Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von— 6* Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblipthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— ₰ auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7„ 7„ n 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Zwar würde der Um⸗ ſtand, daß ſie eigene Kinder gehabt hätten, nichts an ihrem Entſchluß, die arme Waiſe zu beſchützen, ge⸗ ändert haben; aber er wäre doch ein natürliches Hinderniß geweſen, das ihr nicht geſtattet hätte, ſo ſehr ſich die Herzen des würdigen Paars zu gewin⸗ nen, daß dieſes zuletzt ſie für eine Tochter anſtht Nach der Ankunft des Oberſten und ſeiner Ge⸗ mahlin in Calcutta wurde zuerſt für eine Gouver⸗ nante geſorgt, und Lehrer aller Art mußten zu der Erziehung des Pflegekinds mitwirken, deſſen glückliche Anlagen den Unterricht mehr zu einem Vergnügen als zu einem Geſchäft machten. Nie hatte es einen ildſameren Geiſt gegeben; er war eine von jenen üppig gedeihenden Pflanzen, die wohl der Pflege zugänglich ſind, aber nur eine anmuthige Form an⸗ nehmen können, mag man ſie biegen wie man will. Sir Charles wurde allmälig ſtolz auf ſeinen Schützling und ſeine Gattin fühlte eine ſo uneigen⸗ nützige Freude an Lillians ſich entwickelnder Schön⸗ heit und an der Entfaltung ihres Geiſtes, daß die 1 Fortſchritte eines eigenen Kindes ſie nicht hätten glücklicher machen können. Im indiſchen Klima reift das weibliche Geſchlecht ſo ſchnell, daß Lillian ſchon mit fünfzehn Jahren eine ausgebildete Jungfrau war. Doch das wiſſen wir bereits. Wir müſſen nun auch von ihrem Geiſte ſprechen, der, Dank ſei es der liebevollen Sorgfalt ihrer Pflegeeltern, mit einem Vorrath von Kennt⸗ niſſen, namentlich aber mit den edelſten und tugend⸗ hafteſten Grundſätzen ausgeſtattet war. Es iſt ſchon berichtet worden, welchen Eindruck Lillians Liebreiz auf unſern Helden hervorbrachte; kein Wunder alſo, daß er begierig die Gelegenheit erfaßte, welche ihm die gute Meinung des Oberſten und ſeiner Gattin bot, in ihrer Wohnung häufige Beſuche zu machen. Ohne ihn fand daſelbſt kaum eine Geſellſchaft Statt, und Lady Bell wurde zuletzt ſo an ihn gewöhnt, daß er zum großen Aerger des Capitän Dawliſh, welcher in die Waiſe verliebt zu ſein ſich einredete, bei allen Verabredungen zu irgend einer Luſtpartie zu Rathe gezogen wurde, da man ohne ihn keine für vollkommen hielt. So angenehm ihm dieſer Verkehr war, ſiel es doch Sir Charles und ſeiner Gemahlin öfters auf, daß auch ſein Eifer für das Geſchäftsleben immer mehr zunahm. Selbſt die verlockendſten Einladungen konnten ihn dem Comptoir Mr. Chutnee's nicht ent⸗ ziehen, wo er mit der Emſigkeit eines bezahlten Commis die Geſchäftsſtunde einhielt. Eine ſolche Thätigkeit von Seiten eines Jünglings, der für reich galt, mußte als etwas Merkwürdiges erſcheinen. Für die Leſer, welche die Heiligkeit ſeiner auf die Ehrenrettung des Vaters abzielenden Beweg⸗ gründe kennen, hat dieſer Umſtand nichts Befremd⸗ liches. Mr. Sanford machte ſich anfangs auch wie die Andern Gedanken darüber, gab es aber bald unter dem Eindruck auf, der Knabe, wie er ihn bei der erſten Bekanntſchaft verächtlich zu nennen be⸗ liebte, habe nun einmal eine Vorliebe für das Ge⸗ ſchäft, und da der Volontair eine ſehr ſchöne Hand ſchrieb, ſo wurde ihm allmälig ein großer Theil der Correſpondenz überlaſſen. Für einen ſo jungen Mann benahm ſich unſer Held mit nicht gewöhnlicher Klugheit; er drückte nie den Wunſch aus, in irgend einem beſonderen Ge⸗ ſchäftszweig verwendet zu werden. Briefe, Wechſel, Abrechnungen— kurz, was man von ihm verlangte, beſorgte er mit gleicher Aufmerkſamkeit. Er hatte öfters den Hauptbuchhalter die Farbe wechſeln und nur mit Mühe ſeinen Aerger unter⸗ drücken ſehen, wenn ein gewiſſer parſiſcher Wechſel⸗ ſenſal, mit Namen Heſen Mendresdi, in dem Bureau erſchien. Wie dringliche Gegenſtände dann auch vor⸗ lagen, Sanford ſchob ſie bei Seite, um dem Mann Gehör zu ſchenken, und dieſe Dienſteifrigkeit wurde zuletzt ſo auffallend, daß eines Tages auch Mr. Chutnee ſie bemerkte. „Haben Sie Privatſpekulationen mit dem alten Spitzbuben Heſen?“ fragte er. „Sie wiſſen, Sir, daß mir durch meinen Contract verboten iſt, für eigene Rechnung Geſchäfte zu machen.“ Dies war buchſtäblich wahr; aber das Haupt der Firma wußte wohl, daß ſich eine ſolche Bedingung umgehen ließ. „Man ſollte faſt meinen, ihr ſeiet aſſocirt mit⸗ einander,“ fügte der Kaufmann bei. Sanford ſchien verwirrt, erwiderte aber nichts. Er kannte das gleichgültige Weſen ſeines Dienſtherrn und wußte, daß bei ihm ein Argwohn, den er blos andeutete, ohne ihm Folge zu geben, Jahre lang ruhen konnte, wenn er nicht durch Widerſpruch noch mehr angeregt würde. Etwa drei Wochen nach dem Gouverneursball ſaßen Lady Bell und ihre Adoptivtochter in dem Morgenzimmer. Lillian hatte mit ihrem Stickrahmen zu ſchaffen, und die gnädige Frau las, als der Kam⸗ merdiener mit einem Billet an ſeine Gebieterin ein⸗ trat. Es war eines von jenen dreieckig zuſammen⸗ gelegten Briefchen, welche unter der Damencorre⸗ ſpondenz beliebt ſind. „Von Mrs. Chutnee,“ ſagte die Lady, das Billet Lillian hinbietend.„Eine Einladung zu einem Aus⸗ flug nach ihrem Landhaus im Gebirge. Ich fürchte, Sir Charles wird uns nicht begleiten können.“ „In dieſem Falle werden Sie ablehnen,“ ver⸗ ſetzte Lillian. „Ich glaube nicht, daß dies gerade nothwendig iſt, erwiderte die Lady.„Ich bin alt genug, um mich in Geſellſchaft zu bewegen ohne einen andern Schutz, als den meiner Jahre.(Und Tugend, hätte ſie beifügen können.) Wünſcheſt Du nicht, daß wir zuſagen?“ Ein leichtes Roth überflog das Antlitz des ſchö⸗ nen Mädchens. „Da habe ich ſchon die Antwort,“ rief ihre Be⸗ ſchützerin lachend.„Wenn eine junge Dame erröthet, — + ſo iſt es ein Zeichen, baß ſie nicht ganz ſo gleich⸗ gültig iſt, als ſie der Welt glauben machen möchte. ch habe früher nie über die Sache mit Dir geſpro⸗ chen; aber in der That Tyrrells Aufmerkſamkeiten ſind ſo augenfällig, daß man blind ſein müßte, wenn man ſie nicht zu deuten verſtünde.“ Diesmal erröthete Lillian höher. „Als kürzlich Dawliſh Dich zum Tanz engagirte, machte er ein ſolches Jammergeſicht, daß er mich ordentlich dauerte.“ „Meine theure Mama, könnten Sie ſich nicht dennoch täuſchen? Mr. Tyrrell hat noch nie das Wort Liebe gegen mich ausgeſprochen.“ Lady Bell lächelte. „Es gibt viele Dinge, die man lange vorher er⸗ kennt, eh' ſie beim Namen genannt werden, und eines davon iſt die Liebe. Ich habe Recht— muß Recht haben; denn die gegentheilige Annahme hieße einen jungen Mann, den ich ſchätze— ich will ſo⸗ ar noch weiter gehen und ſagen, den ich liebe, der herteſeſen Koketterie beſchuldigen.“ „Oh, nein, nein,“ rief Lillian,„ich bin überzeugt, daß Mr. Tyrrell deſſen nicht fähig iſt.“ Sie ſtockte und ließ emſig ihre Nadel ſpielen. Die wohlwollende Lady erhob ſich von ihrem Canapee, ging auf ihren Schützling zu, ſchlang den Arm ſanft um ihren Leib und küßte ſie auf die Stirne. „Laß Deine Arbeit ruhen,“ ſagte ſie;„wir wollen ein bischen mit einander plaudern— im Vertrauen, meine ich— offen, wie Mutter und Kind, oder, wenn Du lieber ſo willſt, wie zwei Schweſtern. „Wie Mutter und Kind,“ verſetzte der Gegen⸗ ſtand ihrer Güte haſtig und erwiderte ihre Liebko⸗ ſungen mit Wärme.„Vor Ihnen kann ich keine Geheimniſſe haben.“ „Du liebſt Richard Tyrrell?“ „Ich habe nie geſagt, daß ich ihn liebe,“ ant⸗ wortete Lillian beſcheiden.„Vielleicht könnte ich es, wenn er mich darum bäte; aber ich weiß nicht, ob er dies je thun wird. Vorgeſtern auf Ihrem Ball hörte ich Dawliſh gegen einen ſeiner Kameraden bemerken, daß Mr. Tyrrell Mrs. Chutnee große Aufmerkſamkeit erweiſe.“ „Es wäre ſehr undankbar von ihm, wenn er es nicht thäte, meine Liebe,“ entgegnete die Lady mit einem Lächeln.„Zamora iſt eine von den bezau⸗ berndſten Frauen meiner Bekanntſchaft, geſcheidt, obſchon ihre Erziehung kläglich vernachläſſigt wurde, und gut— merk Dir dies, Lilly, gut.“ „Es waren nicht die Worte, Mama, ſondern der Blick, mit welchem er ſie begleitete. Er ſchien—“ „Ja, ja, ich verſtehe all das. Es gibt noch mehr Männer wie Dawliſh, welche die Lüge, die ihr Mund nicht auszuſprechen den Muth hat, mit der Miene bekräftigen und den guten Ruf einer Frau weghöhnen. Dergleichen Motten ſind mir früher zu Hunderten vorgekommen. Aber Dir hätte ich mehr Scharfblick zugetraut. Er iſt eiferſüchtig.“ „Auf wen?“ „Auf Tyrrell; und er wollte, daß Du ſeine Bemerkung höreſt. Glaube mir, er handelt und ſpricht nie ohne Abſicht, und dies war auch hier der Fall.“. „Wenn Sie ſo glauben—“ „Ich weiß es, weil ich ihn kenne,“ fiel die Lady ihr entrüſtet ins Wort.„Doch laſſen wir jetzt den Capitän und ſprechen wir von Zamora. Haſt Du das Billet vergeſſen, das ſie mir einen oder zwei Tage vor dem Gouverneursball ſchickte? Nein, Du haſi's nicht— ja, ich möchte ſogar wetten, daß Du es auswendig kennſt.“ Lillian zog die Beſchuldigung nicht in Abrede. „Sie bat mich, Dich für den erſten Tanz mit Tyrrell zu engagiren, weil Dein Geſicht das hüb⸗ ſcheſte auf dem Ball ſein werde. Damit hatte ſie nicht Unrecht,“ fügte ſie mit faſt mütterlichem Stolz bei.„Entſinnſt Du Dich noch, daß ſie ſelbſt kein einziges Mal tanzte?“ „Ja wohl.“ „Und ſoll ich Dir den Grund davon ſagen? Sie wollte ihrem alten und eiferſüchtigen Mann nicht weh thun, dem ſie ihre Achtung zu bewahren ſucht, wenn ſie ihn auch nicht lieben kann. Sie hat we⸗ nige Geheimniſſe vor mir. Verlaß Dich darauf, wenn ſie ihr Herz von dem Hauch einer unwürdigen Leidenſchaft berührt fühlte, ſo würde ſie den Gegen⸗ ſtand derſelben meiden. Mrs. Chutnee wird nie dem Namen eines Weibes oder dem, welchen ſie trägt, Schande machen.“ „Doch können Sie nicht abläugnen, Mama, daß Mr. Tyrrell ſich weit freier und ungezwungener gegen ſie benimmt, als gegen mich.“ „Ein Beweis, daß er die eine liebt und gegen die andere nur Freundſchaft hegt. Du ſiehſt, daß er gegen mich nicht zurückhaltend iſt.“ „Das iſt etwas ganz Anderes.“ Die Lady lächelte ernſt; dann aber brach ſie in ein heiteres Lachen aus und bemerkte: „Ich denke wohl, weil ich eine verheirathete alte Frau bin.“ „Nein,“ entgegnete Lilly,„ſondern weil Sir Charles ſo gut und edel iſt, daß kein Mann die Vergleichung mit ihm aushalten kann. Sie ſind die einzige Perſon in der Welt, die ich für würdig halte, ſeine Gattin zu ſein.“ Dieſe Worte kamen aus einem ſo aufrichtigen Herzen, daß ſie der Zuhörerin wirklich wohl thaten; denn unſere Leſer wiſſen, daß ſie ihren Gatten nicht blos zärtlich liebte, ſondern auch ſtolz auf ihn war. „Und iſt dies Alles, was Du über den Gegen⸗ ſtand zu ſagen haſt?“ fragte ſie. „Nein, Mama; ich kann Ihnen eben ſo gut Alles geſtehen und weiß nicht einmal, ob ein Verdienſt in meiner Offenheit liegt, denn Sie ſind ſo klug, daß Sie in meiner Seele leſen. Ich habe wohl ſchon hie und da vermuthet, daß Richard mir zugethan ſei, und mehrmal ſchien er auf dem Punkt zu ſein, mir ſeine Liebe zu erklären; dann aber war es, als ob eine plötzliche Erinnerung, wie ein Schatten der Ver⸗ gangenheit, oder ein Gefühl von Reue über ihn komme, und er ſprach von anderen Dingen.“ Lady Bell faßte ſie ernſt in's Auge. Auch ſie hatte eine ähnliche Wahrnehmung gemacht. er hat ſich nie gegen Dich erklärt?“ „Nein.“ „Dann will ich Dich nicht weiter fragen,“ rief Lady Bell.„Das ſüße Zugeſtändniß von eines 11 Mädchens Lippe muß der zuerſt hören, den es an⸗ geht. Wir wollen dieſe Einladung annehmen,“ fügte ſie bei;„ſie iſt wahrſcheinlich nicht ohne Abſicht an uns ergangen.“ Lillian lächelte matt. „Ich will auf ſein Benehmen noch mehr als bis⸗ her Acht haben. Verlaß Dich auf mich, er wird mich nicht täuſchen. Und wenn er Dich wirklich liebt, 6 weh⸗ ich das Geheimniß aus ſeinem Herzen heraus⸗ olen.“ „Aber wiſſen Sie gewiß, das er dabei ſein wird?“ „Da ſteht es,“ verſetzte ihre Beſchützerin, auf das Billet deutend. An demſelben Morgen, an welchem die eben ver⸗ handelte Unterhaltung ſtattfand, fuhr unſer Held mit Sanford nach dem Hooghly hinunter, um ein an die Firma Chutnee und Compagnie conſignirtes Schiff zu beſuchen. Das Schiff war der Caradoc. Als Richard an Bord kam, hörte er einen Ausruf der Ueberraſchung, welcher ihn bewog, ſich umzuſehen. Der Ruf kam von einer Matroſengruppe her, in welcher er übrigens kein bekanntes Geſicht wahrnahm. Zu gleicher Zeit zeigte ſich auch der Capitän auf dem Deck und lud die Ankömmlinge mit gut geſpielter Herzlichkeit ein, ihm in die Cajüte zu folgen. Wir brauchen kaum zu ſagen, daß der erwähnte Ruf von dem armen Jad ausgegangen war, der im Augenblick ſeinen alten Spielgefährten wieder erkannte. Kein Wunder, daß es Richard mit Jack nicht ebenſo erging, denn Mißhandlung und Leiden hatten den Letzteren ſelbſt für das Auge einer Mutter unkennt⸗ 12 lich gemacht. Er war ſehr groß geworden und das ſchwarze Haar hing ihm in koboldartigen Wiſchen über die blaſſen abgezehrten Wangen herunter. Kaleb und Bunce, die einzigen Freunde, welche der arme Burſche an Bord hatte, bemerkten ſeine Aufregung und ſchloſſen daraus auf die Erkennung einer Perſon, die ihm vielleicht einen freundlichen Dienſt leiſten könnte. „Kennt Ihr dieſen Klipper?“ fragte der alte Matroſe. „Ich glaube, ich habe ihn ſchon früher geſehen,“ verſetzte Jack;„aber mein Gedächtniß iſt nicht mehr ſo gut wie ſonſt. Vielleicht täuſchte ich mich.“ Aus den Thränen in ſeinen Augen folgerte Kaleb, daß er ſelbſt nicht an dieſe Annahme glaubte. „Wie willſt Du Dich vergewiſſern?“ „Ich wage es nicht, ihn anzureden.“ „Dann will ich's für Euch thun,“ rief ſein Freund. „Man wagt dabei nur ein bischen Mißhandlung, wenn Gall dahinter kömmt. Meine Zeit iſt nahezu um.“ „Wann wird's die meinige ſein?“ dachte Jad. „Wie heißt der Gentleman?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Jack ſtockend, da er durch ein Eingehen auf Einzelnheiten unſern Hel⸗ den bloßzuſtellen fürchtete. Bunce machte eine ungläubige Miene. „Wenn er wirklich der iſt, für den ich ihn halte, ſo wird er mir ſicherlich beiſtehen; denn ſein Herz iſt ſo gut—“ „Wie das des Capitäns boshaft. Schon recht“ ſagte Bunce.„Ich und Kaleb ſind in der Capitäns⸗ S—, 13 mannſchaft und werden ihn an's Land rudern müſſen. Ich will ihn fragen, ob er ſich Jacks erinnere.“ „Es gibt ſo viele Jacks,“ bemerkte Kaleb. „Das iſt wahr. Wie weiter?“ „Monders,“ verſetzte der mißhandelte Junge. „Wenn er die Kenntniß dieſes Namens verläugnet, ſo behelligt ihn nicht weiter mit meiner traurigen Geſchichte; andernfalls aber“— und ſeine Augen zeigten wieder etwas von ihrem früheren Feuer— „könnt Ihr ihm ſagen, wie ich auf dieſes ſchwimmende Gefängniß verkauft und wie ich behandelt wurde. Er wird Mittel finden, mich zu befreien.“ „Soll geſchehen,“ entgegnete Bunce. „Aber wenn der Capitän Euch hört?“ „Wenn auch,“ rief der alte Matroſe.„Ich bin längſt des Caradoc und ſeines Commandeurs über⸗ drüſſig, und habe ich einmal feſten Boden unter den Füßen, ſo mache ich mir nichts daraus, ihm meine Privatmeinung zu ſagen und mein Herz zu erleichtern.“ Nachdem das Frühſtück vorüber und das Geſchäft⸗ liche in der Cajüte abgethan war, ſchickten ſich San⸗ ford und Richard an, wieder an's Land zurückzu⸗ kehren. Glücklicher Weiſe ging der Capitän nicht mit ihnen. Der arme Jack ſchlich ſich an die Schiffs⸗ ſeite, um Zeuge ihrer Abfahrt zu ſein und nochmal ſein Auge und Herz an dem Anblick des früheren Freundes zu waiden. Während das Boot ſich aufwärts drehte, ver⸗ langte Sanford von einem der Matroſen Feuer für ſeine Cigarre. „Hier, Euer Ehren,“ rief Bunce, aus einem Meſſingbüchschen ein Zündhölzchen hervorholend. 5— —— 14 „Danke.“ „Bequem, he?“ „Sehr bequem,“ verſetzte der Hauptbuchhalter. „Ihr könnt Euch denken, wie werth es mir iſt, wenn ich Euer Ehren ſage, daß es ein Geſchenk von dem liebſten Freund iſt, den ich auf Erden habe.“ „Bill von Dextford oder Portsmouth, denke ich,“ bemerkte Sanford lachend, denn die vermeintliche Salzwaſſerſentimentalität kam ihm beluſtigend vor. „Nein, der war's nicht, ſondern ein alter Schiffs⸗ kamerad, Namens Jack Manders.“ Trotz ſeiner gewöhnlichen Faſſung wechſelte Richard die Farbe. Zum Glück ſtack ſein Begleiter in einer zu dicken Tabaksrauchwolke, um die Wirkung wahr⸗ zunehmen, welche dieſer Name auf ihn hervorbrachte. Nicht ſo Bunce und Kaleb; der Erſtere ſah unſerem Helden in's Geſicht und winkte ihm blinzelnd zu. „Ich habe gute Luſt, mich von dieſen Leuten nach dem Gat rudern zu laſſen,“ ſagte Richard. „Auf ſolche Entfernung kann ich dem ſchuftigen Reitknecht das Gefährt nicht anvertrauen,“ verſetzte ſein Begleiter. „So fahren Sie hinunter und nehmen mich dort ein.“ Sanford verſprach dies und Richard hatte in ſolcher Weiſe durch ein wenig Geiſtesgegenwart ſich der einzigen Perſon entledigt, die ſeinen wahren Namen nicht kennen ſollte. Er ließ ſich ruhig weiter rudern. Als ſie den Waſſerplatz erreicht hatten, for⸗ derte er beim Ausſteigen Bunce auf, ihm zu folgen. Der alte Mann gehorchte. „Habt Ihr mir etwas zu ſagen?“ fragte unſer 15 Held, als ſie mit einander allein auf der oberſten Treppe ſtanden. „Sollt's meinen,“ verſetzte Bunce pfiffig. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Man kann ſich das Erſtaunen unſeres Helden denken, als er den Namen ſeines alten Spielkame⸗ raden in einem ſo fernen Lande und unter ſo eigen⸗ thümlichen Verhältniſſen nennen hörte. Er hatte den gutmüthigen, leichtherzigen Knaben nie vergeſſen und ihm mit Rückſicht auf den Beweggrund längſt den Verſuch verziehen, ihn auf den Pfad des Verbrechens zu locken. Die Stellung, in der er ſich befand, zwang ihm Behutſamkeit auf. Es war von höchſter Wichtigkeit, daß der Name ſeines Vaters nirgends verlaute, ſonſt nue er ohne Umſchweife ſich nach Jack erkundigt aben. „Nun, guter Freund, es ſcheint, Ihr habt mir etwas mitzutheilen?“ begann er. „Euer Ehren rathen ganz richtig,“ ſagte der See⸗ advokat mit jenem eigenthümlichen Ruck an dem Ho⸗ ſenbund, der die unvermeidliche Einleitungsceremonie zu ſein ſcheint, wenn ein Matroſe ſeine Gedanken t„Erſtlich, kennt Euer Ehren den Jack Man⸗ ers?“ „Der Name iſt mir allerdings ſchon zu Ohren gekommen,“ verſetzte Richard lächelnd. „Das nenn' ich eine vorſichtige Antwort,“ be⸗ merkte Bunce,„doch Euer Ehren müſſen das am 16 beſten wiſſen. Ich verſtehe mich nicht viel auf die Leute am Land, dafür um ſo beſſer auf die von mei⸗ nem Gewerbe.“ „Gut alſo, ich kenne ihn.“ „So laß ich's mir gefallen,“ rief der alte Mann mit einem abermaligen Ruck, welcher vermuthlich ſeine Zufriedenheit ausdrücken ſollte.„Das iſt offe⸗ nes Segeln und ich kann es verſtehen. Vielleicht käm' es Ihnen nicht darauf an, die Hand auszu⸗ ſtrecken oder ihm ein Tauende zuzuwerfen, wenn Sie ihn vor einem Lagerwall ſehen würden?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte unſer Held mit Wärme; „aber wo iſt er?“ „Auf jenem Teufelsſchiff dort,“ flüſterte der alte Mann, über ſeine Schultern in die Richtung deutend, wo der Caradoc lag. „Warum nennt Ihr es ein Teufelsſchiff und warum ſprach er mich nicht an?“ fragte Richard. „Er muß mich doch erkannt haben?“ „Erkannt hat er Sie ſchnell genug,“ entgegnete Bunce;„aber vielleicht wußte der arme Burſche nicht, ob EFuer Ehren ihn kennen wollten. Und wenn der Schiffer ihn mit Ihnen hätte ſprechen ſehen, ſo wäre er nur um ſo mehr auf der Hut geweſen.“ „Was hätte er dagegen haben können?“ „Es wäre ihm nicht lieb, wenn Jack einen Freund ände.“. „Braucht er einen?“ fragte Richard angelegent⸗ lich„Dann freut es mich doppelt, daß ich das Schiff beſucht habe.“ „Ob er einen braucht!“ erwiderte Bunce.„Braucht wohl ein armer Kerl, der über Bord gefallen iſt, 17 während ſein Schiff weiter ſegelt, das Zuwerfen eines Hühnerſtalls, der es ihm möglich macht, mit den Wellen zu kämpfen, welche ihn zu verſchlingen drohen? Wenn je irgend Jemand eines Freundes benöthigt war, ſo iſt's Jack.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ bemerkte Richard, der nicht wußte, was er aus der eigenthümlichen Aus⸗ drucksweiſe des Mannes machen ſollte.„Was hat er gethan?“ „Was er gethan hat? Nichts. Er iſt ein ſo ehr⸗ licher Kerl, wie nur je irgend einer Zwieback brach.“ Richard fühlte ſich erleichtert, als er ſeinem alten Kameraden dieſes Lob ertheilen hörte. „Er iſt mit Gewalt an Bord des Caradoc ge⸗ ſchleppt worden,“ fuhr der Seeadvokat fort,„und der Capitän hat ihn ſchlechter als einen Hund be⸗ handelt.“ „Armer Schelm!“ rief Richard.„Aber kann er keine Abhülfe erlangen?“ „Er hat's in China verſucht; aber der Conſul ſchenkte ihm kein Gehör. Am Cap iſt er zweimal dem Schiff entlaufen, doch die Behörden lieferten ihn wieder aus.“ „Er iſt alſo ein Lehrling?“ „Nein; Jack hat den Lehrbrief nie unterſchrieben. Ich hab' ihm dieſen Pfiff eingegeben. Er wurde zwar dafür gepeitſcht wie ein Hund, bis die Mann⸗ ſchaft Pfui! rief und mit Meuterei drohte; aber er hielt feſt an ſeinem Entſchluß.“ „Wenn Capitän Gall nicht die geſetzliche Gewalt hat, ihn zurückzuhalten, ſo verlaßt Euch darauf, daß Smith, Ebbe u. Fluth. Iv. 2 18 dieſem ein Ende gemacht wird,“ rief unſer Held ent⸗ rüſtet.„Ich werde ſogleich an Bord zurückkehren und ihn zur Rede ſtellen.“ „Das würde nichts nützen.“ „Dann wende ich mich an die Behörden.“ „Und eh' Ihr zurückkämet, wäre Jack todt ge⸗ ſchlagen.“ „Wie ſoll ich's dann angreifen, um ihm zu dienen?“ „Ich will's Ihnen ſagen,“ verſetzte Bunce, der inzwiſchen ſeinen Plan geordnet hatte.„Der Schiffer wird zuverläſſig heute am Land ſpeiſen.“ „Er iſt auf den Abend zu Mr. Chutnee einge⸗ laden.“ „Sehr gut; das gibt ein einfaches Segeln,“ ent⸗ gegnete der Seemann, ſein Tabaksröllchen in die andere Backe ſchiebend und ſeinem Hoſenbund den dritten Ruck gebend.„Laßt bei Einbruch der Nacht ein Dingie neben dem Schiff halten.“ „Aber es rudern immer ſo viele um das Schiff her; wie wird er das rechte erkennen?“ „Nicht übel für einen vom Land,“ dachte der alte Mann, dem zum erſten Mal dieſer Uebelſtand ein⸗ ſiel.„Schade, daß er kein Matroſe iſt.— Ich hab's,“ fuhr er laut fort.„Nachts führen die Dingiewallahs, ſo heißen die eingeborenen Bootsleute, eine Laterne im Bug ihrer Fahrzeuge. Wenn das Ihrige das Licht im Stern hat, ſo kann kein Irrthum ſtattfinden. Ich werde die erſte Wache haben, und Jack braucht ſich dann nur an einer der Halſen niederzulaſſen.“ „Gut, ich verſtehe.“ „Und wollen es thun?“ 19 „Zuverläſſig.“ „Dann ſegne Sie der Him Sie auch ſein mögen,“ rig Nachdruck;„denn Sie thu großen Logbuch zu Ihre den wird. Der arme S Herz erleichtern, wenn ſehung einen Freund „Es wird jetzt Richard.„Eure wahrſcheinlich 3 ihnen dies; Dies wird „Go uns 20 Pergeſſen Sie nicht— heute Nacht, stzte unſer Held.„Ihr ſeht, jſungen gemerkt.“ verdient einen Vierund⸗ und mich zum Hochboots⸗ Seeadvokat, als der gverſchwunden war. rmen Jack freuen! 21 Gat hinauf begleitet hatte, und er beſchloß, wenn ſie wieder an Bord des Caradoc komme, ihr beſondere Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Bunce kehrte hocherfreut über den Erfolg ſeiner Sendung auf ſein Schiff zurück. Der Capitän be⸗ fand ſich auf dem Deck. „Ihr habt verteufelt lang gebraucht,“ bemerkte er Tyrann. „Kann nicht dafür, Euer Ehren,“ verſetzte Bunce, an ſeinen Hur greifend;„der junge Gentleman war ſo neugierig— wollte Alles wiſſen von der See, von von fremden Erdtheilen und erwies ſich ſo reigebig.“ * Secwin wandte ſich um und ging nach der ack. „Alles recht,“ flüſterte der Sprecher Jack zu, als er an ihm vorbei kam; habt einen wahren 5 Freund. K bi chiffer am Land iſt.“ 3 Richard fühlte, daß er eine ernſte Aufgabe über⸗ nommen; aber Jack hatte ihm und ſeiner Schweſter Liebe und Theilnahme erwieſen, die er ihm vergelten . Er erinnerte ſich dabei der vielen guten Sigenſchaften des freundloſen armen Jungen und boffte, daß die Saat des Böſen nicht ſo tiefe Wur⸗ zeln in ihm geſchlagen habe, um ſich nicht durch Rath und Beiſpiel ausrotten zu laſſen. Unter Richarbs Dienern befand ſich ein ſtarker, rühriger Menſch, der den Dienſt eines Stallaufſehers ch durch ſeinen Verſtand und i errn öfters bemerllich errungen. Dieſem Die⸗ eß, ertheilte Richard die 22 Weiſung, mit einem in der verabredeten Weiſe kennt⸗ lich gemachten Dingie nach Einbruch der Dunkelheit an die Seite des Caradoc zu fahren und einen am Schiff herunterſteigenden Matroſen aufzunehmen. Zu weiterer Vorſorge wurde nach dem Landungs⸗ platz eine Kutſche beordert, welche daſelbſt warten ſollte, bis die Bergung vollbracht war. Gerne hätte Richard zu Jacks Rettung ſelbſt Hand angelegt; aber die Klugheit widerrieth dies. Für den Erfolg des Plans, der ihn nach Indien ge⸗ führt hatte, war es von größter Wichtigkeit, daß ſein wahrer Name nicht bekannt wurde, und um allen Argwohn einer Betheiligung an dem Unternehmen von ſich abzulenken, ſchien es ihm räthlich, ſich ganz aus dem Wege zu machen. Hätte er Jack zuvor ſehen warnen können, ſo wäre es etwas Anderes ge⸗ weſen. Mit einer Beklommenheit, die er nicht ganz ab⸗ zuſchütteln vermochte, kleidete er ſich für Mr. Chut⸗ nee's Diner an. Da nur Herren geladen worden, ſo war Zamora nicht zugegen. Seit ſeiner gewaltſamen Entführung nach dem Caradoc war Jack Manders die Zeit nie ſo langſam verſtrichen. Er meinte, die Sonne wolle gar nicht mehr untergehen, und malte ſich tauſend Umſtände aus, die das Anslandgehen ſeines Tyrannen oder ſein eigenes Entkommen aus dem ſchwimmenden Ge⸗ fängniß hindern könnten. Seine Aufregung ſteigerte ſich im Laufe des Tages dermaßen, daß Kaleb und Bunce ihm häufig zuflüſtern mußten, er ſolle ſich doch in Acht nehmen. Endlich vergoldeten die letzten Strahlen des unter⸗ 23 gehenden Lichtballs die Thürme von Calcutta und Capitän Gall erſchien auf dem Verdeck. „Alles recht,“ ſagte der Seeadvokat;„er hat Bramſegel, Oberbramſegel und Alles aufgezogen.“ anderen Worten, der Schiffer war in voller alla. Die Grauſamkeit iſt von Natur argwöhniſch. Der Commandant des Caradoc hatte das glühende Ge⸗ ſicht ſeines Opfers und das zerſtreute Weſen wahr⸗ genommen, womit Jack zuerſt nach dem Ufer und dann nach der Sonne hinſah. Eh' er in ſein Boot . Sn Spion Martin. Pabt Ihr Jack geſehen?“ fragte er. Der Mann ſte „Gebt mir Acht auf ihn.“ „Sehr wohl, Euer Ehren.“ „Und auf die Boote,“ fügte der Capitän bei. „Keines ſoll niedergelaſſen werden ohne den Be⸗ fehl des Maten. Ich werde nicht vom Deck weichen, bis Sie wieder zurück ſind.“ „Und ſollte er zu ſchwimmen verſuchen—“ „Er kann nicht ſchwimmen,“ entgegnete der Auf⸗ paſſer.„Dies darf Sie nicht beunruhigen. Und wenn er's wollte, würden die Haifiſche oder eine ugel ihn bald erreichen.“ Der Capitän nickte beifällig und das Boot ſtieß ab, um den wohlgekleideten Schurken einer Geſell⸗ ſchaft zuzuführen, wo er mit ehrenhaften Leuten zu iſch ſaß und eine höfliche Behandlung von ſolchen erfuhr, die entſetzt ſeine befleckende Berührung ver⸗ mieden hätten, wenn ihnen nur der zehnte Theil von ſeinen grauſamen, niederträchtigen Handlungen be⸗ kannt geweſen wäre. Welche Mängel und Unſitt⸗ lichkeiten man der europäiſchen Geſellſchaft in Calcutta auch zur Laſt legen mag, Brutalität gegen Unter⸗ gebene gehört nicht darunter. Bunce und Kaleb hatten das Flüſtern zwiſchen dem Schiffer und Martin bemerkt und erriethen deſſen Inhalt. „Der Schleicher hat ſeinen Tagesbefehl erhalten,“ bemerkte der alte Mann. Jack ſah ihn hoffnungslos an. „Nicht verzagt,“ ſagte Kaleb.„Wir überliſten ihn doch. Bleib nur noch eine Stunde ſtandhaft, und Du biſt frei. Wollte Gott, mir blühte eine gleiche Ausſicht,“ fügte der arme Schelm mit einem Seufzer bei,„aber ich habe keine Freunde, die mir Beiſtand leiſten.“ Der Rath, ſtandhaft zu bleiben, war ſehr nöthig; denn Jahre ſyſtematiſcher Mißhandlung hatten den früheren kühnen Muth Jacks dermaßen gebrochen, daß nur Wenige in ihm den tapferen Knaben wieder erkannt hätten, welcher auf der Brücke Rachel ſo mann⸗ haft gegen die rohe Gewalt ihres Vetters Carus Kearn beſchützte. Endlich brach die Nacht herein und von den Boo⸗ ten der eingeborenen Fiſcher begann eines um das andere auf dem Fluß zu erſcheinen. Martin, welcher ſich von dieſen Fahrzeugen keines Argen verſah, ließ ſie ruhig herankommen, denn er wußte wohl, daß Jack keine Beſtechungsmittel beſaß und daß der Orien⸗ tale, wenn er kein Geld ſieht, die Arme kreuzt und unthätig bleibt. Nur den Schiffsbooten, welche ſich 25 auf der Leeſeite befanden, war ſein wachſames Auge zugewendet. „Da iſt es,“ flüſterte Bunce, als ein leichtes Dingie mit ein paar Ruderern und einer Laterne im Stern unmittelbar unter den Bugen des Caradoc anhielt. Wie klopfte Jack das Herz und wie ſegnete er ſein Geſchick, das ihm einen Freund erweckt hatte! „Gott behüte Dich,“ flüſterte Kaleb, indem er ihm die Hand drückte.„Ich werde oft an Dich denken.“ „Und ich an Dich,“ verſetzte Jack,„und an den lieben, freundlichen Bunce. Ohne eure Güte hätte ich längſt auf dem Meeresgrund eine Ruheſtätte ge⸗ funden. Ich kann meinen Dank nicht in Worten ausdrücken; aber mein Herz iſt voll davon.“ „Natürlich,“ entgegnete der alte Seemann.„Ich hab' immer geſagt, daß es am rechten Fleck ſei. Ich werd's erleben, daß Ihr noch ein rechter Mann werdet.“ „Und wenn Dir je der Schiffer wieder in den Weg kömmt—“ fügte Jacks Leidensgefährte bei. Ein momentanes Aufblitzen in dem dunklen Auge des Gequälten verkündete, daß nicht aller Muth aus ihm gewichen, ſondern ein Reſt der früheren Kühn⸗ heit zurückgeblieben war. „Was munkelt ihr drei mit einander?“ rief Mar⸗ tin von der Leeſeite des Schiffes herüber. Jack begann ſich nieberzulaſſen; ſeine beiden Freunde ſchirmten ihn mit ihren Leibern. „Was für drei meint Ihr?“ verſetzte Bunce. „Nun, Euch und die beiden Lehrlinge.“ „Es iſt nur ein Lehrling da.“ 26 „Ich ſage, es ſind zwei.“ „Und wären's ihrer ein Dutzend,“ bemerkte der Seeadvokat,„was geht es Euch an? Ich möchte doch wiſſen, wie lange Ihr ſchon den Caradoc zu commandiren habt.“ Der Aufpaſſer, ein baumſtarker Kerl, wollte auf Bunce los; aber dieſer, welcher wußte, daß für Jacks Entrinnen jeder Augenblick werthvoll war, kam ihm auf halben Weg entgegen. Es fielen Scheltworte und Martin wurde durch die Vorwürfe des alten Matroſen und das Ziſchen der Mannſchaft ſo auf⸗ geregt, daß er für eine Weile den ihm ertheilten Auftrag ganz vergaß. Der Streit würde mit einem Fauſtkampf geendigt haben, wenn der erſte Mate nicht ſein Anſehen gebraucht hätte. „ iſt mir nicht darum zu thun, mich hier her⸗ umzuſchlagen,“ rief der alte Mann, zufrieden damit, daß er ſeinen Zweck erreicht hatte, denn Jack war inzwiſchen wohlbehalten in dem Dingie angelangt; „aber was brauch' ich dieſe Eiſenfreſſereien! Er iſt noch kein Schiffsoffizier.“ „Nein, das iſt er nicht!“ ſchrie die Mannſchaft, bei der Martin nichts weniger als beliebt war. „Wo iſt Jack?“ brüllte der Aufpaſſer. Der Name wurde wiederholt gerufen, ohne daß eine Antwort erfolgte. „Ausgeriſſen!“ rief der Spion.„Ihr werdet hören, was der Capitän ſagt.“ „Noch wahrſcheinlicher ermordet und über Bord eworfen,“ bemerkte der Seeadvokat bitter.„Wir Au wiſſen, wie der Schiffer ihn behandelt.“ „Und wer ihm dabei hilft,“ fügten mehrere bei. 27 Martin ſtürzte nach der Stelle hin, wo die drei Verſchwörer, wie er ſie nannte, geſtanden hatten. Keine Spur von Jock; aber in der Ferne bemerkte er ein Boot, das hurtig dem Gat zuruderte. Er machte den erſten Maten darauf aufmerkſam. Der Schotte, welcher wußte, daß der Capitän ſeinen Zorn zuerſt an ihm auslaſſen würde, gab ſo⸗ gleich Befehl zur Verfolgung und ſtieg, um ſeinen e mehr Naochdruck zu geben, ſelbſt in die arke. Zenebs Boot war inzwiſchen nichts weniger als müßig geweſen und benützte ſeinen Vorſprung ſo gut, daß ihm die Verfolger keine Spanne Zwiſchenraum abgewannen. „Es iſt vergeblich, Sir,“ bemerkte Bunce, „Dies zu beurtheilen iſt meine Sache,“ verſetzte der Offizier in zornigem Tone.„Holt wacker aus, ihr Leute!“ Die Matroſen ſtrengten ſich aus Leibeskräften an, hatten aber noch eine ziemliche Strecke bis zum Gat, als ſie Jack und die Hindus ſchon die Treppe hinaufeilen ſahen. Oben ſtieg der Flüchtling mit ſeinen Begleitern in eine Kutſche und fuhr raſch von hinnen. „Die Schurken,“ brummte der Mate ärgerlich. „Wir wiſſen wenigſtens, wer ihm zum Ausreißen behülflich war,“ bemerkte Martin. Ein leiſes Kichern war die einzige Antwort, deren der alte Matroſe dieſe Anſpielung würdigte. Sie waren im Hafen und er wußte wohl, daß ſich Ca⸗ pitän Gall zweimal bedenken würde, eh' er es wagte, ——— im Bereich der bürgerlichen Gerichtsbarkeit einen neuen Akt der Brutalität zu begehen. Das Boot ruderte langſam zurück. Kaleb, der an Pord geblieben war, ſah ſie ängſtlich an der Schiffsſeite heraufſteigen und fühlte ſich ſehr erleich⸗ tert, als er bemerkte, daß Jack nicht unter ihnen war, Er hatte keinen Zug von Scheelſucht in ſeinem Charakter, und doch konnte er ſich im Geheim eines bitteren Gefühles nicht erwehren, daß die Vorſehung nicht auch für ihn einen Freund wußte, und er fortan allein den Arbeiter für Galls üble Launen machen Er vertraute dem alten Matroſen ſeine Ge⸗ ühle. „Vertrau' auf Gott In aller Noth,“ tröſtete ihn der alte Mann, eine Stelle aus ſeinem Lieblingslied anführend;„er wird Euch ſicher zu rech⸗ ter Zeit auch einen günſtigen Wind zuſchicken. Wenn Ihr nur kein Lehrling wäret, ſo ließe ſich ſchon etwas machen. Jo, es ginge vielleicht auch ſo,“ fuhr er mit einem bedeutungsvollen Blicke fort,„wenn wir Eurem Lehrbrief beikommen könnten. Ihr verſteht mich ſchon. Wo iſt er denn aufbewahrt?“ „In der Cajüte des Capitäns,“ verſetzte Kaleb. „Macht, daß Ihr ihn kriegt; dann könnt Ihr ihm ein Schnippchen ſchlagen,“ flüſterte ſein Rathgeber. Zum erſten Mal fand der Gedanke, ſich der ver⸗ hängnißvollen Urkunde zu bemächtigen, welche ihn an die Sclaverei feſſelte, Eingang in dem Herzen des Lehrlings. 29 Achtundvierzigſtes Kapitel. Unſer Held mußte ſeine volle Selbſtbeherrſchung aufbieten, um nicht blos ſeine Ungeduld, ſondern auch den Abſcheu gegen die Berührung mit Gall zu bewältigen, in welchem er eines von jenen Unge⸗ heuern erkannte, die an den Leiden ihrer Neben⸗ menſchen eine Luſt haben. Nur die Eigenthümlichkeit ſeiner Lage hinderte ihn, ſein Herz zu erleichtern und dem Burſchen öffentlich ſein Benehmen vorzuhalten. „Sie nehmen ja gar keinen Wein,“ ſagte Mr. Chutnee. Unſer Held füllte ſein Glas und gab die Flaſche weiter, indem er bemerkte, daß er keinen Sinn für's Trinken habe. „Ich fürchte, ſein Herz iſt abweſend,“ ſagte San⸗ ford boshaft, denn es machte ihm Spaß, die Eifer⸗ ſucht ſeines Dienſtherrn anzuregen. Der Kaufmann begann eine unruhige Miene zu machen. „Iſt auch bei ſeinem Alter ſehr natürlich,“ fügte der Capitän bei.„In meinen jungen Tagen war ich in jedes friſche Geſicht verliebt. Ich gebe mir die Ehre— auf Ihre Geſundheit, Mr. Tyrrell!“ Richard zwang ſich, der Einladung zu entſprechen. „Sie antworten nicht auf die Beſchuldigung?“ bemerkte der Wirth mit einem matten Lächeln. „Was ſoll ich auf ſolche Neckereien ſagen?“ ver⸗ ſetzte Richard.„Wenn ich einſylbig und langweilig bin, ſo haben Sie es Ihrem Gaſt zu danken.“ „Mir?“ entgegnete Capitän Gall erſtaunt. „Vielmehr dem Beſuch, auf dem Schiffe machte.“ „Wie ſo? Sie haben kaum etwas getrunken. Iſt's nicht ſo, Sanford?“ „Der Wein macht's nicht, und ich hoffe, nie in die Lage zu kommen, dieſen Entſchuldigungsgrund brauchen zu müſſen,“ entgegnete unſer Held.„Aber der Anblick des Caradoc erinnert mich an mein lie⸗ bes altes England und an Diejenigen, die ich dort zurückgelaſſen habe.“ „Ah, das Heimweh,“ rief der Capitän. eicesii die Liebe,“ fügte der Buchhal⸗ ter bei. „Vielleicht keines— vielleicht beides,“ verſetzte Richard.„Jedenfalls fühle ich mich nicht verpflichtet, die Herren in mein Vertrauen zu ziehen oder ihnen welchen ich heute Morgen zu beichten. Dafür bin ich nicht mehr jung genug.“ „Ich fordere Mr. Chutnee zum Zeugen auf,“ ſagte der Buchhalter,„ob Sie während Ihres Auf⸗ enthalts in Indien nicht viel von Ihrer friſchen Hei⸗ terkeit verloren haben.“ Der Kaufmann beſtätigte dies. Er hätte gar gerne von Richard ein Zugeſtändniß ſeiner Meinun⸗ gen und Gefühle herausgelockt, und dieſer, der den ſe merkte, beſchloß, darauf einzugehen, um ihn zu trafen. „Vielleicht bin ich Anfangs nicht verliebt ge⸗ weſen,“ bemerkte er. Der eiferfüchtige Chemann verzog das Geſicht und meinte:„Wie es jetzt der Fall iſt?“ Richard zuckte die Achſeln. 4 31 „Mr. Tyrrell iſt ein großer Verehrer der Schön⸗ heit,“ ſagte Sanford. „Hab' ich Sie je darüber zu meinem Vertrauten gemacht?“ fragte unſer Held etwas hoch weg.„In der That, die Unterhaltung ſcheint mir weit genug gegangen zu ſein.“ Es trat ein Bedienter ein, welcher die Herren einlud, bei der Dame des Hauſes den Caffee zu trinken. Mr. Chutnee war dies nicht angenehm; doch beſaß er zu viel Lebensart, um ſeinen Aerger merken zu laſſen. „Sie müſſen mich entſchuldigen,“ ſagte Richard, ſich zum Aufbruch anſchickend, denn er hatte Zeneb mit ſeinem Pferd unter der Veranda vorbeireiten ſehen und aus dieſem Zeichen erkannt, daß der Plan gelungen war,„ich bin anderwärts verſagt.“ „Ein Stelldichein!“ rief Capitän Gall lachend. „Ich kann meinetwegen zugeſtehen, daß es ein Stelldichein iſt,“ entgegnete der junge Mann lächelnd, zund daß dies die Urſache meiner Ungeduld und Zerſtreutheit war. Sind Sie jetzt zufrieden, meine Herren?“ „Vollkommen,“ riefen die Gentlemen, und San⸗ ford citirte die Stelle aus einem Gedicht von Gay: zUnd wo ein Müdchen iſt im Spiel, Iſt alles Andere zu viel.“ Ohne ſich durch Neckereien weiter anfechten zu laſſen, verabſchiedete ſich unſer Held in beſter Laune, und der Kaufmann lud mit erleichtertem Herzen die Zurückbleibenden ein, ihm nach dem Salon zum Caffee zu folgen. Tone getäuſchter Erwartung. „Er hat ſich entfernt.“ „Wie ungeſchickt!“ „Ich drang in ihn, zu bleiben,“ ſagte der Kauf⸗ mann und faßte ſie in's Auge, um die Wirkung ſei⸗ ner Worte zu beobachten,„aber er ſchützte eine jener Beſtellungen vor, denen das junge Volk mit Unge⸗ duld entgegen ſieht.“ Zamora verſtand ihn augenſcheinlich nicht. „Bei denen das Herz betheiligt iſt,“ fügte der Sprecher bei. „Ach ja, ich weiß es,“ rief ſie mit einem heiteren Lächeln;„unter ſolchen Umſtänden that er recht daran, daß er ging. Ich würde ihn ſelbſt dazu gedrängt haben.“ In der Reinheit und Unſchuld ihres Herzens glaubte ſie natürlich nicht anders, als Richard ſei zu Sir Charles Fourreau oder ſonſt irgendwo hinge⸗ gangen, wo er mit Lillian zuſammentraf. Ihr Gatte fühlte ſich verwirrt und erfreut zugleich— verwirrt, weil ſie ſeine nicht ſehr zarte Anſpielung ſogleich ver⸗ ſtanden, erfreut über die Gleichgültigkeit, mit welcher ſie dieſelbe angehört hatte. „Iſt dies Kälte oder Verſtellung?“ dachte San⸗ ford ihres Mannes und ließ mit jenem den Frauen eigen⸗ thümlichen Takt die Unterhaltung immer flauer wer⸗ den. Die Folge davon war ein zeitiger Aufbruch. „Wo iſt Mr. Tyrrell?“ fragte die Dame im Da Richard ſich entfernt hatte, ſo kümnerte ſich Mrs. Chutnee ſehr wenig um die anderen Gäſte „Zamora,“ bemerkte ihr Gatte, ſobald ſie allein — 33 waren;„Sie haben mich dieſen Abend durch Ihre leichtfertigen Reden ſehr getränkt.“ Die Dame ſah ihm mit der Miene unſchuldiger Ueberraſchung in's Geſicht. „Ich weiß nicht, was Sie damit meinen.“ „Als ich Ihnen die Urſache von Tyrrells Ab⸗ weſenheit mittheilte und von einem Stelldichein ſprach — da haben Sie wahrhaftig gelächelt.“ Und warum ſollte ich dies nicht thun?“ verſetzte ie Dame.„Glauben Sie, daß mir dies ein Ge⸗ heimniß ſei?“ Der Gentleman machte eine verwirrte Miene. „Darin liegt nichts Unnatürliches,“ fügte Mrs. Chutnee bei.„Beide ſind jung.“ „Von wem ſprechen Sie?“ „Von wem ſonſt, als von Tyrrell und Lillian?“ „Ich meinte nicht Lillian,“ verſetzte der Kaufmann, „ſondern ein ganz anderes Stelldichein.“ Die Dame, welche bisher kalt und gelaſſen wie gewöhnlich geweſen war, ſprang jetzt auf, und ihre Augen funkelten vor Entrüſtung. „Und vor mir wagen Sie es, ſich durch eine ſolche Lüge berabzuwürdigen?“ rief ſie.„Schämen ie ſich, Menſch, ſchämen Sie ſich! Wenn Sie wollen, daß die Welt Ihre Gattin achte, ſo müſſen Sie ſelbſt es auch thun. Richard Tyrreli iſt nahezu Lillians erklärter Liebhaber und dazu ein würdiger egenſtand ihrer Liebe. Oh, was haben doch manche enſchen für eine verderbte Einbildungskraft!“ „Es iſt möglich, daß ich irrte!“ ſtotterte Mr. hutnee in großer Verwirrung. Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 3 34 „Es iſt gewiß, daß Sie irren!“ unterbrach ihn Zamora.„Sein Herz iſt ſo rein, wie die jungen Frühlingsblumen, rein in ſeiner erſten Liebe, in ſeinen Träumen von Unſchuld und Empfindſamkeit, in ſeiner Poeſie, die in alle Dinge Harmonie bringt.“ „Und was wiſſen Sie von einer ſolchen Liebe?“ fragte Mr. Chutnee unruhig. „Ich habe davon geträumt,“ verſetzte Za⸗ mora mit einem leichten, muſikaliſchen Lachen,„ge⸗ träumt. Und ſo lang ich mein Glück in Träumen finde, iſt es weder freundlich, noch klug, mich zu wecken. Ich fürchte,“ fügte ſie bei,„wir werden einander erſt verſtehen, wenn es zu ſpät iſt.“ In den letzteren Worten lag ein wehmüthiger Ton, welcher vorwurfsvoll das Ohr des Zuhörers traf. Zum erſten Mal begann er jetzt zu vermuthen, daß er der Reinheit ſeiner Gattin und der Ehre Tyr⸗ rells zu nahe getreten ſei. Aber die Eiferſucht iſt ſtets ungerecht. Gleich dem Einlullen des Sturms dient ihre jeweilige Ruhe nur dazu, die Gewalt der folgenden Stöße zu verſtärken. Sobald unſer Held zu Hauſe angelangt war, eilte er nach dem kleinen Gartenpavillon, den er für die Aufnahme ſeines erwarteten Gaſtes herzurichten befohlen hatte. Der arme Junge hätte vor Scham vergehen mögen, als er ſich halb verhungert und in Lumpen ſeinem ftüheren Kameraden vorſtellte. „Jack,“ rief ſein Beſchützer, ihm die Hand bietend. Verlegen erhob der Angeredete ſeine Augen zu Richards Geſicht. Ja, es waren die alten bekannten Züge, das Lächeln, der freundliche Blick; er ergriff die Hand mit Wärme und brach in einen Strom — 35 von Thränen aus. Unſer Held ſtörte ihn nicht darin, denn er wußte, daß es beſſer war, wenn er die Ge⸗ fühle, welchen ſie entſtrömten, gewähren ließ. „Setz Dich,“ ſagte er nach einer Pauſe,„und erzähle mir ſelbſt, wie es Dir ergangen iſt. Zuvor aber ſage mir nur eines zu meiner Beruhigung— haſt Du meinen Namen, den meines Vaters nämlich, genannt?“ „Nein, Sir, ich ſprach nur von Ihnen als einer Perſon, die ich früher kannte.“ Dieſe Verſicherung nahm Richard eine ſchwere Laſt von der Seele. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſein Geheimniß bewahrt geblieben war, ſann er nur noch darauf, dem alten Freunde zu dienen. „Warum nennſt Du mich Sir«?“ fragte er ihn. Jock ſah zuerſt auf den Sprecher und dann auf ſeinen erbärmlichen Anzug. „Dem ſoll bald abgeholfen ſein,“ rief unſer Held eiter,„und was noch mehr iſt, Dein früherer Ty⸗ rann ſoll Dir nichts mehr anhaben können. Der alte atroſe, der mir zuerſt von Dir Nachricht gab, ſagte mir, Du habeſt Deinen Lehrbrief nicht unterzeichnet.“ „Nie.