Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Cdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſ orchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M 50 F 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Um dies ohne die Gefahr einer Entweichung ſeines Pfleglings thun zu können, erhielt Jock für ein paar Tage Hausarreſt, eine Strafe, die er ſich recht gern gefallen ließ, da er, ohne ſich einen Grund dafür angeben zu können, bereits die Lebensweiſe verab⸗ ſcheute, zu der ihn ſein Onkel erzogen hatte. Unter den Kindern beſteht eine Art Freimaurerei, welche dem Bekanntwerden ſehr förderlich iſt. Die Unſchuld ſchließt raſch Freundſchaft, nimmt keine Rückſicht auf die Unterſchiede des Rangs in der Ge⸗ ſellſchaft und fragt nie, ob der Gegenſtand ihres Vorzugs Geld in der Bank liegen hat oder über⸗ haupt, im weltlichen Sinne des Worts, eine reſpek⸗ table Bekanntſchaft iſt. Und es iſt ein Glück, daß es ſich ſo verhält. Man lernt immer noch zeitig genug die erwähnten Unterſchiede machen. die zwei Tage, welche Lillian und Jack mit ein⸗ 1 ander in der Hütte zubrachten, reichten zu, ein gegen⸗ ſeitiges Verſtändniß herbeizuführen. Die Waiſe fühlte, daß ſie einen Freund, faſt einen Beſchützer, gefunden, und der Knabe hatte jetzt ſtatt etwa eines Hundes oder Koninchens ein vernünftiges Weſen um ſich, dem er ſeine Neigung zuwenden konnte. Jack ſchien in ſeinen Beſtrebungen, die kleine Spielgefährtin zu unterhalten, nie zu ermüden. Schon in der erſten Nacht trat er ihr ſein Bett ab, eine Aufopferung, gegen die Mile, obſchon er ſich darüber wunderte, keine Einwendung erhob; denn die Kammer (wenn ein finſteres Loch über dem Vorhaus dieſen Namen verdient) wurde nur durch ein kleines Dach⸗ fenſter erhellt, welches das Kind nicht erreichen konnte, und ein weiterer Vortheil, welcher dem Deportirten nicht entging, beſtand darin, daß die Thüre ver⸗ riegelt werden konnte. Seine eigene Schlafſtätte hatte ſich Jack über dem Treppenhaus bereitet. Der Wind drang aller⸗ dings durch das zerbrochene Fenſter herein und kam mit dumpfem, ſtöhnendem Pfeifen von der Küche aus die Treppe herauf; aber er achtete nicht auf dieſe Unbequemlichkeiten. Er war an die Nachtluft gewöhnt, und wenn er etwa erwachte und ihn fror, ſo zog er den Kopf unter die Bettdecke und ſchlief bis zum Morgen oder bis Mike trunken aus dem Wirthshaus heimkehrte und ihn veranlaßte, ſchau⸗ dernd die knarrenden Treppen hinunter zu eilen und⸗ die Thüre aufzuſchließen. Am ondern Morgen war Jack der erſte auf den Beinen, brachte die Küche in Ordnung, ſo gut er es verſtand, zundete Feuer an und bereitete das Frühſtück, eh er Lillian weckte. Er fand die Kleine zweimal mit gefalteten Händen vor ihrem Bett auf den Knieen liegend, und obgleich er nur eine unbe⸗ ſtimmte Vorſtellung von dem, was ſie that, hatte, ſo bemächtigte ſich doch ſeiner ein Gefühl von Scheu, und er ſchlich ſtill wieder hinunter, um ſie nicht zu ſtören. Als er ſie das dritte Mal in der gleichen Stellung antraf, beſchloß er, ſie über ihr Thun zu befragen. „Lilly,“ ſagte er, als ſie die Treppe herunter kam,„was haſt Du eben gethan?“ „Mein Gebet geſpröchen,“ antwortete die Kleine, ob der Frage erſtaunt. „Und zu wem beteſt Du?“ „Zu Gott.“ „Wer hat Dich's gelehrt?“ „Mama,“ verſetzte ſie, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen;„ſchon vor langer Zeit.“ „Du mußt nicht weinen,“ rief der Knabe, indem er ſie küßte;„ich will Dich nicht mehr deßwegen plagen.“ „Du plagſt mich nicht.“ „Nicht? Nun, iſt es nicht ſeltſam, daß Niemand mich beten lehrte?“ „Vielleicht haſt Du keine Mama gehabt,“ meinte Lilly unſchuldig. „Ich muß wohl eine Mutter gehabt haben, was wohl daſſelbe iſt,“ ſagte Jack;„nur kann ich mich ihrer nicht mehr erinnern. Ich meinte, die Leute beten nur, wenn ſie in die Kirche gehen, und um das zu können, müſſe man ſauber gekleidet ſein.“ „Du ſelber biſt nie dahin gegangen?“ fragte Lilly. „Herr Je, Lilly,“ rief der Knabe,„was ſollte ich dort thun?“ „Beten, wie andere Leute auch. Beteſt Du nie?“ „Früher habe ich Mike gebeten, mich gehen zu laſſen, wenn er mich ſtriegeln wollte,“ antwortete der Knabe,„aber jetzt wagt er's nicht mehr. Das Letzte⸗ mal trug er für vierzehn Tage ſchwarz und blaue Schienbeine davon, und jetzt hat er genug.“ „Soll ich Dich's lehren?“ „Wenn Du willſt,“ entgegnete Jack zögernd, denn 3 beſchlich ihn plötzlich eine eigenthümliche Empfin⸗ ung. mußt Du niederknieen.“ „Knieen?“ „Ja,“ verſetzte Lillian ernſt.„Mama hieß mich immer knieen, wenn ſie mich's lehrte.“ Zum Erſtenmal beugten ſich die Kniee des jungen Ausgeſtoßenen und er ſprach die Worte des Vaier⸗ unſers nach, wie ſeine Lehrerin ſie ihm vorſagte. Es war allerdings viel darin, was er nicht verſtand. „Was ſoll das heißen:„Gib uns heute unſer tägliches Brod?“ fragte er.„Ich meinte, die Leute müßten darum arbeiten, oder es ſtehlen.“ „Gott weiß es,“ lautete die Antwort. „Und erlöſe uns von dem Uebel?“ fügte er bei. Lilly gab die gleiche Antwort. Jack Manders vergaß dieſen Satz nicht, der einen eigenthümlichen Eindruck auf ihn gemacht zu haben ſchien, denn er wiederholte ihn gedankenvoll mehrmal im Laufe des Tages. Mike's ſchwerer Fußtritt auf der Treppe machte ſeinen Fragen und Lilly's Unterricht ein Ende. Das Mädchen zog ſich ſcheu in eine Ecke zurück, während Jack ſich mit dem Frühſtück zu ſchaffen machte. Der Deportirte war in keiner ſehr liebenswürdi⸗ gen Stimmung. Seine rothen, triefenden Augen legten Zeugniß ab von der Schlemmerei der Nacht, und ſogar der Anblick von Speiſe widerte ihn an, obſchon er von dem Thee Taſſe um Taſſe die dürre Kehle hinabgoß. „Was ſtarrt die Gans mich an?“ rief er mit einem finſteren Blick auf die Kleine, die, vom Schre⸗ cken gebannt, kein Auge von ihm zu verwenden ver⸗ mochte. „Redet nicht ſo rauh mit ihr, Onkel,“ ſagte Jack, „Ihr ſchüchtert ſie nur ein.“ „Und warum ſoll ich ſie nicht einſchüchtern?“ verſetzte der rohe Menſch wild. „Sie iſt noch nicht daran gewöhnt.“ „Du wirſt mir zuletzt ebenſo blödſinnig, wie das Mädel,“ murmelte der Deportirte.„Das iſt die Frucht vom Daheimhocken, vom Eſſen und Trinken und Nichtsthun. Mach', daß Du fortkommſt,“ fügte er bei,„und ſieh zu, daß Du etwas aufliest. Ich will nicht fort und fort einen Müßiggänger erhalten.“ Die Erklärung war ziemlich beſcheiden in Anbe⸗ tracht des Umſtandes, daß ſeit Jahren der Knabe ihn hatte erhalten müſſen. Nie war Jack ſo wenig aufgelegt geweſen, das Haus zu verlaſſen, als dieſen Morgen. Aber was ließ ſich thun? Nur dadurch, daß er Geld brachte, konnte er hoffen, ſeinen Arbeitsvogt wieder in gute Laune zu bringen. Gleichwohl zögerte er ſo lang als möglich, um ſich zu überzeugen, daß Lilly ein genügendes Frühſtück einnahm,— und als er ſich von ihr verabſchiedete, verſprach er, bald wieder zurück zu kommen. „Komm' her,“ herrſchte Mike dem Kinde zu, ſo⸗ bald ſie allein waren. Mit verzweifeltem Muth trat Lilly auf ihn zu. „Recht ſo,“ fuhr er fort.„Nun merk auf. Du ſiehſt jene Thüre; wenn Du verſuchſt, hinauszugehen ohne meine Erlaubniß, ſo ſchlag' ich Dir alles Fleiſch von Deinen Knochen herunter. Hörſt Du?“ „Ja,“ hauchte Lillian. „Vergiß es nicht, denn ich ſage nicht gern etwas zweimal.“ Während des Morgens entfernte ſich der Depor⸗ tirte auf eine halbe Stunde und ſchloß die Thüre forgfältig hinter ſich zu. Als er zurückkehrte, brachte er einige Flaſchen Branntwein, zwei Pfeifen und Tabak mit ſich. Da er alles dies auf den Tiſch legte, ſo konnte man daraus entnehmen, daß er einen Beſuch erwartete. „Sitz dorthin,“ ſagte er, auf einen Schemel in der Nähe des Feuers deutend.„Du ſollſt mir nicht in der Kälte da ſchnattern.“ Lillian gehorchte. „Woher kommſt Du?“ fuhr er fort. „Weit her über's Meer.“ „Und haſt Du keinen PVater, keine Mutter?“ „Nein, ſie ſind beide todt,“ antwortete Lillian, in Thränen ausbrechend. „Dachte mir's,“ murmelte der Strolch. Er konnte wenig weiter aus ihr herausbringen. Kein Wunder, denn Lillian war erſt ſechs Jahre alt, ———— ———— 9 als ſie Indien verließ, und hatte bis auf die letzten Wochen nur wenig Engliſch geſprochen. Sie erin⸗ nerte ſich nur noch, daß ihr Papa einen rothen Rock . mit goldenen Dingern auf den Schultern(ſie hatte vergeſſen, wie man's nannte) und einen Degen an der Seite zu tragen pflegte; er ſei zuerſt und Mama einige Tage nach ihm geſtorben. „Ein Offizier,“ ſagte Mike zu ſich ſelbſt.„Ich wette, Andrew weiß ihre ganze Geſchichte. Aber er iſt ſo verſchloſſen gegen ſeinen Bruder, obſchon wir Zwillinge ſind. Nun, ich krieg's ſchon noch von ihm heraus, wie ſchlau er ſich auch dünken mag.“ Nachdem er zu dieſem preiswürdigen Schluß ge⸗ kommen war, zündete er ſeine Pfeiſe an und ver⸗ ſenkte ſich allmälig in tiefe Betrachtungen, welche nur durch die ungeduldigen Blicke unterbrochen wur⸗ den, die er von Zeit zu Zeit nach dem Fenſter ent⸗ ſandte. Der Gaſt, den er erwartete und um deſſen willen er ſeinen Neffen bei Seite geſchafft hatte, wollte noch immer nicht erſcheinen, und der Wirth ſah dieſe Zögerung für ein ſehr unſchönes Benehmen an, nachdem die Vorbereitungen zu ſeinem Empfang ſo ordentlich getroffen waren. Wir müſſen nun Jack folgen, der bisher ſeinem Beruf in St. James Park, der Umgebung von Weſtminſter und der Parlamentsſtraße obgelegen hatte. Diesmal beſchloß er ſein Operationsfeld zu . ändern; denn das alte Terrain war zu gefährlich, . und jeder Polizeidiener, der an ihm vorbeikam, ſchien ihn ſcharf in's Auge zu faſſen. Er wanderte ängſt⸗ lich weiter, bis er in der Regentſtraße anlangte, die zu ſo früher Stunde faſt noch leer war, aber bald ſich zu füllen begann, obſchon ſie ihm keine Gelegen⸗ heit zu Ausübung ſeiner Kunſt bot. Das Wetter war kalt; man ging raſch und die Röcke waren bis oben zugeknöpft, ein Grund, aus welchem ſich die Thatſache erklärt, daß im Winter nicht halb ſo viele Taſchendiebſtähle vorkommen, als im Sommer. „Ich werde heute kein Glück haben,“ dachte er. Dann erinnerte er ſich des Gebets, das ihn Lilly gelehrt hatte, murmelte die Worte vor ſich hin: „Erlöſe uns von dem Uebel,“ und machte ſich auf's Neue Gedanken über den Sinn derſelben. Obgleich er noch ein Fremdling auf dem Boden grundſatzmäßiger Ehrlichkeit war, hatte er doch heute augenſcheinlich keinen Sinn für ſein Geſchäft, denn er ließ manche ſchöne Gelegenheit verſtreichen, bei welcher er ein paar Wochen früher furchtlos zuge⸗ griffen haben würde. Herz und Hand fühlten ſich entkräftet; und doch— wie rüſtig wären ſie nicht geweſen für eine wirkliche Arbeit? Freilich durfte er hierauf nicht hoffen, denn es fehlte ihm, wie er ſeinem Onkel geſagt hatte, an einem Zeugniß, und er konnte Niemand finden, der eine Gewähr für ihn übernahm. In dieſer träumeriſchen Stimmung hatte Jock den Eingang von Regentspark erreicht, als eine Equipage an ihm vorbeifuhr. Im Nu wurde er voll Leben und Rührigkeit, denn er erkannte die braun⸗ und orangegelben Lioréen der Diener. Es war derſelbe Wagen, in welchem ſein Onkel Andrew davongefahren. Ohne ſich lange zu beſinnen, jagte er nach, und nachdem er ſich ganz außer Athem gelaufen, wurde ihm die Beruhigung, den Wagen vor einem der — — er wolle, denn er hätte nicht gerne vor den Bedienten 11 ſtattlichen Häuſer, die in einer Linie mit der Cheſter⸗Terraſſe liegen, halten zu ſehen. Ein Bedienter in derſelben Livrée öffnete das Hausthor und eine Dame mit einem Kind ſtieg aus. Jack grinste vergnügt; der Leitfaden war gefun⸗ den. Während der Wagen gegen den Stall hin einbog, trat er keck auf den Pförtner zu und fragte, ob hier Sir Norman Boothroyd wohne. „Was kannſt Du möglicherweiſe von ihm wollen?“ fragte der gemäſtete Fröhner mit großen Augen. „Ich meine nicht ihn, ſondern Mr. Silex, den Steward.“ „Und was verlangſt Du von ihm?“ „Er hat's vielleicht nicht gern, wenn ich es Euch ſage,“ antwortete Jack. Der Pförtner mochte auch ſo denken, und da der Steward ein Mann war, mit dem es Niemand gerne verdarb, ſo wies er einen Bedienten an, ihn zu rufen, indem er ſelbſt zur Sicherung der Mäntel klüglich in der Halle blieb. Einige Augenblicke nachher erſchien der Steward. Sein Geſicht wurde leichenblaß, als er ſah, wer nach ihm gefragt hatte. Es war ihm nie entfernt einge⸗ fallen, daß ein bloſer Knabe ihm mit ſolcher Be⸗ harrlichkeit nachſpüren und ihm zuletzt gefährlich werden könnte. Jack nahm ſeine Mütze ab, begrüßte ihn wieder wie auf der Weſtminſterbrücke und erkundigte ſich mit einem ſchlauen Lächeln nach ſeinem Befinden. „Du hier?“ rief Mr. Silex. J Oükel.“ Sein Verwandter fragte ihn diesmal nicht, was 12 die Antwort gehört:„ein Zeugniß, wenn Ihr ſo gut ſein wollt,“ die ohne Zweifel erfolgt ſein würde. Der Steward war nicht nur ein Mann von Fe⸗ ſtigkeit, ſondern auch, was man ſeltener trifft, ſehr raſch in ſeinen Entſchließungen. Von Feindſeligkeit, das heißt von offener, konnte jetzt keine Rede mehr ſein; er ſah ſich entwaffnet und verſuchte nicht ein⸗ mal, dieſe Thatſache vor ſich zu bemänteln. „Gebt mir meinen Hut und meinen Ueberrock, John,“ ſagte er. Der Diener entſprach ſeiner Anforderung. Nachdem Mr. Silex ſich gekleidet hatte, winkte er Jack, ihm zu folgen, und ſie gingen eine Weile ſchweigend im Park neben einander her. Nicht daß der Alte Zeit nöthig gehabt hätte, ſich zu ſammeln oder ſeine Plane zu ordnen, er war damit bereits im Reinen. „Warum nennſt Du mich Onkel?“ fragte er, ſich plötzlich zu dem Knaben umwendend, ſobald ſie einen der abgelegeneren Spazierwege erreicht hatten. „Weil Ihr es ſeid,“ antwortete Jack. „Puh, puh, keine Rede davon.“ „Das hilft Euch nichts,“ rief ſein Neffe mit einem breiten Grinſen.„Hab' ich nicht jedes Wort gehört, das Ihr mit Mike über meine Mutter und mich ſprachet, nachdem Ihr die Sache wegen Lilly und der Dame, welche ſie bringen ſollte, ſertig gemacht hattet? Ich weiß auch, wer die Dame iſt,“ fügte er bei,„und wo St. Faith liegt, und das Herr⸗ ſchaftsgut— kurz alles von Euch.“ „Hum, ein geſcheidter Junge,“ murmelte der Steward. 13 „Ich bin nicht ganz auf den Kopf gefallen, Onkel.“ „Augenſcheinlich nicht. Und weiß Mike von dieſer Entdeckung?“ „Noch nicht. Ich bin ſelbſt erſt dieſen Morgen gekommen, indem ich der Kutſche folgte, in welcher Ihr kürzlich aus dem Park fuhret.“ Ein zufriedenes Lächeln ſpielte für einen Augen⸗ blick auf den Lippen des alten Mannes und ent⸗ hüllte ſeine eigenthümlichen Zähne. Der Anblick be⸗ hagte Jack nicht ſonderlich, denn eine unbeſtimmte Vorſtellung bemächtigte ſich ſeiner, daß ſein ſehr re⸗ ſpektabler Verwandter einen furchtbaren Biß verſetzen könne; er fühlte ſich erſt etwas ruhiger, nachdem ſich die Lippen wieder geſchloſſen hatten. „Mein lieber Knabe,“ ſagte Mr. Silex in ſeinem ſanfteſten Tone,„es iſt nothwendig, daß wir uns gegenſeitig verſtehen, oder vielmehr, daß ich mich gegen Dich rechtfertige. Du biſt verſtändig genug, um zu begreifen, wie unmöglich es iſt, daß ich die Verwandtſchaft zwiſchen mir und Mike anerkenne. Erſtlich könnte es mich meinen Platz koſten, und zweitens hätte er doch keinen Nutzen davon.“ „Er iſt ein alter Schelm,“ lautete die gravitä⸗ tiſche Entgegnung Jacks, der aller von ſeinem Onkel ſo belobten Einſicht aufgeboten hatte, um den Spre⸗ cher zu verſtehen⸗ „Bei Dir iſt es etwas Anderes,“ der Ste⸗ ward fort.„In der That, ich habe halb im Sinn, etwas für Dich zu thun.“ „Iſt's Euch ernſt?“ rief der Knabe, und ſeine runden ſchwarzen Aeuglein funkelten vor Hoffnung. „Du ſagſt, Du braucheſt ein Zeugniß?“ „Weiter nichts.“ „Und willſt arbeiten?“ „Stellt mich auf die Probe.“ „Das ſoll geſchehen,“ ſagte Mr. Siler mit Nach⸗ druck.„Ich reiſe in ein paar Stunden auf's Land; Du kannſt mitkommen, und ich will Dich auf der Farm beſchäftigen.* iſt ein recht hübſcher Platz und der Feldbau bietet ein angenehmes Leben. Natür⸗ lich kann ich im Anfang nicht viel von Dir erwarten. Du wirſt weiter nichts zu thun haben, als über die Felder zu reiten und nachzuſehen, ob die Arbeiter ihr Geſchäft nicht vernachläſſigen. Du kannſt doch leſen und ſchreiben?“ Jack ließ verzagt den Kopf hängen. „Macht nichts; das iſt bald gelernt,“ fuhr der alte Heuchler ermuthigend fort.„Die Winterabende ſind lang und Du wirſt Zeit finden, Unterricht zu nehmen.“„ Alles dies, namentlich das Reiten, klang ganz prächtig in den Ohren des Knaben. Ein neues Ge⸗ fühl ſchwellte ſeine Bruſt und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. „Gut,“ ſagte er;„Ihr ſeid ein Trumpf von einem Onkel.“ Der Steward lächelte. „Und ich war ſo einfältig zu glauben, Ihr ſeiet nicht beſſer, ja ſogar noch ſchlechter, als Mike.“ „Man muß nicht nach den erſten Eindrücken ur⸗ theilen, mein lieber Knabe,“ ſagte ſein Verwandter ſanft;„ſie führen uns in der Regel irre. Und nun wir uns vollkommen verſtehen und Alles zwiſchen 15 uns abgemacht iſt, wird es am beſten ſein, wenn wir mit einander nach dem Haus zurückkehren.“ „Ich muß erſt heim.“ Mr. Siler ſchüttelte mißbilligend den Kopf. „Ich muß,“ wiederholte Jack.„Ich habe dort noch ein Hemd und drei Hemdkrägen.“ „Laß dieſe Kleider nur zuruck; ich kaufe Dir in St. Faith viel beſſere,“ ſagte der Steward, der Jack keinen Augenblick aus dem Geſicht laſſen wollte, aus Furcht, er könnte gegen Mike plaudern.„Dein ſchlimmer Onkel iſt im Stand, Dich zurückzu⸗ halten.“ „Oh, dies iſt nicht zu fürchten.“ Es war Jack hauptſächlich darum zu thun, Lilly wieder zu ſehen, denn der Gedanke, ſie in den Hän⸗ den des Deportirten zurückzulaſſen, deſſen Stim⸗ mung durch ſein Verſchwinden wahrſcheinlich nicht beſſer wurde, wollte ihm nicht gefallen. Indeß war dies Gefühl nicht kräftig genug, um ſeinen eige⸗ nen Intereſſen das Gleichgewicht zu halten— dem Pferd nämlich, der Farm und den neuen Kleidern; er gab daher ſein Vorhaben auf und willigte ein, Mr. Siler nach Sir Normans Wohnung zurück zu begleiten. Auf dem Rückwege fuhr der ſchlaue Verſucher, welcher ſeinem Neffen nicht ſo viel Schlauheit zu⸗ traute, als er wirklich beſaß, mit ſeinen Verſprechun⸗ gen fort, ſchilderte die Gegend von St. Faith als ein wahres Arcadien, redete davon, daß er ihm ein Gewehr erlauben wolle, und verſicherte ihm(das ein⸗ zige Wahre unter Allem, was er ſagte), daß es auf dem Gut von Haſen und Rebhühnern wimmle. e 16 Jack fühlte ſich mehrmals verſucht,„Schnurre!“ auszurufen; aber die Achtung hielt ihn zurück. Die Doſis war noch nicht hinreichend ſtark, um Eckel zu erregen. Endlich aber übertrieb Mr. Silex, wie viele andere ausgemachte Künſtler, ſeine Rolle, indem er Jack verſicherte, er ſehe ihn für ſeinen Sohn an, und wolle einen jungen Gentleman aus ihm machen. Er ging ſogar ſo weit, daß er ihm zärtlich ſeine Hand auf den Nacken legte. Der Knabe ſchauderte bei der Berührung der langen Knochenfinger, als habe plötzlich eine Schlange ſich um ihn geringelt. War es Ahnung oder nur eine plötzliche Regung? Wir wiſſen es nicht; aber er ſprang mit einem weiten Satz aus dem Bereich des alten Mannes. „Ich will nicht mit Euch gehen!“ rief er;„und kein Wort von Allem, was Ihr geſagt abt.“ „Mein lieber Knabe!“ „Nennt mich nicht Euren lieben Knaben. Ihr wollt mich nur umbringen, und würdet es auch thun, wenn ich Euch Gelegenheit dazu gäbe.“ Onkel und Reffe betrachteten ſich gegenſeitig eine Weile— der eine mit dem Gefühl eines Tigers, dem ſein Sprung nicht geglückt iſt, der andere mit dem ſcheuen Ausdruck der flinken Antilope, welche ſeinen Krallen entwiſchte. Beide waren ungemein blaß. „Das iſt ein ſehr arger Gedanke,“ bemerkte der Steward, der ſeinen Zorn zu unterdrücken ſuchte. „Er iſt wahr.“ „Der Himmel vergebe Dir,“ ſagte der Onkel. „Möge er Euch die Lügen vergeben, die Ihr mir 17 geſagt habt,“ entgegnete Jack.„Ihr wollt mir ein Roß geben, um auf dem Gut herum zu reiten, he? und ein Gewehr? und neue Kleider? Ich glaube nicht, daß Ihr etwas Anderes für mich habt, als meinetwegen einen hinterliſtigen Schlag auf den Kopf oder ein Umdrehen des Halſes; und was den jungen Gentleman betrifft, den Ihr aus mir machen wollt, ſo iſt das eben ſo gut eine Schnurre— ja, einen Narren, habt Ihr ſagen wollen.“ „Bleib!“ „Ich nicht,“ verſetzte der Knabe.„Ich habe voll⸗ kommen genug von Euch geſehen. Auf und davon.“ „Mit dieſem jungen Spitzbuben werde ich mehr Noth haben, als ich in Rechnung nahm,“ dachte Siler. „Er weiß zu viel, viel zu viel. Lady Boothroyd und ich, wir beide ſind in ſeiner Gewalt; er muß mir deßhalb aus dem Weg, koſte es was es wolle.“ Unter ſolchen Gedanken langte er in Sir Nor⸗ mans Wohnung an. Ob er wirklich einen Verſuch auf Jack's Leben beabſichtigte, dies iſt ein Geheim⸗ niß, das nur ſeinem eigenen Herzen und dem be⸗ kannt war, welcher darin leſen konnte. Jack fühlte ſich ungemein heiter, als er raſch durch den Park dahin eilte, ſo fröhlich wie ein Vo⸗ gel, welcher der Schlinge des Jägers entronnen iſt. Er hatte eine Lehre erhalten, die an ihm nicht ver⸗ loren war. Zum Zweitenmal erinnerte er ſich des Gebets, das Lilly ihn gelehrt hatte, und er rief laut: „Erlöſe uns von dem Uebel!“ Diesmal ging ihm ein Licht auf über den Sinn der Worte. Smith, Ebbe u. Fluth. L. 2 Siebenzehntes Kapitel. Mike hatte nur einen einzigen Freund oder Kum⸗ pan, wie er ihn nannte, der gleichfalls ein zurück⸗ gekehrter Deportirter und in gewiſſen Kreiſen der Stadt unter dem Namen Fidler Dick bekannt war. Der Ankunft dieſes Ehrenmannes ſah der halbtrun⸗ kene Strolch ſo ſehnſüchtig entgegen, als wir Jack Manders auf ſeiner Geſchäftsmorgenrunde verließen. Die beiden Spitzbuben, von denen in jeder Be⸗ ziehung einer des andern würdig war, hatten vor denſelben Aſſiſen geſtanden, die gleiche Anzahl Straf⸗ jahre abgefangen, in derſelben Strafcolonie ihr Ur⸗ theil verbüßt und mit einander wieder den Heimweg nach England angetreten, pfiffiger wohl, aber zu⸗ verläſſig nicht beſſer. Dies der Grund der— wir wollen das Wort Freundſchaft nicht entweihen, ſon⸗ dern einen paſſenderen Ausdruck wählen— der Ver⸗ traulichkeit, welche zwiſchen ihnen ſtattfand. Dick cultivirte einen eigenthümlichen Induſtrie⸗ zweig, er hatte nämlich mehrere ſchöne, zart aus⸗ ſehende Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren um ſich. Wie er dazu gekommen war, wußte Nie⸗ mand, oder man kümmerte ſich nicht darum. Eigene waren es nicht, denn man ſah es der Blüthe an, daß ſie unmöglich zu dieſem Stamm gehören konn⸗ ten; er hatte ſie aber durch Schläge ſo eingeſchüch⸗ tert, daß ſie ihn gern Vater nannten, und dies ent⸗ ſprach eben ſo guk ſeinem Zweck. N Die unſchuldigen Opfer mußten auf Stelzen tan⸗ zen lernen und in den Straßen und Squares Lon⸗ 19 dons ſich zeigen. Bisweilen machte ihr Brodherr auch einen Ausflug mit ihnen auf's Land. Bei ſol⸗ chen Gelegenheiten erzielte er eine doppelte Ernte, einmal aus den freiwilligen Beiträgen der Zuſchauer, die anſehnlichere aber aus dem unfreiwilligen Tribut, den ſein Aſſocie, einer der gewandteſten Taſchendiebe, zu erheben pflegte, während die Aufmerkſamkeit des Publikums durch die kleinen Tänzerinnen gefeſſelt wurde. WMile hatte in der Abſicht nach dieſem Mann ge⸗ ſchickt, ſich Lilly's zu entledigen. Die fünfhundert Pfund, welche Lady Boothroyd verſprochen, ließen ihm ſelbſt im Traum keine Ruhe, und er nahm ſich feſt vor, ſie zu verdienen,— allerdings wo möglich ohne Verbrechen, aber haben wollte er ſie. Die Angelegenheit forderte Takt und eine geſchickte Be⸗ handlung, da er es ſowohl mit ſeinem Bruder als mit der Lady zu thun hatte; doch mit einem ſolchen Preis in Ausſicht glaubte er Diplomat genug zu ſein, ſie beide zu täuſchen. Was das endliche Schick⸗ ſal des kleinen Opfers betraf, ſo machte ihm dies nicht viel Kopfzerbrechens, oder vielmehr er küm⸗ merte ſich gar nicht darum. Der Ausführung ſeines ſchurkiſchen Vorhabens ſchien nur die außerordentliche Zuneigung im Wege zu ſtehen, welche Jack zu dem Kinde gefaßt hatte. Dieſer Umſtand verwirrte ihn eben ſo ſehr, als er ihm ärgerlich war. Er hatte Kinder nie geliebt, ja ſogar nie leiden können, und wenn er über die An⸗ gelegenheit mit ſich zu Rathe ging, kam er zu dem Schluß, es dürfte eben ſo gut ſein, wenn auch ſein Neffe aus dem Weg wäre. Der Knabe wurde nach⸗ gerade unlenkſam, hatte in der letzten Zeit ihm mehr⸗ mals getrotzt und beſaß einen(wie ſein Onkel meinte) ganz unnatürlichen Widerwillen gegen das geduldige Hinnehmen einer geſunden Dreſcherei. Außerdem glaubte Mike bald in der Lage zu ſein, Jacks ganz und gar entbehren zu können. Während dieſer Betrachtungen hatte der Depor⸗ tirte drei Mal an ſeiner Stiefelſohle die Pfeife aus⸗ geklopft und war eben im Begriff, ſie zum vierten Mal zu füllen, als ein Schatten das Fenſter ver⸗ dunkelte, deſſen rautenförmige Scheiben eine zu dicke Schmutzkruſte überkleidete, als daß ein Draußenſte⸗ hender in die Stube hätte ſchauen können. „Geh' in Deine Kammer!“ rief er Lillian zu, während er zugleich ſeine Pfeife auf den Tiſch legte. „Rühr' Dich nicht und mach' keinen Lärm, bis ich Dich herunter rufe. Merk' Dir's, ſonſt ſoll Dir's übel bekommen.“ Froh, ſich dem erſtickenden Tabaksqualm entziehen zu dürfen, gehorchte die Kleine, und Mike ſchickte ſich an, ſeinem Freund die Thüre zu öffnen, den wir hier näher beſchreiben müſſen. Obgleich der Gentleman— denn alle Künſtler ſeines Schlags ſind heutzutage Gentlemen— viel älter ausſah, zählte er doch nicht weiter als fünfund⸗ dreißig Jahre, und hatte eine Höhe von ungefähr fünf Fußen, nicht ſonderlich viel für einen Helden; dafür hatte er aber ungemein breite Schultern und Arme, die große Muskelkraft verriethen. Seine Beine waren kurz und dünn, entſchieden dünn; und doch ſetzte ſeltſamer Weiſe ihr Inhaber einen beſonderen Stolz darein, ſie zu zeigen. Er trug Sommers und 21 Winters kurze Hoſen, die an den Knieen ſehr knapp anlagen, und gleich zwei Freunden, die mit einander Händel gehabt haben, ſtöckiſch in der Form von ein paar Einſchließungszeichen aus einander wichen; mit Worten, Fidler Dick war unbeſtritten krumm⸗ einig. Sein übriges Coſtüm beſtand aus einer Weſte von Leopardenhaut, einem Lotſenkittel mit ungemein großen Knöpfen, einem ſachkundig um den Hals ge⸗ drehten gelbſeidenen Tuch und einem Hut, der un⸗ möglich ſeinen Glanz verlieren konnte, da er denſel⸗ ben vornämlich der reichlichen Menge von Oel ver⸗ dankte, welches von dem wohldurchfetteten langen ſchwarzen und zigeunerhaft ſich kräuſelnden Haar aus den Filz durchdrang. Wenn auf etwas, ſo war Fidler Dick ſtolz auf ſein Haar, namentlich wenn es friſch„geölt“ war, wie er ſich elegant ausdrückte. Dieſe Vorliebe für ſeinen Kopfſchmuck mochte vielleicht in dem Umſtand ihren Grund haben, daß er ſo häufig unter die un⸗ barmherzigen Scheeren der Gefängnißbehörden ge⸗ fallen war, welche ſich nicht einmak bewegen ließen, die paar Lieblingslocken zu ſchonen, die munter vor jedem Ohr niederhingen. Noch ein Zug und wir hoffen, das Portrait wird vollſtändig ſein. Wir dürfen nämlich das Geſicht nicht vergeſſen, bei deſſen Verleihung die Natur beſonders übel gelaunt geweſen ſein mußte, denn die ſchwarzen durchdringenden Augen waren ungemein rund und klein und von ſchlauem, gewiſſermaßen thieriſchem Ausdruck, ein Mittelding zwiſchen dem Cyniſchen des Fuchſes und dem eines verliebten Wolfes. Die Naſe ſah höchſt ignobel aus— wir ärgern uns eigentlich darüber, daß wir eine ſolche Raſe beſchreiben ſollen, weil es doch nur durch Negationen geſchehen kann; denn erſtlich war ſie zu groß für eine Mopsnaſe und nicht gerade genug für eine griechiſche, zu dick für eine römiſche und nicht gebogen genug für eine hebräiſche, zu breit für die Naſenlöcher eines Euro⸗ päers und nicht flach genug für die eines Afrikaners; kurz es war eine unbeſchreibliche Naſe, und wir müſſen zum Beſten unſerer Leſer die Warnung beifügen, daß ſie, wenn ihnen je eine ſolche Naſe begegnet, ſich ja vor ihrem Inhaber in Acht nehmen. Der Mund war indeß bei Weitem der ſchlimmſte Zug in ſeinem Geſicht. Es lag etwas Teufliſches in den Ecken deſſelben, wenn er ſie niederzog— eine Gewohnheit, aus der Dicks nähere Bekannten ſchloſſen, daß der Ehrenmann eine Lüge vorbringe. Zu ſol⸗ chen Zeiten pflegte er auch die Worte durch einen beſondeten Rachdruck, welchen er auf die Vocale legte, zu dehnen. Einige ſeiner vertrauteſten Kum⸗ pane verſicherten, daß er ſeine guten Seiten beſitze; wir meinen aber, daß ſie ein recht gutes Auge nöthig hatten, um dieſelben aufzufinden. „Na, Alter,“ rief der Würdige, deſſen Portrait wir, wie wir fürchten, nur zu dürftig gezeichnet ha⸗ ben,„wie geht Dirs?“ Mile reichte ihm ſchweigend die Hand und deu⸗ tete auf einen Stuhl neben dem Tiſch. „Alles recht,“ ſagte der Gaſt, ſich niederlaſſend. Der Wirth füllte die zwei Gläſer aus der Brannt⸗ weinflaſche, führte das ſeinige zu den Lippen und trank dem Andern unter Kopfnicken zu. Fidler Dick 23 folgte dem Beiſpiel und ſtopfte ſich dann, ohne eine Aufforderung abzuwarten, die Pfeife. Der ältere Deportirte that das Gleiche, langte mit der zerbro⸗ chenen Zange eine glühende Kohle aus dem Kamin und bot ſie, eh' er ſelbſt davon Gebrauch machte, höflich ſeinem Gaſt dar, welcher die zarte Aufmerk⸗ ſamkeit mit einem ſchlauen Blinzeln anerkannte. Sie rauchten eine Weile ſchweigend fort. „Kein ſchlechter Tabak,“ bemerkte Mike. „Ganz und gar nicht.“ „Und der Branntwein?“ „Hum, man kann nicht urtheilen nach dem erſten Zahn voll,“ verſetzte Dick. Die Gläſer wurden zum Zweitenmal gefüllt und geleert, worauf der Gaſt erklärte:„Nummer Eins.“ Natürlich ſchrieb der Gentleman die ſpezielle Ein⸗ ladung und die ſehr ſchönen Vorbereitungen zu ſei⸗ nem Empfang nicht ganz auf Rechnung der Freund⸗ ſchaft oder ſeiner eigenen Verdienſte, auch nicht bei⸗ der zuſammengenommen; denn, wie er ſich auszu⸗ drücken pflegte, er roch einen Braten ſchon von Wei⸗ tem und hielt die Augen ſperrangelweit offen, um zu ſehen, auf was es hinaus wolle. Viel Glück gehabt in letzter Zeit?“ fragte er im Tone der Gleichgültigkeit. „Nicht beſonders,“ antwortete ſein Wirth.„Jack iſt ein fauler Hund. Wie geht das Geſchäft bei Dir?“ „Schlecht,“ verſetzte der Strolch,„alleweil um dieſe Jahreszeit.'s iſt zu kalt für die Barmherzig⸗ keit. Die Leute knöpfen nicht gern ihre Taſchen äuf, denk wohl, weil ſie die Winterbeulen fürchten, und meine Unkoſten ſind ſchwer.“ „Aber das Aſſociegeſchäft?“ „Schlechter noch als das andere,“ ſagte Dick, und ſeine Mundwinkel gingen nieder.„Derter iſt nicht halb der Kerl mehr, der er war, obſchon ich glaube, daß er ſein Beſtes thut. Du biſt ein glück⸗ licher Kauz und haſt nicht jeden Tag für ein Peib und vier Bälge zu ſorgen.“ „Geſteh's nur, die Dinger ſind ſo ſchlecht nicht,“ ſagte Mike ermuthigend.„Die Mädel verdienen doch ihren Unterhalt?“ „Hum, nahezu,“ verſetzte ſein Freund, ſehr lang⸗ ſam ſprechend;„aber darum handelt ſich's nicht; ſie ſterben ſo ſchnell weg. Wenige halten den zwei⸗ ten Winter aus; die Kälte und die Mouſſelinkleider bringen ſie um. Und doch ſorgt Bet ganz außer⸗ ordentlich für ſie. Würdeſt Du's wohl glauben?“ fügte er bei;„ſie gibt jedem alle Morgen vor dem Ausmarſch ein Glas Branntwein— eine Mutter könnte nicht mehr thun.“ „Gewiß nicht,“ rief Mike mit Nachdruck und au⸗ genſcheinlich hoch erſtaunt über ſo viel Güte. „Dann müſſen wir ſie jetzt begraben,“ fuhr Dick fort.„So war es nicht zu den Zeiten ihres erſten Mannes.