5„„ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibiiothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ₰ den angenommen. ſt 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme) eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunime hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: —— S. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3„„„ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zu der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 2 beſonders darauf aufmerkſfam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S——————— — Das Erbe oder die Tehren des Lebens. Roman von J. F. Smith. Frei nach dem Engliſchen von Dr. C. Büchele. Vierter Band⸗ Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. Schnellpreſſendruck von E. Greiner in Stuligart. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Schlechte Nachrichten verbreiten ſich mit außer⸗ ordentlicher Geſchwindigkeit; ſie haben ſelbſt raſchere Flügel, als die der Verleumdung. Wenn die Ge⸗ ſellſchaft ſich herbeiließe, ihre Pflichten gegen den Nebenmenſchen nur mit der Hälfte des Eifers zu erfüllen, welche ſie anwendet, um für die Ehre oder das Vermögen eines ihrer Glieder kränkende Gerüchte in Umlauf zu ſetzen, wie viel Unheil ließe ſich nicht vermeiden! Kaum hatte der Advocat Ellsgood das Herren⸗ haus verlaſſen, als Sir Colin Lutterel, der Regie⸗ rungs⸗Candidat für die Vertretung der Grafſchaft im Parlament, anlangte und eifrig Roderich zu ſehen begehrte. Es war ein ganz junger Mann, friſch von Cambridge abgegangen, wo er ſeinen Grad genom⸗ men(vielleicht würde man beſſer ſagen, wo man ihm denſelben gegeben) hatte. Seine Rechte auf einen Sitz unter den Geſetzgebern des Landes waren unbeſtreitbar. Für's erſte war er reich und beſaß eine vornehme * — S 6 2 —— Verwandtſchaft, da er der Neffe und präſumtive Erbe von Lord Potter, dem erſten Miniſter, war. Dann kleidete er ſich mit Geſchmack, walzte göttlich, hatte prächtige Haare, ſuperbe Zähne und endlich eine tiefe Ueberzeugung von ſeiner Wichtigkeit. Darin hatte er Recht. Sir Colin Lutterel war eine wichtige Perſon, einer jener glücklichen Sterb⸗ lichen, welche, wie man ſagt, mit einem ſilbernen Löffel im Munde geboren werden, ein Umſtand, der auch ſeine Anwendung des 3 für(engl.) J oder G in der Ausſprache ziemlich erklärlich machte. Mit andern Worten, er war ein Glied der zehn oder zwölf großen Familien von England, welche ſich für privilegirt halten, die Nation zu regieren und ſich die Staatsſiegel gegenſeitig herumreichen mit einem Lächeln, welches ſagen will: jetzt iſt die Reihe an Dir, aber behalte ſie nicht zu lang. Man behält ſie immer ſo lang, bis John Bull ſich widerſpen⸗ ſtiger Laune zeigt, und gibt ſie dann mit demſelben Lächeln wieder ab. Dieſe Gruppe vornehmer Leute läßt ſich mit einem Zirkel in der Logik vergleichen; einmal darin, hat man kein Mittel, wieder hinauszukommen: Ehren⸗ ſtellen, Sinecuren, Protectionen, alle Reize der Macht ſind darin einbegriffen; Genie, Patriotismus, Intelligenz, alle die gemeinen Eigenſchaften ſind ſorgfältig davon ausgeſchloſſen. Der Staatsmann in Hoffnung war begleitet von Capitän Fanſhaw, der ihn mit der Milch der Politik nährte, einem feinen, hellſehenden, berechnenden Mann, den Lord Potter ſeinem Neffen zum politi⸗ ſchen Mentor gegeben hatte. Der Capitän hatte den 5 Baronetstitel, im Fall des Gelingens, verſteht ſich, verſprochen. „Nun, Roderich, ich bin erſtaunt!“ ziſchelte Sir Colin.„Eine ſehr außerordentliche Affaire! Ich denke nicht, daß Sie im Sinn habeg, mich eine lächerliche Rolle ſpielen zu laſſen.“ „Wie ſo?“ fragte ſein Wirth ruhig. „He! man ſagt, daß... wirklich... nun, Fanſhaw, Sie werden ſelbſt die Sache beſſer erklären.“ „Die Affaire iſt wenigſtens regulär genug,“ ſprach der Capitän, der Aufforderung ſeines Zöglings Folge leiſtend.„Man hat die Hinterſaſſen des Herrſchafts⸗ guts von Crowshall angewieſen, Ihren Agenten keinen Pachtzins mehr zu bezahlen. Es ſcheint, daß ſich in der Perſon des ehrenwerthen Edgar Sutton ein Prätendent zu dieſem Beſitzthum erhoben hat.“ „So eben habe ich dieſe Nachricht empfangen.“ „Und Sir Colin, der ſich den Wählern der Graf⸗ ſchaft nicht vorgeſtellt haben würde, ohne auf Ihren Einfluß zählen zu können, iſt natürlich darüber be⸗ unruhigt.“ „Erſchreckt!“ rief der Baronet. Ich kann die Unruhe unſeres Freundes begrei⸗ fen,“ ſagte Roderich mit Lächeln,„aber worüber ich erſtaune, iſt, daß Sie dieſelbe theilten. Ein Prä⸗ tendent zum Herrſchaftsgut Crowshall! Gehen Sie doch! Ich wünſche unſerem erſten Miniſter, daß er der Majorität im Parlament ebenſo ſicher wäre, wie ich es meines Beſitzthums bin. Es iſt eine Liſt unſerer Gegner, des Nebenbuhlers von Sir Colin, Fanſhaw, und nichts mehr.“ „Guter Gott! wie weit wird es dieſe elende Oppo⸗ 6 ſition noch treiben?“ rief der Candidat zu den Ehren des Parlaments. „Ich hoffe, daß Sie damit befriedigt ſind,“ ſetzte Roderich hinzu. Der moderne Telemach, der einen Sitz und nicht einen Vater ſuchte, ſchaute klüglich ſeinen politiſchen Mentor an, ehe er Ja oder Nein zu ſagen wagte. Da der Capitän ſtill ſchwieg, folgte er ſeinem Bei⸗ ſpiel, und nicht wiſſend, was er thun ſollte, begann er mit dem deliciöſeſten Spazierſtöckchen, das je aus den Werkſtätten von Saint⸗Juſt oder Verdier her⸗ vorging, die Spitzen ſeiner gefirnißten Stiefel zu klopfen. „Ich zweifle nicht, daß Sie die Sache in ihrem wahren Lichte betrachten,“ erwiderte Fanſhaw nach einer augenblicklichen Pauſe. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ wiederholte ſein Zögling. „Nichts deſto weniger iſt es ſellſam....“ „Sehr ſonderbar „Daß dieſe Anweiſungen von dem ehemaligen Intendanten des verſtorbenen Sir Harry Herbert un⸗ terzeichnet ſind.“ „Das trifft höchſt merkwürdig zuſammen,“ ſetzte Sir Colin hinzu. Trotz ſeines gewöhnlichen kalten Bluts vermochte Roderich Haſtings ein etwas ſtärkeres Gefühl als eine bloße Ueberraſchung nicht zu unterdrücken, daß Allan die an die Pächter erlaſſenen Warnungen unterzeichnet hatte. „Das iſt wenigſtens gut gezielt,“ ſagte er,„aber den Zweck werden ſie doch nicht treffen. Wenn . ſie regelmäßig und juridiſch ſein ſollen, müſſen dieſe Warnungen von dem Attorney des Prätendenten unterzeichnet ſein.“ „Sie ſind es,“ antwortete der Capitän. dieſe Unterzeichnung iſt von wem?. einem Mr. Elton.“ Dießmal entfürbte ſich das Geſicht des Herrn von Crowshall ſo ſehr, daß ſelbſt der Baronet, ge⸗ wöhnlich zu ſehr mit der Bewunderung ſeiner eigenen Perſon beſchäftigt, um auf Andere zu achten, es wahrnahm. „Das Complott iſt beſſer angezettelt, als ich zu⸗ erſt mir einbildete,“ ſagte Roderich,„aber ich bleibe nichts deſto weniger auf meiner früheren Meinu ug, daß es ganz und gar ein Wahlmanöver iſt. Die Suttons gehören zur Oppoſition.“ „Ganz gewiß,“ erwiderte der Capitän,„und was noch mehr, ſind perſönliche« Feinde von Lord Potter. Inzwiſchen kann ich icht begreifen, daß man einen ſolchen Schritt gethan hat, ohne wenig⸗ ſtens einen Schatten von Recht.“ „Gerade weil man einen Schatten von Recht hat,“ entgegnete Mabels Gatte,„läßt ſich Edgar Sutton darauf ein Er iſt der nächſte männ⸗ liche Verwandte meiner Frau, und wäre die After⸗ erbſetzung nicht auf die Perſon von Sir Harry Her⸗ bert, ſeinen Bruder und deren Nachkommen beſchränkt gerbin, hätte er beim Tode des Erſtern das Hert⸗ ſchaftsgut geerbt. Was mich b betrifft, ſo bin ich nun,“ ſetzte er hinzu,„zwölf Jahre im ſtrittenen Beſitz von Crowshall.“ 8 „Aber der Advoeat, der die Warnung vertheilen ließ?“ „Iſt mein perſönlicher Feind.“ „Und dieſer Allan?“ „Ich habe ihn wegen Taſchendiebſtahls entlaſſen,“ ſagte Roderich, der ſich nicht ſchämte, den Greis alſo zu verläumden.„Sie haben nun den Schlüſſel zu der ganzen Verſchwörung. Edgar Sutton, bin ich überzeugt, hat nicht die geringſte Hoffnung, das Herrſchaftsgut zu erlangen, und würde, wäre die Wahl nicht, keinen Schilling darauf riskirt haben. Die Warnungen ſind vertheilt worden, um die Un⸗ terwürfigkeit meiner Pächter zu erſchüttern. Das wird nur zu einer elenden Schlappe führen; und ſelbſt angenommen, daß es einen theilweiſen Erfolg hätte,“ ſetzte er hinzu,„iſt unſere Partei noch mäch⸗ tig in der Gräfſchaft. Die Mountjoy, die Moors, Beddingfields und Dudleys würden hinreichen, um bei einer Wahl den Sieg zu verſchaffen, ſollten die Farmer von Erowshall ſelbſt neutral bleiben.“ „Aber wenn ſie nicht neutral blieben, wenn ſie für die Oppoſition ſtimmten?“ warf Capitän Fan⸗ ſhaw ein. „In dieſem Fall,“ erwiderte Roderich, welcher der Disecuſſion allmälig müde wurde und wieder Ruth ſchöpfte,„hätte unſer Freund wenig Ausſicht, gewählt zu werden; denn ſeit Jahrhunderten halten die Beſitzer von Crowshall die Wage in den Händen. Aber das iſt nicht zu fürchten; meine Pächter ſind weder reich noch übermüthig, mein Agent, der Ad⸗ vocat Ellsgood, hat für meine pecuniären und anderen 9 Intereſſen gut geſorgt; ſie werden ihm wie eine Heerde Hämmel zu den Huſtings folgen.“ „Und ſie werden gut daran thun,“ ſetzte der Baronet⸗Candidat hinzu. „Mein lieber Mr. Haſtings,“ rief Capitän Fan⸗ ſhaw, ihm die Hand reichend,„Sie haben mich be⸗ ruhigt. Natürlich intereſſirte mich die Sache nur Ihret⸗ und unſeres Freundes wegen, deſſen Erfolg ich als gewiß betrachte, wenn man mit entſprechender Klugheit verfährt.“ Als Sir Colin dieſe deutlich ausgeſprochene Mei⸗ nung von ſeinem politiſchen Mentor vernahm, hörte er auf, ſeine Stiefel zu klopfen, und lächelte ſeinem Wirth graciös zu. „Dieſe lächerliche Affaire wird uns alſo nicht hindern, Sie dieſen Abend auf dem Ball zu ſehen,“ ſagte Roderich. „Gewiß nicht,“ erwiderte der Capitän. „Gewiß nicht,“ wiederholte ſein Echo und Mündel. Darauf zogen ſich die beiden Beſucher zurück. Seinen Betrachtungen überlaſſen, maß Roderich Haſtings einige Minuten ſtillſchweigend den getäfelten Fußboden ſeines Bibliothekzimmers. Seit langer Zeit war er darauf vorbereitet, ſeinen Titel und das Herrſchaftsgut von Crowshall ſich beſtritten zu ſehen, aber nicht durch den ehrenwerthen Sutton, der gleich ihm ſelbſt ein kalter, verſchloſſener, gefühlloſer und berechnender Mann war, nur mit dem Unterſchied, daß er in den Augen der Welt für vollkommen recht⸗ ſchaffen galt, da ſeine Stellung zu hoch war, um ihm zu geſtatten, anders als mit der größten Klug⸗ heit aufzutreten. „Ich errathe die Hand,“ murmelte der Beſitzer von Crowshall, durch deſſen vor Wuth über einander gebiſſene Zähne kaum die Worte ſich Bahn brachen, „ich errathe die Hand, von welcher der Schlag aus⸗ gegangen iſt: es iſt die Rache einer Frau. Es iſt Mobel!“ Im Laufe des Tags erhielt Roderich einen zweiten Beſuch von dem Advocaten Ellsgood, der ſeine In⸗ tendantenſtelle zu gewinnreich fand, um ſich nicht lebhaft für die Gültigkeit der Rechte ſeines Patrons zu intereſſiren. Er brachte ein Exemplar der Ver⸗ warnung bei, welches er dem Beſitzer von Crowshall vor Augen legte, wobei er aufmerkſam das Spiel der Phyſiognomie, während derſelbe las, beobachtete. Roderich fing mehrmals wieder von vorn an. „Nun! nun!“ rief ſein Beſucher ungeduldig, den Finger an die Stirne legend,„haben Sie keine Be⸗ merkung zu machen, nichts einzuwerfen, nichts zu ſagen? Sie ſind ſo ruhig, Mr. Haſtings, als wenn Ihnen Crowshall vom Vater auf den Sohn durch eine ununterbrochene Linie von Ahnen bis hinauf zu der Zeit der Eroberung zugefallen wäre.“ „Und warum ſollte ich nicht ruhig ſein?“ fragte der Gentleman mit ſanftem Lächeln.„Wenn das Glück mir zuwider iſt, ſo wird der Zorn mir das⸗ ſelbe nicht günſtiger ſtimmen. Ich bin mein Leben lang ruhig und kaltblütig geweſen, und ich habe meinen Vortheil dabei gefunden. Es iſt zu ſpät, meinen Charakter zu ändern. Ueberdieß,“ ſetzte er hinzu,„weßhalb ſollte ich mich beunruhigen? Durch das Teſtament ihres Vaters iſt meine Frau für den Fall, daß ihre Brüder ohne Erben ſterben ſollten, 11 zur abſoluten Gebieterin des Herrſchaftsgutes ein⸗ geſetzt.“ „Hem! ja, gewiß!“ „Durch die Heirath mit Mabel bin ich Herr von Crowshall geworden.“ Der Advocat ließ einen leichten, trockenen Huſten, ein Zeichen von Mißvergnügen, hören. „Es kann nichts deutlicher ſein,“ ſetzte Roderich hinzu. „Vielleicht, Mr. Haſtings,“ erwiderte Ellsgood, „aber ein kluger Mann iſt ſeiner Sache nie allzu ſicher. Es haben ſich kürzlich Zweifel in meinem Geiſt erhoben, und ich habe mich gefragt, ob mein geachteter Client, der Vater von Mrs. Haſtings, das Recht hatte, alſo über ſein Beſitzthum zu ver⸗ fügen.“ „Was ſagen Sie?“ „Ob nicht noch,“ fuhr der Adyocat mit leiſerer Stimme fort,„eine von Sir Gilbert Herbert unter⸗ zeichnete Urkunde exiſtirt, welche Cron shall ausſchließ⸗ lich den männlichen Erben zuweist. Seine Wittwe, die, welche Sir Gilberts Maitreſſe und ihr Kind vom Herrenhauſe vertrieb, ſchaffte, heißt es, dieſe Ur⸗ kunde bei Seite.“ „Könnten Sie das glauben?“ rief Roderich ſehr aufgeregt,„ein Mann von Ihrer Erfahrung, der die Welt ſo gut kennt? Nein, wenn ein ſolches Do⸗ cument je exiſtirt hat, ſo ſeien Sie überzeugt, daß Lady Herbert es vernichtete.“ „Es iſt nur eine Perſon auf Erden,“ ſagte der Advocat,„die mich deßhalb beruhigen könnte.“ „Und wer iſt dieſe Perſon?“ 12 „Die Enkelin von Sir Gilbert, Mabel, Ihre Frau,“ antwortete Mr. Ellsgood.„Sie war der Liebling ihrer Großmutter, und ich weiß, daß ſie ganze Tage bei ihr im Archivzimmer zubrachte, wo die Original⸗Rechtstitel und die Familienpapiere der Herberts aufbewahrt werden.“ „Das Archivzimmer!“ wiederholte Roderich im Tone der Ueberraſchung.„Ich habe nie davon reden hören. Wo iſt daſſelbe?“ „Hier! zu Crowshall.“ „Sie ſcherzen! oder haben Sie den Verſtand verloren?“ „Erlauben Sie mir, zu bemerken, Mr. Roderich Haſtings,“ entgegnete ſein Agent ſarkaſtiſchen Tons, „daß weder die eine noch die andere Ihrer Annahmen für mich ſchmeichelhaft ſind. Ich ſcherze nie, wenn ich von Geſchäften ſpreche; und was das Verſtand⸗ verlieren betrifft, ſo wird ſich zeigen, wer von uns am meiſten gehabt hat, wenn unſere Affairen been⸗ digt ſind. ich habe mich immer an der rechten Seite der Hecke gehalten.“ „Nein, keineswegs, wenn Ihre Vermuthung gegründet iſt. Sie vergeſſen die großen Summen, welche Sie mir vorgeſchoſſen haben.“ „Ich vergeſſe ſie nicht.“ „Und die Hypotheken, welche Sie haben.“ „Die Hypotheken, die ich hatte,“ fiel der Ad⸗ vocat mit ruhigem Lächeln ein.„Die Thatſache iſt, daß ich dieſelben ſchon lang auf einen Dritten über⸗ tragen ließ. Mein alter Aſſocié in der Bank hat ſie mir abgenommen. Ich bin nur Ihr Agent.“ Die beiden Sprecher betrachteten ſich einen Augen⸗ 13 blick ſtillſchweigend. Der Herr von Crowshall war über die Kunde, daß der boshafte alte Wucherer ſeine Hypotheken übertragen hatte, unruhiger als über alle andern Nachrichten. „Nun, Mr. Ellsgood,“ ſagte er,„wir brauchen uns nicht zu zanken. Sie begreifen meine Ueber⸗ raſchung, meine Bewegung, meine Aufregung...“ „Vollkommen, Mr. Haſtings, vollkommen,“ er⸗ widerte ſein Beſucher ruhig. „Sind Sie immer mein Freund?“ „Ich bin immer der Freund meines Clienten.“ „Kann ich Vertrauen zu Ihnen haben?“ „In allen Dingen, die keine Gefahr haben... keine geſetzliche Gefahr,“ antwortete der Alte.„Sie ſind ohne Zweifel zu klug, zu ſehr Weltmann, zu ehrenhaft, um einer Perſon meines Alters, meiner Achtbarkeit, meiner Reputation etwas Zweideutiges vorzuſchlagen; denn wenn es Etwas in der Welt gibt, worauf ich halte, ſo iſt es meine Reputation. Die Reputation, wie mein verehrter Vater zu ſagen pflegte, iſt„ „Schweigen Sie doch!“ fiel Roderich ein,„wir kennen einander gegenſeitig. Alles, was ich von Ihnen verlange, iſt: offen zu reden, mir Alles zu ſagen, was Sie wiſſen, Alles, was Sie argwohnen, mir den Punkt anzuzeigen, von wo die Gefahr droht, und mir die Sorge für ein Mittel dagegen zu über⸗ laſſen.“ „Worauf Sie ſich für meine Mühe über mich luſtig macheu werden,“ ſagte Mr. Ellsgood. „Nein.“ „Sie verſprechen mir, nicht aufzufahren!“ „Bei Allem, was heilig iſt.“ „Nun denn,“ erwiderte der Advocat, welcher über dieſes Verlangen mehr ergötzt als verlegen ſchien,„es liegt nicht viel daran, einmal offen zu ſprechen; aber erinnern Sie ſich, daß dieß nicht als ein früherer Fall geltend gemacht werden darf.... Alſo, Roderich Haſtings, bei all Ihrer Liſt, Kühnheit, Geſchicklichkeit ſind Sie nichts weiter als ein Thor. Sie haben es dahin gebracht(durch welche Mittel, geht mich nichts an), eine ſchöne, reiche, ſtolze Frau von vornehmer Geburt zu gewinnen. Anſtatt Ihre Treuloſigkeiten zu verbergen, wie jeder mit geſundem Verſtand begabte Ehemann gethan hätte, haben Sie dieſelben laut ausgerufen und, des Vermögens Ihrer Frau ſicher zu ſein wähnend, ſie wie ein Mädchen von Nichts behandelt, ſie in ihren Neigungen be⸗ ſchimpft, vergeſſend, daß dieß der Punkt iſt, wo Frauen am empfindlichſten ſind. Sind Sie unſinnig genug, ſich einzubilden, ungeſtraft auf dieſer Bahn fortfahren zu können? Eine Frau von Herz, wenn ſie einmal ihre Energie auf die Rache richtet, über⸗ trifft an Gewandtheit einen Advocaten, an Beharr⸗ lichkeit einen Prieſter, und Prieſter und Advocat haſſen tüchtig. Die Urkunde Sir Gilbert Herberts, welche das Herrſchaftsgut nur auf der männlichen Seite vererbt, exiſtirt noch. Ich habe mich deſſen vergewiſſert und argwohne, daß ſie ſich in Ihrer Frau Händen befindet.“ „Fluch über ſie!“ murmelte der wüthende Frevler. Mr. Ellsgood betrachtete ihn mit einer Miene der Verachtung. 0 — „Sie ſollte mir dieſelbe ſo viele Jahre verborgen haben!“ ſetzte Roderich hinzu. „Es bedurfte lange Zeit, um ihre Neigung ab⸗ zunützen,“ entgegnete der Alte.„Aber da Sie deren Tiefe erprobt haben, ſo müſſen Sie nun ihren Haß um ſo beſſer ermeſſen können.“ „Fluch über ſie!“ wiederholte der Clende. „Bah! bah!“ fiel der Advocat ein,„Kinder ſchmähen, Männer handeln. Sie haben ſich eben noch gerühmt, ein Gegenmittel zu finden, wenn ich Ihnen die Gefahr zeige. Ich habe es gethan; finden Sie!“ „Sie glauben, daß die Urkunde noch in ihrer Gewalt iſt?“ fragte Roderich. Ellsgood nickte bejahend. „Wo befindet ſich dieſes Archivzimmer, von dem Sie ſprechen?“ „Das konnte ich nie erfahren,“ antwortete der Alte in ärgerlichem Ton.„Mein verſtorbener Client, der in allen andern Dingen mir unbeſchränktes Vertrauen ſchenkte, weigerte ſich beharrlich, es mir zu ſagen. Der Eingang zu dieſem Gemach iſt ein Geheimniß, das nur die Glieder der Familie kennen, welche ſchwören müſſen, hat man mir geſagt, es nie zu verrathen. Ah! es iſt ein ſeltſames Gebäude, dieſes Herrenhaus zu Erowshall, ohne Zweifel ein mönchiſcher Bau.“ „Ich muß Mabel ſprechen!“ rief Roderich. „Es wird beſſer ſein, ſie zu beobachten,“ warf ſein Beſucher ein. „Vielleicht haben Sie Recht,“ antwortete der Erſte in träumeriſchem Ton.„Aber ſagen Sie mir Etwas! Wurden Sie bei dem Uebertrag Ihrer Hy⸗ potheken nicht durch die Kenntniß jener hölliſchen Urkunde von Sir Gilbert beſtimmt?“ „Ei! nein, nicht einzig,“ ſagte der Alte,„Walter Herbert hat von mir dreitauſend Pfund Sterling entlehnt, und ich habe nie erfahren können, was er damit machte.“ „Haben Sie nie deßhalb weitern Verdacht ge⸗ ſchöpft?“ „Hem!“ antwortete Mr. Ellsgvod, auf die Uhr ſehend,„ich habe Ihnen ſchon erklärt, daß Sie auf meine Offenheit nicht als einen vorliegenden Fall bauen dürfen. Wachen Sie über Ihre Frau. Ent⸗ geht Ihnen eine einzige der Karten, welche ſie bei dieſer Partie ſpielt, ſo ſind Sie verloren.“ Nach dieſer Warnung entfernte ſich der Advocat und ließ Roderich Ueberlegungen zum Raub, welche nichts weniger als angenehm waren. Es ſchien, als ob ſeine Grauſamkeit gegenüber von Mabel ſich zum Gericht gegen ihn in dem Augenblick erhöbe, wo es ſich für ihn darum handelte, ſeinen Triumph damit zu krönen, daß er den Namen wie das Erbe ſeines Großvaters empfing. In ſeinem ſteinernen Herzen gab es weder Reue noch Gewiſſensbiſſe; im Gegentheil wurde er nur noch mehr durch den Gedanken gereizt, daß ſein Opfer endlich den Muth gefunden hatte, ſich gegen ihn zu wenden, um ihm wehe zu thun. Was küm⸗ merten ihn die Klagen ſeiner Frau, die gebrochene Neigung, die Kämpfe jener Liebe, zu deren Vertil⸗ gung es jahrelanger Vergeſſenheit, Beſchimpfung, Mißhandlung bedurft hatte? —— Es war gerecht, daß Mabel für das Uebel, das ſie ihrem ältern Bruder zugefügt hatte, Strafe litt; aber welches ihre Verbrechen waren, ſtand doch dem⸗ jenigen, welchem zulieb ſie dieſelben begangen, nicht das Recht zu, ſich zum Rächer aufzuwerfen. „Ich werde ſie überwachen,“ murmelte er,„ich werde ſie ſo wenig verlaſſen, als ihr Schatten. Sie ſpielt ein verzweifeltes Spiel, aber ich werde ihre Hoffnung noch vereiteln.“ Nach dem Schluß ſeiner Betrachtungen kleidete er ſich zum Diner an. Auf dem Ball am Abend ſah man die meiſten der vornehmen Familien der Grafſchaft. Die Mehr⸗ zahl beſuchte denſelben Sir Colins wegen, deſſen Candidatur man wünſchte. Einige wurden durch Neugierde herbeigezogen, denn es hatten ziemlich ehrenrührige Gerüchte in Bezug auf die übereilte und unbedachte Heirath der Erbin von Crowshall ſo kurz nach dem Tode ihres Bruders circulirt. Andere endlich hatten die Einladung aus Genußſucht ange⸗ nommen, welche der Tumult der Welt für ihre Exi⸗ ſtenz nöthig machte; ſie langweilten ſich zu Hauſe, da ſie keine der Eigenſchaften beſaßen, welche das Glück in der Ruhe und Stille des häuslichen Heerdes finden laſſen. Aber was Roderich als ein wahrer Triumph vor⸗ ſkam, war die Gegenwart von Lord und Lady Mount⸗ ljoy, einem der älteſten Namen der Pairie. Lord Mountjoy war mit Mabel von Seiten ihrer Mutter durch Verſchwägerung etwas verwandt; inzwiſchen war ſeit Sir Harry's Tode eine Unterbrechung aller Beziehungen zwiſchen ihnen eingetreten. Das Erbe. IV.! 2 Der Lord war ein Mann von hoher Statur, mager, voll Majeſtät, und hatte zur Zeit der Regent⸗ ſchaft für einen der beaus gegolten. Was ſeine Frau betraf, ſo war ſie Kleiderverwalterin oder Staats⸗ dame der Königin Charlotte deutſchen Andenkens geweſen. Was Lord Mountjoy's Herablaſſung noch bemer⸗ kenswerther machte, war der Umſtand, daß er zu den Häuptern der Oppoſition gegen das Miniſterium Lord Potters gehörte. Er grüßte ſehr kalt, als Mabel ihm ihren Gatten vorſtellte, drückte Sir Colin herzlich die Hand und beehrte Capitän Fanſhaw mit einem Kopfnicken. Trotz der Kaltblütigkeit des Herrn von Crows⸗ hall ſah man wohl, daß er ſich von der Anweſenheit des Lords unter ſeinem Dach geſchmeichelt fühlte. Dieß konnte nicht ermangeln, ſeine Wichtigkeit in der Graſſchaft zu erhöhen. Wenige Menſchen können den Werth der Achtung beſſer als diejenigen, welche ſich derſelben unwürdig gemacht haben. „Sehr liebenswürdig,“ flüſterte Sir Colin ſeinem Mentor in's Ohr.„Es kam mir vor, als hätten Sie mir geſagt, ſeine Lordſchaft gehören zur Oppo⸗ ſition.“ „Seine Liebenswürdigkeit gefällt mir nicht,“ ant⸗ wortete Capitän Fanſhaw,„es wäre mir lieber ge⸗ weſen, er hätte Sie mit finſterer Miene angeſehen. Lord Mountjoy iſt ebenſo glatt, aber auch ebenſo ſchlüpfrig wie Eis. Seien Sie überzeugt, daß etwas darunter ſteckt.“ Sein Zögling ſchien ganz beſtürzt bei dieſer Bemerkung. 4 — 19 „Glauben Sie?“ rief ihr Wirth, welcher die letzten Worte des Capitäns gehört hatte;„in dieſem Fall werde ich ein Auge auf ihn haben; ich will keine Spione in meinem Lager.“ „Um's Himmelswillen,“ ſagte Fanſhaw,„handeln Sie vorſichtig. Gedenken Sie ſeines Alters und Rangs, ohne von den Banden der Verwandtſchaft zu reden, welche ihn an Ihre Frau binden. Ein öffentlicher Zank würde uns mehr ſchaden, als ſeine geheime Feindſchaft.“ „Ich glaube, Sie haben Recht,“ murmelte Ro⸗ derich,„ich bin nur ein Thor, mich von der erſten Bewegung ſo hinreißen zu laſſen.“ „Kein Thor, aber ein Unbeſonnener.“ „Ja, ein Unbeſonnener,“ wiederholte der Can⸗ didat,„ich habe mich nie in meinem Leben von einem Impuls hinreißen laſſen.“ Inzwiſchen hatte Mabel den Arm ihres edeln Verwandten ergriffen und ſchritt mit ihm durch die Salons. Diejenigen der Gäſte, welche ſie nicht kannten, vermutheten wenig, daß dieſe blaſſe und ruhige Frau, welche mit Lord Mountjoy Shn die wahre Gebieterin von Crowshall ſei. Viele nahmen Mrs. Montréſor für Roderichs Frau; der Irrthum war ſehr natürlich, denn dieſe Dame erſchien am Arme von Mabels Gatten im Ballſaal, erröthend im Be⸗ wußtſein ihrer Schönheit. Ueberall, wo ſie vorüber kam, hörte man ein Geflüſter der Verwunderung. Mabel tanzte nicht. Ihre Nebenbuhlerin eröffnete en Bal mit Roderich. Es war ungefähr elf Uhr, als Bender ſtill mitten unter die Menge hereinſchlüpfte und ſeinem Gebieter einige Worte in's Ohr flüſterte. Roderich erblaßte ein wenig; aber ſich ſchnell faſſend, gab er ihm ein Zeichen, ſich zurückʒuziehen. „Adele,“ ſagte er, ſich an die ſchöne Sirene wendend, die ihn zum Selaven gemacht hatte,„Sie können mir einen wichtigen Dienſt leiſten.“ Die Dame ſchien überraſcht. „Es handelt ſich nur darum, daß Sie ſich in das Bibliothekzimmer begeben. Sie werden im Ve⸗ ſtibule einem Mann in Livrée begegnen, der Sie ohne Zweiſel fragt, ob Sie Mrs. Hoſtings ſeien. Antwotten Sie keck; ja und bringen Sie mir den Brief oder was er Ihnen ſonſt überliefert.“ „Gern,“ erwiderte das ſtrafbare Geſchöpf„iſt es möglich, daß die kalte, ſatyriſche Mabel Sie verräth?“ Roderich nickte zuſtimmend; dann erinnerte er ſie mit leiſer Stimme, daß keine Minute zu verlieren ſei. Einen Augenblick nachher war er allein. „Ah!“ dachte er,„die Intrigue verwickelt ſich. Sie hat die Zeit gut gewählt, um mit meinem Feinde ſich in Communication zu ſetzen. Sie hat Lord und Lady Mountjoy eingeladen, um nich irre zu führen. Und ich war auf dem Punkte, mich von ihr berücken zu laſſen.“ Als die Obriſtin Montröſor zurückkehrte, ſah Roderich an ihrem funkelnden Auge, an ihrer ge⸗ ringſchätzig gekräuſelten Lippe, daß es ihr gelungen war. „ e d n. n 21 „Danke“ ſagte er, als ſie ihm ein Billet zu⸗ ſteckte. Es enthielt nur drei Worte: „Pavillon. Mitternacht... Allianz.“ Roderich las ſie zweimal, ehe er ſicher war, deren Sinn recht verſtanden zu haben. „Theuerſte Adele!“ flüſterte er,„Sie ſind mein guter Geiſt. Dieſes Stückchen Papier war zu mei⸗ nem Glück nothwendig.“ Die Dame ſchien von dieſem Compliment nicht ſehr erfreut. „Zu meiner Sicherheit,“ ſetzte er hinzu. „Ah! jetzt verſtehe ich Sie. Sie iſt gottloſer, gefühlloſer, als ich mir dachte. O Roderich, wenn ich Ihre Frau geweſen wäre, nichts in der Welt hätte mich verleiten können, Sie zu verrathen.“ Der Verführer lächelte mit ungläubiger Miene; er erinnerte ſich, wie ergeben ihm Mabel geweſen war. „Zweifeln Sie an mir?“ ſetzte ſie im Ton des Vorwurfs hinzu. „Nein, Adele,“ antwortete er,„ich habe zu viele Beweiſe Ihrer Ergebenheit dafür erhalten; das war nur ein flüchtiger Gedanke. Ich muß Sie bis ein Uhr nach Mitternacht verlaſſen.“ „Und dann?“ „Dann,“ ſagte der Wüſtling,„gehöre ich ganz Ihnen.“ Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Roderich Haſtings hatte eine kurze Unterredung mit Sir Marc Raymond, welcher, obwohl gefallen, doch zögerte, ihm den verlungten Dienſt zu leiſten; denn wenn er nicht mehr die Ehre des Gentlemans hatts, ſo blieb ihm wenigſtens der Stolz davon. Aber wie Alle, welche den erſten Schritt auf dem Weg des Böſen gemacht haben, fand der Baronet, daß es leichter war, vor⸗ als rückwärts zu gehen. Der Verſucher reclamirte die Schuld der Dankbarkeit. „Bedenken Sie,“ ſprach er,„daß Sie von mir dazu autoriſirt ſind. Setzen Sie es womöglich mit Sanftmuth durch; wo nicht, wenden Sie Gewalt an.“ „Aber Gewalt. und gegen eine Frau!“ entgegnete Marc. „Iſt es ſchlimmer, als eine Frau zu betrügen?“ fragte ſein Freund.„Das iſt nichts als Haarſpalterei. Es iſt jetzt zu ſpät, den Moraliſten zu ſpielen. Ich habe nie Serupel gehabt, wenn es ſich darum han⸗ delte, Ihnen zu dienen.“ „Wahr,“ erwiderte der junge Mann,„und ich muß dieſe Schuld der Dankbarkeit zahlen. Wiſſen Sie, Roderich,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, „daß es Momente gibt, wo ich wünſche, Sie niemals auf mich geladen zu haben.... Aber kein Wort weiter. Ich gehe.“ Mit dieſen Worten verließ er den Saal, und ſein Mitſchuldiger lächelte, als er ſah, daß ſeine Frau einige Minuten nachher verſchwand, doch nicht cher, als bis Lord Mountjoy ſeinen Stolz ſo weit d 23 bei Seite gelegt hatte, um ſich in eine Unterredung mit ihm einzulaſſen. „Gut geſpielt,“ dachte der Herr von Crowshall, „aber ich kenne die Löſung des Räthſels und kann die Sache auch von der Kehrſeite betrachten.“ Nie im Laufe ſeines langen Lebens hatte der edle Pair ſo ſehr der Ruhe und Kaltblütigkeit be⸗ durft. Allmälig dem Ton der Ehrerbietung, welchen er anfänglich angenommen hatte, entſagend, begann Roderich ſeine Lordſchaft wegen der Beweggründe ſeines Beſuchs zu beſpötteln, indem er zu verſtehen gab, derſelbe habe ſich von ſeiner Partei und ſeinen Grundſätzen getrennt, um dem Miniſterium ſich an⸗ zuſchließen. 3 Ein Mountjoy ſo umſatteln— welche Idee! Seit den Tagen der Eroberung waren ſie ihren Vorurtheilen, ihren Tugenden und Laſtern getreu geblieben. Eine Gruppe bildete ſich allmälig um ſie und die Scene wurde intereſſant. Es war eine wahre Studie, den ausgeſuchten Tact, womit der alte Lord die Hauptſtöße ſeines Gegners parirte, ſeine Gleich⸗ gültigkeit, wenn er getroffen wurde, ſeine unem⸗ pfindliche Phyſiognomie, während er den verſteckten Beleidigungen zuhörte, zu beobachten. Er hielt den Angriff ſo tapfer aus, daß einige ſeiner Nachbarn, wie ſeiner politiſchen Gegner ſich auf ſeine Seite zu ſtellen anfingen und die Unterhaltung in eine Bal⸗ gerei auszuarten drohte. Glücklicherweiſe machte die Rückkehr von Sir Mare Raymond der Sache ein Ende. Roderich durchbrach raſch den Kreis und eilte ihm entgegen. Sein Freund übergab ihm ein Packet. „Wie haben Sie es erhalten?.... mit Ge⸗ walt?“ fragte er. „Nein,“ antwortete der Baronet,„dieſe Schande wurde mir wenigſtens erſpart. Ihre Frau nahm mich ohne Zweifel für einen Andern.“ „Ich bin Ihnen ewig verpflichtet.“ Er verbarg das Packet in ſeiner Bruſt, trat dann auf Mrs. Montréſor zu und bot ihr den Arm. „Haben Sie die Beweiſe von der Schuld Ihrer Frau?“ „Alles.. Alles, was ich brauche.“ „Gott ſei Dank!“ Und dieſes Geſchöpf, das eine der heiligſten Pflichten der Moral verletzt hatte, wagte es, Gott zu danken, daß die von ihr mißhandelte Gattin ebenſo wenig, dachte ſie, der Theilnahme würdig wäre, wie ſie ſelbſt. Für einen Mann von ſeiner Erfahrung, der zu⸗ gleich das Herz ſeiner Frau ſo gut kennen mußte, beging Roderich Haſtings in der Trunkenheit ſeines Triumphs(denn er glaubte wirklich über Mabel zu triumphiren) einen ſchweren Irrthum. Er gab der Erbin der Herberts eine Gelegenheit, ihre Neben⸗ buhlerin niederzuſchlagen, die, welche ſie in der Liebe ihres Gatten ausgeſtochen und ihr die beſchämendſte Geringſchätzung bezeugt hatte; und die Gelegenheit war zu verführeriſch, als daß Mabel ſie nicht ergriff. Er näherte ſich, die Obriſtin Montréſor am Arm, dem Orte, wo ſeine Frau ſich befand, umgeben von einem Kreiſe der erſten Damen der Grafſchaft. Ro⸗ derichs Maitreſſe bemerkte, wie auf ihrem Gang 25 Alle, die zu ihrem Geſchlecht gehörten, bei Seite wichen und eine ſchwarze Ahnung bemächtigte ſich derſelben. Sie wollte ihren Cavalier bitten, ſie in ein anderes Zimmer zu führen, aber die Worte er⸗ ſtickten ihr auf den Lippen. „Meine Liebe,“ ſprach der Heuchler,„Du ver⸗ nachläßigſt wahrhaftig die Fflichten der Hausfrau. Hier iſt Mrs. Montréſor, welche erwartet, daß Du ſie Deinen Freundinnen vorſtellſt.“ Mabels Augen ſchleuderten Blitze; in ihrem Blick brach die ſeit Jahren glimmende Eiferſucht und Ver⸗ achtung zu Flammen aus. Roderich wurde ſelbſt davon einen Augenblick verwirrt und erſchreckt. „Lady Mountjoy,“ ſprach ſie,„an Sie wende ich mich, an Sie als meine nächſte Verwandte, um Sie zu fragen, in welchen Ausdrücken ich die Mai⸗ treſſe meines Mannes meinen Freundinnen vor⸗ ſtellen ſoll!“ „Biſt Du wahnſinnig?“ fragte Roderich erſtaunt und mit drohender Stirne. „Nein, ich habe meine Vernunft wieder bekom⸗ men,“ antwortete ſeine Frau ruhig.„Ich ſehe in dem Idol, das ich einſt anbetete, eine gemeine Natur von Koth, den kalten, herzloſen Speculanten, den Bettler, den meine thörichte Liebe bereichert hat. Ich hätte das aushalten können,“ fuhr ſie fort,„ich hätte dieſe Kenntniß ſeines Charakters und ſeiner Beweggründe zur Züchtigung für meine Thorheit annehmen können. Aber da Du eine verworfene Frau unter meinem Dache einführſt, da Du mich zu hrem Niveau herabzudrücken ſuchſt, indem Du mir ihre Geſellſchaft aufnöthigſt, empört ſich mein Herz 26 dagegen. Deßwegen wiederhole ich, in welchen Aus⸗ drücken ſoll ich meinen Freundinnen die Obriſtin Montréſor, die Maitreſſe meines Mannes, vorſtellen!“ Ehe der letzte Satz dieſer Rede, von der jedes Wort durch die Menge, welche ſich um Mabel und ihre Nebenbuhlerin gedrängt hatte, vernommen wurde, ſein Ende erreicht hatte, war dieſe in Ohnmacht gefallen. „Wahnſinnige!“ rief Roderich, ſeine Frau roh am Arm faſſend,„ich kann nicht länger ſolche Extra⸗ vaganzen zugeben. Begib Dich in Dein Gemach.. Meine Damen,“ ſetzte er hinzu,„bei dem lebendigen Gott! die, welche von dieſer Verleumdung getroffen, vielleicht tödtlich getroffen, iſt ſo rein, ſo unſchuldig wie. die tugendhafteſte von Ihnen allen. Mein Leben, meine Ehre zum Pfande für ihren Ruf.“ Dieſe Erklärung wurde von allen gegenwärtigen Damen mit ſchlecht erſticktem Gelächter aufgenommen. Mehrere fühlten ſich ſelbſt durch die Vergleichung beleidigt und murmelten das Wort espöce*). Mitten in dieſer Scene der Verwirrung kam Obriſt Mon⸗ tréſor herbei und fragte beim Anblick ſeiner bewußt⸗ loſen Frau, was geſchehen ſei. „Mrs. Haſtings iſt wahnſinnig, das iſt Alles,“ antwortete ſein Wirth.„In einem Anfall von Eifer⸗ ſucht hat ſie die albernſte, lächerlichſte, unwahrſte Beſchuldigung gegen dieſen ohnmächtigen Engel vor⸗ gebracht.. Bekenne Deinen Irrthum,“ ſetzte er ganz leiſe hinzu,„wenn Du hoffſt, daß ich Dir je verzeihe.“ *) Gemeiner Menſch. 27 Mabel, deren Arm noch immer von der Hand ihres Gatten feſt gehalten wurde, zögerte keinen Augenblick und verlor trotz ſeiner Drohungen den Muth nicht. „Oberſt Montröſor wird bald Gelegenheit haben, ſich von der Reinheit ſeiner Frau zu überzeugen,“ erwiderte ſie.„Er kann von ihren Briefen bei mei⸗ nem Rechtsanwalt Einſicht nehmen.“ „Ihren Briefen!“ wiederholte ihr erſtaunter Gatte. „Glauben Sie ihr nicht, Montréſor!“ rief Ro⸗ derich;„ich ſage Ihnen, daß ſie wahnſinnig.... toll iſt. Nie in meinem Leben habe ich einen Brief von Ihrer Frau erhalten.“ „Die ſind alſo falſch, die ich in dem Käſtchen des alten Schranks gefunden habe?“ fragte Mabel mit eiſigem Lächeln. Ihr Gatte ließ ihren Arm fahren und machte keine weitern Fragen mehr. „In der That ein peinlicher Scandal; aber die Tyrannei und Brutalität von Mr. Haſtings ließen ſeiner Frau kein anderes n ſagte Lady Mountjoy mit bewegtem Ton.„Mein Stillſchweigen könnte dazu beitragen, das Gerücht von ihrem Irr⸗ ſinn zu verbreiten; ich muß alſo erklären, daß die Anklagen, die Sie eben hörten, nicht das Reſultat einer Geiſtesſtörung ſind. Ich habe die von Mrs. Montréſor an den Gatten meiner Verwandtin ge⸗ ſchriebenen Briefe geleſen und bedaure, beifügen zu müſſen, daß ſie keinen Zweifel an ihrer ſtrafbaren Verbindung zulaſſen.“ „Wenn der Oberſt noch daran zweifelt,“ ſetzte —— Mabel hinzu,„ſo iſt hier einer der Briefe, den ich zurückbehalten habe; er wird ihm beweiſen, ob ich wahnſinnig bin oder nicht.“ Der beleidigte Gatte warf einen Blick in den Brief, welchen ihm Mabel reichte. So kurz er war, zerſtörte er doch ſattſam ſeine Illuſionen; er ſtürzte aus dem Ballſaal hinaus und hatte fünf Minuten ſpäter das Herrenhaus verlaſſen. Es iſt kaum nöthig, zu erklären, wer am ſchnell— ſten nach einem ſolchen Scandal ſich davon machte. Sir Colin und ſein Mentor, überzeugt, daß nichts in der Graſſchaft zu hoffen wäre, entfernten ſich ohne Abſchied. Der Condidat beſchränkte ſich auf die Be⸗ merkung, daß es eine verteufelt lächerliche Affaire ſei. Mit Hülfe von Thereſe, ſeiner Frau Kammer⸗ müdchen, brachte Roderich Mrs. Montréſor, immer noch ohne Bewußtſein, in das ihr früher angewieſene Zimmer und kehrte dann zurück in der Abſicht, an ſeiner Frau Rache zu nehmen. Aber Mabel war ſchon in ihrem Gemach, von wo ſie ſich, wie unſere Leſer wiſſen, nach Belieben entfernen konnte. Ver⸗ geblich machte ihr wüthender Gatte einen ſchrecklichen Lärm an ihrer Thüre, keine Stimme antwortete ihm; Bitten und Drohungen waren gleich unnütz. Endlich erbrach er mit Hülfe von Sir Marc Raymond und Bender die Thüre und fand zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen, daß das Zimmer leer war. „Sie iſt entflohen, beim Teufel!“ rief er. „Vielleicht mit dem Gentleman, für den ſie mich dieſen Abend im Park genommen hat,“ ſagte der Baronet. „Nein,“ erwiderte ſein Genoſſe,„ſie hat nicht 29 das Herz, ein ſo elendes Ding wie das, was man Ruf nennt, dem Zug der Liebe zu opfern. Arme Adele!“ ſetzte er hinzu,„dieſer Scandal wird ihr Tod ſein.“ „Der Ihrige vielmehr, oder der ihres Mannes,“ ſagte Sir Marc,„denn ohne Zweifel werden Sie am Morgen von ihm reden hören. Ich bin erſtaunt, daß Sie, mit Ihrer Erfahrung und einer eiferſüch⸗ tigen Frau, die Beweiſe Ihrer Verbindung aufbe⸗ wahrt haben.“ „Das iſt eine Fatalität,“ entgegnete Roderich. In dieſem Augenblick deutete der Kammerdiener auf einen Brief, den man auf dem Tiſch gelaſſen hatte. Sein Herr griff eifrig nach demſelben; ſein Inhalt war folgender: „Ich will Dir das Verbrechen erſparen, worauf Du ſinnſt; wir werden uns nicht mehr in dieſer Welt ſehen. Du weißt, mit welchem Feuer, mit welcher Aufopferung eine Frau lieben kann; es bleibt Dir noch übrig, zu erfahren, wie ſie haſſen kann. Wenn Du des Vermögens beraubt biſt, das meine Thorheit Dir geſchenkt hat, wenn Du von dem Hauſe verjagt wirſt, aus welchem Du mich zu entfliehen zwingſt, ſo denke an Mabel. Dann, und dann erſt wird das ihr zugefügte Leid gerächt ſein.“ „Auf Ehre,“ rief Sir Marc Raymond, als ſein Freund ausgeleſen hatte,„das iſt eine höchſt ange⸗ nehme Epiſtel. Aber die Frauen nehmen dieſe Klei⸗ nigkeiten niemals kalt auf. Ich kann nicht umhin, zu glauben, Roderich, daß Sie für die Angelegen⸗ heiten Ihrer Freunde beſſer als Ihre eigenen ſor⸗ gen.. aber was bedeuten deren Worte, daß Sie Ihres Vermögens beraubt und von Crowshall verjagt werden ſollen?“ „Eitle, wahnſinnige Drohung!“ „Hum!“ brummte der Baronet mit zweifelnder Miene,„wenn ich ſie für ebenſo fähig hielte, dieſe Drohung auszuführen, wie ich ſie bei geſundem Ver⸗ ſtand glaube, ſo würde ich nicht die Einkünfte eines Jahrs für Ihre Rechte auf dieſes Herrſchaftsgut geben.“ „Sie ſind ſo ſicher, wie Ihre Rechte an das Erbe Ihres Vaters,“ erwiderte ſein Freund. Bei der Rückkehr auf ſein Zimmer hatte Roderich nichts Eiligeres zu thun, als das Packet, welches der Baronet ſo geſchickt für ihn bekommen hatte, zu unter⸗ ſuchen. Sein Inhalt bewies, daß die Andeutungen des Advocaten Ellsgvod genau waren, denn er ſah nichts Geringeres, als die vielbeſprochene Urkunde Sir Gilberts vor ſich. Er erkannte beim Leſen, warum Mabels Großmutter ſie unterdrückt hatte. Ihr Gatte ſetzte darin ſeiner Maitreſſe und ſeinem Kinde eine lebenslängliche Rente aus. „Ellsgood hatte Recht,“ ſagte er,„eine Frau in ihrem Haß iſt ſchlauer als ein Advocat, beharrlicher als ein Prieſter. Die Nachkommen der Lady Herbert haben die Grauſamkeit ihrer Großmutter theuer be⸗ zahlt.“ Er hielt das Pergament an die Flamme der Kerze und ergötzte ſich daran, wie es einſchrumpfte und kniſterte gleich einem mit Leben begabten Weſen. Als es zuletzt nur noch ein unförmlicher Aſchen⸗ 31 klumpen war, warf er es in das Kamin und zer⸗ malmte es vollends mit dem Fuße. „Eine Gefahr droht mir noch,“ ſprach er,„die letzte und größte. Der Sohn Walter Herberts kann kommen und das Erbe ſeiner Ahnen in Anſpruch nehmen. Was Mabel betrifft, ſo hat ſie damit, daß ſie ihre Nebenbuhlerin beſchimpfte und mir jede Hoff⸗ nung auf den Baronetstitel raubte, Alles gethan, was in ihrer Macht ſtand. Von nun an kann ich ihr Trotz bieten.“ Hätte Mr. Ellsgood dieſe Bemerkung gehört, ſo würde er die Achſel gezuckt und erwidert haben, man wiſſe niemals, wo die Macht einer Frau auf⸗ höre. Ihr Groll hat keine Grenzen; er iſt unſterb⸗ lich, wie der eines alten Hageſtolzen. Kurz nach dem nächſten Mittage langte ein ge⸗ wiſſer Capitän Bracy im Hervenhauſe an und ſchickte Roderich ſeine Karte, welcher, errathend, was er wollte, ihn ſogleich annahm. „Da ich nicht die Ehre habe Sie zu kennen,“ ſagte er,„ſo ſetze ich voraus, Sie kommen im Namen eines Freundes.“ „Mr. Haſtings hat mit viel Scharfſinn errathen, was mich zu ihm führt,“ erwiderte der Officier. „Ich fordere Satisfaction im Namen des Obriſts Montréſor, deſſen Freundſchaft Sie, ſagt er, auf eine niederträchtige Weiſe betrogen haben.“ „Genug, Sir!“ fiel der Gebieter von Crowshall ein.„Ich will Ihnen die Mühe erſparen, die Complimente zu wiederholen, welche mir Ihr Freund macht, um ſo mehr, da mir ſie anzuhören durchaus nicht beliebt. Wollen Sie ſich an Sir Marc Ray⸗ mond wenden, dem ich es überlaſſe, alle nöthigen Vorkehrungen zu treffen.“ Wie man ſich wohl denken kann, nahm dieß nicht viel Zeit weg und für den nächſten Tag wurde ein Rencontre in dem Walde von Collingham aus⸗ gemacht. Der Copitän war kaum abgegangen, als der Baronet ſeinen Freund von den mit dem Secun⸗ danten Obriſt Montréſors verabredeten Maßregeln unterrichtete. 6„Ich hoffe, daß Ihre Kugel ihm das Herz durch⸗ bohrt.“ „Boh!“ antwortete Roderich,„ich werde in die Luft ſchießen.“ „Wie! Reue!“ rief Sir Mare. „Nein, aber Klugheit. Montréſor iſt entweder ein großer Thor, oder kennt ſeit langer Zeit den Stand der Dinge wohl. Unter uns geſagt, denke ich nicht daran, daß Adelens Untreue ihm das Herz bricht. Er fordert mich, weil er muß; die Geſell⸗ ſchaft erwartet das von ihm.“ „Aber wenn er zum zweiten Mal Feuer ver⸗ langte?“ „In dieſem Fall,“ antwortete entſchloſſen der Gebieter von Crowshall,„wollen wir ſehen. Wenn es ſich um das Leben handelt, wird er ſich wohl vor einer ſolchen Thorheit hüten. Sie wiſſen, daß ich ſelten das Ziel verfehle.“ Die Begegnung fand am nächſten Tage ſtatt; zwei Piſtolenkugeln wurden gewechſelt; dann trennte man ſich, wenn nicht mit Verſicherungen gegenſeiti⸗ 33 ger Achtung, wenigſtens ohne lebhafte Empfindungen von Feindſeligkeit gegen einander. Der Oberſt war ein Weltmann; er fühlte wohl, daß es Thorheit wäre, den Verluſt einer ſtrafbaren Gattin zu beweinen. Er hatte Roderich gefordert, um ſeiner Ehre zu genügen, aber er hatte nicht die geringſte Luſt, ſein Daſein in dieſer Welt ein zwei⸗ tes Mal zu riskiren. Mabel hatte ihre Maßregeln ſo gut getroffen, daß es für ihren Gatten vergeblich geweſen wäre, ſie zu verfolgen. Zwei Tage nachdem ſie die Be⸗ hauſung ihrer Ahnen verlaſſen, kam ſie in London an, wo ſie durch Allans Vermittlung eine Zuſam⸗ menkunft mit ihrem Couſin, dem ehrenwerthen Edgar Sutton verabredet hatte. Obgleich dieſer Gentleman ſich in der Nachbar⸗ ſchaft von Crowshall gerade in der Nacht, wo ſie entflohen war, befunden hatte, war ſie doch nicht ge⸗ neigt geweſen, von ſeinem Schutz Gebrauch zu machen. Sie hatte noch die Achtung vor ſich ſelbſt, den Stolz eines Rufs ohne Flecken. Als Mabel die Stimme ihres Couſins hörte, fuhr ſie zuſammen. Es war nicht die, welche zu ihr im Park geſprochen hatte. Es war ebenſo wenig daſſelbe Geſicht, noch dieſelbe Haltung. „Erlauben Sie mir,“ ſprach er,„Ihnen zu Ihrem muthigen Schritte Glück zu wünſchen. Ich habe Mrt. Elton geſthen utd er iſt ganz geneigt, Ihre Sacht zu herichnſen. Er ſcheint ſehr erbittert gegen den Männ, den Sie ſiit Ihrér Hand bechrt haben.“ 6 Die Datte ſeufzte hei dieſet Erinnerung. Das Erbe. IV. 3 34 „Verzeihen Sie meine Ungeduld,“ fuhr er fort, „aber haben Sie nicht die Urkunde beigebracht, von der Sie in Ihrem Briefe ſprachen? Ich weiß, daß gewiſſe Umſtände Sie verhindert haben, ſie mir im Park von Crowshall zuzuſtellen, wie Sie anfänglich beabſichtigten.“ „Es war mir nicht möglich, in den Park zu kom⸗ men.“ „Ahl“ „Und ich übergab das Pergament in die Hand von Jemand, der ein Emiſſär meines Mannes ſein mußte. Dieſes Mißverſtändniß zerſtört alle meine Plane.“ „Es raubt mir vierzig tauſend Pfund Sterling Rente,“ rief der ehrenwerthe Edgar Sutton in un⸗ geduldigem Ton.„Ich muß Elton ſehen, um mich mit ihm darüber zu verſtändigen, wie man dieſen Stoß pariren kann. Das Alles kommt von Mangel an Vorſicht.“ „Richt meinerſeits,“ erwiderte Mobel feſt.„Ich habe meine Inſtructionen buchſtäblich befolgt. Ihr Billet enthielt die Worte: Pavillon, Mitter⸗ nacht, Allianz. Um Mitternacht habe ich mich an den bezeichneten Ort begeben und das Packet in die Hände eines mit Mantel verhüllten Mannes übergeben, der die drei von Ihnen angegebenen Worte ausſprach.“ „Angenommen, daß der Fehler ganz auf meiner Seite war, ſo iſt das Reſultat darum nicht weniger verdrießlich. Die Urkunde iſt in die Gewalt Ihres Gatten gefallen, der jetzt unſerer Anſtrengungen ſpot⸗ tet, ihm das Erbe meiner Ahnen zu entreißen, das Erbe, deſſen ich ſchon ſo lang ungerechter Weiſe be⸗ raubt worden bin.“ „Ich werde einen andern Rächer ſuchen müſſen, als dieſen Mann,“ murmelte die unglückliche Frau, ſobald ihr Verwandter ſich entfernt hatte.„Er hat kein Herz; er iſt ſo gemein und ſchmutzig wie die Andern. Wollte Gott, daß Elton ſich erklärte! aber ich weiß nicht, wie ſein Zutrauen zu gewinnen iſt; er kennt und verachtet mich.“ Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Mehrere Tage verfloſſen, ehe Miß Atkin(denn wir werden fortfahren, ihr dieſen Namen zu geben) ſich von dem erhaltenen Schlag ſo weit erholt hatte, um Mr. Barnard und Marion die Geſchichte ihres vergangenen Lebens zu erzählen. Vater und Tochter waren natürlich ungeduldig, ſie zu hören, aber eés war eine Ungeduld, frei von jedem Zweifel. Die eremplariſche Aufführung der Gouvernante im Laufe der Jahre, die ſie unter ihrem Dach zugebracht hatte, ihre erhabenen Grundſätze, ihre unaffectirte Fröm⸗ migkeit gewährten die Bürgſchaft, daß, welches auch die Beweggründe waren, ihre Verehlichung und Mutterſchaft zu verbergen, die Schande denſelben fremd blieb. Während ihrer Krankheit wachte Marion, der ſie 36 eine zweite Mutter geweſen war, mit unermüdlicher Sorgfalt über ſie. In ihrer Eigenſchaft als Dicks Mutter beſaß die Kranke doppelte Rechte auf die Liebe ihrer alten Schülerin. So brachte das Mäd⸗ chen die Tage und die langen Stunden der Nacht an ihrem Bette zu und bot ihr die ſüßeſte aller irdiſchen Tröſtungen, eine wahre Theilnahme. „Ich habe Ihnen oft geſagt, mein theurer Sir,“ fing die Kranke an, am Tage, als der Bankier Zu⸗ tritt zu ihr erhielt,„daß ich die einzige Tochter eines Landpfarrers war, und ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt. Mein Vater, Selwyn Merry⸗ weather Ehrwürden, hatte eine kleine Pfründe in Cumberland, nicht weit von Penrith.... Walter Herbert war ſein Zögling auf der Univerſität gewe⸗ ſen und beſuchte ihn oft. Was ſoll ich Ihnen ſagen? wir liebten uns. Mein Vater wollte mich Charles Merryweather, meinem Couſin, verheirathen, und ich ließ mich überreden, eine heimliche Che zu ſchließen. Ein junger Geiſtlicher, Mr. Wharton, Freund meines Mannes, erhielt einen Dispens vom Biſchof und vereinigte uns ohne Wiſſen meines Vaters.“ Hier nahm Mr. Barnard ſein Notizbuch und be⸗ merkte ſich den Namen des Geiſtlichen. „Zum erſten Mal,“ fuhr die Kranke fort,„war ich meinem Vater ungehorſam und habe viel bittern Kummer davon gehabt. Da ich nicht wagte mich vot ſeiſen Auges zr zeihen⸗ 66h ich den 2 ſteltun⸗ gen deſſen nach, dein ich eben Gehorſäm pör geſchworen hatte. Ich ehtiloh, gus dein Häſt ſer Findhlit in Geſelſſchäft meines Gätten. entfloh,“ ſetzte ſie mit einer vor Bewegung beinahe erſtickten Stimme hinzu,„ohne einen Kuß von dem Greiſe, ohne nur ihm zu ſagen: Gott ſegne Dich, mein Vater! Ich war wahnſinnig... ich muß wahn⸗ ſinnig geweſen ſein. ſonſt hätte ich nicht ſo gott⸗ los handeln können.“ Die arme Marion hob ſchüchtern die Augen zu ihrem Vater, ſo gut und ſo nachſichtig, empor; ſie fühlte, daß es in ſeiner Gegenwart beinahe eine Undankbarkeit wäre, Dicks Mutter Troſt einzuſpre⸗ chen; und doch hatte ſie ein ſo großes Verlangen darnach. „Ihr Vater war auch zu tadeln,“ fagte der Bankier gütig.„Er hätte ſuchen ſollen, Ihr Ver⸗ trauen zu gewinnen, ſich zu Ihrem Freunde zu ma⸗ chen. Er durfte durch Kälte und Strenge ſein Kind nicht zurückſtoßen.“ „Ich darf nicht ſo urtheilen,“ erwiderte die Mut⸗ ter unſeres Helden traurig,„und obwohl ſeit jenem verhängnißvollen Schritt ſo viele Jahre verfloſſen ſind, habe ich nie aufgehört, meine Schwäche zu be⸗ reuen. Nicht wegen meines Gatten,“ ſetzte ſie ſchnell binzu,„o! er war Alles, was der Mann für die Frau ſein ſoll, deren Herz er zu gewinnen wußte, und die ſich an ihn anſchmiegt, wie der Epheu an die majeſtätiſche Eiche. Familien⸗Rückſichten erforder⸗ ten, daß unſere Heirath bis zu Walters Volljährig⸗ keit geheim blieb; daher die tiefe Zurückgezogenheit, in welcher wir im Tempel lebten und wo ich einem Sohn das Leben gab. Ich werde nie vergeſſen, mit welcher Zärtlichkeit mein Gatte mir für dieſes Ge⸗ ſchenk dankte, mit welcher Wärme er das Kind ſeg⸗ nete. In dem Glück dieſes Augenblicks vergaß ich meinen Ungehorſam, den väterlichen Zorn, die eifer⸗ ſüchtige Wuth meines Couſins Charles. Ich ſah nur das Lächeln meines ſchönen Kindes, die Freude Walters. Ah! damals war ich glücklich.... ja, ſehr glücklich.“ „Obgleich ich nur ſehr kurze Zeit die Segnun⸗ gen der Che genoß,“ ſagte Mr. Barnard mit einem Seufzer,„ſo begreife ich doch Ihr Glück.“ „Die erſte Wolke, welche es verdunkelte,“ fuhr die Gouvernante fort,„war für mich etwas ganz Seltſames. Mehrmals entdeckte mein Gatte, der nicht eiferſüchtigen Charakters war, auf meinem Toi⸗ lettentiſch Briefe an mich, die in den leidenſchaftlichſten Ausdrücken abgefaßt waren, es ſchien, als hätte ich ſie zufällig in meinem Zimmer liegen laſſen. Offen⸗ bar ſuchte man das Vertrauen deſſelben in ſeine Maitreſſe, denn ſo nannte man mich daſelbſt, zu zerſtören. Ich konnte nie entdecken, wie dieſe Briefe dahin kamen, und doch hege ich ſtarken Verdacht, daß ein Gentleman Namens Roderich Haſtings der Ur⸗ heber davon war; er bewohnte das Gemach neben dem unſern.“ „Roderich Haſtings,“ wiederholte überraſcht Mr. Barnard und Marion;„der Mann, der Mabel Her⸗ bert geheirathet hat, der gegenwärtige Beſitzer von Crowshall!“ „Wenn ich ihm zufällig auf der Treppe oder im Garten des Tempels begegnete, waren ſeine ſchwarzen Augen forſchend auf mich geheftet. Ich 39 fühlte, daß er mein Geheimniß errathen hatte und aus einem nur ihm bekannten Beweggrunde mein Feind war.“ „Richtete er nie das Wort an Sie?“ fragte der Bankier. Nie „Schrieb er Ihnen nicht mehr?“ „Nein; welches auch ſeine Empfindungen ſein mochten, er verbarg ſie ſorgfältig. Walter blieb gleichgültig bei dem erſten Brief, den er entdeckte; der zweite und dritte machte nur wenig Eindruck. Endlich fand er einen, der auf einen von mir zu antworten ſchien. Sein Verfaſſer gab vor, als habe er Mitleid mit meinem unglücklichen Looſe, beklagte mich, der Gnade eines feigen Verführers preisge⸗ geben zu ſein, und billigte die von mir vorgeſchlage⸗ nen Mittel, mich von ihm zu trennen. Dieſer Brief wirkte ſchrecklich auf meinen Mann. Bald warf er mir meinen Mangel an Liebe vor, bald flehte er mich an, ihm ſeinen Zweifel an mir zu ver⸗ zeihen. Ich konnte ihm nur durch meine Thränen antworten.“ „Der Plan wurde geſchickt entworfen!“ rief Mr. Barnard;„was war die Folge davon?“ „Der Ruin meines Glücks,“ antwortete die Kranke, die Hände ringend,„mein Unglück und mein Irrſinn. Eines Abends verließ mich mein Gatte äußerſt aufgeregt durch die Zweifel, die er in meine Liebe und Treue ſetzte. Ich war allein, als ich plötzlich einen verſtohlenen und gemeſſenen Schritt, wie den des Mörders hörte, der ſich ſeinem Opfer nähert. Dieſes Geräuſch kam von dem benachbarten Zimmer, und ich ſagte mir, es müſſe eine geheime Communication zwiſchen ihm und dem Gemach, wo ich mich befand, ſtattfinden. Athemlos vor Schrecken, eilte ich hinaus, ſchloß die Thüre und floh, in der Abſicht, um Hülfe zu rufen. Als ich die Treppe hinabſtieg, hörte ich die Thüre von Mr. Haſtings Gemach ſich öffnen; die Furcht lieh mir Flügel. In einem Augenblick war ich im Hof; eine Hand er⸗ griff die meinige; es war mein Couſin Charles, den ich vor mir ſah. Ich wurde ohnmächtig und kam erſt zur Beſinnung in einer Poſtchaiſe, die ſich raſch von London entfernte. „Thränen und Bitten waren gleich fruchtlos. Mein Couſin ſagte mir, mein Vater ſei geſtorben und, um meinen Schmerz zu vergrößern, ohne mir zu verzeihen, geſtorben. Ich entdeckte ſpäter die Falſchheit dieſer Behauptung. Vergeblich ſchwor ich ihm, ich ſei die rechtmäßige Frau Walters. Er ant⸗ wortete mir mit einem ungläubigen Lächeln, und als ich drohte, um Beiſtand zu rufen, ſagte er mir mit kaltem, beleidigendem Tone, ich möge es nur thun, er habe ſeine Vorſichtsmaßvegeln getroffen und die Poſtillons halten mich für wahnſinnig. Als wir in Holm ankamen, wohin er mich führte, war ſeine Lüge zur Wahrheit geworden, ich war tob⸗ ſüchtig.“ „H! genug, genug!“ rief Marion, ihre Arme um den Hals ihrer Freundin ſchlagend.„Dieſe Er⸗ innerungen zerreißen Ihnen das Herz, das meinige leidet ſchon davon, Sie anzuhören.“ 41 „Es bleibt mir nur wenig zu ſagen übrig,“ er⸗ widerte die Kranke traurig,„und ich muß es ſa— gen. Aber dieſes Wenige iſt ſchrecklich. Geben Sie mir Ihre Hand, Marion, daß ich ſie in der meinigen fühle. Ich weiß, ja, ich weiß, daß Sie mir glauben.“ „Wie ich den Worten eines Engels glauben würde,“ riefen Vater und Tochter. „Wochen vergingen. Wie? Ich weiß es nicht,“ nahm die Mutter unſeres Helden wieder das Wort, „denn Wahnſinn überrechnet die Zeit ſchlecht. Als ich wieder ſo weit hergeſtellt war, um die Beſuche meines Couſins zu empfangen, benachrichtigte der Treuloſe, immer noch affectirend, an meiner Ehe zu zweifeln, mich vom Tode Walter Herberts und bot mir ſeine Hand. Ich ſtieß ihn verächtlich zurück und forderte meine Freiheit. Er wagte nicht, ſie länger mir zu verweigern, denn mein Aufenthalt zu Holm war bereits bekannt, da die Aerzte, weiche er zu berufen genöthigt war, das Gerücht davon ver⸗ breitet hatten. Der erſte Gebrauch, den ich davon machte, war, in das väterliche Haus zurückzu⸗ kehren, ein Fremder war daſelbſt eingeführt. Mein Vater machte nicht mehr ſeinen täglichen Beſuch auf dem Kirchhof, er ſchlief zur Seite ſeiner jungen Gattin. „Der einzige Freund, den ich hatte, ein Advocat meines Dorfes, ſagte mir, daß er nicht ganz ein Jahr nach meiner Entfernung geſtorben ſei, aber auf ſeinem Todtenbett mir verziehen habe, indem er mich ſeg⸗ nete und ſich darüber tadelte, taub gegen meine Bitten geweſen zu ſein. Eine kleine Summe, aus dem Verkauf ſeines Mobiliars erlöst, wurde mir eingehändigt. Mit dieſem Gelde ging ich nach Lon⸗ don. Wie traurig und verlaſſen fühlte ich mich, als ich in die Nähe des Tempels kam, dem Schau⸗ platz meines ſo kurzen Glücks, wie meines Un⸗ glücks! Man hatte mich nicht getäuſcht: ich war Wittwe! „Die alte Wäſcherin, welche unſere Haushaltung beſorgte, empfing mich kalt; ſie hielt mich für ſtraf⸗ bar. Sie händigte mir einen Brief ein, welchen Walter ihr einige Tage vor ſeinem Tod übergeben hatte, indem er ſie ſchwören ließ, nie das Siegel zu erbrechen und ihn nur mir auszuliefern. Ich nahm ihn mechaniſch und zog mich auf mein einſames Zimmer zurück.“ „Und Sie haben dieſen Brief?“ fragte Mr. Barnard. „Er hat mich nie vetlaſſen ſeit dem Augenblick, da ich ihn empfing,“ antwortete die Gouvernante, ein kleines ſeidenes Säckchen, das an einem ſchwar⸗ zen Band um ihren Hals hing, losmachend.„Leſen Sie leſen Sie,“ ſetzte ſie mit ſchrecklicher Be⸗ wegung hinzu,„meine Zunge würde verdorren und mein Herz zerreißen, wenn ich den entſetzlichen In⸗ halt zu wiederholen verſuchte.“ Der Bankier zog den Brief aus dem Säckchen, las ihn ganz leiſe und bot ihn dann ſeiner Tochter. Er lautete wie folgt: „Ich ſterbe an Gift, aber ich liebe Dich zu ſehr, um zu ſagen, welche Hand mir es gereicht hat. Wenn Du jemals Gewiſſensbiſſe über 43 Dein Betragen empfindeſt, wenn Du bereuſt, die Pflichten der Gattin und Mutter verrathen zu haben, ſo mögeſt Du einen Troſt darin finden, zu vernehmen, daß ich Dir verzeihe. Suche nicht, Dein Kind wieder zu ſehen; ich habe es in ſichere Hände gebracht. Deine Heirath und ſeine Ge⸗ burt werden nicht veröffentlicht werden, als bis er das Alter von einundzwanzig Jahren erreicht hat. Walter Herbert.