“ „Das iſt ein Glück, obſchon auch im andern Fall ſich Mittel gefunden haben würden, Dich zu befreien. aß mich nun hören, wie Du Matroſe wurdeſt; oder vielmehr erzähle mir Alles, was Dir zugeſtoßen iſt eit jener verhängnißvollen Neujahrsnacht, als—“ „Ich Sie zur Sünde verführen wollte,“ fügte der Flüchtling mit dem Erröthen der Scham bei; „aber ich meinte es nicht böſe, da ich nie den Unter⸗ ſchied zwiſchen Recht und Unrecht kennen gelernt hatte. 3 3 36 Ich ſah Ihre Noth, wußte, daß Ihre Mutter und Schweſter hungerte, und bot Ihnen die einzige Hülfe an, die mir zu Gebot ſtand. Jetzt weiß ich es beſſer.“ „Und wer lehrte Dich's?“ fragte ſein Zuhörer. „Ein Engel.“ Richard lächelte. „Es muß einer geweſen ſein,“ fuhr Jack fort, „denn ich habe die Gebetesworte, die wir mit ein⸗ ander ſprachen, die einzigen, die ich je hörte, nie vergeſſen. Sie klangen mir noch oft im Ohr, wenn ich unter der Mißhandlung des Capitäns meinem jammervollen Daſein in den Wellen ein Ende machen wollte, und flößten mir Standhaftigkeit ein, daß ich in dem Kampfe nicht erlag.“ „Was waren das für Worte?“ „Führe uns nicht in Verſuchung,“ ver⸗ ſetzte Jack feierlich.„Ich ſprach mir ſie oſt Nachts vor, wenn meine Wachkameraden tranken oder ſich von der Heimath Geſchichten erzählten, die mir das Herz traurig machten; denn ich hatte keine Heimath und Niemand der für mich ſorgte. Das Gebet ver⸗ ſcheuchte mir die böſen Gedanken.“ „Es freut mich, Dich ſo ſprechen zu hören,“ be⸗ mertte ſein Freund ernſt,„denn ich ſehe darin eine Burgſchaft, daß Du Dein früheres Leben bereueſt und es gut zu machen ſuchen wirſt. Aber fahre fort. Wir haben keine Unterbrechung zu befürchten.“ Jack begann ſeine Erzählung von der Zeit an, als er Richard im Park verlaſſen hatte, und als er berichtete, wie er auf der Brücke ſeine Mutter gegen Mr. Kearns Rohheit vertheidigt hatte, drückte ihm der Sohn mit dankbarer Wärme die Hand. 37 Der Jüngling vernahm mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit die Geſchichte von Mr. Siler' Beſuch in der Belvedereſtraße und deſſen Verabredung mit Mike wegen des Kindes; aber ſein Erſtaunen ſteigerte ſich aufs Höchſte, als der Erzähler ihm mittheilte, daß die Kleine Lillian geheißen habe. „Wie ſah ſie aus?“ Jack beſchrieb ſie und das Porträt war nach dem Ablauf von Jahren noch ſo treu, daß ſein Zuhörer keinen Zweifel mehr hegte. Er hatte in Beziehung auf ihre Geburt allerlei Gerüchte gehört, die darauf hinausliefen, daß die junge Dame ihre gegenwärtige Stellung nur einer Laune des Oberſten und ſeiner Gemahlin, das heißt, ihrem Wohlwollen, wie er es deutete, zu danken habe. „Und Du kennſt die Dame, welche ſie zu Mike brachte? Wer war ſie?“ „Lady Boothroyd,“ antwortete Jack.„Ich habe weder dies noch den Umſtand vergeſſen, daß mein Onkel Andrew ihr Gutsverwalter iſt. Wenn ich am Leben bleibe,“ fügte er mit einem Anflug von Rache⸗ gelüſten bei,„ſo werde ich ihn zu finden wiſſen.“ Dann beſchrieb er den Seelenverkauf, welcher ihn an Bord des Caradoc geführt hatte, und ließ ſich dabei auf die dem Leſer bekannten Einzelnheiten ein. „Ohne die Freundſchaft Kalebs, der faſt eben ſo viel durchzumachen hatte, wie ich, und die Güte des alten Matroſen, der mit Ihnen über mich ſprach, wäre mir das Leben unerträglich geweſen; ſelbſt bei ihrer Theilnahme war es eine ſchwere Laſt. Meine nkel müſſen den Capitän für meine Aufnahme gut bezahlt haben.“ 38 „Die Schuld kargt ſelten mit dem Gelde, wenn die Sicherheit der Preis iſt. Aber haſt Du an den Hafenplätzen nie verſucht zu entrinnen?“ „Zweimal,“ antwortete Jack,„in China und an dem Capz; aber weder der Conſul noch die Behörden wollten mir Gehör ſchenken.“ „Warum nicht?“ Capitän ſagte ihnen, ich ſei ein Dieb ge⸗ weſen.“ „Aber Du warſt doch ein Menſch!“ rief Richard entrüſtet,„und dies hätte zureichen ſollen. Doch ſei nur guten Muths, es kommen jetzt beſſere Tage. Ich habe Dein Wohlwollen gegen meine Schweſter Mary und mich nicht vergeſſen.“ „Gegen Sie, Sir?“ „Nenne mich Richard.“ Jack Manders ſah ihn mit einem matten Lä⸗ cheln an. „Ich muß Dir jetzt meine Abenteuer erzählen,“ fuhr unſer Held fort,„die beinahe eben ſo ſeltſam ſind, wie die Deinigen. Der Gentleman, den Du im Park geſehen haſt, ſchenkte der Erzählung von unſerer Noth und meiner Verſuchung ein mitleidiges Gehör, und nachdem er ſich von ihrer Wahrheit über⸗ zeugt hatte, nahm er ſich meiner an und ließ mich in einer Schule erziehen.“ „Oh, dem Himmel ſei Dank,“ rief ſein Zuhörer, die Hände faltend,„ſo habe ich doch nicht Ihren Untergang auf meiner Seele. Als ich Sie ſo wohl gekleidet ſah und erfuhr, daß Sie Bedienten und ein Haus halten, ſtieg in mir der Argwohn auf—“ 1 „Dein Unterricht habe bei mir gut angeſchlagen?“ ₰ — 39 „Ja.“ „Zum Glück war dies nicht der Fall und wird auch hoffentlich nie geſchehen. Mein Wohlthäter gab mir ſeinen Familiennamen.“ So verhielt ſich' auch wirklich, denn Mr. Bently's Mutter war eine geborene Tyrrell. „Und ſchickte mich nach Indien zu Ausführung einer Aufgabe, die Du eines Tages erfahren ſolleſt; vorderhand genüge Dir, daß es eine vollkommen ehrenhafte iſt. Run aber mußt Du mir verſprechen, Jack, zu vergeſſen, daß ich je einen anderen Namen trug, als den, welchen ich jetzt führe.“ „Und der iſt?“ „Richard Tyrrell.“ Jack ſprach ihn mehrmal nach und gelobte, ihn nie anders zu nennen. „So lang Du dieſer Zuſage nachkömmſt,“ ſagte unſer Held,„biſt Du ſicher, ſelbſt wenn Gall Dich unter meinem Dach entbecken ſollte; denn ich habe ſowohl die Macht als den Willen, Dich zu beſchützen. Veelleicht kann ich auch Deinem Freund Kaleb Bei⸗ ſtand leiſten.“ Jack vermochte ſeinen Dank nur durch Blicke auszudrücken. „Du ſagſt, er ſei auch ein Lehrling dieſes Un⸗ en hat er ſeinen Lehrbrief unterzeichnet?“ 7X. „„Wir wollen uns die Sache weiter überlegen. leib' vorderhand ruhig hier, bis der Caradoc abge⸗ ſegelt iſt, und überlaß Kaleb meiner Sorge. Du wirſt einige Zeit brauchen, bis Du Dich erholt und ein gutes Ausſehen wieder gewonnen haſt. Iſt 40⁰ das Schiff fort, ſo brauchſt Du die Beſchuldigung, daß Du ein Taſchendieb geweſen ſeieſt, nicht mehr zu fürchten und kannſt Dich offen in Calcutta zeigenr Biſt Du ſo zufrieden?“ „Oh ja, nicht blos zufrieden, ſondern voll Dankes.“ „Es bleibt alſo dabei!“ „Ich will Ihr Diener ſein.“ „Nein, Jack,“ verſetzte unſer Held, indem er ihm die Hand reichte,„ſondern mein Freund. Das Glück hat mich nicht vergeßlich gemacht. Ich kenne die Verführung, welche Dich auf Irrwege leitete, und bin entſchloſſen, Dir Gelegenheit zu geben, die Ver⸗ gangenheit gut zu machen.“ Der arme Schelm war außer Stande, ſeinem Dank Worte zu leihen. „Der Menſch ſieht das Verbrechen, Gott die Verſuchung an,“ fügte Richard ernſt bei.„Auch ich habe die Letztere gefühlt, obſchon ich dem Erſteren glücklich entronnen bin.“ „Ja wohl, glücklich.“ „Und nun ſage mir, haſt Du nie an das Mäd⸗ chen gedacht, das Du mir ſchilderteſt— an die hübſche Lillian?“ „Ob ich an ſie dachte!“ rief ihr früherer Be⸗ ſchützer.„Oh, tauſendmal. Und es hat mein Lei⸗ den bitterlich erhöht, daß ich ſie Mike's Gnade preis⸗ geben mußte— ach, ich weiß, was dies heißen will,“ fügte er ſchaudernd bei. „Wenn ſie ihm aber entkommen wäre?“ Der Zuhörer ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Und ſich gar in Indien befände?“ „Unmöglich.“ 41 „Es gibt nichts Unmögliches,“ bemerkte unſer Held.„Die Vorſehung iſt weiſer, als wir wiſſen oder uns vorſtellen können. Ich zweifle nicht, daß es ſo iſt, wie ich Dir ſage, und Du wirſt Dich mor⸗ gen ſelbſt überzeugen.“ „Oh, laſſen Sie mich ſie ſehen!“ rief Jack aus tiefſter Seele.„Es wird mir eine ſchwere Laſt vom Herzen nehmen.“ Richard betrachtete ihn ernſt. Der Gedanke, der arme Schelm könnte ſie lieben, tauchte in ihm auf, aber er entſchlug ſich deſſelben ſogleich wieder. Sie waren ja beide noch ſo jung geweſen, als der ſchlaue Anſchlag der Zwillingsbrüder ſie trennte. „Alles zu ſeiner Zeit,“ ſagte er. „Sie können ſich keine Vorſtellung machen, was ich ihr verdanke.“ ie ſo?“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ſie mich beten lehrte?“ „Dafür haſt Du allerdings Urſache, dankbar zu ſein, denn wir Alle können das wohl brauchen,“ be⸗ merkte unſer Held.„Gute Nacht. Morgen ſeh' ich wieder nach Pir.“ Die beiden Jünglinge, die ſich als arme Knaben gekannt hatten, drückten ſich zum Abſchied die Hand; aber ſchlafen konnte keiner, da jeden die Erlebniſſe des Tages beſchäftigten. Wie hüpfte das Herz des armen Jack in frohem Dank bei der Ueberzeugung, daß er endlich ein Weſen gefunden, welches ſich ſeiner annahm, und daß ſein Daſein nicht ganz eine Niete war. Hätte in dieſem Augenblick ſein Beſchützer das 42 Leben von ihm verlangt, ſo würde er es freudig in ſeinem Dienſte hingegeben haben. Lillian hatte dem armen Auswürfling die erſte Idee von Gott beigebracht und ſein Freund ihn jetzt mit der Menſchheit verſöhnt durch die goldenen Bande der Sympathie und des Wohlwollens. Wie ſehr unſern Helden auch die Nachrichten überraſchten, welche ihm ſein Schützling über die Waiſe mittheilte, fühlte er ſich doch durch ihr Unglück nur um ſo mehr von der holden Jungfrau angezo⸗ gen. Was kümmerte er ſich um die Zufälligkeiten der Geburt? Er hätte keine der ſchönen Eigenſchaften an dem Weſen, das er liebte, ſelbſt gegen den edelſten Namen vertauſchen mögen, den je ein Herold aus⸗ poſaunte. Da er in zwei Tagen nach Mrs. Chutnee's Land⸗ haus aufbrechen ſollte, ſo war es nöthig, für Jacks Unterkommen zu ſorgen. Mitnehmen konnte er ihn nicht, ohne vorher ſeine Geſchichte zu erzählen, und eben ſo wenig ging es an, ſich bei Sir Charles Raths zu erholen. Noch bedenklicher war es, ihn allein zu Hauſe zu laſſen, da Capitän Gall ſeinen Zufluchtsort entdecken und in der Abweſenheit ſeines Beſchützers ihn zwingen konnte, an Bord des Caradoe zurückzukehren. In dieſer Verlegenheit beſchloß er, ſich an Wharton zu wenden, der denn auch bereit⸗ willig ſich des armen Jungen annahm und ihm in ſeinem eigenen Quartier ein Unterkommen gewährte. S X —— — 43 Neunundvierzigſtes Kapitel. Die erſte große Epoche in der aufdämmernden Mannheit tritt ein, wenn das Herz eine Stimme findet, die den Namen eines geliebten Weſens flüſtert, wenn ihr Bild ſtetig uns umſchwebt und ſich des Gehirns tauſend wache Träume bemächtigen, welche die Zukunft in ſeligen, aber leider oft nur unwahren Bildern ausmalen. Bei dieſer wichtigen Kriſe war unſer Held angelangt. Gefühle, die in ihrer Neu⸗ heit ihn angenehm überraſchten, ſproßten zart und anmuthig hervor wie die früheſten Lenzesblumen, und öffneten verheißungsvoll ihre Knoſpen. Da er ſich der Wichtigkeit der Beweggründe, die ihn nach Indien geführt hatten, und ſeiner eigen⸗ thümlichen Stellung bewußt war, welche die Geheim⸗ haltung ſeines Namens nöthig machte, ſo gab er ſich eine Weile Mühe, die entſtehende Leidenſchaft nieder⸗ zukämpfen; aber bald reichte ſeine Kraft nicht mehr aus. Vergeblich lag er mit erhöhtem Eifer Mr. Chutnee's Comptvirgeſchäften ob, oder ſuchte er ſich nach des Tages Mühen durch anſtrengende Aus⸗ flüge in die Umgegend zu zerſtreuen; überall hin verfolgte ihn Lillians Bild. Wenn er mit ſeinem Vollblutaraber ſo verzweifelt, als wolle er mit der Zeit in die Wette reiten, die Ufer des Hooghly ent⸗ lang ſprengte, ſo machte er doch am Ende jedesmal vor Sir Charles Fourreau's Wohnung Halt, und ſein Thier wurde zuletzt mit dem Weg dahin ſo vertraut, daß es ihn von ſelbſt einſchlug, ſo oft er ihm den Zügel ließ. 44 Auch Lillians Herz war nicht ungerührt geblieben. Der Zauber des blinden Gottes hatte ſie mit ſeinem melancholiſchen Einfluß umſchattet. Den Tag über ſah man ſie traurig und in Gedanken vertieft, oder ſie erging ſich in jenen entzückenden Träumereien, welche das Auge und das Ohr für das Leben der Umgebung verſchließen. Lady Bell entdeckte mit Mutteraugen bald dieſe Veränderung in dem Weſen ihrer Pflegetochter und begriff recht wohl die Urſache. Die Zuneigung iſt immer wachſam. Längſt hatte ſie Richards Zuſtand mit Vergnügen wahrgenommen, da von allen jungen Männern ihrer Bekanntſchaft er der einzige war, welchem ſie die Zukunft der lieblichen, unſchuldigen Jungfrau hätte anvertrauen mögen; denn wenn ein männliches Herz, edler Sinn und hingebende Liebe das Glück eines Weibes machen konnten, ſo waren dieſe Eigenſchaften bei ihm zu finden. Nur ein Punkt blieb ihrem Scharfſinn unbegreif⸗ lich. Mit ihrem feinen Takt hatte ſie ihm mehr als einmal Gelegenheit gegeben, ſich auszuſprechen, ohne daß er bis jetzt auf eine Erklärung eingegangen wäre. Dieſes Zaudern verdroß ſie, vermochte aber nicht, ihr Vertrauen in ſeine Ehrenhaftigkeit und in die Reinheit ſeiner Abſichten zu erſchüttern. Wie ſchwach ſind die Entſchließungen des Man⸗ nes, wenn ſich das Herz gegen ihre Ausführung empört! Richard hatte ſich in die Ueberzeugung hin⸗ eingeredet, daß es bei der heiligen Pflicht, deren Erfüllung ihm oblag, ſehr Unrecht von ihm wäre, wenn er durch den Verſuch, unter einem angenom⸗ menen Namen Lillians Herz zu gewinnen, einer ver⸗ ————. 45 meintlichen Schwäche nachgäbe. Bei ſeinem Zart⸗ gefühl hielt er dies vielleicht ſogar für mehr als wäche— für Unehrenhaftigkeit. Lillians Herz zu gewinnen! ach, das war nicht mehr nöthig; denn es gehörte ihm bereits. Wie oft ſehen wir nicht Entſchlüſſe, welche Die⸗ jenigen, die ſie gefaßt haben, für unumſtößlich er⸗ lären und die vor der Vernunft zu vollem Recht beſtehen, einem Wort, einem Blick, namentlich aber einer Thräne nachgeben. Es gehört eine ſtrenge Natur dazu, der letzteren Widerſtand zu leiſten, namentlich wenn ſie aus der Liebe quillt. Entſchloſſener als je, das Glück eines ſchönen ädchens nicht an eine Zukunft zu ketten, die noch ſo dunkel und ungewiß erſchien, beſtieg Richard Tyr⸗ rell nach Beendigung ſeiner Comptoirgeſchäfte ſein Pferd, in der Hoffnung, daß die Aufregung eines ſcharfen Spazierritts an den gewundenen Ufern des Fluſſes das Fieber ſeines Herzens kühlen werde. och von der Kühlung war keine Rede; die friſche Luft ſchien es eher zu ſteigern. Ermüdet ließ er endlich den Zügel fallen und ſein Roß ſchlug die gewohnte Richtung ein. „Ich kann an dem Gat umkehren,“ dachte der Reiter. Er kehrte nicht um, ſondern meinte, er könne die nächſte Wendung benützen, die ſeiner Wohnung zu führte. Wie es indeß kommen mochte— unſere jungen Leſer wiſſen vielleicht darüber Auskunft zu geben— auch dieſes Vornehmen hatte das Schick⸗ ſal des erſten, und das ſchäumende Thier machte * 46 endlich auf dem Paradeplatze vor der Wohnung des Oberſten Halt. Mehrere Reitknechte eilten herbei, um ſein Pferd in Empfang zu nehmen; ja, ſie ſtritten ſich ſogar darum, denn ſie hatten ſchon oft die Freigebigkeit des Reiters erfahren. Als Richard in den Salon trat, fand er ihn leer. Weder Lady Bell noch ihre Pflegetochter wa⸗ ren anweſend. Die Veranda, welche an der Hinter⸗ ſeite des Hauſes eine Ausſicht über den großen Garten bot, lud ihn ein, von dort aus nach den Damen zu ſehen. Lillian war ihm nur um einige Minuten vorausgegangen. Er traf ſie unter dem Schatten eines weithin ſich breitenden Pipulbaumes, deſſen Blüthenreichthum einen köſtlichen Wohlgeruch ausſtreute. Seine Annäherung wurde erſt bemerkt, als er vor ihr ſtand. Die Jungfrau, welche ſich bewußt war, mit wem ihre Gedanken ſich beſchäftigt hatten, ſprang auf und erröthete hoch, als ſie ihm die Hand reichte. Sie zitterte in der ſeinigen. „Ich dachte, daß ich Sie hier finden würde,“ rief er.„Im Solon iſt Niemand.“ „Lady Bell hat zu thun,“ verſetzte Lillian,„und die Friſche des Abends lockte mich in den Garten. Ich will der gnädigen Frau ſagen, daß Sie hier ſind.“ „Laſſen Sie ſich von mir nicht vertreiben,“ ſagte unſer Held, noch immer ihre Hand feſthaltend.„Zu ſolcher Stunde erfreut man ſich am beſten der Schön⸗ heit der Natur.“ Die Augen des Sprechers ruhten auf einem c— ——*= 47 von ihren Meiſterwerken. Nie war ſie ihm ſo lieb⸗ lich vorgekommen. Die Liebenden— denn das waren ſie, ohne es zu wiſſen— ſahen eine Weile dem herrlichen Sonnen⸗ untergang zu, der einem Claude in dem reichen Strom goldenen Lichtes, welches die Baumgruppen es Gartens, die fernen, mit der federigen Palme bekleideten Berge und das üppige Gebüſch durch ſeine reichen Tinten verklärte, das Scheinbild einer italieniſchen Landſchaft vorgezaubert haben würde. Beide ſtanden ſchweigend; ſie fühlten ſich zu glücklich in ihrer wechſelſeitigen Nähe, um den Zauber durch orte zu ſtören. i Luft war ſo ſtill und ruhig, daß man deut⸗ lich das Geſumm der Myriaden von Inſekten hören konnte. Aber obſchon die Lippen des jungen Paares ſchwiegen, ſo ſprachen doch die Herzen miteinander in ihrer Sympathie für das Schöne in der Natur. Auch die Augen waren beredt; denn kaum hatte Eines irgend einen neuen Reiz in der glühenden Landſchaft aufgefunden, als ein Blick darauf hinwies und den daraus quellenden Genuß dem Anderen mittheilte. „Dieſe Scene iſt wahrlich ſchön,“ bemerkte Ri⸗ chard Tyrrell, endlich das Schweigen unterbrechend. „Ich habe nie zuvor die volle Lieblichkeit einer in⸗ diſchen Landſchaft, dieſe anmuthigen Palmen, das glänzende Grün, die wellenförmigen Hügel und den wolkenloſen Himmel ſo recht gewürdigt. Ihre Zauber haben zwar in Vergleichung mit denen unſerer Heimath⸗ inſel einen weniger zarten, einen ſo zu ſagen weni⸗ ger ſinnigen Charakter, ſind aber weit großartiger.“ 48 „Sie haben in wenigen Worten den bezeichnen⸗ den Unterſchied der beiden Länder geſchildert,“ ver⸗ ſetzte ſie.„Indien iſt großartig, und Sie ſcheinen von ſeinem herrlichen Himmel, ſeiner Poeſie und ſeinem träumeriſchen Weſen ſo hingeriſſen zu ſein, daß ich wohl auf Ihre Abſicht, hier zu bleiben, ſchließen darf?“ „Vielleicht.“ Lillian ſah ihn fragend an. „Ich gleiche zur Zeit der Barke ohne Ruder und Kompaß,“ fuhr er fort,„die den Wellen und dem Zufall preisgegeben iſt. Sie werfen mich vielleicht an eine öde Küſte, die dem Herzen keinen ſchirmen⸗ den Zufluchtsort bietet.“ „Warum nicht lieber an eine grünende Inſel,“ 1 entgegnete ſeine Gefährtin,„wo Sie eine glückliche Heimath und ſüße Zufriedenheit finden? Pfui, Ri⸗ n chard, warum zweifeln Sie an der Güte der Vor⸗ z ſehung oder an der Kraft Ihres eigenen hochbegabten 2 Weſens?“ fl „Es fehlt mir allerdings weder an Kraft noch u an einem Ziele; aber leider ſehe ich von der Auf li gabe, die ich mir geſtellt habe, kein Ende ab, da L mir unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg N treten.“ „Unüberwindliche?“ verſetzte die Waiſe.„Der lö Ausdauer und dem—“ Sie ſtockte; das Wort wollt de nicht über ihre Lippen. „Reichthum, meinen Sie, müſſe Alles gelingen“ Lil ergänzte Richard.„Ich bin freilich reich; aber das Herz ſtrebt nach anderen Dingen, als nach ſolchen, gel die durch Gold erkauft werden können.“ 49 Lillian erröthete hoch und wandte ſich ab. „Nach Liebe,“ fuhr er fort, und ſetzte mit dieſem ort über die Schranken der Klugheit und der Zurück⸗ haltung weg, die er eben noch für unüberwindlich erklärt hatte.„Nein, wenden Sie ſich nicht ab von mir; denn das ganze Glück meiner Zukunft hängt an dieſem Augenblick Ich liebe Sie, Lillian, nicht mit knabenhafter Leidenſchaft, die Ihrer unwürdig wäre, ſondern mit der ausdauernden Innigkeit des annes. Ich weiß wohl, daß ich Ihre Gegenliebe nicht verdiene; aber ein Wort, ein einziges kleines ort wird mich derſelben würdiger machen, indem es mir Hoffnung und friſchen Muth für die Erfül⸗ lung der heiligen Aufgabe einflößt, der ich mich unterzogen habe.“ Beide waren Kinder der Natur und kehrten ſich nicht an die kalten künſtlichen Formen, welche nur zu oft das herrliche Weſen der Jugend zerſtören. Das Wort, welches einen ſo außerordentlichen Ein⸗ fluß auf Richards künftiges Geſchick üben ſollte, wurde geſprochen, oder vielmehr geflüſtert, denn Lil⸗ lian hauchte es ſo leiſe hin, daß nur das Ohr eines iebhabers den Laut aufzufaſſen vermochte. Im Nu ag er vor ihr auf den Knieen, bedeckte ihre zitternde Hand mit tauſend Küſſen und that ihr Ge⸗ löbniſſe, die, wenn ſie aus treuem Herzen kommen, emſelben ſich ſo unzerſtörlich wie dem Granit ein⸗ ilien, welche die Leidenſchaft in den Sand zeichnet. „Oh, Richard, ich habe ſelbſtſüchtig— unedel gegen Sie gehandelt,“ rief raſch nach einer Pauſe Smith, Ebbe u. Fluth. 1v. 4 50 das ſchöne Mädchen.„Widerrufen Sie Ihre Ge⸗ lübde, die ich nie hätte annehmen ſollen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß ich arm bin—“ „Reich, Lillian,“ unterbrach ſie der Liebhaber, „reich an des Lebens edelſten Schätzen— an Schön⸗ heit, Sanftmuth und Herzensgüte. Sie bringen die Morgengabe eines Engels mit.“ „Ich bin von geringer Herkunft. Die Zuneigung des Oberſten und der Lady Bell ſind der einzige Schlüſſel, welcher mir die Kreiſe öffnet, in denen ich mich bewege und Berückſichtigung finde.“ „Iſt die Tugend nichts?“ verſetzte er.„Thun Sie nicht ſich ſelbſt oder der Welt durch die An⸗ nahme Unrecht, daß alle Menſchen Ihr Geſchlecht nur nach den zufälligen Vortheilen der Herkunft und des Vermögens würdigen? Nein, Lillian, wären Sie auch noch ſo arm und gering, wie Sie ſich ſchildern, ſo könnte mein Herz dennoch nie eine andere Wahl treffen.“ Sie ſtanden eine Weile ſtumm in ihren Liebes⸗ traum vertieft, aber in Richards Träume miſchten ſich noch andere Gedanken. Die Erklärung ſeiner Leidenſchaft und das Zugeſtändniß, daß ſie erwidert werde, machte ihm die Rückſprache mit Sir Charles und Lady Bell zur gebieteriſchen Pflicht. Die Ehre forderte ſie von ihm, und ihren Geboten getreu beſchloß er, ohne Säumen und Rückhalt Lillians Pflegeltern die Umſtände zu offenbaren, die ihn nach Indien geführt hatten. Zum Glück trug er in ſei⸗ nem Taſchenbuch einen Brief bei ſich, der am näm⸗ lichen Tag von ſeinem Großvater eingetroffen war⸗ r, n⸗ ie 9 ge en un n⸗ ht nd ie n, hl 3⸗ en er rt es re eu n6 ei⸗ n⸗ r. 51 Er nahm den Arm des ſchönen Mädchens und führte ſie nach dem Hauſe zurück, wo ſie den Oberſten und die Lady im Salon antrafen. Als ſie den Garten verließen, ſchlüpfte Kehoda, ein Hindumädchen, das Lillian ſeit ihrer Ankunft in alcutta zur Bedienung beigegeben war, hinter einer Gebüſchgruppe hervor, wo ſie Zeuge der eben mitgetheilten Unterhaltung geweſen. Wie ein un⸗ heilverkündender Schatten glitt ſie in anderer Rich⸗ tung über den Raſen hin, drehte ſich aber gelegent⸗ lich um, dem jugendlichen Paare nachzuſehen, dem ſie Blicke voll Haß und Leidenſchaft zuwarf. „So ſpät aus dem Garten?“ bemerkte Sir arles ernſt.„Sie vergeſſen, Lillian, daß der Abendthau gefährlich iſt.“ Der Ernſt in dem Tone und Benehmen des Oberſten fand ſeine Berechtigung in dem Umſtand, daß Richard Tyrrell ſeine Abſichten noch nicht ſo klar ausgedrückt hatte, als man von ihm erwarten konnte. Lady Bell aber bemerkte mit weiblichem Takt, was vorgefallen war; ſie nahm Lillian beim * Arm, führte ſie aus dem Zimmer und ließ die bei⸗ en Herren allein. „Sir Charles,“ begann unſer Held mit männ⸗ lichem Freimuth,„ich freue mich, mit Ihnen zuſam⸗ menzutreffen, denn ich vermöchte die Ungewißheit keine Stunde länger, geſchweige eine Nacht auszu⸗ halten. Der Augenblick iſt gekommen, in welchem ich um Ihre Nachſicht bitten muß.“ Der Oberſt verbeugte ſich. „Und um Ihren Beiſtund, denn ich habe Sie getäuſcht.“ 4* 52 Sein Zuhörer ſah ihn überraſcht an. „Ich liebe Lillian.“ „Das hab' ich längſt bemerkt und mich nur über Ihr Schweigen gewundert,“ verſetzte Sir Charles. „Sie beſeligte mich mit dem Geſtändniß ihrer Gegenliebe,“ fuhr der Jüngling fort,„und das Glück oder das EFlend meines Lebens hängt nunmehr von Ihrer Entſcheidung ab.“ „Noch vor einigen Minuten,“ entgegnete der Soldat,„würde ich Ihnen geantwortet haben, daß dieſes Bekenntniß einem der geheimſten Wünſche meines Herzens entgegenkomme; jetzt aber muß ich anhalten. Ich bin Soldat, Mr. Tyrrell, und habe ſoldatiſche Begriffe von Ehre und Offenheit, die nichts von Täuſchung wiſſen wollen. Wenn indeß. die Eröffnungen, die Sie mir zu machen haben, nur darauf hinauslaufen, daß Sie arm ſind, ſo er⸗ widere ich Ihnen unverholen, daß der Vermögens⸗ punkt nicht in Betracht kommt.“ „Ich bin reich genug und werde aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach mit der Zeit über noch größere Mittel gebieten,“ verſetzte der Verehrer Lillians. „Vielleicht ficht Sie Ihre Herkunft an,“ bemerkte der Gentleman.„In dieſer Richtung hege ich keine Vorurtheile. Auch die Eltern meines Mündels ſind, glaube ich, von beſcheidener Abkunft.“ „Meine Herkunft iſt ſo achtbar wie die Ihrige, Sir Charles,“ ſagte Richard,„zwar nicht adelig—“ „Ich erkläre Ihnen, Mr. Tyrrell,“ unterbrach ihn der Oberſt,„daß eine unanfechtbare Ehrenhaftig⸗ keit die erſte Bedingung iſt. Lillian ſoll nicht vor dem Namen ihres Gatten erröthen müſſen.“ — 53 „Der Name Tyrrell iſt nicht der meinige.“ „Was Sie ſagen!“ „Es iſt der Name meiner Großmutter von müt⸗ terlicher Seite.“ Sein Zuhörer machte eine ſteife Verbeugung. „Ich bin der Enkel eines der reichſten unſerer engliſchen Kaufleute, eines Mannes, der Gewicht hat auf dem commerciellen Markt und deſſen Namen makellos daſteht in den Augen der Welt. Mit ſeiner Zuſtimmung— ja ich kann beifügen, auf ſeine Bitte habe ich Indien unter einem andern Namen beſucht.“ „Und der Beweggrund?“ „Meinen Vater zu rechtfertigen gegen eine ver⸗ läumderiſche Beſchuldigung, ſeine Ehre zu retten in en Augen meines Großvaters und der Welt.“ Mit der natürlichen Beredſamkeit der Wahrheit erzählte nun unſer Held die Geſchichte von der Ver⸗ heirathung ſeiner Mutter, von dem Zorn ihres Va⸗ ters, von der unſeligen Schwäche ihres Gatten, von der Armuth, in die ſie geriethen, und von ſeiner eigenen Verſuchung und ihren Folgen. Zum Schluß übergab er Sir Charles den letzten Brief, den er für ſich erhalten hatte. ie Erzählung klang romanhaft; da ſie aber urch mehrere Stellen in dem Schreiben des Groß⸗ vaters beſtätigt wurde, ſo nahm Sir Charles keinen Anſtand, ihr Glauben zu ſchenken. Was ſonſt, als hohes Ehrgefühl hätte den Sprecher veranlaſſen können, auf die Enthüllung von Verhältniſſen ein⸗ zugehen, die ſo ſchmerzlich für ſeine Gefühle, ſo de⸗ müthigend für ſeinen Stolz ſein mußten, während er nur zu ſchweigen brauchte, um unbeargwohnt über 54 alles dies wegzukommen? Mr. Curry's Empfehlung und die Einführung durch das Haus Chutnee und Compagnie hätten allen Verdacht eingeſchläfert. „Mein lieber junger Freund,“ rief Sir Charles, Richard die Hand bietend, welche dieſer mit Wärme drückte,„ſo ſeltſam auch Ihre Geſchichte lautet, ſchenke ich ihr doch buchſtäblichen Glauben und will Ihnen dabei nicht bergen, daß Sie mich von einem höchſt unangenehmen Verdacht befreit haben. Als Sie erklärten, mich getäuſcht zu haben, erwartete ich etwas viel Schrecklicheres. Unter den obwaltenden Umſtänden war die Geheimhaltung Ihres wahren Namens nicht bloß räthlich, ſondern ſogar noth⸗ wendig.“ „Und darf ich hoffen—“ „Alles,“ verſetzte Lillians Pflegevater.„Aber ihr Beide ſeid noch zu jung, um ſchon an's Heirathen zu denken. Noch ein Jahr— dann iſt meine Dienſt⸗ zeit abgelaufen und ich kehre nach England zurück.“ „Leider iſt vielleicht dann meine Aufgabe noch nicht gelöst,“ verſetzte Richard. „Pah! wie die meiſten Verliebten machen Sie ſich ſelbſt einen Dämon und erblaſſen dann vor dem Un⸗ geheuer Ihrer eigenen Schöpfung. Wir werden mit dieſer Geſchichte lange vorher in's Reine kommen. Durch Ihr Vertrauen haben Sie mir ein Recht zur Einmiſchung gegeben. Wie heißt die Firma, welche das Incaſſo der Wechſel in Indien beſorgte?“ „Al Murad und Compagnie in Calcutta,“ ver ſetzte unſer Held. Der Oberſt machte eine Notiz in ſein Taſchenbuch. „Der älteſte Geſchäftstheilhaber iſt vor zwei Jah⸗ ng nd es, me tet, ill em lls ich en ren th⸗ ber en ſt⸗ och ich ln⸗ nit ur che ch. ah⸗ 55 ren als ungeheuer reicher Mann geſtorben,“ bemerkte er.„In ſeinem Teſtament traf er die Verfügung, daß alle ſeine Gelder aus dem Geſchäft gezogen und unter ſeine Erben vertheilt werden ſollten. Ich habe gehört, daß ſich ſeine Nachfolger aus Mangel an Fonds bisweilen in Verlegenheit befinden.“ „Ich kann dies beſtätigen,“ entgegnete Richard. „Im Lauf dieſer Woche iſt Al Murad zweimal auf unſerem Comptoir geweſen und hat Aushülfe nach⸗ geſucht.“ Sir Charles machte ſich wieder eine Notiz. „Haben Sie viel von ſeinen Papieren?“ „Ungefähr fünfmalhundertfünfzigtauſend Rupien.“ „Und was ſagte Mr. Chutnee?“ „Er lehnte das Geſuch ab; doch Sanford, der Hauptbuchhalter, ſprach ihm zu, bis er einwilligte. enn ſich's um eine Büberei handelt, ſo habe ich Sanford im Verdacht.“ „Was trieb er früher?“ „Er war Comptoiriſt in meines Großvaters Handlung.“ „Wer hat ihn nach Indien geſchickt?“ „Mein Großvater auf die Empfehlung ſeines Neſfen Carus Kearn, welcher damals zum Gatten meiner Mutter beſtimmt war.“ „Haben Sie Argwohn auf dieſen Neffen?“ „Ja, aber keinen Beweis.“ „Gut,“ murmelte der Soldat, wohl zufrieden mit Richards Offenheit. „Auch vermied es mein Großvater ſtets, in mei⸗ ner Gegenwart von ihm zu ſprechen.“ „Das iſt ſonderbar,“ bemerkte Sir Charles ge⸗ 56 dankenvoll.„Vielleicht fürchtete Mr. Bently, Ihre Eiferſucht zu erregen.“ „In welcher Beziehung?“ „Wegen ſeines Vermögens.“ „Das hätte mein werden können, ehe ich die Reiſe nach Indien unternahm,“ entgegnete unſer Held beſcheiden;„denn der alte Mann liebt mich, und als ich ihm meine Abſicht erklärte, England verlaſſen und zur Ehrenrettung meines Vaters alle meine Kräfte aufbieten zu wollen, ſtellte er mir den Antrag, durch eine Schenkungsurkunde ſein ganzes ungeheures Ver⸗ mögen unwiderruflich mir zu übermachen.“ „Ohne Bedingungen?“ „Im Gegentheit; ich ſollte mir zwei gefallen laſſen.“ „Darf ich ſie wiſſen?“ „Die erſte war, daß ich ſeinen Namen annehmen ollte.“ „Das hätten Sie thun können.“ „Es geſchah auch.“ „Und die zweite?“ „Daß ich mich jeden Verkehrs mit meinen Eltern enthalte.“ „Das wieſen Sie zurück?“ „Mit Entrüſtung,“ entgegnete der Jüngling, „denn ich hätte die Liebe meiner theuren Mutter und meiner Schweſter Mary nicht um alles Geld der Welt verkaufen mögen. Auch wäre es ein Akt der Feigheit und Ehrloſigkeit geweſen, da ich damit meinem Vater das Brandmal der Schande aufgedrüct haben würde.“ „Sie haben recht gehandelt,“ ſagte ſein Zuhörer, ie ld id te ch 57 tief bewegt von dem männlichen, muthvollen Ver⸗ halten des Jünglings, welcher folgendermaßen fort⸗ fuhr: „Ich ließ mir eine jahrelange Trennung von meinen Eltern, die mir mein Großvater abzwang, gefallen in der Ueberzeugung, ſie ſei nothwendig, einen verirrten Vater auf dem Pfad der Beſſerung zu befeſtigen, aber nicht aus unedler Begierde nach perſönlichen Vortheilen oder aus Zweifel gegen ſeine Ehrlichteit. Eben ſo gut hätte ich an der Wahrheit des Himmels, an Lillians Reinheit oder an Sir Charles Fourreau's wohlwollender Freundſchaft zwei⸗ feln können.“ „Sie ſind alſo aus eigenem Antrieb nach Indien gekommen, um dieſem Geheimniß auf den Grund zu gehen?“ „Ja.“ „Und Ihr Großvater?“ „Hat nur mit Widerſtreben eingewilligt; denn ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß er von meines Vaters Schuld überzeugt zu ſein glaubt. Er verſah mich jedoch mit den Mitteln, der Stellung Ehre zu machen, die mir mit der Zeit zufallen wird, und be⸗ nützte ſeinen Einfluß, um mir Empfehlungsſchreiben vom Premierminiſter an den General⸗Gouverneur und einen Volontairpoſten in dem Haus Chutnee und Compagnie auszuwirken.“ „Warum das Letztere?“ „Ich wünſchte es ſo, weil dieſer Sanford der Geſchäftsführer der Firma iſt.“ „Sehr klug eingeleitet, mein lieber Junge. Ich finde in Ihrer etwas ſeltſamen Geſchichte nichts, was 58 ſich nicht mit ſtrenger Wahrheit vereinen ließe. Sie werden vielleicht meinen Beiſtand werthvoller finden, als Sie Anfangs glauben mögen. Ich kenne den indiſchen Charakter und den Schlüſſel dazu. Aber kommen Sie,“ fuhr er fort,„wir dürfen weder meine Frau noch meine Pflegetochter länger über das Re⸗ ſultat unſerer Beſprechung im Ungewiſſen laſſen. Die Erſtere wird von mir ſo viel erfahren, als für ſie zu wiſſen nöthig iſt.“ „Und Lillian?“ „Ich gebe Ihnen die Vollmacht, nein, ich rathe Ihnen, vor ihr Alles dies geheim zu halten,“ ver⸗ ſetzte der Oberſt.„Es kann zu nichts Gutem führen, wenn wir das Morgenroth ihres jungen Glückes mit Zweifeln und Beſorgniſſen trüben wollten. Das Herz eines Mädchens, in das die Liebe Eingang ge⸗ funden hat, wird gar zu leicht beunruhigt durch den Gedanken an eine Gefahr, welche dem Gegenſtand ihrer Wahl droht.“ Er nahm ſeinen Gaſt beim Arm und führte ihn nach dem Boudoir ſeiner Gattin. Fünfzigſtes Kapitel. Am andern Morgen früh brach die glückliche Ge⸗ ſellſchaft zu Pferd auf, um Mrs. Chutnee auf ihrem Landſitz, der in einem geſchützten Thaleinſchnitt der am rechten Hooghlyufer verlaufenden wellenförmigen Gebirgskette lag, den verſprochenen Beſuch zu machen Die Bamen trugen Reitkleider vom leichteſten Nan⸗ king und große Strohhüte zum Schutz gegen die e n, it 18 n d — 59 Sonne, beren glühende Strahlen ſogar in früher Morgenſtunde mit bacchantiſchen, durſtigen Küſſen den Thau der vorhergehenden Nacht aufſaugten. Der Oberſt und unſer Held trugen wie alle Reiſenden in Indien Röcke und Beinkleider aus weißem Baum⸗ wollenſtoff. Einen maleriſchen Gegenſatz dazu bil⸗ deten die Trachten der eingeborenen Reitknechte, der Dienerin Lillians, Kehoda, und die Hausmontur des Corporals Stock, der ſeinem Gebieter nie geſtattete, ohne ihn irgend wohin zu gehen. Nelſon, Richards Reufundländerhund, machte in munteren Sprüngen den Vortrab und ſchien trotz ſeines zottigen Petzes und ſeiner Rührigkeit weit weniger von der Hitze zu leiden, als die Pferde und ihre Reiter. Ihr Be⸗ ſtimmungsort war einer der entzückenden Bergwinkel in Calcutta's Nähe, nach denen ſich die indiſchen Handelsfürſten während der großen Hitze der Sommer⸗ monate mit ihren Familien zurückzuziehen pflegen. In architektoniſchem Sinne bot das Haus eben nichts Schö⸗ nes; aber keine Kunſt hätte die Lieblichkeit des Platzes erhöhen können. An der Hinterſeite des Gebäudes begann ein dichter Wald, der es mit ſeinem Schatten ſchirmte und über die Bäume hoch empor ragte die gefiederte Krone der Königspalme, während der Pi⸗ pul und die prächtige Magnolie jeden Lufthauch mit dem Wohlgeruch ihrer Blumen ſchwängerten. Vor dieſem Ruheſitz befand ſich ein kleiner, von Goldfiſchen und Waſſergeflügel bewohnter See, an deſſen Ufern man den blaukammigen Kranich mit geduldiger Gravität warten ſehen konnte, bis ſeine ſchuppige Beute ſich dem ſeichten Waſſer näherte, in das er plötzlich den langen Hals tauchte, um ſich 60 ſodann mit dem hülflos in ſeinem Schnabel zappeln⸗ ben Opfer kräftigen Schwunges in die Luft zu er⸗ eben. In kindlicher Freude bewillkommte Zamora mit ihrem Taſchentuch ſchon von der Veranda aus ihre Gäſte. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen führte die Hausfrau, die Gentlemen ihrem Gatten über⸗ laſſend, die Damen nach ihren Zimmern, damit ſie den Reiſeanzug wechſeln könnten. „Lillian,“ ſagte ſie, nachdem ſie das Mädchen betrachtet hatte,„wie verändert find' ich ie!“ Die Jungfrau erröthete. „Ich gewahre nichts mehr von dem melancho⸗ liſchen, gedankenvollen Ausdruck, der kürzlich noch einen Schatten über Ihr Antlitz warf. Wenn Ihre Augen das Abbild Ihres Herzens ſind, ſo möchte ich ſagen, es hüpfe vor Freude.“ „Sie hätten auch Recht damit,“ verſetzte Lady Bell, die Pflegetochter an ihre Bruſt ziehend.„Vor Zamora brauchen wir keine Geheimniſſe zu haben, meine Liebe.“ „Nein, Mama.“ Mit einem lieblichen, ſonnigen Lächeln, dem Wie⸗ derſtrahl eines reinen, tugendhaften Herzens, ſchlang Mrs. Chutnee ihre Arme um die Waiſe und küßte ſie. Es bedurfte keiner Worte; die Geberde drückte ihre Theilnahme an dem Glück des Mädchens weit beredter aus. „Ich ſollte eigentlich zürnen und mich für ſchreck⸗ lich vernachläſſigt halten,“ rief die Hausfrau,„denn ich hatte mir's in den Kopf geſetzt, daß die Erklärung 61 hier ſtattfinden ſolle. Ich hoffte meiner Geſellſchaft eine Ueberraſchung bereiten zu können und bin dafür ſelbſt überraſcht worden.“ „Verzeihen Sie mir, ich bin daran unſchuldig,“ verſetzte Lillian. „Das glaube ich in Ewigkeit nicht,“ verſetzte Za⸗ mora gravitätiſch.„Was brauchen Sie auch ſo zum Verzweifeln ſchön auszuſehen? Da konnte der arme Schelm freilich nicht anders. Und ich darf nicht ein⸗ mal Brautjungfer dabei ſein. Wer mich da ſcheiden e— nur für einen Tag, einen einzigen kurzen ag!“ „Mr. Chutnee dürfte wohl Einwendung dagegen erheben,“ bemerkte Lady Beli lachend. „Wohl möglich,“ verſetzte Zamora;„die Männer nehmen ſo gar keine Vernunft an. Nicht Alle, Lillian,“ fügte ſie mit einem ermuthigenden Lächeln bei.„Sir Charles zum Beiſpiel iſt eine Ausnahme.“ „Und Richard auch,“ bemerkte das ſchöne Mäd⸗ chen im holden Tone des Vertrauens. Als unſere Heldin allein war, verſank ſie in eine von jenen entzückenden Träumereien, in denen das Herz der Jugend ſo gerne ſchwelgt und die zuweilen auch das Alter heimſuchen, das Eis deſſelben zum Thauen bringend. Doch ſelbſt die Feder eines Shake⸗ ſpeare wagte ſich nicht an ihre Schilderung: man könnte eben ſo gut verſuchen, die Farben des Regen⸗ bogens oder die ſtets wechſelnden Tinten der vom Strahl der untergehenden Sonne geküßten federigen Wellenkämme in Worte zu faſſen. Als ſie ihre Au⸗ gen plötzlich erhob, ſah ſie in kurzer Entfernung ihre Dienerin Kehoda mit gekreuzten Armen vor ſich ſtehen. In dem Geſicht des Hindumädchens lag etwas, was ſie an einer Fremden erſchreckt hätte; ihre großen träumeriſchen Augen ruhten mit einem faſt drohenden Ausdruck auf dem Antlitz unſerer Heldin und ihre farbloſen Lippen waren feſt zuſammengepreßt. „Biſt Du unwohl?“ fragte ihre Gebieterin theil⸗ nehmend. Der Ton ihrer Stimme ſchien den Bann zu bre⸗ chen, der Kehoda gefangen hielt, und im Nu nahmen ihre Züge wieder die gewöhnliche Ruhe an. „Nicht unwohl,“ lautete die Antwort;„aber das Herz leidet.“ Lillian betrachtete ſie erſtaunt. „Kehoda iſt nicht weit von hier geboren,“ fuhr die Hindu fort,„und hat eine Schweſter in dem kaum eine Stunde von hier entfernten Tempel der Göttin Mereiatel.“ „Die möchteſt Du wohl beſuchen, um mit ihr Dich der Liebe früherer Tage zu erfreuen?“ Kehoda verbeugte ſich. „So geh' zu ihr; es wäre grauſam, Dich zurück zuhalten.“ Das indiſche Mädchen murmelte etwas von beim Umkleiden Helfenmüſſen. „Damit biſt Du in einigen Minuten fertig. Flechte mir dieſe Blumen in's Haar— ſo, das An⸗ dere kann ich ſelbſt thun.“ Die Toilette war bald beendigt und nachdem Lillian den ertheilten Urlaub nochmal bekräftigt hatte, verließ ſie das Zimmer, in welchem Kehoda allein urückblieb. „Ich muß gehen,“ flüſterte die Hindu, ſobald ſie 63 ſich allein wußte.„Ich bin aufgeboten und darf nicht gegen das Wahrzeichen, das nur mir gelten kann, ungehorſam ſein.“ Sie deutete bei dieſen Worten auf eine prächtige Lotusblume in der Mitte eines großen Straußes von gelben Tamarisken, der auf dem Ankleidetiſch ſtand.„Das deutet auf Ge⸗ fahr für eines oder für beide,“ fuhr ſie gedankenvoll fort;„aber warum ſollte es mir Leid thun? Richard Tyrrell will nichts von dem armen Hindumädchen: ſein Herz iſt ihrer Gebieterin zugewandt. Und das ihrige ihm,“ fügte ſie mit Bitterkeit bei.„Ich leſe es in der Glut, die ihr blaſſes Geſicht überfliegt, ſo oft ſein Name genannt wird; aber ihre Liebe iſt nicht— kann nicht ſein wie die meinige.“ Die Spre⸗ cherin kreuzte ihre Arme über die Bruſt und ſetzte ſich troſtlos auf den Boden.„Was wiſſen die chriſt⸗ lichen Mädchen von Liebe?“ nahm ſie mit ſchmerz⸗ lichem Tone wieder auf.„Die Sonne, welche es verſchmäht, ihre kranken Wangen zu küſſen, entzündet keine Leidenſchaft in ihren Herzen, die ſo kalt ſind, wie die Waſſer des Vergeſſens. Warum wird ſie mir vorgezogen? Bin ich weniger ſchön? Iſt meine Geſtalt weniger anmuthig? Könnte er mich nur ſehen, wie ich einſt im Tempel vor den Prieſtern zu erſchei⸗ nen pflegte, die mich, um ihre mir unbekannten Plane zu fördern, verurtheilten, die geheiligte Stätte zu verlaſſen, das Kleid der Dienſtbarkeit anzuziehen und die Spionin zu ſpielen bei dem Volk, das ſie fürchten.“ Sie erhob ſich, zog nach Art der Hindufrauen, wenn ſie nicht erkannt ſein wollen, den Schleier um ſich und verließ das Haus. Während ſie einem Schatten gleich in den Wald ſchlüpfte, fielen ihre Blicke auf unſern Helden und Lillian, die bei ein⸗ ander auf der Veranda ſtanden. Dies erhöhte noch die Bitterkeit ihrer Gefühle. Für unſern mit der Hindumythologie nicht be⸗ kannten Leſer wird es nöthig ſein, anzugeben, daß Mereiatel der Name einer Göttin iſt, unter deren unmittelbarem Schutz die Parias, die Diebe ein⸗ ſchließlich der ehrenwerthen Zunft der Thugs oder Würger und die Auswürflinge aller Kaſten zu ſtehen wähnen. Wenn ihre Tempel auch nicht zu den glän⸗ zendſten gehören, ſo ſind ſie doch die reichſten in Indien. In ihren Räumen werden die Natſchmäd⸗ chen oder Tänzerinnen erzogen und Myſterien ge⸗ feiert, die zu ſchildern uns der gute Geſchmack ver⸗ bietet und deren Duldung ſchon ein ſchwerer Vorwurf iſt für die chriſtliche Herrſchaft in Indien. Wie kann auch der Hindu, der weit logiſcher raiſonnirt, als wir uns vorſtellen, annehmen, daß es den Engländern mit ihrem vorgeblichen Glauben Ernſt iſt, wenn ſie ſehen, wie ſie nicht nur den Prieſtern eines ſchänd⸗ lichen Götzendienſtes Hülfsgelder zukommen laſſen, ſondern oft auch ſich zu Zeugen ihrer Gräuel her⸗ geben? Wir haben furchtbare Rechenſchaft abzulegen von unſerem Verhalten in Indien— möge die Zukunft Sühne leiſten für die Vergangenheit! Das Oberhaupt des Tempels war ein alter Bra⸗ mine Namens Radir, eine bei den Eingebornen von Calcutta im Ruf hoher Heiligkeit ſtehende Perſön⸗ lichkeit, die aber leider auch die jungen Offiziere und Cadetten der indiſchen Armee nur allzu gut kannten, da viele derſelben das Heiligthum der falſchen Göttin, welcher er diente, zu beſuchen pflegten. Er war ein großer, ehrwürdig ausſehender Mann, mit langem, wallendem, ſchneeweißem Bart und tauſend Furchen im Geſicht, namentlich um die Augen, die, wenn er ſie nicht wie gewöhnlich zur Erde geſenkt hielt, viel Schlauheit, gemiſcht mit dem Ausdruck der Wildheit verriethen. Al Murad und Nadir ſaßen auf ſchwellenden Kiſſen in einem der verborgenſten Winkel des Tem⸗ pels, in einem großen gewölbten Raume, auf deſſen Wänden eingeborene Künſtler die Incarnationen des Wiſchnu abgebildet hatten. Das Geſicht des Bankiers verrieth große Aufregung und Ungeduld, während ſein Gefährte ſich ruhig und leidenſchaftslos verhielt. „Warte,“ ſagte der Lehrer.„Die Zeit überwin⸗ det Alles, nur nicht den Glauben.“ „Warten!“ wiederholte ſein Schüler in reumü⸗ thigem Tone;„ich habe gewartet, bis mein Herz in Galle verwandelt war. Ich ſage Dir, Vater, daß ich dieſes Chriſtenmädchen hoffnungslos bis zum Wahnſinn liebe.“ „Nicht hoffnungslos,“ verſetzte der Prieſter.„Hab' ich Dir nicht verſprochen, ſie zu Deinem Eigenthum zu machen, und iſt Nadir je ſeinem Wort untreu ge⸗ worden?“ „Im Vertrauen auf dieſes Verſprechen habe ich mich Dir verkauft,“ bemerkte Al Murad,„mein Leben und Eigenthum an einen Entwurf geſetzt, der—“ „Gelingen muß,“ unterbrach ihn der alte Mann. „Die Götter haben es ſo beſchloſſen. Die Stunde unſerer Schmach und Knechtſchaft wird mit Nächſtem Smith, Ebbe u. Fluth. 1V. 5 vorüber ſein. Bald iſt das Scepter der ungläubigen Eroberer von Indiens hundert Thronen zerbrochen.“ „Glaubſt Du dies bei Deiner Erfahrung?