er, des Generals Haus zu verlaſſen und dadurch dieſen peinlichen Beſuch abzukürzen. Er ſchrieb deßhalb ſeinen Freunden, daß er genöthigt ſei, bei General Trelawny zu Mittag zu eſſen, verſprach aber im Laufe des Abends noch ſie aufzuſuchen. Albert war gerade bei Harry, als das Billet eintraf. „Bei General Trelawny?“ wiederholte Harry, indern er dem Ofſicier das Billet zum Leſen ein⸗ händigte.„Bei dieſem wurden Sie zuerſt mit Harold bekannt, ſo viel ich mich erinnere 2 „So iſt es.“ „Der General hat eine Tochter, nicht wahr?“ „Zwei,“ erwiderte Albert mit unbefangener Miene;„Eugenia und Bella.“ „Wie ſehen ſie aus? Beſchreiben Sie ſie mir.“ „Ich bin ein ſchlechter Portraitmaler,“ verſetzte der Officier lachend;„ich will aber mein Möglichſtes thun. Eugenia iſt eine jener prächtigen Schönheiten, welche im Sturme für ſich einnehmen. Es gibt nichts Graziöſeres, als ihre Erſcheinung, dabei iſt 202 ſie eine glänzende Muſikerin, ſingt göttlich und tanzt wie eine Sylphide.“ „Beſitzt ſie Herz?“ „Das werden Sie ſelbſt zu beurtheilen Gele⸗ genheit finden, denn Harold iſt im Hauſe ſo genau bekannt, daß er Sie gewiß dem General vorſtellen wird. 05 aber die junge Dame ein Herz beſitzt, oder nicht, das iſt ein Problem, das ich nie zu löſen wagte. Mit Herzen zu ſpielen, iſt für einen armen Mann zu gefährlich, als daß er es wagen dürfte.“ „Und ihre Schweſter?“ fragte Harry weiter, ohne die letzte Bemerkung zu beachten. „Bella! O die iſt eines jener ſtillen Mädchen, die, ohne auf den erſten Anblick zu blenden, wie ein Schatten in unſer Herz ſich einſchleichen. Ihr Charakter iſt ſo ſanft, wie das erſte Frühlings⸗ lüftchen, das mit den noch geſchloſſenen Kelchen der Blumen kost.“ Jetzt begreife ich die Urſache ſeines Fueſ dachte Harold's Freund. Vierzehntes Kapitel. An dem Diner bei General Trelawny nahm nur die Familie Theil, und außer Sir Mordaunt Tracy und ſeinem Neffen war Niemand eingeladen. Der alte Militär bewillkommte den Letztern mit einer Herzlichkeit, welche bewies, wie hoch er ihn ſchätzte, und ſeine Geſinnungen gegen Harold drückten 203 ſich durch ſein Benehmen faſt deutlicher aus, als die Worte es zu thun vermocht hätten:„Gewinne ſie und führe ſie heim, lieber Junge, des Vaters Se⸗ gen ſoll dich begleiten.“ Harold bemerkte dieß wohl und fühlte deßhalb ſeinen Schmerz nur um ſo tiefer. Nur wenige Minuten früher, als gemeldet wurde, daß aufgetragen ſei, erſchienen die beiden Schweſtern in Begleitung der Mrs. Mortimer im Salon. Eugenia, wie gewöhnlich, lächelnd und voll Freund⸗ lichkeit, ſo glänzend, wie die Edelſteine, die ſie trug, und wir brauchen nicht hinzuzuſetzen, eben ſo kalt und herzlos, wie dieſe, denn ſie hatte im Stillen den Kampf Bella's beobachtet, ſie hatte es mit an⸗ geſehen, wie die Blüthe der Geſundheit nach und nach auf deren Wangen erbleichte, und doch hatte ſie ſich nie verſucht gefühlt, die Worte auszuſprechen: „Sei frei; ich gebe dir dein Verſprechen zurück.“ Sie war viel zu ſelbſtſüchtig, ihren Stolz und ihre Laune zum Opfer zu bringen; denn von einer Leidenſchaft, welche Harold ihr eingeflößt hätte, konnte nicht die Rede ſein; er hatte nur ihre Eitelkeit, nicht aber ihre Gefühle verletzt. Bella lächelte matt, als ſie ihre Hand in die Harold's legte. Er fühlte, daß dieſe zitterte, ohne aber deßhalb neue Hoffnungen zu hegen, denn ſie hatte ſich gegen ihn zu deutlich ausgeſprochen. Das ſchöne Mädchen vermochte es nicht mit ihren Grundſätzen zu vereinigen, mit ihm zu kokettiren, wie es ihre Schweſter gethan hatte. Wie bleich ſie iſt, dachte Harold, als er ihr den Arm bot, um ſie in das Speiſezimmer zu führen. Er hat ſich ſehr verändert, ſprach Bella im Stillen zu ſich. Und ſie hatte Recht; es waren 204 aber nicht ſowohl ſeine Geſichtszüge, als deren Aus⸗ druck, der ſich verändert hatte. Der fröhliche Muth, das heitere Lächeln war verſchwunden und auf ſeinen Zügen ſchien ein düſterer Schatten ſich herabgeſenkt zu haben. Das Diner ging ziemlich ſchweigſam vorüber, denn Heiterkeit iſt eines jener Dinge, welche Reich⸗ thum nicht befehlen kann. Vergebens ſtrengten der General und der Baronet ſich an und bemühte ſich Eugenia, zu glänzen; es gelang ihr nur, ſarkaſtiſch zu ſein. Alle waren froh, als das Eſſen vorüber war und die Geſellſchaft ſich wieder in den Salon zurückbegab. Dort war ein einziger Spieltiſch auf⸗ geſtellt zu dem gewohnten Robber Whiſt für den General. Eugenia errieth ihres Vaters Kriegsliſt und beſchloß, wo möglich, ſie zu vereiteln. Sie zitterte vor dem Gedanken, daß Harold hinter ihr Geheimniß komme und dann Bella umſtimmen möchte. Deßhalb ſetzte ſie ſich an das Piano im anſtoßenden Zimmer, von wo aus man den Salon überſehen konnte, um auf dieſe Weiſe Herrin der Situation zu bleiben. Der alte Militär ließ ſich aber nicht ſo leicht ſchlagen. Er ſah das Manöver, und weil er vielleicht den Grund davon vermuthete, ſo forderte er ſie zum Mitſpielen auf. „Ich meine, Sie wünſchten vielleicht Muſik zu hören,“ bemerkte die Schöne im Tone ſchlecht ver⸗ hehlter übler Laune. „Deine Schweſter kann uns Etwas vorſpielen,“ erwiderte der Vater. Sir Mordaunt Trachy merkte, um was es ſich handelte und kam ſeinem Freunde geſchickt dadurch 205 zu Hilfe, daß er Bella bat, das Lied zu ſingen, das ihn in Granstoun ſo ſehr entzückt habe. Zu Eu⸗ geniens großem Erſtaunen willigte ihre Schweſter nicht nur ſogleich ein, ſondern bat ſogar Harold, ſie an das Inſtrument zu führen. Eugenia biß ſich vor Aerger auf die Lippen. Ich habe einem ſchwa⸗ chen Rohr vertraut, dachte ſie. Ihrem Eid zuwider hat ſie ſich entſchloſſen, ihn zu erhören, und der Verdruß darüber brachte ſie ganz außer ſich. Bella ſang das Lied, um welches der Baronet gebeten hatte. Ihre Stimme zitterte aber ein wenig gegen den Schluß hin, denn die Ahnung, daß ſie das Haus, das ſie ſo ſehr liebte, wohl bald werde verlaſſen müſſen, laſtete ſchwer auf ihr und ſie dachte dabei an ihres Vaters Kummer. „Ich glaubte, Mr. Trach,“ ſprach ſie mit dem tiefen melodiſchen Tone ihrer Stimme,„daß Sie zu reiſen beabſichtigten?“ „Das iſt auch mein Plan,“ erwiderte dieſer, „und ich würde England bereits verlaſſen haben, wenn mich nicht das Intereſſe eines werthen Freundes, das ſehr ernſtlich bedroht iſt, zurückgehalten hätte.“ „Sie verſprachen mir, mich als Ihre Schweſter zu betrachten?“ „Ich habe dieß verſucht.“ „Sie werden alſo nicht böſe über mich werden,“ fuhr das ſchöne Mädchen fort,„wenn ich dieſes Vorrecht in Anſpruch nehme und offen, wie mit einem Bruder, mit Ihnen rede? Harold, Sie ſind jung; die Natur hat Sie reich mit Talenten aus⸗ geſtattet, die Sie zum Nutzen Ihrer Mitbürger und zu einer ehrenvollen Laufbahn für ſich anwenden 206 können. Ich habe mit mehr Kummer, als ich aus⸗ zuſprechen vermag, die Veränderung wahrgenommen, die mit Ihnen vorgegangen iſt. Iſt dieß vernünftig, — iſt es gerecht gegen Sie ſelbſt, ſich einer nutz⸗ loſen Betrübniß hinzugeben, ohne dagegen anzu⸗ kämpfen?