Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ven angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W— Pf. 1 W 5 Pf. 2 W— Pf „3„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, eteiſe verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N — Der Glücks-Soliat. Roman von J. F. Smith. Aus dem Engliſchen von Dr. C. Büchele. Zweiter Band. —— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. Druck der K. Hofbuchvruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Zweiundzwanzigſtes Uapitel. ———„O, Knaben, die Geſchichte Liest wohl die Welt an mir. Mein Körper iſt Vom Römerſchwert gezeichnet; mein Bericht War einſt an Werth den beſten gleich geſchätzt.“ ſer neue Unglücksfall warf mich wirklich ganz en und ich kam mir ordentlich wie Boabdil el ic So groß war die Niedergeſchlagenheit und Betrübniß, worein mich dieſer Vorfall verſetzte, daß ich den Tod ſelbſt als einen willkommenen Bo⸗ ten begrüßt hätte. „Friſche Hoffnungen“ jedoch, ſagt der Dichter Thomſon,„werden ſtündlich auf gefurchte Stirnen geſäet,“ und die Jugend iſt die Zeit, in welcher wir, wenn auch zu Boden geworfen, uns ſchnell wieder erholen. Meine Londoner Saiſon war vorüber; die Schwierigkeiten, worein ich mich ſo unbedachter Weiſe geſtürzt hatte, waren zum Glück durch General dAere gehoben; ich erhielt noch einige Tage Urlaub von der Garde, und da mein Vater in der Stadt ankam, ehe ich aufbrechen ſollte, ſo trafen wir noch einmal zuſammen. Ich machte ihm in Nivarts⸗Hotel in 4 Street meine Aufwartung. Er ſah mich allein, wie⸗ wohl die ganze Leviſon'ſche Geſellſchaft dort bei ihm war. Die letzten Ereigniſſe auf meiner Lauf⸗ bahn hatten mich nicht gerade liebenswürdiger in ſeinen Augen gemacht; dazu kam, daß ſeine junge ſ Frau in jenem Zuſtande ſich befand, welcher ihm Hoffnung auf eine Vermehrung ſeiner Familie ge⸗ währte. „Sie haben ſich ſehr verändert, Sir,“ ſagte er, ſobald ich in das Zimmer trat;„ich hätte Sie kaum erkannt. Was für ein Leben haben Sie hier geführt! Wann ſtoßen Sie zu Ihrem Regiment? Oder ſind Sie überhaupt geſonnen, dieß noch zu thun?“ „Ich habe im Sinn, Sir,“ ſagte ich,„m nach Irland aufzubrechen.“ „Haben Sie meine Inſtructionen befolgt und un Verſetzung zur Jufanterie nachgeſucht?“ „Nein, Sir.“ „Warum nicht?“ „Ich liebe die Infanterie nicht, und habe nie die Nothwendigkeit in Betracht gezogen, in dieſelbe über⸗ zutreten. Ich würde eher verſuchen—“ „Ich auch nicht,“ fiel er ein.„Um es kurz zu machen, Sir, ich kann Ihnen für den dortigen Dienſt keine ausreichende Summe ausſetzen. Da Sie jedoch alle erforderlichen Reguiſiten haben, ſo müſſen Sie für jetzt zu den— Huſaren ſtoßen. Aber zu gleicher Zeit muß Indien das künftige Feld ſein, wo Sie ſich Ruhm zu holen haben.“ So endete unſere Zuſammenkunft, und mit etwas ſchwerem Herzen reiste ich mit der Briſtoler Poſt 5 nach der Smaragd-Inſel ab. Den nächſten Morgen in Briſtol angekommen, ſchiffte ich mich an Bord eines Dampfſchiffes nach Cork ein. Es war ein ziemlich rauher, ſtürmiſcher Morgen, wie ich mich noch erinnere, als wir abſtießen; und ehe wir ein paar Stunden auf der See waren, hatten wir einen völligen Orkan. Es war die erſte Vor⸗ ſtellung, die ich von der mächtigen Tiefe bekam, und tief genug war der Eindruck, den ſie auf mich machte. Es befanden ſich mehre junge Leute an Bord, welche gleich mir zu ihren verſchiedenen Regimentern ſtoßen ſollten. Eines derſelben, welcher zu einem in Cork ſtationirten Infanterie⸗Regiment gehörte, kann ich hier wohl gedenken, da ich in der Folge genauer mit ihm bekannt wurde. Doch ſührte dieſe Bekanntſchaft zu keinem wohlthätigen Reſultat, vielmehr wurde ich ſeinetwegen in nicht geringe Schwierigkeiten ver⸗ wickelt. Ein anderer Junge war noch unter uns, ein alter, wetterzerſchlagener Veteran, ein Mann, der ſo lang in Oſt⸗ und Weſtindien gedient und das Wäffenhandwerk ſo lang betrieben hatte, daß deſſen erſchöpfter Körper zu ſeiner völligen Auflöſung nur den Zeitpunkt abzuwarten ſchien, bis er wieder zu dem Corps ſtieß, wozu er gehörte, um von dem Don⸗ ner der Musketen⸗Salve ſich ein Requiem abhalten zu laſſen. Die meiſten der Paſſagiere befanden ſich bei dem rauhen Wetter ſo unwohl, daß ſie gern die Kajüte aufſuchten. Der alte Veteran, ich und drei Andere hüllten uns in unſere Militärröcke und be⸗ ſprachen uns auf dem Verdecke. Eine plötzliche Er⸗ hebung des Schiffs warf den Veteranen vom Stuhle und ſchleuderte ihn zappelnd auf die Seite. Er war 6 ſo ſchwach, daß er ſich nicht erheben konnte, und ich hinüberwankte, um ihm aufzuhelfen. „Danke, Sir, danke,“ ſagte er.„Mein gewöhn⸗ liches Glück— es iſt dem ſchwächſten Mann auf dem Schiff paſſirt. Ah! Gentlemen, Sie ſehen in mir ein elendes Ueberbleibſel von Menſchheit, Jemand, deſſen Laufbahn beinahe zu Ende iſt. Beſchwerden haben ihr Werk an meinem armen Körper gethan— unregelmäßiges Leben hat dreimal ſo viel als Be⸗ ſchwerden gethan. Reiche Saucen, edle Weine und die gewürzten Fleiſchſpeiſen von Oſt und Weſt haben ihren Einfluß auf mich geübt; Klima, Arbeit, Krankheit und ſchändliche Arzneimittel haben dazu geholfen; und mehr als eine von den Kugeln der Halbinſei hatten ihren Weg durch meine Muskeln, Venen und Arterien gefunden. Ich habe jetzt Kran⸗ kenurlaub ſeit einem ganzen Jahr, Sir; und da ich fand, daß der Feind für meine Conſtitution zu mäch⸗ tig iſt, entſchloß ich mich, den Medieinkaſten und ihre hölliſchen Unterſuchungen aufzugeben, zu meinem alten Corps zurückzukehren und zu ſterben, wie ich gelebt habe, mit dem Harniſch auf dem Rücken.“ „Ich ziehe zu dem alten fünfzigſten Regimente, Sir, um dort den Geiſt aufzugeben, und hoffe nur noch auf die Möglichkeit, Fermoy zu erreichen, damit ich meine alten Kamaraden wieder ſehe und noch einmal einer Regiments⸗Parade beiwohne; und je bälder dieſer Leichnam zur Mutter Erde zurückkehrt, deſto beſſer.“ „Sie laſſen den Muth ſinken, Sir,“ ſagte ich; „Sie werden ſich wieder erholen, wenn Sie Ihren 7 Geiſt aufrecht erhalten. Der Anblick Ihrer alten Kamaraden wird Ihnen wohl thun.“ „Danke Ihnen,“ antwortete er matt,„danke Ih⸗ nen; ſo ſagte mir auch der Große Medicin⸗Mann in London:— hhalten Sie Ihren Mund geſchloſſen, ſprach er, und vermeiden Sie die Flaſche, dann wer⸗ den Sie geneſen. Aber, o Gott! Sir, ich konnte der Verſuchung nie widerſtehen. Ich bin der Mär⸗ threr der Unverdaulichkeit; und im Augenblick, da ich Nahrung zu mir nehme, leide ich die Qualen der Verdammniß. Brandy und Waſſer iſt Alles, wovon ich lebe; mein Arzt erlaubte mir nur drei geröſtete Butterbrodſchnitten täglich, und ein Glas Madeira; aber ich weiß, ich werde eine Unbeſonnenheit begehen, wenn die Seekrankheit von dieſer Reiſe vovüber iſt. Ich eſſe ſicher wie zu Lande— wenn wir anders Land ſehen— denn das Wetter ſcheint nicht geneigt, ſich zu beſſern. Der Kapitän ſieht ängſtlich aus, und die Matroſen ſind ſchweigſam und ernſt— ein ſicheres Zeichen, daß wir eine ſchlechte Nacht haben werden. Wenn ich nur einen oder zwei von der Mannſchaft finden könnte, um mir hinunterzuhelfen, ſo würde ich dankbar dafür ſein. Verflucht ſei die See, ſage ich, denn nie ſehe ich ein Schiff, ohne daß es mich an die beſchwerlichen Monate erinnert, die ich in frühern Tagen an Bord der Transportkäſten, in wel⸗ chen wir gewöhnlich ausgeſandt wurden und ſcheiter⸗ ten, zugebracht habe. Wohl, Gentlemen, da Sie ſagen, daß Sie gerade zu Ihren verſchiedenen Regi⸗ mentern ſtoßen wollen, wünſche ich Ihnen Glück; es iſt ein glorreicher Beruf; ich habe manches Jahr darin ver⸗ lebt undmeine Zeit nicht ſehrunangenehm zugebracht.“ „Ich habe gehört, Sir,“ ſagte der vorerwähnte Junge,„daß man nothwendig nach dem Eintritt ein Duell durchmachen muß. Wie läßt ſich das auf eine anſtändige Weiſe ausführen, und ohne daß man in dem Corps Anſtoß gibt? Ich möchte es gern wie die Andern machen. Muß ich einem Officier auf ſein Lieblings⸗Hühnerauge treten, oder iſt es beſſer, ab⸗ zuwarten, bis ein Gentleman mich in die Naſe zwickt? Für mich iſt es ganz einerlei— dieſes oder jenes leich.“ 4 Der Veteran ſchaute den Jungen ſchief an— „Nothwendig, was zu thun, Sir?“ ſprach er;„ein Duell auszumachen! Junger Mann, Sie thäten beſſer daran, mit dieſer Vorſtellung in Ihrem Geiſt gar nicht einzutreten, ſonſt befinden Sie ſich vielleicht in einer Patſche, ehe Sie in Ihrem Regiment ſehr alt werden.“ „Wie ſo?“ ſagte der junge Mann, der in ſeiner Art und Weiſe etwas von einem Prahlhans war. „Ich denke, mir heraushelfen zu können, wenn ich in eine Patſche gerathe. Ich bin nicht ganz ohne Uebung und hole mit Leichtigkeit einem Mann auf zwölf Schritte eine blaue Fleiſchmücke von der Naſe.“ „Sie werden ſchwerlich eine Gelegenheit hiezu bekommen,“ erwiderte der Veteran,„wenn man weiß, daß Sie mit ſolchen Geſinnungen und Abſichten ein⸗ treten. Man wird Sie für eine Peſt im Corps er⸗ klären und darum auf die Seite ſchaffen. Nehmen Sie meinen Rath, junger Mann, betrachten Sie Ihre Mitofficiere als Freunde, nicht als Schießſcheiben zu Ihren Piſtolen⸗Uebungen. Sie werden, ehe Sie viele Jahre in der Armee zugebracht haben, in Menge 9 Veranlaſſung zu Proben Ihrer Tapferkeit finden, ohne daß Sie dieſelbe am Regimentstiſch ſuchen. Der Mann iſt eine Erzmemme,“ ſetzte der Veteran bei Seite zu mir hinzu,„ich wollte mein Leben dar⸗ auf verwetten!“ Der junge Mann lachte: er wünſchte Belehrung zu einem Kavalier vom reinſten Waſſer zu erhalten und Eindruck auf ſeine Zuhörer zu machen. Ich half bald darauf unſerem Veteran in ſeine Hängematte hinunter, wo ich ihn, nachdem er ein Glas von ſeinem Lieblingsgetränk zu ſich genommen hatte, ſeiner Ruhe überließ. Die Nacht war, wie er vorausgeſagt hatte, ſo ſtürmiſch, daß die Sturzwellen, welche über das Fahr⸗ zeug ſchlugen, alle Feuer an Bord auslöſchten, die Hälfte der Paſſagiere zum Gebet ihre Zuflucht nahm, und den ganzen nächſten Tag lagen wir, der Gnade von Wind und Wogen preisgegeben, wie ein hilfloſer Klotz auf dem Meere. Endlich erreichten wir Cove, mietheten nach der Landung einige herumziehende Kar⸗ ren und gelangten wohlbehalten am nächſten Morgen nach Cork. In dem Kaffeezimmer von einem der Hotels lie⸗ ßen wir, unſer Freund Veteran, ich und einige Mit⸗ paſſagiere vom Militär, uns nieder, um das erſte be⸗ hagliche Mahl ſeit unſerem Abgang von Briſtyl ein⸗ zunehmen. Thee, Kaffee und friſchgelegte Eier ſind nach den Beſchwerden eines Seeſturms ein köſtlicher Genuß. Cork iſt außerdem wegen ſeiner Salmen berühmt, die vortrefflich zugerichtet und mit ſaubern Schreibpapierblättern umhüllt aufgetragen werden. Unſer Veteran hatte ſeinem Vermögen zur Ent⸗ haltſamkeit mißtraut und dem Kellner ausdrücklich ge⸗ boten, ihm nichts als eine kleine geröſtete Butterbrod⸗ ſchnitte zu bringen; kaum aber erſchien Thee und Faffee mit andern leiblichen Labſalen, ſo ſchleppte er ſich, nachdem er dieſelben einige Minuten angeſchaut hatte, an unſern Tiſch und begann gleich einem aus⸗ gehungerten Wolf oder Tiger zu eſſen. „Dieſer Salm wird mein Untergang ſein,“ ſagte er innehaltend, um Athem zu ſchöpfen.„Das erſte Mal, da ich in Cork landete, vor dreißig Jahren, hatte ich ihn auch, wie mir noch erinnerlich iſt, zum Frühſtück, gerade in dieſem Zimmer. Seitdem bin ich zwölfmal über den atlantiſchen Oecean gefahren, und voch iſt es mir, als ob es erſt geſtern geweſen wäre. Köſtlicher Schmaus! Kellner, mehr Salmen her, mehr Butterſemmel, noch eine Schüſſel Pfeffer⸗ Nieren*) und mehr Brandy; mein Magen iſt wie eine friſch geſpannte Meſſingtrommel, Sir, aber ich kann mich jetzt nicht halten. Fermoy,“ fuhr er kläglich fort, „ich werde dich Allem nach nicht mehr ſehen; lebe wohl, Fünfzigſtes, ich werde an Salmen ſterben. Reichen Sie mir noch ein Stückchen, Gentlemen. Dank Ihnen! das wird's thun; ja, ich werde an Salmen ſterben, und Georg Chacot wird eine Stufe vorrücken.“ „Manche Wahrheit wird im Scherz ausgeſpro⸗ chen,“ heißt es in dem gemeinen Sprichwort. Kapi⸗ tän Wornout ſtarb wirklich am Genuß dieſes Salms. Er wurde ernſtlich unwohl, ehe er die Tafel verließ, vahi⸗2eei h. ſtark gewürzte, gepfefferte Rieren üg ſB⸗ 1¹ und in zwei Tagen ſtarb er an Gedärme⸗Entzündung. In der Zwiſchenzeit hatte ich jedoch Limerick erreicht und mit einem Mitofficier vom— ſten Huſaren⸗Re⸗ giment Bekanntſchaft geſchloſſen. Der erſte Eintritt in ein Regiment iſt ein Ereig⸗ niß von nicht gerfnger Wichtigkeit in eines Mannes Leben. Das— igſte war ein höchſt renommirtes Corps und hatte folglich nur Officiere von Rang und Vermögen, Gentlemen in jedem Sinn des Worts; und ich wurde von denſelben mit Zeichen der Freundlichkeit und des Wohlwollens aufgenom⸗ men. Wenigſtens die Hälfte derſelben war mit dem Adel des Landes verwandt, und der Reſt beſtand aus Söhnen von feinen, altengliſchen Esquires;— Män⸗ nern, deren fürſtliches Einkommen ſie nothwendig nicht geneigt machte, einem andern, als dem Waffenberufe zu folgen. Unter Gentlemen von ſolchem Rang be⸗ gann ich alſo meine militäriſche Laufbahn; und da ich unter dem Cymmando eines Officiers ſtand, der dem ganzen Regiment gleich einem Vater war und zugleich auf ſtrenge Disciplin hielt, außerdem in dem letzten Krieg viel vom Dienſt geſehen hatte, ſo begann ich bald meine letzten Unfälle und Mißge⸗ ſchicke in der Aufregung und dem Glanz des Solda⸗ tenlebens zu vergeſſen. Meine Kamaraden fanden an unſerem Dienſt in Irland nicht ſonderlich Gefallen; für mich jedoch war Alles entzückend, weil Alles neu war. Ob ich alſp in Ausübung meiner Pflicht mit der Mann⸗ ſchaft beordert wurde, eine Deſtillirblaſe auf dem Moor wegzunehmen, oder einen Trieb Schweine, Kühe und Schafe bei einer Zehnt⸗Expedition zu 42 leiten, oder die Straßen einer Stadt während eines Wahlauflaufs zu beſetzen, oder irgend einen elenden Gefangenen zum Fuß des Galgens zu escortiren, und während der Vollſtrecker des Geſetzes an dem⸗ ſelben inmitten des wüthenden Landvolks ſeine Pflicht that, Wache zu halten,— ich war gleich zufrieden, meiner Ordre zu gehorchen und die mir angewieſene Rolle mit aller Pünktlichkeit zu erfüllen. Sechs Monate nach meinem Eintritt wurden wir zu großem Entzücken des ganzen Regiments nach England verſetzt, und kurz hernach ertönten unſere Keſſelpauken und Trompeten durch die Straßen von Mancheſter. In Mancheſter fanden wir unſere Ge⸗ genwart von einigem, Nutzen, um die unruhige Ar⸗ beiterbevölkerung gelegentlich von der halben Zer⸗ ſtörung der Stadt abzuhalten, für welchen Dienſt wir das Vergnügen hatten, mit den reichausgeſtatte⸗ ten Töchtern von einigen der Millokraten zuſammen⸗ zutreffen und auf ihren ſeelloſen und langweiligen Bällen mit ihnen zu tanzen. Es iſt eine der Eigenthümlichkeiten im Leben des Soldaten, daß er auf mehr Heimathſtätten zurück⸗ blicken kann, als Jemand von einem andern Berufe. Der Dienſt macht ihn nothwendiger Weiſe zu einem willkommenen Gaſt an ſo vielen entzuͤckenden Orten, wo er nicht allein an die Bewohner, ſondern auch an die Lokalitäten rings herum gefeſſelt wird, ſo daß jedes Quartier als der von der Natur am mei⸗ ſten begünſtigte Fleck Landes mit den liebenswürdig⸗ ſten Inſaſſen erſcheint. Vertraut mit allen Familien von Stand in der Nachbarſchaft und in den Schvoß einer ſolchen Familie eher zugelaſſen, als jeder an⸗ 13 dere etwaige Beſucher, iſt er gewöhnlich der Liebling des Hauſes; willkommen geheißen von den Aelteren, weil er angenommener Maßen ein Mann von guter Lebensart und Erziehung, und den Vorrang genie⸗ ßend unter den Jüngeren, den Gedankenloſeren, Lie⸗ benswürdigeren und Fröhlicheren, wegen des Ritter⸗ lichen in ſeiner Erſcheinung(mit einem Pferde, zu reiten, und Waffen, ſie zu tragen) und des teufelmäßig behaglichen und unbelümmerten Lebens, wozu er ſich bekennt. Unter ſolchen Umſtänden wird er, wenn nicht der erklärte Liebhaber, wenigſtens der Freund und Vertraute von jeder Schaar hübſcher Mädchen in jeder Stadt, jedem Dorfe, wo er ſechs Monate ſteht, und erinnert ſich im ſpätern Leben eines kleinen Romans, der an ein jedes ſolcher Quartiere geknüpft iſt. Dann kommt die Straße, der Marſch und der neue Schauplatz, gerade da er ſich als den vertrauten Freund der guten Leute zu fühlen anfängt, welchen er jetzt ſo plötzlich Lebewohl ſagen muß und von wel⸗ chen er mit denſelben freundlichen Gefühlen betrachtet wird. Dann kommt, wie geſagt, das friſche Quar⸗ tier, die neue Bekanntſchaft, und das gleiche Beſtre⸗ ben, ſich zu einem angenehmen Gaſt zu machen, ge⸗ wöhnlich mit dem gleichen Erfolg. Die Reiterei hat hier Manches vor der Infan⸗ terie voraus, und während einer zwanzigjährigen Lebenszeit unter den Dragonern hat der Mann die Ausſicht, mit einigen Ausbrüchen und Störungen dieſer oder jener Art, der Reihe nach mit ſeiner Truppe Freilanzen alle Städte und Dörfer von Eng⸗ land zu beſuchen. Und wer darf ſich wundern über dieſes Gefühl des Wohlwollens gegen den Mann auf dem ritter⸗ lichen Poſten und mit der betreßten Jacke? Wer darf erſtaunt ſein, wenn das Auge der Lieblichſten des ſchönen Geſchlechtes in einem Blick aus der Fern⸗ aufleuchtet, wennein Herr von Schärpe und Epauletten ſich in der heitern und feſtlichen Seene findet, da die Hand, welche die Ehre einer Partie geſucht hat und ſo freundlich den Tanz leitet, auch den Säbel zum Schutz jener blendend erleuchteten Hallen führen und das feurige Roß in vollem Rennen gleich einem Mamelucken regieren kann? Das vergnügliche Leben dieſer Art, welches ich in den letzten ſechs oder ſieben Monaten geführt, hatte großen Theils manche der Verdrießlichkeiten verwiſcht, in welche ich früher verwickelt worden war, und ich begann mich als eine ganz andere Perſon zu fühlen. Der letzte Platz, wo ich mit meiner Abthei⸗ lung geſtanden, war Ripon in Yorkſhire, und der Morgenmarſch führte durch den geprieſenen Badeort Harrowgate. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Weg, Du beutelſchneideriſcher Schurke! Du ſchmutzi⸗ ger Spundzapfen, hinweg! Bei dieſem Wein, ich ſtoße Dir mein Meſſer in Deine ſchimmelige Kinnbacken, wenn Du vas freche Läſtermaul gegen mich ſpielſt. Weg, Du Flaſchenbierſchurke!— Seit wann bitte ich Euch, Sir? Was, mit zwei Punkten auf Eurer Schulter? Keineswegs.“ Ihr ſeid ein Gentleman und Spieler, Sir— Ich gebe Beides zuz denn Beives iſt Der wahre Firniß des vollkommnen Mann's. Shakſpeare. Harrowgate war in ſeinen glänzendſten Tagen, als ich es beſuchte. Um dieſe Zeit war die Hälfte der vornehmen und faſhionabeln Welt von England in den verſchiedenen Hotels zu finden, welche auf dem ſchottiſch hergerichteten und unfruchtbar ausſehenden Gemeindeland lagen, und einen ergötzlichern und all⸗ gemein unterhaltendern Badeort konnte man ſich nicht denken. Die meiſten der großen Sportmänner des Tages befanden ſich gleichfalls während der Sai⸗ ſon in Harrowgate, und ſo kam es, daß unter den übrigen Zerſtreuungen und Zeitvertreiben nament⸗ lich auch hohes Spiel war, wozu viele der Beſucher beharrlich ihre Zuflucht nahmen. Wirklich war es für die Dienſtboten in den Hotels nichts Ungewöhn⸗ liches, wenn ſie mit Tagesanbruch das Haus aus⸗ putzen und in Ordnung bringen wollten, die Tiſche noch mit Spielern beſetzt zu finden. Als ich am Eingang zu dem Dorf High Harrow⸗ gate von Ripon anlangte, kam ein Ordonnanz⸗Dra⸗ 16 goner auf mich zu, der von dem kommandirenden Officier mit einem officiellen Schreiben abgeſandt war, wodurch ich Befehl erhielt, mit meiner Abthei⸗ lung bis auf weitere Ordre an dieſem Badeort Halt zu machen, und mir wurde als Quartier das Haus, wovon ich in meinen Knabenjahren ſo oft gehört hatte,—„der Drache von Harrowgate“ angewieſen. Es war um Mittag, als ich meine Mannſchaft vor der kleinen Terraſſe, auf welcher Einige von der Geſellſchaft verſammelt waren, halten ließ. Die Ankunft einer Dragoner⸗Abtheilung auf dem Marſch, welche in dem. Dorfe einquartirt werden ſollte, während der Officier ſelbſt in ihrem Hauſe abſtieg, war ein Freigniß, welches natürlich unter den Müßiggängern eines faſhionabeln Verſamm⸗ lungsortes große Senſation erregte, und der ganze Zuſtand und das Ausſehen meines„Lanzentrupps“ derlieh mir ſolche Gunſt in den Augen der Geſell⸗ ſchaft, daß ich der wahrhafte Löwe des Hotels wurde. Am Abend meines erſten Tages in Harrowgate war, nachdem die Tiſche gerückt worden, Alles in ſüßem Nichtsthun begriffen. Die Gentlemen ver⸗ ließen allmälig ihre Weinflaſchen im Speiſeſaal und ſchloſſen ſich den Damen an, welche an einer langen Tafei ſitzend Vorbereitungen zum Thee machten. Im Grünen Drachen von Harrowgate befand ſich gewöhn⸗ lich eine Art von prima donna, welche den Ton an⸗ gab und ohne deren Approbation einem neuen An⸗ kömmling ſein Aufenthalt nicht allein ſehr unange⸗ nehm, ſondern ſogar, war er ein aufgeſchoſſener parvenu, ganz unmöglich gemacht werden konnte. Mancher unglückliche Wicht zog ſich gern damals 17 aus dem ariſtokratiſchen Drachen zurück und begab ſich nach dem Mancheſter Waarenlager, wie das Gaſt⸗ haus zur Krone genannt wurde. Nachdem ich meinen Stalldienſt beſorgt hatte, ſchlenderte ich in das Theezimmer und nahm meinen Weg nach dem obern Ende. Ungefähr ein Dutzend Damen waren gewöhnlich mit dem Theemachen be⸗ ſchäftigt, indem jede ihr kleines Speiſebrett vor ſich hatte, mit allem Zubehör verſehen, um etliche zwan⸗ zig Bewerber um das Getränke zu befriedigen, und dieſe Anordnung diente zugleich zu einer Einführung in die Geſellſchaft und ſtellte alle zuſammen auf den vertraulichen Fuß von Gliedern einer Familie. Die Marquiſin von Richborough ſaß bei meiner Annäherung am Ende des Zimmers. Neben ihr be⸗ fand ſich eine andere Dame, welche die Funetion hatte, den verſchiedenen Bittſtellern, die an ihrem Altar ſich verneigten, Thee und Kaffee einzuſchenken. Die Marquiſin war eine ſchöne Frau von ſechs⸗ oder ſie⸗ benundzwanzig Jahren, mit der Geſtalt einer Göttin und der Stirne einer Königin. Das Geklirr bei meiner Annäherung, da ich in Uniform war, zog das Auge der Marquiſin auf mich, und wie Mhlady mir einen Blick ſchenkte, wurde ich nothwendiger Weiſe auch mit der Beob⸗ achtung des unmittelbar um ſie herum befindlichen Theils der Geſellſchaft beehrt. Es war ein fritiſcher Augenblick für den neuen Ankömmling, wenn es ihm darauf ankam, ſich bei der Geſellſchaft in guten Geruch zu ſetzen, denn die Marquiſin von Richborough war die Tonangeberin. Hätte Mylady, nachdem ſie ihr Glas vor das Auge Smith, Glücks⸗Solbat. I. 2 18 genommen, hochmüthig die Stirne gegen den Kornet gerunzelt, ſo würde er für unzuläſſig in ihrer Gegen⸗ wart erklärt und vielleicht von der Geſellſchaft aus⸗ geſchloſſen worden ſein. Statt deſſen bat ſie ihre liebenswürdige Freundin, dem Officier vom— ten eine Taſſe Kaffee einzuſchenken, forderte ihren Ge⸗ mahl, den Marquis, der mit einigen Damen in der Nähe ſich unterhielt, auf, mich zur Tafel einzuladen, und machte mir neben ſich Platz. Obwohl ich weder den Namen, noch den hohen Rang des ſchönen Geſchöpfes, an deſſen Seite ich ſaß, wußte, wurden wir doch in fünf Minuten ſo vertraut, als ob wir ſchon fünf Jahre bekannt gewe⸗ ſen wären. Vornehm erzogene, im Rang hochſte⸗ hende Perſonen dürfen es zuweilen wagen, die triſten Manieren der engliſchen Geſellſchaft zu überſchreiten, und denjenigen, welche Gnade vor ihren Augen fin⸗ den, eine ſchnelle und vertrauliche Annäherung ge⸗ ſtatten. Meine Huſarenjacke war gewiſſermaßen mein Paß, und mein Erſcheinen und gutes Ausſehen un⸗ terſtützte denſelben; ſo ließ die Marquiſin ſich herab, leutſelig zu ſein, und unterhielt mich mit der Ge⸗ ſchichte von zwei oder drei Perſonen der verſammel⸗ ten Geſellſchaft. „Sie ſollen die Eingebornen von dem Strand, an den Sie geworfen ſind, kennen lernen,“ ſagte ſie. „Jene Dame mit den fünf hagern, tartariſch ausſe⸗ henden Töchtern iſt die Frau von Sir Mungo Me Turk. Sie hat dieſe Table d'hote ſechsmal von einer Saiſon zur andern beſucht und iſt allemal eine ihrer hübſchen Töchter los geworden. Es liegt eine Entſchloſſenheit, zum Ziel zu gelangen, in Lady Me 19 Turk, welche wahrhaft preiswürdig iſt, und demge⸗ mäß wird es ihr auch wieder gelingen. Jenes iſt ihr Opfer, der ſchwerfällig ausſehende Burſche, der neben ihrer jüngſten, unverheiratheten Tochter ſitzt. Jener ſeltſam ausſehende, einem Farmer gleichende Mann, der über die alte, für ihn Thee machende Dame ſpöttelt und das Hotel ein Bierhaus und alle Verſammelten Spitzbuben und Vagabunden nennt, iſt der geprieſene Jve Armſtrong, ein großer Mann beim Turf*) und von einer der älteſten Familien in Yorkſhire abſtammend. Der ſchweigſame, gutmüthig ausſehende und anſpruchsloſe Mann neben ihm ift der Marquis von Queensferry. Er wartet ruhig St. Leger ab, um ſeine gewöhnlichen zehntauſend Pfund zu verlieren, ehe er in die Stadt zurückkehrt. Die Dame auf der andern Seite, mit dem melancho⸗ liſch blickenden Töchterpaar, iſt die geprieſene Lady Merrimoth, die große Whiſtſpielerin. Es iſt bekannt von ihr, daß ſie einmal mit geringer Unterbrechung eine ganze Woche dabei aufblieb. Heute Nacht wer⸗ den Sie dieſelbe mit Banknoten im Schvoße beinahe bis zum Kinn aufgebeugt, das Freilehen eines Land⸗ ſtücks auf das Umſchlagen einer Karte ſetzen ſehen. Die beiden jungen Damen, ihre Sprößlinge, ſendet ſie gewöhnlich in eine Koſtſchule in der Nähe, ſo lang die Saiſon dauert. Heute Nacht haben ſie einen halben Feiertag, in Folge unſeres beabſichtigten Balls im Drachen. Ihre Lebensbahn iſt mit einer Linie des unſterblichen Pope bezeichnet, eine Jugend von Thorheit und ein Alter von Karten.“ *) Jagd und Pferderennen. A. b UU. * 68 20 ener alte Gentleman, der ſo nervenſchwach und mißtrauiſch ausſieht, mit dem Zopf, gepuderten Haar und altmodiſchen Rock, iſt ein zur Ruhe geſetztes Mitglied Ihres Standes, ein Dragoner auf Halbſold. Er trat im Jahr 1760 in das dritte Dragoner⸗Regi⸗ ment, und Sie mögen zweifelnd lächeln, aber es iſt eine wohlbekannte Thatſache, daß ihn ſeine Mutter zu dem Regiment brachte und ſelbſt der Sorge des Oberſts anvertraute. Er war ein einziger Sohn, und der ſüße Junge faßte, wiewohl Erbe eines gro⸗ ßen Vermögens hier in Derbyſhire, eine Vorliebe für den Waffenberuf. Ein wahrhafter Vetter Slender, wurde er auf die erwähnte Art begleitet, blieb ſechs oder ſieben Jahre im Regiment, und beim Ausbruch des Kriegs kaufte ihn ſeine Mutter aus und holte ihn nach Mosthn⸗Hall zurück. Dort ſitzt, der bedäch⸗ tige Einfaltspinſel', ein vollkommenes Abbild von Walter Scott's Dumbedikes. Ich kann nicht wei⸗ ter,“ ſchloß die Marguiſin, indem ſie Anſtalt machte, ſich zu erheben.„Der Reſt ſind lauter Leute von einiger Bedeutung in der Gegend, und dieſelben wer⸗ den ſich ohne Zweifel zu Ihrer beſondern Unterhal⸗ tung und Erbauung zu erkennen geben. Komm, Flora, meine Liebe,“ wandte ſie ſich an ihre Beglei⸗ terin,„wir müſſen uns für die bevorſtehende Tanz⸗ geſellſchaft richten, da ich vorausſetze, daß man unſer Erſcheinen dabei erwartet.“ MWit dieſen Worten ſtand meine ſchöne Freundin auf und verließ, begleitet von der jungen Dame, ihrer Freundin, den Theetiſch. „Bitte, wer iſt dieſe Lady?“ fragte ich einen gro⸗ W 21 ßen, neben mir ſtehenden Mann von militäriſchem Ausſehen. „Fragen Sie mich?“ erwiverte Major O'Do⸗ herty.„Ei, das iſt doch drollig; und Sie ſind ſo vertraut mit ihr geſtanden, als ob Sie deren nächſter Verwandter geweſen wären. Beim Himmel! Ich bin drei Wochen im Drachen und ſitze nur ſechs Fuß von ihr an der Tafel und habe es noch nie dazu ge⸗ bracht, auch nur die Worte mit ihr auszutauſchen: darf ich die Ehre haben, auf die Geſundheit von Myladh zu trinken? Bei Gott! es iſt mir nicht möglich geweſen, dieſe ganze Zeit über eine Bekannt⸗ ſchaft anzuknüpfen, und Sie haben die Geſchichte von all dem Volk im Hauſe von deren eigenen ſüßen, her⸗ ablaſſenden Lippen Lippen, die ich nie geküßt habe und nie küſſen werde) erfahren und fragen mich jetzt nach deren Namen. Sie ſcherzen gewiß. Nun, es iſt die Marquiſin von Richborvugh und ihre Freundin Lady Flora Clinton. Wahrhaftig, Mann, Sie ha⸗ ben Glück: ganz gewiß, ſie hat eine Vorliebe für Ihre Sporen und Säbeltaſche gefaßt.“ „Mylady iſt heute Abend etwas kauſtiſch in ihren Bemerkungen über uns, Major,“ ſagte ein ſchotti⸗ ſcher Baronet, der in unſerer Nähe ſaß und jetzt ſich in das Geſpräch miſchte;„ſie iſt ſelbſt dem Triktrak mehr als ergeben, um ſo ſtreng gegen Lady Merri⸗ moth zu ſein. Fürwahr, ſie iſt ſich ſelbſt genug, um des Marquis' Waldungen die Art fühlen zu laſſen, wenn ſie jede Saiſon ſo viel verſpielt, als dießmal. Gott! aber ſie iſt eine recht verwegene Spielerin. Hörten Sie, Mann, von der Partie, welche ſie die Nacht ſpielen will?“ 22 „Beim Himmel, Sie haben Recht,“ erwiderte der Andere,„dieſe Nacht ſpielt ſie, und, bei meinem Ge⸗ wiſſen, die Stunde iſt nahe.“ Da die beiden Gentlemen jetzt ihr Geſpräch in leiſerem Tone fortſetzten, ſo verließ ich meinen Platz und machte, da die Geſellſchaft ſich allmälig zer⸗ ſtreute, einen Gang durch das Dorf. Bei meiner Rückkehr ſah ich das Billard⸗Zimmer erleuchtet und trat hinein. Daſſelbe befindet ſich, wie denen, welche den Drachen immer beſucht haben, wohl erinnerlich ſein wird, am einen Ende der Terraſſe und war bei dieſer Gelegenheit mit Leuten angefüllt, die beinahe zwei Mann hoch rings herum ſaßen oder ſtanden. Ich ſchloß daraus, daß eine Partie von einiger Wich⸗ tigkeit gemacht wurde, bahnte mir alſo einen Weg nach vorn und war nicht wenig erſtaunt, meine ſchöne Freundin, die Marquiſin, unter den Spielern zu er⸗ blicken, während der Marquis, ihr Gatte, neben dem Markeur ſtehend, an ſeiner Stelle das Spiel anzu⸗ ſchreiben hatte. Es handelte ſich um eine große Geldſumme, wie ich auf meine Erkundigung erfuhr, und der Gegner der ſchönen Marquiſin war ein Spieler von Profeſ⸗ ſion, der ſie irgendwie in der Lebhaftigkeit der Un⸗ terhaltung dazu verlockt hatte, indem er mit ſeinen Verbündeten eigens zu dem Zweck, die Lady zu ru⸗ pfen, von London gekommen war. Er war überdieß ein Gentleman, der ſich auf ſeinen Ruf als Duelliſt ungemein viel zu gut that, da er bei verſchiedenen Ehrenſachen, in die er verwickelt worden war, mehre Gegner erſchoſſen hatte. Die Unzartheit, um be⸗ trächtliche Einſatze mit einer Dame zu ſpielen, welche 23 augenſcheinlich nicht viel mehr Geſchicklichkeit im Kolben beſaß, als die Bagatell⸗Tafel ihr verſchafft hatte, war groß; aber zugleich konnte ich, wie die ganze Geſellſchaft leicht erkennen, daß der Spieler ſich ihre Unwiſſenheir im Spiel zu Nutzen machte, um große Summen zu gewinnen. Da jedoch der Marquis, der ſeiner lebhaften Gemahlin ihren Wil⸗ len ließ, ſich zu unterhalten ſchien, und die Geſell⸗ ſchaft erſichtlich nicht geneigt war, ſich darein zu mi⸗ ſo beobachtete ich eine Zeit lang ruhig das piel. „Hundert Pfund Legen fünf, ich mache dieſen Ball,“ ſagte Kapitän Surecard. „Ich nehme an,“ antwortete die Marquiſin. „Nicht doch,“ ſagte einer der Zuſchauer;„er kann ihn nicht fehlen. Nehmen Sie Ihr Wort zurück, Lady Richborough.“ „Still, Sir,“ rief der Kapitän zornig.„Mhladh bedarf Ihres Rathes nicht; ſie hat meine Wette an⸗ genommen. Ich geſtatte Niemand, ſich in mein Spiel zu miſchen.“ Der Kapitän ſpielte und gewann den Ball. „Ein falſcher Stoß, Sir,“ ſagte ich ſogleich. „Was?“ rief der Kapihän, mit Wuth umſchauend. „Wer ſprach, wenn ich ſpiele?— Sie 2“ „Ich ſprach, Sir,“ ſagte ich, vortretend.„Ich ſprach von einem falſchen Stoß. Ich wiederhole dieſe Bemerkung.“ Der Kapitän war einen Augenblick beſtürzt. End⸗ lich warf er ſein Queue nieder und ſchritt auf mich zu. „Ich wette hundert Guineen gegen Sie,“ ſagte er, „Sie reden kein Wort mehr, ſo lang ich ſpiele.“ 24 „Wer wird da Nein ſagen?“ erwiderte ich, ihm in ſein zorniges Geſicht lächelnd. Die Marquiſin lachte laut auf, denn die Scene machte ihr großes Vergnügen. Der Kapitän, ſchwarzgelb vor Wuth, ſchaute mich fortwährend an, als ob das Verderben aus ſeinen Augen blitzte. „Fahren Sie fort mit Ihrem Spiel, Sir,“ ſagte ich;„das Billard wartet. Ich nehme Ihre Wette an; es gilt. Hundert Guineen darauf.“ Der Kapitän ſchritt zu dem Billard, nahm ſein Queue und war im Begriff ſeinen Ball zu ſtoßen; während er dieß that, trat ich an die Tafel. „Wieder ein falſcher Stoß, beim Himmel!“ ſagte ich. Der Spieler warf ſein Queue nieder und fuhr wie der Blitz auf mich zu, während drei oder vier von der Geſellſchaft von ihren Sitzen aufſprangen. „Ich glaube, Sir, ich habe gewonnen,“ ſprach ich; „die Wette war armſelige Hundert.“. „Ihre Karte, Sir!“ brüllte der Duellant,„beim Himmel, ich will Ihnen dafür eine Lection geben! Ich gab ihm ſogleich meine Karte. „Gut,“ ſprach er;„denken Sie an ſich ſelbſt, junger Mann— Ihr Leben iſt gemeſſen: ich bin Kapitän Surecard.“ Bei dieſen Worten dachte er offenbar, der bloße Ton ſeines gefürchteten Namens würde mich zu Boden ſchlagen; aber da ich bis dahin nichts von ihm gehört hatte, verfehlte er ſeine Wirkung. 3 „Denken Sie an ſich, Kapitän Surecard,“ ent⸗ gegnete ich, im Streite warm werdend,„und mäßig — 25 Sie Ihre Sprache etwas, ſonſt will ich Ihnen etwa eine Lection geben, welche Ihre Heftigkeit abkühlen wird. Indeſſen reſpektiren Sie, Sir, die Gegenwart der Dame hier. Setzen Sie Ihr Spiel fort und nehmen Sie ſich vor einem Verſuch in Acht, falſch zu ſpielen, ſonſt werde ich Sie, beim Himmel, ent⸗ larven, ſobald ich Sie davon Vortheil ziehen ſehe.“ Der Duellant war völlig außer Faſſung gebracht; er ließ den Kopf hängen, das Erſtaunen, das er em⸗ pfand, durch einen ſtarren Blick ausdrückend, und ſich umwendend, ergriff er wieder ſein Queue. „Sie werden von mir hören, Sir,“ ſagte er mit verbiſſenen Zähnen,„ſobald ich meine Partie geendigt habe. Verlaſſen Sie inzwiſchen das Zimmer nicht.“ Das Spiel nahm ſeinen Fortgang, und zum Entzücken der muntern Marquiſin war die nervöſe Aufregung ihres Gegners in Folge von Wuth und Verdruß ſo groß, daß das Blatt, da er viel vorgab, und jetzt faſt jeden Stoß fehlte, ſich vollſtändig wen⸗ dete und ſie jedes Spiel gewann. „Sie werden auf dem Ball ſein,“ ſagte ſie zu mir, indem ſie das Zimmer mit ihrem Gatten verließ. „Kommen Sie ſchnell, ich bin unruhig wegen dieſer i Verlaſſen Sie das Zimmer jetzt mit uns.“ „Ich werde Ihnen, Mylady,“ ſagte ich, außer⸗ halb des Zimmers,„in einigen Minuten folgen.“ „„Lord Richborough,“ fuhr die Marguiſin, zu ihrem Gatten gewendet, fort,„bleiben Sie bei Mr. Blount. Es kann wohl ſein, daß er, hier fremd, eines Freundes bedarf. Es thut mir leid, daß Sie ſich meinetwegen in dieſen Streit eingelaſſen haben, 26 Mr. Blount, aber Se. Lordſchaft muß Ihnen heraus⸗ helfen. Nehmen Sie ihn zu Ihrem Freund an.“ Der gutmüthige Edelmann, der augenſcheinlich an das Regiment ſeiner viel geiſtvollern Gattin ge⸗ wöhnt war, ließ alsbald den Arm der Marquiſin fahren, nahm den meinigen, und wir wandten um, in das Billardzimmer zurückzukehren. In dieſem Augenblick trat mir Major O Doherth entgegen und redete mich ſogleich an. „Ich bin, Sir,“ ſprach er,„von meinem Freund, ſ Kapitän Surecard, beauftragt, von Ihnen augen⸗ d blicklich für denſelben Satisfaction zu begehren, da nur Ihr Blut die öffentliche Beſchimpfung abwaſchen kann, welche Sie ihm angethan haben.“ „Ich will mit dem tapfern Kapitän ſelbſt ſprechen,“ ſagte ich, weiter gehend. „Verzeihung, Sir,“ ſagte der Major, mich rauh am Arm faſſend,„das iſt gegen die Regel, ich kann ₰ es nicht zugeben.“ S „Ziehen Sie ſogleich, Sir,“ ſagte ich,„Ihre E Hand von meinem Arm zurück, oder ich ſchlage Sie zu Boden.“ „Verdammt!“ rief der Major,„führen Sie eine ſolche Sprache gegen mich? Sie ſollen mir dafür pi Rechenſchaft geben, Sir.“ V „Wenn ich Ihrem Freund Genüge gethan,“ er⸗ m widerte ich,„ſtehe ich Ihnen zu Dienſt, Major h O'Doherty.“ 2 Mit dieſen Worten trat ich wieder in Begleitung 5 von dem Marquis in das Billardzimmer. Es war jetzt in einiger Verwirrung, die Geſell⸗ ſchaftin lebhafter Debatte begriffen. Kapitän Surecard ———-—— 27 hatte manche Spielgenoſſen zur Hand; aber die Majorität der Geſellſchaft beſtand aus Gentlemen, die zu ihrer Unterhaltung anweſend waren und nun, in kleine Gruppen formirt, den Gegenſtand verhan⸗ delten. Der Kapitän und ſeine Freunde führten eine ſehr laute Sprache; ſo ſchritt ich nach dem andern Ende des Zimmers, wo ſie ſich befanden, und ſtellte mich Lor meinen Mann. „Sie haben einen Freund an mich geſchickt, Sir,“ ſagte ich,„nicht wahr?“ „Ja, Sir,“ brüllte der Duellant;„ich fordere, daß die Sache augenblicklich ausgemacht wird.“ „Ohne Zweifel; je bälder, deſto beſſer; und daß es um ſo ſchneller geſchehen kann, fordere ich die augenblickliche Bezahlung der hundert Pfund, die ich gewonnen zu haben glaube.“ „Das laſſe ich bleiben,“ erwiderte der Spieler. „Geben Sie Satisfaction wegen der mir zugefügten BVeſchimpfung. Hier iſt mein Freund; beſtimmen Sie ſogleich einen von Ihrer Seite, ehe das Schlimmſte Ihnen widerfährt.“ „Nicht eher, als bis Sie mir mein gewonnenes Geld bezahlt haben,“ erwiderte ich kalt. „Zum Teufel mit Ihrem Gewinn!“ rief der Ka⸗ pitän, ſich ſelbſt in Wuth verſetzend;„es war keine Wette. Stellen Sie ſich mir, Sir, oder beim Him⸗ mel, ich ſchlage Ihren Namen in dem Billardzimmer hier und in ganz Harrowgate als den eines Poltrons an. Markeur, Feder, Tinte und Papier; beim Himmel, ich ſchreibe Sie in dieſem Augenblick hier an, wenn Sie meine Herausforderung nicht an⸗ nehmen.“ 28 — „Und ich, Sir, erkläre Ihnen in Erwiderung für die mir zugedachte Gunſt, daß, wenn Sie nur die Feder auf das Papier bringen, ich Sie mit dem Bil⸗ lardſtock, den ich in der Hand habe, zu Brei zermalme. Ihr lumpenhündiſches Weſen ſchlägt bei mir nicht an, Kapitän Surecard, und Sie werden dieſe Stelle nicht verlaſſen, ehe Sie die Ehrenſchuld, die Sie über⸗ nommen, anerkannt oder bezahlt haben. Darauf will ich Ihnen über dieſe Billardtafel, wenn es Ihr Vunſch iſt, Satisfactivn geben. Genug, Sir, ich erinnere mich Ihrer jetzt. Ein gewiſſer Kapitän Catch⸗ flat war einſt Ihr Genoſſe, wenn ich mich nicht irre. Denken Sie nicht, Sir,“ fuhr ich fort,„ich habe die Abſicht, einer Begegnung auszuweichen; denn ſobald Sie dieſe Schuld in's Reine gebracht haben, werde ich meinen Freund, Lord Richborvugh ſtellen.“ Der Duellant war betroffen. Sein anmaßliches Benehmen verließ ihn und er wandte ſich weg, mi ſeinen Freunden Rath zu halten. Mittlerweil pflanzte ich mich an der Thüre auf, um ihm de Rückzug abzuſchneiden, denn ich war entſchloſſen, a dem Burſchen ein Beiſpiel zu ſtatuiren, da er, wi ich feſt glaubte, ein eben ſo großer Schurke, als ſei zeitweiliger Genoſſe, mein Londoner Freund, wat Einige der gegenwärtigen Gentlemen ſammelten ſit jetzt um mich und unterſtützten das Verfahren, du ich eingeſchlagen hatte. Inzwiſchen wandte ſich der Marquis, der auf ſei ruhige, gutmüthige Art, welche einen ſo auffallendé ſ Contraſt zu meinem aufgeregten Benehmen bildes — —) —— 5„+ e—— c—- c S— c 8 8 29 den Verlauf der Dinge beobachtet hatte, an mich, nahm meinen Arm und führte mich bei Seite. „Sie haben alle meine Plane, junger Mann,“ ſagte er,„durch dieſes Verfahren über den Haufen geworfen. Es war meine Abſicht, dieſer eiſenfreſſe⸗ riſche Schurke ſollte meine Frau rupfen, weßhalb ich meine Zuſtimmung zu der von ihnen unterbro⸗ chenen Partie gegeben habe. Die Marquiſin von Richborvugh hat plötzlich eine heftige Leidenſchaft für das Spiel gefaßt, welche, wenn man ſie nicht im Keim erſtickt, ihre Geſundheit und ihr Glück zerſtören wird. Es war mein Syſtem geweſen, ſie während des Aufenthalts in Harrowgate von dieſen Badort⸗ gaunern auf alle mögliche Weiſe rupfen und aus⸗ plündern zu laſſen, um ihr die Thorheit ihres Thuns zu zeigen. Voila! für jetzt iſt es nun aus. Dieſer Handel da unterbricht es, und wir müſſen die Sache auf einmal in's Klare bringen. Wie es iſt, ſteht es unglücklich, weil ich natürlich, da eine Affaire ſtatt⸗ finden muß, als Hauptperſon und nicht als Sekun⸗ dant aufzutreten habe. „Mhlord, ich bitte tauſendmal wegen meines übermäßigen Eifers um Verzeihung. Ich bin gewiß ohne Ausnahme der unglücklichſte Hund auf der ganzen Welt.“ „Sagen Sie nicht weiter,“ erwiderte Se. Lord⸗ ſchaft lachend.„Das von Ihnen gegen jenen Mann eingehaltene Verfahren iſt ganz richtig. Er muß zuerſt zahlen, das iſt beſchloſſen.“ Major O Doherth näherte ſich jetzt, worauf ich ſogleich den Marquis als meinen Freund vorſtellte. „Verlangt Cornet Blount immer noch die Be⸗ 30 zahlung der Wette, die er gewonnen zu haben be⸗ hauptet, ehe er mit Kapitän Surecard ſich zu meſſen einwilligt?“ fragte er. „Entſchieden, Major,“ ſagte der Marquis.„Er verlangt augenblickliche Bezahlung der hundert Pfund, die er gewonnen hat; hernach bin ich von ſeiner Seite bereit, die Begegnung anzuordnen.“ „So iſt hier die Summe,“ ſagte der Major, in⸗ dem er Banknoten von dieſem Betrag in meine Hand legte.„Sehen Sie, Sir, ob dieſelben richtig ſind.“ Ich nahm die Noten und ſtellte ſie nach ge⸗ ee Zählung zu Händen von Major O Doherth zurück. „Es genügt,“ ſagte ich.„Stellen Sie das Geld Ihrem Auftraggeber zurück, mit der fernern Bot⸗ ſchaft, daß, wiewohl ich ihn als einen gewerbs mäßigen Spieler und abſcheulichen Betrüger kenne, ich zu meiner eigenen Satisfactivn, nicht zu der ſei nigen, merken Sie ſich, nach dem was geſchehen, füt gut finde, ihm ein Rendezvvus zu bewilligen. De Marquis von Richborough wird die Sache mit Ihne arrangiren.“ So ſprechend, drehte ich mich auf dem Abſatz u und verließ das Billardzimmer. Als ich in den Vorſaal des Hotels eintrat, fan ich einen Diener, der mich offenbar erwartete un mir ein Billet von der Marquiſin einhändigte, wo rin ſie mich aufforderte, ſie auf ihrem Zimmer beſuchen. Ich fand ſie bereits für den Ball angekleidet, mi ihrem einzigen Kind ſpielend, ehe ſie daſſelbe zu Bett ſchickte. Etwas Lieblicheres als die Mutter und do Fr d, ite m vo mi ett do 31 Kind hätte man zu Land und zu Waſſer vergeblich geſucht. Das Kind war etwa vier Jahre alt und ſchön wie Cupido; während die Mutter in ihrer wol⸗ lüſtigen Schönheit eine Studie für die Königin der Liebe ſelbſt hätte abgeben können. Sie ſtand ſogleich auf, mich bei meinem Eintritt zu empfangen. „Ich bin froh, daß Sie kommen,“ ſprach ſie,„denn ich bin ſehr unruhig geweſen. Meine etwas unſchick⸗ liche Partie mit dem Spieler dort hat Sie, fürchte ich, in eine ernſtliche Patſche gebracht. Sagen Sie mir, iſt alles freundſchaftlich ausgeglichen? Ich kenne Richborough, ſeinen Takt und ſeine Klugheit ſo gut, daß ich überzeugt bin, er hat Alles ohne irgend un⸗ angenehme Folgen in's Reine gebracht.“ Natürlich verſicherte ich ihr, daß ſie Recht habe. „Es wird eine Lection für mich ſein,“ fuhr ſie fort,„und um in Ihrer guten Meinung nicht zu lei⸗ den, ſollen Sie die Thorheit erfahren, welche mich die weitere Unbeſonnenheit begehen ließ, eine öffent⸗ liche Partie im Billardzimmer des Drachen zu ſpie⸗ len. Mein Thron iſt hier, gleich allen andern Thronen, durch eine feindliche Faction angefochten. Lady Macdonald ſteht an der Spitze dieſer Kabale; und da ſie von einer Clique heiliger Tabbys*) und emporgekommener beaux umgeben iſt, ſo bekritteln ſie all mein Thun, ſpotten über meine Anhänger und ſchlagen vor Schauder die Hände zuſammen über die Unterhaltungen, wodurch ich meine Unterthanen vor ennui zu bewahren und die Qual der Marter⸗ *) Tappies, eigentlich gewäſſerter Taffet; hier ſind ohne Zwei⸗ fel die Frauen reicher Induſtriellen gemeint. A. d. U. 32 ſtunden eines Badeorts zu erleichtern ſuche. Die Thatſache, daß ich ein oder zwei Mal einige lumpige hundert Pfund im Whiſt verloren habe, iſt ſo ſtreng gerügt worden, daß ich, um meine Verachtung gegen ihre beſchränkten Ideen an den Tag zu legen, den Vorſatz faßte, eine Partie Billard fur ein paar hun⸗ dert Pfund zu ſpielen und ſo meine Gleichgültigkeit gegen ihre Verachtung auf die Spitze zu treiben.“ Da der Marquis jetzt in das Zimmer trat, ſo ſtand ich auf, ihn zu begleiten und den Erfolg ſeines Arran⸗ gements in Bezug auf Zeit und Ort zu vernehmen. „Es iſt nicht nöthig, daß wir das Zimmer ver⸗ laſſen,“ ſagte er in Erwiderung meines Blicks und meiner Bewegung.„Zum Glück für Sie kommt es zu keinem Duell. Die anweſende Geſellſchaft hat auf Antrieb des ercentriſchen Jve Armſtrong das Urtheil gefällt, daß Ihr Gegner zugleich mit ſeinen Verbündeten aus dem Hotel vertrieben werden ſoll. Das Licht, welches Ihre Affaire auf dieſelben gewor⸗ fen, hat ſie vollſtändig geſtürzt. Es iſt alſo aus⸗ gemacht, daß dieſelben alsbald den Drachen verlaſſen, ſonſt werden ſie hinausgeworfen; und ein Committét hat ſich ferner dahin ausgeſprochen, daß Sie ſich Kapitän Surecard nicht ſtellen dürfen. Thun Si es, ſo wird man Sie ſelbſt ausweiſen. Als Ih Freund habe ich demnach Alles für Sie auf ein ehrenhafte und ſchickliche Weiſe abgemacht.“ Sehr erleichtert, ſprach ich dem Marquis meinel lebhaften Dank aus; und dieſer zog ſich jetzt zurüc um für den Ball ſich anzukleiden, indem er die Mar quiſe meiner Escortirung überließ und ſeinen Knabel in die Arme nahm. 3 ——— 33 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Der Anfang, die Mitte, das Ende der Liebe iſt nichts als Sorge, Qual und Elend.“ Anon. „Noch iſt im Steigen meines Unglücks Fluch, Die Sterne ſchießen Mißgeſchick.“ Altes Schauſpiel. Eine Affaire ſolcher Art diente natürlich nur zur Befeſtigung meines freundlichen Verhältniſſes zu der Marquiſin von Richborough, deren liebenswürdige Manieren, Unſchuld und Schönheit ſie zu einer ge⸗ fährlichen Geſellſchafterin für einen jungen Mann von meiner Gemüthsart machten. Obwohl ich bei Cupido's ſtärkſtem Bogen,„bei ſeinem beſten Pfeil mit der goldenen Spitze“ hätte ſchwören können, kein Angeſicht, keine Geſtalt vermöge jemals den Eindruck von Miß Villeroy aus meinem Herzen zu verdrängen, ſo fürchte ich doch, die liebenswürdige Marquiſin war damals allmächtig, und ich vachte in ihrer Ge⸗ ſellſchaft nicht an mein Gelübde. „O Himmel! wär' der Mann beſtändig nur, Vollkommen wär' er, dieſer Fehler legt Ihm ein Menge andrer Fehler zu.“ Es genüge zu bemerken, daß keine Luſtpartie for⸗ mirt, keine Unterhaltung projectirt wurde, wobei ich nicht ihr Begleiter und Adjutant war. Unter ſolchen Umſtänden nicht zu lieben, hieße kein Menſch ſein. Doch wiewohl dleſes himmliſche Muſterbild bei den paziergängen am Tag an meinem Arm hing, wie⸗ Smith, Glücks⸗Soldat. 11. 34 wohl ſie mit mir tanzte bei Nacht und mich zu ihrem Partner wählte bei jeder Unterhaltung, woran ſie ſich betheiligt hatte, ſo kam, wie ſehr auch unſere Herzen Liebe empfinden mochten, kein Wort davon über unſere Lippen. „Ich liebte und war wiederum geliebt.“ Dieß wurde mir aus tauſend Zeichen und Merk⸗ malen bewußt, welche Liebende ſo ſicher entdecken, als daß ſie leben und ſich bewegen. Wie es in dergleichen Fällen gewöhnlich ge⸗ ſchieht, bemerkte dieß alle Welt, nur der nicht, welcher am meiſten dabei intereſſirt war; und der gutmüthige und freundliche Marquis, als er fand, daß ſeine liebenswürdige Gattin ſich ſo gut unter⸗ hielt und ſo glücklich war, reiste ab, um ſein Pferd auf St. Leger abgehen zu ſehen und ſein Geld zu Doncaſter zu verlieren. Es war am dritten Tag nach ſeinem Abgang, als Lady Richborough und ich, den herrlichen Sonnen⸗* untergang betrachtend, unter den Bäumen und Ge⸗ ſträuchen im Garten von Plumpton ſaßen. Die, welche in Harrowgate geweſen ſind, erinnern ſich dieſes lieb⸗ lichen Orts, da der Garten von Plumpton immer zu den Punkten gehört, worauf man Beſuchende auf⸗ merkſam macht. Die Marquiſin hatte heute eine Picknick⸗Partie hieher veranſtaltet, wobei einzelne Perſonen theils ſchon abgegangen waren, andere gerade ehe ſie heimkehrten, noch zur Unterhaltung in den ver⸗ ſchiedenen Theilen des Gartens herumſchlenderten, — Die Marquiſin und ich ſaßen auf einer grünen, deß — 69——— 35 See überragenden Bank; eine romantiſche Sage, der Liebes ſprung genannt, knüpfte ſich an den Platz. Es war mir Etwas von der Geſchichte erinnerlich, und ich erzählte meiner Begleiterin, wie in vergangenen Tagen ein junger Jäger, da er auf ein vorſpringen⸗ des Felsſtück, das von dem Vorgebirge, worauf wir ſaßen, abgeriſſen war, ſpringen wollte und zu gleicher Zeit ſeine Schweißhunde an der Koppel hielt, die ihm nachzuſpringen ſich weigerten, bei dem Verſuch da— durch rückwärts geriſſen und vor den Augen ſeiner Geliebten gegen die Felſen geſchleudert wurde und im See ertrank. Das Romantiſche der Geſchichte und die Schön⸗ heit der Landſchaft ergötzten uns. Das einzige Kind meiner ſchönen Zuhörerin war bei uns, wirklich be⸗ gleitete ſie bei allen ihren Ausflügen der ſchöne Knabe, und es ſchien in der That, als hätte ſie die Stunde verloren, da er ihr aus den Augen war. Das ſtolze Gefühl jedoch, von dieſer hochbegabten »und ſchönen Frau zu ihrem Vertrauten erwählt und gleichſam in die Rechte eines Bruders eingeſetzt wor⸗ den zu ſein, war beinahe zu viel für einen Mann zu ertragen und ſich in der gehörigen Stimmung zu be⸗ haupten. Wenn ich den prächtigen, lachenden Knaben küßte, der in meinen Armen ſpielte, ſo küßte ich ihn um ſeiner Mutter willen. Der kleine Schelm kreiſchte und lachte wie ein Geiſt, kletterte in ſeiner muthwilligen Laune mir auf den Rücken, und die Baumgänge rings herum er⸗ tönten von ſeinem fröhlichen Gelächter und ſeinem Freuderufe. In dem einen Augenblick bewarfer uns mit den lieblichen Sommerknospen, die er von der 8 36 Bank, worauf wir ſaßen, pflückte, im nächſten ſprang er davon und verbarg ſich in dem Dickicht einer Gruppe immergrüner Geſträuche in der Nähe. Eine Zeitlang beobachtete ihn ſeine zärtliche Mutter mit ihren ſtrahlenden Augen, beantwortete ſein Lachen mit ihrer muſikaliſchen Stimme, ermunterte ſeine gewinnende Heiterkeit, indem ſie ſich dann und wann erhob, ihn nach einem buſchigen Verſteck zu jagen; zuletzt hieß ſie ihn, ermüdet von dem Scherz, ſich allein unterhalten, während ſie ein wenig aus⸗ ruhte, und befahl dem Kindsmädchen, ihren Wagen zu ſuchen und herzubeſtellen.„Fort,“ rief ſie muth⸗ willig dem ſchönen Knaben zu,„fort, tödte die Schröter in der Moſchroſenknospe, oder kämpfe mit den Fledermäuſen um ihre ledernen Flügel! Geh, tödte mir eine rothhüftige Hummel auf der Spitze einer Diſtel.“ Indem ſie ſich wieder ſetzte, ſtützte ſie ihre Wange auf die Hand, während ihr Auge über den hellen Waſſerſpiegel des See's hinſchweifte und den Glanz der untergehenden Sonne beobachtete, welche beim Unterſinken der herrlichen Scheibe die ſchattigen, maſ⸗ ſenhaften Fichtenwaldungen am Rande deſſelben mit Purpur umſäumte. „O wäre ich ein Handſchuh an dieſer Hand,“ dachte ich, als ich ihr halb abgewendetes, fein ge⸗ ſchnittenes Angeſicht betrachtete,„daß ich dieſe Wange berühren dürfte.“ Ich weiß nicht, ob ich einem Theil meiner Ge⸗ danken Worte gegeben hatte, ob die Marquiſin aus meinem Stillſchweigen meine Bewunderung errieth, aber ſie wandte plötzlich den Kopf um und unſer 37 Augen begegneten ſich. Der Ausdruck des meinigen verrieth mich, als ob ich ein Buch geſchrieben hätte; und ihr reines und beredtes Blut ſprach auf ihren Wangen. Der geſtickte Handſchuh, den ich ſo ſehr be⸗ wunderte, war in meiner Hand; unbewußt hatte ich ihn zurückbehalten, während der ſchäkernde Knabe in ſeiner lauten Fröhlichkeit mich damit angriff. Sie ſtreckte ihre Hand nach demſelben aus, und lächelte in ihres Herzens Unſchuld, wie nur ein ſo ſtrahlendes Geſchöpf lächeln kann.