“ Während Mr. Barnard und Marion Kenntniß davon nahmen, irrten die Augen der unglücklichen Frau von dem Einen zum Andern, zu entdecken bemüht, ob irgend ein Argwohn, ein Zweifel ihren Geiſt durchkreuze. Nie war eine Prüfung befrie⸗ digender. „Armer junger Mann! welcher unglückliche Irr⸗ thum!“ murmelte Marion. „Man muß ihm verzeihen,“ ſetzte ihr Vater hin⸗ zu,„ſeine Vernunft muß zerrüttet geweſen ſein, als er dieſe Linien ſchrieb.“ „Sie zweifeln nicht an meiner Unſchuld?“ rief Miß Atkin lebhaft gerührt;„Sie glauben nicht, daß die, welcher Sie die Ehre Ihres...“ „Kein Wort weiter,“ fiel der Bankier, ſich er⸗ hebend, ein;„verletzen Sie nicht die Liebe meiner Tochter und meine eigene Freundſchaft durch eine ungeheuerliche, unmögliche Vorausſetzung. Ich weiß jetzt die Urſache des tiefen Kummers, welcher während der erſten Jahre des Aufenthalts in meiner Familie die Farbe von Ihren Wangen, den Frieden aus Ihrem zerriſſenen Herzen verbannte. Ich begreife ſeine Kämpfe, ſeine Prüfungen, mit der Geduld eines Märtyrers ertragen. Ich ehre und achte Ihren Schmerz, indem ich nur ſehr wünſche, Sie hätten mich früher Ihres Vertrauens würdig erachtet.“ „Mein Schickſal war in der That ſehr düſter,“ bemerkte traurig die Dame. „Es wird ſich bald aufklären,“ flüſterte Marion erröthend,„erheitert durch die glückliche Liebe Ihrer Kinder. Dick wird bald wieder kommen. Werde ich wohl meinen Mund daran zu gewöhnen vermögen, ihn Walter zu nennen?“ Bei dem Namen ihres Sohnes erbebte die Mutter. „Ich habe keine Furcht wegen Dicks,“ ſagte Mr. Barnard.„Er iſt zugleich brav und klug und hat ergebene Freunde... Erlauben Sie mir, von dieſem Brief Gebrauch zu machen?“ „Ja,“ antwortete die Wittwe Walter Herberts mit ſchwacher Stimme,„und doch bedaure ich, von demſelben mich zu trennen. So viele Jahre lang hat er auf meinem Herzen geruht, weder bei Tag noch bei Nacht mich einen Augenblick verlaſſen.“ „Ein eben ſo trauriges als unkluges Andenken,“ erwiderte Mr. Barnard;„es wundert mich nicht, daß Ihr Herz litt, bedrückt von einer ſolchen Laſt. Aber Alles das iſt vorüber und ich erblicke am Ho⸗ rizont die Morgendämmerung eines ruhigen und glücklichen Tages.“ „Wenn Walter wenn mein Sohn ſeine Mutter für ſchuldig hielte.... „Ich würde ihn verleugnen,“ fiel der Bankier ein;„Marion würde ihn zurückſtoßen, ich. aber warum Ihr Herz mit ſolchen Vorſtellungen 4⁵ quälen? Achtet und liebt er ſie nicht bereits wie ein Sohn? Hat er mich nicht in ſeinem Brief beauf⸗ tragt, Ihnen tauſendmal für die viele Güte zu dan⸗ ken, die Sie für ihn gehabt haben, indem er hinzu⸗ ſetzte, er ſei überzeugt, Ihre Theilnahme und Ihr Einfluß haben zu ſeinem Glück beigetragen? Es lag etwas Inſtinktartiges in der Zuneigung, die Sie von dem erſten Tage an, da er unter mein Dach kam, gegenſeitig empfanden.“ Nach dieſer Bemerkung entfernte ſich Mr. Bar⸗ nard, indem er es Marion und Dicks Mutter über⸗ ließ, vertrauliche Bekenntniſſe von allzu heiligem Cha⸗ rakter, als daß wir ſie enthüllen dürften, mit ein⸗ ander auszutauſchen. Die erſte Sorge des Bankiers war, am nächſten Morgen ſich zu Mr. Elton zu begeben. Er fand den würdigen Rechtsmann in ſeinem Cabinet, den Be⸗ richt empfangend, welchen ihm Wield von ſeinem Beſuch in Crowshall und von der ſeltſamen Art, wie ihm die Perſonen, welche er in der Kirche ge⸗ ſehen hatte, entwiſcht waren. „Das iſt ein Ort voll Geheimniſſe,“ ſetzte der Policei⸗Officiant hinzu,„aber ich werde ſie alle ent⸗ decken. Ich habe bereits einen Faden, um mich in dieſem Labyrinth zu leiten.“ „Vielleicht kann ich Ihnen einen andern geben,“ ſprach Mr. Barnard,„aber ſagen Sie mir zuvor, argwohnen Sie die Uyſache voi Walter Herberts „Und bor wein, meinen Sie 2 0 „Von dem einzigen Menſchen, der davon, wie es ſich zeigt, profitirt hat. Aber Sie ſprechen von einem leitenden Faden?“ Ohne ein Wort zu ſagen, das Miß Atkin als die Frau Walter Herberts erkennen ließ, erzählte der Bankier, was er am Abend zuvor bei ſeiner Unterredung mit der Ergouvernante erfahren hatte. Als er auf die Schritte zu ſprechen kam, die man im Nebenzimmer hörte, ſprang Mr. Wield von ſei⸗ nem Stuhl auf und ſchlug ſich mit der Miene eines Mannes an die Stirne, der plötzlich eine lang ge⸗ ſuchte Löſung gefunden hat. „Wie dumm war ich!“ rief er,„und Sie, Mr. Elton, Sie, kam Ihnen niemals dieſer Argwohn?“ „Argwohn, welcher?“ fragte der erſtaunte Rechts⸗ mann. „Daß zwiſchen dieſem und dem anſtoßenden Ge⸗ mach eine Communication beſteht?“ Er unterſuchte das ganze Täfelwerk des Zimmers, ein Stück nach dem andern, indem er die, welche hohl tönten, mit einem gleich einem Pfriemen aus⸗ ſehenden Inſtrumente, das er aus ſeinem Rock zog, anbohrte. Ueberall ſtieß er auf Widerſtand, woraus hervorging, daß das Täfelwerk nur die Mauer mas⸗ kirte. Endlich kam er an einen ſchweren Bücher⸗ ſchrank, welcher mit juridiſchen Werken Mr. Eltons angefüllt war. „Man muß ihn bei Seite rücken,“ ſagte er. „Bah! bah!“ rief der Rechtsmann,„das iſt ein Möbel, zum Bleiben gemacht.“ „Ich ſage Ihnen, er muß weg.“ „Er hat Recht,“ ſetzte Mr. Barnard hinzu,„und * 47 es wundert mich, daß wir nicht bälder daran gedacht haben.“ Mr. Elton widerſtand nicht länger, ſondern rief mehrere ſeiner Schreiber und befahl ihnen, die ſchwer⸗ ſten Bände wegzunehmen. Als der Schrank hin⸗ länglich erleichtert war, vereinigten ſie ihre Anſtren⸗ gungen und brachten es dahin, ihn mitten in das Zimmer zu rücken. Das Getäfel ſchien unterbrochen. „Ich ſehe nichts als Spinnenweben,“ ſagte Mr. Elton lächelnd. Mr. Wield ſondirte das Täfelwerk mit ſeinem Inſtrument und ſtieß endlich auf eine Stelle, wo der Pfriemen ganz durchdrang. Das war genug; eine aufmerkſame Prüfung ließ ihn bald entdecken, daß es beweglich war, und einige Secunden nachher fand er auch den Hacken, welcher es an der Stelle hielt. Er drückte auf die Feder, die geheime Thüre öffnete ſich und ließ einen Gang, gerade groß genug für einen Mann, ſehen. Zum Glück fand das anſtoßende Gemach ſich unbeſetzt. „Kein Zweifel mehr für uns,“ rief der Bankier, „und kein Zweifel mehr für die Juſtiz; haben Sie uns nicht geſagt, daß der Leichnam aus der Kirche weggenommen worden ſei?“ „Aus der Gruft, habe ich geſagt, nicht aus der Kirche, wo er nach meiner Ueberzeugung noch verborgen iſt.“ „Wird es nach ſo vielen Jahren,“ bemerkte der Bankier,„möglich ſein, zu entdecken, womit das Verbrechen begangen worden iſt?“ „Das kommt auf die Natur des Giftes an,“ erwiderte der Policei⸗Officiant;„iſt es ein vegeta⸗ biliſches Gift, ſo wird die Sache mehr als zweifel⸗ haft, iſt es ein mineraliſches, ſo liegt alle Wahr⸗ ſcheinlichkeit vor, es zu entdecken.“ „Ganz außerordentlich,“ ſprach Mr. Elton mit träumeriſcher Miene,„iſt die Beharrlichkeit, womit man auf den Untergang von Sir Harry und ſeinem Bruder hingearbeitet hat.“ Auf die Bitte ſeiner Zuhörer erzählte der Rechts⸗ gelehrte, wie man das häusliche Glück des Baronets zerſtört und ihm eine Melancholie eingeimpft hatte, welche mit Krankheit und Tod endigte. Während ſeiner Erzählung lächelte Mr. Wield mehr als ein⸗ mal, nicht aus Gefühlloſigkeit oder Leichtſinn, denn er war in Ausübung ſeines Berufs äußerſt ernſthaft, ſondern weil es ihm zur Genugthuung gereichte, daß die Umſtände zur Beſtätigung ſeiner vorgefaßten An⸗ ſichten dienten. „Ich erkenne dieſelbe Hand bei dem einen wie bei dem andern Todesfall; was die grimmige Be⸗ harrlichkeit betrifft, wovon Sie ſprechen, ſo liegt darin nichts Außerordentliches, wenn man ſich er⸗ innert, daß der Tod beider Brüder nothwendig war, wenn Roderich ſein Ziel erreichen wollte. Ueberdieß habe ich allen Grund, zu glauben, daß er damit nicht an ſeinem Probeſtück war.“. Der Rechtsmann erſchrack; iehr s uiiit ſet durgh welches Raiſcunkment der ſcharfſinnige Phlicei⸗ Officiant zu einem Schluß gelangt wor, während er ſelhſt nur;Stoff zu Pepſünthungen ſah „Sie bringen mich zum Erſtaunen,“ ſagte ct. 49 „Das iſt ziemlich wahrſcheinlich,“ erwiderte Mr⸗ Wield.„Mein Stand erfordert mehr Neugierde, mehr Beobachtung, mehr Berechnung, als die meiſten Menſchen denken. Haben Sie je von der Maitreſſe Sir Gilbert Herberts, die vom Herrenhaus vertrieben wurde und im Schnee umkam, reden hören?“ „Ich, ja!“ W „Aber ihr Kind kam nicht um,“ fuhr Mr. Wield fort,„und iſt es nicht natürlich, daß dieſes Kind die Herberts haßt?.... das iſt nur eine Ver⸗ muthung,“ ſetzte er langſam hinzu. „Aber ſie iſt ſcharfſinnig,“ entgegnete der Ban⸗ kier,„und verdient nähere Erwägung.“ Sein Gegenredner nickte mit dem Kopf, als wollte er ſagen, er werde ſie nicht aus dem Auge verlieren. Auf ſeinen Rath empfahl Mr. Elton ſeinen Schreibern das größte Stillſchweigen über die ge⸗ machte Entdeckung, und mit ihrem Beiſtand wurde der Bücherſchrank wieder an ſeinen Platz gerückt. „Es liegt,“ ſagte der Rechtsmann,„in Roderich Haſtings Verfahren eine teufliſche Liſt, welche meine Berechnungen und meine Erfahrung verwirrt. Er hat wohl eine Spur auf der Bahn ſeiner Verbrechen zurückgelaſſen, aber keinen Beweis. Seit Jahren richte ich mein Auge auf ihn und konnte nie Etwas erlangen, als eine Kette von Schlüſſen.“ „Das ſind die beſten Zeugniſſe!“ rief der Policei⸗ Officiant.„Iſt die Kette vollſtändig und mangelt kein Ring darin, ſo habe ich weniger Serupel, einen Mann auf den negativen Beweis zu verurtheilen, daß kein anderer Menſch als er das Verbrechen be⸗ gehen konntel als auf den poſitiven Beweis, daß er Das Erbe. IV. 4 es wirklich begangen hat. Aber ich muß Ihnen Adieu ſagen, meine Herren. Ich hoffe, Mr. Haſtings wird bald in London ankommen. Er hat ſeit dem letzten Scandal keine Hoffnung mehr, Baronet zu werden.“ „In dieſem Fall haben Sie ein Auge auf ihn,“ ſagte der Bankier. „Nein, Sir, ich werde London verlaſſen, ſobald er hier ankommt.“ „Und wohin gehen Sie?“ „Nach Crowshall.“ Und der Policei⸗Officiant ging ab. „Die Vermuthung dieſes Mannes hat mich ſehr überraſcht,“ ſagte der Rechtsmann, ſobald er ſich mit Mr. Barnard allein ſah.„Es handelt ſich darum, Roderich Haſtings Geburt zu entdecken. Wäre er ein Abkömmling Sir Gilberts, ſo erklärte dieß viele Dinge, die mich bis auf dieſen Tag in Verlegenheit geſetzt haben. Ich muß an Doctor Gore deßhalb ſchreiben.“ „Welches Licht wird er darauf werfen können?“ „Ich weiß es nicht; aber ſein Vorgänger im Rectorat von Crowshall war der Vater der Maitreſſe von Sir Gilbert, ein gelehrter Mann, großer Lieb⸗ haber von Antiquitäten und Archäologie. Er hatte nur die kleinen Zehnten der Pfarrei, und wenn mein Gedächtniß nicht trügt, veröffentlichte er einen Pro⸗ ſpectus der Geſchichte der Kirche von Crowshall und ihrer Monumente.“ „Ein neuer Ring in der Kette,“ murmelte der Bankier mit träumeriſcher Miene. — 51 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Connor. Unſere Leſer haben ohne Zweifel den unſerem Helden und ſeinem Freunde von Philipp Meunier, dem Capitän der Bande der Goldſucher, gemachten Vorſchlag nicht vergeſſen. Nach reifer Ueberlegung nahmen Dick und Sam denſelben an, denn der Er⸗ ſtere hatte eine Ahnung, daß der Mann, den er ſuchte, zur Bande gehöre oder wenigſtens einigen dieſer Räuber bekannt ſein müſſe; ſie beſtand wirklich aus dem Abſchaume der Geſellſchaft. Sie hatten aus Liebe zum Raub mehr als einen Mord begangen. Die Geſänge, die flüchtigen Scherze und der liebenswürdige Charakter des Tänzers machten ihn zum Liebling von Allen, ausgenommen Ben Sne⸗ der, dem Gentleman mit dem ſtruppigen Barte. Sein Entgegenkommen vermochte nichts über ihn; er hielt ſich fern von ſeinen neuen Kamaraden, und dieſer Umſtand zog nur deren Aufmerkſamkeit ganz beſonders auf ihn. Nach einigen Tagen waren ſie moraliſch überzeugt, daß Bill Spuggins und er nur eine und dieſelbe Perſon ausmachten. Aber ſie hatten keinen Beweis, und umgeben, wie ſie waren, von ſeinen Genoſſen, meiſt ebenſo verzweifelten Leu⸗ ten, wie er, flüſterte ihnen die Klugheit zu, nur mit der größten Unſicht zu handeln. Ein Colporteur, der zu den placers kam, mel⸗ dete ihnen die Ankunft einer Truppe Comödianten. Es war Webb, der ſeine Ungeduld nicht hatte zäh⸗ —————— men können. Dieſe Nachricht veränderte alle ihre Plane. Wenn Spuggins in die Comödie ging, wie nicht zu zweifeln war, ſo mußte er Gog wieder er⸗ kennen, und dann bedurfte es nicht weiter, um ihn auf die Fährte unſerer beiden Freunde zu bringen. Sie entſchloßen ſich darum, ſo bald als möglich auf die Station zu gehen und Webb zur Abreiſe zu beſtimmen. Weit entfernt, daß ihr Entſchluß irgend über⸗ raſchte, war man vielmehr erſtaunt, daß ſie ſich ſo lang der gewöhnlichen Vergnügungen enthalten hatten. Connor ſchlug ihnen vor, ſie zu begleiten, und wie⸗ wohl ſeine Geſellſchaft ihnen wenig angenehm war, nöthigte ſie doch die Klugheit, ſie anzunehmen. Sam hatte ihn trotz ſeiner offenen Miene im Verdacht, als wäre er beauftragt, ſie auszuſpioniren. „Die Thatſache iſt,“ ſagte der junge Mann, ſo⸗ bald ſie am Eingang zum Wald, ungefähr eine Meile von ihrem Lagerplatz, angekommen waren,„That⸗ ſache iſt, daß ich Ihnen ſagen muß, was mir auf dem Herzen liegt. Ich bin dieſes elenden Lebens müde, und noch mehr der Menſchen, mit welchen wir verbündet ſind.“ „Es iſt jedoch offenbar eine Bande luſtiger Ge⸗ ſellen,“ erwiderte der Tänzer mit gleichgültiger Miene. „Die ſich unter einander als treue Freunde unter⸗ ſtützen,“ ſetzte Dick hinzu. „Sie kennen dieſelben nicht,“ entgegnete Connor mit einem Schauer.„Wenn Meunier durch ſeine Schmeicheleien Sie dazu verleitet haben wird, an einem Verbrechen Theil zu nehmen, das Sie in ſeine Gewalt gibt, werden Sie ſehen, wie er Sie * behandelt.... roher als Sclaven. Sein Zweck iſt, ſich ſo viel Gold zu verſchaffen, um die Rück⸗ kehr nach England für zwei Perſonen zu bezahlen, ihn und ſeinen Freund Ben; es ſcheint, ſie werden Mittel finden, um im Ueberfluß zu leben.“ „Glückliche Schurken!“ rief der Tänzer,„wie viel würden ſie für ihr Geheimniß nehmen?“ „Mehr als Sie ihnen zahlen könnten,“ antwortete Connor,„weil ſie bereit ſind,“ ſetzte er mit leiſer Stimme und um ſich ſchauend hinzu,„das Leben zu nehmen, um daſſelbe beſſer zu bewahren. Ich flöße Ihnen Verdacht ein; o daß ich Sie von meiner Auf⸗ richtigkeit nicht überzeugen kann! Wenn ich Ihnen zu trauen wagte!“ „Was den Umſtand betrifft, ob Sie uns trauen wollen,“ erwiderte unſer Held,„ſo kann dieß un⸗ zweifelhaft in aller Sicherheit geſchehen; die Frage iſt, ob....“ Dick zauderte; er war weiter ge⸗ gangen, als er gewollt hatte. „Ob Sie mir trauen können?“ ſetzte der junge Mann, die angefangene Phraſe vollendend, hinzu. „Nun! ich will Ihnen das Beiſpiel des Vertrauens geben. Wiſſen Sie, warum ich mich angeboten habe, Sie zu begleiten?“ „Vielleicht, weil Sie Ordre dazu erhalten haben?“ „Ganz gewiß. Und meine Inſtructionen?“ „Ein Auge auf uns zu haben.“ „Ihnen zu folgen wie Ihr Schatten, wohin Sie gehen, aber hauptſächlich zu beobachten, ob Sie dem Zelte des Commiſſärs nahe kommen.“ „Dieſe Ordre kommt von Meunier,“ ſagte Sam. „Ja, ich ſoll auch ſehen, ob Sie einige Com⸗ munication mit den Comödianten haben, oder....“ „Dieſer letzte Auftrag kommt von Ben,“ fiel unſer Held ein.„Wirklich, Sie ſind eine beſondere Perſon, daß man Ihnen ſolche Miſſionen überträgt. Sind Sie in der Regel ſo mittheilſam gegen Die⸗ jenigen, welche Sie auszuſpioniren beordert ſind?“ „Es iſt das erſte Mal, daß ich dieſe erniedri⸗ gende Aufgabe übernommen habe, und ich wagte ſie nicht auszuſchlagen. Ich weiß nicht, ob ich mich durch Ihre Phyſiognomie täuſchen ließ, aber Etwas ſagt mir, daß es nicht der Durſt nach Gewinn iſt, der Sie in die Minen geführt hat. Handeln Sie edel, offen mit mir; und wenn es mir nicht gelungen iſt, Ihr Vertrauen zu gewinnen, ſo laſſen Sie es mich wenigſtens ehrlich wiſſen, weil ich nur durch ein Gefühl von Wohlwollen für Sie getrieben worden bin.“ „Wir werden offen mit Ihnen handeln,“ ſagte Sam nach einem Augenblick der Ueberlegung.„Für's Erſte iſt das in uns geſetzte Vertrauen, welches auch Ihr Beweggrund ſei, vollkommen ſicher. Zum Zwei⸗ ten haben wir nicht die geringſte Abſicht, die Hütte des Commiſſärs zu beſuchen. Unſere Erlaubnißſcheine ſind noch nicht erloſchen und wir haben nichts bei ihm zu thun. Was die Comödianten betrifft, ſo wollen wir ſie ſehen; Ihnen ſteht es frei, die Sache zu rapportiren oder nicht.“ „Ich werde ſie nicht rapportiren,“ erwiderte Connor feſt. „Das iſt uns vollkommen gleichgültig.“ „Es ſei; ich beharre nicht auf meinem Entſchluß. Ich kenne beſſer als Sie die Leute, mit welchen Sie 55 zu thun haben, und die Gründe, aus welchen Sie bis jetzt geſchont worden ſind. Es iſt Ihnen gelungen, deren Verdacht einzuſchläfern, aber das wird nicht auf lange Zeit ſein.“ Es lag ſo viel Aufrichtigkeit in Connors Ton, und ſeine Sprache erhob ſich offenbar ſo ſehr über die ſeiner Genoſſen, daß die beiden Freunde ihn jetzt befragten, wie er nach Auſtralien gekom⸗ men ſei. Der arme Burſche erröthete bis an die Haar⸗ wurzel. „Ich bin in dieſes Land als Sträfling gekommen,“ ſagte er. „Und haben Sie Ihre Zeit vollendet?“ „Nein.“ „Sie ſind begnadigt worden?“ „Nein.“ „Sie ſind entflohen?“ „Ja,“ antwortete Connor,„und möge die tiefe Demüthigung, welche mir dieß Bekenntniß verur⸗ ſacht, um von der Gefahr nicht zu reden, welcher es mich ausſetzt, indem es Sie zu Herrn meiner Freiheit macht, Sie beſtimmen, meiner Offenheit Glauben zu ſchenken.“ „Ich glaube Ihnen,“ erwiderte unſer Held, be⸗ troffen von der Miene und Haltung ſeines Genoſſen, deſſen Gegenwart ihm nie den Abſcheu eingeflößt hatte, welchen der rechtſchaffene Mann gewöhnlich in Berührung mit dem Verbrecher empfindet;„und wenn Sie mir andeuten wollen, wie ich Ihnen die⸗ nen kann, ſo rechnen Sie auf „Sie können es, Sie können es!“ rief der junge Mann eifrig.„Finden Sie für mich die Mittel, um aus dieſem Zuſtande, der ſchlimmer als Scla⸗ verei iſt, herauszukommen! Ich bin überzeugt, daß dieß in Ihrer Gewalt ſteht: denn von dem erſten Tag Ihrer Ankunft unter uns habe ich Ihre Energie, Ihre unbezwingliche Willenskraft bemerkt. Die Un⸗ glücklichen, welche uns umgeben, ſahen darin Stolz; ich allein erkannte darin den Beweis eines über⸗ legenen Geiſtes, welcher zu einem mir unbekannten Zweck ſich herabgelaſſen hat, mit dem Glück Ver⸗ ſteckens zu ſpielen. Ich habe Sie aufmerkſam beob⸗ achtet und meine Beobachtungen haben den erſten Eindruck nur beſtärkt.“ „Es iſt ſeltſam, daß Sie, bei den Geſinnungen, die Sie ausdrücken, bei der Erziehung, die Sie er⸗ halten haben, gefallen ſind,“ ſagte der Tänzer.„Ich will Ihren Kummer nicht vergrößern, er muß bereits bitter genug ſein.“ „Das iſt wahr,“ wiederholte Connor traurig, „und doch iſt er nicht durch das Verbrechen verur⸗ ſacht. Sie lächeln, aber wenn Sie meine Geſchichte gehört haben, werden Sie vielleicht mich weniger ſtreng, als jetzt, beurtheilen.. „Ich wurde in Indien geboren, wo mein Vater in einer der Präſidentſchaften Garniſonsprediger war. Er ſchickte mich ſehr jung nach England, um dort erzogen zu werden. Mit ſechszehn Jahren trat ich in das Comptoir ſeines Agenten. Ein Jahr lang ging Alles gut; nach dieſer Zeit empfing ich einen Brief, der mich benachrichtigte, daß mein Vater bald England zu beſuchen hoffte. Im Uebermaß meiner Freude zeigte ich den Brief meinem Vormund und Principal. Zu meiner großen Ueberraſchung ſchien er betäubt von dieſer Nachricht. „Kurze Zeit nachher wurde ein Diebſtahl im Hauſe begangen; die Beamten der Juſtiz kamen. Urtheilen Sie von meiner Verwirrung, meinem Schmerz, meiner Schaam, als man in meinem Pulte eine Partie Banknoten, mehrere Briefe und Sorten⸗ zettel entdeckte. Vergeblich betheuerte ich meine Un⸗ ſchuld; vergeblich verſicherte ich, nicht zu wiſſen, wie dieß dahin gekommen ſei. Niemand ſchenkte meinen Worten Glauben. Ich wurde gerichtet und zur De⸗ portation in Geſellſchaft der gemeinſten Weſen verurtheilt; mein Name war vernichtet, beſchimpft, das Herz meines Vaters durch die Nachricht von der Schande ſeines Sohnes zerriſſen. „Ich weiß nicht, wie ich es anſtellte, um ſo zu leben. Vor einigen Monaten bot ſich mir eine Ge⸗ legenheit, zu entwiſchen. Ich floh in die Wälder, ich ſchloß mich an Meunier und ſeine Bande an. Erlaſſen Sie mir den Reſt meiner Geſchichte; Sie können Alles errathen, was ich bei ihnen leide, Alles, wovon ich Zeuge ſein muß.“ „Und Sie kennen die Beweggründe des EFlenden nicht, dem es ſo gut gelungen iſt, die Schuld auf Sie zu werfen?“ „Ich habe nur einen unbeſtimmten Verdacht,“ erwiderte der junge Mann.„Die Nacht vor meinem Abgang aus dem Gefängniß erhielt ich den Beſuch eines alten Commis, der mir immer viel Freund⸗ ſchaft bezeugt hatte. Er benachrichtigte mich, daß mein Vater beträchtliche Summen zu meinem Unter⸗ halt auf dem College, in das ich nicht getreten war, 58 geſchickt hatte. Der gute Gott verzeihe mir, wenn ich meinem Vormund Unrecht thue, aber ſeitdem habe ich nicht aufgehört, ihn als den Urheber meines Ruins zu beargwohnen.“ „Hieß er nicht Sanderſon?“ rief Dick, und hatte er nicht die HH. Barnard und Comp. zu Bankiers?“ „Und Ihr Name iſt?“ „Eduard Wharton,“ antwortete der arme Burſche. „Wenn Gott mir das Leben ſchenkt, will ich eines Tags die Schande abwaſchen, die ihn befleckt. Aber wie kommt es, daß Sie von meiner traurigen Ge⸗ ſchichte unterrichtet ſind?“ „Das iſt mein Geheimniß für den Augenblick,“ ſagte unſer Held,„aber ich glaube an Ihre Un⸗ ſchuld und Ehre.“ Eine Stunde nach dieſer Unterhaltung kamen die drei jungen Leute auf der Station an. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Obgleich die Bewegung, womit der arme Connor ſeine Geſchichte erzählt hatte, überzeugend genug war, beſchloſſen unſere Freunde dennoch, auf der Hut zu bleiben. Das Abenteuer, in welches ſie ſich eingelaſſen hatten, bot nur Gefahren; und wenn ihr. Vorhaben entdeckt wurde, ſo kam ihr Leben in die größte Bedrängniß. 59 Nicht ohne traurige Ahnung hatte Sam die Nach⸗ richt von der Ankunft ſeiner Schweſter und der Webb auf dieſem Schauplatz vernommen. Das Einzige, was ihn etwas tröſtete, war, daß Gog ſich bei Mignonne befand. Er wußte wohl, daß der treue ſieſe ſein Leben hundertmal zu laſſen bereit war, wenn eine ſolche Aufopferung möglich geweſen wäre, ehe er zugegeben hätte, doß ſeinem Liebling Etwas zu Leide geſchehe. Nachdem er ſeine beiden Genoſſen in dem Hotel gelaſſen, wo Hackabut Stark ſein gewinnreiches Ge⸗ werbe fortſetzte, ſchritt Sam auf eine Gruppe von Zelten zu, in deren Mitte Eugenio ſeine Baracke aufgeſchlagen hatte. Draperien von lebhaftem Roth ließen ſie aus der Ferne erkennen; es befand ſich, wie immer, eine Eſtrade dabei, mit einer Zugangs⸗ treppe auf beiden Seiten; aber was die größte Wir⸗ kung hervorbrachte, war ein prächtiges Gemälde, Euphraſia in der Rolle der Lady Macheth, einen Arm um den Hals einer Büſte Shakeſpeares ge⸗ ſchlungen, darſtellend. Da die beweglichen Treppen zurückgezogen waren, ſo ſah Sam, daß es in dieſem Augenblick keine Vor⸗ ſtellung gab; er näherte ſich alſo ſo ruhig als mög⸗ lich der kleinen Seitenthüre, an welche er ſanft klopfte. Man antwortete nicht auf dieſen Anruf; doch kündigte ihm ein feines Rauchwölkchen, das aus dem Kamin ſtieg, an, daß Webb oder ſeine Frau in der Baracke war. Er klopfte zum zweiten Mal ohne beſſern Erfolg, und der beſorgte Bruder fing an, ernſtlich ſich zu beun⸗ ruhigen. Er erinnerte ſich jetzt eines beſonderen Pfiffs, 60 den er in ſeiner Kindheit gewöhnlich hatte hören laſſen, um Eugenio zu benachrichtigen, daß der Saal voll ſei und er ſeiner Anrede an die Menge ein Ziel ſetzen könne. Eine Art Geſchrei antwortete darauf aus dem Innern, einer der Läden der Baracke ging langſam auf und das Geſicht des Directors erſchien. Sam war ſo gut verkleidet, daß ſein Aſſocié ihn anfänglich nicht erkannte. „Haben Sie nicht ſchon genug Unheil angerichtet?“ ſagte Eugenio. „Was gibt es, Webb?“ „Ei, das Mädchen hat doch Recht,“ rief der Andere im Ton großer Zufriedenheit.„Ihre Stimme iſt das Angenehmſte, was ſeit vielen Tagen an mein Ohr geſchlagen.“ Er verſchwand am Fenſter, ſchloß ſorgfältig den kleinen Laden, und einige Augenblicke nachher ging die kleine Thüre auf. Sie ſchien von Innen ver⸗ barrikadirt zu ſein. „Was iſt geſchehen?“ fragte Sam. „Treten Sie ein,“ ſagte Webb haſtig;„hier iſt nicht der Ort zu ſchwatzen.“ „Mignonne!.... meine Schweſter?“ Der arme Junge war ſo aufgeregt, daß er kein Vort weiter ſprechen konnte; er blieb unbeweglich, die Züge bleich, die Lippe zitternd, die Augen mit flehender Miene auf den Director gerichtet. „Es geht gut. Warum mich ſo anſchauen? Kön⸗ nen Sie mir nicht glauben, wenn ich Etwas ſage? Sie wiſſen, daß ich Sie nie belogen habe. Mignonne befindet ſich wohl, aber der arme Gog hat einen ſchlimmen Stoß erhalten.“ 61 Obgleich voll Freundſchaft für den Rieſen, ver⸗ gaß Sam beinahe deſſen Gefahr bei der Verſicherung vom Wohlbefinden ſeiner Schweſter, und nach ſeinem Eintritt in die Baracke half er Webb wieder, die Thüre zu verbarrikadiren. Als dieß geſchehen, ſchaute er um ſich und erblickte eine Scene der Verwüſtung, die Bänke losgeriſſen und zertrümmert, die Drape⸗ rien zerfetzt, Flaſchen zerſchlagen und Trümmer von Tiſchen da und dort zerſtreut. „Wo iſt meine Schweſter?“ fragte Sam mit verdoppelter Unruhe. „Ich ſage Ihnen, es geht ihr wohl,“ antwortete der Director,„ſie iſt bei Mrs. Webb, Gog und dem Kinde. Kenne ich ſie nicht ſchon ſeit ihrem zarteſten Alter? Und glauben Sie, ich hätte zugegeben, daß ihr ein Unglück geſchehe? Ich hätte mich eher in Stücke zerreißen laſſen. Weil wir ſie vertheidigten, iſt Alles da ſo ruinirt.“ „O Webb! Webb!“ rief ſein Aſſocis,„welcher böſe Stern hat Sie an dieſen Ort geführt?“ „Ich möchte, daß derſelbe Stern mich ſobald als möglich wieder hinwegbrächte. Meine Frau wollte kommen; ſie fühlte ihre ganze Seele unge⸗ duldig nach Abenteuern, ſprach ſie. Aber ich hoffe, ſie hat dießmal daran genug.“ Als Sam in das rollende Haus trat(ein großes, ganz neues Fuhrwerk, welches Webb für dieſe Ex⸗ pedition in Sydney hatte machen laſſen), fand er die Directrice niedergeſchlagen in einem Winkel auf einer viereckigen Kiſte, deren Inhalt er errieth, ſitzen. „Voll bis an den Rand,“ murmelte Eugenio, „wenn wir nur wieder in Sydney wären.“ „ Gog lag auf dem Boden, der ganzen Länge nach ausgeſtreckt, den Kopf von blutbefleckten Kiſſen gehalten. Die Unordnung ſeiner Kleider zeigte deutlich, daß er einen harten Angriff auszuhalten gehabt hatte. Mignonne, an ſeiner Seite knieend, machte ihm warme Eſſigumſchläge um die Stirne. Von Zeit zu Zeit öffnete der Rieſe die müden Augen, heftete ſie auf die blaſſen Züge der jungen Frau, lächelte, als er ſie in Sicherheit ſah, und ſchloß ſie dann wieder. Bei dem Ton von ihres Bruders Stimme ſprang Mignonne auf, ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und brach in Thränen aus. „Er ſtirbt!“ flüſterte ſie;„er ſtirbt!.... und für mich!“. Die Geſchichte war bald erzählt. Eine Truppe der Räuber aus den Minen hatte der Vorſtellung vom Abend zuvor beigewohnt. Nach dem Schauſpiel hatten mehrere von ihnen Webb und Gog zu trinken bezahlt und, nicht zufrieden mit der Geſellſchaft der beiden Männer, auch die Mignonne's begehrt. Sie hatte ſich geweigert; einer der Räuber ſuchte ſie mit Gewalt herbeizuſchleppen; darüber entſtand ein Kampf, bei welchem man die Möbeln und Decorationen der Baracke zerſtört hatte. Es iſt unmöglich, zu ſagen, bis zu welchen Ex⸗ ceſſen es gekommen wäre, ohne den Muth und die Stärke des Rieſen, der einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf bekommen hatte. „O!“ rief Mrs. Webb, zum erſten Mal das Wort nehmend,„ich zittere am ganzen Körper vor Schrecken, wenn ich an die Gefahren denke, die unſerer Unſchuld drohten. Soll unſere Schön⸗ 63 heit uns zum Fluch werden?“ ſetzte ſie mit einem Ton perſönlicher Genugthuung hinzu. Einer ihrer Zuhörer konnte nicht umhin, zu wünſchen, daß ihr der Himmel ein wenig mehr ge⸗ ſunden Verſtand gegeben hätte; aber es war jetzt nicht der Augenblick, Euphraſia Vorwürfe zu machen. Der hartnäckige Eigenſinn dieſer Frau hatte ihren Mann beſtimmt, das Glück in den Minen zu ver⸗ ſuchen, ein Verſuch, der ihm ſehr wenig lächelte, trotz ſeines Golddurſtes. Ihre dringenden Bitten hatten zugleich Mignonne verleitet, noch einmal die Bühne zu betreten. „Du wirſt mich nicht mehr verlaſſen,“ ſagte die letztere, ſich mit kindlichem Vertrauen an ihren Bruder anklammernd.„Ich habe Niemand außer Dir, mich zu lieben und zu ſchützen. Du antworteſt nicht, Du biſt böſe über mich. O, verzeihe mir, ich bitte Dich, verzeihe mir!“ „Dir verzeihen!“ wiederholte Sam, eine Thräne trocknend;„arme, gebrochene Blume, ich habe Dir nichts zu verzeihen; ich bin ſchuldig, daß ich Dich verließ. Doch, Mignonne,“ ſetzte er ernſthaft hinzu, „ich möchte, Du wäreſt nicht wieder auf der Bühne erſchienen. Es gab ein....“ „Ich weiß nicht, was Du ſagen willſt,“ fiel ſeine Schweſter ein, ihn umarmend.„Es war eine Thor⸗ heit, es war beinahe ein Verbrechen, weil ich wußte, daß es Dir mißfallen würde. Aber ich fand mich ſo allein, ſo unglücklich ohne Dich; und dann der Gedanke, Dir beſtändig zur Laſt zu ſein. Außerdem lag etwas Aufregendes in dieſem Plan; ich hoffte, ſo mein Gedächtniß zu täuſchen, die Vergangenheit zu vernichten, ich hoffte, wieder zu lächeln, wie in den Tagen unſerer Kindheit, als wir ſo unſchuldig und ſo glücklich waren. Armer Gog! Ol ja ich bin grauſam beſtraft. Sieh, wie er leidet!“ Der Tänzer näherte ſich dem Rieſen und ergriff ſeine Hand. Der treue Gog öffnete die Augen und lächelte. Er erkannte ihn. „Sie iſt gerettet,“ murmelte er,„ſie iſt gerettet; ich habe mein Wort gehalten, Sam. An Ihnen iſt es jetzt, ſie zu ſchützen, denn ich ſterbe!“ Sam konnte ihm nur die Hand drücken; ſein Herz war zu voll, um zu ſprechen. „Nein, nein!“ rief Mignonne, ſich neben dem Verwundeten auf die Kniee werfend,„Du wirſt nicht ſterben und mich in dieſem unglücklichen Lande laſſen; Du wirſt nicht wollen, daß Dein Andenken uns be⸗ ſtändig meinen Eigenſinn und meine Thorheit vor⸗ wirft. Lebe mir zu liebe.... Allen denen zu liebe, die Dich lieb haben.“ „Weine nicht über mich,“ erwiderte Gog.„Nie⸗ mand ſonſt als Du hat ſich je um mich bekümmert; dieſe Welt war nicht die meinige. Die kleinen Kin⸗ der ſelbſt fürchteten mich und flohen bei meinem An⸗ blick. Webb hat alle meine Erſparniſſe. Erinnern Sie ſich,“ ſetzte er, gegen den Director gewendet, hinzu,„daß ſie Mignonne gehören, alle Mignonne.“ „Nun, Gott ſegne mich!“ rief Euphraſia's Gatte, „ſiehe, ſpricht er nicht wie ein Buch! Es iſt gut; ſie ſoll ſie haben und verwünſcht ſei, wer ihr nur einen Heller raubt!“ 65 „Haben Sie nicht den Beiſtand eines Arztes zu erlangen geſucht?“ fragte Sam. „Er hat nichts davon hören wollen, und ich wage nicht, die Frauen allein zu laſſen.“ „Ich will einen holen,“ fuhr der Tänzer fort. „Gehen Sie,“ rief der Director in einem Anfall von Enthuſiasmus,„ich zahle die Koſten; aber wen⸗ den Sie ſich nicht an den amerikaniſchen Doctor; er hat eine Unze Goldes genommen, um einem Mann einen Zahn auszureißen, und nach beendigter Ope⸗ ration erkannte er, daß es nicht der kranke Zahn war. Am andern Morgen haben der Arzt und der Patient ſich geſchlagen, um die Affaire in Ordnung zu bringen... aber beeilen Sie ſich,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„denn ſie haben uns mit einem neuen Angriff auf dieſe Nacht bedroht.“ „Sie mögen kommen,“ erwiderte ſein Aſſocié, „wir werden bereit ſein, ſie zu empfangen.“ Mit dieſen Worten verließ er den Wagen mit Webb, der ihn bis an die Seitenthüre der Baracke begleitete. „Armer Gog!“ vief unſer Held, endlich das Still⸗ ſchweigen brechend;„Sam, ich verzichte auf den Plan, den Frevler zu verfolgen, welcher ſich der Beweiſe meiner Geburt bemächtigt hat. Titel und Vermögen, Gott iſt mein Zeuge, würde ich gern aufopfern, um das durch unſere Abweſenheit verurſachte Unheil wieder gut zu machen.“ Connor war ganz erſtaunt. „Es liegt mir jetzt wenig daran, daß meine Ge⸗ ſchichte bekannt werde,“ fuhr Dick fort;„unſere ein⸗ zige Sorge muß ſein, Deine Schweſter gegen eine Das Erbe. IV. 5 Erneuerung des Schimpfes der vorigen Nacht zu ſchützen; und jenes Mädchen hat mir geſagt, die Räuber haben ſchreckliche Drohungen gegen die Webb ausgeſtoßen.“ „Ich ſelbſt habe Philipp Meunier und Ben Sne⸗ der die Sache verhandeln hören,“ ſagte Sara Anna. „Es ſcheint, daß in der Baracke eine junge Frau iſt, die ſie in die Minen mitnehmen wollen.“ „Wahrhaftig?“ rief Sam, ganz roth vor Un⸗ willen und Zorn,„ſie werden mir vorher das Leben nehmen müſſen, ehe es ihnen gelingt.“ Und mir, Sam; glaubſt Du nicht, daß ich das meinige zur Vertheidigung Mignonne's aufopfern würde?“ ſetzte unſer Held hinzu.„Aber ich begreife nicht, wie man dieſe Beſchimpfung geduldet hat. Ich dachte ſeit der Ankunft des Commiſſärs herrſche hier wenigſtens ein Schein von Ordnung.“ „Das iſt wahr,“ erwiderte Sara Anna,„aber Mr. Hardy hat ſich mit der Policei nach Bathurſt begeben, um die Goldfuhre bis zur Ankunft der Eskorte zu ſchützen.“ „Und wann kommt er zurück?“ „Man erwartet ihn nicht vor morgen früh.“ „Sagen Sie mir, mein gutes Mädchen,“ nahm Dick das Wort,„ſo verworfen auch der größte Theil der Abenteurer iſt, welche Ihr Etabliſſement beſuchen, gibt es nicht einige unter ihnen, deren Beiſtand wir anrufen könnten? oder iſt die Menſchlichkeit in den Herzen von Allen erloſchen?“ „Ich habe nie einen gefunden, an den man ſich wenden könnte,“ antwortete das Mädchen traurig, „und Gott weiß, daß ich einen Beſchützer gegen die — 67 Brutalitäten, deren Opfer ich wurde, geſucht habe. Man fürchtet ſich zu ſehr vor Meunier und ſeiner Bande, welche der Schrecken der Gegend ſind.“ „Nun, dann iſt es klar,“ ſagte Sam mit ent⸗ ſchloſſener Miene,„daß wir nur auf uns zählen können.“ „Erlauben Sie mir, mich Ihnen anzuſchließen,“ rief Connor feurig.„Ich werde gern mein Leben in einer ſolchen Sache wagen, und noch viel mehr, da es ſich darum handelt, Ihr Vertrauen zu gewinnen.“ Das Anerbieten wurde offen angenommen, denn ſeine Genoſſen zweifelten nicht mehr an deſſen Ab⸗ ſichten; und in ihrer verzweifelten Lage war die Hülfe eines entſchloſſenen Herzens allzu koſtbar, um abgewieſen zu werden. Nachdem man in der Baracke zum Großen Nugget Munition gekauft, verab⸗ ſchiedeten ſie ſich von dem Mädchen, welches verſprach, im Fall Meunier und Ben Sneder ſich nach ihnen erkundigten, zu antworten, ſie ſeien über den untern Bach nach den Minen zurückgekehrt, einen Weg, der von den Räubern, wie ſie allen Grund anzunehmen hatten, gemieden wurde; denn hier war an der Granitſpitze der junge Schotte beraubt und ermordet worden. Bei ihrem Abgang von dem Großen Nugget ſuchte die Truppe den Doctor Bawning auf, einen kleinen Mann aus dem Norden, von altmodiſchen Gewohn⸗ heiten, welcher mit einer den Schotten eigenthüm⸗ lichen Klugheit ſein Zelt ſo nahe als möglich an dem des Commiſſärs aufgeſchlagen hatte. Sobald Sam ihm andeutete, er ſei reich und geneigt, freigebig zu zahlen, legte er ſeinen alten, aus ſchottiſchem Plaid gemachten Schlafrock ab, zog einen Rock an, nahm ſein Beſteck und erklärte ſich bereit, denen, die ſeine Hülfe in Anſpruch nehmen, zu folgen. Als ſie im Wagen angekommen waren, unter⸗ ſuchte Doctor Bawning den Kopf ſeines coloſſalen Patienten mit einer beinahe weiblichen Zartheit, und raſirte ſorgfältig die Haare ab, um die Wunde beſſer beurtheilen zu können. „Es iſt ein Bruch, wie ich dachte,“ ſagte er. „Aber Sie werden ihn retten!“ rief Mignonne, ſich ſeiner Hand bemächtigend, die mit Haaren und dem Blute ihres Vertheidigers bedeckt war.„Sie ſind geſchickt, ich bin davon überzeugt, denn Sie ſprechen wohlwollend. O, retten ſie ihn, Gott wird es Ihnen vergelten. Ich werde für Sie beten.“ „Und ich werde Sie bezahlen,“ ſetzte der Director hinzu, der den Ruf des Doctors kannte. Unter ſeiner mürriſchen Gemüthsart, unter ſeiner Liebe zum Gold bewahrte der alte Doctor noch einen Funken Güte auf dem Grund ſeines Herzens. Viel⸗ leicht riefen ihm die flehenden Blicke des armen Mädchens, auf ſein Geſicht geheftet, irgend eine gute, halbvergeſſene Erinnerung ſeiner Jugend zurück. „Gut, Mädchen,“ ſagte er,„ich werde mein Möglichſtes thun; aber es iſt ein garſtiger Schlag. Das iſt eine ſehr delicate Operation. Nie meiner Lebtage habe ich einen ſolchen Mammuth operirt. Sie müſſen ihn feſt halten... rührt er ſich, ſo iſt er des Todes.“ „Ich werde ihn halten, ich!“ rief das arme Mädchen. „Sie? Sie ſind närriſch, mein Kind!“ 69 „Es iſt das ſicherſte Mittel zu einem glücklichen Erfolg,“ ſagte Sam, der den Einfluß ſeiner Schwe⸗ ſter auf den Rieſen kannte.„Sie können ihn in Stücke ſchneiden und er rührt ſich nicht, wenn Mi⸗ gnonne es ihm befiehlt. Das Einzige, was ich fürchte, iſt, daß ſie nicht den Muth hat, dieſes Schauſpiel zu ertragen.“ „Fürchte nichts, Bruder, da es ſich darum han⸗ delt, Gogs Leben zu retten.“ Obgleich Doctor Bawning dieſes Benehmen ſehr außerordentlich fand, erhob er doch keine Einwen⸗ dung, und Mignonne machte ſich an die übernom⸗ ſeene Aufgabe. Nachdem ſie die Hände ihres coloſſalen Vertheidigers mit den ihrigen gefaßt hatte, redete ſie zu ihm mit ihrer ſchmeichelndſten Stimme. Bei dieſen Lauten öffnete der berghohe Mann ſeine ſchwe⸗ ren Augenlider und lächelte. „Gog! lieber, guter Gog!“ ſagte ſie,„Du mußt mir verſprechen, ruhig zu bleiben. Der Doctor wird Dir viel zu leiden machen, aber es geſchieht, um Dich zu heilen, um Dich Deinen Freunden, denen, die Dich lieben, zurückzugeben. Verſtehſt Du mich?“ Der Rieſe nickte bejahend. „Und Du verſprichſt es mir?“ „Ja,“ murmelte er,„ich verſpreche es.“ Mit Hülfe Sams hob der Operateur den Kopf des Patienten auf und nahm ihn zwiſchen ſeine Kniee. Er theilte das Haar mit Hülfe ſeines Skal⸗ pels, legte den Knochen blos, was Gog geduldig aushielt. Aber als die Säge angewendet wurde, zuckte ſein ganzer Körper convulſiviſch und er knirſchte mit den Zähnen. Die arme Mignonne wurde ſchreck⸗ lich bleich, aber ihr Entſchluß wankte nicht einen Augenblick, obgleich der Anblick des Blutes und der Schmerzen des armen Mannes ihr das Herz zerriß. „Jetzt geben Sie mir die Zange,“ ſagte der Doctor. Sam reichte ſie ihm und der Schotte faßte ge⸗ ſchickt das Knochenfragment, welches, auf das Gehirn drückend, ihn theilweiſe bewußtlos gemacht hatte. „Da!“ rief er mit einer Miene der Genugthuung, „das heiße ich eine famoſe Operation Gott ſei uns gnädig! was kommt an das Mädchen!“ Mignonne war ohnmächtig geworden. pun Als ſie den Gebrauch ihrer Sinne 6„tie hielt, ſah ſie Gog, deſſen Kopf, gut verbunoe den Kiſſen ruhte; er war von erſchrecklichen“ aber athmete viel leichter als zuvor. „Wird er mit dem Leben davon kommen?“ fragte der Tänzer. „O ja! paſſabel gut, wenn er ruhig bleiben darf,“ erwiderte der Chirurg,„aber bei dem fiebe⸗ riſchen Zuſtand ſeines Gehirns wird die Aufregung zu einer Entzündung führen, deren Folgen Sie er⸗ rathen können.“ „Du hörſt, Mignonne,“ ſagte ihr Bruder,„er bleibt uns, er iſt gerettet. Umarme mich, Du haſt einen Beweis von Feſtigkeit gegeben, auf welche ein Mann ſtolz zu ſein Grund hätte.“ „Gott ſegne Sie!“ rief die junge Frau, die Hand des Operateurs an ihre Lippen ziehend.„Gott ſegne Sie! ich kann nicht ſagen, wie glücklich Sie mich gemacht haben.“ „Wahrhaftig?“ erwiderte der Alte lächelnd,„das 71 freut mich ſehr. Sie ſind ein gutes Mädchen und haben einen ſeltenen Muth, aber ich muß jetzt ſchnell fort; es wartet vielleicht irgend ein Schelm auf mich mit einer Kugel im Leibe oder einem Schnitt in der Gurgel. Erlauben Sie jedoch, mir vorher die Hände zu waſchen.“ Während er ſeine Abwaſchungen machte, kehrte Mrs. Webb in den Wagen zurück. Laſſen wir ihr Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, ihr edler Ingrimm ver⸗ ſchwand, als ſie von dem Reſultat der Operation unterrichtet wurde; denn bei all ihrer affectirten Würde war ſie Gog wirklich zugethan, der beinahe ſeit mſuJahren Glück und Unglück mit ihr ge⸗ thei nyätte. Augenblick, wo der Doctor zu gehen ſich an te, zahlte ihm Dick und ſein Freund als Supplement zu ſeinem Lohn noch vier weitere Goldunzen. „Nun,“ ſagte der Schotte,„Sie ſind, Alles wohl überlegt, rechtſchaffene Burſchen, und ich.... warum zum Teufel mich mit dem Anblick dieſes Goldes verſuchen? Ich war entſchloſſen, nichts zu fordern. das heißt,“ ſetzte er hinzu,„ich war halb entſchloſſen.“ „Nehmen Sie, Sir, Sie haben es verdient,“ ſagte der Tänzer. Bei Annäherung der Nacht öffnete Sam mehr als einmal den kleinen Laden des Wagens, in der Hoffnung, Dick mit dem erwarteten Beiſtand ankom⸗ men zu ſehen. Mignonne wich nicht vom Lager Gogs, der immer ſchlief; Webb und ſeine Frau be⸗ ſchäftigten ſich ſtillſchweigend damit, ihre werthvoll⸗ ſten Sachen in verſchiedenen Winkeln und Ver⸗ ſtecken des Wagens unterzubringen, auf dem Tiſch lagen mehrere Piſtolen, welche man zu laden Sorge getragen hatte, ohne Euphraſia's Schwert und Schild zu zählen. „Vielleicht kommen ſie gar nicht,“ murmelte Eu⸗ genio gegen ſeinen Aſſocié. „Gehen Sie doch! er iſt treu wie Stahl!“ „Ei! ich ſpreche nicht von Dick. Ich würde eher an dem Genie von Mrs. Webb, als an dem Muth Ihres Freundes zweifeln. Ich dachte an die Gold⸗ gräber. Ueberlegung kann ſie von ihrem Vorhaben abgebracht haben.“ „Das beweist, daß Sie dieſelben nicht kennen,“ antwortete der Tänzer traurig.„Es wäre ebenſo leicht, den hungrigen Wolf durch ſanfte Worte von ſeinem Raub abwendig zu machen, als Meunier und ſeine Bande zum Aufgeben ihrer niederträchtigen Abſichten zu vermögen. Wollte Gott, daß Dick zurück wäre,“ ſetzte er hinzu,„und doch, Gott verzeihe mir, ich glaube, dieſer Wunſch iſt egoiſtiſch.“ Mignonne, die ſich, ſeitdem ihr Bruder in ihrer Nähe war, vollkommen ſicher glaubte, betrachtete ihn mit Erſtaunen; ſie ſah, daß er aufgeregt und unruhig war. Sie legte, ſich ihm ſanft nähernd, die Hand auf ſeinen Arm und fragte ihn, was er fürchte. „Nichts! nichts!“ antwortete er, ihr einen Kuß gebend;„ich warte nur auf Dick.“ „Hat er verſprochen, wiederzukommen?“ „Ja, mit Einbruch der Nocht.“ „Dann wird er ſein Wort halten,“ antwortete ſeine Schweſter ruhig. 73 Ein heftiger Schlag mit einem Stock erfolgte gegen das rollende Haus. Der Rieſe ſtieß einen Seufzer aus und wandte ſich unruhig um. „Sprich nicht,“ flüſterte Sam. Der Schlag wurde wiederholt. Das arme Mäd⸗ chen wurde blaß wie der Tod. „Wird der Angriff von der vorigen Nacht ſich wiederholen?“ fragte ſie. Man hörte ein höhniſches Gelächter und den ſchweren Tritt von Jemand, der ſich zurückzog. „Eugenio,“ ſagte Mrs. Webb. „Meine Liebe!“ „Erinnere Dich, daß Du ein Mann und mein Gatte biſt. Laß mich nicht erröthen, daß ich Dich unter der Menge der zu meinen Füßen liegenden Anbeter gewählt habe. Alſo keine Feigheit! Die Augen der Nachwelt ſind auf uns gerichtet!“ „Das wäre mir lieb, meiner Treu!“ dachte der Director,„denn in dieſem Fall wären wir aus dem Dreck hier. Fürchte Dich nicht, meine Liebe, ich werde Dich ſchützen bis an's Ende.“ „Ich fühle,“ fuhr die Dame fort,„daß ich zu einer Heldin geboren bin. Wie Richard ſagt, meine Seele iſt ganz bewaffnet und begierig nach Kampf.“ Euphraſia näherte ſich mit majeſtätiſchem Schritte dem Tiſche und ergriff ihren Speer und Schild. „Erſtaunliche Frau!“ murmelte Webb,„nichts kann ſie einſchüchtern.“ Die Schatten der Nacht wurden dichter. Die alte Schauſpielerin lebte ſeit ſo vielen Jahren in einer idealen Welt voll Gefahren, denen ſie ſtets entrann, daß, als die wirkliche Gefahr ſich näherte, ſie dieſelbe beinahe mit der eingebildeten vermiſchte. In den Tragödien und Melodramen, wo ſie oft die Rolle der Heldin geſpielt, hatte ein wohlthätiger Geiſt unter der Geſtalt eines Liebhabers, eines reui⸗ gen Verbrechers oder eines reſpectabeln Anhängers ihres erlauchten Hauſes niemals ermangelt, mit einem Paar Piſtolen zu erſcheinen, gerade zu rechter Zeit, um ſie zu retten; und ſie zweifelte nicht, daß es unter den gegenwärtigen Umſtänden gerade ſo geſchehen würde. Dieſe Erwartung hatte, die Sache recht betrachtet, durchaus nichts Unnatürliches, denn Euphraſia's Leben ſelbſt war nur ein langes Me⸗ lodram. Während des eben berichteten Geſprächs war Mignonne zu dem kleinen Bett getreten, wo ihr Kind, ganz im Hintergrund des Wagens, ſchlief. Sie küßte es zuerſt ſanft, deckte es dann ſorgfältig zu, und kehrte auf ihren Poſten an Gogs Seite zurück. „Wenn er wohl wäre,“ dachte ſie mit einem Blick auf den rieſenhaften Beſchützer,„was hätte ich noch zu fürchten?“ Inzwiſchen vernahm ihr Bruder, der ohne Unter⸗ laß ängſtlich gehorcht hatte, deutlich das Geräuſch zahlreicher Schritte vor der Baracke. Es gab eine Pauſe, worauf ein Gemurmel von Stimmen erfolgte, wie wenn die Räuber ſich gegenſeitig Muth ein⸗ ſprächen. „Sie kommen,“ ſagte Sam,„und Dick iſt nicht hier. Der Himmel ſchütze uns!“ 75 Es war nicht möglich, länger an den Abſichten der halbtrunkenen Räuber zu zweifeln. Geführt von Meunier und Ben Sneder, drangen ſie in die Baracke und begannen mit ihren Knütteln auf die zerbrochenen Bänke zu ſchlagen. Lärmendes Pfeifen ließ ſich hören; man begehrte den Anfang der Vor⸗ ſtellung(obgleich keine angekündigt worden war), und mit lautem Geſchrei rief man endlich nach der Tänzerin. Die tiefſte Stille herrſchte in dem rollenden Haus, wo man die Lichter ausgelöſcht hatte. Es war ein ſchrecklicher Augenblick für Sam, welcher, eine Piſtole in jeder Hand, dieſe Canaillen mit den von Laſter, Ausſchweifung und Schwelgerei entwürdigten Geſichtern beobachtete. Als er den Namen ſeiner Schweſter hörte, erröthete er und faßte ſeine Waffen mit noch größerer Entſchloſſen⸗ heit an. „Wir wolleh eine Vorſtellung!“ rief das Haupt der Bande.„Ich weiß, daß ſie im Wagen ſind.“ „Sie ſind vielleicht gerade am Ankleiden,“ ſetzte Ben mit gräßlichem Lächeln hinzu.„Den Vorhang auf! den Vorhang auf!“ Dieſe Worte waren von neuem Geſchrei nach der Tänzerin und darauf folgenden ſchrecklichen Drohungen im Fall der Weigerung begleitet. Arme Mignonne! wie ſie zitterte, als ſie das Alles mit anhörte. „Räuchern wir ſie!“ brüllten einige Stimmen. „Reißen wir ihre Wohnung ein!“ ſchrieen Andere. Zerbrich die Nußſchale, Peter,“ ſagte Meunier. Dieſe Worte waren an einen robuſten Schlin⸗ gel gerichtet, deſſen ſchwarzes Geſicht und nervige Arme einen Grobſchmied ankündigten. Es war kein Goldgräber; er fand viel größeren Gewinn dabei, auf der Station zu bleiben und die Werkzeuge, welche an den Granitfelſen beſtändig zerbrachen, zu repa⸗ riren. Er war mit einem zweihändigen Hammer bewaffnet und näherte ſich unter den Zurufen ſeiner Genoſſen der Thüre des Wagens, als ein Piſtolen⸗ ſchuß ſich hören ließ. Der robuſte Schmied wankte und fiel. Es erfolgte ein augenblickliches Zaudern. Das abſolute Stillſchweigen der Bewohner des rollenden Hauſes und die Abweſenheit von Licht im Innern trugen mehr dazu bei, die Hitze der Räuber abzu⸗ kühlen, als es Drohungen oder Bitten vermocht hätten. „Peter hat ſeine Rechnung abgemacht,“ ſagte einer aus dem Haufen, der ihn aufgehoben hatte,„die Kugel iſt ihm durch den Hirnſchädel gegangen.“ Einige Andere ſchafften den Leichnam bei Seite. Sam hatte gut gezielt. „Ihr wißt, was ich Euch verſprochen habe!“ rief Meunier zu der Menge, als er ſah, daß mehrere ſeiner Leute, wenig erfreut über die Wendung, welche die Sache nahm, nach allen Seiten davonſchlichen. „Flotter Wichs im Großen Nugget heute Nacht, ich bezahle.“ Verführt von Trunkliebe und noch mehr von der angeborenen Rohheit, ergriffen die muthigſten der Bande die zerbrochenen Bänke und ſtürzten ſich auf das rollende Haus, in der Abſicht, ſich dieſer Trümmer als Sturmböcke zu bedienen, um eine Breſche zu 77 machen. Eine zweite Piſtolen⸗Salve erfolgte; dieß⸗ mal waren es vier Schüſſe und drei Mörder fielen. Ein ſchreckliches Geheul und großes Rachegeſchrei erfolgte. Da die Piſtolenſchüſſe ſich nicht ernenten, ſchloßen die Häupter der Bande, die Vertheidiger laden ihre Waffen wieder. Da der Eine oder der Andere ſich mit ſchweren Zimmerholzſtücken ausge⸗ rüſtet hatte, ſo begannen ſie, auf die Wände des Wagens loszuhämmern. Es war ein wahrer Hagel von Schlägen. Die Pfeiler krachten allmählig, und Sam und Webb ſahen, daß ſie in wenigen Augen⸗ blicken der Gnade ihrer wüthenden Angreifer preis⸗ gegeben wären. Während dieſes ſchrecklichen Anſturms gab Gog kein anderes Lebenszeichen, als daß er, ſich von der Rechten zur Linken drehend, einige dumpfe Seufzer ausſtieß. Die Thüre war eingeſchlagen, wie ein be⸗ trächtlicher Theil der Seite des rollenden Hauſes, und die Räuber kletterten hinauf, ohne zu denken, daß ſie noch auf Widerſtand treffen würden. Glück⸗ licherweiſe hatten ſie keine Feuerwaffen. Beim Anblick ihrer ſchrecklichen Geſichter ſchrie Mignonne laut auf. „Bringt uns das Mädchen,“ rief Meunier,„und laßt die Alte.“ Zum zweiten Mal ſeit zwölf Stunden war das Beiwort Alte auf die ſtolze Euphraſia angewendet worden. Wie ſie nachher bei Erzählung der Affaire geſtand, ſtärkte dieſe Beſchimpfung, während ſie ihr das Herz durchbohrte, ihren Arm. Sie lief nach der Breſche und theilte mit ihrem Schwerte gewal⸗ tige Hiebe rechts und links auf Köpfe und Hände der Angreifer aus, die ſich eiligſt zurückzogen, wäh⸗ rend die wüthende Amazone ihnen mit ihrer Melo⸗ dramen⸗Stimme zurief: „Memmen! was! Der Arm einer ſchwachen Frau jagt Euch in die Flucht!“ Dieſe Niederlage dauerte jedoch, wie man ſich denken kann, nur einen Augenblick. Der Feind ſchöpfte wieder Muth, als er bemerkte, daß er nur etwas ſtarke Schläge, aber ohne Wunden, erhalten hatte. Das Theaterſchwert war zu ſtumpf, um in's Fleiſch zu ſchneiden. Sie ſammelten ſich alſo unter lautem Gelächter wieder zum Angriff. In ſeinem Schrecken rief Webb, ſo laut er konnte, nach der Policei. Ruhig, wiewohl am Erfolg verzweifelnd, entſchloß ſich der arme Tänzer, die Ehre ſeiner Schweſter bis an ſein Ende zu vertheidigen. Der Gedanke an das Loos, das Mignonne erwartete, wenn ſie in die Hände der brutalen Bande fiele, gab ihm über⸗ menſchliche Stärke. Nachdem er ſeine Piſtolen wie⸗ der geladen hatte, ſtürzte er ſich mitten unter den Haufen, der beim Anblick des Bewaffneten einen Augenblick zurückwich. „Ihr fürchtet Euch vor einem einzigen Mann?“ rief Meunier. „Denkt an den Schmaus im Großen Nugget!“ ſetzte Ben Sneder hinzu. Meunier war offenbar der Führer des Angriffs. Sam zielte auf ihn und gab Feuer. Die Kugel ſtreifte ihm den Kopf und der feige, lüſterne Schuft verbarg ſich ſogleich hinter einen der maſſiven Bal⸗ ken, die noch aufrecht mitten im Zelte ſtanden. „Es bleibt ihm nur noch ein Schuß!“ rief eine Stimme. „Aber dieſer Schuß wird den Tod geben,“ ent⸗ gegnete Mignonne's Bruder.„Wer von Euch will ihn? Warum greift Ihr uns an? Haben wir Euch etwas zu leid gethan? Was wollt Ihr? Geld? Nehmt Alles, was wir haben, aber zieht Euch zurück; wir begehren nichts als das Leben und freien Abzug.“ „Er iſt es, der Peter White getödtet hat,“ rief Ben Sneder. „Ich habe ihn in rechtmäßiger Vertheidigung getödtet,“ erwiderte Sam. Halb wahnſinnig beim Anblick der ihrem Bru⸗ der drohenden Gefahr faßte Mignonne den Rieſen am Arm. „Sie ermorden ihn,“ rief ſie,„o, rette ihn, rette ihn!“ „Gerettet,“ murmelte Gog,„ſie iſt gerettet!“ „Ich ſage Dir, ſie ermorden ihn! O, komm... ach! er kann mich nicht verſtehen. Wir können wenigſtens mit einander ſterben.“ Mit durchdringendem Geſchrei ſtürzte ſie aus dem Wagen heraus und an die Seite ihres tapfern Bru⸗ ders, der mit einem Arm ihre Hüfte umſchlang, während der andere, mit der Piſtole bewaffnet, die Angreifer in Reſpect hielt. Der Anblick des jungen Mädchens erhöhte die Wuth der Räuber nur noch mehr. „Fünfzig Dollars,“ rief Meunier,„dem, der ſie mir bringt.“ Es waren die letzten Worte des Frevlers. Ein 80 Schuß knallte aus dem Hintergrund der Baracke und die Piſtolenkugel Dicks, der gerade ankam, fuhr ihm durch das Gehirn. Unſer Held bahnte ſich, gefolgt von Connor, tapfer einen Weg bis zu ſeinem Freunde. „Gott ſei Dank,“ rief er,„ich komme nicht zu ſpät.“ Mit der Schnelligkeit des Gedankens faßte er Mignonne und trug ſie in das rollende Haus. Seine Begleiter traten hinter ihm ein. Niedergedrückt von Schrecken, war das arme Mädchen in Ohnmacht gefallen. Das Rufen und Schreien und die Läſterungen des Haufens hatten inzwiſchen Gog aus der Lethar⸗ gie, in welche ihn ſeine Wunde verſetzt hatte, ge⸗ weckt. Die von Doctor Bawning befürchtete Kriſe war eingetreten. Das Fieber entzündete ſein Blut, die Raſerei ergriff ſein Gehirn; doch erkannte er mitten in dieſem Anfall die bleichen Züge ſeines bewußtlos in Dicks Armen liegenden Lieblings. „Todt!“ ſeufzte der Rieſe,„todt!“ „Sie haben ſie gemordet,“ ſchluchzte Euphraſia, deren Muth ſchon lange gewichen war. Schrecklich war die Veränderung, die in Gogs Phyſiognomie vor ſich ging; einen Augenblick war ſie von Wuth verzerrt, gleich darauf deckte ſie die dunkle Bläſſe des Todes. Er ſprang vom Fuhrwerk auf, packte einen unge⸗ heuern Balken, und griff damit den Haufen an, der zurückwich wie eine Heerde Schafe, wenn der Wolf in den Stall dringt. Vergeblich ertönte das Geſchrei um Gnade und Mitleid. Der ſchreckliche Arm ſchlug 81 unaufhörlich zu, Arme zerſchmetternd und Köpfe zer⸗ ſchellend. Nie hatte Gog in den Tagen ſeiner Ge⸗ ſundheit eine ſo erſtaunliche Kraft entwickelt. Bei jedem Schlag ſprach er den Namen Mignonne aus. Ben Sneder war beim Anblick der ſo unerwar⸗ teten Wendung, welche die Affaire nahm, und er⸗ ſchreckt durch das Schickſal Meuniers, einer der erſten, welcher die Flucht ergriff. Unſer Held ſchickte ihm eine Kugel nach, die ihn aber nicht erreichte. „Haltet ihn,“ rief er,„das iſt der Mörder von Jack Muir!“ Geſchrei von außen kündigte an, daß der Com⸗ miſſär mit der Policei angekommen war. Die, welche am meiſten compromittirt waren, verließen in aller Eile die Baracke; aber erſt eine kleine Anzahl war entwiſcht, als Gog, fühlend, daß ſeine Kräfte ihn verlaſſen, wie ein Trunkener gegen den Balken hin⸗ taumelte, welcher die Bedachung ſtützte. Er ergriff dieſen Balken mit der letzten Anſtrengung, riß ihn aus dem Boden heraus und brachte damit das ganze Zelt zum Einſturz, indem er ſich ſammt den Angreifern wie in einem Netz einſchloß. Das Erbe. MW.. 6 82 Sechzigſtes Kapitel. Die Ankunft des Commiſſärs Hardy von Bathurſt mit der berittenen Policei machte allen Verſuchen der Banditen, die ohnedieß nicht mehr im Stande waren, ihren Angriff zu erneuern, ein Ende. Man nahm mehrere Perſonen gefangen, unter andern auch Hackabut Stark, den Eigenthümer und Herrn des Hotels zum Groß⸗Nugget. Er geſtand ſpäter, ſich den Aufrührern in der Hoffnung angeſchloſſen zu haben, Mignonne zu beſtimmen, ſich in ſeinem Eta⸗ bliſſement einzuquartiren, was ohne Zweifel für ſeine zügelloſen Kunden eine große Anziehungskraft be⸗ währt hätte. Sara Anna, ſein erſtes Opfer, genügte ihm nicht mehr. Dieſe ſchmähliche Speculation brachte ihm Un⸗ glück, und dießmal wurde der ſchlaue Pankee betro⸗ gen. Als er einige Wochen ſpäter aus dem Ge⸗ fängniß kam, fand er, daß Sara Anna das Feld geräumt hatte, indem ſie die Dinge gehen ließ, wie ſie wollten. Bei ihrer Flucht hatte ſie nicht ver⸗ geſſen, den ſchlecht erworbenen Schatz ihres ehrloſen Herrn mitzunehmen. Trotz der ſorgfältigſten Nochforſchungen konnte man keine Spur von Ben Sneder entdecken. Ver⸗ geblich durchſuchte man die Orte, die er gewöhnlich heimſuchte; vergeblich befragte man ſeine Kamaraden; ſie wußten entweder nicht, wo er war, oder fanden ſich bei deſſen Verbrechen allzu ſehr compromittirt, um deſſen Zufluchtsort anzuzeigen. Die Mitſchuld am Laſter iſt bisweilen ein dauerhafteres Band da, wo alle anderen edlerer Art reißen würden. Doctor Bawning allein hatte dieſe Ereigniſſe nicht zu bedauern. Seitdem er ſich in den Minen niedergelaſſen hatte, gab es nicht ſo viele Wunden zu verbinden, ſo übermäßige Honorare einzuſtreichen. Aber, wie er am Ende ſagte, war es ein ſchlechter Wind, der nur Unheil für Jedermann mitbrachte. Dick vernahm faſt ohne Bedauern das derſchwin⸗ den ſeines Feindes und folglich den Verluſt feinér Papiere. Nicht daß er für die Vortheile des Ran⸗ ges und Vermögens unempfindlich geweſen wäre; mit Stolz hätte er ſie Marion zu lieb erobert, aber, Alles wohl überlegt, frägte er ſich, was dieß Alles im Vergleich mit erprobten Freunden wäre, die er hätte verlieren müſſen. Mignonne und ihr Bruder waren um den Preis von Crowshäll und den Ba⸗ ronetstitel nicht zu theuer erkauft. „Beides wirſt Du wieder erhalten!“ rief Sam, dem er ſeine Empfindungen mittheilte,„oder ich weiß nicht, ob ich nicht an Gottes Gerechtigkeit zweifeln ſollte, wie ich ſeit langer Zeit an der der Menſchen zweifle. Es iſt etwas Monſtröſes, zu den⸗ ken, daß der Menſch ſelbſt durch ſeine Tugenden be⸗ ſtraft wird.