w Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 9 — cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſt pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ven angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 ð„ E„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet! 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam qemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Das Erbe oder die Tehren des Lebens. Roman von J. F. Smith. Frei nach dem Engliſchen von 1 Dr. C. Büchele. Dritter Band. —— S F. . Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. Schelprefſenttuck bon E. Sreiner in Slutigatt Fünfunddreißigſtes Kapitel. Sir Wart Raymond will Mignonne ent- führen. Ziemlich lang nach dem Abgang von Sams Stellvertreter maß Marc Raymond ſtillſchweigend den Fußboden ſeines Zimmers. Er war an ſich noch nicht ganz verdorben, und ohne den Einfluß des böſen Geiſtes, der unter der Maske der Freund⸗ ſchaft insgeheim an ſeinem Untergang arbeitete, hätte vielleicht das gute Princip den Sieg davon getragen und ihn veranlaßt, einen Act der Gerechtig⸗ keit zu vollziehen, indem er Mignonne die Rechte einer geſetzlichen Gattin gab. Wie die meiſten Menſchen bei ihrem erſten Ver⸗ brechen, war er unzufrieden mit ſich ſelbſt und ſchämte ſich doch, das zu geſtehen, was er als eine Schwäche betrachtete. Der Verſucher ſah, was im Herzen ſeines bethörten Opfers vorging, und ſychte, anſtatt mit dem Baronet zu raiſonniren, was vielleicht in dieſem Augenblick dem Einfluß, welchen er auf ihn ausübte, gefährlich geweſen wäre, auf dem Wege 4 der Reflexionen denſelben in ſeinen ſchlechten Vor⸗ ſätzen zu beſtärken. „Die Narren! die Narren!“ rief er,„ein Baronet mit ſiebentauſend Pfund Sterling Rente und Gott weiß wie viel in Erwartung, ein Mädchen ohne Namen und Vermögen heirathen. Sie müſſen Sie für einen großen Einfaltspinſel halten, wenn ſie die Hoffnung hegen, Sie dazu durch Schrecken zu treiben.“ „Ich laſſe mich nicht erſchrecken,“ brummte der junge Mann,„und ſie ſollen es ſehen.“ „Parbleu!.... gleichwohl darf man in der Welt nicht ſagen können, Sie ſeien inſultirt, beohr⸗ feigt worden, und haben dieſen Schimpf geduldig hingenommen.“ Das Blut ſtieg Mare in's Geſicht. „Wir haben Beide daſſelbe Verfahren einzu⸗ ſchlagen,“ ſagte er, und jedes ſeiner Worte kam ziſchend zwiſchen den zuſammengedrückten Zähnen hervor.„Ich laſſe allen Unterſchied des Ranges fahren und will dieſem Räuber entgegentreten, der es gewagt hat, die Hand gegen mich zu erheben.“ Und Sie werden ihn tödten?“ „Ich werde ihm eine Kugel durch das Herz jagen.“ „Aber wenn er Sie tödtete?“ warf Roderich ein. „Vilden Sie ſich ein, daß ich mich vor dem Tode fürchte?“ fragte Marc ungeſtüm. „Nein, nicht vor dem Tode,“ antwortete ſein Freund,„aber vor der Lächerlichteit. Das iſt eine der vornehmſten Waffen des Jahrhunderts. Stellen Sie ſich die Verzweiflung Ihrer Freunde vor bei einem über Ihren Leichnam abgegebenen und alſo lautenden Verdict:„Getödtet von einem Hans⸗ wurſt.“ Tödteten Sie ihn, würde die Sache noch ſchlimmer ſein. Jedes Jahr um Weihnachten müßten Sie England verlaſſen oder während der Balletſaiſon das Leben eines Einſiedlers führen. Nein, nein, das ſind Schwierigkeiten, gegen welche es nur ein Mittel gibt.“ „Und dieſes „Das Policeigericht.“ „Ich glaube, Sie haben Recht,“ ſagte der Baronet nach einer Pauſe. „Sie glauben, daß ich Recht habe,“ wiederholte ſein Rathgeber,„ich bin deſſen gewiß. Wir ſchleu⸗ dern ſo die Kugel auf unſere Feinde zurück, wir häufen auf ſie die Lächerlichkeit, und Lächerlichkeit hebt jedes Mitleid auf. Nie hat das Publikum Theilnahme für Kränkungen oder Unglücksfälle derer, über welche man lacht. Erinnern Sie ſich,“ fuhr er fort,„der Aufregung, welche der Tod des ent⸗ zückenden kleinen Mädchens verurſachte, das bei dem Brand im Geſandtſchaftshotel zu Paris vor etwa zwei Jahren umkam? Die Mutter wurde wahn⸗ ſinnig darüber.“ „Ja, ja, ich erinnere mich noch ſo ungefähr.“ „Alle Engländer eilten herbei, ließen ihre Karte zurück und erdrückten die Mutter mit ihren Beileids⸗ bezeugungen, bis man entdeckte, daß ſie eine Bäckers⸗ tochter war. Die ganze Affaire war Tags darauf vergeſſen. Gerade ſo wird es mit Ihrem Fall gehen.“ In Vollzug dieſes Rathes wurden Verhaftsbe⸗ fehle gegen Sam und ſeinen Freund Baratt erbeten und gleich am andern Tage erlangt. Als die Säche 6 vor das Gericht von Bav⸗Street kam, wollte der beſchimpfte Bruder die grauſame Reizung, die ihm widerfahren, erklären, aber die Obrigkeit wollte nichts davon hören: er hatte den öffentlichen Frieden ver⸗ letzt; hatte er ſich auf eine Reizung zu berufen, ſo war ihr Gericht incompetent und konnte ſich auf ſolche Erwägungen nicht einlaſſen. Die Gefangenen wurden alſo aufgefordert, eine Caution von fünſ⸗ hundert Pfund für jeden ausfindig zu machen, und da dieß ihnen unmöglich war, wurden ſie in's Ge⸗ fängniß abgeführt. Inzwiſchen hatte ſich Marc Raymond entſchloſſen, England zu einer Reiſe nach Italien zu verlaſſen; aber er wollte nicht allein reiſen. Die Leidenſchaft (wir wollen den Namen Liebe nicht entweihen, in⸗ dem wir ihn auf jenes Gefühl anwenden), welche er noch für ſein Opfer unterhielt, flößte ihm die Hoffnung ein, Mignonne werde, ihres einzigen Be⸗ ſchützers beraubt, ihn zu begleiten einwilligen und ſo die entwürdigende Stellung, welche ſie von ganzer Seele verabſcheute, ſich gefallen laſſen. Trotz aller Anſtrengungen des Baronets ver⸗ floſſen mehrere Tage, ehe es ihm gelang, mit ihr zuſammenzutreffen; und als er endlich ſeinen Zweck erreichte, erregte ihm die traurige Veränderung, welche in dem Ausſehen des armen Mädchens ein⸗ getreten war, ſolche Gewiſſensbiſſe, daß er nicht den Muth hatte, ſeinem ehrloſen Vorſchlag Worte zu geben. Als Mignonne verſtummt und beſtürzt den Mann vor ſich ſah, den ſie ſo lang als ihren Gatten be⸗ trachtet, den ſie mit allem Feuer der erſten Liebe .— — umfaßt hatte, ſo ſchloß ſie in ihrer Seelenunſchuld, die Reue und nicht die Leidenſchaft führe ihn zu ihren Füßen und ſie hob ihn mit dem Lächeln des Engels der Vergebung auf, als er ſich vor ihr auf die Kniee warf. „Marec!“ ſagte ſie,„ich bin recht unglücklich ge⸗ weſen, ach ja! Du haſt dem beſten der Brüder das Herz gebrochen, denn all ſein Glück und ſein Stolz beruhten auf der Ehre ſeiner Schweſter.“ „Ich werde Alles wieder gut machen; ich bin reich und„„ „Bſt! bſt. Du kennſt ihn nicht, alle Schätze Londons könnten in ſeinen Augen meine Schande und den Spott der Welt nicht ausgleichen.“ „Die Welt wird davon nichts wiſſen,“ entgegnete der Wüſtling,„wir wollen England verlaſſen und uns eine eigene Welt ſchaffen in dem glühenden Italien, dem Land der Liebe und Luſt. Willige ein, Mignonne, gib Deinem Herzen und dem meini⸗ gen das Glück zurück, willige ein um der Liebe zu unſerem Kind willen.“ „Um der Liebe zu meinem Kind willen,“ ſagte die junge Mutter,„kann ich das Vergangene ver⸗ zeihen, aber die Genugthuung muß ebenſo vollſtändig ſein, wie das Unrecht. Für dieſes Mal ſoll es kein Geheimniß geben, ſondern eine öffentlich und in Gegenwart Gottes vollzogene Heirath. Bei dem Wort Heirath erhob ſich der Baronet. „Bringe mich zu meinem theuren Bruder,“ fuhr Mignonne fort,„ſage ihm, daß ich Deine Gattin bin; ich kenne ſein edles Herz, er wird Dir verzeihen.“ „Das iſt unmöglich,“ murmelte der Wüſtling, „Du ſollſt meine Gattin in allen Dingen ſeyn, außer dem Namen. Aller Putz, alle Vergnügungen, welche das Vermögen verſchaffen kann, und die Er⸗ gebenheit eines Herzens„ „Halte ein!“ rief die beſchimpfte Frau,„ent⸗ 1 weihe meine Ohren nicht durch Worte, welche mich dazu bringen, Dich zu haſſen, und mich ſelbſt, daß ich darauf gehört habe. Marc, Du hatteſt einſt ein Herz, ſtoße die Anſchläge des Dämons zurück, der es verderben will; kehre durch einen Act verſpäteter Gerechtigkeit gegen Dein Kind, gegen Deinen Erſt⸗ gebornen zur Ehre zurück. Wie könnteſt Du ſeinen entrüſteten Blick ertragen,“ ſetzte ſie hinzu,„wenn er, ein Mann geworden, einen Namen von Dir be⸗ gehrt?“ Sie näherte ſich wankend der Wiege, nahm das ſchlafende Kind in ihre Arme und warf ſich mit demſelben dem unnatürlichen Vater zu Füßen, der ſich abgewrndet hätte, wäre er nicht von ſeinem Opfer bei der Hand gefaßt worden, um ihn zum Anblick ſeines Sohnes zu zwingen. „Nicht für mich fordere ich dieſe Genugthuung,“ rief ſie,„ſondern für mein Kind ich werde nicht am Leben bleiben, um lange einen Namen zu tragen, welchen mir zu gewähren Du Dich ſo ſehr ſträubſt. en, mit meinem Her⸗ ₰ Aus Mitleid mit meinen Qual zen, das Du gebrochen, mit meiner Liebe, die Du mit Füßen getreten haſt, verletze nicht Deine eigene Ehre und mache das Vergangene wieder gut.“ „Unmöglich,“ ſagte Marc entſchloſſen;„ſo heftig, ſo wahnſinnig ich Dich liebe, kann ich zu einem 4 ſolchen Opfer mich nicht verſtehen. Deines Bruders Unklugheit hat es unmöglich gemacht. Ha! die Welt würde mit Fingern auf mich deuten, wenn man mich mit der Schweſter des Harlekins als Lady Raymond ſähe! Die Leute würden an meinem Muthe zwei⸗ feln und ſagen, ich ſei dunrch Furcht zu dieſer Heirath gezwungen worden. Nein, nie, nie!“ Bei dieſer beleidigenden Erklärung ſchleuderten Mignonne's Augen Blitze. Dieſe Worte ſchienen die gebrochene und verwelkte Blume in eine jener kräftigen Pflanzen verwandelt zu haben, welche der Strenge des Winters Trotz bieten, Die Illuſion ihres jungen Herzens verſchwand und ſie ſah ihren Verführer in aller Häßlichkeit ſeines Characters. „Danke!“ rief ſie ſarkaſtiſch,„danke!“ „Danke!“ wiederholte der Wüſtling,„und wofür?“ „Daß Du mich mir ſelbſt wieder gegeben haſt, daß Du mein Herz mit dem ſicherſten Gegen⸗ gift gegen alle menſchliche Schwäche bewehrt haſt.“ „Und darf ich nach dem Namen dieſes Gegen⸗ giftes fragen?“ entgegnete der Verräther ironiſch. „Verachtung,“ antwortete ſein Opfer, das blitzende Auge auf ihn richtend,„eine ſo tiefe Verachtung, daß der Name, den ich vor einigen Augenblicken dankbar angenommen, ſelbſt auf den Knieen erfleht hätte, mir jetzt entwürdigender als alles Andere erſcheint. Du kennſt mich noch nicht,“ fuhr ſie haſtig ſprechend fort,„ich gleiche einer jener Pflanzen, welche einen den Sinnen angenehmen Duft verbreiten, ſo lang ſie in der Sonne blühen und den Frühlingsregen ausgeſetzt ſind, aber„ öb 10 rieben ein ſchreckliches Gift geben. Marc, wir wer⸗ den uns wieder ſehen!“ „Träume, unſinnige Träume!“ „Die Träume erfüllen ſich manchmal und der Wahnſinn wird vernünftig. Geh! Verlaß mich! Ich möchte dem Vater in Gegenwart ſeines Kindes nicht fluchen!“ „Um der Liebe dieſes Kindes willen flehe ich Dich an, dieſem Entſchluß zu entſagen, den Du, glaube mir, Mignonne, bitter bereuen wirſt!“ rief der Baronet.„Was hat eine Liebe wie die unſrige mit der Meinung der Welt gemein? Warum ſollte ſie etwas Anderes als ihre Eindrücke zu Rathe ziehen? Noch einmal laß mich Dich beſchwören, mit mir nach Italien zu fliehen. Dort herrſcht das Vergnügen, dort wirſt Du ein Götterbild und angebetet, wie die Frau es verdient.... „Ja,“ fiel das arme Mädchen ein,„ſo lang meine Schönheit dauern würde, hernach würfe man mich weg, wie eine Blume, die ihren Duft verloren hat. Du haſt meine Antwort.“ „Iſt das Dein letztes Wort?“ „Das letzte.“ „Höre jetzt, was ich Dir zu ſagen habe,“ er⸗ widerte Sir Marec Raymond.„Ich erwartete Dei⸗ nen Widerſtand gegen meine Wünſche und kam deß⸗ wegen mit den Mitteln verſehen hieher, jene alber⸗ nen Bedenklichkeiten zu vereiteln, welche Einfalts⸗ pinſel Tugend nennen.“ „Was willſt Du ſagen?“ olche 0 werde Dich zwingen, mich zu begleiten, Du wollen oder nicht.“ „ ( „Du wirſt nicht wagen, Gewalt zu brauchen,“ „Treibe mich nicht zu dieſem Aeußerſten,“ ſagte der Wüſtling.„Meine Vorſie chtsmaßregeln ſind gut getroffen. Ich habe Leute draußen, vi berei zu unterſtützen. Ein Wagen iſt Thine ich brauche nur ein Wort zu ſagen; un und Dein Kind werden in einem Augenblick gebracht ſein.“ „Der Himmel wird dieſe Schmach nie zugeben,“ antwortete das arme Mädchen.„O, begnüge Dich mit dem Verderben, das Du angerichtet, und ver⸗ folge Dein Opfer nicht weiter.“ „Willſt Du mich begleiten?“ Nie.“ 2 Er faßte ſie in ſeine Arme und es gelang ihm trotz ihres Schreiens und Widerſtrebens, ſie aus dem niedrigen Zimmer zu ſchleppen, welches ſie be⸗ wohnte, als die Thüre plötzlich aufging und S in Geſellſchaft ſeines Freundes Jack Baratt eintrat. Sie waren, Dank der Vermittlung von Mr. Barnard gerade dieſen Tag in Freiheit geſe etzt worden. Sie ſchloßen kalt die Thüre hinter ſich „Gerettet!“ flüſterte Mignonne,„gerettet!“ „Ja, und gerächt!“ ſetzte ihr Bruder hinzu, eine Piſtole aus der Taſche ziehend und gegen den Kopf des treuloſen Baronets haltend. „Nein, nein!“ rief dieſe,„laß ihm ſein Leben, beflecke nicht Dein edles Herz mit einem ſolchen Ver⸗ brechen; er iſt Deiner Rache unwerth, Du weißt nicht in welchem Grade er feig und verächtlich iſt Schau mich an, lies in meiner Seele, und ſieh, ob mich 12 * Du die geringſte Spur von Zärtlichkeit für ihn darin„ entdeckſt.“ „Sie ſpricht die Wahrheit,“ ſetzte Jack hinzu, die Thüre öffnend,„ſein Tod wäre zu theuer um den Preis, den man dafür zahlen müßte, erkauft.“ 3 „Fliehe! ſtiehe!“ rief Mignonne, immer mit ihrem Bruder ringend.„Hat Dich der Schrecken gänzlich gelähmt? Rette Dein unwürdiges Leben; ich verachte Dich und vergebe Dir.“ Marc fuhr zuſammen, wie Jemand, der aus einem Traum erwacht, und eilte haſtig davon. „Was haſt Du gethan?“ fragte Sam. „Ich habe meinen Bruder gerettet. Es iſt nicht ein Haar auf Deinem Haupte, das nicht mehr werth wäre als das Leben eines Elenden, wie dieſer Sir Marc Raymond. Er iſt fort, möge die Erinnerung an das erlittene Unrecht ſich mit ihm entfernen!“ Der Tänzer ließ ſich, niedergedrückt von ſeiner Bewegung, auf einen Stuhl fallen. „Du haſt Recht, Mignonne,“ ſprach er endlich, ſie in ſeine Arme ſchließend,„ich muß für Dich und Dein Kind leben. Hinfort überlaſſe ich die Rache Gott; er wird den Schuldigen ſeiner Zeit zu ſtrafen wiſſen.“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Es liegt eine tiefe Wahrheit in dem Sprichwort: es iſt nicht Alles Gold, was glänzt. Eine große Zahl derer, welche ſich in Auſtralien nieder⸗ ließen(wir ſprechen von dem Zeitraum vor Ent⸗ deckung des Goldes), bildeten ſich ein, dort ein voll⸗ tommenes Arkadien zu finden. Sie hatten in Büchern geleſen, das Clima ſei ſehr geſund, das Land fruchtbar, und wer ſtark und unermüdet zur Arbeit ſich zeige, könne ſich alle Lebensbedürfniſſe in Fülle verſchaffen. Dieß war großentheils richtig, aber man hatte eine Gefahr außer Berechnung ge⸗ laſſen, eine Gefahr, beſonders den Coloniſten drohend, welche auf den ungeheuren Wieſenflächen zerſtreut, fern von einander, ſich den Angriffen nicht wilder Thiere(es gibt dergleichen nicht im Lande), ſondern des wildeſten aller lebenden Geſchöpfe, das heißt des Menſchen, des entflohenen Sträflings, des faulen, des verächtlichen Tagdiebs ausgeſetzt ſahen. Es iſt wahr, ſie wurden ohne Gnade hingerich⸗ tet, wenn man ihrer habhaft wurde, aber dieß machte ſie nur um ſo wilder, denn ſie wußten, was ihrer von Seiten des Gouvernements und der Coloniſten wartete, wenn dieſe nach irgend einem verzweifelten Gewaltſtreich ſich öfters vereinigten, auf ſie Jagd zu machen. Sie tödteten dieſelben dann durch einen Flinten⸗ oder Piſtolenſchuß mit ebenſo wenig Um⸗ ſtänden, wie die erſten amerikaniſchen Coloniſten ge⸗ genüber den Rothhäuten. Ungefähr vierzig Meilen von Melbourne breitet ſich ein unermeßliches Gebiet aus, unter dem Namen Colonie Gordon bekannt. Unſere Leſer erinnern ſich ohne Zweifel des von Georg Chaſon an unſern Helden gerichteten Briefs, worin er dieſem anzeigte,. daß ſeine Wohnung, die H offnungsfarm in die⸗ ſer Colonie gelegen ſei. Dieſes Gebiet beginnt auf . der einen Seite des Mount Macedonian, des höch⸗ ſten Punktes in einer durchſchnittlich dreitauſend Fuß ſich erhebenden Gebirgskette, bedeckt mit Waldungen der reichſten Vegetation Auſtraliens. In der abgelegenſten Gegend eines dieſer Wäl— der hatte eine Truppe von acht Männern, der Ab⸗ ſchaum der Geſellſchaft, ihr Zelt aufgeſchlagen. Da ſie lange Zeit mit der Welt Krieg geführt hatten, führte die Welt, von dem Recht der Vertheidi⸗ gung Gebrauch machend, jetzt ihrerſcits Krieg mit Da der Diſtriet, wo ſie ſich befanden, bevölkerter war, als derjenige, woraus man ſie eben verjagt hatte, ſo ſahen ſich dieſe entflohenen Sträflinge(denn ſolche waren ſie mit Ausnahme eines einzigen) in der Nothwendigkeit, vorſichtiger als gewöhnlich zu ſein. Ihre Räubereien wurden, wie die eines Fuchſes, in großer Entfernung von ihren Schlupfwinkeln verübt und ſie überließen ſich denſelben nur, wenn die Noth ſie dazu zwang. Drei oder vier lagen träg ausgeſtreckt im Zelte,— während einer der Eingebornen, ein Burſche von 6 ſechszehn Jahren, den ſie gezwungen hatten, ſich ihnen anzuſchließen, das Feuer beſorgte, eine Arbeit, die dem Grade ſeiner Intelligenz eben angemeſſen war. In einiger Entfernung ſtand die Wache, be⸗ — * reit, das Lärmzeichen zu geben, ſobald Fremde ſich annäherten. Es war ein großer, hagerer Mann, de zigen nahe, mit leicher rtigen Zügen, eiſen⸗ den Sechs grauen Haaren, unruhigen, wachſamen Augen. Er ging ſeit mehr als einer Stunde auf ſeinem Poſten hin und her, als er plötzlich ſtillhielt und einen dumpfen Laut ausſtieß, ähnlich der Stimme der Broncetaube, welche in jenen Gegenden ſich ſo häufig findet. „Der Biſchof ſpitzt die Ohren,“ ſagte einer von denen, die im Zelte waren. Nichts zu befürchten,“ antwortete einer von ſei⸗ nen Genoſſen. „Yakie rührt ſich nicht das tennt den Schritt eines jeden von uns.“ Yakie war der Name des jungen Wilden, der vor dem Feuer kauerte. Die Wache wiederholte das Signal. „Ich ſage Dir, Bill,“ rief der, welcher Ungezieſer das Wort genommen hatte,„daß uns irgen Gefahr droht.“ Zugleich ergriff er ſein Gewehr. Ein Hund ſprang durch das Gebüſch, machte aber beim Anblick der Truppe Halt und fing ſehr laut zu bellen an. „Warum ſchießt der Biſchof ihn nicht ieder fragte derjenige, welchem ſein Genoſſe den Nam Bill gegeben hatte und welcher Niemand als Bill Spuggins, der Spitzbube von Mancheſter, war, den man wegen des an Mr. Barnard auf dem Markte zu Knotmill begangenen Diebſtahls deportirt hatte. „Weil ſein Schuß vielleicht beſſer angewendet werden kann.“ „Auf!“ rief die Wache, und die Bewohner des Zeltes waren mit einer Geſchwindigkeit auf den Bei⸗ nen, welche zeigte, wie ſehr ſie mit der Gefahr ver⸗ traut waren. Nach Verfluß einiger Minuten erklärte ſich der Gegenſtand des Alarms durch die Erſcheinung von vier jungen, wohlbewaffneten Leuten, welche aus dem Walde hervorkamen und ſich der kleinen Lich⸗ tung näherten. Wiewohl es Nacht war, machte das Feuer hell genug, um den Buſchmännern zu geſtat⸗ ten, die Unbekannten zu muſtern. Sie hatten ganz das Ausſehen von Reiſenden, die aus einer fernen Gegend des Landes kamen. „Wofür haltet Ihr uns?“ fragte der älteſte der Ankömmlinge, eine ſchöne Geſtalt mit männlichen Zügen, höchſtens dreißig Jahre alt,„wir gleichen doch nicht gerade Dieben.“ „Aber dieſe ſehen ganz ſo aus,“ murmelte einer von ſeinen Begleitern. „Wir ſind fremd in dieſem Lande,“ antwortete der, welcher das Alarmzeichen gegeben hatte, und ſchlagen uns tiefer in das Innere, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Wir haben ſicher nicht viel zu verlieren und halten vielleicht eben deßwegen um ſo mehr darauf. Alſo geht Eures Wegs!“ „Unſeres Wegs! wir haben ihn verloren.“ „Nun, ſo ſucht ihn wieder.“ „Könnt Ihr uns zurechtweiſen?“ „Das kommt darauf an, wohin Ihr gehen b e — 0—— 17 wollt,“ ſagte Bill Spuggins mit ſpöttiſchem Ge⸗ lächter. Zu gleicher Zeit bedauerte er die Abweſenheit des Reſtes ſeiner Bande, ein Unſtand, der wahr⸗ ſcheinlich, wenn nicht das Leben, wenigſtens die Börſe der Reiſenden rettete. Zu ihrem Glück waren ſie allzu gut bewaffnet, um ſelbſt mit überlegenen Kräften ohne Riſiko für die Angreifer überfallen zu werden. „Wir begeben uns nach der Hoffnungs⸗ farm.“ „Ich habe von einem Hoffnungsberg reden hören,“ entgegnete der Buſchmann, welchen ſeine Genoſſen den Biſchof nannten,„aber ich kenne keine Farm dieſes Namens. Wer wohnt dort?“ „Georg Chaſon.“ „Wer?“ fragte der Geächtete im Tone der Ueber⸗ raſchung. „Georg Chaſon.“ „Ein Engländer?“ Ja, ein Mann aus Lincolnſhire, von Crows⸗ hall, demſelben Dorfe, das ich mit meinem Vater vor ſechs Jahren verlaſſen habe. Wenn Ihr den Namen Chaſon kennt, ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß Euch der meinige auch bekannt iſt.“ „Welches iſt er?“ „William Giles.“— „Nein, nein,“ antwortete der Biſchof mit heiſe⸗ rer Stimme,„ich kenne weder den Mann, noch den Ort, welchen Ihr ſucht. Ich habe Euch nur gefragt, um zu erfahren, ob Ihr wirklich Jemand ſucht oder 9 Das Erbe. III.— K. 18 ob es nur eine erdichtete Geſchichte war, um uns zu m täuſchen.“ bi „In jedem Fall,“ ſagte der junge Coloniſt,„könn Ihr uns einige Andeutung geben, um aus dem ſe Wald hinaus zu kommen. Ich möchte die Nacht hier A nicht zubringen.“ di „Folgt dem Thale, bis ihr an einen Bach kommt, das Waſſer geht nur bis an's Knie, Ihr kommt in E der Furt leicht hinüber. Zwei Meilen weiter findet S Ihr eine Farm, deren Bewohner ohne Zweifel die d Freunde, die Ihr ſucht, kennen.“ 8 „Donke,“ ſagte William Giles. t „Ihr ſeid mir nichts ſchuldig,“ erwiderte ſein u Gegenredner,„oder wenn Ihr mir etwas zu ver⸗ danken glaubt, ſo wird ein wenig Taback Eure Schuld g reichlich bezahlen.“. d Der junge Mann leerte den Inhalt ſeines Beu⸗ d tels in die Hände des Biſchofs, indem er ihm zugleich aufmerkſam in's Geſicht ſah.. „Es liegt etwas in Eurer Stimme, das mir be⸗ ſ kannt iſt,“ ſagte er. Der Andere wandte ſich, ein unarticulirtes Hum brummend, ab. 3 „Und auch in Eurem Geſicht,“ ſetzte William i Giles hinzu. „Das iſt eine Wirkung Eurer Phantaſie,“ ſagte— der Waldſtreicher.„Oft glauben wir bei Perſonen e und Orten Aehnlichkeiten zu finden, wovon nicht ein Schatten vorhanden iſt. Es begegnet mir manchmal, Nachts grüne Ebenen und das Abbild einer Dorf⸗ kirche in der Gluth meines Feuers zu ſehen, oder allerlei Geſichter zu erblicken, die mich von den Bäu⸗ zu nnt en ier mt, in det die ein er⸗ uld eu⸗ eich um am gte nen ein al, orf⸗ der äu⸗ 19 men herab anſchauen. Alles das nichts als Ein⸗ bildungen, bittere, neckiſche Einbildungen.“ Er entfernte ſich ohne eine Antwort abzuwarten, ſetzte ſich vor die Thüre des Zeltes und hob die Augen nicht mehr auf, ſelbſt nur um zu ſehen, ob die Reiſenden ihren Weg fortſetzten. Er verharrte in dieſer Lage, die Augen zur Erde geheftet, wie in Betrachtungen verſunken. Seine Träume wurden endlich durch die Rückkehr des Reſtes ſeiner Bande, welche auf Fourage aus⸗ geweſen war, unterbrochen. Einer brachte den Hin⸗ terbug eines geſtohlenen Hammels von einer der unzähligen Heerden, welche auf der Ebene jenſeits der Bergkette waideten, ein Anderer mehrere Laibe gutgebackenen Brods. Dieſer letzte Artikel bildete den größten Schmaus und der Buſchmann griff gierig darnach. „Waizenbrod,“ ſagte der Biſchof, denn wir müſ⸗ ſen ihn noch ſo nennen,„wo haſt Du Dir das ver⸗ ſchafft? Aber warum darnach fragen? Du haſt es ohne Zweifel geſtohlen.“ „Deßwegen ſcheint es nicht weniger gut,“ ant⸗ wortete Bill Spuggins, ein Stück davon abbeißend, das er in den Mund ſteckte;„aber ſeit dem Abzug dieſer Bürgersleute biſt Du ſo ſentimental wie der Rothſchnabel, wenn er ſeine ſchwarze Nachtmütze aufſetzt.“ Ein allgemeines Gelächter zeigte, daß man die Vergleichung zu ſchätzen wußte, „Welche Bürgersleute?“ fragte das Haupt der Bande. —— —— 20 Der Spitzbube erklärte ihm, um was es ſich handelte. „Die Hoffnungs⸗Farm!“ wiederholte der Mann; „ei, das iſt der Name des Ortes, wo man uns die⸗ ſes Brod gegeben hat! Ein hübſcher Ort.“ „Haſt Du den Eigenthümer geſehen?“ fragte der Liſchf. „Bl. „Was für ein Mann iſt es?“ „Ein Mann von männlichem Ausſehen, mit breiter Bruſt, ſtark wie ein Stier, behend wie ein Damhirſch. Man käme ſchlecht weg bei einem Han⸗ del mit ihm.“ Der Biſchof zuckte die Achſeln, wie wenn eine unangenehme Erinnerung in ihm auftauchte, und ſchwieg einige Zeit ſtill. „Was denkſt Du, iſt er reich?“ fragte er endlich. „Er muß es wohl ſein; wir ſind im Thale mehreren hundert Stücken Rindvieh begegnet, welche ihm gehören,“ antwortete der Chef,„aber es gibt in jener Gegend nichts zu rauben: der Diſtrict iſt zu bevölkert. Der Farmer hat mir geſagt, er habe nicht weniger als zwanzig Hirten unter ſeinem Befehl.“ „Hat er Euch das Brod gegeben?“ „Nein.“ „Wer denn?“ „Seine Schweſter.“ Der Unglückliche ſchlug die Hände zuſammen und murmelte: „Meine Frau!“ — 8 ———„„— 8 h er le he bt ct er m Der Geächtete, der Buſchmann, welchen ſeine Laſtergenoſſen den Biſchof nannten, war kein Ande⸗ rer als Amen Corner, der entflohene Sträfling. Die Strafe ſeiner Verbrechen hatte ihn erreicht. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Die Mary⸗Owen legte ſich bei Sydney nach einer ſtürmiſchen Fahrt vor Anker. Allein von England abgegangen, ſchiffte ſich unſer Held mit zwei Freunden aus. Bei einer Meuterei an Bord hatte er ein junges Mädchen, Suſanne Giles, gefunden, und Suſanne, welche ohne andern Schutz als Jack, ihren jüngern Bruder, reiste, hatte Dick eine überſpannte Dankbarkeit gewidmet. Jack hatte ſich wie ein Löwe benommen. Er hatte einen der Angreifer getödtet und zur Gefangen⸗ nehmung zweier Angreifer beigetragen, welche nun gebunden im die Kerker von Sydney gebracht wurden. Dick ſtand melancholiſch neben ſeinem Gepäck und dachte melancholiſch an dieſe unbekannte Welt, wo er Ramen und Vermögen ſuchen ſollte, hinfort ohne Werth in ſeinen Augen, denn er zweifelte nicht an Sir Marcs Heirath, als ſeine Träume durch einen jungen Coloniſten oder Farmer unterbrochen wurden, der, ohne zu wiſſen, an wen er ſich wenden ſollte, 22 auf ihn zutrat und fragte, wo er eine Liſte der Paſ⸗ ſagiere erhalten könnte. Jack, welcher daneben ſtand, hörte die Frage und rief, nachdem er einen Augenblick den, welcher ſie ge⸗ macht, betrachtet hatte, ſeiner Schweſter zu: „Suſanne! Suſanne! das iſt ganz gewiß der Vetter William. Er gleicht unſerer Mutter, wie eine Erbſe der andern.“ „So heiße ich wirklich,“ antwortete der junge Mann. „William Giles?“ fragte Jack. „Zan⸗ „Dann biſt Du der Vetter, welcher uns einen ſo ſchönen Brief geſchrieben hat, worin ſich Geld zu unſerer Unterſtützung fand, und hier iſt meine Schweſter.“ Die Augen des Farmers weilten ſehr wohlgefällig auf der hübſchen Suſanne, welche ſich beſcheiden und dankbar näherte und ihm für ſeine Güte, ſie an Bord beſucht zu haben, dankte. „Denn wir haben keine Freunde in dieſem frem⸗ den Lande,“ ſetzte ſie hinzu,„außer Dir und mei⸗ nem edelmüthigen Oheim.“ „Die werdet Ihr an uns beiden finden,“ er⸗ widerte ihr Vetter, Suſanne und deren Bruder herzlich die Hand drückend....„Es gibt in Auſtralien ſo gut warme Herzen, als in der alten Welt.“ Es lag in dem Blick, der dieſe Worte begleitete, etwas, das der Waiſe die Röthe auf die Wangen trieb. Was Jock betraf, ſo war er halb närriſch vor Freude. Es folgte nun eine lange Erklärung alles deſſen, was ſich auf der Reiſe zugetragen hatte. William Giles war ſehr gerührt durch den edelmüthigen Schutz, 1 en unſer Held der rWaiſe hatte ange⸗ deihen laſſen, er dankte ihm lebhaft d dafür und bot ſeinen Beiſtand an, wenn er ihm irgend einen Dienſt in Sidney leiſten könnte. „Ich danke Ihnen,“ erwiderte unſer Held, vaber ich werde mich nicht lang hier aufhalten. In einigen Tagen werde ich nach Melbourne ab⸗ reiſen.“ Sein neuer Bekannter vemerkte dagegen, er habe dieſe Stadt erſt vor zehn Tagen verlaſſen. „Dann kennen Sie wahrſcheinlich die Hoffnungs⸗ Fui, Da war ich eben zu Beſuch; ſie gehört meinem alten Freunde Georg Chaſon. „Meinem Vater,“ ſetzte? Dick hinzu. „Was!“ rief William Giles,„Sie ſind von Erorwshall? Nun ſeien Sie doppelt willkommen. Mein Vater war ein alter Herrſchafts pächter, wel⸗ chen die Forderungen des neuen Squire zur Aus⸗ wanderung veranlaßt haben. Seine Farm grenzt an die Hoffnungsfarm⸗ und von nun an verlaſſe ich Sie nicht mehr.“ Die Ungeduld, welche Dick natürlich empfand, ſich nach der Hoffnungsfarm zu begeben, wuchs noch in Folge der Unmöglichkeit, worin er ſich befand, Sydney zu verlaſſen, da ſeine Gegen⸗ wart für die Unterſuchung erfordert wurde, welche bezüglich der Meuterei an Bord der Mary⸗Owen ſtattfinden ſollte. So kam ihm die Zeit ſehr lang 24 vor und er hätte ſich noch mehr gelangweilt, wäre nicht William Giles geblieben, um ihm Geſellſchaft zu leiſten. Was Jack betraf, ſo war er eine Beute unauf⸗ hörlichen Schreckens. Nie fühlte ein Held ſo bitteres Bedauern über ſeine Thaten. Mehrmals bat er feinen Vetter, ihn an Bord irgend eines Fahrzeugs zu bringen und nach Eng⸗ land zurückzuſchicken. Es bedurfte aller Beweis⸗ gründe ſeiner Freunde und der wiederholten Ver⸗ ſicherungen, daß er nichts zu gefährden habe, um ihn mit der Nothwendigkeit, in Auſtralien zu bleiben, auszuſöhnen. Aber alles Zureden vermochte nicht, ihn von dem Gaſthaus hinwegzubringen, wo er ſich in ſeinem Zimmer in Geſellſchaft eines großen Schäferhundes, der ſeinem Vetter gehörte, einſchloß. Es war ihm gelungen, ſich bei dieſem Thier beliebt zu machen, das vollkommen die Fflicht, welche Jack von ihm erwartete, zu begreifen ſchien, denn vom zweiten Tag an ermangelte er nicht, ein dumpfes Knurren aus⸗ zuſtoßen, ſobald ein Fremder ſich der Zimmerthüre näherte. Jack ſchöpfte ebenſo viel Troſt aus der Wach⸗ ſamkeit dieſes vierfüßigen Freundes, als aus den Verſicherungen ſeiner zweibeinigen Freunde. Als er vorgeladen wurde, um ſeine Ausſage ge⸗ richtlich niederzulegen, ſah der arme Junge mehr wie ein Verbrecher, als wie ein Zeuge aus. Es war unmöglich, von ihm das Geſtändniß zu erlangen, daß er den Zweiten getödtet hatte. Dennoch erkannte er an, mit geſchloſſenen Augen und ohne auf 2 S eine Perſon zu zielen, geſchoſſen zu haben, ſorgte jedoch dafür, hinzuz uſetzen, er erinnere ſich deſſen, was unmittelbar hernach geſchehen, nicht mehr. Dick, die andern Paſſagiere, Suſanne und die Frauen gaben ohne die geringſte Zögerung einen Bericht von dem, was geſchehen war, und es wurde, wie man ſich denken kann, ein Verdict auf gerecht⸗ fertigten Mord gegeben. Jack erbleichte beim Anhören deſſelben; die Worte gerechtfertigter rMord hatten einen ſchrecklichen Widerhall in ſeinen Ohren, welche an die Gerichts⸗ ſtrache wenig gewöhnt waren, und er fragte ängſt⸗ lich ſeinen Vetter, was dieß zu bedeuten hätte. „Daß ihnen nur widerfuhr, was ſie verdienten,“ antwortete William Giles. Die Ueberſetzung war ziemlich frei. Meiner Treu, ja!“ rief Jack lächelnd. Es war das erſte Lächeln, welches über ſeine ehrliche und treuherzige Phyſiognomie ſeit dem Tage jenes ſchreck⸗ lichen Ereigniſſes ſich verbreitete.„Und die Richter ſind nicht dumm.“ Dick durfte nur noch eine Nacht in Sydney zu⸗ bringen und ſo gab er dem Drängen William Giles nach und machte ſich auf, mit ihm in der S herumzuſch hlendern. Der Lärm der menſchlichen T tigkeit hatte aufgehört und das Vergnügen allein herrſchte, jenes Vergnügen, wie es die Welt verſteht, welche d dieſes Wort zum Synonym von Zerſtreuung und Thorheit macht. Sydney bietet dem Philaupen ein entmu gendes Schauſpiel; das Laſter wuchert in ſeinen Straßen und der Schmutz von Europa folgt überall 26 ſeinen Colonien. Der Fluch verfolgt die arme Menſch⸗ heit bis in das letzte Eden, welches ſie auf Erden eztdeckt hat. Im Augenblick, da die jungen Leute um die Ecke von Bogue⸗Street bogen, begegneten ſie einem Haufen Müſſiggänger, die von der andern Seite kamen und ihre Schritte nach einem großen, pomp⸗ haft decorirten und glänzend erleuchteten Gebäude richteten. „Der Gin baut ſich alſo ſeine Paläſte ſelbſt hier?“ ſagte unſer Held. „Es iſt nicht gerade ein Gin⸗Palaſt,“ antwortete ſein Gefährte,„und es gibt in Sydney noch viel ſchlechtere Orte als dieſer hier.“ Dick ſchlug die Augen auf und las in großen Buchſtaben über der Thüre die Worte: Shakeſpeare⸗Tempel von Webb. Seine Neugierde wurde durch dieſen Namen erregt und er trat näher, um den ungeheuren, zu beiden Seiten der Thüre befindlichen Anſchlagzettel zu leſen. Die angekündigte Vorſtellung beſtand in einer Art von dramatiſchem Salmigondis, aus Geſängen und Tänzen zugerichtet. Während des Abends ſollte Mme. Euphraſia Webb, die wahrhafte Erbin des Talentes von Mrs. Siddons, die Ode von Collins auf die Leidenſchaften declamiren und eine Scene aus Macbeth mit dem berühmten Tragöden Mr. Ketchford, dem großen Stern des Theaters von Dublin, ſpielen. Gog, der antediluvianiſche Rieſe(Dick er⸗ — G, W kannte daran leicht den Styl ſeiner ehemaligen Directrice) ſollte ſich gleichfallé im Laufe des Abends zeigen. Reſervirte Plätze 1 Schilling; 6 Pence die andern. NB. Während der Declamation der Ode über die Leidenſchaften und der Scene aus Macheth von der unvergleichlichen Mme. Euphraſia Webb iſt das Rauchen nicht geſtattet. „Ich möchte dieſe Leute ſehen,“ ſagte unſer Held, „und wenn es Ihnen gleich iſt, eine Stunde oder dergleichen an einem ſolchen Ort zuzubringen, „Wie es Ihnen beliebt,“ antwortete ſein Beglei⸗ ter,„obwohl ich,“ ſetzte er überraſcht hinzu,„nicht gerade erwartet hätte, daß dieſes Schauſpiel etwas Anziehendes für Sie habe.“ „Sie haben mir Schutz gewährt„ Sie haben mir das Leben gerettet.“ „Das Leben gerettet!“ wiederholte der junge Coloniſt. Dick erzählte ihm ſein Abenteuer mit den Webb nach ſeiner Flucht aus dem Hoſpital. „Der Elende!“ rief William Giles, an Amen Corter denkend, und an die ſchlechte Behandlung, die er über ſeinen neuen Freund verhängt hatte. „Ihr Leben iſt wahrhaftig voll Abentener geweſen, während das meinige dagegen beinahe keine Sorge gekannt hat. Der einzige Kummer, den ich jemals hatte, war, meine alten Kamaraden zu Erowshall zu verlaſſen. Die Liebe durfte ohne Zweifel,“ ſetzte er hinzu,„auf einer ſo ſeltſamen und wechſelnden Lauf⸗ bahn nicht fehlen.“ 28 Dieſe Bemerkung glich ſehr einer Frage, aber ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die er erhielt. William betrachtete Dick mit einer ſonderbaren Miene und ſeufzte gleichfalls. „Es muß Suſanne ſein,“ dachte er,„unmöglich können ſie vier Monate auf der Reiſe beiſammen geweſen ſein, ohne Liebe zu einander gefaßt zu haben. Nun, ich will nicht mehr an dieſelbe denken.“ Wie oft iſt man nicht einem ſolchen Entſchluß ungetreu geworden?* Beim Eintritt in den Shakeſpeare⸗Tempel fanden ſie an der Thüre den Director Webb, ſonſt Eugenio genannt. Sein Geſicht hatte noch immer denſelben Ausdruck von Liſt und Schlauheit. Die Zeit hatte ihn in ihrem Verlauf kaum etwas mitgenommen, und doch war der Director während ſeiner Wan⸗ derungen mit Sorge und Armuth nicht unbekannt geblieben; aber gewiſſe Menſchen ſind von Geburt an mit einer glücklichen Gleichgültigkeit begabt und dieß iſt der beſte Harniſch gegen Uebel, denen wir unterworfen ſind. Das Unglück gleitet an ihm herab, wie Waſſer über den Rücken der Ente, ohne eine Spur zurückzulaſſen. Es zerdrückt nur gefühl⸗ volle Herzen. Dick ließ wenigſtens ein Dutzend Perſonen vor⸗ überziehen, welche ſich einer Art Niſche näherten, wo ſein ehemaliger Patron ſaß, die Schillinge in Empfang nehmend und Karten dagegen austauſchend. Hunderte hätten zahlen können, ohne daß Webb ein einziges Mal die Augen aufgeſchlagen hätte: als ein kluger Mann betrachtete er nur die Geldſtücke. Aber als unſer Held näher tretend einen Souverain auf den Tiſch warf und Münze dafür begehrte, hob der Director den Kopf in die Höhe, wie wenn er plötzlich mitten aus einem Traum erwacht wäre und ſchaute ihn an. „Mein Geld, wenn's beliebt,“ wiederholte der junge Mann. „Mein Gott! ei, iſt es möglich!“ Dick blieb ruhig; nicht eine Muskel ſeines Ge⸗ ſichts bewegte ſich. „Ein Platz oder zwei?“ „Zwei.“ „Ein halber Souverain und acht Schillinge,“ ſagte der Director, ihm das Geld hinzählend,„treten Sie gefälligſt ein.“ Der Ton der Stimme unſeres Helden hatte eine vage Erinnerung geweckt und einen augenblicklichen Eindruck auf ihn gemacht; aber das Vergnügen, Geld einzunehmen, ließ ihn denſelben bald vergeſſen. Eugenio hatte trotz ſeines ppetiſchen Namens immer ein ſehr proſaiſch dem Soliden zugewendetes Auge. Das Innere des Shakeſpeare⸗Tempels war gerade wie viele Tempel heutzutage, ein Heilig⸗ thum ohne Gottheit, eine traurige Profanation des Genie's, deſſen Namen man ihm gegeben hatte. Den Anbetern nach zu urtheilen, beſtand der Cultus in Biertrinken, von dem eine enorme Quantität noch vor dem Anfang der Vorſtellung verſchluckt wor⸗ den war. Nach verſchiedenen, mehr oder weniger komiſchen Liedern und einigen Tänzen erſchien der Director und bat die Damen und die Herren, das Rauchen 30 aufzugeben, in Betracht, daß Mme. Euphraſia Webb ſie mit einer Ode Collins über die Leidenſchaften erfreuen wollte. Einige fügten ſich dieſer Aufforde⸗ rung und löſchten ihre Cigarren aus, aber bei weitem die Mehrheit verließ den Saal zur äußerſten Entrüſtung der Dame, welche in allem Stolz ihres weißen Muſſelin⸗Gewandes und eine Guitarre in Form einer Leyer in den dicken und rothen Händen haltend, auf die Scene vortrat. Hatte die Zeit Euphraſias Stimme nicht melodiös gemacht, ſo hatte ſie ihr wenigſtens einen ſehr ernſten Ton, der zugleich an den Contrebaß und das Ophi⸗ cléid erinnerte, gegeben. Dick ſelbſt bekam einen Schauer, als er ſie in ihrem möglichſt ſiddonianiſchen Accent anfangen hörte. Damals als die Muſik, des Himmels Tochter, noch In ihrer Kindheit war... „Das iſt verteufelt lang her,“ rief ein ci-devant junger Mann, der ſich in der Nähe der Bühne be⸗ fand. Ohne ſich um die Unterbrechung zu kümmern, fuhr die Dame fort: .. das ganze Griechenland Die Töne des Geſangs beklatſchte.. „Des Gekrächzes,“ wollen Sie ſagen, rief ein Anderer. . fanden ſich Die Leidenſchaften häufig, ihr zu lauſchen, ein. „Bu— wu— wu!“ bellte ein Straßenjunge auf dem Sixpence⸗Platz. Das war zu viel für die Geduld der Schau⸗ ſpielerin. Die vorangehenden Unterbrechungen waren von dem Schillingsplatz hergekommen, und bereits fühlte ſich ihre Würde verletzt. Aber dießmal hielt ſie inne und ſprach in hohem Baß Gogs Namen aus. Der Rieſe näherte ſich der Bühne und rauſchen⸗ der Beifall begrüßte ſein Erſcheinen. „Setze mir dieſen ſchmutzigen kleinen Schlingel vor die Thüre des Shakeſpeare⸗Tempels,“ ſagte Euphraſia, auf den Schuldigen deutend,„und gib ihm ſeine drei Pence wieder.“ „Ich habe ſechs Pence bezahlt,“ ſchrie der De⸗ linquent. „Schaffe den Elenden fort,“ ſetzte die Directrice hinzu. Gog ſtieg über die Bänke, packte den Jungen am Rockkragen und zog ihn, jedoch ohne weitere Gewalt anzuwenden, trotz der Fußſtöße und Fauſt⸗ ſchläge an die Kaſſe, wo Webb, anſtatt ihm drei Pence, gemäß den Inſtructionen ſeiner beſſeren Hälfte zurückzugeben, ihm ein gutes Paar Hiebe zur Strafe für ſeine Unterbrechung applicirte und ihn dann auf die Straße verſetzte. Nach dieſer Probe von Energie und Entſchieden⸗ heit gab es keine Unterbrechung mehr. Euphraſia fing ihre Declamation wieder an und vollendete ſie unter einer Stille, die feierlicher war als ihre mo⸗ notonen Laute. Dick und ſein Freund gingen einen Augenblick hinaus, um friſche Luft zu ſchöpfen. An der Kaſſe vorübergehend, hörten ſie den Director brummen: „Was liegt daran? das gefällt ihnen nicht, dieſen unwiſſenden Thieren, aber der Kampf mit Gog wird ſie ſchon wieder zurückbringen.“ Er redete wahr; die jungen Leute kehrten gerade zeitig zurück, um Zeugen davon zu ſein. Die Vorſtellung endete ſpät. Die Zuhörer hatten ſich ſchon zerſtreut, mit Ausnahme unſeres Helden und ſeines Begleiters. „Hebe den Vorhang noch nicht wieder auf, Gog,“ rief Webb,„ſie ſind noch nicht alle draußen.“ „Achtet nicht auf mich,“ antwortete Dick,„ich kenne das Geſchnüy.“ Eugenio machte große Augen. „Habt Ihr mich vergeſſen?“ ſetzte der junge Mann lächelnd hinzu.„Habt Ihr den armen kleinen Dick vergeſſen?“ Es wäre ſchwer, die nun folgende Scene zu be⸗ ſchreiben. In ſeiner Freude that der Director Alles, nur daß er ihn nicht umarmte. Dieſe Ehre war der erhabenen Euphraſia vorbehalten, welche, den Namen Dick hörend, hinter dem Vorhang heraus kam, und mit ausgeſtreckten Armen und fliegenden Haaren ausrief: „Mein Kind! mein Kind! mein ſchöner, mein braver Junge! Was Gog betraf, ſo äußerte ſich ſeine Freude in allen denkbaren Cabriolen zum großen Erſtaunen von William Giles. Dieſer betrachtete die Bewe⸗ gungen des Rieſen mit einem Gefühle, ähnlich dem⸗ jenigen eines Vauern, welcher zum erſten Mal die Spiele eines Wallfiſches ſieht. — — — L ſ 6 ( „O Idol meiner Seele!“ fuhr die Directrice fort, endlich unſeren Helden aus ihren Umarmungen fahren laſſend,„der Himmel hat die Gebete einer unglücklichen Mutter erhört und Heerſchaaren von Engeln haben an meiner Seite gefochten!“ „Großer Gott,“ flüſterte der junge Farmer,„iſt dieſe Frau wirklich Ihre Mutter?“ Dick lächelte; er erinnerte ſich vollkommen dieſer Tirade, die theilweiſe einem Melodram, theilweiſe Jane Shore entlehnt war. „Meine Gefühle überwältigen mich, Eugenio,“ ſchluchzte ſeine Fra ich ich „Sogleich, meine Liebe,“ antwortete ihr Gatte. „Halte Dich aufrecht!“ Euphraſia hörte nicht auf, leidenſchaftlich ihre Gefühle zu wecken, und es bedurfte nicht weniger als dreier Gläſer Gin⸗( Grog, um dieſelben ein wenig zu beruhigen. Unter all dieſem Pathos und dieſer Affectation war aber die Schauſpielerin doch wirklich entzückt, Dick zu ſehen. Sie hatte das arme, abgezehrte Kind nicht vergeſſen, das halbtodt vor Hunger und Kälte in ihr rollendes Haus gebracht worden war. Der Schirm und Bei ſtand, den ſie ihm hatten angedeihen laſſen, bildeten eines der ſeltenen guten Werke, deren Uebung in ihrer Macht geweſen war. Biſt Du einer unſerer Sterne?“ fragte ſie. „Sie iſt närriſch,“ murmelte William Giles, für welchen die Sprache der Schauſpielerin ebenſo un⸗ begreiflich war wie die ägyptiſchen Hieroglyphen, „ſie iſt närriſch, oder.. Das Erbe. UI. 3 34 Unſer Reſpect vor der erhabenen Euphraſia ge⸗ ſtattet uns nicht, die Phraſe zu vollenden. „Ich bin nicht beim Theater,“ antwortete Dick. Mrs. Webb(s iſt beinahe eine ruchloſe Läſte⸗ rung, dieſe erhabene und majeſtätiſche Frau mit einem ſo gemeinen Namen zu bezeichnen, aber es war einmal ihr legitimer Name) Mrs. Webb wollte abſolut die Hand unſeres Helden behalten, während er einige Details aus ſeinem abenteuerlichen Leben, das Zuſammentreffen mit Sam in Drurylane, Mis gnonne's Heirath u. ſ. w. erzählte. „In Drurylane?“ wiederholte der Director,„ei, ich habe immer geſagt, daß Stoff in dieſem Jungen lag, nicht wahr, meine Liebe?“ „Nicht jedes Genie iſt zu vegetiren verurtheilt,“ entgegnete ſeine Frau mit großer Würde,„mein Stunde wird kommen, ich fühle es, ſie können meiner nicht entbehren.“ Als Gog vollſtändig begriff, daß Mignonne, ſein theure Mignonne, die Frau eines reichen Gentle⸗ mans war und ein wahrhaftes lebendes Kind hatt vollbrachte er zum Ausdruck ſeiner Freude ebenſo viel Pirouetten als ein tanzender Derwiſch. 7 „Sie redet oft von Dir,“ ſagte unſer Held. „Wirklich?“ ſchluchzte der Rieſe,„aber wirklich ſo, oder ſagen Sie mir das nur, um mir Freudt zu machen?“ „Sehr oft, ich verſichere Dich, und was noch mehr iſt, ſie hat Deinen Namen einem prächtigen Hund gegeben.“ Ich hoffe, daß er treu iſt,“ erwiderte der arm 3 7 † ei, en ine ner ine le⸗ tte⸗ nſo lich ude och gen 35 Menſch.„Gott ſegne ſie! Wie gern möchte ich ſie ſehen und auch es.“ Es das war das Kind. Webb wollte abſolut, daß Dick und ſein Freund ihre Schillinge zuruͤcknehmen. Es war für ihn ein Ehren⸗ punkt, und ſie mußten ihm nachgeben. Zur Antwort auf die Fragen unſeres Helden bezüglich ſeiner Glücksumſtände beruhigte ihn der Director durch die Verſicherung, der Shakeſpeare⸗Tempel ſei ſein Eigen⸗ thum und Sidney das Eldorado für ihn. Er hatte dieſes Wort von ſeiner Frau gelernt. Kurz, weit entfernt, Unterſtützung zu bedürfen, würde er ſich glücklich ſchätzen, ſeinem ehemaligen Zögling beizuſtehen, wenn es dieſem begegnete, Geld zu brauchen. Es iſt unnöthig, zu ſagen, daß dieſes Anerbieten abgelehnt wurde. Die Empfindungen der Directrice drohten von Neuem das Uebergewicht zu erlangen, als ſie erfuhr, daß ihr Adoptivſohn, wie ſie beharrlich unſeren Helden nannte, am nächſten Tag nach Melbourne abreiſen ſollte. Die Augen auf Eugenio heftend, fragte ſie ihn, warum das Unglück ſie ſeit ihrer Geburt derfolge? warum ſie verdammt wäre, ſich von Allem, was ſie auf der Welt liebte, losgeriſſen zu ſehen? Der verwirrte Director war natürlich außer Stand, ihre Neugierde in dieſer Beziehung zu be⸗ friedigen; aber er that, was unter ſolchen Umſtänden das Beſte zu thun war; er ſchenkte ihr eine vierte Doſis der Medicin ein, welche noch ſo eben eine ſo heilſame Wirkung hervorgebracht hatte. Die lär⸗ 36 menden Wehklagen Euphraſia's machten allmälig einem dumpfen Gemurmel Platz, als ſie dieſelbe ver⸗ ſchluckt hatte, und ſie begnügte ſich, unſerem Helden die Hand zu drücken, als er ihr Adieu ſagte. Gog beſtand darauf, ihn wie William Giles zum Hotel zu begleiten. Sidney iſt nicht der ſicherſte Ort in der Welt um Mitternacht und ſolche Escorte war nicht zu verachten. Unterwegs machte der arme Rieſe hundert Fragen bezüglich Mignonnes und ihres Kindes; ſeine Neugierde war unerſättlich. „Das iſt ein edler Junge,“ ſagte er, von dem Tänzer redend.„Vor zwei Jahren ſteckten wir recht in der Patſche, denn die Märkte ſind nicht mehr ſo gut wie ehemals; ſelbſt Mrs. Webb konnte das Publikum nicht zum Eintritt bewegen; es half ebenſo wenig, den Kothurn anzuziehen; da hat uns Sam alle nach Sydney geſchickt.“ Obgleich Dick dieſe Einzelnheit mit Vergnügen erfuhr, bedurfte er doch dieſes Zeugniſſes nicht, um das Herz ſeines Freundes kennen zu lernen. Von Sydney bis Melbourne ſind es ungefähr ſechshundert(engl.) Meilen. Wir ſagen nichts von der Reiſe und langen mit den Wanderern im Hafen von Melbourne an, in deſſen Nachbarſchaft die Farm von Williams Vater gelegen war. Der Alte hatte alle Mühe von der Welt, Dick zu bewegen, daß er eine Nacht unter ſeinem Dache zubrachte; ſo ungeduldig war er, nicht allein Martha wieder zu ſehen, für welche er immer eine kindliche Liebe hegte, ſondern auch die Zweifel zu zerſtreuen, welche unſeren Helden in Bezug auf ſeine Geburt wuälten. Hätte önſer Held Gold eſſen können, der — — m ht ſo as ſo m 37 ehrliche Coloniſt und ſeine Frau hätten ihm gern davon vorgeſetzt, zum Dank für den edelmüthigen Schutz, welchen er ihrer Richte hatte angedeihen laſſen. „Sie müſſen hier bleiben,“ ſprach der alte Giles, „und morgen früh ſoll William Sie auf die Hoffnungs⸗ farm führen.“ Unter dieſer Bedingung gab Dick nach. Das würdige Paar konnte nicht müde werden, iach ſeinen alten Freunden und Bekannten von Crowshall zu fragen: wer war verheirathet? wer war todt? Welche Veränderungen waren in der Ge⸗ gend vorgekommen? Ihr Groll gegen den Advocaten ſchien ſo heftig als j „Ein gottloſer Nenſch“ ſagte der alte Giles, „ein ſehr gottloſer Menſo ch! Weder ihm, noch dem⸗ jenigen, den er vertritt, kann es gut hen es ſind zwei Böſewichte. Ich habe ſie über die Felder mit wogendem Getraide gehen ſehen, ohne anzuhalten und den gelbwerdenden Aehren einen Blick zu ſchen⸗ ken, oder auf das Zwitſchern der Lerche, die Gott ſegnen möge, zu horchen!“ „Haben Sie viel Singvögel in Auſtralien?“ fragte Dick. Micht ſo viel als in Crowshall,“ antwortete die Frau,„aber wir haben deren viele, die ſchwatzen. Das iſt eine Papagaien⸗ Paſtete, die Sie zum Souper gegeſſen haben. Das Land iſt in gewiſſen Rückſich⸗ ten ſchön, in andern ſonderbar; doch fange ich an, mich daran zu gewöhnen. Es gibt Geſchöpfe mit vier Beinen, welche auf den Hinterfüßen gehen und ihre Jungen in den Taſchen tragen; Katzen, welche wie Vögel fliegen.“ „Sie müſſen hübſch Mäuſe fangen,“ ſagte Jack mit erſtaunter Miene. Unſer Held hatte zu oft von dem Känguruh und dem großen Handflügler⸗Vampyr Auſtraliens gehört, um erſtaunt zu ſein. Endlich ermüdete ſelbſt die Geſchwätzigkeit von Mrs. Giles und man begab ſich zu Bette, da William und Dick mit dem frühen Morgen nach der Hoffnungsfarm abreiſen ſollten. Die gaſtfreundliche Farmerin war vor ihnen auf und ein wahres auſtraliſches Frühſtück war für ſie aufgetragen, als ſie hinabkamen. Für Jack war es ein Land, wo wirklich Milch und Honig floß. Bei der Menge der vor ihm aufgepflanzten Leckerbiſſen hatte er beinahe ſeine ſchrecklichen Abenteuer ver⸗ geſſen. Suſanne, die hübſche Suſanne war nachdenklich, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, als Dick rief, daß es Zeit zum Aufbruch ſei. Dieſe Thränen rühr⸗ ten offenbar nur von ihrer Dankbarkeit her, aber ſie brachten eine auffallende Wirkung auf William Giles hervor, der bereits wahnſinnig in ſeine Couſine ver⸗ liebt war. Er konnte ſie nicht fließen ſehen ſondern erklärte, nach ſeiner Flinte greifend, er wolle vorausgehen und ihn am Fuße des Oſtberges er⸗ warten. „Sind Sie krank, mein lieber Freund?“ fragte unſer Held, betroffen von der Bläſſe ſeiner Züge, als er wieder zu ihm ſtieß.. Nein... es iſt nichts,“ murmelte der junge Farmer, ſich raſch abwendend,„die Gebirgsluft wird mir gut thun. Ich bin ein Rarr, ein wahrer Narr. Aber geben Sie mir Ihte Hand, Dick. Ich klage Sie nicht wegen meines Unglücks an. Es iſt ganz natürlich, daß Sie ſich in einander verliebt haben.“ Einen Augenblick bildete ſich ſein Begleiter ein, derſelbe habe plötzlich einen Anfall von Wahn⸗ ſinn bekommen, ſo unbegreiflich war ihm, worauf er anſpielte. „Ich liebte ſie,“ fuhr William fort,„ſchon ehe ich England verließ. Ohne Zweifel war ſie damals erſt ein Kind, aber ich empfand nichts deſto weniger Liebe für ſie. Davon habe ich mich wieder über⸗ zeugt, als ich mich beim Ton ihrer Stimme ganz ergriffen fühlte und wie einſt in ihre ſchönen blauen Augen ſchaute; in dieſem Augenblick kam mir das alte Gefühl wieder ſchnell zurück und ich wußte, was es zu bedeuten hatte.“ „Das iſt ein Vortheil, den Sie über mich haben,“ erwiderte Dick, der nur zur Hälfte ſeine Anſpielun⸗ gen verſtand.„Erklären Sie ſich deutlicher. Von wem reden Sie?“ Von Ihnen und Suſanne,“ erwiderte Wil⸗ liam mit einem Seufzer.„Euretwegen bin ich vorausgegangen, um Euren Abſchied nicht zu ſtören.“ „Unſer Abſchied war ſehr kurz,“ ſagte ſein Freund lächelnd.„Sie hätten ihn bis zum letzten Wort hören dürfen, und doch, wenn ich es recht überlege, iſt es beſſer, daß Sie ihn nicht gehört haben. Die Phrophezeiung, die ich Suſanne in's Ohr flüſterte, 40 hätte Sie zum Erröthen gebracht, wenn Sie dabei geweſen wären.“ „Die Prophezeiung?“ „Ja: ich ſagte ihr, ſie werde, ehe ein Jahr ver⸗ gehe, verheirathet ſein, und ich habe ihr verſpro⸗ chen, auf ihrer Hochzeit zu tanzen, wenn ich noch im Lande wäre und ſie mir ein Einladungsſchrei⸗ ben ſchicke.“ „Wie!“ rief William Giles,„Sie lieben dieſelbe alſo nicht?“ „Gewiß, als ein gutes und treffliches Mädchen, das meines Schutzes bedürftig war und ſich deſ⸗ ſen vollkommen würdig gezeigt hat; aber das iſt Alles.“ „Aber Suſanne liebt Sie,“ ſetzte der junge Mann niedergeſchlagen hinzu. „Ich hoffe wohl,“ antwortete Dick.„Nie hat ein Mann den Arm zur Vertheidigung einer Frau erhoben, ohne daß dieſe ihn geliebt hätte; aber die⸗ ſes Gefühl iſt nicht die Liebe, und ich danke Gott dafür,“ ſetzte er ernſthafter hinzu,„denn mein Herz gehört unwiderruflich.... und für immer einer Andern.“ Dieſe offenherzige Erklärung brachte eine ſicht⸗ bare Veränderung in der Phyſiognomie ſeines Be⸗ gleiters hervor; ſeine düſtere Traurigkeit verſchwand und ſeine Unterhaltung wurde belebt und fröhlich, wie am Tage ihres erſten Zuſammentreffens. „Sie nehmen mir eine große Laſt vom Herzen,“ ſagte er, Dick herzlich die Hand drückend,„und ob⸗ gleich ſie die erſte war, wovon ich mich bedrückt fühlte, ſo ſchwöre ich Ihnen, ſie war darum nicht 41 weniger ſchmerzlich. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie glücklich Sie mich machen. Wie Schade, daß die beiden Farmen ſo fern von einander lie⸗ gen! Aber das wird uns nicht hindern, Freunde zu ſein.“ Unſer Held verſprach ihm daſſelbe. Da es das erſte Mal war, daß Dick in das Innere des Landes eindrang, ſo gewährte es ihm viele Unterhaltung, das beſondere Ausſehen der Na⸗ tur, die ſonderbare Vegetation, womit ſie bekleidet war, zu betrachten. Bald ſah er einen Flug Papa⸗ gaien ſchreiend über ſeinem Kopfe hinziehen, bald entlockte ihm das zarte und glänzende Gefieder der rothhalſigen Taube einen Ruf der Bewunderung. „Das iſt entzückend!“ ſagte er, ſeine Augen rings herum werfend,„die Natur iſt hier ver⸗ ſchwenderiſch mit ihren Gaben, Alles ſcheint gut und ſchön. 4 „Das iſt wahr,“ entgegnete William Giles,„das einzige gefährliche Geſchöpf iſt der Menſch. Das Land wird durch die Waldläufer unſicher gemacht, entflohene Sträflinge nit Menſchen, deren Verbrechen ſie in England längſt an den Galgen gebracht hätte.“ „Glauben Sie, daß wir begegnen wer⸗ den?“ fragte Dick, das Schloß des Karabiners unter⸗ ſuchend, welchen der alte Giles ihm zum Beweis ſeiner Dankbarkeit für den Suſanne geleiſteten Schutz geſchenkt hatte. Er war froh, nicht ohne Waffe zu n ſein. 42 Achtunddreißigſtes Kapitel. Die Hoffnungsfarm. Als Amen Corner hörte, daß ſeine Frau ſo ganz in ſeiner Nähe war, erwachten alle ſeine ſchlechten Empfindungen wieder. Wäre ſie in Armuth, im Elend, in Trübſal geweſen, er hätte ſich darüber ge⸗ ſreut; aber ſie glücklich und im Ueberfluß zu wiſſen, das ärgerte ihn. „Mit welchem Recht,“ ſprach er bei ſich,„hat ſie ein Haus zum Obdach, während ich gezwungen bin, in den Wäldern Schutz zu ſuchen? Mit wel⸗ chem Recht lebt ſie im Ueberfluß, während ich Hunger leide? Mit welchem Recht lebt ſie in Ge⸗ wiſſensruhe, während ich von Bekümmerniß gequält werde?