„Süßer Schmuck, der ein Göttliches deckt,“ ſagte ich, als ich ihn fahren ließ. Dabei trafen ſich unſere Hände und ich faßte die mir entgegenkommenden Finger und zog ſie an meine Lippen. Ich wußte kaum, was ich gethan hatte; ich fürchtete, die Marquiſin möchte durch meine Kühn⸗ ſein; ſie wieder anzuſehen, wagte ich nicht. Im nächſten Augenblick ſtieß ſie einen durchboh⸗ renden Schrei aus, ſprang mit Augen, die wie bei einer Wahnſinnigen aus ihren Höhlen trat, von der Bank auf, wo ſie ſaß und ſtellte ſich auf die Zehen, die wahre Perſonifikation einer plötzlich verrückt ge⸗ wordenen Nymphe. Horch! war dieß das Untertauchen der Kriech⸗ ente in den glänzenden Gewäſſern des See's oder das Plätſchern der Fiſchotter unter dem Felſen. Eine Art Wehegeſchrei unterbrach die Stille des Luſtwaldes, als ich die Lady mit Scheu, Erſtaunen und Furcht anſchaute. Die Wahrheit zuckte mir plötzlich in den Sinn. Ihr ſchönes Kind, der kleine Lord Eskdale war in den See gefallen. Mit der Schnelligkeit des Gedankens ſprang ich auf, durchſchnitt den Raum von 38 da wo ich ſaß, machte einen Sprung von dem Vor⸗ gebirge und ſtand auf dem vereinzelten Felsſtück, das ſich aus dem ſchilfbewachſenen See erhob, und ſchaute rings um mich. Von meiner Stelle aus beherrſchte ich den Fuß der Felſen auf einige Entfernung und entdeckte jen⸗ ſeits eines nahe vorſpringenden Vorgebirgs einen verſchwimmenden, kaum noch im Waſſer ſichtbaren Kreis etliche fünfzig Ellen von der Stelle, wo ich ſtand. Mir die Stelle wohl merkend, wagte ich noch einmal den Jägerſprung und gewann, unbehindert von deſſen Hunden, wieder das Vorgebirge. Die Marquiſin war nirgends zu ſehen. Ich dachte nicht an ſie, ſondern ſtürzte durch die Gebüſche hinunter, wie von einem böſen Geiſte beſeſſen, erreichte den Rand des See's und ſtürzte mich kopfüber hinein; wäre es ein Schwefelſee geweſen, ich hätte daſſelbe gethan. Ich hatte mir die Stelle ſo wohl gemerkt, daß des Kindes Hut das Erſte war, was ich vor mir hin⸗ treiben ſah, als ich wieder an die Oberfläche kam, und ſogleich untertauchend ſah, faßte und brachte ich daſſelbe empor. Mit meinem Preiſe das Ufer zu ge⸗ winnen, war jetzt das Werk weniger Minuten, und zu meiner Freude ſah ich, daß der Knabe noch am Leben war. Seine Kleider waren weit ausgebreitet und hielten ihn wie eine Waſſernixe eine Weile oben⸗ Eben da ich untertauchte und auf ihn zuſchwamm, hatte er zu ſinken begonnen. Mein Entzücken, den ſchönen Sohn der Mar quiſin gerettet zu haben, machte im nächſten Augen⸗ 39 blick der Beſorgniß Platz. Wo war die Marquiſin ſelbſt? Ich hatte noch bemerkt, wie ſie nach dem Punkt hinunterſchoß, wo ſie ihr Kind noch zuletzt ſpielen geſehen, ehe ſie daſſelbe im Anblick des herr⸗ lichen Sonnenuntergangs vergaß. Der Pfad, den ſie eingeſchlagen hatte, führte nach einem Theil des Felſens, der über den See hereinragte. Die ſchreckliche Wahrheit ahnend, rief ich nach Beiſtand, übergab den jungen Lord dem Kinds⸗ mädchen, das eben herbeiflog, warf meinen Rock ab und ſtürzte mich noch einmal in die Fluth. Es war jedoch vergeblich, daß ich gleich einem Reufund⸗ länder Hund, der einen Stein ſucht, untertauchte und herumſchwamm;— die Tiefen des See's be⸗ hielten ihren Raub: und o des gemeinen Todes für ſo viel Liebenswürdigkeit! die Marquiſin war er⸗ trunken wie Ophelia. Es war am Morgen nach dieſem unerwarteten Er⸗ eigniß, daß ich in dem Privatzimmer meiner vorma⸗ ligen ſchönen Freundin im Drachen von Harrowgate ſaß. Der Marquis war bei mir. Man hatte ihn durch einen Expreſſen von Doncaſter geholt. Sein kleiner Knabe war in ſeinen Armen und auf deſſen wieder⸗ holte Frage nach ſeiner lieben Mama hatte der Mar⸗ quis nur eine Antwort— ſeine ſtrömenden Thränen. Es war die erſten zehn Minuten unſerer Begegnung ſeit ſeiner Ankunft und der Kataſtrophe. Er hatte nach mir im Augenblick ſeines Eintreffens geſchickt, und gleich einem Verbrecher, der einen Mord be⸗ gangen hat, folgte ich ſeinem Rufe. Vier ſchnaubende Poſtpferde ſtanden vor dem Thor des Hotels mit ſeinem Reiſewagen, ihre ausgedehnten Naſenflügel 40 er den Weg gemacht hatte. „Das iſt eine ſchreckliche Geſchichte, Sir,“ ſagte er aufſtehend und durch das Zimmer ſchreitend,„ein ſchreckliches und trauriges Ende unſeres Beſuches hier. Ich kann es noch nicht ganz verſtehen, wiewohl Sie mir Alles ſchon ſechs⸗ und mehrmals erzählt haben. O unſeliges Geſchick, das mich zu dem ver⸗ fluchten Wettrennen führte! Sie retteten meinen Knaben, Sir, und ich danke Ihnen. Aber o! Sir, wie habe ich verdient, daß die Trübſal ſo ſchwer auf mir laſtet? Wie konnte das alles geſchehen?“ Der Marquis wurde hier ſo bewegt, daß er in einen Stuhl ſank und ich aufſtand und ihm das Kind aus den Armen nahm. Nach einer Weile überwäl⸗ tigte er ſeine Rührung und ſprach, wieder zu mir ſich wendend, in gereiztem Tone: „Wie iſt es möglich, daß ein ſolches Unglück ge⸗ ſchehen konnte, wenn Ihrer Ausſage nach drei Per⸗ ſonen bei dem Kinde waren. Wo befand ſich das Mädchen in dieſem Augenblick?“ „Es war nach dem Wagen geſchickt worden,“ ant⸗ wortete ich. „Und die übrige Geſellſchaft von dieſer verfluch⸗ ten Picknick⸗Partie,“ fuhr er fort,„war weg, ſagen Sie; hatte den Garten verlaſſen. Hum!— Sonderbar, um das Wenigſte zu ſagen; und die Marquiſin und Sie— nach dem Untergang der Sonne auf den See ſchauend; und das Kind war— ich brauche nicht zu fragen— in dem See! Das Kindsmädchen her,“ rief er aufſtehend und heftig klingelnd. und dampfenden Seiten verriethen die Eile, womit Die Magd erſchien gleich Niobe, lauter Thränen. —,—— 5—— —— v—— N 41 Beim Anblick ihres Herrn brach ſie in ein Geheul aus, wie ein wilder Indianer— die gewöhnliche Weiſe bei Perſonen dieſer Art. „Stille! Weib,“ gebot der Marquis ſtreng.„Ich kenne den Werth Eures Kummers von ſonſt her, ſo wie ich den Werth Eurer Dienſte kenne. Für Euch iſt es nicht der Mühe werth, weitere Thränen zu ver⸗ gießen.— Ihr ſeid nicht länger mehr in meinem Dienſte. Ich habe Euch kommen laſſen, um Eure Angabe über dieß Ereigniß zu vernehmen, nicht um Euer Gekreiſch mit anzuhören.“ „Mhlord,“ ſagte ich,„das iſt unfreundlich ge⸗ ſprochen. Ich habe die volle, ungeſchminkte Wahr⸗ heit hiebei geſagt; und hätte mein Leben es unge⸗ ſchehen machen können, ich wäre geſtorben zur Ret⸗ tung——“ „Der Gram hat, wie die Ungeduld, Sir,“ ſagte der Marquis mich unterbrechend,„ſein Privilegium. Was hat Euch, Miſtreß,“ fuhr er, wieder zu der Kindsmagd gewendet, fort,„veranlaßt, Euren Poſten zu verlaſſen, während dieſer Gentleman meine Frau unterhielt.“ „Mylady's Befehl, Sir, den Wagen zu ſuchen,“ erwähnte das ſchluchzende Kindsmädchen.„O Gott! O Gott! Tödten Sie mich, Sir, wenn Sie wollen, aber ſagen Sie mir kein zorniges Wort mehr. Ta⸗ deln Sie mich nicht, ſonſt ſterbe ich in Wahnſinn und Raſerei.“ „Eure Herrin hatte alſo das Kind bei ſich. Ihr habt es unter Ihrer Aufſicht gelaſſen.“ „Ja, Sir,“ antwortete die Magd.„Sie hieß Lord Eskdale Mäuschen und Hummeln unter den 42 Diſteln fangen, dieß waren ihre eigenen Worte. O mein Gott! ich werde ſie nie vergeſſen und ſollte ich tauſend Jahre alt werden. Als ich von dem Gitter⸗ thor, beunruhigt durch das Geſchrei dieſes Herrn, zurückkehrte, eilte ich zur Stelle und fand alle drei im Waſſer. Was hernach geſchah, weiß nur Gott, denn ich fiel in Ohnmacht. Als die Diener mir zu Hülfe kamen, zogen ſie eben dieſen Herrn faſt er⸗ trunken aus dem See. „Genug, genug,“ ſprach der Marquis,„nicht wei⸗ ter. Friſche Pferde, nach Plumpton. Needham,“ ſagte er zu ſeinem Kammerdiener,„bleibe hier und zahle alle Rechnungen und folge mir heute Nacht nach Ferrybridge. Leben Sie wohl, Mr. Blount,“ fuhr er zu mir gewendet fort.„Noch einmal, ich danke Ihnen für Ihre Anſtrengungen zu Gunſten dieſes armen Kindes. Verzeihen Sie mir jedoch, wenn ich den Wunſch ausſpreche, wir hätten uns nie geſehen, und noch ferner hoffe, wir werden uns nie mehr ſehen. Damit Ihnen mein Thun bei dieſen Worten nicht einen ercentriſchen Anſtrich in Ihren Augen bekommt, kann ich zur Rechtfertigung füt Sie nur dieſe Zeilen in Ihre Hand legen. Da die⸗ ſelben anonym ſind, ſo würde ich ihrer ohn dieſe Kataſtrophe, welche, die Wahrheit zu ſagen einiges Licht auf deren Inhalt wirft, nicht erwähn haben. Ich muß jedoch mich ſelbſt mehr tadeln, ab jede andere Perſon. Leben Sie wohi!“ So ſprechend verließ der Marquis das Zimm mit ſeinem Kinde; und nach Plumpton ſich begebend brachte er den Tag damit zu, die Anſtalten zur Auf findung des Leichnams ſeiner Gattin aus dem St t, ie en ür n n, nt te id uf e 43 zu überwachen. Seine Bemühungen ſollten jedoch nicht mit Erfolg gekrönt werden, und gebrochenen Herzens und untröſtbar kehrte erauf ſeine Beſitzungen im Norden zurück, von wo er niemals wieder zum Vorſchein kam, weder um an den Vergnügungen einer Saiſon zu Harrowgate Antheil zu nehmen, noch irgend eine andere Zerſtreuung ſich zu geſtatten. Die anonhmen Zeilen, die er erhalten hatte, deu⸗ teten darauf hin, daß ich ſchimpfliche Abſichten auf die Marquiſin unterhalte, und forderten ihn auf, wenn er auf ſeine Ehre hielte, ſogleich von Doncaſter zurückzukehren. Sie waren bloß mit dem erdichteten Namen Bacon unterzeichnet. Solcher Art, geneigter Leſer, waren die Reſul⸗ tate meines erſten Beſuchs in dem geprieſenen Drachen von Harrowgate. Ich kann jedoch nicht eigentlich ſagen, die Reſultate, da ich noch andere dazu ge⸗ hörige Punkte zu berichten habe, welche, wie ſich er⸗ geben wird, ſtufenweiſe zur Vollendung meines Falls im Leben beitrugen. Man wird leicht errathen können, daß die eben erzählte kleine Cpiſode mir den Geſchmack an den Unterhaltungen dieſes Badeortes benahm. Wirklich warf auch dieſelbe ein ſolches Düſter auf die im Drachen verſammelte Geſellſchaft, daß drei Viertel derſelben ihren Beſuch abkürzten, ihr Reiſegepäck zu⸗ ſammenfuchten und abmarſchirten. Ich würde gleich⸗ falls den Platz verlaſſen haben, wäre dieß in mei⸗ ner Macht geſtanden. Aber man wird ſich er⸗ innern, daß ich im Dienſt hieher beordert war und folglich keine Wahl hatte. Wiewohl ich alſo den Platz nicht räumen konnte, beſchloß ich doch, mein 44 Quartierbillet zurückzunehmen und begab mich dem⸗ gemäß nach dem Gaſthaus in Unter⸗Harrowgate, das meiſt Kranken zum Aufenthalt diente, die des Heil⸗ waſſers wegen hieher kamen. In dem Drachen wurde, wie bereits angegeben, hoch geſpielt, und bei mehren Beſuchen daſelbſt brachte ich oft ganze Tage daſelbſt mit Beobachtung der Whiſtſpieler zu. Kapitän Catchflat hatte während unſeres kurzen Beiſammenſeins mir die Liebe zum Spiel einigermaßen eingeimpft, aber ohne den Un⸗ fall zu Plumpton und den Umſtand, daß derſelbe mich eine Zeit lang zu auswärtigen Unterhaltungen untauglich machte, würde dieſelbe nie zur Reife ge⸗ diehen ſein. Jetzt aber, nachdem ich das Spiel beob⸗ achtete, fühlte ich unmerklich das Verlangen in mir, die Karten abzuziehen, und nachdem ich einmal dem Laſter nachgegeben, wurde es zur Leidenſchaft. Mor⸗ gen nach Morgen fand mich alſo über jene herrlichen Felder hinſchreitend, welche von Unter⸗Harrowgate nach dem reizenden Garteneingang hinter dem Dra⸗ chen führen, und Nacht auf Nacht fand mich gefeſſelt an das Spielzimmer, um Einſätze ſpielend, welche bei fortdauerndem Unglück einen Pair des Reichs rui⸗ nirt haben würden. Meine Laufbahn unter den Spielern zu Harrow⸗ gate war jedoch kurz. Das beſtändige Mißgeſchick, das mich bisher begleitet und das Unglück meines Lebens ausgemacht hatte, verfolgte mich mit großer Feindſeligkeit an die Tiſche; ich mochte ſpielen was ich wollte, gute Karten flogen aus meinen Hän⸗ den und Banknoten aus meinen Taſchen. Wenn ich der Partner wegen abhob, ſo bekam ich Ladh 45 Merrimoth, die Banknoten verſchwanden von ihrem Schvoße und die gewöhnlichen Trümpfe und Hon⸗ neur's aus ihrer Hand.— War ſie wiederum meine Gegnerin, ſo war das Eine, daß nämlich ihre Augen ſich erheiterten, ſo ſicher als das Andere, daß jene wieder zu ihrer gewöhnlichen Höhe, d. h. bis zu ihrer Naſe anwuchſen. Waß Caſſio vom Trinken ſagt, ließ ſich faſt auf das Spiel anwenden?„O du un⸗ ſichtbarer Geiſt des Spiels, wenn du keinen Namen haſt, woran du zu erkennen biſt, ſo laß uns dich— Teufel nennen!“ Zuerſt ſuchte ich nur die Spieltiſche, weil die Töne der Fröhlichkeit und rauſchenden Luſt meinem Gemüthszuſtande zuwider waren. In der That hatte ich alle meine Munterkeit verloren, meine gewöhn⸗ lichen Leibesbewegungen verſäumt, und wollte zeit⸗ weilig mich jeden Nachdenkens entſchlagen, indem ich mich darauf verlegte, Andere bei hohem Spiel zu be⸗ obachten. Die Miene derer, welche ich in dieſem all⸗ mächtigen Zauber befangen ſah, trug, anſtatt mich abzuſchrecken, anfänglich zu meiner Unterhaltung bei, bis ich allmälig in den Wirbel gezogen, unter den Opfern mit verſchlungen wurde. Meine Laufbahn war jedoch, wie bereits geſagt, kurz, und ich erhob mich eines Morgens, nach hartem, einen Tag und eine Nacht andauerndem Spiel, nicht allein völlig ausgezogen, ſondern noch eine große Summe über das, was ich bezahlen konnte, ſchuldig. „Graf Savinski,“ ſprach ich zu dem Polen, mit welchem ich geſpielt hatte,„ich finde mich jetzt als Ihren Schuldner zu der Summe von—“ „Ja, Sir,“ erwiderte der Pole,„genau ſo viel. 46 Das hat aber nichts zu ſagen. Spielen wir fort, zahlen Sie morgen. Kommen Sie, friſche Karten. Setzen Sie ſich nieder, Monſteur, die Reihe iſt an Ihnen. Wir wollen annehmen, Sie gewinnen das nächſte Mal ein wenig— Ihr Spiel kommt jetzt. Ecarté s'il vous plaft.“ „Nicht ſo, Graf,“ antwortete ich,„es hilft nichts, ich habe dieſes Spiel zu lang probirt. Hier iſt mein 3 O U*) für die Summe. Ich habe ſie nicht bei mir und muß darum ſchreiben.“ So ſagend, erhob ich mich und zog die Jalvuſien auf. „Bei Gott, es iſt Morgen,“ ſprach der Graf. „Wenn Sie nicht mehr ſpielen, gehe ich zu Bette, das iſt Alles.“ Da lein Flachkopf mehr da war, mit dem Polen anzubinden, zog er ſich auf ſein Zimmer zurück; während ich Feder, Tinte und Papier nahm und einen Brief an meinen Vater anfing, um ihn um eine Rimeſſe zur Rettung meiner Ehre zu bitten. Ehe ich jedoch drei Linien geſchrieben hatte, ge⸗ bot tiefe Scham meiner Feder Halt.„Nein,“ ſagte ich, aufſtehend und im Gemach auf und abgehend, „ich will mich keiner Abweiſung ausſetzen. Ich will meine Schwachheit nicht geſtehen. Seitdem ich ſelbſt mich zu einem Eſel gemacht habe, weiß ich wenig⸗ ſtens, wie ich für meine Thorheit zu leiden habe. Hier gibt es jedoch keine Gelegenheit, eine zweite Senſation in dem Hotel dadurch hervorzubringen, daß ich den hinter Vorhängen verborgenen Schlaf⸗ *) Unterſchrift. A. d. U. durch den Knall einer Piſtole ſtöre, womit ich meine letzte Rechnung abſchließe— ich kann es anders ab⸗ machen. Ich muß den Huſaren Adieu ſagen. Meine theuren, hochgeſchätzten Kamaraden, ich muß ſcheiden, ich muß der Reiterei entſagen für die Plattfüße.“ Mit dieſen Worten griff ich wiederum zu der Feder und richtete einen Brief an einen Armeeagenten in der Stadt, worin ich ihn bat, mir alsbald einen Tauſch zu einem Regiment auf einer der ungeſun⸗ deſten weſtindiſchen Inſeln zu beſorgen, wobei ich die Differenzſumme nannte, der ich bedurfte, und womit ich Savinski ſeinen hölliſchen Gewinn von der letzten Sitzung bezahlen konnte. Umtauſche der Art ließen ſich damals leicht machen. Der Armeeagent hatte nur einige Seiten in ſeinem Buch umzuſchlagen, den tauglichen Mann auszu⸗ wählen, einen oder zwei Briefe zu ſchreiben, und die Sache war abgethan. Zünſundzwanzigſtes Rapitel. —— Eh' die Fledermaus vollbracht Den Flug und auf der Hekate Gebot Der hartgeſchalte Hammer mit den Hums Die Nacht noch ſchläfrig eingeläutet hat, Wird eine ſchreckenvolle That geſcheh'n. Shakſpeare. Da der Verlauf dieſes Geſchäfts nothwendig mei⸗ nem Oberſt bekannt werden mußte, empfing ich meh⸗ 48 rere Abmahnungsſchreiben bezüglich meiner Abſicht, ihn zu verlaſſen, auch alle meine Mitoffiziere äußer⸗ ten ſich auf gleich ſchmeichelhafte Weiſe gegen mich. Ja, Oberſt Gauntlet ſetzte ſich ſelbſt zu Roß und ritt von York herüber, um meinen Vorſatz zu erſchüttern, und zu meinem Erſtaunen ſah ich ihn vor der Thüre des Gaſthauſes abſteigen, als ich mich eben zur Tafel ankleidete. „Mein lieber Blount, was ſoll das alles bedeu⸗ ten?“ ſprach der ſtattliche alte Soldat, meine Hand faſſend.„Was in des Teufels Namen bewegt Sie, uns zu verlaſſen?— Sie, der Liebling des Regiments; beim Himmel, Sie ſind das Leben des Corps geweſen, ſeitdem Sie eingetreten. Wir können Sie nicht ver⸗ lieren. Iſt Etwas an uns Ihnen mißfällig, oder haben Sie eine Privatveranlaſſung, dadurch⸗ daß Sie ſich nach St. Kitts wenden, einen Selbſtmord zu be⸗ gehen?“ „Ich will aufrichtig mit Ihnen ſein, Oberſt,“ ſagte ich,„es bleibt mir keine Wahl. Der Himmel weiß, wie ſehr ich das— ſte Regiment und alle meine Mit⸗ offiziere liebe. Indem ich Sie verliere, Oberſt, ver⸗ liere ich Jemand, den ich, faſt fürchte ich, gleich mei⸗ nem eigenen Vater liebe, denn ich habe von Ihnen ſeit der Stunde, da ich Sie kenne, die edelſte, liebe⸗ vollſte Freundſchaft erfahren. Die Wahrheit zu ſagen, hätte ich nie unter die Huſaren treten ſollen, da ich die Koſten nicht aufbringen kann. Der vor⸗ liegende Fall hat darum unſere Trennung nur be⸗ ſchleunigt. Kurz, ich habe hier Geld verloren, das ich ohne Beiſtand von meinem Vater nicht bezahlen kann. Da ich aber mit meiner Familie nicht auf 49 gutem Fuße ſtehe, ſo habe ich das einzige, in meiner Macht ſtehende Mittel, mir aus der Noth zu helfen, ergriffen.“ „Nicht das einzige Mittel, mein lieber Junge,“ ſagte der Oberſt,„denn hätten Sie mir geſchrieben, wäre ich Ihnen gewiß zu Hilfe gekommen. Wie, nennen Sie die Summe, und wenn es möglich iſt, ſollen Sie dieſelbe Morgen früh haben.“ „Nicht um alle Velt, Oberſt,“ ſagte ich,„da ich ſte, fürchte ich, nie bezahlen könnte, ohne mein Pa⸗ tent zu veräußern. Der Himmel ſegne Sie für Ihr Anerbieten! aber hören Sie auf, in mich zu dringen.“ „Zum Teufel mit der lumpigen Summe!“ rief der edelmüthige alte Soldat.„Sie ſollen der Bezahlung niemals erwähnen, wenn Sie mich nicht zu beleidigen gedenken.“ 5 Thränen in den Augen drückte ich ihm die and. „Nun denn,“ ſagte er,„wenn es ſo iſt, müſſen wir von Ihnen ſcheiden. Aber Sie haben Unrecht, junger Mann, ſo halsſtarrig zu ſein. Hätte ich Zeit, ich würde ſelbſt an Ihren Vater in der Sache ſchrei⸗ ben und Sie bis Empfang ſeiner Antwort in Arreſt ſetzen. Die Worgenpoſt alſo, ſagen Sie, wird Ihnen einen Brief mit Handgeld von Ihrem Agenten bringen?“ „So iſt es, mein werther Sir,“ ſagte ich,„und nun laſſen Sie uns das Diner auf das Zimmer be⸗ ſtellen, da ich Ihre Geſellſchaft lieber töteAtéte ge⸗ nießen, als mit Ihnen an der Table d'höte ſpeiſen möchte.“ Wir ſetzten uns alſo nieder und tranken unſere Smith, Glücks⸗Soldat. I. 4 50 Flaſche Claret zuſammen. Darauf beſtellte ich, da es ein lieblicher Sommerabend war, Kaffee und ſchlug einen Spaziergang Lor. „Ich muß Morgen Ihr Detachement muſtern, und da ich vermuthe, es wird Ihnen recht ſein, ſo bald als möglich loszukommen, ohne abzuwarten, bis die Sache in den Zeitungen auspoſaunt wird, ſo muß ich nach Devereur ſenden, um Sie abzulöſen.“ Wir ſchlenderten durch das Dorf Unter⸗Harrow⸗ gate und wandten uns dann nach der Gemeindewieſe. Es war dieſen Abend ein Pferderennen auf der Haide und die Luſt hatte eben ihren Gipfel erreicht. Wir machten alſo im Gedränge Halt, um den Verlauf der Unterhaltung zu beobachten „Schaul ſchau! um's Himmels willen. Sehen Sie jene hübſchen Dirnen, die beinahe im Zuſtand völliger Nacktheit über die Gemeindewieſe ſtrömen. Nichts an ihnen, ſo wahr ich ein Sünder bin, als ihre Hemden.“ „Ja, Sir,“ ſagte ein Bauerburſche in dem Hau⸗ fen,„das iſt ein Hemderennen. Die Dirnen da kommen, im Hemde zu rennen, und die, welche ge⸗ winnt, erhält ein Hemb. Da ſehen Sie, dort hängt es an der Preisſtange. Joicks! Joicks! fort geht ſie! Der Teufel hole meine Lumpen, wenn Mopſy nicht ſicher gewinnt. Huſſa! ich wette eine Pinte Ale gegen ein Stück Speck, Mopſy gewinnt das Hemd.“ „Es muß ihnen wunderbar an Leinen fehlen, noch mehr als Fallſtaff's Regiment,“ ſagte der Oberſt, „daß ſie ſich freiwillig einem ſolchen Gottesurtheil unterwerfen. Aber laſſen Sie uns gehen und nach der Siegerin ſchauen. Gut gemacht, Cutth Sark,“ 51 rief er,„beim Himmel, aber Du liefeſt gut, Mopſy, und auch Du, Betſy, und auch Du, Maud, und Ma⸗ rian, Bridget und Beß. Ihr verdient einen dutzend⸗ fachen Vorrath Leinen. Hier iſt eine halbe Guinee ſür Euch. Wahrhaftig, Blount, ſie iſt ein gutge⸗ bautes Füllen, dieſe Mopſh, ſauber auf den Hinter⸗ feſſeln, ſtark in Gliedern und von überraſchend guter Haltung.“ „Ja, Sir,“ ſprach der Bauernlümmel,„es iſt eine brave Dirne— die Moll— ein feſtes Fahr⸗ zeug. Greifen Sie ihr nicht unter das Kinn, Sir, ſie und ich, wir halten Compagnie, gewiß.“ „Jetzt bei Seite, ich will die Stange da nach der Hammelskeule auf der Spitze erklettern. Schrei, Robin. Jetzt für den erſten Gang.“ Schrecklich waren die Anſtrengungen der Yor⸗ kiſten, die Stange zu erklettern; da dieſelbe wohl eingeſchmiert war, ſo geſchah es, ſobald ein Burſche die Hammelskeule innerhalb Armslänge erreicht hatte, in Folge der Bemühungen, ſie zu faſſen, daß er wie⸗ der herabglitt, und ein Anderer, über ſeine Schultern hinwegſpringend, ſich hinaufarbeitete, um dieſelbe Täuſchung zu erfahren. Da jedoch zuletzt die Stange durch die Bewerber mit Regenſchauern von Sand und Kies beworfen worden war, gelang es am Ende einem glücklichen Wicht, die Aufgabe zu löſen und die Hammelskeule, welche gleich dem Kopf eines Ver⸗ räthers die Spitze der Stange geſchmückt hatte und grinſend dem Pöbel Trotz bot, war in wenigen Mi⸗ nuten in Stücke zerriſſen und verſchlungen. Jetzt kam die Reihe an Burſchen, welche ihre Köpfe in Waſſerkufen ſteckten, um halbe Kronen her⸗ 4* 52 aufzuholen, bis ſie halb ertrunken waren, und her⸗ nach in Mehlſäcke tauchten, um nach Schillingen zu grabbeln, bis ſie halb erſtickt waren. Darauf hatten wir das Vergnügen, einem Rennen nach Ferkeln mit geſeiften Schwänzen, ſo daß man ſie weder faſſen noch halten konnte, anzuwohnen. Darauf folgte eine Schellenpartie, wobei neunzehn Burſche, denen man die Augen verbunden hatte, darauf ausgingen, den zwanzigſten zu fangen, der die Augen frei, aber eine Schafſchelle zwiſchen die Beine gebunden hatte. Die Wuth und der Aerger, wovon die fortgeſetzten Be⸗ mühungen der Blinden, den Burſchen mit der Schelle zu fangen, begleitet waren, und welche zuletzt mit einem höchſt ergötzlichen blinden Gefecht endigten, unterhielten den Oberſt in hohem Grade; nachdem wir noch ein Sacklaufen nach einer Speckſeite mit angeſehen, wandten wir uns endlich heimwärts. Ein ſchöner Fichtengürtel begrenzt die Gemeinde⸗ wieſe nach Oſten, und durch denſelben führen mehre angenehme Spaziergänge. Nach dieſer Anpflanzung nahmen wir unſern Weg. Die Abendluft war köſt⸗ lich nach einem etwas heißen, ſchwülen Tag, und durch eine der ſchattigen Alleen hinſchreitend, erblick⸗ ten wir in der Ferne ein paar Männer, die ſchnellen Schrittes auf uns zukamen⸗ Das kaum noch unterſcheidbare Sumſen der Dorfluſtbarkeit tönte noch heiter von der fernen Ge⸗ meindewieſe herüber, und die gelegentlichen Lachaus⸗ brüche, vermiſcht mit den Trommeln und Trompeten der verſchiedenen Bretterbuden veranlaßten den Oberſt häufig, während wir vorwärts ſchlenderten, ſtill zu halten und zu horchen. 53 „Dieſe heitern Töne,“ ſagte er,„von der ſchot⸗ tiſchen Haide dort, erinnern mich lebhaft an Sir Walter's unnachahmliche Schilderung von dem Wap⸗ penſchaw in Old Mortalith“). Es kam mir ein oder zwei Mal vor, als habe ich die Scene vor mir, wiewohl ich nicht weiß, was Lady Margaret Bellen⸗ den von jenen leicht bekleideten Dirnen, die nach einem Gewand, wie das an der Stange dort ausge⸗ hängte, rannten, gedacht haben würde. Schade, daß die ländlichen Unterhaltungen ſchnell, ſelbſt aus unſerem Andenken verſchwinden. Unſer Zeitalter, mein theurer Sir, wird viel zu ſehr ausgeputzt. Durch unſere Verfeinerung räumen wir die guten alten Gewohnheiten unſerer Voreltern weg. Aber halt, ſagte er, plötzlich ſtill ſtehend,„was für Kum⸗ pane haben wir hier? Her da, ihr Herren,“ rief er den beiden oben erwähnten Soldaten zu, welche, als er auf ſie zuſchritt, alsbald Halt machten und geneigt ſchienen, ſich wieder zurückzuziehen. Der Oberſt gehörte zu den Soldaten der alten Schule. In allen militäriſchen Sachen war er ein Mann von Eiſen; vielleicht fehlte er ſogar darin, daß er allzuſtreng war. Gegen die, welche gute Sol⸗ daten waren, zeigte er ſich ſo ſanft wie der Zephhr, der unter Veilchen weht; aber für die Böswilligen war er eine ſchreckliche Geißel. Der Oberſt, einem Templer aus alter Zeit glei⸗ chend, ſechs Fuß zwei Zoll hoch, ein vollkommener Kavalier an Geſtalt, ſein buſchiger, grauer Schnurr⸗ bart wie ein Schutzgatter den Mund bedeckend, und *) In ber deutſchen Ueberſetzung: der Schwärmer. A. d. U. 54 das weiße Haar kurz geſchnitten, hielt, als ſein Adler⸗ auge auf den beiden Burſchen haftete, an, erkannte ſie, ſobald er ſich gegen ſie wandte, und ſprach, die buſchigen Augenbraunen wie ein Wetterdach über⸗ gehängt, mit unglückbedeutendem Stirnrunzeln und ſtrenger Stimme: „Her da, ihr Herren.“ Die Leute gehorchten. Als ich ſie anſchaute, ſah ich, daß der eine in eine ſchmutzige Uniform gekleidet war, während der andere einen groben Kittel anhatte und an der Spitze eines dicken Stocks ein Bündel trug. Sie marſchirten raſch vorwärts und ſuchten vor⸗ über zu kommen. Der Soldat grüßte und der Land⸗ mann würde daſſelbe gethan haben, aber ſein Kama⸗ rade riß ihm den Arm herab, als er den Verſuch dazu machte. „Ich dachte es mir,“ ſprach der Oberſt, ſein Auge auf den Landmann heftend und die Hand ausſtreckend, um den Soldaten zum Stehen zu bringen.„Wohin ſo ſchnell, meine Jungen?“ Beide waren ſehr übel ausſehende, wilde Burſche, finſter und entſchloſſen im Benehmen, und ſchienen, wie ich dachte, halb geneigt, über uns herzuſtürzen. „Ihr ſeid vom 105ten,“ ſagte der Oberſt,„und in Leeds ſtationirt. Was treibt dieſer Burſche, daß er ſich hier als Bauer vermummt?“ „Ich habe auf einige Tage Urlaub,“ ſagte der Soldat,„dieſer Mann ſteht gar nicht in der Armee.“ „Das iſt falſch,“ erwiderte der Oberſt ſcharf „Ihr ſeid beide Ausreißer: zeigt mir Euren Paß, Si. 55 Der Mann ſah aus wie ein böſer Geiſt; ſein Auge blitzte Feuer. „Meinen Paß,“ ſagte er,„ja, den kann ich Ihnen bald zeigen.“ „Thut ſo,“ ſagte der Oberſt, die Hand ausſtreckend, denſelben in Empfang zu nehmen, als der Burſche, ſeine Hand in die Bruſttaſche ſteckend, plötzlich eine Piſtole hervorzog und ihn durch das Herz ſchoß. „Hier iſt mein Paß,“ ſagte er,„fahr zur Hölle für Deine Einmiſchung!“ Beinahe verſteinert vor Schrecken, fing ich den zurücktaumelnden Oberſt in meinen Armen auf, wäh⸗ rend die beiden Ausreißer in den Fichtenwald ſpran⸗ gen und entflohen. Eine genaue Vorſtellung von dem, was ich die⸗ ſen Augenblick fühlte, zu geben, liegt gänzlich außer meiner Macht. Beſchwert mit der todten Laſt von des Oberſts Körper in meinen Armen und mit ſei⸗ nem Herzblut bedeckt, war es mir in dem Augenblick, als ſollte ich ſelbſt vhnmächtig werden, und es dauerte einige Minuten, ehe ich mich hinlänglich geſammelt hatte, um zu überlegen, welches der am beſten zu verfolgende Plan wäre. Indem ich den Körper des Oberſts auf das Gras legte, fand ich, daß er völlig todt war; und ſobald ich mich davon überzeugt hatte, ſetzte ich den Mördern nach. Es iſt nicht nöthig, dieſen Theil der Geſchichte weiter zu verfolgen; ich übergehe denſelben gern. Es genüge, daß ſie ergriffen, verurtheilt und der eine von ihnen hingerichtet wurde. Mittlerweile hatte ich den alten Soldaten mit meinen Mitoffizieren zum Grabe begleitet: und über einem tapferern und wür⸗ 56 digern Soldaten ertönten niemals Musketenſalven zur ewigen Ruhe. Dieſes Ereigniß und die Unterſuchung in Sachen des Mörders und ſeines Kamaraden hielten mich nothwendig eine Zeitlang in York auf; und während ich noch unter meinen Kamaraden von den Huſaren weilte, erhielt ich ein Schreiben von dem General⸗ adjutanten mit dem Befehl, nach Ablauf meines gegenwärtigen Urlaubs zu dem Depot des— ſten Regiments, welches damals zu Fort George in In⸗ verneßſhire ſtationirt war, zu ſtoßen. Ich hatte alſo, überlegte ich mir, gerade noch Zeit, mit der Poſt nach London zu eilen, meine Equipirung für die In⸗ fanterie anzuſchaffen und nach dem Norden aufzu⸗ brechen. Da ich lange Zeit nichts von meinem Vater oder ſeinem Wohlbefinden gehört hatte, beſchloß ich, mei⸗ nen Weg über Grange zu nehmen, dem ich ohnedieß jetzt ſo nahe war, um mich zu erkundigen, wie die Dinge hier ſtanden. Schon vor einiger Zeit hatte ich gehört, daß meine Stiefmutter mich mit einem kleinen Bruder beglückt hatte, und daß die ganze Geſellſchaft zurück⸗ gekehrt war und ſich zu Hauſe befand. Das waren jedoch alle Neuigkeiten; und mein unbändiger Stolz wollte mir nicht geſtatten, mich mit meinem Vater in Communikation zu ſetzen. Bisher hatte ich die mir ausgeſetzte Summe regelmäßig erhalten und meine Tage waren mir bis zu dem Zeitpunkt meines unglücklichen Beſuchs in Harrowgate mit meinen Kamaraden bei den Huſaren ſo vergnügt zugebracht, 57 daß ich gern die Heimath und alle ihre Unnanehm⸗ lichkeiten zu vergeſſen ſuchte. Hätte ich noch einige Zeit unter den Huſaren bleiben können, ſo war mir die Ausſicht, Lieutenant zu werden, gewiß, denn ich ſtand bereits in der Cornetsliſte obenan; aber jene unglückliche Spiel⸗ geſchichte ſchlug alle meine Knospen vor der Blüthe ab: und bei meinem Umtauſche kam ich nothwendig wieder unten an die Liſte der Fähndriche zu ſtehen. Doch die Jugend iſt die Zeit der Hoffnung, und ſo lang ich mein eigener Herr war,„Herr meiner Zu⸗ kunft und kein Land zudem“, fühlte ich, daß ich nicht verzweifeln dürfte, obwohl ich bisher unglücklich ge⸗ weſen war. Ich fühlte mich von der Wahrheit der Worte des Cajus Caſſtus überzeugt: Die Schuld liegt, Brutus, an den Sternen nicht, Nur an uns ſelbſt, daß Schwächlinge wir ſind. Und jeder Tag, da ich über meine vergangene Lauf⸗ bahn nachdachte, machte es mir gewiſſer, daß mein eigener Mangel an Vorbedacht die lirſache der ſo unvermeidlich folgenden Unfälle geweſen war, ſich an meine Ferſen gehängt und alle meine Unterneh⸗ mungen zum Scheitern gebracht hatte. Ich erklärte mich demnach entſchieden für einen ſchwachen, unbe⸗ ſonnenen jungen Burſchen, ohne Ballaſt und un⸗ beſtändig von Vorſätzen. Ich unterwarf mich ſelbſt einer Art von Unterſuchungsgericht und fand mich ſo mancher unbedeutender Vergehungen überführt, daß das Ganze zu einem ernſtlichen Mangel an Schick⸗ 58 lichkeit des Benehmens und Feſtigkeit des Charakters anwuchs. Ich hatte jetzt zum letzten Mal an dem Regiments⸗ tiſch der Huſaren geſpeist; war bis zum Uebermaß fetirt, bekomplimentirt und durch das Bedauern wegen meines Abgangs geſchmeichelt worden; war von Be⸗ trübniß, Champagner und Aufregung ziemlich über⸗ wältigt und hatte mich Morgens drei Uhr in eine Poſtchaiſe geworfen, um mich heimlich hinwegzu⸗ ſtehlen und einer Wiederholung des Abſchiednehmens von meinen edelmüthigen Waffengefährten zu ent⸗ gehen. So trieb ich noch einmal auf der offenen See und mußte mein Glück von Neuem ſuchen. Es war eine Art retrograder Bewegung, die ich gemacht hatte, da eine Beförderung bei den Huſaren meiner ſicher wartete, indem ich ebenſowohl bei den ältern Offi⸗ zieren beliebt, als bei den jüngern hochgeſchätzt war. Ich weiß nicht, ob es bei allen Cavalerieregimentern ſo iſt, aber bei dem— ſten waren wir eine vollkom⸗ mene Genoſſenſchaft von Brüdern. Hier gab es nichts von jenen kleinlichen Eiferſüchteleien, Neben⸗ buhlereien, Zänkereien, Verläumdungen, Heraus⸗ forderungen und Kriegsgerichten, dergleichen ich ſeit⸗ dem geſehen habe. Das Regiment war unter dem Commando eines Mannes geſtanden, der an ſich ſelbſt ein Prinz Ruprecht,„tovjours soldat“, ein Muſter hoher Ehre, chevaleresken Gefühls und eifriger Dienſtbefliſſenheit geweſen. Stattlich und genau gleich dem Ritter von Mancha, hatte er deſſen ganze ritterliche Geſinnung, ohne den leiſeſten Anſtrich von deſſen Narrheit. Nimmt man noch hinzu, daß 59 die Offiziere, die er befehligte, ohne Ausnahme Gent⸗ lemen von Geburt und Vermögen waren, ſo läßt ſich leicht erachten, daß bei jedem Stellentauſch, den ich eingehen mochte, nur geringe Ausſicht, mich zu ver⸗ beſſern, vorhanden war, am wenigſten bei einem Tauſche, wie ich eben gemacht hatte, indem der Dienſt auf den Zuckerinſeln des Weſtens, während der mat⸗ ten Friedenszeiten, bei den Leuten vom Berufe ge⸗ meiniglich in ſolchem Mißeredit ſteht, daß er natuͤr⸗ lich unter den Gentlemen von der Klinge, ſo viel es angeht, gemieden wird. Indeſſen, ich war jetzt im Begriff zu der Reſervecompagnie des— ſten Infan⸗ terieregiments abzugehen, hatte einige Pfund in der Taſche, um mit denſelben Krieg zu führen, und hoffte das Beſte. Ich hatte die Zuverſicht, meine ver⸗ gangenen Irrthümer wieder gut zu machen und im Dienſte zu ſteigen. Noch einmal ſuchte ich alſo meine Heimath auf, um mich vor meinem Vater zu demü⸗ thigen, um ſeinen Segen zu bitten und dann nach Schottland aufzubrechen. „Schnell iſt die Hoffnung wie die Schwalbe, macht Aus Fürſten Götter, Bettlern Könige.“ Indem ich dieſe Worte des hochſtrebenden Rich⸗ mond wiederholte, verfiel ich in einen Schlaf, aus dem mich erſt die Worte:„erſter Wechſel, Pferde heraus,“ am Ende der Station weckten. 60 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Kein Unglück, als das fällt auf meine Schulter, Kein Seufzer, als aus meiner Bruſt, nur Thränen Aus meinem Aug'. Du zuckſt den Dolch nach mir—“ Shakſpeare. Der Tag war ſchon einige Stunden angebrochen, als ich zum Kutſchenfenſter hinausſchaute. „Was iſt das für ein Ort?“ fragte ich. „Wetherly, Sir,“ erwiderte der Poſtillon. „Laß die Pferde jetzt nicht herausbringen,“ fagte ich,„es iſt bei mir noch nicht ausgemacht, ob ich hier den ganzen Tag bleibe, oder nicht. Jedenfalls werde ich hier zum Frühſtück verweilen.“ Ich machte alſo den Schlag auf und trat in das Gaſthaus. Mein Wirth führte mich in ein behagliches Zim⸗ mer, wo ein luſtiges Feuer auf dem Heerd flammte. Es war ein froſtiger Morgen, und indem ich auf der Stelle ein Frühſtück begehrte, warf ich mich in einen Stuhl und zündete eine Cigarre an. Ich ſtimme ganz Washington Irving in ſeiner Lobpreiſung des Comfort und der Ungenirtheit in einem Gaſthaus⸗ zimmer bei; niemals gewährt, ſcheint mir, ein Mahl wohlſchmeckendern Genuß, als wenn man nach den Strapazen einer Reiſe ſeine Stiefel auszieht, ſeine Füße in Pantoffeln ſteckt, und ſich an das Feuer eines bequemen, kleinen Zimmers in einem Wirths⸗ haus an der Straße ſetzt. Als ich aus dem Fenſter auf den wohlgehaltenen kleinen Garten jenſeits der Straße ſchaute, während ich eine köſtliche Taſſe — — 61 Kaffee ſchlürfte und die friſchen Eier und Butter⸗ ſchnitten, welche von der hübſchen Wirthin ſervirt wurden, vertilgte, dachte ich, Niemand habe ein Recht zu verzweifeln, ſo lang er die Mittel beſäße, den Comfort, deſſen ich eben theilhaftig wurde, zu ge⸗ nießen. „Soll ich noch eine Butterſemmel bringen, Sir?“ fragte das hilfreiche Landmädchen in ſo ſanftem und gewinnendem Accent, daß ich mich halb verſucht fühlte, ihr für das Anerbieten mit einem Kuß zu danken. „Alles iſt mir willkommen, mein hübſches Kind,“ ſagte ich,„was mir von dem ſchönſten Mädchen in Yorkſhire gebracht wird. Zugleich würde ich Dir noch mehrltpunden ſein, wenn Du mir zum Zeit⸗ vertreib nach einer alten Zeitung ſehen wollteſt.“ Kaprieiös neigte ſie den Kopf zur Seite und ₰ tänzelte hinterliſtig heran, als ſie mit einer Platte dampfender Semmeln in der einen, und einer Zei⸗ tung in der andern Hand zurückkehrte. Das Mäd⸗ chen war ausnehmend hübſch, mit Wangen wie eine Roſe und der Geſtalt einer Nymphe. Es kam mir vor, als verriethe es einen gänzlichen Mangel an Schicklichkeitsgefühl, wenn ich ihr nicht einen Kuß böte. Ich mochte ihr ſelbſt zwei gegeben haben, aber als ich auf die Zeitung blickte, die ſie im Entfliehen faſt auf mich warf, ſah ich etwas, das, ſo ſchön ſie war, dieſelbe völlig aus meinen Gedanken verbannte. Der Artikel, welcher meine augenblickliche Aufmerk⸗ ſamkeit feſſelte, war intereſſant genug. Er trug in großen Buchſtaben die Ueberſchrift„Sechster Brand 62 in Wharncliffe Grange und völlige Zerſtörung des Gebäudes.“ Gleich dem Dichter Otwah, welcher der Sage nach das Opfer eines Almoſen⸗Pfennigbrödchens wurde, welches ihm am Zäpſchen feſt ſaß, erſtickte ich beinahe an dem Biſſen Butterſemmel, welchen ich im Augenblick, ehe ich jene beunruhigende An⸗ zeige las, zwiſchen den Zähnen hatte. Während ich noch auf die Zeitung ſtarrend da⸗ ſtand und den Bericht von der Kataſtrophe las, ohne in meinem Eifer Alles auf einmal zu faſſen, nur die Hälfte von dem, was angeführt wurde, zu verſtehen, trat mein Wirth mit zorniger Miene in's Zimmer. „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte er,„aber Sie werden mich entſchuldigen, wenni nen ſage, ich dulde keinen Unſinn gegen unſere*). Sie iſt ein gutes und tugendhaftes Mädchen und nicht gewohnt, ſich, wie es anderswo Mode iſt, überfallen und herumzauſen zu laſſen. Sie werden entſchuldi⸗ gen, aber Sie haben ſich hier geirrt, argwohne ich. Das iſt hier das Harewood⸗Wappen, und wenn Sie hieher kommen und denken, ich halte ein unachtbares Haus, ſo ſind Sie ganz falſch daran, verſtehen Sie. Cecilh iſt meine Nichte, Sir, und wenn Sie im Sinn haben, noch länger in diefem Hauſe zu bleiben, ſo danke ich für eine ſolche Behandlung derſelben.“ „Wirth,“ ſprach ich, ohne ſeinen Zorn zu beach⸗ ten,„habt Ihr ein ſchnelles Pferd in Eurem Stall?“ „Was, Sir, ein gutes Pferd? Haben Sie je von einem Yorkſhire⸗Farmer gehört ohne einen guten Klepper?“ * Abkürzung von Cecily, Cäcilie. A. d. U. 63 „Ich ſehe hier eine Anzeige, daß Wharncliffe Grange auf dem Grund abgebrannt iſt. Eure Zei⸗ tung gibt aber wenig von den Einzelnheiten der Ka⸗ taſtrophe. Wißt Ihr Etwas davon?“ „Ach, das iſt eine alte Meuigkeit, das,“ ſagte der Wirth.„Es hat fünf oder ſechs Mal Feuer gegeben. Zuerſt brannte die Scheuer ab; dann die Außenge⸗ bäude, in der folgenden Nacht entdeckte man, daß der eine Flügel des Hauſes in Feuer ſtand, und als es vor Tagesanbruch gelöſcht war, brach es vor Nacht auf der andern Seite aus. Man vermuthet, daß es eine Brandlegung iſt. Es ſind vorige Woche Conſtabel dorthin gelegt worden, und doch brach es, wie die Zei⸗ tung uns meldet, wieder aus und brannte auf den Grund niſ „Es iſt meines Vaters Wohnung, Wirth,“ ſagte ich.„Ich ſehe aus dieſer Zeitung, daß kein Menſchen⸗ leben verloren gegangen iſt. Nichts deſtoweniger möchte ich ſo ſchnell als möglich dahin gelangen. Da ich mit dieſem Theil der Gegend wohl bekannt bin, will ich, wenn Ihr mir ein ſchnelles Roß ſchafft, hinüberreiten und bin in einer Stunde in Grange. Verzeiht den Kuß, den ich Cecilh gab, Wirth, und verhelft mir um's Himmels willen zu einem Klepper.“ „Sie ſollen mein eigenes Roß haben,“ antwor⸗ tete der Wirth.„Es thut mir jetzt leid, daß ich Sie ſchalt. He, Hausknecht, bring die kleine Dirne her⸗ aus. Wahrhaftig, ſie wird Sie gut tragen. So, Sie ſind alſo der junge Maſter Blount,“ fuhr er fort, zwirklich? Der Herr erhalte uns! aber ich bedaure Ihr Unglück. Hier kommt das Roß herum. Treiben Sie es nicht mit dem Sporn an, Sir. Feuer iſt eine 64 ſchreckliche Trübſal. Gott mit Ihnen, Sir. Ich wün⸗ ſche Ihnen gute Zeit.“ „Hier iſt Etwas für Eure Rechnung, Virth,“ ſagte ich, als ich auf ſein Pferd ſprang.„Sendet mein Gepäck mit der Kutſche nach Abbots Wickford. Grange niedergebrannt!“ rief ich, als ich meinem Pferde die Sporen in die Seite drückte.„Ich bin be⸗ täubt, kommt mir vor, und verirre mich unter den Dornen und Gefahren dieſer Welt.“ Da ich in frühern Tagen dieſen Theil der Gegend hinter dem Fuchs her oft durchzogen hatte, ſchnitt ich von dem Weg nach meiner ehemaligen Heimath ſo viel wie möglich ab und kam eiligſt vorwärts. Als ich das Rothwildgehäge zu Berrhwell Chace hinter mir hatte, ſtürzte ich wenige Minuten ſpäter durch den Gürtel des jungen Gehölzes und zog den Zügel vor dem wohlbekannten, geliebten alten Schloß⸗ graben an. Der Bericht, den ich gehört hatte, zeigte ſich nur u wahr. Das Gebäude war ein Haufen erſtickender ſn⸗ Eine Art fallenden Gerüſtes von ge⸗ ſchwärzten Dachſparren, rauchenden Gallerien und noch fortglimmenden Treppen hing an jeder Seite der abgebrannten Mauern des altehrwürdigen Grange. Das verzehrende Element hatte das Schlimmſte gethan und der Schloßgraben, jetzt ach! nur eine binſige Goſſe, war an vielen Stellen halb ausgefüllt von den Trümmern der Veſte, die er einſt mit ſeinem ſchützenden Waſſer beſpült hatte. Einige Feuerleute und Taglöhner ſchleuderten noch immer ſchmutziges Waſſer auf die brennende Schuttmaſſe, als ich heran⸗ — 65 ritt, um mich nach der Familie und ihrem jetzigen Zufluchtsort zu erkundigen. Ich erfuhr, daß ſie zum Glück zur Zeit des Brandes nicht da geweſen waren, und da ich Niemand ſah, den ich in dem Gedränge kannte, erachtete ich es für das Beſte, die alte Haus⸗ hälterin Martha in ihrer Hütte außerhalb der Park⸗ mauer aufzuſuchen. Ich fand ſie, wie ich erwartete, mit der Brille auf der Naſe und der Bibel auf dem Schooße vor ihrer Thüre ſitzend. Sie ſchaute über ihre Gläſer, als ich vor ihr anſprengte, aber ihre Augen waren zu ſchwach, um mich augenblicklich zu erkennen. „Noch weitere ſchlimme Kunde?“ ſprach ſie auf⸗ fahrend.„Wich dünkt, dem Verzeichniß iſt nichts Neues mehr beizufügen. Das alte Wohnhaus iſt ein Trümmerhaufen; das Beſitzthum iſt Lerfauft, ſagt man mir; der Veſitzer geächtet und der Sohn ein Fremdling an ſeines Vaters Herd. Was ſuchen Sie hier, Sir,“ fuhr ſie fort,„von Jemand, der alle ſeine Hoffnungen und Beforgniſſe überlebt hat? Wenn Sie mir Etwas von meinem Kind— meinem jungen Herrn zu ſagen haben, wird es mir will⸗ kommen ſein. Wo nicht, ſo gehen Sie weiter und ſtören Sie mich nicht.“ „Er kommt, Dir ſelbſt ſein Wohlbefinden zu mel⸗ den, Martha,“ ſagte ich, abſteigend.„Dein alter Liebling ſteht vor Dir.“ Die alte Dame warf ihre Bibel etwas unehrer⸗ bietig auf den Raſen vor ſich, als ſie auffuhr und mich in ihre Arme ſchloß. In der nächſten Minute war das Pferd an die kleine Gitterthüre gebunden und ich ſaß in ihrer niedrigen Hütte. Das ſorgſame Smith, Glücks⸗Solbat. II. 5 66 Geſchöpf ſchloß und verriegelte ihre Thüre, ehe ſie ſich ſelbſt an meine Seite ſetzte und auf die Fragen, die ich in ihr Ohr ergoß, antwortete. „Ach, es iſt eine ſchlimme Welt, Sir,“ ſprach ſie, ſobald ſie mir mitgetheilt hatte, daß mein Vater mit ſeiner Frau und einzelnen Gliedern von deren Fa⸗ milie wieder außer Landes gegangen war und nun auf einem von ihm erkauften Schloſſe etwa zwanzig Meilen von Caen wohnte,„es iſt eine ſchlimme Welt, Sir. Es laufen ſeltſame Geſchichten über dieſes Feuer um. Ich vermuthe, Sie wiſſen, daß der junge Leviſon die ganze Zeit während dieſer wiederholten Brandunfälle zu Grange geweſen iſt. Es iſt nie davon geflüſtert worden, auch habe ich keinen Schnau⸗ fer davon gethan, aber wenn ſie nicht von ſeiner Hand herrühren, ſo muß es das Werk eines böſen Geiſtes ſein.“ „Ich dachte, Conſtabel haben Nacht um Nacht inner⸗ und außerhalb des Gebäudes Wache gehal⸗ ten,“ ſagte ich. „Allerdings; und er ſelbſt hat ſie hieher beſtellt; und er ſelbſt blieb zum Wachen mit auf; und er ſelbſt war der Vorderſte beim Patroulliren durch die Um⸗ gegend, ergriff alle möglichen Vorſichtsmaßregeln und ſchwur, es müſſe von einem Hausbewohner ge⸗ ſchehen ſein, ſonſt könnten die Flammen nicht immer ſo geheimnißvoll und beharrlich in ſo vielen der ver⸗ ſchloſſenen Gemächer ausbrechen, ach und er ſelbſt iſt der Dämon, der mittlerweile Feuer eingelegt und Alles angeſtellt hat. Ja, ich würde kein Bedenken tragen zu ſchwören, daß dieſer eingefleiſchte Teufel das Unheil angerichtet hat, ſelbſt vor der ganzen Welt.“ 67 „Das wäre nicht gut, Margaret,“ ſagte ich;„es iſt kein Beweis da, es ſcheint nut ſv.“ „Nein, ich finde es ſo,“ erwiderte die alte Frau. „Nur um ſo mehr Schade.“ „Und wv iſt er jetzt?“ „Nach Frankreich abgegangen, dort Lärm zu ma⸗ chen. Der böſe Feind! Ergleicht dem Geiſte des Un⸗ heils und Raubs, ein ſchlimmer, boshafter Dämon!“ „Was könnte ſein Beweggrund ſein, Martha?“ „Uebelwollen gegen Sie, darauf will ich ſchwö⸗ ren. Er hörte, wie man mir ſagt, davon, daß Sie in Ihrem Regiment ſo beliebt und wohlgeachtet waren, und wünſchte, Sie an Ihrer verletzbarſten Seite zu verwunden. Er wußte, Sie hingen an der alten Behauſung mit beſonderer Zärtlichkeit.“ So ſchlimm ich von meinem Feinde dachte, ſo vermochte ich ihn doch kaum für ſo boshaft zu hal⸗ ten, als die alte treue Dienerin ihn machte. Es war nutzlos, länger bei dem Gegenſtand zu verweilen, und ich richtete meine Erkundigungen nach einem intereſ⸗ ſanteren Gegenſtand, nach den Eigenthümern von Marſton⸗Hall. Obgleich ich ſeit dem Abſchied von meines Vaters Dach eine gelegentliche Correſpon⸗ denz mit Miſtreß Sweetapple unterhalten, hatte ich doch, wie ſich zeigte, noch viel zu erfahren. „Kannſt Du mir, Martha,“ fragte ich,„von Miß Villeroh oder ihren Verwandten etwas Neues ſagen?“ „Nichts, was Ihnen beſonders erfreulich ſein wird,“ antwortete ſie.„Die ganze Geſellſchaft be⸗ fand ſich beinahe, ſeit Sie von London weg ſind, auf dem Feſtlande. Jetzt ſind ſie in die Nachbarſchaft zurückgekehrt, und es heißt, Ihr alter Gegner, Lord 5* 68 Hardenbraß werde demnächſt Miß Villeroy heira⸗ then, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt.“ Trotz aller meiner bisherigen Bemühungen, mich zu bemeiſtern und jenes liebliche Geſchöpf zu ver⸗ geſſen zu ſuchen, fuhr mir bei dieſen Worten ein Stich, ſo ſcharf, wie von dem Stilett des Portugie⸗ ſen, durch das Herz. „Dieſer feurige Gedrittſchein*) hat ſich alſo voll⸗ ſtändig von ſeiner Wunde erholt?“ ſagte ich.„Nun, wohl bekomm's ihnen! Und Lady Conſtanze, wie ſteht's mit ihr? Iſt ſie auch verheirathet, Martha?“ „Nein,“ antwortete die alte Frau,„dafür kann ich ſtehen. Ihre ganze Sorge und Aufmerkſamkeit war ihrem Vater, dem Herzog geweiht, der ſich nie ganz von jener ſchrecklichen Wunde, die er zu London in jenem Duell mit Lord Cveur de Lion empfing, er⸗ holt hat. Ich höre, er befindet ſich ſelbſt jetzt noch in ſchlechten Geſundheits⸗Umſtänden und wird ſehr wahrſcheinlich nie mehr beſſer werden.“ Dieſe Nachricht erſchütterte mich, und ich machte mir Vorwürfe wegen der Schmähung, die ich gegen Lady de Clifford ausgeſtoßen hatte. „Vortreffliches Geſchöpf!“ ſagte ich;„wie ver⸗ ehre ich dieſes Muſter von Frauen. Durch Reinheit der Geſinnung, Adel des Geiſtes, wahrhafte Ehre und Schönheit, Martha, erhebt ſich dieſe Dame gleich einem Monument, das zu den Wolken reicht, über ihre Mitgeſchöpfe.“ „Gewiß iſt ſie eine vortreffliche Dame,“ erwiderte Martha,„mit der Stirne einer Königin und der * Aſtronomiſch: von Widder, Löwe und Schütze. A. d. U. 69 Sanftmuth eines Kindes. Ich ſah ſie erſt vor acht Tagen.“ „Sahſt ſie! Wen, Martha?“ „Lady Conſtanze de Clifford. Sie iſt mehr als einmal ſeit ihrer Rückkehr hier geweſen.“ „Hier? Lady Conſtanze hier? Was, in dieſer Hütte?“ ſagte ich erſtaunt. „Ja,“ erwiderte Martha,„und ſaß in dem Stuhl, wo Sie jetzt ſitzen.“ „Weßhalb kam ſie hieher, Margaret?“ fragte ich. „Vorgeblich ſich nach mir zu erkundigen,— in ernſter Trauer ſich nach Ihnen zu erkundigen. Ich war unwohl und in mein Bett geſprochen. Miſtreß Jampote, die Haushälterin zu Marſton⸗Hall, die mich kennt, hörte davon und erzählte es Lady Con⸗ ſtanze. Einige Tage darauf erhielt ich auf meinem Krankenlager einen Beſuch von dem Doktor aus Ab⸗ bots Wickford, und den nächſten Tag ſtand Lady Conſtanze an meinem Bette, als ich von einem er⸗ quickenden Schlafe, einer Wirkung von des Doktors Arzneimitteln, erwachte.“ „Schönes Geſchöpf!“ „Seitdem,“ fuhr Martha fort,„ritt ſie zweimal wöchentlich herüber, ſich nach mir zu erkundigen, und Sie dürfen überzeugt ſein, wir ſprachen oft von Ih⸗ nen. Ja, es mag Alles ſehr wohl ſein, aber Sie werden mich nicht leicht überreden, daß ein junges, liebenswürdiges Geſchöpf gleich ihr ſo viele Meilen zweimal wöchentlich komme, nur um nach einer alten, bettlägerigen Haushälterin zu fragen, wenn es nicht intereſſante Neuigkeiten gab, die ſie von derſelben zu erfahren wünſchte.“ 70 „Wie lang, ſagſt Du, iſt es, daß ſie zum letzten Mal hier war?“ forſchte ich. „Einen Monat,“ ſagte Martha.„Nach jenem unglücklichen Vorfall, von dem ſie hörte, kam ſie nicht mehr.“ „Welchem Vonfall, in's Himmels Namen?“ „Nun, daß die Marquiſin von Richborough im See zu Plumpton ertrank!“ „Der Teufel!“ ſagte ich;„wie erfuhr ſie denn, Margaret, von den Einzelnheiten jener Geſchichte?“ „Natürlich genug. Der Marquis iſt ihr Ver⸗ wandter. Sie mußte nothwendig davon hören; höchſt wahrſcheinlich von ihm ſelbſt.“ „Martha,“ ſagte ich aufſtehend,„ich finde das Zimmer etwas warm. Für jetzt will ich Dich ver⸗ laſſen und mein Pferd nach dem Dorf nehmen, wo ich zu übernachten gedenke. Morgen früh werde ich Dich noch einmal vor meinem Abgang beſuchen, da ich Dir noch viel zu ſagen habe. Für jetzt alſo lebe wohl!“ „Lebe wohl, mein theures Kind!“ ſagte ſie„Kind, ja wahrhaftig! was für ein Mann aus Ihnen gewor⸗ den iſt; ſechs Fuß und ein Zoll, gut gemeſſen. Und wie dunkel und lockig Ihr Haar iſt; und wie ſchön Sie ſind. Wohl, ich habe immer geſagt, Sie ſeien ganz wie das Porträt von Sir Herbert, und jetzt gleichen Sie ihm mehr als je. Ach! mein theurer junger Herr, ich fürchte, Ihr Vater ſpielt ein hart⸗ herziges Spiel auf Ihre Koſten. Ich habe allen Grund zu glauben, daß er meinen armen Knaben ganz enterbt hat, ſeitdem jener Fremdling in die Welt gekommen iſt.“ —— 7¹ „Ich würde mich darum nicht kümmern, Mar⸗ tha,“ ſagte ich,„wenn er mich auch mit einem Schil⸗ ling abfertigte, wenn er mich nur nicht aus ſeiner Neigung ausgeſchloſſen hätte.“ „Ach! ach! böſe Geſellſchaft verdirbt gute Sit⸗ ten, wie es im Vorſchriftenbuch heißt, und diejeni⸗ gen, welche jetzt mit ihm in Verbindung ſtehen und ihn leiten, verderben ſein Gemüth ganz und gar. Ich ſetze voraus, Sie haben davon gehört, daß alle Gemälde, alles Silbergeſchirr und was ſonſt von Werth hier war, eingepackt und abgeſchickt worden iſt, um jenes Schloß Rouſſillon, das er gekauft hat, auszumöbliren?“ „Ich weiß davon Nichts und kümmere mich nicht darum, Martha,“ ſagte ich.„Es iſt genug, daß mein Vater mich für unwürdig hält, mir von ſeiner Zu⸗ neigung Etwas zu gewähren, oder von ſeinen Planen Etwas mitzutheilen;— daß er mich, ohne Schuld meinerſeits von ſeinem Herde vertrieben und, ſo viel ihm möglich war, in den Augen der Welt erniedrigt hat. Daß ich Fehler habe, erkenne ich an— daß ich halsſtarrig, vorſchnell, feurig in Temperament und unbeſonnen bin, tauſend anderer Fehler nicht zu ge⸗ denken, geſtehe ich gern zu; aber daß ich, wie er die Welt glauben laſſen möchte, laſterhaft, ſchlecht von Geſinnung, ruchlos und ganz und gar ein Narr ſei, das läugne ich. Lebe wohl, Martha,“ ſagte ich. „Guter oder ſchlimmer Bericht, wie der Dichter ſagt, wir bringen ihn bald unter uns, wenn unver⸗ dient. Es war wirklich ein Unglück, daß ich nicht in dem— ſten bleiben konnte, denn ich befand mich daſelbſt in einer Lage, welche mich zum Glück hätte 72 leiten können. Wohl, es ſei ſo, gute Martha; Adien, für jetzt. Morgen beſuche ich Dich und nehme noch Abſchied von Dir vor meiner Abreiſe.“ Es war nicht meine Abſicht, geradezu nach dem Dorf zu reiten, obwohl ich der alten Martha ſo ge⸗ ſagt hatte, vielmehr wollte ich noch einige Zeit mit Wanderungen in der mir ſo theuren Nachbarſchaft zubringen. Ich wandte alſo meine Schritte nach dem jetzt zerſtörten Grange und übergab abſteigend mein Pferd einem Diener, den ich unter den Taglöhnern und Feuerleuten fand, mit der Anweiſung, es in das Dorf zu bringen und mir ein Abendeſſen und ein Bett in dem kleinen Gaſthauſe zu beſtellen. „Zum letzten Mal vielleicht in meinem Leben,“ dachte ich,„will ich noch einige Stunden auf dem Schauplatze meiner Jugend zubringen. Und bin ich, wie Martha ſagt, wirklich von meinem Vater enterbt, ſo will ich niemals wieder hieher zurückkehren.“ Siebenundzwanzigſtes KRapitel. „Ich würde der Geſellſchaft dieſes Burſchen müde geworden ſein, wenn ich meiner eigenen Gedanken nicht noch müver geweſen wäre.“ „Sein Athem iſt gefährlich, wie der Athem einer halben Feldſchlange.