— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Fteh und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2— Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: W Mt.——f. 1 Mr. 50 vi 2W.— Pf. „ 3„— 5 Auswärtige Adonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher mamentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſ e, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ver Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ S von mir geliehen, auch dafür zu hilen 6 . Das Erbe oder die Tehren des Lebens. 5 Roman von J. F. Smith. Frei nach dem Engliſchen von Pr. C. Püchele. Erſter Band⸗ Stuttgart. Franckh''ſche Verlagshandlung. 1858. Schnellpreſſendruck von E. Greiner in Stuttgart. Erſtes Kapitel. Crowshall.— Geſpräch am Eingang des Birchhofs. Crowshall oder Crogeshall, wenn wir dem Or⸗ thographen des Lehenbuches*) folgen, iſt der Name eines auf der Grenze von Lincolnſhire gelegenen Kirchſpiels, einige Meilen von der kleinen Stadt Newark. Wir möchten keinem unſerer Leſer ra⸗ then, dieſen Namen auf der Karte zu ſuchen(ſie würden ſich vergebliche Mühe machen, wenigſtens wenn ſie nicht eine der neueſten hätten), oder allzu viele Rachfragen über dieſen Gegenſtand bei Freun⸗ den zu machen, welche ſie in der obengenannten Grafſchaft haben können, denn Neun von Zehn ken⸗ nen gewiß von dieſer Localität nicht mehr als ſie ſelbſt. Crowshall iſt einer jener ländlichen und ab⸗ gelegenen Winkel, welche die Reiſenden ſelten be⸗ ſuchen, wahrſcheinlich weil man nur auf Querſtraßen dahin gelangen kann, und auch weil ſich, abgeſehen von der Kirche und dem Herrenhauſe, wenig daſelbſt *) Poomsday Book unter Wilhelm dem Eroberer verfaßt. A. d. U. findet, was die Aufmerkſamkeit anzuziehen im Stande iſt.. Aber das Herrenhaus und die Kirche ſind merk⸗ würdig und es freut uns, Liebhabern des Schönen und Maleriſchen ſie zu beſſerer Kenntniß zu bringen. Das Dorf verdankt ſeine Entſtehung einer Benedie⸗ tiner⸗Abtei, welche in der Mitte des vierzehnten Jahr⸗ hunderts durch einen Biſchof von Lincoln gegründet wurde, der ein Mitglied dieſes gelehrten Ordens geweſen war. Zur Zeit der Aufhebung der Klöſter ſchenkte Heinrich VIII. die weitausgedehnten Län⸗ dereien des Convents einem ſeiner Günſtlinge, einem gewiſſen Sir Humphrey Herbert, der ihm ohne Zwei⸗ fel gute Dienſte geleiſtet hatte. Dieſes Geſchenk wurde mit einem jährlichen Grundzins von dreihundert Mark belaſtet, aber auch dieſer ſpäterhin von dem⸗ ſelben Monarchen, welcher ſich in großer Geldbedräng⸗ niß befand, gegen Bezahlung von tauſend Livres Ster⸗ ling, einer ſehr großen Summe für die damalige Zeit, abgelöst. Als der glückliche Höfling von der Domäne, dem Lohn ſeiner Dienſte, Beſitz nahm, ſtand zwar das Abteihaus, wiewohl ein wenig in Verfall, noch auf⸗ recht, aber die prächtigen Kreuzgänge und die andern Gebäude hatten von dem wüthenden Glaubenseifer der Reformirten, welche die Kirche ihres bleiernen Dachs beraubten, ihren reichen Glasſchmuck zerſtör⸗ ten, die Altäre und Gräber verſchiedener Heiligen und infulirter Aebte, womit das Sanctuarium ge⸗ ſchmückt war, traurig verwüſteten, grauſam gelitten. Sir Humphrey Herbert ſchien ein kluger Mann geweſen zu ſein, beſeelt von dem Ehrgeiz, eine Fa⸗ milie zu gründen. Er beſchäftigte ſich ernſthaft damit, den Werth ſeines Eigenthums zu vermehren. Mit den Trümmern des Kloſters, das er voll⸗ ſtändig abtrug, ſtellte er das Abteigebäude her und erweiterte daſſelbe in der Folge ſo beträchtlich, daß es allmälig einer der ſtolzeſten Wohnplätze der Ge⸗ gend wurde. Auch umgab er einen Theil der Do⸗ mäne mit Mauern, um ihn zu einem Park umzu⸗ ſchaffen, und zerlegte das Uebrige in Pachtungen, welche ihm große Einkünfte abwarfen, wenn man nach dem Glanz ſeines Hausgeſindes ſchließen darf. Was die Kirche der Abtei betrifft, ſo wurde ſie auf Koſten ſeiner Frau, eines Sprößlings der Fa⸗ milie Howard, welche immer in dem Verdacht einer geheimen Anhänglichkeit an den alten Glauben ſtand, reſtaurirt und zur Pfarrkirche gemacht. Eine nicht ſehr hohe Mauer, in deren Errichtung Fragmente von Säulen, Kapitälen, Köpfe von Heiligen und Cherubim, und Grabmonumente aufgingen, trennt das heilige Gebäude von dem Park. Die Maurer wendeten offenbar das ihren Händen nächſt gelegene Material an, und wenn man die Brombeerſtauden, den Epheu und die Schmarotzerpflanzen, welche ſich ſeit Jahrhunderten daſelbſt anklammern, losriße,— würde ſich ohne Zweifel Manches entdecken laſſen, was die Neugier eines Antiquars oder Archäologen reichlich befriedigte. Das Herrenhaus gewährt, aus der Ferne geſehen, einen impoſanten Anblick. An den hohen, von dem Abt Chleſtin aufgeführten Bau ſtieß der erſte Laien⸗ eigenthümer einen von zwei ſchlanken Thürmen flan⸗ kirten Flügel. Die Vorhalle in der Mitte iſt viel⸗ leicht nicht vom beſten Geſchmack und erſcheint für das übrige Gebäude allzu ſehr geſchmückt. Sie iſt von einer Art Bruſtwehr von ſehr blumigem Style und ſehr zuſammengeſetzter Zeichnung bekrönt. An jeder Ecke erblickt man einen Geier mit den Krallen auf einem Schilde, der in vier Feldern die Wappen der Herbert und Howard zeigt. Die Zeit hat den neueſten Theil des Herren⸗ hauſes dem älteſten gleich gemacht, im Innern hat daſſelbe nur wenige Veränderungen erfahren. Der Speiſeſaal des Abts iſt noch der Speiſeſaal der Familie; die Küche gerade ſo, wie damals, als die Mönche ſie verließen. Das große Veſtibule mit ſei⸗ ner ſteinernen Gallerie und gewundenen Treppe, welche vor einem Jahrhundert, wenn man der Tra⸗ dition Glauben ſchenken darf, in Folge einer Wette ein Baronet, Fuchsjäger, auf ſeiner Lieblingsſtute hinaufritt— das Veſtibule, ſagen wir, iſt geblieben wie ehedem. Die obern Gemächer ſtehen durch ein Labyrinth von Corridors und Gängen, die ſich zwan⸗ zigmal abſchneiden, durch ein wahres architektoniſches Irrgewinde unker ſich in Verbindung, wo die Be⸗ ſucher oft große Mühe haben, ihren Weg zu finden.. Das iſt Crowshall. Aber es iſt Zeit, den Leſer in der Kirche, welche ſich eine Schußweite vom Herrenhaus erhebt, einzuführen. Wie die meiſten heiligen Gebäude, welche von den Benedictinern gufgeführt wurden, muß dieſe Kirche einſt zu den prächtigſten gehört haben. Aber die Zeit, ach! und die Hand des Zerſtörers haben 7 ſie traurig erniedrigt. Von dem urſprünglichen Bau iſt nichts mehr übrig als das Schiff und Sanctua⸗ rium, mit einem Theil des ſüdlichen Transſepts, das in unſern Tagen in die Sakriſtei verwandelt wurde. Im Durchſchnitt des Kreuzes ſind die Reſte eines alten normänniſchen Thurmes, der in allen ſeinen Stockwerken innerlich und äußerlich mit zahl⸗ reichen Bögen, die ihm eine große Leichtigkeit ver⸗ leihen, geſchmückt iſt. Zu Anfang dieſes Jahrhun⸗ derts ſtürzte das Dach der Glockenſtube ein, und da die Kirchſpielgenoſſen die Koſten der Reparatur nicht auf ſich nehmen wollten, trug man dieſen Theil des Thurmes ab. Der Chor in der Haube des Polygons iſt reich decorirt; ſeine Arcaden ſind mit ſchönen Grabmälern erfüllt, welche hauptſächlich zum Andenken von Glie⸗ dern der Familie Herbert errichtet wurden, deren Gruft ſich vor dem Altar befindet. Die Sage er⸗ zählt, daß hier urſprünglich die Begräbnißſtätte der Aebte geweſen ſei. Es iſt unmöglich, dieſes Denkmal der Frömmig⸗ keit unſerer Voreltern zu beſuchen, ohne einer Em⸗ pfindung der Andacht Raum zu geben; denn der verſtümmelte Altar und das zerbröckelnde Grab er⸗ regen immer Intereſſe und führen zu Reflexionen, wie ſie etwas Anderes nicht erzeugen kann. Alles, im Park, im Herrenhauſe und in der Kirche von Crowshall hat ein gewiſſes Anſehen von Größe. Die Saatkrähen haben, als ob ſie das Alter ihrer Abſtammung wüßten, einen ernſten und langſamen Flug, und ihr Krächzen gleicht ganz den Pſalmodien der Chorherren einer Cathedrale. Es gibt deren zwei Colonien; die eine hat ſich in der großen Ul⸗ men⸗Allee, welche zum Herrenhaus führt, angeſiedelt; die andere in dem alten normänniſchen Thurm, den wir eben beſchrieben haben. Dieſe letztern werden von den Bewohnern des Kirchſpiels mit einer ge⸗ wiſſen Verehrung betrachtet. Wehe dem Jungen, der es wagen würde, ihr Reſt zu beunruhigen! Früher oder ſpäter trifft ihn die Strafe dafür, wenn man den Weiſſagungen des Dorfes glauben darf, welche, nebenbei bemerkt, nicht die am wenigſten zuverläſſigen ſind. Die Sonne ging am Ende eines ſchönen Som⸗ merabends des Jahres 1835 über der Scene unter, die wir eben zu beſchreiben verſucht haben. Der große Schatten des Thurmes erreichte die Schranke, welche vom Kirchhof in den Park führte. Vier Per⸗ ſonen, zwei Weiber und zwei Männer, welche ſich zufällig an dieſer Schranke begegnet waren, über⸗ ließen ſich dem Genuß eines Geſprächs. Die, welche hauptſächlich das Wort führte, war eine kleine runzelige Frau, ſeltſam jedoch nicht un⸗ angenehm von Ausſehen, ſo ſeltſam ſogar, daß wir verſucht ſind, ihr Portrait zu entwerfen. Sie war mager, erſtaunlich mager, und ihre farbloſe Haut, von tauſend Runzeln gefurcht, hätte ihr den Schein des höchſten Alters gegeben, wären nicht ihre gro⸗ ßen grauen Augen beſtändig in lebhafter Bewegung geweſen. Die Dorfkinder glaubten feſt, daß Nan Willis(dieß war ihr Name) mit offenen Augen ſchlafe; wir zweifeln jetzt daran, obgleich es in jün⸗ gern Jahren ein Glaubensartikel für uns, wie für unſere Kameraden war. Doch mag es nun wahr ſein oder nicht, wir können wenigſtens verbürgen, daß ſo oft Nan Jemand anredete, ſie eine ſonder⸗ bare Gewohnheit hatte, nach rechts und links zu ſchauen; zuweilen wandte ſie ſich ſogar plötzlich um, rückwärts zu blicken, als ob ſie fürchtete, es möchte irgend Jemand ihre Worte hören. Sie trug ein Kleid von ſchwarzem Zeug mit engem Oberleib; ihre weißen Haare waren in einem Knoten unter eine Haube von einfachem Leinen —zurückgeſtrichen, über welcher ſich ein Halstuch von chocolatbrauner Farbe ausbreitete, eine Art von Kopfputz, welche an den der Frau von Maintenon erinnerte. Niemand kannte Nans Geſchichte der Vergangen⸗ heit. Als ſie ſich zu Crowshall niederließ, etliche dreißig Jahre vor dem Beginn unſerer Erzählung, geſchah es, um den Beruf einer Hebamme auszuüben, welchem ſie auch wieder entſagte, ſobald ſie ſich ſo viel geſammelt hatte, um ihre einfachen Bedürfniſſe völlig zu befriedigen. Hätte dieſes vereinzelte Geſchöpf hundert Jahre früher gelebt, es wäre Zehn gegen Eins zu wetten geweſen, man würde ſie als Hexe verfolgt haben; denn ihre Sitten und Gewohnheiten waren ebenſo ſonderbar als ungeſellig. Sie blieb Wochen lang in ihrer Hütte eingeſchloſſen, ſich weigernd mit Je⸗ mand, wer es auch war, ein Wort zu wechſeln; zu andern Zeiten ſuchte ſie wieder die Unterhaltung ihrer Nachbarn, wie um ihren eigenen Gedanken zu entrinnen. Nan hatte eine mächtige Beſchützerin im Dorfe: Mabel Herbert, die ältere Schweſter von Sir Harry, 10 dem Eigenthümer aller Ländereien des Kirchſpiels. Die Dame, wie man ſie gewöhnlich nannte, beſuchte oft die alte Frau und ging Sonntags, beim Aus⸗ tritt aus der Kirche, nie an ihr vorüber, ohne ihr ein wohlwollendes Wort zu ſagen. Die andere Frau, Martha Chaſon, war eine ſchöne Perſon von etwa zweiunddreißig Jahren, friſch, glücklich, voll Geſundheit und ziemlich kokett geklei⸗ det. Martha verdiente ihren Unterhalt damit, daß ſie Kinder in Koſt nahm, und galt dafür, daß ſie in guten Umſtänden ſich befand. Die zwei Männer waren der Gerichtsſchreiber des Kirchſpiels, Amen Corner, und Nicolas Pim, der Küſter. Der erſte von dieſen Beiden war der wichtigſte, weßhalb wir ihn auch unſern Leſern zuerſt vorſtellen wollen. Amen Corner hatte ein ſanftes, ſalbungsvolles und reſpektables Ausſehen. Er trug ſeine fünfzig Jahre mit Anſtand, wie auch die ſchwarzen Gewän⸗ der, die er unwandelbar anlegte. Ein Phyſiogno⸗ miker hätte vielleicht etwas Unglückbedeutendes in ſeinen grauen Augen, in ſeinen ſchwarzen, buſchigen Augbraunen und in der ſcheinheiligen Senkung ſeiner Mundwinkel entdeckt. Aber dieſer Eindruck ver⸗ ſchwand, wenn man ihn ſprechen hörte: er war ſo fromm und that ſich ſo viel zu gut auf ſeine Red⸗ lichkeit.... in Worten. War ſein Benehmen im Einklang mit ſeinen Redensarten? Das wird uns die Zeit lehren. Seine pechſchwarzen Haare fielen gerade auf ſeine Stirne herab, was den Charakter ſeiner S noch erhöhte. 11 Nicolas Pim war dagegen ein guter Alter, ſtark, geſund und wohl auf, der ſchon lange ſein ſechzigſtes Jahr zurückgelegt hatte; ſeine Phyſiognomie, offen und heiter wie ein Sommertag, hatte das reiche Colorit der Geſundheit. Er mußte in ſeiner Ju⸗ gend ſchön geweſen ſein, denn ſeine hellblauen Augen bewahrten noch ihren Glanz, und ſeine langen, wei⸗ chen und ſchneeweißen Haare fielen in Locken auf ſeine Schultern herab. Der Küſter hatte ein völlig patriarchaliſches Aus⸗ ſehen: wie er ſo daſtand in Hemdärmeln, auf ſeinen Spaten geſtützt und mit ſeiner Geſellſchaft ſchwatzend, erinnerte ſeine hohe und kahle Stirne, auf welche ein Strahl verirrten Lichtes ſiel, an den Montblane bei Sonnenuntergang. In jedem Lande würde man ihn als Engländer erkannt haben; er war ein ſchönes Muſter der ſächſiſchen Race. Setzen wir noch hinzu, daß ſein Charakter ſei⸗ nem Aeußern entſprach. Nicolas war fromm, wahr⸗ haftig und gut; er machte ſich kein Gewiſſen daraus, manchmal einen Scherz zu ſagen, aber im Allge⸗ meinen waren ſeine witzigen Einfälle ebenſo harm⸗ los, als ſein Herz unſchuldig und rein. „Alles iſt aus für den armen Sir Harry, fürchte ich,“ ſagte der Kirchſpielsſchreiber mit einer Art ge⸗ werbsmäßigen Seufzers;„die Doctoren von Newark ſind zweimal in das Herrenhaus gekommen zweimal an einem Tage! Wir wiſſen Alle, daß es ein ſchlechtes Zeichen iſt, wenn ſie zu zwei kommen.“ „Es iſt wie bei den Raben,“ erwiderte ernſt der Küſter,„welche immer wiſſen, wenn ich ein 12 Grab machen will. Ich habe ſie geſehen, wie ſie auf mich warteten, zu zwei und zwei auf dem alten Thurme ſitzend und ungeduldig krächzend, wie wenn ſie ausgehungert geweſen wären. Die Vögel der Abtei ſind bösartig,“ ſetzte er mit einem bezeichnen⸗ den Kopfſchütteln hinzu,„und wiewohl es ſchon lange her iſt, daß ich ſie kenne, verſtehe ich ſie noch nicht immer.“ „Das wird ein großer Verluſt ſein,“ erwiderte der Erſtere.„Der liebe junge Mann, er iſt ein Freund für die Armen geweſen. Wie werde ich ihn bedauern!“ „Lüget nicht, Amen Corner,“ rief lebhaft Nan Willis.„Ich verabſcheue die Lüge. Ihr wißt, daß Ihr niemals Jemand auf der Welt bedauert habt, ſelbſt nicht die Gattin Eurer Jugend, noch das un⸗ ſchuldige Kind, das an ihrer Seite dort in dem Winkel unter dem öſtlichen Fenſter ſchläft. Bedauern! Bedauern!“ wiederholte ſie mehrmals mit einem erſtickten Lachen, als ob ſie die Vorſtellung, Amen Corner könne einer ähnlichen Schwäche nachgeben, ſehr ergötzt hätte;„bedauern, wenn der Tod von Sir Harry für Euch ein ſchwarzes Kleid gilt, um von den Gebühren für die Beerdigung nichts zu ſagen! Bekümmert Euch wenn....“ „O! Nan, Non!“ unterbrach ſie Martha Chaſon, „Ihr ſeid ein allzu ſtrenger Richter.“ „So ſpreche er alſo die Wahrheit!“ entgegnete die kleine Alte in ſanfterem Tone,„oder wenn das zu viel für ihn iſt, ſo halte er ſeine Zunge zurück. Er kann wohl ſchweigen.“ Der Gerichtsſchreiber betrachtete einen Augenblick 13 dieſe Frau mit einem ſeltſamen Ausdruck in ſeiner Phyſiognomie, wo Zorn, Erſtaunen und Furcht zu erkennen geweſen wären. Aber Nan hielt ſeinen Blick mit einer Miene aus, welche zu ſagen ſchien:„Be⸗ trachte mich ſo lang es Dir beliebt, Du wirſt in meinem Herzen doch nicht leſen.“ Es gab wenige Perſonen im Dorfe, die es ver⸗ mocht hätten. „Es iſt hart, ſehr hart, ſo jung, ſo reich zu ſterben,“ ſagte Nicolas Pim, der den Gegenſtand wechſeln wollte. „Es iſt manchmal härter zu leben,“ erwiderte die Alte mit einer Energie, welche ſie nur ſelten zeigte.„Der Wurm, welcher an dem Herzen nagt, hat ſpitzigere Zähne, als der, welcher im Sarge an uns nagt; wenigſtens fühlen wir ſie mehr und das kommt auf Eins heraus. Aber wie wißt Ihr, daß Sir Herbert dem Tod ſo nahe iſt?“ „Nun er iſt ſchon drei Monate krank,“ antwor⸗ tete Amen Corner. „Bah! iſt das ein Grund?“ „Alle Welt erwartet ſeinen Tod,“ ſetzte der Ge⸗ richtsſchreiber hinzu. „Alle Welt kann ſich täuſchen,“ ſagte Nan;„ich habe in meiner Zeit ſeltſame Todesfälle und ſelt⸗ ſame Heilungen geſehen. Hat ſich das Licht im Sanctuarium ſchon gezeigt?“ „Noch nicht,“ antwortete der Küſter, an den dieſe Frage insbeſondere gerichtet war;„ich habe drei Nächte gewacht es zu ſehen.“ „Es wird erſcheinen, ehe er ſtirbt,“ ſagte die Alte mit ſonderbarem Lächeln. 14 „Sprecht nicht davon,“ rief Martha ſchaudernd, „ſprecht nicht davon, ich bitte Euch, und noch ſo nahe bei der Kirche! Ganz gewiß, ich möchte es um Alles in der Welt nicht ſehen. Es iſt ſchlimm für Euch, Nicolas, ſehr ſchlimm, dergleichen Dinge erforſchen zu wollen.“ „Ich hoffe, nein,“ erwiderte der Küſter ſanft⸗ müthig,„denn ich weiß wohl, daß ich keine ſchlechte Abſicht dabei habe. Ich trug meine Bibel bei mir und hörte nicht auf, das Gebet des Herrn und die zehn Gebote zu wiederholen, ſo lang ich unter der Vorhalle ſaß.“ „Und Ihr habt Richts geſehen?“ fragte Martha, bei welcher die Neugierde ſtärker als der Schrecken war, wie außer Athem. „Ich habe Nichts geſehen.... das heißt nichts Beſonderes.“ „Dann wird Sir Harry dieſe Nacht nicht ſter⸗ ben,“ fügte das gute Geſchöpf hinzu,„denn alle Welt weiß, daß das Licht nie im Sanctuarium der Kirche von Crowshall zu erſcheinen verfehlt, ehe das Haupt der Familie Herbert abgerufen wird, Rechen⸗ ſchaft von ſeinem Leben abzulegen. Ich habe es meinen Vater ſagen hören, der es in der Nacht vor dem Tode Sir Gilberts, des Großvaters von Sir Harry, geſehen hat.“ „Ich habe es auch geſehen,“ ſagte Nicolas den Kopf ſchüttelnd,„und werde es nicht vergeſſen. Es war eine ſchreckliche Nacht, ein Sturm, die Erde mit Schnee bedeckt; der eiſige Nordwind heulte und tohte wahnſinnig mitten unter den Grabſteinen und ſegte über das Dach der Kirche dermaßen hin, daß 45 man hätte glauben ſollen, er werde den alten Thurm mitnehmen. Was das Licht betrifft, ſo habe ich nie etwas Aehnliches geſehen. Ihr hättet die Namen auf den Grabſteinen ebenſo leicht wie am hellen Mittag leſen können.“ „Es war eine ſchreckliche Nacht,“ murmelte Nan illis. „Wie könnt Ihr das wiſſen?“ fragte lebhaft der Kirchſpielsſchreiber.„Wenn das im Sanctuarium errichtete Monument die Wahrheit ſagt, ſo ſtarb Sir Gilbert Herbert wenigſtens zwanzig Jahre vor Eurer Ankunft in dieſer Gegend.“ „Vielleicht habe ich es geträumt, Amen Corner,“ erwiderte die Alte traurig,„vielleicht habe ich es erzählen hören, als ich mich zu Crowshall niederließ. Traum und Wirklichkeit vermiſchen ſich oft ſo ſonder⸗ bar in meinem armen Kopfe, daß ich ſie manchmal kaum unterſcheiden kann.“ „War Gilbert Herbert wirklich ein ſchlechter Menſch?“ fragte Martha Chaſon. Nach dieſer Frage heftete Nan ihre durchbohren⸗ den ſchwarzen Augen auf den Küſter, als ob ſie ſehr neugierig geweſen wäre, ſeine Antwort zu wiſſen. „Es wäre vielleicht unrecht, dergleichen zu ſagen,“ erwiderte Nicolas mit träumeriſcher Miene,„denn die Armen ſollten beſcheiden und ängſtlich ſein, wenn ſie Böſes von denen reden, welche über ihnen ſtehen; dann war ich noch ein junger Burſche, da er ſtarb; ich war erſt neunzehn Jahre alt, denn es geſchah ein Jahr vor meiner Heirath. „Erklärt Euch, Mann,“ ſagte der Gerichtsſchrei⸗ ber mit einem Gönnertone. 16. „Nun, Sir Gilbert war ein ſtrenger Mann,“ ſprach der Küſter weiter;„ich kann das ſagen, ohne ihm Unrecht zu thun. Er führte immerdar ein har⸗ tes Commando; ſeine eigene Frau wagte ihm nicht zu widerſprechen, obwohl ſie von hohem Blut und eine reiche Erbin war. Ungefähr fünf Jahre vor ſeinem Tod brachte er nach dem Herrenhaus eine eine Dame mit einem Kind, und die arme Lady war gezwungen, dieſen Schimpf zu verſchlucken, obgleich es ihr das Herz zerriß, denn ich habe die alten Diener ſagen hören, daß ſie ihren Gatten un⸗ gemein liebte.“ „Ah,“ rief Martha,„ich würde geduldig, ſogar ſehr geduldig ſein, wenn ich verheirathet wäre, aber wie könnte ich ſo etwas ertragen!“ Nan ſchwieg ſtill. „Es nahm ein trauriges Ende, wie es immer in ſolchem Fall geſchieht,“ antwortete der Alte. „Sir Gilbert ſtarb plötzlich, ohne ein Teſtament ge⸗ macht zu haben. Kaum hatte er ſeinẽn letzten Seuf⸗ zer ausgehaucht, als ſeine Wittwe jene Frau und ihr Kind vom Herrenhauſe vertreiben ließ. Wie ich ſchon geſagt habe, war die Nacht ſchrecklich, Schnee bedeckte die Erde, keine Seele im Dorfe wollte ihnen ein Aſyl geben, und die arme verzweifelte Mutter ging mit ihrem Kinde davon, verlaſſen von Jeder⸗ mann.“ „Und das war recht gethan!“ ſagte Amen Cor⸗ ner;„die Bettlerin würde dem Kirchſpiel zur Laſt gefallen ſein und„ Nan warf ihm einen Blick zu, der ihm Still⸗ ſchweigen auferlegte. „Arme Geſchöpfe!“ ſagte Martha, wäre ich Lady Herbert geweſen, ich hätte es nicht thun kön⸗ nen. Hat man nie erfahren, was aus ihnen ge⸗ worden iſt?“ „Die Sünderin fand man todt unter einem Baum des Gemeindeguts, vom Blitz erſchlagen, ſagt man; aber meine Meinung iſt, daß die Kälte ſie getödtet hat.“ „Und die Scham,“ ſetzte Nan hinzu. „Kann wohl ſein,“ ſagte der Küſter,„kann wohl ſein!“ „Und das Kind?“ „Starb wahrſcheinlich vor ſeiner Mutter,“ ant⸗ wortete der Gerichtsſchreiber. „In dieſem Fall, Mr. Corner, müßte ſie ſelbſt es beerdigt haben, denn ſein Körper wurde nie auf⸗ gefunden, wenigſtens ſo viel ich weiß,“ ſagte Ni⸗ colas.„Dieſes Kind war ein reizendes kleines Mädchen. Ich erinnere mich deſſen, wie wenn es erſt von geſtern her geweſen wäre, mit ſeinen braunen Lockenhaaren, ſeinen roſigen Wangen und ſeinem frohen Lächeln. Oft frage ich mich, ob es noch am Leben iſt.“ „Und wozu Euch das fragen,“ erwiderte die leine Alte bitter,„da Ihr es ſchon ſeit fünfzig Fahren nicht geſehen habt? Ihr würdet beſſer thun, an Eure Gebete zu denken; es iſt ohne 8 weifel jetzt ebenſo verändert und ebenſo runzelig, vie ich ſelbſt.“ „Das iſt ziemlich wahrſcheinlich,“ murmelte Amen 18 „Warum ſchaut Ihr ſo oft hinter Euch, Nan?“ fragte Martha;„erwartet Ihr Jemand?“ „Wen wollt Ihr, daß ich erwarte?“ „Das iſt ſo eine Gewohnheit von Nan,“ ſagte der Küſter,„ich bilde mir ein, daß ſie ihren Schat⸗ ten meſſe.“ Inzwiſchen war die Sonne ganz unter dem Hori⸗ zont verſchwunden, an dem ſich nur noch zwei oder drei verirrte Strahlen zeigten, der Abſchiedskuß, welchen das Geſtirn des Tags der Erde ſandte als tröſtendes Verſprechen, am nächſten Morger wieder zu kommen, um die Thränen des Thaues zu trocknen. Martha hatte die Kinder zu beſorgen und zu Bett zu bringen; Amen Corner wußte, daß er in einer Hütte des Dorfs erwartet wurde wo man ihn ſeit langer Zeit als Hrakel bes ſonders in den Angelegenheiten des Kirchſpiels be trachtete; Nicolas hatte ſeine Hacke und ſeinen Spaten einzuſchließen; was Nan betrifft, ſo wärt es unmöglich zu ſagen, was ſie zu thun hatte. Gerade in dem Augenblick, als ſie ſich trennen wollten, ſahen ſie, wie ein Mann, völlig in einen großen Reitermantel eingehüllt, das Geſicht unter einem Hut mit breiten, herabgeſchlagenen Rändern verborgen, langſam die majeſtätiſche Ulmenallee hin anging, welche nach dem Herrenhaus führte; wär es ſein Zweck geweſen, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, indem er zugleich erkannt zu werden vel mied, ſo hätte er kein paſſenderes Coſtüm wähl“ können. Sein Aufzug gab ihm ein ſonderbares u. beinahe phantaſtiſches Anſehen,. — 19 Amen Corner war der eiſ welcher ihn bemerkte, und zeigte ihn ſeiner Geſellſchaft. „Ein Beſuch auf dem Herrenhauſe vielleicht,“ te ſagte der Küſter. t„Die, welche Sir Harry beſuchen, kommen ge⸗ wöhnlich nicht zu Fuß,“ erwiderte der Gerichts⸗ i ſchreiber trocken. „Ein weiterer Doctor,“ warf Martha ein. „Oder ein Rechtsmann,“ ſetzte Nicolas hinzu, e, auf ſeinem Glauben beharrend, daß es ein Beſuch für das alte Herrenhaus ſei. „Was denkt Ihr davon, Nan?“ fragte duckmäu⸗ u ſeriſch Amen Corner.„Ich glaube, Ihr könntet uns e, die Sache erklären.“ e„Dießmal habt Ihr Recht,“ antwortete ruhig die kleine Alte. e„Was iſt es?“ riefen ihre Genoſſen. „Der Schatten, den Ihr mich ſo oft habt hinter mir ſuchen ſehen.“ Mit dieſen Worten verließ ſie Nan und wandte n ſich raſch nach der Gegend, wo der Fremde Halt 4 gemacht hatte, unbeweglich wie eine Statue, die 3 Kirche zu betrachten. n Amen Corner ließ einen leichten, ttöcehen Huſten . hören und meinte, das wäre ſehr ſonderbar. „Arme Creatur!“ erwiderte der Küſter,„das iſt die Wirkung ihrer Einbildungskraft. Zuweilen fühle icch mich zu glauben verſucht, daß ihr Geiſt etwas verwirrt iſt; aber Gott iſt über uns.“ „Ohne Zweifel!“ rief ſein Oberer in der Hier⸗ archie des Kirchſpiels,„wo wolltet Ihr, daß er wäre? Was denkt Ihr davon, Martha? he, die Frauen haben einen feinen Geiſt!“ „Ich denke, daß Nan eine brave Frau, aber daß es mit ihr nicht ganz richtig im Kopfe iſt, wie Nicolas ſagt. Sie iſt immer beeilt, Arme wie Reiche zu verpflegen.“ „Dadurch hat ſie ſich bekannt gemacht,“ erwiderte Amen liebreich. „Sind ihre Worte bitter; ſo ſind ihre Werke gut,“ ſetzte Martha hinzu.„Ohne ſie hätte ich den armen Dick verloren, als er voriges Jahr das Fie⸗ ber hatte. Die Aerzte hatten ihn aufgegeben und Nan rettete ihn.“ „Es wäre vielleicht ein Glück für Euch geweſen, ihn zu verlieren,“ entgegnete der Gerichtsſchreiber, „denn wenn es wahr iſt, was man ſagt, ſo habt Ihr von dem Tage an, da man ihn Euch gelaſſen hat, kein Geld für ihn erhalten.“ „So, das iſt meine Sache,“ verſetzte Martha trocken.. „Ohne Zweifel,“ erwiderte Amen in ſeinem ſal⸗ bungsvollſten Ton, denn er wollte ſich mit ihr nicht überwerfen, und ſie zeigte ſich immer ausnehmend empfindlich in Allem, was den kleinen Dick betraf. „Aber ich bin immer der Meinung geweſen, daß wir nie glücklicher ſind, als in unſerer Jugend; dieſe Welt iſt eine Welt der Prüfungen; Niemand von uns kann vorausſehen, was ihm noch vorbehal⸗ ſt. „Es iſt ein artiger Junge!“ rief der Küſter, „mir würde es leid thun, ihn zu verlieren. Ich ſehe ihn gern auf die Schmetterlinge um die Grab⸗ — 21 ſteine herum Jagd machen oder Maßliebchen auf dem Raſen ſammeln. Ich halte oft mitten in meinem Ge⸗ ſchäft inne, um ihn zu betrachten. Und dann iſt er ſo gut gegen ſeine Kameraden, die ſchwächer als er ſind! Wißt Ihr, Martha, daß Dick ſeine Buch⸗ ſtaben kennt? Ich habe ſie ihm gezeigt!“ „Ihr, Nicolas?“ „Ja, und das göi raſch,“ fuhr der Alte mit einer ſchelmiſchen Miere fort,„da wir keine Bücher hatten; dienten uns di. Gräber zum Alphabet. Er fängt an, ein wenig zu buchſtabiren und Wörter zuſammenzuſetzen zu Weihnachten wird er leſen kön⸗ nen.... ich bin überzeugt davon.“ Martha betrachtete mit einem Lächeln der Er⸗ kenntlichkeit den Lehrer ihres jungen Günſtlings. „Oi“ rief Amen Corner,„das übertrifft Alles, was ich je gehört habe. Wie? Eure Zeit, welche dem Kirſchſpiel gehört, verſchleudert Ihr damit, daß Ihr Kinder leſen lehrt!“ „Ich hoffe, daß nichts Böſes daran iſt,“ ant⸗ wortete der Küſter mit demüthiger Miene,„auf alle Fälle habe ich dergleichen nicht daran geſehen.“ Nichts zeigte an, daß Nan wieder kommen würde, ſie hatte die Allee mit dem Fremden verlaſſen; ſo begaben ſich die drei Sprechenden nach dem Dorfe zurück. Martha wartete, bis Nicolas ſeinen alten grauen Rock, der auf einem Grabſtein lag, ange⸗ zogen und ſeine Geräthſchaften eingeſchloſſen hatte. Vielleicht ließ ſie ſich nicht gern allein mit Amen Corner zu einer ſo ungewöhnlichen Stunde ſehen. Als ſie ſich dem Garten vor ihrem Häuschen näherte, kam ein Junge von etwa neun Jahren heraus, ihr 22 entgegenzulaufen. Es war ein ſehr ſchönes Kind mit hellbraunen, glänzenden, lebhaften und munteren Augen, zarten Zügen, kaſtanienbraunen Haaren, die in reichen Locken über ſeine Stirne fielen. Seine Kleider, wiewohl arm, machten ſich durch ihre Rein⸗ lichkeit bemerkbar. „Mutter,“ ſagte er,„es freut mich, daß Du zurückgekommen biſt! Annette, Marie, Tom, Nancy und Jack(dieß waren die Namen der Penſionäre von Martha) ſind alle eingeſchlafen; aber ich, ich habe auf Dich gewartet.“ Die Frau beugte ſich nieder, ihn zu umarmen. Der Gerichtsſchreiber wollte ihm einen kleinen Klapps auf den Kopf geben, aber das Kind wandte ſich mit Abſcheu ab. „Dick,“ ſagte ſeine Herrin mit tadelndem Ton, „führſt Du Dich alſo gegen Mr. Corner, einen ˙ Freund auf?“ „Ich liebe ihn nicht,“ antwortete der Kleine,„er iſt kein Freund.“ „Du liebſt ihn nicht?“ „Nein; er verjagt uns vom Kirchhof, wenn Ni⸗ colas nicht da iſt; er droht uns und betrachtet uns mit finſterer Miene, wie wenn es etwas Böſes wäre, Blumen zu pflücken und unter den Gräbern zu ſpielen!“ der Küſter. „Gern, wenn meine Mutter und Ihr es wollt,“ erwiderte ſein Zögling, Amen Corner die Hand hin⸗ „Gib Mr. Corner die Hand, Dick,“ murmelte ſtreckend, welcher ſich, indem er ſie zwiſchen ſeinen 23 großen Fingern einſchloß, im Stillen ſagte, daß er das Kind viel lieber an den Ohren gezupft hätte. „Ihr werdet uns nicht mehr vom Kirchhof ver⸗ jagen?“ „Nein, mein lieber Junge, wenn Du verſprichſt gut zu ſein.“ „Ich bin gut,“ antwortete Dick mit unſchuldiger Zuverſicht,„fragt die Mutter.“ „Das iſt die Wahrheit,“ rief Martha, indem ſie denſelben in ihre Arme nahm, um ihn zum zweiten Mal zu küſſen;„er iſt gut wie Gold!.... Guten Abend,“ ſetzte ſie hinzu, ſich gegen ihre beiden Be⸗ gleiter wendend,„was würden die Nachbarn ſagen, wenn ſie wüßten, daß ich da draußen geblieben bin, um beinahe bis neun Uhr zu ſchwatzen!“ „Sie würden ſagen, daß Ihr bei einem Lieb⸗ haber waret,“ erwiderte der Gerichtsſchreiber mit einer Miene, welche zärtlich ſcheinen ſollte. „Herr Gott! Mr. Corner, was ſeid Ihr für ein Mann!“ Dieß ſagend, ſchloß die naive Martha die Gar⸗ tenthüre und trat in das Haus. „Es iſt die Stunde, wo alle guten Kinder zu Bette gehen,“ ſagte ſie zu Dick. „Ich bin gut, Mutter,“ wiederholte der Kleine. Es war gerade drei Viertel auf Zehn, als Mr. Corner in dem neu getünchten Saal der Auf⸗ gehenden Sonne, des einzigen Geſellſchaftsortes im Dorfe, erſchien. Dieſe Schenke wurde von einer betriebſamen, rührigen, reizbaren Frau, Namens Bunce, gehalten, welche nicht den beſten Charakter in der Welt hatte, wie auch ihre Kunden erfuhren, 24 wenn es denſelben begegnete, das, was ſie ihre Güte und Schwäche nannte, zu mißbrauchen, indem ſie nach elf Uhr noch zu trinken veklangten, denn um dieſe Stunde ſchloß ſie regelmäßig ihr Haus, wenn es nicht gewiſſe außerordentliche Veranlaſſungen gab, wie die Kirchweihe von Crowshall, den Tag wo man die Pochtgelder zahlte, und den Geburtstag des Schloßherrn. 3 Nicht daß Mrs. Bunce, rechtlich geſprochen, kei⸗ nen Vertheidiger gehabt hätte; ſie hatte einen Gat⸗ ten, einen kleinen, friedlichen und ſchweigſamen Mann, der verſtohlen durch das Haus ſchlich, wie wenn er befürchtet hätte, ſeine Gegenwart möchte beſchwer⸗ lich ſein; niemals fragte man ihn um ſeine Mei⸗ nung, niemals zog man ſeine Wünſche zu Rathe. Hätte er ſie ausgedrückt, ſo wäre man nicht darauf eingegangen, und dieſer demüthige Gatte ſchien nie unruhiger, als wenn man ihn Wirth. nannte; dieſer Name tönte in ſeinen Ohren wie eine Anklage auf Verrath und Uſurpation. Alle Abende nahm Michael ſeinen Platz in dem Saal unter ſeinen Gäſten. Er ſetzte ſich immer auf dieſelbe Stelle gegenüber von dem Portrait ſeiner Frau, dem er zuweilen einen furchtſamen und re⸗ ſpectvollen Blick zuwarf. Peter Quince, der Schul⸗ meiſter, nannte dieſes Portrait witzig das memento mori des Wirthes. Es war nicht ganz ohne Grund, denn es übte auf den Gatten beinahe ebenſo viel Einfluß wie das Original. Beim Eintritt in den Saal nickte der Gerichts⸗ ſchreiber Michael leicht zu, welcher dieſen Gruß mit der Miene tiefen Reſpectes erwiderte, ſo empfäng⸗ lich war er für die Ehre, von einer ſo wichtigen Perſon bemerkt zu werden. Corner grüßte auch, jedoch hochmüthiger, Peter Quince, den Einzigen im Dorfe, der es wagte, ſeiner Meinung zu wider⸗ ſprechen; aber dieſer Peter hatte eine ziemlich unab⸗ hängige Stellung; ſeine Schule war dotirt und der Kanzler allein konnte ihn auf Verlangen der Ad⸗ miniſtratoren abſetzen: daher die Gleichgültigkeit, womit er alle Autoritäten des Kirchſpiels unter dem Rector, dem Pfarrer und den Kirchenvorſtehern be⸗ handelte. „Was gibt's Neues, Mr. Corner?“ fragte ein alter Pächter, der in einer Fenſtervertiefung ſeine Pfeiſe rauchte.„Mit Sir Harry ſteht es auf's Schlimmſte, ſagt man?“. „Das hat mir auch mein Küſter geſagt,“ erwi⸗ derte Amen mit emphatiſchem Tone. „Euer Küſter!“ wiederholte Peter hohnlächelnd, der Küſter des Kirchſpiels wollt Ihr ſagen.“ Mr. Corner zog vor, dieſe Unterbrechung nicht zu bemerken; Stillſchweigen ſchien ihm würdiger. „Peter hat Recht,“ ſagte Mr. Pinks der Flei⸗ ſcher, der Kirchenvorſteher geweſen war,„das Kirch⸗ ſpiel bezahlt ihn.“ „Ich werde Ihnen antworten, Ihnen,“ ſagte Amen,„weil Sie ein reſpectabler Mann ſind und Sie das Recht zu einer Antwort haben. Das Kirch⸗ ſpiel bezahlt den Küſter und bezahlt mich 2 „Mit dreißig Pfund jährlich, ohne die Gebühren zu rechnen,“ fiel zum zweiten Mal der Schulmeiſter ein,„und das iſt ziemlich viel, finde ich.“ „Ohne Zweifel, nach Euren Ideen,“ verſetzte der 26 Gerichtsſchreiber,„gewiſſe Leute haben ſehr platte Ideen, welche mit ihnen geboren und ſo ſehr zu einem integrirenden Beſtandtheil ihrer Natur ge⸗ worden ſind, daß es ihnen unmöglich iſt, ſich davon loszumachen. Wie ich ſagte,“ ſetzte er gegen den Exkirchenvorſteher gewendet hinzu,„das Kirchſpiel bezahlt Nicolas Pim und es bezahlt den Rector und den Pfarrer. Nun ſagt Doctor Gore immer mein Pfarrer; der Pfarrer ſagt mein Gerichts⸗ ſchreiber, folglich habe ich gleichfalls das Recht mein Küſter zu ſagen. Das iſt Logik,“ ſchloß er mit triumphirendem Ton. Der Eintritt eines Fremden ſchnitt die Discuſ⸗ ſion kurz ab; es war der Mann, welchen Nan Wil⸗ lis in der Allee getroffen hatte. Der Gerichts⸗ ſchreiber erkannte ihn ſogleich, denn er trug noch ſeinen großen Mantel und ſeinen Hut mit nieder⸗ geſchlagenen Krämpen. „Welches iſt der Wirth?“ fragte der neue An⸗ kömmling. Corner zeigte ihm Michael Bunce. „Ich bedarf eines Bettes,“ fuhr der Fremde fort, ſich an den kleinen Mann wendend,„und bringt mir eine Flaſche von Curem beſten Wein mit einem Zwieback.“ Nicht abwartend zu ſehen, ob man ſeine Befehle vollziehe, warf er ſeinen Hut und Mantel auf einen Tiſch und enthüllte ſo einen Mann von ſchönem Wuchs und einem Geſicht, welches von einem hei⸗ ßern Clima als dem Englands broncirt war. Er Lonnte zweiunddreißig, höchſtens dreiunddreißig Jahre alt ſein. „Habt Ihr mich verſtanden?“ „Ja,“ ſtammelte Michael. „Nun, warum bedient Ihr mich dann nicht?“ „Ich will meine Frau fragen,“ ſagte der Ti⸗ tular⸗Hausherr ſich erhebend. „Nach einigen Minuten erſchien er wieder mit der Erklärung, daß Mrs. Bunce Niemand logiren könne. „Iſt Euer Haus voll?“ „Nein, mein Herr.“ „Habt Ihr keine Betten?“ „Wir haben ſechs vortreffliche Betten, mein Herr.“ „In dieſem Fall,“ erwiderte der Fremde kalt, „bleibe ich. Die Sonne iſt untergegangen, und Ihr müßt jeden honneten Reiſenden aufnehmen, der Euch für das Quartier zahlen kann und will. Man ſpielt nicht mit mir,“ ſetzte er mit einem Blick hinzu, der den Wirth zittern machte.„Wenn ich weiterem Widerſtand begegne, werde ich meinen Freund, den Rechtsgelehrten Ellsgood von Newark beauftragen, Euch gerichtlich zu verfolgen.“ In dieſem Augenblick ſtürzte Mrs. Bunce, welche an der Thüre gehorcht hatte, in das Zimmer. Es war eine magere, zänkiſche Frau mit rother, ſpitziger Naſe und der Taille einer Weſpe. „Sie können beauftragen wen Sie wollen,“ ſagte ſie,„und thun, was Ihnen beliebt, aber Sie wer⸗ den nicht in der Aufgehenden Sonne logiren!“ Ihr ſonderbarer Gaſt drehte ſich auf ſeinem Stuhl um, betrachtete ſie einen Augenblick mit ergötzter Miene und ſchlug dann ein munteres Gelächter auf. 28 „Immer noch dieſelbe, Lotſy,“ ſagte er,„ſo barbariſch wie je.“ Mrs. Bunce war und ſchien außerordentlich ver⸗ wirrt. Mehr als zwanzig Jahre waren verfloſſen, ſeit man ſie mit dieſem vertraulichen Namen ange⸗ redet hatte; er rief ihr die alte Zeit und nicht ſehr angenehme Erinnerungen zurück. „Richtet mir das grüne Zimmer,“ fuhr der Fremde fort,„ſorgt dafür, daß das Leinenzeug gut getrocknet iſt und ſchickt mir den verlangten Wein oder.. bringt ihn lieber ſelbſt, Totſy.“ Man hörte eine Art hyſteriſchen Gurgelns in der Kehle von Mrs. Bunce, als ſie ſich entfernte; man hätte ſagen können, daß ſie etwas ſehr Schlim⸗ mes verſchluckte. Nie gab es ein größeres Erſtaunen; Michael betrachtete mit reſpectvollem Schrecken den Mann, der es gewagt hatte, ſeiner beſſern Hälfte nicht alein zu trotzen, ſondern ſie zu unterjochen. „Sie ſcheinen dieſe Gegend zu kennen?“ ſagte Amen Corner, der etwas aus dem Fremden her⸗ auslocken wollte. „Es gibt wenig Gegenden in der Welt, die ich nicht kenne,“ erwiderte er trocken. „Und Mrs. Bunce ſcheint eine alte Freundin von Ihnen?“ 1 „Das heißt, ohne Sie zu eteibigen, hoßſe ich.“ „Sie beleidigen mich durchaus nicht; ich be⸗ daure keinen der Aufſchlüſſe, den Sie mir entlocken konnten.“ Ein Lächeln zeichnete ſich auf den Ge⸗ 29 ſichtern der ganzen Geſellſchaft ab. Der alte Päch⸗ ter, der zuerſt ſich nach Neuigkeiten erkundigt hatte, und Mr. Pinks, der Fleiſcher, vertrauten ſich ganz leiſe, daß der Fremde ein boshafter Menſch ſei. Mrs. Bunce kam mit einer Flaſche Wein zurück, gemäß den Befehlen ihres ſonderbaren Gaſtes. An dem Siegel erkannte Michael, daß es vom beſten war. „Um welche Stunde ſchließt Ihr gewöhnlich das Haus?“ fragte der Fremde. „Immer um elf Uhr, Herr!“ Das wurde mit einem trotzigen Ton geſagt, als ob ſie Jedermann, wer es auch wäre, hätte verbie⸗ ten wollen, ſich in das zu miſchen, was einmal hier⸗ über entſchieden war. Aber der Ftemde kümmerte ſich nichts darum. „Ich fürchte, Ihr werdet genöthigt ſein, Euer Reglement einmal zu übertreten,“ erwiderte er mit ruhigem Lächeln;„denn ich erwarte meinen Diener mit einem wichtigen Paket, und es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß er vor Mitternacht ankommt.“ „Dann wird er mein Haus nicht betreten!“ rief die Herrin feſt. „Geht doch, Totſy, das ſind alberne Poſſen. Ihr vergeßt Euch,“ ſagte der Fremde, ſich ein zweites Glas Wein einſchenkend.„Ihr werdet doch nicht wollen, daß der arme Teufel auf dem Felde über⸗ nachte... und noch dazu eine alte Bekanntſchaft.“ „Eine alte Bekanntſchaft!“ ſtammelte Mrs. Bunce. „O, beunruhigt Euch nicht, es iſt nicht Andreas, den würde ich nicht hieher bringen.. Ihr wer⸗ det aufbleiben, ihn zu erwarten, nicht wahr?“ fügte er munter hinzu,„und ihm ein Rachteſſen geben, 30 wenn er kommt. Er iſt ein ſehr reſpectabler Mann und wird mit Euch im Schenkzimmer ſpeiſen.“ Ein neues Gurgeln in der Kehle von Mrs. Bunce., „Wie Ihnen beliebt!“ ſtammelte ſie mit einer Miene, ſo kiebenswürdig wie die einer Furie„für einmal macht es wenig aus.“ „Ei, was für ein gutes Geſchöpf!“ ſagte der Fremde. Die Wirthin warf ihre Blicke rings herum, um zu ſehen, welchen Eindruck dieſe Scene auf ihre Kun⸗ den hervorgebracht hatte. Endlich ließ ſie dieſelben auf ihrem Gatten haften, der auf ſeinem Stuhl an⸗ genagelt, gebückt und wie vor Erſtaunen vernichtet ſaß. Es war etwas Unbegreifliches für ihn, ſeine Tigerin ſo plötzlich in ein Lamm verwandelt zu ſehen. „Michael!“ rief ſie mit kreiſchender Stimme. Der kleine Mann ſprang auf, wie wenn er ge⸗ rade aus einem Traume erweckt worden wäre. „Hier, meine Liebe.“ „Es hat elf Uhr geſchlagen, Sir,“ fügte ſeine Frau mit Ehrfurcht gebietendem Tone hinzu,„warum biſt Du noch nicht zu Bette?“ „Iſt das Euer Mann?“ fragte der Fremde mit vergnügter Miene.„Es ſcheint mir ein ſehr ein⸗ ſichtsvoller Menſch zu ſein. Vielleicht erlaubt Ihr ihm, aufzubleiben.... und ſchickt uns Wein. Dieſe Herren werden mir die Ehre anthun, mit mir zu trinken. Ich verabſcheue es, allein zu ſeyn.“ Totſy ging mit einem Blicke hinaus, den Ben⸗ venuto mit Vortheil für ſein Meduſenhaupt hätte enklehnen können: der Kelch der Bitterkeit war voll. Gleichwohl wurde der Wein geſchickt, und nach⸗ 33 31 dem er ſich ein wenig hatte drängen laſſen, willigte Michael ein, davon zu koſten. Als er ſein Glas wieder auf den Tiſch ſtellte, begegneten ſeine Augen dem Portraite ſeiner Frau: er ſtieß einen tiefen Seufzer aus und dachte mit Betrübniß an den näch⸗ ſten Morgen. Der Fremde wandte ſich an die übrige Geſell— ſchaft, ſprach von fernen Ländern, die er beſucht hatte, und ſchien durchaus nicht ſtolz, wiewohl er einen Ton von Superivrität bewahrte, der, ohne be⸗ leidigend zu ſein, eine hinlängliche Demarcationslinie zwiſchen ihm und jenen zog. Einige Minuten nach dem letzten Schlag der Mitternachtsſtunde traten zwei Männer in das Zim⸗ mer: der eine war ein Diener in eleganter Livree, welcher ein verſiegeltes Paket in die Hände des Fremden ablieferte, der andere Nicolas, der Küſter. Ein Ausdruck ehrfurchtsvollen Schreckens war in den Zügen des Letzteren wahrzunehmen, als er ſich auf den nächſten Stuhl fallen ließ. „Was gibt es?“ fragten mehrere Pächter. „Das Licht iſt in der Kirche erſchienen,“ ſtam⸗ melte der Alte;„ich habe es geſehen!“ „Dann ſind die Stunden von Sir Harry gezählt,“ ſagte kalt der ſeltſame Gaſt von Mrs. Bunce,„und Crowshall wird bald einem neuen Herrn ange⸗ hören.“ Zweites Kapitel. Miß Wabel Herbert. Zwei Perſonen ſaßen in der Bibliothek des Her⸗ renhauſes zu Crowshall, eine Dame und ein Mann, beide ungefähr von demſelben Alter, dreißig oder einunddreißig Jahre. Die Dame war die ältere Schweſter des Baronets, dem man auf den Tod wartete. Mabel Herbert mußte in ihrer Jugend ſehr ſchön geweſen ſein. Sie war es noch, wenn man will. Aber ihre Züge trugen den Ausdruck der Ermattung, den man ſo oft bei ſolchen bemerkt, deren Herz ſeine Friſche verloren hat, oder an denen irgend eine ge⸗ heime Sorge nagt. Ihre Stirne war weiß und glatt wie pariſcher Marmor, aber ſie hatte auch die Schwer⸗ fälligkeit des Marmors, das Gewicht der Gedanken; und ihre ſchwarzen, glänzenden Augen zeigten das unruhige und ermüdete Air einer Perſon, die ge⸗ wacht hat. Es war nichts Studirtes in ihrer Attitude. Sie ſaß oder lag vielmehr halb, den Kopf auf die„ zarte Hand geſtützt, in einem antiken Fauteuil von Eichenholz mit hoher Rücklehne, deſſen karmoiſinrothe Sammtkiſſen mit ihrem einfachen, weißen und doch ſo graciöſen Gewande contraſtirten. Wäre ſie einem Maler geſeſſen, es würde für ihn ſchwer geweſen ſein, eine pittoreskere Attitude zu wählen. Der Mann, welcher mit ihr redete, hatte ein viel weniger ariſtokratiſches Ausſehen, Er war als Gent⸗ leman gekleidet und drückte ſich als Gentleman aus; aber es lag etwas in ſeinem Weſen, was nach dem Gewerbe roch: nicht ernſt genug für einen Geiſtlichen, nicht imponirend genug für einen Advocaten, aber etwas zwiſchen dieſen Beiden, das vollkommen mit ſeiner Stellung in der Welt harmonirte. Es war ein Sachwalter, deſſen Clientel viele vornehme Per⸗ ſonen zählte. „Muß ich es ſo verſtehen, Miß Herbert,“ ſagte er,„daß Sie ſich weigern, mich bei Sir Harry vor⸗ zulaſſen?“ „Ganz beſtimmt,“ erwiderte die Dame mit einem leichten Zucken der ſchön gewölbten Augenbraunen, wie wenn ſie erſtaunt geweſen wäre, daß er darauf beſtehen wolle.„Mein armer Bruder iſt nicht mehr im Stande, ſich mit Dingen dieſer Welt zu beſchäf⸗ tigen; es wäre ebenſo grauſam als nutzlos.“ „Aber Sie wiſſen doch, daß ich Jahre lang ſein vertrauter Rathgeber geweſen bin.“ „Ich weiß es vollkommen.“ Der Ton, womit dieſes Wort vollkommen ausgeſprochen war, zeigte, daß dieſes Wiſſen den Sachwalter in der Gunſt der Dame nicht erhöhte. „Und ſein Freund,“ ſetzte er hinzu. „Sein Freund!“ wiederholte Mabel Herbert mit ſpöttiſcher Miene;„ich geſtehe, daß ich das nicht wußte, Mr. Elton; aber der Freund darf ebenſo wenig als der vertraute Rathgeber die letzten Augen⸗ blicke meines theuren Bruders beunruhigen.“ „Die Welt wird das ſonderbar finden,“ ſagte trocken der Sachwalter. „Möglich.“ Das Erbe. 3 34 „Und daraus ihre Schlüſſe 2 „Sei es. Mit dem Bewußtſein, meine Pflicht gethan zu haben, kann ich die Reinung der Welt verachten.“ „Er iſt alſo wirklich dem Tode ſo nahe?“ rief Mr. Elton.„Ich habe Menſchen noch Wochen lang, nachdem die Aerzte ſie aufgegeben hatten, ihr Leben dahinſchleppen ſehen. Erlauben Sie mir, Ihnen be⸗ merklich zu machen, daß Sie eine große Verantwort⸗ lichkeit auf ſich nehmen; was haben Sie zu be⸗ fürchten?“ „Nichts,“ antwortete die Schweſter des Sterbenden mit einer Miene, worin ſich Trotz und Triumph ver⸗ mengten.„Sie täuſchen ſich ganz und gar über die Motive, welche mich bei meinem Handeln leiten, und täuſchen ſich vielleicht gern. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß das Herrſchaftsgut durch Aftererbſatzung ſtreng verſichert iſt, und ich die Erbin meines Bru⸗ ders bin, und wenn er ſelbſt hundert dawiderlaufende Teſtamente machte, denn der arme Harry iſt der letzte männliche Sprößling der langen Linie der Herberts.“ „Ich weiß, daß das Herrſchaftsgut auf den After⸗ erben übergeht,“ verſetzte Mr. Elton nach einer Pauſe, „aber das Privatvermögen Ihres Bruders iſt ſehr beträchtlich, und ich dachte, Sie könnten...“ „Darauf ſpeculirt haben,“ unterbrach ihn Mabel mit Verachtung;„das iſt eines Sachwalters ſehr würdig.“ „Nicht ſo, Miß Herbert. Ich dachte, Sie könn⸗ ten glauben, ich wollte ihm rathen, darüber zu ver⸗ . fügen, aber beim Himmel, Sie thun mir Unrecht. Das, was ich ihm ſagen möchte, würde ſeiner Seele wieder den Frieden geben und wie heilender Balſam in die Wunden ſeines Herzens fließen.... Es iſt ſeltſam, daß man mich nicht bälder von dieſer ver⸗ hängnißvollen Krankheit unterrichtet hat. Doctor Marſh, ſein Arzt, kennt mich von lange her: er hätte mir ſchreiben ſollen.“ „Es iſt nicht Doctor Marſh, der ihn behandelt hat,“ antwortete die Dame ruhig. „Wie?“ Der Ton des Erſtaunens, womit dieſes Wort ausgeſprochen wurde, entging der gierigen Erbin nicht. „Doctor Marſh,“ erwiderte ſie,„hat die Conſti⸗ tution meines Bruders nie verſtanden; ich habe ge⸗ glaubt, mich nach London wenden zu müſſen.“ „Darf ich fragen, an wen?“ „An Sir William Blitton.“ Der Name eines ſo hochſtehenden und geachteten Arztes zerſtreute den Verdacht, welcher im Geiſte von Mr. Elton aufzuſteigen anfing. „Erlauben Sie mir, zu fragen, wann Sir Wil— liam Ihren Bruder zuletzt geſehen hat?“ „Dieſen Morgen.“ „Und er gab keine Hoffnung?“ „Keine. Er betrachtete alle weiteren Mittel als vergeblich und iſt nach London zurückgekehrt.“ „Miß Herbert, das iſt einer der ſchmerzlichſten Umſtände meines Lebens und wird mir bittern Kum— mer machen. Ich habe meine Schuldigkeit gethan und wage nicht, weiter darauf zu beſtehen. Ich werde dieſe Nacht im Herrenhauſe bleiben ich werde daſelbſt bleiben his zum Tode meines Freun⸗ 36 des und geachteten Clienten, deſſen Angelegenheiten, wie Sie wiſſen, ſo lang in meinen Händen lagen.“ Die Dame verbeugte ſich und klingelte. Der Hausmeiſter erſchien auf ihren Ruf. Es war ein Mann von ehrwürdigem Ausſehen, deſſen eisgrauer Kopf von Schmerz gebeugt ſchien. „Allan,“ ſagte ſeine Gebieterin,„richtet ein Zimmer für Mr. Elton.“ Der alte Diener verneigte ſich. „Und Ihr werdet ſorgen, daß es ihm an nichts gebricht. Morgen früh,“ ſetzte ſie, gegen den Sachwalter gewendet, hinzu,„werde ich Sie wieder empfangen, wenn ich im Stande bin, eine Zuſam⸗ menkunft zu ertragen.“ Mabel Herbert erhob ſich und ſchritt majeſtätiſch aus der Bibliothek. „Iſt keine Hoffnung, Allan?“ fragte der Beſucher, ſobald ſie allein waren. ⸗ „Nein,“ antwortete der Alte mit einem tiefen Seußer.„Vor einer Stunde hatte ich noch Hoff⸗ nung, aber man hat das Licht im Sanctuarium der Kirche zu Crowshall geſehen.“ Dieſe Worte waren mit leiſer Stimme, einer Miene des Schreckens und Schmerzes geſprochen. „Vertrauen Sie auf ſolche abergläubiſche Dinge?“ fragte der Sachwalter. „Welchen Namen Sie dieſer Erſcheinung geben mögen, die Folge, ſah ich, war immer dieſelbe,“ er⸗ widerte der Hausmeiſter.„Ich bemerkte ſie zum erſten Male in der Nacht des Todes von Sir Gilbert, dem Großvater Sir Harry's, es war vor fünfzig Jahren; ich bemerkte ſie beim Tode ſeines Sohnes; 37 ich habe ſie heute bemerkt und werde den edel⸗ ſten, den beſten der Herren verlieren. Hundertmal habe ich ihn in meinen Armen getragen, als er ein Kind war,“ ſetzte er mit einem neuen Ausbruch des Schmerzes hinzu,„ihn, den letzten... den letzten ſeines Geſchlechtes.“ „Ich hätte dieſes Licht ſehen mögen,“ murmelte Mr. Elton;„ich bin überzeugt, daß irgend ein Be⸗ trug, irgend eine Täuſchung darunter ſteckt. Die Geſetze der Natur werden nicht verletzt, um den Tod eines Menſchen anzukündigen, ſo erlaucht auch ſein Name und Geſchlecht ſein mag.“ „Sie nennen das Wiſſenſchaft, vermuthe ich?“ fragte der treue Diener von Sir Harry. „Vernunft, Allan, Vernunſt!“ Nennen Sie es, wie Sie wollen,“ erwiderte der Alte,„ich muß wohl dem Zeugniß meiner Sinne glauben; es gibt keinen Diener der Familie, keinen Pächter auf dem ganzen Herrſchaftsgut, der nicht daran glaubt. Seit Sir Gilberts Tod ſind Einig⸗ keit und Glück verſchwunden. Der Gatte hat ſich gegen die Gattin erhoben, der Bruder gegen den Bruder, und die Schweſter gegen beide. Gott weiß, wann der Fluch endigen wird.“ Er wird endigen, wenn wir den Feind ent⸗ decken, den Urheber von all' dieſem Unglück, und ich bin bereits auf ſeiner Spur. Ich kam nach Crows⸗ hall mit Nachrichten, welche das Herz Eures unglück⸗ lichen Herrn erfreut hätten, aber ſeine Schweſter will nicht, daß ich ihn ſehe.“ „Sie iſt immer ſein böſer Genius geweſen,“ ſagte der Hausmeiſter. 38 „An welcher Krankheit ſtirbt er?“ „An gebrochenem Herzen; der Doctor nennt zwar einen anderen Namen, Aneurisma*) oder etwas der⸗ gleichen, aber ich weiß, was es iſt. Miß Mabel ſitzt da und wacht Tag und Nacht an ſeinem Lager. Verläßt ſie ihn einen einzigen Augenblick, ſo erſetzt Nan Willis ihre Stelle. Doctor Marſh iſt dieſen Morgen gekommen; er iſt auf Beſuch bei dem Rector, aber meine junge Dame hat ihm nicht geſtattet, ihn zu ſehen.“ „Das iſt ſeltſam.“ Allan zuckte die Achſeln, fuhr dann mit ſeiner runzeligen Hand über die Stirne, wie wenn er ſeine Gedanken ſammeln wollte, und ſchien einen Augen⸗ blick in ſeine Betrachtungen verſunken. Ein Lakai trat in die Bibliothek mit zwei kleinen Phiolen, welche mit der Etikette beruhigender Trank bezeichnet waren. Einer der Diener hatte ſie eben von Newark gebracht. Er übergab ſie dem Hausmeiſter und zog ſich zurück. „Sie ſind ausdrücklich gekommen, um Sir Harry zu ſehen?“ fragte der Greis, aus ſeiner Träumerei erwachend. „Ja.“ „Und Ihr Beſuch würde meinem lieben jungen Herrn in ſeinen letzten Stunden zur Tröſtung ge⸗ reichen?“ „Er würde ihm den einzigen Strahl von Glück gewähren, den er in dieſem Leben noch empfan⸗ gen kann.“ *) Pulsadergeſchwulſt.. A. d. U. 39 „Dann ſollen Sie ihn ſehen!“ rief Allan ent⸗ ſchloſſen. „Unſere Zuſammenkunft muß Zeugen haben.“ „Ich werde auch dafür ſorgen: Doctor Marſh, der Rector und der Pfarrer, aber Sie dürfen den Eintritt nicht eher verſuchen, als bis ich Ihnen das Zeichen gegeben habe.“ Der Sachwalter verſprach Gehorſam und der Hausmeiſter entfernte ſich, die beruhigenden Tränke mit ſich nehmend. Als Mabel Herbert Mr. Elton verließ, geſchah es nur, um ſich in das Zimmer ihres ſterbenden Bruders zu begeben, welches ſie nicht eher zu ver⸗ laſſen ſich verſprach, als bis Alles vorüber wäre. Der Baronet ſchlief, aber ſelbſt im Schlafe ſchien ſein Gedächtniß zu der Vergangenheit zurückzukehren, dieſer unwiderruflichen Vergangenheit, welche ſo viele Menſchen um den Preis ihres ganzen Beſitzthums vernichten zu können den Wunſch hätten. Ein ge⸗ brochenes Murmeln entſchlüpfte zuweilen ſeinen Lip⸗ pen und ein Name wurde ausgeſprochen, welchen Nan Willis, halb verſunken in einen Lehnſeſſel zur Seite des Bettes, begierig aufzufangen ſich anſtrengte. Sie lächelte mit ſeltſamer Miene, als ſie ſich über⸗ zeugt hielt, gut verſtanden zu haben. „Ich will Euch von dem beſchwerlichen Wachen erlöſen,“ ſagte die junge Dame, indem ſie ihr ein Zeichen machte, den Lehnſeſſel zu verlaſſen. „Ich bin gewohnt, zu wachen,“ erwiderte die kleine Alte;„es iſt ein Vergnügen für mich.“ Ihre Augen begegneten ſich und es ſchien, als wollten ſie die Gedanken von einander leſen. * 40 „Es iſt ſpät,“ antwortete Mabel;„vielleicht würdet Ihr beſſer daran thun, dieſe Nacht hier zu ſchlafen?“ „Schlafen!“ wiederholte Nan;„ſchlafen hier? nein, nein! Ich werde bleiben, Tage, Monate lang zu ſchlafen, wenn Sie wollen, aber hier kann ich nicht ſchlafen.... noch ſonſt wo,“ ſetzte ſie hinzu, als ſie ſah, daß ihre Worte Mabel zittern gemacht hat⸗ ten.„Um zu ſchlafen, muß ich in meinem urmen Häuschen ſein. Wir Alle haben unſere Gewohnhei⸗ ten. Aber ich werde morgen wieder kommen.“ „Zu guter Stunde?“. „So früh Sie wollen.“ „Guten Abend, Nan. Schickt mir Allan im Hinabgehen.“ „Guten Abend, Miß Mabel,“ erwiderte die Alte aufſtehend. An der Thüre des Zimmers machte ſie Halt und betrachtete lange das Bett und die bleichen, ab⸗ gemagerten Züge von Sir Harry Herbert. Vom Bruder wandten ſich ihre Augen auf den majeſtäti⸗ ſchen Wuchs und die abgemattete Geſtalt der Schwe⸗ ſter, und ihre dünnen und trockenen Lippen kräuſel⸗ ten ſich zu einem ſchwachen Lächeln, ſo ſchwach, daß Mabel daſelbſt die Wirkung der flackernden Flamme einer dem Erlöſchen nahen Nachtlampe zu ſehen glaubte. Aber warum hätte dieſe Scene Nan zu einem Lächeln bringen ſollen? „Seltſames Geſchöpf!“ ſprach die Dame bei ſich, als ſie neben dem Bett ihren Sitz einnahm.„Ich begreife ſie kaum. Eine Miſchung von Gut und * 141 Schlecht, wie wir Alle. Aber ſie iſt mit treu ge⸗ weſen, treu zu einer Zeit, da die ganze Welt ſich gegen mich verſchwor.“ Der Hausmeiſter trat ein mit einer kleinen Platte, auf welcher man die beruhigenden Tränke ſah, die eben von Newark gekommen waren, einem ſilbernen Tümmler mit ſtarkgewürztem Wein und einer dün— nen Brodſchnitte auf einem Teller. Die beruhigen⸗ den Mittel waren vermuthlich für den Kranken, der Wein und das Brod für ſeine Schweſter. „Wie geht es mit meinem lieben Herrn?“ fragte Er ſchläft,“ ſagte Mabel.„Armer Harry!“ Sein Name weckte den Baronet auf, denn er öffnete in demſelben Moment die Augen und ſtreckte, als er ſeinen treuen Diener erkannte, ihm die Hand mit einem ſchwachen Lächeln hin. „Bleibe bei mir, Allan!“ ſagte er,„ich ſehe Deine ehrliche Geſtalt gern an meiner Seite; ſie erinnert mich an meine Kindheit, an die Zeit, da...