“ fragte ſein Zuhörer. „Es liegt im Rathſchluß der Göttin,“ antwortete der Bramine in dem gleichen kalten, ruhigen Tone, „und ſteht geſchrieben in den heiligen Veden.“ Einer ſolchen unwiderleglichen Behauptung durfte kein Gläubiger widerſprechen, da es den Prieſtern allein zuſtand, die heiligen Bücher auszulegen. „Du weißt, Vater, daß ich einen Nebenbuhler habe,“ lautete die Entgegnung, und die Augen des Sprechers funkelten von Hoß. „Einen begünſtigten?“ „So verſichert mich mein Späher. Du ver⸗ ſprachſt mir ihn zu beſeitigen.“ „Und ich werde Wort halten,“ verſetzte der Greis. „In dieſer Abſicht habe ich Kehoda nach dem Tempel beſchieden. Das Wahrzeichen iſt abgegangen.“ „Sie gehorcht vielleicht nicht.“ Der Prieſter berührte die geheimnißvolle Schnur, die als Abzeichen ſeiner prieſterlichen Würde von ſei⸗ ner rechten Schulter niederhing. „Du vergiſſeſt, daß ſie eine geſchworene Dienerin des Tempels iſt und daß auf dem Ungehorſam die Todesſtrafe ſteht.“ Obſchon ein herzloſer Wüſtling, ſchauderte doch der Zuhörer, der als einer von den Eingeweihten wohl wußte, auf welche eigenthümliche Todes⸗ art der Sprecher anſpielte. Die Wittwenverbren⸗ nungen und die Tödtung der Kinder ſind nicht die — — — 67 einzigen Morde, welche unter dem Schutze der in⸗ diſchen Hierarchie begangen werden. Um ſeinen Gaſt aufzuheitern und ihm bis zur Ankunft Kehoda's die Zeit zu kürzen, klopfte Nadir dreimal in die Hände, ein Zeichen für die Alma's oder die Tänzerinnen des Tempels. Wahrſcheinlich hatten dieſe des Aufgebots ſchon geharrt, denn im Nu erſchienen ſie unter den Klängen einer fernen Muſik und führten einen von ihren religiöſen Tän⸗ zen auf. Als ſie zu Ende waren, trat Kehoda ein— jetzt nicht mehr in der einfachen Tracht, die man in Sir Charles Fourreau's Haus an ihr ſah, ſondern in ein Gewand von leichtem Silberſtoff gehüllt, das wie ein Nebel ihre Geſtalt umwallte und das Ebenmaß ihrer ſchönen Formen halb verhüllte. Sie hatte Perlen⸗ ſchnüre um den Hals und Goldſpangen um die Arm⸗ und Fußgelenke. Auf ein zweites Zeichen des Prieſters entfernten ſich die Tänzerinnen bis auf Kehoda, die mit ver⸗ ſchlungenen Armen in einer Haltung tiefer Ehrfurcht vor ihm ſtehen blieb. „Es iſt gut,“ ſagte der alte Mann.„Du haſt mein Aufgebot wahrgenommen.“ „Als ich in das Haus der Ferengi trat, begeg⸗ nete der geheiligte Lotus, das Sinnbild der Pflicht, und die Tamariske, das Zeichen der Todesſtrafe für den Ungehorſam, meinem Blicke.“ „Und wie gefällt Dir der Aufenthalt unter den Chriſten in Calcutta?“ fragte Nadir. „Wie der Gartenblume die Beitſti in die * Wildniß,“ verſetzte das Mädchen.„Mein Herz ver⸗ zehrt ſich dort.“ „Aus Liebe vielleicht?“ Für einen Augenblick bemerkte man an dem Alma⸗ mädchen eine leichte Aufregung; dann erhob ſie ihre dunklen Augen vorwurfsvoll zu dem Sprecher und erwiderte in gedämpftem Ton: „Was hat die Eingeweihte Mereiatels mit Liebe zu ſchaffen?“ Der alte Mann nickte beifällig. „Es iſt ſo; die Frage war unnöthig,“ ſagte er. „Strecke Deine Hand aus.“ Kehoda gehorchte. Er rieb ihre Handfläche und Finger mit den Blättern einer Pflanze, die er aus einem in ſeinem Gürtel befeſtigten Paket nahm. „Haſt Du Glauben?“ fragte er. „Ja,“ lautete die Antwort. „So hol aus jenem Gefäß den Inhalt,“ ſagte der Bramine, auf eine in einer Ecke ſtehende Por⸗ zellanvaſe deutend. Kehoda gehorchte und nahm zuerſt den Deckel ab. In demſelben Augenblick kam der Kopf einer Brillen⸗ ſchlange über der Oeffnung zum Vorſchein; ſie hatte den Hals aufgeblaſen und ziſchte ſchrecklich. Das Mädchen aber faßte ſie ohne Zögern mit der Hand, worauf die Wuth der Schlalge ſich allmälig zu legen ſchien; denn obſchon Kehoda ſie nur leicht hielt, ver⸗ ſuchte ſie weder zu beißen, noch zu entwiſchen. „Wos ſoll ich mit ihr thun?“ fragte ſie, ohne eine Muskel zu verziehen oder Furcht zu verrathen. Wahrſcheinlich wußte ſie, daß die Pflanze, mit der ſie gerieben worden, ein wirkſames Schutzmittel war. 69 „Kehre zurück nach dem Haus des Kaufmanns Chutnee,“ antwortete Nadir. „Das Gebot des Prieſters iſt Geſetz für Kehoda,“ erwiderte das Mädchen. „Und lege die Kobra in das Bett des jungen Engländers Tyrrell.“ Das Mädchen ſchien einen Augenblick zu zaudern: aber das Bewußtſein, welch' ein ſchreckliches Schickſal ihr bevorſtand, wenn ſie ihre Gefühle verrieth, flößte ſ den Muth der Verzweiflung ein, und ſie rief aut: „Das Gebot des Prieſters iſt Geſetz für Kehoda.“ Einundfünfzigſtes Kapitel. Der Gram iſt nicht der einzige Affect, der die Einſamkeit ſucht; auch die Freude flüchtet ſich aus dem Gewühl des Lebens, um die Knoſpen der Hoff⸗ nung zu pflegen und den ſüßen Phantaſien nachzu⸗ hängen, über welche die ſorgkoſe Welt in ihrer Leicht⸗ fertigkeit ſpottet oder die ihre Theilnahmloſigkeit erſtickt. leich den meiſten Verliebten in ihren erſten Liebes⸗ träumen fühlte Richard dieſes eigenthümliche Ver⸗ langen, allein zu ſein,— um ſich die Bilder der Zukunft ſonnig auszumalen, ohne daß er dabei andere Zeugen hatte, als die Vögel, die Bäume und die Blumen. Sobald daher die Damen abge⸗ treten waren, um während der großen Hitze des Tages ihre Sieſta zu halten— ein Brauch, den Indien mit Spanien und Rtalien geniein hat— verließ unſer Held, ſtatt mit Sir Charles ſich nach 70 dem Billardzimmer zu begeben, das Haus und er⸗ ging ſich in dem benachbarten Wald, um in ſeinem tiefen Schatten einen Bergwinkel gegen die Sonnen⸗ gluth und einen verſchwiegenen Vertrauten zu finden, dem er ſeine wachen Träume, die erſte Muſik ſeines jungen Herzens, zuflüſtern konnte, ohne plauderhafte Zungen fürchten zu müſſen, denen auch das heiligſte Geheimniß nicht heilig iſt. Nicht daß wir die Natur für ſtumm hielten— im Gegentheil, ihre Stimme iſt beredter als die der Menſchen; die Lehren, die ſie gibt, ſchöpft ſie aus ſich ſelbſt; ſie unterrichtet, ſetzt in Erſtaunen, entzückt, ſchwatzt aber nicht nach, und was man ihr vertraut, behält ſie für ſich. Liebe! Der Lyriker mag über ſie ſpotten und ſie für Schwäche erklären; aber der Weiſe kennt ihre Kraft und weiß, daß ſie nicht nur ein Sporn für die Jugend, ſondern auch ein Hebel der Kraft für den Mann und ein Troſt für das Alter iſt. Wie einſam und traurig wäre ohne ſie das Daſein? Ehr⸗ geiz, Habſucht und das weniger unedle Streben nach Ruhm mögen dem Verſtand einen Erſatz für ſie bie⸗ ten, wie das Fieber für die natürliche Wärme; aber dem Herzen genügen ſie nicht, und der Tempel iſt wahrhaft öde, auf deſſen Altar nie eine reine, tugend⸗ hafte Liebe ihr Opfer dargebracht hat. Liebe! Was faßt ſie nicht Alles in ſich? Die Anhänglichkeit des Weibes, den Gehorſam des Kin⸗ des, die Zärtlichkeit des Gatten und Vaters, die treue Mutterſorge— kurz Alles, was ſchön und edel iſt im Menſchenleben. Die Gottheit hat es nicht verſchmäht, dieſes einzige Wort zu ihrem Sym bol zu machen, deßhalb ſoll die Welt immer fort — 71 lieben; die Jugend mag Kraft holen aus ihrem edlen Antrieb und die Erinnerungen aufbewahren als Ruhepunkt für das Alter. Unſere jüngeren Leſer können ſich wohl die Ge⸗ fühle vorſtellen, mit denen unſer Held in dem tiefen Schatten des indiſchen Waldes unter dem dichten, jeden Strahl der Sonne ausſchließenden Dach, das die ſich verſchlingenden Aeſte über ihm bildeten, um⸗ her wandelte. Er hätte keinen beſſeren Platz zur Einkehr in ſich ſelbſt wählen können. Die Stille wurde nur durch das Geſumm der Inſekten und da und dort durch Flötentöne eines Singvogels unterbrochen. Bald gelangte er nach einer kleinen, vertieften Lichtung, wo an den rieſigen Zweigen eines der den freien Raum umgebenden Bäume eine Hängematte befeſtigt war, die ihn zur Ruhe einzuladen ſchien. Er beſtieg ſie, zündete, um die Musquitos abzuhalten, eine Cigarre an und vertiefte ſich allmälig in jene Träumereien, welche das Herz gleich lieblicher Muſik erfüllen. Er dachte an Lillian und an das Glück, das ihre Liebe ihm in Ausſicht ſtellte, dann an den Augenblick, der ihn den Armen ſeiner Mutter, dem Kuß der Schweſter und dem Segen des Vaters zurückgeben ſollte. Mit der Hoffnungfriſche der Ju⸗ gend ſah er bereits die Ehre ſeines Vaters befreit von jedem Schatten des Argwohns, und die Ver⸗ gangenheit, die traurige Vergangenheit geſühnt. „Mögen Andere nach Reichthum, Macht oder Ruhm trachten,“ flüſterte er in weicher, glücklicher Stimmung;„wenn mir der Himmel dies verleiht, ſo wünſche ich mir nichts weiter.“ Richard hatte eine geraume Weile in dieſem träumeriſchen Zuſtand verbracht, als muſikaliſche Laute ſein Ohr trafen und ſeinen Geiſt aus der idealen Zukunft in die Gegenwart zurückriefen. In kurzer Entfernung von der Hängematte ſtand eine weibliche Geſtalt, die ganz durch den weiten ſafran⸗ gelben Schleier, wie er von den indiſchen Ratſch⸗ mädchen getragen wird, verhüllt war. Es war Kehoda, die von Mereiatels Tempel zurückkehrte. Richard hatte ſie in Sir Charles Fourreau's Hauſe oft geſehen, und auch die Blicke, die ſie ihm zuwarf und die er ſich trotz ſeiner Unerfahrenheit deuten konnte, wahrgenommen; aber ſein Herz war, abge⸗ ſehen von ſeinen Grundſätzen, von einer zu reinen Liebe erfüllt, als daß der Blick der Leidenſchaft ihr hätte etwas anhaben können. Unter dem Schleier war ihm die Erſcheinung fremd; erſt als aus ihrem Munde ihm die melodi⸗ ſchen Laute einer rührenden indiſchen Liebesklage an's Ohr drangen, rief er unwillkürlich den Namen Kehoda, weil er wohl wußte, daß kein anderes In⸗ dianermädchen ein ſolches Lied an ihn richten konnte. Im Nu war der Safranſchleier, der ihren Kör⸗ per umhüllte, zurückgeſchlagen und das Natſchmäd⸗ chen ſtand in demſelben funtelnden geſtickten Kleide da, das ſie im Tempel getragen hatte. Schwere goldene Spangen umgaben ihre Hand⸗ und Fuß⸗ gelenke, und die Blüthen des Scharlachpipul waren in ihr Haar geflochten, das in reicher Fülle über die 73 Hälfte ihres Körpers niederwallte, während Leiden⸗ ſchaft und Triumph aus ihren dunklen, träumeriſchen Augen blitzten. Er hätte in der That geſtählt ſein müſſen gegen den Zauber der Schönheit, wenn er kalt hätte zu⸗ ſehen können, als ſie anmuthigen Schrittes vortrat und einen der Tänze, die ſie in ihrem Beruf gelernt hatte, ausführte. Richard richtete ſich halb in ſeiner Matte auf und ſah ihr zu, aber nur mit jenem Gefühl von Bewunderung, mit dem man ein ſchönes Bild zu betrachten pflegt. Ihre auffallende Schönheit machte keinen Eindruck auf ſein Herz, denn ihr fehlte jener große Zauber, welcher den wichtigſten Zug bildet in der Anmuth des Weibes— die Beſcheidenheit, welche weder durch feine Gewebe, noch durch koſt⸗ bare Schleier oder durch mit Juwelen beſetzte Gürtel erſetzt werden kann. Nach dem Tanz näherte ſich das Natſchmädchen der Hängematte und trat mit gefalteten Händen vor unſern Helden hin. Er wiederholte ihren Ramen. „Allein,“ flüſterte Kehoda;„ich bin allein.“ „Was ſuchſt Du?“ fragte der Jüngling erſtaunt. „Was ſucht der Vogel,“ rief die Hindu leiden⸗ ſchaftlich,„wenn die traurige Regenzeit vorüber iſt und die Erde ihre erſten Blumen treibt? Ich bin allein.“ Die letzteren Worte bedeuten in der bilderreichen Sprache des Morgenlandes:„ich bin ungeliebt;“ und Tyrrell kannte die poetiſche Redeweiſe zu gut, um ſie nicht zu verſtehen. „Du weißt, Kehoda,“ entgegnete er,„daß mein⸗ Herz einer Anderen gehört. Ich habe keine Liebe zu vergeben.“ „Sie verachten mich,“ murmelte das Mädchen in ſchmerzlichem Tone. „Nein,“ verſetzte Richard theilnehmend,„ich hege nur Verachtung gegen das Verbrechen, Mitleid für die Schwäche. Ich möchte nicht die einfachſte Pflanze ihrem Standort entreißen, es ſei denn, um ſie na einem günſtigeren zu verſetzen. Aber ſelbſt wenn mein Herz frei wäre, könnten wir nichts miteinander gemein haben, da dies ſchon der Unterſchied unſeres Glaubens verbietet.“ „Dein Tempel ſoll der meinige, Dein ſonneloſes kaltes Land meine Heimath ſein,“ erwiderte das Mädchen.„Durch meine Liebe zu Dir hab' ich mein Leben auf's Spiel geſetzt; glaube nicht, ich würde mich zurückſehnen nach dem Land meiner Geburt.“ „Das iſt Thorheit, Wahnſinn!“ rief der Jüng⸗ ling, durch ihre Beharrlichkeit verwirrt. „Sie halten mich für arm?“ ſagte Kehoda. „Reichthum kann mich nicht verlocken,“ unterbrach ſie Richard;„denn ich habe bereits mehr von dem gleißenden Tand, als ich mir wünſche.“ „So hören Sie mich an,“ fuhr das Mädchen haſtig fort, als ſie bemerkte, daß der junge Mann ſich entfernen wollte.„Sie kennen den Werth der Gabe nicht, die Sie zurückweiſen. Beantworten Sie mir nur eine einzige Frage.“ „So ſei kurz,“ entgegnete Richard ungeduldig. „Welche Ehren würde Ihre Inſelkönigin dem Manne verleihen, welcher ihr den glänzendſten Ju⸗ — — 75 wel in ihrer Krone bewahrte und ſeine Landsleute vor der Schlachtbank, ihre Weiber und Kinder vor dem Untergang bewahrte?“ „Die höchſten, welche ein Unterthan erringen kann,“ antwortete Richard. „Ich biete ſie.“ „Du?“ „Mit meiner Liebe.“ Die Prophezeiung ſeines Freundes Marſh, daß der brittiſchen Herrſchaft in Indien ein ſchrecklicher Sturm drohe, durchzuckte plötzlich ſein Gehirn; aber ſo ſehr er auch weiter zu hören wünſchte, verſchmähte er es doch, mit ihren Gefühlen zu ſpielen und ihr Liebe zu heucheln. „Kehoda,“ ſagte er,„wenn Du wirklich Kunde haſt von einer Gefahr, die meine Landsleute bedroht, ſo offenbare dies um Deiner ſelbſt, um Deines Landes willen. England würde fürchterliche Rache nehmen.“ „Könnte ſie fürchterlicher ſein, als ſeine Herr⸗ ſchaft?“ verſetzte das Natſchmädchen geringſchätzig. „Hat ſie nicht die Treue unſerer Fürſten umgeſtürzt, die Nachkommen des kaiſerlichen Timur in Vaſallen umgewandelt, unſere Tempel entweiht und unſere Geſetze und Prieſter verhöhnt? Sie kennen das ein⸗ zige Mittel, das Siegel meiner Lippen zu löſen.“ „Dies thut mir um Deinetwillen Leid,“ ſagte der Jüngling;„denn Dein Starrſinn wird Elend und Verhrechen auf Dein ganzes Volk häufen.“ Mit dieſen Worten ging er von hinnen, während Kehoda im bitteren Gefühl der getäuſchten Hoffnung und der verſchmähten Liebe zurückblieb. Sie blieb 76 einige Minuten, ein lebendes Bild der Verzweiflung, wie angewurzelt ſtehen; Thränen füllten ihre Augen, die kurz zuvor noch von Hoffnung geglüht hatten, und rieſelten ihr über die von der Sonne gebräun⸗ ten Wangen. Plötzlich wiſchte ſie dieſelben ab, als ſchäme ſie ſich ihrer Schwäche, und ihr aufgeregtes Antlitz gewann allmälig den gewöhnlichen ruhigen Ausdruck wieder. „Dahin,“ flüſterte ſie;„der Traum meines Le⸗ bens iſt entſchwunden. Ich hätte ihn gerettet— aber nicht für eine Andere, nicht wegen des Mäd⸗ chens mit dem blaſſen Geſicht, das er mir vorzieht. Es iſt ſein Schickſal; warum ſollte ich verſuchen, ihm Einhalt zu thun?“ Gedankenvoll kehrte ſie nach der Stelle unter der Platane zurück, wo ſie während ihres Geſanges ge⸗ ſtanden, und hob daſelbſt von der Erde eine aus Gras und Blättern zuſammengewirkte Kugel auf, in welcher der Prieſter die todbringende Brillen⸗ ſchlange verborgen hatte. Ohne ein Anzeichen von Furcht oder Abſcheu zu verrathen, zog ſie die Schlange heraus, die ſofort ſich um ihren Arm ringelte, aber keinen Verſuch machte, zu entwiſchen oder ſie zu beißen. Ohne Zweifel war der Saft, womit Nadir ihre Hand eingerieben hatte, ein wirkſames Schutz⸗ mittel. „Die Rächerin!“ murmelte ſie, den Wurm be⸗ trachtend;„die Rächerin“ Nachdem ſie das Thier ſorgfältig wieder in ſei⸗ nem Laubneſt verborgen hatte, warf ſie den Schleier über ihr eigenthümliches Coſtüm und ging raſchen Schrittes Mr. Chutnee's Wohnung zu. Kehoda war 77 kaum verſchwunden, als ein Hindu im Gewand eines Fakirs aus dem dichten Gebüſch hervorkroch, in wel⸗ chem er ein verborgener Zeuge ihrer Zuſammenkunft mit unſerem Helden geweſen war. Behutſam folgte er ihr mit drohenden Blicken. Die gehörten Worte hatten auf Richards Geiſt einen weit tieferen Eindruck gemacht, als die Schön⸗ heit der Verſucherin auf ſein Herz, und es verlangte ihn ſeinen Argwohn Sir Charles mitzutheilen. Als er jedoch das Haus erreichte, traf er die Damen im Salon verſammelt, und um ſie nicht unnöthig zu beunruhigen, beſchloß er, ſeine Mittheilung an den Oberſt ſchriftlich zu machen. Während des Abends neckten ihn Lady Bell und Mrs. Chutnee öfters wegen ſeiner Zerſtreutheit, die auch auf Lillian einen beängſtigenden Eindruck machte. Er ſuchte daher der düſtern Stimmung, die ihn drückte, ſich gewaltſam zu erwehren, und als die Stunde der Trennung kam, gedachte außer ihm Niemand mehr dieſes Umſtandes. Statt ſich zur Ruhe begeben, nahm er vor ſei⸗ nem Schreibpult Platz, um dem Commandanten des wackern Olſten den Inhalt ſeines Geſprächs mit dem Natſchmädchen, ohne dabei ihrer Schwäche zu gedenken, da ihm dies ſein männlicher Sinn verbot, mitzutheilen und ihn zu bitten, daß er ſich vorſehen möchte. Die Aufgabe war ebenſo ſchwierig als kitze⸗ lig, und der Schreiber vertiefte ſich ſo ſehr in ſie, daß ihm nicht einmal das plötzliche zornige Knurren des Reufundländer Hundes, der zu ſeinen Füßen ag, ſtörte. Als es ihm endlich dennoch auffiel, 78 ſuchte er das Thier mit einem„Ruhig Nelſon!“ zu beſchwichtigen. Aber Nelſon gab ſich nicht zufrieden; ſein ſcharfer Geruch hatte ihn von der Anweſenheit der tödtlichen Kobra unterrichtet, der ihr Ruheplatz nicht mehr zu behagen ſchien; denn ſie war aus dem Bette her⸗ ausgekrochen und glitt jett auf dem Boden hin. Die Unruhe des Hundes wurde zuletzt ſo läſtig, daß Richard ſich von ſeinem Sitz erhob, um ihn aus dem Zimmer zu jagen; aber wie entſetzte er ſich, als er nur drei Fuß entfernt der Schlange anſichtig wurde. Durch die plötziche Bewegung erſchreckt und erzürnt hatte ſich die Kobra zuſammengerollt; ihr Hals war aufgeblaſen und ihr Kopf zeigte ein raſches, wellenförmiges Wiegen— Zeichen, daß ſie zum Sprunge fertig war. Vor Schrecken ſtand der Jüngling regungslos; er ſah und fühlte die Gefahr, war aber, wie der vom Alp Gedrückte, nicht im Stande, Hand oder Fuß zu rühren. Auch der Hund hatte Angſt, denn er winſelte kläglich; aber ſobald die Kobra zum Sprung anſetzte, packte ſie das edle Thier mit ſeinen Zähnen und zerbrach ihr die Wirbelſäule, obſchon ſie zuvor ſich um die Schnauze ihres Beſiegers gerin⸗ gelt und auch ihrerſeits ihm den tödtlichen Biß bei⸗ gebracht hatte. Nelſons klägliches Geſchrei zerſtörte den Zauber. Richard ſprang vorwärts und zertrat den Kopf des giftigen Wurmes mit der Ferſe. Durch den Lärm beunruhigt, kam Sir Charles, Mr. Chutnee, Corporal Stod und mehrere einge⸗ borene Dienſtleute in das Zimmer geſtürzt. Sie ₰ 79 fanden Richard, wie er ſeinen Retter in den Armen hielt und deſſen bereits geſchwollene Schnauze mit einem Schwamm badete. „Was iſt vorgefallen?“ fragte der Oberſt. „Eine Brillenſchlange!“ rief der Kaufmann ent⸗ ſetzt,„das iſt höchſt ungewöhnlich. Man findet ſie ſelten ſo nahe bei Calcutta.“ Richard bat ihn, ihm zur Rettung des treuen Thieres, das ihm das Leben erhalten, behilflich zu ſein. Mr. Chutnee aber ſchüttelte den Kopf. „Europäiſche Geſchicklichkeit hilft da nichts,“ ſagte er.„Das Gegenmittel iſt nur den Braminen der höchſten Kaſte bekannt.“ Der Jüngling fuhr mit den Bähungen fort. Nelſon erkannte augenſcheinlich die wohlwollende Abſicht an, denn er wedelte einigemale mit dem Schwanz und blickte mit einem ſo beredten Ausdruck ſeinem Herrn in's Geſicht, daß es dieſem tief zu Herzen ging. In weniger als zehn Minuten nach dem erhaltenen Biß erſchütterten furchtbare Krämpfe die Glieder des Thieres, das noch einmal laut auf⸗ heulte und dann verſchied. Bei Unterſuchung des Bettes fand man die Graskugel, in welcher die Schlange verſteckt geweſen, und darin den Beweis, daß hier ein Mord beab⸗ ſichtigt worden war. Man nahm ſogleich die eingeborenen Dienſtleute in's Verhör; Kehoda war aber verſchwunden. Nach einer ſolchen Entdeckung wäre weitere Ver⸗ heimlichung überflüſſig geweſen. Richard erzählte ir Charles und Mr. Chutnee, was zwiſchen ihm und dem Natſchmädchen vorgefallen war. 80 Am andern Morgen kehrte die Geſellſchaft nach Calcutta zurück. Um die Damen nicht zu beunruhigen, wurde ihnen die Urſoche des plötzlichen Aufbruchs erſt nach ihrer Ankunft in der Stadt mitgetheilt. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. In dem eigenen Glück vergaß Richard Tyrrell nicht der Pflicht, welche er gegen den armen Jüng⸗ ling übernommen hatte, der ehedem ſein Gefährte und, im Auge der Welt faſt ſeines Gleichen geweſen war. In den öſtern, langen Unterhaltungen mit ihm fand er Gelegenheit, ſeinen Charakter kennen zu lernen und daraus die Ueberzeugung zu holen, daß ſeine früheren Verirrungen nur auf Rechnung ſeiner Unwiſſenheit geſchrieben werden konnten. Nie⸗ mand hatte ihm je geſagt, daß man die Ehrlichkeit um ihrer ſelbſt willen lieben müſſe. Er wußte wei⸗ ter nichts, als daß die Welt ihn als einen Paria behandelte, und hatte, wie Ausgeſtoßene ſtets zu thun pflegen, dafür Rache genommen. Unſer Held verbrachte des Tages regelmäßig einige Stunden damit, daß er Jack keſen und ſchrei⸗ ben lehrte, und es war mertwürdig, welche raſche Fortſchritte ſein Schüler machte. Die Dankbarkeit iſt ein mächtiger Sporn. „Nun, Jack,“ ſagte ſein Lehrer,„ſobald Du die nächſten zwei Species der Rechenkunſt gelernt haſt und Deine Worte ein bischen beſſer zufammenſetzen kannſt, verſpreche ich Dir eine Belohnung, von der Du wohl nie geträumt haſt.“ 81 „Ich bedarf keiner,“ verſetzte der Zögling.„Ihre Güte lohnt mich reichlich für Alles.“ „Ja; aber auch dies wird Dir Freude machen.“ „Ich trage kein Verlangen darnach,“ verſetzte Jack Manders mit einem Anflug von ſeiner früheren Ent⸗ ſchiedenheit.„Sie haben bereits mehr für mich ge⸗ than, als ich Ihnen in meinem ganzen Leben ver⸗ gelten kann.“ „Geſetzt, ich brächte Dich mit einer alten Bekannt⸗ ſchaft wieder zuſammen?“ „Mit dem armen Kaleb?“ „Nein; haſt Du Lillian vergeſſen?“ Ihr früherer Beſchützer ſprang wie electriſirt von ſeinem Sitze auf und blieb einen Augenblick vor Ueberraſchung ſtumm ſtehen. „Ich bitte, ſcherzen Sie nicht mit mir,“ ſagte er. „Wie ſollte Lilly nach Indien kommen? Ich hoffe, der Jammer des kleinen Engels hat inzwiſchen ge⸗ endet.“ „Ich hoffe auch,“ bemerkte Richard lächelnd. Jack Manders ſah ihn ängſtlich an. „Aber nicht in dem Sinn, wie Du's meinſt. Verhältniſſe, die ich ſelbſt noch nicht ganz kenne, ha⸗ ben der Waiſe den Schutz eines der edelſten und beſten Männer verſchafft. Sie wurde von ihm und ſeiner Gattin wie ein eigenes Kind erzogen und mit nach Indien genommen.“ „Oh, Mr. Richard, iſt's möglich!“ rief Jack. „Und doch, wie mag ich ſo thöricht reden, da die Vorſehung ſo ſichtlich auch über Ihnen gewacht hat! Warum ſollten ſich nicht auch für ſie Mittel gefunden Smith, Ebbe u. Fluth. IV. 6 —— 82 haben, der Grauſamkeit Mike's, Andrews und jener feinen Dame zu entrinnen?“ Es iſt unnöthig, zu ſagen, mit welchem Eifer Jack an ſeiner ildung mitarbeitete. Unſer Held ſah ſich daher früher, als er erwartet hatte, veranlaßt, an die Erfüllung ſeines Verſprechens zu denken. Eh' er jedoch hiezu kam, wollte er noch einmal mit Sir Charles Rückſprache nehmen, denn er betrachtete deſſen Rath, vor Lillian einen Theil ſeines früheren Lebens geheim zu halten, im Licht eines Befehls. „Dies iſt in der That merkwürdig,“ rief der wackere Offizier, nachdem er ihn angehört hatte,„und die Vorſehung wirkt hier augenſcheinlich weiſer, als wir armen Sterblichen uns träumen laſſen, zu un⸗ ſerem Beſten. Ich höre jetzt zum erſten Mal, daß eine Lady Boothroyd mit in's Spiel kommt und will Roſa und ihren Mann darüber in's Verhör nehmen.“ Sie wurden herbeibeſchieden. Mark Rayner hatte, abgeſehen von dem Einfluß der Lady Bell, in der Zwiſchenzeit durch ſein Verhalten ſich den Grad eines Oberwachtmeiſters errungen. Die ſchleunige Vor⸗ ladung erfüllte ſie mit Schrecken; denn nach den Auf⸗ mertſamkeiten, die ſie Richard ihrem früheren Schütz⸗ ling erweiſen ſahen, mußten ſie ſchon erwarten, zu weiteren Aufklärungen aufgefordert zu werden. „Mark,“ begann der Oberſt,„ich verlange von Euch eine Auskunft über mein Adoptivkind, die Ihr allein geben könnt. Weſſen Kind iſt Lillian?“ „Die Tochter eines alten Schulkameraden von mir, Namens Barny Gee, der früher in Indien Sol⸗ dat war.“ „Mit Euch verwandt?“ 83 „Nein, Oberſt.“ „Wie kam es, daß Ihr ſeine Waiſe in Eure Ob⸗ hut nahmt und ſie dann einem Elenden überließet, der ſie ſo grauſam behandelte?“ „Rede, Mark,“ ſagte ſein Weib.„Beſſer, um der Wahrheit willen leiden, als Diejenigen hinter⸗ gehen, die ſo liebevoll an uns gehandelt haben.“ „Hatte ſie keine Verwandte, die ſie ſchützten?“ „Oh wohl, einen Onkel, ein wohlwollendes, ein⸗ faches Herz, Namens Simon Gee; er war Weber in unſerem Dorfe.“ „Und er hat ſie zurückgewieſen?“ fragte der Oberſt. „Nein.“ „War wohl ſchon todt?“ „Nein.“ „Wie hab' ich dies zu verſtehen?“ „Daß ſie ihm geſtohlen wurde,“ rief Roſa. Der Oberſt runzelte die Stirne, als er die Worte: „Ihm geſtohlen?“ wiederholte.„Von wem?“* „Von meinem unglücklichen Mann und von mir,“ verſette Roſa;„denn ich habe auch Theil an ſeiner Schuld. Aber wir mußten ja. Vergeblich wehrten wir uns gegen das Verbrechen; wir waren in die Hände einer Perſon gefallen, die unſer Flehen ver⸗ höhnte und nichts von Mitleid wußte.“ „Der Lady Boothroyd?“ fragte Sir Charles. Die arme Frau glaubte, das rachſüchtige Weib habe ihre Drohung erfüllt und Mark als den Mör⸗ der des Jägers verklagt. Das„Ja“ ging deßhalb faſt tonlos über ihre Lippen. „Und ihre Beweggründe?“ 84 Roſa erſtattete kurzen Bericht über den Streit, der ſo lange zwiſchen Sir Norman und ſeinen Päch⸗ tern über das Jagdrecht auf der Gemeinwaide be⸗ ſtanden, über Barny Gee's Ankunft in der Reujahrs⸗ nacht, den Wildererzug und deſſen verhängnißvolles Ende. „Vermuthlich war Mark auch dabei?“ bemerkte der Oberſt. J „Ich will nicht weiter mit Fragen in euch drin⸗ gen,“ ſagte der Gentleman,„obſchon ihr meiner An⸗ ſicht nach einer grundloſen Furcht Raum gegeben habt. Denn ſelbſt wenn er bei der unglücklichen Geſchichte geweſen wäre und der verhängnißvolle Schuß von ihm herrührte, was jedenfalls ſich nicht leicht wird beweiſen laſſen, ſo hätte das Verbrechen doch nur als Tödtung angeſehen werden können.“ Dieſe Worte waren der erſte Schimmer des Tro⸗ ſtes in Beziehung auf das ſchreckliche Ereigniß, das einen ſo unſeligen Einfluß auf ihre Schickſale geübt hatte; denn ſie konnten doch wieder hoffen und wur⸗ den nicht mehr von ſteter Furcht gehetzt. Mit einem Blick ſprachloſen Dankes ſah Roſa nach ihrem Gat⸗ ten hin. „Gleichwohl kann ich nicht begreifen, was die Dame zu einem ſo außerordentlichen Schritt veran⸗ laßt haben mag,“ fügte der Oberſt bei. „Stolz!“ rief Roſa.„Nach des armen Barny Tod wurde ein Papier bei ihm gefunden, das von Lieutenant Allan Boothroyd, dem Bruder des Sir Norman, unterzeichnet war und die Angabe enthielt, daß der Gefallene ihm das Leben gerettet habe. 85 Das ganze Dorf ſchrie Pfui über den herzloſen Grundherrn, und ſie fühlte, daß der Neujahrnachts⸗ vorfall nicht vergeſſen werden würde, ſo lang Lillian in St. Faith bleibe.“ „Möglich,“ dachte Sir Charles,„aber unwahr⸗ ſcheinlich, denn Menſchenraub iſt ein peinliches Ver⸗ brechen.“ Dann fuhr er laut mit der Frage fort, ob denn auch Cillian unzweifelhaft Barny Gee's Kind ſei. „Das kann gar nicht fehlen,“ riefen Mark und Roſa zugleich;„er brachte ſie in der Nacht, als er ankam, mit ſich und ließ ſie unter der Obhut ſeines Bruders.“ Der Oberſt entließ das Ehepaar, nachdem er zu⸗ vor Mark der Fortdauer ſeines Schutzes verſichert hatte, und wandte ſich dann an unſeren Helden, den ſtummen Zeugen des bisherigen Geſprächs, um ihn über ſeine Anſicht zu befragen. „Die Dame muß ſicherlich einen anderen Beweg⸗ grund gehabt haben,“ antwortete Richard mit Ent⸗ ſchiedenheit;„der ihr zugeſchriebene ſteht in gar kei⸗ nem Verhältniß zu der Unthat.“ „So kommt es mir auch vor, und ich will mich bemühen, der wahren Triebfeder auf die Spur zu kommen. Sie kennen, glaube ich, den Mann, deſſen Obhut die arme Lillian übergeben wurde?“ „Sein Charakter?“ Iſt der heilloſeſte, den man ſich denken kann. Er zwang ſeinen Neffen zur Unehrlichkeit.“ „Alles dies beſtätigt meinen Argwohn,“ „A.„ bemerkte Sir Charles.„Die Geſchichte Ihres früheren Ka⸗ 86 meraden intereſſirt mich, abgeſehen von dem Schutz, welchen er Lillian angedeihen ließ, die oftmals von ihm geſprochen und mir ihn beſchrieben hat. Ich will ſie auf die Begegnung vorbereiten,“ fügte er bei,„indem ich ihr ſo viel von Ihrer Geſchichte er⸗ zähle, als nöthig iſt, um Ihre freundliche Theilnahme an ſeinem Schickſal zu erklären.“ Am anderen Tage folgte Jack, der ſchon wieder etwas Fleiſch zugelegt hatte und in ordentlichen Klei⸗ dern ſtack, ſeinem Beſchützer nach der Wohnung des Sir Charles Fourreau. Lillian, deren dankbares Herz ſich ſeiner nur als eines Knaben erinnerte, eilte ihm in der Abſicht entgegen, ihm die Wange zum Kuß zu bieten; aber das Gefühl jungfräulicher Züch⸗ tigkeit hielt ſie zurück. Sie bot ihm die Hand hin und rief: „Oh, wie freue ich mich, Sie wieder einmal zu ehen!“ Jack erröthete tief. Er erkannte in dem lieb⸗ lichen Mädchen kaum mehr das ſchüchterne Kind, das bei jedem Worte aus Mike's Mund gezittert und in ſeiner Hülfloſigkeit bei ihm Schutz geſucht hatte. Er ſah ſie jetzt von liebevollen Freunden umgeben in dem prächtigen Haus ihrer zweiten Eltern, und doch bereitete ihm dieſer Wechſel keine ungetrübte Freude, weil dadurch der Abſtand zwiſchen ihm und ihr ſo gar ſchroff hervortrat. „Sie ſind ſehr gütig, Miß,“ ſtotterte er,„daß ſ Sie ſich meiner noch erinnern.“ „Mein Herz müßte in der That für die Gefühle des Dankes erſtorben ſein,“ verſetzte Lilly mit Thrä⸗ nen im Auge,„wenn ich Sie vergeſſen könnte. Haben 6 — — S — — 87 Sie nicht wie ein Bruder an mir gehandelt? Doch erzählen Sie mir Alles, was vorgefallen iſt, ſeit Mike Sie aus der Hütte fortgenommen hat.“ Mit einigem Stocken, da ihm eine ſolche Geſell⸗ ſchaft etwas Neues war, berichtete nun der arme Schelm über den ſchändlichen Seelenverkauf ſeiner Onkel und über die grauſame Behandlung an Bord des Caradoc, der er ohne Bunce's und Kalebs Güte nothwendig hätte erliegen müſſen. „Gott lohne es ihnen,“ ſeufzte Lillian, tief be⸗ wegt von dem Leiden ihres früheren Beſchützers. „Wer iſt dieſer Kaleb?“ fragte Lady Bell. „Ein Lehrling an Bord des Schiffs.“ „Und wie wird er behandelt?“ „Nicht viel beſſer als ich.“ „Richard,“ rief Lillian, und ihr Geſicht glühte vor Unwillen,„läßt ſich nicht ein Mittel erfinnen, um den armen Menſchen der herzloſen Tyrannei ſei⸗ nes Capitäns zu entreißen?“ „Ich habe mir ſchon darüber Gedanken gemacht,“ verſetzte unſer Held. „Er hot leider ſeinen Lehrbrief unterſchrieben,“ fügte Jack bei. Die ſchöne Fürſprecherin warf einen bittenden Blick auf Sir Charles. „Ich kann ihn nur dadurch aus ſeiner Selaverei beſteien,“ bemerkte der Oberſt,„daß ich das Ein⸗ ſgreiten eines Gerichtshofs nachſuche.“ „Capitän Gall würde ihn ermorden, eh' es zu nem Entſcheid käme,“ verſetzte Jack. „Kann denn gar nichts ſonſt geſchehen?“ fragte illian ängſtlich. 88 „Warum nicht?“ ſagte Lady Bell.„Wenn man ihn nur erſt am Land hätte!“ „Das wollte ich ſchon auf mich nehmen,“ bemerkte unſer Held. „Und was dann?“ fragte Sir Charles lächelnd, der eine Ahnung von dem Plan ſeiner Gattin hatte. „Dann ſtecken wir ihn in Ihr Regiment,“ ant⸗ wortete die Lady.„Nur ein Gerichtshof kann Sie dann zwingen, ihn wieder herauszugeben.“ „Das iſt wahr.“ „Die Sache kommt zuerſt zur Unterſuchung.“ „Solon ſelbſt hätte keinen weiſeren Plan vor⸗ ſchlagen können.“ „Und ſeine Freunde ſind dann in der Lage, die Beweiſe für die grauſame Behandlung beizubringen, durch welche die Gewalt des Lehrbriefs vernichtet wird.“ Ohne Zweifel hatte Lady Bell die einzig richtige Löſung der Schwierigkeit angedeutet, und es han⸗ delte ſich zunächſt darum, wie man es angehen wollte, um Kalebs Entkommen zu ermöglichen. Na⸗ türlich konnte der Oberſt dabei nichts thun. „Geh nun, Carlchen,“ rief Lady Bell.„Wir brüten Hochverrath, und das darfſt Du nicht hören Brauchen wir Dich als Bundesgenoſſen, ſo wollen wir ſchon wieder an Dich kommen.“ N Nachdem der Oberſt ſich entfernt hatte, nahm die Lady mit neckiſcher Feierlichkeit wieder das Worté „Wir ſind allein, und ich eröffne hiemit Kriegsrath. Sie werden zuerſt eines Beiſtandes e dürftig ſein, denn ſeit Jacks Entkommen iſt das! geheuer ſicherlich doppelt vorſichtig, um einen weité 89 Fluchtverſuch zu verhüten. Da haben wir nun den Rayner.“ „Sie vergeſſen, daß er Soldat iſt,“ bemerkte illy. „Er braucht ja nicht im Kolett zu handeln,“ entgegnete Lady Bell,„und wir können uns auf ihn verlaſſen. Es gibt auch einige Offiziere, aber von dieſen wollen wir nichts.“ „Mit einer Ausnahme,“ ſagte Richard. „Zu weſſen Gunſten?“ „Fritz Whartons.“ „Ah, ich habe Ihren melancholiſchen Freund ganz vergeſſen,“ lachte die Dame.„Man wird ihm trauen können, denn ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn unter dem Panzer ſeiner Zurückhaltung nicht ein ed⸗ les Herz ſchlüge.“ „Sie laſſen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren.“ „Wir haben aber auch einen Freund im feind⸗ lichen Lager, den Matrofen Bunce an Bord des Caradoc,“ fügte Richard bei. Lady Vell zeichnete den Namen in ihr Notizen⸗ buch ein und überlas dann den Inhalt der Seite, den ſie das Protokoll des Kriegsraths nannte. „Laßt ſehen,“ rief ſie.„Der Gegner iſt Capitän Gall, ſein Mate und die Mannſchaft des Caradoc, mit Ausnahme Bunce's.“ „Ganz richtig.“ „Gegen ſie ſtehen Richard, ich—“ „Ein ſtarker Thurm,“ ſagte Richard galant. „Ich danke ſchön, verbitte mir aber alle Unter⸗ brechung— Lieutenant Fritz Wharton und Jack Man⸗ ders. Ei, was ſchlagen wir lange Rath?“ fügte ſie 90 bei.„Die Wahrſcheinlichkeit iſt ſo ſehr auf unſerer Seite, daß ich faſt fürchte, man wird uns der Feig⸗ heit anklagen, wenn wir unſere volle Macht in's Treffen führen.“ Der neckiſche Einfall wurde mit allgemeinem Lä⸗ cheln aufgenommen. „Wir harren nur der Befehle,“ bemerkte Richard. „Die kommen.“ Lady Bell ſchrieb einige Zeilen, riß das Blatt aus ihrem Buch und übergab es unſerem Helden. „Vortrefflich,“ rief er;„ſo kann's nicht fehlen. Ihre Gnaden gäben einen trefflichen Oberbefehls⸗ haber.“ „Und Sie ſind wohl mein Adjutant,“ verſetzte die Dame.„Aber im Ernſt, ich glaube, mein Plan kann nicht mißglücken, denn eifrige Herzen ſind für ſeine Ausführung gewonnen und die Menſchlichkeit ſteht auf unſerer Seite.“ Der Kriegsrath war zu Ende, und Sir Charles erhielt die Erlaubniß, wieder einzutreten. Getrieben von dem edelmüthigen Wunſche, Kaleb der Tyrannei des Capitän Gall zu entreißen, ſäumte Richard Tyrrell nicht, ſich der Hülfe des jungen Lieutenants zu verſichern. Fritz Whartons ſonſt ſo verſchloſſenes Antlitz glühte bei dem Bericht über die Leiden des armen Juͤngen, und ſeine klaren blauen Augen funkelten von einem Feuer, deſſen ſie ein ge⸗ wöhnlicher Beobachter nicht fähig gehalten hätte. „Wollen Sie mir beiſtehen?“ fragte unſer Held als er mit ſeiner Erzählung fertig war. „Ob ich will!“ rief der Jüngling mit Wärme, 91 „Die Frage iſt faſt ein Verrath an unſerer Freund⸗ ſchaft, weil ſie vorausſetzt, daß ich kein Herz habe.“ „Nicht doch; aber der Gegenſtand unſerer wohl⸗ wollenden Bemühung ſteht ſo tief unter Ihrer Sphäre, daß Sie vielleicht—“ Der Sprecher hielt inne. „Nur fortgemacht,“ ſagte Wharton. „Kein Intereſſe an ihm nehmen. Er iſt nur ein armer Schiffsjunge von ganz geringer Herkunft; aber ſein Herz—“ „Das Herz iſt an dem Menſchen die Hauptſache,“ verſetzte ſein Freund.„Was kümmert mich der Po⸗ panz der Wappen und der Götzendienſt, welchen die thörichte Welt den Zufälligkeiten des Rangs und des Reichthums zollt? Wenn ich je dem Himmel Donk weiß für die Stellung, die er mir angewieſen hat, ſo geſchieht es deßhalb, weil ſie mich in die Lage ſetzt, meine Freunde zu wählen ohne Rückſicht auf die Meinungen und die Vorurtheile der Geſellſchaſt. Wie verabſcheue ich dieſe vornehme Welt, dieſe Maske, welche den moraliſchen Todtenkopf werhüllt, die Tünche, welche das Grab überdeckt.“ „Dann haben wir nur noch die Mittel zu be⸗ ſprechen,“ bemerkte Richard ruhig. „Dies muß ich ganz Ihnen überlaſſen,“ ſagte der Lieutenant.„Ich habe wohl einen rüſtigen Arm, aber keinen erfinderiſchen Kopf. Was führen Sie im Schilde?“ „Zuerſt ſollte Kaleb erfahren, daß er Freunde hat, welche den Willen und die Fähigkeit beſitzen, ihm zu helfen. Dann müſſen wir die Mittel vor⸗ bereiten, ihn von dem Caradoc zu entführen. Das — ů— 92 wird freilich ſchwierig ſein, denn ſeit Jacks Flucht iſt der heilloſe Commandant mehr als je auf ſeiner üt „Kann man ſich nicht an die Gerichte wenden?“ „Es wäre nutzlos. Der arme Schelm iſt Lehr⸗ ling und ganz in der Gewalt ſeines Tyrannen.“ „Aber wenn Jack über ſeine Behandlung Zeug⸗ niß ablegte?“ „Unmöglich.“ „Warum?“ „Ich kann Ihnen jetzt die Gründe nicht ausein⸗ anderſetzen, obſchon ſie dringend genug ſind. Nur als letztes Auskunftsmittel könnte das Opfer, das ich bereits ſeiner Grauſamkeit entriſſen habe, in einem Gerichtshof als Zeuge gegen ihn auftreten. Sie ſetzen doch keinen Zweifel in mich?“ 6 „Nein,“ rief der junge Mann ernſt.„Was wäre die Freundſchaft, wenn ſie durch einen Zweifel er⸗ ſchüttert werden könnte? Fahren Sie fort.“ „Das Geheimniß iſt nicht das meine,“ bemerkte unſer Held,„ſonſt wäre es für Sie bereits keines mehr. Es geht blos meinen Freund an.“ „Er iſt alſo Ihr Freund?“ „Ein beſcheidener zwar, aber um deßwillen mir nicht weniger werth,“ ſagte Richard.„Wir waren als Knaben— ich kann ſagen, als Kinder beiſammen, und die Umſtände fügten es, daß ich ihn lieb ge⸗ wann. Er war in ſchlimme Hände gefallen. Der Mann, der ihn beſchützen ſollte, wurde zum ſchlimm⸗ ſten Feind an ihm.“ „Die alte Geſchichte!“ rief Wharton. „Er ſuchte ſein Herz zu verderben, indem er ihm 6 93 die Lehren des Laſters einpflanzte und ihn zum Ver⸗ brecher erzog, eh' der Arme noch ein urtheilsfähiges Alter erreicht hatte.“ „Der Elende!“ „Aber trotz ſeiner ſocialen Verſunkenheit zeigte Jack eine ſolche Herzensgüte, daß die Engel über ſeine Verirrungen hätten weinen können; ſie haben ihn ſicherlich barmherziger beurtheilt, als die Menſchen.“ „Sie haben Recht,“ rief ſein Zuhörer.„Der Menſch richtet nur die That, der Himmel aber nimmt auch die Verſuchung mit in Rechnung. Doch fahren Sie fort. Ich will nichts mehr von Dingen hören, welche vielleicht das Ehrgefühl zu verbergen gebietet. Man muß natürlich einen Verkehr mit dieſem Kaleb einleiten. Wie gedenken Sie dies anzugreifen? Sie wollen doch nicht ſelbſt an Bord des Caradoc gehen und die Gaſtfreundſchaft des Schurken annehmen? Sie können unmöglich dieſem Elenden gegenüber Ihre wahre Geſinnung zu verbergen die Abſicht haben.“ „Sie beurtheilen mich richtig,“ verſetzte ſein Freund.„Die Mittel zu Einleitung des Verkehrs ſind ſchon vorbereitet; das Weitere müſſen wir dem Glück überlaſſen. Sie kennen Heirim?“ „Ihren indiſchen Reitknecht? Ja.“ „Der Knabe iſt verſtändig, ſpricht ausgezeichnet gut Engliſch, und iſt, was uns hier von beſonderem Werth wird, mir aus voller Seele zugethan. Seit ich meinem Hausmeiſter, der ihn mißhandelt hatte, mit Entlaſſung drohte, glaube ich, würde er ſein Leben für mich einſetzen.“ „Ein neuer Beweis,“ bemerkte Wharton,„wie hlten ein Boden ſo dürr iſt, daß nicht das Pflänz⸗ 94 chen Dankbarkeit darin Wurzel ſchlagen und ſich zu einer ſchönen Blüthe entfalten könnte. Heirim ſoll alſo den Verkehr mit dem Schiff vermitteln?“ „So iſt es verabredet.“ „Hat ihn der Capitän ſchon geſehen?“ „Ich glaube.“ „Wenn er ihn nun an Ihrer Livrse erkennt?“ „Um dies zu verhüten, ſoll er die Tracht eines der Dingytnaben anlegen, welche im Hooghly ihren Früchtenhandel von Schiff zu Schiff betreiben. Ge⸗ lingt es ihm auch nicht auf's erſte Maol an Bord zu kommen, ſo wird's im Verlauf doch gehen, wenn er recht friſche Waaren führt und ſie wohlfeil verkauft.“ „Aber wie wird er Kaleb erkennen?“ „Jack hat ihn ſo ausführlich beſchrieben, daß er nicht irren kann. Sie haben keinen Begriff, wie ge⸗ ſcheidt und ſchnell auffaſſend Heirim iſt. Die Natur hat ihm in einer von ihren Launen den Takt eines Diplomaten, die Behendigkeit eines Affen und die Schlauheit der Schlange verliehen.“ „Ein Cpigramm, das die Weisheit des Orients tennzeichnet,“ rief der junge Soldat lächelnd.„Sie hätten kein Kaufmann, ſondern ein Popträtmaler wer⸗ den ſollen.“ Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Nach Jacks Entweichen konnte Gall nur noch an dem armen Koleb, welchen er wegen Beihülfe an jener Flucht beargwohnte, ſein Müthchen kühlen. Nachdem er ihn erfolglos in ein ſcharfes Verhön 95 genommen, ertheilte er Befehl, ihn zur Durchpeitſchung aufzubinden. „Wir ſind im Hafen,“ wendete der erſte Mate ein, bewirkte aber damit nur, daß der Capitän ſei⸗ nen Befehl mit einem Fluch wiederholte.„Nun, ſo möge denn Ihr Wille geſchehen.'s iſt nicht meine Sache; aber ich kenne die Folgen.“ Er gab den Befehl an die Mannſchaft weiter. Es muß hier bemerkt werden, daß es eine faſt unerhörte Gewaltthat iſt, wenn der Commandeur eines Kauffahrers im Hafen, wo er die bürgerliche Obrig⸗ keit aufbieten kann, einen Matroſen peitſchen läßt, und an Bord des Caradoc wußte dies Niemand beſſer als Bunce, der nicht mit Unrecht den Namen des Seeadvokaten führte. „Wie,“ rief er, als Kaleb bereits in der Ver⸗ zweiflung ſich zu entkleiden begann;„Ihr werdet Euch doch dies nicht gefallen laſſen?“ „Was kann ich thun?“ verſetzte der arme Burſche traurig. „Es nicht leiden.“ „Das wird nichts helfen.“ „Weiß nicht; ich wenigſtens will Euch beiſtehen.“ Mehrere von der Mannſchaft verſprachen das Gleiche, denn die unausgeſetzte Mißhandlung des armen Schelms war ihnen längſt zuwider geweſen. „Habt Ihr's gehört?“ brüllte der Capitän wü⸗ thend darüber, daß ſeinem Befehl noch nicht ge⸗ horcht war. Ein allgemeines Pfui war die Antwort. Der Umſtand, deß er im Hafen war; ſteigerte den Uebermuth des Elenden, weil er wußte, wie 96 wenig Ausſicht die Leute hatten, in Indien Recht zu finden. Er trat daher trotzig in ihre Mitte und wetterte mit blitzenden Augen Flüche und Drohungen auf ſie nieder. „Das iſt Meuterei!“ rief er;„aber wir ſind noch nicht in See.“ „Eben deßhalb haben Sie auch kein Recht, ihn zu peitſchen,“ verſetzte Bunce.„Ja, machen Sie nur große Augen, Capitän Gall, ich fürchte Sie nicht, und Sie wiſſen, daß ich Recht habe.“ „Elender!“ rief der Capitän voll Wuth, als er ſich ſolchergeſtalt in ſeiner Abſicht gehindert ſah,„ſeit Ihr an Bord des Caradoc ſeid, habt Ihr nichts ge⸗ than, als Meuterei gepredigt.“ „Wäre verhenkert froh, vom Caradoc wieder fort⸗ zukommen,“ verſetzte der alte Mann. Dies lag indeß nicht im Wunſche des Capitäns, da es in Calcutta ſchwierig war, abgängige Mann⸗ ſchaft zu erſetzen. Dagegen beſchloß er, Bunce und die übrigen Matroſen dadurch zu züchtigen, daß er ihnen verbot, an's Land zu gehen. Nachdem er ſich für die Dinerpartie angekleidet hatte, erſchien er wie⸗ der auf dem Deck und beauftragte den Maten, das Boot herzurichten. Dieſer Befehl wurde mit dem größlen Eifer vollzogen, denn Jedermann fühlte ſich erleichtert, wenn der Capitän auch nur für ein paar Stunden fort war. „Fraſer,“ ſagte der Commandant, als er in das Boot trat,„Sie werden Niemand erlauben, das Schiff zu verlaſſen.