“ „Gleichgiltigkeit, Miß Trelawny, iſt ein ſcharfer Logiker,“ erwiderte der junge Mann mit einem Seufzer. „Gleichgiltigkeit!“ wiederholte Bella, ihre Em⸗ pfinblichkeit bemeiſternd.„Freundſchaft wäre das richtigere, wenigſtens das wohlwollendere Wort ge⸗ weſen. Zum erſten Mal, Harold, geben Sie mir Veranlaſſung, Sie der Ungerechtigkeit anzuklagen.“ „Dieß lag nicht in meiner Abſicht,“ verſetzte er; „aber wenn das Herz zermalmt wird, ſo ſtößt es unwillkürlich einen Schmerzensſchrei aus. Sie waren das Ideal meiner Zukunft als Mann, die Verwirk⸗ lichung des Traumes meines Knabenalters, das Weſen, das mein ganzes Daſein verſchönern oder vernichten ſollte. Ich kann mich allerdings in den Strudel der Welt ſtürzen, aber dieſe hat den Reiz für mich verloren. Ich kann dem Vergnügen nach⸗ rennen, mich in Spekulationen einlaſſen, den Ein⸗ gebungen meines Ehrgeizes Folge leiſten, aber die Reſultate, die ſie gewähren, haben keinen Werth mehr für mich. Entſchuldigen Sie übrigens,“ ſetzte er hinzu,„daß ich mir abermals erlaubte, auf Hoff⸗ nungen anzuſpielen, die Sie ein für alle Mal abge⸗ ſchnitten haben.“ Weder in ſeinem Tone, noch in ſeinem Benehmen gab ſich Aufregung oder Leiden⸗ ſchaft kund. Dem äußern Anſcheine nach waren 207 beide kalt, wie der Schnee, der den Gipfel des Aetna deckt, aber gleich jenem Schnee verbargen auch ſie ein Feuer, welches langſam das Innere verzehrte. „Sind Sie ſtandhaft genug, Harold,“ fragte Bella nach einem kurzen Ueberlegen,„ohne ein Wort zu erwidern oder einen Schrei auszuſtoßen, eine Wahrheit zu hören, welche Ihnen tief in's Herz ſchneiden wird?“ „Ich kann es, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Ich bin eine Sterbende,“ flüſterte ſie.„St! den⸗ ken Sie an meinen armen Vater. Dieſer harte Schlag wird ihn nur zu bald treffen. Die kurze Lebens⸗ friſt, die mir noch bleibt, muß ich dazu verwenden, ihn auf meinen Verluſt vorzubereiten. Ich werde nie die Braut eines andern Mannes werden. Das Grab wird mich aufnehmen. Es iſt dieß kein Ge⸗ ſpenſt meiner Einbildung, ſondern meine tiefinnerſte Ueberzeugung, und wenn ich Ihnen das Geheimniß mittheile, mein Freund, mein Bruder, ſo geſchieht es nur deßhalb, damit die Kenntniß deſſelben dazu beitrage, die Wunde zu heilen, die ich unwill⸗ kürlich geſchlagen habe.“ Kalte Schweißtropfen ſtanden auf Harold's Stirne, die ihm Seelenangſt und Verzweiflung aus⸗ gepreßt, während er ihren Worten gelauſcht hatte. Ohne zu wiſſen, was er that, ſank er vor ihr auf die Kniee und küßte ihre Hand, die er leibenſchaft⸗ lich an ſeine Lippen drückte. Bella fühlte ſeine heißen Thränen darauf niederträufeln, von denen ſie jede einzelne nach den bangen Schlägen ſeines Herzens hätte zählen können. „Ich habe Ihnen dieß mitgetheilt,“ ſprach ſie mit 208 brechender Stimme,„um Sie aus einem Traume zu erwecken, der ſich nie verwirklichen kann, und damit Sie Ihre Kraft als Mann zuſammennehmen, um eine Liebe zu erſticken, welche ich— für auf⸗ richtig halte— aber nie erwidern kann.“ „Liebe Bella, willſt du uns nicht noch etwas ſingen?“ fragte ihre Schweſter aus dem Salon, deren Eiferſucht durch die plötzlich eingetretene Stille rege gemacht worden war. „Herz iſt ausgeſpielt, Eugenia,“ ſprach der Vater. „Ich habe keines,“ rief die Schöne, indem ſie in der Zerſtreuung einen Atout darauf legte. „Auf eine Freikarte!“ rief der General.„Gib doch beſſer auf das Spiel acht, meine Liebe.“ Dieſe Ermahnung nöthigte ſie zu ſchweigen. „Sie täuſchen ſich ſelbſt, Bella,“ murmelte Ha⸗ rold.„Die Bläſſe ihrer Wangen iſt nicht die Farbe des Todes. Das Verſprechen, das Sie mir ent⸗ riſſen haben, iſt grauſam. Wenn Gefahr vorhan⸗ den iſt, weßhalb machen Sie dann nicht Ihren Vater darauf aufmerkſam. Eine Luftveränderung oder—“ Sie erhob den Finger und legte ihn ſanft auf ſeine Lippen, aus Vorſicht, daß man ihn nicht höre. „Ich habe noch eine Bitte an Sie, Harold,“ ſprach ſie,„und zwar eine recht dringende. Ich hoffe, Sie werden ſie mir nicht abſchlagen. Kommen Sie nicht mehr auf Beſuch hieher bis—“ Ein krampf⸗ haftes Zucken deutete ihr an, wie ſchmerzhaft die Wunde ſein würde, die ſie zu ſchlagen im Begriffe ſtand, und deßhalb zögerte ſie,—„bis zu Ihrer Rückkehr von Ihren Reiſen,“ fuhr ſie endlich fort, die Worte ändernd, die ſie hatte ausſprechen wol⸗ 209 len;„meinem Vater wird es dann gewiß Freude machen, Sie wieder zu ſhei „Und Ihnen, Bella?“ „Sie finden dann vielleicht ein Grab auf dem Kirchhofe bei der Maierei. Ich wünſche dort be⸗ graben zu werden. Dringen Sie nicht in mich, Ihnen weitere Aufklärung zu geben, welche für jungfräulichen Zartſinn peinlich, wenn nicht gar unmöglich wäre. Sollten meine Ahnungen trügen, ſo lachen wir darüber, wenn wir uns eines Tages wieder ſehen; wenn ſie ſich aber erfüllen, ſo wer⸗ den Sie mich nicht vergeſſen.“ „Vergeſſen! Nie!“ ſtöhnte Harold, der wohl einſah, daß es nach einer ſolchen Anſpielung un⸗ möglich ſei, weiter in ſie einzudringen. Er ahnte entfernt nicht, welcher Art die Erklärung ſei, auf die ſie angeſpielt hatte. „Leben Sie wohl, Harold,“ murmelte ſie, von dem Stuhle aufſtehend und ihm die Hand reichend. „Laſſen Sie uns ſo ſcheiden, wie es ſich für liebende Geſchwiſter geziemt.“ Harold ſchloß ſie einen Augenblick lang an ſein Herz, drückte einen Kuß auf ihre Wangen und ver⸗ ließ ſchweigend das Zimmer. Das arme Mädchen ſank auf den Sopha und drückte die Hand an ihr Herz, wie um das heftige Schlagen deſſelben zu erſticken. „Der Kampf iſt vorüber,“ ſprach ſie zu ſich.„Der Himmel hat mir Stärke verliehen, um meinen Eid halten zu können; das Uebrige ſteht in Gottes Hand,“ Sobald der Robber vorüber war, kam Eugenia in das Zimmer und fand zu ihrem Erſtaunen ihre Schwe⸗ ſter allein.„Wo iſt denn Mr. Trach?“ fragte ſie. Licht⸗ und Schattenſeiten. I. 14 210 „Er iſt fort,“ erwiderte Bella. „Fort! Ohne ſich zu verabſchieden!“ „Er wollte beim Spiele nicht ſtören.“ Der Baronet ſowohl, wie der General, merk⸗ ten wohl, daß es zu einer Erklärung gekommen ſein mußte und daß dieſe gegen ihre Wünſche aus⸗ gefallen ſei, denn Beide hätten eine Verbindung zwiſchen Harold und Bella gar zu gerne geſehen, indem dadurch noch ein feſteres Band um ihre lang⸗ jährige Freundſchaft geſchlungen worden wäre. Sir Mordaunt fühlte ſich dadurch ſo verletzt, daß er faſt unmittelbar darauf ſich ebenfalls entfernte. „Liebloſes Mädchen!