“ Die beiden Freunde hatten lebhafteren Kummer, traurigere Empfindungen als diejenigen, welche die ſchmutzigen Intereſſen dieſer Welt einflößen: Gog lag im Sterben. Sobald der Doctor ihn nach dem Getümmel geſehen, hatte er ſeinen Fall für ver⸗ zweifelt erklärt. Alles, was er thun konnte, war, ihm ein einſchläfenndes Mittel zur Beruhigung der Raſerei zu geben; denn der arme Rieſe hielt Mig⸗ nonne für todt und ſtieß ſchreckliche Rachedrohungen gegen deren Mörder aus. Seine Wunden waren ſo ſchwer und ſein Wider⸗ ſtand ſo heftig(denn ſeine Stärke glich noch der erlöſchenden Wuth eines Vulcans, ſchrecklich mit an⸗ zuſehen), daß man glaubte, ihn nicht in den zer⸗ brochenen Wagen bringen zu dürfen, welchen Webb mit Hülfe eines Zimmermanns reparirte. Man hatte das Zelt über dem treuen Gog, der auf der Stelle, wo er gefallen war, ausgeſtreckt blieb, wieder auf⸗ gerichtet. Was Euphraſia betraf, ſo kannte ihr Triumph und ihre Aufregung keine Grenzen. Jeden Augen⸗ blick citirte ſie die Worte, Coriolans:„ich allein habe dieß Alles ggän!“ eine ſo oft wieder⸗ holte Verſicherung, am Ende dieſelbe für Wahrheit nahm. Den Bitten des izers und unſeres Helden nachgebend, verſchob Mr. Hardy ſeine Abreiſe um drei Tage, damit ſie ſeine Escorte benützen könnten, denn beide waren entſchloſſen, die Minen ſo bald als möglich zu verlaſſen; ſie hatten an dem Gewerbe eines Goldſuchers genug. Traurig wandten ſie ſich nach Webbs Arche. Doctor Bawning hatte ihnen eben mitgetheilt, daß der Rieſe nur noch eine oder zwei Stunden zu leben habe. Sie fanden Eugenio eifrig mit den Reparationen beſchäftigt und ſeine Frau ihm dabei mit Wohlge⸗ fallen zuſehend. Seit dem Ende des Angriffs hatte die Dame ihre Waffen nicht abgelegt. Auf einem 85 Mehlfaß ſitzend, ihren blechernen Schild zu den Füßen und eine Theaterlanze in der Hand, glich ſie nicht übel einer dicken, ihres Helms beraubten Britannia. „Seid willkommen, meine braven Krieger!“ rief ſie. „Ja, willkommen!“ wiederholte der alte Eugenio. „Ich möchte nur auf der andern Seite des Waſſers ſein; man ſollte mich nicht wieder herüber bringen, und regnete es hier ſelbſt Nuggets und gedie⸗ genes Gold.“ „Still, Gefäß von Erde!“ rief ſeine ſouveraine Gebieterin und legitime Gattin,„ſind wir nicht hier, Dich zu beſchützen?“ „Was das Beſchützen anbelangt,“ antwortete der Gatte ein wenig geärgert,„ſo glaube ich, daß ich mich ſelbſt beſchützen kain das heißt, in einem chriſtlichen Lande, wo 4 ſich auf Fäuſte ſchlägt; aber ich bin nicht an Meiſet gwöhnt, noch an Pi⸗ ſtolen, noch an alle dieſe e Waffen.“ „Wo iſt meine Schweſter?“ ſtagte Sam. „Bei Gog, den ſie ſeit zwölf tödtlichen Stunden nicht verlaſſen hat,“ antwortete ſein Aſſocié.„Armer Teufel!“ ſetzte er mit theilnehmendem Ton hinzu, der Faden ſeiner Tage iſt beinahe zu Ende, und es war kein ſeidener Faden, das weiß ich wohl.“ „Leidet er noch viel?“ fragte Dick. „Schrecklich! er brüllte wie ein Stier. Aber ich vermuthe, daß es ihm Erleichterung verſchafft hat, denn jetzt höre ich ihn nicht mehr.“ Als ſie in das Zelt traten, empfahl ihnen Mi⸗ gnonne, den Finger an die Lippen legend, kein Ge⸗ räuſch zu machen. Der Verwundete lag in dem 86 Schlaf, der ein Vorläufer des Todes iſt. Sie be⸗ trachteten ihn ſtillſchweigend und erkannten, daß ſeine Züge wieder größtentheils ihren alten Ausdruck an⸗ genommen hatten; man ſah weder Schmerz noch Zorn darin, und wäre nicht eine leichenartige Bläſſe ge⸗ weſen, ſie hätten nichts Außerordentliches dargeboten. „Er wird geneſen,“ flüſterte Mignonne, ihrem Bruder ſich nähernd,„Du ſiehſt, wie ruhig ſein Athem iſt; das Fieber hat ihn verlaſſen.“ Sam bebte; er ſah darin den Vorboten des Todes. Doctor Bawning hatte ihn auf Alles, was kommen würde, aufmerkſam gemacht. „Er leidet nicht, Gott ſei Dank!“ erwiderte er mit leiſer Stimme. Als das Kind ſeinen Onkel erkannte, ſtreckte es die kleinen Arme aus und begann zu weinen, um genommen zu werden; Gog öffnete langſam die Augen und lächelte, als ör die vor ihm verſammelte Gruppe betrachtete. „Sam, Dick und Mignonne,“ ſagte er, langſam ihre Namen wiederholend;„Alle gerettet, dann habe ich nichts auf dieſer Welt zu bedauern: Gebt mir Eure Hände; Ihr ſeid die einzigen Weſen, die mich je geliebt haben. Ihr ſeid nie aus Schrecken bei mei⸗ nem Anblick geflohen, als ob es meine Schuld wäre, daß ich nicht den andern Menſchen gleiche!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu. „Du biſt der treueſte Freund, den ich jemals gehabt habe,“ rief das Mädchen, dankbar an ſeiner Seite niederknieend.„O! was wäre jetzt mein Loos, hätte ich Dich nicht gehabt! Ich zittere vor Schrecken, wenn ich daran denke!“ 87 Der Rieſe ſtreckte ſeine ungeheure Hand aus und fuhr damit ſanft über die langen Haare der jungen Frau hin, ſo ſanft, daß dieſe Berührung kaum den Thau von einer Blume abgeſtreift hätte. „Sie muß von hier fort,“ ſagte er mit einem Blick auf Sam.„Verſprich mir das; ſie iſt nicht gemacht, um in den Minen zu leben.... Erin⸗ nere Dich,“ ſetzte er hinzu,„daß Alles, was ich habe, Mignonne gehört.... Alles! Webb hat meine Erſparniſſe.“ „Gibt es nichts.... nichts, was ich thun könnte, um Dir meine Liebe zu beweiſen, Gog?“ rief ſchluchzend der Gegenſtand ſeiner Beſorgniſſe. „Ja Eines, nur Eines,“ erwiderte der Sterbende. „O, nenne es.“ „Wirſt Du nicht böſe werden?“ „Ich böſe werden? Du zerreißeſt mir das Herz, wenn Du ſo ſprichſt.“ „Dann küſſe mich,“ ſagte der Rieſe,„das heißt, ſetzte er in aller Eile hinzu, fürchtend, dieſe Bitte möchte ſie beleidigt haben,„verſprich mir, mich zu küſſen, wenn ich todt bin; das wird nicht lange mehr anſtehen. Ich fühle, wie das Leben ebenſo ſanft ſcheidet, wie Du ſelbſt, da Du ein Kind wareſt und ich mich ſchlafend ſtellte, um nicht wortbrüchig zu ſcheinen, nachdem ich verſprochen hatte, Dich zu hüten.“ Mignonne beugte ſich über ihn und drückte einen Kuß auf ſeine Stirne, während heiße Thränen aus ſiren ſchönen Augen auf die Wangen des Rieſen ⸗ elen. „Gott ſegne Dich!“ murmelte er,„Gott ſegne Dich! Du wirſt nie erfahren, wie ſehr ich Dich liebte. Mit Dir fühlte ich mich ein Kind; ich fühlte, daß ich der Menſchheit angehörte, wenn Du an meiner Seite Hatten die Spöttereien und die Ausrufe des dohen Erſtaunens der Menge meinen Zorn erregt, ſo bs. ich mich, wenn ich Dein Lächeln wahrnahm. irſt mich nicht vergeſſen,“ ſetzte er, die Hand ſeiner Freundin faſſend, hinzu, „wir werden uns nicht mehr ſehen.“ „Ja, im Himmel,“ antwortete Mignonne. Der Rieſe ſchaute ſie an, als wollte er fragen, ob ſie glaube, daß er dort zugelaſſen würde; denn lange Zeit fürchtete er, ein Weſen zu ſein, das etwas außerhalb der Menſchheit ſtond. Aber der Blick der jungen Frau beruhigte ihn. An dem, was ſie ihm ſagte, konnte er nicht zweifeln. So wiederholte er lächelnd:„im Himmel.“ Sam ſah, daß der letzte Augenblick nahte, und wünſchend, ſeiner Schweſter dieſes traurige Schau⸗ ſpiel zu erſparen, forderte er Dick auf, ſie wegzu⸗ führen. Aber die Liebe hat ein feines Ohr. Mi⸗ gnonne weigerte ſich, das Zelt zu verlaſſen, indem ſie ihn verſicherte, ſie kenne ihre Pflicht. Als der letzte Kampf zwiſchen Leben und Tod vorüber war, als Mignonne die Augenlider ihres Retters geſchloſſen und einen zweiten Kuß auf ſeine Stirne gedrückt hatte, bot ſie unſerem Helden die Hand mit den Worten: „Ich bin bereit.“ Dick führte ſie mit ihrem Kinde hinweg. Als man Webb den Tod Gogs anzeigte, brach 89 der liebevolle Director in Thränen aus und erklärte, er würde gern Alles, was er in Auſtralien verdient hätte, für die Lebensrettung des Rieſen gegeben haben, der ſeit ſo vielen Jahren ſein Schickſal theilte. Euphraſia ſelbſt ſprach und handelte einmal wie eine vernünftige Creatur. Sie war natürlich, weil ſie lebhaft fühlte. Wie oft trifft ſich dieſer Schmerz im Leben! Wir ſchätzen gern nach ihrem Tode Weſen, die wir zu ihren Lebzeiten vernachläßigt und gleichgültig be⸗ handelt haben. Wir erkennen dann, daß nichts die durch deren Tod verurſachte Leere ausfüllen kann. Mignonne's Kummer war tief und anhaltend. Ihr Beſchützer war für ſie geſtorben, um ihr ein Loos zu erſparen, im Vergleich mit welchem ihr früheres Unglück beinahe zu Nichts verſchwand. Die Liebe des Rieſen zu dem blonden Kind war der erſte Ring der Kette geweſen, welcher ihn mit der Menſch⸗ heit verknüpfte. So grob auch ſeine Glieder und Züge, ſo beſchränkt ſeine Faſſungskraft war, die Hand Gottes hatte das Wort Menſch in ſein Herz geprägt, und als er ſtarb, hatte nichts das Zeichen des Höchſten verwiſcht. Wird man daſſelbe von uns Allen ſagen können? Ariel, der wohlthätige Genius Shakeſpeare's, gefangen unter der Rinde der knorrigen Giche, mochte ziemlich der Typus der Seele Gogs ſein, gefangen in ihrer irdiſchen Hülle. Seine Freunde legten ihn in ein Grab von zwölf Fuß Tiefe, am Fuße eines einſamen Felſens, etwa eine halbe Meile von der Station; die ungeheure Granitmaſſe war ſein einziges Monument. In eini⸗ gen Jahrhunderten vielleicht, wenn aus Auſtralien ein Reich geworden iſt, und die niedrigen Stationen der Goldſucher ſich zu blühenden Städten emporge⸗ ſchwungen haben, findet man die Gebeine des Rie⸗ ſen, wenn man die Fundamente zu einem College oder einer Kirche gräbt; ſie geben Veranlaſſung zu ebenſo langen und ebenſo ungenügenden Controverſen, wie einſt die runiſchen Inſchriften auf den Tafeln des Ptolomäus. Die Gelehrten werden wahrſcheinlich getheil⸗ ter Meinung ſein. Wann hat man ſie jemals einig geſehen? Die Einen werden behaupten, es habe eine eingeborne Race von gigantiſchen Propor⸗ tionen exiſtirt; die Andern durch eine Kette wiſſen⸗ ſchaftlicher Schlüſſe beweiſen, daß die Zwergrace von dieſen Rieſen abſtammt, und den Spuren der Aus⸗ artung von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Gene⸗ ration zu Generation folgen. Die Einen wie die Andern werden die Preſſen zur Aufrechthaltung ihrer Meinungen ſeufzen laſſen. Bände werden an die Univerſitäten und Gelehrten Geſellſchaften von Neu⸗ Seeland und den Freundſchafts⸗Inſeln mit erklären⸗ den Figuren dieſer außerordentlichen Entdeckung ab⸗ geſchickt werden. Hätte man Mrs. Webb geſtattet, ihren romanhaften Geſchmack zu befriedigen, ſo würde ſie auf Gogs Sarg ihr Theaterſchwert und ihren Blechſchild gelegt haben; aber weder Sam noch unſer Held wollten etwas davon hören. Die Dame entſchädigte ſich für ihre Täuſchung dadurch, daß ſie dem Leichenzuge in ihrem beſten Gewand von ſchwarzem Sammt, von dem ſie für den gegenwärtigen Fall die Flittern ab⸗ 91 genommen hatte, und das Haupt mit einem langen ſchwarzen Schleier bedeckt, folgte. Sie erinnerte ſich, daß Lady Anna in Drury⸗Lane daſſelbe Coſtume trug, als ſie die Rolle des Herzogs von York in Richard III. von Cooke ſpielte, und dieſe Aehnlich⸗ keit tröſtete ſie. Ihr Gatte erklärte dieſe Ausſtattung für ſehr geſchmackvoll. Es war kein Geiſtlicher da, denn es war un⸗ möglich, einen auf der Station zu finden; aber Dick wollte nicht, daß man die vergänglichen Ueberreſte ſeines alten Freundes ohne irgend ein Gebet in's Grab ſenke. Er las alſo das herrliche Todtenamt im Ritual der Anglikaniſchen Kirche. Dieß war mit Mignonne's Thränen die einzige Einſegnung, die ſie erhielten. Friede ſeiner Aſche! Der Wagen war reparirt und unſere Freunde zur Abreiſe bereit, als der Commiſſär ſich zur Escorte eines Transports von Gold auf den Weg machte. Dick und Sam waren dieſer Lebensart müde; der Durſt nach Ruhm, welcher Euphraſia verzehrte, war geſtillt, und die ſtolze Schauſpielerin willigte großmüthig ein, im Schat— ten ihrer Lorbeeren auf den geernteten Goldklumpen auszuruhen. Zu Sydney war der Werth von Grund⸗ eigenthum ſo geſtiegen, daß der Verkauf des Sha⸗ keſpeare⸗Tempels noch eine ſchöne Summe abwarf; denn Webb und ſein Aſſocié waren ſo klug geweſen, den Boden, auf welchem ſie denſelben erbaut hatten, zu kaufen. Bei der Ankunft zu Sydney war die erſte Sorge unſeres Helden, die Policei auf die Spur von Ben Sneder zu leiten, aber das Reſultat lieferte den Be⸗ 92 weis, daß Alles, was er in den Minen durchge⸗ macht hatte, verlorene Mühe war; denn der Räuber hatte ſich an Bord vom James Watt vierundzwanzig Stunden vor der Rückkehr unſerer Freunde nach England eingeſchifft. So verſchwand für Dick die letzte Hoff⸗ nung, die Beweiſe für die Heirath ſeiner Mutter und ſeine eigene Legitimität zu erlangen. Der Ver⸗ recher konnte nicht ermangeln, ſogleich nach ſeiner Landung in England ſich mit Roderich Haſtings, der ſie um jeden Preis zu kaufen geneigt war, in Com⸗ munication zu ſetzen. „Du wirſt noch die Hoffnungen des Frevlers täuſchen, Sir Walter,“ rief Sam mit zuverſichtlichem Ton.„Ich habe das vollſte Vertrauen auf Gott.“ „Nicht dieſen Titel jetzt,“ erwiderte Dick mit traurigem Lächeln;„er tönt in meinem Ohr wie Hohn. Gott anbelangend, habe ich kein Recht, mich gegen ſeine Rathſchlüſſe zu empören; er hat mir die heißeſten Wünſche meines Herzens gewährt, die Liebe von Marion, die Rettung meiner Freunde. Ich ver⸗ zichte auf alle Hoffnung Da mehrere Wochen vor ſeiner Abreiſe nach Eng⸗ land vergehen ſollten, ſo beſchloß Dick, ſich nach Melbourne zu begeben, wo er mit mehr Wahrſchein⸗ lichkeit als zu Sydney ein Schiff finden würde. Er wurde zu dieſer Reiſe von einem andern ebenſo leb⸗ haften Verlangen, als dem, ſeine Freunde wieder zu ſehen, getrieben: der gebieteriſchen Nothwendigkeit, für Connors Sicherheit zu ſorgen. Der arme Burſche war ein entlaufener Sträfling. Jeder Augenblick ſeines Aufenthalts war voll Gefahren. Er konnte erkannt werden, und die Thatſache, daß er unſchuldig 93 verurtheilt war, hätte ihm gegenüber von den Be⸗ hörden wenig geholfen. Dank der damals herrſchenden Speculationswuth, waren drei Tage für Sam und ſeinen Aſſocié zum Verkauf des Grundes und Bodens, auf welchem der Shakeſpeare-Tempel erbaut war, hinreichend, und ſie zogen eine Summe daraus, welche ſechs Monate zuvor fabelhaft geweſen wäre. Das rollende Haus, die Garderobe, die ſämmtlichen Geräthſchaften des ambulanten Theaters fanden begierige Käufer; wenn wir ſämmtliche ſagen, müſſen wir den Blechſchild und das große Schwert der Amazone und des armen Gog ausnehmen. Euphraſia wollte ſich davon durch⸗ aus nicht trennen. Sie hatte die Abſicht, in dem Coſtüme, welches ſie bei dem tapfern Angriff gegen den Haufen auf der Goldminen⸗Station getragen hatte, ſich malen und ſtechen zu laſſen. Das war ihr zufolge eine That, würdig, in der Geſchichte des Landes einregiſtrirt zu werden. Der arme Connor oder vielmehr Wharton, denn wir werden ihn in Zukunft mit ſeinem wahren Namen benennen, athmete erſt frei, als er die Scene ſeiner Erniedrigung hinter ſich gelaſſen hatte. Schritt er durch die Straßen, ſo bildete er ſich ein, alle Blicke ſeien auf ihn gerichtet. Die Unſchuld hat zuweilen in dieſer Welt ihre Täuſchungen ebenſo gut, wie das Verbrechen. Wenn William Giles bedauerte, die Aufregungen und Gefahren ſeines Freundes in den Goldminen nicht getheilt zu haben, ſo fand er bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe den beſten Troſt für die Bitterkeit ſeiner vereitel⸗ ten Abſicht: das Lächeln einer tugendhaften und hüb⸗ ſchen Frau. Es lag in dem Erröthen, womit Suſanne ihn empfing, etwas, was ihm ſagte, daß ſie ihn nicht gleichgültig betrachte; ſo war er vor Freude außer ſich. Schon lange hatte er aufgehört, auf Dick eiferſüchtig zu ſein. „Einen Händedruck! was will das ſagen?“ rief ſein Vater, indem er Williams ſcheinbare Kälte jedem andern als dem wirklichen Beweggrund zuſchrieb. „Freut mich, Dich zu ſehen,“ fuhr er fort, deſſen Ton und Worte nachahmend.„Ohne Zweifel freut es Dich ſehr iſt es nicht Deine Baſe? und hat der Rector nicht geſchrieben, daß ſie ein braves Mädchen ſei? Das iſt die Wahrheit; umarme ſie!“ Der würdige Farmer ging mit dem Beiſpiel voran, indem er ſie auf beide Wangen küßte. Wil⸗ liam ließ ſich nicht bitten, ſeinen Vater nachzuahmen. „Ja, es iſt ein gutes Mädchen,“ ſetzte die Far⸗ merin hinzu,„und ebenſo geſchickt in der Milcherei, wie ich, oder wenigſtens nahezu.“ „Ja, ja, ſie iſt ſo, wie ſie ſein ſoll,“ antwortete ihr Gatte,„und ich habe eine Freude daran, die, welche Lob verdienen, ſei es ein Er oder eine Sie, loben zu hören.“ In wenigen Wochen erkannte der ehrliche Giles, daß die Gefühle ſeines Sohnes für die hübſche Su⸗ ſanne nicht ſo kalt waren, wie er anfänglich geglaubt hatte. Jedoch war hiezu vielleicht der Beiſtand ſei— ner Frau nothwendig. Mütter ſind ſo hellſehend; nichts kann ſie blenden. NRicht daß in dieſem Fall die Symptome ſich nicht deutlich genug zeigten; nie ſeit ſeinem Aufenthalt in der Colonie war ihr Sohn ſo ſehr zu Hauſe geblieben. Anſtatt jeden Tag nach 95 dem einen oder andern Schaſſtall zu laufen, ſchickte er Jack. William hatte immer eine Entſchuldigung, um auf der Farm zu bleiben. Wie die meiſten vernünftigen Menſchen, wandte ſich der Farmer, wenn ihm etwas aufſtieß, was ſei⸗ ner Faſſungskraft unbegreiflich war, an ſeine Frau; aber nicht direct, ohne Zweifel; dazu hatte er eine zu hohe Meinung von der Würde des Familien⸗ hauptes. Mrs. Giles wußte recht wohl, was er wollte, wenn er, ſprüchwörtlich zu reden, wie die Katze um den heißen Brei ging, und hielt bei ſehr wichtigen Angelegenheiten auch auf ihre Würde. „Ich kann mir nicht erklären, was mit unſerem Jungen iſt,“ begann der Alte, am offenen Fenſter ſitzend, um ſeine Pfeife zu rauchen, während Su⸗ ſanne und ihre Tante am Tiſch mit Nähen beſchäf⸗ tigt waren. Das junge Mädchen erröthete ſtark, und die Frau biß ſich auf die Lippen, um ein Lächeln zu unter⸗ drücken. Die Gelegenheit, auf die ſie wartete, war gekommen. „Haſt Du mich verſtanden?“ fragte Giles nach einer Pauſe. „Gewiß habe ich Dich verſtanden,“ erwiderte ſeine beſſere Hälfte;„die Sache iſt ziemlich einfach, beſonders bei jungen Leuten; es kommt an ſie früher oder ſpäter.“ „Es kommt an ſie!“ rief ihr Gatte mit unruhi⸗ gem Ton, denn William war ſein einziges Kind. „Was kommt an den Jungen in's Himmels Namen? Es ſind doch nicht die Maſern? er hat ſie gehabt, da er erſt ſieben Jahre alt war; es ſind wohl auch nicht die Kinderblattern?“ „Ich denke an dergleichen nicht,“ fiel ſeine Frau mit lautem Lachen ein. „Was willſt Du denn ſagen?“ fragte der Far⸗ mer,„kannſt Du Dich nicht erklären?“ „Suſanne,“ ſagte die Frau aus Mitleid mit der Verwirrung des armen Mädchens,„würdeſt Du nicht gut thun, nachzuſehen, ob die Leute, welche die Kühe zu melken haben, zurückgekehrt ſind?“ Das war nur ein Vorwand. Seit einer Stunde waren die zur Aufnahme der Milch beſtimmten Ge⸗ ſchirre bereit. Aber Suſanne verſtand auf ein hal⸗ bes Wort und verließ das Zimmer, mit einer Röthe auf den Wangen, welche mit den Korallen ihrer Lippen wetteiferte. Ihr Oheim bemerkte ihre Un⸗ ruhe, ohne jedoch die Urſache zu argwohnen. Die Unruhe, die er wegen ſeines Sohnes empfand, machte ihn wahrſcheinlich ſtumpfſinniger als gewöhnlich. „Nun! was gibt es?“ ſprach er. „William iſt verliebt,“ antwortete ſeine Mutter, „das iſt Alles.“. Zu ihrem großen Erſtaunen nahm ihr Gatte die Nachricht ſtillſchweigend auf, als ob ſie einen pein⸗ lichen Eindruck auf ſeinen Geiſt gemacht hatte. „Er liebte ſie ſchon lang,“ fuhr die Frau fort, „ehe er England verließ, wiewohl ſie noch ein Kind war.“ „Und wie haſt Du das entdeckt?“ fragte der Farmer. 8 „Suſanne hat es mir geſagt.“ „Zuerſt?“ 97 „Zuerſt,“ wiederholte ſeine Frau.„Sie wollte William keine Antwort geben, ehe ſie mich um Rath gefragt hatte. Sie ſagte, es hieße unſere Güte gegen Jack und ſie ſelbſt ſchlecht lohnen, wenn ſie ſich in ein Verhältniß einlaſſen wollte, das wir mißbilligen könnten.“ Das Geſicht des Farmers erheiterte ſich zu einem breiten und ehrlichen Lächeln. „Gutes Mädchen!“ rief er,„nun, ſie ſöll ihn heirathen und wenn. ja, und wenn ich zehnmal das Vermögen hätte, das ich ihm geben will. Aber warum nicht frei mit mir ſprechen? Ich habe ihm noch nie etwas Vernünftiges abgeſchlagen. Es war an ihm...0 „Sachte, mein guter Mann, ſachte!“ fiel Mrs. Giles ein.„Es iſt gut predigen, aber darnach zu thun etwas Anderes. Erinnerſt Du Dich noch, wie ver⸗ ſchämt Du wareſt, als Du mir den Hof machteſt, und Deine alte Tante Tabitha beauftragteſt, mit Dei⸗ nem Vater zu ſprechen... he?“ „Meiner Treu, das iſt wahr,“ rief der Alte mit fröhlichem Lachen,„Du haſt ein rares Gedächtniß, Frau. Aber wo iſt das Mädchen? Ich bin ſo glück⸗ lich!. Suſanne!“ rief er, die Zimmerthüre öfſ⸗ nend,„komm daher, kleine Schelmin, ich bedarf Deiner.“ „Habt Ihr mich gerufen, Oheim?“ fragte das Mädchen, wieder eintretend und bemüht, den Schein anzunehmen, als ahnte ſie nichts von der eben ſtatt⸗ gehabten Erklärung. „Gewiß. Küſſe mich, Suſanne, küſſe Deinen Vater!“ Das Erbe. 1v. —² 98 Ueberwältigt von Freude bei dieſen Worten und noch mehr bei dem liebevollen Ton, womit ſie aus⸗ geſprochen waren, warf ſich ſeine Richte ihm in die Arme und begann wie ein Kind an ſeiner Schulter zu ſchluchzen. In dieſem Augenblick kam William; anfangs ſchien er nicht zu begreifen, was vorgefallen war, aber ein Lächeln ſeiner Mutter beruhigte ihn. „Gib mir Deine Hand,“ ſprach der Farmer,„es freut mich, daß Du ſo klug gewählt haſt, aber er⸗ innere Dich, keine Heirath, ehe wir wieder in Eng⸗ land ſind. In der Kirche zu Crowshall, wo wir, Deine Mutter und ich getraut wurden, wünſche ich, daß Ihr das eheliche Band ſchließet.... Nun, junger Schurke, Du brauchſt keine ſo ernſte Miene anzunehmen,“ ſetzte er hinzu,„es wird nicht ſo lang anſtehen, die Farm iſt wie verkauft.“ Der Sohn machte keine Einwendung es war nicht der Augenblick dazu. Doch fand er den Vorbehalt ſehr hart. Mrs. Giles erinnerte ſich plötzlich, daß die Mei⸗ nung ihres Gatten in Bezug auf Etwas, das es in der Küche zu thun gab, durchaus nothwendig war, und bat ihn, ihr dahin zu folgen; ſo blieben die bei⸗ den Liebenden allein.„ „Nun!“ ſagte der Pächter, als ſie dort angekom⸗ men waren,„wovon handelt es ſich?“ „Rauche Deine Pfeife hier aus. Der Alte lächelte; er errieth den Beweggrund ſeiner Frau. „Alles wohl überlegt, kommt den Frauen nichts 99 gleich,“ ſagte er,„ſie haben viel mehr Verſtand, als wir Andere.“ Die meiſten unſerer Leſer werden ohne Zweifel ſei⸗ ner Anſicht ſein, denn in Bezug auf Tact wie auf Gefühl iſt die Frau ihrem Herrn und Gebieter weit überle⸗ gen. Wir glauben, die alten Hageſtolzen ſeufzen zu hören, welche dieſe Zeilen leſen; aber ſie werden nicht umhin können, die Wahrheit davon anzuerken⸗ nen. Wäre Einer verhärtet genug, um dieß in Ab⸗ rede zu ziehen, ſo erklären wir ihn für unverbeſſerlich und empfehlen ihm, auf der Stelle ſich in ſeine ieeiſe egoiſtiſche und nutzloſe Exiſtenz zu er⸗ geben. Als Jack hörte, daß ſeine Schweſter die Frau ſeines Couſins William werden ſollte, verrieth ſich ſeine Freude durch tauſend Affenſtreiche. Er fing an zu lachen; er hätte aus lauter Luſt getanzt, wenn er nicht durch den Reſpect vor ſeinem Oheim zurück⸗ gehalten worden wäre. Da er ſeine Aufregung nicht unterdrüchen konnte, ſtürzte er aus dem Hauſe hin⸗ aus, ſuchte die Geſellſchaft ſeines vierfüßigen Freun⸗ des, des Hofhundes Tiger, den er ſtreichelte und küßte, um der Ueberſchwenglichkeit ſeines Vergnügens Luft zu machen. Eine im Hundeſtall zugebrachte Stunde gab ihm ſo ziemlich ſeinen Verſtand wieder. Einundſechzigſtes Kapitel. Das vollkommenſte Glück hätte im Hauſe des Farmers Giles geherrſcht, ohne die Ungewißheit, in welcher man ſich bezüglich des Schickſals unſeres Helden befand. Der Alte hatte große Unzufrieden⸗ heit zu erkennen gegeben, als er Dicks Expedition nach den Goldminen erfuhr, und ſich ſtreng getadelt, es zugelaſſen zu haben, daß der Erbe von Crows⸗ hall ohne ihn Melbourne verließ. Dieſe Unzufrie⸗ denheit wurde zur grauſamen Beſorgniß, als Tage und Wochen verfloſſen, ohne daß Nachricht weder an Georg Chaſon noch an ihn ſelbſt gelangte. Der Farmer Giles war eines jener ſeltenen Muſterbilder, die man noch von dem wahren eng⸗ liſchen Yeoman trifft. Er war ſtolz auf das Ver⸗ mögen, das er durch ſeinen Fleiß erworben; er hatte einen unabhängigen Geiſt, weil er Niemand etwas verdankte, er war in hohem Grad der Familie zu⸗ gethan, deren Ländereien er und ſeine Vorväter ſo lang bebaut hatten. Dieſes Gefühl war bei ihm ſo tief eingewurzelt, daß er vielleicht nie daran gedacht hätte, ſeine Pachtung aufzugeben und nach Auſtralien auszuwandern, wenn zu Crowshall ein Schößling vom alten Stock übrig geblieben wäre. Ohne Zwei⸗ fel hätte die Erhöhung des Pachtzinſes ihm ein Brummen entlockt, aber er hätte brummend be⸗ zahlt. Die Hoffnung, dem Erben der Herbert zur Wie⸗ dergewinnung ſeines Gutes behülflich zu ſein, und das natürliche Verlangen, in das Lond ſeiner Ge⸗ 101 burt zurückzukehren, waren die einzigen Motive, welche ihn beſtimmten, ſein Beſitzthum loszuſchlagen und ein Land zu verlaſſen, wo er nicht allein die Hoffnung, ſondern ſogar die Gewißheit hatte, zu Reichthum zu gelangen. „Wenn Sir Walter ein Unglück begegnet iſt,“ ſprach Giles, darüber mit ſeiner Frau plaudernd, „ſo werde ich es mir nie vergeben. Aber ſo geht es, wenn man ſich von Gelbſchnäbeln regieren läßt. Ich hätte meine Schuldigkeit thun und ihn hier bis zum Augenblick hüten ſollen, wo es möglich geweſen, uns nach England einzuſchiffen. Einmal in Crows⸗ hall, hätte ich ihn bald wieder in den Beſitz des väterlichen Herrenhauſes geſetzt.“ „Wie ſo?“ fragte die Frau. Vielleicht ſah ihr Gatte das Wie ſelbſt nicht ſo klar, als er ſich eingebildet hatte, denn er mur⸗ melte einige Worte, unter welchen man nur das: Gerechtigkeit verſtand; dann ließ er das Geld in ſeiner Hoſentaſche klingeln und erklärte, nichts würde ihm ſo viel Vergnügen gemacht haben, als ein Kampf mit dem Advocaten Colley. „Der Herr ſei Dir gnädig!“ rief die Frau,„ein Proceß mit dem Advocaten Colley! Er würde die beſte Sache ſo ſchwarz machen, wie ſein eigenes Herz. Nein, Giles, nein; das iſt nicht das Mittel, und ich glaube, der junge Squire that Recht daran, daß er den Beweiſen für die Heirath ſeiner Mut⸗ ter nachforſchte. Dieß iſt die einzige Ausſicht auf Erfolg.“ Der Alte erklärte mit einer ſo feierlichen Ver⸗ ſicherung, daß ſie faſt für einen Eid gelten konnte, 102 er wolle, und wenn es ihn die letzte Guinee koſtete, unſerem Helden Gerechtigkeit werden ſehen, und ſetzte hinzu, er werde nicht zufrieden ſterben, ehe das alte Schloß den Händen von Roderich Haſtings und ſeinem ſchurkiſchen Advocaten entriſſen ſei. „Und das wird geſchehen, Frau!“ ſo heftig mit ſeiner groben Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, daß die alte Frau erſchreckt aufſprang.„Erinnerſt Du Dich noch deſſen, was der Prediger vor einigen Tagen zu Melbourne ſagte?“ „Ja! ich glaube wohl,“ erwiderte die Farmerin, obgleich ihr Gedächtniß in dieſem Punkte ziemlich undeutlich war, denn es begegnete ihr zuweilen, daß ſie während der Predigt einſchlief.„Sagte er nicht, daß er einſt jung geweſen ſei und nun alt werde? Das kam mir ziemlich ſonderbar vor.... und daß die Kinder des Gerechten ihr Brod betteln? Aber es iſt nicht zu beſorgen, daß es mit Sir Walter dahin kommen ſollte,“ ſetzte ſie ernſt hinzu. „Ich hoffe wohl, nein!“ rief der Farmer, noch einmal an ſeine Taſche klopfend, um mit ſeinem Gelde zu klimpern. An demſelben Abend kam Jack eilig auf die Farm zugelaufen und rief mit aller Kraft ſeiner Lungen: „Sie kommen, Oheim, ſie kommen, Vetter William!“ „Wer kommt?“ fragten Vater und Sohn. „Ei! Mr. Dick oder... Ihr wißt ja wohl, wen ich meine!“ Sie liefen nach der Thüre und ſahen eine Ca⸗ valcade, die ſie ſehr in Verlegenheit ſetzte. An der Spitze ritten unſer Held und Sam, gefolgt von Webb und ſeiner Frau auf einem Karren mit Federn. 103 Euphraſia hatte Schwert und Schild beibehalten und bildete ſich ohne Zweiſel ein, Bradicea oder irgend eine andere Amazone dieſer Art zu ſein. Mignonne, mit ihrem Kind auf den Armen, an ihrer Seite ſitzend, hätte nicht übel eine der Töchter der be⸗ ſchimpften Königin dargeſtellt. Was das Fuhrwerk betrifft, ſo war daſſelbe, Gott weiß es, ziemlich primitiv. Connor ſchloß den Zug, der ſich nach der Hoffnungsfarm begab, um dort zu bleiben, bis es möglich wäre, ſich nach England einzuſchiffen. „Ich konnte nicht ſo nahe an Ihrem Hauſe vor⸗ überziehen,“ ſprach unſer Held, ſobald die Beglück⸗ wünſchungen vorüber waren,„ohne Ihnen Nachricht von mir zu geben.“ „Und uns den Erfolg Ihres Plans mitzutheilen, denke ich,“ ſetzte William hinzu. „Ach nein, mein Freund!“ erwiderte Dick.„Der Frevler iſt mir entwiſcht und damit meine letzte Hoffnung geſchwunden, dieſe Papiere wieder zu finden. Von nun an bin ich nichts als Dick Tarleton.“ „Sie ſind Sir Walter Herbert von Crowshall!“ rief der Farmer,„und ich will nicht ſterben, ohne Sie in Ihre Rechte eingeſetzt zu ſehen. Aber treten Sie ein der Empfang iſt einfach, aber herzlich.“ Eine Weigerung würde den ehrlichen Mann tief beleidigt haben. Die Frau verſicherte dazu, es ſei auf der Farm genug vorhanden, um Jedermann zu⸗ frieden zu ſtellen, genug Betten und Lebensmittel ohnedieß. Man half den Frauen abſteigen und die Far⸗ merin wiederholte ihre gaſtfreundliche Verſicherung 104 gegen Mrs. Webb, welche ihr in ihrer pomphaften Sprache antwortete: „Wir nehmen Eure Liebe für Liebe an und bie⸗ ten Euch den Gruß der Freundſchaft.“ Was Webb betraf, ſo ließ er es ſich ganz wohl ſein. Suſanne mit ihrem natürlichen Wohlwollen nahm ſich ſogleich Mignonne's und ihres Kindes an. Beim Eintritt in das Haus flüſterte Dick ſeiner ehemaligen Reiſegefährtin einige Worte in's Ohr, welche ihr ein Erröthen und Lächeln des Glücks ent⸗ lockten. „Iſt meine Prophezeihung in Erfüllung gegan⸗ gen?“ fragte er. „Mutter Shipton hätte es nicht richtiger treffen können,“ antwortete William Giles, der die Frage gehört hatte.„Gratuliren Sie mir, Sir Walter, ich werde bald der Glücklichſte unter den Menſchen ſein.“ Dick drückte dem jungen Farmer herzlich die Hand. Der alte Giles und ſeine Frau, welche nie den Fuß in ein Theater geſetzt hatten, waren mit der Er⸗ Directrice in äußerſter Verlegenheit. Anfangs nah⸗ men ſie dieſelbe für eine Fremde.. von Di⸗ ſtinction; ſo pomphaft und unverſtändlich erſchienen denſelben ihre Manieren und ihre Sprache. Mrs. Giles war von Reſpect ergriffen. Sie war ſelbſt erſtaunt über die Kühnheit, die ſie gehabt hatte, eine ſo vornehme Dame einzuladen, unter ihrem niedrigen Dach Gaſtfreundſchaft anzunehmen, und entſchuldigte ſich tauſendmal, ſie nicht würdig empfangen zu können. „Was gehen uns die traurigen Eitelkeiten der Erde an!“ antwortete die Schauſpielerin mit großer tatene 105 Würde.„Unſer Leben iſt in Wüſten und Paläſten dahingefloſſen. Wir ſind Nomaden aus Gewohnheit, Kosmopoliten dem Gefühl nach.“ „In Paläſten!“ flüſterte Mrs. Giles ihrem Mann in's Ohr,„aber.... ſie ſpricht wie eine Königin.“ „Gewiß,“ ſagte der Farmer,„wie die Königin von Saba, die ich einſt bei dem König Salomo in dem Marionettentheater auf der Meſſe zu Newark ge⸗ ſehen habe.“ Der treuherzige Yeoman hatte die Wahrheit näher getroffen, als er dachte. Webb, der mit offenem Munde daſaß, außer ſich vor Bewunderung, als er die beredte Antwort ſeiner Frau hörte, beſtätigte deren Worte, indem er er⸗ klärte, Alles ſei für ſie gut genug, ſie ſeien an die ſchlimmſten Umſtände gewöhnt und einmal genöthigt geweſen, nach einer unglücklichen Saiſon unter freiem Himmel zu campiren. Glücklicher Weiſe ſagte er nicht, wo. „Ah! wie jene Tartaren, von welchen wir die Geſchichte geleſen haben!“ ſagte Suſanne in Einfalt. „Nein, Miß, ſondern wie die Rumanen die Aegyptier oder Tſiganen, wollte ich ſagen. Das iſt uns anfänglich ſchwer vorgekommen, aber wir haben dem Schickſal tapfern Muth entgegen gehal⸗ Meine Frau iſt eine ſehr merkwürdige Perſon Undei „Eugenio!“ rief die Dame, über ſeine Indis⸗ cretion geärgert. „Meine Liebe?“ „Wie oft habe ich Dir geboten, auf dieſe ſchreck⸗ 106 liche Cpiſode unſeres ehelichen Lebens nie mehr an⸗ zuſpielen?“ „Aber, meine Theure!“ rief der Director erſtaunt, „ich glaube, Du ſelbſt ſpieleſt darauf an.“ „Stille!“ ſetzte Euphraſia mit furchtbarem Stirn⸗ runzeln hinzu. „Ich bin ſtumm.“ Und der arme kleine Mann beobachtete den gan⸗ zen Reſt des Abends Stillſchweigen, ohne Zweifel einen jener feierlichen Verweiſe vorausſehend, welche regelmäßig zweimal in der Woche ihm das Gefühl ſeiner vollſtändigen Unbedeutſamkeit zugleich mit der Verſicherung der ehelichen Ueberlegenheit ſeiner beſſern Hälfte einflößten. Was Mignonne anbelangt, ſo hatte die Familie Giles gleich ihre Freude an derſelben; ſie war ſo einfach, ſo natürlich, ſo ihresgleichen. Ohne von ihrer traurigen Geſchichte etwas zu wiſſen, fühlten ſie ſich voll Theilnahme für die junge Mutter und ihr Kind.... es war ſo artig! aber weder Mrs. Giles, noch ihre Nichte konnten, ſelbſt als ſie über den Beruf von Mrs. Webb im Klaren waren, die reſpectvolle Furcht überwinden, welche ihnen deren Gegenwart, und noch mehr deren außerordentliche Sprache einflößte. Die Schauſpielerin ihrerſeits wurde nicht müde, den Angriff und die Vertheidigung des rollenden Hauſes zu erzählen, indem ſie ihre eigenen Helden⸗ thaten, wodurch ihr zufolge die Freunde gerettet worden waren, zur Geltung brachte. Um die Sache noch mehr zu verdeutlichen, ließ ſie ſich herab, in der Küche zum großen Erſtaunen von Jack und den 107 Dienſtboten eine Darſtellung davon zu geben. Man erräth, daß ſie ſich dabei des famoſen Schwertes und Schildes bediente, welche ſie in ihrem Mauſoleum aufzuhängen ſchwor, wenn es dem Schickſal gefiele, ſie aus dieſem Jammerthale wegzunehmen. Am andern Morgen machten ſich unſere Reiſen— den zu guter Zeit wieder auf den Weg nach der Hoffnungsfarm, in Begleitung von William Giles, und bei Sonnenuntergang kamen ſie an dem Ort ihrer Beſtimmnng an. Wir wollen nichts erzählen von der Freude Mar⸗ tha's, als ſie ihren Adoptivſohn wieder ſah, von den achtungsvollen Glückwünſchen Georg Chaſons, welcher während der Abweſenheit unſeres Helden ſich täglich Vorwürfe gemacht hatte, daß er ihm geſtattete, ſich mitten unter die goldſuchenden Banditen zu wagen. „Noch iſt nicht Alles verloren,“ ſagte er, als Dick ihm mittheilte, daß es ihm nicht möglich ge⸗ weſen, die Beweiſe für ſeine Geburt wieder zu er⸗ langen;„mein Zeugniß wird nicht ohne Werth ſein und Mr. Wood, der Beamte, hat unter den Papieren des armen Cuſack, oder vielmehr Charles Merry⸗ weather(denn dieß war ſein wirklicher Name) nicht allein das Geſtändniß ſeines unwürdigen Benehmens gegen Ihre theure Mutter, ſondern auch der Mittel entdeckt, durch welche er ſich bei Mr. Gore der Be⸗ weiſe für die Heirath ſeiner Couſine mit Ihrem Vater bemächtigte.“ „Das iſt ein moraliſcher, aber kein legaler Be— weis,“ entgegnete unſer Held mit einem Seußzer. „Sprechen wir nicht mehr davon; einer von den Unterdrückern meiner Mutter hat die Schuld mit 108 ſeinem ſtrafbaren Leben bezahlt. Gott verzeihe ihm, denn ich glaube, er ſtarb reuig. Der Erzdämon,“ ſetzte er mit ruhiger Entſchloſſenheit hinzu,„wird ſeiner Züchtigung auch nicht entgehen. Seine Stunde wird auch ſchlagen; warten wir ſie ab.“ „Ich glaube, daß die Zeit wirklich die beſte Rächerin iſt,“ murmelte Sam mit einem Blick auf ſeine Schweſter. Der Director und ſeine Frau hatten dieſe Nacht eine lange Unterhaltung. Wie unſere Leſer ſich vor⸗ ſtellen können, betraf ſie keinen Gegenſtand von ge⸗ ringer Wichtigkeit, weil die ſtolze Euphraſia ſich herabließ, ihre geringere Hälfte um deren Meinung und Beiſtimmung zu befragen. Geſchmeichelt durch dieſes ungewohnte Zeugniß von Herablaſſung hätte Eugenio zu den extravagan⸗ teſten Vorſchlägen ſeine Einwilligung gegeben. Aber im gegenwärtigen Fall ging er, laſſen wir ihm Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, mit einer Freude darauf ein, welche von mehr Herzensgüte als weltlicher Vorſicht und Klugheit zeugte, weil es ſich um nichts Gerin⸗ geres handelte, als alle ihre um den Preis ſo vieler Strapazen gewonnenen Erſparniſſe auf's Spiel zu ſetzen. Die Idee, einen wirklichen Baronet zu ihrem Schützling zu haben, ſchmeichelte dem romanhaften Herzen von Mrs. Webb. Sie betrachtete, da ſie einſt unſern Helden für ihren Adoptivſohn erklärt hatte, ſich als eine Art verwittweter Lady Herbert; ſo beſtimmte ſie ihren Gatten, Dick ihr ganzes Be⸗ ſitthum zur Verfügung zu ſtellen, damit er ſein Recht wieder in Anſpruch nehmen könnte. 109 „Dick,“ ſagte der Director, als er ihn am andern Morgen ſah,„das heißt Sir Walter, ich wünſche„ „Nennen Sie mich Dick,“ fiel der junge Mann ein. „Nun, Sir Dick.. denn das geht mir natürlicher. Ich und meine Frau... nein, meine Frau und ich dachten es nicht zugeben zu dürfen, daß Ihre Rechte mißkannt würden; wenn Sie alſo Etwas von dem Zeug brauchen, um den Advocaten die Pfote zu ſchmieren, ſo will ich Ihnen, wenn wir in England zurück ſind, Alles geben, was ich habe, ſollte es auch darauf gehen.“ „Alles! ja Alles!“ rief Euphraſia, den Arm heftig in der Luft ſchwenkend.„Ich bin beſtimmt, das alte Herrenhaus wieder zu erheben. Habe ich Dir es nicht geſagt, als Du das Kind ſtahleſt...“ „Ich habe es nicht geſtohlen,“ fiel ihr Gatte ein. „Still, Erdenwurm!“ fuhr ſie fort, immer dieſe Stelle aus ihrer Lieblingsrolle, der Meg Merrilies, citirend:„wenn er in's Mannesalter kommt, werde ich ihn in die Wohnung ſeines Vaters wieder einführen, und müßte ich mein eigenes Grab darüber graben. Die Schatten werden ſich in Klarheit verwandeln, die Gerechtigkeit wird hergeſtellt werden und Ber⸗ trams Rechte ſich auf den Höhen von Ellangowan zeigen!“ Trotz des Lächerlichen, das in dieſer ſeltſamen Ideen⸗Verwirrung und melodramatiſchen Declama⸗ tion ſich fand, konnte Dick nicht umhin, ſich von der Güte und dem Edelmuth, die aus dieſem Anerbieten ſprachen, gerührt zu fühlen. „Es iſt nicht Gold, was ich brauche,“ ſagte er, 110 nachdem er ihnen gedankt,„ich habe mir nie viel daraus gemacht. Gold! ich habe deſſen genug, Zu⸗ friedenheit geht über Reichthum.“ Das ſind meine eigenen Geſinnungen!“ rief die Dame.„Es gibt eine Sympathie zwiſchen edeln Herzen; ſie erkennen einander gegenſeitig.“ „Dick denkt vielleicht, wir ſprechen nicht im Ernſte,“ ſagte der Director.„Ich würde lieber meinen letzten Heller ausgeben, als Sie von ihrem Hauſe ausge⸗ ſchloſſen ſehen.“ „Weit entfernt, aus Ihrem kleinen Schatz zu ſchöpfen, habe ich die Genugthuung, Sie zu verſichern, daß ich denſelben noch zu vergrößern im Stande bin,“ entgegnete der junge Mann.„Ich wiederhole es, wenn das Glück mit Geld zu erkaufen iſt, ſo wird zu dem meinigen nichts fehlen.“ „Aber Sam hat mir doch geſagt, daß Sie in den Minen nicht viel gemacht haben,“ bemerkte Webb. „Wir ſind ärmer als zuvor davon zurückgekehrt.“ „Es iſt alſo ein Geheimniß,“ rief Euphraſia mit ihrer feierlichen Stimme, ihn am Arme faſſend. „Ja!. ein wenig Geduld, und Alles wird ſich erklären. Jetzt kann ich Ihnen nur für Ihr wohlwollendes Anerbieten danken und Sie verſichern, daß, wenn ich je Unterſtützung bedarf, ich mich an Niemand gerner als an Sie wenden werde.“ Sam und ſein Aſſocié hatten den lebhaften Wunſch geäußert, die Höhle zu ſehen, wo Amen Corner ſich verborgen hatte, und ihnen zu willfahren, verließ die ganze Geſellſchaft, Connor und Georg Chaſon mit eingeſchloſſen, ſogleich nach dem Frühſtück unter Anführung unſeres Helden die Farm. Unterwegs 1 111 erzählte Dick noch alle die Umſtände, von welchen die Entdeckung des Ex⸗Kirchſpielſchreibers, ſowie der endliche Kampf zwiſchen dem Mörder und dem Spür⸗ hund begleitet war. „Er verdiente ſein Loos,“ ſagte Sam.„Er ſcheint nie Gewiſſensbiſſe gekannt zu haben.“ „Das geſchah ihm ganz recht,“ ſetzte der Director hinzu;„der Galgen wäre eine zu milde Strafe für ihn geweſen.... Und dieſes Geſchöpf war der Gatte Ihrer Schweſter?“ Dieſe Bemerkung war an Georg gerichtet, der dringend empfahl, in Martha's Gegenwart keine Anſpielung auf Amen Corners Tod zu machen. Es iſt unnöthig, zu bemerken, daß man ihm dieſes Verſprechen gab. Nach einem Marſch von mehreren Stunden lang⸗ ten unſere Wanderer in der von dem Bergſtrom gebildeten Schlucht und an der ſteilen Wand an, wo ſich der Eingang in die Höhle befand. Die ſchreckliche Scene war Dicks und Williams Geiſte zu ſehr gegenwärtig, als daß ſie nicht die Stelle genau noch kannten. Dick ging voran. „Es iſt teufelmäßig finſter,“ ſagte Webb, als ſie die Höhle erreicht hatten, deren Ausdehnung bei dem Schein von Connors Laterne kaum zu über⸗ ſehen war. Der Tänzer bebte, um ſich ſchauend. „Ich kann mir denken, was der Elende leiden mußte,“ ſagte er,„blind und vom Durſt verzehrt, an einem ſolchen Ort. Gott iſt gerecht, Dick,“ fuhr er fort, die Hand auf ſeines Freundes Schulter legend,„ſeine Wege zielen alle auf Gerechtigkeit ab, obgleich wir nicht immer die Mittel, die er an⸗ wendet, begreifen.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete unſer Held, der mit⸗ ten in der Höhle einen Haufen aus Zweigen und dür⸗ ren Blättern gemacht hatte.„In Amens Strafe liegt eine gewiſſe Poeſie der Gerechtigkeit. Das Gold war der Zweck ſeiner Verbrechen; er hat ſich für Gold verkauft, deſſen er nie froh wurde; denn ſein ſchlecht erworbener Gewinn ſchien ihm immer zwiſchen den Händen zu zerſchmelzen. Und doch hätte er, als er hier war, fliehend vor dem von ihm ver⸗ letzten Geſetze, auf ehrliche Weiſe zu einem fürſtlichen Vermögen gelangen können.“ Seine Freunde hörten ſchweigend dieſe letzten Worte. Weder William noch Georg Chaſon ver⸗ ſtanden den Sinn davon. „Schaut,“ fuhr Dick fort, die dürren Blätter an⸗ zündend. Nach einigen Augenblicken erhob ſich eine leuch⸗ tende Flamme, welche auf dem funkelnden Quarz widerſtrahlend eine feenhafte Wirkung hervorbrachte. „Welche Decoration für ein Ballet!“ rief der Director, auf das deutend, was ihm und allen An⸗ dern als Glimmer vorkam. „Seht Ihr denn nicht,“ erwiderte Dick,„daß es Gold iſt, lauter Gold?“ Sam und Connor hoben in aller Eile eine Hand⸗ voll von dem Metall auf, womit in dicker Schichte der Boden der Höhle beſäet war, und unterſuchten daſſelbe. Ihre Begleiter warteten ſchweigend das Reſultat der Operation ab. 113 „Es iſt Gold!“ riefen zu gleicher Zeit die beiden jungen Leute. Wirklich war die Höhle eine jener ungeheu⸗ ren natürlichen Taſchen, um uns des Aus⸗ drucks der Goldgräber zu bedienen, wo das koſt⸗ bare Metall ſich Jahrhunderte lang angehäuft hatte. Am Fuße der Abednegberge gelegen, hatten die Ge⸗ wäſſer, die zur Regenzeit in Strömen von den Ber⸗ gen ſtürzen, das auf ihrem Lauf weggeſchwemmte Metall daſelbſt abgelagert. Der Mörder von Char⸗ les Merryweather dachte nicht daran, als er mit ſei⸗ nem elenden Mitſchuldigen auf Mittel ſann, dem Schrecken Martha's das erforderliche Geld zur Flucht nach England zu entreißen, daß ein beinahe uner⸗ ſchöpflicher Schatz ſich unter ſeinen Füßen befand. „Mein theurer junger Herr,“ ſagte Georg Cha⸗ on, als er von ſeinem Erſtaunen ſich erholt hatte, „das iſt eine Entdeckung, welche das Unrecht des Schickſals wieder gut macht. Da iſt genug Gold, um drei Herrſchaften, wie die von Crowshall, zu kaufen.“ „Ja,“ antwortete Dick,„wenn ich ſelbſtfüchtig genug Alles für mich allein behielte. Aber ich habe genug gelebt, um zu wiſſen, daß Dankbarkeit und Gerechtigkeit die ſicherſte Politik iſt. Die Freunde, welche Gefahren und Strapazen mit mir getheilt, welche ſo viele Opfer für mich gebracht haben, welche bereit waren, wie ich überzeugt bin, noch größere zu bringen, die haben wohl das Recht, an den Vor⸗ theilen dieſer Entdeckung Theil zu nehmen. Ich ver⸗ ſtehe nichts von der Freundſchaft deſſen, der nur das Unglück mit ſeinen Freunden theilt,“ Das Erbe. 1V. 8 „Meine beſſere Hälfte hat Recht,“ rief der Direc⸗ tor, vor Freude anßer ſich,„Sie ſind ein wahrer Held!.... Hurrah!“ ſetzte er hinzu, die Taſchen ſeiner Jacke von Baumwollenſammt mit Gold fül⸗ lend,„hurrah! meine Frau hat Recht; Auſtralien iſt Allem nach doch das Land der Genie's!“ In ſeinem Entzucken warf er ſich der ganzen Länge nach auf die Erde, um ſich rühmen zu kön⸗ nen, er habe in Wahrheit einmal in ſeinem Leben ſich auf Gold gewälzt. Man vermuthete damals noch nicht, daß es in der Umgegend von Melbourne Gold gebe. Erſt etwa ein Jahr nach der Abreiſe unſerer Freunde nach Eng⸗ land wurden die Minen von Abedneg durch ihren Ueberfluß an dieſem koſtbaren Metall ſo berühmt. „Woran denkſt Du, Sam?“ fragte ſein Freund lächelnd. „An unſer erſtes Zuſammentreffen,“ antwortete der Tänzer,„ich bin ſo betäubt, daß ich kaum dem Zeugniß meiner Sinne glauben kann. Es kommt mir wie ein Feenmährchen vor. Wer hätte ſich ein⸗ gebildet, daß zwei arme Waiſen, von der Welt wie Parias betrachtet, eines Tages zu einem ſolchen Vermögen gelangen ſollten, ſie, der Spott der Reichen?“ „Und dazu ohne Verbrechen gelangen,“ ſetzte Georg Chaſon hinzu. Bei dieſem Wort ſtieß der arme Connor, der die allgemeine Freude getheilt hatte, einen tiefen Seufzer aus. Er konnte nicht vergeſſen, daß ſein Name be⸗ fleckt, entehrt war. Ohne Zweifel war ſeine Verur⸗ theilung ungerecht; ohne Zweifel konnte er ſeine Unſchuld nachweiſen, aber die engliſchen Geſetze bie⸗ ten keine Mittel, ſich von einer Verurtheilung zu reinigen. Das Beſte, was er hoffen konnte, war ein Pardon. Wie Sterne ſagt, macht man dieß viel beſſer in Frankreich. Wenn dort ein Mann ungerecht verur⸗ theilt worden iſt und ſeine Unſchuld beweiſen kann, ſo hat eine aufgeklärte Jurisprudenz eine feierliche Form der Rehabilitation in Bereitſchaft, wodurch der erſte Spruch gerichtlich annullirt wird; und alle bürgerlichen Rechte werden dem Rehabilitirten zu⸗ rückgegeben. In England ertheilt man dem Opfer eines Irr⸗ thums Pardon! Iſt dieß nicht Hohn und Schande? Als die erſte Aufregung ſich gelegt hatte, erzählte Dick, wie er ſchon bei ſeinem früheren Eintritt in die Höhle vom Anblick derſelben betroffen worden ſei, ohne jedoch zu vermuthen, daß dieſe funkelnden Stückchen etwas anderes als Glimmer wären, bis Beſuch in den Minen ihn darüber aufgeklärt ätte. Man beſchloß, die Entdeckung dieſer Schätze ge⸗ heim zu halten, und es iſt aller Grund, zu ver⸗ muthen, daß ſelbſt Eugenio gegen dieſe Reſolutivn ſich nicht verfehlte. In jedem Fall war es das erſte Geheimniß, das er vor ſeiner beſſern Hälfte hatte. Alle Tage beſuchten ſie die Höhle, bis der größte Theil des Goldes weggebracht war. Niemals arbei⸗ tete man mit ſo viel Eifer. „Reichthümer, Dick, Reichthümer für das Leben!“ rief Sam am letzten Tage ihrer Arbeiten. Sein Freund ſeufzte. „Biſt Du nicht dankbar?“ „Ja; aber ich würde gern auf meinen Theil an dem Reichthum verzichten, um die Ehre meiner Mut⸗ ter rein zu waſchen und die Rechte auf den Namen meines Vaters nachzuweiſen. Ach! dieſe Hoffnung iſt verloren. Habe mit mir Geduld und lehre mich, meinen Traum von Größe zu vergeſſen.“ „Träume immerhin. Hoffnung erhält das Leben. In den ſchwärzeſten Augenblicken unſeres Mißge⸗ ſchicks gibt es eine Hand, die uns leitet, eine Liebe, die uns rettet. Die Vorſehung hat ſchon ſo viel für uns gethan, daß es ein Verbrechen wäre, zu zweifeln, ſie werde zu rechter Zeit nicht auch das Uebrige thun. Haſt Du nicht immer Marions Liebe, die Einwilligung ihres Vaters und die Zuneigung Deiner Freunde?“ „Du haſt Recht, und mit ſolchen Gütern würde es ſehr undankbar ſein, zu zweifeln oder zu murren.“ Etwa einen Monat nach Dicks Rückkehr auf die Farm verkaufte Georg Chaſon dieſelbe, und da ein Schiff unter Segel ging, ſchifften ſie ſich nach Eng⸗ land ein, alle voll Hoffnung auf die Zukunft, mit Ausnahme der armen Mignonne und Connors. 117 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Der James Watt war nicht ſobald in den Merſey eingelaufen, als die Zollbeamten ſich an Bord begaben, wo die Paſſagiere ſie umringten, begierig, von dem Stand der Dinge, der Marktpreiſe u. ſ. w. ſich Nachricht zu verſchaffen. Ein Exemplar der Times vom Morgen wurde in acht oder zehn Stücke zerriſſen und unter ſie vertheilt. Der ſchätzte ſich glücklich, welcher ſelbſt nur eine halbe Seite Annoncen bekam, und der glückliche Beſitzer des erſten: London las den Artikel den Andern mit lauter Stimme vor. Unter den am Hauptmaſt gruppirten Zuhörern befand ſich Ben Sneder. Er hatte ſeinen Bart während der Abfahrt wachſen laſſen, und dieſer be⸗ deckte jetzt mehr als die Hälfte ſeines Geſichts, was ihn ſo völlig veränderte, daß wahrſcheinlich ſelbſt ſeine untröſtliche Bet ihn nicht erkannt hätte. Da er ſich in vollkommener Sicherheit glaubte, ſchwatzte und lachte der Räuber mit mehreren ſeiner Reiſegefährten, Menſchen, die durch die Entdeckung des Goldes in Auſtralien oder durch andere ebenſo verdächtige Mittel, wie die von Ben ſelbſt, plötzlich reich geworden waren. Ben bekümmerte ſich wenig um die Neuigkeiten, und hätte auch nicht ſehr klug daran gethan, ſich nach Perſonen und Dingen, die ihn intereſſirten, zu erkundigen. Er war verhältnißmäßig reich; ſo ſchien ihm die Freiheit doppelt koſtbar. 118 „Einige Minuten noch,“ ſprach er bei ſich,„und die letzte Gefahr iſt vorüber.“ Als er nur noch einige Meilen von den Docks von Birkenhead entfernt war, wurde der James Watt durch ein zweites Schiff angerufen, auf dem man im Hintertheil die magere und reſpectable Per⸗ ſon eines Gentlemans ſitzen ſah, den wir unſern Leſern unter dem Namen von Mr. Gray vorſtellen wollen. „Einer der Eigenthümer, vermuthe ich?“ ſagte Ben zu dem dritten Officier, der, neben ihm ſteheüd, der Schiffsmannſchaft einige Befehle gab. Der Officier hielt die Hand vor die Augen und ſchaute vorwärts. „Nein,“ antwortete er. „Einer der Commis alſo?“ „Vielleicht.“ Es lag etwas Unangenehmes in dem trockenen Ton, womit dieſes Vielleicht ausgeſprochen wurde. Es zerriß Bens Ohren. Einige Minuten nachher ſtieg der Gegenſtand ſeiner Neugierde, und wir können hinzuſetzen, ſeiner Unruhe an Bord und wünſchte den Capitän zu ſprechen. Ben legte inſtinctmäßig die Hand an den Gürtel, um zu greifen, ob ſeine Piſtolen dort wären oder nicht. „Wen ſoll ich anmelden?“ fragte höflich der Officier. „Se. Ehrwürden, Georg Gray,“ antwortete der Beſucher ruhig. Der Seemann legte die Hand an ſeine Mütze. Zu derſelben Zeit zog Ben Sneder die ſeinige aus 119 dem Gürtel und ſteckte ſie wieder in die Taſche ſei⸗ ner Baumwollenſammt⸗Jacke; ſeine Züge nahmen wie⸗ der ihren Ausdruck der Sorgloſigkeit an. „Es iſt nur ein Prediger,“ murmelte er,„um ſo beſſer für ihn.“ Ja, um ſo beſſer; denn der Sträfling war ent⸗ ſchloſſen, ſich nicht lebend ergreifen zu laſſen. Er beſaß Gold, Gold, wofür er ſich mit Blut bedeckt hatte; und auf ſeiner langen Reiſe hatte er überlegt, wie er es genießen könnte. Er zählte darauf, Bet zu ſuchen und ehrlich mit ihr zu leben. „Iſt mein Sohn an Bord?“ fragte der Beſucher mit einer zitternden Stimme, ſobald der Capitän angekommen war,„mein Sohn Henry Gray?“ „Gray! Gray!“ wiederholte der Commandant des James Watt.„Wir haben Niemand dieſes Namens auf unſerer Liſte.“ Der ehrwürdige Gentleman ſchien niedergeſchlagen und lehnte ſich einen Augenblick an den Maſt, bei welchem Ben Sneder und ſeine Gefährten ſich be⸗ fanden. Er bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen, um den durch ſeine getäuſchte Erwartung ihm verur⸗ ſachten Schmerz zu verbergen, aber vielleicht auch, denn die Finger waren leicht von einander getrennt, um die Züge der Paſſagiere zu prüfen. „Das iſt eine grauſame Täuſchung,“ ſtammelte er endlich;„ich erwartete zuverſichtlich meinen armen Jungen mit Ihrem Schiff. Er hatte mir geſchrieben, er werde ſich auf dem James Watt einſchiffen. Mein Gott!“ ſetzte er mit gutgeſpieltem Erſtaunen hinzu,„da iſt mein Boot fortgegangen. Das iſt meine Schuld. Ich war ſo ſicher, ihn zu finden, 120 daß ich darauf zählte, ihn bis in die Docks zu be⸗ gleiten.“ Der Capitän bat ihn mit der offenen Freimüthig⸗ keit eines Seemanns, ſich deßhalb nicht zu beunruhi⸗ gen, indem er ihn verſicherte, er könne an Bord bleiben. Dann entſchuldigte er ſich, ihn verlaſſen zu müſſen, um ſeinen Pflichten nachzugehen. Ben, der kein Wort von dieſer Unterhaltung verloren hatte, glaubte, es würde ſehr ergötzlich ſein, ſich mit den Gefühlen des Geiſtlichen einen Spaß zu machen. Sein Leben in den Gefängniſſen und auf den Pontons hatte ihm eine heftige Antipathie ge⸗ gen die ganze Prieſterkaſte eingeflößt. Nachdem er ſich einen Augenblick beſonnen, blinzelte er ſeinen Nachbarn zu, um ſie auf die Unterhaltung aufmerk⸗ ſam zu machen; dann machte er zwei Schritte vor⸗ wärts und legte entſchloſſen die Hand an ſeine Mütze, oder vielmehr an die Locke ſeiner groben, ſchwarzen Haare, welche ſich bis gegen die rechte Augenbraue herab verirrte. er hatte ſich des gewöhnlichen Grußes der Sträflinge nicht enthalten können. „Reden Sie von Harry Gray, Sir?“ fragte er. „Ja, ja,“ erwiderte eifrig der alte Herr,„kön⸗ nen Sie mir Nachricht von ihm geben? Nachricht von meinem armen Jungen?“ „Ob ich Ihnen Nachricht von ihm geben kann?“ wiederholte Ben.„Ich glaube wohl, ich kann es. Waren wir nicht Kamaraden in den Minen? Haben wir nicht daſſelbe Zelt getheilt, und habe ich ihn nicht gepflegt, als er das hitzige Fieber bekam?“ Das Blinzeln mit den Augen und das Anſchla⸗ 12¹ gen der Zunge an die Backen, wovon jedes Glied der Rede begleitet war, ſchien den Perſonen von der Gruppe, die er eben verlaſſen hatte, ungemein Freude zu machen. „Gott ſegne Sie!“ rief der Prediger, ſeine Hand ergreifend und ihm lang in's Geſicht ſchauend. „Wie werde ich Ihnen je für Ihre Güte danken können? O, ich bitte Sie, ſagen Sie mir Alles, was Sie von ihm wiſſen! Iſt er am Leben? Be⸗ findet er ſich wohl? Warum iſt er nicht mit dem James Watt zurückgekeht, wie er nach ſeinem letzten Briefe beabſichtigte?“ „Was das Bitten betrifft,“ ſagte der Sträfling, „ſo will ich davon nichts hören, obgleich ich ihn, da er ſo übel auf war, wie ein Kind gepflegt habe. Und wenn Sie wiſſen wollen, warum er nicht mit mir auf dem James Watt gekommen iſt, ſo ge⸗ ſchah dieß darum, weil er geheirathet hat und ſich nicht einſchiffen konnte.“ Dieſe Antwort erregte ein Lächeln bei allen den herzloſen Leuten, welche es köſtlich fanden, ſich an dem Anblick der beſtürzten Miene Sr. Ehrwürden Mr. Gray's zu weiden. „Dieſer Ben gäbe einen famoſen Komödianten,“ ſagte einer von ihnen, und dieſer Bemerkung ſtimm⸗ ten alle ſeine Gefährten bei. „Geheirathet?“ wiederholte der Geiſtliche,„ei! das liebe Kind, und wen hat er geheirathet?“ „Eine der Töchter des alten Springs.“ „Springs! Springs!“ wiederholte der Vater, „das kommt mir wie ein reſpectabler Name vor.“ „Sehr reſpectabel,“ entgegnete Ben; und dieſe Verſicherung wurde mit erſticktem Lachen von allen ſeinen Zuhörern, mit Ausnahme des alten Predigers, aufgenommen, der noch einmal die Hand ergriff und ſie unter Dankesbezeugung herzlich drückte. Dann ſetzte er hinzu, wenn er ihm die Ehre eines Beſuchs auf Sürplis-Villa, Willesden, gewähren wollte, würden ſich er ſelbſt und Mrs. Gray ein Vergnügen daraus machen, ihn zu empfangen. „Doch,“ ſetzte er hinzu,„kann ich mir auf dieſe Ehre keine Hoffnung machen, als bis Sie Ihre Freunde beſucht haben, welche ohne Zweifel mit ungeduldiger Liebe Ihre Ankunft erwarten.“ „Ja, ja, ohne Zweifel,“ erwiderte Ben, deſſen Gedanken zu Bet zurückkehrten, und er begann ſich klüglich zu fragen, ob ſeine Ungeduld nicht während einer ſo langjährigen Abweſenheit ſich erſchöpft habe; „inzwiſchen, um Sie zu verpflichten. 4 Es wurde vor der Ankunft in den Docks aus⸗ gemacht, daß der Sträfling den Vater ſeines theuren Freundes, von dem er, wie kaum bemerkt zu werden braucht, bis jetzt nie ein Wort gehört hatte, begleiten und einige Tage bei ihm in der Familie zubringen ſollte. Der Geiſtliche war ſehr beredt im Ausdruck ſeiner Dankbarkeit. Seine Frau und ſeine Töchter würden ſo zufrieden, ſo glücklich ſein! Dieſer freund⸗ liche Beſuch würde dazu dienen, denſelben die Ab⸗ weſenheit des theuren Harry erträglicher zu machen. „Was für ein Gimpel!“ fagte Ben bei ſich, der es als ein Meiſterſtück der Politik anſah, ſich in einer achtbaren Familie einzuführen.„Wer würde daran denken, die Antecedentien des Freundes von Sr. Chrwürden, Mr. Gray auf Surplis⸗Villa in 123 Zweifel zu ziehen? Nie würde die Policei auf den Gedanken kommen, ihn dort zu ſuchen, nein, nie⸗ mals!“ Da er Gründe hatte, nicht lang in Liverpool zu bleiben, das allzu nahe bei Mancheſter, dem Schau⸗ platz ſeiner früheren Heldenthaten, war, ſo machte es ſich vortrefflich, daß der Geiſtliche ſich entſchloß, ſie wollten noch dieſen Abend mit dem Poſtzug nach London abreiſen. Im Adelphi⸗Hotel wurde Ben ein ausgezeichnetes Diner mit Zuthat der beſten Weine vorgeſetzt, und während der verbuhlte Burſche ſie in einem Zug hinunterſtürzte, lachte er ſich in den Bart, daß der Prediger ſich den Kopf darüber zerbrach, wie er ihm auf alle mögliche Weiſe ſeine Dankbarkeit für die deſſen krankem Sohn angeblich erwieſenen Dienſte be⸗ zeugen könnte. 5„Um wie viel Uhr geht der Zug?