“ „Nun, was hat denn der mit ihnen angefangen?“ fragte ſein Wirth. „Sie an die Doctors verkauft,“ antwortete Dick, „zum Natomiſiren, glaub' ich, heißt man's; aber das ging, eh' ich das Geſchäft übernahm. Sie kriegen jetzt die Armen, die im Werkhaus ſterben, umſonſt, und wollen nichts mehr kaufen. Iſt das nicht eine Schande?“ fügte er im Ton eines Menſchen bei, der ſich ſchwer benachtheiligt fühlt und ein Recht an das Mitgefühl ſeiner Zuhörer hat.„Spricht man da von Handelsfreiheit— lauter Windbeutelei. Es gibt keinen freien Handel mehr— das Land geht zu Grund.“ Die letzteren Bemerkungen wurden mit großem Nachdruck vorgetragen, und zu Erhöhung ihres Ge⸗ wichts durch ein Klopfen mit den Fingerknöcheln auf den Tiſch begleitet. „'s iſt freilich ziemlich hart,“ bemerkte Mike. „Ziemlich hart?“ wiederholte der Gaſt.„Ver⸗ flucht hart iſt es. Ich kann nicht daran denken, ohne daß mir das Blut ſiedet. Gutes Wohlſein!“ Die Ceremonie des Füllens und des Leerens der Gläſer wurde abermals durchgemacht. „Denk' wohl,“ bemerkte der älteſte von den bei⸗ den Gutedeln, indem er den Rauch bedächtig durch puffte,„die Frätzchen ſind jetzt alle ge⸗ ſund?“ „Ei, bewahre,“ verſetzte der Kumpan.„Die Fan— Du erinnerſt Dich doch der Fan, die den Hochlandfling zu tanzen pflegte?“ Mike nickte bejahend. „Na, die kann's nicht länger mehr als eine Woche, höchſtens noch vierzehn Tage treiben,“ fuhr Dick fort.„Ihr Huſten iſt ganz erſchrecklich. Ich hab' ihr müſſen das Bett in's Waoſchhaus machen laſſen. Ich und mein Weib, wir habens nicht länger ausgehalten, weil wir wegen ihrer keinen Augenblick zum Schlaf kommen konnten.“ „Ein geſchicktes Mädel, glaub' ich?“ „Will's meinen,“ verſetzte Dick.„Ich ließe mich's fünf Pfund koſten, wenn ich wieder eine ſolche hätte.“ „Wie alt iſt ſie?“ „Ungefähr acht Jahre; genau wiſſen wir's nie.“ „Dunkle Haare und Augen?“ „Schwarz wie die meinigen,“ verſetzte der Strolch, ſeine wohlgeſchmierten Locken voll Dünkels ſchüttelnd, „Jedermann, der ſie ſah, ſagte, ſie ſei mein getreues Ebenbild.“ „Und Du weißt gewiß, daß ſie am Sterben iſt?“ „Ganz gewiß,“ entgegnete der Kumpan mit einem Anflug übler Laune. Plötzlich aber änderte ſich ſein Benehmen, denn er glaubte in Mike's Geſicht ein Lächeln entdeckt zu haben. Dies brachte ihn auf den Argwohn, er ſei für irgend einen beſtimmten Zweck ausgeholt worden, und natürlich entrüſtete er ſich ob dem Gedanken, daß ein Anderer ihn überliſtet habe. „Auf was hebſt Du's ab?“ fragte er.„Ich will hoffen, daß, nachdem wir einander ſchon ſo lang ken⸗ nen, Alles eben iſt zwiſchen uns?“ Der Beſchützer der armen Lillian hielt ihm die Hand hin. „Na, ich denk' wohl,'s iſt ſo,“ murmelte der Gaukler, ſie annehmend.„So ſprich; was iſt Dein Anliegen? Heraus aus Deinem Loch, Du altes Krokodil, willſt Du?“ „Mein Anliegen iſt ſehr einfach,“ verſetzte Mike. „Kann mir's denken.“ „Ich hab' ein Mädel abzugeben.“ „So?“ „Juſt in Fanny's Alter.“ Fidler Dick ſah ihm feſt in's Geſicht. „Mit ſchwarzen Haaren und Augen,“ fuhr ſein Freund fort,„und Du kannſt ſie wohlfeil haben.“ „Was nennſt Du wohlfeil?“ fragte der Strolch. „Na, fünf Pfund. Das nenn ich wohlfeil.“ „Iſt dies Alles?“ „Und Fan. Ich muß ſie haben.“ „So, Du mußt die Fan haben?“ rief der Gaſt, dem plötzlich ein Licht aufging.„Das wäre ein ſauberer Tauſch. Was gibſt Du auf?“ Der alte Halunke machte ein ſehr verwirrtes Ge⸗ ſicht. Er war mit der Sache nicht ſo gut zu Stand gekommen, als er gerechnet hatte. „Mike, Du haſt meine Gefühle verletzt,“ ſagte ſein Freund.„Das hätte ich nicht von Dir erwartet. Verſuchſt einem alten Kumpan fünf Scheine abzu⸗ preſſen, und noch dazu in ſo harten Zeiten. Du kennſt meine ſchwache Seite,“ fügte er bei, indem er nach der Flaſche auf dem Tiſch deutete,„und ich ſchließ Dir wie ein Narr meinen Buſen auf, als ob Du mein eigener Bruder wäreſt. Das thut mir weh, Mike— hier innen weh.“ Um die Stelle ſeines Schmerzes recht genau zu bezeichnen, klopfte der Sprecher zwei Mal auf die linke Seite ſeiner Leopardenhautweſte. Es war außerordentlich, welche geringe Wirkung dieſe pantomimiſche Berufung an die frühere Freund⸗ ſchaft auf ſeinen Wirth machte, welcher einfach be⸗ merkte, daß Geſchäft Geſchäft ſei, eine Wahrheit, die Niemand beſſer als der Angeredete ſelbſt zu wür⸗ digen wiſſe. Mike ſchloß ſodann mit den Worten, daß er ja nicht gezwungen ſei, auf den vorgeſchla⸗ genen Handel einzugehen. 28 Dick erkannte die Wahrheit dieſer letzteren Be⸗ merkung an und ging ſogar ſo weit, einzuräumen, daß er„ein Bischen unraiſonnabel“ geweſen ſei, gab aber dafür die Erklärung,„wenn ſeine Gefühle in Betracht kämen, ſei er ein Bischen empfindlich— ohne Zweifel eine liebenswürdige Schwäche, aber doch eine, und er hoffe, ſein werthgeſchätzter Freund und Kumpan werde nicht weiter daran denken.“ Dies verſprach denn auch der werthgeſchätzte Freund und Kumpan, und nachdem die amende ho- nourable angenommen war, rauchten ſie eine Zeit lang ſtumm das Calumet des Friedens. Gleichwohl waren nicht leicht zwei Perſonen ein⸗ ander ſo gewachſen in Verſchmitztheit und Schurkerei, und ſie wußten dies ſelbſt recht gut; daher auch der Reſpekt, den ſie ſich gegenſeitig zu erkennen gaben. „'s iſt ein verſchlepptes Spiel,“ dachte Mike. „Ich hole den alten Dachs ſchon noch aus ſei⸗ nem Loch,“ ſagte ſein Gefährte berechnend zu ſich ſelbſt. Wenn zwei Spieler von gleicher Ruhe und Ge⸗ ſchicklichkeit in einem Spiel begriffen ſind, deſſen Er⸗ folg von der Kunſt oder vom Zufall abhängt, ſo wird mit großer Wahrſcheinlichkeit derjenige, für den am meiſten auf dem Spiel ſteht, am eheſten die Faſſung verlieren. So auch im gegenwärtigen Falle. Nicht daß die Unruhe des alten Deportirten ſich in Worten kund gethan hätte— nein; aber die Art ſeines Rauchens, die kurzen unregelmäßigen Stöße verriethen ihn. Dicks ruhige abgemeſſene Wolken dagegen ließen auf einen vollkommen gefaßten Geiſt ſchließen. Es war wirklich ſchön mit anzuſehen, wie 29 er in regelmäßiger Reihenfolge einen Ring um den andern entſandte, wie ſie anmuthig in die Luft ſtie⸗ gen, immer größer und größer wurden, und zuletzt in einem feinen Dunſt ſich auflösten, der wie ein Heiligenſchein ſein Haupt umgab. Mike konnte es nicht länger aushalten, und un⸗ terbrach zuerſt das Schweigen. „Na,“ rief er, den Kopf ſchüttelnd,„Du biſt flaumig,“— eine Beſchuldigung, welche ſein Gaſt mit gebührender Beſcheidenheit entgegen nahm. „Es ſollte mich nicht wundern,“ fuhr der Alte fort,„wenn Du mich zu überreden verſuchteſt, daß . den Tauſch der beiden Mädchen direct aufgehen aſſen.“ Dick antwortete darauf nur mit einem ſchlauen Blinzeln. „Glaub's wohl, daß Du dies möchteſt; aber ich kann nicht darauf eingehen— nein, nein, ich muß etwas darauf haben.“ „Es iſt mir um den Tauſch gar nicht zu thun,“ verſetzte der Andere trocken. „Ich habe geglaubt, Du möchteſt ein ſolches Mädel.“ „Was willſt Du mit meiner Fan?“ er⸗ widerte der Fidler Dick, ſich plötzlich zu ihm um⸗ wendend.„Ich kann Dir's ſagen. Sobald ſie todt iſt, möchteſt Du ſie für die Andere gelten laſſen und dann fünfzig oder hundert Scheine allermindeſtens einſacken. Ich habe nicht Luſt, zu einem ſolchen Spiel die Hand zu leihen.“ „Auch nicht, wenn Du dafür bezahlt wirſt?“ fragte Mike anſpielend. 30 „Ich habe von Leichen geſprochen,“ bemerkte Dick langſam.„Geſchäft iſt Geſchäft.“ „Und wie viel erwarteſt Du?“ „Die Hälfte.“ „Das iſt nicht ehrlich, Dick,“ rief ſein Wirth. „Ich kriege für das Mädel ſelbſt nur fünfzig und habe wegen beider Mühe und Aufwand. Sag' zwan⸗ zig, und wir wollen weiter drüber reden.“ „Nicht einen Pfennig weniger.“ „So laſſen wir's gut ſein.*s iſt auch kein Schaden. Du biſt ein alter Kumpan, und ich hätte lieber Dir etwas zugeſchanzt, als einem Fremden. Doch Du biſt unraiſonnabel; ſo behalt' Dein Mädel und zahl' die Leichenkoſten; ich behalt' das meine.“ Mit dieſen Worten ſtopfte ſich Mike die Pfeife wieder. Er fühlte ſich verletzt durch den vermeint⸗ lichen Verſuch, ſein gutes Herz zu mißbrauchen, und gelobte ſich in ſeinem Innern, eh' er nur einen enny weiter biete, lieber zu thun, was er freilich ſchon oft verſchworen hatte— nämlich es mit einer von den größeren Gefahren, wie er es nannte, aufzunehmen. „Schrei nicht vor dem Streich,“ rief der Fidler, der während Mikes Rede bei ſich überlegt hatte, ob es nicht räthlich ſei, ein Kind, für deſſen Beſeitigung Jemand fünfzig Pfund, ja, wahrſcheinlich eine no größere Summe biete, ſich ſelbſt zuzueignen. „Ich ſchreie nicht,“ murmelte der Alte ärgerlich. „Kann ich das Mädel ſehen?“ „Nicht eher, als bis der Hondel richtig iſt.“ 31 „Gut, ſo gilt es,“ verſetzte der liebe Freund, ihm die Hand hinhaltend. Um die Uebereinkunft zu beſiegeln, wurden wie⸗ der die Gläſer geleert. Dann rief Mike die arme Lillian aus ihrer kalten Kammer herunter, damit ihr neuer Herr ſie beſichtige. „Wohrhaftig, ſie iſt hubſch,“ rief Dick.„Welch ein Haar— juſt wie das meinige.“ „Nicht wahr?“ entgegnete Mike. „Und 1 ſteht auch gut auf ihren Hölzern.“ „Gelt!“ „Komm' her mein Schatz.“ Zu eingeſchüchtert, um den Gehorſam zu ver⸗ weigern, näherte ſich die Kleine dem Mann, der ſo⸗ fort ihre Arme und Schultern betrachtete, ſie um und um drehte, kurz, eine ſo kritiſche Unterſuchung mit ihr vornahm, wie eine ſachverſtändige Hausfrau mit einem Truthahn, um den ſie im Handel ſteht. Der armen Lilly klopfte das Herz ungeſtüm, als ſie die rauhe Betaſtung fühlte, und in ihre Augen tra⸗ ten Thränen. O, wie betete ſie in ihrem Innern, daß Jack zurücktehren möchte. „Ihr wollt mich doch nicht umbringen?“ ſtot⸗ terte ſie. Die beiden Männer brachen in ein lautes Ge⸗ lächter aus. „Ich will gewiß nicht verſuchen, wegzulaufen.“ „Warm ſoilt ich Dich umbringen?“ ſagte der Strolch, ſie loslaſſend.„Ich bin ein großer Freund von Kindern, das heißt, wenn ſie ſich gut aufführen, und habe ſelbſt drei ober vier zu Haus. Du nußt kommen und mit ihnen ſpielen.“ 32 „Mädchen, Sir?“ „Ja, lauter Mädel; und Bet wird Dich auch recht lieb haben.“ Lilly wunderte ſich im Geheimen, wer wohl Bet ſein mochte, wagte es aber nicht, zu fragen. SSl ich ſie gleich mitnehmen?“ flüſterte Fidler ick. „Nicht bis Fan da iſt.“ „Morgen Abend alſo?“ „Sag' übermorgen,“ verſetzte Mike.„Ich muß zuerſt Jack aus dem Weg ſchaffen. Der Knabe hat ſie ſehr gern, und könnte einen Spektakel anfangen, wenn er davon erführe.“ „Und die zwanzig Scheine?“ „Kriegſt Du, wenn ich ſelbſt bezahlt bin,“ ſagte der alte Deportirte,„und dies geſchieht erſt nach ihrer Beerdigung. Haſt Du Sorge?“ „Schon recht,“ antwortete Dick, der gegen einen ſo vernünftigen Vorſchlag nichts einzuwenden wußte. „Ich hab Dir ja geſagt, ſie könnt's nicht länger treiben als eine Woche; und ich verſteh mich auf ſolche Dinge aus Erfahrung. Es fängt an mit einem kurzen Huſten aus dem Kehlkopf, dann wird er tie⸗ fer und tiefer und hohler und hohler; dabei werden ſie mager, blau um die Augen, und ſprechen gerade ſo wie Bet, wenn ſie einen Tropfen zu viel hat.“ „Denk wohl, ſie wird nicht ſchwer zu behandeln bemerkte Mike,„denn ich muß den Doctor rufen.“ „Pah, ich will Dir meine Peitſche dalaſſen,“ rief Fidler Dick.„Brauchen wirſt Du ſie nicht; aber zeigen kannſt Du ſie ihr; ſie kennt den Anblick 33 Der Halunke hätte beifügen können:„und hat ſie gefühlt.“ Doch dies war unnöthig, ſein Zuhörer verſtand ihn vollkommen. Dieſe geflüſterte Unterhaltung beunruhigte Lillian en ſie blickte mehre Male ſehnſüchtig nach der Thüre. Nachdem Alles bereinigt war, verabſchiedete ſich ihr künftiger Gebieter, und Mike ließ ſich's nicht nehmen, ihn bis an die Straßenecke zu begleiten. Er vergaß übrigens nicht, zuvor ſein Opfer ſorgfäl⸗ tig einzuſchließen. Arme Lillian! Der Schrecken der Einſamkeit be⸗ mächtigte ſich jetzt ihrer, und ſie wurde unwohl und ſchwindlich von den erſtickenden Branntwein⸗ und Ta⸗ baksdünſten, mit welchen die Luft erfüllt war. Wäre eine Ritze, ein Spalt da geweſen, durch den ſie hätte entwiſchen können, ſo würde ſie in ihrer Verzweif⸗ lung, trotz der Drohungen ihres Gefängnißwärters, den Verſuch gemacht haben; aber die Mauer an der Hinterſeite des Hauſes war zu hoch und das enge Fenſter vergittert. Nur eine Hoffnung blieb ihr: die Rückkehr ihres jungen Beſchützers. Sie eilte an's Fenſter, drückte ihr blaſſes Geſicht an die Scheiben und harrte, für ihn betend, ſeiner Rückkehr. In dieſer Stellung wurde ſie von Mike angetroffen. Zum Voraus voll Aerger über den Vortheil, wel⸗ chen ihm Dick abgewonnen, wurde er bei ihrem An⸗ blick noch wüthender; er hatte jetzt einen Gegenſtand, 6 isen er ungeſtraft ſeine üble Laune auslaſſen onnte. „Hab' ich Dir nicht verboten, an's Fenſter zu gehen?“ rief er, ſie zurückreißend. Smith, Ehbe u. Fluth. II. 3 „Oh, verzeiht mir,“ kreiſchte das Kind;„ich wollte nur ſehen, ob—“ „Ich will Dich ſehen lehren!“ unterbrach ſie das Unthier. Trotz ihres Schreiens band er ihre zarten Hand⸗ gelenke mit einem Strick an der Lehne des ſchweren Arnſeſſels feſt, auf welchem er ſelbſt geſeſſen; dann ſchaute er wild in der Stube umher, bis er der Trümmer eines Waſchſeils anſichtig wurde, die er ſofort höchſt wiſſenſchaftlich in Knoten zu flechten be⸗ Lu In ſeiner Ungeduld vergaß er ſogar die hüre zu ſchließen. Nachdem er das Quälinſtrument fertig hatte, ſchwenkte er es mehre Male über ſeinem Kopf, als wolle er ſich ſeines Zieles verſichern, und war eben im Begriff, es auf den Rücken der Kleinen nieder⸗ fallen zu laſſen, als Jack eintrat. Ohne Verzug ſtürzte ſich der Knabe zwiſchen ſeinen Onkel und deſſen Opſer, und fing den beabſichtigten Streich mit dem eigenen Leib auf. „Ihr müßt Lilly nicht ſchlagen!“ rief er. „Geh' mir aus dem Weg, Du Dummkopf,“ brüllte der halbtrunkene Wütherich. „Was hat ſie gethan?“ „Aus dem Weg, ſag' ich.“ „Rette mich,“ kreiſchte Lillian.„Er will mich umbringen.“ „Er ſoll nicht Hand an Dich legen,“ entgegnete der Knabe entſchloſſen.„Ihr müßt zuerſt mich dre⸗ ſchen, eh' Ihr ſie anrührt.“ Wäre Mike völlig nüchtern geweſen, ſo würde er es wahrſcheinlich nicht verſucht haben; aber die wiederholt verſchluckten Gläſer Branntwein machten ihn nicht nur halb toll, ſondern gaben ihm auch eine Kraft, die er gewöhnlich nicht beſaß. Allerdings war dieſe nur vorübergehend, machte ihn aber doch, ſo lang ſie andauerte, zu einem furchtbaren Feind. Zweimal ſchlug er den tapfern Knaben zu Boden, und beim dritten Anlauf ſchleuderte er ſeinen von den Schlägen bereits betäubten und ſchwindlich ge⸗ wordenen Gegner in eine Stubenecke, wo dieſer eine Weile ſprachlos liegen blieb. „Ich will Dich lehren, mit mir Streit anzufan⸗ gen, Du junger Halunke,“ ſchrie Mike, ſchäumend vor Wuth, als er den Gefallenen zwiſchen ſeinen Füßen hatte.„Biſt Du jetzt zufrieden?“ „Schlagt Lilly nicht,“ murmelte Jack,„und ich will Euch ſagen, wo Onkel Andrew lebt.“ Der Strolch hielt inne. Er war durch die Worte wieder halb nüchtern geworden; denn es fiel ihm nicht entfernt ein, daß ſein Nefſe je den Namen ſei⸗ nes Bruders gehört haben könne. „Welcher Onkel Andrew?“ fragte er. „Andrew Silex, der es mit Euch ausmachte, daß die Lady das Kind bringen ſolle.“ „Und Du lügſt mich nicht an?“ „Ihr wißt, daß ich dies nicht thue,“ verſetzte der Knabe. „So ſteh' auf,“ murmelte er, ſein Seil auf den Tiſch werfend. Jack erhob ſich auf die Beine. „Nun, heraus damit!“ „Nicht eher, als bis Ihr Lilly losgebunden habt.“ „So thu' es ſelber.“ 3. 36 Jack, der ſich noch nicht ganz von den empfan⸗ genen Schlägen und dem ſchweren Fall erholt hatte, wankte gegen den Stuhl hin, an deſſen Lehne Lillians Kopf niedergeſunken war. Das erſchreckte Kind war ohnmächtig geworden. „Ihr habt ſie umgebracht,“ rief der Knabe.„Wie kalt ſie iſt! Lilly— ſprich mit mir! Kennſt Du mich nicht? Todt! Todt!“ wiederholte er, die geballte Fauſt gegen ſeinen Onkel ſchüttelnd,„und Ihr ſollt mir hängen dafür, wie Ihr es längſt verdient hättet.“ „Hängen— für was?“ „Ich weiß es,“ rief der Knabe, den die Wuth unvorſichtig machte.„Meint Ihr, ich habe nie ge⸗ hört, von was Ihr Euch mit Fidler Dick unterhieltet, nachdem Ihr mich zu Bett geſchickt hattet?“ Mike wurde leichenblaß. Er war jetzt ganz nüch⸗ tern. Ohne ein Wort zu ſprechen, band er die Hände ſeines Opfers los und holte dann aus der Hinter⸗ ſtube eine Schüſſel mit Waſſer, das er ihr in's Ge⸗ ſicht und über den Hals ſprengte. Allmälig kam die Kleine wieder zu ſich. Jack nahm ſie auf ſeine Kniee, küßte ſie, redete ihr mit den beſchwichtigend⸗ ſten Worten zu, die er erdenken konnte, und ver⸗ ſicherte ihr, daß ihr Niemand ein Leides thun ſolle, ſo lang er in ihrer Nähe ſei. „Aber Du haſt mir noch nichts von Andrew ge⸗ ſagt,“ bemerkte ſein Onkel. „Oh, Ihr werdet ihn bei Sir Norman Booth⸗ royd in der Regentſtraße finden,“ verſetzte der Knabe. „Er iſt ſo ſchlimm als Ihr, und Ihr mögt ihm ſagen, daß ich dies geſagt habe.“ 37 Der alte Deportirte wollte nicht weiter wiſſen; er nahm ſeinen Hut und verließ ſchweigend die Hütte. Achtzehntes Kapitel. In jener Nacht machte ſich Jack ſein Bett un⸗ mittelbar vor Lillians Thüre zurecht, um ihren Schlaf mit ſeinem Leib zu beſchützen. Während er ſchlum⸗ merlos dalag, trug ſich ſein Geiſt mit unterſchiedlichen Planen, wie er das arme kleine Weſen den Miß⸗ handlungen ſeines Onkels entziehen könne, und na⸗ mentlich kam ihm der Gedanke, mit ihr nach einem unbekannten Stadtwinkel zu entfliehen, wo er für ſie ſorgen wollte. Als Mike gegen Morgen zurückkehrte, fand er ihn noch immer wach. „Biſt Du fort geweſen?“ fragte der Alte in un⸗ gewöhnlich freundlichem Tone. „Nein.“ „Das iſt recht. Ich hab's nicht gern, wenn das Haus ohne Aufſicht ſteht, ſo lang das Mädel da iſt. Sie könnte entlaufen.“ „Ihr könnt einen freilich fortſcheuchen,“ bemerkte der Knabe. „Das kam nur vom Trinken, Jack,“ verſetzte der Strolch.„Du weißt, ich bin von Natur nicht hart; aber das Trinken bringt mich aus dem Häuschen, und Du haſt mich noch ärger gemacht.“ „Ich?“ „Ja. Muß es mich nicht verdrießen, wenn ich ſehe, daß Du mehr an Lillian hängſt, als an Dei⸗ nem armen alten Onkel; der Dich erzogen hat? 38 Doch ich will Dir nichts mehr vorwerfen, weil Du mir die Wahrheit geſagt haſt.“ „Ihr habt alſo Euren Bruder geſehen?“ rief der Knabe. „Geſehen gerade nicht; aber ich weiß jetzt ge⸗ nug, um von der Wahrheit Deiner Angabe über⸗ zeugt zu ſein. Er iſt fort nach Chatham.“ „St. Faith, wollt Ihr ſagen,“ bemerkte ſein effe. „Nein, nach Chatham. Ich bin ganz recht daran. Sein Herr hat ein ſchönes Haus dort; aber wir wollen ihn dieſen Morgen ſchon aufſpüren.“ „Ich habe ſchon genug an ihm gehabt,“ ſagte der Knabe. „Aber ich will's,“ fuhr Mike fort.„Er iſt ein ſchlimmer Patron. Weißt Du, warum er ſich ſo abſeits hält und ſich vor uns verbergen möchte?“ „Weil Ihr ein Dieb geweſen ſeid,“ antwortete Jack.„Er hat mir dies ſelbſt geſagt.“ „Nichts da: nein, beſtohlen hat er uns. Es iſt Geld in der Familie. Haſt Du mich dies nicht ſchon früher ſagen hören?“ „Oh, aber ich glaubte es nie; denn Ihr habt nie davon geſprochen, als wenn Ihr betrunken wart.“ „Eben das iſt ein Beweis von der Wahrheit. Der Rauſch kehrt nur das wahre Gefühl heraus. Aber wir können bei Tag darüber reden. Der alte Fuchs iſt in ſein Loch geſchlüpft; doch wir räuchern ihn heraus, ſo wahr ich Mike heiße. Gute Nacht.“ „Gute Nacht.“ mir Deine Hand. Ich trag Dir nichts nach.“ 39 Der Knabe gab ſie ihm. Er war von Natur aus nicht rachſüchtig und überhaupt von Seiten ſei⸗ nes Verwandten die Zornausbrüche und Anfälle trun⸗ kener Leidenſchaftlichkeit zu ſehr gewöhnt, um auf die gefallenen Worte ſonderlich Acht zu haben. Er ver⸗ gab ihm ſogar— oder vergaß wenigſtens die Schläge, die er erhalten hatte. Am Morgen war wie gewöhnlich Jack zuerſt auf, um Feuer anzumachen und die Stube zu kehren. Nach ihm kam Lilly. Ihr Geſicht war ungewöhnlich bleich, und ihre rothen Augen zeigten, daß ſie viel geweint hatte. Als ſie ihres Beſchützers anſichtig wurde, eilte ſie auf ihn zu und umſchlang ihn mit ihren Armen. „Biſt Du beſchädigt?“ fragte ſie. „Nein,“ entgegnete der Knabe.„Behüt' mich, ich könnte eine doppelte ſolche Tracht aushalten; aber es wird nicht wieder vorkommen. Mike war betrunken.“ Die Kleine ſchauderte bei dem Namen. „Ich ſag' Dir, er thut's nicht wieder, Lilly,“ flüſterte der Knabe;„und was noch mehr iſt, ich laſſe Dich nicht mehr ällein. Du brauchſt Dich nicht zu fürchten, wenn ich bei Dir bin.“ „Oh nein,“ rief das hilfloſe Weſen erfreut. „Aber er ſchickt Dich vielleicht wieder fort, und dann—“ „Wenn er's thun will, ſo geh' ich nicht,“ unter⸗ brach ſie ihr Vertheidiger kühn.„Lilly,“ fügte er bei,„willſt Du mir nicht das Gebet von geſtern wieder ſagen? Ich will verſuchen, es Dir nachzu⸗ ſprechen. Wenn ich es auch nicht ganz begreife, ſo 40 verſteh' ich doch Einiges davon, und es iſt mir, als ob es mir gut thue.“ Abermals ſprachen ſie die einfachen göttlichen Worte auf den Knieen, und ohne Zweifel hat ſie der, welcher ſie zuerſt betete und welcher ſagte: „Laſſet die Kleinen zu mir kommen,“ gehört und geheiligt. Im Lauf des Morgens theilte Mike ſei⸗ nem RNeffen einen Plan mit, wie er es angreifen wolle, mit ſeinem Bruder zuſammenzukommen und ein Abfinden über ſeine angeblichen Rechte zu treffen. Zu dieſem Ende ſollten ſie beide ſich nach Chatham begeben und in dem Wirthshaus unmittelbar Sir Boothroyd's Wohnung gegenüber Poſten aſſen. Der Knabe hörte ihm arglos zu und hatte nur eine Einwendung vorzubringen— was ſollte aus Lilly werden? „Wir laſſen ſie zu Haus,“ lautete die Antwort. „Es wird ihr nichts geſchehen, bis wir zurückkommen.“ Jack hatte keinen beſondern Gefallen an dem Gedanken, daß ſie allein in der Hütte zurückbleiben ſollte.„Doch lieber allein,“ dachte er,„als mit dem Onkel. Zudem iſt's ja nur auf einige Stunden.“ Obgleich es nicht der Raſirtag des Alten war, unterzog er ſich doch dieſer Operation, und gab ſich ungemein viel Mühe mit ſeinem Anzug; augenſchein⸗ lich wünſchte er ſo achtbar als möglich aufzutreten. Auch Jack erhielt die Weiſung, ſeine beſten Kleider anzulegen. „Wir werden bald mit einander wieder zurück⸗ kommen,“ flüſterte der Knabe ſeinem Schützling zum Abſchied zu. 41 Lilly ſah ihn traurig an. „Ich ſage Dir, wir werden,“ wiederholte er. „Glaubſt Du mir nicht?“ Ein ſehr leiſes„Ja“ drückte nicht ihren Zweifel an Jack's Wort, wohl aber ihre trüben Ahnungen aus. Milke ſagte ihr, ſie könne ſich unterhalten, mit was ſie wolle, vorausgeſetzt, daß ſie vom Fenſter wegbleibe. Lillian verſprach das Letztere, und ihr Kerkermeiſter ſchloß, als er die Stube verließ, ſorg⸗ fältig die Thüre hinter ſich ab. An der Lonbonbrücke beſtieg Jack mit ſeinem Onkel das Chathamer Dampfbvot. Der Knabe hatte nie zuvor eine Waſſerfahrt gemacht, und blieb deß⸗ ungeachtet des kalten Wetters ſtets auf dem eck. Während der Fahrt machte er die Bekanntſchaft eines alten Matroſen, den die junge Landratte mit ſeinen Seemannsſpäſſen aufzog, und wurde nament⸗ lich mit einem Schiffsknaben ſehr vertraut, mit dem er zum Zeichen der Freundſchaft einen Taſchenmeſſer⸗ tauſch vornahm. Der Dampfer erreichte endlich den Hafendamm, und Mike erſchien auf dem Deck. Da er ſeinen Reffen nicht gleich gewahrte, rief er ihn unmuthig bei Namen. „Hier,“ verſetzte der Knabe. Der alte Matroſe, der ſich über ihn luſtig ge⸗ macht hatte, betrachtete den Erdeportirten ſcharf und pfiff dann leiſe vor ſich hin. „Iſt dies Dein Schiffer?“ fragte er. „Das iſt mein Onkel,“ antwortete Jack. 42 „Sein Figurenkopf gefällt mir nicht. Möchte nicht unter ſeinem Befehl ſegeln. Wenn ich Dir gut zu Rath bin, junger Burſch, ſo ſchiffſſt Du Dich aus, ſobald Du kannſt.“ „Was verſteht Ihr unter Ausſchiffen?“ „Davon laufen,“ verſetzte der Knabe, mit dem er ſein Meſſer getauſcht hatte, lachend.„Ich wollte, Du gingeſt mit uns,“ fügte er bei.„Und doch ſollte ich's nicht wünſchen, denn* iſt im Grund ein hartes Leben, namentlich wenn man einen ſchlimmen Capitän hat.“ „Iſt der Deine ſchlimm?“ „Bst!“ entgegnete der Knabe. Mike ſtieg mit ſeinem Neffen an's Land und führte ihn nach einem Wirthshaus, das im äußer⸗ ſten Stadtende dem Strom gegenüber lag. Die Um⸗ gebung ſchien ziemlich gemein zu ſein, ſelbſt nach dem gewiß nicht übertriebenen Achtbarkeitsmaßſtab, den Jack anzulegen vermochte. „Geht Ihr nach dem blauen Peter?“ fragte er. Der alte Mann nickte bejahend. „Aber Ihr könnt doch nicht erwarten, Onkel Andrew dort zu finden?“ „Es iſt ein vortrefflicher Platz, nach ihm auszu⸗ legen,“ verſetzte der Deportirte.„Du ſiehſt die Straße dort; es iſt die einzige, die er kommen kann.“ „Wißt Ihr dies gewiß, Onkel?“ „Ja; ſie führt nach dem Hauſe ſeines Herrn.“ Alles dies ſchien ſo in der Ordnung zu ſein, daß der Knabe gläubig und ohne das mindeſte Be⸗ denken ſeinem Verwandten in den blauen Peter folgte. Mike ließ ſich ſein Lieblingsgetränk, Brannt⸗ 43 wein und Waſſer, reichen, und forderte ſeinen Neffen auf, während er ſich gütlich thue, am Fenſter auf⸗ zupaſſen. So heftete denn Jack ſeine Augen auf die Straße, wie etwa ein Dachshund das Loch bewacht, aus dem die Ratte hervorkommen ſoll. Er hatte etwa zehn Minuten auf ſeinem Poſten geſtanden, als ſeine Aufmerkſamkeit durch einige Perſonen, welche in's Zimmer traten, abgelenkt wurde. Wie er ſich umwandte, merkte er zu ſeinem großen Erſtaunen ſeine beiden Onkel und drei oder vier t Eine ſchlimme Ahnung bemächtigte ſich einer. „Ha, Jack,“ ſagte Mr. Silexr, indem er ſeine Haifiſchzähne zeigte,„Du möchteſt ein Zeugniß haben, und ich bin ausdrücklich nach Chatham gekommen, um Dir eines zu geben. Iſt das nicht ſehr wohl⸗ wollend?“ „Ich kenne Euer Wohlwollen,“ entgegnete der Knabe mit Bitterkeit und verſuchte, ſich aus dem Zimmer fortzumachen. „Holla, wohin willſt Du lenken?“ fragte ein Mann in einem Lotſenkittel, der ein goldenes Band um ſeine Seehundmütze trug. „Was geht das Euch an?“ verſetzte Jack und ſuchte an ihm vorbeizukommen. „Was es mich angeht, Du junges Meerſchwein?“ wiederholte der Mann, indem er ſeine Schulter mit der Gewalt eines Schraubſtocks anfaßte.„Du ſollſt bald lernen, was es mich angeht.“ „Iſt dies die Art, wie Du Deinem Capitän ant⸗ 44 worteſt?“ ſagte Mike mit einem triumphirenden Grinſen. „Er iſt nicht mein, Capitän,“ rief Jack unwillig. „Du haſt Unrecht, mein lieber Knabe,“ be⸗ mertte der Steward in ſanftem Tone,„ſehr Unrecht; auch muß ich beifügen, daß Du ſehr undankbar biſt in Betracht der Koſten, die es uns verurſacht hat, Dich bei ihm in die Lehre zu bringen. Du haſt mich mehr als ein Mal um ein Zeugniß angegangen?“ fuhr er fort.„Eh Du an Bord Deines Schiffes gehſt, ſollſt Du es hören, welches ich Dir zu geben habe.“ Das Geſicht des armen Knaben, der noch immer in der Eiſenfauſt des Seemanns eingeklammert war, wurde leichenblaß. Er verſtand vollkommen die höh⸗ niſchen Reden ſeines Verwandten und wußte, auf welche Art von Zeugniß er ſich gefaßt halten durfte. „Erſtlich,“ ſagte Mr. Silex,„iſt er ein Dieb. Um zu verhindern, daß er nicht ſeiner Familie und ſeinen Freunden Schande mache, ſchicken wir ihn auf die See.“ „Ein Taſchendieb,“ fügte Mike bei, und verſuchte ein Geſicht zu machen, als ſei er erſchüttert von dem Gedanken, daß ein Glied ſeiner Familie einem ſo gemeinen Laſter verfallen konnte. „Ein unverſchämter, naſeweiſer, vorlauter, unlenk⸗ ſamer Halunke,“ fuhr der Steward mit Bitterkeit fort,„der mich mehr gekoſtet hat, als ich denken mag.“ „Und der eine ſtarke Hand braucht,“ ſtimmte Mike bei. 3 „Die hat er gefunden,“ verſetzte der Capitän, rauh ſeinen Gefangenen ſchüttelnd.„Er ſoll zuſehen, 3 wenn ich dahinter komme, daß er mir an Bord des Caradok die Taſchen bemaust oder ſonſt etwas thut.“ „Es wird große Strenge nöthig ſein,“ bemerkte der reſpektable Mr. Andrew voll chriſtlicher Liebe, „um ihm den Sinn zu brechen— ſehr große Strenge möchte ich ſogar ſagen.“ „Ein Bischen Dreſchen iſt an ihm rein verloren,“ verſicherte Mike. „Du hörſt, was Deine rechtſchaffenen Onkel von Dir ſagen.“ Jack ſchaute mit einem Blick bitteren Haſſes beide eine Weile an und wiſchte ſich eine Thräne ab, eh' er zum Sprechen Muth gewann. „Ich höre es,“ ſagte er.„Wenn ich ein Dieb bin, ſo hat mich dieſer Mann(auf Mike deutend) dazu erzogen und von dem gelebt, was ich heim⸗ brachte. Er iſt ſelbſt ſchon in der Strafcolonie ge⸗ weſen und ſoll mir noch an dem Galgen baumeln, wenn ich je wieder zurückkomme oder nicht vorher ſein koſtbarer Bruder da ihn ermordet. Vielleicht bringen ſie ſich gegenſeitig um,“ fügte er bei;„denn keiner kann dem andern trauen“ Sie wiſſen zu viel von einander.“ Um die Behauptung des Reffen Lügen zu ſtra⸗ fen, lächelten ſich die beiden Brüder liebevoll zu und drückten ſich die Hände. „Onkel Andrew,“ ſagte er,„Mike verſteht ſich gut auf Gift. Fragt den Fidler Dick, ob's nicht ſo iſt. Er kann Euch ein Geſchichtlein davon erzählen.“ Der Deportirte zitterte und bereute halb den Schritt, den er gethan hatte. „Mike,“ fuhr der Knabe fort,„nehmt Euch in 46 Acht, daß Onkel Andrew nicht ſeine langen Knochen⸗ finger mit Eurem Hals in Berührung bringt. Ich hab' ſie genug an den meinigen gehabt.“ Capitän Gall— ſo hieß der Commandant des Caradok— meinte, in ſeinem Leben nie einen ſo verhärteten jungen Böſewicht gehört zu haben. Er übergab Jak zweien von ſeinen Leuten und ertheilte ihnen die Weiſung, ihn an Bord zu ſchaffen und unter den Lucken zu halten, bis das Schiff aus dem Fluſſe ſei. Während der Knabe aus dem blauen Peter fort⸗ geſchleppt wurde, zog Mike den Knotenſtrick, mit dem er Lillian bedroht hatte, aus der Taſche und ſchüttelte ihn triumphirend in der Luft. Halb wüthend ob dieſem Anblick, ſuchte Jack mit aller Gewalt ſich los⸗ zuringen, bis das Unthier, welches künftig der Herr ſeines Schickſals ſein ſollte, ihn mit einem Schlag zu Boden fällte. In dieſem Zuſtand wurde er wider⸗ ſtandslos an Bord und unter die Lucken gebracht. Als er wieder zu ſich kam, ſah er ſeine Bekann⸗ ten vom Dampfboot um ſich herſtehen. Die Worte des Knaben tauchten wieder in ſeiner Erinnerung auf, und er ſprach vor ſich hin;„s iſt hart, wenn man einen ſchlimmen Capitän hat.“ „Hell auf, mein Junge!“ rief der Spaßvogel vom Dampfboot.„Warum iſt er an Bord gebracht worden?“ „Ein neuer Lehrling,“ verſetzte einer der Männer. Der alte Matroſe drehte ſeinen Tabaksknäuel und murmelte:„Ein ſchlimmer Schiffer. Ich ſagt ihm's ja. Rieth ihm, Reißaus zu nehmen; aber er achtete nicht auf die Warnung. Hab mich noch nie — — — 7 t el er ie 47 getäuſcht. Kann immer ſagen, wie das Schiff iſt, wenn ich den Figurenkopf ſehe.“ „Sein Onkel ſagt, er ſei ein Dieb,“ bemerkte einer der Matroſen, die ihn an Bord gebracht hatten. „Glaubt es nicht,“ riefen mehrere von der Mann⸗ ſchaſt.„Der alte Spitzbube, den wir mit ihm an Bord des Dampfers ſahen, ſieht entſchieden mehr wie ein Dieb aus, als er.“ „Ich glaub's auch nicht,“ ſagte der Knabe, der mit Jack ſein Meſſer getauſcht hatte;„und wenn ers ſe hat ihn ſicherlich üble Behandlung dazu ge⸗ macht.