“ Denn Bekümmerniß war es und nicht Gewiſſens⸗ vorwurf, was ſeine Uebelthaten erzeugten; Beküm⸗ merniß, wie ſie der Cgoiſt empfindet, wenn er zu ſpät im Spiel des Lebens entdeckt, daß Rechtſchaffen⸗ heit die einzige gewinnende Karte iſt. Der entflohene Sträfling kam ſich als außer⸗ ordentlich mißhandelt vor. Er wäre vielleicht in Verlegenheit geweſen, anzugeben, in welcher Beziehung, denn ſeine Logik war wo möglich noch weniger werth, als ſeine Moral, deren Unwürdigkeit unſere Leſer vollkommen kennen. Je mehr er über dieſe Kunde nachdachte, deſto empfindlicher wurden die Qualen des Haſſes und Neid s. So beſchloß er, ſich zu rächen. Dieß iſt — das ſacramentaliſche Wort, weches die Vergießung von Blut in den Augen des Mörders, den Dieb⸗ ſtahl in den Augen des Diebs, die Grauſamkeit in den Augen des Niederträchtigen und Feiglings recht⸗ fertigt. Sich rächen! an derjenigen, deren Ver⸗ trauen er verrathen, die er mit ſyſtematiſcher Bru⸗ talität behandelt; an derjenigen, deren Sonne er verfinſtert hatte, indem er ihre einſt ſo glückliche Wohnung in etwas Traurigeres als einen Kerker verwandelt hatte. Es iſt kaum glaublich, auf wie viele, des Men— ſchennamens unwürdige Weſen ſich die Fabel von dem Wolf und Lamm anwenden läßt. Und neun Mal von zehn hat das zweibeinige Thier die Sanction des Geſetzes für ſich. Eine Menge Ehe⸗ männer bilden ſich, wie die täglichen Policei⸗Rapporte beweiſen, ein, es ſei eines ihrer ehelichen Privilegien, ihre Gattinnen zu ſchlagen, auszuplündern, zu be⸗ ſchimpfen, und ohne Zweifel würde das vierfüßige Thier dieſelben Vortheile genießen, wenn die Thiere ein Parlament hätten. Das einzige Mitglied der Bande, zu dem er Vertrauen hatte, war Bill Spuggins, der Spitzbube. Wiewohl es ſchwer war, zwei verſchiedenere Charae— tere zu finden, beſtand zwiſchen ihnen ein Band der Sympathie, der Haß gegen unſern Helden, wel⸗ chem beide das, was ſie ihr Unglück nannten, ſchuld gaben. Er zog ihn von ſeinen Genoſſen peiſeite und theilte ihm ſeine gemachte Entdeckung mit. „Deine Frau auf der Hoffnungsfarm?“ wieder⸗ holte der Spitzbube mit vergnügtem Lachen,„Du 44 haſt Glück. Ich wollte, meine Bet wäre auch is Das gibt für Dich eine ebenſo ergiebige Einkom⸗ mensquelle, wie ein ſchönes Gut, wenn Du es recht anzugreifen weißt.“ 6 „Aber ſie verabſcheut mich,“ ſagte der Ex⸗Kirch⸗ ſpielſchreiber. „Um ſo beſſer,“ entgegnete Bill, ganz im Tone philoſophiſcher Gleichgültigkeit,„wenn ſie Dich nur fürchtet. Man muß ſie allein zu ſehen ſuchen.“ „Das wird ſchwer ſein.“ „Es iſt nichts ſchwer für einen entſchloſſenen Burſchen. Hat ſie ſich wieder verheirathet?“ „Nein, nein,“ antwortete Amen Corner,„dazu iſt ſie viel zu gewiſſenhaft. Die Thörin glaubt an Religion und dergleichen Albernheiten.“ Der Spitzbube nickte beifällig mit dem Kopf. „Sie wohnt bei ihrem Bruder,“ ſetzte der Gatte hinzu. Welcher Beſitzer der Farm iſt, ohne Zweifel?“ ———— 1 — „Ich glaube ſo.“ „Iſt er verheirathet?“. „Er iſt es geweſen; jedenfalls hat er einen Sohn, den jungen Schurken, von dem Du weißt. Aber der iſt ohne Zweifel in England und für ihn längſt verloren.“ „Ich möchte, er wäre hier,“ murmelte der Räu⸗ ber, mit den Zähnen knirſchend.„Ich will nicht ſterben, ohne mich an ihm gerächt zu haben.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Amen. „Meiner Treu!“ fuhr Bill nach augenblicklichem Nachdenken fort,„ich glaube, daß wir zuletzt Trumpf umſchlagen. Ich wußte wohl, doß wir mit einem 45 Haben herauskommen würden, denn es iſt ſchon lang her, daß wir paſſen.“ Sein Genoſſe erklärte zur Antwort auf dieſe ziemlich alltägliche Bemerkung, daß Trumpf gekom⸗ men ſei und daß er kein anderes Verlangen mehr als das der Rache habe. „Das iſt ganz natürlich,“ rief Spuggins mit einem plötzlichen Ausbruch von Sympathie.„Ich ſchätze den Mann, welcher wahren Muth hat; das rührt mir das Herz..... Setzen wir uns,“ fügte er hinzu,„und ſchwatzen noch weiter. klug und be⸗ ſonnen darüber.“ Amen Corner hatte großen Reſpect vor dem Scharfſinn ſeines Genoſſen, denn Bill hatte bei mehr als einer Gelegenheit Beweis davon ge⸗ liefert, und beſonders ſeit ihrer Flucht; er machte ſich alſo bereit, ſeine Rathſchläge geduldig anzu⸗ hören. „Die Rache iſt, wie Ihr ſagt, ein ſehr angeneh⸗ mes Ding, Mr. Corner,“ fuhr der Spitzbube fort, „ich finde ſelbſt Geſchmack an dieſer Schüſſel, aber gerade wie bei den meiſten Süßigkeiten läßt man ſich verleiten, allzu viel auf einmal davon zu ge⸗ nießen, ſo daß das Brod am Ende trocken bleibt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ D „Daß man ſie ſtrecken muß, Mr. Corner, ja, ſtrecken, wie Zuckerſyrup oder Honig. Das iſt nicht ſo gut, ich geſtehe es, aber es macht, daß man die harten Kruſten beſſer ſchlucken kann. Wie heißt Dein koſtbarer Schwager?“ „Georg Chaſon.“ 46 „Angenommen, er ſtürbe, an wen würde die Farm kommen?“ „An meine Frau, denke ich.“ „Du denkſt,“ wiederholte ſein Genoſſe,„ſie würde ganz natürlich an dieſelbe kommen. Was er beſitzt, würde ihr gehören, und was ſie beſitzt, Dir. So lautet es im Geſetz und den Propheten auf der ganzen Welt!.. Nun, tödte alſo ihn für den Anfang,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu, „das iſt es, was ich Dir mit dem Strecken rathen wollte.“ 3 „Du haſt recht,“ ſagte Amen, ſeine Hand faſſend.„Mit ihr werde ich mich hernach be⸗ ſchäftigen.“ „Ohne Zweifel. Siehſt Du nicht, daß, wenn Du Herr des Hauſes und der Farm wäreſt, Du von dem Gouverneur Pardon erhalten und einem Freunde einen Dienſt leiſten könnteſt, beſonders wenner Dir einen Handſchlag gegeben hätte. Ich bin des Lebens müde, das wir führen, den ganzen Tag an der Sonne zu braten, und die Nacht in den Wäldern zu ſchnattern, nur halb genährt, halb ge⸗ kleidet zu ſein, und nichts cls Waſſer, um die Kehle auszuſpülen, kaltes und ſchmutziges Waſſer.“ Dieß war ein Punkt, worin der Ex⸗Kirchſpiel⸗ ſchreiber mit Bill Spuggins vollkommen einverſtan⸗ den war. Auch er wünſchte glühend, unter civiliſirte Menſchen zurückzukehren, nicht um ſich in Berührung mit deren edlerem Einfluß zu beſſern, ſondern um von ihren Laſtern und Freuden zu genießen. Nit Geld konnte er Mittel finden, nach England zurück⸗ zukehren, denn in Auſtralien wie im Mutterlande m it de 47 ebnete Geld alle Schwierigkeiten. Es gibt in Sydney eine Claſſe Menſchen, welche ſich zur Aufgabe machen, jeden Sträfling aus der Colonie hinwegzubringen, vorausgeſetzt, daß man ihnen ihren Preis, das heißt, eine ziemlich ſtarke Summe bezahlt, und die beiden Sprechenden wußten das wohl. „Ich mache mir nicht viel aus der Farm und habe keine Luſt, hier zu bleiben,“ ſagte Amen, „England iſt das Land, das ich für mein Geld brauche.“ „Ich auch nicht,“ erwiderte Bill; vei! ich würde ein ganz anderer Menſch zu London ſein; kein Po⸗ liceiagent würde mich mehr kennen. Ich frage mich oft, was meine alten Kamaraden machen, und wie es kommt, daß ich von Bet keine Nachrichten erhalten habe: es iſt ein geſchicktes Mädchen, eine ſchlaue Mücke!“ „Vielleicht hat ſie ſich gebeſſert!“ ſagte ſein Genoſſe. Der Räuber ſch aute ihn einen Augenblick an, um zu ſehen, ob er im Ernſt rede, und brach dann in ein eyniſches Gelächter aus. „Gebeſſert!“ wiederholte er,„Herr Gott! Mr. Corner, Ihr ſeid Allem nach nicht recht auf dem Laufenden mit den Dingen. Es iſt für einen Mann in Engl land ſehr ſchwer, ſich zu beſſern, aber für eine Frau umglch Ver würde ihr denn helfen? Wer an die Aufrichtigkeit ihrer Bekehrung glauben? Wer würde ihr Arbeit geben? Selbſt im Werkhauſe würde man ſie beſchnüffeln; aber Bet hat zu viel Herz, um dahin zu gehen; ſie würde noch das Ge⸗ fängniß vorziehen; man iſt da nicht halb ſ o allein und gibt dort beſſere Koſt. Allerdings kann der Hauspfaffe Einen wüthend dumm machen,“ ſetzte er hinzu, denn die Crinnerung kehrte ihm mit einer Menge Details zurück,„aber man beſchwatzt ihn und ſo wird er am Ende erträglich.“ Am nächſten Tag machten ſich die beiden Braven auf, die Farm zu beaugenſcheinigen. Das Glück war Georg Chaſon günſtig. Er hatte von ſeiner erſten Ankunft in der Colonie den Werth der Arbeit erkannt, und ſich, anſtatt ſein Capital in den Vergnügungen des Stadtlebens zu verſchwenden, entſchloſſen an's Werk gemacht, ſein Landſtück um⸗ zubrechen, das ihm bald nicht allein die Bedürfniſſe des Lebens lieferte, ſondern noch ein ſchönes In⸗ tereſſe von dem aufgewendeten Capital abwarf. Mit den Jahren ſchlug er zu ſeinem Eigenthum noch mehrere Schafpferche. Da er die Leute, die er be⸗ ſchäftigte, mit ebenſo viel Wohlwollen als kluger Feſtigkeit behandelte, gewann er treue Diener, ſo daß er zu der Zeit, bei welcher wir angelangt ſind, nicht bloß für einen der reſpectabelſten, ſon⸗ dern auch einen der reichſten Eigenthümer der Co⸗ „lonie galt. Was Martha betraf, ſo ſchien ihr nach dem trau⸗ c„— — rigen Loos ſeit ihrer Heirath die Ruhe und der Ueberfluß in ihres Bruders Hauſe ein irdiſches Pa⸗ radies. Ein Paradies, einen Kummer; eine geheime Beſorgniß entlockte ihr manchmal Thränen, und ihre Wange erblaßte vor Schrecken. Der Kummer galt ihrem verlorenen Knaben; die Beſorgniß entſtand bei dem Gedanken, ihren unwür⸗ agen wir; o nein! ſie hatte 49 ſie Jacob Bantem auf Bitten von Patience brieflich in Kenntniß geſetzt hatte. Sie kannte das gottloſe und rachſüchtige Gemüth Amens; auch zitterte ſie nicht ſo ſehr für ihre eigene Sicherheit, als für ihren guten und edeln Bruder, der durch ſeine zärtliche Liebe ihr die Leiden und Täuſchungen der vergangenen Zeit in Vergeſſenheit zu bringen bemüht war. Sie verbarg ihm ſorgfältig die Nachricht, die ſie erhalten hatte. Sie wußte wohl, wie kränkend es für ſeinen edeln Stolz wäre, wenn er erführe, daß ſein Schwager Sträfling in dem Lande ſei, wo er die allgemeinſte Achtung genoß. Es war das erſte und einzige Geheimniß, das ſie vor ihm hatte, und ſie ſah die Folgen davon nicht voraus. Als er ſich im Lande niederließ, hatte Georg eine lange Reihe Gebände errichtet, deren einer Theil ihm als Scheune diente, wo er Getreide und andere Feldfrüchte und ſein Ackergeräth aufbewahrte, während der andere ſeine Wohnung bildete. Da ſeine Umſtände ſich immer mehr verbeſſerten, ſtieß er nach und nach verſchiedene Flügel an das Haus, ſo daß es am Ende Verhältniſſe bekam, die einen engliſchen Farmer in Erſtaunen geſetzt hätten; aber in Auſtralien macht man die Dinge in's Große. Obgleich Arbeit das Loſungswort auf der Hoffnungsfarm war, gab Georg doch nicht zu, daß Martha viel daran Theil nahm. Es war ſeine Freude, wenn er nach einem langen, mit Beauf⸗ ſichtigung ſeiner zahlreichen, von einander entfernt liegenden Schafpferche zugebrachten Tage heimkehrte, Das Erbe. III. 4 digen Gatten wieder zu ſehen, von deſſen Schickſal 50 ſich an's Feuer zu ſetzen und mit ſeiner Schweſter d von ehemaligen Zeiten zu plaudern. „Wir werden bald nach England zurückkehren,“ ſagte er oft,„um Dick aufzuſuchen. Warte nur, bis ich meine Farm verkauft habe.“ Aber eine Farm wie diejenige Georgs war nicht leicht zu verkaufen. In England wäre es ein Herr⸗ ſchaftsgut geweſen. Martha hatte zwei Mägde, die ſich mit den häuslichen Arbeiten beſchäftigten; die eine, Namens Betſy Erump, war die Frau des Oberhirten; die andere, viel jünger, war eine zugewieſene, mit andern Worten, eine zur Deportation verurtheilte Magd. Wer weiß, wie ſolche Geſchöpfe meiſtens von den Herren behandelt werden, in deren Hände ſie fallen, kann ſich die Dankbarkeit vorſtellen, welche das arme Mädchen für Martha's Wohlwollen und Theilnahme empfand. Mary Chells hatte in Eng⸗ land gedient. Von dem Sohn ihrer Gebieterin ver⸗ führt und wie ein Unkraut in die Welt hinausge⸗ ſtoßen, würde ſie ſich gebeſſert haben, wenn man es geſtattet hätte; aber die Geſellſchaft, oder wenigſtens der Theil der Geſelſſchaft, welcher allein ihr zu hel⸗ 3 fen im Stande geweſen wäre, hat in ſeiner tugend⸗ haften Entrüſtung erklärt, daß es für ähnliche Sün derinnen keine Reue gibt; hat es, wenn nicht in förmlichen Ausdrücken, wenigſtens durch 3 ————— — c—, —,——, — N lungen erklärt. Niemand wollte ihr Beſchäftigung geben, ſo daß ſie ſank und ſo tief ſank, bis es ihr unmöglich war, noch tiefer herunterzukommen; darauf verurtheilten ſie die Richter zur Deportation, nach⸗ e E d n8 el⸗ d⸗ m⸗ in id⸗ ng ihr auf ich⸗ 51 dem man ſie mit dem Namen einer ſchamloſen Ver⸗ worfenen gebrandmarkt hatte. Es war der einzige wahre Dienſt, der ihr je geleiſtet wurde bis zu ihrer Ankunſt in Auſtralien, wo Martha trotz des Abrathens von Betſy Grump, die allen Stolz der freien Frau beſaß, ſie in Dienſt rahm und es nie zu bereuen Urſache hatte, denn das arme Geſchöpf liebte ſie mit all der rohen Treue eines unordentlichen, aber nicht von Natur laſter⸗ haften Herzens. Was die ſchuldigé Arbeit betraf, ſo ging ſie mit Freuden daran; ſelbſt die tugendhafte Mrs. Crump war dieß zuzugeben gezwungen, wie⸗ wohl ſie dieſelbe bitter haßte. „Es thut mir gut,“ antwortete Mary, wenn ihre Herrin ſie aufforderte, ſich nicht unnöthig abzumühen, „mein Geiſt iſt nie ruhig, als wenn meine Hände etwas zu thun haben, oder Sie mit mir ſprechen. Dänn fühle ich, daß ich wieder rechtſchaffen gewor⸗ den bin.“ Ein Zug ihres Characters war, daß ſie nie die Gerechtigkeit des Spruchs, der ſie aus dem Vater⸗ land verbannt hatte, in Abrede zog und keinen Groll an den Tag legte, wenn Betſy dieſelbe vor⸗ wurfsvoll daran mahnte, was jene ſich jedoch nur erlaubte, wenn ſie allein zuſammen waren; denn Georg und ſeine Schweſter hätten ſie deßhalb gewiß zurecht gewieſen. Der Eigenthümer der Hoffnungsfarm war zur Beſichtigung eines ſehr entfernten Schafpferchs ab⸗ gegangen und ſollte erſt Abends wieder zurückkehren, als Amen Corner und ſein gräßlicher Spießgeſelle ſich zu ihrer Erpediton auf den Weg machten. Crump, der Hirte, hatte ihn begleitet; es ieben alſo nur die drei Frauen zu Hauſe, ein mſtand, den glücklicher Weiſe die Räuber nicht wußten. Martha fühlte ſich ſehr niedergeſchlagen, wäh⸗ rend ſie allein in ihrem einfach, aber behaglich meu⸗ blirten Zimmer ſaß; und da ſie den Kampf mit den Gedanken, die ſich ihr in Menge aufdrängten, nicht aufnehmen konnte, ging ſie hinaus, um das Volk auf dem Geflügelhof zu füttern, in der Hoffnung, dieſe Beſchäftigung würde ihren Vorſtellungen eine andere Richtung geben. „Es hilft nichts,“ ſagte ſie, nachdem ſie unter ihre befiederten Lieblinge den Mais vertheilt hatte; „ich habe nur ein einziges Mal ein ſo ſchreckliches Vorgefühl gehabt. Es iſt die Einſamkeit des Hau⸗ ſes, und doch weiß ich nicht, warum dieſe Ein⸗ ſamkeit mir mißfallen ſollte; ſie iſt mir ein Pfand der Sicherheit. Amen wird mich hier niemals finden.“ Sie vermuthete wohl nicht, daß eben in dem Augenblick, wo ſie ſich mit dieſer Betrachtung zu tröſten ſuchte, der Gatte, den ſie wieder zu ſehen ſo ſehr fürchtete, hinter dem Stamm eines Gummi⸗ baumes verborgen, jede ihrer Bewegungen be⸗ lauſchte. Ohne von der Prüfung etwas zu ahnen, die ihrer wartete, ſtieg ſie raſch den Abhang des Hü⸗ gels hinauf, von deſſen Höhe man deutlich die ganze Gebirgskette und einen Theil des düſtern Waldes erblickte. Auf dem entlegenſten Punkte dieſer Einöde von Gehölz und Moraſt hatten die Waldläufer ihr Zelt aufgeſchlagen. „Man iſt ſehr allein hier,“ murmelte Martha ſeufzend,„und ich könnte hier ſo glücklich leben, wenn „Wenn was?“ fragte eine Stimme hinter ihr. Sie ſchauderte zuſammen und wandte ſich um: der Gegenſtand ihres unaufhörlichen Schreckens, der Schatten auf ihrem Lebenspfade ſtand vor ihr. Die Wangen des Opfers erbleichten vor Schrecken. Sie bewegte die Lippen, aber kein Laut kam über dieſelben, und ſie blieb ſo feſt gewurzelt auf ihrem Platz, wie ein armer, zitternder Vogel, bezaubert durch den Blick einer Klapperſchlange. Inzwiſchen weidete ſich der Verbrecher an ihrer Qual. „Amen!“ brachte ſie endlich mit Anſtrengung hervor. „Ah! Du haſt mich alſo doch nicht vergeſſen?“ rief der Elende mit ſarkaſtiſchem Lachen. „Nein, nein, ich müßte blind und lahm, und meine Jahre zahlreicher als meine Leiden ſein, wenn ich Dich je vergäße.“ „Zärtliches Geſchöpf!“ murmelte der Ex⸗Kirch⸗ ſpielſchreiber.„Aber komm,“ ſetzte er hinzu,„hier iſt nicht der Ort für das, was ich Dir zu ſagen habe. Ich brauche nicht, daß ein neugieriges Auge Zeuge unſerer Zuſammenkunft iſt. Folge mir.“ „Wohin, an welchen Ort?“ „Wohin es mir beliebt,“ antwortete der Unmenſch, „biſt Du nicht meine Frau?“ „Willſt Du mich ermorden?“ Was würde ich dabei gewinnen?“ fragte ihr Gatte,„wenn ich Dir an's Leben wollte, könnte ich es ebenſo gut da nehmen, wo wir ſind! Nein, Du kannſt mir nützlich ſein.“ „Ich werde die Farm nicht verlaſſen,“ ſtammelte Martha,„ich bin nicht ſicher, daß.... Ihr Verfolger ſpannte ſeine Flinte und die Worte der Weigerung erſtarben unverſtändlich auf ihren zitternden und aſchbleichen Lippen. Amen ſtieß ein Gelächter aus, das wie Gluch⸗ zen tönte. „Du weißt, daß ich nicht ſpaſſe,“ ſagte er, auf ein Baumdickicht zeigend, wo man ſie von der Farm aus nicht ſehen konnte;„geh mir voraus, wenn Du klug biſt; es iſt ſchlimm, mit einem verzweifelten Mann zu ſpielen.“ Martha gehorchte. „Halt!“ rief er, ſobald der Punkt erreicht war, den er zu ihrem Geſpräch auserſehen hatte, „um Dir zu beweiſen, daß ich nicht die Abſicht habe, Dir ein Leid anzuthun, will ich meine Flinte ablegen.“ Er lehnte ſie an einen Baumſtamm und betrach⸗ tete einige Augenblicke ſeine Frau ſtillſchweigend. „Du weißt Alles, vermuthe ich?“ ſagte er endlich,„daß ich deportirt, gefeſſelt, gepeitſcht wor⸗ den bin, und dieß Alles um dieſen Schurken Dick. Iſt er hier?“ „Nein.“ „Lüge nicht.“ „Ich ſage Dir, daß ich ihn nicht mehr geſehen, daß ich keine Nachricht von dem lieben Kind erhal⸗ ten habe ſeit dem Tage, da Du mir ihn entführt haſt. Sehr oft habe ich zu Gott gebetet, ihn zu mir — 55 zu führen, denn ich war blind und konnte die barm⸗ herzige Weisheit der Vorſehung nicht begreifen; aber jetzt ſage ich ihr Dank, daß er nicht hier iſt; es wird ein Opfer weniger ſein.“ „Hum!“ brummte Amen,„ich muß Dir wohl glauben, und Dein Bruder?“ „Hat einen ſeiner Pferche beſucht.“ „Welches Geld habt Ihr zu Hauſe?“ „Ich habe keines.“ „Lügnerin!“ „Du weißt,“ rief Martha, von ſeiner Heftigkeit erſchreckt,„daß es nicht Brauch iſt, ſein Geld auf den Farmen aufzubewahren. Warum auch? Alles, was wir kaufen, müſſen wir in der Stadt bezahlen. Ich wiederhole Dir,“ ſetzte ſie hinzu,„und möchte nicht mit einer Lüge auf den Lippen ſterben, daß alles Geld Georgs in der Bank zu Mel⸗ bourne iſt.“ „Und Du, Du haſt keines?“ Seine Frau ſuchte eiligſt in ihrer Taſche nach und zog eine kleine Börſe mit etwa zehn Pfund in Gold heraus. Der Räuber bemächtigte ſich gierig derſelben; dieß tröſtete ihn für ſeine erſte Täu⸗ ſchung. „Jetzt,“ fuhr er fort,„wann kommt Dein Bru⸗ der zurück?“ „Ich weiß die Stunde nicht,“ ſtammelte Martha erſchrocken. „Welchen Weg muß er nehmen?“ Sie ſchwieg ſtill. „Späffe nicht mit mir,“ ſprach er weiter,„ich bin ein verzweifelter Menſch; auf meinen Kopf iſt ein — 56 Preis geſetzt. Ich habe Hunger, Kälte, Durſt gelitten und mache mir nicht viel aus dem Leben. Antworte auf meine Frage.“ „Nie.“ „Antworte, öder „Gott ſei meiner Seele gnädig!“ rief ſeine Frau mit einem Ton, worin ſich Schmerz und Ent— ſchloſſenheit miſchte;„tödte mich, wenn Du willſt, aber ich werde meines Bruders Blut nicht ver⸗ kaufen.“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich Dich nicht töd⸗ ten will,“ antwortete Amen Corner,„aber ich brauche Lebensmittel, Kleider und Geld.... viel Geld, um nach England entfliehen zu können. Und vor Allem mußt Du mir ſchwören, daß Du Niemand meine Anweſenheit in dieſer Gegend entdecken willſt.“ Er ſagte ihr einen ſchrecklichen Eid vor, den wir nicht wiedergeben wollen, um dieſe Seite nicht damit zu beſchmutzen. Das zitternde Geſchöpf ſchwor und verſprach, in der Nacht wieder mit einem vollſtän⸗ digen Anzug ihres Bruders und ſo viel Mundvor⸗ räthen, als ſie tragen könnte, auf dieſem Ort des Stelldicheins ſich einzufinden. „Aber unter einer Bedingung,“ ſetzte ſie, Muth faſſend, hinzu, weil ſie ſah, daß ihr Gatte ihrer bedurfte, um der traurigen Exiſtenz eines Wald⸗ läufers zu entgehen, und ſeinen egviſtiſchen Charac⸗ ter kannte. „Rede.“ „Unter der, daß Du nichts gegen Georg unter⸗ nimmſt.“ 2 57 „Verflucht ſei er!“ murmelte Amen zähneknirſchend, „vetflucht ſei er!“ „Du mußt es mir verſprechen, Amen, und Dein Verſprechen halten.“ „Ei ja! ich will es Dir verſprechen,“ erwiderte der Unmenſch höhniſch,„ich will es Dir ſchwören, wenn es Dir Freude macht. Wird es Dich zufrie⸗ den ſtellen?“ Und der Frevler nahm den Himmel zum Zeu⸗ gen eines Verſprechens, das er nicht zu halten ent⸗ ſchloſſen war. „Wie Du Deinen Eid hältſt, Amen, ſo werde ich den meinigen halten,“ ſagte Martha.„Und nun, wenn Du klug biſt, läſſeſt Du mich gehen. Die Dienſtboten werden über meine Abweſenheit un⸗ ruhig ſein, und wenn man Dich ſähe, würde Georg es gewiß erfahren und Erklärungen von mir fordern.“ Dieſe Worte überzeugten ihren Verfolger, daß ſie nicht die Abſicht hatte, ihren Eid zu brechen, weßhalb er ihrer Bitte nachgab. Nachdem er ſie noch einmal mit den ſchrecklichſten Folgen bedroht hatte, wenn ſie in der kommenden Nacht nicht bei dem Stelldichein erſchiene, ergriff er ſeine Flinte und entfernte ſich. Seine Frau kehrte langſam zur Farm zurück. „Nun,“ ſagte Bill Spuggins, als ſein Genoſſe wieder zu ihm ſtieß,„haſt Du das Wild auf⸗ gejagt?“ „Was ſagte ſie?“ „Sie gab ſchöne Verſprechungen, wie alle Wei⸗ 58 ber,“ antwortete der Er Kirchſpielſchreiber,„und ich glaube, ich habe ſie zu ſehr erſchreckt, als daß ſie dieſelben nicht hält. Aber ſie hat ſich geweigert, mir zu ſagen, auf welchem Weg ihr Bruder heim⸗ kehren muß. Ich glaube, in dieſem Augenblick hätte ich ſie trotz Deiner Warnungen und Rathſchläge ge⸗ tödtet, wenn meine Flinte mir zur Hand geweſen wäre. Die Finger zuckten mir vor Verlangen, ſie zu erdroſſeln.“ „Bah!“ ſagte der Spitzbube,„ſtrecke, ſtrecke Dein Glück.“ Sein Verbündeter lächelte ſchrecklich. „Das Schlimmſte iſt, daß kein Geld im Hauſe iſt,“ ſprach Amen weiter.„Georg Chaſon hat es in die Bank gelegt. Welches Recht hat er, reich zu ſein, während ſein Schwager elend iſt?“ „Glaubſt Du es?“ fragte Bill. „Martha lügt nicht,“ antwortete ſein Spießgeſelle, „dieſe Gerechtigkeit kann ich ihr widerfahren laſſen: aber ſie hat mir verſprochen, in der Nacht ſich hier an demſelben Orte wieder einzufinden und mir Lebens⸗ mittel und Kleider zu bringen.“ „Und Geld?“ „Ich ſage Dir,“ rief der Räuber bitter,„daß ſie keines hat.“ „Dann,“ entgegnete philoſophiſch ſein Rathgeber, „iſt es unſere Pflicht, darauf zu ſehen, daß ſie es erbt. Ich betrachte es als eine tugendhafte Hand⸗ lung,“ ſetzte er hinzu,„für die Bedürfniſſe einer ſchwachen, ſchutzloſen Frau zu ſorgen, hauptſächlich wenn es ſich ſindet, doß ſie die Gattin eines Kamaraden iſt; aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß e 59 wir den Nutzen theilen, wenn ich Dir einen Hand⸗ ſchlag gebe.“ Der Er⸗Kirchſpielſchreiber von Erowshall reichte ihm die Hand zum Zeichen ſeiner Einwilligung. Einen Augenblick nachher flog eine wilde Taube über den Weg; er hob ſeine Flinte, fand aber zu ſeinem großen Erſtaunen, daß das Zündhütchen entwe⸗ der heruntergefallen oder weggenommen worden war. „Haſt Du das gethan?“ ſagte er. „Was gethan?“ fragte ſein Freund. Amen zeigte ihm ſein Flintenſchloß. „Ich habe es nicht angerührt,“ erwiderte Bill. „Dann iſt es der Teufel,“ ſagte der Räuber, „denn ich ſchwöre, daß das Zündhütchen aufgeſetzt war, als ich die Fkinte an den Baum ſtellte.“ „Du haſt Unrecht daran gethan. Ein Buſchmann darf ſich nie von ſeiner Waffe trennen.“ Während ihres übrigen Wegs durch den ſchwar⸗ zen Wald zurück nach ihrem Zelte ſchien Amen in ſeine Betrachtungen verſunken. Als Martha zu Hauſe ankam, fand ſie zu ihrer großen Erleichterung, daß Georg plötzlich in Be⸗ gleitung von Mr. Cuſack, Inſpector der Gouverne⸗ mentsländereien, den er unterwegs getroffen hatte, zurückgekehrt war. Dieſer Gentleman war erſt kürz⸗ lich für den Diſtrict Melbourne ernannt worden und machte ſeine erſte Rundreiſe. „Wie blaß Du biſt, Martha,“ ſagte ihr Bruder, ſie umarmend,„hat Dich etwas erſchreckt?“ 60 „Was ſoll mich erſchrecken?“ antwortete Martha ausweichend. „Haſt Du Beſuche gehabt?“ ſetzte Georg hinzu. „Keine Seele iſt ſeit Deinem Abgang in's Haus gekommen.“ „Ich mache dieſe Frage,“ fuhr ihr Bruder, gegen ſeinen Gaſt gewendet, fort,„weil ich gehört habe, daß mehrere Farmen in der letzten Zeit geplündert worden ſind. Man vermuthet, daß Waldläufer im Gehölz ſind; wenn dem ſo iſt, werden ſie wohl thun, ſich nicht zu zeigen, denn nehmen ſich die Coloniſten einmal vor, Jagd auf ſie zu werden ſie keine Barmherzigkeit gegen ſie üben.“ Martha verließ das Zimmer unter dem Vorwand, Erfriſchungen für ihren Bruder und deſſen Gaſt zu richten, aber in Wirklichkeit um die Aufregung, welche ſie nicht zurückhalten konnte, zu verbergen. Mary Chells ſchloß ſich ihr an; das treue Geſchöpf betrachtete ſie lange unruhig. „Sie ſind leidend, Frau,“ ſagte ſie. „Nein, es iſt nichts; achte nicht auf mich, es wird bald beſſer ſein.“ Es gelang ihr ſo gut, ihr Verſprechen zu halten, daß ſie, als das Abendeſſen aufgetragen wurde, ſich ſo gelaſſen wie gewöhnlich zu Tiſche ſetzte. Inzwiſchen waren die männlichen Dienſtboten . von ihrer Arbeit zurückgekommen. Martha fürchteté ſich jetzt nicht mehr ſonderlich und hörte das Gebell der Hunde ohne Beſtürzung. „Da kommt Beſuch,“ ſagte ihr Bruder aufſtehend und an das Fenſter tretend.„Bei meinem Leben,“ 61 ſetzte er hinzu,„es iſt William Giles mit einem Fremden. Ich dachte nicht, ihn ſo bald wieder zu ſehen. Hoffentlich ſteht Alles wohl auf ſeiner Farm.“ Martha drehte ſich im Augenblick um, wo die jungen Leute eintraten, und ihre Blicke weilten feſt auf den Zügen Dicks, deren jeder von Bewegung zeugte. „Wen denken Sie, daß ich Ihnen bringe?“ fragte der junge Farmer. „Ein Geſicht, das uns fremd, aber nichts deſto weniger willkommen iſt,“ erwiderte Georg. „Nicht ſo fremd, als Sie ſich einbilden, Sir,“ ſagte unſer Held. Beim Ton dieſer Stimme ſtieß Martha einen ne Schrei aus und fand ſich in Dicks Armen. s bedurfte für ſie keines andern Beweiſes; ihr Herz Kei ihr, daß es ihr Adoptivſohn war. „Georg! Georg!“ rief ſie,„es iſt Dein Sohn.“ Nachdem er ſich ſanft von ihrer Umarmung los— gemacht hatte, trat Dick auf den Hausherrn zu; aber anſtatt die ihm gebotene Hand zu nehmen, entblößte Georg das Haupt und ſprach mit tiefem Reſpect: „Seien Sie willkommen auf der Hoffnungsfarm, Sir Walter Herbert; Sie werden finden, hoffe ich, daß ich als treuer Verwalter gehandelt habe. Nennunddreißigſtes Kapitel. „Sie ſcheinen überraſcht,“ nahm Georg Chaſon nach einer Pauſe, während welcher ſeine Zuhörer ſich etwas von ihrer Aufregung erholt hatten, wieder das Wort;„vielleicht habe ich meine Zeit ſchlecht gewählt, um das Geheimniß, das ich ſo viele Jahre bewahrt habe, zu enthüllen; aber ich konnte nicht zugeben, daß der Sohn meines ſeligen Herrn mir einen Titel gab, auf den ich kein Recht habe, den geheiligten Titel des Voters; mein Herz empört ſich gegen eine ſolche Verſtellung.“ Geſtatten Sie mir,“ erwiderte unſer Held, ihm zum zweiten Mal die Hand reichend,„Sie mit einem Namen zu benennen, den Niemand Ihnen ſtreitig machen wird dem eines Freundes.“ Der ehrliche Farmer drückte die Hand mit Stolz, aber ebenſo herzlich, denn er fühlte, daß er den Ti⸗ tel Freund verdiene; er fühlte es als ehrlicher Mann, einfach und ohne Anmoßung, der eine heilige Pflicht erfüllt hat, und der findet, daß ſeine Rechte auf Ach⸗ tung von Jedermann anerkannt werden. Was die arme Martha betraf, ſo wußte ſie nicht, ſollte ſie über dieſe Entdeckung ſich beklagen oder freuen. Sie war ganz gewiß froh für ihren jungen Liebling; aber welcher unermeßliche Abgrund ſchien ſich auch zwiſchen ihr und ihm aufzuthun! Von nun an durfte ſie ſich nur noch als die Kindswärt tin von Sir Walter Herbert anſehen. Das Band des Blutes war zerriſſen; Dick war nicht mehr ihr Reffe; Dick exiſtirte ſelbſt nicht mehr. 39 63 Mehr als einmal hatte ſie, wie unſere Leſer ſich erinnern, den Verdacht gehegt, daß Georg nicht ſein Vater ſei. Aber in Dick den Erben von Crowshall zu finden! Das Haupt eines Stamms, den ſie von Kindheit an zu fürchten und zu reſpectiren g hatte! Sie war von Erſtaunen ganz niedergebeut Es kam ihr vor wie eines jener Feenmährchen, die man ihr, da ſie klein war, erzählt hatte. Der Baronet ſah Alles, was in ihrem Geiſ vorging, und drückte mit einer Empfindung, die ſei nem Herzen Ehre machte, einen Kuß auf ihre thrä⸗ nenfeuchte Wange „Du darfſt mich dieſe Entdeckung nicht bedauern laſſen,“ ſagte er. „Ich! Sie dieſelbe bedauern laſſen,“ wieder⸗ holte Martha.„O Dick, wie ich bitte um Verzeihung. Sir Walter,⸗ ſetzte ſie hinzu, ſich verbeſſernd,„wie können Sie mich für fähig halten „Nenne mich Dick,“ fiel unſer Held ein. „So ſchlecht zu ſein! Ob ich gl die Frau des gottloſen Amen Corner bin, würde ich doch ſterben, lieber ſterben....“ Schluchzen verhinderte ſie, ihre Rede zu voll⸗ enden. „Dann laß mich nicht glauben, daß ich einen Theil Deiner Liebe verloren habe, indem Du mich mit dieſer kalten Förmlichkeit, mit dieſem Reſpect behandelſt, der mir eher wehe thut, als ſchmeichelt,“ fuhr ihr Adoptivſohn fort.„Ich würde Rang und Vermögen verwünſchen, vorausgeſetzt, daß ſie mir wirklich gehören, wenn ich dieſelbe mit dem Verluſt eines einzigen meiner Freunde erkaufen müßte. Ich habe deren ach! ſo wenige.“ Sie haben einen, Sir Walter,“ ſprach Mr. Eu⸗ ſack, den dieſe Entdeckung lebhaft intereſſirt hatte, „an den Sie nicht denten einen Verwandten, der Ihnen viel zu Leide gethan hat, ohne es zu wiſſen, und der, wenn ich nicht irre, gern ſein Leben darum geben würde, ſeinen Irrthum zu ſühnen.“ „Darf ich nach ſeinem Namen fragen?“ entgegnete der Baronet. Der Inſpector zauderte einen Au enblick mit ſei⸗ 0 ner Antwort. „Ich fühle mich eben gegenwärtig nicht in der Lage, mit Ihnen ſo offenherzig zu reden, wie ich es wünſchte. Die Ehre legt mir Stillſchweigen auf.“ „Ich glaube, ich könnte ihn nennen,“ rief Georg Chaſon.„Es iſt ohne Zweifel Ihrer Mutter Cou⸗ ſin, Charles Merryweather. Ich habe immer gedacht, ſeine Eiferſucht und ſein Argwohn werden mir Un⸗ heil anrichten.“ Mr. Cuſack gab keine Antwort. Auf Bitten von Walter, denn wir glauben den Helden unſerer Geſchichte fernerhin alſo bezeichnen zu müſſen, ſchickte ſich der Farmer an, ihm Alles zu erzählen, was er bezüglich ſeiner Geburt wußte. Sein Bericht war traurig und kurz. „Ich war ein armer, armer Junge,“ begann er, „als die Umſtände die Aufmerkſamkeit meines theuern und guten Herrn, der um jene Zeit in das männ⸗ liche Alter trat, auf mich zogen. Hätten Sie ihn gekannt, Sir,“ ſich an den Inſpector der Kron⸗ P n 65 ländereien wendend,„es war der wahrhafteſte Edel⸗ mann, das nobelſte Herz, das je einem alten, hoch⸗ geachteten Namen Ehre machte; Alle, die in Be⸗ rührung mit ihm kamen, liebten ihn um ſeiner Ver⸗ dienſte und ſeines Edelmuths willen. Der Herr, bei dem ich diente, war ein harter und grauſamer Mann, der mir ſchwere Arbeit auferlegte; doch konnte ich nicht umhin, ſelbſt auf die Gefahr einer Tracht Prügel, zuweilen mein Werk zu verſäumen, um Mr. Walter aufzuſuchen, wenn ich ein Vogel⸗ neſt gefunden hatte, oder irgend etwas zu thun, was ihm meine Dankbarkeit beweiſen, oder ihm Freude machen konnte. Eines Tags überraſchte er meinen Herrn, wie er mich mit einem Stock ſchlug, den ich eben im Walde von Crowshall geſchnitten hatte; nie werde ich ſeine Entrüſtung vergeſſen. Er entriß ihn den Händen des Henkers und beſtrafte ihn damit auf der Stelle. Ja,“ fuhr Georg fort, „er, der Edelmann, ein Herbert, übernahm die Ver⸗ theidigung des armen Jungen, den er von einem Unmenſchen mißhandelt ſah. Von dieſem Augen⸗ blick an hätte ich mein Leben für ihn laſſen können.“ „Das war an demſelben Ort, Georg,“ fiel ſeine Schweſter ein,„wo Du Amen Corner beſtrafteſt wegen der ſchlechten Behandlung, die er über Dick den Sohn Deines Beſchützers verhängt hatte, behaupte ich.“ Ja, ich wählte den Ort abſichtlich; es war eine heilige, von der Dankbarkeit auferlegte Schuld,“ antwortete ihr Bruder. Unſere Leſer haben ohne Zweifel nicht vergeſſen, wie getreulich er dieſe Schuld bezahlte. „Der junge Squire fragte mich, als der Pächter Bent, Dröhungen der Rache an mir murmelnd, ſich zurückgezogen hatte, ob der Elende mich zu ſchlagen pflege. Ich bejahte es. Ich werde nie vergeſſen, was er zur Antwort gab. Seine Worte waren die erfreulichſten, die ich bis heute gehört habe. Er wird Dich nicht mehr ſchlagen,' ſprach er, denn ich werde Dich in meine Dienſte nehmen; ich bin nicht reich, Georg, ſetzte er hinzu,„Du weißt, daß mein Vater mich durch ſein Teſtament theilweiſe von der Güte meines Bruders abhängig macht, aber wir werden uns Beide gut genug aus der Affaire ziehen“ Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß ich dieſes großmühige Anerbieten mit lebhafter Dankbarkeit annahm.“ „Ich begreife, welches Ihre Empfindungen waren,“ ſagte unſer Held, deſſen Herz bei dem Ton des Enthuſiasmus, womit der Farmer von ſeinem Vater redete, von edlem Stolze ſchwoll. „Walter Herbert that nie eine gute Handlung nur halb,“ ſprach Georg weiter.„Ich kehrte ſo⸗ gleich mit ihm zum Herrenhaus zurück, wo ich bis zu ſeinem Abgang auf die Univerſität blieb. Er nahm mich dann mit ſich. Dieſe Tage waren die glücklichſten meines Lebens. Ein wenig Geduld,“ ſetzte er hinzu,„ich komme auf den Punkt, der Sie vornehmlich intereſſirt. Während der großen Ferien begab ſich mein Herr ſeiner Studien halber zu einem Geiſtlichen in Cumberland, einem ſehr gelehrten 67 Mann, der beinahe alle Bücher, aber nur ſehr wenig von der Welt kannte, ſonſt hätte er ſeinem Zögling nicht erlaubt, immer ſeine einzige Tochter Lucy Merry⸗ weather auf ihren Spaziergängen zu begleiten. Ich ſah, was daraus entſpringen würde, aber es ziemte ſich für mich nicht, zu ſprechen.“ Das Geſicht eines der Zuhörer bedeckte ſich mit lebhafter Röthe. Unſer Held errieth, daß eben der Name ſeiner Mutter ausgeſprochen worden war, und zitterte vor Beſorgniß, ſie möchte für ihn ein Gegenſtand des Vorwurfs und der Schande ſein. „Sie hatte einen Couſin, Charles Merryweather, der es auch ſah,“ fuhr der Erzähler fort,„ich glaube, er liebte das ſchöne und reine Mädchen, deren Herz nur für meinen Herrn ſchlug. Oft belauſchte ſie Charles, wenn ſie morgens im Garten ſpazieren gingen und ſich daran ergötzten, dem Geſang der Vögel zuzuhören. Ich ſah ihn, ſeine hohlen Augen und die Bläſſe ſeines Geſichts verriethen deutlich die bittern Gefühle, die ſein Herz erfüllten.“ „Sie vergeſſen die natürliche Ungeduld, welche Sir Walter haben muß, zu erfahren, welches die Folgen waren,“ fiel Mr. Cuſack aufgeregten Tones ein.„Fahren Sie fort, ich bitte Sie.“ „Die Ferien erreichten ihr Ende. Squire Walter ſchickte mich ſammt ſeinem Gepäck auf dem Wagen von Cambridge voraus, indem er mir ſagte, ich ſolle ihn erſt in einigen Tagen erwarten, da er die Ab⸗ ſicht habe, einen Ausflug nach den Seen zu Fuß zu machen. Das junge Fräulein, das gegenwärtig war, erröthete ſtark. Ich reiste ab. Zehn Tage verfloſſen, ehe er zu Cambridge erſchien, und als er endlich ankam, begleitete ihn Miß Merryweather.“ „Sie war.. ich kann meinen Gedanken nicht ausſprechen,“ murmelte der junge Mann auf⸗ geregt;„aber Sie können die Frage errathen, die ich machen wollte.“ „Sie war ſeine Frau!“ rief Georg Chaſon. „Der Mund, welcher niemals log, verſicherte es mir, und das glückliche, entzückende und reine Lächeln Lucy's beſtätigte die Worte meines Herrn.“ „Gott ſei Dank!“ flüſterte unſer Held mit un⸗ articulirter Stimme,„Gott ſei Dank! wo wurde die Heirath vollzogen?“ „Das kann ich nicht ſagen, Sir Walter.“ „Hat mein Vater Sie niemals davon unterrichtet?“ „Nie.“ Es gab eine peinliche Pauſe, während welcher derjenige, den dieſe Details am meiſten intereſſivten, jedes von den Lippen des Erzählers gefallene Wort im Geiſte erwog; er ſtellte der Ueberzeugung Georgs, dem edeln Character und der Verſicherung ſeines Vaters den ebenſo wahrſcheinlichen Fall eines jungen, vertrauensvollen, argloſen Mädchens, das ſeiner Ehre anvertraut war, gegenüber. „Möge kein Zweifel, kein ſchlechter Gedanke in Ihr Herz kommen,“ rief der Farmer, welcher errieth, was im Geiſte unſeres Helden vorging,„wenn Sie nicht ungerecht gegen die Todten ſein wollen.“ „Welches konnte der Beweggrund dieſes Ge heimniſſes ſein?“ „Mein junger Herr war minderjährig,“ erwiderte der treue Diener,„und verlor ſelbſt das geringe 69 Vermögen, das er hatte, wenn er ſich ohne die Zu⸗ ſtimmung von Sir Henry Herbert, ſeinem älteren Bruder, verheirathete, der gerade damals im Aus⸗ land reiste. Deßwegen wurde die Heirath geheim gehalten; aber ich habe den Beweis, daß ſie wirk⸗ lich vollzogen worden war. Der Vater der Dame beſuchte die Gattin nach einigen Tagen; das war eine Scene von Klagen und Küſſen, aber es fiélen keine Vorwürfe. Er blieb einige Tage, er ſchlief unter demſelben Dach mit ihnen. Es war, wie ich ſchon geſagt habe, ein Geiſtlicher, ein guter und ehrwürdiger Mann, mit ſchneeweißey Haaren. Ich hörte ihn zu Gott beten und ſie ſeg nen, und das konnte keine ſtrafbare Verbindung ſein, über welche Doctor Merryweather den Segen des Himmels herabrief.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Mr. Cuſack gerührt, „ich habe ihn ſo gut gekannt, wie ſeinen Reffen Charles. Mr. Merryweather ſtarb kurze Zeit nach dieſem, wie man dafür hielt, Fehltritt ſeiner Tochter. Hätte man die Wahrheit gewußt, manches Unheil wäre nicht geſchehen.“ „Sein Tod,“ fuhr Georg Chaſon fort,„war ein trauriger Schlag für meine Gebieterin und ihren Gatten. Aber, Sik Walter, Sie wurden ungefähr zehn Monate nach der Heirath geboren, und mein Herr ſiedelte, nachdem er ſeinen Grad erhalten, nach London über und ſtellte ſich im Tempel in der Ei⸗ genſchaft eines Practicanten. Dort ſchlug er ſogar ſeine Wohnung auf. Dort traten Umſtände ein, die ich nicht erklären kann, weil ich ſie nie begriffen 70 habe. Dort war es, daß Ihr Vater plötzlich ſtarb“ „Waren Sie bei ihm?“ fragte unſer Held. „Nein,“ antwortete der Farmer;„er hatte mich anders wohin verſchickt.“ „Welches ſind die Umſtände, worauf Sie an⸗ ſpielen?“ „Sie ſollen dieſelben wiſſen. Eines Tags kehrte ich, wie gewöhnlich, nach Hauſe zurück, als ich mei⸗ nen Herrn todesblaß, einen Brief leſend, traf. Ich mußte ihn zweimal anreden, ehe er mich erkannte; dann zerriß er heftig das Papier in tauſend Stücke und warf ſie in's Feuer. Ich fragte ihn, ob er krank ſei, er antwortete nein. Ich erkundigte mich nach Madame; nie werde ich die Miene des Schmerzes vergeſſen, womit er mich betrachtete. Dann nahm er, in Thränen ausbrechend, Sie aus der Wiege, worin Sie ſchliefen, und drückte Sie convul⸗ ſiviſch an ſein Herz. Ich weinte auch, ohne zu wiſ⸗ ſen, warum. Er ließ mich noch an demſelben Abend ſchwören, zweierlei zu thun für's Erſte, Sie der Sorgfalt irgend einer achtbaren Perſon anzuver⸗ trauen, welche Mutterſtelle an Ihnen vertreten würde. Ich ſprach ihm von meiner Schweſter; er ergriff dieſe Idee mit Begierde und fügte hinzu, es wäre um ſo beſſer, wenn Sie im Angeſicht des Herren⸗ hauſes Ihrer Ahnen erzogen würden. Was folgte, war noch ſonderbarer, er verbot mir zjedem Andern als ſeinem Bruder zu offenbaren, weſſen Sohn Sie wären, und ſelbſt dieſem nur in dem Fall, wo er mich darnach fragen würde. Ihnen ſollte ich das Geheimniß erſt nach zurückgelegtem zwanzigſten Jahr 3 — 71 entdecken. Er händigte mir dreitauſend Pfund ein, mit der Aufforderung, dieſe Summe auf's Beſte anzuwenden. Ich war vierzehn Tage von London abweſend. Bei meiner Rückkehr hörte ich mit Schmerz und Erſtaunen, daß mein lieber junger Herr todt war.“ „Und Sie wiſſen nicht, was aus meiner Mutter geworden iſt?“ „Nein,“ antwortete der Erzähler dieſer ſeltſamen Geſchichte.„Aber ſie war, Sir Walter, der That und Abſicht nach unſchulig an jedem Fehler, welcher einen Sohn über ſie zum Erröthen bringen könnte. Sie liebte ihren Gatten, alle ihre Blicke, alle Hand⸗ lungen ihres Lebens haben mir das deutlich bewie⸗ ſen. Ich möchte eben ſo wohl an der Reinheit eines Engels zweifeln, als an derjenigen der Gattin mei⸗ nes armen Herrn. Der Reſt meiner Geſchichte iſt kurz. Gebunden durch ein feierliches Verſprechen, das ich dem gegeben hatte, welcher ſo gegründete Rechte hatte, auf meine Treue zu rechnen, konnte ich keinen Schritt thun, Ihren Oheim zur Anerkennung von Ihnen zu beſtimmen. Ich begab mich alſo nach Auſtralien und verwendete das mir anvertraute Geld zum Ankauf von Ländereien, mir vollkommen bewußt, daß ich nur als Ihr Agent handle. Ich bin bereit,“ ſetzte er mit Selbſtgefühl hinzu, „Ihnen bis auf den letzten Schilling Rechenſchaft zu geben, wie jeder rechtſchaffene Mann thun muß.“ Sir Walter drückte ihm die Hand und ſagte: „Sie haben mir über nichts Rechenſchaft zu geben; ich bin Ihr Schuldner, mein wahrer, trefflicher Freund!“ „Ich bitte, Sir Wal. „Nicht dieſen Namen, zel der junge Mann ein.„Ich werde dieſen Titel nicht annehmen, mag er mir auch gleichwohl gehören, als bis nicht der Schatten eines Zweifels mehr auf meinem Rechte laſtet.“ „Aber „Es iſt entſchieden; geben Sie mir in Zukunft den Namen, den ich bisher geführt habe, den alten vertrauten Namen Dick. Und Sie, meine Freunde, laſſen Sie mich Ihnen die Bitte vorlegen, über Alles, was Sie hier gehört haben, das tiefſte Still⸗ ſchweigen zu beobachten.“ „Ich hoffe, Sit as heißt Mr nun ja! Dick, weil es ſo heißen ſoll,“ nähm William Giles das Wort,„ich hoffe, daß Sie nicht gerichtlich aus dem Beſitz Ihrer znſruc⸗ geſetzt werden. Iſt Geld nöthig, ſo werden mein Vater und ich all unſer Eigenthum verkaufen, um Ihnen Gerechtigkeit zu verſchaffen. Ich würde fünf Jahre meines Lebens darum geben, nur um Sie im Beſitz von Crowshall zu wiſſen.“ „Ich auch,“ riefen zugleich Georg und ſeine Schweſter. „Und ich würde mein ganzes übriges Leben darum geben,“ ſetzte Mr. Cuſack mit ernſthafteſter Miene hinzu.„Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr dieſe ſeltſame Entdeckung mich intereſſirt hat. Ich Ihren Vater in meiner Jugend gekannt und — Der Reſt wurde mit ſo undeutlicher Stimme ge⸗ ſprochen, daß es unmöglich war, ihn zu verſtehen. „Sie waren vielleicht ſein Freund?“ ſagte unſer Held. „Nein, nicht genau ſein Freund,“ erwiderte der Inſpector,„unſere genaue Bekanntſchaft war dazu nicht lang genug, aber ich kannte ihn hinlänglich, um zu wiſſen, daß er ein Mann von Ehre und Ver⸗ dienſt war, wiewohl jetzt das Alter mich die Dinge ihrem richtigeren Werthe nach ſchätzen läßt. Es freut mich ſehr, Ihre Zweifel über einen Punkt beſeiti⸗ gen zu können; die Rechtmäßigkeit Ihrer Geburt iſt unbeſtreitbar; die Beweiſe dafür ſind noch vor⸗ handen.“ „Ich wußte es! ich hätte es beſchworen!“ rief Georg. „Und meine Mutter?“ „Lebt ſie noch,“ antwortete Mr. Cuſack,„ſo iſt ſie Ihrer Liebe würdig, denn es gab nie ein edleres oder reineres Geſchöpf. Wir ſind Alle zu ſehr von der eben gemachten Entdeckung bewegt, um das einzuſchlagende Verfahren feſtſtellen zu können; aber ich ſetze voraus, daß Sie bald nach England zurückkehren, und in dieſem Fall werde ich Sie begleiten.“ „Dieſes Wohlwollen von Seiten eines Fremden?“ „Nennen Sie es vielmehr eine Pflicht. Keinen Dank, es würde mich beleidigen.“ Mr. Cuſack ſtand auf und verließ, betroffen von einer Erregung, die ſich Niemand erklären konnte, das Zimmer. Einige Minuten nachher ſah man ihn am Fenſter vorübergehen, offenbar eine Beute großer 74 Bewegung, denn ſeine Stirne war gefurcht, wie bei einem Mann, der heftig leidet, und er ſtieß einzelne Seußzer aus. „Das iſt ſeltſam, daß er ſich für meine Ange⸗ legenheiten ſo lebhaft intereſſirt!“ bemerkte der Ba⸗ ronet.„Ich habe ihn nie vor dieſem Abend geſehen. Ich kann nicht glauben, daß er mit meiner Leicht⸗ gläubigkeit ein Spiel treibt; ſeine Bewegung er⸗ ſcheint dafür zu wahr. Kennen Sie ihn ſchon län⸗ gere Zeit?“ „Er iſt erſt zum Inſpector der Kronländereien ernannt worden,“ antwortete der Farmer,„und ich kann meinen Verdacht nicht ausſprechen, ehe ich ent⸗ ſcheidendere Beweiſe habe.“ „Gewiß zweifelſt Du nicht an ſeinen guten Ab⸗ ſichten gegen unſern theuren Herrn,“ rief Martha, „er kann ihm nicht übel wollen.“ „Nein,“ erwiderte ihr Bruder,„ich bin vom Gegentheil überzeugt, wenn er der Mann iſt, wofür ich ihn halte.“ „Für wen hältſt Du ihn denn?“ Georg ſchwieg ſtill. „Ich muß mich mit dieſem Mann morgen früh erklären,“ ſprach unſer Held bei ſich,„ich begreife weder ein halbes Vertrauen noch eine halbe Freund⸗ ſchaft. Hat er aufrichtig geſprochen, ſind die Beweiſe der Heirath meines Vaters wirklich noch vorhanden, ſo wird er mir den Ort angeben, wo ſie deponirt ſind. Es iſt Zeit, daß ich der Hüter meiner Ehre, und wenn es ſein muß, der Rächer des Unrechts werde, das an denen begangen worden iſt, die mir das Leben gaben!.... Bin ich wirklich Sir Wal⸗ 9 — 75 ter Herbert?“ fragte er ſich mehrere Male.„Es iſt offenbar, daß Georg Chaſon und die liebe zute Martha es glauben.... Wie ſtolz würde mein Herz ſein, wüßte ich mich Marion gleich geſtellt, als der Beſitzer eines ihrer würdigen Namens! aber jetzt iſt Hoffnung und Stolz nichts als Aſche.“ Der Reſt des Abends verfloß unter anderweiti⸗ gem Geſpräch mit Martha, bei der Weinen und Lächeln mit einander abwechſelte, je nachdem Freude oder Schmerz vorherrſchte. Ehe er ſich zu Bette legte, händigte Dick(wir wollen ihm dieſen Namen wieder geben) ſeiner Pflegemutter den Reſt des Geldes ein, das er von Doctor Gore zu ſeiner Reiſe nach Auſtralien erhalten hatte, und bat ſie, es ihm aufzubewahren. Die erſte Bewegung der treuen Martha war, es zurückzuweiſen. Aber ſie dachte an ihren elenden Gatten und den Eid, ſeine Gegenwart nicht zu ver⸗ rathen. Sie brauchte das Geld, um denſelben ſich vom Halſe zu ſchaffen. Und ſie bat Gott, nicht zu geſtatten, daß die Verſuchung zu ſtark würde. „Ich weiß nichts damit anzufangen,“ ſagte unſer Held, ihr daſſelbe aufnöthigend,„überdieß wird es beſſer in Deinen Händen als in den meinigen auf⸗ gehoben ſein.“ „Biſt Du davon überzeugt?“ ſprach Martha traurig.„Nein, nein, nimm es wieder. Ich habe nie ſo viel Geld in meiner Gewalt gehabt. Wenn ich es verlöre....“ „Ich würde Dir darum nicht böſe ſein.“ „Oder wenn ich es Jemand gäbe?“ ſetzte ſie, ihm in's Geſicht ſehend, hinzu. „Verfahre damit, liebe Martha, wie es Dir be⸗ liebt,“ ſagte der junge Mann,„ich werde nie Rechen⸗ ſchaft deßhalb fordern, es iſt nur ein ſchwaches Zeugniß meiner Dankbarkeit für die Sorge, die Du mir in meiner Kindheit erwieſen, für die Bekümmer⸗ niß, mir der Du über mich gewacht haſt.“ „O, das iſt Alles edel, freigebig bezahlt worden,“ rief die gute Frau, deren Geiſt durch dieſe Worte unausſprechlich erleichtert war.„Aber,⸗ fuhr ſie fort, während die Röthe ihr in's Geſicht ſtieg, „Du mußt mich als eine recht feile Creatur be⸗ trachten?“ „Nie, Martha, nie,“ erwiderte unſer Held, der, ſo ſehr er über die indirecte Art, womit ſie das Geld von ihm begehrt hatte, erſtaunt war, ſie doch allzu gut kannte, um dieſes Benehmen einem unwürdigen Motiv zuzuſchreiben.„Und nun,“ ſetzte er hinzu, „ſoll nicht weiter davon die Rede ſein. Aber ſage mir, haſt Du nie etwas von dem Mann erfahren, an deſſen Lvos Du auf eine ſo unglückliche Weiſe gefeſſelt worden biſt?“ „Patience hat mir durch Jacob Bantem ſchrei⸗ ben laſſen,“ antwortete Martha mit leiſer Stimme; „ich weiß, daß er deportirt worden iſt.“ „Und Georg weiß es auch?“ „Nein, ich habe mich nie entſchließen können, ſeinen ehrichen Stolz durch das Geſtändniß zu ver⸗ letzen, daß der Gatte ſeiner Schweſter ein Sträfling ſei. Er iſt ſtolz auf ſeinen guten Ruf und die Achtung der Coloniſten. Es wäre ein ſehr trauriger Schlag für ihn geweſen, ſo daß ich das Geheimniß und den Kummer für mich behalten habe.“ 7 „Vielleicht haſt Du wohl daran gethan, und gewiß war Deine Abſicht gut,“ antwortete Dick.„Ich werde Dein Stillſchweigen achten. Aber ich muß ihn ſehen!“ „Amen Corner ſehen!“ rief Martha mit ſchmerz⸗ licher Ueberraſchung. „Hd.. 2 „Und warum? O traue ihm nicht; er haßt Dich; es iſt ein gefährlicher Menſch.“ „Ich fürchte ihn nicht.“ „Aber warum willſt Du ihn ſehen?“ „Weil ich überzeugt bin, daß er den Ariadne⸗ Faden zu dem Labyrinth meines Schickſals beſitzt. Die Grauſamkeit, die er gegen ein ſchwaches Kind, wie ich war, bewieſen hat, mußte ſtärkere Beweg⸗ gründe als nur Caprice oder Groll haben. Ich arg⸗ wohne, daß er von dem Mann getrieben wurde, der ſich jetzt Herrn von Crowshall nennt.“ „Der Squire Roderich Haſtings!“ rief Martha. „Der ſchon ein Attentat auf mein Leben gemacht hat,“ ſetzte Dick hinzu.„Aber wir wollen darüber weiter ſprechen, wenn wir ruhiger ſind. Ich bin nicht immer ſeit meiner Flucht vom Hoſpital glücklich geweſen; mein Leben wurde durch Wolken verdüſtert, Stürme beunruhigt.... aber gute Nacht, gute Vacht!“ Martha's Ruhe war durch Träume geſtört, in welchen ſie ihren Gatten in einem tödtlichen Kampf zuerſt mit Georg, dann mit unſerem Helden begrif⸗ fen ſah. Mehrmals richtete ſie ſich von ihrem Kiſ⸗ ſen auf, indem ſie einen dumpfen, klagenden Ruf ausſtieß; dann legte ſie ſich nach einem Gebet für 78 die Sicherheit derer, welche ihr ſo theuer waren, wieder niedst und verſuchte einzuſchlafen. Dick ſtänd am frühen Morgen auf. Es verlangte ihn, friſche Luft zu ſchöpfen, ſich mit ſich ſelbſt zu unterhalten, denn ſein Schlaf war, wie der ſeiner Pflegemutter, nicht durch die Erſcheinung Amen Corners, ſeines alten Verfolgers, aber durch die⸗ jenige Marions mit Sir Marc Raymond geſtört worden. Als er durch die Küche ging, ſah ihn Mary Chells an, als hätte ſie den Wunſch gehabt, mit ihm zu ſprechen; aber das grobe Gelächter von Betſy Crump, welche ſie mit einem Auge voll ſchimpf⸗ lichen Verdachts betrachtete, bewog ſie, ihr Geſchäft wieder aufzunehmen. „Wenn ich nur mit ihm zu ſprechen wagte!“ dachte das arme Mädchen,„er würde mir vielleicht ſagen, was zu thun iſt.“ „Da hilft es nichts, nach ihm zu ſchauen,“ ſagte ihre Mitmagd.„Das iſt ein Gentleman von Ge⸗ burt, ich habe es Miſſis ſagen hören.“ „Ich glaube es ohne Euer Zeugniß,“ antwortete Mary Chells. „Und er weiß, daß Ihr deportirt worden ſeid.“ „Wer hat es ihm geſagt?“ fragte ſie erröthend; „aber die Frage iſt unnütz. Von dem Augenblick, da ich auf der Farm ankam, ſeid Ihr meine Fein⸗ din geweſen, wiewohl ich Euch nie etwas zu Leid gethan habe. Vielleicht werdet Ihr eines Tags be⸗ reuen, nicht milder in Eurem Benehmen gegen mich geweſen zu ſein.“ 79 „Ihr bildet Euch wohl ein, ich fürchte Euch?“ fragte Mrs. Erump in feindſeligem Ton⸗ „Ich bilde mir gar nichts ein.... ich begehre nichts, als im Frieden zu leben.“ Am Fuß des Hügels ankommend, von wo man den Schwarzwald und die Bergkette erblickte, be⸗ gegnete Dick Mr. Cuſack, welcher, wie er, kurz nach Tagesanbruch von Haus abgegangen war, um über die Entdeckung vom geſtrigen Abend nachzudenken. Er hatte kaum unſern Helden wahrgenommen, als er auf ihn mit erhöhter Geſichtsfarbe zutrat und ihm die Hand entgegenſtreckte. Sie wurde angenommen, aber nicht gerade herzlich. Der Inſpector ſchien verletzt. „Wann mein Benehmen kalt erſcheint,“ bemerkte der junge Mann,„ſo müſſen Sie es, Sir, dem wah⸗ ren Grunde zuſchreiben: dem Zweifel, welchen mir Ihre Worte von geſtern Abend einflößten. Sie be⸗ haupten, meine Eltern gekannt zu haben; Sie muß⸗ ten demnach bei den geheimnißvollen Umſtänden mit⸗ wirken, wodurch deren Trennung verurſacht wurde, wenn Sie ſich nicht anders über mich luſtig gemacht haben.“ „Können Sie nicht einen dritten Fall annehmen?“ fragte der Inſpector der Kronländereien. Dick gab keine Antwort. „Denken Sie ſich, ich ſei der Freund des einen von ihnen geweſen, die Beweiſe der Heirath ſeien meiner Obhut anvertraut worden.“ „Ich begreife nicht!.. Iſt es ſo?“ ſagte unſer Held ungeduldig. „Ja. Seit zwei Jahren ſind ſie in meiner Ge⸗ walt und ich habe ſie ſo ſorgfältig aufbewahrt, daß ich ſie bei meiner Abreiſe von England mit in die⸗ ſes Land nahm. Sie ſind auf meinem Bureau zu Melbourne. Ich habe mich entſchloſſen, ſelbſt heute abzureiſen, dieſelben zu holen und Ihren Händen zu übergeben.“ „Das iſt wirklich ein Beweis Ihrer guten Ge⸗ ſinnungen gegen mich. Verzeihen Sie mir, Sir, meine Kälte von vorhin, aber die Treubvſigkeit der Welt hat mich klug zu ſein gelehrt. Wiewohl ich noch ſehr jung bin, hat man mir wenigſtens einmal nach dem Leben getrachtet.“ 5 „Der Verbrecher!“ murmelte Euſack,„der abſcheu⸗ liche Verbrecher!“ „Von wem ſprechen Sie?“ rief Dick erſtaunt. „Von dem, welchen Sie zu fürchten und zu häſ⸗ ſen vor Allem Grund haben, von einem Weſen, das ohne Zweifel das Aeußere eines Menſchen, aber das Herz eines Dämons hat. Roderich Haſtings, der gegenwärtige Beſitzer von Crowshall, kann allein ein Intereſſe an Ihrem Tod haben.“ „Pirklich, Sir, hat er auch einen Mordverſuch gegen mich gemacht. Aber ſagen Sie mir um's Him⸗ mels willen, wie wiſſen Sie das? Es kann keine Freundſchaft ohne Verttauen geben.“ „Habe ich Ihnen nicht chon einen Beweis der Freundſchaftsempfindungen, die ich gegen Sie hege, gegeben?“ „Ohne Zweifel, aber „Ich kann Ihnen keine weiteren Erklärungen geben,“ fuhr der Inſpector fort.„Ihretwegen habe — 81 ich England verlaſſen, denn ich wußte wohl, daß Roderich mich im Verdacht haben würde, die Beweiſe für Ihre Geburt zu beſitzen; und für ihn heißt einen Verdacht haben handeln. Der Menſch, der ſeinen Weg gekreuzt hat, thäte wohl daran, von Luft zu leben, wie das Chamäleon; er hat die Liſt der Schlange, verbunden mit der Wildheit des Tigers.