“ flüſterte der General, als Bella ihm gute Nacht wünſchte,„während ein Ein⸗ ziges Wort uns Alle hätte glücklich machen können.“ „Zürnen Sie mir?“ erwiderte ſie. „Zürnen!“ widerholte er;„ich habe dir in mei⸗ nem ganzen Leben nicht gezürnt. Ich bin betrübt, Bella, aber nicht zornig. Uebrigens,“ ſetzte er mit einem zärtlichen Blicke auf ſie hinzu,„trägſt du keine Schuld; Harold iſt ein liebenswürdiger Menſch und ich hätte ihm vor jedem andern Schwieger⸗ ſohn den Vorzug gegeben,— aber wir können dem Herzen nicht gebieten.“ Der alte Herr wußte freilich nicht, daß er durch das Lob Harold's und die für ihn ausgeſprochene Vorliebe ſeinem armen Kinde das tiefſte Weh bereitete. Eugenia hatte weder Ruh, noch Raſt, bis ſie erfuhr, was zwiſchen ihrer Schweſter und dem Nef⸗ fen des Sir Mordaunt Tracy vorgegangen war; nicht als ob ihr Gewiſſen ſich gerührt hätte, ſon⸗ dern ſie fürchtete, Harold möchte ihr unedles Be⸗ 211 nehmen gegen Bella erfahren, deren Aufopferung ſie ſo ſchmählich vergolten hatte und es würde dann dieſer nicht allein ſie verdientermaßen verachten, ſondern auch ihr Benehmen ihrem Vater mitthei⸗ len, deſſen Zorn allein ſie von jeher gefürchtet hatte. Sie ſuchte daher ihre Schweſter in ihrem Zimmer auf, um den Stand der Dinge zu erfahren. „Schicke Norah weg,“ ſprach ſie,„ich habe mit dir zu reden.“ Das gute Mädchen entſprach ſogleich bereitwil⸗ lig dieſem Verlangen. „Mr. Tracy hat dir wieder von Liebe geſpro⸗ chen?“ fragte ſie, ſobald ſie allein waren. 7 „Ja. „Zum letzten Mal, wie ich hoffe.“ „Zum letzten Mal,“ widerholte Bella.„Er hat mir verſprochen— und du weißt, daß er zu viel auf Ehre hält, um ſein Wort zu brechen— keinen Beſuch mehr bei uns zu machen, bis nach ſeiner Rückkehr von ſei⸗ nen Reiſen und darüber können Jahre hingehen.“ „Wie konnteſt du ſo unedelmüthig, ſo ſelbſt⸗ ſüchtig ſein,“ unterbrach ſie die ſtolze Schöne,„ihm ein Verſprechen abzunehmen, das uns für immer trennt, da du doch meine Gefühle für ihn kennſt.“ Bella ſah ſie vorwurfsvoll an. „Daß du deinen Eid gehalten haſt, war ganz in der Ordnung, aber ihn von hier zu verbannen, dazu haſt du kein Recht.“ „Du wirſt nie Harold's Frau werden,“ be⸗ merkte Bella. „Was ſollte ihn davon abhalten? Er liebte mich zuerſt.“ 142 212 „Eine Erinnerung aus dem Grabe wird wie ein Geſpenſt eine Schranke zwiſchen euch aufrich⸗ ten,“ erwiderte Bella,„die weder deine Liebens⸗ würdigkeit, noch deine Schönheit niederzureißen ver⸗ mag. Ich gehe dem Tode entgegen.“ „Wie lächerlich!“ rief Eugenia aus.„Vor Liebe ſterben! Wer hat von ſo Etwas je gehört, außer in Moderomanen? Das Herz bricht nicht ſo leicht.“ „Das iſt wahr; der Kampf iſt lang und ſchmerz⸗ voll,“ erwiderte Bella gelaſſen auf dieſe gefühlloſe Aeußerung.„Schweſter Eugenia!“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihre Hände faßte und ihr flehentlich in's Geſicht blickte,„handle edelmüthig und entbinde mich meines unſeligen Eides. Ich bitte nicht blos um meiner ſelbſt willen darum, aber denke an un⸗ ſern armen Vater.“ Statt einer Antwort wandte ſich das ſelbſtſüch⸗ tige Mädchen von ihr ab und verließ, ohne ein Wort zu ſprechen, das Zimmer. Sie wußte jetzt, daß ihr Geheimniß bewahrt bleiben werde und Alles Uebrige kümmerte ſie nicht. „Ich wußte wohl, daß es vergebens ſein werde,“ ſeufzte Bella, ihr betrübt nachblickend;„der Him⸗ mel möge ihr verzeihen!“ Anſtatt Harry Burg und Albert Mortimer ver⸗ ſprochenermaßen in der Oper aufzuſuchen, durchwan⸗ derte Harold Tracy mehrere Stunden lang die beleb⸗ ten Straßen von London, ohne auf das Geſumme der Stimmen und den Strom der Menge zu achten, die hin⸗ und herwogte, ſich gegenſeitig auswich oder in den Ecken an einander rannte. Ich muß Eng⸗ land ſobald als möglich verlaſſen, dachte er, denn 213 nur eine Veränderung des Schauplatzes und die Aufregung durch Gefahren und Abenteuer vermögen meine Kraft gegen dieſe Trübſal zu ſtählen. Sie iſt ſterbend! widerholte er nochmals vor ſich hin, ſterbend! Der Wurm nagt an der Roſe und Nie⸗ mand ahnt etwas davon. Sterbend! Und mir iſt die Zunge gebunden. Der arme General Trelawny wird ſein Unglück nur zu bald erfahren. Seines Kindes Mund wird ihn darauf vorbereiten. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, kam er in die Nähe von Haymarket, als er mit Einem Male Stimmen hörte, die in einem heftigen Streit begriffen waren. Er hätte nicht darauf geachtet, wenn er nicht dar⸗ unter Harry Burg's Stimme zu erkennen geglaubt hätte. Dieß gab ihm augenblicklich, wenn auch nicht ſeine ganze Kaltblütigkeit, doch wenigſtens ſeine Geiſtesgegenwart wieder zurück. Er brach ſich Bahn durch die Menge und gelangte an die Seite ſeines Freundes, den er von mehreren gutgekleideten— geckenhaft gekleidet wäre vielleicht die richtigere Be⸗ zeichnung,— jungen Männern umringt ſah, die augenſcheinlich Händel mit ihm ſuchten. „Was ſoll dieſes bedeuten?“ fragte Harold. „Da müſſen Sie dieſe Herren darum fragen,“ verſetzte Harry kaltblütig.„Ich war kaum aus dem Opernhauſe weggegangen, wo Albert mich zu ver⸗ laſſen ſich genöthigt ſah, weil er heute Nacht die Wache hat, als dieſe Leute mehrmals gegen mich anrannten. Da ich ein Benehmen dieſer Art zu bemerken unter meiner Würde hielt, ging ich mei⸗ nes Wegs. Sie holten mich aber ein und muthe⸗ 2¹4 ten mir zu, mit ihnen in ein Kaffeehaus zu gehen, um dort unſern Streit auszumachen.“ „Er ſpricht wie der Subſtitut meines Advokaten,“ rief einer der Fremden. „Oder wie ein Milchbart!“ „Oder wie ein Pfarrer!“ „Champagner und Piſtolen für Zwei! Das iſt die Art wie Gentlemen ihren Streit ausfechten!“ „Darf ich wohl fragen,“ ſprach Harold gelaſſen, „ob Sie ein Amerikaner find?“ „Allerdings bin ich es.“ „Ich dachte mir's ſogleich.“ „Was liegt daran?“ „Richts Weſentliches; es wäre nur möglich, daß Sie dann vielleicht mit Jemand bekannt wären, der ſich Brandon Burg nennt?“ Bei dieſer Frage ließ einer der Fremden ein leiſes„St!“ hören, wahrſcheinlich als Zeichen, daß das Spiel zu Ende ſei. „Ich hörte dieſen Namen in meinem Leben nicht nennen,“ erwiderte ein Anderer. „Eben davon wollte ich mich überzeugen,“ be⸗ merkte Harold mit derſelben Beſtimmtheit.„Der Streit aber, welches immer ſein Urſprung ſein mag, kann auf die von Ihnen vorgeſchlagene Weiſe nicht beigelegt werden. Mr. Harry Burg iſt mein Freund,“ fuhr er fort, indem er dieſen Ramen ſtark betonte, „und legt ſeine Ehre in meine Hände.“ „Und wer ſind denn Sie?“ fragte einer aus dem Haufen. Harold überreichte ſeine Karte, die man ihm aber in's Geſicht zurückſchleuderte. 