—8 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wochtutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Carus hatte in Folge der Handelsverbindlichkeiten, die er hinter dem Rücken ſeiner Firma eingegangen, drei ſchwere Tage durchzumachen; doch gelang es ihm durch Mittel, die er ſonſt, zwar nicht aus Grundſatz⸗ feſtigkeit, wohl aber aus Klugheit, vermieden haben würde, den dringlichſten Anlauf abzuwehren und ſo ſich eine kurze Friſt zum Athmen zu verſchaffen. Frei⸗ lich war dies nur, wie bei dem verurtheilten Ver⸗ brecher der Aufſchub der Todesſtrafe, keine Erlaſſung derſelben. Als er am vierten Morgen eben ausgehen wollte, übergab ihm einer der unter ihm ſtehenden Comptoiriſten ein Billet, bei deſſen Durchleſung dem ſchuldbewußten Mann das Blut nach den Schläfen ſtieg. Peter Mangles theilte ihm trocken mit, Mr. Bentiy ſei in London angelangt und erwarte, daß Mr. Kearn Punkt ein Uhr in dem Comptoir der Firma ſich ein⸗ finde; er möge es, ſo lieb ihm ſeine perſön⸗ liche Sicherheit ſei, ja nicht fehlen laſſen. „Was ſoll dieſe Drohung heißen,“ fragte er ſich wiederholt,„und was habe ich zu erwarten?“ Denn das Wort„Meuchelmörder“ klang noch immer in ſeinen Ohren, und der Gedanke guälte ihn unauf⸗ hörlich, ob es ſich wohl auf jenen Verſuch gegen 1 unſeren Helden oder auf ein noch dunkleres Geheim⸗ niß beziehe. Anfangs hatte er Luſt, die Aufforderung unbeachtet zu laſſen und memmenhaft die ſchlimme Stunde wenigſtens hinauszuſchieben; aber die Nach⸗ ſchrift, die auf ſeine perſönliche Sicherheit anſpielte, wirkte wie ein Bann auf ihn, und er trat zur anbe⸗ raumten Zeit den Gang an, von welchem, wie ihm ſein Inneres ſagte, ſein ganzes künftiges Geſchick ab⸗ hing. Mit Gefühlen, ähnlich denen, mit welchen der Verbrecher vor den Richter tritt, betrat er das wohl⸗ bekannte Geſchäftslokal der Firma in der City. „Iſt mein Onkel ſchon da?“ fragte er. Der Caſſier deutete ſchweigend auf das Privat⸗ buveau ſeines Principals. Es gereichte Carus zum großen Troſt, daß nur Peter Mangles im Zimmer war, obwohl ihn dieſer mit Blicken des Unwillens begrüßte. „Warten Sie nur, bis ich mit dieſen Zahlen fertig bin,“ ſagte er;„ſie ſind etwas verwickelt, denn ſolche Rechnungen kommen mir nicht oft vor.“ „Was kann er damit meinen?“ fragte Carus ſich ſelbſt. Nachdem er faſt eine halbe Stunde in der unbe⸗ haglichſten Stimmung dem peinlichen Kratzen von Peters Feder zugehört hatte, zog endlich der alte Mann die Bureauklingel, worauf einer der jüngeren Comptoiriſten eintrat. „Dieſe Papiere zu Mr. Bently,“ ſagte er. „Kann nicht ich ſie ihm bringen 2 fragte Carus, von ſeinem Sitz ſich erhebend. „Ihr Onkel will Sie erſt ſehen, wenn er genau von dem Stand der Dinge unterrichtet iſt, und das 5 geſchieht durch dieſe Papiere. Ich habe ſie zweimal durchgangen und ſchätze mich glücklich, ſagen zu können, daß ich mich ſelten irre, weder in Zahlen, noch in meinen anderen Berechnungen.“ Das Wort„glücklich“ gab dem Zuhörer einfach Gewißheit über eine längſt vermuthete Thatſache,— daß nämlich der Sprecher ihn kannte. „Mein Onkel iſt alſo beſſer?“ fragte Carus in 3 Verzweiflung, um doch wenigſtens Etwas zu agen. „Dem Körper nach wohl, aber nicht im Gemüth; denn er hat peinliche Erfahrungen gemacht.“ „Doch nicht im Geſchäft?“ bemerkte der jüngere Aſſocié, indem er an den Schreibtiſch trat, als wolle er Peter im Ordnen der Papiere helfen. „Nicht ſo nah, Mr. Carus!“ rief dieſer. „Sie vergeſſen, wer ich bin.“ „Nein; Sie ſind Mr. Bently's Reffe und waren jüngerer Aſſocié der Firma.“ „War?“ rief Carus.„Ich bin es noch.“ „Richtig; die Urkunde iſt noch nicht unterzeichnet.“ „Welche Urkunde?“ Mr. Bently's Klingel überhob den alten Buch⸗ halter einer Antwort. „Ihr Onkel wird es Ihnen ſagen,“ bemerkte er, indem er auf die Thüre des Privatcomptoirs deutete. Mit erzwungener Faſſung trat der ſchuldbewußte Neffe vor ſeinen Onkel, den er, wie er erwartet hatte, ſehr verändert fand. Die Ereigniſſe der letzten Woche hatten auch ſchwer auf ſein Aeußeres eingewirkt; aber obſchon ſein Geſicht blaß und ſein Auge tief eingeſunken war, lag doch in den Zügen eine Feſtig⸗ 6 keit und in dem Blick eine eiſige Ruhe, welche ent⸗ ſchiedene Vorſätze erwarten ließen. Carus näherte ſich dem Tiſch und wollte ſeinem Verwandten die Hand bieten; dieſer aber winkte ihm zurück nach einem Stuhl. „Carus,“ begann der Kaufmann nach einer Pauſe, zich habe Dich rufen laſſen, nicht um eine Erklärung Deines Benehmens anzuhören oder Dir Deinen Undank vorzuhalten; denn die erſtere wäre doch nur ein Lügengewebe, und gegen das Letztere biſt Du, wie ich wohl weiß, längſt unempfindlich geworden. Ein Menſch, dem es ſo gut gelungen iſt, die Stimme ſeines Gewiſſens zu unterdrücken, wird ſich durch die ſeines Wohlthäters nicht rühren laſſen.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ verſetzte der Neffe. „Das durfte ich kaum erwarten,“ bemerkte Mr. Bently in wehmüthigem Tone,„denn das Verſtehen meiner Worte würde ein Fühlen derſelben voraus⸗ ſetzen. Doch kommen wir zur Sache. Du haſt die Bedingungen des Aſſociationsvertrags gebrochen und damit ihn aufgelöst.“ Carus biß ſich in die Lippen, um ſeine Leiden⸗ ſchaft zu unterdrücken. „Beweiſe dafür ſind dieſe Wechſel, welche Du ac⸗ ceptirt und nicht honorirt haſt. Die Rückſicht auf die Ehre meines Namens bewog mich, ſie einzulöſen.“ Auf dieſe Mittheilung hin funkelten die Augen des leichtſinnigen Speculanten von plötzlicher Freude. „Alle?“ fragte er. „Alle, bis auf zwei.“ Bei dieſer Antwort wurde der ſchuldbewußte Mann ſogleich wieder kleinlaut. — 3 „Auf denen die Unterſchrift der Firma gefälſcht iſt,“ fuhr Mr. Bently fort.„Kennſt Du die Folgen des Wortes gefälſcht“?— GEhrloſigkeit, Gefäng⸗ niß, öffentliche Gerichtsverhandlung und ein ent⸗ ehrender Urtheilsſpruch.“ „Sie werden doch nicht durch eine Klage gegen mich ſich ſelbſt beſchimpfen wollen?“ rief der ertappte Schurke nach einer Pauſe, während welcher er einige Zuverſicht geſammelt hatte. „Iſt es ein größerer Schimpf,“ bemerkte der Kaufmann,„einen überwieſenen Verbrecher zum Neffen oder einen angeſchuldigten zum Schwiegerſohn zu haben? Ich für meinen Theil ſehe keinen großen Unterſchied.“ „Sie ſpielen auf Georg Markham an,“ verſetzte Carus bitter.„Vergeſſen Sie nicht, daß ich nicht ſein Ankläger war.“ „Ich vergeſſe es nicht,“ entgegnete Mr. Bently im Tone des Selbſtvorwurfs,„und einzig und allein dieſem Umſtand verdankſt Du es, wenn Du den Folgen Deines Verbrechens entgehſt. Die ſchändliche Verleumdung muß zurückgenommen und ſeine Unſchuld vor aller Welt bewieſen werden. „Vor aller Welt bewieſen?“ wiederholte der Neffe. „Durch wen?“ „Durch Dich.“ „Sie verlangen mehr, als in meiner Gewalt ſteht. Wie kann ich den Vorgang aufklären, der ſeinem Ruf nachtheilig geworden iſt?“ „Einfach dadurch, daß Du Dich ſelbſt zu dem Diebſtahl bekennſt,“ entgegnete Mr. Bently in ruhi⸗ gem, leidenſchaftsloſem Tone. Zweifelſüchtigſten genügen.“ „Wie!“ rief Carus mit gutgeſpielter Entrüſtung, „um die Folgen einer irren Handlung zu vermeiden — denn als ich mich der Signatur der Firma be⸗ diente, hatte mich die Noth unzurechnungsfähig gemacht — ſoll ich mich ſelbſt einer That ſchuldig erklären, die mir nie entfernt zu Sinn kam? Nimmermehr! Iſt dies Ihre Gerechtigkeit gegen den Sohn Ihrer verſtorbenen Schweſter?“ Aber dieſe ſchon ſehr oft gebrauchte ſchlaue Be⸗ rufung auf die Bande des Bluts verfehlte diesmal ihren Zweck; denn der Kaufmann erinnerte ſich, daß er noch heiligere Verpflichtungen hatte, die bisher von ihm vernachläſſigt worden waren. „Vielleicht kannſt Du mir Auskunft geben,“ ſagte er,„warum mein früherer Comptoirgehilfe Sanford dieſen Wechſel für fünfhundert Pfund auf Dich ge⸗ zogen und was ihn berechtigt hat, dieſelbe Summe eine Reihe von Jahren auf Dich zu entnehmen? Du. verlangſt Gerechtigkeit— ſie ſoll Dir werden. Ich bin vorbereitet, Schritt für Schritt mein Verfahren gegen Dich vor der Welt zu verantworten, indem ich nöthigenfalls das lange fortgeführte Syſtem von Heuchelei und Schurkerei ſelbſt bis zu dem Verbrechen „Das wird auch dem enthülle, das Allem die Krone aufſetzte.“ Es lag eine ſchreckliche Bedeutung in dieſen Wor⸗ ten, die Carus zum ernſten Nachdenken veranlaßten; denn er kannte die unbeugſame Feſtigkeit ſeines Onkels, wenn er ſich einmal zum Handeln entſchieden hatte. „Faſſe Deine Lage wohl in's Auge,“ fuhr der 9 Kaufmann fort.„Ich brauche Dich nicht daran zu erinnern, daß Du ein zu Grunde gerichteter Mann biſt— zu Grunde gerichtet an Ruf und Vermögen und aufgegeben von Deinem ſchwer gekränkten Weib und Deinem Sohn, deren Leiden mir kein Geheimniß ſind. Ein Schimpf mehr oder weniger kommt bei dem Uebermaß Deiner Ehrloſigkeit nicht mehr in Rechnung.“ „Sie haben Recht; ich bin ein Bettler,“ ſtöhnte Carus,„und wenn ich hoffen dürfte—“ „Ich mache keine Bedingungen,“ unterbrach ihn Mr. Bently. „Sei es darum. Ich bin in Ihrer Hand und will thun, was Sie verlangen.“ Auf ein Zeichen von Mr. Bently trat Peter Mangles in's Zimmer; ihm folgte Mr. Morton, der Rechtsfreund der Firma, Georg Markham, ſein Freund, der Direktor der Bank von England, wel⸗ chem er die vertrauliche Mittheilung über den Grund jener Creditverweigerung verdankte, und ſein Aſſocié Mr. Thornton. Beim Anblick des Mannes, an deſſen Untergang er ſo angelegentlich gearbeitet hatte, über⸗ flog eine Leichenbläſſe Mr. Kearns Geſicht. „Noch nicht,“ ſagte der Kaufmann, als ihm ſein Schwiegerſohn die Hand bieten wollte.„Sie ſollen zuvor Gerechtigkeit haben; dann erſt darf ich glauben, daß ich einigermaßen Sühne leiſtete für meinen früheren ungerechten Argwohn.“ In Peters Augen ſtanden Thränen; nie hatte ihn das offene, geſchäftsmäßige Benehmen ſeines Principals ſo ſehr befriedigt. 10 „Haben Sie die Güte, die vorbereiteten Papiere vorzuleſen,“ ſagte Mr. Bently zu dem Rechtsgelehrten. Das erſte Aktenſtück betraf die Aufhebung des Aſſociationsvertrags, der bisher zwiſchen Onkel und Neffen beſtanden hatte. „Unterzeichne,“ ſagte der Kaufmann. Carus zauderte. „Unterzeichne,“ wiederholte Mr. Bently ſtreng. „Ich warne und drohe nicht mehr.“ Die Demüthigung war auch für den überwieſenen Fälſcher zu herb, und eine von halb erſtickten Be⸗ theuerungen begleitete Weigerung brach über ſeine Lippe; ja er ließ ſich, als dies nicht verfangen wollte, ſogar zu flehentlichen Bitten herab. Mr. Bently antwortete jedoch nur damit, daß er Peter anwies, die Gerichtsdiener hereinzurufen. „Halt!“ keuchte Carus, wilde Blicke umherwerfend; „ich willige ein.“ „Wohlgemerkt,“ ſagte Mr. Morton,„es muß Ihrerſeits eine freiwillige, wohlüberlegte Handlung ſein.“ Der Verbrecher ſetzte in haſtigen Zügen ſeinen Namen an das Ende des Documents. Einer der älteren Comptoiriſten, der zu dieſem Zwecke herein⸗ gerufen wurde, und Peter Mangles unterzeichneten als Beglaubigungszeugen— der Erſtere gleichgültig, da ſich's für ihn blos um eine geſchäftliche Forma⸗ lität handelte, Letzterer aber mit großem Vergnügen, als ob er ſich von einer ſchweren Laſt befreit fühlte; denn die Firma, für deren Gedeihen er ſo lang und treu gearbeitet hatte, und deren Ruf ihm näher lag als ſein eigener, war wenigſtens durch die Entfer⸗ 1 nung des unehrlichen Aſſociés gereinigt, und der alte Mann konnte ſich wieder ſtolz auf der Börſe zeigen, ohne befürchten zu müſſen, daß man ihm über Mr. Kearn höhniſche Fragen vorlegte. „Hoffentlich kann ich jetzt gehen,“ ſagte Carus. „Noch nicht,“ verſetzte der Onkel;„es iſt eine weitere Unterſchrift nöthig.“ „Noch eine?“ entgegnete Carus ungeduldig. Der Kaufmann übergab dem Advokaten das Be⸗ kenntniß des ſterbenden Sanford, das ihm durch das Haus Curry und Söhne zugekommen war. Mr. Morton las es bedächtig Wort für Wort vor. Im Verlauf bedeckte kalter Schweiß das Geſicht des elenden Carus. Die umſtändliche Bloßſtellung ſeiner Schurkerei rief für einen Augenlick die Gluth der Scham wieder auf ſeine Wangen, während anderer⸗ ſeits ehrenhafter Stolz das Antlitz Georg Markhams röthete, der jetzt ſeine Ehre ſogar über allen Schatten des Verdachts erhaben fühlte. Er konnte wieder aufrecht in der Welt einhergehen, ohne vor der Ver⸗ gangenheit erbeben zu müſſen. Thornton, der die Gefühle ſeines Aſſociés vollkommen begriff, drückte ihm glückwünſchend die Hand. „Was habe ich noch zu unterzeichnen?“ fragte der enthüllte Heuchler, welchem die Blicke der Ver⸗ achtung, die ihm von allen Seiten zuſchoſſen, nach⸗ gerade unerträglich wurden. Der Rechtsgelehrte begann ein ausführliches Be⸗ kenntniß des Verbrechens zu verleſen, war aber noch nicht weit gekommen, als ihn Carus mit den Worten unterbrach: 12 „Genug! Laſſen Sie mich nur unterſchreiben, wenn ich nicht von. Sinnen kommen ſoll!“ „Pah, pah! Sie müſſen es anhören. Ein ſolches Verfahren wäre nicht geſchäftsmäßig.“ Aber ungeachtet dieſer Bemertung des alten Buchhalters, die mehr in ſeiner Ordnungsliebe als im Triumphgefühl über den gefallenen Mann ihren Grund hatte, nickte der Kaufmann Mr. Morton zu, er ſolle ſeinen Neffen gewähren laſſen. Möglich, daß er ſelbſt auch des herabwürdigenden Auftrittes über⸗ drüſſig war. Carus unterſchrieb das Bekenntniß, und die akten⸗ mäßigen Belege ſeiner Schmach waren damit voll⸗ ſtändig. „Georg Markham,“ ſagte Mr. Bently,„jetzt erſt, nachdem ich mein früher gegen Sie geübtes Unrecht gut gemacht habe, kann ich Ihre Hand an⸗ nehmen.“ Die Verſöhnung wurde durch wechſelſeitigen Händedruck beſiegelt. „Ich wußte wohl, daß es ſo kommen würde,“ murmelte Peter, den, wenn man aus dem fleißigen Gebrauch ſeines Taſchentuchs einen Schluß ziehen durfte, ein plötzlicher Schnupfen angewandelt hatte. „Ich ſagte immer, ſein Herz ſei ſo richtig wie ſein Hauptbuch, und für dieſes kann ich einſtehen. Mr. Kearn,“ fügte er gegen den Uebelthäter bei,„ich meine, für Sie könne dieſer Anblick kein erfreulicher ſein. Freilich iſt das Geſchmacksſache. Wenn Sie mir übrigens folgen wollen, ſo hätte ich noch einen kleinen Auftrag auszurichten.“ Carus betrachtete ihn zweifelnd. 3 13 „Geh',“ ſagte ſein Onkel;„bereue, wenn Du kannſt, und werde ein ehrlicher Mann. Du haſt mein Wort für Deine Sicherheit.“ Mit einem Blick voll Wuth und Verzweiflung folgte der unwürdige Neffe Mr. Mangles nach deſſen Privatbureau. Dieſer hatte inzwiſchen ſeine Faſſung wieder gewonnen, ſetzte ſich mit geſchäftsmäßiger Miene an ſein Pult und räuſperte ſich einigemal zur Einleitung. „Ihr Onkel hat Ihren Namen aus der Firma geſtrichen,“ begann er—„als Geſchäftsmann ſehe ich nicht ein, wie er anders handeln konnte— und Ihnen ſeine Liebe entzogen, deren Sie nie würdig geweſen ſind. Gleichwohl fühlt er als ehrlicher Mann, daß es unrecht von ihm wäre, wenn er Sie fortſchickte, ganz ohne alle Unterſtützung, die Sie freilich ohne Zweifel verpraſſen oder in irgend einer lächerlichen Speculation vergeuden werden. Doch das iſt Ihre, nicht ſeine Sache. Er hat mich beauf⸗ tragt, Ihnen tauſend Pfund auszuzahlen.“ „Sehr großmüthig,“ murmelte Carus mit Bitter⸗ keit, während Thränen der Wuth und des Aergers aus ſeinen mit Blut unterronnenen Augen brachen. „Das kann keinem Zweifel unterliegen,“ verſetzte Peter ſcharf,„obſchon ich nicht glaube, daß Sie es fühlen oder anerkennen. Sie brauchen keine ſo reuige Miene zu machen, denn mich täuſchen Sie nicht. Ich bin nie in Aegypten geweſen, Mr. Kearn, und habe meiner Lebtage kein anderes Krokodil ge⸗ ſehen, als ein ausgeſtopftes im Muſeum. Doch ja, jetzt erinnere ich mich,“ fügte er bei;„ich ſah eines, 14 hörte aber auch von ſeinen Thränen und weiß, was ſie werth ſind.“ „Geben Sie mir das Geld,“ rief der vormalige Aſſocis faſt außer ſich vor Wuth über die Unver⸗ ſchämtheit des alten Mannes— in dieſem Licht be⸗ trachtete er nämlich deſſen Rede,„und laſſen Sie mich ziehen.“ „Soll nicht fehlen; ich wollte Ihnen nur rathen—“ „Das Geld!“ wiederholte Carus;„das Geld!“ Peter Mangles fertigte methodiſch die Anweiſung aus und händigte ſie ihm über das Pult hin ein. „Und nun die Wechſel!“ „Welche Wechſel?“ „Die— die— Sie wiſſen ſchon, welche ich meine.“ „Die gefälſchten?“ verſetzte Peter.„Darf ſie nicht abgeben, Mr. Kearn; das wäre ein ganz un⸗ geſchäftsmäßiges Verfahren. Die Firma hat ſie be⸗ zahlt, und ſie bilden nun einen Theil unſerer Quit⸗ tungen, obgleich der Himmel weiß, auf weſſen Rech⸗ nung ich ſie ſchreiben ſoll. Unter die ſchlechten Po⸗ ſten,“ fügte er nachſinnend bei—„ja, ich werde ſie wohl unter die ſchlechten Poſten buchen müſſen.“ „Ich muß und will ſie haben. Wo ſind ſie?“ „Unter Siegel mit Ihres Onkels Privatpapieren in der Bank,“ antwortete der alte Buchhalter.„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie verſuchen wollen, ſie zu erhalten. Nur eines muß ich bemerken— zu ihrem Aufbewahrungsort gibt es keine zwei Schlüſſel. Ich wollte, es hätte bei uns nie welche gegeben,“ fügte er bei;„denn die Firma Bently und Sohn— ſie wird künftig Bently und Sohn heißen— wäre d tauſend Pfund reicher.“ Länger hielt es Carus nicht aus. Blicken verließ er das Comptoir und ſah Wege durch die Geſchäftslocale weder nach noch nach links, um nicht dem ſpöttiſchen S der Comptoiriſten zu begegnen. Sein erſter G galt dem Bankier, der die Anweiſung einlöſen ſollis Sobald er im Beſitz des Geldes war, begann er wieder einigermaßen die frühere Zuverſicht zu ge⸗ winnen. „Ich bin geſchlagen, aber nicht vernichtet,“ mur⸗ melte er vor ſich hin.„Die Thoren haben ver⸗ geſſen, daß der Schlange mit der Zeit die Zähne wieder wachſen. Ein Unternehmen, das ſechs Mal fehlſchlug, kann das ſiebente Mal gelingen.“ Wenn Peter Mangles ihn gehört hätte, würde er dies für eine ſehr ungeſchäftsmäßige Berechnung erklärt haben. Dreinndneunzigſtes Kapitel. Der Krieg iſt etwas ſo Großartiges, daß nur wenige Geiſter ihn als vollkommenes Ganzes aufzu⸗ faſſen vermögen. Die Bewegungen der verſchiede⸗ nen Heerestheile und die ſtrategiſchen Manöver der einander bekämpfenden Feldherren dienen blos dazu, einen nicht militäriſchen Leſer zu verwirren, da dieſer ſich nur aus den Epiſoden, aus dem Angriff auf ein iſolirtes Fort, aus dem Kampf eines Häufleins Tapferer gegen eine mächtige Ueberzahl u. ſ. w. eine tellung bilden kann, was der Krieg Solche Epiſoden prägen ſich der Erinne⸗ o tiefer ein, wenn ein lieber Freund oder er daran Theil genommen hat; und da eifel von den Perſonen unſerer Erzählung die Theilnahme des geneigten Leſers gewon⸗ ſo brauchen wir uns wohl nicht zu entſchuldigen, n wir ſeine Aufmerkſamkeit noch einmal— zum etzten Mal auf Indien lenken. Als der fanatiſche Sepoy Fritz Wharton mit ſich über die Tempelmauer hinunter riß, hielten die Zu⸗ ſchauer Beide für verloren, und während die Eng⸗ länder i dem tapferen Oſſizier einen Märtyrer ſahen, etkännten die Hindus in ihm nur ein Opfer, das ihre Göttin Mereiatel ſich zugeeignet hatte. Chriſten und Heiden waren jedoch gleich im Irr⸗ thum, indem nur der wilde Rebell den Tod gefun⸗ den. Der junge Offizier lag, allerdings ſchwer ge⸗ quetſcht und verwundet, eine Weile bewußtlos auf einem Haufen von Erſchlagenen, den er eigenhändig aufzuſchichten mitgewirkt hatte. Als er wieder zur Beſinnung kam, befand er ſich in einer aus Schilf und Baumzweigen geflochtenen Hütte, die in der be⸗ nachbarten Dſchungel verſteckt lag. Ein alter Soubahdar, der früher unter der Artillerie der oſt⸗ indiſchen Compagnie gedient, hatte ihn von ſeiner blutigen Lagerſtatt ohne Zweifel in der Abſicht, den Leichnam zu plündern, fortgeſchleppt und nach dieſem Bergewinkel geſchafft, als er fand, daß ſeine Beute noch athmete. Der Erſepoy war, wie ſo viele von ſeiner Claſſe, gezwungen worden, ſich den Aufrührern anzuſchließen, — 17 deren Erfolgen er für die Dauer keinen rechten Glau⸗ ben ſchenkte. Doch hatte ihn nicht die Menſchlichkeit bewogen, den engliſchen Offizier zu retten. Siegten ſeine Landsleute, ſo konnte er ihnen ſtets den ver⸗ haßten Chriſten ausliefern; behaupteten aber die Briten die Oberhand, ſo blieb ihm ſeiner Berech⸗ nung nach doch ſeine Penſion geſichert. Als Wharson zu ſich kam, ſah er ſich eine Weile mit verwirrter Miene um, da er ſich nicht vorſtellen konnte, wie er aus dem heißen Kampf unter dieſes Obdach gekommen war, und er fragte ſich mehr als einmal, ob er den alten Indier, der zu ſeinen Füßen neben der Hüttenthüre ſaß, für ſeinen Gefängniß⸗ wärter oder für ſeinen Retter anzuſehen habe. Der gedämpfte Kanonendonner belehrte den jungen Engländer nicht nur, daß er in anſehnlicher Entfer⸗ nung von dem Schlachtfelde ſich befand, ſondern auch, daß der Kampf noch fortdauerte; er verſuchte daher ſich aufzurichten, um zu ſeinen Kameraden zu⸗ rückzukehren. „Umſonſt, Sahib,“ ſagte der Soubahdar„Der Säugling in der Wiege iſt kaum hülfloſer. Es wird Wochen währen, bis Ihr nur zu ſtehen vermögt.“ „Und dann?“ Der Hindu betrachtete ihn mit einem eigenthüm⸗ lichen Ausdruck, ohne eine beſtimmte Antwort zu geben. Wahrſcheinlich verglich er den Preis, welchen ſeine Landsleute auf den Kopf eines jebden engliſchen Offiziers geſetzt hatten, mit der Ausſicht, ſeine Pen⸗ ſion beizubehalten. Die Frage wurde wiederholt. Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 2 „Wer weiß das? „Es iſt nur Wenigen vergönnt, im Buch des Schick⸗ ſals zu leſen. Seid zufrieden Gegenwart und denkt nicht an ie Zukunft.“ Um ſich die ſcheinbar geneigte Stimmung des Indiers zu erhalten, griff Wharton nach ſeiner Börſe und Uhr in der Abſicht, ſie dem alten Mann zu geben; aber Beides war ſchon fort. Zum Glück erinnerte er ſich, daß er noch einen ſehr werthvollen Diamanten in ſeiner Hemdbruſt ſtecken hatte. „Macht mir die Uniform auf,“ ſagte er. 32 Sein Retter, der den* dieſer Aufforderung 3 ahnte, gehorchte ohne Zögern* 3 „Da,“ fuhr der Verwundete fort, indem er dem Hindu den Edelſtein hinreichte;„wenn ich wieder geneſe, werde ich ihn zu ſeinem zehnfachen Werth) einlöſen.“ 38„Es iſt ein Diamant,“ rief der Indier, ihn ver⸗ 5 gnügt im Lichte ſpielen laſſend.„Der Sahib iſt reich?“ „Ich kann das Löſegeld eines Rais bezahlen,“ verſetzte der Engländer, welcher wohl begriff, daß er der Menſchlichkeit ſeines Retters ſein 65. nicht zu danken hatte. „Und doch ſeid Ihr zu jung,“ entgegnete der Soubahdar argwöhniſch,„um ſchon viel Reichthum angeſammelt zu haben, ſelbſt wenn die Compagnie Euch recht gut zahlte.“ „Ich ſtehe in königlichem Dienſt, nicht in dem der Compagnie. Ihr müßt den Unterſchied kennen“ „Warum?“* „Weil Ihr Soldat geweſen ſeid. Es iſt vergeb⸗ r 8 u n er th r⸗ iſt er zu er m tie m . 19 lich, es zu läugnen, denn einen Mann, der gedient hat, kenne ich auf den erſten Blick.“ Der Soubahdar warf ſich mit ſtolzer Selbſtzu⸗ friedenheit in die Bruſt, denn er that ſich, wie die meiſten Eingeborenen, etwas darauf zu gut, daß er die Waffen getragen hatte. „Der Sahib hat Recht,“ entgegnete er, militä— riſch ſalutirend.„Ich habe unter Napier, dem Er⸗ oberer von Secinda, gedient. Er war der Löwe der Frendſchis, aber die Compagnie hat ihn nie ver⸗ ſtanden.“ Und doch habt Ihr Euch Euren rebelliſchen Lands⸗ leuten angeſchloſſen,“ bemerkte der Offizier. „Beſtimmung,“ verſetzte der alte Mann ruhig und fügte dann noch etwas bei von Glauben und von Pflicht, den Beſchlüſſen der Braminen zu ge⸗ horchen. „Was Glauben!“ erwiderte Wharton entrüſtet. „Welcher Glaube kann das Niedermetzeln von hülf⸗ loſen Weibern und Kindern rechtfertigen?“ „Englands Herrſchaft iſt gebrochen.“ „Meint Ihr?“ fragte Wharton im Tone der Verachtung.„Eure Landsleute wiſſen freilich nicht, welche Kräfte dem Volk zu Gebot ſtehen, deſſen Zorn ſie ſo wahnſinnig herausgefordert haben. Bereits eilen Tauſende auf dem Meere her, um Englands Macht zu behaupten und dieſen Aufruhr zu ſtrafen.“ „Inzwiſchen regiert der Mogul in Delhi,“ be⸗ merkte der Soubahdar ruhig. „Der Sultan einer Stunde!“ rief der Verwun⸗ dete.„Seine gegenwärtige Erhöhung v. ſeinen 2 20 Fall nur um ſo ſchimpflicher machen. Er iſt der letzte von Timurs Stamm.“ „Ihr vergeßt, daß er viele Söhne hat.“ „Es gibt in Hindoſtan Stricke genug für alle.“ Auf dieſe Antwort blitzten die bisher ſo kalten, ſchlangenartigen grauen Augen des alten Mannes vor Wuth, und ſeine Hand Friff unwillkürlich nach dem Tulwar, einer langen, meſſerartigen Waffe, in 5 ſeinem Gürtel. Doch beſann er ſich raſch wieder 5 und ließ nur die alte Formel laut werden, welche den Schlußſtein in der Religion und Philoſophie 3 der Anhänger Bramo's bildet. 1 1„Was geſchrieben ſteht, iſt geſchrieben.“ 3 Der arme Wharton fühlte ſich zu erſchöpft, um 6 das Geſpräch länger fortzuführen. Abſal Murſa, ſo hieß ſein Retter, ſchickte ſich nun an, ſeine Wun⸗ den zu verbinden, wobei er große Fertigkeit zeigte und verließ dann die Hütte, um nach Ablauf einer 3 Stunde mit in der Dſchungel geſammelten Kräutern wieder zurückzukehren. Aus dieſen bereitete er einen Abſud, mit welchem er die gequetſchten Glieder des jungen Offiziers bähte, der bald nachher in einen erfriſchenden Schlaf verſank. Als Wharton wieder 1 erwachte, war er allein. Sein erſter Gedanke war, zu entfliehen und nach dem Tempel zu eilen; aber der Verſuch überzeugte ihn bald, daß er, wie der Hindu geſagt hatte, hülflos wie ein Kind war. Nach f Mitternacht kehrte der Soubahdar mit einem Sack Reis für ſeinen Gefangenen und einer Flaſche Arac für ſich ſelbſt zurück. Aus dem erſteren Umſtand d zog der junge Offizier, welcher ungeachtet ſeines kur⸗ ſ zen Aufenthalts in Indien den Charakter der Ei⸗ er ch 1⸗ 21 geborenen gut genug kannte, um nicht zu wiſſen, daß Berechnung und Selbſtſucht die Grundlage all' ihres Handelns bildete, den Schluß, daß die Truppen des Raja geſchlagen worden waren, da im entgegen⸗ geſetzten Falle ſtatt der achtungsvollen Weiſe, in welcher der Soubahdar ihm die Speiſe brachte, ihm Auslieferung an die Sieger und ein grauſamer Tod bevorgeſtanden hätte. Er machte auch eine darauf hin abzielende Bemerkung, welche den Hindu mit großer Bewunderung gegen ſeinen Scharfſinn erfüllte. „Es iſt alſo Entſatz angelangt?“ Der alte Mann gab keine Antwort. „Hört mich an,“ rief der Verwundete in großer Aufregung,„ich will mich nicht auf Eure menſchlichen Gefühle berufen; denn nur Kinder und Weiber fol⸗ gen, wie die Veden ſagen, ihrem Herzen, während weiſe Männer ſich durch ihren Kopf leiten laſſen.“ „Es iſt ſo, wie Sahib geſagt hat,“ murmelte Murſa. „Was kann es Euch dann nützen, wenn Ihr mich hier gefangen haltet? Entdecken Eure Landsleute mich, ſo opfern ſie mich ihrer Wuth, und Ihr habt nicht einmal das Verdienſt, mich in ihre Hände ge⸗ liefert zu haben. Ja, Ihr müßt vielleicht gar mein Schickſal theilen.“ Der alte Mann nickte, als wolle er zum Fort⸗ fahren ermuntern. „Wenn Ihr dagegen dem Commandanten der Beſatzung Nachricht von meiner Rettung bringt, ſo v Ihr einer anſehnlichen Belohnung verſichert ein. Abſal ſchüttelte den Kopf. Die Erfolge der Eng⸗ 2 länder waren noch nicht entſchieden genug, um ihn für einen ſolchen Schritt zu beſtimmen. „Ich habe unter den Truppen des Raja einen Sohn,“ verſetzte er,„der den Verrath ſeines Vaters mit dem Leben könnte büßen müſſen. Und außer⸗ dem würde ich auch mein eigenes auf's Spiel ſetzen, wenn man entdeckte, daß ich mich dem Tempel zu nähern ſuche. Acbars leichte Reiter durchſtreifen die ganze Dſchungel.“ „So können ſie uns auch hier finden,“ bemerkte der Verwundete. „Niemand wagt ſich in die Nähe.“ „Warum nicht?“ Der alte Mann ſprach mit geheimnißvollem Blick das Wort„Dihn“, und der Engländer erkannte daraus, daß ſeine Zufluchtsſtätte von den abergläu⸗ biſchen Eingeborenen als ein geheiligter Ort betrach⸗ tet wurde. Solchen Plätzen begegnet man in In⸗ dien häufig an den Wegen und in den Dſchungeln. Sie ſind entweder die Klauſe oder das Grab irgend eines Fakirs, Santon oder Heiligen, der hier im Schmutz und im Geruch der Heiligkeit gelebt hat und geſtorben iſt, und man erkennt ſie in der Regel an den Lumpen oder an koſtbareren Votivgegenſtänden, die in dem benachbarten Gebüſch aufgehangen ſind. Als Wharton die Fruchtloſigkeit ſeiner Vorſtel⸗ lungen einſah, verſuchte er zu ſchlafen, was ihm auch bald gelang. Am anderen Tag lag er in heftigem Fieber und ſein Leben ſchwebte geraume Zeit nur an einem Faden. Zum Glück wußte er nichts von ſeinem leidenden Zuſtand; er delirirte viel, und glaubte nicht mehr in Indien, ſondern in England 23 zu ſein. Mehr als einmal glitt das Wort„Mutter“ über ſeine Lippen, und eine hülfreiche Geſtalt ſchien während ſeiner wachen Träume ſein Lager zu um⸗ ſchweben. Aber nicht immer waren ſeine Geſichte ſo angenehm. Bisweilen kam es ihm auch vor, als ſchwinge der alte Hindu ſeine Waffe über ihm und drohe ihm mit dem Tode. Möglich, daß dies nur eine Ausgeburt ſeines aufgeregten Gehirns war; aber da um jene Zeit die Braminen eifrig Gerüchte von ſchlechten Erfolgen der britiſchen Waffen vor Delhi in Umlauf ſetzten, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß in ſeinen Fieberträumen ſich hin und wieder die Wirklichkeit mit den Gebilden ſeiner Phantaſie ver⸗ mengte. Endlich trugen ſeine gute Conſtitution und Ab⸗ ſals Sorgfalt den Sieg davon. Das Fieber wich, ließ aber einen ſo hohen Grad von Schwäche zurück, daß der junge Soldat mehrere Wochen auf keinen Fuß zu ſtehen vermochte. Es währte geraume Zeit, ehe er wieder hinreichende Kraft gewann, ſich ein wenig im Freien zu ergehen; auch durfte er dies nur in den Morgen⸗ und Abendſtunden thun, da er wührend der übrigen Tageszeit ſich in der Hütte verborgen halten mußte. Oft erkundigte er ſich bei ſeinem Hüter über den Gang des Krieges, konnte aber keine befriedigende Auskunft erhalten. Der alte Mann war bisweilen verſtimmt und gab ihm gar keine Antwort; während er ihn zu anderen Zeiten mit Berichten über angeb⸗ liche Niederlagen der Engländer quälte. Nur ſo viel konnte Wharton herausbringen, daß ſein Regiment nach Zerſtörung des Tempels mit der Entſatzmannſchaft den Marſch gegen Delhi angetre⸗ ten hatte, wo die Geſchicke des Oſtens bald zur Ent⸗ ſcheidung kommen ſollten. „Der Sahib iſt jetzt wieder kräftig,“ ſagte der Hindu eines Morgens, als ſie von einem der Spa⸗ ziergänge zurückkehrten, welche der Soubahdar ſeinen Gefangenen, oder wie man ihn nennen wollte, nie allein machen ließ.„Die Roſe iſt auf ſeine Wangen zurückgekehrt, und ſeine Sehnen haben wieder Spann⸗ kraft gewonnen.“ „Ihr habt mich gerettet,“ verſetzte der Englän⸗ der, ohne ſich den Anſchein zu geben, daß er den Zweck dieſer Bemerkung zu erfahren wünſche, da die Aſiaten Neugierde oder Ungeduld als etwas Ver⸗ ächtliches betrachten. Der Soubahdar ſtrich ſich den Bart. iſt ſechshundert Meilen entfernt,“ ſagte er. „Aber mit Muth und einem guten Pferde könnte man in weniger als einem Monat hinkommen.“ „Ohne Zweifel.“ „Der Sahib ſehnt ſich wohl nach ſeinen Lands⸗ leuten?“ „Es iſt mein heißeſter Wunſch, wieder zu ihnen zu kommen,“ rief der junge Mann. „Um dann das verſprochene Löſegeld zu ver⸗ geſſen?“ bemerkte der Hindu argwöhniſch. „Wie lange ſind wir ſchon mit einander bekannt?“ entgegnete Wharton. „Vier Manate.“ „In dieſer Zeit bin ich an den Thoren des To⸗ des geſtanden.“ on 25 „Das Leben zitterte auf der Wagſchale.“ „Und habt Ihr je Furcht oder eine niedrige Ge⸗ ſinnung in mir bemerkt?“ „Nein.“ „Warum beargwohnt Ihr mich jetzt?“ „Der Sahib hat Recht,“ rief der Hindu, behag⸗ lich ſeinen Bart hätſchelnd,„und ich wäre eine Kafir, wenn ich Mißtrauen in ſein Wort ſetzen wollte. Bei allen ihren Fehlern ſind dir Frendſchis doch ver⸗ läßlich. Und wenn ich mich zum Bettler machen muß, um die Pferde zu beſorgen,“ fügte er bei,„wir wollen nach Delhi reiſen. Ihr werdet mir doch nicht entweichen?“ „Nein; Ihr ſollt Eure Bezahlung erhalten.“ „Wann?“ „Sobald wir vor Delhi anlangen.“ Der alte Mann war damit zufrieden, und es wurde ausgemacht, daß ſie in der nächſten Nacht die Reiſe antreten ſollten, um nicht den Streiſpartien des Raja zu begegnen, welche ſich noch immer in der Umgegend aufhielten, obſchon das Fort ihres Gebieters längſt zerſtört war. Abſal entfernte ſich für den Reſt des Tages und kehrte in der Dunlelheit mit ein Paar Pferden zu⸗ rück, die er gekauſt zu haben vorgab, obſchon Whar⸗ ton vermuthete, daß ſie geſtohlen waren; auch brachte er eine Verkleidung für ſeinen Gefangenen mit, den bei einer Begegnung mit dem Feind ſeine Uniform ſogleich verrathen haben würde. Sobald die Me⸗ tamorphoſe vollbracht war, drängte der Engländer zum Aufbruch. Der Hindu hatte jedoch keine ſolche Eile, denn ſeine Habſucht konnte den Gedanken nicht ertragen, das koſtbare Panzerwamms ſeines Beglei⸗ ters zurückzulaſſen. Er ſetzte ſich deßhalb nieder und begann die Borten und Goldſtickerei abzutrennen. „Laßt doch dieſe Flitter,“ rief Wharton.„Was iſt Gold gegen die Sicherheit?“ „Gold iſt die Kraft der Erde,“ antwortete der Soubahdar, ruhig in ſeiner Arbeit fortmachend. „Nur Thoren verachten es.“ „Iſt dies die Lehre Eurer Prieſter?“ „Es iſt ihre Praxis,“ verſetzte der alte Mann in cyniſchem Tone.„Worte ſind nur Luft.“ Erſt nachdem der letzte Goldfaden von der Uni⸗ form abgetrennt war, ließ ſich der Hindu herbei, die Reiſe anzutreten. Sobald er aber einmal im Sattel ſaß, zeigte er keine Furcht und kein Zaudern mehr, ſondern ritt kühn in dem Gebüſch voran, bis ſie endlich den offenen Weg erreichten. Zum Glück war die Nacht ſo dunkel, daß ſie keinem ſchlimmeren Feind, als etwa einem hungrigen Schakal oder einer, ſcheuen Antilope begegneten. Höchſt widerwärtig war es dem jungen Englän⸗ der, daß er ſich ſtets an die Seite ſeines Gefährten halten ſollte, der gut bewaffnet war, vorſichtshalber aber ſeinem Gefangenen keine Wehr zugeſtanden hatte. Ritt er einige Schritte voraus, ſo rief ihm der Hindu alsbald zu und fuhr mit der Hand nach ſeinem Carabiner. So ging es fort, bis die Flücht⸗ linge eines Tages eine Grabruine erreichten, wo ſie übernachten wollten. Abſal entfernte ſich wie ge⸗ wöhnlich, um im nächſten Dorfe Mundvorrath ein⸗ zukaufen, und brachte diesmal nicht nur die gewöhn⸗ liche Menge Reis, ſondern auch ein Huhn und eine 27 Flaſche Arac mit. Zum erſten Mal ſeit dem Antritt der Reiſe that ſich der Hindu nach dem Abendeſſen in dieſem ſeinem Lieblingsgetränk etwas zu gut, und die Folge davon war, daß er bald in einen tiefen Schlaf verfiel. Man denke ſich die Beſtürzung des Soubahdar, als er am andern Morgen beim Erwachen die Wahrnehmung machte, daß Wharton ſich nicht nur der Waffen, ſondern auch des Gürtels, welchen er beſtändig um den Leib trug, und in welchem ſich ſein Geld, der Ring und die Goldtreſſen der Uniform befanden, bemächtigt hatte. „Jetzt iſt die Reihe an mir, von Löſegeld zu ſprechen,“ rief der Offizier, der ob der Jammermiene des alten Mannes in ein helles Lachen ausbrach. „Ich hatte des Sahibs Wort,“ entgegnete der Andere vorwurfsvoll. „Habt Ihr ihm Vertrauen geſchenkt?“ Der Indier ließ den Kopf hängen, denn er be⸗ griff, was man ihm damit ſagen wollte. „Ich ſchlief im Vertrauen,“ bemerkze er endlich, „und wir haben miteinander Brod gebrochen und Salz gegeſſen.“ „Es war der Schlaf des Wolfes, der ſeinen Raub für wehrlos hielt,“ verſetzte Wharton.„Doch da habt Ihr Euer Gold zurück; ich wollte Euch nicht berauben.“ Und er warf dem Hindu den mit Rupien gefüll⸗ ten Beutel hin, welchen dieſer mit Gier wieder aufgriff. „Hier iſt auch der Ring,“ fuhr der junge Mann fort.„Ein engliſcher Gentleman und Offizier wird ſeinem Worte nicht untreu.“ Der Hindu ſchien ſich nun auch davon zu über⸗ zeugen. „Und da habt Ihr Eure Waffen zurück, mit denen Ihr mich ſo oft bedrohtet, wenn ich ein wenig zu galoppiren verſuchte. Ich nahm ſie Euch nur ab, um Euch zu beweiſen, daß Ihr mir trauen dürft. Ich bin jetzt wieder wehrlos und bereit, Euch Wort zu halten.“ Obſchon ihn der Indier wahrſcheinlich wegen ſeiner Großmuth für einen Narren hielt, fühlte er ſich doch durch dieſes Benehmen gerührt. Es kam ihm unbegreiflich vor und machte vielleicht eben deß⸗ halb einen um ſo tieferen Eindruck auf ihn; denn er konnte wohl nicht umhin, damit zu vergleichen, wie er in demſelben Falle gehandelt haben würde. „Behaltet die Waffen, Sahib,“ ſagte er, indem er ihm die Piſtolen und einen Tulwar zurückgab. „Ich ſetze keinen Zweifel mehr in Euch.“ „Ich dachte wohl, wir würden zuletzt zu einem Verſtändniß kommen,“ verſetzte Wharton mit einem ruhigen Lächeln.„Ihr braucht kein ſo ernſtes Ge⸗ ſicht zu machen, Mann; das Löſegeld entgeht Euch nicht, und auch für den Ring ſollt Ihr die verſpro⸗ chene Summe erhalten.“ Während des Reſtes der Reiſe, die noch zehn Tage dauerte, fuhr Abſal fort, ſeinem Gefangenen unbegrenztes Vertrauen zu erweiſen, indem er nur dann ein wenig unruhig wurde, wenn Wharton ſein Roß über die Ehenen hingaloppiren ließ. Er griff jedochght mehn; iſſeiner Waffe oder hielt ſogieich wieder inns, ahm unwilltürlich der Antrieb dazu kam.„ i it n t, v 29 Vierundneunzigſtes Kapitel. Die Belagerungsartillerie war angelangt und das Rebellenheer von Englands tapferen Söhnen, welche vor Begier brannten, die Ehre ihrer durch Verrath und Ueberraſchung für eine kleine Weile zurückgedrängten Banner wieder einzulöſen, in der Mogulſtadt eingeſchloſſen. Um dieſe Zeit hatte General Wilſon, der das Commando übernommen, an ſeine ungeduldigen Soldaten folgende Proclamation erlaſſen: „Offiziere und Mannſchaft der vor Delhi ver⸗ ſammelten Streitmacht haben ſeit ihrer Ankunft in dieſem Lager alle Beſchwerniſſe muthig ertragen: nun aber rückt die Zeit heran, von welcher der Ober⸗ general hofft, daß ſie den Anſtrengungen ein Ziel ſtecken und ſie durch den Fall der Stadt lohnen werde. An die Truppen ergeht deßhalb die Auffor⸗ derung, das Ingenieurcorps in Errichtung der Bat⸗ terien und Laufgräben zu unterſtützen und in Deckung derſelben den Sonnenbrand nicht zu ſcheuen. „Die Artillerie wird ſchwerere Arbeit haben als bisher, doch nur für eine kurze Zeit, und wenn der Obergeneral ſeine Leute zum Angriff befehligt, ſo thut er es mit der Ueberzeugung, daß britiſcher Muth und britiſche Entſchloſſenheit Alles vor ſich nieder⸗ werfen und die blutdürſtigen Aufrührer aus ihrer Feſte vertreiben oder vertilgen wird. Damit dies aber gelinge, macht er die Soldaten auf die unbe⸗ dingte Nothwendigkeit aufmerkſ uſammenzuhalten und ſich nicht von ihren Co u trennen, da nur ſo auf ſicheren Erfolg zu 4 n iſt. 6 30 „Der Obergeneral Wilſon braucht die Truppen kaum an die grauſamen Schlächtereien zu erinnern, die nicht nur an ihren Offizieren und Kameraden, ſondern auch an engliſchen Weibern und Kindern verübt worden, um ſie zum Kampf auf Tod und Leben anzufeuern. Kein Pardon den Aufrührern! Doch fordert er ſie zu gleicher Zeit um der Menſch⸗ lichkeit und der Ehre ihres Vaterlands willen auf, die Weiber und Kinder, welche ihnen in den Weg kommen ſollten, zu ſchonen. „Es iſt nicht nur für die Sicherheit des Heeres, ſondern auch für den Erfolg des Angriffs dringlich nothwendig, daß die Mannſchaft nicht aus Reih' und Glied weiche, und der Oberbefehlshaber hält es für ſeine Pflicht, alle commandirenden Offiziere aufzu⸗ fordern, dies ihren Leuten beſonders an's Herz zu legen; auch hofft er, daß nach dieſer Warnung der Verſtand und die gewohnte Mannszucht jeden Ein⸗ zelnen veranlaſſen werde, ſeinen Offizieren zu gehor⸗ chen und treu im Dienſt auszuhalten. Jedem Regi⸗ ment iſt zu erklären, daß unterſchiedsloſes Plündern nicht geſtattet werden kann, daß aber Commiſſäre aufgeſtellt worden ſind, welche die Kriegsbeute ſammeln, verkaufen und nach den beſtehenden Regu⸗ lativen unter die Kämpfer vertheilen ſollen. Wer ſich die Unterſchlagung eines Beuteſtücks zu Schulden kommen läßt, hat es herauszugeben und verliert nicht nur ſeinen Antheil an der Geſammtbeute, ſon⸗ dern ſoll auch zum ſummariſchen Verfahren dem Generalprofos übergeben werden. Der Obergeneral fordert die Offiziere auf, eifrig an der Herſtellung der Belagerungswerke mitzuwirken, die ſofort zu be⸗ 31 ginnen hat, und verſpricht ſich namentlich von den Regimentsoffizieren aller Grade, daß ſie ihren Unter⸗ gebenen begreiflich machen, die Arbeit in den Lauf⸗ gräben ſei während einer Belagerung ebenſo noth⸗ wendig und ehrenhaft, wie der Kampf in Reih' und Glied während der Schlacht. Alle Offiziere ſind dafür verantwortlich, daß ſie ihr Aeußerſtes thun, um die Weiſungen der Ingenieure auszuführen; auch wird von ihnen erwartet, daß ſie einen muthi⸗ gen Wetteifer an den Tag legen, der ſicherlich durch einen glänzenden Ausgang ihrer Anſtrengungen be⸗ lohnt werden wird.“ Dieſer Heeresbefehl übte die günſtigſte Wirkung. Das Herz eines jeden Engländere war in ſeinem Arme, und jeder arbeitete, als habe er den Tod eines Bruders oder den Schimpf einer Schweſter zu rächen. Am vierzehnten September rückten die Teuppen zum Sturm an. Unter die Kampfbegierigſten ge⸗ gehörte das Olſte, welches darnach dürſtete, den Lorbeeren, welche es in ſo manchen tapferen Ge⸗ fechten errungen, neue hinzuzufügen. Obſchon Sir Charles Fourreau wegen der Wun⸗ den, die er bei Vertheidigung des Tempels davon⸗ getragen, bisher ſein Quartier hatte hüten müſſen, beſtand er doch darauf, ſein Regiment perſönlich in den Kampf zu führen. Die Vorſtellungen des Doe⸗ tors ſowohl als die Bitten ſeiner Gattin und Lil⸗ lian's blieben erfolglos; der Entſchluß des Veterans war nicht zu erſchüttern. „Ich muß zuerſt meinen Sporen Ehre machen,“ N 32 ſagte er, denn er war kürzlich zu dem Rang eines Brigadiers befördert worden,„und dann, wenn ich ſie verdient habe, wird ein bischen Ruhe ange⸗ legt ſein.“ Für Lillian und ihre Adoptivmutter waren die Tage, welche in der Geſchichte der indobritiſchen Kriege ſo herrlich daſtehen, eine Zeit ſchwerer Sorge; denn auch Richard hatte beſchloſſen, den Angriff als Freiwilliger mitzumachen. Natürlich blieben auch Jack Manders und Kaleb nicht zurück, da ſie es ſchwer übel genommen hätten, wenn ihnen nicht geſtattet worden wäre, jede Gefahr mit unſerem Helden zu theilen. Wer zugegen war, wird nie das Hurrah vergeſſen, in welches des Olſte ausbrach, als es die ſtattliche Geſtalt ſeines Oberſten an ſeine Spitze treten ſah. Es war gleichzeitig eine Kundgebung der Liebe und der Bewunderung, denn jeder einzelne Soldat ehrte ſeinen Commandanten wie einen Vater. Stock begleitete ihn wie gewöhnlich als Ordon⸗ nanz. 36 will keine Rede an Euch halten, Jungen,“ ſagte Sir Charles.„Es iſt nicht nöthig; denn wir kennen einander ſchon zu gut.“ „Ja wohl!“ rief die Mannſchaft in großer Auf⸗ regung. „Ihr habt den Heeresbefehl gehört,“ fuhr er fort.„Schonung gegen Weiber und Kinder, keinen Pardon für die gethrer⸗ Es folgte ein wildes Geſchrei, in welchem man die Worte„Cawnpore“ und„Weiber“ deutlich unter⸗ ſcheiden konnte. — „Vom Plündern will ich gar nichts ſagen,“ fügte der Oberſt bei.„Wir fechten heute für Englands Ehre und um unſere ermordeten Landsleute zu rä⸗ chen. Ich bin überzeugt, das Olſte wird das letzte der kämpfenden Regimenter ſein, welches dies vergißt.“ Das begeiſterte Hurrah der Mannſchaft wurde jebt durch den Donner des Geſchützes überboten, das ſeinen Kugelregen über die Paläſte und blut⸗ beflectten Feſtungsräume der Rebellenſtadt auszu⸗ ſchütten begann. Eine der tapferſten Thaten jenes Tages war die Sprengung des Kaſchmirthores im Angeſicht des Feindes. Unter einem Beſtreichungsfeuer, das man⸗ chen Tapferen in den Staub ſtreckte, unternahmen die Lieutenante Home und Salkeld, die Sergeanten Smith, Carmichael und Burgeß und eine Sapeur⸗ abtheilung die Heldenthat, während die Schützen des 60ſten ihr Vorrücken deckten. Unbeirrt durch die Kugeln, welche rund um ſie her Tod verbreiteten, marſchirten die Tapferen über die zerſchoſſene Zug⸗ brücke und machten ihre Petarden bereit. Die Auf⸗ rührer ſtießen ein furchtbares Geſchrei aus. Ser⸗ geant Carmichael fiel zuerſt, nachdem er eben mit dem Legen des Pulvers fertig geworden war, und der triumphirende Lärm der Rebellen erſchütterte noch die Luft, als Lieutenant Salkeld vorwärts eilte, um die Leitlinie anzuzünden. Doch auch er fiel, und das Geſchrei„Dihn! Dihn!“ wiederholte ſich. Der verwundete Offizier raffte ſich wieder auf und hän⸗ digte mit herausfordernder Miene die Lunte dem Corporal Burgeß ein, welcher den Ruhm, die Sprengung voübracht zu haben, mit dem Leben be⸗ Smith, Ebbe u. Futh. Vr. 3 34 zahlte, da er in dem Augenblick der Exploſion fiel, um nicht wieder aufzuſtehen. Drei Hornſignale riefen das 52ſte zum Vorrücken, und die Mannſchaft gehorchte muthig dem Aufgebot. Unter lautem Hurrah ſtürmten die zuſammengedräng⸗ ten Colonnen heran, bemächtigten ſich des Thores und jagten die Aufrührer, die es vertheidigten, wie eine Heerde ſcheuer Schafe vor ſich her. Noch vor Einbruch der Nacht befanden ſich die Stürmenden im Beſitz der feindlichen Vertheidigungswerke von der Waſſerbaſtei an bis zum Cabuler Thore. Doch war die Stadt noch nicht gewonnen. Der Löwe hatte wohl die Tatze auf ſeine Beute gelegt, aber ſie kämpfte noch verzweifelnd, um wieder los⸗ zukommen. Die Sepoys, welche wohl wußten, was ihnen bevorſtand, fochten am andern Morgen mit dem ganzen Muth der Verzweiflung. Der Kampf wogte von Straße zu Straße; aber auf das Ge⸗ ſchrei, durch das die wüthenden Hindus ſich zu er⸗ muthigen ſuchten, antworteten die Engländer nur mit dem einzigen Schlachtruf„Cawnpore“, der von Reihe zu Reihe lief und im ſchärfſten feindlichen Feuer die Britten zu unerbittlicher Rache ſpornte. Am andern Morgen fiel die Bank mit ihrem weiten Zubehör, früher die Reſidenz der Begum Sumru und ihres unglücklichen Adoptivſohnes Dyce Sombre, in den Beſitz der Engländer, ſo daß dieſe jetzt ihr ſchweres Geſchütz auf die Schiffbrücke und den Palaſt richten konnten. Am nämlichen Tag wurde die Dſchumma Moſchee erſtürmt, und der Generaladjutant der Armee meldete der Regierung die Wegnahme von 206 Ordonnanzſtücken nebſt un⸗ — 35 geheuren Vorräthen von Kugeln, Bomben, Zünd⸗ kapſeln und anderem Kriegsmaterial. Freilich hatte dieſe Eroberung 273 Todte, darunter 8 Offiziere, und 878 Verwundete gekoſtet. Ein Drittel der ſtür⸗ menden Truppen war dienſtuntüchtig geworden; doch reichte der Reſt wohl noch zu, die Beſetzung der Stadt und der Vorſtädte am Abend des zwanzig⸗ ſten zu vollenden. Die edlen Worte des Obergenerals:„Schont die Weiber und Kinder!“ verfehlten auf die in ihren heiligſten Göfühlen ſo ſchwer gekränkten Britten ihre Wirtung nicht; dagegen würgten ihre blutigen Hände erbarmenlos unter den Männern fort und ſchienen des Schlachtens nicht müde zu werden, obgleich ſchon Tauſende gefallen waren. Bei der Eroberung von Delhi wurde die Grauſamkeit, der Meineid und der Verrath der verhätſchelten Sepoys furchtbar gerächt. Unter den bei dem Sturm betheiligten Regimen⸗ tern hatte ſich das Olſte nicht am wenigſten ausge⸗ zeichnet. Unter ſeinem wackeren Oberſten, dem zwei Pferde unter dem Leib erſchoſſen wurden, ſtand es in den vorderſten Reihen derer, die das Arſenal ſtürmten, in welchem Sir Charles ſchließlich ſein Quartier nahm. Er und der Major wollten eben nach der ſchweren Tagesarbeit wo möglich ein paar Stunden der Ruhe pflegen, als Doctor Burke voll freudiger Aufregung in die Halle ſtürzte. „Was gibt's?“ fragte der Oberſt, nach ſeinem Degen greifend. „Etwas Erfreuliches! Indien kann in der That das Land der Wunder genannt werden, denn die Todten ſtehen wieder auf.“ 36 „Das überbietet ja Ihre Geſchicklichkeit,“ bemerkte Plinlimmon.. „Aber nicht die Güte der Vorſehung,“ verſetzte der würdige Mann.„Wharton—“ Als Richard den Namen ſeines Freundes nennen hörte, ſprang er in freudiger Ahnung vom Boden auf. Im nächſten Augenblick erſchien auch der junge Offizier, der noch immer ſeine Verkleidung trug. Ihm folgte Abſal, deſſen Loyalität gegen die Engländer bei dem Anblick der halb eroberten Stadt wunder⸗ bar zugenommen hatte. B Es kam nun zu warmen, freundlichen Hände⸗ drücken, Glückwünſchen, Fragen und Ausrufen des Staunens über die wunderbare Rettung. Wharton ſchloß ſeine Erzählung, indem er ſeinen Begleiter als das Werkzeug ſeiner Erhaltung vorſtellte. „Der brave Burſche,“ ſagte der Major, indem er ſeine ſchwere Hand auf die Schulter des Hindu legte.„Ich rechne mich als ſeinen Schuldner.“ „Das ſind wir Alle,“ füßte der Oberſt in einem weniger begeiſterten Tone bei, da er das ruhige Lächeln ſeines Offiziers bemerkt hatte.„Seine Be⸗ lohnung ſoll ihm nicht entgehen. Wenn nur ſeine Landsleute ſich eben ſo treu verhalten hätten.“ „Habe ich nicht das Salz der Compagnie ge⸗ geſſen?“ verſetzte der Ex⸗Soubahdar.„Weſſen Hund bin ich, daß ich dies vergeſſen ſollte? Dieſe Aufrüh⸗ rer ſind Eſel und Söhne von Eſeln, daß ſie ſich einbilden, den Frendſchis widerſtehen zu können. Die Narren! Die Tölpel! es iſt ihnen recht geſchehen.“ „Ach!“ ſagte Wharton, nachdem die Anweſenden ſich von der freudigen Ueberraſchung erholt hatten — 37 „wie ſchmerzlich wird es mir, daß ich zu ſpät komme, um an dem Ruhm des Sieges Theil zu nehmen.“ „Keine Minute zu ſpät,“ entgegnete Plinlimmon. „Es gibt nach genug zu thun, und der morgige Tag wird ſo warm werden, wie nur irgend ein früherer. Eine Stunde in Delhi reicht zu, den Ruhm eines Vierteljahrhunderts zu erringen.“ „Was gäbe ich nicht jett um meine Uniform?“ murmelte der Cornet im Tone des Verdruſſes. Sein Wunſch wurde erfüllt. Jack Manders ver⸗ ſchaffte ihm das Erforderliche von dem Leib eines Offiziers, der bei dem Angriff auf die Dſchumma Moſchee gefallen war. Mit der Morgendämmerung begann der Kampf auf's Neue. Die Rebellen fochten zwar nicht mehr mit Siegeshoffnungen, wohl aber gleich wilden Thieren, die in ihrem Lager umſtellt ſind, um ihr Leben. Ein Theil des Palaſtes hielt ſich noch, obſchon der Scheinmonarch und ſeine Söhne, von den Werk⸗ zeugen ihrer Grauſamkeit begleitet, ſich nach dem Grab Humeiun geflüchtet hatten— ein Schlupfwinkel, aus dem ſie zuletzt durch den tapferen Hodſon von den Guiden hervorgeholt wurden. Das Leben des Königs blieb wegen ſeines hohen Alters geſchont, eben ſo das der Begum Zenat Mehal; die drei Prinzen aber, ſeine Söhne und ſeine Enkel, welche die Niedermetzelung hülfloſer Weiber und Kinder an⸗ befohlen und ſich dieſer Schandthat gerühmt hatten, wurden gleich Hunden erſchoſſen und ihre Leichname wie die von gemeinen Verbrechern in dem Kotwali oder Rathhaushof ausgeſtellt. 