“ 6 Scott. Einen oder zwei Tage ſpäter befand ich mich in der großen Metropole, in der großen Straße dieſer 73 Stadt der Städte herumſchlendernd und dann mei⸗ nen Weg zu dem großen Künſtler in Militärklei⸗ dungsſtücken, Mr. Jones, Regent⸗Street, einſchla⸗ gend, um ihn wegen der nothwendigen Ausrüſtung für mein neues Regiment, das 145ſte, um Rath zu fragen. Als ich mich ihm vorſtellte und ihn mit meinen Bedürfniſſen bekannt machte, übernahm er ſelbſt ſchnell die Beſorgung meiner Uniform. „Dort iſt ein Gentleman am andern Ende des Ladens, Sir,“ ſagte er,„der zu dem 145ſten gehört, Lieutenant Bullyman, der dieſen Augenblick einen Uniformsrock anprobirt.“ Ich wandte mich um und erkannte ſogleich den jungen Mann, der mein Mitpaſſagier nach Cork ge⸗ weſen war und ſich zum Vertheidiger der Gewohn⸗ heit aufgeworfen hatte, beim erſten Eintritt in ein Corps, gleichſam zum nothwendigen débüt, ein Duell auszufechten. Ich nahm alſo kein Bedenken, trat auf ihn zu und redete ihn an, da ich Etwas von dem Regiment und dem Theil der Welt, wohin ich beſtimmt war, zu erfahren wünſchte. Er erinnerte ſich meiner ſo⸗ gleich und gab mir über den betreffenden Gegenſtand bald ſo viel Aufklärung, als ihm möglich war. „Fort Georg,“ ſagte er.„O, das iſt ein ver⸗ dammtes Loch. Jeder Tag daſelbſt, Sir, iſt gleich einem Monat. Dazu gibt es ſo viele Detachements zur Aufſpürung von Brennkolben, daß man ſich ganz und gar im Zuſtande einſamer Abſperrung befindet. Es ſind einige temporäre Kaſernen im Gebirge; und da ſieht man das Depöt zuweilen auf Monate nicht. Ich meinestheils will es verſuchen, ob ich zu den 74 Dienſteompagnien gelangen kann, denn es iſt ein Teufelsleben, in einem Hochland⸗Caſtell zuweilen auf ſechs Monate eingeſchneit zu ſein, wo man kaum Etwas zu eſſen bekommt und ſo elend daran iſt wie ein Verbannter in Sibirien.“ Mir machte der Gedanke an eine ſo romantiſche Situation Vergnügen und ich beſchloß, mich gleich nach meiner Ankunft freiwillig zu einem jener ſibiri⸗ ſchen Detachements zu melden. Da Lieutenant Bully⸗ man, der zwei Monate Urlaub gehabt hatte, dem⸗ nächſt gleich mir nach Fort Georg aufbrechen ſollte, ſo kamen wir überein, zuſammen zu reiſen, und von da an begann ein vertrauteres Verhältniß zwiſchen uns. Wir ſpeisten alſo heute mit einander, gingen Abends in das Covent⸗Garden⸗Theater und machten uns in der folgenden Nacht, nachdem wir unſere Uniformen ohne Verzug abzuſenden befohlen hatten, mit der Poſt nach dem Norden auf den Weg. Schottland war für mich immer ein Feenland geweſen. Schon die Lectüre von Guy Mannering würde an ſich mir die Begierde eingeflößt haben, es zu beſuchen; und die in Robin dem Rothen beſchriebenen Scenen hatten die Hochlande für mich ſo eigenthümlich intereſſant gemacht, daß ich jeden Fichtenwald, jede Felsſchlucht, und Fluß und Haide mit der Andacht eines Hochländers betrachtete. Ich ging jetzt unter erträglich angenehmen Umſtänden dahin; nicht als müßiger Touriſt, um Loch Katrine und Loch Lomond zu beſuchen, ſondern als Soldat im Dienſte. Und ohne Zweifel werden mir, dachte ich, viele Abenteuer im Gebirge aufſtoßen, wenn ich auf die Whiskeh⸗Brenner— jene verwegenen Hoch⸗ 2 75 länder Jagd mache— gleich Francis Osbaldiſtone in dem Dorfe Aberfvil. „Bah!“ ſprach mein Gefährte,„was für ein Irrthum! Sie werden an den Hochlanden ein Loch, an Fort Georg eine Baſtille, die Landſchaft völlig überſchätzt und an den Einwohnern eine Race Eski⸗ mos finden. Nun, Sir, fordern Sie auf einem Ball eine Dame zum Tanz auf, ſo antwortet ſie Ihnen in einer unbekannten Sprache. Ein kauderwelſches „Was beliebt?““) war Alles, was ich aus dem Munde der letzten Dame, mit welcher ich in Inver⸗ neß tanzte— Tags darauf marſchirten wir nach Fort Georg— herausbringen konnte. Da waren Butten⸗ ſhaw, Patthpan, LEſtrange und O'Gradh; wir alle fünf bekamen jene Nacht dieſelbe Atwort von unſern Tänzerinnen„Was beliebt?“ und ein eben ſolches „Weiß nicht“*²) war Alles, was wir herauszulocken vermochten. Zur Probe,“ fuhr mein Gefährte fort —„Was, glauben Sie, Madame, ſagte ich, um ein intereſſantes Geſpräch anzufangen, was ſieht auf einer Parade beſſer aus, die Bärenmütze oder der Tſchako?“ „Was beliebt?“ „Ich bitte um Verzeihung, ſagte ich, aber wol⸗ len Sie die Güte haben, mir dieſes hübſche patois zu überſetzen. Ich verſtehe Ihr Was beliebt⸗ nicht. Iſt es gäliſch oder hochdeutſch2““ „Weiß nicht, erwiderte das Fräulein.“ „Und hier ſtockte die Unterhaltung fünf Minu⸗ *) Fats ver wull, wahrſcheinlich ſo viel als das engliſche Vhat is vour will. **) Pinna ken, ſo viel als I dont know. A. d U. 76 ten. Da jedoch das Mädchen wirklich äußerſt ſchön war, entſchloß ich mich, wo möglich etwas aus ihr herauszubringen.“ „Bitte, Madame, ſagte ich, was iſt Ihre be⸗ ſondere Anſicht über Achſelbänder und Epauletten? Achſelbänder, wie Sie ſehen, ſind die Auszeichnung auf den Schultern von Leuten leichten Kalibers und Großmüttern. Die Epauletten ſind der Schmuck für Bataillons⸗Officiere. Der Gentleman neben Ihnen trägt ein Achſelband. Dieſer äußerſt hübſche Schwab⸗ ber auf meiner Schulter iſt eine Epaulette; welches von beiden ſteht Ihrer Meinung nach am beſten?“ „Was beliebt? erwiderte das Mädchen mit dem hübſcheſten Ausdruck von der Welt.“ „Was, frage ich, Madame, ziehen Sie alſo vor?“ „Weiß nicht, ſagte ſie mit einem malitiöſen Blick auf ihre gegenüber befindliche Freundin, und hier ging das Geſpräch aus. Das, Sir, können Sie ſich für einen geiſtigen Genuß vorſtellen.“ „Ich habe immer gehört,“ ſagte ich,„daß die beſſern Claſſen in Schottland in Bezug auf Unter⸗ haltungsgabe nicht im Mindeſten hinter ihren eng⸗ liſchen Nachbaren zurück ſind. De Mowbrah von den Huſaren, der ein Hochländer iſt, hat mir mehre Em⸗ pfehlungsſchreiben an verſchiedene Familien in der Runde gegeben; aber wenn ich mit ſolchen für eng⸗ liſche Ohren unmuſikaliſchen Tönen begrüßt werden ſollte, als da ſind:„Was beliebt?“ und„Weiß nicht,“ ſo würde ich dieſelben, dünkt mir, in's Feuer wer⸗ fen. Wo hat die Aſſemblée ſtattgefunden, in wel⸗ cher Sie jene hübſchen Fräulein mit den mißtöni⸗ gen Stimmen fanden?“ 77 „Es war keine Aſſemblée, Mann, durchaus nicht,“ ſagte Lieutenant Bullhman,„es war ein Hochland⸗ Meeting.“ „Ein Hochland⸗Meeting! O! das erklärt die Sache. Was iſt das für eine Verſammlung, wenn nur das Bauernvolk beiſammen iſt?“ „Es iſt jedoch Alles, was wir von ſchottiſcher Geſellſchaft bis jetzt geſehen haben,“ antwortete Bullhman,„denn zum Unglück hat nicht einer un⸗ ſerer Officiere einen Bekannten im Norden.“ „Wohl, ich will mir meine Empfehlungsſchrei⸗ ben anſehen,“ ſagte ich,„und getreulich überliefern. Mein Freund Mowbrah ſpricht voll Entzücken von der Lebensweiſe unter der Gentry im Norden, und die Aſſembléen, ſagt er, ſind köſtlich.“ „Wohl, wohl,“ ſagte Bullyman,„wir wollen ſehen, wozu Ihre Schreiben uns gut ſind.“ Unter dergleichen Geſprächen paſſirten wir die Grenze, wanden uns durch die einſamen Cheviot⸗ Gebirge und erreichten Edinburgh, wo wir Nacht⸗ ruhe hielten und am nächſten Morgen den Frith of Forth überſchritten. Es war vier Uhr, dickfinſter, kalt und traurig, als wir über den Forth ſetzten. So erblickten wir wenig von Sir Walters romantiſcher Stadt. „Hier,“ ſagte Bullyman, als wir landeten,„ſind wir im Königreich Fife; und ein koſtbar ſchönes, öde ausſehendes, unwirthliches Stück Land iſt es. Ich wollte ſchwören, Sie möchten jetzt gern Macduffs Schloß, wo ſein Weib, ſeine Kinder und all' die un⸗ ſchuldigen Seelen, welche ſeinen Fußſtapfen folgten, zum Schwert verurtheilt wurden, ſich betrachten.“ 78 „Ich wünſchte, wir hätten Zeit genug dazu,“ ſagte ich,„und dann geſchähe es gewiß. Dieß iſt alſo Fifeſhire? Wie viele romantiſche, entzückende Erinnerungen ruft es meinem Geiſte zurück.“ „Sie würden beſſer daran thun, an Ihr Gepäck im Boot zu denken, denn ich ſehe wenigſtens ein Schock von jenen muskelkräftigen ſchottiſchen Laſt⸗ trägern, welche das eine oder andere von den Gepäck⸗ ſtücken ergriffen haben. Da jener Burſche von der Stärke eines Herkules, hat ſich mit einer Hutſchachtel von mir beladen, die um einige Groſchen Sommer⸗ weben enthält, und ſtellt ſich an, um ſie an's Land zu bringen, als wäre ſie eine Matroſenkiſte.“ Wir fuhren nun durch das Königreich Fife, ſetz⸗ ten über den Frith of Tah, und erreichten Abends Aberdeen. Von hier nahmen wir die Nachtkutſche, erreichten am nächſten Morgen das kleine Dorf Campbeltown und wandten uns über die Haide nach Fort Georg. Fort Georg iſt eine finſtere, trüb ausſehende Ge⸗ bäudemaſſe. Auf der einen Seite rauſchen Wild⸗ waſſer vorüber, und auf der andern begegnet eine verbrannte Haide, öde genug, um für den Ort ge⸗ halten zu werden, wo Macbeth die Hexen traf, dem Auge. Wie mein Begleiter es geſchildert hatte, ließ ſich, ſcheint mir, in ganz Großbritanien kaum ein langweiligerer, melancholiſcherer Ort für Truppen⸗ einquartirung finden. Innerhalb der Mauern war es eine vollkommene Stadt; aber es ſchien eine unbewohnte Stadt, denn außer den Wachen an den Thoren war keine Seele zu erblicken. Gerade als wir eintraten, ertönte das Bügelhorn zur Sammlung, und das Depot des 145ſten begann zur Parade auszurücken. Wir hielten alſo auf dem langweiligen, düſter ausſehenden Square an, um zu⸗ zuſehen. Das Aeußere des Platzes erinnerte mich ganz und gar an die Präceptorei von Templeſtow im „Jvanhoe“. Der Morgen war kalt und unbehaglich, ein mit Schnee untermiſchter Regenwind blies uns in's Geſicht und die Gebäude hatten ein ſchwermüthi⸗ ges, nur halb wohnliches Ausſehen: während dann und wann die beſpornte Ferſe eines Ordonnanzoffi⸗ ciers oder Depotadjutanten auf dem Pflaſter erklirrte, wenn er von einer Thüre der Officiersquartiere zur andern ging. Baldraſſelten die Meſſingtrommeln und wiederhallten von den Mauern ringsherum, während die Trompeten, Querpfeifen, Chmbeln und Dudel⸗ ſäcke ihre begeiſternden Töne hören ließen. Die Com⸗ pagnien ſchwenkten in Colonnen und das Depot mar⸗ ſchirte in Revueordnung vorüber. Mein Begleiter bot mir nun ſeine Dienſte als Führer an, brachte mich in den Regimentsſpeiſeſaal und ſtellte mich mehren Officieren vor, die dort ver⸗ ſammelt waren. Es traf ſich, daß gerade ein ziem⸗ lich großes Muſter von Ofſicieren aus verſchiedenen andern in Schottland einquartirten Regimentern und Depots aus Veranlaſſung eines Tags zuvor ab⸗ gehaltenen General⸗Kriegsgerichts ſich daſelbſt be⸗ fand, und da auch die Depots zweier anderer Regi⸗ menter damals im Fort waren, ſo machte ſich die Ge⸗ ſellſchaft im Saale ſtattlich genug. Als die Parade vorüber war, wurde ich meinen Mit⸗ officieren vom 145ſten förmlich vorgeſtellt, und ichmel⸗ 8⁰ dete mich ſelbſt als glücklich angekommen bei dem da⸗ maligen eommaͤndirenden Officier des Depots, Major Clavering. Ich wurde von ihnen mit großer Freund⸗ lichkeit aufgenommen, und der Umſtand, daß ich von den Huſaren übergetreten, war in meinem Fall ein ziemlich günſtiger Zug, indem die Officiere von einem in Weſtindien ſtationirten Regiment gewöhnlich Männer ſind, welche mehr aus Armuth, als freiem Willen ſich zu einem ſo ungeſunden Dienſte hergeben. Ich glaubte jedoch eine gewiſſe Kälte gegen mei⸗ nen Freund Bullyman zu bemerken, die ich nicht ganz begreifen konnte und welche ich ſeinem ziemlich großſprecheriſchen und anmaßlichen Benehmen bei⸗ maß. Er war offenbar ein Großprahler und händel⸗ ſüchtiger Menſch, laut und diktatoriſch in der Unter⸗ haltung, ſehr geneigt, über jeden Gegenſtand, der zur Sprache kam, Streit anzufangen und manchmal ſo roh und abſtoßend im Benehmen, din⸗ unan⸗ genehme Stockung in der Harmonie der vetſammelten Geſellſchaft eintrat. 6 Er hieng ſich mir, wie ich bemerkte, ſehr hart an, und wünſchte durch ſeine Manieren die Vorſtellung zu erregen, als wären wir alte Freunde, Er machte ſich alſo ſo angenehm, als ihm ſeine Natur geſtattete, führte mich in meine Kaſerne und erzeigte mir alle jene kleinen Aufmerkſamkeiten, die einem Fremden und Ankömmling ſo dankenswerth ſind. „Eine angenehme Ausſicht das,“ bemerkte er, 3 er mein Auge nach der Waſſerfläche hinwandern ſah. „Entzückend,“ ſagte ich. „Wie meinen Sie das,“ ſagte er,„entzückend 5 81 — mir ſcheint es Lerdawntnsweneb⸗ widrig und unangenehm. Denken Sie ſich, in dieſem in die See gebauten Thurm mit einander einlogirt, verur⸗ theilt zu ſein, die monotonen Gewäſſer dieſer höl⸗ liſchen Küſte zu beobachten, und zwar ein ganzes Jahr lang, und das für einen Mann meines Schlags. Einen Mann, der Geſellſchaft geſehen hat, mit der Welt umgegangen iſt, von Kindheit an im An⸗ geſicht der Faſbion gelebt hat. O, es iſt monſtrös! London, Sir, iſt meine Welt: ich bin elend in dieſer Situation. Denken Sie an dieſe trübe unwirthliche Ausſicht und an das Getöſe und die Munterkeit von Regent⸗Street um dieſe Tagesſtunde.“ „Ich ziehe von beiden dieſes vor,“ erwiderte ich. „Vielleicht werde ich deſſen auch müde. Für jetzt aber iſt die Ausſicht auf den Ocean von Ihrem Fenſter aus, da die Sonne eben die Wellen vergoldet, „die krälſelbauptigen Ungeheuer“, entzückend. Was veranlaßte Sie, in die Armee zu treten? Ich fürchte, Sie finden bei Ihren Anſichten und Ibrer Ge⸗ ſchmacksrichtung darin nur eine Reihe von Ent⸗ ſagungen.“ „Ich denke wohl auch, nach dem, was ich bereits & geſeben habe,“ ſagte er.„Ich kam von Spike Island in Irland hieher.“ Was iſt das für ein Ort?“ fragte ich lachend. „Erlaſſen Sie mir die Beſchreibung,“ antwortete er bitter,„ich kann ihn mit nichts vergleichen, ich habe nie Etwas der Art geſehen. Das iſt der Fluch des Dienſtes, Sir. Man ſchickt uns ab, unſer Leben an Orten zu vergeuden, welche(ohne dieſen rothen Fetzen, womit wir bedeckt ſind, und nieſe Smith, Glücks⸗Soldat. I. das wir Seite tragen, und was zuweilen die Kinder der Eitelkeit mit all den Beſchwerden, welche das Handwerk erbt, ausſöhnt) einem Eremiten das Herz brechen würden, wenn er daſelbſt zu weilen ge⸗ zwungen würde.“ „Mein werther Sir,“ ſagte ich,„Sie haben ſich in Ihrem Beruf geirrt. Warum folgen Sie dem Waffenhandwerk, warum haben Sie nicht lieber irgend einen Beruf gewählt, wobei Sie Ihre Zeit unter dem Getümmel des Londoner Lebens hätten zubringen können?“ „Was! Kothinſpektor zu werden— ein Doktor, oder meine Jugend an das Pult eines Kaufmanns⸗ comptvirs gefeſſelt, hinzuſchleppen; oder meine Ge⸗ ſtalt durch Perücke und Talar zu entſtellen und ein tempelhütender, geſchäftsloſer Advokat— irgend eine nisi prius Vogelſcheuche! Nein, das würde für mein Leiden ſich nicht thun!“ „Nun, was wäre Ihnen denn am liebſten?“ ſagte ich. „Zehn tauſend Pfund jährlich und ein Park— das iſt's, was ich gern haben möchte. Fluch dem Dienſte; ich verwünſche und verabſcheue ihn.“ „Ei, warum verkaufen Sie Ihre Stelle nicht, ziehen ſich in Ihren Park zurück, zu der Behaglichkeit und dem Genuß der zehntauſend Ueberflüſſigkeiten und Ueppigkeiten, die Ihnen mit Ihren zehntauſend Pfund jährlich zu erkaufen ſind?“ „Mein werther Sir,“ erwiderte er mit einem Seufzer,„ich bin ein jüngerer Sohn. Ich habe außer meinem Sold nicht zehntauſend Schilling; denken Sie, ich wäre ſonſt hier?“ 83 5 „Dann,“ antwortete ich,„dünkt mir, da Sie keine andere Ausſicht zu haben ſcheinen, Ihre Wahl geſchehen iſt und Sie einmal in den Dienſt einge⸗ treten ſind, es wäre das Beſte, Sie ſuchten ſich ſo glücklich zu machen, als es eben möglich iſt.“ „So denke ich auch,“ ſagte der Lieutenant trocken. „Doch geſtehe ich Ihnen, ich wäre wohl zufriedener geweſen, wenn ich mich einem andern Corps, als dieſem angeſchloſſen hätte. Das wackere 145ſte ge⸗ füllt mir nicht— es ſind ſo ſeltſame Burſche zu⸗ ſammen.“ „Mir ſcheinen es ſehr gentlemänniſche Burſche zu⸗ ſammen zu ſein,“ erwiderte ich. „Ohne Zweifel denken Sie nach zweiſtündiger Bekanntſchaft ſo,“ entgegnete er.„So war es auch bei mir, bis ich ſie ausfand. Zum Beiſpiel, da iſt Ro⸗ land Robert Fetlock; das iſt ein wahres Hengftfüllen, denn er kann von nichts, als ſeinem Pferde ſchwatzen. Er iſt einer von den Langweilern am Regimentstiſch, und er führt den Namen Stallknecht. Ich habe ihm dieſen Namen gegeben; und wäre er nicht ebenſo ſehr ein Feigling, als ein gemeiner Stallknecht geweſen, ſo hätte er mich deßhalb gefordert. Er wird Sie mit den Verdienſten ſeiner Squire Richards Stute zu Tode langweilen, wenn Sie denſelben in Ihre Geſellſchaft zulaſſen, das verſpreche ich Ihnen. Den⸗ ken Sie ſich einen Mann von achttauſend Pfund jähr⸗ lich, deſſen Leidenſchaft Pferde ſind, und in einem weſtindiſchen Regiment dienend— ergo iſt er eben ſo gut ein Narr als ein Jokeh. Dann iſt da Kapitän Euclid, ein beſchränkter Pedant, ſehr geneigt, ſeine tiefe Beleſenheit zu entfalten und ſein Leben zu Or⸗ ford oder Cambridge unter andern büchergelehrten doppelten Eſeln, ſo zankſüchtig wie er, aber für die Geſellſchaft von Waffenmännern eben ſo wenig ge⸗ eignet, wie ich für die eines Kloſters. Er wird Fet⸗ lock's Beſchreibung von dem, was ſein Pferd bei einem Hürdenrennen leiſtete, unterbrechen, um eine Rede über die erhabene Art und Weiſe, wie Bucephalus den Alexander trug, zu halten, oder die Superiorität der ſpartaniſchen Reiterei über die der Johanniter⸗ Ritter von Jeruſalem nachzuweiſen. Hernach kommt dieſe Waſſermotte, Bellarmine, der dummſte Eſel, der je in eine Uniform geſteckt wurde: ein ſelbſtſüch⸗ tiger, erbärmlicher, eitler Haſenfuß, ein ordentliches Pasquill auf Mannheit.“ „Mein werther Sir,“ ſagte ich,„das anzuhören, darf ich hier nicht ſitzen bleiben, es ift Zeit, uns zum Eſſen zu richten.“ „Nein, geſtatten Sie mir nur noch, mich über die Tugenden unſeres Commandanten zu erklären,“ er⸗ widerte er,„ich will Sie von ſeinen Fähigkeiten als Soldat in Kenntniß ſetzen, das Uebrige ſoll Ihnen dann erlaſſen bleiben.“ „Nicht ein Wort,“ erwiderte ich,„ich müßte mich ſelbſt für eine Art Skandaleinnehmer halten, wenn ich noch weiter hörte.“ „Gut, wimporte*),“ ſagte er,„Sie werden jeden⸗ falls finden, daß was ich geſprochen habe, die Wahr⸗ heit iſt.“ Bald nach dieſem Geſpräch ſchlugen die Trom⸗ meln das„Roaſtbeef von Alt⸗England,“ und wir *) Macht nichts. A. d. U. 1 85 begaben uns an den Regimentstiſch, wo eine große Geſellſchaft verſammelt war. Hier glaubte ich wie⸗ verum zu bemerken, daß mein Freund, Lieutenant Bullyman, unter den Officieren ſeines eigenen Corps durchaus nicht beliebt war. Er wurde zwar nicht direkt abgewieſen, aber es beſtand eine Zurückhaltung ihrerſeits gegen ihn und eine Art von Duldung ſei⸗ nes Geſprächs, wenn er ſich an einen vom 145ſten wandte, welche mir den Beweis lieferte, daß er ſich mit dem ganzen Depot auf ſchlechten Fuß geſtellt hatte. Dafür übte er Wiedervergeltung gegen ſie durch ein geringſchätziges und ziemlich grobes Be⸗ nehmen, das hin und wieder auf einen nachdrücklichen Verweis ſtieß; und die Perſönlichkeiten, welche er ſich erlaubte, wurden von denjenigen, welchen ſie galten, durch Vorwürfe erwidert, welche ihn gewöhn⸗ lich auf einige Zeit in die Flucht ſchlugen und zu einer andern Partie führten. Mittlerweile, da das Diner vorüber war und die Fröhlichkeit laut und wild wurde, ſtürzte man Glas um Glas hinunter, und Geſchrei erſcholl über die Tafel hin. „Squire Richard,“ rief Lieutenant Bullyman, „Sie gehen im Schritt, ſehe ich; wohlan, ich biete Ihnen eine Wette an, Sie galoppiren keinen ſenk⸗ rechten Hügel hinauf und ſchießen mit einer Piſtole einen Sperling im Flug.“ „Ich habe nie mit meiner Geſchicklichkeit im Pi⸗ ſtolenſchießen geprahlt,“ erwiderte Fetlock,„wiewohl ich das nicht ſo gut von Andern ſagen kann. Sie ſind ein guter Schütze, haben Sie uns, dünkt mich, erzählt; können Sie Wat Tylers Ziel treffen 7* „Gewiß nicht,“ ſagte Bellarmine,„er hat kein 86 Gefallen an einer Schießſcheibe, die wieder feuert. Am beſten Sie ſpornen Ihr Pferd nicht zu ſcharf, Bullhman, es möchte auſpacken und Sie in einen Graben werfen.“ „Beſſer, von den Hufen eines Pferdes, als den Ferſen eines Eſels geſchlagen zu werden,“ entgegnete Bullyman.„Ich habe Sie nicht angeredet.“ „Wenn Sie auf den Eſel in der Löwenhaut an⸗ ſpielen, gebe ich es zu,“ erwiderte der Dandy. „Nicht weiter davon,“ ſprach der commandirende Officier,„ein Lied, ein Lied— Kapitän Plume will uns die Britiſchen Grenadiere“ zum Beſten geben.“ Es war leichter, nach einem Lied zu verlangen, als Gehör zu finden, wo Jedermann ſprach und We⸗ nige horchten. Unter den lauteſten Sprechern war Kapitän Euelid, der auf ſein Lieblingsthema, die Alten gerathen war. Demgemäß ſchritt mein neuer Freund bald dazu, ihn aufzuziehen, wie er es nannte, und ſich in neue Schwierigkeiten zu ver⸗ wickeln. „Ich bin der entgegengeſetzten Meinung,“ ſagte erzur Antwort auf eine Bemerkung, die er von jenem gehört hatte,„ich halte feſt an der macedoniſchen Phalanx; Lumperei Ihre kurzbeſchwerteten Krieger von der Siebenhügelſtadt. Ich bin für lange Speere und ſolide Vierecke, wiewohl ich auch nichts gegen Keilformation einzuwenden habe.“ „Daran haben Sie völlig Unrecht,“ erwiderte der Kapitän, der an dem Köder anbiß.„Die Griechen und Magedonier waren mit ihren ſechszehn Reihen langer Piken, in enge Schlachtordnung eingekeilt im Irrthum. Nachdenken wie Erfolg beweist, daß die 87 maſſive Phalanx, ſo ſtark ſie auch war, gegen die Beweglichkeit der römiſchen Legion nicht Stand zu halten vermochte. Die Legion war nur acht Reihen tief.“ „Zehn, Sir, hat man mir geſagt,“ erwiderte Bullyman. „Acht, nur acht; jeder Schulknabe weiß das,“ entgegnete Euclid,„und drei Fuß zwiſchen den Glie⸗ dern und drei Fuß zwiſchen den Reihen; demnach hatten ſie freien Raum für den Gebrauch ihrer Waffen und für Bewegung. Ja, Sir, es war das kurze Schwert und dieſe Formirung, welche die Welt eroberte.“ „Ha! ha!“ rief Bullyman,„mit der Muskete und dem Bajonnet in den Händen des 145ſten, würde ich mich nicht eine Stecknadel um deren Formirung und Waffen bekümmern, Sir, ſelbſt wenn Sie dieſelben anführten— nicht eine Stecknadel.“ „Eine Stecknadel, ſagten Sie,“ erwiderte der Pe⸗ dant,„vielleicht iſt eine Stecknadel ein wichtigeres Werkzeug, als Sie ſich einbilden. Eine Stecknadel hat einen Kopf, Sir, und das iſt mehr, als manche Leute, ſo viel ich weiß, beſitzen, aber was die Phalanx betrifft—“ „Nein, nein,“ ſchrie Bullyman,„die Stecknadel, die Stecknadel. Beweiſen Sie die Wichtigkeit der Stecknadel, und ich laſſe die Phalanr zum Teufel, der ſie erfunden hat.“ „Die Stecknadel,“ antwortete der Kapitän ver⸗ ächtlich,„mein werther Sir, erfordert, ſo gering Sie dieſelbe auch ſchätzen mögen, die Hände von wenig⸗ ſtens zehn Menſchen, ganz, möchte ich ſagen, ſo ver⸗ 88 ſtändig, wenn auch vielleicht nicht ſo eingebildet, als Ihr würdiges Selbſt.— Mein lieber Cornet—“ „Ich will das nicht beſtreiten,“ erwiderte der Lieutenant, mir zunickend, als wollte er ſagen, jetzt haben wir es;„weiter, weiter.“ „Die Stecknadel,“ fuhr der Käpitän fort,„ver⸗ langt bei ihrer Fabrikation die Arbeitstheilung mehr als irgend ein anderer Artikel, der mir gerade jetzt einfällt, und die ſchöne Belinda dachte vielleicht, als ſie ihr Lächeln wieder erlangte, bei der Auswahl der glänzenden beſonderen Stecknadel, welche deren Schnürbruſt zuſammenhielt, wenig an die Zahl der Hände, durch welche dieſe Jungfernnadel bei ihrer Verfertigung nothwendig gegangen war. Hem! Ja, Sir. Einer zieht den Draht, ein anderer iſt beſchäſtigt, ihn zu ſtrecken, ein Vierter ſpitzt ihn, ein Fünfter ſchleift ihn an der Spitze, um den Kopf zu empfan⸗ gen. Dieſen Kopf zu machen, Sir, bedarf es zweier oder dreier verſchiedener Operationen; ihn aufzu⸗ ſetzen, iſt eines andern Mannes Geſchäft, die Steck⸗ nadel weiß zu machen, deßgleichen, und ebenſo iſt es eine Arbeit für ſich, ſie auf das Papier zu ſtecken.“ Des Kapitäns Beſchreibung hatte die ganze Tafel ſo intereſſirt und unterhalten, daß mehre in ſeiner Nähe nur mit Mühe ſich eines lauten Gelächters ent⸗ halten konnten. Er war jedoch in ſeine eigene Ein⸗ hildung ſo vertieft, daß er mit erhobenen Augen und rückwärts geworfenem Kopf ſich über den Gegenſtand auszubreiten fortfuhr, bis er vollſtändig die Geſchichte des Handwerks gegeben hatte. „Da die Verfertigung der Stecknadel demnach in ſo verſchiedene Operationen zerfällt, Gentlemen,“ 89 ſprach der Kapitän weiter,„ſo kann ſelbſt eine kleine Fabrik, wenn ſie nur aus zehn Perſonen beſteht, mit Leichtigkeit fünfzigtauſend Stecknadeln in einem Tage liefern— bedenken Sie; jede Perſon, Sir, kann dem⸗ nach viertauſend achthundert Stecknadeln täglich zu Stande bringen. Bedenken Sie das, Gentlemen— und erinnern Sie ſich zugleich gefälligſt, daß, hätten ſie von einander unabhäͤngig gearbeitet, der beſte Mann unter ihnen nicht zwanzig zu machen ver⸗ mocht haben würde. Dieſer höchſt bedeutende junge Gentleman hier hätte, wiewohl er dieſes Inſtrument ſo augenſcheinlich verachtet, nicht eine einzige Steck⸗ nadel in einem Monat verfertigen können, ſelbſt um ſeine Seele zu retten— hem!“ „Ich danke meinen Sternen dafür,“ erwiderte Bullyman,„und halte denjenigen für einen niedri⸗ gen, gemeinen und handwerksmäßigen Menſchen, welcher ſeine Zeit daran wenden konnte, den Proceß der Stecknadelverfertigung nur auswendig zu lernen. Ha! Ha! Denken Sie, denken Sie ſich nur, Gentle⸗ men, die Lage unſeres gelehrten und würdigen Freun⸗ des, Kapitän Euclid; der unterrichtete und feinge⸗ bildete Verfaſſer des Lebens von Quintus Metellus Celer, Proconſul in Galliens, ſich zu Erkundigungen über die Beſtandtheile einer Jungfernnadel herab⸗ laſſend. Ha! ha! ha! bravo!“ „Lachen Sie über ſich ſelbſt, mein lieber Bully⸗ man,“ ſagte der Kapitän, zornig werdend.„Ich ver⸗ ſichere Ihnen, Sie werden den Gegenſtand uner⸗ ſchöpflich finden; Sie ſind ein armer, ſchwacher, ſeichter Sterblicher, Cornet, mit nicht mehr Gehirn, als in einer Klopfkeule zu finden iſt.“ 90 „Nach der Schätzung eines beſchränkten Pedanten vielleicht nicht,“ entgegnete Bullyman.„Ich geſtatte Ihnen kein Urtheil über die Fähigkeit von Jemand für etwas Anderes als die Stecknadelfabrikation. Ha! ha! Gott helfe Dir, Euclid, denn Du biſt ein großer Narr!“ Der Hochländer antwortete darauf mit der That, nicht mit Worten. Er lehnte ſich über die Tafel her⸗ über und ſchüttete mit einem vor Wuth glühenden Geſichte ſein Glas Claret dem Lieutenant in's Geſicht. Mit Ausnahme derer, welche in unmittelbarer Nähe ſaßen und dem Wortwechſel zugehört und ſich daran ergötzt hatten, blieb dieſes Thun von der Ge⸗ ſellſchaft unbemerkt, und die, welche es wirklich mit angeſehen, äußerten ſich nicht laut darüber. Nachdem der zornige Schotte auf ſolche Weiſe ſeinem Zorn Luft gemacht hatte, erhob er ſich von ſeinem Sitz, nahm bedächtig ſeine Furragirmütze vom Nagel, an dem ſie hing, und marſchirte aus dem Speiſeſaal, während Lieutenant Bullyman durch das Ereigniß, das er hervorgerufen, ſo überraſcht war, daß er völlig verſtummte. Er hatte nicht einmal ſo viel Energie, von ſeinem Bart die Libation, welche ihm Euclid hatte angedeihen laſſen, abzuwiſchen, ſondern blieb in ſtupidem Schrecken ſitzen und folgte ſeinem Gegner mit den Augen, bis er das Zimmer verließ. „Thäten Sie nicht beſſer, ſich zurückzuziehen?“ ſagte ich zu Lieutenant Bullyman, der ſich noch immer in ſeinen Stuhl zurücklehnte, das Kinn auf die Bruſt geſenkt und die Augen auf die Mahagonitafel vor ſich geheftet. 91 „Rathen Sie dazu?“ fragte er. „Ich weiß in einem ſolchen Fall kaum zu rathen,“ ſagte ich,„aber mich dünkt, Sie thäten beſſer daran.“ „Wollen Sie mit mir kommen?“ ſagte er. „Ich werde Ihnen in einigen Minuten folgen,“ erwiderte ich,„wenn Sie mich zu Ihrem Freund zu wählen wünſchen.“ „Um Gottes willen, thun Sie es,“ ſagte er auf⸗ ſtehend und ſich entfernend,„kommen Sie ſchnell.“ Derälteſte Officier des 145ſten, Major Clavering, der in ein Geſpräch mit dem Freunde neben ihm ver⸗ wickelt geweſen war, hatte die kleine Störung nicht bemerkt, auch keine Kunde davon erhalten. Er zog alſo die Gäſte wieder zuſammen, ließ die Flaſche her⸗ umgehen, und da die Unterhaltung noch einmal all⸗ gemein wurde, ſtand ich auf, verließ das Zimmer und begab mich nach Bullyman's Quartie Ich fand den Gentleman zu nicht ge⸗ ringen Erſtaunen im Bett, und auf e Erkundi⸗ gung, was es bedeuten ſolle, daß er ſich ſo früh zur Ruhe begeben, theilte er mir mit, er habe nach dem Regimentsarzt geſchickt, da er ſich auf die Kranken⸗ liſte ſetzen laſſen wolle. „Auf die Krankenliſte!“ ſagte ich erſtaunt,„und zu einer ſolchen Zeit. Was gedenken Sie denn mit Kapitän Euclid zu machen?“ „Was rathen Sie?“ „Sie bedürfen gewiß keines Raths,“ erwiderte ich. „Sie können nicht umhin, Sie müſſen ihn auf der Stelle fordern. Baten Sie mich nicht, Ihr Freund zu ſein?“ „Ich habe mich darüber beſſer beſonnen,“ ſagte er, 92 ſich umdrehend und in der Bettdecke wendend;„ich werde dieß nicht thun. Ich will ihn bei dem com⸗ mandirenden Officier wegen ungentlemänniſchen B nehmens am Regimentstiſche melden.“ „Und iſt dieß Ihr feſter Entſchluß?“ fragte ich. . 5 „Dann wünſche ich Ihnen gute Nacht, Lieutenant Bullyman, und angenehme Träume,“ erwiderte ich. „Hier kommt der Doktor.“* Ich verließ meinen neuen Freund, ſuchte mein Quartier auf und begab mich, ermüdet von der Reiſe, zu Bette. Es war mir jetzt offenbar, daß mein Freund, der Lieutenant, auf ſchlechtem Fuß mit ſeinen Mitofficie⸗ ren ſtand. Er war augenſcheinlich ein Renommiſt und Feigling; hatte ſich ſchon mehrmals vor dieſem un⸗ erwarteten Exeigniß in die Patſche geſetzt und wurde, da er was war, zu thun unterließ, natürlich ge⸗ ring geſchätzt. Die letzte Affaire war jedoch ernſterer Art, als was er bis jetzt durchgemacht hatte, und ſonderbar, er hatte nicht den nöthigen Muth, dem Mann, den er zu dem Schimpf herausgefordert hatte, die Spitze zu bieten. Mittlerweile wurde der Oberſt mit dem Vorfall durch den, welchem an deſſen Verheimlichung hätte am meiſten gelegen ſein ſollen, durch ihn ſelbſt be⸗ kannt gemacht. Da nun der Kapitän fand, daß mein neuer Freund eine Ausforderung an ihn unterließ, ſo ſchritt er, ungeduldig den Kampf wünſchend, ſelbſt dazu, den Lieutenant wegen der Beleidigung, die der⸗ ſelbe, ehe er mit dem Claret getauft worden, ihm an⸗ gethan, zu fordern. Da der Lieutenant ſich darauf zu 93 ſtellen weigerte, wurde die ganze Affaire Gegenſtand der Unterſuchung und erzeugte große Senſation im Corps. Major Clavering, unſer Commandant, war ein tapferer und ritterlicher Soldat, der die Seifenblaſe Ehre mehr als einmal in der„tödtlich⸗drohenden Breſche“ geſucht hatte, einer von jenen Burſchen, die eben ſo bereit und ſorglos ſich zu einem Sturman⸗ griff als zu einem Kirchthurm⸗Rennen hergegeben hätten; aber er war völlig unbrauchbar, auch nur das Depot eines Regiments zu befehligen. Er konnte ohne ſeinen Adjutanten keinen Zoll vorwärts. Sein Ehrgeiz beſtand darin, ein faſhionables Regiment zu haben, und in Friedenszeiten liebte er beſonders ſolche Quartiere, wo er den Ball, das Spiel und die Ge⸗ ſellſchaft am Regimentstiſch patroniſiren konnte. Er war in der That ein munterer und 7 er Burſche, auf die kleinſte Abweichung im Anzuß inen Oſſi⸗ cieren auf der Parade oder im Ge i ebenſo eiferſüchtig, als er es auf dere im Felde geweſen wäre. Der Umſtand alſo, daß Je⸗ mand von ſeinem Corpsoffenkundig eine Beſchimpfung hervorgerufen undempfangen hatte, ohne ſie zu rächen, war Galle und Wermuth für ihn. Da er von freund⸗ licher Gemüthsart war, wünſchte er Kriegsgerichte ſo ſehr wie möglich zu meiden; und nachdem er dem Lieutenant ein- oder zweimal Veranlaſſungen und Winke gegeben hatte, die Sache mit Kapitän Euclid durch Entſcheidung der Piſtole auszugleichen, bedeu⸗ ewandtheit tete er ihm, es würde räthlich ſein, ſich in ein an⸗ deres Regiment verſetzen zu laſſen, oder ſeine Stelle im 145ſten ganz zu verkaufen. 1 5 94 Der Lieutenant nahm die erſte Alternative an und verſprach ſo ſchnell als möglich einen Umtauſch zu bewerkſtelligen. Mittlerweile wurde er von dem Corps völlig ausgethan und marſchirte während der Zeit, daß er eine Antwort auf ſein Urlaubsgeſuch ab⸗ wartete, vom Dienſte diſpenſirt, wie ein elender, ent⸗ würdigter Auswürfling herum, der ein Verbrechen begangen hatte, welches ihn aus dem Kreiſe der Ge⸗ ſellſchaft verbannte. Unter dieſen Umſtänden kam er mir, ſo ſehr ich ihn verachtete und verurtheilte, ſo unglücklich vor, daß ich nicht umhin konnte, ihn zu bemitleiden. Ob er dieß in meinem Geſicht, wenn ich gelegentlich an ihm vorüber kam, entdeckte oder nicht, iſt mir unbe⸗ kannt; aber er machte mehre Verſuche, mich anzu⸗ reden. Ja ſeine niedrige Geſinnung bewog ihn ſogar, ſich gegen mich zu verbeugen, obwohl ich den Gruß zu erwi erließ; endlich drängte er mir eines Morgen in meinem Quartier beim Früh⸗ ſtück ſaß, ſogar einen Beſuch auf. Ich ſtand natürlich überraſcht auf und wollte ihn eben erſuchen, mich zu verlaſſen, aber er vertraute auf mein gutes Gemüth und bat in ſo demüthigen Ausdrücken um Gehör, daß mein Mitleid mit ſeiner Lage über meine Ver⸗ achtung ſeines kleinmüthigen Benehmens die Ober⸗ hand bekam und ich mich, da er um meinen Rath anſuchte, völlig außer Stande fühlte, ihm Gehör zu verweigern. Es traf ſich unglücklicher Weiſe, daß Major Cla⸗ vering dieſen Augenblick mir in meinem Quartier einen Beſuch machte, um ſich mit mir in Bezug auf ein Liebhabertheater, das er in dem Fort zu Stande 95 zu bringen beabſichtigte, zu berathſchlagen. Als er Bullyman an meinem Tiſch ſitzen ſah, hielt er plötz⸗ lich an, drehte ſich auf den Abſätzen um und verließ das Zimmer. Ich ſah, daß der Vorfall mich wahrſcheinlich in Verlegenheiten ſtürzen würde, und der Erfolg be⸗ wies, daß ich mich in meinen Vermuthungen nicht geirrt hatte. Ich fand auch bei der Morgenparade, daß der Beſuch von Lieutenant Bullyman unter den Officieren des 145ſten erörtert worden war und ſie ſehr geneigt ſchienen, mich über die Achſel anzuſehen. Dazu kam, daß der Major in einem Ton und einer Weiſe über den Gegenſtand mit mir ſprach, die mir höchlich beleidigend und unberufen vorkamen. Ich antwortete ihm mit ziemlicher Wärme und wurde zum Dank für meine Mühe in Arreſt geſetzt. In einer übeln Stunde entſchloß ich mich, gegen öffentliche Meinung und Autorität zu rebelliren, zn dafür hal⸗ tend, daß ich ohne Sinn und Verfland ſo zu ſagen in Verruf erklärt worden war und jede Erläuterung verſchmähend, lud ich Bullyman ein, den Abend in meinem Quartier zuzubringen. Dieſe Einladung be⸗ ſiegelte mein Schickfal. Bullyman war ein ebenſo hinterliſtiger Bube als Feigling. Er wußte mich für ſeine Streitſache zu ge⸗ winnen und mir einen tiefern Groll gegen meine Mitofſieiere beizubringen. Da während der Zeit, da ich im Arreſt war, ſein Urlaub anlangte, ſchied er für gut aus dem Regiment und hinterließ mir als Erbfall den Streit, welchen er auszufechten viel zu feig geweſen war. Kurz ich wurde eines Morgens aus dem Arreſt entlaſſen und erhielt nach einem Verweis von dem Major Befehl, mich zu meiner Compagnie zu ver⸗ fügen. Als das Exercitium vorüber war und ich noch immer eine hochmüthige und geringſchätzige Ge⸗ ſinnung gegen einige meiner Mitofficiere bewahrte, ſchloß ich mich an eine Geſellſchaft von zwei oder drei Officieren, die zu einem andern im Fort ſta⸗ tionirten Corps gehörten, zu einem Spaziergang nach der Stadt Inverneß an. Nachdem wir den Tag da⸗ mit zugebracht hatten, auf dem Schlachtfeld von Cul⸗ loden herumzuwandern, dinirten wir zu Inverneß und ſchlenderten darauf nach Hauſe. Ichtundzwanzigſtes Kapitel. „Wos! ſell's hier Schnitte ſetzen, geben Blut? Dann wiege Tod mich ein und kürze mir Die Schmerzenstage; die drei Schweſtern laß Schmerzbafte, grauſe Wunden künd'gen mir! Komm, Atropos, ſag' ich.“ Shakſpeare. Als ich in in das Speiſezimmer trat, fand ich ein halb Dutzend meiner Mitofficiere, welche nach dem Mahle zurückgeblieben waren, vor dem Feuer ſitzend, bei einem Glas Wisky⸗Toddh*) und einer Cigarre. Sie ſchauten um, als ich eintrat, und ſetzten ihr Ge⸗ *) Starker Grog. A. d. U. 97 ſpräch unter ſich fort. Ich ging ein⸗ oder zweimal im Zimmer auf und ab und ſchaute ſie, im Bereich des Kreiſes ſtehen bleibend, nach einander ſcharf an. „Eine kalte Nacht, Gentlemen,“ ſagte ich. „Allerdings,“ antwortete der Major, der in der Geſellſchaft war, trocken. Ich machte einen weitern Gang. Das Blut kochte mir in den Adern, und ich fühlte mich nahe daran, jede Herrſchaft über meine Handlungen zu verlieren. Wenn mir Jemand nur in's Geſicht geſpieen hätte, ich wäre, dünkt mir, glücklich geweſen. Da aber Nie⸗ mand in dem Kreiſe mich inſultirte oder mir Platz machte, ſo ſetzte ich meine Verdeckpromenade fort. In Kurzem trat der Adjutant in das Zimmer und begehrte ein Wort mit dem Commandanten zu ſpre⸗ chen. Er ſtand auf, ihn zu begleiten, ſchnallte ſeinen Säbel ab und legte ihn auf ſeinen Stuhl. „Ich komme inzwei Minuten wieder zurück, Plume, laſſen Sie Niemand auf meinen Sitz.“ Ich trat zu dem Feuer, nahm den Säbel von dem Stuhl und wollte mich eben niederſetzen. „Halt, Sir,“ ſagte Plume,„dieß iſt Major Cla⸗ vering's Sitz. Er kommt wieder. Sehen Sie, er hat ſeinen Säbel da gelaſſen.“ „Ich weiß es ſehr wohl,“ ſagte ich, mich ſetzend. „Ich hörte ſelbſt es ihn ſagen. Eine kalte Nacht dieß, Gentlemen, wie ich bereits bemerkt habe. Laſſen Sie mich das Feuer für Sie ſchüren.“ Mit dieſen Worten ſteckte ich des Majors ſtählerne Säbelſcheide und Klinge zwiſchen die Stäbe des Roſtes, ſtörte das Feuer auf und ließ das Werkzeug in den glühenden Kohlen ſtecken. Smith, Glücks⸗Soldat. II. 7 98 Die Geſellſchaft ſaß in einem Zuſtand vollkomme⸗ ner Betäubung da. Sie ſchauten einander an, dann auf den Säbel, dann auf mich, der mit verſchrenkten Armen daſaß und den glänzenden Pallaſch betrach⸗ tete, wie er glühend wurde, dann wieder auf einen nach dem andern meinen Blick richtete. Jedermann kannte den Major, ſeinen hohen, ritterlichen Geiſt und ſeine Ungeduld bei Allem, was einer Inſubordination gleich ſah, recht gut. Mehr als einer fürchtete ihn und alle ſchmiegten ſich vor ſeinen Launen. Wenigſtens eine Stunde dauerte ſeine Abweſen⸗ heit und Niemand äußerte ein Wort. Keiner nippte an ſeinem Grog, ſondern alle zogen mit verdoppelter Kraft an ihren Cigarren— puff, xuff, puff, vuff. End⸗ lich kam ein Tritt näher und die Thüre ging auf; jeder Kopf wandte ſich wie der Blitz nach derſelben. Es war der Tafeldecker, der Etwas abräumen wollte. Wiederum wandten ſich die Augen nach des Majors rothglühendem Schwert, mit Blicken der Neugierde und des Crſtaunens. „Erwartung ſitzt jetzt in der Luft.“ Des Majors beſpornte Ferſe und wohl bekannter Schritt ließen ſich am Ende wirklich auf dem Gang vernehmen, und den nächſten Augenblick war er im Zimmer. Er trat auf ſeinen Stuhl am Feuer zu. Er war beſetzt. Er hielt an und wollte eben ſeinen Stuhl begehren, als ſein Auge auf ſeinen treuen Pallaſch fiel, der in einen Schürhaten verwandelt worden war und noch zwiſchen den Stäben des Roſtes ſteckte. Nicht der Hochland⸗Thane, als er die Tafel beſetzt und den blutbefleckten Banquo auf ſeinem Stuhl er⸗ 99 blickte, konnte ſo geſtarrt haben, als Major Heißſporn Clavering auf ſeine ehmalige Waffe ſtarrte. Es war keine Gelegenheit für ihn, zu fragen:„wer von Ih⸗ nen hat das gethan?“ Die Sache ſprach für ſich ſelbſt. Er tippte mich ſcharf auf die Schulter; ſein Geſicht war ſchwarzgelb vor Wuth, als ich aufſtand und mich ihm gegenüber ſtellte. Auf die Thüre deu⸗ tend, als Signal für mich, ihm zu folgen, wandte er ſich auf dem Abſatz um und verließ ſchnell das Zim⸗ mer. Durch den Gang ſchreitend, ſchaute er über die Schulter, um zu ſehen, ob ich hinter ihm war, und trat auf den freien Platz der Kaſerne hinaus. Er ging ſo raſch, daß ich meinen Schritt beſchleunigen mußte, um ihn im Geſicht zu behalten. Als er bis in die Witte des Square's gekommen war, drehte er ſich um und redete mich an. „Können Sie die Waffe führen, die Sie zu einem ſo unwürdigen Gebrauch verwendet haben?“ „Ja,“ antwortete ich. „Seien Sie vorſichtig, junger Mann,“ ſagte er, „ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß ich in der Handhabung des Säbels erfahren bin. Wenn Sie nicht ſelbſt ein guter Fechter ſind, lehnen Sie die Waffe ab.“ „Seien Sie außer Sorgen, Major Clabering,“ ſagte ich,„ich wage es darauf, Sie werden Ihren Mann finden.“ „Das freut mich zu hören,“ erwiderte er;„es iſt etwas außer der gewöhnlichen Ordnung; aber der Schimpf, den Sie mir angethan, iſt auch von auf⸗ fallend beleidigender Art. Es iſt kein alltäglicher Fall— einer von uns muß auf dem Platze bleiben. 100 Die Stunde, welche den Schimpf geſehen hat, darf nicht ablaufen, ehe er ausgelöſcht iſt. Holen Sie ſo⸗ gleich Ihre Waffe und einen Freund. Gehen Sie zum Fort hinaus und warten Sie auf mich. Sind Sie der erſte, neben dem Steinhaufen auf der Haide. Sind Sie damit einverſtanden?“ 4 „Id. „In einer Viertelſtunde erwarte ich Sie,“ fuhr er fort, als er ſich umwandte und ſein Quartier auf⸗ ſuchte. Unter den Officieren vom Depot des— ſten Hochländer hatte ich mehre Freunde. Einer von ihnen, mit dem ich am vertrauteſten ſtand, hatte mir erſt am Morgen den Rath gegeben, unter den Officieren vom 14hſten Händel anzufangen, um mich auf dieſe Weiſe mit ihnen wieder zurecht zu ſetzen. Er konnte mir alſo ſeine Begleitung nicht wohl abſchlagen und ihn ſuchte ich auf. Ermüdet von dem vorangegangenen Ausflug, hatte er ſich bereits zu Bette begeben, ſtand aber ſo⸗ gleich auf, als ich ihn mit meinem Wunſche bekannt machte. Er erhob Anfangs Bedenklichkeiten dagegen, die Affaire mit unſern Regimentsſäbeln auszumachen, willigte aber endlich in Betracht der Seltſamkeit des dem Major angethanen Schimpfes ein, und wir machten uns, ſobald er völlig angekleidet war, auf den Weg zu dem Ort des Stelldicheins. Der Mond ſchien hell und Schnee lag auf dem Boden, als wir das Thor von Fort Georg verließen. Ich hatte nur wenig Zeit zur Ueberlegung; doch fühlte ich, als ich die Mauern der Feſte verließ, daß die Kriſis meines Schickſals gekommen war. Zum 101 erſten Mal fiel mir ein, daß ich im beſten Fall bei dem Kampſfe doch nur verlieren konnte. So ſonderbar iſt es, daß die Heftigkeit unſerer Gefühle unter Be⸗ ſchimpfung oder Aufreizung nicht eher eine Pauſe geſtattet, als bis der, welcher ſie hegt, ſo weit ge⸗ gangen iſt, um eine Umkehr unmöglich zu machen. Vor fünf Minuten fuͤhlte ich, daß wenn es mir ver⸗ gönnt wäre, Fuß bei Fuß mit ausgeſtrecktem Rapier der Bruſt eines meiner Mitofficiere, deren hochmüthiges Benehmen meine Ehre verletzt hatte, gegenüber zu ſtehen, ich glücklich ſein würde. Ich hatte meinen Streit geſucht und gefunden— meinen Arm und meine Waffe auf einen würdigen Mann gerichtet, und jetzt zum erſten Mal„kam Ueberlegung,“ obwohl zu ſpät,„um den anſtößigen Adam in mir auszutilgen.“ „Nimm Dich in Acht,“ ſagt Polonius,„Dich in ei⸗ nen Streit einzulaſſen; aber biſt Du darin, ſo führe ihn ſo aus, daß Dein Gegner ſich vor Dir in Acht nimmt.“ Ich hatte mir ganz hübſch einen aufgela⸗ den, wäre ich doch auf der Hut geweſen, ihn anzu⸗ fangen! Der letztere Theil des Raths war jetzt Alles, was ich zu befolgen hatte. Als ich mich auf der offenen Haide befand, war die Nacht ſo klar,— eine jener hellen, lieblichen Nächte, die Winters im Norden ſo gewöhnlich ſind— daß die Landſtraße beinahe ſo deutlich wie an einem ſonnigen Tage ſich unterſcheiden ließ. Ich wünſche, Sie hätten dieſen Handel einem Andern, als Major Clavering aufgebürdet,“ ſagte mein Gefährte;„dann hätten wir wenigſtens eine Ausſicht gehabt, ohne ſehr ernſthafte Folgen hin⸗ wegzukommen. Nun haben Sie uns alle auf Flug⸗ 102 ſand geſtellt. Major Clavering iſt ein gottloſer Burſche, wenn er ordentlich im Zorn iſt. Sie werden kein Kinderſpiel mit ihm finden. Warum nahmen Sie nicht Veranlaſſung zu einem Skandal unter den Subalternen?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte ich;„er ſuchte beinahe Streit, dachte ich, und ſo that ich ihm ſeinen Willen. Was verſtehen Sie unter dem Wort gottlos in ſeiner Anwendung auf Major Clavering vom 145ſten?“ „Nun, nicht genau das, was der Regiments⸗ Kaplan dafür nehmen würde,“ erwiderte mein Freund. „Ich denke, nach der beſondern Art und Weiſe, wie Sie ſich an ihn gemacht haben, wird er wahrſcheinlich einen ziemlichen Aderlaß begehren, ehe er ſich ab⸗ kühlt. Was Sie ihm in die Pfeife gelegt haben, wird viel Rauchens bedürfen, das iſt Alles. Aber ſehen Sie, da iſt der Steinhaufen, und ſo wahr ich lebe, er iſt vor uns da.“ Es verhielt ſich ſo: der Steinhaufen war nicht mehr zweihundert Ellen von uns entfernt, und eine Geſtalt fuhr vor⸗ und rückwärts ſo raſtlos und wild wie der Klausner Elshender, als Hobbin Elliot ihn zuerſt auf dem Mickleſtone Mvor gewahr wurde. Der Major war allein. Er hatte den Freund, deſſen er ſich bedienen wollte, geſucht und gefunden, ihm zu folgen aufgefordert, ergriff er ſeinen Piſtolen⸗ kaſten, und war, glühend von Hitze, ſich ſehnend nach Kampf, begierig, den Flecken, den ſeine Ehre erhalten hatte, rein zu waſchen, nach dem Ort des Stelldich⸗ eins vorausgeeilt, wo das Feuer ſeiner Leidenſchaft ihn in Sievhitze erhielt, bis er den Gegner vor die Spitze ſeines Rapiers geſtellt fand. 103 Es iſt ſeltſam, aber nicht minder wahr, daß es eine Art Menſchen gibt, die auf dieſen einen Punkt— das Duell bis zum Wahnſinn verſeſſen ſind. Freund⸗ liche, warmherzige Burſche, gute Soldaten und wie Fallſtaff ſagt,„tüchtige Geſellen,“ höchſt ſchätzbare Maͤnner, luſtige Genoſſen und es durchaus nicht zu einem Schimpf leicht nehmend oder Streit ſuchend, und doch ſo bereit, ſich in Etwas einzulaſſen, was wahrſcheinlich zu einem Duell führt, und ſo äußerſt unbändig und jeder Art von Ausgleichung, als der mit„in Feuer gehüllten Kugeln“ widerſtrebend, daß ſelbſt die unbedeutendſte und eingebildete Beleidigung, wenn einmal ſtatthabend, durch das förmliche Cartel abgewaſchen werden muß. Irländer und Franzoſen, die gutherzigſten Burſche von der Welt, bilden ſich eher ein, zum Losgehen berufen zu ſein, als vielleicht die Eingebornen jedes andern Landes. Major Clavering war einer von dieſen ſo ſpitz⸗ findigen Genlemen, und gewiß, im gegenwärtigen Augenblick hatte er Grund, für den ihm zugefügten Schimpf die vollſte Satisfaction zu verlangen. Er hielt in ſeinem raſchen Gange an, ſobald wir den Steinhaufen erreichten, und lüftete ſeine Furragir⸗ mütze gegen mich, als unſere Augen ſich begegneten. Der zornige Fleck war auf ſeiner Stirne und ich fühlte mit Richard,„daß für Einen von uns beiden die Zeit gekommen war.“— Es gab keine— und konnte keine Möglichkeit zur Ausgleichung der Sache geben, nachdem ein Mann, wie Clavering, ernſtlich beleidigt worden war. „Mein Freund wird ſogleich hier ſein,“ ſagte er. „Sehen Sie, dort kommt er. Ich habe meine Piſto⸗ 104 len hier, im Fall unſere Säbel unzureichend ſind. Ich brauche nicht zu fragen, ob es Ihre ordonnanz⸗ mißis Klinge iſt, da ich keine andere im Depot dulde.“ „Major Clavering,“ erwiderte ich,„da Sie es paſſend gefunden haben, vor dem Beginn unſeres tödtlichen Kampfes ein Geſpräch zu eröffnen, ſo wer⸗ den Sie mir vielleicht die Bemerkung erlauben, daß Sie mich als kommandirender Offieier des 14öſten nicht mit der Rückſicht und Freundlichkeit, wozu Sie verpflichtet waren, behandelt haben. Ich fand für gut, dieſen Streit Ihnen zuzuwälzen, weil ich be⸗ merkte, daß Sie gewiſſermaßen den Anſichten der Officiere des Depöts ihre Richtung gegeben haben, nicht allein indem Sie mit Bezug darauf, daß ich die Snche von Lieutenant Bullyman vertheidigte, die Kälte gegen mich ſanctionirten, ſondern wirklich, wie man mich unterrichtete, den Rath ertheilten, im Corps mich in Verruf zu thun.“ „Ich wünſchte, junger Mann, Sie hätten vorher eine Erklärung geſucht, und dieß hätte ſich vermei⸗ den laſſen. Vir alle hofften auf eine Ausſöhnung; aber Ihr hochfahrender Geiſt und Ihr unbeugſamer Stolz veranlaßten Sie, jeden Ihrer Mitofficiere mit ſolcher Anmaßung, ſolchem Uebermuth zu behandeln, daß es für Alle unmöglich war, nachdem der an⸗ ſtößige Gegenſtand ſich ſelbſt aus unſerer Mitte ent⸗ fernt hatte, zu einer Verſöhnung die Hand zu bieten. Nein, Sir, Sie haben keine Urſache, ſich zu beklagen. Sie wählten zwiſchen der Geſellſchaft Ihrer Mitoffi⸗ ciere und der eines Mannes, der Schmach auf das Regiment gebracht hatte. Sie wurden der Freund, 105 Rathgeber und Genoſſe eines feigherzigen Schuftes, der ſich ſeit dem erſten Tag ſeines Eintritts ein Ver⸗ gnügen daraus machte, ſeine Waffengefährten will⸗ kürlich zu inſultiren und ſich der Verantwortlichkeit dadurch zu entziehen, daß er ſich unter die Ord⸗ nung des Dienſtes ſtellte. Sie waren Zeuge ſeines letzten Verſuches und wie er ſich der Pflicht, dem Mann, der ihn gefordert, Satisfaktion zu geben, entzog, und Sie hätten ſeine Geſellſchaft als die einer Perſon, welche unter Männern von Ehre nicht mehr leben konnte, vermeiden ſollen. Dieß iſt jedoch nunmehr eine nutzloſe Gegenklage. Sie haben mir einen ganz beſonders verletzenden Schimpf ange⸗ than. Ich kenne Sie hinlänglich, um zu wiſſen, daß Sie bereit und Willens ſind, dafür Rechenſchaft zu geben. Genug! Hier iſt Kapitän O'Toole. Ich habe ihn von dem Grund unſeres Streites in Kenntniß geſetzt. Ziehen Sie, Sir!“ Er zog mit dieſen Worten die Waffe, die er mit ſich gebracht hatte, ſtellte ſich in Attitude und unſere Klingen kreuzten ſich. Pas erſte Halbdutzend Gänge zeigte mir genug⸗ ſam, daß der gegenwärtige Ordonnanzſäbel der In⸗ fanterie, wenn ich es nicht ſchon gewußt hätte, die nutzloſeſte Waffe iſt, die man zu irgend einer Zeit erfunden hat. Damit zu fechten, war eine Unmög⸗ lichkeit, und nach einem Halbdutzend plumper Stöße und weiter Paraden änderte der Major, bereits in Siedhitze, da er in ſeinen plötzlichen Ausfällen zu Schanden gemacht wurde, ſein Spiel, und indem er auf mich ſtürzte, regnete es einen ſolchen Hagel von Streichen, daß er, wäre ich nicht äußerſt vorſichtig 106 geweſen und gewichen, mich ſo oder anders hätte zu Boden ſchlagen müſſen. Er focht wie ein rothglühen⸗ der Paddy auf einem Kirchweihfeſt und fuhr mit ſei⸗ ner Klinge herum, als ob ſie ein Shilalegh geweſen wäre. Vie lang dieß hätte dauern können, ehe einer von uns eine häßliche Wunde davon trug, vermag ich nicht zu ſagen; aber unſerer Rauferei wurde durch einen Unfall bei einer unſerer Waffen Einhalt ge⸗ than. Indem ich einen von des Majors ſenkrechten Streichen erwiderte und erbittert über einen Hieb, der mir die Wange zerriſſen hatte, mit ſo gutem Willen zuſchlug, daß mein Säbel wie Gußeiſen entzweibrach und ich nur den Griff und einen halben Fuß von der Klinge in der Hand behielt, ſtand ich wehrlos und ſeiner Gnade preisgegeben. Er war zu ritterlichen Geiſtes, um ſich dieß zu Nutzen zu machen, und ließ unmittelbar ſeine Spitze ſinken; unſere Sekundanten traten herzu. „Leihen Sie mir Ihre Waffe, Counterblaſt,“ ſagte ich.„Major, ich danke Ihnen für Ihre Artig⸗ keit; Sie hatten einen Vortheil über mich.“ „Ich denke, die Affaire iſt zu Ende, Kapitän O'Toole, nicht wahr?“ ſagte Lieutenant Counterblaſt zu des Majors Sekundanten.„Es freut mich, daß es nicht ſchlimmer iſt.“ „Zu Ende?“ erwiderte O'Toole,„zu Ende nach Ihrer Meinung? Nicht ganz ſo. Beim Himmel! ich denke, ſie hat kaum angefangen. Mein Auftraggeber iſt Alles, nur nicht ſatisfactionirt. Er wünſcht gar ſehr, die Sache als Gentleman zu beendigen. Geben 107 Sie Ihrem Freund die Waffe, die er verlangt, Sir. Major Clavering iſt ganz bereit.“ „Ich finde keinen Geſchmack an dergleichen, Kapi⸗ tän O Toole,“ erwiderte Counterblaſt.„Wir gerathen in eine Patſche, fürchte ich. Ich bin ganz geneigt, meinen Auftraggeber zurückzuziehen. Genug und mehr als genug iſt geſchehen. Major Clavering iſt jedenfalls Sieger dabei, er ſollte ſich zufrieden ge⸗ ben. Können wir die Sache, meinen Sie, nicht aus⸗ gleichen, ohne daß man weiter geht?“ „Bei Gott, Junge! Sie ſcheinen den Coder der Ehre nichtzu verſtehen,“ ſagte O'Toole.