“ Du darfſt Dich nicht anſtrengen, theurer Harry,“ ſiel ſeine Schweſter ein, indem ſie methodiſch den Inhalt einer der Phiolen in ein Glas goß;„es iſt Zeit, daß Du Deine Arznei nimmſt.“ „Ich will ſie nicht; ſie thut mir nicht gut.“ „Sie beruhigt Dich,“ ſagte ſeine Schweſter. Nehmen Sie, lieber Herr,“ ſetzte der Hausmei⸗ ſter hinzu,„ich bin überzeugt, Sie werden ſich beſ⸗ ſer darauf befinden.“ Du erlaubſt alſo, daß Allan bei mir bleibe?“ fragte der Sterbende mit einem flehenden und bei⸗ nahe kindlichen Tone. „Gewiß, Harry, wenn Du es wünſcheſt.“ Der Kranke weigerte ſich nicht länger; aber er verſchluckte den Trank auf einen Zug und ſank, er⸗ ſchöpft von dieſer Anſtrengung, auf ſein Kiſſen zurück. „Schlafen Sie, mein theurer Herr, ſchlafen Sie,“ ſagte der Hausmeiſter. Der Baronet legte ſeine Hand in die des Grei⸗ ſes und ſchloß die Augen mit dem Vertrauen eines Kindes, welches weiß, daß ſeine Wärterin an ſeiner Seite wacht. Mabel fing an, ihren Wein zu koſten. „Er iſt ſtärker als gewöhnlich, Allan!“ ſagte ſie. „Ich dachte, daß Sie mehr Stärke nöthig haben,“ antwortete der Alte ohne das geringſte Zaudern. Seine Herrin hielt ein, den kleinen ſilbernen Tümmler auf halbem Wege von ihren Lippen. „Das verhängnißvolle Licht,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„hat ſich im Sanctuarium der Kirche von Crowshall gezeigt.“ Die junge Dame trank bis auf den letten Tro⸗ pfen und ſtellte den Tümmler auf die Platte zurück. Das Stillſchweigen wurde peinlich. Es war ſo tief, daß man beinahe den Schlag ſeines eigenen Herzens hörte. Das des alten und treuen Dieners 3 von Sir Harry war voll trauriger Ahnungen. Was Mabel betrifft, ſo wäre es ſchwer zu ſagen, was ſie dachte; denn ſie war eine von jenen Perſonen, welche ſtets die Herrſchaft über ihre Empfindungen behaup⸗ ten und ſie ſelten durch ein Wort oder einen Blick verrathen. net ſchlief noch. „ Die Uhr des Thurmes ſchlug zwei. Der Baro⸗ Allmälig machte ſich eine Veränderung der Beiden, welche an dieſem Todtenbette wachten, gel⸗ tend. Sie hefteten ihre Blicke auf einander, wie wenn ihre Seelen ſich einander hätten mittheilen wollen. Durch eine beſondere Willensanſtrengung legte Mabel ihre Hände auf die Arme des Lehnſtuhls und ſuchte ſich zu erheben. Der Blick Allans wurde ſtarr. Sie verharrte in dieſer Attitude, wie unter der Macht eines Zaubers, und ihre Augenbraunen run⸗ zelten ſich. „Sind Sie krank?“ fragte der Greis. — Keine Antwort. „Soll ich der Haushälterin klingeln?“ Dieſelbe Stille. „Oder ſoll ich Nan Willis rufen?“ Bei dem Namen von Nan bewegten ſich die Lip⸗ pen von Miß Herbert ein wenig, aber ohne einen Ton hervorzubringen, und ihre Hände ließen die Arme des Lehnſtuhls fahren⸗ Mehr als eine Viertelſtunde verfloß und ſie blieb ſtumm und unbeweglich wie im Starrkrampf befan⸗ gen. Ihre ſchwarzen und drohenden Augen waren offen und auf den Hausmeiſter geheftet, der dieſen Blick ſo lange ertrug, bis kalte Schweißtropfen über ſeine runzeligen Wangen herabrieſelten. Gott ſteh' mir bei!“ murmelte er,„das iſt ein ſchreckliches Schauſpiel.“ Er erhob ſich, nachdem er ſanft ſeine Hand von der des Sterbenden losgemacht hatte, und ſchritt durch das Zimmer; dann kehrte er wieder um, zu ſehen, ob Mabels Augen ihm folgten. Sie Rarrten in das Leere. 44 Er machte ein leichtes Geräuſch am Schloß: es war vergeblich; ſie lag in ſo tiefem Schlafe, daß ſelbſt ein Donnerſchlag ſie nicht hätte erwecken kön⸗ nen. Er öffnete dann die Thüre des Zimmers und ließ Mr. Elton herein. „Was haben Sie gemacht,“ murmelte der Sach⸗ walter, erſchrocken über die Starrheit von Mabels Zügen.„Iſt ſie todt?“ „Sie iſt nur eingeſchlafen,“ erwiderte traurig der Alte. „Aber wenn Sie erwachte?“ „Das iſt nicht zu fürchten; ſie hat eines der beruhigenden Mittel von Sir Harry getrunken.“ „Und Sir Harry?“ „Hat den Wein ſeiner Schweſter getrunken. Ich dachte, das werde ihm Kraft geben.“ Drittes Kapitel. Das Codtenbett. Der Sachwalter blieb einige Augenblicke am Fuße des Bettes ſtehen, um mit lebhaftem Mitleid die Scene, die er vor ſich hatte, zu betrachten. Der einſt ſtarke Körper des Baronets war beinahe zum Skelet geworden, und bereits hatten die Vorboten des Todes ſeine Züge zuſammengezogen; man erblickte in denſelben jene Bläſſe ohne Namen, jenen unbe⸗ ſtimmbaren Ausdruck, der dem letzten Kampf voran⸗ geht und noch nach demſelben fortdauert, „Armer Sir Harry!“ ſagte er, zu dem Haus⸗ meiſter ſich wendend;„Rang, Vermögen und Geiſtes⸗ gaben, ſie haben ihn nicht glücklich gemacht.“ „Und doch verdiente er es zu ſein,“ erwiderte traurig der Greis. „Das iſt wahr,“ ſetzte Mr. Elton mit einem Seußzer hinzu,„denn er machte einen edeln Gebrauch von dieſen Gütern. Seine Hand war offen wie ſein Horz.“ „Durch ſein Herz hat man ihn zu Grunde ge⸗ richtet,“ murmelte Allan bitter. Bei dem Laut ihrer Stimmen öffnete der Ster⸗ bende die Augen und eine ſchwache Röthe verbreitete ſich über ſeine bleichen Wangen, als er ſeinen Freund erkannte. Ich wußte, daß Sie kommen würden, Elton,“ ſagte er, ſeine Hand faſſend und ihn zugleich auf⸗ merkſam betrachtend.„Man hat mir geſagt, Sie befinden ſich fern und es ſei unmöglich. Aber man kennt Sie nicht, wie ich Sie kenne, Ihre Thätig⸗ keit, Ihre Verdienſte, die Stärke Ihrer Freundſchaft.“ Der Sachwalter und der treue Diener wechſelten einen Blick. Offenbar hatte man Sir Harry ge⸗ täuſcht, aber ſie wagten ihren Gedanken nicht Worte zu geben, aus Furcht, den Kranken allzu ſehr aufzu⸗ regen. Derſelbe Beweggrund veranlaßte Allan, den Vorhang des Bettes herumzuziehen, damit ſein Herr über den ſeltſamen Anblick ſeiner Schweſter, die in dem Lehnſeſſel fortſchlief, nicht erſchrecke. „Ich bin nicht der Einzige, der Sie zu ſehen wünſcht,“ ſagte Mr. Elton;„der Rector und der Doctor Marſh ſind in dem Nebenzimmer.“ 46 „Darf man ſie hereinlaſſen, lieber Herr?“ fragte der Hausmeiſter. Sir Harry machte ein Zeichen der Beiſtimmung, ohne das Auge von der Geſtalt des Sachwalters abzuwenden. Es lag in ſeinem Blick ein Ausdruck unbegrenzten Vertrauens, gemiſcht mit einer gewiſ⸗ ſen Neugierde; er ahnte, daß dieſe Perſonen nicht ohne Abſicht zuſammengerufen waren. „Wo iſt Mabel?“ murmelte er. „Sie ſchläft,“ antwortete Mr. Elton,„und wird unſere Zuſammenkunft nicht ſtören. „Es iſt, wie ich dachte,“ ſetzte der Baronet hinzu, zman hat mich von der ganzen Welt, ſelbſt von Ihnen fern gehalten.“ N Der Rector und der Doctor Marſh traten ein. Der Erſtere war das Ideal eines engliſchen Geiſt⸗ lichen von altem Schrot und Korn: ein großer, ehr⸗ würdiger, majeſtätiſcher Mann, leicht vom Alter ge⸗ beugt; ſeine Phyſiognomie drückte Ernſt und Wohl⸗ wollen aus. Wir können, ſein Portrait entwerfend, hinzufügen, daß er ein tiefer Gelehrter, ein einſichts⸗ voller Theologe, ein wahrhafter Schmuck für die Kirche war, welcher er durch ſein nützliches und menſchenfreundliches Wirken Ehre machte. Rector Gore war Sir Harry's Lehrer geweſen und er liebte ihn, wie alle gute Menſchen den Verſtand, den ſie entwickelt, das Herz, das ſie gebildet haben. Der Arzt hingegen, obwohl gleich ſchätbar in ſeinem Stande, war ein Weltmann, ſcharfſinnig und thätig: klein von Wuchs, aber mit dickem und ſehr großem Kopfe, lebhaften und durchdringenden Augen. Bei ſeinem Anblick mochte man ſagen, daß er nur ſehr ſchwer zu täuſchen ſein würde. Wiewohl ein ein⸗ facher Provinzial⸗Arzt, beſchränkten ſich ſeine Kennt⸗ niſſe doch nicht auf den bloßen Beruf. Er war ein ausgezeichneter Chemiker und ein guter Geolog, im⸗ mer auf dem Laufenden mit den wiſſenſchaftlichen Entdeckungen und den Fortſchritten des Jahrhun⸗ derts, wenn er nicht zuweilen dieſelben ſogar überholte. Dieß waren die zwei Perſonen, welche Allan trotz der Befehle Mabels in's Herrenhaus einführte, um der letzten Zuſammenkunft des Sachwalters mit ſeinem Herrn beizuwohnen. „Theurer Sir Henry,“ ſagte der Geiſtliche ſehr gerührt,„iſt es mir endlich erlaubt?....“ „Nennen Sie mich Harry,“ fiel ſein alter Zög⸗ ling liebevoll ein,„ich habe dieſen Namen gerner. Marſh,“ ſetzte er, gegen den Arzt ſich wendend, hinzu,„es iſt nicht meine Schuld, wenn man, ohne Sie um Rath zu fragen, Blitton von London holen ließ. Ich habe Einſprache gethan, aber die arme Mabel war ſo unruhig! Ich wußte wohl, daß es unnütz war.“ Der Hausmeiſter ließ einen Seufzer hören. „Sir William Blitton iſt ein großer Mann,“ antwortete der Doctor,„ein ſehr großer Mann, aber ſelbſt er iſt nicht unfehlbar. Woran ſagt er, daß Sie leiden?“ „An einer Pulsadergeſchwulſt.“ Marſh nickte niedergeſchlagenen Ausſehens mit dem Kopf. „Des Herzens,“ ſetzte der Bäronet mit ſchwachem Lächeln hinzu, indem er die ſeidene Binde, die um 48 ſeinen Hals geſchlungen war, ganz hinwegſchob.„Es wird bald aus ſeyn.“ Neben dem Schlüſſelbein, auf der linken Seite der Bruſt, war eine Anſchwellung ungefähr von der Größe eines Eies. Das erfahrene Auge des Prak⸗ tikers erkannte ſogleich beim Anblick der dünnen und ſchwachen Haut und dem ſtarken Pulsſchlag der kranken Arterie, daß menſchliche Wiſſenſchaft un⸗ mächtig war; der Kranke hatte nur noch wenige Stunden zu leben. „Und hier iſt die Medicin, welche man meinem armen lieben Herrn gegeben hat,“ ſagte Allan, der von dem Tiſchchen hinter dem Vorhang herzugetreten war. Marſh zog den Propfen, koſtete den Trank, be⸗ ſann ſich einen Augenblick, koſtete von Neuem, um ſich zu überzeugen, daß er ſich nicht getäuſcht hatte. Inzwiſchen betrachtete der alte Diener ihn mit der lebhaſteſten Aengſtlichkeit. „Das iſt Morphin,“ murmelte der Doctor, 6 hätte nichts Beſſeres thun können.“ „Iſt das nicht Gift?“ flüſterte der Hausmeiſter. „Gift!“ wiederholte Marſh mit erſtaunter Miene; „nein, nicht unter dieſer Form. Wer konnte Ihnen eine ſolche alberne Idee in den Kopf ſetzen?“ Allan betrachtete von der Seite den Vorhang, hinter welchem, wie unſere Leſer ſich erinnern, Mabel noch immer ſchlief. „Ich ſage Ihnen nein,“ ſetzte der Arzt hinzu, „nein, es iſt genau das, was ich ſelbſt verordnet haben würde.“ 3 „Gott ſei gelobt!“ murmelte der Greis,„Gott ſei gelobt, ein Verbrechen weniger,“ 49 1 „Sir Harry,“ ſagte der Sachwalter, den Rector und den Arzt mit einem Zeichen bedeutend, neben dem Bette Platz zu nehmen,„ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen. Laſſen Sie mich Sie bitten, mit Feſtigkeit zuzuhören, auf eine kleine Stunde jene Herrſchaft über ſich ſelbſt zurückzurufen, welche Sie einſt unter den ſchmerzlichſten Umſtänden Ihres Lebens behauptet haben, als... „O, ſprechen Sie nicht davon,“ fiel der Ster⸗ bende ein.„Es könnte ſelbſt meine Aſche erbeben machen.“ „Ich muß davon reden,“ erwiderte Mr. Elton mit feierlicher Miene.„Meine Pflicht gegen die Lebenden wie gegen die Todten gebietet mir es. Wir wiſſen Alle, meine Herren, daß Sir Harry im Alter von einundzwanzig Jahren ſich vermählt hat.“ „Mit einem Engel, wie ich glaubte!“ rief der Baronet, ſich halb von dem Kiſſen aufrichtend und ſeinen Kopf auf die Hand ſtützend.„Es iſt ſchmerzlich, den Schleier zu zerreißen, welcher neun lange Jahre die meiner Ehre geſchlagene Wunde verhüllt hat. Ich liebte ſie. Gotti wie ich ſie liebte! nicht mit einer Eintagsliebe, ſondern von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit Abgötterei. Ich lebte nur in ihrer Nähe; ſie war das Licht, die Freude, die Luſt meines Daſeins!“ „Sie war und iſt ein Engel,“ ſagte der Rector. „Sie war ein Dämon!“ rief der Gebieter von Crowshall, ſich immer mehr aufregend,„ein bemalter Dämon, denn ihre Tugenden waren nur eine Maske. Die Schönheit, welche meinem Herzen eine Falle ſtellte, war allein reell. Ich ſetzte mein Vertrauen 4 Das Erbe. auf ſie, wie die Menſchen auf Gott; ich ſtellte mir ein Leben des Glücks vor, damit zugebracht, ſie ſelbſt glücklich zu machen; die Erde hatte keinen Traum, der Himmel keine Hoffnung, die ſie nicht theilte; und doch hat ſie mich betrogen!“ „Sie hat Sie betrogen!“ wiederholte der Geiſt⸗ liche und Doctor Marſh. „Sie hat mich betrogen!“ ſetzte der Baronet mit convulſiviſchem Lachen hinzu.„Der Schleier iſt end⸗ lich zerriſſen und Sie ſehen jetzt das Geheimniß meiner Leiden. Ich habe es vor der Welt ver⸗ borgen, weil ich nicht wollte, daß Narren das bren⸗ nende Wort auf meiner Stirne leſen und mein Name zum Geſpött ihrer plumpen Geiſter werde. Ich verheimlichte meinen Schmerz vor Aller Augen, ich begrub ihn wie eine Schlange an meinem Herzen, bis er mich zu Grunde richtete.. Aber warum,“ ſetzte er, erſchöpft auf ſein Kiſſen zurückfallend, hinzu, „warum mir in dieſem Augenblick meine Schande und mein Unglück zurückrufen?“ „Es geſchieht nicht, um Ihr Herz zu quälen, das ſchon genug leidet,“ antwortete Mr. Elton ge⸗ rührt,„ſondern um Balſam in Ihre Wunde zu gießen und ſie zu heilen.“ „Balſam!“ wiederholte ſein Client Beringſchätzig, „o ja! ich werde bald den Balſam gefunden haben, der alle Uebel heilt.“ „Sir Harry, theurer Sir Harty,“ ſagte ſem Freund,„laſſen Sie mich, ich bitte Sie, dieſe ſchmerz liche Mittheilung fortſetzen, ſchonen Sie ſich und uns „Gut, gut, fahren Sie fort.“ „Ich brauche Sie nicht zu erinnern, meine Hetren⸗ 51 daß ungefähr acht Monate nach der Vermählung ein Gentleman, Namens Roderich Haſtings, auf Be⸗ ſuch nach Crowshall kam.“ Bei dieſem Namen ſtieß der Baronet einen ſchmerzlichen Seufzer aus. „Es war ein Weltmann, elegant und mit gleiß⸗ neriſcher Zunge. Sir Harry, glaube ich, hatte ſeine Bekanntſchaft während der Reiſe gemacht, welche unmittelbar auf ſeine Vermählung folgte. Seine Aufmerkſamkeiten für Lady Herbert wurden endlich ſo auffallend, daß....“ „Ich war nicht argwöhniſch,“ fiel der Sterbende ein, ſich von Neuem aufrichtend,„aber man mußte wahrnehmen, daß zwiſchen ihnen ein ſeltſames Ein⸗ verſtändniß herrſchte. Ich fragte Lady Herbert; und ſie, welche ich für die Wahrheit ſelbſt gehalten hatte, ſtockte, redete in zweideutigen Ausdrücken mit dem Mann, welchem ſie am Fuß des Altars Gehorſam geſchworen hatte, mit dem Mann, welcher ſie an⸗ betete. Ich erfuhr, was man gewöhnlich erfährt, wenn der erſte Verdacht ſich in den Geiſt einſchleicht; mein Herz war in Feuer. Ich forderte eine Er⸗ klärung.“ „Und ſie gab dieſelbe,“ ſagte der Rector,„ich bin überzeugt, ſie gab dieſelbe.“ „Mit einer Lüge,“ antwortete ſein ehemaliger Zögling.„Ach, mein alter Freund, Sie würden kaum glauben, daß das junge, ſcheinbar unſchuldige und naive Mädchen, deſſen Hand Sie in die meinige legten, ſich zur Lüge erniedrigen konnte. Sie ſagte mir, daß Roderich Haſtings der Liebhaber meiner Schweſter wäre und er ſie um ihre Fürſprache er⸗ ₰ zurückkehrte, war die ſchuldige Frau todt. Sie hatte 52 ſucht hätte, um meine Einwilligung zu ihrer Heirath zu erlangen, denn ohne dieſe Einwilligung zog ſich Mabel nach dem Teſtament meines Vaters den Ver⸗ luſt ihres Erbes zu.“ „Und Sie gaben dieſe Einwilligung?“ „Gern, denn meinem Herzen war eine ſchwere Laſt abgenommen; gleich einem dummen Jungen, voll Liebe und Vertrauen, flehte ich um Verzeihung, um Verzeihung der Treuloſen, die mich verrathen hatte. Als ich mich zu meiner Schweſter begab, um ſie zu ſchelten, daß ſie an meiner Liebe ge⸗ zweifelt hatte, fragte ſie mich, was ich damit ſagen wollte. Ich wiederholte ihr, was meine Gattin von ihrer Liebe zu Haſtings mitgetheilt hatte. Nie werde ich ihre Antwort vergeſſen; ſie warf das Feuer in mein Herz. Roderich Haſtings hatte nie mit ihr von Liebé geſprochen.“ „Nun, ſie hot gelogen,“ fiel Allan ein,„denn ich ſah ihn auf den Knieen vor ihr in der Bibliothek.“ „Närriſch vor Schmerz,“ fuhr ſein Gebieter, ohne dieſe Unterbrechung zu beachten, fort,„ſuchte ich meine ungetreue Gattin; ich fand ſie im Pavillon des Parks, und den Verführer bei ihr. Bei meinem Anblick entfloh er.“ „Der liſtige Verbrecher!“ murmelte der Sach⸗ walter. „Trotz der flehentlichen Bitten Ellens ſtieß ich ſie von mir weg und wandte mich zur Verfolgung des treuloſen Freundes, des Räubers meiner Ehre. Ich folgte ihm bis nach London; hier verlor ich ſeine Spur. Als ich in meine troſtloſe Wohnung vor der Zeit ein Kind geboren, deſſen kleine Leiche im Sarge neben der ihrigen lag. Ich wollte ihr Andenken nicht beſchimpfen: ich folgte ihr zum Be⸗ gräbniß und ſeitdem iſt mein Herz gebrochen.“ Es herrſchte eine lange Pauſe, ein Stillſchweigen, beredter als Alles, was ſeine Zuhörer hätten ſagen können, um ihm ihre Theilnahme zu bezeugen. Mr. Elton unterbrach es zuerſt wieder. „Mabel Herbert hat Sie alſo verſichert,“ ſagte er,„daß dieſer Mann(ich will ihn nicht nennen) nie mit ihr von Liebe geſprochen habe?“ „Ja, ja,“ erwiderte Sir Harry mit erſchöpfter Stimme. „Sie hat Sie betrogen.“ „Wie ſo?“ „Ich bin im Beſitz einer von Ihrer Schweſter geſchriebenen Obligation, worin ſie ſich verpflichtet, Roderich Haſtings zu heirathen bei Strafe von zwan⸗ zigtauſend Pfund, die ſie ihm zu zahlen hätte.“ „Und wann ſollte das geſchehen?“ „Bei Ihrem Tod.“ „Und dieſe Obligation wurde geſchrieben... „Einen Monat vor dem Tod Ihrer unſchuldigen Gattin,“ erwiderte der Sachwalter, das Document aus ſeiner Taſche ziehend. „Geben Sie mir,“ rief der Baronet mit über⸗ menſchlichem Ton,„geben Sie mir den Beweis für die Unſchuld meiner Frau, ſollte es feurige Kohlen auf meinem Haupte ſammeln!“ Elton legte ihn in deſſen zitternde Hände. „Unſinniger! Unſinniger!“ murmelte Sir Harry, als er die Unterſchrift und das Datum betrachtete, 54 „Unſinniger, daß ich mich alſo täuſchen ließ! Un⸗ ſinniger, daß ich nicht Vertrauen hatte gegen die Vernunft, gegen das Zeugniß meiner Augen!.... Wo iſt ſie,“ fuhr er fort,„ſie, die meinen Frieden gemordet hat? O, iſt es nicht ſchrecklich!.... meine Schweſter, ſie, welche das Leben aus derſelben Quelle, wie ich, geſchöpft hat!.... Wenn ich ein harter und ſtrenger Bruder geweſen wäre, würde ich mich nicht beklagen, aber ich liebte ſie, Elton, ich liebte ſie,“ ſagte er, in Thränen ausbrechend, „und wachte über ſie mit zärtlicher Sorgfalt!“ Einige Minuten lang war die Bewegung des Baronets ſo groß, daß er nicht ſprechen konnte; er ſchluchzte wie ein Kind, am Halſe ſeines alten Lehrers hängend, deſſen Thränen gleichfalls die Worte des Troſtes erſtickten, die ſein Mund ver⸗ geblich auszuſprechen ſuchte. 3„Muth, lieber Herr, ich bitte Sie, Muth!“ ſagte Allan. „Ich werde ihn haben,“ murmelte der Baronet zwiſchen den Zähnen.„Geht, ruft mir Eure Herrin meine Erbin,“ ſetzte er bitter hinzu;„ſie ſoll ſehen, wohin ſie mich gebracht hat, ſie ſoll die Verwünſchungen eines Sterbenden hören. Ihre Tage ſollen ebenſo unglücklich als die meinigen ſein! Ihre Rächte durch Träume beunruhigt werden, welche den Schlaf der Mörder heimſuchen. Möchte ſie ihr Leben freudlos dahinſchleppen und der Tod ſie treffen, ohne Hoffnung!“ „Harry! Harry!“ rief der Rector im Tone des Vorwurfs,„darf ein Chriſt ſo ſterben? Ueberlaſſen Sie die Rache dem, welcher erklärt, daß ſie ihm gehöre.“ „Sie haben Recht, Vater, Sie haben Recht; beten Sie für mich, ich wage nicht die Barmherzig⸗ keit anzurufen. Gott wird für meine Stimme taub bleiben, weil ich mich geweigert habe, auf das Flehen eines Engels zu hören; weil ich ihn mit Abſcheu und Verachtung von mir geſtoßen habe; weil ich das liebe⸗ und vertrauensvolle Herz einer jungen Gattin gebrochen habe; weil ich ſie, wie das Kind unter ihrem Herzen getödtet habe Habe ich nicht mein Unglück verdient? nicht meine Ver⸗ zweiflung verdient?“ Doctor Marſh wurde unruhig, als er ſah, daß der leichte Schaum, der dem Unglücklichen auf die Lippen trat, mit Blut gefärbt war. Er fühlte ihm den Puls und überzeugte ſich, daß die kranke Ar⸗ terie in Kurzem zerſpringen müſſe. „Beruhigen Sie ſich, Sir Harry,“ ſagte er, „Sie haben noch eine Pflicht zu erfüllen.“ „Es iſt wahr,“ erwiderte der Baronet,„ſie darf nicht die ganze Frucht ihrer Verbrechen ernten; ich kann wenigſtens über mein Privatvermögen dis⸗ poniren.. Schreiben Sie, Elton, ſchreiben Sie, ehe es zu ſpät iſt.“ Der Hausmeiſter rückte ein Tiſchchen an das Vett, an welchem der Sachwalter Platz nahm; ſeine Finger glitten mit wunderbarer Geſchwindigkeit über das Papier hin, auf welchem er ein Legat von hundert⸗ fünfzigtauſend Pfund dem einzigen männlichen Erben des Teſtators, einem Couſin von mütterlicher Seite, dem ehrenwerthen Edgar Sutton verſchrieb, den er nie geſehen hatte, und ein zweites Legat ſeiner Papiere und Correſpondenz dem Rector Gore. .* —— „Und Ihnen, was ſoll ich Ihnen hinterlaſſen, Elton?“ fragte der Sterbende,„vergeſſen Sie ſich doch nicht.“— „Das Glück, Ihnen einen Dienſt geleiſtet zu haben, und die Erinnerung unſeter Freundſchaft, das genügt mir, beſonders, wenn Sie noch Ihre Unter⸗ ſchrift unter dieſe Erklärung der Unſchuld Ihrer Gattin und der grauſamen Argliſt, wodurch man Sie zum Irrthum verleitete, geſetzt haben.“ Sir Harry las aufmerkſam die von Mr. Elton vorbereitete Schrift und unterzeichnete ſie.. „Laſſen Sie nun meine Diener eintreten,“ ſagte er,„mein Teſtament kann nicht allzu viele Zeugen haben. Mabel ſoll nicht in den Stand geſetzt wer⸗ den, ſich nach meinem Tode darauf zu berufen, daß ich nicht bei geſunden Sinnen war, um meine Willensverfügung anzugreifen.“ Allan ging nun hinaus und kehrte nach einigen Minuten, gefolgt von fünf oder ſechs der älteſten »Domeſtiken der Familie, zurück. Die geſetzlichen For⸗ malitäten wurden in ihrer Gegenwart vollzogen. Sobald ſie ſich zurückgezogen hatten, begann der Rector die Sterbegebete zu leſen. „Ich bin jetzt ruhiger im Geiſte,“ ſagte der Baronet, als Doctor Gore geendigt hatte.„Gott wird barmherziger gegen mich ſein, als ſie geweſen iſt.“ „Harry,“ erwiderte ſein alter Lehrer,„der irrende und ſündige Menſch darf ſich nicht Gottes Throne nähern und um Vergebung bitten, das Herz voll Haſſes und Rachgefühls. Das wäre ein ſtraf⸗ barer Hohn. Mabel„ n 57 „So ſchwer auch deren Unrecht gegen Sie iſt, Sie müſſen ihr vergeben. Bei dem Bande des Blutes, das Sie vereinigt, bei der allen menſch⸗ lichen Weſen gemeinſchaftlichen Schwäche, bei dem Leiden desjenigen, der ſich für uns Alle geopfert hat, ſterben Sie nicht mit einem gegen ihre Schweſter erbitterten Herzen.“ „Sie iſt die Urſache all meines Unglücks,“ ſagte der Baronet; alsdann, nach einer Pauſe, ſetzte er langſam hinzu:„Aber ich vergebe ihr, möchte ſie leben können zur Reue und Buße! Es iſt gerecht.... ſehr gerecht, daß ich ihr vergebe, da Ellen, meine geliebte Ellen mir vergeben hat, ich fühle es. Sie werden mich an ihrer Seite begraben; mein Sarg ſoll der nächſte bei dem ſeyn, wo ſie mit ihrem un⸗ ſchuldigen Kinde ruht. Das iſt meine letzte Bitte.“ Ein Druck der Hand verſicherte ihn, daß ſein Verlangen erfüllt werden ſolle. „Betet für mich, Freunde, betet für mich,“ mur⸗ melte Sir Harry,„ich fühle eine Beklemmung in meiner Kehle, einen Druck der Lungen, der mir an⸗ kündigt, daß es an's Scheiden geht.“ Die Pulsadergeſchwulſt iſt innerlich aufgebrochen,“ dachte Doctor Marfh. Er täuſchte ſich nicht: einige Augenblicke nachher floß das Blut; es erfolgte ein momentaner Kampf, eine Anſtrengung zu ſprechen. Elton hörte den 5 Ellen und das Wort Lächeln; dann war Alle die, welche bei dieſem außerordentlichen Sterbefall zugegen waren, mit Ausnahme Mabels, 58 beteten lang und innig. Allan erhob ſich zuerſt wie⸗ der und drückte ſeinem theuren Herrn die Augen zu. „Der letzte männliche Sprößling ſeines Stam⸗ mes!“ ſagte er,„es iſt Niemand mehr da, um den Namen Herbert fortzupflanzen; der Fluch hat ſein Werk gethan und das Licht wird ſich nie meht im Sanctuarium der Kirche von Crowshall zeigen.“ Inzwiſchen hatte Doctor Marſh ſich der ſchuld⸗ beladenen Schlafenden genähert und ſeine Hand auf ihr Herz gelegt; es ſchlug leicht, darauf fühlte er ihr den Puls.— „Sie wird bald erwachen,“ ſagte er. „Sie möge erwachen,“ antwortete Mr. Elton, „ſie kann ihn nicht mehr quälen.“ „Laſſen wir ſie,“ ſetzte der Rector hinzu,„es iſt vielleicht eine gute und heilſame Lehre für ſie, in dem Gemach des Todes wieder zum Bewußtſein zu kommen, die Leiche ihres Opfers vor ihr. Ich beneide ſie nicht um die Betrachtungen, die ihr beim Erwachen ſich aufdringen werden.“ Sie gingen weg und begaben ſich ſogleich nach der Bibliothek, um die Siegel an Schreibtiſche und Schränke zu legen, welche die Papiere des Verſtor⸗ benen enthielten, nur die ſchlafende Mabel zur Be⸗ wachung des Todten zurücklaſſend. Es wurde Tag, als Mabel wieder zum Bewußt⸗ ſein kam. Die Strahlen der Sonne drangen mit mattem Licht durch die halbgeſchloſſenen Vorhänge; aber dieſes Licht reichte hin, um die Leiche Sir Har⸗ ry's deutlich ſichtbar zu machen, deſſen Züge allmälig jenen beſonderen Ausdruck der Ruhe annahmen, welche auf die Kämpfe menſchlicher Leidenſchaften, auf Neigungen, Hoffnungen, Beſorgniſſe folgt, jene tiefe Ruhe, welche allein die Poſaune des Erzengels ſtören kann. Das erſte Zeichen ihres Erwachens war ein ſchmerzlicher Seufzer, von einer convulſiviſchen Be⸗ wegung der Lippen begleitet. Allmälig verloren die Augen ihre Unbeweglichkeit und ſie machte eine oder zwei vergebliche Anſtrengungen, die Hand an ihre brennende Stirne zu erheben; endlich gelang es ihr. „Es ſind Träume!“ murmelte ſie,„Träume!... wie meine Augen ſchmerzen!“ ſetzte ſie langſam hinzu,„meine Glieder ſind gelähmt und erſtarrt.“ Ihre Blicke fielen ſofort auf den Leichnam. Sie zitterte, wie wenn ſie einen electriſchen Schlag er⸗ halten hätte; dann brachte ſie, nachdem ſie ſich er— hoben hatte, einige Minuten damit zu, den Todten zu betrachten. „Endlich!“ ſagte ſie,„endlich! armer Harry, ſeine Leiden ſind vorüber. Aber wann ſtarb er? 4 Ich kann mich deſſen gar nicht entſinnen. Es muß irgend ein Verrath dabei ſtatigefunden haben; mein Schlaf war kein natürlicher. Sollte es dem verſchla⸗ genen Rechtsmann gelungen ſein, mich zu täuſchen?“ Wie wenn ihr ein plötzlicher Gedanke gekommen wäre, lüftete ſie ein wenig die Decke und faßte die rechte Hand des Todten: es fand ſich ein Tinten⸗ flecken am Zeigefinger. Sein Geſicht hatte einen drohenden Ausdruck, als ſie jene zurückfallen ließ. „Was hat man ihn zu thun überredet?“ mur⸗ melte Mabel.„Hofften ſie mich meines Erbes zu 60 berauben? Unſinnige! Hundert Teſtamente könnten mich nicht der großen Ländereien von Crowshall berauben, denn Harry war der letzte männliche Sprößling ſeines Stammes.“ Sie klingelte zweimal; der Hausmeiſter erſchien auf ihren Ruf. „Iſt Mr. Elton abgereist?“ fragte ſie. „Nein.“ „Ich wünſche ihn zu ſehen.“ „Hier?“ fragte der Greis, erſtaunt über dieſe Gefühlloſigkeit. „Hier!“ erwiderte die Dame.„Wartet jedoch es iſt nicht nöthig, daß das Gemach des Todes zum Schauplatz des Wortwechſels werde. Man hat treuloſe Kunſtgriffe gegen mich angewendet; man hat mein Vertrauen mißbraucht. Wann iſt mein Bruder geſtorben? Wer war bei ihm? Antwortet mir,“ ſetzte ſie mit gebieteriſchem Tone hinzu, denn ſie hatte ihre ganze Energie wieder gewonnen,„wenn Ihr eine Stunde noch in meinem Dienſte zu blei⸗ ben hofft.“ „Ich habe kein Verlangen, in Ihrem Dienſte zu bleiben,“ antwortete Allan ruhig,„will Ihnen jedoch antworten: Mr. Elton, der Rector, Doctor Marfh und ich ſelbſt, wir waren bei dem Tode meines geliebten jungen Herrn zugegen.“ „Gut ausgedacht,“ ſagte Mabel,„und wo war ich?“ „Sie ſchliefen neben dem Bett, in Ihrem Lehn⸗ ſeſſel, ein unempfindlicher Zeuge bei dem Todes⸗ kampfe des Bruders, den Sie getödtet haben.“ „Unverſchämter!“ „Wenn die Wahrheit unverſchämt iſt, habe i 61 nichts dagegen,“ antwortete der Diener ſanftmüthig. „Aber er hat Ihnen vergeben; mein lieber junger Herr hat Ihnen vor ſeinem Tode vergeben; und es ziemt mir nicht, Ihnen Vorwürfe zu machen.“ „Wo ſind dieſe Ränkeſchmiede?“ „In der Bibliothek.“ Ohne einen Blick auf den Leichnam zu werfen, ging Mabel Herbert hinweg, begab ſich nach ihrem Ankleidecabinet, und ſtieg dann nach dem Gemach hinunter, wo Mr. Elton, der Rector und Doctor Marſh eben mit Anlegung der Siegel fertig gewor⸗ den waren. Sie war bleich, hatte aber eine ſtrenge Miene. Es war kein Anzeichen von Gewiſſensbiſſen, kein Symptom menſchlicher Schwäche weder in ihren Worten, noch in ihrem Benehmen zu erkennen; ſie nahm entſchloſſen einem Stuhl und fragte, mit wel⸗ chem Recht ſie es gewagt hätten, ſich in die Ange⸗ legenheiten ihres Bruders zu miſchen? „Aber wozu dieſe Frage?“ ſetzte ſie höhniſch hinzu;„Sie handelten ohne Zweifel in der Eigen⸗ ſchaft von Erben ſeines Privatvermögens. Doch das Geſetz wird mir zu meinem Recht verhelfen; ein unter ſolchen Umſtänden erlangtes Teſtament kann nicht aufrecht erhalten werden.“ „Wir handeln in der Eigenſchaft von Teſtaments⸗ vollſtreckern, nicht von Erben Ihres Bruders, Miß Herbert,“ erwiderte ernſt der Sachwalter.„Keiner dieſer Herren erbt einen Schilling von ſeinem Ver⸗ mögen; die Papiere, die Briefe und die Correſpon⸗ denz meines Clienten ſind ſeinem alten Lehrer, Doctor Gore, vermacht.“ Mabel biß ſich ärgerlich in die Lippen. 62 „Wer iſt alſo der Erbe?“ „Sie werden es erfahren, wenn das Teſtament eröffnet wird. Die Vorſichtsmaßregeln, die wir er⸗ griffen haben, ſind uns durch eine gebieteriſche Pflicht auferlegt.“ „Ich werde das Teſtament anfechten,“ ſagte die ſchuldige Frau. „Es bleibt Ihnen das Herrſchaftsgut,“ ſagte der Rector. „Und weil ich das Herrſchaftsgut habe,“ antwor⸗ tete Miß Herbert,„ſoll ich mich des Privatvermö⸗ gens meines Bruders berauben laſſen? Weder mei⸗ nes Bruders Schwäche, noch Ihre ſchwarzen Um⸗ triebe werden mich dieſer Herrſchaft berauben können. Ich bin nicht einfältig genug, um alſo auf meine Rechte zu verzichten. Es iſt an Ihnen, zu überlegen, Doctor Gore. Sehen Sie zu, ob der Antheil, den Sie bei dieſer Angelegenheit genommen haben, nicht Ihrem Charakter als Geiſtlicher und Mann von Ehre Eintrag thun wird.“ „Wenn Ihr Gewiſſen ſo rein wäre, wie mein Charakter,“ ſagte der Rector mit edler Strenge,„ſo würde das Teſtament, worüber Sie ſich beklagen, ohne Zweifel niemals gemacht worden ſein. Erin⸗ nern Sie ſich, daß weder Doctor Marſh, noch Mr. Elton, noch ich das geringſte perſönliche Intereſſe bei dieſer Angelegenheit haben.“ „Das wird ſich zeigen,“ erwiderte Mabel ſpöt⸗ tiſch.„Ich glaube nicht an ſolche Uneigennützigkeit.“ „Man wird ſie ſehen,“ ſetzte der Sachwalter hinzu.„Inzwiſchen iſt es meine Pflicht, Miß Her⸗ bert, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß Sie 63 wiewohl Herrin von Crowshall, doch keinen Schilling von Sir Harry's Privatvermögen berühren dürfen, und ſich eines ſchweren Vergehens ſchuldig machen würden, wenn Sie, von Zorn oder irgend einem andern Motiv verleitet, die Siegel, welche wir an dieſe Geräthſchaften gelegt haben, verletzen wollten.“ „Ich werde dieſen Rath nicht vergeſſen,“ rief die Dame.„Ich ſehe Ihre Abſicht deutlich: Sie denken mir die Hände zu binden, mich in Verlegenheit zu ſetzen, während Sie mit Muße das Werk des Raubes vollenden werden. Aber Sie werden ſich täuſchen.“ „Vielleicht.“ „Ich kann mir Geld verſchaffen.“ „Auf eine zweite Obligation?“ fragte Mr. Elton kalt. Mabel wankte, wie von einem plötzlichen Schlag getroffen. Die Worte eine zweite Obligation verriethen ihr, daß der Sachwalter von einem Ver⸗ trag unterrichtet war, deſſen Geheimniß ſie von dem unwürdigen Mann, für welchen ſie ihn eingegangen hatte, wohl bewahrt dachte. „Ich kann gegen Sie nicht ankämpfen,“ mur— melte ſie.„Ich bin von Dienern umgeben, welche mich verrathen haben, von Feinden, welche vor kei⸗ nem Mittel zurückweichen, um zu ihrem verbrecheri⸗ ſchen Ziel zu gelangen. Man hat mich bei meinem verſtorbenen Bruder verleumdet, auf eine infame Weiſe verleumdet. Ich muß einen Rathgeber, einen Beſchützer herbeirufen.“ „Ich werde entzückt ſein, die Bekanntſchaft mit Mr. Roderich Haſtings wieder anzuknüpfen,“ ſagte 64 der Sachwalter.„Sie haben Recht, ihn kommen zu laſſen. Es iſt Zeit, hohe Zeit, daß wir uns treffen.“ Miß Herbert ſtand auf und wandte ſich gegen Mr. Elton mit der Wuth einer Löwin, die ſich nicht mehr zu halten im Stande iſt. Es war eine tiefe, concentrirte, diaboliſche Wuth. Haß und Trotz ath⸗ mete jedes ihrer Worte. „Ja ich werde ihn kommen laſſen,“ ſagte ſie. „Er wird Mittel finden, das Netz zu zerreißen, das Sie ſo argliſtig um mich geſchlungen haben. Ich haſſe Sie, ich verachte Sie und trotze Ihnen.“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Zimmer. „Roderich Haſtings darf nicht eintreten, ſo lang der Leichnam ſeines Opfers unter dieſem Dach ſich befindet,“ rief der Rector in großer Bewegung. „Es wäre ein Schimpf für den Todten und wir müßten uns Vorwürfe machen, es geduldet zu haben.“ „Er mag kommen,“ ſagte Mr. Elton ruhig, „ich kenne den Mann, mit dem ich zu thun habe, und bin bereit, ihm zu begegnen.“ Viertes Kapitel. Der kleine Ditk. An demſelben Morgen arbeitete Nicolas Pim zu früher Stunde auf dem Kirchhof zu Crowshall; ſein Zögling, der kleine Dick, ſaß auf einem Grab daneben und ſah ihm zu. Die Züge des Knaben drückten einen Ernſt aus, der dem Greiſe nicht en ging. Das einfache Büſchel Goldknöpfe“) und Schlüſſelblumen, welches er auf den Feldern gepflückt hatte, hing nachläſſig in ſeiner Hand; und als ſeine Kamaraden, Martha's kleine Zöglinge, die einander zwiſchen Gräbern lautlachend herumjagten, ihn auf⸗ forderten, mit ihnen zu ſpielen, ſchüttelte er den Kopf und warf ihnen ſeine Blumen zu. „Nun, was fehlt Dir, Dick?“ fragte der Küſter. „Du biſt ja ſo betrübt wie ein Leichenbegängniß. Erſchreckt Dich die große Glocke? Sie läutet für den armen Sir Harry.“ „Iſt er geſtorben?“ fragte das Kind neugierig. „Ja, und um ſo ſchlimmer, denn er war ein braver Edelmann und ein Vater der Armen.“ „Warum iſt er denn geſtorben? Müſſen nur die Guten ſterben?“ „Gute und Schlechte, Dick, Alle müſſen gleicher Weiſe dahin gehen.“ „Amen Corner wird alſo auch einmal ſterben?“ erwiderte der kleine Knabe im Tone der Genug⸗ thuung;„das beruhigt mich ſehr.“ „Warum? was hat Dir der Gerichtsſchreiber gethan?“ fragte Nicolas erſtaunt. „Ich haſſe ihn.“ „Du darſſt Niemand haſſen,“ ſagte der Greis mit ernſter Miene. „Aber ich will ihn haſſen,“ rief das Kind hitzig. „Warum kommt er zu uns und ſitzt ganze Stunden hin, um mit meiner Mutter zu ſchwatzen?“(Dieſes ———— 3 Wieſenranunkeln. Das Erbe. 5 66 Wortes bediente er ſich immer, wenn er von Martha ſprach.)„Und warum ſchickt er mich immer fort, draußen zu ſpielen, wenn er kommt?.. Ich werde das nächſte Mal nicht gehen,“ ſetzte er ent⸗ ſchloſſen hinzu. „Man muß nicht halsſtarrig ſein.“ „Ich will halsſtarrig ſein! Warum kommt er?“ „Wahrſcheinlich weil er etwas mit Martha zu ſprechen hat.“ „Und warum ſchickt er mich fort?“ „Weil er nicht will, daß Du zuhöreſt,“ antwortete Pim, der vollkommen wußte, daß Amen Martha den Hof machte.„Du weißt, daß ſie einen Bruder in der Fremde hat; vielleicht bringt er ihr Nachrichten von demſelben.“ „Wenn es nur das iſt, kümmert es mich wenig,“ rief Dick, deſſen Phyſiognomie ſich plötzlich aufklärte. „Es kann nicht anders ſein,“ ſetzte ſein alter Freund hinzu, begierig einen Gegenſtand zu ver⸗ meiden, welchen zu begreifen das Kind zu jung war. „Laſſen wir heute die Lection bei Seite; ich will Dich mit Deinen Kamaraden ſpielen ſehen und Dein fröhliches Gelächter wieder hören; das wird mir wohl thun, denn ich habe traurige Gedanken und brauche etwas, das mich erheitert.“ „Dann werde ich bei Euch bleiben.“ „Nein, Dick, nein; es wäre mir lieber, wenn ich Dich ſpielen ſähe.“ Das Kind ſprang auf, lief auf den Greis, der halb in einem Grabe, das er machte, verborgen war, zu, warf die Arme um ſeinen Hals, drückte einen Augenbück die roſigen Wangen an ſein Geſicht und 67 eilte dann zu ſeinen Kamaraden, die vor der ſüd⸗ lichen Vorhalle Aal ſpielten. Nicolas betrachtete ihn einige Minuten ſtill⸗ ſchweigend. „Ich liebe dieſen Jungen,“ ſagte er, ſeine Arbeit wieder aufnehmend;„es liegt etwas ſo Freimüthiges, Gutes in ihm. Ich hoffe, daß die Welt ihn nicht verderben wird Gott helfe ihm!“ ſetzte er mit einem Seußer hinzu,„wenn Martha je thöricht genug iſt, Amen Corner zu heirathen.“ Er hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als dieſe letzte Perſon auf den Kirchhof trat. Er war von dem Fremden begleitet, welcher ſich den Abend zuvor in der Aufgehenden Sonne einquartirt hatte. Aber da er nicht mehr ſeinen heruntergeſchlagenen Hut und ſeinen Reitermantel trug, erkannte ihn der Küſter nicht mehr. „Gebt mir die Schlüſſel, Nicolas,“ ſagte der Kirchſpielſchreiber mit dem Ton der Autorität;„dieſer Herr wünſcht die Kirche und die Monumente zu ſehen.“ Der Greis nahm die Schlüſſel von dem ledernen Gürtel, den er unter ſeiner Weſte trug, und händigte ſie ihm, ohne ein Wort zu ſagen, ein. Habt Ihr auch die zur Gruft?“ Der Küſter nickte bejahend mit dem Kopf. „Ich werde ſie gleichfalls brauchen,“ ſetzte der Gerichtsſchreiber hinzu. „Ich kann ſie Ihnen nicht geben,“ antwortete Pim fanft. „Ihr könnt ſie mir nicht geben?“ wiederholte der Gerichtsſchreiber mit erſtaunter Miene.„Träume ich, oder habt Ihr etwa dieſen Morgen getrunken?“ 68 „Weder das Eine noch das Andere.“ „Gebt ſie mir auf der Stelle!“ rief Amen Cor⸗ ner, die Stirne runzelnd. 5 „Vielleicht,“ ſagte der Fremde, zum erſten Mal das Wort nehmend,„vielleicht betrachtet Meiſter Ni⸗ colas, wenn das ſein Name iſt, das Recht, die Gruft zu zeigen, als zu ſeinen Nebeneinkünften gehörig.“ „Zu ſeinen Nebeneinkünften gehörig, wahrhaftig!“ rief der Gerichtsſchreiber unwillig. „Wenn dem ſo iſt, ſo ſollen ſeine Bedenklichkeiten beſeitigt werden.“ Er zog mehrere Silberſtücke aus ſeiner Taſche, welche er Pim-anbot. Dieſer erhob jetzt zum erſten Male ſeine Augen zu ihm und wurde von dem Ge⸗ danken betroffen, daß er denſelben ſchon früher ge⸗ ſehen habe. Es war eine Art vager und verwirrter Erinnerung, denn er konnte ſich weder das Wann noch das Wo zurückrufen. „Es handelt ſich nicht um Geld, mein Herr,“ ſagte er achtungsvoll,„aber der Rector hat es nicht gern, daß ich mich davon trenne.“ „Schwachkopf!“ brummte der Gerichtsſchreiber ungeduldig,„die Abſicht von Doctor Gore iſt, daß Ihr ſie an keinen Fremden abgebet; denkt Ihr, was er Euch geſagt hat, habe auf mich Bezug?“ „Wenn ich Unrecht thue,“ antwortete Nicolas mit der größten Einfalt,„ſo kann der Rector mich leicht zurechtweiſen. Ich hoffe, Sie werden mir deß⸗ e nicht böſe ſein, daß ich meine Pflicht gethan habe.“ Als Dick Amen Corner mit ſeinem alten Freunde herumſtreiten ſah, verließ er ſeine Kamaraden. Er — 69 hatte einen Stecken in der Hand, und ſo jung er war, ſchleuderten ſeine finſtern Augen drohende Blitze. „Halsſtarriger Narr!“ rief der Gerichtsſchreiber, Pim am Kragen packend;„gib mir die Schlüſſel auf der Stelle, oder ich ſchüttle Dich, daß kein Hauch von Leben mehr in Dir bleibt. Ich.... Seine Drohungen wurden kurz abgeſchnitten durch zwei oder drei Hiebe, welche ihm Dick ſo kräftig auf die Schienbeine applicirte, daß er ſeine Beute fahren ließ und vor Schmerz und Wuth aufſprang. Er hatte auch kaum ſeinen Angreifer erkannt, als er eine Haue ergriff, und in ſeinem wilden Grimm würde er ſicherlich dem braven kleinen Burſchen eine ſchwere Wunde beigebracht haben, wenn ſein Begleiter ihn nicht zurückgehalten hätte. „Keine Gewaltthat,“ ſagte der Letztere im Ton des Befehls;„ich kann die Gruft ein anderes Mal ſehen; die Kirche wird mir ohne Zweifel für einen erſten Beſuch des Intereſſanten genug bieten.“ „Der unverſchämte Schlingel!“ rief Amen Cor⸗ ner, Dick einen fürchterlichen Blick zuwerfend.„Ich werde ihm den Hals umdrehen! Ich... „Keine Gewaltthat,“ wiederholte der Fremde. „Warum wegen einer ſolchen Kleinigkeit Händel an⸗ fangen?“ Kleinigkeit?“ ſagte der Gerichtsſchreiber, ſich die Schienbeine reibend. „Komm hieher, mein kleiner Mann,“ ſagte der Fremde, dem der Muth des Kindes Vergnügen ge⸗ macht hatte. „Ich bleibe lieber bei Nicolas,“ antwortete Dick, „Sage mir Deinen Namen.“ 70 „Dick.“ „Dick wie?“ Der Knabe drehte ſich um und betrachtete ſeinen Freund, den Küſter, als wollte er ihn fragen, welche intwort er hier geben ſollte; aber der Alte wußte eben ſo wenig über dieſen Gegenſtand, als er. „Ich habe keinen andern Namen,“ ſagte unſer Held.„Ich vermuthe, daß ich noch nicht alt genug bin. Matthias, Aennchen, Jack und Nicolas nennen mich alle Dick. Alle nennt mich Dick, außer Amen Corner, der mich Schlingel nennt; aber ich weiß nicht, was dieß heißt, und kümmere mich wenig darum.“ Der Fremde warf ihm eine halbe Krone zu; der Knabe betrachtete ſie einen Augenblick und wandte dann den Kopf weg. „Siehſt Du, was dieſev Herr Dir gegeben hat?“ murmelte Pim. „Ich will ſein Geld nicht,“ erwiderte Dick ent⸗ ſchloſſen.„Ich will ſein Geld nicht.“ „Und warum nicht, mein hübſcher Junge?“ „Weil Sie der Freund von Dem da ſind,“ ant⸗ wortete Dick, auf Amen Corner zeigend, der noch immer ſich mit kläglicher Miene die Beine rieb, denn die Hiebe waren ſehr heftig geweſen. Amen ſprach mit leiſer Stimme mit ſeinem Ge⸗ fährten und beide wandten ſich dann der Kirche zu⸗ „Da geht er hin, Gott ſei gedankt!“ ſagte der Küſter. „Armer Dick,“ ſetzte er, gegen ſeinen jungen Günſtling gewendet, hinzu,„Du haſt Dir einen gr ſamen Feind gemacht, fürchte ich.“ 71 „Das iſt mir ganz gleichgültig, ich konnte nicht ſehen, wie er Euch ſchlug.“ Noch ſchwatzten ſie von dieſer Sache, als Nan Willis zu ihnen ſtieß, und Pim, der auf den Scharf⸗ ſinn dieſer Frau große Stücke hielt, erzählte ihr Alles, was geſchehen war. „Amen Corner iſt nicht der einzige Narr,“ ſagte ſie in ſehr verdrießlichem Tone, obwohl der Greis die Urſache nicht errathen konnte:„wollte Gott, dieß wäre das Schlimmſte, was man ihm vorwerfen könnte!“ Einige Minuten blieb ſie auf ihren Stab ge⸗ ſtützt, um ſich rechts und links zu wiegen, wie ſie zu thun pflegte, wenn ſie auf Etwas ſtieß, was ſie nicht vecht begreifen konnte. „Ich erkläre mir es nicht,“ murmelte ſie,„ich erkläre mir es nicht; nach ſo vielen Jahren und gerade jetzt.“ „Was erklärt Ihr Euch nicht, Nan?“ fragte der Küſter. „Warum der Rector Euch verboten hat, die Schlüſſel zur Gruft Amen Corner zu geben.“ „Er hat ihn nicht genannt.“ „Nicht?“ „Nein, der Befehl galt für Jedermann.“ „Das iſt doch höchſt ſonderbar.“ „Durchaus nicht, Ran, und ich bin erſtaunt, daß eine Perſon von Eurer Kenntniß und Erfahrung nicht ſogleich den Grund errathen hat. Ihr wißt, daß die Platten und Handgriffe der Särge der Her⸗ berts in der Gruft von Silber ſind; auch ſagt man, daß Lady Mildroad mit ihrem Schmuck und in ihrem Brautkleide beigeſetzt worden iſt.... Und ſi hat da eine ſonderbare Idee gehabt, wenn es wahr iſt. Nun kommt eine große Anzahl von Arbeitern aus Newark, um die Kirche ſchwarz zu verhängen und das Leichenbegängniß des armen Sir Harry zu be⸗ ſorgen: das iſt der Grund dieſes Verbotes.“ „Möglich! möglich! wo iſt Amen Corner?“ „In der Kirche mit dem Fremden.“ Die kleine Alte murmelte etwas, das wie Narr lautete; aber da Pim ein wenig taub war, glaubte er ſich getäuſcht zu haben. „Wollt Ihr ihn ſehen?“ fragte er. „Ihn ſehen?“ wiederholte Nan,„nein! Warum ſollte ich ihn ſehen? Wenn es nur von mir ab⸗ hänge, wollte ich kein Wort mehr mit ihm wechſeln und ihn nie mehr ſehen.“ „O, das iſt mir lieb!“ rief Dick, der ſchnell her⸗ zutrat und die runzelige Hand ergriff. „Lieb? was, Kind?“ fragte die Alte lebhaft. „Daß Ihr Amen Corner nicht gern habt. Es. iſt da ein ſchöner Herr bei ihm, der mir Geld geben wollte, aber ich nahm es nicht an.“ „Warum nicht?“ „Weil er der Freund von Amen Corner iſt.“ „Dick! Dick! das iſt ſchlecht, ſehr ſchlecht, Je⸗ mand ſo ſehr zu haſſen,“ ſagte ſein Freund Nicolas, „und noch dazu ohne Grund.“ „Der Knabe kann nichts dafür,“ antwortete Nan, „es iſt ſein Inſtinkt, ſeine Natur: es hilft alſo nichts, ihm zu predigen.“ „Aber er iſt ſo jung!“ „Wir ſind nie zu jung noch zu alt, un zu haſſe 73 Ich ſah, wie der Haß ſo zu ſagen in der Wiege entſtand, mit dem jungen Herzen, in das er gedrun⸗ gen war, wuchs und daſelbſt Liebe und Freundſchaft überlebte.“ „Eure Geſchichte muß ſehr traurig ſein, Nan,“ ſagte Pim,„daß Ihr dergleichen Gedanken habt.“ Das ſeltſame Geſchöpf, an welches dieſe Bemer⸗ kung gerichtet war, warf dem Küſter einen ſeiner beſonderen Blicke zu, ſtieß dann ein pfeifendes Ge⸗ lächter aus, als ob ſie der Gedanke ſehr ergötzte, daß irgend eine Perſon ihm ſein Geheimniß entziehen wolle, obwohl, dem Greife Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, dieſer nicht im Mindeſten daran dachte. Ihr ſeid geſtern Abend im Herrenhaus geweſen,“ ſagte er. „Ja, Mabel ließ mich rufen.“ „Dann habt Ihr den armen Sir Harry ſterben ſehen?“ „Nein,“ antwortete Nan mit einer Miene ge⸗ täuſchter Erwartung.„Der letzte der Herbert's iſt geſtorben, ohne daß ich an ſeiner Seite geweſen bin.“ „Es wird ein großes Leichenbegängniß geben; alle Armen erhalten Trauerkleider, wie bei dem Tode ſeines Vaters. Es iſt ſeltſam, daß er beinahe in demſelben Alter geſtorben iſt.“ „Ich bin immer in Trauer,“ erwiderte Nan trocken. Der Fremde erſchien, nachdem er ſeine Reugierde durch Beſichtigung der Gräber befriedigt hatte, wie⸗ der auf dem Kirchhofe, gefolgt von ſeinem Begleiter, welcher die Schlüſſel von Nicolas hin⸗ und her⸗ ſchüttelte. 74 „Begeben Sie ſich ſogleich nach dem Herrenhauſe,“ flüſterte Nan dem Erſteren zu.„Man hat Sie rufen laſſen. Es iſt nicht ganz richtig dort, fürchte ich.“ Sie wechſelten einen Blick des Verſtändniſſes, aber kein Wort weiter, und der Fremde verſchwand, nachdem er Amen Corner für ſeine Gefälligkeit ge⸗ dankt hatte, hinter der Schranke, welche mit dem Park in Verbindung ſtand. „Das iſt ein ſehr freigebiger Herr!“ ſagte der Gerichtsſchreiber mit dem Tone der Zufriedenheit. „Ich möchte alle Tage einem Halbdutzend ähnlicher Beſucher die Kirche zeigen.“ „Daran zweifle ich nicht,“ ſagte die Frau, ſich entfernend. † Amen folgte ihr, indem er den Küſter bei ſeinem Geſchäfte ließ, in welchem er ſich von Zeit zu Zeit unterbrach, um nach Dick zu ſchauen, der ſeinen klei⸗ nen Kamaraden ſich wieder angeſchloſſen hatte. „Nan,“ ſagte Corner, ſobald er ſie eingeholt hatte,„es iſt für mich kränkend, ſehr kränkend, zu ſehen, daß zwiſchen uns, die wir doch ſchon ſo viele Jahre einander kennen, ſo wenig Vertrauen herrſcht.“ „Und welches Vertrauen ſollte denn, ich bitte Euch, unter uns herſchen?“ fragte die Alte mit einer Miene der Geringſchätzung. „Ihr wißt unſer Freund, der Ihr wißt ſehr wohl, was ich ſagen will.“ „Ich habe keine Freunde und verzichtete ſeit meiner Kindheit darauf, Räthſel zu löſen,“ erwiderte Nan Willis mit ſarkaſtiſchem Tone.„Wenn Ihr klug ſeid, bewahrt Ihr Eure Geheimniſſe für Euch vorausgeſetzt jedoch, daß Ihr dergleichen habt; ich werde ſie nur verrathen.“ „Wohl, wohl; aber Ihr wißt, ich bin überzeugt, obwohl Ihr es läugnet.... Ihr wißt, daß....4 Amen Corner brach ſchnell ab; es erſchien in den grauen Augen, welche ſich plötzlich auf ihn hef⸗ teten, ein ſehr bezeichnender Blick der Warnung. „Ich weiß eine Menge Dinge,“ erwiderte das ſeltſame Geſchöpf, deſſen Vertrauen er hatte er⸗ ſchleichen wollen,„und habe eine Menge Dinge ge⸗ ſehen; ich weiß zu viel, um mir von dem erſten Schwätzer, der zufällig meinen Pfad kreuzt, die Wür⸗ mer aus der Naſe ziehen zu laſſen.“ „Aber ich habe ihn nicht gekreuzt.“ „Man kreuzt ihn nicht ungeſtraſt,“ erwiderte jene kalt. „Ei! und was könntet Ihr thun?“ fragte der Gerichtsſchreiber, welchen allmälig die Miene der Superiorität, die ſich Nan gab, verdroß. „Was ich thun könnte, würde zu lang zu er⸗ zählen ſein, aber das kann ich Euch verſichern, daß ich es thun würde.“ „Und was würdet Ihr denn thun?“ fragte Amen mit ſpöttiſcher Miene. „Ich würde Euch bei den erſten Aſſiſen zu Lin⸗ coln hängen laſſen!“ antwortete die Alte, mit dem Stock auf die Erde ſtoßend;„und nun, Amen Cor⸗ ner, kennt Ihr mich.“ Nan Willis kehrte allein in's Dorf zurück. Von dieſem Tage an behandelte der anmaßende Kirchſpielſchreiber ſie, ſo oft er ihr begegnete, mit dem größten Reſpect, und man bemerkte, daß es 76 ihm ſehr unbehaglich zu Muthe war, wenn man den Namen dieſer Frau ausſprach. Anſtatt ſich direct durch die Ulmen⸗Allee nach dem Herrenhaus zu begeben, ſchlug der Fremde einen ſchmalen Pfad ein, der ihn hinter das Haus brachte. Jahre waren verfloſſen, ſeitdem er ſei⸗ nen Fuß unter dieſes alterthümliche Dach geſetzt hatte, und als er durch die Thüre, wo die Dienerin von Miß Herbert ihn erwartete, eintrat, drängten ſich unangenehme Erinnörungen ihm auf. Es war ein kühner und ſorgloſer Mann, und dennoch konnte er ſich deren nicht entſchlagen. „Roderich!“ rief die Erbin, ſich ihm in die Arme werfend, ſobald er in ihr Boudoir trat,„die ſo lang, ſo ungeduldig erwartete Stunde hat endlich geſchlagen. Keine Gewalt der Erde kann unſere Heirath weiter hindern. Ich bin Herrin von Crows⸗ hall, den großen Ländereien meines Bruders„ der niemals in unſere Vereinigung gewilligt hätte, wenn ihm bekannt geweſen wäre, daß Du„„ „Ein Abenteurer ohne Namen, ohne Freunde, ohne Vermögen biſt,“ ſetzte ihr Liebhaber hinzu, die Phraſe für ſie vollendend.„Nun wohl! er hat den Stolz ſeiner Geburt bezahlt.“ Mabel zitterte. „Iſt es Dir wohl ergangen?“ fragte ſie.„O, es iſt lang her, daß ich Dich nicht geſehen habe. Du findeſt mich verändert. Ach, ich bin nicht mehr das blühende Mädchen, welches Dein Herz erobert. Habe ich mich ſehr verändert?“ fragte ſie zärtlich. Mit mehr Galanterie als Wahrheit antwortete 77 Roderich Haſtings, daß die Zeit nur ihre Schönheit erhöht habe. Es war merkwürdig, das Entzücken zu ſehen, womit dieſe argliſtige Perſon, welche alle Wechſel⸗ fälle des ſchrecklichen Spiels, das ſie eben zu Ende führte, ſo gut berechnet hatte, dieſe banalen Worte ver⸗ nahm, die vielleicht hundertmal hundert andern Thörin⸗ nen wiederholt wurden, die ebenſo ſchwach waren, denſelben Glauben zu ſchenken; aber der Verſucher kannte ſeine Stärke. Mabel, die den Schrecken des Todesbettes ihres Bruders, den Zurechtweiſungen des Rectors und Mr. Eltons, den Vorwürfen ihres eigenen Gewiſſens getrotzt hatte, war bei Roderich ſanft und demüthig wie ein Kind. 4 „Sir Harry iſt letzte Nacht geſtorben,“ ſagte ſie, „oder vielmehr dieſen Morgen.“ „Vielleicht wird es ſchicklich ſein, daß man mich bis zu dem Leichenbegängniſſe nicht hier ſieht. Aber was iſt geſchehen? Nan hat mir geſagt, daß es hier nicht ganz richtig ſei; was iſt es?“ „Mein Bruder hat ein Teſtament gemacht!“ „Wie?“ „Es iſt nicht meine Schuld, theurer Roderich; glaube mir, es iſt nicht meine Schuld; ich hatte alle Vorſichtsmaßregeln getroffen. Die Güter ſind mein; nichts kann mich deren berauben; aber das Privatvermögen wurde irgend einem Anderen ver⸗ macht.“ „Wem?“ fragte ihr Liebhaber ungeduldig. „Man hat ſich geweigert, es mir zu ſagen.“ „Wer iſt es, der es Dir zu ſagen verweigerte?“ rief Mr. Haſtings übellaunig.„Verzeih' mir,“ 78 ſetzte er hinzu,„theure Mabel, aber du kennſt das Ungeſtüm meines Charakters; meine Zunge ſtraſt zuweilen mein Herz Lügen. In Deinem letzten Brief, wenn ich recht verſtanden habe, ſagteſt Du mir doch, es ſei Dir gelungen, Deinen Bruder von allen ſeinen Freunden zu entfernen.“ „Das war die Wahrheit.“ „Und beſonders von dieſem intriguanten Geſetzes⸗ mann, welchen er zum Vertrauten ſeines. ſ Unglücks zu machen die Schwäche gehabt atte.“ „Setze Dich zu mir, Roderich; habe Geduld mit mir, und ich will Dir Alles erklären; aber erſchrecke mich nicht durch dieſe wilden Ansbrüche Deines Zornes.“. „Gut, gut,“ murmelte er in einem Ton zurück⸗ gehaltener Bitterkeit, vich werde geduldig ſein.“ Das thörichte Opfer ſeines Betrugs, denn das war ſie und ſollte es noch lang bleiben, erzählte ihm in möglichſt kurzen Worten die Mittel, deren man ſich bedient hatte, ſie zu überliſten, und die Art und Weiſe, wie der Rechtsanwalt ihres und deſſen Freunde Zutritt bei ihm erlangt atten. Als ſie die von Mr. Elton gemachte Anſpielung auf die Obligation wiederholte, ſprang Roderich auf und rief mit einem Fluch, Marſhall müſſe ihn ver⸗ rathen haben.. „Und wer iſt Marſhall?“ fragte die Dame furchtſam. „Ein Geldmäckler, ein Schlingel, dem ich das Papier als Bürgſchaft für eine Schuld anzuvertrauen genöthigt war. Verzeihe mir, Mabel,“ ſetzte er hinzu, als er ſah, daß dieſes Geſtändniß den Stolz der Erbin beleidigt hatte;„Du weißt nicht, was es heißt, von Geſetzesleuten verfolgt zu werden; Du kennſt nicht den langen und ermüdenden Kampf gegen das Unglück. Ich habe Dir meine Armuth nie ver⸗ borgen, und wenn ich mich zu Mitteln erniedrigte, welche die Delikateſſe verdammen könnte, ſo geſchah es am Ende, um mein Leben aus Liebe zu Dir zu erhalten.“ „Sprich nicht mehr davon,“ ſagte ſein Opfer in demüthigem Ton;„ich will den Scandal ertragen, ſo gut ich kann. Die Kenntniß, oder vielleicht der Beſitz von dieſer Obligation war es, welche Elton geſtattete, auf das Gefühl meines Bruders einzu⸗ wirken. Harry wurde ohne Zweifel vor Unter⸗ zeichnung des Teſtaments von Allem unterrichtet.“ „In weſſen Händen befindet es ſich?“ fragte Roderich mit düſterer Miene. „In den Händen des Sachwalters. Du kennſt ihn nicht,“ ſagte die Erbin. „Er kennt mich ebenſowenig„ erwiderte ihr Liebhaber.„Ich bin kein Kind„ um mich von dem Wege abwendig machen zu laſſen, den ich zu verfolgen entſchloſſen bin; dieſes Vermögen muß mein es muß unſer ſein, will ich ſagen, meine Liebe. Das Teſtament iſt auf betrügeriſche Weiſe erlängt worden; man hat die Schwäche eines Sterbenden benützt, der Autorität einer ſchutzloſen Frau Trotz geboten. Wo iſt dieſer Mann?“ „Ert und der Rector ſind noch in der Bibliothek. Als ich drohte, Jemand zur Berathung und Unter⸗ 80 ſtützung für mich herbeizurufen, verſtand er mich vollkommen, denn er nannte Dich „Es iſt ein tüchtiger Mann.“ „Er ſagte, dr werde entzückt ſein, die Bekannt⸗ ſchaft mit Dir zu erneuern.“ „Wahrhaftig?“ „Und ſeie ganz bereit„ „Wir ſind dann Beide bereit,“ fiel Mr. Haſtings kalt ein, indem er ein Paar Piſtolen aus der Taſche zog, deren Schloß er ſorgfältig unterſuchte. „Roderich! Roderich!“ rief die Vethörte, ſich an ſeinen Arm anklammernd,„keine Gewaltthat; denke an die Folgen. Es gibt keinen Diener im Hauſe, der Dir nicht feindlich geſinnt iſt, außer dem Mädchen, das Dich eingelaſſen hat.“ „Dieſes Teſtament muß mir überliefert werden, im Frieden, wenn es möglich iſt. Glaube mir, Du machſt Dir ohne Noth Unruhe. Wir werden uns ſehr ſchnell verſtändigen, der Sachwalter und ich Bleibe hier bis zu meiner Rückkehr.“ Dieß ſagend, verließ er das Boudoir und wandte ſich, da er die Loecalitäten vollkommen kannte, der Bibliothek zu, wo Mr. Elton, der Rector und Doctor Marſh ſich noch unterhielten. „Mr. Roderich Haſtings, glaube ich,“ ſagte kalt der Erſtere. „Zu Ihren Befehlen, meine Herren,“ erwiderte dieſer, ſich dem Tiſche nähernd.