“ „Sie kennen ihn wenigſtens,“ ſagte unſer Held. „Ebenſo gut,“ antwortete Mr. Cuſack,„wie ich eines Tags von Ihnen gekannt zu ſein hoffe. Ich bitte Sie nicht um Ihr ganzes Vertrauen, bis ich Ihnen bewieſen habe, daß ich es durch etwas An⸗ deres als bloße Worte verdiene. Morgen Abend werden die Papiere, von denen ich Ihnen geſagt habe, in Ihren Händen ſein. Bis dahin halten Sie Ihr Urtheil in Bezug auf mich noch zu⸗ rück. Das iſt doch nicht zu viel von Ihnen ver⸗ langt“ „Gern; ein ſolcher Beweis würde ſelbſt die Un⸗ gläubigkeit befriedigen.“ „Und dieſen Beweis werden Sie,“ ſetzte Mr. Cuſack hinzu,„bis morgen haben, wenn mir bis da⸗ hin nicht ein Unglück zuſtößt.“ Zur Erfüllung ſeines Verſprechens ſtieg er un⸗ gefähr eine Stunde nach dieſer Unterredung zu Pferd, um nach Melbourne zurückzukehren. William Giles erbot ſich, ihn zu begleiten, willigte aber, Martha's dringenden Bitten nachgebend, ein, noch einen Tag auf der Farm zu bleiben, wiewohl er ungeduldig war, ſeine Baſe, die hübſche Suſanne, wieder zu ſehen. Das Erbe. MII 6 82 Der Reſt des Tags wurde der Beſichtigung der Farm und der nächſtgelegenen Schafpferche gewid⸗ met. Georg wollte durchaus, daß ſein junger Herr, wie er darauf beſtand, ihn zu nennen, das Beſitzthum, das er ihm zuzuſtellen beeilt war, in Augenſchein nehme. „Und was werden Sie thun, wenn ich Ihr An⸗ erbieten annehme?“ „Ich werde bei Ihnen bleiben,“ erwiderte der Farmer.„Sie werden immer einen Intendanten oder Verwalter brauchen und Sie könnten keinen treueren finden.“ Dieſe Worte wurden mit jenem beſcheidenen Stolze ausgeſprochen, welchen nur die vollkommenſte Redlichkeit zu empfinden das Recht hat. „Bleiben Sie doch als Eigenthümer. Ich müßte wahrlich ſehr egviſtiſch ſein, das edelmüthige Opfer anzunehmen, welches Sie mir bringen wollen; Sie werden mein Freund und nicht mein Intendant ſein; mein Bankier im Fall der Noth, wenn Sie wollen, aber die Hoffnungsfarm braucht ihren Herrn nicht zu wechſeln.“ „Das heißt geſprochen, wie ein Abkömmling vom alten Stamm,“ rief William Giles;„gerade ſo waren die Herberts in meines Vaters jungen Jah⸗ ren. Er wird vor Freuden entzückt ſein, wenn ich ihm dieſe Neuigkeiten erzähle. Ich wette Zehn gegen Eins, daß er Alles, was er hat, wird verkaufen wollen, um nach England zurückzukehren, wenn er hört, daß Sie wieder in den Beſitz von Crowshäll gekommen ſind. Dort iſt er geboren, und es hat ihm beinahe das Herz gebrochen, als er abziehen mußte.“ „Vielleicht werde ich England nie wieder ſehen,“ ſagte unſer Held mit einem Seufzer.⸗ Seine Zuhörer wechſelten einen Blick der Ueber⸗ raſchung. „Das, was ich dem Andenken meiner Vorfahren ſchuldig bin, und der Wunſch, den ich hege, die Un⸗ gerechtigkeiten des gegenwärtigen Beſitzers von Crows⸗ hall wieder gut zu machen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„ſind die einzigen Motive, die mich dahin zurückführen könnten. Ich bedarf eines Le⸗ bens der Aufregung und Abenteuer, irgend etwas muß mich die Vergangenheit vergeſſen machen, ſollte ich auch ohne Hoffnung für die Zukunft bleiben.“ Der Freund ſeines Vaters betrachtete ihn auf⸗ merkſam. „Armer Junge!“ ſprach er bei ſich,„hat das Un⸗ glück, das ſeinen Stamm verfolgt, ihm bereits ſein Siegel aufgedrückt“? Und er dachte an ſeinen verſtorbenen Herrn. 84 Vierzigſtes Kapitel. Lover und Liß. Der Tag war Martha ſehr lang vorgekommen. Während der Abweſenheit ihres Bruders und Dicks war ſie ſo ſehr von dem Gedanken gequält, Amen Corner könnte ihnen begegnen, daß ſie ſich durch hundert Acte nervöſer Ungeduld hindurchſchleppen mußte, und das treue Geſchöpf athmete erſt wieder frei, als ſie dieſelben zurückkommen ſah. „Gott ſei Dank!“ murmelte ſie,„ſie ſind am Leben. Amen hat ſein Verſprechen gehalten; da ſind ſie geſund und wohl.“ Es iſt wahrſcheinlich, daß die Karabiner, womit die drei Spaziergänger bewaffnet waren, zu ihrer Sicherheit wenigſtens eben ſo viel beitrugen, als Amens Rückſicht auf ſeinen Eid, denn der Räuber hatte ſie während ihrer Exeurſion nicht aus dem Auge verloren. Seitdem ſie die Mittel beſaß, die Abreiſe ihres verbrecheriſchen Gatten zu ſichern, hatte Martha keine ſo große Furcht mehr, ihn wieder zu ſehen. Gleichwohl beſchloß ſie klüglich, das Geld nicht mit ſich zu nehmen, ſondern zuvor ihre Bedingungen zu machen. Was Lebensmittel und Kleider betraf, ſo hatte ſie dieſelben verſprochen. Mitternacht war vorüber, als die zitternde Frau das Haus ruhig genug fand, um ihr Vorhaben in Ausführung zu bringen; und als ſie allen ihren Muth zuſammengefaßt hatte, hielt ſie faſt noch 85 bei jedem Schritt ſtill, um die Schläfer nicht zu wecken. „Sehe ich nicht aus, wie eine große Verbreche⸗ rin,“ ſprach ſie bei ſich,„da ich wie ein Geſpenſt oder ein Dieb in der Farm herumziehe? Das Echo meiner Schritte macht mich erbeben. Und doch ſind meine Abſichten gut.“ Als ſie in der Küche ankam, wo Mary Chells ſchlief, mußte ſie ihre Vorſichtsmoßregeln verdoppeln, um ſie nicht zu wecken; aber die Magd ſchien tief zu ſchlafen. „O, wenn ich es wagte, ſie mitzunehmen,“ dachte Maortha,„ihre Gegenwart würde mir ein Schutz ſein, denn ich fange an, mich vor der Gewaltthätig⸗ keit des Weſens zu fürchten, mit dem ich zuſammen⸗ treffen ſoll. Aber ſollte er das Herz haben, mir etwas zu Leide zu thun, wenn ich ihm Lebensmittel und Kleider bringe? Es iſt ihm ohne Zweifel ein Gefühl von Dankbarkeit geblieben, irgend ein Band, das ihn noch an die Menſchheit knüpft.“ Der Wind ſeufzte kläglich und ſchüttelte die Blät⸗ ter des dichten Gehölzes, welches die Farm von Oſten her ſchützte, als Martha ſich verſtohlen davon machte und in's Freie trat. Der Mond leuchtete mit jenem beſonderen Glanze des auſtraliſchen Him⸗ mels und warf deutlich die Schatten aller Gegenſtände, welche ſein Licht traf. Martha war noch nicht halbwegs zu dem Ort des Stelldicheins, als Mary Chells, welche ſich nur ſchlafend geſtellt hatte, gleichfalls aus der Farm her⸗ austrat. Die treue Magd war Zeugin des erſten Zuſammentreffens von Amen Corner mit ſeiner Frau dem Gewehr des Sträflings hinweggenommen, wäh⸗ rend daſſelbe an den Gummibaumſtamm gelehnt war, hinter welchem ſie ſich verborgen hatte. „Da will ſie nun mit jenem ſchrecklichen Mann iſt da, ſie zu ſchützen. Was thun? mein Gott! mache ich Lärm im Hauſe, ſo weiß die ganze Welt, daß ſie die Frau eines entwichenen Sträflings iſt, und die Schande wird ihr das Herz brechen Die Hunde!“ rief ſie, von einem plötzlichen Ge⸗ danken ergriffen.„Wie einfältig ich wat, nicht daran zu denken!“ Georg Chaſon hatte wie die meiſten auſtraliſchen Farmer zwei Spürhunde von ausgezeichneter Schön⸗ heit. Es waren im Fall eines Angriffs koſtbare Thiere zur Verfolgung der Spur von Buſchmännern, welche ſich vor dieſen Vierfüßlern viel mehr als ſelbſt vor der Verfolgung der Menſchen fürchteten, denn war der Spürhund einmal auf der Fährte, ſo ließ der Inſtinct ihn ſein Opfer mit unermüdlicher ben abführen. Zum Glück hatte bis“ auf dieſen Tag ihr Herr nie Gelegenheit gehabt, ihre Geſchicklichkeit auf die lag, einer der ruhigſten in Auſtralien war. Er hielt dieſe Thiere mehr aus Liebhaberei, als um ihres Nutzens willen, und Martha und die Magd hatten ihnen ihre beſondere Gunſt geſchenkt. Lover und Liß(ſo hießen die beiden Hunde) waren bei ihnen lammfromm, obgleich ſie Fremden gegenüber ſich ſo geweſen. Ihre Hand hatte das Zündhütchen von zuſammenkommen,“ flüſterte Mary,„und Niemand Geduld verfolgen; nur Blut konnte ihn von derſel⸗ Probe zu ſtellen, da der Diſtrict, worin ſeine Farm wild zeigten, daß man der Vorſicht halber genöthigt war, ſie in einer Holzhütte neben der Farm ange⸗ bunden zu halten. Die wachſamen Thiere erkannten Mary's Schritt, ſtießen, ſtatt zu brummen, einen leiſen Freudenruf aus und ſprangen dann auf, mit ihr zu ſpielen, als ſie ihnen nahe genug gekommen war. „Nieder, Lover!“ ſagte ſie,„nieder, Liß!“ Sie gehorchten. Mit einer vor Ungeduld zitternden Hand, denn die treue Mary fühlte, daß vielleicht das Leben der Herrin von ihrer Schnelligkeit abhing, machte ſie die⸗ ſelben von der Halskette los und kehrte dann mit ihnen gegen das Haus zurück. Sobald ſie mit ge⸗ ſenkter Naſe am Eingang der Farm angekommen waren, begannen ſie den Boden zu beriechen, und ſtießen plötzlich ein dumpfes Gebell aus. „Sucht! ſucht!“ rief ſie,„ſucht die Herrin!“ Es bedurfte keines zweiten Befehls; die feinen Spürhhnde ſchienen vollkommen zu begreifen, was man von ihnen erwartete, denn ſie ſtürzten vor⸗ wärts, dem Fußpfad folgend, den Martha eingeſchla⸗ gen hatte. „Ich kann nur für ſie beten,“ ſagte Mary Chells. „Sie würde mir niemals verzeihen, wenn ich Lärm auf der Farm gemacht hätte, um ſo ihre Schande ihrem Bruder und ſeinen Freunden an den Tag zu bringen.“ Sie ſetzte ſich in den Schatten, ſo daß ſie, ohne geſehen zu werden, die Rückkehr ihrer Herrin ab⸗ warten konnte. Als die unglückliche Martha das Dickicht erreichte, welches der Sträfling zur Zuſammenkunft mit ihr beſtimmt hatte, ſah ſie denſelben am Fuß des Gummi⸗ baumes ſitzen, an welchen er bei ihrer erſten Begeg⸗ nung ſeine Flinte gelehnt hatte. Er wartete unge⸗ duldig auf die Rückkehr ſeiner Frau, denn er war bis auf die Knochen erfroren; ſeine Lumpen ver⸗ mochten ihn dagegen nicht zu ſchützen, und er befand ſich in einem jener Anfälle von Brutalität, die ſo oft zur Zeit ihres Zuſammenlebens die Wangen ſei⸗ nes Opfers zum Erblaſſen und das Herz zum Klopfen gebracht hatten. „Biſt Du endlich da!“ brummte der Räuber. „Sei nicht böſe,“ erwiderte Martha.„Es iſt nicht meine Schuld, wenn ich ſo ſpät komme; aber wir haben Gäſte gehabt.“ „Hum! Gäſte!“ wiederholte ihr Mann,„wen denn?“ 6„Den Inſpector der Kronländereien und William iles.“ „Den Sohn des alten Giles von Crows⸗ „Aber es war noch ein dritter da,“ entgegnete Amen Corner mit argwöhniſcher Miene, denn ſein Spießgeſelle Bill Spuggins, der immer auf der Lauer geſtunden war, hatte ihm die Ankunft von drei Frem⸗ den angezeigt. „Ja, ja,“ ſagte Martha;„da ſieh,“ ſetzte ſie hinzu, in der Abſicht, ſeiner Aufmerkſamkeit eine andere Richtung zu geben,„ich habe Dir die verſprochenen Kleidungsſtücke mitgebracht.“ „Und Lebensmittel?“ 13 89 „Und auch Lebensmittel,“ antwortete ſie, einen ſchwer beladenen Korb auf den Boden ſtellend. Der Waldläufer öffnete ihn und ein zufriedenes Lächeln erheiterte einen Augenblick ſeine hagern Züge, als er ſah, daß er eine Flaſche Branntwein enthielt. Er führte ſie ſogleich an ſeine Lippen und nahm einen guten Schluck davon. „Du haſt mir,“ fuhr er dann fort, den Stöp⸗ ſel wieder darauf ſetzend,„den Namen des dritten Gaſtes noch nicht geſagt. Ich will ihn wiſſen, und wenn ich entdecke, daß Du gelogen haſt....“ „Es iſt Mr. Tarleton,“ fiel Martha ein, in der Hoffnung, daß er Dick bei dieſem Namen noch nicht nennen gehört habe. „Und wer iſt dieſer Mr. Tarleton?“ „Ein Freund von William.“ „Aber wer iſt er?“ „Ich kann Dir nicht weiter ſagen,“ antwortete ſeine Frau mit einer Miene von Feſtigkeit, die ihr ferne lag,„denn ich erinnere mich nicht, dieſen Na⸗ men vor dem geſtrigen Abend je gehört zu haben.“ Amen ſchien nicht befriedigt; wahrſcheinlich be⸗ ſchloß er, ſich ſelbſt von der Wahrheit dieſer Aus⸗ ſagen, welche das Stocken ſeiner Frau ihm zweifel⸗ haft gemacht hatte, zu überzeugen. „Und das Geld?“ fragte er. „Amen,“ antwortete Martha,„ich kann, es iſt wahr, Dir ein wenig verſchaffen, aber dieß wird nur unter der Bedingung geſchehen, daß Du ſogleich dieſe Gegend verläſſeſt, daß Du Dich nach irgend einem Lande begibſt, wo Du Deine Verbrechen und Dein Daſein der menſchlichen Gerechtigkeit verbergen 90 kannſt. So lang Du hier biſt, werde ich keine Ruhe haben. Schreckliche Träume quälen mich. Ver⸗ ſprich mir das, verſprich mir es aufrichtig, und Du erhältſt „Wie viel?“ fragte ihr Mann kalt. „Hundert Pfund Sterling!“ „Das iſt nicht genug.“ „Hundert fünfzig alſo, das iſt Alles, was ich Dir verſchaffen kann.“ „Hum!“ brummte der Sträfling;„das könnte ausreichen; aber ich muß ſie auf der Stelle haben.“ „Gib mir das Verſprechen, das ich verlange, und Du ſollſt ſie morgen haben.“ „Ich brauche ſie jetzt.“ „Ich habe ſie nicht bei mir.“ „Das iſt eine Lüge,“ rief ihr Verfolger.„Ich leſe es in Deinen ſchiefen Blicken, in Deinen ſtocken⸗ den Worten. Glaubſt Du mich zu täuſchen, mir Bedingungen aufzulegen? Bin ich nicht Dein geſetz⸗ mäßiger Gatte?“ „Das iſt wahr!“ ſagte Martha mit einem Seuf⸗ zer,„und es war ein unheilvoller Tag für mich, als Du es wurdeſt.“ Der Schluck Branntwein, den der Elende zu ſich genommen, nachdem er ſo lang jeder Art geiſtigen Getränks beraubt geweſen war, hatte die gewöhnliche Wirkung unter ähnlichen Umſtänden hervorgebracht; er hatte alle ſchlechten Leidenſchaften ſeines Naturells geweckt. Richts konnte ihm die Vorſtellung benehmen, daß ſie Geld bei ſich habe, und er beſchloß, ſich deſſelben, gleichgültig mit welchen Mitteln, zu be⸗ mächtigen. 91 Was war für ihn ein Verbrechen mehr oder weniger in der dunkeln Liſte ſeiner Miſſethaten. „Gib mir das Geld, wenn Du klug biſt,“ ſagte er. „Ich wiederhole Dir, ich habe es nicht.“ Das Ungeheuer betrachtete ſie mit drohendem Blick. Halb wahnſinnig vor Zorn und durch den Branntwein aufgeregt, erhob er ſeine Flinte wie einen Knüppel über Martha's Haupt. Dieſe wich erſchrocken zurück, jedoch ohne es zu wagen, ihm den Rücken zu wenden. „Amen! Amen!“ rief ſie,„Du wirſt mich doch nicht ermorden?“ „Glaubſt Du?“ „Gedenke an Deine Seele; gedenke an die an⸗ dere Welt.“ „Gib mir das Geld!“ Er war nur einige Schritte von der Stelle ent⸗ fernt, wohin ſie ſich zurückgezogen hatte. Hinter ihr lag das Dickicht, ſo verwachſen und undurchdringlich, daß ſie nicht weiter ausweichen konnte; einen Augen⸗ blick länger und die mörderiſche Waffe mußte auf ihr Haupt fallen, als die beiden Spürhunde herbei⸗ ſprangen. Der Elende wich mit Schrecken zurück. „Nieder, Lover! nieder, Liß!“ rief Martha, welche es nicht ertragen konnte, ſelbſt den Mann in Stücken zerreißen zu ſehen, der das Leben ihr zur Laſt ge⸗ macht und eben den Arm zu ihrem Mord erhoben hatte. Die Hunde ſchmiegten ſich zu den Füßen ihrer Herrin, aber dumpf knurrend und ihre blutunter⸗ laufenen Augen feſt auf den Mörder gerichtet, be⸗ reit, bei der erſten Geberde, die er machte, bei dem erſten Worte Martha's ſich auf ihn zu ſtürzen. „Gott ſei gelobt! Du haſt ein Verbrechen weniger auf dem Gewiſſen.“ „Geh doch! Du bildeſt Dir wirklich ein, ich habe Dir etwas zu Leid thun wollen,“ murmelte der Feigling.„Wozu hätte mir das geholfen? Ich ge⸗ dachte nur, Dich zu erſchrecken.“ „Du haſt mich erſchreckt,“ ſagte ſeine Frau blaß wie der Tod,„nimm den Korb und die Kleider und verlaß mich.“ „Du willſt mir jetzt Befehle geben?“ „Ich ſpreche nur in Deinem eigenen Intereſſe. Auf einen Ruf, auf ein Wort von mir würden dieſe Hunde Dich in Stücken reißen. Geh, Amen, geh, vielleicht könnte ich ihre Wuth nicht mehr zurückhal⸗ ten. Laß Dein Gewehr langſam herab; eine etwas raſchere Bewegung würde hinreichen, ſie zu reizen.“ Der Mörder folgte dieſem Rath, denn bisher war das Gewehr noch über ſeinem Kopfe ausgeſtreckt. Das dumpfe und wilde Knurren der Hunde zeigte ihm noch deutlicher, als durch die Worte ſeiner Frau geſchah, die drohende Gefahr. Während er den Korb und die Kleidungsſtücke aufraffte, gelang es Martha, ihre Beſchützer durch Schmeicheln und Strei⸗ cheln ruhig zu halten. Das Herz der Frau iſt ein Geheimniß für den Menſchen. Ohne Zweifel hatte ſie ihn nie geliebt, er war für ſie ein Gegenſtand des Schreckens und Abſcheus; doch war er ihr Gatte, hatte ihr Bett getheilt und ſie konnte ſich nicht entſchließen, Zeuge ſeines Todes zu ſein. „Geh!“ wiederholte ſie. „Ich gehe,“ antwortete Amen,„aber glaube nicht, daß ich den Streich vergeſſe, den Du mir geſpielt haſt. Du nennſt Dich gut und fromm, und doch hatteſt Du die Abſicht, mich mit dieſen hölliſchen Hunden wie ein wildes Thier zu jagen.“ „Ich wußte nicht, daß ſie los waren.“ „Bringe morgen Abend das Geld,“ ſagte ihr Mann, ſich entfernend,„oder ich werde mich nicht mehr an das gegebene Verſprechen gebunden glau⸗ ben, Deinen Bruder zu ſchonen. Ich bin ein ge⸗ ſchickterer Schütze als ſonſt, Martha, und verfehle mein Ziel niemals.“ Die Spürhunde fingen wieder zu knurren an, denn Amen hatte einen drohenden Ton angenommen, den ſie zu verſtehen ſchienen. „Du wirſt mich hier finden,“ erwiderte Martha, „jetzt laß mich.“ Amen zog ſich langſam zurück, die Augen auf die Hunde gerichtet, welche kläglich winſelten, als ſie ihre Beute entkommen ſahen. Die Kraft Martha's hätte nicht ausgereicht, ſie zurückzuhalten, es bedurfte noch des Streichelns und zärtlicher Worte. „Komm, Lover, komm, Liß,“ ſagte ſie, als ſo viel Zeit verſtrichen war, daß ihr Mann ſich außer Gefahr befand,„wir wollen nach Hauſe zurück⸗ kehren.“ Die Hunde folgten ihr, den Schwanz zwiſchen den Beinen und mit geſenkten Ohren. Es war kein geringer Beweis von Treue, welchen ſie ihrer Herrin 94 damit gaben, daß ſie ſich zurückhalten ließen, nachdem einmal ihr Inſtinct geweckt war. Ehe ſie in ihre Kammer zurückkehrte, legte Martha ſie unter dem Schuppen an die Kette. Sie konnte nicht begreifen, durch welchen glücklichen Zufall ſie ihre Bande zerriſſen hatten. Es ſchien ihr, ein Schutz⸗ engel habe über ſie gewacht. Als ſie durch die Küche ging, bemerkte ſie, daß Mary Chells noch immer ſchlief. Ungefähr eine Meile von dem Ort, wo Amen Corner ſeine Frau verlaſſen hatte, traf er auch Bill Spuggins, der ihn dort erwartete. „Es iſt teuflifch kalt,“ ſagte der Spitzbube;„ich dachte ſchon, Du habeſt Dich verirrt oder wolleſt nicht wieder kommen. Aber ich ſtelle mir vor,“ ſetzte er hinzu,„Du mußteſt Deine Frau umarmen und Frieden ſchließen, wie es in dem alten Liede heißt.“ „Sie umarmen!“ wiederholte ſein Genoſſe lachend. „Unſere Umarmung hatte viel Aehnlichkeit mit den Liebkoſungen des Tigers.“ „Sollteſt Du die Thorheit gehabt haben, ſie zu ermorden?“ rief Bill Spuggins. „Nein, aber ich hatte wüthende Luſt dazu.“ „Was willſt Du dann mit den Liebkoſungen des Tigers ſagen?“ Amen erzählte ihm, was bei der Zuſammenkunft vorgefallen war, indem er nur, um ſeine Heftigkeit zu entſchuldigen, hinzuſetzte, er hätte ſich nicht ſo weit hinreißen laſſen, wenn er nicht nach einer ſo langen Enthaltſamkeit von allen geiſtigen Geträn⸗ . 95 ken durch den Kornbranntwein aufgeregt geweſen wäre. „Branntwein?“ wiederholte ſein Genoſſe gierig, „haſt Du davon?“ Sie ſetzten ſich am Eingang des Waldes nieder und verſchlangen, mit dem Appetit ausgehungerter Wölfe, die von Martha gebrachten Mundvorräthe. Die Flaſche wurde, wie man ſich denken kann, nicht vergeſſen. Als ihr Hunger geſtillt war, öffnete Amen das Paket; es enthielt einfache aber bequeme Kleidungsſtücke, ſo wie ſie die reichen Farmer Au⸗ ſtraliens tragen, einige Hemden und ein paar ſtarke Stiefel. „Du haſt Glück,“ ſagte der Spitzbube mit einem Seufzer des Neides.„Wem gehörten dieſe Kleider? Ich möchte es wiſſen.“ „Ihrem Bruder.“ „Huin! Ich kannte einen Mann, der wegen eines Rockes gehängt wurde.... Dieſe Knöpfe da ſind auffallend.“ Es waren große Perlmutterknöpfe, welche Georg aus England mitgebracht hatte; es gab wahrſcheinlich in der ganzen Colonie keine ähnlichen. „Meiner Treu! ja,“ erwiderte der Ex⸗Kirchſpiel⸗ ſchreiber,„ſie ſind ziemlich ſonderbar. Du biſt ein ſcharfſinniger Mann, zu ſcharfſinnig für mich, glaube ich. Was wollteſt Du damit ſagen, daß ein Mann wegen eines Rockes gehängt worden ſei? Willſt Du mir die Luſt benehmen, dieſen zu tragen?“ „Durchaus nicht.“ „Was alſo dann?“ 96 „Nun, ich will es Dir ſagen. Angenommen (metke Dir wohl, es iſt nur eine Vorausſetzung), angenommen, ein Mann ſei von Jemand, der dieſen Rock trug, beſtohlen oder ermordet worden; ange⸗ nommen, im Kampfe ſeie einer dieſer Knöpfe abge⸗ riſſen worden, er finde ſich an dem Ort des Ver⸗ brechens, oder in der Hand des Leichnams; auf wen, glaubſt Du, würde der Verdacht der Policei und der Tölpel fallen?“ Amen begann leiſe zu pfeifen. „Ah! auf den Eigenthümer des Rocks gewiß,“ ſuhr Bill Spuggins fort,„auf den, der ihn hundert⸗ mal unter den Augen und mit Wiſſen von Mel⸗ bourne und allen ſeinen Nachbarn, obgleich es deren in dieſem verdammken Lande nicht viel gibt, getra⸗ gen hat.“ „Denkſt. Du alſo, ich ſollte.. „Vollende Deine Phraſe.“ „Es wäre eine beſſere Rache, als die, welche ich ſelbſt an ihm nehmen könnte,“ ſetzte Amen hinzu. „Ohne Zweifel. und wir brauchen Geld. Un⸗ ſere Dummköpfe von Kamaraden haben die Hütten der Pferchwächter geplündert. Das Land wird bald zu heiß für uns ſein. Aber laß Dich das nicht an⸗ fechten; ich habe einen Verſteck entdeckt, wo zwei Menſchen vollkommen in Sicherheit ſein würden, bis die Nachforſchungen vorübér ſind. Ich würde dem beſten Spürhunde der Policei Trotz bieten, uns hier auszuwittern.“ „Wo iſt er?“ — 97 „Im Walde; aber ehe ich Dir ihn zeige, gleich und gleich für Jeden.“ „Hier meine Hand darauf,“ erwiderte Amen Corner,„Du biſt gerade der Mann, dem ich ver⸗ trauen mag; außerdem verabſcheue ich es, allein zu ſein. Du kennſt alle Geheimniſſe dieſes hölli⸗ ſchen Landes; ohne Dich wüßte ich nicht, wie hin⸗ wegzukommen.“ „Du irrſt Dich nicht,“ ſagte Bill, der ihn in dieſer Vorſtellung beſtärken wollte,„und wenn Du nur Deine Frau dazu bringen kannſt, daß ſie hun dert Pfund ſpeit, ſo ſtehe ich dafür, ich bringe Dich nach Amerika oder England. Meines Theils würde ich Amerika vorziehen,“ ſetzte er hinzu,„die Leute werden teufliſch fein bei uns zu Hauſe.“ „Es wird ſpäter Zeit ſein, ſich zu entſcheiden,“ entgegnete ſein Verbündeter.„Martha hat mir auf morgen Abend Geld verſprochen. Was das andere Project betrifft, ſo wollen wir weiter davon ſprechen. Aber wo iſt der Verſteck?“ „Folge mir, ich will ihn Dir zeigen.“ Sie legten ungefähr drei Meilen zurück, ehe ſie ein ſehr tiefes Thälchen des Schwarzwaldes erreich⸗ ten, deſſen eine Seite ganz von Geſträuch und ver⸗ krüppelten Bäumen bedeckt war. „Laß ſehen,“ ſagte der Spitzbube,„es kann nicht weiter ſein. Ah! ich wußte wohl, daß ich den Ort wieder finden würde. Hier mein Wegzeiger.“ Er deutete auf einen Granitblock, der ſich über das Bett des Baches erhob, welcher im Som⸗ mer das Thälchen beſpülte, aber jetzt vertrocknet wdr. Das Erbe. III. 7 98 Auf Knieen und Händen vorwärts ſchreitend, ſchleppte er ſich durch das Gebüſch, die gefolgt von ſeinem Begleiter. Nachdem er ungefähr ſechzig Schritte weit fortgekrochen war, forderte er Amen auf zu halten. „Wo ſind wir?“ fragte dieſer,„es iſt ſehr finſter.“ „Du wirſt es gleich ſehen.“ Bill zog einen Feuerſtahl aus der Taſche, mit deſſen Hülfe er einen Haufen Blätter, abgeſtorbenes Holz und Fichtenzapfen anzündete. Als die Flamme aufſchlug, ſah Amen Corner zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen, daß ſie ſich in einer Höhle von beträcht⸗ licher Ausdehnung befanden, welche für das Tages⸗ licht unerreichbar und vor jeder Nachforſchung ge⸗ ſichert ſchien. „Wohrhaftig, ein ſchöner Verſteck!“ rief er mit Bewunderung. —„Nicht wahr?“ ſagte Spuggins mit zufriedener Miene lächelnd,„und noch dazu ſchön wie ein Pa⸗ laſt.„Siehſt Du, wie die Wände funkeln! Ah, wenn das Gold ſtatt Trapp wäre.“ Er zeigte ihm die Quarzmaſſen, die ringsherum vorſprangen ufd aus denen große Blättchen Metalls hervorflimmerten. „Wir würden für unſer Leben lang reich ſein,“ antwortete Martha's Gatte. Sie dachten nicht, daß es wirklich Gold war, dieſer verſuchende Dämon, der Mrſächer ſo vieler Verbrechen. Gold! Es gab hier genug davon, ſelbſt um einen Geizhals zu ſättigen, um ſie ihr Leben lang in Reichthum ſchwimmen zu laſſen. Aber man 99 hatte die koſtbaren Minen noch nicht entdeckt, welche in der alten Welt die ſocialen Beziehungen verändern und ſo große Wirkungen hervorbringen ſollten. Unſere beiden Spießgeſellen entſchloſſen ſich, nicht mehr zu ihren Freunden, den Waldſtreichern, zu ſtoßen, welche, beunruhigt durch die von ihren Räu⸗ bereien im Bezirk verurſachte Aufregung, daran dachten, noch tiefer in das Innere des Landes ein⸗ zudringen. „Ich wünſche ihnen Glück, wenn wir derſelben los ſind,“ ſagte Spuggins,„Ein Kamarade iſt Alles, was ich brauche.“ „Auch ich,“ ſetzte Amen hinzu. „Machen wir die kleine Affaire ab, von der ich geſprochen habe,“ nahm der Andere wieder das Wort,„wird es um ſo beſſer für uns ſein, je ruhiger wir uns halten; und die Vorſehung ſcheint uns dieſen Zufluchtsort geſchenkt zu haben.“ „Welche Affaire?“ fragte ſein Verbündeter, deſ⸗ ſen Vernunft ſich in Folge der wiederholten Um— armungen, womit er ſeine geliebte Flaſche bedachte, zu trüben ſchien. „Haſt Du die Knöpfe vergeſſen?“ „Ah ich verſtehe Dich!“ rief der Freu⸗ ler,„und beim Himmel, ich werde ſie ausführen. Ich habe geſchworen, als Georg Chaſon mich im Walde von Crowshall wie einen Hund ſchlug, ich werde mich früher oder ſpäter rächen, und ich werde meinen Schwur halten. Ich ſollte das Vergnügen haben,“ ſetzte er hinzu,„ihn hängen zu ſehen, und 100 zu wiſſen, daß es für ein von mir begangenes Ver⸗ brechen geſchieht.“ „Ihn hängen zu ſehen!“ wiederholte Spuggins, „geh, Du biſt allzu leckerhaft. Strecke, ſtrecke Deine Rache. Iſt es Dir nicht genug, zu wiſſen, daß man ihn gehängt hat? Es iſt nicht gut, allzu viel vom Glück zu verlangen.“ „Es wäre mir lieber, viel lieber, es mit meinen eigenen Augen anzuſehen,“ murmelte Amen. Am andern Morgen, als ihre, von dem glück⸗ lich geleerten Branntwein erhitzten Köpfe ſich etwas abgekühlt hatten, unterhielten ſie ſich von ihren Projecten, und es wurde ausgemacht, einer von ihnen ſollte ausgehen und mit einem Theil des Geldes, das Martha bei der erſten Zuſammen⸗ kunft ihrem Mann gegeben hatte, eine gute Quan⸗ tität Lebensmittel kaufen, dabei aber Sorge tragen, eine der Hoffnungsfarm entgegengeſetzte Richtung ein⸗ zuſchlagen. „Gehe Du,“ ſagte Bill,„ziehe Deine neuen Kleider an, die Bande im Wald wird Dich nicht wieder erkennen.“ „Nein, gehe Du ſelbſt,“ antwortete Corner. Wiewohl Bill aus beſonderen Gründen lebhaft wünſchte, dieſen Auftrag ſelbſt zu beſorgen, ſtellte er ſich doch, als wäre es ihm gleichgültig, indem er bemerkte, ſein Gefährte würde ſich beſſer dabei heraus⸗ ziehen. Am Ende ließ er ſich jedoch überreden und nahm das Geld, welches Amen ihm bot. „Es wird Dir leicht ſein, bei einem der Schaf⸗ pferche Lebensmittel zu kaufen.“ „Und Du, was gedenkſt Du zu thun?“ 101 „Ich werde im Wald herumſtreifen und meine Flinte gebrauchen, wenn ich etwas ſehe, was der Mühe werth iſt,“ ſagte Amen. Der bedeutſame Hohn, der dieſe Worte begleitete, erklärte deutlich genug die mörderiſchen Abſichten des Er⸗Kirchſpielſchreibers. „Sei auf Deiner Hut,“ entgegnete Bill,„höre auf meinen Rath, ſtrecke, ſtrecke Deine Rache.“ Einundvierzigſtes Kapitel. Als die beiden Buſchmänner beim Heraustreten aus der Höhle ſich trennten, gaben ſie ſich Ver⸗ ſicherungen gegenſeitiger Treue und unbegrenzter Freundſchaft. Aber weder der Eine noch der An⸗ dere glaubte an dieſe Verſicherungen, denn das Ver⸗ trauen kann nicht exiſtiren, wo das Verbrechen die Grundlage des Vertrages iſt. „Warum ſoll ich mit Spuggins das Geld thei⸗ len, das mir meine Frau gibt?“ ſprach Amen Cor⸗ ner bei ſich, ſeine Flinte auf die Schulter nehmend und durch den Wald ſchreitend, ganz ſtolz auf ſeinen Anzug, denn er trug Georg Chaſons Kleider.„Seine Rathſchläge können ſehr gut ſein, aber das hieße ſie allzu theuer bezahlen. Ich würde nicht an fünf, ja nicht an zehn Pfund ſehen, aber die Hälfte, die Hälfte!„. Das Schlimmſte iſt, daß ich kein 102 Rittel ſehe, ihn mir vom Halſe zu ſchaffen, denn er iſt ſchlau wie ein Fuchs und biſſig wie ein Wolf, wenn er ſich beleidigt glaubt.“ Martha's Gatte ſetzte eine Zeit lang ſeinen Weg fort, auf Mittel ſinnend, ſich von ſeinem Genoſſen, ohne Gefahr für ihn ſelbſt, los zu machen. Ein⸗ oder zweimal erhellte ein Unglück verkündendes Lächeln ſeine hagern, leichenhaften Züge, wenn ein vages Project vor ſeinen Geiſt trat, aber Stunden verfloßen, ehe er einen feſten Entſchluß ge⸗ faßt hatte. Nachdem dieß geſchehen, zog er die Details mit der größten Kaltblütigkeit in Erwägung. „Gut ſo,“ rief er im Tone eines Mannes, der plötzlich mitten aus einem peinlichen Traum erwacht iſt,„ſo liſtig er iſt, wird er darauf doch niemals kommen.“ Und der Elende fand beinahe ebenſo viel Ver⸗ gnügen in dem Gedanken, ſeinem Kamaraden einen Streich zu ſpielen, als in dem, all ſein Geld für ſich zu behalten. Durch ein ſeltſames Zuſammentreffen zeigten ſich Bill Spuggins' Betrachtungen von derſelben Natur. Die verſprochene Theilung genügte ihm nicht; ſeine Begierde trachtete nach dem Ganzen.„Der Plan iſt ganz von meiner Erfindung,“ ſprach er bei ſich,„und ich ſehe nicht ein, warum dieſes dumme Thier, Amen Corner, den gleichen Theil wie ich haben ſollte. Ich würde an einige Pfund nicht ſehen, aber die Hälfte!.... das iſt eine brennende Un⸗ gerechtigkeit.“ So begann er einen heftigen Haß gegen den Mann 103 zu hegen, dem er eben ewige Treue und Freundſchaft geſchworen hatte. „Ich werde mich von ihm nicht beſtehlen laſ⸗ ſen,“ ſetzte er ganz ſtolz hinzu,„von einem Bur⸗ ſchen, der nicht die mindeſte Einbildungskraft hat. Ohne mich hätte er ſeine Frau ermordet. Nie hätte er gefunden, daß es mehr werth iſt, die Kuh zu melken, bis zur Erſchöpfung zu melken. Ich möchte wiſſen, was dieſe Thörin ihm geben wird. Ich hoffe, daß es wenigſtens hundert Pfund ſind, oder zwei⸗ hundert... vielleicht mehr.“ Dieſe Ueberlegungen reizten nur ſeine Habſucht, und er endete damit, ſich als Opfer ſeines Genoſſen zu betrachten. „Was könnte ich nicht mit einer ſolchen Summe in Amerika, und ſelbſt in England machen?“ ſagte er bei ſich. Er glaubte eine kleine Hütte am Rande einer Straße zu ſehen, und Bet hinter dem Schenktiſch inſtallirt. Ohne Zweifel mußte man, um dieſen Traum zu verwirklichen, Gewalt brauchen, vielleicht Blut fließen laſſen, denn er kannte die Welt zu gut, um einen Augenblick anzunehmen, daß Amen ſeine Anſicht theilen werde; aber wenn Bill Spuggins von Etwas zu träumen anfing, war es ein ſchlimmes Zeichen für die, welche ihm ein Hinderniß in den Weg legten. Ganz im Nachdenken über dieſe Angelegenheit, marſchirte er raſchen Schritts mehre Stunden, bis er endlich bei einem Schafpferch ankam. Die Hunde begannen bei ſeiuer Annäherung heftig zu bellen, 104 und der Hirte, der im Schatten eines Baumes ſein Mittagsmahl hielt, erhob die Augen, Es liegt etwas ſo Schreckliches in dem iſolirten Leben dieſer Menſchenclaſſe in Auſtralien, daß ein guter Gehalt und ein großer Ueberfluß an Lebens⸗ mitteln dazu nöthig iſt, um einen ehrlichen Mann zu beſtimmen, Hirte zu werden. Oft bleiben ſie nicht Tage, ſondern Wochen, Monate, ohne den Ton einer menſchlichen Stimme zu hören. So iſt jeder Wan⸗ derer, der an ihnen vorüber kommt, nicht nur einer guten Aufnahme, ſondern auch der Einladung ſicher, einige Zeit zu bleiben und mit ihnen zu eſſen⸗ Nur gegenüber von den Eingebornen des Landes ſind ſie auf ihrer Hut und haben zu dieſem Zweck gewöhnlich einen vortrefflichen Karabiner. Es iſt ſehr ſelten, daß ein Europäer oder ein auſtraliſcher Coloniſt ſich eine Gewaltthat gegen ſie geſtattet, denn ſie haben nie Geld, noch etwas, das zu ſtehlen der Mühe werth iſt, bei ſich. Beim Anblick des Wanderers machte der Hirte ihm ein Zeichen, näher zu kommen. Es war ein junger Mann von höchſtens dreiundzwanzig Jahren, mit offener Phyſiognomie. Mit einer freimüthi⸗ gen Herzlichteit lud er Bill ein, ſein Mahl zu theilen. „Ich werde mir das nicht zwei mal ſagen laſ⸗ ſen,“ antwortete der Spitzbube,„denn ich bin müde vom Marſche.“ „Woher kommt Ihr?“ „Aus der Gegend des Schwarzwaldes. Ich habe noch keine Anſtellung gefunden.“ „Das iſt ſonderbar, denn ich weiß, daß der 105 Farmer Chaſon Leute braucht und er iſt einer der Beſten in dieſem Theil des Landes. Aber vielleicht liebt Ihr das Waldleben nicht?“ „Nicht ſehr, es iſt zu einſam.“ „Ja, es iſt einſam; aber man gewöhnt ſich am Ende daran. Ihr ſeht mir jedoch wie ein Mann aus, für den guter Lohn und gute Nahrung nicht zu verachten ſind.“ Bill bemerkte, er wäre für dieſe Vortheile nicht unempfindlich; dann fragte er, die Augen auf den Hirten gerichtet, was er einen guten Lohn nenne. „Zwanzig bis dreißig Pfund jährlich und Eſſen nach Belieben.“ „Iſt es lang her, daß Ihr dieſen Beruf treibt?“ „Drei Jahre,“ antwortete der junge Mann, ohne den Grund dieſer Frage zu ahnen.„Ich werde bald hundert Pfund erſpart haben, und dann einen Pferch auf eigene Rechnung nehmen.“ Die Augen ſeines Zuhörers leuchteten ſeltſam, als er dieſes ehrliche Geſtändniß erhielt. „Es iſt Schade, daß ſo viel Geld keinen Ertrag gewährt.“ „Dem iſt nicht ſo; der Patron hat es für mich in die Bank von Melbourne gelegt und man zahlt mir Zinſen daraus.“ Bills Augen wurden wieder ſo matt wie Blei und ſeine Hand hielt das Meſſer nicht mehr ſo feſt, welches ihm der Hirte geliehen hatte, um ein Stück von einer Hammelskeule abzuſchneiden. Es war ſeiner Meinung zufolge eine verlorene Gelegenheit. 106 „Euer Patron hat wohl daran gethan,“ erwiderte er;„doch gibt es manchmal Fälle, wo ein Mann, der einiges baare Geld bei ſich behält, davon einen vortheilhaften Gebrauch machen könnte.“ „Wir behalten in dieſen Woldgegenden kein Geld. Das würde nur dazu dienen, die Eingebor⸗ nen, welche deſſen Werth bereits kennen, in Ver⸗ ſuchung zu führen. Wißt Ihr,“ ſetzte der junge Mann hinzu,„daß ſie ſich kein Gewiſſen daraus machen würden, uns Beide, den Einen wie den An⸗ dern, um eine Flaſche Rhum zu tödten? Wir ſind genöthigt, beſtändig auf unſerer Hut zu ſein. Wä⸗ ren die Hunde nicht, wir würden kaum zu ſchlafen wagen.“ Spuggins, welchen eine Art Inſtinct den Cha⸗ racter derer beurtheilen ließ, mit welchen er ſich in Beziehung fand, entſchied ſich bald dahin, daß der Hirte die Wahrheit geſagt hatte, und war zu ſehr Philoſoph, um ein Verbrechen ohne Nutzen davon zu begehen. Aber vor ſeinem Abgang erkundigte er ſich nach der Entfernung von dem nächſten Pferch und erfuhr, daß es etwa zwei Meilen bis dahin wären. „Ei! Ihr ſeid alſo nicht ſo einſam, als Ihr ſagt.“ „Ich ſpreche nie mit dem Schwarzen Ralph.“ „Wer iſt der Schwarze Ralph?“ „Der Hirte, ein Sträfling, der, ſagt man, ſeine eigene Frau ermordet hat; aber die Geſchworenen haben das Verdict auf zufälligen Mord gegeben. Was mich betrifft, ſo iſt es mir lieber, allein zu 107 bleiben, als eine ſolche Geſellſchaft zu ſuchen; es geht nichts über die Rechtſchaffenheit.“ „Nein, darüber geht nichts,“ wiederholte Spug⸗ gins,„und ſie iſt das Seltenſte in der Velt. Ich kann mir nicht vorſtellen, wohin ſie ſeit einiger Zeit gekommen iſt... Ihr liebt alſo dieſen Ralph nicht?“ „Nein.“ „Das iſt ganz natürlich. Sagt mir doch, was für eine Art von Weſen iſt er, damit ich bei der Begegnung ihm ausweichen kann.“ „Er iſt leicht zu erkennen,“ antwortete der Hirte, „denn ſein Bart reicht ihm bis auf den Magen; er hat ein wildes Ausſehen und ſpricht oft ganz allein mit ſich; nicht, als ob daran viel Uebels wäre, in Betracht, daß es auch mir zuweilen begegnet. Wenn die Nächte lang ſind und es Wochen lang anſteht, bis ich eine Perſon ſehe, kommt es mir vor, daß der Ton meiner eigenen Stimme mich wieder belebt.“ Unter dem Vorgeben, noch einen langen Weg durch das Gehölz vor ſich zu haben, bat ihn Bill um einigen Mundvorrath, welchen der junge Mann, glückliche Reiſe wünſchend, ihm bereitwil⸗ lig gab. Der Spitzbube zog nun ſogleich dem Pferche des Schwarzen Ralph zu, von dem er leichter das, was er ſuchte, zu erlangen hoffte, denn er war nicht ſo unbekannt mit dem freien Feldleben, nicht ſo unbe⸗ kannt, als der Leſer nach dem Vorhergehenden glau⸗ ben könnte. Er entdeckte Ralph in der Sonne ſchla⸗ fend, auf dem Rücken liegend; ſein Hund, ein ſtarkes 108 Thier, zu ſeinen Füßen ausgeſtreckt, bewachte ihn. Der Vierfüßler begann beim Anblick von Bill Spug⸗ gins zu brummen. „Guter Hund, guter Hund,“ ſagte Bill in ſchmeichelndem Tone. Der Ton ſeiner Stimme veranlaßte den Schläfer ſich zu bewegen, jedoch ohne ihn zu wecken, und Spuggins hatte Zeit, ihn mit Muße zu betrachten. Die Züge des Unglücklichen waren hager und von außerordentlicher Bläſſe. Es war nicht möglich, ihn mit einem Andern zu verwechſeln, wegen ſeines langen Bartes. Er hatte ganz jenes verſtörte, halb wilde Ausſehen in Geſicht und Coſtume, welches Salvator Roſa ſo ausgezeichnet wieder gab und ſei⸗ nen Räubern verlieh. „Was er für ein armer Teufel iſt!“ ſprach der Bandit bei ſich,„ich möchte, daß er aufwache.“ Ralph träumte offenbar, denn er ſeufzte bitter im Schlaf und rief ſogar ein⸗ oder zweimal:„die Hände herab! die Hände herab!“ „Sieh da, er verräth ſich ſelbſt,“ ſagte der Zu⸗ ſchauer lächelnd;„er wird darum meinen Abſichten nur um ſo beſſer dienen. Es iſt nichts ſo gut, als einen Menſchen, mit dem man zu ſchaffen hat, recht zu kennen; das erſpart es Einem, um den Topf herum zu gehen.“ Er rief mit lauter Stimme, und der Hirte, plötzlich auffahrend, ſchaute einen Augenblick mit ſtumpfer Miene um ſich, als hätte er nicht gewußt, wo er ſich befinde. „Ihr wollt doch nicht den ganzen Tag ſchlafen, hoffe ich?“ ſagte Bill. 109 „Nein, nein. danke, danke.“ „Wofür dankt Ihr mir?“ „Daß Ihr mich geweckt habt,“ antwortete der Hirte,„ich verabſcheue das Schlafen, weil mir, wenn ich ſchlafe, Träume kommen... Träume, die mich beinahe wahnſinnig machen.“ „Ich träume nie,“ erwiderte der Andere philo⸗ ſophiſch,„ich ſehe nicht ein, wozu es dienen ſoll. Redet Ihr immer im Traume?“ Ralpy gab keine Antwort. „Nun, wenn Ihr redet,“ fuhr Bill mit ſpaßhaf⸗ ter Miene fort,„ſo thut Ihr wohl daran, an einem möglichſt abgelegenen Ort zu ſchlafen, wo es nicht wahrſcheinlich iſt, daß man Euch hört. Warum rieft Ihr: nieder mit den Händen? Kam es Euch vor, als ermordetet Ihr Jemand?“ „Nein, nein,“ entgegnete Ralph haſtig,„aber was gehen Euch meine Träume an, oder die Worte, die ich im Schlaf ſpreche? Habe ich geſündigt, ſo habe ich die Strafe für mein Verbrechen gebüßt. Man kann mich nicht zweimal richten.“ „Ich glaube nicht. Es iſt etwas Trauriges um unſere Welt. Wir Alle haben unſere Proben davon. Ich habe die meinigen gehabt, und weiß, was es heißt.. Ihr habt da eine famoſe Heerde,“ ſetzte Bill hinzu. „Ja, ſie iſt zahlreich.“ „So zahlreich, daß man es nicht merken würde, wenn ein Hammel fehlt. Ich habe einige Luſt,“ fuhr er fort, ſich neben Ralph ſetzend,„Eure Lebens⸗ weiſe zu ergreifeh.“ 110 „Ihr müßt alſo ſehr unglücklich oder ſehr arm ſein,“ entgegnete der Hirte. „Ich bin reich genug, um Euch ein dreijähriges Schaf zu bezahlen, wenn Ihr mir eines verkaufen wollt.“ Der Handel war bald geſchloſſen und das Thier durch einen der Hunde von der übrigen Heerde ab⸗ geſondert, welcher es hielt, während Ralph ihm die Kehle abſchnitt. „Wie wollt Ihr dem Farmer ſ erklären?“ fragte der Käufer. „Ich werde ſagen, das Thier habe ſich verloren, wenn er deſſen Abweſenheit bemerkt.“ „Ich ſtelle mir vor, Ihr verliert deren viele.“ „Zuweilen verlaufen ſich Hämmel von der Heerde aber noch mehr ſterben von der Schaf⸗ bremſe.“ „Gibt es kein Mittel dafür?“ „O ja, wenn man es bei Zeiten anwendet.“ „Was iſt das?“ „Arſenik.“ „Und Ihr habt davon ohne Zweifel für den Fall der Noth?“ fragte der Spitzbube mit gedämpf⸗ ter Stimme.. * 7 „Gebt mir davon ſo viel, um die Fläche meiner Hand zu bedecken, und der Reſt von dem Souverain gehört Euch,“ ſetzte der Räuber mit leiſer Stimme hinzu, obgleich Niemand da war, der ihn hören konnte. Treu dem Inſtinct unſerer Natur nahm Ralph das Anerbieten des Verſuchers an, ohne auch nur zu fragen, was er mit dem Gift anfangen wolle, ein Verſchwinden 111 an welchem Tod er ſelbſt ſich zum Mitſchuldigen mache, wie viel Waiſen oder Wittwen eines Tags die Stimme gegen ihn erheben würden. Der Waldläufer empfing das Arzneimittel mit einer wilden Genugthuung; für ihn war es Gold, war es die Freiheit, war es Alles. Er konnte ſich nun einen Genoſſen vom Hals ſchaffen, den er haßte, wie der Böſewicht Jeden haßt, dem er Uebels zu thun entſchloſſen iſt. „Ich hoffe, es iſt gute Waare?“ ſagte er, es ſorgfältig in ſeinem Gürtel verbergend. „Wir haben keine andere.“ Ralph ſtreckte die Hand aus, um das Geldſtück in Empfang zu nehmen. Bill zögerte einen Augen⸗ blick, denn es kam ihm der Gedanke, es gebe ein weniger koſtſpieliges Mittel zum Beſitz des Arſeniks, ein Mittel, das ihn zugleich von einem vielleicht ge⸗ fährlichen Zeugen befreien würde. Aber die Klug⸗ heit ſagte er war zu weit entfernt von ſeiner Höhle und man konnte ſeine Fährte verfolgen. Er ließ alſo das Gold in die Hand des Hirten fallen. „Da,“ ſagte er,„ein leicht verdienter Souverain.“ „Es iſt Blutgeld,“ antwortete Ralph, die Augen auf ihn richtend. „Wer ſagt es Cuch?“ „Kann ich nicht leſen?“ fragte der Hirte;„bil⸗ det Ihr Euch ein, es gebe keine andere Bücher, als die gedruckten? Das menſchliche Geſicht iſt ein leicht zu leſendes Blatt für diejenigen, welche Charactere ſtudirt haben. Wer einmal getödtet hat, täuſcht ſich nicht leicht. Ihr habt in meinem Geſicht geleſen, ehe Ihr mir Euren Vorſchlag machtet; warum brummt 112 Ihr jetzt, daß Ihr einem Kundigen von Eurer Stärke begegnet ſeid?“ „Ihr ſeid ein ſchlauer Kamarade!“ rief Bill Spuggins im Tone der Bewunderung;„ich möchte Alles wiſſen, was Ihr wiſſet.“ „Das wird mit der Zeit kommen.“ „Wie ſo?“ Ralph brach in ein ſpöttiſches Lachen aus und deutete auf den Gürtel ſeines Gegenredners. „Hum! vielleicht, ja,“ murmelte Bill,„wielleicht nein. In allen Fällen ſeid ſtumm. Ich bin ein guter Schütze, und die, welche ein Leben wie das Eurige führen, ſind leicht zu finden“ Bei dieſen Worten, welche zugleich eine Be⸗ lehrung und Drohung enthielten, nahm der Spitbube den gekauften Hammel auf die Schultern und ſetzte ſich in Marſch. Mehr als einmak hatte er Luſt, wieder umzukehren und das Vorhaben zum Mord des Hir⸗ ten, das er gehabt hatte, auszuführen; denn es lag etwas in dem Ton und den Manieren dieſes Man⸗ nes, was ihm mißfiel. „Ah, bah!“ murmelte er,„es iſt nur ein Souverain weniger, und ich werde bald hundert haben.“ Dieſe Ueberlegung hielt ihn zurück. Ehe er zu ſeinem Verſteck im Schwarzwald zu⸗ rückkehrte, hielt Bill noch bei zwei andern Pferchen, wo er einige ſogenannte Dämpfer, eine Art unge⸗ ſäuerten, ſehr groben Brodes, und zwei weitere Fla⸗ ſchen Kornbranntwein kaufte.* „Amen wird dieſe Flüſſigkeit nie zurückweiſen,“ 113 ſagte er,„und wäre ſie ſelbſt vom Satan de⸗ ſtillirt.“ Bill kam zuerſt in der Höhle an. Ehe er Feuer anzündete, um das Fleiſch zu kochen, miſchte er ſorg⸗ fältig das Gift mit dem Inhalt der einen Flaſche, welche er in einer Felsſpalte bis zum Augenblick des Gebrauchs verbarg. Dann machte er ſich an das Geſchäft. Als Amen Corner zurückkehrte, war ſein Geſicht ſo blaß, ſo verſtört, ſo verändert von Schrecken oder Zorn, daß ſelbſt ſein Genoſſe über deſſen Ausdruck erſchrack, als er bei dem zitternden Schein des mit⸗ ten in der Höhle angezündeten Feuers ihn betrachtete. So mußte Kain ſein, nachdem der Racheengel auf ſeine Stirne das Siegel des Fluchs gedrückt hatte, damit alle Menſchen ihn als Mörder erkennen. Er warf ſeine Flinte gleichgültig in einen Win⸗ kel und ließ ſich dann neben dem Feuer auf dem Boden nieder. „Woran denkſt Du?“ fragte Bill;„wenn ſie losginge!“ „Sie iſt nicht geladen,“ murmelte Amen. „Sie war es, als wir uns trennten,“ antwortete ruhig ſein Genoſſe. „Ich ſah ein Opoſſum und habe Feuer gegeben: aber meine Hand zitterte und der Schuß fehlte. Verflucht!“ 2 „Biſt Du gewiß, gefehlt zu haben?“ „Wenn ich Dir ja ſage,“ entgegnete in grimmi⸗ gem Ton der Er⸗Kirchſpielſchreiber;„das eben hat mir üble Laune gemacht.“ „Nun, für einen Mann, der mit ſeinem Schuß Das Erbe. III. 8 ſehlte, haſt Du das ſeltſamſte Geſicht, das ich je ge⸗ ſehen habe,“ fuhr Spuggins fort.„Was nützt es, mir albernes Zeug vorzuſchwatzen? Warum nicht vertrauensvoller und freimüthiger mit einem Kama⸗ raden ſein? Du weißt wohl, daß ich nicht allzu ſcrupulös bin hum! ich ſehe, was es iſt; Du haſt meine Rathſchläge nicht geachtet„Du biſt es müde geworden, die Jache auf Dein Brod zu ſtreichen; Du haſt den Honig zuerſt abgeleckt, wie es kleine Kinder thun Du haſt Deine Frau getödtet; das iſt, vermuthe ich, das Opoſſum, auf welches Du Jogd gemacht haſt aber ich hoffe,“ ſetzte er im ernſthaft⸗freundſchaftlichen Ton hinzu,„daß Du das Geld zuvor erhalten haſt.“ „Ich ſage Dir, ich habe meine Frau nicht geſehen,“ rief der Frevler ungeduldig. „Um ſo beſſer für ſie,“ antwortete Bill philo⸗ ſophiſch.„Nun, mach' kein ſo ſauertöpfiſches Geſicht; iß einen von den Dämpfern; das Fleiſch wird gleich fertig ſein.“ „Ich kann nicht eſſen.“ „Willſt Du dann trinken?“ Amen ergriff begierig die Flaſche, welche ihm der Andere reichte. Es war nicht die vergiftete Bou⸗ teille, denn die Zeit war noch nicht gekommen, davon Gebrauch zu machen. Er nahm davon einen ſo 15 großen Schluck, daß Bill wegen ſeines Antheils un⸗ ruhig wurde. „Trinke nicht Alles,“ ſagte er. „Jürchte nichts,“ erwiderte Amen, ſie ihm zu⸗ rückgebend und einen tiefen Seufzer ausſtoßend;„es iſt noch genug da für uns Beide.“ 115 „In jedem Fall haſt Du Deinen Theil ge⸗ trunken,“ ſagte Spuggins, indem er die Flaſche an's Feuer hielt,„ſie iſt mehr als bis zur Hälfte leer.“ „Nun, ich bin es auch, der zahlt,“ entgegnete Amen mürriſch. „Und ich habe ſie gekauft,“ erwiderte der An⸗ dere,„ſo ſind wir quitt. Ich will mich nicht her⸗ untermachen und ſchulmeiſtern laſſen,“ fuhr er fort, „weil Du Geld in Deiner Taſche haſt und auf Dei⸗ nem Geſicht das wüthend häßlich iſt. Wenn wir nicht einig mit einander leben können, thun wir am beſten, uns zu trennen.“ Er erhob ſich und that als wollte er ſeine Sachen zuſammenpacken, um ſich zu entfernen. „Du haſt doch nicht die Abſicht, mich hier zu laſſen?“ rief Amen Corner in demüthigerem Tone. „Meinſt Du?“ ſagte Spuggins, ſeinen Karabiner auf die Schulter nehmend.„Adieu.“ „Wohin gehſt Du?“ „Auf die Jagd des Opoſſums, das Du gefehlt haſt,“ brummte ſein Gefährte, mit dem Auge auf bedeutſame Weiſe blinzelnd.„Vielleicht bringe ich etwas davon zurück. Auf alle Fälle iſt es beſſer, wenn Du allein biſt, ſo lang Du Dich ſolcher Laune überläſſeſt.“ „Ich will nicht allein ſein, Bill! ich will nicht, ich wage nicht allein zu bleiben,“ ſeufzte der Ver⸗ brecher, indem er ihn am Arm ergriff.„Verlaß mich nicht, Bill; Du weißſt, daß ich keinen andern Freund als Dich auf Erden habe.“ 116 „Unter der Bedingung, daß Du mich ordentlich behandelſt,“ erwiderte der Spitzbube in verdrieß⸗ lichem Ton. „Ich werde Dich nicht mehr beleidigen, ich ver⸗ ſpreche es Dir,“ fuhr Amen fort,„und bitte Dich um Verzeihung. Hier, wird Dich das zufrieden ſtel⸗* len? Erinnere Dich auch, daß Du die Hälfte von dem Geld haben ſollſt. Bleibe alſo bei mir,“ ſetzte er hinzu, denn wenn Du mich verläſſeſt, werde ich wahnſinnig wahnſinnig 6 „Wenn ich bleibe, wirſt Du Dich von meinen Rathſchlägen leiten laſſen?“ 1. „In allen Dingen.“ „Und wirſt mir Alles ſagen?“ 6 „Nun, was iſt das für eine Geſchichte mit dem Opoſſum?“ fragte Spuggins, welcher ſah, daß in dem Zuſtande feigen Schreckens, worin ſich Amen Corner befand, er in ſeinen Händen wie ein Kind war, das er nach Gefallen leiten konnte. „Du ſollſt Alles wiſſen.... Alles,“ antwortete der Er⸗Kirchſpielſchreiber. „Aber keine Lüge?“. „Jicht eine, Bill, nicht eine.“ denn — „Nun, ich will alſo bleiben, en habe ich doch Freundſchaft für Dich gehabt. Setze. Dich alſo an's Feuer, mein Alter, und gib der Flaſche) einen letzten Kuß, es iſt noch ein Tropfen darin.“ Wenn das nicht ein Beweis von Achtung iſt, ſo weiß ich nicht, was es ſonſt ſein ſoll.“ Der Elende leerte den Branntwein bis auf den letzten Tropfen, ehe er ſich ſetzte; dann beharrte er 117 einige Minuten, die Augen auf das Feuer geheſtet, in einem unheilvollen Stillſchweigen. „Nun, wirſt Du es bald zur Welt bringen?“ fragte ſein Kamarad ungeduldig. „Ja, ja,“ ſagte Amen, aus ſeiner Apathie ſich auf⸗ raffend.„Als ich mich dieſen Morgen von Dir trennte, verließ ich bald das Gehölz, ziemlich hung⸗ rig, denn wir hatten ja außer den Speiſen, die meine Frau mir gegeben, nichts zu uns genommen . Gut, gut! Ich komme dahin. Im Augenblick, da ich das Thal erreichte, das ſich zwiſchen dem Schwarzwald und den Bergen von Abednego aus⸗ dehnt, traf ich auf einen Reiſenden zu Pferd.“ „Doch nicht Deinen Schwager?“ fiel Bill ein. „Nein.“ „Das iſt ein Glück; es iſt noch nicht Zeit, ihn zu tödten; warte, bis Du das Geld haſt.“ „Während wir an einander vorüber kamen,“ fuhr der Erzähler fort,„betrachtete mich der Fremde aufmerkſam. Es kam mir vor, als hätten wir uns ſchon geſehen, aber ich war deſſen nicht gewiß. Ich könnte Dir nicht ſagen, welche Erleichterung es für mich war, den Schritt ſeines Thieres immer ſchwächer in dem Maße, als er ſich entfernte, zu ver⸗ nehmen.“ „Das iſt ganz natürlich, aber mach es kurz; komm zum Opoſſum.“ „Nur Geduld,“ fuhr Amen fort,„wir ſind ſchon dabei. Nach Verfluß einiger Minuten hörte ich den Reiſenden wieder zurückkommen. Inſtinctmäßig ſuchte ich den Drücker an meiner Flinte. Ich drehte mich im Augenblick um, da er bei mir war.“ 118 „Wir haben uns ſonſt ſchon geſehen,“ ſagte er, „Euer Name iſt Amen Corner.“ „Und was thateſt Du?“ fragte Spuggins. „Ich drückte ab!“ murmelte der Mörder;„er wankte im Sattel und fiel todt zu meinen Füßen.“ „Das war gut gethan,“ rief ſein Genoſſe nach einer Pauſe.„Wo zum Teufel hatte er die Höflich⸗ keit gelernt, ſich einem Gentleman, der nicht erkannt ſein will, an den Kopf zu werfen?. Nun, fahre fort!“ „Mein erſter Impuls war, die Flucht zu ergrei⸗ fen, aber da das Verbrechen begangen war, dachte ich, es ſei eben ſo gut, davon Vortheil zu ziehen.“ „Und Du haſt dabei bekommen?“ fragte ſein Freund gierig. „Sehr wenig, eine Börſe mit fünf Pfund und dieſes Paket Papiere, das iſt was ich bei ihm fand.“ Er zog aus ſeiner Rocktaſche eine Börſe und ein kleines, ſorgfältig verſiegeltes Paket. Er warf das Geld Bill zu und begann das Paket beim Schein des zu unterſuchen. „Du biſt noch ein famoſer Einfalts inſel!“ ſagte der Spitzbube, die Börſe in's Feu dem er die fünf Pfund herausgen jetzt wird ſie uns wenigſtens nic nen. Wenn Du klug biſt, wirſt Du machen?“ Er deutete auf das Paket Papier, welches Amen 4 aufmerkſam durchlief. „Ich werde mich wohl hüten!“ rief der Mörder. „Ich kenne jetzt dieſen Menſchen. Das Glück ſelbſt 119 hat mir ihn in den Weg geführt. Das iſt ſo viel als Unabhängigkeit für den Reſt meiner Tage,“ ſetzte er hinzu,„wenn ich je Alt⸗England wieder ſehe.“ „Für den Reſt unſerer Tage, willſt Du ſagen,“ erwiderte Spuggins, ihn verbeſſernd. „Jo, ja, unſerer Tage.“ „Warum haſt Du es dann nicht vorher geſagt?“ brummte der Verbrecher.„Weißſt Du gewiß, daß er ſonſt nichts bei ſich hatte?“ „Ich hatte keine Zeit, ihn auszuſuchen, denn ich hörte Flintenſchüſſe in der Nachbarſchaft.... es waren ohne Zweifel Jäger im Walde, und ich ergriff die Flucht. Dennoch fürchte ich, daß ſie mich geſehen haben. Ich machte Umwege wie ein Fuchs und hielt ſie lang in Entfernung, ehe ich die Höhle erreichte. Gott ſei Dank, da bin ich in Sicherheit,“ ſetzte der Mörder hinzu. „Offenbar,“ entgegnete ſein Genoſſe,„Du denkſt doch nicht etwa, daß ich Luſt habe, Dich zu verrathen, nicht wahr?“ Amen verſicherte, daß dieſer Verdacht ihm nicht in den Sinn gekommen ſei. „Noch daß ich Dir etwas zu Leide thun werde?“ „Du würdeſt dabei nichts gewinnen, Bill, wenn dieß Deine Abſicht wäre.“ „Wohl, wohl, das iſt nicht die Frage. Aber ſage mir doch, was dieſe Papiere zu bedeuten haben? Und lüge nicht,“ ſetzte er hinzu, denn er ſah, daß dieſe Frage ſeinen Verbündeten in Verlegenheit ſetzte. „Das iſt eine lange Geſchichte.“ 120 „Ich liebe die langen Geſchichten. Fange an.“ „Ein anderes Mal,“ antwortete der Ex⸗Kirch⸗ ſpielſchreiber.„Sie haben Bezug auf Einen, den wir Beide haſſen, und auf einen Andern, der im Stande iſt, unſer Stillſchweigen zu belohnen oder dieſe Papiere theuer zu bezahlen, wenn wir ſie ihm ausliefern.“ „Ah!“ rief Bill,„das iſt der Squire Roderich Haſtings, von dem Du mir ſo oft erzählt haſt. Eine ſonderbare Perſon!“ „Du haſt es errathen. Du ſollſt ein anderes Mal Alles erfahren.“ Spuggins ſchien ſich mit dieſem Verſprechen zu⸗ frieden zu geben. Vielleicht trug die Ueberzeugung, daß dieſe Documente bald in ſeiner Gewalt ſein würden, dazu bei, ſeine Ungeduld und Neugierde zu dämpfen. Was es auch ſei, er wußte, an wen er ſich zu wenden hatte, im Fall er nach Eng⸗ land zurückkehrte, und das genügte ihm. Hätte er leſen können, er wäre darauf beſtanden, ſie ſogleich zu durchlaufen. „Dieſen Abend ſollſt Du Deine Frau wieder ſehen,“ ſagte er,„und da es eine ſchöne Strecke Wegs nach der Hoffnungsfarm iſt, werden wir wohl daran thun, außzubrechen. Haben wir einmal das Geld, wird es um ſo beſſer für uns ſein, je bälder wir das Feld räumen.“ Amen Corner pflichtete ihm bei, er wollte ſeine Flinte wieder holen, als Bill die Hand auf ſeinen Arm legte und ihn daran hinderte. „Was willſt Du?“ fragte der Er⸗Kirchſpiel⸗ ſchreiber. 121 weiß, was ein Menſch iſt, der einmal Blut gekoſtet hat. Es bedarf für ihn einer zweiten Doſis, um ſeine Nerven zu beruhigen. Aber Du darfſt keine Gewalt gegen dieſe Frau brauchen; es wäre un⸗ klug.“ „Fluch über ſie!“ brummte Amen,„Fluch über ſie!“ „Es iſt vergeblich, gewiſſen Leuten Rath zu er⸗ theilen,“ erwiderte ſein Gefährte.„Noch einmal, ſtrecke Deine Rache! ſtrecke ſie!“ „Man kann ſich nicht auf Dich verlaſſen. Ich Zweiundvierzigſtes Kapitel. Es iſt ein Gott. Dieſelbe fieberiſche Ungeduld, welche die beiden Sträflinge antrieb, ihren Zufluchtsort zu verlaſſen, führte ſie endlich eine Stunde vor der beſtimmten Zeit nach der Hoffnungsfarm, deſſen Bewohner alle zu Bett gegangen waren, mit Ausnahme von Martha und der treuen Magd, Mary Chells. Als ſie etwa noch eine halbe Meile vom Hauſe entfernt waren, trennte ſich Bill Spuggins von ſei⸗ nem Genoſſen, indem er ihm noch einmal empfahl, keine Gewaltthat zu begehen. „Ich weiß, wie ſchwer es hält, wenn einmal das Blut aufgeregt iſt und man eine ſo ver⸗ führeriſche Waffe in der Hand hat,“ ſetzte er hinzu;„aber gedenke meiner Politik: ſtrecke Deine Rache.