38 — Während des letzten ereignißvollen Tages fand Wharton reichliche Gelegenheit, ſich durch ſeinen be⸗ ſonderen Muth auszuzeichnen. Man ſah den jungen Offizier im heißeſten Gefechte, im blutigſten Gemetzel die Bewunderung ſeiner Leute erregen, welche, ſtolz auf ihren wackern Führer, ſeinen ruhigen Helden⸗ muth mit lauten Hurrahs feierten. Im Palaſte des Großmoguls traf er zum erſten Mal mit Dawliſh zuſammen, der noch nichts von ſeiner Rückkehr ge⸗ hört hatte. Dieſe Begegnung wurde für den Letzteren verhängnißvoll. Er räumte eben mit einer Abthei⸗ lung des Ulſten in der Halle auf, als der Cornet mit ſeinen Leuten durch das brennende Portal her⸗ einbrach. Das Staunen über die unerwartete Er⸗ ſcheinung eines Todtgeglaubten lähmte für einen Augenblick den Arm des Renommiſten, und im ſel⸗ ben Augenblick ſtieß ihn der Tulwar eines Sepoys nieder. Die Wunde war tödtlich. Lang vor Abend hatte Indien von dem Schwert der Sachſen eine furchtbare Lehre erhalten. Der Hauptſitz der Aufrührer war erobert und der könig⸗ liche Prunk der Abkömmlinge Timours fiel der Ver⸗ gangenheit anheim. Mit dem Fall der Mogulſtadt war die Aufgabe des Generals Wilſon vollbracht. In Folge der durchgemachten Mühſeligkeiten leidend und krank, gab er das Commando an den Brigadier Penny ab. Mit ihm waren auch viele ſeiner Offiziere, theilweiſe wegen ſchwerer Verwundung, theilweiſe wegen untergrabener Geſundheit invalid geworden und zur Heimkehr nach England beſtimmt, darunter auch Sir Charles Fourreau und Fritz Wharton, — 39 den eine Kugel ſo ſchwer in der Bruſt verletzt hatte, daß man einige Tage für ſein Leben fürchtete. Der Abſchied zwiſchen dem Olſten und ſeinem Oberſten fiel Allen bitter ſchwer, und auch Lady Bell und Lillian, ſo ſehr ſie ſich darauf freuten, England wieder zu ſehen, konnten ſich der Thränen nicht er⸗ wehren, als die Soldaten ihren Wagen umringten und ihnen Glück auf den Weg wünſchten. Sir Charles, dem Burke das Reiten ſireng verboten hatte, ließ ſich die Fahne bringen und küßte ſie ſchweigend zum Abſchied von ſeinem Regiment, das er ſo wacker geführt hatte. Bei dem zerrütteten Zuſtand des Landes ging die Reiſe natürlich nur langſam von Statten, und es dauerte mehrere Wochen, bis ſie Calcutta erreichten. „Gott ſei Dank!“ murmelte Lady Bell, als die Stadt der Paläſte ſich vor ihren Blicken entfaltete. „Wir haben zwar viel Trauriges erlebt, aber unſere Lieben ſind uns doch erhalten geblieben.“ Lillian betrachtete unſeren Helden und Roſa ihren Mann; beide wiederholten in ihrem Innern die Worte der Lady. Auch Jack Manders, Kaleb und Lieutenant Marſh waren unbeſchädigt davon gekommen. Als die Reiſenden in der früher ſo üppigen Hauptſtadt Indiens anlangten, fanden ſie daſelbſt Alles ſehr verändert. Leichtſinn und Genußſucht gehörte nicht mehr zur Tagesordnung, und an ihre Stelle waren würdigere Gefühle getreten. Das Ungewitter, das eben erſt über das Land hingezogen und deſſen Donner man noch drohend in der Ferne hörte, hatte ſeinen Lauf mit vielen Spuren bezeich⸗ net und zu viele Heimſtätten verödet, um in den Einwohnern leichtfertige Gedanken aufkommen zu laſſen. Die Lehren des Unglücks ſind zwar hart, aber dennoch heilſam. Wie der Leſer ſich vorſtellen kann, fragten unſere Reiſenden zuerſt nach den Chutnee's. Sie erfuhren, daß der eiferſüchtige Ehemann auf den Tod liege und daß man die Aufopferung, mit welcher ihn ſeine junge und ſchöne Frau pflegte, nicht genug zu lo⸗ ben wußte. „Das ſieht Zamora gleich!“ rief Lady Bell. „Ein Herz wie das ihrige kann ſich nur in einer ſolchen Weiſe rächen.“ Noch am nämlichen Abend zeigte ſie der Freun⸗ din ſchriftlich ihre Ankunft an. Wharton beſorgte das Billet, denn unſer Held hatte aus Gründen, die jeder Liebhaber zu würdigen wiſſen wird, keine Luſt, Lillian zu verlaſſen. „Das wird eine freudige Ueberraſchung ſein!“ bemerkte Sir Charles;„denn das Gerücht iſt hier gar mörderiſch zu Werk gegangen. Unſere beiden Freunde gelten für todt.“ Richard dachte an ſeinen Großvater und an den Schmerz, den ihm eine ſolche Kunde bereiten mußte. Wharton ließ ſich in einem Palankin nach Mr. Chutnee's Wohnung tragen, wo der letzte Auftritt eines Lebens voll Selbſtſucht ſich ſeinem Ende nahte. Herbert Chutnee wußte, daß es mit ihm zum Sterben ging. Bei dem Abſchied von der Welt erfüllte ihn nur ein Schmerz— nicht das Aufgeben des Reichthums, für den er ſo viele Jahre gearbeitet, ſondern der Gedanke, ſein junges ſchönes Weib zu⸗ 41 rücklaſſen zu müſſen. Hätte er Zamora mitnehmen, ſie in eine Zelle einmauern oder ſich doch der Ver⸗ ſicherung getröſten können, daß ſie nie einem Ande⸗ ren angehören wolle, ſo würde er ſich beziehungs⸗ weiſe glücklich gefühlt und den Tod weniger peinlich empfunden haben. So oft ſie ihm auf ſeinem Lager Handreichung that, ſetzte er ihr über dieſen Punkt zu und flehte ſie mit der fieberhaften Beredſamkeit des Wahnſinns an, ihm zu verſprechen, daß ſie nie wieder heirathen wolle. Da ſie aber nicht darauf einging, wurde der Sterbende mißlaunig und gedankenvoll. An demſelben Abend, an welchem Wharton mit dem Billet der Lady Bell eintraf, hatte er in der Abweſenheit ſeiner Gattin die Dienſtboten angewie⸗ ſen, ihn aus dem Bette nach ſeinem Armſtuhl im Salon zu ſchaffen, wo er Zamora's Rückkehr erwar⸗ tete. Als ſie eintrat, erſchrak ſie ob der furchtbaren Entſchloſſenheit in ſeinen Blicken, obſchon ſie nicht entfernt den entſetzlichen Auftritt ahnte, der ihr be⸗ vorſtand. Ihr Gatte hatte beſchloſſen, den letzten Angriff auf ihre Schwäche und ihre ſchutzloſe Lage zu machen. Sie hörte ihn ſchweigend an. „Mein ganzer Reichthum ſoll Ihnen gehören, wenn Sie meinen Wunſch erfüllen,“ fügte er der ge— wöhnlichen Fluth leidenſchaftlicher Bitten bei.„Wollen Sie mich in Verzweiflung ſterben laſſen?“ Mrs. Chutnee antwortete darauf nur mit Thränen. Sie fühlte, daß er kein Recht zu einem ſolchen An⸗ ſinnen hatte, und ein geheimer Mahnruf in ihrem jungen Herzen warnte ſie vor dem Nachgeben. „Sie will für einen Anderen leben,“ murmelte der eiferſüchtige Mann. 42 „Sie ſollten ſich in einem ſolchen Augenblick nicht mit derartigen Gedanken abgeben,“ ſchluchzte Zamora. „Laſſen Sie mich mit Ihnen beten, Herbert.“ „Ha, Sie brennen— Sie verzehren mich!“ rief der Kaufmann mit bitterer Heftigkeit.„Iſt dies der Dank für eine Liebe wie die meinige? Mit einem Wort könnten Sie meinen Schmerz beruhigen; aber Sie wollen es nicht ausſprechen. Undankbare—“ „Keinen ſolchen Vorwurf,“ unterbrach ihn Zamora mit ruhiger Würde,„ſonſt zwingen Sie mich, Sie daran zu erinnern, wie ich Ihr Weib geworden bin.“ „Verſprich!“ rief ihr Gatte finſter. „Nimmermehr!“ Dieſe entſchiedene Weigerung ſchien ihn plötzlich mit neuer Kraft zu beleben. Er ſprang auf, riß eine Piſtole von einem nahen Stand mit indianiſchen Waffen und hielt ſie der unglücklichen Frau vor die Stirne. „Was wollen Sie thun?“ rief ſie entſetzt.„Mit einem Mord in die Ewigkeit gehen?“ „Gleichviel!“ brüllte der Wahnſinnige.„Mein im Leben— mein im Tod!“ Aber ehe er ſein entſetzliches Vorhaben zur Aus⸗ führung bringen konnte, fiel eine eherne Fauſt auf ſeinen Arm nieder, und die Waffe wurde ihm durch Fritz Wharton entrungen, der im Vorzimmer ein un⸗ willkürlicher Zeuge des ganzen Vorgangs geweſen. Mrs. Chutnee war in Ohnmacht geſunken. „Elender!“ rief der junge Offizier entrüſtet,„ha⸗ ben Sie vergeſſen, daß es einen Gott gibt, und fürch⸗ ten Sie nicht ſein Gericht, dem Sie ſo nahe ſtehen?“ Mit einem Ausruf, in welchem Wuth mit ge⸗ t n — 43 täuſchter Hoffnung ſich mengte, brach der mordgierige Wicht zuſammen und ward eine Leiche. Nachdem Wharton die Piſtole wieder an den Waffenſtand gehängt hatte, rief er Dienſtboten her⸗ bei und wies ſie an, ihrer Gebieterin beizuſtehen. „Kein Wort— oh, kein Wort über dieſen Vor⸗ gang!“ flüſterte Zamora, als man ſie aus dem Zim⸗ mer führte.„Möge die Erinnerung an dieſe Stunde mit ihm begraben werden!“ Ein Blick ihres Retters gab ihr die verlangte Zuſage. Da der Kaufmann ohne Leſtament geſtorben war, ſo fiel ein großer Theil ſeines Vermögens von Rechts⸗ wegen der Wittwe zu, die jedoch zu Gunſten ſeiner Verwandten darauf verzichtete. Sie beſaß ein hin⸗ reichendes Vermögen, und die Erfahrung hatte ſie gelehrt, daß Geld nicht wahrhaft glücklich machen kann. Auf die Kunde von dem Trauerfall, wenn man ihn ſo nennen darf, zogen Lady Bell und Lillian zu ihrer Freundin und blieben bei ihr, bis ſie die Reiſe nach England antraten. Zamora begleitete ſie. Fünfundneunzigſtes Kapitel. Es iſt ſchwer, die Ungeduld zu ſchildern, mit welcher der Reiſende nach langer Abweſenheit ſich wieder nach dem heimiſchen Boden ſehnt. Je näher er kömmt, deſto länger werden die Stunden, und die Träume des Schlummers ſpielen auch in die wachen Gedanken hinüber. So hatten auch für unſere Reiſenden die Wunder Aegyptens keinen Zauber. 44 Auf dem Landweg waren ſie gerade zu rechter Zeit in Alexandria angelangt, um den Southamptoner Poſtdampfer zu benützen, und ſie gingen wohlgemuth an Bord, ohne ſich weiter um die Pyramiden, das prächtige Theben und die übrigen Herrlichkeiten des Landes zu kümmern. Schon zu Anfang der Reiſe hatte Lieutenant Marſh Lillian von ihrem Verwondiſchaftsverhältniß unterrichtet. Als er in Calcutta unſeren Helden verließ, war dies in der Abſicht geſchehen, den fernen Stationsplatz zu beſuchen, wo ſeine Schweſter mit dem unglücklichen Allan Boothroyd getraut worden. Die Gegend befand ſich jedoch ſchon in der Gewalt der Aufrührer, welche alle Papiere und Aufzeich⸗ nungen zerſtört hatten. „Laß Dich dies nicht anfechten, liebe Nichte,“ yflegte er ſie oft zu tröſten.„Ungleich dem Men⸗ ſchen läßt die Vorſehung nie einen ihrer Plane un⸗ vollendet. Es werden ſich ſchon noch Beweiſe finden.“ Dies war wenigſtens eine Hoffnung, und wir wiſſen, mit welcher Innigkeit die Jugend auch jeden Strahl derſelben aufgreift. Selten findet man ein tiefer gefühltes oder ruhi⸗ geres Glück als das, welches die Herzen unſerer Reiſenden erfüllte. Sir Charles und Fritz Wharton erholten ſich allmälich wieder, und Roſa— die dant⸗ bare, glückliche Roſa— konnte wieder mit Stoh auf ihren Gatten blicken, der nicht mehr wie ein ſcheuer, vor dem Arm der Gerechtigkeit fliehendet Verbrecher umherſchleichen mußte, ſondern wie ein freier Mann der Welt in's Auge ſchauen konnte. „Wir werden St. Faith und die freundlichen eit er h as es int iß en nit n. alt ch⸗ 3 en⸗ n⸗ vir en hi⸗ rer on nk⸗ olz ein e ein 4⁵ Geſichter unſerer Jugenbekannten wieder ſehen,“ flüſterte ſie.„Freunde werden uns bei unſerer Rückkehr lächelnd willkommen heißen.“ „Du vergiſſeſt jene ſchlimme That,“ verſetzte Mark zweifelnd. „Ich vergeſſe nichts,“ unterbrach ihn ſeine Frau. „Die Verachtung wird das herzloſe Weib treffen, das uns nöthigte, nicht ihre Opfer.“ „Wie will ich arbeiten,“ rief der reuige Mann. „Das müßten ſchlaue Jungen ſein, die mich wieder zum Müſſiggang zu verführen vermöchten. Roſa,“ fügte er bei, und ſein Arm ſchlang ſich ſanft um ihren Leib,„erſt im Unglück habe ich den wahren Werth des Schatzes, den ich beſitze, erkennen gelernt. Du biſt mir jetzt viel theurer, als ſogar an unſerem Hochzeitstage.“ Mark Rayner iſt vielleicht nicht der einzige Mann in der Welt, der eine ähnliche Entdeckung gemacht hat. Das Herz eines treuen Weibes gleicht gewiſſer⸗ maßen der Blume, die, wenn ſie geknickt iſt, die ſüßeſten Düfte aushaucht. Es liegt etwas Anſteckendes in dem Glück. Selbſt Zamora vergaß bisweilen die ſchreckliche Scene, die ſie durchgemacht hatte, wenn ſie auf die ernſten Bemerkungen des jungen Offiziers hörte, dem ſie ihr Leben verdankte. Sir Charles nahm davon Anlaß, gegen Lady Bell ſeine Vermuthung anzudeuten, daß die Wittwenſchaft dieſer Dame doch wohl keine Ewig⸗ keit dauern werde; aber die Gnädige wollte von dergleichen Dingen nichts hören und erklärte ſeine Vermuthung für etwas ſehr Albernes. Vielleicht wußte ſie dieſe Rüge mit ihrem Gewiſſen dadurch 46 in Einklang zu bringen, daß ſie im Geiſte beifügte: „Vor Ablauf eines Jahres wenigſtens geſchieht nichts,“ und in dieſem Falle wird ſie, ſo wenig als ihr Gatte, der geneigte Leſer der Unaufrichtigkeit bezüchten wollen. Welche ſchöne Bilder der Zukunft tauchten nicht vor unſerem Helden und Lillian auf, wenn ſie ſtun⸗ denweis von dem Deck aus den Schiffskiel durch die Wellen ſchneiden ſahen oder die Wegſtrecke be⸗ rechneten, die ſie noch von England trennte. Der feine Menſchenkenner Shakeſpeare ſagt:„Der treuen Liebe Bahn iſt niemals glatt“— das heißt, voll⸗ kommen glatt, und auch das ſchöne Mädchen fand einen Tropfen des Zweifels in dem Becher ihres Glückes, deſſen Trank ſonſt vielleicht allzu köſtlich geweſen wäre.„Wenn ſich's herausſtellte, daß ſie nur das Kind des alten Soldaten Barny Gee war, dürfte ich dann erwarten, daß der reiche Großvater ihres Geliebten ſeine Zuſtimmung zu der Heirath gebe?“ Richard lächelte über dieſe Beſorgniſſe und wurde faſt unwillig, wenn ſie öfter wiederholt wurden. „Eitle Furcht!“ verſetzte er.„Der alte Mann liebt mich. Sein Stolz iſt ein ehrenhafter und be⸗ ruht nicht auf der Anbetung nuffiger heraldiſcher Pergamente. Und zudem, habe ich mir nicht das Recht erworben, den Eingebungen meines Herzens zu folgen? Lillian,“ fügte er bei,„Sie können ſich nicht vorſtellen, welche Liebe Sie begrüßen wird— die einer Mutter, einer Schweſter; meine Lippen wagen es kaum, davon zu ſprechen, und wenn ich ht 18 it t P 47 mir das Wiederſehen vergegenwärtige, erſticken Thrä⸗ nen meine Worte.“ Das Dampfbvot hielt einige Stunden vor Malta an und gelangte nach einer glücklichen Fahrt in den Hafen von Southampton. Es wäre ſchwer, die Ge⸗ fühle Richard's und Lillians zu ſchildern, als ſie zu⸗ erſt der noch fernen Küſte anſichtig wurden. Jedes erinnerte ſich der Umſtände, unter welchen ſie die Heimath verlaſſen— er des Abſchieds von Mr. Bently, ſie wie ſie unter Roſa's Mantel an Bord des Harold geſchmuggelt worden war. In London angelangt, begab ſich Richard zuerſt zu Mr. Curry, der ihm herzlich zur wohlbehaltenen Ankunft in England Glück wünſchte. „Sie ſind uns todt gemeldet worden,“ ſagte er, „und dieſe Nachricht hat meinem alten Freund faſt das Herz gebrochen. Er iſt noch immer in Meldown⸗ park, und die Kunde von Ihrer Rückkehr wird ihn überglückich machen; doch muß ſie ihm wegen ſei⸗ ner geſchwächten Geſundheit vorſichtig beigebracht werden.“ „Iſt er allein dort?“ „Ja. Ich kann mir denken, warum Sie fragen,“ verſetzte Mr. Curry.„Ihr Großvater hat Ihnen Wort gehalten und ſich mit ſeiner Tochter verſöhnt. Die Papiere, welche Sie aus Indien ſchickten, be⸗ fähigten ihn, den Anſchlag des ſchurkiſchen Carus, der den Ruf Ihres Vaters oöllig zu Grunde richten wollte, zu vereiteln, und die Verſöhnung iſt, wie ich höre, vollſtändig.“ „Und doch allein in Meldown?“ entgeg⸗ nete Richard in ſchmerzlichem Tone.„Ich hätte ge⸗ 48 dacht, bei ſeinem Alter und unter ſolchen Umſtänden gehöre die Tochter an ſeine Seite.“ „Er konnte den Anblick ihrer Thränen nicht er— tragen, die wie ein beſtändiger Vorwurf auf ihn wirkten,“ erwiderte der Kaufmann. „Meine liebe Mutter weiß alſo—“ „Sie weiß nichts,“ unterbrach ihn der alte Gentle⸗ man.„Morton und ich, wir ſind die einzigen Ver⸗ trauten ſeines Geheimniſſes. Ihr Großvater konnte es nicht über ſich gewinnen, in ihrem Herzen das Hoffnungsfünklein, ſie werde ihren Sohn einſt wie⸗ derſehen, auszulöſchen, da ihr ganzes Leben daran zu hängen ſchien. „Meine arme Mutter!“ ſeufzte der Jüngling. „Wann wird ihr Kümmern einmal ein Ende nehmen?“ „Bald, ſehr bald, mein lieber junger Freund!“ rief Mr. Curry heiter.„Sie müſſen jetzt zuerſt nach Meldown. Ich will Ihnen meinen Kaſſier Banks mitgeben; er iſt ein kluger Mann und Familien⸗ water, wird alſo wohl wiſſen, wie er die frohe Poſt anzubringen hat.“ „Tauſend Dank für Ihre Rückſicht, aber ſie iſt unnöthig,“ verſetzte Richard.„Der treue Freund, der mit mir nach Indien ging und mir in jeder Gefahr ein Beſchützer und Berather war, wird mich begleiten.“ „Lieutenant Marſh?“ entgegnete der Kaufmann, ſich die Hände reibend,„freut mich dies zu hören. Ein vortrefflicher Mann— verſteht ſich auf's Ge⸗ ſchäft. Ja, ja, Sie können ſeiner Klugheit vertrauen. Aber machen Sie ſich nur bald auf den Weg: Bently darf Ihren Namen nicht in der Liſte der Angekom⸗ S0 d N —— —* 49 menen leſen. Die Ueberraſchung könnte ſein Tod ein.“ Aus dem Comptoir ſeines freundlichen Correſpon⸗ denten begab ſich unſer Held nach Mivert's Hotel, wo er Sir Charles und ſeine anderen Reiſebegleiter zurückgelaſſen hatte; er erzählte ihnen das Ergebniß ſeiner Zuſammenkunft mit dem Kaufmann. „Er hat Recht,“ bemerkte Sir Charles.„Sie müſſen ohne Verzug mach Meldown.“ „Verzeihen Sie, mein erſter Beſuch ſollte meiner Mutter gelten,“ verſetzte Richard. Lady Bell und Lillian ſtimmten mit einem bei⸗ fälligen Lächeln zu. „Die Liebe gebietet dies ohne Frage,“ ſagte der Lieutenant;„aber die Klugheit ſagt Nein. Der Hand, welche die Mutter beraubt hat, ziemt es, ihr den Verlorenen zurückugeben, da ſonſt die Beweg⸗ gründe Ihres Großvaters mißdeutet werden und zu einer neuen Entfremdung führen könnten.“ In dieſer Einwendung lag ein ſo verſtändiger Geiſt, daß der Jüngling ſeine Ungeduld zügelte und ſich von dem Rath des Sprechers leiten ließ, der noch für denſelben Abend die Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe traf. Einer der Kellner zeigte unſerem Helden an, daß Mr. Wharton ſchon mehrmal nach ihm gefragt habe und ihn auf ſeinem Zimmer erwarte. Richard hatte nämlich die Anſprüche der Freundſchaft nicht ver⸗ geſſen, ſondern unmittelbar nach ſeiner Ankunft in ondon den Corneten damit beauftragt, ſeinem alten Schulkameraden Heinrich Morton, welcher, wie wir bald hören werden, das Geheimniß unſeres Helden Smith, Ebbe u. Fluth. vr. 4 unter Gefährdung ſeines eigenen Glückes bewahrt hatte, von ſeiner Rückkehr Mittheilung zu machen. Es ſtand einige Zeit an, bis die wechſelſeitige Er⸗ regung einem der beiden langgetrennten Freunde zu ſprechen erlaubte.„Heinrich!“„Richard!“ waren die einzigen Worte, die ſich ihren Lippen entrangen, wäh⸗ rend ſie ſich die Hände drückten. „Willkommen, tauſendmal willkommen in der Heimath,“ rief Heinrich, ſobald er ſich ein wenig ge⸗ faßt hatte.„Ich kann Dir nicht beſchreiben, wie mir Dein vermeintlicher Tod zu Herzen gegangen iſt.“ „Ich bin von Deinem theilnehmenden Gefühle überzeugt,“ verſetzte Richard mit Wärme. „Auch meinem Vater iſt die Kunde jein erſchüt⸗ ternder Schlag geweſen, und er hätte einen eigenen Sohn nicht inniger beklagen können. Es war auch wirklich ſchrecklich, nachdem Du den Zweck Deiner Reiſe ſo glücklich erreicht hatteſt. Doch ſprechen wir nicht mehr davon. Gott ſei Dank, daß es nur ein falſches Gerücht war. Du mußt viel erlebt und durchgemacht haben; hoffentlich biſt Du doch herz ganz zurückgekommen?“ „Nicht völlig; und wie ſteht's mit Dir?“ „Oh, es iſt mir kein Stückchen mehr übrig,“ ent⸗ gegnete Heinrich heiter;„und was noch mehr, ich habe längſt aufgehört, den Verluſt zu beklagen. Das war ein feiner Auftrag, Richard, den Du mir an⸗ vertrauteſt,“ „Du haſt ihn doch ausgeführt?“ „Jo.“ „Und meiner Mutter das Porträt übergeben?“ „Zu ſelbſteigenen Handen.“ ,———. — 5 i hrt en. Fr⸗ die der ge⸗ vie t.“ hle üt⸗ en uch et vir ein nd rz⸗ nt⸗ ich a2 n⸗ 20 51 „Ich ſehe dann doch nichts Verfängliches darin,“ bemerkte unſer Held, ſeinen Freund mit ernſter Miene betrachtend. „Weil Brüder ſprichwörtlich blind ſind,“ ent⸗ gegnete Morton mit einem ſchalkhaften Lächeln. „Wie,“ rief Richard,„meine Schweſter Mary? Jetzt iſt mir's klar. Sie muß ein liebliches Mädchen geworden ſein, und Du—“ „Nun, ich bin über Hals und Ohren in ſie ver⸗ liebt. Ich kann wahrhaftig nicht dafür, und nun iſt das Geheimniß heraus.“ Dann folgten wechſelſeitige Erklärungen und ver⸗ trauliche Mittheilungen, über die namentlich unſer Held hoch erfreut wurde, da er in der ganzen Welt keinen Schwager hätte finden können, der ihm lieber geweſen wäre als Heinrich. „Du kannſt Dir nicht vorſtellen, auf welche ſchwere Probe meine Freundſchaft geſetzt wurde,“ ſagte der Letztere;„aber ich habe Dein Geheimniß bewahrt. Zuerſt mußte ich, was ſchwer genug war, dem Lächeln Deiner Schweſter, und dann ihren noch zehnmal ſchwerer überwindlichen Thränen Widerſtand leiſten. Wenn ich je einmal als Spitzbubenadvokat eine Rolle ſpiele, ſo werde ich es der Erfahrung bei ihren Kreuz⸗ und Querverhören zu danken haben.“ „Armer Heinrich! Wie wenig konnten wir dies vorausſetzen.“ „Natürlich: denn ſei es in barmherziger oder un⸗ barmherziger Abſicht, die Vorſehung verbirgt ſolche Gefahren vor uns, obſchon wir auch mit offenen Augen in ſie hinein rennen. Die Kunde von Dei⸗ nem Tode verſetzte mich in die peinlichſte Lage; 4* 52 denn im Vertrauen auf Deine Rückkehr hatte ich verſprochen, nach ein Paar Monaten ſie in das Geheimniß einzuweihen.“ „Es wird bald keines mehr ſein. Heute Abend um acht Uhr breche ich nach Meldown auf.“ „Ich werde ſchnell bereit ſein. Ein Billet an meinen Vater— er kömmt aus dem Häuschen, wenn er hört, daß Du noch lebſt—“ „Wie, Du wollteſt mich begleiten? Das iſt recht freundlich.“ „Sag' lieber ſelbſtſüchtig; denn wenn ich Dich nur eine Stunde aus den Augen ließe, würde ich meinen, es habe mich einer jener Tagträume, die ſich ſo ſelten verwirklichen, getäuſcht.“ „Ich weiſe Dein Erbieten nicht zurück, da es auch mich glücklich macht.“ „Es hälfe Dich auch nichts, wenn Du's thäteſt,“ verſetzte Heinrich lachend.„Ich weiche nicht mehr von Dir, bis ich Dich in Mary's Armen geſehen habe. Erſt dann iſt meine Verantwortlichkeit zu Ende und ich kann Dich für Dich ſelbſt ſorgen laſſen.“ Als der junge Morton Lillian vorgeſtellt wurde, legte er ein Staunen an den Tag, welches Richard in ſeinem aufgeregten glücklichen Zuſtande nicht ſo⸗ gleich zu deuten wußte. „Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte Heinrich, ſich faſſend,„aber die Aehnlichkeit iſt in der That ſo außerordentlich, daß— Richard, Du erinnerſt Dich doch des Porträts, das wir— ich wollte ſagen, das Du in Meldownpark ſo ſehr bewunderteſt?“ „Eine Familienähnlichkeit,“ verſetzte unſer Held und machte dabei ein Geſicht, als wollte er ſagen —„—+— , at ch n, 53 nur viel ſchöner.„Lillian iſt die Nichte des ver⸗ ſtorbenen Sir Norman Boothroyd.“ „Doch nicht das kleine Mädchen— ich bitte um Verzeihung, das Fräulein, das in St. Faith ſeinen Freunden geſtohlen wurdes“ „Daſſelbe,“ rief Sir Charles Fourreau,„obſchon es mich ſehr überraſcht, wie Sie davon wiſſen können.“ „Das iſt bald erklärt,“ entgegnete der Jüngling. „Ein Client meines Vaters, Major Hawley, hat mit ſeiner Frau ſich alle Mühe gegeben, die Verlorene aufzufinden. Die Dame iſt Miß Boothroyd's Pathe.“ „Ich erinnere mich des Namens recht gut,“ be⸗ merkte Lieutenant Marſh,„da meine Schweſter ihn oft in ihren Briefen erwähnt hat. Vielleicht finden wir, daß ſie Trauungszeugen geweſen ſind.“ Die Ankunft des Rechtsgelehrten warf noch mehr Licht auf die Angelegenheit, obſchon er vor Freude über die glückliche Rückkehr von ſeines Freundes Enkel lange nicht auf die an ihn geſtellten Fragen zu antworten vermochte. Heinrich erklärte, daß er in ſeinem ganzen Leben nie ſeinen Vater ſo auf⸗ geregt geſehen habe.„Ich müßte wahrhaftig eifer⸗ ſüchtig auf Dich werden, wenn uns nicht eine Ver⸗ ſchwägerung in Ausſicht ſtände,“ flüſterte er Richard in's Ohr. Mr. Morton verſprach, am andern Morgen mit dem Major und ſeiner Frau Rückſprache zu nehmen, und drückte zugleich ſeine Anſicht dahin aus, daß es gut ſein dürfte, wenn die Rückkehr der jungen Dame nach England vorläufig ein Geheimniß bliebe. „Sie erinnern ſich vielleicht eines Mannes, Na⸗ mens Fidler Dick, Miß Boothroyd?“ fragte er. Lillian konnte ſich des Namens nicht entſinnen. „Eine Art Gaukler, glaube ich, der ſich damit nährte, daß er einige Kinder auf Steizen tanzen ließ.“ „Ach, nur zu gut,“ antwortete das ſchöne Mäd⸗ chen tief erröthend bei der Erinnerung an die durch⸗ gemachten Demüthigungen. „Und ſeiner Frau, eines rohen, gemeinen Weibs⸗ bildes mit buſchigen Augbrauen und einer Stimme, gegen welche die der Raben Muſik iſt? Sie nennt ſich Bet.“ Lillian ſchauderte. Die Jahre hatten die Er⸗ innerung an die rohe Gewaltthätigkeit ihrer früheren Verfolgerin nicht verwiſcht. „Kennen Sie dieſe Perſon, Vater?“ fragte Hein⸗ rich Morton erſtaunt.. „Sie iſt eine Clientin von mir und vielleicht eine ſehr werthvolle,“ entgegnete der Rechtsgelehrte⸗ „Wenn mir Sir Charles Fourreau morgen die Ehre eines Beſuches erweiſen will, werde ich ihm wohl eine ſehr wichtige Mittheilung machen können.“ „Recht gerne,“ verſetzte der Oberſt.„Ich bin überzeugt, daß die Angelegenheiten meiner Pflege⸗ tochter in keinen beſſeren Händen ſein könnten.“ Dem Glücklichen ſchlägt keine Stunde. Dies fühlte Niemand mehr als unſer Held, welcher gar nicht glauben wollte, daß es ſchon Zeit zur Abreiſe nach Meldown ſei, als ihn Lieutenant Marfh darauf aufmerkſam machte. Der Liebhaber konnte nicht umhin, ſeinen jetzigen Abſchied von Lillian mit dem ſchmerzlichen bei der Trennung in Calcutta zu ver gleichen. Damals ſchien die Zukunft ſo düſter und wolkig, und jetzt war Alles ſo klar und ſonnig 1 55 ihren Herzen. Natürlich verſprach er zu ſchreiben, und auch Lillian wollte jeden Tag einen Brief an ihn abgehen laſſen. Es war etwa acht Tage vor Weihnachten, als unſere Geſellſchaft nach Meldownpark aufbrach. In Ereter mußte ſie die Eiſenbahn verlaſſen und Extra⸗ poſt nehmen, denn wie zu Anfang unſerer Geſchichte bemerkt wurde, war St. Faith ſo abgelegen, daß kein Eilwagen es berührte und nicht einmal die Topographen auf ihren Karten davon Notiz genom⸗ men hatten. Dies veranlaßt uns auch, dem neugie⸗ rigen Leſer alle Auskunft über den Gegenſtand zu ertheilen, die uns ſelbſt zu Gebot ſteht. Sechsundnennzigſtes Kapitel. Einige ſtellen ſich den Winter unter dem Bilde des hohen Alters vor, langweilig und freudlos; für Andere iſt er die Zeit der Jagd und einer jeden männlichen Beluſtigung. Unter allen Umſtänden aber beſitzt er ein en Zauber; er ſchließt jene Periode in ſich, in welcher ein beſonders lebhafter freundſchaft⸗ licher Verkehr ſtattfindet, lang getrennte Familien ſich wieder vereinigen, und an dem ſegensreichen Tag, an welchem Engelzungen zuerſt den Hirten des Ge⸗ birgs Friede auf Erden und den Menſchen Gottes Wohlgefallen verkündigten, frohen Herzens ſich Alles um den patriarchaliſchen Herd ſammelt. Die Nacht war zwar bitter kalt, aber klar, und der Wagen, welcher unſere Freunde nach Meldown führte, rollte knirſchend über den Schnee des ebenen Weges. Die Landſchaft prangte nicht mehr im ſom⸗ merlichen Grün, ſondern in dem ilbergewand des Winters, und nahm ſich in dem lieblichen Lichte des Mondes wie ein ungeheures Elfenbeinſchnitzwerk aus. Jack Manders und Koleb erfreuten ſich der Reiſe ſehr auf ihrem Hinterſitze; denn es war ja die Hei⸗ math, die immer einen Zauber hat, obſchon ſie ſich von England keiner glücklichen Tage erinnern konnten. „Kennſt Du die Gegend, in die wir kommen?“ fragte Kaleb „Nein,“ „Glücklicher Menſch,“ ſagte der Matroſe. ſeinen Begleiter. lautete die Antwort;„aber ich habe einen Verwandten, der dort wohnt, eine Art Onkel.“ „Es verlangt Dich wohl recht, ihn zu ſehen?“ Jack räumte dies ein. „Ich kann mir die Freude der Begegnung vor⸗ ſtellen.“ . „Wirklich?“ entgegnete Jack mit bitterem Lachen⸗ „Dann muß Deine Einbildungskraft ſehr ſtark ſein; denn Andrew Silex würde lieber die Seuche unter ſeinem Vieh, oder den Auspfänder in ſeinem Haus ſehen, als das Geſicht ſeines Neffen.“ „Wie?“ rief Kaleb.„Der alte Schurke, der Dich an Bord des Caradoc verkauft hat? Puh! Jett kann ich Dich verſtehen. Du willſt Dich natürlich bei ihm bedanken?“ „Auf's Zärtlichſte,“ murmelte Jack. Du haſt ja auch Verwandte in England?“ „Aber „Eine Mutter; aber ich wage es noch nicht, mich ihr zu nähern, weil ich noch nicht volljährig bin.“ „Du gedenkſt mit Deine m feinen Stiefvater ab zurechnen,“ bemerkte Jack.„Nun ja, auch ich habe m⸗ des es us. eiſe ei⸗ ſich en. 7 nen 57 einige Familienangelegenheiten zu ordnen, und ich denke, wir gehen dabei uns wechſelſeitig an die Hand.“ Kaleb war mit dieſem Vorſchlag wohl zufrieden, und es wäre wahrſcheinlich zu weiteren Frörterungen gekommen ohne einen Umſtand, der auf einen der beiden Freunde einen tiefen Eindruck machte. Als der Poſtwagen die Gemeinwaide bei St. Faith er⸗ reichte, tauchte aus einem der Nebenwege ein ſchwer⸗ fälliger zweirädriger Einſpänner mit zwei bis an die Augen verhüllten Perſonen auf, der von einem mäch⸗ tigen Rappen gezogen wurde. Die Vermummung ſollte vielleicht zum Schutz gegen die Kälte dienen, denn es war kein Grund für die Annahme vorhan⸗ den, daß ſie eine Unkenntlichkeit zum Zwecke habe. Beim Anblick des Poſtwagens hielt der Kutſcher des Einſpänners plötzlich an, als wiſſe er nicht, wel⸗ chen Weg er einſchlagen ſollte; das Zögern währte jedoch nur einen Augenblick, da ihm ſein Begleiter links zu fahren zurief— eine Weiſung, auf welche er dem Pferd wieder den Zügel gab und es quer über die Waide hintraben ließ. Möglich, daß ihr Weg ſie in dieſe Richtung führte; aber eben ſo gut konnten ſie ausgewichen ſein, um nicht erkannt zu werden. „Welch ein kräftiges Pferd!“ bemerkte Kaleb. Sein Reiſegefährte achtete nicht auf dieſe Be⸗ merkung; er hatte ſich über den Sitz hinausgebeugt und betrachtete aufmerkſam die beiden Männer, da ihm die Stimme deſſen, welcher„links“ gerufen, aufgefallen war. „Sonderbar,“ fügte der Sprecher bei. 58 „Was iſt ſonderbar?“ fragte Jack im Tone eines Menſchen, der plötzlich in ſeinen Betrachtungen ge⸗ ſtört wird. „Daß ſie bei unſerem Näherkommen von der Landſtraße abbogen,“ antwortete Kaleb.„Ich bin doch neugierig, ob ſie nicht wieder umkehren, nun wir an ihnen vorbei ſind.“ „Ohne Zweifel.“ Die Vermuthung erwies ſich richtig, denn der Poſtwagen war kaum einige hundert Schritte weiter gefahren, als der Einſpänner wieder in die alte Straße einbog. Kaleb bemerkte wiederholt, daß dies ſehr ſonder⸗ bar ſei. Dieſe Umſtände, welche Urſache ihnen auch zu Grunde liegen mochte, machten augenſcheinlich einen tiefen Eindruck auf Jack, welcher während des Reſts der Reiſe immer nachdenkſamer wurde. Es war faſt Mitternacht, als der Poſtwagen vor dem kleinen Wirthshauſe in St. Faith anlangte. Der Wirth mußte geweckt werden, um die uner⸗ warteten Gäſte einzulaſſen. Es wurde ſofort Feuer angemacht, und während unſer Held mit dem Lieute⸗ nant und Heinrich Morton ſich an der praſſelnden Flamme wärmten, begab ſich Jack Manders nach dem Stall, um mit dem Hausknecht ein Geſpräch anzuknüpfen. Kaleb begleitete ihn. Anfangs ſchien der Mann, den vielleicht die Unterbrechung ſeines Schlafes durch die Ankunft von Gäſten zu einer ſo ungewohnten Stunde ver⸗ ſtimmt hatte, nicht ſehr mittheilſam zu ſein; aber 59 der Anblick einer Krone löste ihm die Zunge, denn nun war er die Redſeligkeit ſelbſt. Mit einem Takt, der einem Old⸗Bailey⸗Advokaten Ehre gemacht hätte, begann Jack Manders ſein Ver⸗ hör. Die erſte Frage lautete, wie weit es von St. Faith bis zu dem Herrſchaftsgut ſei. „Ungefähr eine Wegſtunde.“ „Wer wohnt dort?“ „Der alte Steward Andrew Silex.“ „Iſt er in der Gegend beliebt?“ Dieſe Frage ſetzte den Hausknecht augenſcheinlich in Verlegenheit, da er nicht wußte, ob der Frager ein Freund von Andrew war oder nicht. Natürlich wollte er bei einem Gentleman, der ihn ſo freigebig für die Auskunft belohnt hatte, nicht anſtoßen. „Die Einen haben ihn gern, die Andern nicht,“ entgegnete er.„Ich für meinen Theil weiß nichts Schlimmes von ihm, das heißt, nichts beſonders Schlimmes.“ „Wohl auch nichts Gutes, ſcheint es,“ bemerkte Kaleb, den das Zögern des Sprechers beluſtigte. „Hum, nicht viel,“ verſetzte der Mann.„Mr. Siler kann's freilich, wie wir Alle, nicht Jedem recht machen; aber bei der gnädigen Frau ſteht er hoch in Gunſten.“ „Ohne Zweifel,“ dachte Jack, der Scene einge⸗ denk, deren Zeuge er geweſen war, als Lillian im Park dem Raynerſchen Chepaar abgenommen und Andrew's Sorge übergeben wurde. „Aber er iſt reich,“ fügte der Hausknecht in zu⸗ verſichtlicherem Tone bei, denn er dachte, mit einer 60 ſolchen Bemerkung könne er nach keiner Richtung hin anſtoßen. „Da thut er wohl mit ſednem Gelde viel Gutes?“ „Mag ſein; aber ich habe nie etwas davon gehört.“ „Erhält er viele Beſuche?“ „Ich weiß von keinem,“ antwortete der Mann, „ſeit ſein Bruder, der ihm wie ein Ei dem andern gleicht, bei ihm war.“ „Iſt dies ſchon lange?“ „Mehr als ein Jahr ſeit Michaeli. Die ganze Familie, Haushälterin und Alles wurde damals bei⸗ nahe vergiftet.“ „Durch Zufall?“ „Nein, durch Pilze.“ Jack lächelte; er hatte ſeine eigenen Gedanken über den Vorfall. „Und nun, mein guter Freund,“ ſagte er,„ehe ich Euch erſuche, uns nach dem Herrſchaftsgut zu führen— ein Dienſt, für den Ihr um der ſpäten Stunde willen beſonders gut belohnt werden ſollt— beantwortet mir nur noch eine Frage und ich bin fertig. Kennt Ihr in der Umgegend nicht einen zwei⸗ rädrigen Einſpänner mit einem mächtigen Wappen?“ Der Haustnecht beſann ſich eine Weile und ſchüt⸗ telte dann den Kopf; er war augenſcheinlich über⸗ fragt. 8,3n dieſer Gegend nicht,“ ſagte er.„Aber Tims von Exeter hat ein ſolches Gefährt, das er bisweilen vermiethet.“ „Wer iſt Tims?“ „Ein Pferdausleiher, der vor ungefähr fünf Jah⸗ ren wegen eines Jagdpferdes des Sir Norman in 61 Ungelegenheit kam; aber es ſtellte ſich heraus, daß Alles in Ordnung war.“ „Welches iſt der Weg nach dem Herrſchaftsgut von der Waide aus, wo bei dem Grenzpfahl die drei Straßen zuſammentreffen?“ „Es gibt zwei; der eine, den euer Wagen kam und der durch das Dorf führt, iſt der nächſte.“ „Und der andere?“ „Geht durch eine Hohlgaſſe zwiſchen den Ulmen, wo Mr. Thornton wohnt, und den Kiesgruben; es iſt aber weit um.“ „Das iſt ja ein merkwürdig neugieriger Kunde,“ dachte der Hausknecht, als Jack ſeinen Kameraden bei Seite nahm und ſich mit ihm in folgender Weiſe beſprach. „Du erinnerſt Dich des Einſpänners mit den bei⸗ den Männern?“ begann er. Kaleb nickte bejahend. „Ich kann mir ſelbſt nicht die Wirkung ihres Er⸗ ſcheinens und vor Allem der Stimme des Einen, welcher ſprach, erklären; es war mein Onkel.“ „Der Steward?“ „Nein, ſein Bruder Mike, der mich in der Schule des Verbrechens erziehen wollte, in der er ſelbſt aus⸗ gelernt war. Es iſt unmöglich, daß ich mich ge⸗ täuſcht habe.“ „Und doch unwahrſcheinlich,“ bemerkte ſein Freund. „Erinnere Dich, daß wir unmittelbar vorher von ihm geſprochen hatten.“ „Mag ſein, aber ich bin nicht überzeugt,“ ver⸗ ſette Jack.„Iſt mein Argwohn begründet, ſo kann ihn keine gute Abſicht in dieſe Gegend geführt haben. 62 Auch iſt er ein wichtiger Zeuge, um Miß Lillian's Anſprüche zu beweiſen.“ „Was haſt Du im Sinn?“ „Nach dem Herrſchaftsgut zu gehen und außzu⸗ paſſen.“ „Ich bin dabei,“ rief Kaleb.„Lieber dutzendmal einen Fehlgang machen, als eine Gelegenheit ver⸗ ſäumen, meinem Wohlthäter einen Dienſt zu erweiſen.“ Auf das Verſprechen einer weiteren guten Be⸗ lohnung ließ ſich der Hausknecht ſogleich bereit finden, ſie zu begleiten, und ſie traten unverweilt vom Stall aus den Weg an. Freilich konnte ſich der einfache Dörfler nicht genug wundern, daß Leute, die in einem vierſpännigen Poſtwagen angekommen waren, ſo ſpät noch etwas bei Andrew Silex zu ſchaffen haben ſollten. Es iſt jetzt Zeit, den Reiſenden in dem Einſpänner zu folgen, die ſo ängſtlich dem Poſtwagen ausge⸗ wichen waren und durch dieſen Akt ſowohl, als durch die Stimme des Einen Jacks Neugierde auf ſich ge⸗ lenkt hatten. Eine Weile fuhren ſie raſch und ſtill dahin, da der Huſtritt des Roſſes und das Rädergeroll des leichten Fuhrwerks auf dem Schnee, der wie ein dicker Teppich die Erde deckte, nicht gehört wurde. Keiner von Beiden ſprach ein Wort, bis ſie den Ein⸗ gang zu der ſchmalen Hohlgaſſe neben Mr. Thornton's Park erreichten. „Nun, wo geht jetzt der Weg hin?“ fragte der Mann, der den Zügel führte, in verdrießlichem, hei⸗ ſerem Tone. Sein Begleiter deutete die Richtung an, die er einſchlagen ſollte. „Und wie weit iſt das Neſt?“ fügte der Spre⸗ cher bei. „Eine halbe Stunde.“ „Eine ſtarke?“ „Ziemlich.“ „Warum ſagt Ihr dann nicht lieber dreiviertel?“ bemertte der erſte Sprecher, der ſich augenſcheinlich nicht in der liebenswürdigſten Laune befand. Viel⸗ leicht hatte die Begegnung mit dem Poſtwagen, viel⸗ leicht die Kälte, vielleicht Beides zuſammen, verſtim⸗ mend auf ſein Gemüth eingewirkt.„Aber das ſieht Euch gleich,“ fuhr er fort,„Ihr habt nie einem Kumpan geradeaus antworten können, und ich möchte behaupten, Ihr ſeiet mit einer Gurgel auf die Welt gekommen, die gedreht iſt wie ein Pfropfzieher. Auch die Wahrheit, die freilich nicht oft an Euch kommt, t ſich in eine Lüge, bis ſie ſich herausgewunden at.“ „Und ich möchte behaupten,“ entgegnete die ſo unmuthig angelaſſene Perſon,„daß Ihr keine Cou⸗ rage habt für das Geſchäft, das uns bevorſteht. Doch ſagt dies lieber frei heraus und klopft nicht ſo nörgelnd auf den Buſch, daß man ſchon am Zuhören genug hat. Ich kann auch ſo nach Amerika kommen.“ „Nein, das könnt Ihr nicht.“ „Warum nicht?“ „Ihr vergeßt die Belohnung, die auf Eure Auf⸗ greifung geſetzt iſt,“ antwortete der Lenker des Pfer⸗ des.„Fünfzig Pfund ſind mehr als Ihr werth ſeid.“ „Dieſelbe Summe iſt auch auf die geboten, welche mir geholfen haben,“ bemerkte ruhig ſein Begleiter. Aus dieſem Geſpräch haben unſere Leſer ohne — 64 Zweifel die Entdeckung gemacht, daß Jack richtig vermuthete, und daß die beiden Perſonen Niemand anders waren, als Mike und ſein alter Kumpan, der Fidler Dick; auch brauchen wir wohl kaum beizu⸗ fügen, daß ſie unter dem Neſt, von welchem Letzterer geſprochen, das Herrſchaftsgut verſtanden. Unmittelbar nach ſeiner Flucht aus dem Chatamer Holm hatte ſich Mike mit ſeinen zwei Kameraden nach London begeben, wo er am beſten verborgen zu bleiben hoffen durfte, und ein ſtilles Quartier in einem abgelegenen Stadttheil, fern von ſeinen frü⸗ heren Tummelplätzen, genommen. Hier wollte er mit ſeinen Gefährten eine Zeit lang bleiben, um auszuruhen und ſeine Plane für die Zukunft zur Reife zu bringen— ein Vornehmen, das dem Gaukler ſowohl als dem vormaligen Aufſeher Brand um ſo beſſer gefiel, als Mike die Koſten tragen wollte. Dick gewann dabei den weiteren Vortheil, daß in⸗ zwiſchen ſein Haar wieder wachſen könnte; denn gleich Simſon fühlte er ſich nur als einen halben Men⸗ ſchen, ſo lange er ſeiner zottigen Hauptzier beraubt war. Im gegenwärtigen Fall wurde er jedoch nicht nur durch die Eitelkeit, ſondern auch durch die Klug⸗ heit geleitet; denn der Chatamer wie der Briptoner Haarſchnitt iſt ſo wohl bekannt, daß ein erfahrener Polizeidiener auf den erſten Blick ſagen kann, in welcher von dieſen beiden Anſtalten ein Gentleman zum letzten Mol bedient worden iſt. Nur vorſichtig und allmälig theilten die beiden Kumpane ihre Plane dem Genoſſen ihrer Flucht mit. Nicht daß ſie ihm eine beſondere Bedenklichkeit zu⸗ trauten, denn ſein Gewiſſen hatte eine leidliche Weite; 65 aber es fehlte bis jetzt an einem Beweis, ob es ſich auch bis zu einem Hauseinbruch oder einem noch ſchwärzeren Verbrechen dehnen laſſen werde. Auf gehörige Unterweiſung ſchien der Exaufſeher ſein Augenmerk nur den Erfolgsausſichten und dem wahrſcheinlichen Betrag der Beute zuzuwenden. Nach⸗ dem er über dieſe Punkte zufrieden geſtellt war, er⸗ hob er keine weitere Einwendungen, ſondern erklärte ſich bereit, an Andrew's Beraubung mitzuhelfen. Er war einen Tag vor ſeinen Gefährten nach St. Faith abgereist, um ſich auf Kundſchaft zu legen, ob der Steward zu Hauſe ſei oder nicht, und überhaupt alle zweckdienliche Auskunft einzuholen. Als der Einſpänner die Aecker zwiſchen der Farm und der Gemeinwaide erreichte, berührte Mike den ſt ſeines Begleiters zum Zeichen, daß er halten olle. „Iſt dies der Platz?“ brummte Fidler Dick. Sein Kumpan deutete auf das im Mondlicht deutlich ſichtbare Haus. „Aber wo iſt Brand?“ fuhr der Sprecher fort. „Er wird nicht weit ſein.“ Dann ſtieß Mike einen Pfiff, ähnlich dem eines Vogels, aus, und im nächſten Augenblick trat ihr Verbündeter hinter einer Hecke hervor. „Alles recht?“ fragte der Gaukler. „Der Steward iſt in dem Farmhaus und ich habe der Uebereinkunft gemäß die Fenſtergitter durch⸗ gefeilt,“ verſetzte der Eraufſeher.„Aber mir iſt's nicht recht; die Zähne klappern mir vor Froſt, und ich wagte mich nicht zum zweiten Male in das Dorf. Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 5 66 Die Bauernlümmel haben mich, als ich dieſen Mor⸗ gen anlangte, genug ausgefragt.“ „Es iſt kult; ein Tröpflein wird Euch wärmen,“ bemerkte Mike und händigte dem Andern eine halb mit Branntwein gefüllte Feldflaſche ein, die dieſer auf einen Zug leerte.„Ei, Ihr ſeid ſchon fertig damit?“ fügte der Strolch mit einem Kichern bei. „Es iſt wenig genug geweſen,“ entgegnete Brand. „Ich wollte, Ihr hättet eben ſo lang hinter dieſer hölliſchen Hecke warten und frieren müſſen.“ „Na, no,'s wird jetzt bald vorüber ſein,“ ſagte Dick in ironiſchem Tone.„Nehmt den Teppich aus dem Wägelchen und wickelt Euch darein, während ich und Mike in das Neſt brechen.“ „Macht nur nicht lange; ich fühle mich verwettert ſchläfrig,“ brummte Brand. Statt über die Neigung des Sprechers, in einer ſolchen Zeit zu ſchlafen, ungehalten zu werden, ſchie⸗ nen ſeine Verbündeten im Gegentheil ſich darüber zu beluſtigen. Sie banden das Pferd an eine in der Nähe ſtehende Zwergeiche und näherten ſich vorſichtig dem Hauſe, Mike voran, da er mit der Hertlichkeit bekannt war. Andrew's Wohnung war einer von jenen alt⸗ modiſchen Londſitzen, halb Herrenhaus, halb Farm, die in England früher häufig gebaut wurden und auch jetzt noch in abgelegenen Landestheilen nicht ſelten zu ſehen ſind. Sie mochte urſprünglich für die Witt⸗ wen der Boothroyd'ſchen Familie beſtimmt geweſen ſein, hatte aber augenſcheinlich dieſem Zwecke lange nicht mehr gedient, denn das Haus war ziemlich n — r fi m baufällig und ein Flügel, deſſen Grundmauern man an der Nordſeite noch bemerken konnte, eingeriſſen. Südlich befand ſich das große Erkerfenſter der Stube . mit dem Eichengetäfel und über dieſem Heiligthum das Schla fgemach des Steward. Die Gelaſſe für 5 eſinde lagen auf die Haushälte rin ind das Farmg der andern Seite des Hauſes. Mike kannte die Gewohnheit ſeines Bruders, einen großen Theil der Nacht in dem getäfelten r Zimmer zuzubringen und ſeine Schätze zu bewachen; er hatte deßhalb ſeine Vorbereitungen danach ge⸗ e troffen. Gleich den meiſten hämiſchen und rachſüchtigen Naturen ſah er mit Wonne dem Augenblick entgegen, welcher den achtbaren und liebevollen Zwilling ganz t in ſeine Gewalt geben und ihn befähigen ſollte, dem⸗ ſelben für das in dem Holm erduldete Elend ſeinen r Dank abzuſtatten. Die Schuld war, wenn auch nicht moraliſch, wenigſtens theilweiſe eine gerechte und der alte Strolch ganz der Mann dazu, ſie bis auf den letzten Heller einzufordern. Andrew Siler hatte ſich ſchon mehrere einem Zuſtand angenehmer Aufregung befunden, da es zwiſchen ihm und der Lady Boothroyd endlich zu einem Verſtändniß gekommen war. Das Codicili zu dem Teſtament ſeines erſten Herrn, welches für den Fall, daß Sir Norman ohne männliche Erben ver⸗ ſſtar, das Eigenthum gleich zwiſchen den weiblichen Abkömmlingen und den Nachkommen Allan Booth⸗ royd's vertheilte, ſollte ausgeliefert und der Preis für die Verheimlichung bezahlt werben. Allerdings war die Summe, über welche man übereint ekommen, nnicht ſo groß, als er urſprünglich gerechnet hatte; 5 S — 8—* Tage in „ 68 aber bei ſeinem Alter wollte er nicht länger warten, und außerdem konnte er keine Lillian vorführen. In letzterer Beziehung war er durch Mike ſchachmatt ge⸗ ſetzt worden, und ſo meinte er, in Anbetracht der Umſtände doch den beſten Weg eingeſchlagen zu ha⸗ ben. Da er am andern Tag früh nach London auf⸗ zubrechen gedachte, ſo hatte er ſich früher als ge⸗ wöhnlich in dem Heiligthum eingefunden, um vorher noch ſeine Papiere zu muſtern und für die Sicherung ſeines übelerworbenen Reichthums zugäbliche Maß⸗ regeln treffen zu können. Wäre der alte Geizhals, als er vor der bekann⸗ ten Truhe kniete, nicht ſo ganz von dem Anblick ſeiner Schätze hingeriſſen geweſen, ſo hätte er wohl bemerken müſſen, wie das Licht auf dem Tiſch fla⸗ kerte; er ſah jedoch nichts als ſein Gold und fühlte nichts als die funkelnden Geldſtücke, als ſie ihm beim Zählen durch die Finger glitten. Es war daher kein Wunder, daß der durch das halbgeöffnete Fenſter eindringende Luftſtrom ſeiner Veachtung entging, um ſo mehr, da ſeine Gewalt einigermaßen durch die niedergelaſſenen ſchweren Mollvorhänge gebrochen wurde. „Nur der Gedanke,“ murmelte er vor ſich hin, als er aus einem Pergamentpaket das Codicill zu dem Teſtament ſeines früheren Herrn herauslangte „daß dieſer Fetzen Papier fünfzehntauſend Pfund wert ſein ſoll!“ 7 Wie wenig dachte er, daß auch andere Ohrer dieſe Worte vernahmen. „Ich könnte damit,“— fuhr Andrew in ſeinem Selbſtgeſpräch fort—„das Andenken des Verſtor⸗ , n E⸗ 69 benen mit Schande beladen, den Ruf der Lebenden vernichten und— na, na— Geld iſt beſſer als Rache, und fünfzehntauſend Pfund. ſind am Ende auch nicht zu verachten.“ Hinter dem Vorhang ſtanden zwei Lauſcher, welche derſelben Meinung waren. „Und im Grunde, was kann ich damit anfangen?“ fügte der alte Mann bei, der jetzt in ſeinen cyniſchen Humor verfiel.„Eines Tages muß ich doch ſterben und kann nichts mitnehmen. Das iſt der Prellſtein — die Bitterkeit des Reichthuns. Man gibt ſich Mühe, daß Andere herrlich und in Freuden leben können, und ſündigt, damit Fremde die Früchte des Verbrechens genießen.“ „Denk' an Deine Verwandte, Andrew,“ rief eine wohlbekannte Stimme in kicherndem Tone. Der Steward ſprang auf; aber ehe er um Hilfe rufen oder auch nur einen Schrei ausſtoßen konnte, hatte eine eherne Fauſt ſeine Kehle um⸗ krallt und ihn wieder auf die Kniee niedergedrückt. Während er ſich mit ſeiner Truhe zu ſchaffen machte, waren die beiden Gauner aus ihrem Verſteck hervor⸗ gekrochen und über ihn hergefallen. „Nimm das Meſſer,“ flüſterte Fidler Dick ſeinem Gefährten zu;„es ſteckt in meiner linken Taſche. Ich kann nicht loslaſſen.“ „Noch nicht,“ entgegnete Mike, der kaltblütig die Thüre abgeriegelt hatte.„Es preſſirt nicht ſo. Andrew, wir müſſen zuerſt ein kleines brüderliches Geſpräch mit einander halten. Ich habe Dir noch nicht ge⸗ dankt für Koſt und Logis, die Du für mich zu be⸗ ſorgen ſo gut warſt. Es iſt freilich auf Rechnung 70 der Regierung gegangen; aber Deine Liebe verdient gleichwohl Anerkennung.“ Andrew Silex ſtieß ein erſticktes Aechzen aus, und in ſeinen grauen Augen machte ſich eine Angſt bemerklich, die ſeinem Zwillingsbruder ungemein be⸗ luſtigend vorkam. „Mach' ihm den Garaus,“ brummte der Gaukler. „Noch nicht,“ wiederholte ſein Verbündeter;„er ſoll vorher fühlen, wie ich gefühlt habe.“ Mit dieſen Worten trat Mike an die offene Truhe und begann ſeine Taſchen mit Gold und Banknoten zu füllen, bis ſein Bruder toll und verzweifelnd, daß er ſich vor ſeinen eigenen Augen plündern laſſen ſollte, mit einer Gewaltanſtrengung ſich zu befreien ſuchte. „Sei nicht ſo ungeberdig,“ ſagte ſein Plagegeiſt; „ich mußte das thun. Wie viel ſagteſt Du, daß dieſes Document werth ſei? Fünfzehntaufend Pfund? Zu viel Geld, Andrew, als daß Du ehrlich hätteſt dazu kommen können.“ „Das Meſſer! ſag' ich!“ rief Fidler Dick, deſſen Geduld zu brechen begann.„Seid Ihr toll?“ „Es ſoll ſogleich geſchehen,“ verſetzte ſein Spieß⸗ geſelle;„könnt Ihr nicht einem Kumpan ein kleines Vergnügen gönnen? Ich würde für Dich mehr als das gethan haben, Andrew,“ fügte er bei, vor dem unglücklichen Mann mit einer Hand voll Gold klim⸗ pernd.„Wie iſt's mit den Pilzen?“ Andrew ächzte wieder, aber viel matter als das * o 2 erſte Mal. Der Athem verſagte ihm unter dem Druck von Dick's Fingern, die ſeinen Hals gleich einem eiſernen Ring umfaßt hielten. — 71 „Und die wackere Haushälterin wußte ſie ſo gut zu kochen,“ fuhr Mike fort.„Sie wird morgen früh große Augen machen, denk' ich.“ Fidler Dick erklärte jetzt mit einem Fluch, daß er den Steward nicht länger halten wollte. Rite war bies nicht lieb; denn dem Tiger gleich fühlte er eine wilde Luſt daran, die Qual ſeines Opfers zu ver⸗ längern. Da jedoch ſein Bundesgenoſſe nicht der Mann war, der mit ſich ſpielen ließ, ſo willigte er, obſchon mit Widerſtreben, ein, in dem Hochgenuß ab⸗ zubrechen. Er griff in die linke Taſche des Gauklers und zog das Meſſer heraus. Ein Nebel umflorte den Blick des Steward, als. er ſeinen Bruder dasſelbe bedächtig aufmachen ſah. Siebenundneunzigſtes Kapitel. Jack Manders und Kaleb folgten ihrem Führer nach dem uns bekannten Heckenweg zwiſchen Minter's Baumgut und der Hütte des alten Glöckners, und gelangten von da aus bald an die Meldowner Park⸗ mauer, von wo aus ſie ſich links hielten und in der Nähe der Kiesgruben den Weg über die Gemein⸗ waide einſchlugen. Als ſie die Accker erreichten, wurden ſie zum erſten Mal des Farmhauſes anſichtig, iei Umriſſe ſich im Mondlicht deutlich unterſcheiden ießen. „Dort iſt es,“ ſagte der Hausknecht. Jacks Aufmerkſamkeit wandte ſich jedoch einem näheren Gegenſtand, dem Einſpänner neben der Zwerg⸗ eiche, zu. Sie gingen vorſichtig auf das Wägelchen zu, aber von den Männern war keiner zu ſehen. 72 „Ich ſagte ja, Du habeſt Dich getäuſcht,“ be⸗ merkte Kaleb. „Vielleicht,“ verſetzte ſein Freund zweifelnd, denn der gehörte Laut hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.„Doch, das wird ſich finden. Wahrſchein⸗ lich ſind ſie im Farmhaus.“ Sie wollten eben weiter gehen, als ſie durch ein tiefes Aechzen jenſeits der Hecke aufmerkſam gemacht wurden. Die Jünglinge ſprangen hinüber und ſahen, wie ſich ein in groben Fries gehüllter Menſch unter ſchweren Schmerzen auf der Erde wand und drehte. Sie wollten ihn aufrichten, fanden aber bald, daß er nicht einmal mehr zu ſprechen vermochte; denn er brachte nur ein paar undeutliche Laute hervor, die Kaleb's Meinung nach wie„Trunk“ und„Gift“ klan⸗ gen; dann brach er in ihren Armen todt zuſammen. Der Hausknecht meinte, man ſollte ihm etwas Brannt⸗ wein geben. „Zu ſpät,“ ſagte Jack, der ſchon zu viele Todte ge⸗ ſehen hatte, um ſich zu täuſchen.„Er iſt dahin.“ Was, todt?“ rief der Hausknecht im Tone des Entſetzens.„Dann iſt's wohl eine Mordthat?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Jack,„und wer dieſe verrichtet hat, wird wahrſcheinlich ſeine Nachtarbeit nicht unvollendet laſſen. Hurtig nach dem Hauſe— vielleicht können wir ein zweites Verbrechen verhindern.“ Sie legten Brand's Leiche wieder auf die Erde, deckten ſie mit dem Teppich zu und beſchleunigten ihre Schritte. „Dort iſt der Eingang,“ ſagte ihr Führer, nach der Nordſeite deutend, und Jack ſolgte dieſer Weiſung; aber Kalebs raſcher Blick hatte den Widerſchein des 73 durch den halboffenen Laden ſtrömenden Lichts be⸗ merkt und richtete ſeine Schritte dahin. Im Nu war das Fenſter aufgeriſſen, der Vorhang bei Seite ge⸗ choben und der Sprung in das Zimmer vollbracht. Zum Glück hatte Kaleb eine Waffe bei ſich. Der Anblick, der ihm innen begegnete, konnte auch die Nerven eines Menſchen erſchüttern, der an's Schlachtfeld gewöhnt war, wo durch das Schmettern der Trompeten, den Kanonendonner und den Schlachtruf der aufgeregten Soldaten dem Tod die Hälfte ſeiner Schrecken benommen wird. Kaleb war wohl ſchon Zeuge ſolcher Scenen, aber dabei nie ſo entſetzt eweſen, wie bei dem Anblick in dem einſamen i wo Fidler Dick den halb erdroſſelten Steward auf die Kniee niedergedrückt und ſeinen Kopf an den dünnen grauen Locken nach hinten geriſſen hatte, während Mike im Begriff ſtand, ſeinem Opfer den Hals abzuſchneiden. Mit einem Ausruf des Schreckens erhob der junge Matroſe ſeine Piſtole und gab Feuer. Die Kugel traf den alten Brudermörder in den Nacken; er ließ das Meſſer fallen und ſtieß einen Schrei des Schmer⸗ zes und der getäuſchten Erwartung aus. Der Gaukler, den ſeine Ruhe und Geiſtesgegen⸗ wart nie verließ, bemerkte ſogleich, daß der Eindring⸗ ling keine zweite Waffe hatte. Es war zwar hart, ſehr hart, um ſeine Beute, und zwar um ſolch eine Beute zu kommen; aber die perſönliche Sicherheit wurde jetzt zur Hauptſache. Er ließ den halb er⸗ mordeten Mann los und ſtürzte mit der Behendigkeit einer Wildkatze nach dem Fenſter; Kaleb aber warf ſich ihm eben ſo hurtig in den Weg, und es folgte nun ein kurzer, verzweifelter Kampf. 