2¹5 „Es iſt dieß, wie ich vermuthete, eine Angelegen⸗ heit für die Polizei,“ ſprach dieſer. Bei dem Worte Polizei machten die Amerikaner einen allgemeinen Angriff auf die beiden Freunde. Ihre Erbitterung ſchien aber hauptſächlich gegen Harry gerichtet zu ſein, der wohl ſchwerlich ſich ge⸗ nugſam hätte vertheidigen können, wenn nicht Einige aus der umherſtehenden gaffenden Menge, von Un⸗ willen ergriffen, ſich eingemengt und ſich auf die Seite Derer geſchlagen hätten, welche ſie in richti⸗ gem Takt für die ſchuldlos Angegriffenen hielten. In wenigen Augenblicken waren die Amerikaner aus einander geſprengt und verjagt; dabei hatte aber einer der Vertheidiger, ein gut ausſehender junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, der am thätigſten dabei mitgewirkt hatte, einen Stich mit einem Bowiemeſſer erhalten. Ein allge⸗ meiner Schrei des Unwillens erhob ſich, als dieß entdeckt wurde. „Ich bin viel wüthender über dieſes feige Be⸗ nehmen, als über den Schmerz, den dieſe Kleinig⸗ keit mir verurſacht,“ bemerkte der Verwundete. Harold wollte ihm ein Geldſtück in die Hand drücken. „Ich danke Ihnen, Herr,“ ſprach er,„aber ich verkaufe ſolche Dienſte nicht.“ „Wollen Sie mir wenigſtens Ihren Namen nennen.“ „Kit Corling, Herr.“ Beide Freunde drangen in ihn, ihnen zu ſagen, womit ſie ihm dienlich ſein könnten. „Gut, ich will es Ihnen ſagen, meine Herren,“ 216 erwiderte er,„da Sie meinen kleinen Dienſt einer Erwähnung werth halten. Ich habe Haymarket um dieſe Stunde nicht des Vergnügens oder einer Unterhaltung wegen aufgeſucht, ſondern weil ich eine Pflicht zu erfüllen habe. Ich habe jetzt keine Zeit, mich näher zu erklären, aber ich brauche zwei ehrenwerthe Zeugen, Männer, deren Worten man glaubt, während meine vielleicht unbeachtet blie⸗ ben, und wenn Sie daher ſich herbeilaſſen wollten, mich zu begleiten—“ „Recht gern,“ rief Harry Burg. Harold antwortete nicht ſo bereitwillig, ſondern muſterte Kit zuvor noch im Stillen.„Und auch ich,“ ſprach er endlich im vollen Vertrauen auf das offene, ehrliche Geſicht des jungen Mannes.„Wenn ich mich in Ihnen täuſchen ſollte, ſo traue ich in Zukunft niemals mehr dem äußern Schein. Wohin wün⸗ ſchen Sie, daß wir Sie begleiten ſollen?“ „In eines der Fremden⸗Hotels in Leiceſtre⸗ ſquare,“ erwiderte der Zimmergeſelle;„wir haben aber keinen Augenblick zu verlieren, wenn wir zur rechten Zeit ankommen wollen, um ein ſchändliches Complot zu entdecken, das dort gegen die ſchutz⸗ loſe Unſchuld geſchmiedet wird.“ „Zuvor aber will ich noch Ihren Arm mit mei⸗ nem Sacktuche verbinden,“ ſagte Harry. „O das iſt nicht nöthig, Herr.“ Harry beſtand aber darauf, daß es geſchehe, und als er damit fertig war, ſetzte er hinzu:„Füh⸗ ren Sie uns: ich und mein Freund wir ſind bereit.“ — 217 Fünfzehntes Kapitel. Die Straßen und Viertel von London gleichen in gewiſſer Hinſicht menſchlichen Geſchöpfen, denn Alle haben eine Phyſiognomie oder einen Typus, der ihnen mehr oder minder eigenthümlich iſt und welchen der genaue Beobachter nicht mißkennen kann, wenn auch eine Art von Familienähnlichkeit ihm zuweilen Zweifel verurſacht. Eines der unter⸗ haltendſten Quartiere, vielleicht eben deßhalb, weil es am wenigſten das engliſche Gepräge hat, iſt das von Leiceſtre⸗ſquare und deſſen unmittelbare Nach⸗ barſchaft, das quartier de prélérence von neun Zehntel der Fremden, welche London zu ihrem Auf⸗ enthalte gebrauchen und mißbrauchenz das Ayyl jener Patrioten in ſchmutziger Wäſche und abge⸗ ſchabenen Röcken, welche von der Höhe ihrer er⸗ habenen Philoſophie die Seife als einen überflüſ⸗ ſigen Luxus anſehen und die bei Aufzählung ihrer Jugendthorheiten ſicher auch die anführen, daß ſie auch einmal in ihrem Leben die Rechnung einer Waſcherin bezahlt haben. Dieſe zahlreichen Coloniſten haben nun eben⸗ falls ihre Clubs und Verſammlungshäuſer, welche, je nach den Mitteln derer, die ſie beſuchen, mehr oder minder das Prädikat Achtbarkeit verdienen. In ein Etabliſſement dieſer Art führte jetzt Kit borling die beiden Freunde, indem er, als er die Treppe hinaufſtieg, dem Kellner vertraulich zunickte. ei ſcheinen hier bekannt zu ſein,“ bemerkte arold. 218 „Ich bin in den letzten drei Tagen ſehr oft hier geweſen,“ verſetzte der junge Mann, indem er einen Schlüſſel aus der Taſche zog und in ein klei⸗ nes Zimmer trat, welches an ein Geſellſchafts⸗Ca⸗ binet ſtieß, mit dem es durch eine Thüre verbun⸗ den war. Harold und Harry ſahen ſich in dem Gemache um, deſſen Mobiliar aus einer Himmelbettlade, einem Tiſche mit einem Waſchbecken und einem Waſſerkruge darauf und einem Stuhle beſtand, auf dem eine Reiſetaſche lag. Als einer der Freunde ſprechen wollte, legte Kit den Finger auf die Lip⸗ pen als Zeichen, daß er um Stillſchweigen bitte. „Nicht ein Wort!“ flüſterte er,„oder der ganze Zweck, um deſſen willen ich um Ihre Begleitung bat, geht verloren.“ Sie ſchlichen vorſichtig an die Thüre des Cabi⸗ nets, in welchem eine Unterredung halb in franzöſi⸗ ſcher, halb in engliſcher Sprache geführt wurde. Unſere Leſer werden ohne Zweifel nichts dage⸗ gen einwenden, wenn wir ſie in das Cabinet zu den daſelbſt befindlichen Perſonen einführen. Rebecca Bight, welche ſich auch einmal wieder aus ihrer Wohnung in Vauxhall entfernt hatte, unter dem Vorwande, eine Schweſter, die in Dept⸗ ford wohne, zu beſuchen, ſaß an einem Tiſche zwiſchen zwei Männern, von denen der Eine der bedächtige, grämlich ausſehende Herr mit der tadelloſen weißen Halsbinde war, welchen Kit und Nancy ſchon ein⸗ mal in Rebecca's Geſellſchaft in dem Speiſehauſe in Cheapſide bemerkt hatten. Der Andere war ein Fremder mit einem dichten, ſchwarzen Backen⸗ und N**— N———— 219 Schnurrbart, der eine Menge Ketten, Ringe und andere Precioſen an ſich trug. Seine ſcharf ausge⸗ prägten Geſichtszüge ließen ganz unzweideutig den Hebräer in ihm erkennen. Derſelbe ſah eben auf ſeine Uhr und bemerkte gegen den Herrn in weißer Halsbinde in gebrochenem Engliſch, daß, wenn die alte Frau Geſchäfte machen wolle, es jetzt die höchſte Zeit ſei. „Sie hören, was er ſagt,“ ſprach der Erſtere zu der Frau. Rebecca zog nach einigem Zögern ein kleines Päckchen aus dem Buſen, deſſen Schnüre ſie los⸗ machte und, nachdem ſie mehrere Envelopen beſei⸗ tigt, nahm ſie ein Halsband heraus, das in einer einfachen Schnur von Perlen von beträchtlichem beſtand, in deren Mitte ein Diamantkreuz ing. Der Jude betrachtete den Gegenſtand einige Minuten lang aufmerkſam, ehe er ihn zurückgab. „Römiſche Perlen!“ rief er mit Geringſchätzung, das heißt,„daß ſie ſind künſtlich gemacht.“ „Künſtlich oder nicht, ſie ſind jedenfalls ſehr werthvoll.“ „Durchaus nicht. Sie ſind werth allerdings Et⸗ was, ja, aber nicht ſo viel, als wenn ſie wären ächt.