“ Amen verſprach, ſeinen Rath zu befolgen und befand ſich zwei Minuten nachher allein. So ſehr er mit Verbrechen befleckt war, hatte er doch bis jetzt kein Blut auf ſeiner Seele gehabt und er fühlte langſam jenen namenloſen Schrecken über ſich kom⸗ men, der ſich des Mörders in der Einſamkeit und Stille bemächtigt. Er hätte alle Schätze der Welt, wenn ſie ſein geweſen wären, darum gegeben, um ſeine That ungeſchehen zu machen, aber das war unmöglich. Die Vergangenheit, die merkwürdige Vergangenheit mit allen ihren Folgen ſchaute ihm in's Geſicht, und die Viſionen, welche ſeine Einbil⸗ dungskraft hervorrief, waren ſo ſchrecklich, daß er den Galgen vor ſich zu ſehen und den Strick des Hen⸗ kers um den Hals zu fühlen glaubte. Aus jedem Baumdickicht, an dem er vorüber kam, erhob ſich ein blaſſes Geſicht, um ihn zu verhöhnen und ihm Vor⸗ würfe zu machen; und der Wind, der zwiſchen ihren Zweigen ſpielte, tönte in ſeinen Ohren wie der Seuf⸗ zer eines Sterbenden. „Ich kann das nicht ertragen,“ murmelte er. „Meine Nerven ſind nicht von Eiſen. O daß ich auf der Rückkehr nach England wäre! Ich würde es da vielleicht vergeſſen.“ Sein erſter Impuls war, Bill zurückzurufen, deſſen Geſellſchaft noch, wie er meinte, den Schrecken der Einſamkeit vorzuziehen war, aber ein Gefühl der Scham hielt ihn zurück. Er kannte den ſpöttiſchen Character dieſes eingefleiſchten Teufels und fürchtete, ihn zu reizen. „Er würde ſich nur über mich luſtig machen,“ dachte er,„und dieß könnte Zwietracht zwiſchen uns erzeugen. Ich wage nicht, mich mit ihm zu zanken, denn ich bin in ſeiner Gewalt.“ Mehr als einmal fragte er ſich, ob er klug daran gethan habe, ihm ſein Geheimniß anzuvertrauen, und welches Pfand für ſeine Treue er habe, und die Antwort lautete keines, keines. Er wußte, daß Bill* ihn den Händen der beleidigten Gerechtigkeit mit ebenſo viel Gewiſſensbiſſen ausliefern würde, als er früher bei Ausübung des Spitzbuben⸗Handwerks gehabt hatte, das heißt, im Fall es geſchehen konnte, ohne ſeine eigene Sicherheit auf's Spiel zu ſetzen. „Ich möchte, er wäre todt!“ murmelte er, ich möchte, er wäre todt!“ Dann drängten ſich ihm die Betrachtungen über — die begangene Thorheit das Geld, das er von ſei⸗ ner Frau erhalten ſollte, mit ihm theilen zu müſſen, mit noch größerer Gewalt auf, und er bedauerte, daß er nicht, anſtatt dem Fremden, Spuggins eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte. Er ſagte ſich darauf, die Höhle ſei ein ſehr ab⸗ gelegener Ort, wo man einen Leichnam nicht finden würde, daß es nur einen Hieb zu führen gebe, um ſich Bill und alle Beſorgniſſe, die er ihm einflößte, vom Hals zu ſchaffen. Iſt es zum Erſtaunen, daß er ſich entſchloß, ihn zu erſchlagen? Mechaniſch war Amen fortmarſchirt, bis er ſich 124 vor der Farm befand. Dort machte er Halt und betrachtete ſie mit Gefühlen, ähnlich denjenigen, welche ohne Zweifel Lucifer empfand, als er den Himmel anſah, aus welchem er eben verbannt worden war. Dort gab es Wärme, Nahrung, Obdach; die, welche er haßte, genoſſen derſelben, während er an Allem Mangel litt. „Fluch!“ rief er, mit unmächtiger Wuth die Fauſt ausſtreckend,„Fluch über ſie! Ich werde ſie noch un⸗ Aglücklich machen!“ Der Gedanke, Feuer in das Gebäude zu legen, die Bewohner den verzehrenden Flammen zu weihen, die Haufen von Wolle und Getreide zu vernichten, bot ſich ihm dar, aber die ſelbſtſüchtige Ueberlegung, daß er damit alle Ausſicht verliere, die Mittel zur Rückkehr nach England zu erlangen, hielt ihn zurück. Um dieſen Preis war die Rache ein zu koſtſpieliger Luxus, ſo daß er fortfuhr, Verwünſchungen auszu⸗ ſtoßen und die Zähne vor Wuth zu blöcken. Von ſeinen Leidenſchaften fortgeriſſen, trat der Elende näher auf das Haus zu, um welches er wie ein böſer Geiſt herumſchlich, anhaltend, um an jeder Thüre zu horchen, durch jedes Fenſter zu ſchauen. Alles war ruhig, kein Geräuſch ließ ſich hören. „Sie ſchlafen,“ ſagte er,„während ich wache, wie der Wolf, der um den Schafſtall herumſtreift. Es gibt keinen Schlaf für mich.“ Er gelangte endlich an ein großes Fenſter des Erdgeſchoſſes; hier war das Schlafgemach unſeres Helden. Beim Schein des Mondes unterſchied Amen Corner wohl einen ſchlafenden Menſchen, aber er vermochte ſeine Züge nicht zu erkennen. Er kam zu⸗ „ . erſt auf den Gedanken, es ſei Georg Chaſon, und ergriff convulſiviſch ſeine Flinte; glücklicher Weiſe war ſie nicht geladen. „Die böſen Geiſter ſind gegen mich verbündet,“ brummte der Mörder.„Dummkopf, der ich war, mich von dem Laden meiner Flinte abhalten zu laſ⸗ ſen! Die Rache iſt da, ſo nahe, und doch entgeht ſie mir!“ Er blieb noch einige Zeit, das Geſicht dicht auf die Fenſteröffnung gelegt, bis ihm endlich die Gegen⸗ ſtände deutlicher erſchienen. „Nein nein,“ wiederholte er mehrmals, „das iſt nicht Georg; er hat blonde Haare, während die des dort ſchlafenden Mannes ſchwarz ſind.. ſchwarz, wie meine Zukunft.“ Plötzlich ſchoß ihm eine Vorſtellung durch den Kopf. „Iſt es möglich, daß es Dick wäre?“ rief er. „Wüßte ich gewiß, daß er es iſt, den ich dort vor mir liegen ſähe, ich. Er muß es ſein,“ ſetzte er hinzu;„die Papiere, welche ich dem Fremden ge⸗ nommen habe, beweiſen es hinlänglich. Er iſt nach Auſtralien gekommen, um den zu ſuchen, den er für ſeinen Vater hält; er wird daſelbſt das Grab finden.“ Der Räuber ſchob die Hand in ſeine Taſche, um dort etwas zur Ladung ſeiner Flinte zu holen. Auf einmal legte ſich eine Hand auf die ſeinige. Er drehte ſich um, Martha ſtand vor ihm, blaß wie der Tod, aber nicht allein und ohne Schutz; denn ge⸗ warnt durch Amens brutales Benehmen bei ihrer vorangehenden Zuſammenkunft, hatte ſie die Vorſicht gebraucht, die Spürhunde mit ſich zu nehmen. „Du hier?“ rief er. „Ich komme zu rechter Zeit, um ein anderes Verbrechen zu verhindern,“ erwiderte ſeine Frau traurig.„Nein, fahre nicht auf, greife nicht nach Deiner Waffe; ich fürchte Dich nicht mehr. Dieſe treuen Wächter werdei ſchneller ſein, als Hand und Auge des Haſſes.“ „Ungeheuer! willſt Du ſie gegen Deinen Mann hetzen? Iſt das Deine Zuneigung? Deine Schuldig⸗ keit? Heuchlerin!“„ „Ich würde ſie mit ebenſo wenig Gewiſſensbiſſen gegen Dich hetzen, wie auf einen Tiger oder irgend ein anderes wildes Thier, ehe ich Dich nur ein Haar demjenigen krümmen ließe, der in dieſem Zimmer ſchläft,“ erwiderte Martha mit der Ruhe der Ver⸗ zweiflung. „Iſt es Dick?“ „Ja, er iſt es.“ 3 „Lügnerin, Du haſt mir geſchworen, ihn ſeit Deiner Abreiſe von England nicht geſehen zu haben, und Thor, der ich war, ich glaubte Dir!“ Das Pfeifen, bei dieſen Worten zwiſchen den verbiſſenen Zähnen des Räubers hervordrang, bewies die ganze Stärke ſeines Haſſes gegen den unſchuldigen Jüngling, den er ſo grauſam behandelt hatte. „Als ich Dir ſchwur,“ antwortete ſeine Frau, „habe ich Dir die Wahrheit geſagt. Dieß iſt die zweite Nacht, die er unter unſerem Dach zubringt. Aber ich bin nicht gekommen, um mit Dir von ihm 8 127 zu reden, ich wollte Dich warnen, Dir die Mittel an die Hand geben, Dich den Verfolgungen, die un⸗ verzüglich beginnen werden, zu entziehen. Die Ge⸗ genwart von Waldläufern hat die Coloniſten in Alarm geſetzt. In einigen Tagen werden ſie ſich verſam⸗ meln und Euch wie Raubthiere verfolgen.“ „Sie werden uns vorher finden müſſen.“ „Das wird mit ſolchen Führern nicht ſchwer ſein,“ ſagte Martha, auf die Hunde zeigend, die zu ihren Füßen lagen und die Augen auf Amen ge⸗ richtet, nur ein Zeichen von ihrer Herrin erwarteten, ſich auf ihn zu ſtürzen. Der Mörder zitterte beim Anblick derſelben. Er kannte ihren ſchrecklichen Inſtinct, und die Erinne⸗ rung an das Verbrechen, das er heute begangen hatte, erfüllte ihn mit Schrecken. „Hier iſt das Geld,“ fuhr ſeine Frau fort,„und laß mich Dich beſchwören, einen guten Gebrauch da⸗ von zu machen. Du wirſt in einem fernen Lande die Schwach Deines vergangenen Lebens verbergen und von ehrlichem Fleiße leben können. Wenn Du das thäteſt(ich bitte Gott, daß er Dir dazu Gnade gibt) und wenn das Andenken an die Frau, deren Glück Du vernichtet haſt, ſich eines Tages vor Dir als Vorwurf erhöbe, ſo würde es ein Troſt für Dich ſein, zu wiſſen, daß ſie Dir vergibt.“ „Zum Henker mit Deiner Verzeihung! Wie viel iſt da?“ fragte der Elende. Aufgeregt durch den Ton, womit er ſprach, be⸗ gann einer der Hunde zu knurren. „Hundert Pfund.“ „Das iſt nicht genug,“ antwortete Amen, die Stimme dämpfend. „Das iſt Alles, was ich Dir geben kann,“ er⸗ widerte ſeine Frau, ihm die Börſe reichend.„Und nun Lebewohl für immer; Dein Geſchick liegt in Deiner Hand. Ich habe mein Möglichſtes gethan, Dich zu retten. Noch ein Wort des Rathes,“ ſetzte ſie hinzu,„ehe ich mich entferne. Verſuche nicht, dieſem Fenſter nahe zu kommen.“ „Warum nicht?“ „Weil ich die Hunde dahin weiſen werde,“ ſagte Martha ruhig,„ſie werden ſich nicht von der Stelle rühren und wehe dem, der nahe kommt! Befleißige Dich der Reue und Gott verzeihe Dir!“ Mit dieſen Worten begab ſie ſich nach der Hin⸗ terthüre des Hanſes, aber nicht, ohne vorher den Hunden geboten zu haben, vor dem Fenſter des Zim⸗ mers, wo unſer Held ſchlief, ſich niederzulaſſen. Die ſcharſſinnigen Thiere verſtanden ihre Herrin vollkom⸗ men, denn beide blieben unbeweglich, wie⸗wenn ſie in Marmor gehauen wären. Dick war beſſer bewacht, als Amen vermuthete: denn während der Elende durch das Fenſter den Gegenſtand ſeines Haſſes betrachtete, ſchaute ihm ein anderer Spürhund, der unſerem Helden in ſein Zimmer gefolgt war, zu, bereit ſich bei dem kleinſten Geräuſch, bei der erſten Geberde von Gewalt auf ihn zu ſtürzen. „Nun, wie haſt Du Dich herausgezogen?“ fragte Bill Spuggins, als ſein Genoſſe an dem Ort, wohin ſie ſich beſtellt hatten, zu ihm ſtieß. „Ich bin betrogen!“ antwortete Amen,„und durch eine Frau!“ „Ja! Nun, Du biſt nicht der Erſte,“ erwiderte der Spitzbube philoſophiſch,„das iſt mir mehr als einmal paſſirt. Du haſt alſo kein Geld ſie wird Dir die alte Geſchichte erzählt haben.“ „Du irrſt Dich, ich habe das Geld.“ Bills Augen funkelten in ſeltſamem Schimmer, ſo ſeltſam, daß Amen, hätte er ihn wahrgenommen, nicht auf ſeine Treue gebaut haben würde. „Wie! die hundert Pfund?“ Der Mörder nickte bejahend. „Meiner Treu! Du haſt Glück. Wie konnteſt Du alſo ſagen, Du ſeieſt betrogen worden?“ „Mein Feind.. der Menſch, den ich am mei⸗ ſten haſſe, ſchläft dort im Bereich meines Arms,“ erwiderte der Er⸗Kirchſpielſchreiber,„und ich habe nicht gewagt, ihn zu erſchlagen!“ „Ja, das iſt verführeriſch.“ „Und dank Dir, meine Flinte war nicht ge⸗ laden.“ Bill zuckte die Achſeln. „Meine Frau war von den verfluchten Spürhun⸗ den begleitet, welche Luſt zu haben ſchienen, mich zu zerreißen, und ſie hätten es auf ein Wort von ihr gethan.“ „Es war ſehr gut von ihr, daß ſie es nicht ſagte, finde ich. Meine Bet hätte es geſagt. Aber es gibt Leute, die ihr Glück nicht verſtehen. Wir haben das Geld. Melbourne iſt nur eine gute Tagereiſe entfernt. In achtundvierzig Stunden kön⸗ nen wir zu Schiff ſein.“ 130 Rache!“ murmelte Amen Corner,„ohne äche!“ „Du biſt allzu lüſtern,“ erwiderte Bill,„ich habe es immer geſagt.“ Sie kehrten in ihre Höhle zurück, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. Jeder dachte an die Mittel, ſich ſeines Genoſſen zu entledigen. Die erſte Sorge bei der Ankunft in ihrem Zufluchtsort war, Holz auf die erſterbende Gluth zu werfen, und bald ſchlug die Flamme luſtig in die Höhe. „Das nenne ich mir behaglich,“ rief Spuggins, ſich neben dem Feuer zu Boden werfend.„Nun, was thuſt Du denn?“ ſetzte er hinzu, als er ſah, daß Amen ſeine Flinte lud. „Siehſt Du es nicht? ich lade.. „Wozu das?“ „Ich weiß es nicht; auf das Erſte, was ſich mir darbietet. Haſt Du den Rath vergeſſen, den Du mir gabeſt, ſo erinnere ich mich deſſen. Ein Buſch⸗ mann darf ſich nie von ſeiner Flinte trennen. Nun, damit eine Flinte zu etwas gut ſei, muß ſie geladen ſein, darum lade ich die meinige.“ „ Bill ließ ein unarticulirtes Grunzen hören, wel⸗ ches andeutete, daß er von dieſer Erklärung nicht ſehr befriedigt war. Nach einigen Minuten Beſin⸗ nens ſchlug er vor, ſich ſchlafen zu legen. Nicht daß er hoffte, ſein Genoſſe werde in Wirklichkeit dieſen Rath beſulgen⸗ aber es genügte ihm, wenn er ſich ſchlafend ſtellte. Amen ging auf dieſen Vorſchlag ein und ſie machten es ſich, jeder auf einer Seite des Feuers, zurecht. Aber keiner von Beiden ſchlief; das Band 131 des Vertrauens war zerriſſen, und ſie beobachteten einander fortwährend wie zwei wilde Thiere. „Wenn er ſchliefe,“ ſagte Amen bei ſich,„ſo würde es mir leichter.“ Wie zur Verlockung ſtellte er ſich als ſiele er in einen tiefen Schlaf, und begann ſo ſchwer Athem zu holen, daß es für ſeinen Genoſſen unmöglich war, es nicht zu hören. „Das iſt ſo unterhaltend, wie eine Komödie,“ dachte Spuggins.„Sollte er mich für ſo einfältig halten, um zu glauben, ich werde mich an einem ſolchen Köder fangen laſſen?“ Ueberzeugt, daß der Schläfer alle ſeine Bewe⸗ gungen beobachtete, begann der Spitzbube ſich lang⸗ ſam von dem Feuer in der Amen entgegengeſetzten Richtung zu entfernen, aber um ihn nicht zu ſtören, ließ er ſeine Flinte da. „Was führt er im Schilde?“ fragte ſich der Ex⸗ Kirchſpielſchreiber, deſſen Finger den Drücker ſeiner Flinte berührte. In dieſem Augenblick ſah er, daß Bill ſich einer Felsſpalte näherte, von wo er eine Flaſche hervorholte und an ſeine Lippen führte. „Kanaille!“ brummte Amen,„und er hat ſie noch mit meinem Geld bezahlt! Wohlan, das iſt der Augenblick.“ Er hob ſich auf den Ellenbogen, zielte ſcharf und drückte los. Zum Glück für Spuggins verſagte die Flinte. Er hörte das Anſchlagen des Stahls und drehte ſich ſogleich gegen den Mörder um „He! was gibt es? zu Hülfe, Bill!“ rief Amen, als fahre er plötzlich aus dem Schlafe auf. „Ich komme Dir zu Hülfe,“ erwiderte ſein Genoſſe. In weniger als einem Augenblick ſtürzte er ſich auf ihn und ein heftiger Kampf erfolgte. Sie waren beide ſtark, und jeder wußte vollkommen, daß es ſich um ſein Leben handelte. Sie krümmten und ſchlangen ſich in einander wie Schlangen, Läſterungen und Flüche ausſtoßend. Amen fing an zu ermatten, er war der ältere. Sein Gegner erſah ſeinen Vor⸗ theil und eine verzweifelte Anſtrengung machend, gelang es ihm, denſelben in's Feuer zu ſchleudern. Die glühenden Kohlen flogen nach allen Seiten auseinander. Der Ex⸗Kirchſpielſchreiber arbeitete ſich ſogleich heraus und fiel taumelnd gegen die Wand der Höhle. Bill rüſtete ſich von Neuem zum Angriff. Im Augen⸗ blick, da er Amen erreichte, fiel deſſen Pulverhorn zur Erde. Es erfolgte eine Exploſion und Beide blieben einige Zeit bewußtlos. Spuggins kam zuerſt wieder zu ſich. Er warf einen verſtörten Blick um ſich. „Ich glaube, der Biſchof hat jetzt ſeinen Theil,“ ſagte er. Die zerſtreute Gluth verbreitete noch ſo viel Helle, um ihn ſeinen Gegner ſehen zu laſſen, der neben der Stelle, wo die Exploſion ſtattgefunden hatte, lag. Er trat auf ihn zu, ſein Geſicht war ſchwarz und aufgeſchwollen. „Vielleicht iſt er todt,“ dachte er. Er gab ihm einen Fußtritt. Der Unglückliche ſtieß einen tiefen Seufzer aus und murmelte: „Finſter! Finſter“! „Finſter!“ wiederholte Bill,„es iſt hell genug. Siehſt Du nichts?“ Er ahnte ſogleich die Wahrheit: Amen Corner war blind. „Meiner Treu!“ ſagte Bill,„ſo verlohnt es ſich nicht der Mühe, ihm den Garaus zu machen, ich will ihn da laſſen.“ Er ließ ſich auf die Kniee nieder und plünderte entſchloſſen die Taſchen von Martha's Gatten aus, wobei er weder die Börſe mit den hundert Pfund, noch die Papiere, welche dem im Gehölz Ermordeten geraubt worden waren, vergaß. Dieß verfehlte nicht, Amen ganz zur Beſinnung zu bringen. Die Hand des Spitzbuben ergreifend, beſchwor er ihn in den niedrigſten Ausdrücken, ihn nicht zu verlaſſen, ihn nicht wie einen Hund in einem ſo ſchrecklichen Zuſtand ſterben zu laſſen. „He! wie willſt Du denn ſterben?“ fragte Spug⸗ gins im Ton bitteren Hohnes. „Ich kann Dein Glück machen.“ „Danke! es iſt gemacht.“ „Bill! Bill!“ rief der Unglückliche, ſich an ihn anklammernd,„ich bin ein treuer Kamarade geweſen, Du weißt es. Nimm mich mit Dir; ich werde unterwürfig ſein wie ein Hund; ich werde keinen andern Willen haben, als den Deinigen. Du kannſt auch das Geld und die Papiere behalten. Bleibe bei mir und ich will Dir Alles ſagen, worauf ſie ſich beziehen.“ „Danke für Dein Vertrauen; aber ich werde * Alles ſelbſt entdecken. Du biſt jetzt wunderbar de⸗ müthig, und ſo eben wollteſt Du mich tödten.“ „Däs iſt ein Irrthum, Bill, ein Irrthum!“ „Ohne Zweifel,“ erwiderte Spuggins, ſich von ihm losmachend und mit einem Sprung aus ſeinem Bereich entfernend.„Adieu, Amen; ich gehe. Du wirſt hier alle Zeit haben, Dein vergangenes Leben zu überdenken, und ich hoffe, Deine Betrachtungen werden liebliche Viſionen erwecken.. Blind! blind! ah! ah! ah!“ „Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!“ ſeufzte der Unglückliche, ſich in Verzweiflung auf der Erde wälzend.„Martha! Dick! Ihr ſeid Beide ge⸗ rächt!“ „Das iſt gut,“ ſagte Bill, der ein wildes Ver⸗ gnügen daran zu finden ſchien, ſein Unglück noch zu ſteigern.„Haſt Du einen Auftrag nach England, he! mein Alter?“ Mit dieſem brutalen Spott entfernte ſich der Bandit aus der Höhle und überließ ſeinen Genoſſen den ſchlimmſten aller Vorwürfe, denen des erwachten Gewiſſens, zum Raub. „Es iſt ein Gott!“ ſagte er.„Ich habe einſt daran gezweifelt, aber jetzt fühle ich deſſen Eri⸗ ſtenz; denn ſeine Hand hat mich geſchlagen, um mich ſterben zu laſſen wie ein wildes Thier in ſeiner Höhle; Niemand iſt da, mir zu helfen, nicht eine Stimme, das Stillſchweigen zu brechen. Ich muß ſterben in einer Finſterniß, ſchrecklicher als die des Grabes Ich wage nicht zu ſterben, ich will nicht ſterben!“ brüllte er;„denn nach dem Tode 135 kommt das Gericht und das Blut! das Blut, womit meine Seele befleckt iſt!“ Plötzlich ſchlug ein Laut, wie das ferne Ge— bell eines Spürhundes an ſein Ohr; er begann wie Laub zu zittern und duckte ſich an der Wand der Höhle nieder. „Wozu, wehe, wozu bin ich noch aufgeſpart!“ flüſterte er. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Groß war die getäuſchte Erwartung auf der Hoffnungsfarm, als man Mr. Cuſack nicht ankommen ſah, der verſprochen hatte, am Abend des zweiten Tages zurück zu ſein und die Beweiſe für die Wahr⸗ heit ſeiner Verſicherungen zu bringen, Beweiſe, welche unſer Held ſo ungeduldig erwartete. Je mehr Dick über den Widerſpruch, der zwiſchen ſei⸗ nem Benehmen und ſeinen Worten ſich ergab, nach⸗ dachte, deſto mehr fand er ſich in Verlegenheit, den⸗ ſelben zu erklären. „Warum,“ fragte er ſich zu wiederholten Malen, „ſollte ein Mann, den ich niemals geſehen, der eine ehrenvolle Stellung in dieſem Lande einnimmt, mit meinen Gefühlen ein Spiel treiben und muthwillig ſeine Ehre und Reputation durch eine Lüge auf⸗ opfern? Auf der andern Seite, wenn er wirklich die Papiere beſitzt, wie er ſich rühmt, warum kommt er nicht mit ihnen von Melbourne zu⸗ rück?“ Die Antwort auf beide Fragen war gleich ſchwer und Dick lag auf der Folter, ein Raub der Unge⸗ wißheit, des peinlichſten aller Zuſtände. Die Beſorgniß eines Unglücks und nicht die Beſtätigung deſſelben iſt es, was Geiſt und Herz zerreißt. Was Georg Chaſon betraf, ſo war er feſt über⸗ zeugt, daß Mr. Cuſack die Wahrheit geſagt hatte; hundert unvorhergeſehene Umſtände, verſicherte er, konnten ihn zu Melbourne zurückgehalten haben, und William Giles war derſelben Meinung. „Er wird,“ ſprach der letztere,„gewiß vor Son⸗ nenuntergang hier ſein, er müßte denn,“ ſetzte er, plötzlich von der Erinnerung an die Bande, der er bei ſeinem erſten Beſuch auf der Farm begegnet war, betroffen, hinzu,„er müßte denn auf die Buſchmän⸗ ner geſtoßen ſein.“ Martha, welche dem Geſpräch zuhörte, zitterte an allen Gliedern. Eine ſchreckliche Erklärung der Urſache von dem Ausbleiben des Inſpectors bot ſich ihrem Geiſte dar. „Die Buſchmänner!“ wiederholte ihr Bruder, „wahrhaftig, daran dachte ich nicht.“ Es wurde ſogleich vorgeſchlagen und ausgemacht, daß die drei Männer wohl bewaffnet aufbrechen, Mr. Cuſack entgegengehen, oder wenn ſie ihn nicht ſollten. „Beim Himmel!“ rief der Farmer,„wenn ihm Etwas widerfahren iſt, wollen wir die Schurken fänden, ſich von ſeinem Tode Gewißheit verſchaffen 2* 07 durch die ganze Colonie verfolgen. Bisher blieben wir von dieſen Canaillen verſchont.“ Seine Schweſter wagte nicht zu ſprechen. Ihr Schwur verurtheilte ſie zum Stillſchweigen. „Wenn ſie ſich träfen!“ dachte ſie,„o wenn ſie ſich träfen!“ Georg betrachtete ſie aufmerkſam; die Bewegung, welche die arme Frau nicht ganz verbergen konnte, ſchien ihm außerordentlich, ſonderbar. Martha war gewöhnlich ſo gelaſſen und ruhig. „Haſt Du etwas zu ſagen, Schweſter, ehe wir abgehen?“ fragte er. Nein, nichts außer, daß Ihr um Gotteswillen recht auf Eure Sicherheit bedacht ſeid.“ „Was oder wen fürchteſt Du?“ „Mein Schrecken iſt unbeſtimmter Art, wie die drohende Gefahr; aber ich habe eine jener ſchrecklichen Ahnungen, welche die Vernunft zu verjagen unmäch⸗ tig iſt. Ich fühle das, was eine arme, ſchwache Frau fühlen muß, wenn Alles, was ſie liebt, Gefahr läuft. Ich habe nur Dich, Georg, und Dich, Dick, mich an das Leben zu feſſeln. Denkt an die Ver⸗ laſſenheit, an die Verzweiflung, die mich niederbeugen würde, wenn dem Einen oder Andern ein Unglück widerführe.“ Und Martha brach in Thränen aus. „Das iſt nicht zu befürchten,“ entgegnete William Giles, der eben ſorgfültig ſeinen Karabiner geladen hatte. Drei entſchloſſene Männer ſind im Stande, einem Dutzend dieſer Canaillen die Spitze zu bieten. Wir haben zu oft die Wälder durchſtreift, um uns durch Phantome erſchrecken zu laſſen.“ Georg Chaſon machte keine weitere Frage, aber er war insgeheim von dem, was er Mangel an Ver⸗ trauen auf Seiten ſeiner Schweſter nannte, verletzt; denn er hegte die Ueberzeugung, daß ſie an⸗ dere Gründe zur Beſorgniß, als die angegebenen, hatte. „Wenn ich an dem nächſten Pferch vorüber komme,“ ſagte er,„will ich Crump herſchicken. Die Schafe können eine Nacht unter der Hut des Jungen bleiben, und die Hunde 4 „Nehmt ſie mit Euch,“ fiel Martha eifrig ein; „um's Himmels willen, nehmt ſie mit Euch, wir haben auf der Farm nichts zu beſorgen.“ Sie erinnerte ſich, daß die treuen Thiere ihr bei zweien ihrer Begegnungen mit ihrem unwürdigen Gatten ein guter Schutz geweſen waren, und dachte als wahre Frau an die Sicherheit derer, welche ihr theuer waren, ehe ſie ſich mit ihrer eigenen beſchäftigte. „Du denkſt alſo, daß wir Wild finden, auf das wir Jagd machen könnten,“ ſagte unſer Held, der wie Georg Chaſon von Martha's Benehmen betrof⸗ fen war.„Aber iſt nicht zu fürchten, ſeine Höhle ſei in der Nähe der Farm?“ „Nein,“ antwortete ſie mit Anſtrengung,„ich fürchte nichts für mich.“ Sie hatten erſt einige Minuten das Haus verlaſſen, als Dick unter dem Vorwand, Etwas ver⸗ geſſen zu haben, wieder umkehrte. Beim Eintritt in das Zimmer fand er Martha auf den Knieen 7 139 betend und ſo in ſich verſunken, daß ſie ſeinen Tritt nicht hörte. Nachdem er ſie ſanft aufgerichtet, drückte der junge Mann einen Kuß auf ihre bleiche, von Thränen befeuchtete Wange. „Du haſt Amen Corner geſehen,“ ſagte er. Die arme Frau rang die Hände, ein Raub ſtum⸗ men Schmerzes. „Du kannſt mich nicht täuſchen,“ fuhr er fort, vich habe zu oft Dein ſchreckenbleiches Geſicht ge⸗ ſehen, wenn wir ſeine Rückkehr erwarteten, um nicht den Ausdruck Deiner Züge zu ſehen... und dann dieſes Geld, Martha, das Du von mir beinahe gefordert haſt! Wann iſt es je geſchehen, daß Du dergleichen wünſchenswerth fändeſte Nun, Du ſchweigſt noch! Du antworteſt mir nicht?“ „Ich kann nicht.. ich wage es nicht,“ ſtam⸗ melte ſeine Pflegemutter. „Du wagſt es nicht?“ wiederholte Dick.„Was bedeutet das? Was fürchteſt Du? Der Räuber kann hier keine Gewalt über Dich ausüben; denn wenn er ſich in Freiheit befindet, ſo iſt er nur ein entwichener Sträfling.“ „Denke an die Schmach für Georg,“ erwiderte artha, zwelcher Schlag wäre es für ſeinen edeln Stolz! Welchen Schandfleck werfe ich auf ſeinen Namen! Wenn ſie ſich begegnen, o wenn ſie ſich begegneten!“ „Es iſt ein Unglück, ſich an einen frechen Böſe⸗ wicht gebunden zu ſehen,“ antwortete unſer Held ernſt,„aber kein Schimpf.. Adieu,“ ſetzte er hinzu,„und erinnere Dich, daß über den Anſchlägen 140 des Frevlers, über Gewalt und Liſt das Auge der Vorſchung offen iſt, die Alles ſieht, die immer bereit iſt, uns mit ihrem Schilde zu decken und den Ver⸗ brecher zu ſchlagen, ſelbſt in dem Augenblick, da er zu triumphiren glaubt.“ Mit dieſen Worten verließ er ſie. Georg Chaſon und William Giles überließen ſich verſchiedenen Vermuthungen, um das Ausbleiben des Inſpectors der Kronländereien zu erklären. Unſer Held ſchwieg ſtill, er hatte ſeine Ahnungen darüber, Ahnungen, die ſich nur zu bald erfüllen ſollten. kleine Geſellſchaft den Wald, als ſie auf eine Gruppe Menſchen ſtießen, welche unmöglich mit den Wald⸗ läufern zu verwechſeln waren, zumal ſie ſich zu Pferd befanden und meiſtens die Uniform der Policei von Melbourne trugen. „Ei! das iſt Wood, der Richter,“ rief der Be⸗ ſitzer der Hoffnungsfarm,„mit zwei Unter⸗In⸗ tendanten. Es muß etwas Ernſthaftes ge⸗ ſchehen ſein, um ſie ſo weit weg von der Stadt zu führen.“ Georg und ſeine Begleiter beſchleunigten ihre Schritte. Als ſie nur noch ein wenig von den Reitern entfernt waren, grüßte der Farmer mit der Hand den Beamten, welcher ſeinen Gruß erwiderte, aber kalt. „Was führt Sie in die Wälder, meine Herren?“ fragte Georg. Die Gruppe trat ſtillſchweigend aus einander und ließ den Leichnam Cuſacks ſehen, der das Ge⸗ Seit mehr als drei Stunden durchſtreifte die — e e⸗ 141 ſicht zum Himmel gewandt da lag. Blut zeigte ſich auf ſeinem Hemde und die hellfarbige Blouſe war gleichfalls blutbefleckt. Die Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt. „Armer Teufel!“ rief William Giles,„das habe ich nicht erwartet.“ Dann ſetzte er, zu unſerem Helden gewendet, hinzu: „Sie ſehen jetzt, warum er nicht Wort gehalten hat.“ Dick war allzu aufgeregt, um ein Wort zu ſagen. Es geſchah nicht zum erſten Mal, wie unſere Leſer wiſſen, daß er den Tod ſah, aber dieſes Schauſpiel ließ ihn erbleichen. Es war nach dem Zuſtand der Kleider des Opfers offenbar, daß man ihn be⸗ ſtohlen hatte, denn ſeine Taſchen waren beinahe zer⸗ riſſen. „Um meinetwillen,“ murmelte er,„um meinet⸗ willen iſt er geſtorben! Mein altes Schickſal ver⸗ folgt mich.“ „Es iſt einer der peinlichſten Umſtände,“ ſprach Mr. Wood,„die mir, ſeit ich das Amt eines Colo⸗ nialbeamten bekleide, vorgekommen ſind; aber die Gerechtigkeit kennt kein Anſehen der Perſon, ich muß meine Pflicht erfüllen Georg Chaſon,“ ſetzte er hinzu,„ich muß Ihnen in meiner Eigenſchaft als Beamter einige Fragen vorlegen. Es ſteht Ihnen frei, zu antworten oder nicht; denn ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß man ſich jedes Geſtänd⸗ niſſes, das Sie ablegen könnten, gegen Sie bedienen wird.“ 142 „Gegen mich!“ wiederholte der Farmer mit dem größten Erſtaunen. „So iſt es.“ „Machen Sie Ihre Fragen, Sir,“ fuhr der Far⸗ mer im Tone beleidigten Stolzes fort.„Ich glaubte, mein Name und Ruf würden mich über jeden Ver⸗ dacht erheben, daß daß.. aber macht nichts. Die Gerechtigkeit, wie Sie ſagen, kennt kein Anſehen der Perſon. Thun Sie alſo Ihre Schul⸗ digkeit.“ Dick ſtellte ſich Georg zur Seite und drückte ihm ruhig die Hand. „Danke, Sir Walter,“ flüſterte der Far⸗ mer.„Ich bin zufrieden, daß Sie nicht an mir zweifeln.“ „Eher würde ich an mir ſelber zweifeln.“ „Wo haben Sie den geſtrigen Tag zugebracht?“ fragte der Beamte. „Ich habe meine Schafpferche auf der andern Seite des Gebirgs beſucht.“ „Begleitete Sie William Giles?“ „Nein.“ „Oder dieſer Gentleman?“ ſetzte Mr. Wood hinzu, auf unſern Helden deutend. „Nein; ſie ſind Beide auf der Farm ge⸗ blieben.“ Ein berittener Policei⸗Agent näherte ſich dem Be⸗ amten und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. Mr. Wood nickte, als wollte er ſagen: ich komme darauf und fuhr in ſeinem Verhör fort, „Auf welchem Weg ſind Sie zurückgekehrt?“ „Durch den Wald.“ „Dann mußten Sie an dieſem Ort vorüber⸗ kommen.“ „Wenigſtens eine Meile von hier weg,“ erwi⸗ derte Georg Chaſon,„Aber was beweist dieß? Sie hätten ebenſo gut hier vorüberkommen können oder jeder Andere dieſer Herren, das iſt ein Hohn, ein Schimpf.“ „Geduld,“ ſagte Mr. Wood ernſt,„Geduld. Sind Sie unſchuldig, wie ich aufrichtig hoffe, ſo dürfen Sie die Fragen, die ich mache, nicht miß⸗ billigen.“ „Wenn ich unſchuldig bin!“ wiederholte der Far⸗ mer, deſſen freies und offenes Geſicht vor Unwillen erröthete.„Wenn icheun wohl, wohl, fahren Sie fort; fahren Sie fort, ich bitte Sie.“ „Welche Kleider trugen Sie geſtern?“ „Dieſelben wie heute.“ Dieſe Antwort machte offenbar einen ungünſtigen Eindruck nicht allein auf den Beamten, ſondern auch auf die ihn begleitenden Leute. „Sie ſind von der Wahrheit deſſen, was Fuſe überzeugt?“ fragte Mr. Wood nach einer auſe. „Vollkommen.“ „Kennen Sie Philipp Tyers?“ Ich kenne ihn ſehr gut. Et hat mir alle meine Kleider gemacht, ſeitdem ich auf der Hoffnungsfarm wohne.“ „Haben Sie je mit ihm Streit gehabt?“ Nie.“ „Dann kann er kein anderes Motiv der Feind⸗ ſchaft gegen Sie haben?“ 144 „Nicht das geringſte.“ „Georg Chaſon,“ ſprach der Beamte,„meine * FPflicht iſt peinlich, aber ich bin genöthigt, Sie ge⸗ fangen nach Melbourne zu ſchicken, als angeklagt des Mordes an Mr. Cuſack, Inſpector der Kronländereien. Ich hoffte, Sie wären im Stande, auf befriedigende Weiſe die gegen Sie zeugenden Umſtände zu erklä⸗ ren; unglücklicher Weiſe iſt das nicht der Fall.“ Der Farmer wurde wie vom Donner gerührt. Seine Entrüſtung und Beſchämung waren zu groß, um ſie mit Worten ausdrücken zu können. „Erlauben Sie mir, Sir,“ ſagte unſer Held, mitten unter die Gruppe tretend,„erlauben Sie mir, Sie zu fragen, welches dieſe Umſtände ſind; denn bis jetzt ſehe ich nicht ein, warum nicht ich, warum nicht mein Freund, William Giles, dieſes Verbrechens mit ebenſo viel, ja mit mehr Recht an⸗ geklagt werden könnten; ich vornehmlich, der ich ganz fremd unter Ihnen bin. Mr. Chaſon dagegen iſt Ihnen Allen bekannt, bekannt durch ſeine Recht⸗ ſchaffenheit, durch ſein nützliches, arbeitſames Leben. Die Menſchen verfallen nicht mit einem Mal von der Ehre in's äußerſte Verbrechen; der Wechſel geht allmälig vor ſich; ſie ſteigen ſtufenweiſe herab. Wenn die Gerechtigkeit nicht ein Spott in Ihrer Colonie, wenn die Anklage nicht eine Caprice iſt, ſo haben die Freunde des Mannes, den Sie anklagen, das Recht, Sie um Erklärungen zu bitten.“ Mehre der Perſonen, welche den Beamten be⸗ gleiteten, erklärten dieſes Verlangen nur für ver⸗ nünftig, und mehr als eine Stimme erhob ſich, 145 Philipp Tyers zur Wiederholung ſeiner Ausſage aufzufordern. Ein ſanfter und einfacher Mann, der ſich bis jetzt hinter den Andern gehalten hatte, trat in Folge der Aufforderung des Beamten vor. Dick betrachtete den Zeugen aufmerkſam; ſeine Züge' drückten tiefes Bedauern über die peinliche Aufgabe aus, die er zu erfüllen genöthigt war. „Meine Herren,“ ſprach er mit einem ſchweren Seuf— zer,„es iſt hart, ſehr hart, ſich in der Lage zu ſehen, gegen einen ſo guten Kunden und einen ſo trefflichen Bekannten ſprechen zu müſſen, und wollte Gott, daß ich in der Tiefe meines Herzens bewahrt hätte, was meine Augen geſehen haben. Denn wie es im Sprichwort heißt: durch Schweigen ſich verredt Niemand. Aber ich war ſo erſchrocken und die Policei iſt ſo fein! ich glaube wahrhaftig, ſie könnte eine Bruthenne überreden, ihre Eier zu ver⸗ laſſen; es gibt kein Mittel, ihren honigſüßen Worten zu widerſtehen.“ „Ihre Geſchichte, Sir,“ fuhr unſer Held unge⸗ uldig ein;„wir wollen wiſſen, was Sie geſehen zu haben behaupten. Das Bedauern iſt fernerhin unnütz.“ „Nun,“ fuhr der Schneider fort,„da die Arbeit nicht ſehr gut geht, weil das Geld von Tag zu Tag rarer in Melbourne wird der Teufel hole mich, wenn ich weiß, wohin es ſeit einigen Monaten gemacht hat„ „Zur Sache!“ rief der Beamte,„zur Sache!“ „Ich komme darauf, aber laſſen Sie mich meinen eigenen Weg gehen. Da es, wie ich eben fagte, zu Das Erbe. III. 10 146 Hauſe nichts zu thun gab, entlehnte ich die Flinte meines Freundes Hutchins, um eine Jagdpartie im Walde zu machen. Traurige Unterhaltung! die Opoſſums haben ſich ſeit der Zeit, da ich in dieſem Lande ankam, um mehr als die Hälfte vermindert, und die, welche übrig bleiben, ſind teufelmäßig ſchwer zu ſchießen; ſie ſind wild geworden, vermutheé ich, denn dieſe Geſchöpfe ſind mit einem wunderbaren Inſtinct begabt.... Haben Sie doch ein bischen Geduld,“ fuhr er fort, als er ſah, wie unangenehm ſeine Weitſchweifigkeit für ſeine Zuhörer war.„Ich hatte eine oder zwei Tauben eingeſackt und auf ein Känguruh geſchoſſen, das ich ohne Zweifel nicht ge⸗ troffen.... wie dem nun ſei, ich ſtand auf der Höhe dieſes Hügels, den Sie ſehen, als ich klar und deutlich einen Flintenſchuß hörte. Ich weiß nicht warum, aber ich wurde von einer gewiſſen Un⸗ ruhe ergriffen und verbarg mich im Gebüſch. Viel⸗ leicht bin ich nicht der muthvollſte Mann von der Welt; aber nun, meine Herrn, ich habe eine Frau und fünf kleine Kinder, die meiner bedürfen⸗ End⸗ lich faßte ich Muth und ſchlüpfte aus meinem Ver⸗ ſteck hervor, als ich ſah.... Hu! ich werde es nie vergeſſen....“ „In's Himmels Namen! was oder wen haben Sie geſehen?“ fragte Dick. „Den Inſpector der Kronländereien auf dem Rücken liegend, und Georg Chaſon, der deſſen Ta⸗ ſchen durchſuchte, das iſt es, was ich geſehen habe. Und wollte Gott, ein Anderer hätte es geſehen, und ich wäre zu Hauſe auf meiner Boutique ſiten geblieben.“ i e 147 „Ihr habt mich geſehen,“ erwiderte langſam der Angeklagte,„wie ich Mr. Cuſacks Taſchen leerte! He! Philipp, ſeid Ihr betrunken oder ein Narr? Ich bin dem Opfer nicht begegnet, ich habe es nicht geſehen, ſeit dem Augenblick, wo er die Hoffnungsfarm verließ.“ Dieſe Verſicherung wurde von der Mehrzahl ſei⸗ ner Zuhörer mit unglaubigem Lächeln aufgenommen. Der Zeuge war ebenſo ſehr durch ſeine Ehrlichkeit, wie ſeine Einfalt und Zaghaftigkeit bekannt. Man wußte, daß nichts in der Welt ihn hätte bewegen können, eine ſolche Geſchichte zu erfinden. „Ich ging,“ fuhr der Schneider fort,„oder lief vielmehr, bis ich auf Healey's Farm ankam, wo ich drei Leute nahm, mich nach Melbourne zu begleiten. Meine Abſicht war anfänglich nicht, zu ſagen, wen ich den Mord begehen ſah, denn ich hatte im⸗ mer vor Mr. Chaſon Reſpect gehabt, aber ich weiß wie die Policei das Geheimniß mir abgelockt hat.“ Der Erzähler ſtieß einen ſo ſchweren Seufzer aus und ſchien am Ende ſeiner Erzählung ſo un⸗ glücklich, daß es unmöglich war, den Wider⸗ willen, womit er dieſelbe gegeben hatte, zu be⸗ zweifeln. „Nun, Sir,“ ſagte der Beamte, ſich an unſern Helden wendend,„ich hoffe, Sie ſind jetzt überzeugt, daß die gegen Ihren Freund gerichtete Anklage nicht die Folge einer eiteln Caprice iſt, und ich, Befehl zu ſeiner Verhaftung gebend, nur eine ſchmerzliche, als nothwendige Pflicht erfüllt abe.“ 148 „Ich bin betäubt,“ erwiderte der junge Mann, „aber mein Vertrauen auf die Unſchuld von Georg Chaſon iſt nicht erſchüttert,“ ſetzte er bewegt hinzu. „Wenn ich das geſehen hätte, was dieſer Mann er⸗ zählt, ich würde eher an dem Zeugniß meiner eige⸗ nen Sinne zweifeln, eher an meinem Auge, an mei⸗ nem Ohre zweifeln, als an der Ehre und Rechtſchaffen⸗ heit meines Freundes, denn ich kenne ihn zu gut. Reden Sie, Georg, reden Sie, ich bitte. Ich bin über⸗ zeugt; Sie haben etwas zu ſagen, was Sie von dieſer ſchrecklichen Anklage rein waſchen wird.“ „Alles, was ich zu ſagen habe,“ erwiderte der Farmer,„iſt, daß Philipp Tyers aus irgend einem unerklärlichen gelogen, auf eine in⸗ fame Weiſe gelogen hat. Mein Blut komme auf ſein Haupt!“ „Sprechen Sie nicht ſo, Georg,“ rief der kleine Mann ſehr niedergeſchlagen.„Um nichts in der Welt möchte ich Ihnen das Geringſte zu Leide thun. Ich möchte Niemand, wer es auch wäre, ein Haar krümmen. Es iſt nicht mein Fehler, daß Sie dieſes auffallende Kleid trugen.“ „Welches Kleid?“ fragte Dick eifrig. „O, er weiß es wohl,“ antwortete der Schnei⸗ der,„das, welches ich ihm gemacht habe, mit den großen Perlmutterknöpfen. Es gibt keine ſolche in der ganzen Colonie. Ich würde ſie aus weiter Ferne erkennen.“ „Großer Gott!“ rief der Angeklagte,„aber es iſt mehr als drei Monate, daß ich jenen Rock, wo⸗ von er ſpricht, gar nicht getragen habe.. der Meineidige.“ ( 5 149 Plötzlich leuchtete die Wahrheit dem Geiſte un⸗ ſeres Helden ein, und er faßte den Zeugen heftig am Arm. „Antworten Sie mir die Wahrheit,“ ſprach er, „und erinnern Sie ſich, daß das Leben eines Ihrer Mitmenſchen von Ihren Worten abhängt. Haben Sie das Geſicht des Mörders geſehen?“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt,“ antwortete der Mann, bemüht, ſich von Dicks Griff loszumachen, „daß ich ihn an ſeinen Knöpfen erkannt habe?“ „Das iſt keine Antwort. Ich muß meine Zuflucht zu Ihrer Autorität nehmen, Sir, um zu erfahren, was ich wünſche.“ Der Beamte, an welchen dieſe letzten Worte ge⸗ richtet waren, befahl Philipp Tyers, direct auf die Frage zu antworten. „Ich brauchte ſein Geſicht nicht zu ſehen,“ ſtammelte der kleine Mann, mehr und mehr be⸗ unruhigt.„Wozu hätte es mir auch gedient, es zu ſehen? Aber ich kann ſchwören, daß es die Knöpfe waren.“ „Genug,“ ſagte Dick, ihn loslaſſend,„ich glaube jetzt, daß Sie die Wahrheit geſagt haben... Mein Freund, William Giles und ich, Sir, ſind bereit, eidlich zu verſichern, daß, als Georg Chaſon geſtern die Farm verließ, um ſeine Pferche auf der andern Seite des Gebirgs zu beſuchen, er wie jetzt gekleidet war, und bei ſeiner Rückkehr noch dieſelben Kleider trug.“ „Mein Hirte, Crump, kann das auch bezeugen,“ rief der Farmer. „Wo iſt er?“ fragte Mr. Wood. 150 „Er iſt zu Hauſe. Ich habe ihn hingeſchickt, es in unſerer Abweſenheit zu bewachen; denn wir haben es verlaſſen, eben um den Mann zu ſuchen, den ich ermordet zu haben angeklagt bin.“ „Sie kamen wohl bewaffnet,“ erwiderte der Be⸗ amte, deſſen Glauben an Georgs Schuld ein wenig erſchüttert war. „Es gibt Buſchmänner in der Nachbarſchaft,“ ſagte William Giles,„und ich bin feſt überzeugt, daß das blutige Verbrechen ihr Werk iſt.“ „Wo iſt dieſer Rock?“ fragte Mr. Wood. „Auf der Farm, ohne Zweifel,“ antwortete der Angeklagte offen und frei;„dort werden Sie ihn finden.“ Dick hätte gern eine Bemerkung gemacht; aber er hatte nur Verdachtsgründe. „Sie haben denſelben nicht weggegeben?“ ſetzte der Richter hinzu. „Nein.“ „Das, was ſie gehört haben, Sir,“ ſagte unſer Held,„muß Ihnen genügen, wenn nicht Sie von der Unſchuld meines Freundes zu überzeugen, doch wenigſtens Ihren Glauben an ſeine Schuld zu erſchüt⸗ tern. Laſſen Sie mich Sie beſchwören, mit mir auf die Hoffnungsfarm zurückzukehren; Sie werden da⸗ ſelbſt, ich weiß es gewiß, nicht nur finden, daß das fragliche Kleid verſchenkt worden iſt, ſondern auch von wem und an wen.“ „Sprechen Sie aus gewiſſer Kenntniß der Sache, oder iſt es ein bloßer Verdacht?“ „Es iſt nur ein Verdacht, aber ein ſo ſtarker. Verdacht, daß er mir beinahe für Gewißheit gilt. — 151 Denken Sie an die Qualen, die Sie einem Ehren⸗ mann zufügen, wenn Sie bei Ihrer erſten Abſicht beharrten, ihn in's Gefängniß zu ſchicken. Ich ver⸗ pflichte mich, jede Ihnen beliebige Buße zu bezahlen, ja ich würde mein Leben zum Pfande ſetzen, daß er keinen Fluchtverſuch machen wird.“ „Ich auch,“ ſetzte William Giles hinzu. Einige andere Coloniſten erklärten ſich gleichfalls zur Bürgſchaft für den rechtſchaffenen Georg Chaſon bereit, ſo ſehr hatte ſich der Wind zu ſeinen Gun⸗ ſten gedreht. „Ich kann Ihnen nicht Alles gewähren, was Sie von mir begehren,“ antwortete Mr. Wood nach einigen Augenblicken der Ueberlegung,„die Verant⸗ wortlichkeit iſt zu groß. Aber was mir möglich iſt, will ich thun. Der Angeklagte muß die Policei⸗ Officianten nach Melbourne begleiten und daſelbſt eine Nacht im Gefängniß zubringen. Jedoch will ich Befehl geben, daß er nicht als Verbrecher behan⸗ delt wird und nicht zu ſeiner Schmach mit Hand⸗ ſchellen durch die Stadt gehen muß. Deßgleichen willige ich ein, Ihnen auf die Farm zu folgen. Be⸗ ſtehen Sie nicht auf Weiterem,“ ſetzte er hinzu,„ ich habe Ihnen alle mit meiner Pflicht verträglichen Zu⸗ geſtändniſſe gemacht.“ Der entſchiedene Ton, womit dieſe Worte aus⸗ geſprochen wurden, verhinderte jede Einwendung. William Giles erklärte, wenn Georg eingeſperrt werde, wolle er ſich auch mit ihm einſperren laſſen, und beſtand auf dieſem Vorſatz, bis man ihn darauf aufmerkſam machte, daß er ihm größere Dienſte leiſten könne, wenn er ſich mit den Andern zur Auf⸗ 152 ſuchung des wahrhaft Schuldigen vereinige. Darauf riß der brave Burſche ein Blatt aus feinem Notiz⸗ buch und ſchrieb darauf einige Zeilen an ſeinen Vater, mit der Bitte, am nächſten Morgen auf dem Platze, wo der Mord begangen worden war, zu ihnen zu ſtoßen. Einer der Policei⸗Agenten ver⸗ ſprach, das Billet auf Giles' Farm zu überliefern, ſobald der Gefangene in Sicherheit gebracht worden wäre. Inzwiſchen hatte Mr. Wood ſeinerſeits auch ein Billet an den Gefängnißaufſeher geſchrieben. Er gab darin an, wie man den Angeklagten zu behan⸗ deln habe. Als er damit fertig war, las er es mit lauter Stimme. „Sind Sie zufrieden?“ fragte er. Niemand antwortete zuſtimmend, denn man fand es zu hart für einen Unſchuldigen, ſich auch nur der Entehrung einer Stunde zu unterwerfen. „Ich bin es,“ antwortete endlich Georg Chaſon, „denn da die Sache einmal ſo weit getrieben iſt, weiß ich, daß die Unterſuchung vollſtändig ſein muß. Ich habe kein Verlangen, mit einem com⸗ promittirten Namen in mein Haus zurückzukeh⸗ ren. Meine Freiſprechung muß beſtimmt und voll⸗ ſtändig ſein.“ „Sie ſprechen wie ein rechtſchaffener Mann!“ rief der Richter,„Sie kennen meine Ordre an den BGefängnißaufſeher; hören Sie jetzt den mündlichen VBefehl, den ich der Policei gebe. Sie werden den Gefangenen mit aller Höflichkeit und Rückſicht be⸗ handeln. Wenn Sie in die Stadt kommen, werden Sie ihm geſtatten, einige Schritte vor Ihnen her⸗ ——0— S—— zugehen, ſo daß es nicht den Anſchein hat, als be⸗ finde er ſich unter Ihrer Hut.“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ ſagte der Farmer,„ich kann vernünftiger Weiſe nicht mehr erwarten.“ „Aber wenn er zu entfliehen verſuchte, Sir,“ bemerkte einer der Policei⸗Agenten. „Sie haben Ihre Karabiner,“ antwortete Mr. rd feſt,„und Sie kennen Ihre Schuldig⸗ Lit. Man hatte einen Karren herbeigeſchafft, um den Leichnam des Opfers nach Melbourne zu bringen. Einer der Farmer wollte, daß Georg Chaſon ſein Pferd nehme, daß er nicht zu Fuß vor der berittenen Policei einhergehen müſſe. So wurde ihm auch dieſe Schmach erſpart. Der Abſchied des Gefangenen von ſeinen Freun⸗ den war ſehr kurz; dann trennten ſich die beiden Partieen. Auf dem Wege nach der Farm erzählte Dick den Act von Redlichkeit, welche der Angeklagte an den Tag gelegt hatte, indem er⸗ ihn in Beſitz eines Guts ſetzen wollte, auf das er kein legales, und kaum ein moraliſches Recht hatte, weil daſſelbe ebenſo ſehr ein Product von Georgs Geſchicklichkeit und Fleiß, als von dem ihm durch ſeinen verſtorbenen Herrn anvertrauten Geld war. „Es war nicht nöthig,“ fügte er, ſich ſpeciell an Mr. Wood wendend,„ein Verbrechen zu begehen, um in den Beſitz der Papiere von Mr. Cuſack zu gelangen, weil dieſer in der Abſicht kam, ſie mir zurückzugeben; aber jetzt, fürchte ich, ſind Sie für immer verloren.“ 154 „Waren ſie von Wichtigkeit?“ fragte der Beamte, für den jeder Umſtand, der einiges Licht auf die Beweggründe des Verbrechens werfen konnte, Stoff zur Ueberlegung bot. „Sie bezogen ſich auf meine Geburt.“ „Und auf einen ſchönen Herrenſitz, wie auf den Baronets⸗Titel,“ ſetzte William Giles hinzu.„Aber verzweifeln Sie nicht, Sir Walter, wir wollen, was wir beſitzen, bis auf den letzten Morgen verkaufen, mein Vater und ich, damit Ihnen Gerechtigkeit werde. Obwohl wir Alles hier im Ueberfluß haben, weiß ich wohl, daß der Alte ſich nach den grünen Fluren von Crowshall ſehnt, und meine Mutter ſagt oft, daß ihre Gebeine nie Ruhe finden werden, als auf dem Kirchhof, wo diejenigen ihrer Eltern und Nachbarn beſtattet ſind.“ „Und Ihre hübſche Couſine,“ flüſterte unſer Held, „was wird ſie ſagen?“ „Ich habe ſie noch nicht gefragt,“ antwortete der junge Mann lachend,„aber ich denke nicht, daß ſie ſich weigern wird, unter Ihrem Schutze wieder das Meer zu durchkreuzen.“ „Und unter dem ihres Gatten,“ ſetzte Dick hinzu. „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ 8 „Meine Herren,“ nahm unſer Held das Wort, als ſie die Hoffnungsfarm zu Geſicht bekamen,„das Wenige, was ich von dem Leben geſehen habe, hat mich überzeugt, daß die Wahrheit weder der Ver⸗ mummung noch Liſt bedarf, ſie hat nichts zu ver⸗ bergen, nichts ſchlau zu recht zu legen. Ich ſchlage alſo vor, daß der Beamte und die, welche er zu —— — Zeugen nehmen will, ſich allein in das Haus bege⸗ ben, und Martha, die Schweſter des Angeklagten, ſo wie den Hirten Erump befragen. Mein Freund und ich wollen hier bei den Andern bleiben.“ „Nein,“ erwiderte Mr. Wood,„es liegt in allen Ihren Worten eine Aufrichtigkeit und Rechtſchaffen⸗ heit, welche mir beweiſen, daß Vorſicht unnöthig iſt. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Außerdem läßt mich die Einſicht, die Sie an den Tag gelegt haben, denken, daß Ihre Andeutungen von Nutzen ſein können. Alles, um das ich bitte,“ ſetzte er hinzu, „iſt, daß Niemand ſpricht, ohne von mir Erlaubniß erhalten zu haben.“ Jedermann verſprach ſeine Inſtructionen zu be⸗ folgen und einige Minuten nachher traten ſie in die große Küche der Farm, wo Martha und die Dienſtboten ſich eifrig mit den Sorgen des Haushalts beſchäftigten. „Wo iſt Georg?“ fragte die Erſtere, unruhige Blicke auf die Gruppe werfend. Niemand antwortete ihr. „Es iſt ein Unglück geſchehen!“ rief ſie.„O, ich ahnte es! Dick,“ ſetzte ſie hinzu, die Hände fal⸗ tend,„antworten Sie mir. Ich glaube an Ihre Worte, denn Sie haben mich nie, ſelbſt da Sie ein Kind waren, betrogen. Wo iſt mein Bru⸗ „Ich will für ihn antworten,“ ſagte der Beamte. „Mr. Chaſon hat einige Freunde nach Melbourne in einer dringenden Angelegenheit begleitet, und wird vor wenigſtens zwei Tagen nicht zurückkommen. Aber beunruhigen Sie ſich nicht, er befindet ſich in 156 ſo guter Geſundheit, als jeder von denen, welche Sie hier gegenwärtig ſehen.“ „Er antwortet mir nicht,“ murmelte Martha, die Augen auf unſern Helden geheftet;„er ſchweigt. Was muß ich alſo hören?“ „Sprechen Sie mit ihr,“ ſagte Mr. Wood, ſie ſcheint nur zu Ihnen Vertrauen zu haben.“ „Georg befindet ſich wohl,“ erwiderte der junge Mann,„er iſt vollkommen geſund wenigſtens. Wenn eine ernſtliche Gefahr ihm drohte, glauben Sie, daß ich ihn verlaſſen hätte?“ Eine ernſtliche Gefahr!“ wiederholte Martha, „es iſt alſo Gefahr? Sind Sie einander begegnet? Reden Sie.... ſagen Sie mir Alles, während mir die Kraft zu hören bleibt.“ „Sie müſſen vorher dieſem Gentleman antwor⸗ wiſſen.“ „Haben Sie einen Diener, Namens Erump?“ fragte der Beamte,„einen Hirten, glaube ich, der dazu beſtellt iſt, den Pferch auf der andern Seite des Gebirgs zu hüten.“ „Das bin ich,“ ſagte ein robuſter Bauer, von ſeinem Platz neben dem Feuer aufſtehend.„Was wollen Sie von mir?“ „In aller Güte nur einige Fragen an Euch richten.“ „Sind Sie ein Advocat?“ „Nein.“ „Dann will ich Ihnen antworten,“ rief der nen werde,“ ſetzte er ten,“ erwiderte Dick.„Und dann ſollen Sie Alles Mann,„aber mit Advocaten will ich nichts zu thun haben. Ich verlor mehr, als ich je wieder verdie⸗ hinzu,„dadurch, daß ich einem 157 von ihnen meine Angelegenheiten erzählte, obgleich er ſeiner Ausſage nach ganz freundſchaftlich gekommen war; und darum ſind meine alte Frau und ich in dieſem Welttheil.“ „Habt Ihr Euren Herrn geſtern geſehen?“ „Ja, ich habe ihn geſehen.“ „Und wie war er gekleidet?“ „Gekleidet!“ wiederholte der Hirte, einen großen Mund zum Lachen öffnend,„nun ja, er hatte Rock und Hoſen an, gewiß, mit Kamaſchen. Bilden Sie ſich etwa zufällig ein, er ſei in einem Unterröckchen zu dem Pferch gekommen? Ha! ich darf wohl mit Dir ſprechen, denn Du haſt nicht halb genug Bos⸗ haftigkeit an Dir, um ein Advocat zu ſein.“ „Habt Ihr ihn heute geſehen?“ fragte Mr. Wood weiter. „Ohne Zweifel. Wie würde ich ſonſt nach Hauſe gekommen ſein?“ „Hatte er dieſelben Kleider an wie geſtern?“ Jä⸗ „Seid Ihr deſſen gewiß?“ „Ich könnte es beſchwören,“ antwortete Erump. „Du biſt eine ſterblich neugierige Perſon. Aber Du ſprichſt jedenfalls nicht wie ein Schneider. Was machen die Kleider, die mein Herr trägt? Ich wollte wetten, ſie ſind alle bezahlt.“ Unwillig, daß man ſo viele ihm unnütz vor⸗ kommende Fragen an ihn geſtellt hatte, ſetzte ſich der Hirte wieder an das Feuer, das er mit fin⸗ ſterer, mißvergnügter Miene zu ſchüren anfing. „Sind Sie überzeugt?“ flüſterte Dick Mr. Wood zu. 158 „Beinahe,“ erwiderte dieſer mit einem Lächeln. „Sie ſind, glaube ich,“ ſich an Martha wendend, die in einem Zuſtand fieberiſcher Aufregung ſich befand, „die Schweſter von Georg Chaſon?“ „Ja, Sir, und nie gab es einen beſſeren, einen edleren Bruder. Wenn ihm ein Unglück begegnet iſt, ſo gibt das mir den Tod, denn er iſt die einzige Stütze. „Noch einmal, ich wiederhole es Ihnen, daß ihm nichts geſchehen iſt,“ fiel Mr. Wood ein,„aber ich muß Sie bitten, mir einen von ſeinen Röcken zu bringen. Sie können ſich nicht irren, den mit den großen Perlmutterknöpfen.“ Die Unglickliche faltete die Hände und ſank auf einen Stuhl. Der Verdacht des Beamten erwachte von Neuem und mit ſtrengem Blick gebot er Allen, die ihn be⸗ gleiteten, Stillſchweigen. „Haben Sie gehört, was ich begehre?“ fuhr er ort. Keine Antwort. „Zwingen Sie mich nicht, von meiner Autorität Gebrauch zu machen. Ich bin der Unterſuchungs⸗ richter zu Melbourne.“ „Und was willſt Du hier?“ fragte Crump auf⸗ ſpringend.„Willſt Du ehrliche Leute erſchrecken und ſie um ihren Verſtand bringen?.. Frau, wo ſind die Hunde?“ „Der Herr hat ſie mitgenommen„ antwortete ſeine beſſere Hälfte. Dick. „Erlauben Sie mir, mit ihr zu ſprechen?“ fragte te te 159 Mr. Wood machte ein bejahendes Zeichen, ent⸗ ſchloſſen, alle Worte, die er ſpräche, ſich genau zu bemerken. „Martha,“ ſagte der junge Mann,„es iſt noth⸗ wendig, daß Sie aufrichtig, wie ich überzeugt bin, daß Sie es thun werden, auf die Ihnen vorgelegten Fragen antworten. Mr. Cuſack, der Inſpector der Kronländereien, iſt barbariſch ermordet im Walde gefunden worden; der Mörder wurde von einem Mann geſehen, der als Zeuge ſeine Ausſage gegeben hat und ſchwört, daß derſelbe einen Rock mit Perlmutterknöpfen von auffallender Größe trug. Hat Georg einen ſolchen Rock, ſo muß man ihn zeigen.“ „Ich kann es nicht,“ ſeufzte die Unglückliche. „Warum nicht?“ „„Weil ich ihn vor drei Tagen verſchenkt habe.“ „An wen?“ fragte der Beamte eifrig. Martha ſchwieg ſtill. „Was muß ich ſchließen?“ rief Mr. Wood.„Die⸗ ſes Stillſchweigen kündigt das Verbrochen an: die Unſchuld antwortet ohne Furcht. „Ich will für ſie antworten,“ rief die Magd Mary Chells, welche während der Zuſammenkunft kein Wort von dem, was geſagt wurde, verloren hatte. „Sie kann es nicht thun, da ſie durch einen Eid gegen das unwürdige Weſen, mit dem ihr Schickſal ſie vereinigt hat, gebunden iſt. Sie hat den Rock, wie Lebensmittel und Geld, alles Geld, das ſie hatte, ihrem Mann gegeben.“ „Und der Name dieſes Mannes?“ „Verzeihen Sie mir, theure Herrin,“ fuhr Mary 160 Chells fort,„aber es gibt kein anderes Mittel, Ihren guten und würdigen Bruder gegen einen un⸗ gerechten und gehäſſigen Verdacht ſicher zu ſtellen. Ich ließe mich eher in Stücke reißen, ehe ich ein Wort ſagte, das Sie demüthigen könnte. Aber ich muß reden. Ich wachte, als Sie durch die Küche gingen, und ließ die Hunde los, da ich wußte, daß dieſelben Ihr beſter Schutz ſein würden. Ich war Zeuge Ihrer erſten Zuſammenkunft mit dem FElenden und ſchlich mich hinter das Gebüſch, um das Zünd⸗ hütchen von ſeiner Flinte wegzunehmen. Ich weiß Alles: den Schwur, den er Ihnen abgenöthigt hat „Sein Name?“ wiederholte der Beamte. „Amen Corner,“ riefen Mary Chells und Dick zu gleicher Zeit. „Der vor drei Monaten von der Norfolk⸗Inſel entflohen iſt,“ ſagte Mr. Wood, eine Liſte zu Rathe ziehend, die er aus ſeinem Portefeuille nahm. „Ich begreife Ihre Demüthigung und Ihre Scham,“ ſetzte er hinzu, Martha's Hand faſſend,„welche Sie vermocht hat, dieſen peinlichen Umſtand Ihrem Bruder zu verſchweigen. Aber es hätte ihn das Leben koſten können.“ Martha rang die Hände unter bittern Gewiſſens⸗ iſſen. „Ich werde es nicht mehr wagen, ihm in's Ge⸗ ſicht zu ſehen,“ dachte ſie,„die Ehre ſeines Namens iſt durch mich befleckt, durch mich.“ Die Erklärung der Dienerin machte jede weitere Frage unnütz; zudem wäre die arme Frau, durch den Eid gebunden, eine Antwort zu geben in Ver⸗ 161 legenheit geweſen. Der Beamte erklärte ſich von Georgs Unſchuld vollkommen überzeugt und ſchickte noch in demſelben Augenblick einen Boten ab mit dem Befehl, ihn in Freiheit zu ſetzen. „Ich möchte ſelbſt der Ueberbringer dieſes Be⸗ fehls ſein,“ ſagte er,„aber meine Pflichten ſind hier noch nicht zu Ende. Es genügt nicht, daß ein recht⸗ ſchaffener Mann als unſchuldig erkannt wird, der Schuldige muß auch ſeine Strafe erhalten.