“ Der Schotte griff an ſeine Mütze. „Oder an Bord zu kommen.“ N—— —— 97 „Auch Mr. Chutnee nicht, Sir?“ „Der freilich, denn da er an das Schiff Eigen⸗ tiunsberechtigunz hat, kann man ihn nicht wohl ab⸗ alten.“ „Und die Dingywallas mit ihren Gemüſen und Früchten?“ „Ich meine Europäer,“ entgegnete ſein Vorge⸗ ſetzter ärgerlich, denn er fühlte ſich überzeugt, daß ack Manders nicht hätte entkommen und ſo lang in Calcutta verborgen bleiben können, wenn ihm nicht von einem Landsmann Vorſchub geleiſtet wor⸗ den wäre. Eine halbe Stunde ſpäter hielt ein von ein paar Hindus gerudertes Boot neben dem Caradoc. Es war mit den auserleſenſten Früchten angefüllt, die ein Knabe von ſechzehn Jahren recht gerne im Tauſch, wie er ſagte, angebracht hätte. „Keine Sodaflaſchen?“ rief er, einen Korb präch⸗ tiger Mangos in die Höhe haltend Der Mate ſchüttelte den Kopf. „Ich verkauf⸗ wohlfeil.“ „Hab' kein Geld.“ „Aber Ihr hab' Rum, altes Kleid, anbere Sach'; ich hab ſchöne Sach', Muſchel, Käſtchen für Labies und dies für Sahib.“ Der Knabe hielt allerlei mit Elfenbein ausgelegte chnitzwaaren, die von den Eingebornen ſehr ſchön gearbeitet werden, in die Höhe. Der Schotte, der einen guten Handel zu machen hoffte, konnte der Zerſuchung nicht widerſtehen, ſondern winkte ihm an ord. Im Nu ſtand der Knabe, der kein anderer war, Smith, Ebbe u. Fluth. v. 2 98 als der Reitknecht unſeres Helden, auf dem Deck und kramte ſeine Herrlichkeiten aus. Da er merkwürdig wohlfeil verkaufte, ſo hatte er raſchen Abſatz. Der Mate feilſchte um ein zierliches Körbchen, das ihm zu fünf Rupien angeboten wurde, eine Stunde vor⸗ her aber in dem Bozar für zehn angekauft wor⸗ den war. „Vier,“ ſagte der Schotte. „Nein; ich muß hab' fünf.“ „Vier iſt genug,“ rief der Mate, ihm das Geld hinhaltend. „Und Ihr geb' mir Sodawaſſerflaſch?“ „Ich hab Dir ſchon geſagt, daß wir keine haben.“ „Alte Kleid?“ Der Mate erinnerte ſich, daß er in ſeiner Cajüte eine alte Jacke und Beinkleider hatte, die er hier wohl am beſten an den Mann bringen könnte. Er ſagte daher dem Knaben, er ſolle die Waaren nicht weggeben, bis er wieder zurückgekommen ſei. „Ihr nir kauf?“ fragte der Reitknecht Kaleb, an dem Maſt lehnte und dem Kram zuſah. „Ich habe kein Geld,“ verſetzte der Junge traurig. „Ich Euch borg.“ „Wozu auch? Ich habe keinen Freund, dem ich ein Geſchenk damit machen könnte, ſelbſt wenn ich die Mittel zum Kauf beſäße.“ „Kein Freund?“ „Nein.“ „Ihr vergeßt, Jack,“ flüſterte ihm der Knabe in reinem Engliſch zu. Kaleb fuhr zuſammen. Das Blut ſchoß ihm gegen 99 das Geſicht, und ſein Herz ſchlug unter dem Einfluß eines Gefühls, das ihm lange fremd geweſen— der Hoffnung. Die Vorſehung ſchien endlich auch ſeiner gedacht zu haben. „Ha,“ fuhr der Sprecher laut fort, als er be⸗ merkte, daß er verſtanden worden war,„Ihr kein Geld? Ich lieb' engliſch Matros— ich geb' Euch Nuß vor Nix.“ Mehrere von den Matroſen lachten und meinten, es werde eine taube ſein; denn es war ihnen noch nie vorgekommen, daß ein Eingeborner etwas ver⸗ ſchenkt hätte. Der Knabe lächelte und ſchüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ rief er;„Nuß ſehr gut innen; nur verſuch'.“ Kaleb faßte den Wink auf und eilte in die Ca⸗ jüte hinunter, als der Mate eben wieder mit ſeinen alten Kleidern erſchien. Natürlich hielt ſich Richards Abgeſandter nicht lange mit Mäkeln auf, ſondern nahm die vier Rupien ſammt Jacke und Hoſen für das Körbchen. „Ich möchte wohl auch den Kameraden dazu haben,“ bemerkte der Schotte, ſeine Erwerbung wohl⸗ Liali betrachtend.„Haſt Du noch ein ſolches ü 2 Der Knabe nickte bejahend. „Willſt Du es bringen?“ „Für fünf Rupien.“ „Gut; wir wollen uns wegen des Preiſes nicht ſtreiten,“ ſagte der Käufer.„Komm' morgen früh an Vord; wir wollen dann ſchon ſehen, wie wir mit einander zurecht kommen.“ 100 Der Seis ruderte in ſeinem Boot raſch an's Ufer zurück. Mittlerweile hatte Kaleb in der Back die Nuß aufgeklopft und darin ein Billet folgenden In⸗ halts geſunden: „Der Gentleman, der mir zur Flucht von dem Caradoc verhalf, iſt Willens, auch Dich aus den Klauen unſeres Tyrannen zu retten. Dem Ueber⸗ bringer dies kannſt Du eine Antwort vertrauen; halte ſie bereit bis zu ſeinem nächſten Beſuch auf dem Schiff und berathe Dich mit Bunce über die Mittel.“ Manche Thräne trübte dem armen Burſchen das Auge, als er dieſe Mittheilung las; denn es geſchah ja ſo ſelten, daß Jemand an ſeinem Wohl theilnahm. Sein hächſter Schritt war, den Inhalt des Schrei⸗ bens dem Seeadvokaten zu vertrauen. „Schön,“ ſagte der Matroſe;„ich wußte wohl, daß jener junge Herr ein Trumpf war. Gottes Segen über ihn; er verdient, Admiral zu ſein. Wir werden Euch bald aus dieſem Dock fort haben, und das iſt doch beſſer, als wenn Ihr in's Waſſer ſpränget. Verzweifelt nur nicht an der Vorſehung; ſie hat ſtets ein beſonderes Auge auf die Matroſen. Aber wie von dem Schiff fortkommen?“ „Ich kann ſchwimmen.“ „Ihr vergeßt die Krokodile,“ entgegnete Bunce trocken.„Mit denen müßt Ihr Euch in kein Wett⸗ rennen einlaſſen. Ich erinnere mich, am Land ein⸗ mal eine Haſenhatz mit angeſehen zu haben; es war merkwürdig, wie die zwei Hunde ſich ereiferten, bis ſie ihre Beute hatten; aber Gott behüt, ihr Rennen war nicht zu vergleichen mit dem der Krokodile.“ 101 Kaleb ſchauderte bei dem Bilde, das ihm der Sprecher vorhielt. „Mit dieſem Plan iſts nichts; aber halt, ſo geht's vielleicht,“ fuhr der alte Mann fort.„Die Fracht iſt noch nicht gelichtet; morgen gehen mehrere Kiſten mit trockenen Gütern an's Land. Ich ſtecke Euch in eine davon, und ſeid Ihr am Land, ſo müßt Ihr Euch eben auf Eure Beine und auf die Vor⸗ ſehung verlaſſen.“ Der Vorſchlag war vielleicht ausführbar; aber Kaleb hatte doch jeine Bedenken. Wenn man ihn in eine Kiſte nagelte, wie ſollte er ohne Beiſtand her⸗ auskommen? Auch Bunce konnte gegen die Triftig⸗ keit dieſes Einwurfs nichts einwenden. „Ich hab' es,“ rief er endlich.„Was wir doch ür zwei Dummköpfe ſind, daß wir uns nach einem umſehen, während uns doch drei zu Gebot ſtehen.“ „Drei?“ wiederholte Kaleb. Der alte Matroſe deutete auf die Schiffsboote. „Der Schiffer gibt morgen den Landratten eine Gaſtung,“ ſagte Bunce;„deßhalb wird keines von dieſen Booten an Bord geholt werden. Der zweite Mate hat Urlaub, und Fraſer wird das Commando über die Mannſchaft führen. Wenn dann Alles ruhig iſt, bis auf die Zechgenoſſen in der Cajüte, ſo rutſcht Ihr an dem Tau hinunter und ſchneidet es ab.“ „Aber es ſind keine Ruder an dem Boot.“ „Die Fluth treibt Euch landwärts. Wann will der Hinduknabe wieder an Bord kommen?“ „Ich glaube in den Morgenſtunden.“ „So ſchreibt eine Antwort.“ 102 „Aber wenn man ſie bei mir findet?“ „So gebt ſie mir; ich will ſie beſorgen. Man kann mich wegen einiger Worte nicht hängen, obſchon ich einmal ſo einen Landtölpel ſagen hörte, die Hand⸗ ſchrift eines Menſchen könne zu einem Strick für ſeinen Hals werden. Jedenfalls kann man mir nicht beweiſen, daß es die meinige ſei, ſintemal ich nicht ſchreiben kann.“ „Aber was ſoll ich antworten?“ „Morgen Nacht Zwölf; das wird ausreichen. Der junge Herr, Jacks Freund, verſteht es ſchon und wird auf der Lauer ſein.“ YNachdem man ſich über dieſen Plan verſtändigt hatte, wurden die von Bunce angedeuteten Worte auf die Rückſeite einer alten Karte geſchrieben, und der alte Seemann verwahrte ſie bis zur Verwendung ſorgfältig in ſeiner Taſche. Im Lauf des Tages kehrte Capitän Gall mit einer Abtheilung der Calcuttapolizei, die ihm von den Behörden auf ſeine Beſchwerden über den meu⸗ teriſchen Geiſt ſeiner Mannſchaft mitgegeben worden war, an Bord des Caradoc zurück. Einer der Poli⸗ zeidiener erhielt ſeinen Poſten an der Laufplanke mit dem gemeſſenen Befehl, ohne Erlaubniß des Capitäns oder des erſten Maten Niemand das Schiff verlaſſen oder an Bord kommen zu laſſen. Am ondern Morgen erſchien der Seis wieder. Fraſer, der auf ihn wartete, rief ihm zu, er ſolle das Körbchen an dem Ende einer Leine befeſtigen. „Ihr mir zuerſt ſchick das Geld.“ Der Schotte ſchütteite den Kopf; er hatte nicht im Sinn mit Geld, ſondern mit alten Kleidern zu zahlen. 103 „Ich ſie muß zuerſt ſeh',“ S der angebliche Händler.„Die letzt' Jack ſehr ſch echt.“ „Das kann nicht ſchaden,“ dachte der Offizier. Schiffer iſt noch nicht auf und erfährt nichts avon.“ Richards Bote wurde an Bord gelaſſen. Da er in der einen Hand das Körbchen hatte, ſo konnte er ſich beim Ergreifen des Taues nur der freien bedienen, weßhalb Bunce hervortrat, um ihm zu helfen. Bei dieſer Gelegenheit ſteckte er dem Knaben die Karte zu, und dieſer ließ ſie raſch in ſeinem Gürtel ver⸗ ſchwinden. Nachdem der Knabe ſo den Zweck ſeines Beſuchs erreicht hatte, hielt er ſich nicht länger, als gerade nothwendig war, um Argwohn zu vermeiden, mit Mäkeln auf, überließ dem Maten das Körbchen für alte Kleider und eine Rupie in Geld, ſtieg wieder in ſein Boot hinab und ruderte raſch von hinnen. Nur einer der wachhabenden Polizeidiener hatte in ihm den Seis des jungen Engländers erkannt, den man ſo oft in den Straßen von Calcutta um⸗ herfahren ſah; er behielt jedoch mit der Schlauheit des Aſiaten dieſe Wahrnehmung für ſich, indem er dachte, es ſei genug, von ihr Gebrauch zu machen, wenn etwas vorfiel, das ihm eine Belohnung ein⸗ bringen konnte. Die geladene Geſellſchaft, welche aus Sanford und mehreren Comptoirgehülfen des Hauſes Chutnee beſtand, kam um Sonnenuntergang an Bord und machte ſich bis ſpät in die Nacht hinein an Capitän Galls Abendtafel luſtig. Ihr Wirth trug Sorge 104 dafür, daß ſie in ſeinem eigenen Boot an's Land gebracht wurden. „Polizei auf dem Deck?“ bemerkte der Geſchäfts⸗ führer, als er an dem Gang hinunterſteigen wollte. „Was iſt los, Capitain?“ „Ein meuteriſcher Geiſt an Bord,“ verſetzte der Letztere;„aber ich weiß, wie ich ihn zu bannen habe. Sie haben's mit keinem Kind zu thun.“ „Bannt ihn in's rothe Meer; das iſt der rechte Platz für ihn,“ ſchluchzte einer der Gäſte. Der Witz wurde mit einem Gelächter aufgenommen. „Im Hooghly können Sie keine Geiſter bannen,“ fuhr der Sprecher fort.„Ich möchte doch den ſehen, welchen Sie meinen.“ „Das kann leicht geſchehen,“ ſagte der Capitän und rief nach Kaleb. Aber kein Kaleb antwortete, und man mag ſich die Wuth ſelbſt ausmalen, in die der Tyrann aus⸗ brach, als er die Entdeckung machte, daß es unge⸗ achtet ſeiner Vorſichtsmaßregeln ſeinem Opfer ge⸗ lungen war, von dem Caradoc zu entwiſchen. Natür⸗ lich konnte von der Mannſchaft Niemand ſich denken, wie der Junge fortgekommen war. „Seht nach den Booten!“ rief der erſte Mate. Eines fehlte. Der Capitän begann fürchterlich zu fluchen. „Pah, wer wird ſo viel Weſens machen wegen eines bloßen Buben?“ ſagte Sanford ruhig.„Ohne Zweifel will er am Land eben auch ſeinen Spaß haben.“ „Ich wollte lieber zwanzig Rupien als ihn ver⸗ lieren,“ verſetzte der Capitän wild. ——— 105 Der Polizeimann ſpitzte die Ohren. „Dreißig ſogar,“ fuhr der Sprecher fort.„Er muß vom Land aus Beiſtand gehabt haben. Das iſt ſchon der zweite Lehrling, der mir hier durch die Latten geht.“ „Jür dreißig Rupien ſollen Sie ihn zurückhaben,“ ſagte der Polizeidiener. „Wißt Ihr, wo er iſt?“ „Nein.“ „Wie könnt Ihr dann verſprechen, ihn zurückzu⸗ bringen?“ „Ich werde ihn finden. In Calcutta iſt noch Niemand verloren gegangen.“ „Sie können ſich auf ſein Wort verlaſſen,“ be⸗ merkte Sanford.„Es gibt im ganzen Hrient keine beſſeren Spürhunde als unſere Polizei. Ich bin doch begierig, zu ſehen, wie dieſe Geſchichte enden wird. Redei,“ fügte er gegen den Polizeidiener bei. „Und das Geld?“ „Ich bürge dafür.“ Der Hindu ſchüttelte den Kopf. „Zahlen Sie ihn,“ ſagte Mr. Sanford zu dem Commandeur des Caradoc;„wenn er nicht Wort hält, will ich ihm das Geld ſchon wieder abjagen. Der Polizeicommiſſär iſt mein beſonderer Freund.“ Das Geld wurde dem Mann aufgezählt; denn ſo geizig auch Capitän Gall war, überbot bei ihm die Rachſucht doch die Gier nach Gold. Der Polizeidiener verwahrte die Rupien ſorgfältig in ſeinem Gürtel. „So redet jetzt,“ rief der Capitän.. „Ein Knabe kam dieſen Morgen an Bord des Caradoc unter dem Vorwand, einen eingelegten Korb an den Maten zu verkaufen. Er nahm eine Rupie und einige alte Kleiderfetzen, die höchſtens zwei Rupien werth waren, für einen Artikel, der wenigſtens zehn Rupien gekoſtet hat.“ „Der Schurke!“ „Der Dummkopf, möchte ich lieber ſagen,“ be⸗ merkte Sanford. „Er war kein Händler.“ „Wie wißt Ihr dieß?“ fragte der Capitän haſtig. „Weil ich ihn während der letzten drei Monate im Dienſt eines reichen jungen Engländers geſehen habe, der ſich in Calcutta aufhält. Der Gentleman iſt ein Freund von Mr. Sanford.“ „Und ſein Name?“ fragte der Letztere. „Heiri 4 im. „Wie, Tyrrells Reitknecht?“ 7 „Ja. „Hui!“ pfiff Mr. Chutnee's Hauptbuchhalter,„jetzt verſteh' ich, warum Tyrrell nicht von der Partie ſein wollte. Wenn er bei der Sache betheiligt iſt, ſo thun Sie gut, den ſchlimmen Handel fallen zu laſſen; denn er hat alle die Perückenköpfe Calcutta's auf ſeiner Seite, iſt die rechte Hand des Sir Charles Fourreau, ſpeist mit den Richtern und hat Zutritt zum Gouverneur. Sie müſſen eine ganz gute Sache haben, wenn Sie gegen ihn vor einem Gerichtshof Recht behalten wollen.“ „Ich will auf der Stelle zu ihm!“ rief der Capitän. „Weßhalb?“ „Er muß mir meine Lehrlinge herausgeben Ohne Zweifel ſind beide bei ihm. Und wenn Mr. —— 5J —— ——* 107 Tyrrell alle Beamten Indiens zu guten Freunden hat, ſo geht ihn meine Mannſchaft nichts an. Wollen Sie mich begleiten?“ Sanford hätte es gern abgelehnt, denn unſer Held war eine von den wenigen Perſonen, gegen die er nicht gern Partei ergriff, nicht weil er ihn liebte, ſondern weil er ihn fürchtete. Doch ließ er ſich endlich dazu bewegen, und der Capitän ſtieg, von den Polizeidienern begleitet, mit in's Boot. „Hol ſie der Henker,“ murmelte Bunce.„Was haben auch dieſe Landtölpel mit der Sache zu ſchaffen? Sie können die Matroſen nie in Ruhe laſſen; es gehört zu ihrer Natur uns zu placken. Wollt ich mich doch lieber ſechs Monate auf die ſchwarze Liſte ſetzen laſſen oder für den Reſt der Fahrt zu drei Viertheilen gewäſſerten Grog trinken,“ fügte er mit Nachdruck bei,„als es erleben, die armen Teufel wieder an Bord des Caradoc zu ſehen.“ Vierundfünfzigſtes Kapitel. Das Entkommen von dem Caradoc war ebenſo ſchlau angelegt als ausgeführt worden. In dem Lärm des Gelages, das Capitän Gall an Bord gab, hatte ſich Kaleb unbeachtet in eines der Boote niedergelaſſen, die Haltleine durchſchnitten und auf der Flut dahin getriftet, bis er einen der zahlloſen Landungsplätze erreichte, wo unſer Held und Jack Manders nach ihm auslugten. So bald ſie ſeiner anſichtig wurden, ſtießen ſie vom Ufer ab und nahmen ſein Fahrzeug in's Schlepptau. Unſere Leſer können 108 ſich die Freude des Flüchtlings denken, als er wieder einmal mit ſeinem früheren Leidensgefährten zuſam⸗ mentraf. „Ich kann es Ihnen nie lohnen, Sir,“ rief er, ſich an Richard wendend.„Wie wenig dachte ich, daß je irgend ein Menſch Intereſſe an meinem Schickſal nehmen könne.“ „Ihr braucht mir nichts zu lohnen,“ verſetzte unſer Held freundlich,„denn Ihr habt durch den Beiſtand, den Ihr meinem Freund hier leiſtetet, und durch Eure Theilnahme an ſeinem Schickſal wohl verdient, was ich für Euch gethan habe— des Un⸗ willens gar nicht zu gedenken, den jeder Engländer über eine Tyrannei, wie Ihr ſie ſo lang erduldet habt, empfinden muß.“ Ein Gefühl von Stolz und Dankbarkeit ſchwellte die Bruſt unſeres Jack, als er ſich von Richard Freund nennen hörte. Nachdem ſie gelandet hatten, ſtiegen ſie in eine Kutſche, deren Roſſe von dem eingeborenen Reitknecht in ſeiner gewöhnlichen Tracht gelenkth wurden, und fuhren nach der Cavalleriekaſerne, wo Fritz Wharton, der Offizier der Wache, mit banger Erwartung ihrer Ankunft entgegenſah. „Iſts gelungen?“ fragte er haſtig. Unſer Held deutete auf Kaleb. Der Kornet, der für alle Opfer der Grauſamkeit und Bedrückung die wärmſte Theilnahme fühlte, wünſchte dem Ausreißer von Herzen Glück. „Ich werde es mir nie verzeihen können,“ ver⸗ ſetzte Kaleb,„wenn Ihnen die Anſtrengungen zu meinen Gunſten Ungelegenheiten bereiten ſollten.“ — S„„ ſ 109 „Denkt nicht an dies,“ bemerkte Wharton;„ich und mein Freund, wir ſind nicht die Leute, die ſich unüberlegt in ein tolles Abenteuer einlaſſen, oder ein begonnenes ehrenhaftes Unternehmen ſo leicht wieder aufgeben. Um übrigens denen, welche ſich für Euer Wohl intereſſiren ein Recht zu geben, Euch zu ſchützen, müßt Ihr in den Dienſt Königlicher Majeſtät treten.“ „Alles, wenn ich nur nicht wieder an Bord des Caradoc zurück muß,“ rief der junge Mann.„Lieber in's Grab!“ fügte er halblaut bei. Der Pffizier zog die Klingel, und dem Aufgebot entſprach Mark Rayner, deſſen Aeußeres ſich in der blanken Uniform ſo gut machte, daß ſeine alten Be⸗ kannten in St. Faith ihn kaum erkannt haben würden. „Da habt Ihr einen Rekruten, Wachtmeiſter,“ ſagte der Kornet,„und zwar, wenn nicht Alles trügt, einen, der dem Regiment Ehre machen wird.“ „Wenigſtens ſoll es durch mich keine Schande erleben, Sir,“ bemerkte der Flüchtling achtungsvoll. Der Schilling wurde gegeben, und der Wacht⸗ meiſter wollte eben Kaleb mit aus dem Zimmer nehmen, als ſich von dem Eingang des Wachhauſes er Stimmen vernehmen ließen. Alle ſprangen auf. „Verfolgt!“ ſtotterte Kaleb erblaſſend, während ack, welchem der Aufenthalt am Land wieder etwas von ſeiner früheren Kühnheit gegeben hatte, ruhig nach Waffen griff. Unter den Stimmen, welche Einlaß forderten, er man deutlich die des Capitän Gall unter⸗ eiden. k 110 „Weg mit den Piſtolen,“ ſagte ſein Beſchützer. Mit Widerſtreben gehorchte der Angeredete. „Und ſprich kein Wort, wenn Du nicht dazu aufgefordert wirſt. Mr. Wharton iſt die einzige Per⸗ ſon, welche hier dieſe Gäſte zu empfangen hat.“ „Es wird beſſer ſein, wenn Sie einſtweilen in das Nebenzimmer gehen,“ bemerkte der Kornet. Nach einigen Sekunden erſchien Capitän Gall, von Sanford, den Comptoirgehülfen und den Polizei⸗ dienern begleitet. Sie waren augenſcheinlich nicht blos vom Wein, ſondern auch von der Haſt, mit der ſie den Flüchtlingen nachſetzten, aufgeregt. „Endlich bin ich hinter Ihre ſauberen Manöver gekommen, Mr. Tyrrell,“ begann der Commandeur des Caradoc. „Gilt das mir?“ fragte unſer Held entrüſtet. „Wem ſonſt?“ antwortete der Capitän in unver⸗ ſchämtem Tone.„Sie wollen ein Gentleman ſein und verſchwören ſich mit meuteriſchen Schurken, lei⸗ ſten ihnen Beihülfe, von ihrem Schiff zu entkommen, und verſtecken ſie vor dem Arm der Gerechtigkeit.“ „Was ich ſein will, gehört nicht hieher,“ verſetzte unſer Held ruhig.„Dagegen will ich Ihnen ſagen, für was ich Sie halte— für einen Elenden, deſſen viehiſche Grauſamkeit Schimpf und Schmach über den Beruf gebracht hat, dem Sie zur Schande gereichen— für ein Geſchöpf ohne Menſchlichkeits⸗ und Anſtandsgefühl— für einen Menſchen, der zwar der Geſtalt, der Sprache und dem Namen nach ein Engländer, dem Weſen nach aber nichts als ein amerikaniſcher Sclaventreiber, oder wohl noch etwas Schlimmeres, ein leibhaftiger Henkersknecht iſt.“ 111 Capitän Gall wurde gluthroth. Zum erſten Mal in ſeinem Leben mußte er, und zwar aus dem Mund eines jungen Menſchen, ſolche Worte hören. „Ich bin Ihnen für mein Benehmen nicht ver⸗ antwortlich,“ verſetzte er höhniſch,„und komme nur her, um meine entlaufenen Lehrlinge zurückzuholen. Sind ſie hier?“ „Ihre Opfer ſind hier,“ antwortete Richard. „Und Sie wollen ſie herausgeben?“ „Nicht, ſo lange es in Calcutta noch ein Recht und ein Geſetz gibt, um die Mißhandelten zu ſchützen,“ rief der junge Mann entrüſtet.„Eben ſo zu könnte ich das Lamm dem Tiger, als ein menſch⸗ iches Weſen Ihrer Gnade preisgeben. Wenn Sie ſich benachtheiligt fühlen, ſo ſtehen Ihnen die Ge⸗ richtshöfe offen; aber ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich's von einem Tribunat zum andern kommen laſſe. Ihre Mannſchaft ſoll Zeugniß ablegen, und eh ich meine Sache aufgebe, ſoll alle Welt erfahren, welcher Schandfleck der Menſchheit Sie ſind.“ „Alſo beide hier, haben Sie geſagt?“ entgegnete er Capitän. „Kaleb iſt mein Lehrling, und ich kann dies mit ſeinem Lehrbrief beweiſen.“ „Er iſt in mein Regiment eingetreten,“ bemerkte Friz Wharton,„und wenn Sie Anſprüche an ihn haben, ſo müſſen Sie dies anderswo beweiſen.“ Capitän Gall wollte Gegenvorſtellungen machen, aber der Kornet befahl einfach ſeinem Wachtmeiſter, die Wachſtube zu leeren— eine Weiſung, der Mark 112 Rayner und ſeine Kameraden mit aller Bereitwillig⸗ keit nachkamen. Der Tyrann verließ mit ſeinen Begleitern den Platz unter Flüchen und Drohungen, welche der Offi⸗ zier und ſein Freund mit der gebührenden Verachtung anhörten. Die zwei Flüchtlinge kamen nun wieder bis an die Zähne bewaffnet aus dem Nebenzimmer heraus. Ihre Mienen verriethen Entſchloſſenheit, und aus den leichenblaſſen Geſichtern funkelten Blicke der Verzweiflung. „Gerettet!“ murmelte Kaleb, als er bemerkte, daß ſein Verfolger ſich entfernt hatte. „Es thut mir leid, daß ich dem Elenden nicht eine Kugel habe durch das Gehirn jagen können,“ fügte Jack bei. Am anderen Morgen in früher Stunde begab ſich Mr. Sanford nach der Wohnung ſeines Prin⸗ cipals, um ihm das Abenteuer der vorigen Nacht, welches ſeiner Meinung nach unſerem Helden nicht viel Ehre machte, zu hinterbringen. „Iſt es nicht ſonderbar,“ fügte er bei,„daß ſich ein Gentleman von Mr. Tyrrells Stellung und Ver⸗ mögen mit ſo gemeinem Matroſenvolk blamiren mag?“ „Iſt denn menſchliches Gefühl ſo ſelten unter eurem Geſchlecht?“ fragte Zamora, die zugegen war und des armen Kalebs Geſchichte von Lady Bell ge⸗ hört hatte. Der Kaufmann verhielt ſich ſtumm. „Der Burſche iſt nur ein Lehrling,“ bemerkte der Hauptbuchhalter. „Nur ein Lehrling!“ wiederholte die Lady un⸗ willig.„Der Wurm iſt auch von Adel in ſeiner Art.“ 113 Sanford biß ſich in die Lippen und unterdrückte klüglich die Erwiderung, die ihm auf der Zunge ſchwebte; gleichwohl fühlte er den Stich um ſo tie⸗ fer, da er ihn verdient zu haben ſich bewußt war. „Hätt' ich gewußt,“ ſagte er, ſich mehr an Mr. Chutnee als an deſſen Gattin wendend,„daß Mr. Tyrrell einen ſo warmen Advokaten hat, ſo würde ich mich nicht unterfangen haben, ſein Beneh⸗ men zu tadeln.“ Zamora betrachtete den Sprecher einen Augen⸗ blich ernſt und brach dann in ein gedämpftes muſi⸗ kaliſches Lachen aus; doch war aus dem Ton des⸗ ſelben eher Wehmuth als Heiterkeit herauszufühlen. „Sie ſehen da die Folgen Ihrer Thorheit, Her⸗ bert,“ bemerkte ſie vorwurfsvoll gegen ihren Gatten. „Schicken Sie dieſen Menſchen fort; ſeine Gegen⸗ wart eckelt mich an.“ „Senden Sie den Capitän Gall unmittelbar nach ſeiner Ankunft zu mir,“ ſagte der Kaufmann zornig. „Kein Wort, Sir; ich werde im Comptvir mit Ihnen ſprechen.“ „Der Dummkopf,“ murmelte Sanford, als er das Zimmer verließ.„Sie wickelt ihn um den Finger und gängelt ihn nach Belieben. Nun, das Verliebt⸗ ſein eines alten Kerls hat wohl viel Tollheit, aber ſelten viel Vertrauen in ſich, und das gibt mir Hoff⸗ nung, eines Tags für ihre Verachtung und ihre Un⸗ verſchämtheit Rache zu nehmen.“ Im Lauf des Tages murmelte der Hauptbuch⸗ halter mehrmals das Wörtchen„Wurm“ vor ſich hin, ein Beweis, daß der Stachel tief gedrungen war. „Sie haben Unrecht gehabt, Zamora,“ ſagte Mr. Smith, Ebbe u. Fluth. IV. 8 114 Chutnee, ſobald ſie allein waren.„Sanford dachte nicht entfernt daran, Sie zu beleidigen, und ſeine Bemerkung gab ſich natürlich genug. Sicherlich läßt ihm der Gedanke, was wohl die Urſache Ihres Zorns ſein mag, keine Ruhe.“ Mrs. Chutnee ſchüttelte traurig den Kopf; ſie war nicht zu überzeugen. „Ich kann's nicht ertragen, wenn ich Sie un⸗ glücklich ſehe,“ fuhr der Sprecher im Tone des Selbſt⸗ vorwurfs fort,„wenn ich mir ſagen muß, daß meine Liebe Sie zu Grunde gerichtet hat.“ „Nicht Ihre Liebe, Herbert, ſondern Ihr Miß⸗ trauen.“ „Iſt es ungegründet?“ fragte der eiferſüchtige Mann. Es lag etwas Schreckliches und doch zugleich etwas Wehmlchiges in dem Blick, welchen ihm jetzt das gekränkte Weib, das den Jahren nach faſt noch ein Kind war, zuwarf. „Sie möchten davon wohl überzeugt ſein?“ ver⸗ ſetzte ſie mit unterdrückter Erregung. würde Welten darum geben, wenn ich ſie hätte,“ rief Mr. Chutnee.—„ lles, was ich mir durch die Mühe eines ganzen Lebens errungen— ja, noch mehr, mein Leben ſelbſt.“ „Ich kann Ihnen den Beweis liefern,“ bemerkte Zamora;„aber wenn ich mich herablaſſen ſoll, mich zu rechtfertigen, koſtet es einen hohen Preis.“ „Was es ſei,“ entgegnete der Kaufmann, blind gegen den eigentlichen Sinn ihrer Worte in dem Wahnſinn ſeiner Eiferſucht,„und wenn er mich zum Bettler machte.“ 115 „Gut,“ erwiderte Mrs. Chutnee,„in einigen Stunden ſollen Sie zufrieden geſtellt werden. Aber zuvörderſt vergeſſen Sie Ihre Zuſage nicht. Sie müſſen gegen den Capitän des Caradoc Ihren Ein⸗ fluß geltend dahin machen, daß er Kaleb frei gibt.“ „Er ſoll frei ſein wie die Luft,“ rief Mr. Chut⸗ nee entzückt.„Seien Sie unbeſorgt, ich werde den Kerl ſchon zur Raiſon bringen.“ „Oh ihr Männer!“ rief Zamora, nachdem er das Zimmer verlaſſen hatte,„unedle, ſelbſtſüchtige Män⸗ ner! Entweder könnt oder wollt ihr unſere Natur nicht verſtehen. Muß ich ſolche Demüthigung von dem Mann erleben, zu dem ich einſt mit kindlicher Zuneigung aufblickte und den zu lieben ich mir ſo viel Mühe gab! Wäre mein Herz nicht erhaben über die Gemeinheit, ſo hätte er mich zu dem Weſen machen können, das zu werden ich nicht geboren ward. Ich muß meine Kraft zuſammen nehmen für meine Aufgabe,“ fügte ſie bei.„Der Stolz und ein reines Gewiſſen werden mich aufrecht halten.“ Als Mr. Chutnee in dem Comptoir anlangte, fand er daſelbſt Capitän Gall, der mit Ungeduld auf ihn wartete. Der Tyrann hoffte, der Kaufmann werde ihm durch ſeinen Einfluß zu Wiedergewinnung der Flüchtlinge behülflich ſein. „Ich weiß ſchon Alles,“ ſagte Mr. Chutnee, als Gall ſein Anliegen vorbringen wollte,„und habe auch gehört, wie Sie die Leute behandelt haben.“ ei dieſer Bemerkung verlängerte ſich das Ge⸗ ſicht des Gaſtes. „Wenn Sie eine ſchmähliche Bloßſtellung ver⸗ meiden wollen,“ fuhr der Kaufmann fort,„ſo bleibt 116 Ihnen keine andere Wahl, als daß Sie die Flücht⸗ linge aufgeben.“ „Nimmermehr, wenn anders noch Geſetz und Ge⸗ rechtigkeit in Calcutta gilt,“ rief der Wütherich mit Nachdruck.„Ich kann durch den Lehrbrief beweiſen, daß einer dieſer Halunken mein Lehrling iſt; er hat alſo kein Recht ſich anwerben zu laſſen, und muß mir zurückgegeben werden.“ „Sie kehren ſich alſo in dieſer Angelegenheit nicht an meinen Rath, an meine Vorſtellung?“ Neiſ „In dieſem Fall erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß der Caradoc zu zwei Drittheilen mein Eigenthum iſt.“ „Und ich erinnere Sie daran, daß ich ſein Capi⸗ tän bin,“ verſetzte Gall trotzig. „So lang, als Sie Miteigenthümer bleiben,“ entgegnete der Kaufmann kalt,„keine Stunde länger ohne meine Beſtallung. Für den Fall einer Miß⸗ helligkeit zwiſchen uns,“ fuhr er fort, indem er ein Bündel Papiere aus ſeinem Pult heraus holte,„ſteht jeder Partie das Recht zu, die andere auszukaufen. Das Schiff iſt zu fünfzehntauſend Pfunden geſchätzt. Können Sie mir meine zehntauſend bezahlen?“ „Zehntauſend Teufel!“ brummte der Capitän. „Dann ſchreibe ich Ihnen eine Anweiſung auf Ihre fünftauſend, und die Sache—“ „Halt, Sir!“ rief der Capitän beſtürzt,„Sie werden doch nicht—“ „Allerdings werde ich,“ entgegnete der Gentle⸗ man gelaſſen. 117 ſ6 Sie doch das Beiſpiel für die Mann⸗ aft.“ Mr. Chutnee begann die Anweiſung auszufüllen. „Der Verluſt— die Demüthigung.“ Mr. Chutnee unterzeichnete ſie. „So muß ich nachgeben,“ ſagte der geſchlagene Schurke finſter;„aber eine ſolche Behandlung hätte ich nicht erwartet.“ Eine Stunde ſpäter kehrte der Kaufmann nach ſeiner Wohnung zurück und übergab ſeiner Gattin die geſetzlich ausgefertigte und von dem Verfolger unterzeichnete Entlaſſung Jacks und Kalebs. Zamora nahm ſie mit einem matten Lächeln in Empfang. „Heute Abend werden Sie mich auf einem Be⸗ ſuch begleiten,“ ſagte ſie. „Recht gerne; zu wem, meine Liebe?“ „Zu unſeren kürzlichen Gäſten, Lady Bell und Lillian.“ Da der Verzicht auf die Bedingungen des Lehr⸗ briefs von Seiten des Capitän Gall das Soldat⸗ werden unnöthig machte, ſo zahlte Mr. Tyrrell für Kaleb den Reukauf und machte es dadurch dem armen Burſchen möglich, wieder frei über ſeine Perſon zu verfügen. Worte vermögen ſeine Freude nicht zu ſchildern; ſie war ſo überſchwänglich wie ſein Dank. „Und was gedenken Sie mit ihm anzufangen?“ fragte Sir Charles Fourreau, nachdem dieſe Ange⸗ legenheit erledigt war.„Es wäre vielleicht doch beſſer geweſen, Sie hätten ihn bei dem Regiment gelaſſen.“ „Die gnädige Frau iſt anderer Meinung,“ be⸗ merkte unſer Held. 118 Dies war ein unwiderleglicher Grund, und der Commandeur des Olſten fragte als pflichtmäßiger Ehemann nicht weiter. „Der junge Mann iſt ſehr gut erzogen,“ fuhr Richard fort,„und paßt ganz gut für ein Comptoir. Ich hoffe ihm einen Platz verſchaffen zu können.“ „Bei Mr. Chutnee?“ „Bewundernswürdig ausgedacht,“ rief der Oberſt. „Ich durchſchaue Ihren Plan. Sie werden durch einen zuverläſſigen Freund Sanfords Treiben über⸗ wachen laſſen können. Wahrhaftig, Sie ſollten in der Armee ſein.“ „Sie vergeſſen, Sir Charles, welchen trefflichen Rathgeber ich in Lady Bell hatte,“ bemerkte unſer Held.„Ihr Beiſtand iſt unſchätzbar. Sie können ſich nicht vorſtellen, wie geſchickt ſie über jede Schwie⸗ rigkeit wegzukommen weiß.“ „Meinen Sie?“ verſetzte Sir Charles mit einem ſchlauen Lächeln.„Mein lieber junger Freund, wenn Sie einmal ſo lange Ehemann geweſen ſind, wie ich, ſo werden Sie ſich nicht mehr über die Taktik der Frauen wundern.“ Es war eine natürliche Folge des thätigen An⸗ theils, welchen der Hinduknabe an der Flucht von dem Caradoc genommen, daß Heirim und Kaleb Freunde wurden und— wie die diplomatiſche Phraſe lautet, ein Schutz⸗ und Trutzbündniß ſchloſſen, bei welchem, wie ſich von ſelbſt verſteht, Jack Manders die dritte contrahirende Großmacht bildete. Als Kaleb Abends nach der Wohnung unſeres Helden zurückkehrte, befand ſich der junge Hindu in — — 119 ſehr gedankenvoller Stimmung. Seine Freunde neck⸗ ten ihn und fragten nach der Urſache. „Es iſt etwas ſehr Schlimmes im Werk,“ ant⸗ wortete Heirim. „Von Seiten des Capitän?“ „Nein. Haſſan und Al Murad, der Bankier, welchem dieſes Haus gehört, kommen jede Nacht zu⸗ ſammen.“ „Weßhalb?“ fragte Jack. „In keiner guten Abſicht,“ antwortete der Hindu, und ſeine Augen funkelten von Schlauheit;„aber ich weiß noch nicht, auf was es zielt— ich ver⸗ muthe gegen den Sahib.“ „Gegen Richard Tyrrell?“ riefen die beiden Jüng⸗ linge entrüſtet. Der Seis nickte mit dem Kopf. „Wir müſſen dahinter kommen,“ bemerkte Man⸗ ders.„Wo finden ihre Zuſammenkünfte Statt?“ „In dem Garten des Tempels— jede Nacht— auch heute.“ Dieſe Auskunft reichte zu. Die beiden dankbaren Burſche, die unſer Held aus der Gewalt des Capi⸗ tän Gall befreit hatte, beſchloſſen, ſich auch dabei einzufinden. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Auf dem Weg zu Lady Bell wagte es Mr. Chut⸗ nee mehr als einmal, ſeine Gattin an ihr gegebenes Verſprechen, daß ſie ihn von der Grundloſigkeit ſeiner Eiferſucht voll überzeugen wolle, zu erinnern. 120 „Geduld,“ verſetzte die Dame ruhig,„der Be⸗ weis dürfte nur zu bald kommen. Denken Sie auch an den Preis.“ „Was es koſten mag,“ entgegnete der Kaufmann lächelnd.„Mein Vermögen iſt nicht ſo leicht zu er⸗ ſchöpfen.“ In dem Soalon des Sir Charles fanden ſie, da es der Empfangsabend der gnädigen Frau war, das gewöhnliche Gedräng von Herren und Damen. Wäh⸗ rend Mr. Chutnee Lady Bell ſein Compliment machte, nahm Lillian, welcher Zamora's ungewöhnliche Bläſſe auffiel, ihren Arm und führte ſie nach dem Balkon, von dem aus ſie in den Garten hinunter gingen. „Was fehlt Ihnen?“ fragte die Waiſe, indem ſie der Kaufmannsfrau ihr Riechfläſchchen anbot. „Körperlich nichts; ich leide im Geiſt, im Herzen.“ „Wie, Sie, die alle Welt für ſo glücklich hält?“ „Das könnte ich ſein, wenn nicht Herberts Eifer⸗ ſucht den Frieden meiner Seele vernichtete. Ich kann nicht lächeln, ohne daß er ſich einbildet, ich denke an einen Anderen, und bin ich traurig, ſo meint er, es reue mich, ihm zum Altar gefolgt zu ſein. Er hat kein Vertrauen zu mir, und dies macht meine Lage bitter.“ „Bitter?“ wiederholte Lillian im Ton peinlicher Ueberraſchung;„ich habe geglaubt, Sie lieben ihn.“ „Ich that es, wie Sie Sir Charles lieben— wie einen Vater. Ich war ein bloßes Kind, als er mir ſeine Hand anbot. Hätte er mein Herzblut von mir verlangt, ſo würde ich es ihm nicht geweigert haben, und ſo wurden wir Mann und Frau.“ „Arme Zamora!“ 121 „Auch war ich Anfangs nicht unglücklich, denn er gab mir Blumen, Muſikalien, Gemälde, und wenn er mich im Schmuck ſeiner Juwelen ſah, war er ſo erfreut, daß auch ich mich freute.“ „Das wird ſchon wieder kommen. Sicherlich ſieht Herbert ſeine Thorheit und das Nichtige ſeines Argwohns bald ein. Sein Alter iſt kein Grund, warum man ihn nicht ſollte lieben können. Auch Sir Charles wäre alt genug, um der Vater ſeiner Gattin zu ſein, und ſie ſind doch glücklich.“ rührt daher, daß er nie an ihr zwei⸗ 6lte „Die Eiferſucht muß etwas Schreckliches ſein. Gott möge mich davor bewahren. Aber könnten Sie Mr. Chutnee's Grillen nicht weglachen? Wer vermöchte Ihrem Lächeln zu widerſtehen?“ „Sie ſchmeicheln mir.“ „Fragen Sie Richard, ob ich es thue. Er ſagte mir, als er Sie zum erſten Mal ſah, ſeien Sie ihm als das ſchönſte weibliche Weſen vorgekommen, das er je erblickte.“ Zamora erröthete und ſchlug den Blick zu Boden. „Aber Sie dürfen ihm deßhalb nicht böſe werden.“ „Gewiß nicht,“ flüſterte Mr. Chutnee's Gattin. „Er hat es nur im Vertrauen zu mir geſagt,“ fuhr die Waiſe fort,„und vor Ihnen habe ich keine Geheimniſſe. Er dachte freilich nicht, daß ich es ausplaudern würde, und Sie dürſen mich nicht ver⸗ rathen.“ „Sie haben dies nicht zu fürchten,“ entgegnete die Dame mit Nachdruck. „Und wenn wir verheirathet ſind,“ ſagte das 122 unſchuldige Weſen,„und Herbert Sie wieder quält, ſo kommen Sie zu uns, bis er wieder bei guter Laune iſt und Sie Luſt haben, ihm zu vergeben. Das überbietet meine Geduld,“ fügte ſie bei, den Arm um den Leib ihrer Freundin ſchlingend,„eifer⸗ ſüchtig gegen Sie! Richard ſagt, Sie brauchten Ihr unſchuldiges Geſichtchen nur an den Thoren des Pa⸗ radieſes zu zeigen, und die Engel, welche den Ein⸗ gang bewachen, würden lächelnd die Pforte aufreißen, um Sie einzulaſſen.“ „Hat Mr. Tyrrell ſo geſagt? Dies iſt kein ge⸗ wöhnliches Lob, und ich muß mir Mühe geben, es zu verdienen.“ Mit einer plötzlichen Anſtrengung entſchlug ſie ſich der Trauer, die ihren Geiſt niederzudrücken ſchien, und brach in ein herzliches Lachen aus, während ſie zugleich wiederholt ihre Freundin küßte. „Sie müſſen mich wohl für ein undankbares Ge⸗ ſchöpf halten,“ rief ſie,„daß ich Ihr Glück mit mei⸗ nen Klagen trübe. Ich hätte nicht ſo ſelbſtſüchtig ſein ſollen, aber Sie wiſſen, wie mächtig der Ein⸗ druck des Augenblicks auf mich wirkt. Ich habe mich nie verſtellen können.“ „Der Himmel verhüte, daß dies je geſchehe.“ „Wenigſtens nicht gegen Diejenigen, welche ich liebe,“ fügte Mrs. Chutnee ſich ſelbſt verbeſſernd bei.„Der Welt gegenüber müſſen wir freilich, na⸗ mentlich wenn wir verheirathet ſind, oft eine Rolle ſpielen und lächeln, wenn uns das Herz brechen möchte— einfach weil unſer Herr und Meiſter, der Mann, uns nicht verſteht oder nicht verſtehen will.“ 123 „Iſt Herbert denn ſo gar unvernünftig?“ fragte Lilly ſchalkhaft. „Freilich.“ „Warum ſprechen Sie nicht mit Lady Bell dar⸗ über?“ „Sie iſt glücklich und würde mich nur auslachen.“ „Auch ich bin es und lache doch nicht,“ bemerkte unſere Heldin. „Sie ſind zu gut, um es zu thun.“ „Die Zeit wird Ihren Gatten von ſeinen thörich⸗ ten Vorſtellungen heilen.“ „Ich habe die Hoffnung aufgegeben, und eben dies iſt die Hauptquelle meiner Unruhe. Würden Sie es wohl glauben, daß er eiferſüchtig war, weil ich Richard auf den Gouverneursball begleitete?“ „Wie abgeſchmackt!“ rief das Mädchen, heiter die Hände zuſammenſchlagend.„Sie hatten ja zum Vor⸗ aus mich als ſeine Tänzerin angeworben.“ „Mein Gatte trägt ſich ſogar mit dem Gedanken, daß ich ſeinen Tod wünſche.“ „Abſcheulich! aber ich kann ihn verſtehen. Sie ſind viel jünger als er, und er fürchtet, die ſchöne Wittwe werde ihn bald vergeſſen haben.“ Die Entfernung der beiden Damen aus dem Salon war weder von Mr. Chutnee noch von un⸗ ſerem Helden unbemerkt geblieben, und beide erſahen die erſte Gelegenheit, ihnen zu folgen. Dem Kauf⸗ mann als dem erfahreneren Taktiker gelang dies zu⸗ erſt. Als er ſah, daß ſie mit Lillian allein war und ihr Antlitz vor Aufregung glühte, errieth er, daß Zamora der Freundin ihr Leid geklagt hatte.„Die Schuld pflegt an ſich zu halten,“ dachte er;„viel⸗ 124 leicht habe ich Unrecht.“ Und ein beſſeres Gefühl kam über ihn. Die Schlange verkroch ſich für einen Augenblick. „Ich kann Ihnen keine Hand geben,“ ſagte Lilly, als er im Garten erſchien. „Warum nicht?“ „Weil meine liebe Freundin traurig iſt.“ „Und daran ſollte ich Schuld ſein?“ „Wer ſonſt? Sie iſt nie ſo geweſen, bis Sie ſich allerlei thörichte Grillen in den Kopf ſetzten. Zudem haben Sie mich in eine für ein Mädchen ſehr unangenehme Lage verſetzt.“ „Sie?“ entgegnete der Kaufmann erſtaunt. „Ja, mich. Sie haben mich gezwungen, Ihnen zu ſagen, was Sie zu wiſſen noch nicht befugt ſind und was Sie erſt auf dem Wege der ordnungs⸗ mäßigen Veröffentlichung hätten erfahren ſollen.“ „Ich habe ihm Zufriedenſtellung unter jedem Opfer verſprochen,“ bemerkte Zamord. Die Neugierde des Kaufmanns war geweckt und er bat um Erklärung. „In dieſer Stellung ſollen Sie nichts erfahren,“ verſetzte Lillian erröthend. „Wie denn?“ „Auf Ihren Knieen. Sie zögern? Gut, Sir. Kehren wir zu Lady Bell zurück.“ Und ſie nahm den Arm ihrer Freundin. „Halt! halt! ich gehorche! Hier bin ich auf mei⸗ nen Knieen, und nun ſagen Sie mir, welche Sünde ich unwiſſentlich begangen habe.“ „Sie haben mir ſehr weh gethan.“ „Wie ſo?“ 125⁵ „Weil Sie mich in große Verwirrung bringen.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Iſt es nicht eine verwirrende Lage,“ ſagte das ſchöne Mädchen ſchmollend,„wenn ich mich genöthigt ſehe, Ihnen zu bekennen, daß— daß—“ „In's Himmels Namen, was wird kommen?“ „Daß ich mit Mr. Tyrrell verlobt bin.“ Der eiferſüchtige Ehemann fuhr auf, als ſei ſei⸗ nem Herzen plötzlich eine ſchwere Laſt abgenommen. „Unter Zuſtimmung des Sir Charles?“ „Was ſonſt? Richard würde nie an mich gedacht haben, wenn meine gütige Freundin Zamora nicht geweſen wäre, die ihm ſagte, ich beſitze mehr Tugen⸗ den als irgend ein Frauenzimmer, natürlich ſie ſelbſt und Lady Bell ausgenommen; auch machte ihm das liebe Weſen ohne Zweifel weiß, ich ſei faſt ſo ſchön wie ſie. Noch eh' ich ihn geſehen,“ fuhr die Spre⸗ cherin fort,„hatte ſie mich zu ſeiner Tänzerin für den Gouverneursball engagirt.“ „Thor ich!“ murmelte der reuige Gatte. „Sie beurtheilen ſich richtig,“ ſagte unſere Heldin. „Aber verfallen Sie künftig nicht wieder in den glei⸗ chen Irrthum, und vor Allem laſſen Sie Ihr neu⸗ gieriges Weſen. Wenn Sie mein Geheimniß ver⸗ rathen, ſo werde ich um der Selbſtvertheidigung willen genöthigt ſein, auch den Grund meines Be⸗ kenntniſſes zu veröffentlichen, und Sie mögen dann S urtheilen, über wen am meiſten gelacht werden wird.“ Mit dieſen Worten ſchlüpfte ſie in einen Seiten⸗ weg und ließ Mr. Chutnee mit ſeiner Gattin allein. Der beſchämte Mann ſtand eine Weile ſtumm 126 vor dem jugendlichen Weſen, deſſen Unerfahrenheit er zu einem ſchlecht paſſenden Ehebund verlockt hatte. Der Argwohn war dem Vertrauen gewichen, und er fühlte vielleicht, wie ſchwer er ſich verſündigt hatte. „Können Sie mir vergeben, Zamora?“ ſtotterte er. „Ich kann Jedem verzeihen, der mich darum bittet,“ entgegnete die Dame ruhig. Er trat näher und wollte ihre Hand nehmen. „Aber nicht wieder mein Vertrauen ſchenken, wenn es einmal mit Füßen getreten worden iſt,“ fuhr ſie fort.„Das haben Sie gethan und damit den ſicherſten Wächter meiner Gefühle und meines Benehmens vernichtet. So lang ich mit Achtung und Zuneigung zu Ihnen aufblicken konnte, hatten Sie von beiden nichts zu befürchten.“ „Und jetzt?“ „Sie haben mein Herz träumeriſch gemacht,“ rief Zamora leidenſchaftlich,„ſo daß ich mich jetzt frage, wie mein Schickſal ſich geſtaltet haben dürfte an der Seite eines Mannes von meinem Alter, deſſen Neigungen mit den meinigen harmonirten, und der im Vertrauen auf die eigene Wahrheitsliebe und Ehrenhaftigkeit nie die meinige beargwohnt hätte. Sie ſtaunen, daß Sie mich ſo ſprechen hören,“ fuhr ſie fort,„aber ich bin kein Kind mehr; der Gram hat mich zum Weib gemacht. Hätten Sie gehandelt, wie es Ihnen zuſtand, ſo wäre mir wohl der kind⸗ liche Sinn geblieben.“ „Hören Sie mich, Zamora. Ich kann wieder—“ „Machen Sie keine übereilten Verſprechungen, die wandelbar ſind wie der Wind. Es braucht nur ein hirnloſer Laffe Ihrer Frau ein Compliment zu machen 127 und dieſe über die Fadheit zu lächeln, ſo wird Ihr eiferſüchtiges Weſen auf's Neue losbrechen. Ich wage es nicht mehr, Ihnen zu trauen.“ „So hören Sie nur!“ „Ich will Ihnen nicht mehr trauen,“ fuhr das junge Weſen mit einer Entſchloſſenheit fort, die ihn beſtürzt machte.„Sie haben mir meine Be⸗ ſtimmung vorgezeichnet, und ich füge mich darein. Meine Zukunft iſt ein Leben der Sorge; ich werde jedes Wort abwägen müſſen, ehe ich es ſpreche— jeden meiner Blicke hüten, damit ich bei Ihnen nicht errege. Ach, daß ich dies früher gewußt ätte!“ „Zamora,“ rief Mr. Chutnee,„Ihre Worte ſchneiden mir tief in die Seele. Sie wiſſen, daß ich nur in Ihrem Lächeln lebe. Hören Sie mich!“ „Ich höre.“ „Ich bin alt; wie lange werde ich noch zu leben haben? Machen Sie den Reſt meiner Tage glück⸗ lich, und meine ganze Habe ſoll auf Sie übergehen.“ Mrs. Chutnee lächelte geringſchätzig. „Sie wiſſen noch nicht, was mit Reichthum er⸗ kauft werden kann.“ „Nur zu ſchmerzlich,“ entgegnete ſie ſchau⸗ dernd. „Sie treiben mich zum Wahnſinn.“ „Sie haben mich elend gemacht.“ „Iſt denn keine Hoffnung mehr?“ „Keine,“ erwiderte Zamora.„Fortan kann ich Ihnen nur noch eine Tochter ſein, da Sie alle an⸗ dern Bande zerriſſen haben; doch werde ich wie eine pflichtgetreue Tochter nach Ihrem Gefallen leben. 128 Ich habe mir nie viel aus den Schmeicheleien und Zerſtreuungen der Geſellſchaft gemacht; ſie mögen dahin fahren, damit ich allein ſei mit meinen traurigen Gedanken. Der arme Vogel, den Sie gefangen haben, wird in ſeinem vergoldeten Käfig bleiben; aber wenn ſein Geſang verſtummt iſt, ſo haben Sie nur ſich ſelbſt die Schuld beizumeſſen.“ „Zamora,“ rief Mr. Chutnee in großer Auf⸗ regung,„Sie ſind grauſam gegen ſich ſelbſt— gegen mich. Kein zürnendes Weib hat je eine ausgeſuch⸗ tere Rache genommen.“ „Und doch zürne ich nicht,“ verſetzte die Dame ruhig. „Ich ertrage die Qual nicht, wenn ich mit an⸗ ſehen muß, wie Sie in der Einſamkeit hinwelken. Soll meine Liebe der Untergang Ihres Glückes ſein?“ „Nicht Ihre Liebe, ſondern Ihre Eiferſucht.“ „Beim Himmel!