“ „Der Capitän bezahlte aber doch—“ Ein Blick von dem Herrn in weißer Halsbinde ſchnitt die unbeſonnene Aeußerung ab.„Es thut mir leid, daß wir Sie hieher bemüht haben, Herr Straßburger,“ ſprach er,„denn ich weiß, daß Sie ſich mit nachgemachten Juwelen nicht abgeben.“ Zu⸗ gleich fing er an, das Halsband wieder einzupacken. 220 „Das Kreuz iſt wirklich diamanten,“ rief der Juwelier,— denn dieß war das Geſchäft des Frem⸗ den— in einem faſt ärgerlichen Tone.„Ich will es kaufen, obgleich es nur ſind Roſetten.“ „Roſetten!“ erwiderte der Andere,„das hätten Sie ſogleich ſagen können, ſo lange ſie noch auf dem Tiſche lagen. Ich bin zwar kein Kenner von derlei Artikeln, aber ich habe ſchon zu viele Diaman⸗ ten geſehen, als daß ich dieß glauben könnte. Sehen Sie nur den Schnitt an. Wer hat je Roſetten mit doppelten Facetten geſehen?“ Der Juwelier merkte wohl, daß jeder weitere Verſuch, den Werth des Kreuzes herabzuſetzen, ver⸗ geblich wäre und bat deßhalb, man möchte es ihn noch einmal ſehen laſſen. Man willfahrte ihm. „Wenn ich ſie halte näher an meine Augen, ſo glaube ich, daß Sie haben Recht.“ „Ich wußte es wohl.“ „Aber die Perlen?“ ſind auch ächt, ſo wenig römiſch als Sie elbſt.“ „Sehen Sie, Herr Straßburger,“ fuhr der Mann mit der weißen Halsbinde fort;„obgleich die Dame, in deren Namen ich das Wort führe, gern ein Opfer zu bringen bereit iſt, ſo iſt ſie doch nicht ge⸗ nöthigt, aus Geldverlegenheit die Waare unter dem Werthe loszuſchlagen.“ „Ganz gewiß nicht,“ bemerkte Rebecca. „Aus der Art und Weiſe, in der Sie mit uns handeln,“ fuhr der Erſtere fort,„ſollte man faſt ſchließen, Sie meinen die Sachen ſeien geſtohlen,“ „Ja, wahrhaftig, das ſollte man meinen!“ 221 rief die alte Frau entrüſtet, indem ſie aber doch zugleich leicht erröthete. Der Hebräer fixirte ſie Beide, und wenn er auch vielleicht im Stillen einigen Verdacht hegte, ſo ſah er doch wohl ein, daß er ſich hierüber keine Gewiß⸗ heit verſchaffen könne. „Wie ſollte ich glauben, Herr Bight, daß Sie ſie haben geſtohlen; weiß ich doch, daß Sie ſind ein ehrlicher Mann und Caſſier in der Bank von Herrn Sellem.“ „Und bin ich nicht ſeine Mutter?“ fragte Re⸗ becca hitzig. Der Caſſier biß ſich bei dieſen Worten ärgerlich auf die Lippen. „D! Wenn die alte? Dame iſt ihre Mutter,“ erwiberte der Juwelier erſtaunt,„ſo iſt das etwas Anderes.“ Herr Straßburger war aber nicht die einzige Perſon, welche ſich über dieſe Entdeckung verwun⸗ derte, denn Kit Corling und ſeinen Begleitern, welche die ganze Unterredung mit angehört hatten, ging es eben ſo. Nach langem Hondeln und Markten ließ ſich endlich der Jude herbei, die Juwelen um zweihun⸗ dert und fünfzig Pfund zu erſtehen. Sie waren wohl wenigſtens hundert Pfund mehr werth, aber die Verkäufer hatten ihre Gründe, nicht auf dem höchſten Preiſe zu beſtehen und nahmen deßhalb das Angebot an. Der Caſſier hielt die Precioſen mit den Worten gegen das Licht:„So lebt denn wohl, ich werde euch nie wieder ſehen.“ 222 „In der nächſten Zeit allerdings nicht mehr,“ rief Kit, der ſachte die Verbindungsthüre, welche nicht verſchloſſen war, geöffnet und das Halsband ihm aus der Hand geriſſen hatte. Herr Straßburger, der eben damit beſchäftigt war, das Geld auf den Tiſch zu zählen, blickte ver⸗ wundert aufz Rebecca wurde ohnmächtig. „Dieb!“ rief ihr Sohn, vom Stuhle aufſprin⸗ gend. „Diebe!“ ſagen Sie, Herr,“ erwiderte der Zim⸗ mergeſelle,„denn hier ſind deren zwei.“ „Wer ſind Sie?“ „Fragen Sie Ihre verehrungswürdige Mutter; ſie kennt mich.“ „Mit welchem Recht ſetzen Sie ſich in den Beſitz eines Gegenſtandes, der nicht Ihnen gehört?“ fragte der Caſſier. „Eben ſo wenig, wie Ihnen,“ erwiderte der junge Mann.„Mein Recht iſt das, welches jedem ehrlichen Manne zuſteht, Heuchelei zu entlarven und ein Verbrechen zu verhindern. Dieſe Dinger da, ich glaube Perlen nannten ſie ſie,“ fuhr er, gegen die beiden Freunde gewendet, fort, die ihm in das Cabinet gefolgt waren,„wurden von Miß Cheerly dieſer alten Frau anvertraut, die zwanzig Jahre lang ihres Vaters Brod aß und von der Händearbeit ihrer Gebieterin unterſtützt wird, um ſie zu verkaufen; ſtatt deſſen behauptete ſie ſchändlicher Weiſe, ſie ver⸗ loren zu haben. Sie waren die letzte Hilfsquelle der armen jungen Dame.“ „Miß Cheerly!“ wiederholte Harry Burg ver⸗ wundert. — Le.— — 223 „Kennen Sie ſie, Herr?“ „Nur dem Namen nach. Mr. Bight,“ ſetzte er an den beſtürzten Caſſier, der ihn erkannt hatte, hinzu,„weiß Ihr Principal etwas von Ihrem Treiben?“ „Sir John weiß nichts von meinen Privat⸗ angelegenheiten,“ erwiderte dieſer patzig. „Ha! ha! mein Herr!“ rief der Jude, der eiligſt das Gold und die Banknoten, die er bereits auf den Tiſch gelegt hatte, wieder zuſammenraffte und in ſeine Taſche ſteckte,„ſcheint es am Ende doch, daß das Halsband iſt worden geſtohlen.“ „Ganz gewiß nicht,“ erwiderte die alte Frau, die aus ihrer wirklichen oder ſcheinbaren Ohnmacht wieder zu ſich gekommen war.„Es war nur ver⸗ legt. Es hat ſich aber wieder vorgefunden, und ich wollte meine junge Dame mit dieſer freudigen Nach⸗ richt überraſchen. Dieſer gute Herr,“ ſetzte ſie, auf ihren Sohn deutend, hinzu,„wollte mir behülf⸗ lich ſein, weil er weiß, daß ich mich auf dieſe Sachen nicht verſtehe.“ Ihr Sohn faßte den Wink auf. Es war ihm klar, wie wichtig es war, daß der Name des Ban⸗ kiers nicht in dieſen Handel verwickelt werde und daß er Zeit gewinnen müſſe, wenn auch nur einige Stunden, die für einen Mann mit ſeinen Hilfs⸗ quellen genügten, um die ihin drohende Gefahr ab⸗ zuwenden. „Das Gericht muß hier entſcheiden,“ ſprach er. „Ich kann es nicht zugeben, daß eine arme, aber achtenswerthe Frau, die in mich ihr Vertrauen ge⸗ ſetzt hat, vor meinen Augen geplündert wird.“ 224 „Und die noch überdieß Ihre Mutter iſt,“ be⸗ merkte Harold ironiſch. Der Caſſier öffnete das Fenſter und fing an, aus Leibeskräften nach der Polizei zu rufen; es war dieß ein gewagter Schritt, wenn gleich vielleicht der einzige, bei dem er auf Erfolg hoffen konnte. Der Zufall wollte, daß nicht nur einer, ſondern ſogar zwei Polizeiagenten ſich in der Nähe befanden und zu gleicher Zeit im Zimmer erſchienen. Beſchuldi⸗ gung, ſo wie Gegenbeſchuldigung erfolgte von bei⸗ den Seiten. Die Officianten wußten nicht, was ſie davon halten ſollten, jedenfalls lag es außer ihrem Bereich, zu entſcheiden, wer Recht oder Unrecht habe, und um einem möglichen Irrthume vorzubeugen, beſchloſſen ſie, die ganze Geſellſchaft vor den In⸗ ſpector zu führen. Man ließ zwei Cabs vorfahren. In einem davon nahm Kit und ſeine Begleiter mit einem Polizeiagenten, in dem andern der Caſſier, ſeine Mutter und der Juwelier Platz.„Nach der Station!