„Sie ſprechen in Einem Athem von Zurückziehen und Ausgleichen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß der Major und ich ausgemacht haben, hieher zu kommen, um zu fechten. Es hat, dünkt mir, in der letzten Zeit genug Narrenpoſſen in dem 145ſten gegeben. Wir brauchen uns im Fort nicht ganz auslachen zu laſſen. Wenn Sie Ihren Freund zurückziehen, gedenken Sie, hoffe ich, ſeinen Platz einzunehmen. „Ich verſtehe die Geſetze der Ehre,“ antwortete Counterblaſt,„ebenſogut und, ich denke wirklich, noch etwas beſſer, als Sie ſelbſt, Kapitän OToole, und bin der Meinung, daß dieſer Zweikampf weit genug gegangen iſt. Ich werde jedoch Ihren und des Majors Vünſchen ſo weit nachgeben, daß ich den Fortgang der Iffaire geſtatte. Aber ich will Nichts mehr von dem Säbel wiſſen. Geben Sie ihm eine Schießwaffe und iſt's aus. Wir haben die Waffen in Bereit⸗ chaft.“ „Einverſtanden, einverſtanden,“ ſagte der Ka⸗ pitän, zu ſeinem Auftraggeber hingehend, um ihn von 108 dem Wechſel der Waffen zu benachrichtigen,„einver⸗ ſtanden, einverſtanden, potz Kugeln und Drücker, wie der Mann im Schauſpiel ſagt, laßt die Piſtole auf der Stelle entſcheiden. Ich bin ganz und gar Ihrer Meinung.“ Uum kurz zu ſein, wir wurden in der gewöhnlichen Diſtanz von einander aufgeſtellt. Als ich meine Waffe empfing, kam die Erinnerung an die ſchreckliche Scene, von der ich bei Gelegenheit meines frühern Duells mit Lord Hardenbraß Zeuge geweſen war, mir ſo lebhaft vor Augen, daßich bei der Ausſicht auf eine weitere Kataſtrophe der Art ſchau⸗ verte und mich entſchloß, des Majors Feuer zu empfangen, ohne es zu erwidern. Counterblaſt da⸗ gegen rieth mir, gut zu zielen und ſchnell zu feuern. „Es iſt Ihre einzige Ausſicht,“ ſagte er,„er iſt ein tödtlicher Schütze. Bleiben Sie feſt, oder Sie ſind verloren.“ Ich wandte das Auge, als er ſich zurückzog, nach meinem Gegner und erkannte aus ſeinem Blick, daß der Wink nicht zu vernachläſſigen war. Sogleich än⸗ derte ſich mein Vorſatz und alle Gewiſſenszweifel wurden zum Schweigen gebracht durch das zornige Gefühl, das ſich bei den augenſcheinlich blutigen Abſichten ſowohl ſeines Gegners, als ſeines Sekun⸗ danten erhob. Im nächſten Augenblick gab Kapitän O'Toole das Signal und wir feuerten. Ein betäubender Schlag warf mich drei oder vier Schritte von meinem Standpunkt zurück. Ich faßte mich und hielt mich aufrecht, und als der Rauch meiner Piſtole mir vor den Augen zerfloß, ſah ich 109 meinen Gegner der ganzen Länge nach auf der Haide ausgeſtreckt. Seine Kugel hatte mir den Schlaf ge⸗ ſtreift— die meinige ihm das Herz durchbohrt. Ueunundzwanzigſtes Kapitel. „Da iſt Nichts g'rad' in unſerer Natur, Nur Niederträchtigkeit. D'rum ſeid verwünſcht, Geſellſchaft, Feſte, jedes Volksgedräng! Selbſt ſeinesgleichen achtet Timon nicht; Vernichtung pack' die Menſchheit!“—— Shakſpeare. Ich übergehe die darauf folgende Scene und meine Gefühle bei dieſem unglücklichen Ereigniß. Es genüge zu bemerken, daß wir uns am nächſten Mor⸗ gen, ich, Counterblaſt und O'Toole als Gefangene in unſern beſondern Quartieren, unter engem Ge⸗ wahrſam fanden. Ich fühlte, daß ich unrettbar ver⸗ loren war, und fürchtete, mein Freund und Sekun⸗ dant würde meinen Schimpf theilen. Meine Vorausſetzungen waren nicht unbegründet, ſoweit ſie mich ſelbſt betrafen. Die Sache wurde vor ein Kriegsgericht gebracht. Eben die Mitglieder, mit denen ich freundſchaftlich zuſammengetroffen und die bei meinem erſten Eintreffen in Fort Georg ver⸗ ſammelt geweſen waren, wurden wieder zur Unter⸗ ſuchung meiner Sache beordert. Der Augenſchein war entſcheidend und offenbar zu meinem Nachtheil. S„ch hatte meinen kommandirenden Officier durch 1¹⁰ den unverantwortlichſten Schimpf, den ich ihm vor mehren Officieren des Corps angethan, zu einem Duell gezwungen. Ich wurde ſchuldig befunden und caſſirt; die beiden Sekundanten kamen mit einem ſcharfen Verweiſe davon. Der Spruch war hart aber gerecht, und ich wurde von dem ganzen Corps be⸗ dauert. Zu ſpät ſahen ſie jetzt das Unrecht ein, das ſie mir zugefügt hatten, und man machte ſelbſt im Hauptquartiere Verſuche, mir eine Rehäbilitirung zu verſchaffen. Es war jedoch vergeblich. Ich hatte keinen einflußreichen Freund, um meiner Sache ſich anzunehmen; und gleich Rob Roh ſchaute ich nach Oſt, Veſt, Nord und Süd, und fand weder Halt noch Hoffnung, weder Schutz noch Stütze. Ich war ein gebrochener Mann! Wohin zu gehen, oder was zu thun, ich wußte es nicht. Etwa hundert Pfund blieben mir in der Börſe, nachdem die wenigen Schulden, die ich während meines Aufenthalts bei dem 145ſten gemacht hatte, bezahlt und in's Reine gebracht worden waren, und ſchon die Nacht auf den Tag, an dem ich aus dem Arreſt entlaſſen worden war, fand mich als Wanderer auf der Haide, unkundig und unbekümmert in Bezug auf die einzuſchlagende Richtung; nur brachte mich jeder Schritt, den ich urücklegte, in größere Ferne von den Mauern des Fort Georg, wo ich, wie mir vorkam, auf ſolche Art aufgeopfert und beſchimpft worden war. Es herrſchte tiefer Winter, die Nachtwinde vrangen mir wie ein Stilett durch die Bruſt; doch ich kümmerte mich weder um Winter noch rauhes Vetter. Es war zu heißer Sommer in meinem 11¹ Innern, um dieſen Augenblick in der Form körper⸗ lichen Schmerzes das Geringſte zu empfinden. Als ich eben im Begriff war, mein Quartier zu verlaſſen, ſtellte ſich mein Diener, ein Hintermann von der Compagnie, zu welcher ich gehörte, ein gut⸗ müthiger, ehrlicher Burſche, der ſeit zwanzig Jahren nach dem Schall der Trommel gegeſſen, getrunken und geſchlafen hatte, und jetzt nach meinem Be⸗ nehmen und Ausſehen argwohnte, ich wäre im Be⸗ griff, mir entweder den Hals abzuſchneiden oder ſonſt eine übereilte That zu begehen, nachdem er ſich man⸗ cherlei im Zimmer herum zu ſchaffen gemacht und mir hundert verſchiedene kleine Aufmerkſamkeiten erwieſen hatte— plötzlich vor mich hin und redete mich alſo an: „Euer Ehren wollen uns doch dieſe Nacht nicht verlaſſen?“ „O ja, Cochrane,“ antwortete ich,„warum fragſt Du?“ „Es gibt keine Fahrgelegenheit, ſo viel ich weiß, Sir, nach acht Uhr Nachts von Cumbletown. Haben Sie Feſenen gegeben, Sie abzuholen?“ „Rein.“ „Wie können Sie dann zu gehen denken?“ „Ein Spaziergang, Cochrane.“ „Wohin, Sir, in einer Nacht wie dieſe?“ „Ich weiß nicht, Mann, vielleicht in's Grab.“ „Seien Sie überzeugt, Sir, ich beſorge Ihre Sachen früh Morgens, ehe die Aberdeenkutſche geht. Ich weiß, Sie wollen ſtill abgehen, und wir können vor Tagesanbruch hinweg ſein.“ „Mein guter Burſche, ich bin im Augenblick weg. 112 Ich könnte nicht um die Welt eine zweite Nacht hier bleiben. Es würde mich tödten. Ich möchte Je⸗ mand zu ſehen vermeiden.“ „O Himmel! o Himmel!“ rief der arme Burſche. „Ich bedaure ſehr— wir alle bedauern ſehr, uns von Ihnen trennen zu müſſen, Sir. Alle Leute haben Wohlgefallen an Ihnen, wiewohl Sie ſo kurze Zeit bei uns geweſen ſind.“ „Lebe wohl, mein guter Burſche.“ „Ich habe nie ein hartes oder unfreundliches Wort von Ihnen gehört,“ fuhr der Soldat fort.„Ich habe vielen Officieren gedient und manchen auf ſeinem Todtenbette in Weſtindien gepflegt; aber ich bedauerte nie ſo ſehr, von einem Herrn mich trennen zu müſſen, wie bei Ihnen. Sie ſind gegen mich ſo freundlich geweſen, Sir. Es thut mir leid um Ihr MWißgeſchick: und wäre ich aus dem Dienſte, ich würde Ihnen folgen und Sie für Nichts bedienen.“ „Mein guter Burſche, das thut mir weh. Du biſt mir keine Dankbarkeit ſchuldig. Ich habe Dich nur behandelt, wie ein Herr einen guten und treuen Diener behandeln ſollte, einen ſolchen, der jedem meiner Wünſche zuvorgekommen iſt. Adieu! Bringe mein Gepäck auf die Aberdeenkutſche, daß es weiter befördert wird, und hier iſt Etwas für Deine Mühe.“ „Laſſen Sie mich Ihre Hand drücken, Herr,“ ſagte der arme Burſche weinend.„Wir werden uns nie wieder treffen. Ich ſollte mit dem erſten Zug mit Ihnen nach Weſtindien gehen. Jetzt werde ich ohne Sie gehen.“ Die Regeln des Dienſtes ſind ſtreng. Kein Officier kann leicht einem gemeinen Soldaten in dem⸗ 11³ ſelben Regimente die Hand reichen; und ich war im Begriff, die meinige zurückzuziehen, als der ehrliche Burſche ſeine Hand ausſtreckte, die meinige zu drücken. „Bah!“ dachte ich,„was habe ich jetzt mit dem Dienſte zu thun? Bin ich nicht entwürdigt, be⸗ ſchimpft, caſſirt? Hier iſt meine Hand, mein guter Fieſ Lebewohl, wir werden uns nicht wieder ehen.“ Ich legte zehn Guineen in ſeine harte Fauſt, als ich dieſelbe faßte. Wie er ſah, daß es Gold war, folgte er mir, es zurückzugeben. Aber ich weigerte mich, es wieder anzunehmen. Hätte ich zweitauſend gehabt, ſeine Treue und Gutherzigkeit würden alle verdient haben. Ich war jetzt gleich Lear auf der offenen Haide dem Toſen des mitleidloſen Sturms ausgeſetzt, und noch dazu in dem Klima des Nordens. Mein Ge⸗ hirn war von Allem, was geſchehen, ſo aufgeregt, daß ich, gleich einem über den pfadloſen Ocean da⸗ hinſteuernden Schiff gradaus vorwärts ſchritt. Die Nacht war dunkel und der Schnee ſtach mir gleich ſtarken Pfriemen in's Geſicht. Ich hatte keine be⸗ ſondere Abſicht, irgend eine Ortſchaft zu erreichen, ſondern eilte wie der ungeſtüme Reiter, mit der Sorge hintenaufſitzend, davon, ebenſowohl um mein Seelenleiden durch körperliche Anſtrengung zu über⸗ winden, als aus irgend einem andern Zweck. Es diente mir zu einer Erleichterung, wenn ich bedachte, daß jeder Schritt mich weiter von dem Schall der Trommeln und Querpfeifen in Fort Georg hinweg brachte. Der Wind ruhte einen Augenblick, als ich gegen Smith, Glucks⸗Solbat. II. 8 1¹4 eine Maſſe movosbekleideter Erde, welche ich in der Dunkelheit nicht geſehen hatte, anrannte. Wie ich mit der Hand herumtappte, erkannte ich darin plötz⸗ lich den Ort meines neulichen unheilvollen Duells mit Major Clavering. Der letzte verlängerte Ton der Trompete, als der Zapfenſtreich endigte, erſtarb gleich dem ſchwachen Stoß von Roland's Horn, wie ich an dem verhängnißvollen Steinhaufen vorüber⸗ ſchritt, in der Ferne. Er ſchien ein Lebewohl aller meiner kunftigen Hoffnungen und Ausſichten. Er ſagte mir in den etwas verbrauchten Worten des großen Wunders aller Zeiten, daß für immer„mein Lebensberuf dahin war.“„Das wiehernde Roß, die federngeſchmückte Truppe, der Stolz und Umſtand des ruhmvollen Kriegs“ hatten alle, dachte ich mir, in jenem verlängerten Ton der ſchmetternden Trom⸗ pete mir ein ewiges Lebewohl geſagt—„dem Todten⸗ geläute meiner entſchwundenen Freuden.“ Ich ſchauderte, als ich den Steinhaufen verließ, und ſtürzte ungeachtet des wachſenden Sturms vor⸗ wärts über die Haide. Eine Zeit lang trotzte ich Wind und Schnee, welche zuweilen durch ihre Heftig⸗ keit mir den Athem zu benehmen drohten. Hatte ich wirklich ein beſtimmtes Ziel vor mir, ſo glaube ich, meine wilden Gedanken hafteten an Aberdeen. Ich war halb und halb entſchloſſen, dieſen Ort auf meinem Weg nach England zu berühren, wiewohl ich in Verlegenheit geweſen wäre, anzugeben, was ich in England thun, oder warum ich überhaupt dort⸗ hin gehen wollte. Die Vorſtellung, meinen Vater aufzuſuchen, oder ihn nur von mir hören zu laſſen, lief meinen Anſichten und Gefühlen ſo ſchnurſtracks — 11¹⁵ zuwider, daß mir lieber geweſen wäre mich lieber von wilden Pferden zerreißen zu laſſen, als mich ihm zu zeigen, oder an ihn zu ſchreiben. Freunde beſaß ich keine, an die ich mich zu wenden hätte denken können, und ich kam mir ſelbſt wie ein elender Auswürfling vor. „Vernichtung pack' die Menſchheit,“ ſagte ich. „Erde, gib mir Wurzeln.“ „Timon geht in den Wald, wo ſelbſt die Thiere ſind An wilder Granſamkeit nicht gleich dem Menſchenkind.“ Der heulende Windſtoß wurde jetzt von einem brüllenden Ton beantwortet. Ich war einige Stun⸗ den gegangen und in der Dunkelheit von der geraden Linie abgekommen. Ich ſtand vor den wilden Ge⸗ wäſſern, welche die Küſte in dieſem Theil Schott⸗ lands beſpülen. Ich machte zum erſten Mal, ſeitdem ich aufge⸗ brochen war, Halt, um zu überlegen, was ich beab⸗ ſichtigte und wohin ich wollte. Ein Nachtmarſch war für Jemand von meinem eiſernen Körperbau nichts, aber in einer Nacht wie dieſe in die heulende Wildniß hinausgeworfen zu ſein, immerhin gefähr⸗ lich. Doch darum kümmerte ich mich nicht einen Strohhalm; aber da die ſtrenge Kälte mir allmälig in's Herz gedrungen war, hatte ſie meine Gefühle etwas abgekühlt und Ueberlegung kam mir zu Hülfe. Ich ſetzte mich nieder in den Schnee und horchte auf das ſchwere und monotone Rauſchen der Wogen zu meinen Füßen. Ich war ſo ſehr in meine Ge⸗ danken verloren, daß ich fühlte, wie ich raſch in Schlaf verſank. Da kam mir plötzlich in den Sinn, 8* 116 daß ſchlafen— ſterben hieß. Die Liebe zum Leben iſt ebenſo ſeltſam als ſtark. Warum ich die Ver⸗ längerung einer ſo unglücklichen Laufbahn hätte wünſchen ſollen, weiß ich nicht; aber ich überwand glücklich das einſchläfernde Gefühl, raffte mich auf, wandte der See den Rücken und marſchirte noch ein⸗ mal auf gut Glück durch die Wildniß hin. Der Schnee hatte jetzt an einigen Stellen ſich ſo tief angehäuft, daß ich nur wenig vorwärts kam, und die Anſtrengung des Gehens hielt mich warm. Es kümmerte mich nicht, welchen Weg ich ging, da mir deutlich bewußt war, daß ich für dieſe Nacht kein Obdach finden würde. Alles, was ich thun konnte, war, während der langen Dauer derſelben vorwärts zu gehen, um mich am Leben zu erhalten. Schweigend und mühſam wand ich mich durch. Stunde nach Stunde fand mich in eine tiefe Wind⸗ wehe verſinkend und wieder aus derſelben mich her⸗ ausarbeitend. Kein Ton traf mein Ohr, außer den brauſenden Winden und dem tiefen Schrei der Rohr⸗ dommel. Zu meiner Freude endlich, ja ich fühlte mich wirk⸗ lich erfreut, erblickte ich die erſten ſchmalen Streifen des anbrechenden Tages.„Große Uebel,“ ſagt Shake⸗ ſpeare,„heilen die geringern.“ Nach der Abſperrung in meinem Zimmer, ſo lang ich im Arreſt war, hatte dieſe lange und ſchwere Anſtrengung mich er⸗ ſchöpft. Ich fuhlte mich noch dazu bis auf den Tod durchfroren; die Kälte wirkte jetzt intenſiver auf meine Gefühle, als es zu jeder andern Stunde der Nacht geſchehen war. Als es heller wurde, ſchaute ich um mich, um zu ſehen, wo ich mich befand; ich 117 war in ein weißes Grabtuch, eine traurige, unwirth⸗ liche Wüſte eingehüllt. Das Schneien hatte für den Augenblick nach⸗ gelaſſen, und da der Tag völlig angebrochen war, ſchaute ich nach allen Richtungen aus, in der Hoff⸗ nung, irgend eine Hütte zu erſpähen. Nichts ließ ſich jedoch ſehen; keine Hütte, kein Baum, kein Ob⸗ dach irgend welcher Art, ſelbſt nicht ein Vogel! Ich war in den Hügeln herumgewandert und vollſtändig verirrt. Müde und krank aus Mangel an Nahrung, vermochte ich beinahe nicht vorwärts zu ſchreiten. Die Anſtrengung, in dem tiefen Schnee zu gehen⸗ war ſo groß, daß es mich eine halbe Stunde koſtete, nur hundert Ellen weiter zu gelangen. Endlich hörte ich weit, weit weg das Bellen eines Hundes. Es wurde in Zwiſchenräumen von dem ſchneidenden Winde hergetragen; es war offenbar Meilen entfernt, doch ging ich demſelben nach wie die vom Sturm gerüttelte Barke dem Signalſchuß. Steile Hügel und mit zuſammengetriebenem Schnee erfüllte Schluchten lagen zwiſchen mir und dem Bei⸗ ſtand, den ich ſuchte. Ich wußte, ihn zu erreichen, war hoffnungslos. Es waren ohne Zweifel einige Schaafhirten, welche ihre begrabenen Schaafe wieder zu bekommen ſuchten; wahrſcheinlich waren ſte hin⸗ weg, ehe ich zu ihnen gelangen konnte. Gleichwohl machte ich noch immer große Anſtrengungen und kämpfte mich durch mehr als eine tiefe Windwehe hindurch. Endlich fühlte ich ſelbſt, wie mir die Kräfte ausgingen; als ich ſchwächer und ſchwächer wurde, kam eine Empfindung des Schauders und Etwas wie die Annäherung des Todes über mich. 118 Der Gedanke, auf der offenen Haide zu ſterben, elend, allein, ohne eine Seele, die auf mich blickte, wie ich ſo da lag, machte mir Unruhe und entkräftete mich vollends. Die Einſamkeit des Orts war ſchreck⸗ lich; meine Glieder verſagten mir den Dienſt, mein Gehirn wirbelte und ich fiel bewußtlos zur Erde. Wie lang ich alſo in den Schnee gebettet blieb, aber als ich, in's Leben zurückkehrend, ifſchlug und theilweiſe wieder zur Be⸗ ihlte ich mich ziemlich rauh vonmehren ngefaßt, welche mich vor ein praſſelndes thatten und mir aus aller Macht den die Glieder mit Salz rieben. ich mich unter der Operation erholte, richtete ich nich auf, um ringsherum und auf meine Quäl⸗ geiſter zu ſchauen, und war nicht wenig erſtaunt über die Scene, welche ſich mir darbot. Für's Erſte war ich ſplitternackt, umringt von mehren Weibsperſonen von jedem Alter, jeder Größe und Geſtalt von vierzehn bis zu achtzig Jahren und darüber. Eine junge, flinke Dirne hielt das eine von meinen Beinen, welches ſie mit aller Macht rieb; ein altes, triefäugiges Geſchöpf war im Beſitz des andern; eine oder zwei frottirten mir Arme und Bruſt und ein altes Weib, das auf einem Stuhl ſaß und meinen Kopf im Schooße hielt, goß mir dann und wann einige Tropfen probehaltigen Whisky's, ihres Univerſal⸗Heilmittels, in die Kehle. Die ganze Affaire wurde behandelt und durch⸗ gemacht, als wenn es ein ganz alltäglicher Vorfall wäre. Da war bei Jung und Alt nichts von einer falſchen Sittſamkeit zu ſehen; ſie hatten meinen fühl⸗ 1¹9 loſen Leichnam von ihren Schäfer⸗Vätern und Brü⸗ dern erhalten, die mich erſtarrt im Schnee liegend gefunden, als ſie ihre zerſtreute Heerde ſuchten, und waren daran gegangen, mich zu entkleiden, durchzu⸗ ſtreichen und vor dem Feuer zu braten, gerade wie wenn ich Jemand von ihrem eigenen Fleiſch und Blut oder ein erfrorenes Ferkel, oder ein erſtarrtes Kind geweſen wäre. Sobald ſie erkannten, daß ich mir meines unbe⸗ kleideten und primitiven Zuſtandes bewußt wurde, warfen ſie ein altes Stück Zeug mir über den Leib, halfen mir auf und legten mich in ein dunkles, ofen⸗ ähnliches Loch, welches der halben Familie uls Schlaf⸗ platz diente. ₰ Da lag ich nun wohl zugedeckt und warm⸗ und abgeſehen davon, daß ich von ganzen Myriaden Flöhen geſtochen und geguält wurde, hätte ich mich 4 leidlich bequem fühlen können. Meine freundlichen, gaſtfreien Wirthe beſchäftig⸗ ten ſich nun damit, eine heiße Suppe zuzurichten, welche ſie mich mit großen Schlücken Milch die Kehle hinunterzuſpülen nöthigten. Wirklich pflegten ſie mich, als ob ich Jemand von ihren nächſten und liebſten Verwandten geweſen wäre. Wie ich in dem warmen Neſte müßig ſo dalag, betrachtete ich mir die Merkwürdigkeiten der Hütte, in die ich gebracht worden war. Es war eine niedrige, von Torf erbaute, an einen kleinen Hügel angelehnte Wohnung. Der Rauch von dem immer brennenden Porffeuer entwich theilweiſe durch ein Loch im Dach, der Reſt kräuſelte ſich in großen Maſſen im Innern ſelbſt zuſammen und machte die Temperatur im Ge⸗ 120 mach ſo heiß und drückend, daß nur dieſe abgehär⸗ teten Bergbewohner es in einem ſolchen dampfenden Ofen aushalten konnten. Die Weiber, alt und jung, ſaßen größtentheils auf niedrigen Schemeln oder zerbrochenen Stühlen, und hüteten augenſcheinlich, über den dampſfenden Torf hingebeugt, einen eiſernen Topf, beinahe groß enug, daß er zu einem Hexenkeſſel hätte dienen kön⸗ von Zeit zu Zeit erhob ſich eine der jüngern f einen Wink von einer der alten Weiber, Thüre auf, wozu ſte bei der Heftigkeit des rer ganzen Kraft bedurfte, und warf einen die Wildniß hinaus. gab kaum Etwas in Geſtalt eines Geräthes im Gemach, das nicht mit dem Rauch und Ruß von einem halben Jahrhundert inkruſtirt ſchien. Drei oder vier Kinder lagen auf einem Haufen Schaffelle in einer Ecke, und Crummie, ihre Kuh, kaute ruhig an ihrem Futter in einer andern. Noch ein kleiner, viereckiger Raum befand ſich am entgegengeſetzten Ende der Hütte, wohin ich in mein Reſt gebracht worden war, theilweiſe abgetrennt und eine Art in⸗ nern Zimmers bildend. Wie ich ſo in ſtiller Bewunderung dieſes Muſters von eines Schafhirten Behauſung da lag, wurde ich neugierig zu erfahren, was aus meinem Anzug ge⸗ worden und ob mir vielleicht nie wieder geſtattet wäre, meine Unterkleider zu tragen, welche in ihren Taſchen die kleine Baarſchaft enthielten, die mir in der Welt blieb, die armſeligen hundert Pfund, die ich vom Fort Georg mitgebracht hatte. Ach! wie wenig kannte ich damals die hochländiſche Ehrlichkeit 12¹ und wie wenig berechtigte mich mein injuriöſer Ver⸗ dacht zu dem hochländiſchen Willkomm, den ich ſo eben noch erfahren hatte. Sobald ich mich wieder etwas hergeſtellt fühlte, beſchloß ich aufzuſtehen; und nachdem ich dem ſehr hübſchen Muſter einer hochländiſchen Bauerndirne, die mich bedient und das Amt einer Wärterin ver⸗ ſehen, gedankt hatte, fragte ich nach meinen Kleidern. Sie brachte mir dieſelben ſogleich, zog eine Art zer⸗ riſſenen Vorhangs herüber und überließ es mir, mich anzukleiden. Als ich jedoch aus meiner Krippe hervorkam, und mit Hilfe meiner bloßbeinigen, kurzbehemdeten Wär⸗ terin zu der verſammelten Geſellſchaft hinzutreten wollte, fand ich mich zu dieſer Aufgabe völlig un⸗ vermögend. Mein Gehirn wirbelte, meine Glieder ſchienen unfähig mich zu tragen, und ich warf mich gern wieder auf mein Lager. Ich fühlte mich wirk⸗ lich ſo ganz und gar unwohl, daß ich in Folge der abſoluten Unmöglichkeit, mich aufzurichten, da wo ich war, liegen bleiben mußte. Kurz, das ſchwere Schlagen meines Pulſes, die ſengende Hitze, die mich verzehrte, und der tödtliche Kopfſchmerz belehrten mich, daß wahrſcheinlich ein heftiges Fieber im An⸗ zug war. Ich täuſchte mich nicht, es wurde bis zu Anbruch der Nacht ſchlimmer und ſchlimmer mit mir, und da am nächſten Morgen Delirium eintrat, lag ich einige Tage in beträchtlicher Gefahr. Alles, deſſen ich mich von jenem Tag erinnere, war die Rückkehr der Hirten gegen Abend und das darauf folgende, mit ihrem Abendeſſen verbundene Getümmel. Sie traten ihr rauhes Lager dem Kran⸗ 122 ken ab, und ich wurde von einer oder zwei der Frauen die Nacht verpflegt, während der Reſt der Familie in verſchiedenen Theilen der Köthe ſein Lager zu neh⸗ men ſich entſchloß. Kurz, ich lag über vierzehn Tage in der Schäferhütte gefährlich krank und wurde in dieſer Zeit von den gaſtlichen Hochländern mit größ⸗ ter Sorgfalt und Freundlichkeit gepflegt und ihnen für eine zweifache Lebensrettung verſchuldet. Als ich mich hinlänglich erholt hatte, machte ich mir von Zeit zu Zeit eine mäßige Beweguns. Bei dieſen Gelegenheiten war ich von meiner ungekün⸗ ſtelten und ſanften Wärterin begleitet, dem Mädchen, das vom erſten bis zum letzten Augenblick mir vor⸗ nehmlich ihre Sorge gewidmet hatte. Sie war ein ſchwarzhäriges Mädchen von etwa ſiebzehn Jahren. Stark und athletiſch von Bau, erſchien ſie vollkommen an Geſtalt, und wäre ſie in vollſtändiger Waffen⸗ rüſtung geweſen, deren Gewicht ſie ſehr wohl ge⸗ wachſen ſchien, ſie hätte wie eine leibhaftige Jeanne d'Arc ausgeſehen. Die Hochland⸗Frauen ſind von den Engländern gewöhnlich verſchrieen wegen unregelmäßiger Ge⸗ ſichtszüge, Wangen, ſo roth wie ihre Haarſchleifen, ſchrecklich unbehilflicher Figuren, großer, einwärts⸗ gebogener Füße und Hände, groß genug für einen Herenmeiſter, um ein ganzes Kartenſpiel darunter zu verbergen. Eine Art weiblicher Dugald⸗Creaturen. Dieß iſt jedoch ganz und gar nicht der Fall, indem manche ſchottiſche Frauen aus den niederen Ständen Muſter bäuerlicher Schönheit derſelben ſind, und wenn auch zuweilen etwas in Rubens' Sthle, ihre amazoniſchen Formen doch vollkommen. 123 Euphemia M'Tavish, die älteſte Tochter des Schäfers, unter deſſen Dach ich Schutz gefunden hatte, war wirklich eine Roſe in der Wildniß. Das Colorit ihrer Wange war ſogar noch ſchöner als die Farben der Gartenblumen. Ihre Züge waren etwas breit, aber ſchön geformt, mit Augen, gleich den Kügelchen in einer Wachspuppe, völlig fehler⸗ loſen Zähnen und mit Haaren, welche bei irgend einer Erſchütterung losgehend, ihren ganzen Körper, dünkt mir, à 1a Madeleine bedeckt haben würden. Ihre Geſtalt war, wie bereits angegeben, von der größten Sorte, aber in ihrer Art vollkommen prächtig, und wäre ſie in faſhionable Seiden⸗ und Atlasgewänder gekleidet geweſen und zu einer Promenade im Weſt⸗ end der Hauptſtadt herüber gebracht worden, ſie würde unter den Dandy's und Bummlern der Re⸗ die größte Senſation hervorgebracht aben. Gewöhnt an die ſchneidenden Winde der Hügel und oft ganze Tage lang ihrem Vater und andern Verwandten behilflich, nach den Hürden zu ſehen, war der ſtattliche Gang dieſes Naturkindes, mit zu⸗ rückgeworfenem Kopf und aufrechter Geſtalt Etwas, das wenige Mädchen, ſelbſt wenn ſie der Zucht des Drillmeiſters und faſhionabeln Tanzlehrers unter⸗ worfen worden wären, ſelbſt nur annäherungsweiſe hätten nachahmen können. Mit dieſer ſchönen Schäferin, die ich Marſala nannte, wanderte ich alſv in den erſten Tagen nach meiner Krankheit herum. Sie ſprach in einem ſo breiten Dialekt, daß ich ſie anfänglich kaum verſte⸗ hen konnte; aber nach einer Genoſſenſchaft von we⸗ 124 nigen Tagen begann ich, ihren nordiſchen Accent zu verſtehen, ſie, mit größerem Erfolg auf die feinere und ſchulmäßigere Ausſprache des Engliſchen zu horchen. Der Schäfer und ſeine Familie, welche aus drei Generationen beſtand, gaben ſich alle Mühe, ihre Wohnung für mich ſo behaglich zu machen, als es ihre Mittel erlaubten. Das kleine eloſetartige Ge⸗ mach in ihrer geräumigen Hütte war mir zu meinem beſondern Gebrauch eingeräumt worden, und zwei alte Weiber hatte man mit Euphemia bei dem ver⸗ heiratheten Sohn einquartirt, deſſen Hütte eine halbe Meile in der Schlucht aufwärts lag, ſo daß ich mich leidlich behaglich und in Betracht der Lage, in welche ich verſetzt worden war, beinahe glücklich fühlte. Wirklich war der Wechſel der Verhältniſſe ſo groß, während ich ſo unter Sturm und Wetter da⸗ hin lebte, gewöhnt, bei dem Brüllen der Nachtwinde zu ſchlafen und bei dem heulenden Windſtoß des Morgens wieder zu erwachen, daß vielleicht keine andere Lage ſo gänzlich meine Sorgen aus der Er⸗ innerung hätte verbannen können. Kurz ich wurde allmälig gewiſſermaßen zu einem Familiengliede; und gleich Alfred in der Hütte des Kuhhirten, war ich oft darauf achtend zu finden, daß der Haferkuchen über dem Torffeuer nicht verbrannte. Die ganze Familie wurde mir wirklich zugethan; und in den langen und traurigen Winternächten, wenn wir um den glühenden Torf herumſaßen, horchten ſie auf die Mährchen, Geſchichten und Lie⸗ der, womit ich ſie zu unterhalten fuchte, in dem au⸗ ßerordentlichſten Zuſtand von Staunen und Bewun⸗ derung. 7 1²5⁵ Bei ſolchen Veranlaſſungen neſtelte ſich Euphe⸗ mia auf dem Fußboden neben mir an und ſtarrte mir mit dem Entzücken eines dreijährigen Kindes in's Geſicht. Sie hatte ſich zu meiner Dienerin und Wärterin gemacht und hegte ebenſo wenig eine Vor⸗ ſtellung davon, daß es unſchicklich ſei, mir, wohin ich ging, gleich einem Lieblingswachtelhund zu folgen, als eine wilde Indianerin. Was die übrigen Glieder der Familie betraf, un⸗ ſchuldig in Gedanken und Worten, ſo waren ſie wohl zufrieden, daß ihre Kinder, eines wie das andere. dem engliſchen Officier Aufmerkſamkeit erwieſen und allen ſeinen Bedürfniſſen zuvorkamen. Er war krank, bekümmert, heimathlos, und dieß ein, hinreichender Grund, ihn zu ſchützen und mit Sorgfalt und Freund⸗ lichkeit zu behandeln. „Ich muß nun daran denken, Euch zu verlaſſen, Donald,“ ſagte ich eines Abends, als ich mich all⸗ mälig ſtark genug zum Reiſen fühlte. Ich dachte mir, ich dürfe nicht länger dieſen edelmüthigen Bauern mit meiner Geſellſchaft zur Laſt fallen.„Ich muß Euch nun bald verlaſſen.“ „Wie?“ erwiderte Donald,„was Teufels ſchwatzt der Mann da? Uns verlaſſen! warum uns verlaſſen, Mann? Daran denken Sie hoffentlich nicht, bis der Schnee weg iſt.“ „Ei, mein guter Burſche,“ ſagte ich,„ich darf nicht daran denken, nur einen Tag noch zu bleiben, nachdem ich zu reiſen im Stande bin. Ich bin Euch bereits nur zu lang zur Laſt gefallen.“ „Wohl, wohl, Mann,“ erwiderte der Schäfer, „machen Sie ſich wegen dieſer Laſt keine Sorgen. 126 Wenn wir Sie wegwünſchen, werden Sie das bald genug erfahren, dafür ſtehe ich Ihnen. Sprechen Sie alſo nicht mehr davon, ſonſt ſage ich Ihnen, daß es mir leid thut, Sie jemals aus dem Schnee her⸗ ausgeholt zu haben. Sie werden nicht ſo leicht von hier wegkommen, das kann ich Ihnen ſagen.“ „Wie ſo, meint Ihr etwa mich den ganzen Win⸗ ter hier zu behalten, Donald?“ „Bah, Unſinn! Winter, Herbſt, Sommer, und wenn Sie gern unter uns ſind, Ihr Leben lang ſollen Sie bei uns bleiben. Wahrhaftig, wir machen einen Schafhirten aus Ihnen. Sie ſagen, Sie beſitzen keine Freunde in Ihrem eigenen Lande, und die Rothröcke haben Ihnen den Rücken gekehrt, warum nicht unter uns bleiben? Ich liebe Sie, Mann: Sie ſind der einzige Engländer, mit dem ich je bekannt wurde, und ich liebe Sie ſehr. Die närriſchen Engländer, die mit dem Laird auf dem Schloſſe zum Schießen kamen, da kümmerte ich mich nicht viel, als dieſelben weggingen; ſie waren zu hübſch für mich. Aber Sie ſind, muthmaße ich, eine ganz andere Art Menſchen⸗ kind, und ich denke daran, einen guten Hügelmann aus Ihnen zu machen, wenn Sie erſtarken. Ja, ja, wir wollen einen tüchtigen Schafhirten aus Ihnen machen.“ „Aber, mein guter Donald, Ihr macht es mir unmöglich zu bleiben, bis das Wetter aufbricht, weil Ihr fuͤr Bett, Koſt und Erziehung keine Belohnung von mir annehmen wollt.“ „Erwähnen Sie deſſen nicht wieder, Junge,“ ſagte Donald ſcharf,„wir lieben dergleichen nicht. Sie haben der Hausfrau eine hübſche goldene Kette 127 gegeben, für eine geborne Herzogin paſſend: und die Dirne Phöme da hat Ringe von Ihnen bekommen, genug zur Ausſteuer für ſie, wenn ſie einſt zu heira⸗ then gedenkt.“ Auf ſolche Art wurde ich von dem gaſtfreund⸗ lichen Volke behandelt, und da ich alſo fand, daß meine Geſellſchaft ihnen nicht unangenehm war, ſon⸗ dern ſie wirklich mein Bleiben wünſchten, während zugleich die Neuheit der Lage mir zum Vergeſſen meiner letzten Unglücksfälle ziemlich behilflich war, entſchloß ich mich, ſo lang das Wetter noch ſo un⸗ günſtig blieb, den Schutz ihres niedrigen Daches in Anſpruch zu nehmen. Nun, da ich allmälig ſtärker wurde, machte es mir Vergnügen, tiefer in die Schluchten und Moräſte der Umgegend einzudringen und dieſe Einöden zu erforſchen, da dieſelben damals meiner Gemüths⸗ ſtimmung beſſer als jeder andere Schauplatz zuſag⸗ ten, in den ich hätte verſetzt werden können. Sonſt brachte ich meine Zeit damit zu, wenn das Wetter es erlaubte, mit der hübſchen Euphemia herumzuſtrei⸗ fen, indem ich ihrem kunſtloſen Geſpräch zuhörte und ihr von den Wundern der Außenwelt erzählte, ebenſo erfreut über ihr kindliches Erſtaunen, als ſie es war über die wunderbaren Dinge, wovon ich ihr berichtete. Das Wetter hatte ſich indeſſen, während ich in meinem Zufluchtsort bei der Familie mich befand, etwas geändert. Auf unaufhörlichen Schnee waren furchtbare Regengüſſe gefolgt. Die Bäche, die mit ſanftem Gemurmel ſonſt durch die Wildniß glitten, oder durch Gräben und Schluchten herabſtürzten, waren jetzt zu kleinen Waldſtrömen angeſchwollen 128 und an manchen Stellen in der Niederung, wo ſie ſich aufſtauten, zu kleinen Seen angewachſen. Euphemia, barfuß, einen Schäfers⸗Teppich nach Arteiner Schärpeüber ihren ſchneeigen Buſengezogen, einen Ueberreſt von einem Plaid anſtatt einer Haube über den Kopf geworfen, und in ihrem Tartan⸗Un⸗ terrock, um eine Welt zu kurz für ihre wohlgeformten Beine, war jetzt auf ihres Vaters Gebot von Tages⸗ anbruch bis zur Nacht auf den Hügeln. Zuweilen nahm ſie über Nacht mir das Verſprechen ab, ſie aufzuſuchen, und bezeichnete mir die Stelle, wo ich ihrer Meinung nach ſie am wahrſcheinlichſten treffen würde. Gelegenheitlich hielt ich mein Wort und brachte Stunden lang zu, mit ihr zu ſchwatzen und auf ihr etwas originelles Geſpräch zu horchen. Man⸗ chem hätten ihre Manieren etwas keck erſcheinen kön⸗ nen, aber ihre vollkommene Unſchuld warf einen ſol⸗ chen Reiz über Alles, was ſie ſprach oder that, daß es unmöglich war, wegen dieſer Freiheit ihr böſe zu ſein. „Die ſchönſte Dirne, däucht mir, niedriger Geburt, Die auf dem Raſen läuft; und was ſie thut und ſcheint, Das ſchmeckt nach etwas Beſſ'rem, als ſie ſelbſt.“ 129 Preißigſtes Kapitel. „Die Sonne werfe niemals ihren Strahl Auf jenes Land, wo Du Dir Wohnung machſt! Nur Finſterniß und Todesſchatten ſoll Umgeben Dich, bis in Verzweiflung Du Den Hals Dir brechen, Dich erhängen magſt. Du biſt gefährlich, Hirte, d'ran. Shakſpeare. Eines Morgens hatte ich Euphemia auf ihren Wanderungen und Gängen über die Hügel begleitet. Es war ein rauher, ſtürmiſcher Tag, und nachdem wir einige der herumſtreichenden Thiere aus den Sümpfen und Moräſten, worein ſie ſich verlaufen, weggetrieben hatten, ſtiegen wir die Berge hinab und betraten den Thalgrund, längs deſſen die Straße hinzog, um nach Hauſe zu gelangen. Euphemia beſorgte noch mit ihrem Rußhunde zur Seite ihre Geſchäfte, während ich mich, etwas ermüdet, auf eine mit Haidekraut bewachſene Bank warf und ihr von da aus zuſah. Längs der Hügel⸗ ſeite hinſchreitend bemühte ſie ſich, einige Schafe, die ſie in gefährlicher Nähe der ſteigenden Gewäſſer ſah, hinwegzutreiben. Ich hatte bis jetzt nie ſo große Bewunderung für meine hübſche Begleiterin als in dieſem Augenblicke empfunden. Bisher hatte ich auf ſie als ein ſchönes Kind geſchaut, und wiewohl ſicher auf ein ſchön gewachſenes Kind, doch noch ſo kin⸗ diſch in Benehmen, und wiewohl äußerſt talentvoll, ſo ungebildet und unwiſſend ſelbſt in Dingen von Perſonen ihrer eigenen Sphäre, daß ich an ſte kaum Smith, Glücks⸗Solbat. I. 9 130 anders, als an ein ſchönes Muſter bäuerlicher Lie⸗ benswürdigkeit dachte. Als ich jedoch ſie ſo beobachtete, wie ſie aufrecht auf einer Felſenſpitze ſtand, ihrem Hund zurufend und ſeine Bewegung nach einem verlaufenen Schafe lenkend, während der Wind in ihren Tartan blies und ihre ſchöne Geſtalt ſo vollkommen entwickelte, wie die Draperie, an die gerundeten Glieder einer Statue ſich anſchmiegend, ſie noch lieblicher macht: als ich ſie ſo beobachtete, wie ſie einen Theil des üppigen dunkeln Haares, das dem Bande, womit es gewöhnlich zuſammengehalten wurde, entſchlüpft war, zurückſtrich, glanbte ich nie zuvor eine ſo gebie⸗ tende und ausgeſuchte Geſtalt erblickt zu haben. Un⸗ vermerkt begann ich auf ſie mit Gefühlen zu ſchauen, ganz verſchieden von denen, womit ich ſie bisher be⸗ trachtet hatte. „Wie glücklich,“ dachte ich,„muß der Mann ſein, deſſen Ehrgeiz nicht weiter geht, als unter dieſen Waldſtrömen und Schluchten ſein Leben hinzubringen, der keinen Feind fürchtet, als Winter und rauhes Wetter, deſſen Reichthum in ſeiner Heerde beſtehr, und der zur Gefährtin ein ſolches Geſchöpf hat, wie die liebliche Euphemia M'Tavish. Ach!“ ſagte ich, „es wäre wirklich das glücklichſte Leben.“ „Nichts Beſſ'res als ein ſchlichter Schäfer ſein, Zu ſitzen auf dem Hügel wie ich jetzt, Den Sonnenzeiger ſchneiden Punkt für Punkt. So manche Stunde hüt' die Heerde ich, So manche Stunde pflege ich der Ruh', So manche Stunde geht mit Sinnen hin, So manche Stunde ſpiel' ich mit mir ſelbſt. 13¹ So manchen Tag ſind meine Lämmer jung, So manche Woche, bis ſie tragen, dau'rt's, So manches Jahr, bis es zum Scheeren kommt. So gehen Stunde, Tag und Woche, Monat, Jahr Hinweg zum Ziel', zu dem geſchaffen ſie, Und bringen weißes Haar zum ſtillen Grab.““ „Ja,“ fuhr ich fort, als Euphemia, nachdem ſie ihren Schaafen glücklich herausgeholfen hatte, zu der Stelle huͤpfte, wo ich mich befand, und ſich keuchend und außer Athem an meine Seite warf, wo ſie nun, ihre Wange auf die Hand geſtützt, lag und mit der größten Aufmerkſamkeit und vor Staunen und Be⸗ wunderung weit geöffneten Augen auf meine Rap⸗ ſodie horchte.„Ach! meine Euphemia!“ ſagte ich, als ich ihre Wange ſtreichelte, „Was für ein Leben wär's! wie ſüß! wie lieblich; Gibt nicht der Weißdornbuch noch ſüßern Schatten Dem Hirten, der nach ſeinen Schafen blickt, Als ſelbſt der reichgeſtickte Baldachin Dem König, der Verrath zu fürchten hat?“ Die aufgeregten Lebensgeiſter meiner Schäferin beruhigten ſich immer, wenn ich eine meiner Shake⸗ ſpeariſchen Rapſodien begann. Sie faßte äußerſt leicht, und die Melodie des tragiſchen Reims gefiel ihr. Wie ſüße Muſik ſtimmte ſie ihren Geiſt etwas traurig, und verſtand ſie nicht alles, was ſie hörte, gefiel es ihr darum vielleicht nicht weniger. Jetzt lag ſie da, ihre hellen Augen ſo feſt auf mein Geſicht gerichtet und mit einem Ausdruck ſolcher Melancholie in ihrem Angeſicht, daß ich mein Citat plötzlich ab⸗ brach und eben die Hand faſſen wollte, welche auf dem Hals des treuen Hundes lag, der ihr beſtändiger 9* 132 Begleiter war. Sie kam mir jedoch zuvor, ergriff meine dargebotene Hand, führte ſie zu ihrem Munde und bedeckte ſie mit Küſſen. Dieß verrieth mir zum erſten Mal, daß die ſchlichte Schäferin andere Gefühle gegen den ſorgloſen Müßig⸗ gänger hegte, der an ihrer Seite einherſchlendernd ihr die Zeit hatte vertreiben helfen, als diejenigen gewöhnlicher Freundſchaft, und ich erſchrak und zürnte mir ſelbſt bei dieſer Entdeckung. „Euphemia,“ ſagte ich,„was iſt das? Du weinſt, mein hübſches Mädchen. Dieß iſt das erſte Mal, daß ich Thränen in dieſen lachenden Augen ſehe. Was fehlt Dir?“ Eine Zeit lang ſchwieg ſie ſtill und verbarg ihr Geſicht in den Händen. Ich zog ſie zu mir und kußte die Thränen in ihrem Auge weg und ſuchte ſie durch Liebkoſungen dahin zu bringen, daß ſie mir in beſtimmten Ausdrücken erklärte, was ich nur zu gut wußte. „Kümmern Sie ſich nicht um mich,“ ſagte ſie, „ich bin ein einfältiges Kind und weine über das, was mir Freude machen ſollte. Ich weine, weil Sie jetzt von Ihrer Krankheit ſich wieder erholt haben.“ „Warum weinſt Du darüber, Euphemia?“ „Weil Sie jetzt wieder wohl ſind und bald Glen Orchis auf Nimmerwiederkehren verlaſſen werden. Ich werde nie wieder Jemand finden, der mir die Lieder ſingen kann, die Sie geſungen haben, oder ſolche Worte zu ſagen weiß, wie Sie geſprochen haben. O! verlaſſen Sie unſere Hügel nicht wegen des ſüdlichen Landes, wo Sie nach Ihrer Ausſage keine Freunde haben. Bleiben Sie bei mir, und ich . 133 will Ihre Schweſter ſein, gewiß; wahrhaftig, ich liebe Sie weit mehr, als irgend eine Schweſter, die Sie in den Niederlanden haben.“ Wie ich ſo die Sprecherin betrachtete, die auf ſolche Weiſe ihre Gefühle gegen mich verrieth, Ge⸗ ſicht und Geſtalt von ausnehmendem Reize anſchaute, mir in den Weg geworfen, weit, weit weg, unter den einſamen, ſchweigenden Bergen, ohne einen Zeugen unſerer Liebe, als vielleicht den eisſprießeligen Herr⸗ ſcher der Wüſte auf ſeinem Bette von Farrenkraut,— da wurde mein Herz gerührt. „Euphemia,“ ſagte ich,„Du hätteſt Urſache haben können, mich mehr zu haſſen, als Du mich möglicher Weiſe lieben kannſt. Ich beabſichtigte, Glen Orchis zu verlaſſen, aber es war, ehe ich Jemand daſelbſt kannte, der andere Empfindungen, als die der Freundſchaft gegen mich hegte. Ich bin weniger als Nichts gewe⸗ ſen, denn ich bin ein Auswürfling miteinem Brandmal auf meiner Stirne. Ich bin ein beſchimpfter und ge⸗ brochener Mann ohne Geld, Beruf oder Ausſicht. Nur eine Minute habe ich gezögert, ob ich Dich auf dieſer Stelle für immer verlaſſen, oder für immer ungekannt und vergeſſen von meiner Verwandtſchaft hier bleiben und mit Dir als meiner Lebensgefährtin meine Tage auf dieſen Hügeln beſchließen ſollte. Es iſt vorüber, Euphemia, feft und unwiderruflich iſt mein Entſchluß. Du ſollſt mir angehören, meine Schöne. Ich habe noch genug übrig, um mir Alles, was ein junger Schäfer braucht, anzuſchaffen. Wir kaufen Schaafe, erwerben uns eine Hütte hier in der Nähe und trennen uns nicht mehr. Die Hand, welche Du geküßt haſt, Eu⸗ phemia, iſt mit dem Blut eines Mitmenſchen gefärbt. 134 Nach göttlichen und menſchlichen Geſetzen iſt ſie ver⸗ dammt. So wie ſie jedoch iſt, biete ich ſte Dir. Aber laß ab, meine Phömia,“ fuhr ich fort, indem ich ihre Stirne küßte und mich aus der Umarmung losmachte, womit ſie mir antwortete.„Ich bin ein heißköpfiger, außerordentlich unbeſonnener Junge. Nicht aller Schnee auf den gefrorenen Bergrücken der Gram⸗ pians dort könnte das Feuer löſchen, das Deine Schönheit und Liebe in mir entzündet hat. Der Wolf iſt in der Hürde, Mädchen, und bis die heilige Kirche aus zweien einen Leib macht, wie der gute Bruder Laurentius ſagt, wollen wir Hirtenſpiele und Hügelſtreifereien unterlaſſen. Wenn ich auf Dich ſchaue, brauche ich mich nicht zu verwundern, daß auf eines Scepters Erben ſolche Wirkung ein Schä⸗ ferſtab hervorgebracht hat'.“ Mit dieſen Worten ſtand ich auf, um unſern Weg nach Hauſe einzuſchlagen. Der Regen war, wie be⸗ reits erwähnt, heftig und lang anhaltend geweſen, ſeit vielen Tagen ohne Unterlaß gefallen. Heute jedoch war das Wetter etwas hübſcher geweſen und hatte uns länger als gewöhnlich auf unſern Strei⸗ fereien auszubleiben geſtattet. Wir hatten am Ab⸗ hang eines kleinen Hügels ausgeruht. Der Bach, der ſich in ſeinem gewöhnlichen Laufe halb um den⸗ ſelben herumwand, war jetzt ein vollkommener Wald⸗ ſtrom und umgab uns von allen Seiten. Ohne er⸗ ſichtlichen Grund waren die Gewäſſer in der letzten Stunde rechts und links angeſchwollen und ſtürzten rauſchend und wirbelnd faſt in allen Richtungen durch den Thalgrund, in welchen wir herabgeſtiegen waren. Der Rußhund, als wäre er unſerer Lage bewußt, 135 ſtreckte den Kopf in die Luft und ſtieß ein langge⸗ zogenes Geheul aus. Der erſte Gedanke Euphemia's galt der Sicherheit ihrer Schafe. Mit dem nächſten Blick, den ſie um ſich warf, erkannte ſie, daß Grund genug war, für meine und ihre Rettung beſorgt zu ſein. Während wir auf einer kleinen Anhöhe, halb ver⸗ ſteinert vor Erſtaunen ſtanden, hatten ſich die Ge⸗ wäſſer brüllend und wirbelnd augenſcheinlich in hundert Richtungen um uns erhoben. Es war keine Zeit zur Ueberlegung. Euphemia faßte mich bei der Hand und deutete auf eine Brücke, welche etwa eine Viertelmeile von uns über den Bach ging. Es war eines jener alten, oft in den Hügeln vorkommenden Bauwerke, eine alte, graue, ſchmale Brücke, welche vielleicht den Marſch der Soldaten von Bruce ge⸗ ſehen hatte und ſeitdem von den Covenanters und den Bergbewohnern bei ihren Verſammlungen und Feh⸗ den benützt worden war. Schon ihr Ausſehen ſprach von Kampf, Flucht und Verfolgung; ein grauer, moosbekleideter Ueberbleibſel anderer Tage, bleichend in der Einſamkeit der Moore, gleich der Pyramide in der Wüſte. Die Ufer, über welche ſie geworfen, waren höher als ſonſt und der Bach folglich tiefer. Konnten wir jene Brücke gewinnen, ſo war es leicht möglich, längs des Hügels auf die andere Seite zu gelangen. Ich faßte Euphemia bei der Hand; wir kehrten um und ſtiegen den Hügel hinab in das Waſſer, wo es am ſeichteſten ſchien. Es war in ſolcher Bewegung, daß die Aufgabe unſere äußerſte Sorgfalt erforderte, . wollten wir uns nicht bei dem Verſuche die Füße uuflüpfen laſſen. Ein⸗ oder zweimal waren wir 15 . — 136 nahe daran, durch deſſen Gewalt wirbelnd herum⸗ gedreht zu werden. Der Hund wurde trotz aller ſeiner Bemühungen weit von uns weggeführt, ehe er auf einer trockenen Stelle Fuß faſſen konnte, aber wenigſtens durch zwanzig Strömungen von ſeiner Herrin getrennt. Wir ſahen ihn nicht mehr. Mit meiner Gefährtin, den einen Arm feſt um ihre Hüfte geklammert, erreichte ich die Haide auf der andern Seite. Vir liefen über dieſelbe hin, überſchritten einen oder zwei immer mehr anwachſende Bäche, welche in tanzender Bewegung ſchienen, als ob ſie aus der Erde aufſprudelten, anſtatt von den Hochlanden herunter kämen, und waren beinahe zu der Brücke gelangt. Sie ſtand jetzt iſolirt in den Gewäſſern und rings herum war alles gleich der See. Wir befanden uns auf dem ſteinigen Dammweg, der etwas höher als das Moor zu beiden Seiten war, ſo daß wir, wenn er auch an manchen Stellen unter Waſſer ſtand, ge⸗ lang es uns nur, denſelben einzuhalten, immer noch die Brücke gewinnen und überſchreiten konnten. Ungeheure Fichtenſtämme, Schaafe und Stroh⸗ maſſen, offenbar von einigen Hütten weiter hinauf in der Schlucht, ſahen wir auf der Fluth wirbeln, als wir einen Augenblick anhielten, um Athem zu ſchöpfen und unſern Weg ſorgfältiger in Augenſchein zu nehmen. „Beeilen Sie ſich,“ ſagte Euphemia,„ergreifen Sie den Stock, der dort vor uns hertreibt, er wird Ihnen gute Dienſte leiſten. Merken Sie ſich wohl die weißen Steine zu Ihren Füßen und kommen Sie mit.“ Hand in Hand arbeiteten wir uns vorwärts. 137 „Ich kenne den Dammweg wohl,“ ſagte Eu⸗ phemia.„Merken Sie ſich, er geht hier etwas abſeits. Halten Sie ſich nicht auf, ums Himmels willen, denn wenn jene Bäume dort den Bogen erreichen, ſo ſtürzt die Brücke ein, ſo gewiß als der Tod.“ Wir richteten alſo unſere Augen jetzt auf den Dammweg, einen Fuß tief in dem vorüberrauſchenden Waſſer und jetzt bei der Anſammlung von ungeheuren Fichtenſtämmen, welche wirbelnd in der Strömung des Baches gegen die geweihte, wackere, alte Brücke herankamen. Es war ein wetteiferndes Rennen und ſollte ſich geſtreckten Laufes wahrſcheinlich mit der gleichzeitigen Ankunft am Ziele endigen. Zuweilen ſchienen die Bäume, welche mit den Sproßwurzeln ausgeriſſen worden waren und jetzt von dem Walde oben herabgeſchwemmt wurden, in ihrem Fortgang auf ein felſiges Hinderniß zu ſtoßen, und mühten ſich ab und ſchlugen über, indem ihre ungeheuren Wurzeln und Aeſte langſam aus dem Waldſtrom emporſtiegen, gleich ungeheuren Reptilien im Todeskampf; dann machten ſie ſich wieder los und verloren ſich, in dem rothen Strom hinabſtürzend, aus dem Geſicht, bis ſie zuletzt, trotz unſerer Anſtrengungen, die Brücke vor uns erreichten. Ich beobachtete das Bauweſen, wie der Ingenieur ſeinen in die See hineingebauten Thurm beobachtet, wenn der Sturm am lauteſten heult. Im nächſten Augenblick waren wir an dem⸗ ſelben angelangt. Die Brücke enthielt zwei Bogen. Beide waren jetzt von den angehäuften Bäumen, welche querüber vor deren Strebepfeilern lagen, verſperrt und da ihre Zahl ſich jeden Augenblick vergrößerte, bedrohte deren 138 Druck, wie Euphemia vorausgeſagt hatte, die Sicher⸗ heit des Baues. Es war keine Zeit zur Ueberlegung. Im Augen⸗ blick, da wir den Fuß auf den erſten Stein der Brücke ſetzten, rauſchten die aufgedämmten Gewäſſer mit furchtbarer Gewalt um deren äußerſte Grenze. In größter Eile erreichten wir den Mittelpunkt. Ich fühlte, wie ſie ſchrecklich wankte, als wir abwärts zu ſteigen begannen, und ehe wir ein halb Dutzend Schritte weiter gemacht hatten, ſchien ſich das ganze Gebäude mit einem entſetzlichen Krachen unter unſern Füßen aufzulöſen, und im nächſten Augenblick tauch⸗ ten wir in die brüllende Fluth. Ich hatte bei den erſten Anzeichen der Zerſtörung des Baues meine Begleiterin zu faſſen geſucht. Aber ſie wurde mit furchtbarer Heftigkeit von mir weg⸗ geriſſen und in einem Moment aus meinem Bereich fortgeführt. Da ich ein guter Schwimmer war, kam ich nach dem erſten Untertauchen wieder empor und arbeitete mich mannhaft durch. Ich ſchaute in allen Richtungen nach meiner Un⸗ glücksgeführtin aus, aber einige Augenblickevergebens. Zum Glück wurde der größte Theil der Bäume eine Minute oder ſo von den Trümmern der Bogenpfeiler etwas aufgehalten, ſonſt wäre ich unfehlbar von den⸗ ſelben niedergedrückt und unter ihnen begraben wor⸗ den. Weiter rauſchten die Gewäſſer, ein Dutzend Wirbel einziehend und ausſtoßend, zu beiden Seiten. Ich hatte genug zu thun, um nur nicht in ſie hinein⸗ geriſſen zu werden. Wie ich ſo mit dem Strom mich vorwärts kämpfte, erblickte ich noch einen Moment Arme und Hände von Euphemia an der Oberfläche, 139 und dann verſchwand ſie für immer in einem Strudel gegen die Küſte. Getreu im Tode, war das arme Mäd⸗ chen ſo das Mittel meiner Rettung. Mit aller mir übrigen Kraft nach der Stelle hinſtrebend, in der Hoff⸗ nung, ſie noch zu erreichen, gewann ich feſten Fuß und war im Stande, die Hügelſeite zu erklimmen. Im näch⸗ ſten Augenblick kam eine Maſſe Bäume, gefolgt von einer ſchäumenden See. Von ihrem Fortgang ge⸗ leitet, lief ich eine Strecke weit am Ufer hin, in der Hoffnung, Euphemia noch einmal zu ſehen und zu deren Rettung unterzutauchen. Es war jedoch ver⸗ geblich; ich erblickte nicht den Saum von ihrem Gewand, um mich bei meinem Suchen zu leiten. Ich war jetzt allein auf dem Hügel; der Tag neigte ſich zu Ende; der Horizont ſah auf allen Sei⸗ ten ſchwarz und furchtbar aus und die ganze Gegend vor mir war von dem noch ſteigenden Gewäſſer über⸗ ſchwemmt. Es ſchien, der letzte Tag ſei angekommen und eine zweite Fluth war im Anmarſch. So mancher Unfall hatte mich ſchon betroffen, daß dieſes neue Mißgeſchick und der Tod meiner Ge⸗ führtin nur eine Folge meiner unglücklichen Sterne zu ſein ſchien. „Ja,“ ſagte ich, wie ich hülflos daſtand, auf die ſchreckliche Waſſermaſſe vor mir hinſtarrend,„die Scene, dünkt mir, geht wahrſcheinlich hier zu Ende und es iſt ſo am beſten. Trübſal iſt verliebt in mich und ich bin mit dem Elend verbunden.“ Ich warf mich zur Erde, entſchloſſen, mein Schick⸗ ſal abzuwarten.„Laß die Fluthen kommen und mei⸗ nen angeſchwollenen Körper in die hohe See hinaus⸗ 140⁰ ſpülen; dann Britannien bbin ich dir nichts ſchuldig — nicht einmal ein Grab.“ Ich weinte, als ich an den kläglichen Tod der armen Euphemia dachte. Plötzlich trat die Erinnerung ihrer gaſtfreundlichen Verwandten und ihrer wahr⸗ ſcheinlichen Gefahr vor mir. Ich hatte keine Luſt, mich vor ihnen zu zeigen, aber der Gedanke, daß ſie nothwendig von dieſem brüllenden Sturm überfallen ſeien, als ich Planken, Balken und andere Trümmer zugleich mit Heuſchobern in der Fluth vorwärts trei⸗ ben ſah, verwiſchte jeden andern Gedanken als den eines Rettungsverſuches. Ihre Hütte war etwa drei Meilen von da ent⸗ fernt, wo ich mich befand, gerade auf der andern Seite des Hügels. Wenn ich denſelben erkletterte, konnte ich vielleicht hinüber gelangen und jene er⸗ reichen, ehe das Gewäſſer bis zum Untergang für ſie anwuchs, da ſie, wie ich überzeugt war, auf höhe⸗ rem Grunde ſtand, als wo ich gerade verweilte. Ich ſprang alſo auf und begann emporzuſteigen. Von Felſenſpitze zu Felſenſpitze kletternd, gleich einem Wahnſinnigen, der eben ſeiner Haft entronnen iſt überſchritt ich den Gipfel und wandte mich hinab nach der gaſtfreundlichen Hütte. Ich kam jedoch zu ſpät; das Gewäſſer war her⸗ vorgebrochen und bedeckte theilweiſe die Landſchaft in der Tiefe; Alles, was ich ſah, waren die Ueberreſte meines ehemaligen Zufluchtsortes. Der Strom hatte ſie unter der Anhöhe, gegen welche ſie angebaut war, hinweggeſchwemmt und die Bewohner hatten das Wrack entweder verlaſſen, oder den Tod gefunden. Erſchüttert und von Schrecken betroffen, wandte ——— 144 ich mich wieder nach dem Hügel hinauf, um mein eigenes Leben zu retten. Ich kam mir vor wie der letzte Menſch, der gleich einem Reptil unter den Trümmern einer ſündigen Welt herumkriecht und klimmt. Die Liebe zum Leben war jedoch zurückge⸗ kehrt, und ich empfand noch einmal das Verlangen, meine unglückliche Exiſtenz zu verlängern. Der Regen fiel wieder in Strömen, die Nacht brach plötzlich und ſinſter ein, und Stunden lang wanderte ich im Gebirge umher, ängſtlich den An⸗ bruch des Tages erwartend. Einunddreißigſtes Kapitel. „Ich bin betäubt, dünkt mir, und ganz verirrt In Dornen und Gefahren dieſer Welt.“ „Nun glücklich der, bei dem ſein Mantel und Sein Gürtel unter dieſem Sturme hält.