“ fuhr er fort,„tauſendmal lie⸗ ber will ich Sie in der Welt— als der Abgott eines jeden Anbeters ſehen, der ſich im Sonnenſchein Ihrer Schönheit wärmen will.“ „Ich brauche keine Anbeter. Ich werde Lillian und Lady Bell haben; aber vielleicht ſind Sie auch auf dieſe eiferſüchtig.“ „Hören Sie mich.“ „Noch weiter,“ rief die gereizte Schöne in einen Strom leidenſchaftlicher Thränen ausbrechend,„Sie haben mich gedemüthigt— vor mir ſelbſt gedemüthigt. Wann habe ich Ihnen je Anlaß gegeben zu dem Arg⸗ wohn, ich könnte unaufgefordert mein Herz Jemanden vor die Füße werfen, der ſich nicht um mich kümmert und der noch obendrein Bräutigam iſt?“ 129 „Es war ungerecht,“ murmelte der Kaufmann. „Oh, der verhängnißvollen Stunde, die dieſen Richard Tyrrell in mein Haus führte!“ „Sie haben ſie ſelbſt dazu gemacht. Wie wenig dachte der gute junge Menſch, als er mit der Offen⸗ heit eines Bruders ſich gegen mich ausſprach, daß jedes ſeiner Worte von dem feinen Ohr der Eifer⸗ ſucht belauſcht und jedes Lächeln mißdeutet würde! Und doch heuchelten Sie Freundſchaft gegen ihn. Arme Menſchheit! Wie leicht nimmt der Thon, aus dem du geformt biſt, die ſchnödeſten Eindrücke auf!“ „Ich will ihn um Verzeihung bitten,“ ſagte Mr. Chutnee demüthig. Zamora's Augen blitzten und ihre ſchönen Lippen verzogen ſich zu einem Ausdruck ſo bitterer Verach⸗ tung, daß der alte Fasler ganz und gar den Kopf verlor. „Wie,“ rief die Dame,„Sie wollen ihn wiſſen laſſen, daß es Jemand wagte, mich zu beargwöhnen, ich könnte ihm unaufgefordert meine Liebe zuwerfen und die Gelübde brechen, die ich Angeſichts des höch⸗ ſten Richters abgelegt habe? Nimmermehr!“ „Was ſoll ich denn thun?“ fragte der troſtloſe Kaufmann. „Nichts. Wir beide müſſen uns unſerer Strafe unterwerfen— ich, weil ich glaubte, ein alter Mann, den ich einmal zu lieben ſo ſchwach war, könne an ſeine Zuneigung auch Vertrauen knüpfen— Sie, weil Sie gezweifelt haben, wo Ihnen die Weisheit Vertrauen gebot.“ Dies Alles erſchien Herbert Chutnee ſo ſeltſam, Smith, Ebbe u. Fluth. W. 9 130 daß es kein Wunder war, wenn er vor Verwirrung ſich nicht zu helfen wußte. Er hatte ſich zwar ſchwer verfehlt, meinte aber doch, die Strafe ſei zu hart, und ſo arbeitete er ſich allmälig in eine Art Aerger und Ungeduld hinein. vergeſſen,“ ſagte er,„daß Sie meine Frau ſind.“ „Wie könnte ich dies vergeſſen!“ „Und daß ich Rechte habe, die—“ Zamora brach in ein Lachen aus, das hart und gellend widertönte. „Rechte?“ rief ſie.„Rechte über ein Kind, das Sie zu einer Ehe betrogen, nur um es elend zu machen? Denn in der Penſion war ich glücklich mit meinen Blumen, meinen Büchern und meinen Ge⸗ ſpielinnen. Sprechen Sie wieder von Rechten, ſo verlaſſe ich Ihr Haus und zerreiße das letzte Band zwiſchen uns.“ „Um ſich einem Andern in die Arme zu werfen!“ entgegnete ihr Gatte wüthend. „Ich werde nie aufhören, mich ſelbſt zu achten, wenn ich auch Sie nicht mehr achten kann,“ erwiderte die Frau ruhig. „Das iſt eine Folter!“ „Zu der Sie das Wertzeug erfunden haben.“ Mit dieſen Worten kehrte Mrs. Chutnee trotz aller Bitten und Vorſtellungen des Mannes, den ſie fortan nur noch als Vater betrachten wolle, in das Haus zurück. In ſeiner Verzweiflung verwünſchte er bitter ſeine Thorheit; denn mit ſeiner Eiſerſucht auf Richard Tyrrell hatte es in demſelben Augen⸗ blick ein Ende, in welchem vielleicht, wenn er im 131 Herzen ſeines Weibes hätte leſen können, der meiſte Grund dafür vorhanden geweſen wäre. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo, daß Zamora an ihrem eigenen Herzen zweifelte, zwar nicht an ſeiner Tugend, denn noch kein unreiner Gedanke hatte es befleckt; aber der grundloſe Verdacht ihres Man⸗ nes war Urſache geworden, daß ſie weit mehr an unſeren Helden denken mußte, als wohl ſonſt der Fall geweſen wäre, und zu ihrem Schrecken und Erſtaunen machte ſie die Wahrnehmung, daß die Kunde von ſeiner Verlobung mit Lillian ſie wie ein ſchmerzlicher Schlag durchzuckte. Wohl durfte ſie ihren Gatten anklagen, daß er ihr junges Herz träu⸗ meriſch gemacht habe. Als er ihr in den Salon nachkam, denn er ſchloß ſich nicht den beim Wein ſitzenden Gentlemen an, fand er ſie zwiſchen Lady Bell und Lillian. Letztere hatte ihr verſprechen müſſen, das Geheimniß, das ſie ihr vertraut hatte, auch vor ihrer Beſchützerin zu bewahren. „Es freut mich, daß Sie kommen,“ ſagte die gnädige Frau.„Zamora iſt heute ganz unvernünf⸗ tig. Ich fürchte faſt, Sie verderben ſie. Brauchen Sie Ihren Einfluß.“ „Den ſchlagen Sie vielleicht zu hoch an,“ mur⸗ melte der Chemann mit einem Seufßzer. „Sie will durchaus nicht an einem Ausflug mit⸗ machen, den wir auf morgen nach einer der ſchönen Hooghlyinſeln verabredeten. Haben Sie je von einem ſolchen Eigenſinn gehört?“ „Warum wollen Sie die Einladung 132 men, meine Liebe?“ fragte Herbert.„Sie ſind doch ſonſt eine Freundin von Waſſerpartieen.“ Die gekränkte Schöne ſchüttelte den Kopf. „Ich kann Sie unbeſorgt der Obhut unſerer Freunde anvertrauen,“ fügte er in der eitlen Hoff⸗ nung bei, ſie durch die Kundgebung eines Vertrauens zu verſöhnen, die auch jetzt noch ihn ſchwer ankam. „Verlockt Sie dies nicht?“ ſagte Lady Bell lachend. „O nein.“ In dieſem Augenblicke öffnete Richard die Thüre des Salons. Die Blicke, welche zwiſchen ihm und ſeiner Braut gewechſelt wurden, überzeugten den Kaufmann, wie unbegründet ſeine Beſorgniſſe gewe⸗ ſen waren. Zamora betrachtete ihren Gatten mit einem kal⸗ ten Lächeln. „Kommen Sie, Mr. Tyrrell,“ ſagte der Letztere, müſſen die Wirkung Ihrer Beredtſamkeit ver⸗ uchen.“ „Weßhalb?“ „Es handelt ſich um eine Luſtpartie.“ „Oh, dann verſpreche ich, alle meine Kräfte auf⸗ zubieten.“ „Meine Frau will nicht mitmachen, weil ich nicht dabei ſein kann,“ fuhr Mr. Chutnee fort.„Sie müſſen ihr dieſe Grille ausreden.“ Er führte unſern Helden nach der Ottomane, wo die Damen ſaßen. Richard machte ſeine Verbeugung in der Form, in welcher die Orientalen eine Bitt⸗ ſchrift zu überreichen pflegen, und brachte ſein Ge⸗ ſuch vor. „Abgewieſen,“ ſagte Zamora und wandte ſich 133 dann mit der ironiſchen Bemerkung an ihren Gatten: „Sie ſehen, daß ich bei einem Entſchluß beharren kann.“ Herbert Chutnee begann eine große Unruhe zu fühlen, denn er fürchtete, daß ſie Wort halten werde. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Während das Mitgetheilte im Garten und in dem Salon ſtattfand, hatten Jack und Kaleb, von Heirim begleitet, ſich nach dem Tempelhain begeben, wo Haſſan und Al Murad ihre geheimen Zuſammen⸗ künfte abzuhalten pflegten; denn unſere Leſer haben wohl ſchon geahnt, daß der ſchlaue Kenſuma im Hauſe ſeines neuen Herrn den Spion ſpielte, dage⸗ gen die Treue, wenn je eine ſolche Eigenſchaft in ihm Platz greifen konnte, ſeinem alten Gebieter be⸗ wahrte. Die Jünglinge hatten ſich noch nicht lange in dem Gebüſch verſteckt, als die erwarteten Perſonen in eifrigem Geſpräch herankamen. Der Bankier ſuchte augenſcheinlich ſeinen Begleiter zu einer Handlung zu bewegen, auf welche dieſer nicht eingehen wollte oder für die er noch nicht hoch genug beſtochen war. Wie beneidete Jack den Seis um ſeine Kenntniß der Sprache! Er fühlte ſich überzeugt, daß ein Com⸗ plott gegen ſeinen Wohlthäter angeſponnen wurde, und hätte Welten darum gegeben, wenn er dahinter gekommen wäre. Al Murads Worte ſchienen nur wenig Eindruck auf Haſſan zu machen, bis endlich auch ein ehrwür⸗ dig ausſehender Prieſter, der aus dem Tempel heraus⸗ kam, ſich ihnen anſchloß. Die beiden Hindus be⸗ grüßten ihn mit tiefer Verehrung. Als Kaleb ſeine Hand auf Heirims Arm legte, fand er zu ſeinem Erſtaunen, daß der Knabe heſtig zitterte. „Der erinnert mich an Onkel Andrew,“ dachte Jack Manders, den alten Mann feſt ins Auge faſſend— eine Betrachtung, die ſeine gute Meinung von ihm nicht erhöhte. Das Erſcheinen des Prieſters bewirkte eine auf⸗ fallende Veränderung in dem Benehmen Haſſans, deſſen Bedenklichkeiten und Einwürfe mit einem Mal zu verſchwinden ſchienen. Er ließ ſich einen kleinen ſeidenen Beutel geben, den er ſofort in ſeiner Bruſt verwahrte. Dann begaben ſich alle drei in den Tempel und entzogen ſich damit den Blicken ihrer Beobachter. „Wer iſt der alte Mann, Heirim?“ fragte Jad. „Fragt mich nicht,“ verſetzte der Knabe ſchaudernd. „Von was ſprachen ſie?“ „Vom Glauben. Es reut mich, Euch hieher ge⸗ bracht zu haben.“ „Vom Glauben?“ verſetzte Jack.„Hum, mag ſein aber offen geſtanden, ich ſchenke Eurer Antwort nicht viel Glauben.“ „Warum habt Ihr ſo gezittert, als ich meine Hand auf Euch legte?“ fragte Kaleb. „Ich habe die Waohrheit geſprochen,“ murmelte der Seis in ärgerlichem Ton,„und Ihr habt kein Recht, dies zu bezweifeln. Als ich glaubte, man brüte Unheil gegen den Sahib Tyrrell, hab' ich Euch 135 meinen Argwohn mitgetheilt; aber Heirim wird ſeinen Glauben nicht verrathen.“ Weiter war nichts aus ihm herauszubringen. Seine Begleiter fanden die Antwort nichts weniger als beruhigend, und beſchloſſen, ihren Argwohn un⸗ ſerem Helden mitzutheilen, damit dieſer in der nächſten Nacht ſelbſt ſich auf die Lauer lege; denn Jack dachte, bei ſeiner Sprachkenntniß müßte er leicht der Sache auf den Grund kommen. Zum Unglück war Richard am andern Morgen, noch eh Manders ihm die beabſichtigte Mittheilung machen konnte, nach Mr. Chutnee's Comptoir aufgebrochen. Unſer Held hatte den Wink, welchen ihm Lieute⸗ nant Marſh über Al Murad gegeben, nicht vergeſſen. Der Mann war durch ſeine Stellung in der eng⸗ liſchen Geſellſchaft bekannt und wohlgelitten, da er als ein verſtändiger Hindu galt, der ſich nicht viel aus den Vorurtheilen ſeiner Kaſte zu machen und auch dem herabwürdigenden Aberglauben der Aſiaten weniger zu fröhnen ſchien. Richard hatte mehr als einmal bemerkt, daß die Augen des Bankiers auf ihm und Lillian ruhten, wenn ſie mit einander tanz⸗ ten, und bei ſolchen Gelegenheiten pflegte der Kauf⸗ mann, ſtatt verwirrt zu erſcheinen, lächelnd heran zu treten und mit ihnen zu plaudern. Bei den Orien⸗ talen gilt Verſtellung für Weisheit. Eines Tages erſchien der Bankier in Mr. Chut⸗ nee's Comptoir und fragte in nicht ſehr höflichem Tone nach Mr. Sanford. Richard bemerkte, daß dieſer ungemein verwirrt wurde, obſchon er ſich Mühe gab, es zu verbergen.„Wohl eine Schurkerei,“ dachte unſer Held, als die Beiden in eine Fenſter⸗ 136 niſche traten, wo ſie lang und lebhaft mit einander flüſterten. Der eingeborene Bankier zog ſein Taſchen⸗ buch heraus und zeigte Sanford ein Papier, wozu dieſer die Achſeln zuckte und kleinlaut etwas erwi⸗ derte. Al Murad benahm ſich Anfangs hochtrabend und unerbittlich, ſchien aber allmälig den Vorſtel⸗ lungen des Hauptbuchhalters nachzugeben, und ein paar Mal glaubte Richard ſogar wahrzunehmen, daß ſie einen Blick nach ihm hingleiten ließen. Was hatte wohl er mit ihren Angelegenheiten zu ſchaffen? Endlich drückten ſie ſich die Hände— ein ſicheres Zeichen, daß ſie ſich über ein Stückchen Spitzbüberei geeinigt hatten. Sanford begleitete den Hindu nach der Thüre des Hauſes und blieb, als er zurückkehrte, an Ri⸗ chards Pult ſtehen. „Ein zudringlicher Kerl, wie überhaupt alle Ein⸗ geborenen,“ bemerkte er über den abgegangenen Be⸗ ſuch.„Der Mann iſt ſo reich wie Kröſus, wenn es überhaupt eine ſolche Perſon gegeben hat, und doch will er faſt närriſch werden wegen eines Wechſels für lumpige fünfhundert Pfund, der ſo gut iſt wie die Bank von Calcutta.“ „Ich ſollte das auch meinen,“ bemerkte ſein Zu⸗ hörer, ſich gleichgültig ſtellend.„Mr. Curry wenig⸗ ſtens würde keinen Anſtand nehmen, auf die Unter⸗ ſchrift Chutnee hin das Zehnfache dieſes Betrags und noch mehr zu discontiren.“ „Hoffentlich,“ rief der Hauptbuchhalter, über Richards Einfall lachend;„aber es handelt ſich nicht um die Ordre des Principals, ſondern um die meinige.“ 137 „Um die Ihrige?“ „An den jüngeren Aſſocié des großen Hauſes Bently, Kearn und Compagnie in der Lombardſtraße, London.“ Obwohl unſerem Helden das Herz ungeſtüm klopfte, verrieth doch kein Zug ſeines Geſichtes die Erregung ſeines Innern. „Sie kennen vielleicht die Firma?“ „Ich habe in England nie meinen Fuß in ein anderes Comptoir geſetzt, als in das von Mr. Curry,“ entgegnete Richard ausweichend.„Doch Sie haben vielleicht vergeſſen, Ihrem Correſpondenten Anzeige zu machen?“ „Nein, das nicht.“ „Alſo keine Effekten?“ rief unſer Held lachend. „Oh, reichlich. Die Sache iſt die, daß ich ſchon mehrere Jahre den gleichen Betrag auf ihn gezogen habe, und nie iſt mein Wechſel proteſtirt worden. Es muß etwas Ernſtliches vorgefallen ſein, ſonſt wäre mir dieſe Widerwärtigkeit nicht begegnet.“ „Ihre Agentur iſt alſo ſehr werthvoll?“ „Das eben nicht, wohl aber mein—“ er hielt inne und ergänzte den Satz mit dem Wort„meine Freundſchaft“. Er hatte„Schweigen“ ſagen wollen. „Wenn Sie ihn für mich discontiren könnten, ſo würden Sie mir einen wahren Dienſt leiſten,“ fuhr er fort.„Ich habe unter der Hand eine treff⸗ liche Speculation in Indigo gemacht und dem Pflan⸗ zer Geld vorgeſchoſſen; wenn ich aber zum Verkauf gezwungen bin, ſo—“ „Sie vergeſſen, daß ich noch kein Geſchäft ange⸗ 138 fangen habe,“ bemerkte Richard gleichgültig;„aber laſſen Sie mich Ihren Wechſel anſehen.“ Sanford händigte ihm haſtig das Papier ein. „Iſt dies die Unterſchrift des Traſſaten?“ fragte Richard, auf den Namen„Carus Kearn“ deutend. „Deß können Sie verſichert ſein. Ich erhalte jedes Jahr eine Signatur in blanco. Es hat da ein ärgerliches Verſehen ſtattgefunden. Nun, was iſt Ihre Meinung?“ „Ich muß mich zuvor über die Solidität des Hauſes erkundigen. Den Namen der Firma habe ich vielleicht ſchon gehört; aber jedenfalls weiß ich nicht, wie er auf der Börſe angeſchrieben iſt.“ „Um's Himmels willen, nur nicht bei Chutnee,“ ſagte der Hauptbuchhalter beunruhigt.„Ich bin durch den Vertrag gebunden, nicht für eigene Rech⸗ nung Geſchäfte zu machen, und thue es auch nur in ſeltenen Fällen, wenn mir etwas Verlockendes in den Wurf kömmt. Der Principal würde mir nie ver⸗ geben. Seit der Krankheit ſeiner Frau iſt er ſo un⸗ geberdig wie eine Hyäne.“ „Wie, iſt Madame Chutnee krank?“ fragte Ri⸗ chard, in ſeiner Theilnahme für Zamora alles An⸗ dere vergeſſend. „Ihre Ayah ſagt, ſie härme ſich zu einem Skelett „Und die Krankheit?“ „Niemand weiß daraus klug zu werden. Sie hat ſchon ein Dutzend Aerzte gehabt, eingeborne und europäiſche. Ich wollt' es übrigens errathen,“ fügte Sanford mit gedämpfter Stimme und einem ſchlauen Blinzeln bei. a 139 „Wirklich?“ „Sie iſt endlich dahinter gekommen, daß ſie einen alten Mann hat, und daß die Gefangenſchaft auch im goldenen Käfig Gefangenſchaft bleibt.“ „Wohl möglich,“ dachte der Jüngling, der ſich ſchon oft gewundert hatte, wie ein bloßes Kind da⸗ zu gekommen war, einen ſo viel älteren Mann zu heirathen. „Nun, was ſagen Sie?“ begann Sanford wieder. „Ich muß Nachfrage halten.“ „Zum Henker, Sie ſind reich und können es ohne dies thun.“ „Aber nicht reich genug, um fünfhundert Pfund in die Schanze zu ſchlagen.“ „Wann kann ich Antwort haben?“ „Morgen.“ Noch am nämlichen Abend berieth ſich Richard mit ſeinem Freund Marſh, der ihm nach einigem it unbedingt auf den Antrag einzugehen em⸗ pfahl. „Es iſt von Wichtigkeit,“ ſagte der Lieutenant, „einen Beweis für das Einverſtändniß des Verläum⸗ ders Ihres Vaters mit ſeinem Agenten beizubringen — denn es wird ſich herausſtellen, daß wir Sanford in dieſem Lichte zu betrachten haben. Sie geben den Wechſel mir, und ich ſende ihn Ihrem Groß⸗ vater, der noch andere und weit ernſtlichere Urſachen hat, ſeinem Reffen böſe zu ſein. Er hat mir zwar die Einzelnheiten nicht vertraut, aber ich werde nie das Geſicht vergeſſen, das er machte, als er darauf anſpielte.“ Als am andern Tag Sanford ſeine Antwort 140 holen wollte, erklärte Richard Tyrrell ſeine Bereit⸗ willigkeit, ihm den gewünſchten Gefallen zu erweiſen, denn er habe die befriedigendſte Auskunft über den Stand der betreffenden Firma erhalten. Der Haupt⸗ buchhalter erſchöpfte ſich in Dankesergießungen, und das Geſchäft ſchloß ſehr zur Zufriedenheit des Wechſel⸗ inhabers, welcher das Papier dem Lieutenant zur Beförderung nach England übergab. Zu Ende der Woche erſchien Al Murad wieder in Mr. Chutnee's Bankhaus und fragte wie gewöhn⸗ lich mit großer Ungeduld nach Mr. Sanford. „Sie werden ihn auf der Börſe finden,“ bemerkte unſer Held grüßend. Der Orientale verbeugte ſich mit ſeiner gewohn⸗ ten Geſchmeidigkeit, dankte und entfernte ſich, kehrte aber nach weniger als einer Stunde mit dem Haupt⸗ buchhalter wieder zurück. Sie kamen an das Pult, an welchem Richard ſchrieb, und baten ihn um eine Beſprechung von einigen Minuten. „So wollen wir in Mr. Chutnee's Privatzimmer treten,“ verſetzte unſer Held.„Er wird vor einer Stunde nicht eintreffen.“ Der Vorſchlag wurde angenommen. Der große Unterſchied in dem Benehmen der beiden Männer mußte Richard auffallen. Al Murad war kalt, gefaßt und vorſichtig wie die zum Sprung ausholende Schlange, ſein Begleiter dagegen in hohem Grade aufgeregt. „Mein lieber Freund, Sie erinnern ſich des Wechſels,“ rief Sanford. „Den ich discontirte?“ „Ja.“ 141 „Sofern es mein erſtes Geſchäft war, merkanti⸗ liſches nämlich meine ich,“ entgegnete Richard lachend, „müßte es ſonderbar hergehen, wenn es nicht der Fall wäre. Fünf Procent ſind kein übler Gewinn für einen jungen Anfänger.“ „In Indien bringt Geld oft Zwölf ein,“ be⸗ merkte der Hindu⸗Bankier in geſchmeidigem, einſchmei⸗ chelndem Tone. „Mit Riſiko.“ „Allerdings.“ „Ich habe mit der geſtrigen Poſt Aviſen von England erhalten,“ nahm der Buchhalter ungeduldig wieder auf.„Es hat eine hölliſche Irrung bei dem Menſchen, der den Wechſel präſentirte, ſtattgefunden. Ich wußte wohl, daß Mr. Kearn nicht mit mir ſein Spiel treiben würde.“ „Ich erinnere mich, daß Sie mir dies bereits geſagt haben.“ „Er hat mir das Geld geſchickt.“ „Freut mich.“ „Und ich erbitte mir deßhalb den Wechſel zurück. Wegen des Disconto's werden wir ſchon in's Reine kommen.“ „Sehr gern, wenn es in meiner Macht ſtünde.“ „Wie, Sie haben ihn ſchon weggegeben?“ „Nach England geſchickt.“ Die Beiden wechſelten unruhige Blicke. „Aergerlich!“ brummte der Eine. „Kismit!“ rief der Andere. Die Hindus bedienen ſich dieſes Wortes, das „Schickſal“ bedeutet, wenn ſie in irgend einem Er⸗ 142 eigniß das Walten einer allweiſen Vorſehung zu er⸗ kennen glauben. „Warum haben Sie mir nicht geſagt, daß ich ihn bei Handen behalten ſolle?“ fragke Richard, nach einem weiteren Schlüſſel forſchend. „Ich dachte nicht, das Kearn das Geld ſchicken würde,“ lautete die Antwort. „Wenn er ſo reich iſt, hat ers ja leicht können.“ „Es iſt nicht dies,“ unterbrach ihn Sanford haſtig,„ſondern die— kurz, es muß jedem Mann von jeiner Stellung in der Handelswelt höchſt un⸗ angenehm ſein, wenn ſein Wechſel wieder zurückgeht. Ich hoffe, er wird durch das Haus Curry und Com⸗ pagnie präſentirt?“ „Sie wiſſen, ich ſtehe zur Zeit mit keiner andern Firma in Verbindung,“ bemerkte der junge Mann ausweichend. Als am ſelbigen Abend Richard wie gewöhnlich bei Sir Charles ſeinen Beſuch machte, fand er Lillian in Thränen und Lady Bell in einer ſehr ernſten Stimmung. „Was iſt vorgefallen?“ fragte er haſtig. „Das Regiment hat Marſchbefehl nach Delhi er⸗ halten.“ „Und wann ſoll es aufbrechen?“ „In fünf Tagen.“ „So bald!“ Er ſagte dies zu der Beſchützerin des ſchönen Mäd⸗ chens, deſſen Herz zum erſten Mal die Laſt des Kummers drückte. Hätte das arme Kind vorausge⸗ ſehen, welche Leiden ihr noch bevorſtanden, ſo würde ſie ihre Thränen zurückgehalten haben; aber die 143 Vorſehung verhüllt barmherzig das Blatt der Zu⸗ kunft. Läge es offen vor unſeren Blicken, ſo würde die Gegenwart keinen Reiz mehr haben. „Unter den Sepoys macht ſich eine unzufriedene Stimmung bemerklich,“ ſagte die gnädige Frau.„Es ſoll ſich um Patronen handeln, aber Sir Charles meint, dies ſei nur ein Vorwand.“ Richard dachte an die warnenden Worte ſeines Freundes Marſh. „Wenn Gefahr vorhanden ſein ſollte,“ bemerkte er,„ſo wird es am beſten ſein, wenn Sie, gnädige Frau, in Calcutta bleiben.“ Die hochherzige Frau richtete ſich ſtolz auf. „Ich verzeihe Ihnen, Richard,“ antwortete ſie, „aus zwei Gründen— erſtlich, weil Sie verliebt und wegen Lillians beſorgt ſind, des Schmerzes der Trennung nicht zu gedenken, wenn dieſe auch nur von kurzer Dauer iſt; denn ſobald der Gouverneur und der Colonialrath ſich von ihrem Schrecken er⸗ holt haben, wird ohne Zweifel das Olſte wieder zu⸗ rückbeordert werden.“ „Und der zweite Grund?“ „Weil mein Gatte gerade ſo dentt, wie Sie.“ „Dann werden Sie wohl nachgeben müſſen.“ „Das folgt noch nicht daraus,“ verſetzte die Lady ſchalkhaft.„Als ich Sir Charles heirathete, wollte er den Dienſt aufgeben; aber ich erhob Einſprache dagegen, weil ich wußte, wie ſehr ihm ſein Beruf am Herzen lag. Mit meiner Einwilligung, eine Soldatenfrau zu werden, habe ich alle die Unbe⸗ quemlichkeiten einer ſolchen Wahl mit in den Kauf genommen, ſelbſt das Einpacken meiner Kleider, die 144 Verwirrung meines Boudoirs und das Abbrechen ſo vieler angenehmen Bekanntſchaften.“ „Sie vergeſſen die Gefahr.“ „Die iſt nicht vorhanden.“ Lillian theilte jedoch dieſe Anſicht nicht; ſie zit⸗ terte nicht nur für die Sicherheit ihres Beſchützers, der wie ein Voter an ihr gehandelt hatte, ſondern auch vor dem Gedanken an eine Trennung von dem Mann, den ſie liebte. „Da kömmt auch noch Roſa und macht ein Jam⸗ mergeſicht, als ob ihr Mann ſchon dem Feind gegen⸗ über ſtehe!“ rief die Lady, als Mark Rayner's Gat⸗ tin mit verweinten Augen in das Zimmer trat.„Ei, Roſa, ich hätte Euch mehr Muth zugetraut.“ Lilly umſchlang ihre Pflegerin mit ihren Armen und ſuchte ihr die Thränen wegzuküſſen. „Es iſt nicht dies,“ ſchluchzte die Frau. „Was denn?“ „Mark iſt auf Befehl des Major Plinlimmon in Arreſt geſetzt worden.“ „Der ſchreckliche kleine Major!“ rief die gnädige Frau.„Immer thut er etwas Widerwärtiges.“ „Sein Vergehen wird nicht ſo arg ſein,“ bemerkte unſer Held.„Wir wollen bei Sir Charles ein gu⸗ tes Wort für ihn einlegen.“ Roſa rang die Hände. „Er wird ihn wieder freigeben,“ flüſterte Lillian. „Er kann nicht,“ murmelte die troſtloſe Frau. „Es haondelt ſich um eine ſchwere Verfehlung gegen die Mannszucht.“ „Hat er ſich betrunken?“ „Nein.“ 145 „Was denn?“ „Einen Gefangenen freigelaſſen, der ſeiner Be⸗ wachung vertraut war. Mein Mann commandirte die Gefängnißwache.“ „Wie heißt der Gefangene?“ „Sanders.“ „Arme Roſa,“ ſagte ihre Beſchützerin, als ſie den Namen hörte,„dies iſt in der That ein Unglück. Der Knoten verſtrickt ſich mehr und mehr, und die lang verhehlte Wahrheit muß wohl bald an den Tag kommen. Wären wir lieber gleich ganz mit ihr herausgegangen.“ Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Eh' wir von den Umſtänden ſprechen, unter denen Sanders Gemeiner in Marks Regiment geworden war, müſſen wir den Leſer nach dem Flottenarſenal Kent zu einigen Perſönlichkeiten zurückführen, die er hoffentlich noch nicht vergeſſen hat. Als Fidler Dick an die Werfte von Chatam ab⸗ geliefert wurde, benahm er ſich wie die meiſten Neu⸗ linge anfangs ſehr ungeordnet und unbotmäßig; aber die eiſerne Mannszucht des Platzes flößte ihm bald eine andere Geſinnung ein und belehrte ihn, daß eine völlige Aenderung ſeines Benehmens noth⸗ wendig ſei, wenn er ſeine ſieben Jahre leidlich ver⸗ bringen oder eine Strafmilderung erhalten wollte. Er wurde deßhalb allmählich ruhiger und begann dem Rath und den Ermahnungen des Caplans Ge⸗ Smith, Ebbe u. Fluth. 1V. 10 146 hör zu ſchenken, der unter dem Eindruck, es ſei ihm endlich gelungen, das harte Herz dieſes Sünders zu rühren, ein Intereſſe an ihm nahm. Wir brauchen den Leſer nicht zu belehren, daß die ſcheinbare Beſſerung des Sträflings nur auf Berechnung beruhte. Sieben Jahre waren eine Ewigkeit; ſo lange ſollte er ſich in glühendem Rache⸗ durſt gegen ſein treuloſes Weib verzehren! Vier hätte er aushalten mögen, aber ſieben war zu viel; die Zahl umſpuckte ihn wie ein Geſpenſt und er beſchloß, ſie wo möglich abzukürzen. Er war mit ſeinem Lebensplan eben in's Reine gekommen, als ſein früherer Leidensbruder eingeliefert wurde. Natürlich nahmen die beiden Sträflinge die alte Bekanntſchaft wieder auf, und da keiner mit Scham oder falſchem Zartgefühl geplagt war, ſo widmeten ſie die Stunden des Eſſens und der Er⸗ holung und namentlich die Freizeit des Sonntags einer geheimen und vertraulichen Beſprechung ihrer Angelegenheiten. Ein Umſtand war indeß Dick ſehr ärgerlich und ſetzte ſeine Freundſchaft auf eine ſchwere Probe. Mike konnte oder wollte nicht fromm werden; und wenn ſie beide in der Capelle ſich befanden und er aus voller Kehle ſang oder bei gewiſſen Predigtſtellen ächzte, ſo faß der alte Sünder da und ſah ihm mit einem breiten Grinſen auf dem Geſicht zu. Der cyniſche Schurke hatte augenſcheinlich Sinn fürs Lächerliche. „Ich werde wohl genöthigt ſein, Eure Bekannt⸗ ſchaft aufzugeben, alter Kerl,“ ſagte Dick eines Ta⸗ ges, als ſie ſich in dem großen Saale ergihg in it 147 welchem bei Regenwetter die Sträflinge ſich Bewegung machen durften. „Warum?“ „Der Pfarrer ſagt, Ihr ſeiet ein Böſewicht. Warum wollt Ihr Euch nicht bekehren? s iſt nicht ſo gar ſchwer, und Ihr werdet Euren Vortheil dabei finden?“ „Habt Ihr einen gefunden?“ Dick antwortete nur mit einem pfiffigen Blinzeln. „Ich glaub's,“ fuhr Mike fort,„und der Schlich iſt ſo übel nicht; aber mich würde er doch nichts nützen. Ich darf nie wieder hinaus.“ „Warum nicht?“ „Weil es zu viele Vornehme in der Welt gibt, die ein Intereſſe dabei haben, daß ich feſtgehalten werde,“ verſetzte der Sträfling mit wichtiger Miene. Selbſt das Verbrechen hat ſeinen Stolz, und der Hauseinbrecher blickt mit Verachtung auf die niedrige Zunft der langen Finger herab.„Ich bin nicht her⸗ geſchickt worden, weil ich etwas gethan habe, denn Ihr wißt, ich bin immer eigen darin geweſen, daß ich mit der großen Gefahr nichts zu thun haben wollte.“ „Und weßhalb ſeid Ihr denn eigentlich hier?“ „Weil man fürchtet, ich möchte plaudern; und was das Aergſte iſt, mein eigener Bruder hat nich hergeſchickt.“ „Es ſollte mich nicht wundern,“ bemerkte Dick, „wenn die Lilliansgeſchichte dabei zu Grund läge.“ „Ganz recht.“ „Na, jetzt könnt Ihr mir die Sache ſon ihhen 148 Das arme Ding! Ohne Zweifel iſt Bet längſt mit ihr fertig geworden.“ „Das iſt nicht der Fall.“ „Ihr kennt ſie nicht.“ „Es iſt ſo, wie ich ſage,“ wiederholte Mike.„Ich muß es doch wiſſen, da ſie am Tag nach Eurem Unglück zu mir kam und den Antheil verlangte, den ich Euch verſprochen hatte.“ „Ihr habt ihn ihr doch nicht gegeben?“ rief der Sträfling mit einem Ausdruck ſo grimmigen Haſſes, daß ſelbſt der hartgeſottene Mike ſich eines Schau⸗ derns nicht erwehren konnte. „Gegeben?“ verſetzte der Andere.„Für was haltet Ihr mich?“ „Aber Ihr habt das Geld gekriegt?“ „Vielleicht.“ „Schon gut; macht nur fort,“ ſagte Dick. „Dieſer Bruder war es,“ entgegnete Mike,„der mir das Frätzchen brachte— wollte Gott, ich hätte ſie nie geſeben. Jack kam dahinter, wo Andrew ſich aufhielt. Würdet Ihrs wohl glauben, der unnatür⸗ liche Schurke iſt reich, hat einé Farm, Geſinde, Land — kurz, er lebt wie ein Gentleman.“ „War das Kind ſein?“ „Nein.“ „Wem gehörte es?“ „Ich bin noch nicht recht klug daraus geworden,“ verſetzte Lillians früherer Kerkermeiſter, der mit weiter nicht herausrücken wollte, als eben nöthig war, um ſeine Lage in das gehörige Licht zu bringen.„Nur ſoviel hat ſeine Richtigkeit, daß eine Lady, eine hoch⸗ geborene Lady dabei im Spiel iſt.“ 149 „Und ſie zahlte das Geld?“ „Hum, ja,“ antwortete Mike ſtockend,„aber erſt als man Euch ſchon ſeſtgeſetzt hatte, ſonſt würdet Ihr von mir gehört haben.“ Der Gaukler zog ſeine Mundwinkel nieder. „Natürlich,“ ſagte er, mit dem Daumen der rech⸗ ten Hand über die linke Schulter deutend. „Ihr zweifelt doch nicht an mir?“ rief der Ge⸗ noſſe ſeiner Bande. „Was hilft's? denn ich wette, die Scheine ſind alle in die Rabuſe gegangen.“ „Nein, ſo iſt's nicht,“ flüſterte der alte Sträfling. Fidler Dick ſpitzte die Ohren bei dieſer intereſſan⸗ ten Kunde; denn er war überzengt, daß er ein mora⸗ liſches, wenn auch nicht geſetzliches Anrecht an einen Theil des Geldes hatte. „Wie, Ihr habt's doch nicht bei Euch?“ rief er, Mike vertraulich auf den Rücken klopfend.„Ah, Ihr ſeid ein Schlaukopf— den Viſitator ſo anführen!“ „Nein; hier iſt's nicht,“ bemerkte der Andere ruhig.„Meint Ihr, ich wäre ſonſt ein ſolcher Narr, davon zu reden?“ Der Kumpan machte ein langes Geſicht. Der Grund war zu triftig, als daß ſich etwas dagegen einwenden ließ. „Nein, ſo grün bin ich nicht,“ fuhr der Sprecher fort.„Ich hab' es an einem Platz verſteckt, den nur ich wieder finden kann, und dort ſoll es bleiben, wenn ich nicht aus dieſem verfluchten Gefängniß fortkomme.“ „Mike, Mike,“ rief ſein achtbarer Freund im Lone milden Vorwurfs,„Ihr werdet doch nicht ſo unnatürlich ſein, einen treuen Kumpan ſeines An⸗ theils zu berauben?“ „Ich ſorge nur dafür, daß er mich des meinigen nicht beraubt,“ verſetzte der alte Mann.„Da hilft weiter kein Zuſprechen. Wenn wir mit einan⸗ der fortkommen, ſo mache ich mir vielleicht nichts daraus, zu theilen.“ „Wie viel iſt's?“ „Mehr als genug, um uns beide nach Amerika zu bringen; es bleibt uns noch etwas zum Anfang,“ ſagte Mike ausweichend; denn als ein kluger Mann wollte er auf alle Zufälligkeiten gefaßt ſein. war demnach mehr als fünfzig?“ rief Fibler ick. „Mehr als zweimal fünfzig,“ flüſterte ſein Kumpan. „Dacht ich's doch,“ murmelte Dick bitter. „Natürlich wollte ich nicht mit Euch theilen und die Gefahr allein tragen,“ bemerkte der alte Sträfling. „Und als gefährlicher Handel hat er ſich herausge⸗ ſtellt. Was nützen mich hier die Scheine?“ „Warum bekehrt Ihr Euch nicht?“ erwiderte der Gaukler in überredendem Tone.„Es gibt nichts Leichteres auf der Welt; man braucht nur—“ „Ich weiß dies Alles,“ unterbrach ihn ſein Zu⸗ hörer ungeduldig,„und würd' es eben ſo gut pro⸗ biren wie Ihr, wenn ich nicht wüßte, daß es mich doch nichts hilft. Ich muß Euch dies näher erklären. Nachdem ich durch Jack darauf gekommen, wo mein koſtbarer Zwillingsbruder lebte, dachte ich, weil Jac auf die See gegangen war und ich mich ſo einſam fühlte, ich wolle bei Andrew einen Beſuch machen. — n ck n . 151 Dies iſt mir aber übel bekommen, denn er und ſeine veuhii hätten mich faſt mit Pilzen vergiftet.“ / fi fi bi Während meines Aufenthalts bei ihm erfuhr ich übrigens etwas— nein, Ihr braucht nicht die Ohren zu ſpitzen, es iſt ein Geheimniß.“ „Lilly betreffend?“ „Und ich bin hier,“ murmelte der Gatte Bets bitter vor ſich hin.„Sie ſoll mir's büßen, wenn ich wieder frei bin.“ „Ich zweifle nicht daran,“ bemerkte Mike ruhig, „und hab' ihr's auch geſagt. Doch das ſind Eure Sachen. Natürlich hoffte ich aus dem erlauſchten Geheimniß einen ehrlichen Penny zu verdienen und gab dies auch Andrew zu verſtehen, der mir ver⸗ ſprach, zu Londen in den Schlüſſeln mit mir zuſam⸗ menzutreffen. Ich hatte ihm acht Tage Zeit gelaſſen. Was meint Ihr nun, was er thut?“ „Kann mir's nicht denken.“ „Er geht zum Lord Mayor oder einem andern Lord, der Miniſter bei der Königin und mit der bewußten Dame verwandt iſt, und wirkt bei ihm aus, daß ich den Reſt meiner Zeit abſitzen muß.“ „Das wäre ja auf Lebenszeit!“ „Freilich.“ Fidler Dick pfiff ausdrucksvoll vor ſich hin. „Und da ſeht Ihr ſchon,“ fuhr Mike fort,„daß es nicht der Mühe werth wäre, mich zu bekehren. Bei Euch iſts etwas Anderes; Euch läßt man nach einem Jahr vielleicht laufen, denn Ihr macht Eure Sache nicht übel und könnt ſtöhnen und die Augen für Lebenszeit aushalten.“ 152 verdrehen ſo gut wie Einer. Ich aber muß ſchon „Scheint ſo,“ bemerkte ſein Freund philoſophiſch „Wenn Ihr mir nicht durchhelft,“ flüſterte ihm Mike zu.„In dieſem Fall würden wir das Geld unter uns theilen.“ Es ſtand einige Zeit an, eh' Dick dazu gebracht werden konnte, dieſen Gedanken in Erwägung zu nehmen; denn erſtlich ſcheute er die Gefahr des Un⸗ ternehmens, und zweitens zweifelte er an dem Vor⸗ handenſein des Geldes und an der Wahrheit von Mike's Angaben über den Grund ſeiner nochmaligen Beförderung nach dem Strafplatz. In letzterer Be⸗ ziehung fand er indeß bald Gelegenheit, dem Sach⸗ verhalt auf den Sprung zu kommen, da ihm einer der Aufſeher die Richtigkeit von Mike's Darſtellung beſtätigte. „Das kömmt hin und wieder vor,“ bemerkte der Mann.„Ich ſollte vielleicht nicht von ſolchen Din⸗ gen ſprechen; aber Euch kann ich's ſchon ſagen. Der Staatsſecretär Lord Carlington hat den Urlaubs⸗ ſchein kaſſiren laſſen.“ „Warum?“ „Denke wohl, weil er etwas gethan hat, was Anſtoß oder Argwohn erregte. Es ſteht mir nicht zu, mir Bemerkungen über meine Vorgeſetzten zu er⸗ lauben; aber hart kömmt es mir jedenfalls vor. Wir haben Auftrag, ihn aufs Schärfſte zu bewachen.“ „Man fürchtet doch nicht, daß er entwiſche?“ „Nicht ſonderlich,“ verſetzte der Aufſeher;„er iſt zu alt. Wär' er ſo ein ruhiger Burſche wie Ihr, ſo müßte man ſchon beſſer auſpaſſen.“ 153 „Bei mir? ich habe ja nur noch drei Jahre zu dienen,“ ſagte Dick,„und es iſt mir nicht darum zu thun, von hier fortzukommen, eh' ſich meine Grund⸗ ſätze befeſtigt haben. Die Welt iſt ſo voll von Ver⸗ ſuchungen und ich könnte wieder auf die früheren Irrwege gerathen.“ „So ſagte auch der Verwalter, als kürzlich der Caplan davon ſprach, man könne Euch der Regie⸗ rung als eines Urlaubsſcheins würdig empfehlen.“ Die Augen des Gauklers blitzten wild, als er hörte, wie der genannte Würdenträger die guten Abſichten des Geiſtlichen vereitelt hatte. Es war dem Strolch, als ob er ihn hätte erwürgen können. „Und was meinte der Pfarrer?“ fragte er, mit Mühe ſeine Wuth im Zaume haltend. „Daß er Eure Bekehrung für ächt halte.“ „Er iſt ein guter Mann und hat einen durch⸗ dringenden Geiſt, der in den Herzen zu leſen weiß,“ entgegnete der Sträfling, die Augen verdrehend. „Ich diene gern meine Zeit aus, wenn er meint, daß es zu meinem Heile diene.“ „Wirklich?“ „Und gehe auch gern, wenn er es für gut hält.“ „Das glaube ich lieber,“ bemerkte der Aufſeher, der von der ſcheinbaren Ergebung des Sprechers nicht ſonderlich erbaut war.„s iſt ein ſchrecklich langweiliger Platz und ich für meine Perſon wäre lange genug hier geweſen.“ „Ihr?“ verſetzte der Sträfling.„Ihr habt doch eine gute Stelle.“ „Paſſirt.“ „Ein ordentliches Einkommen.“ 154 „In Chatam iſt Alles ſehr theuer.“ „Ausſicht auf Beförderung.“ „Langſam genug,“ entgegnete der Aufſeher.„Als ich den Poſten annahm, beging ich die Thorheit, mer⸗ ken zu laſſen, daß ich nicht lang zu bleiben gedenke, und ſo rückten Andere mir vor. Wißt Ihr auch, wie ich in den Dienſt kam?“ „Wie ſollte ich?“ „Nun, da Ihr ein ordentlicherer Menſch zu ſein ſcheint, als die meiſten andern hier, ſo mache ich mir nichts daraus, Euch die Geſchichte zu erzählen. Mein Vater und mein Onkel waren unabhängige Wähler zu Swill Thorp in Sommerletſhire, meinem Geburtsort, der, obſchon nur klein, doch zwei Ab⸗ geordnete in's Parlament zu ſchicken hat. Wollte Gott, man hätte dort nie gewählt; denn dies iſt mein Untergang geweſen. Ich will Euch ſagen, wie dies zuging. Ich war noch ein Knabe, als unſer Mitglied, der ehrenwerthe Sloper Seedy, meinem Vater verſprach, daß er mir einen Dienſt bei der Regierung verſchaffen wolle. Da er dieſe Zuſage gegen meinen Vater und meinen Onkel ſtets wieder⸗ holte, ſo ſah man, ſtatt mich wie meine Brüder zu einem Gewerbe zu erziehen, in mir den Gentleman der Familie und ließ mir in Allem meinen Willen, während die Brüder geſtraft oder zur Arbeit ange⸗ halten wurden.“ „Das hat wohl zu nichts Gutem geführt?“ „Gewiß zu nichts Gutem; denn nach meines Vaters und meines Onkels Tod vergaß der ehren⸗ werthe Sloper Seedy ſein Verſprechen und der Gentleman der Familie ward zum Bettler. Weil 15⁵ man mich für verſorgt hielt, ſo hatte der Vater ſein Vermögen meinen beiden Brüdern vermacht, von denen der eine als Baumeiſter, der andere als acht⸗ barer Bäcker ſein gutes Auskommen hat.“ „Haben ſie Euch nicht vorwärts geholfen 2* „Rein, denn ſie ſtimmten immer gegen den alten Abgeordneten, und dies brachte ihn ſo auf, daß er ſeine Zuſagen vergaß und ich, wenn die letzte Wahl nicht geweſen wäre, nicht einmal dieſen lumpigen Poſten davon getragen hätte.“ „Wie ging dies zu?“ „Ich machte dem Gentleman drei Tage vor der Wahl meine Aufwartung und erklärte ihm, daß ich durch ſeine Verſprechungen zu Grunde gerichtet wor⸗ den ſei. Wenn er nun nicht etwas für mich thue, ſo werde ich die Huſtings beſteigen und ſein Beneh⸗ men vor aller Welt veröffentlichen.“ „Das war nicht dumm,“ rief Fidler Dick.„Vor den Parlamentsherren habe ich nie Reſpekt gehabt. Ich— das heißt ein Freund von mir, der wegen Taſchenmauſereien in Ungelegenheit kam, pflegte zu ſagen, er habe in der Taſche eines Mitgliedes nie etwas gefunden, was des Nehmens werth geweſen ſei.“ „Glaub's gerne,“ bemerkte der Aluſſeher!„Nun, das Ende davon war, daß der ehrenwerthe Sloper Seedy mir zu dieſem Poſten verhalf, den ich jetzt zwei Jahre verſehe. Ich habe mir nahezu ſo viel erſpart, um die Ueberfahrt nach Amerika beſtreiten zu können, und reicht's vollends ganz, ſo werde ich dahin auswandern.“ habe daſſelbe im Sinn, wenn, meine Zeit um iſt.“ 156 „Wirklich?“ „Kurios, wenn wir uns da wieder begegneten. Aber Ihr würdet dort mit meines Gleichen nichts zu thun haben wollen.“ „Ich bin nicht ſtolz.“ „Es würde mich in der That freuen, Euch wieder zu ſehen,“ rief Dick.„Aber Gott behüt, Ihr würdet mich nicht wieder kennen; der Platz hier entſtellt den Menſchen ſchrecklich.“ „Ein bischen Haar könnte freilich nicht ſchaden,“ ſagte der Aufſeher lächelnd mit einem Blick auf den glattgeſchorenen Kugelkopf des Sträflings. „Ich ſage Euch, gar nicht mehr kennen würdet Ihr mich,“ erwiderte Dick bitter,„wenn ich mein Haar hatte, namentlich nach einer friſchen Helung.“ Bald nachher gab die Glocke den Sträflingen das Zeichen zur Rückkehr in's Haus; aber Dick vergaß nicht, welche intereſſante Bekanntſchaft er gemacht hatte. In ſeinem Innern flüſterte etwas, ſie dürfte ſich ihm eines Tages nützlich erweiſen; denn kommende Er⸗ eigniſſe werfen ihren Schatten voraus. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Es iſt jetzt Zeit, daß wir zu zwei Charakteren unſerer Geſchichte zurückkehren, die zwar keine beſon⸗ ders hervorragende Rolle geſpielt haben, aber ohne Zweifel von dem Leſer nicht ganz vergeſſen ſind. Wir meinen William Thornton und Alice Boothroyd, die ſich ſeit der Wettſchifffahrt von Eton nicht wieder geſehen haben, ohne Zweifel zur großen Befriedigung 157 der ränkevollen Mutter, die unter Zuſtimmung ihres Gatten mit ihrer Tochter weit höher hinaus wollte. William hatte ſeine Univerſitätsſtudien auf's Ehren⸗ vollſte beendigt, zum großen Aerger ſeines alten Schulkameraden, des Viscount Illſton, der natürlich in Cambridge ſeinen früheren Beſchützer nicht mehr kennen wollte. Der Parvenu hatte die Ehren ſei⸗ nes Jahres davon getragen, bewarb ſich um den Rang eines Collegiaten und hatte das Glück, ihn zu erhalten. Wenn wir von Glück reden, ſo meinen wir die Auszeichnung, nicht das damit verbundene Stipen⸗ dium, das bei dem Reichthum ſeines Vaters für ihn nur Ene ſehr untergeordnete Bedeutung hatte. Der Freude über den Erfolg ſeiner angeſtrengten Studien fehlte übrigens immer noch etwas; denn voll konnte ſie nur werden durch Alice's Lächeln. Wie oft traten die Züge des ſchönen Mädchens vor ihn hin, wenn er über ſeinen Büchern brütete! Lord Illſton hatte als von Rechtswegen ſeinen Grad genommen; der Sohn des Peers war dazu befugt— zu dem Honorartitel nämlich. Alice war kein Kind mehr, weder den Jahren noch ihrer Denkweiſe nach. Die Natur hatte ſie nicht nur mit perſönlichen Reizen, ſondern namentlich auch mit jenen geiſtigen Gaben beſchenkt, welche bleiben, wenn auch die Schönheit entſchwunden iſt. Lady Boothroyd, welche, ſeit die Familie in London wohnte, die volle Herrſchaft über den ſchwankenden Geiſt ihres Gatten gewonnen hatte, wußte nicht, was ſie aus ihr machen ſollte. Die Mutter konnte nicht begrei⸗ fen, warum das Mädchen ſo gar keinen Ehrgeiz be⸗ 158 ſaß, und erklärte ſie deßhalb in ihrem Aerger für ein ungemein wunderliches Ding, während diejenigen, welche Alice näher kannten, ihre rechtliche Sinnesart zu ſchätzen wußten. Gegen den Vater, deſſen Schwäche ſie ſah und bemitleidete, erwies ſie ſich als eine liebevolle, gehor⸗ ſame Tochter, gegen die Mutter achtungsvoll, aber es war augenſcheinlich, daß die habſüchtige Frau in dem Herzen ihres Kindes nicht die Stelle einnahm, iu man von den Banden der Natur hätte erwarten ollen. Eines Morgens, als das Ehepaar eben die Aus⸗ ſichten der Erbin beſprach, trat der Tafeldecker ein und überreichte Sir Norman eine Karte. Der Baron las gleichgültig den Namen:„Major Hawley von der Penſchabreiterei.“ „Kennen Sie ihn?“ fragte Sir Norman, die Karte ſeiner Frau hingebend.„Ich erinnere mich keiner ſolchen Perſon.“ „Auch ich nicht,“ verſetzte die Dame. „Nicht zu Hauſe,“ ſagte der Baron. Der Lady Boothroyd fiel übrigens ein, daß dies der Name des Regiments war, in welchem ihr Schwa⸗ ger, der unglückliche Allan, gedient hatte; ſie beſchloß daher mit der Unruhe, h das Bewußtſein be⸗ gangener Uebelthaten ſtets begleitet, ihn zu ſehen, und beſtimmte ihren Gatten, den Beſuch vorzulaſſen. Major Hawley war eine ſchöne Probe des in⸗ diſchen Offiziers, der meiſt auf dem Schlachtfeld ſich den Weg zu Rang und Auszeichnung bahnen mußte — rauh und ſoldatiſch in ſeinem Aeußern und mit 159 einem Geſicht, in welchem ſich neben Mannhaftigkeit und Herzensgüte eine gewiſſe Schlauheit kund that. „Ich muß wegen meines Beſuchs um Entſchul⸗ digung bitten, Sir Norman, da Ihnen mein Name wahrſcheinlich fremd iſt.“ Der Baron verbeugte ſich und gab zu, daß er ihn früher nie gehört habe. „Sie bemerken,“ fuhr der Major fort, indem er nach der Karte auf dem Präſentirteller deutete,„daß ich in der Penſchabreiterei gedient habe.“ Der Hausherr machte eine ſteife Verbeugung. „In der auch Ihr Bruder diente.“ „So,“ verſetzte der Baron trocken. „Wir waren Freunde, Herzensfreunde, kann ich ſagen, denn der arme Allan hatte nur wenig Ge⸗ heimniſſe vor mir. Ich weiß, daß er nicht ſo glück⸗ lich war,— wie ſoll ich mich ausdrücken?— in an⸗ genehmen Beziehungen zu ſeiner Familie zu ſtehen.“ „Hat uns Major Hawley nur deßhalb mit ſei⸗ nem Beſuch beehrt, um Sir Norman dies mitzu⸗ theilen?“ bemerkte die gnädige Frau beißend. „Nein, Lady Boothroyd; denn ohne Zweifel hat der Tod meines tapferen Freundes alle unfreund⸗ lichen Gefühle in den Herzen der überlebenden Ver⸗ wandten ausgetilgt.“ „Natürlich,“ rief der Baron.„Obſchon ich viele Gründe hatte, über Allan, ſo lang er lebte, mich zu beklagen, vergab ich ihm doch, als ich von ſeinem Hinſcheiden hörte. Seine Familie benahm ſich des Anlaſſes gemäß, und der ganze Haushalt legte Trauer an.“ „Auch befindet ſich in der Kirche von, St. Faith 160 unter der Kanzel eine Tafel zur Erinnerung an ſei⸗ nen Tod,“ fügte die gnädige Frau bei. „Er bat um Brod und ſie gaben ihm einen Stein,“ dachte der Offizier. „Wir haben uns natürlich nichts vorzuwerfen,“ fuhr das argliſtige Weib fort,„und erſparen uns gerne die ſchmerzliche Aufgabe, an die Thorheiten, den Starrſinn und die Verirrungen zurückzudenken, die Allan aus England trieben.