“ Weitere Bemerkungen wurden durch die Ankunft des Capitäns Gall abgeſchnitten; denn Alle flogen jetzt auf ihre Poſten, da ſie wohl wußten, mit wel⸗ chem Tyrannen ſie zu thun hatten. Nach einigen Stunden begann die Fluth heraufzukommen und das Schiff bewegte ſich langſam ſtromabwärts. h wir unſer Capitel ſchließen, iſt es nöthig, unſere Leſer nicht nur über die Anweſenheit der bei⸗ den Brüder in Chatham, ſondern auch darüber auf⸗ zuklären, wie ſie dazu kamen, gegen ihren Neffen zu handeln. Das Gefühl einer wechſelſeitigen Ge⸗ fahr war der Einigungsanlaß geweſen. Jack hatte den Aufenthalt des Andrew Silex und den Namen der Lady Boothroyd entdeckt; dieſer Umſtand drohte ſeine tiefen Plane, die er nicht ſo faſt im Intereſſe ihrer Gnaden, als in ſeinem eige⸗ nen geſchmiedet, zu vereiteln und bewog ihn, einen Theil ſeines lieben Geldes an die Beſeitigung ſeines Neffen zu rücken. 48 Mike's Feindſeligkeit gegen den Knaben ſtammte aus einer noch ſeltſameren Quelle. Unſere Leſer haben wahrſcheinlich die Drohung nicht vergeſſen, die Jack ſo unbeſonnen ausſtieß. „Es wird einige Zeit brauchen,“ ſagte der Ste⸗ word mit einem Seufzer, als er nach der Entfernung des Capitäns mit ſeinem Bruder allein war,„bis ich mich von dieſem Verluſt wieder erhole— faſt hundert Pfund.“ „Das muß die gnädige Frau bezahlen,“ bemerkte Mike.„s iſt jetzt zu ſpät, Andrew, mir ſolche Blicke zuzuſchießen. Ich weiß Alles.“ „Wirklich?“ verſetzte der Steward.„Beiläufig“ — fuhr er fort, als wollte er dem Geſpräch eine andere Wendung geben—„was meinte Jack mit dem Gift und dem Fidler Dick?“ „Wie kann ich's wiſſen?“ murmelte Mike unge⸗ duldig.„Vielleicht kannſt Du mir ſagen, was er damit meinte, als er mich vor Deinen langen Kno⸗ chenfingern warnte?“ „Kann mir nichts denken,“ erwiderte der Ste⸗ ward.„Wahrſcheinlich ſagte er nur ſo, um uns hintereinander zu hetzen.“ „Das iſt's,“ rief Mike;„aber wir ſind keine ſolche Narren.“ „Ich hoffe ſo,“ bemerkte Mr. Siler mit einem liebenswürdigen Lächeln, das ſeine eigenthümlichen Zähne zur Schau ſtellte.„Sind wir nicht Brüder?“ „Natürlich,“ verſetzte der Deportirte:„und dazu Zwillingsbrüder, die ein gemeinſchaftliches Intereſſe weſen. Mein Herz überſtrömt vor Freude. haben. Das iſt ein glückliches Beiſammenſein 2 ir 8 49 werden jetzt keinen Streit, keine Mißliebigkeiten mehr haben, ſondern Arm in Arm durch's Leben wandeln.“ Mr. Siler ſträubte ſich im Geiſt gegen dieſen Gedanken, war aber viel zu politiſch, um ſich ſeine Abneigung merken zu laſſen. Die beiden Ehren⸗ männer ſchüttelten ſich wieder die Hände und kehrten mit einander nach London zurück. Neunzehntes Kapitel. Diejenigen, welche ohne Verwandte, Freunde oder irgend eine wichtige Berufsaufgabe in London eine Heimath zu finden ſuchen, dürften ihre Erwartungen wohl nirgends weniger befriedigt ſehen. Man hat da Gemühl ohne Leben, eine Welt in einer Camera obscura, einen Markt für Zuſchauer, die nichts kau⸗ fen oder verkaufen und es bald müde werden, ſich für die Intereſſen Anderer zu intereſſiren, eine Schau⸗ ſtellung von Raritäten, wo die Neugierde bald er⸗ ſchlafft und die Wiederholung bald ermüdet, eine Flittercomödie, in welcher dem Herzen wie dem mü⸗ den Vogel kein grüner Zweig als Ruhepunkt ge⸗ boten wird. Für den Fremden iſt London in der That eine Wüſte; eine Heimath darin zu finden gehört in das Reich der Unmöglichkeiten, und man braucht Jahre, um ſich eine zu ſchaffen. Man kann wohl ſagen, jedes Engländers Haus ſei ſein Schloß, denn nut wenige wagen ſich aus demſelben heraus, ohne ſich zuvor vom Wirbel bis zur Zehe in eine undurchdringliche Rüſtung von Smith, Ebbe u. Fluth. 11. 4 50 Zurückhaltung zu kleiden, die ſie nicht eher bei Seite legen, als bis ſie wieder in ihrer häuslichen Feſtung oder in der eines Verbündeten oder Ver⸗ wandten, welche ihnen gleiche Sicherheit bietet, an⸗ gelangt ſind; und auch da ſind ſie ſo ſehr an Vor⸗ ſicht gewöhnt, daß ſie nur den Helm, ſelten das Bruſtſchild bei Seite thun. Mart Rayner und ſein Weib fühlten dies bitter⸗ lich, als ſie Tag um Tag in einer engen, rauchigen Citywohnung ſaßen. Sie vermißten die freundlichen, von Kindheit auf ihnen bekannten Geſichter Saint Faiths, das nachbarliche Wort, das erheiternde Lä⸗ cheln, den Herzensverkehr, der uns ſagt, daß wir nicht allein ſtehen in der Welt, ſondern daß auch andere Weſen an unſerer Wohlfahrt Antheil nehmen. Ihre Abreiſe nach Amerika war durch Roſa's wieder⸗ holte aber fruchtloſe Verſuche verzögert worden, von Lady Boothroyd die Herausgabe der verhängniß⸗ vollen Beweiſe zu erringen. Die ſtolze Frau hatte ſie nicht vorgelaſſen und noch außerdem die Arme, während ſie zitternd und voll Angſt an der Thüre ſtand, durch harte Worte gekränkt, welche die Dienſt⸗ boten ausrichten mußten; ſie entblödete ſich ſogar nicht, mehr als einmal Drohungen hinzuwerfen, aller⸗ dings nur verſteckte, aber doch hinreichend verſtänd⸗ lich, um die Furcht einer Gattin zur Todesangſt zu ſteigern. Auch die fünfzig Pfund, der Sündenſold für Lillys Entführung, und ihre ganze irdiſche Habe be⸗ gannen raſch abzunehmen. Das unglückliche Paar, von dem der eine Theil wenigſtens ein beſſeres Schickſal verdient hätte, ſaß 51 bei ſeinem einſamen Frühſtück im Halbmond unfern Farringdonſtreet. Beiden quoll der Biſſen im Mund; aber ſie hatten ein Frühſtück beſtellen müſſen, um die ſauern Blicke ihres Hauswirths zu vermeiden, da dieſer ihnen wiederholt zu verſtehen gegeben, daß er vom Vermiethen der Betten allein ſeine Rente nicht beſtreiten könne. Mark las die Zeitung. „Hier iſt etwas, was wir brauchen können,“ rief er plötzlich, das Blatt ſeinem Weibe hinbietend. Sie las wie folgt: „Ueberfahrt nach Amerika.— In Folge eines ſchweren Unglücksfalls ſind an Bord des ſchnell⸗ ſegelnden Klippers Syren, welcher in den Docks von Liverpool liegt, um ſein Cargo einzunehmen, zwei Platzbillete zu bedeutend ermäßigten Preiſen abzu⸗ geben. Abfahrt am erſten des folgenden Monats. Man wende ſich an Mr. H. C—, Nro. 10, Rey⸗ noldsplace, Tottenham⸗courtroad.“ „Du willſt alſo nicht länger warten?“ bemerkte Roſa. „Keine Stunde,“ verſetzte ihr Gatte düſter;„die Ungeduld frießt mir das Herz ab. Und warum auch an dieſem elenden Platze länger ausharren? Wir könnten eben ſo gut von der Schlange Milch, als von Lady Boothroyd Gerechtigkeit erwarten. Nach⸗ dem wir ihrem Zweck gedient haben, ſind wir ihr unnütz geworden, und mit jenem ſchrecklichen Beweis⸗ ſtück in Händen kann ſie allen unſern Schritten oder Drohungen Trotz bieten.“ „Ja, ja,“ erwiderte Roſa aufgeregt;„s iſt beſſer, wir verlaſſen England ſo bald wie möglich. 4* Ich könnte mit leichterem Herzen ſcheiden, wenn ich nur wüßte, was aus dem Kinde geworden iſt. Der Gedanke an das arme Geſchöpf wird mir ſtets zum bittern Vorwurf.“ Mark verbarg ſein Geſicht mit den Händen; er hatte über dieſen Gegenſtand ſchreckliche Ahnungen. „Die gnädige Frau kann doch nicht die Abſicht haben, ihr ein Leides zu thun?“ fügte Roſa bei. „Fürchte dies nicht,“ murmelte der ſchuldige Mann, einer Zuverſicht Ausdruck gebend, die er ſelbſt nicht entfernt fühlte.„Ich denke nur an den armen alten Simon und an Eſther; wie unglücklich muß ſie die Ungewißheit und die Furcht machen. Es iſt ſchrecklich, denken zu müſſen, daß ich die Urſache von alb ihrem Elend bin— ich, den ſie von Jugend auf gekannt haben. Wie werden meine alten Freunde mich verachten, wenn einmal die Wahrheit ans Licht kömmt! Daoß dem Kind etwas geſchehen könnte, fürchte ich nicht. Warum ſollte Lady Boothroyd der Tochter des Barny Gee etwas zu Leide thun? Nein, nein; es iſt weiter nichts als ihr Stolz, oder vielmehr der des Sir Norman. Er kanns nicht er⸗ tragen, daß die Waiſe des Mannes, den er ermor⸗ den ließ, in St. Faith bleibe und durch ihre An⸗ weſenheit die Erinnerung an die That lebendig er⸗ halte. Verlaß Dich darauf, vom weltlichen Stand⸗ punkt aus wird Lilly durch den Wechſel nicht in Nachtheil kommen.“ „Wenn ich nur auch ſo denken könnte,“ ſeufzte ſein Weib. „Jedenfalls ſind wir außer Stand, ihr zu helfen, entgegnete Mark. . — Die Gelegenheit, wohlfeiler nach Amerika zu kommen, war für das nur mit geringen Mittein verſehene Paar zu wichtig, um verabſäumt zu wer⸗ den; ſie begaben ſich daher unverzüglich nach dem in der Anzeige bezeichneten Ort und wurden in ein Zimmer gewieſen, in welchem ſich ein grauhaariger Mann und eine junge Dame befanden. Beide tru⸗ gen tiefe Trauer, letztere die einer Wittwe. Auf dem Tiſch lag eine aufgeſchlagene Bibel mit einer Brille zwiſchen den Blättern. Die Miene der Achtbarkeit und das bekümmerte Weſen der Beiden erfüllte Roſa mit Theilnahme. „Nehmt Platz,“ ſagte der Mann, auf die Stühle deutend.„Vermuthlich kommt Ihr wegen der An⸗ kündigung? Der Syren fährt am erſten ab; alſo nur noch drei Tage.“ Der Gentleman nahm aus einem ſchwarzleder⸗ nen Taſchenbuch, das faſt wie ein Predigtbuchfutteral ausſah, die zwei in der gewöhnlichen Form gedruck⸗ ten und von dem Liverpooler Agenten unterzeichneten Billete und übergab ſie Mark. „Ihr ſeht, daß dreißig Pfund dafür bezahlt wor⸗ den ſind?“ Die Summe war darauf namhaft ge⸗ macht.„Sie wurden für meinen armen Sohn und ſeine Frau genommen, aber—“ Die Stimme des alten Herrn ſtotterte, und das Frauenzimmer in der Wittwenhaube führte ihr Tuch nach den Augen, um ihre Thränen zu verbergen. „Laß das, meine Liebe,“ nahm der Sprecher nach einer Pauſe wieder auf;„wie ſchwer auch die Heimſu⸗ chung ſein mag, iſt doch Ergebung unſere Pflicht. Die Vorſehung ſänftigt den Wind für das geſchorene Lamm. 54 Do,“ fügte er bei, indem er die Hand auf das heilige Buch legte,„da iſt unſer Troſt.“ „Ich ſehe, Ihr ſeid ein Geiſtlicher,“ bemerkte Mark. „Ein armer Pfarrhelfer,“ antwortete der Ver⸗ käufer der zwei Billete,„ein geringer Arbeiter im Weinberge des— des— des—“ Hier unterbrach ein heftiger Huſtenanfall den Sprecher für einige Secunden. Nachdem er ſich er⸗ holt hatte, bemerkte er, es habe dem Himmel ge⸗ fallen, ihn ſeit vielen Jahren mit einem ſchweren Aſthma heimzuſuchen, das ihn zwinge, ſelbſt bei ſo früher Tageszeit zu rauchen. „Ohne Zweifel bemerktet ihr den Tabakgeruch, als ihr in das Zimmer tratet,“ fügte er bei. Mark hatte ihn wohl bemerkt, und Roſa war es ſogar vorgekommen— doch das mußte Einbildung geweſen ſein— als rieche ſie auch Branntwein. Ueber den Kaufpreis für die beiden Billete, die zur erſten Cajüte berechtigten, wurde man bald einig, und der Betrag in zwanzig Pfunden ausbezahlt— in Anbetracht ihrer geringen Mittel allerdings eine große Summe; aber Mark konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Roſa den Entbehrungen und Unbequemlichkeiten einer Zwiſchendeckpaſſage ausge⸗ ſetzt ſein ſollte. „Es iſt ſchmerzlich, das Land, wo man geboren wurde, zu verlaſſen,“ ſagte der alte Gentleman, die Banknoten in ſeinem Taſchenbuch verſorgend;„aber in Amerika werdet ihr euch kaum fremd fühlen. Ihr hört daſelbſt eure eigene Sprache, und trefft man⸗ treuen Diener des Worts. Glück auf den eg!“ ie n ie er hr n⸗ n 55 „Danke, Sir,“ verſetzten die Auswanderungs⸗ luſtigen. „Ich werde für Euch beten,“ fügte der Pfarr⸗ helfer bei. Es lag etwas ſo Ehrwürdiges in ſeinem Aeuße⸗ ren und etwas ſo Rührendes im Ton ſeiner Stimme, daß unſer Paar ſich ganz ergriffen fühlte und nur ſchwer ſich von ihm trennen konnte, nachdem ſie wieder und wieder ihm für ſeine liebevolle Theilnahme an ihrer Wohlfahrt gedankt hatten. „Ein guter Mann,“ bemerkte Roſa gegen ihren Gatten, während ſie das Haus verließen;„ſo einfach und ſo fromm.“ „Sehr,“ pflichtete Mark bei. „Wie ſchade, daß er ſo am Aſthma leidet.“ „Ja wohl.“ Noch am nämlichen Tage machte das argloſe Paar mehrere Einkäufe von Reiſebedarf, begab ſich dann auf der Eiſenbahn nach Liverpool und ſuchte unmittelbar nach ſeiner Ankunft das Schiff auf, um die Koſten einer weiteren Wirthshausnachtherberge zu vermeiden. Mark ordnete eben ſein Gepäck, als der Capitän, ein ſtämmiger, derber Mann, erſchien, „Holla!“ rief er;„was macht ihr da?“ „Ich will mein Reiſegepäck an Bord ſchaffen,“ verſetzte Mark. „Warum ſichert ihr euch nicht lieber vorher eure Plätze?“ fragte der Commandant des Syren. „Um Verzeihung, Sir,“ verſetzte Roſa,„das iſt ſchon geſchehen. Wir haben in London bezahlt. Zeig dem Gentleman die Billete.“ „Von dem Agenten?“ fragte der Capitän, wäh⸗ 56 Mark in der Taſche nach ſeinen Documenten ſuchte. „Nein, Sir, von dem ehrwürdigen Obadiah Cheeſeman.“ „Von wem?“ „Von dem ehrwürdigen Obadiah Cheeſeman. Er hat ſie für ſeinen Sohn und ſeine Schwiegertochter gelöst; aber der junge Mann ſtarb, und—“ „Da ſind die Billete, Capitän,“ ſagte Mark, ſie ihm übergebend. Der rauhe Seemann erlaubte ſich einen Ausruf, welcher ohne Zweifel den frommen aſthmatiſchen Billetverkäufer ſehr erſchüttert haben würde, wenn er ihn gehört hätte. „Der hölliſche alte Schurke!“ fügte er bei,„dies iſt ſchon das Drittemal, daß er uns ſo kömmt.“ „Wie kömmt?“ fragte Roſa's Gatte, von ſeiner Arbeit aufſehend und ſich auf eine der Kiſten nieder⸗ laſſend; denn er begann einige Unruhe zu fühlen. „Ihr ſeid geprellt.“ „Unmöglich! Wir haben zwanzig Pfund dafür bezahlt.“ „Und ſie ſind keine zwanzig Pence werth, mein armer Junge,“ ſagte der Capitän. Mark Rayner war wie vom Donner gerührt und auch Roſa fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Sie erinnerte ſich des ſtarken Tabakqualmes im Zimmer und war jetzt vollkommen überzeugt, daß nicht ihre Einbildungskraft ſie getäuſcht habe, als ſie den Branntwein zu riechen vermeinte. „Ihr müßt im Irrthum ſein,“ ſtotterte ſie.„Es iſt ein Geiſtlicher.“ P e 57 Der Commandant des Syren pfiff ausdrucksvoll vor ſich hin. „Wir haben auch ſeine Schwiegertochter geſehen — eine Wittwe.“ „Eine echte Portsmoutherin,“ bemerkte der See⸗ mann.„Meines Wiſſens iſt ihr in zwölf Monaten der Mann ſchon dreimal geſtorben. Ich ſag' euch, ihr ſeid angeführt durch einen alten, in Liverpool wohlbekannten Pfiff.“ „Was können wir thun?“ rief Roſa, verzweifelnd die Hände ringend. „Friſche Billete nehmen.“ „Ach, es fehlt uns an den Mitteln dazu.“ „So ſchafft euer Zeug wieder an's Land,“ ſagte der Capitän.„Dieſe Plätze ſind vergeben, und ich kann nichts für euch thun. Ihr mögt übrigens mit den Rhedern ſprechen, wenn ihr wollt.“ Das war eine kleine, freilich nur eine ſehr kleine Hoffnung. Mark ließ ſich die Adreſſe geben und eilte mit ſeinem troſtloſen Weib nach dem Comptoir der Herren Small und Skinner, die übrigens, als ſie bemerkten, daß keine Ausſicht vorhanden war, bei den armen Geplünderten neue Billete anzubringen, kaum Zeit gewannen, ſie anzuhören. In der That wußten ſie nicht, ob ſie unſer Pärlein nicht als Be⸗ trüger der Polizei übergeben ſollten; aber dies hätte Zeit gekoſtet, die der Geſchäftsmann als Geld an⸗ ſchlagen muß, und ſo wollte man ihnen chriſtliche Nachſicht zu Theil werden laſſen. Als Mark wieder zum Schiff zurückkam, war ihr Gepäck bereits an's Land geſetzt. Allein hätte er in ſeiner Noth wohl einen Weg gefunden, denn dem 58 Mann ſtehen ſo viele Hülfsquellen zu Gebot; aber mit Roſa— der Gedanke brachte ihn faſt von Sin⸗ nen, wenn er ihr in das bleiche, troſtloſe Geſicht ſchaute. „Ich hab' ſie ſo weit gebracht,“ murmelte er. „An mir liegt alle Schuld. Wär ich nicht, ſo könnte ſie geachtet und glücklich ſein.— Wir müſſen nach London zurückkehren,“ fügte er laut bei. Sein Weib ſchauderte bei dem Gedanken, denn ſie hatte dort ſchon ſo viel gelitten. „Vielleicht kommen wir noch zeitig genug, um den alten Heuchler, der uns plünderte, zu erwiſchen. Dies iſt unſere letzte Hoffnung.“ „Und wenn ſie fehlſchlägt?“ ſchluchzte Roſa. „Dann mußt Du zu Deinen Freunden nach St. Faith zurückkehren.“ „Und Du, Mark?“ „Ich werde Soldat,“ verſetzte ihr Gatte düſter. „Habe nichts Beſſeres verdient.“ „Ohne Dich will ich St. Faith nie wieder ſehen,“ entgegnete Roſa mit Feſtigkeit.„Dein Schickſal iſt das meinige, und müßten wir unſer Brod von Thüre zu Thüre betteln.“ Dieſe Worte ſtellten in Mark die Faſſung eini⸗ germaßen wieder her; es lag für ihn nicht nur Troſt, ſondern auch Stärkung darin. Eine Hoffnung, der ſolche Liebe ſtützend zur Seite ſtand, konnte nicht ganz unfruchtbar, die Welt keine Wildniß ſein, in welcher eine ſo reine und heilige Blume für ihn und nur für ihn blühte. Wie feierlich gelobte der reuige Mann, wenn je das Glück ihm wieder lächelte, ihre wunderbare Güte zu belohnen, das Vergangene wie⸗ ht in nd ge re ie 59 der gut zu machen und ihr eine glückliche Zukunft zu bereiten. Unſere Wanderer traten den Rückweg nach Lon⸗ don an und eilten ſogleich nach Tottenham⸗courtroad; wir brauchen indeß kaum noch zu bemerken, daß der fromme Pfarrhelfer und ſeine bekümmerte Schwieger⸗ tochter aus ihrem Quartier bereits verſchwunden waren. Sie hatten nur einige Tage daſelbſt gewohnt, und Nie⸗ mand wußte über ihren neuen Aufenthalt Auskunft zu geben. Das Geld war unwiederbringlich verloren. Mark und Roſa waren ſo ziemlich gefaßt auf ein derartiges Ergebniß, und der Schlag traf ſie daher weniger ſchwer, als man hätte erwarten ſollen. Sie kehrten nach ihrer alten Wohnung zurück. „So iſt denn kein anderer Ausweg vorhanden,“ ſeufzte Mark,„als die Armee. Ich muß mich nach einem Regiment umſehen, das für den Colonialdienſt beſtimmt iſt. Wir haben nur noch ſechs Pfund im Vermögen.“ Roſa meinte, ſie wolle noch einmal einen Ver⸗ ſuch bei Lady Boothroyd machen. „Es wird nichts nützen,“ verſetzte Mark;„aber Du kannſt's ja morgen probiren, während ich mich in der Nachbarſchaft von Horſeguards auf Kund⸗ ſchaft lege.“ Am andern Morgen traten ſie ihre verſchiedenen Gänge an, Roſa nach Regentspark in der vergebli⸗ chen Hoffnung einer Audienz bei der Lady Booth⸗ royd, welche dieſe unter keinen Umſtänden bewilligen wollte, und Mark nach Horſeguards, dem großen Sammelplatz der Rekrutenwerber. Den letzteren hatte die Erfahrung in ſo weit klug gemacht, daß er be⸗ 60 ſchloß, für die Erlaubniß, ſein Weib bei ſich behalten zu dürfen, größere Sicherheit zu fordern, als das bloße Wort eines Sergeanten, und nicht unbehut⸗ ſam ſich den bindenden Schilling aufſchwatzen zu laſſen. Da er ein hübſcher, kräftiger Burſche, breitſchul⸗ terig und bolzgerade gewachſen war, auch eher über, als unter ſechs Fuß maß, ſo warf mehr als einer von den Werbern ſehnſüchtig das Auge auf ihn. Sergeant Kite erklärte, er fühle eine wahre Freund⸗ ſchaft zu ihm; ein anderer ſchwor, er ſehe auf und nieder aus wie der Adjutant ſeines Regiments, der auch von der Pike auf gedient und es nach ſechs Jahren bis zum Offizier gebracht habe, und ein Dritter theilte ihm gravitätiſch mit, daß bei der Be⸗ förderung zu den Cpauletten die Regierung zwei⸗ hundert und fünfzig Pfund für die Ausſtattung be⸗ willige. „Aber mein Weib?“ ſtotterte Mark hervor. „Abgeſonderter Raum in der Kaſerne,“ rief der ine. „Regimentsſchule für die Kinder,“ fügte der Zweite bei. „Weiber gehen mit der Bagage,“ ſagte der Dritte; „auch können ſie, wenn ſie fleißig ſind, einen hüb⸗ ſchen Penny mit Waſchen für die Offiziere verdienen, namentlich in meinem Regiment, das nach Indien geht. Verläßt in weniger als einer Woche Sout⸗ hampton— gerade noch Zeit, mit auszufahren. Indien,“ fügte er bei,„iſt das rechte Land für einen hübſchen jungen Burſchen, der den Dienſt kennen lernen will. Eine Maſſe Priſengeld; Beförderung ſicher. Die Eingeborenen 61 müſſen ihn bedienen, im Palankin tragen, wenn er vom Marſch müde iſt, und Caffee ſteht immer zur Erfriſchung bereit.“ Mark hörte zu, hatte ſich aber weislich vorge⸗ nommen, Keinem von ihnen zu glauben. Das nach Indien beſtimmte Regiment kam ihm am verlockend⸗ ſten vor, und wenn ihm verbürgt wurde, daß Roſa ihn begleiten durfte, ſo hatte er Luſt, ohne Weiteres Dienſt zu nehmen. „Ich möchte Euern Oberſt ſprechen,“ ſagte er. Der Oberſt war bereits in Southampton. „Oder einen von den Offizieren?“ Auch ſie befanden ſich in Southampton. Unſchlüſſig und zweifelnd verließ Mark den Spre⸗ cher mit der Bemerkung, daß er ſich beſinnen wolle, und ſchlenderte auf dem Paradeplatz umher, wo eben ein ältlicher Offizier die Garde muſterte. Sobald der Dienſt vorüber und die Mannſchaft entlaſſen war, ging Mark auf ihn zu, griff an ſeinen Hut und richtete achtungsvoll die Frage an ihn, ob das 01. Regiment wirklich Befehl nach Indien habe. „Ja. Warum fragt Ihr?“ „Weil ich Luſt habe, mich anwerben zu laſſen.“ „Könnt nichts Beſſeres thun,“ verſetzte der Offi⸗ zier, den großen, gut gebauten Burſchen wohlgefällig betrachtend. „Aber ich bin verheirathet, Sir, und mein Weib iſt feſt entſchloſſen, mein Schickſal zu theilen. Ich möchte nun wiſſen, ob man uns trennen wird, wenn ich Handgeld nehme, und erlaube mir deßhalb, Sie zu fragen, weil ich weiß, daß ich mich auf Ihr Wort verlaſſen kann.“ „Das hängt Alles von dem Oberſten ab, mein Mann,“ antwortete der Gentleman.„Nur eine ge⸗ wiſſe Anzahl von Soldatenweibern darf das Regi⸗ ment begleiten. Sir Charles iſt ſtolz auf ſein Re⸗ giment— ſehr ſtolz. Wie viel meßt Ihr?“ „Sechs Fuß, Sir,“ antwortete Roſa's Gatte, ſich hoch aufrichtend. „Es gibt noch andere Regimenter, das meinige zum Beiſpiel.“ S„Ich würde den Dienſt im Ausland vorziehen, it.“ „Thut mir Leid, dies zu hören,“ bemerkte der Offizier trocken.„s iſt ein ſchlimmes Zeichen, wenn es einem ſo darum zu thun iſt, ſein Geburtsland zu verlaſſen. Ich habe Euch alle Auskunft gegeben, die ich ertheilen kann. Guten Tag.“ Der Sprecher begab ſich nach dem Ordonnanz⸗ zimmer und der arme Mark, deſſen Hoffnungen be⸗ deutend gemindert waren, lenkte ſchweren Herzens ſeine Schritte wieder nach der City, wo Roſa ängſt⸗ lich ſeine Rücktehr erwartete. Ihr Verſuch, bei Lady Boothroyd vorzukommen, war vergeblich geweſen, und auf ihre Fragen nach dem Steward erfuhr ſie von der Dienerſchaft, daß derſelbe nach St. Faith zurückgekehrt ſei. Mark erzählte, wie es ihm ergangen war. Da ſie mit ſechs Pfunden unmöglich mehr in London bleiben konnten, ſo entſchieden ſie ſich dafür, unverweilt nach Southampton zu reiſen. Es war ein verzweifelter Entſchluß, und ſie rückten faſt ihren letzten Schilling an dieſe letzte Hoffnung. Während der Eiſenbahnzug ſie ihrem Beſtim⸗ mungsort zuführt, können wir wohl die Gelegenheit benützen, unſere Leſer mit dem tapferen Oberſten des Olten Dragonerregiments bekannt zu machen. Sir Charles Fourreau war ein hübſcher Fünf⸗ ziger. Obſchon er im Dienſt viel durchgemacht und auch ſonſt etwas leicht gelebt hatte, war doch die Zeit ſchonend mit ihm umgegangen. Er beſaß noch immer eine ſo aufrechte Figur, wie der Jüngſte in ſeinem Regiment, und keiner ſeiner Offiziere ritt beſſer oder lag eifriger ſeinem Dienſt ob. Er ſetzte einen Stolz darein, eine der ſchönſten Mannſchaften Ihrer Majeſtät zu befehligen. Seine Soldaten lieb⸗ ten und fürchteten ihn, und der Gedanke:„Was wird der Oberſt dazu ſagen?“ diente manchem als heilſamer Zügel für ſein Benehmen. Die meiſten ſeiner Freunde hatten ihm prophe⸗ zeiht, er werde als alter Hageſtolz ſterben; ihre Ver⸗ wunderung war daher ében ſo groß, wie das Ent⸗ ſetzen ſeiner Reffen, als ſie in den Zeitungen die Ankündigung ſeiner Vermählung mit Lady Bell, einer Tochter des verſtorbenen Grafen von Clayton, laſen. Der Verbindung konnte man nicht entfernt den trö⸗ ſtenden Makel einer Unklugheit anheften, denn die Braut war jung, ſchön und reich; aber ihre Bekann⸗ ten konnten nicht begreifen, wie ſie dazu kam, den alten Soldaten zu heirathen. Die Einen meinten, ſie ſei in ihren Hoffnungen getäuſcht worden, und habe aus Aerger nach ſeiner Hand gegriffen; allerdings ſah das Ganze nicht darnach aus, denn man konnte kaum ein leichtherzigeres Weſen auf Gottes Erde finden. Andere argwöhnten, ſie ſei es überdrüſſig geworden, bei ihren zwei unverheiratheten Tanten 64 auf dem Lande zu leben, und doch ſprach ſie ſtets von ihnen mit der größten Anhänglichkeit. Niemand verfiel auf das eigentliche Geheimniß oder würde demſelben Glauben geſchenkt haben, wenn ſie es ver⸗ rathen hätte— daß ſie nämlich ihren Gatten liebte, der ſeine Werbung damit begann, daß er, ſtatt nach dem Beiſpiel anderer ihren Fehlern und Launen zu ſchmeicheln, ihr dieſelben vorhielt und ſie tadelte. Er war der erſte Mann geweſen, der es wagte, ihr die Wahrheit zu ſagen, und ſie achtete ſeine Vor⸗ ſtellungen, wenn ſie auch nicht immer praktiſch mit ihnen einverſtanden war. Es iſt für einen Mann, gleichviel, in welchem Alter er ſtehen mag, eine gefährliche Sache, bei einer jungen und liebenswürdigen Dame den Mentor zu ſpielen. Sir Charles begann dies bald zu be⸗ merken, und dachte als ein erfahrener Soldat an den Rückug. Aber es war zu ſpät; der Vogel ſaß auf der Leimruthe. In einer Verzweiflungsanwand⸗ lung machte er einen Antrag und fand, ſtatt wie er erwartet hatte, für ſeine Thorheit verlacht zu wer⸗ den, zu ſeinem erſtaunten Entzücken, daß er keinen Korb erhielt. Sechs Monate nach der Hochzeit wurde ſein Re⸗ giment für den auswärtigen Dienſt beſtimmt. Jeder⸗ mann erwartete jetzt, der Oberſt werde ſich zurück⸗ ziehen, und Major Plinlimmon, ein ſehr choleriſcher Waleſer und hartgeſottener Hageſtolz, der nachzu⸗ rücken hoffte, traf ſchon demgemäß ſeine Vorberei⸗ tungen. Zu ſeinem großen Aerger aber entſchied ſich Sir Charles fürs Bleiben, da die Lady es ſo haben wollte und in dem Gedanken ſich glücklich fühlte, — . 65 Indien, das Land der Romantik, des Goldes, der Edelſteine, der Wohlgerüche und der Kaſchmirſhawle beſuchen zu können. Vergeblich erbot ſich der Gemahl, ihr die eigene Neigung zum Opfer zu bringen, und ſtellte ihr die Uebelſtände eines ſolchen fahrenden Lebens vor; aber die Dame ſchenkte ihm kein Gehör. Sie hatte ſich's einmal in den Kopf geſetzt, ihn zu begleiten, wollte, daß er den Dienſt nicht verlaſſe, bis er General ſei, und ſetzte, wie es meiſt bei den Frauen zu gehen pflegt, ihren Willen durch. Vergeblich machten die Tanten die ernſteſten Vor⸗ ſtellungen gegen dieſen, wie ſie meinten, ganz außer⸗ ordentlichen Entſchluß ihrer Nichte. Die letztere hörte ihnen pflichtſchuldigſt zu, und als ſie ihr für die Ab⸗ weſenheit ihres Gatten Quartier anboten, verwies ſie dieſelben trocken an Sir Charles, der natürlich von einem ſolchen Vorſchlage nichts wiſſen wollte. „Bell,“ ſagte der alte Krieger, nachdem Alles bereinigt war,„ich fürchte, meine Lehren ſind an Ihnen verloren gegangen. Sie ſind ſo ſtarrköpfig wie nur je.“ Die ſchöne Schuldige blickte zu ihm auf und lächelte. „Zürnen Sie mir wirklich?“ fragte ſie. „Zürnen?“ wiederholte der Gatte.„Ich kann mich nur wundern über ſo viel Güte. Wollte Gott, ich wäre zwanzig Jahre jünger.“ „In dieſem Fall hieße ich noch immer Lady Bell Clayton, und Sie wären ein unglückſeliger Jungge⸗ ſelle,“ verſetzte die Gattin.„Es iſt weit beſſer ſo, Carlchen. Wiſſen Sie, warum ich Sie geheirathet Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 5 habe? Ich würde es Ihnen ſagen, wenn ich nicht fürchtete, Sie eitel zu machen, und— nein, iſt beſſer, ich ſchweige.“ Ratürlich ließ ihr der Oberſt keine Ruhe, bis ſie's ihm ſagte. „Weil ich fand, daß ich Sie eben ſo gut achten als lieben, daß ich mit Vertrauen zu Ihnen auf⸗ blicken und Ihnen gehorchen könne,“ ſagte das ſchöne junge Weſen—„das heißt, wenn Sie vernünftig ſind, Carlchen. Mancher hat vor Ihnen mich zu gewin⸗ nen geſucht,“ fuhr ſie fort;„aber ſie wendeten ſich ſtets an meine Eitelkeit, als ob ein Mädchen nicht auch Kopf und Herz beſitze. Sie ſchwatzten von mei⸗ ner Schönheit, bis mir das Anhören zum Eckel wurde, erklärten mich für ein Wunder von Tugenden, auf die ich nicht den mindeſten Anſpruch erheben konnte, und anerkannten auch nicht eine von den Eigenſchaf⸗ ten, die ich wirklich beſaß— meine Liebe zur Auf⸗ richtigkeit, Einfachheit und männlichen Wahrheit.“ „Ich kann Kf ſie bauen ſelbſt im Treibhaus der indiſchen Geſellſchaft,“ dachte der glückliche Gatte, indem er ſie an ſeine Bruſt drückte.„Es kann keine Fehler zum Wuchern bringen, da der Same in ihrem reinen Herzen keinen Boden gefunden hat.“ Zwanzigſtes Kapitel. „Seinem Verſprechen getreu erſchien Fidler Dick am Abend des beſtimmten Tages in der Wohnung ſeines treuen Freundes Mike. Bet und die kleine Fan begleiteten ihn. Die Erſtere, eine Frau mit c 9 ne it 67 einem guten Sinn für's Geſchäftsmäßige, war, wie ſie ſagte, mitgekommen, um zu ſehen, daß Alles eben hergehe zwiſchen den beiden Kumpanen, von denen allem Anſchein nach keiner dem andern trauen mochte. Durch einen Zeugen wird Alles recht, dachte ſie. Die Kleine befand ſich wirklich im letzten Stadium der Schwindſucht; ſie war mager, ſchrecklich mager, und die dunkeln leuchtenden Augen erſchienen im Gegenſatz zu dem bleichen eingefallenen Geſicht un⸗ natürlich groß und glänzend. In Beziehung auf Größe und Haarfarbe war eine große Aehnlichkeit mit Lillian vorhanden, welche mit Verwunderung und Mitleid das arme ſchaudernde Weſen betrachtete, das neben ihr an's Feuer hinſchlich. „Ich denke, das iſt der rechte Artikel, wie Du ihn brauchſt,“ bemerkte der Gaukler, einen bedeu⸗ tungsvollen Blick nach ſeinem Opfer hinſendend. Mike nickte bejahend. „Es koſtete mich viel Mühe, Bet zu bereden, ſie abzulaſſen, weil ſie die Frätzchen gar ſo gern hat; ſie iſt ihnen eine wahre Mutter. Aber wie ich ſchon ſagte, wenn ich einſchlage, ſo gilt's, und—“ Ein heftiger Huſten von Seite Fans unterbrach dieſe Rede. Der Strolch lächelte. „Hörſt Du's?“ ſagte er.„Hohler, als wenn ein Nagel in einen Sarg geſchlagen würde.“ Mike gab mit eben ſo großer Zufriedenheit als Offenheit zu, daß er hohl klinge. „Und ſind nicht Haar und Augen ganz die rechten?“ Der Deportirte räumte ein, daß er kaum einen beſſeren Tauſch hätte treffen können. 5* 68 Während die Männer und Bet die Angelegenheit bei der Flaſche bereinigten, machten auch die Kinder eine annähernde Bekanntſchaft. Lilly, die noch immer ängſtlich auf Jack wartete, fragte die kleine Kranke, ob ſie bei ihnen bleiben werde. „Ich weiß es nicht,“ antwortete das Kind mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Flüſtern klang. „Ich möchte wohl, es iſt ſo warm hier.“ „Iſt's bei Dir zu Haus nicht warm?“ „Nicht, ſeit ich im Waſchhaus ſchlafen muß.“ Ein zweiter Huſtenanfall ſtörte die beiden Un⸗ holde am Tiſch. Fan erſchrack darüber und ſuchte vergeblich ihn zu unterdrücken. „Kannſt Du nicht ruhig ſein?“ rief Fidler Dick, ſeine Peitſche nach ihr ſchüttelnd, die er mitzubringen nicht vergeſſen hatte. „Ich kann nicht anders,“ keuchte das Kind; „wahrhaftig ich kann nicht.“ „So will ich Dich's lehren.“ Ohne Zweifel würde der Strolch ſeine Drohung bethätigt haben, wenn nicht Mike klüglicherweiſe ihn daran erinnert hätte, daß er den Kirchſpielarzt rufen laſſen müſſe, und da ſei es nicht paſſend, daß Fan Striemen am Leibe trage. „Sie kann von Glück ſagen,“ murmelte das Un⸗ thier. Die Unterhaltung wurde wieder aufgenommen. „Schlägt er Dich oft?“ fragte Lilly leiſe. „Er ſchlägt uns Alle der Reihe nach,“ lautete die Antwort. Es lag etwas Schreckliches in der kalten Gleich⸗ gültigkeit, mit welcher die Worte geſprochen wurden S——— e 69 ls ſeien Schläge die natürlichſte Sache von der elt. „Und warum ſchlägt er euch?“ „Ich weiß es nicht— wegen Allerlei; wenn wir nicht tanzen, wie es ihm gefällt, oder wenn die vor⸗ nehmen Leute uns kein Geld geben.“ „Und ihr tanzt?“ fragte Lilly erſtaunt. „Wo?“ „In den Straßen, auf Stelzen. Wir ſind un⸗ ſerer vier. Du wirſt's ſchon erfahren,“ fügte ſie bei, „denn Jane hörte ihn mit Bet von Dir ſprechen.“ „Von mir?“ „Ja; Du ſollſt auch zu uns kommen.