“ fragte en. „Um acht Uhr zwanzig,“ antwortete ſein Wirth. Es war jetzt ſechs Uhr, und der Sträfling be⸗ merkte, es wäre kaum noch Zeit, über einen Theil ſeines Goldſtaubs Verfügung zu treffen und ſich einige anſtändige Kleidungsſtücke zu kaufen. Mr. Gray wollte nicht zugeben, daß er ſich deßhalb ent⸗ ferne. „Man wird einen Schneider und Barbier kom⸗ men laſſen.“ „Aber ich habe kein Geld,“ antwortete der Sträf⸗ ling,„obgleich da drinnen der Werth von einer be⸗ trächtlichen Summe ſteckt.“ Er deutete auf eine ſchwere viereckige Kiſte, die 124 er keinen Augenblick aus dem Geſicht verloren hatte. Während des Diners hütete er ſie unter ſeinen Füßen. „Was thut dieß?“ entgegnete ſein neuer Freund, der durchaus ſeinen Bankier machen wollte und dem Sträfling zwanzig Souverains aufnöthigte, indem er ihm bemerkte, es ſtänden noch einmal ſo viel zu ſei⸗ nen Dienſten, wenn dieß nicht zureiche. Sonderbar, es reichte zu! Ben war ohne Zwei⸗ fel zu klug, um eine ſo koſtbare Gans auf einmal zu rupfen. Er ſteckte die zwanzig Souverains mit ruhigem Lächeln ein, indem er ſich damit begnügte, im Stillen zu wiederholen:„welch ein Gimpel! welch ein Gimpel!“ Einige Stunden ſpäter ſetzten ſich die beiden neuen Freunde in einem Coupé der Eiſenbahn zu⸗ recht, das ſie für ſich allein genommen hatten. Zur Vorſicht gegen Krämpfe, welchen der würdige Geiſtliche auf der Reiſe ausgeſetzt zu ſein verſicherte, hatte er eine Flaſche Branntwein mitgenommen. Sein Gefährte begehrte auch ſeinen Theil daran zu haben, indem er erklärte, gleichfalls Krämpfen unter⸗ worfen zu ſein. Der gute Alte überließ ihm den Liqueur. Konnte er weniger für den Freund ſeines lieben Sohnes Harry thun? Ben ſprach der Flaſche ſo häufig zu, daß vor Mitternacht nicht ein Tropfen mehr darin blieb und der Sträfling ſchlief ein. Sein Gefährte ſchien keineswegs durch das laute Athemholen, oder wir können es ohne Uebertreibung ſagen, durch das ſonore Schnarchen des Goldſuchers unangenehm berührt. Im Gegentheil hellten ſich, nachdem er ihn einige Zeit mit der größten Auf⸗ merkſamkeit betrachtet hatte, ſeine Züge zu einem wohlwollenden Lächeln auf; ja wohlwollenden, obgleich ſeine blauen Augen auf eine Weiſe funkelten, welche Andere boshaft genannt hätten. „Endlich!“ murmelte er mit einem Seußzer, der ihn zu ſehr zu erleichtern ſchien. Was bedeutete dieſes Endlich wohl? Nachdem er ſeinen Reiſeüberwurf ausgebreitet hatte, legte er ihn dem Schläfer ſo ſorgfältig über die Knie, wie eine Mutter, welche das Bett ihres ſchlafenden Kindes auf allen Seiten recht verwahrt; dann, als er ſah, daß dieß ihn nicht geſtört hatte, begann er ganz ſachte, Ben die Piſtolen aus ſeinem Gürtel zu nehmen. Er fürchtete vielleicht, ſie möch⸗ ten während der Nacht plötzlich losgehen, was den Schläfer verwunden könnte. „Ein hübſches Pdar Beller,“ dachte er, ſie unter⸗ ſuchend,„Drücker leicht, Lauf gleich; ſie ſind ebenſo gut in meinen Händen als den ſeinigen.“ Es iſt eine ſonderbare Sache um den Schlaf; aber die Träume, welche ihn heimſuchen, ſind noch ſonderbarer. Wie oft haben die Philoſophen ihre Entſtehung zu erklären geſucht! Und doch haben ſie bei allen ihren Meditationen, ihren Theorien und Schlüſſen uns deren Natur nicht näher kennen ge⸗ lehrt, als wenn noch nie über dieſes Thema eine Linie geſchrieben worden wäre. Verſchloſſen allen äußern Gegenſtänden, ſcheinen die Sinne zu einem innern Leben zu erwachen, und das Gedächtniß, die⸗ ſer Hüter der Intelligenz, öffnet ſeine Magazine, wo tauſend ſchlecht geordnete Erinnerungen und Eindrücke S aufgehäuft ſind, und dieſe ſtürzen tumultuariſch vor⸗ wärts, als ob ſie beeilt wären, ihrem Kerker zu ent⸗ kommen. Welche lächerliche Combination von halb ver⸗ ſtümmelten Bildern bieten nicht die Träume, das Wahrſcheinliche vermiſcht mit dem Unmöglichen, das Vergangene mit dem Zukünftigen... dieſem Zu⸗ künftigen, dem Gegenſtand ſo vieler Meditationen. Oft entlehnen ſie ihr Colorit von der Scene, die an uns vorüber geht, obgleich jede Communication zwi⸗ ſchen dem Gehirn und der Außenwelt vermittelſt unſe⸗ rer Sinne aufgehört hat. Dieß begegnete unſerem Sträfling während ſei⸗ nes langen Schlafes, aus dem er erſt mit Tages⸗ anbruch erwachte. Er träumte, er habe ein Haus gemiethet und ſich da ganz comfortabel mit Bet, die ſich an ſeinen Hals hing, weinte und ihn mit Lieb⸗ koſungen überhäufte, eingerichtet. Seit Jahren hatte er ein ähnliches Glück nicht gekannt. Mitten unter dieſen Zärtlichkeiten zog ſie leiſe ein paar Handſchel— len über ſeine Fäuſte und im Augenblick, wo er der⸗ ſelben ihre Treuloſigkeit vorwarf, verwandelte ſich Bets Geſicht in das von Amen Corner, der ihn mit geſpenſtiſchem Lächeln betrachtete. Er machte eine Anſtrengung; ſelbſt im Schlafe fühlte er das Klopfen ſeines Herzens; er wußte, daß es nur ein Traum war, und doch konnte er ſich aus demſelben nicht emporraffen. Der zweite Act dieſer Phantasmagorie ging in dem kalten und traurigen Zellengefängniß vor; er erkannte an einem Zeichen an einer der Gitter⸗ ſtangen ſeines Fenſters die Zelle, die er einſt im 127 Schloſſe von Lancaſter bewohnt hatte; er blieb un⸗ beweglich zu horchen, ob er nicht den Schritt ſeines Kerkermeiſters nahen höre, aber der Kerkermeiſter kam nicht. Die Bruſt des Schläfers hob ſich und er ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Der Schlaf vergeht,“ ſagte Se. Ehrwürden Mr. Gray, der nicht einen Augenblick ſeine beiden blauen Augen geſchloſſen, ſondern ſie auf den intimen S ſeines lieben Sohnes Harry fixirt gehalten atte. Gleichwohl war Bens Traum noch nicht zu Ende. Der Elende befand ſich vor dem Tribunal des Rich⸗ ters, der ihn zur Tansportation verurtheilt hatte. Er erkannte ihn an ſeinen ruhigen und würdevol⸗ len Zügen, an ſeiner ſcharlachrothen Robe und wal⸗ lenden Perücke. Aber Eins erregte ſein Erſtaunen: er konnte in ſeinem Schlafe nicht begreifen, warum der Geiſtliche, ſein neuer Bekannter, an der Seite des Richters ſaß, eine kleine, ſchwarze, ſehr merk⸗ würdige Sammetmütze drehend und ihm Blicke von ganz beſonderem Ausdruck zuwerfend. Dieſe ſchwarze Mütze, er wußte, was ſie ſagen wollte. Seine Bruſt hob ſich von Neuem. Der Schläfer machte eine ge⸗ waltſame Anſtrengung, der Zauber des Alps war gebrochen und er erwachte. Ei wo wo ſind wir?“ vief er. „Etwa 20 Meilen von London,“ antwortete ſein Reiſegefährte. Ben gähnte und wollte die Arme ſtrecken, aber ſeine Fauſtgelenke weigerten ſich, aus einander zu gehen. Sein erſter Gedanke war, er habe ſie in dem 128 Ueberwurf verwickelt, aber als er ihn durch eine Bewegung ſeiner Kniee fallen ließ, ſah er mit Schrecken, daß ein Theil ſeines Traums in Er⸗ füllung gegangen war; er hatte die Handſchellen. Er blieb einige Augenblicke ſtumm vor Erſtau⸗ nen und Wuth, Blicke wie ein eingeſperrter Wolf auf ſeinen ehrwürdigen Freund werfend. Dann wollte er nach einer ſeiner Piſtolen greifen. Sie waren verſchwuaden. Mr. Gray legte ihm ſanft die Hand auf die Schulter, indem er mit ſehr wenig klerikaliſchem Aus⸗ ſehen blinzelte. „Im Namen von zehntauſend hölliſchen Teufeln,“ rief der Räuber,„was bedeutet das Alles? Sie haben doch nicht das Verlangen, mich zu be⸗ ſtehlen“ „Gewiß nicht,“ lautete die ſanftmüthige Ant⸗ wort;„wie können Sie eine ſolche Abſicht bei mir argwohnen, bei mir, dem Vater Ihres theuren Freun⸗ des Harry Gray, den Sie ſo zärtlich pflegten, als er vom hitzigen Fieber ergriffen war? Sie beſtehlen! Das liegt ganz außerhalb meines Standes. Mein Beruf iſt, die Diebe zu fangen, nicht ſelbſt den Dieb zu machen.“ „Sie ſind alſo kein Pfarrer?“ „So wenig als Sie Ben Sneder.“ „Wie iſt Ihr Name?“ „Gray, Policei⸗Officiant; und der Ihrige iſt Bill Spuggins.“ Der Sträfling wäre in Verlegenheit geweſen, anzugeben, was ihn am meiſten erbitterte, daß er ſich von Neuem gefangen ſah, oder daß er ſich ſo 129 geſchickt hatte überliſten laſſen. Er beobachtete eine Zeit lang ein zorniges Stillſchweigen und betrachtete den Policei⸗Agenten unter ſeinen dichten Augbrau⸗ nen hervor. Wären ſeine Piſtolen ihm zur Hand 5 geweſen, er hätte ihn auf der Stelle getödtet, ob⸗ gleich er gewiß war, nachher gehängt zu werden; ſo bitter war ſeine Täuſchung und Wuth. „Sie halten ſich für einen feinen Schlaukopf,“ ſagte er endlich,„aber ich höiße nicht Spuggins.“ Mr. Gray war zu höflich, um zu widerſprechen, er begnügte ſich zu lächeln. „Und wenn ich auch ſo hieße,“ ſetzte der Frev⸗ ler hinzu,„was hat dieſer Bill Spuggins gethan?“ „Es iſt ein Sträfling, der durchgebrochen hat.“ „Es ſei! der Fall iſt nicht zum Hängen.“ „Der Fall, nein, gewiß.“ Der Ton, womit das der Fall ausgeſprochen wurde, traf die Ohren des Gefangenen ſehr unan⸗ genehm. „Ich ſage Ihnen, Sie nehmen mich für einen Andern. Ich bin ein ſehr achtbares Individuum und werde Sie Ihr Benehmen theuer bezahlen laſ⸗ ſen, wenn man ein wenig Gerechtigkeit für ſein Geld haben kann. Was ſprechen Sie mir von Spuggins? Ich habe dieſen Namen nie gehört. Ich bin Ben Sneder, wie ſich erweiſen wird, elender Betrüger, der Sie ſind! Sie, ein Pfarrer! Wir werden uns vielleicht eines Tags wieder treffen und ich werde dieſe Handſchellen nicht haben.“ Der Diebsfänger war offenbar einer von jenen Leuten, welche ſich aus ihrem Beruf ein Vergnügen machen; er würde ſich nie ſo hoch in ſeinem Stand Das Erbe. Iv. 9 130 emporgeſchwungen haben, wenn er ſeinen Pflichten nicht con amore nachgekommen wäre. Die Natur hatte ihm alle nothwendigen Eigenſchaften ver⸗ liehen; er war kalt, entſchloſſen, ausdauernd und vollkommen bekannt mit der Welt, mit welcher er zu thun hatte. Kachdem er ſein Portefeuille geöffnet, zog er ein Fac⸗Simile des im Beſitz der untröſtlichen Bet be⸗ findlichen Portraits heraus, hielt es an das kalte und gräuliche Morgenlicht und begann es mit dem OHriginal zu vergleichen. „Anfangs,“ ſprach er,„ehe Sie raſirt waren, hatte ich Zweifel. Backen⸗ und Schnurrbart ver⸗ ſchönern gewiſſe Leute ſehr. Aber über Ihre Naſe, Bill, und dieſe merkwürdigen Augenbraunen kann man ſich nicht täuſchen.“ „Sie beharren alſo auf Ihrer Behauptung, daß ich dieſer Mann ſei?“ Mr. Gray antwortete höflich, er bedaure, daß dieß ſeine Ueberzeugung wäre, und ſetzte hinzu, wenn er ſich täuſche, würde er entzückt ſein, ihn auf Surplis⸗Villa zu empfangen, und den Freund ſeines lieben Sohnes Harry Mrs. Gray und ihren Töchtern vorzuſtellen. Bill knirſchte mit den Zähnen; der Spott war bitterer als die Verhaftung. Auf einmal bückte er den Kopf, um dem Agenten einen Schlag in's Ge⸗ ſicht zu verſetzen; dieſer aber wich geſchickt aus und gab ihm einen derben Schlag mit dem Piſtolenſchaft auf den Schädel. „Ihr werdet das wohl nicht mehr verſuchen,“ ſprach er kalt;„es würde Euch zu nichts helfen.“ Von dieſem Augenblick an entſagte der Gefan⸗ gene jedem Gedanken an Widerſtand, und Thränen (Odie erſten, die er ſeit Jahren vergoſſen hatte) tra⸗ ten in ſeine blutunterlaufenen Augen; nachdem er von Bet verrathen worden war(denn er zweifelte nicht, daß ſie ihn verrathen hatte), ehe er die Süßig⸗ keiten des Vermögens gekoſtet, ehe er ſich den Orgien überlaſſen, ſich in Laſter und Ausſchweifung geſtürzt hatte! Es kam ihm vor, als wäre ſeine Verhaftung nach dieſem ihm gleichgültiger ge⸗ weſen. „Nun,“ ſprach er nach einer Pauſe,„ich bin Bill Spuggins.“ „Ohne Zweifel.“ „Und habe für mehr als zweitauſend Pfund Sterling Goldſtaub in meiner Kiſte ein Reichthum, der mir gehört und den ich ehrlich er⸗ worben habe.“ Mr. Gray huſtete in bedenklicher Weiſe; er war zu höflich, um dem directer zu widerſprechen. „Und ich werde dieſes Gold mit Ihnen theilen,“ ſetzte der Räuber mit geſenkter Stimme hinzu,„wenn Sie mir dieſe hölliſchen Handſchellen abnehmen und mir die Freiheit ſchenken wollen.“ Der Policei⸗Officiant ſchüttelte den Kopf. „„Wie viel muß es denn ſein?“ fragte Bill im Tone der Verzweiflung. „Das Ganze würde mich nicht verführen, ob⸗ gleich das Anerbieten generös iſt, ich erkenne es an. Aber abgeſehen von dem Vergnügen, welches mir die Erfüllung meiner Pflicht gewährt, bietet man mir eine viel beträchtlichere Summe für Eure Gefangen⸗ nahme.“ „Wer?“ rief der Gefangene mit erſtaunter Miene. „Derſelbe Gentleman, der Euch deportiren ließ, Mr. Barnard, der Stellvertreter von Sir Walter Herbert.“ „Dieſe Papiere,“ dachte Bill,„dieſe verfluchten Papiere!“ Hier ſtockte die Unterhaltung und eine halbe Stunde herrſchte Stillſchweigen. Nach dieſer Zeit ließ ſich das Pfeifen der Maſchine hören. Man ge⸗ langte nach dem Ausweichepunkt, dann hielt der Zug und Mr. Wield erſchien am Schlage des Cou⸗ pés, in Begleitung von Zweien ſeiner Agenten. „Erlauben Sie mir, Sie Mrs. Gray und ihren vorzuſtellen,“ ſprach ſein Reiſegefährte zu ill. Die Agenten lächelten heimlich, indem ſie dem Gefangenen ausſteigen halfen. Dreiundſechzigſtes Kapitel. Der Sträfling verlor, als er ſich zwiſchen zwei Policei⸗Agenten nach London bringen ſah, ſeinen Muth und ſeine Wildheit und wurde ſanft und unterwürfig wie ein Kind. 133 „Bin ich nur des Bannbruchs angeklagt,“ dachte er,„ſo hat das wenig zu ſagen, man wird mich deßhalb nicht hängen.“ Dann aber erinnerte er ſich des ſeltſamen Tons, womit Mr. Gray auf eine ähnliche Bemerkung ge⸗ antwortet hatte, und begann nun Wield, den er auf den erſten Blick erkannt hatte, zu fragen, weſſen er angeklagt wäre; aber dieſer hatte viel zu viel Fein⸗ heit und Erfahrung, um eine Antwort zu geben. Er kannte die heilſame Wirkung, welche Zweifel und Schrecken auf die verhärtetſten Geiſter her⸗ vorbrachten; denn er war erſt an der Hälfte ſei⸗ ner Aufgabe; er mußte die famoſen Papiere haben. „Ich glaubte, Sie könnten mir wohl antworten, Mr. Wield,“ ſagte er.„Es iſt ſehr hart, nachdem man wie ein Neger in den Minen gearbeitet und ehrlich ein Vermögen erworben hat, verhaftet zu werden, ſobald man einen Fuß an's Land ſetzt. Man wird mir wenigſtens mein Eigenthum nicht nehmen.“ „Bannbrüchige wie Ihr haben nichts Eige⸗ nes; ihr Gut fällt an die Krone„ erwiderte Gray, welcher ſich der viereckigen Kiſte angenommen hatte. „Wie kann ich mich vertheidigen?“ fragte der Sträfling. „Man wird Euch einen Advocaten anweiſen, wie es immer in wichtigen Fällen geſchieht; aber vielleicht richtet man Euch nicht hier.“ „Wo denn? zu Sydney?“ „Oder zu Melbourne.“ „Still!“ fiel Wield ein,„keine Communication mit dem Gefangenen.“ Das Wort Melbourne hatte Bill ſchrecklich er⸗ ſchüttert; er gedachte an Amen Corner, die Scene in der Höhle, das Gift und den Tod Cuſacks. Es war ungefähr acht Uhr, als ſie auf dem) Policei⸗Bureau ankamen, wo Bill Spuggins allein in eine Zelle eingeſchloſſen wurde. Da es noch drei Stunden bis zur Ankunft der 1 Magiſtratsperſonen dauerte, ſo eilte Wield nach dem Tempel, um Mr. Elton von dem Stand der Dinge zu benachrichtigen. Der Rechtsmann ver⸗ nahm mit äußerſter Genugthuung die Arreſtation des Räubers. „Iſt nicht zu befürchten, daß er entwiſcht?“ fragte er. Der Policei⸗Officiant begnügte ſich, ſtatt aller Ant⸗ wort zu lächeln. „Obwohl es nicht zweifelhaft iſt, daß der Frev⸗ ler wenigſtens einen Mord in Auſtralien begangen hat,“ bemerkte Mr. Elton,„ſo können wir ihn doch, da wir keinen legalen Beweis gegen ihn ha⸗ ben, nur als bannbrüchigen Sträfling verurthei⸗ len laſſen.“ „Daran dachte ich auch,“ erwiderte Mr Wield. „Es kommt darauf an, offen zu ſein, Mr. Elton. Was wollen Sie? die Papiere oder die Verurthei⸗ lung Spuggins?“ „Die Papiere.“ „Das Uebrige iſt Ihnen gleichgültig?“ 1 „Gan und gar.“ „Sie ſollen ſie vor Mittag haben!“ rief 2 135 der Spitzbubenfänger,„das heißt, wenn dieſelben wirklich im Beſitz des Verbrechers ſind... Guten Tag!“ Bei der Rückkehr begab ſich Wield ſogleich in die Zelle, welche ſein Gefangener unruhig maß. Beim Anblick des Policei⸗Officianten hielt er plötz⸗ lich ſtill und fragte, ob man die Abſicht habe, ihn Hungers ſterben zu laſſen. „Gewiß nicht.“ Und Wield befahl einem der Angeſtellten im Hauſe, Brod und Thee zu bringen. „Thee!“ brüllte der Sträfling,„wer verlangt Thee? Ich habe ihn niemals riechen können. Gebt mir Gin: das hält die Kräfte aufrecht.“ „Das iſt gegen die Ordnung.“ „Zum Teufel mit Ihrem Thee; ich will keinen.“ „Wie es Euch beliebt!“ Sie betrachteten ſich einige Minuten ſtillſchwei⸗ gend, der Gefangene blaß, aufgeregt, von Ungeduld verzehrt, von Zweifel, welcher an dem Herzen nagt, und das Gehirn mit gräßlichen Bildern er⸗ füllt, gequält; der Policei⸗Officiant kalt, geſammelt, geduldig wie die Spinne in ihrem Netze. Große Tropfen kalten, dicken Schweißes traten allmälig auf die Stirne des Gefangenen. Die Ungewißheit wurde ihm unerträglich, er faltete ſeine ge⸗ feſſelten Hände und ſtreckte ſie mit flehender Miene aus. „Weſſen bin ich angeklagt?“ fragte er. „Zweier Dinge; des Bannbruchs vorerſt...4 „Ich weiß das.“ „Hernach des Mordes, begangen in der Gegend 136 von Melbourne än der Perſon von Amen Corner, entwichenem Sträfling wie Ihr.“ „Sie können es nicht beweiſen.“ „Nein, ich nicht, aber meine Zeugen.“ „Ihre Zeugen!“ „Ja, Sir Walter Herbert, ſonſt Dick Tarleton genannt, der ſeinen alten Verfolger blind und ſter⸗ bend in der Höhle entdeckte, wo Ihr ihn verließet, nachdem Ihr ihm gewiſſe, auf die Geburt des oben⸗ genannten Gentlemans bezügliche Papiere geraubt hattet. Euer Opfer hat noch lang genug gelebt, um vor einem Beamten ſeine Ausſage niederzu⸗ legen.“ „Amen Corner wollte mich ermorden,“ ſtammelte Bill;„ich habe ihn im Fall geſetzlicher Vertheidigung erſchlagen.“ „Das ſteht zu beweiſen.“ „Sie haben keine Zeugen.“ „Glaubt Ihr, der James Watt ſei das einzige Schiff geweſen, das ſeit Eurem Verbrechen Auſtra⸗ lien verließ? oder wenn die Zeugniſſe gegen Euch noch unvollſtändig ſind, wir können Euch nicht für den Hauptankläger zurückbehalten?.. Ich weiß, daß Amen Corner keine Theilnahme verdiente und wir könnten vielleicht die Anklage auf Mord ſtill⸗ ſchweigend fallen laſſen, wenn Ihr die Papiere aus⸗ liefertet.“ „Aber wenn ich Sie vernichtet hatte?“ „In dieſem Fall,“ erwiderte Wield, ſich gegen die Thüre wendend, als ob er gehen wollte,„iſt Euer Urtheil geſprochen, denn Ihr hättet einem Gentleman, der Euch an den Galgen bringen kann, . 137 unerſetzliches Unrecht angethan. Ich habe Euch nichts mehr zu ſagen.“ „Halten Sie preſſiren Sie doch nicht ſo ſehr!... Können Sie nicht ruhig von der Sache ſprechen?“ Wield ſtrengte ſich an, ein Lächeln zu unter⸗ drücken. „Vielleicht könnte ich ſie finden,“ murnelte ill. „Das muß vor Erſcheinen der Magiſtratsperſon, das heißt vor dreiviertel Stunden geſchehen,“ er⸗ widerte der Policei⸗Officiant, auf ſeine Uhr ſehend. Der Verbrecher zögerte noch. „Laſſen Sie einmal ſehen, Mr. Wield,“ ſagte er; „das iſt nicht das erſte Mal, daß wir uns be⸗ gegnen.“ „Aber ſehr wahrſcheinlich das letzte Mal.“ „Wollen Sie offen mit mir handeln?“ „Ihr kennt mich?“ „Ich denke, ja.“ „Dann wißt Ihr, daß ich nie mein Wort ge⸗ brochen habe. Gebt mir dieſe Papiere zurück und ich klage Euch nur auf Bannbruch an. Ihr habt fünf Minuten, Euch zu entſchließen. Ihr kommt da⸗ für mit der Rückkehr nach Auſtralien durch— ein charmantes Land. Ein Schelm wie Ihr wird auch ein zweites Mal entwiſchen können. Ihr ſeht, daß ich offen bin!“ „Sataniſcher Spaßmacher! Nun, weil es ſein muß Haben Sie ein Meſſer?“ Mr. Wield hatte ein Meſſer, welches einen Au⸗ genblick nachher das Futter von Bills Taſche auf⸗ trennte. Aus dieſem Verſteck kamen die Papiere zerknittert, aber vollſtändig hervor. „Ein verlorenes Vermögen,“ murmelte der Räu⸗ ber voll Aergers. „Fünfhundert Pfund Rente wenigſtens,“ er⸗ widerte kalt der Spitzbubenfänger.„Roderich Ha⸗ ſtings hätte keinen Heller weniger geboten.. aber Euer Leben iſt gerettet, und das iſt auch Etwas.“ Die Zelle verlaſſend, ſagte Wield zu ſeinem Collegen Gray: „Alles geht gut. Die Affaire iſt gewinnreich. Sagen Sie nichts von dem Mord. Wir haben keine Beweiſe. Außerdem wird der Verbrecher ſeinem Schickſal nicht entgehen: ein wenig früher oder ſpä⸗ ter wird er gehängt. Jeder Zug ſeines Geſich⸗ tes deutet auf⸗den Galgen, der ihm vorbehalten bleibt.“ Mit dem erſten Mittagsſchlage trat Mr. Wield bei dem Rechsgelehrten ein. „Auf die Minute,“ rief dieſer freudig. „Nicht ohne Mühe,“ ſprach der Policei⸗Offi⸗ ciant, ihm das Paket einhändigend.„Ich habe verſprechen müſſen, auf die peinliche Anklage zu verzichten.“ Im Uebermaß ſeines Vergnügens drückte Mr. Elton ſeinem Gegenredner lebhaft die Hand und Beide begaben ſich zu Mr. Barnard in der City. Unſere Leſer können ſich leicht die Freude des würdigen Mannes denken, als er die Beweiſe für die Geburt ſeines Schützlings erhielt. 139 „Wenn der liebe junge Mann zurückkäme,“ rief er,„würde ich die Vorſehung um keine weitere Gunſt bitten.“ „Seine Gegenwart iſt wirklich ſehr wichtig,“ ſagte der Rechtsgelehrte.„Ohne ihn können wir die Austreibung des gegenwärtigen Beſitzers von Crowshall nicht bewerkſtelligen. Iſt es lange her, daß Sie Briefe erhalten haben?“ „Es ſind zwei Poſtſchiffe von Auſtralien an⸗ gekommen, ohne mir Nachrichten von ihm zu bringen.“ „Ich rathe, die Entdeckung dieſer Papiere bis zur Rückkehr von Sir Walter Herbert geheim zu halten. Wir haben mit einem verſchlagenen Feinde zu thun, der vor Nichts zurückſcheuen wird, wenn er weiß, daß ſein Vermögen in Gefahr iſt.“ „Wie! denken Sie, daß er ihn ermorden würde?“ „Denken Sie an das Schickſal des letzten Ge⸗ bieters von Crowshall!“ „Ich ſetze voraus, meine Herrn,“ fiel der Poli⸗ cei⸗Officiant ein,„Sie ſprechen von meinem alten Bekannten Roderich Haſtings.“ O ℳ „Ja. „Dann machen Sie ſich deßhalb keine weitere Unruhe. Ich fordere ihn heraus, einen Finger zu rühren, ohne daß ich davon weiß. Glauben Sie meiner Erfahrung, ſeine Laufbahn neigt ſich zu ihrem Ende. Seit Jahren habe ich ein Auge auf ihn. Er hat eine lange Reihe von Erfolgen gehabt, aber alle ſeine Liſt wird ihn nichts helfen.“ „Er müßte in der That ſehr gewandt ſein, um Sie zu täuſchen,“ ſagte Mr. Elton lächelnd.„Sie haben die Affaire mit dieſen Papieren bewunderns⸗ werth durchgeführt.“ Wield verneigte ſich mit der Miene eines Man⸗ nes, welcher fühlt, daß er das Lob verdient hat. Die Genugthuung des Bankiers drückte ſich auf eine greifbare Art aus: er händigte dem Officianten eine Anweiſung auf eine ſo ſtarke Summe ein, daß Wield davon ganz betäubt war. „Mein theurer Sir,“ ſtammelte er,„Sie ſind zu freigebig, zu generös. „Durchaus nicht. Sie haben dieſe Belohnung wohl verdient. Wachen Sie über die Sicherheit meines Schützlings mit ebenſo viel Eifer, als Sie in dieſer Sache bewieſen haben, und eine gleiche Summe wird Ihnen zu Theil werden,“ ſagte der Bankier. Mr. Wield ſteckte die Anweiſung mit einer Miene äußerſter Zufriedenheit in ſeine Taſche. „Laſſen Sie nur Sir Walter in England aus⸗ ſteigen,“ bemerkte er,„und ich werde über ihn mit der größten Beſorgniß wachen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, nicht ohne beim Gang in die Bureaux ſorgſam nach der An⸗ weiſung zu fühlen. Als er in Bow⸗Street ankam, war Bill Spug⸗ gins Sache ſchon abgemacht. Der Richter hatte Be⸗ ſehl ertheilt, ihn zu Newgate einzuſperren, bis man ihm wegen Bannbruchs den Proceß mache. Von dem Mord an Amen Corner war nicht ein Wort geſagt worden. An demſelben Abend hatte Mr. Wield eine 141 Berathung mit ſeinen Untergebenen, und⸗ am näch⸗ ſten Morgen zu guter Stunde reiste Se. Ehr⸗ würden, Mr. Gray wieder nach Liver⸗ pool ab. Man wird leicht Mrs. Herberts Glück begreifen, als ſie die Entdeckung der Beweiſe ihrer Heirath erfuhr. Die arme Marion theilte ihre Freude und bemühte ſich zu lächeln; aber ſie brach in Thränen aus. Sie dachte an den Abweſenden. Sie hätte größere Freude daran gehabt, ihn in Sicherheit, denn als Erben der reichſten Grafſchaft Englands zu wiſſen. So flehte ſie vor Schlafengehen inbrünſtig um den Schutz Gottes, daß er Dick in allen Gefahren, die ihn zu Waſſer und Land bedrohten, behüten möge. Inzwiſchen verfolgte das Schiff, an deſſen Bord ſich unſer Held und ſeine Gefährten befanden, rüſtig ſeinen Kurs. Nie war nach des Capitäns Ausſage eine Ueberfahrt ſo glücklich geweſen. Bielleicht wurde die Briſe, welche die weißen Segel blähte, durch den ſanften Hauch des Engels der Barmherzigkeit ge⸗ mäßigt worden, den Gott geſchickt hatte, über das Fahrzeug zu wachen. Wer wagte zu behaupten, daß das Gebet eines reinen Herzens nicht erhört werde! Vierundſechzigſtes Kapitel. Wr. Dan Utting, Unternehmer von Leichen- beſtattungen und andern unſaubern Ifſairen. Bill Spuggins fand in Newgate bald ſeine ganze alte Sorgloſigkeit wieder. Seine Träume von Beſſerung und Achtbarkeit waren verſchwunden. Am meiſten erbitterte ihn, was man ihm von ſeiner Frau ſagte. Einer ſeiner Mitgefangenen, der Bet kannte, theilte ihm mit, ſie halte eine Art Gaſthaus und mache gute Geſchäfte. „Gute Geſchäfte!“ wiederholte der Räuber, mit den Zähnen knirſchend,„ja, Fluch über ſie! Ich weiß, woher es kommt, daß ſie gute Geſchäfte macht, ſie hat mich an dieſen Teufel von Wield verkauft.“ „Ei! denkſt Du, daß eine hübſche Frau wie Bet ſo viele Jahre lang Wittwe bleiben ſoll?“ erwiderte der Andere, welcher ein Vergnügen daran fand, ihn zur Wuth zu treiben. „Du willſt mir ſagen, ſie habe einen andern Mann genommen?“ rief Bill, ſeine Worte mit einem ſchrecklichen Fluch begleitend. Dieſe Frage wurde mit einem ſo drohenden und wilden Ton gemacht, daß jener zögerte, ſeine unedle Lüge zu wiederholen. Er begnügte ſich, lächelnd mit dem Auge zu blinzeln. Der Sträfling entfernte ſich, blaß vor Eifer⸗ ſucht und Wuth. Die Erinnerung an das Por⸗ trait vergiftete noch ſeinen Geiſt und er, ſchwor, 143 Bet ihre muthmaßliche Treuloſigkeit bezahlen zu laſſen, wenn er jemals ſeine Freiheit wieder er⸗ lange. Müſſen wir unſern Leſern bemerken, daß Wield erſchlichener Weiſe eine Copie von jenem Portrait erlangt hatte? Die unglückliche Frau war ungeachtet eines Lebens der Ausſchweifung und des Laſters ihrem Mann treu geblieben, welchen ſie liebte, wie die Wölfin ihr Männchen, und wäre eher geſtorben, als daß ſie ihm das geringſte Unrecht angethan hätte. Bill Spuggins galt bald für einen Helden in den Augen der andern Gefangenen, unter welche er ſich in den Stunden des Spaziergangs im Gefäng⸗ nißhof miſchte. Er erzählte ihnen von ſeinem Er⸗ folg in den Minen, und weit entfernt von einer ſcheinbaren Furcht vor der Vorſtellung einer Rück⸗ kehr nach Auſtralien, ſtellte er ſich, als wäre er da⸗ mit ſehr zufrieden und prahlte mit dem, was er ge⸗ than hatte und noch thun würde. Und dieß Alles hatte einen doppelten Zweck. Für's Erſte machte ſich Bill damit populär unter ſeinen Genoſſen, und dann täuſchte er die Stockknechte ſo gut, daß, hätte man ſie deßhalb gefragt, jeder von ihnen geſchworen haben würde, er ſei von allen Gefangenen derjenige, welcher am wenigſten an Aus⸗ reißen denke. Inzwiſchen dachte er daran, und zwar Tag und Nacht. Nach langem Nachdenken gelangte er zu dem Schluß, daß unter einer Beziehung Newgate ſehr viel Aehnlichkeit mit der übrigen Welt habe, das heißt, daß man Nichts ohne Geld ausrichten könne. Die Frage war, wie ſich daſſelbe verſchaffen? Er be⸗ dauerte bitter den Verluſt ſeines viereckigen Kiſtchens und fragte ſich oft, warum, da er niemals die Krone beſtohlen habe, die Krone ihm ſein goldenes Huhn habe confisciren können. Wie dem aber auch war, er brauchte Geld; Geld war die Hauptfeder ſeines Unternehmens und er ſah Niemand, als Roderich Haſtings, der es ihm ge⸗ währen konnte. Allerdings hatte er jene koſtbaren Papiere nicht mehr, aber er vermuthete, dieſer wür⸗ dige Gentleman werde ſchon die Ausſicht zu deren Erlangung bezahlen. Nichts hinderte wenigſtens an einem Verſuch. Es war ſeine letzte Hoffnung, der Strohhalm, an den er ſich anklammerte. Mit Hülfe eines jener chicanirenden Advocaten, welche ſelbſt in den Ringmauern von Newgate Clien⸗ ten ſuchen, gelang es ihm, ſich mit dem Beſitzer von Crowshall in Communication zu ſetzen. Er beauf⸗ tragte den Advocaten, an ihn zu ſchreiben, angeblich, um denſelben zu bitten, ihm bei ſeiner Vertheidigung behülflich zu ſein, in der That aber, ihn wiſſen zu laſſen, ein Mann, der Amen Corner und Mr. Cu⸗ ſack gekannt habe, wünſche ihn zu ſprechen. Er rech⸗ nete darauf, dieſe Namen würden ihn beſtimmen, zu kommen, und er täuſchte ſich nicht; denn am andern Morgen begab ſich Roderich nach Newgate und er⸗ kundigte ſich, ob nicht ein Gefangener, Namens Bill Spuggins hier wäre? Bill, der ſeinen gewohnten Spaziergang im Ge⸗ fängnißhof machte, lächelte, als er ihn in Geſellſchaft des Schließers herankommen ſah⸗ 145 „Hier iſt der Mann, den Sie fuchen,“ ſagte die⸗ ſer, auf den Gefangenen zeigend. „Großer Gott!“ rief der Beſucher,„wie er verändert iſt! Ich glaube, ich hätte ihn nicht mehr erkannt!“ „Er iſt nicht dumm,“ dachte der Sträfling, „er gibt vor, mich zu kennen... Sie ſind ſehr gütig, Sir,“ ſetzte er dann mit lauter Stimme hinzu, indem er mit der Hand, zum Zeichen des Reſpects, an die Stirnlocke ſeiner rebelliſchen Haare fuhr,„aber Sie haben immer ein gutes Herz gehabt; Sie haben nie einen alten Diener ver⸗ geſſen.“ „Es thut mir leid, Euch in dieſer Lage zu ſehen,“ antwortete Roderich ſchlau; dann, als der Schlie⸗ ßer ſich entfernt hatte,„laßt ſehen, Mann, was bedeutet der Brief, den Ihr mir geſchickt habt?“ Bill lehnte ſich an die Mauer und betrachtete ihn einige Augenblicke ſtillſchweigend. Es war ſeine letzte Ausſicht und er wolite nicht übereilt handeln. Seine Bekanntſchaft mit ſeiner Chrwürden Mr. Gray hatte ihn Vorſicht gelehrt. „Habt Ihr mich verſtanden?“ „Ei, ich glaube wohl,“ erwiderte der Räuber, indem er ſeine kurze Pfeife aus dem Munde nahm und ſich des Zeigefingers als Stopfers bediente.„Ihr Name iſt Haſtings.“ „Allerdings!“ „Roderich Haſtings!“ „Roderich Haſtings,“ wiederholte der Gentle⸗ man ungeduldig.„Habt Ihr mir etwas zu ſa⸗ Das Erbe. IV. 10 146 gen, ſo beeilt Euch; ich habe keine Zeit zu ver⸗ lieren.“ „O, wenn Sie ſo preſſirt ſind,“ entgegnete kalt der Sträfling,„guten Morgen! Ich will Sie nicht aufhalten. Wenn Sir Walter Herbert kommt, wird er ein wenig geduldiger ſein.“ „Wer?“ „Sir Walter Herbert.... Sie kennen dieſen Namen. Vielleicht wäre es Ihnen lieber, wenn ich ihm den Namen Dick Tarleton gäbe.“ Bei dieſen Worten, welche ſeine Beſorgniſſe be⸗ ſtätigten, erröthete Roderich und erbleichte beinahe unmittelbar darauf. Bill, der ihn aufmerkſam be⸗ obachtet hatte, wußte jetzt, was er wiſſen wollte. Sein Gegenredner war der Mann, den er ſuchte. „Es exiſtirt kein Sir Walter Herbert,“ antwor⸗ tete Roderich;„dieſer Titel iſt erloſchen.“ „Erloſchen oder nicht,“ ſagte Bill,„ich weiß, daß er eriſtirt und kann es beweiſen. Aber vielleicht haben Sie zu ſehr Eile.“ Dieſer verſicherte, daß er warten könne. „In dieſem Fall will ich Ihnen immerhin die Präliminarien erzählen.“ Und Bill begann ihm Alles auseinander zu ſetzen, was der Leſer bereits weiß, indem er das bei Seite ließ, was die Klugheit ihm zu verſchwei⸗ gen gebot. „Und dieſe Papiere,“ ſagte Roderich,„ſind ohne Zweifel in Eurem Beſitz?“ „Verſteht ſich!“ „Wie verkauft Ihr ſie?“ N 147 „Was hilft Geld, wenn man es nicht verwenden kann? Was ich brauche, iſt meine Freiheit.“ „Mein braver Mann, ich werde Euch den beſten Advocaten beſorgen, wenn es an Euren Proceß kommt.“ „Einen Advocaten!“ wiederholte Bill im Tone der Verachtung; zmachen Sie, daß ich von hier weg komme und die Papiere ſind Ihnen.“ „Unmöglich.“ „Dann ſollen Sie dieſelben auch nicht haben. Der Mann, welcher zu einem Mann in der Noth unmöglich ſagt, taugt nicht für mich. Es ſcheint mir auch, Alles recht überlegt, ich werde beſſer daran thun, mich an Dick zu wenden; er wird ein Mittel finden, mich zu befreien.“ Vergeblich bot ihm Roderich beträchtliche Sum⸗ men für die Papiere; Bill, der ſie nicht mehr geben konnte, blieb unerſchütterlich. Als Roderich endlich ſah, daß Verſprechungen und Bitten gleich nutzlos waren, verpflichtete er ſich, in einem Anfall von Verzweiflung, ihn aus dem Kerker zu reißen, es koſte, was es wolle. „Das heißt vernünftig geſprochen und ich er⸗ kenne jetzt den kühnen Mann, von dem Amen Cor⸗ ner mich unterhielt. Es iſt nicht viel Zeit zu ver⸗ lieren.“ Zum erſten Mal in ſeinem Leben fühlte ſich der Beſitzer von Crowshall in Verlegenheit. Jeder Verſuch, die Gefängnißwärter zu beſtechen, ſchien ihm ebenſo unnütz, als gefährlich. Er dachte am Ende daran, Bill ſelbſt um Rath zu fragen. „Es muß ein feiner Schlaukopf ſein, der mich 148 hier heraus bringt,“ antwortete der reſpectable Mr. Spuggins.„Einmal draußen werde ich ſelbſt für mich zu ſorgen wiſſen Laß ſehen! ein ſo reicher Kauz wie Sie braucht nicht auf's Geld zu ſehen.“ Roderich gab zu, daß er in dieſem Fall generös zu handeln geneigt ſei.„Nun gut,“ ſagte der Sträf⸗ ling,„dann iſt es für mich gewonnen. Kennen Sie Grays⸗in⸗lane?“ Sein Beſucher nickte. „In dieſer Straße wohnt ein Mann, Namens utting, Dan Utting vergeſſen Sie dieſen Namen nicht,“ fuhr Bill fort.„Es iſt ein Unter⸗ nehmer von Leichenbeſtattungen, aber er macht andere Dinge als Särge. Suchen Sie ihn auf und fragen Sie ihn keck, wie viel er begehrt, um mich von hier fortzubringen. „Hat dieß ſonſt keine Gefahr?“ Bill blinzelte mit den Augen, verſicherte, wenn Dan ſich mit der Sache befaſſe, ſo werde derſelbe ſie ausführen, und wäre er erſt frei, ſo wolle er ihm die Papiere für hundert Pfund Sterling geben, und bekräftigte das Verſprechen mit den furchtbarſten Schwüren, wiewohl es nicht mehr in ſeiner Macht ſtand, es zu erfüllen. Roderich, überzeugt, daß dieß das einzige Mittel zu Erlangung der Papiere war, entfernte ſich, ſein Verſprechen dem Gefangenen erneuernd und ihm fünf Pfund als Abſchlagszahlung hinterlaſſend. Mit Einbruch der Nacht begab ſich Roderich in Dans Laden, den er ſich genau zu beſehen alle Zeit hatte, ehe der Herr deſſelben erſchien. 149 In den vier Ecken waren Bretter von verſchie⸗ dener Länge aufgeſchichtet, alle zu Särgen geſchnit⸗ ten alle Arten von Schreiner-Handwerkszeug lagen zerſtreut auf dem ſtaubbedeckten Ladentiſch. Mitten im Gemach befand ſich auf zwei Böcken ein unvollen⸗ deter Sarg, mit weißem Flanell gefüttert. Beim Schein eines vereinzelten Lichtes, welches der Lehr⸗ ling angezündet hatte, ehe er ſeinen Principal in der benachbarten Kapelle(oder beſſer zu ſagen be⸗ nachbarten Schenke) holte, überzeugte ſich der Be⸗ ſucher, daß dieſe ganze Ausſtellung nur zum Schein diente, und ſchloß, daß der Herr des Hauſes von anderen Dingen als von Särgen lebe. Auf einmal ſchlug eine durchdringende Stimme an ſein Ohr. Der Unternehmer war unbemerkt zurückgekehrt. Es war ein kleiner Mann, gewiß nicht unter ſechzig Jahren alt, in ſchwarzem, roſt⸗ fleckigem Coſtume und Stülpſtiefeln mit Schäften, die für ſeine ſchwachen Beine viel zu weit waren. Eine weiße Halsbinde trug dazu bei, ihm ein halb geiſtliches Anſehen zu geben. „Sind Sie der Herr dieſes Gtabliſſements?“ fragte Roderich. „Seit vierzig Jahren, Sir; aber jetzt, da ich alt werde, beſchäftige ich mich nicht viel mehr mit die⸗ ſen Dingen.“ „Mit welchen Dingen?“ fragte ſein Beſucher halblaut. „Sehen Sie nicht, daß ich Särgefabrikant bin?“ „Wenn man mir recht geſagt hat, iſt das nicht Ihre einzige Profeſſion.“ „O nein,“ antwortete Dan entſchloſſen, denn er ſah wohl, welche Art von Praris ſich ihm darbot. „Ich befaſſe mich damit, Renten einzuziehen, ich laſſe Häuſer repariren, und zuweilen werde ich eine Art von confidentiellem Agenten. Wenn Sie mir etwas Beſonderes zu ſagen haben, ſo folgen Sie mir ge⸗ fällig in das kleine Zimmer hinten in meinem Laden.“ Er nahm das Licht und ſchritt Roderich in ein mit großem Luxus meublirtes Gemach voran. „Man hat mir geſagt, nahm der letztere wieder das Wort,„Sie haben eine große Erfahrung in den Dingen dieſer Welt. Ich ſpreche nicht von den ge⸗ wöhnlichen Angelegenheiten, zum Beiſpiel ſolchen, wobei man mit Advocaten, Intendanten, Agenten ſich beräth, ſondern von jenen delicaten und kriti⸗ ſchen Affairen, wo man einer Einſicht und einer ebenſo kühnen als gewandten Hand bedarf.“ „Man hat Sie nicht getäuſcht. Ich habe ſelt⸗ ſame Geheimniſſe zu meiner Zeit gehört. Man wird dergleichen mehr mit mir einſcharren, als meine Nachbarn denken, welche ſich fragen, wovon ich lebe. Einige der berühmteſten und geehrteſten Perſonen Englands haben mich in dem Zimmer, wo wir uns befinden, um Rath gefragt. Ich will nicht wiſſen, wie Sie mich entdeckt haben, denn meine Aufgabe iſt, zu hören, nicht zu fragen. Sagen Sie mir, was Sie herführt! Ich werde Ihnen ſogleich ange⸗ ben, ob ich Ihnen nützlich ſein kann. Ich täuſche Niemand.“ „Ich intereſſire mich ſehr für einen Mann, der in Newgate eingeſperrt iſt.“ „Weſſen iſt er angeklagt?“ „Des Bannbruchs.“ 151 „Deſſen allein?“ „Allein, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, denn ich habe ihn ſelbſt erſt dieſen Morgen befragt. Nun wünſche ich lebhaft, daß er entwiſche.“ „Hm! vor dreißig Jahren wäre es etwas Leich⸗ tes geweſen, aber jetzt fürchte ich, iſt es unmöglich.“ „Schwer, wollen Sie ſagen; für einen Mann von Ihrer Erfahrung und Urtheilskraft iſt nichts unmöglich.“ „Und welches iſt der Name dieſes Gefangenen?“ „Spuggins.. Bill Spuggins.“ Dan Utting ſächelte. Es war weder das erſte, noch zweite Mal, daß er dieſen Namen hörte. „Die Sitzungen nahen,“ ſprach er,„und wenn die Sache gehen ſoll, muß es in fünf oder ſechs Tagen ſpäteſtens geſchehen. Das wird viel koſten; ich werde mich für weniger als fünfhundert Pfund nicht darauf einlaſſen können.“ „Das iſt eine große Summe.“ „Etwa der Werth des Brillanken, den Sie am Finger tragen. Aber es ſteht Ihnen frei, mein Er⸗ bieten anzunehmen, oder auszuſchlagen. Ich handle nie mit meinen Kunden.“ „Noch ich mit ſolchen, die mir dienen. Thun Sie, was ich verlange, und das Geld iſt Ihnen.“ Der Handel wurde geſchloſſen und die Bezahlung verabredet, denn Roderich war zu ſchlau, um die Summe auf einmal zu zahlen. „Irgend ein Emporkömmling,“ brummte der Alte, ſobald er allein war;„es iſt kein Tropfen edlen Blutes in ihm; der Schelm iſt argwöhniſch wie ein Diebsfänger. Er hofft, mich durch ſeine Vorſichts⸗ maßregeln zu blenden. Bah! ich werde ſeinen Namen und ſeine Geſchichte wiſſen, ehe der Reſt des Geldes verfallen iſt.“ Am andern Morgen erhielt Bill Spuggins den Rath, eine Unpäßlichkeit vorzuſchützen und ein oder zwei Tage in ſeiner Zelle zu bleiben. Ss war Mittwoch. Am Donnerſtag früh brachte eine ſehr korpulente und reſpeetabel ausſehende Frau, im Coſtüme einer Wittwe und den Hut mit ſchwar⸗ zem Krepp, der ihre Züge ziemlich verbarg, beſetzt, eine Order von einem der Sheériffs, zu dem Gefan⸗ genen gelaſſen zu werden. Dieſe Order war durch Vermittlung eines reichen Bankiers erlangt worden, der ſeine Gründe hatte, eine ſo nützliche Perſon, wie Dan Utting, zu verfflichten. Die alte Frau gab ſich für Bills Mutter aus, und ſelbſt die Stockknechte wurden von ihrem Schmerz und ihrer Einfalt gerührt. „Hört er den Kaplan?“ fragte ſie unruhig. Man verneinte es. „Ach, meine Herren,“ ſetzte ſie hinzu,„es iſt nicht mein Fehler, wenn er den ſchlechten Weg ein⸗ geſchlagen hat. Sein theurer Vater und ich ſelbſt haben ihm immer ein gutes Beiſpiel gegeben, indem wir hart arbeiteten und Jedem gahen, was ihm ge⸗ bührte. Das Trinken und ſchlechte Geſellſchaften haben ihn zu Grunde gerichtet.“ Sie ſchluchzte bei dieſen Worten und fuhr mit ihrem Taſchentuch nach den Augen. Ler konnte die Abſichten einer ſo achtbaren Perſon beargwohnen? Gewiß nicht der Stockknecht, der ſie zur Zelle des Gefangenen führte. „Sie müſſen eine traurige Exiſtenz haben,“ ſagte die Wittwe, über den Gefängnißhof ſchreitend. „Ziemlich traurig, ja, nach dem, wie es hier iſt.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel, immer im Dienſte?“ „Das nicht gerade; ich habe frei von ein bis zwei Uhr zum Mittageſſen, und eine halbe Stunde Abends zum Thee. Dann habe ich einmal alle vier⸗ zehn Tage meinen Ausgang.“ „Das will nicht viel heißen,“ antwortete die Frau, welche Alles, was ſie wiſſen wollte, aus ihm herausgelockt hatte. Beim Eintritt in die Zelle fanden ſie Bill ge⸗ langweilt und abgeſpannt, ſeine kurze Pfeife rauchend, denn er war es müde, den Kranken zu ſpielen. Er ſah die alte Frau feſt an und war klug genug, ſtumm zu bleiben, da er nicht wußte, in welcher Eigenſchaft ſie ſich vorſtellte. „O, mein Sohn! mein theurer, ſchuldiger, un⸗ glücklicher Sohn!“ rief ſie, ihm um den Hals fallend. „Ich dachte nicht, Dich an einem ſolchen Orte zu ſehen.“ „Gut, gut!“ dachte Bill,„man hat zu einer un⸗ tergeſchobenen Mutter ſeine Zuflucht genommen.“ „Ich bringe Dir einige Andachtsbücher,“ fuhr ſie fort, ſolche aus der Taſche ziehend.„Wollte Gott, daß ſie Dein verhärtetes Herz erweichen!“ „Nicht ſo verhärtet, Mutter; denn ich bin teufel⸗ mäßig froh, Dich zu ſehen. Das ſind Empfindungen der Natur. Wie geht es Betſy? und den Kleinen?“ Die Wittwe begann nun von Moral und Reli⸗ gion zu ſprechen; dann pries ſie gewaltig die Achtung, die man dem Eigenthum ſeines Nachbars ſchuldig iſt, und die Schönheit der Buße, ſo daß der Stock⸗ knecht allmählig ſich langweilte und ſie allein ließ. Als er ſich entfernte, ſtimmte die alte Heuchlerin ein Lied an. „Die Peſt über Euer Geheul!“ brummte Bill nach dem zweiten Vers;„wir hören davon genug in der Kapelle.“ Aber die Wittwe fuhr in ihrem Geſang fort, und hörte erſt nach der ſiebenten und letzten Strophe auf. „Was muß ich thun?“ fragte der Sträfling, als ſie geendet hatte. „Was ich Euch ſage. Keine Fragen; Alles iſt überlegt und geordnet. Ihr müßt ſolide Freunde haben, daß man Euch von Nemgate heraushilft. Hört mich an. Ich bringe Euch Kleider, welche den meinigen ſo ähnlich ſind, daß ſelbſt die Näherin ſie nicht unterſcheiden könnte. Um ein Uhr iſt der Stock⸗ knecht, der mich hieher gebracht, beim Mittageſſen; dann geht keck nach der Loge des Pförtners; Zehn gegen Eins, Ihr kommt vorüber, ohne daß man Euch nur fragt. Am Ende der Straße findet Ihr ein Cabriolet, das auf Euch wartet, Nro. 1197; ſteigt ein mit den Worten: nach Hauſe. Der Kutſcher weiß, wo er Euch hinzuführen hat.“ Und was wird aus Euch werden?“ „Ich ſuche nicht eher wegzukommen, als einige Minuten nach zwei Uhr, wenn mein Stockkecht zurück iſt. Beeilt Euch! Hier ſind Eure Kleider!“ Die vorgebliche Wittwe war in Wirklichkeit ſehr mager; aber ſie trug zwei Röcke, zwei Shawls; 155 Hut, Schuhe, Strümpfe wurden aus der ungeheuren Taſche gezogen, welche bereits die Andachtsvücher enthalten hatte. Um halb ein Uhr begann Bill ſeine Toilette, um ein Uhr war er damit fertig. Die Verkleidung war vollſtändig. „In zehn Minuten,“ ſagte ſeine falſche Mutter, „ſind wir entweder beide gefangen, oder Ihr ſeyd frei. Muth, und gebt Acht, daß Ihr nicht zu große Schritte macht, wenn Ihr durch den Hof geht.“ „Ihr ſcheint nicht ſehr unruhig,“ bemerkte der Sträfling. „Ich habe meine Freiheit wenigſtens ſchon zwölf Mal riskirt. Die, welchen ich diene, zahlen gut; wenn ich meinen Preis erhalte, kommt die Gefahr in Rechnung.“ Nach Spuggins Abgang horchte die Frau einige Minuten an der Zellenthüre mit großer Aengſtlich⸗ keit. Allmälig hellten ſich ihre Züge auf, und ein Lächeln trat auf ihre Lippen. Sie wußte, daß er draußen war. Als es auf der Gefängnißglocke zwei Uhr ſchlug, machte ſie ſich zu ihrem Abgang fertig. Als ſie die Loge erreichte, hatte ſie das Vergnügen, den Stock⸗ knecht, der ſie empfangen, daſelbſt zu finden. „Nun, Mutter, habt Ihr genug am Gefängniß?“ Die Frau trocknete die Augen und ſtieß ginen tiefen Seufzer aus; ſie war zu bewegt, um zu ſprechen. „Armes Geſchöpf!“ dachte der Stockknecht, den ſchweren Schlüſſel im Schloß des Außenthors um⸗ vrehend, um ſie hinauszulaſſen.„Wer hätte geglaubt, 156 daß dieſer verworfene Burſche Bill Spuggins eine ſo achtbare Frau zur Mutter hätte?“ Auf der Straße hatte der verkleidete Sträfling das Cabriolet Nr. 1197 gefunden; er ſtieg ein und bemerkte mit Vergnügen, daß es Gray's⸗in⸗lane zu⸗ ging. Er wünſchte keineswegs, Roderich Haſtings zu begegnen, den er ſo geſchickt überliſtet hatte. In weniger als einer Stunde ſaß er in dem kleinen Zimmer von Dan Utting, dem er die Ein⸗ zelnheiten ſeiner Flucht erzählte. „Geſchickt ausgeführt,“ murmelte der Alte;„dieſe Frau iſt ihr ſchweres Gold werth; ſie hat die Klug⸗ heit eines Fuchſes und die Stärke eines Löwen.“ Dann gab er Bill den vollſtändigen Anzug eines Stummen, wie man dergleichen bei Leichenbegäng⸗ niſſen ſieht. Als der Sträfling dieſe Kleider ange⸗ zogen hatte, ſchenkte ihm Dan Branntwein ein, und entlockte ihm den Namen von Roderich Haſtings, ſowie die Beweggründe, welche dieſen würdigen Gentleman beſtünmt hatten, fünfhundert Pfund Ster⸗ ling für deſſen Befreiung auf's Spiel zu ſetzen. „Ich täuſchte mich nicht,“ ſprach der Alte bei ſich.„Es iſt ein Emporkömmling, der nicht einen Tropfen edles Blut in den Adern hat... Er wird bei einbrechender Nacht hier ſein,“ ſetzte er laut hinzu.„Ihr werdet gut thun, bis dahin einge⸗ ſchloſſen zu bleiben.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ erwiderte ſein Gaſt. Dan Utting ging auf einige Zeit hinaus; er hatte andere Affairen zu beſorgen. Als er einige 5 28 — 157 Augenblicke vor der Stunde von Roderichs Beſuch zurückkehrte, war Bill verſchwunden. Er hatte auch ſeine beſonderen Angelegenheiten. Fünfundſechzigſtes Kapitel. Am andern Morgen beim Frühſtück las Roderich Haſtings in der Times die beiden folgenden Para⸗ graphen. Der erſte war betitelt: Außerordent⸗ liche Flucht. „Geſtern iſt ein Gefangener, Namens Spuggins, wegen Bannbruchs angeklagt(er war nach der Norfolk⸗Inſel deportirt worden), als Frau verkleidet aus Newgate entwiſcht. Man vermuthet, daß ſeine Mutter, welche die Erlaubniß, ihn zu beſuchen, erhalten hatte, ihm die Kleidungsſtücke lieferte. Die Order war von dem Sheriff Potts unterzeichnet, auf An⸗ ſuchen eines der reichſten Bankiers der City. „Wir erfahren in dieſem Augenblick, daß der vorgeblich von dem Bankier geſchriebene Brief ganz einfach falſch iſt.“ „Hm!“ ſprach Roderich, nachdem er den Para⸗ graphen geleſen hatte,„Dan Utting hat mich nicht getäuſcht; er hat ſeinen Lohn verdient. Warum weicht mir die Kanaille aus? War die Geſchichte mit den Papieren eine Lüge? Oder will er ſie meinem Feinde verkaufen?“ 158 Der zweite Paragraph führte den Titel: Schreck⸗ licher Mord. „Eine unter dem Namen Bet in der Nachbarſchaft von Sept⸗Cadrans wohlbekannte Frau, welche ein von Dieben und Spitzbuben beſuchtes Logirhaus hielt, iſt geſtern Abend um acht Uhr ermordet ge⸗ funden worden. Man hat einen ihrer Miethsleute, einen Deutſchen, den die Policei unter dem Namen Hans le Balafreur kennt, und der zuerſt von dem Mord Kunde gab, im Verdacht. „Bis dieſen Augenblick hat er nicht aufgehört, ſeine Unſchuld zu verſichern.“ Wiewohl der Beſitzer von Crowshall nicht wußte, ob Bill verheirathet war, konnte er doch nicht um⸗ hin, dieſe beiden Paragraphen in eine gewiſſe Ver⸗ bindung mit einander zu bringen. „Iſt es nicht wahrſcheinlich,“ dachte er,„daß der Räuber, ſich ohne Hilfsquellen in London befin⸗ dend, dieſe Frau beſtohlen und ermordet hat, um ſich die Mittel zur Entfernung aus dem Lande zu verſchaffen?“ „Verflucht ſei er!“ rief Roderich.„Es bleibt mir eine Genugthuung, die, daß er gehängt wird, wenn man ihn ergreift. Ich möchte, ich hätte ſeinen Namen nie gehört.“ Mit dieſer Bemerkung beſtrebte er ſich, die ganze Sache zu vergeſſen; aber dieß war ihm unmöglich. War Bills Geſchichte richtig und fanden ſich die Beweiſe für die Legitimität unſeres Helden wirklich in England, ſo wurde ſeine Stellung ſehr kritiſch. Er mußte ſich darauf gefaßt machen, Crowshall, einem Vermögen, das mit ſo vielen Verbrechen er⸗ 159 kauft worden war, zu entſagen. Es blieb ihm nichts als die Verſicherung auf Mabels Leben, zudem, daß er dafür die jährliche Prämie fortdauernd zahlen mußte. „Wollte Gott, ſie wäre todt!“ dachte er, als er ſich in einer ſpäten Nachtſtunde ſeiner Wohnung in Carlton⸗Gardens näherte.„Aber was hilft es, Wünſche zu thun? Es gab eine Zeit, da ich ſie mit ebenſo wenig Gewiſſensbedenklichkeiten aus meinem Wege hätte fegen können, als ob ſich es darum han⸗ delte, eine Schlange zu tödten. Ich bin ſehr verän⸗ dert! ſehr verändert!“ Unter der benachbarten Lampe an der Säule des Herzogs von York bemerkte er einen Mann von robuſtem und unterſetztem Ausſehen, welcher die Augen auf ihn gerichtet hielt; und ohne zu wiſſen, warum, bebte Roderich, als er an ihm vorüber ging. Er mäßigte ſeinen Schritt, als hätte er erwartet, daß man ihm folge. Er täuſchte ſich nicht und fand beim Umdrehen ſich dem Unbekannten gegenüber. „Was wollt Ihr?“ fragte er, unwillkürlich zu⸗ rückweichend. „Mit Ihnen ſprechen. Es iſt ziemlich lang, daß ich darauf warte.“ Es war die Stimme von Spuggins. Sein Stummen⸗Coſtüme hatte denſelben verhindert, ihn wieder zu erkennen. Die Paragraphen der Times kamen ihm in's Gedächtniß. „Ah! Ihr ſeid es,“ ſagte er,„Ihr habt mir n ſchönen Streich geſpielt!“ „Er will wenig heißen gegen den, der mir ge⸗ ſpielt worden iſt. Ich habe die Augen nicht ge⸗ eine 160 ſchloſſen und keinen Biſſen gegeſſen, ſeitdem ich... das heißt ſeit 24 Stunden.“ Roderich bemerkte dieſes Zögern, das ſeinen Ver⸗ dacht befeſtigte. „Habt Ihr die Papiere gebracht?“ fragte er eifrig. „Nein!“ „Canaille! Denkſt Du mich wieder zu täuſchen? mich ungeſtraft zu plündern? Sage mir, was Du damit angefangen haſt, wenn es nicht eine bloße Liſt war, Deine Freiheit zu erhalten?“ „Ich beſaß die Papiere bei der Ankunft in England und hatte ſie einer ſpisbübiſchen Dirne an⸗ vertraut, welche ſie gut aufbewahren ſollte; ſie hat mich verkauft.“ „Und Du haſt ſie ermordet,“ ſetzte Roderich, die Stimme ſenkend, hinzu. Bill fuhr zuſammen und ſteckte die Hand in ſeine Rocktaſche. „Beruhige Dich,“ fuhr der Beſitzer von Crows⸗ hall fort;„ich bin bewaffnet, es gibt Policeidiener ganz nahe hier. Wenn ich rufe, biſt Du verhaftet. Halt, es iſt ein Blutflecken an Deinem Hemde, und ſieh, wie Deine Hand zittert. Beruhige Dich; hätte ich Dich verrathen wollen, wäre es ſogleich ge⸗ ſchehen... Ich habe ein Geſchäft für Dich.“ Der Mörder knöpfte raſch ſeinen Rock zu, um den Blutflecken zu verbergen. „Ich werde es ausführen; ich werde thun, was Sie wollen, wenn Sie mich nicht verrathen. Ich habe mich früher nie ſo ſchwach gefühlt; aber 161 dieß kommt, vermuthe ich, daher, weil ich einen lee⸗ ren Magen habe.“ „Früher? das iſt alſo nicht Dein erſter Mord?“ „Nein! nein! nein!“ rief Bill,„ſo dürfen meine Worte nicht gedeutet werden.“ Die beiden Verbrecher marſchirten ſtillſchweigend bis zum Park, wo Roderich ſein Anliegen aus einan⸗ der ſetzte. Er bot ſeinem Begleiter die Mittel, das Land zu verlaſſen, wenn er ihm behülflich wäre, Mabel zu entführen und nach Crowshall zu bringen. „Um ſie dort zu ermorden?“ murmelte Bill ſchaudernd.„Es ſey, ich bin in Ihren Händen.“ „Tölpel! Es handelt ſich um nichts dergleichen. Der müßte ein rechter Narr ſein, der ſein eigenes Leben mit Blutvergießen auf's Spiel ſetzte, wenn er den Gegenſtand ſeines Haſſes vermittelſt der Leiden⸗ ſchaften vernichten kann, eines moraliſchen Giftes, deſſen Wirkung nicht weniger ſicher, und deſſen Spu⸗ ren aufzufinden viel ſchwerer iſt. Ich begreife nicht, wie Du zur Befriedigung einer unnützen Rache Dei⸗ nen Kopf riskirt haſt. Noch dazu, wenn Du die Papiere wieder gefunden hätteſt!“ Bill ſeufzte und rang die Hände. Es war nicht die Furcht allein, welche ihn quälte; Gewiſſensbiſſe zerriſſen ſein Herz. Nach Vollendung ſeines Ver⸗ brechens hatte er, über das Bett ſeines Opfers her⸗ übergelehnt, das Portrait entdeckt, das er ver⸗ kauft zu haben ihr Schuld gab, und dieſe Entdeckung ihn ſo niedergeſchmettert, daß er, ohne etwas zu nehmen, davonfloh. „Ich brauche Geld zu Brod,“ ſagte er,„ich ſterbe vor Hunger.“ Das Erbe. IV. 5 12 162 „Und zu Kleidern,“ ſetzte ſein Genoſſe hinzu, ihm ſeine Börſe reichend;„denn diejenigen, in welche Du Dich gegenwärtig hüllſt, le Zeugniß wider Dich ab.“ Der Sträfling griff begierig n Goldſtücken, die ihm geboten wur ſprach Alles zu thun, was ihm Rod würde. ₰ „Sei morgen auf demſelben Platze; ich werde zu der gleichen Stunde mich wieder bei Dir ein⸗ finden. Und, halt, nimm meinen Mantel, andere Augen als die meinigen könnten dieſe Blutflecken entdecken.“ „Sie werden mich nicht verrathen?“ ſagte Bill Spuggins. „Geh doch! bedarf ich nicht Deiner Dienſte? Kannſt Du einen beſſeren Bürgen für Deine Sicher⸗ heit haben?.. Wenn Du es vorziehſt, in England zu bleiben, auf die Gefahr, entdeckt zu werden, ſo ſteht es Dir frei.“ „Nein! nein! Ich kann hier nicht mehr leicht Athem holen, die Luft ſcheint mir ſo dick wie No⸗ vembernebel. Geſchrei ertönt in meinen Ohren und ich fühle warmes Blut über meine Hände rieſeln, das mich mit Schauder erfüllt. Ich muß Ihnen ver⸗ trauen und wären Sie der eingefleiſchte Satan.. Ich werde Alles in Amerika vergeſſen; das iſt das Land der Vergeſſenheit.“ „Nun denn, morgen?“ „Morgen, gewiß, denn Sie allein können mich vom Galgen erretten.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich raſch, in⸗ en wenigen und ver⸗ rich befehlen 163 dem er Roderich allein in ſeine Wohnung zurück⸗ kehren ließ. Von der Zeit an, da Mabel freiwillig ihren un⸗ würdigen Gatten verlaſſen, hatte ſie ſich nach Rich⸗ mond zurückgezogen, wo ſie, von allen ihren Bekann⸗ ten verlaſſen, ein unruhiges, einſames Leben führte. Die Unglückliche hatte demnach alle Zeit, über ihr ver⸗ gangenes Leben nachzudenken, deſſen ganze ſchreckliche Häßlichkeit ihr Gedächtniß gleich einem getreuen Spiegel zurückwarf. Sie hatte geerntet, was ſie geſäet, konnte das Verbrechen eine andere Frucht als bittern Kummer und Täuſchungen hervor⸗ bringen? Vergeblich verſchwendete der Geiſtliche, in deſſen Hauſe ſie eine Wohnung gemiethet hatte, die Trö⸗ ſtungen der Religion an ſie. Mabel hörte ihm un⸗ geduldig zu und der würdige Mann gab endlich ſeine Bemühungen auf. Das Herz dieſer Frau war ge⸗ brochen, aber nicht erweicht. Mabel brachte den größten Theil ihrer Zeit da⸗ mit zu, daß ſie in den abgelegenſten Gegenden des Parks oder auf den einſamſten Straßen zwiſchen Rich⸗ mond, Sheen und Mortlaque herumirrte. Der Anblick fremden Glücks war ihr verhaßt und ein unſchuldiges Lachen zerriß ihre Nerven wie kire falſche Note mitten in einer himmliſchen Me⸗ odie. Roderich, welcher, Dank ſeinen Spionen, von die⸗ ſen einſamen Spaziergängen genau unterrichtet war, nahm demgemäß jeine Maßregeln. Eines Tags fand ſich Mabel von einem Mann, 164 der ſich von einem Wagen herabgeſchwungen hatte, in die Arme gefaßt. „Laßt mich los!“ rief ſie.„Was bedeutet dieſe Gewaltthat? Zu Hülfe! zu Hülfe!“ „Schreien hilft nichts, Madame,“ erwiderte Bill Spuggins in brutalem Ton.„Niemand hört Sie, und ich laſſe mich durch Schreien nicht erſchrecken..“ „Beeilt Euch!“ ſagte der Kutſcher. Mabel erkannte die Stimme ihres Mannes und fiel in Ohnmacht. „Das Glück begünſtigt uns,“ ſetzte Roderich kalt hinzu.„Jetzt tragt ſie in den Wagen. Ihr habt den Knebel und die Stricke, die Vorhänge ſind her⸗ untergelaſſen.“ Einen Augenblick nachher entfernte ſich der Wagen. Ein Mal, ein einziges Mal hörte man einen ſchwachen Schrei; dann wurde Alles wieder ſtill. Noch dieſelbe Nacht ging der Wagen Roderich Haſtings, ſchwer bepackt, die Vorhänge herunterge⸗ laſſen, die Schläge ſorgfältig von innen geſchloſſen, unter der Aufſicht des Kammerdieners Bender mit dem Zug von London ab. Aber laſſen wir dem Letztern Gerechtigkeit widerfahren, er vermuthete nicht, daß er Gefangene, Bill und Mabel, ent⸗ hielt. Die zweite Nacht kamen ſic in Erowshall an, wo Roderich, der mit demſelben Zug gefahren war, ſich zu ihrem Empfang einfand. Der Frevler lächelte ſarkaſtiſch, als er ſeinem Opfer ausſteigen half. Er hoffte, ſie entmuthigt. niedergeſchlagen zu ſehen; im Gegentheil, ſie warf — 165 ihm einen Blick verachtender Herausforderung zu, und obgleich ihr Bill beim Eintritt in den Park den Knebel abgenommen hatte, verſchmähte ſie es, ein Wort des Vorwurfs oder der Bitte auszu⸗ ſprechen. „Folgen Sie mir, Madame, in Ihr Gemach,“ ſagte der Tyrann.„Jeder Widerſtand iſt unnütz. Ich bin Ihr Gatte, ich kenne die Autorität, welche 1. das Geſetz über Sie gewährt, und will ſie aus⸗ üben.“ „Mein Gott!“ rief die Haushälterin, welche den Wagen ankommen gehört hatt.„Madame kehrt zu⸗ rück! Seien Sie willkommen in Crowshall!“ ſetzte ſie, eine Verbeugung machend, hinzu. „Man hat mich hieher gebracht, um mich zu ermorden,“ ſagte die unglückliche Frau, zum erſten Mal ihr Stillſchweigen brechend.„Der Bettler, den ich bereichert habe, will mich umbringen. Erin⸗ ſehn Sie ſich meiner Worte, wenn Sie mich todt ehen.“ Roderich biß ſich in die Lippen vor Wuth. „Hier iſt der Mann,“ fuhr Mabel fort, auf Spuggins zeigend,„der mit dieſem Geſchäft beauf⸗ tragt iſt. Betrachten Sie ihn, betrachten Sie ihn! Es wird nicht ſein erſter Mord ſein!“ 8 S runzelte die Stirne und wurde tödtlich blaß. „O mein Gott, Madame!