“ „Auch ich will nicht darauf zurückkommen,“ ent⸗ gegnete der Beſuch, welcher wußte, wie herzlos der verſtoßene Bruder behandelt worden war,„obſchon ich ein anderes Geſchichtchen davon erzählen könnte; denn wie geſagt, er hatte keine Geheimniſſe vor mir. Ich war bei ſeiner Trauung anweſend.“ „Trauung!“ rief Sir Norman, halb von ſeinem Stuhl aufſpringend;„denn es war das erſte Mal, daß er von einem ſolchen Ereigniß hörte. Ein Blick von ſeiner Frau mahnte ihn zur Behutſamkeit. „Das Wort ſcheint Sie zu überraſchen?“ „Ich— in der That— Sir—“ „Major Hawley wird ſich nicht wundern, wenn dieſer Gegenſtand für uns kein ſehr angenehmer iſt. Ich weiß wohl, daß man unter dem Militär Mes⸗ allianzen mit Nachſicht beurtheilt; aber wir dürfen nicht vergeſſen, was Allan ſeiner Familie ſchuldig war.“ „Und ſeinem Bruder als dem Haupt derſelben,“ bemerkte Sir Norman ſtolz. „Sie ſcheinen ſich, was die Gattin meines Freun⸗ des betrifft, in einem ſeltfamen Irrthum zu befinden,“ ſagte der Major.„Gegen die Familie der Dame 161 iſt durchaus nichts einzuwenden— ſie war die Schwe⸗ ſter eines verdienten Offiziers, den Alle, welche ihn kannten, ſchätzten und nur ungern aus dem Dienſte ſcheiden ſahen.“ „Und darf ich nach dem Namen mich erkundigen?“ fragte die Lady. „Iſt es möglich, daß Sie ihn nicht kennen?“ „Wenn's der Fall wäre, brauchte ich nicht zu fragen.“ „Richtig— ganz richtig. Verzeihen Sie mir die Bemerkung. Die Dame hieß Lillian Marſh. Ich erlaube mir übrigens, zu dem Zweck meines Beſuchs überzugehen.“ „Wenn Sie die Güte haben wollen.“ „Meine Frau iſt mit mir nach England ge⸗ kommen.“ Sir Norman wunderte ſich, was wohl der Beſuch der Mrs. Hawley in England ihn angehe. „Sie möchte natürlich gern ihr Pathchen ſehen.“ „Er muß toll ſein,“ dachte der Baron, der ſehr unruhig zu werden begann. Anders verhielt ſich's mit ſeiner Frau Gemahlin, welche wohl ſah, auf was es hinaus wollte. „Vielleicht erlauben Sie Miß Boothroyd, uns zu beſuchen?“ ſagte der Major. „Wie muß ich dies verſtehen?“ rief der erſtaunte Hausherr.„Sie ſchicken Ihre Karte herauf, geben ſelbſt zu, daß Sie uns völlig fremd ſind, und fragen dann ganz kalt, ob ich erlaube, daß meine Tochter Sie beſuche.“ „Sie ſind im Irrthum, Sir Norman; ich ſprach Smith, Ebbe u. Fluth. IV. 11 162 5 von Ihrer Richte Lillian Boothroyd, der Tochter meines verſtorbenen Freundes Allan.“ Das Erſtaunen des Onkels war zu natürlich und das der Dame zu gut geſpielt, um den Gaſt nur einen Augenblick an der Wahrheit der Verſicherung zweifeln zu laſſen, daß ſie heute zum erſten Mal etwas von Allans Verheirathung und von einer hin⸗ terlaſſenen Tochter deſſelben erführen. „Wie?“ rief der Major;„hat ſie nicht ſein alter Diener Barny Gee zu Ihnen nach England ge⸗ bracht?“ „Gewiß nicht,“ verſetzten die Beiden. „Iſt er nicht angekommen?“ Dies war eine verfängliche Frage, und ein ge⸗ wöhnlicher Verbrecher würde keck mit Nein geant⸗ wortet haben; aber Lady Boothroyd bot mit der Taktik einer raffinirteren Bosheit der Gefahr kühn die Stirne. „Er kam nach St. Faith, wurde aber ſchon in der erſten Stunde nach ſeinem Eintreffen bei einem Wildererzuge zu Meldownpark erſchoſſen. Auch einer von Sir Normans Jägern iſt in jener Nacht ermor⸗ det worden.“ „Der arme Schelm!“ rief der Major.„Und iſt er allein gekommen?“ „Ich glaube, er brachte ein Kind mit ſich.“ „Das Kind, Lady Boothroyd, war Ihre Nichte.“ „Iſt's möglich?“ „Meine Nichte?“ ſtotterte der Baron. „Ja. Und Sie haben ſie nie geſehen?“ „Nie,“ verſetzte der zärtliche Ontel. „Oder von ihrer Verwandtſchaft mit Ihnen ge⸗ ört?“ „Wie können Sie einer ſo ſchrecklichen Vermuthung Raum geben?“ rief Lady Boothroyd.„Obſchon wir gerechten Grund hatten, auf Allan zu zürnen, ſo würde doch weder mein Gatte noch ich je geſtattet haben, daß ſeine Tochter von der Gnade eines Bru⸗ der des Barny Gee, von dem Sie ſprechen, lebe. Ich ſah das Kind einmal und bot ihm einen Platz in meiner Schule zu St. Faith an, ließ mir aber nicht träumen, daß ich es mit einer Tochter von Allan zu thun hatte.“ Der Major maß ſie mit zweifelnden Blicken. „Mein Anerbieten wurde zurückgewieſen,“ fuhr ſie fort.„Einige Tage nachher reisten wir, da Sir Normans Geſundheitsverhältniſſe dies forderten, nach London und gaben Meldownpark in Miethe.“ „Wurden bei Barny keine Papiere gefunden?“ „Nicht, daß ich wüßte.“ „Und das Kind?“ „Iſt wahrſcheinlich noch bei ſeinen vermeintlichen in St. Faith,“ verſetzte das argliſtige Weib. „Und was gedenken Sie zu thun?“ „Nichts!“„ „Das dachte ich mir,“ entgegnete der Offizier trocken. „Was können wir thun?“ fuhr die Dame fort. „Schaffen Sie den Beweis bei, daß ſie wirklich Allans Tochter iſt, ſo werden Sie meinen Gatten und mich nicht nur willig, ſondern auch freudig be⸗ reit finden, ſie anzuerkennen. Aber Sie tönnen uns 5 164 unmöglich die Verantwortlichkeit zumuthen, die junge Perſon als unſere Nichte in die Geſellſchaft einzu⸗ führen, wenn ſich vielleicht zuletzt herausſtellt, daß ſie die Tochter eines gemeinen Soldaten iſt.“ In alledem lag ſo viel Triftiges, daß Major Hawley ſich eines Urtheils enthielt, bis er ſeine Gattin darüber gehört hatte, die wie die meiſten Frauen nicht nur einen Charakter raſch aufzufaſſen, ſondern auch die Handlungen auf ihre Beweggründe zurückzuführen verſtand. „Ich muß Nachforſchungen anſtellen,“ bemerkte er. „Dabei wollen wir Ihnen herzlich gern an die Hand gehen,“ verſetzte die Dame.„Sir Norman wird Ihnen Schreiben an ſeinen Steward und an ſeinen Sachwalter mitgeben— beide vortreffliche Männer.“ „Warum mich nicht begleiten?“ Der Baron ſchüttelte zu dieſem Vorſchlag den Kopf und ſah ſeine klügere Gemahlin an, damit ſie die Antwort übernehme. „Mein lieber Major, Sie vergeſſen die eigen⸗ thümliche Stellung, in der wir uns befinden. Es handelt ſich nicht blos um die Anerkennung, ſondern auch um die Verſorgung unſerer Nichte; deßhalb müſſen ihre Anſprüche zuerſt bewieſen ſein. Bringen Sie dieſe Beweiſe bei und urtheilen Sie dann nach unſerem Benehmen.“ Der Mojor mußte ſich damit zufrieden geben und entfernte ſich, eine beſſere Meinung von dem Baron 1o ſeiner Gattin mitnehmend, als er hergebracht atte.. „So hat alſo Allan doch geheirathet, um mir ——— — 165 einen Poſſen zu ſpielen,“ bemerkte Sir Norman, als das Ehepaar allein war. Die Lady lächelte. „Und dieſes Mädchen,“ fuhr er fort,„das im Fall meines Ablebens ohne männlichen Erben die Hälfte des Eigenthums erhalten ſoll— meinen Sie, ich werde ſie anerkennen? Nie!“ „Norman,“ ſagte die Lady,„es iſt jetzt Zeit, daß ich Sie von den Maßregeln, die ich traf, in, Kenntniß ſetze. Ich habe längſt von dieſem ſchreck⸗ lichen Geheimniß Kunde gehabt.“ „Und gegen mich darüber geſchwiegen?“ „Gegen Jedermann, namentlich aber gegen Sie, weil ich Ihnen Ihre Gemüthsruhe erhalten wollte.“ „Das Unrecht,“ rief der Baron gereizt. „Ich hätte hritte gethan, für die es leider jetzt zu ſpät ſein wird, und ſo iſt durch Ihre Schwäche Alice um Ihr halbes Vermögen gekommen. Illſton wird ſie nie heirathen, wenn ſie nicht Meldownpark als Morgengabe mitbringt.“ „Das bringt ſie ihm auch.“ „Was meinen Sie damit?“ „Daß ich in der Stille gehandelt habe. Der Major ſoll nur mit ſeinen Beweiſen kommen; wir können über ſeinen böſen Willen lachen, denn das Mädchen iſt an dem Abend vor unſerer Abreiſe von Meldownpark verſchwunden.“ „Verſchwunden?“ wiederholte Sir Norman langſam. 5 „Geſtohlen. Und ſeitdem hat man nie mehr etwas von ihr gehört,“ fügte die Lady flüſternd bei. „Sie wird ſich auffinden laſſen.“ * 166 „Ja, im Grab,“ rief das urge Weib in trium⸗ phirendem Tone.„Ich bin im Beſitz ihres Todten⸗ ſcheins; ſie ſtarb unter dem Dach der Perſon, wel⸗ cher ich ſie übergeben hatte.“ Ihr Mann athmete freier. „Das war ſehr gefährlich,“ bemerkte er. „Es galt auch einem großen Zweck,“ entgegnete die Lady.„Glauben Sie, ich hätte es mit anſehen können, daß mir die Frucht jahrelanger Mühen und Machinationen wieder entriſſen werde? Nein, ich handelte ſogar bevor ich Beweiſe hatte, daß Lillian die Tochter Ihres Bruders ſei. Silex, der ſie zuerſt ſah, faßte Argwohn aus der großen Aehnlichkeit und machte mich daxauf aufmerkſam. Sie wiſſen jetzt Alles; wir können der Entdeckung Trotz bieten.“ Bald nach der Entfernung des Mazors machte Viscount Illſton bei Sir Norman und ſeiner Tante den gewöhnlichen Morgenbeſuch, und Alice wurde bei ſolchen Gelegenheiten gleichfalls in dem Salon erwartet. Die ränkevolle Mutter zwang das arme Mädchen, ſich dieſer Widerwärtigkeit zu unterwerfen, und ließ recht wohl merken, daß ſie es darauf ab⸗ geſehen hatte, die Tochter an ihren Neffen zu opfern. Für das Zartgefühl eines edlen Mädchens gibt es nichts Widerlicheres, als die gemeine Zuverſicht⸗ lichkeit des Erfolgs. Illſton behandelte die Erbin von Meldownpark, als müſſe ſie ſich ſchon durch die entfernte Ausſicht auf eine Verbindung mit ihm hoch⸗ geehrt fühlen, und gab ſich durchaus keine Mühe, ſeine gänzliche Herzloſigkeit zu verbergen, ſondern ſchien im Gegentheil eine wahnſinnige Luſt darin zu finden, ſich in den allerſchlimmſten Farben zu zeigen. — 167 Vielleicht that er dies in der Abſicht, ſie zu ärgern, denn er ahnte halb die kindliche Hinneigung Alices zu William Thornton, den er haßte. „Sie haben, wie ich bemerke, dieſen Morgen ſchon einen Beſuch gehabt,“ begann der Viscount, als er ſich nachläſſig in einen am Fenſter ſtehenden Lehnſtuhl warf. „Wie kann er etwas von Hawley's Hierſein er⸗ fahren haben?“ dachte der Baron. „Nicht, daß ich wüßte,“ verſetzte die Gnädige kalt. Ihr Reffe betrachtete ſie zweifelnd. „Sie ſind der Erſte, der heute vorſpricht,“ be⸗ merkte Alice, welche nichts von dem Major wußte. Illſton gab ſich zufrieden, denn ihr konnte er glauben. „Es war eine ſehr natürliche Vermuthung,“ ſagte er;„denn als ich in das Square einfuhr, kam mir jener Laffe, der Thornton, in den Weg.“ „Wie konnten Sie annehmen, daß eine ſolche Per⸗ ſon uns hier beſuchen werde?“ fragte der Baron im Tone der Verachtung. „Dieſe Unwahrſcheinlichkeit!“ pflichtete die Lady bei. S lice blieb ſtill. „Ich meinte, Ihr ſeiet vom Land her befreundet,“ entgegn r Viscount; denn er ſah, daß er ſeine Muhme gert hatte und freute ſich des unmänn⸗ lichen Triumphs. „Auf dem Land, Neffe,“ ſagte Lady Boothroyd, „erwartet man von Einem, ja man iſt faſt gezwun⸗ gen, daß man von aller Art unangenehmen Perſonen Notiz nehme, denn man muß dort Intereſſen wahren „ 168 und politiſche Verbindungen aufrecht erhalten. Das iſt in London ganz anders.“ halten demnach Thornton für unangenehm?“ „Sehr.“ „Ein Laffe,“ murmelte Sir Norman. „Und Sie, Bäschen,“ ſagte der Viscount, indem er Alice, in der Hoffnung, ſie in Verlegenheit zu ingen, ſcharf anſah,„was iſt Ihre Anſicht von ihm? „Als ich ihn zum letzten Mal ſah, war er noch ein Knabe,“ entgegnete die Befragte. „Aber wie urtheilten Sie über den Knaben?“ erwiderte der Beſuch. „Daß er das edelſte, gefühlvollſte Weſen war, dem ich je begegnete,“ antwortete die Erbin mit einer Fertigkeit, welche ſowohl ihre Eltern, als den Zier⸗ bengel, der ſeine ſchnöde Luſt daran hatte, ſie zu quälen, in Erſtaunen ſetzte.„Was Talente betrifft, ſo liefert für ſie ſein Erfolg auf der Univerſität den beſten Beweis, denn da er nur ein Parvenu iſt — ich glaube, ſo lautet das Wort, Vetter— ſo war ſeine Ehrenauszeichnung nicht ein bloßer Honorar⸗ titel.“ „Alice,“ rief ihre Mutter zürnend,„wie unweib⸗ lich! Was kannſt Du von Univerſitäten wiſſen?“ „Oder von William Thornton?“ fügt i entrüſtet bei. „Illſton,“ bemerkte ſeine Tante, als der junge Edelmann ſich verabſchiedete,„Sie treiben ein thö⸗ richtes Spiel. Warum erinnern Sie Alice ſtets an ihren alten Spielkameraden und laſſen ſie ihn nicht bald vergeſſen?“ 169 „Sie vergißt ihn nicht,“ brummte der Neffe;„ſie iſt in ihn verliebt.“ „Lächerlich,“ entgegnete die Lady. „Ich ſage Ihnen, es iſt ſo. Der Kerl ſpaziert wohl ein Dutzend Mal des Tages über das Square.“ „Möglich.“ „Und Alice muß ihm begegnen.“ „Illſton,“ verſetzte das ehrgeizige Weib,„Sie glauben ſelbſt nicht an dieſe Behauptung. Hörten Sie nicht eben aus Alicens Mund, daß ſie ihn ſeit ſeiner Knabenzeit nicht wieder geſehen habe?“ „Aber ſie könnten ſich begegnen.“ „Das iſt etwas Anderes und verdient Erwägung. Ich werde einer ſolchen Zufälligkeit vorzubauen wiſſen. Wenn ich Ihnen aber gut zu Rathe bin, ſo kümmern Sie ſich weniger um dieſen Thornton und beſchäf⸗ tigen ſich mehr mit Alice. Sie iſt ein eigenes Mäd⸗ chen und beſitzt einen Willen, den ſogar ich nicht immer zu beugen vermag.“ „Warum ſoll ich mir die Mühe nehmen?“ be⸗ merkte der junge Mann mit affectirter Gleichgültigkeit. „Meldown iſt wohl des Verſuches werth,“ ant⸗ wortete die Tante trocken.„In der Hand eines rüh⸗ rigen Beſitzers, der ſich beliebt zu machen weiß, zieht es die ganze Graſſchaft nach ſich.“ „Ihren Willen beugen,“ murmelte der Viscount vor ſich hin, als er in ſeinem Wagen ſaß;„ja, brechen will ich ihn, wenn ich einmal ihr Gatte bin, denn ich fühle jetzt ſchon Luſt, ſie zu haſſen. Iſt ſie mein Weib,“ fügte er philoſophiſch bei,„ſo werde ich ſie ohne Zweifel verabſcheuen.“ Der Wink des Reffen über Thorntons häufige 170 Spaziergänge durch das Square ging an Lady Booth⸗ royd nicht verloren. Sie traf danach ihre Maß⸗ regeln, unterwies das Geſinde, und in Folge davon fiel der Mutter bald ein Brief in die Hände, in welchem William Alice ſeine Glut ſchriftlich erklärte, weil es ihm nie gelingen wollte, mit ihr zuſammen⸗ zutreffen. Die Antwort darauf war eine ſcheinbar von der Hand der Erbin kommende, in gütige Worte geklei⸗ dete Ablehnung, der die Hoffnung einer Fortdauer ihrer Freundſchaft und die Bitte angefügt war, nicht wieder an ſie zu ſchreiben. Wir brauchen kaum zu bemerken, daß dieſer Brief unterſchoben war. William fühlte ſich lange geneigt, ſeine Aechtheit zu bezweifeln, bis er einmal in der Morgenpoſt die Ankündigung las, daß die einzige Tochter und Erbin des Sir Norman und der Lady Boothroyd mit dem Viscount Illſton verlobt ſei. Dann hatten ſeine Zweifel ein Ende. „Verkauft!“ murmelte er;„Treue, Glück und Liebe verhandelt gegen eine Adelskrone! Arme Alice, mögeſt Du nie Urſache haben, Deine Wahl zu be⸗ reuen, oder Dich nach dem Herzen zu ſehnen, das Du verworfen haſt.“ Er konnte ſich, als er ſie ſo beurtheilte, natürlich nicht denken, wie warm und innig damals jenes Herz für ihn ſchlug. 171 Keunundfünfzigſtes Kapitel. Es werden in der Welt viele Verbrechen began⸗ gen, welche die Hand der Gerechtigkeit nicht erreichen kann oder will; gleichwohl darf man nicht glauben, daß der Thäter frei ausgehe. Die Vorſehung über⸗ nimmt dann das Strafamt und ſchlägt den Ver⸗ brecher durch ſeine Gewiſſensbiſſe, durch Vereitelung der Hoffnungen, um deren willen er gefündigt hat, oder durch die Gleichgültigkeit gegen den ſchnöde er⸗ rungenen Beſitz. Dem Steward Silex war es zwar gelungen, ſich den Neffen und den Bruder vom Hals zu ſchaffen, aber er fühlte ſich dennoch nicht glücklich. Das Alter laſtete auf ihm, und wenn er Nachts auf dem ſchlaf⸗ loſen Pfühl ſich umher warf, klang ſtets die Dro⸗ hung des armen Knaben, daß er einſt kommen und Rechenſchaft fordern werde, in ſeinen Ohren. Einige Tage nach der im vorigen Capitel auf⸗ geführten Beſprechung hielt, als er eben nach Tiver⸗ ton aufbrechen wollte, eine zweiſpännige Kutſche vor dem Maierhaus an. Der alte Mann fühlte ſich nicht wenig überraſcht über den Beſuch, der in einem Herrn und einer Dame beſtand. „Können wir Sir Norman Boothroyds Steward ſprechen?“ fragte Major Hawley; denn der Fremde 1. Niemand anders, als der Kamerad des armen an. „Der bin ich,“ verſetzte Andrew. Der Major übergab ihm ein Schreiben. Es war von Sir Normans Hond, aber wie man ſich 172 denken kann, von der Lady dictirt, und lautete wie folgt: 8Mr. Siler— der Ueberbringer dies, Major Hawley, ein Freund meines verſtorbenen Bruders Allan Boothroyd, hat mich ſehr überraſcht durch die Nachricht, daß mein Bruder in Indien geheirathet habe. Der Gentleman verſichert ferner, das Kind, welches der unglückliche Mann Barny Gee mit nach St. Faith brachte, und das, wie mir meine Gemah⸗ lin ſagt, von ſeinem Bruder und deſſen Frau auf⸗ genommen wurde, ſei meine Nichte. Unglück⸗ licherweiſe ſteht ihm dafür kein Beweis zu Gebot. Ihr werdet ihm durch alle Euch zu Gebot ſtehenden Mittel an die Hand gehen, um ausfindig zu machen, ob Barny Gee in den Händen ſeiner Verwandten oder einer andern Perſon Papiere zurückgelaſſen hat. Sollte ein rechtsgelehrter Beiſtand nöthig ſein, ſo beſchickt meinen Advokaten Marſhall aus Exeter. Es wird zwar, da Allan ſo arm ſtarb wie er lebte, für uns mit großem Aufwand verknüpft ſein, für unſere Nichte, wenn ſie ſich als ſolche ausweiſen ſollte, zu ſorgen und ſie zu verſorgen; gleichwohl iſt es mein und der Lady Boothroyd ſehnliches Ver⸗ langen, unſere Pflicht zu thun. Der Major ſcheint, obſchon er etwas kurz angebunden iſt, eine treffliche Perſon zu ſein, und Ihr werdet ihm daher alle mögliche Aufmerkſamkeit erweiſen. Da die Halle ſelbſt vermiethet iſt, ſo mögt Ihr ihm die Gaſtlich⸗ keit des Maierhauſes anbieten.“ „Nun,“ bemerkte der Major etwas ungeduldig, als Andrew nach zweimaligem Durchleſen das Schrei⸗ ben ſorgfältig zuſammenfältete und in einer unge⸗ 173 heuren ledernen Brieftaſche verwahrte,„was ſagen Sie dazu?“ „Daß ich kein Wort davon glaube,“ verſetzte der Steward.„Das Mädchen war eben ſo wenig Allan Boothroyds Tochter als die meinige.“ „Wie wiſſen Sie dies?“ „Simon Gee und ſeine Frau, die doch arme Leute ſind, haben ſie als Nichte anerkannt und da⸗ für ſicherlich eine gegründete Urſache gehabt.“ „Das wollen wir bald ſehen,“ bemerkte Mrs. Hawley, die zum erſten Mal das Schweigen brach. „Ich kann dieſen Zweifel in wenigen Minuten erle⸗ digen. Führen Sie mich zu dem Mädchen; wenn ſie meine Lillian iſt, jo muß ſie unter ihrem rechten Ohr ein linſengroßes rothes Mal haben.“ „Merkwürdig und wie unglücklich zugleich,“ ſagte der Steward;„denn dies würde die Frage entſchie⸗ den haben.“ „Warum unglücklich?“ fragte der Major. „Weil das Kind ein paar Wochen nach ſeiner Ankunft durch Zigeuner, wie man meint, geſtohlen wurde.“ „Geſtohlen?“ wiederholte Mrs. Hawley. „Und ſeitdem hat man nichts mehr von ihm ge⸗ ört.“ „Das glaube, wer mag,“ rief die Dame.„Wenn Lillian geſtohlen wurde, ſo iſt es nicht durch Zigeuner geſchehen.“ „Durch wen denn?“ fragte Mr. Silex mit heraus⸗ fordernder Ruhe. „Durch Diejenigen, welche bei ihrem Verſchwin⸗ den ein Intereſſe hatten.“ 174 „Ich kenne keine ſolche Perſonen. Das Kind von Allan Boothroyd wäre allerdings der Barmher⸗ zigkeit ihres Onkels und ihrer Tante zur Laſt ge⸗ Fallen; aber Leute von ihrem Rang pflegen ſich nicht mit Verbrechen zu belaſten, um ſich arme Verwandte vom Hals zu ſchaffen.“ „Ich bin nicht überzeugt,“ verſetzte die Dame, „daß Allans Tochter wirklich ſo arm geweſen ſei, wie Sie ſagen. Sein Bruder hat keinen männlichen Erben und ein großes Beſitzthum.“ „Das geht mit dem Titel.“ „Je nachdem die Beſtimmungen des Teſtaments lauten.“ Der Steward merkte, daß die Sprecherin ihm wohl gewachſen war. Ihr Ton und Weſen wollte ihm gar nicht, noch weniger der eigenthümliche Blick ihrer ſchwarzen Augen gefallen. „Alles dies geht mich nichts an, Madame,“ er⸗ widerte er.„Ich habe nur Sir Normans Weiſungen nachzukommen, welche dahin gehen, daß ich Ihren Nachforſchungen jeden möglichen Vorſchub leiſten und Ihnen die Gaſtlichkeit des Maierhauſes anbieten ſolle.“ „Vorſchub!“ wiederholte die Dame,„nachdem man uns ſo in den April geſchickt hat!“ „Dafür kann mein Herr nicht; ich ſtehe dafür, daß er in ſeinem Leben nie etwas von Barny Gee's Kind(ſo muß ich es noch nennen) hörte, denn er war um jene Zeit krank.“ „Aber ſeine Frau wußte davon,“ bemerkte der Major. „Ja; die gnädige Frau wollte die Kleine in ihre Schule nehmen, aber Simon und Eſther gingen nicht 175 darauf ein. Sie mußten wohl am beſten wiſſen, ob das Kind ihre Nichte war oder nicht.“ „Und Sie glauben, Lady Boothroyd habe nie davon gehört, daß Lillian geſtohlen wurde?“ „Sie hatte außer mir keinen Correſpondenten in St. Faith, und ich hielt es nicht für der Mühe werth, ſie von dieſem unbedeutenden Umſtand in Kenntniß zu ſetzen.“ „Ein unbedeutender Umſtand?“ wiederholten die Beiden. „Angenommen, daß das Mädchen nicht ihre Nichte iſt.“ „Wenn ſie's aber iſt?“ „Das wäre freilich was Anderes, denn in dieſem Falle hätte für ihre Erziehung und ihr Unterkommen geſorgt werden müſſen. Schon wegen des Familien⸗ namens durfte man dann das Kind nicht der Barm⸗ herzigkeit eines armen Webers überlaſſen, und es wäre auch ſicherlich nicht geſchehen, obſchon zwiſchen den Brüdern nicht viel Liebe herrſchte.“ „Ich kann wohl an den Stolz, nicht aber an die Großmuth Ihres Herrn glauben,“ ſagte die Dame in bitterem Tone, denn ſie erinnerte ſich, wie oft ihr der arme Allan von der unnatürlichen Behand⸗ lung, die er erfahren, erzählt hatte. Kein Wunder, daß mit dieſer Anſicht das Ehe⸗ paar auf die Gaſtlichkeit des Maierhauſes verzichtete, und Siler gab ſich um ſo weniger Mühe, ſie ihnen aufzudrängen, da er kein Freund von Gäſten war. Sie nahmen auf einige Tage Quartier in dem Wirths⸗ haus des Dorfes und ließen ſogleich Simon und Eſther zu ſich einladen. 176 „Das ſind läſtige Kunden, und ich werde mit ſ ihnen ohne einen Advokaten nicht fertig werden,“ dachte Silex.„Ein Glück, daß zufälliger Weiſe eben Mr. Marſhall hier iſt.“ Er begab ſich nach dem Heiligthum des getäfel⸗ ten Zimmers zurück, ſah ſich daſelbſt, weil er den Spürblick des Rechtsgelehrten fürchtete, ſorgfältig um, ob nicht Privatpapiere umherlagen, und wies ſodann ſeine Haushälterin an, Mr. Marſhall herbei⸗ zubeſcheiden. Erſtaunt gehorchte die Frau, denn es war ihres Wiſſens das erſte Mal, daß der Steward in dieſem Gemache Jemand empfing. Bald darauf erſchien der Advokat. Nach den üblichen Begrüßungen nahm Mr. Marfhall Platz und der Steward begann: „Ich muß in einer Sir Norman betreffenden Angelegenheit Ihren Rath einholen.“ „Wirklich? Das thut er ſonſt perſönlich,“ bemerkte der Rechtsgelehrte, dem es nicht gefallen wollte, daß ſein veicher Klient eine von der urſprünglichen ab⸗ weichende Art des Verkehrs mit ihm einzuſchlagen beliebte. „Diesmal müſſen Sie mit mir vorlieb nehmen,“ bemerkte der alte Mann mit einem breiten Grinſen, das ſeine Haifiſchzähne gehörig in's Licht ſtellte. „Nicht, daß die Sache ſehr wichtig wäre, wie Sie ſich aus dieſem Schreiben überzeugen werden.“ Er übergab ihm Sir Normans Brief. Mr. Marſhall las ihn ſorgfältig und dann zum zweiten Mal, diesmal aber nur zum Schein, denn ſeine ſcharfen Wieſelaugen ſchielten, ſtatt auf dem Papiere zu haf⸗ 177 ten, über die Brille weg und muſterten das Geſicht des Stewards, das übrigens die größte Ruhe zeigte. „Ich wollte, ich könnte leſen, was in dem Ge⸗ hirn dieſes tückiſchen alten Kerls vorgeht,“ dachte der Rechtsgelehrte;„es gäbe mir den Leitfaden zu einem Geheimniß, dem ich längſt auf den Grund zu kommen geſucht habe. Aber er iſt ſo undurch⸗ dringlich wie Granit und argwöhniſch wie ein Fuchs. — Was iſt da zu thun?“ fügte er laut bei. „Das möchte ich von Ihnen hören!“ verſetzte Andrew. „Hem, ja— aber wenn ich rathen ſoll, muß ich alle Einzelnheiten des Falls kennen.“ „Haben Sie's nicht geleſen?“ „Den Brief wohl,“ lautete die Antwort des Ad⸗ vokaten;„aber ohne Zweifel haben Sie für mich noch Privatinſtructionen.“ „Nein.“ „Das iſt ſonderbar.“ „Warum dies?“ verſetzte der Steward.„Es gibt da kein Geheimniß zu verbergen, und deßhalb bedarf es auch keiner Inſtructionen. Wenn das Kind ſich als Allan Boothroyds Tochter ausweist, ſind wir bereit, ſie anzuerkennen.“ „Wir?“ wiederholte der Advokat mit Nachdruck. „Ich meine damit Sir Norman und ſeine Gattin.“ „Und wo iſt das Mädchen?“ fragte Mr. Marſhall. „Wie kann ich dies wiſſen, da es einige Tage nach ſeiner Ankunft aus dem Hauſe des Webers Simon Gee von Zigeunern geſtohlen wurde?“ „Von Zigeunern geſtohlen?“ entgegnete der Smith, Ebbe u. Fluth. I. 12 178 Rechtsgelehrte.„Welchen Grund haben Sie für dieſe Behauptung?“ „Das allgemeine Gerücht.“ „Lügt oft,“ bemerkte der Advokat trocken. „Möglich,“ erwiderte der alte Mann ungedul⸗ dig;„aber ich frage, ob man nicht noch weit leich⸗ ter dem Irrthum ausgeſetzt iſt, wenn man argwöh⸗ niſch in jeder Mausfalle ein Geheimniß vermuthet, und in den gewöhnlichſten Handlungen des Lebens ein Verbrechen wittert. Ich habe dies ſatt. War⸗ um klopfen Sie ſo auf den Buſch uud fragen nicht lieber unverholen, ob wir— ich brauche jetzt mit Abſicht dieſen Ausdruck— nichts von den Nachfor⸗ ſchungen dieſes Majors und der ſpürnaſigen Neu⸗ gierde ſeines Weibes zu fürchten haben? Es braucht hier nichts verheimlicht zu werden, und ich ſchickte nach Ihnen, weil wir uns gegen die Möglichkeit eines Betrugs ſicher ſtellen wollen. Finden Sie die Beweiſe von der Identität des Mädchens überzeu⸗ gend, ſo ſind wir bereit, ſie anzuerkennen, voraus⸗ geſetzt, daß ſie aufgefunden werden kann.“ „Hem!“ räuſperte ſich der Advokat.„Endlich werden mir Ihre und Sir Normans Wünſche klar.“ „Sie begreifen verhenkert ſchwer,“ brummte Mr. Siler unmuthig;„aber ſo iſt's mit den Advokaten. In jedem Maulwurfshaufen ſehen ſie einen Berg.“ „Bisweilen, Mr. Steward, bisweilen,“ verſetzte Marfhall ſcherzhaft.„Sie gehen hart mit unſerem Stand um. Und doch hat er Ihrem Herrn ſchon gute Dienſte geleiſtet, namentlich in der Sache des Fideicommiſſes.“ 179 „Wie, Sie wollen damit doch nicht ſagen, daß er „Das Lehngeld zahlte und die Aufhebung er⸗ wirkte. Wie, das haben Sie nicht gewußt? Frei⸗ lich, Sir Norman empfahl mir Geheimhaltung; aber wie konnte ich vermuthen, daß ich auch gegen Sie zu ſchweigen habe?“ „Ja wohl,“ murmelte der Steward bitter. „Sie werden mich nicht verrathen?“ „Warum auch?“ fragte der Inhaber des Hof⸗ guts, ſeinen Aerger mit Gewalt niederkämpfend; „was geht es mich an, wenn Sir Norman das von meinem alten Herrn übernommene Fideicommiß auf⸗ heben läßt? Ich bin keiner von den Erben und habe weder für jetzt noch für die Zukunft ein In⸗ tereſſe an den Gütern. Ohne Zweifel hat er nach dem Rath der gnädigen Frau gehandelt.“ „Ich denke ſo,“ entgegnete der Advokat.„Eine merkwürdige— eine ſehr merkwürdige Frau, dieſe Lady Boothroyd. Wiſſen Sie auch, daß ich früher eine ganz andere Meinung von ihr hatte? Ich hielt ſie für ein ruhiges, geiſtarmes Weſen, ohne Urtheil, Thatkraft und Willen; aber ich war ſehr im Irr⸗ thum.“ „Sehr,“ ſtöhnte Andrew Silex. „Sie iſt ein gewaltiger Geiſt.“ „Sie iſt ein undankbares, ränkevolles Weib,“ rief der Steward mit Bitterkeit,„und bietet Allem auf, um mir das Vertrauen ihres Mannes zu rauben. Doch es ſoll ihr ſo wenig gelingen, als es Anderen gelungen iſt. Ich ſage Ihnen, Marfhall, dieſer Ab⸗ löſungsproceß iſt ungültig, durchaus ungulig und 180 Sie werden die ganze Geſchichte noch einmal durch⸗ zumachen haben.“ „Warum dies, mein theurer Sir?“ „Weil meine Einwilligung dazu nöthig iſt, und ich werde ſie nicht geben, bis—“ Er ſtockte. „Bis er ſich mit ihm abgefunden hat,“ dachte der Rechtsgelehrte.„Ich vermuthete etwas der Art.“ „Wir wollen jetzt ins Dorf gehen,“ fuhr der Steward fort.„Thun Sie Ihr Beſtes in der Sache, prüfen Sie die Beweiſe aufs Sorgfältigſte, und wenn dies im Reinen iſt, ſo ſprechen wir vielleicht noch ein Wörtchen über das Fideicommiß.“ „Wie Ihnen beliebt, mein theurer Sir,“ entgeg⸗ nete Mr. Marſhall.„Es ſoll mich freuen, wenn ich Ihnen dienen kann. Nur Eines möchte ich Ih⸗ nen rathen— thun Sie nie einen Schritt, ohne ſich mit einem Sachverſtändigen benommen zu haben.“ „Ich will mir's merken.“ Sechzigſtes Kapitel. Kaum war in St. Faith ruchbar geworden, daß in dem Königswappen ein Gentleman und eine Lady angelangt ſeien, die wegen der verlorenen Lillian Nachfrage hielten, als der ganze Platz in ungewöhn⸗ liche Aufregung gerieth.„Die Wohrheit kommt am Ende doch heraus,“ meinte der Eine.„Ich habe immer prophezeit, das Geheimniß werde ſich lichten,“ fügte ein Anderer bei; und ein Dritter ſchüttelte wohlweiſe den Kopf und deutete nach der Halle. Mittlerweile befand ſich Simon Gee und ſein 181 ehelichen Hälfte ihn bald vertraulicher. bemerkte der Major. „Genau ſo iſt es, Sir.“ „Um welche Stunde?“ Kameraden, um das neue Jahr einzuläuten.“ „Hatte er das Kind bei ſich?“ „Ja, in ſeinem Mantel.“ Hawley. „Natürlich ihm.“ „In ausdrücklichen Worten?“ ſo gern ſie es auch gewünſcht hätte, nicht beitreten. „Ich kann dies nicht ſagen,“ verſetzte ſie. müßte ihrer Mutter ähnlich ſein, die ohne Zweifel eine ausländiſche vornehme Dame war.“ tin des Majors, taktvoll das Wort ergreifend. Weil Lilly ein ſo beſonderes Kind war.“ Weib bei den Fremden im Wirthshaus. Der alte Weber war anfangs ſchüchtern: aber der freundliche Ton, in welchem die Fragen an ihn geſtellt worden, machten nebſt der Anweſenheit ſeiner beherzteren „Ihr ſagt, Euer verſtorbener Bruder ſei vor vier Jahren in der Neujahrsnacht wieder heimgekehrt?“ „Um Mitternacht. Ich erwartete eben meine „Sagte er, wem das Kind gehöre?“ fragte Mrs. „Darauf möchte ich nicht ſchwören; aber es muß ihm gehört haben— wem ſonſt? Außerdem, hat es ihm nicht zum Sprechen ähnlich geſehen, Eſther?“ Die gute Frau, welche der Wahrheit nicht zu nahe treten wollte, konnte der Anſicht ihres Mannes, kleine Weſen hatte weder die Naſe noch die Augen von Barny. In der Tht glaubte ich immer, ſie „Warum eine vornehme Dame?“ fragte die Gat⸗ 182 „Haben nur vornehme Damen beſondere Kinder?“ „Nein, aber ſie war ſo daran gewöhnt, daß man ihr aufwartete. Wenn ſie etwas verlangte, ſchaute ſie erſtaunt umher, ob man es ihr nicht bringe, und that man es, ſo nahm ſie es hin, als verſtehe ſich dies von ſelbſt. Armer Leute Kinder ſind nicht ſo — wenigſtens nicht in St. Faith.“ Der Major und ſeine Gattin wechſelten Blicke. Wahrſcheinlich erkannten ſie in dieſer Eigenthümlich⸗ keit einen Zug von ihrem verlorenen Pathchen. In dieſem Augenblick wurden Mr. Thornton, Farmer Minter, Marſhall und Siler angekündigt. Das Verhör nahm nun in Gegenwart des Friedens⸗ richters einen faſt amtlichen Charakter an. „Hat Sir Norman Boothroyd das Kind je ge⸗ ſehen?“ fuhr der Major fort. „Nein; er war damals krank,“ antwortete Simon. „Aber Mr. Siler und die gnädige Frau ſahen es,“ fügte Eſther bei,„und er kann bezeugen, was ſie für ein hübſches Geſchöpf war. Die arme Lilly! Jedermann hatte ſie gern— ſie war der Liebling des Dorfes.“ „Und was ſagte die gnädige Frau?“ „Oh, ſie war ſehr gütig und keutſelig, wie ſiels immer gegen die Armen iſt,“ antwortete die Webers⸗ frau.„Jedermann weiß, daß es in St. Faith ganz anders gegangen wäre, wenn ſie ihren Willen gehabt hätte; aber ſie durfte ihrem eigenen Sinn nicht folgen. Sir Norman hat ihr jeden Schritt vorge⸗ ſchrieben.“ Bei dieſer Bemerkung lächelten der Steward und der Advokat. 183 „Sie bot Lilly einen Platz in ihrer Schule an,“ fuhr ſie fort,„aber wir ließen ſie nicht gehen, weil wir uns nicht von ihr trennen mochten.“ „Und nahm ſie Euch Eure Weigerung übel?“ „Nein, Sir.“ Simon huſtete, um ſeine Frau an einen kleinen Umſtand zu erinnern, den ſie vergeſſen zu haben ſchien. Mrs. Hawley's raſches Ohr erkannte den eigenthümlichen Klang, vielleicht weil ſie auf den⸗ ſelben eingeübt war, denn ſie beſaß in häuslichen Angelegenheiten, zu denen auch jede Art ehelicher Telegraphie gehört, eine vollendete Taktik. „Redet nur, mein guter Mann, wenn Ihr etwas wißt,“ rief ſie.„Ihr braucht nicht Eure Frau ſo ängſtlich anzuſehen.“ „Ich wollte ſie nur daran erinnern,“ ſagte der Weber,„daß, nachdem die gnädige Frau unſere arme Hütte verlaſſen hatte, wir beide meinten, ſie ſei ein wenig unwillig geweſen.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Eſther,„aber nicht über unſere Weigerung, Lilly fortzulaſſen, ſondern über eine thörichte Bemerkung von mir.“ „Wollt Ihr uns dieſe Bemerkung wiederholen?“ fragte Mr. Thornton, der ſich jetzt zum erſten Mal einmengte.„Sie entſchuldigen,“ fügte er gegen den Major bei,„aber zur Zeit, als das Kind verſchwand, nohm ich großen Antheil an der Sache und habe mir alle Mühe gegeben, ſie aufzuklären.“ Die Gentlemen reichten ſich die Hände und tauſch⸗ ten ihre Karten aus. „Da wir keine eigenen Kinder hatten,“ nahm Eſther wieder auf,„ſo waren wir natürlich ſtolz auf 184 das liebe Kind, und da ſagte ich denn, daß die Farbe von Lilly's Augen und Haar gerade ſo ſei, wie die von Miß Alice's.“ iſt dieſe Miß Alice?“ fragte der Major raſch. ie Tochter von Sir Norman und Lady Booth⸗ royd.“ Andrew Siler biß ſich ärgerlich in die Lippen, und der Advokat begann zu muthmaßen, daß die Sache doch nicht ganz ſo klar ſei, als der alte Mann ihn hatte glauben machen wollen. „Dies iſt wichtig,“ ſagte Mrs. Hawley mit Nach⸗ druck,„denn das Mädchen, welches Ihr für die Tochter des Soldaten Barny Gee hieltet— dieſer war, wie ich gewiß weiß, nie verheirathet— iſt in Wiriſe das Kind des Lieutenants Allan Booth⸗ royd.“ Alle Anweſenden ſtießen einen Ruf des Erſtau⸗ nens aus. „Ich war ihr Pathe,“ fuhr Mrs. Hawley fort. „Und Barny, der in meinem Regiment diente,“ fügte ihr Gatte bei,„wurde nach dem Tode Allans, bei dem er viele Jahre Bedienter geweſen, mit Lillians Beförderung nach England betraut.“ „Dies erklärt viel, was bisher dunkel war,“ be⸗ merkte der Friedensrichter.„Wir haben jetzt einen Beweggrund für den Menſchenraub.“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ entgegnete der Advokat geſchmeidig,„es erklärt gar nichts. Die Behauptung des Gentleman iſt noch kein Beweis, 3 der Lieutenant je eine Frau oder ein Kind atte.“ 185 „Ich war bei ſeiner Trauung anweſend,“ ſagte der Major. „Und ich bei Lilly's Geburt,“ fügte ſeine Frau bei. „Angenommen, daß Alles dies ſeine Richtigkeit hat,“ erwiderte Mr. Marſhall,„wo iſt der Beweis, daß die Kleine, welche Barny mit herüber brachte, ſeine Tochter war?“ „Ich kann es nicht glauben, Gentlemen,“ ſagte Simon Gee kleinlaut;„ſie muß meines Bruders Kind geweſen ſein!“ Eſther war derſelben Meinung. Der Gedanke that ihr weh, daß Jemand anderes nähere Anſprüche an die Liebe des ſchönen jungen Geſchöpfes haben könne, das ihnen ſo lieb geworden und deſſen Ver⸗ luſt ſie ſo ſchmerzlich beklagten. „Das ſind lauter Punkte, die allein durch eine umſichtige Unterſuchung, welche natürlich den An⸗ gaben des Majors und ſeiner Gattin folgen muß, aufgehellt werden können. Jedenfalls liegt jetzt ein Zeugniß vor, das der Entführung einen Beweggrund gegenüberſtellt.“ „Dagegen muß ich Verwahrung einlegen,“ be⸗ merkte Mr. Marſhall,„denn es wäre Ziererei, wenn ich dergleichen thun wollte, als merke ich nicht, auf wen Ihr Argwohn anſpielt. Die Tochter des ver⸗ ſtorbenen Allan Boothroyd, angenommen— ich ſage abſichtlich angenommen, daß er eine ſolche hinterließ, wäre ganz auf die Barmherzigkeit ihrer Verwandten angewieſen.“ „Iſt das Erbe eines Namens nichts?“ fragte der Major ernſt. Der Advokat zuckte die Achſeln.„Das ſei nicht 186 ſeine Sache,“ ſagte er;„ſeine Pflicht lege ihm nur auf, die Nachforſchungen im Namen des Sir Norman Boothroyd zu unterſtützen, der ſich in dieſer Ange⸗ legenheit ganz ehrenhaft benehme.“ Zum Beweis dafür forderte er Mr. Silex auf, das Schreiben des Barons vorzuleſen. „Sie hören,“ ſagte der Steward, nachdem er dem Geheiß entſprochen hatte,„Sir Norman will nur Gewißheit haben, daß das Mädchen wirklich ſeine Nichte iſt, um ſie anzuerkennen.“ „Ich glaube kein Wort davon,“ rief Farmer Minter.„Sie erinnern ſich,“ fügte er gegen Mr. Thornton bei,„daß ich ſchon zur Zeit, als das Kind geſtohlen wurde, einen Argwohn auf den gnädigen Herrn hatte.“ „Es iſt ſo,“ verſetzte der würdige Friedensrichter, „und hätte ich damals gewußt, was heute zur Sprache gekommen iſt, ſo würde ich mich anders benommen haben. Die Polizei hätte mir in einer andern Rich⸗ tung nachforſchen müſſen.“ Dieſe Bemerkung wurde mit lautem Hurrahruf und der Verſicherung aufgenommen, Mr. Thornton ſei ſtets bereit, ſich als der Freund des armen Man⸗ nes zu erweiſen. 8 „Ich bitte gefälligſt, nicht zu vergeſſen,“ bemerkte der Advokat, der nachgerade alles Vertrauen zu der moraliſchen Unſchuld ſeines Klienten verloren hatte, „daß wir nicht zum Behuf einer gerichtlichen Ver⸗ handlung beiſammen ſind; ich muß daher mit aller Achtung vor dem Gentleman, der zuletzt geſprochen hat, ſeine Aeußerungen für ſehr ungehörig und un⸗ motivirt erklären.“ 187 Der Sprecher wurde allgemein aufgefordert, eines Näheren auf ſeine Behauptung einzugehen. „Recht gerne. Mr. Thornton iſt in dieſer Sache gar nicht competent,“ ſagte der Advokat in zuver⸗ ſichtlichem Tone. „Richt competent?“ wiederholte der Major. „Lächerlich,“ meinte ſeine Gattin. „Er iſt Friedensrichter,“ rief Farmer Minter. „Und zwar ein guter,“ fügte Simon Gee bei. „Das ſind Sachen, gegen welche ich durchaus keine Einrede vorbringen will,“ ſagte der Advokat des Sir Norman, ſobald er ſich Gehör verſchaffen konnte.„Aber ich beharre auf meiner Stellung, in welcher mir die Jurisprudenz des ganzen Parlaments nichts wird anhaben können.“ „Dieſe famoſe Stellung möchte ich doch auch kennen,“ bemerkte Mr. Hawley. „Erſtlich wollen wir annehmen, Lillian ſei das Kind des verſtorbenen Barny Gee geweſen—“ „Aber ſie war es nicht,“ unterbrachen ihn die Ungeduldigeren unter der Zuhörerſchaft, die ſich all⸗ mälig in der Wirthsſtube eingefunden hatte. „Ich ſagte, wir wollen es annehmen,“ entgegnete der Rechtsmann.„In dieſem Fall fehlt der Beweg⸗ grund, und ich kann beifügen, daß der Charakter meines geachteten Klienten ihn über jeden Verdacht erheben ſollte. Dann—“ „Ja, wir wollen Euer Dann hören,“ riefen Mehrere. „Wenn Lillian die Tochter des verſtorbenen Lieu⸗ tenants Allan Boothroyb iſt, ſo hat Sir Norman als ihr Onkel und geſetzlicher Vormund das volle 188 Recht, ſie aus den Händen von Perſonen zu nehmen, denen, wie trefflich auch ihr Privatcharakter ſein mag, keine rechtlichen Anſprüche zuſtehen.“ 4 Dieſe Begründung war ſo klar, daß ſelbſt die bitterſten Widerſacher des Barons ihre Triftigkeit wohl oder übel anerkennen mußten, und der Aus⸗ druck getäuſchter Erwartung flog über die Geſichter aller Anweſenden. Andrew Siler begann von dem Sprecher eine günſtigere Meinung zu gewinnen.„Ein geſcheidter Kerl,“ dachte er, während er triumphirend umher⸗ ſchaute. „Mr. Marſhall hat ganz richtig bemerkt, daß die Verhandlung eine außergerichtliche iſt, und es wäre daher unnütz, die Sache hier weiter zu verfolgen,“ ſagte Mr. Thornton.„Aber wenn Ihr Klient für ſein Benehmen in dieſer Angelegenheit den Bewoh⸗ nern von St. Faith auch nicht geſetzlich verantwort⸗ lich iſt, ſo iſt er es doch moraliſch, und ich will ihm wünſchen, daß er den Verdacht, der auf ihm laſtet, zu zerſtreuen in der Lage ſei.“ „Das kann er nicht,“ rief Farmer Minter in bit⸗ terem Tone. „Wir werden ſehen,“ entgegnete Mr. Marſhall; „doch thut es mir leid, bemerken zu müſſen, daß der alte Groll gegen den Grundherrn noch nicht ver⸗ ſchwunden iſt. Ich will die Sache nicht weiter be⸗ rühren; aber nachdem er ſein Herrenrecht auf die Gemeinwaide aufgegeben, hätte er doch eine dank⸗ barere Anerkennung verdient.“ „Er hat es aufgeben müſſen, weil er es nie be⸗ ſaß,“ riefen mehrere der Pächter. 189 „Ich verlange nun zunächſt eine Vorführung des Mädchens, das Sir Normans Nichte ſein ſoll.“ „Sie wiſſen wohl, daß dies unmöglich iſt,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Hawley in ſchmerzlichem Tone. „Dann beweiſe man mir, daß ſie die Tochter des verſtorbenen Lieutenants Allan Boothroyd ſei.“ „Und was weiter?“ „Mein Klient wird ſie dann nicht nur anerkennen, ſondern auch in ſeine Familie aufnehmen und an ihr handeln, wie es die Verwondtſchaft ihm zur Pflicht macht,“ antwortete der Advokat.„Wollten Sie nach dieſer offenen Erklärung gleichwohl auf Ihrer üblen Meinung beharren, ſo kann ich nur ſagen, daß an dieſem Orte eben das Vorurtheil, nicht aber das Rechtsgefühl Geltung hat.“ „Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen,“ bemerkte der Steward;„wir haben hier immer eine böswillige, unzufriedene Bevölkerung gehabt. Ihr wißt,“ fügte er gegen die Anweſenden bei,„daß ich Sir Norman, wenn er im Unrecht war, ſtets ſo frei⸗ müthig tadelte, wie nur irgend Einer; jetzt aber, da er Recht hat, halte ich es für meine Pflicht, auf ſeine Seite zu treten.“ „Es iſt augenſcheinlich, daß man die Sache hie⸗ mit nicht beruhen laſſen kann,“ ſagte Major Hawley. „Wenn ich wieder in London bin, will ich die Anſicht eines Rechtsverſtändigen einholen. Vorläufig aber möchte ich noch die Frage ſtellen, ob Barny Gee keine Papiere zurückgelaſſen hat.“ „Nur ſeinen Abſchied, den ich aufbewahrt habe,“ antwortete Simon.„Seine Feinde behaupteten, er ſei deſertirt.“ 190 „Sonſt hat ſich nichts vorgefunden?“ „Nein.“ „Wenn ich mich nur der letzten Worte des armen Barny entſinnen könnte,“ dachte der Farmer.„Allein das läßt ſich jetzt nicht ändern.“ Am andern Tag verließ der Major mit ſeiner Frau, ſehr betrübt über das Ergebniß ſeines Beſuches, St. Faith und kehrte nach London zurück. Einundſechzigſtes Kapitel. Das Ehepaar gab ſich jedoch nicht zufrieden, ſon⸗ dern der mißlungene erſte Verſuch ſpornte ſie nur zu weiterer Anſtrengung. Sie vermutheten, daß ein ſchnödes Spiel ſtattgefunden hatte, um die Tochter Allan Boothroyds den Augen der Welt zu entziehen, un beſchloſſen, den Rath eines Fachmannes einzu⸗ olen. In Folge eines eigenthümlichen Zuſammentreffens war der Advokat, welcher dem Major von ſeinem Agenten empfohlen wurde, eine dem Leſer wohlbe⸗ kannte Perſönlichkeit, Mr. Morton. „Ihre Mittheilung hat mich ſehr intereſſirt,“ ſagte er,„denn ich weiß Manches von der Vooth⸗ royd'ſchen Familie, obſchon ich von Berufswegen nie mit ihr zu ſchaffen hatte. Mein Vorfahrer, von dem das Geſchäft auf mich überging, hat das Teſtament des verſtorbenen Barons aufgeſetzt.“ „Das dem jüngeren Neffen keine Hülfsquelle ließ als ſeinen Degen,“ rief die Dame entrüſtet;„ein unnatürlicher alter—— Doch er war ein Hage⸗ 191 ſtolz,“ fügte ſie bei, als ob in dieſem Wort der In⸗ begriff aller menſchlichen Verworfenheit liege. „Die Güter hafteten, ſo viel ich weiß, an dem Titel,“ verſetzte Mr. Morton lächelnd;„aber wenn ich mich recht erinnere, ſo war ein Codicill dabei.“ „Könnte man hierüber nicht in's Klare kommen?“ fragte der Major. „Warum nicht? Der Gentleman, der es verfaßte, iſt noch am Leben. Mein erſter Schritt ſoll darin beſtehen, daß ich ihn aufſuche. Dann müſſen wir Ankündigungen erlaſſen und eine Belohnung für Die⸗ jenigen ausbieten, die einen Leitfaden zu Auffindung des verlorenen Kindes an die Hand geben.“ „In den devonſhirer Zeitungen?“ entgegnete der Major. „Ich habe mehr Glauben an die Londoner,“ ver⸗ ſetzte der Rechtsgelehrte;„denn wenn auch der Raub auf dem Lande ſtattfand, ſo hat man ſicherlich in London über das Kind weiter verfügt, da hier ein Verbrechen ſich am leichteſten verbergen läßt.“ Bei dem Wort Verbrechen erblaßte Mrs. Haw⸗ ley. Da ſie ſelbſt kinderlos war, ſo hielt ihr Herz mit warmer Liebe die Erinnerung an ihr Path⸗ chen feſt. „Man wird doch nicht ſo herzlos geweſen ſein, ihr ein Leides zu thun?“ rief ſie. „So unklug, willſt Du ſagen,“ bemerkte ihr Gatte,„denn weder Sir Norman noch ſeine Frau ſcheint viel mit Herz geplagt zu ſein.