“ Dieſe Kunde verſetzte die arme Lilly in großen Schrecken. So unglücklich ſie ſich allein mit Mike in der Hütte gefühlt hatte, ſchien ihr der Wechſel doch mit etwas noch Schlimmerem zu drohen. Nachdem ſich Bet zur Genüge überzeugt hatte, daß zwiſchen Dick und ſeinem alten Freunde Alles recht und ehrlich zugegangen war, näherte ſie ſich dem Kamin und wies die Kinder an, ihre Kleider auszutauſchen. Fan ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, denn ihre Angſt vor dem Mannweib war ſo groß, daß ſie kaum den Gehorſam verweigert haben würde, ſelbſt wenn man ihr befohlen hätte, das Händchen zwiſchen den glühenden Roſt des Herdes zu ſtecken; Lillian dagegen zögerte. „Haſt Du's nicht gehört?“ rief das Weib, faßte ſie mit derber Fauſt an und begann ihre Kleidchen loszumachen. Die Waiſe leiſtete Widerſtand. 70 „Ah, ich ſehe, was Dir fehlt,“ fuhr Bet fort, indem ſie ſich erhob, um die Peitſche zu holen. „Sie wird Dich ſchlagen,“ flüſterte Fan. Das erſchreckte Mädchen begann haſtig die Klei⸗ der abzulegen; aber der Gehorſam kam zu ſpät, um ſie vor der Wuth der halbbetrunkenen Megäre zu bewahren. Ein ſchwerer Peitſchenhieb färbte ihre Elfenbeinſchulter mit einer langen rothen Strieme. „Ich hab' Dir geſagt, Du werdeſt es kriegen“ ſagte ihre Unglücksgefährtin. Durch den ſchrillen Schrei, der dem Schlag folgte, aufmerkſam gemacht, wandten ſich die beiden Män⸗ ner um. „Läßſt Du's bleiben, Bet!“ rief ihr Mann. „Kannſt Du nicht warten?“ „Werde mich wohl von ihrem Unſinn hinhalten laſſen,“ murmelte die Furie und ſchwang zum zwei⸗ ten Mal die Peitſche. „Ob Du's bleiben laſſen willſt, frag' ich,“ brüllte Fidler Dick, von ſeinem Stuhle aufſpringend,„oder ſoll ich Dir damit kommen? Leg' die Peitſche hin — ja, mach' nur Augen— 8 iſt mir Ernſt.“ Bet warf die Peitſche auf den Boden, denn ſie wußte wohl, daß der Sprecher auch ihr kommen konnte, und wollte ihn nicht auf die Pröbe ſetzen⸗ „Ei, ei, keine Händel,“ bemerkte Mike in ver⸗ ſöhnendem Tone. „Was braucht ſie mich zu ärgern?“ „Nun, ss iſt ja jetzt abgemacht,“ bemerkte der Wirth.„Und Lilly verliert nichts durch eine kleine Züchtigung.“ Man darf nicht glauben, daß eine menſchliche Regung den Gaukler zur Einmengung bewog. Rein, über ſolche Schwächen war er erhaben. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo: es ärgerte ihn, daß er ſeine üble Stimmung nicht an der armen Fan auslaſſen durfte, und er konnte es nicht ertragen, daß Jemand anders in einem Hochgenuß ſchwelgen ſollte, der ihm verſagt war. Es war der erſte Schlag, den Lillian jemals erhalten, und abgeſehen von dem Schmerz, den ſie ſchwer empfand, preßte ihr Scham und Jammer ein krampfhaftes Schluchzen aus. Sie hatte jetzt keinen Jack mehr zum Schutz. In den Blicken, mit welchen Bet von Zeit zu Zeit die Kleine betrachtete, während ſie ihren Anzug wechſelte, lag etwas wahrhaft Teufliſches. Lillian ſchauderte darob, und nicht ohne Urſache, denn ſie hatte ſich eine bittere Feindin gemacht, welche hin⸗ fort nicht nur die Macht, ſondern auch den Willen beſaß, ſie zu quälen. Ihr Schrecken wurde noch größer, als Mike ihr erklärte, daß ſie ſeine Gäſte nach ihrer Heimath begleiten müſſe, und das andere Kind ſtatt ihrer dableiben werde. Fan vernahm die Ankündigung mit großer Zu⸗ friedenheit; ſeit Jahren hatte ſie kein ſo hübſches Kleidchen mehr gehabt. Auch war es hier warm, und ſie wünſchte ſich nicht in die kalte Nachtluft zurück. „Hab Acht auf das, was Dick ſagt,“ flüſterte ſie der ſchaudernden Lilly zu.„Er iſt noch der Beſte von beiden. Leb' wohl.“ Jammern und Flehen war gleich fruchtlos; ihr bisheriger Kerkermeiſter lachte nur über ihre Bitte, . 72 bis zu Jacks Rückkehr bleiben zu dürfen. Arme Lilly — da hätteſt Du lange genug bleiben müſſen. Nachdem die beiden Gäſte mit ihrem neuen Opfer ſich entfernt hatten, ſchloß der Deportirte die Thüre ab und ſtieg nach dem Loch hinauf, wo Fan ſchlafen ſollte. Sein erſtes Geſchäft war, daß er eine von den leichten Bettdecken wegnahm; dann ſchob er das über dem Bett befindliche Hochlichtfenſter zurück. „Alles muß dazu helfen,“ dachte er, in ſeinem Innern die Wirkung der ſcharfen Nachtluft auf die ſchwachen Lungen des todtkranken Kindes berechnend. Er kam auch auf den Gedanken, das Leintuch feucht zu machen; da er aber kein Waſſer im Haus hatte, ſo verſchob er dieſes Beihülfmittel auf den nächſten Tag. In der Küche unten wieder angelangt, nahm er die Peitſche auf, ſetzte ſich Fan gegenüber und ließ die Schnur des Züchtigungs⸗ inſtruments ſpielend durch ſeine gleiten. Das Kind ſah ihm unruhig zu.„I Sir,“ ſagte ſie. „Ich mache mir nichts aus Deinem Huſten,“ ver⸗ ſetzte der Unhold.„Im Gegentheil, ich höre ihn gern—*s iſt ſo einſam an dieſem Platz.“ Fan begann ihn auch für ſehr einſam zu halten huſte nicht, und hätte ſogar die Nachtluft und das Bett im Waſchhaus wieder vorgezogen. fort. „Ich heiße nicht Lilly.“ „Du heißt ſo,“ rief das Unthier mit wildem Blicke.„Ich will Dich lehren, daß Du ſo heißt, und wenn Du anders ſagſt, hau' ich Dir das Fleiſch „Ich will mit Dir plaudern, Lilly,“ fuhr Mike t 73 von den Knochen, wie wenig Du auch daran haſt. Nun, wie iſt Dein Name?“ „Lilly,“ ſtotterte das Kind, das ſtarre Auge un⸗ verwandt auf die Peitſche heftend. Der Deportirte lächelte. Fidler Dick hatte Recht; man brauchte ſie nicht— ſie kannte den Anblick. „Und nun, Lilly— vergiß nicht, daß Du ſo heißt,“ fuhr Mike fort,„wenn Du brav biſt, ſo ſchich ich nach einem Doctor, daß er Dich von die⸗ ſem garſtigen Huſten kurire.“ Die kleine Leidende begriff nicht recht, wie ſie kurirt werden ſollte, ſtellte aber keine Fragen, denn die Furcht hatte ſelbſt die Neugierde, dieſe erſte Knoſpe des kindlichen Verſtandes, in ihrem jungen Geiſt erſtickt. Sie verſprach wiederholt und treulich, auf keinen andern Namen als auf Lilly zu antwor⸗ ten, und nachdem der alte Sünder ſo viel erreicht hatte, führte er ſie zufrieden nach ihrer Schlafkammer, die er hinter ihr abſchloß. „Sie kann's nicht gar lange treiben,“ murmelte er vor ſich hin, während er ſich in ſeinem verhält⸗ nißmäßig behaglichen Bette wälzte,„und dann bin ich ein gemachter Mann. Fünfhundert Pfund! Ich werde dann ein reſpektabler Mann ſein, und laufe keine Gefahr, das heißt keine große Gefahr.“ Es ſtand einige Zeit an, eh' der Mann, deſſen Sehnſucht nach Reſpektabilität eben ſo ungeduldig, als ſeine Vorſtellung von ihr eigenthümlich war, zu Schlaf kommen konnte. Bisweilen dachte er an ſei⸗ nen Neffen Jack und an den gütigen Herrn, den er ihm beſorgt hatte; dann wunderte er ſich wieder, 74 wie es ihm wohl auf der See gefallen werde. Auch Lady Boothroyd und ſein Bruder waren Gegenſtände ſeiner Betrachtung, und er kicherte unter ſeiner Bett⸗ decke über den Poſſen, den er ihnen zu ſpielen im Begriff war. „Fünfhundert!“ wiederholte er.„Sie und er, Jedes muß mir wenigſtens Tauſend blechen, eh' ich mit ihnen fertig bin. Mich thut ihr nicht ein, kann ich euch ſagen. Für wie pfiffig ihr euch auch halten mögt, werdet ihr doch ſehen, daß Mike euch beiden gewachſen iſt.“ Mit dieſer Betrachtung ſchlief der alte Sünder ein, ohne der kleinen Leidenden zu gedenken, welche er ſo grauſam dem kalten Nachtwind ausgeſetzt hatte, der durch die loſen Dachziegel wehmüthig pfiff und ächzte, gleich einem Trauergeſang über einem neuen Grabe. Die arme Lilly fror bitterlich, als ſie, in ihr leichtes Röckchen gekleidet, zwiſchen Fidler Dick und ſeinem Weib Whitechapel zutrabte. Es war ein wei⸗ ter Weg; aber obgleich ihre Füße ſchmerzten und ihre Glieder ſchauderten, wagte ſie aus Furcht vor den finſteren Blicken des Weibes und der rauhen Stimme des Mannes doch nicht, ſich zu beklagen. Endlich machten ihre Führer vor einem elenden Hauſe Halt. Bet öffnete mit einem Schlüſſel und alle Drei traten ein. In der untern Stube brannte ein helles Feuer, um das die drei Kinder her ſaßeén. Zwei derſelben hatten ein kränkliches Ausſehen, und nur das dritte, ein hartes, kräftiges, kleines Geſchöpf, zeigte die Merkmale einer feſten Geſundheit. Es 75 war ihr erſter Winter; ihre Gefährtinnen hatten bereits einen durchgemacht. Bei dem Eintritt des würdigen Ehepaars mach⸗ ten die Kinder am Feuer Platz und betrachteten ver⸗ wundert den neuen Ankömmling. „Da bring' ich Dir eine Kamerädin, Lies,“ ſagte der Mann zu dem geſund ausſehenden Kinde. Die Kleine war vergnügt über die neue Be⸗ kanntſchaft, welche einige Abwechslung in die Ein⸗ förmigkeit des finſteren, abgelegenen Loches brachte. „Du wirſt Fan nicht mehr ſehen,“ fügte Bet bei. „Wir haben ſie heimgeführt zu ihren Freunden und—“ „Kannſt Du nicht ſchweigen?“ brummte der Haus⸗ herr.„Wie da doch immer das Maul geht.“ Das Weib gerieth in großen Aerger. Schon zum Zweitenmal war ſie um Lilly's willen zurecht⸗ gewieſen worden, und da ſie es nicht wagte, ihre üble Laune an Dick auszulaſſen, ſo ließ ſie in der Stille ihren Zorn ſich anſammeln, bis ſie Gelegen⸗ heit fand, ihr Müthchen an der unſchuldigen Urſache ihres Verdruſſes zu kühlen. Das Nachteſſen war bereit. Fidler Dick, der einen vortrefflichen Handel gemacht zu haben glaubte, befand ſich in einem ungewöhnlich liebenswürdigen Humor, und erlaubte daher den Kindern, ſich mit an den Tiſch zu ſetzen; doch ſchien ihnen dieſe Vergün⸗ ſtigung kein anderes Vergnügen, als das des Eſſens zu gewähren, da von kindlicher Heiterkeit und Frei⸗ heit nichts zu bemerken war. Wußte ja keines, wie lang die ſo außerordentliche Anwandlung von Güte dauerte, und ob nicht der rohe Scherz im nächſten Augenblick in einen Fußtritt oder Hieb unſchlug. 76 „Das heiß ich behaglich,“ ſagte der Strolch, in⸗ dem er ſich ein Glas Starken miſchte und dann die Flaſche Bet hinbot.„Iſt's nicht ſo, Lilly?“ Das Kind dachte an Jack und gab keine Ant⸗ wort. „Warum ſprichſt Du nicht?“ fuhr er ſie rauh an. „Weil ſie ſo ſtarrköpfig iſt wie ein Eſel,“ be⸗ merkte das Weib;„aber Du verderbſt die Mädel immer.“ „Und was geht's Dich an, wenn ich ſie ver⸗ derbe?“ rief der Hausherr.„Sie gehören mir, nicht Dir. Sie iſt nur noch' nicht an uns gewöhnt und wird bald vernünftig genug ſein— gelt Lilly?“ „Ja, Sir,“ ſtotterte die Waiſe. Dick rief ſie zu ſich, ſah ihr ins Geſicht, fuhr mit der Hand über ihre langen ſeidenen Locken und er⸗ klärte mit einem Kichern, daß Augen und Haar ein leibhaftiges Abbild der ſeinigen ſeien. „Du mußt mich Vater nennen,“ fügte er bei. „Papa iſt todt,“ entgegnete Lilly und brach in Thränen aus. „Und was war Dein Papa?“ fragte Dick. Lillian ertheilte dieſelbe Antwort, die ſie früher Mike gegeben hatte, als er die gleiche Frage an ſie ſtellte—„ſie wiſſe es nicht; aber er habe einen rothen Rock und goldene Dinger, ſie wiſſe nicht mehr, wie man's nenne, auf den Schultern getragen. „Ein gemeiner Soldat,“ rief Bet. Fidler Dick vermuthete, die fragliche Perſon müſſe etwas mehr als ein gemeiner Soldat geweſen ſein, behielt aber ſeine Meinung für ſich. Er war bereits zu der Ueberzeugung gekommen, daß ſich aus der n ie 77 Geſchichte mehr ziehen laſſe, als die zwanzig Pfund, die ihm ſein alter Kumpan verſprochen hatte. Als die Kinder nach ihren Löchern gewieſen wurden(Betten konnte man ſie nicht nennen), wagte Lies zu fragen, wo der neue Ankömmling unterge⸗ bracht werden ſolle. „Sie geht ſtatt Fan in's Waſchhaus,“ antwor⸗ 3 das Weib ingrimmig.„Der Platz iſt gut genug ür ſie.“ „Nein, er iſts nicht,“ ſagte der Mann. „Und ich ſage ja,“ verſetzte ſein Weib, glutroth im Geſicht. Der Gaukler begann die Mundwinkel niederzu⸗ ziehen, was bei ihm nie etwas Gutes bedeutete, legte ſeine Pfeife weg und ſah Bet mit großen Au⸗ gen an. „Was iſt los?“ fragte er.„Du vergißt, wer der Meiſter iſt. Muß ich Dich daran erin⸗ nern?“ So kühn das Weib von Natur war, konnte ſie doch den kalten, ſchlangenartigen Blick des Sprechers nicht aushalten, in deſſen Worten augenſcheinlich noch ein tieferer Sinn lag. „Nimm ſie mit Dir, Lies,“ fügte er bei, indem er Lilly auf die Wange pätſchelte.„Und merk Dir, ihr müßt beide morgen früh auf ſein wegen der Uebungen.“ „Ja, Meiſter,“ verſetzte das Kind. „Und Alles für das Frühſtück bereit halten,“ fügte Bet bei. „Ja, Miſſis.“ „Gute Nacht.“ 78 Die Kinder wiederholten mechaniſch das„Gute Nacht“ und eilten aus der Stube. Augenſcheinlich fühlten ſie ſich erleichtert, aus dem Bereich ihres Zuchtmeiſters zu kommen. „Sie ſieht mir ungemein ähnlich,“ murmelte der Mann nach ihrem Verſchwinden.„Juſt mein Haar.“ Mit der Miene großer Selbſtzufriedenheit fuhr er mit ſeinen ſchmutzigen Fingern durch die ſchmierige Maſſe, die ſeinen runden Kopf überdachte und mit Lillians Locken gerade ſo viel Aehnlichkeit hatte, als Roßhaar mit der feinſten Seide. „Es fällt mir auf, Bet,“ bemerkte er, ſobald ſie allein waren,„daß Du einen Widerwillen gegen das Mädel gefaßt haſt.“ „Und wenn auch,“ murmelte das Weib.„Darf ich nicht meine Zuneigungen und Abneigungen haben, wie andere Leute auch?“ Unter allen anderen Umſtänden, das heißt, wenn Lilly auf dem gewöhnlichen Geſchäftsweg in ſeine Hände gekommen wäre, hätte dieſe Antwort befriedi⸗ gen müſſen, denn Bet war im Grunde für ihn ein werthvolles Weib; aber er hatte andere Plane und Ausſichten. „Haſt Du denn gar keine Augen?“ fragte er. „Warum?“ entgegnete das Weib ſtöckiſch. „Um zu ſehen, daß eine Zeit kommen muß, in welcher, wenn wir's geſchickt einleiten, das Mädel ſich uns als ein Vermögen erweiſen wird. Wenn Jemand geneigt iſt, fünfzig Pfund für die Kunde von ihrem Tode zu bezahlen, ſo muß es doch Je⸗ mand geben, der vielleicht zehnmal ſo viel gibt für S—— — 79 die Nachricht, daß ſie noch lebe. Biſt Du ein Maulwurf? Kannſt Du nicht ſehen?“ Bet's holde Laune war zu ſehr verſtört worden, um etwas der Art ſehen zu können. Auch lag die Ausſicht in zu weiter Ferne, um ſie ſehr anzuſprechen. Sie antwortete daher nur mit einem ungeduldigen Aufwerfen des Kopfes und ließ dabei eine Bemerkung fallen, des Inhalts, daß nicht Jedermann durch Mühlſteine ſehen könne. „Sehr wohl,“ entgegnete ihr Gatte wild.„Ich weiß, auf was Du's abhebſt; aber es wird nichts daraus. Du ſollſt mir Lilly mit keinem Finger anrühren.“ „Wirklich?“ „Nein. Und wenn Du's thuſt, Bet, ſo komm' ich— na, ich brauche nicht weiter zu ſagen, Du kennſt mich. Muß das Mädel gewickelt werden, ſo will ich das ſelbſt beſorgen.“ as das arme Opfer bei Einführung einer ſo weiſen Hausordnung gewann, wird die Folge zeigen. Vorderhand wenigſtens bot ſie den einen Vortheil, daß ſie Lilly gegen Bet's Groll ſicher ſtellte. Die Tigerin war eingeſchüchtert. Die Nacht über vernahm Lilly viel Erſtaunliches aus dem Mund ihrer kleinen Gefährtin, daß ſie nämlich zunächſt in den Straßen auf Stelzen werde tanzen und mit einer Mütze aus Fiittergold in der Hand unter den Leuten umher gehen müſſen, um das Geld einzuſammeln. Ein Stückchen Rath erſchien beſonders werthvoll. „Wenn der Meiſter Dir mit der Peitſche einen Hieb verſetzt,“ ſagte Lies,„ſo ſchrei nicht; Du kriegſt 80⁰ dann keinen zweiten mehr. Fan ſchrie immer, und dies war der Grund, warum ſie mehr abfing, als wir andern alle zuſammen.“ „Und ſchlägt er euch oft?“ fragte Lilly ſchaudernd. „Nur wenn er betrunken iſt, bei den Uebungen, oder wenn die Leute uns nicht viel Geld geben,“ Lies.„Er iſt nicht halb ſo böſe wie Bet.“ Am Morgen ſtanden ſämmtliche Kinder zeitig auf. Lies, als die älteſte, zündete das Feuer an und brachte die Stube in Ordnung; Luh, ein blau⸗ äugiges, flachshaariges kleines Weſen, ſteckte ihren mageren Arm in einen von Fidler Dicks Schuhen und begann zu bürſten, während ihre Schweſter Tilly den Tiſch abräumte. Die Waiſe ſah ſich um. In einer Ecke der Stube ſtand eine Trommel und darüber hing an einem ver⸗ blichenen blauen Bande ein Clarinet und eine An⸗ zahl Pfeifen; in der andern Ecke befanden ſich die Stelzen für die Tänzerinnen. Zwiſchen dem Fenſter und dem Kamin war ein Seil ausgeſpannt, an wel⸗ chem mehrere mit Flittern und künſtlichen Blumen verzierte Mouſſelinkleidchen hingen. „Das iſt das meine,“ bemerkte Lies, mit gewiſ⸗ ſem Stolz auf das flitterhafteſte Gewand deutend. „Und dieß das meine,“ flüſterte die kleine Luh. „Und auf dieſen Dingen müßt ihr tanzen? Das mag ſehr ſchwer ſein,“ ſagte Lilly. Die Kinder lachten und meinten, nichts ſei leich ter. Um Lilly davon zu überzeugen, ließ Luh den Schuh fallen und ſprang mit einer Behendigkeit, ob der ſich der neue Ankömmling entſetzte, auf die Stel⸗ 81 zen, indem ſie ſich zuerſt auf die Enden wie auf ein Paar Krücken ſtützte. Die andern folgten ihrem Beiſpiel, und nun gingen und tanzten ſie in dem engen Raum mit einer Schnelligkeit umher, daß es Lilly ſchon von dem Zuſchauen ſchwindelig wurde. „Das werde ich nie können,“ bemerkte ſie mit einem Seufzer. „H, Du lernſt es ſchon,“ ſagte Lies. „Sie hat die Peitſche noch nicht gefühlt,“ fügte Tilly bei. Und doch war es der Fall geweſen. Lilly brach in Thränen aus und entblößte ſchweigend ihre Schul⸗ ter, wo noch immer die rothe, entzündete Spur ſichtbar war. Ihre Leidensgefährtinnen drückten dar⸗ über weder Reugierde noch Theilnahme aus. Für ſie war dies etwas Alltägliches, und ſie wunderten ſich nur, daß ſie jetzt noch weinte, während doch die Züchtigung ſchon am Abend vorher ſtattgefun⸗ den hatte. „Du wirſt es bald gewöhnt ſein,“ liſpelte Luh. „Fan war nicht halb ſo kräftig wie Du.“ Das Feuer loderte luſtig, die Schuhe waren ge⸗ reinigt und zum Frühſtück ſtand wenigſtens ſchon zwei Stunden vor dem Erſcheinen des Hausherrn Alles bereit. Und auch dann mußten ſie noch eine geraume Zeit auf Bet warten, denn wie alle Brannt⸗ weintrinker machte ſich das würdige Paar Morgens nicht viel aus dem Eſſen. Wir müſſen übrigens Dick der Wahrheit gemäß nachrühmen, daß er in dieſer Beziehung den Kindern nichts abgehen ließ. Sie waren die Stützen ſeines müſſigen Lebens, die Mit⸗ Smith, Ebbe u. Fluth. 1I. 6 82 tel ſeines Unterhalts, und er mußte daher für die Erhaltung ihrer Kräfte Sorge tragen. „Heut' keine Arbeit, Mädchen,“ rief er, einen höchſt verdrießlichen Blick nach dem Fenſter werfend, vor welchem man den Schnee in mächtigen Flocken niederfallen ſah. Sein Weib machte ein nicht minder unzufriedenes Geſicht; ſie berechnete, was der Unterhalt ihrer Opfer koſtete, die ſich alle Mühe gaben, ihre Freude darüber zu verbergen, daß ſie nicht in die Kälte und in den Schnee hinaus mußten. „Das läßt ſich nicht ändern,“ fügte er bei;„doch darf keine Zeit verloren gehen.“ Mit träger, ſchläfriger Miene, als koſte ihn jeder Schritt Mühe, ging er nach der Ecke, in welcher die Stelzen lehnten, und las das kürzeſte Paar aus. „Komm' her, Lilly,“ ſagte er. Das Herz der Waiſe ſchlug ungeſtüm, als ſie der Aufforderung Folge leiſtete. „Du haſt ja Deine Peitſche nicht,“ bemerkte Bet boshaft. „So gib ſie her,“ entgegnete der Strolch.„Und jetzt komm, Lilly; wir wollen mit dem Unterricht anfangen.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Einſchiffung des tapferen Olſten nach Indien ging in Southampton raſch von Statten. Noch drei Tage und das Schiff hatte ſeine lebendige Frach eingenommen, breitete ſeine Schwingen aus und be 5 . l e . i ie n 5 e d en rei h e 83 gann wie ein ungeheurer Leviathan ſein heimiſches Clement zu durchpflügen. Lady Bell war entzückt ob der Neuheit und Lebhaftigkeit der Scene— ob der Reihenfolge von Booten, die ohne Unterlaß mit Mannſchaft vom Ufer abſtießen, und den fröhlichen Hurrahs, die von dem Deck her luſtig über das Waſſer bis zu dem Hotel herüberklangen, an deſſen Fenſter ſie ſtundenlang in ungeduldiger Erwartung ſtand, bis endlich die Reihe an ſie kam, dem Lande Lebewohl zu ſagen. Inzwiſchen war Sir Charles und ſeine Ordon⸗ nanz, der Corporal Stock, beſchäftigt, eine der be⸗ guemſten Rangcajüten zu ihrer Aufnahme herzurichten. Und man muß geſtehen, daß der Oberſt einen tüchtigen Beiſtand in der Perſon ſeines Ordonnanz⸗ offiziers beſaß. John Stock war, wie er ſich häufig zu rühmen pflegte, über den Ställen ſeines Gebie⸗ ters geboren, und als der junge Squire, welcher damals den Baronentitel noch nicht führte, ſein Offi⸗ zierspatent erwarb, hatte er in demſelben Regiment Dienſt genommen, ohne ſich je um ſeinen Abſchied umzuthun; der Grund, den er dafür angab, lautet, Junker Carlchen ſolle ihn nicht loswerden. Der treue Burſche würde längſt zum Rang eines Sergeantmajor vorgerückt ſein, wenn es nicht zwei inderungsgründe gegeben hätte: er konnte woder leſen noch ſchreiben, und ließ ſich's auch, was noch ſchlimmer war, nicht angelegen ſein, es zu lernen. Das Ausbürſten der Kleider und die Beſorgung eines Pferdes ging ohne dieſen Unſinn; kurz er kannte nur einen Wunſch— ſein ganzes Leben über in dem Dienſte zu bleiben, in dem er geboren war. 6* 84 Es war, wie geſagt, noch drei Tage bis zur Ab⸗ reiſe, als ſich für Lady Bell ein unangenehmer Zwiſchenfall erhob. Stock hatte eben im Frühſtüc⸗ zimmer des Hotels die Times glattgeſtrichen und ſie dem Oberſten hingeboten, als die Lady auf ihrem Platze eines Billetes anſichtig wurde. „Das iſt ja Annette's Hand,“ rief ſie.„Warum ſpricht das einfältige Ding nicht, wenn ſie mir etwas zu ſagen hat?“ Der Oberſt war zu ſehr in den Leitartikel der Times vertieft, um hierauf zu achten. „Ach, was fang! ich jetzt an?“ fuhr Lady Bell fort, nachdem ſie das Billet geleſen hatte.„Das undankbare Geſchöpf in einem ſolchen Augenblik und nach Allem, was ich ihr verſprochen habe.“ „Was gibt's, meine Liebe?“ fragte der Gatte, ſeine Zeitung niederlegend. „Leſen Sie ſelbſt, Carl,“ verſetzte die Lady, ihm das Billet hingebend. Die franzöſiſche Kammerjungfer der Lady hatte franzöſiſchen Urlaub genommen, beim Anblick der See allen Muth verlören, und Monſieur Hypolite, der Haarkünſtler in der Burlington⸗Arkade, war aus⸗ drücklich bis nach Southampton gekommen, um ihr einen Heirathsantrag zu machen— ſie fühlte ſich au dssespoir, einer ſo gütigen Gebieterin abſagen zu müſſen, u. ſ. w. „Die Metze!“ murmelte der Corporal unwill kürlich. Der Oberſt wandte ſich raſch gegen ihn, um ihn ſeine Rohheit zu verweiſen; aber der Uebelthäte 8 betrachtete mit der unſchuldigſten Miene irgend et⸗ was auf der Straße. „Was kann ich thun? Nur noch drei Tage!“ „Wollen Sie nicht Ihren Tanten um eine andere Kammerjungfer ſchreiben?“ „Sie ſind in Norfolk,“ antwortete die Lady ärgerlich,„und würden mir irgend ein linkiſches, dummes Geſchöpf ſchicken, das jeden Augenblick meine Geduld auf die Probe ſetzte.“ „Oder ſonſt einer guten Freundin?“ „Ach, die guten Freundinnen!“ rief Lady Bell. „Wann hat je eine ſich bemühen mögen, wenn man einen wirklichen Dienſt von ihr verlangte? Laſſen Sie ſich doch nur einmal in Ihrem Leben etwas wirklich Vernünftiges einfallen, Sir Charles. Aer⸗ gern Sie mich nicht durch dieſes ruhige Lächeln,“ fügte ſie bei.„Was würden Sie ſagen, wenn Je⸗ mand mit der Nachricht zu Ihnen käme, daß Stock davon gelaufen ſei?“ „Er würde es nicht glauben, gnädige Frau,“ ſagte der Corporal, die Frage für ſeinen Gebieter beantwortend, welcher eine ſehr ernſte Miene anzu⸗ nehmen verſuchte. „Wenn nur Ihr eine franzöſiſche Kammerjungfer wäret, John,“ bemerkte ſeine Gebieterin. „Danke ſchön, gnädige Frau,“ entgegnete der alte Soldat in einem ſo unwiderſtehlich komiſchen Ton, daß weder der Herr noch die Dame ihre Gravität beizuhalten vermochten. Freilich war die Noth ernſtlich, und es mußte etwas geſchehen. Lady Bell wünſchte nichts Unver⸗ nünftiges, das heißt nichts ſehr Unvernünftiges für 86 eine reiche, ſchöne, junge Ehefrau, die nie einen Widerſpruch erfahren hatte, und ihre Haare nicht ſelber flechten konnte. Das Schiff mußte noch eine Woche länger bleiben. „Unmöglich!“ rief der Oberſt verzweifelnd. Die Gnädige nahm die Miene einer ſehr übel behandelten Perſon an, und da die eigentliche Ver⸗ brecherin nicht anweſend war, um ihrem Zorn als Blitzableiter zu dienen, ſo mußte natürlich der Ehe⸗ gemahl herhalten. Was konnte er meinen mit dem garſtigen Wort„Unmöglich“ auf die erſte ernſtliche Bitte, welche ſie je an ihn geſtellt hatte? Umſonſt verſuchte der zärtliche Gatte ihr begreif⸗ lich zu machen, daß es außer ſeiner Macht liege, das Schiff auch nur einen Tag aufzuhalten. Die Frau Gemahlin wandte ſich ſchmollend ab. Bei dieſer Wendung ſchlich John Stock in aller Stille aus dem Zimmer. Er war in ſeiner Art ein feiner Taktiker, hatte ſich ſeinem Herrn während der Zeit ſeines Junggeſellenlebens als ein unſchätzbarer Diener erwieſen und benahm ſich, nun derſelbe ver⸗ heirathet war, nicht minder klug. Sir Charles fühlte ſich verletzt und trat an das Fenſter. Es war die erſte Wolke, welche ſich zwi⸗ ſchen ſie gelegt hatte, und ſie ging zum Glück eben ſo ſchnell wieder vorüber in dem Sonnenſchein eines von Natur liebenswürdigen Charakters. Leiſe hinter ihn hinſchleichend legte die Gattin ihr Köpfchen auf ſeine Schulter und blickte ihm mit thränenfeuchten Augen zwar, aber auch mit lächeln⸗ den Lippen in's Geſicht. „Es iſt ganz Deine Schuld, Carlchen,“ flüſterte 87 ſie.„Du biſt ſo gut gegen mich. Tante Marga⸗ reth hat immer geſagt, Du werdeſt mich verderben.“ Wie ſich von ſelbſt verſtand, verſprach jetzt der Gentleman ſelbſt das Unmögliche, küßte ihre Thränen weg und wunderte ſich, daß ſie die Unluſt und Noth, welche Annette ihr bereitet hatte, ſo geduldig ertrug. Gleichwohl blieb die wichtige Frage, was ge⸗ ſchehen ſollte, noch immer ungelöst. Der Oberſt erbot ſich, ſelbſt nach London zu gehen; aber Lady Bell wollte davon nichts wiſſen. In ihrem Eifer, ihre Unart wieder gut zu machen, that ſie, als liege ihr gar nichts an der Sache, vermochte nicht zu be⸗ greifen, wie dieſe Kleinigkeit ſie ſo ärgern konnte, und erklärte, ſie wolle ſich auf der Reiſe ohne Kam⸗ merjungfer behelfen, da ja die Stewardin oder eine von den Unteroffiziersfrauen ihr an die Hand gehen könne. Von dieſem Vorſchlag wollte jedoch der Oberſt nichts hören, und verrieth damit eine merk⸗ würdige Kenntniß des Frauengeſchlechts, in Anbe⸗ tracht, daß er ſo lange Junggeſelle geweſen war. Ein Gatte, der mit ihr im gleichen Alter ſtand, hätte auf dieſen einfachen Ausweg eingehen können; der Gatte von fünfzig aber kannte ſich beſſer aus. Es wurden eben unterſchiedliche Plane beſprochen, a ſich ein leiſes Pochen an der Thüre vernehmen ieß. „Herein,“ rief der Gentleman. Corporal Stogk entſprach mit einer ungemein wichtigen Miene dieſer Aufforderung. „Ich denke, Oberſt,“ begann er, eine Aufmerk⸗ ſamkeit fordernde Haltung annehmend, wie er zu thun pflegte, wenn er einen längeren Vortrag auf 88 dem Herzen hatte,„ich habe gefunden, was die gnä⸗ dige Frau braucht.“ „Eine franzöſiſche Kammerjungfer?“ „Nein, eine engliſche, Oberſt.“ Sir Charles ſah ſeine Gattin an, eh' er eine Meinung zu äußern wagte. „Wo iſt ſie,“ fragte Lady,„und wie ſieht ſie aus?“ „Hübſch, beſcheiden und ſehr unglücklich,“ ant⸗ wortete der alte Soldat, jedes Wort nachdrücklich betonend.„Will Ihre Gnaden ſie ſehen? Ich ſtehe dafür, ſie iſt mehr werth, als ein Dutzend ſolcher leichter Artikel, wie die Mamſell, der alle fünf Mi⸗ nuten ein anderer Kopf wuchs.“ „Ja, ich will ſie ſehen.“ ſagte Lady Bell, deren Neugierde und— um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen— deren beſſere Gefühle in gleicher Weiſe durch Stocks Empfehlung geweckt waren.„Es iſt wohl möglich, daß ſie für mich paßt.“ Einige Minuten nachher erſchienen Mark Rayner und Roſa in dem Beſuchzimmer. „Ein hübſcher Burſche,“ dachte der Commandant des tapferen Olſten, ihn mit kritiſchem Blicke muſternd. „In der That beſcheiden und einnehmend,“ ſagte die Lady zu ſich ſelber. „Ihr wollt Euch anwerben laſſen, mein Mann?“ fragte der Oberſt. „Wenn ich nicht von meinem Weibe getrennt werde,“ lautete die Antwort. „Und Ihr ſucht einen Platz als Kammerjungfer?“ fragte Lady Bell.„Habt Ihr ſchon in dieſer Eigen⸗ ſchaft gedient?“ „Nein,“ verſetzte Roſa. 89 „Euer Haar iſt ſehr geſchmackvoll geordnet. Wer hat Euch das gelehrt?“ „Niemand, gnädige Frau.“ „Wie kömmt's, daß Ihr Soldat werden wollt und Euer Weib einen Dienſt ſucht?“ fragte der Oberſt. Mark erzählte ſeine Geſchichte. Nicht ganz ſo kurz, wie Roſe gewünſcht hätte, denn er ſprach viel von ihrer Güte und dem Opfer, das ſie ihm bringen wollte, bekannte aber auch mit männlicher Offenheit ſeine eigene Verſchuldung und machte dadurch einen günſtigen Eindruck auf ſeine Zuhörer. Lady Bell wurde namentlich für ihn eingenommen, als er er⸗ zählte, wie ſie von dem heuchleriſchen alten Schurken durch die falſchen Fahrbillete betrogen worden, wie ſie vergeblich nach Liverpool reisten, und wieder nach London zurückkehren mußten. Sie würde Roſa's Dienſt ohne Weiteres angenommen haben, wenn nicht der Blick ihres Gatten ſie gewarnt hätte; denn ob⸗ ſchon von Herzen gut, war er doch ein Weltmann. „In welchem Blatt habt Ihr die Ankündigung geleſen?“ fragte er. „In dem vom Donnerſtag, Sir Charles.“ Stock mußte die betreffende Nummer der Times hervorſuchen, und der Beleg fand ſich ſchnell. „Habt Ihr die Billete?“ Mark zeigte ſie vor. „Soweit ſcheint Eure Erzählung richtig zu ſein, mein Mann,“ bemerkte der Oberſt,„und handelte ſich's bloß um den Eintritt in mein Regiment, ſo würde ich vielleicht nicht einmal ſo viel gefragt ha⸗ ben, obſchon man einen Rekruten um ſo mehr be⸗ achtet, wenn man auch ſeine Vorgänge kennt. Aber 90 eh' ich meine Zuſtimmung geben kann, daß Lady Fourreau Euer Weib in ihren Dienſt nimmt, muß ich noch weitere Auskunft von Euch haben. Kennt Ihr Niemand in London?“ „Niemand, auf den wir uns berufen könnten,“ verſetzte Roſa mit großer Geiſtesgegenwart.„Aber wenn Sie nach St. Faith an Mr. Thornton, den Friedensrichter, oder an Doctor Poundtert, den Pfarrer, ſchreiben wollten, ſo würden ſie ſicherlich jedes Wort in dieſen Angaben beſtätigen.“ Sir Charles notirte ſich die Adreſſen. Die Augen der Sprecherin füllten ſich mit Thrä⸗ nen. Man ſah ihr an, daß ſie noch etwas beizu⸗ fügen wünſchte; aber Scham oder die Furcht, anzu⸗ ſtoßen, hielten ſie zurück. „Sprecht frei heraus,“ ſagte Lady Bell, die dies bemerkte. „Sie mögen fragen, ſo viel Ihnen beliebt, Sir,“ fuhr das treue Weib fort,„aber ich bitte, laſſen Sie es nicht kund werden, daß mein Mann ſich anwerben laſſen will, oder daß ich einen Dienſt ſuche. Wir hatten einmal eine Heimath— eine geringe zwar, aber doch eine glückliche, eigenes Land, und—“ „Ich verſtehe,“ fiel ihr der Oberſt in's Wort, „eure Gefühle ſollen nicht verletzt werden.“ „Ich danke, Sir.“ „Ihr könnt unter allen Umſtänden in's Regiment eintreten,“ fuhr er gegen Mark fort,„und ich ver⸗ ſpreche Euch, daß Euer Weib die Reiſe nach Indien mitmachen darf, aber ob als Lady Fourreau's Die⸗ nerin oder mit den Weibern Eurer Kameraden, dies hängt von der Antwort auf meinen Brief ab.“ 91 Die Bittſteller dankten ihm mit Wärme und ent⸗ fernten ſich. Was auch kommen mochte, ſie durften bei einander bleiben. Der Corporal folgte ihnen. Er hatte Roſa und ihren Mann förmlich in Affection genommen und beſchloß, den letzteren ſelbſt für den Dienſt zu ver⸗ pflichten.„Es macht mir keine Unehre,“ dachte er, „wenn ich einen ſo hübſchen Kerl in's Regiment bringe.“ „Ich kann mich doch auf das Wort des Oberſten verlaſſen?“ fragte Mark, eh' er den Schilling annahm. „Will's meinen,“ verſetzte der alte Soldat trocken; „ſo lang ich ihn kenne, hat er es nie gebrochen, und das iſt doch ſchon fünfzig Jahre her.“ „Roſa?