“ ſtammelte die Haus⸗ hälterin. „Still!“ fiel ihr Herr rauh ein.„Sehen Sie nicht, daß ſie närriſch und bösartig iſt? Haben Sie 166 deren Benehmen von unſerem letzten Aufenthalt in Crowshall vergeſſen?“ Mrs. Tide ſchüttelte mit einer Miene des Be⸗ dauerns den Kopf. „Nun, Madame, willigen Sie ein, mir zu folgen?“ fragte Roderich entſchloſſenen Tons,„oder muß Ihr Wächter von ſeiner Autorität Gebrauch machen?“ Bill trat näher und die Herrin von Crowshall wich vor Schrecken und Abſcheu zurück. „Führen Sie mich, wohin Sie wollen,“ ſprach ſie,„nur befreien Sie mich von der Gegenwart die⸗ ſes Mannes.“. Anſtatt, wie ſie erwartete, nach ihrem alten Gemach geführt zu werden, erkannte ſie mit Schrecken, daß Ihr Mann mit raffinirter Grauſam⸗ keit ſie in dasjenige einwies, wo Sir Harry Herbert geſtorben war. Als er die Thüre öffnete, murmelte ſie:„Nicht hieher! nicht hieher!“ „Doch, Madame,“ entgegnete der Tyrann;„dieß iſt der Ort, der ſich für die zärtliche Schweſter, die uneigennützige Erbin ſchickt, welche über den ſterbenden Bruder, mit Ungeduld ſeinen letzten Seußzer erwartend, wachte.... Sie wollten mich verderben,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„Un⸗ ſinnige, der Schlag fällt auf Sie zurück!“ „Ah! ich verdiene, mit Vorwürfen und Schmach überhäuft zu werden,“ rief Mabel, die Fauſt bal⸗ lend,„ich muß den Becher der Entwürdigung bis auf die Hefe leeren. Aber Ihnen gebührt es nicht, feiler, niederträchtiger Frevler, mir denſelben zu reichen!“ * — 167 Mit einem höhniſchen Gelächter ſchloß Roderich die Thüre hinter ihr. Am nächſten Morgen ſtellte ſich Bill Spuggins vor dem Gebieter von Crowshall, um den Preis für ſeine Dienſte und die Mittel zur Entfernung aus England zu verlangen. „Ich kann Eurer noch nicht entbehren,“ lautete die Antwort.„Ich habe nur meinen Kammer⸗ diener Bender hier, auf den ich rechnen kann; aber ſo treu er iſt, hat er keinen Muth. Ihr müßt Euch noch einige Tage gedulden, bis zur Ankunft von Thereſe, der Zofe meiner Frau. Sie iſt mir gänz⸗ lich ergeben.“ „Wegen Benders drängt es mich, von hier fortzukommen,“ erwiderte der Sträfling.„Er ge⸗ fällt mir nur halb; er hat Ihnen ein duckmäuſe⸗ riſches Ausſehen, macht Ihnen alle mögliche Fragen, und „Bah! ich bin ſeiner gewiß! Ueberdieß, wo könnt Ihr ſicherer ſein, als hier? Wer würde daran denken, den Flüchtling von Newgate, den Mörder der Wohnungsvermietherin, in Crowshall, dem alterthümlichen Wohnſitz der Herberts, dem am meiſten ariſtocratiſchen Herrenhaus der Grafſchaft, zu ſuchen?“ „Ich weiß nicht, aber die Gerechtigkeit iſt ſo neugierig! Ich habe ſagen hören, ſie ſei blind, aber ich kann es nicht glauben. Ich fühle, wenn ich gehe, wenn ich eſſe, wenn ich ſchlafe, daß ſie die Augen weit offen auf mich gerichtet hat. Laſſen Sie mich abreiſen.“ „Nicht vor Thereſens Ankunft.“ 168 „Und wann wird ſie kommen?“ „In fünf Tagen.“ „Noch fünf Tage!“ ſeufzte der Sträfling.„Es würde mir nicht ſo viel ausmachen, wenn ich wach bleiben könnte aber die Racht.... die Träume! . die Träume!“ Roderich lächelte, indem er ihn entließ. Seine Zeit der Träume war noch nicht gekommen; aber ſie nahte ſich, ſie nahte ſich! Sechsundſechzigſtes Kapitel. Das Gerücht verbreitete ſich bald im Dorfe, daß Mabel nach Crowshall zurückgebracht worden und dort in Gefangenſchaft ſei. Die Einen ſprachen von ihr als närriſch und eines Wächters bedürftig, die Andern behaupteten, daß ſie nur bösartig ſei. Viele tadelten, ſehr Wenige beklagten dieſelbe, denn ſie hatte nie jenes Leben activer Wohlthätigkeit ge⸗ führt, welches ſich die Dankbarkeit der Armen und die Achtung der Reichen, oder was noch mehr werth iſt, die Selbſtzufriedenheit erwirbt. Als dieſe Nachricht Nan Willis zu Ohren kam, gab ſie ihr natürlich zu denken. Seit langer Zeit war jedes Gefühl des Haſſes gegen die Familie Herbert in ihrem Herzen erloſchen. Sie hatte ihre Rachgier überlebt und empfand eine Art Bedauerns, 50 169 als ſie erfuhr, daß jene Mabel, einſt ſo ſchön und ſo ſtolz, im Herrenhauſe ihrer Ahnen Gefangene ſei, der Gnade eines Mannes preisgegeben, der nie ein Gefühl des Mitleids gekannt, der von ihr ſein Vermögen hatte und der zum Dank dafür das Glück derjenigen zerſtört hatte, welche ihn aus gemeinem Stand herausgeriſſen, um ihn zu ſich emporzuheben. „Arme Frau! arme Frau!“ murmelte ſie;„ich möchte gern für ſie bei Roderich ein Fürwort ein⸗ legen, aber er hat ein Herz von Eiſen; er würde ſich aus meinen Bitten ebenſo wenig machen, als aus den Rechten, die ich auf ſeine Zuneigung habe.“ Während des übrigen Tages blieb die alte Nan in ihrer einſamen Hütte eingeſchloſſen, auf Mittel denkend, Mabel zu befreien, oder wenigſtens Rode⸗ rich zu hindern, zu Gewaltthätigkeiten gegen ſie zu ſchreiten. Es gab ein Mittel, ihren Sohn zu zwingen, ihr eine Zuſammenkunft zu bewilligen, und ſie entſchloß ſich, erforderlichen Falls daſſelbe anzu⸗ wenden.. Als die Kirchenuhr zwölf Uhr um Mitternacht geſchlagen hatte, löſchte Nan ihre Lampe aus und ging ab, ohne der Vorſicht halber ihre Thüre zu ſchließen. Es iſt wahr, ihr Haus enthielt nichts, was die Habgier eines Diebes reizen konnte, und der abergläubiſche Schrecken, den die Alte einflößte, ſicherte ſie vor jedem andern Beſuch. Sie wandte ſich nach dem Herrenhauſe, von dem ſie als ein Kind vor etlichen ſechzig Jahren ſo unbarmherzig verſtoßen worden war. In demſelben Augenblick hatte Roderich eine — * 3 „ 8 — 170 2 Unterredung in Bezug auf ihre Perſon mit ſeinem neuen Aſſocié Bill. „Und wo wohnt dieſe Alte?“ fragte Bill nach einer Pauſe.„Sie können es mir wohl ſagen.“ „In einer ziemlich abgelegenen Hütte zwiſchen der Kirche und dem Dorfe,“ antwortete der Gentle⸗ man mit gleichgültigem Ton, wie wenn er den Be⸗ weggrund dieſer Frage nicht verſtanden hätte. „Aber wenn Ihr neugierig ſeid, ſie zu ſehen, um Euch zu überzeugen, daß es ein Geſchöpf von Fleiſch und Bein, und nicht das Geſpenſt Eurer Frau iſt, ſo wäre Zehn gegen Eins zu wetten, daß Ihr ſie jeden Abend auf dem Kirchhof... ihrem gewöhn⸗ lichen Spaziergang, findet. „Ah! auf dem Kirchhof?“ „Ja, wie man ſagt. Ich ſelbſt habe ſie mehr als einmal daſelbſt geſehen... Ich denke, daß Ihr keine Gewaltthätigkeit gegen ſie im Sinne habt?“ „O nein!“ „Hauptſächlich in der Nachbarſchaft des Herrenhauſes!“ „Nicht um Alles Gold der Welt!“ Roderich bebte bei dem Gedanken, ſelbſt einen Muttermord zu begehen, aber er war der Vorwürfe von Nan müde, und hätte es gern geſehen, ihrer los zu werden. „Herr,“ bemerkte der Sträfling,„geben Sie mir die Mittel, England zu meiden und laſſen Sie mich ziehen. Bleibe ich länger hier, ſo treibt mich der Teufel zum Böſen; ich kann ihm nicht wider⸗ ſtehen. Laſſen Sie mich ziehen.“ 171 „Nicht vor Thereſens Ankunft.“ Bill Spuggins ſah ihn einige Minuten feſt an, wie um ſich zu verſichern, daß er ſeine Wünſche verſtehe. „Wenn er nur ſagte, was er will,“ dachte der Mörder. Nun war es gerade das, was Roderich nicht thun wollte. Er entfernte ſich, indem er in Bill die Beſorgniſſe, die er erregt, die Vorſtellungen, die er ihm eingegeben hatte, gähren ließ. „Bender,“ ſagte er, ſich in ein Fauteuil werfend, ſobald er in ſein Zimmer zurückgekehrt war,„ich habe mich bis jetzt über Ihre Dienſte nicht zu be⸗ klagen gehabt, aber ich möchte gern die Leute, die mich umgeben, verſtehen. Nun begreife ich nicht genau den Antheil, den Sie an dem Vorfall dieſer Nacht genommen haben. Vielleicht werden Sie mir es erklären.“ „Gewiß, Sir,“ antwortete der Kammerdiener mit größter Kaltblütigkeit. „Ein Wort,“ ſetzte ſein Herr hinzu;„Sie werden mich ebenſo geſchikt finden, eine Lüge zu entdecken, als Sie ſein können, eine zu erfinden. Und eine Lüge verzeihe ich nie, es ſei denn, daß ſie, um mir einen Dienſt zu leiſten, angewendet worden iſt.“ „Nun, Sir, die Thatſache iſt, daß wir uns Alle bei der Haushälterin verſammelt hatten, um den Wächter zu beobachten.“ „Den Wächter beobachten!“ wiederholte Roderich ſtirnrunzelnd. „Sie können ſich nicht vorſtellen,“ fuhr Bender in zutraulichem Tone, einem Meiſterſtück der Ge⸗ 5 . 172 ſchicklichkeit, fort,„was für ein drolliges Individuum das iſt. Würden Sie es glauben, daß er ſich nie⸗ mals niederlegt, ſondern alle Rächte in dem gemein⸗ ſchaftlichen Saale zubringt? Zuweilen geht er Stun⸗ den lang darin auf und ab, hin und her, mit den Armen geſtikulirend und alle möglichen ſonderbaren Dinge murmelnd, und ſchläft er zufällig in ſeinem Seſſel ein, ſo iſt es nur auf einige Minuten; er richtet ſich beinahe ſogleich wieder auf, indem er ein lautes Geſchrei oder einen Seufzer ausſtößt, und dann beginnt daſſelbe wieder ſonderbarer als zuvor.“ „Der Dummkopf!“ dachte Roderich. „Ich wollte es nicht glauben, was man mir ſagte; aber Mrs. Tidy und der Hausmeiſter ver⸗ ſicherten mich, es ſei die Wahrheit, und wir mach⸗ ten aus, eine Nacht zu wachen, um ihn zu beobach⸗ ten. Ich hatte die Abſicht, am Morgen Ihnen Alles zu berichten, denn es ſchien mir, daß Sie davon in Kenntniß geſetzt werden müſſen.“ „Ah! und was haben Sie denn geſehen?“ „Den Wächter, wie er in ſeinem Seſſel ſchlief und ein ſchreckliches Geſicht machte.“ „Was haben Sie gehört?“ „Er rief Mord! Sir, und ſchien mit Jemand in ſeinem Traume zu ringen. Ich ſtelle mir vor, er glaubte ſich im Handgemenge mit einem Mörder. Und dann hat jene ſchreckliche Alte, welche am Fen⸗ ſter war, den Ruf Mord! wiederholt. Dann ſtießen die Frauen ein lautes Geſchrei aus, Sie kamen, das iſt Alles!“ 173 „Es ſcheint, daß der Wächter bei meinen Leuten nicht beliebt iſt!“ „Niemand liebt ihn; er iſt ſo grob und ſpricht von Euer Chren, wie wenn Sie, mit Ihrer Erlaub⸗ niß geſagt, ſeines Gleichen und ſein Genoſſe wären. Mrs. Tidy und der Hausmeiſter ſind ganz eifer⸗ ſüchtig auf die Gunſt, in der er ſteht. „Und Sie?“ „O! mir würde es leid thun, ein Wort zu ſagen, das ungerechter Weiſe einen Menſchen um ſein Brod bringen könnte; aber ich denke Bah! was liegt daran! es wäre ſchlecht, das zu ſagen.“ „Ich will wiſſen, was Sie denken.“ „Nun, ich fürchte, das Silberzeug möchte nicht ſicher ſein. Wir Alle haben geſehen, wie er beim Souper die Wappen auf den großen Schüſſeln, die er aufmerkſam mit den Händen wog, unterſuchte.“ Roderich lächelte. Er war nunmehr überzeugt, daß der Haß ſeiner Leute gegen Bill nur aus einem Gefühl der Eiferſucht kam. „Das genügt, Bender, Sie können mich ver⸗ laſſen.“ „Ich hoffe, daß Euer Ehren mir nicht böſe ſind.“ „Nein, nicht gerade böſe, aber ich billige es nicht, daß meine Leute ſich erlauben, einen der Ihri⸗ gen, der mein Vertrauen hat, denn er wurde mir ſehr empfohlen, zu beobachten. Es iſt ohne Zweifel eine ſonderbare Perſon, aber das kommt daher, daß er lange Zeit Wahnſinnige gehütet hat, und ich bin von ſeiner Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Uebrigens wird er in einigen Tagen abreiſen. In⸗ zwiſchen hoffe ich, daß die Scene dieſer Nacht ſich nicht wiederholen wird, denn es würde mir mißfallen, und zwar ſehr, wenn meine Befehle keinen Gehorſam fänden.“ Mabel wußte, daß ihr Gatte ihr Leben um eine betrichtliche Summe verſichert hatte, und daß dieſer Umſtand großen Einfluß auf ihr Geſchick ausübte, je nachdem es Roderich leicht vder ſchwer ſchien, ſich ihrer ohne Erregung von Verdacht zu entledigen. Sie ging wechſelsweiſe von Schrecken zu Zuverſicht, von Hoffnung zu Beſorgniß über, und dieſe Wechfel brachten auf ihre Vernunft die Wirkung hervor, welche ihr Tyrann ſo teufliſch berechnet hatte. Das Zim⸗ mer, in dem ſie eingeſchloſſen war, und wo Sir Harry ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte, trug noch viel hiezu bei. Um nichts in der Welt hätte Mabel in dem Bett ihres Bruders geſchlafen: wäh⸗ rend der langen Stunden der Nacht fuhr ſie plötzlich in dem Bett auf, das ſie ſich auf dem Boden hatte machen laſſen, und bildete ſich ein, die Seußzer eines Sterbenden zu hören. Sie ſtand dann auf und bemühte ſich, zu beten, und kein Gebet kam auf ihre Lippen. Iſt es zu verwundern, wenn die Vernunft auf ihrem Throne zu wanken anfing? Wenn ihr Herz von Stahl ſeine Härtung zu verlieren anfing? In der Racht des Auftritts, den wir eben be⸗ ſchrieben haben, maß die Gebieterin von Crows⸗ hall ihr Zimmer mit unruhigem Schritt, als der Ruf Mord! unter ihren Fenſtern von der alten Nan erhoben, ihre Aufmerkſamkeit anzog. Sie hielt ſtill, um zu horchen. „Einbildung!“ ſagte ſie,„leere Einbildung. Die 175 Ereigniſſe werfen wohl ihren Schatten vorwärts, aber nicht ihren Namen. Vielleicht wird das Mord⸗ geſchrei bald in dieſen alten Mauern ertönen, die Eule in ihrem Reſt aufſchrecken, durch einen Unglück verkündenden Schall die Stille der Nacht unter⸗ brechen. Die Gebeine meiner Vorfahren werden vor Unwillen erbeben, wenn die meinigen an ihrer Seite Platz nehmen. Denn ich habe deren Nach⸗ kommenſchaft zerſtört und ihr Erbe einem Fremden ausgeliefert.“ Der Ruf wurde wiederholt begleitet von einem ſpöttiſchen Gelächter. „Ich werde wahnſinnig.... wahnſinnig!“ rief die Unglückliche, ſich auf die Kniee werfend und mit den Fingern in ihren langen Haaren wühlend, welche der Kummer, kicht das Alter gebleicht hatte.„Iſt es eine Warnung? Nähert ſich der Mörder? Sind meine Augenblicke gezählt? Muß ich allein ſterben, der Hohn Roderichs? ohne Bedauern, ohne Rache?“ Sie lauſchte begierig, aber kein weiterer Ruf ließ ſich hören, und ihr Schrecken verlor ſich allmälig. „Wenn ich nur beten oder weinen könnte!“ mur⸗ melte ſie,„das würde mein erſchöpftes Gehirn, mein zerriſſenes Herz erleichtern. Verſuchen wir es!“ Sie warf ſich in flehender Haltung auf die Kniee. Einige Minuten nachher ſprang ſie auf beim Ge⸗ räuſch eines leiſe im Schloß ihrer Thüre ſich drehen⸗ den Schlüſſels, und Roderich trat gerade zur Zeit ein, um ſie wieder aufſtehen zu ſehen. Ein kaltes Lächeln, in dem ſich Freude und bitterer Hohn miſchten, erleuchtete einen Augenblick ſeine Züge. Er fühlte, daß ſein Syſtem die gewünſchte Wirkung hervorbrachte. „Ich ſtöre Sie?“ ſagte er. „Allerdings,“ erwiderte ſeine Frau bitter;„der Engel der Reue ſchwebte über mir, und die Gegen⸗ wart des böſen Geiſtes hat ihn verſcheucht.“ „Hm! das iſt poetiſch und romantiſch; wie Schade, daß kein Auditorium hier iſt, Ihnen zu applaudiren aber verſtehen wir uns wohl. Sie können den Zweck meines Beſuchs errathen.“ „Sie wollen mich ermorden, mich.... „Gehen Sie doch, warum ſollte ich ein ſo un⸗ nützes Verbrechen, eine ſolche Unklugheit begehen? Nein, Mabel, nein; Ihr Tod muß ein natürlicher ſein, er muß alle Forſchungen der Wiſſenſchaft, die Analyſe der Chemiker, die Unterſuchung der Aerzte ertragen können. Sie ſterben vielleicht im Wahn⸗ ſinn, das iſt ſogar ziemlich wahrſcheinlich, aber Sie ſollen nicht ermordet werden.“ Dieſe ſchrecklichen Worte wurden mit klarer und deutlicher Stimme ausgeſprochen. Jedes Wort tönte wie Todtengeläute im Ohre der Unglücklichen. „Riederträchtiger!“ rief ſie,„Riederträchtiger! mein Gott!“ ſetzte ſie dann, plötzlich die Hände faltend, hinzu;„iſt es möglich, daß ich einen Tag dieſen Mann von Koth, dieſen gemeinen Mieth⸗ ling, dieſe eingefleiſchte Tigerſeele in einem menſch⸗ lichen Körper lieben konnte? O welche Maske iſt ge⸗ fallen!“ „Die Maske war Ihre eigene Eitelkeit!“ erwi⸗ derte Roderich, von dieſem Sarkasmus geärgert. „Welcher Mann hätte eine Frau lieben können, welche 177 das Verbrechen ihres Geſchlechtes entkleidet hatte, welche mit kaltem und berechnendem Auge dem Todes⸗ kampf ihres Bruders gefolgt war?.. Ja, hier iſt wohl das Bett, wo er ſtarb.. Sie müſſen in demſelben ſüße Träume haben!“ Mabels Züge, welche anfänglich Zorn und Ver⸗ achtung ausgedrückt hatten, wurden allmälig blaß und ſtarr wie Marmor. Ihre Augen allein behielten einen Blick des Haſſes, des unendlichen, unaus⸗ löſchlichen Haſſes. „Es iſt vollkommen unnütz, Vorwürfe auszu⸗ tauſchen,“ fuhr Roderich fort;„wir kennen einander zu gut. Ich habe Sie weder aus Liebe zu Ihrer Perſon, noch im Verlangen, Ihnen Uebels zu thun, hieher gebracht. Unter zwei Bedingungen wird ſich die Thüre Ihres Zimmers öffnen und Sie können Crowshall verlaſſen, wenn es Ihnen beliebt.“ „Reden Sie,“ erwiderte ſeine Frau mit der Ruhe der Verzweiflung. „Für's Erſte müſſen mir die Briefe zurückgegeben werden, welche ich vor unſerer Heirath an Sie ge⸗ ſchrieben habe.“ Mabel lächelte. „Und die übrigen Papiere, welche Sie aus mei⸗ e Schreibpult geraubt haben; ſie befanden ſich ei „Der Correſpondenz Ihrer Maitreſſe und bezogen ſich auf gewiſſe Angelegenheiten zwiſchen Ihnen und Sir Marc Raymond während Ihres Aufenthaltes in Paris,“ fiel die Gefengene ein. „Ganz recht.“ Das Erbe. 1V. 12 178 „Haben Sie ſonſt nichts zu begehren?“ „O ja, zeigen Sie mir den geheimen Eingang zu dem Archivzimmer.“ „Wo jene Briefe verborgen ſind, welche ſo genau Walters Tod vorausſagten, mit den Inwelen meiner Familie und den Beweiſen Ihrer Treuloſigkeit gegen Raymond und ſein Opfer,“ ſagte Mabel mit ſpöt⸗ tiſchem Ton.„Der Preis, den Sie mir bieten, genügt mir nicht, Roderich!“ „Was begehren Sie denn noch mehr?“ „Den Frieden des Herzens, das Sie gebrochen haben,“ antwortete Mabel heftig,„die Unſchuld meiner jungen Jahre, meinen Glauben an Gott, Vertrauen auf die Menſchen, den ruhigen Schlaf, die Träume des Glücks, die auf immer von meinem Lager verbannt ſind.“ „Wahnſinnige! Sie reden irre!“ rief der Gebieter von Crowshall wüthend. „Wahr, der Stein kann mich nicht verſtehen. Behalten Sie ihre Anerbietungen, ich behalte mein Geheimniß. Ich werde es ſelbſt im Wahnſinn be⸗ wahren!“ ſetzte ſie entſchloſſen hinzu.„Der Erbe wird endlich kommen, der letzte der Herberts Ihr Stamm iſt noch nicht erſtorben, und dieſes um den Preis ſo vieler Verbrechen erworbene Herrſchaftsgut wird Ihnen entriſſen werden. Sie werden ruinirt und von Henkershand ſterben.“ Fürchtend, ſich zu einer Gewaltthätigkeit hin⸗ reißen zu laſſen, wenn er länger bei ſeiner Frau bliebe, zog Roderich ſich zurück, indem er ſorgfältig die Thüre verſchloß. 3 179 „Mein Gott! komm mir zu Hülfe!“ ſprach Mabel, ihre brennende Stirne zwiſchen die Hände drückend. „Meine Vernunft verwirrt ſich!“ Siebenundſechzigſtes Kapitel. Die Saat, welche Roderich Haſtings ſo geſchickt ausgeſtreut hatte, war nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Bill Spuggins brachte den ganzen nächſten Tag mit Nachdenken zu. Schon von Anfang hatte er halb erkannt, was ſein Beſchützer erwartete, und er entſchloß ſich, ſeine ſchreckliche Aufgabe zu erfüllen. Die Beſorgniſſe, welche ihm Nan einflößte, ließen ihn dieſen Entſchluß faſſen. Kach Allem, was er aus den Antworten auf ſeine indirecten, an die Domeſtiken gerichteten Fragen erfahren konnte, ſchien es ihm, daß die Alte von Allen, welche ſie kannten, gleichmäßig gehaßt und gefürchtet wurde und weder Verwandte noch Freunde hatte, die geneigt waren, der Urſache ihres Todes nachzuforſchen. „Ich werde ſie noch dieſen Abend erwürgen,“ ſprach er bei ſich;„das iſt paſſender und. ja, ich werde ſie auf dem Kirchhof erwürgen.“ Nachdem dieſer Entſchluß gefaßt war, zog er ſich auf ſein Zimmer zurück und trug dann mit Einbruch der Nacht Sorge, ſein Licht daſelbſt angezündet zu laſſen, als er vom Herrenhaus wegging. 180 Es war Anfangs October und die dürren Blätter kniſterten unter den Schritten des Mörders, als er eilig durch die große Allee ſchritt. Er hatte ſeinen Muth vermittelſt Branntwein geſtärkt; doch bemäch⸗ tigte ſich, als er den maſſiven Kirchthurm wahrnahm, ſeiner ein ſeltſames Gefühl, denn wie die meiſten unwiſſenden und grauſamen Menſchen war er äußerſt abergläubiſch. Er erinnerte ſich des Schreckens, wo⸗ mit die Domeſtiken von Nan ſprachen, der auf ihre übernatürliche Gewalt gemachten Anſpielungen, und bekam Luſt, auf der Stelle wieder umzukehren. Aber die Furcht vor Roderich und der Gedanke, die Alte habe ſein Geheimniß entdeckt, hielten ihn zurück. „Ich muß die Sicherheit, gleichviel um welchen Preis, erkaufen,“ ſagte er bei ſich. Beinahe eine Stunde blieb er, Alles überlegend, im Schatten der Kirchenmauer ſtehen. Er erwartete ungeduldig ſein Opfer. Im Augenblick, wo die Glocke ein Uhr nach Mitternacht ſchlug, bemerkte er endlich Nan, welche wie ein Schatten auf den an die öſtliche Kirchenthüre angrenzenden Fußpfad hineinglitt. Er ſchlug kalt ſeine Aermel zurück, um die Hände freier zu haben. Als die Alte nahe genug gekommen war, ſtürzte er auf ſie zu und ergriff ſie an ihren Kleidern. Nan ſtieß einen Schrei aus, welcher mehr dem eines vom Jäger überraſchten Haſen, als dem Ton einer menſchlichen Stimme glich. „Es iſt nutzlos, ſich zu wehren und zu ſchreien,“ murmelte Bill,„ich laſſe nie meine Beute los.“ 181 mich feſthalten?“ fragte Nan Willis ruhig. „O, ich werde Eych nicht lange feſthalten.“ Und er faßte ſie an der Kehle. „Ein Wort ein einziges Wort,“ murmelte die Unglückliche,„und ich verzeihe Dir weiß Roderich um dieſe Gewaltthat?“ Bill ſtiß ein lautes Gelächter aus. „Rede, Mann, wenn Dir Dein Leben lieb iſt. Einen Moment einen Augenblick ſage it Die Finger des Mörders drückten die Kehle der Alten ſo heftig zuſammen, daß der Reſt des Satzes erſtickt wurde. Aber plötzlich ließen ſie los und Nan fing wieder zu athmen an; ihr Mörder taumelte und fiel leblos auf den Raſen. Seine Bruſt hob ſich convulſiviſch und das war Alles. Ein leichter Stich mit der Waffe, welche die einſame Alte immer bei ſich trug und womit ſie einſt Amen Corner bedroht hatte, hatte Bills Rech⸗ nung für immer abgemacht. „Todt!“ rief ſie,„todt!.... und mein ſchreck⸗ licher Zweifel bleibt ohne Antwort. Wäre ich über⸗ zeugt, daß Roderich... aber nein, nein! Er iſt ein Ungeheuer, aber das Leben ſeiner Mutter iſt ihm heilig. Ich will ſehen, ob er auf meine Ein⸗ ladung achtet; wo nicht, ſo nehme er ſich in Acht.“ Dieß ſagend, verſchwand ſie durch den geheimen Eingang der Kirchengruft. Es war an dieſem Tag Kirchweihe in Cotting⸗ ham und eine große Anzahl Einwohner von Crows⸗ hall, welche ihre Freunde in dem benachbarten Dorfe 182 beſucht hatten, kehrten nach Hauſe zurück, fröhlich vom Wein, den ſie zuſammen getrunken, und dem Vergnügen, das ſie genoſſen hatten. Unter ihnen auch die Brüder Grayling, Michel Bunce und Jacob Bantem. Im Augenblick, da ſie die Straße verließen, um ihren Weg durch den Park zu nehmen(dieſer war kürzer), ließ der Schreiber des Advocaten einen Ruf der Ueberraſchung und des Schreckens hören; ſeine ſingenden Genoſſen ſchwiegen ſogleich. „Nun, was iſt Ihnen, Jacob?“ fragte der Wirth zur Aufgehenden Sonne. „Schauen Sie, ſchauen Sie!“ Alle Augen wandten ſich nach der Kirche, worauf jener deutete. Das geheimnißvolle Licht, welches, wie man glaubte, ein Todeszeichen für die Familie Herbert war, ſtrahlte durch die Fenſter des Tempels. Sie kannten Alle dieſe ſonderbare Ueberlieferung, aber noch Keiner von ihnen war Zeuge dieſes Schau⸗ ſpiels geweſen; ſie blieben ſtumm vor Schrecken ſtehen. Trotz der Gegenvorſtellungen ihrer Begleiter ent⸗ ſchloßen ſich die Grayling, weiter zu gehen ünd im Dorfe Lärm zu machen; die Andern wandten ſich dem Herrenhauſe zu, welches der nächſte Zufluchts⸗ ort war. Die Dienerſchaft hatte ſich zu Bette gelegt und es verging einige Zeit, ehe ſie vorgelaſſen wurden. Während ſie ihre Geſchichte den betäubten Die⸗ nern erzählten, erſchien Roderich. Sein Geſicht war tödtlich blaß; man ſah, daß er ſich nicht niedergelegt hatte. „Was bedeutet dieſer Lärm?“ fragte er raſch. 183 Ein halbes Dutzend Stimmen antworteten zu gleicher Zeit; aber er begriff anfänglich durchaus nicht, daß das geheimnißvolle Licht in der Kirche von Crowshall ſichtbar ſein ſollte. „Sollte möglicher Weiſe doch etwas Wahres an dieſer Tradition ſein?“ dachte er,„und Nan todt ſein?“ Unter allen andern Umſtänden hätte er dieſe Er⸗ ſcheinung in Abrede gezogen, ſie der Einbildungs⸗ kraft zugeſchrieben, ſich über ihre Furcht luſtig ge⸗ macht. Aber die Helle zeigte ſich noch und das Zeugniß ſeiner eigenen Sinne ließ es ihm nicht zv. „Das iſt ein Streich, von dem ich die Erklärung haben muß!“ rief er mit Anſtrengung aus.„Bender, holen Sie mir meine Piſtolen. Bewaffnet Euch,“ ſetzte er zu ſeinen Dienern gewendet hinzu,„und folgt mir.“ Man gehorchte ihm, wiewohl widerſtrebend. Selbſt die Frauen begleiteten ihn; nicht eine hätte den Muth gehabt, im Herrenhauſe zu bleiben. Als ſie bei dem Kirchhof anlangten, fanden ſie die Grayling und mehrere Pächter in Gruppen an dem niedrigen Gitterthor ſtehen und nach dem Licht ſchauen, welches abwechſelnd glänzte und wieder er⸗ loſch und durch die farbigen Glasfenſter Unheil weis⸗ ſagende Reflexe und Schatten auf die Grabſteine warf. „Sieh! da kommt der Squire,“ rief einer der Bauern;„er iſt nicht geſtorben.“ „Er iſt kein Herbert,“ erwiderte ein Zweiter. „Das Licht zeigt ſich nur für die alte Familie.“ „Wer bewahrt die Kirchenſchlüſſel?“ fragte Roderich. 184 Die Einen antworteten, Doctor Gore, die An⸗ dern, Nicolas Pim. „Holt mir die Schlüſſel; ich werde die, welche mich begleiten, gut belohnen.“ Der Heuchler wußte wohl, daß um alles Gold der Welt ſich Keiner über die Kirchhofmauer ge⸗ wagt hätte. Niemand rührte ſich. In dieſem Augenblick ſchritten zwei Perſonen über den Fußpfad; die eine von ihnen trug eine Laterne, obgleich das noch fortbrennende Licht ſie unnütz machte. „Seht! ſeht!“ riefen einige Frauen. Roderich ſpannte ſeine Piſtolen. „Ums Himmels willen, bedenken Sie, was Sie thun, Sir!“ ſagte Bender.„Es iſt Doctor Gore.“ Er hatte Recht. Der würdige Geiſtliche hatte ſein Bett verlaſſen und kam in Begleitung von Nicolas Pim, dieſes Geheimniß zu ergründen. „Wer von Euch will mir in die Kirche folgen?“ fragte der Rector ruhig. „Gehen Sie nicht hinein, Sir; gehen Sie nicht hinein!“ antwortete man ihm. „Ich würde Euch nicht einladen, mir zu folgen,“ fuhr der ehrwürdige Paſtor fort,„wenn eine über⸗ natürliche Gefahr zu befürchten wäre; aber wir ſind beide alt, Nicolas und ich; die Räuber werden ent⸗ wiſchen... Bietet ſich alſo Niemand an?“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu.„Dann müſſen wir allein unſer Unternehmen ausführen.“ „Ja wohl! nein,“ rief der ältere Grayling, 185 über die Schranken ſteigend,„ich werde Sie be⸗ gleiten.“ „Und ich auch,“ ſetzte ſein Bruder hinzu, ſich ihm anſchließend,„und hier iſt der Squire.“ Der Gebieter von Crowshall fühlte, daß es an der Zeit ſei, ſich zu zeigen, und erklärte ſich bereit, den Geiſtlichen zu begleiten. „Ich nehme Ihr Anerbieten an, Mr. Haſtings,“ erwiderte Doctor Gore kalt;„es wäre weder klug noch höflich, es unter ſolchen Umſtänden zurückzu⸗ weiſen. Welchen Schlüſſel haben Sie, Nicolas?“ „Den zum ſüdlichen Portal, Ew. Ehrwünden.“ „Alſo vorwärts.“ Aber ehe ſie den Eingang zur Kirche erreichten, entdeckte Nicolas, der mit ſeiner Laterne voran⸗ ſchritt, den Leichnam des Sträflings auf dem Pfade ausgeſtreckt. Er wich ſchnell zurück und zeigte ihn den Nachfolgenden. „Es iſt ein Mord begangen worden,“ ſagte Doctor Gore in aufgeregtem Ton.„Wann werden die Verbrechen aufhören, welche unſer Dorf ſo oft in tiefe Betrübniß verſenkt haben? Wann wird ihr Urheber ſeine Strafe erhalten? Kennt Ihr das un— glückliche Opfer?“ Zwei von den Pächtern hoben den Leichnam auf und legten ihn auf einen der Grabſteine. Roderich erkannte ſogleich ſeine Züge. „Der Dummkopf hat ſeinen Stoß verfehlt,“ dachte er, und der Lichtſchimmer in der Kirche war jetzt kein Geheimniß mehr für ihn. „Es iſt kein Blut an dem Leichnam,“ ſagte der 186 Kirchſpielſchreiber;„aber die Geſichtszüge ſind ſchreck⸗ lich entſtellt.“ Die andern Zuſchauer erklärten, es ſei der Körper eines Fremden. „Ja, vergleichungsweiſe Fremden,“ ſetzte Rode⸗ rich hinzu.„Thatſache iſt, daß der Unglückliche ſeit einigen Tagen im Herrenhauſe war.“ „Auf Beſuch?“ fragte der Rector. „Nein... die Geſundheitsumſtände von Mrs. Haſtings erforderten ein zurückgezogenes, ſelbſt ein⸗ geſchloſſenes Leben, ich ſage es mit Bedauern. Und dieſer Mann, der große Erfahrung hatte, war von mir angeſtellt, ſie zu überwachen, die Sorgfalt, welche die Diener für meine Frau trugen, zu leiten.“ „Und Sie wiſſen nicht, was ihn auf den Kirch⸗ hof führte?“ „Nein.“ „Er hat uns unmittelbar nach dem Abendeſſen verlaſſen, Sir,“ ſetzte Bender hinzu,„indem er er⸗ klärte, er wolle ſich auf ſein Zimmer begeben.“ „Man ſollte den Leichnam zu dem Geiſtlichen bringen. Es wird die Sache der Jury ſein, über die Urſache dieſes Todes zu entſcheiden.“ Im Augenblick, als Nicolas das ſüdliche Portal öffnete, begann das Licht, welches das Innere der Kirche erhellte, zu zittern und erloſch einen Augen⸗ blick nachher. Roderich fühlte ſich erleichtert; er hatte nichts mehr zu fürchten. Ein ſchwacher Geruch, der etwas von Knoblauch hatte, erfüllte das Gebäude, und war ſo gleich⸗ 187 mäßig überall verbreitet, daß es unmöglich blieb, zu entdecken, wo er verſchwand. Man unterſuchte ſofort die Sakriſtei; nichts fand ſich daſelbſt in Unordnung. Das weiße Chorhemd und die Scharlachkaputze von Doctor Gore, wie der ſchwarze Zeugrock des Kirchſpielſchreibers hingen an der Wand. „Ich kann ihren Beweggrund nicht errathen,“ ſagte der Rector. „Das Silbergeräthe der Kirche,“ warf Bender reſpectvoll ein. „Die Idee iſt albern,“ entgegnete ſein Gebieter. „Werden wohl Diebe die Aufmerkſamkeit des gan⸗ zen Dorfes auf ſich ziehen, indem ſie den Ort, den ſie ausplündern wollen, erleuchten? Wenn das, was wir dieſe Nacht geſehen haben, das Werk eines menſch⸗ lichen Weſens iſt, ſo dürfen Sie überzeugt ſein, daß Raub nicht ſein Zweck war.“ Der Tag brach allmälig an, und die Unter⸗ ſuchungen wurden noch ſorgfältiger fortgeſett. Die⸗ jenigen, welche an den Schranken zurückgeblieben waren, faßten jetzt Muth, und die Zahl der in der Kirche gegenwärtigen Perſonen vermehrte ſich jeden Augenblick. Nan Willis zeigte ſich unter Andern daſelbſt, ruhig und geſammelt wie immer. Die Frauen vom Herrenhauſe zitterten bei ihrem Anblick, und mehrere Stimmen riefen, wenn Jemand das Geheimniß er⸗ klären könnte, ſo wäre es ſicherlich die alte Nan. „Und was wollt Ihr, daß ſie davon wiſſe?“ fragte ſie mürriſch.„Denkt Ihr, dieſe ſchwachen Hände haben den robuſten Frevler, der hier auf den Steinplatten liegt, erwürgt?“ 188 „Warum nennt Ihr ihn Frevler?“ rief der Rec⸗ tor erſtaunt. „Sehen Sie ſein Geſicht an, Sir,“ antwortete Nan mit ſanfterem Tone,„und leſen Sie die Linien, welche Verbrechen und Ausſchweifung daſelbſt ge⸗ zeichnet haben.“ Der Geiſtliche, betroffen von den unedeln Zügen des Todten, machte keine weitere Bemerkung. „Sie wird vielleicht erklären,“ warf der Kam⸗ merdiener ein, in welchem die Inſtincte des Policei⸗ Agenten wieder erwachten,„warum ſie geſtern Abend um das Schloß herumſtrich und„Mord!“ rief. Ich habe mit meinem Herrn davon geſprochen, der ſie ſelbſt ſah; aber Se. Chren hält ſie für närriſch.“ „Wirklich?“ ſagte Nan, einen drohenden Blick auf ihren Sohn heftend. Roderich ärgerte ſich allmälig lebhaft über die Bemerkungen ſeines getreuen Bender. „Alles dieſes wird ſich zu ſeiner Zeit aufklären,“ bemerkte Doctor Gore.„Ich werde ſogleich dem Coroner und der Obrigkeit die Thatſachen mittheilen, welche uns dieſe Nacht beunruhigt haben. Inzwiſchen ſoll der Leichnam in der Sakriſtei bleiben, von der ich den Schlüſſel zu mir nehmen werde. Und nun verlaſſe man die Kirche, damit das Bethaus nicht entweiht werde.“ Als Jedermann ſich zurückgezogen hatte, ſchloß der Drctor die Kirchenthüre und übergab den Schlüſ⸗ ſel Nicolas Pim. „Ich ſetze voraus, Mr. Haſtings,“ ſagte er im Augenblick, als der Gebieter von Crowshall wegzu⸗ gehen ſich anſchickte, nachdem er zum Abſchiedsgruß 1. 189 die Hand an den Hut gelegt hatte,„daß Sie der Unterſuchung anwohnen werden.“ „Ich.... ja, gewiß.... das heißt, wenn meine Gegenwart für nöthig erachtet wird,“ ant⸗ wortete der Heuchler überraſcht,„aber ich kann nicht begreifen, wozu das von Nutzen ſein wird?“ „Die Identität des Leichnams zu conſtativen, offenbar,“ warf Bender ein, der ein ſeltſames Ver⸗ gnügen daran zu finden ſchien, ſeinem Herrn Ver— druß zu machen. „Daran habe ich nicht gedacht,“ ſagte Roderich mit ſchlechtverhehlter Uebellaune.„Ohne Zweifel werde ich dabei ſein.“ Und er fragte ſich, wie er einen ſo ränkevollen Schelm in ſeine Dienſte habe nehmen können. „Nun!“ ſagte der Rector, als er in Begleitung von Nicolas Pim wieder im Pfarrhaus angelangt war,„was denken Sie von der Geſchichte dieſer Nacht?“ „Es wäre eine Anmaßung, es zu ſagen,“ erwi⸗ derte der Greis, den Kopf ſchüttelnd. „Nein, weil ich Sie darum frage.“ „Die Wahrheit zu ſagen, Sir, glaube ich, das Geheimniß wird bald erklärt werden. So wie Sie, halte ich dafür, daß das Licht, welches die Einwoh⸗ ner von Crowshall ſo ſehr erſchreckt hat, von Men⸗ ſchenhand angezündet iſt.“ „Und haben Sie auch die alte Nan in Verdacht?“ „Nan in Verdacht!“ wiederholte Nicolas.„Es hat nie ein ehrlicheres Geſchöpf gegeben, und trotz der boshaften Gerüchte, welche über ſie herum⸗ laufen, iſt ſie immer bereit geweſen, arme Nochbarn 190 mit ihrem Rath zu unterſtützen, denn ſie hat nichts als guten Rath zu geben.“ „Aber ſie geht nie in die Kirche oder wenigſtens ſehr ſelten.“ 2 „Dieß iſt das Einzige, was ich an ihr zu tadeln habe. Vielleicht iſt es nichts als Stolz. Sie iſt zu mittellos, um ihren Platz zu bezahlen, und ſtellt ſich nicht gern zu den Armen.“. „Möglich,“ erwiderte der Geiſtliche mit träume⸗ riſcher Miene,„Stolz iſt die Wurzel vieler Fehler.“ Achtundſechzigſtes Kapitel. Es war ein großer Geſchäftstag auf den Bureaus der meiſten City⸗Bankiers. Zwei Poſtfelleiſen von Indien und Amerifa waren, um eine Woche zu ſpät, angekommen. Auch Mr. Barnard befand ſich ſehr beſchäftigt in ſeinem Cabinet, als ſein erſter Commis, Mr. Plume, leiſe an die Thüre klopfte. Da er keine Antwort erhielt, machte er nach einem zweiten Verſuch von dem Privilegium ſeiner Stellung und ſeiner langen Dienſte Gebrauch, öffnete die Thüre und trat ein. „Sind Sie es, Plume?“ fragte der Bankier. „Jo Sirs „Warum haben Sie nicht angeklopft?“ „Ich habe zweimal angeklopft.“ 191 „Nun, was führt Sie her?“ „Eine telegraphiſche Depeſche von Liverpool.“ Mr. Barnard ſprang von ſeinem Sitz auf und riß ſchnell den Umſchlag ab, den ihm Plume dar⸗ reichte. Er enthielt nur die Worte:„Angekommen ohne Unfall um eilf Uhr Morgens.“ Unterzeichnet Wield. „Gott ſei Dank!“ rief er inbrünſtig,„Gott ſei Dank! Beſtellen Sie meinen Wagen, ich muß auf der Stelle nach Häuſe.“ „Nach Hauſe!“ wiederholte der betäubte Kaſſier. Er betrachtete wechſelsweiſe den mit Briefen be⸗ ladenen Tiſch und das Geſicht ſeines Principals. „Auf der Stelle! Habe ich Ihnen nicht geſagt, auf der Stelle? Beſchäftigen Sie ſich mit dieſer ganzen Correſpondenz. Sie werden thun, was Ihnen das Beſte dünkt. Ich überlaſſe Ihnen Alles.“ Die fünfunddreißig Jahre, ſeit der Kaſſier im Hauſe war, hatte der Bankier keinen Tag der Frem⸗ denpoſt verſäumt. Auch begriff Plume nichts davon. Ein Proteſt gegen Mr. Barnards Unterſchrift hätte ihm keine größere Aufregung verurſacht. „Er muß närriſch ſein!“ dachte er, ſich zurück⸗ ziehend, um eine ſo beſtimmte Order zu vollziehen. Er kehrte nach zehn Minuten zurück und fand ſeinen Principal bereits in ſeinem Ueberrock und den Hut auf dem Kopf. „Wollen Sie nicht den Brief von Pluck und Squeezers von New⸗York, Sir, vor Ihrem Abgang ſehen?“ „Der Teufel hole Pluck und Squeczers!“ „ „ 192 „Sie würden ihm nicht gehalten haben, denn ſie ſind ſo ſchwer zu faſſen, wie ein Aal.“ „Das kommt daher, daß ſie das trübe Waſſer dem hellen vorziehen.... Aber für mich handelt es ſich um keine Geldaffaire; es iſt eine Herzens⸗ Angelegenheit. Mein Junge iſt geſund und wohl zurück, reiner und glänzender als Gold.“ „Wie, Mr. Dick?“ „Von wem könnte ſonſt die Rede ſein? Verſtehen Sie mich jetzt?“ „O! jetzt, auch ich danke Gott. Ich bin über⸗ zengt, er wird einen vortrefflichen Bankier abgeben; er rechnet ſo gut, er hat eine ſo ſchöne Hand; und dann mit den Rathſchlägen und Lehren, die er im Hauſe erhalten wird....“ „Zum Teufel mit den Geſchäften! ich will nicht, daß Dick an einen Pult geſchmiedet werde, wie es mit mir geſchehen iſt.... Da ſind die Briefe; antworten Sie, wie es Ihnen gut dünkt.“ Und der Bankier ging weg trotz der Clienten, die ihn auf dem Gang aufzuhalten ſuchten; er war ungeduldig, Marion und der über das Schickſal ihres Sohnes beſorgten Mutter die gute Nachricht zu bringen. Mr. Barnard glaubte Verſtellungsgabe genug zu beſitzen, um die Freude, welche er empfand, nicht in ſeinem Geſicht leſen zu laſſen; aber er war kaum in den Salon getreten, als ſich ihm ſeine Tochter mit dem Rufe in die Arme warf: „Vater, rede, rede ſogleich, laß mich nicht in der Ungewißheit.“ „Sehe ich denn aus, wie Jemand, der ſchlimme — 193 Botſchaft bringt? Er iſt wohl, Marion!.. er iſt eben in England angekommen!“ Mrs. Herbert ließ die Blumen fallen, welche ſie eben in den Vaſen auf den Conſoletiſchen ordnete, und faltete in ſtummem Dank die Hände. Ihr Glück hatte keine Worte, nur Thränen waren ſeine Doll⸗ metſcher. Der Hausmeiſter trat dieſen Augenblick ein und meldete ſeinem Herrn, einer der Bankcommis ſei eben einem Cabriolet geſtiegen und begehre ihn zu ſehen. Der Alte ging hinaus und kehrte nach einigen Angenblicken wieder ſtrahlend von Lächeln zurück. Eine zweite telegraphiſche Depeſche hatte ihm eben gemeldet, daß Dick noch am Abend in London an⸗ komme. wäre ſchwer anzugeben, welches Herz bei dieſer glücklichen Botſchaft ſtärker ſchlug, das von Marion oder Mrs. Herbert, denn beide umfaßten den armen Reiſenden mit gleicher Liebe. Mr. Bar⸗ nard, beſorgend, zudringlich zu ſein, ließ ſeine Toch⸗ ter in den Armen der achtbaren Frau, welche für ſie eine zweite Mutter geweſen war und bald neue Rechte auf dieſen ehrwürdigen Namen erlangen ſollte. Ziehen wir einen Vorhang über ihr Glück. Wer könnte, was auf dem Grunde ihrer Herzen vorging, beſchreiben, als ſie die Verwirklichung der Hoffnung ſahen, welche ſo lange Zeit von Thränen und Still⸗ ſchweigen genährt wurde? Der Maler vermöchte ebenſo gut auf der Leinwand den Duft der Blumen darzuſtellen. Die Zeit kam ihnen Allen heute ſehr lang vor. Das Erbe. IV. 13 194 Der Bankier ließ ſich lang vor der beſtimmten Stunde auf den Bahnhof führen. Wie oft hielt er die Uhr an das Ohr, um ſich zu überzeugen, daß ſie nicht ſtehen geblieben war! Er begriff es nicht, die Minuten ſchienen ihm Stunden. Endlich ließ ſich das Signal der Locomotive hören. Der Bankier fühlte, wie ſein Herz in der Bruſt klopfte und heſtig an die Seiten derſelben ſchlug. Anfangs glichen die Lampen in der Ferne Feuermeteoren, dann näherte ſich der Zug pfeifend, weiße Dampfwolken gegen den Himmel ſchleudernd, wie ein Rieſe, der vom Laufe außer Athem gekom⸗ men iſt. Thränen erfüllten die Augen des Greiſes, als der Zug an ihm vorbeirauſchend ſtill hielt. „Hieher, Sir!“ rief die wohlbekannte Stimme Wield's, der eben aus einem Wagen erſter Claſſe ausſtieg⸗ Einen Augenblick nachher drückte Mr. Barnard unſerem Helden die Hand. „Ein Wort, ein einziges, um Gotteswillen!“ ſtammelte Dick. „Sie iſt wohl, mein theurer Freund, ganz wohl endlich biſt Du uns wieder gegeben!“ „Ich habe den Gentleman nicht einen Augenblick ſeit ſeiner Landung aus dem Auge verloren,“ ſagte Wield mit ruhigem Lächeln.„Ich fürchte, meine Aufmerkſamkeiten ſind ihm zudringlich vorgekommen und bitte tauſendmal um Entſchuldigung.“ „O mein theures Kind!“ bemerkte der Bankier, „es iſt wahr, wir ſind dieſem trefflichen Mann großen Dank ſchuldig.. beſuchen Sie mich übermorgen ¹ in der City,“ ſetzte er, gegen den Pol gewendet, hinzu,„wir wollen unſere machen.“ Inzwiſchen waren auch Dicks Gefährten ab ſtiegen: Georg Chaſon mit Martha, Mignonne und ihr Bruder, Pachter Giles und ſeine Familie, die Webbs und der arme Wharton, welcher furchtbar aufgeregt ſchien.. Mr. Barnard hatte kaum erfahren, wer ſie wären, als er den dienſtfertigen Mr. Wield bat, ſie nach dem nächſten Hotel in Harley⸗Street zu führen und Anweiſung zu geben, daß man es ihnen an Nichts fehlen laſſe. Der Policei⸗Officiant willigte um ſo lieber ein, als er Wharton erkannt hatte, und es für ſeine Pflicht hielt, ihn zu überwachen. Dick errieth Wield's Beruf und flüſterte dem Bankier einige Worte in's Ohr. „Gewiß, mein theures Kind!“ erwiderte dieſer. und es erfolgte eine kurze, vertrauliche Com⸗ munication zwiſchen Wield und Mr Barnard. „Sie können auf mich zählen, Sir,“ ſagte der Policei⸗Officiant. Auf dem Wege nach Harley⸗Street hatte der Bankier gerade Zeit, ſeinen Schützling von der Ent⸗ deckung ſeiner Mutter in der Perſon der Ex⸗Gouver⸗ nante Atkin zu unterrichten. Unſer Held ſtieg in einer Bewegung aus dem Wagen, die ihm faſt den Athem benahm. Es kam ihm nur ſo vor, daß der alte, grauköpfige Haus⸗ meiſter ihn willkommen heiße; einen Augenblick ſpä⸗ Salon, deſſen er ſich ſo gut erinnerte, in ſeinen Armen. ein Wort, Dick, nicht einen Kuß!“ rief „Mädchen, ſich ſanft losmachend,„die Liebe einer Mutter hat heiligere Rechte.“ Und ſie zeigte ihm die offene Thüre zu einem Zimmer, wo Mrs. Herbert ſaß. Uebergehen wir dieſes rührende Zuſammentreffen mit Stillſchweigen; Jeder, der ein Herz hat, wird daſſelbe ſich beſſer vorſtellen, als unſere Feder es zu thun vermöchte. Als der Bankier und ſeine Tochter endlich ein⸗ traten, fanden ſie Mrs. Herbert, das Haupt auf die Schulter ihres Sohnes geſtützt und Freuden⸗ thränen vergießend. „Verzeihen Sie mir, Marion,“ flüſterte ſie,„ich bin in meinem Glück ſelbſtſüchtig geweſen, aber es iſt ſo lange her, daß dieſes Gefühl mir unbekannt war. Wie ging es zu, daß ich die Züge ſeines Vaters nicht in denen Dicks erkannt habe? Nun, da der Schleier zerriſſen iſt, kommt mir die Aehn⸗ lichkeit ſchlagend vor.“ „Deine Anerkennung, theure Mutter,“ erwiderte unſer Held,„iſt Alles, was ich zu hoffen wage. Die die ich unter ſo vielen Gefahren geſucht abe „Sind in meiner Caſſe in Sicherheit, liebes Kind,“ fiel der Bankier ein.„Denkſt Du, ich habe mich nicht mit Deinen Angelegenheiten beſchäftigt? Dein Freund Spuggins war kaum in England ange⸗ kommen, als er verhaftet und nach Newgate gebracht wurde. Der Schurke iſt, ſagt man, entwiſcht; aber wir haben die Papiere, und ſollte es mich eine Million koſten, Roderich Haſtings ſoll zur Rechenſchaft gezogen werden.“ „Mein theurer, mein trefflicher Wohlthäter, was habe ich Ihnen nicht zu danken!“ „Du ſollſt mir, hoffe ich, noch ein koſtbareres Gut verdanken,“ entgegnete Mr. Barnard, und dieſe Worte bedeckten die Wangen ſeiner Tochter mit einer lieblichen Röthe. Der Tag begann zu grauen und unſer Held hatte die Erzählung ſeiner Abenteuer in Auſtralien noch nicht beendigt. Mr. Barnard bemerkte endlich, es wäre Zeit, ſich zu trennen und einige Stunden der Ruhe zu widmen. Wie unſere Leſer ſich denken können, wurde Mr. Elton noch an demſelben Tage von der Rück⸗ kehr des Erben von Crowshall in Kenntniß geſetzt. Eine Berathung der hervorragendſten Advocaten fand Nachmittags bei dem Bankier ſtatt, und die Spug⸗ gins entriſſenen Papiere wurden ihnen vorgelegt. Man hatte ſeit mehreren Tagen Abſchriften davon herumgeſchickt, denn Mr. Barnard wollte keinen Augenblick die Originalien aus der Hand geben, die er unter ſeiner eigenen Aufſicht abſchreiben ließ; ſie waren für ihn koſtbarer als ſeine Goldhaufen und Banknoten. Als ſein Schützling den Heiraths⸗Atteſt ſeiner Mutter las, konnte er einen Ausruf der Ueber⸗ raſchung nicht unterdrücken. Der Name des Geiſt⸗ lichen, welcher ihn unterzeichnet hatte, war Wharton. Er bemerkte dieß gegen ſeinen Wohlthäter. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte dieſer, an den Na⸗ 198 men des jungen Mannes gedenkend, deſſen Verhaf⸗ tung auf dem Bahnhofe ſein Einfluß bei Mr. Wield verhindert hatte. „Keine Geheimniſſe für Ihren Advocaten, Sir Walter,“ ſprach der mit Führung der Sache beauf⸗ tragte Solicitor⸗General*). „Aber das Geheimniß iſt nicht das meinige,“ erwiderte ernſt unſer Held,„und könnte die Sicher⸗ heit eines Mannes compromittiren, welcher Rechte auf meine Theilnahme und Erkenntlichkeit hat. Doch könnten,“ ſetzte er, von einer plötzlichen Hoffnung ergrifſen, hinzu,„Ihre Rathſchläge ihm dazu behülf⸗ lich ſein, das grauſame Gewebe zu entwirren, welches ſeine Ehre vernichtet und ihn, wiewohl unſchuldig, nach Norfolk⸗Eiland verbannt hat.“ „Iſt es möglich, daß Sie von Edward Wharton reden, der vor zwei Jahren wegen Mißbrauchs des Vertrauens verurtheilt worden iſt?“ fragte der So⸗ licitor.„Sein Vater, mein intimſter Freund, iſt eben von Indien angekommen, das Herz zerriſſen von der Beſchimpfung ſeines Namens, dem Verluſt des einzigen Sohnes. Er hat mich über die Mittel um Rath gefragt, dieſes Geheimniß aufzuklären, denn er iſt von der Unſchuld des jungen Mannes überzeugt.... und ich möchte gern ſeine Ueber⸗ zeugung theilen, in Folge gewiſſer Umſtände, die ſeit Kurzem bekannt geworden ſind, und über die Rechtſchaffenheit Saunderſons, ſeines Vormundes und ehemaligen Principals, Zweifel erregen.“ *) General⸗Procurator. 199 Dick erzählte Alles, was er von der Flucht ſei⸗ nes Gefährten wußte, und ſchloß mit der Verſiche⸗ rung, daß er denſelben für das Opfer irgend eines treuloſen Anſchlags halte. „Laſſen Sie Wield holen,“ rief Mr. Barnard; „das iſt ein gewandter Mann. Iſt eine Schurkerei bei dieſer Affaire im Spiel, er wird ſie an's Licht bringen.“ „Sollte alſo,“ fragte der General⸗Procurator, „dieſer junge Mann wirklich in England ſein?“ „Sie richten gewiß nicht in der Eigenſchaft eines Fiſipennn dieſe Frage an mich?“ ſagte unſer Held. „Ich richte die Frage an Sie als der intime Freund ſeines armen Vaters, des Geiſtlichen, der die Che Ihrer Eltern eingeſegnet hat. Ich erkenne ſeine Unterſchrift wohl. Was den jungen Mann betrifft, ſo hat er nichts zu beſorgen. Mein Einfluß bei der Regierung iſt groß genug, um ihm ſeinen Pardon zuzuſichern.“ „Aber wenn er unſchuldig iſt, braucht Edward Wharton keinen Pardon,“ entgegnete Dick warm. Die Rechtsmänner lächelten: ſie wußten, daß in Folge einer von jenen Anomalien, welche das eng⸗ liſche Geſetzbuch entehren, der ungerecht Verurtheilte nie etwas Anderes als ein begnadigter Verbrecher ſeyn kann, da die Juſtiz ihren richterlichen Spruch niemals ändert. Wir würden unſere Leſer durch das Detail einer Berathung ermüden, deren Reſultate ſich bald zeigen werden. Begnügen wir uns mit der Bemerkung, daß entſchieden wurde, Georg Chaſon, Pächter Giles 200 und ſeine Familie ſollten am nächſten Tag in Mr. Eltons Begleitung nach Crowshall abreiſen. Als Dick in die Wohnung ſeiner Mutter und Verlobten zurückkehrte, ſchlugen dieſe ihm vor, im Hotel, wo ſeine Freunde abgeſtiegen waren, einen Beſuch zu machen. Bei ihrer Ankunft daſelbſt fan⸗ den ſie dieſelben in einem Salon vereinigt; ein ge⸗ wiſſer Geruch, welcher das Gemach erfüllte, verrieth, daß die Empfindungen von Mrs. Webb übermäßig erregt waren und ſie ein wenig unter dem Einfluß ihres Lieblingsheilmittels ſtand. „Wer ſagt, daß er uns vergeſſen hat?“ rief ſie, ſich in Dicks Arme werfend, der allzu ſehr an dieſe Manifeſtationen gewöhnt war, um ſich davon ſehr überraſcht zu fühlen;„der Krieger iſt zurück.“ „Ah! für dießmal iſt es gut!“ erwiderte der Director,„wer hat denn etwas der Art vermuthet, außer Dir ſelbſt?“ Der kleine Mann wurde für dieſe wenig reſpect⸗ volle Bemerkung durch einen drohenden Blick der ſtolzen Euphraſia belohnt. Zeit und Kummer hatten Mrs. Herberts Züge ſo ſehr verändert, daß Georg Chaſon die Wittwe ſeines alten Herrn nicht eher erkannte, als bis ſie ſprach. Beim erſten Ton ihrer Stimme wurde er ganz unruhig und eine Menge Erinnerungen ſtellten ſich ſeinem Geiſte dar. „Bin ich das Opfer einer außerordentlichen Illu⸗ ſion,“ ſagte er,„oder ſehe ich wirklich....“ „Meine Mutter! mein theure Mutter!“ erwi⸗ derte unſer Held.„Was liegt mir jetzt an Rang und Vermögen, ſeitdem der Himmel mir meine 201 Mutter zurückgegeben hat? Martha, Sam, Mignonne, begreift Ihr nicht mein Glück? Ich bin überzeugt, daß Ihr es zu ſchätzen wißt und Euch mit mir freut.“ „Empfangen Sie den Dank einer Mutter,“ ſprach Mrs. Herbert, Martha's Hand faſſend,„für die Sorg⸗ falt, die Sie meinem Sohne gewidmet haben. Seine Liebe allein kann Sie dafür belohnen, meine Worte vermögen es nicht. Georg,“ ſetzte ſie mit lebhafter Bewegung hinzu, denn der Anblick des treuen Dieners und Freundes ihres Gatten rief ihr das kurze und raſch dahinſchwindende Glück ihres Lebens zurück,„ich ſehe, daß Sie mich nicht vergeſ⸗ ſen haben.“ „Ihre Stimme nicht, Madame, wiewohl mein Gedächtniß mir Ihre Züge nicht mehr vergegen⸗ wärtigt hat.“ „Aber, mein guter Freund, bedenken Sie, daß es mehr als zwanzig Jahre ſind, ſeit wir uns geſehen haben.“ Während unſer Held ſich mit ſeinen Freunden unterhielt, hatte Marion ſich Mignonne vorgeſtellt, welche, wiſſend, daß die Tochter des Bankiers ihre traurige Geſchichte kannte, ſich ſchüchtern bei Seite gezogen hatte. Das ſanfte Mädchen wußte ſchnell die Freundſchaft der jungen Mutter dadurch zu ge⸗ winnen, daß ſie ihr Kind liebkoste. „Was für ein entzückender kleiner Junge!“ rief ſie,„wie müſſen Sie ihn lieben! Ich glaube, ich hätte ihn ſchon nach Dicks Beſchreibungen erkannt!“ Das Kind ſah ſie an und lächelte. „Sie dürfen nicht im Hotel bleiben,“ fuhr Ma⸗ 202 rion fort;„Sie müſſen bei uns wohnen. Kein Wort, es wäre denn Ja! Mein Vater und ich werden entzückt ſein, Sie zu empfangen.“ „Ach!“ rief die arme Mignonne erröthend,„Sie wiſſen nicht. „Ich weiß Alles, und eben weil ich Alles weiß, den grauſamen Verrath, deſſen Opfer Sie geworden ſind, und Ihr edles Benehmen unter der Laſt un⸗ verdienter Leiden, bitte ich Sie, unſere Wohnung zu der Ihrigen zu machen und mich als eine Schwe⸗ ſter anzuſehen.“ „Ich bin nicht undankbar,“ ſagte Mignonne ſchluchzend,„nein, wahrhaftig, ich bin nicht undank⸗ bar. Wenn ich zaudere, ſo geſchieht es Ihretwegen. Was würde die Welt von einer ſo übel ſich ſchicken⸗ den Freundſchaft ſagen?“ „Die Welt!“ wiederholte Miß Barnard lächelnd, „Gott ſei Dank, mein Glück hängt nicht von der guten oder ſchlechten Meinung ab, welche ſie über mich haben kann. Ich würde nicht ein Gefühl auf⸗ opfern, um ihren Beifall zu verdienen, wenn mein Herz mir ſagt, daß dieſes Gefühl richtig iſt. So ſagen Sie denn, Sie wollen kommen, oder muß ich mich an Dick wenden, daß ſein Einfluß Sie be⸗ ſtimme?“ „Ihre eigene Güte hat entſchieden.“ Voll Freude, den Sieg davon getragen zu haben, faßte Marion Mignonne's beide Hände und küßte ſie auf die Wange. „Ich bin überzeugt, wir werden Freundinnen werden,“ rief ſie fröhlich,„wir werden Schweſtern 203 ſein, denn Dick betrachtet Sie auch wie ſeine Schwe⸗ ſter. Und der liebe Kleine, ich bitte Sie nicht um Erlaubniß, ihn zu lieben, ich nehme ſie, ohne zu fragen.“ Neunundſechzigſtes Kapitel. Roderich Haſtings fühlte, daß ſeine Stellung von Tag zu Tag kritiſcher wurde. Mabel gewann, an⸗ ſtatt der Verzweiflung und dem Wahnſinn zu unter⸗ liegen, wie ihr Verfolger hoffte, allmälig ihre Ruhe und Selbſtbeherrſchung wieder, und dieß trotz der Unwürdigkeiten, welche ſich Thereſe, ihre ehemalige Zofe, gegen ſie erlaubte, die mit Mrs. Montréſor, der erklärten Concubine des Sohnes von Nan Wil⸗ lis, in Crowshall angekommen war. Die recht⸗ mäßige Gattin litt, wenn nicht mit der Geduld eines Märtyrers, wenigſtens mit der Feſtigkeit eines Stoikers. Auf Bitten von Doctor Gore war die gericht⸗ liche Unterſuchung über den Körper des Wächters auf den zweiten Tag verſchoben worden, um zu der Leichenöffnung, einer Operation, die von Doctor Marc geleitet wurde, Zeit zu laſſen. Die außer⸗ ordentlichſten Gerüchte circulirten im Dorfe und die Aufregung war auf ihrem Gipfel. Der Tag der Unterſuchung kam endlich an. Der Rector und mehrere Magiſtratsperſonen der Grafſchaft 204 waren bereits im Clubbſaale der Aufgehenden Sonne verſammelt, als Roderich, begleitet von ſeinem Agen⸗ ten, dem Advocaten Colley, ankam; der Coroner hatte ihn als Zeugen vorgeladen. Die Magiſtratsperſonen erwiderten ſeinen Gruß kalt, und er bemerkte zornig, daß nicht einer ſeiner zahlreichen Hinterſaſſen, die im Saale vereinigt waren, ihm das geringſte Zeichen von Achtung bewies. Die alte Nan war mit mehreren andern Frauen gegenwärtig, ruhig, aber aufmerkſam und auf die Krücke geſtützt. Der erſte Zeuge, der vernommen wurde, war Doctor Marc. Als man ihn nach der Urſache des Todes des Verſtorbenen fragte, nannte er ohne Zö⸗ gern einen Schlaganfall. Man bemerkte nicht die geringſte Spur einer Gewaltthätigkeit an dem Leich⸗ nam. Seine Collegen und er hatten den Körper mit der größten Sorgfalt unterſucht und den Inhalt des Magens analyſirt. Das Gehirn allein war af⸗ ficirt befunden worden, es zeigte ſich hier ein Blut⸗ erguß... kurz, alle Zeichen des Uebels, welchem man den Tod zuſchrieb. Die übrigen Zeugen, Aerzte und Chirurgen drück⸗ ten dieſelbe Meinung aus. Beim Anhören dieſer Erklärung wechſelten Nan und ihr Sohn umwillkürlich einen Blick; die Phy⸗ ſiognomie der Alten war ausnehmend betrübt; ein ſpöttiſches Lächeln irrte über Roderichs Lippen.. Jedermann ſchien in ſeinen Erwartungen ge⸗ täuſcht, als er die Meinung der Aerzte vernahm. Doctor Mare war ein zu ehrenhafter Mann, als 205 daß man hätte argwöhnen dürfen, es ſei irgend ein Einfluß auf ihn ausgeübt worden; aber mehrere fragten ſich, ob er ſich nicht täuſche. „Sie erklären, keine Spur von Gewaltthat an dem Leichnam entdeckt zu haben?“ fragte der Coroner. „Keine.“ „Nichts, was dieſen Tod durch ein äußeres Mit⸗ tel erklären könnte?“ „Nichts. Das Einzige, was einer Wunde ſich näherte, war eine leichte Ritze an der Bruſt, aber ſie hatte kaum die Haut verletzt.“ Roderich ſtand auf und ſchickte ſich an zu gehen, als der Coroner ihn aufforderte zu bleiben. „Ich dachte,“ antwortete der Gebieter von Crows⸗ hall ſtolz, denn er war noch gereizt über den ihm zu Theil gewordenen Empfang,„ich dachte, die Sache ſei jetzt zu Ende.“ „Noch nicht,“ ſagte der Juſtizbeamte gelaſſen. „Das Verdict der Jury iſt noch nicht gefällt, und ſo wenig man auch daran zweifeln kann, daß es auf natürlichen Tod laute, ſo muß man ſich doch über den Leichnam des Verſtorbenen vereinigen, deſſen Name Ihnen bekannt ſein muß, weil er in Ihren Dien⸗ ſten ſtand. Schreiber,“ ſetzte er hinzu,„laſſen Sie Mr. Haſtings den Eid leiſten.“ Nach Vollzug der Formalität begann das Verhör. „Sie kennen, glaube ich, den Verſtorbenen?“ ſagte der Coroner. „Ja.“ „Wollen Sie ſeinen Nämen angeben?“ „James Hart.“ 206 „Sie wiſſen, daß dieß ſein Name iſt?“ „Ja das heißt, ich vermuthe ſo; es iſt wenigſtens der einzige, den ich je von ihm ge⸗ kannt habe. Er iſt mir als ein zuverläßiger Mann empfohlen worden. Thatſache iſt.. daß i Die Zögerung, die raſche Pauſe, die Unruhe des Zeugen, die mit ſeiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit ſo ſtark contraſtirte, erregte das Befremden aller Anweſenden. Dieſe Unruhe vergrößerte ſich bei dem plötzlichen Erſcheinen von Mr. Elton, in Begleitung des Pblicei⸗Agenten Gray, Giles und ſeiner andern Freunde. „Und dieß iſt Alles, was Sie von ihm wiſſen?“ „Alles.“ Hier flüſterte Doctor Gore, der eben Mr. Elton die Hand gedrückt hatte, dem Coroner einige Worte in's Dhr. „Man rufe Edward Gray,“ ſprach bieſer Der Diebsfänger näherte ſich und leiſtete den Fi N „Haben Sie den Körper des Verſtorbenen ge⸗ ſehen?“ „Und Sie erkennen ihn?“ „Für den eines Sträflings, Namens Spuggins, welchen ich kürzlich wegen Bannbruchs in Newgate feſtſetzen ließ. Es gelang ihm, von dort zu entwiſchen. Es iſt aller Grund zu glauben, daß er ſeit ſeiner Entweichung zu ſeinen andern Verbrechen noch den des Mords, vollbracht an der Perſon ſeiner Frau, 207 gefügt hat, und ich könnte den Beweis dafür liefern, wenn Sie die Unterſuchung noch etwas ver⸗ ſchieben wollen.“ Alle Blicke waren auf Roderich gerichtet, der ſchwarzblau vor Wuth wurde. „Ich habe weder ein Verlangen, noch einen Grund,“ ſprach er,„die Ausſage dieſes Mannes zu beſtreiten. Was er geſagt hat, mag wahr oder falſch ſein, mir liegt wenig daran. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß mir der Verſtorbene unter dem Namen James Hart empfohlen wurde und daß ich ihn unter anderen nicht gekannt habe.“ „Haben Sie ihn nie beſucht, als er unter einem andern Namen bekannt war?“ fragte der Coroner, deſſen Fragen ihm von Mr. Elton einge⸗ geben waren. „Ich rathe meinem Clienten, zu ſchweigen,“ ſprach Ellsgood, plötzlich ſich erhebend.„Es exiſtirt offen⸗ bar ein Gefühl der Feindſeligkeit gegen ihn und man benützt dieſe Unterſuchung, um ihm gewiſſe Geſtändniſſe zu entlocken, deren man ſich bei einer andern Gelegenheit bedienen wird. Ich behaupte, daß die Umſtände, unter welchen er die Bekannt⸗ ſchaft des verſtorbenen Spuggins oder Hart, wel⸗ ches auch ſein wahrer Name ſei, machte, keinen Bezug auf die uns beſchäftigende Angelegenheit haben und daß dieſelben nicht vor die Competenz dieſes Hofes gehören.