74 „Laß mich los!“ fletſchte der Strolch. Sein Gegner aber hielt ihn mit der Kraft der Verzweiflung feſt. Im Ringen fielen ſie zweimal zu Boden, und Kaleb ſtieß dabei ſeinen Kopf gegen die Ecke des ſchweren Eichentiſches. Er ſah hundert Lich⸗ ter vor ſeinen Augen tanzen und dazwiſchen das ge⸗ ſpenſtiſche Geſicht ſeines Widerſachers mit einem ſpöttiſchen Lachen. Die Kräfte verließen ihn. „Wenn ich nur das Meſſer finden könnte,“ dachte Dick, indem er Kalebs Hals losließ und danach auf dem Boden taſtete. Jetzt hörte man von der Vor⸗ halle her Stimmen und auf der Treppe Fußtritte. Die Dienſtboten waren durch das Rufen Jacks und des Hausknechts geweckt worden. Der Gaukler, welcher fühlte, daß längeres Zögern ihm ein weit ſchlimmeres Loos als der Chatamer Holm zuziehen konnte, ſprang mit einem Fluch auf und ſtierte im Zimmer umher. Trotz der ſchweren Verwundung, denn das Blut ſchoß in Strömen von ſeinem Halſe nieder, war es Andrew Silex gelungen, ſeine Geld⸗ kiſte zu erreichen, und in dem Augenblick, als der Räuber ſeine Hand danach ausſtreckte, den Deckel zu ſchließen; dann ſank er erſchöpft, aber dennoch mit einem Kichern neben ſeinen Schätzen nieder. Dick ſtierte mit Blicken, ähnlich denen eines um ſeinen Raub betrogenen Tigers, umher, und würde wohl die Mordarbeit ſeines Kameraden vollendet haben, wenn ihm nicht das Schlagen gegen die ein⸗ brechende Thüre angezeigt hätte, daß es die höchſte Zeit ſei, für ſeine Sicherheit zu ſorgen. Er griff das Pergament auf, das Mike auf dem Tiſch gelaſſen, ſprang durch das offene Fenſter und verſchwand. Nachdem es Jack Manders, dem Hausknecht und dem Farmgeſinde gelungen war, die Thüre zu ſpren⸗ gen, fanden ſie ihre ſchlimmſten Befürchtungen ver⸗ wirklicht. Der Steward ſchwamm im Blute, Mike war auf den Tod verwundet, und der von dem An⸗ prall gegen den Tiſch betäubte Kaleb konnte über das Vergangene keine Auskunft geben. Jacks erſte Sorge galt dem Freunde. „Sprich, biſt Du verwundet?“ rief er.„Um's Himmelswillen, ſo rede doch. Dies iſt in der That eine Schreckensnacht.“ „Es iſt, glaub' ich, eine Mordthat,“ bemerkte der Hausknecht, auf die Leichengeſtalt des Stewards deu⸗ tend, welchen ſeine Dienſtboten aufhoben und in einen Seſſel ſetzten. „Der Meiſter iſt nicht todt,“ ſagte einer der Knechte; „aber er blutet ſchrecklich.“ „Was iſt vorgefallen?“ fragte die Haushälterin, die mit ihrer gewohnten Ruhe in das Zimmer getre⸗ ten war. Als ſie den Genoſſen ihres Verbrechens in einem ſolchen Zuſtande ſah, hielt ſie einen Moment inne; aber ihre kalten grauen Augen verriethen kein Mitleid, ſondern ſchienen eher eine innere Freude aus⸗ zudrücken.„Ich dachte mir wohl, daß es ſo kommen würde,“ fügte ſie bei.„Das Gold, für das er allein lebte, mußte ihm zur Strafe werden. Aber wo iſt der Mörder?“ Kaleb, der ſich erſt theilweiſe erholt hatte, deutete gegen das Fenſter und brachte nur mit Mühe das Wort„dort“ hervor. Jack verſtand ihn und riß den Vorhang in demſelben Augenblick zurück, in welchem Fidler Dick den Sitz des Einſpänners eingenommen 76 hatte und das Pferd wüthend über die Waide hin⸗ zupeitſchen begann. „Entwiſcht!“ ſagte er in ärgerlichem Tone. „Einer davon,“ bemerkte der Hausknecht;„aber da iſt noch einer.“ Mike war während des Kampfes ſeines Verbün⸗ deten mit dem jungen Matroſen unter den Eichen⸗ tiſch gekrochen und wurde jetzt von nicht ſehr zarten Händen hervorgezogen. Bei jedem Rucke ächzte der Brudermörder vor Schmerz. „Ei, das iſt ja der Bruder des Meiſters,“ rief einer der Knechte, und das übrige Geſinde, das ſich den Vorgang nicht zu deuten wußte, begann die bei⸗ den Fremden mit argwöhniſchen Blicken zu betrachten. ku den wohlbekannten Hausknecht traf kein Ver⸗ acht. „Bis man über das Verbrechen im Klaren iſt, will ich dies in Verwahrung nehmen,“ ſagte die Haus⸗ hälterin, nicht ohne einige Gewalt dem Steward die Schlüſſel abnehmend. „Um Verzeihung, die geeignetſte Perſon bin ich,“ verſetzte Jack, indem er ihr den Raub wieder entriß. hr— mit welchem Recht?“ entgegnete das Weib. „Einfach weil ich ſein Neffe bin. Ihr braucht keine ſo großen Augen zu machen, denn ich bilde mir nicht eben viel auf die Verwandtſchaft ein.“ Bei dem Worte„Neffe“ ſtieß Mike, den man ſeinem ohnmächtigen Bruder gegenüber in einen Seſſel gebracht hatte, einen tiefen Seufzer aus und nannte den Namen Jack.. „Hier bin ich, Onkel,“ verſetzte der Neffe.„Ich ſagte Euch ja, daß wir uns wiederſehen würden. Habe ich nicht Wort gehalten?“ „Ja, und zur Hölle mit Dir!“ murmelte Mike. „Ich wollte ich hätte in Euch einen gebeſſerten Mann gefunden.“ „Du weißt nicht Alles,“ rief Mike, der ſich für einen Augenblick kräftiger fühlte.„Ich kam nach dem Herrſchaftsgut, und Andrew verſuchte mit Hülfe dieſes Weibes, die aus Eiferſucht ihren Mann an den Galgen lieferte, mich zu vergiften.“ „Schrecklich!“ entgegnete Jack.„Aber ich warnte Euch, ihm nicht zu trauen.“ „Das iſt noch nicht das Schlimmſte,“ fuhr der Sterbende fort.„Da er mich, weil er's zu unge⸗ ſchickt angriff, nicht durch Gift los wurde, that er es auf andere Weiſe; er ſorgte dafür, daß mein Urlaubs⸗ ſchein caſſirt und ich wieder auf den Holm geſetzt wurde.“ „Sein eigener Bruder!“ rief Kaleb. „Ja, ſein Zwillingsbruder, und man ſah uns ſtets darum an, daß wir einander ſo ſehr glichen; aber er iſt der ſchlaueſte geweſen und hat ſtets den — en— Er wurde durch heftige Krämpfe unterbrochen, welche ſeinen Oberkörper erſchütterten, während der untere völlig gelähmt erſchien. „Ich habe mich nicht ordentlich gegen Dich be⸗ nommen, Jack,“ fuhr er nach einer Weile fort;„aber die Schuld lag nicht an mir. Andrew wollte Dich durchaus auf der See haben; Du ſeieſt da am ſicher⸗ ſten aufgehoben; und Du weißt, daß ich immer nach⸗ gab, wenn er etwas ſagte.“ 78 „Ich habe es im Anfang bitterlich empfunden,“ verſetzte Jack;„denn der Capitän war ein Wütherich. Zuletzt iſts aber doch noch recht geworden. Die Vor⸗ ſehung hat mir Freunde zugeführt, und ich bin wie⸗ der in England.“ „Als was?“ fragte ſein Onkel in mattem Tone. „Als ehrlicher Menſch,“ lautete die Antwort. „So ſagen wir Alle, bis man uns hinter die Schliche kommt,“ murmelte ſein Verwandter.„Wahr⸗ ſcheinlich bei der Polizei,“ fügte er mit Bitterkeit bei und fuhr dann in philoſophiſcherem Tone fort:„Na, meinetwegen; Geſchäft iſt Geſchäft. Aber Du hätteſt ein Bischen höher feuern und meinem Elend mit einemmal ein Ende machen können. Hu, mein Rücken iſt ab.“ „Ich habe den Schuß nicht gethan,“ verſetzte Jack, „und freue mich darüber, ſo ſchlimm ich auch von Euch behandelt worden bin.“ „Du nicht— wer denn?“ entgegnete Mike. Kaleb bekannte ſich zu der That. Der alte Sün⸗ der betrachtete ihn für einen Moment mit einem Blick voll tödtlichen Haſſes, ſo daß ſich der Jüngling ſchau⸗ dernd abwandte. Jetzt traf Doctor Phraſe mit einigen Conſtablern ein. Die erſte Pflege wurde natürlich dem Steward zu Theil, deſſen Wunde der Doktor mit Nähten ver⸗ ſah; dann wandte ſich dieſer an den Mörder, deſſen Zuſtand er übrigens nach kurzer Unterſuchung für hoffnungslos erklärte. „Das wußte ich wohl,“ ſtöhnte Mike. 8 Bei dem Ton dieſer Stimme ſchaute Andrew, der inzwiſchen zur Beſinnung gekommen war, auf und 79 ſah ſeinen Bruder feſter an; es lag etwas Schreck⸗ liches in den Blicken, welche die Beiden mit einander wechſelten. „Eine traurige Geſchichte,“ rief der Doctor.„Wie ging es denn zu und wer iſt der ſchändliche Uebel⸗ thäter?“ Andrew erhob langſam die Hand und deutete auf den ihm gegenüber ſitzenden Mörder. „Wie, Ihr, doch nein; es iſt nicht möglich. Ihr ſeid ja Brüder.“ Der Steward verſuchte zu ſprechen; aber Phraſe erklärte ihm, daß ſeine einzige Rettungsausſicht auf unverbrüchlichem Schweigen beruhe. Bei dem Worte Rettung aber überflog der Ausdruck getäuſchter Er⸗ wartung das fahle Geſicht des Mörders. Jack Man⸗ ders wandte ſich voll Widerwillen ab, und es war ihm, als ſollte er Andrew faſt Dank wiſſen für die tückiſche Handlung, welche ihn dem Einfluß eines ſo ſchlimmen Mannes entzogen hatte. Der Steward deutete durch Zeichen an, daß er zu ſchreiben wünſche. Man brachte ihm Griffel und Schiefertafel. Mit zitternder Hand kritzelte er ein paar Zeilen hin und händigte ſie dem Doktor ein, der laut die Worte vorlas: „Bieten Sie Allem auf, meinen Bruder zu retten.“ „Bewegt Euch dies nicht?“ fragte der Neffe den alten Böſewicht.„Sein Herz iſt weniger hart als das Eurige; er gibt Euch ein Beiſpiel der Vergebung und wünſcht, daß Ihr wieder aufkommet.“ „Um mich an den Galgen zu bringen,“ verſetzte Mike.„Ich kenne ihn, Du nicht.“. Der Blick voll wüthenden Haſſes in dem grauen 80⁰ Auge des Steward bekundete, daß der Sprecher die Beweggründe richtiger gedeutet hatte als Jack Manders. Andrem ſchrieb wieder:„wo ſind meine Schlüſſel?“ „Der Kerl, der ſich Euren Neffen nennt, hat ſie an ſich genommen,“ verſetzte die Haushälterin in⸗ grimmig. „Weil ſie bei mir ſicherer verwahrt ſind, als bei Euch,“ ſagte der junge Mann;„aber es fällt mir nicht ein, ſie zu behalten. Ich kam hieher, um Re⸗ chenſchaft zu fordern für die erlittene Behandlung, und die Vorſehung machte meinen Beſuch zu einem Mittel, ein furchtbares Verbrechen zu entdecken, wenn ich ihm auch nicht vorbeugen konnte. Mein Onkel braucht nur zu ſagen, wem ich die Schlüſſel geben ſoll; ſie ſtehen zur Verfügung.“ „Das finde ich ganz in der Ordnung,“ bemerkte Doktor Phraſe,„und in Anbetracht meiner Achtbar⸗ keit könnt Ihr ſie Niemand beſſer aushändigen als mir.“ Der Steward ſchüttelte den Kopf und ſchrieb wieder. Der Doktor wollte ihm die Tafel abnehmen, der Verwundete ſie aber in keine andere Hand als in die ſeines Neffen geben, welcher die Worte las: „Behalt' ſie.“ Trotz der ärgerlichen Mienen von Seiten der Haushälterin und des Doctors ließ Jack die Schlüſſel ruhig in ſeine Taſche gleiten.. Noch vor Tag fanden ſich Mr. Thornton— die⸗ ſer in ſeiner amtlichen Eigenſchaft— unſer Held und ſeine beiden Freunde in dem Farmhaus ein. Eine Menge Volks, das mitgekommen war, darunter auch W — 81 Farmer Minter und Simon Gee, hielt das Haus umſtellt. Da wenigſtens einer der Verwundeten nur noch kurze Zeit zu leben hatte, ſo ging Mr. Thornton un⸗ verweilt ans Werk, den Thatbeſtand aufzunehmen, und Jack Manders kam zuerſt ins Verhör. Er gab an, daß zwei Männer in einem Einſpänner, ihm auf dem Weg nach St. Faith begegnet ſei, ſeinen Argwohn erregt und ihn veranlaßt hätte, von dem Wirthshaus aus mit ſeinem Freund und dem Hausknecht unverweilt nach dem Herrſchaftsgut auf⸗ zubrechen; ſein Freund ſei durch das offene Fenſter in das Zimmer eingedrungen, während er mit ſeinem Führer von der Thüre aus Lärm gemacht und die Dienſtboten geweckt habe; weiter wiſſe er nichts an⸗ zugeben. Während Jack dieſes Zeugniß ablegte, faßte ihn der Steward ſcharf in's Auge und lauſchte⸗ auf jedes Wort mit geſpanntem Intereſſe. „Ihr ſeid alſo kein Zeuge des Verbrechens ge⸗ weſen?“ fragte der Friedensrichter. „Nein, Sir.“ „Seid Ihr mit Mr. Andrew Siler verwandt?“ S Frage wurde auf Anſtiften der Haushälterin geſtellt. „Ich glaube, daß ich ſein Neffe bin,“ verſetzte Jack, „lege aber keinen beſonderen Werth auf die Ver⸗ wandtſchaft.“ „Warum nicht?“ Der Zeuge ſchwieg. „Warum habt Ihr Euch denn die Schlüſſel meines Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 6 Patienten zugeeignet?“ fragte Doctor Phraſe in einem Ton, der keine abſonderlich freundliche Geſinnung gegen den Eindringling verrieth. „Weil ich einer Beraubung vorbeugen wollte.“ Von den Lippen des Steward klang es wie ein Kichern. Mr. Thornton lächelte. „Doch bin ich bereit, ſie in die Hände dieſes Gentleman niederzulegen,“ fuhr Jack fort, indem er die Schlüſſel aus der Taſche zog und ſie dem Frie⸗ densrichter hinbot. „Das iſt eine biedere Rede,“ bemerkte Mr. Thorn⸗ ton, auf den das freie offene Geſicht des Jünglings einen günſtigen Eindruck machte. „Ich glaube es wohl,“ verſetzte die Haushälterin bitter;„es gehört mit zu dem fein angelegten Plan.“ „Zu was für einem Plan?“ rief Jack, ſich haſtig Sprecherin wendend und ſie voll ins Auge aſſend. Das Weib ſchwieg.— Der Steward ſchrieb wie der etwas auf die Tafel und händigte ſie Mr. Thorn⸗ ton ein. „Der Zeuge iſt mein Neffe. Ich bitte ihn, die Schlüſſel zu behalten und im Haus zu bleiben, bis ich wieder hergeſtellt bin.“ 4 Der Arzt ließ den letzteren Worten ein trockenes Hem folgen, das für Andrew's Wiedergeneſung nicht viel Hoffnung in Ausſicht ſtellte. Als der Friedensrichter bemerkte, daß der Ste⸗ ward ſich durch Schreiben verſtändlich machen konnte, ſo nahm er dieſen in's Verhör. Die Antworten wurden natürlich niedergeſchrieben und dann laut verleſen, 3 3 „ 8 3 83 „Wer hat Sie verwundet?“ „Mein Bruder Mike.“ Alle Anweſenden ſchauderten. „War er allein?“ „Nein.“ „Wer war bei ihm?“ „Der Kerl, der mich hielt, während Mike mir das Meſſer in den Hals ſtach⸗“ „Kennen Sie den Mann?“ „Nein; er iſt nicht hier. Der junge Menſch im Matroſenanzug kam zum Fenſter herein und rettete mich.“ „Aber Ihr wißt nicht, warum ich's that,“ rief Mike jetzt mit einem Nachdruck, der die Umſtehenden überraſchte.„Wir ſind Brüder, Zwillinge, und man ſah uns ſtets darum an, daß wir einander ſo ſehr glichen. Doch daran liegt jetzt nichts. Er war reich und ich arm; aber das iſt nicht Schuld. Die Ur⸗ ſache von Allem iſt jenes Mädchen, die Lilly.“ Bei Nennung dieſes Namens wurden Mr. Thorn⸗ ton und der Lieutenant ſehr aufmerkſam. „Wer gibt mir ein Tröpflein Branntwein?“ ſagte der Sterbende.„Ich möchte mein Sprüchlein noch anbringen können.“ Jack Manders brachte ihm ein Glas. Mike leerte es begierig und gewann dadurch Kraft, um fort⸗ zufahren. „Gegen Dich habe ich nichts, Jack; denn der Schuß kam nicht von Deiner Hand,“ ſagte er.„Nun ja, Andrew ſuchte mich auf in meinem Neſt zu Lon⸗ don, wo ich nach meinem Unglück achtbar lebte, und verlangte von mir, daß ich ein Mädel in Pflege 84 nehme. Ich willigte ein und that für ſie mein Beſtes.“ „Hieß ſie nicht Lillian?“ fragte der Friedens⸗ richter. „Lillian oder Lilly;* iſt das Gleiche,“ verſetzte Mike.„Er ſagte, ſie werde für ihn eines Tages ihr Gewicht in Gold werth ſein. Und doch gab er mir nur bettelhafte fünfzig Pfund jährlich für ſie.“ „Was iſt aus ihr geworden?“ „Eine Lady, die ſie mir brachte— ich wollte, ich hätte nie ihr Geſicht geſehen— ſagte mir, ſie ſei ein Wildes; aber ich kam dahinter, daß dies eine Lüge war. Sie verſprach mir fünfhundert Pfund für den Fall ihres Todes, und—“ „Ihr habt ſie ermordet?“ rief Mr. Thornton entſetzt. „Nein; ich vertauſchte ſie an Fidler Dick gegen ein Mädel, das am Sterben war, die arme kleine Fan.“ Er ſchauderte bei der Erinnerung an den Tod des unglücklichen Geſchöpfes.„Dieſe ſtarb und wurde unter Lilly's Namen begraben. Lady Booth⸗ royd zahlte das Geld. Ich war damals ſchwermüthig, weil Jack mich verlaſſen hatte, um auf die See zu gehen, und kam hieher. Andrew und jenes Weibs⸗ bild dort verſuchten mich mit Pilzen zu vergiſten⸗ Da dies nicht glückte, ſo wußte er nichts Beſſeres zu thun, als die Lady zu veranlaſſen, daß ſie einen Lord bat— ich glaube er war ein Miniſter; ein ſau⸗ berer Miniſter das— meinen Urlaubsſchein caſſiren zu laſſen; und ſo wurde ich wieder für Lebenszeit nach dem Holm verwieſen. Wundert ihr euch nych daß mir dies die Galle aufregte und daß ich nah te 6 er 6 ſie ne nd on en zu en U⸗ ren 5 h, ach meiner Flucht hieher kam, um mich bei ihm zu be⸗ danken? So, jetzt wißt ihr Alles,“ fügte er, nach Luft haſchend, bei.„Es thut mir nicht leid, daß ich in dem Geſchäft unterbrochen wurde; denn am Ende ſind wir doch Zwillinge— iſt's nicht ſo, Andrew?“ „Mein theurer Sir,“ flüſterte Lieutenant Marſh, „das Geſtändniß dieſes Mannes iſt von größter Wichtigkeit. Darf ich nicht bitten, daß es ſchriftlich aufgenommen werde?“ Dem Geſuch wurde entſprochen, und die letzte Handlung in Mike's übel verbrachtem Leben beſtand in Unterzeichnung der Urkunde. Das Bekenntniß erregte unter dem Landvolk vor dem Farmhauſe große Aufregung, denn alle erinner⸗ ten ſich des hübſchen Kindes, das ſo unerwartet aus ihrer Mitte verſchwunden war. Simon Gee konnte ſeine Gefühle nicht zurückhalten, ſondern drängte ſich in das getäfelte Zimmer, wo er, ſobald er ſeinen Namen nannte, von unſerem Helden und Lieutenant Marſh mit warmen Händedrücken empfangen wurde. „Mein junger Freund kann Euch viel erzählen, was Euch Freude machen wird,“ bemerkte der Letz⸗ tere.„Ich muß jetzt fort,“ flüſterte er Richard zu; „denn wenn Mr. Bently unvorbereitet von Ihrer Ankunft hört oder Ihnen begegnet, ſo zittere ich vor den Folgen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Mr. Thornton ließ den Körper des Brudermör⸗ ders in eines der Außengebäude ſchaffen, damit dort am anderen Tage die Leichenſchau vorgenommen würde. „Unglücklicherweiſe werden's ihrer zwei ſein,“ be⸗ merkte Jack. 86 Der Friedensrichter ſah überraſcht den Sprecher an in der Meinung, daß derſelbe auf den Steward anſpiele, der wohl ſchwer verwundet war, aber unge⸗ achtet der bedenklichen Miene des Doctors doch wie⸗ der davön kommen konnte. Andrew Siler betrach⸗ tete die Bemerkung in demſelben Licht und ließ ſeinem Neffen einen zornigen Blick zuſchießen. „Ja, ſo iſt's, Squire,“ rief der Stallknecht, der ſich wegen ſeiner Theilnahme an den Abenteuern der Nacht allmälig für eine bedeutſame Perſon anzuſehen begann.„Wir haben noch einen auf den Aeckern draußen gefunden.“. „Eine Leiche?“ „Ja, Squire, eine todte,“ verſetzte der Bauer mit einem Schauder. Jack und ſein Freund berichteten nun, wie ſie Brand aufgefunden, ehe noch der letzte Lebensfunke erloſchen war, und beſchrieben die Stelle, wo ſie ihn gelaſſen hatten. „Hat er nicht mehr geſprochen?“ fragte Mr. Thornton. „Einige undeutliche Worte,“ entgegnete Kaleb. „Ließ ſich kein Sinn daraus entnehmen?“ „Nein, Sir; nur dorauf kann ich ſchwören, daß ich das Wort„Trunk“ hörte; und ein anderes ſchien wie„Gift“ zu lauten.“ Die Augen des Steward und ſeines Neffen be⸗ gegneten ſich; ſie konnten ſich denken, auf welche Weiſe der unglückliche Mann ſeinen Tod gefunden hatte.— Auf das Erſuchen des Friedensrichters be⸗ gleitete ein Theil der Bauern die Farmknechte, um die Leiche herbeizuholen, da letzere in ihrem Schrecken 87 über die Erlebniſſe der Nacht auch auf das Geheiß eines ſo geachteten Mannes ſich nicht getrauten, das Geſchäft allein zu vollbringen. Es war auch kein Wunder, denn ſeit jener unvergeßlichen Neujahrs⸗ nacht, welche Barny Gee und dem Förſter das Leben gekoſtet, hatte zu St. Faith ſeit der älteſten Men⸗ ſchen Gedenken kein Mord ſtattgefunden. Doctor Phraſe beſtand nun darauf, daß ſein noch lebender Patient zu Bette gebracht werde, da er ſonſt für nichts ſtehen könne. Andrew würde, wenn er die Kraft beſeſſen hätte, ſich dagegen gewehrt haben, da er ſich nicht von ſeinem Golde trennen mochte. Auf Jocks Geſuch aber legte Mr. Thorn⸗ ton nicht nur der Truhe Siegel an, ſondern willigte ein, die Schlüſſel in ſeine Verwahrung zu nehmen. „Verlaß mich nicht, Jack,“ murmelte der Steward. „Kein Wort,“ unterbrach ihn der Dorfpracticus; ic bar dies nicht dulden. Es iſt ger adezu Selbſt⸗ mord—“ „Komm mit,“ fuhr der Sterbende fort, ohne auf die Warnung zu achten.„Ich will nicht allein blei⸗ ben— ich wage es nicht.“ „Ein Geiſtlicher würde eine paſſendere Perſon ſein,“ bemerkte der junge Mann ernſt.„Ich bin unwiſſend, Onkel, ſehr unwiſſend, und verſtehe mich nicht auf die Reden, die Ihr jetzt hören ſolltet.“ „Ich bin reich, Jack, reich und kinderlos,“ rief der Steward. „Was kümmert mich Euer Geld?“ verſetzte der Neffe.„Wenn Ihr mir es anbötet, ſo möchte ich es nicht Ihr vergeſſet,“ fügte er flüſternd ge⸗ gen den alten Mann bei,„daß ich weiß, wie Ihr 88 dazu gekommen ſeid. Es ruht kein Segen auf dem Geld der Sünde.“ „Du kennſt die Summe nicht,“ murmelte Andrew. „Und wäre ſie zehnmal ſo groß, ſo würde mein Sinn dadurch nicht geändert,“ lautete die Antwort. „Gott iſt barmherziger gegen Euch geweſen, als gegen Euren unglücklichen Bruder, und Reue verliehen. Benützt ſie weislich und macht von at Euch Friſt zur dem Inhalt jener Kiſte einen Gebrauch, der eine Sühne leiſtet für die Art ſeines Erwerbs; denn ich wiederhole, daß ich meine Hond nicht damit beflecken mag. Sie iſt jetzt ehrlich,“ fügte er im Tone der Selbſtachtung bei,„und die Vergangen⸗ heit ausgetilgt.“ Und er hatte Recht; wenn auch ein ſtolzes Wort, ſo war es doch auf die Wahrheit gegründet. Kein menſchliches Weſen kann moraliſch verantwortlich gemacht werden für ſein Thun, wenn man ihm nicht die Wahl läßt zwiſchen Gut und Böſe. Der arme vernachläſſigte Knabe hatte Johre lang nur das Schlimme gekannt, nichts Anderes geſehen und von nichts Anderem gehört; die Welt war ihm eoſ geweſen, und ſo ging es natürlich zu, daß er ſich auch gegen ſie feindlich benahm. Von Ehrlichkeit und geſellſchaftlichen Pflichten wußte er nichts; auch hatte er nie beten gehört, bis jenes heilige Wort voll göttlicher Weisheit, das in Lillians einſamer Kammer geſprochen wurde, zu ſeinem Ohr drang. Und ſicherlich war es mehr als Zufall, wenn ſeine Aufmerkſamkeit vornämlich durch die Stelle gefeſſelt wurde:„Führe uns nicht in Verſuchung.“ Wir Alle haben nöthig, ſie täglich und ſtündlich zu wiederholen. — 89 Die Worte„Barmherzigkeit und Reue“ würden von jeder anderen Lippe wahrſcheinlich nur eine ge⸗ ringe Wirkung geübt haben auf die cyniſche Natur des Steward; aber aus dem Munde eines Menſchen, der, obſchon in ſeiner Jugend für die Laufbahn des Laſters beſtimmt, ſich ihr mannhaſt entriſſen hatte und nun ſogar ſein Gold zurückwies, rüttelte ſie das Gewiſſen des Sterbenden aus ſeinem langen Schlum⸗ mer auf. „Sehr unpaſſend, in der That höchſt unpaſſend, muß ich ſagen,“ rief Doctor Phraſe,„meinen geach⸗ teten Patienten in ſeinem leidenden Zuſtand alſo aufzuregen. Bringt ihn langſam fort“— fügte er gegen die Dienſtboten bei—„wohlgemerkt, nur ganz gemach.“ „Jack,“ ſagte unſer Held, die Hand auf die Schulter ſeines beſcheidenen Freundes legend,„be⸗ ſinne Dich eines Beſſern und bleib bei ihm. Ich meine nicht um ſeines Geldes willen, nein, ich achte und ehre Deinen Entſchluß. Aber er hat nicht mehr lang zu leben und jedenfalls zu bereuen. Einige Worte können ſein Herz rühren.“ „Was ſoll ich ihm ſagen?“ entgegnete der junge Mann.„Sie vergeſſen, wie unwiſſend ich bin. Ein Geiſtlicher wäre eine geeignetere Perſon, um—“ „War denn Lillian ſo gar gelehrt?“ unterbrach ihn Richard Markham mit einem Lächeln. Die Anſpielung reichte aus. Jack Manders drückte dem Sprecher die Hand und folgte ohne ein weiteres Wort ſeinem Onkel, den die Farmknechte aus dem Zimmer ſchafften. 90 Achtundneunzigſtes Kapitel. Der Schmerz wirkt eben nicht vernichtend auf das leibliche oder geiſtige Leben ſeiner Opfer, wenn er es auch, wie der Mehlthau die Blume, ſeiner Friſche beraubt und lähmend auf die Thatkraft des Kopfes und Herzens wirkt, indem er letzteres in ein lebendiges Grab umwandelt, in welchem man nichts findet, als fruchtloſe Reue und eben ſo eitle Selbſt⸗ vorwürfe. Unter allen Umſtänden wäre der Verluſt des Enkels für Mr. Bently ein ſchrecklicher Schlag geweſen; ſo aber, nachdem es Richard gelungen war, Carus Kearns wahren Charakter zu enthüllen und die Rechtlichkeit ſeines Vaters zu beweiſen, traf er ihn doppelt ſchwer. Dennoch wirkte er nicht tödt⸗ lich, obſchon das Grab dem alten Mann willkommen geweſen wäre, dem ſeine Zukunft jetzt wie eine end⸗ loſe Oede erſchien. Der Brief der verſtorbenen Mrs. Bently erhöhte noch die Selbſtpeinigung des Kaufmanns; denn während ſie ſich auf ſeine Vaterliebe berief, recht⸗ fertigte ſie zugleich vollſtändig den außerordentlichen Schritt, den ſie gethan hatte, als ſie ihre Zuſtim⸗ mung zu dem Ehebund zwiſchen ihrer Tochter und dem Vater unſeres Helden gab. In der Einſamkeit ſeines Zimmers las er wieder und wieder jedes Wort, bis der ganze Inhalt mit fürchterlicher Be⸗ ſtimmtheit ſeinem Gedächtniß eingegraben war. Er lautete wie folgt: „Ich liege auf den Tod an einer ſeltſamen Krank⸗ heit, an der die Geſchicklichkeit meines Arztes ge⸗ 91 ſcheitert iſt, und wir werden uns in dieſem Leben nie wieder ſehen. Ach, daß meiner Rachel keine Mutter zur Seite ſteht, um für ſie zu ſprechen, und Du vielleicht ſelbſt der Begrabenen noch Vorwürfe machſt, weil ſie zu einer im Auge der Welt unpaſſen⸗ den Heirath ihre Zuſtimmung gab! Aber ich that nicht blos das Letztere, Richard, ſondern rieth ſo⸗ gar dazu. „Du haſt mich oft beſchuldigt, ich hege ein Vor⸗ urtheil gegen Deinen Neffen Carus. Du warſt noch nicht lange nach Indien abgereist, als ich Beweiſe erhielt— ich wiederhole das Wort Beweiſe— daß er nicht nur undankbar war gegen Dich, ſeinen Wohlthäter, ſondern auch ein ſchlechter, unehrlicher Menſch iſt. Leider darf ich Dir die Belege nicht namhaft machen; er drang mir einen ſchweren Eid ab, als ich ihn ertappte. Oh, daß ich Dir Alles ſagen könnte; aber meine Lippen ſind verſiegelt. Glaube dem Wort des Weibes, das Dich liebte, das Dich nie hinterging, und das bald vor dem Richter⸗ ſtuhl Gottes ſtehen wird— meine Verſicherung iſt Wahrheit. „Ich kenne die Hartnäckigkeit, mit der Du einen einmal gefaßten Plan feſthältſt, und weiß, daß Du Rachel mit ihrem Vetter Carus zu verbinden beab⸗ ſichtigſt; daher wagte ich es nicht, das Glück unſeres einzigen Kindes auf's Spiel zu ſetzen. Vergib mir, Richard, und laß es Rachel nicht entgelten. Möge das Andenken ihrer todten Mutter ihr zur Fürſprache dienen; ſie wird bald keinen andern Schutz mehr haben.“ 63 Aus dieſen Zeilen ging klar hervor, daß Mrs. 92 Bently Carus ob dem Diebſtahl ertappt hatte und von demſelben vielleicht unter Bedrohung mit einem noch ſchwereren Verbrechen genöthigt worden war, ihm Geheimhaltung unter einem feierlichen Eide zu⸗ zuſichern. Der Schleier, der über der Todesart der un⸗ glücklichen Frau ſchwebte, ließ ſich wohl nie ganz heben. Nach Durchleſung eines ſolchen Briefes mußte natürlich der Sinn des Kaufmanns ein ganz anderer werden, da er in Wirklichkeit nur wenig oder gar nichts zu verzeihen hatte. Sein Schwiegerſohn war durch das Syſtem negativer Verfolgung, das man gegen ihn handhabte, in's Elend geſtürzt worden, und der vieljährige Jammer, der ſeiner Tochter aus dem Verluſt unſeres Helden erwuchs, hätte ihr er⸗ ſpart bleiben können. Wenn der finſtere Mann ſich alles dies zu Gemüth zog, ſo darf man ſich nicht wundern, daß er vor Rachels Thränen, als deren Ur⸗ ſache ihn ſein Gewiſſen anklagte, nach Melndown floh. Mr. Bently hörte eben in ſeiner Bibliothek eine Erzählung des in dem Herſchaftsgut verübten Mord⸗ verſuchs aus Fletchers Mund an, als ſein vertrauter Diener in's Zimmer trat. Der alte Mann ſchien ſehr aufgeregt zu ſein, und doch hätte ein ſorgfäl⸗ tiger Beobachter wahrnehmen können, daß aus ſei⸗ ner Unruhe ein Zug der Hoffnung, wo nicht der Freude hervorleuchtete. „Was gibt's?“ fragte ſein Herr.„Ich habe nicht geklingelt.“„ „Ich weiß es, Sir,“ verſetzte der Diener,„aber es iſt ein Beſuch angelangt.“ „Von London?“ „Ich denke, zunächſt von da,“ lautete die vor⸗ ſichtige Antwort,„aber er iſt in letzter Zeit auch in Indien geweſen.“ Der Kaufmann ſeufzte, denn dort lagen, wie er glaubte, ſeine ſchönſten Hoffnungen begraben. „Ohne Zweifel von meinem alten Freund Curry,“ ſagte er.„Der Herr ſoll kommen.“ Der Bediente machte keine Anſtalt das Zimmer zu verlaſſen. „Habt Ihr mich nicht verſtanden?“ fragte Mr. Bently mild. „Ich glaube nicht, daß der Gentleman von Mr. Curry kömmt,“ bemerkte der Mann.„Ich habe ihn ſchon früher hier geſehen, als—“ Er hielt inne. Mr. Bently bemerkte ſeine Auf⸗ regung, und auch ihn wandelte ein eigenthümliches Gefühl an. „Nur fortgemacht,“ ſagte er mit Feſtigkeit.„Ich kann jetzt Alles ertragen.“ „Als die beiden jungen Gentlemen in der Halle waren, Sir.“ „Marſh?“ rief Mr. Bently. „Ich glaube ſo iſt ſein Name.“ „Er ſoll ſogleich kommen. Vielleicht bringt er mir ein Andenken oder eine letzte Bitte von meinem armen Enkel.“ Als der Lieutenant eintrat, ſtaunte er nicht we⸗ nig über die Veränderung, die eine Friſt von nicht viel mehr als einem Jahr in Mr. Bently's Aeuße⸗ rem hervorgebracht hatte; ſein graues Haar war ſchneeweiß geworden und in ſeinem Geſicht nicht mehr der frühere Ausdruck von Feſtigkeit, um nicht zu ſagen Strenge, wahrzunehmen. 94 „Sie kommen in ein Haus der Trauer,“ begann der Kaufmann, ihm die Hand bietend,„ich möchte faſt ſagen des Todes, denn das Leben hat für mich ſeine Sonne verloren und iſt zur Hede geworden. Wer hätte auch gedacht, daß es ſo ſchwer ſei, zu ſterben?“ Marſh ſetzte ſich ſchweigend nieder, denn obſchon er ein Weltmann war, ſetzte ihn doch der Anblick dieſes hoffnungsloſen Jammers in Verlegenheit. „Sie können mir Alles ſagen,“ nahm der Spre⸗ cher wieder auf.„Erzählen Sie mir immerhin von dem Tod meines Enkels; ich kann es ertragen, denn mein Herz iſt unfähig, weitere Schläge zu empfinden. Seltſam,“ fügte er mit erzwungener Ruhe bei,„wie philoſophiſch wir mit zunehmendem Alter werden.“ „Ich bin nicht bei dem Ereigniß geweſen, von dem Sie ſprechen,“ verſetzte der Lieutenant tief be⸗ wegt.. „Ich meinte, das heißt, man ſagte mir, Sie hätten ihn begleitet auf der verhängnißvollen Reiſe, die—“ Trotz der gerühmten Standhaftigkeit konnte Mr. Bently ſich nicht länger halten und brach in bittere Thränen aus. „Sie ſehen, was ich für ein Philoſoph bin,“ fuhr er wehmüthig fort.„Das Herz iſt ein wunder liches Ding; wer kann es begreifen? Jahrelang blieb das meinige taub gegen die Stimme der Na⸗ tur und gegen den Schmerz meines eigenen Kindes; der Verluſt meines Enkels hat es gebrochen.“ „Es währte lange, bis ich an den Tod meines jungen Pfleglings glauben konnte,“ bemerkte der Lieutenant, 95 „denn die Rachricht war keine zuverläſſige. Man trug ſich mit ſo vielerlei Gerüchten, von denen das des nächſten Tags dem des vorigen widerſprach. Um mich zu überzeugen, beſchloß ich, ſelbſt nach dem Landestheil zu gehen, in welchem das Unglück ſtatt⸗ gefunden haben ſollte.“ „Das war ſehr freundlich von Ihnen,“ ſagte der Kaufmann;„doch nicht mehr, als ich von Ihnen er⸗ wartete. Und Sie überzeugten ſich?“ „Nahezu.“ In dem Ton des Wortes und in dem Blick, mit welchem er es begleitete, lag etwas, was den alten Mann betroffen machte. Der erſte Strahl der Hoff⸗ nung dämmerte in ſeinem Herzen auf. „Nahezu,“ wiederholte er.„So wäre es keine Wirklichkeit? Es iſt noch Ausſicht— die Möglichkeit vorhanden, daß er lebt? Marſh, quälen Sie mich nicht durch eine Ungewißheit, die vielleicht gut ge⸗ meint iſt, aber über meine Kräfte geht.“ „Die Leiche wurde nicht gefunden.“ Mr. Bently ſchlug in ſtummem, aber doch be⸗ redtem Dank die Hände zuſammen. „Er kann auch gefangen ſein,“ fügte der Lieute⸗ nant verlegen bei, denn die Aufregung des Groß⸗ vaters unſeres Helden erſchreckte ihn⸗ „Haben Sie keine Gewißheit eingezogen?“ rief Mr. Bently. Marfh zögerte mit der Antwort. „Doch das ſoll meine Sorge ſein,“ fuhr der alte Mann fort.„Ich würde ein königliches Löſe⸗ geld für ihn bezahlt, ja mein eigenes Leben für ihn hingegeben haben. Nichts mehr von Mittelsperſonen, ich will ſelbſt nach Indien gehen.“ „Bedenken Sie die Entfernung, mein theurer Sir— Ihr Alter.“„ „Ich mache mir nichts daraus,“ unterbrach ihn der Kaufmann.„Es iſt Ausſicht vorhanden, ihn wieder zu ſehen; das verjüngt mich, und die Hoff⸗ nung, die Liebe verleiht mir Kraft. Sie werden mich begleiten?“ „Recht gerne, im Fall die Reiſe nöthig ſein ſollte,“ verſetzte Marſh, welcher fühlte, daß es am beſten ſei, auf jede Gefahr hin der aufregen⸗ den Scene ein Ende zu machen. „Er lebt!“ rief Mr. Bently, von ſeinem Stuhl aufſpringend und den Sprecher mit unerwarteter Kraft am Arm faſſend.„Ich fühle, ich weiß es. Treiben Sie nicht Ihr Spiel mit meinen grauen Haaren. Sprechen Sie es aus, das Wort— ſeien Sie barmherzig.“ Raſche Schritte näherten ſich der Thüre des Zim⸗ mers. Der Kaufmann hörte ſie— ſeinem Ohr von frü⸗ her bekannte Laute— und er ſtand einen Augenblick wie feſtgebannt da, obſchon ſeine Hand den Arm des Lieutenants feſthielt, da er ohne dieſe Stütze zuſam⸗ mengebrochen wäre. Erwartung, Hoffnung, Zweifel, Furcht hatten den höchſten Grad erreicht, und jede längere Ungewißheit drohte verhängnißvoll zu wer⸗ den— da that ſich die Thüre auf, und im nächſten Moment ſah ſich Mr. Bently von den Armen ſeines Enkels umfangen. Marſh verließ das Zimmer; er hatte ſeine Aufgabe vollbracht, und eine Centnerlaſt war ſeiner Bruſt entnommen. 97 Mehrere Stunden entſchwanden, ehe er wieder herbeigerufen wurde. Er fand den Kaufmann ſehr blaß von der überſtandenen Aufregung, aber doch kräftiger, als er erwartet hatte. Der Ausdruck hoff⸗ nungsloſen Grams war dem einer innigen Zufrieden⸗ heit, wo nicht dem der Freude gewichen. „Richard hat mir Alles geſagt,“ lauteten die erſten Worte des alten Mannes.„Ich werde bald ein weiteres Enkelchen zu lieben haben.“ In dieſen wenigen Worten drückte er den Beifall aus, den er der Wahl ſeines Enkels ertheilte. Auch erklärte er ſeine Abſicht, am andern Tag nach Lon⸗ don aufzubrechen. „Es iſt keine Stunde, keine Minute zu bald,“ erwiderte er auf Marſh's Gegenvorſtellung.„Es gibt noch andere Thränen zu trocknen; meine Freude darf nicht ſelbſtſüchtig ſein. Warum ſoll ich mich auch länger von der Welt abſchließen?“ fuhr er in fieberiſcher Aufregung fort.„Mein Herz iſt wieder kräftig, und ich ſehne mich, ihn den Armen der Mutter zurückzugeben. Dann erſt werde ich aufhören können, die Vergangenheit zu beklagen.“ So ſehr auch Richard nach ſeinen Eltern ver⸗ langte, bat er doch ſeinen Großvater, aus Rückſicht auf deſſen Geſundheit, noch ein paar Tage zu ver⸗ ziehen.„Bedenken Sie, daß Weihnachten ſo nahe iſt,“ fügte er bei. Die Hinweiſung auf dieſe heilige Zeit ſchien dem alten Mann zu gefallen, und er willigte ſogleich ein. Auch ließ er ſich erſt bewegen, zur Ruhe zu gehen, als Richard und der Lieutenant nach dem Herrſchafts⸗ gut zurückkehrten, um daſelbſt nach ihren Freunden Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 4 98 und Andrew Siler zu ſehen. Der Letztere war bei ihrer Ankunft bereits verſchieden. „Gebe Gott, daß ich nie wieder an einem ſolchen Sterbebett ſtehen muß,“ bemerkte Jack, der ungemein blaß war.„Und doch iſt es mir lieb, daß ich ſeiner Bitte nachgab, da ich dadurch Jemand, der Ihnen theuer iſt, vielleicht einen Dienſt erwieſen habe. Das Pergament, das Mike's Spießgeſelle mit fortgenom⸗ men, war das lang unterdrückte Codicill zu dem Teſtament des vorletzten Baron von Meldown, der für den Fall, daß Sir Norman ohne männliche Er⸗ ben mit Tod abginge, die Güter zu gleichen Theilen an ſeine und Allan's Nachkommen vermachte.“ „Das iſt ſehr wichtig,“ bemerkte der Lieutenant, „und gibt einen Schlüſſel zu den Beweggründen der Lady Boothroyd. Die Urkunde muß beigeſchafft werden, was es auch koſten mag.“ „Um ſeine Sünden einigermaßen wieder gut zu machen,“ fuhr Jack fort,„hat mein unwürdiger Verwandter über ſein Vermögen zu Lillian's Gunſten verfügt.“ „Das geſchah auf Deinen Zuſpruch,“ rief Richard⸗ ob dieſer Uüneigennützigkeit erſtaunt. „Was konnte er Beſſeres damit thun?“ verſetzte der junge Mann.„Ich war feſt entſchloſſen, keinen Heller davon anzunehmen. Bei Miß Boothroyd, die er ſo ſchwer benachtheiligte, iſt es ein ganz an derer Fall.“ Achtundvierzig Stunden nach dem eben mitge⸗ theilten Ereigniſſen wurden zwei Perſonen in London durch Briefe von Meldownpark in nicht geringes Erſtaunen geſetzt. Die eine war des Leſers alter it, er fl zu er en zte en un⸗ ge⸗ on es ter 99 Bekannter Peter Mangles, der ſeinen Principal rein nicht begreifen konnte. Er las das Schreiben zwei⸗ mal, verwahrte es dann in ſeinem Pult, zog es wieder hervor und durchging es zum dritten, ja ſelbſt zum vierten Mal. „Herr Jemine, was ſoll das heißen, daß Richard in dieſer unbegreiflichen Weiſe ſchreibt!“ murmelte er vor ſich hin.„Ich ſoll das Haus herrichten laſſen, daß er nach zwei Tagen wieder einziehen kann — das iſt einfach genug, denn er hat das Landleben ſatt gekriegt. Aber was ſoll ich daraus machen, wenn er ſchreibt: Ich gedenke an Weihnachten eine große Geſellſchaft zu geben und habe die Einladungen dazu von hier aus abgehen laſſen. Treffen Sie An⸗ ſtalten, welche der Wichtigkeit des Anlaſſes entſpre⸗ chen.— Welchen Anlaſſes? Wie kann man doch in einem ſo ungeſchäftsmäßigen Styl ſchreiben!— Gratuliren Sie mir, mein lieber Freund; ich werde nicht länger einſam ſein. Das Glück kommt freilich ſpät; aber es iſt doch endlich gekommen.— Zu was ſoll ich ihm gratuliren? Er war vorher ſchon reich genug, und ein Zuwachs an Geld, wenn er dieſen meint, kann nicht glücklich machen. Er muß nicht richtig in ſeinem Oberſtübchen ſein. Aber das rührt von dem Landleben her. In der Stadt kommt man nicht auf ſo verrückte Ideen.“ Allmälig begann ein ſchrecklicher Verdacht in Peters Gehirn aufzutauchen.„Ja, der alte Eſel will noch heirathen— es kann nichts Anderes ſein. Nur Heirathstollheit oder Bankerutt kann es erklären, daß Richard in ſo ungeſchäftsmäßiger Weiſe ſchreibt. Die alte Sünde, der Stolz plagt ihn wieder. Ich 7* weiß, er jammerte darüber, daß Mary kein Junge iſt— als ob ſie etwas dafür könnte! Jetzt ſetzt er ſich in den Kopf, noch einen Erben zu kriegen, der ſeinen Namen trägt. Welche Bübin hat ihn wohl in ihr Garn gelockt?— Sicherlich eine Wittwe— es muß eine Wittwe ſein.“ Dieſer Gedanke machte ihn ſo verwirrt, daß er richtig einen falſchen Eintrag in das Hauptbuch machte — ein Verſehen, das ihm während ſeiner ganzen dienſtlichen Laufbahn nur ein einziges Mal vorge⸗ kommen war. Seine Entrüſtung hinderte ihn übri⸗ gens nicht, Mr. Bently's Weiſungen nachzukommen. Auch Rachel hatte einen Brief erhalten, in wel⸗ chem ihr Vater ſie einlud, an Weihnachten mit ihrem Gatten und Mary in ſeiner londoner Wohnung bei ihm zu ſpeiſen.„Laß mich Dein langvergeſſenes Lächeln wieder ſehen,“ lautete der Schlußſatz:;„ich habe ein Geſchenk für Dich und meine Enkelin.“ „Ein Geſchenk!“ ſeufzte die Mutter.„Gold und Gaben! Ach, wie viel Jammer hätte uns früher da⸗ mit erſpart werden können.“ Nennundneunzigſtes Kapitel. Am Abend vor dem Chriſtfeſt ſaßen die Mark⸗ hame in ihrem elegant möblirten Beſuchzimmer bei⸗ ſammen. Natürlich war Peter Mangles bei ihnen; denn wo hätte der alte Mann ſeine Abende zubrin⸗ gen ſollen? Hatte er doch, um näher bei ihnen zu ſein, ſogar ſeine Wohnung in Blackhead aufgegeben. Er beirachtete Georg wie einen Sohn, und was 101 Mary betraf, ſo wäre es nicht leicht, die Liebe des ercentriſchen Buchhalters zu dem ſchönen, zarten We ſen zu ſchildern, welches als Kind ſo tiefes Intereſſe in ſeinem Herzen geweckt hatte. Die Vorſtellung, daß ſein Principal abgeſchmackter⸗ weiſe mit Heirathsgedanken umgehe, ließ ihm keine Ruhe, und in ſeinem ganzen Leben hatte er ſich nie ſo ſehr nach dem andern Morgen geſehnt, der ſeine Zweifel beſtätigen oder zerſtreuen ſollte. Rachel und ihr Gatte lächelten nur, wenn er ſeine Vermuthungen auskramte. Abgeſehen von Mr. Bently's Wohlfahrt konnte es ihnen gleichgültig ſein, ob ſie gegründet waren oder nicht; denn wenn Reich⸗ thum glücklich machen konnte, ſo beſaßen ſie bereits mehr als genug. Mary dagegen war ſogar entzückt über den Gedanken, eine Großmama zu bekommen. Peter ſah auf ſeine Uhr; es war Acht vorüber. „Noch nicht angekommen,“ murmelte er;„ganz ungeſchäftsmäßige Angewöhnungen. Doch, Richard iſt in der letzten Zeit nie mehr pünktlich geweſen. Will uns ohne Zweifel überraſchen; aber mich überraſcht er nicht,“ fügte er mit einem kleinen Anflug von Bitterkeit bei.„Nun, ich habe ſeine Aufträge nach dem Buchſtaben beſorgt, und er wird mir in dieſer Beziehung nichts vorwerfen können; es iſt Alles vorbereitet zum Empfang der Braut.— Braut!“ wiederholte er mit einer Geſichtsverzerrung. „Wie er in ſeinen Jahren nur an ſo Etwas denken mag. Freilich iſt er nur neunzehn Monate und eilf Tage jünger als ich. Vielleicht liegt's in der Luft,“ fügte er mit einem verzweifelten Witzverſuch 102 bei,„und dann muß ich mich wohl nächſtens auch nach einer Frau umſehen.“ „O, ich bitte, thun Sie dies,“ rief Mary, ſpie⸗ lend ihren Arm um ſeinen Hals legend;„ich möchte ſo gern einmal Brautzungfer ſein.“ „Ich will mir's überlegen, mein Kind,“ verſetzte Peter trocken. Dann ſchien ihm das Komiſche des Gedankens, in ſeinem Alter noch zu einer Ehe zu ſchreiten, erſt recht aufzufallen, und er brach in ein gutmüthiges Lachen aus. „Nein, nein,“ fügte er bei, indem er die Locken des lieblichen Mädchens ſtreifte und ſie auf die Stirne küßte;„ich muß vorher auf Ihrer Hochzeit tanzen.“ Das fröhliche Lächeln verſchwand aus dem Antlitz ſeines Lieblings und machte einem gedankenvollen Ausdruck Platz. Doch bemerkte nur Rachel dieſe Veränderung, da einem Mutterauge ſelten Etwas entgeht. Man hörte jetzt einen Wagen an dem Haus vorfahren, und Mr. Mangles begann eine Unruhe zu zeigen, als ſäße er auf Nadeln. „Das iſt Richard,“ ſagte er. „Es iſt des Großvaters Wagen!“ rief Mary, welche an das Fenſter geeilt war, um nach der Straße hinunter zu ſehen. „Ohne Zweifel mit vier Pferden,“ brummte der Buchhalter und begann eine Reihe von Bemerkungen, die nur ihm ſelbſt verſtändlich waren.„Poſtillon mit weißen Schleifen— eine kichernde Jungfer und ein unverſchämter Valet auf dem Hinterſitz, die den jugendlichen Bräutigam verhöhnen und die * — 103 Braut bemitleiden. Was wird man in der City ſagen?“ Mr. Bently trat nun in's Zimmer. Obgleich weder Georg noch Rachel Peters Prophezeihungen eine ſonderliche Beachtung geſchenkt hatten, ſtaunten ſie doch über die Veränderung, die ſich in dem gan⸗ zen Aeußeren des Kaufmanns kund gab. Es war nicht mehr der von Gram und Gewiſſensbiſſen ge⸗ beugte Greis, ſondern eine aufrechte Geſtalt mit einem Geſicht, das den Ausdruck ungetrübter Freude zeigte. Auch lag in der Art, wie er ſeine Tochter umarmte und die Spuren des Kummers in ihrem Antlitz betrachtete, eine ungewöhnliche Herzlichkeit. „Ihr habt meinen Brief erhalten?“ ſagte er, nachdem er ſeine Enkelin geküßt und mit Georg und Peter Händedruck gewechſelt hatte. „Schon vor drei Tagen,“ antwortete Rachel mit einem matten Lächeln. „Auch der meinige iſt um ſelbige Zeit eingelau⸗ fen,“ bemerkte Peter trocken.„Ich hoffe, Sie werden Alles nach Wunſch beſorgt finden.“ „Ich bin noch nicht zu Haus geweſen“ ſagte der Kaufmann.„Dies iſt mein erſter Beſuch.“ „Ach, du gütiger Himmel!“ rief Mr. Mangles im Geiſt;„er hat ſie doch nicht mit hergebracht!“ „Ich bin des Landlebens überdrüſſig, Rachel,“ fuhr Mr. Bently fort,„namentlich zu dieſer Jahres⸗ zeit, in welcher das Herz etwas mehr verlangt, als die ſtille Geſellſchaft der Bücher und einſamen Ge⸗ danken.“ ch finde nie Zeit zu einſamen Gedanken,“ be⸗ merkte der Buchhalter in einem Ton, der ſeinem 104 Principal auffiel;„und wie man ſich über Bücher beklagen mag, begreife ich nicht, vorausgeſetzt, daß ſie ordnungsmäßig geführt und regelmäßig abge⸗ ſchloſſen ſind.“ Seine Zuhörer lächelten; ſie verſtanden wohl, was er für Bücher meinte— es waren die einzigen, welche je Intereſſe für ihn hatten. Mr. Bently trat an den Kamin und ſtützte eine Weile mit gedankenvoller Miene den Kopf auf die Hand. Augenſcheinlich hatte er etwas auf dem Herzen, was er zu enthüllen zauderte. Peter, der nichts Anderes glaubte, als daß ſich nunmehr ſeine Vermuthung beſtätigen werde, freute ſich höchlich über ſeine Verlegenheit.„Jetzt kommt es,“ dachte er. „Du biſt nicht ſehr neugierig, Rachel,“ bemerkte Mr. Bently. Seine Tochter ſah ihn überraſcht an. „Haſt Du das Geſchenk vergeſſen, das ich Dir in meinem Briefe verſprach?“ „Ein ſauberes Geſchenk— eine Stiefmutter,“ brummte der Buchhalter.„Mary's Vermögen geht wenigſtens zur Hälfte drauf. Ja wohl dal“ „Sind meine Gaben Dir werthlos geworden?“ fragte der Kaufmann. „Werthlos? Oh nein,“ verſetzte Rachel.„Sie wiſſen, wie ſehr ich den kleinſten Beweis Ihrer Liebe zu ſchätzen weiß. Iſt mir dieſe ſicher, ſo habe ich nichts mehr zu wünſchen.“ „Da mußt Du glücklicher ſein, als die meiſten Menſchen,“ entgegnete Mr. Bently mit einem Seuß⸗ zer,„denn nur wenige in dieſer Welt können ſich rühmen, daß der Himmel ihnen keine Segnung mehr — — 105 zu verleihen im Stande iſt. Wie, keinen Wunſch— gar keinen?“ „Vater,“ rief die aufgeregte Frau, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen,„ich bin überzeugt, daß Ihre Worte gut gemeint ſind, aber ſie ſchneiden mir in's Herz. Könnten Sie ſeine Leiden, ſeinen nie endenden Kummer leſen, ſo würden Sie ganz anders urtheilen. Wenn meine Lippen bisweilen lächeln, ſo geſchieht es, weil ich die Freude Anderer nicht trüben will. Haben Sie Mitleid mit mir und ſchonen Sie den Schmerz, der ſeit Jahren mein Leben verbittert.“ Mary eilte an die Seite ihrer Mutter, ſchlang den Arm um ſie und ſuchte vergeblich ihr die reich⸗ lich ſtrömenden Thränen wegzuküſſen. Peter dagegen wurde ganz roth im Geſicht, brauchte fleißig ſein Taſchentuch und warf ſeinem Principal faſt wüthende Blicke zu. „Er hat das Herz eines Krokodils,“ rief er im Geiſte. „Mr. Bently, iſt dies weiſe? iſt es liebevoll?“ „Stille, Georg,“ unterbrach Mr. Bently ſeinen Schwiegerſohn.„Wir haben bisweilen unſere Vor⸗ würfe, nie aber unſere Nachſicht zu bereuen.“ Es lag nicht blos in den Worten, ſondern auch in dem Ton und in dem ganzen Weſen des Spre⸗ chers ein Nachdruck, der jeder weiteren Vorſtellung oder Bemerkung Einhalt that. „Rachel,“ fuhr er dann mit einer Stimme fort, die vergeblich nach Feſtigkeit rang,„Du wirſt mir gewiß keine abſichtliche Liebloſigkeit Schuld geben; Du biſt Mutter und kannſt deßhalb wohl die Tiefe, 106 aber auch die Furcht elterlicher Liebe beurtheilen. Weit entfernt, Dir einen unnöthigen Schmerz bereiten zu wollen, würde ich ihn lieber ſelbſt auf mich ge⸗ nommen haben.“ Das Antlitz der Tochter wurde plötzlich ſo weiß wie die Marmorwand. „Gott iſt barmherzig,“ fügte er bei.„Der Se⸗ gen, um den wir nur allzu oft mit leidenſchaftlichem Gebet und unter Seufzen und Thränen flehen, wird uns bisweilen weislich vorenthalten, um zuletzt un⸗ ſere Ergebung zu belohnen.“ Ein durchdringender Schrei— wir können ihn nicht den der Freude, kaum den der Hoffnung nen⸗ nen— brach über die Lippen der armen Mutter, als die Bedeutung dieſer Worte ein plötzliches Licht in ihre Seele fallen ließ. „Sie haben Nachricht von meinem Knaben!“ rief ſie.„Ich fühle es— ich leſe es in Ihren Augen, die von Innigkeit überquellen. Sie ſind zu gütig, um mich mit trügeriſchen Hoffnungen zu foltern,“ fügte ſie in ſteigender Aufregung bei.„Er lebt— ſprechen Sie es aus. Oh Vater, nicht dieſe falſche Schonung! Das Herz einer Mutter iſt ſtark! Reden Sie, oder die Spannung tödtet mich. Richard, mein Sohn, mein Sohn!“ Als unſer Held ſeinen Namen ſo leidenſchaftlich ausrufen hörte, wartete er nicht länger auf das zwiſchen ihm und ſeinem Großvater verabredete Zei⸗ chen, ſondern ſtürzte in das Zimmer. „Mutter! theure Mutter!“ Das waren die ein⸗ zigen Worte, die ihn ſeine Aufregung hervorbringen ließ, aber es lag in ihnen ein Zauber, der in dem 107 Mutterherzen die lange ſchlummernden Widerhalle wach rief. Im Nu hatten ihn ihre Arme umſchlun⸗ gen; ihr Herz klopfte an dem ſeinigen, und ihre blaſſen Lippen preßten ſich auf die Wangen des Wiedergefundenen. Geraume Zeit wagten weder Vater noch Schwe⸗ ſter die Wonne des Wiederſehens zu ſtören; denn ſie fühlten, daß es ein heiligeres Recht gab, als das ihrige, das der Mutterliebe. Doch Rachel vergaß ihrer nicht. „Georg,“ ſchluchzte ſie, die Hand ihrem Gatten hinbietend,„unſer Sohn— unſer Erſtgeborener! Da iſt er wieder, frei von Schande und Verbrechen! Mary, Dein Bruder!“ Richard's Arm umſchlang die Geſtalt des weinen⸗ den Mädchens, das ihr Haupt auf ſeine Schulter niederſinken ließ. „Gott ſei Dank!“ rief die glückliche Frau aus, indem ſie auf ihre Kniee ſank;„die Kinder, die Du mir ſchenkteſt, haben ſich nicht von Dir abgewendet!“ „Mein Sohn,“ ſagte der tiefergriffene Vater, Richard bei der Hand nehmend;„ich kann Dir ohne Schamröthe entgegentreten. Der Kummer und das Herz eines Engels haben mich von der Sünde der Trunkliebe geheilt.“ „Ich weiß Alles— weiß, wie Sie gekämpft und geſiegt haben,“ veyſetzte der junge Mann,„und bin ſtolz darauf, Sie Vater nennen zu dürfen.“ „Kommen Sie mit mir nach dem Bücherzimmer, Georg,“ ſagte Mr. Bently;„es gibt noch allerlei aufzuklären, und Richard wird dieſes Geſchäft ſeiner Mutter gegenüber beſorgen. Nehmen Sie Mary mit.“ Seine Tochter am Arm, verließ Georg Markham 108 das Gemach, und auch Peter Mangles, der wie ein Kind weinte, begleitete ſie. Der Kaufmann folgte zuletzt, und als er die Thüre des Beſuchzimmers hinter ſich zudrückte, fühlte er zum erſten Mal ſeit Jahren ſich wieder mit ſich ſelbſt verſöhnt. „Und ich,“ ſagte der alte Buchhalter, nachdem ſein Principal die Geſchichte des erſten Zuſammen⸗ treffens mit ſeinem Enkel und den daraus hervor⸗ gegangenen Folgen erzählt hatte—„ich konnte Sie des Mangels an Gefühl beſchuldigen!“ „Bst!“ unterbrach ihn Mr. Bently,„keine Vor⸗ würfe. Das Beſte, was ſich von meinem Beneh⸗ men ſagen läßt, iſt, daß die Vorſehung weiſer war als meine Empfindlichkeit.“ „Aber mir ſelbſt will ich Vorwürfe machen, dazu habe ich das Recht,“ entgegnete Peter.„Sie haben gar keinen Begriff davon, welch ein lächerlicher alter Narr ich geweſen bin. Würden Sie es wohl glau⸗ ben, Richard, daß ich, als Sie in Ihrem Brief vom „nicht länger allein ſtehen in der Welt“ ſprachen, in meinem einfältigen Kopf ausheckte, Sie wollten wieder heirathen? Als ob ein Menſch bei geſunden Sinnen in unſerem Alter eine ſo ungeſchäftsmäßige Handlung begehen könnte!“ Ich fühlte mich, als ich ſchrieb, zu aufgeregt, denn kaum zuwot war mir mein Enkel wieder zurück⸗ gegeben worden. Allerdings hätten meine Worte verſtändlicher geſetzt werden ſollen.“ „Aber dies iſt noch nicht Alles,“ nahm Peter„ mit dem feſten Entſchluß, reine Bruſt zu machen wieder auf.„Es iſt noch keine Stunde, daß ich Sie in meinem Innern mit einem Krokodil verglich — 8 1 109 — ja, mit einem Krokodil,“ fügte er feierlich bei— „nicht daß ich ſchon eines geſehen hätte.“ Und er machte dabei eine Miene, als ſei er der Anſicht, daß die Ungeheuerlichkeit ſeines Benehmens durch dieſen nicht ſehr wichtigen Umſtand nur noch erhöht werde. „Ich weiß, Sie verzeihen mir's,“ fuhr er fort;„aber das iſt's eben, warum es mir ſo zu Herzen geht. Könnte ich das Gegentheil glauben, ſo würde ich mich nicht halb ſo elend fühlen.