“ „Nimm ihn,“ ſagte ſein Weib mit Feſtigkeit. Und Mark Rayner ſchloß ſeine Hand über der Münze. Er war Soldat. Im Lauf des Tags ließ Lady Fourreau Roſa nach dem Hotel kommen, und beſprach ſich mit ihr lange über verſchiedene Toilettenpunkte. Es gab ohne Zweifel viel, worin die Modedame die einfache Roſa kläglich mangelhaft erfand; allein es war keine Auswahl vorhanden, die Geſchichte ihres Unglücks hatte der Lady Theilnahme eingeflößt, und noch eh' dieſe ſie entließ, gab ſie ihr das Verſprechen, ſie wenigſtens für die Ausfahrt in Dienſt zu nehmen, vorausgeſetzt, daß die Antwort auf den Brief des Oberſten befriedigend ausſiel. Die nächſte Poſt brachte Antwort von den Ulmen. Sie lautete wie folgt: Mr. Thornton vermeldet Sir Charles Fourreau ſein Compliment und ſchätzt ſich glücklich, in der Lage 92 zu ſein, ſeine Anfragen über Mark und Roſa Rayner günſtig beantworten zu können. Namentlich der Letztern, die er ſchon ſeit Jahren kennt, muß bezeugt werden, daß ſie ſich als Mädchen, wie als Frau ſtets muſterhaft betragen, und den jungen Frauen von St. Faith als ein nachahmenswerthes Beiſpiel vor⸗ geleuchtet hat. Sir Charles Fourreau darf verſichert ſein, daß ſie eine zuverläſſige Perſon von unanfecht⸗ barer Redlichkeit iſt. Mr. Thornton hätte es gern geſehen, wenn die fraglichen Perſonen in St. Faith geblieben wären, und bei ihm Dienſte genommen hätten.“ „Das genügt vollkommen,“ ſagte der Oberſt, und überreichte das Schreiben ſeiner Gattin, welche hocherfreut war, daß ihre gute Meinung von ihrem Schützling ſich beſtätigt hatte. Mark und Roſa wurden vorbeſchieden. Der Er⸗ ſtere nahm ſich in ſeiner Montur ſehr vortheilhaft aus, und der Oberſt kam innerlich zu dem Schluß, daß er keinen ſchöneren Mann im Regimente habe. Der Brief wurde ihm vorgeleſen. „Mr. Thornton iſt ein gütiger Herr,“ ſagte der Rekrut,„und hat von mir beſſer geſprochen, als ich vielleicht verdiene. Aber nicht von Roſa,“ fügte er bei, mit Stolz auf ſie hinſehend.„Kein Wort zu viel über ſie geſagt, ja, zu wenig, wenn er Alles wüßte.“ „Bst!“ flüſterte ſeine Frau. „Welcher Schwadron ſeid Ihr zugetheilt?“ fragte der Oberſt. „Der des Rittmeiſters Unlock,“ antwortete Mark. 93 „Ihr werdet Euch unverweilt an Bord begeben und—“ „Halt, halt!“ unterbrach ihn die Lady.„Der Oberſt meint, Ihr ſollet morgen an Bord gehen. Er vergaß, daß Eure Frau im Hotel bleiben, und daß es unter Euch noch Mancherlei zu beſprechen geben muß. Führt Euch gut auf, und Ihr dürft verſichert ſein, daß wir Euch nicht aus dem Geſicht verlieren.“ Roſa und ihr Gatte waren voll Dank, und der Oberſt beſtätigte die Verfügung der Dame. Wir müſſen unſere Leſer wieder nach der Woh⸗ nung des Deportirten zurückbemühen, wo Fan, die man wirkſam gelehrt hatte, auf den Namen Lilly zu antworten, raſch dahinſchwand. Der Kirchſpieldoctor war gerufen worden und hatte den Fall für hoff⸗ nungslos erklärt.„Gebt ihr Alles, was ſie will,“ ſagte er.„Sie kann's höchſtens noch drei oder vier Tage treiben.“ Mike vernahm dieſe Erklärung mit großer Zu⸗ friedenheit, da jedes Wort ihm wie die Verſchreibung einer Banknote erſchien. In wenigen Tagen waren die fünfhundert Pfund ſein, ohne daß er dabei große Gefahr gelaufen wäre. So kurz aber auch die vom Arzt genannte Zeit war, hatte das Unthier doch keine Ruhe, und wünſchte ſie abzukürzen. Nur die Klugheit hielt ihn zurück, und ſo begnügte er ſich damit, daß er ohne Unterlaß vor ihr rauchte. „Auch ſolche Kleinigkeiten helfen mit,“ dachte er, ſo oft er ſie huſten hörte. Als er am dritten Morgen ihr Schlafſtübchen betrat— ſie war nämlich des Scheins halber aus 94 Lilly's dunklem Loch entfernt worden— fand er Fan viel beſſer; denn obſchon er wie gewöhnlich die Pfeife im Mund hatte, huſtete ſie nicht ein einziges Mal. Mike wollte die Sache nur halb gefallen; er wußte nicht, was er daraus machen ſollte. War's möglich, daß ſie wieder beſſer wurde? „Ich bin ſo froh; ich habe den Vater geſehen,“ rief das kleine Opfer. „Wie!“ rief der Strolch.„Iſt Fidler Dick da geweſen?“ „Ich meine, meinen Vater, der vor langer Zeit mich auf ſeinen Knieen hielt, mich küßte, im Garten mit mir ſpielte, und mich Fanny nannte.“ „Du heißt aber nicht Fanny, ſag' ich Dir,“ ſchrie ſie der Unhold an. „Ja, ich heiße ſo.“ Mike erhob die Peitſche; aber ſtatt bei ihrem Anblick zu erſchrecken und zu zittern, blickte die Kleine lächelnd zu ihm auf. Sie fürchtete ihn nicht mehr. Eine Ahnung der Wahrheit. fuhr ihm plötzlich durch den Sinn. Sie lag im Sterben, und die Majeſtät des Todes ſelbſt an einem ſo jungen We⸗ ſen zügelte den Arm des viehiſchen Tyrannen. Um ſich noch mehr zu überzeugen, befühlte er ihre Füße, die ganz kalt waren, und nichts mehr zu empfinden ſchienen. „Du haſt alſo Deinen Vater geſehen?“ fragte ike. „Und den Garten und die Blumen,“ antwortete Fan. „Wo haſt Du ſie geſhen Sie ſuchte den abgemagerten Arm zu erheben 95 und deutete nach den Füßen des Bettes in der Richtung, wo Mike ſtand. Dieſen überlief es kalt, und er trat unruhig auf die andere Seite der Stube“ „Warum machſt Du ſo große Augen?“ fragte er. In leiſem Murmellaut ſchlug das Wort„Vater“ an ſein Ohr. Der Strolch konnte es nicht länger in der Stube aushalten; ein namenloſes Entſetzen bemächtigte ſich ſeiner. Vielleicht waren die Licht⸗ geiſter, welche das Sterbebett des unſchuldigen We⸗ ſens umſchwebten, die Veranlaſſer dieſer Furcht, da⸗ mit er daſſelbe nicht durch ſeine Gegenwart ent⸗ weihe. Er verließ nicht nur die Stube, ſondern auch das Haus und ſchloß die Thüre hinter ſich ab. „Wenn ich zurückkomme, wird Alles vorbei ſein,“ murmelte er,„und ich bin ein gemachter Mann, fünfhundert Pfund!“ Da er ſich etwas angegriffen fühlte, ſo lenkte er ſeine Schritte nach einer Schenke, um ſeine Nerven durch das gewöhnliche Reizmittel, den Branntwein, zu ſtärken. Die Sterbende war kaum allein, als ihre Lider ſich zu ſchließen begannen, ſanft, als drücke ſie der Finger eines barmherzigen Engels nieder, weil keine Mutterhand in der Nähe war. Ein ſüßer Schlaf umfing ſie und führte ihr glückliche Träume vor, wenn man anders aus dem Lächeln einen Schluß ziehen darf, das über ihren blaſſen, dünnen Lippen ſchweben blieb, nachdem der Geiſt der kleinen Dul⸗ derin längſt von dem Körper geſchieden war. Mile kehrte erſt um die Zeit wieder zurück, zu welcher der Kirchſpieldoctor ſeinen Beſuch zu machen 96 pflegte; er that einen ſcheuen Blick in die Stube, der ihn überzeugte, daß Alles vorüber ſei, und be⸗ gab ſich dann in die Küche, wo er der Ankunft des Arztes harrte. Seltſamer Weiſe fühlte er ſich nicht ganz ſo behaglich, als er erwartet hatte; denn der Anblick des eingefallenen, farbloſen Geſichtchens ver⸗ folgte ihn wie eine Spuckgeſtalt. Das Gewiſſen prägte das Bild ſeiner Erinnerung ein, und er be⸗ reute halb, daß er durch ſo manches kleine Beihülfs⸗ mittel ihren Tod beſchleunigt hatte. Er fühlte ſich eigentlich erleichtert, als der Arzt mit ſeinem Aſſi⸗ ſtenten eintrat. „Wie geht es dem Kinde?“ fragte der Erſtere. „Ich denke beſſer, Doctor,“ verſetzte der Heuch⸗ ler.„Das arme Geſchöpflein! Ich brachte ihr heute Morgen etwas Thee, aber ſie krank ihn nicht und wollte lieber ſchlafen.“ „Und ihr Huſten?“ „Oh, der iſt ganz weg. Ich habe ſie in der letzten Stunde nicht ein einzigesmal huſten hören. Wollen Sie nicht nach ihr ſehen?“ Der Arzt entſprach der Aufforderung und ſtieg mit Mike und dem Gehülfen die ſchmale Treppe hinauf. „Lilly— ei, ſo rede doch,“ rief Mike, der ſich ſehr beunruhigt ſtellte.„Ich fürchte, ſie iſt zum Sterben ſchlimm.“ „Sie wird keinen Schmerz mehr ſpüren,“ be⸗ merkte der Doctor, den Finger auf den Puls legend. „Sie muß ſchon ſeit zwei Stunden todt ſein. Ich ſagte es Euch von Anfang, daß an ein Aufkommen nicht zu denken ſei.“ 97 „Armes Ding!“ ſagte der Deportirte, die Miene der Betrübniß annehmend.„Ich habe ſie nicht lange gehabt; aber doch iſt's mir, als hätte ich ein Eigenes verloren.“ „Was meint Ihr damit? War es nicht Euer Kind?“ fragte der Aſſiſtent. „Bewahre,“ antwortete der Strolch.„Nur ein Pflegkind.“ „Und wer ſind die Eltern?“ „Kann's nicht ſagen. Eine Lady brachte ſie zu mir und verſprach mir ſo und ſo viel Koſtgeld wöchentlich. Ich kenne nicht einmal ihren Namen.“ „Habt Ihr ſie nicht Lilly genannt?“ „Ja; das iſt einer von ihren Namen,“ entgeg⸗ nete Mike.„Ich wünſchte, ich hätte ſie nie genom⸗ men; aber das Geld reizte mich,— denn ich bin ein armer Mann. Meinen Sie nicht,“ fügte er gegen den Arzt bei,„es wäre gut, wenn Sie die Leiche öffneten?“ Der Doctor ſah ihn ſehr ernſt an, und wunderte ſich über das ungewöhnliche Geſuch; denn Perſonen von Mike's Klaſſe hegen in der Regel einen eigent⸗ lich kindiſchen Abſcheu vor dem Sectionsmeſſer, und meinen den Todten damit zu beſchimpfen. „Ihr wünſcht es?“ fragte er. „Es wäre mir allerdings lieb.“ „Und warum?“ „Damit Jedermann wiſſe, an was ſie geſtorben iſt,“ verſetzte der alte Schurke ſchlau.„Die Welt ur⸗ theilt ſo gar lieblos uber einen Nebenmenſchen.“ „Wenn es Euch hierum zu thun iſt,“ ſagte der betor,„ſo will ich allerdings eine Obduction vor⸗ Smith, Ebbe u. Fluth. I. 7 98 nehmen, obſchon das Ergebniß mir nicht im Min⸗ deſten zweifelhaft iſt.“ Die Section ergab, wie der Arzt erwartet hatte, Lungenſchwindſucht. Die Diagnoſe war nicht zwei⸗ felhaft geweſen. Der Arzt ſtellte ein Zeugniß dar⸗ über aus, und Mike fühlte ſich jetzt vollkommen ſicher. Er konnte ſeinem Bruder und Lady Booth⸗ royd trotzen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Man darf nicht glauben, daß die Berufsanſtren⸗ gungen des Fidler Dick und ſeines Aſſocis's, Mr. Derter, von der Polizei ganz unbeachtet blieben. Im Gegentheil, ſie hatte längſt ein wachſames Auge auf beide, obſchon ſie bei aller Schlauheit ihres Manövrirens noch keine Ertappung hatte bewerkſtel⸗ ligen können. Die beiden Männer wußten, daß ſie beobachtet wurden, machten ſich aber nur über die Polizeidiener luſtig, die ihnen nicht ſchlau genug waren. Es gab indeß einen Punkt, den ſie nicht mit in Rechnung genommen hatten— Bet nän⸗ lich wußte auch um ihr Treiben. Mit der Grauſamkeit iſt ſtets auch Rachſucht ver⸗ bunden. So lang Dick ihr geſtattete, die Kinder nach Belieben zu mißhandeln, konnte ſie doch ihren üblen Humor an irgend Jemand auslaſſen; aber jetzt zehrte er an ihrem eigenen Herzen, da ſie ſich nicht an Lilly vergreifen ſollte, gegen welche ſie einen bitteren Haß gefaßt hatte. ₰ Seltſam, daß für Dick die einzige gute Handlung — 98 ſeines Lebens zum Anlaß der Beſtrafung ſeiner vie⸗ len ſchlimmen Handlungen wurde. Das Weib erwog ihr Spiel ſorgfältig, ehe ſie einen Schritt zur Ausführung ihres Planes that, weil ſie wohl wußte, was ihr im Falle des Miß⸗ lingens bevorſtand. Bisweilen verließ ſie der Muth und ſie hatte halb Luſt, ihr Vornehmen aufzugeben; 3 dann aber fachte eine höhnende oder bittere Stichel⸗ 1 rede, vielleicht auch ein Schlag ihre Rachſucht wie⸗ der zur hellen Flamme an. Inzwiſchen that der unſchuldige Gegenſtand ihres Haſſes alles Mögliche, um ſie zu verſöhnen. Wie hart Lilly auch von Bet angeredet werden mochte, antwortete ſie ſtets demüthig und unbefangen. Frei⸗ lich blieb von Seiten des Drachen die einzige Er⸗ widerung ein finſterer Blick oder ein wilder Fluch,. * der zum Glück nicht mit Schlägen begleitet werden durfte. Dicks Drohungen hatten Lilly bisher auch während ſeiner Abweſenheit beſchützt. Bet erinnerte ſich ſeines Geſichtsausdrucks und der Art, wie er ſeine Mundwinkel niederzog, als er ſie ausſtieß, zu gut, um es für gerathen zu halten, den Gehorſam zu verweigern. Wäre ſie hierüber noch im Zweifel ge⸗ weſen, ſo hätte ſie längſt ihrem Groll durch Miß⸗ handlung ihres Opfers Luft gemacht. Der Anlaß, welcher für das Weib entſcheidend wurde, war ſehr geringfügig und zeigt, wie giftig t ein ſchlimmes Wort in einem noch ſchlimmeren Her⸗ h en wuchern kann. Fidler Dick ertheilte Lilly eben Unterricht, und da die Kleine ſich alle Mühe gab, ſeinen Beifall zu g etwerben, ſo forderte er Bet auf, zuzuſe hen. 6 „ 100 „brummte t et. Hätte ſie das Zucken ſeiner Lippen wahrgenom⸗ men, ſo würde ſie wahrſcheinlich ihre Worte hier abgebrochen haben; ſie fügte aber bei: „Es ſcheint, Du haſt einen Affen an ihr ge⸗ und biſt halb verliebt in den dünkelvollen a 8. „Das fehlt gar nicht, altes Weibsbild,“ verſetzte der Kerl unbekümmert;„und wenn ſie alt genug iſt, kann aus dem Halb ein Ganzes werden.“ Dieſe Erwiderung, welche eigentlich nichts beſa gen wollte, da Dicks Vorliebe für Lilly ihren Grund blos in der vermeintlichen Aehnlichkeit mit ihm hatte, entflammte in Verbindung mit dem genoſſenen Branntwein die Wuth der Furie dermaßen, daß ſie in ihrer ausdrucksvollen Sprache das Gelübde that, ſie gliedlahm zu ſchlagen, und eben auf das er⸗ ſchreckte Kind losgehen wollte. „Biſt Du toll?“ rief der Mann dazwiſchen⸗ tretend. „Laß mich über ſie!“ rief die halbtrunkene Furie und ſuchte an ihm vorbeizukommen. „Halt, ſag' ich! Wie, Du willſt nicht? So nimm ies!“ Ein Schlag, und Bet ſtürzte bewußtlos zu Boden. Dick, welcher gewohnt war, ſein Weib zu ſchla⸗ gen und zu tyranniſiren, dachte nicht, mit welcher Schlauheit und lauernder Geduld dieſe Behan und die vorausgehenden müſſigen Worte gerächt wet den würden. ———* u er ¹0 101 Von dieſem Tag an ſchien Bet nur wenig oder gar nicht mehr auf Lilly zu achten; auch ſprach ſie viel ſpärlicher ihrem Lieblingsgetränk zu. Ihr Mann meinte, ſie habe ſich ſeine Lehre zur Witzigung die⸗ nen laſſen, und nahm keine Rückſicht auf ihr finſte⸗ res Weſen, von dem er ſie ſchon zu kuriren hoffte. Vergebens warnte ihn Derter, der bei dem Streit zugegen geweſen war, daß hinter dem plötzlichen Wechſel eine Gefahr laure. Dick lachte über ſeine Beſorgniſſe und erwiderte, daß er ſchon mit den Weibern umzugehen wiſſe; Bet möge brummen und ſaure Geſichter machen, im Grunde ſei ſie doch ſo treu wie Stahl. In ſeiner Zuverſicht vergaß er, daß Stahl das Material iſt, aus welchem Fallen gemacht werden. Bei Dicks argwöhniſcher Gemüthsart erſchien ſein Vertrauen zu Bet wirtlich außerordentlich. Sie hatte ſein Theuerſtes, ſeine Erſparniſſe nämlich, in ihrer Verwahrung— ein weiterer Verlockungsgrund zum Verrath, da ſie über dreißig Pfund betrugen. Mit dreißig Pfund und dem Geſchäft— was ſtand ihr nicht da alles zu Gebot? Unabhängigkeit — ein Wort, ſo theuer jedem Weiberherzen— und was im gegenwärtigen Fall noch köſtlicher erſchien, unbeſtrittene Gewalt über das Schickſal der armen Lilly. Der Gegenſtand ihres Haſſes war dann ganz ihrer Gewalt preisgegeben, und mit teufliſcher Bos⸗ heit brütete ſie über dieſem Gedanken. Die Unterhandlungen mit der Polizei wurden natürlich mit der gebührenden Vorſicht betrieben. Nur wenn Dick im Wirthshaus ſaß, wagte ſie es, mit dem Angeber zu verkehren, der ſich in der Ver⸗ kleidung eines Bäckerknechts ſchon mehrere Tage in der Gegend umtrieb. Es war demſelben darum zu thun, den Schelm auf der That zu ertappen, da man durch ſeine Verhaftung auch den Verübern eines Einbruchs auf die Spur zu kommen hoffte, auf deren Entdeckung eine anſehnliche Prämie geſetzt war. Allerdings reichte bei dem rachſüchtigen Weibe nicht die Verlockung von angebotenen zehn Pfunden aus, ſondern es bedurfte noch der Verſicherung, welche ihr der Polizeidiener gab, daß Dick wenig⸗ ſtens ſieben Jahre Freiheitsſtrafe abfangen werde. Da der Gauner ſein eigentliches Gewerbe nicht in London, ſondern nur auf dem Lande übte, ſo wurde zwiſchen dem Pärlein abgemacht, der Fang ſolle in Southampton vorgenommen werden, wohin Fidler Dick am andern Tag mit den Mädchen auszufliegen gedachte. Bet wollte dem Späher dadurch, daß ſie mit einem der Kinder hintet ihren Mann trat, zu erkennen geben, daß eben eine Beute in ſeiner Hand aufzufinden ſei. „Wir müſſen uns aber verſtändigen,“ ſagte der Späher.„Ihr habt mich ſchon mehr als einmal zum Beſten gehabt— nicht daß ich die Sache durch allzu große Eile gefährden möchte; aber wenn Ihr diesmal ein falſches Spiel treibt, ſo will ich dafür ſorgen, daß Dick Kunde erhält von Eurer Abſicht, ihn zu verkaufen.“ „Ihr werdet doch nicht?“ „Ja, ich werde,“ entgegnete der Mann.„Ihr wißt nun, was Ihr zu erwarten habt.“ Bet betheuerte, daß man ſich auf ſie verlaſſen tönne. Die Drohung hatte ihr ernſtlichen Schrecken 103 eingeflößt; denn wenn der Polizeidiener Wort hielt, ſo wußte ſie recht gut, was ſie zu erwarten hatte. Der Mann drückte ihr ein Geldſtück in die Hand. Sie nahm es nur mit Widerſtreben, denn es war das Siegel eines Vertrags, den ſie jetzt nicht mehr rückgängig machen konnte. „Ihr ſagt, er werde ſieben Jahre faſſen?“ mur⸗ melte ſie. „Vielleicht mehr.“ Dies beruhigte ſie einigermaßen. Nachdem ſie ſorgfältig umhergeſchaut und ſich überzeugt hatte, daß ſie unbeobachtet geblieben war, kehrte ſie nach Haus zurück. Dort übten ſich Lilly und Lies auf ihren Stelzen. Sie runzelte finſter die Stirne, und der Gedanke, wie bald ſie den unſchuldigen Gegen⸗ ſtand ihres Haſſes in ihrer Gewalt haben werde, erfüllte ihr boshaftes Herz mit Freude. Wenn das Weib des Fidlers in etwas gut war, ſo war ſie's im Haſſe, der ſie nicht einmal Anſtrengung koſtete, weil er ſich naturwüchſig in ihr entwickelte. Endlich brach der Tag an, der für die Ausfahrt des Harold beſtimmt war. Das ganze Regiment hatte ſich eingeſchifft, und auch Sir Charles und ſeine Gemahlin befanden ſich bereits an Bord. Roſa, Corporal Stock und ein paar Bediente, die im Hotel zurückgeblieben waren, ſollten mit dem Reſt des Ge⸗ päckes nachkommen. Auf ihrem Weg über den Platz wurden ſie durch ein Gedränge aufgehalten, das ſich um eine wandernde Gauklerbande geſammelt hatte. 104 Drei in erbärmlich leichte Mouſſelinröckchen ge⸗ kleidete, an Hals und Armen bloße Kinder tanzten zu einer Trommel und Panspfeife, die von Mr. Dexter geſpielt wurden, auf Stelzen, während ſein Aſſocis unter dem Schirme ſeines Weibes, die Lillian an der Hand führte, mit großem Eifer ſeinem eigen⸗ thümlichen Induſtriezweige oblag. Die Kleine, die noch nicht genug gelernt hatte, um öffentlich auftre⸗ ten zu können, frug noch immer die Kleider der ar⸗ men Fan, weßhalb es bei ihr wie bei dem Weibe den Anſchein gewann, als ob ſie nicht zu der Truppe gehörten. Bet, die, um ihre volle Ruhe zu bewahren, ſich ihrer gewöhnlichen Libationen enthalten hatte, be⸗ merkte, daß ihr auf Schritt und Tritt zwei achtbar ausſehende Männer folgten, von denen der eine ein Handwerker, der andere ein Landmann zu ſein ſchien. Der eine davon war der Späher, welchen ſie im Augenblick erkannte, der andere ſein Gehülfe. Was ſie aber nicht wahrnahm, war eine Frau in einem Mantel und Schleier, welche gleichfalls alle ihre Bewegungen bewachte, nämlich Roſa, die im Ge⸗ dränge Lillian erkannt hatte, aber es nicht wagte, ſie anzureden. „Meine jungen Damen,“ ſagte Mr. Derxter, deſ⸗ ſen Gabe zu plappern nicht der geringſte von ſeinen Vorzügen war,„ihr werdet jetzt das Publikum, das verehrungswürdige Publikum, das nur der Gelegen⸗ heit harrt, ſeine Werthſchätzung des Talents in ſo⸗ lider Weiſe kund zu thun, durch Aufführung des Hochland⸗Reels erfreuen. „Dieſelben Coſtüme, Ladies und Gentlemen,“ 105 fuhr er fort,„in welchen ſie ihn vor Ihrer königli⸗ chen Majeſtät, vor Seiner königlichen Hoheit dem Prinzen, und vor Ihren königlichen Hoheiten den Prinzen und Prinzeſſinnen bei dem Windſorfeſte tanzten.“ Die Muſik begann, und da Mr. Dexter nicht wohl zugleich ſprechen und die Panspfeife blaſen konnte, ſo hörte ſein Vortrag auf. So unnatürlich auch eine ſolche Schauſtellung iſt, wurde ſie von den Kindern doch mit Anmuth durch⸗ geführt; ſie feſſelte die Aufmerkſamkeit der Umſtehen⸗ den in nicht geringerem Grade, als die der Polizei⸗ leute von den Bewegungen Dicks in Anſpruch ge⸗ nommen wurde, der jetzt den Augenblick für günſtig hielt, ſeine Leiſtungen zu beginnen. Anfangs hatte er keine große Luſt zum Geſchäft, ſei es, weil er an der Leichtigkeit ſeiner Hand zweifelte, und zuvor einige erfolgreiche Züge nöthig waren, eh' er ihr recht traute, oder weil er von dem Morgentropfen noch nicht die gewöhnliche Wirkung auf ſeine Ner⸗ ven ſpürte. „Hieher,“ flüſterte er Bet zu. Das Weib folgte. „Gib Acht und halt Dich nahe.“ „Alles recht,“ murmelte ſein Weib, dem nicht von Gewiſſensbiſſen, ſondern vor Angſt das Herz ungeſtüm zu pochen begann. Die Kriſis war jetzt eingetreten, und— ein ſehr unangenehmes Gefühl ſchnürte ihr die Kehle zuſammen, wenn ſie an die Möglichkeit ihres Mißlingens dachte. Die erſte Perſon, an welcher Fidler Dick ſeinen Verſuch machte, war ein achtbar ausſehender, wohl⸗ 106 beleibter Gentleman, wahrſcheinlich ein Beſuch von London, denn Dicks lange Knochenfinger konnten nicht einmal ein Sacktuch, geſchweige denn eine Börſe in den Taſchen ſeines Ueberrocks entdecken. Das erſtere ſtack im Hut, die letztere in dem ſichern Ge⸗ wahrſam der Weſtentaſche. Der Dieb wandte ſich mit Unwillen von dem alten Herrn ab, welcher in Wirklichkeit ihm als ein ſehr zweifelhafter Charakter erſchien. Welch ein Recht hatte eine ſo gut gekleidete Perſon, mit leeren Taſchen in einem Volksgedränge zu erſcheinen und ihm ſeine werthvolle Zeit abzuſtehlen? Es war ſchamlos im mindeſten Falle. Der zweite Verſuch galt einer behäbigen Bür⸗ gersfrau, die ihr Söhnlein in die Höhe hielt, damit es die Tänzerinnen beſſer ſehen konnte. Hier wurde ihm die Arbeit leicht, da ſein Opfer die Hände nicht frei hatte. Bet nickte ihm ermuthigend zu und ſchirmte die feine Manipulation mit ihrem breiten Körper. Während ihr Mann ſo beſchäftigt war, ließ ſie raſch die Blicke umherſchießen. Die Späher und die Frau mit Mantel und Schleier befanden ſich dicht hinter ihr. Die Induſtrie iſt nicht immer erfolglos; diesmal überzeugte ſich der Taſchendieb von dem Vorhan⸗ denſein einer ziemlich ſchweren Börſe. Hätte ein Zuſchauer Zeuge der Art ſein können, wie der Dieb ſie herauspraktizirte, ſo würde er ſich gewundert haben über die ungemeine Feinheit des Verfahrens. Zuerſt glitten die Finger leicht, gleich⸗ ſam ſpielend um die Beute herum, als coquettirten ſie mit derſelben; allmälig ſchloßen ſie ſich und be⸗ 107 gannen, vom Gelenk aus hebelartig wirkend, vor⸗ ſichtig ſich zu heben— nicht plötzlich, ſondern ſachte, ſehr ſachte, damit die Gewichtsverminderung in der Taſche nicht geſpürt würde. Fidler Dick war ferkig mit ſeiner Operation und hielt die Börſe in der niederhängenden Hand, aus welcher Bet ſie nehmen ſollte; dieſe aber trat jetzt bei Seite und zog Lillian nach ſich. Eh' der Taſchendieb den Beweis ſeiner Schuld fallen laſſen, oder auch nur einen Fluch ausſtoßen konnte, ſtürzten die Polizeidiener auf ihn dar und legten ihm ein Paar Handſchellen an. Dies geſchah ſo ſchnell, daß der Gefangene feſt gemacht war, eh' die Umſtehenden etwas von dem Vorgang merkten. Aus der geſchäftsmäßigen Art der Feſtnehmung und Feſſelung erkannte Dick, daß er in die Hände der Londoner Polizei gefallen war, da die vom Lande nicht halb ſo ſchnell damit fertig geworden wäre. Er wußte auch, daß und von wem er an ſie verkauft worden war. Endlich erſcholl der Ruf„Taſchendieb“, und die Menge drängte ſich ſo dicht um Bet, daß ſie trotz ihrer Anſtrengungen dem Anblick ihres Mannes nicht ausweichen konnte, der, vor Wuth leichenblaß, ihr grimmige Blicke zuſchoß. Die Leidenſchaft war zu übermächtig, um in Worte auszuſtrömen; dafür ſpra⸗ chen um ſo deutlicher ſeine Augen, in welchen ein wahrhaft teufliſcher Ausdruck ſich kund that, und es ſtand lange an, bis Bet ihn vergeſſen konnte. Als die Umſtehenden den Ruf vernahmen, griff unwillkürlich Jeder, der etwas zu verlieren hatte, nach ſeiner Taſche. „Ich bin beſtohlen,“ rief die Frau mit dem Kna⸗ ben.„Das iſt meine Börſe— gebt ſie mir.“ „Das kann nicht geſchehen, Mo'am,“ verſetzte der Polizeidiener. „Aber ſie gehört mir.“ „Ich werde dafür ſorgen, daß Ihr nach der Un⸗ terſuchung Euer Geld zurückerhaltet.“ Der Pöbel aber ſchien gute Luſt zu haben, die Gerechtigkeit ſelbſt in die Hand zu nehmen und eine ſummariſche Juſtiz zu üben, namentlich das Matro⸗ ſenvolk, welches in Anbetracht der bequemen Nähe des Ufers dem Schuldigen eine Schwemme zudachte. Es wurden mehrere Verſuche gemacht, ihn den Po⸗ lizeidienern zu entreißen; doch dieſe hielten ſich mann⸗ haft, gaben Auskunft über ihre Sendung und droh⸗ ten den Zudringlichen mit der Anklage auf Frie⸗ densbruch. Obgleich ihr Gefangener ſich in einer ſehr ge⸗ fährlichen Lage befand, ſchien er dies doch nicht zu beachten, ſondern hielt fortwährend die Augen auf das rothe, gedunſene Geſicht Bet's geheftet, welche zu ſpät die von ihr geſpielte Rolle bereute. Sie verſuchte mehrmal ſich ſeinem Blick zu entziehen, aber er ſchien gleich dem der Klapperſchlange einen Zau⸗ ber auf ſie zu üben. Einmal, als das Gedränge ſie in den Bereich ihres Gatten brachte, zielte er mit einem verzweifelten Fußſtoß nach ihr, und lachte mit einem eigenthümlichen Ausdruck, als er ſah, daß es ihm nicht gelungen war, ſie zu treffen. In der Verwirrung war Lillian von ihr abgekommen. „s iſt nicht für Lebenszeit,“ murmelte Fidler Dick, einen Mundwinkel niederziehend. 109 Das Weib ſchauderte. „Ich komme wieder.“ Was hätte Bet nicht gegeben, wenn ſie weit vom Platze geweſen wäre. „Das Geld wird Dir keinen Segen bringen,“ fügte er bei.„Blutgeld thut's nie. Behüt' Gott, bis wir einander wieder ſehen.“ „Was meint der Landhaifiſch damit, daß er dem Weib droht?“ ſagte ein Matroſe. „Sie iſt mein Weib,“ rief Fidler Dick als Ant⸗ wort auf die Frage,„und hat mich an die Polizei verkauft— das iſt die ganze Geſchichte. Aber wenn ich wieder frei bin, mag ſie zuſehen—“ Der Reſt der Drohung wurde nicht mehr ver⸗ nommen, da die Polizeidiener ihn fortſchleppten. Die Menge umdrängte jetzt Bet, und Einer machte den Vorſchlag, ſie zu tauchen. Zum Glück fand er keine Unterſtützung, obſchon die Polizeidiener nicht mehr zu ihrem Schutz zugegen waren. Es gelang ihr ſogar, einen gewiſſen Grad von Theilnahme zu erregen, indem ſie ausrief, daß ſie ihr Kind verloren habe, und die Umſtehenden bat, es ihr zurückzugeben. Umſonſt ſpähte ſie in dem Gedränge nach Lillian; ſie war nirgends zu finden und den Händen der Megäre in demſelben Augenblick entronnen, in wel⸗ chem dieſe hoffen konnte, fortan ihrem lang gehegten Haß den Zügel laſſen zu dürfen. Endlich nahm ſie ihre Zuflucht zu dem Logierhauſe, nach welchem Mr. Dexter bei dem erſten Lärm mit den Kindern ſich zurückgezogen hatte. Als Bet in die Stube trat, in welcher Derxter mit den Kindern um das Feuer ſaß, ließ ſie einen wilden Blick umherſchießen und fragte nach Lilly. „Habe nichts von ihr geſehen,“ verſetzte Mr. Derter.„Ihr ſcheint Euch mehr um das Mädel zu kümmern, als um Euren Mann. Woher hat Dick ſie gekriegt?“ „Das iſt meine Sache,“ antwortete Bet. „Ich weiß es,“ rief Lucy, erhielt aber dafür von dem Weib einen tüchtigen Schlag an den Kopf. „Das will ich nicht mehr ſehen,“ ſagte Derter, dem wir nachrühmen müſſen, daß er die Kinder nie übel behandelte. „Wos ſoll das heißen?“ fragte Bet erſtaunt. „Einfach ſo viel, daß ich meine Zöglinge und Lehrlinge nicht mißhandeln laſſe,“ verſetzte der Mann. „Iſt das Geſchäft nicht gemeinſchaftlich?“ „Zwiſchen mir und Eurem Mann,“ ſagte Mr. Dexter,„aber die Firma hat ſich aufgelöst. Ich nehme die Zöglinge, und Ihr könnt die Stelzen be⸗ halten— oder halt, da Ihr ſo gern Lärm macht, ſo nehmt lieber die Trommel— ſie iſt nicht halb ſo hohl wie Ihr.“ Vergeblich erging ſich Bet in Verſprechungen, Vorſtellungen, Drohungen und Flüchen. Die Kinder, welche froh waren, ihrer Tyrannei zu entkommen, ertlärten, daß ſie mit Derter gehen wollten. Zuletzt erbot ſie ſich ſogar, für die gemeinſchaftliche Fort⸗ führung des Geſchäfts Geld zu bezahlen. „Es iſt mir nicht um das Geld zu thun,“ ſagte der Burſche.„Ich liebe ein ruhiges Leben, und wir würden uns nie mit einander ſtellen können⸗ Es macht Euch Freude, die Kinder zu plagen, und 111 das könnte ich nicht mit anſehen. Und zudem,“ fügte er bei,„was nützte uns die Partnerſchaft? Sie würde doch nicht lange dauern— vier, höchſtens ſieben Jahre.“ „Warum?“ fragte das Weibsſtück. „Dick wird auch wieder einmal frei, und dann natürlich— doch was brauch ich davon zu reden? Ihr kennt ihn beſſer als ich.“ „Er war ein Narr,“ rief Bet, die ſich ſehr un⸗ behaglich zu fühlen begann. „Das hab' ich auch oft gedacht, weil er Euch traute. Ich that es nie und werde es auch nie thun.“ „Ihr glaubt doch nicht, daß ich ihn verkauft habe?“ murmelte Bet. „Umſonſt iſt es wohl nicht geſchehen,“ antwortete Derter.„Doch was red' ich viel? Wir verſtehen einander, Bet. Ich laſſe mich nicht verkaufen.“ Höchlich erbittert über dieſe Weigerung und noch mehr über das Entkommen der armen Lilly, verließ das Weib das Logierhaus. Sie wollte ganz Sout⸗, hampton durchſuchen, bis ſie die Kleine gefunden hätte, und dann— doch wir mögen unſere Leſer nicht mit den edeln Abſichten behelligen, die ſie gegen ihr Opfer hegte, da daſſelbe inzwiſchen zum Glück ihrem Bereich völlig entrückt worden war. Als unſere Heldin(denn das iſt Lilly unzweifel⸗ haft) durch das Gedränge von ihrer Feindin getrennt wurde, war ihr erſter Gedanke Flucht; denn jeder Platz mußte beſſer ſein, als die Höhlen des Laſters und des Elends, in welchen ſie jüngſt ihre Tage verbracht hatte. Sie war noch nicht weit gekommen, als ſie ſich plötzlich vom Boden erhoben und in einen 112 Mantel eingehüllt fühlte. Sie wollte ſchreien, aber der Angſtruf erſtarb auf ihren Lippen bei den Lauten einer bekannten Stimme, welche ihr in's Ohr flüſterte: „Du biſt in den Armen einer Freundin, Lilly. Nur kein Wort, kein Wort.“ Kein Wunder, daß ſie ſich der Stimme erinnerte; außer der von Jack Manders war es die letzte ge⸗ weſen, welche im Tone des Wohlwollens an ihr Ohr geſchlagen hatte, und ſie klammerte ſich in ſtummem Dank an Roſa an. Die glückliche Frau eilte nach dem Boot am Ufer, in weichem Corporal Stock und die Bedienten bereits mit dem Gepäck ſaßen und ihrer harrten. Sie war kaum eingeſtiegen, als die Matroſen ihre Ruder in die Wellen tauchten und auf den Herald abhielten. „Gott behüt mich, Mrs. Rayner,“ rief der Cor⸗ poral, nachdem er im Stillen zweimal die Päcke überzählt hatte,„was habt Ihr denn unter Eurem Mantel ſo ſeltſam zuſammengerollt?“ „Ein Kind,“ flüſterte Roſa. Der Mann machte ein ziemlich ernſtes Geſicht, weil er nicht wußte, wie Sir Charles dieſen Zuwachs aufnehmen würde. „Verrathet mich nicht,“ fügte ſie flehend bei. „NRein,“ verſetzte Stock.„Es geht mich nichts an. Von Kindern ſteht nichts in den Kriegsartikeln.“ Roſa's Dank war in dem erfreuten Geſicht zu leſen. Der Corporal hielt nicht nur Wort, ſondern wußte es auch einzuleiten, daß Roſa, die noch immer die Kleine unter dem Mantel hatte, von dem Oberſten und dem Schiffscapitän unbemerkt die Hüttentreppe hinauf kam; auch gab der ehrliche Burſche die Mittel 113 an, bis zur Ausfahrt des Schiffes die Kleine zu verbergen. Eine der Soldatenfrauen nahm ſich Lilly's an und ließ ſie für ihr eigenes Kind gelten. „Es wird gut ſein, die gnädige Frau ſo bald als möglich von der Sache zu unterrichten,“ bemerkte Stock gegen die zitternde Roſa;„ſie mag es dann dem Oberſten beibringen. Wenn ſie es mit einem Lächeln thut, ſo iſt Alles in Ordnung.