“ „Auch nicht, wenn der Zeuge falſch geſchworen hätte?“ entgegnete der Coroner. „Das ſtände zu beweiſen,“ ſagte der Advocat Colley, mit dem Zeigefinger an die Stirne tippend, 208 „das ſtände zu beweiſen. Iſt der Verſtorbene der Mann, für den Sie ihn ausgeben, wer weiß, welches ſein wahrer Name iſt, Spuggins oder Hart, oder ein Dutzend andere? Es handelt ſich zuerſt um An⸗ gabe eines Beweggrundes. „Das ſollte nicht ſchwer ſein,“ entgegnete Mr. Elton mit geringſchätzigem Lächeln.„Aber es iſt nicht der Augenblick, über dieſe Frage zu entſchei⸗ den. Mr. Haſtings wird bald Gelegenheit haben, ſein Verhalten zu rechtfertigen, wenn er es anders kann. Es wird eine andere gerichtliche Un⸗ terſuchung zu Crowshall geben.“ „Worüber?“ fragte Mr. Ellsgood. „Ueber den Leichnam des verſtorbenen Walter Herbert.“ „Wenn Ihr ihn findet,“ dachte Roderich. Und der Frevler wünſchte ſich Glück zu der Klug⸗ heit, die ihn beſtimmt hatte, die ſterbliche Hülle ſei⸗ nes Opfers aus der Gruft wegzuſchaffen. Das Zeugniß der Männer vom Fach war zu einſtimmig, als daß die Jury ein anderes Verdict als auf natürlichen Tod hätte fällen können. Es wurde anfänglich ſchweigend aufgenommen, aber als der Beſitzer von Crowshall ſich zurückgezogen hatte, begrüßte ein allgemeines Grunzen ſeinen Abgang. „Geh nur,“ rief der alte Giles,„geh nur mit Deinem ſchurkiſchen Agenten, die Gerechtigkeit wird ihn endlich erreichen. Der wahre Erbe der Herberts iſt zurück.“ „Schurkiſchen Agenten!“ rief Mr. Ellsgood im Tone der Entrüſtung.„Dieſe Worte geben Stoff 209 zu einem Proceß, Sir. Wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr ſagen?“ „Was ich ſage, alter Colley,“ erwiderte der ehr⸗ liche Reoman,„und was das Anhängen eines Proceſſes betrifft, ſo ſteht es Euch frei. Ich ver⸗ ſchlucke meine Worte nicht und läugne ſie nie.“ „Ich will Euch einen anhängen, rechnet darauf, Sir,“ entgegnete der gereizte Advocat,„das heißt für den Fall, daß Ihr ein Mann von einigem Werth ſeid; ſonſt werde ich Eure Schmähungen mit Ver⸗ achtung behandeln.“ Dieſes ſagend verließ er die Aufgehende Sonne und ſchloß ſich Haſtings wieder an. Sie ſchritten einige Zeit ſchweigend dahin. „Ungluͤckliche Affaire.... ſehr unangenehm!“ murmelte Mr. Ellsgood, als er dem Herrenhauſe nahe kam.„Ich habe immer gedacht, Mr. Haſtings, daß Sie in Ihren Maßregeln ſehrunklug ſeien. Was wollte dieſer abgeſchmackte Elton mit einer Unterſuchung über den Leichnam Walter Herberts ſagen?“ Sein Begleiter zuckte mit affectirter Gleichgültig⸗ keit die Achſeln. „Antworten Sie,“ ſetzte der Advocat ungeduldig hinzu. „Das iſt irgend eine unerklärliche Jdee, welche durch ſein kluges Gehirn gefahren iſt. Wollte Gott, ich wäre des Herrſchaftsgutes ſo ſicher, als ich es des Reſultates einer Unterſuchung über Wal⸗ ters Tod bin. Aber es ſcheint, daß ein Prätendent ſich erhoben hat... ein Individuum, das ſich für Walters Sohn ausgibt.“ Das Erbe. 1V. 14 210 „Der ſich für ſeinen Sohn ausgibt?“ „Der es iſt, wenn Sie lieber wollen; aber was habe ich zu fürchten? Er wird nicht allein die Hei⸗ rath eines Vaters und die Geburt eines Sohnes, ſondern auch noch ſeine Identität mit dieſem Sohne zu beweiſen haben, was ziemlich ſchwer halten wird, in Betracht, daß er der Sorge eines Dieners anver⸗ traut worden iſt, der ihn beinahe zwanzig Jahre nicht geſehen hat.... Zudem iſt im ſchlimmſten Fall das Leben meiner Frau zu einer ſo beträcht⸗ lichen Summe verſichert, daß ich immer ein reicher Mann ſein werde.“ „Wenn Sie die Summe in Händen haben.“ „Ja, ja,“ antwortete der Heuchler,„aber Ma⸗ bels Geſundheit ſchwindet, ſie hat nicht mehr lang zu leben.“ Ellsgood betrachtete ihn feſt und trat endlich ſei⸗ ner Anſicht bei⸗ Der alte Giles und ſein Sohn wurden bald von den Pächtern wieder erkannt, welche ihnen die liebe⸗ vollſte Aufnahme bereiteten. Man drückte ihnen die Hand, richtete eine Menge Fragen an ſie, auf welche ſie eifrig antworteten. Der Alte erzählte auch ſein Zuſammentreffen mit unſerem Helden, den Tod Amen Corners und ſein Geſtändniß. Georg Chaſon beſtätigte alle ſeine Worte. Nach dem Schluß der Erzählung brachten die Zu⸗ hörer drei Hurra's für Walter Herbert aus; ein dreifaches Grunzen galt dem gegenwärtigen Beſitzer von Crowshall. „Ich werde ihm den Pachtzins nicht mehr be⸗ zahlen,“ rief einer von ihnen. 211 „Ich auch nicht, ich auch nicht,“ ſetzten mehrere Andere hinzu. „Sir Walter ſoll ſich nur unter uns zeigen, und wir werden ihn bald in Beſitz des Herrenhauſes geſetzt haben.“ „Warum es nicht auf der Stelle thun?“ fragte William Giles. Aber daran war in dieſem Augenblick, wo ſich vier oder fünf Magiſtratsperſonen im Doyfe befan⸗ den, nicht zu denkeu. Die Pächter entſchloßen ſich, den alten Allan zu beſuchen, und ſich durch ſeine Rathſchläge leiten zu laſſen. Inzwiſchen hatte Mr. Elton bei der Obrigkeit um die Vollmacht angeſucht, den Körper Walter Herberts aus dem Sarge zu nehmen; er wußte ſo gut, wie der Rector, daß man ihn nicht finden würde, aber der Beweis war nothwendig, daß er aus der Familiengruft entwendet worden war, ehe man neue Schritte that. Der Rechtsgelehrte hoffte Ort zu entdecken, wo man ihn verborgen atte. Zur Unterſtützung ſeiner Bitte legte er das Ge⸗ ſtändniß Amen Corners vor, wie es von Mr. Wood, der Magiſtratsperſon von Melbourne, auf⸗ gezeichnet worden war. Die Vollmacht wurde er⸗ theilt, und die Geſellſchaft verfügte ſich nach der Kirche, wohin Nan Willis am Schluß der Unterſuchung ſich begeben hatte. Als ſie über den Kirchhof ſchritten, ſahen ſie die⸗ ſelbe auf einem Grabe ſitzen, nahe bei der Stelle, wo Spuggins Körper gefunden worden war. Sie 212 erhob ihre grauen Augen und betrachtete dieſelben mit forſchender Miene. „Nan,“ ſagte der Rector,„ich habe oft gedacht, Ihr könntet den größten Theil der letzten Ereigniſſe erklären.“ „Die Thoren halten mich für eine Hexe,“ er⸗ widerte die Alte,„aber Sie, Sir, ſollten über dieſen Aberglauben erhaben ſein.“ „Seit wie lange wohnt Ihr in dieſem Dorfe?“ fragte Mr. Elton. „Seit ſo vielen Jahren, daß ich ſie zu zählen nicht die Zeit habe. Ich habe ſchwarze Haare blei⸗ chen und die grauen Köpfe einſcharren ſehen. Die Reihe wird bald an mich kommen, wenn der Tod mich nicht vergeſſen hat.“ „Das iſt ein gottloſer Gedanke,“ ſagte der Geiſtliche. „Was wollen Sie, daß ich damit mache? Die Gedanken kommen, ohne daß man ſie ſucht. Sind Sie mit meinen Antworten unzufrieden, ſo laſſen Sie ab, mich zu fragen.“ Bei dieſen Worten wandte ſich Nan mit düſterer Miene ab und ging nach einem entfernteren Theil des Kirchhofs. Der Beſuch in der Gruft war ohne Erfolg, wie man es erwartet hatte. Am andern Tage las man im Dorfe einen An⸗ ſchlagzettel mit der Ueberſchrift: Kirchenraub. Man bot darin demjenigen fünfhundert Pfund, wel⸗ cher den Ort entdecken würde, wohin der aus der Gruft ſeiner Vorfahren entwendete Körper Walter Herberts gebracht worden war. 213 Siebenzigſtes Kapitel. Roderich ging träumeriſch ſeines Wegs. Plötzlich fuhr er zuſammen. Eine Stimme hatte flüſternd an ſeinem Ohr das ſchreckliche Wort:„Muttermörder!“ ausgeſprochen. Er erhob die Augen und erkannte ſeine Mutter. „Was haſt Du geſagt?“ fragte er. „Muttermörder!“ wiederholte Nan,„im Herzen, wenn auch nicht der That nach.“ „Biſt Du wahnſinnig?“ rief ihr Sohn im Tone gut verſtellter Entrüſtung,„oder treibt ein böſer Geiſt Dich an, mich eines ſo ſchauderhaften Ver⸗ brechens zu bezüchten? Ich bin ein gottloſer Menſch, das weißt Du; ich machte mir kein Gewiſſen daraus, denen das Leben zu nehmen, die mir hinderlich wa⸗ ren, ich läugne es nicht; aber wer hat mich zu die⸗ ſer Aufgabe erzogen? wer hat meinem jungen Herzen einen unverſöhnlichen Haß gegen Alles, was den Namen Herbert trug, eingeflößt?“ „Wahr! wahr! ich habe die Schlange ausgeheckt, ich habe ſie an meinem Buſen erwärmt, iſt es zu ver⸗ wundern, wenn ſie ſich gegen mich gewendet hat, um mich zu ſtechen?“ „Iſt es meine Schuld, wenn Du das Vermögen abgelehnt haſt, welches ich mit Dir theilen wollte? wenn Du nur das Unmögliche begehrt haſt, die An⸗ erkennung des Bandes, das uns einigte? Ich konnte hart, zornig, nachläſſig ſein, ich geſtehe es; aber Muttermörder! dieſer Gedanke konnte Dir nur in einem Anfall von Wahnwitz kommen!“ 214 Nan ſah ihn feſt an; aber Roderichs Geſicht blieb ruhig, ſeine Augen hielten unerſchrocken den Blick ſeiner Mutter aus. „Und der Elende.. Dein Werkzeug, Roderich, der mir auf dem Kirchhof das Leben nehmen wollte wo er das ſeinige verloren hat.“ „Dir das Leben nehmen?“ wiederholte der Heuchler mit Entrüſtung und Erſtaunen;„träumſt Du?“ „Wollte Gott, es wäre ein Traum!“ murmelte Nan traurig.„O, ich möchte glauben, daß das letzte Band, das mich an die Erde knüpft, nicht zer⸗ riſſen iſt! Aber ich habe gefühlt, wie ſeine Finger mir die Kehle zuſammenpreßten; dennoch hat mein Muth mich nicht verlaſſen, mein Puls nicht ſtärker geſchlagen. Es war das Werk eines Augen⸗ blicks, und der Mörder lag todt zu meinen Füßen!“ „Deine Hand iſt es alſo, welche 4 „Meine Hand, ja, die meinige! Sieh mich an, wer würde beim Anblick dieſer runzeligen Glieder, dieſes ſchwachen Körpers glauben, daß ich noch ſo viel Stärke beſitze? Daß ich dieſen Tiger von einem Menſchen zwang, ſeine Beute fahren zu laſſen, un⸗ mächtig wie ein Kind an der Mutterbruſt? Wer würde glauben, daß der geringſte Schlag der Alten, gefürchtet von der Welt, verhöhnt von den Kindern, wenn ſie je einmal über die eingezäunten Wege und die grünen Felder hinſchreitet, wer würde glauben, ſage ich, daß der geringſte Schlag von ihr den Tod gibt.. den Tod!“ Und ein wie Pfeifen tönendes Gelächter ent⸗ ſchlüpfte ihren Lippen, während ſie die Wirkung 21¹5 beobachtete, welche dieſe Worte auf ihren Zuhörer hervorbrachten. So wenig Roderich einen Augenblick gezweifelt hatte, daß Spuggins von der Hand Nans geſtorben ſei, konnte er doch nicht begreifen, was für eines Mittels ſie ſich bedient hatte. Aber er wünſchte lebhaft, dieſes Geheimniß kennen zu lernen, mit deſſen Hülfe er den Gefahren, die ihm drohten, trotzen, Mabel und unſern Helden um's Leben brin⸗ gen konnte, ohne Entdeckung befürchten zu müſſen, da Doctor Mare ſelbſt der Meinung war, Spug⸗ gins ſei das Opfer eines Schlaganfalls. Um die Kenntniß dieſes Geheimniſſes zu erlangen, mußte er vor allen Dingen in Nans Geiſt jeden Verdacht beſeitigen, den ſie gegen ihn haben konnte. Es ge⸗ lang ihm; eine Mutter iſt immer leichtgläubig, und ſich einbildend, ihrem Sohn Unrecht gethan zu haben, fühlte die Alte ihre Zuneigung zu ihm wieder⸗ kehren. „Gott ſei Dank!“ rief ſie,„der Sohn, den ich unter dem Herzen getragen habe, iſt unſchuldig... wenigſtens an dieſem Verbrechen.“ Roderich bot ihr die Hond; ſeit langer Zeit hatte ſie dieſelbe nicht mehr gedrückt und Thränen füllten ihre Augen, während ſie die noch ſchönen Züge des Heuchlers betrachtete. „Schwäche! Thorheit!“ murmelte ſie. „Sage vielmehr Natur, Mutter; dein Herz hat meine Unſchuld erkannt.“ „Ja, ja, und nun, Roderich, höre mich gedul⸗ dig an.“ Sie ſetzte ſich am Fuß einer der ſtolzen Eichen 216 nieder, welche die Allee zum Herrenhauſe bilde⸗ ten, und ſprach, ihre beiden Hände auf die Krücke ſtützend, alſo: „Genug und mehr als genug der Rache, jetzt, mein Sohn! Hüte Dich, Dein Wort zu verletzen! Das Verbrechen wird zuweilen ſchon in dieſer Welt geſtraft.“ „Fabeln, bloße Fabeln!“ „Meine Geſchichte wird Dir beweiſen, daß es eine Wahrheit iſt. Meine Mutter, vorausſehend, daß ſie bei Gilberts Tode der Gnade ſeiner mit Recht erbitterten Gattin preisgegeben ſei, hatte an ihren Bruder geſchrieben, ſie in Crowshall zu holen. Das gefürchtete Ereigniß trat bälder ein, als man dachte, und wir wurden beide ſchmählich fortgejagt. Alle Thüren wurden uns verſchloſ⸗ ſen. Meine Mutter entfernte ſich aus dem Dorfe und kam elend im Schnee um. Ich wurde ge⸗ rettet.“ „Durch wen?“ „Durch den Bruder, der zu ſpät gekommen war, um ſeine Schweſter zu retten. Es war ein Mann von mehr als gewöhnlichem Wiſſen, bewandert in der Kunſt, die Schwachen ſtark zu machen. Er kannte die Geheimniſſe der Kirche und des Herren⸗ hauſes gut(ſein Vater war Rector von Crowshall geweſen), unter anderem auch das der Gruft, welche uns ſo oft zum Stelldichein und Zufluchtsort ge⸗ dient hatte.“ „Kennſt Du das Archivzimmer?“ fragte Ro⸗ derich. „Nein. Nur die Familienglieder ſind von die⸗ 217 ſem Geheimniß unterrichtet. Ich wurde alſo von dieſem Oheim erzogen, welcher den Schimpf, der auf ſeinem Namen laſtete, bitter empfand. Die erſte Lehre, die ſich in mein Herz eingrub, war der Haß gegen die Abkömmlinge der Lady Herbert. Er unter⸗ richtete mich von vielen Dingen, die ich vergeſſen hatte, und zum Unglück für die Ruhe meiner Seele habe ich nur zu gut ſeine Lehren behalten!.. Mit achtzehn Jahren verheirathete ich mich. Du wurdeſt geboren. Ich war glücklich, o! ſo glücklich in der Liebe meines Gatten und meines Kindes. Aber der böſe Geiſt in meinem Weſen war nur ein⸗ geſchlummert, er erwachte und in einem Augenblick unſeligen Vertrauens geſtand ich Deinem Vater meine Racheplane. Er hörte mich mit Erſtaunen und Schauder an und ſchwur, daß ſein Sohn nie das Werkzeug eines ſolchen Verbrechens werden ſollte. Von dieſem Tage an erkaltete ſeine Liebe; ich verlor den Platz, den ich in ſeinem Herzen ein⸗ genommen hatte, und eine andere nahm ihn ein. Er verließ mich, floh in ein fernes Land und ſtarb daſelbſt.“ „Wie ſtarb er?“ „Frage mich nicht!“ rief Nan, die Arme mit wilder Miene ſchwingend.„Seine Maitreſſe und er liegen in demſelben Grabe!.... Mehre Jahre lang war meine Vernunft geſtört und ich wurde eingeſperrt. Als man mir die Freiheit gab, hatte ich weiße Haare, wie gegenwärtig; ich war ſo verän⸗ dert, daß mich Niemand erkannte. Ich ſammelte Alles, was mir von Vermögen blieb, und ließ mich hier nieder, nachdem ich Dich nach Frankreich ge⸗ 218 ſchickt hatte, um dort erzogen zu werden. Du weißt das Uebrige. Es gelang mir, Dich ganz jung mit Mabel Herbert zuſammentreffen zu laſſen. Ihre Brüder ſtarben; Du wurdeſt ihr Gatte und Be⸗ ſitzer von Crowshall. Mabel liebte Dich; ſchone ſie, Roderich, um des Andenkens an Deine eigene Ungerechtigkeit und der Leiden Deiner Mutter willen!“ „Sie war treulos nicht nur gegen meine Ehre, ſondern auch gegen meine Intereſſen. Ohne ſie hätte ich längſt den Baronetstitel.“ Und er erzählte Nan, wie Mabel den ehren⸗ werthen Edgar Sutton angetrieben, das Herrſchaftsgut zu reclamiren, und durch welche geſchickte Liſt er die Subſtitutions⸗Urkunde, welche ſeine Frau für ihn be⸗ ſtimmte, aufgefangen habe. „Alt ich begreife nicht,“ fügte er hinzu,„wie ſie ſich mit ihm in Communication ſetzen konnte. Thereſe, ihr Kammermädchen, war mir ergeben, und ich bin übezeugt, daß ſie das Haus niemals allein verlaſſen hat.“ Nan Willis lächelte. „Wo ſchlief ſie?“ fragte ſie. „In ihrem Zimmer.“ „Ja, ja, dem Cavalierszimmer. Es war das meines Vaters; ich kenne es wohl. Es beſteht eine geheime Verbindung zwiſchen dieſem und dem Park⸗ povillon.“ Auf Bitten ihres Sohnes beſchrieb ſie ihm auf's genaueſte den Ein⸗ und Ausgang. „Mutter,“ nahm Roderich wieder das Wort, „Du haſt von dem ſeltſamen Wiſſen deſſen geſprochen, 219 der Dich rettete und erzog. Ich bitte Dich nicht um alle Deine Geheimniſſe, aber eines iſt ſo nothwen⸗ dig für meine Sicherheit, daß ich, um es zu be⸗ ſitzen, den Spöttereien meiner Freunde und der Verachtung der Welt trotzen könnte, ich würde Dich als meine Mutter anerkennen.“ Nan gab keine Antwort und begnügte ſich, ihn feſt anzuſchauen. „Was noch mehr iſt,“ fuhr der Verſucher fort, „Du würdeſt Deine Tage in der Wohnung beſchlie⸗ ßen, aus der Du ſo grauſam verbannt worden biſt, Du würdeſt daſelbſt von Jedermann geehrt und ge⸗ achtet ſein und Deine Gebeine in der Gruft der Her⸗ berts beſtattet werden.“ „Welches iſt das Geheimniß, wornach Du ſo großes Verlangen haſt?“ „Das, womit Du den Frevler, der Dich auf dem Kirchhof angriff, wie mit einem Blitzſtreich zu Bo⸗ den geſchlagen haſt. Marc hat mit all ſeiner Wiſ⸗ ſenſchaft nichts zu entdecken vermocht. Bewaffnet mit einem ſolchen Mittel. „Könnteſt Du Dich Mabels entledigen,“ erwiderte Nan ſarkaſtiſch. „Wahr.“ „Wie des Sohnes von Walter Herbert. Du würdeſt Dir den Beſitz des Herrſchaftsgutes, der Ur⸗ ſache ſo vieler Verbrechen, ſichern... „Deren wir Beide ſchuldig ſind,“ fiel Rode⸗ rich ein. „Wahr! wahr! Ich habe das Recht verloren, Dir Vorwürfe zu machen, Du haſt nach meinen Leh⸗ ren gehandelt.. Aber wirſt Du Dich mit dieſen 220 Opfern begnügen?“ ſetzte ſie mit einem Blick hinzu, der ihn auf die Vermuthung brachte, ſie werde ſei⸗ nen Wünſchen nachgeben. „Gewiß.“ „Du ſchwörſt es mir?“ „Beim Himmel!“ rief er erfreut;„es werden „Halt ein!“ ſprach Nan Willis mit ſtrengem Ton.„Füge nicht den Meineid, einen unnützen Meineid Deiner langen Liſte von Verbrechen bei. Es iſt noch ein Opfer, das Du nicht genannt haſt, deſſen Tod dem der beiden Andern ſicher folgen würde.“ „Welches?“ fragte Roderich bis zu den Haar⸗ wurzeln erröthend. „Ungeheuer! die Mutter, die Dich in ihrem Schooße getragen hat. Denkſt Du, die Tigerin kenne ihre Jungen und die Schlange das Gift ihres Geſchlechts nicht? oder hältſt Du mich für einfältig genug, Deinen Verſprechungen Glauben zu ſchenken? Nie würde Dein Stolz ſich ſo weit erniedrigen, mich anzuerkennen! Hätteſt Du mir weniger ge⸗ boten, hätte ich mich vielleicht täuſchen laſſen, ohne dafür mich Deinen Wünſchen zu fügen. Gehe, die Todten ſind nicht tauber als ich gegen Deine Betheurungen. Ich kenne Dich. Nie ſollſt Du- mein Geheimniß haben: es wird mit mir ſterben.“ In ſeiner Erwartung getäuſcht, kehrte der Frev⸗ ler nach dem Herrenhauſe zurück, Nans Starrſinn verwünſchend. 221 Einundſiebenzigſtes Kapitel. Seit Menſchengedenken war das Dorf Crowshall nicht Zeuge einer ſolchen Aufregung geweſen. Die Hinterſaßen hatten, entrüſtet über die Erhöhung ihrer Pachtzinſe, Roderich niemals reſpectirt; jetzt aber ergoßen ſie ſich in Schmähworten und Drohun⸗ gen gegen ihn. Der alte Giles und ſein Sohn Wil⸗ liam konnten nicht allen Fragen genügen, die an ſie bezüglich des Erben der Herberts und ihrer Aben⸗ teuer in Auſtralien gerichtet wurden. Patience kannte ſich nicht mehr vor Freude. Zuerſt beſuchte ſie ihre alte Freundin Martha wie⸗ der; dann fand ſich der Knabe, deſſen Sanſtheit und Muth ihr Mitgefühl erregt hatte, jetzt als wahrer Gentleman von Geburt, als einer jener Herberts, deren Name in der Gegend nie an⸗ ders als mit Liebe und Achtung genannt worden war. „Es iſt ſehr gut, Beifall zu klatſchen,“ ſprach ſie zu denen, welche den Namen Dick Tarleton mit Vi⸗ vats begrüßten,„aber wäre ich ein Mann, ich würde Beſſeres als das thun.“ „Ei! was denn?“ fragten die Pächter. „Dieſen Schurken Haſtings aus dem Herrenhauſe verjagen und im Namen ſeines legitimen Eigenthü⸗ mers Beſitz davon nehmen.“ Der Vorſchlag wurde mit Freudengeſchrei auf⸗ genommen. „Iſt es nicht eine Schande,“ fuhr die Wirthin zur Aufgehenden Sonne fort,„daß Mylady eine Gefangene in dem Hauſe iſt, wo ſie das Licht der Welt erblickte?“ ja „Wir wollen ſie befreien!“ rief der alte Giles. Die Pächter bewaffneten ſich mit Allem, was ſie auffinden konnten, und die Menge begab ſich nach dem Herrenhauſe. Roderich hatte ſeine Spione im Dorfe. Sein erſter Gedanke bei der Nachricht von dem Angriff, den man vorhatte, war, ſein Rebenbuhler ſei ange⸗ kommen und er treibe die Hinterſaßen an, ſich des Herrenhauſes zu bemächtigen.„Käme er bei dieſem ungeſetzlichen Ueberfall um's Leben, ſo wäre ich auf gute Manier ſeiner los,“ dachte er. Nachdem er ſeine Flinte geladen hatte, eilte er nach dem nördlichen Flügel, weicher die Allee beherrſchte, verbarg ſich einem Vorhang und erwartete ungeduldig ſeine eute. Der Haufen zeigte ſich bald im Gefolge von Pächter Giles, William, Georg Chaſon, und den Greylings. „Ich ſehe ſelbſt Elton nicht,“ murmelte der. Frevler im Ton getäuſchter Erwartung,„der liſtige Advocat und der kluge Erbe halten ſich bei Seite.“ Ein Geräuſch von leichten Schritten brachte ihn zum Auffahren, er wondte ſich um und ſah Mrs. Montréſor. „Du hier, Adele?“ ſagte er. „Roderich, ich fürchte mich,“ rief ſie;„was be⸗ deutet dieſer Tumult? Man ſagt, ein Mord ſei be⸗ gongen worden, der geſetzliche Erbe dieſes Herrſchufts⸗ 223 guts ſei angekommen. Sei vorſichtig um Gottes⸗ willen, ſei vorſichtig!“ „Bah!“ fiel ihr Verführer ein,„es iſt ein von den Dienern, die ich fortgeſchickt habe, und dem alten Gutsaufſeher angezetteltes Complott.“ „Nichts weiter?“ fragte Mrs. Montréſor, ihn feſt anſehend. „Nichts weiter.“ Inzwiſchen fingen die Pächter an, Stockſchläge auf die Thüre der Vorhalle regnen zu laſſen, und Roderich erachtete es an der Zeit, ſich zu zeigen. Nachdem er das Fenſter geöffnet hatte, ſtellte er ſich den Blicken der aufgeregten Menge dar und fragte ſtolz, was dieſes Benehmen bedeute. Sein Erſcheinen wurde von einem Zorngeſchrei begrüßt. „Liefern Sie uns das Herrſchaftshaus aus!“ „Im Namen von Sir Walter Herbert, dem rechtmäßigen Erben von Crowshall,“ ſetzte William Giles hinzu. Dieſe Worte wurden laut beklatſcht, und es ver⸗ ging einige Zeit, ehe Roderich ſich Gehör verſchaffen onnte. „Hört mich!“ rief er,„es exiſtirt kein Walter Herbert. Es iſt ein Betrüger, vorgeſchoben von einem Ränkeſchmied, den das Geſetz beſtrafen wird. Ihr wißt, daß ich nicht mit mir ſpaßen laße. Kehrt in Eure Wohnung zurück. Der Erſte, der hier eintritt, wird nicht lebend hinauskommen.“ Er ſpannte ſeine Flinte, und einige Pächter zogen ſich, durch ſein entſchloſſenes Weſen einge⸗ ſchüchtert, zurück. 224 „Wo iſt der vorgebliche Erbe 2* fuhr Rode⸗ rich fort.„Warum zeigt er ſich nicht? Er trete vor!“ „Damit Du ihn ebenſo ermorden könnteſt, wie Du dem Vater gethan haſt?“ fiel Georg Cha⸗ ſon ein. Ein Schuß knallte und ohne den Schrecken von Mrs. Montréſor, die ſich an den Arm ihres Ge⸗ liebten anklammerte, wäre er ohne Zweifel unheil⸗ bringend geweſen. So aber flog die Kugel zwei Zoll über dem Kopf des Dieners von Walter Her⸗ bert hinweg. „Ich habe noch andere Waffen,“ rief der Frev⸗ ler, auf ſeine Piſtolen zeigend. Die Pächter ſchworen, wenn er das Blut Eines von ihnen vergöße, ihn am höchſten Baum im Park aufzuhängen, und dieſe Drohung ſchüchterte den Mör⸗ der dennoch ein, denn mitten in ſeinem Zorn war er klug genug, die Folgen zu berechnen, welche er für ihn haben konnte. „Ihr ſeid unter meinem Rachegefühl,“ rief er, das Fenſter ſchließend. Pann gebot er ſeinem Kammerdiener Bender, vier Pferde an ſeinen Wagen ſpannen zu laſſen und ihn hinter das Herrenhaus zu bringen. Er wollte nach London fliehen und Mabel mit ſich ſchleppen, Ma⸗ bel, die er aus dem von ihr gewählten Aſyl ent⸗ führt hatte und in Crowshall hinter Schloß und Riegel hielt. Aber dieſe zeigte ſich hinter ihrem Fenſtergitter und munterte, ihr Taſchentuch ſchwingend, die An⸗ greifer auf. 225 Thereſe hatte ihr den Befehl angekündigt, ſich zur Abreiſe zu rüſten, und die Unglückliche ſich ge⸗ weigert, ihr zu folgen. Bereits war Mrs. Montréſor in den Wagen ge⸗ ſtiegen. Roderich fragte haſtig: „Wo iſt meine Frau?“ „Sie wollte nicht herabkommen.“ Er hörte nichts weiter, ſondern lief nach dem Zimmer Mabels, die er gewaltſam am Arm fortriß. In demſelben Augenblick ließ ſich ein ſchreckliches Krachen hören, die Thüre hatte unter den Anſtren⸗ gungen des Haufens nachgegeben. Es war keine Minute zu verlieren. Roderich faßte ſein Opfer in die Arme und eilte damit aus dem Hauſe, als Mr. Elton in Begleitung von Wield und Gray, den beiden Policei⸗Officianten, erſchien. Bei dieſem Anbick erblaßte der Frevler. „Sollte man Walters Leichnam entdeckt haben?“ fragte er ſich. „So, Sir,“ ſprach er, ſich an den Rechtsgelehr⸗ ten wendend,„Sie ermuthigen meine Hinterſaßen, mich wie einen Verbrecher anzugreifen, ſich meiner Wohnung zu bemächtigen. Das wird Ihnen theuer zu ſtehen kommen, wenn es noch ein Mittel gibt, Gerechtigkeit in dieſem Lande zu erlangen.“ „Ich bin dem Angriff auf Ihre Wohnung voll⸗ kommen fremd, Mr. Haſtings,“ entgegnete Elton, „ich habe die Thüre offen gefunden, und bin ein⸗ getreten.“ Die Pächter traten gleichfalls ein, geführt von Das Erbe. Iv. 15. Giles, Georg Chaſon und William und ſtießen drei Hurra's für Sir Walter Herbert aus. Bei dieſem Namen faßte Mabel wieder Muth. Sie erklärte ihren Entſchluß, ſich nicht von der Wohnung ihrer Vorfahren zu entfernen, und bat die Hinteraßen, ſie zu ſchützen. „Sie iſt meine Frau!“ rief Roderich, entſchloſſen nach ſeiner Piſtole greifend. „Sie iſt darum nur deſto mehr zu beklagen,“ erwiderte der Haufen. „Sie iſt wahnſinnig!“ ſetzte er hinzu. „Sie war es, als dieſelbe Sie geheirathet hat,“ ſagte Georg Chaſon, auf ihn zuſchreitend,„aber ich werde nicht dulden, daß man die Schweſter meines fern vom Hauſe ermordeten Herrn alſo fortſchleppe. Wenn Niemand ſich ihrer Perſon annimmt, ſo werde ich es thun, und ſollte es mich das Leben koſten.“ „Wir ſind Alle für ſie!“ rief der Haufen. „Jede Gewalt iſt unnütz„ ſagte Wield kalt. „Mr. Haſtings, ich habe einen vom Lord⸗Oberrichter unterzeichneten Gerichtsbefehl, worin geſchrieben ſteht, daß Mabel Haſtings, Ihre Frau, im Laufe von fünf Tagen vor ihn oder denjenigen Richter Ihrer Majeſtät der Königin geführt werde, welcher gerade in Weſtminſter Sitzung hält. Seid Ihr Alle Zeu⸗ gen,“ ſetzte er hinzu;„ich ſtelle die Urkunde oben⸗ beſagten Roderich Haſtings zu.“ Der Frevler wurde ſchwarzgelb vor Wuth. „Ich werde ſie vor den Richter führen,“ ſprach er nach augenblicklicher Ueberlegung,„aber bis zum Erlöſchen des Befehls bin ich der natürliche Hüter meiner Frau; Niemand kann mir dieſes Recht ſtrei⸗ tig machen. Wäre Jemand Thor genug, es zu thut, ſo würde ich meine Autorität zu behaupten wiſſen FPlatz da!“ „Er wird mich ermorden!“ rief Mabel, ſich gegen ihn wehrend.„Seid Ihr Männer? Wird mein Anruf vergeblich ſein?“ „Wahrlich, nein,“ erwiderte Mr. Wield, plötzlich die Piſtole Roderich aus der Hand reißend.„Ich habe genug geſehen, um mein Einſchreiten zu recht⸗ fertigen.“ Vergeblich ſtrengte ſich Roderich an, ſeines Opfers ſich wieder zu bemächtigen. Zwölf Arme zwangen ihn, ſeine Beute fahren zu laſſen. Mabel war nicht ſo bald frei in der Mitte der Pächter, als Wield den von unmächtiger Wuth er⸗ füllten Gatten gehen ließ. „Keine Unklugheit, Mr. Haſtings,“ ſagte der Policei⸗Officiant, der mit dem Blick ſeinen gering⸗ ſten Bewegungen folgte.„Ich weiß, daß Sie eine zweite Piſtole in Ihrer Taſche haben, aber ziehen Sie dieſelbe nicht. Ich halte den Finger an dem Drücker der meinigen und habe noch nie mein Ziel verfehlt. Es würde mir leid thun,“ ſetzte er mit ironiſchem Lächeln hinzu,„wenn ich Sie hinderte, Ihres natürlichen Todes zu ſterben.“ Unſere Leſer werden leicht errathen, was er unter dem natürlichen Tod des Elenden verſtand. „Sie ſind Juſtizbeamter?“ rief Roderich. „Ohne Zweifel. Sie wiſſen es wohl. Sind wir nicht alte Bekannte, Mr. Haſtings? und ich denke nicht, daß unſere Verbindung heute zu Ende geht.“ „Nun wohlan,“ fuhr der Frevler fort, ohne den Sarkasmus zu beachten,„ich verlange Ihren Beiſtand, um meine Wohnung von dieſen Zudring⸗ lichen zu ſäubern.“ „Meine Autorität geht nicht ſo weit. Ich ſ denſelben bloß rathen, nichts Ungeſetzliches zu thun,“ Dieſe Antwort wurde mit Beifallklatſchen und Lachen aufgenommen. Die Pächter waren entzückt über ihren Sieg. Als er ſah, daß jeder Verſuch, ſeine Rechte in Anſpruch zu nehmen, ihn nur lächerlich machte, traf der Frevler Anſtalt, den Schauplatz ſeiner Niederlage zu verlaſſen. „Gray,“ flüſterte Wield,„wachen Sie darüber, daß Mr. Haſtings zu ſeinem Wagen gelangt.“ „Was Sie betrifft, Sir,“ ſagte Roderich, die Augen auf Mr. Elton heftend,„ſo werden wir uns wieder ſehen.“ „Ich hoffe es aufrichtig,“ entgegnete der Rechts⸗ gelehrte:„Sie werden ſich erinnern, daß ich Ihnen daſſelbe geſagt habe, als wir uns in Paris trenn⸗ ten. Aber in Erwartung dieſes Vergnügens habe ich zu meinem Troſt die Genugthuung, zu ſehen, daß eines Ihrer Opfer Ihnen entſchlüpft iſt.“ Dieſe Worte waren von einem Blick auf Ma⸗ bel begleitet, deren Aufregung ſich noch nicht gelegt hatte. „Ich werde leben, Roderich,“ Jprach ſie,„um meine Verbrechen wenigſtens theilweiſe geſühnt, den 229 Sohn meines Bruders in das Haus ſeiner Väter eingeſetzt und Dich des Vermögens, das um den Preis Deiner Seele erkauft worden iſt, beraubt zu ſehen. Wenn man verächtlich mit Fingern auf Dich deuten wird, wenn Du allein in der Welt daſtehſt, vollkommen zu Grunde gerichtet, ohne Aſyl, gebrand⸗ markt von der Gerechtigkeit, die bereits über Dir wacht, dann denke an meine Kränkungen und an meine Leiden. Mögen Sie auf Dir laſten, wie ſie auf mir gelaſtet haben! möge das Gebet auf Dei⸗ nen Lippen erſtarren, möge die Verzweiflung ſich Deiner bemächtigen, damit Du ſterbeſt, wie Du gelebt haſt, mitleidlos und ohne Mitleid einzu⸗ flößen.“ „Bah!“ entgegnete der Wüſtling, ihr den Rücken wendend;„wenn Crowshall mir entwiſcht, bleibt mir bei Deinem Tode die Gewißheit eines Vermögens, das mir die Mittel liefern wird, allen meinen Wün⸗ ſchen mit der, welche ich liebe, Genüge zu leiſten.“ Und er ſtieg in den Wagen, in dem ſich ſchon lange Mrs. Montréſor und die Zofe befanden. Bei der Fahrt durch den Park ſah er die alte Nan am Fuße des Baumes, in deſſen Schatten ihr letztes Geſpräch ſtattgefunden hatte. Sie erhob die Arme, als wollte ſie ihm eine Warnung zukommen laſſen, aber er erwiderte nur mit einem Lächeln der Un⸗ gläubigkeit und Geringſchätzung darauf. Che er ſich nach London begab, hatte er eine lange Unterredung mit Mr. Ellsgvod, der mit Er⸗ ſtaunen Alles, was ſich begeben hatte, vernahm. Das Herrenhaus war kaum von der Gegenwart ſeines nominellen Eigenthümers befreit, als Mr. Elton den Pächtern die Unklugheit ihres Benehmens vorſtellte. Nicht daß er ſie in ſeinem Herzen ta⸗ delte, aber er rieth ihnen, ſich nach Hauſe zu be⸗ geben. „Es mag gehen, wie es will,“ erwiderte der alte Giles,„ich bleibe hier mit meinem Sohn, bis der legitime Erbe Beſitz von ſeinem Gut genommen hat. Wir haben den Kampf nicht gewonnen, um uns die Frucht des Sieges entreißen zu laſſen.“ „Ich bevollmächtige Sie, zu bleiben,“ ſprach Ma⸗ bel ſeſt.„Ich erkenne an, niemals geſetzmäßig Ge⸗ bieterin von Crowshall geweſen zu ſein, obwohl ich beim Tode meines ältern Bruders nicht wußte, daß Walter einen Sohn hinterlaſſe.“ Nach dieſen Worten hatte der Rechtsgelehrte nichts einzuwenden. Er entfernte ſich alsbald in Geſellſchaft der beiden Policeibeamten, mit welchen er noch an demſelben Abend eine lange Berathung hatte. Wield beſchrieb ihm noch einmal die Scene, von der er in der Nacht, da der Leichnam aus der Todtengruft entwendet wurde, Zeuge in der Kirche geweſen war. „Es iſt klar,“ ſagte der Rechtsgelehrte,„daß ein Verbrechen begangen worden iſt.“ „Klar, wie der Tag, aber es handelt ſich darum, die Beweiſe dafür zu erlangen. Roderich Haſtings wegen Verbrechens des Mordes zu verhaften, ſo wie die Sachen jetzt ſtehen, würde nur dazu dienen, den⸗ ſelben in Alarm zu ſetzen; vor der Gerechtigkeit wäre er ſeiner Losſprechung gewiß, denn ohne Walters Leichnam kann die Anklage ſich nicht halten.“ „Was haben Sie vor?“ . 231 „Hier zu bleiben,“ antwortete Wield.„Es iſt ein Geſchöpf, das ich beobachten muß, und das, wenn ich mich nicht täuſche, die hauptſächlichſte Triebfeder und fördernde Urſache bei dieſen abſcheulichen Er⸗ eigniſſen geweſen; ein Geſchöpf, das an Roderich durch nicht gewöhnliche Bande geknüpft iſt.“ „Reden Sie von ſeiner Frau?“ „Nein.“ „Von wem denn?“ „Das iſt mein Geheimniß. Begeben Sie ſich nach London, verſichern Sie ſich des Herrſchaftsgutes und überlaſſen Sie mir die Sorge, die Beweiſe zu finden, welche den Schuldigen überführen. Sie wer⸗ den wohl thun, Gray mit ſich zu nehmen. Aber wachen Sie vor Allem über die Sicherheit von Wal⸗ ter Herbert. Sein Feind findet ſich zu den letzten Mitteln gedrängt, und dergleichen Leute ſind nie ge⸗ fährlicher, als wenn ſie, gleich dem Hirſch, in den äußerſten Nothſtand gebracht werden.“ Elton ſchrieb an unſern Helden einen detaillirten Bericht über Alles, was ſich begeben hatte, und reiste am andern Tag zu guter Zeit nach London ab. Ma⸗ bel begleitete ihn. Die beträchtliche, für die Entdeckung von Wal⸗ ter Herberts Körper angebotene Summe verſetzte die Dorfbewohner in große Rührigkeit, welche ganze Tage damit zubrachten, in allen Winkeln zu ſuchen, wo ſie ſich einbildeten, daß man denſelben hinge— bracht haben könnte. Der Rector, der allmälig ein Aergerniß daran nahm, denn man hatte die Kirche und den Gottesacker durchſtöbert, gebot endlich die Einſtellung der Rachſuchungen. Mehrere fragten die alte Nan um Rath; doch konnten ſie nichts aus ihr herausbringen. Das Wohlwollen, womit Georg Chaſon ſie behandelte, und die gute Meinung, welche Nicplas Pim von ihr hatten, blieb nicht ohne Einfluß auf den Geiſt der Pächter. Sie fingen an, weniger Widerwillen gegen ſie an den Tag zu legen und vertrauter mit ihr zu ſchwatzen. Zwei oder drei Tage nach der gerichtlichen Unter⸗ ſuchung ſaß Nan auf einem der Grabſteine, um ſich mit Nicolas zu unterhalten, der nicht müde wurde, von unſerem Helden und von der nahen Reſtauration der alten Familie zu reden, als Wield auf den Kirchhof trat. Der Policei⸗Oſficiant war ſogleich auf der Lauer. „Merkt Euch meine Worte,“ rief der Kirchſpiel⸗ ſchreiber, Has Geheimniß des Lichtſchimmers, welcher ein Vorzeichen des Todes zu ſein ſchien, und alle die andern Geheimniſſe werden ſich aufklären. Wir werden die ganze Wahrheit erfahren.“ „Vielleicht,“ erwiderte die Alte,„aber wann?“ Es lag etwas Satyriſches in dem Ton dieſer bei⸗ den Worte. „Cher, als man denkt,“ ſagte der Policei⸗Offi⸗ ciant, näher tretend,„die Gerechtigkeit iſt ſchon auf der Spur.“ Nan ſchien etwas unruhig zu werden; Wield be⸗ merkte es und ſtellte ſich ſo, daß er das ganze Spiel ihrer Phyſiognomie wahrnehmen konnte. „Es iſt lang her, daß Sie in dieſem Dorfe woh⸗ nen?“ ſprach er zu Nicolas. —— 233 „Ich bin hier geboren, Sir, und bald ſiebenzig Jahre alt.“ „Sie kannten alſo Erowshall vor der Ernennung Doctor Gore's zu dieſer Pfründe?“ „Sehr lang vorher, Sir.“ „Wie hieß ſein Vorgänger?“ „Aubrey, Se. Ehrwürden, Robert Aubrey, ein ſonderbarer, aber ſehr gelehrter Mann. Ich habe den Rector ſagen hören, er habe mehr über die Kirche und das Herrenhaus gewußt, als die Mönche ſelbſt, die es erbaut hatten.“ „Wiſſen Sie, was aus ſeinen Papieren gewor⸗ den iſt?“ „Nicht das Mindeſte,“ antwortete Nicolas Pim im Tone des Erſtaunens. „Und Sie?“ ſetzte Wield hinzu, ſich plötzlich um⸗ drehend und an Nan Willis wendend. Die Alte erhob ſich, wie von Schrecken ergriffen, und verließ raſch den Kirchhof, ohne ein Wort zu erwidern. „Ich ſehe jetzt Alles,“ ſprach der Policei⸗ fficiant. „Was ſehen Sie?“ fragte Nicolas. „Ihr müßt wahrhaftig blind geweſen ſein, um nicht zu erkennen, daß die tödtlichſte Feindin der Herberts mitten unter Euch wohnte,“ ſagte Mr. Wield, indem er ſich in der Richtung entfernte, welche Nan eingeſchlagen hatte. Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Das Haus Groſſette und Sanderſon hatte lange Zeit für eines der ſolideſten in der City gegolten. André Groſſette, ſein Chef, war ziemlich populär, er hatte die Functionen eines Lordmayors begleitet und vortreffliche Diners gegeben, aber da kein kaiſer⸗ licher oder königlicher Beſucher, nicht einmal der Kleinſte unter den fürſtlichen Hoheiten Deutſchlands London mit ſeiner erhabenen Gegenwart während des Regierungsjahrs des Kaufmanns beehrt hatte, ſo war ihm der Baronetstitel, wornach vor allen Dingen ſein Ehrgeiz ſtand, nicht zuerkannt worden. In ſeiner Hoffnung betrogen, entſchloß er ſich, wenigſtens der Schwiegervater eines Baronets zu werden. Daher der Eifer, womit er Sir Marc Raymond aufgenommen hatte, der ihn um die Hand von Mary, ſeiner einzigen Tochter, bat. Die Erbin hatte gut weinen, flehen, betheuern, daß ſie ihren Verlobten nie lieben könne, der Ehrgeizige war un⸗ beugſam. „Einen Titel und ſiebentauſend Pfund Sterling nicht lieben!“ rief er im Tone des Erſtaunens. „Bah!“ Dieſe Idee ſchien ihm ſo lächerlich, ſo albern, daß er die Vorbereitungen zur Heirath beſchleunigte, als ob daraus das vollkommenſte Glück hätte ent⸗ ſpringen müſſen; und die Zeit näherte ſich, wo das Opfer vollbracht werden ſollte. Auf der andern Seite dachte der Kaufmann daran, ſich zum Parlaments⸗Mitglied für London er⸗ 235 nennen zu laſſen. Darum ermunterte er trotz der Einwendung von Marc die Freundſchaft zwiſchen ſeiner Tochter und Marion Barnard, denn er berech⸗ nete den Einfluß des reichen Bankiers, den er ſich geneigt zu machen hoffte. Willie Sanderſon war erſt nach vielen Jahren treuer Dienſte Aſſocié geworden. Seit langer Zeit war es ſein Ehrgeiz geweſen, ſeinen Ramen neben dem ſeines Principals zu ſehen; endlich wurde der⸗ ſelbe befriedigt, aber unter ſehr läſtigen Bedingungen. Zehn Jahre ſollte er nur ein Achtel des Gewinns erhalten, außerdem mußte er noch fünf Jahre lang je zweitauſend Pfund, gleichſam als Beibringen in die Genoſſenſchaft, abtreten. Dafür war er genöthigt, von trockenem Brod zu leben, und ſelbſt ſeine Spar⸗ ſamkeit hätte ihn nichts geholſen ohne das blinde Vertrauen Sr. Ehrwürden Mr. Whartons, welcher ihm alle Jahre eine beträchtliche Summe zum Unter⸗ halt und zur Erziehung ſeines Sohnes ſchickte. Der ungetreue Vormund hatte ſich dieſes Geld zugeeignet. So war die Rückkehr des Vaters wie ein Blitzſchlag für den ſtrafbaren Sanderſon. Das Zuſammentreffen Edward Whartons mit ſeinem Vater, welches bei Mr. Barnard ſtattfand, war höchſt rührend. „Du brauchſt mich Deiner Unſchuld nicht zu ver⸗ ſichern,“ rief der Geiſtliche, zärtlich die Hand des jungen Mannes driückend.„Mein Herz ſagt mir, daß Du nicht ſchuldig biſt. Aber haſt Du kein Mit⸗ tel, den Trug zu entdecken, wodurch man Deinen Namen beſchimpft hat?“ „Keines,“ antwortete traurig der arme Junge. 236 „Haſt Du keinen Freund im Hauſe Groſſette und Sanderſon, welcher dieſes ſchreckliche Geheimniß ent⸗ hüllen könnte?“ „Keinen, wenn es nicht Matthew Hall, der alte Caſſier, iſt. Er iſt die Ehrlichkeit ſelbſt. Er theilte mir zuerſt mit, daß Du zu meiner Unterhaltung und Erziehung Geld ſchickteſt. Sanderſon hatte mir immer geſagt, er behalte mich aus Barmherzigkeit.“ Mr. Barnard notirte ſich den Namen Matthew Hall. „Der Elende,“ rief Mr. Wharton,„ich kann Ihnen nicht ſagen, meine Herren, welches Vertrauen ich in dieſen Mann ſetzte; aber Sie fühlen, daß es unbegrenzt ſein mußte, weil er die Ehre meines Soh⸗ nes brandmarken konnte.“ „Wie erklärt er die Verwendung Ihrer Ri⸗ meſſen?“ „Ziemlich geſchickt,“ antwortete der Geiſtliche bitter;„Edward hatte keinen Geſchmack für das Stu⸗ dium; er wollte nicht auf die Univerſität gehen, zog die Laufbahn eines Kaufmanns vor: daher ſeine Einführung in das Haus. Er rechnet ſo viel für ſeinen Unterricht, ſo viel für ſeine Koſt und Woh⸗ nung, kurz die Bilanz iſt fertig, ich kann ſie haben, wenn ich will. Das Alles ſcheint geſetzmäßig; aber nicht das Geld reclamire ich, ſondern den unbefleckten Namen meines Sohnes. Ich fordere ebenſo gut das Recht, ſtolz auf ihn zu ſein, als das, ihn zu lieben.“ „Sie ſollen es haben, Sir,“ erwiderte Dick mit Wärme.„Ich bin jung, aber ich habe Prüfung und Gefahren durchgemacht, welche mich gelehrt haben, 237 meine Freundſchaft nur mit Vorſicht zu ſchenken. Edward wußte ſie zu gewinnen; denn nie, ſeit dem Tage, da ich ihm in Auſtralien begegnet bin, habe ich einen unedlen Gedanken oder ein ſelbſtſüchtiges Gefühl bei ihm entdeckt.“ „Er hat auch meine Freundſchaft,“ erwiderte Sam beſcheiden,„und ich wünſchte ihm zu lieb eine Stellung in der Welt zu haben, welche dieſer Freundſchaft einigen Werth geben könnte.“ Edward war zu gerührt, um zu ſprechen, aber ſeine Blicke drückten ſeine Dankbarkeit aus. „Ueberlaſſen Sie mir die Sorge für dieſe An⸗ gelegenheit, mein theurer Sir,“ ſprach Mr. Barnard, ſich an den Geiſtlichen wendend.„Ich zweifle nicht im Mindeſten, in Kurzem die Unſchuld unſeres jun⸗ gen Freundes beweiſen zu können. Inzwiſchen will ich Sie einer Perſon vorſtellen, welche nie die Freundſchaft vergeſſen hat, welche Sie für ihren Gat⸗ 3 hegte; ich ſpreche von der Wittwe Walter Her⸗ erts.“ „Armer Walter,“ ſagte Wharton mit einem Seuf⸗ zer,„er war der Gefährte meiner Jugend, wir lieb⸗ ten uns gleich zwei Brüdern. Ich habe ſeinen Tod kurz nach meiner Ankunft in Indien vernommen und war oft erſtaunt, keine Nachricht von ſeiner Wittwe zu erhalten. Iſt es nicht ſeltſam,“ ſetzte er mit träumeriſcher Miene hinzu,„daß ſein Sohn den mei⸗ nigen aus einer Sclaverei, ſchlimmer als der Tod, befreit hat?“ „Und daß Sie in England zu einer Zeit ange⸗ kommen ſind, wo Ihr Zeugniß zum Beweis der Heirath und der Rechte ſeines Sohnes ſo noth⸗ wendig war?“ entgegnete der Bankier,„ich ſehe darin den Finger Gottes. Ich denke, man kann die Geſetzmäßigkeit der Ceremonie nicht in Zweifel ziehen?“ „O nein, die Dispenſation vom Aufgebot war ganz ſpeciell; ich erhielt ſie durch den Einfluß mei⸗ nes Oheims, des Bevollmächtigten vom Biſchof von Durham. Das Original iſt noch in meinem Beſitz.“ Das war eine wichtige Nachricht; Ellsgood und ſein Client konnten nicht hoffen, die Heirath für illegal erklärt zu ſehen. Von dieſem Tag an machten ſich Elton und der Advocat eifrig an's Werk und die Journale ließen viele on dit über dieſe Angelegenheit eir⸗ culiren. „Ich möchte, es wäre vorüber!“ wiederholte Dick mehrmals täglich. Nicht daß er an dem Er⸗ folg zweifelte; die Zeugniſſe waren zu augenſchein⸗ lich; es fehlte nicht ein Glied in der Kette. Aber er ſeufzte mit der Ungeduld eines Liebenden nach dem Tage, wo Marion ſeine Frau werden ſollte, und obgleich ſeine Heirath nicht von dem Aus⸗ gang des Proceſſes abhing, hatten doch ſeine Mut⸗ ter und Mr. Barnard es für paſſend erachtet, die Ceremonie bis zur Ent cheidung des Gerichtshofs zu verſchieben. Es war der einzige Fall, wo er ſich ungern den Wünſchen derjenigen unterwarf, die er liebte und verehrte. Inzwiſchen waren Marion und Mignonne Schwe⸗ ſtern geworden. Das arme, verrathene Mädchen er⸗ goß in den Buſen ihrer Freundin ihre Thränen 339 und ihre Schmerzen. Nicht daß ſie die geringſte Neigung noch zu dem Treuloſen empfand, aber ſie zitterte bei dem Gedanken an die Zukunft ihres Sohnes, den ſie mit aller Zärtlichkeit einer Mutter liebte. „Ach!“ erwiderte ſie auf die Tröſtungen Ma⸗ rions,„was ſoll ich ihm antworten, wenn er alt genug iſt, um nach dem Namen ſeines Vaters zu fragen? wenn er aufhörte, mich zu lieben, wenn er mir Vorwürfe machte? Mein Herz würde brechen!“ Vergeblich erklärte ihre Freundin, das werde nie geſchehen, das Band, welches das Kind mit der Mutter einigte, würde nur ſtärker werden, wenn es die Kränkungen und Leiden deren erfahre, welche ihm das Leben gegeben hätte. Mignonne ſchwieg, aber war nicht überzeugt. Der Wurm nagte an ihrem Herzen. „Seit wie lange ſteht Willie Sanderſon in Ver⸗ rechnung mit uns?“ fragte Mr. Barnard ſeinen Kaſſier. „Seit drei Jahren,“ antwortete der Alte. „Iſt die Rechnung beträchtlich?“ „Ja, ziemlich.“ „Wie zahlt er?“ „Zuweilen in Gold und Banknoten, zuweilen in Anweiſungen. Aber ſie werden immer ehrlich einge⸗ löst,“ ſetzte Mr. Plume hinzu, der nicht begriff, wo ſein Principal hinaus wollte. „Sehr gut; das wollte ich gerade wiſſen; machen Sie mir eine Liſte aller der Anweiſungen, welche auf ſeine perſönliche Rechnung bezahlt worden ſind Apropos, kennen Sie Matthew Hall?“ „Den Kaſſier von Groſſette und Sanderſon?“ 340 „Jan“ „Kommt er oft hieher?“ „Alle Tage, Sir.“ „Wenn er heute kommt, weiſen Sie ihn in mein Cabinet. Ich habe mit ihm zu ſprechen, und ver⸗ geſſen Sie die Liſte nicht.“ Mr. Plume ſchloß leiſe die Thüre und begab ſich an's Werk. Nach einer Stunde kehrte er mit der begehrten Liſte zurück. Sein Principal las ſie auf⸗ merkſam und ſchloß ſie in ſein Portefeuille. „Matthew Hall iſt hier, Sir.“ „Führen Sie ihn herein.“ Es war ein großer und magerer Greis mit melancholiſchem Geſicht, weißen, über die linke Schläfe geſcheitelten Haaren, ruhiger und geſetzter Haltung, weißer, fleckenloſer Halsbinde, grauen Or⸗ fordbeinkleidern, ſchwarzem, ſorgfältig gebürſtetem Rock, gut gemachten, aber zu engen Stiefeln; kurz, einer jener Commis, welche immer ſeltener werden. „Ich wünſchte Sie zu ſehen, Hall,“ ſagte Mr. Barnard,„um einige Fragen an Sie zu richten, nicht über das Haus, dem Sie ſchon ſo lange treu dienen, ſondern über einen Ihrer Dienſtleute, der wegen Mißbrauchs des Vertrauens oder wegen be⸗ trügeriſcher Unterſchlagung vor etwa drei Jahren deportirt worden iſt.“ „Sie ſprechen von dward Wharton?“ „Von demſelben. In welchem Rufe ſtand er?“ „In dem beſten, Sir, bis zu der Geſchichte, auf welche Sie anſpielten. Er war aufmerkſam, klug, beſcheiden. Mit einem Wort, er war der letzte Commis, den wir beargwohnt hätten.“ 241 „Und beargwohnen Sie ihn wirklich?“ „Er iſt verurtheilt worden, Sir,“ antwortete der Alte ausweichend. Sie ſahen ſich einige Zeit ſchweigend an. „Ich nehme Theil an ſeinem Looſe,“ fuhr der Bankier fort.„Sein armer Vater iſt eben aus Indien angekommen, das Herz gebrochen über den Schimpf, der ſeinen Namen befleckt. Seit ſeiner Rückkehr hat er entdeckt, daß der jüngſte Aſſocié Ihres Hauſes das zur Erziehung des jungen Man⸗ nes geſandte Geld anders verwendet hat. Mr. San⸗ derſon erwidert, Edward habe den Wunſch aus⸗ gedrückt, den Beruf eines Kaufmanns zu ergreifen. Nun aber leugnet dieß poſitiv Wharton der Sohn.“ „Er leugnet es!“ wiederholte der Kaſſier erſtaunt, ver leugnet es! Könnte er in London ſein!“ „Er iſt in London.“ „Dann werde ich reden, komme, was da will. Es iſt mir immer vorgekommen, man ſei ungerecht gegen den armen jungen Mann geweſen, obgleich ich nie wußte, warum. Aber erinnern Sie ſich, Mr. Barnard, daß ich nur Verdachtsgründe habe.“ „Welches ſind dieſe?“ „Daß der wahre Schuldige ein junger Wüſtling war, Namens Harry Belville, und daß.... Er hielt inne, aus Furcht, ſich zu compro⸗ mittiren. „Und daß Sanderſon ſein Mitſchuldiger war,“ ſetzte der Bankier hinzu. Matthew Hall nickte bejahend. „Das argwohne auch ich. Können Sie mir ſagen, in welchem Rufe dieſer Belville ſteht?“ Das Erbe. IW. 16 242 „In ſchlechtem. Unmittelbar nach Wharton's Verurtheilung führte er ein ſehr unregelmäßiges Leben, indem er nur auf das Comptoir kam, wenn es ihm beliebte. Sanderſon verbarg dieſe Unregel⸗ mäßigkeiten ſo lange als möglich dem Chef des Hauſes; aber zuletzt merkte es Mr. Groſſette und ſchickte Belville fort, und ich weiß, daß ſeit dieſer Zeit Sanderſon ihn mit etwas Geld verſieht. Das letzte Mal, da ich ihn ſah, ſchien er mir an der Schwindſucht zu leiden.“ „Iſt es lang her?“ „Etwa ein halbes Jahr. „Dann iſt er ohne Zweifel jetzt todt?“ „Ich denke nicht; denn alle Samſtage kommt ein Individuum von verdächtigem Ausſehen auf das Comptoir und fragt nach dem jungſten Aſſoeié ich weiß, daß Sonderſon ihm Geld gibt,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu. „Matthew Hall, Sie haben als ehrlicher Mann geſprochen, und ich erwartete nicht weniger von Ihnen. Um welche Stunde zeigt ſich dieſes Indi⸗ viduum?“ „Bald nach dem Abgang des Chefs vom Hauſe. Was ich ſage, kann mich meinen Platz koſten; aber es macht nichts, ich werde meine Pflicht gethan haben.“ „Und ſollten Sie Ihren Platz verlieren, ſo kom⸗ men Sie zu mir. Ich werde Ihnen einen andern ebenſo einträglichen verſchaffen. Keinen Dank. Ich verſpreche es Ihnen, und Sie wiſſen, daß mein Wort gleich meiner Unterſchrift gilt.“ Der Alte zog ſich ſehr befriedigt zurück. Seit n h n 243 dem Lobe, das Mr. Barnard ihm ertheilt hatte, fühlte er ſich in ſeiner eigenen Achtung wachſen. „Ich habe Arbeit für meinen Freund Wield,“ ſprach der Bankier, die Details, die er eben erhalten hatte, ſich notirend.„Ich glaube, daß ich bald ebenſo viel Erfahrung habe, als ein Diebsfänger,“ ſetzte er lächelnd hinzu. Obgleich Dick keinen Grund zu dem Verdacht hatte, daß Mabel von der Vergiftung ihres Bruders Walter unterrichtet geweſen, gab er doch nur mit allem Widerſtreben dem von ihr ausgedrückten Wunſch, ihn zu ſehen, nach. Elton hatte ihn von dem un⸗ natürlichen Benehmen dieſer Frau gegenüber von dem älteſten ihrer Brüder in Kenntniß geſetzt, und das edle Herz unſeres Helden ſich darüber empört. „Wenn je eine Frau durch ihre Neigungen be⸗ ſtraft worden, ſo iſt es wohl Mrs. Haſtings,“ ſagte der Rechtsgelehrte.„Ihr Herz iſt wie zermalmt; vorzeitiges Alter hat jene Schönheit, auf welche ſie ſo ſtolz war, zerſtört.“ „Liebt ſie ihren unwürdigen Gatten noch?“ „Keine Worte vermögen den Abſcheu zu ſchildern, den er ihr einflößt. Die Hoffnung, ihn vernichtet zu ſehen, knüpft ſie noch allein an das Leben.“ Bei ſeiner Ankunft im Tempel fand Dick ſeine Tante, welche ihn in Mr. Eltons Cabinet erwartete. Bei ihrem Anblick machte der Groll dem Mitleid Platz, und er bot ihr beinahe unwillkürlich die Hand. „Ich bin nicht werth, ſie zu faſſen,“ ſagte Mabel, traurig den Kopf ſchüttelnd.„Ich habe den Unter⸗ gang meines Stammes veranlaßt. Sir Walter 244 Herbert, Sie kennen nicht die Hälfte meiner Ver⸗ brechen.“ „Ich weiß, daß Sie unglücklich ſind, und halte Sie für reuig.“ „Die Reue hilft mich nichts. Es iſt mir nicht einmal vergönnt, zum Werk der Wiedereinſetzung beizutragen; Ihre Rechte werden ohne meinen Bei⸗ ſtand hergeſtellt werden. Das iſt Gerechtigkeit. Das Verdict, welches Ihnen das Erbe Ihrer Vorfahren zurückgibt, läßt mich ohne Mittel.“ „O! fürchten Sie nichts! welches auch Ihre Irr⸗ thümer ſind. „Meine Verbrechen; nennen Sie die Dinge beim wahren Namen.“ „Ihre Verbrechen, es ſei; ich habe nicht den Beruf, Sie zu ſtrafen. Sie ſind meines Vaters Schweſter;. Sie haben mir nie etwas zu Leid ge⸗ than, und hätten Sie es gethan, ich würde Ihnen verzeihen. Rechnen Sie auf einen Ihres Ranges und Ihres Namens würdigen Jahresgehalt.“ „Meines Namens! des Namens einer Verbre⸗ cherin! Den, welchen ich von meinen Vätern erhal⸗ ten, habe ich nicht mehr das Recht zu führen. Aber nicht um davon mit Ihnen zu ſprechen, bin ich ge⸗ kommen; ich will nicht meine Kränkungen und mei⸗ nen Kummer zur Schau ſtellen, wie Bettler ihre Gebrechen. Ich will Sie warnen. Hüten Sie ſich vor Roderich. Keine Einbildungskraft vermag die Frevel ſich vorzuſtellen, deren er fähig iſt. Wenn ein Schatten über Ihren Weg ſtreift, kehren Sie auf der Stelle um; überlaſſen Sie ſich nur einem leichten Schlaf, daß ein Windhauch Sie weckt; be⸗ 245 halten Sie immer einen Freund in Ihrer Nähe, einige Waffen im Bereiche Ihrer Hand; beargwoh⸗ nen Sie Jeden, der ſich Ihnen naht; mißtrauen Sie dem Wein, den Sie trinken, der Nahrung, die Sie genießen, der Luft ſelbſt, die ſie einathmen; denn dieß Alles kann zu einem Todesboten werden!“ „Ich fürchte mich nicht vor ihm!“ „Armer junger Mann! armer junger Mann! So vertrauensvoll, ſo muthvoll, ſeinem Vater ſo ähnlich! Wollte Gott, mein Leben könnte Ihre Sicherheit erkaufen!“ „Mein Vater war nicht gewarnt, wie ich. Die⸗ ſer Mann iſt alſo mehr als ein Sterblicher, daß ich ihn ſo fürchten ſoll? Trotz ſeiner Stärke und Ge⸗ wandtheit hätte ich ihn ſchon lange wegen ſeines Betragens zur Rechenſchaft gefordert, wenn das Schwert der Gerechtigkeit nicht über ſeinem Haupte ſchwebte. Die Hand der Gerechtigkeit iſt ſicherer als die meinige. Mein Vater, mein theurer Vater iſt durch dieſen Frevler vergiftet worden.“ „Ich weiß es.“ Es lag etwas ſo Schreckliches, ſo Unmenſchliches in dem Tone, womit Mabel dieſes Geſtändniß ab⸗ legte, daß Ihr Reffe und der Rechtsgelehrte zurück⸗ wichen und ſie mit Schauder betrachteten. „Sie wiſſen es und konnten doch dem Mann die Hand reichen, der....“ „Ich bin nicht bis zu dieſem Punkt ſchuldig!“ fiel Mabel ein.„Wenn ich gegen das Glück des einen meiner Brüder conſpirirt habe, bin ich wenig⸗ ſtens unſchuldig an dem Tode des Andern. Haben Sie nie eine Ueberzeugung gefühlt, die Sie ſich nicht 246 erklären konnten? Sind Ihnen nicht unbedeutende Umſtände zuweilen wie unwiderlegliche Beweiſe vor⸗ gekommen? Das iſt mit mir der Fall geweſen; das ſind meine Gründe, Roderich Haſtings für Ihres Vaters Mörder zu halten.“ Unſer Held athmete freier; dieſe Erklärung hatte den erſten ihm ſo peinlichen Eindruck verwiſcht. „Ich werde Sie nicht mehr lang quälen,“ nahm Mabel wieder das Wort,„meine Tage ſind gezählt; aber wir müſſen uns noch einmal ſehen, ehe ich ſterbe.“ „Wenn Sie mich zu ſehen wünſchen, wenn ich Ihnen dienen kann, dürfen Sie mich nur wiſſen laſſen, daß Sie mich erwarten.“ „Und Sie werden kommen, gleichviel zu welcher Stunde? Sie werden die Wohnung der Liebe, den Kreis der Freundſchaft verlaſſen, um die letzte Bitte derjenigen zu vernehmen, welche die grauſamſte Feindin Ihres Stammes geweſen iſt?“ „Jo, ich verſpreche es Ihnen, gleichviel zu wel⸗ cher Stunde.“ „Geſegnet ſeien Sie! Geſegnet! Ich glaubte nicht mehr, ſo freundliche Worte zu hören; Sie haben mein Herz gerührt und Thränen in meine Augen gebracht. Möchten Sie glücklich ſein, wie Sie es verdienen, und dem Namen, den ich beſchimpft habe, die Stelle zurückgeben, welche er in der Liebe und in dem Andenken rechtſchaffener Leute hatte! Mögen Ihre Kinder Ihre Tugenden erben und das Glück Ihres Alters machen!“ Nachdem ſie dieſen Segensſpruch mit großer Wärme geendet hatte, betrachtete ſie ihren Reffen 247 einige Augenblicke ſtillſchweigend. Die Erinnerungen ihrer Jugend kehrten ihr zurück. Sie erinnerte ſich der Zeit, wo ſie einen Bruder gehabt hatte, der Dick glich. „Ich glaube, Sie erkennen in ihm den Erben der Herberts,“ flüſterte Elton. „Mehr als ihren Erben.“ „Mehr als ihren Erben!“ wiederholte der Rechts⸗ gelehrte erſtaunt, denn er begriff nicht, was ſie ſagen wollte. „Ihren Rächer und den meinigen!“ rief Mabel mit der Miene des Triumphs.„Der Baum, der ſeit tauſend Jahren ſeine Wurzeln in den Boden ſenkt, hat einen Schoß getrieben, den der Vlitz nicht treffen wird. Ich ſehe jetzt Alles. Die Hand, welche mich geſtraft hat, wird mich ſtützen. Der Fluch wird erlöſchen, der Kopf der Schlange wird zertreten wer⸗ den. Lehren Sie Ihre Kinder, meinem Gedächtniß nicht zu fluchen; halten Sie dieſelben an, mir zu verzeihen.... Ich fürchte nicht mehr für ſeine Sicherheit,“ ſetzte ſie hinzu;„die Abſichten der Vor⸗ ſehung ſind plötzlich für mich enthüllt; Roderich iſt machtlos gegen ihn!“ Mit dieſen Worten ließ ſie den Schleier über ihr abgemagertes Geſicht fallen, und entfernte ſich aus Mr. Eltons Cabinet. 248 Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Ungefähr zwei Wochen vor dem zur Verhandlung des Proceſſes anberaumten Tag, welcher ebenſo viel Aufregung in der faſhionabeln Welt, wie in dem Richteramt verurſachte, erhielt Mr. Barnard beim Frühſtück einen Brief, welchen er nach Durchleſung lächelnd in ſein Portefeuille ſteckte. „Keine ſchlimme Nachricht, Papa?“ ſagte ſeine Tochter. „Erregen ſchlimme Nachrichten ein Lächeln?“ er⸗ widerte ihr Vater. „Es iſt alſo eine gute Nachricht?“ „Ich hoffe. Kann ich nicht auch mein Geheim⸗ niß haben?... Nun, ich ſehe, daß mir das nicht geſtattet iſt. Dick, mein Junge, wenn Du Dich je verheiratheſt....“ „Wenn!“ rief unſer Held,„d, Sir!“ „Sagen wir alſo, wann Du verheirathet biſt,“ ſetzte der Bankier hinzu,„gefällt Dir das beſſer? verbiete Deinen Leuten ſtreng, Dir je einen Brief in Gegenwart Deiner Frau oder Deiner Toch⸗ ter wenn Du einmal eine bekommſt, zu über⸗ geben. Es gibt kein Mittel, ein Geheimniß zu be⸗ wahren, wenn Frauen da ſind.“ „Es iſt ein Geheimniß!“ rief Marion lachend. „Ich ſehe wohl, daß Du vor Ungeduld brennſt, es zu ſagen, und um Dich zu ſtrafen, Papa, werde ich den Mund nicht aufthun, um Dir nicht die erwartete Gelegenheit zu verſchaffen.“ „Gutes Mädchen!... Sir Walter, ich bitte 249 Sie, mich dieſen Morgen mit Ihrer Geſellſchaft zu beehren.“ „Noch eine dieſer langweiligen Berathungen,“ dachte der Verliebte, deſſen Geſicht das Widerſtreben ankündigte. „Ah! Papa, das iſt unmöglich,“ ſagte Miß Bar⸗ nard,„es müßte denn etwas ſehr Wichtiges ſein. Er hat uns, Mrs. Herbert und mir, verſprochen, mit uns auszugehen. Ich ſehe, daß Du nur mich necken willſt.“ „Nein, wahrhaftig. Aber es ſcheint, ich muß mein kleines Geheimniß erklären, denn ich glaube, es wird bald herauskommen, wenn Jemand, den ich nennen könnte, davon in Kenntniß geſetzt iſt. Nun, ich habe die wahren Schuldigen gefunden, um deren Verbrechen willen unſer armer Freund Edward Whar⸗ ton ungerechter Weiſe verurtheilt worden iſt. Der Commis Belville iſt eben, das Geſtändniß ſeines Fehlers unterzeichnend und ſein Schickſal anklagend, im Hoſpital geſtorben.“ „Gott ſei gelobt!