“ Shakſpeare. Ich ſchritt, ſo weit ich vermuthen konnte, in der Richtung eines Dorfes hin, das meines Wiſſens etwa zehn Meilen entfernt war; aber als die Däm⸗ merung eintrat, befand ich mich in einem Theile der Hügel, den ich bei meinen Wanderungen in der letzten Zeit noch nie geſehen hatte. Eine tiefe Schlucht be⸗ fand ſich gerade vor mir. Der Nebel war ſo dick, daß ich nicht genau unterſcheiden konnte, ob ein anderer Hügel, oder die überſchwemmte Niederung jenſeits derſelben ſich befand. Zu meiner Ueberraſchung 142 drang der wohlbekannte Geruch brennenden Torfes in meine Naſe; aber allem Anſchein nach war ich einſam auf dem Gebirge, oben, oben auf den Gipfeln, wo das Rothwild allein gern weilt, fern von den Wohnungen des Menſchen. Ich ſchritt auf eine kleine Haideerhöhung zu, wovon der Torfrauch aufzu⸗ ſteigen ſchien, um nach dem Abhang jenſeits derſel⸗ ben hinunterzuſchauen, aber das Dach gab unter meinen Füßen nach, und ich ſtürzte ſogleich, wie ich mir einbildete, wenigſtens ein halb Dutzend Ellen in die Erde hinein. Zu meinem weitern Erſtaunen fand ich mich je⸗ voch plötzlich aus der Einſamkeit der Wüſte in die Geſellſchaft von Mitmenſchen verſetzt. Ein Torf⸗ feuer brannte, und alles, was zu einer Whiskybren⸗ nerei gehörte, befand ſich zur Hand. Der Brennkol⸗ ben war an der Arbeit. Ich war in eine Whiskyhütte hinuntergefallen. Die kühnen Schmuggler ſchienen über meine un⸗ gewohnte Erſcheinung ebenſo ſehr überraſcht, als ich für den Augenblick darüber erfreut war, mich, an⸗ ſtatt in eines Waſſergeiſtes Fluth zu erſticken, in ihrem warmen und behaglichen Meſte zu finden. Sie fielen roh über mich her, faſt ehe ich mich wieder aufraffen, oder nur ein Wort ſprechen konnte. „Der Eichmeiſter!“ riefein großer, dicker Burſche, der mich feſt am Kragen hielt;„der verfluchte Eich⸗ meiſter unter uns. Ha, der Teufel hole Dich, Mann; aber Du biſt nicht blöde, auf ſolche Art unter uns zu kommen.“ „Gut! aber wir haben Dich jetzt unter den Fängen,“ ſagte der Burſche, der mich auf der an⸗ 143 dern Seite hielt.„Was Teufels brachte Dich dazu, hier herumzuſpüren, Du verdammter Bengel. Ich dachte, die Fluthen würden Dir wenigſtens daheim genug zum Ausſpioniren gelaſſen haben. Aber ich will verdammt ſein, wenn wir Dir nicht die Beine zuſammenflechten, nun da wir Dich in unſere Ge⸗ walt bekommen haben.“ „Halt,“ ſprach eiß Dritter, mit einem Feuerbrand herzutretend,„das iſt der Eicher gerade nicht. Das Kind iſt von dem Caſtell. Ich will ſchwören, es iſt einer der Officiere von Brämar. Was zum Teufel ſeid Ihr, Mann? Sprecht's auf einmal aus, Gott ver⸗ damm' Euch.“ „Gentlemen,“ ſagte ich,„wenn Sie mir erlau⸗ ben, aufzuſtehen, will ich mein Beſtes thun. Ich bin weder Eichmeiſter noch Officier von Brämar, ſondern einfach ein unglücklicher Reiſender, welcher den Ueber⸗ ſchwemmungen entgangen und bei dem Verſuch, über die Berge zu ſetzen, unbedachtſam in Ihre hölli⸗ ſche Behauſung gefallen iſt. „Es iſt eine Lüge, eine verdammte Lüge!“ ſagte der erſte Sprecher. Ihr ſeid von Argarff vder Mid⸗ mar, und dießmal ſoll Euch die Jagd auf Brenn⸗ häfen reuen. Wir wiſſen, die Soldaten ſind die letzte Woche ausgeweſen, aber dachten, die Fluthen hätten dieſelben mitgenommen, Gott verdamme ſie!“ Ich hatte, ſo lang ich noch in M'Tavish's Hütte war, davon gehört, daß zwei Eichmeiſter von den Schmugglern erſt eine oder zwei Wochen zuvor er⸗ griffen und gemordet worden waren; deßgleichen wußte ich, daß die Abtheilung, welche nach Strath⸗ don marſchirt war, ihnen ſolchen Verdruß gemacht 144 hatte, daß von ihnen die Drohung ausgeſtoßen wor⸗ den war, die Garniſon anzugreifen. Ich machte mich alſo wenigſtens auf eine Hautvoll zerſchiagener Beine gefaßt. Wie die Sache abgelaufen ſein mochte, ver⸗ mag ich nicht zu ſagen, aber unſer Wortwechſel wurde plötzlich durch den gellenden Ton einer Sackpfeife, der unten aus der Schlucht heraufkam, zum Abſchluß gebracht. Ein ſchmaler Zickzackpfad bildete den Zugang zu der Hütte und drei oder vier der Hochländer ſtürzten, nachdem ſie einen Augenblick gehorcht hatten, hinaus und guckten in den Nebel unten hinein. Sie kehrten ſchnell zurück und erklärten haſtig in rauh tönenden Gutturallauten, die ich für Gäliſch hielt, ihren Kamaraden,„die Rothröcke ſeien in der Nähe.“ So verhielt es ſich wirklich. Die Plattfüße,„un⸗ ermüdet und unvermüblich,“ wie man ſie irgendwo beſchrieben hat, waren zur Hand. Was kann ſie auf⸗ halten? Durch Fluthen, durch Feuer kommen ſie; nichts thut ihrer Disciplin Eintrag; und hier er⸗ ſchienen ſie, mitten im Sturm, gleich Spürhunden auf der Fährte. Sie waren auf einer Brennblaſenjagd im Gebirge begriffen; löblich beſchäftigt, Hütten nieder⸗ brennend, vollwichtige Libationen bringend und das Malz den Strömen preisgebend. Bei der Anzeige von dem Anrücken der Abthei⸗ lung hatten mehre von den Whiskybrennern zu ent⸗ wiſchen verſucht, indem ſie den Gipfel des Abhangs, an welchem die Hütte angelehnt oder vielmehr hin⸗ eingebaut war, erſtiegen. Sie fanden aber, daß der Hintergrund von einem Theil deſſelben Detachements, welches den Paß unten beſetzt hatte, bewacht wurde. 145⁵ Sie kehrten alſo in ihre Höhle zurück und warfen wilde Blicke auf mich, als ſie nach einer oder zwei alterthümlichen Vogelflinten griffen, um dem an⸗ dringenden Feinde Widerſtand zu leiſten. Ich hatte von dem erſten Augenblick erkannt, daß jeder Verſuch zu entfliehen, mir von der einen oder andern Seite gewiſſen Untergang bringen würde. Ich hielt es alſo für das Beſte, vollkommen ruhig unter den Umſtänden zu bleiben und auf die Dirne Fortuna zu vertrauen, wiew ohl ſie mir ſchon ſo man⸗ chen unglücklichen Streich geſpielt hatte. Ich wurde nicht lang in Erwartung gelaſſen. Waffengeklirr ließ ſich vor der Hütte vernehmen, und das wohlbekannte Commandowort wurde in etwas theatraliſchem Ton und Styl ausgeſprochen, als drei oder vier Mann bewaffnet und von matroſenartigem Ausſehen, unter Anführung des Eichmeiſters und ge⸗ folgt von einem Paar königlicher Officiere und einem Sergeanten in die Thüre ſtürzten. Ich hatte aus dem Benehmen der Schmuggler er⸗ kannt, daß ſie auf Unheil dachten,— und ich täuſchte mich nicht. „Kümmert Euch um die Rothröcke nicht,“ ſchrie der Burſche, welcher deren Führer ſchien,„ſchießt auf den verfluchten Eichmeiſter und auf ſeine Leute.“ Ein kurzer, raſcher und ungleicher Kampf ent⸗ ſpann ſich ſogleich; ehe die Schmuggler Zeit hatten, mehr als zwei Schütſſe abzufeuern, waren ſie in ihrem engen Quartier überwältigt und gefangen genom⸗ men. Der Eichmeiſter, der verwundet worden war, feuerte jedoch noch einmal; der Schuß traf meine Smith, Glücks⸗Solbat. II. 10„ 146 eigene arme Perſon und drang in den fleiſchigen Theil meiner Schulter. I†ch kann nicht ſagen, daß ich große Ueberraſchung fühlte, als ich mich getroffen fand. Gleich Meg Merrilies, als ſie Dirk Hattericks Schuß traf,„fühlte ich deutlich, es würde mit mir ſo kommen.“ Nur darüber erſtaunte ich, daß ich des Eichmeiſters Kugel nicht in das Gehirn, anſtatt in die Schulter bekom⸗ men hatte. Die Wunde war nur unbedeutend, und außer daß mein Arm etwas ſteif wurde und blutete, würde ich anfänglich eine Verletzung gar nicht ver⸗ muthet haben. „Was für eine Art Mann iſt das?“ fragte der Officier, welcher mit der ſtürmiſchen Mannſchaft ein⸗ getreten war, indem er auf mich zutrat, während die Schmuggler feſtgenommen und hinausgebracht wur⸗ den;„darf ich um Ihren Namen bitten?“ Meine Gegenwart in der Hütte war bald erklärt und der Subaltern ſchien entzückt, meine Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Es war ein kleiner, ſchwacher, diſtinguirt aus⸗ ſehender Jüngling, ziemlich theatraliſch in Sthl und Benehmen; bei Allem, was er ſprach oder that, ſchien es, als dächte er mehr daran, irgend eine Rolle auf den Brettern in der fälſchlich erregenden Scene zu ſpielen, als auf des Lebens langweiliger Bühne in dieſer Alltagswelt zu handeln. „Sie bluten, Sir,“ ſagte er ſchnell, als er die rothen Tropfen aus meinem Rockärmel hervorrieſeln ſah;“ Sie haben bei dieſer Balgerei eine Verletzung erhalten. Hier, Sergeant Cameron, helfen Sie dieſem Gentleman den Pfad hinauf. Ich will mit ——————— 147 meinen eigenen Augen nach Ihrer Wunde ſehen. Wir ſind zum Glück in Sachen Galens nicht ganz ungeſchickt.“ Als ich aus der Hütte hervorkam, fand ich die Fläche auf der Hügelſpitze im Beſitz einer Abtheilung von einem Hochland⸗Regiment. Sie ſtanden ruhig, Gewehr bei Fuß da, Schulter an Schulter, in flat⸗ ternden Tartans, und ihre Waffen klirrend in den wüthenden Windſtößen; während eine oder zwei klei⸗ nere Abtheilungen auf dem abſchüſſigen Felſen am Hang unten aufgepflanzt waren, die mehr einer Heerde Seekrähen, als Soldaten gleich ſahen. Alles zuſammen, die einſame, öde Landſchaft— die tiefe Schlucht und der angeſchwollene Waldſtrom, die nebeligen Bergſpitzen in der Ferne, düſter und ungeheuer, als ob ſie ſich zu dem fernen Ende des Erdballs ausſtreckten; die Soldaten auf der Haide aufgeſtellt, ihre Gefangenen in einer kleinen Gruppe vor ihnen, und die Hütte, in Flammen gehüllt; die Scene war hochromantiſch und verwirklichte beinahe eine oder die andere von Sir Walters Schilderungen. Der Subaltern der Abtheilung hielt Wort; er verband mir ſorgfältig meine Wunde, ehe er an et⸗ was Anderes dachte. Dann ſtellte er mich dem Kapi⸗ tän der Hochländer vor; und während das Detache⸗ ment Befehl erhielt, die Gewehre zuſammenzuſetzen, ließen wir uns nieder, ein Frühſtück einzunehmen. Während des Mahls wurde ich von dem Ausſehen des Kapitäns der Abtheilung etwas betroffen. Es war einer der ſonderbarſten und ſchweigſamſten Soldaten, mit welchen das Schickſal mich je zuſammengeführt hatte. Sein Subaltern, welcher in Wirklichkeit der 10* 148 fommandirende Officier der Abtheilung ſchien, war ganz und gar ein Geſchöpf des augenblicklichen Im⸗ pulſes. Aber der Chef ſchien dann und wann eines Klappſes mit einer jener Blaſen zu bedürfen, welche von Baron Münchhauſen in ſeinen Reiſenin den Mond beſchrieben werden, wo die Ariſtokraten jenes ſonderbaren Gebiets in eine Art Lethargie verfallen, wenn ſie nicht, um ſie zur Beſinnung und Thätigkeit zu bringen, häufig beohrfeigt werden. Er war ein vierſchrötig gebauter Hochländer mit einem auffallend gutmüthigen, jedoch ausnehmend Donquirotiſchem Geſichte. Stark gebückt an Geſtalt und gleich Hudibras einen reizenden Höcker auf der einen Schulter tragend, hatte er nur ein Auge und führte die Brille immer auf der Naſe. Wiewohl von Natur ein merkwürdig ſtark ge⸗ bauter und kräftiger Mann, hatte ſchwere Arbeit, Klima, Krieg und Krankheit aus ihm ein bloßes Skelett von dem Herkules, der er in ſeiner Jugend geweſen war, gemacht. Kurz, er ſchnitt eine ziemlich ſeltſame Figur neben der maleriſch bekleideten Com⸗ pagnie, welche er ſchmückte. Das Gehäuſe enthielt je⸗ doch, ſo grob und rauh es ausſah, ein ebenſo ſeltenes, als unſchätzbares Juwel; denn trotz des Excentriſchen in ſeinem Ausſehen und Benehmen beſaß er ein Herz und eine Gemüthsart, welche der ſchönſten Geſtalt in der Natur Ehre gemacht haben würde. Er ſtand, wie geſagt, neben ſeinen Leuten mit den Schultern über ſeinem Kopf; ſeinen gezückten Säbel, den Griff vorwärts unter dem einen Arm, und eine ſchottiſche Tabaksdoſe in der Hand, woraus er beſtändig ſeine Naſe fütterte, die, wiewohl die 149 Taſchen ſeines Rocks gleichfalls mit Rapés gefüllt ſeinen Vorrath bald zu erſchöpfen im Stande hien. Seine Ausrüſtung war ebenſo ſeltſam als ſeine Perſon, denn während er ſelbſt befehlender Officier bei ſeiner Compagnie auf dem Gebirge war, machte er nur ſo weit von ſeiner Autorität Gebrauch, daß er ſich von der Laſt, immer in ſeine Uniform geſchnürt zu ſein, diſpenſirte. So war er auch jetzt in virtu⸗ ellem Commando ſeiner Leute auswärts und gleich⸗ wohl in vollem Tartan⸗Anzug auf dem Leibe, be⸗ ſtehend in einer großtaſchigen Schützenjacke mit Weſte und entſprechenden Beinlleidern und einem ungeheu⸗ ren, breitkrämpigen Strohhut auf dem Kopfe. „Kapitän MKilt,“ ſagte der queckſilberige Fähn⸗ drich zu ſeinem Befehlshaber,„ich laſſe die Gewehre hier zuſammenſetzen, fallen Sie aus, Sir.“ Der Kapitän ſchaute von dem Torf zu ſeinen Füßen auf, ließ eine Art ſchnurrenden Pfiffs hören, gleich der Schreipfeife von einer Theater⸗Gallerie, nahm eine gute Priſe Tabak, ſtieß ſeinen Säbel in die Scheide und gehorchte der Ordre ſeines dem mili⸗ täriſchen Grade nach ihm Untergebenen. „Sonderbarer Mann,“ ſprach er, ſich umdrehend, mit einem Blick auf den jungen Mann, der ſolcher Art das Commando übernahm.„Sonderbarer Mann, hu!“ fuhr er mit einem zweiten ſcharfen Pfiff fort.—„Sonderbarer Mann, aber ein teufliſch geſchickter Burſche. Hu! Subaltern meiner Com⸗ pagnie; könnte eine Brigade commandiren, der Junge.“ Alſo ſchnurrend, pfeifend, ſchnupfend und die 150 Gewandtheit ſeines Officiers bewundernd, ſchien der ercentriſche und bequeme Befehlshaber vollauf be⸗ ſchäftigt und ganz zufrieden, die Mühe des Com⸗ mando's ſich von den Schultern genommen zu ſehen. Mit der Brille auf der Naſe beobachtete er ſelbſt ſeine Bewegung und erwartete ſein Stichwort in Be⸗ zug auf die nächſte Ordre augenſcheinlich mit dem größten Intereſſe. Vir hatten, wie bereits angegeben, uns auf der Haide niedergelaſſen und nahmen eine leichte Er⸗ friſchung zu uns, welche uns der Torniſter des Die⸗ ners von dem Fähndrich Altamont de Wontdidier lieferte. Dabei erfuhr ich von ihm die Umſtände, welche ſeine Abtheilung zu ſo gelegener Zeit zur Stelle gebracht hatten. „Wir wurden,“ ſagte er,„vor drei Tagen von Brämar⸗Caſtle beordert, einen Ausflug in dieſe Berge zu machen und das Brennereigewerbe mit Feuer aus⸗ zurotten. Verjage die Weiber von Greenlaws Gut und laß ſie aufſetzen ihren Hut.“ „Zwei Tage,“ fuhr er fort, verfolgten wir die Jagd, Feuer und Schwert über Felſen, Schluchten und Gebirge tragend. Turk Gregorh verrichtete nie ſolche Thaten. Vergangene Nacht jedoch, als ich Vortheils halber mich zurückzog, wurde die Hälfte meiner Streitkräfte von der unerwarteten Fluth bei⸗ nahe verſchlungen. Die Wellen umſchloſſen einen Theil der Mannſchaft, der unter meinem Freunde MKilt ſtand. MKilt, ſage ich, Sie wurden beinahe ein Opfer des Elementes, das Sie verabſcheuen. Hier iſt ein Fluidum, das wir erbeutet haben, mehr nach Ihrem Geſchmack. Washael! MKilt. Das iſt 15¹ Vhisky, mein Braver; Sergeant Cameron, Sir, ge⸗ ben Sie der Mannſchaft eine Ration von dieſer Flüſ⸗ ſigkeit. Der Kapitän gebietet es.“ „Vie ich Ihnen ſage,“ fuhr Fähndrich Altamont de Montdidier fort,„der Kapitän und ich hatten un⸗ ſere Streitkräfte getheilt, ich wandte mich nach den Bergſpitzen, während er in der Niederung marſchirte. Wenn der Menſch, wie Goodman Delver auseinan⸗ derſetzt, zu dem Waſſer geht und ſich ertränkt, ſo geht er, er mag wollen oder nicht, merken Sie ſich das; kommt aber das Waſſer zu ihm und ertränkt ihn, ſo ertränkt er ſich nicht ſelbſt. Nun, unſer Freund WKilt hat ſeiner eigenen Ausſage gemäß, ſeitdem er den rothen Lappen umhing, neunmal den Atlan⸗ tiſchen Ocean überſchritten. Er hat zu drei verſchie⸗ denen Zeiten im Indiſchen Ocean Schiffbruch gelitten und wurde einmal gleich Robinſon Cruſoe auf eine unbewohnte Inſel geworfen. Sturm und Belagerung und das Aeußerſte des Kriegs hat er durchgemacht und ſelbſt wundärztliche Behandlung wacker ertragen. Aber vergangene Nacht fehlte nur wenig, ſo wäre er in dieſem Pfuhl ertrunken. Er ließ ſich von dem Gewäſſer der Fluth umringen und wurde mit ſeinen Leuten beinahe weggeſchwemmt. Ich brachte ihn mit ſeiner Trommel heraus. Macht nichts, wie, hier iſt er. Zu Ihren Dienſten, M'Kilt.“ „Kurz, Sir, wir wurden von Strahdon völlig hinausgewaſchen, und unſere Shelties,*) welche un⸗ ſere Feldequipage trugen, ertranken. Wir hätten uns bei unſerem Beſtreben, Brämar⸗Caſtle zu errei⸗ *) Kleine, ſtarke Pferde. A. d. U. 152 chen, wenn es anders noch für uns vorhanden iſt, gern höher gehalten. Der Führer, der uns ſicher dahin zu bringen unternahm, wies uns nach dieſer Hütte, und wir haben, wie Sie ſehen, dieſelbe über⸗ fallen, genommen und Ihre Bekanntſchaft gemacht. MKilt, mein vortrefflicher Freund, ich denke, die Zeit iſt aus. Sergeant Bendochie, laſſen Sie die Trommel ſchlagen und in Reih' und Glied treten. Wir haben einen langen Marſch und eine überfluthete Gegend vor uns; wenn wir Brämar finden ſollen, ſo muß es dieſe Nacht geſchehen. Wir ſind, ſehen Sie,“ fuhr er fort,„wirklich mit unſerem Spannſeil zu Ende. Es iſt kein Korn mehr in Aeghpten. Unſere Schnapſäcke ſind jetzt leer, deßgleichen die Whisky⸗ Flaſche.“ Das Detachement trat vemgemäß ſchnell unter die Waffen und wir brachen auf⸗ Trommelſchlag und Pfeifenton wurde von den ſtürmiſchen Winden weit weg getragen; und die Hochländer, in der maje⸗ ſtätiſchen Landſchaft, in welcher ſie marſchirten, gleich einer Handvoll kriechender Inſecten ausſehend, ſchlu⸗ gen ihren Weg gegen den Wald von Brämar ein. Der Marſch war nicht ohne Gefahr; die Fluthen waren ſchrecklich, manches Menſchenleben verloren gegangen, viel Veſitzthum zerſtört worden. Fähn⸗ drich Altamont war jedoch ein junger Mann von außerordentlichen Hülfsquellen und ungewöhnlicher Ausdauer. An einer Stelle mit ſeinem Verſuche ab⸗ geſchlagen, war er um ſo entſchloſſener, an einer an⸗ dern den Uebergang zu bewerkſtelligen. Montroſe hätte es nicht beſſer machen können; und trotz der Wuth der Elemente brachte er M'Kilt und ſeine 5 153 Mannſchaft ohne den Verluſt eines einzigen Mannes wohlbehalten nach Brämar. Caſtel Brämar mit ſeinen kleinen, Pfefferbüchſen gleichenden Thürmen auf den Ecken, ſeiner mit Schieß⸗ ſcharten verſehenen Mauer und ſeinen in alten Zei⸗ ten mit Eiſenſtangen wohl verwahrten Fenſtern(quer und der Länge nach über einander gehend, gleich den Gittern eines Kerkers) und ſeinen Hochland⸗Wachen vor den Thoren, ſah dem Caſtell von Darlinvarach in der Legende von Montroſe ſo ähnlich, wie eine Erbſe der andern. Seit dem Aufſtand von— 45(ſo weit ich in Er⸗ fahrung bringen konnte) war es zur Aufnahme von Kriegsvolk nicht mehr benützt worden, bis das ge⸗ genwärtige Detachement vor einigen Monaten hieher beordert wurde, um der Civilbehörde bei Unter⸗ drückung unerlaubten Whiskybrennens hilfreich an die Hand zu gehen. Es war ein ungeheures, kaltes, grabſteinernes Gebäude, das, von den Hügeln in der Umgegend betrachtet, wie ein ungeheures, in dem Paß errichtetes Mauſoleum ſich darſtellte. Das Hauptge⸗ mach darin war ſehr geräumig, und da es nur die einfache Ausſtattung eines kleinen Kaſernenzimmers beſaß, nämlich zwei Stühle und einen Tiſch, der in der Mitte vor dem ungeheuern, höhlenartigen Ka⸗ min ſtand, ſo hatte es ein ſehr düſteres und unbehag⸗ liches Ausſehen. Fähndrich Altamont de Montdi⸗ dier hatte es jedoch theilweiſe einzig mit den ihm zu Gebot ſtehenden Mitteln wohnlicher gemacht; denn er hatte im Centrum deſſelben ein Zelt aufgeſchlagen, unter deſſen ſchützender Leinwand die wüthenden Winde, welche um das Gemach blieſen, den Bewoh⸗ 154 nern nicht viel mehr fühlbar wurden, als wenn ſie ſich in einer Windmühle einlogirt hätten. Es war Nacht, als wir endlich das Caſtell erreich⸗ ten. Abgemattet und erſchöpft von Strapazen, war das Detachement froh, unter den Schutz deſſelben zu gelangen, da die Wuth der Elemente auf einen Grad geſtiegen war, daß es gefährlich wurde, auf den Hü⸗ gein ſich ihnen auszuſetzen; während die furchtbare Fluth, welche durch die Gegend dahin wogte, die Ge⸗ müther der Soldaten mit Scheu und Schrecken er⸗ füllte. Jede Brücke zwiſchen unſerem Fort war ent⸗ weder geſprengt, oder von den brüllenden Gewäſſern hinweggewaſchen, und Viele meinten, der jüngſte Tag ſei gekommen. Große Gebäude wurden dem Erdbo⸗ den gleich gemacht, Hütten hinweggeriſſen, ungeheure Bäume entwurzelt, Vieh ging verloren und mancher arme Bauer ertrank im Angeſicht ſeiner Freunde, die ihm keinen Beiſtand leiſten konnten. Und noch im⸗ mer war das Gewäſſer im Zunehmen. Mittlerweile ſaßen Altamont, M'Kilt und ich vor dem praſſelnden Feuer in dem ungeheuern Ge⸗ mach, welches in dieſem Hochland⸗Caſtell zum Speiſe⸗ zimmer beſtimmt worden war; und bei dem ſchreckli⸗ chen, häßlich durch einander tobenden Pfeifen, Krei⸗ ſchen und Heulen draußen in der Luft, unterhielten wir uns im Geſpräche, rauchten unſere Havannahs und verſchluckten große Quantitäten Whisky⸗Grogs. Die Scene war für mich völlig neu und nicht ohne Reiz. Ein ungeheurer Fichtenklotz, groß genug für den Bedarf eines Weihnachtherds in alter Zeit, loderte vor uns und erzeugte eine gewiſſe Behaglich⸗ 155 keit hier im Innern, während alle Schrecken draußen im Forſte ſich hören ließen. Die Winde glichen wirklich dem beſtändigen Rau⸗ ſchen eines mächtigen Waſſerfalls; die Gewäſſer des ſchäumenden Dee brüllten Sekond dazu; der Kamin pfiff und ſtöhnte im Einverſtändniß damit. Weh⸗ klagen und ſeltſames Todtengeſchrei hörte man in der Luft, und die Wachen, welche in furchtbar gellenden Tönen einander anriefen und alle Viertelſtunden das Vorrücken der Nacht angaben, erhöhten noch die Dis⸗ harmonie. Zwei außerordentlichere Weſen als die Genoſſen, mit welchen ich zuſammengetroffen war, hätten ſich meines Erachtens ſchwer auffinden laſſen. Der Eine lauter Feuer, Geiſt und Leben; der Andere ebenſo langſam, verlegen und ſtarr. Altomant hatte, um es ſich nach dem Marſch be⸗ quemer zu machen, ſeine Uniform ausgezogen und einen ſorgfältig geſtickten und flitterbeſetzten Leibrock umgeworfen, deſſen er ſich vor Kurzem auf einem Liebhaber⸗Theater in dem letzten Quartier, von dem ſie kamen, zur Rolle des ſtolzen, tapfern, fröhlichen Lothariv bedient hatte, und ſah deßhalb, wie er ſo unter dem großen Kaminſtück ſaß und ſeinen Whiskh⸗ Punſch trank, wie eine Art Sir Pierecy Schafton aus. M'Kilt dagegen glich mit einer rothen Nachtmütze auf dem Haupte, einem alten, langen Schlafrock auf dem Leibe und der Brille auf der Naſe, mehr dem Ge⸗ ſpenſt irgend eines verwitterten Alchhmiſten alter Zeit, als einem Menſchen dieſer Welt. Altamont würde ſich bei jeder ſeiner Handlungen als einen etwas ſeichten und oberflächlichen Gecken 156 angekündigt haben. Es lag ein Leichtſinn in Allem, dem er ſich hinzugeben beliebte, welcher ihm ſolche geringe Schätzung zuzog, daß was er auch ſagen und thun mochte, weder beachtet noch anders, als das unüberlegte Treiben einer unbedeutenden Perſon an⸗ geſehen wurde. Bei allem dem gab es jedoch eine Unterſtrömung. Es ſchien, als ob er Herr über jeg⸗ liches Ding wäre, in einem Momente die Abſichten Anderer durchdringen könnte, und er war in der That ein ausnehmend geſcheidter Burſche: und doch würde es ſelbſt bei einem zwölfmonatlichen Zuſammenleben unter einem Dache mit ihm noch nicht gelungen ſein, ihn gänzlich auszufinden. Er machte ſich Feinde, wohin er kam— dieß ergötzte ihn; und doch war er Jedermanns Freund im Herzen. Er bekannte ſich als einen Verächter der Welt. Die Geſellſchaft, ſagte er, wäre, ſelbſt in ihren kleinſten Theilen, und wenn man ſie auf's ſorgfältigſte, ſkrupulöſeſte auswählte, vergiftet; und doch fühlte man ſich, mithandelnd auf der Scene, erfreut, das Ziel ſeines fröhlichen Ein⸗ fluſſes zu ſein. Der Ueberlegenheit über die Mehr⸗ zahl ſeiner Mitmenſchen ſich bewußt, war er doch der Letzte, ſich etwas auf ſie herauszunehmen, oder mit der Geſellſchaft, unter welche er zufällig geworfen worden war, unzufrieden zu ſein, und er konnte im⸗ mer, ſeiner Verſicherung zufolge, ſelbſt aus dem voll⸗ Dorftölpel Unterhaltung und Belehrung ziehen. MKilt wiederum war, obwohl er in ſeinem ver⸗ witterten und wilden Aufzuge kaum einem Erdenbe⸗ wohner gleich ſah, ein höchſt ſchätzbarer Menſch und durch und durch Soldat und Gentleman. Unter aller 157 Sonderbarkeit, Kälte und Ruhe des Benehmens ver⸗ barg ſich eine große Seele; und hielt es auch ſchwer, ſein Hochlands⸗Blut in Aufregung zu bringen, ſo würde, war er einmal in Hitze gebracht oder inſultirt, nur Blut die Wunde auszuwaſchen vermocht haben. Nach den Strapazen des Marſches und dem Sturm, den wir durchgemacht hatten, war der er⸗ reichte Hafen doppelt angenehm. Des Kapitäns Die⸗ ner, welcher die Stelle eines Kochs und Aufwärters verſah, richtete uns ein Mahl von Rothwildpret zu, ſchenkte, einen Keſſel Waſſers ſiedend, eine duftende Taſſe Thee ein, ſchlug ein Dutzend friſchgelegte Eier auf Butter und machte für mich unter dem Zelte in der Mitte des Gemachs eine Lagerſtätte zurecht, und wir gaben uns dem Genuß der Stunde hin— „Der Sturm ließ draußen wild ſich hören, Wir ließen uns durch ihn nicht ſtören.“ „Als Sie Ihren Namen, mein guter Sir, dort in der Hütte nannten,“ ſagte Altamont,„war ich von den Einzelnheiten jener Affaire ſo in Anſpruch ge⸗ nommen, daß ich in Wahrheit denſelben kaum be⸗ merkte, und unter den Mühen des Marſches hieher hatten wir, ſo vortreffliche Verbündete wir wurden, an ganz andere Dinge, als an Nachftage nach Titel und Wappen zu denken.“ Ich kannte genug von der Welt, um zu vermuthen, daß die Kenntniß meines Namens und meiner Um⸗ ſtände wahrſcheinlicher die Behaglichkeit der Geſell⸗ ſchaft vergiften, als unſere Fröhlichkeit beim Mahle erhöhen würde. Ich hatte mein Mißgeſchick in dem Genuß der Geſellſchaft dieſes ercentriſchen Paares 158 zu vergeſſen angefangen; die Frage erforderte jedoch, wiewohl ſie der„Ergießung des Lachens mit einem Seufzer Einhalt that,“ eine Antwort. Altamont ſah meine Verwirrung, als ich denſel⸗ ben nannte, und errieth in einem Augenblick die Um⸗ ſtände meines neulichen Rechtshandels. Alsbald ließ er von ſeinem gebieteriſchen Weſen ab und verdop⸗ pelte ſeine Aufmerkſamkeit und Artigkeit; während MKilt, der auch inſoweit mit meiner Geſchichte Ler⸗ traut war, als die Verhandlungen des Kriegsgerichts ſie zur Oeffentlichkeit gebracht hatten, mich gleichfalls mit Artigkeit überhäufte. Es genügte bei dieſen Männern, daß ich unglücklich war; kein Rang, keine Größe, keine Gewalt auf Erden würde dieſelben, als ſie einmal mit meiner Geſchichte bekannt waren, ver⸗ mocht haben, mich nur die leiſeſte Geringſchätzung fühlen zu laſſen. „Fi, was das für eine Nacht iſt!“ ſagte Alta⸗ mont, indem er aufſtand und an das Fenſter trat. „Der Genius des Sturms reitet auf Poſtwinden, Strömung und Wellengerieſel tanzen hier im Lichte. Das Caſtell iſt von Waſſer umgeben. MKilt, wir gleichen einer Bibercolonie in ihrem Lager: ergo wer⸗ den wir ertrinken.“ Mhilt pfiff, erhob ſich von ſeinem Sitz und trat gleichfalls an's Fenſter. Der Mond warf ein zwei⸗ felhaftes Licht und Alles rings herum glich einer See. „Am beſten, wir rufen die Mannſchaft heraus,“ ſagte er.„Ich will den Tambvur holen laſſen.“ „Wozu das?“ erwiderte Altamont.„Ein Ent⸗ rinnen iſt nicht möglich; wir müſſen den Erfolg ab⸗ warten. Laſſen wir ſie ſchlafen, während wir wa⸗ 159 chen. Doch halt; ich will die Wachen von den Mauern einziehen, ſonſt ſterben ſie gleich den Rö⸗ mern— auf ihren Poſten.“ Das Caſtell war auf einem grünen Hügel errich⸗ tet, um deſſen Fuß nordwärts zu gewöhnlichen Zei⸗ ten der Dee ſich wand. Jetzt war der Lauf deſſelben in der übermächtigen Strömung, welche den ganzen Paß erfüllte und bis an die Mauern des Caſtells reichend, deſſen Fundamente zu bedrohen ſchien, un⸗ kenntlich geworden. Die wachſende Fluth drang wirklich durch die vergitterten Schießſcharten, füllte die Kerkerräume und untern Regionen des Gebäudes und endlich glich, da ſie mit jeder Stunde höher und höher ſtieg, das graue Gebäude einem Thurm mitten in der See. Es war eine ängſtliche Nacht. Das Detachement, in den obern Gemächern des Gebäudes einquartirt, ſchlief geſund nach dem ermüdenden Marſch. Die Wachſtube wurde natürlich von den Außen⸗Mauern des Gebäudes zurückverlegt und die Mannſchaft, von da auf die Wendeltreppe geſtellt, ſchaute ängſtlich auf die dunkeln Gewäſſer, wie dieſelben das Licht, welches ſie trug, gleichſam aus der Tiefe eines Brun⸗ nens wiederſpiegelten.*) Die Lage der Soldaten, auf ſolche Weiſe von allem Verkehr und Beiſtand abgeſchnitten, war wirk⸗ lich nicht beneidenswerth, da zu der Möglichkeit des Ertrinkens ſich noch die Wahrſcheinlichkeit des Ver⸗ hungerns geſellte. Während bieſer furchtbaren Fluth lag auf Brämar Caſtle eine Abrheilung der Königs⸗Gränzer(vom 23ſten), wozu der Ver⸗ faſſer gehörte. 160 Altamont hatte der Wache, ſobald er das fort⸗ dauernde Steigen der Fluth bemerkte, geboten, alle Mundvorräthe von unten heraufzuſchaffen, und er beobachtete und bemerkte ſich jetzt ſorgfältig das Vor⸗ rücken derſelben. Mittlerweile erſchien von Zeit zu Zeit der Sergeant der Wache mit einem brennenden Fichtenſpan in der Hand, um über das Steigen des Waſſers auf der Schloßtreppe Zoll für Zoll zu rap⸗ portiren, wie der Matroſe zur See das Bleiloth hebt und deren Tiefe ausruft. „Steigt es immer noch, Sergeant?“ fragte Alta⸗ mont, als der Erſtere mit der Fackel in der Hand auf der Treppe unten ſtand und in den dunkeln Pfuhl wie ein Mann ſchaute, der eben im Begriff iſt, ein kaltes Bad zu nehmen. „Ja, Sir,“ erwiderte der Unteroffieier,„aber es hat eine halbe Minute länger gebraucht, um dieſe letzte Stufe zu erreichen, als bei den vorangehenden.“ „Vie viel Uhr haben Sie, Sergeant?“ fragte der Officier weiter. „Fünfe, Sir.“ „Dann iſt es Zeit zur Reveille; alſo los damit.“ Bald ertönte das laute Schlagen einer gedämpf⸗ ten Trommel, wenige Fuß über unſern Häuptern raſſelnd und rollend, in den Ohren der ſchlafenden Soldaten, und der ſchwere Tritt von fünfzig bis ſech⸗ zig Mann, die aus ihren Betten ſtürzten, erhöhte nur noch den allgemeinen Lärm. Wenn der Leſer nie das Schlagen einer Infan⸗ terie⸗Meſſingtrommel, wie ſie ein britiſcher Tambour ſchlagen kann und will, und noch dazu unter dem⸗ ſelben Dach mit ihm, begleitet von dem kreiſchenden 161 Ton eines hochländiſchen Dudelſacks und dem durch⸗ dringenden Quieckſen einer krummhalſigen Quer⸗ pfeife gehört hat, ſo kann er ſich keine Vorſtellung von dem Lärm machen, welcher jetzt Kapitän MKilt's Mannſchaft aus dem Schlafe weckte. Wirklich vermag nichts, wie bereits erwähnt, die Mannszucht des bri⸗ tiſchen Soldaten zu ſtören, und der Dienſt geht unter Sturm und Schiffbruch ſo ſtetig fort, wie unter Feuer und Belagerung. So begann hier, eingeſperrt in dem einſamen Thurm, abgeſchloſſen und umgeben von dem brüllen⸗ den Gewäſſer, das Geſchäft des Tags mit derſelben Regelmäßigkeit, als ob nichts Außerordentliches ſtattgefunden hätte, und es war in der That ein er⸗ bauliches Schauſpiel, das Syſtem zu betrachten, wo⸗ durch eine Mannſchaft in Ordnung gehalten und dazu gebracht werden konnte, bei Trommelſchlag nie⸗ derzuſitzen, zu frühſtücken, die Schlafſäle aufzuräu⸗ men, ſich anzukleiden und in Reihe und Glied zu treten, und dieß alles in den obern Räumlichkeiten eines Gebäudes, deſſen Grundmauern und Erdge⸗ ſchoß von einer andringenden Fluth überſchwemmt waren, ſo daß ſie ſich ganz in der Lage von Schiff⸗ brüchigen auf einer wüſten Sandbank befanden, welche die Ausſicht haben, von der nächſten Fluth hinweggewaſchen zu werden. Smith, Glücks⸗Soldat. II. 1¹ 162 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Hieher, dieß ſcheint eine der außerordentlichſten Familien, in welche jemals ein Mann von Stand eingetreten iſt.“ „Sir Tunbelly, ich werde jetzt Deine Höhle ver⸗ laſſen; aber ſo lang ich den Gebrauch meiner Sinne behalte, werde ich immer daran gedenken, daß Du — ein verdammt rauher Wilder biſt.“ Ausflug nach Scarborvugh. Unter den im vorigen Kapitel erwähnten Um⸗ ſtänden machte ich alſo meine erſte Bekanntſchaft mit Kapitän M'Kilt und ſeinem nicht weniger ercentri⸗ ſchen Subaltern; und ſolcher Art war die erſte Nacht im Caſtell Brämar. Zum Glück begann das Gewäſſer kurz nach der Reveille und dem Aufmarſch der Garniſon zu ſinken, wiewohl es noch manchen Tag dauerte, ehe wir einen Fuß auf den Raſen, worauf das Gebäude ſtand, ſetzen konnten. Ich brachte einige Wochen bei meinen edeln, gutherzigen Freunden zu und machte dann Anſtalt, mich von ihnen zu verabſchieden. Altamont entſchloß ſich jetzt, da die Landſchaft gangbarer wurde, zu einem kurzen Urlaub und lud mich ein, ihn bei einem beabſichtigten Beſuch bei einem ſchottiſchen Laird, an welchen er ein Empfehlungsſchreiben hatte, zu begleiten. Ich ſuchte mich zu entſchuldigen, da ich ſchüchtern war, in meiner gegenwärtigen Lage neue Be⸗ kanntſchaften zu machen; er ließ jedoch meine Ein⸗ wendungen nichts gelten und wir kamen überein, die Erpedition zuſammen zu unternehmen. 163 Da Rakehelly⸗Hall nicht üher dreißig Meilen von Brämar entfernt war, ſo machten wir uns, nachdem wir von dem trefflichen M'Kilt Abſchied ganommen hatten, mit Schnappſäcken, einen Anzug enthaltend, früh am Morgen auf den Weg, um zu Fuß dorthin zu gelangen. Die Straßen waren in der Richtung, welche wir einſchlugen, an manchen Stellen ſo völlig von der letzten Fluth zerſtört, daß ſie wie tiefe, von einer ein⸗ dringenden Armee ausgeſchaufelte Tranchéen aus⸗ ſahen, während nach allen Seiten mitten unter dem ſchlammigen Niederſchlag der ſinkenden Gewäſſer Ruin und Verwüſtung zu ſehen war. Wir erreichten den Forſt von Rakehelly ſpät in der Nacht, gerade als der Laird und ſeine Freunde die Luſtbarkeiten und lärmenden Gelage begannen, zu welchen ſie beſondere Neigung hatten. Das Haus war offenbar ein eaſtellartiges Ge⸗ bäude, wie wir uns daſſelbe, mitten aus einem ab⸗ ſchüſſigen Wald von ungeheuren Fichten mit ſeinen weißen Thürmchen aufſteigend, von einem fernen Hügel betrachteten, obwohl daſſelbe wirklich in der Mitte eines ziemlich ausgedehnten, mit Rothwild an⸗ gefüllten Parkes ſtand. Es war einer jener lieblichen Orte, bei deren An⸗ blick die Phantaſte des Beſchauers nothwendig zu romantiſchern und aufregendern Tagen zurückkehrt. Als der blaue Rauch über die Spitzen der Wald⸗ bäume aufſtieg, und die im Mondlicht verſilberten und in das dichte Gehölz eingebetteten Thürme un⸗ ſerem bewundernden Blick begegneten, machten wir Halt, um an einige der Heldenthaten — C N 164 welche die Sagengeſchichte der Nachbarſchaft an die Familie des Häuptlings knüpfte, welchem das Be⸗ ſitzthum gehörte. Der laute und fortdauernde Knall von Feuer⸗ waffen ließ ſich deutlich vernehmen, als wir auf der Spitze des Hügels ſtanden und das Haus betrachteten. „Der gegenwärtige Laird von Rakehelly iſt, wie ich gehört habe, ein ercentriſches und halbverrürktes Veſen,“ ſagte Altamont.„Man hat mich wirklich wiederholt vor dem Beſuch, den wir machen, ge⸗ warnt, da er zu Zeiten in ſeiner lebhaften Gemüths⸗ ſtimmung beinahe gefährlich ſein ſoll. Ein Burſche, der eine Beſſerung nicht erträgt. Er verwandelt zu⸗ dem Nacht in Tag, indem er mit der Eule aufſteht und mit der Morgendämmerung zu Bette geht. Kann er gleich dem wilden Jäger im Freiſchütz den Feld⸗ S ſich hingeben? Nimporte, wir werden bald ehen.“ Win ſtiegen alſo den Hügel, worauf wir ſtanden, hinab, tauchten in den dichten Forſt an deſſen Fuß ein, erreichten nach ein paar Meilen den Park, ſtie⸗ gen noch eine Meile im Gehölze auf und betraten die Lichtung an der Front des Hauſes. Ein Erdwall war vor dem großen Bogenfenſter des Wohnzimmers aufgeworfen, welcher es uns, wie⸗ wohl wir jenſeits deſſelben einen Lichtſchimmer er⸗ blickten, unmöglich machte, von der Beſchäftigung der Perſonen, deren wiederholte Schüſſe offenbar aus dem Innern dieſes Gemachs herauskamen, Etwas wahrzunehmen. Gewarnt von einer oder zwei Kugeln, welche an unſern Ohren vorbeiflogen, hielten wir an und er⸗ 165 reichten, einen Umweg machend, die ſteinernen Stu⸗ fen, welche zu der Thüre des Gebäudes führten. Hier trafen wir mehre Forſthüter mit Fackeln in der Hand, welche Altamont, als er ſeinen Namen nannte, in den Speiſeſaal zu der verſammelten Geſellſchaft führten, welche dieſen Augenblick nach dem Frühſtück in ihrer eigenthümlichen Weiſe ſich unterhielt. Ich wurde von der Seltſamkeit der Secene lebhaft ergriffen. Eine lange Tafel, mit den Ueberreſten dieſes Mitternachtfrühſtücks bedeckt, ſtand in der Mitte des großen Saals, an welcher noch mehre der Gäſte verweilten. Andere ſaßen in der weiten Ver⸗ tiefung des auf den Parkgehenden Bogenfenſters und luden und feuerten beſtändig auf den oben beſchriebe⸗ nen Erdwall. Jedermann hatte ſeine eigene Ziel⸗ ſcheibe, über und an welcher ringsherum verſchiedene brennende Laternen aufgehängt waren. Es war in der That eine merkwürdige Partie; der Wirth ſelbſt aber überbot ſie alle ſowohl in Aus⸗ ſehen als Benehmen. Er ſaß auf einem erhöhten Stuhl oben an der Tafel, worauf, wie geſagt, noch das Frühſtückgeräthe ſtand, vermiſcht mit Piſtolen, Büchſen, Vogelflinten, Pulverflaſchen, Kugeln und anderem Zubehör. Wein war von jeder Sorte da, von dem funkelnden Rheinwein bis zum kaiſerlichen Tokaier, ſamt gebrannten Wafſern und Likören aller Art, und ein Cigarrenkiſtchen ſtand auf der einen Seite des Gemachs, ſo groß wie eine Matroſen⸗ Truhe. Der Wirth war ein kurzer, dünner Mann mit ei⸗ nem Wieſelgeſichte, ſpitzen Zügen, rothem, zottigem Haupthaar, kleinem zuckerrohr⸗farbigem Bart und 166 einem lachenden, boshaften, raſtloſen Auge. Dabei befand er ſich in ſolcher Unruhe, daß er kaum einen Augenblick ſtill ſitzen konnte, ſondern beſtändig in ſeinem Stuhl herumfuhr und ſeine Poſition wech⸗ ſelte, als ob er mit dem Veitstanz behaftet wäre. Seine Unterhaltung, welche ruck⸗ und ſtoßweiſe kam, war immer von einem vereinzelten Gelächter begleitet, womit jedes ſeiner Worte begann und en⸗ dete, und zuweilen ſehr beunruhigender Natur. Wenn er zum Beiſpiel plötzlich vorwärts fuhr und nach dem „rauhen, zähen Schlegel eines alten Waſſerhuhns“ griff, ſo bildete immer ein luſtiges„Ha!“ das Vor⸗ ſpiel dazu. Und wenn er einen der Diener oder Gäſte anredete, wurde es immer mit einem lauten „Hu!“ eingeleitet. Es machte ihm Vergnügen, bald für einen orien⸗ taliſchen Sultan, balv für einen römiſchen Kaiſer ge⸗ halten zu werden; und bei ſolchen Veranlaſſungen war er glänzend in ſeinen Geſprächen wie Markus Antonius ſelbſt. Zu andern Zeiten gab er ſich für eine Art Hoheprieſter aus und fand eine Freude daran, ſeine Genoſſen ſich als eine Brüderſchaft von demſelben Orden mit ihm vorzuſtellen. Wenn ſolche Ideen ihn beherrſchten, zeigte er ſich nicht ſo gaſtfrei. Kurz, er war zuweilen wahrhaft wahnſinnig und wenn nicht in angenehmer Stimmung, ſehr gefährlich. Seine Unterhaltung beſtand darin, die Piſtolen, womit ſeine Freunde feuerten, laden zu helfen und die Einſätze zu halten und gelegentlich, wie er ſo da ſaß, nach irgend einem Gegenſtand an den Wänden des Gemachs, der gerade ſeine Phantaſie anzog, krachen zu laſſen. Deßhalb waren die Portraits ſeiner Vor⸗ — 167 fahren und die verſchiedenen anderen Gemälde, welche den Saal ſchmückten, mit Schüſſen durchlöchert und alle Theile der Wände und des Täfelwerks mit Ku⸗ gelſpuren ſo dicht wie die⸗Wände der Geburtsſtätte Shakeſpeare's zu Straford am Avon mit den Na⸗ men der Wallfahrer, welche dieſes Heiligthum beſuch⸗ ten, beſetzt. „Hu!“ ſchrie der Wirth, mit einer lebhaften und erſchreckenden Bewegung, ſeinen welken Zeigefinger nach Altamont im Augenblick, da derſelbe eintrat, ausſtreckend;„hu! wer zum Teufel ſind Sie?“ „Beſinnen Sie ſich, wozu Sie hier ſind,“ ſagte Altamont bei Seite zu mir,„oder Sie bekommen eine gelegentliche Kugel durch den Kopf. Das iſt ſchon vor dieſer Nacht geſchehen. Erlauchter, hoch⸗ mächtiger, allgewaltiger Cäſar,“ fuhr er fort, ſeine Mütze lüftend und auf den Laird zuſchreitend,„ich bringe einen verſiegelten Brief von Eurem Verbün⸗ deten, Lord Coeur de Lion. Ein Beglaubigungs⸗ ſchreiben an Eurem Hofe hier:— durchleſet den Fer⸗ man, Excellenza.“ „Ha!“ ſprach der Laird, die Piſtole, die er eben geladen hatte, in der rechten Hand wägend und ſich in die Spitze des Zeigefingers der linken beißend, während ſein rollendes Auge von Altamont ſich zu mir wandte, in einer Art wahnſinnigen Zweifels darüber, was wir wirklich wären und in ſeiner Staats⸗ halle begehrten; denn da er ſchon zweimal in Ge⸗ wahrſam geſetzt worden war, zeigte er ſich äußerſt mißtrauiſch gegen Fremde, die ſich in ſeine Geſell⸗ ſchaft miſchten oder ſein Haus betraten, und die Sa⸗ chen ſtanden ſo, daß wenn er in uns Unterſuchungs⸗ 168 beamte vermuthete, wir höchſt wahrſcheinlich die Wirkung ſeiner Waffe zu verſuchen bekamen. „Ha!“ ſprach er, nachdem er den von Altamont ihm dargereichten Brief genommen und auf den Tiſch geworfen hatte, ſeinen Ellbogen darauf ſtützend, während er ſich vorwärts beugte und Einen nach dem Andern ſcharf anſchaute,„Lord Coeur de Lion, ſagt Ihr, gut! Traute Freunde und heilige Brüder,“ fuhr er fort, zu den verſammelten Sports⸗Liebhabern gewendet, welche alle offenbar ſo wahnſinnig als er ſelbſt waren,„heran zur Tafel und einen Becher ge⸗ füllt mit Fieiß. Ein Willkomm für meine neuen Freunde hier! Gentlemen, ich heiße Euch beide will⸗ kommen mit einem Liebestrunk. Da iſt Staub und Aſche, Sterblichkeit und Elend und Unbeſtand für uns alle.“ Nachdem er dieſen Toaſt getrunken, wurden die Glüſer alle über den Kopf hinweggeworfen; die Pi⸗ ſtolenſchützen kehrten zu ihrem Beruf zurück und die Partie, die ſchon zu einem hohen Betrag angewachſen war, nahm ihren Fortgang, und es über die Brücke weg brennen zu laſſen, war das ganze Vergnügen Alker für wenigſtens zwei Stunden. Die Geſellſchaft beſtand größtentheils aus Män⸗ nern von ebenſo ercentriſchen Gewohnheiten, als der Virth ſelbſt; Männern, welche während ihres Be⸗ ſuchs zu Inchkeithing ſich ſeinen Launen hingebend und ſein unſinniges, raſtloſes Thun nachahmend, ge⸗ wiſſermaßen zugleich ihrer eigenen Neigung den Lauf ließen. Sie nannten ſich gelegentlich ſelbſt die Höl⸗ lenbewohner und bildeten eine Art Klubb, der einmal im Jahr ſich zu Rakehelly⸗Hall verſammelte, wo der 169 Laird der perpetuirliche Hauptſünder, Oberteufel oder Präſes der Gelage war, und da es galt, es dem Vor⸗ mann, ſo lang die Zuſammenkunft dauerte, gleich zu thun, ſo erregten ihre tollen Einfälle und wahnſinni⸗ gen Thaten das Erſtaunen der ganzen Gegend. Der Klubb beſtand aus zwanzig Mitgliedern, alle durch und durch Teufel, und die Zahl durfte nicht vergrö⸗ ßert werden. Wirklich hatten ſie einer oder zwei Perſonen, welche ſich in ihre erkluſive Geſellſchaft zu miſchen verſuchten, ziemlich ſeltſame und rohe Streiche geſpielt. Etwa ein Dutzend Durchunddurchs waren bei die⸗ ſer Verſammlung zugegen; einige davon Schotten, einer oder zwei Irländer und einige Engländer. Eine wahnſinnige und raſtloſe Brüderſchaft, wiewohl gent⸗ lemänniſch in Sthl und Manieren, wie natürlich— da alle den höhern Claſſen der Geſellſchaft angehör⸗ ten: nur vielleicht etwas zu lärmend, da ſie ſämmtlich in gegenwärtigem Augenblick mehr Brandy als Ge⸗ hirn im Kopf hatten. Spieler waren ſie, weil dieß der Firniß eines vollkommenen Weltmannes iſt; und Philoſophen nannten ſie ſich ſelbſt, weil ſie der Außen⸗ welt den Rücken kehrten und Valet ſagten— von der Zeit ſelbſt nur nach deren Verluſt Notiz nehmend. Daß ſie die Nacht an die Stelle des Tages ſetzten, war die geringſte ihrer Excentricitäten, da dieß zur Zeit der Londoner Saiſon in der faſhionabeln Welt häufig geſchieht. Die Helden behaupteten jedoch, zur Zeit von Phöbe's Herrſchaft ihren ländlichen Beiu⸗ ſtigungen mit größerem Genuß ſich hingeben zu kön⸗ nen, als zur Zeit, wenn der ſtrahlende Phöbus ihre Thaten beſchiene. Der Laird ſelbſt, der, wie geſagt, 170 zweimal in einem Irrenhauſe untergebracht worden war, hatte es wirklich Jahre lang ſo gehalten, und da die Geſellſchaft nur ſechs Wochen zuſammenblieb, ſo ließen es ſich die Mitglieder dieſe Zeit über gefal⸗ len, die Ordnung umzukehren und ſeinem Geſchmack ſich zu fügen. hegt, nachdem über die einzuſtreichenden Sätze entſchieden worden war, ſchickte ſich die Geſellſchaft an, ihren Unterhaltungen nach den Regeln und Vor⸗ ſchriften ihres Wirthes ſich hinzugeben. Eine Stunde lang war Würfelſpiel geſtattet, mit Einſätzen ad libitum*), nur mußten ſie von dem Laird gehalten werden. Dann kam, vom Mondſchein begünſtigt, ein Pferderennen, da eine regelmäßige Rennbahn im Park war. Sofort das Hauptmahl, in der großen Halle um zwei Uhr aufgetragen, nach feudalem Style, indem die Hauptperſonen nach ihrem Rang ſaßen, die Dienerſchaft an einem niedrigern Tiſche. Her⸗ nach folgten eine Otterjagd, ein Lachsſtechen, ein Ka⸗ ninchenſchießen nebſt andern Zerſtreuungen, wie ſie dem Wetter oder der Jahreszeit angemeſſen waren, bis bei Tagesanbruch das Souper ſervirt wurde. Dieß war die Lebensweiſe der Brüder von Inch⸗ keithing. Die Geſellſchaft dauerte etwa drei Jahre, an deren Ende ihre Mitglieder meiſtens hors de com- bat**) waren. um jedoch zu den gegenwärtigen Unterhaltungen zurückzukehren, war ein Pferderennen das erſte in der Reihenfolge. Der Mond ſchien hell und die ganze ) Nach Belieben. **) Kampfunfähig. A. d. U. 17¹ Gegenb war von ſeinen Strahlen verſilbert. Die Pferde waren vortrefflich und die Einſätze hoch, da jeder Mann ſein eigenes Pferd ritt. Dann kam eine Regatta, mit flachen Booten, welche die Gegner auf jede mögliche Weiſe eine Strom⸗ ſchnelle im Dee, welcher durch den Inchkeithing⸗Park floß, hinauf rudern oder vorwärts bringen ſollten. Ein Mitglied war bereits bei dieſem Verſuch ertrun⸗ ken und noch Keinem das Heldenſtück gelungen, ein⸗ fach weil es eine Unmöglichkeit war. Nach dieſem Werke, welches den dabei Betheiligten für ihre An⸗ ſtrengungen ein tüchtiges Waſſerbad eintrug, wurde das Mahl aufgetragen, und die brüderlichen Freunde überließen ſich dem Trunke mit einer Aufopferung, welche der Mönche alter Zeit würdig war. Nachdem ſie gleich einer ordentlichen Bande Zechgenoſſen ge⸗ ſchrieen und geſungen hatten, endeten ſie ihre Orgien damit, daß ſie ihre Pferde zu einer Art Mitternachts⸗ Parade und Mondſcheins⸗Streifritt durch die Ge⸗ gend vor die Thüre beſtellten. Da nun auch für Altamont und mich Pferde gebracht wurden, ſo ſtieg die ganze Geſellſchaft auf und ſetzte ſich kopfüber zu einer Erpedition in Marſch, wobei, da Mandeville, der Laird, an der Spitze ſich befand,„der Teufel hole den Hinterſten“ die Loſung war. Sie hatten bald die Grenzen des Parks hinter ſich und flogen durch den kleinen Weiler, die Einwohner aus ihrem Schlafe, das ganze Dorf von ſeinem Eigen⸗ thum durch ihren Lärm und ihr baechanaliſches Ge⸗ ſchrei aufſchreckend. Dann galoppirten ſie durch den Fichtenwald jenſeits, und hielten, über das wüſte Moorland rennend, auf die Hügel zu. 172 Nachdem ſie eine Strecke weit längs der Berg⸗ ſpitzen hingaloppirt hatten, zogen ſie endlich den Zü⸗ gel an, ſprangen von den ſchnaubenden Pferden, banden ſie an Pfähle an und beobachteten, ſich auf die Haide an einen Gebirgsbach werfend, das erſte Anbrechen der Dämmerung; ſobald dieſelbe ſich zeigte, ſtiegen ſie wieder auf, formirten eine Linie auf dem Rücken der Anhöhe und begannen ein Kirchthurm⸗ rennen nach Hauſe, in Vergleich mit welchem jedes Rennen der Art, das jemals ſtattgefunden, meines Erachtens eitle Lumperei war. Durch ein Wunder kam die Geſellſchaft in dieſem Fall, wie das eine oder andere Mal am nächſten Tage, wohlbehalten nach Hauſe, aber die Hälfte ihrer Pferde war total ruinirt. Zwei hatten den Rücken gebrochen, und zwei andere waren gleich Fitzjames' Roß zum Fraße für den Hochlands⸗Adler unter den Felſenklippen zurückgelaſſen worden. Altamont und mir gelang es, kurz nach Mande⸗ ville und ſeinen Genoſſen Rakehelly⸗Hall zu errei⸗ chen, wo wir mit Tagesanbruch an dem Souper uns betheiligten; und da wir von deren Excentricitäten genug geſehen hatten, nahmen wir, als der Wirth ſich zu Bette begab, um von den Strapazen ſeiner mitter⸗ nächtigen Orgien auszuruhen, Abſchied und ſchlugen den Weg nach Süden ein. Es war eine Freude, mit einem ſo angenehmen Geſellſchafter, wie mein neuer Freund zu reiſen. Wir waren in dem Lande der Romantik; und da er ſchon einige Zeit in den Hochlanden ſtationirt geweſen war, ſo kannte er die Nachbarſchaft wohl. 173 „Der Fels, das Thal an unſeres Weges Rand, War hier in Lied und Sage viel genannt.“ Als wir die Hauptſtraße erreicht hatten, führte unſere Beſtimmung uns nothwendig nach verſchiede⸗ nen Richtungen. Er gehörte ſeinem Detachement an, und es bedurfte eines ſehr beſchleunigten Mar⸗ ſches, wenn er vor Einbruch der Nacht daſſelbe zu er⸗ reichen gedachte. Meine Beſtimmung wäre in die⸗ ſem Augenblick ſchwieriger anzugeben geweſen, aber ich drückte ein lebhaftes Verlangen aus, nach der guten Stadt Aberdeen, etliche ſiebzig Meilen ſüdwärts von dem Punkte, wo wir uns gerade befanden, zu ge⸗ langen. Altamont verſuchte alle ſeine Ueberredungsgabe, mich zur Rückkehr mit ihm und zu längerem Verweilen in Brämar zu bewegen; aber ich hatte keine Luſt da⸗ zu und war entſchloſſen, die Straße zu verfolgen und mein Glück im Süden zu verſuchen. Ich fühlte den geheimen Wunſch, allein zu ſein, über meine Lage nachzudenken und in Erwägung zu ziehen, welche Laufbahn ich fernerhin am füglichſten einſchlagen könnte. Verwandte hatte ich keine, von denen ich viel wußte, oder um die ich mich viel kümmerte; we⸗ nigſtens keinen, welcher den entfernteſten Antheil an meinem Schickſal nahm. Meine Gedanken weilten jedoch noch immer bei meinem Vater. Ich begehrte ſehr, etwas von ihm zu hören, wiewohl ich entſchloſ⸗ ſen war, lieber zu verhungern und ſtückweiſe zu ſter⸗ ben, als nach ſeinem unfreundlichen Benehmen ihn um Unterſtützung zu bitten. England ſchien mir darum das paſſendſte Ziel meiner Beſtimmung zu 174 ſein, und ich nahm mir vor, ſobald ich ſchicklicher Weiſe konnte, mich dahin zu begeben. Zum erſten Mal in meinem Leben fühlte ich den Werth des Gel⸗ des, und die armſeligen hundert Pfund, die ich in meiner Taſche trug, betrachtete ich weislich als mei⸗ nen einzigen irdiſchen Freund. Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Was, was, was? Unglück, Unglück.“ „Ei, Verluſt über Verluſt! Der Dieb fort mit ſo viel, und ſo viel findet der Dieb; und keine Genugthuung, keine Rache: und nirgends verlautet von einem Unglück, als was auf mei⸗ nen Schultern laſtet.“ Shakſpeare. „So leben Sie wohl,“ ſagte Altamont;„da Sie nicht länger vergnüglich in dem grünen Aſyl von Brämar bei uns weilen und der Welt außerhalb der Hochlande entſagen wollen, ſo müſſen wir, vermuthe ich, hier ſcheiden. Ich hoffe jedoch zuverſichtlich, Sie in der großen Metropole, wenn ich von Exil und De⸗ tachement erlöst bin, zu treffen.“ „Das würde mir mehr Vergnügen machen,“ er⸗ widerte ich,„als ich hier ſagen will, oder Sie glau⸗ ben. Aber wirklich, ich hoffe, daß es nicht geſchieht. Der beſte Wunſch, den M'Gregor für ſeine Freunde hat, iſt, daß er ſie nicht mehr ſehen möge.“ 175 „Still— ſtill!“ entgegnete Altamont;„Sie ſehen die Dinge von der Schattenſeite an. N'importe: ich werde bald in London ſein und Sie ſogleich nach mei⸗ ner Ankunft beſuchen und nicht eher verlaſſen, als bis ich Sie in eine Lage, um Ihre Feinde auszu⸗ luhe„ verſetzt und mit Ihren Lieben ausgeſöhnt abe.“ „Sie werden, fürchte ich, das kaum auszuführen vermögen und bei dem Verſuch nur Ihre eigene Stel⸗ lung in der Geſellſchaft einbüßen. Es iſt Etwas, Altamont, ſich mit einem Mann zu hefreunden und ſein Genoſſe zu werden auf den nebeligen Gebirgs⸗ höhen oder hinter den Mauern von Brämar; aber es iſt ein Anderes, mein Freund, mit ihm die James⸗ Street hinabzuſpaziren und ſeine Bekannten in der Hauptſtadt denſelben hinunter würgen zu laſſen.“ „Und Sie ſetzen mich alſo in eine Claſſe mit jenen Inſecten der Saiſon, jenen Figuranten des Ballſaals, den grinſenden Sykophanten der Souper⸗Stunde, den Ueberreſten der Saiſon, jenen geiſtloſen Waſſer⸗ motten, welche ohne ein natürliches Attribut zu ihrer Empfehlung ſich an eine Perſon von Rang oder Au⸗ torität in der Welt anhängen und beſonnt von dem Auge der Faſhion, beinahe auf ihrer Mutter Erde un⸗ berathen zu gehen fürchten, um nicht ihren Platz auf dem Standort, an welchen ſie ſich anklammern, zu verlieren. Denken Sie, ich fürchte den Blick ſol⸗ cher kalten Schatten wie dieſe? Nein, mein guter Burſche; ich habe es geſagt und will thun, was ich verſprochen habe. Laß Dich nur von mir führen und ich will Dir durch Deine Schwierigkeiten hindurch⸗ helfen. Folgen Sie alſo Ihren eigenſinnigen Ideen, 176 und tieferes Verderben ſtarrt Ihnen in's Geſicht, als das Sie hinter ſich haben. Nehmen Sie meinen Rath an; kehren Sie mit mir nach Brämar zurück, ſchreiben Sie ſogleich an Ihren Vater und bekennen Sie ihm Ihre Lage; und bis Sie Antwort erhalten, iſt mein Urlaub angekommen.