“ Ein paar Stunden ſpäter ſtieß das letzte Boot an's Land ab. Der Anker wurde aufgezogen, die weißen Segel breiteten ſich aus und das ungeheure Schiff begann langſam auf dem Waſſer hinzugleiten. Gottes Schutz mit ihm auf ſeinem Wege, denn es trug Englands Söhne nach einem Land, wo die Zunge und der Glaube der Sachſen eines Tages herrſchen wird, nach einem Land, das zwar durch's Schwert genommen wurde, aber nur durch die Bibel ſich erhalten läßt. Daher wiederholen wir— Gottes Segen mit dem wackeren Schiff auf ſeiner Fahrt! Dreinndzwanzigſtes Kapitel. Als Peter Mangles ſeinem Principal mittheilte, Rachel ſei entſchloſſen, bei ihrem Mann auf dem Pfad der Beſſerung auszuharren, und ihm den an⸗ fangs dornigen Weg, der erſt an ſeinem Ende Blu⸗ men zu bringen beginnt, durch freundliche Worte und ein geduldiges Lächeln zu erheitern, konnte Mr. Bently ſeine Ueberraſchung und ſeinen Unwillen nicht unterdrücken. Smith, Ebbe u. Fluth. 1I. 8 114 „Das iſt Wahnſinn, Tollheit!“ rief er.„Was kann ſie von einem Säufer erwarten? Die bittere Erfahrung der Vergangenheit ſollte ſie belehren, was ſie von der Zukunft zu hoffen hat.“ „Aber Georg iſt kein Säufer mehr,“ entgegnete der alte Buchhalter mit einigem Stocken, als fühle er ſich ſelbſt nicht ganz überzeugt. „Ein Dieb!“ fügte der Kaufmann leidenſchaft⸗ lich bei. Dieſe ungerechte Beſchuldigung würde ſich der Sprecher nicht erlaubt haben, wenn er nicht in ſo hohem Grade aufgeregt geweſen wäre. Peter, der über dieſen Gegenſtand längſt im Reinen war, fühlte ſich jetzt auf ſicherem Boden, und griff mit Wärme zu dem Knittel, um ſeinen Schützling zu verthei⸗ digen. Sie ſind wieder in Ihre arge Laune verfallen, Richard,“ verſetzte er.„Wie oft muß ich Ihnen wiederholen, daß Sie ſelbſt nicht ehrlicher ſind, als Ihr Schwiegerſohn. Ja, machen Sie nur große Augen, in dieſem Punkt gebe ich nicht nach!“ „Wer anders hatte es thun können?“ „Wer onders?“ erwiderte der alte Mann.„Ei, der— doch nein, nein; ich will nicht in den näm⸗ lichen Fehler verfallen und nach Ihrem Vorgang ohne Beweiſe den Ruf eines Andern antaſten.“ „Ich weiß, auf wen Ihr obgeſchmackter Arg⸗ wohn zielt,“ bemerkte der Principal.„Sie können meinen Neffen nicht leiden.“ Der Buchhalter zuckte die Achſeln, wie er zu thun pflegte, wenn er einer Behauptung nicht wi⸗ derſprechen konnte. 115 „Sie leugnen es nicht.“ „Ich habe ſein Benehmen gegen Ihre Tochter auf der Brücke nicht vergeſſen, wenn auch der Vater deſſelben nicht weiter gedenkt.“ „Carus hat ſich darüber erklärt,“ ſagte Mr. Bently.„Anfangs war ich auch entrüſtet darüber und ſtellte ihn ſcharf zur Rede. Sein Beweggrund war, ſie zu veranlaſſen, daß ſie den Mann aufgebe, der für immer ihr Glück zerſtört hat. Rachel muß ſeine Worte und ſein Benehmen übertrieben haben.“ „Pah!“ rief Peter Mangles mit ungläubiger Miene. „„Ich kenne den Grund Ihrer Abneigung gegen ihn,“ fuhr der Kaufmann fort. ⸗„Wirklich?“ „Er vereitelte Ihren Wunſch, ſtatt Sanford Sterling nach Indien zu ſchicken, und dies haben Sie ihm nie verziehen.“ 3„Ja, nie!“ rief der alte Mann mit Nachdruck; e„denn dadurch ging die einzige Ausſicht verloren, das Geheimniß der fehlenden Werthpapiere aufzu⸗ klären. Sterling iſt unter meinen Augen im Comp⸗ toir aufgewachſen, beſitzt einen klaren Geſchäftsver⸗ ⸗ ſtand und eine unverbrüchliche Redlichkeit, während Sanford— doch ich bin fertig; nichts mehr da⸗ vvon.“ ⸗„Sie ſind Willens, auch ferner Rachel und Georg n Ihren Schutz angedeihen zu laſſen?“ fragte der Principal. „Ja.“ „Obgleich Sie wiſſen, daß er die Schranke iſt, die mich von meinem Kinde trennt,“ ſagte Mr. 8 116 Bently bitter.„Ueberließen Sie ihn ſich ſelbſt, ſo würde ſie bald die Nothwendigkeit einſehen, ſich von ihm zu trennen.“ „Fühlen, wollen Sie ſagen,“ verſetzte der Buch⸗ halter,„aber auch da ſind Sie im Irrthum. Sie mögen ſich recht gut auf Zahlen verſtehen, Richard — da fehlt's nicht, denn dies haben Sie von mir gelernt— aber eine Aufgabe können Sie doch nicht löſen, die Tiefe der Liebe einer Gattin. Ich habe ſelbſt erſt angefangen, ſie zu berechnen,“ fügte er im Tone naiver Vertraulichkeit bei,„und finde ſie unergründlich. So lang Georg auf dem ergriffenen Pfad fortmacht, iſt ſelbſt die eiſerne Fauſt der Ar⸗ nicht ſtark genug, Rachel von ſeiner Seite zu reißen.“ „Pah!“ rief der Kaufmann ungeduldig;„glauben Sie Ihren Jahren an ſolchen romanhaften Un⸗ ſinn?“ „Der Glaube iſt mir allerdings ziemlich ſpät ge⸗ kommen,“ bemerkte der alte Mann.„Hätte ich ihn vor dreißig oder fünfunddreißig Jahren gehabt, ſo wäre ich wahrſcheinlich jetzt kein Hageſtolz. Viel⸗ leicht,“ fügte er nachſinnend bei,„iſt es noch nicht zu ſpät.“ Trotz ſeines Unmuths konnte der in ſeiner Er⸗ wartung getäuſchte Vater ein Lächeln nicht unter⸗ drücken, denn es lag etwas unwiderſtehlich Lächerli⸗ ches in dem Gedanken, daß der alte Buchhalter je ein Weib nehmen könnte. Peter Mangles bemerkte das Zucken der Lippen, das halbunterdrückte Nieder⸗ ziehen der Mundwinkel, und begann ſich höchlich zu entrüſten. 117 So wirkt der Funke auf die gelegte Leitlinie; eine Exploſion war unausbleiblich. „Ich will wiſſen, was dieſes Lächeln bedeuten ſoll, Richard,“ rief er.„Es war ein ſehr unver⸗ ſchämtes Lächeln— ich kann ſagen, ein beleidigen⸗ des Lächeln. Was liegt denn Abgeſchmacktes öder Unvernünftiges darin, wenn ich auf die Möglichkeit meiner Verheirathung hindeute?“ „Weder das Eine, noch das Andere,“ verſetzte Mr. Bently. „Freut mich, dies zu hören,“ ſagte der Buchhal⸗ ter, und blickte dabei ſeinem Principal ſcharf in's Geſicht, um zu ſehen, ob ſich das Lächeln nicht wie⸗ derhole. „Ich wüßte kein Hinderniß,“ fuhr Mr. Bently fort,„wenn Sie keines wiſſen. Doch darum handelt ſich's nicht. Was mich anficht, iſt die Be⸗ ſorgniß, Ihr Vertrauen zu Georg Markham möchte Sie zu weit führen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, daß Ihr Vorurtheil gegen ihn nicht die gegentheilige Wirkung übt,“ er⸗ widerte der alte Mann.„Sie ſind bereits unge⸗ recht genug geweſen.“ „Man kann ihm kein Geld anvertrauen.“ „Mein Geld gehört mir,“ rief Peter mit Wärme, denn er hatte das Lächeln noch nicht oder doch nicht ganz vergeſſen.„Ich habe darum gearbeitet, und es ſauer genug verdient; ſo will ich denn gerade damit thun, was mir gut dünkt. Mag's Georg zum Fenſter hinauswerfen, wenn er Luſt dazu hat; er braucht nicht von irgend Jemand Erlaubniß dazu einzuholen. Wohl gemerkt, Richard, ich ſage, von 118 irgend Jemand; Sie wiſſen, was ich darunter verſtehe. Und nun wollen wir den Gegenſtand fal⸗ len laſſen,“ fügte er bei.„Halten Sie es gegen Ihre Tochter und ihren Mann wie Sie wollen; auch ich habe mich über meinen Weg entſchieden.“ Das eben aufgeführte Geſpräch hatte im Comp⸗ toir der City einen oder zwei Tage nach Rachel's Zuſammenkunft mit ihrem Gatten ſtattgefunden. Peter war anfangs mit ihrem Entſchluß ſehr unzu⸗ frieden geweſen; er erklärte ihn für Thorheit, für Wahnſinn; aber nachdem er ſie ganz angehört und auch vernommen hatte, was der Grund von Georgs nächtlichen Gängen durch London geweſen, kam er allmälig zu einer andern Anſicht. Die Richtigkeit des kleinen Caſſenbuchs übte immer noch ihren Ein⸗ fluß auf den Geiſt des alten Mannes. Obgleich Peter Mangles laut ſein Recht wahrte, über ſein Eigenthum nach Gutdünken zu verfügen, und Georg Markham ſogar zu erlauben, ſein Geld in's Waſſer zu werfen, war er doch der Allerletzte in der Welt, der ſich eine ſolche Thorheit hätte zu Schulden kommen laſſen, denn ſeine Freigebigkeit gegen die Gegenſtände ſeiner Zuneigung ſtand nicht minder unter dem Einfluß der Klugheit, als der liebevollen Theilnahme. Zwar war ihm die Geſell⸗ ſchaft Rachel's und der kleinen Mary faſt ein Be⸗ dürfniß geworden, aber dennoch beſchloß er, auf die⸗ ſelbe zu verzichten, ſobald ſein Gaſt hinreichend ſich erholt hatte, um ein hübſches Häuschen zu beziehen, das er für ſie an der Charlottenſtraße, unfern der Fabrik, in welcher Georg arbeitete, gemiethet und eingerichtet hatte. Der alte Mann wollte, daß das 119 Ehepaar unabhängig ſich bewege und nicht durch ſeine beaufſichtigende Gegenwart beengt werde. So konnte er ſich auch ein Urtheil über ſie bilden. Es war erſtaunlich, welche Mühe ſich Peter Mangles mit der Möblirung des Häuschens gege⸗ ben hatte. Er lag dieſem Geſchäft mit einer Luſt ob, die nicht halb ſo groß geweſen wäre, wenn er es für ſich ſelbſt hätte einrichten müſſen. Faſt jeden Abend, wenn er aus der City zurückkehrte, brachte er irgend einen nützlichen Gegenſtand mit, ſo daß ſeine Haushälterin eigentlich eiferſüchtig wurde, weil ihr eigenes Hausweſen lange nicht ſo gut ausge⸗ ſtattet war. Sie konnte nicht begreifen, woher er nur alle die Namen der Artikel wußte, und beru⸗ higte ſich zuletzt damit, daß wenigſtens ſie keine Schuld an dieſer Verſchwendung trage. Das Häuschen war längſt eingerichtet, aber Rachel's Umzug wurde von Tag zu Tag weiter hin⸗ ausgeſchoben. Ihr Wohlthäter wußte immer noch etwas zu ändern, oder zu den vorhandenen Bequem⸗ lichkeiten eine Zugabe zu machen. Endlich gewann es der alte Mann über ſich, in die Trennung zu willigen; es ging nicht ohne Kampf, denn er glaubte ohne ſeine Gäſte nicht mehr zu Hauſe zu ſein; aber Peter handelte nie gegen Grundſätze— es war ſo gar ungeſchäftsmäßig. Er beſtand darauf, ſie ſelbſt in ihre neue Woh⸗ nung zu begleiten, und führte ſie mit dem Stolz und dem Glück eines edlen Herzens, das ſich einer löblichen That bewußt iſt, überall im Hauſe herum. Die Augen Rachel's füllten ſich mit Thränen. „Mein Wohlthäter!“ rief ſie und verſuchte ſeine 120 Hand zu küſſen, obſchon der alte Buchhalter dies um keine Welt geduldet hätte,„wie kann ich mich je dankbar genug erweiſen für eine ſo beiſpielloſe Güte!“ „Sprechen Sie nicht davon,“ verſetzte Peter tief bewegt.„Wenn die alten Vögel ihre Jungen ver⸗ laſſen, muß doch Jemand an ihre Stelle treten.“ „Mein künftiges Benehmen muß mein Dank ſein,“ ſagte Georg Markham. „So iſt's recht, mein lieber Junge. Ich ver⸗ lange keinen andern Dank. Machen Sie Rachel glücklich und ich werde reichlich belohnt ſein. Ich habe dann mein Capital beſſer angelegt, als je eines in meinem Leben. Hundert Prozent zum mindeſten,“ fügte er bei,„ohne die Zinſeszinſe“— ein Berech⸗ nungsbrauch, der dem alten Herrn beſonders zuwi⸗ der war. Mary, die mit kindiſcher Neugierde ſich im gan⸗ zen Haus umgeſehen hatte, kam in das hübſche Wohn⸗ ſtübchen gelaufen. „D Mama!“ rief ſie,„haſt Du mein Zimmerchen geſehen? Ein ſo ſchönes weißes Bett und— wür⸗ deſt Du's wohl glauben?— eine Puppe, eine wirk⸗ liche Puppe darin!“ Peter Mangles mußte ſehr tief in die Zuneigung zu der Familie Markham verſtrickt ſein, daß er auch an ſolche Dinge dachte. „Ihr habt etwas zu eurer Unterhaltung nöthig,“ bemerkte er.„Mir wenigſtens wird es ſo ergehen,“ fügte er bei,„denn ich werde euch ſchwer ver⸗ miſſen.“ 121 „Bleiben Sie nicht bei uns?“ rief das Kind, ängſtlich zu ihm aufblickend. Der alte Mann ſchüttelte den Kopf. Mary brach in Thränen aus, erklärte, ſie wollte die Puppe nicht haben, könne Puppen gar nicht lei⸗ den, beſtand darauf, daß er bei ihnen wohnen müſſe, und ſchloß damit, daß ſie ihre kleinen Arme um ſei⸗ nen Hals ſchlang und ihn küßte. Peter Mangles hatte gute Luſt, nach ihrem Vor⸗ bild zu weinen; aber er beſchloß, einer ſolchen Schwäche nicht nachzugeben— es war ſo unge⸗ ſchäftsmäßig. Nachdem er mit der Miene großer Entſchloſſenheit ſeinen Ueberrock zugeknöpft hatte, drückte er Georg und Rachel die Hand, murmelte etwas Undeutliches vor ſich hin, als er ſich von den Flachslocken des Kindes trennte und ſeine Lippen auf deſſen Stirne preßte, und verließ dann das Häuschen. „Möge der Himmel ihn belohnen!“ rief Rachel. „Wir können es nie.“ Mit ungemein ſchwerem Herzen trabte der Buch⸗ halter über Blackheath ſeiner Wohnung zu, wo jetzt nur noch Mrs. Lawrence und der Papagai, den man zur großen Befriedigung des Letzteren wieder zurückgeholt hatte, ſeiner harrten. Er konnte jetzt mit Niemand mehr plaudern und hatte keine Mary um ſich, die ihm ſchon auf die Hausflur entgegen⸗ eilte, ihm auf's Knie kletterte, wenn er beim Thee ſaß, und von ihm haben wollte, daß er, ſtatt die garſtige Abendzeitung zu leſen, ihr ein ſchönes Geſchichtlein erzähle. Kein Wunder, daß es ihm jetzt ſo einſam vorkam. 122 Mary's Thränen und vor Allem ihr Kuß hatten einen tiefen Eindruck auf Peter gemacht. Er bildete ſich etwas ein auf die Liebe des ſchönen unſchuldi⸗ gen Kindes, und hatte darin Recht, denn wenn es auf Erden eine Liebe frei von Befleckung und vom Verdacht der Selbſtſucht gibt, ſo iſt es die argloſe Liebe des Kindes. „Sie ſoll nie Noth leiden,“ dachte er.„Mag ihr Großvater mit ſeinem Geld thun was er will; ich bin Herr über das meinige.“ Dann machte er ſich Gedanken, wie köſtlich es ſein müßte(vorausgeſetzt, daß er es erlebte), die zur Jungfrau herangewachſene Mary den Chebund ſchließen zu ſehen. Ihr Gatte war natürlich(anders konnte es nicht ſein) ein Cityman, der jüngere Aſſocis einer berühmten Firma, dem einige tauſend Pfund vorwärts helfen, und dem Peter mit ſeinem Rath an die Hand gehen konnte. Wir wiſſen allerdings nicht, woher die paar tauſend Pfund kommen ſoll⸗ ten; aber Peter wußte es, und dies war gerade genug. Während dieſer Betrachtungen bemitleidete er ſeinen Principal, der, wie er wußte, bei all ſeinem Reichthum nicht glücklich, freilich aber auch zu ſtarr⸗ ſinnig war, durch Verſöhnung mit ſeinem Kinde die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen. „Nur der ſchuftige Carus iſt Schuld daran,“ murmelte er.„Dieſer Menſch hat Richard gegen ſeinen Schwiegerſohn verhetzt. Georg iſt bei all' ſeiner Thorheit, was die Grundſätze betrifft, hundert⸗ mal mehr werth, und wenn er feſt bleibt, ſo wird es eines Tages im Geldpunkt der gleiche Fall ſein. 123 Feſt—“ wiederholte er mehrmal vor ſich hin.„Ich kann mir gar nicht denken, wie junge Leute anders ſein mögen. Was für ein Vergnügen finden ſie wohl außerhalb des Geſchäftes? Ich habe nie eines gefunden— bis auf die jüngſte 8e fügte er bei—„auf die allerjüngſte eit.“ Im Hinblick auf den Neffen ſeines Principals tröſtete er ſich mit der Ueberzeugung, daß er ihn eines Tages werde entlarven können; denn wenn irgend etwas in der Firma unrecht ging, ſo konnte es nur durch dieſen Menſchen geſchehen. Die übri⸗ gen Comptoirgehülfen hatte Peter zu ſcharf im Auge, als daß ſie ihn hintergehen konnten; aber als jün⸗ gerer Aſſocis beſaß Carus Kearn eine Autorität, die ſelbſt ſeiner Ueberwachung nicht immer zugänglich war. Auf dem Rückweg aus der City beſuchte Peter jeden Abend ſeine Schützlinge. Am erſten Abend, als er Georg ſeinen Ueberrock zuknöpfen und ſich zu einem Ausgang anſchicken ſah, wurde er etwas un⸗ ruhig; aber Rachel's Lächeln ſtellte ihn zufrieden. Regelmäßig zweimal in der Woche verbrachte der reuige Vater die ganze Nacht damit, daß er in der Hoffnung, einen Schlüſſel zur Wiedergewinnung ſei⸗ nes verlorenen Sohnes zu finden, die Schlupfwinkel des Laſters durchſpähte, und wenn ſchon bisher ſeine Bemühungen ſich als eitel erwieſen hatten, gab er doch ſeine Verſuche nicht auf. „Wenn nur der Knabe wieder zum Vorſchein käme,“ dachte Peter;„dies allein könnte ſeinen Großvater zur Vernunft bringen.“ Doch behielt er dieſe letztere Betrachtung für ſich. ————— 124 Georg Markham verdiente ſich nur einen ſehr geringen Wochenlohn; gleichwohl verſicherten er und Rachel ihrem Wohlthäter, daß er für ihre Bedürfniſſe ausreiche und lehnten mit Feſtigkeit jede weitere Un⸗ terſtützung ab. Der alte Buchhalter freute ſich dar⸗ über, denn Unabhängigkeit ging ihm über Alles, und er achtete ſeinen Schützling um ſo mehr, weil er ſich ſo gut in eine ſeinen Fähigkeiten ſo wenig angemeſſene Stellung zu fügen wußte. Und als er erfuhr, daß die Leiter der Firma, welchen das gute Verhalten ihres Aufſehers wohl gefiel, ihm einen Platz in ihrem Comptoir mit bedeutender Gehalts⸗ zulage anboten, fühlte er ſich ſo ſtolz und zufrieden, wie nur je über ein gutes Geſchäft, das er für ſich ſelbſt gemacht hatte. Auch Rachel war ſehr erfreut darüber. Sie ſah darin eine Bürgſchaft für die Beſſerung ihres Gat⸗ ten, ein Unterpfand, daß er nie wieder auf die Irr⸗ wege gerathen werde, die an ſeinem Verderben ſchuld geweſen. Am Morgen nach der ſchließlichen Bereinigung dieſer Angelegenheit traf Peter Mangles um zehn Minuten ſpäter als gewöhnlich in der City ein. Die jüngeren Comptoiriſten ſahen ſich überraſcht an und vermutheten, daß die Uhr auf der Sanct Pauls⸗ kirche wieder einmal vorgehe, ſofern ihrer Meinung nach dies weit möglicher war, als daß die alte Pünkt⸗ lichkeit, wie man ihn nannte, ſich verſpäte. Seltſamer Weiſe war Carus Kearn, der nicht oft vor zwölf Uhr im Comptoir erſchien, diesmal vor ihm eingetroffen. 12⁵ „Ah,“ rief Peter mit ſatyriſchem Lächeln,„die indiſche Poſt iſt angelangt.“ „Sie wiſſen es vermuthlich aus den Zeitungen?“ verſetzte Carus mit leichtem Frröthen. „Nein.“ „Woher denn?“ „Sie ſind ja hier.“ „Haben Sie die Correſpondenz durchgegangen?“ fragte Carus haſtig. Ein trockenes Nein war die einzige Antwort des alten Mannes. „Es wäre mir lieb geweſen. Ich erwarte Pri⸗ vatbriefe.“ Peter zog den Schlüſſel zum Briefbeutel aus ſeiner Taſche. „Halt! halt!“ rief er, als Carus ſich ohne Um⸗ ſtände des Inhalts bemächtigen wollte;„die Briefe dürfen nicht in dieſer Weiſe geöffnet werden. Es iſt nicht geſchäftsmäßig.“ Er legte ſie methodiſch vor ſich hin und begann die Muſterung. „Sie nehmen's ja gar genau,“ murmelte Carus ungeduldig. „Man kann's nicht zu ſehr ſein.“ „Allerdings, gegen die Comptoiriſten.“ „Gegen Jedermann.“ „Sie vergeſſen, daß ich Aſſocié bin.“ „Ich vergeſſe ſelten etwas, Mr. Kearn,“ entgeg⸗ nete der alte Mann,„nicht einmal, daß Sie mit einem Achtel im Geſchäft betheiligt ſind. Ei, ſieh da— ein neuer Beweis von der Vortrefflichkeit meines Gedächtniſſes— hier iſt der Brief, den Sie 126 erwarten, von der Hand Ihres Freundes San⸗ ford.“ Wieder umſpielte ein ſatyriſches Lächeln die Lip⸗ pen des Sprechers. Carus riß den Brief haſtig an ſich und erbrach das Siegel. „Neuigkeiten für die Firma?“ „Nein; es iſt kein Geſchäftsbrief.“ „Dann geht er mich nichts an,“ verſetzte Peter, den Reſt der Correſpondenz ordnend.„Behüt' mich,“ fügte er für ſich bei,„woher mag dieſer ſein?“ Der fragliche Brief war hübſch, aber nicht von einer Geſchäftshand an Mr. Bently überſchrieben, mit einem Wappen verſiegelt und als„Privat“ mit dem Aufgabeort Jerſey bezeichnet. „Schon der zweite ſeit einem Monat,“ dachte Peter.„Treibt denn Richard dort Privatſpekula⸗ tionen?“ Als Mr. Bently in der City anlangte, war der einzige Brief, welchen er anſah, derjenige, der Peters Aufmerkſamkeit geſeſſelt hatte. Er las ihn ſorgfältig durch und ein Lächeln umſpielte ſeine gewöhnlich ern⸗ ſten Züge. „Geſchäft?“ fragte ſein Buchhalter. „Privat,“ antwortete der Kaufmann.„Ich habe keine Geſchäftsgeheimniſſe vor Ihnen.“ „Hier ſind andere Briefe,“ ſagte Peter;„von Indien.“ „Oh, verſchonen Sie mich damit,“ verſetzte der Principal.„Sie wiſſen, wie ſie zu beantworten ſind.“ „Ihr Neffe hat einen von ſeinem Freund Sanford erhalten,“ bemerkte Peter.„Er ſchien 127 ihn ſehr ängſtlich zu erwarten— war ſchon vor meiner Ankunft hier. Sonſt kömmt er nie ſo früh.“ „Wirklich? Und was ſchließen Sie daraus?“ „Nichts, nichts,“ verſetzte der alte Mann.„Nur kömmt es mir etwas ſonderbar vor, daß beide Aſſocis am gleichen Tage Briefe mit der Bezeichnung „Privat“ erhalten. Ich habe übrigens noch andere Neuigkeiten,“ fügte er ſelbſtgefällig bei.„Stanſon und Compagnie ſind ſo zufrieden mit dem muſter⸗ haften Betragen Ihres Schwiegerſohns, daß ſie ihm einen Platz in ihrem Comptoir angewieſen haben.“ Mr. Bently hörte aufmerkſam zu und ſchien ſich über die Nachricht zu freuen, obſchon er ſich's nicht anmerken ließ. „Hat er ihn angenommen?“ „Dieſen Morgen angetreten.“ Seit mehreren Wochen zum erſten Mal fragte jetzt der Vater nach der Geſundheit ſeiner Tochter. „Beſſer, viel beſſer, Richard,“ verſetzte Peter, der ſeinen Principal ſtets bei dem Taufnamen nannte, wenn er entweder zufrieden mit ihm oder ärgerlich über ihn war.„Das gute Verhalten ihres Mannes wirkte wunderbar kräftigend auf ſie.“ „Sie iſt alſo jetzt glücklich?“ entgegnete der Kaufmann mit einem Seufzer. „Glücklich,“ wiederholte der Buchhalter mit Wärme. „Wie kann ein Menſch doch auf einen ſo lächerlichen, unwahrſcheinlichen und unnatürlichen Gedanken kom⸗ men? Die Mutter härmt ſich ab um ihren verlore⸗ nen Knaben.“ „Ach, ja, richtig,“ murmelte Mr. Bently. „Und die Tochter ſehnt ſich nach des Vaters 128 Verzeihung,“ fügte Peter bei.„Na, machen Sie kein ſo unwilliges Geſicht. Ich bin fertig. Aber denken Sie an mich, Sie werden eines Tages Ihr unnatürliches Benehmen gegen Ihr Kind bereuen,“ „Ich dächte, wir ſeien übereingekommen, Peter,“ ſagte der Kaufmann, indem er ihm vertraulich die Hand auf die Schulter legte,„nicht mehr über die⸗ ſen Gegenſtand zu ſprechen. Der Erfolg mag lehren,“ fügte er ernſt bei,„weſſen Verfahren das weiſeſte war.“ „Meinetwegen,“ erwiderte der alte Mann, indem er ſich an ſein Pult ſetzte und ſehr raſch zu ſchreiben begann;„ich habe keine Furcht.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Mr. Bently. Ein dumpfes Hum von Seiten Peters war die einzige Antwort auf dieſe Verſicherung. Der Kaufmann brütete ob dieſem Geſpräch noch lange, nachdem es von dem Buchhalter bereits ver⸗ geſſen war, und fragte mehr als einmal ſich ſelbſt, ob er nicht unklug an ſeinem Schwiegerſohn gehan⸗ delt und ihn wegen der Werthpapiere fälſchlich be⸗ argwohnt habe. Aber wer war dann der Dieb? Die Löſung dieſer Frage lag ihm mit jedem Tage mehr am Herzen. Der Diebſtahl mußte durch Je⸗ mand vom Hauſe begangen worden ſein. Georg Markham hatte ein Geſchäft für eigene Rechnung angefangen und die tauſend Pfund, die ihm ſein Weib zubrachte, erwieſen ſich ſelbſt bei ſeinen aner⸗ kannten Talenten als eine zu lächerlich kleine Summe, um ihn auf lange flott zu erhalten. Der gebeſſerte Trinker hatte ſeine neue Stelle noch nicht lange behauptet, als ein zweiter und weit wichtigerer Wechſel in ſeinen Ausſichten ſtattfand. 129 Mr. Thornton, der ſchon ſeit vielen Jahren mit der Firma Bently und Compagnie bekannt war, machte in der City Peter einen Beſuch und theilte im Lauf der Unterhaltung ihm ſeine Abſicht mit, einen Zweig ſeines Geſchäfts nach London zu verlegen. „Freut mich, dies zu hören,“ verſetzte der Buch⸗ halter, der ſich im Schreiben nicht ſtören ließ. „Es wird allerdings ein ſchönes Capital koſten,“ fuhr der Fabrikant fort;„aber dies wäre nicht die Hauptſchwierigkeit. Wenn ich nur einen Mann von Talent, Geſchäftskenntniß und unverbrüchlicher Recht⸗ i hätte, der in meiner Abweſenheit das Geſchäft eitete.“ Peter Mangles legte die Feder nieder und rieb ſich das Ohr, wie er zu thun pflegte, wenn er un⸗ ſchlüſſig war. Er dachte an Georg, wollte für ihn ſprechen, und zögerte dann wieder, bis der Gedanke an Rachel und Mary den Ausſchlag gab. „Ich weiß den rechten Mann,“ ſagte er.„Für ſeinen rechtſchaffenen Charakter kann ich einſtehen, denn er iſt unter meinen Augen aufgewachſen und nie, ſelbſt als er noch ein bloßer Knabe war, habe ich einen Irrthum in Führung ſeiner kleinen Caſſe wahrgenommen. Richard ſchlägt dies zwar nicht an, aber wir Beide wiſſen wohl, was die Verſuchung einen jungen Burſchen iſt,“ fügte er vertraulich ei. Der Fabrikant hörte ihm lächelnd zu, denn er kannte längſt die Grille des Buchhalters in Bezie⸗ hung auf die kleine Caſſe. „Iſt er nüchtern?“ fragte er. Smith, Ebbe u. Fluth. 11. 9 130⁰ „Jetzt ſehr nüchtern, aber er war ein Trinker. ſu ich meine Niemand anders, als Georg Mark⸗ am.“ „Den Schwiegerſohn Bently's?“ rief Mr. Thorn⸗ ton. „Welcher nie weiſe oder geſchäftsmäßig an dem armen Schelm gehandelt hat,“ entgegnete Peter, „und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie wehe mir dies thut.“ Er erzählte nun ſeinem Beſuch die traurige Ge⸗ ſchichte von Rachels Heirath und dem Zorn ihres Vaters; wie Georg mit nur tauſend Pfund ein eige⸗ nes Geſchäft angefangen und darauf fallirt habe; wie er ſich dann dem Trunk ergeben und eine Stelle um die andere verloren, bis zuletzt kaum ein Freund ihn mehr anſehen mochte. „Und iſt's möglich, daß Sie mir im Ernſt einen ſolchen Mann empfehlen?“ verſetzte Mr. Thornton. „Hören Sie, wie er ſich weiter gemacht hat, eh' ich auf dieſe Frage antworte.“ Der reiche Fabrikant hörte mit wohlwollender Theilnahme zu, während Peter fortfuhr, das Ab⸗ handenkommen unſeres Helden und die Wirkung ſei⸗ nes Verluſts auf den vom Gewiſſen gerührten Vater zu ſchildern. Den Leiden der Mutter konnten freilich keine Worte, wie beredt ſie auch ſein mochten, gerecht werden. „Er dauert mich,“ bemerkte der Fabrikant, als Peter zu Ende gekommen war,„und ich möchte ihm wohl nützlich werden; aber als Weltmann kann ich ihm mein neues Etabliſſement nicht ohne Bürgſchaft anvertrauen.“ 131 „Bürgſchaft, für was?“ „Für ſeine Ehrlichkeit.“ „Ich meine für welchen Betrag?“ „Fünftauſend Pfund.“ Peter Mangles nahm ſeine Feder auf, ſchrieb ſehr bedächtig ein Halbdutzend Zeilen und überlas ſie dann ſorgfältig zweimal, um ſich zu überzeugen, daß kein Fehler darin ſei. Es war nämlich das wichtigſte Stück Papier, das er je in ſeinem Leben unterzeichnet hatte, da es ihn mit der Summe von fünftauſend Pfunden für Georg Markhams Ehrlichkeit verantwortlich machte. „Da iſt die Bürgſchaft,“ ſagte er, das Document Mr. Thornton einhändigend;„und die Stelle—“ „Iſt ſein,“ verſetzte der Gentleman, das Papier in ſeinem Taſchenbuch verwahrend.„Sie haben edel an Ihrem Freund gehandelt.“ „Pah, ich laufe keine Gefahr,“ rief der alte Buch⸗ halter beſcheiden, denn er war kein Freund von Lobeserhebungen und Dankesergüſſen.„Ich kenne meinen Mann.“ In ſeinem ganzen Leben nie hatte ſich Peter ſo ſehr nach dem Ablauf der Geſchäftsſtunden geſehnt, wie an dieſem wichtigen Tag. Er ging ſogar ſo weit, für den Rückweg das koſtſpielige Cabriolet zu nehmen, weil der Omnibus viel zu langſam für ſeine Ungeduld war. Statt jedoch nach Blackheat zu fah⸗ ren, wies er den Kutſcher an, vor der Wohnung der Markhams zu halten. Nichts ging über die Freude und die Dankbar⸗ keit des jungen Ehepaars, als ſie die Kunde erhielten von den ſchönen Ausſichten für die 5i dem 132 edelmüthigen Vertrauen ihres Freundes. Rachel konnte vor Thränen kaum Worte des Dankes finden. „Wie kann ich ſo viel Güte verdienen!“ rief Georg, tief gerührt von dem edlen Benehmen des alten Buchhalters.„Mit Worten kann ich Ihnen nicht danken; die Zukunft ſoll es thun. Fürchten Sie nichts von mir, denn mit all' meinen Fehlern hat mich doch noch nie ein unehrlicher Gedanke in Verſuchung geführt.“ „Ich glaube Ihnen, mein theurer Junge,“ mur⸗ melte der alte Mann. „Und wird auch nie geſchehen.“ „Wenn es je der Fall ſein ſollte,“ verſetzte Peter Mangles, mit der Miene faſt kindlichen Vertrauens ihn anſehend,„ſo vergeſſen Sie nicht, daß Sie da⸗ durch mir Ihre Frau und Mary berauben.“ Es war ein glücklicher Abend für Alle. Wenn wir von Allen ſprechen, ſo müſſen wir freilich die Mutter ausnehmen, deren Glück nicht ohne bittere Beimengung war. Sie dachte an ihren verlorenen Sohn, und obſchon ein Lächeln auf ihren Lippen ſchwebte, hielt doch Trauer ihr Herz gefangen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Beerdigung der kleinen Fanny war kaum vorüber, als Mike, der ſein Thun ſorgfältig berechnet hatte, Vorbereitungen zu einem Beſuch bei Lady Boothroyd zu treffen begann. Es war nothwendig, ſie ſelbſt zu ſprechen, da er nicht ſchreiben konnte, und die Vorſicht die Verwendung einer Mittelsperſon verbot. 133 Mit einer Ausſicht auf fünfhundert Pfund, wäh⸗ rend der größte Theil des eingenommenen Koſtgelds noch unverbraucht war, dachte der Strolch ſchon einigen Aufwand machen zu dürfen; er beſtellte ſich daher einen Anzug, der ihm ein achtbares Ausſehen geben ſollte. Nicht ohne einen Anflug von Humor ließ er ſich denſelben ſo genau, als es durch Beſchreibung möglich wurde, nach dem Muſter der Kleidung des Steward anfertigen, wobei er ſogar ſo weit ging, deſſen weiße Halsbinde zu copiren. In ſolcher Aus⸗ ſtattung erſchien die Aehnlichkeit, auf die Mike ſich immer etwas eingebildet hatte, ſo außerordentlich, daß nicht näher bekannte Perſonen die beiden Brü⸗ der leicht mit einander verwechſeln konnten. „Ich glaube nicht, daß ſich Andrew jetzt meiner zu ſchämen braucht,“ rief er mit großer Zufrieden⸗ heit, als er ſeine linkiſche Geſtalt in dem Spiegel⸗ ſcherben muſterte, vor dem der arme Jack ſein roth⸗ backiges Geſicht zu waſchen pflegte.„Die Federn machen den ganzen Unterſchied zwiſchen der Gans und dem Schwan. Wie die gnädige Frau ſich wun⸗ dern wird,“ fügte er kichernd bei.„Schon der Ge⸗ danke, daß die Reputation einer wirklichen Lady in des alten Mike Händen iſt! Sie muß ſcharf bluten, kann ich ihr ſagen, um ihn ruhig zu erhalten. Ich habe oft gehört, Worte ſeien werthvoll, biswei⸗ len ſogar werthvoller als Gold. Jetzt weiß ich es.“ „Dieſen Platz werd ich nun bald verlaſſen kön⸗ nen,“ rief er gedankenvoll aus, indem er zugleich einen unzufriedenen Blick auf ſeine Umgebung warf. „Es iſt zwar Alles recht geweſen; aber ſeit Jack mich verlaſſen hat, fühle ich mich doch recht einſam 134 hier. Es war ein ſchlauer Plan von Andrew, den Knaben wegzuſchaffen,“ fügte er bei.„Ich hoffe, der Capitän macht es ihm nicht gar zu ſchlimm.“ In Anbetracht ſeiner Betheiligung an der Sache klingt dieſer Wunſch etwas ſeltſam: aber mit Mike war in letzter Zeit einige Veränderung vorgegangen. Er konnte Nachts nicht mehr gut ſchlafen, und wenn er ſchlief, plagten ihn häßliche Träume. Er ſah oft die kleine Fanny auf dem Bett liegen, nur mit einem leichten Couvert zugedeckt, während der kalte Wind durch das offene Dachfenſter hereinpfiff. Dann hörte er den Huſten, er klang ſo hohl und deutlich, daß er aus ſeinem Schlummer aufſchrack und das Geſicht im Kiſſen verſteckte, um dem Blick der großen glän⸗ zenden Augen auszuweichen, welche durch die Nacht ihn anzuſtarren ſchienen. Ein böſes Gewiſſen iſt ein ſchlechtes Ruhekiſſen. Es war Mittag vorüber, als er an der Wohnung von Sir Norman Boothroyd im Park anpochte. Der Pförtner ſtutzte ſo ſehr ob ſeiner Aehnlichkeit mit dem Steward, daß er ihn geraume Zeit nur anſah, ſtatt auf die Frage zu antworten, ob die gnädige Frau zu Hauſe ſei. Mike mußte die Frage wieder⸗ holen und da er noch immer keine Antwort erhielt, ſo begann er die Geduld zu verlieren. „Warum ſtiert Ihr mich ſo an?“ ſagte er rauh. „Habt Ihr noch nie einen Gentleman geſehen?“ Der Bediente hatte ſchon viele geſehen, ja, er war ſogar den Anblick dieſer Claſſe von Perſonen mehr gewöhnt als den von jeder andern. Sein Er⸗ ſtaunen galt daher einem Menſchen, der zu gut ge⸗ lleidet war für einen Bettler, aber doch ſich viel zu 135 gemein ausnahm, als daß der Diener nur einen Augenblick hätte glauben können, er ſtehe auf der Beſuchsliſte ſeiner hochgeborenen Gebieterin. „Ei ja, guter Freund,“ verſetzte er, ſich ſammelnd, denn der Ton und das Benehmen des Sprechers hatten ſeine Zweifel völlig beſeitigt. „Könnt Ihr mir nicht antworten?“ „Was wollt Ihr von der gnädigen Frau?“ „Das iſt meine Sache,“ brummte der Deportirte. „Ein Almoſen vermuthlich?