“ rief der Polizeiagent und die Wagen fuhren unter dem Geſpötte von einem Haufen von Müſſiggängern davon, der ſich unter dem Hotel verſammelt hatte. Einige darunter behaupteten, es ſei ein Morb da oben begangen worden, Andere aber meinten, man habe ein Complot entdeckt, das nichts Geringeres bezweckt habe, als die Bank von England zu berauben und ſämmtliche Kronjuwelen aus dem Tower fortzuſchleppen. Der Policiſt, der in dem Cab mit Rebecca, deren Sohn und dem Juwelier fuhr, fand das enge Ge⸗ fährt für ſeine Geſundheit nicht zuträglich und ver⸗ tauſchte deßhalb ſeinen Sitz im Innern mit der — — 8S W e — v v— — 8 8 225 Außenſeite neben dem Kutſcher. Ob er dieſe Ver⸗ änderung wirklich aus Geſundheits⸗Rückſichten oder um der paar Souverains willen vornahm, die der Kaſſier in ſeine Hand gleiten ließ, mag dem Er⸗ meſſen des geneigten Leſers anheimgegeben bleiben. „Nicht ein Wort davon, daß dieſe Frau meine Mutter iſt,“ flüſterte der Kaſſier dem Juden zu. „Werde ich gefragt, ſo muß ich ſagen die Wahr⸗ heit, ſo wahr ich bin ein ehrlicher Mann.“ „Sie ſollen das Halsband für zweihundert Pfund haben,“ ſetzte der Verſucher hinzu;„denn es iſt nicht geſtohlen worden. Straßburger nickte bejahend zu, indem er hinzuſetzte:„Weiß ich ja, daß es iſt ver⸗ legt worden.“ „So iſt's.“ Die nun folgende Unterredung zwiſchen Rebecca und dem Kaſſier richtete den Muth der ſchuldbe⸗ wußten Frau wieder auf.„Sei nur ſtandhaft,“ ſprach er,„und wir drehen ihnen eine tüchtige Naſe.“ Unglücklicher Weiſe traf es ſich, daß der dienſt⸗ habende Inſpector, der früher in einem Handlungs⸗ hauſe in der City geweſen war, den Herrn in weißer Halsbinde erkannte, den er oft auf dem Comptoir des Bankiers geſehen hatte. Wie konnte er glau⸗ ben, daß ein ſo reſpectabler Mann etwas Geſetz⸗ widriges habe thun können? „Eines nach dem Andern, Eines nach dem Andern,“ wiederholte er,„wenn's gefällig iſt. Ueber was wird geklagt?“ „Ich klage dieſe Perſon des Betrugs an ihrer Gebieterin an,“ ſprach Kit Corling, und—“ „Ich klage dieſen Mann des Diebſtahls an mir Licht⸗ und Schattenſeiten. I. 15 226 an,“ unterbrach ihn Rebecca,„und dieſe Herren als ſeine Helfershelfer, indem ſie auf Harold und Harry deutete, welche dieſer Anklage ein verächtliches Lä⸗ cheln entgegenſetzten. Der Beamte fixirte Beide. Sie waren ihm gänzlich unbekannt und in ihrem äußeren Benehmen lag etwas, was ihm Zweifel über die Richtigkeit der Anklage einflößte. „Ich glaube, Herr Inſpector,“ ſprach Harold, „wenn Sie mir auf einige Minuten Gehör ſchenken wollen, daß ich dieſe Sache in ihrem wahren Lichte darzuſtellen vermag. Ich habe bei meinem Freund, dem General Trelawny, zu Mittag geſpeist und war auf dem Heimwege begriffen, als ich in Haymarket ſtreitende Stimmen hörte. Ich erkannte die Stimme meines Freundes und ſtellte mich, begreiflicher Weiſe, ihm ſogleich zur Seite. Es erfolgte auf ihn, ſowie auf mich, ein ſchändlicher Angriff, der ohne die muthige Dazwiſchenkunft dieſes jungen Mannes leicht ein ſehr ſchlimmes Ende hätte nehmen können, denn es wurde zuletzt ein Meſſer gezogen und er empfing eine Wunde in den Arm, welche ich mit meinem Sacktuche verband. Wenn Sie gefälligſt nachſehen wollen, ſo werden Sie meine Namens⸗Chiffer und Wappen, in die Ecken geſtickt, finden.“ „Hier ſind allerdings einige Buchſtaben und Pferdeköpfe eingeſtickt,“ bemerkte der Beamte nach Unterſuchung des Tuches.„Fahren Sie fort, Herr!“ „Begreiflicher Weiſe wünſchten wir den Mann zu belohnen, der uns ſo tapfer Beiſtand geleiſtet hatte. Die Annahme von Geld ſchlug er aus, ſagte aber, daß, wenn wir durchaus ihn belohnen woll⸗ 227 ten, ſo möchten wir ihn in ein Hotel in Leiceſter⸗ ſquare begleiten, wo er unſere Anweſenheit als Zeugen wünſche, um, wie er ſich ausdrückte, ein ſchändliches Complot, das dort gegen die unbeſchützte Unſchuld geſchmiedet werde, aufzudecken.“ „Und das behaupte ich noch,“ rief der Zimmer⸗ geſelle nachdrücklich. „Schweigen Sie,“ rief der Inſpector;„fahren Sie fort, Herr.“ „Wir entſprachen dieſem Anſinnen,“ fuhr Harold fort,„und wurden in ein Zimmer geführt, das an das Cabinet ſtieß, in welchem dieſe Perſonen ſaßen. Hier hörten wir, wie über den Verkauf eines Hals⸗ bandes und Kreuzes gehandelt wurde, welche Ge⸗ genſtände der Juwelier, was der Herr dort zu ſein ſcheint, für unächt erklärte; auch ließ er merken, daß er an dem rechtlichen Erwerb dieſer Gegenſtände zweifle, eine Meinung, die auch ich entſchieden theile. In demſelben Augenblicke, in welchem der Handel in's Reine kommen ſollte, drang unſer neuer Be⸗ kannter in das Zimmer und ſetzte ſich in den Beſitz der Juwelen.“ „Ihr Name, mein Herr?“ „Harold Tracy; hier iſt meine Karte. Ich wohne mit meinem Onkel, Sir Mordaunt Trach, der ge⸗ genwärtig in London ſich befindet, in St. James⸗ ſquare.“ „Und der Ihrige?“ fragte der Beamte, ſich an ſeinen Begleiter wendend. „Harry Burg von Burg⸗Hall,“ erwiderte dieſer. „Dieſer Herr kennt mich wohl,“ ſetzte er, auf den 15 228 Kaſſier deutend, hinzu, der dieſe Behauptung zögernd zugeſtand. „Sie kennen alſo dieſen Mann nicht näher, der ſich Kit Corling nennt?“ bemerkte der Inſpektor. „Wir wiſſen nichts weiter von ihm, als was wir angegeben haben,“ erwiderten die beiden Freunde, „aber wir ſind nichtsdeſtoweniger bereit, Caution für ihn zu leiſten, von welchem Betrag ſie auch ſein mag, ſo ſehr ſind wir von ſeiner Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit überzeugt.“ „Ich danke Ihnen, meine Herren,“ ſprach Kit. „Ich bin zwar nur ein armer Mann, aber Sie werden mich deßhalb doch Ihres Vertrauens nicht unwürdig finden.“ Die Reihe des Verhörs kam nun an Rebecca. Unter Thränen, die ihr jeder Zeit zu Gebot ſtanden, erzählte ſie, daß ihre junge Dame, deren Amme ſie geweſen, ihr ein Halsband zum Verkauf anvertraut habe; daß ſie daſſelbe verloren, aber unerwartet wieder gefunden habe, und aus Furcht, übervortheilt zu werden, denn ſie verſtehe den Werth von Ge⸗ genſtänden dieſer Art durchaus nicht, habe ſie dieſen guten, menſchenfreundlichen Mann, ihren Begleiter, gebeten, das Geſchäft für ſie abzumachen. Da habe dieſer Böſewicht— auf Kit deutend— die Pre⸗ tioſen ihm aus der Hand geriſſen, mit denen er ſich, wenn die Polizei nicht erſchienen wäre, auf und davon gemacht hätte. „Den letztern Theil der Behauptung dieſer Frau muß ich entſchieden in Abrede ſtellen,“ bemerkte Harold, entrüſtet über die Anklage.„Er dachte nicht entfernt daran, das Zimmer zu verlaſſen.“ 229 „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr Inſpektor,“ ſprach Harry Burg,„möchte ich an dieſe Frau eine Frage ſtellen.