„Ich höre, daß in Abweſenheit ihres natürlichen Beſchützers Miß Her⸗ bert grauſam getäuſcht worden, daß ein deren In⸗ tereſſen nachtheiliges Teſtament ihrem ſterbenden 81 Bruder entriſſen worden iſt. Ich fordere, dieſes Document zu ſehen.“ „Sie werden es zu ſeiner Zeit ſehen.“ „Ich muß es jetzt ſehen.“ „Es wird bei dem Leichenbegängniß meines er⸗ mordeten Freundes geleſen werden,“ antwortete der Sachwalter. „Jetzt, ſage ich Euch,“ wiederholte der Räuber, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend. Zwei Gerichtsdiener traten jetzt hinter einer ſpaniſchen Wand hervor; der eine von ihnen klopfte ihm auf die Schulter und verhaftete ihn im Namen der Bevollmächtigten von Peter Marſhall, Mäckler und Geldvevleiher. Mr. Roderich Haſtings brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Gut geſpielt!“ rief er,„teufelmäßig gut geſpielt, Mr. Elton! ich fange an, die Partie intereſſant zu finden; ich habe bis jetzt keinen Gegner von meiner Stärke gefunden. Das nächſte Mal iſt vielleicht das Glück für mich.“ „Vielleicht,“ wiederholte der Sachwalter ernſt; auf jeden Fall habe ich mein Wort gehalten: Ihre Gegenwart hier wird das Andenken des Todten nicht beſchimpfen.“ In weniger als zehn Minuten nach ſeinem Ein⸗ tritt in die Bibliothek entfernte ſich Mr. Roderich in einer Poſtchaiſe von Crowshall, bewacht von den zwei Gerichtsdienern, welche ihn verhaftet hatten. —— Das Erbe. 82 Fünftes Kapitel. Die Blumen auf dem Grabe. Mabel Herbert war kaum von der Verhaftung ihres Liebhabers unterrichtet, als die ganze in ihrem ſchuldigen Herzen ſchlafende Energie wieder erwachte. Es war nicht mehr das furchtſame und demüthige Geſchöpf, das Roderich Haſtings in dem Boudvir verlaſſen hatte, niedergebeugt von Schrecken bei der Vorſtellung der Gefahr, welche er lief, ſondern die kalte und ruhige Frau, ſtark in Liebe und gleich⸗ gültig gegen jedes Opfer, um ihre Ergebenheit einem habſüchtigen und ehrgeizigen Mann zu beweiſen, deſſen verhängnißvoller Einfluß ſie Schritt für Schritt dahin gebracht hatte, Wahrheit, Aufrichtigkeit, Selbſt⸗ achtung, Bande des Blutes und das Glück ihres betrogenen und beſchimpften Bruders preiszugeben was ſagen wir? eine ſolche Schwäche konnte ſich nicht Liebe nennen: es war Bethörung, Verrücktheit. „Sie gedenken uns zu trennen,“ ſagte ſie mit bitterem Lächeln,„die Unſinnigen, wie wenig ſie das menſchliche Herz kennen, trotz alles ihres Wiſſens! Bilden ſie ſich ein, nachdem ich taub gegen die Vor⸗ würfe meines Gewiſſens geblieben bin, ich werde denen der Welt nachgeben? Was ſind ſie für mich? Roderich iſt meine Welt; ich kenne keine andere ich lebte nur für ihn und ich werde ihm die Frei heit geben,“ ſetzte ſie mit einem Ton ruhiger Ent ſchloſſenheit hinzu,„und ſollte ich dafür die letzte Hufe 3 Landes von Crowshall verpfänden!“ * 83 Nachdem ſie über das, was ſie thun wollte, zu einem feſten Entſchluß gekommen war, ſchickte die Erbin einen Boten an Mr. Ellsgood, einen ausge⸗ zeichneten Rechtsgelehrten zu Newark. Es war nicht das erſte Mak, daß ſie ſich ſeiner Dienſte bedient hatte. Er hatte die Schrift aufgeſetzt, worin ſie ſich verpflichtete, nach Sir Harry's Tode den unſittlichen und intriguanten Verführer zu heirathen, jene Schrift, welche ſie Roderich auszuſtellen die Schwäche ge⸗ habt hatte. Collins Ellsgood oder der Sachwalter Colley, wie man ihn in der Nachbarſchaft nannte, kam noch im Laufe des Tages nach dem Herrenhaus. Es war ein Mann, deſſen Manieren ſich zuweilen der Derbheit näherten, nicht daß ſie grob geweſen wä⸗ ren, denn er hatte den Schliff, wie die Härte des Diamants, ſondern in Folge der ſchlechten Gewohn⸗ heit, die er angenommen hatte, jedes Ding bei ſei⸗ nem Namen zu nennen und ſeinen Clienten ſehr aufrichtig, was er von ihren Grundſätzen und Hand⸗ lungen dachte, zu ſagen. Dieſes Uebermaß von Redefreiheit erzeugte aber keinen Ueberfluß an Ehr⸗ lichkeit ſeinerſeits, ſondern er machte ſich nur das dergnügen, diejenigen, welche die Natur oder das Glück mehr als ihn begünſtigt hatte, zu demüthigen. Seine ſtarre Tugend hinderte ihn nie, ſeinen Bei⸗ ſtand jedem Handel zu leihen, ſo tadelnswerth er auch ſein mochte, vorausgeſetzt, daß er es in aller Sicherheit thun konnte und ſich ein Vortheil dabei fand. Darnach bemaß er alle Dinge dieſer Welt. Die Clientel des Sachwalters Colley war nicht allein die ausgebreiteiſte, ſondern auch noch die 84 gewinnreichſte der Grafſchaft. Er war ausnehmend reich und hielt in der Geldeaſſe ſeines Arbeits⸗ zimmers die Titel mancher ſchöner Beſitzthümer, auf die er große Summen vorgeſchoſſen hatte, einge⸗ ſchloſſen. Man hat ſehr oft bemerkt, daß unſere Eitelkeiten das Letzte ſind, was uns verläßt. Um gerecht gegen den Sachwalter zu ſein, ſo hatte er deren nicht viel: ſeine Stulpenſtiefel waren die einzige Eitelkeit, die er ſich geſtattete; ſein Haus und ſeine Ausgaben waren nach den Grundſätzen der ſtrengſten Oeconomie geregelt. Ich bin froh, ſehr froh, Sie zu ſehen,“ ſagte Mabel, ſich erhebend, ihren Beſuch zu empfangen, als er in den Salon trat,„denn ich bedarf Ihres Rathes und Beiſtandes.“ „Ich ſtehe Miß Herbert ganz zu Dienſten,“ er⸗ widerte Mr. Ellsgood mit liebenswürdigem Weſen. „Sie wiſſen von meinem Unglück?“ „Ja, durch den Diener, welcher mir Ihr Billet gebracht hat; es iſt in der That ein Unglück, ob⸗ wohl wenig Perſonen an Ihrer Stelle Verſtand ge⸗ nug hätten, dieſer Meinung zu ſein. Ein ſo guter, ein ſo ſchöner, ein ſo... „Vortrefflicher Bruder,“ fiel die Erbin mit einer heuchleriſchen Anſtrengung, eine Thräne zu vergieſ⸗ ſen, ein. „Herrſchaftsbeſitz wollte ich hinzuſetzen,“ ſagte der Rechtsmann.„Sie werden in Verlegenheit ſein, was Sie damit anfangen ſollen. Die Frauen ſind nicht im Stande, Güter zu verwalten; man be⸗ trügt ſie immerdar, man † 5 „Ich werde vielleicht weniger in Verlegenheit ſein, als Sie ſich einbilden,“ antwortete Mabel lächelnd, indem ſie ſich der beſonderen Ideen von Mr. Ellsgood über dieſen Gegenſtand erinnerte,„und mit Ihren Rathſchlägen....“ „Hm! ja gewiß! mit meinen Rathſchlägen kann die Gefahr ſich beträchtlich vermindern.... Ach, Miß Herbert, wie wenig Frauen gibt es, die klug und verſtändig genug ſind, um ſich von ihrem geſetz⸗ lichen Rathgeber leiten zu laſſen! Sie folgen ihren Empfindungen, ihren Antrieben, ſie laſſen ſich blind⸗ lings von ihren Neigungen fortreißen, welche die Schärfe ihrer Faſſungskraft unwirkſam machen und die Stimme der Klugheit erſticken. Die Frauen würden bewundernswürdige Geſchöpfe ſein, wenn ſie ohne dieſe Neigungen, welche ſie in die Irre leiten, geboren würden; wie es damals mit jener Ver⸗ ſchreibung gegangen iſt, welche Sie trotz meiner reſpectvollen Einwendungen zu Gunſten von Mr. Ro⸗ derich Haſtings ausgeſtellt haben wollten.“ „Eben davon wollte ich mit Ihnen ſprechen.“ „Von dem Mann oder von der Verſchreibung?“ „Von dem einen, wie der andern. Hören Sie mich an: ich will Ihnen die Lage, in der mich der Tod meines Bruders läßt, genau erklären.“ „Das iſt unnütz, vollkommen unnütz; ich kenne ſie bereits, indem ich mit den Angelegenheiten der Familie ebenſo auf dem Laufenden bin, wie wenn ich deren Leitung erhalten hätte. Sie ſind Herrin von Crowshall.“ 5 „Und von dem Privatvermögen Sir Harry's?“ 86 Dieſe letzte Phraſe war mehr fragender als zu⸗ ſtimmender Art, da der Sachwalter hierüber nicht ſo gut unterrichtet war. „Nein,“ antwortete Mabel bitter,„durch eine infame Verſchwörung bin ich deſſen beraubt worden.“ Hier erzählte die in ihrer Erwartung getäuſchte Erbin die am Todtenbette ihres Bruders vorgefallene Scene und den Vollzug des Teſtaments in Gegen⸗ wart von Mr. Elton, dem Rector und dem Doctor Marſh. In dem Maße, als ſie in ihrem Bericht fortſchritt, funkelten Mr. Ellsgoods graue Augen auf ſonderbare Weiſe und bei mehreren Unterbrechun⸗ gen tippte er ſich mit den Fingern an die Stirne, als wollte er alle Worte Mabels in ſein Gehirn einprägen. „Ich werde das Teſtament angreifen,“ ſetzte die Dame hinzu, als ſie ihre Geſchichte vollendet hatte. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel!“ entgegnete der Sachwalter.„Wie, Sie ſollen ſich darein ergeben, hundertfünfzigtauſend Guineen(ich glaube Sie haben hundertfünfzigtauſ end geſagt) zu verlieren, während das Geſetz Ihnen ein ſo ſchönes, ſo klares, ſo einfaches Hilfsmittel gewährt! Der Canzleigerichtshof, Miß Herbert! der Canzleigerichtshof!.... Sie haben mir Alles geſagt?“ ſetzte er hinzu. Mabel zauderte. „Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, meine liebe junge Dame,“ erwiderte Mr. Ellsgood,„wie nothwendig es iſt, daß Vertrauen, das vollſte Ver⸗ trauen zwiſchen uns herrſche. Ein Sachwalter iſt wie ein Beichtvater, man muß ihm Alles oder Nichts anvertrauen. Meine Berufspflichten bringen mich 87 alle Tage mit den kleinen Schwächen der Menſchheit“ in Berührung und ich weiß auf ſie ſchonenden Be⸗ dacht zu nehmen.“ Alſo ermuthigt, erklärte die ſchuldige Frau, wa⸗ rum ihr Bruder im letzten Augenblick zu Gunſten eines entfernten Verwandten, den er nie geſehen, ein Teſtament gemacht hatte. Während ſie dieſes demüthigende Geſtändniß ablegte, röthete ſich ihre blaſſe Stirne und mehr als einmal ſenkten ſich ihre ſchwarzen, ſo ausdrucksvollen Augen unter dem durch⸗ bohrenden Blick der kleinen grauen, auf ſie geheſte⸗ ten Augen zut Erde. „Garſtige Geſchichte,“ murmelte der Rechtsmann, „ſehr garſtige Geſchichte, aber die Frauen verſtehen nichts von dieſen Dingen! Dieſe Verſchreibung, von der ich Ihnen ſo reſpectvoll abgerathen habe, war mehr als ein Verbrechen.“ „Mehr als ein Verbrechen!“ wiederholte Mabel. „Geſetzlich zu ſprechen, wohl verſtanden,“ fuhr Mr. Ellsgvod fort;„es war ein Ungeſchick, aber hundertfünfzigtauſend Guineen ſind eine ſehr große Summe für ein Ungeſchick; ſo daß ich, wenn Sie un peu de scandale nicht fürchten(denn nach Allem haben Sie kein Verbrechen damit begangen, Ihrem Bruder Ihre Verlobung mit Mr. Roderich Haſtings abzuläugnen), der Meinung bin, wir können das Teſtament angreifen. Aber wie iſt die Verſchrei⸗ bung in Mr. Eltons Hände gekommen?“ „Ich glaube, er iſt der Bevollmächtigte eines gewiſſen Geldverleihers Namens Peter Marſhall, dem Mr. Haſtings ſie für fünftauſend Pfund ver⸗ ſetzt hat.“ 3 88⁸ „Welche Unzartheit!“ rief der kleine Mann mit ſehr mißfälliger Miene,„ich darf ſelbſt ſagen, welche Rohheit! Ich bin überzeugt,“ ſetzte er ärgerlich hinzu,„daß der alte Schurke ihm wenigſtens zwan⸗ zig oder fünfundzwanzig Procent abgezogen hat.“ „Mr. Elton hat ihn wegen dieſer Summe ver⸗ haften laſſen und er iſt als Gefangener nach London geführt worden. Er muß um jeden Preis befreit werden.“ „Das einzige Mittel, ihn zu befreien, iſt, ſeine Schulden zu bezahlen.“ „Zahlen Sie dieſelben.“ „Wiſſen Sie, meine liebe Miß Herbert, wie hoch ſie ſich belaufen?“ „Zahlen Sie dieſelben,“ wiederholte die wahn⸗ ſinnige Frau. „Dreißigtauſend Guineen,“ erwiderte ihr Rath⸗ geber, indem er ſich mit den Fingern an die Stirne klopfte.„Das iſt eine große Summe, eine ſehr große Summe! Wundern Sie ſich nicht, daß ich mit den Angelegenheiten von Mr. Haſtings ſo gut auf dem Laufenden bin. Wir haben lange über dieſen Gegenſtand mit einander verhandelt, und bis zu dieſer Geſchichte mit der Verſchreibung glaubte ich ſein vollkommenes Vertrauen zu beſitzen.“ „So groß auch ſeine Verlegenheiten ſeien, man muß ſie beſeitigen. Crowshall trägt fünfzigtauſend Guineen Rente.“ „Und würde noch mehr tragen, wenn das Gut beſſer verwaltet würde. Es iſt zu einem niedrigen Preiſe verpachtet.“ „Dagegen werden Sie Abhülfe ſchaffen müſſen, 89 denn meine Abſicht iſt, Ihnen die Leitung davon zu überlaſſen.“ Mr. Ellsgood verbeugte ſich bis auf die Erde, vielleicht um das Lächeln zu verbergen, das auf ſei⸗ nen dünnen Lippen zuckte. 2 „Vorausgeſetzt, daß Sie ohne Verzug auf meine Forderung eingehen.“ „Wie!“ rief der Rechtsmann,„Sie wollen, daß ich dreißigtauſend Guineen beiſchaffe!. woher ſoll ich eine ſolche Summe bekommen?“ „Ich bin überzeugt, die Sache iſt auf Hypothek möglich.“ Nachdem er ſich einige Zeit bedacht hatte, gab der Sachwalter die Möglichkeit zu. Dann machte er nach ſeiner Gewohnheit unter ähnlichen Umſtän⸗ den, wenn er Geld herlieh, ſeiner Clientin Vorſtel⸗ lungen wegen der Unklugheit, ſich wieder ſolchen Verwicklungen auszuſetzen. Endlich willigte er ein, ihr die Summe zu zehn Procent zu verſchaffen. „Und in zehn Tagen,“ ſetzte die Dame hinzu. „In zehn Tagen,“ wiederholte der Sachwalter. Ein Lächeln lebhafter Freude kam einen Augen⸗ blick in den blaſſen und erſchöpften Zügen ſeiner Clientin zum Vorſchein. Mr. Ellsgood bemerkte es und fügte ſogleich die Bedingung hinzu, daß ſie ihr Leben verſichere. Mobel hätte gleichviel was man wollte ver⸗ ſichert. Der Rechtsmann übergab ihr den Proſpectus einer Verſicherungsgeſellſchaft, bei welcher er einer der Hauptdirectoren war. Alles wohl betrachtet, 4 90 verſprach ſein Beſuch zu Crowshall einen hübſchen Gewinn. „Iſt das ſo nothwendig?“ fragte die Erbin, den Proſpectus gleichgültig durchlaufend. „Das iſt ſehr wichtig,“ erwiderte Mr. Ellsgood. „Die Herbert haben die Gewohnheit, jung, zuweilen ſehr jung zu ſterben: ſo war Ihr Bruder Walter zwanzig Jahr alt, und nun Sir Harry!“ „Armer Walter! Armer Harry!“ ſeufzte ihre Schweſter. „Das iſt eine wahre Fatalität!“ ſetzte der Sach⸗ walter hinzu.„Apropos, Miß Herbert, ich habe nie begreifen können, warum Mr. Walter Herbert, der ein Träumer, ein Büchermenſch war, von mir einige Monate vor ſeinem Tode dreitauſend Guineen aufgenommen hat. Es iſt ſehr ſonderbar, ich darf wohl ſagen, auffallend ſonderbar.“ Hier tippte er ſich wieder an die Stirne. „Dieſe Summe iſt Ihnen bezahlt worden,“ ſagte Mobel. Mr. Ellsgood gab die Thatſache zu, vielleicht ein wenig gegen ſeinen Willen. Gleichwohl erkannte er an, daß der verſtorbene Baronet auf ſehr ehren⸗ hafte Weiſe dieſe Schuld ſeines Bruders ge⸗ tilgt habe. „Er war ein ſo friedſamer Menſch, ergeben we⸗ der dem Spiel, noch den Pferderennen und allen „Er hat ohne Zweifel das Geld gebraucht, um ſeine Collöge⸗Schulden zu bezahlen,“ fiel die Dame ungeduldig ein,„oder irgend eine Unklugheit ſeiner Jugend wieder gut zu machen, wovon er mich nie 91 unterrichten zu müſſen glaubte. Wann werden die Papiere, die ich, ſagen Sie, unterzeichnen muß, fertig ſein?“ „In drei Tagen.“ „Und Mr. Haſtings?“ „Wird frei ſein in zehn Tagen. Ich werde mich nach Löndon begeben, ſobald ich Ihre Unterſchrift habe. Guten Tag, Miß Herbert. Ich glaube, wir ſind vollkommen einig.... Hypothek und zehn Procent.“ Ja, j0 „Ihr Leben verſichert für den Betrag der Summe.“ „Ja.“ „Mit der Ermächtigung für mich, zu präcludiren und in den Beſitz einzutreten, für den Fall, daß die Intereſſen nicht regelmäßig bezahlt werden, wie für den, daß die Verſicherung nicht fortgeſetzt wird. Und dann ſehen wir. Aber er bemerkte, daß Mabels Geduld an ihrer äußerſten Gränze angekommen war, und beeilte ſich, von ihr Abſchied zu nehmen, ohne ihr weitere Be⸗ dingungen zu machen. „Das iſt eine vortreffliche Anlegung,“ ſprach er bei ſich, ſeinen Pony beſteigend und von dem Herrenhaus ſich entfernend,„und ſicher, ganz ſicher. Doch möchte ich wohl wiſſen, was Walter Herbert mit den dreitauſend Guineen, die ich ihm geliehen, angefangen hat; ich werde es vielleicht eines Tages erfahren.“ Nach dem Gebrauch beim Tode des Hauptes der Familie Herbert wurden die Schulkinder des Kirch⸗ 92 ſpiels in Trauer gekleidet und allen Armen des Dorfes gab man ſchwarzen Zeug. Amen Corner, der mit der Vertheilung beauftragt war, glaubte hier eine vortreffliche Gelegenheit zu finden, ſich der Gunſt von Nan Willis zu verſichern, welche er, wie unſere Leſer wiſſen, ſeit dem Tage, da ſie ihre ſchreckliche Drohung ausgeſprochen hatte, ſehr fürchtete. Nachdem er zwei der beſten Stücke für Rock und Mantel ausgeleſen hatte, wandte er ſich nach dem Häuschen, welches die ſonderbare kleine Alte bewohnte, nicht zweifelnd, mit dieſem Sühnopfer gut aufgenommen zu werden. „Ich weiß, daß ſie zu Hauſe iſt,“ murmelte er, nachdem er zweimal angeklopft hatte, ohne eine Antwort zu erhalten;„Martha hat ſie vor einigen Minuten zurückkehren ſehen.“ Er klopfte zum dritten Mal ohne beſſern Epfolg. „Meiner Treu, ich gehe hinein; nur wer mit leeren Händen kommt, wird ſchlecht aufgenommen.“ Der Gerichtsſchreiber drückte auf die Klinke und trat ein. Er fand Nan am Fenſter, das auf den kleinen Garten hinter dem Hauſe hinaus ging, ſtrickend. Da es zum erſten Mal war, daß er dieſe Schwelle betrat, ſchaute er ſich mit einer gewiſſen Keugierde um. Alles zeugte von ſtrupulöſer Reinlichkeit, obgleich Alles ärmlich und das Geräthe höchſt einfach war. Sechs Stühle mit Rohrgeflecht, hohen und ſchmalen Rücklehnen waren in gleicher Entfernung an den kalkgetünchten und nicht mit dem geringſten Kupfer⸗ ſtich geſchmückten Wänden aufgeſtellt. In der Mitte des mit ſauber gewaſchenen Ziegelſteinen eingelegten 93 Zimmers ſtand ein einfacher runder Tiſch von weißem Holz, und auf demſelben eine Platte mit einer ver⸗ einzelten Taſſe ſammt Unterſatz einer kleinen Porzellan⸗ Theekanne und einer winzigen Schnitte Brod auf einem Teller. Die Herrin von dieſem Hauſe ſaß auf einem ſiebenten Stuhl, der für einen Seſſel gelten konnte, weil er Arme hatte. „Guten Tag, Nan,“ ſagte der Aufdringliche, indem er ſein Paket auf den kleinen Tiſch und ſeinen Hut auf das Paket legte.„Ich komme, mit Euch als guter Nachbar und Freund ein wenig zu plaudern.“ Die Frau fuhr zuſammen, als ob ſie plötzlich aus einem leichten Schlaf oder einer Träumerei er⸗ wacht wäre; denn ſie hatte nicht eher, als da ſie den Ton ſeiner Stimme hörte, deſſen Gegenwart bemerkt. Ihre Finger, es iſt wahr, hatten das Spiel der Nadeln fortgeſetzt, aber die Bewegung derſelben war ganz mechaniſch.... ihre Gedanken waren weit davon. „Amen Corner!“ rief ſie,„unter meinem Dach, zu dieſer Stunde!“* „Und warum nicht, Nan?“ fragte er, ſich be⸗ mühend, ein Vertrauen zu zeigen, das er nicht beſaß, denn die Alte hatte in ihrem Blick jenen beſondern Ausdruck, der ihm immer entgegen war, ſo oft er ſie ſah.„Ich komme als Freund. Seht doch, was ich Euch mitgebracht habe!“ Er ſchob ſeinen Hut von dem Paket hinweg und enthüllte ſorgfältig den Inhalt. „Schaut einmal, Nan, da iſt ein Kleid, welches zu tragen die reichſte Pächterin der umgegend nicht 94 verſchmähen würde; und was den Mantel betrifft, ſo fühlt nur einmal den Stoff an.“ Das ſonſt blaſſe Geſicht der Herrin der Hütte erröthete plötzlich vor Zorn, als ſie einen verachten⸗ den Blick auf jene Dinge warf. „Und mir, Amen Corner,“ rief ſie,„mir bringt Ihr dieſe Gabe der Wohlthätigkeit, dieſe Livree des Armen? Bin ich eine Bettlerin? Bin ich Jemand etwas ſchuldig? Oder bin ich noch dazu eine Heuch⸗ lerin, wie Ihr, um eine Betrübniß zu affectiren, die ich nicht empfinde, um mich aus Veranlaſſung des Todes des, Letzten der Herbert mit den Gewändern des Schmerzes herauszuputzen?“ „Meiner Treu, ich dachte.... „Fort von hier,“ fuhr ſie immer aufgeregter fort, „und nehmt dieſe Lumpen mit weg; ich brauche ſie nicht. Und verſteht mich wohl: ſo lang ich lebe, und läge ich krank darnieder, in das äußerſte Elend verſunken, betretet mir nie die Schwelle meiner Wohnung! Es wird Krieg zwiſchen uns geben.“ „Sie muß närriſch ſein,“ ſagte der Gerichtsſchreiber bei ſich, indem er eiligſt ſeine Zeugſtücke zuſammen raffte,„und Luzifer ſelbſt iſt nicht ſo ſtolz wie ſie.“ Er wollte ſeine Anerbietungen erneuern, aber Nan ſchnitt ſie kurz damit ab, daß ſie ihm ſtreng die Thüre wies. Es lag im Blick und Benehmen der Alten etwas, dem er nicht Trotz zu bieten wagte; ſo entfernte er ſich geſenkten Hauptes aus dem Hauſe, ſeine Geſchenke wieder mitnehmend. Während er durch den Garten vorn ſchritt, hörte er heftig die Thüre hinter ſich ſchließen, und Nan ſchob ſelbſt den Riegel vor. 95 Das ſeltſame Geſchöpf ſetzte ſich wieder an das Fenſter und verſuchte von Neuem das Stricken: es war vergeblich. Ihre Hände zitterten, und nach einer oder zwei vergeblichen Anſtrengungen warf ſie ihre Arbeit von ſich und brach in Thränen aus. „Seid mir willkommen, meine alten Freunde,“ ſagte ſie ſchluchzend, während die Thränen ihr über die runzeligen Wangen herunterrannen.„O, es iſt lange, ſehr lange her, daß ich nicht geweint habe. Ich glaubte eure OQuellen vertrocknet in meinen Augen, die gewohnt waren, in der Einſamkeit und dem Schmerz zu wachen. Und warum fließt ihr? um eines Phantoms, um eines Schattens willen! .. WMir ihre Gabe ſchicken! Ihr Almoſen mir! Wenn ich Mabel oder Roderich für die Urheber dieſes Schimpfes hielte, ich riß ihnen die Maske ab, welche ſie vor den Augen der Welt verhüllt! Thörin! Thörin!“ murmelte ſie nach einer Pauſe,„ich werde alt! mein ſonſt ſo ſtarker Geiſt und mein eiſernes Herz werden ſchwach wie das Herz und der Geiſt eines kränklichen Kindes... Ich darf meine Aufgabe nicht vergeſſen. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, und dieſen Abend noch. Glücklicher Weiſe iſt der Mond aufgegangen. Morgen iſt die Beer⸗ digung.“ Sie nahm aus einem Schrank ein offenes Körb⸗ chen, ſtellte es auf den Tiſch und begann es mit Blumen zu füllen, die theils von den Geraniums und andern Gewächſen, welche die Fenſter ſchmück⸗ ten, theils von den Geſträuchen des Gartens ge⸗ pflückt wurden. Sie kam endlich an einen Buſch mit weißen Roſen, deſſen Beute ſie zu dem bereits 96 geſammelten Büſchel zu fügen im Begriff war, als ſie durch einen plötzlichen Impuls zurückgehalten wurde. „Nein, nein,“ ſagte ſie,„dieſe Blume iſt das Emblem der Reinheit. Man ſoll die Todten nicht beſchimpfen, die man ehren will; die Paſſiflore, die Jonquille und das Veilchen werden hinreichen. Die Geranien werden das Ganze heben.“ Nachdem ſie ihre Arbeit vollendet hatte, ſtellte ſie das Körbchen bei Seite, nahm ihren Platz am Fenſter wieder ein und betrachtete die untergehende Sonne. „Es kommt die Nacht,“ ſagte ſie, die Blumen betrachtend,„und ich werde euch zu verwenden wiſſen.“ Am Morgen des Tages, da die Hülle des Ba⸗ ronets zu ſeiner letzten Wohnung in die Gruft ſei⸗ ner Vorfahren gebracht werden ſollte, begaben ſich der Rector und Doctor Marſh zu guter Stunde in die Kirche, um ſich zu verſichern, daß Alles ent⸗ ſprechend ausgeführt war und man den Stuhl, wie die Tribüne, welche ſeit undenklicher Zeit der Platz der Herbert geweſen war, ſchwarz ausgeſchlagen hatte. Bei ihrer Ankunft auf dem Kirchhof flüchteten ſich der kleine Dick und ſeine Kamaraden, welche mitten unter den Gräbern Verſteckens geſpielt hatten, wie eine erſchreckte Herde Schafe in den entfern⸗ teſten Winkel. „Nun, nun!“ ſagte der alte Todtengräber,„ſie brauchen keine Furcht zu haben. Der Geiſtliche iſt ein braver Mann, der die Kinder liebt; er würde tein Wort geſagt haben. Amen Corner allein kann ſie nicht leiden. Ich möchte wiſſen warum? Es iſt ein ſchlechtes Zeichen, die Kinder zu haſſen!“ Es lag mehr Philoſophie, als er dachte, in die⸗ ſer Bemerkung: denn die Kinder ſind der Frühling der Zukunft, und die Liebe, welche ihre Unſchuld und Naivetät einflößen, iſt eine der reinſten Em⸗ pfindungen unſerer Natur. Die ſind wahrhaft zu beklagen, welche ſie mit Widerwillen oder Gleich⸗ gültigkeit betrachten können; und ihre eigene Kind⸗ heit muß entweder einſam oder ſchlecht geweſen ſein. „Sind alle meine Inſtructionen befolgt worden?“ fragte der Rector Nicolas Pim. „Alle, Euer Ehrwürden,“ antwortete der Küſter, die Augen achtungsvoll erhebend.„Ich habe die Gruft gekehrt und die Platten und Griffe der Särge geputzt; die große eiſerne Pforte ſeufzte wie ein lebendes Geſchöpf, als ſie ſich in den roſtigen An⸗ geln drehte, und ich ſeufzte mit ihr. Armer Sir Harry, ſo jung, ſo gut!“ Der Geiſtliche wandte ſich ab, um eine Thräne zu verbergen. „Was iſt das für eine Sage, die herumläuft, mein guter Mann?“ fragte Doctor Marſh,„in Be⸗ treff eines Lichts, das man die Nacht vor Sir Harry's Tod im Sanctuarium der Kirche geſehen hat!“ Nicolas nahm ſeine Arbeit wieder auf. „Habt Ihr meine Frage nicht gehört?“ „Ja wohl, Sir, aber nehmen Sie es nicht übel, ich möchte lieber nicht davon reden.“ „Warum nicht?“ 5 „Se. Ehrw. unſer Rector hat es nicht gern, daß man davon ſchwatze.“ Das Erbe. 7 98 „Ihr könnt ſchon Antwort geben, Pim,“ ſagte der Rector mit gleichgültigem Ton.„Ihr kennt ſchon lang meine Meinung darüber: ich glaube nicht an ſolche Albernheiten.“ „Gott wolle, daß es nichts Schlimmeres als eine Albernheit iſt!“ Doctor Gore erſchrack; ein ſolcher Gedanke war ihm noch nie gekommen, und er hörte mit einem gewiſſen Intereſſe zu, als Nicolas wieder das Wort nahm. „Nun, Sir,“ ſagte der Sacriſtan,„es iſt eine in der Gegend wohlbekannte Thatſache, daß wenn das Haupt der Familie ſtirbt, in der Kirche ein ſeltſames Licht ſich zeigt. Manche ſagen, daß die Mönche dabei aus irgend einem Grunde im Spiel ſeien; aber ich kann darüber nichts behaupten, Ich kann nur von dem reden, was ich geſehen habe.“ „Ihr habt es alſo geſehen?“ „Dreimal. Das erſte Mäl war ich noch ein Junge; es war bei dem Tode Sir Gilberts, und welche Nacht! ich werde ſie nie vergeſſen!“ „Bah, bah!“ unterbrach ihn der Rector,„es war ein Ungewitter und die Blitze machten, daß.. Sie verſtehen, Marſh!“ „Aber es war kein Ungewitter, Euer Ehrwür⸗ den,“ erwiderte der Alte reſpectvoll,„als ſein Sohn und ſein Enkel zur letzten Rechenſchaft abberufen wurden; und ich ſah es Freitag vor acht Tagen, wie ich es das letzte Mal geſehen habe.“ „Sonderbar!“ murmelte der Arzt.„Und wie ſah es aus?“ — —— 99 „Wie ein glänzendes, zitterndes Licht, gerade als ob man eine große Lampe anzündete.“ „Und wie lang dauerte es?“ „Wenigſtens fünf Minuten.“ „Und die Kirche war verſchloſſen?“ „Ich hatte die Schlüſſel in meiner Taſche.“ „Ihr waret alſo nicht innen?“ „Der Herr behüte mich davor!“ rief der alte Küſter mit gottesfürchtiger Scheu aus,„das hieße ſeine Güte verſuchen. Ich glaube ſogar manchmal, Unrecht gethan zu haben, daß ich das Licht von der Vorhalle aus, wo ich mich befand, betrachtete!“ Doctor Gore und der Arzt gingen weiter. „Nun,“ ſagte der Rector, während ſie ſich der Kirche näherten,„ich denke, Ihre Neugierde iſt be⸗ friedigt!“ „Weit entfernt: mein Leben lang war ich nie weniger befriedigt.... Ich brauche nicht zu be⸗ merken, daß ich mit Ihnen und Elton vollkommen der Meinung bin, es liege dieſer Erſcheinung nichts Uebernatürliches zu Grundé. Gleichwohl möchte ich die Ueberzeugung erlangen, daß kein Verbrechen ſich darunter verbirgt.“ „Es iſt das zweite Mal, daß Sie mich mit dieſer Vermuthung erſchrecken. Iſt es möglich, daß Sie argwöhnen, man habe ſich in Bezug auf meinen alten Zögling treuloſer Weiſe ein ſolches erlaubt?“ „Gewiß nicht; ſein Tod iſt unzweifelhaft die Folge der Pulsadergeſchwulſt. Die Thatſache iſt es, die mich beunruhigt. Aber merken Sie auf meine Worte: wenn das Geheimniß dieſes Lichtes aufgedeckt iſt, wird ſich der unglückſelige Einfluß 6 N 100 aufklären, welcher ſeit drei Jahren ſo ſchwer auf der Familie Herbert gelaſtet hat.“ Sie traten in eine der großen Grüfte, welche einſt die Krypta der Kirche bildeten. Es befand ſich eine ſchöne Reihe Särge auf den ſteinernen Geſtellen und in der Mitte ein großes Grabmal von Granit, deſſen Deckel mit einem Kreuz und anderen geiſt⸗ lichen Emblemen geſchmückt war. Man vermuthete, daß er die Aſche des erſten Laieneigenthümers von Crowshall, Sir Humphrey's, des Gründers der Familie, enthielt. Wenn dem ſo war, ſo hatte man ohne Zweifel die Gebeine eines alten Abtes ent⸗ fernt, um jener Platz zu machen. Ein anderer Sarg, von ſtarken eiſernen Platten umgeben, war derjenige der Wittwe von Sir Gilbert, der Dame, welche der Volksſage gemäß mit ihren Juwelen und in ihrem Brautgewand beigeſetzt worden war. Die neueſten ſtanden auf der andern Seite. „Arme Ellen!“ ſagte der Geiſtliche, die Hand auf eine mit Sammet bedeckte Bahre legend, welche die Ueberreſte der Frau ſeines Zöglings enthielt; „es kommt mir wie geſtern vor, daß ſie zitternd und erröthend vor mir am Fuß des Altars kniete, ihre Feentaille von Sir Harry's ſtarkem Arm umſchlun⸗ gen, während ich die cheliche Einſegnung vollzog. Ich dachte nicht, daß ihr Loos ſo traurig ſein ſollte; ſie hatte einen ſanften Charakter.“ „Und eine ſtarke Liebe. Ich werde ihre Blicke, ihre Worte nie vergeſſen, als ich in ihr Zimmer trat; denn Sie wiſſen, ich behandelte ſie. Retten Sie ſein Kind! rief ſie, retten Sie das Kind Harry's und denken Sie nicht an mich!“ 101 „Wollte Gott, daß es Ihnen gelungen wäre!“ „O ja, wollte Gott! Aber es war unmöglich, das Kind war todt vor ſeiner Geburt. Ich ſah es voraus; gleichwohl verſäumte ich keines der Mittel, welche Kunſt und Erfahrung an die Hand geben können, um es in's Leben zurückzurufen.“ „Ich zweifle nicht daran,“ ſagte der Rector mit einem Seufzer.„Hier,“ fügte er, auf einen Sarg neben dem Ellen's deutend, hinzu,„iſt derjenige, wel⸗ cher die Aſche von Walter Herbert enthält. Verſchie⸗ den von der argliſtigen Mabel, wav er ſehr anhänglich an ſeinen Bruder. Sein Tod erfolgte auch plötzlich“ „Er ſtarb zu London; ich habe ihn nicht be⸗ handelt.“ „Während Sir Harry ſeine Hochzeitsreiſe machte, eilte ich bei der erſten Nachricht von ſeiner Krankheit nach London und verzeihen Sie mir, aber dieſer Gegenſtand iſt ſo ſchmerzlich, daß ich in dieſem Augenblick und an dieſem Ort nicht Stärke genug habe, darauf zurückzukommen.“ Sie verließen die Gruft und ſtiegen zum Tages⸗ licht wieder hinauf. Als ſie den Kirchhof betraten, ſahen ſie den Küſter von den Kindern umgeben, welche ihn aufforderten, das ſchöne Grab zu ſehen, das ſie entdeckt hatten. „Ich erinnere mich deſſen nicht,“ ſagte der Greis, „es iſt ſchon ſo lange her, ſeit auf dieſer Seite Je⸗ mand begraben worden iſt, daß ich beinahe die Na⸗ men der Verſtorbenen vergeſſen habe. Es ſind ge⸗ wiß über dreißig Jahre.“ Dick und die kleine Annette hielten oder viel⸗ mehr führten ihn am Saum ſeines Gewandes und N „ zogen ihn ſo in einen entfernten Winkel des Kirch⸗ hofs. Gegen die Mauer waren die Neſſeln und das hohe Gras in der Art abgeſchnitten, um einen kleinen, halb eingeſunkenen Hügel ſehen zu laſſen, der mit einer Menge von geſchmackvoll geordneten Blumen geſchmückt war. Die Kinder hatten ihn beim Spiel gefunden. Ein ſeltſamer Ausdruck zog über die Züge des Rectors, als ſeine Blicke auf dieſem Hügel hafteten. „Sie haben Recht,“ flüſterte er ſeinem Freunde zu.„Ein verhängnißvoller Einfluß war im Werke. In dieſem Grabe ruht Marguerite Courtney, die Maitreſſe von Sir Gilbert Herbert.“ „Die Frau, welche in der Nacht, da er ſtarb, mit ihrem Kinde vom Herrenhauſe vertrieben wurde und mitten im Schnee umkam?“ fragte der Arzt erſtaunt. „Ja, dieſes ſchuldige und verlorene Geſchöpf!“ „Immer dunkler!“ murmelte Doctor Marſh. „Wann wird ſich all das aufhellen?“ Einige Stunden ſpäter wurde der Leichnam Sir Harry's zu ſeiner letzten Wohnung gebracht, begleitet von ſeinen zahlreichen Hinterſaßen und beinahe der ganzen Gentry der Nachbarſchaft. Am andern Mor⸗ gen reiste Mabel nach London ab. Sechstes Kapitel. Vas Spunging-Haus ¹). In der Rothenlöwen⸗Straße, Quartier Holborn, ſteht ein Haus von eingelegten Ziegeln, von einem ſo düſtern und elenden Ausſehen, als wäre es ſeit dreißig Jahren unter Sequeſter geſtanden. Die Gitter der ſchmalen Fenſter des Sprachzimmers ſind verroſtet und die Thüre ſchaut dich mit flehender Miene an, als wollte ſie um eine neue Uebermalung bitten. Im erſten Stock erblickt man drei Fenſter, genau von denſelben Verhältniſſen, wie die zwei unten, und an einem ſehr ſchönen Tage könnte ein mit vortrefflichem Geſicht begabter Mann durch die ſtaubigen Fenſter eine Reihe ſtarker Eiſenſtangen ent⸗ decken, gerade weit genug von einandér entfernt, um dem Bewohner des Zimmers zu geſtatten, ſo oft dieß ſeine Abſicht war, die Hand zwiſchen durch zu ſtecken, um die verkrüppelten und kränklichen Pflan⸗ zen abzupflücken, welche in den drei grünen Käſten vor denſelben wuchſen oder vielmehr nicht abſtarben. Die Fenſter des zweiten und dritten Stockwerks glichen ſo jämmérlich ihren Nachbarn im erſten, daß dieſelbe Beſchreibung auch für ſie dienen kann. Es war die Wohnung des berühmten Bailifs 3 Haus eines Bailifs oder ſonſt einer untergeord⸗ neten Perſon, wo verhaftete Schuldner vor Ueberwei⸗ ſung an ein beſtimmtes Gefängniß auf ihre Koſten ver⸗ wahrt werden. 104 und Hüters des Spunging-house, Abraham Wolf, eines ſehr reſpectabeln Mannes in ſeiner Art, d. h. er hatte den Sheriffs von Middleſer und Surrey die für Ausübung ſeines Berufs erforderliche Cau⸗ tion entrichtet, eines Berufs, der, wenn auch nicht der angenehmſte von der Welt, doch für Meiſter Abraham Wolf den poſitiven Vortheil hatte, aus⸗ nehmend gewinnreich zu ſein. Abraham, oder Abby, wie ihn ſeine Mieth⸗ leute nannten, beſaß ein merkwürdiges Talent, ſeine Kunden ihrem Werthe nach zu ſchätzen. Selten gelang es einem Mann, ihn einmal zu täuſchen; nie täuſchte ihn Jemand zweimal. Er verſtand es, ein ſchlaues Geſpräch auszudeuten, eine verwickelte Ge⸗ ſchichte ſo leicht zu entwirren, als wenn er ſelbſt ſie erfunden hätte. Der bloße Anblick eines Mannes reichte, wenn man denſelben in ſein Haus brachte, für ihn hin, um zu ſagen, ob er Geld in ſeiner Taſche hatte oder nicht; und ein zweiter Blick be⸗ lehrte ihn, ob er auch nur in der Lage wäre, ſich ſolches zu verſchaffen. Einigen gab er auf drei, vier oder fünf Tage Credit, Andern auf eine Woche und in einzelnen ſeltenen Fällen auf einen Monat. Aber ſo weit ging er nur bei Erben durch Aftereinſetzung verſicherter Güter, oder bei Söhnen zärtlicher, mit einem reichen Witthum begabter Mütter. Abby hatte mehr als eine Sonderbarkeit. Zu ſeinem Lob ſei es geſagt, er fluchte nie, gerieth auch nie in Zorn, wenn ein Kunde ihm nicht convenirte; er bedauerte lebhaft, daß ſein Haus voll ſei, und machte mit ſeiner ſchmutzigen, immerdar wenigſtens mit zwei Brillantringen geſchmückten Hand eine Ge⸗ —————— —————————————— —————— 105 berde, welche andeuten ſollte, daß die Discuſſion geendet war, und die betreffenden Gerichtszengen einlud, den Herrn nach der Rothenkreuz⸗Straße oder nach dem Centralgefängniß zu führen. Von Perſon war er ausnehmend dick und hatte eine ſehr ſtark unterwärts gebogene Naſe, neben einer verſchwenderiſchen Fülle ſchwarzer krauſer Haare und einem außerordentlichen buſchigen Backenbart. Solcher Art war die Perſon, welche Mr. Rode⸗ rich Haſtings in Empfang nahm, als er an der Thüre ſeines Hauſes aus der Poſtchaiſe ſtieg. „Ei, Capitän, da kehren Sie ja ſchon wieder in Ihr altes Quartier zurück.... und bälder, als ich hoffte! Ich glaubte, Sie hätten wieder ganz neue Federn bekommen.“ „Dem war auch ſo, Abby,“ erwiderte der Ge⸗ fangene mit ſorgloſem Lachen,„bis dieſe alte Ca⸗ naille von Peter Marſhall ſtarb, deſſen Affairen in die Hände eines feinen Sochwalters, meines grauſamſten Feindes, gefallen ſind!“ „Ich habe von Peters Tode gehört,“ ſagte der Hüter des Spunging-Hauſes mit einem Seufzer; „nun wir werden Alle ſterben, ſelbſt die beſten von uns.“ „Aber in dieſem Fall,“ erwiderte Roderich,„iſt der ſchlimmſte weggenommen worden: der Schurke von einer alten Krabbe! meine Verſchreibungen in die Hände des Mannes fallen zu laſſen, den ich am meiſten fürchtete!“ „Capitän! Capitän!“ rief der Jude in vor⸗ wurfsvollem Ton,„ſpricht man ſo von einem Mann, der ſiebzigtguſend Guineen hinterlaſſen hat? Ich 106 werde Ihnen nicht ſagen, wie ſehr mich dieß ver⸗ drießt, aber Sie können meine Gefühle errathen.“ „Ich vermuthe alſo, Sie werden ungefähr die⸗ ſelbe Summe in Ihren Lenden haben, und dann wundert es mich nicht, daß Sie davon gerührt ſind. Ich denke, Sie können mir ein Logis geben.“ „Gewiß, Sie thun mir allzu viel Ehre an. Möchten Sie Ihr altes Gemach wieder haben?“ Der neue Ankömmling nickte bejahend mit dem Kopfe. „Iſaak!“ rief Abby. t Man hörte ein Klirren von Schlüſſeln auf dem Gang, an deſſen Ende eine eiſerne Thüxe ſich be⸗ fand, welche das Sprechzimmer, das als Bureau diente, von aller Communication mit dem übrigen Hauſe ſchied, und eine Minute ſpäter kam das ge⸗ nannte Individuum zum Vorſchein. Es war ein großer und ſehr ſtarker Mann, von ungefähr vierzig Jahren, blauen, kalten Augen und ſehr hellen Haaren. Wie ſein Patron hatte er eine abwärts gebogene, an Raubvögel erinnernde Naſe. Er nickte dem neuen Miethsmann einen nachläßigen Gruß zu. „Richte das Gemach des Capitäns,“ ſagte der Gebieter. „Was ſoll ich mit dem Pfarrer anfangen?“ „Bringe ihn in den zweiten Stock Nr. 3, hinten hinaus,“ antwortete Mr. Wolf,„er hat nur noch zwanzig Pfund, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er mehr bekommt. Wenn er nicht zufrieden iſt, ſo kannſt Du ihm zu verſtehen geben, daß er ſich nur in das Centralgefängniß bringen zu laſſen braucht.“ „Aber er huſtet ſo ſchrecklich!“ ſagte Iſaak. —— ——— ——— 107 „Mr. Snipe, der Wechſelagent, der das nächſte Zimmer inne hat, wird nie ſeine Rechnungen ma⸗ chen können.“ „Die Rechnungen werden„fertig ſein, ſobald Mr. Snipe nur will,“ erwiderte der Patron mit bösartiger Miene.„Fort, an's Werk, Du weißt, daß ich ſtörende Einrede verabſcheue, wenn ich ein⸗ mal meinen Entſchluß gefaßt habe.“ Der Cerberus zog ſich zurück, indem er Mr. Wolf und den Capitän beiſammen ließ. „Habt Ihr im Hotel Jemand von meiner Be⸗ kanntſchaft?“ fragte der Letztere. Ah! laſſen Sie mich einmal ſehen! Ich glaube, wir haben Cuſack.“ „Bei Gotti gerade der Mann, den ich vor Allem zu finden begehrte!“ rief Roderich, roth vor Zufrie⸗ denheit.„Für welche Summe iſt er hier?“ „Für armſelige hundert Pfund,“ antwortete der Hüter des Spunging⸗Hauſes.„Ich ſchäme mich faſt, einen Mann aufzunehmen, der um einer ſolchen Kleinigkeit willen gefaßt iſt; aber es iſt ein alter Freund.“ „Und er hatte Geld?“ „Ein wenig. Sie wiſſen, daß ich das Haus nicht für Nichts halten kann. Ich wünſchte es zu können. Mein Gewerbe iſt gut, aber die Abgaben ſind ſo ſchwer, und...“ „Schickt mir ein Diner für zwei Perſonen,“ fiel der neue Miethsmann Abby's ein,„Cuſack wird mit mir ſpeiſen.“ „Champagner natürlich, Mr. Haſtings!“ „Die Peſt auf Euren Champagner!“ erwiderte 108 dieſer.„Ich habe den letzten Anfall nicht ver⸗ geſſen, den er mir verurſacht hat.“ Mr. Wolf ſchien und war wirklich beleidigt. Für's Erſte hatte ſein Gegenredner einen Fluch aus⸗ geſtoßen, etwas, das er verabſcheute; hernach hatte er ſeinen Wein geſchmäht; und obwohl Abby nie⸗ mals ſelbſt davon trank, machte er doch großes Auf⸗ heben davon. „Branntwein,“ fuhr Mr. Haſtings fort.„Und nun ruft Iſaak und laßt mich in meinen Käſig führen.“ „Die Präliminarien, Capitän, die Präli⸗ minarien!“ Haſtings öffnete ſein Portefeuille und nahm ein Paket Bankſcheine heraus. Wenigſtens dreihundert Pfund, berechnete Mr. Wolf in ſeinem Innern, und ſein Vertrauen zu dem Gentleman ſtieg in demſelben Verhältniß. Roderich händigte ihm zwanzig davon ein. Ci⸗ nige Minuten nachher trat er ganz gemächlich in den Hof des Spunging⸗Hauſes, der nicht bloß von hohen Mauern umgeben, ſondern auch mit einem eiſernen Gitter in Form eines offenen Daches be⸗ deckt war. Er hatte eine Cigarre von Abby's be⸗ ſonderem Vorrath im Munde. Ein ruhiger und ſanfter Mann, von ſtattlichem Ausſehen und an⸗ ſcheinend von demſelben Alter, wie Haſtings, war der Einzige, der ihn erkannte. Sie drückten ſich die Hände ohne die geringſte Ueberraſchung oder Rüh⸗ rung; denn der Eine wie der Andere rechneten es ſich zum Ruhme an, Philoſophen und Männer von Welt zu ſein, 109 „Charles!“ „Roderich!“ Dieß waren die einzigen Worte, die ſie in den erſten Augenblicken wechſelten. „Du ſcheinſt hier eine bizarre Sammlung von Individuen zu haben!“ ſagte Mr. Haſtings. „Thoren und kleine Spitzbuben,“ antwortete ſein Freund,„Schwätzer, welche, nachdem ſie die Grenzen der Ehrlichkeit überſchritten haben, mun ſich fürchten weiter zu gehen, und nicht die Kraft haben, umzu⸗ kehren. Es gibt auch einige Gimpel unter ihnen. Der Einzige, der unſerer Aufmerkſamkeit werth iſt, befindet ſich nicht hier. Du haſt doch von Snipe, dem Wechſelagenten, ſprechen gehört?“ Die Antwort von Mr. Haſtings lautete bejahend. „Das iſt ein bewundernswürdiger Mann,“ er⸗ widerte Charles Cuſack,„ich muß Dich ihm vor⸗ ſtellen. Ich habe nie einen Mann getroffen, deſſen Einbildungskraft ſo fruchtbar war. Du wirſt ihn anfangs etwas zurückhaltend finden; aber dieß dauert nicht lang, und Ihr werdet einander bald ver⸗ ſtehen!“ „Ich denke nicht,“ antwortete Roderich,„ich habe mich gebeſſert!“ Cuſack betrachtete ihn mit cyniſchem Lächeln. „Ich will mich verheirathen.“ „Mit wie viel?“ „Immer daſſelbe excentriſche Weſen,“ erwiderte der Liebhaber von Mabel Herbert,„die meiſten Menſchen würden gefragt haben, mit wem?“ „Die meiſten Kinder, willſt Du ſagen. Männer von Welt ſprechen, wenn ſie ſich in Wirklich⸗ 5 zu bitten.“ 110 keit kennen, wie ſie denken. Deßwegen frage ich Dich zum zweiten Mal, mit wie viel?“ „Ich kann Dir nicht genau die Ziffer des Ver⸗ mögens der Dame angeben, aber es iſt beträchtlich. Und nun, Charles, habe ich Dich um eine Gunſt „Ich habe nicht einen Schilling!“ rief ſein Freund. „Es handelt ſich nicht um Geld,“ entgesnete Roderich,„ſondern von einem Project, bei dem Du mir Hülfe leiſten kannſt.... Du wirſt heute mit mir ſpeiſen, und wir wollen von alten Zeiten und alten Geſchichten reden.“ „Und das Project?“ „Iſt noch nicht ganz reif, aber wird es in einem oder zwei Tagen.“ Drei Tage nach dieſem Geſpräch kam Mr. Ells⸗ good in London an und hatte eine lange Unter⸗ redung mit ſeinem Clienten, denn als ſolchen be⸗ trachtete er Roderich Haſtings. Dieſer empfing ihn warm und gab damit zu erkennen, daß er ihn un⸗ geduldig erwartet hatte. „Sie haben alſo meine Freundſchaft für ſtärker gehalten als meinen Groll,“ ſagte der Alte bitter, „nach dem ſchlechten Streich, den Sie mir geſpielt haben?“ „Welchem Streich?“ „Dem, Ihre Verſchreibung Peter Marſhall als Pfand auszuliefern. Hatte ich Ihnen kein Geld zu leihen? Aber Sie ſind gerecht beſtraft worden. Und noch dazu zwanzig Procent; ich hätte es Ihnen zu achtzehn gelaſſen. In Betracht unſerer alten Be⸗ kanntſchaft mußten Sie mir den Vorzug geben.“ 111 „Ich war bedrängt.“ „Verſchwender ſind es gewöhnlich.“ „Und wie Sie ſagen, Colley, ich bin beſtraft durch meine Gefangennehmung in einem Augenblick, wo die Freiheit zu handeln von größter Wichtigkeit für mich iſt. Haben Sie Mabel. geſehen?“ „Ja, das arme ſchwache Geſchöpf!“ „Was ſagt ſie?“ „Sie ſagt wenig, aber ſie hat mich beauftragt, zu handeln, und das iſt für Sie mehr werth. Ich habe ihr ein Verzeichniß Ihrer Schulden gegeben!“ „Mit Inbegriff deſſen, was ich Ihnen ſchulde?“ Der Sachwalter erkannte an, daß dieſer wichtige Artikel nicht vergeſſen war. „Sie wird Geld auf Hypothek aufnehmen, die chrift liegt ſchon bereit, und in acht Tagen werden I Sie frei ſein.“ „Acht Tage!“ wiederholte Roderich ungeduldig, das iſt ein Jahrhundert. Warum nicht dieſe elende Schuld zahlen und mich auf der Stelle in Freiheit ſetzen?“ WM. Ellsgood tippte ſich an die Stirne, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn man ihn barſch auf⸗ ſporderte, ſich zu beſinnen oder einen entſcheidenden Beſchluß zu faſſen. „Fünſtauſend Guineen,“ ſagte er,„iſt eine große Summe; dann ſind noch andere Verhaftsbefehle gegen Sie da; das wäre nicht in der Ordnung, das wäre gefährlich.“ Hatte der Sachwalter einmal geſagt, es ſei ge⸗ fährlich, ſo war es unmöglich, ihn zum Wanken zu bringen, und ſein Client wußte das. Hätte er ge⸗ ſagt unmoraliſch oder gewagt, es hätte vielleicht ein Rittel gegeben, ſich zu verſtändigen; es war wie das Siegel unter einer Verſchreibung, es war un⸗ widerruflich. „Vielleicht werden Sie es einmal bereuen,“ er⸗ widerte Mr. Haſtings,„ein wenig Vertrauen wäre nicht übel am Platze geweſen.“ „Das Vertrauen iſt der Ruin von Tauſenden von Menſchen geweſen; es gleicht einem Blinden, der einen blinden Führer will, und nothwendig ver⸗ irren muß. Ein wenig Geduld: weder die Dame noch deren Vermögen wird Ihnen entgehen.“ „Es iſt nicht das, was ich fürchte.“ „Was denn ſonſt?“ fragte Mr. Ellsgood un⸗ ruhig. Roderich drehte ſich in ſeinem Fauteuil um und brach in ein helles Gelächter aus. „Es gibt kein Mittel, Ihnen beizukommen, ich ſehe es wohl!“ rief er,„Sie ſind ein famoſer, alter, durchtriebener Kauz ich könnte Sie nicht über⸗ liſten, ſelbſt wenn ich den Willen dazu hätte.“ Mr. Ellsgoods Finger begannen ungemein ſchnell an der Stirne herumzutappen, und er fragte ſich, db er nicht bereits überliſtet wäre. Aber nein, Alles war ſicher, legal ſicher, und das war Alles, was ihm paßte. Rochdem ſein Vertrauen zurückgekehrt war, hörten ſeine Finger mit ihrer Bewegung auf. „Er denkt, wenn er frei wäre, könnte er das Geld zu niedrigeren Zinſen bekommen.“ Wenn man die zehn Procent und die Ver⸗ ſicherung auf das Leben der Erbin in Betracht zieht, 113 wird man zugeben, daß die Vorausſetzung ſehr na⸗ türlich war. „Miß Herbert hat die Abſicht, das Teſtament anzugreifen.“ „Es iſt zu ſpät,“ erwiderte Roderich mit düſterer Miene,„viel zu ſpät. Wäre ich nicht im Augen⸗ blick verhaftet worden, da ich in die Bibliothek trat, ich hätte es dem feigen Elton und ſeiner achtbaren Brüderſchaft entriſſen; aber es anzugreifen, wäre unpolitiſch.“„ „Hundertfünzigtauſend Guineen!“ rief der Sach⸗ walter. Die Augen ſeines Clienten ſchoßen Blitze der Wuth und getäuſchten Erwartung, aber er wieder⸗ holte von Neuem zähneknirſchend, daß es zu ſpät ſei, und bat ſeinen Gegenredner, nicht mehr davon zu reden. „Crowshall wird für Mabel und mich genügen,“ ſetzte er hinzu;„ohne Zweifel wird es in den erſten zwei Jahren für uns der Heconomie bedürfen. Wenn ich verheirathet bin, gedenke ich, ein neues Blatt in dem Buch des Lebens umzuſchlagen und eine neue Laufbahn zu beginnen; der Gründer einer Familie zu werden, wie mein.... wie Sir Gil⸗ bert, Mabels Großvater. Mit dem Einfluß, den mir ein ſolches Beſitzthum gewährt, muß ich einige Ausſicht haben, zum Abgeordneten gewählt zu werden.“ „Einige Ausſicht, gewiß. Sir Hardy wurde zwei⸗ mal eingeladen, als Candidat außzutreten, aber er lehnte es ab.“ Das Erbe. 8 114 „Einmal Parlamentsmitglied, wird ſich der Ba⸗ ronetstitel ſchon wieder erwecken laſſen.“ „Einmal Parlamentsmitglied,“ wiederholte der Sachwalter mehr und mehr erſtaunt über deſſen Unverſchämtheit,„würde die Sache nicht abſolut un⸗ möglich ſein.“ „Ahl wir werden ſpäter wieder davon reden. Wann ſehe ich Sie wieder?“ „In einigen Tagen, wenn Miß Herbert in Lon⸗ don angekommen iſt.“ „Gut, adieu!“ Mr. Ellsgood nahm ſeinen breitkrämpigen Hut, wiſchte ſorgfältig mit ſeinem Taſchentuch den Staub von ſeinen Stulpſtiefeln ab, und wandte ſich gegen „ die Thüre, wo er Halt machte, als ob er ſich plöt⸗ lich einer Sache von Wichtigkeit erinnerte. „Mr. Roderich Haſtings,“ ſagte er,„wiſſen Sie, daß Walter, Sir Harry's jüngerer Bruder, drei⸗ tauſend Guineen aufgenommen hat, die ich ihm einige Monate vor ſeinem Tode lieh?“ „Wie könnte ich davon etwas ſagen?“ erwiderte der Gefangene ganz erſtaunt über dieſe Frage, „Sie vergeſſen, daß ich ihn niemals geſehen habe.“ „Ah! das iſt wahr, wahr. Guten Morgen!“ Und der Sachwalter Colley überließ ſeinen Clien⸗ ten deſſen Betrachtungen. Eine Stunde nachher kam ſein Mitgefangener und, Ex⸗Aſſocié, um wie gewöhnlich mit ihm zu diniren. Du haſt einen Beſuch erhalten?“ ſagte Cuſad, ſobald ſie allein waren⸗ —ꝛ— 115 „Was für Neuigkeiten? gute oder ſchlechte?“ „Gute und ſchlechte.“ „Dann bringe ich Dir keine Glückwünſche, aber ebenſo wenig Beileidsbezeugungen. Die einen heben die andern auf.“ Unvollkommen. Die Zeit iſt gekommen, Char⸗ les, nicht Deine Freundſchaft, denn Du weißt, daß ich keinen Glauben an menſchliche Freundſchaft habe, ſondern Deinen Takt.... vielleicht Deinen Muth mir zu beweiſen.“ „Ich weiß, daß Du Deinesgleichen verachteſt.“ „Tief. Aber es handelt ſich nicht darum. Durch den Tod einer Perſon, die ich im Augenblick nicht nennen will, iſt eine Caſſette mit einer Anzahl Briefe, die nur für den Eigenthümer Werth ha⸗ ben, wie es in den Zeitungsanzeigen heißt, in Hände gefallen, denen ich ſie zu entreißen das leb⸗ hafte Verlangen hege.“ „Haſt Du den Einfluß des Geldes verſuchk?“ „Der, welcher ſie beſitzt, iſt reich und wird ſich nicht verlocken laſſen; er iſt ein Träumer, der an das, was die Welt Ehre nennt, glaubt.“ „Es gibt dergleichen Dummköpfe,“ entgegnete Cuſack kalt. „Er bewohnt ein einzelnſtehendes Haus in einem entfernten Theile Englands und zweifelt durchaus nicht, daß dieſe Briefe für irgend Jemand von Wichtigkeit ſind. Nun, ich würde,“ ſetzte Roderich hinzu,„tauſend Guineen für deren Beſitz geben.“ „Durch welches Mittel?“ „Gleich viel welches!“ „Kein Wort weiter!“ rief ſein Freund plötzlich 116 aufſpringend;„Du ſollſt ſie haben das heißt, ſobald ich aus dieſem hölliſchen Loche herauszukom⸗ men vermag.“ „Deine Schuld ſoll bezahlt werden!“ „Aber wie werde ich die Caſſette erkennen?“ „Es iſt auf dem Deckel ein Name gravirt; Du tannſt Dich nicht täuſchen.“ „Und der Name des Gentlemans, in deſſen Beſit „Du ſollſt ihn erfahren am Tage, da Du frei wirſt.“ „Wann wird dieß geſchehen?“ „Den Tag nach meiner Hochzeit.“ Sechs Wochen nach dieſer Unterhaltung las man in den Morgenjournalen folgende Anzeige: Verheirathet zu St. Georg, Hannover Square, Roderich Haſtings mit Miß Mabel von Crowshall. Sogleich nach der Ceremonie iſt das glückliche Paar nach dem Continent abgereist.“ Siebentes Kapitel. Es war ein ſchöner Tag, ein glücklicher Tag für den Sachwalter Colley, an welchem er ſich mit der Vollmacht nach Crowshall begab, die Pachtgelder in Empfang zu nehmen, neue Pachtverträge abzuſchlie⸗ ßen, Gilten einzuziehen, kurz mit der abſoluten Ad⸗ miniſtration der Herrſchaftsgüter. Es war nicht öhne Grund, daß er davon geſprochen hatte, den Stand der Einkünfte zu vermehren Der letzte Be⸗ ſitzer war ein guter und nachſichtiger Herr geweſen, immer bereit, die Entſchuldigung ſeiner Pächter an⸗ zuhören und Friſt zu gewähren, wenn der Ertrag fehlgeſchlagen hatte, oder die Ernte nicht günſtig ausgefallen war. Unglücklicherweiſe erloſchen für die Meiſten von ihnen ihre Pachtverträge mit ſeinem Leben. Es war in der Aufgehenden Sonne, wo der neue Agent(dieſer Titel ſchien ihm diſtinguirter als der eines Verwalters, und Mr. Ellsgood nahm ihn aus Rückſicht auf ſeinen Beruf an) Au⸗ dienz gab. Der Saal der Miſtreß Bunce bot einen Anblick, ſehr verſchieden von dem früherer Tage: ſeine langen Tiſche ſeufzten nicht mehr unter der Laſt von großen Schnitten kalten Fleiſches, Pyra⸗ miden von Schweinspaſteten und von großen Zinn⸗ kannen mit Ale, Leckereien, welchen alle diejenigen, die ihrer Geſchäfte halber kamen, eine ſo gute Auf⸗ nahme hatten angedeihen laſſen; ſondern an ihrer Stelle gab es ganze Stöße von Regiſtern und ver⸗ ſchiedene Fascikel von Empfangsſcheinen und andern Papieren, ſehr ſauber mit rothem Bande zuſammen⸗ gebunden und ſo geordnet, daß der Sachwalter oder ſein Schreiber, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, melancholiſch und halb verhungert, jeden Augenblick zur Hand nehmen konnte, was man davon brauchte. Das einzige Eßbare, was man wahrnahm, war ein Zwieback auf einem kleinen Teller, in Geſtalt einer geflochtenen Weidenruthe, neben Mr. Ellsgood's Schreibpult. Ein Mundvoll war davon abgebiſſen worden, und dem Eindruck der Zähne nach zu ur⸗ 118 theilen, hätte man ſagen können, daß eine Maus daran genagt habe. Aus Mitleid mit der Einſam⸗ keit des eben genannten Zwiebacks leiſtete ihm ein Glas ausnehmend ſüßen Ale's Geſellſchaft. Mrs. Bunce und der polirte kupferne Fleiſchtopf, der auf dem Feuer in dem Schenkzimmer ſtand, kochten beide, die erſte vor Entrüſtung. Nie, ſagte ſie, ſeit Crows⸗ hall wirklich Crowshall war, hatte man eine ſo klägliche Rechnungsabhör erlebt. Es war ein Scan⸗ dal und eine Schande; wo wollte dieſer unglückſelige Menſch hinaus? Und dann, welcher Verluſt, nach all den Zurüſtungen, die ſie getroffen hatte? Wer ſollte alle die guten Sachen eſſen, die ſie zugerich⸗ tet hatte? Die Majorität der Hinterſaßen faßte bei der Wahrnehmung, daß es auf Koſten der neuen Ge⸗ bieterin des Herrenhauſes nach altem Brauche nichts zu regaliren gab, den Entſchluß, für eigenes Geld zu eſſen und zu trinken; und im Laufe des Morgens wurde die kleine Schenkſtube ſo überfüllt, daß man die Tiſche in dem Klubzimmer des erſten Stocks decken mußte. In dem Maße, als ſich der Verbrauch mehrte, glätteten ſich die ſchrecklichen Stirnrunzeln von Mrs. Bunce allmälig: der Verluſt ſollte allem nach nicht ſo groß ſein. Ihre Züge nahmen einen ſanfteren Ausdruck an, oder gingen, um eine poetiſche Me⸗ tapher zu gebrauchen, vom Krätzer in einfachen Eſſig über; während ihre Stimme.. doch nein, es wäre eine Beſchimpfung für das Geſchrei des Pfauen, ſo ſehr dieſer achtbare Vogel auch ſchon ———— ———— 119 mißhandelt worden iſt, wenn wir ihn zum Ausdruck der Vergleichung brauchen wollten. Als die Pächter, einer nach dem andern, in das Klubzimmer eintraten, ſo wie ihre Beſprechung mit dem Sachwalter vorüber war, wurden ſie mit einem Gelächter empfangen, das von ebenſo viel Bitterkeit als Frohſinn zeugte. 8 „Wie! Du auch?“ rief der Eine. „Hat Colley Dir den Wind abgewonnen?“ fragte ein Zweiter. Ein unartikulirtes Brummen war die Antwort jedes neuen Ankömmlings, der ſich an den Tiſch ſetzte und mit wilder Entſchloſſenheit die Leckerbiſſen vor ihm angriff. „Ein ſchäbiger, habſüchtiger, elender alter Filz!“ rief ein achtbarer Mann, indem er ſich den Schweiß, der von ſeiner kahlen Stirne perlte, abwiſchte.„Es ſind auf letzt Martini fünfunddreißig Jahre, daß ich die Pachtung habe, und nun muß ich ſie fahren laſſen.“ „Und warum?“ fragten ein halbdutzend Stim⸗ men in verſchiedenem Ton, wobei jedoch ſtets Un⸗ willen und Erſtaunen vorherrſchten. „Wenn ich nicht etwa lieber einen neuen Pacht⸗ vertrag annehmen will, der mich zum Hungertod führen könnte. Und noch dazu, nachdem ich ſo viel Geld für Drainirung und Verbeſſerung der Län⸗ dereien ausgegeben habe!