“ „Almoſen!“ wiederholte Mike unwillig und warf zugleich einen wohlgefälligen Blick auf ſeine neuen Kleider.„Ich bin kein Stapler; das gehört nicht zu meinem Geſchäft.“ „Gebt Euer Anliegen lieber ſchriftlich ab,“ rief der Pförtner. „Ich kann nicht ſchreiben.“ Dies war ein Zugeſtändniß, welches ihn unend⸗ lich in der Meinung des verwöhnten Dienſtmanns herabſetzte. Er konnte es. „Dann geht einen Freund darum an, mein guter Mann.“ „Ich habe keine Freunde,“ antwortete der Strolch, „und wenn's auch der Fall wäre,“ fügte er mit einem ſchlauen Blinzeln bei,„ſo kenne ich mich zu gut aus, um mein Anliegen irgend Jemand anzu⸗ vertrauen. „So will ich Euren Namen melden.“ „Sie kennt ihn nicht.“ „Ihr ſeid alſo der gnädigen Frau fremd?“ 3„Nein. Sie kennt mich wohl. Sagt ihr ies.“ 136 „Ich kann keinen ſolchen Auftrag ausrichten,“ erwiderte der Diener, ihn mit verächtlicher Miene muſternd. „Ihr könnt nicht?“ „Nein.“ „Sehr gut,“ entgegnete der Beſuch, der jetzt in der Halle weiter vortrat und von dem Stuhle des Pförtners, ohne Frage dem bequemſten, Beſitz nahm; „ſo will ich hier ſitzen bleiben, bis ich die gnädige Frau zu ſehen kriege. Ja, macht nur große Augen! es iſt mir Ernſt. Und hört Ihr, Hans Kleiderbürſte,“ fügte er drohend bei,„nehmt Euch in Acht, daß Euch Eure Unverſchämtheit nicht den Platz koſiet. Wenn mein Zwillingsbruder hier wäre, ſo würde er Euch bald ſagen, wer ich bin, und Euch rechts um⸗ kehrt machen laſſen; glaubt mir dies.“ 3 „Euer Zwillingsbruder?“ wiederholte der er⸗ ſtaunte Diener. „Ja, Andrew Silex.“ Der Steward war zwar ſehr unbeliebt, aber auch ſehr gefurchtet in Sir Normans Haushalt, denn Jedermann kannte ſeinen unbegrenzten Einfluß auf den gnädigen Herrn, welchen er, beiläufig bemerkt, nie zum Guten anwandte. Unter der ganzen Diener⸗ ſchaft befand ſich keiner, der nicht gelegentlich Urſache zur Klage erhalten hätte. „Wenn Ihr einige Minuten warten wollt,“ be⸗ merkte der Pförtner,„ſo will ich Euch durch die Kammerjungfer der gnädigen Frau melden laſſen.“ „Laßt melden, durch wen Ihr wollt, wenn es nur geſchieht und bald geſchieht, mein feiner Burſch.“ Während der Pförtner mit der Kammerjungfer, 137 die er hatte rufen laſſen, Rückſprache hielt, kehrte Alice mit ihrer Gouvernante von ihrem Morgen⸗ ſpaziergang zurück und kam durch die Halle. Der Deportirte ſtierte ſie mit großen Augen an, da ihm ihre Aehnlichkeit mit Lillian gewaltig auffiel. „Vielleicht hatte die gnädige Frau im Grund doch Recht,“ dachte er,„und Lilly iſt ili— ili— ich weiß was ſie meinte; es iſt der Beſten nicht zu trauen. Aber das geht mich nichts an, wenn ſie nur zahlt. Und er gedachte der verſprochenen Summe. Mit geheimem Schrecken vernahm Lady Booth⸗ royd die Anmeldung der Perſon, deren ſeltſames Aeußere und Benehmen ihr die Kammerjungfer ſchil⸗ derte, denn ſie errieth mit einem Mal, wer es war, der ſie zu ſprechen wünſchte. Ehe ſie über ihr Han⸗ deln mit ſich einig werden konnte, erſchien Alice mit ihrer Gouvernante, der Mademoiſelle Joulain, im Zimmer. „Oh, Mama,“ rief das Kind, auf ſie zueilend, „in der Halle iſt ein ſo ſeltſamer Mann, der ganz dem Silex gleich ſieht.“ „Eine ſchreckliche Aehnlichkeit,“ fügte die Fran⸗ zöſin bei. Die Lady wußte jetzt, wie die Sache ſtand, denn auch ihr war bei Gelegenheit ihres Beſuches im Hauſe des Deportirten die Aehnlichkeit aufgefallen. „Er ſagt, er ſei der Bruder des Mr. Siler, gnädige Frau,“ bemerkte die Kammerjungfer. „Warum habt Ihr mir das nicht früher geſagt?“ rief das ſchuldige Weib.„Weist ihn nach dem Frühſtückimmer. Ich werde ihn ſogleich ſehen; und 138 wenn Euer Herr nach mir fragt, ſo ſagt ihm, daß ich von etwas Wichtigem in Anſpruch genommen ſei.“ „Zu Befehl, gnädige Frau.“ „Mademoiſelle, ich bitte, ſorgen Sie dafür, daß Alice die Aufgabe ihres Lehrers übt. Er beklagte ſich bei ſeinem letzten Beſuch, daß ſie nicht gelernt worden ſeien.“ Durch dieſe Weiſung wurde ſowohl ihrem Töch⸗ terchen, als der Franzöſin die Beobachtung der Lady unmöglich gemacht. Mike mußte wohl eine Stunde im Frühſtückzim⸗ mer ſitzen, eh' Lady Boothroyd erſchien, denn ſie hatte ſich vorher für die Begegnung ſammeln müſſen. Daß der Mann ſie aufgefunden hatte und jetzt her⸗ kam, war ihr ſehr widerwärtig, da ſie in ihrem ent⸗ ſchieden feinen Plan einer ſolchen Möglichkeit vor⸗ gebaut zu haben glaubte; auch diente der Umſtand, daß ſie es mit dem Bruder ihres Steward zu thun hatte, nicht zu ihrer Beruhigung. Schon ſeit einigen Tagen wollte ihr ein unbeſtimmter Argwohn, daß der verſchmitzte Siler ein doppeltes Spiel mit ihr ſpiele, nicht aus dem Kopf. Mike hatte darauf gerechnet, die Lady werde verwirrt und auf die Enideckung ihres Namens und ihrer Wohnung gar nicht vorbereitet ſein. Er ſtaunte daher nicht wenig über ihr ruhiges und gefaßtes Eintreten, als handle ſich's zwiſchen ihnen um eines der gewöhnlichſten Vorkommniſſe des Alltaglebens. Sie fragte ihn kalt nach der Urſache ſeines ſeltſamen Beſuchs und ſeines noch ſeltſameren Benehmens ge⸗ gen die Dienſtboten. 139 „Man wollte mich nicht vorlaſſen,“ verſetzte Mike etwas betroffen. „Ich pflege von Fremden keine Beſuche anzu⸗ nehmen,“ lautete die Entgegnung. „Aber ich bin kein Fremder.“ „Nicht viel mehr,“ bemerkte die Lady.„Aber wir wollen dies übergehen. Vermuthlich ſeid Ihr nicht ohne Veranlaſſung hieher gekommen und ich will dieſe zuvor von Euch hören, eh' ich mir ein Urtheil über Euer Benehmen bilde.“ Mike blickte mit ſehr bedeutſamer Miene nach dem Flor auf ſeinem Hut und verſuchte eine ſehr betrübte Miene anzunehmen. Das ſchuldige Weib wurde leichenblaß. „Das Kind?“ ſtotterte ſie. „Todt, gnädige Frau,“ verſetzte der Strolch, „aber es war nicht meine Schuld. Ich gewann es ſo lieb, als wäre es mein eigenes; es hatte ſo ein⸗ nehmende Manieren an ſich.“ „Ein Unfall?“ „Nein, gnädige Frau. Huſten— Auszehrung, ſo nannte es der Doctor, denn ich ließ einen Doctor kommen— ſehr koſtſpielig; aber ich wußte, Sie würden mich ſchadlos halten.“ „Allerdings,“ entgegnete Lady Boothroyd, noch mehr erſtaunt namentlich über die Urſache von Lilly's Tode, denn nie hatte ein Kind weniger danach aus⸗ geſehen, daß es dieſer verhängnißvollen Krankheit zum Opfer fallen würde;„und der Arzt erklärte, es ſei an Auszehrung geſtorben?“ „Ich habe ein Zeugniß dafür.“ „Und wann ſtarb es?“ 140 „Vor acht Tagen. Wir begruben es am letzten Donnerſtag. Früher konnte es nicht geſchehen, weil die Doctors es öffneten. Das war mein Wunſch. Ich wollte Alles recht und eben haben.“ Bei aller ihrer Verhärtung ſchauderte die Zu⸗ hörerin. Die Geſchichte von der Auszehrung täuſchte ſie keinen Augenblick. Sie erinnerte ſich noch zu gut, wie die Augen des Unholds vor Begier ge⸗ funkelt hatten, als ſie den Wink über die fünfhundert Pfund fallen ließ. Die Gewiſſensmahnung währte jedoch einen Moment und wich dem mächtigeren Ge⸗ fühl der Freude über die Nachricht, daß der Gegen⸗ ſtand ihrer Furcht ſo geſchickt aus dem Wege ge⸗ ſchafft war. Mike holte zwei zerknitterte Papierſtücke aus ſei⸗ ner Taſche; das eine war ein Begräbnißſchein über ein Kind, Namens Lillian, Familie unbekannt, das von Fremden bei Michael Silex, wohnhaft in der Belvedereſtraße, in Koſt gegeben wurde. Lady Boothroyd nahm es mit feſter Hand und las es ſorgfältig. Das zweite trug die Unterſchrift des Kirchſpiel⸗ doctors und enthielt den Sectionsbericht nebſt Nam⸗ haftmachung der Todesurſache. Nichts konnte beſſer in Ordnung ſein; und doch fühlte ſie ſich durchaus nicht beruhigt. Das Ereig⸗ niß kam ſo plötzlich, ſo unwahrſcheinlich. „Ich will die Sache näher unterſuchen laſſen,“ ſagte ſie. „Sie werden Alles in Richtigkeit finden,“ ver⸗ ſetzte Mike, der ihren ſcharfen Blick keck aushielt; „das Kind erkältete ſich und ſchwand dahin wie eine 141 Blume. Wann werd' ich das Geld holen können?“ fügte er ängſtlich bei.„Ich bin ein armer Mann und kann nicht warten.“ „Welches Geld?“ „Die fünfhundert Pfund.“ „Und bildet Ihr Euch ein, mein guter Mann,“ entgegnete Lady Boothroyd,„ich ſei ſo einfältig, auf zwei ſolche Fetzen eine ſo große Summe auszahlen zu laſſen, ohne daß ich mich vorher von ihrer Aecht⸗ heit überzeugt hätte? Gewiß nicht. Außerdem wurde Euch das Geld nur unter der Bedingung verſprochen, daß Ihr das Kind gut hieltet.“ „Ich hab' es ſo gehalten, wie Sie wünſch⸗ ten,“ murmelte Mike. „Das muß ſich erſt herausſtellen. Ich rechnete dabei, es werde Jahre bei Euch bleiben.“ Sie warf einen Blick auf den Beerdigungsſchein.„Wie ich ſehe, iſt Euer Name Silex.“ „Ganz richtig, gnädige Frau.“ „Ein Bruder meines Steward?“ „Sein Zwillingsbruder.“ „Ich will ihm ſchreiben, daß er unverzüglich nach London komme,“ ſagte die Lady.„Da Eure Em⸗ pfehlung von ihm herrührt, ſo muß er in der Sache zum Rechten ſehen. Stellt ſich heraus— das heißt, unumſtößlich heraus, daß das Kind gehörig be⸗ handelt worden und wirklich todt iſt, ſo will ich mein unüberlegtes Verſprechen bedenken und mich mit Euch abfinden.“ „Ich kann nicht warten.“ Lady Boothroyd runzelte ihre ſchöngewölbten Augbrauen. 142 .„Ich will nicht warten,“ fügte der Strolch ei. „In dieſem Fall muß ich Euch an meinen Sach⸗ walter verweiſen.“ „Das wagen Sie nicht.“ „Wir wollen ſehen,“ fuhr die Lady fort, ſich von ihrem Sitz erhebend.„Meint Ihr, daß Ihr mich einſchüchtern könnet, oder daß Ihr mit einem Kind zu thun habt? Aus Euren unverſchämten Blicken und aus Eurem drohenden Ton könnte man ver⸗ muthen, es handle ſich um die Bezahlung eines Ver⸗ brechens, nicht aber um eine der einfachſten Sachen von der Welt— um die Unterbringung eines Kin⸗ be deſſen Geburt ein Unglück war, in einem Koſt⸗ haus.“ Mike betrachtete die Dame gewiſſermaßen mit Bewunderung, trotz ſeiner innerlichen Wuth, ſich ſo abgefertigt zu ſehen. Er liebte die Kuraſch, wie ers nannte, namentlich bei einem Weib, aber dies hin⸗ derte ihn nicht, ſeine letzte Karte— den Trumpf, wie er meinte— auszuſpielen.“ „In dieſem Fall, gnädige Frau,“ ſagte er,„werde ich Ihren Herrn Gemahl ſprechen.“ Die Lady zog ruhig die Klingel. „Seht nach, ob Sir Norman in ſeinem Studir⸗ zimmer iſt,“ ſagte ſie zu dem eintretenden Bedienten. „Hier iſt eine Perſon, die ihn zu ſprechen wünſcht.“ „Nein, nicht doch,“ rief haſtig der Strolch, durch ihre Ruhe völlig eingeſchüchtert,„was Sie ſagen, iſt vollkommen befriedigend.“ „Nach Belieben.“ „Ich will Sir Norman nicht beläſtigen.“ 143 Auf einen Wink der Lady trat der Bediente ab. Es war ein kühner Zug von ihrer Seite; aber die Gefahr rechtfertigte das Wagniß, welches außerdem nicht ſehr groß war, da ihr Gatte früher oder ſpä⸗ ter doch von dem Geheimniß unterrichtet werden mußte. „Ich will noch heute an Euren Bruder ſchreiben,“ ſagte die Lady, als ſie mit ihrem Beſuch wieder allein war.„Ihr ſollt dann weiter von mir hören.“ Mike bat dringend wenigſtens um eine Abſchlags⸗ zahlung, aber Lady Boothroyd lehnte das Anſinnen mit Feſtigkeit ab, obſchon ſie entſchloſſen war, ihr Verſprechen zu erfüllen, ſobald ſich ſeine Angaben als richtig herausſtellten. Sie wollte nämlich nicht das geringſte Zeichen von Furcht an ſich wahrneh⸗ men laſſen, da dies ſehr unpolitiſch und einer Frau von ihrem Takt unwürdig geweſen wäre. Mike verließ das Haus in Regentspark mit weit geringerer Zuverſichtlichkeit, als er es betreten hatte. Wie die Karten vertheilt waren, ſchien das Spiel nicht ganz ſo ſicher zu ſein; dagegen tröſtete er ſich mit dem Gedanken, daß der beſte Trumpf, Lillian, noch immer in ſeiner Hand ſei. „Was für ein Eſel wär' ich geweſen,“ dachte er auf ſeinem Heimweg,„wenn ich mich wirklich in Ge⸗ fahr geſetzt und gethan hätte, was dieſe feine Ma⸗ dame von mir verkangte, aber nicht ausſprechen wollte. Sie will ſich bedenken?— Hum! Ich will's auch bedenken, und wir werden ſehen, wer am Weiteſten dabei kömmt. Ich muß Fidler Dick aufſuchen und das Mädel wieder zurückbringen; dann kann ich fra⸗ gen, ob man es wagt, mir vorzuenthalten, was mir 144 gebührt. Ich denke, man wird Mike nicht ſo ein⸗ fältig finden, als man meint.“ Der Strolch war noch nicht lange in ſeiner Woh⸗ nung, als er einen Beſuch von Bet erhielt, welche ihm, natürlich unter Uebergehung der von ihr ſelbſt geſpielten Rolle, das Unglück ihres Mannes, wie ſie's nannte, mittheilte. Sie klagte ihm ferner, wie Dex⸗ ter die Kinder und das Geſchäft an ſich gezogen habe und ſchloß mit der Hoffnung, daß Dicks alter Kumpan ehrenhaft handeln und ihr die zwanzig Pfund zahlen werde. „Zwanzig Teufel,“ entgegnete der Unhold.„Ich habe ja ſelbſt noch nichts.“ „Aber Ihr werdet's kriegen.“ „Das iſt noch nicht ſo gewiß; aber wo iſt Lilly?“ Als er von ihrem Abhandenkommen hörte, wollte er vor Aerger und Wuth faſt verrückt werden. Lilly war, wie er ſich figürlich ausdrückte, das Trumpf⸗Aß in dem Spiel, das er gegen zwei ſo erfahrene Geg⸗ ner, wie ſein Bruder und Lady Boothroyd, zu ſpie⸗ len hatte. „Macht ſie ausfindig und Ihr ſollt das Geld haben,“ ſagte er.„Wo nicht, ſo triegt Ihr keinen Stüber von mir. Ihr wißt jetzt, was Ihr zu er⸗ warten habt.“ Das Weib verſprach, ihr Beſtes zu thun. Die zwanzig Pfund waren ein weiterer Sporn, ihre Nach⸗ forſchungen nach dem entronnenen Opfer wieder auf⸗ zunehmen. Drei Tage ſpäter ſaß der Deportirte höchlich übel gelaunt in ſeiner Stube, als der Steward bei ihm eintrat. Mr. Siler war eben ſo ärgerlich als 145 aufgeregt, weil Mike durch das Aufſuchen der Lady ſein Verſprechen gebrochen und zugleich hinter des Stewards Rücken gehandelt hatte. Eh' er ſeinen Bruder beſuchte, war er bei dem Arzt und bei dem Küſter geweſen, um nähere Erkundigungen einzu⸗ ziehen, und obſchon allem Anſchein nach nichts klarer ſein konnte, fuhr Mr. Siler doch fort zu zweifeln. Der Arzt hatte ihm das Kind, die Farbe der Augen und des Haares beſchrieben, über deſſen Alter Aus⸗ kunft ertheilt und angegeben, daß die Kleine ſich Lillian nennen ließ; aber dies überzeugte ihn noch immer nicht von ihrem Tode. Er ſchloß daraus blos, daß Mike ein viel ſchlimmerer Spitzbube ſei, als er vermuthet hatte. „Na, Du haſt das recht hübſch eingeleitet,“ ſagte er, indem er einen Stuhl nahm. „Was hübſch eingeleitet?“ fragte der Strolch. „Den Tod des Kindes.“ „Das iſt nicht eingeleitet; es kam ganz natür⸗ lich, das arme Ding konnte die Kälte und Feuchte nicht aushalten; der Huſten ſetzte ſich ihr auf die Lungen und es war bald vorüber. Frag' den Doc⸗ tor,“ fügte er bei,„er weiß, daß Alles recht und eben iſt.“ „Ich habe ſchon gefragt.“ 3 „Kannſt auch Kirchenregiſter Einſicht nehmen.“ „Iſt geſchehen.“ „Wie magſt Du dann von Einleiten ſprechen?“ rief Mike.„Ich weiß wohl, Du und Deine ſaubere Gnädige, ihr hofft, mich um mein Recht zu bringen; aber ich laß mir dies nicht gefallen. Wenn ich nicht Smith, Ebbe u. Fluth. II. 10 . 146 bezahlt werde, geh' ich zu einem Friedensrichter und mache eine eidliche Angabe über die ganze Geſchichte. Sind einmal Polizei und Zeitungen dahinter, ſo wer⸗ den ſie bald der Wahrheit auf den Sprung kommen.“ „Es gibt da nichts, dem man auf den Sprung kommen könnte, Mike,“ verſetzte der Steward.„Die Kleine war eines armen Mannes Kind.“ „Aber die Mutter war nicht arm,“ entgegnete der Bruder, der ſich's nicht nehmen ließ, daß Lady Boothroyd Lillians Mutter ſei.„Wie hätte ſonſt die gnädige Frau mir fünfhundert Pfund verſprechen können?“ Der Steward dachte eine Weile nach. Er ſah, daß Mike's Abſichten zu großen Unannehmlichkeiten führen konnten und beſchloß ungeachtet ſeines Aer⸗ gers über die Wortbrüchigkeit ſeines Bruders, ihm zu dem Geld behülflich zu ſein. „Du ſollſt in einigen Tagen bezahlt werden,“ ſagte er. Mike's Geſicht heiterte ſich auf. Das war ein weit beſſerer Ausgang, als er erwartet hatte. „Ach, Andrew,“ ſagte er,„wenn Du nur gehan⸗ delt hätteſt wie ein Bruder und Zwilling, ſo hätten wir einander ordentlich in die Hände ſpielen können. Die gnädige Frau— da ſie einmal eine iſt— hat mich mit aller Ruhe und Gleichgültigkeit nicht ge⸗ täuſcht, obſchon ich allen Reſpekt habe vor ihrem Verſtand. An dem Kind hängt ein Vermögen, und ich hätte wenigſtens die Hälfte davon kriegen ſollen.“ Mr. Silex zeigte ſeine merkwürdig weißen Zähne und lachte innerlich. Der Gedanke kitzelte ſeine Ein⸗ bildungskraft, denn ganz den gleichen Antheil hatte 147 er im Geheimen als den Preis ſeiner Mitwirkung in Ausſicht genommen. „Das hätt' ich ſollen, und Du weißt es wohl,“ fuhr Mike fort.„Hörte ich nicht aus Deinem eige⸗ nen Mund, ſie werde eines Tags ihr Gewicht in Gold werth ſein?“ „Ja, wenn ſie am Leben wäre,“ bemerkte der Steward. Ein eigenthümlich höhniſcher Zug flog über das Geſicht des Deportirten; Andrew bemerkte ihn und all' ſein Argwohn kehrte zurück. „Sieh, Mike, wir kennen einander endlich durch⸗ aus,“ ſagte er in großer Aufregung. „So ziemlich,“ entgegnete der liebenswürdige Zwilling. „Wenn Lilly nicht wirklich todt iſt— und ich habe meine Zweifel darüber— ſo laß mich die Wahr⸗ heit wiſſen, und die fünfhundert Pfund ſollen ver⸗ doppelt werden.“ „Es wird Zeit ſein,“ erwiderte der Strolch vor⸗ ſichtig,„auf dieſe Angelegenheit einzugehen, wenn die erſte erledigt iſt— bis dahin kein Wort darüber.“ „Und dann?“ Mike blinzelte geheimnißvoll, ließ ſich aber keine Sylbe mehr von dem pfiffigen Mr. Siler entlocken. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Caradoc war ein ſchweres, holländiſch ge⸗ bautes Schiff von ſehr langem Rumpf, ſcharf abge⸗ rundeten Bugen und viereckigem Stern, ein langſamer 10 148 Segler von ungefälligen Umriſſen. Statt einem Seevogel gleich die Wellen zu durchſchneiden, ſchwankte er ſchwerfällig darauf hin und her, ſo daß es für einen Nichtmatroſen eben ſo ſchwer wurde, ſich auf den Beinen zu halten, wie dem Commandeur, bei guter Stimmung zu bleiben— eine Thatſache, über welche der neue Lehrling in's Klare kam, ſobald ſie den Nore hinter ſich hatten. Zum Erſtenmal fühlte ſich der kräftige, lebensfriſche Junge phyſiſch und moraliſch niedergeſchlagen. Er kümmerte ſich keinen Strohhalm um ſein Leben, das ihm nie eine beſon⸗ ders angenehme Seite dargeboten, und würde kaum einen Widerſtand geleiſtet, ja vielleicht es mit Dank angenommen haben, wenn Jemand verſucht hätte, ihn über Bord zu werfen. Unter das Elend der Seekrankheit miſchte ſich die Beſorgniß um Lillian, welche ſchutzlos dem Erbarmen ſeines viehiſchen Onkels preisgegeben war. Er hatte das triumphirende Schwenken des Knotenſtricks nicht vergeſſen, und die Erinnerung daran machte ihn faſt wahnſinnig, während er, den ſchmerzenden Kopf auf einen Tauring geſtützt, auf dem Deck ſeines ſchwim⸗ menden Gefängniſſes dalag. Gleichwohl war noch keine Thräne ſeinem Aug entrollt, kein Wort über ſeine Lippen gekommen; er würde auch keine Erleichterung darin gefunden haben. Die Ueberzeugung, daß die Welt hart und ungerecht mit ihm umgehe, erfüllte ſein Herz mit bitteren Ge⸗ danken, und er fragte im Geiſt ſich ſelbſt, womit er das verdient habe. War es ſeine Schuld, daß er einen verurtheilten Verbrecher zum Vater hatte, daß der eine Onkel ihn zum Dieb erzog, und der andere 149 ihm allen Beiſtand zu einem ehrlichen Fortkommen verweigerte? Faſt kam ihm der Gedanke, daß der Name Ehrlichkeit nichts als Windbeutelei ſei, wenn er ſehen mußte, wie gut ſeine Verwandten ohne die⸗ ſen Artikel in der Welt fortkamen. So lang ſich der Capitän auf dem Deck befand, nahm von der Mannſchaft keine Seele auch nur die mindeſte Notiz von Jack, nicht aus Gleichgültigkeit, ſondern aus Mitgefühl; denn ſie wußten wohl, daß jede Theilnahmebezeugung von ihrer Seite nur die Bosheit des Tyrannen wecken würde, der ſich nie ſo glücklich fühlte, als wenn er an irgend einem un⸗ glücklichen Opfer ſeine Laune auslaſſen konnte. Er hatte ſich kaum in ſeine Cajüte zurückgezogen, als der Spaßmacher vom Dampfſchiff und der Knabe, mit welchem der Meſſertauſch ſtattgefunden, ſich der Stelle näherten, wo Jack lag. Der Eine warf ihm, weil es bitter kalt war, einen alten Lotſenkittel um, der Andere zog ein Stück Theerleinwand heran, da⸗ mit Jack für den Fall eines Regens ſich ſchützen konnte. „Na, junges Meerſchwein,“ ſagte der alte Mann in freundlichem Ton,„wie iſt Dir's?“ Jack ſah traurig zu ihm auf, gab aber keine Antwort. „Schlimm, he? Kann mir's denken. Iſt mir auch einmal ſo ergangen; aber das iſt ſchon lange her, daß ich's vergeſſen habe. Du wirſt's bald über⸗ wunden haben, und bei uns ſo ruhig ſchlafen, wie das Kindlein in der Wiege.“ Dieſe Verſicherung brachte Jack wenig Troſt. Er hatte nie eine Wiege gehabt, und konnte ſich einer Mutter nicht erinnern. 150 „Er darf nicht die ganze Nacht hier liegen blei⸗ ben,“ fuhr der Matroſe nachſinnend fort.„Wir müſſen ihn nach dem Fockraum bringen,“ fügte er gegen Kaleb bei. „Nein, nein,“ ſtöhnte Jack,„laßt mich hier lie⸗ gen. Ich ſterbe, wenn ihr mich fortſchafft.“ „Sterben?“ wiederholte der Matroſe.„Poh! Die See iſt Anfangs wohl eine rauhe Wärterin, meint's aber doch gut. Noch eh' wir den Canal im Rücken haben, wirſt Du wieder ſo lebhaft wie ein Delphin, ſo flink wie ein fliegender Fiſch ſein.“ „Ich bitte, laßt mich hier.“ „'s iſt vielleicht eben ſo gut,“ verſetzte Kaleb, „wenn er in freier Luft bleibt.“ Bunce warf einen bedeutſamen Blick nach der Cajütenthüre, den der junge Matroſe wohl verſtand, er ſprach deßhalb Jack gleichfalls zu, und dann hal⸗ fen ſie beide dem Neuling die Hüttentreppe hinunter. „Wo ſtauen wir ihn hin?“ rief Bunce umher⸗ ſchauend.„Der arme Schelm hat weder Kiſte noch Hängematte. Es kömmt mir vor, diejenigen, welche ihn auf die See ſchickten, wollten ihn nur los wer⸗ den. Obſchon das Kirchſpiel für mich ſorgen mußte,“ fügte er bei,„gab man mir doch eine Ausſtattung mit auf's Schiff.“ „Gebt ihm mein Berth,“ verſetzte Kaleb.„Mir macht's nichts aus, denn ich bin bei der erſten Wache, und wenn ich mich einthu', kann ich auf meiner Kiſte ein Schläfchen machen.“ Mit rauher, aber von Herzen kommender Theil⸗ nahme ſchafften ſie Jack in Kalebs Hängematte,— und nachdem ſie es ihm, wie ſie meinten, ungemein 1 behaglich gemacht hatten, begaben ſie ſich wieder auf das Deck. Zum Glück legte ſich mit Einemmal der Wind, welcher den ganzen Tag über als ſcharfe Kühlte ge⸗ blaſen hatte, und es trat völlige Windſtille ein, ſo daß der Rumpf des Caradoc verhältnißmäßig ruhig dalag. Als Bunce und der Junge nach Beendigung ihrer Wache in die Back zurückkehrten, fanden ſie den Lehrling in geſundem Schlaf. Bunce war einer von den Matroſen, die man gemeiniglich Seeadvokaten nennt, denn Niemand an Bord wußte ſo gut als er, wie weit man gehen durfte, ohne dem Meutereigeſetz anheimzufallen. Er war ein Düftler in Beziehung auf ſeine eigenen Rechte, und nahm ſich auch leidlich in Acht, die an⸗ derer Leute nicht zu verletzen. Unter welchem Ca⸗ pitän er auch ſegeln mochte, pflegten ſeine Kame⸗ raden, wenn ſie ſich über etwas zu beklagen hatten, ihn zum Sprecher zu wählen, und die Folge davon war, daß er nach dem Schiffer und dem erſten und zweiten Maten als die wichtigſte Perſon an Bord galt— eine Auszeichnung, zu welcher ſeine Geſchick lichkeit im Spinnen eines Garns nicht wenig beitrug. „He, junger Burſch,“ rief er, als Jack die Augen aufſchlug und matt um ſich herſchaute,„wie iſt's mit dem— guack— Du verſtehſt?“ Mit einem Schauder bei der Erinnerung des Durchgemachten erwiderte Jock, er meine, daß es ihm beſſer ſei. „Meinſt Du's nur?“ verſetzte der Matroſe.„Und ich denke, Du biſt wirklich beſſer. Als Kaleb und ich uns nach der erſten Wache einthaten, hatteſt Du 152 ziemlich das Ausſehen eines jungen Meerſchweins und warſt eben ſo lieblich anzuhören; nur mußte ich mein taubes Ohr gegen den Wind legen, um ein⸗ ſchlafen zu können. Aber jetzt heraus,“ fügte er bei. „Der Schiffer wird bald auf dem Deck ſein.“ Jack Manders machte den Verſuch, aus ſeiner unſtäten Lagerſtätte zu kommen; aber ſobald ſeine Füße auf dem Boden anlangten, wich die Hänge⸗ matte in Folge einer von jenen ercentriſchen Be⸗ wegungen, die kein bekanntes mechaniſches Geſetz er⸗ klären kann, zurück, und Jack lag der Länge nach am Boden. Kaleb half ihm auf. „Was ihr Landburſche doch für unbehülfliche Tölpel ſeid,“ rief der alte Mann in einem Ton, in welchem ſich Mitleid der Verachtung beimiſchte, denn er war ſelbſt durch und durch Matroſe.„Doch das iſt jetzt gleichgültig, Du wirſt's mit der Zeit ſchon beſſer lernen. Kaleb und ich ſind gekommen, um mit Dir zu plaudern. Du biſt alſo Lehrling?“ „Nein.“ „Dein Onkel hat Dich dazu gemacht. Ich ſagte es gleich, daß mir ſein Figurenkopf nicht gefalle.“ „Ich bin nicht verantwortlich für das, was Mike that,“ verſetzte der Knabe. „Aber Du haſt den Lehrbrief unterzeichnet?“ „Nichts hab' ich unterzeichnet,“ erwiderte Jack. „Wie ſollt' ich? Ich kann ja gar nicht ſchreiben.“ „Dann thu'es nicht,“ flüſterte ihm ſein Rath⸗ geber zu.„Dies iſt Deine einzige Ausſicht. Im erſten Hafen, in den wir einlaufen, läßt Du Dein Kabel fallen und nimmſt Reißaus. Der Schiffer kann Dich nicht zur Rückkehr zwingen, wenn er nicht dem engliſchen Conſul Deinen Lehrbrief vorweist— dies iſt Recht und Gerechtigkeit, obſchon beides nicht immer das Gleiche iſt.“ Die letzteren Worte wurden mit einer Würde vor⸗ getragen, als ſpräche ſie ein Richter vor der Gerichts⸗ bank; denn Mr. Bunce that ſich etwas darauf zu gute, daß er zur See als juriſtiſche Autorität galt. Jack dankte ihm und verſprach, ſich ſeinen Rath zu Nutzen zu machen. „Ich laſſe mich lieber in Stücke hauen, eh' ich mein Handzeichen darunter ſetze,“ ſagte er. Der alte Matroſe nickte beifällig. „Und ich werde auch nichts anrühren.“ „Nichts da,“ entgegnete der Seeadvokat.„Der Schiffer ſteht über den Maten, der Mate über den atroſen, und der Matroſe über den Schlingeln; aber das Schiff geht über Alles. Wer an Bord Zwieback krachen läßt, muß thun, was an ihn kömmt; nur keinen ſaumſeligen Dienſt.“ Jack hielt es für ſehr hart, an Bord des Cara⸗ doc Zwieback krachen laſſen zu müſſen, während er ſich am Lande ſo gern auch nur mit einem halben Laib beholfen hätte. Er war indeß klug genug, zu verſprechen, daß er ſein Beſtes thun wolle. Die Matroſen ſind ſprüchwörtlich ein gutmüthiges Volk, leichtſinnig, unbekümmert um die Zukunft, und Freunde von Scherz und Zerſtreuung, aber ſelten gefühllos. Der kahle Zuſtand, in welchem der neue Lehrling an Bord gekommen war, erregte ihre Theil⸗ nahme, und ſie brachten für ihn eine kleine Aus⸗ ſtattung zuſammen; die Hauptbeiträge übrigens rühr⸗ ten von Bunce und Kaleb her. 15⁵4 Im Lauf des Morgens ließ der Capitän Jack nach ſeiner Cajüte rufen. „Hab' Acht, wie Du lavirſt,“ ſagte der alte Ma⸗ troſe, als Jack die Back verließ.„Der Segeldruck macht's noch nicht. Wenn der Schiffer die Ober⸗ bramſegel aufzieht, ſo laß Du die dreieckigen Ober⸗ oberbramſegel flattern.“ Mit anderen Worten, der Sprecher empfahl ihm, den Ueberredungen ſowohl als den Drohungen eine unerſchütterliche Feſtigkeit entgegen zu ſetzen. Der Knabe nickte, um anzudeu⸗ ten, daß er ihn verſtanden habe, und ſtieg ſchweren Herzens die Hüttentreppe hinan. Capitän Gall gehörte unter die Menſchen, wel⸗ chen die Natur ſelbſt die Liebe zur Tyrannei einge⸗ pflanzt hat. Wäre er im Purpur der Cäſaren ge⸗ boren worden, ſo hätte er ſeine größte Luſt in der Arena geſucht; da er ſich aber auf eine engere Sphäre beſchränkt ſah, ſo fand er ſein Hauptver⸗ gnügen darin, daß er ſeine Mannſchaft quälte und unglücklich machte. Insbeſondere liebte er es, ſeine Rohheit an den Lehrlingen auszulaſſen, weil es bei dieſen am allerſicherſten geſchehen konnte. Dieſen armen Schelmen gegenüber kannte ſeine Barbarei kaum eine Grenze, und zornige Worte, welchen un⸗ ausbleiblich die Schläge folgten, gehörten zur Tages⸗ ordnung. Augen, welche ſeinem wilden Blick mit Feſtigkeit begegneten, regten ihn faſt zum Wahnſinn auf, wäh⸗ rend diejenigen, welche erſchrocken ſich ſenkten, nicht minder das Verlangen nach dem Anblick des Schmer⸗ zes in ihm ſteigerten, den ſein Opfer an den Tag legte. 15⁵ Faſt für jede Fahrt mußte er neue Mannſchaft einſchiffen, da nur ſelten ein Matroſe zum zweiten Mal mit ihm ſegelte; aber für die Lehrlinge gab es keine Rettung. Als Jack Manders in der Cajüte erſchien, faßte ihn der Capitän eine Zeit lang ſtreng in's Auge, ohne ein Wort zu ſprechen. Der Knabe ewiderte den Blick ſtandhaft, aber ohne Trotz. Der Capitän hätte ihn lieber eingeſchüchtert und zitternd vor ſich geſehen; muthige Faſſung brachte ihn auf. „Nun,“ rief er,„Du biſt jetzt dem Pfad der Sünden entrückt, und Deine würdigen Onkel geben Dir Gelegenheit, an Bord des Caradoc ein ordent⸗ licher Menſch zu werden. Ich hoffe, Du erkennſt dies mit Dank an, und haſt Dir vorgenommen, Dich gegen mich gehorſam zu erweiſen.“ „Was habe ich mit Dank anzuerkennen?“ fragte der Knabe hocherröthend bei der Anſpielung auf ſeine bisherige Lebensweiſe.„Wenn ich unrecht handelte, ſo war Mike der Veranlaſſer.“ „Ich glaube kein Wort davon,“ verſetzte der Schiffer. „Dann kann ich nicht helfen,“ bemerkte der Knabe philoſophiſch. Gall hatte gute Luſt, ihn niederzuſchlagen, zügelte aber vorderhand noch ſeine Leidenſchaft. Es mußte noch ein Punkt durchgeſetzt ſein, eh' das Opfer ſich geſetzlich in ſeiner Gewalt befand. „Unterzeichne dieſes Papier,“ ſagte er, auf den Lehrbrief deutend, welcher Jack Manders auf ſieben Jahre an die Eigenthümer des guten Schiffes Cara⸗ doc feſſeln ſollte. 156 „Was iſt es?“ „Was es iſt? Du unverſchämter, junger Ha⸗ lunke,“ entgegnete das Unthier auf ihn zuſchreitend „es iſt für Dich die Ausſicht, ein ehrlicher Menſch zu werden. Schreib Deinen Namen hin.“ „Ich kann nicht ſchreiben.“ „So mach drei Kreuze,“ fügte der Capitän bei, ihm eine Feder in die Hand drückend. „Ich mag nicht.“ Dieſe Worte waren kaum ſeinen Lippen entwiſcht, als ein Schlag an die Schläfe den armen Knaben köpflings und halb betäubt gegen die Cajütenwand ſchleuderte. „Ich will Dich lehren, mit mir einen Wortſtreit anzufangen,“ rief der Eiſenfreſſer.„Da!— da! und dai“ fügte er bei, jedes Wort mit einem Schlag be⸗ gleitend.„Willſt Du jetzt unterzeichnen?“ Obſchon todtenblaß und faſt bewußtlos von der grauſamen Behandlung, behielt der arme Jack doch noch ſo viel Muth, um mit Nein zu antworten. Wir wollen dem Leſer nicht damit weh thun, daß wir ihm ausführlich die Scene der Grauſamkeit und Gewaltthätigkeit ſchildern, die nun folgte; es war die thieriſche Kraft dem hülfloſen Knabenalter gegen⸗ über— die Leidenſchaftlichkeit eines grauſamen Sin⸗ nes, die feſſellos in den Leiden ihres Opfers ſchwelgen. Wie unſere Leſer bereits geſehen haben, fehlte es Jack Manders nicht an Muth; er hatte ihn gezeigt, als er auf der Brücke Rachel gegen die Beſchimpfun⸗ gen des Carus Kearn vertheidigte, und brachte ihn jetzt für eigene Rechnung in Anwendung. Er riß einen ſchweren Sextanten von dem Tiſch weg und ward mit Einemmal zum Angreifer, indem er den⸗ ſelben mit aller ihm noch zu Gebot ſtehenden Kraft dem Wütherich an den Kopf ſchleuderte. Capitän Gall maß mit ſeiner ganzen Länge den Boden, und der Knabe ſtürzte, blutend und vom Kampf erſchöpft, die Cajütentreppe hinauf. Auf dem Deck ſtanden mehrere Matroſen, dar⸗ unter Bunce und Kaleb, und hatten dem Geſchrei zugehört. „Haſt Du unterzeichnet?“ fragte Bunce. „Ihr wißt, daß ich nicht ſchreiben kann.“ „Dein Zeichen darauf geſetzt?