“ rief Marion. „Es iſt noch nicht Zeit, ſich deßhalb zu freuen,“ bemerkte ihr Vater. Er ſtieg in den Wagen und fuhr nach der Bank von Andrew Groſſette. Seit einiger Zeit ſprach man von einer nahen Auflöſung des Parlaments, und die Freunde von Andrew Groſſette hatten ihn ſchriftlich aufgefordert, als Candidat in der City aufzutreten. Der reiche Kaufherr hatte eben geantwortet, er nehme ihre Ein⸗ ladung an, als man den Bankier meldete. Er em⸗ pfing denſelben mit der größten Herzlichkeit, indem 250 er nicht zweifelte, derſelbe werde ihm die Unter⸗ ſtützung ſeines politiſchen Einfluſſes anbieten. „Mein theurer Mr. Barnard, Sie ſind ſehr liebenswürdig, mich zu beſuchen. Ich erhalte eben eine Zuſchrift des Comités.“ „Welches Comités?“ „Deſſen von meiner Section. Es iſt beinahe gewiß, daß das Parlament aufgelöst wird, und.. „Was mich hieher führt,“ ſiel der Bankier ein, „hat nichts mit der Politik zu ſchaffen. Es iſt eine Privatangelegenheit und ſehr peinlicher Art, ſofern ſie ſich auf den Ruf des Hauſes, deſſen Chef Sie ſind, bezieht.“ Andrew Groſſette ſetzte ſich mit einer Miene ge⸗ täuſchter Erwartung. „Vor ungefähr drei Jahren, glaube ich, wurde einer Ihrer Commis wegen betrügeriſcher Unter⸗ ſchlagung deportirt?“ „Edward Wharton!“ rief der Kaufmann bitter. „Ja, ich erinnere mich, ein junger Schurke, für den Sanderſon eine väterliche Zuneigung empfand. Bei⸗ nahe viertauſend Pfund verſchwanden, und man fand nur eine unbedeutende Summe in dem Pulte des Schuldigen. Aber was hat dieß, ich bitte Sie, mit der Reſpectabilität des Hauſes gemein? Wir haben, glaube ich, den Belauf unſeres Credits nicht über⸗ ſchritten!“ „Nein, in der That.“ „Unſere Diſconto's... 3. „Sind ſehr befriedigend. Es hondelt ſich nicht um eine Geld⸗, ſondern eine Ehrenfrage. Edward Wharton iſt unſchuldig.“ 251 „Mein Gott!“ rief Andrew Großette,„Sie brin⸗ gen mich zum Erſtaunen. Aber wie wiſſen Sie, daß er unſchuldig iſt?“ „Weil ich die wahren Schuldigen entdeckt habe.“ „Die Schuldigen!“ „Ja, es ſind deren zwei. Harry Belville, der Alles geſtanden hat, und Ihr Aſſocié, Willie San⸗ derſon.“ Andrew Groſſette klingelte zweimal. Dieß war das Signal, ſeinen Aſſocié zu rufen. Dieſer erſchien alsbald. In ſeiner Gegenwart las Mr. Barnard das Bekenntniß ſeines Mitſchuldigen. „Wir wollen die Sache nicht auf's Aeußerſte treiben,“ ſetzte er hinzu.„Durch das Geſtändniß Ihres Verbrechens können Sie der Schmach eines Proceſſes, wie der Strafe, welche daraus erfolgt, ſich entziehen. Aber Edward Wharton muß in den Augen der Welt ſeine Ehre wiedergegeben werden und Sie ſich freiwillig aus England verbannen.“ „Niemals! dieß Alles iſt nur eine infame Ver⸗ ſchwörung gegen mich!“ „Sie ſind gewarnt!“ erwiderte der Bankier. „Sie haben meine Antwort, Sir.“ „Die Folgen fallen auf Ihr Haupt,“ entgegnete Mr. Barnard, aufſtehend, um ſich zu entfernen.„Ich habe Alles gethan, was man von dem Mitleid er⸗ warten konnte, vielleicht noch mehr.“ Nach ſeinem Abgang ſahen ſich die beiden Aſſocié's eine Zeitlang ſtillſchweigend an. „Es thut mir leid für Sie, Sonderſon,“ ſagte Groſſette,„aber ich kann natürlich nicht zugeben, daß meine Achtbarkeit unter einer ſolchen Affaire leidet. * 252 Unſere Verbindung iſt aufgelöst; machen Sie Ihre Rechnung, damit noch heute Alles geregelt wird.“ Aber Sanderſon forderte ſeinen Aſſocié heraus, zu einer ſolchen Moßregel zu greifen. „Ihre Habſucht,“ ſprach er,„iſt es, welche mich in die Schlinge fallen ließ, und Sie ſollen die Fol⸗ gen davon tragen. Mit Ihrer Unterſtützung trotze ich meinen Feinden; verlaſſen von Ihnen unterliege ich; aber ich werde nicht allein unterliegen. Ich werde alle die Geſchäfte des Hauſes ſeit dem Tage meines Eintritts der Oeffentlichkeit übergeben. Wir veit dann ſehen, wie Ihre Achtbarkeit ſich heraus⸗ zieht.“ Andrew Groſſette erkannte auf der Stelle, daß er ſich mit Sanderſon nicht überwerfen könne, und ſagte ihm ſeinen Beiſtand zu.„Meine Vertheidigung wird leicht ſein,“ erklärte der jüngere Aſſocié; aber er dachte nicht an die Anweiſungen, die er für ſeine perſönliche Rechnung dem Hauſe Barnard bezahlt, und unter welchen der würdige Bankier geſtohlene erkannt hatte. Unter dieſen Umſtänden mußte Groſſette auf ſeine Candidatur verzichten; in dieſem Sinn antwortete er dem Comité ſeiner Section und zerriß ſeinen erſten Brief. Als Sanderſon ſich in ſein Cabinet zurückge⸗ zogen hatte, begann er ernſtlich über ſeine Lage nachzudenken, und bedauerte bitter, ſich ſeinen Mit⸗ ſchuldigen nicht vom Halſe geſchafft zu haben. Im Augenblick, da er eine Vertheidigungslinie gezogen hatte, wurde ein Fremder in ſein Cabinet ein⸗ geführt. — 253 „Ich glaube geſagt zu haben,“ rief er zornig dem Schtießer zu,„daß ich beſchäftigt ſei.“ „Meine Angelegenheit geſtattet keinen Aufſchub,“ entgegnete die eben eingetretene Perſon, die Niemand anders als unſer alter Bekannter, Mr. Gray, war. „Erklären Sie ſich alſo.“ „Vor Ihrem Diener?“ Ein ſchrecklicher Verdacht durchkreuzte Sanderſons Geiſt; er erblaßte und bedeutete gelaſſen dem Por⸗ tier, ſich zu entfernen. „Jetzt, Sir,“ bemerkte er,„ſind wir allein.“ „Und Sie ſind mein Gefangener,“ entgegnete der Policei⸗Officiant, ſeine Vollmacht zeigend. „Weſſen bin ich angeklagt?“ „Vier Anweiſungen geſtohlen zu haben: eine von tauſend Pfund, acceptirt von White und Roberts, Livorno, vom 16. Juli datirt; zwei von fünfhundert auf Pucker und Wilſon und eine andere von zwölf⸗ hundert auf Norriſon von Calcutta, mit welchen Anweiſungen Sie für Ihre perſönliche Rechnung an die Kaſſe von Mr. Barnard bezahlt haben.“ „Laſſen Sie Ihre Vollmacht ſehen.“ Gray übergab ſie ihm. Sie war vom Lord⸗ tayor auf Ausſage der Herren Barnard, Elton und Anderer unterzeichnet. Der Unglückliche las ſie ruhig und gab ſie dem Policei⸗Officianten zurück. „Ich habe ein Cabriolet, das uns erwartet,“ ſagte dieſer. „Ich denke, Sie werden mir Zeit laſſen, meine Bücher und Papiere einzuſchließen?“ „Gewiß.“ Willie Sanderſon nahm ein Regiſter und meh⸗ rere Briefe, welche auf dem Tiſch lagen, und ſchloß ſie in ſeine Caſſe. Dann öffnete er, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, eine Schublade, mit dem Bemerken, er brauche Geld. „Geld iſt zu Allem gut,“ antwortete Gray. Anſtatt des Geldes ergriff er eine Piſtole, die er ſogleich an ſeine Schläfe hielt. Ein Schuß knallte und ſein Gehirn verſpritzte an der Zimmerdecke. Gray hatte nicht Zeit gehabt, ſich dieſem Selbſt⸗ mord zu widerſetzen. Die Commis eilten auf das Geräuſch herbei. Ihr erſter Eindruck war, Sanderſon ſei ermordet worden, und ſie wollten den packen, welchen ſie für ſeinen Mörder hielten. Aber die Vorzeigung des Mandats erklärte das Geheimniß. Als Groſſette das Ende ſeines Aſſocié's erfuhr, ſchickte er dem Ueberbringer ſeiner ablehnenden Ant⸗ wort an das Comité nach, um ſeinen Brief zurück⸗ zubringen, wenn es noch Zeit wäre. Dann bemäch⸗ tigte er ſich aller Papiere des Verſtorbenen. Nicht ein Wort des Bedauerns entſchlüpfte ihm für den, der ſo viele Jahre in ſeinem Dienſte gearbeitet hatte; im Gegentheil, er fühlte ſich wie von einer niederdrückenden Laſt erleichtert. Jetzt war ſeine Reputation wieder über jeden Verdacht erhaben, und ohne ſeine unglückliche Antwort an das Comité hätte er die City in London vertreten können. Die Rückkehr ſeines Commis zerſtreute ſeine letzte Hoffnung: der Brief war vor Ankunft des Boten übergeben worden. So endigte der politiſche Traum von Andrew Groſſette. Aber darum hielt 25⁵5 er nur um ſo feſter an ſeinem Project, ſeine Toch⸗ ter mit Marc Raymond zu verheirathen. Nach langen Nachforſchungen wurde folgende Note in der Gazette veröffentlicht: „Nachdem das Geſtändniß von Harry Belville und andere Beweiſe dem Staatsſecretär des Innern vorgelegt worden ſind, hat dieſer Miniſter der Krone gerathen, Edward Wharton, wegen Diebſtahls an ſeinen Principalen, den HH. Groſſette und Sanderſon, vor drei Jahren verurtheilt, einen vollſtändigen und unbedingten Pardon zu ertheilen!“ Die anderen Journale berichteten weitläufig die gerichtliche Unterſuchung über Sanderſon. Sein Tod wurde dem von Andrew Groſſette gefaßten Entſchluß, ihn zu entlaſſen, zugeſchrieben, und der Chef der Genoſſenſchaft gewann noch in der öffentlichen Meinung. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Endlich kam der ſo lang erwartete Tag, wo die famoſe Sache Herbert contra Haſtings verhandelt werden ſollte. Weſtminſter⸗Hall war von Müſſigen umlagert, welche keinen Platz im Audienzſaal hatten finden können, der frühe von den Freunden und Zengen der beiden Parteien, ohne derer zu gedenken, welche für Zulaſſung auf den Bänken des Gerichts ſich ihres Credits bedient hatten, angefüllt war. 256 Unter den letzteren befanden ſich Mabel Haſtings, Mrs. Herbert, der Bankier und ſeine Tochter. Die erſte war in Trauer gekleidet und hatte das Geſicht mit einem dichten Schleier bedeckt. In dem reſervirten, abgeſchloſſenen Raume be fanden ſich der Hauptanwalt von jeder Partei und andere rechtsgelehrte Advocaten; ſeidene Roben mit furchtbaren Actenſtößen, Haufen von Papieren in blauen und rothen Säcken. Unmittelbar unter den Gerichtsſchreibern ſaßen die Attorneys beider Parteien. Roderich zeigte ſich nicht; aber unſer Held war gegenwärtig mit Mr. Barnard, Georg Chaſon, Sam und einer Menge Zeugen. Im Augenblick, wo die Glocke eilf Uhr ſchlug, nahm der Präſident des Hofes Platz auf ſeinem Sitz. Fern ſei es von uns, den Leſer durch die Vor⸗ reden und das Verhör aller Zeugen, deren erſter Se. Ehrwürden Mr. Wharton war, zu ermüden. Nach abgelegtem Eide verſicherte er, die Ehe Walter Herberts mit ſeiner Frau eingeſegnet zu haben. 1„War dieſe Ehe eine geheime?“ fragte der Ad⸗ vocat der Gegenpartei. „In einem Sinne, ja.“ „Was verſtehen Sie darunter?“ „Daß der Vater der Dame keine Kenntniß da⸗ von hatte.“ „So, Sir, Sie, ein Prieſter der beſtehenden Kirche, der Sie kaum die heiligen Weihen erhalten hatten, haben es auf ſich genommen, eine unregel⸗ mäßige Ehe einzuſegnen?“ Das war einer der Hauptpunkte, auf welche der Vertheidiger rechnete. „Sie war nicht unregelmäßig,“ erwiderte Mr. Wharton ruhig,„und die Autorität, auf welche ich mich ſtützte, kann vor keinem Tribunal Englands angefochten werden. Ich hatte eine ſpecielle Voll⸗ macht vom Biſchof von Durham.“ Mr. Ellsgood, welchen dieſe Antwort einen Augen⸗ blick außer Faſſung gebracht hatte, flüſterte einige Worte dem Advocaten in's Ohr, welcher ſogleich das contradictoriſche Verhör wieder aufnahm. „Sie haben ohne Zweifel dieſes Document auf⸗ bewahrt?“ „Gewiß.“ „Und Sie haben es hier?“ Mr. Wharton öffnete ruhig ſein Portefeuille und zog den Diſpens heraus, welcher einem der Gerichts⸗ ſchreiber übergeben wurde, der ihn ſofort dem Hofe einhändigte. „Die Unterſchrift des ehrwürdigen Prälaten iſt wohl bekannt,“ ſagte der Richter. „Der Archivar iſt gegenwärtig, Mylord,“ ſprach der Advocat unſeres Helden, ſich erhebend,„wenn mein gelehrter College ihn zu befragen wünſcht.“ Der gelehrte College dachte ohne Zweifel, es ſei unnütz, und die Heirath wurde als eine feſtſtehende Thatſache zugegeben. Schritt für Schritt wurde die Geburt unſeres Helden bewieſen, ſowie die Hinterliſt, durch welche der Gatte von ſeiner Frau getrennt worden war, die Anvertrauung des Kindes der Sorge von Georg Chaſon, hernach der von Martha. Nie vielleicht ſeit Menſchengedenken wurde ein Das Erbe. IV. 17 Zeuge einem längeren und ſtrengeren Verhör unter⸗ worfen, als Georg und ſeine Schweſter. Aber nichts konnte ihr Zeugniß erſchüttern, weil es auf die Wahrheit. gegründet war. Sie hatten nichts zu ver⸗ bergen, nichts zu verheimlichen. „Sie ſind ſehr gut auf das Verhör vorbereitet,“ ſprach der Advocat Silvertung in ärgerlichem Tone. „Haben Sie Etwas, wenn der Kläger ſeinen alber⸗ nen Proceß gewinnt?“ „Ich werde viel haben, Sir,“ antwortete Georg Chaſon. Eine feierliche Stille herrſchte plötzlich im Saale. „Wirklich!“ rief der Advocat,„vielleicht iſt es Ihnen gefällig, dem Richter und den Geſchwornen zu ſagen, wie viel Sie bekommen.“ „Ich werde den Beifall meines Gewiſſens haben,“ antwortete der Zeuge feſt,„und die Genugthuung, meine Pflicht als rechtſchaffener Mann gegen den Sohn meines verſtorbenen Herrn erfüllt zu haben.“ „Iſt das Alles?“ fragte der Advocat ironiſch, ſo⸗ bald das durch dieſe edle Antwort veranlaßte Bei⸗ fallklatſchen ihm geſtattete, ſich Gehör zu verſchaffen. „Das iſt Alles, Sir.“ „Sie beſchwören es?“ „Ich beſchwöre es.“ „Sie können ſich ſetzen, Sir.“ Der ehrliche Georg ſetzte ſich, ohne im Mindeſten über die eben verhängte Prüfung in Verlegenheit zu ſein. Am zweiten Tag vernahm man die Ausſagen bezüglich der Grauſamkeiten, welche der Kläger von Seiten Amen Corners erduldet hatte; denn es war nothwendig, ihm Schritt für Schritt zu folgen, um deſſen Identität nicht zu verlieren. Seine Flucht aus dem Werkhauſe wurde von dem Director dieſer Anſtalt, welchen Mr. Elton hatte vorladen laſſen, zugegeben, ſeine Aufnahme unter die Seiltänzer durch Mrs. Webb nachgewieſen. Erſticktes Gelächter ließ ſich hören, als die ſtolze Euphraſia, mit einem Pelzüberwurf von carmoiſin⸗ rothem Sammt geſchmückt und auf dem Hute drei Straußfedern, in den Zeugenſtuhl trat. Die alte Schauſpielerin hatte ihren ſchönſten Staat angethan. Sie machte dem Hofe eine majeſtätiſche Verbeugung, wie man ſie es auf dem Theater zu machen ge⸗ lehrt hatte. „Ich hoffe, daß ihre Empfindungen ſie ruhig laſſen,“ flüſterte ihr Gatte Sam, der neben ihm ſtand, in's Ohr. „Hat ſie ihre Medicin genommen?“ fragte der Ex⸗Seiltänzer ſeinen ExPatron. Eugenio nickte bejahend. Inzwiſchen hatte die Dame den Eid abgelegt, und der klägeriſche Advocat ſtellte aus Furcht vor abgeſchmackten Details ſo wenig als möglich Fragen an ſie und beeilte ſich, ihre Antworten, ſobald er daraus das Gewünſchte entnommen hatte, kurz abzu⸗ ſchneiden. Aber ſein gelehrter College handelte ganz anders, als die Reihe, Euphraſia zu befragen, an ihn kam. Die Gelegenheit, einen lächerlichen Schein auf die Sache ſeines Gegners zu werfen, war zu verführe⸗ 260 riſch, als daß er ſie ſich entſchlüpfen laſſen wollte. „Sie kennen den Kläger?“ fragte er. „Das. liebe Kind!“ rief die Schauſpielerin, die Arme über der gewaltigen Bruſt kreuzend und ſich wiegend, wie wenn ſie ein Püppchen in den Armen wiegte, zum großen Vergnügen des ganzen Hofes. „Wollen Sie Sr. Lordſchaft und den Geſchwore⸗ nen die Umſtände erzählen, unter welchen Sie es zum erſten Mal ſahen?“ „Von ganzem Herzen,“ erwiderte Euphraſia, ſich wieder ſammelnd.„Erlauchter Herr,“ begann ſie, „und Ihr, würdigſte Bürger! Es war eine ſchreck⸗ liche Nacht, eine Nacht, düſter wie das Schickſal des Heimathloſen. Plötzlich hörte ich ein klagendes Ge⸗ ſchrei in der wilden Einſamkeit, wo wir unſer Zelt aufgeſchlagen hatten.“ „Aufgeſchlagen, was?“ fiel der ſehr verlegene Richter ein. „Den Karren, der herumziehenden Comödianten und Seiltänzern gewöhnlich zur Wohnung dient, Mylord,“ antwortete der Advocat des Klägers. „Ah! ich verſtehe. Fahren Sie fort.“ „Ich ſchickte Emiſſäre aus,“ nahm die Dame wieder das Wort,„um nach der Urſache des Ge⸗ ſchreis zu forſchen. Ihr Anführer, mein getreuer Gog, kehrte zurück, tragend in ſeinen Armen einen ohnmächtigen Cherub. „Halt! halt!“ rief von Neuem der Richter. „Was verſteht dieſe brave Frau unter ihren Emiſ⸗ jären und Gog? Wer iſt dieſer Gog? Ich habe 261 nur von dem Gog, der zu Guildhall ſich befindet*), reden hören.“ „Gog, Mylord, war ein Rieſe, welchen dieſe braven Leute öffentlich ſehen ließen,“ antwortete Dicks Advocat;„er iſt in Auſtralien geſtorben.“ Trotz des romantiſchen Styls, in welchen Eu⸗ phraſia ihren Bericht kleidete, bewies ihre Ausſage genugſam, daß Gog unſern Helden gefunden hatte, und ſie kehrte endlich zur großen Erleichterung ihrer Freunde an ihren Platz zurück; ſie glaubte feſt, die Würde ihres Berufes aufrecht erhalten und in dem Hofe Senſation erregt zu haben. Die Debatten dauerten nicht weniger als fünf Tage. Ueberwunden auf allen Punkten, ſchlug Rode⸗ richs Advocat zweimal ein Arrangement vor, das aber mit Unwillen verworfen wurde. Das dem Kläger günſtige Verdict wurde mit einem Gemurmel der Zufriedenheit aufgenommen, welches der Richter zu unterdrücken große Mühe hatte. Mr. Barnard drückte ſtillſchweigend unſerem Hel⸗ den die Hand, deſſen Herz zu bewegt war, um ihm die Sprache zu geſtatten. Die Ehre ſeiner Mutter war wieder anerkannt; er ſelbſt trat in den Beſitz von Namen und Titel ſeines Vaters. Seine beſten Freunde erwarteten ungeduldig den Augenblick, ihn zu beglückwünſchen. Was konnte er mehr verlangen? *) Ueber dem Eingang zu dem Rathhaus der City, Guildhall, ſtehen zwei gigantiſche Bildſäulen, vom Volk Gog und Magog genannt. A. d. Ueberſ. 262 Als er den Hof verließ, traten Giles und ſein Sohn William eilig heran, ihm ihre Freude auszu⸗ drücken. Sir Walter drückte ihnen herzlich die Hand. Hatte ich nicht Recht?“ rief der Alte in trium⸗ vB phirendem Ton.„Was ſoll nun in Crowshall ge⸗ ſchehen? Die Hinterſaßen ſind halb närriſch vor Ungeduld, Sie zu ſehen. Sie haben ſchon Roderich Haſtings und ſeinen ſchurkiſchen Agenten in eftgie*) verbtannt; ſie würden denſelben ohne Weiteres wirklich verbrennen, wenn ſie ſich dort wieder zu zeigen wagten. Wann werden Sie kommen?“ „Sobald als möglich, meine guten Freunde; aber Ihr vergeßt, daß ich noch nicht legal im Be⸗ ſitz des Herrſchaftsgutes bin.“ „Aber ich bin es, ich,“ erwiderte der kühne Yeo⸗ man,„und dieß ſeit dem Tage, wo ich den Frevler aus dem Herrenhauſe verjagt habe. Mr. Elton hat mir vom Geſetz geſprochen. Ich kümmere mich nicht um das Geſetz mein Herz ſagte mir, daß ich Recht Noch denſelben Abend, obgleich es ſchon ſpät war, reiste der Alte mit ſeinem Sohne nach dem heimathlichen Dorfe ab; er wollte der Erſte ſein, der ſeinen Nachbarn die glorioſe Nachricht brachte. Unſere Leſer werden ſich leicht das Glück der in Harley⸗Street verſammelten Geſelſſchaft vorſtellen. Mignonne ſelbſt vergaß ihren Kummer und lächelte ihrem ehmaligen Kamaraden zu. *) Im Bilde. 263 Der Baronet, ſeine Mutter und Marion zogen ſich in ein Zimmer zurück, wo Niemand Zeuge ihres Wiederſehens war. Mrs. Herbert vergoß Freuden⸗ thränen, als ſie den Sohn in ihre Arme ſchloß; dann legte ſie, ohne ein Wort zu ſagen, Dicks Hand in die Marions, welche nicht Worte fand, um ihrem Verlobten zu dem günſtigen Ausgang der Sache Glück zu wünſchen. „Rang und Vermögen gehören mir,“ flüſterte unſer Held,„aber es gibt noch ein theureres und köſtlicheres Gut als alle anderen, die Liebe, die ich gewonnen habe, da ich arm und ohne Namen war. Du mußt mich lehren, es zu verdienen; mildere Du, was Hartes in meiner Natur iſt, durch jene eng⸗ liſche Güte, welche mein Herz beſiegt hat.“ Das Verdict, welches Roderich Haſtings eines durch die ſchändlichſten Mittel erworbenen Vermögens beraubte, war kaum gefällt, als Mr. Ellsgood nach Newark abreiste. Er war nicht der Mann, der Ge⸗ fahr zu trotzen, und kannte die Stimmung und die Grundſätze ſeines Clienten zu gut, um nicht wo möglich ihm auszuweichen, bis das erſte Aufbrauſen des Zorns und der Wuth vorüber war. Aber er hätte ſich dieſe Mühe erſparen können; denn ſobald der Ex⸗Eigenthümer von Crowshall den Ausgang des Proceſſes erfuhr, verließ er ſein Hotel, ohne ſelbſt ſeinem getreuen Bender das Geheimniß des Ortes, wohin er ſich begab, anzuvertrauen. Man glaubte, er ſei nach dem Feſtland abgegangen, um daſelbſt ſeine Beſtürzung und getäuſchte Erwartung zu verbergen. Als man Ellsgvod nach der Adreſſe ſeines Clien⸗ 264 ten fragte, gab er keine Antwort und begnügte ſich, den Kopf zu ſchütteln. Die Ankunft des Pächters Giles in Crowshall mit der Botſchaft von dem Triumph unſeres Helden war das Signal zu einem allgemeinen Feſte. Mehr als ein Dutzend Freudenfeuer wurden auf verſchie⸗ denen Punkten des Herrſchaftsgutes angezündet. Die Arbeiter verließen die Felder, die Hirten die Hut ihrer Heerden. Nichts vermöchte die Freude der ſo lang unterdrückten Hinterſaßen zu ſchildern. Der Name Herbert wurde mit enthuſiaſtiſchem Jubelge⸗ ſchrei aufgenommen. Es war ein Glück für Ellsgood, daß er ſein Bureau zu Newark und nicht zu Erowshall hatte; noch bedurfte es des ganzen Einfluſſes der beiden Giles, Vater und Sohn, um die Pächter zu ver⸗ hindern, daß ſie ſich nicht in Maſſe nach der Stadt begaben, um ſeine Wohnung daſelbſt zu zerſtören. Was Patience betraf, ſo hatte ſie niemals ſo viel Leute in der Aufgehenden Sonne geſehen. Ihre Freude war ſo groß, daß ſie Jedem ein Glas Ale gab, der auf die Geſundheit von Sir Walter Her⸗ bert zu trinken begehrte. Michel war ebenſo zu⸗ frieden wie ſeine beſſere Hälfte; ſein Enthuſiasmus ging ſo weit, daß er ſelbſt auf ein Faß ſtieg, um eine Rede an die Menge zu halten. Was hätte die erſte Mrs. Bunce dazu geſagt? Aber die würdige Verſtorbene hatte dieſer Demüthi⸗ gung ſich nicht auszuſetzen. Jedermann wollte wiſſen, wann der junge Ge⸗ bieter ſeine Herrſchaft in Beſitz nehmen würde. Giles antwortete, daß man denſelben in einigen Tagen er⸗ 265 warten könne; worauf ſich ein Comité bildete nnd die Pächter den Entſchluß faßten, dem Nachkommen der Herberts einen Empfang zu bereiten, wie man ihn noch nie in der Gegend geſehen hatte. Es wurde entſchieden, daß man ihm in Proceſſion bis nach Newark entgegengehen, daß Triumphbogen beim Eingang vom Dorfe, bei dem Park⸗Gitterthore und in der großen Allee errichtet werden ſollten. Man eröffnete eine Subſcription zum Ankauf eines Ochſen, der ganz gebraten und zur Speiſung der Armen und Taglöhner der Gegend verwendet werden ſollte. Nachdem alle dieſe Entſchlüſſe gefaßt waren, ſchrieb William Giles einen für Sir Walter be⸗ ſtimmten Bericht und bat ihn darin, doch den Tag ſeiner Ankunft im Herrenhauſe wiſſen zu laſſen. Man ſaß beim Frühſtück in Harley⸗Street, als dieſe Botſchaft ankam. „Die Entſcheidung ſteht bei Dir, meine theure Mutter,“ ſagte der Baronet, ihr den Brief reichend; „ich kann die Wohnung meiner Väter nicht in Beſitz nehmen, wenn Du nicht gegenwärtig biſt, ſie zu weihen. Du biſt die Herrin.“ „Gut, mein lieber Freund, ſehr gut!“ rief der Bankier. „Ich denke, daß ich nicht lang die Herrin blei⸗ ben werde,“ erwiderte ſeine Mutter mit zärtlichem Lächeln. Marion erröthete und fand etwas ganz Beſon⸗ deres Mignonne in's Ohr zu flüſtern. Sam, welcher mit dem Leſen der Poſt beſchäftigt geweſen war, reichte das Journal Sir Walter, wel⸗ cher beim Anblick von den zuſammengepreßten Lippen 266 und dem flammenden Auge ſeines Freundes errieth, daß er eben etwas für ſeine Gefühle Peinliches ge⸗ leſen hatte. „In drei Tagen, liebe Mutter,“ ſprach er,„wenn Du bis dahin bereit biſt....“ „In zwei, wenn es ſein muß!“ rief Mr. Bar⸗ nard.„Dick.... hem! Sir Walter, wollte ich ſagen. Ihr Wagen iſt fertig; die Wappen Ihrer Familie ſchmücken die Felder; der Helmſchmuck, die Hand und der Dolch ſind auf die Schabracken ge⸗ ſtickt; Ihre Livréen ſind vollendet; ſchon vor zwei Monaten hat man ſie Adams übertragen.“ Aber nachfolgender Paragraph der Poſt ent⸗ ſchied bei unſerem Helden.& „Heirath in der großen Welt. Wir er⸗ fahren aus guter Quelle, daß die Heirath von Sir Marc Raymond, Baronet, mit der liebenswürdigen und reizenden Tochter des reichen Andrew Groſſette dieſe Woche ſtattfinden ſoll. Man ſagt, die Mitgift der Verlobten belaufe ſich auf hundertfünfzigtauſend Pfund Sterling.“ „Nun alſo, zwei Tage, es ſei!“ ſprach er. Die Antwort wurde abgeſchickt und den zweiten Tag verließ man London. Zu Newark traf man nicht allein die Pächter zu Pferd, ſondern auch den größten Theil der vornehmſten Grundeigenthümer der Grafſchaft. Von Newark bis Crowshall war die Reiſe nichts als eine fortdauernde Ovation. Die Bauern wurden nicht müde, Hurrah zu rufen. Beim Eintritt in das Dorf erwartete der wür⸗ dige Rector Sir Walter, welcher beim Anblick des 267 edeln Greiſes aus dem Wagen ſtieg und ihm herz⸗ lich die Hand drückte. „Die Wege der Vorſehung ſind wunderbar,“ ſprach der Geiſtliche leiſe,„und die Schuldigen ſind mit Blindheit geſchlagen worden. Empfangen Sie meinen Segen und Gruß.“ Nicolas Pim, der hinter Doctor Gore ſtand, hatte Thränen in den Augen. Freude und Rührung erſtickten ſeine Worte in der Kehle. Als die Menge ſah, mit welcher Liebe der neue Gebieter den Kirchſpielſchreiber umarmte, hörte man ein allgemeines Murmeln des Beifalls. „Gott ſegne ihn!“ riefen die Frauen,„er iſt das Bild ſeines armen Vaters.“ „Ein wahrer Herbert; nichts von falſchem Stolze.“ „Gott ſei Dank, der alte Stamm iſt uns wie⸗ gegeben!“ Dieſe Ausrufungen begrüßten ihn bei jedem Schritt bis zum Portierhäuschen, wo das Gitter⸗ thor mit Laub⸗ und Blumenguirlanden geſchmückt war. Hier fanden ſich alle Dorfkinder zu ſeinem Empfang verſammelt. Es war der ſchönſte Moment ſeines Lebens. „Nie, nie,“ rief er, Mrs. Herbert und Marion die Hand drückend,„werde ich dieſen Tag vergeſſen tönnen! Jetzt fühle ich den wahren Werth des Vermögens; es muß dazu dienen, das Glück Ande⸗ rer zu begründen, und nur in dieſem Glück finden wir das unſere.“ „Wahr,“ ſagte der Bankier,„das Vermögen iſt ein Segen oder Fluch, je nach dem Gebrauch, den man davon macht.“ de — 268 Am Eingang in das Herrenhaus hielten Mr. Elton, Allan, Giles, ſein Sohn William, und eine Menge Freunde voll Vergnügen. Dick trug ſeine Mutter, beinahe ohnmächtig vor Bewegung, in das Bibliothekzimmer und bat ſie dort, vor ihr auf die Kniee ſinkend, um ihren Segen. Martha, Patience, die Greyling, alle die, welche ihn in ſeiner Kindheit gekannt und geliebt hatten, waren daſelbſt verſammelt. Zu verſchiedenen Malen mußte er ſich auf dem Balkon zeigen, der das gothiſche Portal beherrſchte, und die theilnehmende Menge begrüßte ihn mit Jubelgeſchrei. Welcher Unterſchied zwiſchen dieſem Empfang und jenem, der Roderich und Mabel bereitet wor⸗ den war! „Aber wo war inzwiſchen Nan Willis?“ fragt vielleicht der Leſer. Allein in ihrer Hütte, deren Thüre ſie für jeden Beſuch verſchloſſen hatte; denn ſie wagte ſich den neugierigen Blicken der Dovfbe⸗ wohner nicht zu zeigen, aus Furcht, ſie möchten in ihrer Unruhe die widerſprechenden Bewegungen ent⸗ decken, welche ſich in ihrem Herzen bekämpften. „Er hält einen rechtſchaffenen Triumph!“ mur⸗ melte ſie mit ſarkaſtiſchem Lächeln, als ſie die erſten Freudenrufe des Gefolges vernahm.„Das Werk ſo vieler Jahre iſt zerſtört; warum ſoll ich es be⸗ dauern? Wenn der, welchen ich an meiner Bruſt nährte, ſich meiner Liebe würdig gezeigt hätte, würde ich ihn hundert Erben zum Trotz aufrecht erhalten haben!... Noch, noch neue Vivats! Was für ein ſchwaches Ding iſt es um das menſchliche Herz! Roderich iſt vernichtet und der Gedanke an ſeinen 269 Untergang und ſeine Schmach löſcht die Erinnerung an ſeine Undankbarkeit aus.“ Pann wurde ſie ruhiger; ſie erinnerte ſich des Verſprechens, das ſie unſerem Helden gegeben, als er ſie beſucht hatte, und ihr Herz beſänftigte ſich. „Alles wohl überlegt,“ ſprach ſie,„ſind meine und meiner Mutter Kränkungen genugſam gerächt; zwei Leben für eines, ohne von Mabels zerſtörtem Glück zu reden. Der Erbe möge ſich ſeines Guts freuen; Roderich ernte nur, was er geſäet hat. Aber ſeine Feinde mögen ſich hüten, ihn auf's Aeußerſte zu bringen, ſo lang ich lebe. Ich begehre nichts als ſeine Sicherheit. Mögen ſie mir das geben und das Uebrige nehmen!“ Gegen Mitternacht rüſtete ſich Nan, zu Bette zu gehen, als ſie ein Geräuſch von Schritten in dem vor ihrer Hütte befindlichen Garten vernahm, oder zu vernehmen glaubte. Sie näherte ſich vorſichtig dem Fenſter und horchte. „Ich würde dieſen Schritt unter Tauſenden er⸗ kennen; der junge Tiger hat ſeine Beute verfehlt und kehrt in die Höhle ſeiner Mutter zurück.“ Man klopfte leiſe an die Thüre der Hütte. „Er iſt es!“ Das Signal wurde wiederholt. „Ich werde nicht öffnen,“ murmelte ſie.„Ich werde die Walter Herbert gegebene Zuſage nicht brechen. Was auch das Reſultat des Werkes dieſer Nacht ſeyn mag, mein Herz und meine Hand ſollen ſich nicht zu Mitſchuldigen dabei machen.“ Die größte Prüfung, der ihr Eutſchluß unter⸗ 270 52 worfen wurde, erfolgte, als ſie das Wort Mutter, von einer wohlbekannten Stimme ausgeſprochen, hörte. „Liebe Mutter!“ wiederholte der Heuchler, denn es war kein Anderer als Roderich Haſtings, der heimlich im Dorfe angekommen war, in der Hoff⸗ nung, Nan werde ihm bei ſeinen ſchwarzen Planen behülflich ſein. Er wußte wohl, daß ſie ihn nie verrathen könnte. Ihre eigene Schwäche fürchtend, verſtopfte die unglückliche Alte ſich die Ohren, als wollte ſie vor dem Ton der Stimme, die ihr ſo lieb geweſen war, dieſelben ſchließen. Beinahe eine Stunde verfloß, ehe ſie ihre Stel⸗ lung zu ändern wagte. Die Lampe war erloſchen. Sie ging an's Fenſter und öffnete den Laden ge⸗ rade noch zu rechter Zeit, um einen Mann auf dem Wege verſchwinden zu ſehen.. Sie hatte den Namen ihres Sohnes auf den Lippen, aber mit entſchloſſener Miene machte ſie den Laden wieder zu und warf ſich in den Seſſel, den ſie eben verlaſſen hatte. Nans guter Engel hatte den Sieg gewonnen. Es war ein Glück für den Erben von Crows⸗ hall, daß die Luſtbarkeiten bis Tagesanbruch unter ſeinen Fenſtern fortdauerten. Wer weiß, was ohne dieß geſchehen wäre? Allan, der alte Intendant, war ſehr ſtolz, als er am nächſten Morgen Sir Walter und ſeinen Gäſten die verſchiedenen Appartements des Herren⸗ hauſes zeigte. Es gab nicht ein Zimmer, an das 271 ſich nicht eine Sage knüpfte, nicht ein Portrait, das dem treuen Diener nicht eine Familien-Anecdote in's Gedächtniß zurückrief. Die Erinnerungen des Erzählers glichen einer von jenen naiven Chroniken alter Zeiten, einer Legende von Krieg und Liebe, von Prüfungen, Gefahren und Abenteuern. Marion empfand ein lebhaftes Intereſſe, die lange Reihe der ſchönen Schloßherrinnen zu betrach⸗ ten, deren mehrere in der Gruft der Kirche von Crowshall beſtattet waren. Es fanden ſich unter andern drei Portraits einer gewiſſen Lady Arabella Herbert, welche vornämlich ihre Aufmerkſamkeit anzog. Das erſte, welches ſie als ein lachendes, fröhliches Kind darſtellte, hatte die ganze Feinheit des Pinſels von Lely, vereint mit dem warmen Colorit der italieniſchen Schule. Es war in Italien gemalt worden. Das Original ſchien eher eine Tochter des Südens, als eine Eng⸗ länderin: ſchwarze Haare in ſchweren Ringeln auf die Elfenbein⸗Schultern rollend, blitzende Augen, Lippen gleich der Roſenknoſpe, halbgeöffnet von dem Duft, den ſie aushaucht, Wangen, geröthet vom erſten Kuß der Sonne. „Wie ſchön ſie iſt!“ riefen die Frauen ſtill⸗ haltend. Allan nickte. „Erinnern Sie ſich ihrer Geſchichte?“ fragte unſer Held. „Sie war nicht glücklich,“ antwortete der Alte. „Ihr Vater, Lord Howard de Corby, that, ſagt man, ihrer Reigung Gewalt an. Es iſt die Mutter von Sir Gilbert, Ihrem Urgroßvater.“ Das folgende Portrait zeigte dieſelbe Perſon mit zwonzig Jahren und war turz vor ihrer Verhei⸗ rathung gemacht worden. Aber wie verändert war ſie! Eine Wolke ſchien über das ſtrahlende Geſicht gezogen zu ſein. Die Augen waren niedèrgeſchlagen, beſchattet von traurigen Gedanken. Es lag noch ein Lächeln auf den Lippen, aber ein erzwungenes Lä⸗ cheln; die Freude war aus ihrem Herzen verbannt. An ihrer Seite befand ſich das Portrait ihres Gatten, eines Mannes von kaltem und ſtrengem Weſen, in deſſen ſämmtlichen Zügen ein unbezähmbarer Wille eingegraben war. Beim Anblick deſſelben er⸗ klärte ſich Marion die ſchlagende Melancholie im Portrait ſeiner Frau. Urſache und Wirkung waren gleich augenſcheinlich. Das dritte zeigte Lady Arabella in dem düſteren Wittwengewande. Die Heiterkeit ihres Geſichtes kündigte an, daß, wenn auch die Stürme des menſch⸗ lichen Lebens tiefe Spuren zurückgelaſſen hatten, ihre Heftigkeit wenigſtens vorüber war. Ihr Sohn, ein Jüngling von zehn Jahren, folgte darauf. Man fand in ihm wieder Züge der Aehnlichkeit mit ſeinen beiden Eltern; die Schönheit der Mutter, vereint mit dem entſchloſſenen Weſen des Vaters: die volle Lippe, den blühenden Teint as blitzende Auge, aber nicht das ſtrahlende Lächeln der einen, den Ausdruck von Feſtigkeit des andern. „Hier,“ ſprach Allan, in der Muſterung des Herrenhauſes fortfahrend,„hier iſt das Cavalier⸗ zimmer, das gewöhnlich von dem Haupt der Familie bewohnt war. Mein armer Herr, Sir Harty, hat 273 nach dem Tode ſeiner Frau keinen Fuß mehr hin⸗ eingeſetzt.“ Der Alte ſtieß einen Seufzer aus und erzählte auf Bitten des Baronets die grauſame Hinterliſt, wodurch Roderich Haſtings und die ſtrafbare Mabel das häusliche Glück von Sir Harry zerſtört hatten. „Es iſt nicht zu verwundern,“ dachte unſer Held, „daß mein Oheim den Anblick davon nicht ertragen konnte.“ Aber da er keinen Grund hatte, einen gleichen Schauder davor zu empfinden, gebot er ſogleich, es für ihn herzurichten. „Nicht dieſes Zimmer, Walter,“ ſagte Mrs. Her⸗ bert zitternd.„Ich weiß nicht warum, aber ich finde etwas Unheilverkündendes und Verhängniß⸗ volles in dieſer düſtern Pracht.“ „O ja, Mutter, dieſes Zimmer ſelbſt,“ er⸗ widerte der junge Mann lächelnd.„Eine neue Zeit beginnt, hoffe ich, für die Familie; eine Zeit des Glücks, der Liebe und des Vertrauens. Außer⸗ dem gibt es kein Zimmer im ganzen Herrenhauſe, an das ſich nicht irgend eine düſtere Legende knüpft, und ich habe keine Luſt, das ſchönſte Gemach meines Schloſſes unbenützt zu laſſen. Ich werde dieſe Nacht hier ſchlafen.“ Man machte keine Einwendung dagegen; es ließ ſich keine ernſtliche erheben; doch konnten die Frauen einer düſtern Ahnung ſich nicht entſchlagen. Der Reſt des Morgens verfloß unter dem Em⸗ pfang von Beſuchen des Adels der Nachbarſchaft, der ſich beeilte, ſeine Freude darüber, daß er die echte Sir Walters anerkannt ſah, an den Tag zu Das Erbe. Iv. 18 274 legen. Lord Mountjoy und ſeine majeſtätiſche Ge⸗ mahlin kamen gleichfalls zu dieſem Zweck. Da dieſe Beſuche dem Baronet galten, ſo unter⸗ hielten ſich Mrs. Herbert und ihre Geſellſchaft da⸗ mit, was ſie im Herrenhauſe noch nicht geſehen hatten, in Augenſchein zu nehmen. Keines von Allans Worten war für Martha verloven gegangen. Seit ihrer Kindheit hatte ſie das Herrenhaus mit einer Art abergläubiſchen Schau⸗ ders betrachtet. „Wenden Sie Ihren Einfluß an, meine theure Miß,“ flüſterte ſie Marion in's Ohr,„Sir Walter von dem Vorſatz, im Cavalierzimmer zu ſchlafen, abzubringen; er wird es Ihnen nicht abſchlagen.“ „Wenden Sie ſich lieber an ſeine Mutter,“ er⸗ widerte das reizende Mädchen, die Wangen von einer liebenswürdigen Röthe bedeckt. „Ich kann den Anblick dieſes Zimmers nicht er⸗ tragen,“ rief Mignonne;„es iſt düſter wie eine Gruft, und man möchte ſagen, die Sonne verſchmähe, es zu beſuchen. Ich möchte um alles Gold der Welt nicht daſelbſt ſchlafen.“ Der Bankier und Sam lächelten nur über den Aberglauben der Damen und gaben dem Baronet Recht. „Wenn es eine ſchöne Geſchichte von einem Ge⸗ ſpenſt gäbe, die ſich daran knüpfte, ſo würden wir Ihre Einwendungen begreifen, denn wir kennen Alle die Macht, welche die Einbildungskraft über den Geiſt ausübt.“ „Oder wenn daſelbſt etwa ein Mord begangen worden wäre,“ ſetzte Sam hinzu.„Aber hörte man P e 32 n et ir le en 275 auf alle dieſe Vorurtheile, ſo glaube ich, Sir Walter müßte den beſten Theil ſeines Herrenhauſes verur⸗ theilen. Was ſagen Sie dazu?“ Dieſe Frage war an den Intendanten gerichtet. Der alte Allan ſchüttelte den Kopf und ſchwieg. Während ſie das vorſpringende Fenſter über dem Porticus betrachteten und die prächtige Ausſicht be⸗ wunderten, ſah man einen jungen Mann, der die Livrée der Poſtverwaltung trug, herangaloppiren. „Ein Expreſſer!“ rief Mr. Barnard. Der Bankier fragte ſich, für wen er wohl kom⸗ men möge, da er überzeugt war, daß es nicht ihm galt, denn er hatte ſeinem würdigen Caſſier den ſtrengen Befehl gegeben, ihn wenigſtens acht Tage durch keine Geſchäftsangelegenheit zu ſtören, und für Mr. Plume war die Order ſeines Principals heilig. Einige Minuten nachher geſellte ſich ihr Wirth zu ihnen, der äußerſt verdrießlich ſchien. „Was iſt geſchehen?“ fragte Mrs. Herbert un⸗ ruhig. „Nichts, theure Mutter, das heißt nichts Ernſt⸗ haftes, denn ich bin nicht Heuchler genug, um einen Schmerz vorzugeben, den ich nicht fühle. Meine Tante Mabel liegt im Sterben. Das letzte Mal, da ich ſie ſah, gab ich ihr mein Wort, ihrer Ein⸗ ladung Folge zu leiſten, und ſie begehrt mich zu ſehen.“ 3 Er reichte den Brief Mr. Barnard, der las wie olgt: „Man ſagt mir, daß ich nur noch einen oder zwei Tage zu leben habe,“ ſchrieb die Unglückliche, 276 „das macht mir keinen Kummer, denn warum ſollte ich am Leben hängen? Aber ich muß Sie noch ſehen, bevor ich ſterbe, da ich Ihnen Vieles mitzu⸗ theilen habe. Erinnern Sie ſich Ihres Verſprechens und verlieren Sie keine Zeit.“ Dieſe Linien waren Mabel unterzeichnet. Ein Gefühl der Scham und der Erbitterung hatte ſie ohne Zweifel verhindert, ihren Frauennamen bei⸗ zufügen. „Du ſiehſt,“ ſagte der Baronet, Marions Hand faſſend,„ich muß abreiſen.“ „Aber nicht allein!“ rief das Mädchen unruhig. „Allein!“ wiederholte Sam,„nein, vergißt Miß Barnard, daß Sir Walter einen Freund hat einen ſehr niedrigen, ich geſtehe es, aber ebenſo aufrichtigen Freund.“ „Den wahrſten Freund, der jemals exiſtirt hat,“ rief lebhaft der Baronet.„Aber ich ſehe keinen Grund, die Damen des Vergnügens Deiner Geſell⸗ ſchaft zu berauben. Deine Gegenwart wird ein Schutz gegen die böſen Geiſter ſein, die in Crows⸗ hall hauſen.“ „Ich werde Dich begleiten,“ ſprach der Ex⸗Tänzer feſt,„vorausgeſetzt, daß Du nicht abſolut darauf be⸗ ſtehſt, mich hier zu laſſen.“ „Darauf beſtehen! welch ein Wort!“ Mrs. Herbert, Marion und Mignonne verſicher⸗ ten, ſie halten ſich durch den Bankier und die Dienerſchaft für hinlänglich geſchützt. Noch an demſelben Tag reiste Sir Walter in Begleitung von Sam und Mr. Elton nach Lon⸗ don ab. ie in 277 „Gott ſei Dank!“ murmelte Allan,„er wird nicht im Cavalierzimmer ſchlafen!“ Wäre der Alte nach den Beweggründen gefragt worden, welche ihn zu dieſem Ausruf veranlaßten, er hätte ſie nicht zu erklären gewußt. Es waren unbeſtimmte Beſorgniſſe, welchen zuweilen die kühn⸗ ſten Menſchen unterworfen ſind, und welche alle An⸗ ſtrengungen der Vernunft nicht zu zerſtreuen ver⸗ mögen. Mabel erwartete den Tod in ihrer Zurückge⸗ zogenheit; ihre natürliche Feſtigkeit hatte ſie nicht verlaſſen, aber es war eine Feſtigkeit ohne Hoffnung. Als ſie ihrem Gatten das ſchlecht erworbene Ver⸗ mögen entriſſen ſah, war ihre Rache geſtillt; das Leben hatte keinen Werth mehr für ſie. Die Morgendämmerung des dritten Tags ſeit Abgang des Briefs brach bereits an. Die Unglück⸗ liche lächelte, als ſie den erſten Strahl der auf⸗ gehenden Sonne durch das Fenſter dringen ſah; ſie ahnte, daß ihre Prüfungen zu Ende ſeien. „Er wird kommen,“ murmelte ſie,„er kann nicht verfehlen, zu kommen. Ich habe ſein Ver⸗ ſprechen... Ja, ja! ich kann darauf zählen. Er iſt zu edelmüthig, zu loyal, um es nicht zu hal⸗ ten, ſelbſt einer Unglücklichen gegenüber, die ihm ſo viel Leids angethan hat. Die Welt kennt nur meine Schwäche, meine Verbrechen; nie wird ſie etwas von der langen Qual meiner Züchtigung, meiner Schmerzen, meiner Martern erfahren. Aber es iſt Schwäche, ſich darüber zu beklagen!.... Brauche ich mich über die Meinung zu beunruhigen, welche die Menſchen von mir haben werden? Ahl —— 278 wenn es keinen andern Richter, als die Welt Ein tiefer Seufzer begleitete dieſe traurige Be⸗ trachtung. Bei Annäherung des Todes wurden die Wunden ihrer Seele den Augen ihres Geiſtes ſicht⸗ barer. Sie hätte zu beten gewünſcht, aber ihr Mund hatte die Gewohnheit dazu verlernt, und ihre Worte erſtarben auf den Lippen. „Zu ſpät! zu ſpät!“ rief ſie,„Seele und Körper, Alles iſt verloren!“ Mabel verharrte ruhig über eine Stunde, die Augen geſchloſſen, das Haupt auf dem Kopfkiſſen. Ihre Träume wurden durch die Ankunft des Arztes, der ſie behandelte, und der Hausfrau, bei der ſie wohnte, unterbrochen. Dieſe Frau war einſt zu Crowshall in Dienſt geſtanden und erinnerte ſich Mabels noch als eines jungen, ſchönen, aber ſtolzen und nachdenklichen Mädchens. Da ſie ſelbſt viele Prü⸗ fungen durchgemacht hatte, beklagte ſie lebhaft ihre Miethfrau. „Es geht eine Veränderung vor,“ ſprach der Arzt, nachdem er ihr den Puls gefühlt hatte. „Es wird bald eine vorgehen,“ erwiderte die Kranke ruhig. „Zum Beſſern,“ ſetzte er hinzu. „Ja, zum Beſſern,“ wiederholte ſie. „Wenn meine liebe Dame ſich nur überreden ließe, etwas zu eſſen,“ bemerkte die Wirthin. „Ich habe einen Widerwillen gegen alle Nah⸗ rung,“ rief Mabel ungeduldig.„Verzeihen Sie mir,“ ſetzte ſie in ſanfterem Ton nach einer Pauſe von einigen Secunden hinzu.„Ich bin nicht un⸗ dankbar für Ihre Güte. Sie werden den Beweis davon erhalten, wenn ich geſtorben bin... Hören Sie! Hören Sie!“ Das Geräuſch eines Wagens ließ ſich in der Straße hören; es war etwas Außerordentliches um dieſe Stunde, und eine lebhafte Röthe färbte plötz⸗ lich die blaſſe Wange Mabels. Das Geräuſch hörte auf; der Wagen hatte vor der Thüre gehalten. „Er hat mir ſein Wort nicht gebrochen,“ ſprach die Sterbende,„ich brauche weder Arzt noch Nah⸗ rung mehr. Laſſen Sie mich; ich muß an etwas Anderes, als dieſen vergänglichen Körper denken.“ Die Magd trat ein und flüſterte den Namen Sir Walter Herberts. „Wir wollen ſehen, was Ihres Neffen Einfluß ausrichtet,“ ſagte der Arzt abgehend,„weil meine Rathſchläge nicht gehört werden.“ Trotz der Vorſtellungen ihrer Wirthin ſtand Mabel auf und kleidete ſich an. Der Baronet konnte ſeine Bewegung nicht unter⸗ drücken, als er beim Eintritt in das Gemach die Trümmer ſah, welche den Namen Mabels führten. In ſeiner Kindheit hatte er ſie oft bewundert, wenn ſie im Park ſpazieren ging, und jetzt war beinahe keine Spur von jener majeſtätiſchen Schönheit mehr übrig. „Danke, Walter,“ ſprach ſie, ihm die abgemagerte Hand reichend,„Sie können ſie nehmen, denn Sie ſind zu edel, um eine Feindſchaft gegen mich zu be⸗ wahren.“ 280 „Ich verzeihe Allen, die mir etwas zu Leid ge⸗ than haben.“ „Roderich ausgenommen!“ rief ſie, die Stirne runzelnd;„lebend oder todt, können Sie ihm nicht verzeihen. Ohne Zweifel iſt er ruinirt; aber dieß reicht nicht hin, ſeine Verbrechen und meine Krän⸗ kungen zu ſühnen. Verfolgen Sie ihn bis zum Grabe.... ah! ich bin ruhig.... ruhig wie der Augenblick, der dem Sturm vorangeht; meine Worte werden Sie nicht mehr ſchrecken.“ Ueber eine Stunde unterhielt ſie ſich mit ihm, ohne eine Anſpielung auf den Gegenſtand ihres Haſſes zu machen. „Ich habe Sie kommen laſſen,“ fuhr ſie dann fort,„Sie um Verzeihung zu bitten, Sie zu er⸗ ſuchen, meinem Andenken nicht zu fluchen. Ich habe die Familienjuwelen vor der Raubgier des Zerſtörers gerettet; Sie werden dieſelben im Archivzimmer fin⸗ den, mit den Beſitztiteln und andern auf das Herr⸗ ſchaftsgut befindlichen Papieren.“ „Ich habe das Zimmer, wovon Sie ſprechen, nicht geſehen, und Allan ſelbſt ſcheint es nicht zu kennen.“ „Ich allein kenne den Eingang dazu. Das Ge⸗ heimniß wurde nur den Herberts anvertraut.“ „Ich werde kein Geheimniß daraus machen. Es hat ſchon zu viel Myſterien in unſerer Familie ge⸗ geben.“ „Das iſt wahr! und vielleicht haben Sie Recht. Wenigſtens ſind Sie das Haupt der Familie und werden bald deren einziges lebendes Glied ſein.“ Nachdem ſie ihm erklärt hatte, wo er den Ein⸗ 281 60 zum Archivzimmer finden werde, ſetzte Mabel inzu: „Sie werden daſelbſt die Correſpondenz des Mannes ſehen, den ich wahnſinnig geliebt, deſſen Ehrgeiz ich die Bande der Natur, die Achtung vor mir ſelbſt, kurz Alles geopfert habe. Leſen Sie die Briefe, Walter; urtheilen Sie über die Wirkung, welche ſie auf eine junge, glühende Phantaſie, auf einen in der Einſamkeit erzogenen, mit der Welt unbekannten Geiſt hervorbringen mußten; vielleicht werden Sie dann nachſichtiger gegen mich ſein.... Die Kraft mangelt mir,“ nahm ſie nach einer Pauſe wieder das Wort.„Unter meinem Kopfkiſſen wer⸗ den Sie ein Käſtchen finden; geben Sie es mir.“ Der Baronet ſtand auf und reichte ihr das Käſtchen. „Nein, behalten Sie es,“ ſagte Mabel,„ich will es nicht mehr anrühren.“ „Was enthält es?“ „Beweiſe für Roderichs Verbrechen. Oeffnen Sie es jetzt nicht; warten Sie, bis ich todt bin.“ Eine der erſten Sorgen Sir Walters bei ſeiner Ankunft in London war geweſen, Se. Ehrwürden, Mr. Wharton zu berufen, auf deſſen beredten Zu⸗ ſpruch er rechnete, um das verhärtete Herz der Sterbenden zu rühren. Er fühlte, daß er ſelbſt zu jung wäre, um die Rolle des Ermahners auf ſich zu nehmen, und wollte eine hiezu beſſer taugliche Per⸗ ſon mit dieſer Sorge beauftragen. Man klopfte ſanft an die Thüre des Zimmers, Walter öffnete ſie, und der Geiſtliche trat ein. „Ich laſſe Sie jetzt, meine Tante, auf einige 282 Zeit in der Geſellſchaft dieſes würdigen Mannes. Hören Sie auf ſeine Rathſchläge, ſchöpfen Sie Troſt aus ſeinen Gebeten, ſtoßen Sie ſeinen Beiſtand nicht zurück; er wird Sie auf jene ſchreckliche Veränderung vorbereiten.... „Ich will keine Gebete! keinen Prieſter!“ rief Mabel ſehr aufgeregt.„Es gibt keine Vergebung für eine Unglückliche wie ich.... Verloren! ver⸗ loren!“ „Die Vergebung iſt Jedem zugeſichert, der auf⸗ richtig darum bittet,“ erwiderte der Geiſtliche in feierlichem Ton. „Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen,“ entgegnete das unglückliche Geſchöpf.„Es iſt Blut auf meinem Haupte, wenn nicht an meinen Händen.... Das Blut meines Bruders... in meinem Herzen iſt ein ſtrafbarer Stolz und Hoß.“ „Die Thränen der Buße werden ſie auslöſchen.“ „Ich habe keine Zeit, meine Augenblicke ſind gezählt. Es iſt zu ſpät!“ „Frau, wer hat Dir das Recht gegeben, die Ge⸗ walt des Allmächtigen zu beſchränken, die Verdam⸗ mung auszuſprechen, vor welcher ſeine Barmherzigkeit Dich bewahren kann! Beuge Deinen hartnäckigen Charakter, neige Dein Herz, damit es die Worte der Gnade empfange und lerne, daß kein Opfer dem höchſten Richter angenehmer iſt, als die Thränen eines reuigen Sünders.“ „Hoffnung! Hoffnung für mich!“ „Für Alle, welche hoffen wollen.“ Der Felſen war endlich erweicht, und ein Thränen⸗ ſtrom erleichterte Mabel. Bei ſeiner Entfernung hatte Sir Walter Herbert die Freude, ſeine Tante mit dem Diener des Glaubens und der Buße beten zu hören. Er fand Mr. Elton und Sam, welche in dem Wohnzimmer des Erdgeſchoßes auf ihn warteten. „Ich war Zeuge einer ſchmerzlichen Scene,“ ſprach er zur Antwort auf ihre fragenden Blicke, „der Kämpfe einer noch nicht gänzlich der Schwäche unſerer Natur verfallenen Seele. Unſer würdiger Wharton betet jetzt mit ihr.“ „Gott ſei Dank!“ rief der Rechtsgelehrte.„Wenn je die Strafe eines Verbrechens auf Erden gebüßt wurde, ſo geſchah es bei Mabel Herbert Einige Stunden verfloßen, ehe der Baronet zu ſeiner Tante zurückgerufen wurde. Er ſah mit Freude beim Wiedereintritt in das Zimmer, daß ihre Züge ruhig waren. Der Friede war in ihr ſo lang erregtes Herz eingekehrt. „Ich ſterbe ruhig,“ flüſterte ſie, die Augen ſchließend. Wenige Minuten nachher öffnete ſie dieſelben wieder, als ob eine plötzliche Erinnerung ſie zu den Dingen dieſer Welt zurückgerufen hätte. „Walter! Walter!“ rief ſie. Ihr Reffe beugte ſich vor ihrem Seſſel auf die ſe und faßte die abgezehrte Hand der Unglück⸗ ichen. „Verſprechen Sie mir, nie zu ſchlafen in... i Man hörte einen tiefen Seufser und Alles war vorüber. Der Satz blieb unvollendet. Damals machten dieſe letzten Worte keinen großen Eindruck 284 auf unſern Helden, aber er erinnerte ſich deren oft in der Folge ſeines Lebens. Rachdem die nöthigen Inſtructionen gegeben waren, begaben ſich unſere Freunde nach dem Hauſe in Harley⸗Street, wo ſie die Nacht zuzubringen ge⸗ dachten, um den nächſten Morgen nach Erowshall zurückzukehren. Erſt ſehr ſpät dachte Sir Walter an das Käſt⸗ chen, welches er in Gegenwart des Rechtsgelehrten und Sams öffnete. Es enthielt vornämlich Briefe, zu verſchiedenen Zeiten von Roderich Haſtings an ſein Opfer geſchrieben. Alles, was Liebe und Heuchelei erſinnen konnte, um ein Herz zu verwirren, fand ſich darin aufge⸗ zeichnet. Ein beträchtlicher Theil dieſer Correſpon⸗ denz datirte aus jenem Zeitraum, wo Roderich im Tempel wohnte, und enthielt zweideutige Anſpie⸗ lungen auf eines der Hinderniſſe, welches ſich ihrer Heirath entgegengeſtellt und bald beſeitigt ſein würde. „Ich bin es müde, dieſe teufliſchen Compoſi⸗ tionen zu leſen,“ ſagte unſer Held, das Käſtchen ſchließend.„Nehmen Sie es, Elton, und unter⸗ ſuchen Sie das Uebrige. Ich habe kein Geheimniß vor Ihnen.“ Die drei Freunde, darauf rechnend, den andern Tag früh abzureiſen, trennten ſich bald hernach. Um ſechs Uhr Morgens ſtand der Wagen vor der Thüre. Im Augenblick, als Sir Walter und Sam einzuſteigen im Begriff waren, kam Mr. Elton in großer Aufregung an und drückte ihnen lächelnd die Hand. „Sie müſſen die Abreiſe verſchieben,“ ſprach er. 285 „Unmöglich!“ riefen die beiden jungen Männer. „Es muß ſein. Ein Umſtand iſt eingetreten, ſo ſeltſam, ſo unerwartet, daß ich dießmal das Recht in Anſpruch nehme, Sie....“ „Haben Sie Briefe von Erowshall empfangen?“ fragte der Baronet erbleichend. „Nein.... aber ſehe ich denn wie der Ueber⸗ bringer ſchlimmer Botſchaft aus? Frende, ſage ich Ihnen, Freude! Folgen Sie mir in die Bibliothek, und ich will Ihnen Alles erklären.“ Beruhigt durch dieſe Worte kehrten die beiden Freunde mit ihm in's Haus zurück, wo einem langen Geſpräch die Unterſuchung von Papieren und Ver⸗ gleichung von Daten folgte. Es wurde Befehl gegeben, das bereits auf dem Wagen befindliche Gepäck abzuladen. „Werden Sie die Equipage nicht brauchen, Sir Walter?“ fragte der Hausmeiſter, welcher dieſe ſchnelle Aenderung des Planes nicht begreifen konnte. „O ja.“ „Um welche Zeit?“ „Um neun Uhr präcis, nicht einen Augenblick ſpäter.“ Der Rechtsgelehrte begab ſich eiligſt nach dem Tempel, war aber zur feſtgeſetzten Stunde wieder in Harley⸗Street. Sir Walter und Sam hatten ihre Reiſekleider mit einem paſſenderen Anzug vertauſcht. Der Ex⸗Tänzer ſchien glücklich und der Freund theilte ſeine Freude. „Wir haben keine Zeit zu verlieren,“ ſagte Elton, auf ſeine Uhr ſchauend.„Ich bin auf Kund⸗ ſchaft ausgeweſen. Die Ceremonie ſoll um zehn Uhr ſtattfinden.... nach der St. Georgskirche, Han⸗ nover⸗Square,“ rief er dem Kutſcher zu. Der alte Hausmeiſter wurde immer verwirrter. Wäre ſeine junge Gebieterin zu London geweſen, er hätte eine Heirath vermuthet.... aber unter ſolchen Umſtänden war es eine Unmöglichkeit. „St. Georg, Hannover⸗Square,“ wiederholte er mehrmale.„Ich gäbe einen Monatsgehalt dafür, zu wiſſen, was dies Alles bedeuten ſoll.... Ich habe gute Luſt, dem Wagen zu folgen.“ Unſere Leſer ſind vielleicht ebenſo ungeduldig als er; und da ſie kein Cabriolet nehmen und dem Hausmeiſter folgen können, ſo wollen wir uns be⸗ eilen, ihren Vermuthungen ein Ende zu machen, in⸗ dem wir berichten, was in St. Georg vorging. Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. Als unſere Freunde bei der Kirche anlangten, kündigte eine lange Reihe von Wägen genugſam an daß eine faſhionable Hochzeit gefeiert werden ſollte. Die Kutſcher und Lakayen waren in ihre ſchönſten Vvröen gekleidet, mit weißen Bändern bedeckt und mit enormen Blumenſträußen beſchwert. Sam ſtieg zuerſt ab und bahnte ſich, ohne erſt noch zu ſehen, ob ſeine Begleiter ihm folgten, einen — S* n 287 Weg durch die Menge bis zum Altar, wo Sir Mare Raymond bereits Platz genommen hatte an der Seite eines zitternden Mädchens mit einem Geſicht, bläſſer als ſein Schleier oder die Orangeblüthen in dem Kranz auf ihrem Haupte. Die Bläſſe der Braut war keine Vorläuferin der Freude, ſondern ein Zeichen der Verzweiflung, denn wie unſere Leſer wiſſen, empörte ſich das Herz der Unglücklichen gegen ein ſolches Opfer. Ihr Vater, ſtreng und unverſöhnlich, ſtand neben ihr, ent⸗ ſchloſſen ſein einziges Kind auf dem Altar des Ehr⸗ geizes hinzuſchlachten. Seine Lippen lächelten; die ſeiner Familie ſahen aſchfarbig aus. Innerhalb des Gitters, welches den Altar um⸗ gab, befanden ſich der fungirende Biſchof und ſein Caplan. Der Prälat wollte eben die heilige Cere⸗ monie beginnen, als Sam, deſſen Aufregung und plötzliche Erſcheinung eine gewiſſe Beſtürzung unter den Damen hervorbrachte, ausrief: ich thue Einſprache gegen dieſe Hei⸗ rath!“ Die Braut wurde ohnmächtig und man kann ſich die auf ſolche Worte folgende Beſtürzung eher vor⸗ ſtellen, als beſchreiben. „Geduld,“ flüſterte Sir Walter,„Geduld, mein theurer Freund, um Mignonne's willen.“ „Was bedeutet das?“ fragte Andrew Groſſette. „Das bedeutet,“ erwiderte der, welcher die Stö⸗ rung verurſacht hatte, unwillig,„daß Sir Marc Raymond ſchon verheirathet iſt, obgleich er ſeine Frau verleugnen zu müſſen glaubte.“ „Lügner!“ rief der Baronet zornentſlammt. 288 Der Biſchof ſchien die Sache äußerſt mißfällig zu bemerken. „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, My⸗ lord,“ ſetzte der Heuchler hinzu,„aber mein Unwil⸗ len hat mich die Ihrer Gegenwart und dem heiligen Orte, wo wir uns befinden, ſchuldige Achtung ver⸗ geſſen laſſen.“ „Wenn Sie eine ernſthafte Einwendung geltend zu machen haben,“ ſprach der Prälat, zu Sam ge⸗ wendet,„ſo iſt es meine Pflicht, dieſelbe anzuneh⸗ men. Aber hier iſt nicht der Ort zu einer ſolchen Diſcuſſion; folgen Sie mir mit dem Bräutigam in die Sacriſtei. Der Vater der Braut mag uns be⸗ gleiten.“ „Mylord, auch ich bedarf der Zeugen,“ entgeg⸗ nete der Ex⸗Tänzer, der ſeine Ruhe wieder gewon⸗ nen hatte. „Gewiß,“ antwortete der Prälat. „Ich wähle Sir Walter Herbert und meinen geſetzlichen Rathgeber, Mr. Elton.“ Bei dem Namen unſeres Helden ſchlenderte ſein ehemaliger Camarade im College ihm einen Blick der Drohung und des Haſſes zu. „Ich weiß,“ ſprach er,„wem ich die vorbedachte Beſchimpfung verdanke.“ „So ſeltſam unſer Venehmen Ihnen erſcheinen muß, Mylord,“ begann Mr. Elton, ſobald ſie in der Sacriſtei angekommen waren,„ſo werden Sie, ich bin es überzeugt, anerkennen, daß wir nicht anders handeln konnten. Erſt dieſen Morgen haben wir den Beweis für die Gültigkeit einer früheren, von 289 Sir Marc Raymond zu Paris mit der Schweſter dieſes Gentlemans geſchloſſenen Heirath entdeckt.“ „Es war keine Heirath,“ fiel der Wüſtling ein. „Darüber werden Sie, Mylord, ein beſſerer Richter ſein,“ fuhr der Rechtsgelehrte fort, dem Prä⸗ laten mehrere Papiere reichend. „Dieſe Frau war nichts als meine Maitreſſe,“ nahm Marc wieder das Wort, mit einem Hohn, ge⸗ gen den Sam unempfindlich blieb. Die Züge von Andrew Groſſette klärten ſich auf: er wußte von Mr. Barnard die Geſchichte der vor⸗ geblichen Heirath von Mignonne, und erblickte in dieſem Zwiſchenfall nur eine Bosheit von dem Bru⸗ der dieſes Mädchens. „Dieſes Atteſtat ſcheint ächt,“ bemerkte der Biſchof. „Erlauben Sie mir, es zu erklären,“ fiel Marc ein.„Um die Bedenklichkeiten des wahren oder falſchen Bruders vbn jenem Mädchen zu beſchwichti⸗ gen, kam manüberein, eine ſimulirte Ceremonie ſtattfinden zu laſſen. Es war eine falſche Heirath.“ „Unter Ihrem eigenen Namen vollzogen?“ fragte der Prälat. „Nein,“ antwortete der Treuloſe mit triumphi⸗ rendem Lächeln,„unter dem Namen Georg Selwyn.“ „Dann, Sir, muß ich Ihnen bemerklich machen, daß Sie wirklich verehlicht ſind,“ rief der Biſchof⸗ „Das Individuum, welches dieſe, wie Sie es zu nennen belieben, falſche Heirath einſegnete, war ein Prieſter der beſtehenden Kirche. Der Trauſchein zeichnet Sie als Georg Selwyn, gewöhnlich bekannt unter dem Namen Sir Marc Raymond, Baronet, Das Erbe. Iv. 19 290 und trägt die Unterſchrift des Zeugen Roderich Haſtings.“ „Der Böſewicht! aber er iſt es, welcher... „Den Prieſter beſorgte,“ ſetzte Mr. Elton hinzu. „Sie wollten einen falſchen Prieſter, er nahm einen wahrhaftigen, denn er hatte Ihr Vermögen im Auge. Hätte dieſe zweite Heirath wirklich ſtattgefunden, ſo wären Sie ſeiner Gnade völlig preisgegeben gewe⸗ ſen. Dieß waren ſeine Abſichten; wir haben die Beweiſe dafür.... Ich hoffe, Mylord,“ fuhr er, ſich veſpectvoll vor dem Biſchof verbeugend, fort,„daß wir genugſam vor dem Biſchof gerechtfertigt haben, was Anfangs unentſchuldbar ſcheinen konnte. Im Fall Sir Marc Raymond weitere Erklärungen wünſcht, kennt er meine Adreſſe.“ „Sie haben Ihre Pflicht gethan, Sir,“ erwiderte der Prälat. Dann, zu Andrew Groſſette gewendet, ſprach er:„Dieſe Heirath kann nicht ſtattfinden.“ Der getäuſchte Kaufmann warf dem, welchen er zu ſeinem Schwiegerſohn zu machen beabſichtigt hatte, einen wüthenden Blick zu, verließ mit ſeiner Toch⸗ ter, welche aus ihrer Ohnmacht wieder zu ſich ge⸗ kommen war, die Sacriſtei, ſtieg in den Wagen und entfernte ſich, ohne ein Wort der Entſchuldigung an die Menge der Eingeladenen zu richten. „Zum Glück ſind wir noch rechtzeitig gekommen,“ ſagte unſer Held, als er mit Sam nach Harley⸗ Street zurückkehrte.„Wie verlangt es mich, Mi⸗ gnonne wieder zu ſehen! Ich kann mir ihre Freude und Deinen gerechten Triumph vorſtellen.“ Im Laufe des Nachmittags reisten ſie wieder nach Crowshall ab. 291 „Wenn nur Mare ſich reuig bezeigen wollte,“ ſprach der Baronet,„Mignonne könnte....“ „O, nicht doch!