„Wie kommt es,“ ſetzte er, gegen Rebecca gewendet, hinzu,„daß Miß Cheerly ſich in die Noth⸗ wendgkeit verſetzt ſieht, ihre Juwelen zu verkaufen, da ſie doch, wie ich gewiß weiß, vor wenigen Mo⸗ naten erſt die Summe von fünftauſend Pfund empfangen hat?“ „Das war allerdings der Fall,“ wimmerte die Heuchlerin, die Augen wiſchend;„aber die ſind fort.“ Kit, der etwas von der Verſchreibung gehört hatte, horchte hoch auf, indem er vor ſich hin mur⸗ melte:„Auch verloren!“ „Sie lieh das Geld Jemand, den ſie für ihren Freund hielt,“ fuhr die Amme fort,„der ihr, ich weiß nicht, wie viele Pro— Procente, glaub' ich, nennt man es, dafür verſprach; er ging aber nach Amerika, oder wo anders hin, mit dem Gelde durch und wir waren gerade in dem Augenblick zu Grunde gerichtet, wo wir ein kleines Haus auf dem Lande miethen wollten, um dort recht glücklich zu leben. Ach! meine arme, liebe— liebe junge Dame.“ Die Lüge wurde in ſo natürlichem Tone und ſcheinbar unter ſo tiefem Leid vorgebracht, daß Harry Burg von der Wahrheit der Angabe ſich überzeugt fühlte. Sir John Sellem hat alſo ein Verbrechen weniger, als ich meinte, zu verantworten, dachte er. In den Angaben, welche der Zimmergeſelle jetzt machte, lag ein gewiſſer Humor. Er erzählte, wie zuerſt ſein Verdacht durch Rebecca's übelgelauntes, verdrießliches Weſen erweckt worden ſei; beſchrieb ihre ſcheinbare Gleichgiltigkeit gegen die ihr vorge⸗ 230 ſetzten Speiſen und die Scene, die er und Nancy in dem Koſthauſe mit angeſehen; wie er ihre Zu⸗ ſammenkünfte mit dem Kaſſier bewacht und endlich den Verkauf des Halsbandes in dem Hotel in Lei⸗ ceſter⸗ſquare belauſcht habe. Ein geſcheidter Burſche, dachte der Inſpector/ während die Amme und der Kaſſier ſeiner Beharr⸗ lichkeit und Intelligenz, die er an den Tag gelegt, innerlich fluchten. „Der Fall iſt zu verwickelt, als daß ich ihn entſcheiden könnte,“ bemerkte der Inſpector, und um das Gericht in Stand zu ſetzen, zu entſcheiden, iſt das Zeugniß der Miß Cheerly unumgänglich noth⸗ wendig. Das Verlieren und Wiederfinden des Halsbandes iſt, gelind ausgedrückt, verdächtig. Eben ſo gewiß aber iſt es auch, daß der junge Mann, der ſich Kit Corling nennt, kein Recht hatte, es an ſich zu reißen. Ich muß die Partieen deßhalb auf morgen vor Gericht laden. Sie, meine Herren, können gehen, die Anderen aber werde ich in Ver⸗ wahrung behalten.“ „Mich in Verwahrung behalten!“ rief Rebecca voll Erſtaunen und Unwillen.„Mich eine ganze Nacht in ein ſchmutziges Gefängniß einſperren! Ach, was wird meine theure Gebieterin dazu ſagen!“ Der Zimmergeſelle erklärte ſich mit dieſer An⸗ ordnung höchſt zufrieden. Es kümmerte ihn nicht, eingeſchloſſen zu werden, wenn nur der Inſpector die Perlen und das Kreuz ſo lange in Verwahrung zu behalten verſpreche, bis die wahre Eigenthümerin komme, um ſie zu reclamiren. Der Beamte lächelte, denn damit hatte es keine 231 Gefahr, daß er die Pretioſen aus der Hand geben würde. Einige Worte, welche der Sohn ſeiner Mutter in's Ohr flüſtern konnte, ſchienen dieſe zwar zu beruhigen, dämpften aber nicht ihren Zorn. „Ich kann mich mit dem Gedanken nicht zufrieden geben, dieſen braven Burſchen, dem ich und mein Freund ſo tief verpflichtet ſind, hier zurückzulaſſen, und daß er die Nacht in einem Gefängniß zubringen ſoll,“ ſagte Harold.„Wollen Sie keine Caution für ihn annehmen?“ „Ich klage ihn eines Criminalverbrechens an,“ unterbrach ihn der Caſſier,„und proteſtire deßhalb entſchieden dagegen.“ „Wollen Sie nicht dieſen Herrn ebenfalls gegen Caution entlaſſen?“ bemerkte Harty Burg, auf den Kaſſier deutend. Als die alte Frau ſah, daß der Inſpector un⸗ ſchlüſſig überlegte, änderte ſie auf einmal ihre frühere Meinung und erklärte, ehe ſie zugeben möchte, daß der Dieb freigegeben werde, wolle ſie lieber ein Dutzend Nächte im Gefängniß zubringen. „Ich bin verläumdet worden,“ ſeufzte ſie,„grau⸗ ſam verläumdet worden von dieſem Böſewicht und beſtehe deßhalb darauf, daß mein guter Leumund wieder hergeſtellt werde. Warten Sie nur bis morgen, wenn meine junge Gebieterin kommt. Ich war ihre Amme, Herr,“ ſetzte ſie, an den Beamten gewendet, hinzu,„wachte über ihr ſeit mehr als zwanzig Jahren und liebte ſie, wie mein eigenes Kind. Es wird ihr das Herz brechen, wenn ſie hört, wie man mich behandelt hat. 232 „Ich kann keine Caution annehmen, meine Her⸗ ren,“ ſprach der Inſpector.„Die Entſcheidung dieſer Angelegenheit geht überhaupt über meine Befugniß. Alſo morgen in Bow⸗ſtreet.“ Die beiden Freunde begaben ſich jetzt hinweg, nachdem ſie zuvor Kit herzlich die Hand gedrückt und ihm verſprochen hatten, ſich am folgenden Tag auf dem Polizei⸗Bureau einzufinden. Zuvor hatten ſie ſich aber noch von ihm die Adreſſe von Miß Cheerly mittheilen laſſen, welche, nach Harry Burg's Ueber⸗ zeugung, keine andere ſein konnte, als das ſchöne junge Mädchen, welches er mit Rebecca in dem Bankhauſe in Lombard⸗ſtreet geſehen und welches ſeine Phantaſie ſo lebhaft beſchäftigt hatte. „Mein erſtes Geſchäft morgen früh wird ein Beſuch bei ihr ſein,“ ſprach er. „Dieſe Beiden bilden ſich ein,“ murmelte der Kaſſier, als die Freunde weg waren,„Leute von Welterfahrung und gewandt zu ſein; es iſt möglich, daß ſie Alles wiſſen, was in Büchern ſteht, und was man aus dieſen lernen kann. Meine Beleſen⸗ heit dagegen beſchränkt ſich auf das Buch, das von Intereſſen— vom eigenen Intereſſe— handelt, und mein Collegium war die Welt. Dort machte ich meine Studien. Noch ein Jahr und ich bin Aſſocie der Firma. Aſſocie!“ wiederholte er mehr⸗ mals für ſich;„dann mag Sir John zuſehen.“ „An was denken Sie?“ fragte der Jude in ver⸗ drießlichem Tone; denn die Ausſicht, das Halsband kaufen zu können, war unter den jetzigen Umſtänden höchſt unwahrſcheinlich. „Ich calculire,“ lautete die Antwort. 233 „Ich calculire auch und mein Calcul ſagt mir, daß die alte Frau iſt eine ſchlechte alte Frau und ich werde ſagen Alles morgen.“ „Und damit fünfzig Pfund verlieren,“ bemerkte der Andere,„der guten Dienſte gar nicht zu ge⸗ denken, die ich Ihnen zu leiſten in der Lage bin. Sie brauchen doch öfters Wechſel.“ „Ja, und ich bezahle ſie auch,“ erwiderte Straß⸗ burger.„Aber was wollen Sie ſagen mit die fünfzig Pfund?“ „Ich meine damit die Summe, die ich Ihnen als Entſchädigung zu geben beabſichtigte.“ „Hm! Wann wollen Sie ſie geben?“ fragte der Juwelier vorſichtig. „Ehe ich morgen vor Gericht gehe.“ Der mißvergnügte Ausdruck des Geſichts des Iſraeliten hellte ſich allmählig auf. „Vorher,“ wiederholte er,„vergeſſen Sie ja nicht vorher. Ich glaube jetzt auch, daß ich hatte Un⸗ recht. Die alte Frau iſt eine ehrliche, alte Frau und hat einen ſehr guten Sohn.“ „Still!“ ſagte der Kaſſier,„das müſſen Sie vergeſſen.