“ „Ei was, Giles, Du träumſt,“ ſagte ein Nachbar. „Wenn ich träume,“ rief der erzürnte Bauer, „ſo wollte ich, daß mir Jemand einen tüchtigen Klapps gäbe, um mich außzuwecken. Zum Teufel, wenn ich deßhalb Streit mit ihm anfinge! Ich 120 wollte dem Sachwalter einige Vorſtell ungen machen, um ihm zu zeigen, wie ungerecht er wäre, aber er würdigte mich nicht einmal des Anhörens. Er ſagte mir bis auf einen Schilling, wie viel ich Geld in der Graſſchaftsbank, deren Actionär er iſt, ſtehen habe; er hat mir unter die Naſe gerieben, daß mein Sohn Bill an Sonntagen zu Pferd nach Ne⸗ wark komme, auf einem Thier, das einen Tropſen guten Blutes in den Adern hh Der Burſche und das Thier arbeiten an den Weetageß genug.“ Einigen der Hinterſaßen gelang es, mit dem Such⸗ walter Colley zu unterhandeln, und ohne Zweifel fand der Letztere ſeine Rechnung dabei. Andere gaben verdrießlich ihre Pachtungen auf; aber die meiſten unterwarfen ſich der Erhöhung des Pacht⸗ zinſes. Es waren hauptſächlich alte Pächter, welche in behaglichen Verhältniſſen wie Giles, ſich nicht entſchließen konnten, ihren Wohnort zu verlaſſen, die Felder, die ſie ſo lange Zeit gebaut hatten, aufzugeben. Dieſer Letztere jedoch nahm ſeinen Abſchied an. Es war ein Mann von feſtem Charakter, und er entſchloß ſich kluger Weiſe, ſeine mühſam geſammel⸗ ten Erſparniſſe nicht zu riskiren, um die Einkünfte der neuen Gebieterin des Herrenhauſes zu vermehren, oder die bereits gut verſehene Börſe ihres Agenten zu überfüllen. Sein einziger Sohn William hatte ſeit langer Zeit den Wunſch auszuwandern, und anſtatt ihn z verlaſſen, entſchloſſen ſich der Alte und ſeine Frau, ihn zu begleiten. Sechs Monate ſpäter reisten ſie 121 nach Auſtralien ab. Wahrſcheinlich werden wir ſie im Laufe unſerer Erzählung dort wieder finden. Nach den großen Pächtern kamen die Bewohner der Hütten, denn es gab keinen Fiſch, zu klein für den Appetit des Sachwalters, der mit ihnen ſelbſt um die Vermehrung von einigen Schillingen knäu⸗ belte, und gewöhnlich ſetzte er ſie durch. Die Armen ſind gewöhnlich ohne Vertheidigung; eine kleine Zahl wollte ſein Mitleid anrufen; aber ein Blick auf ſein Geſicht reichte hin, ſie von der Nutzloſigkeit dieſes Verſuchs zu überzeugen. Martha war eine der letzten Perſonen, die er⸗ ſchienen. „Was iſt das?“ fragte Mr. Ellsgood zornig, als ſie einen ganz neuen Souverän vor ihm auf den Tiſch legte. „Mein halbjähriger Pachtzins, Sir.“ Der Alte zog ſeine Bücher mit einer Miene des Zweifels und der Unzufriedenheit zu Rathe. „Häuschen und Garten,“ murmelte er, die Seite durchlaufend,„vierzig Schilling jährlich. Verpachtet an Georg und Martha Chaſon, hem! unerklärlich! Wie doch dieſes Gut ſo ſchlecht verwaltet worden iſt! Dieſes Häuschen und der Garten ſind wenig⸗ ſtens zwanzig Pfund jährlich werth. Bitte, gute Frau, ſeit wie kange ſeid Ihr im Genuß davon?“ „Seit neun Jahren.“ „Und Ihr habt nie einen andern Pachtſchilling bezahlt?“ „Nie, Sir. Sir Harry gewährte uns dieſe Ver⸗ günſtigung, weil Georg ſeit ſeiner Kindheit der 122 Genoſſe ſeines Bruders, des Squire Walter war; er war ſein Lieblingsdiener.“ Der Sachwalter begann ſich an die Stirne zu tippen, indem er ſich einbildete, endlich das rechte Wort für das Räthſel, das ihn ſchon ſo lang quälte, gefunden zu haben. „Oh, mein Gott, wenn ich es löſen könnte! Wißt Ihr, meine gute Frau, warum Mr. Walter Herbert einige Monate vor ſeinem Tod dreitauſend Pfund nöthig gehabt hat?“ „Nein, Sir,“ antwortete Martha ehrerbietig, „wenn es nicht etwa zum Ausgeben war.“ Der Agent ſchaute ſie feſt an, um ſich zu ver⸗ ſichern, ob dieſe Antwort von Einfalt oder Liſt die⸗ tirt war, während der kleine, halbverhungerte Schrei⸗ ber in die Spitze ſeiner Feder biß, um vor ſeinem Patron das Lächeln, welches er nicht unterdrücken konnte, zu verbergen. Ueberzeugt, daß er aus dieſer Frau nichts herausbringen könne, kehrte ſein Geiſt natürlich zu der nicht minder intereſſanten Ange⸗ legenheit, die ihn an dieſem Tag nach Crowshall geführt hatte, zurück. „So lang Sir Harry am Leben war, konnte er handeln, wie es ihm gut dünkte, ſein Eigenthum ſieden oder braten. Aber die Vergangenheit hat keinen Bezug auf die neue Gebieterin. Ihr habt ohne Zweifel,“ ſetzte er hinzu,„die Quittung für das letzte Hali⸗ O zr „Ja, Sir. ₰ „Sehr gut! Sin entzückt, Euch ſo vernünftig zu ſehen, wahrhaftig.“ Die naive Martha argwöhnte nicht, daß allein —— ———— 123 der Beſitz dieſes kleinen Fetzens Papier dieſen ſüß⸗ redneriſchen Menſchen abhielt, ſich ihres Hausgeräthes zu bemächtigen und ihr, wie ihren kleinen Koſtgän⸗ gern, nicht einmal ein Bett zum Schlafen zu laſſen. „Schreiben Sie den Empfangſchein,“ ſagte er, ſich zu ſeinem Gehülfen wendend,„und zugleich die Ankuͤndigung, daß vom Heutigen an der Pachtzins für das Häuschen.. laßt einmal ſehen.. zwanzig. ja zwanzig Guineen jährlich betragen ſoll.“ Martha blieb einige Augenblicke ſtumm vor Er⸗ ſtaunen. Zwanzig Guineen jährlich! Eine ſolche Summe würde ſie nie aufbringen können; denn bei all ihrer Sparſamkeit hatte ſie Mühe, nur von einem Ende des Jahres zum anderen hinauszu⸗ kommen. „Sie können nicht ſo hart gegen mich ſein wol⸗ len!“ rief. ſie, die Hände mit flehender Miene faltend. „Ich habe Ihnen geſagt, Sir, daß das Häuschen uns, meinem Bruder und mir, zum Lohn für deſſen Dienſte eingeräumt worden iſt. Georg hat mir da⸗ mals geſagt, daß Sir Harry uns daſſelbe ohne Zins gegeben haben würde, aber daran gehindert worden ſei durch ich weiß das Wort nicht mehr, aber es endete auf ution.“ Durch Subſtitution, meine gute Frau, durch Subſtitution.“ „Ja, ich glaube, dieß war das Wort; und wenn Sie ſich an den vorigen Verwalter wenden, wird er Ihnen ſagen, daß, obgleich ich meinen Pachtzins bei jeder Rechnungsabhör gebracht habe, derſelbe mir immer zurückgegeben worden iſt.“ 124 Mr. Ellsgvob ſtieß einen wahren Seufzer aus; er war über eine ſolche Verſchleuderung ganz auf⸗ gebracht.. „Darum, Sir,“ fuhr ſie, Muth faſſend, fort, „glaube ich nicht, daß Sie meinen Pachtzins erhöhen können.“ 8 „Wie! ich ſoll Euern Pachtzins nicht erhöhen können!“ wiederholte der Agent im Tone des Er⸗ ſtaunens;„warum glaubt Ihr denn, daß ich hier ſei? Aber Ihr ſeid auch wie alle Anderen von Eurem Geſchlecht. Ich habe nie eine Frau gekannt, welche die Natur und die Rechte des Eigenthums begriffen hätte.“ „Vielleicht, Sir,“ ſagte der Schreiber, ſein Still⸗ ſchweigen zum erſten Male brechend,„vielleicht ver⸗ mag die Inhaberin einen Pachtvertrag oder eine ſchriftliche Uebereinkunft vorzuzeigen.“ „Mein Bruder hat, glaube ich, Etwas der Art,“ erwiderte Martha. „Und wo iſt er?“ Wii Geſchöpf brach in Thränen aus. „TO t!“ „Nein, Sir,“ ſagte ſie ſchluchzend,„wenigſtens hoffe ich nicht... obwohl er mich ſchon vor acht Jahren verlaſſen hat, ſein Glück in der Fremde zu ſuchen; ich habe den Namen des Landes, wo er iſt, vergeſſen, aber Nan Willis erinnert ſich deſſen.“ „Der Name macht wenig,“ erwiderte Mr. Ells⸗ good trocken.„Wäre Euer Bruder hier, oder hättet Ihr irgend etwas zur Unterſtützung Eurer Ausſage, N ſo könnte ich die Guineen auf Pfunde*) reduciren; aber ſo wie die Sachen ſtehen, muß ich meine Pflicht thun.“ 5 „Ich bin arm, ſehr arm, aber ich verſchmähe es, eine Lüge zu ſagen. Fragen Sie alle diejenigen, welche mich kennen, ich arbeite ſtark, nur um mein Brod zu verdienen und....“ „Jedermann muß arbeiten,“ fiel der Sachwalter ein;„dieß iſt das Geſetz der Exiſtenz. Ich arbeite, um zu leben; mein Schreiber, Jacob Bantem, ar⸗ beitet, um zu leben... Wir arbeiten beide, nicht wahr, Jacob?“ „Wie Selaven,“ antwortete der junge Mann trocken. Sein Principal ſchenkte dieſer Bemerkung keine Acht er war zu ſehr an den beſonderen Humor ſeines Schreibers gewöhnt. „Es iſt nichts weiter zu ſagen,“ fuhr er fort, „Ihr müßt den von mir feſtgeſetzten Pachtzins zahlen, oder wohl das Haus räumen.“ „Ich werde ſehen müſſen, was ich thun kann, Sir.“ „Ohne Zweifel müßt Ihr, das iſt offenbar. Starke und geſunde Perſonen, wie Ihr, laſſen ſich nie dazu bringen, ihre Zuflucht zum Almoſen zu nehmen.“ „Ich habe noch nie dieſes bittere Brod gegeſſen,“ rief Martha mit Wärme,„und werde es auch nie eſſen, ſo lang mir noch Hände bleiben zum Arbeiten.“ *) Die engl. Guinee iſt= 21 Schilling Sterling, das Pfund als Rechnungsmünze= 20 Schilling. Sie wollte ſich entfernen, als der Agent ſie urück⸗ rief, um die Anzeige über Erhöhung des Pachtzinſes in Empfang zu nehmen. „Hier iſt ſie,“ ſagte Jacob, ſie Martha reichend, „wie auch Ihr Empfangſchein.“ „Ich habe nichts von dem Empfangſchein geſagt,“ brummte zornig der Sachwalter, während ſich die Thüre hinter der jungen Frau ſchloß. Der Schreiber biß von Neuem in die Spitze ſeiner Feder; er ſchien ein Vergnügen daran zu empfinden, ihm zuwider zu handeln. „Wie hat ſie geſagt, daß ſie heiße?“ fragte der Principal. „Martha Chaſon, Sir, und ihr Bruder Georg.“ Rr. Ellsgood fuhr ſich wieder nach der Stirne und blieb einige Minuten nachdenklich ſitzen. Die Geſchäfte des Tages waren beinahe zu Ende, als Nan Willis erſchien. Der Agent deutete ihr auf einen Sitz und beauftragte Jacob, das Fuhrwerk zu beſtellen, um nach Newark zurückzukehren. „Mrs. Willis, glaube ich,“ ſagte er. Die Frau nickte bejahend mit dem Kopf und zählte fünf Guineen auf den Tiſch. Der Alte be⸗ trachtete ſie habgierig. „Sie können Ihr Geld wieder mitnehmen, meine gute Frau. Es gereicht mir zur Genugthuung, Sie tragt hat, Ihnen das Häuschen, das Sie innehaben, Nan,„geben Sie mir alſo meine Quittung.“ unentgeldlich für den Reſt Ihres Lebens zu laſſen.“ „Aber ich will es nicht unentgeldlich,“ antwortete zu benachrichtigen, daß Mrs. Haſtings mich beauf⸗ 3 . — Sebuhe. 127 „Sie iſt närriſch,“ murmelte der Sachwalter, „ſie iſt närriſch.“ „Hat Roderich. ihr Mann, wollte ich ſagen nichts geäußert?“ „Kein Wort.“ „Er hat mir nichts zur Erinnerung geſchickt?“ „Durchaus nichts. Er hat an ganz andere Sachen zu denken: ein ſchönes Herrſchaftsgut und eine hübſche Frau. Und dann, warum ſollte er Ihnen etwas ſchicken?“ „Warum, wahrhaftig?“ ſagte Nan bei ſich, „warum?“. „Ohne Zweifel iſt er von den Gutthaten ſeiner Frau noch nicht unterrichtet.“ Bei dem Wort Gutthaten ließ die ſonderbare Alte wieder ihr dumpfes und pfeifendes Lachen hören, wiegte ſich dann auf ihrem Stuhl hin und her, wie wenn ſie von einem plötzlichen Schmerz ergriffen worden wäre. „Je, mein Gott, ſind Sie krank?“. Nan deutete auf das Geld und forderte noch einmal ihre Quittung. „Sie müſſen reich ſein,“ ſagte Mr. Ellsgood lächelnd und ſchreibend. „Wäre nicht Jemand geweſen, dem Sie gleichen, ich würde vielleicht reicher ſein.“ „Jemand, dem ich gleiche!“ wiederholte der Agent, in ſeinem Schreiben fortfahrend. „Ja, er hatte Ihre honigfüße Sprache und Ihre affectirte Einfachheit; denſelben biegſamen Charakter, der ſich um Geld zu allen Schurkereien hergibt, daſſelbe ſchlechte Herz, voll Schwärze und Habſucht!“ 128 „Mein Gott! mein Gott!“ rief Mr. Ellsgood, ſeine Feder fallen laſſend und Nan in's Geſicht ſehend.„Sie ſprechen doch nicht von meinem reſpec⸗ tablen und.... hem! Das heißt, Sie ſprechen nicht von Jemand, den ich gekannt habe?“ Dießmal antwortete ihm Nan mit einem lauten Gelächter.. „Ich muß ein wahres Talent zum Portraitiren haben,“ ſagte ſie,„wie Schade, daß ich zu alt bin, mir ein Gewerbe daraus zu machen!“ „Da iſt Ihre Quittung,“ antwortete Mr. Ells⸗ good.„Ich wünſche Ihnen guten Tag.“ „Dieß iſt das einzige Gute, das Sie jemals gewünſcht haben,“ ſagte Nan, nachdem ſie ſorgfältig das Papier geleſen, welches ſie in ihre Taſche ſteckte. Dann verließ ſie das Zimmer, ohne ein Wort beizufügen. 6 „Eine ſehr unangenehme Perſon,“ brummte der Sachwalter, ſich an die Stirne klopfend.„Ich kann ſie nicht begreifen. Mr. Haſtings iſt, glaube ich, ein großer Schurke.. arme menſchliche Natur! und ſeine Frau hat wie eine wahre Närrin ge handelt,“ ſetzte er mit ruhigem Lächeln hinzu;„mit der Zeit wird ſie alle ihre Verirrungen büßen, das arme, ſchwache Geſchöpf! Die Frauen ſind immer dieſelben, Thörinnen, Thörinnen.“ Dieſe philoſophiſche Bemerkung machend, ſchloß er ſeine Bücher, band die verſchiedenen Leinenſäcke die auf dem Tiſche lagen, ſorgfältig zu, ordnete die Papiere und fragte dann Jacob, ob das Fuhrwerk bereit ſei. „Es ſteht vor der Thüre, Sir.“ 129 Der Agent, ein ſehr methodiſcher Mann, hän⸗ digte ſeinem Schreiber achtzehn Pence ein, um ihre Zeche zu bezahlen; als dieſer aber wieder an den Schlag des Fuhrwerks kam, das bereits von jenem und ſeinem Gepäck angefüllt war, ſagte er dem armen Teufel, er möge die drei Pence Ueberſchuß für ſich behalten, trug jedoch, wie zur Verbeſſerung dieſer ertravaganten Freigebigkeit, Sorge, hinzuzu⸗ ſetzen, er müſſe zu Fuß nach Newark zurückkehren, dieſe Bewegung würde ihm gut thun. k Sie wird mir nicht gut thun, wenn ich einen leeren Magen habe,“ erwiderte Jacob,„die Ent⸗ fernung beträgt acht Meilen.“ Die Bemerkung, die er noch hinzufügen wollte, wurde durch ein dreimal wiederholtes Grunzen, das aus den Fenſtern des Clubzimmers kam, unter⸗ brochen. Es war der Abſchiedsgruß der über den neuen Agenten erbitterten Pächter Der Schreiber ſtimmte mit der ganzen Kraft ſeiner Lungen ein. Jacob Bautem war in dem Arbeitshaus*) zu Newark geboren, und da er auf der Welt weder Verwandte noch Freunde hatte, ſo blieb er daſelbſt bis zum Alter von dreizehn Jahren. Um dieſe Zeit nahm ihn Mr. Ellsgood, einer der Pfleger oder Verwalter, als er deſſen Geſchicklichkeit im Rechnen und ſchöne Handſchrift bemerkte, auf ſein Arbeits⸗ zimmer. Anfänglich war er damit beauftragt, es auszukehren, Gänge zu machen, Acten zu copiren; am Ende von drei oder vier Jahren war er ſo ge⸗ ſchict geworden, daß ſein Principal ihm ein Schreib⸗ *) work house, Arbeits⸗ und Armenhaus. Das Erbe. 9 130 pult anwies und ſeinen Gehalt nach und nach bis auf fünfzehn Schilling wöchentlich erhöhte. Obgleich der Sachwalter ſo argwöhniſch wie wenig Menſchen auf der Welt war, hegte er doch die vollkommenſte Ueberzeugung von der Ehrlichkeit Jacobs, ſchenkte ihm aber nie mehr Vertrauen, als abſolut nöthig war, und beſorgte ſelbſt alle ſeine beſonderen Angelegenheiten. Seltſam, der arme, verlaſſene Menſch bewahrte eine lebhafte Zuneigung für den Ort ſeiner Geburt und Erziehung, und pflegte alle Sonntage das Ar⸗ beitshaus zu beſuchen, um Obſt und Kuchen den armen Kindern auszutheilen, welche ungeduldig den Tag der Ankunft Jacobs erwarteten. Der Schul⸗ meiſter war ſtolz auf ihn, ohne ihn jedoch viel ge⸗ lehrt zu haben, und der Vorſteher, ein Bruder von Amen Corner, würdigte ihn des Austauſches einiger Höflichkeiten: denn Mr. Ellsgood's Schreiber wurde als ein Mann betrachtet, der ſeinen Weg machen würde, wahrſcheinlich weil er einen paſſablen Roc trug und keine Schulden machte. Man wußte nicht, daß er ſich faſt alles Vöthige verſagte. Als er durch das Dorf marſchirte, wenig erfreut über die Promenade von acht Meilen, die er zu machen hatte, erkannte er unter der Thüre eines netten kleinen Parterre's ein Geſicht, das er ſeit Jahren nicht geſehen hatte, ſeit der Zeit, wo das ſunge Mädchen, dem es angehörte, ſeine Genoſſin im Armenhauſe geweſen war. „Wie, Jacob,“ rief ſie,„biſt Du es?“ „Patience!“ ſagte der junge Mann. 131 Sie drückten ſich die Hände, ſchauten einander in's Geſicht und lächelten, denn ſie waren in ihrer Kindheit ſehr gute Freunde geweſen. Weder der Eine noch die Andere hatten das Alter von zwanzig Jahren erreicht. „Wie Du groß geworden biſt!“ ſagte der Schrei⸗ ber bewundernd. „Du auch, Du biſt ein wenig groß gewor⸗ den,“ erwiderte Patience lächelnd. „Wohnſt Du hier?“ „d. „Im Dienſt?“ „Ich tauge nichts für den Dienſt. Eine Frau ſagte, ich ſeie zu linkiſch; die Gläſer und das Fayence zerbrachen, ſobald ich ſie anrührte, ſo daß ich davon ganz nervös wurde. Eine Andere wollte, daß ich ſie friſire; ich kämmte ſie ziemlich gut, aber das war Alles. Eine Dritte, oder vielmehr ein Dritter, denn es war ein Herr, behagte mir nicht, ſo daß ich dazu kam, mich hier niederzulaſſen.“ „Und wie verdienſt Du Dein Brod?“ „Auf ehrliche Weiſe,“ erwiderte das Mädchen lebhaft und in einem Ton, der verrieth, daß ſie von dieſer Frage oder vielleicht von dem Blick, womit ſie begleitet wurde, verletzt war,„ſonſt würde ich Dich nicht angeredet haben. Ich bekomme Arbeit von den Pächterinnen, denn ich kann ſäumen und ſteppen, wiewohl ich grobe Hände habe, und zahle Martha Chaſon achtzehn Pence wöchentlich für mein Zimmer.... Willſt Du nicht eintreten?“ ſetzte ſie hinzu,„es iſt arm aber reinlich.“ Jacob' nahm die Einladung an und Beide tra⸗ ten in das Häuschen. Als Martha von ihrer Unterredung mit dem Sochwalter nach Hauſe kam, war ihre erſte Sorge, ihren Koſtgängern das Abendeſſen zu geben und ſie in's Bett zu ſchicken, mit Ausnahme von Dick, wel⸗ cher, da er der älteſte und, die Wahrheit zu ſagen, der eigenſinnigſte war, ſich hartnäckig weigerte, zu Bette zu gehen.„Die Sonne iſt noch nicht hinun⸗ ter,“ ſagte er,„und ich ſehe nicht ein, warum ich vor ihr mich zur Ruhe begeben ſoll.“ Seine ent⸗ muthigte Erzieherin war nicht in der Laune, mit ihm zu ſtreiten, ſo daß ſie ſein Brod und ſeine Taſſe Milch vor ihn hinſtellte und ſich dann traurig an das Feuer ſetzte. Der kleine Dick aß eine Zeit lang ſchweigend fort, ohne ſeine Mutter, wie er ſie immer nannte, aus den Augen zu verlieren. Plötz⸗ lich ſtand er auf, lief auf ſie zu und warf die Arme um ihren Hals. „Ich will zu Bette gehen, wenn Du es willſt,“ ſagte er.„Was fehlt Dir, Mutter?“ „Nichts, Dick, nichts.“ „Du kannſt mich nicht täuſchen; Du biſt nicht umſonſt ſo traurig. Hat Amen Corner Dir ein Leid angethan?“ Der Kirchſpielſchreiber war, wie unſere Leſer be⸗ reits wiſſen, unſerem Helden in den Tod zuwider, die einzige Wolke, welche die Sonne ſeines Lebens verdunkelte. „Ich werde meine ſchmucke Wohnung verlaſſen müſſen, Dick,“ antwortete ſeine Erzieherin,„denn es iſt mir unmöglich, je den von dem Sachwalter Colley geforderten Pachtzins zu zahlen.“ „Kann ich nicht für Dich arbeiten, Mutter?“ ſagte der Knabe, ſie mit lebhafter Zärtlichkeit be⸗ trachtend,„ich werde bald groß genug, um es zu bezahlen.“ Martha ſchloß ihn an ihr Herz und wünſchte im Stillen, daß die Natur ihr ein Recht auf dieſen ſüßen und heiligen Namen gegeben hätte, womit das dankbare Kind ſie benannte. In dieſem Augenblicke traten Jacob und Patience herein. „Nun, was gibt es, Martha?“ fragte dieſe.„Ich habe Dich nie ſo niedergeſchlagen geſehen.“ „Er kann es Dir ſagen,“ antwortete Martha ſchluchzend und auf Mr. Ellsgvod's Schreiber zeigend. Patience erröthete plötzlich, indem ſie ihre klei⸗ nen, durchdringenden Augen auf ihren alten Freund heftete und rief lebhaft: „Was haſt Du gethan, Jacob? Wie verdienſt Du Dein Brod?“ „Ehrlich, glaube ich,“ antwortete der junge Mann verwirrt, ohne zu wiſſen, warum. „Du glaubſt!“ antwortete das Mädchen mit bit⸗ terem Lachen;„als Du dieſelbe Frage an mich rich⸗ teteſt, war ich meiner Antwort geiß „Es iſt nicht meine Schuld,“ ſtammelte Jacob, „wenn Mr. Ellsgood ihren Pachtzins auf zwanzig Guineen erhöhen will. Ich bin nicht der Agent.“ Der Grimm der naiven Patience legte ſich allmälig. Sie wäre ohne Zweifel in Verlegenheit geweſen, zu erklären, warum ſie ſich geärgert hatte. Denn es war nie von irgend einer Liebſchaft zwiſchen ihr und Jacob die Rede geweſen, ſo daß alſo auch Eiferſucht nicht die Urſache ſein konnte. „Der Sachwalter Colley iſt ein gottloſer Menſch!“ rief ſie;„zwanzig Guineen jährlich! Aber ich habe immer ſagen hören, daß Martha ihr Leben lang zu dem alten Preiſe die Nutznießung von dieſem Hauſe haben ſollte.“ „So hat mir mein Bruder Georg geſagt,“ er⸗ widerte die arme Frau. „Ich kann meinen Principal nicht hindern, Ihren Pachtzins zu erhöhen,“ ſagte Jacob,„und bin zu arm, um ihn für Sie zu bezahlen; aber ich kann Ihnen ſagen, was ich thun würde „Was denn?“ fragten eifrig die beiden Frauen. „Ich würde ſagen, was Keine von Ihnen zu begreiſen ſcheint, Martha habe halbjährlich gemiethet und ſomit das Recht, ſechs Monate lang den alten Preis zu genießen, ſo daß ein Jahr vergehen wird, ehe man von ihr die Bezahlung des höhern An⸗ ſatzes verlangen kann.“ „Iſt das wahr, Jacob? Jacob?“ fragte Patience; „aber antworte nicht, denn ich bin überzeugt, es iſt wahr. Du haſt immer ein gutes Herz gehabt; Schade, daß man einen Rechtsmann aus Dir ge⸗ macht hat. Hörſt Du, Martha? Du haſt ein gan⸗ zes Jahr vor Dir; Colley kann ſterben, Du kannſt Dich verheirathen, kurz, es können hundert unvor⸗ hergeſehene Dinge bis dahin geſchehen.“ „Die Mutter wird ſich nicht verheirathen!“ rief Dick,„ich werde für ſie arbeiten, und das wird beſſer ſein, als wenn Amen Corner hier wohnen wollte.“ * „Gott ſegne ihn!“ ſagte Patience, indem ſie ſich bückte, ihn zu umarmen;„er iſt ſo ſchön als gut.“ Martha lächelte. Die ihr von Patience gegebene Unterweifung war eine wahre Erleichterung für ſie; ihr Bruder konnte zurückkommen, Mrs. Haſtings vor Ablauf dieſer Zeit nach Crowshall wiederkehren; im ſchlimmſten Fall hatte ſie ein Jahr, um einen Aus⸗ weg zu ſuchen, um zu überlegen, um einen entſchei⸗ denden Entſchluß zu faſſen. „Darf ich Ihnen etwas anbieten, Sir?“ fragte ſie.„Gewiß, Sie haben mein armes Herz von einer ſehr ſchweren Laſt befreit.“ Che Jacob antworten konnte, hatte ſich Dick nach dem kleinen Tiſche geſtürzt, wo er ſein Eſſen zu ſich zu nehmen pflegte, und ſein Schüſſelchen mit Milch⸗ ſuppe vor den Schreiber hingeſtellt. „Hier iſt mein Abendbrod, Sie können Alles eſſen, ich habe jetzt keinen Hunger.“ „Und es gibt noch viel Milch im Hauſe,“ ſetzte Patience hinzu. Der Inhalt des Schüſſelchens ſchien ſo gut und appetitlich, und Mr. Ellsgood's Schreiber hatte ſol⸗ chen Hunger, daß er ſich überreden ließ. Gerade als er fertig war, ging ein ſchwarzer Schatten am Fenſter vorüber. Die Herrin des Hauſes war die einzige, welche ihn bemerkte. „Es wird ſpät,“ ſagte ſie;„nun, Dick, ſei ein guter Knabe und geh' jetzt zu Bette.“ „Und Du willſt dann nicht mehr weinen?“ „Nein, Dick.“ „Und Du willſt Amen Corner nicht heirathen?“ 136 „Gott ſegne das Kind! was kann ihm eine ſolche Thorheit in den Kopf ſetzen?“ „Du ſagſt nicht nein,“ erwiderte der Knabe in ſchmollendem Tone,„und es iſt keine Thorheit, denn ſchon vor Wochen habe ich Nicolas und die alte Nan auf dem Kirchhof davon reden hören.“ „Nun, nein. Ich hoffe, daß Du jetzt zufrieden biſt,“ ſagte Martha lachend. Ihr Koſtgänger ſchlug ſeine Arme um ihren Hals, küßte ſie und ſagte ihr gute Nacht. Der Knabe ſetzte das größſte Vertrauen in ihr Wort, denn ſie hatte ihn noch nie getäuſcht. Dick hatte kaum einige Minuten das Zimmer verlaſſen, als der Schatten wieder am Fenſter vorüberkam. Dießmal bemerkte ihn auch Patience. „Komm, Jacob,“ ſagte ſie,„der Abend iſt ſchön, ich will Dich bis an's Ende des Dorfes begleiten.“ Der junge Mann begriff auf ein halbes Wort und verließ, nachdem er Martha, die ihm noch einmal für ſein Wohlwollen dankte, die Hand gedrückt hatte, die Hütte mit Patience. „Amen Corner heirathen!“ ſagte das einfache Geſchöpf, ſobald es allein war.„Das wird nicht zu befürchten ſein, wenn er von der Erhöhung mei⸗ nes Miethzinſes hört. Nan ſagt, daß er nach mei⸗ ner Hütte begehrt mit meinem Garten und meinem Geräthe, und nicht nach meiner Perſon. Ich glaube manchmal, daß ſie Recht hat.“ Das Schloß wurde langſam gedrückt und der Gegenſtand von Martha's Gedanken ſchlich ſtill in das Zimmer. W „Allein!“ ſagte er in einem Ton affectirter Ueberraſchung, denn er hatte die Entfernung von Jacob und Patience, die nicht zu ſeinen Freundinnen gehörte, abgewartet, ehe er ſich hineinwagte. „Die Unglücklichen haben nicht viel Freunde in diefer Welt,“ antwortete Martha. „Die Unglücklichen!“ wiederholte ihr Bewunderer. „Und worüber haben Sie ſich zu beklagen?“ Das einfache Geſchöpf erzählte ihm ſeine Ver⸗ drießlichteit mit dem Sachwalter, die vernichtende Forderung, die er gemacht hatte, und die Unmög⸗ lichkeit, worin ſie ſich befand, dieſelbe zu befriedigen. Während des Sprechens erforſchte ſie aufmerkſam ſeine Phyſiognomie, in der Erwartung, ſeine Wärme mit der Veränderung der Unſtände erkalten zu ſehen. Aber zu ihrem Erſtaunen und vielleicht zu ihrer heimlichen Genugthuung ſchien dieſe Wärme nur zu wachſen.. „Martha,“ ſagte er,„dieß iſt der Augenblick für einen ehrlichen Mann, ſich zu zeigen; und in einem Sinn kommt mir dieſes Unglück ganz gelegen, weil Sie an meinen Beweggründen nicht länger werden zweifeln können. Zwei Perſonen leben wohlfeiler zuſammen, als eine; dieß iſt ein altes Sprichwort. Ich habe dreißig gute Pfund Einkommen, um nichts von Accidenzien bei Gelegenheit von Taufen, Hoch⸗ zeiten und Begräbniſſen zu ſagen. Ich bin es müde, allein zu leben; ich brauche eine Gefährtin, eine Freundin, eine Gattin. Sagen Sie nur ein Wort, und Sie werden es ſein.“ „Nein, nein!“ ſchluchzte Martha mit einem Ge⸗ 138 fühl der Dankbarkeit,„ich kann nicht den Kummer in das Haus eines Menſchen bringen.“ „Sie werden den Segen dahin bringen.“ „Sie könnten es einſt bereuen.“ „Rie,“ erwiderke der Heuchler;„ebenſo wenig Sie, wenn Sie mir gut ſind. Ich bin nicht gleich einem jungen Menſchen, der heute das und morgen das Gegentheil will; alſo haben Sie nur ein Wort zu ſagen.“ Unglücklicher Weiſe für die künftige Ruhe von Martha wurde dieſes Wort geſprochen. Gerührt von dem erheuchelten Cdelmuth des Mannes, ſchien es ihr, daß ſie ihn wahrhaft zu lieben vermöge. Was ihre Pflicht betraf, zweifelte ſie durchaus nicht, ſie erfüllen zu können; ſie hatte es bis jetzt nie daran fehlen laſſen, denn ſie war ebenſo rechtlich als ſittſam. „Man braucht davon nicht viel Aufhebens zu machen,“ ſagte Amen Corner,„deßhalb wollen wir uns nicht in Erowshall verheirathen, ſondern zahlen die Dispenſationsgebühren, gehen in aller Stille nach Newark und laſſen uns dort zuſammengeben.“ Martha gab ihre Zuſtimmung, denn es war ihr nicht unlieb, der Zudringlichkeiten und Vorſtellungen ihrer Freunde, von denen ſie wußte, daß ſie ſich alle dieſer Heirath widerſetzen würden, überhoben zu werden. Den Tag nach der Hochzeit ging der glückliche Gatte, vor der Rücktehr vach Crowshall, allein aus, um dem Ahgenten einen Beſuch zu machen. „Nun,“ ſagte der Sachwalter,„ich glaubte Ihre Affaire in Ordnung.“ — — Sfind. 139 „So iſt es auch,“ antwortete Amen lächelnd,„ſo weit es Squire Roderich betrifft. Ich will darüber nichts ſagen. Ich habe mich eben verheirathet.“ Der kleine Mann murmelte etwas, das wie „Einfaltspinſel“ klang. „Mit Martha Chaſon,“ ſetzte ſein Gegenred⸗ ner hinzu. Bei dem Namen der Verehlichten begann der Rechtsmann ſich wieder mit den Fingern an die Stirne zu klopfen, denn er vermuthete allmälig, daß Amen doch nicht ein ſo ganzer Narr geweſen ſei, wie er ſich eingebildet hatte. „Sie ſind einer der Aſſoeié's der Bank, glaube ich, Mr. ood. „Ja, ja, gewiß; warum dieſe Frage?“ Amen zog aus ſeiner Rocktaſche ein ſchwarzleder⸗ nes Portefeuille hervor und nahm daraus drei Briefe von verſchiedenem Datum mit dem Poſtzeichen Au⸗ ſtralien. Jeder von ihnen war ein Creditbrief auf hundert Pfund, von Georg Chaſon an ſeine Schwe⸗ ſter geſchickt. „Wie ſind Sie zu dieſen Briefen gekommen?“ fragte der Rechtsmann. „Das iſt meine Sache.“ „Sie ſind an Martha Chaſon adreſſirt.“ „Die jetzt meine Frau iſt, ſo daß es nichts zu fragen gibt, wie ich ſie erhalten habe.“ „Ich argwöhne, daß Sie ein großer Schurke . 5 Was Sie betrifft, ſo bin ich deſſen gewiß,“ antwortete Amen kalt,„aber ich will mich mit Ihnen nicht zanken.“ 140 Er zählte dreimal die Billets, welche Mr. Ells⸗ good, ſeinen Zorn zurückhaltend, überlieferte, und ſteckte ſie ruhig in ſein Portefeuille. Achtes Kapitel. Es bedurfte aller Vernunftgründe und des gan⸗ zen Einfluſſes von Nicolas auf unſern Helden, um ihn zu beſtimmen, ſeine Pflegemutter wieder zu ſehen, ohne derſelben ihre Wortbrüchigkeit vorzuwerfen, und ſeine kleine Hand dem Manne zu reichen, gegen den er eine ſo lebhafte Antipathie gefaßt hatte. Aber er fügte ſich, wiewohl ſeine Wangen blaß und ſeine Augen von Thränen geſchwollen waren. Martha ſchloß den Knaben an ihr Herz, entzückt über deſſen Gelehrigkeit. Amen Corner lächelte unheilsvoll, wäh⸗ rend er mit ſeiner großen Hand deſſen Lockenkopf ſtreichelte. „Martha hat Dir Wort gehalten,“ ſagte er, „nicht mein Junge? Ein Vater, über Dir zu wachen, Deinen Hang zur Faulheit zu beſſern und einen Mann aus Dir zu machen, das iſt mehr werth als ein Kuß.“ „Es iſt ein vortrefflicher Knabe,“ erwiderte ſeine Frau demüthig;„ſprich doch mit ihm nicht im Tone übler Laune, ich bitte Dich. Geh, Dick, ſpiele mit Annette und den Kindern im Garten.“ „Nein!“ rief ihr Gatte,„warum willſt Du ihn entfernen? Iſt dieß das Mittel, ihn zur Achtung gegen mich zu Sri Komm daher!“ föt 141 Unſer Held näherte ſich langſam, bis er in den Bereich von Amen's Arm kam, der ihn rauh zwi⸗ ſchen ſeine Beine zog. „Nun, Sir,“ fuhr er fort, ihn feſt haltend, um ihn am uſicien zu„Du biſt nun alt genug, um zu begreifen, was ich ſage. Hörſt Du mich?“ „Ja „So ſchau mich an.“ Dick hielt die Augen auf das Fenſter geheftet. Er konnte ſich nicht entſchließen, das Weſen zu be⸗ trachten, das, wie ihm ſein Inſtinct ſagte, einen deſpotiſchen Einfluß auf ſein Schickſal auszuüben im Begriff war. „Richte die Augen auf mich.“ Der Knabe gehorchte; aber es lag in ſeinem Blick ein Ausdruck der Geringſchätzung, der den Rut beunruhigte. „Das genügt,“ murmelte er,„ich habe Dir nicht geſagt, Deine Augen ſo weit aufzureißen.“ 5 Dick wandte von Neuem ſeine Blicke gegen das Fenſter; es war eine Erleichterung für ihn. „Jetzt, Sir,“ ſagte ſein Henker,„will ich nicht mehr, daß man auf dem Kirchhof ſpielt, daß man ſeine Zeit mit dieſem alten Schurken von Nicolas verliert. Verſtehſt, Du mich?“ Ja. 6 Ich will nicht, daß man im Wald herum⸗ ſreicht was Kindern nur Unheil bringen kann.“ „Nein.“ „Und Du wirſt mich lieb haben müſſen!“ . 142 Es lag etwas Sardoniſches in dem Ton, womit dieſe Worte ausgeſprochen wurden. Der Knabe ſchauderte. „Warum antworteſt Du mir nicht?“ fragte Amen Corner, indem er ihn am Ohr faßte. Immer daſſelbe Stillſchweigen. „Das iſt nicht das Mittel, ihn zur Liebe gegen Dich zu bringen,“ ſagte Martha;„haſt Du mir das verſprochen?“ „Das iſt meine Manier zu handeln,“ antwortete ihr Mann,„und ich werde daran nichts ändern. Wirſt Du mich lieben?“ ſetzte er im Tone brutaler Rohheit hinzu. „Nein!“ rief unſer Held, indem er ſich mit einer plötzlichen Anſtrengung von ihm losmachte;„ich haſſe Dich!“ Amen wurde an ſeiner Verfolgung in den Gar⸗ ten durch die Ankunft mehrer Nachbarn gehindert, welche dem glücklichen Paar zu ſeiner Verhei⸗ rathung Glück wünſchen wollten. Zu ihrem Erſtau⸗ nen fanden ſie die Augen der Frau voll Thränen und den Mann ausnehmend roth und gereizt. „Ich werde den Charakter dieſes jungen Schur⸗ ken brechen,“ ſagte Mr. Corner mit leiſer Stimme zu ſeiner Frau. Dieß war die erſte Wolke, welche das eheliche Leben Martha's verdunkelte. Unglücklicherweiſe war es nicht die letzte. Kaum waren einige Tage verfloſſen, ſo erkannte ſie, daß ſie ihre Unabhängigkeit gegen eine Tyrannei vertauſcht hatte, die härter als Armuth war. Es war eine kalte, ſyſtematiſche, grobe, be⸗ ſchimpfende Tyrannei. Das Glück war aus ihrer 143 Wohnung entflohen; die armen, kleinen Kinder, bis⸗ her an eine faſt der Schwäche verwandte Nachſicht gewöhnt, waren durch dieſen Wechſel erſchreckt. Ihr heiteres Lachen erfreute nicht mehr das Herz ihrer Pflegemutter; ſie irrten furchtſam und ſchweigend im Hauſe umher, wie wenn ſie harte Worte und eine ſchwere Hand fürchteten. Am Ende des Monats, als die Zahlungen ge⸗ macht wurden, ſagte der Mann kalt zu ſeiner Frau, daß er fernerhin ſich mit der Correſpondenz und den Geldangelegenheiten befaſſen wolle, da ſie genug zu chun haben würde, ſich mit der Haushaltung zu be⸗ ſchäftigen. Dieß war ein unerwarteter Schlag für die arme Martha. „Wir wollen einmal ſehen,“ ſagte Amen,„bring mir Deine Bücher.“. Mit zitternder Hand legte ſie dieſelben vor ihn hin. „Was ſehe ich?“ ſprach der ſelbſtſüchtige Gebie⸗ ter, den ſie ſich gegeben hatte;„fünf Schilling wöchent⸗ lich für Annette! Das iſt nicht genug. Sie wird groß und hat einen ſchrecklichen Appetit. Wer zahlt für ſie?“ „Mr. Hopkins, der große Brauer.“ „Hum!“ ſagte Corner lächelnd,„ich werde mit ihm deßhalb reden.... Wer kommt jetzt? Jack: fünf Schilling und ſechs Pence. Wer zahlt für ihn?“ „Seine Mutter.“ „Wer iſt ſeine Mutter?“ Die Wittwe eines Geiſtlichen zu Nottingham; ſie iſt Gouvernante bei dem Squire Harcdurt.“ 144 „Wir werden jedenfalls verſuchen, einen Zuſchuß zu erhalten,“ dachte Amen. Die Liſte wurde durchlaufen und von verſchiede⸗ nen Bemerkungen begleitet. Ein oder zweimal nannte der Kirchſpielſchreiber ſeine Frau eine Närrin, daß ſie dieſe oder jene Anordnung getroffen hätte, indem er hinzuſetzte, wie glücklich ſie ſei, einen Mann ge⸗ heirathet zu haben, der ſich auf Geſchäftsaffairen verſtände und mit ihren Intereſſen ſich beſchäftigte. „Und nun,“ fuhr er fort, mit einem Blick, der Martha zittern machte,„ſage mir, wer zahlt für Dick?“ „Sei nicht böſe, Amen, und ich will Dir Alles ſagen.... ich will Dir die Wahrheit ſagen!“ „Gib Acht, daß Du mich nicht belügſt!“ „Ich habe ihn von meinem Bruder Georg vor neun Jahren bekommen; er ſagte mir, daß ich für die auf ihn gewendete Sorge bezahlt würde. Wäre er am Leben geblieben, er hätte ſein Verſprechen gehalten.“ n „Und wie viel hat er Dir gegeben?“ fragte der Heuchler.. „Nicht einen Penny.“ „Dummkopf!“ rief Amen, ſich in Zorn ver⸗ ſetzend;„glaubſt Du, daß ich dieſe Verſchwen⸗ dung länger zugeben, daß ich in meinem Hauſe einen Schlingel dulden werde, der mich verhöhnt, einen Bettler, den Du ſchon vor Jahren hätteſt in's Armenhaus ſchicken ſollen? Wer ſind ſeine Eltern?“ 8 „Georg, ich habe es Dir geſagt,“ ſtammelte Martha;„er würde nir nicht ſo lange das Kind 145 eines Fremden auf dem Hals gelaſſen haben. Ent⸗ ferne ihn nicht von mir,“ ſetzte ſie, die Hände fal⸗ tend, hinzu;„ich liebe ihn ſo zärtlich, wie wenn er mein Sohn wäre; das Brod, das er ißt, wird uns nicht ruiniren. O, ſchicke das Kind meines einzigen Bruders nicht in das Armenhoſpital. Ich will ſonſt Alles thun, was Du willſt, ich will Tag und Nacht ohne Murren arbeiten; aber habe Mitleid mit dem armen Kleinen!“ „Mitleid mit ihm!“ „Wenn nicht mit ihm, wenigſtens mit mir,“ ſetzte die unglückliche Frau hinzu;„Du würdeſt mir das Herz brechen.“ „Du weißt noch nicht, was das Herz zu tragen im Stande iſt,“ antwortete der Unmenſch,„ich weiß es. Aber genug für den Augenblick, ich muß die Sache in Ueberlegung ziehen. Ich habe eine Neuig⸗ keit für Dich: meine Schweſter wird in Zukunft bei uns wohnen.“ Es wird mich ſehr freuen, ſie zu ſehen.“ „O, ohne Zweifel, und würde auch wenig aus⸗ machen, wenn dem nicht ſo wäre. Wir werden das Zimmer von Patience brauchen; Du wirſt alſo wohl thun, ihr den Abſchied zu geben. Sara Corner wird Alles in Ordnung halten: ſie iſt gewohnt, Kinder zu regieren; ſie iſt zwanzig Jahre Aufſehe⸗ rin im Hauſe zu Nottingham geweſen. Wenn ſie einmal da iſt, wird alle Ertravaganz und Verſchleu⸗ derung aufhören.“ Es war eine traurige Nochricht für die nieder⸗ gebeugte Gattin, aber ſie beſtrebte ſich, freudig zu 10 Das Erbe. 146 gehorchen, in der Hoffnung, ihren Tyrannen mit der Gegenwart unſeres Helden auszuſöhnen. „Ich habe das erwartet,“ ſagte Patience, als Martha, den empfangenen Befehlen gehorſam, ihrer Hausgenoſſin anzeigte, daß ſie deren Zimmer bedürfe. „Meine Gegenwart genirt ihn noch ein wenig. Daran biſt Du ganz allein ſchuld; aber jetzt iſt Ab⸗ hülfe zu ſpät.“ „Wohin gehſt Du?“. „Ich weiß nicht. Die Arbeit trägt nichts ein, und ich habe ſagen hören, daß Mrs. Bunce in der Aufgehenden Sonne eine Magd braucht. Es iſt ein ſchwerer Platz und ein geringer Lohn: nur ein Pfund jährlich; aber ich glaube, ich will es verſuchen.“ 7 erwiderte Mrs. Corner. „Um ſo mehr Grund, mich zu behalten. Ich bin gut genug für ſie, und was ihre böſe Zunge betrifft, ſo kann ich es ertragen. Es iſt nicht um⸗ ſonſt, daß man mich in einem Armenhauſe erzogen und Patience getauft hat. Wir haben bereits davon geſprochen; abrr jetzt iſt mein Entſchluß gefaßt und ich will hingehen, um den Handel abzuſchließen.“ Er wurde abgeſchloſſen und der folgende Sams⸗ tag zum Eintritt des Mädchens in dem Wirths⸗ hauſe zur Aufgehenden Soyne feſtgeſetzt. Sara Corner kam zwei Tage, ehe jene das Häuschen verließ, an. Martha hatte traurige Ahnun⸗ gen, als ſie ſah, wie ihr Mann, der ſie zu Newark abgeholt hatte, ihr beim Abſteigen von einer Art Cariol behülflich war, das er die Woche zuvor gekauft: denn er wollte Kühe halten und alle Sie hat drei Mäade ſeit zwei Monaten gehabt, — 147 Samstage die Erzeugniſſe ſeiner Milcherei auf den S Markt ſchicken. „Iſt dieß die Schwägerin?“ fragte Patience, neben Martha am Fenſter ſtehend. „Ja.“ „Dann helfe Dir der liebe Gott! Du wrirſt ſchlechte Tage bei Beiden haben.“ Dieß war auch Martha's Gedanke, als ſie ſchleu⸗ nigſt durch den Garten eilte, um die neue Ver⸗ wandte willkommen zu heißen. Sara Corner war eine große Frau, mager, ge⸗ putzt wie eine Puppe, von männlichem Ausſehen und etwa um ein Jahr älter als ihr Bruder, mit dem ſie widrige Aehnlichkeit hatte: es waren dieſel⸗ ben buſchigen Augbraunen, ein Poaar kleine, graue Augen überwölbend, dieſelben gefalteten und gegen das Kinn geſenkten Mundwinkel. Da ſie ſo lange Mutter in einem Armenhaus geweſen war, hatten ſich ihre Ideen auf die Heconomie beſchränkt, und was die Disciplin betraf, trug ſie ſich mit dem ſtol⸗ zen Gedanken, ohne Nebenbuhlerin zu ſein. Ihr Herz war von Mitleid, von menſchlicher Schwäche unberührt geblieben; ſie war die Incarnation eines Syſtems und machte ſich einen Ruhm daraus. „Nun, danke, das iſt genug,“ rief ſie trocken, als Martha ihr herzlich die Hand drückte und ſie ver⸗ ſicherte, daß ſie willkommen ſei;„ich verabſcheue die Umarmungen!“ Ihre Schwägerin zog ſich furchtſam zurück. „Trage dieſe Sachen hinein,“ ſagte ihr Mann zu ihr, indem er ihr einen Nachtſack und zwei Pakete zuwarf,„und ſage dieſem nichtsthneriſchen Schlingel, e ſolle das Pferd halten, bis ich das Feleiſen herunter habe.“ Bei der Stimme ſeiner Pflegemutter erſchien unſer Held. Es war nicht mehr der Knabe mit heiterer Miene, leichtem Herzen, deſſen fröhliches Lachen die Abweſenheit jeden Kummers und jeder Sorge ankündigte, den wir zu Anfang unſeren Leſern vor⸗ geſtellt haben; er ſchien trübſinnig und niederge⸗ ſchlagen, ſeine Züge waren ſcharf ausgeprägt worden, ſeine Wangen eingefallen und bleich, was ſeine Au⸗ gen noch größer erſcheinen ließ. Er trat, ohne ein Wort zu ſagen, heran und ergriff die Zügel. „Hum!“ ließ Sara Corner übler Laune hören. Martha wagte nichts darauf zu entgegnen, aus Furcht, dem Knaben Scheltworte oder ſogar Schläge zuzuziehen. 2 Als alles Gepäck von dem Cariol herunterge⸗ nommen war, erhielt Dick Befehl, es unter den Schuppen zu führen und das Pferd in den Stall zu bringen. Martha hatte ihr Möglichſtes gethan, ihre Schwä⸗ gerin feſtlich zu empfangen. Der Tiſch war ſauber gedeckt und die Gäſte, unter denen ſich auch Patience befand, nahmen daran Platz. „Du haſt doch das Hafermehl nicht vergeſſen, Sara?“ ſagte ihr Bruder. „Gewiß nicht!“ antwortete ſeine Schweſter ſcharf. „Ich vergeſſe nie etwas. Bildeſt Du Dir ein, ich ſei zwanzig Jahre Hoſpitalmutter geweſen, ohne einen Erfolg für mein Gedächtniß?“ Sie zeigte mit dem Finger auf einen Sack, der 149 mit ihren übrigen Effecten in einer Ecke des Zim⸗ mers lag. Martha fragte ſich ganz leiſe, wozu ſo viel Hafermehl anſchaffen. Patience wußte es wohl! aber ſie war auch in einem Armenhauſe erzogen worden „Die Butter iſt nicht ſchlecht,“ ſagte Sara.„Ma⸗ chen Sie ſelbſt dieſelbe, Madame?“ „Nein.“ „Mein Bruder hat mir doch geſagt, daß Sie eine Kuh haben.“ „Sie vergeſſen, daß ich Kinder zu verpflegen habe,“ antwortete ihre Schwägerin mit erzwungenem Lächeln. Die Ex⸗Mutter ſchlug erſtaunt ihre Augen zum Himmel auf. „Welche Verſchwendung!“ rief ſie;„Milch und ſüße Milch, ja noch mehr für die Kinder! Cs wundert mich nicht mehr, daß Amen halb ruinirt iſt. Welche klägliche Wirthſchaft! Wiſſen Sie, daß Sie wenigſtens zwölf Pfund Butter alle Wochen nach Newark ſchicken ſollten?“ „Ich glaubte, daß die Milch für die Kinder gut ſei,“ ſagte Martha ſanft. „Das iſt wahr von abgerahmter Milch und Buttermilch„ wenigſtens ſo lang man nicht Schweine aufzieht; denn in dieſem Fall wäre es eine ſtrafbare Verſchwendung, ſie den Kindern zu geben. Aber ich werde ihnen morgen ihr Frühſtück reichen.“ Meine Schweſter wird Dich jedes Geſchäfts überheben, Frau,“ ſetzte Amen kalt hinzu.„Es wird Dir genug mit Beſorgung der Wäſche und der kleinen häuslichen Arbeiten zu thun bleiben.“ Martha ſchien wie vom Donner gerührt. „Meiner Treu!“ rief Patience,„darauf war ich nicht gefaßt.“ „Ich vermuthe, Madame,“ fuhr Miß Corner fort,„daß Sie den Kindern nie das Brod zu⸗ wägen?“ „Nis.“ „Wie ich dachke!“ Und die liebenswürdige Schwägerin warf ihrem Bruder einen triumphirenden Blick zu. „Auch das Fleiſch nicht?“ „Nein.“ „Armer Amen! ich bin erſtaunt, daß Du noch nicht an den Bettelſtab gebracht biſt.“ WMr. Corner fing an, ſeine Frau ſehr ſchuldig gegen ihn zu finden, und dankte der Vorſehung, daß ſie ihm ſeine Schweſter zum Beiſtand geſchickt hatte. Es iſt noch beizufügen, daß einige hundert Pfund, die ſie erſpart hatte, und die Penſion, die ſie für ihre langen und eifrigen Dienſte genoß, viel zu der Achtung, welche ſie ihm einflößte, beitrugen. Am nächſten Morgen erhob ſich Sara mit dem Hahnenſchrei, entzückt von dem Gedanken, daß ihre Talente nicht ganz vergraben werden ſollten. Hätte. ſie nicht etwas zu regieren, oder vielmehr zu tyran⸗ niſiren gehabt, ſie wäre vor Langeweile geſtorben. Es ſchien ihr, die Vorſehung habe ſie ihre Schwäge⸗ rin und deren Penſionäre auf ihrem Wege finden laſſen, um ihre Thätigkeit vor dem Verroſten zu ſchützen. Der große eiſerne Topf wurde zur Hälfte — . 151 mit Waſſer gefüllt, an's Feuer geſetzt und der Sack mit Hafermehl aus dem Winkel geholt. Die Kin⸗ der, die ſie bereits gewaſchen hatte, ſaßen am Tiſche, mit dem Befehl, ſich nicht zu rühren. Als das Waſſer zu ſieden begann, warf ſie eine Handvoll Mehl hinein, hernach eine zweite, eine dritte, eine vierte, ohne Unterlaß die Kraftfuppe mit dem Löffel umrührend, bis ſie die gewünſchte Con⸗ ſiſtenz erhalten hatte. „He, Mädchen,“ ſagte ſie zu Patience,„vühren Sie gut um, während ich das Brod wägen will.“ Es waren im Ganzen fünf Kinder; ſie wog zehn Unzen Brod ab, die ſie in fünf Stücke zerſchnitt. Wie unſere Leſer ſich denken können, waren dieſe Stücke ſehr winzig. „Nun, Schweſter,“ ſagte Amen, in das Zimmen tretend,„iſt es fertig?“ „Ohne Zweifel,“ erwiderte die alte Jungfer ſcharf, „willſt Du koſten?“ Dieſes Anerbieten wurde trocken abgelehnt. „Dann hilf mir,“ ſetzte ſie hinzu. Der Inhalt des Hafens wurde in eine große hölzerne Schüſſel ausgeleert, ein Stückchen Brod vor jedes Kind hingelegt und ein Löffelvoll Suppe auf jeden Teller gemeſſen. Patience konnte nur mit Mühe ihren Unwillen zurückhalten. Es erinnerte ſie an die Tage ihrer Kindheit. Wie ſie ſich gerade hinter der Ermutter befand, drohte ſie derſelben unwillkürlich mit geball⸗ ter Fauſt. Die kleine Annette war die erſte, welche dieſen Brei koſtete. Dick blies noch immer an dem ſei⸗ 152 nigen, um ihn abzukühlen. Beim erſten Mundvoll ließ das Kind den Löffel fallen und ſagte, es ſey nicht gut. Eine Ohrfeige diente ſtatt der Antwort. Die Augen unſeres Helden ſchoßen Blitze; aber die klei⸗ nen, grauen, kalten und drohenden Augen von Amen Corner waren auf ihn gerichtet und er ſchwieg ſtill. „Das iſt nicht gut, wirklich!“ riéf der Räuber, „nach der Mühe, die man ſich damit gegeben hat. Und Du, Sohn eines Bettlers, Du wirſt es ver⸗ muthlich auch nicht gut finden.“ Dick begann ruhig ſeine Portion zu eſſen, eine Unterwerfung, welche dem kleinen Tyrannen nur zuwider war, weil ſie ihm jede Veranlaſſung, ihn zu ſchlagen, benahm. Martha verließ, als ſie Annette weinen hörte, die Arbeit, womit ſie im nächſten Zimmer, das man mit dem Namen Salon beehrt hatte und die Kinder ⸗ nicht betreten durften, beſchäftigt war, um ſich nach der Urſache ihres Leids zu erkundigen. Aber ſie brauchte nicht zu fragen, denn die Spuren von der Hand des Unmenſchen zeigten ſich auf der zarten Wange des kleinen Mädchens. 6 „Amen, Amen!“ rief ſeine Frau bitter,„haſt Du mir das verſprochen?“ „Beſchäftige Dich mit dem, was Deines Amtes iſt, ſonſt wird die Reihe gleich an Dich kommen!“ „Nun, das wäre mir hundertmal lieber, als ſehen zu müſſen, wie dieſe armen Kinder mißhan⸗ delt werden.“„ „Mißhandeln, wahrhaftig!“ rief die Schwägerin, „ein ſchönes Wort auf eine gerechte Züchtigung an⸗ 153 gewendet, welche dieſem boshaften kleinen Leckermaul zu Theil geworden iſt.“ „Ich werde es nicht dulden,“ fügte die unglück⸗ liche Martha in Thränen ausbrechend hinzu. „Wirklich?“ fragte ihr Mann in ſpöttiſchem Ton, wie willſt Du das denn angreifen?“ „Soll ich es Euch ſagen, Martha?“ fragte eine kreiſchende Stimme. Alle, die ſich in der Küche befanden, wandten ſich gegen das offene Fenſter, wo ſich das runzelige Geſicht von Nan Willis zeigte, welche dieſe Scene neugierig betrachtete. Die Alte war über einen Monat fort geweſen; Niemand konnte ſagen, wo ſie dieſe Zeit zugebracht hatte, warum ſie verreist, noch wann ſie wieder zurückgekehrt war. Amen ſchmeichelte ſich heimlich, daß ſie geſtorben oder für immer ver⸗ ſchwunden ſei. WVer iſt dieſe Hexe?“ fragte Sara Corner. „Still!“ murmelte ihr Bruder zwiſchen den Zäh⸗ nen,„beleidige ſie nicht.“ Aber die feinen Ohren von Nan hatten das ver⸗ letzende Wort aufgefaßt, und ſie ſchien darüber aus⸗ nehmend ergötzt. „Here!“ wiederholte ſie mehrmals,„Hexe! Es ſchickt ſich für Euch, denen Beleidigungen zu ſagen, die mehr werth ſind, als Ihr.“ „Mehr werth als ich!“ wiederholte die alte Jungſer, indem ſie gereizt den Kopf emporhob. Selbſt wenn ich abgelebt, blind, gelähmt wäre,“ erwiderte Nan,„wäre ich noch beſſer als Ihr, denn ich habe noch nie einem menſchlichen Geſchöpf Böſes gethan.. ohne Grund wenigſtens,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu.„Wenn die Milch menſch⸗ licher Güte in meinem Buſen vertrocknet iſt, ſo ſind die Ungerechtigkeiten der Welt daran ſchuld, während ſie bei Euch durch das Gift Eures boshaften Herzens geronnen iſt.“ Nie, ſo lang ſie auf der Welt war, hatte man mit der Er⸗Hoſpitalmutter in dieſem Tone geſprochen. Kaum verſtand ſie dieſe Worte; ſie glaubte zu träu⸗ men; ſie wußte nichts zu antworten, denn die Schelt⸗ worte von Nan klangen in ihren Ohren wie etwas Uebernatürliches. „Das Alles kommt nur von dieſem kleinen Schlingel her,“ ſagte Amen, auf unſern Helden zeigend.„Meine Frau will ihn behalten. Sie hat, ſeit er unter ihrem Dache iſt, noch keinen Penny für ihn bekommen; er ißt nichts als das Brod der Faulheit und des Almoſens.“ „Es iſt der Sohn meines Bruders,“ rief Martha, „und Georg iſt immer gegen mich ein guter Bruder geweſen.“ Dick verließ ruhig ſeinen Sitz und wandte ſich entſchloſſen gegen die Thüre. Er wagte nicht, es zu einer Antwort kommen zu laſſen, aus Furcht, ſein kleines Herz möchte ihm zerreißen. „Wohin will dieſer kleine Wicht?“ fragte Sara ſcharf. „Gleichviel, wenn nur weit weg von hier,“ ant⸗ wortete der Knabe,„ich will nicht mehr von ſeinem Brode eſſen.“ „Achte nicht auf ihn, Dick,“ fiel Nan ein,„es iſt Dein eigenes Brod, das Du iſſeſt, und Amen weiß es wohl. Das Haus, unter dem Du weilſt, 15⁵ gehört mehr Dein, als ihm; denn es iſt Dei⸗ nem Vater, Georg Chaſon, ſo gut, wie ſeiner Schwe⸗ ſter gegeben worden. So laß ihn nur Dich fort⸗ jagen, wenn er es wagt!.. WMartha, Martha!“ ſetzte ſie hinzu,„meine Abweſenheit hat auf Euch mehr Kummer fallen laſſen, als ich meinem grau⸗ ſamſten Feinde wünſchen möchte. Warum habt Ihr dieſen ſchlechten Menſchen geheirathet?“ „Nicht ſo ſchlecht, als Ihr glaubt,“ erwiderte der Kirchſpieiſchreiber, bemüht, eine liebenswürdige Miene anzunehmen,„ich habe vielleicht eine etwas wunder⸗ liche Gemüthsart, aber mein Herz iſt am rechten Platz. Ich werde ein guter Gatte für Martha ſein, wenn die Freunde ſich nicht in unſere Angelegen⸗ heiten miſchen.“ „Haltet Euer Wort, Amen Corner,“ rief Nan, ihm mit ihrer Krücke drohend,„oder ich werde das meinige halten. Wenn er Euch mißhandelt, Martha, wenn er noch einmal fragt, wie Ihr es anſtellen ſollt, ſo kommt nur zu mir, und ich will es Euch ſagen.“ Mit dieſen Worten ſchloß ſie das Fenſter und kehrte nach ihrem Häuschen zurück. „Ich werde nicht eher Ruhe haben, als bis dieſe Grabe iſt,“ ſprach der Kirchſpielſchreiber bei ſich. Aber die alte Nan ſollte noch nicht ſterben, und wir hoffen, es wird unſern Leſern nicht leid ſein, noch ein wenig mehr von ihr zu erfahren. . 156 Neuntes Kapitel. Die Rückkehr von Nan Willis nach Crowshall verhinderte ziemlich geraume Zeit Amen Corner, den ſchwachen und unſchuldigen Gegenſtand ſeines Haſſes zu mißhandeln. Die Alte konnte ihm offenbar irgend⸗ wie beikommen, denn er fürchtete ſich, ſie zu beleidi⸗ gen, ſo wahr iſt es, daß unſere vergangenen Miſſe⸗ thaten ſich wie anklagende Geſpenſter gegen uns er⸗ heben, um uns zu warnen oder zu beſtrafen, wenn wir es am wenigſten erwarten, ihnen gegenüber ge⸗ ſtellt zu werden. Es iſt ein Zweck in Allem, was die Vorſehung 3 geſtattet, und trotz aller Bemühungen des Schuldi⸗ gen zieht ſich der Ring, den ſeine Verbrechen um ihn gelegt haben, anfangs geſchmeidig, nach und nach zuſammen, wird mit der Zeit ſtarr, verhärtet ſich und endigt damit, ihn zu beengen und zu zer⸗ drücken. Ohne Nan wäre er glücklich geweſen, ver⸗ gleichungsweiſe wenigſtens. Sie legte ſeiner Bru⸗ talität einen Zaum an, nicht allein gegenüber ſeiner Frau, die er ſo grauſam betrogen hatte, ſondern auch gegenüber von Dick, dem Gegenſtand 6 Sorgen und der Zärtlichteit Martha's, deſſen Geiſt ſich gegen die Niederträchtigkeit ihres Unterdrückers empörte. Die Inſtincte der Kindheit ſind immer gut. Wie ſchade, daß die ſchwere Schule der Welt ſie verder⸗ ben ſoll! Wird ſie auch die unſeres Helden ver⸗ derben? Die Zeit wird es lehren. Unſere Leſer ———— 157 ſehen bereits, daß er nicht beſtimmt war, ein Leben frei von Prüfungen zu führen. Verſchieden und zahlreich waren die Plane, welche Amen in ſeinem Geiſte erwog, um ſich Nan's zu ent⸗ ledigen. Der Gedanke an Gewalt drängte ſich ihm mehr als einmal auf, wurde aber ebenſo oft ver⸗ worfen, denn er war einer von jenen Schurken mit kaltem Kopf, welche die Folgen des Verbrechens be⸗ rechnen, obgleich ſie deſſen Abſcheulichkeit ſelten in Betracht ziehen. Oft hörte Martha ihn im Schlafe den Namen des Gegenſtandes ſeines Schreckens, be⸗ gleitet von einer bittern Schmähung, murmeln. Sie zitterte, aber wagte nie, ihn darauf aufmerkſam zu machen, wenn er erwacht war, denn das Vertrauen, das ohne Rechtlichkeit nicht beſtehen kann, war zwi⸗ ſchen ihnen gebrochen. Sie bedauerte dieſe unglück⸗ ſelige Heirath bitter, aber ebenſo ſehr um Dicks, als um ihrer ſelbſt willen. Der Kirchſpielſchreiber ſaß übel gelaunt im Sa⸗ lon ſeines Häuschens, während ſeine Schweſter Sara den Thee bereitete, denn ſie hatte ſich der ganzen Leitung des kleinen Haushalts bemächtigt, als Pa⸗ tience an die Thüre klopfte. Das Mädchen war ſeit einigen Wochen dazu angehalten, Alles in der Aufgehenden Sonne zu thun. WMartha, welche am Fenſter nähte, erhob die Augen und erkannte ihre alte Hausgenoſſin, wagte aber nicht, ſie eintreten zu heißen, aus Furcht, einen Sturm hervorzurufen. „Was will ſie?“ frägte ihr Mann, der, was er die guten Dienſte von Patience nannte, während er Martha den Hof machte, nicht vergeſſen hatte, Miß Corner ſchien gleichfalls unzufrieden. Auch ſie hatte einen Widerwillen gegen das ehrliche und einfache Mädchen gefaßt. „Kannſt Du nicht das Fenſter öffnen?“ ſagte Amen zu ſeiner Frau.„Frage ſie, was ſie her⸗ führt Die gehorſame Gattin vollzog ſeinen Befehl. „Ich komme nicht Vergnügens halber, das kann ich Deinem Manne wohl ſagen,“ antwortete Pa⸗ tience im Tone des Unwillens,„er braucht nicht zu beſorgen, daß ich ihm oft ſtöre; ich bin geſchickt.“ „Und von wem?“ „Von einem Reiſenden, der eine Woche in der Aufgehenden Sonne bleiben will. Er iſt neugierig, die alte Kirche und Anderes dergleichen zu ſehen. Ich habe ihm geſagt, daß Du eine plumpe Kröte ſeieſt, und Deine Schweſter noch ſchlimmer, aber er verlangt nach Dir und nicht nach Ricolas.“ „Danke,“ ſagte Amen verdrießlich. „Ganz zu Dienſten,“ ſetzte die Botin hinzu, welcher die Vorſtellung, ihn geärgert zu haben, lau⸗ tes Lachen erregte.„Ich ſchenke Dir gern Alles, was Du mir ſchuldig biſt.“ Die Ex⸗Hoſpitalmutter hielt ſich für eine viel zu erlauchte Perſon, um auf dieſe Bemerkung an⸗ ders als mit einem verachtungsvollen Kopfſchütteln und mit dem Wort Creatur, das ſie zwiſchen den Zähnen murmelte, zu antworten. „Wie geht es Dir, Martha?“ fragte Patience mit theilnehmendem Ton.„Aber ich brauche dieſe Frage nicht zu machen: Deine Wangen werden ma ger und überziehen ſich mit tödtlicher Bläſſe, und Deine Augen ſind bald ſo trübe wie das Gewiſſen Deines Mannes. Eines von beiden war ſchon ge⸗ nug,“ ſetzte ſie, Bruder und Schweſter einen zorni⸗ gen Blick zuwerfend, hinzu,„die beiden zuſammen werden Dich ganz gewiß umbringen.“ „Wollt Ihr aus meinem Garten gehen, oder ſoll ich Euch hinauswerfen?“ brüllte Amen. „Deinem Garten!“ wiederholte Patience, die ein Vergnügen daran zu finden ſchien, ihm zu wider⸗ ſprechen.„Ich glaubte, der Garten gehöre dem klei⸗ nen Dick, die alte Nan hat es geſagt.“ Der Kirchſpielſchreiber fing an, vor Wuth zu toben. „Gehe, Patience,“ ſagte Martha, welche zum erſten Mal ein Wort wagte;„die groben Worte werden weder dem Knaben noch mir Gutes bringen.“ „Ich gehe,“ erwiderte die Botin,„aber ich muß zuvor eine Antwort für den Fremden haben.“ „Ich kenne ihn nicht und werde zu Hauſe blei⸗ ben,“ rief Corner mißmuthig. „Aber er kennt Dich,“ entgegnete das Mädchen lächelnd.„Wäreſt Du ihm zum Malen geſeſſen, er hätte Dich nicht beſſer treffen können. Er fragte, ob Du nicht ein Mann von heuchleriſcher Miene wäreſt, dieß iſt das Wort, deſſen er ſich be⸗ dient hat, mit kleinen, grauen Augen, wie denen eines Wieſels, und Augbraunen gleich zwei ſchwarzen, darüber hinkriechenden Schnecken. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, denn Du warſt es ganz leibhaftig.