“ Es wurde feſtgeſetzt, daß die Geſellſchaft auf der Farm übernachte und mit Tagesanbruch ſich zur Aufſuchung des Mörders auf den Weg mache. Vierundvierzigſtes Kapitel. Die Wenſchenjagd. Am nächſten Morgen verließ die Truppe zu guter Stunde die Hoffnungsfarm und begab ſich nach dem Ort der Zuſammenkunft. Dort angelangt, fanden ſich mehrere ihrer Freunde aus Melbourne, welche auf ſie warteten, und unter ihnen auch den entlaſſenen Gefangenen, Georg Chaſon, der die Glückwünſche nicht allein von unſerem Helden und William Giles, ſondern auch von dem Richter Wood empfing. „Mr. Chaſon,“ ſprach der Beamte,„erlauben Sie Das Erbe. III. 1] 162 mir, Ihnen die Hand zu reichen und hier öffentlich zu erklären, daß kein Schatten von Verdacht auf Ihrem Namen ruht; Ihre Ehre iſt ſo rein wie je⸗ mals. Wir haben nicht allein ein unwiderlegliches Zeugniß von Ihrer Unſchuld, ſondern auch den Leitfaden erhalten, der uns zur Auffindung des Schuldigen führen muß, und ich zweifle nicht, daß ich mit Hülfe dieſer Herren ſchnell Hand an ihn legen werde.“ Der Farmer antwortete entſprechend. Es war unmöglich, von einer ſo freimüthig gegebenen Ehren⸗ erklärung nicht befriedigt zu ſein. 2 „Verzeihen Sie mir, Georg,“ ſagte der kleine Schneider, ſich mit bedauernder Stimme ihm nähernd, „es war nicht meine Schuld. Wie konnte ich ahnen, daß Ihre Schweſter den Rock mit den merkwürdig ſchönen Knöpfen verſchenkt habe? Es ſind die Knöpfe, die ich zu kennen ſchwur.“ „Verſchenkt!“ wiederholte der Farmer mit er⸗ ſtauntem Ton,„wem denn?“ „Ihrem Mann gewiß.“ Ehe Georg Chaſon antworten konnte, kam Dick heran, zog ihn bei Seite und erzählte ihm Alles, was ſich auf der Farm begeben hatte. „So unangenehm dieſe Entdeckung ſein mag,“ ſetzte er hinzu,„ſo iſt doch Martha nicht zu tadeln. Die Zuneigung zu Ihnen, ſo wie die Drohungen des Verbrechers haben ſie vermocht, deſſen Gegen⸗ wart Ihnen zu verbergen. Der Gedanke an eine Begegnung zwiſchen Ihnen und ihm machte ſie zittern.“ „Martha tadeln!“ rief Georg gerührt.„Arme 163 Schweſter, wie wenig kennt ſie mich noch! Ohne Zweifel iſt es ein Schlag für meinen Stolz, meine Verwandtſchaft mit einem Sträfling zu geſtehen, denn Sie wiſſen, daß ich den Stolz der Ehre und Recht⸗ ſchaffenheit, nicht der Geburt habe. Aber was mich am meiſten betrübt, iſt der Verluſt Ihrer Papiere. Amen Corner kennt deren Werth wohl und wird unzweifelhaft Mittel finden, für ſich Vortheil daraus zu ziehen.“ „Da Ihre Unſchuld hergeſtellt iſt,“ erwiderte unſer Held,„werde ich den Verluſt kaum bedauern. Vielleicht wäre es beſſer für uns Alle, den Schul⸗ digen entwiſchen zu laſſen.“ „Niemals!“ rief Georg energiſch;„dieſes letzte Verbrechen, im Verein mit dem Diebſtahl der Be⸗ weiſe Ihrer Geburt, macht ihn jedes Mitleids un⸗ werth. Ich werde den Verbrecher durch die ganze Colonie verfolgen. Sein Tod am Galgen,“ ſetzte er bitter hinzu,„kann mich nicht mehr entehren, als ſein Leben gethan hat.“ Ihr Geſpräch wurde durch die Annäherung von William Giles in Begleitung ſeines Vaters unter⸗ brochen, dem er die Entdeckung von Dicks Geburt erzählt hatte. Anfangs hatte der Alte ſich geweigert, ihm Glauben zu ſchenken, aber ſeine Zweifel ver⸗ ſchwanden, als er hörte, daß Georg Chaſon zuerſt ihn als Sohn von Walter Herbert erklärt habe. „Georg,“ ſagte er ernſt,„iſt einer Lüge unfähig.“ Hätte er noch einen Augenblick gezaudert, ſo wäre ſeine Ueberzeugung vollſtändig geweſen, als ſeine Blicke auf Dick weilten. * 164 „Gott ſegne Sie, Sir Walter!“ rief er,„Sie ſind das Abbild Ihres Vaters, der in Wahrheit ein edler Gentleman war. Erlauben Sie einem Greiſe, der auf Ihren Ländereien geboren wurde und ſie bis zu dem Tage bebaut hat, da ein Ränkeſchmied, dem Sie zum Raub geworden ſind, ihn von ſeiner Pach⸗ tung vertrieben hat, erlauben Sie ihm, zu verſichern, daß Alles, was er in der Welt beſitzt, zu Ihrer Verfügung ſteht, um Ihnen die Mittel zur Behaup⸗ tung Ihrer Rechte zu verſchaffen.“ Der Held unſerer Geſchichte drückte ihm lebhaft die Hand; es lag etwas Rührendes in dieſer ver⸗ trauensvollen Einfalt, in dieſer Anſchließung an ſein Loos von Seiten eines Mannes, der vom Schickſal ſo rauh behandelt worden war; und er dankte ihm herzlich, jedoch ohne ſein edles Anerbieten anzu⸗ nehmen. „Das wolle Gott nicht,“ erwiderte er,„daß ich auf ein ſo abenteuerliches Loos, wie das meinige, die Hoffnungen meines Freundes William und die Ruhe Ihres Alters ſetze! Ich glaube heilig, daß ich der Erbe der Familie bin, auf deren Grund und Boden Sie ſo kang gelebt haben; aber die Beweiſe, ach! mangeln mir.“ „Ich weiß Alles,“ rief Giles, den Gürtel feſter tnüpfend, der ſeine robuſte Taille umgab,„dieſer Schurke Amen Corner.... Ich habe ihn immer dafür gehalten und ſo geſagt! Aber wir wollen ihn durch die Banze Colonie verfolgen, ihn jagen wie einen Fuchs. Ich habe Jack und den Hund mit mir genommen. Er müßte ſtolzes Glück haben, wenn er uns entkäme.“ 165 „Vielleicht wäre es das Beſſere,“ entgegnete Dick ſehr ernſt. Der Greis ſah ihn an, als hätte er nicht recht verſtanden. „Er iſt Martha's Mann,“ ſetzte unſer Held hinzu, „der Schwager des armen Georg, deſſen Treue mein Vater ſo viel verdankte. Würde dieſer Elende ergriffen und. 2 „Gehängt,“ ſiel der alte Giles ein,„er hätte nur, was er verdient.“ „Aber bedenken Sie die Schande....“ „Er hätte nur, was er verdient,“ antwortete der ehrliche engliſche Farmer.„Was die Schande betrifft, ſo bin ich lang genug auf der Welt und habe erkannt, daß der Menſch nur Schande hat von dem, was ſeine eigenen Verbrechen ſind. Hätte ich hundert Schwäger, und alle wären gehängt, ich trüge darum den Kopf nicht weniger hoch als jetzt... aber höher vielleicht, denn ich würde fühlen, daß ich ebenſo gut die Theilnahme, als die Achtung meiner Mit⸗ menſchen verdiene.“* „Aber hören ſie mich!“ „Wohl, wohl, Sir Walter; Sie ſprechen wie ein wahrer Herbert, mit dem gerechten Gefühl der Ehre, der Dankbarkeit und aller der ſchönen Dinge da; ich rede als ein einfacher Landmann, der kei⸗ nen andern Führer, als den Verſtand hät. Darum ſage ich: friſch, los auf den Ver⸗ räther!“ Dieſe Worte wurden von den Meiſten der ver⸗ ſammelten Perſonen gehört, welche über die Ver⸗ zögerung ungeduldig zu werden anfingen. Durch 166 allgemeine Uebereinſtimmung wurde die Leitung der Affaire dem Farmer Giles anvertraut; denn ſein langer Aufenthalt in verſchiedenen Gegenden des Landes machte ihn unter manchen Umſtänden zu einer gewiſſen Autorität. Auf ſein Gebot theilte ſich die Truppe in drei beſondere Abtheilungen, welchen der Alte drei ver⸗ ſchiedene Regionen zur Durchforſchung anwies, nicht ohne ihnen die Orte des Zuſammentreffens dabei zu bezeichnen. „Und nun,“ ſprach er, als Alles geordnet war, „laſſe man die Hunde los.“ Man gehorchte ſogleich. Die feinen Spürhunde blieben einen Augenblick ſtehen, um den Boden um die Stelle herum, wo der Leichnam gefunden worden war, zu beriechen; zuweilen ſtieß einer von ihnen i dumpfes Geheul aus und blieb unbeweglich ſtehen. „Es iſt das Blut des Opfers,“ flüſterte Georg Chaſon unſerem Helden in's Ohr,„es iſt beinahe unmöglich, ihren Inſtinct zu täuſchen.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo ließ einer der Spürhunde jenen beſonderen Laut hören, welcher andeutet, daß er die Fährte gefunden hat. Es war bewundernswürdig, den Scharfſinn zu ſehen, womit das edle Thier der Spur folgte, die Erde, ſo zu ſagen, mit ſeinen erweiterten Naſenlöchern ausſaugend und die tiefliegenden Augen Blitze ſchießend. Es war Lover von der Hoffnungsfarm, der Lieb⸗ lingshund Georgs; ſein Kamarade Liß ſchloß ſich ihm ſogleich zur Verfolgung an, die ziemlich langſam 167 vor ſich ging, um den Fußgängern Zeit zu laſſen, die Hunde nicht aus den Augen zu verlieren. Sit„Was denken Sie?“ fragte Dick William iles. „Daß Ihr alter Verfolger, Amen Corner, keine große Ausſicht hat, uns zu entkommen. Sind ihm die Hunde wirklich auf der Fährte, ſo werden ſie ihn bis in den Tod verfolgen.“ „Arme Martha!“ ſagte ſein Freund mit einem Seufzer,„die letzte Probe naht; ſie wird die Schmach nicht überleben.“ Amen Corner befand ſich ſeit achtundvierzig Stun⸗ den in dem Grabe, wo ihn ſeine Blindheit zurückhielt. Seine Leiden waren ſchrecklich; wenn die grauſamſten Schmerzen, Schmerzen ohne Reue ein langes Leben voll Verbrechen ſühnen können, ſo hatte der Unglück⸗ liche in der That ſeine Miſſethaten gebüßt. So groß auch die Folter ſeines Körpers war, die ſeiner Seele war noch größer, und als dazu noch die Qualen verzehrenden Hungers und Durſtes kamen, fing er in ſeiner unmächtigen Wuth zu heu⸗ len und ſich auf dem Boden der Höhle zu wälzen an, wie ein wildes Thier, welches das Blei des Jägers verwundet hat. Das Schrecklichſte für ihn war die Finſterniß, welche ſeinem verhärteten Gewiſſen ſich gegenüber ſtellte, eine Finſterniß, in der ihn Viſionen der Ver⸗ gangenheit heimſuchten, eine ewige Nacht, die keinen Morgen mehr haben ſollte, denn Tag und Nacht wa⸗ ren für ihn nur Eins. Zuweilen wandelte ihn die Luſt an, aus ſeinem Zufluchtsort ſich hinauszutappen, um in den Wald 168 zu gelangen, aber die Erinnerung an das begangene Verbrechen ſcheuchte ihn zurück. Die Hand ſeines Nebenmenſchen mußte, anſtatt ſich hülfreich gegen ihn auszuſtrecken, wider ihn ſich erheben, um ihn zu ſchlagen. Das Kainszeichen war auf ſeiner Stirne, und er, der ſo lang der göttlichen Gerechtig⸗ keit geſpottet hatte, zitterte bei dem Gedanken an die Gerechtigkeit der Menſchen. In ſeiner Verzweiflung rief er nach ſeinem Ge⸗ noſſen, flehte ihn an, wieder zu kommen, ihn nicht ſeinem ſchrecklichen Geſchick zu überlaſſen. Aber das Echo der Höhle ſchien mit hölliſcher Freude ſeiner zu ſpotten. „Verloren!“ murmelte er,„verloren in dieſer Welt und in der andern!“ Seit mehreren Stunden war der Unglückliche von einem verzehrenden Durſt gequält, woran Gaumen und Kehle ſo ausgetrocknet waren, daß ſie ihm von Eiſen zu ſein ſchienen. Plötzlich erinnerte er ſich der Flaſche Branntwein, welche Bill in der Felſen⸗ ſpalte verborgen hatte. Er ſuchte der Richtung ſich zu erinnern und tappte und griff in der Finſterniß herum, bis er ſie gefunden, aber kaum hatte er einen Theil ihres Inhalts verſchluckt, als er die Flaſche mit einem Schmerzensſchrei weit von ſich warf. Er glaubte Feuer in der Bruſt zu haben. Die Thatſache war, daß man eine ſtarke Portion ätzendes Sublimat mit dem Arſenit vermiſcht hatte, der von dem Schwarzen Ralph an Spuggins ver⸗ kauft worden war, und die Leiden des Er⸗Kirchſpiel⸗ ſchreibers waren entſetzlich. „Waſſer!“ murmelte er,„Waſſer! o, einen ein⸗ S——— t 169 zigen Tropfen Waſſer, um das innere Feuer zu kühlen!“ Niemand hörte ſeine Bitte, und der Unglückliche kroch auf dem ſchlammigen Boden der Höhle herum, in der eiteln Hoffnung, den Waſſertropfen zu finden, den er begehrte. Die von Giles geführte Truppe beſtand aus ſei⸗. nem Sohn William, dem Richter Wood, Georg Cha⸗ ſon, unſerem Helden, Jack und drei oder vier Poli⸗ cei⸗Agenten. Die Hunde ſchienen ihre Spur nie zu verlieren; ſie verfolgten ihre Fährte mit ununter⸗ brochener Beharrlichkeit, von Zeit zu Zeit ein tiefes Gebell ausſtoßend, welches anzeigt, daß ſie ihrer Beute gewiß ſind. Sie kamen endlich an eine Schlucht, an deren unterem Rande ſich der Eingang der Höhle befand. Auf dieſer Stelle ſprang Liß mit einem ſonderbaren Laut vorwärts und verſchwand unter dem Gebüſch. Lover folgte ihm. „Da iſt er gefunden!“ ſagte der alte Farmer, der in ſeinen jungen Jahren ein Fuchsjäger gewe⸗ ſen war.„Ich wette Hundert gegen Eins, daß er ge⸗ funden iſt.“ „Ich ſehe keinen Verſteck,“ erwiderte Dick. „Ah! Sir Walter, Sie kennen dieſes Land noch nicht,“ erwiderte der Farmer.„Es gleicht durchaus nicht Alt⸗England. Es gibt hier ſo viel Winkel und Ecken wie in einer Honigſcheibe.... Hören Sie,“ ſetzte er hinzu,„wie die Hunde ihre Zunge ſpielen laſſen!“ Dann nach einigen Minuten, rief er:„Da ſchweigen ſie! Seien Sie überzeugt, iſt gefunden; er iſt da, lebend oder 0 4 170 Da die Hunde nicht zurückkamen, entſchloſſen ſich Georg Chaſon und unſer Held, nach einer augenblick⸗ lichen Zögerung, nach der Urſache zu forſchen. Sie ſtiegen alſo in die Schlucht hinab, ſchoben ſich unter dem Gebüſch durch und folgten einer Art niedrigen Gangs, bie beide in die Höhle gelangten. Hier bot ſich ihren Blicken ein ſchreckliches Schauſpiel. Amen Corner ſtand aufrecht da, an eine Wand der Höhle gelehnt, die Hunde vor ihm niedergeſtreckt. Die ſcharfſinnigen Thiere hatten ihn erkannt und enthielten ſich, eingedenk, daß Martha ſie abgewehrt hatte, ihm etwas zu Leide zu thun. Anfangs ſchienen unſere zwei Freunde den Schul⸗ digen nicht zu erkennen, ſo ſehr war von der Explo⸗ ſion des Pulvers ſein Geſicht geſchwärzt und ange⸗ ſchwollen. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Georg Chaſon. „Ein Unglücklicher,“ antwortete er.„Ruft Eure Hunde zurück und laßt mich ruhig ſterben.“ Inzwiſchen hatte Dick eine Fackel angezündet. Als er dem Geſicht ſeines alten Verfolgers nahe kam, rief er: „Wir können uns nicht irren, es iſt Amen Cor⸗ ner, mit dem Rock bekleidet, den Martha ihm gab. Unglücklicher!“ ſetzte er hinzu,„welcher böſe Geiſt hat Dich angetrieben, Deine Hände mit Blut zu be⸗ flecken?“ „Wer ſagt, daß ich gemordet habe?“ ſtammelte der Verräther.„Das iſt eine Lüge, ich bin blind, ich kann nicht tödten, weil ich nichts ſehe.“ „Sie hören,“ flüſterte Georg. „Ich kenne Euch,“ fuhr der Mörder fort.„Ich c S— A 171 kann Eure Züge nicht ſehen, aber ich fühle es, daß Ihr in meiner Nähe ſeid. Du biſt Georg Chaſon, der Bruder meiner Frau, der Mann, der mich im Walde von Crowshall geſchlagen hat; und Du,“ ſetzte er hinzu, die Hand in der Richtung ausſtreckend, von wo die Stimme unſeres Helden gekommen war, „Du biſt der Knabe, den ich zu züchtigen gewohnt war und der aus dem Hoſpital entflohen ift. Ihr ſeht, daß ich noch nicht wahnſinnig bin.“ „Ihr müßt mit uns kommen!“ „Ich will nicht! Ich kann hier ſterben.“ „Allein?“ fragte Dick. „Ich habe wohl allein gelebt, warum könnte ich nicht allein ſterben? Ich kenne Euch Beide. Ihr wollt mich der einfältigen Menge zum Schauſpiel geben. Ihr wollt mich an den Galgen hängen; aber nein, nein! hundertmal nein! Cuer Haß ſoll getäuſcht werden. Ich ſterbe.... vergiftet vergiftet, wie eine Katze von dieſem Böſewicht Spuggins.“ Er fiel zur Erde, Schaum ausſpeiend, ein Geſchrei Wuth ausſtoßend, bis er endlich die Beſinnung verlor. Georg und ſein Gefährte entſchloſſen ſich, dieſe Gelegenheit zur Fortſchaffung deſſelben zu benützen. Obgleich es Dick widerſtrebte, ihn anzurühren, überwand er doch ſeinen Abſcheu, ergriff Amen beim Kragen und half dem Farmer, ihn hinauszu⸗ chleppen. Ihre Rückkehr wurde durch die Zurufe ihrer Freunde begrüßt, welche allmälig über ihr langes Ausbleiben unruhig geworden waren. 172 „Ich habe es Ihnen ja geſagt, daß die Hunde ſich nicht täuſchen,“ ſprach der alte Giles;„ſie haben ihn endlich gefunden aber dieß kann Amen Corner nicht ſein,“ ſetzte er, den Elenden näher be⸗ trachtend, hinzu. „Wer ruft mich?“ fragte der Mörder mit ſchwa⸗ cher Stimme, denn die friſche Luft hatte ihm die Beſinnung wieder gegeben;„weſſen klagt Ihr mich an?“ 5 5 „Des Mords!“ antwortete der Beamte. „Das iſt falſch! das iſt falſch! ich habe keinem menſchlichen Geſchöpf das Leben genommen; nein, Niemand hat mich geſehen.“ „Gott hat Euch geſehen,“ rief unſer Held,„Gott, der höchſte Richter, welcher weder Beweiſe, noch Zeugen, noch Geſtändniß braucht, welcher in den Herzen liest, welcher darin die tiefſten Geheimniſſe an's Licht bringt und deſſen Gerechtigkeit ſich auf unerforſchlichen Wegen erfüllt. Erinnert Euch, Amen, daß Ihr in wenigen Tagen, vielleicht in wenigen Stunden vor ſeiner ſchrecklichen Gegenwart erſchei⸗ nen werdet!“ Der Unglückliche wälzte ſich auf dem Graſe, wie eine verwundete Schlange und rief mit erſtickter Stimme:„Waſſer! Waſſer!“ ——— —— ——— — S S ie tet Fünfundvierzigſtes Kapitel. So groß, ſo zahlreich auch Amen Corners Ver⸗ brechen waren, ſo verſchwans' doch jeder Gedanke der Rache, jeder Zorn beim Anblick ſeiner Leiden. Er krümmte ſich auf dem Boden wie ein verwunde⸗ tes Reptil, dem man die Hackenzähne ausgeriſſen hat, und das jetzt, unfähig zu ſchaden, durch ſeine Schmer⸗ zen nur Mitleiden erregt. Der Mörder hatte das Geſicht verloren; ſeine Augen, dieſe Fenſter der Seele, waren für immer verdunkelt; für ihn hatte die Na⸗ tur keine Reize mehr; die roſigen Tinten der Mor⸗ genröthe, das ſtrahlende Licht der Mittagsſonne und die wechſelnden Schatten der Abenddämmerung, Alles das exiſtirte nicht mehr für ihn; ſein Leben war nur eine Hede. Die Züchtigung ſeiner Miſſethaten hat⸗ ten ihn erreicht. Ohne den Rock, den er trug, wären weder Georg Chaſon noch unſer Held ihn zu erkennen im Stande geweſen. Vergeblich hätten der Blick der Zuneigung und der Inſtinct des Haſſes in den entſtellten Zügen des Unglücklichen das ihrem Gedächtniß eingeprägte Bild geſucht; die Exploſion hatte die Augen aus ihren blutigen Höhlen herausgetrieben und die ge⸗ ſchwollenen Lippen konnten kaum die Worte:„Waſ⸗ ſer! Waſſer!“ hervorbringen. Die meiſten von denen, welche ſich um ihn herum befanden, traten mit Schauder, einige mit Mitleid zurück. „Waſſer! Waſſer!“ wiederholte er. Die Empfindung des Widerwillens und Abſcheus, womit ihn Dick betrachtete, verſchwand beim Anblick ſeiner Leiden; er vergaß die barbariſche Behandlung, die er von ihm erfahren hatte, die Schläge, den Hunger, die groben Mißhandlungen, und eilte, nach⸗ dem er einen ledernen Becher von einem der Colo⸗ niſten entlehnt hattte, denſelben an einer nahen Quelle zu füllen und hielt ihn an die Lippen ſeines gefallenen Feindes. „Danke,“ murmelte der Unglückliche, als er ihn geleert hatte,„danke!“ Nicht zufrieden mit dieſem Act der Menſchlichkeit, tauchte das ehemalige Opfer des Mörders ſein Ta⸗ ſchentuch in das friſche Waſſer und wuſch ihm das geſchwollene Geſicht. „Ich möchte todt ſein!“ ſeufzte Amen,„ich möchte todt ſein! es kann in der andern Welt keine ſolchen Qualen geben, wie ich empfinde.“ „Gott iſt barmherzig geweſen,“ ſagte unſer Held, das Stillſchweigen zum erſten Male brechend,„er hat Euch Zeit zur Reue gegeben. Was wäre Euer Loos geweſen, wenn er Euch vor ſein ſchreckliches Angeſicht gerufen hätte, ohne Euch einen Augenblick zu eurer Selbſterkenntniß Zeit zu laſſen! Bereuet,“ ſetzte er hinzu,„ſühnt Eure Verbrechen! die Barm⸗ herzigkeit Gottes iſt ebenſo unendlich, als ſeine Ge⸗ rechtigkeit gewiß.“ Bei dem Tone dieſer Stimme hatte ſich Amen Corner erhoben; er zitterte heftig. „Euer Name! Euer Name!“ rief er.„Ich kam Eure Züge nicht ſehen, aber ich kenne dieſe Stimme Pil brauche ich zu fragen? Es iſt die Stinns ———„— — P — — —— 5 deſſen, den ich haßte, als er ein Kind war, deſſen, den ich noch haſſe. „Ich habe Euch aber doch niemals Urſache ge⸗ geben, mich zu haſſen,“ ermiderte Dick, ohne auf dieſe monſtröſe Undankbarkeik zu achten. „Tödtet mich,“ fuhr der Elende fort,„rächet Euch, und macht auf einmal dieſem ſchrecklichen Leiden ein Ende. Euer vorgebliches Mitleid täuſcht mich nicht. Ich weiß, daß Ihr lächelt, daß Ihr entzückt ſeid, meine Qualen zu ſehen, daß Ihr über mich trium⸗ phirt; aber ich verachte, ich verwünſche, ich verab⸗ ſcheue Euch!“ „Elender!“ ſagte der Farmer. „Das iſt Georg Chaſons Stimme!“ rief Amen, „der mich wie einen Hund im Walde von Crowshall geſchlagen hat. Er iſt alſo auch hier! Der Teufel hole Euch Beide! Er ſchlage Euch mit Blindheit wie mich! Er raube Euch Eure Kraft und ſtürze Euch, den Einen wie den Andern, in's Verderben!... Der Erbe von Crowshall,“ murmelte er nach einer Pauſe,„der ſeine Rechte nicht beweiſen kann; ich habe dafür ſchon Rath geſchafft. Der Erbe, der nicht eine Hufe Landes von ſeinem Erbe, vielleicht nicht einmal die ſechs Fuß Erde beſitzen wird, wo man ſeinen Leichnam einſcharrt.“ Dieſe mit Schwierigkeit, in ziemlich langen Zwiſchenräumen ausgeſprochenen Worte waren durch Ausbrüche eines ſardoniſchen Lachens unterbrochen, als ob Amen nitten unter ſeinen Qualen einigen Troſt in dem Gedanken an die bittere Täuſchung gefunden hätte, welche das Verſchwinden der Papiere unſerem Helden verurſachen mußte. 176 Alle die, welche Zeugen von Dicks Menſchlichkeit geweſen waren, geriethen in Grimm, als ſie die Verwünſchungen hörten, welche der Elende gegen ihn ausſtieß. Der Richter Wood war darüber ſo empört, daß er Befehk gab, ihn ſogleich nach dem Gefängniſſe in Melbourne zu bringen. „Ihr könnt mich dahin ſchicken!“ rief Amen in herausforderndem Tone,„Ihr könnt mich dahin ſchicken; aber Ihr werdet mich nicht lange einſper⸗ ren. Ich ſterbe!“ ſetzte er hinzu,„vergiftet!.. vergiftet wie eine Ratte!... wie ein Hund!. wie in Convulſiviſche Krämpfe, begleitet von aus dem Munde tretendem Schaum zeigten deutlich an, daß er wenigſtens einmal in ſeinem Leben die Wahr⸗ heit ſagte. „Es iſt unnütz, ihn fortzuſchaffen,“ bemerkte ein junger Arzt, der ſich glücklicherweiſe unter der Ge⸗ ſellſchaft befand,„er hat nur noch eine Stunde zu leben.“ Als der Unglückliche dieſe Worte hörte, begann er zu heulen und vor unmächtiger Wuth und Ver⸗ zweiflung ſich zu krümmen, indem er um Rache ge⸗ gen Bill Spuggins rief, der ihn verrathen hatte, und diejenigen verwünſchte, die ihm eben zu Hülfe gekommen waren. Dieſe Anſtrengungen erneuerten den verzehrenden Durſt und abermals begehrte er Waſſer, um das Fieber, das ihn aufrieb, zu dämpfen. Trotz der Flüche, welche ſein Feind gegen ihn ausgeſtoßen hatte, kehrte unſer Held wieder nach der Quelle zurück, um die brennenden Lippen Amens zu kühlen; aber der Beamte trat dazwiſchen. . 3 — ———— „——— c——— — 177 „Nicht einen Tropfen,“ ſprach er,„ſo lange er in dieſer Verſtockung beharrt.“ „Ich brenne!“ rief Amen,„mein Magen iſt im Feuer!“ „Die Leiden, die Ihr jetzt erduldet,“ entgegnete Mr. Wood,„ſind eine Labſal im Vergleich mit den Qualen, welche den Schuldigen erwarten, der in Unbußfertigkeit und prahlend mit ſeinen Verbrechen dahinſtirbt.“ „Waſſer!“ brüllte der Sterbende mit heiſerer Stimme,„Waſſer! Waſſer!“ „Ich kann dieſes Schauſpiel nicht ertragen!“ rief Dick, indem er den gefüllten Becher an deſſen Lippen brachte. Sein Feind trank bis auf den letzten Tropfen und ſank dann mit der gleichgültigen Miene eines Men⸗ ſchen, der auf einmal von einem großen Schmerz erleichtert worden iſt, zurück. „„Er iſt es, der meine Vertheidigung übernimmt,“ flüſterte er mit unterwürfigem Tone. „Ich ſehe die Menſchheit in Euch,“ erwiderte er junge Mann.„Ihr liegt im Sterben. Ich ſchaue die Leiden des Menſchen, und nicht auf den Schuldigen.“ „Amen Corner,“ ſagte Mr. Giles, näher tretend, „ich erinnere mich wohl noch Deines Vaters. Es war ein rechtſchaffener Mann, den alle ſeine Nach⸗ barn liebten. Als er in hohem Alter ſtarb und man ihn zu ſeiner letzten Ruheſtätte trug auf den Kirchhof zu Crowshall, folgten ſelbſt die Kinder der Leiche des Greiſes mit weißen Haaren; und oft ſah ich ſie bei ihren Spielen lieber einen Umweg machen, Das Erbe. II. 12 178 als daß ſie an ſeinem Grabe vorübergingen. Sein Ende war ruhig. Er ſtarb belaſtet von Jahren, voll Vertrauen und Hoffnung auf ein beſſeres Leben. O, wenn er Dich jetzt ſehen könnte!“ „Sprich mir nicht von ihm! Wer biſt Du? Laß mich in Frieden ſterben!“ „In Frieden!“ wiederholte der Farmer,„mit einer ſolchen Laſt von Verbrechen auf Deiner Seele! in Frieden, wenn Du Deine Ungerechtigkeit gegen dieſen edeln jungen Mann nicht bereuſt, nicht ein⸗ mal das Verlangen haſt, Dein Unrecht zu ſühnen? In Frieden, wenn das Blut eines Deiner Mitmen⸗ ſchen um Rache wider Dich ruft!.. Du träumſt, Unglücklicher, Du kannſt nicht in Frieden ſterben!“ Amen wälzte ſich auf der Erde, tiefe Seufzer ausſtoßend. „Wer biſt Du?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ich war der Freund Deines Vaters, und wäre der Deinige geweſen, wenn Du denſelben Weg wie ich eingeſchlagen hätteſt. Mein Name iſt Giles.“ „Der Pächter von Crowshall?“ „Ich war Pächter von Crowshall, bis der, wel⸗ cher den geſetzlichen Erben ſeines Eigenthums be⸗ raubt hat, mich durch ſeine Erpreſſungen vertrieb. Ha! Roderich Haſtings wird wohl lachen, wenn er hört, daß Amen Corner auf fremdem Boden geſtor⸗ ben iſt, getreu dem böſen Geiſte, der ihn verſucht hat, um ihn preiszugeben, nachdem er ſich ſeiner bedient hatte. Aber wie Du auch ſtirbſt, armer Wahnſinniger, Du kannſt doch die Abſichten der Vor⸗ ſchung nicht vereiteln; ſie trotzt Deiner Bosheit und 4 ⸗ Liſt. Die Stunde der Vergeltung ſchlägt unfehlbar früher oder ſpäter.“ Der Name von Roderich Haſtings erweckte den lebhafteſten Grimm im Herzen des Sterbenden. Er ſagte ſich, er habe auf ſeiner verbrecheriſchen Lauf⸗ bahn ihm treu gedient, um zuletzt wie ein alter Hund, der zu nichts mehr gut iſt, verſtoßen zu wer⸗ den. Mehrmals ſeit ſeiner Ankunft in Auſtralien hatte er an ihn geſchrieben und ihn angefleht, von ſeinem Einfluß bei dem Miniſter Gebrauch zu machen, um eine Milderung ſeines Urtheils zu erlangen. Er hatte ihn ſelbſt um Geldunterſtützung gebeten; aber auf alle dieſe Briefe war keine andere Antwort als ein kaltes, verächtliches Stillſchweigen erfolgt. Was hatte ihm Dick gethan im Vergleich mit dieſen Kränkungen? „Ich will mein Gewiſſen erleichtern,“ ſagte er, vich will Alles geſtehen. Es wäre eine Genugthuung für mich, zu wiſſen, daß einer meiner Feinde gehängt wird, wenn ich auch nicht mehr bin... gleichviel, welcher.“ „Vielleicht könnt Ihr wieder geneſen,“ erwiderte unſer Held. „Ich ſage Euch, nein!“ rief der Frevler rauh. „Wozu ſoll ich leben? Um mich wie ein Maulwurf durch die Welt zu ſchleppen, um nicht zu wiſſen, wann es Tag oder wann es Nacht wird, um das empörende Mitleid derer, die ich haſſe, zu ertragen! Ich kann Cuer Lächeln nicht ſehen,“ ſetzte er bitter hinzu,„aber ich fühle es!... Geneſen! Ich bin vergiftet!“ 180 „Vergiftet?“ wiederholte der Beamte,„durch wen?“ „Durch Bill Spuggins! Fluch über ihn!“ „Und wie habt Ihr das Augenlicht verloren 7 „Gebt mir zu trinken,“ ſagte Amen ſtöhnend, „denn das Feuer, das mich verzehrt, fängt an, ſich meinem Herzen zu nähern, und ich will es Euch ſagen.... Sol ich athme jetzt freier. Für's Erſte, ich tödtete Mr. Cuſack. Ich hatte nicht das Ver⸗ langen, ihm das Leben zu nehmen, aber der Thor erkannte mich.... nannte mich beim Namen. Ich war ein entflohener Sträfling, meine Freiheit in Gefahr; ich jagte ihm meine Kugel ims Herz.“ „Und die Papiere?“ fragte Mr. Wood. „Bill hat ſie mir mit dem Geld genommen, das meine Frau mir gab, aus dieſem verwünſchten Lande wegzukommen, und mich dann hilflos in der Höhle gelaſſen. Macht Jagd auf ihn mit Euern Spür⸗ hunden, wie Ihr es auf mich gethan habt, er kann Euch nicht entrinnen. O, ich möchte leben, um zu hören, daß er ergriffen und gehängt worden iſt.... gehängt. Ich würde mir aus dem Tode nicht mehr ſo viel machen.“ „Und was enthielten dieſe Papiere?“ fragte der Farmer Giles. „Die Documente für die Heirath von Walter Herbert und die Geburt ſeines Sohnes. Cuſack hatte ſie Doctor Gore geſtohlen; Roderich hatte ihn zu dieſem Zwecke abgeſandt. Ihr ſeht alſo, daß er beinahe ein ſo großer Schurke war, wie ich, und ſein Loos verdiente.“ 181 „Wer iſt dieſer Bill, von dem Ihr ſprecht?“ ſetzte der Beamte hinzu. „Bill Spuggins, ein entflohener Sträfling, wie ich. Ich hatte ihm Geld anvertraut, um Lebensmit⸗ tel und Branntwein zu kaufen. Er vergiftete dieſen, und ich ich ſterbe! Dick kennt ihn; derſelbe iſt ſeinetwegen deportirt worden.“ „Der Spitzbube von Mancheſter?“ rief unſer Held. „Ja. Hängt ihn! Hängt ihn! und wir find itn „Kennt er die Wichtigkeit dieſer Papiere?“ „Ja! und er weiß, an wen er ſie verkaufen kann, wenn er nach England kommt.“ „Amen,“ ſprach Dick weiter,„ſo hart Ihr mich auch behandelt habt, da ich ein Kind und unfähig war, mich zu vertheidigen, ich kann Euch Alles ver⸗ zeihen, damit Ihr im Frieden ſterbet, wenn Ihr mir nur auf eine einzige Frage antworten wollt. Mein Vater?“ Der Unglückliche wandte ſich auf die Seite und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Sprecht, Amen,“ ſetzte der alte Farmer Giles hinzu;„ſterbt nicht mit einer Lüge auf den Lippen.“ „Nein, nein. aber denkt Ihr, es ſei mög⸗ lich, daß Gott mir verzeihe? Darf ich es hoffen? Es iſt nicht ſowohl der Mord Cuſacks, der mich beunruhigt; denn es war nur ein Schurke wie ich; ich habe noch anderes Blut auf dem Gewiſſen.“ Dick bebte und erblaßte ſchrecklich. Zweimal wollte er reden, nach dem Blute fragen, worauf der Mörder anſpielte; aber ſein Mund brachte kein arti⸗ culirtes Wort hervor. 182 „Ihr antwortet nicht,“ ſagte Amen,„Ihr glaubt, daß ich in dieſem Leben wie in dem andern verloren bin. Wenn es ſo iſt, was hilft ein Geſtändniß?“ „Der höchſte Richter kann allein auf Eure Frage antworten,“ entgegnete der Beamte.„Der Menſch kann weder ſeine Gerechtigkeit, noch ſeine Barmher⸗ zigkeit ermeſſen.“ „Wohl, wohl; nach Allem bedarf es nur noch einer Anſtrengung mehr,“ erwiderte der Ex⸗Kirchſpiel⸗ ſchreiber,„und Alles wird geſagt ſein. Entfernt ſei⸗ nen Sohn von mir. Ihr wißt, daß ich einem Apo⸗ theker in die Lehre gegeben wurde und einen Platz in London erhielt. Ah! das war ein unglückſeliger Tag, an dem ich Crowshall verließ, um mein Glück in der großen Stadt zu ſuchen. Die Liebe zum Trunk, die Verletzung des dem Herrn geheiligten Tages und ſchlechte Geſell ſchaften zerſtörten in Kur⸗ zem Alles, was noch Gutes in mir war. Es war erſt zwei Jahre, daß ich das väterliche Dach ver⸗ laſſen hatte, als ich die Bekanntſchaft von Roderich Haſtings machte. Er beſuchte ein Spielhaus, wohin ich zuweilen kam, und wo ich in einer Stunde den Verdienſt einer ganzen Woche verlor. Nicht zufrie⸗ den, mein Geld zu verlieren, ſetzte ich auch das mei⸗ nes Patrons auf's Spiel. Ich verlor es auch! Die Diener der Gerechtigkeit kamen mir auf den Hals, denn mein Diebſtahl wurde bald entdeckt. Ich hatte keinen Zufluchtsort, keinen Freund, um mich zu be⸗ rathen. Iſt es zu verwundern, wenn ich zu Grunde ging?“ „Aber was wißt Ihr von dem jungen Squire Herbert?“ fragte der Farmer. 183 „Ich komme darauf,“ antwortete der Sterbende ärgerlich,„Ihr ſeyd ſehr preſſirt, den Bericht meines Verbrechens zu hören; aber ich denke, das iſt ganz natürlich. Nun, in dieſem Gemüthszuſtande fand mich der Teufel in Geſtalt von Roderich Haſtings und erklärte mir, nachdem er lange Zeit, wie man ſagt, um den Topf herumgegangen war, deutlich ſein Vorhaben.“ „Unglücklicher!“ rief Dick,„Du ſollteſt meinen Vater ermorden!“ „Roderich war nicht ſo dumm,“ fuhr Amen fort, „er wußte, daß ich nicht den Muth dazu haben würde. Und dann war der Verſucher zu klug. Zu der Zeit, von welcher ich ſpreche, wohnte er im Tem⸗ pel und hatte ein Gemach neben dem von Squixe Herbert; es war ſogar nur durch einen eichenen Ver⸗ ſchlag davon getrennt. Nach Roderichs Befehl brachte ich es dahin, eine der Füllungen beweglich zu machen.“ „Es war alſo Roderich?“ fiel unſer Held ein, „o, der Elende, der Elende!“ „Sie ſollen Alles wiſſen. Ihr Vater war krank und hatte jeden Abend die Gewohnheit, im Garten des Tempels ſpazieren zu gehen, auf den Arm ſei⸗ ner jungen Frau geſtützt. Ich war beauftragt, den Moment zu erſpähen. Der Mann, den Sie genannt haben, trat dann in Walter Herberts Schlafzimmer und brachte an die Stelle der vom Arzt verordneten Heilmittel giftige Arzneiſtoffe, die ich ihm lieferte.“ Ein ſchmerzlicher Seufzer entwand ſich den Lip⸗ pen unſeres Helden, trotz ſeiner Anſtrengungen, ihn zu erſticken. „Das Uebrige iſt bald geſagt und mein Bekennt⸗ niß nähert ſich ſeinem Ende,“ fuhr Amen Corner fort.„Die Frau des Squire Herbert(ich wußte damals noch nicht, daß ſie in Wirklichkeit ſeine Frau war) verſchwand auf einmal. Ihr Gatte fühlte ſich dem Tode nahe, vergiftet, wie er glaubte, von der Frau, die er liebte. Ich werde es nie vergeſſen, wie wir die Gewohnheit hatten, mit dem Ohr an dem Verſchlage zu horchen, Roderich und ich; wir hörten ihn ſeufzen und ſchluchzen, während er die ganze lange Nacht in ſeinem Zimmer auf⸗ und abſchritt. Was mich betrifft, ich wartete es nicht ab, das Ende mit anzuſehen; mein Herr zahlte mir den Preis mei⸗ ner Dienſte, und ich kehrte mit dem Geld nach Crowshall zurück, wo das Andenken an meinen ar⸗ men alten Vater meine Wahl zum Kirchſpielſchreiber bewirkte. Sie wiſſen das Uebrige.“ Dieſes Geſtändniß ſchien Mr. Wood ſo wichtig, daß der würdige Beamte ſich beeilte, es ſchriftlich abzufaſſen. Zum Glück hatte er das Nöthige hiezu bei ſich. Er hatte es kaum vollendet, ſo las er es Amen vor, der ſich nicht ohne Mühe entſchloß, es zu unterzeichnen. Ebenſo ſetzten alle Anweſende ihre Unterſchrift darunter. Die Erregung, welche Amen Corner während des Berichts ſeiner Verbrechen aufrecht erhalten hatte, legte ſich, ſobald er mit ſeiner Aufgabe fertig war. Aber die Schrecken der Ewigkeit fingen an ihm zu erſcheinen und er bat alle Umſtehenden dringend, für ihn zu beten. „Betet für mich, daß ich lebe, wäre es auch nur eine Woche„ einen Tag„„ nur noch einige 185 Stunden, damit ich im Todeskampf bereuen kann! Das Feuer! das Feuer verzehrt mich! Meine Eingeweide brennen wie Gluth!... Waſſer! Waſſer!“ Einer der Umſtehenden näherte, in der Meinung, ihn in ſeinem ſchrecklichen Todeskampfe zu ſtärken, ein Fläſchchen mit Kornbranntwein den Lippen des Unglücklichen, aber kaum hatte er einen Schluck da— von genommen“, als er einen ſo durchbohrenden Schrei ausſtieß, daß das Echo der Wälder ihn wiederholte, als wollte es ſeiner Leiden ſpotten. „Thor! Thor! der ich bin!“ rief er, ſich auf der Erde wälzend,„mich von den Worten des Mitleids täuſchen zu laſſen. Spottet, ſpottet meiner; ich werde wenigſtens dem Galgen entrinnen. Ha! in dieſer Erwartung ſeid Ihr betrogen!.... Roderich, Bill, Dick, ich verfluche Euch Alle! Der Eine verfolge den Andern, bis er zu Grunde gerichtet und be⸗ ſchimpft iſt!.... Martha, meine Frau. die Frau des Mörders.... wo iſt ſie? Führt ſie zu mir; bringt ſie in den Bereich meiner Hände, ſo lang mir noch Kraft bleibt, ſie zu erwürgen.“ Der Wüthende ſtreckte mitten unter ſeinen Qua⸗ len ſeine langen, knochigen Arme aus, wie um ſein Opfer zu ergreifen. Die Hunde, durch ſein Geſchrei aufgeregt, fingen zu heulen an. Bei dieſem Ton ſank Amen zurück und ſeine Stimme wurde ſchwach wie die eines Kindes. „Entfernt ſie,“ murmelte er mit flehendem Ton, „geſtattet ihnen nicht, mich zu zerreißen. Ich bin blind, habt Ihr keine Menſchlichkeit? Wo iſt Gi⸗ 186 les? er war der Freund meines Vaters. Ich werde in Stücke geriſſen werden....“ 6„Sie ſollen Dich nicht berühren,“ ſagte der Hreis. „Lügner! Du ſagſt das, Du, der Du von Gott, von Mitleid, von Reue ſprichſt, Du ſagſt, ſie ſollen mich nicht berühren, da ich ſchon ihre Zähne an meiner Kehle, an meiner Bruſt fühle, ſie dringen mir bis an's Herz. Aber ich wetde nicht ſterben, ohne mich zu vertheidigen.... ich bin ſtark, ja, ja, ich bin noch ſtark.“ Der Mörder, der in ſeinem Delirium die von dem ätzenden Gift verurſachten Qualen für die Zähne der Hunde nahm, richtete ſich auf und begann ver⸗ zweifelt gegen ſeine eingebildeten Feinde zu ringen. Seine Todesangſt ſchien ihm übermenſchliche Kräfte zu leihen; mehrmals ergriff er ungeheure Quarz⸗ und Granitſtücke, welche auf dem Boden herumla⸗ gen, und ſchleuderte ſie in eine furchtbare Entfer⸗ nung. Es wurde gefährlich, ihm nahe zu kom⸗ men. Einer dieſer Steinwürfe traf einen Mann, der einen der Hunde hielt; er fiel beſinnungslos nieder. Ein Schreckensſchrei ertönte, denn Jeder ſah vor⸗ aus, was folgen würde. Das edle Thier ſah ſich kaum frei, ſo ſprang es auf und ſchlug ſeine Zähne in die Kehle des Mörders. Dieſer wollte fliehen, indem er den Hund mit ſich ſchleppte. Aber nach einigen Schritten ſank er um und der Kampf begann wieder auf dem Boden. „Schießt auf den Hund!“ rief Dick, aber keine 187 Flinte legte auf ihn an, und ehe unſer Held ſich eine verſchaffen konnte, um dieſer ſchauderhaften Scene ein Ende zu machen, ſtieß Amen einen ver⸗ zweiflungsvollen Schrei aus, womit ſein letzter Seuf⸗ zer entfloh. Als er den Ruf ſeines Herrn hörte, ließ der Hund ſein Opfer mit einem dumpfen Knurren los, aber es war zu ſpät. Georg Chaſon und Dick kamen überein, Mr. Wood in Melbourne aufzuſuchen, wohin man den Leichnam ſchaffen mußte. Es war von der äußerſten Wichtigkeit, Nachforſchungen anzuſtellen, um die Spur von Bill Spuggins aufzufinden und die Pa⸗ piere wo möglich wie der zu bekommen. Ein Fahrzeug ging am nächſten Morgen unter Segel. Zum Glück war es noch Zeit. „Ich werde alle Mittel anwenden,“ ſprach der Beamte, als er ihnen Lebewohl ſagte,„um die Flucht dieſes Räubers zu verhindern. Aber in einem Lande, wie Auſtralien, ſind die Mittel, die Juſtiz zu täuſchen, ſo zahlreich!“ Alsdann trennten ſie ſich. 188 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Als die kleine Geſellſchaft, beſtehend aus Giles, ſeinem Sohne William, Georg und unſerem Helden, auf der Hoffnungsfarm ankam, trafen ſie die arme Martha in einem Zuſtand ſchrecklicher Angſt. Sie hatte ihren Bruder ſeit ſeiner Freilaſſung noch nicht geſehen, und zitterte bei dem Gedanken an ſeinen Zorn. Der edle Burſche zerſtreute bald ihre Un⸗ ruhe, indem er ſie zärtlich an ſein edles Herz drückte. „Nicht ein Wort,“ ſagte er, ihre Thränen mit ſeinen Küſſen trocknend;„Du haſt, davon bin ich überzeugt, nur aus den edelſten und beſten Beweg⸗ gründen gehandelt.“ „Georg, mein guter, mein edler Bruder, muß ich alſo Deinen Namen beſchimpfen? Du kannſt mir vergeben, aber ich werde mir nie vergeben.“ „Der Tod löſcht alle Flecken aus,“ erwiderte der Farmer. „Der Tod!“ wiederholte ſie langſam. „Ja, Martha,“ ſetzte Dick hinzu, ſie ſanft bei der Hand faſſend,„der Mann, deſſen Namen Du trugeſt, der Dein Verfolger wie der meinige war, iſt vor den Richter gerufen worden, vor dem wir Alle eines Tages erſcheinen werden.“ „Todt,“ murmelte ſeine Pflegémutter mehrmals, „möge Gott ihm vergeben!.. todt, aber Du haſt ihn nicht getödtet, Georg, auch Du nicht ſetzte ſie hinzu, ſich zu unſerem Helden wendend, „verſichert mir das, o, ich bitte Euch!“ 189 „Iſt es möglich, daß Sie ihn bedauern?“ fragte der alte Mr. Giles. „Iſt es nicht ſchrecklich,“ ſprach Martha bewegt, „zu wiſſen, daß der Mann, der das Lager mit mir getheilt hat, den ich geſchworen habe zu ehren, dem ich Gehorſam verſprochen habe, mitten auf ſeiner verbrecheriſchen Laufbahn getödtet worden iſt?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Georg,„und wenn die Verſicherung, daß weder Sir Walter noch ich an ſeinem Tode Theil haben, Deinen Geiſt beruhigen kann, ſo ſei glücklich. Amen Corner war im Todes⸗ kampfe, als wir ihn im Walde verſteckt fanden. Es ſcheint, daß einer ſeiner Spießgeſellen ihn vergiftet hat, um ſich des Geldes, das Du ihm gegeben, zu bemächtigen.“ Seine Schweſter bebte bei dieſer Nachricht, eine ſo große Erleichterung es offenbar für ſie war, zu erfahren, daß das Blut des Mörders nicht an den derer klebte, die ſie auf der Welt am meiſten iebte. „Iſt er reuig geſtorben?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Er hat ſeine Verbrechen geſtanden und die Barmherzigkeit Gottes angefleht,“ antwortete Georg Chaſon,„und nun, Martha, ſprechen wir nicht mehr von ihm; der Name Deines Gatten ſei vergeſſen. Das Band, das Dich an ihn knüpfte, iſt gelöst und Du darfſt deſſen nur in den Dank⸗Gebeten ge⸗ denken, welche Dein demüthiges und erkenntliches Herz Gott darbringen wird.“ Ehe der Beſitzer der Hoffnungsfarm nach Mel⸗ bourne abreiste, gebot er allen ſeinen Dienern, ſeine 190 Schweſter nichts von den Einzelnheiten von Amen Corners Tod wiſſen zu laſſen. Sie verſprachen ihm Alle Gehorſam, denn ſie liebten und achteten ihren Herrn zu ſehr, um ſeinen Kummer noch zu ver⸗ mehren. Bei der Ankunft in Melbourne begaben ſich un⸗ ſere Freunde ſogleich zu Mr. Wood, der ſie mit Ungeduld erwartete. „Sie kommen eben zu rechter Zeit,“ ſagte er, „das Fahrzeug iſt noch nicht abgegangen.“ „Iſt es unterſucht worden?“ fragte unſer Held. „Nöch nicht,“ antwortete der würdige Beamte; „ich wollte Sie zuvor ſehen und über eine für unſern Erfolg ſehr wichtige Sache mit⸗Ihnen ſprechen. Wenn ich mich recht erinnere, hat Amen Corner geſagt, das Geld, das ihm zugleich mit jenen Papieren, deren Beſitz von ſo großem Intereſſe für Sie iſt, von dieſem Bill Spuggins geſtohlen worden ſei, habe ihm ſeine Frau gegeben.“ 0 „Beſtand es in Gold oder Banknoten?“ „Dieſe Frage kann ich beantworten,“ erwiderte Dick,„denn ich ſelbſt habe Martha das Geld gege⸗ ben, ohne mich im Geringſten darum zu kümmern, was ſie damit anfangen wollte. Die Summe beſtand in Banknoten. „Und Sie wiſſen deren Nummern?“ fragte Mr. Wood eifrig. „Sie ſind in meinem Portefeuille aufgezeichnet.“ Dick übergab die Liſte dem Beamten, der ihm bemerklich machte, daß dieſelbe ſeine Aufgabe ſehr 191 erleichtern würde. Darauf ließ Mr. Wood Jemand holen und übergab ihm das Verzeichniß, indem er ihm einige Worte in's Ohr flüſterte. „Haben Sie mich verſtanden?“ ſetzte er hinzu. „Vollkommen,“ antwortete der Gentleman, der ſich ſogleich wieder entfernte. „Es iſt Mr. Hammond, einer unſerer reichſten und reſpectabelſten Geſchäftsleute,“ ſagte der Richter. „Ich habe nicht Zeit gehabt, denſelben Ihnen vor⸗ zuſtellen; ich behalte mir dieſes für eine günſtigere Gelegenheit vor.“ Dieſe letztere Bemerkung war an unſern Helden gerichtet, da Georg die fragliche Perſon wohl kannte. „Ich war genöthigt,“ fuhr der Beamte fort, „ſeine guten Dienſte in Anſpruch zu nehmen. Er iſt der einzige Mann in Melbourne, gegen den der alte Aarons keinen Verdacht hegt. Vielleicht werden Sie mich begleiten, meine Herren,“ ſetzte er hinzu,„ich bin ungeduldig, das Reſultat von meiner Idee zu er⸗ fahren.“ Sie begaben ſich ohne große Eile nach dem Fuß des Oſtberges, wo ſich der Laden von Mr. Iſaac Aarons, Matroſen⸗Montur⸗Händler und Geldwechsler, befand. Eine große Anzahl der erſten Einwohner von Melbourne erinnert ſich noch der Zeit, wo der Is⸗ raelite, heutzutage ſo reich, ſich unter ihnen nieder⸗ ließ. Die Stadt war erſt gegründet worden, und die Straßen hatten ſo wenig Schutz vor Waſſer, daß nicht ſelten in der einzigen Zeitung des Orts zur Zeit hoher Fluth zu leſen war:„wiederum hat man ein 192 Kind gefunden, das in den Straßen von Melbourne ertrank.“ Aber ſeit langer Zeit hat ſich das geändert. Und in dem Maße, als der Platz an Wichtigkeit gewann, geſchah es auch mit dem beharrlichen Mr. Aarons. Sein Magazin, das anfänglich nur unter der Hand gekaufte Kleider enthielt, nahm allmälig einen man⸗ nigfaltigeren Anblick an und bereicherte ſich mit werthvolleren Gegenſtänden. Einige Uhren wurden an dem Fenſter aufgehängt; dazu kam Bijouterie von Birmingham. Bald ſagte man ſich ganz leiſe, der Jude habe Geld auszuleihen, auf gute Verſiche⸗ rung, wohlverſtanden und zu guten Zinſen, und diſcontire engliſche Anweiſungen. Kurz, zu der Zeit, da wir ihn unſern Leſern vorſtellen, ſtand er im Rufe, einer der reichſten Kaufleute in Melbourne v ſein. Viele Leute erſtaunten darüber, daß er ſich nicht von den Geſchäften zurückziehe, da er reich und un⸗ verheirathet war; aber Heirath war einer der Luxus⸗ artikel, welche Mr. Aarons als zu koſtſpielig betrach⸗ tete, oder hatte er wohl andere Gründe, mit de⸗ ren Erforſchung wir die Zeit nicht verlieren wollen, S ſie weder ſeine Nachbarn noch unſere Leſer an⸗ gehen. Der thätige kleine Jude zählte ungefähr 60 Jahre, er war mager, wie alle Leute von ſehr nervöſem Temperament, mit einem Wieſelgeſicht, in dem ſich zuweilen ein tückiſcher und ſpiritueller Ausdruck zeigte. Er war gerade damit beſchäftigt, einige Berechnun⸗ gen auf einem Schieferſtück zu machen, als Mr. Ham⸗ mond in ſeinen Laden eintrat. Beim Anblick des 193 reichen Handelsherrn entſant der Griffel ſeinen Hän⸗ den und er erhob ſich, ihn hinter ſeinem Ladentiſch zu grüßen. „Haben Sie engliſche Banknoten?“ fragte der Gentleman mit gleichgültiger Miene. „Ja, Mr. Hammond, ich glaube, daß ich einige habe.“ „Noten von der Bank von England, verſteht „Ich nehme nie andere.“ „Wie viel haben Sie?“ „Für ungefähr 300 Pfund.“ Wiewohl Mr. Hammond ſehr großes Verlangen hatte, ſie zu ſehen, mäßigte er doch ſeine Reu⸗ gierde, denn er kannte die Klugheit und Unſicht des Mannes, mit dem er zu thun hatte, und begann das Aufgeld, welches der Iſraelite verlangte, hin und her zu berechnen, als ob dieß eine Sache von äußer⸗ ſter Wichtigkeit geweſen wäre. „Wirklich, Aarons, Sie ſtellen außerordentliche Forderungen.“ „Sie werden dieſelben nicht einen Penny wohl⸗ feiler bekommen, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin, nehmen oder laſſen.“ Nach einer augenblicklichen Ueberlegung entſchloß ſich Mr. Hammond ſie zu nehmen und zahlte ihm in Gold die ausgemachte Summe. Die Banknoten wur⸗ den ihm übergeben. Wie der Jude geſagt hatte, waren es gerade für 300 Pfund. Mr. Hammond warf einen raſchen Blick darauf; keine der Num⸗ mern, welche er wünſchte, befand ſich darunter. „Sie haben keine andern?“ fragte er. Das Erbe. III. 194 „Nicht eine einzige, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin.“ „Das iſt Schade, denn ich brauche noch für wei⸗ tere hundert Pfund. Aber ich werde ſie ohne Zwei⸗ fel in der Stodt finden.“ „Guter Gott! heiliger Vater Abraham!“ rief der Wechsler,„was für ſchöne Dublonen!“ Dieſe Bemerkung wurde durch den Anblick von 30 Golddublonen verurſacht, welche der Kaufmann aus der Taſche zog und auf die Noten legte. Sie waren ganz neu, glänzend und polirt, wie wenn ſie eben aus der Münze zu Madrid kämen. „Ja, Aarons,“ antwortete der Gentleman,„man ſieht nicht oft dergleichen. Es iſt nicht einer, der nicht mehr als das geſetzliche Gewicht hat.“ „Guter Gott! Guter Gott! wollen Sie die⸗ ſelben einwechſeln?“ fragte der Jude, deſſen kleine graue Augen auf die neuen Stücke geheſtet waren. „Sie haben nur Souverains,“ erwiderte Mr. Hammond, indem er ſie gleichgültig wieder in ſeine Taſche ſteckte;„guten Tag.“ „Bleiben Sie, Mr. Hammond, bleiben Sie noch ein wenig.“ „Ich habe keine Zeit; guten Tag.“ „Bleiben Sie!“ rief Aarons mit heftiger, durch⸗ dringender Stimme.„Guter Gott! mein Gedächtniß wird ſehr ſchlecht, ich erinnere mich jetzt, daß ich noch eine andere Banknote habe.“ „Was Teufel ſagen Sie es nicht bälder?“ ent⸗ gegnete der Kaufmann mit ſehr gut angenommenem Erſtaunen.„Wie viel iſt ſie werth?“ „Nur 50 Pfund.“ „Ich nehme ſie.“ „ Mr. Hammond zog zum zweiten Mal die Du⸗ blonen aus der Taſche, und zahlte nach einigem Wortwechſel über den Preis, zu welchem der Jude ſie annahm, die Note. Er hatte ſie kaum erhalten, als er ſich gegen die Thüre der Bude wandte, um ſie bei Licht zu unterſuchen. „Guter Gott! Guter Gott! wornach ſehen Sie denn, Mr. Hammond?“ „Nichts als nach dem Waſſerzeichen und der Nummer.“ Bei dem Wort Nummer wechſelte der Jude die Farbe; aber ſeine Unruhe vermehrte ſich, als er Mr. Wood und die ihn begleitenden Herren eintre⸗ ten ſah. Er verwünſchte ganz leiſe die Dublonen, denn er ſah wohl voraus, daß ſie ihm Verlegenheit bereiten würden. „Da iſt es,“ ſagte der Kaufmann, die Note dem Richter übergebend;„es iſt ziemlich theuer zu ſtehen gekommen, ſie Aarons Händen zu ent⸗ reißen.“ „Ich zweifle nicht,“ antwortete Mr. Wood lächelnd. „Mr. Aarons, woher haben Sie dieſe Banknote er⸗ halten?“ „Ich habe Sie in meinem Geſchäft erhalten.“ „Von wem?“ „Ich kann es nicht ſagen; er ſah aus wie ein— Schiffskapitän. Ich habe ihm eine ſehr ſchöne Uhr, drei Cachets als Uhrgehänge, einen Compaß, eine Matroſenjacke und vier paar Hoſen verkauft, was 196 gerade die Hälfte des Geldes ausmachte; den Reſt habe ich ihm in Souverains gegeben.“ „Ich glaube nicht ein Wort davon.“ „Das iſt nicht mein Fehler, Mr. Wood.“ „Die Banknote iſt geſtohlen worden,“ ſetzte der Richter hinzu. Der Wechsler zuckte die Achſel mit einer Miene, welche ſagen wollte, das wäre ihm gleich⸗ gültig. „Und der, welchem ſie geſetzlich gehörte, iſt er⸗ mordet worden.“ „Ermordet!“ wiederholte der Jude, die abge⸗ zehrten Hände faltend.„Heiliger Abraham, und it „Wo?“ fragte lebhaft unſer Held. Abgereist, junger Mann,“ antwortete Mr. Aarons mit wunderbarer Geiſtesgegenwart,„und was noch beklagenswerther, er iſt entwiſcht. Ah! Mr. Wood, warum haben Sie mir nicht eine Be⸗ ſchreibung dieſes Mannes mit den Nummern der Banknoten geſchickt? Guter Gott! ein Mörder? Bietet man eine Belohnung? Ich hielt ihn für einen Kapitän.“ Der Beamte ließ ſich durch dieſe verſtellte Theil⸗ nahme nicht beirren. Bei mehr als einer Gelegen⸗ heit war der Jude Flüchtlingen zum Entwiſchen behüflich geweſen, und er befahl den ihn begleiten⸗ den Policeiagenten ſogleich eine Hausausſuchung vor⸗ zunehmen. „Mein Haus durchſuchen?“ rief der Wechsler; „nun wohl, wenn Sie mir meine Waaren zu Grunde richten, werde ich Sie den Schaden bezahlen laſſen! 197 das iſt Alles, was ich Ihnen ſage. Mein Haus durchſuchen! Bin ich nicht ein achtbarer Mann, der ſeine Steuern bezahlt?“ „Ich muß meine Pflicht thun,“ erwiderte ernſt Mr. Wood.„Sie haben die Unannehmlichkeiten, die Ihnen widerfahren, nur ſich ſelbſt zuzuſchreiben.“ Der Alte hob die Hände gen Himmel, zum Zeichen ſtummen Erſtaunens über das, was er als Gipfel der Willkür zu betrachten affectirte. „Ich werde von meinem Waarenlager Einſicht nehmen, ſobald Sie abgegangen ſind, und wenn etwas fehlt, Sie dafür verantwortlich machen, Mr. Wood. Ich werde mein Schreibpult ſchließen,“ ſetzte er hinzu;„ich ſetze voraus, daß Sie nicht dar⸗ auf rechnen, Ihren Mann darinnen zu finden.“ Da Niemand eine Einwendung dagegen machte, drehte Mr. Aarons den Schlüſſel ſeines Schreibpultes herum, das ſich in einer Ecke des Ladens befand. Er wandte ſich dann in die Mitte des Ladens und ſetzte ſich in einen großen Lehnſtuhl neben Fächern, worin eine beträchtliche Quantität unter der Hand gekaufter Kleider aufgebeugt war. Die Durchſuchung wurde ſehr ſtreng vollzogen. a keie Winke, de man nicht in Augen⸗ ſchein genommen, keinen Waarenballen, den man nicht ſondirt hätte. Endlich ſtand man davon ab, ohne etwas gefunden zu haben. „Er iſt nicht hier,“ ſagte Georg Chaſon in ver⸗ zweifeltem Tone.„Ich gäbe tauſend Pfund Ster⸗ ling.... mehr noch.... Alles was ich in der Welt beſitze, nur damit dieſe Papiere nicht in die Hände von Roderich Haſtings fielen.“ Bei den Worten: Tauſend Pfund Sterling, ſpitzte der Jude die Ohren. „Guter Gott!“ rief er,„hat man dieſem Gentle⸗ man tauſend Pfund Sterling geſtohlen?“ Da man keine Spur des Flüchtigen entdeckte und Aarons bei ſeiner Verſicherung beharrte, die Bank⸗ note von einem Mann erhalten zu haben, der ſich Kapitän von einem der Fahrzeuge im Hafen nannte, fing der Richter Wood an, ſeinen Worten einigen Glauben zu ſchenken. Es war möglich, daß Spuggins ſich an Bord von einem der Schiffe, bis es unter Segel ging, zu verbergen gewußt hatte. Voll von dieſer Vorſtellung verließ er den Laden mit den Po⸗ liceiagenten und ſeinen Freunden. Der Kaufmann war der letzte, der ſich zurückzog. „Nun, Mr. Hammond,“ ſagte der Wechsler,„Sie haben mir einen ſchönen Streich geſpielt, aber ich hoffe, eine Gelegenheit zu finden, Ihnen denſelben heimzugeben.“ „Ei was, ohne Groll, Aarons,“ erwiderte der Kaufmann,„es wird Ihnen leicht ſein, Ihren Laden wieder in Ordnung zu bringen.“ „Glauben Sie, Mr. Hammond?“ Und der Jude vereinigte in dem Blick, den er ihm zuwarf, den Zorn und die Wuth einer gereizten Klapperſchlange. Alle Fahrzeuge des Hafens wurden viſitirt, nicht allein von der Policei, ſondern von Mr. Wood in Perſon. Aber alle Unterſuchungen blieben fruchtlos; nirgends fand man Spuren von Bill Spuggins. Er⸗ müdet und entmuthigt kehrten unſere Freunde zu dem — 199 Beamten zurück, um ſich über das, was weiter zu thun war, zu berathen. „Er hat die Stadt nicht verlaſſen, davon bin ich überzeugt,“ ſagte Mr. Wood, der nicht aufgehört hatte, ein lebhaftes Intereſſe für unſern Helden an den Tag zu legen, und den größten Eifer zur Wieder⸗ erlangung der Beweiſe ſeiner Geburt an den Tag legte. „Er iſt nicht bei dem Juden,“ ſetzte Georg Cha⸗ ſon hinzu;„ich glaube, daß der Räuber, wenn er von ſeiner Verfolgung erfährt, ſich wieder in das Innere oder nach einem andern Hafen ziehen wird, um von da, Dank dem geſtohlenen Gelde, nach Eng⸗ land zurückzukehren.“ William Giles und ſein Vater theilten dieſe Meinung und riethen Dick dringend, ſich auf dem nächſten Fahrzeug einzuſchiffen. „Es bedarf für mich mehr, als bloßer Vermuthun⸗ gen,“ erwiderte unſer Held, der ſein Voterland wiederzuſehen fürchtete, nur um daſelbſt ſeine geliebte Marion als die Frau eines Andern zu finden.„Was die Anſprüche auf das Erbe betrifft, die, wie Ihr ſagt, mir zukommen, ſo werde ich ſie nicht bedauern.“ „Sie werden dieſelben nicht bedauern, aber die Armen werden unter Ihrer Gleichgültigkeit leiden!“ rief der alte Giles mit Feuer.„Verzeihen Sie meine Kühnheit, Sir, aber das ſind die erſten des Sohnes von Walter Herbert unwürdigen Worte, die ich Sie habe ausſprechen hören.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte Dick,„der Menſch darf nicht einzig für ſein perſönliches Glück leben, aber ich habe noch einige Tage zur Ueberlegung, ehe ich mich entſcheide.“ „Acht Tage wenigſtens,“ ſagte Georg Chaſon. „Acht Tage,“ murmelte der junge Mann,„es kann Manches in viel kürzerer Zeit geſchehen.“ Den Reſt des Tages war der wüthende Wechsler damit beſchäftigt, ſeinen Laden in Ordnung zu brin⸗ gen. Er erzählte jedem Kunden, der kam, den er⸗ littenen Schimpf, mit dem Beifügen, daß er wenig⸗ ſtens zwei Wochen bedürfe, um die Dinge wieder in ihren urſprünglichen Stand zu ſetzen. Mr. Aarons war einer von jenen Menſchen, die nie etwas übereilen. Er ſprach ſelten ein Wort, das er nicht vorher wohl erwogen hätte, und war in allen Dingen ebenſo geregelt wie eine Uhr. Er ſchloß ſeinen Laden zur gewohnten Stunde, und öffnete, nach ſorgfältiger Verrieglung von Thü⸗ ren und Fenſtern, ſein Schreibpult. Er nahm ein paar köſtlich gearbeitete Piſtolen heraus, lud dieſelben und ſteckte ſie in ſeinen Gürtel, den er gewöhnlich unter der Weſte trug. Dann ſchloß er ſein Pult wieder, wandte ſich nach dem hintern Theil des Hauſes und nahm die in einigen Fächern aufgebeugten Waaren hinweg. Darauf zog er einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche und öffnete eine ſo ge⸗ ſchickt verborgene Thüre, daß ſelbſt die Argusaugen der Policei deren Exiſtenz nicht zu entdecken im Stande geweſen waren. „Ihr könnt herauskommen,“ ſagte er. Bill Spuggins, ebenſo angekleidet, wie bei ſeiner Entfernung aus der Höhle, kam zum Vorſchein. 