“ fiel Sam ein,„Du kennſt ſie nicht, wenn Du glaubſt, ſie bewahre noch einen Reſt von Zuneigung für ihren unwürdigen Gatten. Ihre ganze Liebe iſt auf ihr Kind concentrirt.“ Wie Mr. Elton erwartet hatte, empfing er noch an demſelben Tage den Beſuch von Sir Mare Ray⸗ mond, begleitet von einem ausgezeichneten Rechts⸗ anwalt und einem der geſchickteſten Advocaten. Die Wuth hatte ſeine Züge entſtellt. Der Rechtsgelehrte ſah ruhig zu, wie er ſich in einen Seſſel warf. „Sie werden meinem Rechtsanwalt und dieſem Gentleman erlauben,“ ſprach der Wüſtling,„die Papiere zu prüfen, welche Sie dieſen Morgen vor⸗ gelegt haben.“ „Gewiß.“ „Und eine Abſchrift davon zu nehmen?“ „Ich ſehe darin nichts Ungeeignetes, Sir Marc, vorausgeſetzt, daß es auf meinem Arbeitszim⸗ mer geſchieht. Aus Vorſicht, ich will ſie nicht aus den Augen verlieren.“ „Haben Sie mich im Verdacht einer ungeſetzlichen Abſicht?“ fragte der Baronet, zornig auffahrend. Auf dieſe Frage antwortete Mr. Elton nur durch Stillſchweigen. „Mein theurer Sir Marc,“ ſagte ſein Rathgeber zu ihm,„laſſen Sie mich Sie bitten, ruhig zu ſein. Nichts iſt gerechter, als Mr. Eltons Benehmen. Jeder andere Beamte würde an ſeiner Stelle ebenſo handeln. Ich begreife die Gereiztheit, in welche Sie dieſe unangenehme Entdeckung verſetzen mußte, würde 292 aber genöthigt ſein, meine Vermittlung in dieſer Angelegenheit zurückzuziehen, wenn Sie mir nicht aufrichtig verſprechen, Ihre Uebellaune zu bemeiſtern.“ „Ich gebe Ihnen die Hälfte meines Vermögens, wenn Sie dieſe verwünſchte Heirath löſen.“ „Wir werden dieſelbe für weit weniger löſen, wenn es ſich thun läßt.“ Mr. Elton unterwarf der Prüfung des Advoca⸗ ten nicht bloß den Trauſchein, ſondern auch die Cor⸗ reſpondenz Roderich Haſtings mit dem Geiſtlichen, der die Che eingeſegnet hatte. Das Benehmen des Prieſters ſchien untadelhaft. Roderich hatte ſeinen Freund als einen Mann dargeſtellt, der um ſeiner ſelbſt willen geliebt zu werden begehrte und Namen und Vermögen ſeiner Verlobten verbergen wollte. Als der Advocat Alles geleſen hatte, ſprach er: „Ich fürchte, Ihnen keine Hoffnung geben zu kön⸗ nen; die Ehe iſt gültig, Lady Raymonds Rechte ſind unbeſtreitbav.“ „Lady Raymond!“ wiederholte der Baronet mit bitterem Lachen;„Lady Roymond! Habe ich kein Mittel gegen den Böſewicht, der mich alſo betro⸗ gen hat?“ „Welches Pittel hätte Ihr Opfer gegen den Böſewicht gehabt, der ſie ſo betrügen wollte?“ fragte Mr. Elton ſtreng,„keines. So ſtrafbar Roderich Haſtings' Beweggründe waren, in dieſem Falle hat er wenigſtens als Freund gehandelt, Ihnen Jahre von Gewiſſensbiſſen erſpart. Und Alles wohl über⸗ legt, Sir Marc, worüber beklagen Sie ſich? Meiner Meinung nach ſind Sie viel beſſer weggekommen, als Sie es verdienen.“ — — S* 293 „Beſſer, als ich es verdiene!“ wiederholte der junge Mann verächtlich,„weil ich mein Leben lang an eine Frau gebunden bin, die keinen Pfennig hat!“ „Sie irren ſich. Lady Raymond iſt reich.... ſo reich als die Perſon, welche Sie heirathen woll⸗ ten. Ihr Bruder hat das von ihm in Auſtralien geſammelte Vermögen edel mit ihr getheilt.“ Bei dieſen Worten nahm der Rechtsanwalt, wel⸗ cher Anweiſungen von beträchtlichem Werth, von dem Gatten gegen ſeinen Willen unterzeichnet, beſaß, eine heiterere Miene an. „Wenn Sie mir glauben wollen,“ fuhr Mr. Elton fort,„und ich rede in Ihrem Intereſſe, ſo werden Sie Ihr Unrecht dadurch gut machen, daß Sie ſich ſo bald als möglich mit Ihrer Frau auszuſöhnen ſuchen. Bedenken Sie, daß Sie einen Sohn haben, der Ihren Titel erben wird.“ Dieſe Bemerkungen blieben nicht ohne Wirkung auf den Geiſt des Baronets. Er empfand ſelbſt eine Art von Freude, wenn er erwog, daß ſeine Eigenſchaft als Mignonne's Gatte ihn zum Herrn Schickſals und geſetzlichen Hüter ihres Kindes machte. Aber zu ſtolz, dieſe Empfindung zu geſtehen, nahm er ſeinen Hut und entfernte ſich mit ſeinen Freunden. „Iſt es möglich, Sir Marc,“ fragte ſein Rechts⸗ anwalt,„daß Lady Raymond ſo reich iſt, als Mr. Elton behauptet?“ „Ich glaube.“ „Sein Rath iſt alſo nicht ſo ſchlecht.“ „Wie! auch Sie?“ „ 294 „Meiner Meinung nach,“ ſetzte der Advocat hinzu, „hat Mr. Elton das am beſten einzuſchlagende Ver⸗ fahren gezeigt.“ „Aber die Welt?“ „Leben Sie für die Welt oder für ſich ſelbſt, Sir Marc? Denken Sie, daß man weniger auf Sie ſticheln wird, weil Sie ſich hartnäckig weigern, die Folgen Ihrer Thorheit anzunehmen? Ich will mich eines ſtrengern Ausdrucks nicht bedienen. Beſſer iſt das Lachen als der Tadel der Welt.“ „Nun, ich glaube, Sie haben, Alles wohl über⸗ legt, Recht,“ rief der Heuchler,„ich habe zehn oder zwölf Abenteuer gekannt, ebenſo außerordentlich wie das meinige; man hat ſich acht Tage damit beſchäf⸗ tigt. Bei dem erſten vornehmen Mädchen, das ſich entführen läßt, wird meine Geſchichte vergeſſen ſein.“ „Sie willigen alſo in eine Ausſöhnung?“ fragte der Rechtsanwalt ganz erſtaunt. „Soll ich ſchreiben?“ „Nein... ich will keine Vermittlung. Ich werde die Nachricht ſelbſt Lady Raymond überbrin⸗ gen, und damit man mir nicht zuvorkommt, in eini⸗ gen Stunden London verlaſſen.“ Seine Rathgeber verließen ihn, dieſem edeln Entſchluß ihren Beifall zollend. „Ausſöhnung! Reue! Verzeihung!“ murmelte der Wüſtling,„ſie ſoll mir dieſe Demüthigung thener bezahlen. Dieſer Baronet von ungefähr und ſein Freund, mein koſtbarer Schwager, bilden ſich ein, mich dadurch, daß ſie meine Heirath nachgewieſen, zermalmt zu haben. Die Unſinnigen! Ich will mich 295 über ſie luſtig machen und ſie nach Wohlgefallen martern. Zwölf Jahre wenigſtens bedurfte Roderich, ſeine Frau zu tödten; in zwölf Monaten werde ich mir die meinige vom Halſe ſchaffen!“ Nachdem er dieſen hölliſchen Entſchluß gefaßt hatte, traf er ſeine Vorkehrungen zur Reiſe, und fuhr in dem Wagen, den er zu ſeiner Hochzeit hatte machen laſſen, nach Erowshall. Zum Glück für Mignonne's künftige Ruhe hatten Sam und Sir Walter einen Vorſprung von mehre⸗ ren Stunden. Alles hatte ſich im Herrenhaus während der Abweſenheit des Beſitzers ruhig verlaufen. Sechs⸗ mal war die Sonne ſeit ſeiner Abreiſe aufgegangen, und die Damen hatten in Begleitung von Mr. Bar⸗ nard und Georg Chaſon einen Gang hinab in das Dorf gemacht. Die künftige Gebieterin von Crows⸗ hall wurde nicht müde, die ſo oft von ihrem Ge⸗ liebten beſchriebenen Orte zu beſuchen; Martha's Häuschen mit ihrem kleinen Garten, die von grünen Hecken begrenzten Wege, den Kirchhof, den Schau⸗ platz der Spiele ſeiner Kindheit und ſeines erſten, ihm von Nicolas Pim gegebenen Leſeunterrichts: Alles hatte für ſie ein beſonderes Intereſſe. „Wo iſt die Hütte von Nan Willis?“ fragte ſie. Georg zeigte ihr dieſelbe. Die Läden waren geſchloſſen. Mrs. Herbert ſchlug vor, hinzugehen. „Sie werden nicht aufgenommen werden,“ ſagte Martha.„Nan gleicht nicht den übrigen Menſchen; wenn ſie in ihrer ſchwarzen Stimmung iſt, ſchließt ſie ſich vor Jedermann ein. Obgleich ich ihre Freun⸗ 296 din bin, hat ſie ſich doch zweimal geweigert, mir zu öffnen.“ „Das iſt kein Zeichen eines guten Gewiſſens,“ bemerkte der Bankier. „Verzeihen Sie mir, Sir,“ erwiderte Martha reſpectvoll,„Sie kennen die Frau nicht, von der Sie ſprechen. Sie hat viel Gutes zu ihrer Zeit gethan, obgleich die Dorfbewohner es vergeſſen haben. Als ſie kräftig und geſund war, widmete Nan ihre Dienſte ebenſo eifrig den Armen wie den Reichen. Sie hat Sir Walter in ſeiner Kindheit das Leben geretket.“ „In dieſem Fall,“ rief Mr. Barnard,„nehme ich meine Anſicht zurück, und wenn man etwas thun kann, um ihr Alter glücklich zu machen....“ „Mir muß dieſe Sorge überlaſſen bleiben,“ fiel Mrs. Herbert ein.„Martha wird ſie beſuchen und ſich nach ihren Wünſchen erkundigen.“ Dieſes Geſpräch fand vor Nans Gärtchen ſtatt, und die Redenden ahnten nicht, daß die Alte, hinter den Fenſterläden verborgen, jedes Wort davon hörte. Eine andere Richtung einſchlagend, um den Spa⸗ ziergang fortzuſetzen, bemerkte Georg Chaſon einen Wagen auf der Straße; er näherte ſich raſch. Er zeigte denſelben ſeinen Begleitern. „Wenn es Walter wäre!“ rief Marion, die Hand vor die Augen haltend, um beſſer ſehen zu können. „Daß ich meine Lorgnette vergeſſen mußte,“ ſagte ihr Vater in ärgerlichem Tone. „Vier Pferde!“ rief Georg Chaſon. Ihre Zweifel dauerten nicht lange. Mit jeder Secunde wurde der Wagen ſichtbarer, und ſie ſtürz⸗ ten den Ankommenden entgegen. Nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren, erkundigte ſich Sam nach ſeiner Schweſter. „Sie iſt bei ihrem Knaben,“ antwortete Marion. „Wir konnten ſie nicht dazu bringen, uns zu beglei⸗ ten; ſie ſcheint glücklicher in der Einſamkeit. Wenn das Herz traurig iſt, wird ſelbſt die Stimme der Freundſchaft zudringlich. „Das Lächeln derſelben wird Ihre Zuneigung noch belohnen!“ rief Sam.„Bald werden ihre Thrä⸗ nen getrocknet ſein.“ Die Frauen ſahen ihn mit neugieriger Miene an. Auf dem Rückweg in das Schloß erzählten die Reiſenden ihre Abenteuer: Mabels Tod, die Ent⸗ deckung des Plans, wodurch ſich Roderich eines Theils von dem Vermögen Sir Mare Raymonds zu be⸗ mächtigen hoffte, die Verhinderung der Heirath am Fuße des Altars, und endlich die Anerkennung der Rechte Mignonne's auf den Titel Lady Raymond. „Gott ſei gelobt!“ rief Miß Barnard, die Augen voll Thränen,„welche Leiden und Gewiſſensbiſſe ſind damit vermieden! Die arme Mary Groſſette kann noch auf Glück hoffen.“ „So iſt alſo Andrew Groſſette genöthigt, ſich einen andern Tochtermann zu ſuchen,“ ſagte der Bankier;„es freut mich für das arme Mädchen.“ „Ich fühlte Bedauern für ſie,“ ſetzte Sam hinzu. „Bedauern!“ wiederholte Barnard,„ja doch, Sie verabſcheute ihren Bräutigam.“ Die Damen begleiteten Sam bis an die Thüre 298 . des Zimmers ſeiner Schweſter, ſo ſehr waren ſie be⸗ eilt, ihr Glück zu wünſchen. Der Freudenbote fand Mutter und Kind auf einem Haufen Kiſſen in der Vertiefung eines großen, auf den Park gehenden Fenſters ſitzen. Mignonne hatte geweint; Thränen hingen noch an ihren langen, ſchwarzen Augenwimpern, und ihr Knabe ſuchte ſie durch ſeine zärtlichen Liebkoſungen zu trocknen. Der Traum der jungen Mutter war ſo tief, daß ſie nicht einmal die Annäherung ihres Bruders hörte, bis ein Freudenruf des Kindes ihr ſeine Gegenwart verrieth. Einen Augenblick darauf war ſie in ſeinen Armen. „Immer weinen!“ ſagte er. „Du biſt doch nicht böſe über mich?“ „Böſe?“ wiederholte der Er⸗Tänzer mit einer vor Rührung erſtickten Stimme,„böſe über Dich! Ich müßte der elendeſte Undankbare auf Erden ſein, wenn ein Gedanke von Zorn gegen Dich ſich in mein Herz ſchliche! Das hieße ſo viel Zärtlichkeit und Geduld ſchlecht belohnen! Wenn ich an Alles denke, was Du gelitten haſt, Mignonne, durch meine Schud „Durch Deine Schuld! O, Du biſt immer der beſte und auf alle meine Bedürfniſſe aufmerkſamſte der Brüder geweſen.“ „Aufmerkſamer als Du Dir vorſtellſt,“ ſetzte Sam lächelnd hinzu. Seine Schweſter ſah ihn mit fragender Miene an. „Oder vielmehr, die Vorſehung hat Alles ſo ge⸗ ordnet. Ich darf mir kein Verdienſt zuſchreiben, das mir nicht gebührt. Hat ſie uns nicht rein und — 299 tugendhaft mittem im Elend und unter ſchlechten Beiſpielen bewahrt?“ „Wahr!“ flüſterte Mignonne ſeufzend. „Hat ſie nicht zu unſeren Bemühungen gelächelt, indem ſie uns Reichthum gab?“ „Wieder wahr!“ „Haben wir nicht Freunde?“ „Vortreffliche Freunde.“ „Frieden des Herzens, kurz Alles, was man wünſchen kann?“ „Du haſt das Alles, und Du verdienſt es, Sam, aber ich!“ Mignonne ſah auf ihr Kind und brach in Thränen aus.„Frieden des Herzens, ich werde ihn nie mehr kennen!“ „O ja! die Prüfungen ſind vorüber!“ rief Sam. „Gott ſchenkt ihn Dir. Schau mich an: Du weißt, daß ich Dich nicht täuſchen möchte. Deine Heirath iſt geſetzlich!“ Ein ſchwacher Schrei entſchlüpfte Mignonne's Lippen, und ohnmächtig ſank ſie ihrem Bruder in die Arme. Als ſie wieder zur Beſinnung kam, drückte ſich ihr Kind, das ſie hinfort ohne Erröthen anerkennen durfte, an ihre Bruſt, die Arme um ihren Hals ge⸗ ſchlungen; Marion, Mrs. Herbert und unſer Held ſtanden neben ihr. „Iſt es ein Traum?“ rief ſie, um ſich blickend. „Es iſt Wirklichkeit,“ antwortete Sir Walter, ihre Hand faſſend.„Lady Raymond, empfangen Sie die Glückwünſche Ihrer Freunde.“ Darauf entfernte er ſich mit Sam, indem er be⸗ 300 merkte, er müſſe Mignonne der Sorge von Marion und Mrs. Herbert überlaſſen. „Der Himmel hat mir Alles gewährt, was ich wünſchen kann,“ ſagte der Ex⸗Tänzer.„Meine Schwe⸗ ſter iſt jetzt ruhig, und kann hinfort ohne Erröthen den Blick der Welt ertragen.“ „Nicht Alles, was Du wünſchen kannſt. Es gibt noch ein anderes Glück in dieſer Welt, und Du verdienſt es wohlt eine Gattin.“ „Ich werde nie heirathen, Sir Walter, ich bleibe Mignonne's und ihres Sohnes Vormund.“ Als ſie durch die große Vorhalle ſchritten, be⸗ gegneten ſie Allan. „Nun,“ ſprach ſein Herr,„iſt das Cavalierzim⸗ mer gerichtet?“ „Jo, Sir Walter,“ antwortete der Alte ſeufzend. „Ich werde dieſe Nacht dort ſchlafen.“ Pann trat er mit ſeinem Begleiter in die Bi⸗ bliothek. Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Die Männer dinirten dieſen Abend allein zu Crowshall, denn weder Mrs. Herbert noch Marion wollten das Zimmer Mignonne's verlaſſen, deren Aufregung die Sorge der Freundſchaft in Anſpruch nahm. Die Freude hat ihre Stürme wie der Zorn. n en ch 301 Aber die Abweſenheit der Damen machte die Speiſen unſchmackhaft. Mr. Barnard, wiewohl alt, fand, daß der Wein nicht munde. „Ich will nicht weiter trinken,“ ſprach er, das Glas wegſetzend. „Noch eines,“ erwiderte der Baronet, ihm die geſchliffene Flaſche zuſchiebend.„Schenke ein, Sam, auf die Geſundheit von Lady Raymond!“ „Und auf die Bekehrung ihres Gatten!“ ſetzte der Bankier vor dem Trinken hinzu.„Muß der Mann wahnſinnig ſein, um das wahre Glück des Lebens ſo fern von ſich zu ſtoßen! Die Vorſehung iſt barmherzig zwiſchen Sir Marc und dem Verbre⸗ chen in's Mittel getreten. Ich möchte ihn reuevoll, aufrichtig reuevoll und des Namens ſeines Vaters würdig werden ſehen. Mit der Zeit könnte ſeine Frau ihm vergeben.“ Die jungen Männer gaben keine Antwort auf dieſe Bemerkung. Sie verzweifelten beide an Sir Marc. „Ein vortrefflicher Gedanke!“ rief plötzlich unſer Held, aufſtehend,„ein Gedanke, der uns die Lange⸗ weile vertreiben wird. Wenn wir das Archivzimmer beſuchten?“ Der Vorſchlag wurde eifrig angenommen und man rief Allan. Als der Greis ihre Abſicht vernahm, führte er ſeinen jungen Herrn etwas bei Seite und ſtellte ihm vor, daß ſeit Jahrhunderten dieſes Zimmer ein Ge⸗ heimniß geweſen ſei, um welches nur das Haupt der Familie gewußt habe. „Von nun an ſoll die ganze Welt es kennen,“ 302 erwiderte der Baronet,„denn ich will keine Geheim⸗ niſſe, keine Myſterien mehr, welche nur Quellen von Zwieſpalt und Unheil ſind. Man müßte wahnſinnig ſein, um ſich nicht die Lehren der Vergangenheit zu Nutzen zu machen.“ „Sie haben Recht,“ ſprach der Bankier.„Die Vergangenheit iſt der Leuchtthurm des Weiſen und zeigt uns die Klippen, welche wir vermeiden müſſen.“ Allan hatte nichts mehr zu ſagen; aber mit Widerſtreben führte er Sir Walter Herbert und ſeine Gäſte, dem Befehl des Gebieters von Crowshall zufolge, in das Cavalierzimmer. Sie fanden das Gemach für unſern Helden gerichtet. Das eichene Täfelwerk, das große Bett mit Bal⸗ dachin und Sammtvorhängen, die alten, geſchnitzten Meubel, Alles trug dazu bei, dem Gemach ein feier⸗ liches und düſteres Ausſehen zu verleihen. Mr. Bar⸗ nard ſchauderte, als er eintrat, und ſelbſt der Ex⸗ Tänzer, wiewohl ein wenig Philoſoph, ſchien ernſter. „Das Bett macht auf mich den Eindruck eines Leichenwagens mit ſeinen Federbüſchen und Dra⸗ perien,“ ſagte er. „Aber da es nun kein Leichenwagen iſt,“ erwi⸗ derte Sir Walter,„und das Bett ſehr gut ſcheint, werdet Ihr mich nicht dazu bringen, meinem Vorſatz zu entſagen. Sehen wir jetzt das Archivzimmer.“ Sie traten auf einen großen Secretär zu, gerade gegenüber von dem, welcher den Gang ver⸗ deckte, durch welchen Mabel das Herrenhaus verlaſ⸗ ſen hatte, um Allan zu beſuchen, zogen ſorgfältig die Schubladen heraus, bis nichts übrig blieb, als das 303 bloße Gerippe, das mit äußerlich unſichtbaren eiſer⸗ nen Klammern feſt an der Mauer befeſtigt war. Sie machten dieſe los und ſchoben das Meubel zurück. Sir Walter drückte dann auf eine ſorgfältig in dem Schnitzwerk des Getäfels verborgene Feder; eine Thüre öffnete ſich langſam und enthüllte den Blicken eine zweite eiſerne Thüre, auf welcher ſich in der Mitte das Wappen der Herberts befand: ein ge⸗ ſchupptes Band, die Hand und der Dolch. „Welche ſcharfſinnige Erfindung!“ rief der Ban⸗ tier,„aber ich ſehe nichts, das wie ein Schloß ausſieht.“ „Oder wie ein Schlüſſel,“ ſetzte Sam hinzu. „Wir werden bald ein Mittel einzutreten finden,“ erwiderte der Baronet lächelnd. Den ihm von Mabel gegebenen Inſtructionen folgend, drückte er ſtark auf den Schild, der ſich auf einer verborgenen Achſe drehte, bis er ſich vollſtän⸗ dig umgekehrt hatte. Dann zeigte ſich das Archiv⸗ zimmer ihren Blicken. „Bringen Sie ein Licht, Allan,“ ſagte ſein Herr. Der Alte zögerte. Sir Walter nahm es ſelbſt aus den zitternden Händen des Intendanten und trat zuerſt ein, dicht hinter ihm ſeine Freunde. Das Archivzimmer, ganz von Granit, war nichts als eine Art von Kellergewölbe, ſechs Fuß groß, in die dicke Mauer eingefügt. Auf ſteinernen Geſtellen gereiht, ſah man zu beiden Seiten Caſſetten und Käſtchen, enthaltend Urkunden, Stammbäume und Familenpapiere. 304 Unſer Held öffnete zuerſt Mabels Juwelen⸗ käſtchen. „Gott ſei gelobt!“ ſprach Allan, der ſich von ſeinem Schrecken erholt hatte.„Ich fürchtete, ihr unwürdiger Gatte habe ſich deſſelben bemächtigt. Ich habe immer ſagen hören, dieſe Steine ſeien von unendlichem Werth.“ „Sie haben das Glück meiner Tante nicht ge⸗ macht,“ erwiderte der Baronet, das Käſtchen ſchließend. „Welche Arbeit für unſern Freund Elton!“ ſetzte er, um ſich ſchauend, hinzu,„er witd dieſes Chaos von Pergamenten und Papieren unterſuchen müſſen.“ „Ich weiß nicht, ob ich nicht beim Durchſieben dieſer Erdenaſche einige Spuren von meinen Vorfahren darin entdecke. Mein Stammbaum iſt ſo alt als der Deinige, Sir Walter; es handelt ſich nur darum, ihn aufzufinden, denn Noah hatte nur drei Söhne in der Arche, und von einem derſelben ſtamme ich ab.“ „Die Herberts ſind mit Wilhelm dem Eroberer nach England gekommen,“ ſprach Allan ernſt. Ein Scherz über das Alter der Familie, welcher er ſo lang gedient hatte, ſchien ihm eine Art von Pro⸗ fanation. „Und ihr Stamm wäre beinahe im Armenſpital erloſchen,“ ſetzte ſein Gebieter hinzu.„Hätte ich keine anderen Gründe zum Stolz, als dieſe Perga⸗ mente, ich würde ſie verbrennen.“ Er hatte Recht. Die Welt hat ſich verändert; man achtet heutzutage kein Wappen mehr, beſonders 305 wenn der Rock ſeines Eigenthümers an den Ellbogen durchlöchert iſt. „Er hat ſonderbare Ideen,“ dachte der Inten⸗ dant,„aber mit der Zeit wird er ſie verbeſſern.“ „Was finde ich hier?“ rief Mr. Barnard, einen kleinen, unter einem der Geſtelle liegenden Band öffnend,„ein Manuſcript.“ Er hielt es an das Licht und las: „Beſchreibung der Kirche, der Abtei und des Herrenhauſes von Crowshall, mit Durchſchnitten und Planen, von Sr. Ehrwürden, Robert, Unterpfarrer wie Schade, daß die Schrift ſo gedrängt iſt! Das muß intereſſant ſein.“ „Geben Sie her,“ ſagte der Ex⸗Tänzer,„ich ent⸗ ziffere ſolche Schriften ſehr leicht.“ Nach ſorgfältiger Unterſuchung des Archivzimmers erkannten ſie, daß kein anderer Eingang, als derjenige, durch welchen ſie gekommen waren, exiſtirte. Hierauf brachten ſie die Schubladen wieder in den Secretär und kehrten in den Speiſeſaal zurück, Sam den Band mit ſich nehmend. „Es kommt mir vor, als höre ich einen Wagen,“ ſagte der Bankier. Sie horchten. Ein Knarren von Rädern auf dem Kiesſand der Allee ließ ſich in der That deutlich vernehmen. „Beſuche um dieſe Stunde!“ Es war beinahe eilf Uhr.„Wer kann es ſein?“ Ihre Ungewißheit dauerte nicht lang. Der Hausmeiſter trat mit der Karte von Sir Marc Ray⸗ mond ein. Nie war ein Erſtaunen größer. „Was führt ihn her?“ rief Sam.„Denkt er Das Erbe. M. 20 306 ſeine cheliche Autorität über ſein Opfer zu üben? Will er ihr das Kind entführen? Nie! nie!“ „Hoffen wir, daß er von beſſeren Gefühlen be⸗ ſeelt kommt,“ ſprach unſer Held,„um Verzeihung für ſein Unrecht zu erbitten.“ „Verzeihung!“ wiederholte ſein Freund in ge⸗ ringſchätzigem Tone,„mon wird ihm dieß bewilligen können.“ „Er will ſich vielleicht verſöhnen... „Nein, meine Schweſter iſt... „Seine Gattin,“ fiel Mr. Barnard ein, ſanft die Hand auf ſeinen Arm legend. „Wa“ „Und die Mutter ſeines Sohnes.“ „Wahr!“ „Sie entſcheide ſelbſt. Die Inſtincte der Frau täuſchen ſelten bei dergleichen Dingen,“ ſetzte der Bankier hinzu.„Sie kommen aus dem Herzen, das die Quelle davon iſt.“ „Ich will Sir More ſehen,“ ſagte Walter auf⸗ ſtehend,„allein ihn ſehen und nach dem Zweck ſei⸗ nes Beſuchs mich erkundigen. Ich bin kälter und ruhiger als Du, Sam, meine Eindrücke werden ſich folglich weniger trügeriſch zeigen.“ „Er wird mich nie täuſchen,“ erwiderte der Ex⸗ Tänzer bitter.„Ich habe ihn bis auf das letzte Gran gewogen, ohne in ſeiner unwürdigen Natur eine einzige Eigenſchaft zu finden, welche ſeine Fehler wieder gut macht.“ „Sie beurtheilen ihn ſtreng.... ich hoffe wenig⸗ ſtens,“ ſagte der Bankier. Bei ſeiner Ankunft in Crowshall wurde Sir . ir 307 Marc Raymond unangenehm überraſcht, als er er⸗ fuhr, daß Sir Walter und ſein Freund ſchon meh⸗ rere Stunden zurück waren. „Eine Demüthigung mehr,“ dachte er.„Es ſei, ich werde den Reuigen vor ihnen ſpielen. Ich nehme die Aufgabe wie ein Schauſpieler eine ſchlechte Rolle, entſchloſſen, mich ſo gut als möglich herauszuziehen.“ Sein Stolz war ſo groß, daß er nie daran dachte, man werde vielleicht ſein Ausſöhnungs⸗Aner⸗ bieten ausſchlagen. Da ſein Opfer einſt ihn ge⸗ hatte, zweifelte er nicht, daß es ihn jetzt noch iebe. Es herrſchte eine gewiſſe Verlegenheit von bei⸗ den Seiten, als der Eigenthümer von Crowshall im Bibliothekzimmer mit ſeinem ehemaligen Kama⸗ raden und Freund zuſammentraf. Er konnte Worte des Willkommens nicht ausſprechen, und war zu edelmüthig, ihm Vorwürfe zu machen. „Sie ſind ohne Zweifel überraſcht, Sir Walter Herbert,“ ſprach Marc,„mich hier zu ſehen; aber wenn einige Demüthigung in dem Verfahren liegt, welches ich einſchlage, ſo nehme ich ſie als Strafe meiner vergangenen Thorheit, meiner ungerechten Handlungsweiſe gegenüber einer Perſon, deren ich ganz und gar unwürdig bin.“ „Wenn Ihre Empfindungen ſo beſchaffen ſind, Marc,“ rief unſer Held, ihm die Hand reichend,„ſo ſind Sie ebenſo willkommen, als wenn nie eine Wolke unſer gutes Einverſtändniß getrübt hätte.“ Der Heuchler nahm die Hand, die ihm gebo⸗ ten wurde. „Ich komme, Ihnen zu danken,“ ſprach er,„denn 308 Sie waren das glückliche Werkzeug einer Entdeckung, welche mir ein zweites Verbrechen erſpart hat. Meine Adyocaten verſichern, ich könne die Gültigkeit meiner Ehe noch anfechten, aber ich achte nicht mehr auf deren Meinung, ich will nur den Rath meines Herzens annehmen.“ „Und was räth Ihnen dieſes?“ „Lady Raymond und meinen Sohn ſogleich an⸗ zuerkennen. Ich weiß, das Lachen der Welt iſt ge⸗ gen mich, aber werde es mit der Ruhe eines guten Gewiſſens ertragen. Iſt meine Frau von der Hei⸗ ligkeit des Bandes, das uns vereinigt hat, unter⸗ richtet?“ „Sie weiß Alles.“ „Kann ich ſie nicht ſehen? Ich bin ungedul⸗ dig, mich zu ihren Füßen zu werfen und ihre Ver⸗ zeihung anzuflehen.“ „Die Nachricht von der Gültigkeit der Ehe hat ſie ſehr angegriffen; meine Mutter und Miß Bar⸗ nard ſind gegenwärtig bei ihr; ſelbſt Sam iſt aus ihrem Zimmer verbannt.“ „Aufgeregt!“ ſprach der ſcheinbare Reuige bei ſich,„vor Freude ohne Zweifel. Sie denkt nicht an die Thränen, die ſie bald vergießen wid Alſo wird es morgen früh ſein?“ ſetzte er laut hinzu. „Ja, das heißt, wenn Lady Raymond ſich ſtark genug zu einer ſolchen Zuſammenkunft fühlt, was ich nicht verſichern kann.“ Da er ſich nicht im Stande fühlte, ſeine Wuth länger zu beherrſchen, ſo ſtand Marc auf, um ſich, zu entfernen. Wohin gehen Sie?“ fragte Sir Walter. 309 „In den nächſten Gaſthof. Wenn ich mich recht entſinne, ſo findet ſich ein ſolcher... „In den Gaſthof!“ fiel der Schi oßherr von Crowshall ein,„nein, Marc, nein, ſo lang mir ein Zimmer Ihnen anzubieten bleibt. Ich würde unſere Ausſöhnung für falſch und lügenhaft halten, wenn Sie es mir abſchlügen. Was auch das Ergebniß Ihres Beſuches in meinem Schloſſe ſein mag, Sie , hier willkommen.“ Walter klingelte und befahl Allan, ein Zimmer für Gaſt zu richten und deſſen Gepäck dahin bringen zu laſſen. „Ich habe gedacht,“ ſetzte er enach Entfernung des alten Intendanten hinzu,„Sie würden gut daran thun, Ihren Schwager erſt morgen zu ſehen. Es iſt ein edles und liebevolles Herz, ſeiner Schwe⸗ ſter äußerſt ergeben und bisher lebhaft leidend bei Mignonne's Kummer. Es iſt beſſer, keine bittern Worte zu ſagen, als ſie nachher zurücknehmen müſſen.“ „Wenn er meine Abſichten kennt,“ erwiderte Sir Marc im Tone des Erſtaunens...„aber thun Sie, was Ihnen das Beſte dünkt. Sie ſind ein edler Freund und verdienen wohl den Dank, den Sie ſich erworben. Haben Sie Nachricht von Haſtings?“ „Nein.“ „Ich hörte ſagen, er habe das Land verlaſſen.“ „Wo iſt er hingegangen?“ „Nach Paris, ohne Zweifel, obwohl ich nicht weiß, wie er daſelbſt leben kann. Er iſt, ſagt man, völlig ruinirt.“ 310 Allan trat bald wieder ein, um zu melden, das Zimmer Sir Marc's ſei gerichtet. Der Baronet ſchlug jede Erfriſchung aus und wünſchte Sir Wal⸗ ter gute Nacht. Dieſer fühlte ſich nicht ganz von dem Reſultat dieſer Zuſammenkunft befriedigt. Ohne Zweifel waren Marcs Worte deutlich genug; aber in ſeinem Be⸗ nehmen und in dem Ton ſeiner Stimme lag etwas Gezwungenes, was ihm Verdacht einflößte. FHätte ich mich täuſchen laſſen?“ dachte er. In dieſem Augenblick ſchlug die Thurmuhr Mit⸗ ternacht. „Bah!“ rief er,„ich werde ebenſo argwöhniſch, als ich ſonſt vertrauensvoll war. Warum ſollte Sir Marc eine Reue vorgeben, die er nicht empfand? Er iſt aufrichtig, und Mignonne wird ihm vergeben. Meine Mutter und Marion werden bei ihr zu Gun⸗ ſten des reuigen Gatten Fürſprache einlegen müſſen. Was Sam betrifft, ſo ſehe ich wohl, daß ſeine Mei⸗ nung feſt ſteht.“ Nit dieſen Worten kehrte der Gebieter von Crowshall zu ſeinen Freunden in den Speiſeſaal zurück. Er ſtieß auf Allan am Fuß der großen Treppe. führt?“ fragte er ihn. „Ja, Sir Walter, er hat das beſte Zimmer des Herrenhauſes, das Ihrige,“ antwortete der Alte mit einem Lächeln der Zufriedenheit. „Haben Sie den Gentleman in ſein Gemach ge⸗ Unſer Held war auf dem Punkte, ſich zu ärgeri; aber der Anblick der weißen Haare und der reſpect⸗ 311 vollen Haltung des Intendanten entwaffnete ſeinen aufſteigenden Zorn. „Ich ſehe,“ ſprach er,„Sie wollen nicht, daß ich noch dieſe Nacht in dem Cavalierzimmer ſchlaf.“ Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Che Sir Walter Herbert ſich für die Nacht zu⸗ rückzog, erzählte er ſeinen Freunden die Unterredung, die er mit Sir Marc Raymond gehabt hatte. Der Bankier hörte mit Vergnügen zu und unterbrach ihn oft durch Ausrufe des Erſtaunens und der Dank⸗ barkeit. Sam beobachtete das vollſtändigſte Still— ſchweigen. „Sie ſind alſo noch immmer ungläubig?“ ſagte Mr. Barnard zu ihm. „Ich geſtehe, daß ich an plötzliche Bekehrungen nicht glaube, beſonders wenn ſie durch Um⸗ ſtände geboten ſind, welche keine andere Wahl laſſen. Ich habe die beleidigenden Ausdrücke nicht ver⸗ geſſen, deren ſich Marc in der Kirche bediente, als er von meiner Schweſter ſprach, als wir ihn ver⸗ hinderten, ein Verbrechen zu begehen. Er war do⸗ mals nicht reuig.“ „Was iſt Ihre Meinung?“ fragte der Bankier ſeinen künftigen Schwiegerſohn. „Ich weiß mich über einen ſolchen Gegenſtand 312 nicht auszuſprechen. Mignonne iſt die alleinige Richterin. Hält ſie die Reue ihres Gatten für auf⸗ richtig, denkt ſie ihm die Hut ihres Glücks vertrauen zu können, ſo iſt Alles, was ich thun kann, zu beten, daß er ſich ihrer würdig macht.“ „Aber welchen Eindruck hat dieſe Zuſammen⸗ kunft auf Sie hervorgebracht?“ „Sir Marcs Beſuch hat mich ſo überraſcht, daß ich noch nicht Zeit gefunden habe, den erhaltenen Eindruck mir auseinander zu ſetzen.“ „Nun gehen wir zu Bette, damit wir Zeit haben, darüber nachzudenken,“ ſagte Sam.„Mitternacht iſt ſchon vorüber. Ich wünſche Dir angenehme Träume und einen ruhigen Schlaf in dem Cavalierzimmer.“ „Ich ſchlafe dieſe Nacht noch nicht daſelbſt,“ rief Sir Walter lachend.„Der alte Allan behandelt mich, wie es ihm gefällt. Er hat Marc dieſes Zimmer gegeben, ohne mich vorher etwas davon wiſſen zu laſſen; und meiner Treu! ich wollte dieſen, nachdem er davon Beſitz genommen, nicht mehr ſtören.“ Der Gutenacht⸗Wunſch wurde wiederholt und ſie trennten ſich. Allan glaubte nicht, daß der Feind der Herberts jeder Hoffnung entſagt habe, wieder in den Beſitz des Vermögens zu gelangen, das er um den Preis ſo vieler Verbrechen gewonnen zu haben wähnte. „Er hat ſeinen letzten Schlag noch nicht geführt,“ murmelte er oft.„Wir werden ſehen, wir werden ſehen!“ Von dieſer Vorſtellung eingenommen, hatte er Vorſichtsmaßregeln getroffen, welche Sir Walter mit Geringſchätzung zurückgewieſen hätte. Jede Nacht — durchſtreifte ein Patrouille von Wächtern unter An⸗ führung des alten Giles und ſeines Sohnes William den Park. Inſtructionen waren den Dorfbewohnern gegeben, bei dem erſten Signal der Lärmglocke, deren Seil ſogar in das Zimmer Allans hinabging, herbeizueilen. Hätten die Bewohner des Herren⸗ hauſes eine Belagerung beſorgt, der Platz wäre nicht beſſer bewacht worden. Nachdem der Intendant ſorgfältig die Thüre verſchloſſen hatte, zog er ſich in ſein unmittelbar über dem Cavalierzimmer gelegenes Gemach zurück. Er konnte nicht ſchlafen; ſeltſame Gedanken bewegten ihn, und einmal glaubte er, einen tiefen Seufzer zu hören. Hätte ſein Herr in dem Cavalierzimmer geſchla⸗ fen, der Alte wäre aufgeſtanden, um zu ſehen, ob dieſer Seufzer nur eine Wirkung ſeiner Phantaſie geweſen, oder nicht. „Es kommt mir vor, als ſollte das Herrenhaus der Schauplatz irgend eines beſondern Ereigniſſes werden,“ ſprach er im Stillen, ſich auf ſeinem Kiſſen umdrehend.„Bah! ich werde olt... ſehr alt, und das Alter iſt ſonderbaren Vorſtellungen unter⸗ worfen. Ich möchte wiſſen, ob man im Grabe träumt.“ Er horchte einige Zeit; aber Alles war ruhig. Allmälig wich er dem Einfluß des Schlafs und als er erwachte, ſchienen die Strahlen der Sonne luſtig in ſein Fenſter. Es war acht Uhr vorüber. Nachdem er ſich eilig angekleidet hatte, ſtieg er in das Erdgeſchoß hinab, wo er William Giles ſeiner wartend fand. 314 „Iſt etwas vorgefallen?“ fragte er. Der junge Mann ſchien verlegen. „Reden Sie.“ „Ich fürchte, Sie werden meiner ſpotten,“ er⸗ widerte der Pächter,„aber ich muß es ſagen. Ver⸗ gangene Nacht war das Wachen an mir und meinem Vetter Jack. Dieſer hielt ſich in der großen Allee, während ich den Gang um das Herrenhaus machte, wo Alles ruhig ſchien. Als ich zu meinem Ge⸗ fährten zurückkam, fand ich ihn vor Schrecken zitternd. Natürlich fragte ich ihn nach dem Grunde. Er war zu aufgeregt, um zu ſprechen, aber zeigte mir.. 1 „Was?“ „Die Gitterthüre, die zur Kirche führt, und über welche gerade in dieſem Augenblick ein Mann ſtieg.“ „Ein Mann! haben Sie ihn erkannt?“ „Nein; es war zu finſter.“ „Sie hätten ihm folgen ſollen.“ „Das that ich auch ſo vorſichtig als möglich. Ich folgte ihm, bis er um die Ecke der Kirche ge⸗ bogen hatte. Als ich an die Stelle ktam öt er verſchwunden.“ „Er hatte ſich wahrſcheinlich hinter einem Grab⸗ ſtein verborgen.“ „Nein.“ „Er war alſo über die Ringmauer geſprungen?“ 23„Nein; denn ich rief meinen Hund und durch⸗ ſtreifte das Terrain nach allen Richtungen, aber ver⸗ geblich.“ „Ihre Einbildung hat Sie getäuſcht.“ „Dieß glaubte ich auch. Inzwiſchen entſchloß ich mich, meinen Poſten bei Tagesanbruch nicht zu ver⸗ 315 laſſen und ſchickte Jack nach dem Dorfe zu den Greyling. In der Morgendämmerung fingen wir die Nachforſchungen wieder an und. rathen Sie, was wir gefunden haben!“ „Das weiß Gott!“ Den blutigen Abdruck einer Manneshand auf dem alten Monument, welches unter dem nach Oſten gehenden Fenſter halb in die Mauer eingelaſſen iſt. „Blut!“ „Ganz friſches Blut!“ Der Alte erinnerte ſich des Seufzers, welchen er im Cavalierzimmer gehört zu haben glaubte, und ſeine Aufregung wurde ſo groß, daß er einige Au⸗ genblicke nicht im Stande war, ein Wort hervorzu⸗ bringen. In dieſem Augenblick ſchritt Sir Walter Her⸗ bert, begleitet von Mr. Barnard und Sam, über die Vorhalle, in der Abſicht, einen Gang durch den Park zu machen. „Was gibt es?“ fragte der Baronet, nachdem er mit William Giles einen Händedruck gewechſelt hatte; „Ihr beide ſeid ſo blaß, als ob Ihr ein Geſpenſt geſehen hättet.“ Der junge Pächter erzählte, was vorgefallen war. „Es iſt etwas im Cavalierzimmer geſchehen, da⸗ von bin ich überzeugt,“ ſetzte Allan hinzu.„Ich konnte nicht einſchlafen. Herr, theurer Herr, ich danke Gott, daß Sie daſelbſt nicht Ihr Nachtlager gehabt haben.“ Die Sache ſchien wichtig genug, um ſich ſogleich damit zu beſchäftigen; und nach einigen Secunden Ueberlegung ſtiegen ſie nach dem Gemach von Sir Marc Raymond hinauf, um zu ſehen, ob er während der Nacht geſtört worden ſei oder nicht. Sir Walter klopfte zweimal, ohne eine Antwort zu erhalten. „Vielleicht geht er im Park ſpazieren,“ ſagte Mr. Barnard. „Sehen Sie, ob die Thüre nicht aufgeht.“ Die Thüre war von innen geſchloſſen. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Sam.„Gibt es keinen andern Eingang?“ „Nein,“ antwortete Allan. „Rufen Sie die Domeſtiken!“ ſprach unſer Held. „Ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß ihm unter meinem Dache ein Unglück begegnet wäre. Man muß die Thüre einſchlagen.“ Aber ſie war ſo feſt vermacht, daß ſie nur mehr⸗ mals wiederholten Anſtrengungen nachgab. Alle die, welche anweſend waren, traten dann in das Zimmer, wo ein ſchreckliches Schauſpiel ſich ihren Blicken darbot. Sir Mare Raymonds Körper hing halb aus dem Bette heraus. Er hatte einen tiefen Schnitt in der Kehle und zwei Dolchſtiche im Herzen. Mehrere Diener ſtießen Schreckensrufe aus. „Still!“ rief Sir Walter, ſeine Aufregung be⸗ meiſternd.„Bedenkt Ihr nicht, daß Damen im Hauſe ſind.... daß eine von ihnen die Gattin des unglücklichen Opfers dieſes Mordes iſt? Unter⸗ drückt Euren Schrecken, bis wir entſchieden haben,“ was geſchehen muß.“ 317 „Man muß die Damen wegbringen,“ ſagte Mr. Barnard. „Und auf der Stelle,“ ſetzte Sam hinzu;„ich möchte nicht für meiner Schweſter Leben ſtehen, wenn dieſes Ereigniß ihr zu Ohren käme.“ Mr. Barnard befahl ſeinen Wagen anzuſpannen, und ging ſelbſt, ſeine Tochter und Mrs. Herbert auf die Abreiſe vorzubereiten. Da er keinen Vor⸗ wand dafür wußte, nahm er zu einer ehrlichen Liſt ſeine Zuflucht. Er ſagte ihnen, Sir Marc Raymond ſei am vorigen Abend angekommen, ſeines Sohnes und Erben, bewaffnet mit den Rechten, welche das Geſetz dem Vater über ſeinen Sohn gibt, ſich zu bemächtigen. Dieß war genug für Mignonne, welche ſogleich ihre ganze Energie wieder bekam. Sie wäre bereit geweſen, lieber Alles über ſich ergehen zu laſſen, als ſich von ihrem Sohne zu trennen. „Einmal in London,“ ſagte der Bankier,„ſind Sie in Sicherheit. Ich werde mich an den Kanzler wenden, damit Ihr Gatte Sie nicht quälen kann.“ Man meldete, daß der Wagen angeſpannt ſei. „Was iſt vorgefallen?“ flüſterte Marion ihrem Geliebten zu. „Dein Vater wird Dir Alles ſagen,“ erwiderte Sir Walter, ſie zärtlich umarmend.„Mignonne's Leben hängt von ihrer Entfernung ab. In einigen Stunden folge ich Euch.“ Das gute Mädchen fragte nicht weiter, und der Wagen fuhr ab. „Sie ſind fort, Gott ſei Dank!“ ſagte Sam. 318 „Jetzt handelt es ſich darum, den Mörder aus ſeinem Verſteck aufzujagen.“ „Wenn wir dieſen finden,“ entgegnete Sir Walter. „Er iſt gefunden.“ „Was ſagſt Du?“ „Und bewacht. Nicht wahr, Allan?“ „Von fünfzig Pächtern wenigſtens,“ antwortete der Intendant.„Es iſt unmöglich, daß er ent⸗ wiſche.“ „Und wie habt Ihr denſelben entdeckt?“ fragte der Gebieter von Erowshall. Mignonne's Bruder zog aus ſeiner Taſche das in Pergament gebundene Manuſcript, welches man im Archivzimmer gefunden hatte. „Vermittelſt dieſer alten Scharteke,“ antwortete er,„und ich habe es auf mich genommen, Befehle zu ertheilen, welchen Sie Ihre Billigung nicht ver⸗ ſagen werden. Ich habe nach der nächſten Magi⸗ ſtratsperſon, desgleichen nach dem Coroner geſchickt. In einigen Stunden wird Alles, was Finſteres und Geheimnißvolles in dieſer ſchrecklichen Geſchichte liegt, an das Tageslicht gebracht ſein.“ „Dieſe Verſicherung nimmt mir eine unerträg⸗ liche Laſt vom Herzen,“ ſprach der Baronet,„denn meine Seele verabſcheut das Verbrechen und hat keine Ruhe, als bis es beſtraft iſt.“ „Begeben wir uns auf der Stelle nach dem Kirchhof,“ fuhr Sam fort. Trotz Sir Walters Befehlen, die ſchreckliche Kunde bis nach der Abreiſe der Damen geheim zu halten, liefen doch ſchon unheilsvolle Gerüchte im Dorfe um. te le kt. nd t, ig⸗ nn hat em nde n, um. i⸗ 319 Marion und ihr Vater bemerkten beim Durchfahren Gruppen von Frauen, die ſich lebhaft unterhielten, und bewaffnete Männer, die in der Richtung des Kirchhofs vorübereilten. Mr. Barnard zog die Vorhänge am Wagen⸗ ſchlag herunter, damit Lady Raymond über dieſe außerordentliche Erſcheinung ſich nicht beunruhigte, und zog ſie nicht eher wieder auf, als bis der Kirch⸗ thurm von Crowshall ſich weit hinter ihnen befand. Er war ſehr erfreut, auf der erſten Poſtſtation Mr. Elton zu begegnen. Der Rechtsgelehrte begab ſich nach Crowshall. „Eilen Sie ſo ſehr als möglich,“ flüſterte der Bankier, ihm die Hand drückend,„nie wird Ihre Gegenwart ſo gut aufgenommen worden ſein.“ „Großer Gott! was iſt geſchehen?“ „Man hat Sir Marc Raymond ermordet.“ Elton fragte nicht weiter und ſetzte ſeine Reiſe ort.— Obgleich Nan Willis nicht ein einziges Wort von dem wußte, was vorgefallen war, theilte ſie doch völlig die Aufregung der Dorfbewohner. Sie ahnte irgend ein Verbrechen und errieth den Ur⸗ heber davon. So konnte ſie nicht auf dem Platze bleiben; ihr Herz brannte vor Ungeduld, die ſchreck⸗ liche Wahrheit zu erfahren; ein unwiderſtehlicher Antrieb ſchien ſie vorwärts zu ziehen. „Ich muß das Ende von dem Allen ſehen,“ murmelte ſie.„Mein Herz iſt von Argwohn ge⸗ quält. Wann wird es die Ruhe finden?... Wenn es gebrochen iſt,“ ſetzte ſie ernſt hinzu,„wenn ich in dem Grabe ſchlafen werde, das mich ſchon ſo 320 lang erwartet.... Vorwärts! vorwärts! erfahren wir die ganze Wahrheit!“ Sie öffnete alſo die Thüre ihrer Hütte und ging hinweg; aber gegen ihre ſonſtige Gewohnheit unter⸗ ließ ſie es, dieſelbe hinter ſich zu ſchließen. Vielleicht dachte ſie, von dieſem Tage an liege wenig daran, wer die Schwelle davon überſchreite. Dieſe Ahnung täuſchte ſie nicht. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Schluß. Ein Freudenſchrei der Pächter empfing Sir Wal⸗ ter Herbert bei ſeinem Eintritt auf den Kirchhof. Sie umringten völlig die Kirche und wünſchten ihm Alle Glück, daß er ſo wunderbar der ihn bedrohen⸗ den Gefahr entgangen war. „Es iſt in der That wunderbar,“ erwiderte unſer Held.„Aber Ihr wißt, um welchen ſchreck⸗ lichen Preis mein Leben erkauft worden iſt. Mein Freund, Sir Marc Raymond, iſt in dem Cavalier⸗ zimmer ermordet worden.“ Martha, die mitten in einer Gruppe von Frauen und Kindern ſtand, konnte ſich nicht länger zurück⸗ halten; ſie warf ſich dem, welchen ſie erzogen hatte, um den Hals und rief weinend: 2 —,—— 321 „Dich, Dich ſelbſt wollte das Ungeheuer tödten!“ In dieſem Augenblick ſah man Doctor Gore, ſich auf den Arm von Rikolas Pim ſtützend, der ſelbſt kaum im Stande war, ſich aufrecht zu halten, ſo ſehr beunruhigte ihn noch die Gefahr, welcher ſein Liebling ausgeſeßt geweſen war. „Neue Geheimniſſe,“ ſprach der alte Rector, nachdem er den Baronet begrüßt hatte,„neue Ver⸗ brechen!“ „Die letzten, hoffe ich, Sir,“ erwiderte Sam in achtungsvollem Ton.„Wir haben den Böſewicht bis in ſeine Höhle verfolgt. Er kann uns nicht entwiſchen. In einigen Augenblicken wird er an's Licht gezogen werden.“ „Iſt er in der Kirche?“ fragte der Rector. „Ich denke nicht.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer. Es wäre für mich ein großer Kummer geweſen, das Haus des Schöpfers aller Dinge durch Gewaltthat entheiligt zu ſehen.“ „Er iſt unter der Kirche verborgen,“ fügte der Ex⸗Tänzer hinzu. William Giles führte die Sprechenden an die öſtliche Seite der Kirche und zeigte ihnen den halb in die Mauer eingelaſſenen Grabſtein. Das von der Hand des Mörders auf dem Stein zurückge⸗ laſſene anklägeriſche Zeichen ſtellte ſich ihren Blicken dar, noch friſch und deutlich. Sie erbebten bei die⸗ ſem Anblick. „Mein Gott, wie wunderbar ſind deine Wege!“ ſprach Doctor Gore mit halblauter Stimme,„welcher Menſch vermöchte ſie vorherzuſehen?.. Aber ich begreife noch nicht....“ Das Erbe. Iv. 21 322 „Einige Worte werden Ihnen Alles erklären,“ fiel Sam ein.„Vergangene Nacht fanden wir im Archivzimmer ein von Ihrem Vorgänger in der Verwal⸗ tung dieſes Kirchſpiels geſchriebenes Buch, enthaltend eine Geſchichte der F welche er in der Kirche der Abtei geknacht hatte. Unter Anderem beſchrieb er eine geheime Gruft, von welcher dieſer Grabſtein einen der Ausgänge bildet.“ „Wo iſt der andere?“ „In der Kirche ſelbſt. Sie ſehen, daß ſich ſo mehr als eines der Geheimniſſe erklären läßt, welche die Familiengeſchichte meines Freundes umgeben. Ich ſchlage alſo Folgendes vor. Einen Theil der Pächter ſtellen wir in das Innere des Gebäudes, ſo daß ſie jedes Entwiſchen verhindern, während die Andern dieſes Grabmal erbrechen.“ Dieſe Anordnung wurde gebilligt. Auf Befehl des Rectors öffnete Nicolas Pim das mittägige Thor und ließ ſechs entſchloſſene Männer eintreten, welche Sam unter dem Commando des alten Giles in dem Chor poſtirte. Dieſer verſprach Doctor Gore, nur im äußerſten Fall zur Gewalt zu ſchreiten. „Wir haben den Bau verſperrt,“ flüſterte Sam auf dem Rückweg nach dem Kirchhof Sir Walter zu, „es handelt ſich jetzt nur darum, den Fuchs heraus⸗ zubringen.“ An Armen fehlte es nicht, und man bot ſich eifrig dazu an. William Giles, Georg Chaſon und die beiden Greyling hatten ſich ſchon der Werkzeuge des Todtengräbers, die ſie in dem Beinhaus fanden, bemächtigt. Sie machten ſich ſogleich an's Werk; aber das Geſchäft war ſchwerer, als ſie dachten. 3 . 323 Denn die Steine des Monuments waren ſo maſſiv und ſo feſt in die Mauer eingelaſſen, daß ihnen der Schweiß über das Geſicht rieſelte, ehe ſie den ge⸗ ringſten Fortſchritt gemacht hatten. Da ſie das Ge⸗ heimniß des Eingangs nicht kannten, hatten ſie an der unrechten Stelle angegriffen. Mitten in der Aufregung dieſer Scene kam Mr. Elton auf den Platz. „Ich kann Ihnen dieſe Arbeit erſparen,“ ſprach er nach ſorgfältiger Unterſuchung des Monuments. „Iſt der Mörder wirklich in der Gruft verborgen, wie Sie ſagen, ſo will ich denſelben in einigen Minuten in Ihre Hände liefern.“ Er ließ ſeinen Reiſekoffer holen, öffnete denſelben und zog jenes ſonderbare Werkzeug hervor, welches der Policei⸗Präfect von Paris ihm nach demjenigen hatte machen laſſen, welches im Beſitz von Roderich Haſtings gefunden worden war. „Beim Himmel!“ rief Sam, ſein Manuſeript zu Rathe ziehend,„da iſt die Zeichnung davon, unten auf der Seite, wo von der Gruft die Rede iſt. Wie war es möglich, daß ich die Bedeutung davon nicht verſtand?“ Und nun, lieber Leſer, begleite uns in die Zu⸗ fluchtsſtätte des Mörders, deſſen Herz bei jedem Schlag, den er von den Pächtern führen hörte, vor Schrecken erbebte. Seine Züge waren blaß, nicht vor Gewiſſensangſt, ſondern vor Erſchöpfung, denn ſeiner Meinung nach war der Menſch, der Gewiſſens⸗ biſſe kennt, nur ein gemeiner Böſewicht, und er ſetzte einen Stolz in ſein Syſtem. „Gefangen!“ murmelte er,„in meiner eigenen 3 324 Falle und noch dazu im Augenblick des Triumphs! Nan hat mich verrathen. Das iſt nun die menſch⸗ liche Schwäche. Hätte ich die Alte erdroſſelt, meine Rüſtung würde Probe gehalten haben 668 iſt hart, zu ſterben, wenn man noch alle Kraft des Lebens in ſich fühlt, und die Mittel zum Genuß deſſelben in ſeinem Bereich hat. Muth! Rode⸗ rich, Muth! Verſäumen wir keinen günſtigen Fall.“ Er ſetzte ſich auf einen Granitblock und begann über ſeine Lage und alle Mittel zum Entkommen nachzudenken. Ohne Zweifel hatten die Verfolger ſeine Spur gefunden und ſich zur Aufgabe geſtellt, ſein Aſyl zu erſtürmen, aber kannten ſie den Aus⸗ gang durch den Chor? Dieß war ſeine letzte Hoffnung und er wollte ſehen, ob ſie gegründet wäre. Mit ſeiner Lampe ausgerüſtet, ſtieg er die Treppe hinauf, welche nach der Kirche führte, jeden Augen⸗ blick ſtillſtehend, um zu horchen. Auf der letzten Stufe hörte er über ſeinem Haupte ein Geräuſch von Schritten und ein Murmeln von Stimmen. Große Schweißtropfen traten auf ſeine Stirne. Die Hoffnung war verſchwunden, und der Mörder ſtieg langſam wieder hinab. Sich wieder ſetzend, bemerkte er den Leichnam ſeines erſten Opfers, den er, der Tempelſchänder, aus ſei⸗ nem Grab geriſſen hatte; und ſeltſam! ein Lächeln erhellte ſeine Züge. „Wenn die Todten wiſſen, was auf Erden vorgeht,“ dachte er,„muß Walter über meine kri⸗ tiſche Lage lächeln und die Gebeine Sir Gilberts, — — ——,— — 325 unſeres gemeinſchaftlichen Ahnherrn, müſſen in ihrem Sarg erbeben. Denn in wenigen Augenblicken iſt vielleicht ſein Stamm, ſein Stamm, auf den er ſo ſtolz war, erloſchen„.. Ich bin jetzt der letzte Schößling davon.“ Er hielt unſern Helden für ein Opfer ſeines ſchrecklichen Attentats. Das Geräuſch von Hauen und Brechſtangen ließ ſich nicht mehr hören. „Sie haben den Eingang erbrochen,“ ſprach der Mörder.„Sei es, ich werde nicht allein ſterben.“ Roderich unterſuchte ruhig ſeine Piſtolen und zog ſich an das äußerſte Ende der Gruft zurück, ent⸗ ſchloſſen, den Erſten, der näher käme, zu tödten. Die geheime Thüre hatte ſich kaum auf ihrer eiſernen Achſe gedreht, als Georg Chaſon und Wil⸗ liam Giles vorſtürzten. Aber Sir Walters Stimme hielt ſie zurück. „An mir iſt es,“ ſprach er,„dem Dämon die Stirne zu bieten, welcher ſo lang meine Familie verfolgt und ſeine verbrecheriſche Laufbahn mit dem feigen Mord meines Freundes gekrönt hat.“ Vergeblich klammerte ſich Martha an ihn an, vergeblich beſchworen ihn Chaſon und Sam, ſeinen Entſchluß zu ändern; er war unumſtößlich. „Nun, ſteigen wir zuſammen hinab,“ ſprach Sam; „wenn Du eine Pflicht zu erfüllen haſt, ſo habe ich gleichfalls eine, und nicht weniger heilige, welche mir die Freundſchaft auferlegt.“ „Du haſt eine Schweſter zu beſchützen;“ entgeg⸗ nete der Baronet,„denke an Mignonne!“ „Du haſt ein Herz, für welches Du leben mußt. Denke an Marion! Ihre Rechte ſind nicht weniger heilig, als die Mignonne's.“ Nachdem er eine Fackel aus der Hand eines der Pächter genommen hatte, ſchritt Sir Walter Herbert voran; dicht hinter ihm folgten Sam, Elton, Georg und ſeine andern Freunde. „Sie kommen!“ ſagte Roderich, als er ihre Schritte hörte;„Alles iſt vorbei.“ Er löſchte ruhig ſeine Lampe aus um mehr Zeit zum Zielen und zur Auswahl ſeines Opfers, ehe er erkannt würde, zu haben. Walters Geſicht war das erſte, welches er er⸗ blickte, und er blieb vor Schrecken und Betäubung gelähmt. Zum erſten Mal vielleicht in ſeinem Leben hatte er Furcht, er zitterte. „Es iſt ein Traum, ein Traum!“ vief er.„Die Todten kommen nicht wieder. Ich habe gefühlt, wie ſein Blut ganz warm mir über die Hand rieſelte; ich habe ſeinen letzten Seufzer gehört.“ „Ah!“ rief der Baronet, ſich auf ihn ſtürzend, „endlich hat die Gerechtigkeit Dich erreicht!“ Er packte ihn an der Kehle. Die Berührung dieſer eiſernen Hand bewies dem Mörder, daß er es mit keinem Phantom zu thun hatte, und gab ihm ſeine Kaltblütigkeit wieder; er ſuchte ſich los zu ma⸗ chen, aber vergeblich. Mit einem gut geführten Schlag zwang ihn Sam, eine ſeiner Piſtolen fallen zu laſſen. Inzwiſchen füllte ſich die Gruft mit Pächtern, und als der Verbrecher endlich erkannte, daß jeder Wider⸗ ſtand fruchtlos ſei, wandte er die ihm noch bleibende —— 327 Waffe gegen ſich und ſank todt zu den Füßen unſeres Helden nieder. Der Leichnam des Selbſtmörders wurde ſogleich auf den Kirchhof gebracht und auf eines der Gräber gelegt, und die Menge ſammelte ſich rings herum, ſeine Züge zu betrachten und die Erzählung von dem, was in der Gruft geſchehen war, mit anzuhören. „Durch dieſe Entdeckung,“ ſprach Mr. Elton, nachdem er ſeinen Clienten lebhaft beglückwünſcht hatte,„iſt eine der an Ihre Familie geknüpften Le⸗ genden vernichtet. Das Licht, welches dem Tode eines der Herberts voranging, wird ſich, ich wage es vorherzuſagen, in der Kirche von Crowshall nicht mehr zeigen.“ Der Aberglaube war im Herzen der Bauern ſehr eingewurzelt. „Wer ſollte es denn angezündet haben?“ fragten Einige;„Roderich Haſtings lebte nicht unter uns.“ Der Rechtsgelehrte lächelte und deutete mit dem Finger auf Nan Willis, welche langſam durch die Menge herankam. Ihr Geſicht war tödtlich blaß. Sie hielt ein⸗ oder zweimal ſtill und fuhr mit der Hand an ihre linke Seite, als ob ſie die Schläge ihres Herzens unterdrücken wollte. Man machte ihr ſchweigend Platz, bis ſie vor der Leiche ihres Sohnes ſtand. „Wer hat das gethan?“ fragte ſie mit heiſerer Stimme. Wiewohl Sir Walter Herbert das Band nicht kannte, welches Nan mit dem Verſtorbenen einigte, trat er doch näher, in der Abſicht, mit ihr zu ſpre⸗ chen; aber die Alte winkte ihm zurück, indem ſie ihn mit der Wuth einer ergrimmten Tigerin an⸗ blickte. „Nicht einen Schritt weiter, wenn Ihnen das Leben lieb eiſt!“ murmelte ſie.„Reize mich nicht der Fluch laſtet noch auf Deinem Stamm. Es klebt Blut, das Blut eines Verwandten, an Deiner Hand.“ „Du irrſt Dich, Nan,“ erwiderte unſer Held ſanft; „der Unglückliche hat ſich ſelbſt getödtet; aber warum ſollteſt Du ihn beweinen?“ „Warum?“ fragte die Unglückliche mit bitterem Lachen;„er war mein Sohn!“ Ueberwältigt von Aufregung fiel ſie auf die Kniee und ſtützte ihre runzelige Stirne, bitter ſchluchzend, auf den Rand des Steines. „Er hat mich im Leben verleugnet,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„aber jetzt kann ich ihn in An⸗„ ſpruch nehmen: im Grabe wird er über ſeine arme alte Mutter nicht erröthen.“ „Frau,“ ſprach der Rector in feierlichem Ton, „wenn Du Deinem Sohn bei ſeinen Verbrechen ge⸗ holfen haſt, ſo iſt Gottes Hand ſichtbar in Deiner Züchtigung. Welchen Beweggrund konnteſt Du haben, ſeinen Ehrgeiz zu unterſtützen?“ „Die Rache!“ rief Nan, ſich zu ihrer ganzen Höhe aufrichtend.„Meine Mutter wurde von Sir Gilbert Herbert verführt. Die Wittwe verjagte uns aus dem Herrenhauſe: meine Mutter erfror im Schnee, aber ich wurde gerettet.... gerettet, um an dem Untergang der Herberts zu arbeiten. Und es wäre mir vollſtändig gelungen, hätten nicht die Tugenden des Enkels von Sir Gilbert mich entwaffnet. Und nun wiſſet Ihr Alles, Alles! Thut mit mir, was 329 Ihr wollt.... das Gefängniß, der Galgen, mir liegt wenig daran: mir iſt Alles gleichgültig.“ „Nein,“ ſprach der Baronet,„Deine Züchtigung iſt groß genug. Ich habe nicht das Recht, Dein Urtheil zu ſprechen, und hätte ich es, ich würde nie⸗ mals Deine Güte gegen mich in meiner Kindheit vergeſſen. Gehe mit Martha; verlaß dieſe ſchreckliche Scene. Sie wird Dir eine Freiſtätte gewähren.“ „Ja, ja! ich werde ſie bald verlaſſen. Ich werde nicht lang bleiben... ein wenig Geduld.“ Sie beugte ſich über den Leichnam Roderichs, küßte ſanft deſſen Stirne und ließ ſich dann auf die Kniee nieder. Die Menge glaubte, ſie bete: dieß war auch die Hoffnung des Rectors und unſeres Helden. Als Martha näher trat, ſie zu tröſten, entdeckte ſie, daß Nan todt war. Ihr Herz war gebrochen. Man legte ſie in das Grab ihrer Mutter. Am andern Tag reisten Sir Walter und ſeine Freunde nach London ab. Es verging einige Zeit, ehe ſie es wagten, Mignonne das ſchreckliche Ende von Sir Marc nitzutheilen, und als man ihr end⸗ lich davon ſagte, war es ein großer Schlag für ſie, wiewohl ſchon ſeit langer Zeit alle ihre Liebe zu dem Wüſtling völlig erloſchen war. Dieſe letzten Ereigniſſe verzögerten inzwiſchen das Glück unſeres Helden nicht. Seine Heirath mit Miß Barnard wurde in London vollzogen; und die glück⸗ lichen Gatten traten eine Reiſe auf ſechs Monate Italien an, begleitet von den Segnungen ihrer Sltern. 330 „Heirathe, Sam!“ rief der Barpnet, ſeinem Freunde im Augenblick der Abfahrt die Hand drückend, „Du verdienſt das Glück der Ehe.“ „Du vergiſſeſt,“ erwiderte der Ex⸗Tänzer lächelnd, „daß ich über meine Schweſter und ihr Kind zu wa⸗ chen habe, nicht zu gedenken der Verſchönerungen von Erowshall, womit Du mich beauftragt haſt.“ Dank der Beihülfe von Mr. Elton wurde in Kur⸗ zem Mignonne als Lady Raymond und ihr Sohn als Erbe des Titels und der Beſitzungen von Sir Marc anerkannt. Der Verfaſſer hat die Leſer des Erbes, die bis⸗ her ſo viel Nachſicht für ihn zeigten, nur noch um eine Gunſt zu bitten, und hegt das Vertrauen, daß ſie ihm dieſelbe nicht abſchlagen werden; nem⸗ lich anzunehmen, die Reiſe nach Italien ſei vollen⸗ det und der Held dieſer Geſchichte nach England zu⸗ rückgekehrt und im Begriff, mit ſeiner glücklichen inngen Frau Crowshall wieder zu ſehen. Die Freudenbezeugungen waren wo möglich noch größer, als jene, welche deſſen Beſitznahme von dem Herrenhaus ſeiner Ahnen bezeichneten. Denn die Pächter hatten Zeit gehabt, ihren Herrn ſchätzen zu lernen. Neue Pachtverträge waren abgeſchloſſen, die alten Ungerechtigkeiten wieder gut gemacht worden, und ſie ſahen nur eine glückliche Zukunft vor ſich. Als der Wagen unter der Brücke von Newark durchfuhr, begrüßte die zahlreiche Cavalcade, welche Sir Walter entgegen geritten war, ihn mit einem dreifachen Hurrah. Voran ſah man den alten Giles und Sam. Der Letztere nahm ſogleich den Ehrenplatz ein und ſtieg in den Wagen ſeines Freundes. 331 Es erfolgte eine Fluth von Fragen... und welche Händedrücke! „Mein theurer Vater?“ fragte Marion. „Iſt vollkommen wohl.“ „Und meine Mutter?“ rief der Baronet. „Hat keinen andern Schmerz, als die Ungeduld, worin ſie ſich befindet, Dich zu ſehen. Du wirſt alle Deine Freunde, ſelbſt die Webbs eingeſchloſſen, auf dem Herrenhauſe finden. Ich glaube, Euphraſia hat die Abſicht, Dir eine Scene aufzuerlegen, wenn anders ihre Gefühle ſie nicht überwältigen.“ Lady Herbert lächelte; ſie wußte, auf welche Ge⸗ fühle Sam anſpielte. „Und Mignonne?“ fragten zu gleicher Zeit die beiden Gatten. „Hat den Frieden ihres Herzens wieder gewon⸗ nen. Ich zitterte bei dem Gedanken, ſie nach Crows⸗ hall zurückzuführen! Aber Dank den daſelbſt vorge⸗ nommenen Veränderungen, würde ſelbſt Allan nicht mehr die Stelle des Cavalierszimmers finden.. Aber zuerſt, Sir Walter, hören Sie meine Neuig⸗ keiten. William Giles und Suſanne ſind verheira⸗ thet, der Advocat Colley iſt geſtorben und hat vermöge einer, den Menſchen unerklärlichen Caprice ſein Ver⸗ mögen Jakob Bantem hinterlaſſen, welcher nun Pa⸗ tience, der Wittwe des Wirthes zur Aufgehenden Sonne, den Hof macht. Der alte Giles hat Ihrer Order gemäß die Leitung Ihres Pachtguts wieder übernommen; Nicolas Pim hat ſein Häuschen, Martha und Georg das für ſie erbaute Landhaus haben Sie noch andere Fragen zu machen, während ich damit im Zuge bin?“ 332. „Nur eine,“ antwortete Lady Herbert.„Wann werden Sie in die Genoſſenſchaft der Eheleute treten?“ Sam ſchüttelte lächelnd den Kopf. „Mein Loos iſt beſtimmt,“ ſagte er.„Unver⸗ heirathet bis an's Ende.“ Der ergebene Bruder hielt, getren der Aufgabe, welche er ſich geſtellt hatte, Wort, und brachte ſeine Tage damit zu, über das Glück ſeiner Schweſter und die Erziehung ſeines Neffen zu wachen. Der Wagen langte endlich am Herrenhauſe an, und Marion fand ſich in den Armen ihres Vaters, der ſie nicht zu fragen brauchte, ob ſie glücklich ſei: ihr Lächeln ſagte ihm genug. Mrs. Herbert vergoß Freudenthränen bei der Umarmung ihres Sohnes Thränen, welche die Betrachtung ſeines Glücks bald trocknete. Es war eine jener Wiedervereinigungen, die das Herz erfreuen und deren man ſich gerne erinnert, wie der Wanderer, nachdem er die Wüſte hinter ſich hat, gerne der grünen Haſe gedenkt, welche ſeinen Pfad erheiterte. Ende. Außerordentlich billig!! In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: W. M. Thackeray⸗ 75* Fämmtliche Komanr. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder6kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Geſchichte von Samuel Tit⸗ marſh und dem großen Hog⸗ gart'ſchen Diamant 3 Bändchen. Der Jahrmarkt des Lebens(Va- nity Fair). S P Henry Esmond. Eine Erzählung aus den Zeiten der Königin Anna Die Newcomes. 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