“ Dieſe neuen Details brachten den Kirchſpielſchrei⸗ ber zur Ueberlegung. Ein Fremder, der ihn offen⸗ bar kannte, war etwas ganz Anderes, als ein Rei⸗ 160 ſender, der neugierig war, die Kirche zu ſehen. Nach⸗ dem er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, hieß er mür⸗ riſch Patience ausrichten, er werde in einer Stunde in der Aufgehenden Sonne ſein, und ſie entfernte ſich mit dieſer Antwort. Während ſie den grünenden Pfad hinabwandelte, begegnete ſie Dick, den man abgeſchickt hatte, Amens Pferd auf der Gemeindewaide zu holen. Das mit⸗ leidige Geſchöpf wurde über die traurige Verände⸗ rung betroffen, welche nicht allein mit dem Geſicht, ſondern mit der ganzen Perſon des Knaben vor⸗ gegangen war. Seine ſonſt ſo glücklichen Züge waren ſpitzig und kummervoll geworden. Er ſchien um einige Jahre älter als er war, wie wenn ſein Wachsthum plötzlich aufgehalten worden wäre. Seine Kleider waren auch in ſchlechtem Zuſtand und ſeine Schuhe an den Seiten zerriſſen.. S „Wie traurig Du verändert biſt, Kleiner!“ rief ſie, ihn in die Arme nehmend und küſſend, denn die kindlichen und verführeriſchen Manieren und der liebevolle Charakter Dicks hatten ihr denſelben das Jahr über, das ſie in der Hütte ſeiner Pflegemutter zubrachte, lieb gemacht. Es liegt etwas Elektriſches in der Sympathie einer Stimme oder eines Blicks, welche die Quellen des Herzens öffnet und ſüße Bande und ſüße Erin⸗ nerungen zurückruft, wie die Noten eines längſt ver⸗ geſſenen Liedes. Einige Augenblicke kämpfte der arme Kleine tapfer gegen die Empfindungen, welche die freundlichen Worte von Patience geweckt hatten. Vielleicht hielt er es eines Mannes für unwürdig zu weinen, aber die Natur war ſtärker, als der Ent⸗ 161 ſchluß, und Schluchzen erſtickte ſeine Stimme, als er ihr antworten wollte. „Der Unmenſch,“ murmelte Patience, von ſei⸗ nem Verfolger ſprechend,„ſchlägt er Dich, Dick?“ „Nicht im Hauſe, aber im Stall.“ „Und Martha weiß es?“ „Nein,“ antwortete er entſchloſſen,„und ſage es ihr nicht, Patience, ſie kann es nicht hindern. Er ſchlägt ſie auch,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu. „Warum bin ich nicht reich?“ ſagte das Mäd⸗ chen,„ich würde Dich auf der Stelle ſeinen Griffen entreißen. Aber achte nicht darauf, Dick, ertrage es tapfer. Du wirſt eines Tags ein Mann werden, und dann kannſt Du dem alten Böſewicht die alten Schulden bezahlen.“ „Und für die Mutter arbeiten,“ rief unſer Held, während ein Lächeln durch ſeine Thränen ſchimmerte. „Ich werde ihn in Stücke reißen, wenn ich ſtark genug bin.“ „Und das wird gut gethan ſein,“ ſagte Patience mit einem Blick der Bewunderung für das, was ſie als eine ſehr löbliche Stimmung betrachtete.„Wie ſchade, daß Du noch nicht alt genug biſt!“ Sie fuhr mit der Hand in ihre große Taſche und holte eine kleine lederne Börſe hervor. Daraus nahm ſie einen Schilling, wahrſcheinlich den einzi⸗ gen, den ſie beſaß. „Nimm, Dick, mein Junge,“ ſagte ſie, ihm den⸗ ſelben in die Hand ſteckend,„kaufe Dir Kuchen; Du ſiehſt aus, als ob Du einen leeren Magen hätteſt und Hunger litteſt.“. „Ich kümmere mich nicht um Kuchen,“ antwor⸗ Das Erbe. „ 162 tete der Knabe, dem es widerſtrebte, den Schilling zu nehmen.. „Alſo Spielſachen!“ „Auch Spielſachen nicht mehr,“ ſetzte unſer Held hinzu. Er hatte Recht: was ſollte der mit Spielzeug thun, deſſen Kindheit, trotz ſeines jungen Alters, ſchon vergangen war und deſſen Augen ſich ſchon das düſtere Geſpenſt der Wirklichkeit mit allen ſei⸗ nen gräßlichen Schreckniſſen vorgeſtellt hatte! „Wenn Du ihn nicht nimmſt,“ rief das treffliche Mädchen,„ſo werfe ich ihn in den Graben. Du kannſt damit anfangen, was Du willſt, und mir ihn zurückgeben, wenn Du groß geworden biſt, er kann Dir vielleicht nützlich ſein.“ Dicks Augen glänzten vor Hoffnung, und er nahm das Geldſtück an, einen unentbehrlichen Ge⸗ genſtand, im Fall er den Plan, worüber er nachge⸗ dacht hatte, ausführen könnte. „Ich werde es zurückgeben, Patience, wenn mir Gott das Leben ſchenkt,“ ſagte er,„und danke Dir.“ 8„So iſt's recht,“ erwiderte ſie mit einer Miene der Zufriedenheit,„und jetzt muß ich fort, denn Mrs. Bunce iſt eine wahre Tartarin. Alle ihre Katzen müſſen Mäuſe fangen, oder wehe ihnen; und doch bereitet ſie denſelben ein trauriges Leben, aber hat wenig für mich zu ſagen, iſt immer beſſer als das Armenhaus.“ Mit dieſer tröſtlichen Betrachtung trennten ſie ſich; unſer Held begab ſich wieder nach dem gefürch⸗ teten Hauſe, Patience kehrte zu ihrer Megäre von Gebieterin zurück, Während Amen Corner, nachdem er mit ſeinem Thee ſertig war, ſeine Schritte dem Dorfwirthshaus zuwandte, überließ er ſich einer Menge Vermuthun⸗ gen über den Fremden, der ein ſo maleriſches Por⸗ trait von ihm entworfen hatte. „Wüßte ich ſeine Abſichten, ſo könnte ich,“ dachte er,„gegen ein Zuſammentreffen, das vielleicht mit Verlegenheiten verknüpft iſt, mich bewaffnen und ſchützen.“ Aber alle ſeine Speculationen waren vergeblich, oder vielmehr er machte deren ſo viele, daß er nicht wußte, woran er ſich halten ſollte. In dieſer Ge⸗ müthsſtimmung kam er ungefähr eine halbe Stunde nach der Rückkehr von Patience in der Aufgehenden Sonne an. „Guten Abend, Mrs. Bunce,“ ſagte er, hinter den Schenktiſch tretend, denn er genoß gewiſſer Pri⸗ vilegien.„Es iſt ein Herr da, ſagt man, der mich ſprechen will.“ „Ja, ja.“ „Kennen Sie ſeinen Namen?“ „Nicht genau,“ antwortete die Wirthin, ziemlich geärgert, ſeine Neugierde über dieſen Gegenſtand nicht befriedigen zu können.„Aber es iſt ein Gentleman, ein wahrer Gentleman! Er iſt ſo artig und ſpricht ſo gut... Er ſieht aus wie ein Geiſtlicher.“ „Ein Geiſtlicher!“ wiederholte der Kirchſpielſchrei⸗ ber ganz leiſe, unruhiger als je. Er iſt dioben in dem Speiſeſaal; Jane kann Sie hinaufführen.“ Jane war die Nichte der Wirthin, ein großes, 164 4 mageres Mädchen, mit ausnehmend gemeinem Ge⸗ ſichte und der Tante ſo ähnlich, daß die, welche von dem zwiſchen ihnen beſtehenden Grad der Verwandt⸗ ſchaft nicht unterrichtet waren, ſie gewöhnlich für Mutter und Tochter nahmen. Es war das einzige Geſchöpf in der Welt, für welches Mrs. Bunce einen Gran von Zuneigung zu hegen ſchien, und Jane erwiderte dieſelbe ganz paſſend damit, daß ſie ihre griesgrämige Tante in ihrer unruhigen, argwöhni⸗ ſchen, reizbaren Gemüthsſtimmung, in der Tyrannei, die ſie auf ihrem armen, kleinen Mann laſten ließ, in der Miene der Unzufriedenheit, die ſie gegen alle Welt annahm, nachahmte. Um gegen die Jungfer gerecht zu ſein, muß man geſtehen, daß es ihr in Betracht ihrer Jugend merk⸗ würdig mit ihren lobenswerthen Beſtrebungen ge⸗ lang, ſo ſehr, daß es ſchwer geweſen wäre zu ent⸗ ſcheiden, welche von beiden friedſichen Wirthe mehr Furcht einflößte. Doch tragen wir, im Ver⸗ trauen zwiſchen unſern Leſern und uns geſagt, kein Bedenken zu erklären, daß unſerer Anſicht nach Mr. Bunce vor Allem ſeine Frau fürchtete. „Ich darf mir nicht geſtatten, Miß Jane zu be⸗ läſtigen,“ erwiderte Mr. Corner in Antwort auf die⸗ 6 ſes Anerbieten. † „Wo iſt denn dieſer faule Schmutznickel von Pa⸗ tience?“ rief Mrs. Bunce. „O ja, faul, meine liebe Frau,“ ſagte Amen, darauf bedacht, dem armen und fleißigen Mädchen einen ſchlimmen Streich zu ſpielen,„Sie werden ſich eines Tags davon überzeugen. Aber laſſen Sie ſich 165 nicht ſtören, ich bitte Sie, ich kenne den Weg,“ ſetzte er, den Schenktiſch verlaſſend, hinzu. Die Wirthin und ihre liebenswürdige Nichte waren beide der Anſicht, doß der Gerichtsſchreiber ein ſehr höfliches Benehmen habe. Die erſte war entzückt zu ſehen, daß er ſich mit ihr vereinigte, die arme und geduldige Sclavin, welche ſie ihre Magd nannte, zu ſchelten, die zweite, ſich Miß Jane, worauf ſie viel hielt, nennen zu hören. Die meiſten der alten Gäſte, welche ſie von Kindheit an kannten, fuhren zu ihrem Verdruß fort, ſie kurzweg Jane zu nennen; aber ſie rächte ſich an dieſen Unverſchämten dadurch, daß ſie ihren Grog ausnehmend ſchwach machte, wenn ſie dieſe Miſchung zu vollziehen hatte. Wenn Amen Corner darauf beſtanden hatte, ſich ohne Führer zu dem Fremden, der ihn gerufen, zu begeben, ſo war dieß nicht abſolut aus Höf⸗ lichkeit geſchehen, er hatte ſo gut ſeine Neugierde zu befriedigen, als eine gewiſſe vage Unruhe nieder⸗ zuſchlagen. So näherte er ſich alſo der Thüre des Speiſeſaals mit einem Schritt, der auf dem Gang nicht das mindeſte Geräuſch verurſachte, und hielt an das Schlüſſelloch jene kleinen, grauen Wieſel⸗ Augen, von denen Patience geſprochen hatte. Er fühlte ſich zugleich überraſcht und erleichtert, als er einen Mann erblickte, der ihm volltommen fremd war und den er ſich in ſeinem Leben nie ge⸗ ſehen zu haben erinnerte. „Was Teufel macht er?“ fragte ſich der Ge⸗ richtsſchreiber. Dieſe Frage war nicht ohne Grund. Aber er begriff bald und bewunderte die ausnehmende Ge⸗ 166 ſchicklichkeit, womit der artige und diſtinguirte Gaſt von Mrs. Bunce es dahin brachte, einen Brief umzukehren, wie man einen Aermel umdreht, und ſich von dem Inhalt Kenntniß zu verſchaffen. Wäre er in der Verwaltung der Poſten unter Sir James Graham angeſtellt geweſen, er hätte ſich dieſer Aufgabe nicht mit größerer Leichtigkeit entledigen können. Amen klopfte leiſe an die Thüre, immer das Auge an das Schlüſſelloch geheftet, und ſah, wie der Fremde in aller Eile den Brief unter das Kiſſen eines alten Fauteuils Aebem dem Kamin ſteckte. Er klopfte zum zweiten Mal. „Herein,“ ertönte eine ernſte und ſanfte Stimme. Amen öffnete die Zimmerthüre.„ Selbſt fein, konnte er ſich nicht enthalten, die Feinheit an einem Andern zu bewundern. Es war eine wahre Freude, die Leichtigkeit zu ſehen, womit der Fremde ſich auf einen Stuhl geworfen und eine Zeitung ergriffen hatte. Im erſten Augenblick hatte er ſich am Tiſch gehalten. Für die Augen eines Kenners, wie Amen, war es ein Gemälde, das von einem großen Maler kopirt zu werden verdiente. „Sie haben den Wunſch ausgedrückt, mich zu ſehen, glaube ich, Sir?“ ſagte er.„ Der Fremde betrachtete ihn einen Augenblick feſt. Da vergleicht er mich mit ſeinem Signalement, dachte der Gerichtsſchreiber. „Ja, Sie müſſen mein Mann ſein,“ antwortete der Unbekannte, Name iſt Corner?“ „Amen Corner, Ihnen zu dienen!“ „Nehmen Sie Platz.“ 8 Der Kirchſpielſchreiber nahm ſehr utt von 167 dem Fauteuil, unter deſſen Kiſſen der Brief ver⸗ borgen war, zog ſein Taſchentuch und ließ es, nach⸗ dem er ſich die Stirne abgewiſcht hatte, nachläſſig auf ſeine Kniee fallen. „Genau die Art von Perſon, die ich zu finden erwartete,“ fuhr der Unbekannte fort.„Sie haben das Ausſehen eines würdigen, discreten und treuen Mannes; außerdem hat mir mein Freund, Roderich Haſtings, geſagt, daß ich Ihnen vertrauen könne.“ „Ah! Mr. Roderich Haſtings hat Ihner geſagt, daß Sie mir vertrauen können!“ wiederholte der Gerichtsſchreiber, jedes Wort betonend. „Ja „Nun, Sir, er kennt mich, und ich vermuthe, daß er Sie kennt,“ erwiderte Amen mit ruhigem Lächeln.„Womit kann ich Ihnen dienen?“ „Damit, daß Sie mir einige Fragen beantwor⸗ ten, das iſt Alles wenigſtens für den Au⸗ genblick.“ „Welches ſind ſie? Aber zuvor, da Sie meinen Namen wiſſen, würde es gut ſein, wenn ich auch von dem Ihrigen unterrichtet würde.“ „Gewiß, ich heiße Charles.“ „Charles, wie?“ „Mr. Charles; ich habe keinen andern Namen.“ „Das iſt eine Lüge,“ dachte der hämiſche Mr. Corner,— und er beſchloß auf der Hut zu ſein. „Ich wünſche,“ erwiderte Mr. Charles,„mit Doctor Gorè, dem Rector von Crowshall, Bekannt⸗ ſchaft zu machen, aber auf eine Weiſe, daß es als ein Werk des Zufalls erſcheint; Sie verſtehen mich?“ „Ich glaube, ja.“ 168 „Können Sie mir dazu behülflich ſein?“ „Das kommt auf die Umſtände an.“ „Ohne Zweifel,“ fiel Mr. Charles ein, oder viel⸗ mehr Charles Cuſack, denn wir thun ebenſo gut daran, unſere Leſer einer Identität zu vergewiſſern, die ſie wahrſcheinlich bereits ſchon ahnen,„es iſt nicht anzunehmen, daß eine Perſon von Ihrer Ein⸗ ſicht und Stellung den Dienſt, den ich begehre, ohne eine Setecht Belohnung erweist.“ Das wäre nicht vernünftig, Sir.“ „Gewiß nicht, und wenn Sie finden, daß zwan— zig Guineen für dieſen erſten Dienſt genug ſind, ſo ſtelle ich Sie zu Ihrer Verfügung.“ Die kleinen, grauen Augen des Kirchſpielſchrei⸗ bers funkelten bei dieſem Anerbieten, das er als ſehr vernünftig erkannte. „Ich habe es gefunden!“ rief er nach einer augenblicklichen Ueberlegung.„Wiſſen Sie etwas von alten Abteien und von Gerümpel, das mam oft darin ausgräbt, wie mit Figuren verzierten Kupfer⸗ platten, antiken Ringen und Inſchriften, und haupt⸗ ſächlich Pergamentbüchern, von den Mönchen, glaube ich, geſchrieben und mit Malereien verziert?“ Mr. Charles, denn nur unter dieſem Namen war er ſeinem Gegenredner bekannt, verſicherte, daß ſeine Studien ihn mit Meßbüchern und Alterthümern bekannt gemacht haben. „In dieſem Fall,“ entgegnete Amen,„wird ſich die Sache leicht machen mit meiner Beihülfe, wohl verſtanden,“ ſetzte er fein hinzu,„und nicht ohne dieſe. Der Rector iſt in dergleichen Pin 5 vernarrt und hat ſo E in ſeiner vit ge⸗ ———— 169 ſammelt, daß man eine Ausſtellung davon machen könnte. Aber ehe ich Sie ihm in den Weg führe, möchte ich ſicher ſein, Sir, daß Sie aufrichtig mit mir handeln.“ Der Fremde ſtand auf, näherte ſich einem Tiſch am andern Ende des Zimmers, öffnete einen Nacht⸗ ſack und zog eine wohlgeſpickte Börſe heraus. Wäh⸗ rend er dabei Amen den Rücken wandte, benützte dieſer die günſtige Gelegenheit, nahm unter dem Kiſ⸗ ſen den Brief hervor, der ſeine Neugierde erregt hatte, und ließ ihn in ſeine Taſche gleiten. Als Mr. Charles ſich umdrehte, die Börſe in der Hand, ſaß Amen Corner bereits wieder ſo da, wie zuvor, ſein Taſchentuch auf den Knieen, die Miene ſo unſchuldig und ruhig als möglich. „Hier iſt die Hälfte der von mir genannten Summe,“ fuhr ſein neuer Bekannter fort, indem er ihm zehn Souverains in die Hand zählte,„als Bürgſchaft für den Reſt.“ Der Dieb lächelte vor Vergnügen. Er wäre in Verlegenheit geweſen, anzugeben, was ihm mehr Genugthuung verurſachte, daß er das Geld er⸗ hitt⸗ oder ſich ſo geſchickt des Briefs bemächtigt atte. „Gut, Sir,“ ſagte er;„jetzt, da ich Sie als einen Mann von Ehre kenne, dürfen Sie auf mich zählen. Es muß morgen um zwei Uhr ein Begräbniß ſein, und der Rector läßt gewiß die Leiche in die Kirche tragen, wiewohl es nur die eines Armen iſt. Es iſt nur um ſo einfältiger, meiner Meinung nach. Finden Sie ſich daſelbſt ein.“ „In der Kirche oder auf dem Kirchhof?“ 170 „In der Kirche,“ antwortete Amen Corner, „nahe bei einem alten Monument in der Nähe der Sacriſteithüre. Sie können ſich nicht irren: es iſt ein Mann in Waffenrüſtung, dem der Kopf und ein Bein fehlt. Ich habe einſt Doctor Gore und den alten Dechanten von Lincoln ſo lang darüber ſtrei⸗ ten hören, ob es das Monument eines Tempelritters wäre, oder nicht, daß ich glaubte, ſie würden in Zank darüber gerathen.“ „Und welches war des Rectors Meinung?“ „O, er behauptete ſteif und feſt, es wäre ein Tempelritter.“ Mr. Charles lächelte; mit dieſem Schlüſſel zum Charakter des würdigen Geiſtlichen fühlte er, daß es nicht ſehr ſchwierig wäre, ſeine Bekanntſchaft zu machen. „Kann ich noch etwas Anderes für Sie thun?“ fragte Amen Corner.. „Für den Augenblick nicht.“ „Vielleicht möchten Sie die Gruft beſuchen?“ erwiderte der Gerichtsſchreiber, einen Augenblick bei dem Wort möchten verweilend. „Nein; warum?“ „O, um nichts; manche Leute finden ſie intereſ⸗ ſant, das iſt Alles“ Aber der Fremde, der unter der Maske der Ein⸗ fachheit den feinen und ſcharfblickenden Mann ver⸗ barg, bemerkte, daß dieſe Frage nicht ſo gleichgültig war, als ſie ausſah; daß ſie gemacht wurde, um zu ſondiren, und er nahm in ſeinem Gedächtniß No tiz davon. Amen Corner emſpahl dem Freunde von Roderich . 171 Haſtings genau auf die gngegebene Stunde zu ach⸗ ten und ihm in Gegenwart des Rectors nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken,„denn,“ ſetzte er bitter hinzu,„ich bin nichts weniger als ſein Günſtling.“ Dann verabſchiedete er ſich von ihm. Ueberzeugt, daß das Verſchwinden des Briefs ſogleich entdeckt wurde, lief der Gerichtsſchreiber mehr als er ging, bis er den langen, grünen Fußpfad erdeicht hatte, der von der Aufgehenden Sonne nach ſeiner eigenen Wohnung führte. Plötzlich machte er Halt. Er fragte ſich, was geſchehen würde, wenn man ihn einholte. „Es iſt noch hell genug, um ihn zu leſen,“ mur⸗ melte er, den Brief aus der Taſche ziehend.„Wenn dieſes Individuum, das ſich Mr. Charles nennt, obwohl ich glaube, daß dieß ebenſo wenig ſein Name iſt, als der meinige, ihn mir entreißen wollte, ſo könnte er den Inhalt wenigſtens nicht aus mei⸗ nem Gedächtniß verwiſchen.“ Der Brief war an Mrs. Willis adreſſirt. Er durchlief ihn zweimal, und mit einer ſo ſicht⸗ baren Genugthuung, daß ſeine finſtern und heuch⸗ leriſchen Züge vor Freude völlig ſtrahlten. „Endlich habe ich der alten Hexe den Dolch ent⸗ wunden,“ rief er in triumphirendem Ton.„Keine groben WVorte, keine Drohungen mehr, oder wenn ſie wieder dazu kommt, kann ich Drohung gegen 3 Drohung, Leben gegen Leben ſetzen.“ Eine ſtarke Hand faßte ihn am Kragen, und er Brief wurde ihm heftig entriſſen. „Elender!“ rief Charles Cuſack, der ihn einge⸗ holt hatte. 8 172 „Das iſt ein garſtiges Wort, Sir,“ antwortete der entdeckte Dieb mit tückiſchem Ton,„aber wenn Sie mich damit meinen, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich es Ihnen nicht zurückgeben ſoll.“ „Unverſchämter!“. „Nun, wir machen ein Paar zuſammen,“ ent⸗ gegnete keck Amen Corner,„obwohl Sie vielleicht ein reicher Unverſchämter ſind, während ich ein. armer bin. Das heißt nun eine ſchöne Kamarad⸗ ſchaft, gegen Andere Schimpfreden auszuſtoßen. Was haben Sie mit dem Brief gethan, im Angenblick, da ich an Thüre klopfte? Soll ich es Ihnen ſagen? Sie haben ihn umgekehrt, wie ich, um ihn zu leſen. Und jetzt möchte ich wiſſen, wer von uns beiden der größte Elende iſt! Ich bin es nicht, dem der Brief anvertraut wurde,“ ſetzte er hinzu. Die Phyſiognomie des Gentlemans, denn Mr. Cuſack behauptete noch, wenigſtens nach ſeinen Em⸗ pfindungen, einiges Recht auf dieſen Titel, ging vom Purpurroth des Zorns bis zur aſchgrauen Bläſſe der entdeckten Gemeinheit über, und er blieb einige Augenblicke ſtumm und verwirrt, ohne ant⸗ worten zu können. „Ich werde mein Benehmen nicht vertheidigen,“ ſagte er, als er ſich von ſeiner Beſtürzung endlich erholt hatte,„und es iſt ein Glück für Sie, daß es dem Ihrigen zur Entſchuldigung dient. Es wär unnütz, Ihnen die Beweggründe zu erklär di mich getrieben haben, denn Sie könnten nicht begreifen. Es genügt mir zu wiſſen, nicht die einer gemeinen Neugierde oder elen winnſucht waren.“ 173 „Das beliebt Ihnen zu ſagen,“ antwortett Cor⸗ ner höhniſch.„Ich weiß, was Sie hierher führt.“ „Sie werden wohl daran thun, ſich zu erinnern, daß meine Worte die eines Mannes ſind, der noch nie ſeinem Verſprechen, ſei es in Gutem oder in ——— Böſem, untreu geworden iſt. Wenn Sie die ge⸗ ringſte Anſpielung irgend welcher Art in Bezug auf den Zweck meines Beſuchs an dieſem Orte machen, wenn Sie mir nicht treu ſind, ſo jage ich Ihnen eine Kugel mit ſo wenig Gewiſſensbiſſen durch den Kopf, wie einem wilden Thier, das mir über den Weg kommt.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Cuſack ſich um und ſchlug den Weg zur Aufgehenden Sonne ein. Die übernatürliche Ruhe, womit dieſe Drohung ausgeſprochen worden war, und die gänzliche Ab⸗ weſenheit jedes Anſcheins von Zorn, verfehlten nicht die gewohnte Wirkung auf das Nervenſyſtem von 2 r. Corner hervorzubringen, welcher wie die meiſten Großſprecher ein vollendeter Poltron war. Obwohl er argwohnen konnte, wußte er doch nichts Poſitives über die Abſichten des Fremden bei ſeinem Beſtre⸗ ben, die Bekanntſchaft des Rectors zu machen. Er beſchloß alſo, den ſo energiſch gegebenen Rath zu befolgen und ſeinen Antheil an dem Vertrag zu erfüllen. Die zehn Guineen, welche noch ſein wer⸗ den ſollten, trugen auch das Ihrige noch hiezu bei. Wit vergleichungsweiſe leichtem Herzen kam der uber in ſeine Wohnung zurück. Es war ein ick für unſern Helden, daß er ſich ſchon in ſein nes Bett zurückgezogen hatte, ſonſt wäre ſein Ver⸗ — 174 folger, berauſcht von der Freude, ihn endlich ganz in ſeiner Gewalt zu haben, im Stande geweſen, ſei⸗ nen Empfindungen in anderer Weiſe als den bloßen Worten den Lauf zu laſſen. Zehntes Kapitel. Es war ſeit Wochen zum erſten Mal, daß der Kirchſpielſchreiber eines geſunden Schlafes genoß. Der Schatten, den Nan heraufbeſchworen hatte, ſuchte ihn nicht mehr, weder im Wachen, noch im Traume, heim. Er hatte endlich den Zauber gefun⸗ den, der denſeben niederſchlug, und auf ſeine Kraft vertrauend, ſuchte er die erſte Gelegenheit, ihn wir⸗ ken zu laſſen. In dieſer Abſicht ſchlug er am nächſten Mor⸗ gen ſeine Richtung gegen die Wohnung Derjenigen ein, welche noch vor Kurzem ein Gegenſtand des Schreckens für ihn war. Er beunruhigte ſich nicht mehr wegen des Befehls, den ſie ihm, als er mit dem Kleid und Mantel zu ihr gekommen war, ge⸗ geben hatte, des Befehls, nie mehr ihre Schwelle zu betreten. Im Gegentheil, er jubelte vor Freude, als er, auf das Schloß drückend, mit der Mien eines unverſchämten Prahlhanſes in das ärm meublirte Zimmer trat. „He, Nan!“ rief er, ſich, ohne eine Aufforderun abzuwarten, auf den Seſſel am Fenſter ſetzend und — 175 die Beine über einander ſchlagend,„ich habe Neuig⸗ keiten für Euch.“ Die einſame Bewohnerin des Orts betrachtete ihn mit verächtlicher Miene, ſchwieg aber ſtill; ihr Zorn war noch zu groß, um in Worten ſich aus⸗ zulaſſen. „Ei, was fehlt Euch?“ fuhr er fort,„nicht einmal ein Willkommen für einen alten Freund!“ „Seid Ihr betrunken?“ fragte ſie,„oder habt Ihr einen Anfall von Wahnſinn bekommen, daß Ihr von Neuem wagt, meine Wohnung durch Eure verhaßte Gegenwart zu verfinſtern? Seid Ihr der⸗ ſelbe Amen Corner,“ ſetzte ſie in noch gereizterem Tone hinzu,„den ich gewarnt habe, wie ich ſelten die, welche mich beleidigen, warne?“ Der Gerichtsſchreiber rief:„Bravo!“ begann zu lachen und zu klatſchen, indem er bemerkte, das ſei ebenſo unterhaltend, als eine Komödie zu hören, und ſie wie um eine beſondere Gunſt bat, in ihren Scheltworten fortzufahren. Die Vorſtellung, er ſei gekommen, ſie zu ermor⸗ den, drängte ſich Nan's Geiſt auf, denn anders konnte ſie ſich dieſen unverſchämten Hohn nicht er⸗ klären, und ſie wurde ſogleich ruhig und wachſam. „Was macht Ihr?“ fuhr Amen Corner fort, als er ſah, daß ſie kalt die Spitze an dem Stock abſchraubte, deſſen ſie ſich beim Gehen bediente, wollt Ihr den alten böſen Feind rufen?“ Ich wüßte keinen ſchwärzern Geiſt zu rufen, ls den, der hier iſt,“ erwiderte Nan,„und dieß wird ihn bewältigen können,“ fügte ſie hinzu, ihren Stock erhebend und an der Spitze deſſelben 176 ihm Etwas zeigend, das wie eine ſehr kleine Meſſer⸗ klinge ausſah. Beim Anblick einer ſo unbedeutenden Waffe ver⸗ mehrte ſich Corners Heiterkeit ſo ſehr, daß er ſich vor Lachen krümmte. „Wie, ſataniſche alte Närrin!“ rief er, ſobald er wieder zu Athem gekommen war,„bildet Ihr Euch ein, ich ſei ein Mann, der ſich durch ſo Etwas er⸗ ſchrecken läßt? Eine Stecknadel, die nicht einmal einen Maikäfer ſpießen würde?“ „Wahrhaftig?“ entgegnete Nan ſarkaſtiſch. hnd ſie ergriff einen Stuhl, ohne den gering⸗ ſten Anſchein von Zorn oder Furcht, ſetzte ſich dem Gerichtsſchreiber gerade gegenüber und heftete die Augen auf ihn mit jenem beſonderen Ausdruck, der ihn ſo oft auf eine ſo unangenehme Weiſe afficirt hatte. Trotz der Zuverſicht, welche Amen das Ge⸗ heimniß, deſſen er ſich bemächtigt hatte, einflößte, fühlte er Etwas in ſich, das mit ſeinem alten Schrecken ſehr viel Aehnlichkeit hatte. Ihr behauptetet Neuigkeiten für mich zu haben;. ſprecht,“ fuhr Nan fort.„Und ſie müſſen wohl der Mühe werth ſein, um Euch Eure Unverſchämt⸗ heit zu vergeben.“ „Ich will ſie Euch ſagen,“ entgegnete der Ge⸗ richtsſchreiber, ſeinen Muth zuſammenfaſſend,„ich gedenke noch heute Dick in das Armenhaus zu bringen.“ „Wirklich?“ „Um damit Herr in meinem Hauſe zu ſein; ku zu handeln, wie es mir beliebt! Was antwort Ihr darauf?“ 8 177 „Daß Ihr nicht wagen werdet, Eure Drohungen auszuführen.“ „Bah!“ „Denn ich würde Euch ſogleich den Händen der Gerechtigkeit überliefern.“ „Allein?“ fragte Amen Corner höhniſch,„oder wird Euer Sohn, Squire Roderich, Roderich Ha⸗ ſtings, wie er ſich nennen läßt, mir Geſellſchaft leiſten?“ Der Stock, den Nan bisher feſt gehalten hatte, entſank ihren Händen, wie wenn ſie plötzlich ge⸗ lähmt worden wäre, und große Tropfen kalten Schweißes perlten auf ihrer von Runzeln gefurchten tirne. Amen, den ſie ſo oft bedroht und deſſen ſchlechter Naturanlage ſie einen Zaum angelegt hatte, beobachtete mit Freuden ihren Seelenſchmerz: es war beinahe ein Erſatz für die Schreckniſſe, die er erduldet hatte. „Ich dachte wohl, daß ich Euch am Ende ent⸗ larven würde,“ fuhr er fort.„Wer hätte jemals geglaubt, daß ein ſo ſchöner, junger Schößling aus einem ſo abgelebten Stamme hervorgéhen könnte!“ Nan legte die Hand an ihr Herz, als ob ſie damit deſſen Klopfen zurückhalten wollte. „Das iſt ſpaßhaft genug, nicht wahr?“ fuhr der Gerichtsſchreiber fort,„daß Amen Corner jetzt Nan Willis ſagen kann: ich fürchte Dich nicht mehr, ich habe Dein Geheimniß entdeckt, ich habe Deine Liſt vereitelt und halte das Leben Deines Sohnes als Bürgſchaft für das meinige in der Hand?“ „Räuber!“. „Wem gilt dieſes Wort, Roderich oder mir? Das Erbe. 12 178 Große Neuigkeit, ſeltene Neuigkeit! Die ungeheuern Ländereien von Crowshall dem Sohne von Nan Willis, der Dorfhebamme zugefallen! Die Alte, welche die Kinder fliehen macht, die Furie, die Hexe, die jetzt, da ſie keine Zähne mehr hat, nur„, noch Verwünſchungen murmeln kann!“ Verletzt von dieſen Sarcasmen, gewann der Gegenſtand von Amens Vorwürfen und unverſchäm⸗ tem Triumph wieder ſeine Energie und griff von Neuem nach der entfallenen Waffe.„Ihr fragtet mich ſo eben, Amen Corner, nach dem, was ich thun würde. Ich will es Euch ſagen: argwöhnend, daß Ihr mit ſchlechten Abſichten kommen würdet, ri⸗ ſtete ich mich, mein Leben gegen Eure Gewaltthat zu vertheidigen.“ „Sie iſt hübſch, Eure Vertheidigung!“ rief der„ Gerichtsſchreiber mit grobem Lachen. „Sie iſt ſicherer, als Ihr Euch vorſtellt,“ er⸗ widerte die Alte ruhig,„aber es handelt ſich nicht davon. Ihr habt erlangt, was Ihr begehrtet. Meine Zunge iſt gebunden. Von nun an werde ich mich nicht mehr zwiſchen Euch und Eure Opfer ſtellen. Geheimniß um Geheimniß. Ver⸗ laßt mich.“ „Das iſt Alles, was ich verlange. Ich will mich mit Euch nicht überwerfen, beſonders ſeitdem ich entdeckt habe, daß Ihr die Mutter von Roderich Haſtings ſeid.“ „Das iſt wahr, ich habe einen Sohn,“ ſagte Nan ſarkaſtiſch. „Den ich in's Verderben ſtürzen kann. Abe er, um uns ſeines eigenen Ausdrucks zu bedienen, 179 davon ſoll nicht mehr die Rede ſein; gebt mir die Hand.“ Die Alte fuhr mit Schauder vor der zurück, welche er ihr hinſtreckte, wie man beim Anblick eines häßlichen Reptils zurückfährt, das man zu berüh⸗ ren fürchtet. „Wie! Ihr wollt nicht? Nun, wie es Euch beliebt, haltet Euer Verſprechen, und ich werde das meinige halten; befaßt Euch weder mit mir noch mit Dem, was ich thue; es kann zu nichts Gutem führen.“ „„Nein,“ murmelte die Herrin der Hütte in kum⸗ mervollem Ton,„nein, für jetzt nicht.“ Der Gerichtsſchreiber zog ſich mit einem ironi⸗ ſchen Lächeln auf den Lippen zurück. Er hatte ſeine Abſicht erreicht; und nunmehr waren die Weſen, aus deren Unterdrückung er ſich ein Vergnügen machte, ſeiner Gnade preisgegeben, vorausgeſetzt, daß die Se ihnen nicht einen andern Beſchützer er⸗ weckte. „In der Macht dieſes Räubers!“ rief Nan, die Hände verzweiflungsvoll zuſammenſchlagend.„Er⸗ kannt, entdeckt dieſes Geheimniß, das ſo lang, ſo eiferſüchtig bewahrt wurde! Der Grundſtein des von Verbrechen und Ausdauer errichteten Gebäudes zertrümmert! Es gibt ein Vethängniß, eine Be⸗ ſtimmung in Allem. So geheim unſere Complotte ſein, welche Mittel wir in's Werk ſetzen mögen, Gott lenkt das Reſultat ſeinen eigenen Abſichten gemäß.“ Als er die Wohnung der Frau verließ, welcher 180 ſo glücklich den Dolch entwunden hatte, wandte der Gerichtsſchreiber ſeine Schritte gegen das Haus eines reichen Pächters, der kürzlich zum Gemeindeverwal⸗ ter der Armentaxe erwählt worden war. Er übte auf dieſen Mann einen beträchtlichen Einfluß durch die einfache Thatſache aus, daß der Verwalter weder leſen noch ſchreiben konnte, alſo gezwungen war, Amen zur Führung der Bücher und Stellung der Kirchſpielrechnungen zu verwenden. Amen erzählte dieſer wichtigen Perſon, daß der Held unſerer Ge⸗ ſchichte vor nahe zehn Jahren in den Händen ſeiner Frau gelaſſen worden ſei. Er hütete ſich wohl zu ſagen, von wem, und erklärte, daß er es ſehr hart finde, dieſes unnütze Maul zu erhalten. „Ja, das iſt hart,“ erwiderte der Verwalter, „aber was können Sie machen? Man darf doch den Jungen nicht Hungers ſterben laſſen.“ „Hungers ſterben laſſen!“ erwiderte der Gerichts⸗ ſchreiber,„nein, gewiß nicht. Warum gibt es Ho⸗ ſpitäler? Das iſt ein Ort, der für ihn poßt, und wenn Sie mir nur einen Zulaſſungsbefehl, an den Director adreſſirt, übergeben wollten, würde ſich die Sache leicht machen.“ Die Anweiſung wurde unterzeichnet oder viel⸗ mehr unterzeichnete ſie Mr. Corner im Namen des Pächters und verabſchiedete ſich von ihm. „Da bin ich jetzt quitt mit dem Schlingel für den Schlag, den er mir auf dem Kirchhof gegeben hat,“ ſprach er bei ſich auf der Rückkehr nach dem Dorfe.„Martha kann weheklagen und flehen ganz nach Bequemlichkeit; ich ſehe es gern, wenn die Frauen ſich demüthigen: es iſt ihre Schuldigkeit. —— —————— „Er iſt nicht mein Vater,“ erwiderte Dick,„er hat meine Mutter geheirathet, das iſt Alles,“ Dieſe wenigen, traurig ausgeſprochenen Worte erklärten Cuſack ſogleich die Brutalität Amen Cor⸗ ners und die ſchlechte Behandlung, die er dem Kna⸗ ben widerfahren ließ. 1 „Biſt Du ungehorſam oder böſe geweſen?“ fragt er. „Kein anderer Menſch als er nennt mich böſe.“ „Wer iſt der Ricolas, mit dem er Dir zu ſpre⸗ chen verboten hat?“ „Der Sacriſtan, Sir, der mich die Buchſtaben gelehrt hat; aber ich habe ſie jetzt beinahe ver⸗ geſſen.“, „Und warum verbietet Dir Dein Stiefvater, mit ihm einige Worte zu reden?“ „Weil Nicolas gut iſt, weil er betet und alle Kinder des Dorfes ihn lieben. Ah! wenn meine Mutter ihn geheirathet hätte, wäre ich ſo glücklich. Er würde uns nie geſchlagen haben.“ „Die alte Geſchichte,“ dachte Mr. Cuſack,„der Gatte brutal, die Frau mißhandelt, und das Kind verlaſſen.“ Sie erreichten bald die niedrige Mauer, welche den Kirchhof umſchloß, wo der Küſter eben eifrig beſchäftigt war, einen Graben zu ziehen. Dick be⸗ merkte ihn und ſein bleiches Geſicht erröthete vor Vergnügen. „Wirſt Du nicht mit hereinkommen?“ fragte ihn ſein Begleiter. „Nein, Sir.“ „Warum nicht?“ „Weil Nicolas da iſt,“ antwortete der Knabe, 184 die Augen in Thränen ſchwimmend,„und wenn ich hineinginge, müßte ich mit ihm ſprechen, und dann würde Amen Corner mich gewiß ſchlagen.“„ „Er kann es nicht ſehen, ob Du mit ihm ſprichſt, oder nicht.“„ „Aber er wird mich gewiß fragen.“ „Kannſt Du nicht nein antworten?“ fragte der Fremde, der ſeinen Charakter erproben wollte, denn er fing an ſich für unſern Helden zu intereſſiren, „er wüßte nie, daß Du eine Unwahrheit geſagt haſt.“ „Aber Gott wüßte es,“ antwortete Dick ſanft; „überdieß habe ich der Mutter und Nicolas ver⸗ ſprechen müſſen, nie zu lügen.“ „Du haſt Recht, mein kleiner Mann,“ ſagte der Fremde, ihm lebhaft die Hand drückend,„wollte Gott, daß man in meiner Kindheit mir dieſe Lehre in's Herz geprägt hätte! Aber das iſt jetzt eine vergebliche Reue.... Nimm,“ ſetzte er hinzu, „da iſt ein Schilling dafür, daß Du mir den Weg gezeigt haſt und fünf andere für Dich.“ Er drückte die Silberſtücke dem Knaben, der nie eine ſo große Summe in ſeinem Beſitz geſehen hatte, in die Hand. Das ſchien ihm ein Vermögen. Sein Geſicht ſtrahlte vor Freude.„Jetzt,“ dachte er, „kann ich Amen Corner Trotz bieten! Er glaubte jetzt in ſeiner Unerfahrenheit, die Mittel zur Aus⸗ führung des Planes, mit dem er ſich ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit trug, zu beſitzen. „Ich danke Ihnen, Sir!“ rief er.„O, wie danke ich Ihnen! Sie haben mich gerettet, Gott ſegne Sie! Gott ſegne Sie!“ 185 „Weißſt Du,“ fragte Cuſack,„warum ich Dir das Geld in zwei verſchiedenen Summen gegeben habe?“ „Nein, Sir.“. „Ich will es Dir ſagen: weil ich die Ehrlichkeit an Andern achte, wenn ich ſie auch nicht ſelbſt immer im Leben ausüben konnte. Wenn Dein Stiefvater Dich fragt, wie es ſehr wahrſcheinlich iſt, ob ich Dir etwas gegeben habe, ſo kannſt Du ihm antworten: einen Schilling dafür, daß Du mir den Weg zeigteſt. Verſtehſt Du?“ „Ja,“ antwortete Dick freudig;„ſo kann ich das Verſprechen halten, das ich der Mutter und dem guten Nicolas gegeben habe, nicht zu lügen.“ „Gewiß.“ Der Mann, deſſen Herz noch nicht ganz der Ge⸗ meinheit verfallen war, und der unſchuldige Knabe wechſelten einen Händedruck und trennten ſich, der Eine, um ſeine trügeriſche Handlungsweiſe in der Kirche auszuführen, der Andere, um nach Amen Befehl das Pferd von der Waide zu olen. Beim Heraustreten aus der Sakriſtei, um über der Leiche die erhabenen Gebete der Kirche zu leſen, bemerkte der Rector von Crowshall einen Fremden von diſtinguirtem Ausſehen, welcher das verſtüm⸗ melte Grabmal, den ſo häufigen Gegenſtand der Discuſſion zwiſchen ihm und ſeinen gelehrten Freun⸗ den, aufs Genaueſte unterſuchte. Als die Ge⸗ bete zu Ende waren, fand er ihn noch auf der⸗ . ſelben Stelle und wechſelte einen leichten Gruß mit ihm. 186 „Kennen Sie dieſen Gentleman, Corner?“ fragte er den Gerichtsſchreiber, der ihm beim Ausziehen des Chorhemdes behülflich war. „Nein, Sir, es muß ein Fremder ſein,“ er⸗ widerte der Heuchler.„Doch denke ich,“ ſetzte er hinzu,„ſagen gehört zu haben, daß ein Individuum der Art in der Aufgehenden Sonne angekommen iſt, das über die Kirche, nichtsthueriſche Mönche und deren allen Plunder alle möglichen Fragen machte.“ „Sprechen Sie achtungsvoller von ihnen,“ ſagte der Rector,„ſie waren die Leuchten in einem Zeit⸗ alter der Finſterniß und unterhielten die Lampe der Wiſſenſchaft, als Raub und Gewaltthat ſie in allen ihren andern Freiſtätten ausgelöſcht hatten.“ „Wirklich?“ fragte der Gerichtsſchreiber,„ich habe immer ſagen hören, daß ſie ihre Zeit mit Eſ⸗ ſen und Trinken vom Beſten, was es im Lande gab, zugebracht haben; aber Sie müſſen beſſer wiſſen, was daran iſt, als ich.“ Doctor Gore lächelte und das Geſpräch nahm ein Ende. Doch hatte es, ſo kurz es war, ſeine Reugierde gereizt; er fühlte das Verlangen, etwas mehr von dieſem Fremden zu erfahren, deſſen Geſchmack mit dem ſeinigen gleich war, und beim Weggang von der Sakriſtei machte er Halt, um ihn anzureden. „Ein ziemlich merkwürdiges Monument, Sir,“ ſagte er. „Sehr merkwürdig,“ entgegnete Mr. Cuſac, denn der vorgebliche Alterthumsforſcher war kein anderer als der Abgeſandte von Roderich Haſtings. Ich * glaubte, wenn nicht alle Monumente der Tempel⸗ ritter, doch wenigſtens die meiſten derſelben zu ken⸗ nen; aber dieſes iſt mir bis jetzt entgangen.“ „Dieſe verſtümmelte Statue erſcheint Ihnen alſo die eines Tempelritters?“ „Unbeſtreitbar.“ Der Geiſtliche drückte jene Zufriedenheit aus, welche Leute, die ſich einem beſondern Studium weihen, empfinden, wenn ſie ihre Anſichten von einem Andern beſtätigt finden.. „Das iſt durch keine geringere Autorität, als die meines gelehrten Freundes, des Dechanten von Lin⸗ coln beſtritten worden. Wir wurden niemals einig über dieſen Gegenſtand. Wenn es nicht Ihre Ge⸗ fälligkeit mißbrauchen hieße, ſo würde es mich ſe zu erfahren, worauf Ihr Urtheil ſich grün⸗ det.“ „Gern,“ antwortete Cuſack, der mehr Recht zu der Rolle eines Gelehrten hatte, als das von ihm geführte Leben glauben laſſen mochte.„Vorerſt die Rüſtung, beſonders das Panzerhemd iſt aus jener Epoche.“ „Das iſt unzweifelhaft!“ erwiderte Doctor Gore. „Der Dechant ſelbſt, welcher auf ſeine Anſichten äußerſt erpicht iſt, gibt dieß zu.“ „Dann ſind die Beine der Statue gekreuzt ge⸗ weſen.“ „Beweiſen Sie mir das, und die Frage iſt gelöst.“ 2 Wir müſſen unſerem Leſer in's Gedächtniß zu⸗ rückrufen, daß eines der ebenbemerkten Beine und 188 der Kopf der liegenden Statue ſchon ſeit langer Zeit verſchwunden war. „Legen Sie die Hand auf das noch Vorhandene,“ fuhr der Fremde fort,„und ich glaube, Sie werden empfinden, daß der Marmor zwiſchen dem Knie und dem Fuß leicht uneben iſt. Der alte Edax rerum*) läßt uns nur wenige Wegweiſer, uns zurecht zu finden.“ Der Rector that, wozu er aufgefordert worden war, und überzeugte ſich von der Exiſtenz dieſer leichten Unebenheiten. Sein Wunſch war vielleicht der Vater ſeiner Ueberzeugung, wie es bei allen En⸗ thuſiaſten häufig geſchieht. „Das iſt ſonderbar!“ rief er,„ſehr ſonderbar! Daran haben wir nie gedacht, weder der Dechant noch ich.“ „Eine Zeichnung,“ fuhr Cuſack fort,„oder viel⸗ mehr zwei Zeichnungen, die eine die Geſtalt in ihrem Zuſtande, die andere, ſie nach der Reſtau⸗ ration der verſtümmelten Partien darſtellend, wür⸗ den, glaube ich, zur Löſung der Frage ſehr viel bei⸗ tragen. Mit Ihrer Erlaubniß, denn ich ſetze voraus, die Ehre zu haben, mit dem Pfründner der Kirche zu ſprechen, würde ich ſie gerne machen.“ Die Erlaubniß wurde ſogleich gegeben und der Betrüger durch den zutrauensvollen Geiſtlichen ein⸗ geladen, ihn nach der Pfarrwohnung zu begleiten, denn der Regen fing an in großen Tropfen zu fallen. „Das iſt ein geſchickter Schurke,“ murmelte Die alte, Alles verſchlingende Zeit. 189 Amen Corner, der während dieſes Geſprächs ſich in reſpectvoller Entfernung gehalten hatte.„Ich möchte wiſſen, warum er die Bekanntſchaft dieſes alten Narren zu machen wünſcht. Ich habe ihm den Weg um einen zu wohlfeilen Preis gezeigt, doch hoffe ich, noch Anderes von ihm herauszubringen.“ Mit dieſer Betrachtung verließ er die Kirche und eilte nach dem Dorf zurück, denn obgleich der Regen fortzudauern drohte, konnte er ſich doch nicht ent⸗ ſchließen, des Vergnügens ſich zu berauben, den armen Dick nach dem Werkhaus zu führen. Als er zu Hauſe ankam, fragte er barſch, ob der Schlingel(denn er bediente ſich ſelten eines andern Wortes, wenn er von unſerem Helden ſprach) das Pferd und das Wägelchen gebracht habe. „Noch nicht,“ antwortete Martha furchtſam,„er iſt ſo jung, vielleicht hat er ihm das Halfter nicht“ anlegen können.“ „Hole mir meinen Ueberzieher.“ Der Hausſelave gehorchte und ging. „Du gehſt nach Newark, Bruder?“ fragte Sara Corner, als ihre Schwägerin das Zimmer verließ. „d. „Die Nacht wird ſchlecht,“ ſetzte die alte Jung⸗ fer hinzu. Er flüſterte ihr einige Worte in's Ohr. „Sehr gut, das hätte ſchon lang geſchehen ſollen!“ Während ſie mit dem Ueberzieher eintrat, hörte Martha die Worte Sara's. Sie hatte eine ſchwarze Ahnung. Der Gegenſtand ihrer Bekümmerniß erſchien —— endlich an der Gartenthüre, aber Amen Cor⸗ ner, der ſich ganz eingemummt und einen großen Shawl um den Hals gwickelt hatte, wartete ſchon ſeit einigen Minuten. Erbittert über dieſe Verzögerung ſchlug der Räu⸗ ber Dick, „Du ſollteſt Dich ſchämen, Amen!“ rief ſeine Frau;„vergißſt Du, daß Du auch ein Kind gewe⸗ ſen biſt?“ „Warum hat er mich warten laſſen?“ fragte der Elende, indem er ſeine Hand zu einem zweiten Schlag hob. „Sprich, Dick,“ ſagte ſeine Pflegemutter zu ihm,„ich bin überzeugt, daß es nicht Deine Schuld iſt.“ „Nein, Mutter,“ erwiderte der Knabe, ſie um⸗ armend. Er konnte dem Verlangen nicht wider⸗ ſtehen, das ihn antrieb, denn er fühlte, daß es viel⸗ leicht der letzte Kuß wäre, den er ihr geben könnte. „Als ich aui der Gemeindewaide ankam, fand ich, daß eines der Hufeiſen halb los war, und ging darum zum Schmied, um abhelfen zu laſſen.“ „Hörſt Du, Amen, hörſt Du?“ „Warum hat er es nicht geſagt, der halsſtarrige kleine Dummkopf?“ murmelte ihr Gatte, ungern die Hand ſinken laſſend, mit der er ihm einen zwei⸗ ten Schlag verſetzen wollte.„Wie konnte ich das wiſſen? Aber ſteige in das Cariol! ich habe keine Zeit zu verlieren.“ „Geht Dick fort?“ fragte Martha unruhig. „Ohne Zweifel,“ antwortete Amen. Sie wollte einige andere Kleidungsſtücke für den 91 Knaben ſuchen, aber ihr Gatte verbot es ihr ſtreng, indem er hinzuſetzte, er ſeie ſo gut genug gekleidet, „Er wird naß bis auf die Haut werden.“ „Du biſt eine hübſche Frau!“ rief der Barbar, „Du beſchäftigſt Dich mehr mit dieſem Schlingel, als mit Deinem Mann. Mir haſt Du nicht ange⸗ boten, meinen Ueberrock zu holen; ich mußte Dir dazu erſt Befehl geben,“ ſetzte er bitter hinzu. Sara Corner warf ihrer Schwägerin einen Blick der Entrüſtung zu, um derſelben ihre Gleichgül⸗ tigkeit gegen das Wohlbefinden ihres Mannes vor⸗ zuwerfen. „Marſch, eingeſtiegen, Sir,“ ſagte Amen, ſich barſch gegen unſern Helden wendend;„aber halt vor⸗ her: ſage mir, haſt Du mit Nicolas auf dem Kirch⸗ hof geſprochen?“ „Nein.“ „Und der Gentleman, hat er Dir etwas gege⸗ ben? Keine Lüge, hörſt Du?“ „Einen Schilling dafür, daß ich ihm den Weg zeigte.“ „Wo iſt er?“ Dick zeigte das blanke Geldſtück, das ſein Hen⸗ ker ihm nahm, bemerkend, da er ſpazierenfahre, ſei es billig, daß er auch das Thorgeld zahle. Auf die Gefahr neuer Schläge warf ſich der kleine Mann Martha in die Arme, welche ihn zärt⸗ lich küßte, ehe er das Cariol beſtieg. Er hatte keine andere Bedeckung gegen den Regen, der mit einem kläglichen Geplätſcher fiel, ein ſicheres Zeichen ſeiner langen Dauer, als ein kleines und keichtes Röckchen, er hatte ſelbſt nichts, um ſeine Arme zu bedecken, die in Kurzem roth und eiſig wurden. Obgleich die Temperatur ſtreng war, fand Amen, der ſich völlig eingewickelt hatte, in dieſer Prome⸗ nade eine der angenehmſten, die er je gemacht hatte. Weiterfahrend auf der traurigen und verlaſſenen Straße, denn der Herbſt hatte bereits das Grün der Blätter, womit der Boden allmälig beſtreut wurde, in dunkelgelb verwandelt, warf er von Zeit zu Zeit auf das arme zuſammenſchauernde Weſen neben ihm einen Blick, in welchem ſich Haß und Zufriedenheit miſchten, und wenn dem armen Klei⸗ nen vor Kälte die Zähne klapperten, lächelte er vor Vergnügen; es war angenehme Muſik für ihn. „Weißt Du, wohin Du gehſt?“ fragte er. „Nein, aber Gott weiß es.“ Dieſe Antwort brachte den Verbrecher einen Augenblick in Verlegenheit, aber er faßte ſich ſchnell wieder, beſchämt über das, was ſeine liebenswürdige Schweſter eine Schwäche genannt hätte. „Du gehſt in das Armenhaus,“ rief er in einem Ton des Triumphs,„wohin alle bettelhaften Schlin⸗ gel kommen und wo Du ſchon längſt ſein ſollteſt.“ „Ich bin kein Bettler.“ „Wenn Du das noch einmal ſagſt, ſo drehe ich Dir den Hals um, halsſtarriger kleiner Hund. Ich ſage, daß Du ein Bettler biſt.“ Der Knabe ſchwieg und Amen richtete keine Frage mehr an ihn. Die Reiſe endete, ohne daß ein Wort bis nach Newark geſprochen wurde. Sie ſtiegen am Hoſpital ab. Ben Corner war wo möglich noch eine wider⸗ wärtigere Perſon, als ſein Bruder, den er mit der Herzlichkeit eines Bären empfing. Er half ihm ſei⸗ nen Ueberrock ausziehen und fragte ihn, was er ge⸗ nießen wollte. „Branntwein und Waſſer; aber zuvor, hier iſt eine Ordre.“ „Sehr gut,“ ſagte der Vorſteher, nachdem er ſie durchleſen hatte. Er klingelte und vertraute unſern Helden der Sorge des Pförtners, indem er ihm gebot, denſel⸗ ben im Hof einzuſperren, bis er Zeit hätte, ſich mit ihm zu beſchäftigen. Dieſer Mann, der einer von den Armen der Anſtalt war, vollzog den Befehl. So niedergeſchlagen Dick ſich fühlte, war ſein Muth doch nicht geſunken. Der Gedanke, ein Bett⸗ ler zu ſein, wie Amen ihn genannt hatte, empörte ſeinen Stolz. Dann hatte er ſechs Schilling, den eingerechnet, welchen Patience ihm gegeben hatte. as war ſeiner Meinung nach ein Vermögen. So entſchloß er ſich zu fliehen, wenn es ein Mittel dazu gäbe, und nicht eine Stunde länger, als er müßte, in dieſem Gebäude, das düſter wie ein Kerker war, zu bleiben. Der Augenblick der Prüfung war gekommen und es war etwas Außerordentliches, die Hoffnung, das Vertrauen und den Muth in den Blicken wahrzu⸗ nehmen, welche er um ſich warf. Mitten im Hofe befand ſich ein Wagen, halb mit Stroh gefüllt, welcher dazu gedient hatte, einige Säcke Kartoffeln in das Hoſpital zu bringen. Der Fuhrmann wartete nur auf ſeinen Snjeugie Das Erhe. 1 — um wieder abzugehen. Er holte ihn auf dem Bureau. Unſer Held ſchlüpfte ohne Geräuſch unter das Stroh. Er fühlte weder die Kälte, noch die durch⸗ näßten Kleider, welche ſich an ſeine zarten Glieder anklebten. Die Hoffnung auf Freiheit, der göttliche Inſtinct der Menſchheit, hielt ihn aufrecht. Endlich hörte er Stimmen und bald wurden leere Säcke, einer nach dem andern, auf den Wagen geworfen. Kaum wagte er zu athmen, während ſie auf ihn hinfielen; jeder Augenblick ſchien ihm ein Jahr⸗ hundert. Die großen Thore drehten ſich in ihren Angeln und dieſes Geräuſch brachte ſein junges Herz zum Klopfen. Er fühlte, daß der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, daß er der Schmach, der Be⸗ ſtimmung des Bettlers, womit Amen Corner ihn bedroht hatte, entfloh. Er fragte nicht, wohin er ginge, und dieß bekümmerte ihn auch wenig. Die Velt konnte ihm keine rauhere Zuflucht bieten, als die, welche er verließ. Der Wagen fuhr mehrere Stunden auf einem be⸗ ſchwerlichen Wege; der Flüchtling wurde nicht ent⸗ deckt. Endlich hielt er. „Die Nacht iſt regneriſch, Bill,“ ſagte eine Stimme zu dem Fuhrmann.„Das Abendeſſen iſt bereit. Bring den Wagen unter den Schuppen; dort kann er bis morgen bleiben.“ „Und die Säcke?“ „Laß ſie, wo ſie ſind; es gibt hier keine Diebe.“ Das Individuum, das er mit dem Namen Bill angeredet hatte, ſchien entzückt darüber, daß ihm —— 195 dieſe Arbeit erſpart war. Nachdem er die Pferde ausgeſchirrt hatte, führte er ſie in den Stall. Während dieſes Geſprächs hatte Dick tödtliche Schrecken ausgeſtanden. Hob der Fuhrmann die Säcke auf, ſo hätte er ihn unfehlbar entdeckt, be⸗ fragt, vielleicht in das Hoſpital zurückgeſchickt, wo er Jahre lang einer entwürdigenden Zucht unter⸗ n und von entwürdigten Kamaraden umgeben ieb. „Könnte ich nur bis morgen hier bleiben,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„ſo würde ich mir ſchon aus der Noth helfen. Sechs Schilling iſt viel Geld. Ich kann einige Zeit davon leben, lang genug, um mich aus Amen Corners Bereich zu bringen.“ Dann wiederholte er die Gebete, welche Nicolas und Martha ihn gelehrt hatten, und flehte zu dem, auf welchen man ihn ermahnt hatte, Vertrauen zu ſetzen, über ihm zu wachen und ihn zu beſchützen. Gleich⸗ wohl verfloſſen einige Stunden, ehe er einſchlief, und als der Schlaf ſich einſtellte, träumte er von ſeiner Pflegemutter und dem alten Küſter mit grauen Haaren, den beiden Weſen, welche bis dahin ihm die meiſte Güte erzeigt hatten. Als unſer Held erwachte und ſeinen Verſteck verließ, hatte der Regen aufgehört und die Sonne ſchien freundlich. Seit langer, langer Zeit war ihm die Natur nicht ſo lächelnd erſchienen. Er fühlte ſich nicht allein geſtärkt, ſondern auch voll Vertrauen; der Tag, der volle Tag, die grünen Felder. die Landſtraßen der Welt lagen vor ihm. Er hatte ein Vermögen in ſeiner Taſche; was hätte er fürch⸗ ten können? Mit einem Sprung war er über der niedern Thüre des Hofes der Pachtung, wo er die Nacht zugebracht hatte, und ſchlug die erſte Straße ein, die ſich ihm darbot, voll Hoffnung und jugendlichen Vertrauens. Eilftes Kapitel. Eine angenehme Keberraſchung, welche Amen Corner bei ſeiner Rückkehr nach Crowshall erwartete. Obwohl die Straße von Newark nach Crows⸗ hall nichts weniger als angenehm war, beſonders bei Nacht, wenn der Wind heftig wehte und Einem den Regen in's Geſicht ſchlug, fand Amen Corner die erſten Meilen ſeiner Rückkehr ſehr angenehm. Er war unzweifelhaft gut eingewickelt, durch dichte Kleider gegen das rauhe Wetter geſchützt, ohne den beſten Shawl ſeiner Frau zu rechnen, den er ſich zweimal um den Hals gewunden; und dann hatte er ſeinen innern Menſchen vermittelſt mehrerer Glä⸗ ſer heißen Grogs geſtärkt, die er in Geſellſchaft ſei⸗ nes Bruders trank, des reſpectabeln Hoſpital⸗Vor⸗ ſtehers, deſſen zärtlichem Mitleid er den unſchuldigen Gegenſtand ſeines Haſſes auf mehrere Jahre anver⸗ trant zu haben glaubte. Iuzwiſchen war er bis in die Nähe von Pock lington Hall gekommen, wo die Pächter der Nach⸗ . 197 barſchaft glaubten, daß es ſpucke, weil das Schloß ſeit einer Reihe von Jahren unbewohnt war; und der Mann, der ſich nicht ſcheute, die Gebote ſeines Schöpfers zu verletzen, bekam Angſt, als er an dem düſtern Gebände vorüberfuhr, und ſetzte ſein Pferd in Trab, um in die Geſellſchaft eines Fuhrmanns zu gelangen, welcher denſelben Weg verfolgte, bis er an der Parkmauer vorüber war, welche ſich an der Straße hinzog. Er dachte durchaus nicht daran, daß eben auf dieſem Wagen, verborgen unter dem Stroh und den leeren Säcken, unſer Held der ſchlechten Be⸗ handlung und der Entwürdigung entfloh, wozu er ihn verurtheilt hatte. Aber der Wagen und das Cariol reisten nicht lange zuſammen; der erſte wandte ab und ſchlug die Straße nach Mansfield ein, worauf Amen ſeinem Thiere einen zweiten tüchtigen Peitſchenhieb verſetzte und mit beſchleunigter Geſchwindigkeit Erowshall zueilte. Es war ihm eine große Erleichterung, als die Lichter von North⸗Collingham über die Hecken herüber ſchienen: er wußte, daß er nur noch vier Meilen von Hauſe weg war, eine Entfernung, die er in vierzig Minuten zurücklegen konnte. Als er zu Hauſe ankam, mußte er das Pferd ſelbſt ausſpannen und in den Stoll führen. Es war kein Dick mehr da, zu ſeiner Hülfe herbeizueilen und die ſtärkſten Entladungen ſeiner Mißlaune aufzu⸗ nehmen: ſo entſchloß er ſich alſo, dieſe gegen ſeine Frau loszulaſſen, welche er bei ſich ſelbſt verwünſchte, daß ſie nicht herbeikam, das Thier zu beſorgen. Mit ungeduldiger und gereizter Hand drückte er auf das Schloß und trat in den kleinen Salon. Das 198 Erſtaunen machte ihm die groben Worte gefrieren, welche eben ſeinen Lippen entſchlüpfen wollten. Das Zimmer war anſtatt der gewöhnlichen Lampe mit zwei Lichtern erhellt; die ſchönſten Dinge waren auf dem Tiſche, die ſilbernen Löffel, ſeine Löffel in den Theetaſſen. Auf der einen Seite befand ſich ſeine Schweſter Sara, ſich offenbar vergeblich anſtrengend, liebenswürdig zu erſcheinen; auf der andern Martha und ein großer, ſchöner Mann von kräftiger Geſtalt, etwa fünfunddreißig Jahre alt, welcher freundſchaft⸗ lich den Arm um ihre Hüften geſchlungen hatte; und noch merkwürdiger, weder er noch ſie ſchienen im Mindeſten beſchämt, in einer ſo vertraulichen Situation überraſcht zu werden. Ehe Martha oder der Fremde ein Wort ſagen konnten, erhob ſich Miß Corner von ihrem Sitze und rief:„O Amen, ich bin ſo froh, daß Du ge⸗ kommen biſt! Eine ſo angenehme Ueberraſchung, denke nur, der Bruder von Martha, Georg, den wir Alle todt glaubten, iſt zurückgekommen.“ Die Ueberraſchung war für den Kirchſpielſchreiber nichts weniger als angenehm. Er betrachtete zuerſt ſeine Frau, dann ſeine Schweſter, wie um zu fragen, was ſie ſich hätten ſagen können. „Ich habe ſie keinen Augenblick allein gelaſſen,“ flüſterte die alte Jungfer, indem ſie ihrem Bruder behülflich war, ſich des Shawls zu entledigen, den er um ſeinen Hals geſchlungen hatte. Anmen ſtieß einen langen und tiefen Seußzer aus, wie ein Menſch, der plötzlich von einer ſchrecklichen Angſt erlöst worden iſt; aber er war noch weit ent⸗ fernt, ſeine Kaltblütigkeit erlangt zu haben oder ſich — ——— ———— —— ———— —— 199 behaglich zu fühlen, als Georg Chaſon auf ihn zu⸗ trat und ihm freimüthig die Hand bot. „Nun, was fehlt Ihnen?“ fragte Georg, wenig zufrieden mit ſeinem Empfang und vielleicht noch weniger mit der Wahl, welche Martha getroffen hatte.„Wäre mein Schatten anſtatt meiner ſelbſt zurückgekommen, Sie könnten nicht mehr überraſcht erſcheinen.“ Amen murmelte ein paar Worte, von denen man nichts verſtand, als plötzlicher Beſuch, unerwartete Freude. „Ich wußte, daß es unnütz war, zu ſchreiben,“ erwiderte Georg,„alle meine Briefe ſind ohne Ant⸗ wort geblieben. Martha ſagt mir, daß ſie nie einen erhalten hat.“ Das war ein gefährliches Terrain und der Herr des Hauſes wechſelte geſchickt den Gegenſtand des Geſprächs. Gewiß hatten bis jetzt weder Martha noch Sara die geringſte Idee von der Biegſamkeit der Gemüthsſtimmung ihres Gatten und Bruders gehabt: ſie zweifelten nicht, daß er liebenswürdig ſein könne, wenn es ihm beliebe. Er beſtand mit affectirter Gaſtlichkeit darauf, daß ſie ſich zu Tiſche ſetzen, ohne darauf zu warten, bis er ſeine durch⸗ näßten Kleider gewechſelt hätte; dann, als er ſie ſeinen dringenden Bitten nachgeben ſah, ſtieg er eilig die Trepße hinauf, mit dem Verſprechen, vor einer Minute wieder zu kommen. Er hielt ſein Verſprechen; nie in ſeinem Leben war er ſo raſch mit ſeiner Toilette geweſen. Wo iſt Dick?“ fragte Martha unruhig, als er wieder herabkam. Sie hatte geglaubt, der arme Kleine ſeie nie gewöhnlich damit beauftragt, das Pferd und Wögel⸗ chen unterzubringen; aber da ſie ſah, daß er nicht zurückkam, fing ſie an beſorgt zu werden. „Beunruhige Dich nicht, Geliebte,“ antwortete ihr Gatte,„Dick iſt gut aufgehoben, wo er iſt; die Nacht iſt ſehr kalt und naß, ſo daß ich den lieben Hleinen bei meinem Bruder gelaſſen habe.“ „Im ArmenHoſpital,“ ſagte Martha im Tone des Vorwurfs. „Nur bis morgen. Sieh, welches Wetter es iſt!“ „Es iſt gut,“ dachte Georg Chaſon,„obgleich es nicht ſo ausſieht.“ Mit dieſer Ueberlegung tröſtete er ſich über die getäuſchte Erwartung, unſern Helden zu ſehen. „Sie können ſich nicht vorſtellen,“ fuhr ſein Schwager fort, indem er den Thee und die geröſte⸗ ten Brode herumgehen ließ,„wie Ihre Schweſter den Jungen lieb hat. Ich glaube, daß ſie dieſe Nacht keinen Augenblick Ruhe hat, weil er in einem guten Bett bei meinem Bruder ſchläft, anſtatt in dem leich⸗ ten, das er hier hat. Manchmal habe ich Luſt, auf ihn eiferſüchtig zu ſein.“ Seine Frau betrachtete ihn mit einer Miene der Ueberraſchung, in die ſich zugleich Verachtung miſchte. Seine Heuchelei widerte ſie an. Sie begriff voll⸗ kommen, zu welchem Zwecke Dick in dem Hoſpital gelaſſen worden war, und wenn ſie ſtillſchwieg, ſo geſchah es nur, um nicht ſo bald nach der Rückkehr ihres Bruders Streit zu verurſachen. „Dein Mann hat ganz Recht, Martha,“ ſagte Georg;„die Nacht iſt rauh, Dick befindet ſich beſſer — 2 5 ———— 201 in einem guten warmen Bett, als wenn er auf der Straße hätte herumfahren müſſen. Ich denke, daß er am Morgen kommen wird.“ „Gewiß,“ rief der Heuchler,„ganz frühe!“ Dieſe Antwort war ebenſo ſehr an ſeine Frau als an Georg Chaſon gerichtet. „Und wo ſind Sie ſo viele Jahre geweſen, Georg?“ ſetzte er hinzu.„Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Sie Georg nenne, aber das klingt ver⸗ traulicher, brüderlicher.“ „In Auſtralien.“ „Und wie iſt es Ihnen daſelbſt ergangen?“ „Beſſer als ich verdiene, dünkt mir,“ antwortete der Coloniſt mit einem Lächeln.„Ich frage mich manchmal, was ich gethan habe, um die Gaben zu verdienen, welche die Vorſehung über mich ausge⸗ goſſen hat Aus dem Gehölz, das ich urbar zu machen begonnen habe, iſt eine kleine Colonie ge⸗ worden, und mein Land, das ich den Acre zu fünf Dollar gekauft habe, iſt jetzt fünfzig werth. Ich habe ſiebenhundert Hämmel, eine ſchöne Heerde Großvieh, von dem jedes Stück auf meiner Farm bezahlt ober aufgezogen worden iſt.“ „Ich möchte mich auch dort niederlaſſen!“ rief Amen in einem Anfall von Begeiſterung. Sie haben uns noch nichts von der wichtigſten der Segnungen erzählt, womit der Himmel Sie über⸗ häuft hat,“ ſagte Miß Corner mit einem albernen Lächeln;„aber ſo ſind nun die Menſchen. Meine liebe Martha, Ihr Bruder hat uns noch nicht ein Wort von ſeiner Frau geſagt.“ So lebhaft ihr Geiſt beſchäftigt war, nicht allein — mit geheimem Danke für die Rückkehr des Wan⸗ derers, ſondern auch mit Gedanken an die Zukunft, konnte ſich Martha doch eines Lächelns über den Takt nicht enthalten, womit dieſe Frage(denn eine ſolche war ſie) geſtellt worden war. „Ich bin noch Junggeſelle,“ antwortete der junge Mann mit heiterem Gelächter,„aber ob ich auch als ſolcher zurückkehren werde, iſt eine andere Frage.“ Miß Sara beſtrebte ſich, geſchmeichelt zu erſchei⸗ nen. Sie ließ eine Art erſtickten Lachens hören und ſchüttelte den Kopf. Eine Farm und ſieben⸗ hundert Hämmel, ohne von dem Großvieh zu ſpre⸗ chen, ſchien ihr äußerſt reſpectabel; und die Vorſtel⸗ lung, daß ſie das Vergnügen hätte, Herrin von dieſem Allem zu ſein, fuhr ihr unbeſtimmt durch den Kopf. Dieſe Nacht wickelte ſie ſogar ihre Haare auf; es war das erſte Mal, daß ihr das ſeit zwan⸗ zig Jahren paſſirte; und ſie nahm ſich zugleich vor, ſich eine elegantere Haube anzuſchaffen. „Sie gedenken alſo dahin zurückzukehren?“ fragte Amen Corner. „Gewiß.“ „Und Dick mitzunehmen?“ „Ja, auf einige Jahre wenigſtens. Bis dahin werde ich ſoviel Vermögen erworben haben, um ſelbſt in England leben zu können, und wir werden dann mit einander heimkehren.“ Das Wort Vermögen beſtärkte Miß Corner in der guten Meinung, die ſie von Georg gefaßt hatte. † Vielleicht bedauerte ſie auch, ihrer Schwägerin keinen ½ verträglicheren Geiſt gezeigt zu haben; aber wer — ler hinzu,„werde ich Ihren Jungen holen. Ich 203 konnte erwarten, den Bruder zurückkehren zu ſehen, und einen ſo anſtändigen Bruder? Die Reue, wenn ſie dergleichen empfand, war nur natürlich; ſie kannte recht gut den Einfluß, welchen Schweſtern zuweilen auf ihre Brüder aus⸗ üben, wenn es ſich für dieſe darum handelt, eine Gefährtin zu wählen. Die Stunden verfloßen raſch in Geſprächen die⸗ ſer Art, bis es Zeit war, ſich zurückzuziehen. Martha hatte nicht einen Augenblick gefunden, mit Georg allein zu ſein. Sie hatte nicht die geringſte Ge⸗ legenheit gehabt, ſich in jene Erklärung einzulaſſen, welche ihr unwürdiger Gatte fürchtete und zu ver⸗ hindern bedacht war. Die Abſicht von Georg Chaſon war, in der Auf⸗ gehenden Sonne zu übernachten, aber ſein zärtlicher Schwager wollte von dieſer Anordnung nichts hören. Er wußte, daß Patience dem jungen Mann Alles erzählen würde, und er keine Mittel hätte, dem trefflichen Mädchen Stillſchweigen aufzulegen, welches auch ſein Einfluß auf die arme Martha ſein mochte. „Wie!“ rief er im Tone eines Mannes, der ſich beleidigt glaubt,„ich ſollte zugeben, daß Sie Ihr eigenes Haus verlaſſen, und in einer ſolchen Nacht! Nein, lieber würde ich bis zum Tage aufbleiben. Es wird uns leicht ſein, ein Bett herzurichten, nicht wahr, meine Liebe?“ „Ja,“ antwortete Martha eifrig, denn ſie zitterte bei dem Gedanken, ſich mit Amen allein zu finden. „Und mit dem frühen Morgen,“ ſetzte der Heuch⸗ 204 fange an, das Haus ohne ihn ſehr traurig zu finden.“ „Der gute Kleine!“ flüſterte Sara Corner;„er iſt ganz und gar der Liebling im Hauſe.“ Martha fühlte, wie ſich ihr das Herz hob, als ſie dieſelben ſo ſprechen hörte. Die Furcht, welche ihre Tyrannen ihr bis jetzt eingeflößt hatten, begann der Verachtung zu weichen, und ſie machte ſich Vorwürfe, daß ſie nicht mehr Energie gezeigt hatte, ihren Verfolgungen gegen Dick Widerſtand zu leiſten. „Wir werden morgen früh eine lange Unter⸗ redung mit einander haben müſſen, Martha,“ ſagte ihr Bruder, ſie zärtlich umarmend und ihr gute Nocht wünſchend.„Der Anblick Deines Geſichtes beküm⸗ mert mich. Ich finde hier nicht mehr das Lächeln des Glücks, das helle und klare Auge, welches ſonſt mit ſo vielem Vertrauen meinem Blick und Lächeln antwortete. Dein Herz iſt doch gewiß nicht ver⸗ ändert?“ Nein, Georg, nein!“ antwortete ſeine Schwe⸗ ſter ſchluchzend und ihn liebevoll umfaſſend. Sie ſprach die Wahrheit. Ihr Herz war daſſelbe, nur war es ein verwundetes Herz. Der junge Mann wechſelte einen Händedruck mit ſeinem Schwager und bemühte ſich, eine gewiſſe Hetzlichkeit hineinzulegen, aber ohne daß es ihm ge⸗ lang. Sein durchdringender Blick hatte die geheime Unruhe, die Furcht, welche durch ſeine Rückkehr ver⸗ anlaßt wurde, entdeckt, und weder das Aeußere noch die Manieren Amens gefielen ihm. Seine Gaſt⸗ freundſchaft ſchien erzwungen, nicht freiwillig an⸗ geboten. 205 „Der Menſch,“ ſprach er bei ſich,„kann doch ge⸗ wiß ſich nicht einbilden, daß ich meinen Antheil an dem Häuschen und Geräthe reklamiren will.“ Dieſer Verdacht war gleichwohl nicht unzuläßig; denn wie anders die ſchlechtverhehlte Unruhe und Angſt Corners ſich erklären? Wäre Martha die Frau geweſen, über die Herab⸗ ſtimmung und Demüthigung eines Menſchen zu triumphiren, ſo hätte ſie dieſe Nacht hohe Befriedi⸗ gung gefunden, denn ſie war kaum in ihr Schlaf⸗ zimmer eingetreten, als ihr Gatte, nachdem er ſorg⸗ fältig die Thüre verſchloſſen hatte, mit weinerlicher Geberde aufing, ihr ſein unwürdiges Betragen gegen ſie zu bekennen. Er geſtand, wie er vom Briefträger den erſten Brief, unter dem Vorgeben, ihn ſelbſt zu überliefern, erhalten habe; wie er nach genommener Einſicht jenen bezahlt habe, daß er nichts davon ſage; wie endlich, einmal compromittirt, der einge⸗ ſchüchterte Briefträger ihm auch die folgenden ein⸗ gehändigt habe. Er ſchloß dieſes erniedrigende Ge⸗ ſtändniß mit der flehentlichen Bitte, ſeine Brutalität ihrem Bruder zu verheimlichen. Das arme Geſchöpf hörte mit faſt einfältigem Erſtaunen zu. Nie war es ihr in den Sinn ge⸗ kommen, daß man ſo verderbt ſein könne. Sie war ganz erſchreckt darüber, daß der Mann, der dieſen Betrug ſo viele Jahre fortgeſetzt hatte, ihr Gatte ſei. „Ich hoffe, daß Du mir verzeihen wirſt,“ fügte er bei,„nun, da ich es vom Herzen weg habe. Mein Name iſt der Deinige; bedenke, daß die Schande auf uns Beide fallen würde.“ „Wie konnteſt Du mich dieſer Brieſe berauben,“ 206 erwiberte ſeine Frau,„da Du den Kummer wußteſt, welchen mir die angenommene Vergeſſenheit von Sei⸗ ten meines lieben, guten und edeln Bruders verur⸗ ſachte? Mit welcher Angſt wartete ich Jahr um Jahr auf Nachrichten von ihm, bis ich endlich glau⸗ ben mußte, er ſei todt?“ Amen Corner murmelte einige Worte, welche ſeine Liebe zu ihr andeuten ſollten. „Keine Entſchuldigung der Art 1“ rief ſeine Frau verächtlich.„Wenn Du nicht willſt, daß ich Dich haſſe, Amen, ſo beleidige meinen geſunden Verſtand nicht dadurch, daß Du mir eine ſo offenbare Lüge vorſagſt. Du haſt mich nie geliebt, Du haſt nie Jemand auf der Welt geliebt, als Dich ſelbſt. Und Dein Benehmen gegen Dick, wie grauſam und bru⸗ tal iſt es ſelbſt zu einer Zeit geweſen, da Du ſein Brod aßeſt! Geh, Du ſollteſt Dich ſchämen!“ Es war etwas ſo Neues für Amen, ſich in einer ſolchen Sprache von der ſanften, demüthigen Frau angeredet zu ſehen, die er bis jetzt mit ebenſo viel Verachtung als Grauſamkeit behandelt hatte, daß er die größte Luſt empfand, ſie die Schwere ſeiner Hand fühlen zu laſſen(und es wäre nicht das erſte Mal geweſen); aber die Klugheit hielt ihn zurück. Georg, der Beſchützer, den die Vorſehung ihr auf ſo unerwartete Weiſe erweckt hatte, ſchlief unter ihnen, ſo ſtark von Körper als edel von Herzen. Ein Schrei, ein Wort hätte den Ausbruch herbeiführen tönnen, welchen der Kirchſpielſchreiber ſo ſehr zu vermeiden wünſchte. „Es iſt dem Knaben kein Leid geſchehen,“ mur⸗ 207 melte er.„Meine Abſicht iſt, in aller Frühe nach Newark zu gehen, um ihn zurückzuholen.“. „Und glaubſt Du, er werde ſeinem Vater nicht ſagen, wie Du ihn behandelt haſt?“ „Nein, wenn Du ihn beſtimmſt, darüber zu ſchweigen,“ antwortete Amen unterwürfig.„Er liebt Dich. Sage ihm, daß es Dein Wunſch iſt. Ich will ihm ein ſchönes Kleid kaufen, ehe ſein Vater ihn ſieht, und das wird eine Art von Erſatz ſein.“ „Ich kann Dir nichts verſprechen, ehe ich meinen Knaben geſehen habe,“ ſagte Martha. „Du wirſt ihn ſehen. Ich habe eine Dumm⸗ heit begangen, daß ich ihn bei meinem Bruder ließ.“ „Sage vielmehr eine Infamie. O, das iſt das rechte Wort. Du brauchſt mich nicht mit einem wilden und drohenden Blick anzuſchauen. Seitdem ich Deine Schlechtigkeit und Treuloſigkeit kenne, fürchte ich Dich nicht mehr.“ „Wirſt Du Dick beſtimmen, zu ſchweigen?“ fragte Amen flehend.„Du biſt eine hübſche Gattin und zärtliche Schweſter. Es kann einen Zank oder noch etwas Schlimmeres zwiſchen Georg und mir den nächſten Morgen geben. Ein Wort kann es ver⸗ hindern und Du willſt es nicht ſagen?“ „Ich werde den Knaben nicht lügen lehren.“ „Aber Du kannſt ihn beſtimmen, zu ſchweigen.“ Martha gab keine Antwort; die Furcht vor einem Streit oder Thätlichkeiten vielleicht zwiſchen dem Räuber und Georg übte mehr Einfluß auf ſie als alle die niedrigen Bitten ihres Mannes; ſie ver⸗ ſprach endlich, wenn Dick nichts ſage, gleichfalls zu ſchweigen. 206 „O, er wird nichts ſagen,“ wiederholte Auen mit erleichtertem Tone.„Du weißt, wie ſehr er Dich liebt; das iſt rührend, mit einem Blick kannſt Du ihn thun laſſen, was Du willſt. Aber was werden wir wegen des Geldes machen?“ „Ich werde die Sache nach meiner Art erklären müſſen. Ich habe ebenſo viel Einfluß auf meinen Bruder, als auf ſeinen Sohn.“ „Dick iſt alſo doch ſein Sohn?“ „Zweifelſt Du daran?“ „Allerdings. Die Wahrheit zu ſagen, glaubte ich, daß es der Deinige ſei und Du es mir nur nicht geſtehen wolleſt; deßwegen kam ich dazu, den Knaben zu haſſen. Ich war eiferſüchtig auf ihn und aber das iſt Alles vorüber und jetzt, da ich weiß, daß er Georg gehört, glaube ich, daß ich ihn eher lieben als verabſcheuen werde.“ Martha gab auf dieſe argliſtige Rede keine Ant⸗ wort; ſie wußte, daß Amen log. Das, was ſie be⸗ gehrte, war nur, unſern Helden wieder unter ihrem Dache zu ſehen, in die Arme ſeines Vaters ihn zurückzugeben; dann, und nur dann konnte ſie zufrie⸗ den ſein. Am nächſten Morgen ſtieg Amen früh ohne Ge⸗ räuſch die Treppe herab, die Schuhe in der Hand, um Georg Chaſon nicht zu wecken, der im Salon lag: er fürchtete, der junge Mann möchte ihm an⸗ bieten, ihn zu begleiten, und dieß wollte er haupt⸗ ſächlich vermeiden. Wie ein Dieb ſchlich er verſtoh⸗ ien durch die Hinterthüre hinaus und ſpannte das Pferd vor das Wägelchen. Es ſiel ein Platzregen, aber er wagte nicht zurückzukehren, um ſeinen Ueber er ſich deßhalb nicht; er glaubte nur in Sie Eifer 209 rock und Shawl, den er im untern Zimmer gelaſſen hatte, zu holen: ſo war er genöthigt, ohne andern Schutz gegen den Regen, als ſeine gewöhnlichen Kleider, und was noch mehr war, mit leerem Magen abzugehen. Unterwegs, durchnäßt, eiskalt, ſchauernd und hungrig rief er ſich die Empfindungen vom Abend zuvor zurück, während Dick an ſeiner Seite ſaß, noch ſchlechter gekleidet, die kleinen Arme Wind und Regen ausgeſetzt; und dieſe Erinnerung gereichte ihm, anſtatt ein Vorwurf für ſein ſteinernes Herz zu ſein, zum Troſt. Er lächelte mit wilder Freude, wenn er daran dachte, was ſein Opfer hatte lei⸗ den müſſen, und dieſer Gedanke ließ ihn beinahe Wind und Regen vergeſſen. Als er im Angeſicht des alten Schloſſes von Newark ankam, ging die Sonne auf. Amen Corner ſah darin eine glückliche Vor⸗ bedeutung. Zwölftes Kapitel. Amen Corner ſchneidet einen Stoch, um ſich durchprügeln zu laſſen. Obgleich Georg Chaſon ein wenig überraſcht war, als ſeine Schweſter ihm beim Frühſtück die Abreiſe ihres Mannes nach Newark mittheilte, beunruhigte Das Erbe. ſeit vier Monaten; noch ehe ich hier meinen Auf⸗ Thüre der Familiengruft zurücklaſſen; das iſt Alles!“ 210 ſeines Schwagers, unſern Helden zu holen, einen Beweis ſeiner Herzensgüte zu finden. Sobald das Wetter ſich aufgehellt hatte, ſchlug er ſeiner Schweſter einen Spaziergang vor. „Ich möchte noch einmal die Orte wiederſehen, wo wir als Kinder geſpielt haben,“ ſagte er.„Du p glaubſt gar nicht, wie oft mir davon träumt, dem Herrenhauſe, dem Park und der Kirche, wo mein lieber junger Herr ruht. Auch muß ich Sir Harry meine Aufwartung machen. Sara Corner brach in ein lautes Gelächter aus und ſchüttelte die Locken ihres Haupthaares mit dem affectirten Weſen eines jungen Mädchens. „Nun, was gibt es?“ fragte Georg.* „Sir Harry iſt todt,“ antwortete Martha ernſt. „Und begraben,“ ſetzte ihre Schwägerin hinzu, enthalt nahm. Wenn Sie ihm alſo Ihre Aufwar⸗ tung machen wollen, müſſen Sie Ihre Karte an der „Todt!“ wiederholte Georg.„Armer, junger Mann! Woran iſt er geſtorben?“ „An gebrochenem Herzen, ſagt man,“ antwortete ſeine Schweſter. „Albernes Zeug!“ rief Sara,„bricht das Herz des Menſchen jemals?“ Dieſe Worte waren von einem ſchmachtenden, Georg beſtimmten Blick begleitet, der viel zu ſehr mit der eben empfangenen Nachricht beſchäftigt war⸗ als daß er ihn bemerkt hätte. „Hat er Kinder hinterlaſſen?“ fragte er weiter. „Nein, Miß Mabel hat das Herrſchaftsgut geerbt.“ 211 „Und einen jungen Mann geheirathet, der bald das ganze Vermögen verſchwendet haben wird,“ ſetzte die alte Jungfer hinzu. „Wie heißt er?“ „Roderich Haſtings.“ Dieſe Nachricht ſchien Georg noch mehr zu über⸗ raſchen, als die von Sir Harry's Tode. Er ließ ſich den Namen zweimal wiederholen, wie um ſich zu verſichern, daß er ihn recht gehört habe, und ſeine gebräunten Züge nahmen auf einige Minuten einen Ausdruck des Unwillens an. Nachdem er vom Stuhle aufgeſtanden war, be— gann er das Zimmer mit großen Schritten zu meſ⸗ ſen; dann hielt er plötzlich ſtill und ſchaute unge⸗ duldig durch das Fenſter. „Wahrhaftig, Mr. Chaſon,“ ſagte Sara mit er⸗ ſticktem Lachen,„man möchte glauben, Sie hegten einige Hoffnung von jener Seite. Hat die Dame gegen Sie etwa die Kokette geſpielt?“ „Reden Sie von der Schweſter Sir Harry's?“ fragte der junge Mann. Miß Corner nickte bejahend mit dem Kopfe. „Dann laſſen Sie mich Ihnen ſagen,“ fuhr er fort,„daß, ſo arm ich auch im Vergleich mit der Erbin von Erowshall bin, ſo niedrig meine Geburt und Erziehung iſt, ich ſie nicht geheirathet haben würde, und wenn ſie mir die ganze Grafſchaft Lincoln als Mitgift zugebracht hätte. Sie muß ein Herz haben, die Frau, welche ich heirathe; ich werde mehr auf das Herz, als auf die Schönheit ſehen.“ „Und Sie thun wohl daran!“ rief die alte Jungfer im Tone des Enthuſiasmus;„die Schön⸗ erklärte, gleichfalls bereit zu ſein. heit iſt nur ſo dick als die Haut, was nur ſo viel ſagen will, daß ſie gering zu ſchätzen iſt.“ Das einfältige Lächeln, welches dieſe letzte Be⸗ merkung begleitete, deutete an, daß Sara irgend ein Recht auf den Titel einer Schönen zu haben glaubte oder daß ſie, wie man ſich vielleicht richtiger aus⸗ drücken würde, ſich als eine Perſon von intereſſan⸗ tem Geſichte betrachtete. Inzwiſchen fragte ſich Martha, warum die Nach⸗ richt von dem Tode des Baronets auf ihren Bruder eine ſo auffallende Wirkung hervorgebracht habe; ſie kannte vollkommen die Zuneigung, die er für Walter Herbert gehegt hatte, aber ſie war über⸗„ raſcht, ihn Sir Harry bedauern zu ſehen. 32 „Haſt Du Deinen Spaziergang vergeſſen?“ ſagte ſie, die Hand auf ſeinen Arm legend und ihm in„ die Augen ſchauend, die ſie voll Thränen fand. „Nein,“ antwortete der junge Mann, ſich an⸗ ſtrengend, den Eindruck abzuſchütteln, welchen die im Herrenhauſe eingetretenen Veränderungen erzeugt hatten;„aber dieß Alles iſt ſo unerwartet, ſo.. doch! laſſen wir dieſe Dinge für den Augenblich, wir haben andere Angelegenheiten. Biſt Du fertig?“ „Im Augenblick, ich habe nur meinen Hut und Shawl zu holen; ehe eine Minute vergeht, werde ich bei Dir ſein.“ b Sara Corner, den Intereſſen ihres Bruders ge⸗ treu, erhob ſich in demſelben Augenblick, indem ſie „Wir wollen Sie deßhalb nicht beſchweren, ſagte Georg. „Sie beſchweren mich nicht im Mindeſten,*rief 213 die Er⸗Mutter.„Ich werde nur zu glücklich ſein, Sie zu begleiten. Ich bin in's Spazierengehen ganz vernarrt, nicht wahr, liebe Matha? Beſonders auf dem Felde. Ich habe immer geſagt, wenn ich mich jemals entſchließen könnte, zu heirathen, würde es nur mit einem würdigen Farmer ſein. Nicht, daß ich ein Bedürfniß hätte, meinen Stand zu ändern; Gott ſei Dank, ich bin ganz unabhängig von der Welt. Bruder und Schweſter ſahen einen Augenblick einander an. Martha hätte vielleicht nicht den Muth gefunden, ihr zudringliches Anerbieten abzulehnen, aber Georg machte nicht ſo viele Umſtände. „Meine liebe Miß Corner,“ ſagte er,„vergeſſen Sie nicht, daß Martha und ich uns ſeit Jahren nicht geſehen haben.“ Das falſche Lächeln verſchwand auf den Perga⸗ mentlippen der alten Jungfer. „Daß wir uns hundert verſchiedene Dinge zu ſagen haben, Erinnerungen von Ehemals, Dick„ kurz, wir möchten lieber allein gehen.“ Sara nickte mit dem Kopf. „O, ich bin nicht neugierig; aber ich argwöhnte nicht, daß Sie ſo viele Geheimniſſe hätten; Gott ſei Dank, wir haben deren keine in unſerer Familie.“ „Ihre Familie muß alſo ganz exemplariſch ſein,“ erwiderte der junge Mann trocken auf das, was er mit gutem Recht als eine Impertinenz betrachtete. „Wir haben dergleichen. Guten Tag, Miß Corner, wir werden uns beim Diner wiederſehen. Sollte Ihr Bruder vor uns zurückkehren, ſo haben Sie viel— leicht die Gefälligkeit, ihm zu ſagen, daß wir einen ——————— 214 Gang in das Dorf und dann zu dem Herrenhauſe gemacht haben.“ Die alte Jungfer hatte ihre Kaltblütigkeit mit ihrer guten Laune nicht verloren; ſie wußte, wie wichtig es war, zu verhindern, daß es zwiſchen Bru⸗ der und Schweſter zu einer Erklärung kam, und— machte entſchloſſen einen andern Verſuch, zu ihrem S, zu gelangen. Martha,“ ſagte ſie mit bedeutſamem Tone,„ich glaube nicht, daß Amen es billigt, wenn Sie in ſeiner Abweſenheit ausgehen.“ Georg Chaſon, der eben ſeinen Ueberrock anzog, drehte ſich um, als er dieſe Worte hörte. Es lag Etwas von peinlichem Erſtaunen in ſeinen edeln und ſonnverbrannten Zügen, aber er ſagte nicht ein Wort. „Uebrigens,“ ſetzte Sara hinzu,„werde ich Sie nicht zu hindern ſuchen.“ „Ich hoffe wohl nein,“ flüſterte er. „Ich beſchränke mich darauf, meine Meinung zu äußern, das iſt Alles.“ „Was bedeutet das, Martha?“ fragte der junge Mann, zwie kommt es, daß man Dich in Deinem eigenen Hauſe wie ein kleines Mädchen behandelt? und mit welchem Recht widerſetzt ſich dieſe Frau, ohne eine andere Autorität, als die des Alters, Deinem Ausgange mit mir?“ Das Alter, dieß war eine bittere Pille für Miß Corner, aber ſie verſchluckte ſie, murmelnd, daß Amen ſehr eiferſüchtig ſei. „Eiferſüchtig auf den Bruder ſeiner Frau!“ rief Gevig, aus vollem Halſe lachend.„Jetzt ich, ———— 2¹15 daß Sie ſcherzen; anfangs nahm ich das Alles für Ernſt. Nun, Martha,“ ſetzte er, an ſeine Schweſter ſich wendend, die eben Shawl und Hut genommen hatte, hinzu,„verlieren wir keine Zeit: der Tag ver⸗ ſpricht ſehr ſchön zu werden; ich habe mit Dir von hundert Dingen zu reden und hundert Fragen an Dich zu machen.“ 5 Georg und Martha gingen ab, Sara nicht allein gekränkt, ſondern auch in Wuth zurücklaſſend über das, was ſie kalte Unverſchämtheit von Seiten des Bruders und der Schweſter zu nennen beliebte. Ihre Geſellſchaft zurückweiſen! Ihre Autorität über die Frau ihres Bruders beſtreiten! Das war eine harte Prüfung für die Er⸗Hoſpitalmutter, und dieſe beiden Kränkun⸗ gen widerfuhren ihr noch dazu an demſelben Tage! Aber allmälig tröſtete ſie ſich mit dem Gedanken, daß ſie um ſo ſchwerer ihre Rache auf die Schwä⸗ gerin fallen laſſen wollte, ſobald deren Beſchützer wieder abgereist wäre. Sie hatte einen überleg⸗ ſamen Geiſt und wußte, daß ihr Zorn, indem er zurückgehalten wurde, ſich nur vergrößern würde. „Ich fürchte, Martha,“ ſagte ihr Bruder, in den ſchmalen, von Hecken begrenzten Weg einlenkend, der vom Dorf auf die Gemeindewieſe führte,„ich fürchte, daß Du nicht glücklich biſt. Ich will keine gegen meinen Schwager unfreundliche Bemerkungen machen, noch ein Vertrauen Dir entreißen, das nicht ganz aus freiem Willen kommt; aber ſein unruhiges und verſtörtes Weſen geſtern Abend und das rohe und gebieteriſche Benehmen ſeiner Schweſter dieſen Morgen iſt meiner Beobachtung nicht entgangen.“ Die unglückliche Frau brach in Thränen aus. A6 „Um Gotteswillen, rede!“ fuhr er fort,„ſage mir Alles. Erinnere Dich, daß Du jetzt einen Verthei⸗ diger haſt, der im Stande iſt, Dich zu ſchützen und ganz geneigt, es zu thun.“ „Es iſt eine Geſchichte von Unglück,“ antwortete ſeine Schweſter,„aber nicht von Schande,“ ſetzte ſie, erſchrocken von dem plötzlichen Zorne, der Beorgs männliches Antl itz röthete, hinzu.„Ich hätte Dir nicht in's Geſicht ſehen, Deinem zärtlichen Blick begegnen, Deinen freundlichen Reden antworten können, wenn ich mir einen Vorwurf machen müßte.“ Der junge Mann athmete wieder freier. In ſo wenig Worten als möglich erzäblte ihm Martha ſofort Alles, was ſie durch ſein langes Still⸗ ſchweigen gelitten, die Schwierigkeiten, die ſie hatte überwinden müſſen, da ſie die Unterſtützung nicht erhielt, die er ihr für die Verpflegung unſeres Helden verſprochen, die Erhöhung des Miethzinſes beim Tode des Baronets, und das Benehmen Amen Corners, der ihr ſo edelmüthig erſchienen war. „Aber ich habe Dir Geld geſchickt,“ fiel Georg ein,„dreihundert Pfund. Von Jahr zu Jahr wartete ich unruhig auf Nachricht von Dir.“ „Ich weiß jetzt Alles.“ 7 „Ich begreife nicht, daß meine Briefe verloren ſein ſollen. Aber ich werde morgen nach Newark gehen; ich werde die Bankiers beſuchen. Ich arg⸗ wöhne irgend einen Verrath. Wenn mein Verdacht gegründet iſt, ſo ſoll mir Gerechtigkeit werden.“ „Es hat ein Verrath ſtattgefunden, Georg. Deine Briefe ſind unterſchlagen worden.“ „Durch wen?“ * 217 „Durch meinen ſchuldigen Gatten. Jahre lang machte er mir den Hof, ohne daß ich ihm ein gün⸗ ſtiges Ohr lieh. Seine vorgegebene Uneigennützigkeit gewann mich. Den Morgen nach unſerer Hochzeit erhob er das Geld.“ Der junge Mann betrachtete ſie mit einer Miene des Vorwurfs.* „Ich weiß dieß erſt ſeit geſtern Abend,“ rief ſie, „wo Amen mir Alles geſtand. Georg, Du kannſt nicht glauben, daß ich Dich täuſchen, Deine Liebe, Dein Vertrauen auf mich durch eine Lüge vergelten will. Habe ich nicht immer die Wahrheit geſagt?“ „Gott ſei Dank!“ flüſterte ihr Bruder tief ge⸗ rührt.„Es iſt nicht das Geld, Martha, was mich bekümmert. Der Schurke, der feige, verächtliche, treuloſe und ſchmutzige Schurke! Ich verſtehe jetzt ſeinen falſchen und ſchiefen Blick, ſeine Unruhe, die Furcht, die ihm auf den Ferſen folgte. Ich mußte ihm wie ein Geſpenſt erſcheinen, und das iſt nicht zum Erſtaunen. Wie hat er Dich behandelt?“ „Das Bewußtſein ſeines Fehlers,“ antwortete ſeine Schweſter ausweichend,„hat ihn manchmal rauh und reizbar gemacht, aber er verſpräch ehrlich, ſich zu beſſern. Wirſt Du ihm verzeihen?“ „Vielleicht!“ Dieſes Wort war in ſehr zweifelhaftem Tone ausgeſprochen. Es geſchah nicht aus einem Gefühl der Zunei⸗ gung, daß Martha die ſchlechte Behandlung, die ſie von ihrem groben und brutalen Tyrannen erfahren hatte, verheimlichte; aber ſie zitterte für die Sicher⸗ heit ihres Bruders, ſie fürchtete den Ausgang eines 218 Zanks zwiſchen ihm und Amen Corner. Sie arg⸗ wohnte nicht, daß der letztere eher einem ergrimm⸗ ten Löwen, als dem gerechten Unwillen des Mannes hätte entgegentreten können, deſſen Schweſter von ihm ſo niederträchtig betrogen und wie ein Hund in den Staub gedrückt worden war. Aber es iſt immer ſo: nur die Hand eines Poltron kann eine Frau ſchlagen. Zum Erſtaunen wie zur Erleichterung Martha's dachte Georg nicht einmal daran, ſie zu fragen, wie ihr Mann Dick behandelt habe. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß ein menſchliches Geſchöpf ſich ſo barbariſch gegen ein Kind betragen könne. „Biſt Du mir böſe?“ fragte Martha, die flehen⸗ den Augen zu ihm erhebend. „Böſe?“ wiederholte Georg, ſie an ſein Herz ziehend.„Armes Mädchen! ich liebe Dich zehnmal mehr, wenn es möglich iſt, für Alles, was Du ge⸗ litten haſt. Ich hätte Dich mit mir nehmen oder bälder wiederkommen und nicht Dein Glück auf's Spiel ſetzen ſollen, indem ich Dich ohne Schutz auf dem Meer des Lebens ließ, um die Beute eines Ungeheuers mit menſchlichem Angeſicht zu werden⸗ Aber Muth,“ ſetzte er hinzu,„Deine Prüfungen ſind jetzt vorüber; Du mußt dieſen Mann verlaſſen.“ „Er iſt mein Gatte,“ erwiderte ſeine Schweſter ernſt. „Laß mich nur Alles machen.“ „Aber wenn ſeine Reue aufrichtig wäre,“ fuhr die edle Martha fort,„wäre es recht, wenn ich ihn verließe? Erinnerſt Du Dich, daß ich geſchworen habe, ihn zu ehren und ihm zu gehorchen?“ —— * 219 „Und er hat geſchworen, Dich zu lieben und zu ſchützen,“ erwiderte lebhaft ihr Bruder.„Du ſiehſt, daß ich die Worte des Rituals kenne, wiewohl ich unverheirathet bin. Hat er das gethan? Kannſt Du ihn ehren? Nein; und ich werde es bewirken, daß er von Dir keinen ſclaviſchen Gehorſam mehr verlangt. Aber wir wollen davon ein andermal ſprechen; ich bin ganz verwirrt, denn ich habe noch andere Sorgen, als die Deinigen auf dem Herzen.“ Der Spaziergang dauerte länger als zwei Stun⸗ den, und während deſſen gelang es Georg durch verſchiedene Fragen, auf welche die einfache Martha arglos antwortete, ihr ein Bekenntniß zu entziehen, welches einen beträchtlichen Einfluß auf ſein ferneres Verfahren ausüben mußte, nemlich; daß ſie ihren unwürdigen Gatten nie geliebt und daß ſie ihn nur aus Erkenntlichkeit für den Schein einer uneigen⸗ nützigen Geſinnung geheirathet hatte. Dieſe Ent⸗ deckung war eine Erleichterung für ihn. „Martha,“ ſagte er, nachdem er ſie wieder bis vor das Dorf geführt hatte,„ich darf Deine Ge⸗ duld nicht ermüden. Ich will einen Augenblick zu⸗ rückkehren, um zu erfahren, ob Dick angekommen iſt, denn es verlangt mich den Jungen wieder zu ſehen. Wenn er nicht da iſt, werde ich bis nach dem Platz im Dorfe gehen.“ „Allein?“ „Ja; ich habe Vieles zu überlegen und bin be⸗ gierig, ob⸗Jemand von meinen alten Bekannten mich wieder erkennt.“ „O, ganz gewiß,“ erwiderte ſeine Schweſter. „Du haſt daſſelbe freie und offene Geſicht, und was 220 noch beſſer iſt, daſſelbe gute Herz. Es iſt an Dir verändert.“ „Das iſt nur Schmeichelei,“ ſagte der junge Mann mit Lächeln. „Nein, Stolz.“ „Stolz?“ „Ja, ich bin ſtolz, einen ſo gh Bruder zu haben. Wir haben Alle irgend einen Gegenſtand in dieſer Welt, worauf wir uns etwas einbilden, und Du biſt der meinige. Ich bin nicht mehr das ver⸗ laſſene Geſchöpf, das ich bisher war. Deine Rück⸗ kehr hat mir Muth und Hoffnung gegeben.“ „Sie wird Dir etwas Beſſeres bringen: die Wirklichkeit, den ſüßen Frieden des Herzens, den man Dir getaubt hat. Glücklich, daß das Verbrechen, deſſen ſich Amen Corner durch Unterſchlagung mei⸗ ner Briefe ſchuldig gemacht hat, mir geſtattet, Dich deſſen zu verſichern. 1 „Aber Du wirſt ihm verzeihen?“ „Vielleicht!“ Dießmal war das Wort noch i in einem weijelhaf teren Ton als zuvor wiederholt. Als er ſah, daß ſein Schwager noch nicht zurück⸗ gekehrt war, wandte Georg Chaſon, der ſeine Schwe⸗ ſter bis an die Thüre ihres Hauſes begleitet hatte, anſnt einzutreten, ſeine Schritte dem Dorfe zu. Das erſte Haus, wo er eintrat, war das Wirthshaid zur Aufgehenden Sonne. Michael Bunce erkannte ihn ſogleich, obwohl manche Jahre, ſeitdem er ihn geſehen hatte, ver⸗ floſſen waren. Die Nachricht von ſeiner Rückkehr verbreitete ſich von der Wohnſtube an den Schenk⸗ — F tiſch, von dem Schenktiſch in die Küche. Patience hatte kaum davon gehört, als ſie trotz des Verbots von Miß Jane, ihre Arbeit zu verlaſſen, die Treppe hinaufeilte, um ihn zu ſprechen. Das Herz des ehr⸗ lichen Mädchens war voll: denn ſie hatte eine Stunde zuvor den Gemeindeverwalter der Armen⸗ tare gegen Mrs. Bunce äußern hören, daß er einen Befehl zur Aufnahme unſeres Helden in das Hoſpi⸗ tal unterzeichnet habe; und durch eine bittere Er⸗ fahrung war ſie inne geworden, was das heißen ſollte. „Der Verbrecher!“ murmelte Georg, als ſie ihren Bericht, den er mit dem lebhafteſten Intereſſe anhörte, geendet hatte,„der feige und ſchmutzige Verbrecher!“ „Das iſt das rechte Wort ſicher,“ rief Patience. „Es freut mich für Martha, daß Sie zurückgekom⸗ men ſind; es iſt ein ſo ſchwaches Geſchöpf! Amen Corner würde mich nicht ſo behandelt haben. Und Dick, Sie werden ihn doch nicht im Werkhauſe laſſen? Nein, Sie haben ein Vaterherz und Vaterliebe und der Kleine iſt deſſen würdig.“ „Ich werde ihn keinen Augenblick dort laſſen.“ „Gott ſei gelobt; und nun, da ich geſagt habe, was mir auf dem Herzen lag, kehre ich zu meiner Arbeit in die Küche zurück. Wenn Miſſis mich deß⸗ halb entläßt, ſo lache ich darüber; es gibt noch andere Häuſer als das ihrige im Dorfe.“ „Mein liebes Mädchen, Sie ſollen wegen der Theilnahme, die meine arme Schweſter und der Knabe Ihnen einflößen, nichts zu leiden haben.“ Potience fragte ſich ganz natürlich, warum er ihn nicht ſeinen Sohn nenne. „Wenn Ihnen Etwas begegnet,“ fügte Georg hinzu,„ſo kommen Sie nur in das Haus ich bin daſelbſt Herr.“ „Ja,“ ſagte Patience mit einem Lächeln der Zufriedenheit. „Inzwiſchen néhmen Sie dieß.“ Er bot ihr einen Souverain. Das arme Mädchen hatte wahrſcheinlich nie eine ſo große Summe be⸗ ſeſſen, aber ſie ſchlug das Goldſtück aus. „Nein, nein,“ ſagte ſie„ich habe nicht für das Geld Rapport gemacht. Das ſoll man nie von mir ſagen, ungeachtet ich im Werkhaus geweſen bin, ich bin zu ſtolz dazu.“ Martha's Bruder ſteckte ſeinen Souverain wieder ein, drückte Patience lebhaft die Hand, was ihr ge⸗ wiß mehr Vergnügen machte, als das Goldſtück, und dankte ihr noch einmal für das Intereſſe, das ſie. an ſeiner Schweſter genommen hatte. Unſere Leſer können ſich die Beſtürzung Amen Corners denken, als ſein Bruder ihn von dem uner⸗ klärlichen Verſchwinden Dicks in Kenntniß ſetzte; er ſchrie und tobte wie ein Wahnſinniger, erklärte, daß er ruinirt ſei, daß die ganze Welt ſich gegen ihn verſchworen habe. „Nun, was bedeutet dieſes Gelärm?“ fragte der liebenswürdige Ben.„Ich glaubte, Du werdeſt ent⸗ zückt ſein, Dich des Schlingels los zu ſehen.“ Ich wäre es geweſen! aber...“ „Was aber?“ „Sein Vater iſt zurückgekommen. Verwünſcht ſei 6 ⸗ er! Er iſt reich, er h erworben.“ Der Vorſteher des Hoſpitals ließ ein ſehr aus⸗ drucksvolles Pfeifen vernehmen. „Das wäre erſt noch nicht Alles,“ fuhr ſein Bruder fort,„allein ich.... ach, mich dünkt, ich kann Dir Alles geſtehen. Am Tage meiner Hochzeit zog ich aus der Bank dreihundert Guineen ſammt Zinſen, welche dem Knaben gehörten. Es war das von ſeinem Vater geſchickte Geld.“ „Du haſt ein Falſum begangen,“ murmelte Ben. „Nein, nein, bin kein ſolcher Dummkopf.“ „Nun gut.“ „Georg(dieß iſt der Name jenes Mannes) weiß nicht, daß ſein Sohn in der Eigenſchaft eines Düpf⸗ tigen hieher gebracht worden iſt. Ich ſagte ihm, daß ich wegen des ſchlechten Wetters ihn bei Dir gelaſſen habe. Was jetzt machen?.. Ich würde gern zwanzig Guineen geben, wenn man ihn wieder fände.“ „Es ſei!“. „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Amen mit argwöhniſcher Miene. 8 2 „Ich will ſagen es ſei,“ erwiderte Ben;„gib die zwanzig Guineen und ich werde ihn Dir bald wieder gefunden haben. Er kann nicht weit ſein: ich weiß, was geſchehen muß, in welchen Winkeln at ein Vermögen in Auſtralien und Neſtern man ihn ſuchen muß. Was Dich be⸗ krifft, ſo kehrſt Du nach Hauſe zurück und ſagſt, daß der liebe Kleine(ſprich in zärtlichen Ausdrücken) einige Tage zum Beſuch aufs Land mit meinen Kindern zu Vettern von mir gegangen iſt. Sollte dert Guineen und den Reſt ſein Vater auf Erkundigung hieher kommen, ſo werde ich ihm dieſelbe Geſchichte erzählen. „Man wird ihn neu kleiden müſſen, ehe er zu⸗ wird,“ ſagte der Gerichtsſchreiber. „Gut.“ 8 „Und es ſo einrichten, daß meine Frau ihn zu⸗ erſt ſieht.“ Der Vorſteher des Hoſpitals nickte fein mit dem Kopfe, um verſtehen zu geben, daß er vollkommen Alles begreife, was man von ihm erwarte, und ſein Bruder reiste ungern ab, nachdem er ihm Lebewohl geſagt hatte. Es iſt wahrſcheinlich, daß wenn er die dreihun⸗ ſt ſeiner Erſparniſſe in ſeiner Taſche gehabt hätte, Amen Corner mit ſeinem Pferde nicht nach Crowshall zurückgekehrt wäre, aber dieſer Schlag kam ſo plötzlich, daß er ſich nicht darauf vorbereiten konnte. Er entſchloß ſich jedoch, dieſe Unklugheit wieder gut zu machen und ſogleich nach ſeiner Ankunft zu Hauſe das Geld aus ſeiner Kaſſe zu nehmen. Er langte eine Stunde vor dem Diner an. „Wo iſt der Knabe?“ fragte ſeine Frau un⸗ ruhig, beſtürzt darüber, daß ſie ihn allein zurück⸗ kommen ſah. „Er iſt in Sicherheit und wohl auf.“ „Amen! Amen!“ rief Martha mit zweifelnder Miene. „Ich ſage Dir die Wahrheit,“ erwiderte der Heuchler mit einem Schwur, womit wir dieſes Blatt nicht beflecen wollen.„Du weißt, daß ich ihn ent⸗ ſprechend kleiden wollte, ehe ich ihn hieher brachte in ſeinem wirklichen Zuſtand konnte ich ihn ſeinem Vater nicht zeigen. Und hier haben wir keine Mög⸗ lichkeit gehabt, etwas zu finden, was für ihn taugte; ſo hat nun Ben ihm das Maaß zu einem vollſtän⸗ digen Gewande nehmen laſſen, das ſpäteſtens mor⸗ gen früh fertig ſein wird.“ Mit dieſer Erklärung, die ziemlich wahrſcheinlich ſchien, mußte ſie ſich zufrieden geben. „Haſt Du mit Deinem Bruder geſprochen?“ fragte ihr Mann unruhig. „Ja.“ „Und haſt Du ihm Deinem Verſprechen gemäß die Geldaffaire erklärt?“ „Wie haſt Du es angeſtellt?“ „Ich habe ihm die Wahrheit geſagt. Sei deß⸗ halb nicht böſe; es gab kein Mittel, es anders zu machen. Ich konnte ihn nicht täuſchen, ſelbſt um Deinen Zorn zu vermeiden. Er verzeiht Dir.“ „Meiner Treu,“ murmelte der Gerichtsſchreiber, „Du haſt vielleicht wohl daran gethan. Da er ſo reich iſt, kann ihn dieß nicht ſehr kümmern, und es wäre ein ſchlechter Bruder, wenn er wegen eines aus Liebe zu Dir begangenen Fehlers einen Groll nachtragen könnte. Wo iſt Georg?“ Martha antwortete, er ſei nach dem Dorfe ge⸗ gangen, habe aber verſprochen, zum Diner zurück⸗ zukehren. Ich will ihm entgegengehen,“ ſagte Amen,„es iſt beſſer, ſich ſogleich den erſten ſchlechten Zeitpunkt vom Halſe zu ſchaffen. Du biſt ſicher überzeugt, daß er mir verziehen hat?“ 15 Das Erbe. 226 „Vorausgeſetzt, daß Ben dieſen unglücklichen Schlingel findet,“ dachte Amen Corner, als er das Haus verließ, um ſeinen Schwager zu ſuchen,„Alles könnte gut gehen. Ich hoffe, daß kein Ränkeſchmied ihn gegen mich aufgehetzt hat. Man muß auf ſei⸗ ner Hut ſein, die Welt iſt voll boshafter und ver⸗ läumderiſcher Menſchen; die Peſt erſticke ſie.“ Als er den höchſten Punkt der Gemeindewieſe erreichte, erkannte er Georg Chaſon, der mit raſchen Schritten auf ihn zukam. Wie meiſtens der Böſe⸗ wicht, war er von Natur argwöhniſch und wurde von düſtern Ahnungen erregt, bis der junge Mann die Hand gefaßt hatte, die er ihm bot, und die jener mit einer ſo ſchrecklichen Cordialität drückte, daß ihm die Thränen in die Augen kamen. Sie wechſelten kein Wort wegen der Briefe und des Geldes. Georg hörte ſtillſchweigend die Ent⸗ ſchuldigungen Amens bezüglich der Nichtankunft un⸗ ſeres Helden und die ſchließliche Verſicherung des Gerichtsſchreibers, daß Dick ohne Zweifel morgen in Crowshall ſein werde, an. „Wollte Gott!“ dachte ſein theurer Schwager. „Wohin gehen Sie, Georg?“ fragte Amen, als er ſah, daß dieſer ſeine Schritte gegen das Gehölz richtete, anſtatt den Fußweg einzuſchlagen.„Das iſt nicht unſer Weg, er würde uns eine halbe Meile abführen.“ „Ich weiß es, kann aber dem Wunſche nicht wehren, dort vorüber zu gehen; ich habe mehr als hundert Vogelneſter daſelbſt ausgenommen, als ich noch klein war. Es iſt beinahe der einzige meiner — 8* d t⸗ 1 3 n er 8 227 Lieblingsplätze, den ich noch nicht beſucht habe. Aber ich will Sie nicht mitſchleppen, wenn es zu weit iſt.“ „O nein!“ rief der Gerichtsſchreiber, bei dem dieſes offene und natürliche Benehmen jeden Arg⸗ wohn zerſtreut hatte. „Ich könnte Sie incommodiren.“ Sie ſchritten einige Zeit fort, ohne ein Wort zu ſprechen, bis ſie in einer Art von Thälchen, auf allen Seiten von Bäumen umringt, angekommen waren. Hier machte Georg Halt und ſchaute um ſich. „Wie gut erinnere ich mich dieſes Orts!“ ſagte er.„Hier habe ich zum erſten Mal meinen lieben jungen Herrn Walter Herbert geſehen. Ich war eben im Begriff, mir einen Stock zu ſchneiden, ungefähr wie dieſen da,“ ſetzte er hinzu, auf ein junges Stämmchen zeigend, das ſehr biegſam ſchien. „Wollen Sie, daß ich es Ihnen ſchneide, Georg?“ fragte der Gerichtsſchreiber. „Ich würde Ihnen dankbar dafür ſein.“ Amen machte ſein Meſſer auf und begann den Stock zu ſchneiden. „Ich fürchte Ihnen viel Mühe zu machen,“ ſagte Georg, ihn mit bitterem Lächeln betrachtend. „Durchaus nicht, es macht mir Vergnügen,“ er⸗ widerte der Gerichtsſchreiber.„Hier iſt er“ Und er übergab den Stock den Händen ſeines Begleiters, der ihn fragte, ob er noch darüber in Zweifel ſei, warum er den Weg durch das Gehölz ſtatt den Fußpfad eingeſchlagen habe? „Nein.“ „Ich will es Ihnen nun ſagen!“ rief der junge Mann, ihn am Kragen packend.„Es geſchah, um Ihre Brutalität zu ſtrafen. Ich würde Ihnen den Diebſtahl der Briefe, Ihre Falſchheit und Treuloſig⸗ keit verziehen haben, aber nicht Ihre Grauſamkeit gegen meine arme Schweſter und gegen das ſchwache Kind.“ Und ſeine Hand ſenkte ſich und mit ihr der Stock, den Amen zu ſeiner eigenen Züchtigung ge⸗ ſchnitten hatte. Er hätte keinen beſſern wählen können, denn das junge Stämmchen bog ſich, als ob es ſeine Glieder vertilgen wollte; man hätte ſagen können, es hatte eine Freude an ſeiner Arbeit. Der Poltron brüllte vor Schmerz und krümmte ſich wie eine verwundete Schlange. Georg beeilte ſich nicht, dem niedrigen Flehen ſeines Schwagers um Barmherzigkeit Folge zu geben, und als er endlich aufhörte, geſchah es mit einem Gefühl der Verachtung, nicht des Mitleids. „Sie wiſſen jetzt auch Ihrerſeits, was es heißt,“ ſagte er,„wie ein Hund geſchlagen zu werden; aber meine Schläge ſind nur auf Ihren elenden Körper gefallen, während die Ihrigen das Herz Martha's und des armen Dick getroffen haben. Gehen Sie und möge die Vergangenheit Sie Klugheit lehren; Gerechtigkeit und Mitleid Ihnen beizubringen, möchte Nichts im Stande ſein.“ Amen Corner erhob ſich langſam von dem Raſen, auf dem er ſich vor Schmerz gewälzt hatte. Sein Geſicht war blaß vor unterdrückter Wuth und ſeine blutunterlaufenen Augen glänzten in ſchrecklichem Feuer. 229 „Ich werde dieſe Lection nicht vergeſſen,“ ſagte er „Drohen Sie noch, Schurke?“ „Ich erkläre Ihnen,“ erwiderte der Kirchſpiel⸗ ſchreiber, die Höhe erkletternd, um aus dem Bereich Georgs zu gelangen,„ich erkläre Ihnen, daß ich mich rächen werde, und müßte ich Jahre lang dahin ar⸗ beiten. Gehen Sie, wohin Sie wollen, ich folge Ihrer Spur wie ein Leithund, ich werde Sie ver⸗ folgen bis zum Tode... bis zum Tode.“ Georg Chaſon wandte ihm den Rücken und ging dem Dorfe zu, indem er dachte, es wäre beſſer, Amen zuvorzukommen. Als er eintrat, ſah ſeine Schweſter ſogleich an der Röthe ſeiner Stirne, an ſeiner Lippen, daß etwas Ernſtes vor⸗ fallen war. „Georg,“ rief ſie,„was haſt Du gethan?“ „Ich habe einen Verräther geſtraft, den ich hätte deportiren laſſen können, wenn er Dir nicht ſeinen Namen gegeben hätte.“ „Iſt das Dein Verſprechen?“ „Ich habe keines gegeben, und wenn ich es auch gegeben hätte, ſo erfuhr ich ſeither Dinge, die mich hundertmal berechtigt hätten, es zu brechen. Zu wiſſen, daß Du von dieſem Ungeheuer geſchlagen worden biſt.... und Dick auch! O, die Todten, die in der Kirche zu Crowshall ruhen, hätten in ihren Särgen vor Entrüſtung beben ſollen!“ „Wie!“ rief Sara im Tone des Erſtaunens, „behaupten Sie, ſich unterſtanden zu haben, die Hand an Amen Corner zu legen?“ „Ich habe mich nicht ſo weit entehrt; meine Hand iſt die eines ehrlichen Mannes und dieſe Be⸗ de ge „ rührung hätte ſie beſchmutzt. Ich bediente mich der einzigen Waffe, die ein ſolcher Hund verdient, eines Stocks. Komm, Martha, ich wage Dich nicht hier zu laſſen; ich muß nach Newark, um meinen Jungen zu holen. Er iſt im Hoſpital als Bedürftiger, allen den Entbehrungen, der Schande, dem Elend eines ſolchen Ortes ausgeſetzt. Ich kann weder eſſen, noch ſchlafen, noch auch nur denken, ehe ich in befreit habe.“ Es iſt leichter die verzweiſ Virthas ſich vorzuſtellen, als zu beſchreiben, da ſie dieſe letzte Infamie ihres Gatten erfuhr. Ihr Eifer, abzureiſen, war dem von Georg gleich, wo nicht größer. In weniger als einer S Stunde und trotz der Einwen⸗ dungen der alten Jungfer, welche nicht begriff, daß ihre Schwägerin eine ſolche Freiheit ſich herausnehme, war das Pferd an das Wägelchen geſpannt und ſie zuſammen nach dem Hoſpital ab. Als ſie daſelbſt ankamen, ſah ſich der liebens⸗ würdige Vorſteher, Ben, genöthigt, zu bekennen, daß der Knabe entflohen war und alle ſeine Nach⸗ forſchungen fruchtlos geweſen ſeien. Georg Chaſon wandte ſich ſogleich an die Obrigkeit; die Polizei wurde in Thätigkeit geſetzt, eine Belohnung zugeſichert, aber man konnte keine Rachricht erhalten, und am zweiten Tag kehrten ſie nach Crowshall zurück, ent⸗ muthigt und mit blutendem Herzen. Amen Corner und ſeine Schweſter waren, nach⸗ dem ſie das ganze Haus ausgeplündert hattei, ver⸗ ſchwunden, man wußte nicht wohin. In derſelben Nacht irvte der arme Dick, deſſen Füße mit Blaſen bedeckt waren und deſſen Körper 231 vor Kälte ſchauderte, in der Richtung der Gemeinde⸗ wieſe zwiſchen Mansfield und Sutton⸗Woodhouſe herum. Er wagte nicht, um ein Aſyl zu bitten, aus Furcht, eine Abweiſung zu erfahren, ausgefragt und nach dem Hoſpital von Newark zurückgeſchickt zu werden. Ach, ſein junges Herz war ſo ſchwer, als er an den Häuſern vorüberging, ohne zu wiſſen, wo er ſein unſchuldiges Haupt hinlegen ſollte. Er hatte bis jetzt nicht gedacht, daß die Welt ſo groß und die Menſchheit ſo kalt ſei. Manchmal weilte ein neugieriger Blick auf ihm, aber Niemand lud ihn ein, zu bleiben und ſeine ermüdeten Glieder zu laſſen, Niemand fragte ihn, ob er Brod abe. Die Lichter, welche die Fenſter erhellten, verur⸗ ſachten ihm große Traurigkeit. Er dachte, wie ent⸗ zückend es wäre, eine Wohnung zu haben, liebe Ge⸗ ſichter, die Einen anlächeln, einen Kuß von der Mutter zum Troſte, ein gutes Bett zur Ruhe; dann fragte er ſich, ob alle Kinder dieſelben Prüfungen, wie er, durchzumachen haben. Er erreichte endlich die Gemeindewaide und ſchaute um ſich, in der Hoffnung, irgend einen Heu⸗ ſchober zu finden, wo er ſich verkriechen konnte, wie er die beiden vorangehenden Nächte gethan hatte; aber nein, Alles war einförmig und öde; die Bäume ſeufzten traurig im Winde, als hätten ſie einen Leichengeſang gehört. Die Dunkelheit war eingebrochen; kein Aſyl zeigte ſich und Thränen begannen über die Wangen des armen Wanderers zu rieſeln. Er dachte an Martha, an den guten alten Nicolas, an Annette und ſeine jungen Kamaraden. Selbſt der Stall, wo er ſich ſo oft Stunden lang verſteckt hatte, um ſeinem Verfolger zu entgehen, ſchien ihm jetzt ein Paradies. Er hätte dort ſein mögen, behaglich im Stroh ein⸗ geniſtet. „Ich muß ſterben!“ ſagte er ſchluchzend,„und Niemand wird bei mir ſein! Nie werde ich Mama und Nicolas wiederſehen!.... ich kann nicht mehr weiter gehen,“ fügte er hinzu, ſich auf das naſſe Gras ſetzend, zitternd vor Kälte und halbtodt vor Hunger. Da er nicht mehr lang zu leben glaubte, begann der kleine Wanderer feine Gebete herzuſagen, als er plötzlich ein Licht in geringer Entfernung bemerkte. Sich erheben und auf daſſelbe zulaufen, war der Antrieb des Inſtinets der Selbſterhaltung. Aber das wüthende Gebell eines Hundes hielt ihn auf, als er bis auf einige Schritte einem jener Fuhrwerke nahe gekommen war, womit im Lande herumziehende Seiltänzer und Komödianten ihre Reiſe machen. Ein graues, ſehr mageres Pferd und ein hungriger Eſel weideten das Gras in der Nähe ab. Zum Glück für den Knaben war der Hund am Wagen angebunden; doch wagte er nicht weiter vorzurücken, ſo wild erſchien das Thier. Er ſetzte ſich noch einmal auf das Gras, ein wenig getröſtet, ſich bei der Wohnung menſchlicher Weſen zu ſehen; dann fing er, wieder Muth faſſend, aus allen Kräften, die ihm noch geblieben waren, zu ſchreien an, um die Aufmerkſamkeit der Be⸗ wohner des Fuhrwerks auf ſich zu ziehen. Dreizehntes Kapitel. zer Manche haben ſchon bezweifelt, ob die Arche die zahlreichen Bewohner habe faſſen können, welche der Tradition zufolge in derſelben eine ziemlich traurige Zuflucht gegen die Sündfluth fanden; ſie haben ſich ſogar erlaubt, auf die Autorität des Winkelmaßes und Richtſcheites ſich zu ſtützen, als ob die Wahr⸗ heit vermittelſt der Unwahrheit zur Entſcheidung ge⸗ bracht werden könnte oder müßte. Hätte man einem dieſer ſo beſtimmt auftretenden Leute die genaue Anzahl der menſchlichen Weſen, nach Abzug der niedrigeren thieriſchen Geſchöpfe, genannt, welche in dem Wagen des Directors von dem Meßſchauſpiel aßen, tranken, ſich wuſchen und zur Ruhe legten, er würde gleicherweiſe gerufen haben, dieß wäre un⸗ möglich; aber es blieb nichts deſto weniger eine Thatſache, und wir dürfen dergleichen nicht verwerfen, weil wir ſie nicht begreifen: denn die Welt würde ein hübſches Chaos, wenn wir Alles, was uns un⸗ begreiflich iſt, verwerfen wollten. Der Eigenthümer dieſes peripatetiſchen Gtabliſſements(wir können logiſcher Weiſe daſſelbe ſchon ſo bezeichnen, denn das alte Pferd und der abgemergelte Langohr, welche daſſelbe von einem Ort zum andern zogen, hatten ſeit langer Zeit den Trab vergeſſen) hieß in Wirklichkeit John Webb, aber als ſein glückliches Geſchick ihn Euphraſia Gill heirathen ließ, erhob ihn dieſe, aus Achtung vor ihrer eigenen Würde, in der Hierarchie der Be⸗ nennungen dadurch, daß ſie John, dieſen widrigen John mit dem nobleren und poetiſcheren Namen Eugenio vertauſchte, welchen tauſend rührende Frinnerungen ihrem jungen, romantiſchen Herzen theuer machten; denn dieß war der Titel eines aus⸗ drücklich für ſie geſchriebenen Stückes, des erſten Grundſteines zu ihrem unerreichten Ruhm, worin ſie ſich in allem Glanz ihres mächtigen Genie's den Patronen des Penny⸗Drama's zeigte. Viele ihrer Nebenbuhlerinnen waren niederträchtig genug geweſen, zu verſtehen zu geben, daß ſie ihren Er⸗ folg eher dem Verfaſſer beſagten Drama's, als ihrem eigenen Talent verdanke. Gewiß gehörte die Rolle der Heldin zu den merkwürdigſten; ſie hatte im Lauf des Stückes drei Tyrannen zu erdolchen, vier Gefechte mit dem Säbel, und eine ganze Räuberbande mit einer einzigePiſtole zurückzuhalten. Sie mußte unter Anderem von der Spitze eines ſchrecklichen, ungtfähr achtzehn Zoll hohen Leinwandfelſens in einen Ab⸗ grund ſtürzen und endlich zwei Mörder, einen mit jeder Hand vor den Richter ſchleppen, und dieß Alles innerhalb fünfunddreißig Minuten, dem Zeitraum, welchen die Vorſtellung dauerte. Metaphoriſch zu ſprechen, war Euphraſia auf der Scene geboren, da ihr Vater viele Jahre lang vor und nach der Geburt ſeiner Tochter den wichtigen Poſten des Maſchiniſten zu Coventgarden und ihre Mutter den einer Theaterſchneiderin für Mrs. Siddons bekleidet hatte. Es war eben der große Erfolg dieſer berühmten Schauſpielerin in der Rolle der Euphraſia in dem Griechiſchen Mädchen, welcher Mrs. Gill den Namen ihres Kindes eingab, aus dem ſie eine Schauſpielerin zu machen entſchloſſen war, als wenn man Schauſpielerinnen nur machte! Als die zukünftige Heldin des unſterblichen Dra⸗ ma's Eugenio ſechs Jahre alt war, ſetzte ihre Mut⸗ ter bei der großen Tragödin es durch, daß dieſelbe dieſe deklamiren hören durfte: ich heiße Norval! Dieſe Anhörung fand im Ankleidekabinet der Schauſpielerin ſtatt. Als der Monolog zu Ende war, erhob ſich Mrs. Siddons, welche eben durch den wachehaltenden Inſpicienten abgerufen wurde, mit ihrer gewöhnlichen Majeſtät. „Gill!“ rief ſie mit ihrer Grabesſtimme,„es ſind Närrinnen Deiner Art, welche die Welt mit mißge⸗ ſtalteten Kindern füllen.“ Und nach dieſem Citat aus Wie es euch ge⸗ fällt ſchritt ſie aus dem Zimmer. Mit fünfzehn Jahren debütirte Euphraſia auf einer kleinen Bühne der Provinz in der Rolle Lady Macbeths; und ſie fiel durch, wie man ſich denken kann. Aber die junge Actrice ſchrieb dieſen trauri⸗ gen Erfolg nicht ihrem Mangel an Talent und Er⸗ fahrung zu; es waren ihr zufolge die Kemble und die Siddons, welche ſie aus Eiferſucht erſticken woll— ten, und ſie betrachtete ſich als eine Märtyrerin. Gleichwohl willigte, da ſelbſt Märtyrer das Be⸗ dürfniß zu eſſen haben, die ausgepfiffene Debutantin ein, ihr Genie und ihren Schmerz in einer Barake zu verbergen, wo ſie ſich nicht zu beklagen hatte, ob die Beifallsbezeugungen ihre Gitelkeit befrie⸗ digen konnten: ſie wurde dort ihrem Werth nach geſchätzt. 236 Obgleich die Zeit die Dame ihrer jugendlichen Reize beraubt, hatte ſie ihr dafür das Gewicht der Würde beigelegt, ein Gewicht, das ſchrecklich drückend wurde, beſonders auf Jahrmärkten, Sommers, wo ſie oft ſechszehn⸗ bis zwanzigmal nach einander ſpielte und unter Anderem das Eintrittsgeld an der Thüre in Empfang nahm. Mit andern Worten, ſie war ſo ſtark geworden, daß ſie von der Seite auf die Bühne treten mußte, aus Furcht die Decorationen einzureißen. Zur Zeit, da unſere Erzählung uns nöthigt, die beiden großen Künſtler dem Publikum vorzuſtellen, hatte eine düſtere Wolke, um uns des Ausdrucks von Mrs. Webb zu bedienen, den Sonnenſchein ihrer Exiſtenz verdunkelt. Nicht daß ſie in Jammer und Noth geweſen wären, weit entfernt; aber dem Director einer nebenbuhleriſchen Barake war es gelungen, die Glieder ihrer Truppe unter ſeine Fahnen anzu⸗ werben. Seit langer Zeit klagten die Damen die Directrice an, daß ſie ſich aller Effeet-Rollen be⸗ mächtige. Der erſte tragiſche Held, Mr. Ketch⸗ ford, empörte ſich mit Recht darüber, daß er ihrem Verlangen alle ſeine ſchönſten Stellen aufopfern mußte: der Buffo ſagte, man ſpiele nie etwas Komiſches(Euphraſia verabſcheute dieſes Wort); und der Alte, welcher die Clarinette in den Zwi⸗ ſchenacten blies, die Decorationen malte, die Lampen an der Rampe unterhielt und die Anſchlagzettel ſchrieb, behauptete, daß ſeine Dienſte nicht gehörig anerkannt würden. Die Directrice erkſärte mit jener ernſten Stimme, welche ſie annahm, um Lady Macbeth zu ſpielen, * 237 daß ſie herz⸗ und ehrloſe Leute ſeien, und die Folge war die Auflöſung der Truppe. Aber der Director war nicht der Mann, zu ver⸗ zweifeln. Vielleicht freute er ſich im Grunde ſeines Herzens dieſes Wechſels, obgleich er es ſeiner Frau nicht zu geſtehen wagte; es erlaubte ihm, ſeine Hülfsquellen zu zeigen, zu erproben, was er aus ſeiner Perſon zu machen verſtand. Und dann war er noch nicht ganz verlaſſen. Gog, ſein Rieſe, der nach einander ein Botokudenhäuptling, ein Ashanté, ein Fürſt von Neu⸗Seeland und einem Halbdutzend anderer Länder geweſen⸗ war, auch den Zimmermann des Etabliſſements machte, war ihm treu geblieben. Es war ein fröhlicher Burſche von wunderbarer Stärke, ſieben Fuß hoch, aber dabei ſanft und naiv wie ein Kind. Da er der einzige Mann von der Truppe war, der die ſtolze Euphraſia wegtragen konnte, wenn ſie in einem Stück in Ohnmacht fiel, ſo wußte dieſe Dame ſeinen Werth zu ſchätzen. Außer dem Rieſen gab es noch zwei verwaiste Kinder, Bruder und Schweſter, welche ſich von dem Schickſal Eugenio Webbs zu trennen weigerten. Sie waren gut behandelt worden und wußten ſich bei ihm in Sicherheit, Vortheile, welchen man nicht immer bei dieſer Lebensart begegnet. Samuel oder Samivel, denn ſo nannte ihn ſein Herr, war erſt zwölf Jahre alt; aber es war ein gewandter Springer und ſein Talent wurde bei der wirklichen Kriſe ſehr vortheilhaft. Er konnte ſich mit gleicher Leichtigkeit auf den Kopf oder auf die Hände ſtellen, in allen Arten von gefährlichen Situationen balanciren, ſeine Beine unter die Arme 238 nehmen und auf den Händen hüpfen wie ein Froſch. Aber ſein größtes Kunſtſtück, welches er mit Gog machte, verfehlte nie, einen Donner von Beifall zu erregen. Selbſt Mrs. Webb ließ ſich trotz all ihrer Liebe zur Tragödie zu dem Geſtändniß herab, daß er geſchickt ſei. Der Knabe kletterte am Rumpf des Coloſſes hinauf, bis er auf deſſen Kopf angekommen war, wo er aufrecht ſtand, einen Augenblick balan⸗ cirte, dann ſeinen Satz machte, indem er Sorge trug, ehe er den Boden berührte, noch einen gefährlichen Sprung zu executiren. Obgleich er zwölf Jahre zählte, war er nicht größer als unſer Held, aber ſeine Glieder waren ſtärker und ſeine Muskeln ent⸗ wickelter, eine natürliche Folge der gewaltigen Exer⸗ citien, welch er zu machen genöthigt war. Er hatte ſeine regelmäßigen Züge, blonde Haare, blaue Augen und eine ausnehmend feine Phyſiognomie, ohne daß ſie Spuren von Verſchlagenheit zeigte. Seine kleine Schweſter Mignonne war Tänzerin. Es war unmöglich, ſie zu betrachten, ohne von ihrer Schönheit betroffen zu ſein, welche Alles, was es Graziöſes und Liebenswürdiges in der Kindheit gibt, vereinigte. Die Freude des Daſeins ſtrahlte in ihren ſchwarzen Augen wie in denen einer Zigeu⸗ nerin; ihre Stimme war melodiſch, und ihr frohes Lachen tönte wie Jubelgeſang, durch harmoniſche Muſik halb erſtickt. Die verführeriſchen Manieren Mignonne's mach⸗ ten ſie zum Liebling Aller, welche in Verkehr mit ihr kamen, denn bei dem Vertrauen des kindlichen Alters beſaß ſie, was noch viel ſchöner iſt, eine an⸗ geborne Beſcheidenheit, welche ihr Vagabundenleben 239 mit allen ihren gefährlichen Kamaraden nicht ver⸗ dorben hatte. Sie war durch eine peſtilenzialiſche Atmoſphäre gegangen, ohne ſie einzuathmen. Es lag etwas äußerſt Rührendes in der Zunei⸗ gung, welche zwiſchen dieſen beiden Kindern beſtand, die ſich ſelbſt und, was noch viel gefährlicher iſt, der Welt und allen ihren ſchrecklichen Verſuchungen überlaſſen waren. Sam(wir haben die Diminutive gern) liebte nicht allein ſeine kleine Schweſter, ſon⸗ dern wachte auch über ſie, und obwohl er gewöhn⸗ lich von ausnehmend ſanftem und ruhigem Charakter war, wurde er doch ganz wüthend, wenn Jemand es wagte, in Gegenwart von Mignonne ein ſchlech⸗ tes Geſpräch zu führen. Was Gog betraf, ſo betete er wiklich die kleine Fee an; der Berg von einem Menſchen gehorchte einem Wort, einem Blick, dem geringſten Zeichen, das von ihr kam; und trotz ihres jungen Alters, denn Mignonne war noch nicht eilf Jahre alt, war ſie von dem außerordentlichen Einfluß, den ſie auf ihn ausübte, unterrichtet. Wenn ſie tanzte, lagerte er ſich vor dem Zelte und beobachtete mit einem Lächeln der höchſten Zufriedenheit die Bewegungen ihrer kleinen Füße. Dann war es vergeblich, daß Webb ihn auf⸗ forderte, dieß oder jenes zu thun; ſeine Befehle wurden nicht gehört. Vergeblich runzelte ſelbſt die ſtolze Euphraſia ihre Stirne. Gog hatte nur Augen und Ohren für Mignonne. Der Urſprung dieſer Zuneigung bei dem Rieſen läßt ſich mit wenigen Worten erklären. Die andern Kinder machten ſich über ihn luſtig, oder entflohen 240 mit Schrecken und Widerwillen bei ſeinem Anblick; Mignonne behandelte ihn dagegen mit dem größten Pertrauen und der größten Freundſchaft. Sie war bereit, lachend, von welcher Höhe man wollte, herab⸗ zuſpringen, vorausgeſetzt, daß Gog die Arme aus⸗ ſtreckte, ſie aufzufangen; ſie ſtreichelte mit ihren kleinen Händen ſeinen ungeheuren Kopf, ganz wie ſie die wilde Bulldogge ſtreichelte, welche bei Nacht das Fuhrwerk bewachte. Durfte man ſich wundern, daß Gog ihr ſo zugethan war? Die Freundſchaft des unſchuldigen Kindes ſühnte ihn mit ſich ſelbſt aus; ſie lehrte ihn, daß er ein Menſch war. Nun, da wir unſere Leſer mit den Bewohnern des Fuhrwerks von Mr. Webb bekannt gemacht haben, wollen wir ihnen eine kurze Beſchreibung der Wohnung geben, deren beſchränkter Raum durch alle möglichen Arten denkbarer und undenkbarer Hülfsmittel vergrößert worden war. Sie war von ſehr leichtem Holz gebaut und mit vom Regen undurchdringlicher Leinwand bedeckt. Sie hatte gerade achtzehen Fuß Länge und zehn Fuß Breite. In der innern Einrichtung blieb nicht ein Zoll unbenützt. Im Fond befanden ſich zwei Bet⸗ ten, das eine für den Eigenthümer, auf einer Art Geſtell oder Eſtrade, und das andere darunter für Mignone. Sie waren durch einen langen zizenen Vorhang von dem übrigen Fuhrwerk getrennt. Die Bänke auf jeder Seite der großen Kammer dienten zum Sitze bei Tag und zum Lager bei Nacht; die längſte natürlich für den Rieſen, und die ge⸗ genüber, welche viel kürzer war wegen eines die Bruders. 