201 „Hu! hu!“ rief der Räuber,„ich bin beinahe erſtic „Ich habe Beſuch gehabt,“ fuhr der Jude fort, ſeine kleinen grauen Augen auf ihn heftend. „Ich habe es gehört.“ „Ihr habt mich getäuſcht.“ „Nein, ich habe Euch geſagt, wie ich in den Beſitz der Banknoten gekommen bin.“ „Aber Ihr habt von dem Mord nichts geſagt.“ „Weil ich nicht gemordet habe,“ antwortete Bill, „und ſelbſt wenn es geſchehen wäre, habt Ihr Geld genug bekommen, um mir fortzuhelfen.“ „Fünfzig Pfund,“ ſagte der Jude im Tone der erachtung,„ei! der geringſte Dieb hätte mir bei Bannbruch nicht weniger bieten können. Was Eure Einſchiffung in dieſem Hafen betrifft, ſo iſt dieſelbe unmöglich; und dann ſind alle Schiffe durchſucht worden; der Inſtructionsrichter und die Policei ſind auf der Lauer; man wird keine Barke abgehen laſſen, auf der man nicht jeden Menſchen geprüft hätte.“ „Was ſoll ich thun?“ fragte der Sträfling. „Kehrt in die Wälder zurück.“ „Niemals.“ „Es bleibt Euch keine andere Wahl,“ fuhr ſein Rathgeber fort,„Ihr könnt über dieſe Racht nicht hier bleiben.“ „Aber ich habe Euch bezahlt.“ „Nicht genug für das Riſico.“ „Ihr habt vielleicht Luſt, mich zu verrathen.“ „Ihr wißt, daß ich nie Jemand verrathen habe,“ erwiderte der Jude.„Von allen den Hunderten von Menſchen, die ſich mir anvertraut haben, iſt nie „ 202 einer betrogen worden. Die, welche Euch meine Adreſſe zu Sydney gegeben haben, konnten es Euch ſagen. Man kennt mich als treu wie Stahl.“ „Ich denke, ich muß Euren Rath befolgen,“ murmelte Spuggins,„es iſt verteufelt hart, wieder umzukehren, wenn man das Meer vor Augen und einen günſtigen Wind hat. Aber was hilft das Brummen? So ſagt mir alſo, was ich thun muß.“ „Zieht dieſe Kleider an.“ Mr. Aarons zeigte ihm eine Soldaten⸗Uniform, die er ſorgfältig unter ſeinem Kleidertrödel ausge⸗ leſen hatte. „Was koſtet es?“ „Zehn Pfund.“ „Zehn tauſend Teufel!“ rief der Sträfling mit ausbrechender Wuth.„Wollt Ihr mich beſtehlen?“ Der Kaufmann ſteckte mechaniſch die Hand in den Gürtel und griff an eine ſeiner Piſtolen. „Euch beſtehlen?“ ſagte er,„gewiß nicht. Es ſteht Euch frei, dieſes Coſtume zu kaufen oder nicht; ich will Euch durchaus nicht zwingen; aber es iſt die einzige Verkleidung, in der Ihr einige Ausſicht habt, ſicher durch die Stadt zu kommen.“ „Nun,“ rief der Räuber,„nehmt das Geld, und möge ein Fluch ſich an jedes dieſer Goldſtücke knüpfen.“ Er gab dem Juden die verlangte Summe und dieſer ließ ſie, nachdem er ſie gengu gezählt hatte, ſehr phiſoſophiſch in ſeine Taſche gleiten. „Aber wenn ich verfolgt würde?“ ſagte Bill. „Das iſt möglich,“ erwiderte der Geldwechsler, „aber wenig wahrſcheinlich; aber wäre dem auch ſo, 203 es iſt nichts ſo gut, als auf Alles gefaßt zu ſein; Ihr braucht ein Pferd.“ „Ihr wollt mir vermuthlich eines zu kaufen geben.“ „Nein zu ſtehlen.“ 7 „Wem?“ „Ich will es Euch ſagen. Wenn Ihr vom Oſtberg weggeht, ſtoßt Ihr an der Waldſtraße auf ein einſames Haus. Ihr könnt Euch nicht täuſchen; es läuft an der ganzen Fagade eine lange Veranda hin. Dieſes Haus gehört einem gewiſſen Hammond, dem reichſten Kaufmann in Melbourne und Beſitzer des beſten Pferdes der Colonie, eines prächtigen Grauſchimmels. Ihr fin⸗ det es ſicher im Stall. Hammond kommt alle Abende zu Pferde nach Hauſe.“ „Und wenn der Stallknecht daſelbſt ſchläft?“ „Ihr ſeid nicht ohne Waffen?“ „Nein, nein,“ murmelte der Räuber mit einem Schauder.„Ich will kein Blut vergießen.“ „Wie! Gewiſſensbedenklichkeiten!“ rief der Jude höhniſch. „Nein, Klugheit,“ antwortete Bill;„wenn man mich jetzt erwiſchte, könnte man mich hängen.“ „Das geht mich nichts an; ich habe meinen Ver⸗ trag mit Euch gemacht und halte ihn getreulich. Es ſoll nie Jemand ſagen können, Aarons habe ſein Wort nicht gehalten.“ Unſere Leſer werden ohne Zweifel die plötzliche Veränderung in der Sprache des Juden bemerkt haben; es war eine der Beſonderheiten dieſer Perſon. Aarons iſt kein fingirtes Weſen, ſondern ein in Auſtralien äußerſt bekannter Mann, wo man ſich erzählt, er habe ſich gerühmt, beinahe 200 Sträf⸗ lingen in einem Zeitraum von 20 Jahren zur Flucht behilflich geweſen zu ſein. Und merkwürdig, er brach nie ſein einmal gegebenes Wort. Hatte er ſich für eine gewiſſe Summe verbindlich gemacht, Jemand zur Entfernung aus dem Lande behilflich zu ſein, ſo konnte keine noch ſo beträchtliche Belohnung, die ihm vom Gouverneur oder Rath für Ergreifung dieſes Mannes geboten wurde, ihn beſtimmen, denſelben auszuliefern; es war für ihn eine Ehrenſache, wenn man hier dieſen Ausdruck gebrauchen darf. Bill Spuggins hatte bald die Uniform des da⸗ mals zu Melbourne garniſonirenden Regiments an⸗ gelegt und ſagte, nachdem er die weitern zu ſeiner Entfernung aus der Stadt nothwendigen Inſtructionen empfangen, dem Geldwechsler Lebewohl. „Adieu,“ ſagte der Alte, die Hinterthüre ſeines Hauſes ſchließend,„wie der Sühnbock, der wieder in die Wüſte zurückkehrt.... ich habe ihn vom Holſe.“ Am nächſten Morgen zu früher Stunde begab ſich Mr. Hammond in aller Eile zu dem Richter Wood, um wegen Verſchwindens ſeines Lieblings⸗ pferdes, das in der Nacht aus ſeinem Stall ge⸗ ſtohlen wurde, Klage zu führen. „Geſtohlen!“ wiederholte der Beamte erſtaunt, „aber Jedermann kennt das Thier in der Colonie, der Dieb iſt ein Narr. Haben Sie keine Spur?“ Der Kaufmann nannte ſeinen Stallknecht, der eben mit einem Pack Kleider in der Hand eintrat. „Was haſt Du da?“ „Nehmen Euer Chren nicht übel,“ antwortete † 205 der Burſche mit ſtarkem Accent, denn er war von der SmaragdInſel*),„da iſt die Uniform, welche der Weltsſpitzbube, als er das Pferd und meine Kleider ſtahl, zurückgelaſſen hat. Wehe dem Verbrecher! Gewiß werden Euer Ehren, wenn Sie ihn erwiſchen, meine Kleider nicht dadurch beſchimpfen, daß Sie den Lumpen darin hängen laſſen?“ „Sei ohne Furcht,“ ſagte Mr. Wood mit launi⸗ gem Lächeln. Dann befahl er, gegen einen Policeidiener ſich wendend, die Taſchen ſorgfältig auszuſuchen, um zu ſehen, ob ſie nicht etwas, was zur Entdeckung des Diebs dienen könnte, enthalten. „Nichts,“ antwortete der Mann,„als dieſes Stück von einem Briefe.“ Er gab es dem Beamten, der es aufmerkſam as. „Wahrhaftig ein Werk der Vorſehung!“ rief Mr. Wood.„Mein lieber Mr. Hammond, der Schelm, der Ihr Pferd geſtohlen hat, iſt kein Anderer, als der Mann, den wir ſuchen.“ „Iſt es möglich?“ „Die vollkommene Wahrheit. Leſen Sie.“ Er reichte ihm das Stück Papier. Es war das Fragment eines von Roderich Haſtings an den Er⸗ mordeten geſchriebenen Briefes; Unterſchrift und Adreſſe befanden ſich darauf. Man ließ ſogleich Dick, Georg Chaſon und die beiden Giles holen, um ihnen dieſe Entdeckung mit⸗ zutheilen. *) Grün⸗Irland. „Dieſer Spuggins hat,“ ſagte Mr. Wood,„den Brief in dem Rock zurücklaſſen müſſen, als er den⸗ ſelben mit dem des Stallknechts vertauſchte. Das Verbrechen verräth am Ende ſich immer ſelbſt, und ich hoffe, daß es auch dießmal ſo gehen wird. Es iſt offenbar ein Menſch von entſchloſſenem Character. Aber was mich überraſcht, iſt, daß er gerade Ihr Pferd vor jedem andern gewählt hat.“ „Glauben Sie, daß er es abſichtlich gethan hat?“ „Ich zweifle nicht daran.“ „Dann muß ihn der Jude dazu getrieben haben,“ rief unſer Held. Seine Gefährten waren derſelben Meinung. Der Sträfling hatte offenbar, wenigſtens für den Augenblick, der Hoffnung entſagt, nach England zurück⸗ zukehren, ſo daß Dick und Georg Chaſon ſich zur Verfolgung deſſelben entſchloſſen. William Giles erbot ſich, ſie zu begleiten und ſeinen Vetter Jack mitzunehmen. Man kam überein, Martha ſolle die ſenn verlaſſen und zu dem alten Giles ziehen. Am nächſten Morgen machten ſich unſere Aben⸗ teurer auf den Weg. — 28 8 — Siebenundvierzigſtes Kapitel. Eine Uacht in den Wäldern— Goldentdeckung in Auſtralien. Ueberzeugt, daß Bill Spuggins, mit ſeinem Vor⸗ haben, ſich nach England einzuſchiffen, ſcheiternd, ſich wieder in die Wälder geflüchtet habe, entſchloſſen ſich Dick und ſeine Freunde, ihn ſo lang zu verfol⸗ gen, bis ſie wieder in den Beſitz der Papiere kämen, welche der Flüchtige ſeinem Kamaraden Amen Corner genommen hatte. Man hatte alle Mühe von der Welt, den Farmer Giles abzuhalten, ſich der Erpedition anzuſchließen, ſolche Begeiſterung empfand er für die Sache des Erben der Herbert. Martha verließ die Hoffnungs⸗ farm, welche unter Crumps Obhut blieb. Dick, Georg Chaſon, William Giles und Jack ritten vor Tagesanbruch hinweg und nahmen die beiden Spür⸗ hunde Lover und Liß mit ſich. Der alte Giles nahm die Wittwe Amen Corners mit ſich. Ein leichtes Zelt, das Jack hinten auf dem Sattel zuſammengerollt trug, ſollte zum Schutz in den Wäl⸗ dern dienen; der Pflöcke bedurfte es nicht: man fand deren hinlänglich bei dem erſten Haltmachen. Am Ende des zweiten Tages hielten unſere Freunde bei einer einſamen Hirtenſtation, wo ſie Nachweiſun⸗ gen erhielten, die ihre Hoffnungen beſtärkten und ihnen neuen Eifer einflößten. Der Flüchtige hatte die Nacht zuvor hier zugebracht und alſo nur zwölf Stunden Vorſprung. 208 Anfänglich ſchienen die Bewohner nicht geneigt, auf ihre Fragen zu antworten, denn Bill hatte mit ſeiner gewöhnlichen Schlauheit ihre Theilnahme zu erregen gewußt, indem er vorgab, von ſeinem Regi⸗ ment wegen widerfahrener grauſamer Behandlung de⸗ ſertirt zu ſein. Erſt als unſer Held mehrmals dem ehrlichen Hirten wiederholte, daß derjenige, den ſie ſochen, ein Mörder, ein entflohener Sträfling von der Norfolkinſel ſei, gelang es ihm, ein Wort aus demſelben herauszubringen; und ſelbſt jetzt noch zögerte der Mann und betrachtete ihn mit zweifelhafter Miene. „Wenn ich wüßte, daß Sie mich täuſchen,“ ſagte „Rede, John,“ ſetzte ſeine Frau hinzu,„der Gentleman ſpricht die Wahrheit.“ „Ich kann Euch noch beſſere Beweiſe geben, als die Verſicherung Eurer braven Frau,“ ſagte William Giles;„doch hat ſie beſſer als Ihr in dem Herzen Eures Beſuchs von der vergangenen Nacht geleſen.“ Er übergab ihm den vom Magiſtrat zu Melbourne erlaſſenen Verhaftsbefehl, der ſie berechtigte, die Perſon eines entflohenen Sträflings, Namens Bill Spuggins, angeklagt unter anderem der Mitſchuld an dem Mord des Inſpectors der Kronländereien, zu ergreifen. „Teufel!“ ſagte der Hirte, ſobald er geleſen hatte;„es kam mir wohl vor, als habe dieſer Schelm nichts vom Soldaten an ſich, als die Uniform.“ „Er iſt alſo in Uniform?“ „Da das heißt, nein.“ Der Mann zögerte von Neuem und ſchien wenis geneigt, fortzufahren⸗ 209 „Rede, John,“ wiederholte ſeine Frau. „Ich habe ihm eines von meinen Kleidern,“ ſetzte er hinzu,„für vier Pfund Sterling verkauft, ein Kleid, von der Wolle meiner eigenen Schafe gemacht. Ich war erſtaunt, daß ein ſimpler Soldat ſo viel Geld haben ſollte; aber er ſagte mir, ſeine Eltern haben es ihm von England geſchickt.“ „Wart Ihr gegenwärtig, als er die Kleider wech⸗ ſelte?“ fragte Dick. „Jä Sir. „Hatte er Papiere?“ „Mehrere,“ antwortete die Frau, deren Gunſt unſer Held durch ſein offenes und edles Weſen, um nichts von der Schönheit ſeiner Züge zu ſagen, gewonnen hatte;„ich habe dem Elenden geholfen, ſie in das Futter ſeiner Jacke einzunähen.. auf der lin⸗ ken Seite.“ Die Zuhörer merkten ſich dieſe Angabe wohl. „Er hat Lebensmittel auf fünf Tage mit ſich ge⸗ nommen,“ fuhr der Hirte fort,„woraus ich ſchloß, daß er über die Ebenen reiſen will, um nach Syd⸗ ney zu gelangen. Er war ſehr gut beritten, und Sie werden im Galopp reiten müſſen, um ihn ein⸗ zuholen.“ Unſere Jäger waren ſo entzückt, Bill auf der Spur zu ſein, daß ſie ſich nur einige Stunden Ruhe gönnten. Lang vor Tag ſaßen ſie wieder im Sattel, voll Energie und Hoffnung. Die Nacht überraſchte die Reiſenden mitten in einem Walde, ungefähr fünfzig Meilen von der Farm, wo ſie über die von dem Flüchtigen eingeſchlagene Richtung einige Nachrichten erhalten hatten. Es war Das Erbe. III. 14 210 unmöglich? weiter zu kommen, und zum erſtenmal bedienten ſie ſich ihres Zeltes. Die, welche ihr Leben in Städten zugebracht pabet die, welche nur auf gut unterhaltenen Land⸗ ſtraßen, wo ſich auf jeder Station gute Gaſthäuſer zu ihrer Aufnahme finden, gereist ſind, können ſich keine Vorſtellung von den nibert kleinen Mitteln machen, wodurch der Menſch, der in einem neuen Lande ſich niederläßt, eine lange Reiſe ſich erträglich zu machen ſucht. Einige Minuten reichen zur Er⸗ richtung des Zeltes hin; man zündet ein Feuer an und ſetzt an dem nächſten Teich geſchöpftes Waſſer in Töpfen zum Sieden zu, um ſich mit einer oder zwei Taſſen guten Thee's zu erquicken. Unſer Held erhielt, da er an dergleichen Ge⸗ ſchäfte nicht gewöhnt war, den Auftrag, mit Hülfe Jacks für die Pferde zu ſorgen. Er ſah ſogleich, daß dieſen Thieren nichts abgehen würde, denn die Waide war üppig. Die Truppe ſaß um das Feuer; William Giles hatte an ſeinem Flintenladſtoc ein halbes Dutzend Papagaien aufgeſteckt, die er am Feuer zu braten beſchäftigt war; Jack rupfte einige andeve von dieſen Vögeln, während Georg die Dämpfer röſtete, die zu dem Thee genoſſen werden ſollten. „Wir werden das Zelt wohl befeſtigen müſſen,“ ſagte der Letztere,„ich fürchte, wir bekommen eine rauhe Nacht.“ Dick hob den Kopf; die Sterne funkelten wunder⸗ bar über ihnen und nicht ein Lüftchen vegte ſich in den Bäumen herum. „Was flößt Ihnen dieſe Beſorgniß ein?“ fragte er. 211 „Sehen Sie nicht die Unruhe der Pferde? Hören Siei ſie wiehern bei Annäherung des Sturms. Dieſes Zeichen hat mich mie getäuſcht. Sie werden bald ſehen, daß ich Recht habe, Sir Walter. Bei meinen erſten Ausflügen durch die Wälder war ich eben ſo unglaubig wie Sie.“ „Was mich betrifft, ſo glaube ich—. daß Sie Ficht haben,“ rief William Giles;„aber mir liegt wenig am Sturm. Alles, was mich quält, iſt, daß wir auf dieſen Schurken Bill Spuggins noch nicht geſtoßen ſind.“ Maon hörte ein Geräuſch, das hinter dem Zelte herkam. Der junge Farmer ergriff ſeine Flinte und ſtürzte nach dem Dickicht, in der Meinung, es mit einem Känguru zu thun zu haben. Seine Ge⸗ noſſen blieben einige Augenblicke unbeweglich horchend, ob ſie nicht einen Schuß hören würden; aber kein Körnchen Pulver wurde verbrannt, und er kam bald mit— Miene getäuſchter Erwartung zurück. „Du haſt gefehlt,“ wief Jack, ſeinen großen Mund zum Lochen öffnend. „Es gab nichts zu fehlen,“ erwiderte ſein Vetter, „es war ein blinder Lärm. Doch kann das Geräuſch nicht vom Winde hergekommen ſein, denn es regt ſich nicht ein Lüftchen.“ Der kleine Vorfall veranlaßte keine weitere Be⸗ merkung, bis die mächſtfolgenden Ereigniſſe ihn er⸗ klären ſollten. Da die Zeltleinwand durch Holzpflöcke, welche Georg und William in den Boden geſteckt hatten, gut befeſtigt war, ſo überließ ſich die Truppe der 212 Ruhe. Ermüdet von der Anſtrengung des Tages ſchliefen ſie bald ein. Es war beinahe Mitternacht, als der Sturm in ſeiner ganzen Wuth ausbrach und die dichten ſchwar⸗ zen Wolken, welche den Himmel bedeckten, zerriß. Der erſte Donnerſchlag weckte die Schläfer; ihm folgten mehrere andere noch heftigere, und die von Zeit zu Zeit ſich entzündenden Blitze waren von ſo lebhaftem Roth und dauerten ſo lang, daß jeder der Bewohner des Zeltes ſehr wohl das blaſſe Geſicht ſeiner Genoſſen unterſcheiden konnte. Die Hunde, die man hereingenommen hatte, be⸗ gannen vor Schrecken zu heulen. Der Regen rauſchte hernieder, anfänglich in großen Tropfen, welche auf dem ſchwachen Dach, das ſie mitten unter dieſem ſchrecklichen Toben des Sturmes ſchützte, den Takt zu ſchlagen ſchienen; aber bald er⸗ folgte ein ununterbrochener Guß, wie wenn ein Ka⸗ tarakt ſeine Fluthen über das ausgeſpannte Zelt ausgeſchüttet hätte. Nie war unſer Held Zeuge eines ſo großartigen Zuſammenſtoßes der Elemente geweſen; es ſchien, als ob die Natur ſie in einem Augenblick von Laune mit dem Gebot entfeſſelt hätte, ſich die Herrſchaft ſtreitig zu machen; ſie hatten den Himmel zum Kampſplatz, die geſtürzten Bäume, die erſchreckten Vögel, die zitternden Gäſte des Waldes zu Opfern. „Wenn der Sturm fortdauert, wird das Zelt von dem Winde weggeriſſen, oder von den Regengüſſen fortgeſchwemmt.“ „Nein,“ antwortete Georg Chaſon,„wir haben es zu gut befeſtigt. Zum Glück ſind die Stürme in dieſen Himmelsgegenden nie lang; ihre Heftigkeit erſchöpft ſie.... und Sie werden ſehen, daß es auch jetzt ſo iſt.“ Die Vorausſagung erfüllte ſich. Allmälig machten die Windſtöße, welche das ſchwache, leinene Schutz⸗ dach erſchütterten, einem dumpfen und klagenden Seufzen Platz, aber nicht ohne daß ſie genöthigt worden waren, ſich aufrecht geſchloſſen an einander zu halten, denn das Waſſer ſtand wenigſtens fußhoch in dem Zelte. Die Hunde ſchienen zu begreifen, daß die Gefahr vorüber war; ſie heulten nicht mehr vor Schrecken und gaben keine andern Zeichen von Unruhe, als kleine, erſtickte Laute von ſich. „Sie haben Recht,“ ſagte unſer Held,„es reg⸗ net faſt nicht mehr. Liß iſt ruhig,“ ſetzte er, den großen Hund ſtreichelnd, hinzu,„es iſt etwas Selt⸗ ſames um den Inſtinct.“ „Hört!“ rief William. Man vernahm deutlich den Galopp eines Pferdes. Die Reiſenden öffneten vorſichtig das Zelt und traten ins Freie. Ungeheure Wolkenmaſſen zogen langſam am Him⸗ mel hin; hie und da ſchimmerte ein einſamer Stern. Die Blitze, welche noch in langen Zwiſchenräumen dahinzuckten, waren nicht mehr von jenen ſchrecklichen Donnerſchlägen begleitet, welche die Erde in ihren Grundfeſten zu erſchüttern ſchienen. Beim Schein eines dieſer Blitze ſahen ſie die Pferde, welche ſie an den Leinen feſt angebunden zu haben glaubten, wüthend durch das Thal hinſtürzen. „Wir müſſen ihrer um jeden Preis wieder hab⸗ haft werden; von ihnen hängt unſere Sicherheit ab.“ 214 Seine erfahrenern Gefährten erklärten ihm, daß jeder Verſuch im jetzigen Augenblick unnütz wäre; aber am Morgen würden ſie dieſelben ohne Zweifel etwa eine Meile von ihrem Lagerplatz wiederfinden; die einzige unangenehme Folge dieſer Flucht würde ein Aufenthalt in der Verfolgung von Spuggins ſein. 9 n Als endlich der Tag anbräch, zevſtreuten ſich die Reiſenden nach allen Seiten zur Aufſuchung ihrer Pferde. So wild auch die Gegend war, hielt es doch nicht ſchwer, den Ort, des Zuſammentreffens wieder zu finden; die Anhöhe, an deren Fuß ſie ihr gelt aufgeſchlagen hatten, diente ihnen zum Weg⸗ weiſer. Jack empfand großes Widerſtreben, allein in den Wald zu dringen. it 4 „Ich fürchte mich nicht,“ ſagte er;„allein hier gefällt es mir nicht; es gleicht durchaus dem Wald von Crowshall nicht.“ Die Spöttereien ſeines Vetters beſtimmten ihn endlich; ſeinen Schrecken zu beſiegen, und er machte ſich in Begleitung eines der Hunde auf den Weg. Wie unſere Leſer ſich vorſtellen können, trug der arme Junge Sorge, ſich nicht zu weit von dem Ort zu entfernen, wo er die Nocht zugebracht hatte. Alle fünf Minuten drehte er ſich, um ſich zu verſichern, daß die Spitze, welche ihm zur Wiederauffindung ſeiner Freunde dienen ſollte, ihm noch im Geſicht war. Er hatte ſeit mehr als einer halben Stunde ohne Erfolg das Gebüſch durchſucht, als er auf eine Gruppe von Granitfelſen ſtieß, deren kahle Häupter ſich zwanzig bis dreißig Fuß über die herumſtehenden Bäume er⸗ hoben. In Folge einer bizarren Laune der Natur X—— — 215 war eines dieſer Felſenſtücke ſo geſpalten, daß es eine Art ſehr tiefen Bogens bildete. Da dieſer nach Außen nicht geſchloſſen war, überzeugte ſich Jack, ohne ſich allzu nahe hinzuwagen, daß er won keinem lebenden Geſchöpf eingenommen war. 6 „Ah!“ dachte er,„das wäre viel beſſer geweſen als Euer Zelt, um zu übernachten; der Regen kann hier nicht durchdringen.“ Von Neugierde getrieben, trat er in dieſen Zu⸗ fluchtsort ein und fand, daß ſeine Vermuthung ge⸗ gründet war. Der Boden der ſcheinbaren Höhle zeigte ſich vollkommen trocken In der Mitte bemerkte er einen Haufen Aſche. n „Vetter William kennt die beſten Plätze nicht,“ murmelte er. Nachdem er die Aſche aufmerkſamer unterſucht hatte, erkannte er, daß ſie noch rauchte, und ſteckte, um davon Gewißheit zu bekommen, die Hand hin⸗ ein; ſie war noch heiß. Schrecken ergriff ihn, jene unbeſtimmte Furcht, welche mehr aus dem Gefühl des Alleinſeins, als aus dem Vorhandenſein einer wirklichen Gefahr ent⸗ ſpringt, und der Höhle den Rücken bietend, begann er aus Leibeskräften zu laufen. Die Augen auf den Hügel gerichtet, der ihm zum Führer dienen ſollte, ſetzte er ſeinen Weg gleich⸗ gültig gegen alle Hinderniſſe fort, Waſſerlachen durch⸗ ſchreitend, die vom nächtlichen Sturm gebildet wor⸗ den waren, ſich einen Weg mitten durch das Gebüſch bahnend; zum großen Schaden ſeiner Kleider, kurz, beharrlich der geraden Linie folgend. Der Spür⸗ 216 hund leiſtete ihm Geſellſchaft, jedoch ohne im Min⸗ deſten ſeine Aufregung zu theilen. Dick und ſeine beiden Genoſſen waren ſchon auf dem Lagerplatz mit den Pferden angekommen, die ſie ungefähr eine Meile von der Stelle, wo ſie am Abend zuvor angebunden worden, ruhig waidend gefunden hatten. Alle drei waren in ziemlicher Beſtürzung, da ſie bei Unterſuchung der Leinen erkannt hatten, daß dieſe mit einem Meſſer abgeſchnitten worden waren. So erklärte ſich das Geräuſch, das William Giles hinter dem Zelt vernommen hatte. Der Räuber, den ſie verfolgten, mußte ſich in ihrer Nähe befinden, da er allein ein Intereſſe dabei hatte, ihre Reiſe aufzuhalten. „Denke ich, daß wir dem Böſewicht ſo nahe waren,“ ſagte Georg Chaſon,„und daß er uns ent⸗ wiſcht iſt, ſo werde ich raſend.“ „Das iſt meine Schuld,“ entgegnete Williams, „ich werde mir meine Dummheit nie verzeihen.“ „Geduld! Geduld!“ bemerkte unſer Held ruhig. „Die Jagd iſt noch nicht zu Ende; es iſt ſchon etwas, zu wiſſen, daß wir auf der rechten Fährte ſind. Dieſes wilde Leben, dieſer Marſch durch die Einöden iſt von Intereſſe für mich; er erwärmt mir das Blut und hindert mein Herz, an zerſtörte Hoffnungen, an die traurigen Ereigniſſe der Vergangenheit zu denken.“ „Denken Sie vielmehr an die Zukunft, Sir Walter,“ rief Martha's Bruder.„Ich werde nicht ſterben, ohne den Sohn meines lieben Herrn im Beſitz ſeiner Geburtsrechte geſehen zu haben.. aber wo kann der Kleine ſein?“ ſetzte er, unruhig 217 um ſich ſchauend, hinzu.„Es wäre Zeit, uns wieder auf den Weg zu machen. Dieſe Verzögerung ver⸗ ſchafft dem Räuber einen großen Vorſprung, denn er reitet den beſten Renner der Colonie.“ „Ich hoffe, es iſt ihm kein Unglück zugeſtoßen,“ erwiderte Dick. In demſelben Augenblick hörten ſie Jacks Stimme: „Feuer! Feuer! Feuer!“ ſchrie er. „Feuer!“ wiederholten ſeine Genoſſen, ihm ent— gegeneilend. „Ja, Feuer. Ich habe eines unter dem Felſen gefunden, und es war ganz heiß, ſo daß man ſich nicht täuſchen konnte.“ Mit größter Mühe brachten ſie ihn dahin, ſie an die Stelle zu führen, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach Spuggins die Nacht zugebracht hatte. Bei ihrer Ankunft daſelbſt fanden ſie die Aſche kalt, aber ſie zweifelten nicht, den Raſtort des Räubers gefunden zu haben. „Seht,“ ſagte Georg, auf die Spuren eines Holzſchuhes auf dem feuchten Boden vor der Felſen⸗ gruppe deutend,„er muß unſer Geſpräch im Zelte gehört haben; er hat unſern Pferden die Leinen ab⸗ geſchnitten, in der Hoffnung, uns dadurch aufzu⸗ halten. Ha! der Elende ſchlief beinahe einen Büchſen⸗ ſchuß weit von unſerem Lagerplatz.“ Die Freunde machten ſich mit neuem Eifer an die Verfolgung. Nach vier weitern im Sattel zugebrachten Tagen echielten ſie wieder einige Nachweiſe über Spuggins auf einer iſolirten Station, wo der Flüchtige Lebens⸗ mittel gekauft hatte. Trotz ihres ſchnellen Ritts 218 hatte er doch zwei Tage Vorſprung und dieß ver⸗ urſachte ihnen großen Verdruß. Er hatte dieſen Vortheil der Verzögerung, die er durch Loslaſſung ihrer Pferde ihnen veranlaßte, und der Ueberlegen⸗ heit ſeines eigenen Renners zu danken, Achtundvierzigſtes Kapitel. Dieß war die Lage der Dinge, als Dick und ſeine Begleiter nach einer vergeblichen Verfolgung, die mehr als drei Wochen gedauert hatte, zu Sydney ankamen, wo ihre ſonnverbrannte Farbe und das Ausſehen von Erſchöpfung bald einen Haufen Men⸗ ſchen um ſie ſammelte, Mehrere Herrn mit ſcharfen Zügen, Adlernaſe, ſchwarzem Backenbarte, dem charakteriſtiſchen Zeichen des hebräiſchen Volkes, wünſchten zu erfahren, ob ſie Gold zu verkaufen hätten. Andere boten ihnen Uhren zu etwas mehr als fünfhundert Procent über den Ankaufspreis, während ein Mann ihnen ein geſcheiebenes Circular in die Hände drückte(es koſtete zu viel, dergleichen drucken zu laſſen), worin er an⸗ zeigte, daß Herrn, die von den Goldminen kämen, bei ihm zu dem mäßigen Preis von zwei Pfund Sterling täglich Wohnung und Koſt fänden. „Wann iſt das letzte Schiff nach England abge⸗ gangen?“ fragte unſer Held, ſobald er ſich Gehör verſchaffen konnte. 219 „Vor zehn Tagen,“ ſchrieen mehrere Stimmen in der Menge. „Gott ſei Dank! wir kamen noch zur rechten Zeit,“ murmelte Georg,„der Böſewicht kann un⸗ möglich mehr als fünf Tage vor uns voraus haben. Wir werden ihn noch erwiſchen.“ Das Erbieten, ihr Gold zu kaufen, wurde mit größerem Geſchrei als das erſtemal wiederholt; denn nichts konnte die Händler überzeugen, daß unſere Freunde nicht von den Minen zurückkehrten; es war unnütz, ſie enttäuſchen zu wollen. Mitten unter dieſer Verwirrung fühlte Dick eine Hand ſich auf ſeinen Arm legen, und als er ſich plötzlich um⸗ erkannte er zu ſeinem Lroßen Erſtaunen Sam „Du in Auſtralien!“ vief er vom i ſteigend und ihm lebhaft die Hand drückend;„das iſt wahr⸗ haftig ein unerwartetes Glück! Aber warum haſt Du Slanb verlaſſen? Mignonne befindet ſich wohl? Um's Himmels willen, erkläre Dich!“ 6 kann hier nichts erklären,“ antwortete ſein Freund, deſſen Geſicht beim Namen ſeiner Schweſter ſich plötzlich verfinſterte;„komm nit⸗ mir in meine Wohnung.“ „Aber meine Begleiter?“ „Rimm ſie mit Dir. Sie können nichts Feſes thun, als ſich in demſelben Hauſe einlogiren. Alles geht drunter und drüber. Ein Erdbeben hätte die Stadt nicht mehr umkehren können, als es dieſe Entdeckungen gethan haben.“ „Welche Entdeckungen?“ fragte Dick ungeduldig. 220 „Iſt es möglich, daß Du nicht davon reden ge⸗ hört haſt?“ „Ich habe nichts davon gehört. Vor vier Wo⸗ chen habe ich Melbourne verlaſſen und ſeitdem nur den Buſch durchſtreift.“ „Dann kann ich Dein Erſtaunen begreifen,“ er⸗ widerte der Tänzer,„beim Anblick der Deinem Auge ſich darbietenden Scene; aber komm mit mir, ich habe Dir viel zu ſagen.“ Dick warf Jack den Zügel ſeines Pferdes zu, bat ſeine Begleiter, ihm zu folgen und nahm Sams Arm, der ihn nach einem beſcheidenen und abgele⸗ genen Hauſe führte, wenig von der Straße entfernt, wo ſich Webb's Shakesſpeare⸗Tempel befand. Wäh⸗ rend Georg Chaſon und William Giles ſich mit den Pferden beſchäftigten, ließ Mignonne's Bruder Dick in ein kleines, einfach möblirtes, hoch oben im Hauſe gelegenes Zimmer hinauſſteigen. „Armer Sam,“ ſagte unſer Held, ſich umſchauend, „ich fürchte, das Glück iſt übel mit Dir umgeſprun⸗ gen; die Armuth hat ihre eiſerne Hand auf Dich gelegt.“ „Die Armuth!“ wiederholte der junge Mann mit bitterem Lächeln,„Du irrſt Dich. Wie die übrige Welt uktheilſt Du nach dem äußern Schein. Ich habe nie ſo viel von dieſem gelben Staub gehabt, um den die Menſchen ihre Seele verkaufen, dem Glück entſagen und ihre Ehre beflecken. Was meine Wohnung betrifft,“ fuhr er fort,„ſo iſt ſie die einzige Extravaganz, deren ich mich ſchuldig mache, ſofern ich das ganze Haus inne habe. Der Miethzins iſt ungeheuer. Ich hätte in Italien um den halben Preis einen Palaſt haben können.“ „Er iſt wahnſinnig!“ dachte Dick.„Der Kummer hat ihn um den Verſtand gebracht!“ „Nichts dergleichen,“ bemerkte Sam, der in ſeinen Gedanken las.„Ich bin ſo gut bei Sinnen wie Du, aber ich will Dich nicht länger in der Irre herumführen. Man hat Gold in Auſtralien entdeckt, Gold in ſo großer Menge, daß die Leute darüber den Kopf verloren haben. Sie träumen nur von Gold, ſie denken nur an Gold, ſie ſprechen nur von Gold; es fehlt ihnen nur noch, daß ſie es auch eſſen; und ſie eſſen wirklich, metaphoriſch geſprochen. Der Preis der Dinge hat ſich verzehnfacht, verzwanzig⸗ facht. Die Thorheit hat keine Grenzen mehr. Wel⸗ chen Miethzins,“ ſetzte er hinzu,„welchen Miethzins, glaubſt Du, daß ich für dieſes ärmliche Haus zahle, deſſen demüthiges Ausſehen ſo ſehr Dein Mitleid er⸗ regt hat? Tauſend Pfund Sterling jährlich, keinen Pfennig weniger.“ „Iſt es möglich?“ „Das iſt eine Verſchwendung, ich geſtehe es, aber ich konnte es nicht über mich gewinnen, den ſe meiner Schweſter den Blicken Fremder aus⸗ zuſetzen.“ „Deiner Schweſter? Mignonne! Iſt ſie hier?“ rief Dick, immer mehr erſtaunt:„Und ihr Gatte?“ „Verwünſcht ſei der Niederträchtige!“ fiel der Tänzer ein.„O Dick, es iſt mir ſchmerzlich, ſelbſt Dir meine Thorheit, mein blindes Vertrauen, meine Dummheit zu geſtehen. Du weißt, wie ich das un⸗ ſchuldige, das vertrauensvolle Mädchen geliebt habe, 22 das keinen andern Beſchützer auf der Welt als ihren Bruder hatte; hölliſche Kunſtgriffe haben die Wach⸗ ſarnkeit dieſes Bruders getäuſcht; dieſe Heirath, welche ihr einen ehrenvollen Namen geben ſollte, welche ſie der Befleckung des ſchlechten Beiſpiels, den Verſu⸗ chungen der Armuth entziehen ſollte, dieſe Heirath war nichts als ein Hohn!“ fn „Arme Mignonne!“ flüſterte Dick,„ſo vein und ſo beſchimpft!“ „Ich kann nicht weinen,“ murmelte Sam, die Queile der Thränen iſt in mir vertrocknet. Als ich dieſe Niederträchtigkeit entdeckte, forderte ich den Elenden; aber der Feigling lehnte es ab, ſich mit mir zu ſchlagen. Ich war nicht das, was die Welt einen Gentleman nennt. Er hatte gelogen,“ ſetzte er mit bitterein Lächeln hinzu, er hatte unzählige Fehler begangen, er hatte meine Schweſter durch eine gottesläſterliche Nachahmung der religiöſen Cere⸗ monien betrogen; aber er war reich, er konnte ſeinen Vater und Großvater nennen, den Wappenſchild auf ihren Gräbern zeigen; ſo ertheilte ihm die Welt Abſolution für ſeine Feigherzigkeit und für ſein Ver⸗ brechen.“ 5 „Aber konnteſt Du Dich nicht an die Gerechtig⸗ keit wenden?“ „An die Gerechtigkeit! O ja wohl! Ich hätte, indem ich die Schande meiner Schweſter zur Schau ſtellte, Geld ethalten können, dieſen Tand, für eine Kränkung, die nichts ſühnen känn; Geld, als den Preis für Etwas, däs keinen Preis hat: die Herzens⸗ ruhe eines armen Mädchens, ſeinen Schmerz, ſeine Thränen, ſeinen befleckten Namen. Das iſt es, was e, te n e 8 223 uns das Geſetz gegeben hätte; aber wir haben es verſchmäht, zum Erſtaunen des Niederträchtigen.“ „Iſt es möglich,“ entgegnete Dick, tief gerührt von der trautigen Geſchichte,„daß Georg Selwin ein ſolcher Flender ſein konnte?“ „Nenne ihn bei ſeinem wahren Namen,“ ant⸗ wortete Sam,„nenne ihn Sir Mart Raymond!“ „Marc Raymond!“ wieberholte unſer Held. „Mare Raymond und Georg Selwin ſind eine und dieſelbe Perſon,“ fuhr ſein Freund fort;„ich habe es erſt nach Deiner Abreiſe von England er⸗ fahren.“ In einem Zuſtund von Auftegung, ber leichter zu denken als zu beſchreiben iſt, ſprang Dick raſch auf und maß mit langen Schritten das kleine Zim⸗ mer, wo dieſe Unterredung ſtattfand. Ein oder. zweimal wollte er den Namen Marion ausſprechen, aber das Wort erſtarb auf ſeinen zitternden Lippen. „Ich glaubte,“ murmelte er,„der Becher des Unglücks ſei voll für mich, mein Herz habe alle Qualen erduldet, die es aushalten kann ohne zu brechen, aber ich irrte mich. Es gibt eine noch ſchwerere Qual: die, zu wiſſen, daß das Mädchen, welches ich ſo zärtlich liebte, die Fratt des Wüſtlings iſt, der das Glück Deiner Schweſter zerſtört hat. O ſelbſtfüchtiger, herzloſer Böſewicht! Warum. warum,“ ſetzte er heftig hinzu,„hat dieſe Entdeckung nicht vor meiner Abreiſe von England ſtattgefunden?“ „Haſt Du keine Briefe von Barnatd erhalten?“ fragte Sam eifrig. „Nein.“ „Auch nicht von... 4 „Sprich nicht von ihr,“ fiel ſein Freund haſtig ein,„ihr theurer Name, von einem Andern als von mir ausgeſprochen, würde mich niederdrücken. Mein Herz klopfte, wenn ich in der Einſamkeit der Wüſte ihn zu flüſtern wagte, wenn ich, dieſen ſüßen Namen auf den Lippen, von einem fieberiſchen Schlaf er⸗ wachte. Du ſcheinſt erſtaunt„ beſtürzt,“ ſetzte er hinzu,„und doch muß die Erfahrung Dich gelehrt haben, daß es Wunden gibt, welche immer bluten.“ „Wenn man keine Hoffnung hat,“ ſagte der Tänzer. „Keine Hoffnung!“ wiederholte unſer Held,„und welche Hoffnung kann mir bleiben? Ich kenne Ma⸗ rions reines und tugendhaftes Herz. Einmal die Frau eines Andern, ſo tief auch mein Bild in ihrem Herzen eingewurzelt ſein mag, wird ſie es ausreißen und von ſich werfen, müßte es ihr auch alles Blut koſten.“ „Allerdings, wenn ſie die Frau eines Andern wäre.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Dick, ſagte der junge Mann, ſeine beiden Hände faſſend,„die Vorſehung ſcheint dieſes unver⸗ hoffte Wiederſehen herbeigeführt zu haben. Laß mich Dich bitten, ruhig zu ſein und gefaßt das, was ich Dir zu ſagen habe, anzuhören. „Fürchte nichts,“ antwortete der unglücklich Lie⸗ bende,„ich bin mit dem Schmerz vertraut; was haſt Du mir mitzutheilen?“ „Ich will Dir von etwas Erfreulichem erzählen,“ ſagte Sam,„etwas Erfreulichem, wie es die leb⸗ hafteſte Einbildungskraft kaum zu hoffen oder zu malen wagen würde. Das Opfer, von dem Du ſprichſt, iſt noch nicht vollzogen. Marion, ich muß wohl ihren Namen ausſprechen, iſt frei. Ihr Vater, voll Abſcheu über Marcs Niederträchtigkeit, hat das Heirathsprojekt abgebrochen und, was noch mehr, aus eigenem Antrieb eingewilligt, Dir ſeine Tochter zu geben. Dick, lieber Dick,“ ſetzte er hinzu, beun⸗ ruhigt über die furchtbare Bläſſe, welche das Ange⸗ ſicht ſeines Freundes bedeckte,„ertrage Dein Glück als Mann; der Sturm, der es zu zerſtören drohte, iſt vorüber. Glaube mir, glaube mir, ich würde cher ſterben, als Dich in einem ſolchen Fall täuſchen. Ich habe die Verſicherung dafür aus Mr. Barnards eigenem Munde.“ Mit einer convulſiviſchen Anſtrengung zog der betäubte junge Mann ſeine Hände aus denen ſeines Freundes und verbarg das Geſicht, beſchämt darüber, ſelbſt ſeinen alten Kamaraden zum Zeugen der Schwäche zu haben, welche ſein beſchwertes Herz erleichterte. Er erinnerte ſich der Worte ſeines Wohlthäters, als er ihm das Marc Raymonds Vater gegebene Ver⸗ ſprechen wiederholte:„Ich verpflichte mich, unſere Kinder zu vereinigen und damit unſerer langen und treuen Freundſchaft das Siegel aufzudrücken, voraus⸗ geſetzt, daß Mare ſich ebenſo edel und ehrenhaft zeigt, als ſein Vater.“ Sein Rebenbuhler hatte die Be⸗ dingungen nicht erfüllt, und er begriff, daß der Bankier ſich genöthigt ſah, die Hand ſeiner Tochter dem zu bewilligen, den ſein Herz zum Tochtermann wünſchte. „Du haſt mir das Leben wieder gegeben,“ flü⸗ Das Erbe. III. 15 226 ſterte er,„und das, was die Kraft des Lebens aus⸗ macht, die Hoffnung.“ „Es ſind Briefe für Dich da, ich bin davon überzeugt, außer denen, welche ich Dir bringe.“ 8„Briefe! O, gib ſie ſchnell!“ rief ſein Freund voll Aufregung. Sam eilte aus dem Zimmer und kam nach eini⸗ gen Minuten mit den Briefen; Dick riß ſie ihm aus der Hand; aber ehe er Marions Siegel erbrach, küßte er ihren ihm wohlbekannten Namenszug. Sie ſpielte auf einen andern, unmittelbar nach der Entdeckung von Marcs Niederträchtigkeit ge⸗ ſchriebenen Brief an; ſie ſprach von der Güte ihres theuren Vaters, von dem Glück, das ſie empfand, der Ausſicht auf die Heirath mit einem Mann, den ſie nie hätte lieben können, überhoben zu ſein, und drang in ihren Geliebten, ſogleich nach England zu⸗ rückzukehren. Der Brief des Bankiers war noch beſtimmter: „Kehre zurück, Dick! denn wir ſind ohne Dich nicht mehr recht zu Hauſe. Es ſteht Deiner Ver⸗ einigung mit meiner Tochter keine Schwierigkeit mehr entgegen; und wiewohl ich das Ereigniß bedaure, wodurch das Hinderniß gehoben worden iſt, kann ich mich nur freuen, einem Niederträchtigen entgangen zu ſein. Daß keine falſche Delikateſſe oder kein fal⸗ ſcher Unabhängigkeitsgeiſt Dich abhält, von dem Creditbrief Gebrauch zu machen, der in meinem letzten Schreiben eingeſchloſſen war! Betrachte ihn nur als Abſchlagszahlung auf das Heirathsgut, auf das Erbe, das ich Dir beſtimmt habe. Mein Kind und ich, wir ſind hart geprüft worden; aber die Vorſehung war weiſer, als dein armer alter Freund. Es fehlt uns nur an Dir, daß unſer Glück voll— kommen ſei.“ „Edler Mann!“ rief unſer Held.„Ah! jetzt haben Rang und Vermögen einen Werth in meinen Augen, weil ſie mich ſeiner Güte weniger unwürdig machen.“ Sam ſah ihn mit Erſtaunen an. „Wäreſt Du auch an Rang und Vermögen Dei⸗ nem unwürdigen Nebenbuhler gleich,“ ſagte er,„es könnte weder Dein Verdienſt, noch ihre Zuneigung zu Dir erhöhen.“ „Ich bin ihm gleich an Rang und Vermögen,“ antwortete Dick ſtolz;„und beim Himmel, die größte Freude, welche mir dieſe Entdeckung macht, iſt das Recht, Marc zur Rechenſchaft für die Deiner Schweſter zugefügte Beleidigung ziehen zu dürfen. Der Feig⸗ ling hat ſich geweigert, dem Bruder ſeines Opfers Satisfaction zu geben, Sir Walter Herbert wird er ſie nicht zu weigern wagen. Und er erzählte ſeinem erſtaunten Freunde Alles, was er ſeit ſeiner Ankunft in Auſtralien erfahren hatte: die Entdeckung ſeiner Geburt, die Ermordung Cuſacks, den Diebſtahl der Papiere, den Tod Amen Corners. „Meine Freunde und ich,“ fuhr er fort,„haben den Räuber, der gegenwärtig im Beſitz dieſer Pa⸗ piere iſt, durch die Wälder verfolgt. Er kann noch nicht nach England abgegangen ſein. Noch vor eini⸗ gen Stunden war ich gleichgültig gegen den Erfolg, aber jetzt fühle ich, daß ich nicht ſcheitern kann, da ich Marion und das Glück in Ausſicht habe. Ich 228 werde den Schurken über die ganze Erde verfolgen, wenn es ſein muß, aber ihm die Beweiſe für meine Geburt, die Anſprüche auf mein Vermögen entreißen.“ „Kennſt Du dieſen Mann?“ Dick erklärte mit einigen Worten, es ſei der Spitzbube, den er ſo geſchickt zu Mancheſter er⸗ wiſcht habe. „Ich ſollte ihn kennen,“ ſagte Sam mit träu⸗ meriſcher Miene;„es iſt ſelten, daß ich ein Geſicht, das ich einmal geſehen, vergeſſe; aber wir haben Zeit, au die zu ergreifenden Maßregeln zu denken. Ich muß Mignonne auf Dein Wiederſehen vorbereiten. Du wirſt ſie ſehr verändert finden,“ ſetzte er hinzu. „Armes Mädchen, ein Wurm nagt an ihrem Herzen.“ „Fühlt ſie ihre Kränkung ſo ſehr?“ „Ihre Kränkung nicht, aber ihre Beſchimpfung. Das Schlimmſte iſt, daß ich fürchte, ſie liebt den Niederträchtigen. Sie kann es nicht über ſich ge⸗ winnen, das Haus zu verlaſſen. Selbſt die Beſuche der Webb, ihrer alten Freunde, ſind ihr unange⸗ nehm. Gog iſt der Einzige, bei dem es ihr wohl iſt.“ „Du haſt alſo die Webb geſehen?“ „Ich bin ihr Aſſocié. Man muß Millionär ſein, um in Auſtralien unthätig zu leben. Wenn das Goldfieber drei Jahre dauert, werden wir für unſer Leben reich genug ſein. Aber was iſt Geld ohne Glück? Ich würde es bis auf meinen letzten Schil⸗ ling hergeben, um wieder ein Lächeln und die Farbe der Geſundheit auf meiner Schweſter Geſicht zu ſehen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Sam, um Mi⸗ gnonne auf das Wiederſehen ihres alten Freundes 229 vorzubereiten, der ſeine Abweſenheit benützte, um noch einmal die Briefe von Marion und ihrem Vater zu leſen. Mit jeder von ihrer freundlichen Feder geſchrie⸗ benen Zeile fühlte er ſein Herz leichter und ſeinen Vorſatz feſter werden, denn von nun an hatte das Daſein Reiz für ihn. Die Apathie, dieſes bleierne Gewicht, das ihn niedergedrückt hatte, war ver⸗ ſchwunden; die Vergangenheit erſchien ihm nur wie ein häßlicher Traum, während die Zukunft in allen den reichſten Hoffnungen des Lebens, ſtrahlend wie ein wolkenloſer Himmel, vor ihm aufleuchtete. Wie viel Schönes ſeine Einbildungskraft ihm vor⸗ malte! die Liebe des reizenden Mädchens, das er vergötterte, die Freude ſeines Wohlthäters, einen Marions würdigen Namen, ein Vermögen, das ihm geſtattete, Glück um ſich zu verbreiten. Wenn noch eine düſtere Wolke übrig blieb, ſo war es die Be⸗ trübniß der Freunde ſeiner Kindheit, die er wie ein Bruder liebte. „Wenn ich ihre Wunden nicht heilen kann,“ dachte er,„werde ich ſie wenigſtens rächen können; Marc darf ſich nicht der Strafloſigkeit freuen.“ Als Sam zurückkehrte und ihn zu Mignonne führte, wurde unſer Held von der Veränderung be⸗ troffen, welche im Ausſehen des armen, verrathenen Mädchens ſtattgefunden hatte. Ihre ganze Heiterkeit war verſchwunden; Bläſſe deckte ihre Züge, nicht die Bläſſe der Krankheit, ſondern der Verzweiflung, und ihr ſylphidenartiger Körper war verwelkt, gleich einer Blume, die in einen der Feuchtigkeit beraubten Boden verſetzt wurde. Kaum hatte er ſie einen Augenblick angeſehen, als die alte Freundin ſeiner Spiele ſich ihm in die Arme warf und, ihr Geſicht mit kindlichem Vertrauen än ſeiner Schulter verbergend, ausrief: „Sieh' mich nicht an, Dick! Ich kann es nicht ertragen, daß ſelbſt Du Zeuge meiner Schmach biſt.“ „Schmach!“ erwiderte der junge Mann mit leb⸗ hafter Erregung;„nimm dieſes Wort zurück; ſei gerechter gegen Dich ſelbſt; das Laſter allein entehrt und nicht das Unglück. Kannſt Du mich für ſo unge⸗ recht halten, dieſes Wort Schmach mit einer Rein⸗ heit wie der Deinigen in Verbindung zu bringen? Erhebe Deine Augen, Mignonne,“ fuhr er fort. „und wenn ich Dich nicht lächeln ſehen kann, ſo zeige mir wenigſtens, daß Du mich vertrauensvoll betrachteſt. Beim Himmel! Es iſt keine verheirathete Frau in England, ſelbſt nicht die Mutter, die mir das Leben gegeben hat, wenn ſie noch lebte, die mir mehr Achtung einflößt, als Du, betrogenes, ver⸗ rathenes, aber nicht entehrtes Opfer eines Wüſtlings, eines Herzloſen!“ Dieſe Troſtworte ſchienen die von Dick erwartete Wirkung hervorzubringen. Mignonne fühlte die Achtung vor ſich wiederkehren. Nachdem ſie ſich ſanft aus ſeinen Armen losgemacht hatte, erhob ſie ſchüchtern die Augen gegen ihn und brach dann in Thränen aus. „Ich verſtehe Deine Thränen, Mignonne, und ich werde mit Dir weinen können,“ ſprach ihr Freund weiter,„aber ich verſtehe Deine Schande nicht. O laß mich dieſes verhaßte Wort nie mehr von Dir hören! Du haſt mir noch keinen Kuß gegeben. Kann eine Schweſter ihren Bruder ſo gar kalt wieder ſehen?“ „O, wenn mein Sohn ſeine Mutter nicht eben ſo edel beurtheilte,“ ſchluchzte das arme Mädchen, „wenn er mir Vorwürfe machte, mein Herz würde zerreißen.“ „Fürchte nichts. Du wirſt ihn gut erziehen; wenn ein Kind ein gutes Herz und Verſtand hat, verdammt es ſelten ſeine Mutter.“ „Wolle Gott,“ ſeufzte Mignonne,„daß Deine Weiſſagung ſich erfülle.“ Ehe ſie ſich zur Nachtruhe begaben, gingen unſer Held und Sam auf das Poſtbureau, wo ſie endlich nicht ohne Schwierigkeit einen halbtrunkenen Offi⸗ cianten, den einzigen, der geblieben war, ohne Zweifel, weil er an Verkrüpplung litt, weckten. Alle Andern hatten ihre Stellen verlaſſen, um nach den Minen zu eilen. Sie fragten, ob keine Briefe mit der Adreſſe Tarleton da wären, worauf er ſogleich verneinend antwortete. „Aber Sie haben noch nicht nachgeſehen,“ ent⸗ gegnete Dick ungeduldig. „Ich kann es Ihnen ohne Nachſehen ſagen,“ erwiderte der Trunkene mit einem Schluchzer.„Ich brauche nicht nachzuſehen! Es iſt nichts auf dieſen Namen da. Die Bureau's werden um dieſe Stunde geſchloſſen. Es gibt für Niemand mehr einen Brief.“ „Wir wollen ſehen, wollen ſehen,“ ſagte Sam, „Sie werden mir gewiß den Gefallen thun, ſich zu überzeugen.“ Der Beamte ſchaute erſtaunt zu ihm auf und erkannte ihn allmälig, da er ihn oft im Shakesſpeare⸗ Tempel geſehen hatte. „Ich will nachſehen, Ihnen zu lieb,“ ſagte er, „ein famoſer Patron! ſolid auf den Knöcheln. und weiß ſeinem Liedchen einen köſtlichen Geſchmack zu verleihen. Welche Adreſſe nannten Sie?“ „Tarleton.“ Der Beamte wiederholte mehrmals dieſen Namen, um ihn ſeinem Gedächtniß einzuprägen, indem er zugleich eine Maſſe Briefe durchging, welche darauf warteten, reklamirt zu werden. „Welcher Vorname?“ fragte er. „Richard.“ „Hm! es ſind zwei da„ drei Schilling engliſch.“ Dick ſtreckte eifrig die Hand nach ihnen aus. „Zuvor das Geld,“ ſagte der Beamte. Sam bezahlte für ſeinen Freund, und nachdem er ſich verſichert hatte, daß die Adreſſen von der Hand Marions und ihres Vaters waren, ſteckte unfer Held die Briefe in ſeine Taſche. „Ich will Dir eine halbe Stunde laſſen, ſie zu leſen,“ ſagte ſein Wirth, als ſie zu Hauſe ange⸗ kommen waren.„Inzwiſchen will ich mich mit Deinen Begleitern beſchäftigen. Bei meiner Rückkehr habe ich Dir einen Vorſchlag zu machen.“ „Von welcher Art?“ „Wie Du ihn gern haſt; einen abenteuerlichen Vorſchlag, aber der mir das einzige Mittel ſcheint, die von Dir geſuchten Beweiſe zu erlangen. Ich ſage Dir zum voraus, daß es nicht nur eines feſten Herzens, ſondern auch eines kalten Kopfs bedarf. Ich bin nicht ſeit einem Monat in Sydney, ohne Einiges von den Eigenthümlichkeiten der Stadt kennen gelernt zu haben. Iſt Spuggins hier, ſo befindet er ſich an dem Ort, wohin ich Dich führen werde.“ „Sei unbeſorgt,“ ſagte ſein Freund,„ich bin wohl bewaffnet.“ „Du wirſt Deine Waffen daheim laſſen müſſen.“ „Und meine Begleiter?“ „Sie bleiben, wo ſie ſind. Ueberlaß Dich blind⸗ lings meiner Leitung, wie ein Kranker der ſeines Arztes, oder ein Client ſeinem Advocaten.“ Dick reichte Sam die Hand zum Zeichen ſeines vollkommenen Vertrauens. Der Tänzer drückte ſie lächelnd und ſie trennten ſich. „Und nun, ſehen wir nach dieſen Briefen,“ ſprach unſer Held bei ſich. Neunundvierzigſtes Kapitel. „Es iſt außer Zweifel,“ ſprach Sam, als er ſein Project dem Freunde auseinanderſetzte,„daß der Räuber, welcher die für Deine Zukunft ſo wichtigen Papiere beſitzt, in ſeiner Hoffnung, nach England ſich einzuſchiffen, getäuſcht, ſeine Schritte nach den Minen gewendet hat, und ich ſchlage Dir vor, uns dahin allein, Du und ich, in dem niedrigen Auf⸗ äuge von Arbeitern zu begeben. Vielleicht wird es nöthig ſein, um den Verdacht zu entwaffnen,“ ſetzte er hinzu,„uns für Franzoſen vder Deutſche auszu⸗ geben. Spuggins wird wahrſcheinlich ſeinen Lands⸗ leuten ausweichen, oder wohl einer Bande jener Be⸗ feſſenen ſich anſchließen, welche in der gegenwärtigen Kriſe gleichmäßig den Geſetzen der Menſchheit Trotz bieten.“ „Ich habe nur Eins gegen Dein Project einzu⸗ wenden,“ erwiderte unſer Held nach einigen Minu⸗ ten Ueberlegung. „Was iſt es?“ „Daß es Dich von Deiner Schweſter trennt. Mignonne hat keine andere Stütze auf der Welt, als Dich. Sie iſt wie eine abgeriſſene Blume, deren Exiſtenz von der Stütze abhängt, an welche die zer⸗ quetſchten Ranken ſich anklammern; nimm die Stütze weg und die Blume iſt dahin. Ich wage nicht, ſelbſtſüchtig genug zu ſein, um Dein großmüthi⸗ ges Anerbieten anzunehmen; denn was wären Rang und Vermögen, wenn ich meinen Freund ver⸗ löre?“ „Und was wäre die Freundſchaft,“ fragte Sam, „wenn die Gefahr ſie erſchüttern könnte? Was meine Schweſter betrifft, ſo wird ſie mit ihrem Kinde unter dem Schutze der Webbs bleiben; ſie ſind roh, aber gut; ſeit ihrer Kindheit iſt ſie an ihre rauhen Manieren gewohnt. Und dann iſt Gog da, welcher ſterben würde, um ihr einen Dienſt zu leiſten.“ Dick zanderte noch; es lag nichts von Egoismus in ſeinem Character. Er wollte wohl ſein eigenes Leben auf's Spiel ſetzen, wiewohl es ihm nie ſo hoffnungs⸗ und verheißungsreich vorgekommen war, als ſeitdem er die Briefe von Marion und ihrem Vater erhalten hatte, aber nicht das Leben eines Andern. Es bedurfte der ganzen Uneigennützigkeit und Beharrlichkeit des Tänzers, um ihn zu vermögen, einem Project beizuſtimmen, das gleichwohl die einzige Ausſicht auf Erfolg hatte. „Du biſt es dem Andenken Deines Vaters ſchul⸗ dig, das Ungeheuer zu ſtrafen, das ſein Glück und Daſein zerſtört hat; Du biſt es dem Mädchen ſchul⸗ dig, das Du liebſt, den Namen und das Vermögen zu erobern, deren Du ungerecht beraubt worden biſt; Du biſt es Deinem Sohne ſchuldig, wenn Gott Eure Ehe ſegnet, das Erbe ſeiner Ahnen ihm zu überliefern. Gleichgültigkeit wäre ein Verbrechen, wenn ſo viele geheiligte Motive Dich vorwärts treiben.“ Georg Chaſon und William Giles wurden ge⸗ rufen und in's Vertrauen gezogen. Nicht ohne Schwierigkeit ſtimmten ſie einer Trennung bei, welche der Hoffnungsfarmer zuletzt begriff und in die er nur brummend ſich fügte. Sam ſeinerſeits mußte ſeinen Aſſocié in Kenntniß ſetzen; aber Webb, der ſelbſt daran dachte, ſich mit ſeiner Truppe in die Nähe der Arbeiter zu begeben, war entzückt über Sams Reiſe, der ihm Mittheilung darüber zu machen verſprach, welcher Gewinn in der Nachbarſchaft der placers zu hoffen ſtände. „Sie würden gut daran thun, Gog mitzunehmen,“ ſagte Euphraſia. „Nein,“ erwiderte der Tänzer,„ich habe einen Begleiter gefunden.“ 236 Wer iſt es?“ fragten neugierig Mann und Frau. Sam zögerte; er zweifelte nicht an ihrer Treue, wohl aber an ihrer Discretion. Er fühlte jedoch, daß es unklug wäre, ihnen ein Geheimniß daraus zu machen. „Jemand, welcher der Genoſſe meiner Kindheit geweſen iſt,“ antwortete er,„aber ich habe mehrfache Gründe, zu wünſchen, daß ſein Name nicht erwähnt wird. Er hat Feinde in dieſem Lande.“ „Es iſt Dick!“ rief Mrs. Webb.„Sie können mich nicht täuſchen. Wo iſt er, das theure, edle Kind, die Hoffnung meiner Wittwenſchaft, der ſüße Troſt meines Herzens?“ Bei dem Worte Wittwenſchaft machte ihr Gatte große Augen; dieſes Wort hatte etwas Ohr⸗ zerreißendes für ihn. Aber Euphraſia's Entzückun⸗ gen geſtatteten ihm nicht, eine Gegenbemerkung zu wagen. Dick gab ſich allen Exploſionen ihrer Zärt⸗ lichkeit hin, und Sam wartete ab, bis ſie ruhig ge⸗ nug war, um mit ihr von ſeiner Schweſter und deren Kind zu reden. Webb und ſeine Frau übernahmen gern die Sorge für Mignonne und ihr Kind, während der Abweſen⸗ heit ihres Bruders. Er wußte, daß er bei aller ihrer Excentricität Schweſter und Reffen ihnen anver⸗ trauen konnte, um ſo mehr, als Gog mit dem Muth und der Treue eines Spürhundes über ſie wachen würde; ſie konnten keinen wackerern noch ergebeneren Beſchützer finden. Sam verſprach dem Director, vor Ablauf eines 237 Monats zurückukehren, um ihm zu ſagen, was zu hoffen wäre. „Wenn Sie nur Dick und Mignonne überreden könnten, ſich uns anzuſchließen,“ ſagte Eugenie ihm in's Ohr, nachdem ſie ihm glücklichen Erfolg ge⸗ wünſcht hatte,„ſo dürfte man ſich nur bücken, um ein Vermögen zu ſammeln ein Vermögen, hören Sie?“ Ihr Aſſocié nickte. „So lange ich Brod für ſie verdienen kann, wird meine Schweſter nie wieder die Bretter be⸗ treten.“ ch denke, er hat Recht,“ murmelte Webb, als Sam den Shakeſpeare⸗Tempel verlaſſen hatte,„es iſt ein rauhes Gewerbe für ſie; armes Mädchen! armes Mädchen!“ Bei der Rückkehr wurde Dick von Georg Chaſon benachrichtigt, daß er wiſſe, wohin Spuggins das geſtohlene Pferd verhandelt habe, und Willens ſei, daſſelbe wieder an ſich zu kaufen, um es ſeinem Ei⸗ genthümer, Mr. Hammond von Melbourne, zurückzu⸗ bringen. Der, welcher ihm dieſe Mittheilung gemacht hatte, erklärte zugleich, der Flüchtige ſei nur einige Stunden in der Stadt geblieben und nach Anſchaf⸗ fung der nöthigen Gegenſtände nach den Goldfeldern von Bathurſt abgegangen. Nachdem ſie von ihren Genoſſen Abſchied genom⸗ men, traten Dick und ſein Freund am nächſten Morgen in der Frühe ihre abenteuerliche Erpedition an. Das von ihnen gewählte Coſtüme veränderte ſie dermaßen, daß es ſchwer hielt, ſie zu erkennen. Dicke Kappen⸗ ſtiefel, lange Weſten mit unzähligen Taſchen, Ma⸗ 238 troſen⸗Jacken und breitkrämpige Hüte machten ihren Anzug aus. Beide waren wohl bewaffnet und trugen den Sack auf den Schultern. Zu noch größerer Vorſicht beſchloßen ſie, ſich den Bart wachſen zu laſſen. „Wer würde ſich einbilden,“ ſagte Sam, fröhlich weiter marſchirend,„daß dieſe grobe Verkleidung den Erben von Crowshall verberge?“ „Und den Harlekin des letzten Ballets von Drury⸗ lane?“ ſetzte unſer Held hinzu.„Die Welt iſt ein wahres Theater,“ fuhr er fort,„und ich habe darauf ſchon mehrere Rollen geſpielt. Zuerſt die eines ver⸗ laſſenen Kindes, das aus dem Hoſpital extfloh, dann die eines Vagabunden ohne Aſyl, eine lers auf Märkten, und kurz hernach, Dank meinem trefflichen Wohlthäter, die eines Schülers. Folgt darauf die Rolle eines Verliebten, und da bin ich nun als Abenteurer, Vermögen und Namen ſuchend! Ich möchte wiſſen, welche Rolle mir noch weiter unſer General⸗Director, das Schickſal, aufer⸗ legen wird.“ „Eine glückliche und ſehr lange Rolle, hoffe ich,“ erwiderte ſein Freund,„die des Gatten und engli⸗ ſchen Edelmanns. Ich habe keinen von Natur allzu vertrauensvollen Character, aber Etwas läßt mich ahnen, daß es Dir gelingen wird. Des Glück wird manchmal müde, die zu verfolgen, welche deſſen Strenge mit Kraft ertragen.“ „Du haſt ſie tapfer ertragen, mein lieber Sam. Wie Viele gibt es derer, die gleich Dir als Kind auf die bewegten Fluthen des Lebens hinausge⸗ ſtoßen, ohne Steuerruder für die Fahrt, ohne Con — — paß zur Leitung, ertrunken ſind, anſtatt das Ufer zu erreichen?“ Die Phyſiognomie ſeines Begleiters nahm einen Ausdruck der Trauer an. Er dachte an ſeine Schwe⸗ ſter und ſagte bei ſich, daß er hundertmal lieber ſich von dem Abgrunde hätte verſchlingen laſſen, voraus⸗ geſetzt, daß ſie und ihr ſchwaches Fahrzeug dem Schiffbruch entgangen wären. Dick errieth, was in ſeinem Geiſte vorging und fuhr fort: „Fürchte nichts; ſeine Beleidigungen ſollen gerächt werden. Beim Himmel! wenn die Ausſicht, den Namen meines Vaters wieder zu gewinnen, mein Herz ſtärker ſchlagen macht und das Blut in meinen Adern erwärmt, ſo geſchieht es wegen des Rechtes, des unbeſtreitbaren Rechtes, das ich haben werde, Marc Raymond wegen ſeines Benehmens zur Rechen⸗ ſchaft zu ziehen. Mignonne iſt beinahe ſo gut meine Schweſter wie die Deinige; ich bin oder will wenigſtens ein Bruder ſein, um ihre erlittene Kränkung zu rächen, und ich werde die Rechte eines Bruders in Anſpruch nehmen.