“ In der nächſten Woche brachten faſt alle Zeitungen jeden Tag nachſtehende Ankündigung: 192 „Hundert Guineen Belohnung dem, der Aus⸗ kunft geben kann über das Schickfal eines weiblichen Kindes, Namens Lillian, welches zu St. Faith, einem devonſhirer Dorfe, im Jahre 1847 aus dem Hauſe der Perſonen, bei denen es lebte, geraubt wurde. Die gleiche Summe wird auch Demjenigen zugeſagt, der zu Entdeckung der Verbrecher mit Erfolg behülf⸗ lich iſt. Das fragliche Mädchen hat ſchwarze Haare und Augen, war für ihr Alter ziemlich groß und ſprach zur Zeit, als die Entführung ſtattfand, nur unvollkommen Engliſch, da ſie eben erſt aus Indien, ihrem Geburtsland, zurückgekommen war.— Man wende ſich u. ſ. w.“ Sir Norman und Lady Boothroyd ſaßen beim Frühſtück, als Alice dieſe Ankündigung, die ihr auf⸗ fiel, laut vorlas. Die Eltern konnten ihre Verwir⸗ rung und ihren Aerger nicht verbergen. „Lillian!“ wiederholte Alice.„Ich muß dieſen Namen ſchon gehört haben. Jo, ich erinnere mich! ſo hieß das Kind des armen Soldaten, der—“ Sie hielt plötzlich inne, weil ſie ihrem Vater durch eine Anſpielung auf den Tod Barny Gees nicht wehe thun wollte. „Als Wilddieb auf dem Jagdgebiet von Meldown erſchoſſen wurde,“ ergänzte ihre Mutter,„und durch ſeinen Tod die Gerechtigkeit um ein Opfer betrog, * ohne Zweifel den Jäger Springthorp ermor⸗ et hat.“ Alice ſchauderte und blieb eine Weile nachdenkend ſitzen. Endlich rief ſie plötzlich: „Mama, Mama, in welchem Jahr haben wir Meldownpark verlaſſen?“ 193 „1847, verſetzte ihr Vater, der den Abzug aus dem Haus ſeiner Väter als ein hiſtoriſches Ereigniß betrachtete. „Alſo daſſelbe Jahr—“ „Still, Alice!“ herrſchte ihr die gnädige Frau zu; denn es ärgerte ſie, daß ihre Tochter das Aben⸗ teuer aus dem Pavillon von Meldownpark noch nicht vergeſſen hatte.„Wir beide, Sir Norman und ich, haben nicht genug Intereſſe für dieſe Angelegenheit, um länger dabei zu verweilen.“ Alice gehorchte und ſprach nicht weiter davon; aber ihre Gedanken kehrten ſtets wieder zu dem Ge⸗ genſtand zurück. Die Beſchreibung Lillians in der Ankündigung und die fremden Worte, die ſie aus dem Munde des eingeſperrten Mädchens gehört und die der Pfarrer für indiſch erklärt hatte, überzeugten ſie, daß das Kind Barny Gee's und die kleine Zigeu⸗ nerin, wie ihre Mutter ſie nannte, eine und dieſelbe Perſon, folglich Lady Boothroyd eine Theilhaberin an dem Verbrechen des Menſchenraubs geweſen ſei. Mr. Morton verzweifelte bereits daran, von ſei⸗ nen Ankündigungen ein befriedigendes Reſultat zu erzielen, als er eines Morgens auf ſeinem Weg nach Weſtminſter von einem ſtämmigen Weibsbild ange⸗ halten und um ſeinen Ramen gefragt wurde. „Sie ſind alſo der Gentleman, der das Aus⸗ ſchreiben wegen Lilly erlaſſen hat?“ fragte ſie. Mr. Morton bejahte haſtig die Frage und lud die Perſon ein, mit ihm nach ſeiner Kanzlei zurück⸗ zukehren. „Nein, nein,“ verſetzte Bet, denn die Sprecherin Smith, Ebbe u. Fluth. W. 194 war Niemand anders, als Fidler Dicks treues Ehe⸗ gemahl,„zwiſchen vier Mauern laß ich mich nicht erwiſchen. Sie müſſen mich ſchon auf der Straße anhören. Sie wünſchen Lilly aufzufinden?“ „Ja, und ich bezahle für jeden befriedigenden Nachweis,“ antwortete der Advokat. „Ich muß etwas auf die Hand haben,“ bemerkte das Weib und fuhr, als ſie ſah, daß Mr. Morton zögerte, fort:„Wenn ich ſie nicht gekannt hätte, wie wuͤßte ich denn, daß ſie Lilly hieß?“ „Gut,“ ſagte der Gentleman, indem er ihr fünf Goldſtücke gab,„betrachtet dies als einen Vorſchmack von dem, was Euch zu Theil werden ſoll, wenn Eure Austunft ſich als werthvoll erweist.“ „So ein Geſchäft laß ich mir gefallen,“ verſetzte Bet, indem ſie das Geld einſteckte.„Sie müſſen einen gewiſſen Dexter aufſuchen.“ „Wer iſt dies?“ „Ein Spitzbube, der mich nach dem Unglück mei⸗ nes Mannes um mein Geſchäft betrog,“ erwiderte das Weib.„Lilly war bei uns in der Lehre, um den Stelzentanz zu lernen.“ Mr. Morton ſchauderte. „Er ſagte zwar, er habe ſie nicht,“ fuhr ſie fort; „aber ich hab's ihm nie geglaubt. Suchen Sie ihn und dann werde ich Ihnen vielleicht mehr ſagen können.“ „Aber wo ſoll ich ihn ſuchen?“ „Oh, er iſt immer auf der Fahrt, entweder in den Straßen oder auf den Jahrmärkten.“ „Und wenn ich ihn habe, wie ſoll ich Euch auf⸗ finden?“ 195 „Ich komme ſchon wieder.“ „Wollt Ihr mir nicht lieber Euren Aufenthalt angeben?“ Das Weib zog ihren zerlumpten Mantel dichter um ihren ſchaudernden Leib und betrachtete Mr. Mor⸗ ton mit mißtrauiſchem Blicke. „Nein, Herr Advokat, ſo dumm bin ich nicht. Seit Jahren hab' ich kein lebendes Weſen den Platz wiſſen laſſen, wo ich daheim bin, wenn man's ein Daheimſein nennen kann. Ein Hund würde es nicht bei mir aushalten. Doch daraus mach' ich mir nichts; ich bin doch ſicher. Er wird bald wieder los ſein,“ fügte ſie in gedämpftem Tone bei. „Von wem ſprecht Ihr?“ „Von meinem Mann, dem Fidler Dick.— Es hätte ſollen für Lebenszeit ſein,“ murmelte ſie.„Die Polizei hat mich angeführt. Aber ich will Sie nicht mit meinem Unglück behelligen. Wenn Sie Dexter gefunden haben, ſo ſetzen Sie wieder eine Ankün⸗ digung in die Zeitungen, und ich will dann kommen.“ Als Morton ſah, daß weder Drohungen noch Zuſpruch den Entſchluß des Weibes wankend zu ma⸗ chen vermochten, ſo ließ er ſie ziehen, denn er ſah wohl, daß ſie ihr Zeugniß nur in ihrer Art abgeben wollte. Es war nicht das erſte Mal, daß er mit einer ſolchen Perſon zu thun hatte. Zweiundſechzigſtes Kapitel. Bald nach der Rückkehr von Mr. Chutnee's Land⸗ ſitz begann unſer Held eine Erſchlaffung zu ühlen⸗ 13 196 die ihn nicht nur unfähig zu ernſter Anſtrengung, ſondern auch gleichgültig gegen die Vergnügungen ſeines Alters machte. Anfangs ſchrieb er dies der Veränderung des Klimo's oder dem heißeren Wetter zu und glaubte nur den gewöhnlichen Zoll des Eu⸗ ropäers zu zahlen, der die gemäßigte Atmoſphäre ſeiner Heimath gegen die glühende des Oſtens ver⸗ tauſcht. Die Diener hatten ſeinen Armſtuhl auf die Ve⸗ randa hinausgebracht, damit ihm der leiſeſte Luftzug vom Hooghly her zu gut komme, und er ſaß eben in träumeriſcher Achtloſigkeit da, als Fritz Wharton vorſprach. Der junge Offizier war in militäriſchem Dienſt von Calcutta abweſend geweſen und erſchrack nicht wenig, als er die Veränderung bemerkte, die mit ſeinem Freund vorgegangen war; denn eine krankhafte Bläſſe hatte das ſonſt von Geſundheit ſtrotzende Geſicht überzogen und die Augen lagen trübe und ſtarr in ihren Höhlen. „Um's Himmels willen, lieber Freund,“ rief er, als der Kranke ihm matt die Hand entgegen bot, um ihn willkommen zu heißen,„ſprechen Sie, was iſt vorgefallen?“ „Was wird vorgefallen ſein? Nichts,“ verſetzte der Leidende. „Sie ſind krank.“ „Ich kann es kaum ein Krankſein nennen; denn ich fühle keinen Schmerz, blos eine Erſchlaffung durch den ganzen Körper. In ein paar Tagen werde ich ohne Zweifel wieder der alte Menſch ſein.“ „Haben Sie einen Arzt befragt?“ entgegnete der Offizier. 197 „Einen Arzt?“ wiederholte Richard, indem er zu lächeln verſuchte.„Nein; ſo ernſt iſts nicht. Es thut mir nichts weh; es iſt nur ſo— eine— Art — von—“ Ein leichter Huſten unterbrach den Sprecher, und ſein Freund bemerkte, daß ſich, als er die Lippen abwiſchte, ſein Taſchentuch grün färbte. „Haben Sie eine Frucht gegeſſen?“ „Nein; ich habe allen Appetit verloren. iſt indeß nur ein leichtes Unwohlſein und wird bald vorüber gehen, da Sie wieder hier ſind. Ich bin zuviel allein geweſen. Ihre Geſellſchaft wird mir gut thun. Sie ſpeiſen bei mir?“ „Nicht nur dies, ſondern ich will hier mein Quar⸗ tier aufſchlagen, bis Sie wieder geſund ſind. Kein Wort; ich laſſe mir's nicht wehren. Eine einzige Zeile an den Oberſten ſchafft mir Urlaub.“ „Geben Sie aber ja keinen Grund an, damit man ſich nicht beugruhige.“ „Vertrauen Sie meiner Klugheit.“ „Denn im Grunde iſt's doch nichts, und ich ſchäme mich, daß ich meiner Schwäche ſo nachgebe. Aber ſeit zwei Tagen fehlt es mir an der Entſchloſſenheit, mich aufzuraffen und auszugehen. Iſt dies nicht ſeltſam?“ Und er ſank zurück, als ſei er bereits von der Schilderung erſchöpft, die er dem Freund von ſeinem Zuſtand gemacht hatte. „Sie müſſen ſich nicht aufregen: aber welche be⸗ ſondere Erſcheinungen bemerken Sie?“ „Ein Verlangen nach Schlaf, obſchon ich wäh⸗ rend der letzten zwei Nächte kein Auge geſchloſſen 198 3„und dann ein Erſtickungsgefühl über der ruſt.“ Der Kranke huſtete wieder, und abermals trat ihm jener grüne Schaum auf die Lippen. „Ich muß mein Billet ſogleich abgehen laſſen,“ ſagte Mr. Wharton und ſah ſich nach einem Schreib⸗ zeug um. Da er das Erforderliche nicht fand, ſo klingelte er, und det Tafeldecker Haſſan entſprach dem Auf⸗ gebot. Ein leichter Zug von Ueberraſchung, vielleicht auch von Mißvergnügen flog über das Geſicht des Hindu, als er den jungen Offizier bemerkte. „Euer Herr iſt krank,“ ſagte Mr. Wharton. „Der Sahib zahlt nur den Zoll, den die Euro⸗ päer nach ihrer Ankunft in Indien entrichten müſſen,“ lautete die Erwiderung.„Er wird bald beſſer ſein.“ „Aber ich hab' ihn nie entrichtet.“ Der Kenſuma zuckte die Achſeln. „Warum habt Ihr nicht nach einem Arzt ge⸗ ſchickt?“ fragte der Hffizier, welchen die Kälte ver⸗ mit der Haſſan von dem Zuſtand ſeines Herrn prach. „Der Sahib wollte nichts davon hören.“ „Aber jetzt muß es geſchehen. Bringt mir Schreibzeug.“ Der Tafeldecker verbeugte ſich und ging. „Sie müſſen nicht ſo unwillig mit ihm ſprechen,“ ſagte unſer Held.„Der arme Burſche iſt ſehr auf⸗ merkſam gegen mich geweſen und faſt keinen Augen⸗ blick von mir gewichen.“ „Haben Sie Beſuch erhalten?“ „Nein— das heißt, ich glaube nicht.“ 199 „Vielleicht haben Sie befohlen, Niemand vorzu⸗ laſſen?“ „Nein.“ „Seltſam, daß Niemand nach Ihnen geſehen hat.“ Auch Tyrrell kam es ſo vor; er meinte jedoch am andern Tag wieder wohl genug zu ſein, um das Haus verlaſſen und ſeinen Geſchäften nachgehen zu können. „Wo ſteckt nur Jack Manders?“ k „Ich habe ihn nach Briefen fortgeſchickt, da die engliſche Poſt angelangt ſein ſoll.“ Haſſan brachte die gewünſchten Schreibmaterialien und blieb dann mit gekreuzten Armen im Hinter⸗ grund des Salons ſtehen. „Auf was wartet Ihr?“ fragte Fritz, als er be⸗ merkte, daß der Hindu keine Luſt zeigte, das Zimmer zu verlaſſen. „Auf Sahibs Brief.“ „Wenn er fertig iſt, will ich Euch rufen. Geht nur.“ Der Kenſuma verbeugte ſich und verſchwand. Fritz Wharton war keine argwöhniſche Natur; aber doch lag in dem plötzlichen Erkranken ſeines Freundes und in den Symptomen etwas ſo Unge⸗ wöhnliches, daß er ſich beunruhigt fühlte. Auch Haſſans Benehmen wollte ihm nicht gefallen; er be⸗ ſchloß daher, ſeinen Brief nicht durch dieſen beſorgen zu laſſen, ſondern Jacks Rückkehr zu erwarten. Es währte faſt eine Stunde, ohne daß der treue Burſche anlangte. In der Zwiſchenzeit war der Hindu zweimal in das Zimmer gekommen und hatte gefragt, ob er den Brief nicht forttragen ſolle. Die 200 trockene Verneinung veronlaßte den Menſchen nur, die orientaliſche Kriecherei noch augenfälliger an den Tag zu legen, um den Zug von Aerger, der ſein Geſicht überflog, zu verbergen. „Ich theile Ihr Vertrauen zu dem Tafeldecker nicht,“ bemerkte der junge Offizier.„Vielleicht habe ich Unrecht— und Gott gebe es— aber nie ſah ich den Stempel der Schurkerei deutlicher auf einem Geſicht, als auf dem ſeinigen.“ Tyrrell blickte ihn erſtaunt an; er konnte dieſes plötzliche Vorurtheil nicht begreifen. Ungeduldig über Manders' langes Ausbleiben verließ Wharton das Zimmer und begab ſich über den Hof nach dem Local für die Dienerſchaft. Zu ſeinem Aerger und Erſtaunen war hier Jack die erſte Perſon, die er bemerkte. „Wie lange ſeid Ihr ſchon hier?“ fragte er. „Wenigſtens eine Stunde,“ verſetzte Jack.„Wie freue ich mich, daß Sie gekommen ſind, denn ich fürchte, Mr. Tyrrell iſt ſehr krank.“ „Und doch ſeht Ihr ſo lange nicht nach ihm?“ „Haſſan unterſagte es mir, weil Sie beſchäftigt ſeien.“ „Ich habe ihn angewieſen, Euch zu mir zu ſchicken, ſobald Ihr zurückkämet,“ rief Wharton.„Ich ver⸗ ſtehe dieſes heimliche Weſen nicht und fürchte, es iſt gegen meinen armen Freund ein ſchnödes Spiel im Werk.“ Jacks Augen funkelten vor Zorn. Auch er hatte Argwohn. „Wenn ich einen Beweis dafür hätte, wollte ich dem Schurken den Hals umdrehen,“ rief er.„Aber 201 ich verlaſſe das Haus nicht wieder. Der Hindu hat mich in April geſchickt, denn von der Ankunft der engliſchen Poſt iſt entfernt keine Rede.“ Die Sache gewann ein immer verdächtigeres Aus⸗ ſehen. Gleichwohl bewahrte Fritz ſeine Geiſtesgegen⸗ wart. „Ihr ſeid die einzige Perſon, der ich trauen kann, und müßt jetzt dieſen Brief eigenhändig an Sir Charles Fourreau übergeben. Sagt ihm, daß Mr. Tyrrell ſchwer krank ſei, und daß ich ihn bitten laſſe, ihm den Doctor Burke zu ſchicken und ſelbſt auch herzukommen. Ich begreife in der That nicht, wa⸗ rum es nicht ſchon geſchehen iſt.“ Jack erhob ſich von ſeiner Bank, um den Auf⸗ trag auszurichten; aber der Offizier bemerkte, daß es mit einer großen Schwerfälligkeit geſchah, und daß die kurz zuvor noch von Zorn blitzenden Augen jetzt ſo trüb und ſtarr ausſahen, wie die ſeines Herrn. „Wie, ſeid Ihr auch unwohl, Manders?“ fragte der Offizier. „An mir liegt nichts, Sir; denken Sie nur an Mr. Richard,“ verſetzte der ehrliche Kerl.„Ich bin im gleichen Spital krank, habe es aber nicht merken laſſen, um ihn nicht zu beunruhigen. Haſſan ſchreibt der Veränderung des Klima's die Schuld zu, aber ich glaub' es nicht. Ich bin ſchon in China und Indien geweſen, ohne je etwas Aehnliches erfahren zu haben.“ Wharton begleitete ſeinen Boten unter das Haus und folgte ihm mit den Blicken auf ſeinem Weg nach der Artilleriekaſerne. Als er wieder in das Krankenzimmer zurückkam, verſuchte Haſſan eben den 202 Kranken zu überreden, daß er einen von ihm berei⸗ teten Trank einnehme. „Ich kann nicht; der Geruch widert mich an,“ ſeufzte Richard. „Er wird dem Sahib gut thun,“ ſagte der Hindu, die Schale dem Kranken aufdrängend. „Setzt es nieder,“ rief der Offizier in ſtrengem Tone;„Mr. Tyrrell wird ſchon davon nehmen, wenn er ein Verlangen fühlt.“ „Er iſt ekelerregend,“ murmelte Richard. „Aber er kühlt die Hitze des Bluts,“ ſagte der Kenſuma, ohne eine Miene zu verändern.„Ganz Europa hat keine ſolche Arznei.“ „Möglich,“ bemerkte Wharton, indem er das Ge⸗ tränk aufnahm und daran roch.„Ich will es ihm geben, wenn ihn danach verlangt. Jetzt geht und bereitet das Eſſen; ich bleibe hier und ſpeiſe bei Eurem Herrn.“ Eh' der Hindu das Zimmer verließ, wandte er ſich noch an der Thüre um und meinte, er könne auf dem Weg nach dem Markt den Brief des Sahib überliefern. „Iſt ſchon beſorgt.“ Haſſan verſchwand lautlos. „Ich fühle mich ſehr ſchwach,“ ſeufzte der kranke Jüngling. Wharton, der jetzt ernſtlich beunruhigt war, wußte kaum, wie er ſich verhalten oder was er thun ſollte. Als er ſich umſchaute, bemerkte er auf einem der Seitentiſche eine Liqueurflaſche. Er füllte einen Kelch und hielt ihn an die Lippen des Kranken, der ihn auf einmal austrank. Darauf folgte ein heftiger 203 Krampf und der arme Jüngling wälzte ſich voll Schmerz auf ſeinem Lager; dabei ging ſein Athem ſo ſchwer, daß Wharton fürchtete, der Schaum, der ihm bis auf die Lippen trat, möchte ihn erſticken. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und der Patient wurde wieder ruhiger. „Gott ſei Dank, daß es vorbei iſt,“ flüſterte er. „Wo iſt Jack?“ „Er beſorgt meinen Brief. Sir Charles und Doctor Burke werden bald da ſein. Wie fühlen Sie ich jetzt?“ meldete, was vorgefallen war. Nach einer Entſchul⸗ „Beſſer, viel beſſer,“ murmelte er.„Es iſt mir, als ob ein wenig Schlaf mich wieder ganz herſtellen könnte.“ Fritz Wharton nahm die Hand ſeines Freundes und blieb an deſſen Seite ſitzen, bis endlich der er⸗ ſehnte Schlaf die müden Lider des Kranken ſchloß, deſſen Athem eine ſchwere Beklemmung der Bruſt verrieth. Sir Charles und die Offiziere ſaßen eben bei Tiſch, als ſie durch die lauten, zornigen Rufe Jacks geſtört wurden, der durchaus zu dem Oberſten in das Zimmer wollte, während die Kellner ihn zurück⸗ zuhalten bemüht waren, „Was Henkers ſoll dieſer Lärm?“ fragte Major Plinlimmon unmuthig.„Kann man nicht einmal ſein Mittageſſen in Ruhe wie ein Chriſtenmenſch ein⸗ nehmen? Iſt eine Meuterei ausgebrochen?“ „Seht, was es gibt,“ ſagte der Oberſt zu einem der Diener. Kach einigen Minuten kam der Mann zurück und 204 digung gegen ſeine Kameraden begab ſich der Oberſt nach dem Vorzimmer, wo Jack ſich noch immer mit den Kellnern und Bedienten herumſtritt. Die Stimme des Offiziers bewirkte augenblickliche Stille. „Was ſoll dieſe Störung?“ fragte Sir Charles. Der Bote drückte halb ohnmächtig, denn auch er litt wie ſein Herr, den Brief in die Hand des Oberſten, der ihn aufmerkſam durchlas. „Gütiger Himmel, Mr. Tyrrell krank!“ rief er. „Todtkrank, wie ich fürchte.“ „Als ich ihn beſuchen wollte, ſagte man mir, er ſei nicht zu Hauſe.“ „Dies geſchah ohne ſein Vorwiſſen, Sir Charles. Sicherlich iſt ein ſchnödes Spiel im Werk.“ „Burke ſoll zu mir kommen,“ ſagte der Oberſt zu einem der Diener. Der Aufgebotene fand ſich ſogleich ein. Er ver⸗ langte von dem Boten eine ausführliche Beſchreibung Symptome, über die ſein Herr ſich zu beklagen atte. „Sie ſind ganz dieſelben, wie die meinigen,“ ſtotterte der arme Burſche, der kaum zu ſprechen vermochte und jetzt in einen Huſtenanfall ausbrach, ähnlich dem, an welchem Richard litt. Der Doctor bemerkte den grünen Schaum auf ſeinen Lippen, wiſchte ihn mit ſeinem Tuche weg und betrachtete ihn einige Minuten aufmerkſam. Sir Charles bemerkte, daß der Arzt erblaßte. „Doch nichts ſehr Ernſtes, hoffe ich?“ fragte der Oberſt. „Bringt etwas Branntwein,“ ſagte der Arzt haſtig zu einem der Kellner—„hurtig!“ 205 Jack Manders mußte den Branntwein ſchlucken, und es folgten dieſelben Krämpfe, wie bei unſerem Helden. „Schafft in ſo ſchnell als möglich in einem Pa⸗ lankin zu Mr. Tyrrell zurück,“ rief der Doctor. „Auch Sie, Oberſt, gehen hin und geben dem un⸗ glücklichen Gentleman alle Viertelſtunde von dem gleichen geiſtigen Reizmittel, bis ich nachkomme.“ „Alſo gefährlich?“ fragte Sir Charles. Doctor Burke's ausdrucksvoller Blick ließ das Schlimmſte befürchten. „Das Fieber?“ fragte der Oberſt. „Schlimmer. Er iſt vergiftet.“ „Vergiftet!“ ſtöhnte Sir Charles, der zugleich ſeiner Mündel gedachte. „Und zwar durch die einzige Drogue, gegen die ich kein Mittel kenne. Sie haben ſchon von der Wurzel gehört?“ „Nie.“ „Es iſt jetzt keine Zeit zu weiterer Erklärung. Eilen Sie zu Tyrrell. Ich will den indiſchen Arzt Mirza Alſchi aufſuchen; er allein in Calcutta beſitzt hinreichende Geſchicklichkeit, ihn zu retten.“ Sir Charles zögerte keinen Augenblick, ſondern benützte den ch beſten Palankin im Kaſernen⸗ hof und ließ ſich nach der Wohnung unſeres Helden tragen. Jack folgte ihm in einem andern nach. Wir haben keine ſolche Eile, wie Doctor Burke, und können daher dem Leſer wohl mittheilen, was es mit der Wurzel für eine Bewandtniß hat. Das Gift, das vorzugsweiſe dieſen Namen führt, wächst wie die Trüffel in der Erde und treibt in ſeinem 206 natürlichen Zuſtand weder Laub noch Blüthe, ſondern ſieht wie ein Stück dürres Korkholz aus. Die Ein⸗ gebornen erkennen an gewiſſen Zeichen, wo ſie da⸗ nach graben müſſen. Um das ihm inwohnende Ve⸗ getationsvermögen zu entwickeln, muß es mit leben⸗ digem thieriſchem Stoff in Berührung gebracht wer⸗ den. Die Anwendung geſchieht ſo, daß man das feingemahlene Pulver dem Trinkwaſſer oder der Speiſe beimiſcht. Iſt es einmal dem Körper einverleibt, ſo bewirkt es eine große Erſchlaffung mit Erſtickungs⸗ gefühl. Das Letztere hat ſeinen Grund in dem Um⸗ ſtand, daß jedes verſchluckte Stäubchen nach wenigen Stunden einen langen, ſchleimigen Faden treibt. Dieſe vegatabiliſchen Gebilde verweben ſich unter einander, bis zuletzt Erſtickung eintritt. Obgleich Doctor Burke ſonſt den Gedanken ver⸗ lacht haben würde, einen eingebornen Arzt zu Rath zu ziehen, ſo zögerte er doch im gegenwärtigen Fall keinen Augenblick, weil er wußte, daß dieſer Schritt allein Ausſicht bot, das Leben unſeres Helden zu retten. Als ſein Palankin vor der Thüre des Hakim Mirza Alſchi Halt machte, fand er den alten Mann, wie er eben, auf dem Teppich der Andacht ſitzend, ſein Abendgebet verrichtete. Sie kannten einander von früher. Die Orientalen laſſen ſich ſelten ihre Neugierde oder ihr Staunen anmerken. Doch konnte ein auf⸗ merkſamer Beobachter die Wahrnehmung machen, daß der alte Mann, während er ſeine Gebete murmelte, durch den Winkel ſeiner halbgeſchloſſenen Augen einen eigenthümlichen Blick nach ſeinem Gaſt hinſchießen ——— N* ſchrieben.“ 207 ließ, der geduldig wartete, bis der Hindu fertig war, weil er wohl wußte, daß derſelbe keinem irdiſchen Geſchäft Gehör ſchenken würde, bis die letzte Perle ſeines Roſenkranzes abgezählt war. „Möge Dein Schatten nie geringer werden,“ ſagte der Gaſt, als der Hakim, nachdem er die Au⸗ gen geſchloſſen, in ſchlangenartiger Bewegung ſich hin und her zu wiegen begann. „Ich bin der Sklave meines Herrn,“ lautete die Antwort. „Iſt Deine Geſundheit gut?“ „Die Krankheit ſtirbt in der Gegenwart des Hakims der Hakime. Iſt Mirza ein Hund, daß er vor ihm krank ſein ſollte?“ „Meine Seele wird leicht bei Deinem Lob.“ Nachdem die gewöhnlichen Complimente durch⸗ gemacht waren, die ungefähr den gleichen Werth haben, wie die in Europa, dabei aber viel lang⸗ weiliger ſind, ging der Doctor zu dem Zweck ſeines Beſuchs über. Der Hindu ſtrich ſich den Bart und lächelte. „Willſt Du nicht mit mir kommen?“ fragte der Doctor haſtig. „Iſt Dein Diener ein Yezed, daß er dieß thun ſoll?“ fragte der Hrientale ſarkaſtiſch.„Wenn der Engel des Todes nicht vor dem flieht, der der Herr der Weisheit und des Verſtandes iſt, welche Hoff⸗ nung iſt vorhanden, daß er auf mein Geheiß ſeine Fittige ausbreiten werde?“ „Aber der Jüngling kann ſterben.“ „Allah kerim! Was geſchrieben ſteht, iſt ge⸗ 208 „Du willſt mir nicht den Gefallen thun?“ „Es iſt ſein Kismit(Beſtimmung)!— Der Hakim der Frendſchis,“ fügte er bei,„ſpottet über unſer Wiſſen; möge er das ſeinige verſuchen.“ „Ich ſpotte über Niemands Wiſſen,“ erwiderte der Doctor, mit Mühe ſeinen Verdruß niederkämpfend, „denn ich weiß wohl, daß meine indiſchen Collegen Geheimniſſe beſitzen, die ihnen und ihrer Kunſt eigen⸗ thümlich ſind.“ „Es iſt ſo,“ antwortete Mirza etwas erweicht. „Die Weisheit der Länder iſt verſchieden.“ „Wahr.“ „Jedes Land hat ſeine eigene Gelehrſamkeit.“ „Mein Herr hat es geſagt.“ „Der arme Jüngling, für den ich Deine Hülfe nachſuche, hat von der Wurzel erhalten, und was kann Europas Gelehrſamkeit thun, ihn zu retten?“ „Nichts,“ entgegnete der eingeborne Arzt mit Nachdruck. „Rette ihn, und Gold ſoll Dir wie Waſſer zu⸗ ſtrömen.“ „Gold iſt gut.“ „Und der Ruhm Mirza Alſchi's wird groß ſein im Oſten, da er die Kunſt des Hakim von Franki⸗ ſtan beſchämt hat.“ „In wenigen Minuten werde ich meinem Bruder folgen,“ rief der alte Mann, gereizt durch ſeine Hab⸗ ſucht und Eitelkeit. Nachdem er den kleinen viereckigen Teppich, wel⸗ cher nur beim Gebet benützt wird, verlaſſen hatte, begab er ſich in eines der Zimmer des Hauſes und kehrte nach einigen Minuten mit einem Schächtel⸗ — 209 chen in der Hand zurück. Burke, der des langen Zögerns überdrüſſig war, lud ihn ein, ſeinen Palan⸗ tin zu theilen, und ſo erreichten ſie gleichzeitig die Wohnung unſeres Helden. Dreiundſechzigſtes Kapitel. Als Sir Charles Fourreau mit Jack Manders bei Richard anlangte, empfing ſie Haſſan mit dem gewöhnlichen unterwürfigen Salam und blieb dann mit über der Bruſt gekreuzten Armen ſtehen, um die Fragen oder Aufträge zu erwarten. „Was macht Euer Herr?“ fragte der Oberſt. „Er ſchläft.“ „Gott ſei Dank. Jetzt richtet ſogleich ein Bett für dieſen armen Burſchen zu. Ich erwarte in we⸗ nigen Minuten meinen Regimentsarzt Burke.“ „Die Halime Europas ſind weiſe,“ bemerkte Haſſan mit heimlichem Spott;„ohne Zweifel wird die Gefahr fliehen vor ſeiner Gegenwart.“ „Ich hoffe ſo,“ entgegnete Sir Charles arglos. Nachdem er dafür geſorgt hatte, daß Jack ſeinem Wunſch gemäß nach dem Zimmer ſeines Herrn ge⸗ bracht wurde, ſuchte er Richard auf, der ſchlafend dalag, während Fritz Wharton an ſeiner Seite wachte. Die beiden Offiziere drückten ſich ſchweigend die Hand. „Sie können wohl ſprechen,“ bemerkte der Cor⸗ net,„denn ſein Schlummer iſt augenſcheinlich faſt lethargiſch.“ Der Oberſt betrachtete erſchüttert das bleiche, Smith, Ebbe u. Fluth. W. 14 2¹0 eingefallene Geſicht, das kurz zuvor noch von Leben und Geſundheit geglüht hatte. „Es hat ein ſchrecklicher Verrath ſtattgefunden,“ ſagte er.„Burke erklärt unſern Freund für ver⸗ giftet.“ Wharton ſprang bei dieſer Beſtätigung ſeines Argwohns von ſeinem Sitz auf und ſchritt in großer Aufregung durch das Zimmer. „Entſetzlich!“ rief er.„Wem hat er je etwas zu Leide gethan? Ich kann mir keinen Feind denken. Was mag die Urſache ſein?“ „Vielleicht Rache oder Eiferſucht,“ verſetzte der Oberſt wehmüthig.„Doch zunächſt müſſen wir für ſeine Heilung Sorge tragen. Burke will den ein⸗ gebornen Arzt Mirza Alſchi mitbringen, der ſich am beſten auf die Gifte des Hrients verſteht.“ „Wird man ihm auch trauen können?“ „Wir müſſen— er iſt unſere letzte Hoffnung.“ Mehrere Diener des Hauſes brachten jetzt Jack herein. Haſſan folgte ihnen. Als Wharton ſeiner anſichtig wurde, tauchte ſein ganzer Argwohn wie⸗ der auf. „Schurke!“ rief er;„wenn es ein ſchlimmes Ende nimmt, ſo ſollſt Du dafür baumeln.“ Der Hindu ſah ihn mit gutgeſpielter Ueber⸗ raſchung an. „Was hat der Sahib geſagt?“ Wharton wiederholte ſeine Worte. Der Kenſuma würdigte ſie nur eines kalten, verächtlichen Lächelns. „Sprich! woher kömmt dieſe plötzliche Verände⸗ rung?“ ſagte der Oberſt, auf die beiden bewußtlos daliegenden Geſtalten deutend. e——— ——— 2¹11 „Iſt Ihr Diener ein Hakim, daß er Ihnen dies erklären ſoll?“ verſetzte der Mann.„Die Blume welkt, während die Wurzel noch in der Erde iſt, und wir können keinen Grund angeben. Es iſt Kismit.“ „Ich will Dir ſagen, was Deine Beſtimmung ſein wird,“ entgegnete Sir Charles finſter,„wenn ſich herausſtellt, daß Du bei dieſer Unthat bethei⸗ ligt warſt.“ Haſſan ſah ihn ruhig an. „Ein Strick und ein Grab auf dem Schindanger,“ fügte der Oberſt bei. „Es ſei ſo,“ entgegnete der Mann.„Der Un⸗ ſchuldige iſt ſtark und es gibt in Caleutta Gerechtig⸗ keit für den Hindu ſo gut wie für den Frendſchi.“ In dieſem Augenblick trat Doctor Burke ein. Der Kenſuma lächelte nur bei ſeinem Erſcheinen; als er ihm aber den eingebornen Arzt Mirza Alſchi mit ſeiner Arzneiſchachtel folgen ſah, veränderte ſich ſein Geſicht dermaßen, daß ſeine innere Aufregung nicht mehr zu verkennen war. Er wollte das Zim⸗ mer verlaſſen; doch Fritz Wharton trat ihm in den Weg und donnerte ihm zu: „Mörder, ich verhafte Dich!“ Auch Sir Charles war von der Schuld des Hindu ſo überzeugt, daß er denſelben trotz ſeiner Unſchulds⸗ betheuerungen zwei baumſtarten Palankinträgern zur vorläufigen Bewachung übergab und einen dritten nach der Polizei fortſchickte. Der Hakim trat an das Bett, auf dem der Kranke ruhte, und befühlte deſſen Bruſt und Puls. „Die Wurzel,“ ſprach er endlich ſugat 2¹12 „Ich dachte mir's wohl,“ rief Doctor Burke, der bei all ſeiner Geſchicklichkeit im vorliegenden Fall ſich darauf beſchränkte, den Zuſchauer zu ſpielen. „Sein Schlaf kömmt mir unnatürlich vor,“ be⸗ merkte der Oberſt. „Was hat man ihm gegeben?“ fragte Mirza den jungen Offizier. Wharton deutete auf die Liqueurflaſche. Ein grämliches Lächeln flog über die Züge des Hindu. „Gut,“ ſagte er,„diesmal hat Unwiſſenheit das Werk der Kenntniß verrichtet.“ Er trat dann an den Seitentiſch und unterſuchte den Trank, welchen Haſſan dem Kranken hatte auf⸗ drängen wollen und der noch unberührt daſtand. Wharton hatte den wiederholten Verſuch des Meuch⸗ lers, ihn zu entfernen, abgewehrt und erklärte nun, warum ſein Freund ihn nicht genommen. „Gut,“ verſetzte der Hakim.„Hätte er nur einen einzigen Schluck genommen, ſo wäre das ganze Wiſſen Indiens nicht ausreichend, ihn zu retten. Es iſt das Kerſunaswaſſer, welches das Wachsthum der Wurzel befördert.“ „Der Schurke!“ riefen alle Anweſenden, entſetzt von der teufliſchen Bosheit des Kenſuma. Der alte Mann öffnete die Schachtel, die er keinen Augenblick aus der Hand gelaſſen, nahm dar⸗ aus einen Stoff, der wie ein Stückchen Bimsſtein ausſah, und begann es zu zerfeilen. Doctor Burke ſah ihm aufmerkſam zu und drückte ſeine Begier, den Arzneiſtoff zu unterſuchen, ſo lebhaft aus, daß der Hakim ihm zurückwinkte. „Der Weſten hat ſeine Geheimniſſe,“ ſagte er, 2¹3 „und ich ſuche nicht in ſie einzudringen; möge mein Bruder im Wiſſen auch die des Oſtens achten.“ Nachdem er ſo viel abgefeilt hatte, als etwa die Oberfläche eines Schillings bedeckte, verlangte er ein Glas Milch, das von einem eingebornen Diener gebracht wurde. Der Hakim unterſuchte ſie ſorg⸗ fältig, ſchüttete langſam das Pulver hinein und ſprach dazu einige Worte in einer unbekannten Sprache. Der engliſche Arzt lächelte; er begriff, daß der Spruch des Alten nur den Zweck hatte, zu blenden, und daß die eigentliche Heilkraft in dem Pulver lag. „Jetzt richtet ihn auf,“ ſagte der Hakim. Sir Charles und Fritz entſprachen dem Geheiß. „Drückt ſeinen Kopf zurück.“ Es geſchah. „Haltet ihn nur recht feſt, denn es werden heftige Krämpfe eintreten,“ fügte Mirza bei.„Die Theil⸗ nahme darf nicht eure Kraft lähmen; laßt ihr ihn los, ſo ſind die Folgen verhängnißvoll.“ Obſchon ſich der Kranke in der gewünſchten Lage befand, zögerte der Hakim noch immer. Richards Freunde begannen ungeduldig zu werden und konnten nicht begreifen, warum er nicht raſcher an's Werk ging. „Geduld iſt die Mutter der Weisheit,“ bemerkte der Hakim. Allmählig fing die Milch in dem Glas an außzu⸗ brauſen. Mirza brachte ſie an die Lippen unſeres Helden und zwang ihn, ungeachtet ſeines Sträubens, das Getränk zu ſchlucken. Darauf folgte ein heftiger Krampfanfall, in welchem die Augäpfel des Leiden⸗ den ſich vor Schmerz zu vergrößern ſchienen. Der 214 Anblick war ſelbſt für Doctor Burke, geſchweige denn für den Oberſten und Fritz Wharton furchtbar er⸗ ſchütternd. Die Krämpfe hielten mehrere Minuten mit einem Ungeſtüm an, daß der ſchlimmſte Ausgang zu fürchten ſtand. „Arme Lilly!“ dachte der Oberſt, der nicht anders glaubte, als der Kranke werde ihm unter den Hän⸗ den ſterben;„das iſt ein ſchwerer Schlag für Dein junges liebendes Herz.“ Endlich rang ſich ein tiefes Aechzen aus der Bruſt des Jünglings, deſſen Gliedmaßen im Schmerz ſich furchtbar verdrehten. „Haltet feſt,“ warnte der Hakim ernſt. Es folgte ein zweites Aechzen. „Erſchreckt nicht über das, was ich jetzt thue,“ fügte er bei, indem er ſeine lange, magere Hand ballte und dem Kranken einen heftigen Schlag auf die Bruſt verſetzte. „Ungeheuer!“ rief Fritz.„Du haſt ihn getödtet!“ „Ich habe ihn gerettet,“ verſetzte Mirza ruhig. Dem Schlag folgte ein heftiges Erbrechen, das wohl eine Viertelſtunde fortmachte und eine unge⸗ heure Menge grüner Materie entleerte, welche aus lauter langen Fäden beſtand und der Brunnencon⸗ ſerve gleichſah. Dann begann der Kranke freier zu athmen und fragte, ob er ſich nicht niederlegen dürfe. „Haltet ihn aufrecht,“ ſagte der Hakim.„Wenn er niederliegt, ſo ſtirbt er.“ Nach einer ſolchen Warnung blieben natürlich die Bitten unſeres Helden unbeachtet. Doctor Burke bemerkte mit angelegentlichem Intereſſe, daß die letzten Fäden mit Blut gefärbt waren, und machte den —— 2¹5 darauf aufmerkſam, der dazu mit dem Kopf nickte. „Ja,“ ſagte er;„ſie waren bereits im Magen feſtgewurzelt. Es iſt wenigſtens fünf Tage, daß er das Gift genommen hat.“ Nachdem das Brechen vorüber war, bereitete der Hakim aus verſchiedenen Arzneiſtoffen einen Trank, der bei dem Kranken viel leichter hinunterging als der erſte. Mirza beobachtete ängſtlich ſeine Wirkung. „Allah kerim!“ rief er nach einer Pauſe.„Die letzte Faſer iſt entfernt und der Jüngling gerettet. Ihr könnt ihn jetzt niederlegen und einige Stunden ſchlafen laſſen; aber ſein Schlaf muß bewacht werden.“ Sir Charles und Wharton erklärten ſich bereit, die Nacht über bei dem Kranken zu bleiben. „Gut,“ verſetzte der alte Mann.„Erwacht er, ſo gebt ihm Branntwein; aber ſtört ja ſeinen Schlaf nicht.“ Das gleiche Verfahren wurde nun auch mit Jack Manders vorgenommen, der übrigens keinen ſo ſchweren Kampf durchmachen mußte, weil er das Gift um einige Tage ſpäter erhalten hatte. Nach vollbrachter Arbeit wollte ſich der Hakim entfernen. „Halt!“ rief der Oberſt.„Du haſt ein Leben gerettet, das mir und Allen, welche den Jüngling kennen, ſehr theuer iſt.“ „Sein Stern war ein guter.“ „Laß Dir die Dankbarkeit ſeiner Freunde aus⸗ drücken.“ Er legte in die runzlige Hand des Hindu eine mit Goldſtücken gefüllte Börſe und fügte der Gabe einen werthvollen Diamantring bei, den er von 216 ſeinem Finger nahm. Mirza Alſchi drückte nach orientaliſcher Sitte das funkelnde Kleinod an ſeine Stirne und küßte es ſodann. „Möge Dein Schatten nie kleiner werden,“ rief er. Sir Charles dankte ihm für den Wunſch. „Und Geſundheit und Reichthum Dich begleiten.“ „Wenn an der erſteren etwas fehlt,“ verſetzte der Oberſt, auf den die Kunſt des Mannes tiefen Eindruck gemacht hatte,„ſo werde ich nach dem Hakim Mirza ſchicken.“ „Der Sahib mag über ihn verfügen, und wenn der Engel des Todes an ſeiner Seite ſtünde. Ich ſpreche wahr,“ fügte der Hindu feierlich bei und verließ das Haus. Vierundſechzigſtes Kapitel. Unſere Leſer werden ſich ohne Zweifel wundern, warum nach jener Scene im Tempelgarten Jack Manders, Kaleb und der Seis keine Vorbereitungen trafen, um die Vollbringung des Verbrechens zu hindern, das ihren Herrn beinahe das Leben koſtete, und warum die Abſicht der beiden Erſteren, Richard ſelber an Ort und Stelle zu bringen, nicht zur Aus⸗ führung kam. All' dies wäre wohl geſchehen, wenn Haſſan nicht die Wurzel ſchon am andern Tag angewendet hätte. Die Erſchlaffung, welche unmittelbar darauf folgte, machte das Opfer zu jeder Anſtrengung unfähig, und dazu kam noch, daß Heirim verſchwunden war. Das Abenteuer lebte alſo nur noch in der Erin⸗ . ſich hinſummte, weiter ging. 217 nerung Kalebs fort, der ſich darnach ſehnte, unſerem Helden ſeinen Dank bezeugen zu können. Er kehrte jede Nacht an denſelben Platz zurück, aber ohne Erfolg, denn der Bramine und Al Murad kamen entweder nicht weiter zuſammen oder hielten ihre Beſprechungen im Innern des Tempels, wohin er ihnen nicht folgen konnte. Richards und Jacks Krankheit ſchien ihm weiter nichts als die natürliche Wirkung des Klima's zu ſein, und er glaubte der Verſicherung des Erſteren, daß er ſich am andern Tag beſſer befinden werde. In der Nacht, welche der Entdeckung des Meuchlers folgte, lag Kaleb wieder wie gewöhnlich, im Gebüſch verſteckt, auf ſeinem Poſten vor dem Tempel. Eine jener unbeſtimmten ſchlimmen Ahnungen, die uns hin und wieder ſo unerklärlich befallen, laſtete ſchwer auf ſeinem Geiſt, er fühlte ſich ſo traurig und un⸗ glücklich, als ſei er wieder an Bord des Caradoc und unter der Zuchtruthe ſeines alten Tyrannen. Er mochte etwa eine Stunde auf ſeinem Platz gelauert haben, als der Schall eines Fußtritts ſein Ohr traf; er fuhr auf und richtete ganz nahe bei dem Fremden, der ein Tempeldiener zu ſein ſchien, den Kopf in die Höhe. Die Bewegung war nur eine augenblickliche, da er ſogleich ihre Uünklugheit fühlte und in der Hoffnung, unbemerkt geblieben zu ſein, ſich wieder niederduckte. Doch das ſcharfe Auge des Hindu hatte ihn wahrgenommen, obſchon er mit der ſeiner Kaſte eigenthümlichen Faſſung und Schlauheit weder Ueberraſchung noch Furcht verrieth, ſondern, ohne das eintönige Lied zu unterbrechen, das er vor 218 „Ein glückliches Entkommen,“ dachte Kaleb, ſo⸗ bald der Gegenſtand ſeiner Furcht unter dem Thor⸗ bogen des Tempels verſchwunden war.„Ich wollte, ich hätte das Geſicht des Kerls geſehen, denn er ſcheint mir nicht unbekannt zu ſein.“ Er hatte Recht, denn der Mann war längſt als Spion um die Wohnung unſeres Helden beſchäftigt. Haſſan hatte ihn unter der angeblichen Eigenſchaft eines Biſti oder Woſſerträgers verwendet, und jetzt war er auf dem Weg, Al Murad und dem Ober⸗ braminen anzuzeigen, daß ihr Anſchlag entdeckt und ihr Agent zur Haft gebracht worden ſei. Wir fol⸗ gen ihm nach dem Innern des Tempels. Die Halle, in welcher der Bankier mit ſeinem Verbündeten ſaß, war reich verziert und hatte Wond⸗ bilder, welche die Incarnationen Wiſchnus und das Sinnbild Bramas, des oberſten Gottes des Hindus, darſtellten. Von letzterem beſitzen ſie keinen Götzen, und die Veden geben dafür folgenden Grund an; „Von ihm, deſſen Herrlichkeit ſo groß iſt, gibt es kein Bild. Er iſt das unbegreifliche Weſen, welches Alles erhellt, Alles mit Luſt erfüllt und von dem Alles ausgeht. Durch ihn leben wir, wenn wir re ſind, und zu ihm kehren wir wieder urück.“ Der Wohnort Bramas wird in das Dreieck Quivelinga verlegt, das ſich in dem Mittelpunkt einer Roſe befindet. Al Murad war ſehr aufgeräumt. Dem letzten Bericht zu Folge rang ſein Nebenbuhler mit dem Tode, und von der nächſten Botſchaft erwartete er die Kunde, daß er geſtorben ſei. 3— 219 „Vater,“ bemerkte er gegen den Braminen, der ihm zur Seite ſaß,„das Werk geht wacker voran: Einer von der verhaßten Race unſerer Unterdrücker ſteht wohl jetzt vor dem Richterſtuhl Yemen.“ Der alte Mann lächelte. „Gleichwohl hätte ich gewünſcht, daß Kehoda nicht geſchont worden wäre,“ fuhr der Sprecher fort. „Warum that ich's?“ verſetzte der Fanatiker. „Um ſie aufzubewahren für das erſchütiernde Opfer, das ſo lang vernachläſſigt worden iſt.“ „Sie könnte entkommen.“ „Unmöglich; ſie befindet ſich im Haupttempel der beleidigten Göttin. Mereiatel wacht über ſie.“ „Und der elende Seis,“ murmelte der Bankier. „Er iſt treu.“ Al Murad machte eine Geberde des Unglaubens. „Er wollte der Liebe zu ſeinem Herrn ſeinen Glauben nicht opfern,“ fügte der Bramine bei.„Er mag leben.“ „Dennoch dürfte es klüger ſein—“ „Er ſoll leben,“ unterbrach ihn der alte Mann in einem Ton, der keinen Widerſpruch geſtattete; denn der reiche Bankier war ganz in ſeiner Gewalt. „Und nun dränge mich nicht mehr in dieſer Sache. Hat man nicht, obſchon der Tod eines jeden Soh⸗ nes und jeder Tochter der chriſtlichen Race beſchloſſen wurde, aus Mitleid mit Deiner Schwäche eingewil⸗ ligt, jene Lillian zu verſchonen?“ Der Hindu beugte ſein Haupt, um den Aerger zu verbergen, den er über den gebieteriſchen Ton und das trotzige Weſen des Braminen fühlte. Der Tempeldiener trat in die Halle, verneigte * 220 ſich in tiefer Ehrerbietigkeit vor dem Braminen und blieb mit über der Bruſt gekreuzten Armen ſtehen, harrend, daß er gefragt würde. „Iſt der Chriſt todt?“ rief Al Murad haſtig. Der Mann ſchwieg. „Es iſt Dir erlaubt, zu ſprechen,“ ſagte ſein Vorgeſetzter. „Der Sahib Tyrrell iſt entkommen.“ „Unmöglich!“ riefen die beiden Verſchwörer. „Der engliſche Hakim und der Offizier kamen in das Haus,“ fuhr der Bote fort,„und brachten den Vater der Wiſſenſchaft, Mirza Alſchi, mit ſich, vor deſſen Gegenwart der Engel des Todes floh. Er wendete das Gegenmittel an, das nur dem heiligen Volke bekannt iſt.“ „Fluch über ihn!“ murmelte der Bankier. „Das ſieht den Frendſchis gleich,“ bemerkte ruhig der Bramine, der außer dem allgemeinen Haß gegen die Europäer und dem Verlangen, ſeinem Verbün⸗ deten einen Dienſt zu erweiſen, keinen beſonderen Grund hatte, den Tod unſeres Helden zu wünſchen. „Es war nicht ſeine Beſtimmung zu ſterben.“ „Vater,“ rief der Hindu, ſeiner Leidenſchaft den Zügel laſſend,„Du haſt nie geliebt, nie den na⸗ genden Schmerz der Eiferſucht gefühlt, und begreiſſt alſo nicht, was es heißt, einen Nebenbuhler, einen glücklichen Nebenbuhler an der Seite des Weſens zu wiſſen, das man anbetet.“ Der Bramine warf ihm einen Blick kalter Ver⸗ achtung zu, als ſeien ſolche Gefühle weit unter der Würde jeiner heiligen Kaſte; und doch hätte ein achtſamer Beobachter in ſeinem Geſicht einen lauern⸗ . 0 221 den Zug wahrnehmen können, welcher bekundete, daß unter dem Reif des Alters nicht jede Regung des Herzens erſtickt war; wenn ſich auch kein Raum für die Liebe bot, ſo herrſchte doch noch der Ehrgeiz in ſeinem Innern. „Und Haſſan?“ rief er, der Gefahr eingedenk, welche aus der Entdeckung des Anſchlags hervorgehen könnte. „Iſt im Gefängniß.“ Der Bramine ſchlug dreimal die Hände zuſam⸗ men, worauf mehrere Diener eintraten. Er ſchrieb haſtig einige Zeilen auf ſeine Tafel und gab ſie einem derſelben. „An Arad, den Munſchi, der in der Nähe des Gefängniſſes wohnt,“ ſagte er. Der Diener trat ab. „Das iſt gefährlich,“ flüſterte Al Murad. „Ich habe vorgebaut,“ verſetzte der alte Mann mit kaltem Lächeln.„Noch ehe die Sonne aufgeht, iſt Haſſan aus dem Bereich ſeiner Feinde.“ „Frei?“ „In der Freiheit des Todes,“ erwiderte der Bra⸗ mine gleichgültig.„Du magſt Dich entfernen,“ fügte er gegen den Tempeldiener bei. Statt jedoch zu gehorchen, blieb der Mann mit gekreuzten Armen regungslos ſtehen, zum Zeichen, daß er noch eine Mittheilung zu machen habe. „Sprich!“ „Als ich durch den Wald vor dem Tempel kam, bemerkte ich, daß ich belauſcht wurde.“ „Von wem?“ „Von einem Chriſten, einem Diener des Sahib 222 Tyrrell. Ich nahm es auf mich, ſeine Verhaftung anzuordnen.“ Ein grimmiges Lächeln flog über das Geſicht des alten Fanatikers. Er hatte jetzt einen Chriſten in ſeiner Gewalt. Kaleb wurde hereingebracht; ſeine Hände waren mit Stricken gebunden, und ein in ſeinem Munde ſteckendes Tuch hinderte ihn, Lärm zu machen. Der Bankier legte die Hand an die Waffe in ſeinem Gürtel und würde wohl mit dem hülfloſen Gefange⸗ nen kurzen Proceß gemacht haben, wenn ſein Ge⸗ fährte ihm nicht Einhalt gethan hätte. „In dieſen Mauern darf kein Blut vergoſſen wer⸗ den,“ ſagte er.„Ich werde ihn dem Brama opfern. Ein Chriſt und eine Abtrünnige von unſerem heiligen Glauben ſind jetzt in meiner Gewalt— das Opfer wird vollſtändig ſein.“ „Aber wenn er entwiſcht?“ „Fürchte nichts. Che noch die it⸗ Sonne auf⸗ geht, wird er weit weg ſein von Calcutta auf dem Weg nach dem Tempel der Mereiatel.“ Al Murad war mit dieſem Aufſchub wenig zu⸗ frieden, mußte ſich aber fügen. Die Vorſichtsmaßregel, welche der ſchlaue Prieſter zu Wahrung des Geheimniſſes eingeſchlagen hatte, erwies ſich als wirkſam; denn als Sir Charles Four⸗ reau am ondern Morgen das Polizeigericht beſuchte, um gegen den Kenſuma Haſſan eine Klage wegen verſuchten Meuchelmords vorzubringen, zeigte ſich, daß der menſchlichen Gerechtigkeit bereits in's Hond⸗ werk gegriffen war. Man hutte den Elenden todt in ſeiner Zelle gefunden. 