241 Ecke einnehmenden Ofens von blankem Kupfer, für den jungen Sam. Wir zweifeln ſehr, ob der berühmte Verfaſſer von„Udalpho's Myſterien“ mit ſeinem außeror⸗ dentlichen Talent für Beſchreibungen alle die myſte⸗ riöſen Erfindungen hätte ſchildern können, womit dieſer Wagen ausgeſtattet war die Fächer, welche kleine, mit allen möglichen Dingen angefüllte Schränke bildeten; die Fallthüre unter dem Tiſche, wo man die Kaſſerolen, Töpfe, den Back⸗ und Bratofen, mit einem Wort die ganze Küchenbatterie des peripate⸗ tiſchen Etabliſſements von Mr. Webb verſchloß; die Geſtelle für Schüſſeln, Teller, Taſſen in der Ecke gegenüber von dem Backofen, die Löffel, Meſſer und Gabeln in die Löcher geſteckt, welche man in die das Dach und die Flanken des Fuhrwerks tragenden Balken gebohrt hatte. Kurz, es gab Platz für Alles, aber Alles konnte ſich nur an ſeinem beſtimmten Platz zurecht finden. Die andern Bewohner des Wagens waren ein Affe, deſſen Späſſe äußerſt beſchränkt werden mußten, denn er konnte ſich in dem Käfig, wo er gefangen war, kaum umdrehen; ein großer und ernſter Papa⸗ gei, der kein anderes Vergnügen zu haben ſchien, als das kleine, grüne Papageiweibchen, das neben ihm auf der Stange ſaß, zu picken, und ein Hänf⸗ ling in einem ſchönen, am Fenſter hängenden Käfig. Dieſer letztere Vogel gehörte Mignonne; ſie hatte ihn Kindern abgekauft, als er erſt die Hälfte ſeiner Federn hatte, und der Käfig war ein Geſchenk ihres Der Director und ſeine Frau mit dem Rieſen Das Erbe. 16 und den beiden Kindern ſaßen am Tiſch mitten im Waggon, bereit, das Souper anzugreifen, als das Gebell des Hundes ihre Aufmerkſamkeit erregte. „Da iſt Jemand, den Dſchiuke nicht leiden kann,“ ſagte Mr. Webb. „Zigeuner,“ meinte Gog. „Wenn es der Conſtabler wäre!“ ſagte Sam. „Gonz gewiß, das geht uns an,“ erwiderte Webb,„ich höre eine Stimme.“ „Es iſt die Stimme eines Kindes.“ Dieſe letzten Worte wurden von Euphraſia in feierlichem Tone geſprochen. „Vielleicht der Erbe irgend eines erlauchten Hau⸗ ſes,“ ſetzte ſie hinzu,„dem Mörderdolch entgangen, oder ein verlaſſenes, unſchuldiges Kind, das ſeinen Weg verloren hat.“ „Oder der Sohn des Keſſelflickers,“ fiel der pro⸗ ſaiſche Sam ein.„Ich ſah, wie er auf der Ge⸗ meindewieſe herumſtrich, auf der Lauer nach etwas, das er wegſchnappen könnte.“ Bei dieſer wenig romantiſchen Vermuthung fiel die Directrice in ihr düſteres Stillſchweigen zurück. Da der Hund fortbellte, ſtanden Webb und Gog auf und traten hinaus, um ſich zu überzeugen, was es gebe. Sie fürchteten keine Gewaltthätigkeit, aber man konnte etwas rauben wollen. Sie kamen nach etwa zehn Minuten wieder zurück, der Rieſe unſern ohnmäch⸗ tigen Helden tragend: denn Dicks Geſchrei war es, was von Anfang ihre Aufmerkſamkeit angezogen hatte. „Es iſt ein Kind!“ rief Euphraſia. „Armer Kleiner!“ ſagte ihr Mann:„ich konnte ihn nicht auf dem naſſen Gras, wo er hingeſunken war, ſterben laſſen. Aber er ſieht nicht aus wie der Erbe eines erlauchten Hauſes,“ ſetzte er mit einem boshaften Lächeln gegen ſeine Frau hinzu. Sam und ſeine Schweſter Mignonne näherten ſich mit der ihrem Alter natürlichen Neugier und Theilnahme Gog, um den kleinen Wanderer zu ſehen, dem ſeine Mütze entfallen war, ſo daß Nichts ſeine Züge und ſeine halbgeſchloſſenen Augen ihren Blicken verbarg. „Es friert ihn,“ ſagte Mignonne, ſanft eine von Dicks Händen berührend, welche an den Knieen des Rieſen, welcher vor dem Feuer auf dem Boden ſaß, herabhingen.„Reibe ihn, Gog, aber ſanft, hörſt Du? recht ſanft.“ Der Menſchencoloß begann eifrig die Glieder unſeres Helden zu reiben und die Wärme des Feuers und dieſes Reiben gaben ihm bald den Gebrauch ſeiner Sinne wieder. Das kleine Mädchen ſchlug vor Freude in die Hände und würde vor Freude auch getanzt haben, wenn es Platz genug gehabt hätte; aber es beſchränkte ſich darauf, den Rieſen leicht auf den Kopf zu tätſcheln, indem es ihn guter Gog, lieber Gog nannte, und ihm noch zehn andere vertrauliche Beinamen gab. Es vergingen noch einige Minuten, ehe Dick be⸗ greifen konte, wo er war und was geſchehen war. Glücklicherweiſe ſaß der Rieſe ſo, daß mon ſeine außerordentliche Körpergröße nicht bemerkte, ſonſt hätte der Schrecken unſern Helden glauben laſſen können, er ſeie in die Griffe irgend eines Ungeheuers gefallen. Der Anblick des reizenden Geſichtes von Mig⸗ 244 nonne, deren ſchwarze Augen freundſchaftlich auf die ſeinigen gerichtet waren, und die wohlwollende Miene Sams beruhigten ihn. Ihre Gegenwart ſchien ihm eine Bürgſchaft des Schutzes; er verſuchte alſo zu lächeln und ſtammelte einige Worte des Dankes. „Und wie heißeſt Du, mein kleiner Mann?“ fragte Webb. „Dick, Sir.“ „Dick, wie?“ „Nichts als Dick,“ erwiderte der Wanderer. „Man hat mich nie anders genannt.“ Der Director und ſeine Frau wechſelten zwei Blicke. Der erſtere wußte nicht, was er denken ſollte. Täuſchte das Kind ihn abſichtlich oder lag etwas Außerordentliches in der Thatſache, daß es ſeinen Familien⸗Namen nicht kannte? „Ich wußte, daß ein Geheimniß obwalte! Ich fühlte es ſich um meine Seele drängen!“ rief Euphraſia, die trotz ihrer Originalität doch ein wahr⸗ haft gutes Herz hatte.„Haſt Du Hunger, wilſſt Du etwas eſſen, mein lieber Kleiner?“ „Wenn es Ihnen gefällig wäre, Madame,“ ant⸗ wortete Dick. Mignonne und ihr Bruder ſtritten ſich faſt darum, wer ihm ſeinen Theil am Eſſen abtreten dürfte; der Friede wurde durch Webb hergeſtellt, welcher erklärte, daß es für Alle genug zu eſſen gebe. Man ließ die durchnäßte Blouſe unſeres Helden am Feuer trocknen, worauf ſich Alles zu Tiſche ſetzte. So gewöhnlich auch das Mahl war, ſo aß Dick doch mit dem beſten Appetit, denn ſeit Monaten hatte er nichts ſo Gutes genoſſen. Nach dem Eſſen machte der Director drei Gläſer Grog von ſehr heißem Genever, eines für ſich, die beiden andern für ſeine Frau und für Gog. „So biſt Du alſo verirrt?“ fragte er den kleinen Wanderer. „Nein, Sir, nehmen Sie es nicht übel, ich bin entflohen.“ „Aber Du haſt damit ſehr Unrecht gethan.“ „Wirklich, Sir?“ fragte der Knabe mit einer Miene der Ueberraſchung.„Ich glaubte nicht.“ „Nun erzähle mir Alles,“ fuhr Webb fort, der ſich für ihn zu intereſſiren anfing.„Du kannſt die Nacht bei uns bleiben.“ „Ich danke, Sir,“ erwiderte Dick. Die impoſante Euphraſia mußte ſelbſt dieſe Frage wiederholen, ehe unſer Held ſich zu der Erklärung entſchließen konnte, warum er die Flucht ergriffen habe, ſo ſehr fürchtete er, zu ſeinen Verfolgern zu⸗ rückgeſchickt zu werden. „Mama hat ſich wieder verheirathet,“ ſtammelte er.„Ich war ſo glücklich geweſen, o ſo glücklich bis dahin! Aber Amen Corner ſchlug mich. und er ſchlug auch Mama,“ ſetzte er mit gejrntier Stimme hinzu. „Der Elende!“ rief die Directrice.„Ich möchte wohl das Ungeheuer ſehen, welches die Hand gegen mich erhöbe.“ „Und ich auch,“ ſagte Mignonne,„wie wollte ich ihm Gog auf den Nacken hetzen!“ Der Rieſe nickte mit dem Kopf und Kichete, wie wenn er ſagen wollte, er ſeie dazu ganz bereit. „Amen Corner ſagte endlich, ich ſeie der Sohn 246 eines Bettlers, er werde mich nicht länger behalten, und brachte mich in.... in das Hoſpital.“ „Das iſt ſchändlich!“ ſagte Mrs. Webb. „Das iſt abſcheulich!“ ſetzte ihr Mann hinzu. Mignonne begriff nicht ganz, was ein Hoſpital wäre, aber ſchloß ſehr natürlich aus den voran⸗ gehenden Ausrufungen, daß es irgend ein ſchreck⸗ licher Ort ſein müſſe, und das Intereſſe, das unſer Held ihr einflößte, nahm damit nur zu. „In's Hoſpital!“ wiederholte der Director,„der Schurke! Ich möchte meinen Hund nicht dahin ſchicen, um dort ſchlimmer als in einem Kerker eingeſperrt zu werden. Im Kerker ſieht man doch einige Schnurren, man kann ein gutes Diner haben. Aber das Hoſpital, ich weiß, was es iſt,“ ſetzte er hinzu, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend;„magere Koſt, rauhe Worte, bis das Herz hart wie Kieſel⸗ ſtein wird. Ich habe das Alles kennen gelernt.“ „Eugenio!“ murmelte ſeine Frau mit ern⸗ ſtem Tone. „Durch Beſchreibung, meine Liebe, ich habe es durch Beſchreibung kennen gelernt. Wie könnte ich es aus Erfahrung wiſſen? Meine Wiege wie die Deinige,“ ſetzte er in theatraliſchem Tone hinzu, „ſtand mitten unter dem Luxus eines Herrenhauſes, und wiewohl ein grauſames Loos mich zu dieſem geringen Stand erniedrigt hat, iſt meine Seele noch edel.“ Dieſe Phraſe bildete den Schluß von einem der Acte des unſterblichen Drama's Eugenid; Mrs. Webb lächelte graziös, ihre Würde war gerettet. 247 „Du haſt alſo die Flucht ergriffen?“ ſagte ſie mit beifälliger Miene. „Ja, Madame.“ „Warum?“ „Weil ich weiß, daß ich kein Bettler bin!⸗ rief Dick, deſſen blaſſe Züge ſich vor Stolz und Scham rötheten.„Denn Nan und Patience ſagten Beide zu Amen Corner, das Haus, der Garten und alles Uebrige gehöre mir.“ „Ich würde auch geflohen ſein,“ ſagte Sam, „und ſo bald als möglich.“ „Fürchteſt Du Dich nicht?“ fragte Mignonne. „Nein,“ erwiderte unſer Held ruhig,„denn ich habe täglich meine Gebete hergeſagt.“ Zum Unglück verſtand Mignonne nicht ganz, was das heiße: ſeine Gebete herſagen, aber ſie ſtellte ſich vor, daß es etwas ſehr Gutes ſein müſſe, weil es die Furcht vertreibe. Was Euphraſia betraf, ſo war ſie über dieſe Antwort entzückt, nicht gerade wegen des Vertrauens auf Gott, als wegen des Muthes, den ſie bewies. Sie ſtreckte die Arme aus und rief in triumphirendem Ton: „Das Blut des Douglas ſchützt ſich ſelbſt!“ „Armes Kind!“ murmelte Gog. Mrs. Webb ließ einen erſtickten Seufzer hören. „Iſt dieſe Dame unwohl?“ fragte Dick mit der größten Einfalt.. Das ſind ihre Gefühle,“ murmelte Sam.„Nicht wahr?“ fragte er den Director,„es kann nicht der Grog ſein?“ „Gewiß nicht,“ erwiderte der Gatte,„ſie iſt ganz Gefühl.“ 248 „O ja, ganz Gefühl, bis auf die Fußſpitzen hinaus,“ ſetzte Sam hinzu. Es war eine große Erleichterung für den kleinen Wanderer, zu wiſſen, daß er wenigſtens für eine Nacht ein ſicheres, warmes und behagliches Aſyl hatte, in. der Geſellſchaft menſchlicher Weſen, gegen welche er Dankbarkeit empfand trotz der Seltſam⸗ keit ihrer Sprache und Manieren. Aber was ihm das größte Erſtaunen erregte, war Gog; er konnte kaum ſeine Blicke von ihm abwenden. Er hatte ihn noch nicht in ſeiner ganzen Höhe geſehen, da ihm das Fuhrwerk nicht geſtattete, ſich aufrecht zu halten; aber er betrachtete ſeine enormen Glieder und ſeinen enormen Kopf. Dick hatte oft von iüieſen ſprechen gehört und kam zuletzt auf den Verdacht, daß er in die Geſellſchaft ſolcher Weſen gerathen ſei. Mignonne erkannte bald, daß die Miene des Schreckens und Erſtaunens, womit unſer Held den modernen Titanen betrachtete, dieſem zuwider war. Sie hatte mehr Takt, als man von ihrem Alter er⸗ warten konnte, ſtieg alſo von der Bank, auf der ſie ſaß, trat hinter Gog hin und ſchlug die Arme um ſeinen Hals. „Guter Gog!“ ſagte ſie,„lieber Gog! ich bin Dir einen Kuß dafür ſchuldig, daß Du dieſen armen Jungen gerettet haſt.“ Der Menſchencoloß lächelte und die ſchwarzen, gelockten Haare, welche Mignonne auf die Stirne fielen, aus einander ſtreichend(wobei er ebenſo viel Zartheit anwandte, als wenn er es mit einem neu⸗ gebornen Kinde zu thun gehabt hätte) berührte er dieſe Stirne mit den Lippen. 249 „Halt!“ dachte Dick,„wenn ſie ſich vor ihm nicht fürchtet, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich es thun ſoll.“ Er lächelte alſo auch und nickte mit dem Kopf, wie um Gog für ſeine Güte zu danken, und der Rieſe erwiderte dieß auf gleiche Weiſe. Da unſere ambulirenden Komödianten am näch⸗ ſten Morgen in aller Frühe nach dem Dorfe Hucknall aufbrechen wollten, wo ſie einen Saal zur Abend⸗ vorſtellung gemiethet hatten, ſo erklärte der Direc— tor, daß es Zeit ſey, ſich niederzulegen. Mignonne umarmte ihren Bruder, drückte Dick die Hand und verſchwand hinter dem Vorhang. Euphraſia, deren Gefühle und zweites Glas heißen Genever⸗Grogs ſich jetzt erſchöpft hatten, be⸗ gnügte ſich damit, ihn feierlich mit einer aus ihrem Lieblingsſchriftſteller entlehnten Rede zu ſegnen; dann folgte ſie, unterſtützt von ihrem Gatten, Mi⸗ gnonne's Beiſpiel, ſo daß unſer Held, der Rieſe und Sam allein blieben. Dick fragte ſich natürlich, wo er ſchlafen ſollte. Er wurde bald aus ſeinen Vermuthungen geriſſen. Sam öffnete den Deckel der Bank und enthüllte ein ſehr ſchmales Bett, in welchem ſie fünf Minuten ſpäter an einander gedrückt wie Häringe lagen. Obgleich dieß Alles unſerem Helden äußerſt ſelt⸗ ſam vorkam, war er doch nicht in der Laune, an ſeinem Quartier etwas auszuſetzen. Sein Bett war noch beſſer und wärmer als die Heuſchober, in wel⸗ chen er die zwei vorangehenden Nächte zugebracht hatte; aber es verging lange Zeit, ehe er einſchla⸗ ſen konnte. Die Reuheit ſeiner Lage beruhigte ihn; 250 er dachte an das Haus, an Martha, an den guten, alten Nicolas, und als vor Ermüdung endlich ſeine Augenlider ſanken, träumte er von ihnen und von ſeinem gottloſen Feinde, Amen Corner. Ein⸗ oder zweimal während der Nocht weckte er ſeinen Kamaraden auf, indem er plötzlich im Schlafe auffuhr und einige unzuſammenhängende Worte murmelte. „Was fehlt Dir?“ fragte Sam. „Nichts, ich träumte nur,“ erwiderte Dick, ſich noch näher an ihn drückend.„Träumſt Du nie?“ „Ich bin immer allzu müde dazu.“ „Du biſt mir nicht böſe?“ „Böſe? nein, Du biſt nicht daran ſchuldig, denke ich. Höre doch, wie Gog ſchnarcht. Es hat lange gedauert, bis ich mich an dieſes Geräuſch gewöhnen konnte. Nun, jetzt ſcheint mir, würde ich ſchlecht ſchlafen, wenn ich es nicht mehr hörte.“ „Wohnt Ihr immer hier?“ „Aber das iſt ja kein Haus.“ „Es iſt ein Haus für uns und ſehr behaglich dazu. Ich habe kein Verlangen, es zu verlaſſen. Mein letzter Herr ſchlug mich; ich ergriff die Flucht und ſchloß mich an Webb an.“ „Er ſchlug Dich!“ wiederholte Dick.„Ich weiß, was das iſt. Aber gewiß ſchlug er Deine Schweſter nicht?“ „Was?“ rief Sam,„Mignonne ſchlagen? O nein, er war kein ſolcher Narr. Hätte er ſie nur berührt, ich würde ihn getödtet haben, und wäre er auch ſo groß und ſtark geweſen wie Gog. Was mich betrifft, ich machte mir aus einer Tracht Prügel nicht viel man gewöhnt ſich bald daran. Wie biſt Du auf den Gedanken gekommen,“ ſetzte er hinzu,„daß Jemand Mignonne ſchlagen könne?“ Offenbar war nach dem Tone, womit er ſprach, Sam von dieſer Vorſtellung verletzt. Hätte er, wie Dick, die Rohheit und Grauſamkeit geſehen, womit Amen Corner die Penſionäre ſeiner Frau behandelte, ſo junge, ſo unſchuldige, ſo ſchwache Geſchöpfe, wie die kleine Tänzerin, ſo würde er über die Frage unſeres Helden nicht erſtaunt geweſen ſein. „Und er, ſchlägt er Dich auch zuweilen?“ flüſterte Dick, auf die andere Bank deutend, wo der Rieſe ſchnarchte. Sein Schlafkamarad brach in ein lautes Geläch⸗ ter aus, denn Gog war einer der beſten und harm⸗ loſeſten Menſchen von der Welt. „Geh' doch! er iſt in Kinder vernarrt. Mi⸗ gnonne und ich ſpielen ihm alle möglichen Streiche. Das ergötzt ihn. Er würde keinem Wurm wehe thun, es müßte denn ſein, daß es beim Aufheben geſchähe; und dann wehe dem Wurm, denn Gog's Hand iſt hübſch ſchwer. Fürchte Dich nicht vor ihm, und er wird Dich auch lieb haben.“ „Du vergiſſeſt, daß ich euch morgen früh ver⸗ laſſen muß.“ „Um wohin zu gehen?“ Das konnte der arme, kleine Wanderer nicht ſagen. Er erinnerte ſich nicht, je von Crowshall ſo fern geweſen zu ſein, und da er die Frage nicht beantworten konnte, ſtieß er einen Seufzer aus. „Verſtehſt Du, den Purzelbaum zu machen?“ 252 fragte Sam, von einer plötzlichen Idee ergriffen. „Ich brauche einen Kamaraden. Webb hat erſt geſtern mit Miſtreß davon geſprochen.“ „Ich habe Mama und Nicolas ſagen hören, daß ich ſchon in der Wiege unaufhörlich den Purzelbaum machte,“ antwortete Dick mit größter Einfalt. Sein neuer Freund überließ ſich einem ſo herz⸗ lichen Lachen, daß einige Minuten vergingen, ehe er ihm erklären konnte, was er mit ſeiner Frage meine: ſich auf den Kopf zu ſtellen, auf den Händen, die Füße in der Luft, zu gehen und den gefährlichen Sprung zu machen. „Und Du kannſt auf den Händen gehen und Dich auf den Kopf ſtellen?“ fragte Dick mit dem Tone des Erſtaunens. „Ich glaube wohl, und noch ein Dutzend anderer Kunſtſtücke dabei machen.“ „Was Du für ein geſchickter Junge biſt!“ Sam geſtand mit gehöriger Beſcheidenheit, daß er geſchickt wäre, und ſogar, daß er der Stern der Truppe wäre, und verſprach voll Theilnahme für die Hülfloſigkeit des armen Wanderers, am näch⸗ ſten Morgen mit Webb zu reden.„Wenn der Direc⸗ tor einwilligt, Dich zu nehmen,“ ſetzte er hinzu,„ſo will ich Dich Alles, was ich weiß, lehren.“ Sei es, daß unſer Held jetzt von Müdigkeit ganz geſchwächt war, oder daß die Hoffnung, nicht mehr den ganzen Tag auf einſamen Straßen gehen und die Nacht in Heuſchobern zubringen zu müſſen, ſeine Unruhe beſänftigte; er ſchloß ſofort die Angen und ſchlief bis tief in den Tag hinein. Vierzehntes Kapitel. Wie oft ſehen wir nicht in der Literatur, den Wiſſenſchaften und ſelbſt in den gewöhnlichen Ereig⸗ niſſen des Lebens zwei Perſonen auf eine und die⸗ ſelbe Idee verfallen! Dieß geſchah auch unter den Umſtänden, welche uns beſchäftigen. Die Directrice und Sam dachten beide, daß unſer Held wohl noch etwas Schlimmeres thun, als ihrer Truppe ſich an⸗ ſchließen könnte. Die Folge war, daß, als der junge Seiltänzer dem Director ſeinen Vorſchlag machte, er dieſen bereits halb geneigt fand, ſeine Zuſtim⸗ mung zu geben. Es lag viel Wohlwollen in dem Charakter dieſes Mannes; er bedauerte den Knaben, der ohne Beſchützer und Freund herumirrte: aber es war die Ordre ſeiner Frau, welche den Ausſchlag gab. Ihre romantiſchen Ideen fühlten ſich von dem Gedanken geſchmeichelt, ein intereſſantes Waiſenkind, den unterdrückten Erben eines edeln Stammes, denn ſie hatte ſich einmal in den Kopf geſetzt, daß es mit Dick ſich alſo verhalten müſſe, zu adoptiren. Sie wollte aus ihm ihren Pagen, ihren Zögling machen; ſein Genie durfte nicht erſtickt werden, wie es mit dem ihrigen geſchehen war. In dem kurzen Zeit⸗ raum einer Nacht hatte ſie mehr Luftſchlöſſer ge⸗ macht, als man in hundert Jahren bauen konnte. „So, mein kleiner Mann,“ ſagte Webb, ſobald Gog und Sam den Wagen verlaſſen hatten, um das Pferd und den Eſel von der Gemeinde⸗Waide einzufangen(denn, wie oben bemerkt, wollte man nach dem Dorfe Hucknall aufbrechen, um dort eine Vorſtellung zu geben);„alſo, mein kleiner Mann, Du möchteſt bei uns bleiben?“ „O ja, wenn es Ihnen gefällig wäre, Sir rief unſer Held freudig. Mignonne klatſchte in die Hände und würde, hätte es Platz gegeben, vor Freuden getanzt haben, aber ſie mußte ſich zum Ausdruck ihrer Zufrieden⸗ heit darauf beſchränken, dem Director auf die Kniee zu klettern und ihn zu umarmen. „Was verſtehſt Du?“ fragte Webb. Die Augen des armen Dick füllten ſich mit Thränen; er konnte ſich weder auf den Kopf ſtellen, noch anders als auf ſeinen Füßen gehen, welche von ſeinem zweitägigen Marſche her ganz geſchwollen und mit Blaſen bedeckt waren. Er ſchaute dem Director 1 flehender Miene in's Geſicht, ſprach aber kein ort. „Wenn er nur einige Sprünge machen könnte, meine Liebe,“ erwiderte der Eigenthümer des Eto⸗ bliſſements, zu ſeiner Frau gewendet. Euphraſia's große Seele verabſcheute die Sprünge, obwohl ſie dieſelben während der Verdunklung, wozu ſie ſich verurtheilt fand, mit der Reſignation einer Märtyrerin ertrug; ſie liebte den Knaben nur um ſo mehr darum, daß er von dem, was ſie als eine ſehr gemeine Kunſt betrachtete, nichts verſtund. Sie rief Dick herbei und fragte ihn, ob er leſen könne. „O ja,“ erwiderte der kleine Mann, ſehr er⸗ leichtert, etwas zu wiſſen. ih „Und kannſt Du declamiren?“ Dick verſtand den Sinn dieſes Wortes nicht ge⸗ nau; aber als man ihm venſelben erklärt hatte, 255 repetirte er eines der Lieder, welche ihm von dem alten Küſter beigebrachk worden waren. Die Direc⸗ trice war entzückt. „Du hörſt, Eugenio,“ ſagte ſie,„welche Stimme! ſie ſchmiegt ſich an meine Seele an wie das ſanfte Lüftchen des Südens. Ein ſolcher Genius darf nicht zum Verwelken verurtheilt werden, er wird nicht verwelken. Dank meinem Unterricht wird er Sen⸗ ſation in der Welt machen. Ich adoptire ihn,“ fügte ſie mit feierlicher Miene hinzu, ihre vor Fett ganz runde Hand auf den Kopf des Knaben legend.„Wenn es ſein Loos iſt, in der Welt herumzufahren, wollen wir zuſammen den Stürmen Trotz bieten.“ Natürlich konnte Eugenio, Euphraſia's zärtlich geliebter Eugenio, den ſie unter der Menge der An⸗ beter, welche derſelben ihre Hand boten, gewählt hatte, nicht daran denken, den Adoptivſohn ſeiner Frau ziehen zu laſſen; und wäre ihm auch dieſe Idee gekommen, würde er ſich ohne Zweifel ſehr in Verlegenheit gefunden haben, ſie in Ausführung zu bringen; denn wenn die Seele ſeiner Lebensgefähr⸗ tin die Melancholie, als mit ihren Empfindungen und der Würde ihres Charakters ſympathiſcher, liebte, ſo war ſie in einem Augenblick des Sturmes nicht unnütz; bei ſolchen Gelegenheiten zeigten ſich die Ausbrüche ihrer Stimme ebenſo erſchreckend als prächtig. Und dann hatte ſie die Börſe, ſie kaſſirte die Einnahmen ein, bezahlte die Ausgaben, und ihr Gatte war damit völlig unbekannt, als ob er nie dazu beigetragen hätte, ſie zu füllen. 8 So wurde alſo entſchieden, daß Dick bei ihnen bleiben ſollte.. 256 Als Sam und Gog zugückkehrten, verurſachte ihnen dieſe Nachricht großes Entzücken: dem erſten, weil er nun einen Kamaraden ungefähr von ſeinem Alter, einen Zögling zum Unterrichten, einen Freund haben ſollte, dem zweiten, weil es Mignonne Freude machte. Es iſt zweifelhaft, ob der Rieſe unſern Hel⸗ den hätte ziehen laſſen, wenn ſie es ihm verboten hätte, und Gogs Meinung wäre von großem Gewicht geweſen, ſofern er damals von der ganzen Truppe derjenige war, welcher bei Vorſtellungen den meiſten Effect machte. Bei der Ankunft im Dorfe war es die erſte Sorge von Mrs. Webb, ein paar neue Schuhe für ihren Schützling zu kaufen; ſie kleidete ihn dann in ein phantaſtiſches Coſtüme von ihrer eigenen Er⸗ findung und Dick gelangte zu dem Glauben, daß ihm das Glück nie ſo günſtig geweſen und er ein Gentle⸗ man geworden ſei. Ohne Zweifel bewunderte er ſeine erſten Lectio⸗ nen in der Sailtänzerkunſt nicht ſonderlich, aber Sam war ſehr geduldig und Gog immer da, ihn bei einem drohenden Sturz aufzufangen, ſo daß er bald Zutrauen faßte und ein oder zwei Kunſtſtücke mit großer Geſchicklichkeit machte. Mit dem Tanze gelang es ihm indeſſen beſſer, denn Mignonne wollte auch ihren Theil an der Erziehung haben und be⸗ ſtand darauf, ihn tanzen zu lehren. Es war intereſſant, die natürliche Grazie zu be⸗ merken, womit er die Schritte ſeiner Geſellſchafterin nachahmte; ſie ſo jung, ſo ſchön, die Arme einander um die Hüfte geſchlungen, des Morgens ſich in einem Saal des Wirthshauſes, mit Gog als Zuſchauer, zn machen, denn ſein Herz 257 einüben zu ſehen. Der Rieſe ſiltechtete ſie mit Entzücken. Dicks Fortſchritte waren ſo ungemein ſchnell, daß Euphraſia ſchon daran dachte, ihm ein mit Flittern beſätes Coſtüme für den Tag ſeines Se Auftretens vor dem Publikum machen zu aſſen. Aber da noch einige Zeit bis dahin vergehen wird, kehren wir zu Martha uns ihrem Bruder in ihr Dorf Crowshall zurück. Trotz der ausgeſetzten guten Belohnung, trotz der Nachforſchungen der Policei und der Bemühungen Georgs konnte man keine Nachricht von Dick erlan⸗ gen. Martha war in Verzweiflung. Selbſt die Entfernung ihres unwürdigen Gatten, von dem ſie ſich für immer getrennt glaubte, konnte ſie nicht für den Verluſt des Knaben tröſten. Sie brachte die Nächte in Unruhe und Betrübniß zu. Regnete es, ſo gälte ſie ſich mit der Frage, ob Dick einen Ort hätte, wo er ſein Haupt niederlegen könnte. Wenn der Wind um den Giebel ſeufzte, ſo glaubte ſie das— Wehllagen des kleinen, geängſtigten Wanderers zu hören. Ihr Bruder ſprach wenig, aber ſein Kum⸗ mer war offenbar. Sein Stillſchweigen und ſeine Traurigkeit wurden für Martha ebenſo viele Vor⸗ würfe, wiewohl er nie daran dachte, ihr dergkeichen ſeine Vernunft ſpra⸗ chen ſie von jedem Tadel frei. Corners Abreiſe war für Nan Willis eine große Erleichterung. Für einige Zeit wenigſtens war ihr Geheimniß in Sicherheit und ſie begann wieder, ch im Dorfe zu zeigen. „Ich hatte Euch gewarnt, Martha,“ ſ ſie, Das Erbe 258 —und doch, S ſo wenig Erfahrung, daß ich Euch kaum tadeln kann, in die Schlinge gefallen zu ſein. Wie konntet Iht wiſſen, daß er ein ſo großer Böſewicht war?“ „Er iſt es nicht, an den ich denke,“ ſagte die arme Frau ſchluchzend,„ſondern das Kind, Georg's Knabe. Soweit hergekommen ſein, ihn zu ſehen, und ihn nicht wieder finden! Ich fürchte manchmal, ob Amen ihn nicht umgebracht hat,“ ſetzte ſie mit geſenkter Stimme hinzu. „Er iſt zu ſehr Poltron dazu. Ohne Zweifel hätte er es gethan, aber er beſaß den Muth nicht dazu nein, nein, er hätte ihn langſam ſter⸗ ben laſſen, allein er würde es nicht gewagt haben, Gewalt zu brauchen.“ „In ſeinem Alter in der Welt herumirren, allen ihren Grauſamkeiten, allen ihren Verführungen aus⸗ geſetzt!“ „Bah! was iſt das?“ erwiderte lebhaft die Alte. „Andere ſind ebenſo früh herumgeirrt, Gefahren ausgeſetzt, welche er nie kennen wird, und haben ſich geſund und wohl herausgeriſſen, ohne etwas davon zu bewahren, als die Erinnerung. Er wird leben, er wird leben, um ein Mann zu werden, auf den fein Vater ſtolz ſeig darf. Aber wehe Amen, wenn Euer Mann dei Knaben wieder aufſtößt! Denn Dicks Haß wird mit ihm heranwachſen, mit ihm ſich vergrößern und von dem mit Bitterkeit er⸗ füllten Andenken an die Vergangenheit ſich erhalten.“ „Amen wird gewiß nie das Herz haben, ihm ſpäter Böſes zu thun.“ „Amen ihm Böſes thun?“ rief Nan mit bitterem 2⁵9 Lachen;„o nein, er wird ihm qen wie der Hund der Fauſt desjenigen ausweicht, den er ver⸗ rätheriſcher Weiſe gebiſſen hat. Amen iſt nur ſtark bei den Schwachen, bei den Alten, Frauen und Kin⸗ dern. Er wird ſterben wie ein Hund, wie ein Thier, das man jagt, und Niemand wird ihn beklagen.“ Nach dieſer Weiſſagung entfernte ſich Nan. An demſelben Abend theilte Georg ſeiner Schweſter mit, daß er ſich entſchloſſen habe, nach Auſtralien zurückzukehren und ſie mitzunehmen. Martha wäre gern in England zurückgeblieben, in der Hoffnung, einſt den armen Wanderer zurückkehren zu ſehen, aber ihr Bruder wollte davon nichts hören. „Du vergiſſeſt,“ ſagte er,„daß Du einen Mann haſt, der ſich nur zu glücklich ſchätzen würde, Dich, ſobald er von meiner Abreiſe erfährt, das Gewicht ſeines Zornes fühlen zu laſſen. Und was willſt Du ihm entgegenſtellen? Deine Geduld, Deine Sanft⸗ muth, die Tugenden eines Engels. Nichts würde die Brutalität Amen Corners entwaffnen. Nein, Martha, nein, Du mußt mich begleiten. Ich könnte keine Ruhe in meinem Hauſe genießen, dem Sitz des Friedens und des Ueberfluſſes, wenn ich Dich der Grauſamkeit dieſes Böſewichtes ausgeſetzt wüßte.“ „Aber der Knabe, Georg, der Knabe! Wenn er nach Crowshall käme, in der Meinung, dort ein Aſyl zu finden, was würde aus ihm werden, wenn ich abgereist bin? Das Herz würde ihm brechen.“ „Ich habe daran gedacht,“ antwortete Georg, „und will den Rector deßhalb beſuchen. Mr. Gore iſt gut und menſchenfreundlich; er wird einwilligen, meine Stelle zu erſetzen und mir Dick zu ſchicken.“ 66 In Folge dieſes Entſchluſſes begab ſich der junge Mann am andern Morgen nach dem Pfarrhauſe und wurde in die Vibliothek eingeführt. Er fand daſelbſt Doctor Gore am Feuer leſend, und einen Herrn, der ihm den Rücken kehrte, ſo lang er im Zimmer blieb, und an einem Tiſch vor dem Fenſter zeichnete. „Ich begreife Ihre getäuſchte Erwartung,“ er⸗ widerte der Rector, ſobald Georg ſeinen Bericht über die ſchlechte Behandlung, der ſeine Schweſter ausgeſetzt geweſen, die trügeriſchen Kunſtgriffe, durch welche ſie zu dieſer ſchlecht paſſenden Heirath ver⸗ leitet worden war, und endlich über Dicks Ver⸗ ſchwinden vollendet hatte.„Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich nie eine ſehr hohe Meinung von meinem Kirchſpielſchreiber gehabt habe, obwohl ich weit ent⸗ fernt war, ihn für einen ſo großen Verbrecher zu: halten.... aber,“ ſetzte er hinzu, ſeine Erinnerungen zuſammenfaſſend,„ich habe gewiß Ihr Geſicht ſchon geſehen.“ Georg rief ihm in's Gedächtniß zurück, daß er im Dienſte des verſtorbenen Walter Herbert ge⸗ weſen ſei. Er hatte kaum dieſes Wort ausgeſprochen, als der Gentleman, der am Fenſter zeichnete, raſch auf⸗ ſprang; der Geiſtliche und Georg drehten ſich um. Cuſack, denn es war kein anderer, als der Emiſſär von Roderich Haſtings, bückte ſich, um ſeinen Blei⸗ ſtift aufzuheben, den er Geiſtesgegenwart genug ge 5 habt hatte, fallen zu laſſen, um ſeiner Aufregung † einen plauſiblen Beweggrund zu geben. „Und was wollen Sie von mir?“ fragte Doctor Gore freundlich. 1 261 Georg bat ihn, zweihundert Pfund bei ihm de⸗ poniren zu dürfen, um Dick für den Fall, daß er aufgefunden würde oder wieder nach Crowshall käme, damit nach Auſtralien zu ſchicken. „Sehr gern,“ antwortete der Geiſtliche mit wohl⸗ wollendem Lächeln,„und ich hoffe bald, mich dieſes Auftrags entledigen zu können. Der Verluſt Ihres Sohnes mußte Ihnen alle Freude verderben, die Sie beim Wiederſehen der Ihrer Kindheit vertrauten Scenen empfunden hätten. Wir wiſſen Alle, wie ſüß die Erinnerungen der Jugend ſind, wiewohl Sie ohne Zweifel Crowshall traurig verändert fanden.“ „Das iſt wahr, Sir, der arme Sir Harry! wie Schade, daß das Herrſchaftsgut an Miß Mabel ge⸗ fallen iſt!“ „Lady Herbert iſt im Wochenbett geſtorben,“ erwiderte der Rector,„und da der Baronet ſich nicht wieder verheirathet hatte, ſo war kein männlicher Erbe vorhanden.“ „Ah, das erklärt die Sache, denke ich,“ mur⸗ melte Georg. Er ſchaute einen Augenblick Doctor Gore an, zaudernd, eine oder zwei Fragen an denſelben zu machen, die ihn lebhaft intereſſirten. Dann, durch das in ſeinen Zügen ſich ausdrückende Wohlwollen ermuthigt, nahm er das Geſpräch wieder auf. „Entſchuldigen Sie, Sir,“ ſagte er,„aber hat Sir Harry niemals meiner Erwähnung gethan?“ „Nicht, daß ich wüßte,“ antwortete der Rector überraſcht.„Warum das?“ „Mein verſtorbener Herr ſagte mir, er habe ihm meinetwegen geſchrieben,“ antwortete der junge Mann, 262 „und ich dachte.... oder vielmehr, ich bin gewiß, daß er es gethan hat.“ „Vielleicht wohl,“ ſagte der Geiſtliche mit einem tiefen Seufzer,„aber Umſtände, welche zu erklären mir nicht geſtattet iſt, haben Sir Harry verhindert, die Papiere ſeines Bruders zu unterſuchen. Dieſe Papiere ſind ſeit deſſen Tod in meinem Beſitz, und ich habe noch nicht den Muth gehabt, ſie zu ent⸗ ſiegeln. Aber ich werde es thun,“ ſetzte er hinzu, „wenn Sie glauben, daß ich darin etwas finde, was von Intereſſe für Sie iſt.“ Georg dankte ihm und drückte ſeine Ueberzeugung dahin aus. Dann übergab er dem Rector die zwei⸗ hundert Pfund für Dick und verabſchiedete ſich. „Das iſt einmal eine ſchöne Probe eines eng⸗ liſchen Reoman!“ rief Rector Gore nach dem Ab⸗ gang des Beſuchers.„Er hat nicht allein das Blut, ſondern auch noch die Energie der Sachſen geerbt. Er flößt mir ein lebhaftes Intereſſe ein. Man ſagt, daß er große Ländereien in Auſtralien gekauft und urbar gemacht hat und für einen Mann ſeines Standes wirklich ſehr reich iſt.“ „Solche Charactere,“ erwiderte Mr. Cuſack,„ſind in der That lobenswerth; ſie ſpielen nicht mit der Zeit, ſie bringen ihr Leben nicht mit Träumereien zu, ſie verſchieben nichts auf morgen. Wahrhaftig, ich beneide ihn.“ „Mein theurer Sir, ein Mann von Ihrem Talent und Ihrem Vermögen einen einfachen Bauer be⸗ neiden!“ rief der Geiſtliche.„Sie bewundern ihn, wollen Sie ſagen.“ 263 „Ja, bewundern drückt meine Empfindung beſſer aus.“ Der Doctor dachte, ſein Gaſt ſei etwas ver⸗ wirrt, und trat, ſich erhebend, an den Tiſch, um von deſſen Zeichnung Einſicht zu nehmen; ſie war gewiſſer⸗ maßen vollendet. Man ſah den Ritter mit ſeinem Kopf und ſeinem Bein, dieſes ſo geſchickt gekreuzt, daß es Doctor Gore nur in ſeiner Meinung, das Grab gehöre einem Templer an, beſtärken mußte. Vielleicht verhielt es ſich wirklich ſo, denn der Künſtler hatte den Verhältniſſen und allgemeinen Umriſſen kaum Gewalt angethan. „Ich bin wahrhaft entzückt!“ rief der Rector; „welcher Triumph! nichts könnte überzeugender ſein. Ich glaube, daß mein Freund, der Dechant, endlich ſeinen Jrrthum eingeſtehen wird.“ Cuſack lächelte; er kannte den geringen Werth, den man der Autorität ſeiner Skizze beilegen durfte: denn er hatte daſſelbe Grab gezeichnet, indem er dem Bild eine ganz andere Poſition gab, und doch war die Aehnlichkeit mit dem Original nichts deſto weniger frappant. „Ich werde bald fertig ſein,“ ſagte er,„ich fürchte Ihre Gaſtfreundſchaft und Geduld mißbraucht zu haben.“ „Doctor Gore verſicherte ihn des Gegentheils und drückte ſein Bedauern Laus, daß ſeine Arbeit ſchon beendigt ſei, wenn dieß ihn des Geſellſchaft eines ſo liebenswürdigen Bekannten berauben ſollte. „Aber ich muß Sie auf eine Stunde verlaſſen; dieß iſt der Tag, wo ich meine Armen beſuche und über meinen antiquariſchen Liebhabereien darf ich 264 nicht erhabenere Pflichten vernachläſſigen. Sie wer⸗ den meine Rückkehr abwarten?“ „Mit Vergnügen.“ Als Cuſack ſich in der alterthümlichen Bibliothek allein fand, ſprach er bei ſich:„Was für ein Elender ich bin, einen ſo guten und einfachen Mann zu be⸗ trügen, deſſen Herz ſo zutrauensvoll wie ſeine Hand freigebig iſt! Die Gelegenheit, welche ich ſo unge⸗ duldig erwartete, iſt da, und ich habe nicht den Muth, ſie zu ergreifen.“ 3 Er warf einen Blick nach dem eichenen Bücher⸗ ſchrank, wo der Hausherr nicht allein eine Menge kleiner Alterthümer, die in der Nachbarſchaft der Kirche ausgegraben worden waren, ſondern auch ſeine Privatpapiere verwahrte. Der Schlüſſel ſteckte noch im Schloß; der Geiſtliche wußte es vollkommen, aber er hätte ſeinen Gaſt zu beleidigen geglaubt, wenn er ihn vor ſeinem Ausgang abzog. „Beim Himmel!“ ſprach er nach einem Kampf von einigen Minuten gegen ſein Gewiſſen,„gäbe es nicht ein Gefühl, noch ſtärker als die Noth, oder ein Gefühl, deſſen Exiſtenz der, welcher mich in Verſuchung geführt hat, gar nicht ahnt, ich ließe Roderich Haſtings ſein böſes Werk ſelbſt vollbringen; aber bei den Umſtänden, worin ich mich befinde, wird das Verbrechen beinahe eine Pflicht.“ DOhne längeres Zögern trat er zu dem Bücher⸗ ſchrank, öffnete ihn und ergriff auf einem der Ge⸗ ſtelle eine kleine Caſſette von Acajuholz, mit Silber eingelegt. Auf dem Deckel befand ſich eine Platte von demſelben Metall, in welches der Name Walter 265 Herbert gravirt war, und am Schloſſe ein großes Wachsſiegel, welches der Dieb aufmerkſam unterſuchte. „Das Siegel iſt unverletzt,“ murmelte er,„ich werde alſo Alles erfahren.“ Er verbarg ſeinen Raub eiligſt unter dem Rock, trat in die Vorhalle, wo er Hut und Mantel herunter⸗ riß, und erklärte dem Diener, welcher ihm die Thüre öffnete, er wolle ſeinen Herrn auffuchen. Da erſt einige Minuten ſeit der Abreiſe des Rectors verfloſſen waren, ſo verwunderte ſich der Diener, daß ſie nicht zuſammen ausgegangen ſeien. Doch ſchöpfte er deßhalb keinen Verdacht; warum hätte er dieß auch thun ſollen? der Fremde war ſo artig, ſo rechtſchaffen, ſo leutſelig, ſo freigebig! Anſtatt ſeinen Weg nach dem Dorfe zu nehmen, wandte ſich Cuſack nach der Hauptſtraße, ſobald es nicht mehr möglich war, ihn von den Fenſtern des Pfarrhauſes aus zu ſehen. Dann eilte er nach. einer kleinen Schenke, wo eine Poſtchaiſe ſeit drei Tagen auf ihn wartete. In weniger als einer Stunde rollte der Schuldige London zu, von vier ſtarken Pferden gezogen. Erſt einige Tage nach der unerklärlichen Abreiſe des ihm ſo zufällig aufgeſtoßenen Alterthumsforſchers wurde Doctor Gore des Verſchwindens von dem Käſtchen gewahr, aber ſelbſt jetzt fiel ſein Argwohn nicht auf ihn. Erſt andere Umſtände mußten ſeine Gedanken auf ihn ziehen. Er ſchrieb ſogleich an ſeinen Freund Elton, indem er ihm eine detaillirte Beſchreibung von dem Dieb gab und ſich lebhafte Vorwürfe machte, daß er ſelbſt es an der nöthigen Vorſicht habe fehlen laſſen. Zum Unglück trafen 266 dieſe Nachweiſungen zu ſpät ein, denn der Dieb hatte ſich mit dem Käſtchen ſchon lang nach Frank⸗ reich eingeſchifft, ehe der würdige Sachwalter den Brief empfing. Obwohl Mabel erſt einige Monate verheirathet war, hatte es doch nur dieſes kurzen Zeitraums be⸗ durft, um die meiſten ihrer Illuſionen zu zerſtreuen. Der demüthigende Gedanke, daß der Mann, dem ſie ſo viel aufgeopfert, ſie nur um ihres Vermögens und nicht um ihrer ſelbſt willen zur Gattin genommen hatte, daß er auf ihre Schwäche ſpeculirt hatte, dieſer Gedanke, ſagen wir, drängte ſich ihrem Geiſt noch vor Ablauf des Honigmonats auf. Allmälig ging dieſer Gedanke in einen Argwohn über, von dem ſie mehr litt, als ſelbſt von der Erinnerung an ihre ver⸗ gangenen Miſſethaten. Der Argwohn machte endlich der Ueberzeugung Platz,⸗die an ihrem ſtolzen und leidenſchaftlichen Herzen nagte. Ihr Verbrechen und ihre Züchtigung waren gleich groß. Es war eine bittere Veränderung für dieſe Frau, edel von Geburt, welche jahrelang ſich einge⸗ bildet hatte, daß ihre Liebe mit Erwiderung belohnt werde, mit unruhigem Auge alle Blicke ihres Ver⸗ führers zu belauern, ohne das geringſte Zeichen von Zuneigung zu entdecken, auf die kalten Worte, die lügenhaften Entſchuldigungen zu horchen, womit er ſeine lange und wiederholte Abweſenheit vom Häuſe, das ihr ohne ihn als eine Wüſte erſchien, zu erklären, verſuchte. Sie wußte, daß dieſe Entſchuldigungen falſch waren, war aber zu ſehr Sclavin ihrer thö⸗ richten Liebe, um ſich für dieſen Schimpf anders als mit Thränen und Vorwürfen zu rächen, welche Ro⸗ 267 derich mit der artigſten Gleichgültigkeit aufnahm. Sie war ſeine Frau, an ihn durch ein ſtärkeres Band, als das der Ehe gebunden, das Band ge⸗ meinſchaftlichen Verbrechens; hätte ſie ſich von dieſem Band frei machen können, Mabel hätte ihr Leiden nicht verdient. 3 Sie täuſchte ſich jedoch in einem Punkt: ihr Gatte wünſchte ihren Tod nicht, denn das Herrſchafts⸗ gut von Crowshall beruhte auf einer Aftererbſatzung. Mabels Leben war für ſeine faule und ſchwel⸗ geriſche Exiſtenz nothwendig; vorausgeſetzt, daß ſie geſund war, lag ihm an dem Uebrigen wenig. Ihr ſtand es frei, ihre Tage in Thränen, ihre Nächte in Schmerz und Qual zuzubringen, während er das Vermögen, das ſie ihm zugebracht hatte, an eine Andere verſchwendete, oder im Spiel riskirte. Mitten in einer dieſer Scenen von eiſiger Ge⸗ ringſchätzung einer- und leidenſchaftlichem Flehen an⸗ dererſeits trat ein Lakai in den eleganten Salon, welchen ſie im Hotel Maurice bewohnten, um einen Beſuch anzukündigen. „Ich bin nicht zu Hauſe,“ ſagte ſein Herr. Der Lakai blieb auf der Schwelle ſtehen. „Haſt Du nicht gehört?“ „Ich dachte, Sir, Sie würden Ihre Meinung ändern,“ erwiderte der Diener.„Es iſt der Gent⸗ leman, den Sie aus England erwarten.“ „Führe ihn in mein Cabinet,“ rief Roderich, „ich werde gleich bei ihm ſein.“ Er erhob ſich vom Sopha, auf dem er ſich aus⸗ geſtreckt hatte, um bequemer mit ſeiner Frau zu zanken, trat vor einen der prächtigen Spiegel des 268 Zimmers, ordnete ſorgfältig ſeine Haare und ging hinaus, ohne ein Wort zu ſagen. Mabels Herz war im Feuer. Eiferſucht, gröblich beleidigter Stolz und Liebe, dieſe letzte Erinnerung an Eden, kämpften in ihr, wer den Sieg davon tragen würde. Die glühendſte Leidenſchaft triumphirte, wie es gewöhnlich der Fall iſt, und ſie beſchloß, ſich zu verſichern, ob es wohl ein Mann wäre, den ihr Gatte ſo ungeduldig erwartet hatte und der ſich jetzt in ſeinem Cabinet beſand.* „Iſt es Dir gelungen?“ fragte Mr. Haſtings eifrig, als er ſeinen alten Kamaraden und Emiſſär Cuſack erkannte. „Ja. Iſt etwas geſchehen? Du ſiehſt ganz auf⸗ geregt aus.“ „Wirklich?“ ſagte Roderich im Ton der Ueber⸗ raſchung. „Die, welche Dich nicht kennen, würden das nicht muthmaßen,“ erwiderte Cuſack,„für ſie iſt die Maske dunkel, aber für mich von Glas. Ich erkenne Deine wahren Züge durch den Kriſtall.“ „Vielleicht kannſt Du mir ſagen, was mir paſſirt iſt, daß ich ſo aufgeregt bin?“ Cuſack zuckte leicht die Achſeln. „Gut, gut,“ erwiderte Roderich,„ich will es Dir ſagen. Ich war in einem téte⸗à-téte mit meiner Frau; aber Du biſt Junggeſelle und weißt nicht, was dieß heißt.“ „Ihr zankt Euch alſo ſchon?“ „Schon!“ wiederholte der Gatte.„Mein lieber Freund, das iſt ſchon lang nichts Neues mehr. Wir haben mehr als einen Sturm vor Ablauf des Honig⸗ N 269 monats gehabt. Mrs. Haſtings hat das Unglück, äußerſt eiferſüchtig zu ſein, bis zu einem Grade, der ganz und gar unvernünftig iſt; und wiewohl ich ge⸗ logen und meine Lügen durch die ſchrecklichſten Eide bekräftigt habe, wie es die meiſten Chemänner unter ähnlichen Umſtänden machen, konnte ich ſie doch nicht überzeugen. Es iſt unmöglich, ihren widerſprechenden Fragen auszuweichen. Hat ſie auch nur die haar⸗ kleinſte Spur, ſo ſei überzeugt, ſie entdeckt, wo der Butzen ſteckt.“ „Der Butzen! Aber Du haſt ihr doch ſicherlich keine Urſache zur Eiferſucht gegeben!“ rief Cuſack. „Aergere Dich nicht; ich wenigſtens kann frei mit Dir ſprechen. Ohne ſie hätteſt Du keinen Sou, und ich dächte, Dankbarkeit.... „Ja, ja,“ unterbrach ihn der herzloſe Abenteurer, „Dankbarkeit, ſo viel ſie will. Ich weigere mich nicht, lauter Dankbarkeit zu ſein, wenn ſie ſich damit zu⸗ frieden geben will; aber ſie verlangt Liebe.“ „Und du liebſt ſie nicht?“ „Ich möchte ſie lieben, wenn ich könnte. Ich habe es ſelbſt verſucht, ſie zu lieben, ich habe mir alle mögliche Mühe gegeben, aber Du vergiſſeſt, daß man einem Kieſelſtein nicht Blut ablaſſen kann; das ſoll aber nicht heißen, daß mein Herz von Stein iſt: Du biſt vollkommen vom Gegentheil überzeugt.“ Ein tiefer Seufzer, von dem Geräuſch eines ſchweren Körpers begleitet, der im nächſten Zimmer zur Erde fiel, bewirkte, daß ſie mitten im Geſpräch aufſprangen. „Was iſt das?“ „Ich wette Zehn gegen Eins, es iſt meine Frau,“ 270 erwiderte Roderich kalt.„Mache kein ſo beſtürztes Geſicht. Sie erniedrigte ſich, an den Thüren zu horchen, Briefe zu erbrechen, oder jedes andere Mittel zur Nahrung ihrer Eiferſucht zu ergreifen.“ Bei dieſen Worten öffnete er die Thüre, welche in das Schlafzimmer ſeiner Frau ging. Er täuſchte ſich nicht in ſeinen Vermuthungen: Mabel hatte ihr Geſpräch belauſcht und fiel dann auf den Teppich, die Beute eines heftigen Nervenanfalles. Sie hielt die Fäuſte geſchloſſen, und ein leicht mit Blut ge⸗ färbter Schaum trat auf ihre Lippen. Ihr Gatte hob ſie auf und klingelte, nachdem er ſie auf ihr Bett geſegt hatte, der Kammerfrau, deren Sorge er dieſelbe überließ. Er kehrte dann zu Cuſack zurück, indem er ſein Bedauern ausdrückte, ihn zum Zeugen einer ſo widrigen Scene ehelichen Lebens gemacht zu haben. „Im Gegentheil,“ antwortete Cuſack mit ironiſchem Ton,„es iſt eine Lection für mich.“ „Willſt Du Dich verheirathen?“ „Nein, aber es lehrt mich den Mann kennen, mit dem ich zu thun habe. Wäre ich nicht Zeuge dieſer intereſſanten Scene geweſen, ich hätte vielleicht die Schwäche gehabt, die Caſſette, nach der Du ein ſolches Verlangen haſt, zu übergeben, ohne zuvor meine tauſend Guineen in Empfang genommen zu haben.“ „Zweifelſt Du an meiner Ehre?“ fragte der Gatte mit der Miene eines Mannes, der ſich ſchwer beleidigt wähnt. Sein Agent verſicherte, daß er nicht. ge⸗ ſ Zweifel darüber habe. 271 „Aber mein Verſprechen war bedingungsweiſe!“ rief Roderich. „Ja, die Bedingung war, daß das Siegel unver⸗ letzt ſei. Es iſt nicht mehr als billig, daß Du Dich überzeugeſt, ob man es nicht berührt hat.“ Er zog die Caſſette aus ſeiner Taſche und ſtellte ſie auf den Tiſch, ſo daß das Licht der Lampe voll auf das Schloß fiel. Mabels Gatte unterſuchte es ſorgfältig. „Dieſes unzeitige Uebelbefinden meiner Frau iſt ſehr verdrießlich,“ murmelte er.„Ich habe keine tauſend Pfund im Hauſe. Gewiß, Cuſack, wirſt Du mein Ehrenwort annehmen, nach einer von ſo lang her datirenden Bekanntſchaft.“ „Ich werde warten.“ „Ich glaube, daß ich fünfhundert Guineen finden könnte und den Reſt morgen früh.“ Das macht zweimal fünfhundert, Mr. Haſtings,“ ſagte ſein Beſucher kalt, das Käſtchen wieder in ſeine Taſche ſteckend.„Ich werde Ihre Antwort bis morgen abwarten, aber keine Stunde länger. Ich habe einen anderen Liebhaber, wenn Sie nicht wollen.“ Roderich lächelte mit unglaubiger Miene. „Sie glauben, das ſei in die Luft geſprochen?“ erwiderte Cuſack.„Haben Sie ſchon von einem ge⸗ wiſſen Georg Chaſon, Diener des verſtorbenen Walter Herbert, reden hören?“ „Bſt! ſprich leiſer,“ flüſterte ſein alter Verbün⸗ deter mit unruhiger Miene. „Er iſt nach England zurückgekehrt; er iſt reich. Der muntere Burſche hat ſich, glaube ich, in Auſtra⸗ lien ein Vermögen erworben. Erſt vor einigen Tagen 272 hörte ich, wie er ſich nach eben den hier enthaltenen Papieren erkundigte.“ „Einen Augenblick.... nur einen Augenblick!“ ſagte Roderich Haſtings,„Du ſollſt die tauſend Gui⸗ neen haben. Wird es eine Anweiſung für Dich thun?“ ein, Ich brauche Gold oder Bankbillets.“ Der Abenteurer verließ das Zimmer, eine Ver⸗ wünſchung im Munde. Er hatte gar nicht die ernſt⸗ liche Abſicht gehabt, Cuſack die verſprochene Summe zu geben. War der Diebſtahl einmal begangen, ſo bildete er ſich ein, den Mann in ſeiner Gewalt zu halten. „Ich täuſchte mich nicht,“ ſagte Cuſack lächelnd. Einige Minuten nachher erſchien Roderich wieder mit einem Päckchen Billets, die er mit einer Miene des Zornes und der Herausforderung auf den Tiſch warf. „Sie werden gut daran thun, ſie zu zählen,“ ſagte er. Mr. Cuſack erwiderte höflich, es wäre dieß auch ſeine Abſicht. Die Rechnung war in Richtigkeit. Nachdem er die Billets ſorgfältig in ſeine innere Taſche geſteckt und den Ueberrock zugeknöpft hatte, überreichte er die Caſſette ſeinem Freund und ver⸗ abſchiedete ſich. Haſtings ſchloß die Thüre und erbrach eilig das Siegel. Er durchblätterte und durchflog alle Papiere, indem er eines nach dem andern nachläſſig bei Seite warf, bis er zum letzten gekommen war. „Betrogen!“ rief er mit einem Fluch,„das, was 273 ich brauche, iſt nicht da! Da ſind tauſend Pfund zum Teufel! Dieſer ſataniſche Cuſack hat mich ge⸗ prellt! Und doch war das Siegel unverſehrt. Er kann kein Intereſſe daran haben, mich zu betrügen,“ ſetzte er mit zweifelnder Miene hinzu,„aber ich muß ihn morgen früh ſehen.“ Lang ehe Roderich ſein Hotel am Morgen ver⸗ ließ, hatte ſich Mr. Enſack nach England auf den Weg gemacht. Fünfzehntes Kapitel. Mr. Elton ſaß auf ſeinem Bureau im Temple, die Augen auf eines jener juridiſchen Räthſel geheftet, gegen welches das der Sphinxe nur ein Kinderſpiel, und die ägyptiſchen Hieroglyphen ein leicht zu ent⸗ zifferndes Alphabet waren; mit andern Worten, er las ein ehrwürdiges, aus der Canzlei hervorge⸗ gangenes Document, das zu einer Zeit das Licht der Welt erblickte, da ſein Vorgänger auf dieſem Bureau noch ein junger Mann war, ehe derſelbe große Jungen und große Mädchen hatte, lang ehe man ihn Großpapa nennen konnte. Dieſes Document hatte eine gelbliche Farbe, welche ſein Alter erklärte, und einen ſchwachen Schimmelgeruch, wie wenn die Blätter von den Thränen derer, welche ihre Hoffnungen daran ge⸗ knüpft hatten, benetzt worden wären. Es auf Das Erbe. — 274 Löſchpapier, anſtatt auf ehrliches Telliere⸗Papier*) geſchrieben werden ſollen; wenigſtens hätte dieſes die Thränen abſorbirt, ohne den rohen Gebrauch zu empfinden, wozu es dienen mußte, und deſſem ſich das Telliére⸗Papier ſichtbar ſchämte. Mitten unter dieſen Betrachtungen Mr. Eltons trat einer ſeiner Schreiber ein, einen Beſuch zu melden. „Ich bin beſchäftigt,“ war die Antwort. „Der Herr hat mich gebeten, Ihnen dieſe Karte zu übergeben,“ antwortete der junge Mann:„er iſt überzeugt, daß Sie ihn annehmen werden.“ „Leſen Sie mir dieſelbe.“ „Se. Ehrw. Doctor Gore.“ 5 „Ja, gewiß, führen Sie ihn herein,“ rief Mr. Elton.„Guter Gott! was kann den würdigen Rector nach London geführt haben? Ich würde ebenſo ſehr den Beſuch des Compilators der Pandecten, als den meines ehrwürdigen Freundes erwartet haben,“ ſetzte er hinzu, das Document in eine blecherne Kapſel mit der Inſchrift: Grant versus Growl zurücklegend. Er brauchte nicht lang zu warten, um ſeine NReu⸗ gierde zu befriedigen. Ich komme, Sie um Rath zu fragen,“ ſagte ſein Beſucher. „Ich bedaure das.. und bin entzückt, Sie zu ſehen,“ erwiderte Mr. Elton, ihm herzlich die Hand drückend.„Aber um's Himmels willen! hüten S ²) D. h. Papier für Canzleien, Bittſchriften n. ſ. w. . 275 Sie ſich, mit dem Geſetz etwas zu thun zu haben. Ein ſeltſamer Rath von mir, nicht wahr? Aber man muß zuweilen an den Seiten unſeres Gewiſſens etwas kratzen, um uns zu überzeugen, daß das Inſtru⸗ ment noch nicht ganz verſtimmt iſt.“ Der Geiſtliche lächelte und ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen, dieſer uneigennützige Rath ſei für ihn verloren, wie es in den meiſten Fällen damit geht, bis die theuer erkaufte Erfahrung mit ihrem eiſernen Finger denſelben uns einprägt. „Nun,“ fuhr der Sachwalter fort,„was gibt es? Verweigert das Kirchſpiel die Steuer zum Unterhalt der Kirche, oder wollen die Pächter ihre Zinſen nicht zahlen? Aber ich vergeſſe, daß Sie mit denſelben ein freundſchaftliches Abkommen getroffen haben, ſo kaß dieſer letztere Beweggrund Sie nicht herführen kann.“ „Ebenſo wenig der erſte,“ ſagte der Rector mit ernſtem Ton,„ich bin beſtohlen worden.“ „Beſtohlen!“ „Einer Parthie Papiere, die mir von dem armen Sir Harry vermacht worden, und dieß unter ſo außerordentlichen Unſtänden, daß ich die Nothwendig⸗ keit fühle, einen freieren Kopf als den meinigen zu Rath zu ziehen.“ „Sagen Sie einen proſaiſcheren Kopf. Aber fahren Sie fort, ich bitte Sie. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr mich Alles intereſſirt, was die Familie Herbert angeht.“ Doctor Gore erzählte von der geſchickten Art und Weiſe, womit der Emiſſär von Roderich Haſtings zuerſt ſeine Aufmerkſamkeit angezogen hatte, von der 276 Geſchichte mit dem Tempelritters⸗Grab, wie derſelbe mit ſeiner Vorliebe für Alterthümer ein Spiel ge⸗ trieben, von der Einladung in das Pfarrhaus und dem Verſchwinden des Fremden ſammt dem Käſtchen. Der Weltmann lächelte, als der Geiſtliche die Zeichnung nicht ohne eine gewiſſe Verlegenheit be⸗ ſchrieb. „Sie ſelbſt mit all Ihrem Mißtrauen gegen die Menſchheit hätten ſich dabei überliſten laſſen,“ ſetzte der Greis mit Wärme hinzu,„denn der Schurke war ein Gelehrter. Darüber wenigſtens konnte er mich nicht täuſchen.“ „Gewiß,“ erwiderte der Sachwalter,„was das betrifft, was Sie mein Mißtrauen nennen, ſo ſind Sie im Irrthum. Ich beſchränke mich, Vorſicht an⸗ zuwenden, welche, wie Sie geſtehen werden, in dieſem Fall ſehr weiſe geweſen wäre. Ich muß meinen Mann kennen, che ich mich ihm anvertraue.“ „Wer kann im Herzen leſen?“ fragte der Geiſt⸗ liche, bemüht, ſich gegen die Anklage der Unvor⸗ ſichtigkeit zu vertheidigen;„der allein, welcher daſſelbe gemacht hat.“ „Das Herz hat ebenſoviel offenbarende Andeuter als es Fibern hat. Doch es handelt ſich in dieſem Augenblick nicht darum. Haben Sie ein Verzeichniß der in dem Käſtchen enthaltenen Papiere?“ „Nein.“ „Haben Sie keine Erinnerung von deren Be⸗ ſchaffenheit? Ein ſo fein entworfenes und ſo geſchickt ausgeführtes Project konnte nicht die Befriedigung einer eiteln Neugierde zum Zweck haben. Dieſe Papiere müſſen ein gewiſſes Intereſſe, einen gewiſſen 277 Werth gehabt haben. Ich will Ihr Vertrauen nicht erzwingen, aber ein Sachwalter iſt wie ein Arzt: es iſt unmöglich, daß der Eine oder Andere, ohne . zu kennen, Rath und Vorſchrift er⸗ theilt.“ „Die Bemerkung iſt ſehr richtig,“ ſagte der Rector.„Es iſt eine traurige Geſchichte,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„und lägen nicht die Um⸗ ſtände vor, ich könnte mich nicht entſchließen, ſie zu enthüllen. Sind wir ſicher vor jeder Unterbrechung?