“ Vergeblich ſuchte Altamont mich zur Rückkehr mit ihm zu überreden. Selbſt ſeine Geſellſchaft war mir zuwider, und indem ich verſprach, ihm meine Adreſſe in London zu ſchreiben, ſchieden wir. Die, welche nie über die Gebirge Schottlands wan⸗ derten und jene einſamen Wohnorte beſuchten, weit außerhalb des Vereiches von einem gewöhnlichen Rei⸗ ſenden, haben keine Vorſtellung von der Einſamkeit und Schönheit der Landſchaft. Das Thal, welches ich einige Meilen weit durchzog, verwirklicht Scott's Beſchreibung von Glendear'dz und als beim Umwen⸗ den um den Fuß des dunkeln Hügels die kleine Woh⸗ nung weit in der Ferne vor mir erſchien, der Bach, der unter der grünen Anhöhe, worauf ſie ſtand, da⸗ hin floß, mit den in furchtbarer Erhabenheit rings herum aufſteigenden Bergen, erwartete ich beinahe, Dame Glendenning ſelbſt zum Willkomm auf mich zuſchreiten zu ſehen. Die Sonne war im Untergehen, als ich die Hütte erreichte, und ich hielt an, die Schönheit des einſamen und etwas öden Ortes, wo ich ſtand, zu betrachten. Es war gerade eine von jenen abgelegenen Behau⸗ ſungen, wo in den Tagen des Streites und heftigen Kampfes ein geächteter oder für vogelfrei erklärter Häuptling, vder eine Bande ſpitzöhriger Whigs vor der Verfolgung ihrer wilden Feinde ſich hätte in Verſteck 177 legen können. Sie war nur mit Mühe der Zerſtö⸗ rung entgangen, welche ſo manche ähnlich gelegene Hütten während der letzten Fluthen betroffen hatte; denn die Anhöhe, worauf ſie ſtand, war an einzelnen Stellen von dem ſtürzenden Bergſtrom unterwühlt, während viele der kleinen, kultivirten Flecke, über welche das Waſſer gegangen war, verwüſtet und mit losgeriſſenem Haidekraut, Baumwurzeln, Lehm und Schlamm bedeckt erſchienen. Da ich Niemand, mich zu empfangen, außen traf, ging ich durch den kleinen Hof und trat in die Hütte. Der Torfrauch war meiner Naſe willkommen, da er mir von Ruhe und Erholung ſprach, und in Wahr⸗ heit bedurfte ich Beides nach meinem etwas beſchwer⸗ lichen Gang. Ich fand jedoch Niemand in der Hütte, als eine ältliche Frau, welche neben dem Torffeuer ſpann und ſang. Eine Art Haube war über ihre grauen Locken gezogen, und eine abſcheulichere alte Hexe hatte mir mein Schickſal nie zuvor in den Weg geführt. Als ich hereinkam, ſchaute ſie um, und mich er⸗ blickend ſprang ſie lebhafter, als ich ihrem Alter nach für möglich gehalten hätte, auf und ſtellte ſich ſogleich vor mich hin. Sie war offenbar nicht die gute Frau der Hütte, und ich nahm ſie zuerſt für eines jener wahnſinnigen Geſchöpfe, die man noch jetzt in ven Hochlanden herumwandern ſieht, wahrſagend, in dem Winkel am Feuerherd alte Lieder ſingend, für ein Stück Almo⸗ ſenbrod und ein Nachtquartier, deſſen Verweigerung den einfachen Hüttenbewohnern nach ihrer Anſicht Unglück bringen würde. Smith, Glücks⸗Soldat. I. 12 „ 178 „Was Teufels brauchen wir Kriegsleute oder Eich⸗ meiſter hier?“ ſagte ſie ſchnell, indem ſie mir in's Geſicht ſtarrte. „Wer ſagte Euch, mein gutes Weib, daß ich das Eine oder Andere ſei?“ „Brämar,“ erwiderte ſte ſchnell;„Ihr kommt von Brämar. Ihr ſeid einer von den Officieren. Ihr ſeid zur Wache nach dem Schloß geſchickt worden. Wie kommt Ihr hieher, in's Teufels Namen? Folgt mir hinaus, wenn Ihr klug ſeid.“ Sie ſchlich ſich aus der Hütte, als eine andere Weibsperſon aus einem innern Gemach erſchien. Ich änderte ſogleich meinen Vorſatz, jener zu folgen, und wandte mich an dieſe, in welcher ich nicht mit Unrecht das Weib des Hausbeſitzers vermuthete. Sie war ein mürriſch ausſehendes häßliches Individuum; und auf meine Bitte um einige Erfriſchung, und nachdem ich von dem Ort, wohin ich wollte, und dem langen Marſch, den ich ſeit dem Morgen gemacht, ihr er⸗ zählt hatte, würdigte ſie mich keiner weitern Ant⸗ wort, als daß ſie mir Haferkuchen, Milch und ein Stück ſchimmeligen Käſes brachte. „Eure Meilen ſind lang, meine gute Frau,“ ſagte ich,„und die Gegend iſt ſehr zerriſſen. Könnt Ihr mir nicht ein Nachtquartier in Eurer freundlichen Huͤtte geben?“ „Nein,“ antwortete ſie verdrießlich,„wir ſind für Leute Ihresgleichen nicht eingerichtet.“ In dieſem Augenblick, und als icheben mein Mahl beendete, kehrte die alte närriſche Perſon zurück, nahm ihren Sitz wieder ein und begann, eine andere von ihren alten Balladen zu trillern. 179 Sie wünſchte augenſcheinlich meine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zu ziehen; denn als ich mich umdrehte, da die häßliche Wirthin gerade anderswohin ſah, bemerkte ich, wie ſie mir heimliche Zeichen machte, die Hütte zu verlaſſen. Etwas betroffen über ihr Benehmen, und wiewohl ich die Abſicht gehabt hatte, eine halbe Stunde auszuruhen und, wenn ſich eine Gelegenheit hiezu böte, zu übernachten, ſtand ich alſo auf und bot der ſauertöpfiſchen Wirthin Bezahlung. Sie ſchlug jedoch das Geldſtück, welches ich ihr darbot, wiewohl etwas höflicher aus.„Bah!“ ſagte ſie,„es war nicht den vierten Theil von dem werth. Es war gern geſchehen: man nahm kein Silber von Reiſenden; dergleichen kamen ſelten dieſes Wegs, und wenn ſie kamen, ſo war hier doch kein Wirthhaus.“ Als ich der Parze beim Abgang aus der Hütte zu⸗ winkte, deutete ſie bezeichnend mit ihrem riſſigen Fin⸗ ger nach der Richtung hin, von welcher ich eben gekom⸗ men war, als wollte ſie mich umzukehren ermahnen. Ich ſchenkte jedoch ihrem Thun keine Aufmerkſam⸗ keit, machte auch keine weitere Frage, ſondern nahm, wiewohl mir bei den erſten Schritten der Umſtand ziemlich ſonderbar und die Hochlands⸗Gaſtfreund⸗ ſchaft, die ich genoſſen hatte, etwas beſchränkt vor⸗ kam, meine Laſt auf mich und ſchritt gleich dem Chri⸗ ſten in der„Pilgerreiſe“ meines Weges weiter. Die Schatten des Abends ſtiegen jetzt ſchnell herab, die Hügel hüllten ſich in tieferes Braun, und der Wind ſeufzte melancholiſch und traurig durch das Thal, welches für einen Liebhaber von der wilden Poeſie Oſſtan's höchſt anziehend geweſen wäre. Da das Thal ſo öde war und ich 180 fünf Meilen vor mir hatte, ehe ich zu einer andern bewohnbaren Stelle kam, riß ich einen ſtarken Pfahl aus einer der Hürden, ehe ich den Umkreis des klei⸗ nen Gehöftes verließ. Die Warnung der alten Frau hatte mich für den Augenblick bedenklich gemacht, und ich fühlte, irgend Etwas in der Hand, was einer Waffe gleich ſah, würde ſowohl umgänglich, als viel⸗ leicht von Nutzen ſein. Der Weg, den ich machte, lief an dem Rande des Baches, der ſich zwiſchen Hügeln durchwand, hin; zu meinem Erſtaunen jedoch fand ich, als ich um den Fuß des erſten Hügels jenſeits der Hütte herum war, meine Parze und verwitterte Freundin, die ein Stück abgeſchnitten hatte und hier neben dem Bach auf mich wartete. „Habe ich Sie nicht gewarnt, dieſen Weg einzu⸗ ſchlagen?“ ſagte ſie, ſobald ich herankam.„Habe ich Ihnen nicht ein Zeichen gegeben, nicht weiter in dem Thale zu gehen?“ „Und warum nicht, meine gute Frau?“ „Es liegt Gefahr auf Ihrem Pfade.“ „Wer wird mir Etwas zu Leide thun? Raub iſt in Eurem Lande beinahe unbekannt; und für mich fürchte ich Nichts. Warum auch? ich habe Niemand Etwas zu Leide gethan.“ „Sie haben von dem Brod derer gegeſſen und aus ihrem Becher getrunken, welchen Sie erſt kürz⸗ lich Unrecht gethan haben,“ erwiderte die Bettlerin. „WVeſſen Brod habe ich gegeſſen, närriſches Weib,“ fragte ich,„worauf Du anſpielen kannſt?“ „Jener Frau dort,“ erwiderte die Unholdin, auf die Hütte zurückdeutend.„Sie haben ihren Mann 181 und ihren Sohn mit den verfluchten Soldaten ein⸗ gekerkert, ihre Hütten verbrannt und den guten Li⸗ queur in den Bach geſchüttet. Sie haben dieſelben gänzlich in's Verderben geſtürzt.“ „Wenn Ihr auf die Gefangennehmung einiger Schmuggler auf den Hügeln jenſeits Toumantvul Wiſ ſo habe ich damit ſo wenig zu thun, als 6 „Sind Sie nicht von Brämar?“ ſagte ſie unge⸗ duldig,„und ſind Sie nicht in des närriſchen Man⸗ deville's Schloß dort in Donſide geweſen. Sie wiſ⸗ ſen, es iſt ſo, denn ich ſah Sie zu Brämar. Gehen Sie nicht das Thal hinunter,“ fuhr ſie fort;„ich ſage es Ihnen offen, ſie paſſen Ihnen ſchon ſeit zwei Ta⸗ gen auf, und man wird Ihrer nicht ſchonen.“ „Lächerlich!“ ſagte ich,„was habe ich mit den Leuten hier zu thun? Ich habe mein Leben lang noch keine Hütte abgebrannt.“ „Wohl, wohl, Mann, thun Sie, wie Ihnen be⸗ liebt. Gehören Sie nun zur Garniſon oder nicht, man kennt Sie und merkt auf Sie, und wird nicht erfreut ſein, Sie wieder zu ſehen, wo die Brennblaſe an der Arbeit iſt, das iſt Alles. Sagen Sie nicht, Sie ſeien nicht vorher gewarnt worden.“ So ſprechend drehte ſie ſich um und kehrte nach der Hütte zurück. Ich kann nicht ſagen, daß ich an dieſer Warnung, als ich über ſie im Weitergehen nachdachte, ſon⸗ derlich Gefallen fand. Es war nicht unmöglich, daß man mich mit Altamont und M'Kilt im Walde Roth⸗ wild ſchießen geſehen, mich erkannt und für einen der Officiere genommen hatte. 182 Mein Weg lief noch immer längs des kleinen Fluſſes hin, der jetzt ſeichter und breiter geworden war und bis auf ſeinen Kieſelgrund nicht einen Fuß Tiefe hatte. Eine ländliche Brücke, die über denſelben gebaut worden, war jetzt abgebrochen und nur da und dort ein Pfeiler übrig geblieben, um von ihrer frühern Exiſtenz Kunde zu geben. Etwa eine Meile von dieſen Trümmern ſollte ich nach Altamont's Anweiſung mich auf die rechte Seite ſchlagen; eine Meile weiter würde ich, ſagte er mir, nach einem kleinen Wirthshauſe gelangen, wo ich wyhl ein Bett für die Nacht finden könnte. Ich begann mir ſelbſt zu der nahen Beendigung meiner Reiſe Glück zu wünſchen, als ich gelegentlich den Kopf umwendend mir drei Männer nachkommen ſah, welche in der Entfernung von etwa einer Vier⸗ telmeile ſchnell auf dem Weg, den ich zurückgelegt hatte, vorwärts marſchirten. Aus ihrem Benehmen erkannte ich ſogleich, daß ſie in einer Verfolgung be⸗ griffen waren. Sie liefen ſehr raſch, als ich ſie zu⸗ erſt erblickte, mäßigten aber ihren Schritt, ſobald ſie ſahen, daß ich ſtill hielt und ſie anſchaute. Die einzige Wahl, die mir blieb, war, gradaus zu eilen, und wirklich mehr ſpringend als gehend, ſuchte ich ſo ſchnell als möglich vorwärts zu kommen. Das Flüßchen verengerte ſich wieder und floß jetzt zwiſchen ſtetlen Uferbänken dahin, während der Pfad rechts anſtieg. Als ich hinauf eilte, verbarg eine leichte Wendung auf einen Moment ſie vor mei⸗ nen Blicken, und ich begann gerade bei mir zu über⸗ legan, ob etwas Entwürdigendes für mich darin läge, Ferſengeld zu geben, da Drei gegen Einen doch gar 183 zu ungleich war, als ich den Pfad vor mir gleichfalls beſezt fand, indem zwei Männer ruhig den felſigen Abhang an der Seite deſſelben herabſtiegen und nicht dreißig Ellen von mir Poſto faßten. Zur Ueberlegung blieb nur kurze Zeit und hun⸗ dert Jahre Nachdenkens hätten mich nur zu dem Schluß gebracht, zu dem ich im Augenblick, da ſie mir zu Geſicht kamen, gelangte. Ob ich entrinnen konnte, oder nicht, die einzige Wahl, die mir blieb, war, zu verſuchen, was kräftiger Widerſtand ver⸗ mochte. Das Benehmen der beiden Schufte auf meinem Pfade belehrte mich hinlänglich, daß ſie Böſes im Sinn hatten. Sie blieben mürriſch vor mir ſtehen, ſo daß ich nicht vorüber konnte. Jeder hatte einen ſtarken Knüttel in der Hand. Ich ſchritt feſt vor⸗ wärts, bis ich auf ſechs Ellen ihnen nahe war; dann nahm ich das Ende meines Heckenpfahls in die rechte Hand, faßte ihn, wie der Soldat ſeine Muskete hält, das Bajonett feſt in der linken, ſprang auf den Bur⸗ ſchen, der mir zunächſt ſtand, los und ſtieß ihm die Spitze mit beträchtlicher Kraft in die Magenhöhle, ſo daß er hors de combat war, ehe er wirklich einen Streich führen konnte. Beide hatten ſich zu furcht⸗ baren Schlägen gerichtet, als ich auf ſie losſtürzte; meine Geſchwindigkeit war jedoch das Mittel gewe⸗ ſen, ihren Knüttein auszuweichen. Ich wandte mich ſogleich gegen den andern Schuft und war eben auf dem Punkt, ihn rückwärts in den Fluß zu treiben, als ich durch einen ſchweren Schlag auf das Hinter⸗ haupt zu Boden geſtreckt wurde. Ich war jedoch für den Augenblick nur betäubt 184 und hatte, mir bewußt, daß ich gänzlich in der Ge⸗ walt meiner Feinde war, ſo viel Beſinnung, mich vollkommen ruhig zu verhalten, während ſie meine Taſchen ausleerten und ſich in den Beſitz meiner Brieftaſche ſetzten, die beinahe Alles, was ich in der Welt beſaß— meine armen hundert Pfund enthielt. Sobald ſie dieſelben fanden, erhoben ſich drei von den Vieren aus ihrer gebückten Stellung und unterſuchten deren Inhalt. „Verflucht ſei der Burſche!“ ſagte der Mann, deſſen Kamaraden ich niedergeſtreckt hatte,„er hat Mundoch den Garaus gemacht, fürchte ich; der arme Burſche blutet aus Mund und Naſe wie ein Schwein.“ „Nun, wir haben dem Burſchen auch einen tüch⸗ tigen Schlag verſetzt,“ ſprach ein Anderer, der mir auf der Bruſt kniete.„Am beſten, wir werfen ihn in den Bach, ehe er zu ſich kommt; er ſinkt gleich ei⸗ nem Stein.“ „Nein, nein, damit iſt es nicht abgemacht,“ er⸗ widerte der Andere;„das könnte uns verrathen. Zieh ihm dein Meſſer, Mann, durch die Luftröhre; dann nehmen wir den Taugenichts in die Hütte hinab und verbrennen ihn.“ Mir wurde übel bei den Worten. Zu ſterben iſt, wie Eugen Aram ſagt, natürlich und nothwendig; aber die Art und Weiſe iſt Etwas, was ſchicklich und mannhaft ſein ſollte. Gleich einem Kalb von dieſen Fleiſchern hingeſchlachtet zu werden, war Alles, nur nicht angenehm, und ich beſchloß Einſprache zu thun und dem Anlegen des Meſſers an meine Halspuls⸗ ader aus aller Kraft mich zu widerſetzen. Vier gegen einen war jedoch ein großes Mißverhältniß. Auf 185 den Beinen, hätte ich mit Fechten, gleich Makbeth, mich begnügen können,„bis das Fleiſch von meinen Knochen abgehackt war,“ aber wie ein Schwein auf einen Schragen niedergedrückt zu werden und den Schnitt des ſcharfen Meſſers durch meine Luftröhre zu fühlen, war eine ſchreckliche Betrachtung. Drei der Burſche waren noch immer damit be⸗ ſchäftigt, meine Brieftaſche durchzuforſchen. Der Vellenſchlag des Fluſſes ließ ſich unter der Uferbank, worauf ich lag, vernehmen, und ein plötzlicher Ge⸗ danke fuhr mir durch den Kopf. Der Burſche, der über mich Wache hielt, ließ einen Augenblick von mir ab, um in ſeiner Taſche nach dem Meſſer zu ſuchen, welches meinen Lebensfaden ab⸗ ſchneiden ſollte, um mich wie ein Kalb abzuſtechen. Mit einer plötzlichen und heftigen Anſtrengung riß ich mich vollends von ihm los, überwälzte mich ſchnell einmal, ehe er ſich wieder faßte, und fiel im nächſten Augenblick wie eine Waſſerratte in den Strom. Kein ſchiffbrüchiger Seemann fühlte je das ange⸗ nehme und kühlende Süßwaſſer der Wüſte ſeiner Kehle willkommener, als mir die kalten Fluthen waren, die über meinem Körper zuſammenſchlugen, als ich in den Fluß tauchte; ich ließ mich mehre Fuß tief ſinken und drang wie eine Fiſchotter eine Strecke weit unter dem Strom vorwärts. Als ich wieder zur Oberfläche ſtieg, fand ich, daß meine Verfolger ſo klug waren, als ich. Sie kannten genugſam die Gewohnheiten des erwähnten Thieres, um zu wiſſen, daß, wenn ich ſchwimmen konnte, ich bald heraufkommen mußte, um Luft zu ſchnappen, waren längs des Fluſſes hingelaufen und ſahen mich, 186 ſobald ich mich an der Oberfläche zeigte. Zum Glück für mich war ich ein erfahrner Schwimmer, gleichwohl fand ich, daß es einen harten Kampf koſten mußte, wenn ich einer irrthümlichen Ermordung zu entgehen gedachte. In meinem Knabenalter hatte ich mich darin ge⸗ übt, in verſchiedenen Flüſſen unweit Grange unter⸗ zutauchen und unter dem Waſſer zu ſchwimmen, und war darum ganz in dem Element zu Hauſe; ſobald ich nun das Geſchrei, das meine Verfolger vom Ufer aus erhoben, vernahm, ließ ich mich wieder ſinken. Dießmal jedoch änderte ich mein Spiel und drehte mich, anſtatt mit dem Strom zu ſchwimmen, unter der Oberfläche um, und wiewohl ich nicht wie eine Forelle oder ein Lachs mich gegen die ſtarke Strömung ſtemmen konnte, hielt ich doch meinen Kopf gegen dieſelbe und ſtrebte aus aller Macht mit einer halben Wendung gegen das jenſeitige Ufer. Die halbe Minute Athemholens hatte mir nicht nur gezeigt, daß mich von Seite meiner Feinde der Untergang erwartete, ſondern ich hörte auch deutlich das Gebrüll des Stroms gerade vor mir, was mich ſammt dem Rauſchen des über mich hinwegeilenden Waſſers auf die Vermuthung brachte, daß aller Wahrſcheinlichkeit ein kleiner Katarakt oder eine Stromſchnelle in der Nähe war. Ich ſtrebte alſo— das einzige Mittel, das mir blieb, nach dem jenſeiti⸗ gen Ufer, faßte, in deſſen dunkel überhängenden Schatten völlig verborgen, einen Grasbüſchel mit einer Hand, um den Kopf über dem Waſſer zu hal⸗ ten, und lag ſo, außerhalb der Gewalt der Strömung, gleich einem nordamerikaniſchen Wilden, der auf die 187 ſich entfernenden Fußtritte ſeiner Feinde horcht, im Hinterhalt. Ich fand jedoch, daß ich in dieſer Lage nicht lang ausdauern konnte. Die Kälte war für einen Mann wie ich, der nicht in den Wäldern und Prairien er⸗ zogen war, zu groß, und ich fühlte mich bald völlig ſtarr. Meine Noth noch zu vergrößern, fand ich es unmöglich, an das Ufer zu gelangen, da das Waſſer zu tief war und ich am Rande nichts erfaſſen konnte, das feſt genug war, um mir vermittelſt deſſelben ins Trockene zu verhelfen. Es blieb mir alſo nichts übrig, als quer überzuſetzen und es auf die Gefahr der Gefangennehmung ankommen zu laſſen. Ueber⸗ legen hieß ertrinken; ich wurde mit jedem Augenblick ſtarrer und ſchwächer, ließ alſo meinen prekären Halt los und ſtrebte, ſoweit mir meine Kräfte es noch er⸗ laubten, vorwärts. Zum Glück wurde der Fluß, anſtatt tiefe Löcher, wie auf der eben von mir verlaſſenen Seite zu haben, gerade hier kieſiger und am Ufer abhängiger, ſo daß ich mit geringer Anſtrengung wenigſtens zu Fuß auf trockenes Land zu gelangen vermochte. Es geſchieht nicht oft in dem moraliſchen Norden (in dieſen ſpätern Tagen), daß ein Reiſender in einen Hinterhalt geräth und als Opfer einer ſo unbarm⸗ herzigen Bande fällt, wie diejenige, welcher ich zu entrinnen ſuchte. Schottland iſt größtentheils ein ruhiges Land; ſeine fernſten Seen, ſeine dichteſten Wälder, ſeine Berge und Thäler ſind für die Er⸗ forſchung eines Fremden ſo gefahrlos und ſicher, als der Hydepark an einem Sonntag. In Irland iſt es für einen Rothrock ſchon gewöhnlicher, Burſchen in 188 die Hände zu fallen, welche den Galgen in ihrem Ge⸗ ſichte, und Mord in der Hand tragen. Es war darum mein beſonderes Glück, daß ich ſolcher Art wie ein Raubthier gejagt wurde, und es paßte meiner Mei⸗ nung nach ganz in die Reihe der Widerwärtigkeiten, welche mein Geſchick ſtets für mich vorräthig hatte. Hier kam jedoch der beſondere Umſtand ins Spiel, daß jene Leute durch die entſcheidende Einmiſchung der beiden, zu Brämar und Corgarff liegenden De⸗ tachements, welche denſelben ihr Gewerbe völlig ver⸗ nichtet hatten, in heftige Wuth gebracht und, wie ſie ſich einbildeten, auf die unverantwortlichſte Weiſe ihres Unterhalts beraubt worden waren. Sie hatten ſich darum mit um ſo weniger Gewiſſensbiſſen meine Börſe angeeignet und ſuchten, an meiner Perſon Rache zu nehmen. Sobald ich das trockene Land erreicht hatte, ſchaute ich behutſam um mich. Zuerſt gedachte ich, die ſchroffen über den Pfad hereinragenden Ufer zu erklettern und, indem ich auf den Hügel gelangte, wo möglich Oberlochie zu erreichen, das, wie ich wußte, nicht ſehr entfernt von hier war. Als ich mich nun niederbeugte und horchte, wurde ich des düſtern Glanzes von einem Feuer gewahr, das nicht ſehr viele Ellen von mir im Waſſer wider⸗ ſtrahlte. Ich erkannte ſogleich, daß es von einer Whiskyhütte herrührte, an welcher ich auf meinem Weg den Fluß hinab vorüber gekommen war. Mit verſtohlenem Schritt und ſo leiſe, daß ſelbſt der blinde Maulwurf kaum meinen Fuftritt gehört hätte, näherte ich mich derſelben und ſchaute vorſichtig hin⸗ ein. Sie war leer und ich trat ein. Es lagen mehre 189 zerſtreute Kleidungsſtücke herum; ich warf alſo ſchnell Rock und Weſte ab und bediente mich eines der zer⸗ lumpten großen Röcke, die ich auf dem Boden liegend fand. Dieß iſt das große Geheimniß, um ſich vor Er⸗ kältung zu bewahren, mag man vom Regen oder Untertauchen ins Waſſer durchnäßt worden ſein, daß man ein trockenes Gewand über das naſſe anzieht und ſich ſogleich körperliche Bewegung macht. Ich trat nun an die Thüre und horchte wieder, aber kein Laut traf mein Ohr. Die Schmuggler hat⸗ ten den Weg vor mir beſetzt, und dieß war, wofern ich nicht auf der andern Seite des Fluſſes das Ufer gewinnen konnte und keine Luſt fühlte, wo ich her⸗ gekommen war, zurückzukehren, der einzige, den ich einzuſchlagen vermochte, da, wie geſagt, auf einer Seite der Fluß war, auf der andern die ſteilen Felſen ſich erhoben. Zurückzukehren lag durchaus nicht in meiner Ab⸗ ſicht, und den Weg mir durch meine Gegner zu bah⸗ nen, allzu gewagt. Die Schufte dachten offenbar, ich würde irgend einen Landungsverſuch machen, ehe ich die Fälle erreichte. Zwiſchen den anſteigenden Felſen gab es jedoch einige abhängige Stellen, wie ich bei meiner vorſichtigen Annäherung gegen die Hütte be⸗ merkt hatte. Ich beſchloß alſo, Verſteckens zu ſpielen, indem ich an einer derſelben hinaufkletterte, und mich dort in Hinterhalt zu legen, bis die Schmuggler zu⸗ rückkehrten; und um keine Zeit zu verlieren, nahm ich mir vor, meine Perſon ihnen ins Gedächtniß zu⸗ rückzurufen. Ich ergriff alſo ein großes Stück glühenden Torfes und warf es auf das trockene Strohdach der Hütte 190 und ſteckte es in Brand; es war eine Art Wiederver⸗ geltung, welche mich ausnehmend ergötzte. Dann nahm ich einen ſtarken Knüttel, der in meiner Nähe lag, lief mehre Schritte nach den Fällen hin, ſprang den Abhang hinauf und verbarg mich ſorgfältig. Die Kriegsliſt gelang; die Hütte warf einen hellen Glanz, der Whisky gerieth in Feuer, und ich lag da, in athemloſer Erwartung des Erfolgs. Die Schmuggler erblickten kaum das Lärmfeuer, als ſie ſchnell zurückkehrten, und unter gräulichen Flüchen über mich an der Stelle, wo ich lag, vorüber⸗ eilend fortſtürzten, in der Meinung, ich habe nach der Seite, von wo ich hergekommen, die Flucht er⸗ griffen. Da ich wußte, daß das einſame Gaſthaus, welches Altamont mir beſchrieben hatte, an der Landſtraße lag, welche den von mir eingeſchlagenen Fußpfad durchſchnitt, ſetzte ich ſchnell über den Salmenſprung in den Fällen und lief, ohne im Mindeſten nach dieſer ſchlechten Handlung meine Würde verletzt zu erach⸗ ten, auf meine Beine mich verlaſſend, vorwärts, bis ich die Landſtraße erreicht hatte. Nachdem ich noch eine halbe Meile weiter mar⸗ ſchirt war, hielt ich einen Augenblick an, rückwärts zu ſchauen und zu horchen, ob Etwas von meinen Verfolgern zu vernehmen wäre. Alles war jedoch ſtill; ein tanzendes Licht ſchoß zuweilen in der Rich⸗ tung von der brennenden Hütte herüber, und jenſeits deſſelben, weit in der Ferne war König Richard's helle Spur am Horizont noch ſichtbar, welche „zum Zeichen dient, daß der morgende Tag gut wird.“ 191 Ich war jetzt warm und gekräftigt. Das Flußbad hatte ſammt der auf mein Abenteuer folgenden Er⸗ regung alle meine frühere Müdigkeit beſeitigt. Ich war noch einmal einſam auf den Movren; aber mein Herz ſchlug leichter, als es bei frühern Veranlaſſungen der Fall geweſen war. Ich hatte gekämpft und außer dem Sieg Alles gewonnen, und es iſt wunderbar, auf was für einen guten Fuß man mit ſich ſelbſt zu ſtehen kommt, nachdem man als ächter Ritter ſeine Pflicht gethan hat. Meinen Knüttel alſo um den Kopf ſpielen laſſend, eilte ich vorwärts, und nicht lange, ſo warf ein blinkendes Licht ſeine Strahlen mir aus der Ferne entgegen. Zum Himmel flehend, daß es„kein ignis fatuns*) oder eine Leuchtkugel“ ſein möchte, marſchirte ich aus aller Kraft auf daſ⸗ ſelbe zu und hatte nach einigen Minuten das einſame Wirthshaus erreicht. Nachdem ich mit ebenſoviel Kraft, als der Schwarze Ritter an der Einſiedelei des Pfarrers von Copmanhurſt, geklopft hatte, gelang es mir, die alten Leute, welche daſſelbe hielten, zu wecken, und ich erhielt nach einigen Schwierigkeiten Einlaß. Es war nur ein ärmlicher Zufluchtsort, den ich gefunden hatte, denn außer einigen Eiern, grobem Käſe und marmorhartem Haferkuchen beſaß dieſes Gaſthaus nichts von Vorräthen oder Fleiſchſpeiſen für das Bedürfniß der Reiſenden. Der Grund davon lag einfach darin, daß es ſelten, wenn je beſucht wurde. Der Wirth und ſeine alte Frau waren von Jahren gebeugte und ſo zu ſagen ausgediente Leute. *) Irrlicht. A. 192 Ich war jedoch froh über das geringe Obdach, das ich hier fand, und indem ich die Ausgänge ſo gut als möglich verwahrte, für den Fall, daß meine Verfol⸗ ger dieſen Zufluchtsort entdecken ſollten, und mich in den Beſitz einer alten roſtigen Vogelflinte ſetzte, welche offenbar ein halbes Jahrhundert die Wände ge⸗ ſchmückt hatte, fühlte ich mich erträglich ſicher und be⸗ ſchloß, hier bis Tagesanbruch zu ruhen und dann mit aller gehörigen Eile weiter zu marſchiren. Ich machte alſo ein gutes Torffeuer, ließ mich zu einigen Fleiſchſpeiſen nieder, wie ſie mein Wirth eben vorſetzen konnte, und warf mich dann in meinen Seſſel zurück, um zwiſchen Schlafen und Wachen über meine Lage nachzudenken. Mit meinem Taſchenbuch und ſeinem Inhalt war all mein jetziger Vorrath da⸗ hin, mit Ausnahme von einem halben Dutzend Schil⸗ lingen, die ich in meiner Weſtentaſche trug, und mei⸗ ner Uhr. Mein Entſchluß war alſo gefaßt, nach Aberdeen zu gehen, ebenſowohl zu dem Zweck, der Polizei Anzeige von dem Raube zu machen, als die wenigen Effecten in Empfang zu nehmen, welche ich durch meinen Diener von Fort Georg hatte dahin bringen laſſen und auf welche ich, bis ich weitere Hülfsmittel gewann, jetzt für meinen Unterhalt ange⸗ wieſen war. Ich befand mich nunmehr in einer ganz andern Lage, als je zuvor. Bisher hatte ich nur mit Unan⸗ nehmlichkeiten zu kämpfen gehabt, wie ſie Perſonen begegnen, die ſich in einer höhern Lebensſphäre begeg⸗ nen. Goid, das bleiche und gemeine Werkzeug„zwi⸗ ſchen Menſch und Menſch“ hatte ich niemals als nöthig erachtet; meine Mittel waren immer für meine 193 Bedürfniſſe, ſoweit ſie den Unterhalt betrafen, reich⸗ lich genug geweſen. Auch gab es Umſtände, welche es mir äußerſt unangehm machten, mich um Geld an meines Vaters Geſchäftsführer zu wenden; und zum letzten Mal, als es geſchah, hatte man mir zu ver⸗ ſtehen gegeben, daß in Zukunft auf meine Forderun⸗ gen wwhſcheig keine Rückſicht mehr genommen würde. Die Thatſache nun, daß ich auf einmal zu einem bettelarmen Wanderer in der weiten Welt geworden, war an ſich beunruhigend genug und ſtarrte mir ins Geſicht, als ob die hundert Pfund, deren ich eben be⸗ raubt worden war, ſo unerſchöpflich wie Fortunatus' Wünſchhütlein geweſen wären. Dank dem Himmel jedoch, daß die Schwungkraft des Geiſtes, welche mich in den Stand ſetzte, all das Mißgeſchick zu überwinden, welches mir insbeſondere als Erbtheil zugefallen war, mich auch über das ge⸗ genwärtige Ungemach erhob. „Was bin ich,“ ſprach ich bei mir,„daß ich über das mich ärgern ſollte, was mein eigenes raſches Temperament über mich gebracht hat? Bisher habe ich mich in die Reihe derer geſtellt, mit welchen mir in Bezug auf Herkunft mein Loos geworfen worden war. Ich ſelbſt habe mich Verwicklungen mit meinen Kamaraden vom 145ſten dadurch ausgeſetzt, daß ich ſie gering ſchätzte und mich ſelbſt über den Werth an⸗ ſchlug, ergo bin ich gedemüthigt worden, bin gefallen, ich fürchte, gleich Lucifer, um niemals mich wieder zu erheben. Weg denn mit edler Geburt,“ fuhr ich fort, „es iſt mir nichts geblieben, um der Welt zu zeigen, Smith, Glücks⸗Soldat. 11 13 194 daß ich ein Gentleman bin. Meinen Namen, der ein ritterlicher und edler geweſen, ſeit meine Väter mit den Normannen auf Eroberung ausgezogen ſind, bin ich entſchloſſen abzulegen. Durch mich hat er keine Unehre erlitten, aber ich ſcheine jetzt unwerth, ihn zu tragen. Die Stellung im Leben, wozu mich zu be⸗ rufen dem Himmel gefallen hatte, vermöchte ich nicht auszufüllen. Es ſei ſo; die Natur hat mir Talente gegeben, ich will ſie benützen. Die einzige Schwierig⸗ keit beſtand nur darin, zu erfahren, worin ich am ge⸗ ſchickteſten war. Da ich aber zu keinem Beruf aufer⸗ zogen worden war, ſo ergab ſich als Folge mir, daß ich zu keinem mich eignete. Alle Fähigkeiten, welche ich beſaß, waren äußerſt nutzlos— nicht eine der⸗ ſelben trug mir einen Schilling ein. Was ſollte in aller Götter Namen aus mir werden? Durch eine Menge unbeſonnener Schritte der Heimath, Freunde und des Vaterlandes beraubt, mußte ich, wenn mir nicht irgend ein Mittel des Unterhalts ausfindig zu machen gelang, entweder rauben oder verhungern. „Ein Armer iſt der freundloſe Herr einer Welt,“ ſagt der Dichter. Ich war nicht Herr einer Welt, aber ich war ſowohl arm als freundlos. Zuletzt machte es mir Vergnügen, mit der Vorſtellung, daß es ſich in Wahrheit ſo verhielt, förmlich zu ſpielen. Es war eine Art Stolz von mir, welcher die Demuth nach⸗ äffte, und ich verbannte die Idee, mich in meiner ge⸗ genwärtigen Bedrängniß an Jemand um Unter⸗ ſtützung zu wenden, als beleidigend aus meinem Geiſte. Altamont wäre zu mir herbeigeflogen, hätte ich ihm nur einen Wink bezüglich meines Mißge⸗ ſchicks gegeben. Ebenſo M'Kilt. Ich war alſo doch 195 nicht ohne Freunde. Aber wie konnte ich von ihnen borgen, wenn ich nicht die geringſte Ausſicht hatte, ſie mit Wahrſcheinlichkeit je bezahlen zu können. Auch Mrs. Alworthy, die gute Seele hätte mich, wenn ſie noch am Leben war, ſicherlich in ihr Haus aufgenommen und mich in Abſicht auf meine künftige Laufbahn berathen. Aber nein, ich nahm mir vor, eher um Brod zu arbeiten, als irgend eine Verbind⸗ lichkeit gegen ein lebendes Weſen mir aufzuladen. „Nein,“ ſprach ich aufſtehend, und in dem Zim⸗ merchen, wo ich eingeſperrt war, auf⸗ und abſchrei⸗ tend,„die Welt hat mich ſchnöde behandelt. Ich be⸗ gehre von Niemand eine Gunſt. Sie anzunehmen, wäre ſchon ſchlimm genug; aber abgewieſen zu wer⸗ den, ihr Götter! ich weiß nicht, ob dieſer Gedanke mich mehr erkältet, anekelt oder erſchreckt. Beſſer, mein Brod betteln, fuhr ich laut fort, mich in eine Stellung werfend, welche den alten Wirth bewog, den Kopf aus ſeinem Neſte hervorzuſtrecken und mich furchtſam anzuſtarren, indem er einen Tollhäusler zum Gaſt zu haben glaubte, oder „Auf off'ner Straße keck den Unterhalt Als Räuber mir gewinnen mit dem Schwert.“ „Ha! ein Gedanke kommt mir; bei dieſer leeren Taſche, es wäre nicht der ſchlechteſte Weg. Ich will wahrhaftig Schauſpieler werden und meine Zeit mir auf der Bühne vertreiben. Wie der ehrliche Bardolph ſagt, Leben iſt's was ich verlange; ich muß fort⸗ kommen.“ Ich glaube, es iſt Lord Burlington, der in einem ſeiner Briefe an Pope von der redet, * 196 welche es ihm gewähre, den Wechſel, der mit den Menſchen an ſich ſeibſt nur im Verlaufe einer Woche vorgeht, zu beobachten; das unbeſtändige Ueberſprin⸗ gen und Haſchen nach neuen Bewegungen, neuen Formen, neuen Maßregeln; und dann die ſeltſame Lebenskraft(ich gebrauche ſeine eigenen Worte), womit die Menſchen, wenn auch gebrochen und getäuſcht, ihre Hoffnungen, Bekümmerniſſe und ehrgeizigen Be⸗ ſtrebungen wieder aufnehmen. Es iſt dem wirlich ſo, innerhalb der Lehmwände einer Hütte ſitzend und beinahe ohne den Beſitz eines Pfennigs, begann ich bereits mich im Voraus an der Einbildung zu weiden, der Gegenſtand allgemeinſter Aufmerkſamkeit, ein wahrer Roſcius in Rom zu werden. Das Leben auf der Buͤhne hatte für mich immer einen beſondern Zauber ausgeübt. Die elende⸗ ſten Dorfkomödianten, die jemals in einer Bude in ſchwülſtigen Redensarten ſich ergingen, hatte ich immer um ihre Stunde auf den Brettern beneidet; die Vorſtellung war mir alſo deſto angenehmer, als ſie mir ein ſichtbares Mittel der Eriſtenz zu liefern ver⸗ ſprach und mit meiner Stimmung harmonirte, O Shakeſpare! ich fürchte, Du haſt viel für mich zu verantworten. Wie manchen einfältigen Jungen, der ſeinem Lande hinter dem Pflug hätte Dienſte leiſten fönnen, haben Deine Feuerworte dahin gebracht, in einer Dorfſcheune zu faſeln, zu deklamiren, die linki⸗ ſchen Beine herumzuwerfen und ſich zum Wahnſinn zu verſteigen. Sobald die Dämmerung anbrach, machte ich An⸗ ſtalt, das kleine Gaſthaus zu verlaſſen. Die Wirthin kroch aus ihrem Neſte hervor und bereitete mir ein 197 Gericht, welches ſie Haferbrei nannte; und da die alte Henne ein Ei gelegt hatte, bekam ich ein erträg⸗ liches Frühſtück. Nachdem ich die alte Frau bezahlt hatte, ergriff ich meinen Knüttel und machte mich auf den Weg. Glücklicherweiſe hatten meine Feinde ſo viel Zeit damitzugebracht, mich in der Nachbarſchaft der Farm im Thale zu ſuchen, daß ſie es nicht für gerathen hielten, länger auf dem Schauplatz ihres Raubes zu verweilen; ſie hielten es darum für das Beſte, ſich nach Glasgow zu wenden, wie ich ſpäterhin erfuhr, wäh⸗ rend ich unbeläſtigt Aberdeen zu marſchirte, wo ich ſpät in der nächſten Nacht anlangte. Pierunddreißigſtes Kapitel. ———„Ein armer Spieler, der Einherſtolzirend auf der Bühne lebt Und dann nicht mehr gehört wird—“ ——„Wie wird es kränken Euch, Wenn Ihr zur Einſicht erſt gelangt, Ihr habt Mich alſo blosgeſtellt. Gemach, Mylord, Ihr helft mir kaum zum Rechte, daß Ihr ſagt, Es war ein Irrthum—“ Shakſpeare. Als ich Aberdeen erreichte, ſuchte ich Cray's Hotel auf, wohin ich meinem ehemaligen Diener vom 145ſten mein Gepäck zu bringen befohlen hatte, und ich war froh, als ich fand, daß der ehrliche Burſche meinen Auftrag vollzogen hatte. 198 Ich logirte mich ſofort hier ein und erfreute mich zum erſten Mal ſeit vielen Nächten eines behaglichen Bettes und eines erquickenden Schlafes. Es war nahezu Mittag, ehe ich mit der ganzen wohlthuenden Empfindung friſchen Leinens und meines beſten Civilanzugs im Saale erſchien. Beim Frühſtück fand ich, was für ein heiterer Ort dieſe nordiſche Stadt war. Da die faſhionable Welt gerade auf der High⸗Street ihre Promenade machte, ſo war dieſelbe mit elegant gekleideten und liebenswürdigen Damen, mit deren Gefolge von beaux und Cava⸗ lieren, ebenſo geputzt, wie jene, angefüllt. Ich hatte mir immer gedacht, die Schotten ſeien ein ernſteés, geſetztes Volk, beide jung und alt, ein Auge immer auf die Hauptſache gerichtet und in Manieren und Unterhaltung ſo ſteif wie eine Quäcker⸗ gemeinde, die Alten wie Douce Davie Deans— die Jungen ſo ernſthaft, wie ſeine Tochter Jennie. Hier jedoch erſchienen die Nymphen und Schäfer ſo friſch und hübſch und lebensvoll als der Maimonat. Als ich vom Fenſter auf die fröhliche Scene hin⸗ abſchaute, kam gerade das Depöt des hier ſtationirten Regiments die Straße herabmarſchirt, mit ihren Trommeln und Trompeten, die meine Hoffnungen anſchlugen. Der Anblick gab mir einen Stich ins Herz, indem ich überlegte, daß alle meine Ausſich⸗ ten in dieſem Beruf für immer dahin waren. Zu meiner Ueberraſchung ſah ich Altamont de Montdidier wohlgemuth die Straße herabkommen. Er ſchien jede Geſellſchaft, auf welche er traf, zu kennen und hatte jeder Etwas zu ſagen, ob er ſie kannte oder nicht. 199 „Sa, Mhlord Provoſt,“ ſagte er zu einem höchſt ſonderhar ausſehenden ältlichen Gentleman, ein wenig im Styl von Nicol Jarvin gekleidet, einem ehrwür⸗ digen Benmten mit einer Ramilliesperücke, welche ſeine ganze Stirne bedeckte, einem geſtickten Halstuch, und einen ſehr reſpectabeln Stock auf dem Rücken hal⸗ tend.„Ha, Mylord Provoſt, was für Ordnung hal⸗ ten Sie hier, in dieſer Ihrer Grafſchaft? Ich bin in den Moräſten jenſeits Lochintoidar angehalten, be⸗ raubt und beinahe ermordet worden.“ „Der Himmel bewahre uns, Mann,“ erwiderte der Provoſt,„Sie können das nicht im Ernſt meinen; bah, es iſt offenbar gegen den geſunden Menſchen⸗ verſtand. Sie ſcherzen. Sie haben die Rieſen ſelbſt gemacht und hernach ſie getödtet, he? „Nein,“ antwortete Altamont,„gleich Fähndrich Pattypan wäre ich angehalten, beraubt und ausge⸗ zogen worden, hätte ich nicht glücklicher Weiſe Feuer⸗ waffen bei mir gehabt. Ich bin beſorgt wegen eines Freundes, von welchem ich mich an demſelben Mor⸗ gen trennte, und galloppirte von Toumantoul in die F um über ſeine Ankunft Erkundigung einzu⸗ ziehen. „Sie ſind ein braver und außerordentlicher Junge,“ ſagte der Provoſt,„ich höre in jedem Hauſe, das ich beſuche, Gutes von Ihnen reden. Gott, wie ungeheuer ſtehen Sie bei Mißreß Maemullain in Gunſt! Warum wollen Sie nicht zum Diner zu uns um fünf Uhr kommen, Mann?“ „Ich kann nicht, Baillie; ich habe mich für dieſen Abend zu Ducrow verſagt. Er behauptet in ſeinem Anſchlagzettel, fünf Pferde auf einmal reiten lzu 200 wollen. Ich habe gewettet, zehn zu reiten. Ganz Aberdeen kommt dazu, und Sie müſſen Mrs Mac⸗ mullain auch mitbringen.“ „Ganz gewiß, aber Sie ſind ein ſonderbares Kind! etwas närriſch in dergleichen eiteln Dingen, aber ein außerordentlicher Liebling von Miſtreß Mac⸗ mullain. So kommen Sie morgen und nehmen eine Suppe bei uns zu ſich.“ „Unmöglich, Baillie,“ ſagte Altamont;„morgen habe ich für das Theater zugeſagt. Ich gehe mit Mon⸗ ſieur Chaubert, dem Feuereſſer, und ſeiner Hammels⸗ keule in den Ofen.“. „Der Himmel ſteh' uns bei! Sie ſind wahrhaftig nicht ſchüchtern! Sie haben eine übermäßige Neigung zu dergleichen gefährlichen Spielereien,“ erwiderte der Baillie, eine ungeheure Priſe nehmend,„und hier kommt das ſchönſte Mädchen der ganzen Ge⸗ gend,“ fuhr er fort, ſich gegen eine Geſellſchaft von Damen verbeugend, welche eben vorübergehen wollte, „die Tochter des Lairds von Aberbirkfeldy.“ „Habe ich nicht mit Ihnen einmal in Brabant ge⸗ tanzt?“ ſagte Altamont, eine der jungen Damen, ein merkwürdig hübſches und elegantes Geſchöpf an⸗ redend. „Jetzt alſo,“ dachte ich,„werde ich hören, wie der nordiſche Accent auf dieſes unverſchämten Jungen Haupt ſich ergießt. Gewiß kommt jetzt das was be⸗ liebt des Lieutenant Bullyman.“ Ich irrte mich, die Dame antwortete ganz ſach⸗ dienlich und noch dazu in derſelben Sprache. „Habe ich nicht mit Ihnen einmal in Brabant getanzt?“ 201 „Ganz gewiß.“ „Wie unnöthig war alſo dieſe Frage?“ Altamont ſchloß ſich alſo den Damen auf der Promenade an und war mir ſchnell aus dem Geſicht. Ich brauche meine Geſchichte während der wenigen Zeit, die ich noch im Norden blieb, nicht zu verfolgen.. Kurz, der gute Altamont, der wirklich in größter Eile von ſeinem Detachement zurückgekehrt war, um mich in Aberdeen aufzuſuchen, redete mir vergeblich meinen Vorſatz aus, die Bühne als meinen Beruf zu er⸗ greifen und meine Fähigkeit in der Geſellſchaft der erſten Dorfkomödianten, mit welchen ich zuſammen⸗ traf, zu verſuchen. Er war, wie geſagt, ſelbſt ein Freund des Drama's, für Liebhaberdarſtellungen ſehr eingenommen und einer der vollendetſten Schauſpieler vielleicht auf der Bühne. Er war alſo eher geneigt, die Luſt, die ich fühlte, mein Glück auf den Brettern zu verſuchen, mir zu vergeben, wiewohl ihm ſeine ge⸗ ſunde Vernunft ſagte, daß ſie nur zum Verderben führen konnte, da ſie ebenſo ſehr aus Widerſpruchs⸗ geiſt, als aus irgend einem andern Grunde entſprang. Ich verwandelte alſo die wenigen Artikel, welche ich von einigem Werthe beſaß, in Geld und überließ es Altamont, die Entdeckung der Diebe zu ver⸗ ſuchen, welche ſich meines Taſchenbuchs und deſſen Inhalts bemächtigt hatten. Dann packte ich, um ganz im Charakter zu ſein, was ich möglicher Weiſe von Kleidern bedurfte, in ein Bündel zuſammen, ſtimmte mit Beilegung des Namens Mr. Peter Snvoks den tiefſten Ton der Demuth an und begann meinen Spa⸗ ziergang nach England. Meine Reiſe nach Süden war angenehm genug. 202 Ich ſchlenderte zögernd gleich einem Träumer Tage lang um den vermoderten Thurm, das zerſtörte Burg⸗ verließ, die verfallene Abtei herum. Ich brachte zu⸗ weilen die Nacht unter den Bäumen des Waldes zu und uuterhielt mich, alſo vereinzelt und allein, mit melancholiſchen Betrachtungen über vergangene Tage, meine vereitelten Hoffnungen und alle die Unglücks⸗ fälle, die mich betroffen hatten. Ich hatte noch im⸗ mer einige Pfund in meiner Taſche; meine Bedürf⸗ niſſe waren gering, und ich wich von der geraden Route ab, wohin meine Phantaſie mich lockte. Ein Trunk aus dem Bache erſetzte mir hitzigere und wi⸗ derſpenſtigere Flüſſigkeiten: gleich Bonifacius' Ale, bildete ich mir nur ein, es ſei Burgunder und die Quart zehn Schilling werth; und während die friſche Quelle neben meinem Tiſchtuch ſprudelte und die Vögel zwitſchernd und zirpend von einem Zweig zum andern hüpften, um die Broſamen zu bean⸗ ſpruchen, die ich ihnen zum Nebengenuß überließ, hielt ich mein einſames Mahl von Brod und Käſe „unter dem Schatten melancholiſcher Bäume,“ oder in einem der Dörfer, welche ich auf meinen Reiſen gerade paſſirte. So beſuchte ich manche intereſſante, in Scott's Werken erwähnte Orte, und während ſein magiſcher Spruch auf mich wirkte und ich durch die von ihm unſterblich gemachten Hügel und Thäler wanderte, vergaß ich eine Zeit lang die Sorgen meiner Alltags⸗ Exiſtenz. Es ſchien mir in der That gleichgültig, wie ich meine Zeit zubrachte, oder wohin ich meine Schritte wandte, wenn jene nur in einer Art Ver⸗ geſſenheit Alles deſſen, was mich ſelbſt betraf, dahin⸗ —— ——— 203 ſchwand. Ohne jegliche Ausſicht, blieb mir anſchei⸗ nend nichts übrig, als mich durch das Daſein— eine Reihe traurig öder Jahre durchzuſchlagen. So wanderte ich durch Perthſhire, ſah den Ne⸗ bel des Gebirgs und hörte den Nachtvogel im Lande von Me Gregors kreiſchen, zog über die Felder von Bannockburn und Flodden, wandte mich von da nach Ettrick und Teviotdale, „Am ſchönen Tweedfluß, breit und tief, Und Cheviot's ſtillen Bergeshöh'n.“ durchſtrich die Wildniſſe von Cumberland und näherte mich noch einmal den fruchtbarern Landſtrichen von Yorkſhire. Da ich jetzt meines militäriſchen Berufs völlig los war, hoffte ich keinen Soldaten mehr zu ſehen. Wirklich hatte mir die bloße Begegnung mit einem Rekrutentrupp in einer kleinen Stadt, welche ich paſſirte, ſo unangenehme Erinnerungen verurſacht, daß ich gewöhnlich die frequenteſte Straße vermied und auf Fußpfaden und ſchattigen Feldwegen reiſ'te, da ich keine feſte Beſtimmung hatte, ſondern immer in gekrümmter Richtung vorrückte, die große Haupt⸗ ſtadt als Haltplatz im Auge, aber ohne Verlangen, ſie zu erreichen. Mein Geldvorrath ſchwand jedoch zuſammen, und ich konnte nicht mehr ſo wohlfeil leben, wie ich es im Norden zu machen gewußt hatte. Außerdem war ich, wenn ich auch zuweilen mich auf den Raſen vor der Thüre irgend einer Hütte warf und mit den Schel⸗ men ſpielte, wo ich mein dürftiges Mahl einkaufte, jetzt in England dennoch genöthigt, gewöhnlich mein 204 Bett in einem Wirthshauſe an der Straße zu ſuchen, und in meiner Börſe war immer tiefere Ebbe einge⸗ treten. Eines Abends, als ich ein kleines Dorf in Der⸗ bhſhire betrat, ſah ich einen Mann fiſchen. Ich war immer ein Freund ländlicher Unterhaltungen, und der Anblick eines Angelbruders mußte mich ſicher inter⸗ eſſiren; ſo machte ich Halt und ließ mich mit ihm in ein Geſpräch ein. Ich fand in ihm den Director einer Dorfkomödianten-Geſellſchaft, welche auf der Reiſe nach Derby begriffen war. Sie hatten, wie er mir ſagte, über Nacht im Dorfe angehalten: und er war in dem großen Hauſe, der Wohnung von Squire Wildhawk geweſen, der ſie beſtellt hatte. Sie ſollten in des Squire's Geſellſchaftszimmer vor einer großen Anzahl ſeiner Freunde ſpielen. Der Squire hatte das Schauſpiel ſelbſt angegeben; er ſchätzte den un⸗ ſterblichen Dichter ſehr hoch und begehrte, daß ſie „Wie's Euch gefällt“ ſpielen. „Sie wiſſen, Sir,“ ſprach der Director,„daß Ja⸗ ques eine Rolle iſt, welche John Philipp Kemble ge⸗ wöhnlich zittern machte; mein Hauptcharakter befin⸗ det ſich eben jetzt äußerſt unwohl; oder, unter uns, ſtellt ſich ſo; er liegt heute bösartig krank im Schach⸗ brett, und ich muß entweder ſelbſt die Rolle ſpielen, oder wir müſſen Jaques aus dem Stück weglaſſen. Ich bin der Rolle keineswegs ſicher und ſtudire nur langſam, und nicht wiſſend, was zu thun iſt, habe ich in purer Melancholie und mit verwirrtem Kopf meine Angelruthe genommen, um zu fiſchen.“ „Beruhigen Sie ſich deßhalb gänzlich, Sir,“ ant⸗ wortete ich ihm,„ich will den Jaques für Sie ſpielen.“ 205 „Mein werther Sir, Sie ſcherzen ſicherlich,“ ſagte der Director,„Sie ſind nicht vom Beruf.“ „Nein, aber ich will die Rolle deſſen ungeachtet ſpielen.“ „Wir ſpielen, Mann, dieſen Abend,“ erwiderte der Dorfkomödiant,„in ein paar Stunden; die Probe iſt vorüber.“ 3 „Ich brauche keine Probe; ich kenne jede Rolle in dem Stück.“. „Das macht ſich in der That glücklich,“ erwiderte der Director;„nun, Mr. Arden, habe ich Sie; nicht mehr ſoll dieſer Thane von Cawdor, dieſer Mr. But⸗ tenſhaw unſeres Buſens Vorhaben täuſchen: ich entiaſſe Mr. Buttenſhaw morgen. Eine Probe, Sir, eine Probe; die ganze Welt iſt eine Bühne— ſagen Sie mir jene Rede her, ich bitte Sie.“ Ich that es mit gehöriger Emphaſe und Beſon⸗ nenheit. „Mein guter Sir,“ rief er, meine Hand faſſend, „Sie haben einen Scherz mit mir getrieben. Sie ſind von London; Sie gehören zum Beruf und be⸗ gehren dreißig Pfund wöchentlich.“ Ich verneinte und fügte hinzu, es ſei meine Ab⸗ ſicht, mich nach einem Engagement umzuſehen. „Wenn meine arme Geſellſchaft Ihren Fähigkei⸗ ten nicht anſtößig iſt,“ ſagte er,„werde ich mich glück⸗ lich ſchätzen, Sie zu engagiren.“ Kurz, ich reihte mich ſelbſt in ſeinem corps dra- matique ein und machte dieſe Nacht mein début in dem Empfangsſaal von Wildhawk⸗Hall: ich ſpielte den Jaques vor dem Squire und ſeiner Geſellſchaft. Die ganze Affaire machte ſich ſeltſam genug. Squire 206 Wildhawk war ein Muſter jener alten, ſeitdem lang ausgeſtorbenen Landedelleute, ein regulärer brül⸗ lender, polternder, trinkender Cavalier. Er war ein Humoriſt, ein Witzmacher, und überdieß ein großer Freund des Drama's, der ſich einbildete, ein nicht zu verachtender Richter über Schauſpielkunſt zu ſein. Wir ſpielten, wie gewöhnlich in alter Zeit, ohne Bei⸗ hilfe von Scenerien oder Dekorationen, in dem Speiſe⸗ ſaal, einem alten, mit Eichenholz getäfelten Gemach, wo die Zuhörerſchaft bei unſerem Erſcheinen ihre Bemerkungen über uns machte und uns mit ebenſo wenig Schonung kritiſirte, als Theſeus und ſein Hof mit Bully Bottom, Peter Quinze, Snvut, Starve⸗ ling und Flute thaten. Der Squire war Invalid: ein feiner, ſtattlicher, fuchsjagender, trinkender, gichtiſcher, altengliſcher Gentleman; und da er nicht gehen konnte, hatte er ſeinen großen Seſſel in das Zimmer rollen und einen Tiſch mit ſeiner Punſch⸗-Bulle, ſeinem Portwein und Claret vor ſich hinſtellen laſſen. Die Lichter waren zu feinen Füßen im Zimmer herum vertheilt: ſeine Familie und ſeine Gäſte flankirten ihn auf beiden Seiten, und mit ſeiner Pfeife im Munde ſchickte er ſich an, ſein Lieblingsſchauſpiel zu genießen. Das Auditorium beſtand gänzlich aus der Geſell⸗ ſchaft unter ſeinem Dache, oder Ortsangehörigen. Da waren ſeine zwei Hebe⸗ähnlichen Töchter mit ihren muthmaßlichen Liebhabern, mehre Lady's und Gent⸗ lemen, die gerade im Hauſe verweilten, und ſämmt⸗ liche Diener von dem Kellermeiſter bis zur ſchmutzigen Küchenmagd. Der alte Gentleman fand ein beſonderes Vergnü⸗ 207 gen daran, jedes Ding in ſeinem Fortgang zu unter⸗ brechen. Hörte er Etwas, das ihm beſonders wohl⸗ gefiel, ſo unterbrach er die Scene mit ebenſo wenig Bedenklichkeit, blos um dem Sprecher zuzutrinken und ihn wegen ſeiner Ausſprache zu beloben. „Ein Prolog, ein Prolog; hol' mich der Henker, aber ich will einen Prolog haben. Director,“ rief er, ſobald der Vorhang aufging und Orlando und Adam, im Begriff anzufangen, erſchienen,„Director, ſag ich, hol' Dich der Teufel, wo haſt Du Dich ver⸗ borgen?“ „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ antwortete der Director, hereineilend und ſeine Neſteln für den alten Herzog erſt halb aufgebunden.„Ich bitte um Ver⸗ zeihung, aber es gibt keinen Prolog zu dieſem Stück.“ „Wirklich!“ erwiderte der Squire,„das iſt Alles, was Sie von der Sache wiſſen. Das iſt ein hübſcher Burſche, meine Herren alle,“ fuhr er, zu der Geſell⸗ ſchaft gewendet fort;„kann keinen Prolog zu: Wie's Euch gefällt finden. Zum Teufel, ich will Euch ſelbſt einen geben— einen, der zur Sache ebenſo gut taugt, als eines von Sancho's Sprüchwörtern.“ Er legte alſo ſeine Pfeife weg, gebot dem Keller⸗ meiſter, ſeinen Lehnſeſſel herumzudrehen, ſo daß er die Zuhörerſchaft vor das Geſicht bekam und begann den Prolog zu„Phramus und Thisbe“: „Stößt etwas an, ſo kommt's vom guten Willen her, Denkt, daß daraus Anſtoß allein entſtände, Sie zeigen ihre Kunſt einfacher Art— nichts mehr, Das iſt der wahre Anfang von dem Ende.“ Dann ließ er ſeinen Stuhl wieder rückmarſchiren und gebot, daß die Darſtellung ihren Anfang nehme. 208 Ehe jedoch die erſte Scene vorüber war, hatte er die Darſtellung ein halb Dutzend Mal unterbrochen und hielt den Schauſpielern ſolche Vorleſungen, daß es für ſie überhaupt ſchwer hielt, nur ihre Rollen zu ſpielen. Auf ſolche Art fuhr der alte Squire fort, nament⸗ lich diejenigen Schauſpieler zu quälen, deren Leiſtun⸗ gen ihm mißfielen: und, die Wahrheit zu ſagen, da ſie, mit einer einzigen Ausnahme, eine ſo klägliche Bande bildeten, als nur je eine die Bretter beſchritt, und früher ſich noch niemals mit:„Wie's Euch ge⸗ fällt“ verſucht hatten und noch vazu kaum Etwas von ihren Rollen wußten, ſo verdienten ſie wirklich ſeinen Tadel. Mittlerweile beharrte die Zuhörerſchaft von An⸗ fang bis zu Ende der erſten Scene in einem wiehern⸗ dern Gelächter, während der Squire, zum Theil un⸗ ter dem Zwicken der Gicht und dem wiederholten Aergerniß, welches er daran nahm, daß jede Linie ſeines Lieblings⸗Schauſpiels falſch ausgeſprochen wurde, ununterbrochen ſo diaboliſche Geſichter ſchnitt und ſo mancherlei Klagen ausſtieß, daß die Schau⸗ ſpieler in dieſelbe Lage verſetzt wurden. Amiens war die erwähnte Ausnahme. Er wurde von einem merkwürdig gutausſehenden jungen Bur⸗ ſchen dargeſtellt, welcher ſich erſt ſeit einigen Tagen der Geſellſchaft, ihr völlig fremd, angeſchloſſen hatte und, wiewohl er augenſcheinlich nie vorher dem Be⸗ ruf zugethan geweſen, doch ein ausgezeichnet guter Schauſpieler war. Der Squire wurde entzückt von ihm, ſobald er nur erſchien, legte ſeine Pfeife nieder 209 und beſtand darauf, alsbald mit einem vollen Glas ſeine Geſundheit zu trinken. Ebenſo verliebte er ſich verzweifelt in die Dame, welche die Roſalinde ſpielte. „Ein feines Ding, bei Gott,“ rief er,„mit der lieblichſten Stimme; ſpielt die Roſalinde wie ein Engel— eine himmliſche Roſalinde! Ihr Diener, Mädchen, ich wünſche Ihnen Wohlergehen und einen beſſeren Orlando, als der übelſichtige Tropf, den wir eben hinausgeziſcht haben.“ Kurz, der Squire applaudirte Roſalinde, daß der Saal widerhallte, und ihre Schönheit und Lebhaf⸗ tigkeit ſtellten die gute Laune wieder her, welche die zwei Stücke der vorangehenden Scene geſtört hatten. So endete der erſte Act, und nun kam die Reihe an mich. Ich kann nicht ſagen, daß mir unter einer ſolchen Art von Züchtigung ſonderlich wohl zu Muthe war; wirklich hatte die ganze Geſellſchaft durch den derben alten Squire und ſeine uncerimoniöſen Be⸗ merkungen einigermaßen ihre Faſſung verloren. Zu⸗ dem wurde er immer betrunkener, ſchrie, ſich wieder⸗ holt über die Verzögerung zwiſchen den einzelnen Aeten beklagend, nach Jaques und ſeinem Lieblings⸗ ſpruch über das arme verſprengte Stück Rothwild im Forſte, während ſeine zwei lieblichen Töchter, ſich an ſeinen Stuhl hängend, ſeine Reizbarkeit zu beſchwich⸗ tigen und ihn zu überreden ſuchten, ſein Glas weni⸗ ger oft zu füllen. Unſere Geſellſchaft war wegen einer Verſtärkung durch Waldleute für die Scene in ziemlicher Verlegen⸗ heit geweſen, und einige Leute von des alten Gentle⸗ mans Dienerſchaft, zwei Stallknechte, der Gehulfe Smith, Glücks⸗Soldat. II. 14 240 und der Lakei waren zum Dienſt gepreßt und in ein Coſtume, wie es die Umſtände erlaubten, geſteckt wor⸗ den; denn es fehlte unſerer Geſellſchaft nicht nur an Perſonen für das Spiel, ſondern es hielt auch ſchwer, dieſelben zu bekleiden, wenn ſie ſich wirklich fanden. In der That glich die wandernde Truppe ganz der von Goldſmith beſchriebenen, wo derſelbe Rock, welcher Romeo diente, das blaue Futter nach außen gekehrt, auch für ſeinen Freund Mercutio herhalten mußte; ein großes Stück Flor Julia zugleich zum Rock und zum Bahrtuch ausreichte; ein Stößel und ein Mörſer aus einer benachbarten Apotheke alle Zwecke einer Glocke erfüllte, und des Wirths eigene Familie, in weiße Leintücher gehüllt, zur Verſtärkung der Proceſſion verwendet wurde. Unter ſolchen Umſtänden, die ich nicht bälder ent⸗ deckte, als bis wir zur Darſtellung unſerer Rollen verſammelt waren, fühlte ich mich ziemlich geärgert, beſonders wenn vor einem ſo rückſichtsloſen Richter, wie der vor uns ſitzende, mein Debut erfolgen ſollte. Ich ſchämte mich meiner Genoſſen wirklich ebenſo ſehr, wie Fallſtaff ſeiner Rekruten. Doch die Klin⸗ gel gab das Zeichen, der zweite Act begann und „meine Kamaraden und Mitverbannte“ waren ſäu⸗ berlich in Arden. Mittlerweile und während der zweite Aet in Vor⸗ bereitung war, hatte das rüſtige alte Haus immer tiefer in die Flaſche geſehen und den einzigen Fidler, welcher vor den im Saale vertheilten Lichtern ſaß unſer Orcheſter ausmachte, völlig auf's Trockene geſetzt. „Der Henker hole Dich, Du ſchurkiſcher Kratzer,“ 21¹ brüllte er,„Du haſt dieſe klägliche Melodie die ganze Zeit bisher geſpielt. Du ſollſt trinken, Mann— da iſt Rumpunſch für Dich. Wahrhaftig, ich will Le⸗ ben in Deinen koſtbaren Fidelbogen bringen!