“ „Ich habe nichts zu vergeben, alter Freund,“ erwiderte Mr. Bently mit einem Lächeln;„wir haben im Leben zu lang mit einander in einem Joch ge⸗ zogen, als daß wir nicht wechſelſeitig Nachſicht haben ſollten mit unſeren Schwächen.“ „s liegt etwas Wahres darin, Richard,“ bemerkte Peter in ſeiner einfachen Weiſe, die jede Annahme einer Stichelei ausſchloß.„Denke wohl, wir müſſen von einander das Schlimme wie das Gute anneh⸗ men und darunter die Bilanz ziehen.“ Als ſie nach dem Beſuchzimmer zurückkehrten, fanden ſie Rachel und Richard gefaßter. Die erſte Aufregung hatte ſich gelegt und an ihre Stelle war das Gefühl eines ruhigen Glückes getreten. Was Mr. Bently betrifft, ſo war er eben ſo gerührt als freudig ergriffen von der liebevollen Weiſe, mit wel⸗ cher ſeine Tochter ihm entgegen kam. In ihrem gedankenvollen Auge lag eine nachdrücklichere Bered⸗ ſamkeit als in ihren Worten, während ſie ihm unter Segenswünſchen dankte für die Sorgfalt, die er ſeinem Enkel erwieſen hatte. Peter Mangles vermochte ſeine Augen nicht von unſerem Helden zu verwenden und verſchlang ihn 110 faſt mit ſeinen Blicken. Er hatte ſich in eine ſolche Aufregung hineingearbeitet, daß er wiederholt zu ſeinem Taſchentuch ſeine Zuflucht zu nehmen genöthigt war. „Du mußt unſeren wohlwollenden alten Freund lieben,“ flüſterte Mary ihrem Bruder zu.„Du kannſt nicht wiſſen, wie ſehr wir ihm zu Dank ver⸗ pflichtet ſind.“ „Du biſt im Irrthum, Schweſter,“ verſetzte Ri⸗ chard.„Ich habe bereits Alles gehört.“ „Von dem Großvater?“ fragte das argloſe Mädchen. „Zum Theil von ihm, zum Theil von Jemand anders.“ „Von Jemand anders?“ entgegnete Mary.„Wer kann dies ſein?“ Die Antwort, welche, wie die Bemerkung, die zu der Frage Anlaß gegeben hatte, in flüſterndem Tone erfolgte, jagte eine hohe Glut auf die Wangen des Mädchens, obſchon ſie nur in einem einzigen Wort beſtand, das ungefähr wie„Heinrich“ klang. Die Zeit entſchwindet ſchnell, wenn das Glück ihre Abſchnitte zu zählen vergißt, und der Weihnachts⸗ morgen war bereits angebrochen, ehe Mr. Bently daran dachte, das Haus ſeines Schwiegerſohns zu verlaſſen. „Dies iſt jetzt Deine Heimath, Richard,“ bemerkte er, als er ſeinem Enkel gute Nacht ſagte. „Keinen Schritt,“ fügte er abwehrend bei, da ihn Richard wenigſtens nach ſeinem Wagen begleiten wollte.„Bei mir zu Haus wird es nicht mehr freudelos ſein; denn die glücklichen Geſichter, die ich e u t —— 111 hier zurücklaſſe, werden mich als frohe Erinnerungen umſchweben.“ „Morgen alſo,“ ſagte Richard lächelnd. „Wir werden uns mit ruhigeren Gefühlen wieder⸗ ſehen,“ verſetzte der Kaufmann.„Rachel,“ fügte er gegen ſeine Tochter bei, die gleichfalls herabkam, um ſeinen zärtlichen Gutenachtwunſch in Empfang zu nehmen—„Du darfſt mir nicht fehlen und wirſt's auch nicht; denn ich habe Deine Worte nicht ver⸗ geſſen:„Ein Mutterherz iſt ſtart. Es werden Dir wohl fremde Geſichter begegnen; aber es ſind wohl⸗ wollende Herzen— ſolche, die Deinen Sohn geliebt haben.“ In jener Nacht gab es wohl wenige ſo glückliche Perſonen, als Mr. Mangles; denn jetzt ſtand nicht mehr zu fürchten, daß die Firma verlöſche. Georg Markham und ſein Sohn brachten Jugend und friſche Thatkraft in's Geſchäft. So war denn Alles gekom⸗ men, wie er es nur zu wünſchen vermochte, und er ſah ruhig der Zeit entgegen, wenn er und ſein Prin⸗ eipal die Leitung der Angelegenheiten in jüngere Hände niederlegen konnten. Sie hatten lange genug gearbeitet. Man wird ſich nicht wundern, wenn nach der Aufregung des Abends Rachel faſt kein Auge ſchlie⸗ ßen konnte. Mehr als einmal fuhr ſie von ihrem Lager auf und fragte ſich ſelbſt, ob ihr Glück auch Wirklichkeit und nicht vielmehr eines der lebhaften Traumgeſichte ſei, die ſchon ſo oft ihren Kummer⸗ ſchlaf geäfft hatten. Dieſe Ungewißheit wurde ihr endlich ſo peinlich, daß ſie ſich, nur in ihr Nacht⸗ gewand gehüllt, verſtohlen aufmachte und nach Ri⸗ 112 chards Schlafgemach ſchlich, um Ueberzeugung zu ſuchen. Als ſie ſich mit der Hand an die Thüre des Zimmers ſtützte, hörte ſie den Gegenſtand ihrer Sorge im Schlummer den ſüßen Mutternamen flüſtern. Dies war genug. Ihr Herz erkannte ſeine Stimme, und ſie kniete nieder, um zu beten und ihn zu ſegnen. In dieſer Stellung fand ſie ihr Gatte, der ſie an ſeiner Seite vermißt hatte. Er wollte ihr zärtliche Vorwürfe machen, daß ſie ihre Geſundheit ſo wenig ſchone; ſie aber legte ihre Finger auf ſeine Lippen: „Dort,“ flüſterte ſie,„dort ſchläft er unter un⸗ ſerem Dach, ganz wie elterliche Liebe ihn nur wün⸗ ſchen kann. Er iſt uns endlich zurückgegeben, Georg, edel, treu, brav und ehrlich. Haben wir nicht alle Urſache, Gott zu danken?“ „Ja wohl,“ verſetzte Georg.„Unſerem Sohne verdanke ich die Wiederherſtellung meines guten Na⸗ mens— ein beſſeres Erbtheil, als ich ihm in der Frucht meines Fleißes hinterlaſſen kann. Aber dies iſt keine geeignete Zeit, Rachel.“ „Ich weiß es, Georg. Du mußt mir keine Vor⸗ würfe machen oder in meiner Freude mich für kin⸗ diſch halten. Ich fürchtete, mein Glück ſei zu groß, wirklich ſein zu können. Du zürnſt mir doch nicht?“ „Ich Dir zürnen? Eben ſo gut könnte der Schiff⸗ brüchige dem Brett, das ihn durch die ſchäumenden Wellen an's Land getragen hat, oder der verirrte Wanderer dem Stern zürnen, der im pfadloſen Sand der Wüſte ihn zurecht wies.“ 3 Richard und Mary waren die Erſten, welche ſich 113 am andern Morgen in dem Frühſtückszimmer ein⸗ fanden. „Richard, lieber Richard!“ rief das holde Mäd⸗ chen, als der Arm des Bruders ſie umſchlang,„ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich Du uns gemacht haſt und wie beharrlich wir in unſeren Geſprächen und Gebeten Dein gedachten. Wir hatten ohne Dich kaum eine Heimath, verzweifelten aber nie an Deiner Rückkehr.“ „Du bauteſt alſo auf das Verſprechen meines Freundes Heinrich?“ verſetzte der Bruder ſchalkhaft. „Der arme Menſch! Die Nachricht von meinem Tode bereitete ihm die peinlichſte Verlegenheit; denn er hatte mir ſein Wort gegeben, unverbrüchliches Still⸗ ſchweigen zu bewahren.“ „Und ich kann ihm bezeugen, daß er es hielt.“ „Auf Gefahr ſeines Glückes,“ bemerkte Richard. „Wie kömmſt Du auf dieſen Gedanken?“ entgeg⸗ nete Mary, unter hohem Erröthen.„Ich kenne ja noch nicht einmal ſeinen Namen.“ „Klingt Heinrich nicht recht hübſch?“ „Es iſt aber vermuthlich nicht ſein einziger.“ „Er heißt Morton und iſt der Sohn eines ſehr achtbaren Mannes, eines von unſeres Großvaters iue Freunden. Du mußt ihn um meinetwillen ieben. Nach dieſet Auskunft ſchien die Aufgabe der Schwe⸗ ſter nicht beſonders ſchwer vorzukommen. „Du mußt mir jetzt auch von Lillian erzählen,“ ſagte ſie, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben.„Der Großvater hat geſtern Abend von Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 8 114 ihr geſprochen, und ich brenne vor Verlangen, ſie kennen zu lernen. Ich bin überzeugt, daß ich ſie ſehr lieben werde; ſie muß eben ſo gut als ſchön ſein, da ſie Deine Neigung gewonnen hat.“ „Warum dies?“ fragte Richard lächelnd. „Weil Du ſelbſt gut biſt und— doch nein, dies darf ich nicht ſagen, um Dich nicht eitel zu machen. Nun Du uns zurückgegeben biſt, bleibt mir kein Wunſch mehr übrig, und ich bilde mir eigentlich etwas ein auf Dich. Wie oft beneidete ich meine Freun⸗ dinnen, die Brüder hatten, denen ſie ſich anvertrauen und bei denen ſie Schutz ſuchen konnten. Doch das iſt jetzt vorbei, und ich werde Niemand mehr be⸗ neiden.“ Von dieſer Stunde an gab es kein Geheimniß mehr zwiſchen den Geſchwiſtern, und ſie ſchenkten ſich gegenſeitig jenes Vertrauen, das eben im Wechſel⸗ tauſch der Gedanken und Gefühle doppelt ſüß iſt. Für die Eltern war es ein erfreulicher Anblick, beim Eintritt in das Gemach ihre Kinder ſo einig zu finden. Im Lauf des Morgens ſtellte ſich auch Jack Man⸗ ders ein. Er wurde von den Eltern ſeines Wohl⸗ thäters und Freundes, der ihnen bereits von ſeinem Benehmen gegen Lillian, ſeiner großen Anhänglich keit an ihn und ſeinem mannhaften Beharren auf dem Pfad der Rechtſchaffenheit erzählt hatte, freund⸗ lich, man kann faſt ſagen liebevoll aufgenommen. Anfangs fühlte ſich der arme Burſche ſehr verlegen. Er hatte Mrs. Martham ſeit der Nacht, in welcher er ſie auf der Brücke gegen Carus Kearns Rohheit ſo ritterlich vertheidigt, nicht wieder geſehen und it 115 konnte ſich daher ihrer nur als eines armen beſchei⸗ denen Geſchöpfes von ſeiner eigenen Lebenslage erin⸗ nern. Unter der Zier und Bequemlichkeit, die der Reichthum verleiht, war ſie ihm fremd geworden. Aber Rachel hatte ihn nicht vergeſſen. Ihr wackeres Herz kannte keinen Stolz, und ſie dankte ihm mit Wärme für das Vergangene. „Von dieſer Verpflichtung wußte ich nichts,“ ſagte Richard.„Ah, Jack, ich finde, Du haſt Geheimniſſe vor mir.“ „Reden Sie doch nicht davon,“ verſetzte der junge Mann, der von dem Lob ſich mehr beſchämt fühlte, als von Vorwürfen.„Ich wußte wohl, daß Sie glücklich ſind— ſo glücklich wie Sie es verdienen, aber ich wollte mich mit eigenen Augen überzeugen, und da der Lieutenant, Lady Bell und Lillian mir ſagten, daß ich es wohl wagen dürfe, ſo dachte ich—“ „Ihr wollet die Bekanntſchaft mit Euren alten Freunden erneuern,“ bemerkte Mary und bot ihm beide Hände hin, mit denen er in ſeiner Verwirrung nichts anzufangen wußte.„Wie, habt Ihr mich ver⸗ geſſen?“ „Die Kleine— das heißt— Miß Markham, wollte ich ſagen.“ „Nennt mich Mary, ich höre dies am liebſten.“ Vor dem Beſuch bei feinem Großvater konnte Richard nur eine Stunde, eine kurze Stunde in Mi⸗ vart's Hotel bei Lillian verbringen; es ſchien ſeinem Glück etwas zu fehlen, bis ſie es getheilt hatte. Die Herzensahnungen wurden mehr als erfüllt, und das Chyriſtfeſt erwies ſich in der That als ein glückicher Tag für die in Mr. Bently's gaſtlicher 8* 116 Wohnung verſammelte Geſellſchaft. Sir Charles und Lady Bell begrüßten Richards Eltern mehr wie Verwandte, von denen man lange getrennt war, als wie Fremde, und ſtellten ihnen, nachdem ſie ihnen Glück gewünſcht, ihr Pflegekind vor. „Ich muß in Ihrer Liebe den Mutterantheil für mich in Anſpruch nehmen,“ ſagte Rachel, die errö⸗ thende Lillian in ihre Arme ſchließend. „Sie machen mich überglücklich,“ flüſterte unſere Heldin. Mary ſchmiegte ſich an ihre Seite und küßte ſie, um ſich in ſolcher Weiſe als künftige Schwägerin vorzuſtellen. Bei Tiſch erhielten Richard und Heinrich Morton ihre Plätze neben den ſchönen Mädchen. Dies wollte nur Peter Mangles nicht einleuchten, welchem es gar nicht gefiel, daß er des gewohnten Platzes neben Mary beraubt werden ſollte. Auch erſah er im Lauf des Abends die Gelegenheit, ſie bei Seite zu nehmen, um ſeine Neugierde zu befriedigen. „Wer iſt der junge Mann, der ſo aufmerkſam gegen Sie iſt?“ fragte er. „Ein recht hübſcher, meinen Sie nicht?“ entgeg⸗ nete ſie ſchalkhaft. „Nun ja, vielleicht; aber Sie haben mir meine Frage nicht beantwortet.“ „Er heißt Heinrich.“ Das war nach Peters innerlichem Urtheil kein geſchäftsmäßiger Name— in ganz London gab es keine ſolche Firma. „Er iſt ein Freund und Schulkamerad von Ri⸗ chard,“ fügte Mary bei. 117 „Wie, der geheimnißvolle Gentleman in dem Square— der mit dem Portrcit, he?“ Das ſchöne Mädchen nickte bejahend. „Noch ein Wort. Iſt er in der City?“ „Natürlich nein, Peter,“ antwortete die junge Dame mit einem ſchelmiſchen Lächeln.„Keines von uns iſt jetzt in der City. Mr. Morton iſt Advokat, oder wird es wenigſtens bald ſein.“ Und ohne einer weiteren Frage Raum zu geben, entwiſchte ſie ihm und ſchloß ſich ihrem Bruder und Lillian an. Heinrich ſtand bei ihnen. Peter machte eine ernſte Miene, denn eine ſeiner ſchönſten Hoffnungen ſchien in die Brüche zu gehen. Mary wurde wohl kaum die Frau eines Geſchäfts⸗ mannes. Sein Verdruß hielt jedoch nicht lange an, ſondern verſchwand vor ihrem von Freude ſtrahlenden Antlitz. Als ihr Blick dem ſeinen begegnete, ſchüt⸗ telte er leicht den Kopf, indem er zugleich ihr Lächeln erwiderte. Bundertſtes Kapitel. Die Nachricht von dem Tode des Steward traf Lady Boothroyd wie ein Donnerſtreich. Sie ahnete, daß damit der erſte Faden ihres kunſtvollen Ränke⸗ gewebes zerriſſen war. Sie ließ den Advokaten Mar⸗ ſhall ſogleich durch den Telegraphen herbeibeſcheiden, und dieſer begab ſich nach einer langen Beſprechung un⸗ verweilt mit dem Auftrag nach St. Faith, ſämmt⸗ liche Papiere, Urkunden und Brieſſchaften des Ste⸗ wards als zum Gut gehörige Akten an ſich zu nehmen. Mit Bangen ſah die Lady der Rückkehr ihres Agenten entgegen, deſſen Miene ſchon ihrem erſten Blick verrieth, daß ſeine Sendung fehlgeſchlagen war. „Hören Sie mich an, ehe Sie mir Vorwüpfe machen,“ ſagte der Mann des Rechts.„Ich habe mich unmittelbar nach meiner Ankunft in das Farm⸗ haus begeben, konnte aber nichts thun, weil mir die Teſtamentsexecutoren zuvor gekommen waren.“ „Pah, Bauernvolt,“ verſetzte die Gnädige un⸗ willig.„Sie ſind doch ſchon alt genug, um zu wiſ⸗ ſen, welchen Gebrauch man vom Geld machen kann. Ich habe Ihnen charte planche gegeben.“ „Sie nützte im gegenwärtigen Falle nichts, denn die Executoren ſind Mr. Thornton Und Ihr Mieths⸗ mann in Meldown. Euer Gnaden werden einſehen, daß es Wahnſinn geweſen wäre, ſolche Männer be⸗ ſtechen zu wollen.“ Lady Boothroyd wechſelte bei dieſer Nachricht die Farbe; der Schlag traf eben ſo ſchwer als unerwartet. Unter allen Menſchen war Mr. Thornton vielleicht derjenige, den ſie am meiſten fürchtete. „Sie haben alſo mit Ihrem Beſuch gar nichts ausgerichtet?“ bemerkte ſie. „Zur Zeit nichts Greifbares,“ verſetzte der Advokat; „doch habe ich werthvolle Auskunft eingeholt.“ „Die wäre?“ entgegneteſeine Zuhörerin ungeduldig. „Sie wiſſen, der Steward wurde durch ſeinen kürzlich von Chatam entwichenen Bruder ermordet, der—“ „Ja, ja, ich habe dies gehört,“ unterbrach ihn die Lady.„Der Mörder wurde um dieſelbe Zeit durch eine Feuerwaffe verwundet und iſt jetzt todt. 119 „Er war nicht allein,“ fuhr Mr. Marfhall fort, „ſondern hatte einen Helfer bei ſich, über deſſen Per⸗ ſon ich Fingerzeige beſitze.“ „Was kümmert mich die Perſon des Meuchel⸗ mörders?“ unterbrach ihn die Lady gereizt. „Sie haben noch nicht Alles gehört,“ ſagte Mr. Marfhall, das Wort„Alles“ beſonders nachdrücklich betonend. Im Nu wurde ſeine Zuhörerin ruhig. „Der Mann, den ich meine,“ fuhr der Advokat fort,„iſt in demſelben Augenblick entwiſcht, in wel⸗ chem das Verbrechen entdeckt wurde. Bei ſeiner Flucht nahm er eine Urkunde mit ſich, die der Steward in der Hand hatte, als er überfallen wurde.“ „Wahrſcheinlich das Codicill?“ fiel die Lady un⸗ vorſichtig ein, bereute aber ſogleich die ihr entwiſch⸗ ten Worte. „Ein Codicill?“ fragte der Rechtsgelehrte ſich innerlich.„Zu welchem Teſtament wohl— zu dem des Sir Norman oder zu dem ſeines Onkels?“ „Marſhall,“ fuhr die Dame fort,„ich will nicht verſuchen, Sie zu täuſchen. Ich habe Gründe, welche die Wiedererwerbung dieſer Urkunde für mich ſehr wichtig machen. Sie ſagen, Sie wiſſen etwas von dem Schurken, der ſie ſich zugeeignet hat. Ver⸗ folgen Sie ſeine Spur mit der Beharrlichkeit eines Jagdhunds, ſparen Sie weder Geld noch Verſprechun⸗ gen, bringen Sie mir das Document zurück, und ich ſtelle es Ihnen frei, ſelbſt Ihre Belohnung zu beſtimmen.“ „Das läßt ſich hören, Lady Boothroyd. Ich will mein Beſtes thun, Ihrem Auftrag nachzukommen.“ 120 „Wem hat Andrew Siler ſeinen übelerworbenen Reichthum vermacht?“ fragte die Dame. Der Rechtsgelehrte konnte kaum ein Lächeln un⸗ terdrücken; denn die Frage beſtätigte ſeinen früheren Argwohn, daß der Steward ihr irgend einen unehren⸗ haften Dienſt geleiſtet und dafür eine ungeheure Zahlung erhalten hatte. „Einem jungen Gentleman, der, ſo viel ich weiß, der Enkel des Mr. Bently, Ihres Miethsmannes in Meldown, iſt.“ „Und der Grund für dieſe außerordentliche Ver⸗ gabung?“ „Ich konnte dies nicht erfahren. Das Teſtament wurde von Mr. Thornton aufgeſetzt.“ „Abermals dieſer widerwärtige Name!“ Das ränke⸗ volle Weib fühlte, daß ein Gewitter ſich um ſie her ſammelte, dem zu begegnen ſie all' ihrer Thatkraft benöthigt war. „Es muß vorwärts gehen mit dieſer Heirath,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, ſo bald ſie allein war. Iſt Alice Illſtons Frau, ſo kann ſein Vater nicht umhin, mich mit dem ganzen Einfluß ſeines Namens und ſeiner Stellung zu decken. Unſere Intereſſen werden dann die ſeinigen ſein.“ Sie ſchrieb ſofort zwei lange, ſchlau eingefädelte Brieſe, den einen an ihren Neffen, den anderen an den Grafen, in welchen ſie ihre Wünſche nicht nur andeutete, ſondern nachdrücklich hervorhob. In dem erſteren ſuchte ſie die Eiferſucht des Viscbunt rege zu machen, indem ſie ihn von dem Schreiben in Kennt⸗ niß ſetzte, das William Thornton an ihre Tochter gerichtet hatte; aber wenn auch ihre Speculation auf — 121 eine Leidenſchaft, die jedenfalls Liebe vorausſetzt, fehl⸗ ſchlug, ſo erreichte ſie doch in ſo fern ihren Zweck, daß ſie in Illſton auf's Neue den Haß gegen ſeinen früheren Beſchützer und Schulkameraden weckte. Bei dem Grafen dagegen beklagte ſie ſich über ſeines Sohnes Kälte gegen Alice, indem ſie zugleich erklärte, die Partie müſſe entweder abgebrochen oder die Ver⸗ bindung baldigſt vollzogen wesden. Auch hier er⸗ reichte ſie die gewünſchte Abſicht. Anders dagegen verhielt ſich's mit Alice, der ſelbſt das Grab lieber geweſen wäre, als der Chebund mit ihrem Vetter.„Wenn ich doch arm wäre,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„dann würde mich Illſton nicht mehr mit ſeiner verhaßten Liebe verfolgen. Liebe!“ wie⸗ derholte ſie verächtlich.„Er kennt die Bedeutung dieſes Wortes nicht. Sie iſt eine edle Leidenſchaft und ſucht kein Glück anders als in der Wechſelſeitig⸗ keit. Mein armer Vater hat ſich wohl nicht vorge— ſtellt, daß er ſein Kind zu einem ſo hoffnungsloſen Elend verdamme. Es war eine Schwäche von mir, daß ich ſeinen Bitten nachgab.“ Das arme Mädchen war in der That zu beklagen, obſchon die Welt, die nur nach äußerem Flitter ur⸗ theilt, ſie ohne Zweifel beneidete. Mehr als einmal kam ſie auf den Gedanken, ſich an Illſtons Ehren⸗ haftigkeit und Männlichkeit zu berufen und von ihm die Erlaſſung einer Zuſage, welche ſie elend machte, zu verlangen; wenn ſich aber, was ſelten geſchah, weil der ſeines Opfers ſichere Viscount es nicht für der Mühe werth hielt, ihr ſeine Zeit zu widmen, eine Gelegenheit dazu ergab, ſo entſank ihr der Muth. Der cyniſche Blick ſeines kalten grauen Auges ſchien 122 ihres Kummers nur zu ſpotten. Dabei hatte ſie nicht einmal den Troſt der mütterlichen Theilnahme; denn der Leſer weiß wohl, wie wenig Vertrauen zwi⸗ ſchen Lady Boothroyd und ihrer Tochter beſtand. Alice ſaß eben in dem Beſuchzimmer und dachte über ihre unglückliche Lage nach, als der Graf und ſein Sohn angemeldet wurden. Der Peer hatte kein böſes Herz, und im Leben war ihm Alles nach Wunſch ergangen. Er beſaß eine Frau, welche die Pflichten ihrer Stellung mit Anmuth erfüllte; das heißt, ſie empfing ſeine Freunde, führte an ſeiner Tafel den Vorſitz und war eine feingebildete Dame, in deren Geſellſchaft ſich der Gatte behaglich fühlte. Jeder⸗ mann lobte und bewunderte die Gräfin— was wollte er mehr? „Die Mutter iſt in ihrem Toilettezimmer,“ ſagte Alice nach den gewöhnlichen Empfangscomplimenten. „Ich will ſie von Ihrer Anweſenheit unterrichten.“ Dem ſcheuen Vogel gleich wünſchte ſie aus der Nähe ihres Verfolgers zu kommen; der Graf aber, der ihren Beweggrund erkannte, machte mit dem ge⸗ wohnten Takt ihren Verſuch zu nichte. „Ich bin alt genug, um meine Schwägerin in ihrem Ankleidezimmer beſuchen zu können, ohne Aerger⸗ niß zu erregen. Du brauchſt Dich nicht zu bemühen, Alice.“ Und ehe ſie ihm antworten konnte, hatte er das Zimmer verlaſſen. Augenſcheinlich war der Beſuch des Lord Car⸗ lington und ſeines Sohnes, wie auch die Abweſen⸗ heit der Mutter verabredet. Ohne entſchieden roh zu ſein, konnte Alice ſich nicht gleichfalls entfernen; dagegen trat ſie, um ihre Verlegenheit zu verbergen, 123 an das Fenſter und ſah nach den auf dem Platz ſpie⸗ lenden Kindern hinunter. „Sie verabſcheut mich aus dem Grund ihres Herzens,“ dachte Illſton;„doch das wird unſere Ehe nur um ſo pikanter machen. Iſt ſie einmal mein, ſo ſoll ſie die volle Freiheit haben, mich zu haſſen. — Sie müſſen wohl Ihre Umgebung ſehr langweilig finden, namentlich zu dieſer Jahreszeit,“ ſagte er laut. „Mein Vater iſt nur auf einem flüchtigen Beſuch in London— ein Cabinetsrath oder eine ähnliche pro⸗ ſaiſche Angelegenheit.“ Alice blickte auf das Trauerkleid, das ſie noch immer für ihren Vater trug. Der Viscount verſtand die Berufung. „Ach ja, aber es ſind ſeitdem ſchon ſechs Monate,“ ſeh er fort.„Haben Sie Rückſicht für meine Ge⸗ ühle.“ Das verächtliche Lächeln, das über die Lippen der Dame zuckte, ſchnitt dem Sprecher in's Mark, denn er war, wie die meiſten ſelbſtſüchtigen Menſchen, eben ſo eitel als herzlos. „Nicht daß ich aufdringlich zu werden wünſche,“ fügte er in bitterem Tone bei.„Ich weiß zu gut, welches geringe Intereſſe meine hingebungsvolle Liebe in Ihrem Herzen geweckt hat. Aber iſt es weiſe, Alice, dieſe Gleichgültigkeit zu nähren? Unſere Ver⸗ bindung iſt einmal unwiderruflich beſchloſſen. Warum wollen Sie dieſelbe ſtatt eines alsbaldigen Vollzugs lieber bis zu der äußerſten Friſt verſchieben, die Ihnen das Ihrem Vater geleiſtete Verſprechen ge⸗ ſtattet? Die Gräfin und Ihre Mutter ſind der An⸗ ſicht, man könne füglich ſich mehr beeilen, und Sie 124 wiſſen, daß ſie ein paar unanfechtbare Autoritäten ſind in Allem, was die Convenance du monde betrifft.“ „Handeln Sie großmüthig, Illſton,“ rief Alice mit dem Muth der Verzweiflung,„und ſtatt zu drän⸗ gen, entbinden Sie mich vielmehr eines Verſprechens, das mir von den Lippen eines ſterbenden Vaters abgedrungen wurde. Es iſt nicht meine Schuld, daß ich nicht lieben kann und daß mein Herz ſich gegen unſere Verbindung empört. Sie werden wohl eine Dame finden, welche die Ehre, Ihren Namen zu tra⸗ gen, beſſer zu ſchätzen weiß.“ „Aber keine würdigere,“ verſetzte der Viscount mit einem erzwungenen Verſuch, den Galanten zu ſpielen. „Eine ſchönere.“ „Kaum.“ „Und eine reichere.“ „Alice, Sie beleidigen mich durch die Annahme, daß dies mich beeinfluſſen könne,“ verſetzte der Vis⸗ count.„Auch wenn Sie arm und mitgiftlos wären, würde ich auf der Erfüllung des Verſprechens be⸗ ſtehen, das Sie ihrem verſtorbenen Vater gegeben haben.“ Der Nachdruck, den er auf den Schlußſatz legte, bewies, daß der Sprecher ſich über die Beſchaffenheit der Kette, an welcher er ſein Opfer hielt, keine fal⸗ ſchen Vorſtellungen machte. „Sie müſſen doch ein Herz haben,“ fuhr das arme Mädchen ſort.„Warum wollen Sie mich zu einem Schickſal verurtheilen, das Andere beneidens⸗ werth finden würden? Entbinden Sie mich jenes unglücklichen Verſprechens, und ich will Sie ſetznen.“ 125 „Nein.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nie einem Anderen angehören will.“ „Unter keinen Umſtänden,“ entgegnete der Vis⸗ count mit einer Bitterkeit, welche die Feſtigkeit ſeines Entſchluſſes bekundete.„Sie haben meine Antwort.“ „So erfreuen Sie ſich Ihres herzloſen, unmänn⸗ lichen Triumphes,“ erwiderte Alice in Thränen aus⸗ brechend.„Ich habe meinen Stolz bezwungen, da zu betteln, wo ich verachte; und nun ich Ihre Ant⸗ wort habe, gnädiger Herr, ſo hören Sie jetzt auch die meinige. Vor Ablauf des Trauerjahrs ſoll keine Ueberredung oder Verfolgung mich veranlaſſen, meine Hand zu vergeben. Dies iſt freilich nur eine dürf⸗ tige Befriedigung; aber ich will wenigſtens die letzten Stunden meiner Freiheit nicht verkürzt ſehen.“ „Und wenn das Jahr um iſt?“ „Fürchten Sie nichts, Sir,“ antwortete ſie, mit dem Ausdruck des Abſcheus ſich von ihm wegwendend; „wenn ich dann noch lebe, ſoll Ihnen Ihr Opfer nicht fehlen.“ „Das iſt keine ſehr huldvolle Zuſage,“ bemerkte der Gentleman mit einer ſpöttiſchen Verbeugung; „aber ich werde ihrer eingedent ſein.“ „Abgeſchmackt! kindiſch! lächerlich!“ rief Lady Boothroyd, aus dem innern Salon hervortretend, wo ſie den letztern Theil des Geſprächs belauſcht hatte. „Alice, ich ſchäme mich für Dich.“ „Es thut mir leid, wenn ich Ihnen dazu Anlaß gab, Mutter,“ verſetzte das Mädchen ruhig;„aber mein Herz macht mir keinen Vorwurf.“ „Alice, mein liebes Kind,“ ſagte ihr Onkel, der 126 gleichfalls eingetreten war,„das iſt ſehr unfreundlich. Nimm doch Rückſicht auf Illſtons Gefühle.“ Dann fügte er in Gedanken bei:„Zum Henker mit dem Kerl; warum verſucht er nicht ein bischen ſentimen⸗ taler auszuſehen?“ „Weil er ſo viel für die meinigen gezeigt hat?“ entgegnete die Erbin vorwurfsvoll. „Du mußt nicht vergeſſen, daß er liebt,“ ſagte der Peer. „Das iſt bei mir nicht der Fall,“ erwi⸗ derte die Nichte. Vergeblich ſuchte Lady Boothroyd durch Bitten, Schmeicheleien und Vorwürfe den Sinn ihrer Toch⸗ ter zu ändern. Alice blieb feſt und ſetzte ſogar die Mutter, wenn dieſe zu ungeſtüm in ſie drang, durch den ungewohnten Stolz ihres ſonſt ſo ſchüchternen, gehorſamen Weſens in Erſtaunen. „Die Natur fordert mich auf, dieſer Grauſamkeit zu widerſtehen,“ rief ſie,„und die Vernunft läßt mich bezweifeln, ob ich durch ein Verſprechen gebun⸗ den bin, das mir der Vater auf dem Sterbebett ab⸗ gedrungen hat. Ehe ich mich zwingen laſſe, breche ich es lieber, und wenn dies Sünde iſt, ſo mögen es Diejenigen verantworten, die mich dazu getrieben haben.“ „Alice!“ „Ach Mutter, ſpricht denn in Ihrem Herzen nichts für Ihr unglückliches Kind?“ „Für die Ungehorſame nichts,“ verſetzte die Lady t. „Alice,“ ſagte der Peer, deſſen Stolz durch den 127 erklärten Widerwillen verletzt wurde,„wenn dieſe Abneigung wirklich ſo unüberwindlich iſt—“ „Nicht doch, Herr Schwager,“ unterbrach ihn die Gnädige;„wer wird ſo ſchwach ſein, auf das Gefaſel einer einfältigen Romannärrin zu hören?“ „Wenigſtens muß man nicht darauf achten,“ be⸗ merite der Neffe kalt.„Wenn meine Muhme lieber einen Meineid auf ſich lädt, als das ihrem verſtor⸗ benen Vater gegebene Verſprechen hält, ſo mag ſie es mit ihrem Gemiſſen ausmachen.“ Alice rang verzweiflungsvoll die Hände. „Ich entbinde ſie nicht,“ fuhr er fort.„Nach Ablauf des Jahres hole ich meine Antwort. Ich kann warten.“ Damit verließ der edle Viscount das Zimmer. Nichts hält in London ſchwerer, als ein Geheim⸗ niß zu bewahren, das für die Heffentlichkeit Intereſſe hat, denn es dringt immerhin irgendwie an das Licht. Zuerſt erſcheint ein geheimnißvoller Zeitungsartikel mit dunkeln Andeutungen; im nächſten gibt man die Anfangsbuchſtaben und zuletzt die vollen Namen mit den Thatſachen, welche dann von dem müßigen Volk ſo lange geſiebt werden, bis man das Körnchen Wahrheit oder etwas ihr Nahekommendes von der Spreu geſchieden hat. Einige Tage nach dem Geſpräch, welches Alice's Schickſal zu beſiegeln ſchien, fiel dem Mädchen in einem der Morgenblätter folgender Artikel auf, der als„merkwürdige Enthüllung aus der vornehmen Welt“ überſchrieben war. „Ein intereſſanter Fall dürfte nächſtens die Thätig⸗ keit der Herren Advokaten beſchäftigen. Wie man 128 uns vertraulich mitgetheilt hat, wird an die Be⸗ ſitzungen eines gewiſſen kürzlich verſtorbenen reichen Barons, Sir M— B—, oder an einen Theil der⸗ ſelben von einer Tochter ſeines gleichfalls verſtorbenen Bruders Anſpruch erhoben. Die junge Dame wurde als Kind geſtohlen und nach Indien geſchickt. Um ſie zu beſeitigen, ſoll ſogar der Verſuch zu einem noch ſchlimmeren Verbrechen gemacht worden ſein; indeß dürfen wir in Anbetracht der hohen Stellung der betreffenden Perſonen dies blos andeuten. Die noch nicht volljährige einzige Tochter des verſtorbenen Barons und ſeine muthmaßliche Erbin iſt mit dem älteſten Sohn des Grafen von C— eines angeſehenen Cabinetsminiſters, verlobt. Die Angelegenheit hat in gewiſſen faſhionabeln und hochadeligen Kreiſen unge⸗ heures Aufſehen erregt. Die Entführung der Klägerin ſoll von St. Faith aus ſtattgefunden haben.“ Alice las den Artikel zweimal und bot ihn dann ihrer Mutter hin, deren Geſicht, als ſie ihn überflog, glutroth wurde. „Lächerlich!“ rief ſie, das Blatt wegwerfend. „Die Unverſchämtheit dieſer Zeitungsſchmierer wird unerträglich.“ Alice ließ ſich durch die erkünſtelte Gleichgültig⸗ keit nicht täuſchen; ſie erinnerte ſich plötzlich der kleinen Gefangenen in dem Pavillon von Meldownpark. „War Onkel Allan verheirathet?“ fragte ſie. „Nicht daß ich wüßte,“ verſetzte die Lady.„Wenig⸗ ſtens haben ſie keinen Beweis dafür.“ Alice wiederholte im Geiſt das Wort ſie. „Es wäre alſo doch etwas Wohres in dieſem Bericht?“ 129 „Ein abgeſchmackter Verſuch, das Kind eines ge⸗ meinen Soldaten, eines Kerls, der, wenn er am Leben geblioben, wegen Ermordung eines Boothroyd⸗ ſchen Parkwächters gehangen worden wäre, in unſere Familie einzuſchmuggeln. Das Mädchen iſt in die Hände von Ränkeſchmieden gefallen, die es ohne Zweifel darauf abgeſehen haben, uns durch Verfech⸗ tung der Anſprüche einer Betrügerin Geld abzupreſſen.“ „Iſt ſie wirklich eine Betrügerin?“ fragte Alice mit einem feſten Blick auf ihre Mutter. „„Wahrhaftig eine ſehr weiſe Frage,“ entgegnete die Lady verlegen.„Freilich iſt ſie's. Doch Betrug oder nicht, ſoviel iſt ſicher, daß dieſe angebliche Muhme nicht mehr Anſpruch auf das Meldown'ſche Beſitzthum hat, als der nächſte beſte Straßenbettler. In dieſer Beziehung ſpricht ſich das Teſtament Deines Groß⸗ onkels klar aus.“ Alice fühlte ſich nicht überzeugt. Sie gedachte wieder der kleinen Gefangenen, und der erſte Däm⸗ merſchein der Hoffnung erwachte in ihrem trauer⸗ vollen Herzen. „Wäre ich arm,“ dachte ſie,„ſo würde Illſton nichts von mir wollen.“ Und ſie betete in ihrem Innern, daß Lillians Anſprüche gegründet ſein möch⸗ ten. Wie gerne hätte das verfolgte Mädchen ihren Reichthum für die Freiheit hingegeben! Hundert und erſtes Kapitel. Leben und Tod ſind ungewiß, wie die tägliche Erfahrung lehrt. Es wäre gut für die Menſchheit, Smith, Ebbe n. Fluth. VI. 9 130 wenn die Unſicherheit nur hierauf beſchränkt bliebe; aber Geſundheit, Reichthum, Ruhm, Freundſchaft und ſelbſt die Liebe— Alles iſt dem gleichen traurigen Geſetz unterworfen. Ein Tag, eine Stunde vielleicht untergräbt die Grundlagen, auf welchen ſie beruhen, und macht das Leben zu einer Hede, zu einem Haufen von Trümmern. Aber von allem Ungewiſſen in dieſer unſichern Welt iſt es nichts in höherem Grade, als das Recht; jede andere Ungewißheit verhält ſich dagegen wie ein Maulwurfhaufen gegen einen Berg oder, mit Hamlet zu ſprechen, wie eine Warze gegen den Oſſa. Zu dieſer Anſicht kamen wenigſtens Sir Charles Fourreau, Lieutenant Marſh und unſer Held, nach⸗ dem ſie über Lillians Verhältniſſe das Gutachten von drei der berühmteſten juridiſchen Notabilitäten eingeholt hatten. Sir Friedrich Silvertongue war der Meinung, daß ſich vielleicht ein Fall von Verſchwörung und Menſchenraub beweiſen laſſe und rieth zu einem Criminalverfahren gegen Lady Boothroyd. Sergeant Rough hielt nichts auf dieſen Vorſchlag, weil die Boothroyde die geſetzlichen Vormünder ihrer Nichte geweſen ſeien und deßhalb ein unbezweifeltes Recht gehabt hätten, über ihre Perſon zu verfügen. Bellam, der vielberufene Procurator am Kanzlei⸗ hof, rieth zu einem Civilprozeß, welcher durch die Aufforderung an die Executoren des Teſtaments von Lillians Großonkel einzuleiten ſei, Rechenſchaft abzu⸗ legen von dem perſönlichen Vermögen, über welches von dem Erblaſſer nicht verfügt worden; denn als 131 Vertreterin ihres Vaters ſtehe der jungen Dame das Recht zu, ſeinen Antheil zu fordern. Ueber einen Punkt war jedoch das ganze Ad⸗ vokatenkleeblatt der gleichen Anſicht, daß nämlich in Ermangelung geſetzlicher Beweisſtücke für Allan Booth⸗ royds Heirath der Fall ſehr dunkel werde. „Dunkel?“ rief Richard.„Er iſt ja ſo klar wie die Sonne am hellen Mittag.“ „Moraliſch wohl, mein junger Freund,“ ſagte Mr. Morton, ihn auf die Schulter klopfend.„Leider ſieht die Juſtiz nicht mit unſeren Augen.“ „Dann muß ſie blind ſein wie die Unwiſſenheit ſelbſt,“ verſetzte unſer Held;„abſichtlich blind— wie könnte man ſich ſonſt erklären, daß—“ „Ich weiß, ich weiß,“ unterbrach ihn der Rechts⸗ gelehrte gutmüthig.„Es gab eine Zeit, in der ich auch ſolche unvergohrene Anſichten hegte.“ „Ich geſtehe, daß ich dieſe Meinungsverſchieden⸗ heiten über eine ſo klare Sache nicht begreife,“ be⸗ merkte Sir Charles.„Wenn das Recht eine Wiſſen⸗ ſchaft iſt, ſo gehört ſie jedenfalls nicht zu den exakten.“ „Darin liegt eben das Schöne,“ verſetzte Mr. Morton.„Von Ihnen kann man freilich nicht er⸗ warten, daß Sie dies begreifen; aber mir iſt es deutlich, da die Rechtskunde das Studium meines ganzen Lebens war.“ „Im Grunde wiſſen wir noch gar nichts von Ihrer Anſicht,“ ſagte der Lieutenant;„ich möchte mich am eheſten noch durch dieſe leiten laſſen, denn ich bin überzeugt, daß ſie wenigſtens eine ehrliche iſt. Gefällt Ihnen Silvertongue's Rath?“ „Gewiß nicht, denn Sergeant 132 erſcheint mir vollkommen begründet. Der Civilprozeß iſt entſchieden der beſte Weg.“ Sir Charles und Richard machten ärgerliche Ge⸗ ſichter. „Der Geldpunkt bildet, ſelbſt wenn ſich's um mehr handelte, nur eine untergeordnete Rückſicht,“ ſagte der Erſtere;„denn Lillian wird ohnehin reich genug ſein. Es muß uns beſonders daran liegen, zu beweiſen, daß ſie ein Anrecht an den Namen Boothroyd hat.“ „Durch das Mittel, das ich vorſchlage, gehen wir ja unmittelbar auf dieſen Punkt los,“ entgegnete Mr. Morton.„Indeß kann ich mit der Unterſchätzung der Geldfrage doch nicht mit Ihnen übereinſtimmen: denn wenn ſich's nicht um ſehr viel handelte, würde Lady Boothroyd nicht dafür ihren Ruf auf's Spiel geſetzt haben, der perſönlichen Sicherheit gar nicht zu gedenken, die durch den Menſchenraub, ein Faktum, das wir zum Glück beweiſen können, in hohem Grade gefährdet wird.“ Seine Zuhörer nickten beifällig. „Wenn wir nur jene Urkunde kriegen könnten, mag ſie nun Teſtament oder Codicill ſein,“ fuhr der Sprecher fort.„Ich hoffe indeß, ſie dem Menſchen, der ſie hat, bald wieder abjagen zu können. Ohne Zweifel wirft ſie ein Licht auf die Beweggründe der Lady.“ Nachdem man ſich über die nächſten Schritte, für die keine Koſten geſcheut werden ſollten, beſprochen hatte, kehrten die Gentlemen nach Mivart's Hotel zurück, und trafen daſelbſt den Major Hawley und ſeine Frau, welche während ihrer Abweſenheit ange⸗ * 133 kommen waren, um die Bekanntſchaft mit ihrem Path⸗ chen zu ernpuen. Die Dame muſterte unſeren Helden, als er durch Lillian vorgeſtellt wurde, mit einem ziemlich kritiſchen Blick, ſchien aber in Anbetracht des Umſtandes, daß er kein Militär(ihr Ideal von einem Liebhaber) war, nicht unzufrieden zu ſein; denn ſie beehrte ihn mit einem huldreichen Lächeln, während ihr Gatte ihm herzlich die Hand drückte. „Dieſer Advokat iſt ein klarer Kopf,“ bemerkte Mrs. Hawley, als ſie erfuhr, wo Sir Charles und ſeine Begleiter den Morgen verbracht hatten,„einer von den wenigen, die man doch verſtehen kann.“ „Und auch ebenſo ehrenhaft,“ ſagte Richard.„Ich habe ihn von meinen Knabenjahren gekannt.“ „Wie lautet ſeine Anſicht?“ fragte die Dame. „Die Hauptſchwierigkeit liegt in dem Umſtand, daß keine geſetzlichen Beweiſe von Allan Boothroyd's Trauung vorhanden ſind.“ „Geſetzliche Beweiſe?“ verſetzte die Pathin unſerer Heldin.„Was will der Mann damit ſagen? War nicht Lillian's Mutter bekanntermaßen ſeine Frau und wurde als ſolche überall aufgenommen und be⸗ handelt? Ich möchte doch den Offizier in unſerem Regiment kennen,“ fügte ſie entrüſtet bei,„der es gewagt haben würde, das nächſte beſte Geſchöpf in unſere Geſellſchaft einzuführen.“ Lillians Augen füllten ſich mit Thränen. Für ihr empfindſames Gemüth war es peinlich, auch nur von der Möglichkeit ſprechen zu hören, daß ihre El⸗ tern nicht geſetzlich verbunden geweſen ſeien. Daran zweifeln hieße die Reinheit des Himmels ſelbſt in Frage ſtellen,“ rief der Lieutenant;„denn 134 ohne von der Vorliebe eines Bruders geblendet zu ſein, kann ich behaupten, daß es nie ein edleres Weſen gab, als meine Schweſter. Während meines letzten Aufenthaltes in Indien machte ich eine lange Reiſe, um mir ihren Trauſchein zu verſchaffen; aber leider war die Station, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach die Feierlichkeit vor ſich ging, von den aufrüh⸗ reriſchen Sepoys zerſtört und das Archiv verbrannt worden. Doch Sie, Madame, haben ja auf einem ſo vertrauten Fuß zu ihr geſtanden; vernahmen Sie nie aus ihrem Munde, durch welchen Geiſtlichen der Trauungsakt vollzogen wurde?“ „Nie.“ „Auch nicht wo?“ „Ich hatte keinen Grund zu einer ſolchen Frage,“ verſetzte die Majorin,„und Riemand, der mit Mrs. Boothroyd in Berührung kam, hätte einen Zweifel über dieſen Gegenſtand unterhalten können. Ich weiß bloß, daß die Heirath ſtattfand, ehe er Offizier war. Sie hätten ihn nur ſehen ſollen, welch ein zärtlicher Gatte er war und wie hoch er ſeine Frau in Ehren hielt. Aber wie kömmt es, liebe Lillian, daß Du mein Pathengeſchenk nicht trägſt?“ Die Angeredete betrachtete ſie mit erſtaunter Miene. „Ich meine die Kette mit dem Türkisſchloß, die ich Dir bei Deiner Taufe einband. Sie wiſſen, Hawley— jene, die ich auf dem Bazar von Delhi kaufte.“ „Ja wohl,“ verſetzte der Major;„es war die Inſchrift aus Hafis darauf: Glaube und Hoffnung über Alles.“ — 135 „Ich entſinne mich deſſen noch recht gut,“ rief Lillian.„Ich habe die Kette noch getragen, als ich in St. Faith war, kann mich aber nicht erinnern, wie ſie mir abhanden kam.“ „Vielleicht weiß Roſa darüber Auskunft zu geben,“ bemerkte Lady Bell. Mark Rayner und ſeine Frau, die ſich mit dem Haushalt des Oberſten in dem Hotel befanden, wur⸗ den vorgerufen. „Wir haben das Geſchmeide nie geſehen,“ ant⸗ wortete Roſa auf die betreffende Frage.„Lady Boothroyd war ſehr ärgerlich darüber, daß ſie es nicht an ſich nehmen konnte, und ſchützte dies mit als Grund vor, warum ſie ihr Verſprechen, das aus der Bibel geriſſene Blatt zurückzugeben, nicht erfüllte. Zum Glück iſt dies jetzt von keinem Belang mehr,“ fügte ſie mit einem zärtlichen Blick auf ihren Gat⸗ ten bei. Der Gegenſtand wurde nicht weiter beſprochen, da man der Kette keinen anderen Werth, als den eines Andenkens an die Geberin beilegte. Wir müſſen jetzt den Leſer bitten, uns nach einem unſcheinbareren Schauplatz, nach einem kleinen, unbe⸗ quemen Haus in einer Sackgaſſe der City zu folgen. Das Erdgeſchoß beſtand aus zwei als Bureaur dienen⸗ den Zimmern, die durch eine mit grünem Wollen⸗ zeug überkleidete Thüre getrennt wurden und den gelegentlichen Beſuchern wohl kaum die Art des hier geübten Geſchäftsbetriebs errathen ließen, da nirgends Käſten, Handlungsbücher, Aktenbretter oder Waaren⸗ muſter zu ſehen waren. Ein Tiſch und etliche Stühle bildeten das einzige Möbelwerk. Die Fenſter des 136 einen Gemachs, das in die Straße hinausging, waren mit matt geſchliffenen Glasſcheiben verſehen; an denen des Hinterzimmers, durch die kein Nachbar herein⸗ ſehen konnte, hatte man dieſe Vorſicht nicht für nöthig gehalten. Dies war das Privatgeſchäftslokal des Mr. Mea⸗ dows, eines Polizei⸗Inſpectors außer Dienſt, der ſeit mehreren Jahren das Amt eines Spähers für eigene Rechnung betrieb. Das Aeußere des Gentleman, den wir jetzt unſern Leſern vorführen müſſen, hatte nichts Ungewöhnliches. Er war ein hagerer, aber doch kräftiger Mann von Mittelgröße, mit einem kleinen runden, puritanerartigen Kopf und einem regelmäßigen, obſchon nicht ſehr ausdrucksvollen Ge⸗ ſicht. Dieſer letztere Zug kam ihm wahrſcheinlich bei ſeinem Beruf ſehr gut zu Statten, ſofern er ihn be⸗ fähigte, die erſtaunlichſten Mittheilungen anzuhören, ohne daß man ihm anmerkte, welchen Eindruck ſie auf ihn machten. Wir finden den Mann in ſeinem Vorderzimmer ſitzend, wie er eben in einem Gedenkbuch blättert, deſſen Seiten mit allerlei nur ihm ſelbſt verſtänd⸗ lichen Figuren, Zahlen und Punkten bedeckt ſind. Er hat dieſen Morgen bereits einen Beſuch empfangen und rechnet kaum mehr auf einen zweiten, da ſeine Clienten nicht ſehr zahlreich, dafür aber um ſo aus⸗ erleſener ſind; denn wer ſeine Dienſte in Anſpruch nehmen will, muß nicht nur mit einer wohlgefüllten Börſe, ſondern auch mit unbedingtem Vertrauen kommen. Letzteres iſt die Conditio sine qua 56 ſeines Eingehens auf eine Sache. Er thut ſich augen⸗ ſcheinlich auf die Erfolge ſeiner Leiſtungen etwas zu — 137 gut und denkt nicht daran, ſeinen Ruf zu gefährden, wie verlockend auch das Honorar ſein mag. Einem Läuten der Bureauglocke ſolgte ein Pochen an die Flurwand, eine Anfrage von Seiten des Dieners, ob ſein Herr Zeit habe. „Ja,“ ſagte der Exinſpector in lautem, klarem Tone, ohne die Augen von ſeinem Notizenbuch zu verwenden, das für ihn einen beſondern Reiz zu haben ſchien. Der Riegel der Hausthüre wurde zurückgeſchoben, und Mr. Morton trat in das Zimmer. „Ich hoffe, Ihnen nicht unbekannt zu ſein,“ be⸗ gann der Rechtsgelehrte mit einem Lächeln,„obſchon mein Beſuch Sie ohne Zweifel überraſcht.“ „Leute von meinem Beruf vergeſſen ſelten ein Geſicht, das ſie einmal geſehen haben,“ verſetzte der Späher;„und was die Ueberraſchung betrifft, ſo ſprechen häufig achtbare, ſehr achtbare Männer bei mir ein.“ „Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete Mr. Morton. „Mich führt der Wunſch her, für eine wichtige An⸗ gelegenheit Ihre Beihülfe in Anſpruch zu nehmen, und ich kann Ihnen wohl zum Voraus ſagen, daß Sie bei unbedingtem Vertrauen auf ein ſehr anſehn⸗ liches Honorar zählen dürfen.“ Mr. Meadows lächelte wohlgefällig. „Kommen Sie in eigener Sache?“ fragte er. „Nein; für einen Clienten.“— „Wie heißt er?“ Mr. Morton zögerte. „Erlauben Sie mir zuerſt die Frage, ob Ihre Dienſte nicht bereits für einen Fall verſagt ſind, der d 138 mit dem kürzlich in Devonſhire verübten Mord in Verbindung ſteht?“ „In St. Faith— der Steward des verſtorbenen Sir Norman Boothroyd; ich erinnere mich des Vor⸗ falls. Einer der Mörder iſt entwiſcht und man hat einen hohen Preis für ſeine Ergreifung ausgeboten.“ „Ganz richtig; aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet,“ entgegnete Mr. Morton. „Ich habe weder mittelbar noch unmittelbar mit dieſer Sache zu ſchaffen,“ erwiderte Mr. Meadows. Dieſe Verſicherung befriedigte den Rechtsgelehrten vollkommen, der ſofort Lillians Geſchichte zu erzählen begann. Der Späher hörte ihm aufmerkſam zu, ohne ihn auch nur durch eine einzige Frage zu unter⸗ brechen; dann öffnete er ſein Notizenbuch und fing an Einzeichnungen zu machen. „Die Geſchichte iſt verwickelt,“ bemerkte er;„aber ich bin ſchon mit ebenſo wirren Knäueln zurecht ge⸗ kommen. Haben Sie keinen Fingerzeig zu dem Na⸗ men des Mannes, der nach dem Mord entwiſchte?“ „Einigermaßen— eigentlich mehr eine Vermu⸗ thung,“ entgegnete Mr. Morton.„Manders, der Neffe des ermordeten Steward—“ „Und des Mörders?“ unterbrach ihn der Ex⸗ polizei⸗Inſpector. „Ja,“ entgegnete der Advokat.„Manders meint, der Menſch werde wohl der ſogenannte Fidler Dick geweſen ſein.“ „Aus welchen Gründen?“ „Der Fidler Dick war ſtets einer von Mike's Spießgeſellen.“ „Was hat dieſer Manders für ein Prädikat?“ 3 . 139 „Ein ausgezeichnetes. Er iſt erſt kürzlich mit dem Haushalt des Sir Charles Fourreau aus Indien zurückgekommen, und wer ihn kennt, zollt ihm die höchſte Achtung.“ Dieſe Bemerkung zerſtreute jeden Argwohn, den der ſchlaue Späher geſchöpft haben mochte. „Dieſer Fidler Pick hat ein Weib,“ nahm der Rechtsgelehrte wieder auf,„die ihn vor einigen Jah⸗ ren an die Polizei verrieth; ſie lebt ſeitdem in ſteter Furcht vor ſeiner Rückkehr. Ich machte ihre Bekannt⸗ ſchaft in Folge von Erkundigungen, die ich im Auf⸗ des Majors Hawley und ſeiner Frau anzuſtellen atte.“ „Kennen Sie ihre Adreſſe?“ „Nein.“ „Macht nichts; ich werde ſie leicht auffinden.“ „In dieſem Fall bitte ich, mich es wiſſen zu laſſen.“ Der Späher nickte zuſtimmend, und nachdem er ſeinem Notizbuch noch einige Zeichen einverleibt hatte, war die Verhandlung bis auf den Honorarpunkt ab⸗ gethan. „Sie mögen dies als Angeld betrachten,“ ſagte Mr. Morton, ihm eine Hundertpfundnote einhän⸗ digend.„Für allen erforderlichen Aufwand haben Sie charte blancho.“ „Sehr befriedigend, vollkommen befriedigend,“ verſetzte Mr. Meadows mit einem Blick auf die Banknote.„Ich finde, Sie ſind ein Ausbundge⸗ ſchäftsmann, und es iſt eine wahre Freude, unter ſol⸗ chen Bedingungen zu arbeiten. Ich habe Ihre Adreſſe; nach ein paar Tagen ſollen Sie von mir hören.“ 140 Noch in der Straße begegnete Mr. Morton einem achtbar ausſehenden Mann mit einem gewiſſen länd⸗ lichen Geſichtsausdruck, welcher den Rechtsgelehrten— überzeugte, daß der Fremde aus der Provinz kam. Er hatte darin nicht Unrecht, denn die fragliche Per⸗ ſon war Niemand anders, als Mr. Marfhall, der Berather oder vielmehr der Agent der Lady Boothroyd. Obſchon unſer Freund Morton einen weit höhe⸗ ren Begriff von der wahren Würde ſeines Standes e hatte, als der Landpraktiker, bildete ſich der Letztere l doch unendlich mehr darauf ein, daß ſein Name auf der Advokatenliſte ſtand. Deßhalb benahm er ſich d auch ſehr hochweg gegen Alle, die er als geringer betrachtete, während das ihm angeborene kriechende 2 Weſen gegen alle Vornehmeren ſich in ſchleichender Schweifwedelei kund that. Ein Polizeibeamter war ſ für ihn nichts weiter, als was der Name beſagte, und er ging gegen den ſchlauen Späher mit derſel⸗ ben Gönnermiene auf den Zweck ſeines Beſuchs ein, 9 als habe er einen Dorfconſtabler ſeines Bezirkes vor ſich. „Ich möchte Sie in Nahrung ſetzen,“ ſagte er, ſich auf den Sitz niederlaſſend, den ihm Mr. Mea⸗ dows anwies.„Man hat mir Sie als einen ge⸗ ſcheidten, ſchlauen Burſchen bezeichnet, und da ich gut zu bezahlen gedenke, ſo rechne ich auch auf ehrliche Bedienung. Ich ſage Ihnen aber zum Voraus, daß ich ein ſcharfes Auge auf Sie haben werde,“ fügte ſ er bei.„Sie werden deßhalb vergeblich verſuchen, mich zu hintergehen.“ „Das dürfte ohne Zweifel ſchwer halten,“ ver⸗ ſetzte der Späher mit einem unterdrückten Lächeln. 0 141 „Ich ſchmeichle mir, daß es der Fall ſein wird,“ verſetzte Mr. Marfhall, ihn feſt in's Auge faſſend; denn der Sprecher hatte eine hohe Meinung von der Gewalt ſeines Blickes. „Und nun Sie ſich geſchmeichelt haben, ſind Sie vielleicht ſo gut, mich zu unterrichten, in welcher Weiſe ich Ihnen dienen kann?“ In dem Ton ſowohl als in den Worten lag etwas, was den Landpraktiker verblüffte; er erröthete leicht und nahm zur großen Beluſtigung des Polizei⸗ manns das Geſpräch in einer weniger patroniſiren⸗ den Weiſe wieder auf. „An dem Steward des verſtorbenen Sir Norman Boothroyd iſt ein Mord begangen worden.“ „Ich habe dies in den Zeitungen geleſen,“ ver⸗ ſetzte der Späher, ſür den die Sache Intereſſe zu gewinnen begann. „Doch das iſt nicht das Schlimmſte,“ fügte Mr. Marfhall bei. „Iſt mir gleichfalls bekannt.“ Marſhall ſah ihn ungläubig mit großen Augen an. „Der Schurke, welcher Reißaus genommen, hat ein Pergament oder ſonſt eine Urkunde mitgenommen, i Wiederbeiſchaffung von höchſter Wichtigkeit iſt, und—“ „Lady Boothroyd iſt bereit, dafür gut zu beloh⸗ nen,“ unterbrach ihn Meadows, ohne eine Muskel ſeines Geſichtes zu verziehen.„Ich bitte, fahren Sie fort.“ „Der Tauſend, das kann ich wahrhaftig nicht verſtehen,“ rief der erſtaunte Advokat. * 142 „Sie ſind vom Land,“ bemerkte ruhig Mr. Meadows. Nie hatte Marfhalls Selbſtgefühl einen ſchwere⸗ ren Stoß erlitten. „Ich ſehe,“ rief er endlich, von einem plötzlichen Gedanken erleuchtet,„das falſche doppelzüngige Weib iſt bereits bei Ihnen geweſen, obſchon ſie mir er⸗ klärte, daß Alles meiner Leitung überlaſſen bleiben ſolle.“ Der Erxinſpector lächelte; er war zu ſchlau, um dem Sprecher ſeinen Wahn zu benehmen, aber auch zu ehrenhaft, um ihn darin zu bekräftigen; hatte ſein Beſuch Luſt, ſich ſelbſt irre zu leiten, ſo war dies ſeine eigene Sache. „Erlauben Sie mir, Sie dayan zu erinnern, daß meine Zeit werthvoll iſt,“ ſagte er, auf ſeine Uhr ſehend.„Ich bin nach einer Stunde von Jemand beſtellt und darf es nicht fehlen laſſen.“ „Vermuthlich von der Lady,“ brummte Mr. Marſhall bitter.„Sie hat Sie bereits inſtruirt?“ „Das iſt eine verfängliche Frage, und Sie müſſen mich entſchuldigen, wenn ich Ihnen die Antwort ſchuldig bleibe. Sie ſind geſcheidt, Sir, ſehr ge⸗ ſcheidt; aber wir in London ſind auch nicht ganz auf den Kopf gefallen. Sie vergeſſen, dies iſt blos eine Beſprechung, keine Berathung.“ „Ich ſehe da keinen Unterſchied.“ „Ihre Clienten haben hoffentlich einen klareren Blick,“ ſagte Meadows,„wenn man anders auf dem Lande nicht blos um des Vergnügens willen prak⸗ ticirt.“ 5 Marſhall griff den Wink auf und drückte ihm n b m te ar hr d en rt e⸗ nz en m k 143 fünf Guineen in die Hand, ſeiner Meinung nach ein ſehr ſchönes Honorar. „Und nün laſſen Sie mich hören, wozu Sie rathen.“ „Der Meuchelmörder wird ohne Zweifel ver⸗ ſuchen, aus England fortzukommen,“ ſagte Meadows im Ton der Erwägung.„Laſſen Sie ſehen— ja, zu Ende dieſer Woche geht von Liverpool aus ein Schiff nach Amerika.“ „Soll ich mich wohl dahin begeben?“ „Ich möchte dazu rathen.“ „Wollen Sie mich begleiten?“ „Ich kann nicht.“ „Ich zahle Sie ſchön dafür.“ „Natürlich,“ bemerkte der Späher,„aber ich habe leider ein wichtiges Geſchäft vor und kann für jetzt London nicht verlaſſen. In Liverpool finden Sie verſtändige und rührige Polizeibeamte und auch tüchtige Criminaladvokaken, die Ihnen gern an die Hand gehen werden; aber,“ fügte er mit einem leichten Zucken der Mundwinkel bei,„Sie haben viel⸗ leicht einen Theil Ihres Vertrauens zu der Land⸗ praxis verloren?“ Marſhall gab dies im Geiſte zu und verſuchte wiederholt, Meadows zu bewegen, daß er ihn be⸗ gleite. Da dieſer nicht darauf einging, ſo verab⸗ ſchiedete er ſich endlich. „So,“ ſagte der Exinſpector, als er hinter dem ſich Entfernenden die Thüre ſchloß,„auf vier Tage habe ich wenigſtens von dieſer Seite her keine Ein⸗ mengung zu befürchten. Vier Tage,“ wiederholte er 144 langſam;„manches Vermögen iſt in der halben Zeit verloren oder gewonnen worden.“ Eine Stunde ſpäter verließ Mr. Meadows ſein Bureau, um ſeinen gewöhnlichen Morgenſpaziergang anzutreten. Ungleich den übrigen Menſchen, ent⸗ wickelten ſich bei ihm die Ideen vornämlich im Ge⸗ dräng der Straßen. „ Hundert und zweites Kapitel. Es iſt keine der geringſten Strafen des Verbre⸗ chens, daß die Uebelthäter es nicht wagen dürfen, an das Licht des Tages zu kommen. Raubthieren gleich dürfen ſie ihrem Erwerb nur im Dunkeln nachgehen. Es muß eine ſchreckliche Empfindung ſein, wenn man in der lieben hellen Sonne nichts ſieht, als eine Polizeidienerslaterne; man fährt zu⸗ ſammen vor ihrem Strahl und wendet ſich ab, ſcheut ſich vor dem Blick ſeines Nebenmenſchen und huſcht wie ein unſteter Schatten ruhelos, voll Gewiſſens⸗ biſſen und unglücklich durch das Gedränge. Bei zwei Perſonen von der Bekanntſchaft unſerer Leſer war dieſe Gemüthsſtimmung allmälig zur Ge⸗ wohnheit geworden— bei dem Fidler Dick und ſei⸗ nem Weibe. Von dem Tag des Mords an ſah der Elende ſtets nur das furchtbare Gericht vor ſich. Ueberall ſchien die Hand der Gerechtigkeit bereit ihn zu faſſen, die des Henkers, ſeinem Hals den Strick anzulegen. Er hatte viel von ſeiner früheren Zuverſicht verloren; vor einem Laut fuhr er zuſammen und ein flüchtiger 145 Blick machte ihn vor Schrecken erblaſſen. Nur noch eine Leidenſchaft tobte übermächtig in ſeinem Innern — das Veylangen nach Rache an ſeinem verrätheriſchen Weibe, und wenn er ſich Nachts in ſorgfältiger Ver⸗ kleidung auf die Straße wagte, ſo geſchah es nur in der Abſicht, ihren Aufenthalt auszukundſchaften. Seit mehreren Jahren hatte Bet ein gemeines Logirhaus gehalten, einen Sammelplatz von Land⸗ ſtreichern, Hauſirern, Bettlern und noch ſchlimmerem Geſindel, und, wie ſie zu ſagen pflegte,„ſich recht gut dabei befunden“. Ihr Haus fand guten Zu⸗ ſpruch, und die Armuth muß ſtets für ihr Unterkom⸗ men ſchreckliche Procente bezahlen. So lang ſie wußte, daß ihr Mann auf dem Chatamer Holm verſorgt war, hatte ſie ſich leidlich ruhig geſühlt. Nur gelegentlich im Traum oder in einem Zuſtand trunkenen Elends vergegenwärtigten ſich ihr ſeine Abſchiedsblicke und die bedeutſamen Worte:„Es iſt nicht für Lebenszeit!