“ Mr. Elton ſtand auf, gab den Schreibern auf dem Bureau ſeine Befehle und ſchob dann den Riegel⸗ an der grünen Thüre vor, welche ſein Cabinet davon trennte. „Ganz und gar,“ antwortete er. „Ich brauche Ihnen nicht in's Gedächtniß zurück⸗ zurufen,“ begann der Rector,„daß ich der Lehrer von Sir Harry und ſeinem Bruder Walter war. Es war eine Freude für mich, in Crowshall mich niederzulaſſen, denn dieſer Uebergang von dem Tumult des Collegienlebens in die Einſamkeit eines länd⸗ lichen Pfarrhauſes entzückte mich. Es waren edle Kinder, voll Eifer, Leben, Verſtand und Muth. Nie entdeckte ich bei ihnen einen gemeinen oder entwür⸗ digenden Gedanken; es zeigte ſich weder etwas von affectirter Superiorität bei dem älteren, noch von niedriger Inferiorität in dem Character des jüngern, obgleich er großentheils von jenem abhängig war. Sie liebten einander; eine edle und würdige Freund⸗ oſ vereinigte ſie; und ich lernte ſie bald auch ieben.“ Die Thränen, welche über die Wangen des ehr⸗ 278 würdigen Pfarrherrn rieſelten, bezeugten die Wahr⸗ heit ſeiner Worte. „Obwohl Sir Harry das Uebel auf eine edle Weiſe gut gemacht hat,“ fiel Mr. Elton ein,„ſo habe ich doch immer gedacht, daß das Teſtament ſeines Vaters ſehr ungerecht ſei. Sie wiſſen, daß nach dieſem Teſtament Mabels und Walters Ver⸗ mögen davon abhing, daß ſie ſich nur mit Sir Harry's Zuſtimmung verheiratheten.“ „Ohne Zweifel war es ungerecht,“ erwiderte der Rector,„ohne Zweifel, und wenn ich mich nicht täuſche, ſo war dieſes Teſtament die erſte Urſache des Todes der beiden Brüder; aber fahren wir fort: der Baronet, ſeit etwa drei Monaten verheirathet, war noch auf dem Continent, als ich einen Brief von Walter empfing, der mich in faſt unzuſammen⸗ hängenden Ausdrücken beſchwor, bei ihm in London mich einzufinden, wenn ich ihn noch vor ſeinem Tode ſehen wollte. Er ſprach von verrathenem Ver⸗ trauen, gebrochenem Herzen, und ließ noch etwas Düſtereres und Schrecklicheres ahnen. Brauche ich Ihnen zu ſagen, daß ich ſeinem Rufe Folge leiſtete? Ich reiste Tag und Nacht, bis ich in der Wohnung ankam, die er im Tempel inne hatte.“ „Im Tempel!“ wiederholte der Sachwalter er⸗ ſtaunt. „Ja, es war das an das Ihrige ſtoßende Ge⸗ mach,“ ſetzte der Geiſtliche hinzu. Mr. Elton ſchien über dieſen Umſtand betroffen, 1 als ob er noch merkwürdiger wäre, und notirte ſich denſelben. „Vor wie viel Zeit war das?“ fragte er. „Gerade zehn Jahre. Als ich in ſein Zimmer trat, fielen mir zwei Dinge auf: vorerſt ſaß Walter Herbert in einem großen Fauteuil, von Kiſſen ge⸗ halten ſein ſchönes Geſicht bleich, abgemagert, durch die Stürme menſchlicher Leidenſchaften entſtellt. Er war damit beſchäftigt, gerade das Käſtchen, das man mir geſtohlen hat, zu verſiegeln. Der arme junge Mann! obgleich ſo ſchwach und dem Tode nah, ſprang er doch auf, mich mit allem Vertrauen, aller Zuneigung vergangener Tage zu empfangen. Ich konnte ihm kein Wort ſagen, unſere Thränen vermiſchten ſich.“ „Sie ſprachen ſo eben von einem anderen Um⸗ ſtande, der Ihr Erſtaunen erregte,“ bemerkte Mr. Elton nach kiner Pauſe. „Ich erinnere mich: es war eine Wiege, ein kleines Bett, ſo etwas, worin Kinder ſchlafen. Ich konnte mir nicht vorſtellen,“ ſetzte der Rector mit der größten Einfalt hinzu,„warum Walter ein ſolches Meubel hatte.“ Der Sochwalter lächelte und fragte eifrig, ob dieſelbe leer war. „O mein Gott, ja,“ antwortete der Geiſtliche, „ich warf einen Blick auf dieſelbe, ſobald ich den armen jungen Mann überredet hatte, ſich in ſein Schlafzimmer zurückzuziehen, und Alles, was ich ſah, war ein kleines Spitzenhäubchen; ich weiß nicht, was mich dazu antrieb, aber ich ſteckte es in meine Taſche.“ „Das war ein Gedanke, den Ihnen die Vor⸗ ſchung eingab,“ rief der Sachwalter lebhaft intereſſirt, „haben Sie es noch?“ 280 Sc „Hatten Sie keinen Grund zu der Vermuthung, daß Walter irgend eine Liaiſon hatte... Sie ver⸗ ſtehen?“ 4 „Ah, das war mein erſter Verdacht, obwohl er noch ſo jung, erſt zwanzig Jahre alt war; und ich fragte die Frau, die ihn bediente, ſein Stuben⸗ mädchen, wie mir ein College ſagte, ſeine... „Wäſcherin“ ſchalt Mr. Elton ein. „Ja, ja! dieß war der Name, den ſie ſich bei⸗ legte. Sie verſicherte mich, nie habe es einen geordneteren, tugendhafteren jungen Mann in London gegeben; er ſei immer über ſeinen Büchern geſeſſen, nie ſpät nach Haus gekommen und habe nur wenige Beſuche empfangen. So ſind Sie alſo im Irrthum.“ Aber der Sachwalter war nicht ganz überzeugt: er wußte, was man von einem ähnlichen Zeugniß zu halten hatte. „Was haben Sie noch von Walter zu ſagen?“ „Er ſchleppte noch zehn Tage ſein Leben dahin,“ antwortete der Geiſtliche.„Es war ihm ein Blut⸗ gefäß geſprungen, ſagte er mir, aber das iſt es nicht, was ihn getödtet hat: es war das Fieber ſeines Herzens, dieſer geheime und brennende Gedanke, der ſeinen Geiſt quälte und ihn zuweilen faſt zum Wahn⸗ ſinn brachte. O, es war ſchrecklich, ihn in ſeinem Delirium zu hören,“ ſetzte er, bebend bei der Erin⸗ nerung daran, hinzu.„In einzelnen Augenblicken begann er zu beten, indem er Gott anrief, Jemand, den er liebte, ſein Verbrechen, ſeine Undankbarkeit zu vergeben.“ „Den Tag vor ſeinem Tode,“ nahm der Rector, 1 . — — 281 der eine Minute inne gehalten hatte, um ſeine Auf⸗ regung zu beſchwichtigen, wieder das Wort,„legte er das Käſtchen in meine Hände mit der Bitte, es ſeinem Bruder, ſobald er nach England zurückkehrte, zu übergeben. Dieß geſchah; aber der arme Sir Harry war ſelbſt ſo unglücklich, daß er nie daran dachte, es zu öffnen. Es kehrte unberührt in meinen Beſitz zurück und das Geheimniß iſt von ſeiner Auf⸗ klärung ferner als je.“ „Vielleicht doch nicht,“ erwiderte Mr. Elton mit träumeriſchem Ton.„Hätte ich mehr von dieſen Details gewußt, es wäre mir möglich geweſen, den Schlüſſel zu Umtrieben zu finden, welche nach meiner Ueberzeugung ſeit Jahren gegen die Familie Herbert angezettelt worden ſind. Aber das Bedauern hilft jetzt nichts. Sagen Sie mir,“ ſetzte er mit gedämpfter Stimme hinzu,„hatten Sie nie Grund zu denken, daß ſein Tod gewaltſam herbeigeführt war?“ Geſicht von Doctor Gore wurde äußerſt eich. „Haben Sie nie Verdacht geſchöpft, daß man ihn vergiftet hat?“ „Als ich die großen moraliſchen Qualen, ſowie die körperlichen Leiden, die er zu erdulden hatte, ſah,“ erwiderte der Rector,„drang ſich mir der ſchreckliche Verdacht von Selbſtmord auf.... Aber nein, nein,“ fuhr er im Ton eines Mannes fart, der ſeine Erinnerungen und Eindrücke gewiſſenhaft erwägt,„wenn ſeine Seele mit dem Gewicht eines ſolchen Verbrechens belaſtet geweſen wäre, hätte er für ſich und nicht für Andere gebetet.“ „Nannte er keine Perſon?“ 282 „Niemand als ſeinen Diener, der zum Beſuch ſeiner Verwandten abweſend war. Ich werde nie das Erſtaunen und die Beſtürzung des armen Jungen vergeſſen, als er bei ſeiner Rückkehr den Zuſtand ſah, worin ſein Herr ſich befand, noch die Aufopferung, er die letzten Tage an ſeinem Bette wachte. s ſchien bei ihnen mehr als das gewöhnliche Ver⸗ zwiſchen Herrn und Diener zu es war beinahe Freundſchaft. 4. „Hat man eine Section des Leichnams vorh nommen?“ fragte der Sachwalter. „Der Arzt, der ihn behandelte, hielt es nicht für nothwendig.“ „Wie hieß jener Diener?“ „Georg Chaſon. Ich habe ihn vor einigen Tagen wieder geſehen. Der arme Mann hat viel Kummer. ſich zur Stunde nach Auſtralien eingeſchifft habén.“ „Das iſt unglücklich, wahrhaft unglücklich,“ mur⸗ melie Elton.„Er hätte uns auf den Weg leiten können, um aus dieſem Labyrinth von Verbrechen herauszukommen. Sie ſcheinen über dieſes Wort erſtaunt; aber ich wiederhole: dieſem Labyrinth von Verbrechen. Wer, denken Sie, bewohnte dieſes Ge⸗ mach eben zur Zeit der Leiden und des Todes von Walter Herbert?.... Roderich Haſtings.“ „Mabel's Gatte!“ rief Doctor Gore. „Er ſelbſt,“ fuhr der Sachwalter fort.„Es ſind ſechs Jahre, daß das Haus, an dem ich Theil habe, ſeine Bureau's hieher verlegt hat.“ „Das iſt ſonderbar!“ ſagte der Rector mit träu⸗ meriſcher Miene. 283 „Wer hat alſo von dem Tod der beiden Brüder Vortheil gezogen?“ fragte Mr. Elton. „Roderich Haſtings,“ entgegnete der Geiſtliche mit einem Seufzer. „Er iſt es, davon dürfen Sie überzeugt ſein,“ ſetzte ſein Freund hinzu,„welcher den Ihnen be⸗ gegnenden Alterthumsforſcher veranlaßt hat, Ihr Küäſtchen zu ſtehlen. Aber ſo gottlos er iſt, und ſo reich er geworden iſt, wird er vielleicht erkennen, daß es Mittel gibt, ihn zu erreichen, die Fährte durch dieſes Labyrinth von Verbrechen zu verfolgen, bis Verurtheilung und Strafe ihm in's Geſicht ſchauen. Unabhängig von dem lebhaften Intereſſe, welches dieſe Angelegenheit für mich hat, empfinde ich eine Art berufsmäßigen Stolzes, ein ſolches Un⸗ geheuer zu entlarven; denn nie erſcheint das Geſetz ſo edel, als wenn ſein eiſerner Arm den Schuldigen trifft und deſſen Triumph in Schmach verkehrt. Wie lang werden Sie in London bleiben?“ Der Geiſtliche antwortete, daß er nicht abreiſen würde, ſo lang ſeine Gegenwart von einigem Nuten ſein könnte, indem er hinzuſetzte, er habe ſich mit einem Freund darüber verſtändigt, daß dieſer in ſeiner Abweſenheit die vorkommenden Berufspflichten erfülle. „Nun, ich glaube Ihnen in drei Tagen Nachricht verſprechen zu dürfen,“ ſagte Mr. Elton.„Aber Sie werden doch das Diner bei mir einnehmen?“ Doctor Gore entſchuldigte ſich bis zum Tage dieſer Zuſammenkunft. Er war ſchon fo lang nicht mehr nach London gekommen! Er mußte mehrere antiquariſche Geſelkfchaften beſuchen, deren correſpon⸗ 284 direndes Mitglied er war; er mußte zu ſeinem Buch⸗ händler gehen, ein Manuſcript auf dem Muſeum zu Rath ziehen; kurz er hatte hundert Dinge zu thun, ohne die Beſuche zu rechnen, woran er in fried— licher Einſamkeit ſeines Pfarrhauſes nicht gedacht hatte. Der würdige Paſtor hatte ſich kaum entfernt, als der Sachwalter zweimal klingelte. Sein erſter Schreiber erſchien auf den Ruf. „Gibſon,“ ſprach ſein Principal,„durchgehen Sie den Pacht und die auf dieſes Local bezüglichen Pa⸗ piere und ſuchen Sie mir genau das Datum des Abgangs von Mr. Roderich Haſtings. Ich werde es morgen Vormittag brauchen.“ „Ganz recht, Sir.“ „Sie werden auch an Wield, den Polizeibeamten, wegen der Entdeckungen ſchreiben und ihn einladen, mich heute Abend zu beſuchen.“ „Um welche Zeit, Sir?“ „Um acht Uhr.“ „Bedürfen Sie ſonſt noch etwas, Sir?“ „Ja, unterrichten Sie ſich von dem Namen der Frau, welche das hier anſtoßende Gemach beſorgte, das Gemach von Mr. Walter Herbert gerade vor zehn Jahren. Das iſt es.“ Mr. Gibſon, der nie die geringſte Neugierde über irgend etwas ausdrückte, empfing dieſen außerordent⸗ lichen Befehl als die natürlichſte Sache von der Welt. Er erkannte eben aus dem Umſtand, daß keiner der untergeordneten Schreiber, ſondern er be⸗ rufen worden war, daß ſich an den Vollzug deſſelben eine gewiſſe Wichtigkeit knüpfte und es der Dis⸗ cretion bedurfte; aber er entfernte ſich aus dem Ca⸗ binet, ohne ſich die geringſte Bemerkung zu erlauben, indem er ſeinen Principal dem Studium des gelb⸗ lichen, verſchimmelten Documentes überließ. Gerade drei Tage nach ſeinem erſten Beſuch ſpeiste Doctor Gore allein bei Mr. Elton in deſſen Privatwohnung. Es war eines von den kleinen gothiſchen Landhäuſern am Saume von Regents⸗Park. „Nun, mein theurer Sir,“ fragte er, ſobald das Tiſchtuch entfernt war und er das erſte Glas alten Portweins gekoſtet hatte, das ſein Wirth ihm ein⸗ ſchenkte,„kommen wir vorwärts? Haben wir Neuig⸗ keiten?“ „Noch nicht,“ antwortete der Sachwalter. Der Rector ſchien überraſcht. „Ich erwarte den Beſuch von Jemand,“ erwiderte der Rechtsmann,„der ohne Zweifel uns intereſſante Aufſchlüſſe zu geben im Stande iſt. Er wird um h Uhr hier ſein,“ ſetzte er, auf ſeine Uhr ſehend, inzu. „Iſt es ein Mann des Geſetzes?“ „Nicht gerade, aber er hat Beziehungen damit.“ „Ohne Zweifel einer der Richter, den er zu Rath gezogen haben wird,“ dachte der Geiſtliche,„es iſt nichts ſo gut, wie gleich auf die Quelle los⸗ zugehen.... Iſt es eine ſehr diſtinguirte Perſon?“ fragte er dann laut. „Es gibt wenig diſtinguirtere als er.“ „Und unterrichtet?“ „Sehr unterrichtet,“ entgegnete Elton,„aber nicht in den Büchern, welche Sie zu leſen gewohnt ſind. Er hat die Menſchheit in allen ihren Phaſen 286 ſtudirt, er hat die irdiſchen Beſtandtheile analyfirt, die ſeiner Verſicherung nach nur von Koth ſind, da die von ihm angewandten Mittel nicht gerade ge⸗ eignet waren, nur die winzigſte Goldader, die durch den Koth läuft, zu entdecken. Aber das kümmert ihn wenig; er hat ſeinen Zweck erreicht,“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Mein Gott!“ rief der Doctor, welcher anfing, ſich für dieſen unbekannten Beſuch zu intereſſiren, „das muß ein merkwürdiger Manmſein.“ „Ja, es iſt einer der merkwürdigſten Policei⸗ Agenten.“ „Ein Policei⸗ Agent?“ wiederholte der Rector⸗er⸗ ſtaunt.„Sie überraſchen mich. Iſt es möglich, daß Sie ihn hier empfangen?“ Dieſe Frage war von einem ziemlich wider⸗ ſprechenden Blick auf das Glas und die Ser⸗ viette begleitet, welche der Diener eben offenbar in Erwartung eines weiteren Gaſtes auf den Tiſch ge⸗ bracht hatte. 5 „Wir ſind Alle gleich.. in den Augen des Geſetzes,“ ſagte Mr. Elton lachend⸗ „Gewiß; hem was noch beſſer iſt, in den Augen der chriſtlichen Religion. Ich muß deſſen doppelt gedenken, in meiner Eigenſchaft als Geiſtlicher,“ ſetzte Doctor Gore hinzu, deſſen Kaſten⸗ vorurtheile einen gewaltigen Stoß erlitten hatten. „Aber ihn an Ihrem eigenen Tiſch empfangen!“ „Er ſaß an der Tafel eines Herzogs,“ entgegnete Mr. Elton,„und fand nicht, daß er dort am un⸗ rechten Platze war. Quälen Sie ſich nicht, Sie werden ihn äußerſt herablaſſend und mittheilſam finden, er iſt durchaus nicht ſtolz.“ Die Unterhaltung wurde durch die Ankunft der fraglichen Perſon unterbrochen, eines Mannes von un⸗ gefähr fünf Fuß acht Zoll Höhe, mager, von weder ge⸗ meinem noch ſehr diſtinguirtem Ausſehen, kleinen grauen, ſchläfrigen Augen, einem Mund voll Entſchloſſenheit, wie die leicht geſenkten Winkel andeuteten. Er wech⸗ ſelte einen Händedruck mit Mr. Elton und nahm ohne die gerinſte Verlegenheit Platz. Aus Schonung der Würde des Rectors nannte der Sachwalter ihn nicht bei Namen, ſondern be⸗ ſchränkte ſich darauf, ihn als einen Freund vorzu⸗ ſtellen. 3 Wield begriff vollkommen, daß ſie einander fremd bleiben ſollten, entſchied ſich aber, nachdem er den Greis mit einem Blick gemeſſen hatte, dahin, daß es wirklich ein reſpectabler Mann ſei. Nachdem dieſe Entdeckung gemacht war, beſchäftigte er ſich nicht mehr mit ihm; warum hätte auch Doctor Gore ihn intereſſiren ſollen? „Tauſend Dank für Ihre Pünktlichkeit,“ ſagte der Sachwalter, indem er auf die Kriſtalfflaſche deutete, damit er ſich ſelbſt einſchenke.„Ich weiß, daß Ihre Zeit koſtbar iſt.“ „Ja wohl,“ erwiderte der Agent,„ich bin in dieſem Augenblick beſchäftigt: Regierungsangelegen⸗ heiten. die ich nicht vernachläſſigen kann. Ihre Geſundheit, auch die Ihrige, Sir.“ Der Rector dankte auf eine ziemlich ſteife Art. Der Agent bemerkte ſeine Zurückhaltung, und man 288 konnte an dem boshaften Blinzeln ſeiner Augen das Verſprechen von Repreſſalien wahrnehmen. „Nun,“ ſagte er, ſein Notizbuch herausziehend, „ich habe mich mit Ihrer Angelegenheit beſchäftigt; hier iſt das Reſultat. Kurze Zeit vor der Heirath von Mr. Haſtings befanden ſich dieſer und Charles Cuſack Schulden halber in einem Detentionshauſe in der Rothlöwenſtraße, Holborn. Es ſind alte Be⸗ kannte.“ „Ei, mein Gott! wer iſt dieſer Charles Cuſack?“ fiel der Rector ein. „Ein Mann, der großen Geſchmack an Antiqui⸗ täten findet,“ antwortete Wield trocken,„der unlängſt einen ſehr naiven Gentleman betrogen und ihm, ſagt man, gewiſſe Papiere geraubt hat.“ Doctor Gore machte keine weitere Frage mehr.— „Mr. Haſtings,“ fuhr der Agent, immer ſein Notizbuch befragend, fort,„befriedigte die Gläubiger ſeines Ex⸗Aſſpeié's und übergab ihm, ihm ſelbſt eine Anweiſung von hundert Pfund auf Couths und Cömp. Drei Tage nachher verließ Charles Cuſack London und blieb ungefähr zehn Tage fort.“ „Ganz richtig,“ ſagte der Geiſtliche bei ſich. „Bei ſeiner Rückkehr in die Hauptſtadt nahm er einen Paß nach Frankreich unter dem Namen John⸗ ſon, und begab ſich nach Paris, wo er nur einen Tag und eine Nacht blieb.“ „Und wo iſt er jetzt?“ fragte Mr Elton haſtig. „Vor drei Tagen hat er London verlaſſen und ſich an Bord der Mary Anne nach Auſtralien einge⸗ ſchifft,⸗ erwiderte der Agent. „Das iſt unglücklich,“ murmelte der Sachwalter. 289 „Der Inhalt des Käſtchens war von hohem Werth?“ fragte Wield. „An ſich, nein, beziehungsweiſa, ja. Können Sie mir das Portrait von Charles Cuſack geben?“ „Nichts leichter,“ antwortete der Agent, von Neuem ſein Notizenbuch zu Rathe ziehend.„Alter: fünfunddreißig Jahre, aber erſcheint ein wenig höher; Taille; fünf Fuß neun Zoll; Haare hellbraun, dünn⸗ geſäet an den Schläfen; Augen ſchwarz; Geſicht blaß und ruhig; präſentirt ſich gut und ſcheint die ſchönen Künſte ſtudirt zu haben; von ſo diſtinguirten Ma⸗ nieren, daß es ihm nicht ſchwer iſt, leichtgläubige Leute ohne Unterſcheidungsgabe zu be⸗ trügen.“ Doctor Gore ließ einen erſtickten Seufzer hören, während Mr. Elton mit Mühe ſeine Ernſthaftigkeit behauptete; er verſtand vollkommen die wunderlichen Repreſſalien, von welchen Wield zur Strafe für den eiſigen Empfang von Seiten des Rectors Gebrauch machte. „Glauben Sie, Wield,“ fragte er nach einer augenblicklichen Ueberlegung,„es ſeie der Beweis möglich, daß dieſe Papiere im Beſitz von Roderich Haſtings ſind?“ „Möglich, aber ſchwer, vorausgeſetzt, daß Sie nicht eine Beglaubigung bei den franzöſiſchen Be⸗ hörden haben. In dieſem Fall würde ſich die Sache ſehr leicht machen. Die Polizei in Paris hat eine immenſe Erfahrung und nicht weniger Tact; geben Sie ihr eine Nacht Zeit, und ſie wird Ihnen das Inventar von der Geldkaſſe eines Bankiers liefern, oder die Abſchrift von den geheimen Inſtructionen Das Erbe. 19 290 eines Botſchafters. Ich könnte Ihnen ſonſt von kei⸗ nem Nutzen in Frankreich ſeyn.“ Nach dieſem aufrichtigen Geſtändniß entfernte ſich der Agent. „Nun, Doctor,“ ſprach der Sachwalter, ſobald ſie allein waren,„was halten Sie von meinem Be⸗ ſuch?“ „Ein feiner Schlaukopf! ſehr fein!“ erwiderte der Rector,„und es iſt nichts als menſchenfreundlich, anzunehmen, daß er auch etwas von Rechtſchaffenheit und Wahrheit beſitzt. Aber was gedenken Sie jetzt zu thun?“ „Mich zu verſichern, ob dieſe Papiere im Beſitz von Roderich Haſtings ſind.“ „Und wenn er ſie vernichtet hätte?“ „Vorausgeſetzt, daß ich beweiſen könnte, er habe ſie gehabt,“ ſagte Mr. Elton,„würde mir dieß ge⸗ nügen. Es beſteht ein Auslieferungsvertrag zwiſchen den beiden Ländern. Ich werde Ihres Afidavit*) bedürfen.“ „Gewiß; und wenn es, wie ich vorausſetze, Ihre Abſicht iſt, nach Paris zu gehen, ſollen Sie einen Brief von meinem alten Collöge⸗Freunde, Lord Sil⸗ verſpoon, Staatsſecretär im Auswärtigen Amte, an unſern Botſchafter in Frankreich haben.“ Dieſes Anerbieten wurde angenommen und acht Tage ſpäter verließ der Sachwalter England. In Frankreich angekommen, that Mr. Wield Wunder. Er fand Roderich nach Verfluß von zwei — *) Geſchriebene und eiblich bekräftige Erklärung. . ————————— —— 291 Tagen, wurde ſein Freund am Ende des dritten. Vier Tage nach ſeiner Ankunft legte er die Hand auf die famoſe Caſſette. Mr. Elton glaubte das höchſte Ziel ſeiner Wünſche erreicht zu haben, als er dieſelbe zwiſchen ſich und dem Entdecker auf ſeinen Tiſch geſtellt ſah. Er öffnete dieſelbe eifrigſt und bemächtigte ſich eines ſeltſamen Inſtrumentes, ähnlich einem in mehrere Arme ſich theilenden Schlüſſel, deſſen er ſich eines Tages, wenn er ſich in Crowshall Eingang verſchaffte, bedienen zu können glaubte. Aber ach! er hatte die Caſſete gut zu durchblättern; es fand ſich das Papier nicht, das er ſuchte, und das gerade Mr. Cuſack bei Seite zu ſchaffen für an⸗ gemeſſen befunden hatte. Sechzehntes Kapitel. Per MWarkt zu Rnotmill.— Pick nimmt einen Dieb gefangen. Es war ein ſchöner Tag, etwas Seltenes in Mancheſter; nicht ein Tropfen Regen bedrohte die Stadt, obgleich der Regen dieſe Metropole der Baum⸗ wolleninduſtrie Englands in Affection genommen zu haben ſcheint. Im Gegentheil, die Sonne leuchtete in ſolchem Glanze, daß der Rauch der unzähligen Fabrik⸗Kamine, der gewöhnlich die Stadt gleich einer düſtern Wolke bedeckt, deren Strahlen nicht verdunkeln konnte. 292 Es war am Oſtermontag, dem erſten Tag des Marktes von Knotmill. Die Arbeit erfreute ſich eines der ſeltenen Feſte, die ſie ſich geſtattet; der Strom des menſchlichen Lebens ergoß ſich nach einer Richtung hin. Truppen von ſauber gekleideten Frauen, ſo geputzt, als ſie in ihrem Sonntagsſtaat ſein konnten, die einen dickbackige Kinder auf den Armen tragend, die anderen an ihrer Seite mitführend, vergrößerten die Menge. Aus ſchmalen Gaſſen, düſtern Eng⸗ päſſen und feuchten, ungeſunden Höhlen hervorkom⸗ mend, eilte die Arbeiterbevölkerung von Mancheſter dahin, alsob es zu öffentlichen Luſtbarkeiten ginge. Es gab Burſchen von jedem Alter und jeder Größe, Mädchen, ſauber gekleidet und alle mit Bän⸗ dern geputzt. Die Irländer von Klein⸗Irland oder Newton⸗Lane, wie es damals hieß, ſchloßen ſich dieſem Strome menſchlicher Weſen an, welchen die Landleute von Heywood, Middleton und Blakely, auf der St. Georgs⸗, Königs⸗ und Marktſtraße und vom Dechant⸗ thor herkommend, noch vergrößerten, während Bury, Aſhton, Staley⸗Bridge, Gorton, Oldham, Stockport und Bullock⸗Smithy vollſtändiger, als es je im Par⸗ lament geſchehen iſt, vertreten waren. Am erſten Tag iſt der Markt hauptſächlich von der Arbeiterclaſſe beſucht. Die folgenden Tage ſieht man nach allen Richtungen elegante Fuhrwerke dahin eilen, angefüllt mit Gruppen glücklicher Kinder und Damen, deren Gatten, Väter, Liebhaber und Brüder auf ihren Comptoirs beſchäftigt ſind; aber nach vier Uhr Abends nehmen dieſe Herren auch langſam ihren Weg nach dem Ort des Schauſpiels. Seit Wochen hatten die Burſchen und Mädchen 293 in den Fabriken ihre Pennyſtücke auf dieſe wichtige Gelegenheit zuſammengeſpart. Der Secretär der Bank von England wäre in Verlegenheit geweſen, die Totalſumme von Pfunden und Schillingen, welche dieß ausmachte, zu berechnen. Die Väter hatten ſich des Wirthshausbeſuches enthalten, die Mütter ſich etwas abgebrochen, um einige Pennys zu ſammeln, damit ihre Kinder und ſie ſelbſt etwas Neues am Markttage anzulegen bekämen. Der Straße von Liverpool entlang, welche den Platz für die Marktſtände begrenzt, erkauften ſich die Dodfgalans mit ihren Geliebten den Luxus einer Pennyfahrt in Fiakern, welche den Weg von der St. Mathäuskirche bis zur Schenke und umgekehrt machten. Ganz Mancheſter ſchien auf den Beinen und bereit, ſich der Freude und dem Vergnügen F Der Marktplatz bot die belebteſte Scene. Da gab es eine Menſchenmenge, wie nur Mancheſter ſie den Blicken darbieten konnte: Fabritjungen in Barchet⸗ wämſern, andere ältere in blauen Röcken mit Kupfer⸗ knöpfen, junge Mädchen in alle Farben des Regen⸗ bogens gekleidet, Männer und Weiber von reifem Alter, um nichts von der unzähligen Kinderſchaar zu ſagen. Der Markt war wegen des ſchönen Wetters be⸗ lebter als gewöhnlich. Voran und in erſter Reihe ſtand die famoſe Menagerie von Wombwell, die den Augen des Publikums die ganze Naturgeſchichte, ziemlich unnatürlich auf einer Reihe beweglicher Lein⸗ wandflächen gemalt, darſtellte. Aber wir ſagen es mit Bedauern, die Thiere in ihren engen und dun⸗ 294 keln Behältern boten einen Anblick dar, ſehr ver⸗ ſchieden von jenem, welchen ihnen der Maler gegeben hatte. Das Centraltableau ſtellte einen prächtigen Löwen dar, mit geſträubter Miene, flammenden Augen, von einer Truppe Indianer angegriffen; der königliche Vierfüßler hielt einen unter ſeinen Klauen ausgeſtreckt und ſchien bereit, ſich auf einen zweiten zu ſtürzen, der ſich mit vorgehaltener Lanze auf der Defenſive hielt. Ein bengaliſcher Tiger war eben daran, ein Rhinozeros zu verſchlingen; welche Zähne mußte er haben! und ein OHrangutang ſchleppte eine Dame weg, die er gerade aus einer Barke geriſſen hatte; er wurde verfolgt von dem verzweifelten Gatten, der als engliſcher Officier gekleidet war. Aber was hauptſächlich die Bewunderung des Haufens von Gaffern erregte, war das Bild eines Elephanten. Es ſetzte eine ſehr lebhafte Erörterung ab, herauszubringen, welches der Vorder⸗ und Hinter⸗ theil des Thieres war; die Majorität ſchien geneigt, den Rüſſel für den Schwanz zu nehmen. Eine große Anzahl Affen und Papageien waren an dem Gitter angebunden, welches die Plattform be⸗ grenzte, wo eine Muſikbande in ſcharlachrothen Röcken und Mützen von Leopardenfell ſich vergeblich an⸗ ſtrengte, den Gongong und die große Trommel des Eircus von Batty und Ryan zu erſticken. Dieſe beiden Etabliſſements waren die rivali⸗ ſirenden Geſtirne des Marktes. Mancher junge Burſche, der nur einen Sixpence beſaß, zauderte zwiſchen beiden, unfähig ſich zu entſcheiden, ob er die Thiere oder die Pferde mit ſeiner Gegenwart beehren ſollte, und bitter bedauernd, daß er mit ſei⸗ nem Sparſyſtem nicht früher angefangen hatte. Die Schauſpieler, zerlumpte Abkömmlinge von Thespis, nahmen auch zwei rivaliſirende Buden ein, das Theater von Halloway und das von Pariſh; die Truppe des letzteren Directors beſtand aus den meuteriſchen Comödianten von Webb. Dieſer aber hatte ſein Zelt neben jenen gewaltig herausgeputzt, um den Apoſtaten(dieß war der Name, welchen ſ6uphraſia ihnen gab) zu zeigen, daß man auch ohne ſie auskommen konnte. Hochmüthig liefen die Augen hinüber und herüber und ſchreckliche Blicke der Herausforderung wurden gewechſelt. „Wartet und Ihr werdet ſehen,“ murmelte Eu⸗ genio;„ich habe Euch noch nicht Alles gezeigt, was ich kann.“ Wirklich ſtürzte in einem Augenblick, wo die Menge ſich zu verlaufen begann, Euphraſia auf die Bühne, in ihrem von Flittern funkelndſten Gewande, einen rothen Turban mit fünf Straußfedern auf dem Haupte; ſie ſchlug ſich auf den Säbel mit Gog. Es war wunderbar in Betracht ihres Embonpoints, zu ſehen, mit welcher Behendigkeit ſie die Hiebe parirte, die Doppel⸗Acht machte, die drei Ausfälle rechts und die drei links machte und mit ihrem Blechſchild die furchtbarſten Hiebe des Rieſen auffing. Man konnte ſich darin nicht irren; die Idee war eine der glücklichſten. Sechszehnmal während des Tages machte die heroiſche Frau dieſelben Gänge durch, ohne daß ſie ihren Hieb verfehlte, außer etwa die zwei oder drei letzten Male, wo ihre Empfindungen(und nicht der Genever⸗Grog, wie Sam von neuem be⸗ merkte) die Feſtigkeit ihres Armes verminderten. Die Bude war nicht ſo bald leer, als ſie ſich wieder mit neuen Zuſchauern anfüllte. Wie gewöhnlich, gab es beinahe eben ſo viel außen, als innen zu ſehen. Es geſchah bei einer ſolchen Gelegenheit, daß unſer Held Dick zum erſten Mal unter freiem Himmel das Publikum begrüßte. Webb ſtellte ihn mit Sam den erleuchteten und unterrichteten Kennern vor. Gog trat gleichfalls vor, mit einem Kopfputz von Federn, eine ungeheure Keule in der Hand und⸗ ein Löwenfell über den Schultern.. Seine Exereitien und die der beiden Knaben wurden ſehr günſtig aufgenommen, wie nach einem ſolchen Eingang zu erwarten ſtand, und die Menge drängte ſich herein, ehe die Vorſtellung im Innern halb zu Ende war. Als aber Dick und Mignonne mit einander tanzten, kannte der Enthuſiasmus der Menge keine Grenzen mehr.„Die hübſchen Kinder!“ rief man von allen Seiten. Man warf ihnen Oran⸗ gen und Aepfel zu; kurz, die Bude von Webb wurde ſehr populär. Es gab auf dem Markt eine Menge Krämer, welche buchſtäblich keinen feſten Stand hatten, da die Menge wie die Polizeidiener ſie jeden Augenblick ihren Platz zu ändern zwangen. Der Eine ſchrie, daß ſeine Hühneraugenſalbe einen drei Zoll langen Nagel aus einer eichenen Thüre herausgetrieben habe. Ein Andrer, der einen Teig zum Schärfen von Raſiermeſſern verkaufte, ſtrich ſein Inſtrument,, — — 6 297 nachdem er es damit ſtumpf gemacht hatte, daß er ein Scheit Holz, noch weniger hart als die Köpfe ſei⸗ ner Klienten, in Späne geſchnitten hatte, auf ſeinem Riemen zwei Mal hin und her und zerſchnitt dann ein Haar. Manche Kaſuiſten machen es ebenſo. „Da iſt der alte Gevatter, der Original⸗Gevatter, der wahrhafte Gevatter und ſeine Eccles⸗Kuchen!“ rief ein Mann von gewiſſen Jahren, der ſeinen Schragen gerade über von Webbs Bude aufgeſchla⸗ gen hatte, mit einem Korb voll Leckerbiſſen, die er anpries.„Spielt oder kauft, kauft oder ſpielt! ich gewinne Flach und verliere Münze! noch einen Wurf, mein lieber Kleiner, das Glück wird Dir dießmal günſtiger ſein. Zurück, Ihr Andern, und macht den lieben jungen Herren Platz, die Geld in der Taſche haben und warten, bis die Reihe an ihnen iſt, die Kuchen des alten Gevatters zu ver⸗ ſuchen. Spielt oder kauft, kauft oder ſpielt! Hieher, meine Freunde!“ Dieſe Worte waren an zwei gut gekleidete Kna⸗ ben gerichtet, der eine etwa von zehn, der andere von eilf Jahren, welche unter dem Schutz eines den Fünfzig nahen Gentlemans ſich zu dem Verkäufer drängten. Sie erhoben die Augen zu ihrem Men⸗ tor, wie um ihn um Erlaubniß zu fragen. „Gewiß, meine lieben Kinder, kauft was ihr wollt, aber ich darf Euch nicht erlauben, zu ſpielen, das ſchickt ſich durchaus nicht für Euch.“ „Es iſt kein Betrug dabei möglich, Sir,“ ſagte der Kuchenverkäufer. „Ich zweifle nicht daran,“ erwiderte Mr. Bar— nard lächelnd. Die Kuchen wurden gekauft und die glücklichen Kinder entſchieden ſich, Eugenio's Theater zu be⸗ ſuchen. Nicht ohne Mühe gelangte der Gentleman mit ihnen auf die Plattform, wo ſie einige Minu⸗ ten warten mußten, ehe ſie eintreten konnten, da der Haufen von dem Innern ſich gerade heraus⸗ drängte. Plötzlich rief Mr. Barnard:„ich bin beſtohlen!“ „Was hat man Ihnen geraubt, Sir?“ fragte der Clown,„Geiſt oder Geld?“ „Ich ſpreche im Ernſt,“ antwortete Mr. Bar⸗ nard,„man hat mir mein Portefeuille genommen, das wichtige Papiere enthält.“ *. ſieht ein Portefeuille aus, Sir?“ fragte Dick. Er hatte eben einen Mann von ländlichem We— ſen geſehen, der das Eintrittsgeld zahlte, aber ohne die Vorſtellung abzuwarten, raſch die Treppe hin⸗ unter ſtieg, etwas in der Hand haltend, das er an ſeiner Bruſt zu verbergen ſuchte. Die Sache war kaum erklärt, als er an den Rand der Eſtrade eilte. Das Individuum befand ſich noch daſelbſt, das ſich einen Weg durch die Menge zu bahnen ſuchte. Dem Dieb von oben herab auf die Schultern zu ſpringen, war das Werk eines Augenblicks. „Ich halte ihn!“ rief er,„ich halte ihn!“ Der Räuber bemühte ſich aus allen Kräften, weg zu kommen und ſich von dem Knaben loszumachen. Mignonne ſtieß, als ſie die Gefahr unſeres Helden 299 ſah, einen Schrei aus und deutete Gog auf Dick. In einem Augenblick war der Rieſe mitten unter dem Haufen; mit einer Hand entriß er Dick den Griffen des Diebs, mit der andern ſchleppte er die⸗ ſen auf die Eſtrade. Mehrere Conſtabler kamen herbei und man fand das Portefeuille bei ihm. „Du biſt ein braver Junge,“ ſagte Mr. Bar⸗ nard, unſern Helden tätſchelnd,„und verdienſt ein beſſeres Loos, als das, wozu Dich wahrſcheinlich dieſe Lebensweiſe führen wird. Wer hat Dich ge⸗ lehrt, ſo ehrlich zu ſein?“ „Gott!“ antwortete der Knabe. Es lag etwas Ergreifendes in dieſem Namen voll Majeſtät an einem ſolchen Ort von einem Jungen in einer kleinen beflitterten Jacke ausge⸗ ſprochen. Mr. Barnard fühlte ſich von Theilnahme für ihn ergriffen und fragte ihn nach ſeinem Namen. „Dick!“ antwortete der kleine Seiltänzer. „Dick, wie?“ „Dick Tarleton, Sir.“ „Sorgen Sie, daß man dieſen Knaben morgen früh zu mir bringe,“ ſagte Mr. Barnard, ſich zu einem der Conſtabler wendend,„Sie kennen mich?“ Der Polizei⸗Beamte griff mit der Hand an ſei⸗ nen Hut. Er kannte den, welcher ihn angeredet hatte, als den älteſten Aſſocié eines der größten Bankhäuſer Londons. Er war nach Mancheſter gekommen, um einige Tage bei einem Freunde zuzubringen, deſſen beide Knaben er auf den Markt geführt hatte. Er war Wittwer und hatte nur ein Kind, eine Tochter. 300 „Du haſt Glück,“ ſagte der Conſtabler, ſobald Mr. Barnard und die beiden Knaben wieder zu ihrem Wagen zurückgekehrt waren. „Warum?“ fragte Dick. „Wegen Deiner Geiſtesgegenwart und Deines Muthes. Mr. Barnard iſt außerordentlich reich und ſehr generös. Man ſagt, er ſei Eigenthümer von einem halbdutzend Straßen in London.“ „Und was geht mich das an?“ Er wird etwas Schönes für Dich thun, aber ich muß mit Deinem Herrn ſprechen, er wird das viel beſſer verſtehen als Du.“ Euphraſia war entzückt und Eugenio nicht min⸗ der zufrieden, als ſie von dem Benehmen ihres Schützlings erfuhren. Die Dame verſprach ſelbſt den Knaben in die Wohnung des Freundes von dem Bankier zu führen. „Aber wir werden euch Beide auf dem Markte brauchen,“ ſagte Eugeniv. Der Conſtabler flüſterte ihm ein Wort von fünf⸗ zig Pfund zu und jeder Einwurf verſchwand. Außer⸗ dem fing der Markt erſt eine Stunde nach Mittag an, ſo daß man alle Zeit hatte, auf das Policeiamt und zu Mr. Barnard zu gehen. Es war Mitternacht vorüber, als die letzte Vor⸗ ſtellung in der Bude aufhörte und die armen Kinder ſich ermüdet niederlegten. Gog trug Mignonne halb eingeſchlafen in ſeinen Armen nach dem Wagen, wo ſie mit den Webbs, welche nicht zugaben, daß ſie anderswo als bei ihnen ſchliefe, ſich zur Ruhe begab. Dann kehrte der Rieſe nach der Bude zurück, wo er mit den beiden Knaben die Nacht zubringen mußte. 301 Als er dort ankam, fand er Sam und Dick be⸗ reits zu Bette, wenn man einen Haufen Decoratio⸗ nen ſo nennen kann, über welchen man eine Decke geworfen hatte. Unglücklicher Weiſe hatte die treue Bulldogge ihren Herrn nach ſeiner Wohnung begleitet, ſo daß die Bude nur von den Schläfern bewacht war. Als Alles ruhig war, wurde eine Seite der Leinwand aufgehoben und ein Individuum vom Ausſehen eines Zigeuners mit groben Zügen ſchaute durch die Oeffnung. „Alles iſt gut,“ flüſterte er einem Genoſſen zu, der draußen geblieben war;„welcher iſt es?“ „Der mit den ſchwarzen Haaren,“ antwortete man. Der Räuber legte unſerem Helden, der auf ſei⸗ ner Seite lag, die Hand auf den Mund, um ihn am Rufen zu hindern, und zog ihn aus dem Zelt. Bill Spuggins(ſo hieß der Mann, der die Brieftaſche geſtohlen hatte) arbeitete, wie die meiſten Menſchen, die vom Raube leben, nicht allein; er hatte ſeine Laſtergenoſſen, und dieſe beſchloſſen, womöglich ihrem Mitſchuldigen die Strafe für die That zu erſparen, bei deren Vollzug er auf eine ſo geſchickte Art aufgehalten worden war. Der Hauptzeuge gegen ihn war unſer Held: fand man Mittel, ihn zu entfernen; ſo hatte Bill einige Ausſicht loszukommen; war aber Dick gegen⸗ wärtig, ſo erſchien ſeine Verurtheilung gewiß. Dieß war der Grund, der jene beide Menſchen bewog, den Knaben zu entführen. Sie hatten nicht die be⸗ ſtimmte Abſicht, ihm etwas zu leid zu thun, voraus⸗ geſetzt, daß es ſich mit der Sicherheit ihres Genoſſen 302 vertrüge; Dicks Leben war bei dieſer Betrachtung ganz untergeordneter Art.— Nach der Verhaftung von Bill Spuggin's waren ſie den ganzen übrigen Tag um die Bude herum⸗ geſtrichen, hatten gewartet, bis das Publikum den Platz räumte, ſich dann hinter die Leinwand ge⸗ ſchlichen, und, wie wir ſahen, ihr ſchlimmes Vor⸗ haben glücklich ausgeführt. Sie wollten ihren Gefangenen in eine Keller⸗ ſchenke bringen, wo man Diebe und andere verdächtige Leute aus der Nachbarſchaft von Woodſtreet be⸗ herbergte. Der Herr des Hauſes, ein ehemaliger Sträfling, war ihnen wohlbekannt und ſie wußten, daß ſie auf ihn rechnen konnten. Es gab tauſend Mittel, Dick in dieſem Hauſe zu verbergen, und wenn es nöthig war und die Policei ſie beunruhigte, ohne große Gefahr verſchwinden zu laſſen. „Wenn Du einen einzigen Schrei ausſtößeſt,“ ſagte der Räuber, der ihn fortſchleppte,„ſo ſchneide ich Dir den Hals ab!“ Dieß war genug; der arme kleine Gefangene, von Schrecken niedergebeugt, erſtickte ſelbſt ſein Schluchzen. Ddie kalte Luft, welche Sam in's Geſicht wehte, oder vielleicht das Hinwegziehen der Decke weckte ihn auf. Er ſtreckte den Arm aus, um ſeinen Kama⸗ raden zu ſuchen. „Wo biſt Du, Dick?“ fragte er. Da er keine Antwort erhielt, richtete er ſich auf; glücklicherweiſe hatte er noch ſeine Flitterkleider an, er war zu müde geweſen, ſich auszuziehen. „Wer hat die Leinwand angerührt?“ rief er, 303 Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf. Er hob die Leinwand gerade noch zu rechter Zeit auf, um zwei Männer zu ſehen, die ſich jetzt raſch entfernten und unſern Helden forttrugen. Obgleich Sam nicht groß war, hatte er doch ein großes Herz und war Dick ſehr zugethan; ſo ſchlüpfte er, nachdem er zweimal Gog angerufen hatte, der ihm nur mit lautem Schnarchen antwortete, aus der Bude, entſchloſſen, ſeinen Freund nicht aus dem Auge zu verlieren. Es war jedoch ſeine Aufgabe, die er übernommen hatte, ebenſo wenig ohne Gefahr, denn die Diebe, fürchtend, verfolgt zu werden, drehten ſich von Zeit zu Zeit um, zu ſehen, ob Jemand hinter ihnen herkäme. Aber dann warf ſich der kleine Seil⸗ tänzer platt auf die Erde, und kroch auf Händen und Füßen vorwärts, bis ſie ihren Marſch wieder aufgenommen hatten. Er folgte ihnen ſo durch ein Labyrinth von engen, um dieſe vorgerückte Nachtſtunde ganz öden Gaſſen, bis ſie in ein Haus von unglückbedeutendem Ausſehen, in Spinningfield gelegen, traten. Der arme Junge näherte ſich der Thüre nach ihnen und horchte einige Zeit, aber er hörte kein Geſchrei. „Sie werden nicht das Herz haben ihn zu tödten,“ ſprach er bei ſich,„o, hätte ich nur Gog bei mir!“ Ergriffen von dieſem Gedanken, merkte er ſich genau das Haus und eilte nach der Bude. Nie hatte er einen ſolchen Raum mit gleicher Geſchwin⸗ digkeit durchlaufen. Die Beſorgniß für den Freund gab ſeinen Füßen Flügel, und als er ſich endlich an der Seite des Rieſen fand, war er ſo außer Athem, daß er nicht ſprechen konnte. Alles, was er thun konnte, war, daß er den Coloß am Kragen zog, bis er aufwachte. „Nun, Sam,“ ſagte er, noch halb ſchlafend, „was gibt es?“ Der Knabe ſprach Dicks Namen aus und ſetzte hinzu:. „Fort!... o, man hat ihn weggeſchleppt,“ ſetzte er hinzu,„Mignonne wird vor Kummer ſterben.“ Beim Namen ſeines Lieblings wurde der Rieſe auf einmal wach. „Dick? wie? wo iſt er?“ Sam erklärte ſo kurz als möglich, was ge⸗ ſchehen war. „Kennſt Du das Haus?“ O „Id. „Ich gehe mit Dir dahin.“ „Beeile Dich, man könnte ihn tödten.“ „Ihn tödten!“ wiederholte Gog, ſeinen furcht⸗ baren Arm ausſtreckend.„Ah, ich möchte das doch ſehen, wahrhaftig! Sei unbeſorgt, ich werde ihn ihren Klauen entreißen, und müßte ich das Dach abdecken!“ Dann warf der Rieſe eilig einen Paletot über das Coſtume eines Wilden, ergriff eine Eiſenſtange, deren er ſich gewöhnlich bediente, um die Löcher zu graben, in welche er die Zeltpflöcke ſteckte, und ging mit Sam ab, die Bude ihrer eigenen Hut⸗ überlaſſend. Sietzehntes Kapitel. Bei ſeinem Eintritt in das Logirhaus ſah ſich Dick von einem Haufen Individuen von ſehr ver⸗ dächtigem Aeußern umringt, die ihn mit einem Triumphgeſchrei empfingen. Eine Frau, das Weib des entdeckten Diebs, hätte ihm ſichtbare Zeichen ihres Grimms beigebracht, wäre ſie nicht durch die beiden Perſonen, welche ſich des Knaben bemächtigt hatten, daran verhindert worden; das Mannweib ſah ſich alſo genöthigt, ihre Wuth auf einen Sttom von Drohungen und Schimpfworten zu Peſchränken. „Halte die Schwätzerin feſt, Bet!“ rief der Hausherr, ein Mann mit finſterem, mürriſchem Ge⸗ ſichte.„Das iſt zu nichts gut; wir haben die Meer⸗ katze und das genügt. Wir wiſſen, was wir damit zu thun haben; Bill's Kamaraden werden nicht dul⸗ den, daß man ihn auf die andere Seite des Waſſers ſchickt, wenn es eines Nichts bedarf, dieß zu ver⸗ hüten.“ Unſer Held zitterte. Es waren nicht die Worte, welche ihn erſchreckten, denn die darin enthaltene Drohung entging ſeiner Faſſungsgabe völlig, ſondern der cyniſche Blick, der ſie begleitete, machte ihn ſchaudern. 2 „Es iſt beſſer, den Weg gleich ſauber zu machen,“ murmelte die Frau,„wenn Ihr das Herz eines Huhns habt, ſo will ich es auf mich nehmen.“ „Rein, ſage ich,“ wiederholte der Wirth.„Ich will nicht ohne Noth mich in Gefahr begeben.“ „Wenn die Policei nachforſchte?“ 306 „Sie möge nur kommen, ich weiß ihn zu ver⸗ bergen. Ich habe ſchon Manchen vor ihm verbor⸗ gen, unter der Naſe der Policei.“ „Ich ſage Dir,“ rief der Räuber, der den Kna⸗ ben im Zelte geholt hatte,„Bet hat Recht. So jung er iſt, hat der Fratz einen offenen Kopf; er wird das Haus wieder zu finden wiſſen.“ „Habt Ihr ihm nicht die Augen verbunden?“ fragte der Wirth. „Nein.“ Dieſe Nachricht ſchien den Entſchluß des Haus⸗ herrn, das Leben des Gefangenen zu ſchonen, etwas zum Wanken zu bringen; es entſpann ſich eine Be⸗ rathung, wobei über die Frage über Leben und Tod hitzig debattirt wurde. Klugheit, nicht Menſchlichkeit trug den Sieg davon. Der Wirth ſtellte vor, es ſeien zu viel Miethsleute im Hauſe und die Nacht zu weit vorgerückt, um ſolche Gefahr zu laufen; und ſeine Meinung war entſcheidend. „Komm' mit mir,“ ſagte er, unſern Helden rauh am Arm ergreifend,„Du biſt gewiß müde, ich will Dir Dein Schlafzimmer anweiſen.“ „Laßt mich gehen, ich bitte Euch, laßt mich gehen,“ erwiderte der Knabe;„ich habe Euch nie etwas zu Leide gethan; wahrhaftig, ich verſpreche Euch, ſtillzuſchweigen!“ „Du den Blinden zuvor machen ſollen.“ Trotz ſeines Widerſtandes zog er Dick auf eine ſchmale Treppe, die ſie mit einander bis in einen finſtern Speicher hinaufkletterten, ganz oben im Hauſe. Allem Anſchein nach war es nur eine Art Rumpel⸗ kammer, wo man zerbrochene Möbel, alte Koffer und 307 eine africaniſche Orgel untergebracht hatte, die von einem kleinen Italiener zurückgelaſſen worden war, der keine Mittel hatte, ſein Quartier zu bezahlen. Mit Hülfe eines ſeiner Genoſſen räumte der Wirth all dieſen Plunder hinweg und gelangte zu einer ſchmalen Thüre unter dem Dach, gerade groß genug, um einer Perſon von gewöhnlichem Wuchſe den Durchgang zu geſtatten. Durch dieſe Oeffnung wurde der Gefangene geſtoßen. „Da kannſt Du ſchlafen,“ ſagte der Herr,„wenn Du ein Wort ſagſt, wenn Du einen Schrei aus⸗ ſtößeſt, komme ich, um Dir den Hals mit ebenſo wenig Bedenken umzudrehen, als wenn es ſich darum handelte, ein Schlangenei zu zertreten.“ Die Thüre wurde geſchloſſen und Dick hörte, daß man die alten, zerbrochenen Möbel und die Koffer wieder davor hinſtellte. Dann ſtiegen die Leute hinab. Die Finſterniß war ſo groß, daß er ſich von der Ausdehnung dieſes Raumes keine Vor⸗ ſtelung machen konnte. Er wagte nicht, ſich zu rüh⸗ ren, aus Furcht, von den Räubern gehört zu wer⸗ den, welche zurückkehren konnten, ihre Drohungen auszuführen, und er bereute bitter, den Dieb ange⸗ geben zu haben. Er dachte an ſein vergangenes Glück, an Martha, an ſeine kleinen Kamaraden, und an den guten, alten Küſter Nicolas. „Sie werden nie erfahren, was aus mir gewor⸗ den iſt,“ ſagte er ſchluchzend.„Ich werde hier er⸗ mordet werden. O! warum bin ich nicht in dem Hoſpital geblieben! Man iſt dort in Sicherheit.“ Allmälig faßte er wieder Muth und ſchleppte ſich auf dem Boden fort, bis er die Mauer erreichte, die er kalt und feucht anzufühlen fand. Dann ſtellte er ſich auf die Füße und bemerkte, daß er gerade ſich aufrecht halten konnte. Dieſe Entdeckung flößte ihm die Hoffnung ein, zu entfliehen. Er wußte, daß er ganz oben im Hauſe ſein mußte. Mit der Energie eines entſchloſſenen Herzens begann er den Mörtel wegzureißen und ſah ſich nach einigen Minuten beſchwerlicher Arbeit durch das Erſcheinen eines Lichtſtrahls belohnt, der zwi⸗ ſchen den Ziegeln hereindrang. Er nahm ſorgfältig dieſe Ziegel, einen nach dem andern, weg und beugte ſie auf dem Boden gerade unter der Heffnung auf, ſo daß er darauf ſteigend hindurchkommen konnte. „Wenn es mir nur möglich wäre, in eines der Nachbarhäuſer zu dringen!“ ſprach er bei ſich,„ich würde die auf der Straße Vorübergehenden anrufen und ſie würden mir Beiſtand leiſten.“ Rachdem er ſeine Hände auf die Balken geſtützt hatte, erhob er ſich bis zu deren Niveau, und nach einer gewaltigen Anſtrengung, wobei ſeine Schultern arg gequetſcht wurden, gelang es ihm alſo, durch das Loch, das er gemacht hatte, hinauszukommen. Der Tag brach gerade an, als Sam und Gog an den Eingang der Straße gelangten, wo das Logirhaus lag; man begegnete aber noch keiner Perſon. Die Bevölkerung war von den Freuden des vorigen Abends allzu ermüdet, um ſich ſehr frühe wieder an's Werk zu machen. „Hier iſt der Ort,“ ſagte Sam. Gog erhob ſeine Stange, in der Abſicht, die 309 Thüre einzuſchlagen, als ſein Genoſſe ihn plötzlich am Arm ergriff. „Schau! ſchau,“ flüſterte er,„Dick!“ Der Rieſe erhob die Augen. Der brave Knabe kam eben aus der Höhle heraus, wo er eingeſperrt geweſen war; ſeine Lage ſchien aber ſehr gefährlich, denn das Dach war ſchrecklich ſteil. „Er wird fallen! Halte Dich feſt!“ rief Sam, „wir ſind da!“ Unſer Held ſchaute auf die Straße und erkannte ſeine Freunde. ² „Wenn ich nur einen Strick hätte,“ ſetzte der junge Seiltänzer hinzu. Der Rieſe wühlte in ſeiner Rocktaſche, wo er Stricke, Nägel und anderes nothwendige Material zum Bau der Bude aufzubewahren pflegte. Glück⸗ licherweiſe fand er einen, der ſtark genug war, um das Gewicht eines Knaben vom Alter unſeres Hel⸗ den zu tragen, aber er wußte nicht, wie er ihn in deſſen Hände bringen ſollte. In dieſer ſchwierigen Lage ſollte ſich Sam's Geſchicklichkeit im Klettern von Nutzen zeigen. Er unterſuchte ſorgfältig die Mauern und entdeckte am Nachbarhauſe hinauf eine Waſſerrinne. Den Strick zwiſchen den Zähnen haltend, klet⸗ terte er mit der Behendigkeit eines Affen an dieſer Rinne hinauf und befand ſich nach einigen Minuten auf dem Dach an der Seite ſeines Freundes Dick. „Hat man Dich geſchlagen, Dick?“ fragte er, ihn zugleich in ſeine Arme ſchließend. „Nein,“ antwortete der Knabe dankbar,„aber 310 man hat mir gedroht, mich zu tödten, wenn ich Lärm mache. Aber wie kommen wir hinab?“ „Ich will es Dir zeigen.“. Sam knüpfte ſorgfältig ein Ende des Stricks an einen der Balken, zu welchem er gelangte, indem er noch einige Ziegel abhob, und warf dann das andere Ende über das Dach hinab. „Sieh,“ ſagte er. Unſer Held zauderte. „Sei ohne Furcht, Dick,“ rief ſein Freund,„Gog iſt unten, er wird Dich auffangen. Haſt Du mich nicht hundertmal an einem Strick hinabſteigen ſehen? Mach Deine Hände naß und es wird Dir keinen Schaden thun. Soll ich zuerſt hinabſteigen?“ In dieſem Augenblick hörte man Geſchrei in der Kammer unten, und dann einen argen Fluch. Es war keine Zeit zu verlieren. Sam glitt mit der Leichtigkeit, welche Gewöhnung gibt, hinab, und als er ungefähr noch zwanzig Fuß vom Boden, der Strick aber nicht lang genug war, ließ er ihn fahren, und Gog empfing ihn in ſeinen Armen. Ein Kopf erſchien in der Heffnung, welche unſer Held gemacht hatte. Es war der des Wirths. Die⸗ ſer Anblick gab Dick den nöthigen Muth, und den Strick mit ſeinen beiden von den vorherigen Anſtren⸗ gungen zerriſſenen und blutigen Händen ergreifend rüſtete er ſich, ſeinem Freunde zu folgen. „Komm wieder herein,“ ſchrie der Räuber,„oder ich bringe Dich um!“ Der Knabe zauderte. „Ich ſchneide den Strick ab.“ Dieſe Worte vermehrten ſeinen Schrecken, und 311 fünf oder ſechs Fuß tiefer herabgleitend, ließ er den Strick fahren und fiel von einer Höhe von wenigſtens dreißig Fuß herab. Aber der Rieſe war da, um den Sturz zu ſchwächen. Indem er Dick in ſeine Arme auffing, zitterte der treue Coloß unter der Gewalt des Stoßes. „Haſt Du Dir wehe gethan?“ fragte er⸗ Nei nein,“ antwortete der Knabe mit ſchwacher Stimme. Die Thüre ging auf. Gog gewann ſogleich ſeine Energie wieder. „Lauft,“ ſagte er,„Sam kennt den Weg, lauft nach der Bude, ruft in den Straßen um Hülfe. Ich will Wache halten, daß Niemand Euch verfolgt.“ „Wie? und wir ſollen Dich hier der Gefahr ausgeſetzt laſſen, geſchlagen vielleicht getödtet zu werden?“ rief unſer Held, der wieder zu Athem gekommen war.„Nein, nein, wir wollen mit Dir kämpfen, Sam und ich.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ ſagte der kleine Seiltänzer kalt.„Ich erlaube ihnen, zu zwei gegen mich zu kommen.“ Zieht man die außerordentliche Behendigkeit San's in Betracht, ſo wird das nicht als eine eitle Prahlerei erſcheinen. Als die Freunde des Diebes aus dem Hauſe traten, um ihren Gefangenen wieder zu ergreifen, wichen ſie beim Anblick, der ſich ihnen bot, einen Schritt zurück. „Es iſt der Rieſe,“ ſagte einer von ihnen. „Wir ſind zu vier,⸗ ſetzte ein Anderer hinzu, „und er hat nur ein Leben.“ —— Von der Gefahr ihrer Lage bedrängt, ſtürzten ſich alle auf ihn. Gog war ſo ruhig und geſam⸗ melt, wie während ſeiner Vorſtellungen auf dem Markt; fürchtete er etwas, ſo war es, ihnen ein Leid zuzufügen. Ein einziger Schlag ſeiner unge⸗ heuren Fauſt ſtreckte den einen ſeiner Angreifer zu Boden; er ergriff einen zweiten und ſchleuderte ihn ſo weit hinweg, daß er keine Luſt mehr hatte, den Angriff zu erneuern. Die beiden Andern zogen ſich zurück. „Ihr würdet gut daran thun, umzukehren; ich will Euch nichts zu Leide thun; ich habe, was ich wollte,“ ſagte Gog, auf unſern Helden zeigend. Stimmen ließen ſich hören und ein Geräuſch annähernder Schritte. Die beiden Räuber ergriffen die Flucht, ihre Spießgeſellen der Sorge der Policei überlaſſend, welche endlich herbeikam. Die ganze Truppe wurde nach dem Poſten ge⸗ führt; man empfing die Ausſagen der beiden Knaben und die Gefangenen wurden in ihre Zellen geſperrt bis zur Stunde, wo ſie vor dem Richter erſcheinen ſollten. Dieſes Ereigniß machte große Senſation in Mancheſter. Alle, welche Tags zuvor die Geſchichte von Gog und dem Löwen, wie ſie Mr. Buskin er⸗ zählte, gehört hatten, ſchenkten ihr jetzt vollen und gänzlichen Glauben. Und als ſpäter der Rieſe vor dem neuen Juſtizgebäude erſchien, wohin man ihn als Zeugen berufen hatte, wurde er von den Hurrah's der Menge empfangen. Nie in ſeinem Leben war er ſo glücklich und ſo ſtolz geweſen. 36 36 313 „Mein armer Knabe,“ ſagte Mr. Barnard, der dem Verhöre beiwohnte,„Du haſt meinetwegen viel gelitten. Wie ſoll ich Dich und Deine braven Kama⸗ raden belohnen?“ Er hatte gleich von Anfang an eine beſondere Zuneigung zu unſerem Helden gefaßt, und dieſes Abenteuer beſtärkte ihn nur noch in dem Vorſatz, den er am Abend zuvor gefaßt hatte. Am Schluſſe der Affaire ließ er Mr. Webb und ſeine Frau rufen. „Meine braven Leute,“ ſprach er,„ich habe Euch ſehen wollen, weil ich Euch einen Vorſchlag zu machen, oder vielmehr einen Entſchluß mitzutheilen habe. Meine Abſicht iſt, den Knaben zu mir zu nehmen und ihm eine gute Erziehung zu geben.“ „Wie? ich mich von meinem Kinde trennen?“ rief die ſtolze Euphraſia, ihre Arme um Dick ſchlin⸗ gend und ihn auf eine ſehr unangenehme Weiſe an ſich drückend;„nein, nein, Sie können nicht alles Ge⸗ fühl der Menſchlichkeit verloren haben! Lernen Sie die Seelenqual einer Mutter, die Thränen einer Wittwe kennen und mißhandeln Sie die Unglück⸗ lichen nicht, welche Niemand zum Beiſtande haben.“ Es war eine der hochtönendſten Stellen, welche die Dame in der unſterblichen, wiewohl nicht heraus⸗ gegebenen Tragödie Eugenio zu ſprechen hatte. Wie hätte ſie nicht von einer ſo guten Gelegenheit, ſie anzubringen, Gebrauch machen ſollen?“ „Aber meine liebe Frau,“ entgegnete Barnard, der zu begreifen anfing,„Sie ſind nicht Wittwe.“ „Gewiß nicht,“ ſetzte ihr Gatte emphatiſch hinzu. „Iſt der Knabe Ihr Sohn?“ „Ja, durch Zuneigung. O Mann! wie wenig tennen Sie die Herzen, denen Sie Leiden bereiten, die verzweifelte Energie der „Nach dem, was ich gehört habe,“ fiel der Ban⸗ kier ein, denn er hatte keine Luſt, noch eine zweite Stelle aus der Tragödie Eugenio zu hören,„haben Sie kein Recht auf ihn. Aber da Sie gütig gehan⸗ delt haben, ſollen Sie nicht ohne Belohnung blei⸗ ben; ich werde Ihnen die fünfzig Pfund geben, welche ich für Wiedererlangung meines Portefeuille's zugeſagt habe.“ Bei dieſem freigebigen Anerbieten ſchmolz die ſtarre Entſchloſſenheit Euphraſias. Ihr Gatte hätte gern noch darum gefeilſcht, daß ſein Zögling, wie er unſern Helden nannte, den Markt mit ihm durch⸗ mache, aber Mr. Barnard wollte von dieſem Vor⸗ ſchlage nicht ein Wort hören. Er fürchtete, ihn nur einen Moment aus dem Auge zu verlieren. Er belohnte Gog mit derſelben Freigebigkeit und ſchenkte Sam eine vortreffliche Uhr und eine Summe von fünf Pfund Sterling. Der arme Junge hätte lieber ſeinen Kamaraden und Freund bei ſich behal⸗ ten; er konnte ſeine Betrübniß, die ſehr natürlich war, nicht verbergen, aber dieſe Empfindung machte ihn nicht zum Egoiſten. „Du haſt Recht, uns zu verlaſſen, Dick,“ ſagte er, ſeine Arme um ihn ſchlingend.„Wie groß wird WMignonne's Schmerz ſein, und wie werde ich Dich vermiſſen! Aber dieſer Gentleman wird einen Mann aus Dir machen, und nicht einen armen Seiltänzer, der Du mit mir geworden wäreſt. Du wirſt mich nicht vergeſſen,“ ſetzte er hinzu,„ich bin gewiß, daß Du mich nicht vergeſſen wirſt; denn Du haſt ein gutes und erkenntliches Herz.“ Unſer Held verſprach ihm einen Platz in ſeinem Gedächtniß und fragte ſich, ob die Schule, wohin ſein Wohlthäter ihn zu ſchicken die Abſicht hatte, ob die ſchönen Kleider und eine glänzendere Zukunft den Verluſt ſeines Freundes erſetzen könnten. Der Kummer Mignonne's war noch viel heftiger. Sie weigerte ſich, zu tanzen, und gebot Gog zu wiederholten Malen, Dick zu holen. Sie warf die Halskette und die Bänder, welche Gog ihr gekauft hatte, verächtlich weg. Dick wollte ſie haben und nichts Anderes konnte ſie zufrieden ſtellen. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß, wenn Mr. Barnard ſie geſehen hätte, als ſie mit Euphraſia kam, von ihrem Schützling Abſchied zu nehmen, er NRittel gefunden haben würde, ſie dem prekären Leben, das ſich vor ihr öffnete, zu entreißen. Zum Unglück war dieß nicht der Fall, und ſie wurde den Wechſelfällen der Welt und den Lehren, welche dieſe ertheilen konnte, preisgegeben. Dick umarmte ſie zärtlich, als ſie ſich trennten, und verſprach, ſie nie, nie zu vergeſſen. Wie vielmal hat man nicht dieſes Verſprechen gegeben! ach, und ebenſo oft daſſelbe nicht gehalten! Ende des erſten Bandes. Außerordentlich billig!! In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: W. M. Thackeray⸗ Fämmtliche Romanr. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder6 kr. chein. und wird einzeln abgegeben. 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