“ Kurz, der Fidler bekam bald einen totalen Rauſch und wurde gleich Meiſter Robert Shallow zu Bette gebracht. Die Vergleichung unſerer Bande mit den oben beſchriebenen Dorfkomödianten lag wirklich näher, als der Leſer ſich wohl einbilden konnte; denn das Kamiſol Orlando's war unter manchen von dem Director angebrachten Entſchuldigungen und unter Beigabe eines Waldhorns und eines mit Kreuzheft ver⸗ ſehenen couteau de chasse*) zugleich das Jagdeoſtume des melancholiſchen Jagues. Wie man es einzurich⸗ ten gedachte, wenn Orlandv und Jaques zugleich auf der Bühne zu erſcheinen hatten, weiß ich wirklich nicht, erhielt auch keine Gelegenheit es zu erfahren, denn die Darſtellung nahm, ehe wir zu dieſem Theil des Stücks gelangten, ein plötzliches Ende. Der gute Herzog wurde von dem Director ge⸗ ſpielt, der ſowohl kurz als dick war; ich ſelbſt hatte eine Größe von mehr als ſechs Fuß, und der Reſt der Waldleute erſchien ebenſo unvortheilhaft in Aus⸗ ſehen, als buntſcheckig in Tracht. Ich ſpielte jedoch meine Rolle zur Zufriedenheit der Zuhörer. Der Squire war entzückt, zerbrach ſeine Krücke beim Ap⸗ plaudiren und trank meine Geſundheit ein halb Du⸗ zend Mal, ehe ich mit ſeinen Lieblingsſtellen über das verwundete Rothwild fertig war. Auch die Damen *) Jagdmeſſer. A⸗ d. U. 14* 242 beehrten meine Darſtellung des Charakters mit ihrem Beifall und warfen ihre Bouquets mir zu Füßen. Der Squire pries meine Stimme, die Damen prieſen meine Perſon. „Verdammt,“ rief der Erſtere,„der Burſche kann ſpielen. Da iſt nichts von Verſchlucken und Ver⸗ beißen, Verdrehen und Zerren, von Attitudenmachen, von ſchwülſtigem Geſchwätz und Raſen gleich einem Bettler in einem epileptiſchen Anfall. Dazu iſt er ein hübſches Mannsbild: ein gutausſehender, kräf⸗ tiger Burſche.“ Wirklich war das ganze Auditorium vom Haus⸗ herrn bis zur Küchenmagd von meinem Talente ent⸗ zückt und ich fühlte mich dadurch lebhaft erhoben, als ein neuer unglücklicher Schlag des Schickſals mich noch einmal in die gemeine Wirklichkeit der Dinge verſetzte. In der nächſten Scene war Orlando ohne Urlaub abweſend; wir ſollten der Uebereinkunft gemäß un⸗ ſere Röcke wieder austauſchen, während Herzog Frie⸗ derich ſeinen Leuten Anweiſung gab, Celia und Ro⸗ ſalinde aufzuſuchen. Die Bühne wartete jedoch, und kein Orlando war zu finden. „Zum Teufel mit dem wieſeldarmigen Orlando!“ rief der Squire,„ich glaube, er iſt mit Roſalinde und Celia nach Arden gegangen.“ „Das wäre das Schlimmſte noch nicht,“ ſprach der Hausmeiſter, der das Zimmer verlaſſen hatte, um ſuchen zu helfen, und jetzt mit einem Schreckens⸗ geſicht zurückkehrte,„aber meine Speiſekammer iſt vollſtändig eingeſackt und alles Sirbereſ mit⸗ gegangen.“ 213 Es war nur zu richtig; davon war er ſammt dem Gentleman, der den Wettkämpfer geſpielt hatte, und dem alten Adam. Sie hatten den Umſtand, daß die ganze Hausgenoſſenſchaft dem Schauſpiele zuſah, be⸗ nützt und unbeläſtigt eingepackt und ſich mit allem Silbergeſchirr, deſſen ſie gerade habhaft werden konn⸗ ten, auf und davon gemacht. Dieß ſetzte natürlich dem Spiel ein jähes Ende. Der Squire war in furchtbarer Wuth, gebot alle Thore zu beſetzen, und ſchickte ſogleich nach einem Conſtabel, um uns ins⸗ geſammt vor die Obrigkeit führen zu laſſen. Was mich betraf, ſo kam ich noch ſchlimmer weg, als die andern; denn Orlando, der ſchon früh am Abend auf die Mauſerei ausgegangen war, hatte die Gelegenheit wahrgenommen, einen oder zwei der zerſtreuten Löf⸗ fel zu ſich zu ſtecken, ehe er ſeinen Rock wechſelte, und als ihm der Gedanke an den größern Raub beim Anblick des in der Speiſekammer ſtehen gebliebenen Silbergeſchirrs durch den Kopf gefahren war, in ſei⸗ nem Eifer den geringfügigen Diebſtahl nicht mehr beachtet und mir die Anwartſchaft auf die Folgen ſei⸗ ner Miſſethaten hinterlaſſen. Ich hätte jedoch ohne meinen Eigenſinn noch im⸗ mer der Schmach entgehen können, da der Squire anfänglich nichts davon wiſſen wollte, mich dem Got⸗ tesurtheil des Ausſuchens zu unterwerfen. Ich be⸗ ſtand jedoch darauf, gleich den Uebrigen behandelt zu werden, und zum Schrecken von mir ſelbſt und Er⸗ ſtaunen der Anweſenden entdeckte man in den Taſchen meines Kamiſols einen gepfefferten Truthahn⸗Schle⸗ gel, ein Stück kalten Plumpudding, zwei ſilberne Gabeln und einen Fleiſchbrühe⸗Löffel. 214 Umſonſt betheuerte ich meine Unſchuld und wies darauf hin, daß die geſtohlenen Artikel bei mir in Folge meines Rockumtauſches mit dem wirklichen Dieb gefunden worden wären. Umſonſt verſicherte ich, meine Unbekanntſchaft mit den Schätzen, welche ich bei mir trug, diene zu einem weitern Beweiſe meiner Ehrlichkeit, da ich, wiewohl durch deren Ge⸗ wicht und Klirren ſelbſt während des Vortrags mei⸗ ner Rolle inkommodirt, doch nach der Urſache davon zu forſchen unterlaſſen hätte, in Betracht als die Ta⸗ ſchen von eines andern Mannes Rock, ſo lang der⸗ ſelbe auf meinem Rücken lag, vor meinen Fingern ebenſo ſicher ſein mußten, als wenn er ihn ſelbſt an⸗ gehabt hätte. Der Squire, jetzt in halbtrunkenem Zuſtande und über Beweisgründe hinaus, zeigte ſich unerbittlich. Er ſchwur, er wäre im Stande gewe⸗ ſen, mir zu vergeben, wenn ich nicht den Jacques ſo gut geſpielt hätte, und ich verdiene deßhalb doppelt Strafe. „Nur Leute von feinem Kopf, ſage ich Dir, Mäd⸗ chen,“ ſprach er zu ſeiner Tochter,„verdienen gehängt zu werden. Das iſt irgend ein bühnengewandter Junge, der ſeinen Freunden entlaufen iſt; und bei dem Blut der Mirabellen, das wird für ihn eine Lehre ſein, ſo lang er lebt. Nehmt ihn hinweg, Conſtabel; die Uebrigen werft zum Thor hinaus und ſchicket Leute zu Pferd und zu Fuß den andern Landſtreichern nach.“ 2¹⁵ zünfunddreißigſtes Rapitel. ———„₰ zieh' mich aus Und kleid' mich an, Gleich wie ein brit'ſcher Baurr; ſo fechte ich So ſterbe ich.“ „Weg, Knabe, von den Truppen, rette Dich; Der Freund erſchlägt den Freund, Unordnung herrſcht, Als ſtritte man verbund'nen Auges ſich.“ Shakſpeare. Dieß war der Anfang und das Ende meiner theatraliſchen Laufbahn. Das Leben eckelte mich jetzt gänzlich an, und gleich Macbeth„begann ich, der Sonne müde zu ſein.“ Die Schande und Schmach dieſes letzten Vorfalls kränkten mich tiefer, als irgend Etwas, was mir bisher begegnet war. Es war am dritten Abend nach jenem unglück⸗ lichen Theaterverſuch, daß ich, in der Gefangenen⸗ zelle ſitzend, wohin ich gebracht worden war, und außer mir über die traurigen Ausſichten, die ſich mir eröffneten, mich beinahe geneigt fühlte, meinem Le⸗ ben und meinem Mißgeſchick zugleich ein Ende zu machen. Niedergeſchlagen und elend, ohne irgend einen Strahl des Troſtes, wandte ſich mein Auge von der Decke zu dem Fußboden der erbärmlichen Zelle, worin ich eingeſchloſſen war, in völligem Wahnſinn der Verzweiflung; ich ergriff das Meſſer, welches auf dem Tiſch vor mir lag, und wollte es gerade mir in's Herz ſtoßen, als meine Hand von Jemand auf⸗ gehalten wurde, der, ohne daß ich es in meiner See⸗ lenqual bemerkte, Zutritt bei mir erhalten hatte. 2¹6 WMein Beſucher ſetzte ſich ohne Umſtände auf das Rollbett, welches an der Wand meiner Zelle ſtand, und ich erkannte in ihm ſogleich den jungen Mann, e in Wildhawk⸗Hall Amiens' Rolle geſpielt atte. „Ich bin, wie es ſcheint, im rechten Augenblick gekommen,“ ſagte er.„Laſſen Sie ab von dieſem letzten Hilfsmittel des Unglücklichen, Mr. Snooks. Schlagen Sie den Feind, ich bringe Ihnen gute Nach⸗ richten; der wirkliche Dieb iſt entdeckt worden. Mei⸗ ſter Orlando und ſeine Genoſſen ſind geſtern in Li⸗ verpvol ergriffen worden. Dieſelben haben Sie jedes Antheils an dem Diebſtahl entlaſtet. Sie können ſich demnach als frei betrachten.“ Es war mir zur Zeit, da wir zuſammen ſpielten, aufgefallen, daß ich ſchon irgendwo Geſichtszüge ge⸗ ſehen hatte, welche denen des jungen Mannes genau glichen, aber ich vermochte mir durchaus nicht in's Gedächtniß zurückzurufen, mit wem er unter meinen Freunden aus neuer Zeit ſo große Aehnlichkeit hatte. Es war ein ſchwächlicher, weibiſch ausſehender Junge mit rabenſchwarzen Haaren und einer Zigeuner⸗Ge⸗ ſichtsfarbe. Die Unglücklichen ſchließen bald Bekanntſchaft, und wir wurden Freunde von dieſer Stunde an. Ich war um ſo mehr geneigt, ſein Entgegenkommen zu einem vertrautern Verhältniß zu erwidern, als ich fand, daß er ſelbſt ſich große Mühe gegeben hatte, die Urheber des neulichen Diebſtahls zu entdecken und meine Unſchuld zu beweiſen. Er ſchien gleich mir mit dem Schickſal ſich überworfen und früher in einer edlern Sphäre bewegt zu haben, als worin ich 217 ihn jetzt erblickte. So viel er mir von ſeiner Ge⸗ ſchichte mittheilte, lebte er in Zwieſpalt mit ſeinen Verwandten, hatte deßhalb ſeine Zuflucht zu der Bühne genommen und beabſichtigte, da er ein guter Muſiker war und eine angenehme Stimme beſaß, die gegenwärtige elende Geſellſchaft zu verlaſſen und bei einer beſſern Bande ein Engagement zu ſuchen. Wir kamen alſo überein, unſern geringen Geldvorrath zu⸗ ſammenzuwerfen, und beſchloſſen mit einander, unſer Glück weiter zu ſuchen. Sobald ich alſo förmlich in Freiheit geſetzt wor⸗ den war, verabſchiedeten wir uns von der Stadt Derby, in deren Kerker ich ſolcher Art auf kurze Zeit Inſaſſe geweſen war, und nahmen unſern Weg nach Mancheſter. Hier erhielten wir eine Anſtellung bei der gerade daſelbſt ſpielenden Geſellſchaft, und da das aus Fabrikarbeitern beſtehende Auditorium uns ſeine Gunſt zuwandte, wußten wir ſchon unſere Börſe wie⸗ der zu füllen. Bei all unſerer Vorliebe jedoch für den erwählten Beruf, fand Gilpin Swart, denn dieß war ſein Name, wie er mir angab, daß der⸗ ſelbe nicht in dem Maaße, als wir uns zuvor gedacht hatten, unſerem Geſchmack entſprach. Um den Geſchmack der Zuhörerſchaft, vor wel⸗ cher wir ſpielten, zu befriedigen, waren wir genöthigt, unſere Rollen ihren Vorſtellungen, anſtatt unſern eigenen, anzupaſſen. Sprechen und Spielen, wie die Natur vorſchrieb, machte keinen Eindruck; ſondern die Stimme zu einer unnatürlichen Höhe ſteigern, dann plötzlich zu einem Geflüſter ſinken laſſen, mit einem Wort, raſen und brüllen, Attituden reißen und einherflolziren, war, fanden wir, das einzige Mittel, 218 Beifall unter dem Pöbel zu verdienen— das einzige Mittel, ihn zu gewinnen. Wir entſchloſſen uns alſo, eine Stadt zu verlaſſen, wo Affen und wilde Beſtien augenſcheinlich dem Geſchmack der Einwohner mehr zufagten, als Schauſpieler eines ordentlichen Drama's. Es iſt nicht nöthig, bei dem herumſtreifenden Le⸗ ben zu verweilen, welches wir nun Monate lang mit einander führten, eſſend, wo wir etwas auftreiben konnten, zuweilen auch Wochen lang halb verhungert. Es gibt vielleicht keine Klaſſe gedankenloſerer und un⸗ vorſorglicherer Leute, als arme Schauſpieler. Wäh⸗ rend der Hunger ihn peinigt, iſt er gezwungen, heiter zu erſcheinen wie ein luſtiger Kautz, um die Ueber⸗ fättigten und die ennuyés zum Lachen zu bringen. Und kaum hat er Geld in der Taſche, ſo wird es in der Ausgelaſſenheit einer Schenke verſchwendet. Mein jugendlicher Gefährte war ein großer Troſt für mich in meinem Mißgeſchick. So lang er bei mir war, zeigte er ſich ſo aufmerkſam auf alle meine launiſchen Bedürfniſſe und Wünſche, daß er mehr einem Diener, als einem Freund von mir glich. Es lag jedoch eine Zurückhaltung in ſeinem Weſen, die ich mir nie vollſtändig erklären konnte. Ich ver⸗ mochte nie, ihn bis auf den Grund auszuforſchen, oder die geringſte Kenntniß von ſeiner Geſchichte mir zu verſchaffen. Er trug einen verſchwiegenen Kum⸗ mer mit ſich herum: einen Gram, dem er niemals Worte gab. Aber ſeine Anhänglichkeit an mich war unbegrenzt, ſeit der Zeit, da wir einander zum erſten Mal getroffen hatten, und ich erwiderte ſeine Freund⸗ ſchaft in gleichem Maaße, und unterließ es, ihm ſein Geheimniß abzudringen. S 2¹9 Während wir nun die Einwohner von Grave⸗ ſend mit unſeren Berufskenntniſſen unterhielten, hörte ich zum erſten Mal von der beabſichtigten Or⸗ ganiſation eines engliſchen Corps fuͤr den Dienſt der Königin von Spanien. Unſerer gegenwärtigen Le⸗ bensweiſe ganz und gar überdrüſſig, war die Vor⸗ ſtellung von Etwas wie wirklicher Dienſt für mich entzückend, und ich beſchloß alsbald, mich unter die Fahnen der britiſchen Legion anwerben zu laſſen. Ich ſprach über den Gegenſtand mit meinem Ge⸗ noſſen, aber er nahm den Gedanken, wie mir ſchien, ziemlich mißfällig auf. Er wurde blaß, als ich deſſen erwähnte, und verſuchte, mir das Projeet auszureden. Ich war jedoch zu dem Wagniß ſo feſt entſchloſſen, daß er zuletzt einwilligte, mit mir zu gehen. Gleich Archer und Aimwell hatte ich den ernſten Vorſatz, ehe ich nach und nach in den Straßen eines engliſchen Städtchens verhungerte, lieber meinen unglücklichen Körper nach einer engliſchen Kontreſearpe zu ſchlep⸗ pen und tapfer auf der Breſche zu ſterben. Dieß ſtand bei mir um ſo feſter, da ich vor etwa einem Monat erfahren hatte, daß mein Vater noch immer im Aus⸗ lande lebte, in ſehr verwickelten und beſchränkten Um⸗ ſtänden und noch unter dem völligen Einfluß von ſeiner Frau und deren Verwandten, jedoch einer viel beſſern Geſundheit genießend; und er hatte einen ſolchen Widerwillen gegen meinen bloßen Namen, daß derſelbe in ſeiner Gegenwart nie erwähnt wer⸗ den durfte. Er hatte mich völlig enterbt. Da wir jedoch hörten, daß der Theil der Legion, welcher eben auf den Kriegsſchauplatz abgegangen war, bei der erſten Anwerbung in ziemlich deſorga⸗ 220 niſirtem Zuſtand ſich befand, indem er aus dem„Ab⸗ ſchaum einer kalten Welt und eines langen Friedens“ zuſammengeſetzt war, ſo nahmen wir, da wir damals noch einige Pfund in der Taſche hatten, uns vor, die ſpaniſche Küſte ſelbſt aufzuſuchen und dort unſere Dienſte anzubieten, in der Hoffnung, bei der Armee ein Patent zu erhalten, oder auf alle Fälle in einer weniger erniedrigenden Lage, als der gemeiner Sol⸗ daten zu dienen. Als wir jedoch in Spanien ankamen und uns nach dem Hauptquartier begaben, fand ich bei nähe⸗ rem Augenſchein ſo viele Geſichter, die ich im Laufe meiner kurzen militäriſchen Laufbahn in England erblickt und gekannt hatte, daß ich keine Luſt ver⸗ ſpürte, meine Geſchichte weitläufig erörtern zu laſſen. Die Ausſicht dabei, ſchien mir, war nur, daß ich mich ſchnell in neue Händel mit meinen Mitofficieren, ſelbſt wenn ich ein Patent erhielt, verwickeln mußte; und ſo ließ ich mich ſammt meinem jungen Gefähr⸗ ten in dem Corps von— anwerben, einem Flanken⸗ bataillon, aus Deſperados zuſammengeſetzt, ebenſo wacker als die Waffen, die ſte trugen, Brüdern in Kampf und Mißgeſchick, bereit für einander zu ſter⸗ ben, wie mit einander zu eſſen, und gelobend, nie⸗ mals im Felde Pardon zu geben, oder anzunehmen. Dieſes Corps entſprach wirklich unſerem Zwecke auf ein Haar. Wir hatten einander bekannt, daß wir nach Spanien kamen, um zu ſterben, des Lebens im Kampfe, ungekannt, unbetrauert,„das Schwert in der Hand“ loszuwerden. Für mich war dieß ent⸗ ſchuldbar, da ich wußte, daß es keine Auszeichnung, die ich gewinnen, keinen Rang im Dienſte, für den 221 ich mich hatte anwerben laſſen, gab, wodurch ich wie⸗ der in meine frühere Stellung eingeſetzt, oder der Freunde, die ich früher hatte, theilhaftig geworden wäre. Aber ich hätte Bedenken tragen ſollen, ehe ich meinen jugendlichen Gefährten zu einem ſo ver⸗ zweifelten Schritt verleitete und in die Gefahren eines ſolchen Dienſtes verwickelte. So jung er war, ſchien er jedoch gleich bereit wie ich, ſein Leben auf dieſen Wurf zu ſetzen. Für ihn, ſagte er, hatte das Daſein keinen Reiz; das Leben bot keine Hoffnung. Ein ganzes Jahr waren wir jetzt beiſammen, und ich hatte ihn nicht ein einziges Mal lächeln geſehen. Mit ſolchen Gefühlen waren wir die rechten Burſche für den Tod und Waffen⸗ ruhm und wurden als würdige Kamaraden derer, welche ſich größtentheils zu denſelben Geſinnungen, wie wir, bekannten, in dieſes prächtige Bataillon aufgenommen. Männer von verſchiedenen Nationen ſtanden bei dieſem Corps; unter den kühnen Basken hatten Polen, Frankreich, Italien, Deutſchland und andere Länder ihre Repräſentanten, alle dieſelbe ſchreckliche Gleichgültigkeit gegen das Leben an den Tag legend, und gelobend, es im Felde weder zu geben noch anzunehmen. Es iſt unnöthig und würde peinlich ſein, die Scenen, deren Zeuge ich im Dienſte unter jenen tapfern und verzweifelten Männern war, zu beſchrei⸗ ben. Den Tod erblickten wir in ſeiner entſetzlichſten Geſtalt, bis derſelbe eben wegen unſerer Vertrautheit mit ihm für uns ein Gegenſtand abſoluter Gleich⸗ gültigkeit wurde, und mein Genoſſe und ich erwarben uns hohe Achtung im ganzen Corps. 222 Insbeſondere hatte ſich Gilpin Swart allen, die ihn kannten, durch ſein ruhiges Weſen, ſeine Zunei⸗ gung zu mir, ſeinem Kamaraden, ſeine Tapferkeit und Gewandtheit im Gefecht werth gemacht. Obwohl ſo ſchwächlich und jugendlich von Geſtalt, war er im Stande, gleich dem ſtärkſten Basken in der Com⸗ pagnie, wozu er gehörte, Strapatzen auszuhalten. Gegen mich namentlich war ſeine Ergebenheit ſo au⸗ ßerordentlich als herviſch; zweimal hatte er mir das Leben im Felde gerettet, als ich ſchwer verwundet, hülflos auf der Stelle liegen blieb, wo ich niederge⸗ ſchoſſen worden war. Ob das Experiment, Erleich⸗ terung für die Sorgen und Trübſale eines unglück⸗ lichen Lebens zu ſuchen, bei andern, welche ſich für dieſen Dienſt hatten anwerben laſſen, ſich erprobte oder nicht, iſt mir unbekannt; vielen brachte es den blutigen Tod, den ſie zu ſuchen verſicherten, während andere wieder ſich einzubilden ſchienen, durch Ueber⸗ bietung ihrer Kamaraden in ſorgloſem Thun Re⸗ vanche oder Vergeſſenheit für den Kummer zu fin⸗ den, der ſie zu Opfern für„die feueräugige Jung⸗ frau des rauchenden Kriegs“ auserſehen hatte. So ſehr jedoch Gilpin und ich das Benehmen dieſer tapfern Bande im Felde bewundern mochten, ſahen wir doch Manches, was uns mit Schrecken und Ab⸗ ſcheu erfüllte unter den entſetzlichen Thaten, welche zuweilen vorkamen, wenn der Kampf vorüber und das Schlachtfeld gewonnen war. Ein ſolcher Act von jenen Mitgliedern des Corps brachte endlich eine ſo furchtbare Strafe über ſie, daß die Erinnerung daran niemals meinem Geiſt entſchwinden wird. Während wir in Granada lagen, hatte ein Theil 223 der Mannſchaft aus verſchiedenen Nationen einen kirchenſchänderiſchen, mordbegleiteten Frevel ſo ſcheuß⸗ licher Art begangen, daß der General, bei dem feſten Vorſatze, den wiederholten Verbrechen, welche in der letzten Zeit ſtattgefunden hatten, Einhalt zu thun, nach vergeblichen Verſuchen, die wirklich Schuldigen zu entdecken, ſich entſchloß, zu dem alten Geſetz der Deeimirung ſeine Zuflucht zu nehmen. Demgemäß mußte das Regiment auf dem Haupt⸗ platz der Stadt in Parade aufmarſchiren und die Sache nahm ihren Verlauf. Ich würde mir gern den Bericht über die nun folgende peinliche Scene erſparen, wenn er nicht für meine unglückliche Er⸗ zählung ſich als nothwendig erwieſe. Die Schuldi⸗ gen waren, glaube ich, vielen ihrer Kamaraden be⸗ kannt, aber kein Mann dachte, ſelbſt um ſich vor einer ſchrecklichen Möglichkeit zu bewahren, nur einen Augenblick daran, deren Namen anzugeben. Die That, für welche vielleicht Unſchuldige büßen muß⸗ ten, war entſetzlich und gottlos geweſen, aber die Guiden bewieſen die ritterlichſte Aufopferung gegen einander, und auf die letzte Anſprache des Generals, der ſie aufforderte, ihm die ſchrecklichſte Alternative durch Nennung der Schuldigen zu erſparen, ſchwie⸗ gen ſie bis auf den letzten Mann. Ich übergehe als unbeachtenswerth den Glanz der Scene; die Sonnen⸗ ſtrahlen, die von den Waffen der verſchiedenen Regi⸗ menter abprallten, die auf dem unglückſeligen Platz aufgezogen waren; den glänzenden Stab, welcher den General begleitete, und all den Stolz und Pomp, welcher mit der imponirenden Natur des furchtbaren Beiſpiels, welches ſtatuirt werden ſollte, verbunden 224 war. Ich bemerkte es wirklich kaum. Mit dem zu decimirenden Bataillon aufgezogen, fühlte ich keine Furcht für mich ſelbſt; aber eine ſchreckliche Beſorg⸗ niß wegen des auf meinen jungen Kamaraden fallen⸗ den Lvoſes übermannte mich ſo ſehr, daß ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Ich ſchaute die Linie entlang und jedes Geſicht war ſo ernſt, als ob man eben das Commando⸗Wort, auf die feindliche Linie zu feuern, empfangen ſollte. Ich wagte, einen Blick auf den armen Gilpin zu werfen, und ſein Ge⸗ ſicht war ſo ruhig und glücklich, als ob er einem Hochzeitfeſt, anſtatt der ſchrecklichen, demnächſt vor ſich gehenden Scene anzuwohnen hätte. Ich verweile kaum bei dem Schauder geſpannter Erwartung, während die Nummern abgeleſen und jeder zehnte Mann vor die Front gerufen und der todtenbleichen Abtheilung bei⸗ geſellt wurde, welche im nächſten Augenblick hinge⸗ ſchlachtet werden ſollte. Um kurz zu ſein, was ich befürchtete, traf wirk⸗ lich ein— die neunte Nummer fiel auf mich, die zehnte auf Gilpin Swart. Von dem Augenblick an, da wir zu dieſer gräßlichen Parade antraten, war es mir, als würde es ſo kommen, und doch traf mich die Wirk⸗ lichkeit gleich einem Donnerſchlag. Ich ſah in mir den Mörder des armen, liebevollen Knaben. In wahnſinniger Verzweiflung aus den Reihen ſtürzend, bat ich den kommandirenden Officier, das Schickſal, das auf meinen Freund gefallen war, über mich ergehen zu laſſen. Das ganze Bataillon, eiſerne Männer, wie ſie waren, hätte kaum mit ihm zu tau⸗ ſchen gezögert, ſo beliebt hatte ſich der junge Mann bei Allen gemacht. Es war jedoch vergeblich, daß ich 225 das verhängnißvolle Loos auf mich zu wenden ſuchte; es war vergeblich, daß ich ſagte, er ſei ein Knabe— ein vollkommenes Kind, das den Tod erleiden ſollte — ſo unſchuldig an dem Verbrechen, als der Ober⸗ general ſelbſt. Es war vergeblich, daß ich geltend machte, er habe Freunde und Verbindungen von Rang und Vermögen in England, die ſich ohne Zweifel über ſeine Abweſenheit grämten und durch ſeine Rückkehr glücklich gemacht würden— während ich ſelbſt allein in der Welt, ohne Heimath, ohne Freunde, ohne Vaterland— mit dem Leben als einer Laſt, unbekannt, unbetrauert, den Zufall ſegnen würde, der mich von dem Daſein erlöste. WMeine Heftigkeit bewog trotz des Widerſtandes von meinem Freunde, den Officier, an welchen ich mich wendete, inne zu halten und an den Oberbe⸗ fehlshaber zu rapportiren. „Du ſprichſt umſonſt für mich,“ ſagte Gilpin, als wir einander in die Arme ſchließend, da ſtanden. „Es gibt keine Gewalt, welche das ſtrenge Geſetz, das mich verurtheilt, ändern könnte; und ſelbſt wenn Dein edelmüthiger Wunſch Beachtung fände, wider⸗ ſetze ich mich dem Vollzug deſſelben. Ich wünſche zu ſterben und ergebe mich in mein Geſchick mit Freu⸗ den. Gräme Dich nicht um mich, mein Freund, aber gewähre mir eine Bitte, und ich bin glücklich. Nimm dieſen Brief und mit ihm gib mir Dein Verſprechen, deſſen Inhalt nicht eher zu leſen, als bis die Mus⸗ ketenſalve uns für immer getrennt hat.“ Kaum wiſſend, was ich ſprach, gab ich das Ver⸗ ſprechen. Im nächſten Augenblick war er unter die Verurtheilten eingereiht. Ich erinnere mich der nun Smith, Glücks⸗Soldat. M. 15 226 folgenden furchtbaren Seene nur noch wenig: ein Schwindel trübte mir die Augen, als ich ihn unter der unglücklichen Abtheilung ſtehen ſah. Der ſchreck⸗ liche Musketenknall ſchien mir das Gehirn zu zerrei⸗ ßen, und ich fiel ſchwer zur Erde. Einen Augenblick war ich entſchloſſen geweſen, den Brief, den ich in der Hand hielt, zu erbrechen, in der Hoffnung, deſſen Inhalt hätte vielleicht meinen Freund retten können; aber ſein Auge war auf mich gerichtet, während die tödtlichen Musketen der Feuer⸗ mannſchaft herbeigebracht wurden, und die Erinne⸗ rung an mein heiliges Wort hielt meine Hand zurück. Unglücklich hierin, wie faſt in allen Ereigniſſen meines Lebens, hätte ich das Siegel und damit mein Verſprechen gebrochen, ſo wäre mein Freund gerettet worden. Als ich wieder zur Beſinnung kam, fand ich mich auf einer Pritſche liegend, welche man auf dem Fuß⸗ boden von einer der Zellen des Kloſters, worin die Guiden einquartiert waren, ausgebreitet hatte. Zu⸗ erſt ſchaute ich wild um mich nach dem treuen Freund, dem jugendlichen Gefährten, der mein vertrauter und unzertrennlicher Kamarade, mein Adoptivpbruder ge⸗ weſen war. Im nächſten Augenblick trat die Scene, wobei ich eine ſo hervorragende Rolle geſpielt hatte, in all ihrer furchtbaren Wirklichkeit vor mich, und ich erinnerte mich des Briefes, welchen der arme Gil⸗ pin mit faſt ſterbenden Lippen mir zu leſen anbefoh⸗ len hatte. Er war noch immer feſt in meine Hand geklemmt; ich riß ihn auf und durchlas haſtig deſſen Inhalt. Gram, Erſtaunen und Reue bemächtigten ſich dabei meiner völlig. 227 Er lautete folgendermaßen: „Die, welche dieſe Worte ſchreibt, Ihr ehemali⸗ ger Kamarade, Gilpin Swart, iſt eine Frau und die Tochter Ihres bitterſten Feindes.“ „Eine Ahnung, daß meiner bei dem ſchreckli⸗ chen Gerichtsverfahren, dem wir unterworfen werden, das Todesurtheil wartet, veranlaßt mich zu einer Aenderung des erſten von mir gefaßten Entſchluſſes, nie mein Geheimniß zu verrathen und vor dem, welchen ich unüberlegt aber nur allzuſehr geliebt habe, geſtändig dazuſtehen.“ „Konnte wirklich die reinſte, die uneigen⸗ nützigſte, die makelloſeſte Liebe die Kränkungen und die Niederträchtigkeit des Theils meiner Fa⸗ milie, deſſen finſtere Thaten Verderben über Ihr Haupt gebracht haben, ſühnen, ſo iſt dieſe Sühne die meinige geweſen.“ „Um kurz zu ſein, denn ich habe nur wenig Zeit, das Geſtändniß zu machen: von dem erſten Augenblick, da ich Sie in Ihres Vaters Woh⸗ nung ſah, liebte ich Sie. Ihre edle Natur, Ihr hohes, ritterliches Benehmen, Ihre Kümmer⸗ niſſe und ſelbſt Ihr Stolz, ſammt allen den Uebeln, welche in Folge der Intriguen meiner Familie über Sie kamen, entzündeten nur um ſo mehr meine brennende Leidenſchaft. Die gänzliche Hoffnungsloſigkeit, meine Gefühle er⸗ widert zu ſehen, hinderte mich nicht, der gehei⸗ men Neigung, welche mich gänzlich durchdrang, nachzugeben. Kurz, es war mein einziger, mein theuerſter Genuß, Sie aus der Ferne zu betrach⸗ ten— nur von einem Blick auf 2²8 ehende Geſtalt während Ihres kurzen Ab⸗ und Senß in Grange zu leben. Nachdem Sie Ihre Heimath, verbannt durch die gemeinen Umtriebe meiner Familie, verlaſſen hatten, ſuchte ich eine Unterredung mit meinem Vater und machte ihm Vorwürfe wegen der Ungerechtig⸗ keit und Unbilligkeit, wodurch er Sie Ihres Vaters Herzen entfremdet hatte; und im Ab⸗ ſcheu davor entſchloß ich mich, ſein Dach für immer zu verlaſſen. Es war ein raſcher Ent⸗ ſchluß, aber einmal gefaßt, war er unwiderruf⸗ lich. Ich verkleidete mich deßwegen als Schiffs⸗ junge und folgte ihm, den ich liebte. Während des anſtrengenden Marſches habe ich auf die Melodie Ihrer Stimme gehorcht; in dem ein⸗ ſamen Bivouak über Ihnen gewacht, wenn Sie ſchliefen, und unter den Zelten im Feld Ihre Rationen getheilt. Daß ich vor Ihnen fallen möchte, iſt mein einziges und beſtändiges Gebet geweſen. Ich fühle jetzt, daß der Tag, die Stunde ſelbſt gekommen iſt. Leben Sie denn wohl, für immer! die Gewißheit, daß Sie mich haſſen werden, wenn Sie meinen Namen erfahren, wird jetzt nie mehr betrüben das Herz von Katharine Leviſon.“ 229 4 Sechsunddreißigſtes Kapitel. ——— Jede Seele war Im Fieberwahnſinn, und Verzweiflung trieb Zum Aeußerſten; und ohne die Matroſen ſtürzt Sich Alles in die Fluth, verläßt das Schiff; Rings um mich her iſt Feu'r; Prinz Ferdinand Springt mit geſträubtem Haar(Geröhr, nicht Haar) Zuerſt hinab und ruft: die Höll' iſt los Und alle Teufel hinter uns—— * Shakſpeare. Die eben angefhhrten Umſtände waren für mich ebenſo außerordentlich als unerwartet. Hundert kleine Vorfälle drängten ſich jetzt meinem Gedächtniſſe auf — Vorfälle, welche während meines vertrauten Zu⸗ ſammenſeins mit jenem unglücklichen Weſen ſtattge⸗ funden hatten, ergriffen mich jetzt mit ſolcher Ge⸗ walt, daß ich mich nur wundern mußte, wie ich ihr Geſchlecht nicht früher geahnt hatte. Das Geheim⸗ niß, worein ihre ganze Geſchichte gehüllt war, ihre verſchloſſenen Gewohnheiten, die Aufopferung, die ſie mir ſelbſt in der kurzen Zeit, da wir Waffenge⸗ noſſen und jener tapfern Bande einverleibt geweſen waren, Alles vergegenwärtigte ſich mir jetzt ſo leb⸗ haft, daß meine Blindheit, ihr Geheimniß nicht zu ergründen, mir jetzt ganz unbegreiflich vorkam. Aber das bewegte Leben, das wir geführt, die grauſen⸗ haften Seenen, die wir durchgemacht hatten, ſamt der abſtracten Natur meiner Gedanken, wie ſie mei⸗ ner herabgekommenen und entwürdigten Lage ent⸗ ſprechend waren, hatten mich ſo völlig in Anſpruch genommen, daß ich gleichgültig und rückſichtslos für 230 Ereigniſſe blieb, welche ohne Zweifel in ruhigern und glücklichern Stunden mir lebhaft aufgefallen wären. Wie leicht zu vermuthen, befriedigte jener Vor⸗ fall meine Sehnſucht nach aetivem Dienſt in Spanien vollkommen. Eine Art von Schauder vor dem Be⸗ ruf, worin ich ſtand, durchdrang meinen Geiſt; ein Schindanger⸗Tod ſchien mich anzugrinſen, wohin ich die Augen wandte. Der Kampf, worein ich ver⸗ wickelt war, ſchien mir mit unnöthiger Grauſamkeit bezeichnet, und ich beſchloß, bei erſter Gelegenheit ihn zu verlaſſen. Ich war jedoch zu weiteren Mnteuern noch beru⸗ fen, ehe es dazu kam; und es geſchah nicht eher, als bis die britiſche Legion der Kraft nach aufgelöst war, ſo daß ich nach zahlreichen Gefechten, Affairen und Scharmützeln, wobei ich mehr als einmal nur mit Mühe dem Tod entging, den ich durch Schwert und Peſtilenz zu ſuchen geſtändig war, Spanien verließ und Alles, nur nicht bettelarm, mich an Bord eines britiſchen Dampfers nach der Themſe einſchiffte. Während der Nacht wurden wir von einem ſchreck⸗ lichen Sturm heimgeſucht, und unſer Noth leidendes Fahrzeug, ſich abmühend mit ſeinen Schaufeln, ſtöh⸗ nend und krachend in den ergrimmten Gewäſſern, bald lavirend, windend und kletternd in dem Wogen⸗ drang, ſchien die vereinzelte Zielſcheibe für den zucken⸗ den Blitz, ſeine ganze Wuth auf daſſelbe loszulaſſen, während jeder Lichtſchimmer die Schauer der ſchwar⸗ zen Tiefe rings herum deutlicher enthüllte. Zuletzt befanden wir uns, nachdem wir den größten Theil der Nacht gleich einer Nußſchaale von der brüllenden Fluth hin⸗ und hergetrieben worden waren, in einem 231 Zuſtande äußerſter Hilfloſigkeit; unſere Maſchinen waren unter Waſſer, unſere Feuer erloſchen, und das Fahrzeug lag jetzt gleich einem Klotz auf dem Waſſer⸗ Es war ein Glück für uns, daß der Sturm ſich nun zu legen begann, denn zur Erhöhung unſeres jämmerlichen Zuſtandes, während die Matroſen er⸗ ſchöpft waren und die Paſſagiere betend auf den Knieen lagen, machte man plötzlich die Entdeckung, daß an Bord Feuer ausgebrochen war. Jetzt erfolgte ein Anblick, dergleichen ich bisher nie erlebt hatte. Ein kleines, unbedeutendes, geringfügiges Fahrzeug, ein Atom lag Auſen treibenden Wogen; die er⸗ ſchreckten Weſen, die ſich an daſſelbe anklammerten, waren offenbar allein in einer Welt, über welche die he Fluth von einem Ende zum andern hinzurollen chien. Die Verwirrung war ſchrecklich. Viele, unfähig, dem ſie erwartenden Geſchick in's Auge zu ſehen, ſtürz⸗ ten ſich ſelbſt in die See; andere wurden bei ihrem Beſtreben, den von den Flammen entfernteſten Theil des Schiffs zu gewinnen, hinweggeſpült und aufkrei⸗ ſchend hinuntergeriſſen; während die Maſſe, dicht zu⸗ ſammengedrängt, wie ſie Schritt um Schritt vor den Flammen zurückwich, mit ſtarren Augen da ſtanden, ſich an einander preßten, wie jede ſchreckliche Woge das brennende Schiff von einer zu der andern Seite warf. Während ich mich gleichfalls an das Tauwerk an⸗ klammerte, fiel mein Auge auf eine Geſellſchaft der Paſſagiere, welche ich bisher noch nicht geſehen hatte. Ich ſelbſt war im Anzug eines gemeinen Solda⸗ ten, der Uniform der Guiden, mein Geſicht von 232 Schmutz und Rauch entſtellt und geſchwärzt, in Folge meiner Bemühungen, den Matroſen bei ihren Ar⸗ beiten zur Unterdrückung des Feuers Beiſtand zu lei⸗ ſten. So ſchwang ich mich, unbeachtet in der blenden⸗ den Helle des Brandes auf die Seite des Schiffs, bahnte mir einen Weg durch das Gedränge und ſtand im nächſten Moment neben einer Frau, deren Er⸗ ſcheinung für den Augenblick ſelbſt die furchtbare Lage, worin ich mich befand, aus meiner Erinnerung verbannte. Als es mir gelungen, die Stelle zu er⸗ reichen, fand ich, daß der erſtzie mich nicht ge⸗ täuſcht hatte. An ihren Vater ſich anlehnend und von ihm und dem Kapitän des Schiffs unterſtützt, mit reſignirtem und feſtem Auge die Scene betrachtend, die Wange weiß wie Alabaſter, und bemüht, Worte des Troſtes ihrem Vater zuzuflüſtern, war es eine Perſon, die ich in glücklichern Tagen ſo gut gekannt hatte— Lady Conſtanze de Clifford. Meine Ueberraſchung, ſie als Paſſagiere mit mir auf dieſem dem Untergang geweihten Dampfer zu finden, wich im nächſten Momente dem Schauder, den ich über deren offenbar unvermeidliche Beſtimmung zu einem ſo ſchrecklichen Tod empfand. Mittlerweile glich die See rings um das Fahrzeug im Widerſchein der heißen Flammen einem kochenden Keſſel geſchmolzenen Goldes, während Alles über den unmittelbaren Bereich des Feuers hinaus ſo ſchwarz und ſchauderhaft erſchien, als die rückſtrahlende Farbe des praſſelnden Feuers glänzend und glühend war. „O Himmel!“ rief in Seelenangſt der Vater der ſchönen Lady de Clifford, als die wachſende Hitze von 233 der entzündeten Maſſe ihm einen Vorſchmack des furchtbaren Todes gab, deſſen ſein Kind vor Ablauf weniger Minuten ſicher ſterben mußte.„O Himmel! Und gibt es alſo wirklich keine Rettung mehr von dieſem grauſamen Geſchick? O Himmel! wie habe ich geſündigt, daß Dein Zorn ſo ſchwer auf mir laſten ſoll? Ich kann nicht beten, meine Conſtanze; höre auf, in mich zu dringen. Wäre ich allein, ich könnte mich darein ergeben; aber das iſt zu entſetzlich. Ich kann Dich nicht verſengt und erſtickend in dieſer wachſenden Hitze, einem ſo peinlichen Tode unterlie⸗ gen ſehen. Beim Himmel, wir wollen dem von dem Schiffsvolk gegebenen Beiſpiele folgen und uns, ein milderes Loos zu finden, in die Tiefe ſtürzen.“ Mit dieſen Worten faßte der Herzog ſeine Tochter in die Arme und wollte eben in einem Anfall wahn⸗ ſinniger Verzweiflung mit ihr in die ſchäumende See ſpringen; da faßte ich ſeinen Arm und verhin⸗ derte die Ausführung dieſes Vorſatzes, indem ich auf einen dunkeln, im Schatten befindlichen Gegenſtand deutete, der eben, wie er aus der fernen Finſterniß hervortauchte, zu unterſcheiden war. Im nächſten Augenblick erhob ſich das laute Ge⸗ ſchrei von unſerem Schiff:„ein Segel, ein Segel! wir ſind gerettet!“ Es verhielt ſich allerdings ſo. Ein großes Fahr⸗ zeug hatte im Augenblick unſern Pfad gekreuzt und ſich wieder in der Dunkelheit verloren. Alles war jetzt Stille und Erwartung. Für den Unerfahrenen war der bloße Umſtand, daß ein Schiff in der Nähe ſich befand, eine rettende Thatſache, aber die Seeleute wußten es beſſer. Kein Boot konnte ſich nur eine 234 WMinute in dieſer See halten. Unſer eigenes Boot war hinweggeriſſen worden, trieb auf den Wellen und verſank ſogleich darauf, während die Schiffsmann⸗ ſchaft bei dem erſten Feuerlärm unten beſchäftigt war. „Da iſt noch Hoffnung, Kapitän,“ ſagte der Her⸗ zog zweifelnd, während er ſtarren Auges und den Körper vorwärts gebeugt, daſtand, um wo möglich in die Finſterniß, wo das Schiff ſich gezeigt hatte, einzudringen. Der Kapitän ſchwieg, er wußte nur zu wohl, daß keine vorhanden war. Ein anderer Freudenſchrei. Das Schiff hatte durch den Wind gedreht und zeigte ſich von Nruem. Es arbeitete wacker und kam in ſo gefährliche Nähe, daß es ein⸗ oder zweimal ſchien, als ſollten wir flammend auf ſein Verdeck geſchleudert werden. „Ein Dampfer,“ ſagte der Kapitän,„braver Bur⸗ ſche, wer es iſt; aber er kann uns nicht helfen.“ „Kann nichts für uns thun?“ fragte der Her „Ja,“ ſagte der Kapitän,„Etwas könnte er th F. um uns aus dieſer wachſenden Noth zu retten. Beim S mein Gehirn iſt in Feuer,“ fuhr er wild fort, als der Wind die Flammen gegen uns heran⸗ blies,„ich kann dieſe verſengende Hitze nicht länger aushalten.“ „Sprechen Sie,“ ſagte der Herzog,„ums Him⸗ mels willen, ſprechen Sie, was kann für uns gethan werden?“ „Ex könnte unſerem Schiff eine Breitſeite geben und uns in Grund ſchießen,“ antwortete der Kapitän, ſich häuptlings in die See ſtürzend. Verzweiflung bemächtigte i von Neuem unſeres 235 todesbleichen Schiffsvolks. Es war augenſcheinlich, daß der Fremde uns nicht helfen konnte. In dieſem Augenblick explodirten einige Pulverfäßchen im Hin⸗ tertheil des Fahrzeugs, wo das Feuer wüthete, und riſſen ein großes Stück von dem Holzwerk in die See. Die Maſſe kam wogend herum und blieb einen Augenblick in den Vorderketten nahe bei der Stelle, wo wir ſtanden, hängen. „Dieß iſt unſere einzige Hoffnung, Mylord,“ ſagte ich, den Herzog vorwärts ſchiebend, ſeine Tochter ergreifend und auf das Fragment ſpringend, ehe die ganze Menge neben uns Zeit hatte, ſich auf daſſelbe zu ſtürzen und es ſomit zum Umſturz zu bringen. Daß Gewicht derer, welche auf das Wrack gelangt waren, machte es wieder los und im nächſten Moment ſchoß es frei dahin. Es war jedoch ein unſicheres und gefährliches Wagniß; das Waſſer ſtürzte jeden Augenblick über die, welche ſich an der Oberfläche anklammerten, hinweg und verminderte mit jeder folgenden Woge deren Zahl. In einer Minute zeigte die plötzliche Finſterniß, wovon wir umgeben wurden, daß das brennende Fahrzeug untergegangen war. Die Lady lag in Ohnmacht; aber ich hielt ſie mit einem Arm, während der andere ſich feſt in einige Fragmente vom Tauwerk verſchlungen hatte⸗ Auch der Herzog lag in Sicherheit an unſerer Seite. Plötzlich verkündigten uns die vorrückenden Ru⸗ derſchaufeln des Fremden, daß er ſich in der Nähe be⸗ fand und über die Stelle hinfuhr, wo unſer Schiff untergegangen war. In der nächſten Minute ließ ſich der raſche Schlag hart vor uns vernehmen. Meine 236 koſtbare Laſt noch immer haltend, erhob ich mich auf die Knie und ſchaute in die Finſterniß vor mir. Vernichtung durch das herankommende Schiff ſchien unvermeidlich. Ich erblickte den dunklen Körper ſelbſt auf den pechſchwarzen Wogen, wie er gerade uns zu überfahren im Begriff war, als ich plötzlich mitten unter dem Gebrüll des Sturms einen Ver⸗ zweiflungsſchrei ausſtieß. Unter keinerlei Umſtänden wird an der Diſeciplin eines engliſchen Kriegsſchiffs etwas nachgelaſſen. In der Regelmäßigkeit und Stille, womit das Schiff ſich durch den Sturm fortarbeitete, wurde mein Wehe⸗ ſchrei gehört, und da der rauſchende Wind ihn wei⸗ tertrug, wurde er von dem brüllenden Commando⸗ wort an Bord des Hotſpur beantwortet. Das Vor⸗ dertheil drehte ſich bei dem Laut, indem es das Fragment blos ſtreifte, an das wir uns angeklammert hatten, und welches im nächſten Momente, an den Schaufelkaſten anſtoßend, in die Tiefe verſenkt wurde. Von dem Augenblick an, da ich das unvermeidliche Schickſal unſeres elenden Floßes erkannte, war ich entſchloſſen geweſen, noch einen verzweifelten Verſuch zur Rettung von Lady de Clifford zu machen; und als das Vordertheil des Dampfers in das Waſſer tauchte, hatte ich im Vorüberſchießen mit der Kraft eines Wahnſinnigen die Vorderkette gepackt. Blaue Lichter wurden dieſen Augenblick angezündet, und wir waren gerettet. Allzu erſchöpft, um ſtehen zu können, lag ich keuchend auf dem ſchlüpfrigen Verdeck, auf welches ich von den Matroſen heraufgeholt worden war. Meine liebliche Bürde befand ſich in Sicherheit. Sie 237 war mit mir, umſchloſſen von meinem convulſiviſchen Griff, an Bord gebracht und dann hinunter getragen worden. Aber wo war der Herzog, ihr Vater, und die wenigen Matroſen, welche ſich an das Fragment, als es getroffen wurde, angeklammert hatten? Ihr Schickſal war nur zu gewiß, ſeitdem die Steuerbordſchaufel des Hotſpur von dem Stoß in Stücke zertrümmert worden war und das Schiff ſelbſt ſich jetzt verſtummelt auf der brüllenden Fluth befand. Der ehrenwerthe Auguſtus Dareall, Befehlshaber des Hotſpur, war ein junger Mann von etwa fünf⸗ unddreißig Jahren, ein ſchönes Muſter eines briti⸗ ſchen Seemanns. Sobald ſich der Lärm, der auf den ſeinem Schiff widerfahrenen Unfall folgte, gelegt hatte und es ihm möglich geworden war, das Deck zu ver⸗ laſſen, wandte er ſeine Aufmerkſamkeit den beiden Perſonen zu, welche auf ſo wunderbare Weiſe den Wogen entriſſen worden waren. Ergriffen von der außerordentlichen Schönheit der Lady de Clifford, welche noch immer beſinnungs⸗ los, das lange dunkle Haar, wie bei einem Meer⸗ fräulein, von dem ſalzigen Schaum der See glitzernd, auf dem Sopha der Kajüte lag, wohin die Matroſen ſie zuerſt gebracht hatten, gebot er ſogleich dem Schiffsarzt, im Verein mit der Frau des Schalup⸗ penführers, Belebungsmittel anzuwenden und ſie hernach zu Bette zu bringen. Dann erkundigte er ſich nach dem Mann, welcher das Mittel ihrer Rettung geweſen war. „Mr. Blowhard,“ ſagte er zu ſeinem Lieutenant, als ſie ſich umdrehten, um die Kajüte zu verlaſſen, 238 „wenn die See dieſes Muſterbild weiblicher Liebens⸗ würdigkeit verſchlungen hätte, würde ich derſelben, dünkt mir, für immer entſagt haben. Sie iſt eine zweite Venus, Sir, aus der Tiefe emporgeſtiegen. Ich glaube nicht, jemals ein Geſicht und eine Geſtalt von ſo ausnehmender Schönheit geſehen zu haben.“ „Eine prächtige Barke,“ erwiderte der Lieutenant, „ich dachte, als ich zum erſten Mal Mrs. Blowhard ſah, ſie ſei eine„ſchmuck gebaute Jolles; aber der Him⸗ mel bewahre uns, dieſe Dame—“ „Macht Ihren Schwan zu einer Krähe, Blowhard, he!“ erwiderte der Kapitän.„Bemerkten Sie den ar⸗ men Burſchen, der ſie ſo feſt umſchloſſen hielt? In der Eile des Augenblicks hatte ich kaum Zeit, mir ihn anzuſehen.“ „Ein gemeiner Soldat, Sir,“ antwortete der Lientenant,„einer von der verabſchiedeten Mannſchaft der britiſchen Legion, denke ich.“ „Ich muß ihn ſehen,“ ſagte der Kapitän,„und wiſſen, wer dieſe Frau iſt. Laſſen Sie ihn nach meiner Kajüte bringen, Mr. Blowhard, während ich eine Minute auf dem Deck mich umſchaue. Der Wind legt ſich; wir müſſen nach dem nächſten Hafen eilen.“ „Der arme Burſche iſt allzu erſchöpft,“ ſagte der Lieutenant,„als daß man jetzt mit ihm ſprechen könnte.“ „So laſſen Sie ihn ſorgfältig verpflegen, und ſo⸗ bald ich oben geweſen bin, will ich ſelbſt kommen und nach ihm ſehen.“ Als ich ſomit mich genugſam erholt hatte, erhielt ich einen Beſuch von dem Kapitän Dareall, der ſich 239 über das Wer und Was von mir und meiner Un⸗ glücksgefährtin erkundigte. „Ihr Ausſehen, junger Mann, ſtraft Ihren An⸗ zug Lügen,“ ſagte er,„Sie ſind nicht, was Sie ſcheinen.“ „Ein gemeiner Soldat, Sir,“ antwortete ich, „von der engliſch⸗ſpaniſchen Legion; nichts weiter.“ „Genug,“ erwiderte der Befehlshaber;„ich ſuche mich nicht in eines Andern Angelegenheiten einzu⸗ drängen. Sie haben ſich jedoch als ein wackerer Burſche bei der Rettung der Frau, Ihrer Gefährtin benommen. Wer iſt ſie?“ „Die Tochter des Herzogs von Hurricane, Lady de Clifford.“ „Wirklich,“ erwiderte der Kapitän,„ich hörte, daß der Herzog von Hurricane aus Geſundheitsrück⸗ ſichten ſich in Liſſabon aufhielt. Die Lady befand ſich demnach als Reiſende an Bord jenes unglück⸗ lichen Schiffes, wahrſcheinlich in der Abſicht, zu ihrem Vater ſich zu begeben. Das iſt ein günſtiges Ereigniß für Sie, junger Mann— Ihr Glück iſt gemacht. Ohne Zweifel wird der Herzog Sie für Ihre Be⸗ mühungen zur Rettung ſeines einzigen Kindes hübſch belohnen.“ „Der Herzog iſt ertrunken. Ich ſah, wie er von Ihren Ruderſchaufeln ins Waſſer geſchlagen wurde. Er befand ſich auf dem Schiffsfragment, über welches Ihr Fahrzeug hinwegſchoß.“ 240 Ungefähr vierzehn Tage nach den im voran⸗ gehenden Kapitel erzählten Ereigniſſen ſaßen zwei Damen in dem vornehmſten Gemach vom Gouverne⸗ mentsgebäude zu St. Sebaſtian; die junge Dame war offenbar unwohl— ſie lag auf einem Sopha. Ihre Begleiterin, welche beträchtlich älter war, ſchritt im Zimmer nicht in der freundlichſten Laune auf und ab. Beide waren in tiefer Trauer, und die niederge⸗ ſchlagene Miene der Kranken verrieth deutlich, daß ihre Gemüthsſtimmung ebenſo düſter war, als ihr Gewand. Die ältere Frau war die Herzogin von Hurricane, die jüngere ihre Tochter, Lady de Clifford. Die Her⸗ zogin war in Folge der Nachricht von ihrer einge⸗ tretenen Wittwenſchaft und der hernach erfolgten ge⸗ fährlichen Krankheit ihrer Tochter von England an⸗ gekommen. Es trat eine Pauſe von einigen Minuten in der Unterhaltung ein; endlich redete die Herzogin, ſtill⸗ ſtehend und ihre Jochter einen Augenblick betrach⸗ tend, dieſelbe alſo an: „Ladh de Clifford, ich bin wirklich erſtaunt über Ihre fortdauernde Thorheit. Ich muß in der That darauf beſtehen, daß Sie dieſen Unſinn aufgeben. Der Antheil, den Sie an dieſem jungen Mann neh⸗ men, iſt ebenſo ſchmachvoll für Sie, als entwürdigend für Ihre Familie. Ich habe ſo weit Ihren Wünſchen nachgegeben, daß ich jede Erkundigung nach dieſem Mann geſtattete; und wäre es uns gelungen, ihn aufzufinden, ich hätte Nichts für zu hoch erachtet, und wäre es die Hälfte meines Vermögens geweſen, um ihn für den erwieſenen Dienſt zu belohnen; aber 24¹ wenn ich ſehen muß, wie die Tochter eines de Clifford ſich abhärmt um einen bettelhaften Auswürfling, er⸗ niedrigt und unwürdig, wie dieſer Mann, dieſer Blount ſich ſelbſt gemacht hat, ſo möchte ich, glauben Sie mir, lieber, Sie wären auf dem Ocean umge⸗ kommen, als daß die Welt von Ihrer Thorheit er⸗ fahren ſollte. Sie haben ſich jetzt hinlänglich erholt, um zu reiſen, und ich beſtehe darauf, daß Sie die nächſte Woche aufbrechen. Ich haſſe die See; und dieſe letzte traurige Kataſtrophe hat mir einen größern Abſcheu vor derſelben, als jemals eingeflößt. Ich werde daher mich lieber den Gefahren einer Landreiſe, ſelbſt in dieſem verwirrten Reiche ausſetzen. Wir wollen uns über die Phrenäen nach Frankreich wen⸗ den und in Paris überwintern.“ Lady de Clifford gab keine Antwort. „Iſt es nicht zu lächerlich,“ fuhr die Herzogin fort, ſich an den ehrenwerthen Kapitän Dareall, welcher dieſen Augenblick ins Zimmer trat, wendend; „ich muß Sie wahrhaft wegen all der Mühe um Ent⸗ ſchuldigung bitten, welche meine Tochter Ihnen durch die Zumuthung, den Soldaten, welcher ihr das Leben rettete, aufzuſuchen, verurſacht hat.“ „Es iſt ihrer edeln Natur würdig, Madame,“ er⸗ widerte der Kapitän.„Ich ehre Lady de Clifford wegen der bewieſenen Theilnahme.“ „Sind Sie glücklicher geweſen?“ fragte Lady de Clifford, ohne ihrer Mutter zornige Blicke zu beach⸗ ten; es liegt mir ſehr daran, ehe ich San Sebaſtian verlaſſe, jeden möglichen Verſuch zur Entdeckung die⸗ ſes jungen Mannes zu machen; nicht allein, um den⸗ ſelben zu belohnen und den ungünſtigen Verhältniſ⸗ enith, Glücks⸗Soldat. I. 16 242 ſen, worin er ſich zu befinden ſcheint, zu entreißen, ſondern auch, weil ich in den Schreckniſſen unſerer Lage eine Perſon zu erkennen glaubte, die mir in glucklichern Tagen bekannt geweſen war. Nein, ich kann mich nicht geirrt haben. Es gab nur einen Mann, der mich unter den Schauern jener Nacht ge⸗ rettet haben konnte.“ „Es gibt manche Männer, Lady de Clifford,“ antwortete der Kapitän, ſeinen Stuhl näher zu dem Sopha ziehend, worauf ſie lag,„welche es verſucht, ja den Zufull, der ſie zu Ihrem Beiſtand rief, geſeg⸗ net hätten.“ „Ihre Beſchreibung,“ ſprach Lady de Clifford weiter, dem beabſichtigten Compliment ausweichend, „beſtärkt mich in meiner Annahme. Haben Sie auf keine Art während unſerer Fahrt hieher ſeinen Na⸗ men erfahren?“ „So lang er ſich an Bord des Hotſpur befand, verheimlichte er denſelben eifrig; aber ſein Anzug ſollte über ſeine Verſon nur irre führen: er nahm im Leben offenbar einen höhern Rang, als den eines ge⸗ meinen Soldaten ein.“ Lady de Clifford ſtieß einen Seufzer aus. „Er wich jedem Verkehr,“ fuhr der Kapitän fort, „mit mir und den Officieren aus. Seinem trauri⸗ gen Gemüthe ſchien ſein Elend eine Schmach, dieß war wenigſtens der Eindruck, den er an Bord des Hotſpur auf mich machte. Als wir den Hafen er⸗ reichten, war er, wie ich Ihnen ſchon ſagte, nachdem er mir für die empfangene Aufmerkſamkeit gedankt hatte, einer der Erſten, welche an das Ufer ſprangen, und von da an ſah ich ihn nicht mehr.“ 243 Lady Conſtanze ſank auf das Kiſſen zurück, ſtützte ihre Wange auf die Hand und ſchien in Gedanken verloren. „Sie werden mir vergeben,“ ſprach der Kapitän nach einem kurzen Blick auf ſie,„wenn ich zu ver⸗ ſichern wage, daß jener junge Mann meines Erach⸗ tens keine Perſon iſt, welche Sie in frühern Tagen gekannt haben.“ „Ich bin deſſen gewiß,“ ſagte die Herzogin ſchnell; haben Sie ihn gewiß entdeckt, Kapitän Da⸗ reall.“ „Ich nicht, Madame,“ erwiderte der Kapitän, „aber den von mir beauftragten Leuten iſt es wenig⸗ ſtens gelungen, ſeine Spur auszufinden. Er hat San Sebaſtian verlaſſen und es wird gut gehen, wenn er aus dem Lande kommt. Um ſeiner, Lady de Clifford erwieſenen Dienſte willen hoffe und wünſche ich es.“ „Ich denke bei Allem, es iſt doch unſer Mann,“ ſagte die Herzogin.„Was hat er gethan, Kapitän Dareall? eine Kirche beraubt?“ „Nein, Madame, nicht gerade das; obwohl viel⸗ leicht Etwas, das in dieſem Lande für einen noch größeren kirchenſchänderiſchen Frevel gilt. Sie ſind in der That, darf ich ſagen, nicht weit von der Wahr⸗ heit entfernt: er hat die Kirche in einem gewiſſen Sinn beraubt, denn er hat in ein Kloſter eingebro⸗ chen und eine Nonne entführt.“ Lady Conſtanze warf ſich wieder auf das Kiſſen zurück und verbarg ihr Geſicht in den Händen. „Ich hätte darauf ſchwören können,“ rief die Her⸗ zogin,„Rateliffe Blount, wie er leibt wti war 244 dieß nicht der Name, den er führte, Kapitän Da⸗ reall?“ „Nein, Madame, Peter Snvoks hieß der Mann, der Ihrer Tochter das Leben gerettet hat.“ „Nun, Conſtanze,“ ſagte die Herzogin,„ich hoffe, Du biſt zufrieden geſtellt.“ „Ich bin es, Madame,“ erwiderte die junge Lady. Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Wie wild geht es auf meinem Gut in Frankreich her.