“ „Ich werde vergeſſen Alles, ſobald ich das Geld habe,“ verſetzte der Iſraelite.— Obgleich Miß Cheerly und Nancy bis lange nach Mitternacht an ihrer Stickerei geſeſſen hatten, ſo ſtanden ſie doch ſchon mit Tagesanbruch auf, um auf's Neue ihr mühſames Geſchäft vorzunehmen. Vier Sacktücher waren bereits fertig und ſo ſchön ausgefallen, daß die armen Mädchen ſich ſchon im 234 Voraus auf den bedeutenden Gewinn freuten, den ihnen der Verkauf einbringen würde. „Sie werden wenigſtens eine und eine halbe Guinee für jedes löſen,“ bemerkte Nancy, indem ſie eines der Sacktücher ausbreitete und bewundernd gegen das Licht hielt.„Ich habe dergleichen in Regent⸗ſtreet, wo wir den Batiſt kauften, mit zwei Guineen bezeichnet geſehen, die nicht halb ſo hübſch, wie dieſe, waren. Wie geſchickt ſind Sie, daß Sie ſolche Muſter, und zwar ganz aus dem Kopfe, ent⸗ werfen können!“ Emma lächelte. „Da kommt die Milch,“ fuhr Nancy fort;„ich kenne die Stimme des alten Mannes, der ſie aus⸗ ruft. Es muß gleich acht Uhr ſein, die Zeit zum Frühſtück.“ Emma legte ihre Arbeit weg, breitete ein gro⸗ bes, aber reines Tuch über den Tiſch, ſetzte zwei Kännchen und Näpfchen darauf, öffnete dann den Speiſeſchrank und nahm die Ueberreſte eines Laib Brodes heraus, den ſie in zwei gleiche Portionen theilte. Während dieſer Beſchäftigung ging ihre Freundin die Treppe hinab, um die Milch einzu⸗ kaufen. Ihre Abweſenheit dauerte aber dießmal viel länger, als gewöhnlich, und als ſie zurückkam, ſah ihr Geſicht ungewöhnlich bleich aus. „Was iſt vorgefallen?“ fragte ihre Freundin ängſtlich. „Nichts,“ erwiderte das Mädchen.„Erſchrecken Sie nicht; verſprechen Sie mir dieß, dann will ich Ihnen Alles ſagen. Sie arbeiten immer ſo ſpät in die Nacht hinein und weit über Ihre Kräfte, ſo 235 daß ich befürchte, es könnte ſelbſt eine kleine Ueber⸗ raſchung Sie wieder auf's Krankenbett werfen.“ Die in liebevollem Ernſt geſprochenen Worte brachten gerade das Gegentheil von dem hervor, was Nancy beabſichtigt hatte, denn Miß Cheerly fing an, heftig zu zittern und ſank auf den Stuhl zurück, auf den ſie ſich hatte ſetzen wollen. Auf der Treppe ließen ſich ſchwere Fußtritte vernehmen. Ich muß es ihr gerade herausſagen, dachte Nancy, denn er meinte, es ſei keine Zeit zu ver⸗ lieren. „Rebecca,“ ſprach ſie, Miß Cheerly's Hände ergreifend und küſſend,„hat ihre Schweſter in Deptford gefunden und die Freude darüber hat ſie krank gemacht— ſo krank, daß ſie Sie zu ſehen wünſcht. Sie hat deßhalb ihren Schwager, einen höchſt achtbar ausſehenden alten Mann, in einem hübſchen, bedeckten Wagen hieher geſchickt, um Sie zu holen.“ „Arme Amme,“ ſeufzte Emma,„der Himmel vergebe ihr!“ „Amen,“ ſetzte die Nähterin nachdrücklich hinzu. „Und Sie werden ihr auch vergeben.“ „Von ganzem Herzen,“ erwiderte die Waiſe. „Der Himmel ſchickt uns Leiden, um uns Barmher⸗ zigkeit üben zu lernen. Ich erinnere mich jetzt nur noch ihrer Liebe und Pflege in meiner Kindheit.“ Man klopfte an der Thüre. „Herein!“ rief die Nähterin. Auf dieſen Ruf erſchien ein friſch ausſehender, wohlgenährter Mann von etwa fünfzig Jahren, in 236 reinlicher Kleidung, wie ſie die kleinen Pächter zu tragen pflegen, wofür man ihn, dem äußeren An⸗ ſcheine nach, halten konnte. „Sind Sie Miß Cheerly?“ fragte er. Als Emma dieß bejahte, fuhr er fort:„Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, Miß, daß die Amme ſehr krank iſt. Sie kam geſtern Nachmittag gegen vier Uhr ſehr ermüdet und angegriffen bei uns an. Mein Weib freute ſich ſehr darüber, ſie wieder zu ſehen, und. war ſehr betrübt, als ſie hörte, was Sie aus⸗ geſtanden haben, denn Rebecca erzählte uns Alles. Nan darf gar nicht daran denken,“ ſetzte er hinzu, „daß es ihr und Ihnen ſogar an Brod gefehlt La während es uns ſo gut geht.“ „Nun, an Brod fehlt es uns eben nicht, obgleich wir zuweilen nichts Anderes ſonſt hatten.“ „Die Schwägerin erzählte ſo, aber, wie ich Ihnen ſagte, ſo iſt ſie ſehr krank und der Doktor hat be⸗ denklich den Kopf geſchüttelt. Die Arme iſt tief betrübt und verlangt immer nach Ihnen; ich glaube, ſie hat etwas auf dem Herzen, und ſo habe ich des Squire's leichten Charabanc, ich glaube, ſo heißt man das Ding, angeſpannt, und bin jetzt hier, um Sie abzuholen.“ „Sie ſind zu unwohl,“ bemerkte Nancy gegen Emma,„als daß Sie allein gehen könnten.“ „Es iſt meine Pflicht,“ erwiderte Miß Cheerly. „Und die ſollen wir jeder Zeit erfüllen und das Uebrige der Vorſehung überlaſſen,“ ſprach der alte Mann.„s iſt Einem ſo wohl und leicht um's Herz mit dieſem Bewußtſein.“ Zugleich legte er die Hand auf's Herz, als er 237 dieſe Worte im Tone der Biederkeit ſprach, welche die jungen Mädchen entzückte, die freilich nicht ahn⸗ ten, daß ſein biederes, mitleidiges Weſen nur an⸗ genommen war, um ſie zu täuſchen. Jasper Crouch, ſo nannte ſich der Fremde, theilte den Freundinnen mit, daß er und ſeine Frau die Aufſicht über das Landhaus eines reichen Kauf⸗ manns in der Eity führten, der nur während der Sommermonate dort wohne, und daß ſich daſelbſt eine Menge Zimmer für Nancy ſowohl, als Miß Cheerly, vorfänden.„Was Küche und Keller an⸗ belangt,“ ſprach er,„ſo müſſen Sie mit Wenigem vorlieb nehmen, aber ſie werden uns von Herzen willkommen ſein.„Uebrigens,“ fuhr er fort, als er ſah, daß die Nähterin zögerte,„kann ich Sie heute Nacht auch wieder zurückbringen, wenn es mit Becky beſſer gehen und die junge Dame es wün⸗ ſchen ſollte.“ Dieſes Verſprechen gab bei Nancy den Aus⸗ ſchlag, die keinen Augenblick ihretwegen gezögert hatte, Emma zu begleiten, ſondern deßhalb, weil ſie an Kit dachte, von dem ſie freilich nicht wußte, daß er in demſelben Augenblicke auf dem Punkte ſtehe, vor Gericht zu erſcheinen. Während die beiden betrogenen und hülfloſen jungen Mädchen frühſtückten, bemerkten ſie zwar die auffallende Ungeduld Jasper's, ohne aber deß⸗ halb Verdacht zu ſchöpfen, denn ſie ſchrieben ſie nur ſeiner Angſt um ſeine Schwägerin zu, und er ſtieg dadurch noch in der guten Meinung, die ſie von ihm hegten. Als das einfache Mahl beendigt war, ſetzten ſie — 238 ſich in den Charabanc und fuhren in demſelben Augenblick weg, als Harry Burg's Brougham um die Staßenecke bog. Jasper lächelte in ſich hinein, denn er errieth ſogleich, wem der Wagen gehöre, und murmelte zwiſchen die Zähne:„Zu ſpät!“ — S In unſerem Verlage erſcheinen und iſt die erſte Lieferung in allen Buchhandlungen zu haben: Sämmtliche Romane von Alerander Dumas. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franzöſiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Komane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Rgr. od. 12 kr. 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