“ „Das überraſcht mich nicht,“ erwiderte der Tän⸗ zer, ihm die Hand dankbar drückend,„denn Du biſt der einzige Menſch, der meine Erwartung nie ge⸗ täuſcht hat. Ich erinnere mich unſeres Zuſammen⸗ treffens zu Bury⸗St⸗Edmunds; es lag keine falſche Scham in Dir, kein Verlangen, der Wiedererkennung der armen Vagabunden auszuweichen. Und als ich meine Maske im Theater lüftete, ich kann Dir nicht ſagen wie unruhig ich war, mit welchem Eifer ich Deine Züge erforſchte, um zu ſehen, ob das Wieder⸗ erkennen Dir ebenſo viel Vergnügen machte, wie mir. O, wie mir das Herz in der Bruſt hüpfte, als Dein Lächeln mich verſicherte, daß Freundſchaft kein leeres Wort unter uns war!“ Während der erſten Tage ihrer Wanderung be⸗ gegneten ſie mehreren Geſellſchaften, die ſich gleich ihnen nach den Feldern begaben, wo man Gold erntete. Die Einen waren offen und aufrichtig, ſprachen frei von ihren Angelegenheiten, ihren Hoff⸗ nungen; die Andern zurückhaltend und düſter, beſon⸗ ders wenn man England nannte, oder ſie nach den Sne fragte, die ſie zur Auswanderung ver⸗ anlaßt hätten; ein Zeichen,„daß ſie ſich irgend etwas, was wenig Ehre machte, vorzuwerfen hatten,“ ſagte Sam. Bei der letztern Sorte von Leuten verweilten ſie die meiſte Zeit, in der Hoffnung, Nachrichten von Bill Spuggins zu erhalten. „Muth!“ ſprach er nach jeder Enttäuſchung,„wir werden in den Minen glücklicher ſein.“ Kach einer beſchwerlichen, aber nicht von großen Gefahren begleiteten Reiſe, die acht bis neun Tage dauerte, kamen ſie im Angeſicht der Blauen Berge an, wo die wahre Gefahr für die, welche ſich nach den Gold⸗ feldern begaben, anfing. Man mußte ſich den Weg durch einen mit Gebüſch ſo verwachſenen Wald bah⸗ nen, daß es beinahe unmöglich war, durchzukommen. So verunglückte eine große Zahl in dieſen Gehölzen, von Schluchten durchſchnitten, welche dem Wanderer außerordentliche Schwierigkeiten boten, nicht ſowohl wegen ihrer Tiefe, als wegen der ſteilen Böſchung ihrer Ränder. Um ſie zu überſchreiten, mußte man —,—„— ſich in die Tiefe hinablaſſen und dann an der an⸗ dern Seite wie eine wilde Katze wieder hinaufklettern. Vierzehn Tage vergingen, ehe ſie die Ebenen erreichten, wo ſie eine aus Abenteurern aller Rativ⸗ nen gemiſchte Bevölkerung antrafen, welche Gold ſuchte, die Einen ohne anderes Geräthe als eine Schüſſel von Eiſenblech, worin ſie den Sand aus⸗ wuſchen, die Andern tiefe Löcher in den Boden grabend, aber alle daſſelbe Ziel: Gewinn ver⸗ folgend. Es wäre unmöglich, die Verwirrung zu beſchrei⸗ ben, welche unter Menſchen herrſchte, die kein ande⸗ res Geſetz hatten, als ihre eigenen Leidenſchaften. Man ſpielte, man berauſchte ſich, Händel und Dieb⸗ ſtähle wiederholten ſich alle Tage, beinahe Stunden. Selbſt ſchrecklichere Verbrechen kamen vor. Mehr als ein vereinzelter Abenteurer, welcher, um der Befleckung durch dieſe Geſellſchaft zu entgehen, ſein Zelt in einiger Entfernung aufgeſchlagen hatte, wurde ermordet gefunden wegen des von ihm ge⸗ ſammelten Goldes. Dieſe Leichname wurden beinahe ohne Unterſuchung von Denen, welche ſie fanden, eingeſcharrt. Die Gerechtigkeit war gelähmt, ihre eiſerne Hand an dieſen Orten machtlos wie die eines neugebornen Kindes. Wie bei den meiſten Speculationen in dieſer Welt, zogen nicht die, welche ſich am meiſten an⸗ ſtrengten, den größten Vortheil. Der beträchtlichſte Theil des dem Erdboden entriſſenen Gewinns ſammelte ſich in den Taſchen der Bier⸗, Liqueur⸗ und Lebens⸗ mittel⸗Verkäufer. Die einfachſten Gegenſtände des Verbrauchs wurden zu fabelhaften Preiſen verkauft; Das Erbe. II. 16 242 man zahlte einen Platz über Nacht in einem Zelte von grober Leinwand oder einer unförmlichen Hütte ſo theuer, wie das koſtſpieligſte Appartement zu Paris oder London. Das erſte Etabliſſement dieſer Art, wohin un⸗ ſere Freunde ſich wandten, war eine lange Baracke, oder vielmehr ein Schuppen, von zwei Amerikanern gehalten und mit dem Schild: zum Großen Nug⸗ get*) bezeichnet. Es war am Abend ihrer Ankunft. Ermüdet und ſterbend vor Durſt ſuchten ſie einen Platz, wo ſie ihre erſchöpften Kräfte wieder ſammeln und die Nacht zubringen könnten. Das Innere war ſo in Rauch gehüllt, daß mehrere Minuten verfloßen, ehe ſie ſich einen Weg durch die trinkende, fluchende, ſpielende, ſich zankende Menge bis zum andern Ende des Gebäudes bahnen konnten, wo einer der Eigen⸗ thümer ſaß. Dieſer rauchte gleichgültig eine Cigarre und überwachte ein junges Mädchen, blaß aber mit intereſſantem Geſicht, beſchäftigt, Grog zu mi⸗ ſchen, aber kaum im Stande, allen Forderungen zu genügen. „Ich errathe, daß Ihr Engländer ſeid,“ antwor⸗ tete Hackabut Stark, Herr des Etabliſſements, als unſere Freunde ihn fragten, ob er ihnen Betten geben könnte.„Ihr nehmt alſo den Großen Nug⸗ get⸗für das Victoria⸗Hotel!“ ſetzte er mit einem dem Gluckſen ähnlichen Gelächter hinzu.„Betten! *) So nannte man die größern Stücke Goldes, die man fand. A. d. R. 243 der muß ſtolzes Glück haben, der ſich in dieſem Lande eine Decke verſchaffen kann; nicht wahr, Sara Anna?“ Das Mädchen äntwortete nur mit einem ſchwachen. Lächeln. Sam gab zu, doß ſeine Vermuthung ge⸗ gründet wäre. „Ihr braucht es mir nicht zu ſagen,“ fuhr der Amerikaner fort, einen Strahl von Speichel zwiſchen den geſchloſſenen Zähnen ausſpritzend,„ich kenne die matte Redeweiſe von Alt⸗England, obgleich ich nie⸗ mals dort geweſen bin!.... Starke Burſche,“ ſetzte er hinzu, ſie mit Kennermiene prüfend,„die Bruſt breit wie bei einem jungen Büffel, die Glie⸗ der muſculös, Temperament lebhaft wie bei einem Iſt es lange her, daß Ihr in den Minen ſeid?“ „Wir kommen dieſen Augenblick an,“ antwortete Dick, ungeduldig über dieſe Fragen,„und haben auch einen Heißhunger wie das Thier, auf das Sie eben angeſpielt haben.“ Mr. Hackabut Stark ließ eine Art erſtickten Pfei⸗ fens hören. „Zarte Hände,“ murmelte er,„das gilt hier nicht viel. Iſt es der erſte Ort, wo Ihr ein Unter⸗ kommen ſuchet?“ Die Wanderer antworteten bejahend. „In dieſem Fall,“ antwortete er,„will ich nicht mehr als zwei Dollars für die Nacht von Euch zu welchem Preiſe Ihr dieſe Bank haben önnt. „Aber wir brauchen Betten,“ antwortete unſer Held. 244 „Warum habt Ihr ſie nicht mitgebracht?“ ſagte lächelnd der Beſitzer des Hotels vom Großen Nugget,„wir haben keine anderen Betten hier; nimmt ſie oder nimmt ſie nicht; es gibt noch Lieb⸗ haber genug.“ „Es iſt unmöglich,“ rief Sam, nachdem er mit dem Auge die angebotene Bank gemeſſen hatte, die 5 ½ Fuß lang und 16 Zoll breit war,„es iſt un⸗ möglich, daß wir Beide hier ſchlafen.“ Der Amerikaner nickte mit dem Kopf, als wollte er ſagen, es ſcheine ihm ſelbſt ſo. „Was machen?“ ſetzte Sam hinzu. „Der Eine von Euch muß ſich unter dieſelbe le⸗ gen,“ erwiderte der Wirth,„man verliert hier kei⸗ nen Platz. Wie wenig Einbildungskraft habt Ihr doch, Ihr Engländer! Amerika bringt die alte Inſel in Bezug auf Ideen hinunter. Und wißt, daß es hier keinen Credit gibt; die Zeiten ſind hart, die Kunden ſchlüpfrig wie Aale, und wir halten keine Bücher.“. Ueberzeugt, daß ſie es nicht beſſer finden konn⸗ ten, und hoffend, im Großen Nugget etwas von Bill Spuggins zu erfahren, willigten die ermüdeten Wanderer in die ungeheure Forderung und zahlten Dollars. Für fünf weitere lieferte man ihnen hee ohne Milch, zwei Eier, die nicht ſehr friſch waren, und ein wenig Brot, und da alle Tiſche be⸗ ſetzt waren, hatte Mr. Hackabut die äußerſte Gefül⸗ ligkeit, ihnen zu geſtatten, dieſes Mahl auf einem leeren Faſſe einzunehmen, welches einer der Kellner neben die Bank wälzte, welche Beiden als Bett dienen ſollte. „Ihr ſcheint mir noch ziemlich Novizen,“ ſagte der Patron,„ſo will ich Euch denn einen Rath um⸗ ſonſt geben; ſonſt laſſe ich mir denſelben bezahlen. Macht es wie die Squ atters, bleibt fein bei Eurer Bank, wenn Ihr ſie behalten wollt; erinnert Euch, daß ich nicht mehr für dieſelbe ſtehe, wenn Ihr ſie einen Augenblick verlaßt. Ich erlaube mir keine Einmiſchung, wenn ein Gentleman mit einem andern Streit anfängt. Ich laſſe meine Kunden immer ihre kleinen Affairen ſelbſt in Ordnung bringen; es iſt mein Syſtem ſo und ich befinde mich wohl dabei.“ Nach dieſem wohlwollenden Rath verließ er ſie. „Vielleicht nicht ſo ſehr Novizen, als er ſich ein⸗ bildet,“ flüſterte Sam ſeinem Freunde in's Ohr, als Hackabut ſich zurückgezogen hatte.„Nun, es iſt noch ſchlimmer, als ich dachte, aber weil wir einmal da ſind, muß man bleiben, und unſer Zweck iſt es wohl werth, ſich einiger Gefahr auszuſetzen.“ Während ſie ihr beſcheidenes Mahl einnahmen, hatten ſie Zeit, umzuſchauen und zu beobachten, was in der Baracke vorging. Sechs Männer ſaßen am nächſten Tiſch. Ihre langen Haare, ihre ſchwarzen, glänzenden Augen, ihre Geberden und Ausrufe bei jedem Wechſel des Spiels(ſie bedienten ſich abſcheulich ſchmutziger Kar⸗ ten) kündigten Italiener oder Spanier an, aber eher Spanier, denn jeder von ihnen hatte ſein eingeſchla⸗ genes Meſſer neben ſich auf dem Tiſche. Sie hatten Glück in den Minen gehabt, nach den beträchtlichen Summen, welche von Hand zu Hand gingen, und nach den koſtſpieligen Liqueuren zu ſchließen, welche 246 ſie abſorbirten. Es war etwas Schreckliches, ihre Läſterungen zu hören und die wilde Gleichgültigkeit zu ſehen, womit ſie die Frucht ihrer beſchwerlichen Arbeiten verſpielten. Deutſche und Engländer waren auf dieſelbe Weiſe an andern Tiſchen beſchäftigt. Zuweilen erhob ſich einer der Verlierenden raſch, um nach einem Winkel des Schuppens zu eilen, wo ein Gentleman mit einem ſüßlichen Geſicht, offenbar ein Jude, ſeine Boutique aufgeſchlagen hatte. Dort ver⸗ kaufte er ſeine Nuggets für Dollars oder Souverains und kehrte dann zurück, ſein Glück von Neuem zu verſuchen. Alle Gäſte, mit Ausnahme von einem zwei friedlichen Deutſchen, ſpielten irgend ein Spiel. „So iſt die Welt im Kleinen!“ rief Dick, dieſe niedrige Scene betrachtend.„Die Spitzbuben ziehen den größten Gewinn.“ Obgleich die Baracke ſo überfüllt war, daß man faſt erſtickte, vergrößerte ſich die Zahl der Gäſte noch durch die Ankunft einer großen Bande, welche von einigen hier befindlichen Engländern mit Zurufen empfangen wurde. Es war eine in den Minen unter dem Namen Meunier und ſeine Leute wohl bekannte Truppe. Sie galten für die Glück lichſten, wie auch Sorgloſeſten und Verzweifeltſten unter den Goldſuchern, und waren ſo nach ihrem Anführer, einem begnadigten Sträfling, Philip Meunier, benannt worden.. So groß war der Schrecken, den ſie Linflößten, daß ſelbſt Mr. Hackabut Stark, der ſich oft rühmte, weder Menſchen noch Klapperſchlangen zu fürchten, 247 es für politiſch hielt, ſie höflich zu behandeln. In einem Augenblick hatte er ihnen einen Tiſch ge⸗ richtet, wo ſogleich der mit großem Geſchrei verlangte Liqueur aufgetragen wurde. Nie hatte man Individuen mit auffallenderen Galgengeſichtern bei einander geſehen. Der Aus⸗ wurf der Gefängniſſe, der Abſchaum von Norfolk⸗ Eiland hätte keine ſolche Typen liefern können. Je⸗ der von ihnen hatte in ſeinem Benehmen jene In⸗ ſolenz, welche gewöhnlich von dem durch Cynismus verhärteten Verbrechen affectirt wird. Alle ihre Redensarten waren mit Flüchen geſpickt, die wir nicht wiederholen wollen, aus Furcht, dieſe Blätter zu be⸗ ſchmutzen und den Augen unſerer Leſer ein Aerger⸗ niß zu geben. „Nun, alte Krabbe!“ rief ihr Chef, im Augen⸗ blick, als der Herr vom Großen Nugget eine Flaſche Branntwein vor ihn hinſtellte,„was gibt's Neues?“ „Nichts, was Ihr nicht wahrſcheinlich ſchon wiſ⸗ ſet,“ antwortete Hackabut.„Der junge Schotte, der am Kreek oberhalb der Granitſpitze arbeitete, iſt in ſeinem Zelt ermordet gefunden worden.“ „Ha! noch einer dieſer verdammten Fremd⸗ linge! Was wollen ſie hier? Die Colonie iſt nicht den Teufel werth, ſo lang ſie deren nicht ganz los und ledig iſt.“ „Oder bis wir eine Policei haben,“ ſetzte der Yankee hinzu. Meunier ſah den Sprechenden grob an; aber die Züge des ſchlauen Wirths blieben unem⸗ pfindlich. 248 „Nun, worauf wartet Ihr noch?“ fragte der Räuber. „Auf mein Geld, Capitän; Ihr kennt die Regel meines Etabliſſements: kein Credit, ich halte keine Büchet.“ „Glaubt Ihr, ich wolle Euch betrügen?“ brummte der Ex⸗Sträfling, zwei Dollars auf den Tiſch wer⸗ fend. Der Amerikaner ſteckte ſie kalt ein, indem er er⸗ widerte, da er bezahlt habe, ſeie es nicht der Mühe werth, weiter darauf einzugehen. Die Anſpielung auf die Policei hatte offenbar den Gentleman pikirt, der nach einigen Bemer⸗ kungen gegen ſeine Kamaraden die Strophe eines Lieds anſtimmte, worin die Policei lächerlich gemacht wurde. Die Strophe wurde mit lautem Gelächter auf⸗ genommen, dann erhob ſich Meunier und ging ge⸗ rade auf die Stelle zu, wo Dick und Sam ſaßen. „Neue Ankömmlinge?“ ſagte er. Sam nickte bejahend. „Habt Ihr England ſeit langer Zeit ver⸗ laſſen?“ 2 „Wir ſind mit dem letzten Schiff angekommen.“ „Und wann iſt es eingelaufen?“ „Vor etwa einem Monat,“ antwortete unſer Held, ihm eine Cigarre anbietend, welche er gnädig annahm,„und wir hatten eine ſtürmiſche Ueber⸗ fahrt.“ „Habt Ihr viel vom Lande geſehen?“ „Wir begaben uns direct nach den Minen,“ ſagte 1 249 der Tänzer, der es übernahm, für ſeinen Freund zu antworten. Einige von der Geſellſchaft Meuniers gruppirten ſich jetzt um ſie herum, darunter ein ſtarker, unter⸗ ſetzter Burſche von ungefähr vierzig Jahren. Er hatte etwas ausnehmend Schlaues in ſeinen kleinen, grauen Augen, die unruhig und neugierig auf die beiden jungen Männer geheftet waren, als hätte er auf dem Grund ihres Herzens leſen wollen. Fügen wir hinzu, daß er eine niedrige und zurücktretende Stirne hatte, und das übrige Geſicht unter einem dicken, offenbar mehrere Monate alten Bart halb verbor⸗ gen war. „Wollt Ihr eine Parthie mit uns machen?“ fragte der Chef der Bande, mit den Dollars klappernd, welche ſeine Taſche füllten. „Wenn wir einmal in den Minen ſo glücklich ſind, wie Ihr,“ antwortete Sam lächelnd;„aber jetzt ſind unſere Mittel knapp und Meiſter Hackabut gibt keinen Credit.“ „Aber Ihr werdet wenigſtens mit uns trin⸗ ken?“ Das Anerbieten wurde angenommen. Unſer Held und ſein Freund ſetzten ſich die erſte Nacht ſeit ihrer Ankunft an denſelben Tiſch mit den ge⸗ fährlichſten Goldſuchern. Der Tänzer gab ſich ſo viel Mühe ſie zu unterhalten, ſang ihnen ſo luſtige Lieder, erzählte ihnen, ſo viele treffliche Späße, daß Meunier ihnen lang ehe ſie ſich zurückzogen, den Vorſchlag machte, ſich an ſeine Bande anzu⸗ ſchließen. 250 „Wir wollen uns die Sache überlegen,“ ſagte unſer Held.„Jetzt kommt uns Alles noch ſo fremd vor, daß wir kaum wiſſen, wozu wir uns entſchließen ſollen. Ihr ſcheint reich.... wir ſind arm und möchten Niemand zur Laſt fallen.“ „Schließt Euch an uns an und Ihr werdet bald reich ſein,“ ſagte der Räuber;„das Glück hat uns nie im Stich gelaſſen, nicht wahr, Kinder?“ ſetzte er, mit einem Blick auf ſeine um ihn herum ſtehen⸗ den Kamaraden hinzu. „Nie!“ war die allgemeine Antwort. „Ich vermuthe,“ antwortete Sam, mit affectirter Einfalk,„Ihr wißt die beſten Stellen, wo man Gold ſucht!“ „Ja, die beſten.“ Dieſe Antwort wurde von einem bezeichnenden Wink begleitet, welcher unter der Bande ein unwi⸗ derſtehliches Gelächter hervorrief. Meunier beſtand darauf, die beiden jungen Män⸗ ner ſollten ſich ihnen anſchließen. Sie antworteten wie zuvor, ſie wollen es ſich überlegen, womit Jeder⸗ mann ſich zufrieden zu geben ſchien, außer dem Mann mit den kleinen grauen Augen und dem ſtruppigen, dicken Barte. Groß war am andern Morgen die Beſtürzung unter den Goldgräbern, als die Nachricht anlangte, daß der Gouverneur einen Commiſſär mit dem Auf⸗ trag, Patente zu ertheilen, ohne welche Niemand das Goldſuchen geſtattet ſein ſollte, ernannt habe. Man meldete zugleich, daß hinlängliche Streitkräfte auf dem Marſch ſeien, um Gehorſam und Unterwerfung zu fordern. Meetings wurden veranſtaltet, und meh⸗ ——.— — 251 rere erklärten ſtolz ihre Abſicht, Widerſtand zu leiſten. Aber die Wohlgeſinnten ſahen ſogleich, daß es klü⸗ ger ſei, ſich zu fügen. Philipp Meunier und ſeine Genoſſen waren am wüthendſten, den Widerſtand zu predigen, und ſtießen furchtbare Drohungen gegen den Commiſſär oder die Policei⸗Agenten aus, welche ſie zu beunruhigen wagen würden. Zum Glück beſaß Mr. Hardy, der Commiſſär, nicht allein großen Muth, ſondern auch viel Tact, und handelte mit ebenſo viel Feſtigkeit als Raſch⸗ heit. Den Erſten, der ſich weigerte, ſeine Autorität anzuerkennen, verhaftete er mit eigener Hand und ſchicte ihn gefangen nach Bathurſt. Nach dieſem heilſamen Beiſpiel ſtellte ſich eine Art von Ordnung unter den Goldſuchern her. Einige Tage nach dieſer Affaire kündigten Dick und ſein Genoſſe ihren neuen Bekannten an, ſie ſeien bereit, ſich ihrer Bande anzuſchließen. Das Anerbieten wurde angenommen, jedoch nicht mit der Bereitwilligkeit des erſten Tages; Meuniers Freundſchaft war in der Zwiſchenzeit erkaltet, oder hatte er irgend einen Grund, ihre Abſichten zu be⸗ argwohnen, entdeckt. „Wir müſſen auf unſerer Hut ſein,“ ſagte er jedem ſeiner Bande einzeln,„Ben Sneder ſagt, es ſeien Spione.“ Sneder hieß der kleine unterſetzte Mann mit den kleinen, grauen Augen und dem ſtruppigen Barte. Laſſen wir ihm Gerechtigkeit widerfahren, er that ſein Möglichſtes, ſeinen neuen Bekannten zu gefallen, welche ſein Entgegenkommen mit gleicher Herzlichkeit erwiderten. So verfloßen mehrere Wochen in den Gold⸗ feldern von Bathurſt. Fünfzigſtes Kapitel. Die, welche geliebt haben(und wie traurig muß das Leben deſſen geweſen ſein, der niemals die rei⸗ nen Freuden einer edeln, auf gegenſeitige Achtung und Kenntniß der Eigenſchaften des Herzens gegrün⸗ deten Liebe kennen gelernt hat), die, welche geliebt haben, werden ſich Marions Entzücken vorſtellen, als nach einem langen und langſamen Jahre des Stillſchweigens ihr Vater ihr einen Brief von ihrem Geliebten übergab. Das zitternde Mädchen war allzu aufgeregt, um ihm ſelbſt nur mit einem Kuß zu danken; ſie eilte nach ihrem Zimmer, um ſich da⸗ ſelbſt einzuſchließen und ihn allein zu leſen, jedes Wort zu überdenken, dieſe vertrauten Schriftzüge an ihre Lippen zu drücken, ſich Gefühlen hinzugeben, allzu heilig, ſelbſt die Gegenwart eines Vaters zuzu⸗ laſſen. Es verging eine lange, ſehr lange Zeit, ehe die glückliche Marion ſo weit wieder die Herrſchaft über ſich gewinnen konnte, um in den Salon zurückzu⸗ kehren. Der plötzliche Uebergang von Schmerz zu 253 Freude, von Ungewißheit zu Hoffnung, erfüllte ihr junges Herz mit den ſüßeſten Empfindungen, mit tauſend ſüßen Träumereien, ſie wußte, daß Dick ge⸗ ſund war, daß ſeine Liebe ſich nicht verändert hatte! Was konnte ſie mehr verlangen, außer ihn wieder zu ſehen? und der Brief deutete ihr an, ihn nicht ſo bald zu erwarten, weil ſeine Pflicht ihn⸗ noch einige Monate in Auſtralien zurückhielte, und ver⸗ wies ſie mit weiteren Erklärungen an ihren Vater. Miß Atkins hatte zweimal an die Thüre ihrer ehemaligen Schülerin geklopft, ehe ſie eine Antwort erhielt; nur auf den Ton ihrer wohlbekannten Stimme öffnete Marion und warf ſich ihrer theilnehmenden Freundin in die Arme. „Wünſchen Sie mir Glück! Freuen Sie ſich mit mir!“ flüſterte das erröthende Mädchen,„er befindet ſich wohl, ganz wohl!“ „Gott ſei Dank!“ rief die Gouvernante. „Und ſeine Liebe iſt immer dieſelbe!“ „Daran habe ich keinen Augenblick gezweifelt. Der Mann, welcher ein Herz wie das Ihrige gewin⸗ nen konnte, mußte ein ebenſo gutes und treffliches haben, um es würdig zu ſchätzen... aber kommen Sie mit mir,“ ſette die Dame hinzu,„Ihr Vater iſt ungeduldig, Sie zu ſehen. Es gibt etwas Wich⸗ tiges Ihnen mitzutheilen. Es ſind gute Nachrichten, davon bin ich überzeugt, denn ſeitdem ich ihn kenne, habe ich nie ſein Geſicht ſo ſtrahlend vor Lächeln geſehen. Das Glück iſt bei Mr. Barnard kein egoi⸗ ſtiſches Gefühl, ſein edler Character geſtattet ihm nicht, ſich deſſen allein zu freuen.“ „O, ich weiß es wohl,“ erwiderte Marion,„Dick ſchreibt mir, daß mein theurer Vater mir Etwas zu erklären hat. Beeilen wir uns.“ Das Mädchen hatte nicht ſobald ihren Vater geſehen, als ſie auf ihn zulief und ihm tauſend⸗ dafür dankte, daß er ihr den Brief gegeben hatte. „Deinen Brief!“ rief der alte Bankier in großer Bewegung;„was wirſt Du ſagen, wenn Du den Inhalt des meinigen kennſt? Der theure, der edle junge Mann!.... Verlaſſen Sie uns nicht, Miß Atkin,“ ſetzte er hinzu, als er ſah, daß die Gouver⸗ nante das Zimmer zu verlaſſen Anſtalt machte. „Sie haben unſern Kummer mitgetragen; bleiben Sie alſo, ich bitte Sie, und theilen Sie unſer uner⸗ wartetes Glück!“ „Unerwartet!“ wiederholten ſeine Tochter und Miß Atkin zugleich. „Ja, Ihr ſollt Alles erfahren! Setzt Euch und verſprecht mir, mich nicht zu unterbrechen, bis ich zu Ende geleſen habe.“ „Mein theurer, mein guter, mein edler Wohl⸗ thäter!“ So fing der Brief an. „Bah!“ ſagte der Bankier, eine Thräne abwi⸗ ſchend,„es iſt nicht der Augenblick, Alles zu wieder⸗ holen, was ihm ſein dankbares Herz dictirt hat. Hat er mich nicht hundertfach durch den Gebrauch bezahlt, den er von meiner Freundſchaft gemacht hat, durch die Liebe, die er uns immer bewieſen hat?“ Nochdem er von der Betrübniß geſprochen, die er bei der Abreiſe aus England empfunden, nachdem er Mr. Barnard für den Brief, der ihm wieder die Hoffnung gab, gedankt hatte, erzählte unſer Held ſeine Abenteuer an Bord der Mary Owen, ſeine Ankunft zu Sydney, ſeine Reiſe nach Melbourne und die Aufnahme, die er auf der Farm von Georg Cha⸗ ſon gefunden. Wie der Bankier an die Stelle kam, wo er von ſeinem Erſtaunen erzählte, als derjenige, den er für ſeinen Vater hielt, ihn mit dem Namen Sir Walter Herbert begrüßte, erſchien Miß Atkin heftig erregt, ſtieß einen lauten Schrei aus, rief:„Mein Sohn! mein Sohn!“ und fiel endlich leblos auf den Teppich. Sie wurde ſogleich auf ihr Zimmer getragen, und man beeilte ſich, einen Arzt zu holen; aber mehrere Stunden verfloſſen, ehe ſie ſich ſo weit er⸗ holt hatte, um die Urſache ihrer Bewegung zu er⸗ klären. Sie erzählte dann, ſie ſei die Wittwe von Walter Herbert, habe aber, da ſie keinen Beweis für ihre Heirath beſitze, ihren Namen nach dem Tode ihres Gatten geändert, von dem ſie durch die Intri⸗ guen eines über ſeine Abweiſung erbitterten Couſins getrennt worden ſei. Für Marion war dieß eine neue Quelle des Glücks, denn ſie liebte bereits ihre Gouvernante mit der Zuneigung einer Tochter. Sie hatte von nun an Jemand, dem ſie alle ihre Gedanken mittheilen konnte; Jemand, der nie müde würde, Dicks Lob mit anzuhören und die Hoffnung, die ſie für die Zukunft hatte, eine Zukunft voll Liebe und Glück. Von nun an konnten ſie ihre Thränen mit einander vermiſchen 256 und gemeinſchaftlich für die Rückkehr des jungen Mannes beten. So ſehr dieſe Entdeckung Mr. Barnard über⸗ raſchte, ließ er ſich doch dadurch nicht hindern, die Maßregeln zu ergreifen, die er als nothwendig für den Fall erachtete, daß Bill Spuggins Auſtralien verlaſſen und nach England zurückkehren würde. Der Bankier ſchrieb vorerſt an Doctor Gore, den Rector von Crowshall, um ihn nach dem Datum des Empfangs und des Diebſtahls des Käſtchens, wie nach den Umſtänden, von welchen beide Thatſachen begleitet waren, zu befragen. Anſtatt einer Antwort erhielt er nach einigen Tagen den Beſuch von einem alten Bekannten unſerer Leſer, Mr. Elton, welchem der würdige Geiſtliche den Brief geſchickt hatte. „Ich vermag kaum die Freude auszudrücken, welche mir dieſe Entdeckung gemacht hat,“ rief der Rechtsgelehrte, nachdem er Dicks Brief durchlaufen hatte.„Seit Jahren argwohne ich etwas dergleichen, ohne je die rechte Spur gefunden zu haben. Es bedarf für uns der Klugheit, vieler Klugheit; Rode⸗ rich Haſtings iſt ein Frevler, der keine Gewiſſens⸗ bedenklichkeiten kennt, der vor keinem Opfer zö⸗ gern, der vor keinem Verbrechen zurückbeben würde, um die Anſprüche des geſetzmäßigen Erben zu zer⸗ ſtören.“ „Aber wir haben auf unſerer Seite das Ge⸗ n die Gerechtigkeit,“ entgegnete Mr. Bar⸗ nard. Elton zuckte die Achſeln. „Was fürchten Sie denn?“ 257 „Alles, wenn Roderich dieſe Entdeckung erfährt,“ antwortete der Rechtsmann.„Ich habe ihm einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht, und hoffe es noch einmal zu thun, aber Sie müſſen mir Ihr ganzes Zutrauen ſchenken, wozu Sie vielleicht um ſo eher geneigt ſein werden, wenn ich Ihnen ſage, daß Sir Harry Herbert nicht allein mein theuerſter Freund war, ſondern mir auch, meinen Weg in der Welt zu machen, behülflich war. Ich würde das erworbene Vermögen gut angewendet zu haben glau⸗ ben, wenn es mich in den Stand ſetzte, ſeinen Mör⸗ der zu ſtrafen und ſeinem Erben Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen.“ „Seinen Mörder!“ wiederholte der Bankier mit ſchreckensvollem Ton. „Moraliſch, aber nicht legal geſprochen,“ antwor⸗ tete Mr. Elton.„Ich brauche Ihnen nicht zu ſa⸗ gen, Sir, daß es Verbrechen gibt, welche das Geſetz nicht ſtrafen kann: Sir Harry's Tod iſt eines von dieſen Verbrechen.“ Um Mr. Barnard über den Gegenſtand näher aufzuklären, begann der Beſucher ihm die teufliſchen Umtriebe auseinander zu ſetzen, vermittelſt welcher das Glück und zuletzt das Leben ſeines Freundes geopfert worden war, die ſtrafbare Theilnahme Mabels bei dieſer Angelegenheit, ihre Mitſchuld mit Roderich und die Heirath, welche daraus er⸗ folgt war. „Der Flende! der intriguante Frevler!“ rief der Vankier mit tiefem Abſcheu.„Sie haben Recht, Sir, Sie haben Recht, gegenüber von einem ſolchen Menſchen kann man nicht vorſichtig genug ſein und Das Erbe. MI. 17 ich fühle, daß ich die Leitung dieſer Angelegenheit keinen beſſern Händen, als den Ihrigen, anvertrauen könnte. Sparen Sie das Gold nicht,“ fuhr er fort, „ziehen Sie auf mich ohne Bedenken alle Summen, deren Sie bedürfen; ich würde lieber das Vermögen, das ich erworben, bis auf den letzten Schilling auf⸗ geben, als Dick ſeiner Geburtsrechte durch den Triumph dieſes Ungeheuers beraubt ſehen.. Haſtings! Haſtings!“ wiederholte er,„wiſſen Sie etwas von der Familie dieſes Mannes?“ „Seine Geburt iſt von einem Geheimniß um⸗ geben, das ich noch nicht durchdringen konnte; aber ich halté ſie für dunkel.“ „Es iſt ſeltſam, daß er die Herberts zu Opfern ge⸗ wählt hat,“ erwiderte der Bankier nach einer Pauſe, während welcher er ſich vergeblich bemüht hatte, die Umſtände, von denen ihm nur eine unbe⸗ ſtimmte Erinnerung blieb, in ſein Gebächtniß zurück⸗ zurufen. „Ja, es iſt ſeltſam!“ „Sollte er ihnen verwandt oder befreundet ſein?“ „Nicht im Mindeſten. Sir Harry ſah ihn zum erſten Mal auf der Reiſe, welche er ſogleich nach ſeiner Heirath auf den Continent machte.“ „Aber dieſer Roderich muß Mabel vorher gekannt haben.“ Mr. Elton fuhr beſtürzt auf bei dieſer Ver⸗ muthung, welche ein neues Licht über das Geheim⸗ niß zu verbreiten verſprach; trotz alles ſeines Scharf⸗ ſinns war er nie auf dieſen Gedanken gekommen. Drei Tage nachher begab er ſich auf das Comp⸗ —,——————— —— 259 toir des Bankiers in der City, in Geſellſchaft von Wield, jenem ſpürenden Policei⸗Agenten, deſſen Redlichkeit und Gewandtheit er ſchon mehr als ein⸗ mal erprobt hatte. Die Ankunft eines ſolchen Beſuchs, denn der Agent war wohlbekannt, verurſachte nicht geringe Ueberraſchung und Reugier; unter den Com⸗ mis und im ganzen Hauſe verbreitete ſich das Ge⸗ flüſter, er habe Betrügereien entdeckt. Als er in Mr. Barnards Cobinet eingeführt wurde, ſtellte der Rechtsgelehrte ſeinen Begleiter vor, für deſſen Rechtſchaffenheit er ſich verbürgte, und bat um Erlaubniß, ihm die nöthig erſcheinenden Um⸗ ſtände mitzutheilen. „Ich bin in Ihren Händen,“ antwortetè der Bankier, der ſich zum Curator unſeres Helden ge⸗ macht hatte,„thun Sie, was Ihnen gut dünkt. Alles, was ich hinzuſetzen kann, iſt, daß wenn Mr. Wield ſein Thun gelingen ſollte, ich keine Belohnung für zu hoch erachten würden.“ „Ich bin bereit,“ ſagte der Agent, ſein Notizbuch hervorziehend und ſich zu ſchreiben anſchickend.„Was haben Sie mir mitzutheilen?“ Ein⸗ oder zweimal bemerkte er ſich Thatſachen, welche Mr. Elton ihm enthüllte. „Roderich Haſtings!“ wiederholte er, Sylbe für Sylbe betonend,„es dürfte Sie überraſchen, wenn ich Ihnen ſage, wie oft ich ſchon bei Affairen, an welchen dieſer Gentleman ſich betheiltgt fand, ver⸗ wendet wurde. ich habe ſelbſt jetzt die Hände damit voll zu thun. Er wird ſich nicht immer ſtraf⸗ los herausziehen„ ich werde ihn am Ende doch ertappen.“. 260 Dieſe Worte wurden mit dem Tone eines Mannes, deſſen Eigenliebe gekränkt iſt, geſprochen.! „In welchem Jahr iſt dieſer Bill Spuggins de⸗ portirt worden?“ Dieſe Frage war an den Bankier gerichtet, welcher das verlangte Datum angab. „Sie erinnern ſich ſeines Geſichts?“ Mr. Barnard verneinte. „Macht nichts,“ antwortete der Agent,„es wird mir leicht ſein, deſſen Signalement von einem ſeiner alten Kamaraden zu erhalten. Dreier⸗ lei iſt nöthig, Gentlemen, um zu dem Ziele zu ge⸗ langen.““ „Reden Sie.“ „Für's Erſte, Agenten in allen Hauptſeehäfen. Ein anderer in Crowshall.“ „Nehmen Sie, ſo viel Ihnen vortheilhaft dünkt.“ „Endlich,“ ſetzte Mr. Wield langſam hinzu,„noch ein weiterer in einer Vertrauensſtellung bei Roderich Haſtings.“ „Ah! das iſt ohne Zweifel die Schwierigkeit,“ bemerkte der Bankier. „Das iſt nicht die Schwierigkeit, ſagte Wield lächelnd,„ſondern die Größe der Koſten. Der Agent, den ich auf dieſen wichtigen Poſten ſtelle, muß gut genug bezahlt ſein, um ſich nicht durch das verſuchen zu laſſen, was ihm die Gegenpartei anbieten möchte. Ich kenne nur einen Mann, der zu dieſer kitzeligen Miſſion geeignet wäre.“ „Wird er ſich damit befaſſen wollen?“ fiel Mr. Barnard ungeduldig ein. „Ja, aber er hat ſeinen Preis.“ —,ͤ— —— 261 „Er nenne ihn,“ erwiderte der Bankier,„wir werden nicht handeln; die Treue iſt etwas zu Sel⸗ tenes, als daß man bedauern ſollte, ſie theuer zu bezahlen.“ Wenn der, welcher das Geld bei einem Unter⸗ nehmen liefert, in ſolchen Redensarten ſich aus⸗ ſpricht, ſo geht es mit einer Affaire raſch vorwärts. Mr. Wield hatte bald ſeine Anordnungen gemacht und zog ſich zurück, mit ſeinem Ehrenwort ver⸗ ſichernd(was bei ihm nicht oft geſchah), daß wenn Bill Spuggins in England ſich ausſchiffe, er nicht nur mit Roderich Haſtings in keine Com⸗ munication treten, ſondern ſich auch der für un⸗ ſern Helden ſo wichtigen Papiere nicht entledigen ſollte. Einundfünfzigſtes Kapitel. In dem friedlichen Dorfe Crowshall hatte es ſeit der Abreiſe unſeres Helden nur wenige Verände⸗ rungen gegeben. Das Herrenhaus war ſtets unbe⸗ wohnt; die Pächter brummten und murrten fortwäh⸗ rend über die Erpreſſungen des Adoocaten Colley (vorausgeſetzt, daß die Pachtzinſe pünktlich bezahlt wurden), eine Art von Repreſſalie, welche der wür⸗ dige Intendant mit höchſt philoſophiſcher Gleichgül⸗ tigkeit ertrug. Auf jeden Termin hielt er Rechnungs⸗ abhör in der Aufgehenden Sonne, und wehe dem, der im Rückſtand blieb! Vom Brand im Getreide, von Verwüſtungen, die durch allzu hohen Wildſtand 262 verurſacht wurden, oder von Viehſeuche zu reden, machte auf ihn ebenſo wenig Eindruck, als der Ge⸗ ſang der Nachtigall auf den Habicht, der die zitternde Beute ſchon zwiſchen ſeinen Krallen hält⸗ 3 Unter den Hinterſaßen der Baronie wat Niemand pünktlicher als Nan Willis. Wiewohl die Alte au⸗ genſcheinlich in Noth war, verwarf ſie doch beharr⸗ lich jedes Anerbieten der Unterſtützung von Seiten ihres Sohnes, für den ſie ſo viel Verbrechen began⸗ gen hatte, und ſetzte eine Art krankhaften Stolzes darein, den Miethzins für ihre kleine Hütte regel⸗ mäßig zu bezahlen. Durch die Weigerung, ſie als ſeine Mutter anzuerkennen, hatte Roderich ihren mütterlichen Stolz tief gekränkt. „Es wird ein Tag kommen, wo er meiner be⸗ darf,“ murmelte ſie oft,„aber die Hand, die ihn emporgehoben hat, wird ihn nicht vor dem Fall bewahren.“ Mit dieſem Vorſatz lebte ſie, den Gang der Er⸗ eigniſſe abwartend. Sie hatte ihr Vertrauen auf die Zeit geſetzt, dieſe langſame aber gewiſſe Räche⸗ rin, welche undankbare Herzen ſtraft. Peter Quince, der Dorfſchulmeiſter, der die Nichte der erſten Mrs. Bunce geheirathet hatte, Nicolas Pim, der Kirchſpielſchreiber, Pinck, der Fleiſcher, mehrere Pächter und der kleine Wirth zur Auf⸗ gehenden Sonne ſaßen nach ihrer Gewohnheit in der Schenkſtube, um die Marktpreiſe und andere Lokal⸗Affairen abzuhandeln, als Jacob Bantem haſtig in das Zimmer trat. Der Schreiber des Advocaten war ein Stammgaſt des Wirthshauſes, beſonders an Sonntagen; ob es Regen oder Sonnenſchein war⸗ 1 — — 263 er kam regelmäßig von Newark, um dieſe Tage bei ſeiner alten Freundin Patience, die hinter dem Schenktiſch thronte, zuzubringen. „Guten Tag für Alle,“ ſprach Jacob, mit ver⸗ ſtörter Miene eintretend.„Ich bringe Euch wichtige Neuigkeiten!“ „Was für Neuigkeiten?“ riefen ein halb Dutzend Stimmen;„was iſt geſchehen?“ „Der Squire Roderich Haſtings und ſeine Ge⸗ mahlin kehren nach ſo vieljähriger Abweſenheit zu⸗ rück, um ihre Wohnung im Herrenhaus zu nehmen,“ antwortete der Schreiber des Advocaten.„Sie wer⸗ den in einigen Tagen hier ſein.... Es iſt nicht viel Zeit mehr zu Vorbereitungen übrig. Mr. Ellsgood hat dieſen Morgen Botſchaft erhalten, und mich geſchickt, die Haushälterin zu benach⸗ richtigen. Zu Jacobs großem Erſtaunen brachte dieſe Kunde keineswegs die erwartete Aufmerkſamkeit hervor. Sie wurde kalt und gleichgültig, anſtatt mit Freude und Eifer aufgenommen.* „Hat er Alles baare Geld ſeiner Frau ſchon ver⸗ braucht?“ fragte einer der Pächter. „Er kommt, um ſich einzuſchränken!“ ſetzte ein Anderer hinzu. „Was uns tröſtet, iſt, daß es ihm unmöglich ſein dürfte, die Pachtzinſe zu erhöhen,“ ſagte ein Dritter,„ſein ſchurkiſcher Agent hat es ſchon für ihn gethan. Was die Zurüſtungen betrifft.... welche Zurüſtungen erwartet er? Es wird nur einen kalten Empfang geben, er maggkommen, wenn er will.“ Ein Gemurmel allgemeiner Beiſtimmung beant⸗ wortete dieſe letzte Bemerkung. „Erklärt Euch, Mr. Bantem,“ ſagte der Schul⸗ meiſter höhniſch,„und laßt uns wiſſen, welche Art von Empfang der Herr Eures Herren erwartet.“ Jacob ſtammelte mit geſenktem Kopf einige Worte, unter welchen man Ehrengeleite der Pächter, Glockengeläute und Freudenfeuer auf dem Raſenplatze verſtand. Der Vorſchlag wurde mit ſchallendem Gelächter aufgenommen. „Ein Chrengeleite!“ wiederholte Mr. Pinck, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend:„ich gebe Ihnen mein Wort, junger Mann, daß nicht einer der Herr⸗ ſchafshinterſaßen einen Schritt zu ſeiner Begegnung thun wird. Was die Kirchenglocken betrifft, ſo iſt das Sache des Rectors, der ihn nicht ſehr liebt, und die einzige Ausſicht zu einem Freudenfeuer wäre, wenn man den Squire Roderich, wie Sie ihn nennen, oder auch den Advocaten Colley hineinwer⸗ fen könnte.“ „Ci! meine Herren!“ erwiderte der Bote ſanft, „das Alles geht mich nichts an. Ich bin nur ein armer Schreiber und muß die Befehle meines Prin⸗ eipals vollziehen.“ „Sie ſind ein ſerviler Menſch!“ rief Peter Quince, aufgemuntert durch Jacobs demüthiges Weſen, welches die ſchlechte Laune der übrigen Geſellſchaft etwas ent⸗ waffnet hatte.„Ein armer Schreiber!“ wiederholte er,„wir wiſſen Alle, daß eben ſo viel Bosheit in dem kleinen Finger des Teufels, als in ſeinem gan⸗ zen Körper ſteckt.“ 265 Anſtatt Jacob niederzuſchmettern, gab dieſe Be⸗ leidigung ihm Muth. Er trat langſam auf den Schulmeiſter zu, nahm den leeren Stuhl an ſeiner Seite, ſetzte ſich und ſchaute ihm voll in's Ge⸗ ſicht. „Das iſt eine Lüge,“ ſagte er,„und Sie wiſſen es wohl. Ich habe nie in meinem Leben Jemand Uebels gethan, und es gibt Leute hier, die ſich noch erinnern können, daß ich ihnen Gutes gethan habe: aber vergaßen ſie es, ſo iſt es unter meiner Würde, es ihnen in's Gedächtniß zurückzurufen. Mehr als einmal habe ich die Aöſendung von Anweiſen an die Pächter verzögert, wenn mein Principal mich zur Eile trieb, und ihnen ſo Zeit gegeben, ihre Pachtgelder zuſammen zu bringen.“ „Muth, Jacob,“ ſagte Patience, welche in die Schenkſtube trat.„Wenn die ganze Welt den Stein auf Dich wirft, ſo werde ich immer zu Deiner Ver⸗ theidigung da ſein. Biſt Du nicht mein älteſter Freund? Haben wir nicht mit einander geweint und geduldet? Und biſt Du nicht reicher als ſonſt, mein armer Jacob?“ Er drückte ihr ſchweigend die Hand und kehrte, an ſein Mißgeſchick denkend, zu ſeinem Anwalt zurück. Einige Tage nach dieſer Scene ließ Mr. Ellsgood den Schreiber in ſein Kabinet rufen. Es war ſeit langer Zeit Jacobs Ehrgeiz, in die Genoſſenſchaft der Rechtskundigen aufgenommen zu werden, und ſein Principal wünſchte es gleichfalls; aber der magere Gehalt des Erſtern und die egviſtiſche Habſucht des Zweiten hatten ſich bis jetzt der Verwirklichung die⸗ ſes Plans entgegengeſtellt. Endlich entſchloß ſich je⸗ doch der alte Advocat, ſei es aus Erkenntlichkeit für die langen und treuen Dienſte des armen Teufels, ſei es, weil er das Bedürfniß fühlte, einen Theil ſeines Geſchäftes ſich vom Halſe zu ſchaffen und Schultern, welche dieſe ſchwere Laſt zu tragen beſ⸗ ſer im Stande wären, anzuvertrauen, oder aus irgend einem andern Beweggrunde, die nöthigen Koſten da⸗ für auszugeben. „Jacob,“ ſprach er, ſobald der junge Mann ſich geſetzt hatte,„ſeit wie lang ſind Sie bei mir?“ „Gerade ſeit achtzehn Jahren, Sir.“ „Ei! das iſt eine lange Lehrlingszeit. Haben Sie etwas Geld bei Seite gelegt?“ Die Augen des Geizhalſes erglänzten von gieri⸗ gem Feuer, als er dieſe Frage machte. „Nicht eine Guinee, Sir.“ „O Unordentlichkeit dieſer Generation!“ erwiderte der Alte, einen Seufzer ausſtoßend.„Sechs Jahre ſind es, ſeitdem Sie jede Woche fünfundzwanzig Schilling verdienen; ich habe das Leben mit viel weniger ange⸗ fangen.... Schade,“ ſetzte er mit heuchleriſchem Tone hinzu,„denn ich hatte Luſt, Ihnen Ihr Pa⸗ tent zu geben, ohne die Stempeltaxe verſteht ſich; aber jetzt iſt nicht daran zu denken, durchaus nicht!“ „D Mr. Ellsgood!“ rief der junge Mann,„es gibt kein Opfer, zu dem ich nicht bereit wäre; ich will Tag und Nacht für eine ſolche Gunſt arbeiten, ich will von trockenem Brod leben.“ „Sie hätten bis jetzt von trockenem Brod leben 267 ſollen,“ antwortete der Alte trocken,„es gibt nichts Geſunderes.“ „Gibt es kein anderes Mittel, Sir?“ Nach vielen Hems und Ah's erklärte der Advocat, es gebe eine Möglichkeit, das Ziel zu erreichen, wenn er einen Theil ſeines Gehalts aufopfern wollte. Der arme Teufel ergriff eifrig dieſe Idee und erbot ſich, auf einen ihm beliebigen Theil ſeines magern Ge⸗ halts zu verzichten. „Nun, Jacob,“ erwiderte der Advocat nach eini⸗ gem Ueberlegen,„ich will nicht hart gegen Sie ſein. Ich will die hundert Pfund für die Stempelgebühr vorſchießen und Sie werden mir dieſe Summe mit je ſieben Schilling wöchentlich zurückerſtatten; es blei⸗ ben Ihnen noch achtzehn, und das iſt ein hübſcher Pfennig, wenn man damit Haus zu halten weiß. Ich brauche viel weniger.“ Sein Schreiber willigte freudig ein, und in we⸗ niger als einer Woche wurde dieſer ſchwere Handel unterzeichnet und beſiegelt. Jacob überhäufte überall Mr. Ellsgood wegen ſeiner Generoſität mit Lob⸗ ſprüchen; er war ſo feurig in der Vertheidigung von deſſen Ruf geworden, daß es gefährlich war, in Gegenwart des jungen Mannes übel von ſeinem Principal zu reden, eine Schwäche, worüber ſich die andern Schreiber in der ganzen Stadt bald luſtig machten. Der arme Burſche arbeitete mehr als je, um ſeine Erkenntlichkeit ſeinem edeln Wohlthä⸗ ter zu bezeugen, welcher deſſen Dankſagungen mit der Miene eines Mannes aufnahm, der das Bewußt⸗ ſein hat, ein gutes Werk vollbracht zu haben. Es lag in dieſem Gefühl etwas Neues für ihn, das ihn 268 entzückte, um ſo mehr, als er bei dieſer Angelegenheit wirklich achtzehn Pfund vier Schillinge jährlich erſparte, denn wir dürfen unſern Leſern nicht verhehlen, daß das Geld für die Stempelgebühr von Michel Bunce beigeſteuert wurde: dieſes Opfer hatte derſelbe gebracht, um ſein eigenes Gewiſſen zu beruhigen und die Un⸗ gerechtigkeit gegen ſeine Frau und ſeinen Freund wieder gut zu machen. Sein Beſuch bei dem Ad⸗ vocaten hatte keinen andern Zweck gehabt, und der gottloſe, alte Spitzbube war ſicher, nicht ent⸗ deckt zu werden, da Michel und Patience zur Be⸗ dingung gemacht hatten, daß der Gegenſtand ihrer Freigebigkeit nie erfahre, was ſie für ihn gethan hatten. Die würdigen Gatten bezahlten ihn außerdem noch für ſeine Einwilligung in ihr Begehren. So darf man ſich nicht wundern, daß Mr. Ells⸗ good dieſe Angelegenheit wohlgefällig betrachtete. Erhöhte ſie nicht zu gleicher Zeit ſeinen Ruf und ſeinen Profit? — Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Nach Empfang des Briefs, worin ſein Intendant ihn von der Unmöglichkeit unterrichtete, einen feier⸗ lichen Empfang für ſeine Rückkehr nach Crowshall zu organiſiren, gab Roderich Haſtings ſein erſtes — 269 Vorhaben auf und kam Nachts im Herrenhauſe mit der unglücklichen Mabel an, die er nur als eine Laſt betrachtete, womit das Vermögen beſchwert war, das ſie ihm bei der Heirath zubrachte. Man hätte ſich an die geſchickteſten Juriſten wenden kön⸗ nen, um eine den Verbrechen dieſer Frau angemeſ⸗ ſene Züchtigung auszufinden: ſie wären nicht im Stande geweſen, eine zu entdecken, die bitterer, ver⸗ letzender für ihren Stolz ſich zeigte. Vereinigt mit einem Mann, den ſie leidenſchaftlich geliebt, den ſie blindlings bereichert hatte, den ſie nunmehr haßte, und der ſie mit jener kalten, ſtudirten Verachtung behandelte, welche dem Herzen quälender iſt als die heftigſten Vorwürfe: dieß war ihre Strafe. Seit mehreren Jahren war die Unglückliche in jene Apathie verfallen, welche gewöhnlich auf fort⸗ dauernde moraliſche oder phyſiſche Leiden folgt. Nicht daß ihr brennender Groll eingeſchlafen wäre; im Gegentheil glühte er, wie das Feuer eines Vulkans, nur zu lebhaft, um ſich verbergen zu laſſen. Wie geſagt war es Nacht, als Mabel und ihr Gatte im Herrenhaus anlangten. Die Gebieterin warf einen kalten und eiſigen Blick auf die Gruppe der im Veſtibule aufgeſtellten Diener; es war nicht ein einziges, ihrer Kindheit vertrautes Geſicht dar⸗ unter, ſie zu empfangen. Außer den Domeſtiken, die ſie mit ſich brachten, waren die Andern alle fremd. Mrs. Tidy, die neue Beſchließerin, grüßte re⸗ ſpectvoll und erbot ſich, ſie nach ihrem Appartement zu führen. 270 „Nicht dieſes hier,“ ſprach die Gebieterin ſchau⸗ dernd, als jene vor der Thüre des Zimmers hielt, wo der arme Harry ſeinen letzten Seufzer ausge⸗ haucht hatte;„mein Zimmer iſt im nördlichen Flügel.“. Die Beſchließerin ſchien in Verlegenheit. „Warum zögern Sie?“ fragte Mabel;„ich habe im nördlichen Flügel geſagt.“ „Ja, Mylady,“ ſtammelte Mrs. Tidy, Faber der Herr hat geboten, jenes Zimmer für Beſuche zu rich⸗ ten. Ich habe gewiß, Mylady, mein Möglichſtes ge⸗ than; es iſt nicht meine Schuld.“ „Hat er geſagt, für wen?“ „Für Oberſt Montréſor und deſſen Gemahlin, Mylady.“ 3 Bei dem Namen der erwarteten Gäſte erröthete das blaſſe Geſicht der Erbin von Crowshall und ihre Lippe kräuſelte ſich in dem Ausdruck zerſtören⸗ der Verachtung. Ohne ein Wort zu ſagen, gab ſie Thereſe, ihrem Kammermädchen, ein Zeichen, die Wachskerzen aus Mrs. Tidy's Händen zu nehmen und nach ihrem alten Gemach ſich zu wenden. „Sehr gut, Mylady!“ rief Thereſe.„Ich bin entzückt zu ſehen, daß Sie noch einige Feſtigkeit be⸗ wahrt haben. Ihr Zimmer abtreten, ja wohl!“ Mabel gab keine Antwort. Sie wußte, daß die ſchlaue Zofe nur eine Spionin war, welche dem Herrn jedes Wort, das aus ihrem Munde kam, rap⸗ portirte. Das Zimmer war mit Sorgfalt hergerichtet. Ein alterthümlicher ſilberner Toilettentiſch, ein altes Fa⸗ milien⸗Meubel, ſtand in einer Art von Alkoven. Auf 271 der andern Seite befand ſich eine Thüre, welche auf einen Corridor ging, der zu Roderichs Gemach führte. Sie ergriff die auf den Tiſch geſtellte Kerze und unterſuchte langſam Alles, was ſich in dem Zimmer befand. Dann ſetzte ſie ſich in einen Fauteuil an's Feuer. „Will Mylady eine Erfriſchung zu ſich nehmen?“ fragte das Kammermädchen. „Nein.“ „Soll ich Ihr Gepäck heraufbringen laſſen?“ „Wie Dir beliebt.“ Thereſe entfernte ſich, um Roderich von der plötz⸗ lichen Gemüthsſtimmung, worin ſich ihre Gebieterin befand, Bericht abzuſtatten. „Das iſt alſo der Empfang,“ murmelte Mabel, ſobald ſie allein war,„den er mir in der Wohnung meiner Kindheit bereitet hat. an dem Aufent⸗ haltsort, zu deſſen Herrn ihn meine Schwäche ge⸗ macht hat. Der gefühlloſe, übermüthige Verbrecher! Sehr gut eingerichtet: die Maitreſſe im Zimmer der Gattin und die Gattin wie eine Aufgegebene behan⸗ delt. Wir wollen ſehen,“ ſetzte ſie bitter hinzu, „wir wollen ſehen, was weiter kommt.“ Ein Schritt ließ ſich auf dem Corridor hören; plötzlich wurden Mabels Züge ſo unempfindlich wie die einer Statue. Als ihr Gatte erſchien, drehte ſie nicht einmal den Kopf, ihn zu betrachten. „Was hat mir Mrs. Tidy geſagt, Madame?“ fragte Roderich.„Sie wollen ein Gemach behalten, das ich für meine Gäſte herrichten ließ?“ „Ich will Herrin meines Hauſes bleiben.“ „Ihres Hauſes?“ „Wie ſind denn Sie hereingekommen?“ rief ſeine Frau im Tone zermalmender Verachtung. Der Abenteurer, dem bis dahin Alles gelungen war, fühlte ſich ſehr geneigt, dieſer neuen Wieder⸗ beſitznahme der Autorität von Seiten ſeines Opfers ein Ende zu machen; aber es lag etwas in Mabels Miene, das ihm imponirte. Sie war in der Woh⸗ nung ihrer Ahnen, umgeben von ihren Pächtern und Kachbarn, und für einige Wochen wenigſtens mußte er, wenn ſeine Plane in Erfüllung gehen ſollten, den Frieden mit ihnen erhalten, denn die Stimmen der Grafſchaft wurden demnächſt lebhaft geſucht und er hatte ſeinen Beiſtand dem Regierungs⸗Candidaten ver⸗ ſprochen, der ihm dafür den Titel eines Baronets, dem er ſich ſchon ſo lang ſehnte, verſchaffen ollte. „Was ich auch thun mag,“ ſagte er mit einer gewaltſamen Anſtrengung, ſeinen Zorn zu unter⸗ drücken,„ſo iſt es mir unmöglich, Sie zufrieden zu ſtellen. Nach der Caprice, welche Sie veran⸗ laßte, der Geſellſchaft zu entſagen, glaubte ich, Sie würden den Theil des Hauſes vorziehen, wo meine Gäſte Sie am wenigſten ſtören könnten.“ „Durchaus nicht, denn ich will unter ihnen le⸗ ben,“ erwiderte Mabel ruhig.„Ich habe mich zu lang von der Welt zurückgezogen; der Tag iſt ge⸗ kommen, wo ich meinen Platz darin wieder einneh⸗ men muß.“ „O ja, gewiß, wenn das Ihr Wunſch iſt,“ mur⸗ melte Roderich. „So iſt mein Wunſch.“ 273 Aus Beſorgniß, irgend einer Heftigkeit, die er ſpäter bereuen könnte, ſich zu überlaſſen, wenn er noch länger bei ſeiner Frau bliebe, zog ſich der Gatte zurück. Beim Eintritt in ſein Zimmer ſah er Bender, ſeinen neuen Kammerdiener, in der Mitte ſtehen, neben einer Maſſe von Koffern, Cartons, Reiſe⸗ Neceſſaires. „Auf was warteſt Du?“ fragte er. „Auf den Augenblick ſie auszupacken, Sir,“ ant⸗ wortete Bender reſpectvoll. „Du haſt die Schlüſſel?“ „Wahr, Sir, aber ich wagte nicht anzufangen, ohne Ihre Befehle erhalten zu haben. Man klagt Domeſtiken oft der Neugierde an, wenn ſie nur dienſt⸗ eifrig ſind. Haben Sie die Güte, mir zu ſagen, was ich auspacken ſoll.“ „Nun wirklich, ein Schurke voll Klugheit,“ dachte ſein Herr. Dann ſetzte er, die Stimme er⸗ hebend, hinzu:„Du wirſt Alles auspacken; ich habe keine Geheimniſſe; ich umgebe mich nicht mit My⸗ ſterien.“ Hätte Roderich das Lächeln ſehen können, welches einen Augenblick auf Benders halb geöffnete Lip⸗ pen trat, als er ſich bückte, um den Riemen von einem der Felleiſen loszumachen, vielleicht würde er einigen Verdacht gegen ſeine Treue geſchöpft haben. Während der Kammerdiener das Leinenzeug und die Kleider ſeines Herrn ordnete, bemerkte er, daß derſelbe eines von den alterthümlichen Meubeln des Gemachs vermittelſt eines an einem Bande um ſei⸗ Das Erbe. III. 274 nen Hals hängenden Schlüſſels öffnete und daß er in demſelben ein kleines Käſtchen, das viel Aehn⸗ lichkeit mit einer ſogenannten Reiſeapotheke hatte, verſchloß. Es lag nicht ſonderlich Wichtiges darin, aber Bender nahm Notiz davon. Wie unſere Leſer ohne Zweifel ſich vorſtellen, war der Agent des ſpüreriſchen Wield nicht minder hellſehend als ſein Patron. Roderich ſchickte ihn einige Minuten nachher fort und begab ſich dann zu Bett. Obgleich die Rückkehr in das Herrenhaus ſich nächtlicher Weile und ohne Lärm gemacht hatte, war doch das ganze Dorf am andern Morgen davon unterrichtet. Nan Willis war eine der erſten, welche es erfuhr. Sie verließ ſogleich ihre Hütte und wandte ſich nach dem Kirchhof. Seitdem ſie in Crows⸗ hall wohnte, ſchien dieſer Ort beſondere Anziehungs⸗ kraft für ſie zu haben. Sie ſaß ihrer Gewohnheit nach auf einen Grab⸗ ſtein, als Roderich auf ſie zukam. Beim Anblick ihres Sohnes äußerte die Alte keinerlei Bewegung, weder des Vergnügens noch der Ueberraſchung; ſondern ſie betrachtete ihn mit ruhiger Miene, wie man ein Weſen betrachtet, das Einem vollkommen gleichgültig iſt. Ich dachte Dich hier zu finden,“ ſprach er,„im Fall Du nicht todt wäreſt.“ „Todt!“ wiederholte Nan.„Die Verachtung hat ein zähes Leben und kann ſich von trockenem Brod erhalten.“ „Das iſt Deine Schuld,“ antwortete der Ge⸗ bieter von Crowshall,„ich hätte Dir die Mittel n, nt ls ch ar n 275 geliefert, in Luxus zu leben, Deine Tage im Schooße „Sprich nicht davon,“ fiel die Alte ein,„was willſt Du von mir?“ „Hülfe.“ „Ich errieth es; weder Liebe noch Dankbarkeit haben Dich zu mir geführt. Aber warum ſoll ich mich darüber beklagen? Du haſt Dein Schickſal er⸗ füllt, laß mich das meinige vollenden.“ „Ich ſage Dir,“ rief Roderich ungeduldig,„ich bedarf Deiner Hülfe. Mein Schickſal, um mich Dei⸗ nes Ausdrucks zu bedienen, iſt ein verfluchtes, ſo lang Mabel lebt.“ „Was willſt Du thun?“ „Mir dieſe Frau vom Halſe ſchaffen.“ Nan Willis erhob ſich plötzlich von dem Stein, auf welchem ſie bisher geſeſſen war, und betrachtete ihn einige Augenblicke mit ſtummem Erſtaunen. Man hätte ſie in die Betrachtung eines eben entdeckten Ungeheuers verſunken nennen können. „Dir dieſe Frau vom Halſe ſchaffen!“ rief ſie mit einem Ton ſchmerzlichen Erſtaunens,„dieſe Frau, die Dich ſo ſehr geliebt, die für Dich geſündigt hat! Das wäre ein ſchwärzeres Verbrechen, als Deine Undankbarkeit gegen die, welche Dir das Leben gab eine ſelbſtſüchtigere, ſchmählichere, grauſamere Riederträchtigkeit, als die Rache, welche uns, meine arme Mutter und mich, das ſchwache Kind, aus dem errenhaus vertrieb und ihr im Sturm den Tod brachte. Roderich! Roderich!“ ſetzte ſie hinzu,„Du haſt alle Laſter Deines Stammes, ohne eine einzige ſeiner Tugenden geerbt. Genügt Dir nicht an dem 276 Tode berer, welche zwiſchen Dir und dem Glück ſtanden?“ „Sie ſteht zwiſchen mir und dem Glück,“ ant⸗ wortete der Elende. „Sie ſteht zwiſchen Dir und dem Unglück, das arme Geſchöpf,“ ſagte ſeine Mutter bewegt.„Hätte Mabel nicht die Schwäche gehabt, Dich zu lieben, alle unſere ſtrafbaren Umtriebe wären vergeblich ge⸗ weſen, nie beſäßeſt Du einen Acker von den unge⸗ heuren Domainen meines Vaters. ver⸗ ſtehſt Du? Roderich, von meinem Vater, Sir Gil⸗ bert Herbert. Du haſt ihren Stolz zermalmt, ihr Herz zerriſſen, ihre ganze Exiſtenz zerſtört: laß ihr das Leben, fülle die alte Gruft der Kirche von Crowshall nicht mit neuen Opfern.“ Mit ihrer Krücke wies ſie nach dem heiligen Ge⸗ bäude, während ihre grauen, erloſchenen Augen auf ihren Sohn geheftet blieben, um die Wirkung ihrer Worte zu ſehen. „Er iſt von Marmor!“ murmelte ſie nach einer Pauſe,„er iſt von Marmor! Es iſt nichts Menſchliches in ſeiner Natur. Ich ſelbſt entſetze mich davor!“ „Nun,“ antwortete der Verbrechet, ich bin das, wozu mich Dein Beiſpiel gemacht hat.“ „Das iſt falſch,“ ſagte Nan,„denn ich liebte meine Mutter und trotz des Erbes der Schmach, welches ſie mir hinterließ, habe ich mein Leben und meine Kraft ihrer Rache geweiht. So ſehr ſie ge⸗ ſunken und entehrt war, würde ich ſie doch nie ver⸗ leugnet haben. Aber an ein Herz wie das Deinige 38 277 ſich wenden, heißt an einen Stein hinreden. Ich appellire an Deine Furcht.“ „An meine Furcht!“ wiederholte Roderich in ge⸗ ringſchätzigem Ton.„Glaubſt Du mit einem jener einfältigen Thoren zu reden, welche Dich mit über⸗ natürlicher Macht begabt glauben? Mich wirſt Du nicht erſchrecken!“ „Habe ich Dich jemals getäuſcht?“ „Nein, nie.“ „Merke Dir alſo meine Worte wohl: es ſoll kein Mord mehr ſtattfinden, meine Rache iſt befriedigt; die Grauſamkeit einer Frau gegen eine andere ſchutz⸗ loſe Frau iſt reichlich und ſchrecklich ausgeglichen, das Blut ihrer Nachkommen wird vor dem Richterſtuhl des höchſten Herrn gegen uns Beide um Rache ſchreien. O Roderich! wenn Dein Schlaf durch ähnliche Träume, wie die, welche mich Nachts heim⸗ ſuchen, beunruhigt und Deine Abendſtunden von Ge⸗ wiſſensbiſſen gequält wären, Du würdeſt gewiß auf mich hören.“ „Höre ich etwa nicht auf Dich?“ fragte der Rie⸗ derträchtige höhniſch. „Du höreſt mich mit Ohren, ſo taub, wie die einer Viper,“ antwortete ſeine Mutter.„Du glaubſt Dein Glück auf Felſen gegründet. Unſinniger! es iſt auf Sand gebaut und der erſte Windſtoß kann es umſtürzen. Mabel Herberts Tod wird Dein Ruin ſein; ein Dutzend gieriger Prätendenten werden auf das Herrengut Anſprüche erheben; ihr Leben iſt gleich dem Siegel, das Deinen Beſitztitel legaliſirt.“ Die Beweisgründe Nans waren ſo einleuchtend, daß Roderichs Entſchluß dadurch erſchüttert wurde. Mochte auch ſeine Frau von einigen Verwandten, die ſie hatte, vergeſſen und aufgegeben ſeyn, nicht einen unter ihnen gab es, der nicht bereit geweſen wäre, ihr Erbe anzuſprechen. Es iſt wahr, er hatte Mabels Leben für eine beträchtliche Summe ver⸗ ſichert, aber was war dieſe Summe in Vergleich mit Crowshall, welches ihr Tod ihm entriß? „Könnte ich nur ihren Geiſt unterjochen,“ dachte er,„ihn fürchte ich. Es liegt ein Unheil in ihrem Stillſchweigen; es liegt Rache in ihrer Gleichgültig⸗ keit.... Ich will mir überlegen, was Du eben ge⸗ ſagt haſt,“ ſetzte er laut hinzu.„Inzwiſchen ſcheiden wir als Freunde.