“ ——— Horch! Die Eule ſchrie, die unheilvolle Glöcknerin, Die traurig gute Nacht gibt. Er iſt nah'. Shakſpeare. Meine Abreiſe von San Sebaſtian erfolgte wirk⸗ lich früher, als ich beabſichtigt hatte. Sie wurde durch ein Ereigniß beſchleunigt, das mir wenige Tage, nachdem Kapitän Dareall zur Ausbeſſerung des Schiffs hier eingelaufen war, begegnete. Im Vertrauen darauf, daß Ladh de Clifford mich in der erniedrigten Lage, worein ich gerathen war, nicht erkannt hatte, hielt ich mich, während un⸗ ſer verſtümmeltes Fahrzeug den nächſten Hafen zu gewinnen ſuchte, möglichſt fern von allem Verkehr mit den Ofſicieren des Schiffes und vermied es ſorg⸗ fültig, mich von ihnen an der Küſte ſehen zu laſſen. Auch gab es für Kapitän Dareall wirklich genug zu 245 thun, ſein Fahrzeug, bis es in dem Hafen anlangte, flott zu erhalten, denn der Schaden, den es bei dem Sturm erlitten, war größer, als er ſich zur Zeit ein⸗ gebildet hatte. Dazu befand ſich Lady de Clifford ernſtlich unwohl, ſo daß ich ſie, ſo lang wir an Bord waren, nicht mehr ſah; ich verſchaffte mir jedoch die Gewißheit, daß ſie bei der Landung in des Gouver⸗ neurs Wohnung Aufnahme gefunden hatte, und daß bald hernach die Herzogin aus England angekom⸗ men war. Dem Herzog war einige Zeit früher, wie ich fand, der Rath gegeben worden, in Folge einer Lungen⸗ Affection, einer Wirkung der von Lord Coeur de Lion erhaltenen Wunde, es mit einem mildern Klima zu verſuchen. Er hatte den Winter in Madeira zu⸗ gebracht, ſich ziemlich erholt und, da die Herzogin einige Monate vor ihm nach England zurückgekehrt war, auf ſeiner beabſichtigten Heimreiſe Liſſabon be⸗ rührt. Wie dieß ausſchlug, haben wir im voran⸗ gehenden Kapitel geſehen. Ich hielt mich alſo den Tag über ſo abgeſchieden als möglich und beſchloß, meinen Weg über die Ph⸗ renäen einzuſchlagen und nach Frankreich zu gehen. Nach einiger Ueberlegung nahm ich mir vor, mich im Schloß Ruuſſillon vorzuſtellen, wo mein Vater noch immer, wie ich zuletzt gehört hatte, ſich aufhielt, und zu ſchauen, wie die Dinge dort ſtanden. Der Brief, welchen ich von dem unglücklichen Weſen, Charlotte Leviſon, erhalten hatte, war mir in der letzten Zeit oft eingefallen, und meine Vorſtellungen hatten ſich dadurch weſentlich geändert; ich begann, zu denken, es ſei meine Pflicht, nach meinem Vater 246 zu ſehen und mich von der Lage, worin er ſich be⸗ fand, zu überzeugen. Nach einem Beſuch bei ihm beabſichtigte ich, in öſtreichiſche Dienſte zu treten. Einige Dollars blieben mir noch in der Taſche; ich war kühn und ſtark, wie die Gebirgsbewohner, mit welchen ich gedient hatte, und zögerte nur von Tag zu Tag, in der eiteln Hoffnung, einen vorübergehen⸗ den Blick von Lady de Clifford, ehe ſie abreiſ'te, zu erhaſchen. Eines Nachts, als ich durch die Stadt wanderte, wurde, während ich an der Mauerecke eines Kloſters vorüberging, plötzlich eine kleine Hinterthüre aufge⸗ riſſen und ein Mann ſtürzte mit gezücktem Säbel in der Hand auf die Straße. Er ſchaute haſtig um ſich, und als er mich im Schatten der Mauer ſtehen ſah, rief er mich herbei. „Ein Soldat,“ ſprach er, ſobald ich näher trat, „und ein Engländer. Gut! Legen Sie einige Augen⸗ blicke hier Hand an, mein Junge. Mein Freund hat mich verfehlt, Sie müſſen ſeine Stelle einnehmen; folgen Sie ſchnell und ſchweigend.“ Sich umwendend, trat er wieder in die finſtere Pforte, und im nächſten Augenblick waren wir inner⸗ halb der Kloſtermauern. Eine dunkle Laterne ſtand auf dem Fflaſter; er raffte dieſelbe auf, ſtürzte in eine höhlenartige Vertiefung, die auf der einen Seite in den von uns betretenen Gang gebrochen war, und brachte eine vom Kopf bis zu den Füßen vermummte Frau heraus. „Nehmen Sie dieſe Dame,“ ſprach er eilig,„und erwarten Sie mich an der Thüre, durch welche wir gekommen ſind. In zwei Minuten werde ich wieder 247 zu Ihnen ſtoßen.“ Mit dieſen Worten ſprang er eine ſteinerne Treppenflucht hinauf, und wir blieben in der Finſterniß. Ich that, wie er von mir begehrt hatte, denn ich glaubte in dem Augenblick eine Stimme er⸗ kannt zu haben, die ich ſchon früher irgendwo gehört hatte. Meine Bürde, welche zu aufgeregt zu ſein ſchien, um ohne große Beihülſe zu gehen, beinahe tragend, tappte ich mich rückwärts und erwartete, die Thüre öffnend, um zu einem ſchnellen Ausfall fertig zu ſein, die Ankunft meines Auftraggebers. Der Mond ſchien jetzt voll auf meine Begleiterin, während ich deren zitternde Geſtalt noch immer un⸗ terſtützte, und ich fand, daß ich in den Beſitz einer Nonne gelangt war, ſo weit ich nach der ſich an⸗ ſchmiegenden Geſtalt beurtheilen konnte, ſowohl jung als ſchön. Kaum hatte ich dieſe Entdeckung gemacht, als ſich Waffengeklirr in der Ferne, innerhalb des Gebäudes, und der beeilte Schritt eines Mannes, der die ſtei⸗ nerne Treppe ſechs Fuß auf einen Sprung herab⸗ ſtürzte, vernehmen ließ. Ich wußte im Augenblick nicht, ob ich Stand halten oder fliehen ſollte, und zur Vermehrung meines Verdruſſes begann die große Glocke des Kloſters wüthend zu läuten. Mittlerweile kamen die Fußtritte näher und mein neuer Kamarade eilte an meine Seite. „Fort mit Ihnen,“ rief er,„wenn Sie nicht wol⸗ len, daß ein halb Dutzend Stiletts in Ihrem Körper ſich durchkreuzen.“ Die ſchöne Unbekannte ergreifend und mit ſich fortziehend, wobei ich ihm gehörigen Beiſtand leiſtete, ſtürzte er über die Straße, worin das Kloſter lag, 248 lief eine Gaſſe hinab, die andere hinauf und wandte ſich dann einer der Vorſtädte zu. Hier führte er uns einen dunkeln, düſter ausſehen⸗ den Weg hinab, bis wir zu einem einſamen Gebäude gelangten, deſſen Thüre er, da ſie unverſchloſſen war, mit dem Fuße aufſtieß; dann trat er ein, verriegelte ſie ſorgfältig hinter ſich und führte uns in ein gut ausſehendes Gemach. „Huſſa!“ rief er lachend, als er eine der Kerzen auf dem Tiſch anzuzünden begann,„wir haben dem Papſt einmal einen Streich geſpielt. Danke, mein guter Burſche,“ ſagte er zu mir,„für Ihren Beiſtand. Sie haben mir eine Nonne zu ſtehlen geholfen. Aber wie iſt das?“ fuhr er fort, ſich wieder zu mir wen⸗ dend, nachdem er ſeine Bürde auf ein Ruhebett ge⸗ ſetzt und eines Theils ihrer Vermummung entledigt hatte;„täuſchen mich meine Augen, oder iſt dieß Rateliffe Blount?“ ſn Ich war ebenſo überraſcht als er. Es war mein Freund, Altamont de Montdidier. Er hatte wäh⸗ rend des letzten Kampfes ein Regiment commandirt und in Spanien ebenſo viele phantaſtiſche Streiche gemacht, als Cervantes von ſich ſelbſt aus der Zeit ſeiner Gefangenſchaft unter den Mauren erzählt. Die letzte ſeiner Heldenthaten war die gegenwärtige Ent⸗ führung. Es blieb uns nur kurze Zeit zu Mittheilungen, da Altamont nur ſeinen Freund, Kapitän Plume, der bei dieſem letzten Geſchäft ſich mit ihm eingelaſſen hatte, erwartete, um wo möglich an Bord eines Schiffes zu gelangen und noch in der Nacht ſich nach England aufzumachen. Plume ſollte bei dem Klo⸗ 249 ſter der Santiſſima Donzella mit ihm zuſammentref⸗ fen; verfehlten ſie einander hier, ſo war der gegen⸗ wärtige Zufluchtsort, den Altamont zu dieſem Zweck gemiethet hatte, zum Rendezovus beſtimmt. „Dieſes Zuſammentreffen,“ erklärte er mir in den aufen zwiſchen der Bedienung der ſchönen Nonne weiter,„iſt ein merkwürdiger Glücksfall. Vor allen Menſchen habe ich gerade Sie zu entdecken gewünſcht. Bei meinem Aufenthalt in England beſchäftigte ich mich, meinem Verſprechen zufolge, mit ihren Ange⸗ legenheiten und entdeckte vieles, deſſen Kenntniß für Sie von Wichtigkeit iſt. Ja auf den Rath meines Anwalts habe ich in Zeitungen mich an Sie gewen⸗ det, Erkundigung eingezogen, eine Belohnung für Nachrichten von Ihnen ausgeſetzt. Als ich eine Spur von Ihnen in Spanien entdeckt hatte, nahm ich Ur⸗ laub und kam hieher, Sie aufzuſuchen; aber die Liebe zum Beruf brachte mir Ihre Angelegenheit ganz aus dem Kopf und ich erbot mich, während des Kriegs hier zu dienen. Kurz, mein Freund,“ ſchloß er,„ich rathe Ihnen, heute Nacht mit uns aufzubrechen. Ihre Gegenwart iſt, dünkt mir, an Ihres Vaters Wohnort in Frankreich nothwendig, da er ganz und gar in der Gewalt jener Schurken, der Leviſon's, iſt, wozu noch kommt, daß ich Sie von hier entfernen muß, da in Folge Ihrer Verwicklung in dieſe meine Geſchichte San Sebaſtian kein ſicherer Ort mehr für Sie iſt. Alſo wohlan, laſſen Sie uns eilen „Nach Frankreich! nach Frankreich! Das thut vor Allem noth.“ 250 Hier iſt nothwendig eine Lücke in dem wirren Gewebe— wie er ſich in ſeinen Denkwürdigkeiten ſelbſt ausdrückt, von Rateliffe Blount's Geſchichte; denn nach dieſem Abenteuer ſeines Freundes Alta⸗ mont kam Kapitän Plume, der auch bei der Affaire betheiligt war, in den Beſitz des Manuſeripts, wel⸗ ches er während ſeiner Mußeſtunden zu San Seba⸗ ſtian zu ſeiner Unterhaltung abgefaßt hatte. Es ſcheint jedoch nach dem, was ich ſelbſt über den Gegenſtand zu erfahren im Stande war, daß Altamont de Montdidier und ſeine Geliebte ſammt der ganzen Geſellſchaft in ihrem Zufluchtsort aufgeſpürt und ſchließlich überfallen wurden, ehe ſie ſich mit ihrer Beute einſchiffen konnten; Rateliffe Blount wurde mit ſeinem gewöhnlichen Glück allein gefan⸗ gen genommen, während es den Uebrigen gelang, nach Frankreich zu entkommen. Ohne Zweifel würde es unſerem Freund hart er⸗ gangen ſein, hätte er nicht bald nach ſeiner Gefangen⸗ nehmung aus dem Kerker zu entfliehen gewußt und einige ſeiner alten Gefährten im Gebirge gefunden, von wo es für ihn nicht ſehr ſchwer hielt, den Vor⸗ poſten der Carliſten auszuweichen und die Grenze zu überſchreiten. Es war alſo an einem rauhen, unbehaglichen Winterabend, daß ein einſamer Wanderer des Weges auf der Landſtraße nach Caen zog. Er war gegen die Strenge der Jahrszeit dürftig bekleidet, indem er nur den groben rothen Anzug eines gemeinen Soldaten auf dem Leibe trug, da beſagte Kleidungs⸗ ſtücke in Folge des harten Dienſtes nur noch abge⸗ tragener waren; eine alte rothe Furragirmütze deckte 251 ſein Haupt, und auf dem Rücken hatte er einen Schnappſack. Seine ſchöne Größe und die anmuthigen Verhält⸗ niſſe ſeiner wohlgeformten Glieder, der Kopf, hoch getragen mit einer Miene voll kühnen Muthes und Entſchloſſenheit, ließ ſich jedoch unter dem beſchmutz⸗ ten und zerriſſenen Zuſtand ſeines elenden Anzugs nicht verbergen; und das Bauernmädchen hielt, wenn es über ſeinen Pfad trippelte, gern an und ſchaute noch einmal nach dem hübſchen jungen Soldaten um, der da vorüberzog. Es antwortete jedoch kein Blick aus dem Augenwinkel des Wanderers, wenn die mun⸗ tere Dörflerin denſelben betrachtete; ſondern ernſte Entſchloſſenheit und der Vorſatz, den Raum gleich⸗ ſam zu überſpringen und mit den langen Meilen fer⸗ tig zu werden, ſchien denſelben beim Warſchiren ganz zu beherrſchen. Ein ſtarker Eichenknüttel war in ſeiner Hand, gleich brauchbar zur Stütze auf ſeiner Reiſe, als zur Vertheidigung gegen Angriff. Die Nacht brach fin⸗ ſter und plötzlich herein, und der auf dem Laubwerk der dicht bewaldeten Gegend, welche er durchzog, an⸗ platſchende Regen, ſammt dem fernen Rollen des Donners verkündete dem Wanderer die Annäherung eines Sturmes. Er hatte ſich in dem letzten Poſthauſe an der Straße, wo er Halt gemacht, etwa fünf Meilen wei⸗ ter zurück, nach Schloß Rouſſillon erkundigt und nach erhaltener Belehrung mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit noch einige Fragen über deſſen gegenwärtige Inhaber hinzugefügt. 252 Eine engliſche Familie hatte, wie man ihm er⸗ zählte, das Schloß einige Zeit bewohnt, aber die Nachbarſchaft wußte wenig von derſelben. Sie be⸗ ſchränkte ſich meiſt auf ihr eigenes Gebiet und war, außer gelegentlichen Reiſen nach und von Caen, ſel⸗ ten zu ſehen. Der Name des alten Herrn, für welchen das Schloß zuerſt gemiethet worden, war Blount, wie er vernahm.„Le Sieur Blount, camarado,“ ſagte der Schenkwirth.„Ich wurde ſelbſt dort bei ihrer An⸗ kunft als Stallgehülfe in Dienſt genommen. Das war, als Sir Blount zuerſt von England kam. Da⸗ mals brachte er Wagen, Pferde, Hunde und viele Diener mit, gerade wie jeder andere engliſche Edel⸗ mann; aber ſeitdem iſt es ganz anders gegangen, und obwohl das Schloß mit den vielen Artikeln, die man von England damals herüber ſandte, beinahe neu möblirt worden war, ſammt dem Silbergeſchirr und andern werthvollen Gegenſtänden, iſt doch letzter Zeit in verſchiedenen Zwiſchenräumen Alles wieder weg⸗ gebracht und nach Paris, wo Lady Blount den Win⸗ ter zubrachte, geſchickt worden. Sir Blount ſelbſt,“ ſetzte der Franzoſe hinzu,„iſt un peu volage.*) Ha! ha!“ fuhr er fort, ſich nach dem Stalle wendend, „Ihr Engländer ſchluckt ſo viel Nebel auf Eurer mo⸗ raſtigen Inſel ein, daß Ihr immer mit vapeurs, wie Ihr es nennt, geplagt ſeid. Milord Blount hat ſich, höre ich, ſeit Monaten nicht außerhalb des Schloſſes ſehen laſſen. Er muß bewacht ſein, oder mag er ſich eines ſchönen Tages die Kehle abgeſchnitten haben⸗ *) Etwas unbeſtändigen Sinnes. A. d. U. „ 253 Ah bah! un mauvais sujet,*) mit einer verdammt ſchlechten Bande um ihn.“ Der Reiſende hielt nicht an, um weiter zu hören, ſondern warf einige Sou hin für das, was er genoſ⸗ ſen hatte, lud ſeinen Pack auf und machte ſich wieder auf den Weg. Sobald er zu einem Theil der Straße gelangte, welcher von einem ſchmalen und ſchattigen Fußpfad durchſchnitten war, hielt er an, machte einige Minuten Halt und ſchaute ſorgfältig um, ſich die Stelle genau zu betrachten, da die zunehmende Dunkelheit die Landſchaft bedeckte. „Dieß,“ ſprach er,„muß mein Weg ſein, nach der mir gegebenen Andeutung: ich ſollte mich rechts wenden, wenn ich an einen rauhen Fußpfad, etwa fünf und eine halbe Meile von dem Wirthshauſe, wo ich Erkundigung einzog, gelangte.“ Mit dieſen Worten ſchwenkte der Soldat ſeinen Knüttel, trat in die düſtere Durchfahrt und ſtieg die Anhöhe hinauf, die in einen dichten Wald zu ſeiner Rechten führte. Nach einem halbſtündigen ſchnellen Marſch kam er an ein großes Gitterthor, von einer ſtarken, eine Art Park umſchließenden Mauer flan⸗ kirt, von wo er deutlich das Schloß gerade vor ſich unterſcheiden konnte. 175 Der Thorweg, vor dem er Halt machte, ſah eben⸗ ſo alt und öde aus, als die Behauſung, zu der er führte. Zwei große Pfeiler ſchloſſen ihn zu beiden Seiten ein, viereckig, maſſiv und hoch. Einer war verfallen; eine zerbrochene Statue lag halb in dem langen Graſe vergraben an deſſen Fuße; der andere *) Ein ſchlechtes Subſect. A. d. U. 254 war mit der Geſtalt des gehörnten Actäon, in dem tödtlichen Moment, da er von ſeinen eigenen Hunden zerriſſen wurde, geſchmückt. Die Gitter ſelbſt waren künſtlich gearbeitet, von Eiſen und dabei von ſol⸗ chem Gewicht, daß, wären ſie offen geweſen, es der Anſtrengung eines ſtarken Arms bedurft hätte, ſie in ihren Angeln wieder umzudrehen; zur gegenwärtigen Zeit jedoch waren ſie feſt verſchloſſen. Unſer Reiſender bewies, nachdem er einige Mi⸗ nuten durch die Eiſenſtäbe geblickt hatte, daß er ſich nicht ſehr wahrſcheinlich durch Schlöſſer, Riegel oder Stangen aufhalten ließ, denn ſeinen Eichenknüttel zwiſchen die Zähne nehmend, kletterte er mit der Be⸗ hendigkeit einer Katze an ihnen hinauf, überſtieg die⸗ ſelben trotz der Eiſenſpitzen, womit ſie beſetzt waren, ebenſo ſchnell, ließ ſich auf der andern Seite hinab, ſtand den nächſten Augenblick im Park von Rouſſil⸗ lon und ſchritt auf das Schloß zu. Schloß Rouſſillon war eines jener unbehaglich ausſehenden Gebäude, worin die Engländer zuweilen aus Rückſichten der Sparſamkeit im Lande der Fröſche und rothbeinigen Rebhühner, genanntFrankreich, ſich einquartieren. Es trug den Stempel vergangener Größe und hatte augenſcheinlich'die Stürme von we⸗ nigſtens drei Jahrhunderten ausgehalten, beſaß aber nichts von jenem altehrwürdigen Ausſehen unſerer eigenen Elifabethianiſchen Schlöſſer in dem heitern England. Ein unbeſchreiblicher Anſtrich von Düſterheit um⸗ gab daſſelbe— Etwas von dem Ausſehen einer Pri⸗ vat⸗Irrenanſtalt. Es fehlte Etwas an dem Wohn⸗ haus, das der Beſchauer kaum zu bezeichnen ver⸗ 255 mochte, während ſelbſt der Grund und Boden rings herum dem Aeußeren nach unmaleriſch und im Ver⸗ fall begriffen ſich darſtellte, wie man es ſo oft bei ei⸗ nem fremden Herrſchaftsgute findet. Nachdem der Reiſende ſich an einer Vorderthüre des Hauſes mit einer Kraft, daß ſie von oben bis unten erzitterte, verſucht hatte, trat er ein paar Schritte zurück und ſchaute es einige Augenblicke an. Die Läden der verſchiedenen Fenſter waren feſt ver⸗ ſchloſſen und es ſchien vorn heraus unbewohnt zu ſein; er ſchritt alſo ſehr bedächtig nach der Hinter⸗ ſeite herum. Ein Diener, der ihn auf ſeinem Gang hätte aufhalten können, ließ ſich nirgends blicken, und da ſein Ausſehen nur das eines handfeſten Bett⸗ lers, einesabgedankten, heimkehrenden Legionärs war, ſo durfte man annehmen, daß, wenn er auch Jemand von der Dienerſchaft getroffen hätte, er vielleicht nur mit einem Saeré und dem Befehl, ſich von hier weg⸗ zupacken, begrüßt worden wäre. Er war mit ſeinem Beſtreben, Eintritt zu erlan⸗ gen, auf dieſer Seite des düſtern Gebäudes glück⸗ licher, denn die Thürklinke gab ſeinem Drücken nach, und durch eine Art Hinterhof marſchirend, fand er ſich in einem langen, ſchmalen Gang, der offenbar zu den Bedientenzimmern führte. Das Haus war, wie ſich jetzt zeigte, bewohnt, da der Gang von zwei oder drei ordinären, an der Wand befeſtigten Laternen, ohne deren trübes Licht der Rei⸗ ſende kaum ſelbſt bei Tag ſich zurecht gefunden hätte, erhellt war. Durch dieſen Gang gelangte der Soldat in die Küche. Auf dem Roſt brannte ein Feuer und an 256 verſchiedenen herumliegenden Küchenartikeln erkannte man ſogar, daß es erſt kürzlich benützt worden war; aber Niemand befand ſich in derſelben. Er ging alſo weiter und ſtieg behutſam nach dem großen Vorſaal des Hauſes hinauf. Während er hier anhielt, um ſich umzuſchauen, vernahm er Stimmen in einem nahen Gemach; er wollte eben ſich den Sprechenden vorſtellen, als er deutlich ſeinen eigenen Namen erwähnen hörte. Er achtete es darum für keine Unwürdigkeit, ſtehen zu bleiben und ſich über den Inhalt des Geſprächs, ſo weit es ſeine Perſon betrat, zu vergewiſſern; zudem hatte er ſeiner Anſicht nach ſich in das feindliche Lager gewagt, und Kriegsliſt war überall erlaubt. Er be⸗ ſchloß, mit etwas mehr Behutſamkeit vorzurücken, da ihm ſeine ausſpürenden Bewegungen bisher ſo gut gelungen waren. „Monſieur Rateliffe,“ hörte er in einem fremden Accent,„kann jedoch wiederkommen, Monſieur Levi⸗ ſon. Ich denke, Sie ſind zu haſtig in Ihren Bewe⸗ gungen. Ihrer eigenen Ausſage nach kann es Mon⸗ ſteur Blount nicht länger mehr treiben. Nahrung, ſagen Sie, iſt nicht gut für ſein Uebel. Das iſt ein ſchlimmes Zeichen, mein Freund— ein leerer Sack kann nicht ſtehen. Ißt der Engländer nicht, ſo muß er ſterben; was wollen Sie mehr, Sir? Nein! ich widerſetze mich gewaltthätigen Maßregeln; es iſt ge⸗ fährlich und kann entdeckt werden.“ „Ich ſtimme Ihnen nicht bei, Graf,“ erwiderte der zweite Sprecher;„um unſerer ſelbſt willen müſſen wir Alles ſicher abmachen: ſeit der alte Narr das Teſtament zu unſern Gunſten unterzeichnet hat, halte 257 ich ihn eng verwahrt. Auch die Spur dieſes Rat⸗ cliffe habe ich auf ſeiner ganzen elenden Laufbahn verfolgt. Er litt Schiffbruch, ſage ich Ihnen. Mein Berichterſtatter ſchreibt mir von San Sebaſtian; nicht eine Seele entkam außer einem Paſſagier— einer Dame. Es liegen mehre Gründe vor, warum dieſes Geſchäft heute Nacht zum Abſchluß gebracht werden muß. Ich habe jeden Domeſtiken entfernt und Ihnen freien Spielraum gelaſſen, Graf. Sie müſſen das Werk ſelhſt vollziehen,— das iſt, wie Sie wiſſen, ein Theil unſeres Contracts. Horch!“ ſagte er, inne haltend,„was für ein Geräuſch im Vorſaale? Ich glaubte einen Tritt zu hören. Mein Gott, Graf, gehen Sie, nachzuſehen!“ Der Graf ſtand von ſeinem Sitz auf, nahm, zu ſeines Genoſſen ängſtlichem Geſicht lächelnd, das Licht, riß die Thüre auf, hob, ohne in den Vorſaal zu tre⸗ ten, die Kerze in die Höhe und ſchaute gleichgültig in den düſtern Raum des ungeheuren Gemachs. „Es iſt nichts, mein Freund,“ ſagte er;„nur der Donner beunruhigt Sie und das Stöhnen des alten Mannes die Treppe oben. Warum wollen Sie,“ fuhr er, ſeinen Sitz wieder einnehmend, fort,„dieſes Geſchäft nicht ſelbſt abmachen, Monſieur Leviſon? Ich liebe dieſes Stück Arbeit nicht.“ „Ich kann es nicht thun, Graf.“ „Ah! Sie fürchten ſich, Monſieur Engländer!“ „Ich bin nicht Soldat wie Sie geweſen, Graf. Ich fürchte, ich kann kein Blut ſehen.“ „Bah! Was für ein Geſchwätz!“ ſagte der Graf; „Sie berauben den alten Gentleman; Sie nehmen Smith, Glücks⸗Soldat. I. 17 258 ihm all ſein Geld ab; Sie laſſen ihn ein Teſtament zu ihren Gunſten unterzeichnen; Sie bringen ihn in mein Schloß, ſperren ihn ein und wollen ihn Hun⸗ gers ſterben laſſen; und doch können Sie ihm nicht den coup de grace*) geben.“ Sie vergeſſen, beizufügen, Graf, daß ich Ihnen gleichfalls Ihren Antheil geben ſoll, und auch—“ „Bien, ich erinnere mich deſſen, und Lady Blount ſoll Gräfin Rouſillon werden, mich mit ihrer ſchönen Hand belohnen— gut. Wo liegt er?“ „In dem Zimmer rechts, wenn Sie auf den Cor⸗ ridor kommen; der Schlüſſel hängt über der Thüre. Ich wiederhole, es muß geſchehen, Graf, und heute Nacht: bah, man braucht nur das Kiſſen unter ſeinem Kopf wegzunehmen.“ „Und Lady Blount, he?“ „Sie wünſcht, wie Sie wiſſen, nur zu ſehr, Grä⸗ fin Rouſſillon zu werden. Sie haben ihr nur das Gut auszuſetzen. Die Papiere ſind alle abgefaßt, und es bedarf für uns nichts mehr, als des alten Mannes Tod.“ „Und Sie fürchten ſich, den Schlag zu führen, Monſieur Engländer?“ „Ja, ich geſtehe es, und Sie auch.“ „Ich, Sir?“ erwiderte der Graf ſtreng,„mich fürchten, sacré! Ich bin soldat frangais, Monſieur. Ich diente in der Revolution; in der großen Armee, zu Marengo, zu Auſterlitz, in Aegypten. Ph bien! Sir, in Spanien, in Portugal— ich jagte Ihre ver⸗ fluchte Nation nach Corunna. Mich fürchten, Sir? *) Gnadenſtoß. A. d. U 259 — Nein! Ich haſſe Ihre verfluchte Nation; meinen höchſten Fluch über ſie! Die Affaire iſt geendigt. Der alte Mann ſtirbt!— allons donc, zeigen Sie mir das Zimmer.“ Der Reiſende wartete nicht ab, mehr zu hören. Er ſchritt leiſe durch den Vorſaal und ſtieg, von der glimmenden Lampe, welche oben an der Treppe brannte, geleitet, behutſam und geräuſchlos die Stu⸗ fen hinauf, öffnete die Thüre, die er beſchreiben ge⸗ hört hatte, und trat in das Zimmer. Es war ein geräumiges Gemach: eine Lampe befand ſich auf dem Tiſch und eine ſchwerfällige Bettſtätte, alterthümlich und verſchoſſen, wie die Tapeten des Zimmers, ſtand wie ein Leichengerüſte an dem jenſeitigen Ende. Die Lampe von dem Tiſch nehmend, näherte ſich der Soldat dem Bette, zog die Vorhänge zurück und betrachtete den Inhaber deſſelben. Verkümmert und abgezehrt, mit einem Monate alten Bart im Geſichte, lag ſein Vater ſchlafend vor ihm. Er hatte kaum Zeit, ſeine Lampe niederzuſtellen und ſich hinter den dunkeln Möbelſtücken auf der ei⸗ nen Seite des Bettes zu verbergen, als er die nahen⸗ den Schritte der Mörder hörte. Der Graf ſchien überraſcht, den Schlüſſel in der Thüre zu ſinden, an⸗ ſtatt daß er über derſelben hing. Er nahm jedoch an, ſein nervenſchwacher Kamarade habe ihn bei ſei⸗ nem letzten Beſuch vergeſſen, und trat vorſichtig ein. Nachdem er das Licht genommen und ſorgfältig die Miene des Schläfers betrachtet hatte, ſchaute er im Zimmer herum, ſtellte die Lampe wieder auf den Tiſch, zog ein langes, amerikaniſches Schlachtmeſſer aus der Bruſttaſche und trat neben das 260 „Ah!“ ſagte er, den Schläfer von Neuem betrach⸗ tend und deſſen Spitze befühlend,„es iſt nicht nöthig.“ Das Kiſſen von dem Stuhl neben dem Bett weg⸗ ſchiebend, legte er das Meſſer an ſeinen Platz und kam wiederum näher. Der Soldat hatte indeſſen von ſeinem Verſteck aus Zeit, den Mörder in der Nähe zu betrachten. Es war eine athletiſche Geſtalt, mehr als ſechs Fuß hoch, in einen militäriſchen Ueberrock gekleidet, der vorn gleich der Bruſt einer Kropftaube auswattirt war, und trug einen großen Schnurrbart, der wie ein Schutzgatter über den Mund herabfiel. Im nächſten Augenblick machte der Franzoſe, nachdem er das Kiſſen mit beiden Händen gewogen hatte, einen ſchnellen Schritt gegen das Bett und war im Begriff, ſich auf den Schläfer zu werfen, als er auf halbem Weg ſo feſt am Halſe, als ob man ihm einen Schraubſtock an die Luftröhre gelegt hatte, ge⸗ packt und mit aus ihren Höhlen tretenden Augen rückwärts durch das Gemach gedrängt und feſt gegen die Wand gehalten wurde. Einen Augenblick war der Graf gelähmt und ſtarrte mit blauem, angeſchwollenem Geſicht auf den wüthenden Angreifer, der ſolcher Art ſeinen Kopf an das Getäfel heftete. In der nächſten Minute machte er die furchtbarſten Anſtrengungen, ſich loszureißen. Aber ſein Ringen war vergeblich; ſein Ueberwinder hielt ihn mit der Stärke und Entſchloſſenheit eines Raſenden; dieſer zog ihn dann weg, ſchleuderte ihn, halb erwürgt, zu Boden und ſchlug ihm mit einem Streich des eichenen Knüttels, den er in der rechten Hand hielt, den Schädel ein. 261 Der Leſer hat bereits ohne Zweifel errathen, daß der verabſchiedete Soldat und unſer alter Freund, Rateliffe Blount eine und dieſelbe Perſon waren. Sein unbedenklicher und entſchloſſener Charakter war ihm einmal gut zu Statten gekommen. Er war ge⸗ rade zu rechter Zeit angelangt, hatte ſeine blutigen Feinde auf der That ergriffen und ſeinen Vater von einem gewaltſamen Tod errettet. Nachdem er es mit dem franzöſiſchen Grafen ſummariſch abgemacht hatte, ſtieß er ihn mit ebenſo wenig Gewiſſensbiſſen, als wäre es ein Bündel ſchmutziger Kleider geweſen, aus dem Wege und wandte ſeine Aufmerkſamkeit dem be⸗ drohten Opfer zu. Aus ſeinem Schlummer durch den plötzlichen Ueberfall erweckt, hatte der alte Gentleman ſich in ſeinem Bette aufgerichtet, um den tödtlichen gewal⸗ tigen Kampf, der in ſeinem Zimmer ſtattfand, zu be⸗ trachten; und nachdem er ſchaudernder Zeuge von deſſen Beendigung geweſen war, ſah er jetzt die hohe Geſtalt des Soldaten näher kommen mit der Abſicht, wie er vermuthete, der ganzen Affaire durch ſeine Er⸗ mordung ein Ende zu machen. Beinahe hülflos und der Gnade ſeiner Feinde preisgegeben, welche ihn ſeit einigen Wochen auf ſei⸗ nem Zimmer in engem Gewahrſam gehalten, zur Unterzeichnung verſchiedener Dokumente zu ihren Gunſten gezwungen und in den letzten Tagen ihm ſelbſt die Nahrung entzogen hatten, war er ſchon ſeit einiger Zeit in der Erwartung dagelegen, daß man noch ſummariſcher mit ihm verfahren werde. Es iſt alſo nicht zu verwundern, daß er jetzt auf den Gedanken gerieth, ſeine letzte Stunde ſei gekommen. 262 Seine Frau, welche ihm die letzten zwei Jahre ein Leben bereitete, gegen das Knechtſchaft auf den Galeeren ein Zeitvertreib geweſen wäre, hatte die letzten drei Monate ihre Wohnung im Hotel Rouſſil⸗ lon zu Paris aufgeſchlagen und ihren kranken Gatten dem zarten Mitleid ſeines jüdiſchen Schwiegervaters überlaſſen. Als darum der alte Gentleman eine athletiſche Geſtalt in dem Anzug eines gemeinen Soldaten nach dem von uns beſchriebenen heftigen Kampfe auf ſich zuſchreiten ſah, betrachtete er ihn natürlich als die Hauptperſon bei der Affaire. „Die hölliſchen Schurken,“ſagte er,„ſind nicht ein⸗ mal unter ſich ſelbſt einig. Sie haben ſich über ihren Raub gezankt, ehe ſie dem Opfer die Kehle ab⸗ ſchneiden.“ 8 Mit mehr Behendigkeit, als man von einem ſo abgemagerten Mann hätte erwarten ſollen, ſprang er aus dem Bette auf den Fußboden. Das Meſſer, welches der Graf auf den Stuhl neben dem Bett ge⸗ legt hatte, fiel ihm dabei in die Augen. Krank und ſchwach, wie er war, beſaß der alte Gentleman doch den Muth eines Löwen, und mit der plötzlichen Kraft der Verzweiflung ergriff er das Meſſer und ſtellte ſich ſeinem muthmaßlichen Angreifer entgegen. Der Soldat war eben im Begriff, ſich vor ſeinem Vater auf ein Knie niederzulaſſen, als der letztere die Bewegung dadurch verhinderte, daß er ſich auf den⸗ ſelben warf und das Meſſer in ſeines Sohnes Bruſt begrub. Rateliffe Blount machte keinen Verſuch, den Stoß abzuwehren und fiel ſchwer auf den Boden, während 263 ſein Vater, erſchöpft von der gemachten Anſtrengung, gleichfalls taumelnd zur Erde ſank. In dieſem Augenblick kam ein verſtohlener Schritt die Treppe herauf; die Thüre wurde vorſichtig ge⸗ öffnet und das vrientaliſche Geſicht von Mr. Leviſon in das Zimmer geſteckt. Das Licht, das er trug, hoch haltend, ſchaute er eine Zeit lang hinein, mit einer Miene des Schreckens und der Betäubung, bis er fand, daß die Inhaber des Gemachs hors de combat waren und jetzt verſtohlen einzutreten wagte. Auf den Zehen einige Schritte vorrückend, machte er Halt, ſtarrte ſeinem vormaligen Verbündeten ins Geſicht, und wandte ſich dann rechts ab, ſo haſtig, als fürchtete er, der Angreifer, welcher auf eine ſo wunderbare Weiſe ſeinen Genoſſen abgethan hatte, wäre zur Hand, um ihm eine ähnliche Gunſt zu erzeigen. Jetzt trat er auf die nächſte am Boden liegende Geſtalt des Soldaten zu, hielt ihm die Leuchte ins Geſicht und erkannte ihn. „Ha!“ ſagte er ſchnell,„Rateliffe Blount!— und auch erſchlagen! Nein, nein, mein Gott, er ath⸗ met. Der Squire gleichfalls todt!“ fuhr er fort, ſich ſchnell aufrichtend und dem Bette nähernd.„Das iſt ſeltſam. Aber halt, es läßt ſich viel daraus machen, ja, wie es nun auch gekommen iſt, es gewährt mir Sicherheit.“ Sich umſchauend, ergriff er das verhängnißvolle Meſſer, welches neben den beiden Körpern lag, und wollte daſſelbe eben, hoch ausholend, in das Herz des jungen Mannes ſtoßen, als ſich im Augenblick das ſcharfe Knallen einer Poſtillonspeitſche unter dem Fenſter hören ließ. 264 „Hillo, ho, ho!“ rief eine Stimme zu gleicher Zeit,„da innen; wie, ho! Haus, ſage ich! Signor Brabantio, ho!“ Ein heftiges Klopfen erfolgte jetzt an der Haus⸗ thüre, und die Glocke wurde mit einem Ruck ange⸗ zogen, der ſie aus dem Bande riß. Der Jude ſprang bei dem Laut auf die Füße, warf das Meſſer an das andere Ende des Zimmers, ergriff die Lampe, riß die Thüre auf, ſtürzte die Treppe hinab und floh von dem Schauplatz hinweg durch den Gang, auf dem Rateliffe Blount eingetreten war. Er war beinahe draußen, äls er auf die Perſon ſtieß, welche Einlaß begehrt hatte; und da dieſe an der Vorderthüre keinen Zutritt fand, verſuchte ſie es an der Hinterſeite des Gebäudes, und die Beiden rannten gegen einander an. Der Dieb ſieht in jedem Buſch einen Gerichts⸗ diener, heißt es im Sprichwort; und ſo war es dem Juden ebenſo heftig darum zu thun, hinauszukom⸗ men, als der Reiſende entſchloſſen ſchien, in das Haus zu dringen. „Hallo! hier, mein Herr,“ ſprach der Reiſende, ſeinen Gegenmann zurückhaltend;„nach all dem Ver⸗ zug vornen ſcheinen Sie ungeheuer beeilt, an der Hinterſeite Ihres Hauſes uns aufzuwarten. Iſt das Landesbrauch, Kamarade, daß Sie die Leute zu Bo⸗ den ſchlagen, wenn ſie Beiſtand wollen, he? Auf dem Wege da, draußen vor dem Gitterthor, iſt ein zer⸗ brochener Wagen und eine Geſellſchaft halb erfrorner Damen. Ich brauche Beiſtand oder wenigſtens Be⸗ lehrung, wo ich denſelben zu ſuchen habe.“ 265 „In der Hölle, wenn Sie wollen,“ rief der Jude; „hier bekommen Sie keinen von mir.“ Bei dieſen Worten machte der Jude eine neue Anſtrengung, vorüber zu kommen, aber der Reiſende ſchlug ihn mit dem ſchweren Knopf ſeiner Reitpeitſche zu Boden und trat in das Haus. Achtunddreißigſtes Kapitel. „Nun iſt Kupido ein gewiſſen haftes Kind, Macht Alles wieder gut.“ Shakſpeare. Im letzten Kapitel haben wir die rechtzeitige An⸗ kunft zweier Fremden geſehen. Der erſte war unſer unglücklicher Bekannter, Rateliffe Blount, und die ſchriftlichen Aufzeichnungen, woraus dieſe Umſtände gezogen worden ſind, weiſen ferner nach, daß die zweite unceremoniöſe Perſon, welche nach vergeblicher Bitte um Einlaß ſich den Weg in das Innere des Schloſſes erzwang, keine andere Perſon war, als ſein Freund, Altamont de Montdidier. Um ſeine Gegenwart in dieſem Augenblick zu er⸗ klären, mag die Bemerkung genügen, daß er, nach⸗ dem es ihm mit ſeiner ſchönen Bürde gelungen war, in der Verkleidung von Maulthiertreibern die Phre⸗ näen zu überſchreiten, es nothwendig gefunden hatte, in Bahonne Halt zu machen, um jene wieder etwas zu Kräften kommen zu laſſen, und da er erkannte, daß 266 das Eigenthum der Kirche, welches er ſolchergeſtalt an ſich geriſſen hatte, ihm gleich Makbeth's Mord⸗ thaten„an den Händen klebte,“ und zu gleicher Zeit das Spaßhafte des Abenteuers der Beſinnung und dem Nachdenken über die Lage ſeiner Gefährtin Platz machte, ſo erachtete er es für ſchicklich, dieſelbe zu heirathen. Während ſeines Aufenthalts in Bahonne traf er mit einer vornehmen engliſchen Dame zuſammen, welche eben auch aus Spanien über die Phrenäen ge⸗ kommen war und in Begleitung ihrer Tochter durch Frankreich reiſen wollte. Da ſie ohne männliche Be⸗ gleitung und noch dazu ziemlich choleriſchen Tempera⸗ mentes war, hatte ſie unterwegs manchen Verdruß gehabt, und unſer Freund Montdidier bot ſogleich ſeine Dienſte an, geſellte ſich zu ihrer Geſellſchaft, ſteckte ſich nach einer bei engliſchen Gentlemen auf Reiſen auf dem Continent nicht ſeltenen Gewohnheit in Reitſtiefel und kurze Jacke und ritt als Courier vor ſeinem eigenen Wagen her. Es geſchah alſo in der eben beſchriebenen Nacht, daß der Courier aus eigener Macht auf der Reiſe nach Caen von einem Sturm befallen, ſich verirrt hatte und nun, da der Wagen in tiefen Geleiſen des nach Schloß Rouſſillon führenden Sandwegs zer⸗ brach, vorausgeritten, von ſeinem Pferde abgeſtiegen und auf die„einſame Karthauſe“ zuſchreitend, gerade in dem kritiſchen Augenblick angekommen war. Nachdem er den herumirrenden Juden, wie angege⸗ ben, über den Haufen geworfen und ſeinen Eingang bewerkſtelligt hatte, ſtreifte er in den untern Re⸗ gionen des Hauſes herum, ohne eine Seele zu finden, 267 welche ſein Rufen und Schreien beantwortete, ſtieg dann in die Vorhalle hinauf und ſetzte ſeinen Lärm fort. „Armes Haus, das ſich ſelbſt hütet!“ ſagte er, die Thüre des Zimmers aufſtoßend, wo der Graf und Monſieur Leviſon ihre teufliſche Berathung gehalten hatten. „Ho!— Wer da?“ „Iſt Etwas, das geſittet, hier, ſo ſprech's, Wenn wild, nehmſs oder geb's; ha, wie! es folgt Noch keine Antwort; nun, ſo tret' ich ein.⸗ Hier fand er die Ueberreſte eines guten Soupers auf dem Tiſche, eine oder zwei Champagnerflaſchen, eine höchſt einladende Perigordpaſtete, einen Wild⸗ ſchweinskopf, groß genug für den Wirthsſchild in Eaſtchamp, und ein halb Dutzend Leckerein außerdem. Nachdem er ſich mit einem Glas Champagner, das ſo einladend auf dem Tiſche ſtand, erquickt hatte, beſchloß er, ſeine Unterſuchung fortzuſetzen, ſtieg ge⸗ raden Wegs die Treppe hinauf, in der Abſicht, die ſchlafende Familie aufzuwecken, und ſtieß, im Corri⸗ dor angelangt, die Thüre des erſten Zimmers, zu dem er kam, auf. Hier bot ſich ihm ein Anblick dar, der ſelbſt ſeine ſtarken Nerven erſchütterte; und ſchneller zurück⸗ fahrend, als er eingetreten war, ſtander ſtarren Auges bei dem Schauſpiel, das er vor ſich hatte. Drei Körper auf dem Fußboden ausgeſtreckt, deſſen polirtes Eichenholz von der Fluth, worein ſie lagen, geröthet war. Die Düſterheit des Gemachs, nur ſpärlich erleuchtet von der einſamen Lampe, die auf 268 dem Tiſche flackerte, ſammt dem öden Ausſehen des Gebäudes, in welches er eingedrungen war und das nur vom Tode bewohnt ſchien, erfüllte ihn mit Schrecken; nachdem er einige Minuten hingeſtarrt hatte, fühlte er ſich geneigt, umzukehren und mit einem Sprung über die große Treppe, welche er her⸗ aufgeſtiegen war, ſo ſchnell als möglich aus dem Hauſe hinwegzueilen. Wie er aber ſo die Körper be⸗ trachtete, glaubte er wahrzunehmen, daß einer ſich bewegte; im nächſten Momente ließ ſich ein tiefer Seufzer vernehmen und eine Hand erhob ſich einige Zoll, fiel aber wieder ſchwer auf den Boden nieder. Er trat alſo in das Zimmer und ſchaute, zu gleicher Zeit ſeine ſchwere Jagdpeitſche mit der Hand faſſend, um ſich, nahm das Licht vom Tiſche, buckte ſich nie⸗ der und ſchaute der Perſon, welche ein Lebenszeichen von ſich gegeben hatte, ins Geſicht. Er war ein Mann im Anzug eines gemeinen Soldaten— ſein Freund Rateliffe Blount! Alle ſeine frühern Beſorgniſſe vergeſſend, ſetzte er das Licht nieder, faßte ihn in jeine Arme, nahi die Flaſche Brandy aus der Taſche ſeiner Courierjacke und goß deren halben Inhalt dem Verwundeten in den Hals. Kurz, es gelang ihm, ſeinen Freund noch einmal ins Leben zurückzurufen, und nachdem er ſeine Wunde verbunden hatte, machte er ſich daran, den Zuſtand des alten Gentlemans, der daneben lag, zu unterſuchen; und er hatte in kurzer Zeit die Ge⸗ nugthuung, ſeine beiden Patienten in etwas beſſerem und hoffnungsvollerem Zuſtand, als er ſie gefunden hatte, zu ſehen. Die Wunde, welche Rateliffe Blount erhalten 269 hatte, war ſchwer und gefährlich; und hätte der alte Gentleman nur etwas mehr Kraft gehabt, ſo wäre ſie ohne Zweifel alsbald tödtlich geweſen. Wie es jetzt ſtand, rettete die Ankunft ſeines Freundes Altamont de Montdidier, der kein verächtlicher Wundarzt war und das Blut zu ſtillen wußte, ihm das Leben. Auch Sir Blount, wie der Franzoſe den Vater benannte, war er ſo glücklich, wieder zur Beſinnung zu bringen, mit Hülfe deſſelben Univerſalmittels, das er bei dem Sohn in Anwendung gebracht hatte, nämlich mit einem Schluck aus ſeiner Flaſche eau de vie.*) Der Franzoſe jedoch brachte ihn am meiſten in Verle⸗ genheit. „Dieſer Burſche,“ ſprach er bei ſich,„iſt auf alle Fälle für dieſe Welt gepfeffert. Ich denke, ich ſehe das Handzeichen meines Freundes hier,“ fuhr er fort, ihn umdrehend und ihm ins Geſicht ſchauend, und rief, als er den neben ihm liegenden Knüttel erblickte, „und außerdem, Monſieur, argwohne ich, Ihr habt ein ſchändliches Spiel nach dem, was Ihr davon ge⸗ tragen, geſpielt.“ Nachdem er zu ſeiner verſpäteten Geſellſchaft draußen zurückgekehrt war und ſie durch Dick und Dünn in das Schloß geführt hatte, welches er ihnen, ohne ſie von den daſelbſt vorgefallenen Ereigniſſen zu unterrichten, als das Eigenthum eines ſeiner Freunde bezeichnete, ſchickte er ſich an, die Honneurs des Hauſes zu machen, ſetzte die Diener, welche die Reiſenden begleiteten, in Arbeit, um ein prächtiges Holzfeuer auf dem Herde zu machen und die Er⸗ *) Branntwein. A. d. U. 270 friſchungen, deren die Damen ſo ſehr bedurften, zu ſerviren. „Hier, Euer Gnaden,“ ſprach er zu der ſtattlichen Perſon, welche in Pelze gehüllt, die beiden Hände über der angenehmen Flamme der krachenden Blöcke ausſtreckte;„hier, Euer Gnaden, ſind die Ueberreſte eines guten Soupers, das der Spitzbube von Keller⸗ meiſter ohne Zweifel zu träg war abzuräumen. Ich erſuche Sie in meines Freundes Namen, nachdem Sie ſo lang auf dem unwirthlichen Wege dort gefroren haben, dieſen Fleiſchſpeiſen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Lady de Clifford“ fuhr er fort,„folgen Sie dem Beiſpiel von Miſtreß de Montdidier; nach einem Glas Champagner, ſehen Sie, iſt dieſelbe be⸗ reits in die Unterſuchung dieſer päte de loie gras*) vertieft.“ Kurz, Altamont wußte nicht blos für ſeine Rei⸗ ſegefährten die Rolle des Wirthes zu ſpielen, indem er für ihre Bequemlichkeit während der Nacht ſorgte, die Pferde in den Stall brachte und auf alle mögliche Weiſe Hülfe leiſtete; ſondern es gelang ihm auch, kurz nach Tagesanbruch ſich den Beiſtand eines Arztes für ſeinen Freund zu verſchaffen, und er ſelbſt ver⸗ pflegte beide Kranke in der Zwiſchenzeit, die er ihnen widmen konnte. Wirklich entdeckte erſt am nächſten Morgen, durch einen contre temps**) oder die ſpähende Neugierde der plaudernden Griſette, des Kammermädchens, Ihre Gnaden von Hurricane zu ihrem Erſtaunen, daß der Schloßherr ſich aus dem Grunde nicht ſehen ließ, *) Gänſeleber⸗Paſtete. **) Widriger Zufall. A. d. U. 271 weil er in Folge von Krankheit hiezu nicht im Stande war, daß ſein Sohn gleichfalls ſchwer verwundet in dem Zimmer zunächſt demjenigen lag, wo ſie ſelbſt die Nacht zugebracht hatte, daß die Behauſung, wo ſie Zuflucht gefunden, Schloß Rouſſillon hieß und daß ſie für die Gaſtfreundſchaft beſagten Schloſſes dem Vater ihres ewigen Feindes, Rateliffe Blount, verpflichtet war.*. Dieß war eine ziemlich unangenehme Unter⸗ brechung für die Einigkeit beim Frühſtück, und Alta⸗ mont de Mondidier, welchen man plötzlich in das Zimmer ſeines Freundes, deſſen Wunde von Neuem aufgebrochen war, gerufen hatte, fand bei ſeiner Rück⸗ kehr die Herzogin mit weitaufgeriſſenen Augen und einem nicht ſehr freundlichen Geſichtsausdruck, wie ſie voll Erſtaunen der Geſchichte zuhörte, welche ihr Kammermädchen von Claude Maralli, dem Jäger, erfahren, der ſie wieder von Pierre, dem Poſtillon, vernommen hatte, daß Sir Blount vergangene Nacht von einer Räuberbande durch den Kopf geſchoſſen, und daß ſein Sohn, der eben von ſeinen Kriegen heimkehrte, beinahe von derſelben Kugel getödtet worden war, während der Graf Ruuſſillon ſelbſt in dieſem Augenblick wirklich todt in dem Tapetenzimmer über ihnen lag. „Mr. de Montdidier,“ ſprach Ihre Gnaden be⸗ dächtig,„ich bin Ihnen für Ihre Bemühungen zu unſern Gunſten hier und für die Zuflucht, welche Sie uns verſchafft haben, ſehr verpflichtet; aber, ich fürchte, Sir, unter den gegenwärtigen betrübten Um⸗ ſtänden dieſer Familie müſſen wir in hohem Grade ihr läſtig ſein. Wollen Sie alſo die Güte haben, ſo⸗ 272 bald als möglich meinen Wagen zu beſtellen, daß wir ohne Verzug nach Caen weiter reiſen können. „Das iſt ganz unnöthig, Lady Hurricane,“ erwi⸗ derte Altamont;„weit entfernt, daß Ihre Gegenwart hier läſtig iſt, würde es meinem Freunde zum Ent⸗ zücken gereichen, wenn Sie die Weihnachten hier zu⸗ bringen wollten. Zudem kann ich im gegenwärtigen Augenblick das Schloß nicht verlaſſen, bis ich ver⸗ ſichert bin, daß unſere Wirthe außer Gefahr ſind.“ „Aber ich kann es, Sir,“ antwortete die Herzogin, ſich hoch aufrichtend,„und da ich meine beſondern Gründe habe, frühzeitig Caen zu erreichen, ſo beſtehe ich auf augenblicklicher Abreiſe. Carloſtein,“ fuhr ſite zu dem gufwartenden Diener fort,„beſtelle ſogleich den Wagen.“ „Es iſt unmöglich, Ladh Hurricane,“ fiel Alta⸗ mont ein,„vollkommen unmöglich, ich verſichere Sie.“ „Unmöglich! Sir, wie unmöglich?“ „Weil ich dieſen Morgen das Küchenfeuer mit einem der Hinterräder angemacht habe,“ erwiderte Altamont, ſich umdrehend.„Es war kein geſpalte⸗ nes Holz im Schloß; der Schnee iſt vor dem Thore anderthalb Fuß tief, und es gab kein ſiedendes Waſſer zum Frühſtück.“ Der Winter des Jahres 183— war beſonders ſtreng. Der Schnee im Garten von Schloß Ryuſ⸗ ſillon lag ſo hoch wie die Hecke, während der Park und die offene Gegend rings herum vier bis fünf Fuß tief in daſſelbe weiße Gewand gehüllt war. — „Eiszapfen hingen an der Wand, Im Kübel eingefroren war die Milch, Das Blut erſtarrt; die Wege waren ſchlecht, Und nächtlich ſang die Eule Uhu: Uhi, uhu, ſpaßhaft gereimt, Dieweil Schmutz⸗Jvan*) den Topf abſchäumt.“ Weihnachten wurde in demſelben Jahr auf Schloß Rouſſillon in ordentlichem, altengliſchem Sthle gefeiert. Die Geſellſchaft war allerdings nur kleinz aber wie ſie in der großen Schloßhalle ſo bei dem Mahle ſaßen und von dem etwas erhöhten Raum, welchen ſie einnahmen, auf die verſammelte Diener⸗ ſchaft herunter ſahen, die an einem niedrigen Tiſch das Roſtbeef, die Truthähne, Plumpuddings und Fleiſchpaſteten vor ihr bearbeitete, war es eine ſo gaſtliche Scene, wie dieſes Haus zu einer ſo feſtlichen Zeit ſeit wenigſtens einem halben Jahrhundert keine geſehen hatte. Sobald die Tiſche weggerückt waren und die Da⸗ men in dem Nebenzimmer ihren Kaffee genippt hat⸗ ten, begann Altamont de Montdidier unter der Die⸗ nerſchaft einen Tanz zu arrangiren, wobei er ſelbſt der Herzogin von Hurricane die Hand bot, um die gehörige Stimmung in die Sache zu bringen. Rateliffe Blount ſaß mittlerweile unter dem ge⸗ räumigen Kaminmantel in ſüßem Zwiegeſpräch mit Lady de Clifford und ihr Schmeichelworte in's Ohr flüſternd. Er war noch immer blaß von den Folgen ſeiner Wunde, die ohne die unabläſſige, Tag und *) Johanna. A. d. U. Smith, Glücks⸗Soldat. I. Nacht während des Fiebers, das ihn befallen hatte, ihm gewidmete Sorge und Pflege, eine Sorge, wie ſie nur die Liebe einer Frau erweiſen kann, ohne Zweifel tödtlich für ihn geworden wäre. Auf der andern Seite des Herdes ſaßen ſein Herr Vater und die ſchwarzäugige junge Frau Altamont's de Montdidier. Als der alte Gentleman das blaſſe Ge⸗ ſicht des heimgekehrten verlornen Sohnes betrachtete und ſeinen eigenen Stern ſegnete, daß ihm die ſchreck⸗ liche Wiedervergeltung, die er beinahe über das Kind, das zu ſeiner Rettung kam, verhängt hatte, erſpart worden war; er ſelbſt geſunder und kraftiger, ſeit⸗ dem durch deſſen Ankunft ihm eine ſchwere Sorge abgenommen worden war; als er dem heitern Ton des Waldhorns und Tamburins von der Halle her, im Contraſte mit der Heftigkeit des Sturmes draußen zuhörte, empfand er ein größeres Maaß von Glück, als ihm ſeit vielen Jahren zu Theil geworden war. Die Geſchichte von Rateliffe Blount nähert ſich jetzt nothwendig ihrem Ende. Wirklich hätten wir vielleicht nie Gelegenheit gefunden, die nähern Um⸗ ſtände von ſeinem ſpätern Schickſal unſern Leſern zu berichten, wenn uns nicht ein Brief, den Lieutenant Snaffle von Major Sabretash erhielt, zu Geſicht ge⸗ kommen wäre. Der letztere Officier hatte einen zwölf⸗ monatlichen Urlaub zu einer Reiſe im Ausland verwen⸗ det, und während er die Wunder der Welt ſich betrach⸗ tete, eine oder zwei von den personæ dramatis*), welche *) Perſonen des Schauſpiels. A⸗ dr U⸗ 275 in der vorangehenden Erzählung eine Rolle ſpielten, getroffen. Es fügte ſich, daß Lieutenant Snaffle(beiläuſig ſtand er jetzt auf der Lieutenantsliſte obenan, mit Geld zum Ankauf ſeiner Compagnie verſehen) wäh⸗ rend ſeines Verweilens auf der Smaragdinſel wie⸗ derum auf Kapitän Plume ſtieß, und da dieſes Zu⸗ ſammentreffen ſie nothwendig auf das ſeltſame Ma⸗ nuſeript brachte, das ſie in der Schenke zu Ballyo⸗ flaherth mit einander durchgegangen hatten, ſo erbot ſich Lieutenant Snaffle, die Meugierde ſeines Freun⸗ des dadurch zu befriedigen, daß er ihm einen Theil des einige Tage zuvor von Sabretash erhaltenen Briefes vorlas. Wir geben deswegen unſern Leſern genau den Auszug, wie ihn der Lieutenant Kapitän Plume mittheilte. Major Sabretash an Lieutenant Snaffle. „Es iſt ſo lange her, mein lieber Snaffle, ſeitdem ich eine Zeile von Ihnen erhalten habe, daß ich faſt über meine eigene verſöhnliche Ge⸗ müthsart, die mir dennoch das Schreiben wie⸗ der zuläßt, erſtaunt bin. Nicht die geringſte Neuigkeit haben Sie mir, ſeitdem vor wenig⸗ ſtens drei Monaten die Huſaren vom— ſten Canterbury verließen, zu wiſſen gethan. Wollte ich Sie in der That nach Ihren Verdienſten behandeln, ſo müßte ich eine ſo ſäumige Corre⸗ ſpondenz ganz aufgeben; aber ich habe wirklich Neuigkeiten von einer Seite her, die Sie wahr⸗ ſcheinlich, dünkt mir, intereſſiren wird. Ach, mein lieber Junge, Paris, Neapel, Wien ſind 17* 276 wohl recht ſchön, aber wie ſehne ich mich nachjenen entzückenden Scenen, in welchen wir während der letzten Saiſon zu London mithandelnd ge⸗ weſen waren. Beiläufig habe ich von meinen Empfehlungsſchreiben hier in Wien Gebrauch gemacht und bin mit einigen prächtigen Muſtern weiblicher Vortrefflichkeit bekannt geworden, ebenſo mannigfaltig im Sthl wie die Porträts, womit die Wände der ſchimmernden Paläſte welche ſie bewohnen, geſchmückt ſind. Die Prin⸗ zeſſin von Schloß Johannisberg iſt zum Bei⸗ ſpiel ein vollkommenes Bild aus Rubens' Schule. Die Baroneſſe Altenberg wiederum ſieht ſo träumeriſch und lieblich aus wie ihr eigener Titian. Madame Vandenhenden hätte für die Braut von Vandhke ſitzen können, wäh⸗ rend die Herzogin von Landsdorfhauſen genau dem Porträt der guten Königin Beß von Hans Holbein gleicht. Aber ſie alle walzen zu ſehen, wäre ein Jahr von Ihrem Leben werth. „Es mangelt jedoch Etwas an dieſen fremden Schönheiten, das ich genau zu bezeichnen in. Verlegenheit bin. Sie kommen zu kurz, ſehr zu kurz gegen unſere ſchwanenähnlichen, unver⸗ gleichlichen britiſchen Damen, wie zum Beiſpiel eine N—, eine S—d, oder eine S—r, wo In⸗ telligenz auf dem Thron der Schönheit ſitzt. Nebenbei geſagt, fiel mir beſonders eine vor⸗ nehme engliſche Dame auf, die ich an einem der 4 letzten Abende auf dem Ball des Erzherzogs ſah. Intelligenz, die ſich auf ihrer edeln Stirne la⸗ gerte, die fein aber ſtolz geformte Naſe, die — —— — 277 ſchön geſchnittenen Lippen, die ſich nie öffneten, ohne die perlengleichen Zähne zu zeigen, Alles erregte in mir das Verlangen, mir das reizende Geſchöpf, wie es in dem Walzer herumwirbelte, näher zu betrachten. Dabei wurde meine Auf⸗ merkſamkeit zugleich auf den Kavalier gezogen, deſſen Arm ſie nach beendigtem Tanz ſuchte. Denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich in der prächtigen Uniform eines öſtreichiſchen Huſaren⸗ Officiers unſern Freund Rateliffe Blount er⸗ kannte. „Nach den erſten Berie ſtellte er mich der Dame vor, deren Schönhelt mich ſo lebhaft ergriffen hatte, der Tochter der Herzogin von Hurricane, jetzt Lady Conſtanze Blount. Seine Kriege, ſagte er, waren jetzt vorüber. Er war ſeit ſechs Monaten verheirathet und beabſich⸗ tigte, einige Jahre im Ausland zu bleiben. Da ich während meines Aufenthalts in Wien auf freundſchaftlichem Fuß mit ihm verblieb, ſo er⸗ fuhr ich Manches, was zu ſeiner Geſchichte ge⸗ hörte, und theilweiſe Sie gewiß überraſchen wird. Unter Anderem theilte er mir mit, daß Wharneliffe Grange wieder aufgebaut wurde, da man Kohlenminen auf dem Gut entdeckt hatte, wodurch der Werth des Beſitzthums ſich wenigſtens um einige hunderttauſend Pfund er⸗ höhte. Die Leviſon'ſche Geſellſchaft war längſt zerſtreut und aus dem Feld geſchlagen. Der äl⸗ tere Iſraelite floh, nachdem er in Paris, wohin er eilte, um ſeine Tochter von der Vereitlung aller ihrer Intriguen in Kenntniß zu ſetzen, nach Amerika, um ſich vor Deportation zu retten. Mrs. Blount, die ältere entwich bald hernach in daſſelbe Land der Freiheit, in Geſellſchaft mit Kapitän Catchflat, indem ſie all das Beſitzthum, das ihr zuſammenzuraffen gelungen war, ſammt ihrem Kind mit ſich nahm. Der Junge, gänz⸗ lich im Stich gelaſſen, nahm zu einer Spiel⸗ hölle in Paris ſeine Zuflucht; und hiebei hätte er es vielleicht zu Etwas gebracht, ohne die Im⸗ pertinenz unſeres alten Bekannten, Kapitän de Montdidier. Dieſes höchſt ercentriſche Indivi⸗ duum begleitete die Lords Hardenbraß und Cveur de Lion eines Nachts nach einer Spielhölle in der Rue Rivoli; dieſelben nahmen einen Sack voll Napoleons mit ſich, in der Abſicht, die Bank zu ſprengen. Es wäre ihnen ohne Zwei⸗ fel gelungen, wenn es nicht während des Spiels Lärm gegeben und die Franzoſen die Zähne ge⸗ wieſen hätten. Da die zwei Edelleute unbekannt waren, überredete Montdidier den jungen Levi⸗ ſon, Lord Hardenbraß in die Naſe zu zwicken; während Lieutenant Bullyman, der gleichfalls unter den Spielern war, deſſen Begleiter die⸗ ſelbe Gunſt zu erzeigen verſuchte. Die Folgen laſſen ſich leicht erachten. Jung Leviſon wurde ſo durchgeprügelt, daß er ſich niemals mehr davon erholte. Mr. Bullyman war von der Hand des Lords Coeur de Lion ein ähnliches Märthrer⸗ thum beſtimmt; und die ganze Geſellſchaft wurde ergriffen und auf die Wache gebracht. „Und nun, mein lieber Junge, ſcheint mir, habe ich Ihnen alle Neuigkeiten, die Sie inter⸗ eſſiren können, mitgetheilt. Doch halt, es gibt noch einen oder zwei Ihrer Freunde, deren ich nicht erwähnt habe. Lady Hardenbraß, die Sie noch als Miß Villeroh kennen, hat ſich, höre ich, vor einiger Zeit von ihrem Gatten getrennt; Verſchiedenheit der Gemüthsart wird als Grund angegeben, ſie neigt ſich dem Puſehismus zu. Mrs. Allworthy bringt noch immer die Hälfte des Jahrs auf Reiſen in der Fremde zu und wird in Kurzem zu einem Beſuch bei Lady Blount in Wien erwartet. Aber das Außerordentlichſte von Allem iſt, daß Altamont de Montdidier, für deſſen Perſon die Herzogin von Hurricane eine große Vorliebe gefaßt hat, ehe die Geſell⸗ ſchaft von Schloß Rouſſillon aufbrach, eine Heirath zwiſchen Ihro Gnaden und dem ältern Blount in's Werk zu ſetzen wußte; und da der alte Gentleman ſich noch fortwährend übel be⸗ fand und Beide ziemlich lebhaften Temperaments waren, ſo ſchickte er ſie nach Gräfenberg in Schleſien, um unter der Anweiſung von Vin⸗ cenz Priesnitz ſich einer Kaltwaſſerkur zu unter⸗ werfen.“ Ende. 8 2 10 11 12 13 14 15 16 17 9 8 S —