“ Seit ſie aber von einem ihrer Miethleute, der ihm unmittelbar vor ſeinem Zug nach dem Herrſchaftsgut begegnet war, vernommen hatte, daß er wieder auf freiem Fuße ſei, ließ ſie die Angſt nicht mehr ſchlafen. Ein Paar rache⸗ glühende Augen folgten ihr überall, und eine höh⸗ niſche Stimme ziſchte ihr die Worte in's Ohr; ſelbſt der Branntwein verlor ſeine Kraft, und ſie gerieth in einen ſo aufgeregten und angegriffenen Zuſtand, daß ihr das Leben, für deſſen Erhaltung ſie ängſtlich beſorgt war, zu einer Laſt wurde. Sie konnte es nicht länger aushalten, ſondern beſchloß, bei Mr. Mor⸗ ton Rath einzuholen. Sie erinnerte ſich nämlich der Güte des würdigen Rechtsgelehrten, welcher ſie für Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 10 146 die zornige Auskunft über Lillian ſo reichlich be⸗ lohnt hatte. Es währte einige Zeit, bis ſie ſich entſchließen konnte, ihr Haus in der Münze zu verlaſſen. Hier wenigſtens fühlte ſie ſich leidlich ſicher, denn in der ſehr bevölkerten Sackgaſſe wohnten lauter Perſonen, unter denen ſie eine gewiſſe Popularität gewonnen hatte. Auch war dies nicht ihr einziger Schutz, denn zu ihrer größeren Sicherheit hatte ſie ſich eine baum⸗ ſtarke Irländer Magd eingethan, die, abgeſehen von anderen mehr oder weniger weiblichen Eigenſchaften, trinken konnte wie ein Reiter, ohne je betrunken zu werden; auch verſtand ſie ſich darauf, mit dem er⸗ fahrenſten Landſtreicher zu rothwelſchen, den Wider⸗ ſpenſtigen zu ſchmeicheln, die Gewaltthätigen im Zaum zu halten und im Nothfall ſich wie ein Mann zu vertheidigen. Wir brauchen kaum zu bemerken, daß eine ſolche Perſon für Bet bei dem gegenwärtigen Zuſtand ihrer Gefühle eine höchſt werthvolle Gehül⸗ fin war. „Nora,“ ſagte Mrs. Fidler Dick zu der barfüßi⸗ gen Amazone,„holt mir meinen gelben Shawl und den grünen Hut.“ „Sie wollen doch nicht bei ſo ſpäter Nacht aus⸗ gehen,“ verſetzte das Weibsbild,„während das Haus von Herbergern ſchwärmt und ich alle Hände voll zu thun habe?“ „Ja wohl,“ verſetzte Bet.„Bringt mir nur die Sachen und auch das gewürfelte Kleid, das neben dem Bett hängt.“ Nora ſtieg die knarrenden Treppen hinan— das Haus war nämlich wie die meiſten in der Münze 147 ſehr alt— und holte aus dem„Zimmer der Miſſis“ (denn alle anderen Räumlichkeiten mußten der Be⸗ quemlichkeit⸗ der Miethleute dienen) die fraglichen Gegenſtände herunter, welche Bet in einem kleinen Alkoven neben der Küche anlegte. „Ah!“ rief die Magd,„wenn Sie nicht jetzt wie eine leibhaftige Lady ausſehen, ſo möchte ich wiſſen, wer es ſonſt thut. Das iſt ein Shawl!“ „Ja, ein vornehmes Kleidungsſtück,“ bemerkte Bet wohlgefällig, während ſie ihre breiten Schultern mit dem Gegenſtand von Nora's Bewunderung um⸗ hüllte.„Jetzt holt mir einen Fiaker.“ „Was— Sie wollen ausfahren?“ „Freilich,“ verſetzte die Hausfrau.„Es wäre nicht gerathen, zu gehen, da Er wieder frei iſt, ob⸗ ſchon ich glaube, daß er mich in dieſem Anzug nicht kennen würde.“ „Laſſen Sie den Schleier herunter,“ bemerkte Nora mit einem Grinſen. Ehe Bet das Haus verließ, ertheilte ſie als tüchtige Geſchäftsfrau ihrer Stellvertreterin die ge⸗ eigneten Weiſungen über die Zahlung, welche von den einen Nachtkunden zum Voraus erlegt werden ſollte, den andern aber bis zum Morgen geborgt werden konnte; dann ſtieg ſie mit einer Art ariſto⸗ kratiſchen Selbſtgefühls in den Fiaker, der ihrer am Eingang der Sackgaſſe harrte, und fuhr Mr. Mor⸗ ton's Wohnung zu. Auf ihre Frage antwortete der Diener, daß der Herr nicht zu Hauſe ſei. „Mein gewöhnliches Glück,“ murrte das Weib; „ich komme immer unrecht.“ Der wohlgenährte Bediente machte große Augen. 10 148 „Junger Mann,“ fügte ſie mit einer Gönner⸗ miene bei,„könnt Ihr mir nicht ſagen, wo er zu treffen iſt?“ Der Bediente fühlte ſich beleidigt, denn auf ihn verfehlte der gelbe Shawl und der Hut ſeine Wirkung. Leuten von Bets Claſſe fehlt es indeß nicht an Schlauheit. Sie erkannte aus der hochmüthigen Miene des Mannes, daß ſie es mit etwas verſehen hatte, und langte mit einem Takt, der einem gebil⸗ deteren Beſuch Ehre gemacht hätte, ein Fünfſchilling⸗ ſtück aus der Taſche. Der Köder wirkte. Der Be⸗ diente verwandte kein Auge davon.“ „Iſt's eine Geſchäftsſache?“ fragte er. „Eine wichtige,“ verſetzte Bet, die Münze ſorg⸗ los zwiſchen Zeigefinger und Daumen drehend. „Wohlan, er iſt in der Parlamentsſtraße, in Golding uud Malchetts Canzlei. Ich hörte ihn ſagen, daß er dort bis zwölf Uhr zu thun habe.“ „Und wie viel Uhr haben wir jetzt?“ fragte das Weib. Der Bediente war ſo gefällig in die Halle hin⸗ einzugehen und nachzuſehen. „Halb zwölf.“ „Reicht gerade, junger Mann,“ entgegnete Bet mit einem Kichern, indem ſie das Geld wieder in ihre Taſche gleiten ließ.„In die Parlamentsſtraße, Kutſcher!“ Die Complimente, welche der Bediente ihr bei ihrer Abfahrt nachſchickte, waren nichts weniger als ſchmei⸗ chelhaft. Er meinte, auf die ſchamloſeſte Weiſe ge⸗ prellt worden zu ſein, und ſein Abſcheu gegen die niederen Claſſen ſtieg höher als je. 149 Als der Fiaker mit ſeiner Fracht die Parlaments⸗ ſtraße hinabfuhr, bemerkte Bet an dem Eingange von Horſeguards einen Haufen müſſigen Volks um ein Plakat verſammelt, das mit den Worten:„Mord! Zweihundert Pfund Belohnung!“ überſchrieben war. Es betraf die Ergreifung des Fidlers Dick. „Wollt Ihr's nicht laut leſen?“ rief ein Mann, deſſen Geſicht in einem rothwollenen Tröſter ſtack. „Leſet es ſelbſt,“ verſetzten die Nächſten. „Vielleicht iſt der Gentleman blind,“ bemerkte der Eine. „Oder hat ſeine Buchſtaben wieder verlernt,“ fügte ein naſeweiſer Junge bei.„Kommt, ich will's Euch leſen.“ „Mord! Zweihundert Pfund Belohnung!“ Die Umſtehenden waren von der Ankündigung zu ſehr in Anſpruch genommen, um zu bemerken, wie raſch der Mann, welcher das Vorleſen des Pla⸗ kats gewünſcht hatte, ſein Geſicht faſt bis zu den Augen in dem rothen Tröſter verſteckte. „Der höchſt barbariſche und grauſame Mord, welcher auf dem Herrſchaftsgut bei St. Faith in Devonſhire an dem Steward Andrew Siler began⸗ gen wurde, gibt Anlaß, eine Belohnung von zwei hundert Pfunden auszubieten für die Ergreifung des einen der Mörder, der entkommen ifl. Der Genoſſe ſeines Verbrechens wurde bei der That durch einen Schuß verwundet und iſt inzwiſchen geſtorben. Wer Auskunft weiß, melde ſich auf dem ſtädtiſchen Polizei⸗ bureau Scotland Yard.“ „Man kann da wahrhaftig ſagen, zweihundert Pfund gehen betteln,“ bemerkte ein bleicher, hungrig ausſehender Menſch.„Ich wollte, ich könnte ſie packen. Geht's Euch nicht auch ſo?“ Dieſe Anrede galt dem vermummten Mann, der nur mit einem dumpfen„Ja wohl“ darauf ant⸗ wortete. „Aber's iſt kein Signalement dabei,“ ſagte der Erſtere. „Ei ja, doch,“ rief der Junge.„Ich habe noch nicht Alles geleſen.“ „Der muthmaßliche Mörder iſt fünf Fuß ſechs Zoll hoch—“ „Das wäre ungefähr Eure Größe,“ bemerkte der Mann, der ſeinen Aerger darüber ausgedrückt hatte, daß zweihundert Pfund betteln gehen. „Dünne Füße und ein abſchreckendes Geſicht,“ fuhr der Knabe fort. „Das paßt auf Euch,“ ſagte der rothe Tröſter. Dies lenkte das Lachen gegen den ſchmächtigen Gentleman und zog die Aufmerkſamkeit von dem Sprecher ab, welcher Niemand anders als der Fidler Dick ſelbſt war. Mit der verzweifelten Faſſung, welche bisweilen eine Frucht der äußerſten Gefahr iſt, knöpfte er ſeinen Rock zu, pfiff ein Liedchen und ging bedächtig von dannen. Seine Lage war über⸗ aus ſchlimm. Er wußte nicht, wo er die Nacht zu⸗ bringen ſollte. Nicht daß er ohne Geld geweſen wäre, denn er hatte ſich nach ſeiner Ankunft in Lon⸗ don ſogleich nach Mike's Quartier begeben und deſſen ſämmtliche hinterlaſſene Baarſchaft, wie auch eine ſich genommen. „Denke wohl, ich muß es am Ende doch auf⸗ kleine Summe, die er in Brand's Koffer fand, an 151 geben und nach Amerika durchbrennen,“ murmelte er vor ſich hin.„Verteufelt hart, wenn man ſein Vermögen in der Taſche und keinen Menſchen hat, dem man trauen kann.“ Er ſchlug bei dieſen Worten mit der bloßen Hand auf ſeinen linken Rockſchooß. Ein Vorübergehender würde daraus geſchloſſen haben, daß Fidler Dick ſich wärmen wolle; die Geberde hatte jedoch eine tiefere Bedeutung, da zwiſchen dem Futter dieſes Kleidungs⸗ ſtücks das von dem Herrſchaftsgut entwendete Docu⸗ ment eingenäht war. Während er in nicht ſehr troſtreichen Betrachtun⸗ gen ſeines Weges ging, bemerkte er einen Fiaker in der Straße und einen Gentleman daneben in ange⸗ legentlichem Geſpräch mit einer Frau, deren Geſicht halb zum Kutſchenſchlag herausſah. Dick ſchrack zu⸗ ſammen— nein, er täuſchte ſich nicht: es waren die Züge ſeines treuloſen Weibes. Glücklicherweiſe ſtand er in dem Schatten des Laternenpfahls, während die Gasflamme ihr volles Licht auf die Gruppe vor ihm warf. Er würde gerne ſeine rechte Hand darum gegeben haben, wenn er hätte hören können, was da geſprochen wurde; doch die Furcht vor Entdeckung ließ eine größere Annäherung nicht räthlich erſcheinen. Das ſchreckliche Verdrehen ſeiner Augen war wie gewöhnlich von einem Niederziehen ſeiner Mund⸗ winkel begleitet. „Ihr glaubt alſo, Euer Mann werde nicht ruhen, bis er Euern Aufenthalt entdeckt hat?“ ſagte der Rechtsgelehrte. „Ja, und ich werde keinen Frieden mehr haben, bis er gehangen iſt,“ verſetzte Bet; 152 als ſie aber Mr. Mortons entſetzte Miene ſah, fügte ſie weinend bei:„Ach, Sir, Sie kennen ihn nicht und haben nicht Jahre lang mit ihm gelebt und alle die üblen Launen und Schläge von ihm ertragen müſſen. Zu denken, daß er wieder einen Urlaubs⸗ ſchein erhalten hat! Aber er wußte immer die Standes⸗ perſonen prächtig an der Naſe herumzuführen.“ „Es iſt Euch alſo um Schutz zu thun?“ bemerkte der Gentleman. „Oder ich muß mein Geſchäft aufgeben,“ verſetzte das Weib,„eine harte Sache, nachdem ich mich ſo abgemüht habe, mich ordentlich fortzubringen. Seit er frei iſt, habe ich meines Leibes Ruhe nicht mehr gehabt, und es iſt mir immer, als fühle ich das Meſſer an meiner Kehle.“ „Habt Ihr, ſeit er den Chatamer Holm verlaſſen, nichts mehr von ihm gehört?“ „Nein, und*s iſt mir auch nicht darum zu thun.“ „Wohlan denn,“ nahm Mr. Morton wieder auf, „ſo will ich Euch morgen einen Mann ſchicken, der für Eure Sicherheit bürgt, vorausgeſetzt, daß Ihr ſeinen Weiſungen unbedingte Folge leiſtet.“ Bet ſagte dies zu, und die Beſprechung ſchloß für ſie in ſehr befriedigender Weiſe. Fidler Dick, der lieber gleich wie ein Wolf auf ſeine Beute losgeſtürzt wäre, kam es bitter ſchwer an, ſich ducken und verſtecken zu müſſen, während er ſo nahe vor ſich das Weib ſah, das ihn verrathen und dem er hundertmal den Tod geſchworen hatte. Bets anſcheinende Achtbarkeit(denn der gelbe Shawl und der grüne Hut war auch ihm aufſgefallen) er⸗ höhte noch ſeinen inneren Grimm. Eine kurze Er⸗ 153 wägung überzeugte ihn jedoch, daß jeder Verſuch, den liebenswürdigen Eigenſchaften ſeines Charakters in einem ſolchen Augenblick den Zügel zu laſſen, gleich dem Stachel des Scorpion nur ihm ſelbſt verderblich werden mußte, und er begnügte ſich deß⸗ halb vorderhand damit, daß die Begegnung ihm Gelegenheit gab, ihrer Spur zu folgen. Nicht leicht war Jemand mit den Straßen Londons ſo vertraut, als er, und dieſe Kenntniß, die ihn bei der früheren Uebung ſeines Berufs häufig genug aus den Klauen der Polizei gerettet hatte, ſetzte ihn auch jetzt in die Lage, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen und mit nicht übergroßer Anſtrengung dem Fiaker nachzugehen. Seine Beharrlichkeit wurde endlich belohnt, denn er ſah das Fuhrwerk vor einer der vielen Sackgaſſen in der Münze Halt machen. Er blieb ſtehen, um wieder zu Athem zu kommen. Eine elend ausſehende Weibsperſon näherte ſich ihm und bat ihn um ein Almoſen. „Ich bin ſo arm wie Ihr,“ verſetzte er.„Warum geht Ihr nicht zu ſolchen, die ſelbſt etwas haben?“ fügte er bei, indem er auf ſein Weib deutete, welche eben aus dem Fiaker ſtieg. „Zu dieſer?“ entgegnete die Bettlerin.„Ei, die lebt ſelbſt von den armen Leuten. Es iſt die alte Bet, die ein Logirhaus hält.“ „In dieſer Gaſſe?“ „Ja, das letzte Haus rechter Hand.“ Dick wußte genug; er kehrte um und ging weiters, ohne ſeiner Auſtraggeberin auch nur einen Penny zu ſchenken. Selbige Nacht erfreute ſich Mrs. Fidler Dick 154 wieder einmal eines guten Schlafes, obſchon wir nicht entſcheiden können, ob die Beſprechung mit dem Advokaten, ihr Lieblingsgetränk oder der ver⸗ einigte Einfluß von beiden dieſe beruhigende Wirkung übte. Gewiß iſt, daß ſie am andern Morgen in beſter Stimmung aufſtand und lauter Wittwenhauben, große Belohnungen und ſchwarze Flore vor ſich ſah. Vielleicht vergegenwärtigte ſich ihr auch in unbeſtimmter Ferne die Geſtalt eines zweiten Mannes; denn Bet war eine vorſorgliche Perſon und läügſt mit ſich darüber im Reinen, es ſei weder für den Mann noch für die Frau gut, allein zu ſein. Einer um den andern von ihren Herbergern hatte ſich entfernt, zum Theil um in den Straßen zu betteln, zum Theil um unbedeutende Waaren zu ver⸗ kaufen oder noch zweideutigeren Berufsarten nach⸗ zugehen. Die Hausfrau mit ihrer Magd blieb allein zurück, um die Räumlichkeiten wieder in Ordnung zu bringen— wie ſich der Leſer denken kann, keine überflüſſige Arbeit. Da die Miethsleute alle bezahlt hatten, ſo begann Bet in der Zufriedenheit ihres Herzens zu ſingen. „Die Miſſis iſt ja dieſen Morgen ſo luſtig wie ein Oſterhaſe,“ bemerkte die Magd.„Aber kein Wunder— eine vornehme Frau, die Alles ſo proper hat. Nur Leuten wie ich wird das Herz ſchwer.“ „Ich denke wohl, Nora, ein Tröpflein könnte es leichter machen— das meint Ihr doch? Nun, auch mir würde es nichts ſchaden.“ „Ich wollte das Buch darauf küſſen,“ verſetzte die Amazone mit einem breiten Grinſen. „Aber nur ein Viertelchen,“ ſagte Bet, ihr Geld 15⁵ gebend;„und tummelt Euch— ich bin nicht gerne allein.“ Die Magd entfernte ſich mit der Flaſche. So⸗ bald Bet ſich in der dunkeln, nie von einem Sonnen⸗ ſtrahl betroffenen Küche allein ſah, bemächtigte ſich ihrer ein Gefühl von Verlaſſenheit. Kein Wunder, denn der Platz ſah elend genug aus. Das Feuer war bis auf die letzten Fünkchen abgebrannt; Speiſe⸗ reſte lag zuſammengetreten auf dem ſchmutzigen Boden umher, und auf einem langen Tannentiſch, vor dem rechts und links wackelnde Bänke ſtanden, befanden ſich reihenweiſe ſchmierige Teller und Taſſen. Dazu erfüllte ſtarker Tabaksgeruch, mit Branntwein⸗ dünſten gewürzt, die Luft. Bet hatte eben angefangen, das Chaos einiger⸗ maßen in Ordnung zu bringen, als die Thüre aufging. „Diesmal ſeid Ihr hurtig geweſen,“ ſagte ſie, in der Meinung, daß Nora mit dem Branntwein zurückgekommen ſei. „Seid Ihr die Hausfrau?“ fragte ein Mann mit einem Pack auf der Schulter und in der Klei⸗ dung ihrer gewöhnlichen Kunden. Bet erſchrack. Obgleich die Ausſtaffirung ſehr gut war, erkannte ſie doch der ſcharfe Blick des Weibes ſogleich als gemacht, und ſie gerieth in Unruhe. „Angenommen ich wär's, was dann?“ verſetzte ſie, den Tiſch zwiſchen ſich und den Fremden bringend. „Seid Ihr allein?“ „Nein, ich bin's nicht;“ ſchrie das Weib.„Es 156 gibt Leute genug in Rufweite, wenn Ihr mir etwas thun wollt. Mor—“ „Seid keine Närrin!“ unterbrach ſie der Mann, ihr näher rückend.„Ich komme von Mr. Morton.“ Der Name des Rechtsgelehrten beſchwichtigte ihren Schrecken. „Wie kann ich wiſſen, daß es wirklich ſo iſt?“ entgegnete ſie, nur halb beruhigt. „Ihr ſeid geſtern Nacht bei ihm en.“ 5 „Wo?“ „In der Parlamentsſtraße.“ „Ganz recht.“ „Und er hat Euch Schutz gegen Euren Mann, den Fidler Dick, verſprochen.“ „Ganz recht!“ wiederholte Bet mit erhöhtem Nachdruck.„Warum ſagtet Ihr dies nicht gleich, ſtatt mich ſo zu erſchrecken?“ ſ „Ihr werdet mich vermuthlich unterbringen kön⸗ nen?“ bemerkte der Gaſt. „Wie, Ihr wolltet hier bleiben?“ l „Wie könnte ich Euch ſonſt ſchützen?“ fragte der j Späher; denn der angebliche Hauſirer war Niemand t anders, als Mr. Meadows. t Das Weib warf einen verächtlichen Blick auf gſeine ſchmächtige Geſtalt. „Ihr mich beſchützen?“ rief ſie.„Dick würde( einem halben Dutzend wie Ihr den Hals umdrehen.“ 1 „Soll ich Euch meinen Namen ſagen?“ „Nach Belieben.“ „Er flüſterte ihr denſelben zu, und es war er⸗ t ſtaunlich, welche Wirkung dadurch erzielt wurde. Der Ruf, deſſen er ſich unter Perſonen von der 157 Claſſe der Quartiervermietherinnen erfreute, grenzte an's Fabelhafte und Wunderbare. „Was, der leibhaftige— der—?“ Der Späher nickte. „Na, das hätte ich nie—!“ Damit hatten alle weiteren Zweifel und Einwürfe ein Ende. „Lebt Ihr allein?“ fragte ihr Beſuch. Bet erklärte ihm, daß ſie eine Magd habe, die aber wahrſcheinlich noch nicht ſo bald zurückkommen werde. Sie rechnete dabei auf Nora's Liebe zum Klatſchen. „Das trifft ſich erwünſcht. Zeigt mir das Haus — nur den untern Theil.“ Bet führte ihn herum. Ein kurzer Augenſchein genügte ihm. „Vorn wird Euer Mann nicht einzudringen ver⸗ ſuchen,“ ſagte er. Bet war derſelben Meinung. „Aber durch das Hinterfenſter, das in die Flur hereingeht. Ich werde heute Nacht— überhaupt jede Nacht, bis wir ihn haben— mit zwei Beglei⸗ tern wieder herkommen. Natürlich dürft Ihr nicht thun, als ob Ihr mich kenntet.“ Die Hausfrau verſicherte, daß ſie nicht ſo dumm ſei. „Ich will meinen Pack da laſſen,“ bemerkte der Späher.„Von Euern Miethsleuten wenigſtens wird mich keiner in dieſer Verkleidung erkennen.“ „Sie iſt nicht ſo ſchlimm,“ verſetzte das Weib, ſich am Kopf kratzend,„und die Gewandung abge⸗ tragen genug; aber die Schuhe—“ „Haltet Ihr ſie nicht für ſchmutzig genug?“ „Das nicht,“ entgegnete Bet, ſie kritiſch betrach⸗ 158 tend;„aber's iſt londoner Koth, und Jedermann ſieht, daß ſie gewichst worden ſind.“ „Was hat dies damit zu ſchaffen?“ „Die eines regelmäßigen Herumſtrei⸗ chers ſind immer geſchmiert.“ Mr. Meadows verließ das Logirhaus mit der ezeuhn daß auch er noch etwas zu lernen hatte. Hundert und drittes Kapitel. Obſchon William Thornton nicht nach der Weiſe. manches unglücklichen Liebhabers ſein Aeußeres ver⸗ nachläſſigte, hatte ſich ſein Herz noch immer nicht von dem Schlag erholt, der demſelben durch Alice Boothroyd's vermeintliche Zurückweiſung verſetzt wor⸗ den war. Wir ſagen, vermeintlich— denn der Leſer weiß, oder wenn er es vergeſſen hat, ſo er⸗ lauben wir uns, ihn an die wichtige Thatſache zu erinnern— daß der Brief, welcher ſeine Hoffnungen vernichtete, von der argliſtigen Mutter der jungen Dame herrührte. Der arme William! Er hatte nicht einmal den Troſt, ſich als eine beſonders übel behandelte Perſon betrachten zu können; denn die kindiſche Zuneigung, die zwiſchen ihm und Alice beſtanden, gab ihm kein Recht, ſie der Falſchheit zu beſchuldigen. Sie war einfach eine jener zarten Blüthen geweſen, die wir bisweilen vor den Blättern ſich entfalten ſehen— ein an⸗ muthiges Naturſpiel. Dennoch ging es ihm tief zu Herzen— vielleicht S 159 tiefer als er ſich ſelbſt geſtehen mochte. Seine frühe Liebe war eines von den Anregungsmitteln geweſen, die ihn ſpornten, auf der Univerſität ſich auszuzeichnen, und er hatte ſich ſo lang dem ſüßen Traum hinge⸗ geben, daß er ihn für Wirklichkeit hielt— ein auf⸗ fallender Jrrthum bei einem mit Auszeichnung ge⸗ krönten Studenten, namentlich in einem ſo unpoeti⸗ ſchen Zeitalter, wie das neunzehnte Jahrhundert, deſſen rauher Realismus ein wahrer Hohn iſt auf die Phantaſte und alle Ideale. Aber trotz der ſtarren materialiſtiſchen Zeitrich⸗ tung dürfte es doch fraglich erſcheinen, ob nicht der Weiſe ſelbſt in unſerem ehernen Jahrhundert etwas Poetiſches finden kann. Der Börſenſpeculant, der Kaufmann, der ſein ganzes Leben im Comptoir zu⸗ bringt, der Politiker, welcher Ränke ſchmiedet um einen hohen Poſten, der Advokat mit ſeinen verſporten Urkunden, ſeinen Autoritäten und Präcedenzfällen, der Ingenieur, der Mechaniker, kurz die ganze Zunft der Materialiſten, welche wie der Mathematiker nur auf das Thatſächliche ſich einzulaſſen vorgeben,— hat nicht jeder von ihnen in irgend einem Gehirn⸗ winkel ein Ideal, das vielleicht nicht zugeſtanden und überhaupt nur ſelten hervorgeſucht wird, irgend ein ſonniges, wohl in der Jugend entworfenes Bild oder einen Traum, der ſich nie verwirklichen wollte, aber doch nicht ohne geheimen Einfluß blieb? Wir haben bisweilen unſere Bedenken gehabt, ob nicht Verleger, Setzer und Drucker mit ihrem Unkenruf„Manuſeript! Manuſcript!“ dieſem ſtetigen Mahnen, daß wieder ſo und ſo viel Seiten nöthig ſeien und ſchon geſtern hätten unter die Preſſe kom⸗ 160 men ſollen, von dieſer Schwäche eine Ausnahme machen; doch meinen wir,— freilich müſſen wir geſtehen, daß wir eine ſtarke Einbildungskraft be⸗ ſizen— ſelbſt in ihrem Weſen einige Spuren von ihr entdeckt zu haben. Und wir haben Recht. Das Leben mit allen ſeinen Phaſen iſt nur ein langes Gedicht. Die Verſe mögen ſinken, die Scenen unintereſſant werden oder unter ſich eine ſtereotype Aehnlichkeit zeigen; di Handlung ſchreitet gleichwohl fort und zeigt Poeſie wenigſtens in den Epiſoden, wenn ſich auch das Thema als unfruchtbar erweist. Ein Ortswechſel thut treffliche Dienſte, wenn das Herz oder das Gehirn einer Reaction bedarf, es ſei denn, daß die Krankheit zu weit vorgerückt wäre, um eine Heilung hoffen zu laſſen. Zum Glück war Letzteres bei William Thornton nicht der Fall; denn er gehörte nicht zu denen, welche gleich nach der erſten vereitelten Hoffnung ſchwermüthig und men⸗ ſchenfeindlich werden. Er glaubte, daß es noch ein Glück in der Welt gebe, und da es nicht von ſelbſt zu ihm kommen wollte, ſo beſchloß er als ein ver⸗ ſtändiger Menſch, es aufzuſuchen. Es war Alles zu ſeiner Abreiſe vorbereitet, ſeine Wohnung in Albany wieder vermiethet, ſein Paß in Ordnung und für die nöthigen Creditbriefe Vorſorge getroffen; nur eine peinliche Aufgabe blieb noch übrig— der Abſchied von ſeinem Vater. Der unglückliche Liebhaber war, wie den Leſern bekannt iſt, ein einziger Sohn, und die Liebe ſeines Vaters hatte nicht, wie bei Lady Boothroyd und ihrer Tochter, jenen ſelbſtſüchtigen, begehrlichen Cha⸗. —— 5* — 0 — F —= — 161 rakter, der ſeine Anſprüche auf die Autorität gründet und die größten Opfer heiſcht, ohne etwas dagegen zu leiſten. Nein, ſondern Mr. Thornton war von dem edlen, hochherzigen Vertrauen beſeelt, das dem Alter geſtattet, in dem Glück ſeines Nachwuchſes einen Wiederſtrahl der eigenen Jugend zu ſehen. Obgleich dem Fabrikanten die nahe Trennung von ſeinem Sohn ſchmerzlich fiel, verſuchte er es doch nie, weder durch ein Wort, noch durch einen Wink, Villiam ſein Vorhaben auszureden. Eine einfache Kundgebung ſeines Wunſches über dieſen Gegenſtand würde zugereicht haben; aber er enthielt ſich deſſen weislich, weil er, ohne in die Beweg⸗ gründe zu dem Drang ſeines Sohnes, aus England fortzukommen, eindringen zu wollen, ſich wohl denken mochte, daß ihm eine jener Täuſchungen widerfahren ſei, welche das Herz, dem edlen Schiffe gleich, das auf den Strand fährt, zu einem rettungsloſen Wrack machen, wenn es nicht durch eine mächtige Kraft⸗ anſtrengung ſich wieder aufrichtet und die offene See gewinnt. Er wollte nach Italien, dieſem Grab der Völker, welches ſo reich iſt an Erinnerungen der Vergangen⸗ heit, daß es der Geiſt kaum über ſich gewinnen kann, an ſeiner Zukunft zu zweifeln. „Es iſt das Land des Schönen,“ bemerkte ſein Vater,„aber vergiß um meinetwillen nicht, daß es auch Gefahren hat.“ William verſprach der väterlichen Warnung ein⸗ gedenk zu bleiben. „Ich bin dieſen Morgen ſehr zerſtreut,“ bemerkte Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 11 2 162 Mr. Thornton.„Es iſt ein Brief an Dich hier, der über die Ulmen gelaufen iſt.“ Er übergab das Schreiben ſeinem Sohn, wel⸗ cher, als er auf dem Siegel das Boothroyd'ſche Wappen erkannte, bis zu den Schläfen erröthete und dann leichenblaß wurde. Seine Hand zitterte, als er es erbrach. „Vater,“ rief er,„ich muß dieſe Reiſe verſchieben. Ich kann Ihnen für den Angenblick die Gründe nicht auseinander ſetzen; aber ſeien Sie verſichert, daß es keine unwürdigen ſind.“ „Das ſagt mir mein Herz,“ verſetzte der würdige Fabrikant;„mein Vertrauen zu Dir iſt ebenſo un⸗ begrenzt wie meine Liebe. Ich mache keine Aner⸗ bietungen; verfüge über mein Vermögen, in dem ich nur ein mir für Dich anvertrautes Gut ſehe.“ Der Jüngling drückte ſeinem Vater dankbar die Hand. „Aber bleibt es auch ganz gewiß dabei, daß dieſe Reiſe verſchoben wird?“ fuhr der Sprecher fort. „Vorderhand wenigſtens,“ verſetzte William.„Viel⸗ leicht war es ſelbſtſüchtig von mir, daß ich je auf dieſen Gedanken kam und nicht in Rechnung nahm, wie nothwendig ich Ihnen bin.“ „Dein Glück geht vor Allem, mein lieber Sohn, und ich möchte nicht meine Wünſche auf Koſten deſ⸗ ſelben befriedigt ſehen. Doch ich will Dich allein laſſen, denn ich ſehe, daß Du ſehr aufgeregt biſt.“ Sobald William allein war, las er ſeinen Brief. nochmal. Es war kein Irrthum, keine Fälſchung— diesmal kam er wirklich von Alice. Wenn vielleicht einige unſerer Leſer eine em⸗ 163 pfindſame Liebeserklärung erwarten, ſo ſind ſie irriger Meinung: die Schreiberin beſaß dafür zuviel Stolz und Zartgefühl. Sie würde ſich vor ſich ſelbſt ge⸗ ſchämt haben, wenn ſie ſich hätte eingeſtehen ſollen, daß ihr Herz im Geheimen dem Gefährten ihrer Jugend anhänge. Die Mittheilung lautete wie folgt: „Mein theurer William!— Ich bin überzeugt, daß Sie Ihre alte Spielgefährtin, Alice, nicht ver⸗ geſſen haben, oder wenn es der Fall wäre, daß Sie es ihr nicht abſchlagen werden, mit ihr zuſammenzu⸗ treffen. Mißdeuten Sie den Schritt nicht, den ich gethan habe, indem ich Ihnen ſchrieb. Ich bin ſehr unglücklich und baue auf Ihren Rath— vielleicht auf Ihren Beiſtand. Donnerstag um drei Uhr e⸗ ich in den Anlagen von Kenſington zu finden ein.“ „Und es iſt ſchon zwei Uhr!“ rief der aufgeregte Jüngling.„Sie hat mich nicht vergeſſen! Wenn ſie mich auch nicht liebt, ſo gedenkt ſie meiner doch als eines Freundes, dem ſie ihr Leid anvertrauen will. Sie ſpricht von Beiſtand; wie gerne wollte ich mein eben hingeben, wenn ich damit ihr Glück erkaufen könnte.“ Vielleicht lauerte, ohne daß er ſich es ſelbſt ge⸗ ſtehen mochte, in irgend einem Winkel ſeines Herzens eine geheime Hoffnung. Wie lebhaft traten die alten Zeiten vor ihn hin, während er nach dem Orte des Stelldicheins fuhr. Er gedachte der Be⸗ gegnung im Meldownpark. Damals wie jetzt be⸗ deckte eine Schneehülle den Boden, und die entlaub⸗ ten Bäume funkelten von ſilbernem Reif. * 11 164 „Ob Alice wohl auch daran denkt?“ fragte er ſich ſelbſt.„Ich meine ſie noch zu ſehen; ihr Elfen⸗ füßchen berührte kaum den Boden, als ſie mir ent⸗ gegeneilte. Das waren glückliche Zeiten,“ fügte er mit einem Seufzer bei.„Schade, daß ſie nicht ewig währen konnten.“ Wie mancher Greis hat denſelben Wunſch aus⸗ geſprochen! Die Kindheit iſt ſüß; denn ihre Erinne⸗ rungen laſſen ſelten einen Stachel zurück. Ach, daß der Jugend ſchönes Träumen Nie ſtörte doch der Trug der Welt, Und nie die Roſenfeſſel riſſe, Die zaubriſch ſie gefangen hält. Am Eingang der Anlagen erkannte er einen Wagen mit dem Boothroyd'ſchen Wappen und in dem erſten Gang Alice, die zögernd ihm entgegenkam. „Mein Benehmen muß Ihnen wohl ſehr befremd⸗ lich erſcheinen, William,“ begann ſie mit wehmüthigem Tone;„aber verurtheilen Sie mich nicht, bis Sie meine Gründe gehört haben.“ „Glauben Sie mir,“ verſetzte er,„ſie ſind un⸗ nöthig, wenn ſie mich erſt überzeugen ſollen, daß jede Ihrer Handlungen, ja ſelbſt Ihre Gedanken in den Schranken des Anſtandes ſich bewegen, meine theure Miß Boothroyd.“ „Miß Boothroyd?“ wiederholte das ſchöne Mädchen in vorwurfsvollem Tone.„Sonſt pflegten Sie mich Alice zu nennen. Aber Sie haben Recht,“ fuhr ſie raſcher fort, um vielleicht einen Seufzer zu unterdrücken;„wir ſind keine Kinder mehr, und Alles ändert ſich mit den Jahren.“ nit ihr im Bunde; ſie hat Ihre anmuthige Geſtalt, 165 „Alles, nur nicht die warme Freundſchaft und die innige Theilnahme, die ich für Alles hege, was Ihr Glück betrifft,“ entgegnete William und bot ihr ſeinen Arm, den ſie ohne Ziererei annahm.„Dieſe werden nie anders, und weil Sie ſich herablaſſen, mich daran zu erinnern, ſo erlaube ich mir, Sie wieder Alice zu nennen.“ „Oh ja, es klingt viel freundlicher,“ rief die Erbin, und ein ſchwacher Abglanz ihres früheren ſonnigen Lächelns umzog ihre Lippen. Das Herz des Jünglings klopfte ungeſtüm, als er die wohlbekannte Stimme wieder hörte und den leichten Druck ihres Arms auf dem ſeinigen fühlte. Wir wiſſen, daß die Erinnerung an einen ähnlichen Augenblick ſelbſt das träge Blut des Alters ſchon beſchleunigt und es mit der Gewalt eines Berg⸗ ſtroms, welcher ſich plötzlich von der kalten Umar⸗ mung des Winters befreit hat, durch die Adern jagte. „Sie kennen doch die Vorfälle,“ fuhr ſie fort, „die ſeit dem Tod meines armen Vaters ſtattgefun⸗ den haben, und wiſſen, daß das Kind ſeines Bru⸗ ders Allan wieder zum Vorſchein gekommen iſt?“ „Ich habe ſie geſehen,“ verſetzte William.„Sie i dem Sohn von meines Vaters Aſſocis ver⸗ obt.“ „Und Sie glauben wirklich, daß ſie meine Cou⸗ ſine iſt?“ „Niemand, der Sie je geſehen hat, kann auch nur einen Augenblick daran zweifeln,“ entgegnete der Befragte.„Die Aehnlichkeit iſt zu auffallend. äre ſie eine Betrügerin, ſo ſtünde die Natur ſelbſt 166 dieſelben gewölbten Augbrauen, die dunkeln Augen und das ſprechende Lächeln. Entſchuldigen Sie,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß die Wärme ſeiner Worte eine Glut auf die Wangen ſeiner Begleiterin gelockt hatte,„aber es kann keinem Zweifel unter⸗ liegen, daß ſie ein Anrecht an den Namen Boothroyd hat.“ „Ich glaube es auch,“ erwiderte Alice ernſt, „und würde ſie mit Freuden anerkennen— gerne Heimat und Liebe mit ihr theilen. Es wäre ſo ſüß, eine Schweſter zu haben; aber meine Mutter will nichts davon wiſſen.“ Ihr Zuhörer wunderte ſich nicht darüber, denn er hatte ſich zu der Lady Boothroyd keines Beſſeren verſehen. „Natürlich kann ich ihrem Willen nicht Trotz bieten,“ fuhr ſie fort.„Dies wäre ungerecht; aber ebenſo wenig will ich mich an einer Ungerechtigkeit betheiligen. Sagen Sie meiner Couſine,“ fügte ſie bei,„daß ich ein Zeugniß abgeben kann, welches vielleicht dazu dient, ihren Rechten Kraft zu geben.“ William betrachtete bei dieſer wichtigen Mitthei⸗ lung mit unausſprechlicher Bewunderung das hoch⸗ herzige Mädchen. In ihrem Ton lag keine Begei⸗ ſterung, kein falſches Pathos; die Worte klangen einfach, aber wurden mit Feſtigkeit geſprochen. „Und Sie ſind bereit, dieſes Zeugniß vor einem Gerichtshof abzulegen?“ rief er. „B. „Es handelt ſich um einen großen Theil Ihres Vermögens.“ „Darf ich einer ſolchen Rückſicht Einfluß auf mich —— — N — 167 geſtatten?“ rief Alice.„Nein! Reichthum— wie haſſe ich das Wort, das mein ganzes Daſein ver⸗ giftet. Seit dem Tod meines Vaters iſt kein Tag ver⸗ gangen, an dem ich nicht die Bettlerin beneidet hätte. Das ſind ſeltſame Worte,“ fügte ſie haſtig bei.„Ich bitte, vergeſſen Sie dieſelben. Wir wollen jetzt von meiner Muhme reden.“ „Recht gerne,“ entgegnete ihr Begleiter. „Sie erinnern ſich des Tages vor Ihrem Ab⸗ gang nach Eton,“ fuhr ſie fort—„eines Winter⸗ tages, wie der heutige? Wir waren damals noch Kinder, und Sie ſtiegen mit knabenhafter Galanterie, ob der wir Beide jetzt lächeln, über die Parkmauer, um mir Lebewohl zu ſagen.“ „Ob ich mich deſſen erinnere!“ wiederholte der Liebhaber, ſich wie aus einem Traum aufraffend. „Jawohl, Alice— jawohl erinnere ich mich.“ „Nachdem ich Sie verlaſſen hatte, verlor ich den Weg und kam zu einem alten Gartenpavillon, der verſchloſſen war. Die Neugierde veranlaßte mich, durch eine Thürſpalte zu ſchauen, und drinnen ſah ich ein Mädchen von ungefähr meinem Alter, das in einen groben Teppich gehüllt war. Nie habe ich weder ſie noch ihre Worte vergeſſen, die ſie in fremder Zunge ſprach.“ „Wie lauteten ſie?“ „Me buka hun.“ „Das heißt?“ „Ich weiß es nicht; aber der Pfarrer von St. Faith ſagte mir, es ſei hindoſtaniſch.“ „Das iſt in der That höchſt wichtig,“ bemerkte William.„Sie ſprechen von einem Tag, der auch 168 meinem Gedächtniß ſo viele Erinnerungen eingedrückt hat. Ich ſehe mich noch, wie ich von den Ulmen herüber reite, meinen Pony an der alten Eiche vor dem Heckenweg anbinde und über die Parkmauer klettere. Und dann die Angſt, die mich auf dem Rückweg anwandelte, daß der Verluſt Ihrer Kette mit dem Schloß Ihnen den Zorn der Lady Boothroyd zuziehen könnte.“ „Meiner Kette mit dem Schloß?“ „Ja; dieſelbe, die ich fand und Ihnen nachher wieder zuſtellen ließ.“ „Sie war alſo kein Geſchenk?“ rief Alice im Tone der Ueberraſchung. „Ich fand ſie im Park von Meldown,“ verſetzte William Thornton. „Jetzt wird mir's klar,“ ſagte das ſchöne Mäd⸗ chen und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach ihrem Nacken; aber eine Regung jungfräulicher Züchtigkeit that ihr Einhalt. Was hätte William denken müſſen, wenn er entdeckte, daß ſie jenes Geſchmeide zunächſt ihrem Herzen trug? „Sie muß meiner Couſine, der armen Gefangenen in dem Pavillon, gehört haben,“ fügte ſie tief⸗ erröthend bei,„und könnte dazu dienen, ihre Identität zu beweiſen.“ So ſchnell auch der Bewegung Einhalt gethan worden war, hatte ſie William doch bemerkt, und die Hoffnung erwachte auf's Neue in ſeiner Bruſt. „Sie hielten ſie für ein Geſchenk von mir, Alice,“ ſagte er im Tone zarten Vorwurfs—„trugen ſie, ja tragen ſie vielleicht noch als ſolches, und doch 169 können Sie den Geber der Verzweiflung überant⸗ worten?“ Das Mädchen wiederholte langſam das Wort Verzweiflung und konnte nicht begreifen, was er da⸗ mit ſagen wollte. „Ich weiß, es war anmaßend,“ fuhr er fort, „Ihnen meine Liebe zu geſtehen; denn womit hätte ich das Geſchenk eines Herzens, wie das Ihrige iſt, verdient? Dennoch, Alice, war ſie der Traum meiner Jugend und der Sporn zu jeder Thätigkeit. Ich hatte Ehrgeiz und wollte mir einen Namen erringen, der mich Ihrer weniger unwürdig machte. Doch meine Thorheit iſt beſtraft,“ fügte er bei.„Ihre Zurückweiſung hat alle meine hochfliegenden Entwürfe zerſtört.“ „Sie ſprechen in Räthſeln,“ verſetzte das erſtaunte Mädchen;„und doch ſagt mir mein Inneres, daß Sie die Wahrheit reden. Ihr Herz iſt zu edel und männlich, als daß es nur einen Augenblick mit dem meinigen ſein Spiel treiben könnte. Zurückweiſung! Ich hätte Sie zurückgewieſen? Wie konnte ich eine Liebe ablehnen, die mir nie angeboten wurde?“ „Sie haben keinen Brief von mir erhalten?“ „Nein.“ „So muß er Ihrer grauſamen Mutter in die Hände gefallen ſein!“ rief William Thornton außer ſich vor Freude.„Sie haßte mich immer und be⸗ antwortete ihn, um mein Glück zu zerſtören, in Ihrem Namen.„Ich liebe Sie, Alice,“ fuhr er in einem Tone fort, der die Tiefe ſeiner Gefühle bekundete. „Das Leben hat für mich keine Hoffnung, die nicht auf Sie Bezug nimmt. Ihr Lächeln lehrte mich zu⸗ 170 erſt, daß es eine ſüßere Liebe gibt, als die elterliche, und dieſe Ueberzeugung iſt ein Theil meines Daſeins geworden. Wollen Sie dieſes Daſein zu einer freud⸗ und thatloſen HOede machen?“ Alice Boothroyd zitterte, als dieſe leidenſchaft⸗ lichen Worte ihr Ohr trafen. „Warum haben Sie dies nicht früher geſagt?“ flüſterte ſie. 8 „Oh, reden Sie!“ rief ihr Verehrer, kaum we⸗ niger aufgeregt als ſie ſelbſt.„Glück oder Elend hängen an Ihrer Entſcheidung.“ „Ich darf nicht ſprechen, William, wie mir mein Herz es eingibt,“ ſchluchzte ſeine Gefährtin.„Es beſteht eine Schranke zwiſchen uns; und es iſt beſſer, viel beſſer, wenn Sie nie erfahren, wie innig ich Sie immer geliebt habe. Mein Vater hat mir ein Verſprechen abgedrungen, das ich nicht zu brechen wage.“ „Daß Sie Ihre Hand Ihrem Couſin Illſton geben wollen,“ verſetzte William, der oft mit Schmerz die Zeitungsartikel über die bevorſtehende Vermäh⸗ lung geleſen hatte.„Sie hätten kein ſchlimmeres Verſprechen geben können; aber es wurde Ihnen durch den Stolz und die Selbſtſucht abgepreßt, und Ihr Herz hatte keinen Theil daran. Die Vernunſt verwirft es und die Liebe fleht Sie an, ſeiner nicht mehr zu gedenken.“ „Unmöglich,“ entgegnete die Jungfrau mit einem Schauder;„ich darf es nicht brechen.“ „Wenn Illſton nur einen Funken Edelmuth in ſeinem gemeinen Charakter hat, ſo kann er das Oyfer nicht von Ihnen erzwingen.“ ſteht mir zur Seite und hat mir Kraft verliehen— 171 Ich habe es ſchon bei ihm verſucht,“ erwiderte Alice verzweifelnd.„Ich ſagte ihm, mein ganzes Innere empöre ſich bei dem Gedanken an unſere Verbindung, und flehte ſein Mitleid an.“ „Und die Antwort?“ „Sie kennen ihn; es iſt unnöthig, ſie zu wiederholen.“ „So will ich mit dem herzloſen Elenden ſprechen,“ ſagte William finſter,„in einem anderen Tone zwar, der aber vielleicht nicht minder überredend wirtt. Wie— eine Hand annehmen, der das Herz nicht folgen kann? Ein Gelübde erpreſſen von bleichen, bebenden Lippen? Alice, ſchon in dem Gedanken liegt Wahnſinn. Es darf— es ſoll nicht ſein. Hätte ich für Sie auch kein anderes Gefühl, als das eines Bruders— eine innige, aber leidenſchaſts⸗ loſe Liebe— ſo würde ſie mich Mittel finden laſſen, dieſes Opfer zu hintertreiben.“ „Handeln Sie nicht übereilt,“ rief das aufgeregte Mädchen.„Verſprechen Sie mir, daß Sie nichts thun wollen, was Sie ſelbſt in Gefahr ſetzt. Es ſteht noch einige Monate an, ehe er das Opfer fordern kann. Seit der Entdeckung, daß meine Muhme noch lebt, bin ich gedrängt, ja gefoltert worden, die Friſt abzukürzen; aber ich verweigerte es und hörte weder auf die Befehle, noch auf die Bitten meiner Mutter.“ „Recht ſo, Alice;“ verſetzte der Jüngling.„Nur wacker Stand gehalten!“ „Es iſt nicht zu beſorgen, daß ich jetzt nachgebe,“ fuhr ſie mit beſcheidener Feſtigkeit fort.„Ihre Liebe 172 ach, daß es auch Hoffnung wäre! Seit wir uns zu⸗ letzt geſehen, William, bin ich in der großen Welt geweſen und mit der ſogenannten Geſellſchaft um⸗ gegangen, ohne übrigens viel von ihren Sitten zu lernen. Halten Sie es nicht für unmädchenhaft, wenn ich Ihnen geſtehe, daß mir Ihre Liebe theuer, ſehr theuer iſt, denn ich fürchte, mein Herz gehört Ihnen ſchon faſt ungebeten.“ Wohl wenige unſerer Leſer, wir meinen natürlich die männlichen, ſind nicht in irgend einer Zeit ihres Lebens durch ein ähnliches Bekenntniß vor Entzücken faſt um Sinn und Verſtand gekommen. Sie, aber auch nur ſie, können ſich die Wonne vorſtellen, mit welcher der Liebhaber dieſes offene Bekenntniß des Mädchens anhörte. Sie zu ſchildern, iſt bei aller Tiefe der Empfindung dem Schriftſteller ſo unmöglich, als wenn er die Farben des Regenbogens oder den Wohlgeruch der Blumen in Worte faſſen wollte. Solche Gefühle kommen nur einmal vor, und zwar wenn das Herz in ſeinem Frühling ſteht. Die Liebe iſt, wie jede andere Leidenſchaft, ſchreck⸗ lich anſpruchsvoll; kaum fühlt ſie ihre Kraft, ſo wird ſie auch begehrlich. William Thornton, dem vor einer Stunde noch der entfernteſte Hoffnungsſtrahl, eines Tages geliebt zu werden, als das Höchſte menſch⸗ licher Glückſeligkeit vorgekommen wäre, ertlärte jetzt, daß er nicht von der Stelle weiche, bis ihm Alice einen Tag genannt habe, an dem ſie wieder mit ihm zuſammentreffen wolle. „Ich will Lillian und ihren Liebhaber Richard Markham mitbringen,“ ſagte er.„Sie iſt ſchön, faſt 173 ſo ſchoͤn wie Sie, und ſo gut wie ſchön. Sie werden eine Schweſter in ihr finden.“ Da Lady Boothroyd glücklicherweiſe faſt jeden Tag mit Advokaten zu ſchaffen hatte, ſo glaubte ihre Tochter wohl die verlangte Zuſage geben zu können, für die natürlich nur der Wunſch, ihre Muhme kennen zu lernen, maßgebend wurde. „Und nun müſſen wir uns verabſchieden, William,“ ſagte ſie;„eine längere Abweſenheit könnte Argwohn erregen. Es iſt hart, ſehr hart,“ fügte ſie bei,„wenn man die Wahrheit und Offenheit liebt, und doch ſich verſtellen muß.“ „Schweigen iſt nicht Verſtellung,“ bemerkte ihr Verehrer, der hier ein Stückchen Caſuiſtik aus Cupido's Moral borgte und daher hoffentlich entſchuldigt wer⸗ den wird.„Ich habe Ihren Wagen am Eingang der Anlagen geſehen. Können Sie ſich auf Ihre Diener verlaſſen und haben Sie keine Furcht?“ „Vor dem, welcher mich hieher begleitete, nicht,“ verſetzte Alice mit einem Lächeln, indem ſie auf einen Bedienten deutete, der während ihrer Beſprechung ſich in rückſichtsvoller Entfernung gehalten hatte. William erkannte den Graukopf, der ſeine junge Gebieterin reiten gelehrt hatte. Er winkte ihm her⸗ bei und wollte ihm Geld geben, das jedoch abgelehnt wurde. „Sie können was Beſſeres thun, als dieſes,“ ſagte der alte Mann mit einem Lächeln.„Nehmen Sie nich in Ihren Dienſt, wenn Sie verheirathet ie Dame ging weiter. Es iſt außerordentlich, n Takt ſelbſt die Unſchuldigſte des zarteren Ge⸗ . welch 174 ſchlechts wenn das Glück auf dem Spiele ſteht und die Herzen den Einſatz bilden. „Ich fürchte, das ſteht noch lange an,“ bemerkte der Gentlemann mit einem Seußzer. „Nicht, wenn Sie kühn zugreifen, Mr. Thornton,“ verſetzte der Diener.„Ich habe, als Sie noch ein Knabe waren und mit Miß Alice zuſammen kamen, um die Pony's galoppiren zu laſſen, ſtets geſagt, das müſſe ein Paar geben; und ſo wird's auch kommen. Sie kann ihren Vetter nicht ausſtehen. Wenn Sie ihr etwa einen Brief zugehen laſſen wollen,“ fügte er flüſternd bei,„ſo bin ich alle Abende in den Mar⸗ ſtällen von St. James zu finden.“ „Ich danke Euch, Joſeph, und werde Eure Freund⸗ lichkeit nicht vergeſſen,“ entgegnete der Liebhaber. Der alte Mann griff an ſeinen Hut und war augenſcheinlich mehr darüber erfreut, daß der Jüng⸗ ling ſich noch ſeines Taufnamens erinnerte, als über das Goldſtück, das er endlich anzunehmen ſich be⸗ reden ließ. „Sein Vater muß ſich mit ſeiner Fabrik ein ſchönes Geld gemacht haben,“ dachte er;„und wenn auch, ſo kann ich nichts Arges darin ſehen. Der Sohn aber iſt ein Gentleman durch und durch und mehr werth, als ein Dutzend ſolcher aufgeblaſener Laffen, wie der Neffe meiner gnädigen Frau.“ Der Abſchied zwiſchen den Liebenden war natür⸗ lich kurz; doch trennten ſie ſich nicht, ohne daß der Tag der nächſten Zuſammenkunft anbe wor⸗ den wäre. William Thornton verließ die Anlagen beziehungs⸗ weiſe als ein glücklicher Mann. Das Leben hatte 175 für ihn wieder einen Werth und ein Ziel; denn die Ueberzeugung, daß er geliebt wurde, gab ihm Hoff⸗ nung, ohne die, wie die Meiſten von uns wiſſen, das Daſein nichts Erfreuliches bietet. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß die italieniſche Reiſe aufgegeben wurde. Rom mag immerhin, wie ſeine Bewohner ſich ſtolz rühmen, der Mittelpunkt der Erde ſein; für unſeren jungen Freund hatte er jedenfalls jetzt alle Anziehungskraft verloren. Der erſte Gedanke des überglücklichen Liebhabers war, ſeinem Vater brieflich anzuzeigen, daß er auf ſeinen Reiſeplan ganz verzichtet habe; dann fuhr er nach Mivart's Hotel, wo er unſern Helden zu finden hoffte, und ließ ſich anmelden. Die Bekanntſchaft der beiden jungen Männer war zur Zeit keine nähere, da ſie ſich nur ein einziges Mal bei einer von Mr. Markham gegebenen Geſellſchaft geſehen hatten. Der Zweck ſeines Beſuches war bald auseinander⸗ geſetzt; er hatte jedoch kaum ſeine Mittheilung ge⸗ macht, als Richard darauf beſtand, ihn nach dem Salon zu führen, wo Lillian ſich mit Sir Charles, Lady Bell und den Advokaten befand, welchen die Nach⸗ richt William's als höchſt werthvoll erſchien. „Ein unſchätzbarer Zeuge,“ bemerkte Mr. Morton. Mr. Ballam, der zum Behuf der Eröffnung des Civilproceſſes angeworben worden war, erklärte Miß Boothroyd's Benehmen als höchſt uneigennützig. „Sie iſt ein edles Mädchen,“ rief Lady Bell, „und ich fühle, daß ich ſie lieben kann“— eine Be⸗ merkung, welche eine wonnige Glut auf das Antlitz von Alice's Verehrer jagte. 176 Lillian ſprach nicht, aber ihr Herz ſchlug dem jungen, ſchönen und guten Mädchen entgegen, das ſich ſo bereitwillig zeigte, ihre Rechte anzuerkennen. Ihr Inneres ſagte ihr, daß ſie etwas mehr als den Namen Boothroyd, die Liebe einer Schweſter mit ihr zu theilen hatte. „Und die Kette mit dem Schloß?“ fragte Sir Charles Fourreau. „Alice behält ſich das Vergnügen vor,“ antwor⸗ tete der Bote,„ſie perſönlich den Händen ihrer Muhme zu übergeben.“ Lillian lächelte und freute ſich auf den Tag der Zuſammenkunft mit ihrer Verwandten, die ſie bereits zu lieben ſich vorgenommen hatte. Hundert und viertes Kapitel. Mr. Meadows hatte mit ſeinen Gehülfen ſchon mehrere Nächte in Bets Wohnung zugebracht, ohne daß der Zweck ihrer Einſprache, Dicks Gefangen⸗ nehmung, erreicht worden wäre, und der würdige Inſpector begann bereits zu fürchten, daß ihm die Beute entgehen dürſte. Er drückte dies auch gegen die Frau des Verbrechers aus. „Sie kennen Dick nicht ſo, wie ich,“ verſetzte dieſe. „Mein Inneres ſagt mir, er iſt auf der Lauer, und wenn er mein Haus noch nicht aufgefunden hat, ſo wird es doch bald der Fall ſein. Er iſt ſo ſchlau wie der Fuchs und gibt in dieſem Stück auch Ihnen nichts nach. Ja, lächeln Sie nur,“ fügte ſie bei „aber ich ſage Ihnen, es iſt doch ſp.“ 177 „So wollen wir denn heute Nacht wieder her⸗ kommen.“ Dieſes Geſpräch fand am Morgen des vierten Tages Statt. Die Herberger hatten ſich bereits ent⸗ fernt und nur noch Bet und Nora befanden ſich zu Hauſe. Als der Späher ſich entfernte, warf die Hausfrau ihm einen ihrer Schuhe nach—„daß es glücklich gehe“ wie ſie ſich ausdrückte. Dieſelbe Nacht ſammelte ſich in dem Logirhaus bei der Münze, wo die Armuth ihren Carneval hielt, eine ſehr gemiſchte Gruppe. Einmal innerhalb der vier Mauern, legte die troſtloſe Wittwe ihre Haube und Trauergewänder ab; der liebevolle Vater von fünf unerzogenen Kindern, denen die Lätzchen ſorg⸗ fältig abgebunden wurden, um ſie für den andern Tag noch reinlich zu erhalten, vergaß den Vaterſchmerz und ſchickte die Würmlein mit einer Brodkruſte hung⸗ rig zu Bett. Der Kerl war ſchlau in ſeiner Art und wußte wohl, daß ein gutes Nachteſſen ihren Wangen die Bläſſe und ihren Augen den ängſtlichen flehenden Blick benehmen würde, die, wie die beſag⸗ ten Vorſtecker, einen Theil ſeines Handwerkszeugs bildeten. Der londoner Matroſe, deſſen Seebefahren⸗ heit ſich wahrſcheinlich nur auf ſeine Mutterſtadt be⸗ ſchränkte, nahm das Modell des Schiffs, in welchem er verunglückt ſein wollte, von dem Kopf, auf dem er es den ganzen Tag getragen, und begann ſeinen Erwerb zu zählen. War er anſehnlich, ſo durfte der frühreife Knirps, der während ſeiner Wanderungen ihm auf der Schulter ritt, an ſeinem Rachteſſen theilneh⸗ men; anderenfalls aber mußte der liebe kleine Theer, deſſen einziges Sinnen und Trachten war, die Schlach⸗ Smith, Ebbe u. Fluth. V. 12 178 ten von Hingland zu fechten, ohne Eſſen zu Bett. Nicht daß es dem Kind ſonſt an der erforderlichen Nah⸗ rung fehlte, denn es gehörte zu der Politik des Schur⸗ ken, daß der Knabe gut und rundbäckig ausſah; was die Bläſſe und Magerkeit betraf, ſo war dies eine Rolle, für die er ſelbſt einſtand, oder vielmehr die der Branntwein ihm zur Natur machte. Verkäufer von unbedeutenden Waaren, deren Han⸗ delſchaft nur eine Maske für das Stehlen war, Wahr⸗ ſagerinnen, hin und wieder auch ein unglückliches Geſchöpf, das noch nicht ganz eingeweiht war in das Leben, zu dem es ſich verurtheilt ſah, hauptſächlich aber ſolche, die kaum je ein anderes gekannt hatten, ſaßen gruppenweiſe um die Tiſche in der Küche her, deren von Bier, Tabak und Branntwein qualmende Atmoſphäre faſt zu viel war für die gebildeten Rer⸗ ven des Mr. Meadows und ſeiner Genoſſen. Nach⸗ dem letztere ein beſcheidenes Mahl, deſſen Beſtand⸗ theile ſie ſelbſt mitgebracht, eingenommen hatten, begaben ſie ſich angeblich zur Ruhe, das heißt nach einem kleinen, nur von ihnen bewohnten Stüb⸗ chen am Ende der Hausflur, deren Fenſter in den Hinterhof hinausging. Sobald die Herberger ihr Nachtlager aufgeſucht hatten und die Thüre, welche allen Verkehr zwiſchen dem oberen und unteren Theil des Hauſes ab⸗ ſperrte, durch den vorgelegten ſtarken Querbalken ſicher verwahrt war, klopfte Bet an das Gemach neben der Flur. Statt der drei brodloſen Maurergeſellen, welche hineingegangen, kamen nun zwei Polizeidiener in Mon⸗ tirung zum Vorſchein. Es waren behende, entſchloſſen 179 ausſehende Männer, welche augenſcheinlich die Gefahr des ihnen auferlegten Dienſtes vollkommen begriffen. Der Dritte, der einfache Kleider trug, war der Führer und Leiter des Unternehmens, der Exinſpector Mr. Meadows. „Ihr könnt Euch ruhig ſchlafen legen,“ ſagte der Letztere.„Wir wachen bis zum Morgen.“ „Aber ich kann nicht ſchlafen,“ verſetzte Bet, di ſich in einem Zuſtand branntweinſeliger Empfindſam⸗ keit befand.„Sie wiſſen, er iſt doch mein Mann.“ Der Späher lächelte. „Der, wenn es nach ſeinem Willen ginge, ſehr bald ein Wittwer wäre,“ bemerkte er.„Und ohne Zweifel könnte er ſich in Eurer Wirthſchaft recht gut fortbringen. Sie trägt etwas ein, Mrs. Fidler Dick?“ „Oh, was dies betrifft, ſo hat ſich's wohl,“ ver⸗ ſetzte die Haus frau ſpitzig. „Und mit einer ſolchen Heimath fände er bald' ein anderes Weib, die ihm beim Geſchäft be⸗ hülflich wäre.“ Bets Anflug von Sentimentalität verſchwand. „Gute Nacht,“ ſagte Mr. Meadows.„Solltet Ihr in der Flu ein Geräuſch hören, ſo verhaltet Euch ſtill, bis wir Euch rufen.