223 Er war von einer giſtigen Schlange gebiſſen worden. Wie ſie in das Gefängniß gekommen, konnte ſich Niemand erklären, da ſie in jenem Theil Indiens nicht heimiſch war. Fünfundſechzigſtes Kepitel. Die Veranlaſſung zu dem Marſchbefehl für das Olſte wurde bald bekannt. Die Regierung war un⸗ ruhig geworden über den Geiſt der Inſubordination, weiche ſich unter den einheimiſchen Truppen kund gab, um ſo mehr, da England mit einer Blindheit, die man faſt Bethörung nennen könnte, dieſen Streit⸗ kräften die Bewahrung ſeiner Beſitzungen im Oſten vertraut hatte. Als man ſich in Calcutta die erſte Kunde von meuteriſchen Auftritten zuflüſterte, lachten die jungen Offiziere und viele Civiliſten darüber. Nichts konnte ihren Glauben an die Treue der eingebornen Armee erſchüttern. Sie betrachteten die Sache blos als ein vorübergehendes Aufbrauſen, das aus einer Kaſten⸗ grille entſprang, oder als einen Verſuch, die Abwe⸗ ſenheit eines großen Theils der königlichen Truppen, welche gegen Perſien gerückt waren, zu einer Stei⸗ gerung des Soldes zu benützen. Die gefetteten Pa⸗ tronen erſchienen ihnen nur als Vorwand. In der letzteren Anſicht hatten ſie wahrſcheinlich nicht ganz Unrecht; denn gleich dem Europäer ge⸗ ſteht auch der Hindu nur ſelten den wahren Grund ſeines Handelns zu und ſchiebt lieber Ausflüchte vor. Doch betrachteten auch Manche von denen, die 224 ſchon längere Zeit ſich in Indien aufhielten, die An⸗ gelegenheit in einem ganz anderen Licht. Sie hat⸗ ten längſt den Geiſt der Unzufriedenheit bemerkt, welcher, dem glimmenden Feuer gleich, nur einer günſtigen Gelegenheit bedurfte, um loszubrechen und nach allen Seiten hin Verheerung zu verbreiten; aber auch ſie hatten keine Ahnung von den Schreckens⸗ ſcenen, die ſich vorbereiteten, von den Unthaten, welche ſo manchen engliſchen Herd öde machen ſoll⸗ ten und als unauslöſchliches Brandmal fortleben werden auf den Blättern der Geſchichte, die von Englands Herrſchaft in Indien handeln. Es iſt erſtaunlich, wie wenige Menſchen ſich vor den Ereigniſſen des letzten Kriegs eine richtige An⸗ ſicht von dem Charakter der Sepoys gebildet hatten, und doch fehlte es nicht an Material zu einer gründ⸗ licheren Würdigung. Ihre Religion war und iſt ein Syſtem von Grauſamkeit, gebaut auf die ſchlimmſten Leidenſchaften der Menſchennatur. Der Aſiate iſt von Natur hinterliſtig und hat keinen Sinn für die Wahrheit. Alle Orientalen ohne Ausnahme halten es für ein verdienſtliches Werk, den Europäer zu betrügen, und es gereicht den Engländern wahrhaſtig nicht zur Ehre, daß ihnen während des langen Verkehrs mit ihnen und der Herrſchaft über ſie nicht gelungen iſt, einige Liebe oder Achtung zu gewinnen. Die Ein⸗ gebornen ſehen nämlich in uns nur Heuchler, und wenn wir ruhig alle die Umſtände ins Auge faſſen, welche das Umſichgreifen unſerer Herrſchaft im Orient begleiteten, ſo können wir uns kaum darüber wundern. Unterſuchen wir die Sache näher. Erſtlich rühm⸗ 22⁵ ten ſich die Eroberer der Ueberlegenheit ihrer Religion und erklärten die der Hindus für Betrug und Gottes⸗ läſterung. Gleichwohl warfen ſie Fonds aus zu Fortführung des Götzendienſtes und erhoben Abgaben von den zahlloſen Wallfahrern zu den ſchändlichen Feſten des Dſchaggernaut, deſſen abſcheuliches Bild man jährlich in Prozeſſion herumführte, während engliſche Soldaten die Ordnung handhabten und dem Moloch militäriſche Ehrenbezeugungen erwieſen. Die britiſche Regierung ſtellte Uneigennützigkeit als ihren Grundſatz auf und fröhnte in der Praxis der ſchamloſeſten Habſucht. Kein Eingeborner hat je geglaubt oder wird es glauben, daß die Grauſam⸗ keiten, unter denen man die Steuern erpreßt, ohne Vorwiſſen der Behörden geübt werden, und ſicher⸗ lich gibt es auch in England nur wenige, welche dieſe Anſicht nicht theilen, wie ſehr man auch im Parlament die gegentheilige feſtzuhalten ſich müht. Auch war die Lebensweiſe unſerer Landsleute in Indien nicht geeignet, Achtung einzuflößen. Die mei⸗ ſten lebten in einem Zuſtand offener Unſittlichkeit; ſie wollten zwar Chriſten ſein, benahmen ſich aber wie Heiden; denn wenn ſie auch nicht im Götzentempel anbeteten, ſo gaben ſie ſich doch denſelben Laſtern hin, die ihrem Bekenntniß nach ihnen ein Gräuel ſein ſollten. Kein Wunder alſo, daß der Hindu die Religion ſeiner Ueberwinder für ein Blendwerk erklärte— daß ferner der ſtolze Bramine, welcher wenigſtens äußerlich ſeinem Glauben Achtung zollt, uns haßte und verachtete und dem Tiger gleich nur 3 gün⸗ Smith, Ebbe u. Fluth. IV. 226 ſtigen Augenblicks harrte, um den verhängnißvollen Sprung zu thun. Dieſer Augenblick war nun gekommen, und da es ſelbſt an den einfachſten Vorbeugemitteln fehlte, ſo wirkte Alles zuſammen, um den Aufſtand für eine Weile ſo erfolgreich zu machen, als er blutig und erbarmenlos ſich zu entwickeln beſtimmt war. Nicht die letzte und geringſte unter den ſchweren Anklagen, auf die England moraliſch wenigſtens zu antworten hat, iſt die rückſichtsloſe Ländergier. Ein Staat um den andern wurde verſchlungen, ein Kö⸗ nigreich um das andere einverleibt, und gleichwohl geſtatteten wir mit einer Bethörung, der ſich keine andere Nation der Welt ſchuldig gemacht haben würde, den überwundenen Beſitzern der eingeſackten Kronen, in königlichem Prunk fortzuleben. So ſaß der Schatten des Großmoguls noch immer mit den äußerlichen Abzeichen der höchſten Gewalt auf dem Thron von Delhi. Der Exkönig von Audh reſidirte zu Calcutta und ließ ſich königliche Ehren erweiſen. Außer dieſen gab es noch eine Menge kleinerer Für⸗ ſten, die in ähnlicher Weiſe fortleben durften. Die bevorſtehende Abreiſe des Oberſten und ſeiner Familie nach Delhi war ein ſchwerer Schlag für unſeren Helden, der gerne mitgezogen wäre, wenn ihn nicht wenigſtens vorderhand noch ein Band, wel⸗ ches kräftiger war als das der Liebe— die Ehre — in Calcutta feſtgehalten hätte. Er konnte dieſe Feſſel nicht brechen, ohne auf die Hoffnungen zu verzichten, die ihn nach Indien geführt hatten. „Ich ſehe nicht ein, warum Sie nicht mitgehen — ſie gutheiße.“ 227 können,“ bemerkte Lady Bell, als von dem nahen Aufbruch die Rede war. Lillians Miene drückte die gleiche Anſicht aus. In dieſer Klemme kam der Oberſt, der allein von dem Sachverhalt unterrichtet war, unſerem Hel⸗ den zu Hülfe. „Einfach, weil er einen Grund hat, meine Liebe,“ ſagte er,„und ich würde es ihm ſehr verübeln, wenn er ſeiner Pflicht untreu würde.“ „Pflicht!“ verſetzte die Lady mit auch ihrem theilnehmenden Herzen that dis Hoffnung ihres Adoptivkindes weh;„mit dieſem Wort verſucht ihr Herren der Schöpfung uns immer zum Schweigen zu bringen.“ „Es freut mich, daß Sie ſelbſt es nur einen Verſuch nennen,“ bemerkte ihr Gatte lächelnd. „Pflicht!“ fuhr die Dame fort.„Pflicht! Ein Wort das Alles oder Richts bedeutet, wenn wir nach Gründen fragen.“ Sir Charles wurde ärgerlich. „Meine theure Lady Bell,“ rief unſer Held,„Sie können nicht daran zweifeln, daß es der erſte Wunſch meines Herzens iſt, Sie und Lillian zu begleiten und über Ihnen zu wachen; aber es kann nicht ſein. Wüßten Sie, wie zwingend die Beweggründe ſind, die mich hier feſthalten, ſo würden Sie mich bemit⸗ leiden.“ „Aber ich kenne ſie nicht,“ verſetzte die Gnädige trocken. „Sie vergeſſen, daß ich davon unterrichtet bin,“ bemertte der Oberſt in mildem Ton,„und daß ich 15* 228 Der Nachdruck, welchen er auf das letztere Wort legte, erinnerte die ſchöne Rebellin gegen die eheliche Autorität, daß ſie ein wenig— ein klein wenig un⸗ vernünftig geworden war. „Mein Wunſch ſtammt nicht aus einer ſelbſtſüch⸗ tigen Quelle,“ ſagte ſie nach einer Pauſe. „Davon bin ich überzeugt,“ verſetzte Richard mit Wärme. „Die arme Lillian hat nie eine Sylbe über den Gegenſtand laut werden laſſen.“ Der Liebhaber warf dem bekümmerten Mädchen einen Blick des Dankes zu. „Aber nach den Verſuchen auf Ihr Leben,“ fuhr die Lady fort,„an die wir nur mit Entſetzen zurück⸗ denken können, werden Sie ſich über unſere Beſorg⸗ niß nicht wundern. Jetzt iſt das Geheimniß heraus. Ihr Männer ſeid ſo dünkelvolle Geſchöpfe, daß ich mich ſo ausſprechen muß, wenn ich vermeiden will, daß ihr nicht noch eitler werdet, als ihr von Natur aus ſeid.“ „Halten Sie dies für möglich?“ fragte Sir Charles mit gutmüthigem Lächeln, denn die Erklärung hatte auch bei ihm die rechte Saite angeſchlagen. Er war nicht ohne Sorge für die Sicherheit ſeines jungen Freundes. Mit jenem feinen Talt, durch den ſich die Lady auszeichnete, wußte ſie ihren Gatten aus dem Salon fortzuführen, ſo daß das junge Paar mit einander allein war. „Sie halten mich doch nicht für lieblos?“ begann unſer Held, gerührt von dem Ausdruck der Trauer auf ihrem Antlitz. 229 „Nein, Richard,“ verſetzte das Mädchen in be⸗ bendem Tone;„nur Ihre Gefahr, nicht der kindiſche Wunſch, Sie in meiner Nähe zu behalten, iſt es, was mich bekümmert. Sie haben einen Feind in Indien.“ „Den meiſten Menſchen begegnen auf ihren Le⸗ benspfaden Feinde,“ entgegnete er;„Indien oder England— dies macht keinen Unterſchied.“ „Sie haben Unrecht— glauben Sie mir, Sie haben Unrecht. So wenig ich auch von England ge⸗ leſen habe, bin ich doch überzeugt, daß dort die Ge⸗ fahr nicht ſo ſehr zu fürchten iſt, weil der Menſch ſich daran gewöhnt hat, ſeine Leidenſchaften dem Ge⸗ ſetze der Vernunft zu unterordnen; hier aber toben ſie ſich aus in all ihrer Wildheit.“ „Die Menſchennatur iſt überall dieſelbe und wech⸗ ſelt nur in ihren Thaten.“ „Ich habe fürchterliche Geſchichten von der Wuth der Leidenſchaften im Orient gehört,“ ſagte das arme Mädchen,„und bin ſelbſt Zeuge eines ſo verhäng⸗ nißvollen Vorfalls geweſen, daß ſie ſich über meine Angſt nicht wundern können— Nehmen Sie ſich in Acht um meiner— um Aller willen, die Sie lieben. Sollte—“ Ihre Gefühle wurden jetzt ſo übermächtig, daß ſie nicht weiter fortfahren konnte, ſondern in einen Strom von Thränen ausbrach. Da wohl die meiſten unſerer Leſer ihrer Zeit ge⸗ liebt haben— iſt es nicht der Fall, ſo bedauern wir ſie— ſo wird es nicht nöthig ſein, die Gründe anzuführen, mit denen der Liebhaber ihre Sorge zu bekämpfen ſuchte, oder der Verſprechungen zu ge⸗ 230 denken, wie vorſichtig er ſein wolle gegen die ihm drohenden Gefahren, die er nicht ſo gar ernſtlich zu nehmen ſich den Anſchein gab. Gleichwohl lief es ihm kalt durch die Adern, wenn er der ausgeſtan⸗ denen Schmerzen und des Umſtandes gedachte, wie nahe er ſchon den Pforten des Todes geweſen war. „Sie vergeſſen auch, daß Jack bei mir iſt,“ fügte er bei,„der ſein Leben für mich einſetzen wird.“ „Ich zweifle nicht an ſeiner Treue; aber welche Vorſichtsmaßregeln können Sie gegen die todbrin⸗ gende Argliſt des Vergifters ergreifen? Ich habe mir entſetzliche Beiſpiele erzählen laſſen.“ „Denken Sie nicht weiter daran, Lillian,“ ent⸗ gegnete Richard.„Die Vorſehung waltet in Indien eben ſo gut wie in Europa. Erinnern Sie ſich, wie ſie über Ihrer eigenen Kindheit wachte.“ „Es wäre undankbar, wenn ich es vergeſſen könnte.“ „Welche Freunde ſie Ihnen geweckt hat.“ „Sie ſind mir in der That zweite Eltern ge⸗ weſen.“ „Mein eigenes Leben beweist, daß es die Vor⸗ ſehung auch mit mir gut meinte,“ nahm Richard wieder auf, denn er fühlte, daß das Mädchen, wel⸗ chem er ſeine Liebe weihte, auch ein Recht auf ſein Vertrauen habe. Ueberhaupt war es ihm ſchon wiederholt ein Gegenſtand des Selbſtvorwurfs ge⸗ weſen, daß er dem Rath des Oberſten, wie wohl begründet er auch ſein mochte, Folge gegeben und das Geheimniß vor ihr bewahrt hatte. Lillian ſah ihn erſtaunt an. „Ich muß Ihnen ſagen, daß ich meine erſten 231 Lebensjahre in bitterer Armuth verbrachte, in einer Armuth, die ſo troſtlos war wie die Ihrige.“ „Nein, Richard, nein,— unmöglich!“ rief das Mädchen⸗„Sie müſſen Freunde gehabt haben, welche Sie liebten.“ „Wahr; ich hatte eine Mutter und eine Schweſter.“ „Dann können Sie nicht ſo verlaſſen geweſen ſein, wie ich.“ „Auch nicht, wenn ich ſie dem Hungertode preis⸗ gegeben ſah?“ Seine Zuhörerin wiederholte das Wort mit Schrecken und Staunen. „Und wenn ich, von namenloſem Jammer ver⸗ zehrt, in die Straßen hinausſtürzte, in die erbarmen⸗ loſen Straßen Londons, um ihnen Nahrung zu ſchaf⸗ fen mit jedem Opfer, ſelbſt mit dem der Ehre?“ fuhr er fort, ſeine Stimme zu einem Flüſtern dämpfend. „Entſetzlich!“ „Sie werden es mir nicht zum Vorwurf machen, Lillian?“ ſagte der Jüngling, in tiefer Erregung den Blick auf ſie heftend. „Nein, ſelbſt nicht wenn Sie fielen, Richard,“ rief das theilnehmende Mädchen.„Der Beweggrund könnte zwar die That nicht heiligen, aber doch ent⸗ ſchuldigen.“ „Ich fiel nicht,“ entgegnete unſer Held nach einer Pauſe.„Dieſelbe Vorſehung, auf die ich noch immer baue, wachte über mir.“ „Gott ſei Dank!“ „Am Rande des Verbrechens wurde ich von meinem Großvater gerettet, welcher meine Mutter in 232 Armuth und Elend verſtieß, weil ſie ohne ſeine Zu⸗ ſtimmung eine Ehe eingegangen hatte.“ „Kann es auch einen ſolchen Vater geben?“ „Tadeln Sie ihn nicht. Ich wenigſtens habe kein Recht dazu, denn er hat ſich gütig gegen mich erwieſen. Auch kann ich mir kein Urtheil über ihn anmaßen, denn in dem Benehmen meines unglück⸗ lichen Vaters lag viel, was ſeinen Zorn rechtfertigte — er war ein Trinker. Zum Glück haben Sie keine Vorſtellung von all' dem Elend, das dieſes Wort in ſich ſchließt.“ Lillian ſchauderte; ſie erinnerte ſich nur zu gut der Scenen, deren Zeuge ſie unter Mike's Dach in der Belvedereſtraße geweſen war. „Mein Großvater nahm mich an Kindesſtatt an,“ fuhr Richard fort. „Gott ſegne ihn dafür; ſein Herz konnte nicht ganz von Stein ſein.“ „Er ließ mich erziehen und hat mir ſtets die wärmſte Liebe erwieſen.“. „Konnte er anders?“ Richard lächelte. Keine Schmeichelei macht einen wohlthuenderen Eindruck, als die von Lippen, welche wir lieben. „Ohne Zweifel hat er ſich mit dem ungehorſamen Kind verſöhnt,“ fuhr die ſchöne Sprecherin fort. „Ihrem Einfluß muß dies gelungen ſein.“ „Leider nein.“ „Haben Sie's nicht verſucht?“ „Auf's Angelegentlichſte.“ „Und vergeblich?“ „Es war ein Hinderniß vorhanden, und eben dies 233 hat mich nach Indien geführt. Vor ſeiner Verheirathung war mein Vater Handlungsgehilfe in dem Haus meines Großvaters geweſen und kam damals in Ver⸗ dacht, gewiſſe Werthpapiere entwendet zu haben, die ſpäter in Indien umgeſetzt wurden. Es waren keine Beweiſe, das heißt, keine beſtimmten Beweiſe vor⸗ handen; denn diejenigen, welche die ehrloſe That be⸗ gingen und mit teufliſcher Schlauheit meinen Voter zu verdächtigen wußten, haben es nie gewagt, mit der Anklage öffentlich hervorzutreten.“ „Gott ſei Dank!“ „Aber ſie bedroht ihn noch immer.“ „Wenn Ihr Großvater Sie liebt, ſo kann er ſie unmöglich gegen ſeinen Schwiegerſohn erheben. Es wäre grauſam, unnatürlich.“ „Er wohl nicht, aber vielleicht ſein Feind, und die Furcht vor einer ſolchen Schande hat die Verſöhnung gehindert. Nun haben die Kinder der Armen von Ratur eine gute Beobachtungsgabe. Die Noth iſt eine ſtrenge Lehrerin und ihre Zöglinge werden vor der Zeit reif. Während ihre Altersgenoſſen nur an Vergnügen und Glück denken, lernen ſie bald die Charaktere würdigen und die ſchwachen ſowohl als die guten Seiten derjenigen auffaſſen, mit denen ſie täglich in Berührung kommen.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte ſeine Zuhörerin weh⸗ müthig.„Meine eigene kurze Erfahrung dient Ihren Worten zur Bekräftigung.“ „Wohlan denn, ich habe meinen Vater genau beobachtet und bin feſt überzeugt, daß er nie von dem Pfad der ſtrengſten Redlichkeit abgewichen iſt.“ „Ein Sohn konnte ſich hierin gewiß nicht täuſchen.“ 234 „Ich bin deſſen gewiß,“ fuhr er fort,„ſo gewiß, als ich lebe und athme. Er hat ſich edel wieder auf⸗ gerafft und ſteht jetzt wenigſtens in Ehre und An⸗ ſehen, wenn auch ſeine Vermögensverhältniſſe keine glänzenden ſind.“ „Aber wenn Ihr Großvater Sie liebt,“ bemerkte Lillian,„ſo kann er doch unmöglich das Herz hahen, den Namen beſchimpfen zu laſſen, den Sie tragen.“ „Es liegt nicht in ſeiner Macht, dies zu hindern.“ „Warum nicht?“ „Im erſten Zorn über die Heirath meiner Mutter, von der er erſt nach ſeiner Rückkunft aus Indien Kunde erhielt, beſchuldigte er, als er den Verluſt der Werthpapiere entdeckte, meinen Vater.“ „Offen?“ „Leider nein— wollte Gott“, er hätte dies ge⸗ than!“ „Wo iſt dann die Gefahr?“ fragte Lillian. Er beſchuldigte ihn gegen den Mann, den er zu ſeinem Schwiegerſohn gewählt und dem er ſein großes Vermögen zugedacht hatte, gegen ſeinen Neffen, und unglücklicherweiſe iſt dies ſchriftlich geſchehen. Ein offenes Bezücht hätte vielem Elend vorbeugen können.“ „Und der Name dieſes Neffen?“ „Carus Kearn.“ Lillian wiederholte ihn zweimal. „Dieſe unkluge und ungerechte Handlung hat bittere Früchte getragen,“ nahm unſer Held wieder auf.„Ich glaube, mein Großvater brennt jetzt vor Begier, ſich mit ſeiner Tochter zu verſöhnen, fürchtet aber die Rachſucht ſeines Neffen, deſſen Schurkerei ihm faſt zur Gewißheit geworden iſt. Wenn Carus ſieht, daß ſeine langgehegten Plane auf das Ver⸗ mögen ſeines Onkels ſcheitern, ſo ſteht von ihm zu befürchten, daß er von jenem unglücklichen Brief Gebrauch macht und den ſich hebenden Ruf und Pohlhn des ihm verhaßten Mannes zu Grunde richtet.“ „Gleichwohl begreife ich den Grund nicht, der Sie nach Indien geführt hat und in Calcutta feſt⸗ hält.“ „Sie ſollen Beides erfahren,“ verſetzte Richard. „Bald nachdem das Abhandenkommen der Werth⸗ papiere entdeckt war, ſendete mein Großvater auf Erſuchen ſeines alten Correſpondenten, Mr. Chutnee, von England aus einen Comptoiriſten nach Calcutta, der auf die Empfehlung des Mr. Kearn aus ſeinem eigenen Comptoir gewählt wurde. Und in Calcutta kamen die Papiere zum Umſatz.“ „Wer iſt dieſer Comptoiriſt?“ „Mr. Sanford.“ „Wird Ihre Anweſenheit ihn nicht behutſam machen?“ bemerkte Lillian.„Er muß wohl merken, daß Sie ihn bewachen.“ „Ich bin unter einem angenommenen Namen hier,“ entgegnete Richard haſtig;„doch Sir Charles, dem ich meine Geſchichte mitgetheilt habe, kennt meinen wahren und die Gründe der Verheimlichung. Ich hätte den Gedanken, einen Mann zu täuſchen, der ſich gegen Sie als zweiter Vater erwieſen hat, nicht ertragen können.“ „Sie haben Recht,“ rief das Mädchen;„er iſt die Ehrenhaftigkeit ſelbſt. Aber wird Mr. Chutnee 236 Ihr Geheimniß ſo treu bewahren wie mein Wohl⸗ thäter?“ „Er kennt es nicht.“ „Nicht?“ wiederholte Lillian erſtaunt. „Ich bin ihm nur als Mr. Tyrrell bekannt. Unter dieſem Namen hat mich ein anderer ſeiner Correſpondenten, das Haupt des großen Hauſes Curry und Söhne, bei ihm eingeführt. Curry iſt der älteſte Freund meines Großvaters.— Und nun kennen auch Sie meine Geſchichte, Lillian. Daß ich ſie Ihnen nicht früher enthüllte, geſchah nicht aus Mangel an Vertrauen, ſondern auf Sir Charles Fourreau's Rath. Sie wiſſen jetzt, welcher Beweg⸗ grund mich an Calcutta feſſelt.“ „Er iſt zu heilig, als daß ein Wunſch oder eine Laune von meiner Seite ihm zu nahe treten ſollte,“ rief das edelſinnige Mädchen.„Ihre Pflicht ver⸗ langt, daß Sie bleiben und wo möglich den Ruf Ihres Vaters retten. Zwar werde ich Ihre Ab⸗ weſenheit um ſo ſchwerer empfinden, als die Gefahr, der Sie eben erſt entronnen ſind, nicht einmal den Namen Ihres geheimen Feindes enthüllt hat.“ „Ich erwarte in einigen Tagen die Ankunft eines lieben Freundes, der mich auf das Erſuchen meines Großvaters von England nach Indien begleitet hat.“ „Sie meinen Mr. Wharton?“ „Nein; den Lieutenant Marſh.“ „Seltſam,“ bemerkte Lillian. „Warum dies?“ „Ich erinnere mich, ihn im Gouvernementsgebäude geſehen zu haben, und werde nie den eigenthümlichen Blick vergeſſen, mit dem er mich betrachtete.“ „Darüber kann ich Aufſchluß geben. In dem Landſitz Meldownpark, welchen mein Großvater von Sir Norman Boothroyd vor einigen Jahren gemiethet hat, befindet ſich das Portrait von der einzigen Toch⸗ ter und Erbin des Barons, das in jeder Hinſicht eine ſo große Aehnlichkeit mit Ihnen hat, daß Sie ihm um ſo mehr auffallen mußten, als wir beide Bewunderer des Bildes waren.“ „Schmeichler,“ verſetzte Lillian mit einem Lächeln. Dann wiederholte ſie nach einigem Beſinnen mehr⸗ mal in halblautem Tone den Namen Boothroyd. „In meiner Erzählung ſcheint etwas Ihr beſon⸗ deres Intereſſe anzuſprechen?“ bemerkte Richard. „Ja, dieſer Name. Ich muß ihn ſchon gehört haben, obgleich ich mich des Wann und Wo nicht entſinne. Ich hoffe indeß, es wird mir wieder ein⸗ fallen, wie ſo manches Andere, das ich während meines Aufenthalts in Indien vergeſſen habe.“ „Sie betrachten alſo mein Verbleiben in Calecutta nicht als lieblos?“ ſagte unſer Held. „Gewiß nicht,“ erwiderte das Mädchen.„Ich würde Sie weniger lieben, Richard, wenn Sie im Stande wären, ſich durch die Thränen oder Wünſche eines thörichten Mädchens, wie ich bin, von dem Pfad abbringen zu laſſen, den Sie ſich vorgezeichnet haben. Der Mann muß die Pflicht, das Weib die Liebe zu ihrem Leitſtern nehmen. Folgen Sie der Ihrigen und vertrauen wir das Uebrige einer all⸗ weiſen Vorſehung.“.. 237 5 238 Sechsundſechzigſtes Kapitel. Wir verſuchen nicht, den Schmerz des Abſchieds zu ſchildern, denn ſicherlich haben viele unſerer Leſer ſchon Aehnliches erfahren und können ſich aus der Erinnerung ein treueres Bild davon machen, als es der Feder möglich iſt. Es gab eine Perſon, welcher es gar nicht gefiel, daß unſer Held nicht Sir Charles und ſeine Familie nach Delhi begleitete. Mr. Chutnee nämlich konnte nicht begreifen, warum der reiche, unabhängige junge Mann in Calcutta blieb, und da ihm deſſen Liebe für das Geſchäft nicht als hinreichender Grund erſchien, ſo ſuchte ſeine Eiferſucht, die nur geſchlummert hatte, einen weiteren in einer vermeintlichen Leidenſchaft des Jünglings für ſeine unſchuldige Frau. Zum Unglück hatte ſich der Kaufmann in letzter Zeit daran gewöhnt, bei ſeinem Hauptbuchhalter Rath einzuholen. Obſchon er nie den Verdacht eingeſtand, welcher den Frieden ſeiner Seele untergrub und ſein häusliches Glück zerſchrte, war doch der darüber ge⸗ worfene Schleier ſo durchſichtig, daß er Niemand täuſchen konnte. Senford ja ſeine Unruhe und freute ſich darüber, weil er meinte, die Art ſchwei⸗ genden Einverſtändniſſes, das zwiſchen ihnen beſtand, dürfte ſich zu Förderung ſeiner unlauteren Abſichten nützen laſſen. „Sie haben von dem Abmarſch des Olſten nach Delhi gehört?“ ſagte Mr. Chutnee. „Ja, Sir,“ verſetzte der Buchhalter.„Wir haben 239 den Pflanzern bedeutende Vorſchüſſe gemacht, und wenn es losbricht—“ „Pah, ich dachte nicht an das Geld,“ unterbrach ihn der alte Mann ungeduldig. Sein Zuhörer hatte bereits ſo etwas geahnt. „Ich fürchte nicht, daß etwas verloren geht,“ fügte Mr. Chutnee bei. „Und doch ſieht es drohend aus.“ „Mag es,“ verſetzte der Kaufmann.„Das Joch Englands ſitzt ihnen zu feſt auf dem Nacken, als daß eine rebelliſche Bewegung es abſchütteln könnte.“ „Aber wenn es ein Militäraufſtand iſt?“ „Ich ſehe, Sie ſind auch einer von den Heulern, welche den Glauben an den Beſtand der britiſchen Herrſchaft in Indien verloren haben,“ bemerkte der Kaufmann.„Sie ſind nicht Zeuge ihres Wachsthums geweſen, wie ich.“ Der Sprecher war ſchon als Knabe nach Indien gekommen und hatte den größten Theil ſeines Lebens dort verbracht. „Wo England ſeinen Fuß hinſetzt, da bleibt es unbeweglich.“ „Am Ende vielleicht,“ verſetzte der klarer ſehende Buchhalter. „Doch davon wollte ich nicht ſprechen. Sie ha⸗ ben ohne Zweifel gehört, daß unſer junger Freund, Mr. Tyrrell, mit der Mündel des Oberſten verlobt iſt? Seltſam, daß er ſie nicht begleitet und wenig⸗ ſtens noch einige Monate hier bleiben will.“ Der Heuchler gab zu, daß dies ſeltſam ſei. „Wie erklären Sie ſich dies?“ „Seine Liebe für das Geſchäft.“ P „Vielleicht hält ihn auch irgend ein Band zurück, von dem wir nichts wiſſen. Ich habe in der That ſchon oft gedacht—“ Hier ſtockte der argliſtige Mann und ſuchte durch ſeine verwirrte Miene den Eindruck hervorzurufen, 240 ah!“ als bereue er, in ſeiner Offenheit ſo weit gegangen zu ſ ein. „Was haben Sie Faht „Nichts— bloße Vermuthung,“ „Nun, und was vermutheten Sie?“ „Ich kann es nicht ausſprechen.“ „Warum nicht?“ „Ich habe vielleicht Unrecht.“ „Reden Sie gerade heraus,“ rief der Kaufmann ungeduldig.„Sie ſind ein Mann, der mit offenem Auge ſich in der Welt umtreibt und nicht leicht zu unrichtigen Schlüſſen kommt.“ „Aber ich bin noch zu keinem Schluß gekommen.“ „Ihre Vermuthung alſo.“ „Gut, Sir, da Sie es durchaus wollen,“ ver⸗ ſetzte Mr. Sanford.„Ich muß geſtehen, daß es mich oft Wunder nahm, daß Mr. Tyrrell, der jetzt ſchon ſo reich iſt und nach Ihres Correſpondenten Curry Mittheilung ein noch viel größeres Vermögen in Ausſicht hat, ſich dem Geſchäft widmet.“ „Das iſt allerdings ſonderbar,“ bemerkte Mr. Chutnee. „Er hält die Comptoirſtunden regelmäßiger ein als ein bezahlter Gehülfe, und daraus folgt natür⸗ lich die Muthmaßung—“ „Welche?“ 241 „Daß ein Plan dahinter ſtecke— ein löblicher ohne Zweifel, denn ich wäre der Letzte in der Welt, der Mr. Tyrrells Ehre etwas anhaben möchte.“ Mr. Chutnee erblaßte unter dem Kampf der Gefühle, mit denen der Buchhalter, der dies bemerkte und über die Thorheit ſeines Principals lächelte, ſein herzloſes Spiel trieb. „Wäre ich der Liebhaber Lillians geweſen— ich meine, wirklich ihr Liebhaber, ſo müßte die Kette, die mich hier zurückhalten könnte, wohl recht ſtark ſein.“ Der eiferſüchtige Chemann ſtöhnte. „Ich weiß,“ fuhr ſein Quälgeiſt fort,„daß Lady Bell ſich höchlich über ſeinen Entſchluß verwunderte und ihn umzuſtimmen ſuchte.“ „Vergeblich?“ „Allem Anſchein nach, denn Tyrrell bleibt. Wenn Sie übrigens ein Intereſſe an der Sache nehmen, ſo gibt es vielleicht Mittel, ſeinen Beweggründen auf die Spur zu kommen.“ „Die wären?“ „Sie dürften etwas koſtſpielig werden.“ „Was mache ich mir aus dem Geld?“ „Unter den eingeborenen Dienern, die Mr. Tyr⸗ rell angenommen hat, befindet ſich einer, den ich ſelbſt einmal im Dienſt hatte. Wie die meiſten ſeiner Kaſte iſt er der Beſtechung zugänglich, und mit Gold kann man ihn zu Allem bringen. Nun weiß ich, daß ſich ſein Herr kürzlich eine ſehr ſtarke Truhe aus ke 6 mit europäiſchen Schlöſſern anfertigen ieß.“ Smith, Ebbe u. Fluth. IV. 16 242 „Was weiter?“ „Zu Aufbewahrung ſeines Geldes braucht er ſie nicht.“ „Nein,“ verſetzte der Kaufmann;„das holt er bei mir und zwar nie in beträchtlichen Summen.“ „Es iſt ſo, Sir.“ „Was kann er darin aufbewahren wollen?“ „Briefe.“ Der eiferſüchtige Mann hätte vor dem Biß einer Schlange nicht ärger zuſammenfahren können; denn der Blick, mit welchem der Andere ſeine Rede be⸗ gleitete, drückte noch weit mehr aus, als das Wort ſelbſt. „Und Sie glauben, man könnte jenen Burſchen—“ ſtotterte er. „Gewiß,“ verſetzte der Buchhalter, als er bemerkte, daß ſeinen Principal die Scham hinderte, den begon⸗ nenen Satz zu endigen.. „Ich muß Gewißheit haben,“ rief Mr. Chutnee, „und wenn davon das Elend meines ganzen Lebens abhinge. Schaffen Sie mir die Briefe.“ „Das wird nicht angehen.“ „Wie ſo? Habe ich Sie falſch verſtanden?“ „Sie vergeſſen das Schloß, Sir,“ entgegnete Sanford.„Aber die Truhe läßt ſich vielleicht ent⸗ † fernen, während Mr. Thrrell im Comptoir iſt, und dann—“ „Ich verſtehe Sie. Ein Akt von— nein, nein, dazu kann ich mich nicht herablaſſen. Gibts kein anderes Mittel?“ „Ich fürchte, nein.“ „Dann muß ich es wagen.“ 243 Die Augen des Buchhalters funkelten triumphi⸗ rend bei dem Gedanken, den reichen Kaufmann, den er in ſeinem Innern haßte, zu Begehung eines ge⸗ meinen Verbrechens überredet zu haben. „Wollen Sie es unternehmen?“ fragte der be⸗ thörte Mann. „Wenn Sie es wünſchen, ja.“ „Sparen Sie das Geld nicht; es iſt der Schlüſſel zu dem Herzen eines jeden Aſiaten. Denken Sie nur an die Ungeduld, die mich verzehrt, die mein Daſein vergiftet, und thun Sie raſch, was Sie verſprochen haben.“ Für unſeren Helden und den Erfolg des Planes, der ihn nach Indien geführt hatte, fügte ſich's glück⸗ lich, daß vor Vollbringung des eben beſprochenen Anſchlags ſein Freund, Lieutenant Marſh, von ſeiner geheimnißvollen Reiſe zurückgekommen war. „Wo ſind Sie geweſen?“ fragte Richard, nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren. „In dem Penſchab,“ verſetzte Mr. Marſh. Richard wiederholte den Namen verwundert. „Es handelte ſich um eine Aufgabe, die Ihr Glück nahe angeht,“ ſagte der alte Soldat. „Das meinige?“ „Ihr und Lillians Glück.“ „Erklären Sie ſich näher.“ „Sie erinnern ſich des Porträts, das wir in Meldownpark bewunderten?“ „Recht wohl.“ „Und meiner Bemerkung, daß es Aehnlichkeit habe mit dem verſtorbenen Allan Boothroyd, Sir Normans jüngerem Bruder?“ 244 „Auch deſſen.“ „Ich ſagte Ihnen damals nicht, daß die Frau, welche Allan heirathete, meine einzige Schweſter war. Als ich Lillian auf dem Balle ſah, fiel mir die Aehn⸗ lichkeit auf und ich ſtellte vorſichtige Nachfrage an.* Der Erfolg davon war die feſte moraliſche Ueber⸗. zeugung, daß ſie meine Richte iſt.“ „Nicht möglich!“ „Die tägliche Erfahrung lehrt, daß die Wirklich⸗ keit ſich oft am allerwunderſamſten geſtaltet,“ verſetzte der Lieutenant lachend.„Verſtehen Sie mich übri⸗ gens wohl, ich ſprach nur von meiner ſubjectiven Ueberzeugung, hoffe indeß, bald auch die Beweiſe aufzutreiben. Wäre Sir Charles nicht nach Delhi gezogen, ſo hätte ich leichte Arbeit.“ „Sie können ihm ja nachreiſen,“ verſetzte Richard— in großer Aufregung. „Und nach dem ſchändlichen Verſuch auf Ihr Leben Sie wieder allein laſſen? Nein. Wie könnte ich Ihrem Großvater, der Sie meiner Obhut anver⸗ traut hat, vor die Augen treten, wenn Ihnen in meiner Abweſenheit etwas Schlimmes widerführe?“ „Denken Sie nicht an mich.“ „Ich kann Ihre Gefühle begreifen; aber Sie müſſen auch den meinigen Rechnung tragen. Ich habe eine heilige Pflicht übernommen und will ſie erfüllen. Meine Privatangelegenheiten müſſen warten. Es iſt augenſcheinlich,“ fuhr der Sprecher fort,„daß Sie es mit einem rückſichtsloſen, ſchlauen Feind zu thun haben, der noch obendrein mächtige Freunde beſitzt, da ſonſt Ihr Kenſuma Haſſan nicht im Ge⸗ fängniß hätte getödtet werden können.“ — —— 24⁵5 „Ich habe dies ſchon oft gedacht,“ verſetzte Richard. „Wir müſſen der Wiederholung eines ſolchen Ver⸗ ſuches vorbeugen.“ „Aber wie?“ „Dadurch, daß wir alle Eingeborenen, die in Ihrem Dienſt ſtehen, entlaſſen und dafür europäiſche Diener annehmen.“ „Was weiter?“ „Dann erlauben Sie mir, bei Ihnen zu wohnen, nicht als Beſchützer, ſondern als Freund.“ „Sie ſind mir in beiden Eigenſchaften willkom⸗ men,“ rief der junge Mann, ihm die Hand bietend, die der Lieutenant herzlich drückte. „Ich werde über Ihre Sicherheit wachen. Man muß es ſchlau angreifen, wenn man mich täuſchen will, da ich aus langjähriger Erfghrung die landes⸗ üblichen Schliche kenne. Ich bürge dafür, daß man Ihnen nichts mehr anhaben ſoll.“ Siebenundſechzigſtes Kapitel. Sanford war nicht der Mann, welcher einem Plane, von dem er ſich ſo viel verſprach, nur wie ein müßiger Träumer nachhing, ſondern ging im Gegentheil unverweilt an die Ausführung. Die Be⸗ ſtechung des Dieners hatte keine Schwierigkeit; er verſprach, ſchon in der nächſten Nacht den Buchhalter und ſeine Helfer in das Haus einzulaſſen, da der Erſtere, um den Erfolg zu ſichern, ſelbſt von der Partei ſein wollte. Zum Unglück hatte aber Richard an dem Morgen vor der Nacht, in welcher der Ver⸗ 246 ſuch gemacht werden ſollte, auf den Rath ſeines Freundes hin alle eingeborenen Dienſtleute entlaſſen, ſo daß jetzt außer unſerem Helden und dem Lieute⸗ nant Marſh nur noch Jack Manders und ein Eng⸗ länder Namens Edwards, der für den General⸗ gouverneur Pferde aus England gebracht hatte, das Haus bewohnten. Mit ſeinem gewöhnlichen Mißtrauen hatte San⸗ ford die Zahlung der Beſtechungsſumme an den treu⸗ loſen Diener von dem Erfolg abhängig gemacht, und dieſe Beſtimmung bewog den nicht minder ſchlauen Aſiaten, die Thatſache ſeiner Entlaſſung geheim zu halten. Er hoffte nämlich dadurch, daß er ſich im Hof verſteckte, ſeinen Antheil an dem Geſchäft er⸗ füllen zu können, indem er das Thor aufſchloß und die nächtlichen Geſellen in's Haus einließ. Jack und der Reittnecht ſaßen noch in dem Speiſe⸗ zimmer, nachdem unſer Held und ſein Freund ſich bereits zur Ruhe begeben hatten. Der Erſtere er⸗ zählte ſeinem neuen Bekannten von dem Verſuch, der auf das Leben ſeines Wohlthäters gemacht worden, und beſchrieb, was er ſelbſt in Folge der Vergiftung durch die Wurzel ausgeſtanden hatte. „Ich kann das wohl glauben,“ bemerkte der Mann,„denn ich bin nicht zum erſten Mal in Indien. Als ich den Marquis begleitete, ſah ich einmal einen der Beſchwörer oder Prieſter ein Kunſtſtück machen, für das, wenn er es könnte, mancher newmarketer Jockei ſich was Schönes koſten ließe.“ „Und was war dies?“ „Wir hatten uns ſchon drei Wochen Mühe ge⸗ geben, für den gnädigen Herrn einen Zelter zuzu⸗ ——.—— —— 247 reiten, eine wilde, boshafte Beſtie, die eigentlich der Schrecken des Stalles war. Sie hatte bereits einen armen Teufel faſt todtgeſchlagen und auch mich ſchon zweimal abgeworfen, obſchon ich mich als Reiter ſehen laſſen kann. Eines Tages tummelten wir das Roß in dem Madden, wie ſie's nennen, als ein ver⸗ ſchrumpfter alter Kerl, der aus dem Gebirge herkam, ſich erbot, es ohne Sattel oder Zügel zu reiten. Natürlich lachte ich und mein Kamerad ihn aus, aber ein dabei ſtehender Gentleman rieth uns, wir ſollen ihn den Verſuch machen laſſen. Das thaten wir nun. Der Mann fuhr dem Thier zweimal mit der Hand über den Kopf bis zu den Nüſtern und ritt es dann an einem einzigen Haar dreimal durch die Rennbahn.“ „An einem einzigen Haar?“ wiederholte Jack erſtaunt. „Das war eben das Seltſamſte,“ ſagte Edwards. „Er wickelte ein Haar aus der Mähne des Roſſes um ſeinen Finger und lenkte nun das Thier mit einer Leichtigkeit, als ob er ihm das ſtärkſte Gebiß aus dem Stall angelegt hätte.“ „Die Zähmung war aber nicht nachhaltig?“ „Nein, denn wenn Jem oder ich wieder auf⸗ ſaßen, zeigte ſich die Beſtie ſo boshaft wie nur je. Ihr müßt Euch aber recht einſam gefühlt. haben, ehe ich herkam,“ fügte er bei, indem er ſich in dem Zim⸗ mer umſoh. „Mr. Tyrrell hat erſt dieſen Morgen die einge⸗ borenen Dienſtleute fortgeſchickt, und will ſich nur noch von Engländern bedienen laſſen.“ „Daran thut er Recht,“ bemerkte ſein Kamerad. 248 Manders erzählte nun einen Theil ſeiner eigenen. Abenteuer und verweilte namentlich bei dem geheim⸗ nißvollen Verſchwinden ſeines alten Freundes und Leidensgefährten Kaleb, deſſen Verfolgungen durch Capitän Gall er ſchilderte. „Glaubt Ihr, ſein Schiffer habe ihn wieder er⸗ wiſcht?“ fragte Edwards. Ehe noch Jack ihm mittheilen konnte, daß der Caradoc ſchon einige Tage vor dem Verſchwinden ſeines Freundes abgeſegelt ſei, wurden die Beiden durch ein Geräuſch in dem anſtoßenden Salon auf⸗ merkſam gemacht. Es war, als ſeien die ſchweren Läden zurückgeſchoben worden und dann wieder gegen das Fenſter vorgefallen. „Was iſt dies?“ rief der Reitknecht von ſeinem Sitz aufſpringend. „Bst!“ flüſterte Jack Manders, indem er das Licht auslöſchte.„Es ſind Fremde im Haus.“ „Diebe?“ „Oder etwas Schlimmeres,“ lautete die Erwide⸗ gSol ich Lärm machen?“ fragte Edwards halb⸗ aut. „Wir wollen zuvor ſehen, auf was es hinaus⸗ läuft,“ antwortete Jack, der ſich um ſo beruhigter fühlte, als ſeinem Herrn nur durch das Gemach, in welchem ſie ſelbſt ſich befanden, beizukommen war. Er hatte ſchon ſeit einiger Zeit Nachts ſtets Waffen bei ſich und gab jetzt dem Reitknecht einen Revolver in die Hand; dann näherten ſie ſich verſtohlen der Salonthüre, und Jack brachte ſein Auge an das Schlüſſelloch. Da ſah er nun drei Männer in der 1 run 249 5 gewöhnlichen Tracht der Eingeborenen; zwei derſelben hatten ſich der Zebraholztruhe bemächtigt, in welcher, wie er wußte, Richard ſeine Privatpapiere aufbe⸗ wahrte, und der dritte ſchien die Operation zu leiten. Ohne länger zu zögern, riß der treue Burſche die Thüre auf und feuerte ſeinen Revolver auf die Plünderer ab. Edwards folgte ſeinem Beiſpiel. Zwei der Diebe ſielen, der dritte entkam. Die Schüſſe riefen Richard und den Lieutenant aus ihren Schlafgemächern herbei. Beide waren gut bewaffnet. Die Scene bedurfte keiner Erklärung; ſie wurde durch die umgeſtürzte Truhe und die Körpet der verwundeten Männer verſtändlich „Seid Ihr getroffen, Jack?“ fragte unſer Held ängſtlich; denn ſeine erſte Sorge galt dem treuen, beſcheidenen Freunde. „Nein, die Schüſſe rührten von uns her, ver⸗ ſetzte Jack.„Wir haben zwei davon geflügelt.“ „Dieſer Kerl iſt todt,“ bemerkte Edwards, indem er einen der Körper mit dem Fuß umdrehte.„Und was den anderen betrifft,“ fügte er bei, indem er ſich demſelben näherte und ihm gleichfalls einen Tritt verſetzte— „Ich werde es bald auch ſein,“ murmelte der Elende. Die Anweſenden ſtutzten bei dem Ton dieſer Stimme, die Worte waren engliſch geſprochen worden. „Sanford!“ rief unſer Held, der ihn zuerſt er⸗ kannte.„Was kann Sie zu einem ſolchen Verbrechen bewogen haben?“ Der Verwundete deutete auf die Truhe. 25⁵⁰ „Sie enthält keine Beute,“ bemerkte Richard, „ſondern nur Popiere und Briefe.“ „Eben dieſe wünſchte ich zu ſehen,“ verſetzte der Buchhalter, der nur mit Mühe zu ſprechen vermochte, da der Schuß ihm durch die Lungen gegangen war und das Blut mit jeder Redeanſtrengung aufwärts gurgelte.„An Ihnen haftet ein Geheimniß, das, wie ich fühle, mich angeht, und ich beſchloß, es zu ergründen. Chutnee, der eiferſüchtige Narr, er⸗ muthigte mich dazu und gab mir Geld, meine Helfer zu beſtechen, weil er hoffte, Beweiſe für Ihre Cor⸗ reſpondenz mit ſeiner Frau aufzufinden.“ „Ich habe in meinem ganzen Leben nie eine Zeile von ihrer Hand erhalten,“ rief Richard un⸗ willig.„Sein Argwohn iſt ſo grundlos als ſein Benehmen ſchändlich.“ Auf Veranlaſſung des Lieutenants waren Polizei⸗ diener und ein Wundarzt herbeigerufen worden. Der Letztere unterſuchte Sanfords Wunde und er⸗ klärte ſie für tödtlich. „Laſſen Sie mich nicht in's Gefängniß bringen,“ murmelte der unglückliche Mann;„ich habe Ihnen ja keinen ernſtlichen Schaden zugefügt.“ „In einem ſolchen Augenblick müßte ich Ihnen vergeben, und wenn Sie zehnmal ſchwerer an mir geſundigt hätten,“ verſetzte Tyrrell.„Aber ſuchen Sie die Verzeihung lieber anderswo, als bei einem armen, gebrechlichen Menſchenweſen. Es gibt eine Zukunft, Sanford, und einen Richter, vor dem nichts verborgen iſt— Ihn können wir nicht täuſchen.“ „Ich habe kein Verbrechen begangen,“ verſetzte der Sterbende,„das heißt, kein großes.“ — — 251 „Auch keines verheimlicht?“ Dieſe Frage machte einen furchtbar aufregenden Eindruck auf den Buchhalter. Es war, als ob jedes Wort wie eine Sonde in ſein wundes Gewiſſen ein⸗ gedrungen ſei. „Wer— wer iſt es— der dieſe Frage an mich ſtellt?“ „Richard Markham, nicht Tyrrell— dieſer Name iſt blos ein angenommener— der Sohn des Man⸗ nes, deſſen Ruf Sie und Carus Kearn vernichtet haben.“ Bei dem Namen Carus wurde Sanford noch aufgeregter; er verwünſchte ihn als die Urſache ſeines Verderbens. „Ein ſchlimmes Ende,“ murmelte er.„Peter Mangles hat uns Beiden immer prophezeit, es werde ein ſchlimmes Ende mit uns nehmen. Mich hat es erreicht und an Carus wird auch die Reihe kommen.“ Der letztere Gedanke ſchien ihm Troſt zu bringen. Statt jedoch ſeinen Groll gegen den Genoſſen ſei⸗ ner Ungerechtigkeit noch mehr zu ſteigern, ſchlug Ri⸗ chard einen edleren und, wie ſich am Ende heraus⸗ ſtellte, klügeren Weg ein, indem er von Vergebung und Erbarmen mit ihm ſprach. „Nun, ich werde ihm wohl vergeben müſſen— will wenigſtens verſuchen, es zu thun,“ entgegnete der Sterbende;„aber Sie kennen den Umfang ſei⸗ ner Schurkereien nicht. Sprechen Sie mir noch ein⸗ mal dieſes Gebet vor,“ fügte er bei;„ich fühle, daß es einen wohlthuenden Einfluß auf mich übt.“ Richard Markham entſprach ſeinem Wunſche und betete lang und brünſtig mit ihm. 252 Einige Minuten vor ſeinem Verſcheiden zog San⸗ ford einen kleinen Schlüſſel heraus und übergab ihn unſerem Helden. „Wenn ich todt bin,“ ſagte er;„wenn ich todt bin.“ Dies waren ſeine letzten Worte; ein Erſtickungs⸗ anfall beendigte den Kampf des Lebens. Ende des vierten Bandes. In unſerem Verlage ſind erſchienen: Pas belletriſtiſche Ausland. Kabinetsbibliothek claſſiſcher Romane aller Nationen. Preis eines Bändchens 2 Sgr. oder 6 kr. 5 Bandchen Bingston, Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling Sönig Karl Xl. und ſeine Günſtlinge. Hiſt. Roman Bowalemski, Petersburg bei Tag und bei Nacht Lacroir, Die beiden Hofnarren. Hiſtor. Roman Lamartine, A., Raphael. Eine Lee, Holme, Thorney⸗ Lever, Bekenntniſſe von Harry Lorreguet — Jack Hinton, von der Gardt 1110 — Der St. Patriks⸗ Abend — H Malley, der iriſche Dragoner — O'Donoghue. Eine Erzählung aus Frland — Arthur O'Leary, ſeine Fahrten u. Eyfahrungen ꝛc. 9 — Die Nevilles von Garretstowon 110 — Der Ritter von Gwynne.. — Die Daltons oder drei Linsvee Manzoni, Die Verlobten. Maquet, Herzensſchulden — Die weiße Roſe. 8 arryat, Reiſen u. Abenteuer des Monſieur Violet 6 — Die Anſiedler in Cangda 5 * O0 c 00 S Bändchen Marryat, Die Schlacht von Benevent.. 13*6 — wie Kinder des Neuwaldz Marsh, Emilie WyndhaQm — Schloß Avon Mary Barton. Eine Erzählung aus Mancheſter. 9 Mellin, Die Blume auf dem Kinnekulle.„1 — Die ungeſehene Gattin. Novelle. 3 — Der Fremdling von Alſen 3 Munter, Ein Funke ² 9 Murrey, Prairievogel— 12 Murger, Adeline Protat 5 Viels Zuel, Der däniſche Admiral, und ſeine Zeit Uovellen, die, des Verfaſſers einer Alltagsgeſchichte. 17 Ormington, oder:„Cecil als Pair“ 3 Palais Royal, das, hiſtor. Roman von dem Verfaſſer des„Heinrich V., oder die Tage der Ligue“ 5 palmblad, die Familie Falkenſwärd 7 Paſtor Arnold, der, oder die Flucht der Waldenſer 8 pfarrhaus auf dem Lande. Ein Familiengemälde 5 pignata, J., Flucht a. d. Kerker d. Inquiſit. in Rom plouvier, Erzählungen für Regentage. 4 Bonte, da, von Ceneda, Memviren pidderſtad, Der Fürſt 1 — Das Gewiſſen, oder Geheimniſſe von Stockholm 3 Fur unh Söh — Königin Luiſe Ulrike und ihr Hof... 2 Rudbeck, Stockholms Vorzeit Ruth, von der Verfaſſerin von Mary Barton„„ 10 6 6 e e chen Bändchen 13* Sand, G., Johanna.. 35 Siridion. 11— Conſuelo... 1 9— Der Müller von Angibault 9— Iſidora und Teverino.... 4 1½— Gilberte. Roman.. 3— Lucrezia Floriani und: der Teufelsſumpf 3 ieie 5— Iſolde„ 16— Die kleine Fabette 17— Schloß Oedenweiler 3 Selbſt, Roman von dem Verfaſſer des„Cecil⸗ 30 10 Scribe, Novellen.. 5 Slick, Das Leben in Rew⸗ ork, 7 Snith, Licht⸗ und Schattenſeiten des Lebenz 30 8— Das Erbe oder die Lehren des Lebens 32 6— Der Prätendent..... — Die Abtei Carrow Miuy Moyne Der Glückſoldat„ 11— Sein und Schein 21 Soulie, Von Tag zu Tag„ 26— Memoiren des Teufels. 8 16 Stome, Beecher, Onkel Tom's Hütte 2 Ftruenſee oder Günſtling und Kist 3 8 Sue, Thereſe Dunoher. 10— Der isd Bändchen Sue, Die Fanatiker der Cevennen.. — Martin, d. Findling, od. Denkw. e. Kammetvieners 24 — Die Verſchwörung oder Ludwig XIV. und ſein Hof 9 3 — Die ſieben Todſünden 1. Abth.: Die Hoffahrt oder die Herzogin. Mit1 Kupf. 11 Bdchn. II. Abth.: Der Neib. 7 Bochn. III. Abth.; Der Zorn. 3 Bochn. 1V. Abth.: Die Unkeuſchheit. 4 Bochn. V. Abth.: Die Trägheit. 2 Bochn. VI. Abth.: Der Geiz. 3 Bdchn. VII. Abth.: Die Schlemmerei. 2 Bbdchn. — Die Kinder der Liebe — Geheimniſſe des Volkes 40 Die Prophezeiun — WMiß Marie, oder die Erzieherin 4 — Fernand Dupleſſis od. Denkwürdigk. e. Ehemannes. 17 — Die Marquiſe Cornelia dAlft 3 Iyhanne und ſe 3 — Gilbert und Gilbette — Die Familie Jouffroy) 4 — Ser Teufel als Arzt 19 Die Familienſöhne — Die Geheimniſſe des Kopfkiſſens.... 2⁶ Tautphoeus, Die Anfangsbuchſtaben. 11 Chackeray, Samuel Titmarſh... 3 — Der Jahrmarkt des Lebens — Die Geſchichte des Heinrich Esmond.. 13 Pi Thomſon, Die weiße Maske 8 Tommaſen, Treue und Schönheit. — Der Herſog von Athen Tonffaint, Das Haus Lauerneſſe —— ſſſſſſſſſſſſſſſſſſMſMmſ 1 4 15 16 1 8 9 10 11 2 13 1 5 2 9 8 y