“ Er ſtreckte die Hand aus. Trotz des unnatürlichen Benehmens von ihrem Sohn gegen ſie wünſchte Nan Willis ſehnſüchtig, dieſe Hand zu drücken; denn er war immer ihr Sohn. Aber Stolz und verwundete Liebe kamen ihr zu Hülfe. „Adien!“ erwiderte ſie,„hinfort gehen unſere Wege aus einander.“ Und ſie wollte ſich entfernen; aber er hielt ſie zurück, indem er ſich entſchloſſen vor ſie hinſtellte, ſo daß es ihr unmöglich war, ihm auszuweichen. „Willſt Du Gewalt gegen mich gebrauchen?“ fragte ſie ruhig. „Gewalt!“ wiederholte Roderich,„geh doch! So ſchlecht ich auch bin, nie iſt mir dergleichen in den Sinn gekommen. Ich habe noch nicht alle Erinnerung an meine Kindheit und an die Opfer verloren die Du mir gebracht haſt; aber es iſt 279 ein anderer Punkt, worüber ich Dich um Rath fra⸗ gen will.“ Nan nickte mit dem Kopf, zum Zeichen, daß er fortfahre. „Die Gruft,“ murmelte er. „Sie iſt ſeit Jahren geſchloſſen. Seit Sir Harry's Tode hat der Rector die Schlüſſel nicht aus der Hand gegeben.“ Roderich bedauerte bitter, nicht Amen Corner zur Hand zu haben, der ihm von großem Nutzen gewe⸗ ſen wäre. „Ich bedarf ihrer,“ ſagte er. „Ich will ſie Dir unter einer Bedingung ver⸗ ſchaffen.“ „Rede.“ „Der, daß Du Deinen Abſichten gegen Mabels Leben entſagſt.“ „Zugeſtanden,“ erwiderte Roderich,„aber wirſt Du Dein Wort halten?“ „Beſtrebe Dich, das Deinige ebenſo treu zu hal⸗ ten. Ich errathe, warum Du ſie willſt; um jede Spur der Mittel zu verwiſchen, womit Du... „Still!“ fiel ihr Sohn ein,„wir werden be⸗ merkt.“ Er drehte ſich um und erkannte in dem Ueber⸗ läſtigen, der eben in den Kirchhof getreten war, Bender, ſeinen neuen Domeſtiken. Der Menſch ſchien ſich damit zu unterhalten, die Inſchriften auf den Grabſteinen zu leſen, und ſchaute mit einer Miene um ſich, die verrieth, daß er ſich an einem bis jetzt ganz unbekannten Ort befand. Er legte reſpectvoll die Hand an ſeinen Hut, als ſein Herr an ihm vorüber ging. Vom Kirchhof ſchlenderte Mr. Bender nach dem Dorfe und trat, als ob er nichts Beſſeres zu thun wüßte, in die Wirthsſtube der Aufgehenden Sonne und begehrte ein Glas Ale. Patience brachte es ihm ſelbſt, da ihr Mann gerade nicht da war. Der Agent Wields prüfte mit forſchender Miene das ehrliche Geſicht der Wirthin; er hatte die Ge⸗ wohnheit, den Character in den Geſichtszügen zu le⸗ ſen, und ſchien mit ſeiner Prüfung zufrieden. „Ein hübſches Dorf, Madame,“ ſagte er. „Ja, ſehr hübſch.“ „Und eine ſchöne alte Kirche.“ „Sehr ſchön,“ erwiderte Patience. „Da ſind ſchon viele Leute hingekommen, ohne Zweifel.“ „Nicht in die Kirche,“ antwortete die Wirthin, „nur die vornehmen Familien, wie die Herberts und Powards. Die Grüfte ſind voll davon.“ „Die möchte ich gern ſehen! aber ich vermuthe, das wird ſchwer halten.“ „Ja, was die Gruft der Herberts betrifft. Sie iſt ſeit dem Tode des armen Sir Harry geſchloſſen, und Nicolas Pim ſagt, daß Mr. Gore, unſer Rector, die Schlüſſel Niemand gebe.“ „Das iſt ziemlich ſonderbar, finden Sie nicht auch?“ „Zu Crowshall geſchieht Manches, was ſonderbar iſt, entgegnete Patience, das Wirthszimmer ver⸗ laſſend. Sie fragte ſich, wer dieſer fragluſtige Kunde ſein könnte. 38 281 Ehe er das Wirthshaus verließ, ſchrieb Mr. Bender einen langen Brief, den er auf dem Rück⸗ nach dem Herrenhauſe in den Poſtſchalter warf. Er war an Mrs. Mary Miller, Crutched Friars, adreſſirt; aber durch irgend einen Zufall, den wir nicht erklären wollen, fiel er in die Hände des ſpüre⸗ riſchen Wield. Sir Marc Raymond war der erſte der erwarte⸗ ten Beſucher, der im Herrenhauſe ankam. Roderich empfing ihn mit einem Lächeln der Genugthuung, denn er rechnete nicht beſtimmt auf das Erſchei⸗ nen des Baronets, deſſen Rang dazu dienen konnte, auch ihn in den Augen derjenigen von ſei⸗ nen Nachbarn, die ſich noch in der Ferne hielten, zu erheben. „Mein lieber Marc,“ ſagte er,„erlauben Sie mir, Sie zu beglückwünſchen, Sie ſind ange⸗ nommen?“ „Ja.“ „Glücklicher Mann. Wie viel wird Miß Großette haben?“ „Ich kann Ihnen deren Vermögen im Detail nicht angeben,“ antwortete der Wüſtling mit der Miene affectirter Gleichgültigkeit,„aber ich vermuthe ſo gegen hundertundfünfzigtauſend Pfund. Marion, ihre Freun⸗ din, und mein ſtupider alter Vormund haben ihr Mög⸗ lichſtes gethan, damit ich einen Korb bekomme, und es iſt ihnen auch bei dem Mädchen gelungen, welches, unter uns geſagt, glaube ich, mich herzlich verabſcheut; aber der Vater iſt mein Freund geblie⸗ ben. Er hat nur einen Ehrgeiz, den, ſeiner Toch⸗ 282 ter den Titel Lady zu verſchaffen, den ich ihr geben kann. Wohl verſtanden, ich werde mir niemals die Mühe nehmen, dieſes Geſchöpf zu lieben.“ „Sie werden nur einen beſſern Ehegatten ab⸗ geben,“ antwortete ſein Freund und Berather auf der Bahn des Laſters.„Ihre Frau lieben! die Idee iſt verjährt; es war gut zur Zeit von Jane und Derby. Aber ſagen Sie mir, haben Sie Mignonne gänzlich vergeſſen?“ Bei dem Namen ſeines Opfers konnte Sir Marc Raymond ein kleines Erröthen nicht unter⸗ drücken; er war noch nicht vollkommen verhärtet.— „Vergeſſen!“ wiederholte er;„ſo gänzlich, als ob wir uns nie begegnet wären. Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie mich vor dieſem Fallſtrick be⸗ wahrt haben; denn meine Thorheit war ſo groß, daß ich ſie wirklich geheirathet hätte, nur um ſie nicht zu verlieren.“ * Roderich zuckte die Achſeln, wie wenn ihm dieß als der Gipfel von Albernheit, als ein wahrer Selbſtmord vorkäme. „Wen erwarten Sie?“ fragte der Baronet; „Montréſor und ſeine Frau, ohne Zweifel,“ ſetzte er mit eyniſchem Lächeln hinzu. „Ja; und dann Dudley, Beauchamp, Winterton und die Trelawneys.“ „Eine auserleſene Geſellſchaft, auf Ehre!“ er⸗ widerte Marc,„lauter Leute comme il faut; kein Emporkömmling, Niemand von zweideutiger Stel⸗ lung. Und laſſen Sie mich Ihnen ſagen, das iſt kein geringes Compliment in dem gewöhnlichen Welt⸗ ——— 283 lauf. Die Geſellſchaft fängt an ſehr gemiſcht zu werden ich denke mir, Sie finden das Land furchtbar traurig?“ ſetzte er hinzu.„Wie gedenken Sie die Zeit todtzuſchlagen? Bälle, Jagd und der⸗ gleichen Dinge hier?“ „Beſſer als das, Marc, beſſer als das.“ 2* Der Baronet ſchien neugierig, zu erfahren, was ſein Wirth ihm noch mehr bieten könnte. „Was halten Sie von einer Wahl?“ „Cxeellent! Das fehlt uns! nur eine Wahl kann die Einförmigkeit des Landlebens unter⸗ brechen.“ Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Es war ſeit einiger Zeit Roderichs lebhafteſter Wunſch, die ſterbliche Hülle Walters auf die Seite zu ſchaffen, Walters, den er vergiftet hatte, als der⸗ ſelbe nur durch eine bewegliche Bretterwand von ſei⸗ nem Gemach im Tempel getrennt war. Selbſt die Zahl der ſeit dem Tode des jungen Mannes ver⸗ floſſenen Jahre konnte die Forſchungen der Wiſſen⸗ ſchaft nicht täuſchen, wenn der Verdacht einmal ge⸗ weckt war.„Hier,“ ſprach er oft bei ſich,„iſt die einzige Blöße meines Küraſſes,“ überall ſonſt glaubte er ſich ſchußfeſt, wie in einem mailändiſchen Panzer. Es iſt wahr, während des Vollzugs ſeines Ver⸗ 284 brechens hatte er an Mabel Briefe geſchrieben, worin er ſich unbeſtimmt dahin äußerte,„es ſei ihm gelungen, eine der Schranken zu entfernen, die ſich ihrem Glück entgegenſtellten,“ er hatte allen Grund zu glauben, daß ſie dieſe Briefe aufbe⸗ wahrt habe, und er beſchloß, ſich derſelben zu be⸗ mächtigen. Durch ein ſeltſames Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände war ſeine Frau ebenſo neugierig, den Inhalt des Käſtchens kennen zu lernen, welches ihn Bender in der Nacht ihrer Ankunft zu Erowshall in einer alterthümlichen Truhe hatte verſchließen ſehen. Dieß war die Lage der Dinge im Herrenhauſe, als die erwarteten Gäſte allmälig ankamen. Auf Sir Marc Raymond folgten bald Mr. Dudley mit ſeiner Gemahlin, die Wintertons und der ehren⸗ werthe Fred Trelawney mit ſeinen beiden Schwe⸗ ſtern, und Oberſt Montréſor mit ſeiner Gattin. Mabel empfing die beiden letzten mit einem kal⸗ ten Lächeln, als ihr Gatte ſie beim Diner ihr vor⸗ ſtellte. Die Dame ſah, daß ihre Gegenwart der Schloßfrau unangenehm war; aber ſie betrachtete dieſelbe als eine einfältige Seele und bekümmerte ſich, ihres Einfluſſes auf Roderich gewiß, nicht wei⸗ ter um die Gefühle ſeiner Frau. Sie ahnte nicht, auf welche raffinirte Rache die beſchimpfte Gattin in der Stille ſann; ſie ahnte nicht, daß unter dieſer Maske von Unempfindlichkeit ſich ein an Mitteln fruchtbarer Geiſt verbarg, ebenſo bitter, ebenſo unver⸗ ſöhnlich wie ihr eigener. Bei der Tafel benachrichtigte Roderich ſeine Frau, daß er zur Feier ihrer beiderſeitigen Rückkehr in das — 285 Herrenhaus einen Ball geben wolle. Sein betroge⸗ nes Opfer nahm dieſe Kunde mit der gewohnten Apathie auf und beſchränkte ſich darauf, nach der Zeit, wann er ſtatt finden ſollte, ſich zu er⸗ kundigen. „Heute über acht Tage,“ war die Antwort. Sie machte keine weitere Frage; die Zeit reichte für ihr Vorhaben aus. Dann grüßte ſie, von der Tafel aufſtehend, die Gäſte und zog ſich nicht nach dem Salon, wo die bald ihrem Beiſpiel folgenden Damen ſie zu treffen hofften, ſondern in die Ein⸗ ſamkeit ihres Zimmers zurück. Sie war daſelbſt kaum angekommen, als ſie ihr Kammermädchen, The⸗ reſe, mit der Bemerkung entließ, ſie wolle ſich augen⸗ blicklich zu Bette legen. „Nun!“ rief die Frau von Mr. Dudley,„ich habe ſagen hören, unſere Wirthin ſei etwas fonder⸗ bar, aber das geht über mein Erwarten. Das iſt ſeltſam!“ „Uns ſo raſch verlaſſen!“ ſagte Julia Tre⸗ lawney. „Und ohne ein Wort!“ fügte ihre Schweſter hinzu. Mrs. Montréſor tippte auf bedeutſame Weiſe an ihre Stirne, ſetzte ſich dann an das Piano und begann die Ouverture zur Närrin aus Liebe zu ſpielen. „Närriſch!“ flüſterten die drei Damen;„das iſt ſchrecklich! armes Geſchöpf!“ „Aber was hat ſie närriſch gemacht?“ fragte Mr. Dudley;„iſt es die Liebe?“ „Nein,“ antwortete Mrs. Montréſor in ſcherz⸗ 286 haftem Ton,„es iſt Eiferſucht. Mrs. Haſtings iſt das Opfer einer ganz außerordentlichen Illuſion. Sie bildet ſich ein, alle Frauen, welche ſie erblickt, ſeien ihre Rebenbuhlerinnen in der Reigung ihres Gatten. Ich habe ſagen hören, daß ebenſo betrübende als lächerliche Scenen die Folge dieſer Verblendung geweſen ſind. Seien Sie alſo auf Ihrer Hut, meine Damen, man kann nicht ſagen, auf wen von uns ihr Verdacht fällt.“ Als Mabel auf ihrem Zimmer allein war, ver⸗ tauſchte ſie ihr Galla⸗Coſtume mit einem für ihr Vorhaben paſſenderen Gewand. Als dieß geſchehen, rüſtete ſie ſich, das Herrenhaus zu verlaſſen. Wie viele andere Gebäude des Rittelalters, hatte auch das Herrenhaus von Crowshall verſchie⸗ dene geheime Ausgänge, die dazu dienten, die Flucht ſeiner Bewohner zur Zeit der Unruhen und Gefah⸗ ren zu erleichtern. Man hatte mehrere vermauert, aber einer war noch vorhanden, deſſen Exiſtenz jedoch nur die unglückliche Herrin dieſes Ortes kannte. Er führte von ihrem Zimmer nach einem kleinen Pavillon im Park; daher ihre Beharrlichkeit, dieſes Gemach für ſich zu behalten, und die Sorgfalt, womit ſie nach Thereſens Abgang die ſchweren Riegel an der Thüre vorſchob. „Mehr als einmal gelang es meinen Ahnen, auf dieſem Wege an einen ſichern Ort zu gelangen; mich wird er zur Rache führen,“ murmelte ſie, nachdem ſie nicht ohne Schwierigkeit den Eingang, der in den dicken Mauern angebracht war, ſich er⸗ öffnet hatte. Einen Augenblick nachher folgte ſie aufmerkſam den ſchmalen Krümmungen deſſelben. Unſere Leſer haben ohne Zweifel nicht vergeſſen, daß bei Sir Harry Herberts Tode ſein getreuer Hausmeiſter Allan das Haus, wo ſo viele Jahre ſeines Lebens verfloſſen waren, verlaſſen und ſich nach einem Häuschen am Saume des Parks zurück⸗ gezogen hatte. Er konnte den Gedanken nicht er⸗ tragen, unter demſelben Dach mit der unnatürlichen Schweſter und deren unwürdigem Gatten zu woh⸗ nen, die er als die Mörder ſeines theuren, jungen Herrn betrachtete. Das in ihrem Dienſt verdiente Brod hätte ihn erſtickt. Ihre Rucktehr in das Herrenhaus war ihm zu Ohren gekommen und die Nachricht davon hatte ihn in große Bewegung verſetzt. „Es kann nichts Gutes daraus entſtehen,“ ſprach er zu dem, welcher ihm dieſelbe brachte,„Vielleicht werde ich die Folgen davon nicht mehr ſehen, aber die, welche das Ende erleben, werden ſich meiner Worte erinnern.“ Die Nacht war ſtürmiſch; der Regen fiel in Strö⸗ men; der Wind pfiff und ſeufzte in den Zweigen der Bäume, welche die Hütte des Greiſes beſchatte⸗ ten. Zweimal hatte er die Bibel mit den großen kupfernen Schlöſſern, die ihm ſein Großvater hin⸗ terlaſſen, zugeſchlagen und zweimal wieder auf⸗ gemacht, um ein weiteres Kapitel zu leſen, über⸗ zeugt, daß er ſelbſt in ſeinem Bett nicht ſchlafen könnte, als ein ſchwaches Klopfen an der Thüre erzittern machte. Er erhob ſich halb von ſeinem Seſſel. 288 „Bah!“ ſprach er, ſich wieder ſetzend,„es iſt nur der Wind. Ich fange an, alt zu werden, und die Einbildungskraft ſpielt mir ihre Streiche.“ Zum zweiten Mal wurde geklopft und eine Stimme ließ ſich hören, die um Eingang bat. Anfänglich zögerte Allan, er fürchtete, es liege irgend eine bös⸗ willige Abſicht dem Begehren, auſzuthun, zu Grunde. Nachdem er einige Secunden gehorcht hatte, über⸗ zeugte er ſich, daß es eine Frauenſtimme war; er nahm alſo ſeine Lampe in die Hand und öffnete. Mabel erſchien vor ihm, ihre Kleider triefend vom Regen, ihre Haare auf die Schultern herabfal⸗ lend. Sie war ſo verändert, ſeit er ſie nicht ge⸗ ſehen hatte, daß er, der älteſte Diener ihrer Familie, ſie nicht einmal erkannte. „Allan,“ ſprach ſie,„habt Ihr mich vergeſſen?“ Der Eigenthümer der Hütte ließ beinahe die Lampe aus der Hand fallen, ſo groß war ſein Er⸗ ſtaunen. „Sind Sie es, Madame?“ rief er;„in einer ſolchen Nacht und.... allein? Was iſt geſchehen? Treten Sie ein, um's Himmels willen, und ſchüben Sie ſich vor dem Sturm.“ „Sind Sie allein?“ fragte ſie. „Ganz allein.“ Die unglückliche Frau trat mit ruhiger Miene in die Hütte, ſchloß die Thüre, ſchob ſelbſt den Riegel vor und ſetzte ſich endlich. Allan griff nach einigen Scheitchen Holz von einem kleinen Vorrath in der Ecke des Zimmers, in der Abſicht, ſie in das halb erloſchene Feuer zu legen, aber Mabel unterbrach — ihn mit dem Bemerken, ſie fühle weder Kälte noch Feuchtigkeit. „Und doch müſſen Sie bis auf die Haut naß ſein,“ erwiderte der Greis bewegt, denn er konnte nicht vergeſſen, daß, ſo ſtrafbar auch die, welche eben ſeine Schwelle betreten hatte, die Tochter und Erbin jener Herberts war, deren Brod er ſeit mehr als einem Jahrhundert gegeſſen hatte. Er erinnerte ſich auch, ſie als junges Mädchen liebenswürdig, unſchul⸗ dig, glücklich geſehen zu haben, und ſein Herz litt ür ſie. „Ihr fragt mich nicht, was mich hieher führt,“ ſagte Mabel,„ſo will ich es Euch ſanen. Ich komme zu Euch, Allan, im Augenblick der Trübſal, weil ich keinen andern Freund in der Nähe habe, mir zu helfen, weil alle Diener in meinem eigenen Hauſe Spionen ſind, aufgeſtellt, mich zu überwachen. Ich weiß, daß ich mich auf Euch verlaſſen kann,“ ſetzte ſie mit bitterem Lächeln hinzu,„weil Ihr mich verachtet.“ „Gewiß nicht, Madame; ich beklage Sie, es ſcheint mir, Sie haben viel gelitten.“ „Gelitten!“ wiederholte ſeine ehemalige Gebie⸗ terin, und ihr Geſicht nahm einen erſchreckenden Ausdruck an.„Mein Herz iſt gefoltert worden, ſo ſehr, als es nur durch höhniſche Behandlung, Verach⸗ tung und Undankbarkeit möglich iſt; alle Fibern deſſelben ſind erſchüttert; alle Gefühle darin ſind erloſchen, außer einem.... dem Durſt nach Rache.“ „An wem wollen Sie ſich rächen, Madame?“ fragte Allan langſam. „An... aber ich brauche ihn nicht zu nennen. Das Erbe. III. 19 An dem Mann, den meine thörichte Liebe zum Herrn, zum Herrn meines Schickſals gemacht hat, dem Mann, den ich mit meinem durch Verbrechen erlangten Erbe bereichert habe; dem Mann, welcher ſeine Maitreſſe unter mein Dach führt, welcher der Welt ſagt, ich ſei närriſch! närriſch!.... und die Unſinnigen glauben es! Was ſagt Ihr dazu, Allan?“ fuhr ſie fort, ſich bemühend, ruhig zu bleiben,„bin ich nicht genug geſtraft? Der Tod meines geopferten Bruders, iſt er nicht ſchwer gebüßt?“ „Wehe!“ antwortete der Greis, die Hände faltend, „das iſt das Ende, welches ich vorher ſah. Ver⸗ fluchte Stunde, wo mein theurer junger Herr dieſem Roderich Haſtings begegnete, ihn zu ſeinem Freund machte und wie eine Schlange an ſeinem Buſen wärmte. Er hat Sie Alle geſtochen!“ „Und ich ſoll nicht dafür Rache fordern?“ rief Mabel. „Was kann ich thun?“ antwortete Allan;„ich bin arm, ſchwach, ohne Freunde, ohne Einfluß.“ „Ihr könnet treu ſein.“ „Ihr theurer Bruder hatte den Beweis dafür,“ ſagte der Greis,„treu bis zum Tode.“ „Treue iſt Alles, was ich fordere,“ erwiderte Roderich Haſtings' Frau.„Dieſer Brief muß an den einzigen männlichen Verwandten gelangen, der noch übrig iſt..„ an den ehrenwerthen Edgar Sutton.“ „Aber er hat keine Adreſſe.“ „Ich kenne ſie nicht. Alles, was ich Euch ſagen kann, iſt, daß er in London wohnt. Ihr werdet mit Tagesanbruch dahin abreiſen. Uebergebt ihm dieſen 38 291 Brief zu eigenen Händen, und ich werde nicht weiter nöthig haben, einen Beſchützer, einen Rächer zu ſuchen.“ „Ich werde Ihre Befehle vollziehen, wenn Gott mir das Leben erhält,“ rief Allan. Die unglückliche Frau begehrte keine weitere Ver⸗ ſicherung. Sie ſtand ruhig auf, legte den Brief und eine wohlgeſpickte Börſe auf den Tiſch, öffnete die Thüre der Hütte und entfernte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, in dem ſtrömenden Regen. „Närrin!“ murmelte Allan, ihr nachſchauend, „ſie muß wohl närriſch ſein. Aber ich habe mein Wort gegeben, und ich will es halten, was mir auch geſchehe.“ Am nächſten Morgen reiste er von Crowshall mit dem Boten, der gerade nach Newark ging, ab. Dort nahm er den Wagen nach London. Thereſe hatte mehrmals an Mabels Zimmer— thüre geklopft, ohne eine Antwort zu erhalten, und als endlich der Riegel gezogen wurde, öffnete ihre Gebieterin. Sie warf einen argwöhniſchen Blick rings herum; Alles war an ſeinem Platz; das Ge⸗ wand, bei deſſen Ablegung ſie ihr behülflich geweſen war, lag nachläßig auf demſelben Stuhle, wohin es am Abend zuvor geworfen worden war. „Mein Gott, Madame,“ ſagte das Kammer⸗ mädchen,„was Sie für einen tiefen Schlaf haben.“ „Manchmal.“ „Sie haben uns geſtern Abend recht erſchreckt.“ „Wirklich?“ „Wäre es nicht um die Beſorgniß geweſen, ſeine 292 Gäſte zu beunruhigen, ſo hätte der Herr die Thüre erbrechen laſſen. Er fürchtete, Sie möchten...5 „Todt ſein?“ ſetzte Mabel ruhig hinzu. „Nein, Madame, das wolle Gott nicht!“ ant⸗ wortete die Heuchlerin,„aber krank. Nie habe ich ihn ſo zornig.... ſo unruhig, wollte ich ſagen, geſehen.“ „Gut,“ ſagte ihre Gebieterin, welche von ihr Alles, was ſie wiſſen wollte, nemlich daß Roderich während ihrer Abweſenheit an ihr Zimmer gekom⸗ men war, herausgebracht hatte,„ich werde meine Toi⸗ lette ſelbſt vollenden.“ Das Kammermädchen hätte gern auf Annahme ihrer Dienſte beſtanden, aber es lag im Blicke Ma⸗ bels, welche ihr die Thüre wies, Etwas, dem die Spionin Trotz zu bieten nicht den Muth hatte, und ſie entfernte ſich, um Roderich wiſſen zu laſſen, daß ſeine Frau ſichtbar ſei. Einige Augenblicke nachher erſchien der Gatte. „Warum, Madame,“ ſprach er,„haben Sie ſich geweigert, mich geſtern Abend in Ihr Zimmer zu laſſen?“ Bei dieſer Frage beobachtete der feige Intriguant aufmerkſam die Phyſiognomie ſeiner Frau, denn er hegte einen unbeſtimmten Verdacht, daß ſie außer dem Hauſe geweſen. „Einfach, weil ich nicht geſtört ſein wollte,“ ant⸗ wortete Mabel. „Sie hätten mir wenigſtens eine Antwort geben können,“ erwiderte ihr Gatte, deſſen Argwohn dieſe Ruhe und Kaltblütigkeit nur theilweiſe zerſtreut hatten. „Ich dachte, es würde dieſen Morgen noch Zeit ——————— 8— — 293 zu unſerer Unterhaltung ſein. Und nun, Roderich, laß mich den Grund Deines Veſuchs wiſſen.“ „Es iſt eine Angelegenheit, die uns Beide in⸗ tereſſirt.“ „Natürlich.“ „Mabel, wenn die glühende Liebe, die lebhafte Zuneigung, die ich ehemals gegen Dich empfand, ſich mit den Jahren gemäßigt hat, ſo iſt dieß kein Grund, warum unſere Freundſchaft erkalten ſollte; unſere Intereſſen ſind immer dieſelben und....“ „Sprich von Deinen Intereſſen,“ fiel die unglück⸗ liche Frau ein.„Ich kann Dir glauben, wenn es ſich um dieſe handelt; aber beleidige meinen geſun⸗ den Verſtand nicht damit, daß Du von einer Zu⸗ neigung redeſt, welche Du nie gefühlt haſt. Von dem Augenblick an, da Du mich zum erſten Male ſaheſt, wurde ich ein Gegenſtand der Speculation für Dich nichts weiter. Du haſt Dein Spiel geſchickt durchgeführt.... Dein Project gelang. Du verkleinerſt Dein Verdienſt durch Abläugnung Deiner Gewandtheit. Fahre fort, ich bitte Dich, wir verſtehen einander vollkommen. Ich beklage mich nicht, ich mache Dir keine Vorwürfe; indem ich Deine Mitſchuldige geworden bin, habe ich das Recht zum Einen wie zum Andern verloren.“ Es lag etwas ſo Ungewöhnliches in dieſem Tone der Antwort, daß Roderich Haſtings einen Augen⸗ blick zauderte. Es wurde ihm klar, ſein ehemaliger Einfluß auf Mabel war gebrochen, und nach dem erſten Augenblicke der Ueberraſchung freute er ſich deſſen beinahe, denn ſeit langer Zeit war er jener 294 Klagen und Anrufe müde, die ſie an ſein Mitleid und an ſeine Dankbarkeit machte. „Du biſt ja eine Philoſophin!“ ſagte er höhniſch. „Nenne mich wie Du willſt,“ antwortete Mabel ohne die geringſte Erregung in ihrer Stimme oder ihrem Blick.„Ich bin das, wozu Du mich gemacht haſt. Und nun komme zu Deinen Intereſſen, zu unſeren Intereſſen, denn ich glaube, daß Du un⸗ ſere geſagt haſt.“ „Du ſagteſt mir oft, Du habeſt die Briefe, die ich Dir während meines Aufenthaltes im Tempel zu London geſchrieben, vernichtet.“ „Ich habe ſie vernichtet.“ „Ich glaube es nicht.“. „Das iſt möglich,“ erwiderte die Dame kalt, „aber ich ſehe nicht ein, in wie weit der Umſtand, daß Du es glaubſt oder nicht, meine Intereſſen be⸗ rühren kann; ich werde mich deßhalb ſehr wenig be⸗ unruhigen.“ „Du beharrſt alſo auf Deiner Behauptung?“ „Ich habe Dir ſo oft geantwortet, daß dieſe Frage zur Beleidigung wird. Ich werde nicht mehr darauf antworten.“ „Frau!“ rief Ihr Gatte, dem Zorne nachgebend, den er ſchon lange zurückgehalten hatte, und die Unglückliche am Handgelenke faſſend;„biſt Du när⸗ riſch, um ſolchen Trotz gegen mich zu wagen? Weißt Du, mit wem Du Dich in einen Kampf einläſſeſt? Unſinnige! es iſt der Kampf des Löwen gegen den Tiger. Wenn Du meine Liebe nicht gewinnen konn⸗ teſt, ſo lerne wenigſtens, meinen Haß zu fürchten!“ „Kann er mich etwas Anderes als tödten, Rode⸗ —— rich?“ fragte Mabel rahig.„Und biſt Du über⸗ zeugt, daß nach meinem Tode Dir Niemand den Beſitz von Crowshall ſtreitig machen wird? Es iſt Thorheit, mir zu drohen. Du biſt noch nicht Sir Roderich Herbert.“ „Dieſelbe Warnung, die mir Nan gegeben hat,“ dachte der Frevler, den Arm ſeiner Frau loslaſſend. Dann ſetzte er, ſeine Stimme erhebend, hinzu:„Du willſt mich zum Narren machen; aber ich dulde nicht, daß Du länger in Bezug auf die Briefe meinen ſpotteſt. Ich bin entſchloſſen, Die Wahrheit zu wiſ⸗ ſen. Gib mir Deine Schlüſſel.“ Sie zeigte ihm einen Schlüſſelbund auf ihrem Toilettentiſche. Ihr Gatte bemächtigte ſich derſelben, öffnete zuerſt ihr Pult, dann ihr Neceſſaire und prüfte aufmerkſam jedes überſchriebene Papierſtück. Aber es war vergeblich. Es blieb nur noch ein Fall übrig. „Wo iſt Dein Schmuckkäſtchen?“ Mabel ſchwieg. „Ich muß es abſolut haben.“ „Ich habe es an einen Ort gebracht, wo Du es nicht finden wirſt,“ antwortete Mabel;„die Fa⸗ milienkleinode ſind Alles, was mir von meinem reichen Erbe geblieben iſt; Du haſt außer ihnen Alles genommen.“ „Wo iſt Dein Schmuckkäſtchen?“ wiederholte ihr Gatte in drohendem Ton. „Tödte mich,“ antwortete die beſchimpfte Frau mit Feſtigkeit,„tödte mich, aber Du ſollſt es nie er⸗ fahren. Drohungen und Bitten ſind gleich fruchtlos. Ich möchte lieber an der Seite meines gemordeten 296 Bruders ſchlafen, als durch Ueberlieferung eines einzigen Diamants Deine Habſucht befriedigen.“ „Gemordet!“ wiederholte der Elende,„bah! wer hat mir geholfen, ihn zu verderben? Sir Harry iſt an einer Herzkrankheit geſtorben; zwanzig Zeugen können es bekräftigen.“ „Und Walter?“ murmelte Mabel.„Ah! Du zögerſt und erbleichſt! An ſeinem Tode habe ich wenigſtens nicht Theil. Ungeheuer, ich fordere Dich heraus. Du glaubſt, ich ſei in Deiner Gewalt; Du biſt in der meinigen, und wäre mein Name nicht an den Deinigen geknüpft, ich würde Dich vor die Schranken der beſchimpften Gerechtigkeit ſchleppen, um Dich dem Fluch des Menſchengeſchlechts zu über⸗ geben. Seit langer Zeit habe ich Deine mör⸗ deriſchen Abſichten errathen,“ ſetzte ſie hinzu;„auch ich habe meine Vorſichtsmaßregeln genommen. Die Stunde meines Todes wird das Signal zu Deiner Anklage ſein. Ueberlege Dir meine Worte; ſie ſind keine leere Drohung.... und führe Deine Ab⸗ ſichten aus, wenn Du es wagſt!“ Erſchüttert von dieſen Worten und noch mehr von der ſchrecklichen Ruhe, womit ſie ausgeſprochen waren, zog Roderich Haſtings ſich zurück, entſchloſſen, noch heute ſeine Mutter zu beſuchen, um ſie an die Er⸗ füllung ihres Verſprechens zu mahnen. War einmal der Körper Walter Herberts beſeitigt, konnte er den Anklagen ſeiner Frau und dem Verdacht der Welt Trotz bieten. Aber bis dahin ſagte ihm die Klug⸗ heit, daß er nichts gegen Mabel vermöge. „Gott verzeihe mir!“ rief dieſe mit einem Seuf⸗ ———„— — U ſe 297 zer, als er ſich entfernt hatte;„wie habe ich je die⸗ ſen Menſchen lieben können?“ Eine Stunde ſpäter trat ſie in den Speiſeſaal, wo ihre Gäſte verſammelt waren. Sie ſchwieg nach ihrer Gewohnheit ſtill, war aber ruhig und geſam⸗ melt, als ob es keine ſolche Scene, wie wir eben beſchrieben, gegeben hätte. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Doctor Gore ſaß im Bibliothekzimmer des Pfarr⸗ hauſes, als ein Wagen mit zwei Pferden vor dem Thore hielt. Ehe der würdige Geiſtliche ſich recht beſinnen konnte, wen dieſer ihm zuführe, trat der Hausmeiſter mit einer Karte ein, worauf mit runder Schrift die Namen von Sr. Ehrw. Dion Curling und Mr. Parker ſtanden. „Curling! Curling!“ wiederholte der Rector, „ich kenne keine Perſon dieſes Namens. Er hat keine Pfründe in dieſer Diöceſe. Haben Sie ihn ſchon geſehen, James?“ „Nein, Sir; aber es muß ein alter Bekann⸗ ter ſein.“ „Warum?“ „Weil er,“ antwortete der Diener,„ſein Ge⸗ päck abladen ließ, und ich vermuthe, er will ſich hier aufhalten.“ 298 „Sich hier aufhalten!“ wiederholte ſein Herr ganz erſtaunt.„Ah, gewiß nicht. Ich kenne ihn nicht. Was kann er wollen? Es iſt irgend ein Mißverſtändniß.“ „Vielleicht, Sir, würden Sie wohl thun, ihn zu ſehen,“ warf der Hausmeiſter ein. Da dieß das einzige Mittel zur Löſung des Räthſels ſchien, ſo befahl ihm ſein Gebieter, jene Herren einzuführen. Doctor Gore gerieth in noch größere Verlegen⸗ heit, als ſie vor ihm erſchienen. Beide waren ſchwarz gekleidet, und der, welcher ſich Se. Ehrw. Dion Cur⸗ ling nannte, trug außer der weißen Perücke und dem geiſtlichen Hut eine grüne Brille, unter welcher zwei kleine graue ſchelmiſche Augen wie die eines Kindes hervorſchauten, in denen eine ziemlich ſchlecht unter⸗ drückte Munterkeit funkelte. Sein Begleiter war ein Mann von ausnehmend regulärem Aeußeren, mehr einem Roßtäuſcher in Trauer, als einem Gentle⸗ man ähnlich. „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ fragte der Rector in ziemlich kaltem Ton. „Mit einem alten Bekannten,“ antwortete Se. Ehrw. Dion Curling. „Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wo ich das Vergnügen gehabt habe, Sie zu ſehen. Guter Gott! es herrſcht gewiß ein Irrthum vor!“ „Nein, durchaus nicht,“ ſagte Mr. Parker. „Doch ich erkenne nicht„ „Es wäre ein Wunder, wenn Sie ihn erkennen würden,“ fiel der dem Laienſtande angehörige Be⸗ ſucher ein.„Ich kenne ihn doch ſchon ſeit dreißig — 299 und mehr Jahren, und mich ſoll der Wolf beißen, wenn ich es errathen hätte. Es iſt ein großer Mann! ein ſehr großer Mann!“ „Still, Jim,“ ſprach ſein Begleiter im Tone eines Gönners.„Ich ſehe, Doctor Gore,“ ſetzte er hinzu, „daß Sie rückſichtlich meiner Perſon und des Zwecks meines Beſuches genug in Verlegenheit ſind. Aber dieſer Brief von Ihrem Freund, Mr. Elton, wird Ihnen Alles erklären.“ Der Geiſtliche las ihn zweimal aufmerkſam durch und klingelte dann. „Sie werden die Effecten dieſer Herren nehmen,“ ſagte er dem Hausmeiſter, der, von Neugierde ge⸗ trieben, eiligſt jenen Ruf beantwortete,„und dieſel⸗ ben in zwei der leeren Zimmer bringen.“ J Si „Und merken Sie ſich, daß ich für Niemand zu Hauſe bin. Das iſt genug!“ Noch mehr beunruhigt, als ſein Herr geweſen war, zog der Diener ſich zurück. Er konnte nicht begreifen, warum Doctor Gore ſolche Gäſte aufzu⸗ nehmen ſich herabließ. Seiner Meinung nach waren es arme Vikare oder höchſtens Miſſionäre. „Nun, Mr. Wield,“ ſagte der Rector lächelnd, „Mr. Elton weist mich wegen der Erklärung der Umſtände, welche Sie nach Crowshall führen, an Ihre Perſon.“ „Ich bitte um Verzeihung, Doctor Gore, aber geben Sie mir hier dieſen Namen nicht. Ich bin, wenn es Ihnen gefällig iſt, Se. Ehrw. Dion Curling.“ „Es wäre mir lieber geweſen, Sie hätten irgend 300 einen andern Beruf gewählt,“ ſagte der Geiſt⸗ liche ernſt. „Es iſt nur auf einen oder zwei Tage,“ erwi⸗ derte der Policeiagent achtungsvoll,„und ich denke, mein Betragen ſoll demſelben keine Unehre machen. Parker,“ fuhr er, zu ſeinem Begleiter gewendet, fort, „vergeſſen Sie nicht, ſo lange Sie dieſes Haus be⸗ wohnen, ſich mit ſoviel Reſpect aufzuführen, wie bei mir ſelbſt. Sie werden nicht fluchen, Sie werden nicht trinken, nicht mit der Dienerſchaft Späße machen. Haben Sie mich verſtanden?“ Der Schelm antwortete nur mit einem bedeut⸗ ſamen Blick. „Jetzt, fügte Se. Ehrw. Dion Curling hinzu, „packen Sie aus; der Diener wird Ihnen das Zim⸗ mer zeigen.“ Mr. Parker entfernte ſich, durchdrungen von der Reſpectabilität des Pfarrhauſes, weil ihm geboten war, ſich dort wie in dem Hauſe ſeines Vorgeſetzten zu betragen, der ihm als einer der größten Männer des Landes vorkam. Und vielleicht hatte er in einer Beziehung Recht; wir haben wenigſtens noch nie einen gewandteren Spitzbubenfänger gekannt, als Mr. Wield, deſſen Thaten ohne Zweifel eines Tages mit viel mehr Details, als wir hier zu geben im Stande ſind, der Welt erzählt werden. Er war kaum allein mit ſeinem Wirth, als er aus einer in ſeinem Weſtenfutter angebrachten Taſche einen verſiegelten Brief hervorzog. Er legte ihn auf den Tiſch mit den Worten: 301 „Dieſer hier wird die Urſache meines Beſuchs erklären.“ Der Rector erbrach das Siegel und durchging den Brief ſorgfältig. „Die Wege der Vorſehung ſind wahrhaft wun⸗ derbar,“ rief er, denſelben wieder auf den Tiſch legend. „Ich glaube es wohl,“ antwortete der falſche Doctor,„man findet daſelbſt ebenſo viel Krümmun⸗ gen, als auf den Wegen der Gerechtigkeit; der Un⸗ terſchied iſt nur, daß dieſe nicht ſo ſauber ſind; bei jedem Schritte ſtößt man auf Koth und Schmutz. Ich ſetze voraus, daß ich auf Ihren Beiſtand rech⸗ nen kann?“ „In allen Punkten.“ „Ich denke nicht, Sie mehr als zwei Tage ſtören zu müſſen. Ich weiß, daß mein Begleiter und ich nicht die paſſende Geſellſchaft für einen Gentleman von Ihrem Stande ſind.“ Doctor Gore murmelte, daß er ſich ſehr glücklich ſchätze, ihn bei ſich zu ſehen, und daß alle Menſchen in den Augen der Vorſehung gleich wären; aber ſein Zuhörer nahm dieſe Worte nur für das, was ſie wirklich galten. Die Hauptſache war gewonnen. Er befand ſich in Crowshall und ſein Wirth verſprach ihm die Schlüſſel zur Kirche. Am Morgen wurde ein Billet in das Pfarrhaus für Se. Ehrw. Dion Curling gebracht. Es enthielt nur die beiden Worte:„Dieſen Abend.“ „Ich kann es mir nicht erklären,“ ſagte der 302 Rector, als ihm das Billet gezeigt wurde.„Ange⸗ nommen ſelbſt, Roderich hätte das Intereſſe, welches Sie vorausſetzen, die Gruft zu beſuchen, wie ver⸗ möchte er in die Kirche zu gelangen?“ „Es gibt etwas wie falſche Schlüſſel,“ warf der Policei⸗Officiant ein. Der Rector ſchien von Schrecken ergriffen. „Wenn wir ihn auf der That ertappen können,“ fuhr der Gegenredner fort,„ſo iſt damit ein großer Schritt zum Beweis ſeiner Schuld gethan.“ „Können Sie auf Ihren Begleiter zählen?“ „Auf Jim!“ rief Mr. Wield mit der Miene des Erſtaunens;„Gott ſegne Sie, Doctor, er iſt treu wie Stahl.“ Einige Stunden nachher verbargen ſich die bei⸗ den Policei⸗Officianten, beide gut bewaffnet, in der Sakriſtei der Kirche. Man hätte keinen beſſern Poſten wählen können, denn man überſah von hier aus nicht nur beinahe das ganze Innere des heili⸗ gen Gebäudes, ſondern es war auch ein ſicherer Zu⸗ fluchtsort im Fall der Gefahr. Während der erſten Stunde ertrugen ſie gleich⸗ gültig die Einſamkeit und Finſterniß des Orts; aber allmählig begann ein Gefühl des Alleinſeins, eines unbeſtimmten Schreckens ſich ihrer zu bemäch⸗ tigen. Dieſe Männer, die oft ohne Zittern in die Höhle des Mörders getreten waren, die den Dieb oft mitten unter ſeinen wilden und ausſchweifenden Genoſſen ergriffen hatten, fühlten die Furcht ſich ihrer bemächtigen. „Ich wünſchte,“ flüſterte Parker, ſonſt Jim ge⸗ 303 nannt,„wir hätten den Geiſtlichen mit uns genom⸗ men. Er iſt an ſolche Orte gewohnt.“ „Pßt!“ machte ſein Begleiter. „Ich kann nicht ſchweigen,“ antwortete jener im⸗ mer mit leiſer Stimme.„Meiner Anſicht nach heißt es die Vorſehung verſuchen, wenn man nach Ein⸗ bruch der Nacht in eine Kirche geht. Es iſt mir unmöglich, an etwas Anderes zu denken, als an die letzte Jury, wo wir den Mann verurtheilen ließen, der ſeine Frau getödtet hat. Morgen hängt man ihn.“ „Still!“ ſagte Wield.„Wollen Sie wohl Ihrem Geſchwätz ein Ende machen?“ „Dann hören Sie mir die Zähne klappern, was noch ſchlimmer iſt, ſofern Sie nicht ein Wort von dem, was ſie ſagen werden, verſtehen.“ Inzwiſchen war der Mond aufgegangen, ein Umſtand, der ihre Lage nicht angenehmer machte, denn das Geſtirn der Nacht warf auf die Mauern und Steinplatten des Tempels ſo phantaſtiſche Schat⸗ ten, daß die zwei Agenten lieber im Finſtern geblie⸗ ben wären. Ein ſchwaches Geräuſch, wie das einer in ver⸗ roſteten Angeln ſich drehenden Thüre ließ ſich hören, und dieſes Geräuſch gab ihnen Muth und Ruhe wieder. Sie erinnerten ſich ſogleich, zu welchem Zweck ſie hier waren. Was ſie fürchteten, war das Unbeſtimmte und Unbekannte. „Rühren Sie ſich nicht,“ ſagte Wield zu Jim; „ſie ſind in der Kirche.“ Vorſichtige Schritte wiederhallten ſchwach, und zweimal ſtrich ein Schatten durch das Schiff. 304 „Es ſind ihrer zwei,“ fuhr Wield fort,„Bender hatte Recht. Es iſt etwas ſehr Geſchicktes,“ ſetzte er hinzu, als er die nach der Gruft führende Thüre ſich öffnen hörte,„um falſche Schlüſſel.“ Nachdem ſie einige Minuten gewartet hatten, ſchlüpften beide aus der Sakriſtei in das Sanctua⸗ rium, wo in der Mitte das maſſive Grab eines der alten Aebte ſich befand. Die beiden Agenten horch⸗ ten und hörten deutlich das Geräuſch eines Sarges, den man erbrach. „Ich könnte das nicht thun,“ ſagte Jim.„Ein famoſer Schelm. Er wird uns ſchön zu ſchaffen machen.“ Mr. Wield war ohne Zweifel derſelben Mei⸗ nung und beſann ſich einen Augenblick auf das beſte Mittel, der Tempelräuber ohne Blutvergießen ſich zu bemächtigen, denn er hatte dem Doctor verſpro⸗ chen, dieß zu vermeiden, wenn es möglich wäre. Eines beunruhigte ihn: er wußte nicht, wie ſie in die Kirche gekommen ſein mochten; alle Thüren waren geſchloſſen. „Gleichviel,“ ſagte er,„ſtellen Sie ſich an die weſtliche Thüre, ich will das öſtliche Portal bewachen. So werden ſie uns nicht entwiſchen können.“ Kaum hatten ſie ihren Poſten eingenommen, als eine Perſon, dermaßen in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, daß man in der Finſterniß unmöglich unter⸗ ſcheiden konnte, welchem Geſchlecht ſie angehörte, aus der Gruft trat, gefolgt von einer andern, die eine Laſt auf den Schultern trug. Da die Policei⸗Officianten erwarteten, die Schän⸗ der der Gräber würden ſich gegen die eine oder — — er zte re n, a⸗ er 6 in en — andere Thüre, wo ſie poſtirt waren, wenden, ſo blie⸗ ben ſie unbeweglich, bis diejenigen, welche ſie beob⸗ achteten, den Eingang in das Sanctuarium erreicht hätten. Eine Wolke verdeckte jetzt den Mond, und die langen Schatten der Säulen der Kirche ver⸗ ſchwammen dermaßen in einander, daß einige Mi⸗ nuten weder Mr. Wield noch ſein Genoſſe unter⸗ ſcheiden konnten, was vorging. Sie hörten etwas, wie das Knarren von Angeln, dann das Geräuſch einer Feder, welche plötzlich ſchnappte, und hierauf trat wieder tiefe Stille ein. Mr. Wield ließ einen Pfiff hören; auf dieſes Signal drehte Jim ſeine Laterne um, aber ſie er⸗ blickten nichts, als ſich ſelbſt. Das myſteriöſe Weſen im ſchwarzen Mantel und der Träger des Leichnams waren n verſchwunden. „Darin liegt etwas Zauberhaftes,“ murmelte Mr. Wield erſtaunt. „Entfernen wir uns, entfernen wir uns,“ ſagte Jim keuchend und vor Schrecken zitternd;„länger bleiben hieße die Vorſehung verſuchen.“ Trotz ſeiner Einwendungen wurde die Sacriſtei ſorgfältig unterſucht, deßgleichen alle Ecken und Win⸗ kel des Gebäudes: aber ſie entdeckten keine Spur von denen, welche ſie ergreifen wollten. „Betrogen,“ ſagte der Policei⸗Officiant,„voll⸗ ſtändig betrogen!“ „Aber nicht durch natürliche Mittel,“ erwiderte ſein Genoſſe.„Meine Meinung iſt, daß wir nur Geſpenſter geſehen haben. 5 „Bah! glauben Sie an dergleichen Thorheiten?“ „Bisher nicht,“ brummte Jim,„aber ſ glaube Das Erbe. I. 20 306 ich daran, denn, Alles wohl überlegt, heißt ſehen glauben.“ Entſchloſſen, ſich keinen günſtigen Zufall entgehen zu laſſen, blieb Wield, taub gegen das Flehen ſeines Genoſſen, den Reſt der Nacht in der Kirche, hoffend, die geheimnißvollen Beſucher würden noch einmal kommen, oder der Tag ihm enthüllen, durch welche Mittel ſie entwiſcht wären. Ihm Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laſſen, kam es ſelten vor, daß er ſich eine Blöße gab. Neunmal von zehn reichte das leichteſte Anzeichen für ihn aus, bis zur Quelle zu gelangen. „Sie werden wohl, denke ich, darauf verzich⸗ ten, Herr,“ ſagte Jim, als ſie auf das Pfarrhaus zugingen. „Darauf verzichten?“ wiederholte ſein Vorgeſetz⸗ ter,„nie! Es handelt ſich nicht um mein Intereſſe allein, ſondern um meine Eigenliebe, um meine Re⸗ putation. Dieſer Roderich Haſtings iſt ein gewandter Schurke; hinfort werde ich ſelbſt ein Auge auf ihn haben.“ „Wie? Sie zweifeln an Bender?“ „Nicht an ſeiner Ehrlichkeit, aber an ſeiner Einſicht.“ Jim ſchüttelte den Kopf. Seiner Meinung nach konnte keine Einſicht das erklären, was ihm zufolge nur eine Deutung zuließ, nämlich daß der Herr von Crowshall ſich an eine gewiſſe Perſon verkauft hatte, die man nicht gern nennt. Und dieſe Meinung war bei ihm ſo tief gewurzelt, daß kein Raiſonnement ſeines Genoſſen ſie herausreißen konnte. Groß war das Erſtaunen von Doctor Gore, als ſein ſeltſamer Gaſt ihm von den Ereigniſſen Mit⸗ theilung machte. Sein erſter Eindruck war, die bei⸗ den Policei⸗Officianten ſeien die Opfer ihrer eigenen Einbildungskraft, die Einſamkeit des Orts, die Stunde und die Stille haben imaginäre Erſcheinun⸗ gen hervorgerufen. Er ſchenkte ihrem Bericht erſt Glauben, als er ſelbſt die Gruft unterſucht hatte. Er erkannte, daß Walter Herberts Sarg erbrochen und der Leichnam weggenommen worden war. Dieſes Ereigniß erſchien ihm am ſeltſamſten; denn ſeit vielen Jahren hatte er die Schlüſſel Nie⸗ mand anvertraut. „Wie eitel ſind die Anſtrengungen der Menſchen,“ ſprach er,„wenn ſie den Vorhang hinwegnehmen wollen, welcher die Plane der Vorſehung verbirgt! Wir müſſen die von ihr beſtimmte Stunde ab⸗ warten!“ Mit dieſer Betrachtung kehrte er nach Hauſe zurück, begleitet von Mr. Wield, der ſogleich nach dem Frühſtück ſeine Abſicht ankündigte, mit Jim nach London zurückzukehren, im Fall die Fragen, welche er an ſeinen Wirth gerichtet hatte, ihn nicht auf den geſuchten Weg leiteten. Es iſt unnöthig, zu bemerken, daß Doctor Gore ſich beeilte, ihm alle Aufklärungen, die er geben könnte, zu verſprechen. Der Spitzbubenfänger zog ſein Portefeuille aus der Taſche, um ſich die Antworten zu notiren. „Ich geſtehe Ihnen, Doctor,“ begann er,„daß ich Anfangs ebenſo in Verlegenheit war, wie Sie, den Vorfall zu erklären, aber ich bin zu einem Schluß gelangt, nicht wie Sie, nach einer langen Reihen⸗ folge von Raiſonnements, ſondern ſozuſagen auf den erſten Sprung. Es gibt einen geheimen Eingang in die alte Kirche!“ „Nicht daß ich wüßte,“ antwortete der Geiſtliche; „inzwiſchen iſt die Vermuthung nicht unwahrſcheinlich, denn man hat dergleichen oft in alten Mönchsge⸗ bäuden gefunden.“ „Gibt es hier Jemand, der mit den Geheimniſ⸗ ſen der Localität vertrauter iſt, als Sie?“ „Nein, doch habe ich ſagen hören, daß mein Vor⸗ gänger beſondere Entdeckungen gemacht habe, aber ſie ſind in Vergeſſenheit gekommen, im Fall NRicolas Pim, der Kirchſpielſchreiber, nicht eine Erinnerung daran bewahrt hat.“ Mr. Wield notirte ſich dieſen Namen. „Und was für eine Art von Individuum iſt die⸗ ſer Nicolas Pim?“ „Er wird ſiebzig Jahre alt ſein und....“ „Darnach frage ich nicht,“ fiel der Diebsfänger ein,„ſeine Moralität, in welchem Rufe ſteht er?“ „In dem eines rechtſchaffenen Mannes. Fragen Sie das ganze Kirchſpiel, Sie werden nicht eine Seele finden, die Uebels von ihm redete. Aber ich muß Ihnen geſtehen, daß der Greis ausnehmend abergläubiſch iſt; er glaubt feſt daran, daß in der Kirche von Crowshall vor dem Tode jedes männlichen Mitgliedes der Familie Herbert ein Licht erſcheint.“ Mr. Wield ſchrieb eine zweite Bemerkung in ſein Portefeuille. „Glauben Sie es auch, Sir?“ Eine ſchwache Röthe färbte das Geſicht des Ree⸗ tors und er zögerte. — 309 „Ihnen offen zu ſagen,“ ſprach er,„ich weiß nicht, was ich auf dieſe Frage antworten ſoll. Ich kann beglaubigen, daß dieſes Licht erſchienen iſt, da ich zweimal Zeuge davon war; aber Religion und Vernunft verbieten mir gleichmäßig, zu glauben, daß es die Wirkung einer übernatürlichen Urſache ſei. Die Naturgeſetze werden nicht zu Ehren einer Familie ſuſpendirt, ſo alt, ſo edel auch ihr Urſprung ſein mag.“ „Ich glaube es auch nicht, Sir,“ antwortete der Policei⸗Officiant in träumeriſchem Tone.„In die⸗ ſem Allem liegt etwas, was meine Reugierde ebenſo ſehr wie meine Eigenliebe reizt. Sie ſagten eben, Ihr Vorgänger habe beſondere Entdeckungen in der alten Kirche gemacht. Hat er Familie hinterlaſſen?“ „Einen Sohn und eine Tochter.“ „Was iſt aus ihnen geworden?“ „Was den Sohn betrifft, ſo kann ich Ihnen unmöglich antworten. Die Tochter wurde, ſagt man, das Opfer der Verführung des Großvaters von Sir Harrh und Walter Herbert. Als er ſtarb, verjagte die entrüſtete Wittwe die Unglückliche von dem Her⸗ renhauſe mit ihrem Kinde und ſie ſtarb im Schnee.“ „Das Kind auch?“ „Nein.... wenigſtens wurde ſeine Leiche nicht aufgefunden.“ Mr. Wield ſchloß ſein Portefeuille mit einem kleinen kurzen Schlag, der den würdigen Rector erſchreckte. „Ich ſehe,“ ſagte dieſer,„daß Sie die Affaire als eine verzweifelte aufgeben.“ „Im Gegentheil, ich war des Erfolgs nie ſicherer, als in dieſem Augenblick. Ich werde einen Tag länger in Crowshall bleiben, und dann nach London abreiſen, um mich mit Mr. Elton zu verſtändigen.“ „Guter Gott!“ rief der Rector,„iſt es mög⸗ lich, daß Sie in dem, was ich ſagte, etwas entdeckt haben?“ „Was denn?“ „Was Sie ſeit Jahren ſchon geargwohnt haben würden, wenn Sie die Menſchheit mit ebenſo viel Aufmerkſamkeit ſtudirt hätten, wie Ihre Bücher. Ein Verbrechen iſt beinahe am hellen Tage begangen worden, und ſeine Urheber ſind nicht allein nicht be⸗ ſtraft, ſondern man hat nicht einmal Verdacht auf ſie. Ich bin auf dem Wege, und ich kann beinahe für das Reſultat ſtehen.“ Che er Crowshall verließ, hatte der Spitzbuben⸗ fänger eine lange Privat-Unterredung mit ſeinem Agenten Mr. Bender, dem er neue Inſtructionen gab, ohne ein großes Salair zu vergeſſen. Obgleich Roderich Haſtings ſorgfältig jede Anſpie⸗ lung auf den Zank mit ſeiner Frau vermied, erin⸗ nerte er ſich deſſen darum nicht weniger, und war⸗ tete nur eine günſtige Gelegenheit ab, ſich einer Kette zu entledigen, welche ſeit langer Zeit ihn peinlich drückte. War das große Ziel ſeines Ehr⸗ geizes erreicht und der Baronetstitel geſichert, ſo würde er leicht das Mittel finden, Mabel aus dem Wege zu räumen. Zuweilen betrachtete er ſie mit der Miene über⸗ müthigen Triumphs oder finſtern Haſſes, denn er fürchtete ſie nicht mehr. Von nun an waren ihre 311 Drohungen unmächtig. Der Leichnam ihres vergif⸗ teten Bruders befand ſich nicht mehr in der Gruft der Herberts. Inzwiſchen kamen die Zurüſtungen zum Ball raſch heran; Einladungen wurden an alle diſtinguir⸗ ten Familien der Nachbarſchaft geſchickt, und zur großen Freude wie zum Erſtaunen des Herrn von Crowshall von den meiſten angenommen, da die Gerüchte, die zu ſeinem Nachtheil circulirt hatten, erſtickt oder in Zweifel gezogen worden waren. „Alles geht, wie ich wünſche,“ ſagte er im Ton des Triumphs zu ſeinem Freund Marc Raymond. „Die Vorurtheile und der Haß der Familien ver⸗ ſchwinden allmälig. Aus Feinden werden Freunde, die Freunde ſchließen ſich enger an mich an. Lut⸗ terel wird gewählt werden.“ „Und Sie werden zum Dank den ſo ſehr erſehn⸗ ten Titel haben,“ erwiderte der Baron.„Beim Jupiter! Sie werden ihn wohl verdient haben, denn nie hat Jemand mit größerem Eifer darauf hinge⸗ arbeitet, eine Handhabe an ſeinen Namen zu ſetzen. Doch findet Mrs. Montréſor ihn ſo, wie er iſt, ſchöner, und Miſtreß iſt eine Frau von Geſchmack.“ „Ohne Zweifel,“ dachte Roderich mit geheimer Genugthuung. Am Sonntag, der dem Ball voranging, begab ſich der Schloßherr und der größte Theil ſeiner Gäſte in die Kirche von Crowshall. Der Heuchler ging ſoweit, ſeine Frau um ihre Begleitung zu bit⸗ ten. Er war ſehr überraſcht, als ſie ohne die ge⸗ ringſte Zögerung in ſein Begehren willigte. Das letzte Mal, da ſie auf dem ſeit undenklichen Zeiten Platz genommen hatte, war ihr Bruder Harry an ihrer Seite. Traurige, ſchmerzliche Gedanken dräng⸗ ten ſich ihr auf. Seit Jahren hatte ſie nicht zu beten verſucht, aber die Anſtrengung, die ſie machte, erleichterte ſie. Kummer und Täuſchung hatten ihr verhärtetes Herz erweicht. Sie dachte an ihre Brü⸗ der, wie ſie dieſelben in jener glücklichen Zeit, da ſie noch ein unſchuldiges Mädchen war, geſehen zu haben ſich erinnerte; dann dachte ſie über deren Schickſal nach. Welchen Theil hatte ſie daran ge⸗ nommen? Wo waren ſie nun? Die Reuige wagte kaum die Augen nach der Seite der Kirche zu wenden, wo ein ſehr ſchön aus⸗ gehauener Wappenſchild den Eingang zu der Gruft ihres Stamms bezeichnete. Nach der Predigt bot Roderich Mrs. Montréſor ſeinen Arm, um ſie aus der Kirche zu führen. Nie⸗ mand ſchien ſich um Mabel zu bekümmern oder daran zu denken, daß ſie gegenwärtig war. Die vergeſſene Gattin mußte allein nach Hauſe zurückkehren. Während ſie über den Kirchhof hinſchritt, näherte ſich ihr der alte Allan und entblößte vor ihr ſein graues Haupt. Von ſeinem Platze unter den Päch⸗ tern hatte er ſie beobachtet und errathen, was in ihrem Herzen vorging. Er war gerührt von dieſer Veränderung, indem er hoffte, daß ſie aus wahrer Reue komme. „Ich habe Ihre Botſchaft ausgerichtet,“ ſagte er. „Danke, Allan,“ rief ſie,„Ihr habt mir den letzten Dienſt geleiſtet, den ich von Euch zu begehren hatte. Schickt mir mein Couſin keine Antwort?“ den Herbert vorbehaltenen Stande der Emporkirche „Daran bin ich ſchuldig, Madame,“ antwortete der Bote;„ich habe ihm geſagt, ich wüßte nicht, ob ich Gelegenheit, Sie zu ſehen, haben würde; aber er verſprach, zu kommen.“ Während ſie ſich ſo unterhielten, knappte Nan Willis über den Kirchhof. Sie ſchien überraſcht, Allan und die Herrin von Crowshall beiſammen zu ſehen, ſetzte aber ihren Weg fort, ohne ein Wort zu ſagen. „Eine gottloſe Frau,“ ſprach Mabel, die ſie wie⸗ der erkannt hatte,„und doch, warum ſollte ich ſie tadeln? Sie unterlag nur der Verſuchung des Gol⸗ des, wie der Dämon, der den Plan ihres Werkes vorzeichnete.“ Sie ahnte nicht, daß die Alte von ebenſo glühen⸗ den Leidenſchaften, wie diejenigen, welche ihr eigenes Herz einſt entzundet hatten, vorwärts getrieben wor⸗ den war. Am Abend des Balles ſelbſt begab ſich der Advocat Colley nach dem Herrenhauſe und verlangte ſeinen Clienten, Roderich Haſtings, zu ſehen. Ver⸗ geblich erwiderten ihm die Domeſtiken, daß ihr Herr im Salon durch ſeine Gäſte zurückgehalten würde. Der Intendant wollte keinen Grund anhören. „Läge er auf dem Todtenbett,“ ſprach er,„ich will ihn ſehen; meine Angelegenheit duldet keinen Aufſchub.“ Als Roderich in die Bibliothek trat, in nicht ſehr liebenswürdiger Stimmung, fand er ſeinen Be⸗ rather im Zimmer auf- und abſchreiten, den Finger an die Stirne gelegt, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn ſich etwas zugetragen hatte, was ihm uner⸗ klärlich ſchien. „Nun, Mr. Ellsgood,“ ſprach er,„was bedeutet dieſer widerwärtige Beſuch in einem Augenblick, wo ich die Hälfte der Grafſchaft erwarte?“ „Verſchwendung, Albernheit,“ erwiderte der Alte, „ſchicken Sie die ganze Welt fort.“ „Gilt das mir? Vergeſſen Sie, daß Sie mit dem Herrn von Crowshall ſprechen?“ „Ich bin nicht ganz gewiß, ob ich mit ihm ſpreche,“ entgegnete der Advocat;„man hat die Hinterſaßen angewieſen, die Pachtzinſe nicht mehr zu bezahlen.“ „In weſſen Namen?“ fragte Roderich, wie vom Donner gerührt. „Im Namen des ehrenwerthen Edgar Sutton.“ „Bah! ich fürchte ihn nicht. Ich kann in einem ſolchen Augenblick nicht weiter davon hören.“ „Aber ich fürchte ihn,“ murmelte der Intendant, ſich zurückziehend,„ich fürchte ihn, und ich fürchte auch für mein Geld.“ Ende des dritten Bandes. In unſerem Verlage iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Wyſterien eines Freimaurers. Von Br.“ Heribert Rau. Zwei Bände. Manuſeript für Freimaurer. 8. eleg. geh. 21 Sgr. oder fl. 1. 12 kr. rhein. Der Hauptzweck dieſes Buches iſt ein den jetzigen Zeitbewegungen vollkommen entſprechender. Er geht dahin, alle Freimaurerbrüder vor jenem unſeli⸗ gen Geiſte des Myſticismus zu warnen, welcher leider— von Pfaffen und Kopfhängern in die ſtillen Hallen des Bundes eingeführt— jetzt in ſo manchen Lugen ſpukt, und namentlich in den höheren Graden und der albernen Spielerei im Schottenthum einen günſtigen Boden findet. So ſehr daher der Verfaſſer die Freimaurei in den drei Jo⸗ hannis⸗Graden ehrt, mit eben ſolcher Entſchieden⸗ heit enthüllt er, in der Geſchichte eines unglück⸗ lichen, betrogenen Bruders, die Erbärmlichkeit und Abgeſchmacktheit des mauriſchen My⸗ ſticismus der Schottengrade. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage erſcheinen: Sämmtliche Romane von Alexander Dumas. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franztöſiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Romane. Claſſiker⸗ Format. In Lieferungen von 5 Pogen à 4 Ugr. oder 12 kr. Dieſe nene Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich, in Betreff der isſ ganz an unſere Claſſiker⸗Ausgabe von Fpsern„Carlén's Romanen anſchließen, und ſomit die ſchönſte und zugleich bil⸗ ligſte aller bis 6 trien Ausgaben werden. Wir beginnen die Sammlung mit dem unübertroffe⸗ nen Romane: Die drei Musketiere, und den dazu gehörigen zwei Fortſetzungen: Zwanzig Jahre nachher, und Der Graf von Bragelonne. Jeden Monat erſcheinen 3 bis 4 Lieferungen, und geben wir jeden Koman, jede Lieferung einzeln ab; jedoch erhalten diejenigen Abnehmer, welche ſich zur Abnahme der im Laufe dieſes Jahres erſcheinenden Lieferungen verpflichten, zu Ende des Jahres, das nach einer Photo⸗ graphie trefflich ausgeführte Portrait des Verfaſſers gratis. Stuttgart. Franchh'ſche Verlagshandlung. — ,—— . Humvriſtiſche Lektüre, beſonders für Kaufleute und Jandlungsreiſende. 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Bis jetzt ſind erſchienen: Die Geſchichte von Samuel Tit⸗ marſh und dem großen Hog⸗ gart'ſchen Diamant.. 3Bändchen. Der Jahrmarkt des Lebens(Va- Pendennis 9 Henry Esmond. Eine Erzählung aus den Zeiten der Königin Anna 13„ Die Newcomes. Denkwürdigkeiten einer höchſt achtungswerthen Familie 31„ Als ein Stern erſter Größe ſteht Thackeray am literariſchen Himmel Englands. In ſeinen Romanen zeigt er ſich Fielding und Smollet vollkommen ebenbürtig. Eine Fülle geſunden Humors, eine Wahrheit der Zeichnung und des Colvrits, wie man ſie ſonſt nur bei Dickens findet, tritt dem Leſer auf jeder Seite entgegen. Aus dieſen Gründen ver⸗ dient er auch ein Liebling des deutſchen Leſepubli⸗ kums zu werden. Unſere Ausgabe zeichnet ſich durch vortreffliche Ueberſetzung und außerordentliche Billigkeit aus und verdient daher vor allen andern den Vorzug. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. Feſtgeſchenke. In unſerem Verlage ſind ſo eben erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Hermann Kurz, Schillers Heimathjahre. 2 Bände. eleg. broch. Preis Thlr. 1. 18 Sgr. oder fl. 2. 42 kr. Prachtvoll gebunden Thlr. 2. oder fl. 3. 24 kr. Hermann Kurz, Erzählungen. Erſter Band. eleg. broch. Preis Thlr. 1. oder fl. 1. 36 kr. Currer Pell, Verfaſſerin von„Jane Eyre, die Waiſe von Lowood⸗, Der Profeſſor. eleg. broch. Preis Thlr. 1. oder fl. 1. 36 kr. Emilie Aygare Carlén's ſämmtliche Romane. Elegante Ausgabe in Schillerformat. Jeder Roman wird einzeln verkauft. Bis jetzt ſind erſchienen: Thlr. Sgr. fl. kr. Ein Jah— 24. 1. 1 Der Einſiedler auf der Sontitpe Guſtav Lindorm oder führe uns nicht in Veſichtn Die Milchbrüder Die Braut auf dem Omberg— 15.— 45. Waldemar Klein.— 12.— 36. Der Profeſſor und ſeine Schützlinge— 22. 1. 6. Der Stellvertreter..— 28. 1. 24. Frauenwelt. Stuttgart. Ein launenhaftes Weib. 2 Bände 26 3 Das Fideicommiß. 2 Bände.. 116. 18. 3 Bände. 53 15 Die Kircheneinweihung von Hammarby 4 e Si Sämmtliche hier angekündigte Werke eignen ſich hauptſächlich zu Feſtgeſchenken,„beſonders an die ſſſſſſſſſſiſſſſ 7 8 2 10 11 2 13 1 6 9 8 p L