“ Um dieſer Einſchärfung einen zwingenderen Nach⸗ druck zu geben, zog er eine mit einer Schraube ver⸗ ſehene Schlempe aus der Taſche und bohrte ſie nach Bets Verſchwinden in Pfoſten der von der Flur in die Küche führenden Thüre. Dann löſchte er das Licht aus und ſchickte ſich mit ſeinen Gefährten an, geduldig zu wachen, bis der Morgen oder Fidler käme. 12 180 Die Lage der drei Wächter war nichts weniger als angenehm. Statuen gleich daſtehend, wagten ſie es nicht, ſich zu rühren oder zu ſprechen in der kal⸗ ten, dunklen Hausflur, deren von Feuchtigkeit dampfende Wände die ſchönſten Rheumatismen in Ausſicht ſtell⸗ ten. Einer der Männer hatte ſich dicht neben dem Fenſterladen, der andere neben der Thüre aufgepflanzt, beide ſo, daß ſie auf ihre Beute, welche leider ver⸗ weifelt lang warten ließ, im Augenblick ihres Er⸗ ſcheinens losſtürzen konnten. Was ihren Führer betraf, ſo vermochte keine ge⸗ täuſchte Erwartung ſeine Geduld zu erſchöpfen. Er mußte nicht nur Talent, ſondern auch entſchiedene Liebhaberei für den Beruf beſitzen, dem er ſich ge⸗ widmet hatte. Die Tugend, heißt es, trage ihren Lohn in ſich ſelbſt— eine traurige Wahrheit, da ſie in dieſer Welt ſelten einen anderen erhält. Wir ſagen ſelten, denn der gegenwärtige Fall macht eing Ausnahme. Sie wollten für ſelbige Nacht die Hoffnung des Er⸗ folgs ſchon aufgeben, als ſie plötzlich einen feinen, knirſchenden Ton vernahmen. Die Polizeidiener lauſch⸗ ten; es war das Geräuſch, welches durch das Ein⸗ ſchneiden einer Federſäge in Eiſen hervorgebracht wird. Augenſcheinlich verſuchte Jemand von Außen den Riegel des Ladens zu durchſchneiden. Von den Män⸗ nern wagte keiner zu athmen. Während der Operation wurde die Säge mehr⸗ mals zurückgezogen, und es fand in der Arbeit eine Pauſe ſtatt, die indeß den erfahrenen Mr. Meadows nicht kümmerte; denn er wußte, daß der nächtliche Kunde dieſe Zwiſchenräume nur zum Einölen ſeines Weile die Sprache verſagte. Das erſte Zeichen der 181 Inſtrumentes benützte. Seine Berechnung erwies ſich als richtig, denn das Geſchäft hob alsbald von Neuem an. Als ein leichtes Knicken die Beendigung der Arbeit verkündigte, zog er ſachte ein Paar Handſchellen aus der Taſche— keine gemeine ſtarke Feſſeln, dergleichen das gewöhnliche Polizeivolk mit ſich führt, ſondern feingearbeitete Stahlringe mit einem Federſchluß. Wie oft hat man im Freien Gelegenheit, den Un⸗ terſchied zwiſchen dem geübten Jäger und dem Neu⸗ ling wahrzunehmen. Der Letztere verliert vor Unge⸗ duld häufig ſeine Beute, während der Erſtere ruhig wartet, bis der Vogel ihm in den Schuß kömmt; dann läßt er krachen und ſteckt ohne Haſt oder Auf⸗ regung, als verſtände ſich's ſo von ſelbſt, das Wild in ſeine Waidtaſche. Blos das Verſagen ſeines Ge⸗ wehres kann ihn aus ſeiner Faſſung bringen. Mr. Meadows und ſeine Geſellen gehörten zu den Alten; ſie verriethen weder Aufregung, noch Haſt oder Ungeduld, ſondern blieben ruhig und gefaßt, bis der Vogel aufſtieg. Mit andern Worten, erſt nachdem der Laden geöffnet, das Schiebfenſter aufge⸗ zogen und Fidler Dick hereingeſtiegen war, ſtürzten die zwei Policiſten auf ihn los. Ihn beim Arm faſſen und ſeine Hände über einander legen, während der Exinſpector die Schellen darüber hinſtreifte, war das Werk eines Augenblicks. „Das wird ausreichen,“ ſagte Mr. Meadows, der aus dem Klappen der Feder entnahm, daß ſein Ge⸗ fangener nichts mehr machen konnte. Der Gaukler war ſo überraſcht, daß ihm eine 182 wiederkehrenden Beſinnung beſtand in einem Fluch; dann nahm er einen verzweifelten Anlauf, um wieder zum Fenſter hinaus und in's Freie zu kommen. Er wurde daran verhindert. „Ruhig! ruhig!“ ſagte ſein Bezwinger in einem Ton, wie ihn etwa ein Reitknecht bei einem ſtörriſchen Pferd anwendet.„Es nützt doch nichts.“ „Weßhalb faßt Ihr mich?“ fragte der Strolch. „Das werdet Ihr zeitig genug erfahren,“ lautete die Antwort. „Es kann Einer doch in ſein eigenes Haus einbrechen, wenn er keinen Schlüſſel hat,“ ſagte der Gefangene.„Das iſt hoffentlich nicht gegen das Geſetz?“ „Gewiß nicht,“ antwortete Mr. Meadows.„Die Bemertung zeigt, daß Ihr Euch gut auf das Recht verſteht.“ Mittlerweile hatte der Sprecher den Riegel von der Thüre wieder abgenommen und Bet ſammt der Magd, die längſt des Erfolges harrten, hereingelaſſen. Nora brachte ein Licht mit. Als Mann und Frau ſich begegneten, konnte man einen wahrhaft teufliſchen Ausdruck in den Geſichtern Beider bemerken— Haß, unmächtige Wuth und wilden Rochedurſt in dem einen, ein ſpöttiſches trium⸗ phirendes Grinſen in dem andern. Das Weib unter⸗ brach zuerſt das Schweigen. „Ich glaube nicht, daß Du diesmal wiederkömmſt, Dick,“ ſagte ſie,„'s iſt jetzt für Lebenszeit.“ Der Gefangene ſchauderte; da indeß noch kein Wort über den Morb auf dem Herrſchaftsgut und — — 183 die Beraubung des Steward gefallen war, ſo be⸗ gann er wieder Muth zu faſſen. „Ich habe nichts gethan,“ bemerkte er,„und dieſes Haus iſt mein.“ Bet brach in ein helles Lachen aus— die Ver⸗ ſicherung ſchien ihre Einbildungskraft zu kitzeln. „So, Dein iſt es?“ rief ſie.„Vielleicht; nur Schade, daß Du nicht viel Zeit haben wirſt, es zu benützen. Ein comfortables Neſt, Dick— ſehr com⸗ fortabel.“ Mr. Meadows hatte nicht Luſt, den Auftritt zu verlängern, da für ihn die Aufregung der Hatz vor⸗ über war. „Iſt das Euer Mann?“ fragte er. „Ja.“ „Ich ſagte es ja,“ nahm der Gefangene das Wort. „Was könnt Ihr einem Mann anhaben, der in ſein eigenes Haus einbricht?“ Sein Weib lachte wieder; die Sache ſchien ihr ungeheuer Spaß zu machen. „Durchaus nichts,“ verſetzte der Inſpector;„aber dieſe Strafloſigkeit dehnt ſich nicht auch auf das Einbrechen in die Häuſer anderer Leute aus.“ „Oder auf das Halsabſchneiden,“ fügte Bet bei. Fidler Dicks Geſicht erlitt eine furchtbare Ver⸗ änderung. Er ſah ein, daß es mit ihm aus war, und fühlte in der Vorahnung bereits ein gewiſſes würgendes Gefühl in der Kehle. Einer der Polizeidiener hielt das Licht, während ſich Mr. Meadows anſchickte, ſeinen Gefangenen zu durchſuchen. Zuerſt nahm er ihm ein ſtarkes Meſſer 184 ab, wie es Fleiſcher und Schweintreiber mit ſich zu führen pflegen; es war augenſcheinlich ganz neu. Bet errieth, zu welchem Zweck es hatte dienen ſollen, und gratulirte ſich zu ihrem glücklichen Entkommen. Eine kurze Pfeife, ein Tabaksbeutel, dreiundzwanzig Goldſtücke und eine Handvoll Silbermünze bildeten den weitern Inhalt ſeiner Taſchen. „Das gehört mir!“ rief das Weib begierig. „Geduld! Geduld!“ verſetzte der Inſpector.„Das Gericht muß darüber entſcheiden.“ „Was Gericht!“ entgegnete Bet ungeduldig.„Bin ich nicht ſo gut wie ſeine Wittwe?“ „So weit iſt's noch nicht, meine gute Frau, was auch ſonſt noch kommen mag. Nun, heraus damit,“ fuhr er gegen den Gefangenen fort.„Wo iſt es?“ „Was?“ „Das Dokument, das Ihr auf dem Herrſchafts⸗ gut geſtohlen habt.“ „Ich weiß nicht, was Ihr meint. Ich habe kein Dokument und weiß auch nichts von einem Herr⸗ ſchaftsgut— bin in meinem Leben an keinem ſolchen Platz geweſen.“ „Das iſt eine Lüge,“ bemerkte ſeine zärtliche Ehe⸗ gattin.„Seht nur ſeine Mundwinkel an; aus ihnen merke ich gleich, wenn er lügt.“ Von einem ſo erfahrenen Mann, wie der Exin⸗ ſpector war, durfte man nicht erwarten, daß er ſich durch eine bloße Verſicherung ſeines Gefangenen abſpeiſen ließ, namentlich da dem Letzteren ſo viel daran gelegen ſein mußte, den Thatbeſtand zu ver⸗ heimlichen. Die Urkunde bildete den Hauptbeweis, 185 daß er bei dem Verbrechen des Raubmordes bethei⸗ ligt geweſen war. Mr. Megdows ging bei ſeiner Unterſuchung me⸗ thodiſch zu Werk und knöpfte zuerſt die Weſte des Mörders auf, deren Futter er ſorgfältig betaſtete. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſich hier nichts Verfängliches befand, unterſuchte er den Rock. „Ich dachte mir's wohl,“ ſagte er.„Gebt mir ein Meſſer.“ „Da iſt eines, das ſcharf genug iſt für Alles,“ bemerkte Bet, auf das ihrem Gatten abgenommene Inſtrument deutend, welches einer der Polizeidiener in der Hand hielt. Trotz Dicks Sträuben wurde das Futter aufge⸗ ſchlitzt und das langunterdrückte Codicill zu dem Teſta⸗ ment hervorgezogen. „Das hilft Dir, he?“ rief ſein Weib in trium⸗ phirendem Ton. „Und Dir auch,“ bemerkte Fidler Dick;„es macht die Dir ſo verhaßte Lilly zu einem gnädigen Fräu⸗ lein. Du weißt, Mike ſagte, ſie werde eines Tages ihr Gewicht in Gold werth ſein. Für das Stückchen Schafsfell hätte ich fünftauſend Pfund kriegen können; oder wenigſtens Du hätteſt ſie ſtatt meiner bekom⸗ men. Deßhalb kam ich her— in keiner andern Abſicht.“ Bei den Worten„fünftauſend Pfund“ riß Bet erſtaunt die Augen weit auf; vielleicht kam ihr der Gedanke, daß ſie zu vorſchnell gehandelt habe. „Diesmal lüge ich nicht— iſt's nicht ſo, Mr. Meadows?“ 186 „Vielleicht nicht, was wenigſtens den Werth der Urkunde betrifft,“ verſetzte der Inſpector.„Ueber die Abſichten gegen Euer Weib,“ fügte er bei, indem er auf das Meſſer deutete,„wird ſie ſelbſt am beſten urtheilen können.“ Mittlerweile war das erſte graue Licht des Mor⸗ gens in die enge ungeſunde Sackgaſſe gedrungen, und die Polizeidiener, welche dem in der Nachbar⸗ ſchaft wohnenden Geſindel nicht begegnen mochten, ſchafften ihren Gefangenen in einen Fiaker, um ihn nach der Polizeiſtation in der Unionsſtraße zu führen, wo man ihn bis zum Zuſammentritt des Gerichts in einer Zelle einſchloß. Ein Polizeidiener wurde ihm zur Bewachung beigegeben. „Fünftauſend Pfund,“ murmelte Bet, als der Wagen abfuhr;„und jenes Mädel kriegt ein Ver⸗ mögen, und ich nur hundert Pfund. Die Spitzbuben! Die Betrüger! Dieſer Miſter Meadows mit ſeiner öligen Zunge iſt ärger als ein Jude! Fünftauſend Pfund!“ wiederholte ſie, als liege ein beſonderer Zauber in dieſer Zahl, von der ſie jedenfalls keine ſehr klare Vorſtellung hatte, da ſie nicht im Bereich ihrer Rechenkunſt lag. Sie wußte nur, daß ſie viele Hunderte anzeigte— etwas Ungeheures. „Sie vergeſſen das abſcheuliche große Meſſer,“ bemerkte die Magd. „Ja wohl, Nora, ja wohl,“ verſetzte ihre Gebie⸗ terin.„Aber Lilly ein Vermögen! Fluch über den Tag, an dem ich zuerſt über ihn ſchwatzte!“ Ungefähr eine Stunde vor dem Zuſammentritt des Gerichts kam der Polizeidiener, welchen man Dick beigegeben hatte, in das Gaſthaus gerannt, in wel⸗ 187 chem ſich Mr. Meadows eben nach den Anſtrengungen der Nacht erfriſchte. Aus dem entſetzten Ausſehen des Mannes ließ ſich errathen, was vorgefallen war. „Ihr habt meine Weiſung verabſäumt,“ ſagte der Exinſpector. „Mein Weib brachte mir etwas zum Frühſtücken, und ich— nur—“ „Ihr ſeid ſo einfältig geweſen, die Zelle zu ver⸗ laſſen?“ „Jä „Und der Gefangene?“ „Hat ſich erhängt.“ Der Späher begab ſich nach der Station und fand die Nachricht beſtätigt. Kaum war der Gaukler allein, ſo machte er aus ſeiner Halsbinde an dem Fenſterkreuz eine Schleife und kam durch eine raſche That der Hand der Gerechtigkeit zuvor. Im Lauf des Tages wurde Leichenſchau gehalten und auf Selbſtmord erkannt. Der nachläſſige Polizei⸗ diener erhielt eine ſchwere Rüge und verlor ſeinen Poſten. Wir greifen den Ereigniſſen nur um ein paar Mo⸗ nate vor, wenn wir jetzt ſchon angeben, daß ſich Bet von den Wirkungen ihres vermeintlichen ſchweren Verluſtes nicht wieder erholte. Nüchtern oder betrunken ſprach ſie ſich oft die Worte vor:„Fünſtauſend Pfund!“ und ſtarb mit denſelben auf den Lippen. Nora wurde ihre Nachfolgerin ſowohl im Beſitz des Logirhauſes, als dem des gelben Shawls und Huts, und bis auf dieſen Tag erklärt ſie, wenn ſie von ihrer alten Gebieterin ſpricht, dieſelbe ſei eine leibhaftige Lady geweſen. 188 Mr. Morton ſaß in ſeinem Bureau und war eben in Sachen ſeiner ſchönen Clientin beſchäftigt, als der Späher angemeldet wurde. Der ſchlaue Rechtsmann las ſogleich in den Zügen ſeines Be⸗ daß er eine wichtige Mittheilung zu machen atte. „Iſt es Ihnen gelungen, des Schurken habhaft zu werden?“ fragte er „In der letzten Nacht.“ „Wo iſt er?“ „Todt,“ lautete die lakoniſche Antwort. Mr. Morton machte eine verdrießliche Miene. „Es iſt nicht meine Schuld,“ fuhr der Exinſpector fort.„Ich wies einen Polizeidiener an, bei ihm in der Zelle zu bleiben; aber ich kann dieſem Volk kein Gehirn eingießen.“ „Ein Selbſtmord?“ bemerkte der Advokat. „Ja.“ „Und die Urkunde?“ fragte der Gentlemann haſtig. Mr. Meadows zog ſie aus ſeiner Taſche und überantwortete ſie ſeinem Auftraggeber, der ſie haſtig durchlas.. S ich vermuthete!“ rief er in freudigem Tone. „Für den Fall, daß Sir Norman keine männlichen Erben hinterläßt, iſt die Verfügung getroffen, daß Allan Boothroyd's Nachkommenſchaft zu gleichen Theilen miterbe. Der Tod des Schurken wird von keinem beſonderen Belang mehr ſein, Meadows. Die Welt kommt um ein öffentliches Beiſpiel; das iſt Alles.“ Der Erinſpector meinte, daß die Beiſpiele nach⸗ gerade ſelten würden. „Je ſeltener, deſto beſſer,“ verſetzte der Rechts⸗ gelehrte.„Sie haben Ihre Sache vortrefflich durch⸗ geführt und dabei mehr als Takt, entſchiedenes Genie an den Tag gelegt.“ Dabei öffnete er ſein Taſchenbuch und händigte dem Späher eine Summe ein, die ſelbſt dieſen in Erſtaunen ſetzte. „Sind Sie zufrieden?“ fragte Morton. „Vollkommen,“ antwortete Mr. Meadows, die Anweiſung zu ſich ſteckend.„Ich brauche nicht zu ſagen, daß Sie in was immer für einer Angelegen⸗ heit, ſei es bei Tag oder bei Nacht, über meine Dienſte verfügen können. Ich bin reichlich belohnt.“ Der Rechtsgelehrte überlas nochmal ſorgfältig das Codicill, deſſen Aechtheit natürlich ſofort bewieſen werden mußte. „Noch ein Schritt,“ ſagte er—„nur noch ein einziger, und Lillians Recht auf die Hälfte der Mel⸗ n Beſitzungen iſt ſo klar wie die Sonne am ittag.“ Dieſer Schritt beſtand in Herſtellung des geſet⸗ lichen Beweiſes von ihres Vaters Trauung, ohne welche alles bisher Geſchehene fruchtlos war. Hundert und fünftes Kapitel. Je mehr Rathgeber, deſto mehr Sicherheit. Wenn darunter juridiſche zu verſtehen ſind, ſo möchten wir aus eigener, theuer erkaufter Erfahrung die Wahrheit 190 dieſes Sprichworts bezweifeln. Lady Boothroyd war indeß noch nicht zu dieſem Schluß gekommen, viel⸗ leicht aus dem einfachen Grunde, weil ſich's, wie es auf den Comödienzetteln heißt, um das erſte Debut der gnädigen Frau vor dem Kanzleigerichtshof han⸗ delte. Als ihr eine Abſchrift der Klage zugefertigt wurde, welche im Namen des Lieutenants Marſh, als des nächſten Verwandten und natürlichen Vor⸗ munds unſerer Heldin, eingereicht worden war, er⸗ holte ſie ſich ſogleich bei einem ganzen Schwarm der ausgezeichnetſten Rechtskundigen Raths und ſicherte ſich(bei welchem reichen Clienten könnte dies je fehlen ²) ebenſo viele günſtige Gutachten. Es muß auffallen, daß keine zwei Advokaten den nämlichen Fall in dem gleichen Lichte betrachten, wenn ſie nicht für dieſelbe Partei angeworben ſind; nur dann tritt ihre Anſichteneinhelligkeit ebenſo merk⸗ würdig hervor. Fern ſei es von uns, daß wir dieſe Meinungsverſchiedenheit aus einem moraliſchen An⸗ ſchauungsfehler ableiten wollen; ſie gehört ohne Zweifel zu den Eigenheiten der Jurisprudenz, die ſich nur der Juriſt erklären kann und die nicht dazu beſtimmt ſind, dem Verſtändniß von Uneingeweihten einzuleuchten, welche es jedenfalls nie ſo weit bringen werden. Auf Einen Punkt legten die gelehrten Herren ein großes Gewicht; der Kläger hatte in ſeiner Vor⸗ ſtellung an den Gerichtshof nicht angegeben, wo die Trauung Allan Boothroyd's mit der Mutter ſeiner Nichte ſtattgefunden. Zeigten ſich in dieſer Beziehung Lücken, Widerſprüche oder Zweifel, ſo war die Sache abgethan; es fehlte an der Grundlage. 191 „Der Reſt des Vermögens,“ bemerkte Sergeant Kite,„über welchen teſtamentariſch nicht verfügt wurde, ſcheint ungemein klein geweſen zu fein.“ „Unter zwölftauſend Pfund,“ ſagte Conſulent Flaw unter Bezugnahme auf den Rechenſchaftsbericht der Executoren. „Dieſer Reſt iſt auch nicht der eigentliche Zweck,“ fiel die Gnädige ein, welche gewöhnlich dieſen Be⸗ rathungen anwohnte. Die drei Rechtsgelehrten hatten dies längſt ver⸗ muthet und wollten mit ihrer Bemerkung nur auf den Buſch klopfen. „Es iſt ein heilloſer Verſuch,“ fuhr die Sprecherin fort,„die Tochter eines gemeinen Soldaten, Namens Barny Gee, der, wenn er am Leben geblieben, we⸗ gen Wilddieberei auf den Meldown'ſchen Beſitzungen verurtheilt worden wäre, in meine Familie einzu⸗ ſchwärzen und ihr in der Geſellſchaft einen Namen und eine Stellung zu verſchaffen. Als die Wittwe des verſtorbenen Sir Norman und als die Vor⸗ münderin ſeines einzigen Kindes halte ich mich für verpflichtet, Widerſtand zu leiſten.“ „Sehr natürlich!“„Ganz in der Ordnung!“ und„Löblicher Geiſt!“ lauteten die Ausrufe, mit welchen die gelehrten Herren die Erklärung ihrer Clientin aufnahmen. Gleichwohl fühlten ſie ſich nicht ganz befriedigt, denn ſie wußten zwiſchen Grund und Vorwand vortrefflich zu unterſcheiden. „Es iſt nur ein wenig zu bedauern, Lady Voothroyd,“ ſagte Mr. Tweene, der wohlbekannte Sachwalter der Königin, im geſchmeidigſten Tone, „daß Sie die Operationen zu Wahrung der Ehre 192 Ihrer Familie gegen betrügeriſche Anſprüche ſo gar bald, ja in einer Zeit begonnen haben, ehe auch nur entfernt von den Helfershelfern des Mädchens ein Zug verſucht worden war. Die Entführung des Kindes,“ fügte er bei,„erſcheint als eine etwas ſtarke Maßregel, und meine Herren Collegen wünſchen mit mir in der Lage zu ſein, ſie vor dem Gerichtshof erklären zu können, da der Gegenpart dieſen Punkt hauptſächlich hervorheben wird.“ „Richts iſt leichter,“ entgegnete die Lady ruhig. Die gelehrten Herren waren davon längſt über⸗ zeugt geweſen und freuten ſich deßhalb, den wahren Sachverhalt von ihren eigenen Lippen zu vernehmen. „In der Nacht, in welcher der Vater mit dem Kind zu St. Faith anlangte,“ fuhr das argliſtige Weib fort„wurde dieſer in einem Streit mit Sir Normans Parkwächtern erſchoſſen. Er war ein unverbeſſerlicher Wilddieb und nur unter die Sol⸗ daten gegangen, um ſich einer gerichtlichen Verfolgung wegen dieſes Vergehens zu entziehen.“ „Das iſt wichtig,“ bemerkte Kite, und machte ſich eine Note. Flaw nickte zuſtimmend. „Der Tod des elenden Menſchen,“ nahm die Lady wieder auf,„erregte natürlich eine große Theil⸗ nahme unter den Dorfbewohnern, die insgeſammt mehr oder weniger Hang zum Wildern hatten; und dieſe Theilnahme ſteigerte ſich bald bis zu bitterer Feindſeligkeit gegen meinen Gatten, auf den einige Abende nachher, als er in ſeinem Wagen nach Haus fuhr, Feuer gegeben wurde.“ „Von wem?“ en— e—.——„— c— —, — 193 „Der Thäter konnte nicht entdeckt werden. Als Frau gerieth ich natürlich in Angſt und Schrecken, um ſo mehr, da in der Nacht, in welcher der Vater dieſer jungen Betrügerin ſeinen Tod fand, einer un⸗ ſerer Förſter ermordet worden war. Nach ſolchen Porgängen konnten wir unmöglich mehr in Melbown bleiben.“ Wieder wurden die Notizbücher geöffnet und die Federn kratzten. Der Fall nahm augenſcheinlich eine viel beſſere Wendung, als die Herren gedacht hatten. Ein Baron, auf den von einer Wildererbande ge⸗ ſchoſſen wurde— dieſer Umſtand mußte den Kanzler, einen leidenſchaftlichen Jagdliebhaber, auf ihre Seite ziehen. Eine edle Familie, die ſich aus ihrer Hei⸗ math vertrieben ſieht— welch' ein Stoff für einen Redner. „Und die Entführung?“ bemerkte Mr. Tweene gelaſſen. „Ich komme ſogleich darauf,“ verſetzte die Clientin. „Nach Frauenart hatte ich natürlich Mitleid mit der Waiſe, die jetzt ganz ihren Verwandten, einem alten Weber und ſeinem Weibe, zur Laſt fiel, und bot ihr eine Stelle in meiner Schule an. „Sehr großmüthig!“ „Edel! Hochherzig!“ „Mein Anerbieten wurde jedoch zurückgewieſen,“ fuhr Lady Boothroyd fort, ohne auf dieſe Compl⸗ mente zu achten;„und da die Anweſenheit des Kin⸗ des nur dazu diente, eine gefährliche Aufregung zu unterhalten, ſo trug ich allerdings Sorge dafür, daß es von St. Faith fortkam. Ich nehme nicht den Smith, Ebbe u. Fluth. vI. 13 194 mindeſten Anſtand, dies vor Ihnen einzuräumen, meine Herren; aber wenn es Ihnen von Belang er⸗ ſcheint, ſo kann der Beweis meiner Betheiligung bei der Sache vor einem Gerichtshof leicht verhindert werden.“ „In welcher Weiſe?“ fragte Sergeant Kite. „Dadurch, daß man den Menſchen, den ich dazu benützte, an den Galgen liefert,“ antwortete die Lady mit Feſtigkeit. Das Kleeblatt wechſelte Blicke unter ſich. Augen⸗ ſcheinlich begannen ſie zu argwöhnen, daß ihre Clien⸗ tin keine gewöhnliche Perſon ſei. „Ich thue dies gerade nicht gerne,“ fuhr die Sprecherin fort;„aber im Nothfall kann ich Beweiſe vorbringen, daß jener Mark Rayner, deſſen Namen in der Klagſchrift vorkömmt, Springthorpe, den För⸗ ſter meines verſtorbenen Gatten, ermordet hat.“ „Beweiſe?“ wiederholten die drei Rechtsgelehrten. „Unumſtößliche,“ lautete die Antwort. Nach dieſer Angabe kamen die juridiſchen Bera⸗ ther der Lady Boothroyd, welche, wie wir kaum zu bemerken brauchen, die eigentliche Beklagte in dem pro forma gegen die Teſtamentsexecutoren anhängig gemachten Proceß war, zu dem Schluß, daß die häß⸗ liche Geſchichte der Entführung nun ein ganz an⸗ deres Geſicht gewinne; man könne ſie erklären oder im ſchlimmſten Fall entſchuldigen durch den ſtarken Einfluß der Gefühle, der ſelbſt von dem Geſetz ge⸗ achtet werde; und vielleicht laſſe ſich die Sache durch ein bischen geſchickten Takt ganz und gar beſeitigen. Talt! Wie kurz und ſcharf iſt der Ton des Wor⸗ tes und wie nützlich die Sache ſelbſt! Es gibt kaum —— Se———————„— —— 195 ein Verhältniß im Leben, auf das ſie ſich nicht an⸗ wenden läßt. Und was iſt am Ende der Takt? In zehn Fällen neunmal ein Keil, der eine moraliſche Schwierigkeit ſpaltet, aber nicht löst— ein Mantel, um das fadenſcheinige Gewand zu decken und dem Träger das Ausſehen eines anſtändig gekleideten Mannes zu geben— eine nicht ausgeſprochene, ſondern nur angedeutete Lüge, die indeß nicht minder bedenklich iſt, weil ſie den Anſchein der Wahrheit hat. Und doch ſind viele Leute ſtolz auf den Beſitz dieſer ge⸗ fährlichen Eigenſchaft, ohne Zweifel nach demſelben Grundſatz, welcher die unbemittelte Eitelkeit veran⸗ laßt, ſich ſtatt des Goldes, zu dem es nicht reicht, mit Tombak herauszuputzen. Die ausgezeichneten Rechtsgelehrten, welche Lady Boothroyd um Rath angegangen hatte, konnten ſich als Procuratoren des Kanzleigerichtshofes unmöglich auf die Führung eines Criminalfalls einlaſſen, da dies ihrer Würde einen Abtrag gethan hätte, und wieſen ſie deßhalb an Mr. Gringle, in deſſen Fach der Gegenſtand ganz einſchlage; der Gentleman ſtand nämlich im Ruf, ebenſo ſinnreich in Erfindung von Auskunftsmitteln, als unbedenklich in ihrer An⸗ wendung zu ſein. Unter einem ſolchen Beiſtand zweifelten ſie nicht, eines Tages hören zu können, daß ein wichtiger Zeuge ſich aus dem Weg gemacht habe— eine praktiſche Verdeutlichung deſſen, was gemeiniglich unter Takt verſtanden wird. Der Morgen, an welchem die Advokatenberathung ſtattfand, war der für die Zuſammenkunft in Ken⸗ fingtongarden anberaumte. Lillian wurde von Lady 13* 196 Bell, unſerem Helden und William Thornton begleitet. Eine Vorſtellung zwiſchen den beiden Couſinen war nicht nöthig, da ſie ſich wechſelſeitig an der Familie⸗ ½ ähnlichkeit erkannten. Wenn ſie mit einander vor einem Gerichtshof auftreten, ſo mußte, wie Alice's Liebhaber meinte, der Zweifelſüchtigſte von der be⸗ ſtehenden Verwandtſchaft überzeugt werden. „Es iſt nicht meine Schuld, theuerſte Lillian,“ bemerkte Alice,„daß Sie unter Fremden Ihre Hei⸗ 3 math finden mußten und daß Ihre Anſprüche be⸗ ſtritten werden. Die letzteren erkannte mein Herz an, ſobald ich von Ihrem Daſein hörte; denn ich hatte die kleine Gefangene aus dem Pavillon des Meldown⸗ parks und die Worte, welche ſie geſprochen, nie ver⸗ geſſen, und wurde oft geſcholten, wenn ich darüber Fragen ſtellte.“ „Ich glaube Ihnen gerne,“ entgegnete unſere Heldin, und ihre Augen füllten ſich mit Freuden⸗ thränen;„aber ſeit Jahren iſt meine Heimath eine ſo glückliche geweſen, daß mein Glück nur durch die Liebe einer Schweſter hätte erhöht werden können.“ Nun wurden Lady Bell und unſer Held der Er⸗ bin vorgeſtellt. Die gnädige Frau war zwar auf die große Aehnlichkeit zwiſchen den beiden Mädchen vorbereitet, wurde aber doch durch die Wirklichkeit, die ſie ſich nicht ſo gedacht hatte, ſehr überraſcht. Richard war natürlich weniger erſtaunt, da er das Porträt zu Meldown kannte. Als Alice aus ihrer Taſche die Kette hervorzog, um ſie ihrer Muhme wieder zuzuſtellen, konnte ſie ſich kaum eines Lächelns über den faſt vorwurfs⸗ vollen Ausdruck in dem Geſichte William Thorntons erwehren. Ohne Zweifel erwartete er, daß ſie das Geſchmeide tragen werde bis auf den letzten Augen⸗ blick, obſchon ſie nicht länger ſein Geſchenk darin ehen konnte. So anſpruchsvoll ſind Verliebte! Die verſtohlene Zuſammenkunft war für Alle eine lückliche, ſelbſt William nicht ausgenommen, obſchon es ihn wahrſcheinlich ein wenig ärgerte, daß Lady Bell ſeinen Arm nahm, während ſie am andern doch bereits Richard hatte; ſie wollte dadurch ohne Zweifel bewirken, daß die beiden Couſinen die kurze Friſt ihres Beiſammenſeins ungeſtört möchten benutzen können. ie halten mich wohl für ſehr grauſam,“ be⸗ nerkte die Lady,„allein wenn ich es bin, ſo geſchieht es in der beſten Abſicht. Es iſt mein ſehnlicher WMunſch, daß Lillian und Alice ſich lieb gewinnen.“ k„Ihre Vorſorge iſt kaum nöthig,“ verſetzte Wil⸗ liam;„ſie müſſen ſich lieben, da beide ſo gut als ſchön ſind.“ „Sehr artig, und ohne Zweifel auch ebenſo wahr als artig,“ entgegnete die gütige Frau mit einem Cächeln.„Aber nehmen Sie an Ihrem Freund da Beiſpiel und ſehen Sie, wie geduldig er ſich „Er kann es wohl,“ entgegnete William mit änem leichten Anflug von Ungeduld.„Richard iſt ein glücklicher Freier, der mit keinen feindſeligen Einflüſſen zu kämpfen hat und Lillian täglich ſehen nn; aber meine Lage iſt eine ganz andere. Lady Soothroyd haßt mich und hat ſogar den Brief, en ich ihrer Tochter ſchrieb, aufgefongen und fälſch⸗ 198 lich in Alices Namen beantwortet, ſo daß dieſe, die nichts von meinen Gefühlen wußte, den ſelbſtſüchti⸗ gen Bitten ihres auf dem Sterbebette liegenden Vaters nachgab und ihm verſprach, Illſtons Frau zu werden.“ Lady Bell machte eine ernſte Miene. Ein dem Vater unter ſolchen Umſtänden gegebenes Verſprechen erſchien ihrem klaren Verſtand ſo bindend wie ein Eid und konnte nicht gebrochen werden. „Ich bedaure Sie,“ ſag ie e.„Bedaure euch Beide; aber Alice mu r Wort halten.“ r Der arme William ma mmermiene; er hatte wohl ſchon daſſelbe bür „Wenn ich den Charakter! ichtig beurtheile,“ fuhr die Sprehe Ziot es nur einen Ausweg— die 3 ang ihrer Hand durch Illſton.“ „Er iſt bereits darum angegangen worden.“ „Von Ihnen?“ „Nein, von Alice ſelbſt.“ „Dann iſt er ein unmännlicher, herzloſer Menſch“ rief die Lady,„und wenn ich ein Mann wäre— Doch nein, nein, es wäre Unrecht, wenn ich dazu rathen wollte.“ Ob die Sprecherin in ihrer Entrüſtung William feindſelige Maßregeln gegen ſeinen Nebenbuhler zu empfehlen im Begriff war, wiſſen wir nicht; doch iſt eine ſolche Vermuthung keineswegs unwahrſcheinlich bei einer Frau von Lady Bells reizbarem hoch⸗ ſinnigen Charakter, welche als die Gattin eines Soh ———— —„—————. 6— , 6 — en lich och⸗ 199 daten natürlich einige von den Anſichten des ſie um⸗ gebenden Kreiſes angenommen hatte. Der Verfaſſer von„Ebbe und Fluth“ iſt kein Ver⸗ fechter, nicht einmal ein Enſchuldiger des Duells. Ihm erſcheint es als ein Akt, der ebenſo ſehr der Vernunft als der Religion widerſtreitet, und Gott ſei Dank, in unſerer Zeit hat es der geſunde Men⸗ ſchenverſtand nahezu ſo weit gebracht, den Zweikampf lächerlich zu machen. Wenn man indeß aus den Blicken der zwei Gentlemen einen Schluß ziehen durfte, ſo waren ſie leider nicht dieſer Meinung. Als di ven Couſinen ſich ihren Freunden wieder anſſen, bemerkte man, daß ihre Augen von Tr t waren. Sie verabſchiedeten ſich dem Verliebten entſank der Muth, als A eigend ſeinen Arm nahm. Er erinnerte ſich de. 6 Lady Bells. „William,“ ſagte das unglückliche Mädchen, als dieſer ſie nach ihrem Wagen begleitete,„ich muß Ihnen wehe thun, wie ſchmerzlich es mir auch fallen mag. Wir dürfen uns nicht wieder ſehen. Ich bitte, ma⸗ chen Sie mir keine Vorwürfe, ohne mich angehört zu haben. Ich wage es nicht, das meinem ſterben⸗ den Vater gegebene Wort zu brechen. Ich weiß wohl, was Sie dagegen ſagen werden; ich habe es ſelbſt ſchon meinem Verſtand und meinem Herzen vorgehalten, aber vergeblich. Das Verſprechen wurde mir allerdings abgedrungen, und ich gab es mit Widerſtreben; aber ich gab es und muß es halten, wenn ſich nicht,“ fügte ſie unter einem leidenſchaft⸗ lichen Thränenſtrom bei,„das Grab barmherzig über 200 mir ſchließt, ehe Illſton ſeine Erfüllung beanſpruchen kann.“ Dies war ein ſchwerer Schlag für William Thorn⸗ ton, der in der letzten Zeit wenigſtens wieder in den ſchönſten Zukunftsträumen geſchwelgt hatte. Die ge⸗ täuſchte Hoffnung machte ihn jedoch nicht ungerecht. Der edle Entſchluß des bekümmerten Mädchens, ihre feierliche Zuſage zu halten, erhöhte ſogar die Be⸗ wunderung ihres Charakters, obſchon er die ganze Beredſamkeit eines Liebhabers aufbot, um ihren Entſchluß wankend zu machen. „Mein Herz können Sie vielleicht überreden,“ verſetzte ſie traurig,„denn es iſt ſchwach und ſpricht ſchon vornweg für Sie, aber nicht meine Vernunft, die mir ſagt, daß aus einer ſolchen Ehe kein Glück erblühen könne; die Erinnerung an das gebrochene Gelübde würde ſtets wie ein Geſpenſt zwiſchen uns treten und den kurzen Wonnetraum vergiſten. Sie könnten wohl fortfahren, mich zu lieben; aber die Achtung, ohne welche die Liebe nur eine werthloſe Leidenſchaft iſt, müßte bald aufhören; und lieber will ich an einem gebrochenen Herzen ſterben, als dies erleben.“ „Sie thun ſich ſelbſt und mir Unrecht,“ rief Wil⸗ liam leidenſchaftlich.„Kann man den Vogel tadeln, der ſich von der Schlinge des Vogelſtellers losge⸗ macht— das Lamm, das ſich der Umarmung des Wolfes entzogen hat? Ihr Vater hatte kein Recht, von Ihnen zu verlangen, daß Sie auch noch über ſeinem Grabe ſeinem Ehrgeiz ſich zum Opfer bringen. Das Anſinnen war entſetzlich, unnatürlich, und—“ „Stille,“ verſetzte Alice ernſt.„So ſehr ich auch 201 ſein Benehmen beklage, darf ich ihm doch keinen Vor⸗ wurf machen. Dem Kind ſteht kein Urtheil zu über ſeine Eltern. Und nun, William, iſt es am beſten, daß wir uns Lebewohl ſagen. Es iſt für uns Beide eine ſchwere Prüfung; aber mein Inneres ſagt mir, daß ich recht handle, und dieſe Ueberzeugung wird mich aufrecht halten. Es war ſelbſtſüchtig, ſehr ſelbſt⸗ ſüchtig von mir, daß ich je meine Liebe bekannte. Vergeben Sie mir und ſuchen Sie mich zu vergeſſen.“ „Sie vergeſſen?“ entgegnete der Jüngling.„Das iſt leicht geſagt, aber nicht leicht gethan.“ „Nicht doch,“ ſagte Alice.„Sie beſitzen That⸗ kraft und Talente, die Sie nicht in nutzloſem Grämen verkommen laſſen dürfen. Die Welt hat Anſprüche an Sie, und Sie können ſich Auszeichnungen errin⸗ gen, die auch von den Edlen geſchätzt werden. In einem ſolchen, des Mannes würdigen Streben, und wenn Sie Gutes um ſich her verbreiten, werden Sie der traurigen Vergangenheit und des Mädchens, das Sie liebte, bald vergeſſen haben; und im Lauf der Zeit finden Sie wohl eine Andere—“ „Sie machen mich wahnſinnig,“ unterbrach ſie William Thornton.„Können Sie mich für ſo herz⸗ los halten, daß Sie glauben, das Ringen einiger Jahre nach Ehren, die ich geringſchätze, vermöge eine Vergangenheit, deren Erinnerungen mit den Träumen meiner Knabenzeit begannen, aus meinem Gedächt⸗ niß zu tilgen? Soll ich Ihnen ſagen, wann und wann allein Ihr Bild verſchwinden wird aus dem Tabernakel, wo es ſo lange als Heiligthum verehrt wurde? Wenn der Tod die Pulſe zum Stillſtand bringt, die jetzt für Sie ſchlagen, und der letzte zit⸗ ternde Athem meinen Lippen entweicht. Mein Leben und meine Liebe für Alice Boothroyd ſind unzer⸗ trennlich.“ Alice konnte auf dieſe leidenſchaftliche Treuever⸗ ſicherung nur mit Thränen antworten. „Doch es iſt noch nicht Alles verloren,“ nahm ihr Liebhaber in heiterem Tone wieder auf.„Der Himmel wird das Opfer nicht zulaſſen, gegen das ſich Ihr Herz empört. Ich will Illſton aufſuchen. Wenn es ihm um Ihr Vermögen zu thun iſt, ſo wird ihm mein Vater, um Sie von dieſem grau⸗ ſamen Joch zu befreien, gern den Werth der Mel⸗ downſſchen Güter ausfolgen. Ihr Couſin iſt ſtets in Geldverlegenheit wie alle Spieler. Nein, glauben Sie nicht, daß ich mich dazu herabwürdigen könne, meinen Nebenbuhler zu verläumden; was ich ſage, beruht auf zuverläſſigem Wiſſen. Lillians Anſprüche haben möglicherweiſe Einfluß auf Ihr Vermögen— ich bin noch nicht ganz hoffnungslos.“ Das arme Mädchen gedachte der Worte und der Blicke des Viscounts, als er ihr erklärte, er werde auf ſeinen Anſprüchen beſtehen, und wenn ſie eine Bettlerin wäre; doch mochte ſie die Hoffnung ihres Verehrers nicht durch eine Hinweiſung auf jene Scene niederſchlagen. Als das Pärchen eben im Begriff war, den Park zu verlaſſen, begegnete ihnen ein Gentleman von militäriſchem Ausſehen, der augenſcheinlich die Dame kannte. Es lag nichts beſonders Auffallendes oder Anſtößiges in dem Blick, womit er Alice's Begleiter ſich bemerklich zu machen ſuchte; doch kochte dem 203 Letzteren das Blut ob dieſem Stückchen gebildeter Unverſchämtheit. „Kennen Sie dieſen Menſchen?“ fragte er. „Ich habe ihn ſchon in Geſellſchaft geſehen, kann mich aber im Augenblick auf das Wo nicht erinnern,“ antwortete Alice.„Doch ja— es iſt Capitän Cheſter; ich begegnete ihm auf dem letzten Ball bei Lord Carlington.“ Dieſer an ſich unbedeutende Vorfall zog ernſt⸗ lichere Folgen nach ſich, als die Liebenden ahnten, von denen wenigſtens eines nach dem etwas ver⸗ zögerten Abſchied die Hoffnung mit ſich nahm, das ſcheinbar unüberwindliche Hinderniß werde ſich durch die Feſtigkeit ſeines Willens beſeitigen laſſen. Am andern Tag erhielt Lady Boothroyd von ihrem Advokaten die Mittheilung, es ſei ihm ange⸗ zeigt worden, doß die klägeriſche Partei im Begriff ſei, den Gerichtshof um die Prüfung eines kürzlich aufgefundenen Codicills zu dem Teſtament zu bitten, welchem zufolge ihr verſtorbener Gatte, Sir Norman, die Meldown'ſchen Beſitzungen angetreten habe. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß ihr dieſe Nachricht ſehr überraſchend kam, denn ſie hatte nicht anders ge⸗ glaubt, als daß es in der Nacht, in welcher der Steward ermordet wurde, für immer verſchwunden ſei. Manchen, die ſich ſelbſt zum ſtärkeren Geſchlecht zählen, dürfte vor der Maſſe von Beweismitteln, die ſich mit jedem Tage häuften, der Muth entſunken ſein; nicht ſo der gewiſſenloſen Frau, die in Ver⸗ folgung ihrer einzigen Lebensaufgabe eine Beharr⸗ lichteit zeigte, welche einer beſſeren Sache würdig geweſen wäre. Ihre Thatkraft ſteigerte ſich mit den 204 Schwierigkeiten, und da ſie die wichtige Sache nicht länger einem Landpraktiker wie Mr. Marſhall an⸗ vertrauen wollte, beſchloß ſie abermals den Rath ausgezeichneter Rechtsgelehrten einzuholen. Bei die⸗ ſer Gelegenheit beſtand ſie darauf, daß ihre Tochter ſie begleiten ſollte— eine Laune, die ſich Alice nur durch die Vermuthung erklären konnte, daß ihre Zu⸗ ſammenkunft mit William oder ihrer Couſine in den Anlagen der Lady verrathen worden ſei. Drei Stunden lang mußte das arme Mädchen auf Andeutungen, Meinungen und Plane hören, ob denen ſie hätte vergehen mögen. Wie klar wurde ihr im Laufe jenes Morgens die Falſchheit und der weltliche Sinn ihrer Mutter. Wahrſcheinlich fühlte dies Lady Boothroyd, denn ſie befand ſich in durchaus keiner liebenswürdigen Stimmung, als ſie ihrer Toch⸗ ter in den Wagen folgte. „Nach Haus,“ rief ſie in ſcharfem, zornigem Tone dem alten Joſeph zu, als dieſer den Schlag ſchließen wollte. „Um Verzeihung, aber iſt Ihr Name nicht Booth⸗ royd?“ fragte ein wohlgekleideter, junger Mann, deſſen ſproſſender Schnurrbart, affectirtes Liſpeln und zuverſichtliches Weſen für die Zukunft einen Aus⸗ bundzierbengel in Ausſicht ſtellte. Die Gnädige antwortete nur damit, daß ſie den Aufdringling feſt in's Auge faßte. „Alice Boothroyd?“ fügte der Sprecher bei, ruhig ſein Glas in's Auge ſteckend, um, wie er ſpäter gegen ſeine Schreibſtubencollegen bemerkte, die Mama zu erzürnen. „Mein Name iſt Alice,“ antwortete die junge Dame, die ſich kaum von ihrer Ueberraſchung erholen konnte.„Was wollen Sie von mir?“ „Nur Ihnen dieſe Ladung einhändigen, unter Strafe vor dem Kanzleigerichtshof als Zeugin in dem Proceß Boothroyd versus Boothroyd zu er⸗ ſcheinen.“ Alice nahm das Blatt mechaniſch hin. „Unverſchämter!“ rief die Mutter aufgebracht. „Wirf den Fetzen auf die Straße und laß das Fen⸗ ſter herunter. Wie möget Ihr Euch unterſtehen,“ fügte ſie gegen den Bedienten bei,„dieſe Aufdring⸗ lichkeit zu geſtatten?“ „Werfen Sie ihn hin, wohin Sie wollen, alte Madame,“ verſetzte der Schreiber;„nur vergeſſen Sie nicht, daß er übergeben worden iſt. Wir wiſſen wohl, daß Sie aalglatt ſind; aber ich habe Zeugen.“ Dabei deutete er auf zwei achtbar ausſehende Män⸗ ner, denen der Auftritt ohne Zweifel ſehr beluſtigend vorkam. Während der Heimfahrt bewahrte Lady Booth⸗ royd ein unheilverkündendes Schweigen; ſie erwog augenſcheinlich bei ſich, aus welchen Umſtänden der Schritt, den Lillians Vormünder gethan hatten, ſich erklären ließ, konnte ſich aber nur einen einzigen denken— Alice mußte von der Scene im Pavillon geſprochen haben. „Unnatürliche Tochter!“ rief ſie, ſobald ſie in dem Beſuchzimmer angelangt waren.„Ich mühe mich Tag und Nacht ab für Dein Wohl, und Du wirſt ſelbſt zur Verrätherin an mir.“ „Es iſt traurig, wenn ein Kind ſeine Mutter verrathen kann,“ entgegnete Alice,„denn es handelt 206 ſich dann um eine Sache, welche das Gewiſſen gerne verbergen möchte.“ „Ich brauche mich nicht über meine Pflichten gegen die Familie und die Wünſche Deines Vaters von Dir belehren zu laſſen,“ erwiderte die gewalt⸗ thätige Frau.„Aber ich muß wiſſen, wie weit Deine Thorheit gegangen iſt. Sprich!“ „Ihr Verlangen iſt mir Befehl,“ ſagte das Mäd⸗ chen achtungsvoll. We Du dieſe angebliche Couſine geſehen?“ „Ja.“ „Und ihr geſagt, daß—“ „Ich theilte ihr mit, was ich aus dem alten Pavillon wußte, und ſtellte ihr ein Geſchmeide zu, das ſie verloren hatte und das William Thornton mir zuſchickte in der Meinung, daß es mein Eigen⸗ thum ſei.“ „Närrin! Du haſt die Hälfte Deines Vermögens auf's Spiel geſetzt.“ „Es iſt für mich längſt werthlos geworden,“ ver⸗ ſetzte Alice in traurigem Tone. „Romanenunſinn! Die Narrheit eines liebeſiechen WMägdleins,“ unterbrach ſie die Gnädige zürnend. „Ich habe Dich immer für ſchwach und kindiſch ge⸗ halten; jetzt aber finde ich, daß Du auch gefährlich ſein kannſt, und werde demgemäß meine Maßregeln treffen. Geh' auf Dein Zimmer und unterſtehe Dich nicht, es ohne meine Erlaubniß zu verlaſſen.“ Von dieſem Tage an war Alice Boothroyd eine Gefangene. 207 Hundert und ſechstes Kapitel. Capitän Cheſter, welcher den Liebenden in den Anlagen ſo ungeſchickt begegnete, war eine ſehr be⸗ kannte Perſönlichkeit, und wir müſſen ihn dem Leſer als ein Muſter von jener Klaſſe vorführen, die ge⸗ legentlich ohne die Empfehlung von hervorragenden Talenten, von Vermögen oder hoher Geburt in der Geſellſchaft Duldung erringt, aber es kaum je ſo weit' bringt, wirklich zu ihr gerechnet zu werden. Eine Luſtpartie der unverheiratheten Herren ſei⸗ nes Kreiſes galt nicht für vollſtändig, wenn er nicht dabei war, und in den Landhäuſern des höchſten Adels wurde er ſtets als ein willkommener Gaſt auf⸗ genommen. Einige kluge Mütter mit reich ausgeſtat⸗ teten Töchtern mochten wohl unruhige Blicke auf ihn werfen; denn bei ſolchen Damen iſt Mißtrauen ein Theil ihres Weſens, und ſie haben eine inſtinktartige Furcht vor jüngeren Söhnen; aber ſonſt war er beim ſchönen Geſchlecht allgemein beliebt. Auch konnte man nicht leicht einen angenehmeren Mann finden. Er ſekundirte trefflich beim Singen, war ein ausge⸗ zeichneter Tänzer, Reiter und Schütze, wußte die pi⸗ kanteſten Anekdoten zu erzählen, verſtand ſich ſehr gut auf Pferde und galt auch nicht einmal als Spie⸗ ler; denn wenn er auch häufig ein Spiel mitmachte, ſo geſchah es nie um hohe Einſätze, indem er als Grund die Beſchränktheit ſeiner Mittel angab. Nie⸗ mand von ſeiner Bekanntſchaft konnte ſagen, daß er je viel an Cheſter verloren habe, obſchon auch nur wenige ſich eines Gewinnes von ihm zu rühmen 208 vermochten; denn ſein Glück war eben ſo ſprichwört⸗ lich wie ſeine Mäßigung. Kein Wunder alſo, daß die Väter in ihm einen ganz paſſenden Geſellſchafter für ihre Söhne ſahen. Maonche böswillige Perſonen, natürlich Leute unter⸗ geordneten Schlags, wunderten ſich, wie es Capitän Cheſter angriff, um ſich ſo lang in den beſten Clubs zu halten, in den angeſehenſten Familien Zutritt zu finden, ein prächtiges Pferd zu reiten, und ſich, als hätte er jährlich fünfhundert Pfund zu verzehren, zu kleiden. Vielleicht war es dem Gentleman ſelbſt eben ſo unerklärlich; ſo viel aber hatte ſeine Rich⸗ tigkeit, daß ihn Niemand darüber zu befragen wagte, ſo fern der Erdragoner neben ſeinen anderen Eigen⸗ ſchaften auch in dem Ruf eines ſtets ſiegreichen Duel⸗ lanten ſtand. Man glaubte, eine derartige Ehren⸗ ſache habe ihn bewogen, die Armee zu verlaſſen; doch war dies nur eine Vermuthung, da ſelbſt bei Mili⸗ tärs die eigentliche Urſache im Dunkeln ſchwebte. Der Capitän war eben von einem Jagdausflug nach den Hochlanden zurückgekehrt und auf dem Weg nach dem Holm, dem Landſitz der Carlingtone bei Eton. Zu ſeinem großen Verdruß mußte er ſich einen Tag in London aufhalten, wo er, da es außer der Saiſon war, ſich auf ſich ſelbſt angewieſen ſah. Um die Zeit zu tödten, ſuchte er ſein Clubhaus auf; aber die Kellner empfingen ihn mit einem kalten Lächeln. Im Haus waren die Weißputzer und die Zimmer überall leer. Als letzte Zuflucht blieben ihm nur noch die Anlagen von Kenſington übrig, wo er we⸗ nigſtens Luft und angenehme Erinnerungen an die Liebeständeleien der letzten Jahre fand. 209 „Beiläufig, Illſton,“ bemerkte er, als er am Tag nach ſeiner Ankunft in dem Faſanengarten des Holms ſich beluſtigte,„ich machte während meines Aufent⸗ halts in London eine Entdeckung, welche Sie intereſ⸗ ſiren wird. Sie haben einen Nebenbuhler.“ „Pah!“ verſetzte der Viscount, ſein Gewehr an⸗ legend;„ich habe dies ſchon ſeit einiger Zeit ver⸗ muthet.“ „Einen begünſtigten.“ Obſchon der Viscount ſich anſtellte, als lache er über dieſe Mittheilung, fehlte er doch den Vogel. „Ich bin Miß Boothroyd begegnet, wie ſie am Arm jenes Burſchen, des Thornton, ging,“ fügte der Sprecher bei.„Sie haben mich einmal auf ihn auf⸗ merkſam gemacht, und wie Ihnen bekannt iſt, ver⸗ geſſe ich nie ein Geſicht, das ich einmal geſehen. Beiläufig, ich glaube, Sie ſagten mir, er und Ihre Couſine ſeien als Kinder Spielgefährten geweſen.“ Sein Begleiter war viel zu verdrießlich, um zu antworten, und der Capitän brachte ihn noch mehr auf, indem er die erſten Paar Verſe des„jungen Liebestraums“ ſang. „Wieder gefehlt!“ rief er, als ſein Freund zum zweiten Mal mit dem früheren Reſultat Feuer gab. Der unglückliche Schütze ſprach etwas von un⸗ ſteter Hand wegen zu viel Wein, den er Abends vor⸗ her getrunken. „Wir wollen das Schießen aufgeben und zu Haus eine ruhige Partie Billard machen,“ fügte er bei. Aber auch beim Billard handhabte der gnädige Herr ſeine Queue ſo unſicher, wie draußen ſeine Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 14 210 Vogelflinte. Jeder Stoß ging fehl. Die Verdrieß⸗ lichkeit wich nicht, und nur eine Cigarre und etwas Grog konnte ihn wieder in Ordnung bringen. Sie begaben ſich deßhalb nach dem Ankleidezimmer des Viscounts. „Sie halten mich vermuthlich für ſehr ſchwach,“ bemerkte der gnädige Herr, nachdem ſie gemächlich Platz genommen und die Luft mit den erſten Dutzend Zügen vom ächten Blatt durchduftet hatten;„aber die Sache verhält ſich ſo, daß ich längſt vermuthete, der anmaßende Laffe Thornton mache Jagd auf das Vermögen meiner Couſine. Ich kam ſchon zu Eton dahinter, wo wir als Knaben waren, und hab's ihm derb unter die Naſe gerieben.“ „Natürlich,“ bemerkte der Capitän ruhig. „Es iſt nicht angenehm, in der Neigung des Mädchens, auf das man ein Auge hat, durch einen Parvenu ausgeſtochen zu werden.“ „Entſchieden unangenehm,“ verſetzte der Gaſt, welcher bereits merkte, daß die Unterhaltung nur ein Vorſpiel zu einer wichtigeren Mittheilung war;„und in Ihrer Lage würde ich entſchieden auftreten.“ „Ich kann nicht.“ Der Capitän zuckte die Achſeln. „Das iſt eben das Aergerliche bei der Sache,“ fügte der gnädige Herr bei.„Nichts auf Erden könnte mir ein größeres Vergnügen machen, als ihn niederzuſchießen; aber dadurch lüde ich nur Alice's Haß auf mich, und alle Hoffnung, ihre Liebe je zu gewinnen, wäre verloren.“ Sein Zuhörer lächelte nicht— ein Umſtand, wel⸗ cher mehr zu Gunſten der Gewalt ſprach, die er über 211 ſeine Züge hatte, als durch einen ganzen Band Be⸗ ſchreibung geſchehen könnte; denn er wußte, daß zu den Eigenſchaften, durch welche ſich der edle Viscount auszeichnete, der Muth nicht gehörte. „Wenn ich einen Freund hätte, der in's Mittel träte, fügte der Sprecher bei, ſeinen Gaſt feſt ins Auge faſſend;„natürlich ohne daß ich dabei als Be⸗ leidigter in's Spiel käme.“ Der Wink war derb genug; der Capitän aber wollte ihn noch nicht verſtehen, da ihm die Sachlage noch nicht beſtimmt genug erſchien. „Beiläufig,“ bemerkte er,„iſt etwas an dem Ge⸗ rücht, daß Sie nach Ihrer Verheirathung noch zu Lebzeiten des Grafen in's Oberhaus berufen werden ſollen?“ „Eine abgemachte Sache.“ „Und wer wird dann Ihr Nachfolger in dem Familienwahlbezirk Quitpenny?“ „Darüber iſt noch nicht verfügt,“ entgeg⸗ nete der Viscount. Hiemit hatte die Unterhaltung ihr Bewenden. Jedes weitere Wort über die Sache wäre zu viel geweſen, denn die Gentlemen verſtanden einander auch ſo vollkommen— der Raufer, welcher Dienſt von ihm erwartet wurde, und ſein ehrenwerther Freund, welchen Preis er dafür zu bezahlen hatte. Denſelben Abend nahm Lord Carlington ſeinen Gaſt bei Seite, um ein wenig mit ihm zu plaudern. „Ich hatte keine Idee davon, Cheſter,“ bemerkte er,„daß Ihr Sinn auf eine politiſche Laufbahn ge⸗ richtet iſt, und wundere mich deßhalb, daß Sie nie früher davon geſprochen haben. Illſton ſagte mir, 14 212 daß Sie im Fall einer Erledigung Luſt hätten, für Quitpenny aufzutreten. Ihre politiſchen Anſichten ſind vermuthlich—“ „Entſchieden die der Partei, welche in Eurer Gnaden einen ſo trefflichen Führer hat,“ verſetzte der Capitän. „In dieſem Fall,“ erwiderte der Peer, ihm die Hand drückend,„begleiten Sie meine beſten Wünſche.“. Wir wollen damit nicht andeuten, daß der hoch⸗ geborne Eigenthümer des Holms die Beweggründe kannte, die ſeinen Sohn veranlaßt hatten, den Ca⸗ pitän ſo angelegentlich zu ſeinem Nachfolger in dem Familienwahlbezirk zu empfehlen, noch weniger, daß er bei der beſtehenden ſtillſchweigenden Uebereinkunft betheiligt geweſen wäre. Er wollte ſeinem Sohn einen Gefallen erweiſen; denn im Ganzen war es ihm gleichgültig, wer den Sitz ausfüllte, wenn ihm nur die Stimme zu Gebot ſtand. Drei Tage ſpäter fand ſich Capitän Cheſter ge⸗ nöthigt, ſeinen Beſuch abzukürzen. Ein unerwartetes Geſchäft, eine Familienangelegenheit, zwang ihn, nach London zurückzukehren. „Sie bleiben in dem Holm?“ fragte er ſeinen Freund, als er ihm zum Abſchied die Hand drückte. „Wenigſtens noch vierzehn Tage,“ ſagte Illſton. „Natürlich ſchreiben Sie mir. In dem langweiligen Landhaus wird mir ein Brief von Ihnen eine wahre Erquickung ſein.“ „Soll nicht fehlen.“ Die würdigen Freunde trennten ſich in der Hoff⸗ 3 — * S — ——* 213 nung, ja faſt mit der Gewißheit, einander recht bald wieder zu ſehen. Dieſes Bild erſcheint dem Leſer vielleicht als übertrieben, aber dem iſt nicht ſo. Wir ſind ſchon vielen Cheſtern, das heißt Männern begegnet, die zu ſtolz ſind, um ſich zur Arbeit heräbzuwürdigen— Schmarotzern, welche ſich ſtets bereit finden laſſen, den Launen und nur zu oft auch den Laſtern eines Gönners zu dienen. Der Capitän erwies ſich als ein Mann von Wort. Drei Tage nach ſeiner Abreiſe erhielt Vis⸗ count Illſton folgenden Brief: „Mein lieber Illſton!— Ich erbitte mir nicht gerne Gefälligkeiten, aber Sie ſind in der That weit und breit der Einzige, an den ich mich wenden kann. Ich bin von einem unverſchämten Laffen, Namens Thornton, beleidigt worden und hoffe, der Burſche wird die Nothwendigkeit einer Abbitte einſehen; wo nicht, nous verrons! „Kommen Sie ſogleich, denn ich möchte die Sache vom Hals haben. Sie finden mich in meiner alten Wohnung.“ Die Worte waren behutſam geſetzt, und die Hin⸗ weiſung auf eine Abbitte konnte, im Fall der Brief vor einen Gerichtshof kam, nahezu den Beweis lie⸗ fern, daß der Schreiber mehr eine Ausgleichung als den Streit im Auge hatte. Der Viscount nahm ſeine Feder, ſchrieb mit der Miene großer Befriedigung die Adreſſe des Capitäns nebſt den Worten„mit dem nächſten Zug“ auf einen Bogen Papier und klingelte ſeinem Kammerdiener. „Dies ſogleich auf das Telegraphenbureau,“ ſagte 214 er,„und haltet Euch bereit, nach einer Stunde mich nach London zu begleiten.“ „Ich habe ihn; er iſt umſtrickt und kann nicht entkommen,“ murmelte die hochadelige Memme vor ſich hin, nachdem der Diener ſich entfernt hatte.„Ich haßte ihn ſchon als Knabe, und die Luſt, ihn zu ärgern, iſt mit ein Beweggrund geweſen, daß ich Alice bei ihrem Verſprechen feſthalte. Cheſter hat noch nie ſeinen Mann gefehlt,“ fügte er bei.„Wie gut ahnte er meine Gefühle, als er mich bat, ihm als Sekundant zu dienen. Welch ein Genuß, dieſem Thornton die Todespoſt zu bringen, die Einleitungen zu verhandeln, die Entfernung abzumeſſen, ihn fallen zu ſehen und Zeuge ſeines Todeskampfes zu ſein. Man hat nicht nöthig ihm zu ſagen, weſſen Hand die Waffe lenkte; er wird es ahnen.“ Mit ſolchen Gedanken trat der gnädige Herr den Weg nach London an und ließ ſich dort ſogleich nach der Wohnung ſeines Freundes fahren, welcher ihm die Hand drückte und ihn auf eine Weiſe bewill⸗ kommnete, als ob er ſelbſt der verpflichtete Theil ſei. Und dieſe Maske, welche vielleicht die Gewohnheit beiden zur andern Natur gemacht hatte, behielten ſie auch unter ſich bei. „Iſt es nicht auffallend,“ bemerkte der Capitän, „daß ich ſo bald nach unſerer Unterhaltung Anlaß erhalten mußte, Sie in einer Ehrenſache mit Thorn⸗ ton um Ihre Dienſte zu bitten?“ „Sehr,“ verſetzte der Viscount.„Aber ſagen Sie mir, wie es zuging.“ „Auf die einfachſte Weiſe von der Welt,“ verſetzte der Raufbold.„Ich ging geſtern Abend mit Barton † 215 ſpazieren— Sie erinnern ſich ſeiner, des Burſchen, der auf dem St. Leger ſo grauſam gerupft wurde? — als wir zufällig in der Nähe von der Wohnung Ihrer Tante Ihrem Nebenbuhler begegneten. Ich wußte, daß ich den Menſchen ſchon früher geſehen hatte, konnte mich aber im Augenblick des Ortes nicht entſinnen. Sein Gedächtniß war beſſer, wie es ſcheint. Meinem Begleiter fiel die Art auf, wie wir einander anſehen, und er fragte natürlich nach ſeinem Namen.“ „Und Sie antworteten?“ „Er ſei einer von Miß Boothroyds zahlrei⸗ chen Verehrern. Daran nahm der aufbrauſende Gentleman Anſtoß und verſtieg ſich zu der Abge⸗ ſchmacktheit, von mir eine Abbitte zu verlangen.“ „Wie lächerlich,“ rief der Viscount. „Ich brauche Ihnen nicht zu bemerken, daß ich dieſes beſcheidene Anſinnen ablehnte, und zwar in den höflichſten Ausdrücken, da ich nie meine Faſſung verliere. Dann ließ er ein Wort über Spionage fallen, worauf ich ihn um ſeine Karte erſuchte; und ſo ſteht jetzt die Sache.“ „Wie gedenken Sie weiter zu handeln?“ fragte ſein edler Freund. „Ich habe nur einen einzigen Weg,“ verſetzte der Capitän. „So denke ich auch.“ „Ich muß den Kerl fordern und niederſchießen, wenn er ſich nicht zu einer amenée honorable her⸗ anläßt.“ „Sie wollen ſich mit einer Abbitte begnügen?“ rief der gnädige Herr im Ton getäuſchter Erwartung. 216 „Sie vergeſſen, mein Freund, daß die Sache in Ihren Händen liegt. Wenn mir Thornton eine ſchriftliche Abbitte ſchickt, wie Sie ihm dieſelbe dictiren, ſo hat der Handel natürlich ein Ende.“ Dies war in der That der feinſte Hochgenuß der Rache; er durfte ſelbſt die friedliche Botſchaft überbringen, war in der Lage, ohne Gefährde den Mann, den er haßte, durch ein Fordern von demüthigenden Bedingungen zu beſchimpfen, auf welche dieſer unmöglich eingehen konnte, und ſollte, wie er hoffte, in den Augen, vor denen er die ſeinigen ſo oft niedergeſchlagen, den Ausdruck der Furcht und Todesangſt leſen. Illſton hätte ein wahrer Epicuräer im Haß ſein müſſen, wenn er durch eine ſolche Lab⸗ ſal nicht befriedigt worden wäre; man darf ſich da⸗ her nicht wundern, wenn er mit aller Haſt darauf losging. „Es iſt beſſer, wenn man ſolche Dinge raſch ab⸗ macht,“ ſagte er. Der künftige Vertreter von Quintpenny war der⸗ ſelben Meinung. „Ich will den Parvenu ſogleich aufſuchen,“ er⸗ klärte der Viscount. Cheſter nickte beifällig. „Wo werden wir diniren?“ „In dem Club.“ Als der Raufbold ſich allein ſeinen Betrachtungen überlaſſen ſah, bereute er zwar die übernommene Rolle nicht; doch lag etwas in der Sache, über die er ſich nicht recht hinwegſetzen konnte. Einen Men⸗ ſchen wegen einer Meinungsverſchiedenheit todtſchießen, iſt nicht mehr Mode, und nur der ſo ſchlau ihm hin⸗ 217 — gehaltene Köder hatte ihn verlocken können, ſich mit dieſer Geſchichte lächerlich zu machen, der unbeneidens⸗ werthen Berühmtheit nicht zu gedenken, welche ein ſolcher Akt ſeinem Namen zuziehen mußte, nachdem er Jahre lang ſich ſo viele Mühe gegeben hatte, zu vermeiden, daß er nicht auf anrüchige Weiſe in's Gerede komme. Um ſich bis zur Zurückkehr ſeines Freundes die Zeit zu vertreiben, nahm er die Armee⸗ liſte auf und begann ſorgfältig die Spalten zu mu⸗ ſtern. Ein⸗ oder zweimal verdüſterte ſich unwillkürlich ſeine Stirne, als gewiſſe Namen ſeine Aufmerkſam⸗ keit feſſelten; dann warf er mit der Miene ärgerlicher Ungeduld das Buch wieder weg. Obſchon William Thornton der ihm ſo geſchickt ⸗ aufgedrungene Streit ſehr verdroß, ahnte er doch f nicht, von wem er angelegt war, und erſt als Ill⸗ ſtons Karte ihm überreicht wurde, ging ihm über das Ganze ein Licht auf. Dennoch empfing er ihn mit jener ruhigen Faſſung, die den Mann von Cha⸗ . rakter und Bildung bekundet. „Das Verfahren, das Ihr Freund einzuſchlagen für gut hält, iſt ſehr ungewöhnlich,“ bemerkte er, tchen er die Botſchaft des Capitäns angehört hatte. „In der City vielleicht,“ verſetzte der edle Herr höhniſch. „Ich dachte, das Duelliren ſei außer Cours.“ „Iſt dieſer Ihr Irrthum vielleicht Schuld an Ihrem beleidigenden Benehmen gegen meinen Freund?“ ₰ fragte der Viscount.„In dieſem Fall dürfte ſich die Angelegenheit vergleichen laſſen, wenn Sie ſchriftlich Abbitte leiſten in der Weiſe, wie ich es Ihnen dictire.“ — — 8* — 8 ꝛ 218 „Wie rückſichtsvoll!“ „Nun ja, es iſt ziemlich rückſichtsvoll! Cheſter fühlt, daß er ſich im Grund lächerlich macht, wenn er ſich mit Ihnen ſchlägt.“ Das Blut kochte in Williams Adern ob dem höhniſchen Ton, in welchem dieſe beleidigenden Worte geſprochen wurden. Er durchſchaute den ganzen An⸗ ſchlag, wußte aber nicht, wie er ſich deſſelben er⸗ wehren ſollte. „Wollen Sie mir gefälligſt den Namen Ihres Freundes nennen?“ fügte der Bote bei. „Wie Sie eben bemerkt haben,“ entgegnete William, „läßt ſich ja die Sache, ſoweit der Capitän bethei⸗ ligt iſt, ohne weitere Einmengung abmachen.“ „In der That? Nun,“ fügte Illſton mit einem herausfordernden Lächeln bei,„ich ſagte Cheſter, daß ich glaube, es werde auf dieſe Weiſe ausgehen.“ „Unter einer Bedingung.“ „Bedingung?“ „Daß Sie an die Stelle Ihres Freun⸗ des treten.“ Ich— ich? Ich habe ja keine Händel mit Ihnen,“ ſtotterte der Bote. „Ei ja, doch, gnädiger Herr,“ entgegnete Thorn⸗ ton in einem Ton, ob welchem ſeinem alten Feind das Herz im Leib erzitterte,„und zwar von unſeren Schuljahren her. Wenn Sie es vergeſſen haben— und ich weiß, Ihr Gedächtniß iſt gar geſchmeidig— ſo möge dies den neuen zur Grundlage dienen.“ Und er warf mit einer Geberde tiefer Verachtung dem edlen Viscount ſeine Karte in's Geſicht. 219 „Das iſt höchſt ungewöhnlich,“ ſtotterte der Gnä⸗ dige mit der Miene der größten Unbehaglichkeit. „Wie, etwa ungewöhnlicher,“ fragte William iro⸗ niſch,„als wenn ein Feigling dem Mann, den er fürchtet, durch den feilen Arm eines Andern nach dem Leben trachtet? Sie ſehen, ich kenne Sie, mein Lord, und leſe in Ihrem erbärmlichen, argliſtigen Herzen. Was haben Sie Ihrem ehrenwerthen Freund an Geld oder Gönnerſchaft für mein Blut zu bezahlen? Sie werden bleich,“ fügte er bei.„Ich weiß nicht, was mich hindert, Sie zu behandeln, wie Sie es in vollem Maß verdienen— Sie mit Fußtritten zur Thüre hinauszuſtoßen und Ihnen in's Geſicht zu ſpeien, memmenhafter Meuchelmörder.“ „Das Urtheil der Welt über eine ſolche Kränkung,“ entgegnete Illſton, nach Feſtigkeit ringend. „Sie haben Recht,“ ſagte der entrüſtete Jüngling, der nur mit Mühe einen weiteren Losbruch ſeiner Vergchtung unterdrückte.„Wohlan denn, ſo entwerfen Sie die Abbitte, wie ſie Ihnen ihr boshaftes Herz eingeben mag; ich werde ſie unterzeichnen. Der Streit mit Ihrem Freund kann jeden Augenblick wieder aufgenommen werden; aber es bleibt bei der Be⸗ dingung— Sie ſtellen ſich mir ſelbſt.“ „Es wird keine Abbitte angenommen,“ erwiderte der Haſenfuß. „Ah, ich dachte mir's,“ rief William.„Ihr Freund iſt ohne Zweifel ein Raufbold vom reinſten Waſſer, denn Sie konnten Ihren Muth und Ihre Sicherheit keinen ungeübten Händen anvertrauen. Doch auch der beſte Schütze hat ſchon gefehlt, und wenn dies Capitän Cheſter begegnet, ſo ſehen Sie zu. Ich 220 werde Ihnen folgen wie Ihr Schatten und jeden er⸗ denklichen Schimpf, jede Beleidigung auf Sie häufen. Ihr Name ſoll der Gegenſtand allgemeiner Verach⸗ tung werden, wenn Sie ſich weigern, mir zu ſtehen. — Sie ſind noch nicht der Gatte von Alice Booth⸗ royd,“ fügte er bei. „Der Name Ihres Freundes, Sir?“ fragte der Viscount, vor Furcht und Leidenſchaft zitternd. William verwies ihn an Richard Markham; denn obſchon er unſern Helden noch nicht lange kannte, zweifelte er doch nicht, daß derſelbe ihm bei dieſem Handel zur Seite ſtehen werde. Capitän Cheſters Bote athmete erſt auf der Straße draußen wieder frei; aber wenn er auch den ver⸗ nichtenden Blicken des Mannes, deſſen Untergang er ſuchte, nicht mehr ausgeſetzt war, wirkte doch die Furcht nachhaltig, und die Worte ſeines Feindes„auch der beſte Schütze hat ſchon gefehlt“ klangen noch immer wie ein Todesurtheil in ſeinen Ohren. Er bereute bitter ſeine Unklugheit, die ihn bewogen hatte, in dem beabſichtigten Zweikampf eine thätige Rolle zu übernehmen. In der Verblendung des Haſſes hatte er ſich bloßgeſtellt und den ohnehin ſattſam durchſichtigen Schleier völlig gelüftet. „Haben Sie den Burſchen getroffen?“ fragte ſein verbindlicher Freund, als ſie ſich im Club trafen. . „Und der Erfolg?“ „Sie müſſen ſich ſchlagen,“ antwortete der Vis⸗ count. Der Capitän hatte dies vorausſehen können. „Und ihn niederſchießen,“ fuhr der Spre⸗ 221 cher fort.„Er iſt der unvernünftigſte Schurke, dem man begegnen kann. Würden Sie es wohl glauben,“ fügte er mit erkünſteltem Lachen bei,„er thut, als glaube er, ich habe Sie angeſtiftet, mit ihm Händel anzufangen.“ „Ah!“ i Ihre Dienſte erkauft.“ „ 56 „Er verlangte von mir, ich ſolle an Ihre Stelle treten. Als ob Sie ſich bewegen laſſen könnten, den ſtellvertretenden Arm eines Andern anzunehmen, um ſeine Unverſchämtheit zu züchtigen.“ „Sie haben ganz Recht,“ bemerkte der Capitän ruhig;„ich muß den Kerl erſchießen— da hilft nichts Anderes.“ Hundert und ſiebentes Kapitel. Man darf nicht glauben, daß die Markham's in ihrem Wohlſtand ſo undankbar geweſen ſeien, die vor⸗ treffliche, warmherzige Mrs. Tuttle, die Tabakshänd⸗ lerin, zu vergeſſen, welche in der Nacht, die unſern Helden ſeiner Eltern entführte, ſo großmüthig der unglücklichen Mutter und dem hungernden Kinde bei⸗ geſprungen war. Im Gegentheil, Rachel und ihre Tochter beſuchten ſie häufig— der einzige Beweis von Aufmerkſamkeit, welchen ſie ſich erlauben durften, ohne anzuſtoßen; denn das wackere Weibchen beſaß eine Unabhängigkeit des Geiſtes, welche die ihrer Vermögensverhältniſſe weit überbot, obſchon auch letz⸗ tere durch ihren Eifer und ihre Sparſamkeit ſich ſo 222 weit gehoben hatten, daß ſie keinen Mangel mehr zu befürchten brauchte. Die im letzten Capitel aufgeführten Ereigniſſe fan⸗ den an dem Morgen des Tages Statt, an welchem die Damen gewöhnlich dieſen Beſuch zu machen pfleg⸗ ten, und diesmal hatten ſie auch Richard und Jack Monders eingeladen, ſie zu begleiten. Es war einer der glücklichſten Augenblicke in Jacks Leben, als er Mary am Arm— ſie mußte ihn frei⸗ lich zweimal dazu auffordern, ehe er den Muth ge⸗ wann, ihr ihn anzubieten— Mrs. Markham und ihrem Sohn nach der wohlbekannten Belvedereſtraße folgte, wo ſie Alle ſo viel Elend erlebt hatten. Viel⸗ leicht fühlte er ſich auch ſtolz dabei; aber es war der Stolz der Ehrlichkeit. Er hatte jetzt keine Urſache mehr, den Blick des Polizeidieners zu fürchten, ſon⸗ dern konnte ſeinen Nebenmenſchen in's Geſicht ſehen, ohne daß ihm das verrätheriſche Roth der Selbſt⸗ anklage zu den Wangen ſtieg. Die Verirrungen des Knaben waren längſt durch die Rechtſchaffenheit des Mannes wieder gut gemacht. Man ſagt, der Wohlſtand verhärte das Herz, und wir fürchten, daß dies nur allzu oft der Fall iſt. Deß⸗ halb ſollten Alle, für die der Reichthum endlich ſein Füllhorn geöffnet hat, von Zeit zu Zeit den Schau⸗ platz ihrer früheren Armuth und Prüfungen, die glückliche Stätte beſuchen, wo der Kummer ſie ge⸗ läutert hat. Schon die Alten lehrten dies, denn wir finden, daß die Iſraeliten nach der Rückkehr aus ihrer erſten Gefangenſchaft in ihren prächtigſten Gebäuden einen Theil der Wand ungetüncht und unverziert 223 ließen. Dieſem Brauch gilt Moore's ſchöne An⸗ ſpielung: „So ſagt die kahle Wand in Indas Hallen Der Schönheit und dem Stolz im Wonnerauſch, Daß früher es Gefangenſchaft gegeben.“ Ein ähnliches tiefes Gefühl bewog Rachel, auf dem Weg zu Mrs. Tuttle mit ihren Kindern auch das alte Häuschen zu beſuchen. In dem Uebermaß ihres Glückes glaubte ſie ihr Herz erleichtern zu kön⸗ nen, wenn ſie an der Stelle, wo ſie ſelbſt Mangel, Elend und Herzenskummer gelernt hatte, ihre warmen Danlgebete für den gegenwärtigen Ueberfluß und für alle die ſegensreichen Führungen Dem darbrachte, der auch über ihrem Knaben ſo treu gewacht hatte. Das Häuschen war unbewohnt. Mrs. Markham und ihre Tochter hatten es, ſeit es ihnen gut ging, ſchon öfter beſucht. Mit inſtinktartigem Zartgefühl zog Jack Manders ſich zurück; denn ſein Inneres ſagte ihm, daß die Mutter mit ihren Kindern wenigſtens auf einige Augenblicke allein zu ſein wünſche. Er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als die alte Nachbarin, welche den Schlüſſel zu dem Häuschen in Verwahrung hatte, augenſcheinlich ohne ihn zu kennen, ſich in tiefſtem Reſpekt vor ihm verbeugte; denn ſie war eine von den lauteſten Schreierinnen geweſen, welche ihm prophezeiten, daß es mit ihm kein gutes Ende nehmen werde. Es würde ſchwer ſein, Richards Gefühle zu ſchil⸗ dern, als er die traurigen Räume, die feuchten nie⸗ drigen Wände, das von Roſt zerfreſſene Kamingitter, die zerriſſene Decke und den verſporten Boden be⸗ 224 trachtete. Worte vermögen nicht die Summe der Erinnerungen auszudrücken, die ſich in ſeinem Gehirn drängten. Er deutete ſtumm auf die Stelle neben dem Fenſter, wo Rachel zu ſitzen und zu arbeiten pflegte, während er neben ihr auf ſeinem Schemel ſaß und ſich ſeine Aufgaben abhören ließ. Dieſe Stelle war es auch, auf welcher die Mutter mit ihren Kindern niederkniete, um die Beredſamkeit ihres ſtummen Gebetes auszugießen und eine Huldi⸗ gung darzubringen, Gott wohlgefälliger, als der Weihrauch aus goldenem Gefäß; denn jede Bruſt war ein Tempel, jedes Herz ein Altar. Nachdem dieſer Akt ſtiller Dankſagung vollbracht war, blieb kein Winkel, keine Ecke der alten beſchei⸗ denen Wohnſtätte ununterſucht. An zahlloſe Vorfälle ihres vergangenen Lebens, an Leiden ſowohl als an Freuden— denn letztere ſind auch der Armuth nicht ganz fremd— erinnerte ein Blick wechſelſeitigen Verſtändniſſes oder ein Lächeln. Das Häuschen war nicht länger verödet, ſondern wurde durch Rück⸗ blicke belebt. Die durch die zerbrochenen Scheiben einfallenden Sonnenſtrahlen ſchienen die Gäſte wieder willkommen zu heißen, und unſer Held erfreute ſich ſehr des Beſuches an dem alten Wohnplatz. Als ſie das Haus verließen, fanden ſie ihren Be⸗ gleiter auf einem außen aufgeſchichteten Holzſtoß ſitzen, wie er einer Gruppe von ſpielenden Kindern zuſah, die alle mehr oder weniger das Abzeichen der Armuth trugen, und von denen die jüngſten wackelnden Knirpſe, die kaum zu gehen vermochten, ſich in die Geheim⸗ niſſe von Kothpaſtetchen vertieften, während die älteren in luſtigen Sprüngen ſich tummelten. „Philoſophien?“ rief Richard, ihn auf die Schul⸗ ter klopfend. „O nein, Sir; ich weiß nichts von Philoſophie und verſtehe kaum die Bedeutung des Wortes,“ ver⸗ ſetzte Jack.„Ich machte mir nur Gedanken darüber, warum es den reichen Leuten, die täglich hier ihre Geſchäfte betreiben, den Eigenthümern der großen Brauerei, der Holzhöfe, der Sägmühlen, der Seifen⸗ fabriken und der Werften nie einfiel, eine Schule für die armen kleinen Geſchöpfe zu bauen, die vor ihren Augen in Unwiſſenheit aufwachſen. Sind ſie Philo⸗ ſophen?“ fügte er bei. „In ihrem eigenen Sinn leider ja,“ entgegnete Richard Markham. „Dann bin ich froh, daß ich keiner bin,“ er⸗ widerte Jack mit Nachdruck. „Wie verſteh' ich Dich?“ fragte Mary. „Sie ſind Gymnoſophiſten,“ antwortete ihr Bruder mit einem Lächeln—„Philoſophen von der geſchloſſenen Hand,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß ſeine Anſpielung nicht verſtanden wurde. Mrs. Tuttle war etwas überraſcht, als ſie Mrs. Markham und ihre Tochter im Geleite von zwei Herren bei ſich eintreffen ſah, und wußte ſich dieſen Umſtand gar nicht zurecht zu legen. Als ihre Gäſte nach der erſten Bewillkommnung in dem behaglichen Stübchen hinter dem Laden Platz genommen, begann ſie fra⸗ gende Blicke zuerſt auf ihren jungen Liebling Mary und dann auf unſern Helden zu werfen. „Oh, nicht doch,“ rief das hübſche Mädchen, die ihre Gedanken geleſen hatte;„es iſt keiner davon in mich verliebt— allerdings ein ſchreiender Undank, Smith, Ebbe u. Fluth. vr. 15 226 ſo fern ich einen von ihnen innig liebe und auch großen Antheil an ſeinem Freunde nehme.“ Unſer Held zog die lachende Jungfrau an ſich und küßte ſie. Wäre es Mrs. Tuttle möglich geweſen, die Spre⸗ cherin der Leichtfertigkeit zu beargwöhnen, ſo würde ſie ſicherlich eine höchlich entſetzte Miene gemacht haben, da ſie es im Punkte weiblicher Sittigkeit ſehr genau nahm. „Das ſieht allerdings etwas ſonderbar aus,“ ſagte die gutherzige Frau;„aber da Ihre Mutter keine Ueberraſchung zeigt, ſo muß es wohl recht ſein.“ „Zuverläſſig,“ entgegnete Richard, indem er auch ſeine Mutter küßte. „Mir ſollte ein junger Menſch ſo kommen,“ dachte Mrs. Tuttle, was in buchſtäblicher Ueberſetzung be⸗ ſagen wollte, daß ſie eine ſolche Freiheit ſchrecklich übel nehmen würde. Wie wenig dachte ſie, daß bald die Reihe eines ähnlichen Genuſſes an ſie kommen und ſie nicht einmal ein Wort des Aergers und Verweiſes darüber finden werde. „Können Sie es nicht errathen?“ rief Mary, ihre beiden Hände faſſend und ihr voll in's Geſicht ſehend. I†hre alte Freundin wußte nicht, wo ihr der Kopf ſtand, und richtete ihre ſchwarzen, glänzenden, zigeu⸗ nerartigen Augen zuerſt auf unſern Helden und dann auf ſeine Schweſter. Plötzlich ging ihr ein Licht auf und ſie nannte den Namen Richard. „Mein lieber Bruder,“ fügte das glückliche Mäd⸗ chen bei. „Ich nehme das Recht in Anſpruch, Ihnen für Ihre Güte gegen meine Lieben zu danken,“ ſagte der Jüngling. 227 Mary legte die Hände, welche ſie noch immer feſthielt, in die ſeinigen, und der dankbare Sohn drückte ſeine Lippen auf die noch immer blühenden Wangen der Tabakshändlerin, zum großen Entſetzen ihrer Nichte, einer ſehr anſtändigen Perſon, welche durch das Thürfenſter zuſah und vor Schreck die Wage fallen ließ. „Gottes Segen über Sie, mein lieber Junge,“ ſtotterte Mrs. Tuttle.„Ihre Rücktehr hat mehr als ein wundes Herz geheilt. Habe ich Ihnen nicht immer geſagt, Mrs. Markham, er werde wieder kommen und Ihrer Liebe, den Thränen, die Sie um ihn geweint haben, keine Schande machen? Und ich ſehe, es iſt eingetroffen; Sie könnten ſonſt nicht ſo glücklich ausſehen.“ „Er iſt in der That ganz wie ein Mutterherz ihn wünſchen kann,“ verſetzte Rachel. Es folgten nun Fragen, Antworten, Glückwünſche und Aeußerungen des Staunens über die Erlebniſſe des Verlorenen, bis die wohlmeinende Freundin von Allem unterrichtet war; als das Merkwürdigſte von Allem aber erſchien ihr, wie ſie offen bekannte, der Umſtand, daß Jack Manders ſich ſo gut gemacht hatte. „Das hätte ich mir nicht träumen laſſen,“ be⸗ merkte ſie,„wenn ich an die Art denke, wie er von ſeinem heilloſen Onkel erzogen wurde. Natürlich haben Sie in den Zeitungen ſeinen Tod geleſen?“ „Dieſer junge Gentleman war dabei zugegen,“ ſagte Richard. „Wie— er wäre alſo—2“ „Mein Freund, Jack Monders, Sie haben's er⸗ rathen,“ entgegnete Richard Markham. 15* 228 Mrs. Tuttle reichte ihm die Hand und enthielt ſich großmüthig eines Lächelns, denn ſie erinnerte ſich, wie ſie ihn einmal mit einer Ohrfeige abge⸗ fertigt hatte, als ſie ihn hinter ihrem Ladentiſch mit einem Bündel von ihren allerbeſten Cigarren in der Hand erwiſchte. Das Geſpräch wurde durch ein blaſſes, zartaus⸗ ſehendes Mädchen in tiefer Trauer unterbrochen, wel⸗ ches durch das Zimmer nach dem Laden ging. „Eine von meinen Miethleuten im erſten Stock,“ bemerkte Mrs. Tuttle.„Sie wußte nicht, daß Be⸗ ſuch da iſt; ſonſt würde ſie einen andern Weg ge⸗ macht haben. Es ſind ihrer drei— die Mutter, die Tochter und der Stiefvater. Die Frauenzimmer ha⸗ ben es leider ſchlimm genug bei ihm, denn der Mann iſt ein bösartiger roher Kerl. Würden Sie es wohl glauben, daß er ſie ſchon in der erſten Nacht, als ich ihn im Haus hatte, prügelte? Dem machte ich übrigens bald ein Ende, indem ich ihm erklärte, daß ich ein ſolches Benehmen nicht in meinem Hauſe dulde. Sie ſind nach London gekommen, um die Ausfolge eines Vermögens zu erwirken, das durch einen armen, auf der See verſtorbenen Jungen nach⸗ gelaſſen wurde. Da er minderjährig war, ſo fällt Alles an den Stiefvater. Ich bedaure die Frau und ihre Tochter; die armen Geſchöpfe haben in der Rück⸗ tehe des jungen Menſchen die letzte Hoffnung ge⸗ ehen.“ „Kennen Sie den Namen des jungen Matroſen?“ fragte Jack, den auf einmal die Sache ſehr intereſſirte. „Kaleb Coſtar,“ antwortete die Hausfrau;„der Stiefvater aber heißt Gunton. Sie wollen morgen 229 um zwölf Uhr mit ihrem Advokaten zu Doctor Com⸗ mons gehen und ihre Nachweiſe vorlegen.“ Jack merkte ſich Ort und Stunde wohl. Da die Markhame bei Mr. Bently ſpeiſen ſoll⸗ ten, ſo verabſchiedeten ſie ſich jetzt; doch ließ ſich Rachel vorher von ihrer wohlwollenden Freundin ver⸗ ſprechen, daß ſie bald einen Tag bei ihnen zubringen wolle. Zu Hauſe angelangt, traf unſer Held William Thornton, der auf ihn wartete. „Ich habe nie mit einem Duell zu ſchaffen ge⸗ habt,“ bemerkte Richard, ſobald der Zweck des Be⸗ ſuchs ihm klar gemacht war,„und bin ein grund⸗ ſätzlicher Gegner deſſelben. Bei Ihnen ſcheint freilich ein Ausnahmefall ſtattzufinden, und unter allen Um⸗ ſtänden ſoll der Sohn von meines Vaters Freund und Aſſocié mich nicht vergeblich um Beiſtand ange⸗ gangen haben. Gibt es kein Mittel, die Sache zu vergleichen?“ William erzählte Alles, was zwiſchen ihm und dem edlen Viscount vorgefallen war. „Der feige Halunke!“ rief ſein Zuhörer entrüſtet. „Ich bin von Natur nicht rachſüchtig,“ fügte er bei; „hoffe aber, Sie werden dem Capitän Anlaß geben, die ſchändliche Rolle, der er ſich unterzogen hat, zu bereuen. Wenn der Viscount kömmt, ſo mag er mich bei meinem Großvater aufſuchen.“ Die Jünglinge drückten ſich herzlich die Hand und kamen mit einander überein, daß von der Sache nicht weiter geſprochen werden ſolle, da ſie natürlich den Damen ein tiefes Geheimniß bleiben mußte. Auch wurde jede weitere Maßregel bis nach der Be⸗ 230 ſprechung mit Capitän Cheſters Sekundanten ver⸗ ſchoben. Lady Bell hatte den unvorſichtigen Wink, den ſie in Kenſington Garden über die Art, wie William Thornton handeln ſollte, hingeworfen, nicht vergeſſen, und wir müſſen ihr die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß die möglichen Folgen ihr große Sorge machten. Während des Diners und ſpäter im Geſellſchaftszimmer entging weder ihr noch Lillian das zerſtreute Weſen unſeres Helden, obſchon nur die gnädige Frau die Urſache ahnte und eine Be⸗ ſtätigung ihrer Befürchtungen darin ſah, als der Tafel⸗ decker ſeinem jungen Gebieter die Karte des Viscounts brachte und dieſer unmittelbar darauf das Zimmer verließ. „Karlchen,“ flüſterte ſie ihrem Gatten zu, der keiner Bitte widerſtehen konnte, welche mit dieſem Wort eingeleitet wurde,„ich fürchte, daß Richard und der junge Thornton in eine thörichte Geſchichte verwickelt ſind und ſich durch ein von mir faſt aus⸗ geſprochenes Wort zu einem Duell mit Illſton haben. verleiten laſſen.“ Pah,“ verſetzte der General gut gelaunt,„der Burſche hat nicht den Muth, ſeinem Mann zu ſtehen. Lumley von der Garde verſicherte mich, er ſei als Haſenfuß überall bekannt. Doch will ich mit unſe⸗ rem jungen Freund Rückſprache nehmen und im Noth⸗ fall den Vermittler machen.“ „Im Nothfall?“ verſetzte die Lady mit Nach⸗ druck.„Mein Inneres ſagt mir, daß es wirklich ſo weit iſt.“ Obſchon der alte Kriegsmann die Sache nur 231 leichthin behandelte, um die Beſorgniſſe ſeiner Gattin zu beſchwichtigen, beſchloß er doch, das Haus nicht zu verlaſſen, ohne unſern Helden um eine Erklärung angegangen zu haben. Es koſtete Richard bei ſeiner Wahrheitsliebe und ſeinem männlichen Charakter viel Ueberwindung, den Gaſt zu empfangen, ohne ihn für ſein jämmerliches Benehmen die verdiente Verachtung fühlen zu laſſen; er that ſich jedoch Zwang an und blieb in den Schranken der Höflichkeit. „Vermuthlich wiſſen Sie bereits,“ bemerkte der Viscount,„aus welchem Beweggrund ich Sie be⸗ helligen muß.“ „Mr. Thornton hat mich von Ihren Beweg⸗ gründen vollſtändig in Kenntniß geſetzt.“ Illſton biß ſich in die Lippen; er fühlte die Iro⸗ nie der Antwort. „Es bleibt uns alſo nichts mehr übrig,“ ſagte er,„als die Zeit und den Ort der Begegnung zu beſtimmen. Ich werde mich glücklich ſchätzen, Mr. Markhams Meinung darüber zu hören.“ „Sehen Sie ſich wohl vor, gnädiger Herr,“ rief Richard;„in dieſer ganzen Geſchichte iſt etwas ſo Unengliſches, daß ich es kaum zu bezeichnen wage. Hoffen Sie ja nicht zu entkommen, wenn Ihr Neben⸗ buhler von Capitän Cheſters Händen fällt. William Thornton hat Freunde, die zuverläſſig ſein Blut von Ihren Händen fordern werden.— Doch warum neh⸗ men Sie, ſtatt in dieſem Duell als Sekundant auf⸗ zutreten, nicht lieber Ihre wahre Stellung, die des Duellanten ein? In dieſem Fall würde mir nichts ein größeres Vergnügen machen, als die geeigneten Anſtalten zu treffen.“ „Ich habe keinen Streit mit Ihrem Freund— keinen Anlaß.“ „Hat er Ihnen dieſen Morgen nicht einen zu⸗ reichenden Grund an die Hand gegeben, als er Ihnen Ihre Karte in's Geſicht warf?“ fragte Richard.„Die meiſten Menſchen würden ſicherlich dieſer Anſicht ſein. Aber vielleicht laſſen mich Euer Gnaden wiſſen,“ fügte er in ſarkaſtiſchem Tone bei,„wie weit man in der Beſchimpfung gehen muß, wenn Sie den Muth finden ſollen, ſie zu ahnden?“ „Mr. Markham vergißt den Zweck meines Be⸗ ſuches,“ bemerkte Illſton blaß vor Wuth.„Ich bin hier im Namen des Capitäns Cheſter und werde mich weder von Ihnen noch von Ihrem Freund ſo weit treiben laſſen, daß ich an ſeine Stelle trete. Mein Name iſt nicht ſo unbedeutend, daß ich nicht ſollte aufzufinden ſein, wenn dieſe Angelegenheit ein⸗ mal beendigt iſt.“ „Gut; ich nehme Sie beim Wort. Vorerſt nen⸗ nen Sie Ort und Zeit, da beides Thornton und mir gleichgültig iſt.“ „Morgen früh um acht Uhr.“ „Gut.“ „Und der Platz bei der Mauer zwiſchen Hydepark und Kenſington Garden.“ „Vollkommen einverſtanden.“ Nach dieſer kurzen Zuſtimmung zu den Vorſchlä⸗ gen verließ unſer Held das Zimmer, weil er dem kaltblütigen feigen Meuchelmörder gegenüber ſeiner 233 2 Faſſung nicht traute; in der Halle wies er den Por⸗ tier an, dieſem die Thüre zu öffnen. Illſton verließ das Haus ſehr verguügt. Er fühlte ſich überzeugt, Cheſter werde ihn von ſeinem Nebenbuhler befreien, und meinte, es ſei Zeit genug, gegen den Zorn der Freunde ſeines Opfers Vorſorge zu treffen, wenn erſt das Opfer verſorgt wäre. „Vom Drohen werden die Hühner fett,“ mur⸗ melte er, als er von Mr. Bently's Haus in die Straße hinaustrat.„Mein Leben iſt—“ Man vernahm den Knall einer Piſtole und eine Kugel zerſchmetterte das Gehirn des herzloſen Prahlers. Da Niemand in der Nähe zu ſehen war, ſo mußte der Schuß aus dem Fenſter eines Nachbar⸗ hauſes oder von dem in der Mitte des Platzes be⸗ findlichen Garten herrühren. Es iſt außerordentlich, wie ſchnell ſich auch an den abgelegenſten Plätzen von London ein Menſchen⸗ gewühl zuſammenfindet, ſobald ein Unglück oder ein Verbrechen ſtattgefunden hat. Nach dem Knall ſtürzten ſogleich Dienſtboten aus den Höfen heraus und erhoben den Ruf Mord. Kutſcher, Stalljungen und andere müßige Perſonen verließen die nahe Schenke, und Weiber ſtrömten aus den Rachbar⸗ ſtraßen herbei, alle angezogen von dem magnetiſchen Einfluß des Entſetzlichen. Mit blaſſen Geſichtern ſchauten ſie ſich an und fragten, wer die Unthat begangen habe. Ein Polizeidiener, der einmal auch da war, wo man ihn brauchte, eilte herzu und machte mit Schrecken die Wahrnehmung, daß in einem ſo achtbaren Viertel ein Mord begangen worden. 234 Die Geſellſchaft in Mr. Bentlys Beſuchzimmer wurde durch den Knall der Waffe gleichfalls beun⸗ ruhigt, und der Kaufmann wollte eben klingeln, um ſich nach dem Vorgefallenen zu erkundigen, als der Tafeldecker eintrat. „Was gibt's, Barnes?“ fragte ſein Herr. „Der Gentleman, welcher eben das Haus ver⸗ ließ, iſt erſchoſſen worden,“ antwortete der entſetzte Diener. Sir Charles Fourreau, unſer Held, William Thornton und Heinrich Morton verließen ſogleich den Salon. Zum Glück— wir ſagen zum Glück, denn der Argwohn hat eben ſo viele Zungen als Augen— war Richard Markham bei der Geſellſchaft wieder eingetroffen, ehe der Schuß gehört wurde, und Alice's Liebhaber hatte das Zimmer keinen Augenblick verlaſſen. In der Gegenwart des Todes verſchwindet der Haß, und die Leiche wurde nach Mr. Bently's Hauſe geſchafft. Einige meinten, man ſolle nach einem Wundarzt ſchicken; doch war der Vorſchlag ſo augen⸗ ſcheinlich nutzlos, daß man ihn wieder aufgab. Es fielen hundert Fragen, die man nicht beantworten konnte, weil Niemand den Mörder geſehen hatte⸗ Die Neugierde des Volks wurde noch geſteigert durch die Nachricht, daß der Ermordete ein Lord ſei, und erſt einer ſtarken Polizeiabtheilung gelang es, die Halle und das Bibliothekzimmer von dem Menſchen⸗ zudrang zu befreien. Aber auch dann blieben die Vertriebenen noch vor dem Hauſe ſtehen und beſpra⸗ chen die Wahrſcheinlichkeiten und Möglichkeiten der Geſchichte. 235 „Schrecklich! Unerklärlich!“ dies waren die ein⸗ zigen Worte, welche Richard und ſein Freund her⸗ vorbrachten. Sir Charles hatte den Tod zu oft geſehen, um die Faſſung zu verlieren, und blieb deßhalb ſo ruhig, als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Er ließ zunächſt durch den Telegraphen dem Grafen von Carlington die Trauerpoſt anzeigen und erſuchte dann unſern Helden und William Thornton um eine kurze Privatbeſprechung. „Mein lieber junger Freund,“ ſagte er mit ſol⸗ datiſcher Offenheit zu dem Erſteren,„wo ſich's um die Ehre handelt, darf es keine Heimlichkeiten geben. Was hat Illſton zu Ihnen geführt?“ „Die Beſprechung der Einleitungen zu einem Duell zwiſchen Hauptmann Cheſter und meinem Freund.“ „Ich dachte mir's,“ verſetzte der General.„Haben Sie Händel mit ihm gehabt?“ „Nicht gerade,“ antwortete Richard,„denn der gnädige Herr ſchien entſchloſſen zu ſein, nichts für Beleidigung zu nehmen. Allerdings habe ich ihm über ſein Benehmen meine Meinung geſagt.“ Die beiden Freunde erzählten nun den ganzen Verlauf der Sache. „Sie müſſen mir erlauben, in dieſer Angelegen⸗ heit ſtatt Richard Ihr Sekundant zu ſein,“ ſagte der Veteran nach einer Pauſe:„daß heißt, wenn Mr. ſeine Ehre meinen Händen anvertrauen wi. „Recht gerne,“ entgegnete Alice's Verehrer. „Und ohne Vorbehalt?“ „Ohne Vorbehalt,“ erwiderte der junge Mann, 236 ſehr erfreut über die Theilnahme, welche ſich in dieſem Erbieten kund that. „Dann brauche ich Sie kaum daran zu erinnern,“ bemorkte Sir Charles lächelnd,„daß Sie von dieſem Augenblick an nur ein Automat in meinen Händen ſind und handeln, abbitten oder kämpfen müſſen, je nachdem ich Sie anweiſe. Schreiben Sie, ich will Ihnen dictiren.“ William ſetzte ſich ohne Widerrede an den Tiſch und nahm eine Feder auf. „Mr. Thornton zeigt Capitän Cheſter an, daß er ſich unter keinen Umſtänden herabwürdigen kann, deſſen Herausforderung anzunehmen. Ueber die Gründe dieſer Ablehnung mag er ſich bei dem Ge⸗ neral Sir Charles Fourreau, Commandeur des Bathordens, erkundigen. „Mr. Thornton gibt Capitän Cheſter zwölf Stunden Friſt, ihm ſein ſchuftiges Benehmen ſchrift⸗ lich abzubikten; ſollte er ſich weigern, ſo wird unter Sir Charles Fourrcau's Gewähr eine Angabe der Umſtände veröffentlicht werden, welche es jedem Mann von Ehre unmöglich machen, dem Capitän Cheſter die Genugthuung zu leiſten, die er unkluger⸗ weiſe verlangt hat⸗“ Der Brief wurde verſiegelt und an den Raufbold abgeſandt; er wirkte ſo gut, daß ſchon nach zwei Stunden eine förmliche Abbitte einlief. Drei Tage nachher reiste der Capitän nach Paris ab. Der General hielt es nicht für paſſend, ſich über die Mittel auszuſprechen, die es ihm möglich machten, den Duellanten zum Eingehen auf einen ſo demüthigen⸗ den Akt zu veranlaſſen. Ohne Zweiſel gehörte er 237 zu den wenigen, welche in die wahre Urſache ſeines Austritts aus der Armee eingeweiht waren. In dieſem Fall mochte ſich ſein Schweigen aus der Achtung erklären, die er wie Alle, die den Ehren⸗ mann kannten, gegen General Cheſter, den Vater eines ſo unwürdigen Sohnes, hegte. Das ſchreckliche Ereigniß, das Alice Boothroyd von ihrem verhängnißvollen Verſprechen befreite, traf den Grafen von Carlington mit doppelter Wucht, da der Schlag ihn ſowohl in ſeiner Liebe als in ſeinem Ehrgeiz verwundete. Anfangs ſchien der Familienſachwalter, welcher der Leichenſchau an⸗ wohnte, geneigt zu ſein, Verdacht auf unſern Hel⸗ den und ſeinen Freund zu werfen; aber ein Wink von Seiten ſeines Gönners hielt ihn zurück. Der gnädige Herr hatte nämlich eine lange Privatbe⸗ ſprechung mit Sir Charles gehabt, in welcher ihm Illſton's Benehmen auseinandergeſetzt und Capitän Cheſters Abbitteſchreiben gezeigt worden war. Der Verſuch des Advokaten würde, wie der unglückliche Vater wohl wußte, nur Schande auf das Andenken des Todten gebracht haben. Wie man den Umſtänden nach erwarten konnte, lautete der Wahrſpruch des Leichenſchaugerichts auf „Mord durch eine oder mehrere unbekannte Perſonen“. Drei Stunden ſpäter ſieht man durch alle londoner Straßen Plakate angeklebt, welche auf die Entdeckung des Mörders einen Preis von fünfhundert Pfund ſetzten und jedem bei der That nicht wirklich Bethei⸗ ligten, der Zeugniß abzulegen vermochte, die könig⸗ liche Begnadigung verheißen. Aber trotz monate⸗ langer emſiger Nachforſchungen durch die Polizei wurde 238 auch nicht die mindeſte leitende Spur aufgefunden, und man kam nachgerade auf die Anſicht, daß ſich's hier um eines jener Geheimniſſe handle, die nie zur Löſung kommen ſollten. Wir werden ſehen. Jack Manders hatte die Stunde, auf welche Kalebs Stiefvater und deſſen Advokat nach Doctor Commons vorgeladen waren, nicht vergeſſen, ſondern wartete auf ſie in der unmittelbaren Nachbarſchaft. Sein Freund war bei ihm und hatte ſich, weil er noch minderjährig zu ſein glaubte, ſorgfältig verhüllt, indem er den Kopf bis an die Ohren in den Rock⸗ tragen ſteckte und den Hut tief in ſeine Stirne drückte. Der arme Schelm zitterte vor Wuth, als er die kummervollen Züge ſeiner Mutter und Schweſter erkannte, während ſie von ihrem Tyrannen, der es nicht erwarten konnte, bis er das kleine Erbe ein⸗ gethan hatte, fortgezerrt wurden. Zu ſeinem großen Erſtaunen war außer dem Advokaten auch Capitän Gall bei ihnen. Den jungen Männern prickelte vor Unwillen das Blut in den Adern, als ſie ihres alten Verfolgers anſichtig wurden. Sie thaten ſich jedoch Zwang an, bis die Klugheit ihnen geſtattete, ihren Gefühlen den Zügel zu laſſen, und folgten in einiger Entfernung der Partie, bis dieſe in dem Bureau, wo die nöthi⸗ gen Förmlichkeiten ſtattfinden ſollten, verſchwand. Der Oberſchreiber las eben das von dem Com⸗ mandeur des Caradoe eidlich erhärtete Zeugniß vor, welchem zu Folge der Lehrling Kaleb Coſtar, während das Schiff in dem Houghly lag, über Bord gefallen und ertrunken ſein ſollte. „Was winſelſt Du ſo?“ fragte Gunton, ſein 239 Weib rauh am Arm ſchüttelnd.„Aus dem Halunken wäre doch nie etwas Gutes geworden.“ „Es war mein Sohn,“ ſchluchzte die troſtloſe Mutter. „Der junge Menſch iſt alſo ertrunken?“ bemerkte der Schreiber. „Ich habe es beſchworen,“ verſetzte Gall. „Dann haben Sie einen Meineid geſchworen,“ rief Jack Maonders in das Zimmer tretend und dem erſtaunten Capitän voll in's Geſicht ſehend,„denn ich habe ihn erſt vor ein Paar Minuten wohl und lebend verlaſſen.“ Ein halb unterbrückter Ausruf der Freude glitt über die Lippen der beiden Frauenzimmer. 3 „Ja, machen Sie nur große Augen,“ fuhr Jack fort;„ich habe nicht mehr geſagt, als was ich be⸗ weiſen kann.“ Auf dieſe Worte machte der Oberſchreiber eine ungemein ernſte Miene und brachte das Zeugniß ſowohl als die andern Papiere aus dem Bereich der Imploranten. „Gentlemen,“ ſagte der Capitän,„dieſer junge Halunke iſt ein mir entlaufener Lehrling, der—“ „Das geht uns nichts an,“ unterbrach ihn der Schreiber, und fuhr dann gegen Jack fort:„Wenn es mit Ihrer Angabe ſeine Richtigkeit hat, warum iſt der junge Menſch nicht hier?“ „Weil er noch nicht volljährig iſt, und—“ „O ja, er iſt ſchon ſeit zwei Monaten volljährig,“ rief die Mutter,„wie die Schriften beweiſen, welche dieſer Gentleman in Handen hat.“ Kaleb, der in der Flur draußen zugehört hatte, 240 konnte ſich nicht länger halten, ſondern trat in das Zimmer. Mutter und Schweſtor erkannten ihn augenblicklich und hatten im Nu ſeinen Hals mit ihren Armen umſchluugen. „Daraus wird nichts!“ rief Jock, indem er ſei⸗ nen alten Feind, der ſich fortſchleichen wollte, am Kragen packte und vielleicht mit etwas mehr Gewalt, als eben nöthig war, zurückriß. Einer der Bureaubeamten flüſterte einem Portier einige Weiſungen zu, worauf ſich dieſer an der Thüre aufpflanzte. „Das muß anderswo abgemacht werden,“ brummte der in ſeinen Erwartungen getäuſchte Stiefvater und rief dann ſeinem Weibe zornig zu:„Komm' mit nach Haus!“ Die Frau wich entſetzt zurück. „Komm' mit oder—“ wiederholte der Strolch. Jetzt trat Kaleb zwiſchen ſeine Mutter und den Mann, der ſie ſo lange tyranniſirt hatte. „Ihre Heimath iſt künftig bei ihrem Sohn, Mr. Gunton,“ bemerkte er mit einem ſtrahlenden Lächeln. „Ihr ſollt ſie fortan nicht mehr mißhandeln und Eure üblen Launen an ihr auslaſſen. Der Knabe iſt zum Mann geworden und trotzt Eurer Rohheit, vor der er ſonſt zitterte. Verſucht es, mit Gewalt Euer Anſehen geltend zu machen, und ich reiße Euch Glied für Glied vom Leibe.“ „Bravo!“ rief Jack, einen nichts weniger als liebenswürdigen Blick auf Capitän Gall werfend; „ich will Dir dabei helfen.“ „Hier werden keine Gewaltthätigkeiten geduldet,“ bemerkte der Oberſchreiber, als ein Paar Polizei⸗ 241 diener in's Zimmer traten.„Sie müſſen dieſe Gent⸗ lemen zu einem Friedensrichter begleiten.“ Wie alle Memmen wurden die beiden Poltrone durch die plötzlich veränderte Sachlage völlig einge⸗ ſchüchtert und ließen ſich ohne allen Widerſtand weg⸗ führen, während die vielgequälte Frau und ihre Tochter, von Kaleb und ſeinem Freunde begleitet, nach ihrer Wohnung zurückkehrten. Mrs. Tuttle wünſchte ihnen von Herzen Glück, als man ihr von dem Vorgefallenen Mittheilung machte. „Der Elende ſoll nur wieder herkommen,“ ſagte ſie.„Ich gerathe nicht oft in's Feuer, aber— nun, er ſoll nur kommen.“ Mr. Gunton kam aber nicht. Er und ſeine Ver⸗ bündeten wollten lieber die Bürgſchaftsſumme im Stich laſſen, als ſich der Anklage auf Complott und Meineid vor Gericht ſtellen. Hundert und achtes Kapitel. 8 Der Tod des Neffen war ein furchtbarer Schlag für die ehrgeizigen Entwürfe der Lady Boothroyd, die ihr ganzes Leben nur in der Abſicht Ränke ge⸗ ſponnen hatte, ihre Tochter als die Gattin eines Peers zu ſehen— eine ſonderbare Schwäche für eine Frau von ſo männlichem Geiſte. In ihrer Wuth nahm ſie keinen Anſtand, William Thornton irgendwie der Betheiligung bei Illſtons Mord zu zeihen; auch wiederholte ſie dieſe Schmähung mehr Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 16 242 als einmal in der Gegenwart Alice's, deren Freude über ihre Erlöſung von dem unüberlegten Verſpre⸗ chen durch den ſchrecklichen Vorfall und das leiden⸗ ſchaftliche Ungeſtüm ihrer Mutter ſehr gedämpft wurde. Das verfolgte Mädchen hatte allerdings ihren Couſin nie geliebt und ſogar gegen die Verbindung mit ihm einen entſchiedenen Abſcheu gezeigt; dennoch konnte ſie nicht umhin, das Verhängniß, das ihn ſo früh ereilte, zu beklagen, und zu bedauern, daß er ungewarnt und unvorbereitet mitten in der Luſt des Lebens dahingerafft wurde. „Ich will Dir nicht, wie Dein armer ſchwacher Voter, ein Verſprechen abnöthigen,“ bemerkte die Lady,„ſondern vertraue mir ſelbſt, daß ich Dich hindern kann, auf unſere Familie durch eine Mesal⸗ liance mit dem Sohn eines bloßen Gewerbsmanns Schande zu bringen.“ Die Gefangene— denn Alice ſah ſich noch immer unter Bewachung der franzöſiſchen Gouver⸗ nante und ihrer Kammerjungfer auf ihr Zimmer beſchränkt— konnte ihre Mutter nur mit Schmerz d Mitleid betrachten. „Mutter,“ ſagte ſie,„warum wollen Sie mir nicht geſtatten, Sie zu lieben? Warum zwingen Sie Ihrer Tochter die Ueberzeugung auſ, daß ſie keinen Platz an Ihrem Herzen hat? Warum geben Sie ſich ſo viele Mühe, die Gefühle der Achtung und Ver⸗ ehrung zu erſticken, durch welche der Gehorſam und die Pflichterfüllung zu einem Glück ſtatt zu einem tyranniſchen Zwang wird? Der Himmel hat ſich in's Mittel gelegt, um die Vollbringung Ihres früheren Planes zu hindern; glauben Sie nicht, daß er in 243 ſeiner Weisheit auch einen Weg finden wird, Ihren letzten und ſchlimmſten Anſchlag zu vereiteln? Es iſt nie zu ſpät, Böſes wieder gut machen zu wollen.“ Die hochmüthige Frau wiederholte die letzten Worte mit Geringſchätzung.„Wie,“ rief ſie,„ich ſoll die Rechte dieſer angeblichen Couſine, des un⸗ ehelichen Kindes eines Mannes anerkennen, den Dein Vater haßte?“! „Er war ſein Bruder,“ verſetzte die Tochter mild. „Und mit anſehen, daß Du Deines halben Ver⸗ mögens beraubt wirſt? Meldown verkauft— ich ſelbſt auf ein elendes Wittum angewieſen, von dem ich kaum leben kann— nimmermehr! Es gibt zwei Dinge, in die ich nie einwilligen werde: erſtlich in Deine Verheirathung mit William Thornton—“ Die arme Alice ſeufzte in dem ſchmerzlichen Ge⸗ fühl, daß ihr Jammer noch kein Ende habe. „Und dann in die Anerkennung der Tochter von Allan Boothroyds Tochter als meine Nichte.“ Dies war ſelbſt für eine ſo entſchloſſene Frau, wie die Lady war, eine kühne Erklärung. Wenige Menſchen ſind ſtark genug, gegen die Gewalt der Umſtände anzukämpfen, die mit ihren eiſernen Feſſeln ihr Geſchick bilden. Mehr das Pflichtgefühl als die Hoffnung, ihre Mutter zu einer gerechten Sinnesart zu bekehren, bewog Alice, das Geſpräch durch die Kundgebung des von ihr ſelbſt gefaßten Entſchluſſes zu verlängern. „Ich werde Lillian als Muhme anerkennen,“ ſagte ſie ruhig. Dies war die erſte Andeutung einer Möglichkeit, daß die Tochter dem Anſehen der 6 244 könnte, und der Stachel drang dem ſtolzen leiden⸗ ſchaftlichen Weibe in die Seele. „Und ſo bald ich volljährig bin,“ fügte das ſchöne Mädchen bei,„gedenke ich das Vermögen mit ihr zu theilen und ſo die Ungerechtigkeit gut zu machen, die Ihnen das Geſetz zu üben geſtattet.“ Der Höhepunkt von Lady Boothroyds Geduld war erreicht; ſie wollte nicht weiter wiſſen. „Höre mich an!“ rief ſie. „Ich habe der Stimme meines Gewiſſens Gehör geſchenkt, Mutter,“ verſetzte die hochſinnige Jungfrau —„der einzige Grund, der mich rechtfertigen kann, gegen die Ihrige taub zu bleiben.“ Es wäre ſchwer, den eigenthümlichen Geſichts⸗ ausdruck zu beſchreiben, mit welchem die Lady ihre Tochter eine Weile betrachtete. „Es iſt beſſer, wir laſſen den Gegenſtand fallen, Alice,“ bemerkte ſie endlich.„Zwei Jahre ſind eine lange Zeit, und Du kannſt mittlerweile anderen Sinnes werden.“. Nie,“ dachte die Tochter.„NRie!“ Der für die Gerichtsverhandlung anberaumte Ter⸗ min kam raſch heran, und die Zeugen von St. Faith, unter denen ſich neben mehreren anderen auch Simon Gee, ſeine Frau und der Farmer Minter befanden, waren nach London gekommen, um ſich vernehmen zu laſſen. Leider wollte es aber mit dem Beweis der Ver⸗ heirathung, von dem nach dem Urtheil Silvertongues und ſeiner gelehrten Collegen Alles abhing, nicht vorwärts gehen. Als ber ehrliche Weber und Eſther, welche noch immer mit Wärme den Glauben feſthielten, daß Lillian wirklich ihre Richte ſei, in dem Salon der Lady Bell mit unſerer Heldin zuſammengebracht wurden, entſank ihnen der Muth bei dem Anblick des Luxus, mit welchem Reichthum und feiner Ge⸗ ſchmack ſie umgeben hatte.„Sie hat uns vergeſſen,“ ſprach das würdige Paar unter ſich, wurde aber bald durch die liebevollen Küſſe und die freundlichen Worte der Jungfrau von ſeinem Irrthum befreit. Lillian erinnerte ſich noch der zärtlichen Sorgfalt, welche ihr in der armen Weberhütte zu Theik ge⸗ worden, und der Güte und frommen Einfalt der alten Leutchen; deßhalb ſuchte ſie ihnen mit dem Zartgefühl eines dankbaren Herzens die Ueberzeugung einzuflößen, daß ſie ihrer immer noch mit einer In⸗ nigkeit gedachte, welche weder durch die Bande des Bluts hatte verſtärkt, noch durch die lange Trennung geſchwächt werden können. Unter zahlloſen Ausrufen des Schmerzes, des Staunens und des Unwillens vernahmen ſie die abenteuerliche Geſchichte von Lillians Entführung und ihren Erlebniſſen in Indien. Bei ihrer Unerfahren⸗ heit kam ihnen Alles wie ein Feenmärchen vor. ur eines wurde ihnen vollkommen klar— die Rolle, welche Mark Rayner und ſeine Frau in der Sache geſpielt hatten, und Lillian bedurfte ihrer ganzen Ueberredungskunſt, um den Weber und Eſther durch eine Schilderung der ſchrecklichen Lage, in welche die unfreiwilligen Uebelthäter durch Lady Boothroyd ver⸗ ſetzt worden waren, zu bewegen, daß ſie ihnen verziehen. „Wir dürfen in unſerem Urtheil nicht zu hart ſein,“ ſagte endlich Simon.„Die Verſuchung iſt eine ſtarke Macht.“ 246 „Ja, aber die Ehrlichkeit iſt noch ſtärker,“ ver⸗ ſetzte das biederſinnige Weiblein.„Von Mark nimmt es mich nicht ſo ſehr Wunder, aber von Roſa— daß Roſa mich ſo zu hintergehen vermochte.“ „Was konnte ſie thun?“ entgegnete unſere Heldin. „Sollte ſie mit anſehen, wie ihr Mann in's Gefäng⸗ niß geſchleppt und wegen eines vermeintlichen Ver⸗ brechens auf Tod und Leben proceſſirt wurde? In gleicher Lage würdet Ihr eben ſo gehandelt haben wie ſie. Oder hättet Ihr den alten Simon ſeiner Heimath entreißen laſſen?“ „Vielleicht nicht,“ ſchluchzte Eſther, die ob einer ſolchen Möglichkeit ſich der Thränen nicht erwehren konnte;„vielleicht nicht. Am Ende weiß Gott allein, was wir hätten thun können.“ „Ganz richtig,“ bemerkte Lady Bell.„Er er⸗ kennt die Beweggründe, wir ſehen nur die That.“ Farmer Minter mit ſeinem gewöhnlichen pral⸗ tiſchen Verſtand ſprach ſie unverholen frei, da er nicht einzuſehen vermochte, wie Mark und Roſa hät⸗ ten anders handeln können. Gleichwohl ging die Sache nicht nach ſeinem Wunſch. Der wackere Land⸗ mann hatte die Erſparniſſe des letzten Jahres mit⸗ gebracht, um in London»den Streit Lillians gegen die Advokaten auszufechten, und ſeinem edelmüthigen Herzen that es weh, daß man ſein Geld nicht brauchte. Am Morgen vor dem Schlußverhör ſaßen ſämmt⸗ liche vorgeladene Zeugen in dem Quartier, das ſie in der Nähe von Weſtminſterhall bezogen hatten. Auch Mark Rayner mit ſeiner Frau waren zugegen, und letztere mußte zum zweiten und dritten Mal die Geſchichte erzählen, welche den Zuhörern ſo viel In⸗ 247 tereſſe bot. Nur Eſther konnte immer noch nicht be⸗ greifen, daß Lady Boothroyd einen ſo gar ſchlimmen Charakter beſitzen ſollte, einen ſchlimmern noch, als Sir Norman— die Lady, die ſo ordentlich mit den Leuten zu ſprechen wußte. „Wollen wir nicht Lilly— unſerer jungen Lady, meine ich,“ bemertte einer der Zeugen, ſich ſelbſt verbeſſernd,„einen ächt ländlichen Willkomm berei⸗ ten, wenn ſie in ihr Eigenthum kömmt?“ „Wenn dies je geſchieht,“ bemerkte Mark Rayner mit einer ernſten Miene. „Was willſt Du damit ſagen?“ „Das Heirathscertificat von Miß Lilly's Eltern iſt nirgends aufzufinden, und die Advokaten haben ſich vergeblich bemüht, die Namen der Trauungs⸗ zeugen zu ermitteln.“ Farmer Minter ſchlug ſich verzweifelnd an die Stirne. Er hätte all' ſein mitgebrachtes Geld und noch zehnmal mehr, wofern er es beſeſſen, darum Peben⸗ wenn ihm die letzten Worte des armen arny Gee eingefallen wären. „Was iſt denn mit Dir, Nachbar?“ fragte Simon erſtaunt. „O mein dicker Kopf, mein dicker Kopf!“ „Nun, nun,“ verſetzte Simon tröſtend, zer iſt wenigſtens ehrlich, und Ehrlichkeit iſt beſſer als Witz.“ „Die Beweiſe werden ſich mit der Zeit wohl fin⸗ den,“ bemerkte Roſa.„Ich bin davon feſt über⸗ zeugt; denn die Vorſehung bleibt nicht leicht auf halbem Wege ſtehen. Im Guten oder Schlimmen iſt bei dem erſten Schritt ſtets ihre Hand über uns, und alle Dinge müſſen ihren Zwecken dienen.“ 248 „Ganz richtig; ich ſehe dies jetzt auch ein,“ ſagte ihr Mann.„Jeder Menſch hat eine Ausſicht, den Schlingen, die ihn umſtricken, zu entrinnen— einen Schutzengel, der über ihm wacht. Der meinige,“ fügte er zärtlich bei,„iſt mein Weib geweſen.“ „Wollte Gott, mein unglücklicher Bruder hätte auch ein ſolches Weib gehabt,“ rief der Weber;„er könnte jetzt auch bei uns ſitzen, ſtatt daß er im küh⸗ len Grabe liegt. Der arme Barny, er hat mich wohl geliebt, aber nie viel auf mich gegeben. Viel⸗ leicht war ich nicht ſo ſcharf gegen ihn, als ich hätte ſein ſollen, in Anbetracht des Umſtandes, daß ich ſo viel älter war als er. Ich werde nie die Nacht vergeſſen, als er zum erſten Mal aufs Wildern aus⸗ ging.“ „Ich will nicht hoffen, daß Du dabei geweſen biſt,“ rief Eſther. Der Weber ſchüttelte den Kopf.„Nein, nein, Weib, ſo ſchlimm ſteht's nicht; aber ich war in dem alten Glockenthurm, als Sir Normans Förſter auf ihn Jagd machten. Er hatte einen Faſanen in der Taſche; aber ſo bald er ſich im Kirchthum befand, konnten wir ſchon zu ihnen ſagen, ſie ſollen nur ſuchen.“ „Was haſt Du mit dem Vogel angefangen?“ fragte einer ſeiner Zuhörer. „Ihn verſteckt in einer Niſche hinter der Tenor⸗ glocke, die nur uns bekannt war,“ antwortete Simon. „Wir pflegten das Loch nur das Eulenneſt zu nennen.“„ Mit einem plötzlichen Lachen— einem hiſto⸗ riſchen Lachen, wie es Mrs. Gee zu bezeichnen 249 pflegte, wenn ſie auf den Gegenſtand zu ſprechen kam— ſprang Farmer Minter von ſeinem Stuhl auf mitten in's Zimmer und machte mehrere vergebliche Verſuche zu ſprechen; augenſcheinlich erſtickte Freude oder irgend eine andere gleich mächtige Aufregung ſeine Stimme. „Was haſt Du denn, Nachbar?“ fragte der eber, ihn aus Leibeskräften auf den Rücken klopfend — ein Abhülfsmittel, das jedoch den Mißſtand zu⸗ ſehends verſchlimmerte. „Er iſt krank, der arme Mann; er iſt krank,“ rief Eſther. „Ich hab's,“ keuchte der Farmer;„ich hab's.“ „Was haſt Du— den Krampf?“ Auf dieſe Frage lachte der gute Landmann nur noch mehr.„Nein, nein,“ ſprudelte er endlich her⸗ aus;„das— ha, ha, ha— Eulen—“ „Was, Eulen hat er?“ riefen ſeine Freunde, welche zu argwöhnen begannen, er ſei närriſch ge⸗ worden. „Neſt,“ fügte der Farmer bei,„Neſt!“ Nachdem er das Wort hervorgebracht hatte, ſetzte er haſtig ſeinen Hut auf, klopfte mit der Hand an ſeine ge⸗ räumige Taſche, um ſich zu überzeugen, ob er auch ſein Geld noch habe, und ſtürzte zum Zimmer hinaus. Auf der Treppe begegnete ihm Mr. Mortons Schreiber, dem die Vorführung der Zeugen über⸗ tragen worden war. Er kam, um ſie zum letzten Mal in das Verhör zu begleiten. „Wo wollt Ihr hin?“ fragte ihn das Anhängſel der Jurisprudenz.„Ich kann Euch nicht fortlaſſen.“ „Eulenneſt!“ brüllte der Zeuge.„Eulenneſt!“ 250 „Eulenſpiegelei,“ entgegnete der Schreiber und ſuchte ihm den Weg zu vertreten. Doch mit einem Griff, welcher ihm faſt den Athem aus dem Leib ge⸗ quetſcht hätte, ſchob ihn der Bauer bei Seite und eilte auf die Straße. Seine erſtaunten Nachbarn konnten nicht weiter über ihn erfahren, als daß er den Eiſenbahnzug nach Devonſhire benutzt habe. Als Roſa und ihr Mann nach Mivart's Hotel zurückkehren wollten, um von dem Vorgefallenen Sir Charles in Kenntniß zu ſetzen, klopfte ein Polizei⸗ diener in Civilkleidung Mark auf den Rücken und erklärte ihm, daß er verhaftet ſei. „Aus welchem Grund?“ fragte Mark. „Aus einem ſehr ernſten— wegen Mords.“ „Das hab'ich erwartet und bin auch dar⸗ auf vorbereitet. Sei ruhig, Roſa; ich habe nichts zu fürchten.“ 3 Gleichwohl faßte ihn ſein Weib ängſtlich ins uge „Geh' nach dem Hotel und ſage dem General, ich ſei verhaftet,“ fügte er bei.„Er hat Sanders' Geſtändniß in Verwahrung. Sie thun mir vielleicht den Gefallen,“ fügte er gegen den Polizeidiener bei, den die Ruhe ſeines Gefangenen ein wenig in Ver⸗ legenheit brachte,„einen Fiaker für mein Weib und einen für mich zu beſorgen. Es kann nicht in Ihrer Dienſtpflicht liegen, mich wie einen gemeinen Ver⸗ brecher durch die Straßen zu führen.“ Der Polizeimann hatte nichts dagegen, ſondern winkte einem Collegen, der ihm in einiger Entfer⸗ nung gefolgt und für den Nothfall zum Beiſtand be⸗ 251 reit war. Nachdem dieſer die Fuhrwerke von dem nächſten Stand herbeigeholt hatte, fuhr Roſa nach Hauſe, und einige Minuten ſpäter befand ſich Mark Rayner in einer der Zellen von Bowſtreet hinter Schloß und Riegel. Der erfahrene Mr. Morton hatte die Wahrſchein⸗ lichkeit, daß eine ſo gewiſſenloſe Frau, wie Lady Boothroyd, Allem aufbieten würde, um einen Zeu⸗ gen, der durch ſeine Ausſagen ihren Ruf ſchädigen konnte, am Erſcheinen vor Gericht zu hindern, bereits in Rechnung genommen und ſeine Moßregeln darnach getroffen. Er begab ſich, von Sir Charles und einem im Sanitätsurlaub befindlichen Offizier des O1ſten begleitet, vor die Behörde, welche ſogleich einwilligte, für das Erſcheinen des Angeklagten vor Gericht Bürg⸗ ſchaft zu geſtatten, ſobald ſie nach dem Verleſen von Sanders' Bekenntniß das eidliche Zeugniß des Gene⸗ rals und ſeines Freundes aufgenommen hatte. „Ihre Gnaden iſt eine ungemein geſcheidte Frau,“ bemerkte der Advokat auf dem Rückweg,„und die Karte war geſchickt geſpielt. Schade,“ fügte er bei, „daß es nicht ihre letzte war.“ Ohne Zweifel ſpielte er damit auf das Fehlen aller Beweismittel für Lieutenant Boothroyds Trau⸗ ung an. Hundert und neuntes Kapitel. England beſitzt ein Inſtitut, dem auch die Ent⸗ ſchloſſenſten nur ſelten zu trotzen wagen, denn ſeine Gewalt iſt eherner als die des Despotismus, wel⸗ ——— —— ——— — 252 cher doch der öffentlichen Meinung bisweilen Rech⸗ nung tragen muß, ſo feſt wie Granit und ſo hart wie das Jahrhundert, dem es ſein Daſein verdankt — ein Inſtitut, gegen welches die Zeit vergeblich mit ihrem unmächligen Flügelſchlag ankämpft, und vor dem ſelbſt die Reformgelüſte, gelähmt von ſeiner kalten Unzugänglichkeit, zurückſchrecken. Es hat nichts Menſchliches an ſich, obſchon es durch menſchliche Weſen in Thätigkeit gehalten wird. Gebaut auf Vorgänge, iſt es ſelbſt der Sclavé derſelben, und ſogar ſeine Richter ſind durch das Geſetz des Vor⸗ gangs gebunden. Wenn Thränen es ſchmelzen könn⸗ ten, ſo wäre es von der Fluth derſelben längſt weg⸗ gewaſchen; beſäßen die Tauſende von Verwünſchungen, die aus Armuth und Verbannung, aus dem Gefäng⸗ niß und dem Irrenhaus über es ausgeſtoßen wur⸗ den, eine Macht, ſo müßte es längſt aufgeſchreckt ſein aus der eiſigen Selbſtgefälligkeit, mit der es ſein Werk betrachtet. Es iſt eine Maſchine, welche die⸗ jenigen, die ſie in Gang brachten, nicht mehr zu hal⸗ ten vermochten. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß wir das Kanzleigericht im Auge haben. So mächtig auch die Gründe waren, welche Lady Boothroyd wünſchen ließen, ihre Tochter an Ablegung des bewußten Zeugniſſes zu hindern, ſah ſie ſich doch zum Nachgeben genöthigt. Keiner von den rechts⸗ gelehrten Herren, den ſie darüber zu Rath zog, konnte ihr ein Mittel andeuten, dieſer leidigen Nothwendig⸗ keit auszuweichen. Was ſie auch vorbringen mochte, ihre Einwendungen wurden ſtetig mit den ſchrecklichen Worten„Verachtung des Gerichts“ zurückgewieſen. Man kann das Parlament mit Verachtung be⸗ —+ d 253 handeln— in dem Gefühl ſeiner Größe läßt es ſich ſelten herab, es zu ahnden; man kann die Kirche verachten— in ihrer Milde verzeiht ſie es; und ſelbſt die Königswürde mag mit Verachtung behandelt wer⸗ den, ohne daß es ernſtliche Folgen nach ſich zöge. Aber wehe dem verzweifelten Elenden, der ſich ein gleiches Vergehen gegen das Kanzleigericht zu Schul⸗ den kommen läßt! Für ihn iſt nur noch Heil in der Flucht, da England blos noch in ſeinen Gefängniſſen eine Heimath für ihn hat. Selbſt die Inquiſition war nicht eiferſüchtiger in ihrer Würde. Der Ge⸗ richtshof iſt in dieſem Puntt ſo empfindlich, daß nicht einmal die Unwiſſenheit als Entſchuldigung dient, und Mancher hat Jahre lang im Kerker geſchmachtet, weil er es verabſäumte, einer Ladung zu entſprechen, bei der er kein Intereſſe hatte, oder einem Befehl zu gehorchen, den er nicht verſtand. Noch ernſter iſt es angeſehen, wenn Jemand nach ordnungsmäßiger Vorladung ſein Zeugniß verweigert, und es koſtete die Rechtsgelehrten viele Mühe, ihre Clientin zur Vernunft zu bringen, da ſie für die Abweſenheit ihrer minderjährigen Tochter verantwortlich gemacht wor⸗ den wäre. So kam es denn, daß Alice vor den Commiſſären erſchien, um in ihrer Gegenwart Zeugniß ate über das, was ſie in dem alten Pavillon des Mel downparks geſehen hatte. Lillian und ihre Freunde befanden ſich bereits in dem Gerichtszimmer, als Lady Boothroyd mit ihrer Tochter erſchien. Seltſamer Weiſe fügte ſich's, daß die beiden Couſinen ſchwarz gekleidet waren, und die ehrgeizige Mutter erfuhr die Kränkung, mit anhören —— — —— 25⁵4 zu müſſen, wie die angehenden Advokaten einander laut auf die große Aehnlichkeit der Mädchen auf⸗ merkſam machten. „Laß Deinen Schleier nieder,“ flüſterte ſie Alice zu, welche, während ſie dieſem Befehl Folge leiſtete, die Gelegenheit erſah, mit Lillian ein Lächeln aus⸗ zutauſchen— ſicherlich ein ſehr ungebührliches und nur um ſeiner Seltenheit willen entſchuldbares Ver⸗ halten; denn wenige Perſonen lächeln im Kanzleigericht. Es wäre ein ſchlechter Dank, wenn wir die Theil⸗ nahme unſerer Leſer damit lohnen wollten, daß wir ſie in die Einzelnheiten eines Proceſſes einführen, ſofern ein Proceß vor dem Kanzleigericht in einer ge⸗ wiſſen Beziehung Aehnlichkeit mit der berüchtigten Seeſchlange hat, an der man Kopf und Schwanz ſelten zu gleicher Zeit ſieht. Das Geſuch der klägeriſchen Partie war ſehr gut abgefaßt. Die Mittel, welche Lady Boothroyd an⸗ wandte, um jede Spur von Lillians Daſein zu ver⸗ wiſchen, ihre Entführung von St. Faith durch Mark Rayner und ſeine Frau, die Art, wie ſie deren Be⸗ denklichkeiten beſchwichtigte, das Unterbringen des Mädchens bei Mike, der Kindertauſch mit Fidler Dick, ihr vermeintlicher Tod und ihre ſpäteren Erlebniſſe in Indien— alles dies wurde Schritt für Schritt, Scene für Scene ausführlich dargelegt. Dem Ver⸗ leſen der Klagſchrift folgte das der Zeugenangaben, welche zu Bekräftigung der im Tert aufgeführten Thatſachen dienten. Es iſt behauptet worden, im Augenblick des To⸗ 255 des trete jede Handlung aus unſerer Vergangenheit lebhaft vor unſere Seele, und man könnte daran die Frage knüpfen, ob die Blätter des Buchs, auf welche der aufzeichnende Engel ſie niederſchreibt, in Wirklichkeit nicht die Tafeln unſeres Gedächtniſſes ſind. Wie verlockend es indeß auch ſein mag, hier⸗ über Betrachtungen anzuſtellen, wollen wir doch lie⸗ ber in unſerer Erzählung fortfahren. Ein ähnliches Phantaſiebild mochte wohl den Geiſt der Lady Boothroyd beſchäftigen, als ſie, dem äuße⸗ ren Anſchein nach ruhig und unbewegt, da ſaß und dem klaren Vortrag des klägeriſchen Anwalts zuhörte. Ihr Leben zog wie in einem Spiegel an ihr vor⸗ über, und zum erſten Mal vielleicht ſtellte ſie die Frage an ſich, ob das Verbrechen ſie glücklich gemacht habe. Ihr Gewiſſen antwortete mit Nein. Außer dem Reichthum, der jetzt gleichfalls ihren Händen zu entſchwinden drohte, hatte ſich Alles, wofür ſie ge⸗ ſündigt, als nichtig erwieſen. Das Schluchzen ihrer Tochter wurde peinlich hör⸗ bar. Sie fühlte bitter die Herabwürdigung ihrer Mutter. Jedes Geſicht zeigte geſpannte Erwartung, als ſich der Rechtsfreund der Beklagten zur Erwiderung erhob. „Mein Lord, Eure Gnaden haben mit beiſpiel⸗ loſer Geduld den unterhaltenden Roman angehört, auf welchen zu antworten eine Verſündigung an Eu⸗ rer Gnaden koſtbarer Zeit wäre. Es iſt hier nicht der Ort, den ſo ſinnreich angegriffenen Ruf meiner geachteten Clientin zu vertheidigen. Ich bitte einfach Euer Gnaden, die Klage der Gegenpartie auf den 256 Grund hin abzuweiſen, daß vor den Gerichtsſchranken gar keine Lillian Boothroyd ſteht, und fordere die ſehr intereſſante junge Dame, welche dieſen Namen für ſich in Anſpruch nimmt, auf, ihr Recht daran dar⸗ zuthun. Es handelt ſich hier vom Anfang bis zum Ende um eine ſchnöde Verſchwörung, durch welche ſich einige ohne Zweifel ſehr achtbare Perſonen täu⸗ ſchen und bewegen ließen, einer ſchlechten Sache ihre moraliſche Unterſtützung zu leihen.“ „Wo hat Allan Boothroyds Trauung ſtattgefun⸗ den?“ fragte der Kanzler, nachdem er in den Akten geblättert hatte. „In Indien, mein Lord,“ verſetzte Sergeant Silvertongue.„Wir haben Briefe von ſeiner Frau an ihren Bruder vorgelegt, in welchen ſie davon ſpricht—“ „Keinen Trauungsſchein?“ unterbrach ihn der Kanzler. „Leider nein, mein Lord. Die jüngſten Vorfälle in dieſem unglücklichen Land, die Zerſtörung der Kir⸗ chenregiſter und die Verheerung der Stationen durch die rebelliſchen Sepoys erklären, wie ich beſcheiden anzudeuten mir erlaube, den Verluſt hinreichend. Wir haben ein Zeugniß von der Pathin der Klägerin, der Gattin eines ausgezeichneten Offiziers, aus wel⸗ chem hervorgeht, daß Mrs. Allan Boothroyd überall in der beſten Geſellſchaft Zutritt hatte und daß über⸗ haupt über eine geſetzlich vollzogene Ehe nicht der mindeſte moraliſche Zweifel obwalten kann.“ „Eure Gnaden werden mit mir einverſtanden ſein, daß dies völlig unweſentliche Dinge ſind. Mein gelehrter Freund bietet natürlich Allem auf, um den 257 Fall zu Gunſten ſeiner Clientin darzuſtellen; aber ich behaupte, daß ihm ein feſter Boden ganz und gar abgeht. Ich ſehe nirgends auch nur die Spur eines Beweiſes, daß Allan Boothroyd wirklich verheirathet war.“ „So, nicht?“ brüllte eine Stimme aus dem Zu⸗ hörergedränge.„Da wißt Ihr auch viel von der Sache!“ Der Kanzler runzelte die Stirne, die erſtaunten Schriftführer riefen„Stille!“ und der entrüſtete Ge⸗ richtsdiener befahl der Polizei, den Schreier in Haft zu nehmen. Dieſer aber wollte ſich nicht verhaften laſſen, wenigſtens nicht, bis er ſein Sprüchlein angebracht hatte. Er arbeitete ſich bis zu dem freien Raum vor den Gerichtsſchranken vor, hielt ein Papierpaket in die Höhe und rief:„Da iſt der Beweis, daß Lilly's Mutter verheirathet war!“ Lady Boothroyds Geſicht erglühte für einen Au⸗ genblick und wurde dann ungemein blaß. „Ich hab' es gefunden, Lilly,“ fügte der Spre⸗ cher bei, der Niemand anders war, als der Farmer Minter,„im Eulenneſt.“ Der Kanzler ließ ſich das Paket durch einen der Secretäre einhändigen. Es enthielt nicht nur den Trauſchein Allan Boothroyds, ſondern auch den Tauf⸗ ſchein unſerer Heldin, und einen Brief, welchen der Verſtorbene noch vor ſeinem Ende geſchrieben hatte, um für die Waiſe Sir Normans Schutz zu erbitten. Der Kanzler las die Aktenſtücke zweimal durch. In ſeiner Gerichtspraris hatte ſich der ſchlaue, ein⸗ Smitb, Ebbe u. Fluth. VI. 17 258 ſichtsvolle Richter zu ſehr an die Verſtrickungen des Zeugenbeweiſes gewöhnt, um nicht mit Kundgebung ſeiner Anſicht zu zögern, da das Ganze faſt das Aus⸗ ſehen eines Theatercoups hatte. „Sie kommen mir als ächt vor,“ bemerkte er endlich. „Wollen mir Eure Gnaden erlauben?“ Die Papiere wurden dem Sachwalter der Be⸗ klagten ausgefolgt, welcher während einer ſorgfältigen Prüfung derſelben ungemein blaß wurde. Der Trauſchein war von dem ehrwürdigen M. Henry Churton, Regimentskaplan, und von Barny Gee und Henry Coulſon, Oberfeldwebel, als Zeugen unterzeichnet. Einer der jüngeren Advokaten erhob ſich und bat um die Erlaubniß, die Unterſchrift des Geiſtlichen prüfen zu dürfen. Da er ſelbſt ein Churton war, ſo wurde ihm dies natürlich geſtattet. „Es iſt die Hand meines Bruders, mein Lord,“ ſagte der Advokat.„Ueber dieſen Punkt kann nicht der mindeſte Zweifel obwalten. Um die angegebene Zeit war er Feldkaplan in einem unſerer indiſchen Regimenter, jetzt aber iſt er, wie Eure Gnaden wiſſen, einer von den Colonialbiſchöfen. Seit drei Tagen befindet er ſich in England.“ „Dann hat es ja gar keine Schwierigkeit, die Aechtheit der Unterſchrift zu beweiſen,“ bemerkte der Kanzler. Die arme Lillian! Nicht die Ausſicht auf Reich⸗ thum war es, was ihr bei dieſer unerwarteten Ent⸗ deckung Freudenthränen entlockte. Sie entſprangen einer reineren, edleren Quelle— dem Bewußtſein, 259 daß ſie keine Urſache hatte, bei Nennung des Namens ihrer Mutter zu erröthen. „Woher ſagt Ihr, daß Ihr dieſe Papiere ge⸗ nommen habt?“ fragte der Kanzler, ſich an den Far⸗ mer wendend. „Aus dem Eulenneſt, gnädiger Herr.“ „Woher?“ Der Zeuge erzählte nun ziemlich verſtändig, ob⸗ ſchon mit ſo viel Umſchweifen, daß wir unſere Leſer nicht damit behelligen mögen, die Geſchichte von Barny Gee's Tod, ſeine vergeblichen Verſuche, ſich der letzten Worte des Verſtorbenen zu erinnern, und das Geſpräch, das ihn endlich ſo gelegen darauf ge⸗ bracht hatte. Sein einfacher, ehrlicher Bericht trug ganz das Gepräge der Wahrheit und überzeugte jeden Anweſenden— etwa die Advokaten ausgenommen. „Sehr ſonderbar, daß Ihr, wie Ihr ſagt, die letzten Worte eines Sterbenden vergeſſen konntet,“ bemerkte der Sachwalter der Beklagten. „Ja wohl.“ „Wie erklärt Ihr dies?“ Der Farmer ſchüttelte den Kopf. 6„Ich glaube, Eulen ſind in Devonſhire nicht ſo elten.“ „Bei uns gibt's nicht viele, denke ich,“ lautete die Antwort. „Und ſie bauen dort Neſter?“ fügte der Advo⸗ kat bei.. „Ich habe nie gehört, daß es Jemand anders für ſie thut,“ antwortete der Farmer mit einem brei⸗ ten Grinſen. Es lief ein Gekicher durch den Sugl Ge⸗ 260 richtsdiener ſchaute ſtreng umher, als fühle er ſeine perſönliche Würde gekränkt und gebot Schweigen. „Und Ihr erwartet, daß Seine Gnaden dieſer wunderlichen Geſchichte Glauben ſchenken ſoll?“ fuhr der gelehrte Gentleman fort.„Nun, ſeht mich ein⸗ mal an und antwortet mir. Würde nicht der An⸗ blick einer Eule Euch die letzten Worte des Barny Gee in's Gedächtniß gerufen haben, vorausgeſetzt, daß er ſie geſprochen hätte?“ Das Geſicht des Advokaten zeigte unglücklicher Weiſe eine fatale Aehnlichkeit mit dem des fraglichen Vogels; er hatte große runde Augen, eine Haken⸗ naſe und einen ſtarken, federigausſehenden, eiſen⸗ Luen Backenbart. Die Perrücke vervollſtändigte das ild. Der Zeuge konnte ſeinem derben ländlichen Hu⸗ mor nicht mehr Einhalt thun. „Ich glaube, ja,“ ſagte er;„aber ich bin früher nie vor dem Kanzleigericht geſtanden.“ Entweder dieſe Entgegnung, oder der Ton, in welchem ſie vorgebracht wurde, bewirkte einen Ge⸗ lächterausbruch, in welchen ſelbſt die Advokaten und Richter, ihrer Würde vergeſſend, einſtimmten. Bei einem ſo ungehörigen Benehmen machte der pomp⸗ hafte Gerichtsdiener eine wo möglich noch ſtrengere und ſtattlichere Miene und ließ laut ſeinen Papagei⸗ ruf:„Stille! ſtille!“ erſchallen. Dem Weſen nach war der Proceß jetzt zu Ende, obſchon der Kanzler noch keine Entſcheidung traf, da dies gegen den Vorgang, dieſen unbedingten Herr⸗ ſcher in allen Angelegenheiten des Kanzleigerichts, geweſen wäre, und außerdem Farmer Minters Zeug⸗ 261 niß nicht als ſolches im geſetzlichen Sinn des Worts angeſehen werden konnte. Vor dem Kanzleigericht braucht man ſchriftliche, beeidigte Zeugniſſe; auch ſahen die Sachwalter beider Parteien voraus, daß die Gültigkeit des Codicills und die Aechtheit des Trauſcheins einer Prüfung nach civilrechtlichen Grund⸗ ſätzen unterſtellt werden würde. Lillian kehrte, von jhrén Freunden begleitet, nach dem Hotel zurück, wo ſie von Allen, die ſie liebten, mit Glückwünſchen begrüßt wurde. „In Thränen?“ flüſterte ihr Liebhaber. „Sie gelten Alice,“ verſetzte das edle Mädchen. „Ich kann mir vorſtellen, was ſie um meinetwillen durchgemacht haben muß.“ Richard glaubte, ſie nie ſo liebenswürdig geſehen zu haben, wie in dieſem Angenblick. Und er hatte Recht. Es gibt eine geiſtige und ſittliche Schönheit, welche ſelbſt den fehlerloſeſten Zügen noch Anmuth zu verleihen und das Herz zu feſſeln vermag, wenn der Glanz des Auges längſt getrübt und die ſo geſchätzte Roſe der Wongen verblichen iſt. An jenem Abend war eine zahlreiche und glück⸗ liche Geſellſchaft in Mivart's Hotel verſammelt— Mr. Bently, William, der Vater unſeres Helden, Rachel, Mary, die Thorntone, Morton, ſein Sohn und Peter Mangles, den man jetzt ſo ganz und gar zur Familie rechnete, daß ohne ihn jede Verſammlung derſelben als unvollſtändig angeſehen worden wäre. Wie ſtolz fühlten ſich nicht Sir Charles und Lady Bell auf ihr Pflegelind— nicht deßhalb, weil ſie reich geworden— dies war eine untergeordnete Rückſicht; nicht einmal wegen des Umſtandes, daß 262 ihr Recht an den von ihr geführten Namen nicht mehr beſtritten werden konnte, ſondern um der hoch⸗ herzigen Geſinnung willen, die ſie in Beziehung auf ihre Couſine an den Tag legte. „Sie hat jedenfalls ſehr edel gehandelt,“ bemerkte Mr. Morton,„und ich zweifle nicht, daß ſich Mittel ausfindig machen laſſen, um ſie der Vormundſchaft ihrer bösartigen Mutter zu entziehen.“ William Thornton meinte, in ſeinem ganzen Le⸗ ben nie eine ſo vernünftige Aeußerung gehoͤrt zu haben. Im Laufe des Abends hielten Lady Bell und unſere Heldin mit dem Advokaten über dieſen Gegen⸗ ſtand eine lange Beſprechung, zu welcher am Ende auch Rachel und Mary beigezogen wurden. Augen⸗ ſcheinlich handelte ſich's um ein weibliches Complott —„aber von ſolchen Verſchwörern,“ bemerkte Ri⸗ chard,„kann man ſich ſchon eines würdigen Zweckes verſehen.“ Mr. Morton war der Erſte, der ſich verabſchie⸗ dete, und es fiel auf, daß keine der Damen in ihn drang, länger zu bleiben. Mary und Lillian wurden von ihren Liebhabern in's Verhör genommen, ließen ſich aber nichts ent⸗ locken, und nur William ward endlich auf ſein de⸗ und wehmüthiges Flehen aus Gnaden in's Vertrauen gezogen. Man that es, wie Mary ſagte, eher ſeinem jammerwürdigen Ausſehen, als ſeiner noch jammer⸗ würdigeren Beredſamkeit zu lieb, und nur unter der Bedingung, daß er nichts gegen Richard und Hein⸗ rich ausplaudere.„Denken Sie nur daran, wie Sie mich gequält haben,“ fügte ſie gegen den Let⸗ — 263 teren bei;„jetzt kömmt an mich die Reihe, ein Ge⸗ heimniß zu beſitzen.“ „Das iſt ſtets bei Ihnen der Fall geweſen,“ verſetzte Heinrich galant. „Wie ſo?“ „Ich meine die geheimnißvolle Macht, mich zu überzeugen, daß Alles recht ſei, was Sie thun. Doch Sie vergeſſen,“ fügte er bei,„daß ich bald Advokat ſein werde und daher errathen kann, zu welchem Plan ihr meinen Vater beſchwatzt habt.“ Wir brauchen kaum beizufügen, daß Lillian, ehe die Geſellſchaft ſich trennte, unſerem Helden Alles, was ſie wußte, mitgetheilt hatte. Lady Boothroyd war mit der bitteren Ueber⸗ zeugung nach Hauſe zurückgekehrt, alle Früchte ihrer verbrecheriſchen Ränke verkoren zu haben, ihres zu Grunde gerichteten Rufes nicht zu gedenken; am ſchwerſten aber focht ſie der Wink ihrer Advokaten an, daß das ihr von Sir Norman aus ſeinem perſön⸗ lichen Vermögen geſchöpfte Witthum eine ernſtliche Schmälerung erleiden dürfte, ſofern nicht die min⸗ deſte Ausſicht vorhanden ſei, daß der Kanzler eine Ueberweiſung der Koſten auf die Güter geſtatten werde. Beziehungsweiſe ſtand ihr alſo eine gänz⸗ liche Zerrüttung ihrer Einkommensverhältniſſe in Ausſicht. Mit ihrer gewöhnlichen Charakterentſchiedenheit beſchloß ſie raſch vorzubauen. Alice ſtand noch un⸗ ter ihrer Vormundſchaft, und das ſelbſtſüchtige Weib wußte wohl, daß ihre Tochter ſie nicht dem Mangel preisgeben würde; um jedoch zu hindern, daß die⸗ ſelbe nicht, wie ſie ſich auszudrücken beliebte, unter 264 den Einfluß ihrer Feinde gerathe, wollte ſie ſich un⸗ verweilt nach Paris begeben, ein Schritt, der einem Wink ihres Advokaten zu Folge ohnehin nöthig werden durfte. Zu Hauſe angelangt, ertheilte ſie Befehl, Alles auf den andern Morgen früh zur Abreiſe vorzu⸗ bereiten. Dies war ein ſchwerer Schlag für Alice, welche ſich der Entſchiedenheit ihrer Mutter gegenüber macht⸗ los ſah; auch würde ſie ſchon aus kindlichem Pflicht⸗ gefühl es nicht gewagt huben, Widerſpruch zu er⸗ heben. So peinlich ihr übrigens der Gedanke der Verbannung wurde, war ſie doch ein Glück in Ver⸗† gleichung mit dem Kummer, welchen ihr die Furcht vor einer Verbindung mit Illſton eingeflößt hatte. Schon in einer frühen Stunde ſtand der Wagen gepackt vor der Thüre, und die Reiſenden waren im Begriff einzuſteigen, als Mr. Morton, welchen unſer alter Bekannter Meadows begleitete, anlangte und um eine kurze Beſprechung hat. „Das muß zu einer anderen Zeit geſchehen,“ verſetzte die Lady hochmüthig.„Sie ſehen, daß ich auf dem Punkt bin, London zu verlaſſen.“ „Es iſt dringlich.“ „So ſchreiben Sie.“ „Brieflich geht es nicht,“ entgegnete der Rechts⸗ gelehrte mit kalter Höflichkeit.„Ich möchte Ihnen eine öffentliche Beſchimpfung erſparen und muß mir deßhalb von Ihnen Gehör erbitten, wofern Sie nicht wünſchen,“ fügte er mit gedämpfter Stimme⸗ bei,„daß die Sache vor einem Friedensrichter ver⸗ handelt werde.“ 265 Der erſte Gedanke der Lädy war, dem Advokaten zu trotzen; aber in den kalten grauen Augen), mit welchen der Begleiter des Gentleman ſie muſterte, lag etwas, was einen gewiſſen unbehaglichen Ein⸗ druck auf ſie hervorbrachte. Sie zog ſich nach dem Bibliothekzimmer zurück und winkte Mr. Morton, ihr zu folgen. „Sie werden hier bleiben,“ flüſterte der Letztere. Mr. Meadows antwortete nur mit einem Wink, welcher andeutete, daß er recht wohl wußte, um was es ſich handelte. Während er noch den Erfolg abwartete, langte ein anderer Wagen mit Lillian und Lady Bell an, die jedoch vorläuſig nicht aus⸗ ſtiegen. „Ich habe Ihnen keine angenehme Mittheilung zu machen,“ bemerkte Mr. Morton.„Es iſt ein Haftbefehl gegen Sie ausgeſtellt worden.“ „Lächerlich!“ rief die Lady. „So würde es wenigen Perſonen vorkommen,“ verſetzte der Rechtsgelehrte trocken. „Auf welchen Grund hin?“ „Wegen Complotts, Ihre Nichte um ihren An⸗ theil an dem Meldown'ſchen Beſitzthum zu berauben. Wird die Sache aufs Aeußerſte getrieben, ſo dürfte die Anklage eine noch ernſtlichere Form ge⸗ winnen. Alle Ihre Briefe an Ihren verſtorbenen Steward Andrew Siler ſind in meinen Händen.“ Lady Boothroyd ſank in ihren Seſſel. Ihr Selbſt⸗ vertrauen hatte ſie endlich verlaſſen. „Es gibt nur einen Weg, der Verhaftung aus⸗ zuweichen,“ nahm Mr. Morton wieder auf;„und ich hoffe, Sie werden die Nothwendigkeit einſehen, — 266 ihn zu wählen, um ſo mehr, da er Ihrer beabſich⸗ tigten Reiſe nach Paris nichts in den Weg legt.“ Die ſchuldbewußte Frau blickte inſtinktartig auf ihre zitternde Tochter. „Sie haben Recht,“ ſagte der Advokat;„die Freunde von Miß Boothroyd ſind der Meinung, daß ihr Verbleiben bei Ihnen nicht zu ihrem Glück beitragen könne. Lady Bell Fourreau, die Vor⸗ münderin Ihrer Couſine, der Miterbin von Meldown, wird ſich freuen, die junge Dame bei ſich aufzu⸗ nehmen.“ „Wenn ich aber Nein ſage?“ „So bleibt es bei dem geſetzlichen Verfahren.“ „Und wenn ich einwillige?“ „Werden die Briefe vernichtet, das heißt,“ fügte der vorſichtige Advokat bei,„ſo bald Ihre Toch⸗ ter volljährig iſt.“ „Meine Couſine Lillian meint es wohl gut,“ ſagte Alice;„aber ich kann von ihrer Güte keinen Gebrauch machen. Wenn meine Mutter unglücklich iſt, ſo iſt es die Pflicht der Tochter, bei ihr zu bleiben und ſie zu tröſten— hat ſie gefehlt, mit ihr zu beten und zu leiden.“ Wenige Herzen ſind ſo ganz und gar verhärtet, daß nicht in irgend einem Winkel ſich noch eine Saite fände, welche auf die Stimme der Natur an⸗ ſpricht. Die Hpferwilligkeit ihres Kindes richtete mehr aus, als die Drohung des Advokaten. „Du willſt mich alſo nicht verlaſſen?“ rief ſie. „Nicht gegen Ihren Wunſch.“ 1 „Alice,“ ſagte die Lady mit gewaltſamer An⸗ ſtrengung,„vielleicht iſt's beſſer, wenn wir ſcheiden. Keine Worte— dies iſt kein Augenblick, in dem ich mich ſchwach zeigen darf. Welche Beweggründe mich auch in meinem Haondeln geleitet haben mögen, Du wenigſtens wirſt ſie mit Nachſicht beurtheilen. In einem Punkt aber bleibe ich feſt; ich werde nie meine Einwilligung zu Deiner Heirath mit William Thorn⸗ ton ertheilen.“ „Und doch verdanken Sie nur der Rückſichtsfülle ſeines Vaters Ihre Sicherheit, Lady Boothroyd,“ bemerkte Mr. Morton. „Ihm?“ „Er iſt der Vollſtrecker des Sileyſchen Teſta⸗ ments.“ Alice ergriff ihre Mutter bei der Hand und blickte ſie flehentlich an. „Nein,“ ſchnarrte das ſtolze Weib;„aberich will keinen weiteren Widerſpruch erheben. — Und nun, Sir,“ fügte ſie bei,„wird es wohl für mich und mein Kind das Beſte ſein, wenn wir dieſe peinliche Beſprechung beendigen. Ich muß Lady Bell aufſuchen und aus ihrem eigenen Mund hören, ob ſie meine Tochter gern aufnimmt. Alice ſoll nirgends zur Laſt fallen.“ Mr. Morton zog die Klingel. „Sagt den Damen, die im Wagen drunten warten, daß Eure Gebieterin ſie zu ſehen wünſcht.“ Nach wenigen Augenblicken trat Lady und unſere Heldin in's Zimmer. „Darf ich annehmen,“ ſagte Lady Boothroyd kalt, „das Erbieten, welches mir dieſe Perſon gemacht hat, ſei mit Lady Bells Zuſtimmung gegeben worden?“ Wenn es dahin lautete, daß ich an dem lieben — 268 Mädchen wie eine Mutter handeln und es ebenſo im Herzen tragen wolle, wie ſeine Couſine— ja.“ „Ich weiß, in weſſen Hände ich ſie gebe, und baue auf Ihr Verſprechen.“ Mit einem Stolz, der bis auf den letzten Augen⸗ blick aus hielt, legte Sir Normans Wittwe die Hand ihrer weinenden Tochter in die der Lady Bell und verließ, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen oder Lillian auch nur eines Blickes zu würdigen, das Zimmer. Mr. Meadows, welcher merkte, daß man ſeiner Dienſte nicht mehr bedurfte, griff achtungsvoll an ſeinen Hut und trieb ſogar ſeine Höflichkeit ſo weit, daß er, nachdem die Lady eingeſtiegen war, den Kutſchenſchlag zumachte und eine angenehme Reiſe wünſchte. „Eine Frau von ſtarkem Geiſt,“ murmelte er vor ſich hin.„Morton muß geſchickt mir ihr um⸗ gegangen ſein.“ Eine Stunde ſpäter ſaßen die beiden Couſinen mit verſchlungenen Armen in dem Beſuchzimmer der Lady Bell bei Mivart. „Sie müſſen nicht weinen,“ flüſterte Lillian, ihr die Thränen wegküſſend. Alice konnte nur das Wort„Mutter“ hervor⸗ bringen.. „Die Liebe einer Schweſter ſoll ſie Ihnen er⸗ ſetzen,“ entgegnete das ſchöne Mädchen. Es währte noch geraume Zeit, bis die von dem Kanzler angeordnete Urkundenprüfung beendigt war, und inzwiſchen kamen William Thornton und Richard Markham ſehr fleißig nach dem Hotel auf Beſuch. Da beklagterſeits keine Einſprache mehr gemacht wurde, ſo kam es endlich zum Spruch; und nun lud Mr. Bently die Hauptperſonen unſerer Erzäh⸗ lung nach Meldownpark ein. Hundert und zehntes Kapitel. Nie hatte man in St. Faith ſolch ein Treiben geſehen, als am erſten Mai, dem Tag, an welchem die beiden Bäschen in Meldown eintreffen ſollten. Da es für ausgemacht galt, Alice werde die Gattin von William Thornton werden, ſo war ihr Namens⸗ zug wie auch der von Lillian auf dem Triumphbogen angebracht, der den Eingang des Dorfes ſchmückte, und überhaupt hatte man nichts verabſäumt, was einen angenehmen Eindruck auf ihre Gefühle machen konnte. Die Gratulationsadreffe, welche Farmer Minter im Namen und an der Spitze der Pächter⸗ ſchaft überreichte, war an beide junge Damen ge⸗ richtet. Welche Empfindungen mußten das Herz Lillians erfüllen, wenn ſie der Umſtände gedachte, welche ſie zum erſten Mal nach St. Faith führten. Damals war ſie eine arme Waiſe geweſen, und jetzt zog ſie ein im Kreiſe liebender Freunde. Als Richard neben ihrem hen herritt und zu ihr niederſchaute, gedachte er der Worte des Dichters: In ihren Angen der April, Der Liebe Lenz mit ſeinem Segen.“ Die Zeit entſchwindet raſch, wenn das Glück die 270 flüchtigen Stunden geleitet. So vergingen denn mehrere Wochen, ohne daß unter der in Meldown verſammelten Geſellſchaft irgend Jemanden auch nur ein Tag ſchwer wurde. Rachel und ihr Gatte em⸗ pfanden in ihrem jetzigen Wohlſtand und bei den ſchönen Ausſichten ihrer Kinder jene tiefe, dankbare Zufriedenheit, welche ihnen im Rückblick auf die früheren Prüfungen und Leiden doppelt ſüß erſchien. Die beiden Couſinen, die letzten Sprößlinge eines alten Geſchlechts, pflegten ſich oft aus der Geſellſchaft ihrer Verehrer fortzuſtehlen, um im Geleite von Mary Markham den alten Pavillon im Park, die Hütte Simon Gee's, für deſſen behagliches Alter Lillian ſogleich Sorge getragen, oder den Minter⸗ ſchen Farmhof zu beſuchen, wo Jack Manders und Kaleb Coſtar mit ſeiner Mutter und Schweſter Quartier genommen hatten. Es ſtand nicht lange an, bis die drei Mädchen — es iſt erſtaunlich, wie die Liebe ihre Augen ge⸗ ſchärft hatte— die Wahrnehmung machten, auch unſer Freund Jack habe entdeckt, daß ſein Herz etwas mehr ſei als ein bloßes Pumpwerk, eine Ma⸗ ſchine, um den Blutumlauf im Gang zu erhalten— mit anderen Worten, er ſei bis über die Ohren ver⸗ liebt in ſeines Freundes Schweſter, und auch Kaleb fange an, ſehr ſentimentale Blicke nach Farmer Min⸗ ters älteſter Tochter ſchießen zu laſſen. Man darf nicht glauben, daß Roſa und ihr Mann vergeſſen blieben. Die Vormünder der Erbinnen wieſen ihnen ihre frühere Heimath wieder an; Lillian fühlte, daß ſie eine Schuld der Dankbarkeit abzutra⸗ gen hatte, Alice, daß es ihre Pflicht war, das von ihrer Mutter an ihnen geübte Unrecht wieder gut zu machen. Auch die Gentlemen verhielten ſich nicht müßig. Auf den Rath Mr. Thorntons und ſeines Groß⸗ vaters traf unſer Held, der das Vermögen des Ste⸗ ward geerbt hatte, eine Verfügung, welche allgemeinen Beifall fand; er kaufte nämlich von einem Theil der Hinterlaſſenſchaft für den Reffen des alten Geizhalſes in der Nähe der Halle eine Meierei, den weit größeren Reſt aber vertheilte er unter die Armen. Jack zögerte, ſeinen Antheil anzunehmen, bis ihm Richard bemerklich machte, daß ſein Verwandter nicht all ſein Geld durch Verbrechen erworben habe, und diejenige Portion, welche ihm zugeſchieden worden, recht wohl als die Frucht langjähriger Dienſtleiſtung und Sparſamkeit betrachtet werden könne. „Ich denke, Sie haben Recht,“ rief der ehrliche Burſche mit einem ſtrahlenden Lächeln;„und nun fehlen mir nur noch zwei Dinge, um mich zum glück⸗ lichſten Menſchen in der Welt zu machen.“ „Die wären?“ ſagte ſein Freund ernſt. Wir vermuthen, daß weder ſeine Schweſter noch Lillian etwas über ihre gemachte Entdeckung gegen ihn hat⸗ ten verlauten laſſen. „Erſtlich ein Häuschen für den alten Bunce.“ „Dem kann leicht entſprochen werden.“ „Und dann—“ Jack erröthete und ſtockte. „Nun, ſo ſprich.“ „Ich werde die Farm nicht allein beſorgen können.“ „Allerdings nicht; Du mußt Arbeiter miethen,“ bemerkte unſer Held, mit Mühe ein Lächeln unter⸗ 272 drückend; denn er ſah, in welcher Abſicht der Sprecher auf den Buſch klopfte. „Ich meine im Haus— eine— eine Frau. So, jetzt wär's heraus. Ich denke, Kalebs Schwe⸗ ſter würde mich ohne Weiteres nehmen, wenn Sie oder Lillian ein gutes Wort für mich einlegten oder gar ſagten, es würde Sie freuen, wenn ich am glei⸗ chen Tage mit Ihnen Hochzeit machte.“ Richard Markham würde noch viel mehr ian haben, um Jacks Glück zu fördern, und gab ihm bereitwillig das gewünſchte Verſprechen, wobei er auf den Einfluß von wenigſtens drei Verbündeten aus dem ſchönen Geſchlecht zählte, die ihm ihren wirkſamſten Beiſtand zuſicherten, in Anbetracht deſſen, daß ſie ſeblſt ein ſt in einer ganz fernen Zeit ihre eigene Vermählung zu feiern gedachten. Die ſehr ferne Zeit wurde jedoch wunderbar abgekürzt und ſtatt ihrer ein ziemlich naher Tag anberaumt. Unſere ſchönen Leſerinnen können vielleicht erklären, wie dies zuging. Die Bräute waren nicht in dieſem Fall. Sie machten einmal mit ihren Verehrern einen langen Spaziergang in dem Park, ſchlugen, natürlich ohne es zu merken, verſchiedene Wege ein und geriethen ohne Zweifel in nicht geringes Erſtaunen, als ſie bei ſpäterer Beſprechung entdeckten, daß jede die Friſt, nach welcher ſie ehelich zu werden gedachte, feſtgeſetzt und vermöge eines gleich merkwürdigen Zuſammentreffens denſelben Tag für die Trauung anberaumt hatte. Sobald dieſe Kunde den Familien⸗ häuptern eröffnet war, wurde auch Peker Mangles nach Meldown eingeladen. Der freundliche alte Mann gab ſich freilich alle Mühe, ſich nichts anmerken zu laſſen, konnte aber doch ſein Leid nicht ganz verwinden, daß Mary keinen Kaufmann heirathen ſollte. Gleichwohl brachte er der jungen Braut, die ſchon als Kind ſo zu ſagen ſich in ſein Herz eingeſchlichen hatte, eine prächtige Perlenſchnur und ein koſtbares Armband als Hoch⸗ zeitsgeſchenk mit. Man mußte ſich nur wundern, wo er nicht das Geld, ſondern den Geſchmack her⸗ genommen hatte. „Ich hoffe, Sie werden glücklich, ſehr glücklich ſein,“ flüſterte er, ſie mit ſeinen Armen umfangend. „Ich bin überzeugt, daß ich es ſein werde,“ ver⸗ ſetzte das erröthende Mädchen,„und ich habe Ihnen etwas zu ſagen, was auch Sie glücklich machen wird. Es iſt aber ein großes Geheimniß; können Sie es bewahren?“ „Sie wiſſen wohl, daß ich dies kann.“ „Gut alſo; doch ich muß Sie zuerſt küſſen und Ihnen für Ihr Geſchenk danken. Heinrich gibt die Jurisprudenz auf.“ Das Geſicht des alten Buchhalters verzog ſich zu einem ſtrahlenden Lächeln. „Und widmet ſich dem Handelsfach. Großpapa hat ausgemacht, daß er und Richard Aſſocis wer⸗ den ſollen, wenn— wenn—“ „Wenn was?“ „Wenn Sie es auf ſich nehmen wollen, ihnen mit Ihrer Erfahrung an die Hand zu gehen.“ „Natürlich will ich,“ rief der alte Mann erfreut; „ich werde ſie an's Pult gewöhnen— ſie in Allem unterweiſen. Fünf Jahre— ich denke, Mary,“ Smith, Ebbe u. Fluth. VI. 18 274 fügte er mit rührender Einfalt bei,„ſo lange halte ich noch aus. Ich bin erſt—“ „Oh, noch viele, viele Jahre länger,“ unterbrach ihn das ſchöne Mädchen, den Arm um ſeinen Nacken ſchlingend.„Dies iſt das erſte Wort aus Ihrem Mund, Peter, das mir weh thut.“ Die Vorbereitungen für den Empfang der Er⸗ binnen zu Meldown waren eine Kleinigkeit in Ver⸗ gleichung mit denen, welche die Bewohner St. Faiths für ihren Vermählungstag trafen; denn Jedermann beraubte ſeinen kleinen Garten der auserleſenſten Blumen, um damit die Kirche zu ſchmücken und den zu ihr führenden Pfad zu beſtreuen. Und Alles er⸗ klärte, ein ſolcher Anblick ſei früher in St. Faith nie erlebt worden.. Sir Charles vertrat die Stelle des Brautvaters bei ſeinem Pflegekind, und er und Lady Bell riefen tauſendfältigen Segen herab auf Lillian, als dieſe an der Hand deſſen, der künftig ihr Beſchützer und Führer durch's Leben ſein ſollte, vor dem Altar kniete. Sie hatten für ihre Zukunft nicht viel zu fürchten; denn die männliche Zärtlichkeit, die aus den Augen unſeres Helden leuchtete, und die Innigkeit, mit welcher er das Gelübde ablegte, ſie zu lieben und zu pflegen, gaben, ſo weit dies in menſchlichen Dingen möglich iſt, der jungen Braut eine zureichende Bürgſchaft für ihr Glück. Mr. Bently machte bei Alice den Brautvater, während Mary natürlich von Georg Markham ver⸗ geben wurde. Als der Hochzeitszug aus der Kirche wieder herauskam, brach die Pächterſchaft von Mel⸗ down und den Ulmen in lauten Jubel aus, während im gleichen Augenblick unter der Anführung von Simon Gee, der ſein Seil wie toll handhabte, die Glocken luſtig zu läuten begannen. Bei dieſer Gelegenheit hatte Mrs. Chutnee zum erſten Mal ihr Trauergewand abgelegt und war in einem ſilbergrauen Kleid erſchienen. „Ich meine,“ flüſterte Sir Charles ſeiner Gattin in's Ohr, indem er zugleich ihre Aufmerkſamkeit auf den ruhigen Ernſt Whartons lenkte, welcher die noch immer wie ein Mädchen ausſehende Zomara am Arme führte,„Sie ſagten mir, Ihre Freundin denke nie mehr an's Heirathen.“ „Nie? ja— das heißt wenigſtens nicht vor einem Jahr,“ verſetzte die Lady lachend. „Ah, ich verſtehe!“ rief ihr Gatte.„Nach der Rechnungskunſt der Damen iſt alſo nie gleichbedeu⸗ tend mit einem Jahr.“ „Bei einer Wittwe, Karlchen— bei einer Wittwe.“ Obſchon wir der Zeit kläglich vorgreifen, müſſen wir doch hier ſchon angeben, daß ſich die Prophe⸗ zeiung der Lady Bell als richtig erwies, und daß Zamora erſt nach Ablauf des Trauerjahrs einwilligte, die Gattin des wackeren Wharton zu werden. Wir wollen den Leſern eine Beſchreibung der jenes Ereigniß begleitenden Feſtlichkeiten erſparen und nicht ſprechen von dem Bankett für die Armen, dem ganz gebratenen Ochſen, der im Park verſpeist wurde, dem berittenen Geleite, das die Pächterſchaft den Brautpaaren bis zur erſten Station gab, und den Trinkſprüchen beim Frühſtück, durch welche ſich nament⸗ lich Peter Mangles und Major Hawley auszeichneten. Mochte man die Augenblicke verlängern ſo viel man 18* 276 wollte, ſo kam doch endlich die Zeit der Trennung; die Wagen ſtanden vor der Thüre. Dies ſollte— wie wir häufig unſere ehrwürdige Jungfer Tante etwas zweifelhaft bemerken hörten— für den neugebackenen Bräutigam, wenn er anders ein bischen Gefühl im Leibe hat, ein peinlicher Au⸗ genblick ſein. Das Abſchiednehmen, die Segens⸗ wünſche, das Schluchzen, die Küſſe, die Thränen, welche auf die Braut niederregnen, während von ihm ſelbſt kein Menſch Notiz nimmt, ſind lauter mittel⸗ bare Vorwürfe, daß er ſo grauſam ſein kann, den achtbaren bejahrten Voter in der ſchneeweißen Weſte, welcher beim Frühſtück eine ſo ſchöne Rede gehalten hat, die weinende Mutter, die Schweſtern und Braut⸗ jungfern der lieben Tochter, der Freundin und Ge⸗ fährtin zu berauben. Wenn der Bräutigam ein Herz hat, ſo muß er dies fühlen; wo nicht, Pfui über ihn. Wir können nur ſagen, daß es ſo ſein ſollte. Was die Brüder der Opfer betrifft, ſo haben wir ſie abſichtlich übergangen, da ſie ſolche Gelegen⸗ heiten in der Regel lieber fröhlich als ernſt nehmen. Zum Glück wurde bei dem gegenwärtigen Anlaß, welcher der einzige iſt, der uns eigentlich angeht, von Taſchentüchern nur ein mäßiger Gebrauch ge⸗ macht. Allerdings ſtanden Rachel Markham und Lady Bell Thränen in den Augen, als die Wagen ab⸗ fuhren; aber das Lächeln der Hoffnung trocknete ſie bald wieder. Die einzige Braut, deren Glück durch eine Wolke des Schmerzes getrübt wurde, war die zarte Atice, die nach dem Segen der Mutter ſeufzte. Als der Wagen, in welchem William mit ſeiner 277 Braut ſaß, an dem Parkhäuschen vorüberfuhr, kam Joſeph, der Bediente, welcher Lady Boothroyd nach dem Feſtland begleitet hatte, herangeritten und über⸗ gab ſeiner jungen Gebieterin ein Paket. „Die gnädige Frau iſt ganz wohl,“ ſagte der alte Mann, als er die Aufregung der Braut bemerkte. „Als ich im Begriff war, nach England zurückzu⸗ kehren,“ er warf dabei einen ſchlauen Blick auf den Bräutigam, um ihn an das Verſprechen zu erinnern, daß er ihn in ſeine Dienſte nehmen wolle,„hat ſie mir dieſes Paket zur Beſorgung mitgegeben.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ flüſterte Alice, das Begleitungsſchreiben ihrem Gatten einhändigend.„Die letzte, die einzige Wolke iſt vorübergegangen.“ Obſchon die ſtolze Frau ſich wahrſcheinlich nie hätte bewegen laſſen, eine ausdrückliche Zuſtimmung zu der Heirath ihrer Tochter zu ertheilen, ſo ſchickte ſie ihr doch ihren Segen und außerdem die Boothroyd⸗ ſchen Juwelen, ein Beweis, daß ſie ſich ganz in die Sachlage gefunden hatte. Der Umſtand, daß Alice ſich nicht von ihr trennen wollte, war ihr zu Herzen gegangen, das bei aller Weltlichkeit doch eine zu⸗ gängliche Seite beſaß. Am Morgen nach dem Hochzeitstage kehrte Peter Mangles nach London zurück. Er war eine Woche fortgeweſen— eine ganze Woche vom Geſchäft weg; aber auf dem Rückweg tröſtete er ſich über dieſe ungeheure Regelwidrigkeit durch die Betrachtung, daß es bald ſeine Aufgabe ſein werde, unſeren Helden und Mary's Gatten in die Geſchäfte der Firma ein⸗ zuleiten, ſie über die Geheimniſſe der Börſenwelt zu 278 belehren— kurz, ihre kaufmänniſche Erziehung ſo zu ſagen vom Anfang an zu beſorgen. Im Vertrauen zu unſeren Leſern— wir ſind geneigt zu glauben, daß der alte Buchhalter, wenn er ſeine Aufgabe beginnt, finden wird, er habe die Kenntniſſe der jungen Männer doch etwas zu gering angeſchlagen. Ein Comptoir in Calcutta und ein mathematiſcher Kurs in Cambridge ſind keine üblen Vorbereitungen für ein Citygeſchäft. Als Mr. Mangles wieder im Comptoir erſchien, meldete ihm der Portier mit einer gewiſſen geheim⸗ nißvollen Miene, daß ſchon ſeit drei Tagen alle Mor⸗ gen eine gewiſſe Perſon aus der Kron' und Elſter nach ihm gefragt habe. „Woher, ſagt Ihr?“ rief Peter entſetzt, denn er hatte die Abenteuer, welche er bei ſeinem einzigen Beſuch in jener Schenke verlebte, nicht vergeſſen. „Kron' und Elſter,“ wiederholte der Mann. „Ein ſchwarzes Weibsbild?“ entgegnete Mr. Mang⸗ les mit verhaltenem Athem. „Nein, Sir, nein,“ antwortete der Portier, der augenſcheinlich, wenn er ſo keck geweſen wäre, gern gelacht hätte;„ein Burſche, der wie ein Bierzapfer ausſieht. Es ſei ein ſterbenskranker Menſch dort, der Sie ſehnlich zu ſprechen wünſche. Wenn Sie aber nicht beläſtigt ſein wollen,“ fügte er bei,„ſo ſchicke ich ihn wieder fort.“ Peter beſann ſich eine Weile. In der City und in ſeinem eigenen Zimmer, wo er die Comptoiriſten und die Polizei in Rufweite hatte, konnte ſeiner Meinung nach keine große Gefahr zu beſorgen ſein; 279 er gab deßhalb die Weiſung, den Mann, wenn er wieder komme, vorzulaſſen. Der Bote ließ nicht lange auf ſich warten. Sein Anliegen lautete etwas ſeltſam. Ein Gentleman, deſſen Namen Niemand im Hauſe habe ausfindig machen können, wohne ſchon ſeit dem eilften März in der Krone und Elſter. Der Buchhalter ſtutzte. Dies war der Tag, an welchem der Viscount Illſton ermordet worden. „Der Herr liegt im Sterben und wünſcht Sie zu ſehen,“ fügte der Bote bei. „Ich weiß nicht, was dieſer Menſch von mir wollen kann,“ ſagte Peter gedankenvoll.„Warum ſchreibt er nicht?“ „Vielleicht iſt er nicht ſo keck.“ „Oder läßt mich ſeinen Namen wiſſen?“ „Das möchte noch ſchlimmer ſein,“ be⸗ merkte der Mann mit einem pfiffigen Blinzeln.„Wir Alle ſind der Meinung, der Herr verſtecke ſich. Aber er hat mir ein Wort genannt, von dem er ſagte, Sie würden ihn daran erkennen. Care— Carus; ja, ſo hieß es.“ Peter zögerte nicht länger, ſondern nahm einen Fiaker nach der Schenke. Ein Schauder lief ihm durch die Adern, als er das Haus und hinter dem Schenktiſch die fette Wirthin mit den Korkzieherlocken, der goldenen Kette und den Ringen erkannte. Da es jedoch heller Tag war, ſo lebte ſein Muth wie⸗ der auf. „Das iſt der Herr, Miſſis, der unſern Mieths⸗ mann beſuchen will,“ ſagte der Bote. „Ich möchte nur wiſſen, wer für den Miethsmann 280 bezahlt,“ verſetzte das Weib biſſig.„Seine Rechnung ſteht ſchon einen Monat.“ „Wenn die Perſon diejenige iſt, welche ich ver⸗ muthe, ſo will ich es thun,“ entgegnete Mr. Mangles. „So ſehen Sie nur gleich nach,“ bemerkte die Wirthin.„Iſt er's nicht, ſo muß er in's Werkhaus. 365 führe keine Wirthſchaft für Leute, die nicht zahlen.“ Als der alte Buchhalter die ſchmutzige Kammer an der Hinterſeite des Hauſes betrat, konnte er in dem ausgemergelten Gerippe vor ihm nur mit Mühe den Neffen ſeines Principals erkennen. Augenſchein⸗ lich ging es mit dem unglücklichen Manne raſch zu Ende. Er hatte kaum die Kraft, ſeine Hand auszu⸗ ſtrecken, die Peter nur leicht berührte; aber ſeine zeigten einen ſchrecklich beredten Schmerzaus⸗ ruck. „Endlich kommen Sie,“ murmelte er mit hohler Stimme.„Setzen Sie ſich. Mit mir geht es aus. „Verlaßt das Zimmer,“ fügte er gegen den Bier⸗ zapfer bei;„dieſer Gentleman wird Euch für Eure Mühe bezahlen.“ Der Mann gehorchte verdrießlich. Mr. Mangles wollte ſprechen. „Bst!“ flüſterte Carus Kearn.„Laſſen Sie ja meinen Namen nicht laut werden. Man horcht— ich bin überzeugt, man horcht.“ Peter ging nach der Thüre und öffnete ſie. Der Bierzapfer war bereits die Treppe hinunter. „Und warum fürchten Sie das Behorchtwerden?“ fragte er. Der Blick, den der Sterbende als Antwort auf dieſe Frage entſandte, war ſo hoffnungslos und jam⸗ mervoll, daß dem alten Mann das Blut eiskalt durch die Adern rann⸗ „Sie ſind krank, ſehr krank,“ ſagte er.„So weit hat das Trinken Sie gebracht.“ Carus ſchüttelte den Kopf. „Ich habe in drei Monaten nichts Geiſtiges ge⸗ noſſen,“ antwortete er.„Ich wage es nicht zu trin⸗ ken, und dies iſt meine Strafe; denn wennich trinke, ſo plaudere ich.“ Peter Mangles war keineswegs beredt, beſaß aber, was den Meiſten unſerer Leſer als bei weitem das Beſſere erſcheinen wird, einen aufrichtigen, ehr⸗ lichen Sinn, eine Redlichkeit, der keine Verſuchung zu nahen wagte, und jene Rechtſchaffenheit des Cha⸗ rakters, welche die einfachſten Worte oft viel ein⸗ dringlicher macht, als aller Schmuck der Redekunſt. Er bemerkte, daß der Unglückliche, welcher dahinge⸗ rafft worden war im vollen Stolz und in der Kraft der Mannheit, nur noch wenige Stunden zu leben hatte, und ſtellte ihm deßhalb in ſeiner einfachen ernſten Weiſe die Zukunft vor. Der Mörder wälzte ſich, als ob er auf Dornen läge, faßte den Sprecher mehr als einmal am Arm und bat ihn zu ſchweigen. „Ich muß meine Pflicht thun,“ bemerkte der alte Mann,„wie wenig ich auch für das Geſchäft paſſen mag. Wenn Sie mich nicht anhören wollen, ſo er⸗ lauben Sie mir, Ihnen einen Geiſtlichen zu ſchicken.“ „Nein, nein, er würde mich verrathen! Keinen Geiſtlichen— keine Magiſtratsperſon.“ „Sie haben etwas auf dem Herzen, Carus,“ ſagte 282 Peter,„und ich kann es theilweiſe errathen. Es iſt eine ſchlimme Sache, mit einem ſolchen Schuldregiſter vor den Richterſtuhl zu treten. Wir können die Bankerottgerichte durch falſche Angaben täuſchen, aber vor dem Ewigen geht das nicht.“ „Sie können es errathen— theilweiſe errathen?“ wiederholte Carus, die Augen unruhig auf ihn heftend.„Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ja; Sie kamen am eilften März hieher.“ „Böt! bst!“ „Sagt Ihnen dieſes Datum nicht, was ich meine? Der Abend von Illſt—“ Mit einem halberſtickten Schrei fuhr der Ster⸗ bende aus dem Lehnſtuhl auf, in welchem er ſaß, und verſuchte ſeine Hand auf die Lippen des Spre⸗ chers zu legen. „Nennen Sie ihn nicht— um Gottes willen, nennen Sie ihn nicht. Man würde mich ſelbſt aus dieſem Loch fortſchleppen— in's Gefängniß, auf's Schaffot. Seit jenem Abend habe ich keinen Augen⸗ blick mehr Ruhe gefunden. Der Schrecken war mein Begleiter; er heftete ſich an mich wie mein Schatten, hetzte mich ſogar in meinen Träumen und umhüllte mich wie ein Leichentuch. Sie ſprechen von Strafe. O, ich bin geſtraft, furchtbar geſtraft. Muß ich doch jeden Augenblick fürchten, ein unvorſichtiges Wort oder ein Blick könne mich verrathen. So bin ich ein Gefangener hier in dieſer Stube; denn wenn ich mich hinauswagte, trat mir überall das Plakat, die ausgebotene Belohnung entgegen. Ein Blick, ein ganz zufälliger Blick konnte mir das Blut ſtocken machen und ich kehrte, verfolgt von meiner Angſt, 283 wieder um. Strafe! Ich habe davon gehört, daß Leute auf der Folter geſchlafen haben; ich kann es glauben, denn die Folter wäre Barmherzigkeit gegen das, was ich erduldete— und doch ſchlef ich, um zu träumen— zu träumen!“ Auf dringende Vorſtellungen und Bitten erhielt der alte Buchhalter endlich die Erlaubniß, nach einem Arzt ſchicken zu dürfen, der den Zuſtand des Leidenden ſogleich als einen hoffnungsloſen erkannte.. „Wie lang hat er noch zu leben?“ fragte Peter. Der Arzt war erſtaunt, eine ſolche Frage in Ge⸗ genwart des Kranken geſtellt zu hören. „Sie müſſen mir antworten,“ fuhr der Sprecher feierlich fort,„wenn Sie nicht wünſchen, daß er mit n Blutſchuld auf der Seele in die Cwigkeit ehe.“ „Reden Sie,“ ächzte Carus. 8„Höchſtens noch fünf Stunden,“ entgegnete der Arzt. Seltſamerweiſe ſchien dieſe Auskunft dem Ster⸗ benden Troſt zu gewähren; denn er hatte jetzt doch von dem Blutgerüſt nichts mehr zu fürchten. Er erhob keine weitere Einwendung gegen den Beſuch eines Geiſtlichen, welcher ihm die Nothwendigkeit zu Ge⸗ müth führte, ein volles Bekenntniß ſeiner Schuld abzulegen. Dieſes war kaum unterzeichnet und von Zeugen beglaubigt, als der Mörder ſtarb. Er hatte ſeiner Erklärung zufolge, um ſich an ſeinem Onkel zu rächen, Richard Markham erſchießen wollen und den Viscount irrthümlicher Weiſe für unſeren Helden gehalten. Dieſes Bekenntniß wurde erſt veröffentlicht, nach⸗ 284 dem Carus bereits der Erde heimgegeben war. Nur Peter Mangles folgte ihm zu Grabe. „Ein ſchlimmes Ende,“ rief er mit einem Seufzer; „ein ſchlimmes Ende! Aber man darf ſich nicht wun⸗ dern; er hatte nie ſein kleines Kaſſenbuch in Ordnung.“ Ende. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: J. J. Smith, Licht⸗ und Schattenſeiten des Lebens. 5 Bände. Phlr. 2.— fl. 3. Das Erbe oder die Lehren des Lebens. 4 Bände. Thlr. 2. 4 Sgr.— fl. 3. 12 kr. Der junge Prätendent oder vor hundert Jahren. 3 Bände. Thlr. I. 2 Sgr.— fl. 1. 36 kr. Die Abtei Carrow. 4 Bände. Thlr. 1. 10 Sgr.— fl. 2. Der Glücksſoldat. 2 Bände. 28 Sgr.— fl. 1. 24 kr. Sein und Schein. 3 Bände. Thlr. 1. 14 Sgr.— fl. 2. 12 kr. Milly Moyne. 5 Bände. Thlr. 2.— fl. 3. J. F. Smith gehört zu den beliebteſten Novelliſten der Neuzeit. Seine Werke haben in England, Amerika, Frankreich und Spanien die glänzendſten Erfolge er⸗ rungen; ſeine Erzählungen geben eine meiſterhafte Be⸗ ſchreibung des häuslichen Lebens, ſtizziren auf das Genaueſte die verſchiedenen Phaſen des menſchlichen Charakters und offenbaren einen ſolchen Einblick in das menſchliche Herz, eine ſolche Kenntniß der menſchlichen Natur, wie dies ſelten einem Schriftſteller gelungen und wie es nur wahrhaft großen Autoren möglich iſt. Die Charaktere, welche Smith zeichnet, ſind Wirk⸗ lichkeiten, die Scenen, die er beſchreibt, ſind keine bloßen Phantaſiebilder, die Geſchichten, die er zu Tage bringt, haben eine innere Wahrheit. Der hohe moraliſche Ton ſeiner Compoſitivnen iſt ein ſtark ausgeprägter, ſehr ehrenvoller Zug. Während er ſtets als unbeugſamer Vertheidiger der Armen, Unglücklichen und Unwiſſenden auftritt, ſcheut er ſich nie, das Laſter, ſei es in Lumpen oder Purpur gehüllt, laut zu verklagen. Wir glauben voll Zuverſicht, daß Smith auch ein entſchiedener Günſt⸗ ling des deutſchen Publikums wird, wozu wir durch gediegene Ueberſetzung und äußerſt billigen Preis das Unſrige beitragen. Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Nerzeit. Erſter Band: Georg Stephenſon, 2. Auflage. 80. 32 Bogen mit einem Holzſchnitt. 5 Zweiter Band: James Watt, 21 Bogen mit 8 Holzſchnitten. Preis in engliſchem Einband mit Goldſtempeln jeder Band Thlr. 1— fl. 1. 45 kr. Sicherlich ſind die Anfänge und Endziele der jetzigen Induſtrie⸗Epoche nie großartiger aufgefaßt worden, als in beiden vorſtehenden Biographien. Wo ließe ſich auch dem Scharfſinne und der Beharrlichkeit eines James Watt, eines Georg Stephenſon gleich Großes an die Seite ſtellen! So unwiderſtehlich iſt der eigenthüm⸗ liche Reiz, welcher dieſe Lebensbeſchreibungen umgibt, daß jeder Roman daneben erblaßt. Der Geiſt, ſtets in die Schranken des wirklichen Lebens gebannt, gewinnt an innerer Spannkraft, der Charakter des Jünglings wird geſtählt durch ſo edle Beiſpiele; und endlich ſind über das innere und äußere Leben der beiden großen Männer ſo viele und intereſſante Aufſchlüſſe gegeben, daß dieſe Biographien als endgültige angeſehen werden können. Nicht leicht wird es ein Buch geben, das geeigneter wäre, die ſtrebſame Jugend unſeres deutſchen Vater⸗ landes auf der Bahn praktiſcher Bildung zu befeuern und zu edlem Nacheifer anzuſpornen, als obige Bio⸗ graphien. Grzählungen Hermann Kurz, Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg. broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. Inhalt: Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. — Wie der Großvater die Großmutter nahm.— Das Wittwenſtüblein.— Bergmärchen.— Das weiße Hemd. — Den Galgen! ſagt der Eichele.— Die Zaubernacht. — Das Schattengericht.— Das Arkanum.— Die blaſſe Apollonia.— Neun Bücher Denk⸗ und Glaubwürdig⸗ keiten.— Wiederfinden.— Ein Herzensſtreich.— Das Horoſcop.— Das gepaarte Heirathsgeſuch.— Der Feu⸗ dalbauer.— An der Wiege.— Ein Donnerwetter im Hornung.— Jugenderinnerungen. Jeder Band bildet ein ſelbſiſtändiges Ganzes und wird einzeln verkauft. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ſ 3 1 15 1 . 8 9 10 11 12 1 4 6 17 „. 9 6 p 6