“ „Ich hab's ihm an ſeinem Schädel gelaſſen,“ verſetzte Jack, und ſank erſchöpft auf dem Deck nie⸗ der.„Ich mußte mich meines Lebens wehren; er würde mich ermordet haben.“ Mit der natürlichen Theilnahme der Jugend kniete Kaleb an ſeiner Seite nieder und begann ihm die Stirne zu reiben, während einer der Matroſen ihm etwas Rum einzuſchütten verſuchte. „Der Capitän wird ihn peitſchen laſſen,“ bemerkte ein Matroſe. „Er kann nicht,“ bemerkte der Seeadvokat.„Der Junge iſt kein Lehrling, ſondern gewaltſam an Bord gebracht worden.“ Der Capitän, der ſich inzwiſchen von ſeinem Fall erholt hatte, kam jetzt ſchäumend und halb toll vor Wuth auf das Deck. Sobald er des lebloſen Jacks anſichtig wurde, ſtürzte er auf ihn los und verſetzte ihm einen ſchweren Fußſtoß an die Seite des Kopfes. Unter den Matroſen erhob ſich ein Gemurmel, und der Ausruf„Pfui!“ war deutlich daraus zu vernehmen. 158 „Der Elende— der Halunke!“ brüllte das Un⸗ thier, zu einem zweiten Stoß ausholend.„Ich will ihn lehren, an Bord meines Schiffes zu meutern. Ich laß' ihn peitſchen, den—“ „s iſt keine Meuterei,“ ſagte Bunce mit Feſtig⸗ „und Sie haben kein Recht, ihn peitſchen zu aſſen.“ Das wüthende Ungeheuer ſchoß ihm Blicke zu, wie ein zum Sprung fertiger Tiger. „Er iſt kein Lehrling,“ fügte der alte Mann bei. „Er iſt nur durch Seelenverkauf in Ihre Hände ge⸗ kommen.“ „Lehrling oder nicht; er ſoll die Peitſche fühlen,“ entgegnete Capitän Gall.„Auf mit ihm!“ 6 Niemand rührte ſich. 7 Der Commandeur des Caradoc hatte ſeinen Cha⸗ rakter etwas früher gezeigt, als er ſonſt zu thun pflegte, denn das Schiff befand ſich noch immer in dem Canal. In dem finſteren Ungehorſam der Ma⸗ troſen lag etwas, was ihm zur Warnung hätte die⸗ nen ſollen; aber die Leidenſchaft hatte ihn völlig ver⸗ blendet. Er rief nach ſeinen Piſtolen, die auch der Steward herbei brachte, blickte entſchloſſen umher und befahl den Leuten, Jack zu binden. Die Aufforde⸗ rung hatte keinen beſſeren Erfolg. „Sie werden mir beiſtehen, Fraſer,“ ſagte er zu dem erſten Maten.* „Gewiß,“ antwortete der Angeredete, ein ſchlauer Schotte.„Aber, Capitän, wär' es nicht beſſer, Sie benähmen den Leuten den Anlaß zum Ungehorſam, indem Sie ihnen den Lehrbrief des jungen Menſchen zeigen?“ 159 „Nein,“ brüllte der Poltron. „Sehr wohl,“ verſetzte Fraſer ruhig. „Zum letzten Mal,“ rief Capitän Gall, dem alten Bunce, den er für den Rädelsführer anſah, einen drohenden Blick zuwerfend,„wollt ihr meinem Be⸗ fehl gehorchen? Bedenkt,“ fügte er bei,„es iſt Meuterei.“ „Etwas Schlimmeres ſogar,“ rief Kaleb;„es iſt Mord, Ihr Opfer iſt todt.“ Bei dieſem Wort entſank mit Einemmal dem ſchnöden Tyrannen der Muth. Der Poltron wurde zur Memme. Der erſte Mate ſchritt methodiſch auf die Stelle zu, wo der Knabe lag, und legte die Hand auf ſeine Bruſt. Das Herz ſchlug noch, aber ſehr ſchwach. „Ich glaube nicht, daß der arme Burſche lange mehr zu leben hat,“ bemerkte er;„aber todt iſt er noch nicht.“ Der Commandeur des Caradoc begann etwas leichter zu athmen. Es war ihm, als ſei plötzlich ein unangenehmer Druck ſeinem Hals entnommen. „Schafft ihn nach ſeiner Hängematte,“ ſagte er zum zweiten Maten.„Der junge Halunke verſtellt i. „Er hat keine Hängematte,“ verſetzte Bunce. „Und keine Kiſte,“ fügte ein Matroſe bei. „Iſt mit nichts an Bord gekommen, als mit der Auftakelung, in der er ſteht,“ ſagte der Seeadvokat. „Lehrling! Das mag man einem Seeſoldaten weiß machen! Der Knabe iſt geſtohlen und ermordet wor⸗ den. Meiner Anſicht nach muß das Schiff wieder in den Hafen zurück.“ 160 Der rohe Commandeur, der ſein Anſehen ſchon beim Beginn der Reiſe gefährdet ſah, merkte wohl, daß es nicht anging, die Sache zu weit zu treiben; denn wenn Jack wirklich ſtarb, ſo bedurfte es ſeines ganzen Taktes und recht kecker Eide, um ſeinen Hals zu bergen. Er flüſterte dem erſten Maten einige Worte zu, und zog ſich nach ſeiner Cajüte zurück. Ein Geräuſch, das wie ein Ziſchen klang, folgte ihm; aber die Klugheit verbot ihm, darauf zu achten, oder es zu ahnden. Inzwiſchen wurde Jack Manders, noch immer beſinnungslos, nach der Back hinuntergebracht und zum zweiten Mal in die Hängematte Kalebs gelegt, der ihn wie ein Bruder bewachte. Der arme Burſche konnte über wenig mehr als über eine liebevolle Theilnahme verfügen, denn er war ſelbſt Lehrling und hatte zum Unglück den Lehrbrief unterzeichnet. Capitän Gall zeigte ſich jenen Abend nicht mehr auf dem Deck, ſondern überließ das Commando des Caradoc dem erſten Maten mit der Weiſung, alle Stunden Rapport zu erſtatten. „Nun, Fraſer,“ ſagte er, als der junge Schotte zu ihm in die Cajüte trat,„was treiben die Leute 7. „Sie ſind ruhig genug.“ „Und der junge Burſch?“ „Da ſteht's ganz ſchlecht, Sir. Er hat die ganze Nacht über gerast und das ſeltſamſte Zeug geſchwatzt.“ „Nichts als Verſtellung,“ ſagte der Capitän. Der Mate blieb ſtill. „Ich fürchte, wir haben eine ſchwierige Mann⸗ ſchaft,“ bemerkte der Erſtere. „In der That, das iſt auch meine Meinung.“ 161 „Natürlich werden Sie zu mir halten?“ „In Allem, was recht und geſetzlich iſt,“ antwor⸗ tete der ſchlaue Schotte. Der Capitän warf ihm einen finſtern Blick zu und entließ ihn wieder auf das Deck. Der Bericht des Maten über Jacks Zuſtand war nichts weniger als übertrieben. Die geiſtigen und körperlichen Leiden während der erſten Nacht an Bord in Verbindung mit der viehiſchen Behandlung, die er erlitten, hatten ein heftiges Fieber zur Folge. In ſeinen Delirien ſtieß er ſeltſame Worte aus; bisweilen aber ſchienen auch mildere Gedanken über ihn zu kommen, und man hörte ihn öfters den Na⸗ men Lillian murmeln. Es ſtand mehrere Tage an, bis er als außer Gefahr erklärt werden konnte; da⸗ mußte er noch viel länger die Hängematte üten. Der Caradoc hatte inzwiſchen ſeine Fahrt fort⸗ geſett. Dem Capitän war mittlerweile klar gewor⸗ den, in wie weit er auf die Nachſicht ſeiner Mann⸗ ſchaft zählen konnte, und er beſchloß klüglich, den Bogen nicht allzu ſtraff zu ſpannen. Statt die brutale Behandlung gegen Jack, welche den allge⸗ meinen Unwillen erregt hatte, zu erneuern, begnügte er ſich mit einem Fußtritt, einem Fluch, oder einem Schlag, ſo oft der„ſtarrſinnige junge Taſchendieb,“ wie er Jack unabläſſig nannte, ihm in den Weg kam. Das letztere Benehmen ſchmerzte den armen Knaben noch weit tiefer, als die tyranniſche Härte, denn er ſah ſich dadurch gebrandmarkt und konnte dem Erbe der Schande, das an ihm haftete, nicht entrinnen. Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 11 162 Während der einſamen Stunden der Nachtwachen, oder wenn er im Takelwerk die Segel beſchlagen half, ſuchte er ſich oft verſucht, ſeinem Elend und ſeinem Leben ein Ende zu machen, da ihm keine Hoffnung, keine Zukunft blühte. Der Horizont, wel⸗ cher die Ausſicht ſeiner jungen Tage begränzte, er⸗ ſchien ſchwarz und düſter. Warum auch fortleiden, wenn das Loslaſſen eines Taues, während er auf einem Ragenende ſtand, ihm Frieden bringen konnte? Dennoch hielt er aus; denn ſeltſamer Weiſe kam ihm das Gebet, das Lillian ihn gelehrt hatte, faſt nie aus dem Sinn, namentlich eine Stelle daraus, die er häufiger als die übrigen vor ſich hin ſprach, ob⸗ gleich er ſich über den Sinn nicht vollkommen klar war:—„Führe uns nicht in Verſuchung.“ Er wunderte ſich oft, wie es kam, daß Kaleb, welcher eine faſt eben ſo harte Behandlung zu erdulden hatte, wie er ſelbſt, ſich ſo gelaſſen dabei benahm, und als ſie einmal mit eineinander im Takelwerk waren, fragte er ihn darüber. „Ich habe eine Mutter, die mich liebt,“ verſetzte der Knabe,„und die auch meinem Herzen theuer iſt.“ „Und doch hat ſie Dich auf die See geſchickt?“ bemerkte Jack.„Meine Onkel, die mich haſſen, thaten nichts Schlimmeres an mir.“ „Mein Stiefvater that es gegen ihren Willen,“ verſetzte Kaleb.„Aber ich werde einmal zurückkehren und ſeine Hoffnungen zu Schanden machen.“ „Ich möchte wohl auch wieder zurückkehren,“ murmelte Jack und gedachte dabei ſeiner Onkel. „Aber dies wird nicht geſchehen,“ fügte er bei.„Ich bin des Lebens überdrüſſig und kanns nicht länger — 163 aushalten. Wie oft fühle ich mich nicht verſucht, über Bord zu ſpringen!“ „Das iſt's eben, wozu Dich der Schiffer treiben möchte,“ flüſterte Kaleb. „Dann will ich's eben nicht thun,“ lautete die Entgegnung.„Vielleicht glückt uns etwas Beſſeres.“ „Was meinſt Du?“ fragte Kaleb. „Wir wollen unſeren Witz an des Capitäns Kraft ſetzen,“ erwiderte Jack,„und wenn Du mir dabei an die Hand gehſt, ſo können wir's ihm vielleicht heimgeben.“ So ſchloſſen ſie denn ein Schutz⸗ und Trutzbünd⸗ niß, das bald ſeine Früchte trug; denn zwei Abende nachher flog ihrem Tyrannen, als er eben Kalebs Schultern mit einem Tauende bearbeitete, aus dem Takelwerk ein eiſerner Bolzen an den Kopf. Capitän Gall war für einige Augenblicke betäubt. Sein Argwohn fiel natürlich auf Jack, und es wäre ihm wohl ſchlimm ergangen, wenn ihm nicht der erſte Mate bezeugt hätte, er ſei an ſeiner Seite ge⸗ ſtanden, als das Geſchoß geſchleudert wurde. Warum er dies that, konnte von den Knaben keiner begreifen. Vunce dagegen ſah tiefer. Der ruhige, ſchlaue Schotte hatte nichts dagegen, die Obhut über den Caradoc zu übernehmen, im Fall ſeinem Comman⸗ deur ein Unglück zuſtieß. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Es iſt erſtaunlich, wie viele Mühe ſich manche Menſchen geben, die einzig wahre auf 164 welcher das Glück beruht, zu zerſtören. Gleich Kin⸗ dern, die an den Ufern des Lebens ſpielen, vergeu⸗ den ſie Kraft und Zeit in dem vergeblichen Verſuch, ein Haus auf Sand zu bauen, ſtatt das feſtere Material zu benützen, das die Vorſehung in ihren Bereich gelegt hat— ein Material, das nur der Zuſammenfügung bedarf, um ein Gebäude darzu⸗ ſtellen, an deſſen Majeſtät ſich vergeblich die Stürme der Welt brechen. Faſſen wir uns im Intereſſe unſerer Leſer mit Umgehung der Allegorie deutlicher. Wie oft ſehen wir nicht, daß der Menſch den krummen Pfad der Liſt, des Betrugs und des Verbrechens betritt, um zu Vermögen zu gelangen, während der nähere und breitere Weg der Rechtſchaffenheit ſich einladend vor ihm aufthut. Er bietet vielleicht im Anfang einige Schwierigkeiten, welche einſchüchternd wirken; man wendet ſich dann von ihm ab, oder will ihn nicht ſehen. Carus Kearn war ganz beſonders von dieſer Schiefe geiſtiger Sehkraft heimgeſucht. Der Schlange gleich könnte er nie in gerader Richtung ſich ſeinem Ziele nähern. Die Windungen und Schleichwege des Trugs ſchienen einen unüberwindlichen Reiz für ihn zu beſitzen. Von Jugend auf hatte er unter dem Einfluß zweier mächtiger Leidenſchaften geſtanden— unter dem der Liebe— wir fürchten das Wort zu ent⸗ weihen— zu ſeiner Muhme Rachel, und unter dem des Verlangens, den Reichthum ihres Vaters zu er⸗ ben. Wir haben bereits geſehen, wie ihm die erſte Hoffnung fehlſchlug, und in wie weit die zweite ſich erfüllen ſollte, muß die Zukunſt zeigen. Vorderhand * — X* 8** —— S S 8 8 8— 165 iſt die Wahrſcheinlichkeit auf ſeiner Seite, denn Mr. Bently war ſeiner Tochter und ihrem Gatten ſo ent⸗ fremdet, wie nur je. Die Täuſchung, welche Carus in der Verbindung ſeiner Muhme mit Georg Markham erfahren mußte, weckte zwar die ganze Bosheit ſeines ſchleichenden Weſens und verſetzte ſeiner Eigenliebe und Eitelkeit einen ſchweren Schlag, hinderte aber dieſen fein berechnenden Gentleman nicht, eine nach der Mei⸗ nung der Welt kluge Wahl zu treffen; das von ihm auserleſene Opfer war nämlich reich, der einzige Zauber, den ſie je für das Auge ihres Gatten be⸗ ſaß. Ihre Mitgift befähigte ihn, rückſichtslos dem Spiel der Spekulation nachzuhängen und wohl auch noch herabwürdigenderen Vergnügungen zu fröhnen; denn Carus war ſowohl ein Spieler als ein Lüſtling. Zum Glück war ein großer Theil von ſeiner Frau Vermögen ihrer Perſon in einer Weiſe zuge⸗ ſchrieben, daß ſie das Capital nicht antaſten durfte, während die Zinſen blos gegen ihre eigene Quittung ausbezahlt wurden. Im erſten Jahr ihrer unharmoniſchen Ehe hatte Mrs. Kearn regelmäßig jede Guinee ihres Einkom⸗ mens ihrem unwürdigen Gatten eingehändigt; als ſie aber endlich fand, daß ihre Geduld, ihre Frei⸗ gebigkeit und ihr Vertrauen nur ſchlecht gelohnt wurden, da erinnerte ſich die gekränkte Gattin, daß ſie auch Mutter war, welche die Intereſſen ihres Sohnes zu wahren hatte, und ließ ihm keinen Schil⸗ ling mehr zukommen. Von nun an war ſie für Carus ein Gegenſtand des Haſſes, und er begann bei ſich zu erwägen, wie 166 er ſie los werde— nicht durch Gewalt, denn er war keiner von jenen melodramatiſchen Böſewichten, die ihre eigene theure Sicherheit unnöthigerweiſe auf's Spiel ſetzten, ſondern durch einen tief angelegten Plan, der eine geſetzliche Scheidung herbeiführte und in der Meinung der Welt ſie mit Schmach überhäufte. Er ſehnte ſich nach Freiheit, um wieder heirathen zu können. Hatte er doch einmal auf Hymens Markt eine profitable Spekulation gemacht; er ſah daher keinen Grund, warum es ihm nicht auch zum zweiten Male glücken ſollte. Wenn Carus auch unfähig war, für Ausführung ſeiner Plane den offenen, geraden Weg zu gehen, ſo gab es, wie wir bereits bemerkten, nicht viele, welche ſich ſo gut darauf verſtanden, den krummen zu entdecken. Von ſeinem macchiavelliſtiſchen Takt hatte er eine Probe abgelegt in den Anſchlägen gegen Georg Markhams Glück und Ruf, die ihm ſo gut gelungen waren. Von ihm rührte das Bezücht her, daß Georg die indiſchen Werthpapiere entwendet habe, und ebenſo lieferte er Styles die Mittel, um den Mann, den er haßte, Schritt für Schritt in das herabwürdigende Laſter der Trunkſucht zu verſtricken. Gelang es ihm noch, ihn zum Verbrechen zu ver⸗ leiten, ſo war ſein Triumph vollſtändig. Um dieſelbe Zeit, als das Opfer ſich ſeinen Fall⸗ ſtricken entriſſen hatte, machte Carus die Bekannt⸗ ſchaft eines Capitäns Blande, eines Mannes von ſehr geſchmeidigem Benehmen, der durch ſeine Unter⸗ haltung, namentlich dem ſchönen Geſchlecht gegenüber, ſehr für ſich einzunehmeu wußte. Seine Huldigung verbarg er unter dem Schleier der Achtung, ſeine 167 Glut unter dem der Theilnahme, der gefährlichſten Angriffswaffe für ein Weiberherz. Außerdem gab er ſich das Anſehen eines großen Kinderfreundes, ſo daß man ihn lieb gewinnen mußte. Mrs. Kearn begann bald einen Gefallen an ſeiner Geſellſchaft zu finden und zwiſchen ihm und Carus gefährliche Vergleichungen anzuſtellen. Wir bitten, den Ausdruck„gefährlich“ nicht falſch zu verſtehen, da wir nicht eine Geſchichte weiblicher Schwäche und verbrecheriſcher Leidenſchaft, ſondern die der Verſuchung, bitteren Leidens und ſchließlichen Triumphs zu berichten haben. Die Vergleichungen, welche die vernachläſſigte Frau anſtellte, waren nur in ſo ferne gefährlich, als ſie das letzte Trugbild, die immer noch nicht ganz erloſchene Liebe zu dem unwürdigen Gatten zerſtörten. Verachtung härtet das Herz, wie Feuer den Stahl. Der Verlauf unſerer Erzählung wird die Abſich⸗ ten Carus Kearn's an's Licht fördern. Wir haben teine Luſt, ſie allzu genau zu zergliedern. Als jüngerer Aſſocis der Firma beſaß er einen gewiſſen Einfluß auf die Comptoirgehülfen, von de⸗ nen mehr als einer, um ſeine Gunſt zu gewinnen, ſich dazu hergab, an Peter Mangles, deſſen Freund⸗ ſchaft für Georg und Zuneigung zu Rachel die Haupt⸗ hinderniſſe einer Verwirklichung ſeiner Plane waren, den Spion zu ſpielen. Er erhielt daher bald Kunde davon, daß der alte Buchhalter ſeinen Schützling für die Leitung des zu gründenden Thornton'ſchen Eta⸗ bliſſements empfohlen hatte. Dieſe Nochricht wirkte auf ihn wie Galle und Wermuth, denn ſein Opfer gewann dadurch Ausſicht, ſeiner armſeligen Lage zu 168 entrinnen und ſeinen Ruf in der Handelswelt wie⸗ der herzuſtellen. Carus ſah nur einen Weg, dies zu verhindern — eine Berufung an die Vorurtheile ſeines Onkels, und dieſe gedachte er bei erſter Gelegenheit zu ver⸗ uchen. „Wahrſcheinlich haben Sie auch ſchon von Mr. Thorntons Zweigetabliſſement in London gehört?“ ſagte er bald nach der geſchloſſenen Uebereinkunft. „Er iſt ein unternehmender Mann,“ bemerkte Mr. Bently,„und verdient Erfolg. Nie ſind die Angelegenheiten einer Firma mit größerer Umſicht und Freiſinnigkeit geleitet worden.“ „Bisher, ja.“ Der beſondere Nachdruck auf dem Wort„Bisher“ bewog den alten Gentleman, welcher eben mit ſeiner auswärtigen Correſpondenz beſchäftigt war, die Augen aufzuſchlagen und den Sprecher fragend anzublicken. „Alles wird von der Perſon abhängen, die er mit der Leitung betraut,“ fuhr der Neffe fort. „Ohne Zweifel.“ „Können Sie ſich nicht denken, auf wen ſeine Wahl gefallen iſt?“ „Wie ſollt' ich? Mr. Thornton hat mich nicht dabei zu Rath gezogen.“ „Ich dachte mir's wohl.“ „Was meinſt Du damit, Carus? Sprich deutlich; Du weißt, daß ich mich nie auf das Errathen von Räthſeln verſtand, die ich überhaupt nicht leiden kann.“ „Ich befinde mich in einer peinlichen Lage,“ ver⸗ ſetzte der Heuchler,„denn ich verdanke Ihnen Alles und muß fürchten, mißverſtanden zu werden. Doch 169 will ich lieber dies wagen, als Ihnen das Recht geben, mir hintendrein mein Schweigen zum Vorwurf zu machen, namentlich wenn der Ruin eines Mannes, der ſo viele Anſprüche auf Ihre Freundſchaft hat, die Folge ſeiner unüberlegten Wahl ſein ſollte. Auf Mr. Mangles Drängen hat Mr. Thornton einge⸗ willigt, die Leitung des neuen Unternehmens Georg Markham zu übertragen.“ Mr. Bently ſann eine Weile nach und ſchien durch die Kunde unangenehm überraſcht zu ſein. „Das war ſehr unvorſichtig von Mangles,“ be⸗ mertte der Kaufmann;„und doch habe ich kein Recht, ihm Vorwürfe zu machen, da er als Privatfreund und nicht als mein Caſſier gehandelt hat.“ „Ich hoffe, mein theurer Onkel, daß Sie meine Beweggründe nicht mißdeuten,“ ſagte Carus. „Rein, und ich tadle auch nicht Deine Bedenken gegen die Wahl, da ich ſie ſelbſt theile! aber er kennt den Charakter des jungen Mannes, hat mit offenen Augen gehandelt und muß die Folgen auf ſich nehmen. Ich ſehe nicht, wie ich mich einmen⸗ gen kann.“ Der Zweck war verfehlt. Carus hatte einen Zornausbruch erwartet, und er hoffte, Mr. Bently werde dem Fabrikanten mit Vorſtellungen zuſetzen und mit einem Abbruch aller Geſchäftsverbindungen drohen, wenn er die Anſtellung nicht rückgängig mache; um indeß keinen Argwohn zu erregen, behielt er ſeine Gefühle ſorgfältig für ſich. Im Lauf des Morgens erſah der Kaufmann die Gelegenheit, ſeinem Buchhalter unter vier Augen über die Sache Vorſtellungen zu machen. Peter 170⁰ hörte ihm ungeduldig zu. Die Firma war dabei in keiner Weiſe betheiligt, und ſo wollte er von dieſer Seite her keine Einmengung. „Das iſt meine Sache, Richard,“ ſagte er, „und ſo lange ich die Ihrige nicht vernachläſſige, ſehe ich nicht ein, was Sie davon wollen. Ich habe eben ſo gut ein Recht, Georg Markham zu beſchützen, als Sie, ihn zu unterdrücken— ja, noch mehr, denn die Wage ſollte immer auf der Seite der Milde vorſchlagen. Ich weiß, woher Sie Ihre Nachricht haben— von Carus. Ich verſtehe Sie wahrhaftig nicht,“ fuhr er fort.„Sie beurtheilen Ihren Schwieger⸗ ſohn nach den Meinungen eines Menſchen, der das meiſte Intereſſe dabei hat, ihn zu Grunde zu richten. Iſt das weiſe? iſt das recht?“ „Sie ſind im Irrthum,“ verſetzte Mr. Bently ruhig.„Mein Urtheil iſt ſelbſtſtändig.“ „So, meinen Sie.“ „Hat Mr. Thornton Sicherheit verlangt?“ „Ich war ſeine Sicherheit.“ „Empfehlungen?“ „Empfehlungen!“ wiederholte Peter ſcharf.„Ich habe geglaubt, Sie wiſſen, daß ich ihn empfahl, und auf der Börſe haben die beſten Häuſer meine Recommandationen ſtets etwas gelten laſſen.“ Dies war keine eitle Prahlerei, denn Mr. Mang⸗ les ſtand eben ſo ſehr im Ruf einer Autorität in kaufmänniſchen Angelegenheiten, als in dem der Rechtlichkeit und Klugheit. „Ich ſehe, auf was es hinausläuft, Richard,“ nahm er wieder auf;„Sie wollen bei Thornton 171 Ihren Einfluß benützen, um die Uebereinkunft rück⸗ gängig zu machen.“ „Warum haben Sie mir nichts davon geſagt?“ fragte Mr. Bently. „Weil ich den ſchlimmen Leidenſchaften Ihres Herzens nicht Zeit laſſen wollte, ſich einzumengen,“ antwortete der Buchhalter.„Es iſt nicht meine Schuld, wenn das Vertrauen früherer Zeiten nicht mehr zwiſchen uns beſteht, denn ich habe nichts ge⸗ than, um es zu verwirken. Doch merken Sie ſich meine Worte,“ fügte er ernſt bei,„wenn Sie mich auch früher oft ſo ſchwankend fanden, wie die Höhe des Disconto's, und mich nach Gefallen lenken konn⸗ ten, ſo gedenke ich doch, diesmal feſt zu bleiben— hören Sie, Richard?— ſo feſt, als Sie ſtarrſinnig ſind; und wenn Sie Georg Markham um die Aus⸗ ſicht bringen, ſich wieder zum Mann zu machen, ſo ziehe ich mich nicht nur von Ihrem Hauſe zurück, ſondern trete mit ihm in Compagnie und fange mit ihm ein eigenes Geſchäft an.“ „Ich beabſichtige nicht, mich einzumengen,“ be⸗ merkte Mr. Bently ruhig. Peter ſah ihn zweifelhaft an. „Setzen Sie Mißtrauen in mein Wort?“ „Wenn es gegeben iſt, nein.“ „So geb' ich es Ihnen jetzt,“ entgegnete der Kaufmann.„Wenn wir über den Charakter meines Schwiegerſohnes zu entgegengeſetzten Urtheilen ge⸗ kommen ſind, ſo iſt dies ein Unglück, keine Schuld. Niemand kann ſich ſeiner Ueberzeugung erwehren, und glauben Sie mir, mein alter Freund, ſo feſt auch die meinige ſteht, werde ich mich doch glücklich 172 fühlen, wenn Sie mir je beweiſen können, daß ſie mich irrgeleitet habe. Mögen Sie nie Anlaß finden, Ihr Vertrauen zu einem Menſchen, der das meinige ſo bitter getäuſcht hat, zu bereuen, wie ich auch wünſche, mein geſchätzter Correſpondent, Mr. Thorn⸗ ton, möge es nicht büßen müſſen, daß er Ihren Bitten zu Gunſten Ihres Schützlings Gehör ſchenkte.“ „Das iſt der erſte vernünftige Entſchluß, den Sie ſeit langer Zeit wegen Georgs gefaßt haben,“ be⸗ merkte der Buchhalter,„und ich bin vollkommen zufrieden damit. Was indeß Täuſchung des Ver⸗ trauens betrifft, ſo erlauben Sie mir die Bemerkung, daß die Verheirathung mit Rachel keine ka ufmän⸗ niſche Angelegenheit war, folglich ein Ver⸗ trauen nicht verletzt werden konnte; wäre dies der Fall, ſo hätte ich auch eine andere Anſicht. Es han⸗ delt ſich um eine Herzensſache— ſo nennt man's, glaube ich— debitirt und creditirt mit wechſelſeiti⸗ ger Neigung. Ach, Richard, Richard, ich fürchte, wir Citymenſchen verſtehen uns nur wenig auf ſolche Dinge.“ „Sie wenigſtens ſcheinen darin Fortſchritte zu machen,“ verſetzte Mr. Bently mit einem Lächeln. „Weil ich in letzter Zeit mehr davon geſehen habe, als ich je für möglich hielt,“ erwiderte Peter. „Sie können ſich keinen Begriff machen, wie Rachel und Georg einander lieben. Das arme Ding; ſie hatte faſt im Sinn, ſich von ihm zu trennen, als ich ihr ſagte, wie er ſeine Zeit verwende; aber daran Sie ſchuld geweſen— Sie haben mich irre ge⸗ eitet.“ „Und die ſchwache Thörin gab ſeinen Bitten nach,“ 173 rief der Vater mit Bitterkeit,„und wies meine Ver⸗ zeihung, wies die glückliche Heimath ihrer Kindheit zurück, um das Schickſal eines Menſchen zu theilen, der ſie ſo oft getäuſcht hat.“ „Im Gegentheil, Georg wollte, daß ſie Ihren Willen erfülle.“ „Wirklich?“ „Und ſie würde es auch gethan haben,“ fuhr der Buchhalter fort,„wenn ſie nicht entdeckt hätte, daß ſeine nächtlichen Beſuche an den ſchrecklichen Orten, die Sie mir ſchilderten— beiläufig, es wun⸗ dert mich, daß Sie ſich je auf ſolche Plätze wagten — keinen andern Zweck hatten, als die Wiederauf⸗ findung ſeines verlorenen Sohnes.“ „Und ſie glaubte ihm?“ „Jd. „Und Sie glauben ihm auch?“ „Feſt,“ verſetzte Peter;„ſo feſt wie an den Beſtand der Bank von England, an die Annahme der Wechſel unſerer Firma oder an irgend eine an⸗ dere unanfechtbare Sicherheit. Georg war immer wahrheitliebend. Doch laſſen wir den Gegenſtand. Ich muß hurtig in die City. Behüt' mich,“ fügte er bei;„es wird eigentlich ein Panic auf der Börſe ſein. Ich komme um eine Stunde zu ſpät; das iſt mir noch nie paſſirt, ſeit ich Caſſier der Firma Bently und Compagnie bin.“ Er knöpfte ſich haſtig den Ueberrock zu, nahm ein Wechſelportefeuille vom Pult, ſteckte es in die Bruſttaſche und verließ raſchen Schritts und heiteren Geſichts das Comptoir. Sein Herz fühlte ſich erleichtert durch die Mit⸗ 174 theilung, die er ſeinem Principal gemacht hatte; auch war deſſen Verſprechen, ſich nicht in Georgs An⸗ ſtellungsangelegenheit zu miſchen, für Letzteren von beſonderem Belang, da Mr. Bently durch ſeinen Ein⸗ fluß den Fabrikanten wohl zu einer Abſage hätte bewegen können. „Es iſt eine peinliche Aufgabe,“ rief der Kauf⸗ mann, ihm nachſehend,„vor Peter eine Maske zu tragen. Er hält mein Herz für Eiſen, und wenn er darin leſen könnte, ſo würde er finden, daß ſeine Härte nur ſcheinbar iſt. Doch die Zeit iſt noch nicht gekommen. Dieſe indiſchen Papiere,“ murmelte er vor ſich hin,„dieſe unglücklichen Papiere! Wäre dieſer Zweifel gehoben— oder wäre ich nur von der Aufrichtigkeit ſeiner Beſſerung überzeugt, wie gerne wollte ich meinen Schwiegerſohn anerkennen, wie gerne meine Tochter in mein Herz wieder aufnehmen und mit warmer Vaterliebe ſie ſegnen! Geduld! Geduld! Der Pfad, den ich betreten habe, iſt rauh; wenn ich aber darauf ausharre, muß er am Ende doch zum Glück führen.“ Im Laufe des Jahres war Georg Markhams Be⸗ tragen ſo, wie es ſeine aufopfernde Gattin und der gemeinſchaftliche Freund nur wünſchen konnten. Die Augen des Haſſes und der Liebe ruhten in gleicher Weiſe auf ihm; aber es war nichts an ihm aufzu⸗ finden, was dem Erſteren Freude, dem Letzteren Sorge zu bereiten vermocht hätte. Früh und ſpät befand er ſich in dem Comptoir ſeines neuen Principals und entwickelte eine Thätigkeit und Einſicht, eine Auf⸗ merkſamkeit auf die Intereſſen ſeines Dienſtherrn, welche ihm allmälig nicht nur Achtung, ſondern auch volles Vertrauen errangen. Peter Mangles, der jetzt ſeine Sonntage in der Markham'ſchen Familie zubrachte, ſtrahlte vor Ver⸗ gnügen. Seine ſehnlichſten Hoffnungen waren ver⸗ wirklicht. Die Dulderin lächelte wieder, ein neues Leben hatte für ſie begonnen und die einzige Wolke, welche ihren Himmel trübte, war die Ungewißheit über das Schickſal ihres Sohnes. Als Georg eines Sonnabends nach Hauſe kam, fand er ſie in großer Aufregung und in Thränen. Er kannte die Urſache ihres Kummers zu gut, konnte ſich aber nicht denken, was denſelben ſo ſchmerzlich erneuert hatte. „Noch immer in ſo tiefer Trauer,“ murmelte er, ſie an ſeine Bruſt drückend. „Diesmal ſind es Freudenthränen,“ verſetzte Ra⸗ chel.„Sieh her!“ Sie legte ein Schreiben in ſeine Hand und er erkannte die Schrift ſeines Sohnes. Unſere Leſer haben wohl den Brief nicht ver⸗ geſſen, den unſer Held am Abend vor ſeiner Abreiſe nach Jerſey ſchrieb und in welchem er anzeigte, daß ein wohlwollender Gentleman ihn von der Straße aufgeleſen und ihm verſprochen habe, für ſeine Aus⸗ bildung und Zukunft zu ſorgen. Wegen des raſchen Auszuges aus dem Haus in der Belvedereſtraße hatte Mr. Morton ihn nicht überliefern können und überhaupt erſt jetzt eine Gelegenheit gefunden, es zu thun. Wir brauchen kaum zu bemerken, daß die Zu⸗ ſendung in einer Weiſe geſchah, welche der Nachfor⸗ ſchung keinen Spielraum ließ; doch brachte das Schrei⸗ 176 ben den beſten Troſt— Hoffnung für das Herz der liebenden Mutter. „Gott ſei Dank,“ rief der gebeſſerte Trinker, „mein Sohn ſteht nicht ſchutzlos da im Kampfe ge⸗ gen die Laſter der Welt. Die Vorſehung hat gütiger für ihn geſorgt als ſein Vater. Segen über den wohlwollenden Fremden, wer er auch ſein mag.“ Die Eltern zweifelten keinen Augenblick an den Verſicherungen ihres Sohnes; denn Richard hatte ſich nie einer Lüge ſchuldig gemacht. Als ſie die Nachricht Peter Mangles mittheilten, nahm auch er innigen Antheil an ihrer Freude. Sie hatten Anfangs geglaubt, er werde ihnen auf die Spur helfen können; aber wie verſtändig er auch in allen Handelsangelegenheiten war, erſchien er den Ränken und Zufälligkeiten des Lebens gegenüber als ein wahres Kind. Er hatte ſich nie damit befaßt. „Wann wurde dies geſchrieben?“ fragte er. Der Brief hatte kein Datum, konnte daher von geſtern herrühren. Selbige Nacht bewahrte ihn Rachel unter ihrem Kopfliſſen auf. Es war Balſam geweſen für die Wunde ihres Herzens, und obſchon die Heilung nur durch die Gegenwart ihres Sohnes erzielt werden konnte, hatte ſich doch der Schmerz gemildert und die Hoffnung, ihre einzige bisherige Stütze, belebte ihre Seele mehr als je. Der Himmel ſchien ihr den Brief als Lohn für ihre Prüfungen und für die Geduld, mit der ſie ſo lange ihr Unglück ertrug, geſandt zu haben. Als der Buchhalter von dieſem Umſtand ſeinen 177 Principal unterrichtete, wechſelte dieſer die Farbe und war ſichtlich ergriffen. „Sagt er, wo er iſt?“ fragte er. Peter Mangles ſchüttelte verneinend den Kopf. Der Kaufmann ſchien ſich etwas erleichtert zu fühlen. „Wir werden ihn ſchon noch finden, Richard,“ verſetzte Peter.„Die Vorſehung handelt weiſer als wir wiſſen. Ich dachte früher nie viel an ſolche Dinge; aber da muß in jener ſchrecklichen Nacht, als Alles ſich zum Untergang des armen verlaſſenen Knaben verſchworen zu haben ſchien, ihm ein retten⸗ der Freund begegnen. Ich möchte wohl wiſſen, wer der Gentleman iſt. Und er that ihn ſogar auf eine Schule; ich hoffe, man ſieht dort auf's Rechnen und auf eine gute Handſchrift. Sein Vater war immer ein Ausbundrechner.“ „Und Sie glauben wirklich, die Vorſehung habe es ſo gelenkt?“ „Ich bin feſt davon überzeugt,“ entgegnete Pe⸗ ter,„und Sie müßten in der That blind ſein, wenn Sie es nicht einſähen. Für Georg Markham war ein ſchwerer Schlag nöthig, um ihn zur Erkenntniß ſeiner Thorheit zu bringen— hier haben wir ihn. Der Verluſt ſeines Sohnes und die Verzweiflung ſei⸗ nes Weibes bewirkten ſeine Umkehr. Auch wollte der Himmel das Werkzeug ſeiner Plane nicht zu Grunde gehen laſſen, ſondern weckte dem Knaben einen Freund, welcher die Obliegenheit deſſen erfüllte, der — ich wollte ſagen, die Obliegenheit erfüllte, welche von ſeinen nächſten Angehörigen vernachläſſigt wor⸗ den war. Mr. Bently betrachtete ihn mit Ueberraſchung; Smith, Ebbe u. Fluth. I. 12 178 nie zuvor hatte ſich Peter ſo beredt und philoſphiſch vernehmen laſſen. „Sie müſſen ſich unglücklich fühlen, Richard,“ fuhr der Buchhalter fort,„wenn Sie ſich die Leiden vergegenwärtigen, zu denen Sie durch Ihren Starr⸗ ſinn Anlaß gaben. Doch genug; ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Gehen Sie immerhin Ihren eigenen Weg; derſelbe Engel, welcher den armen Knaben behütete, wird zuletzt auch Ihr Herz er⸗ weichen.“ „Vielleicht.“ „Vielleicht?“ wiederholte Peter mit Wärme.„Es wäre Sünde, daran zu zweifeln. Meinen Sie, es würde Ihnen geſtattet ſein, im Zwieſpalt mit Ihrem einzigen Kinde dahin zu ſterben? Es wäre gegen die Natur. Sind wir geſund, ſo erſticken wir viel⸗ leicht ihre Stimme; aber wenn die Stunde der Krank⸗ heit uns heimſucht und wir einſam auf unſerem Lager liegen, dann kommt auch das Nachdenken.“ „Sprechen Sie nicht weiter,“ unterbrach ihn der Kaufmann haſtig;„das Bild iſt düſter.“ „Aber wehe,“ murmelte Peter.„Ich bin fertig. Ich habe heute Mr. Thornton geſprochen und er kann Georg Markhams Einſicht, Fleiß und Aus⸗ dauer nicht genug loben. Das Geſchäft dehnt ſich raſch aus; er ſpricht davon, mehr Capital hineinzu⸗ ſtecken und Ihren Schwiegerſohn zum Aſſocis an⸗ zunehmen.“ „Zum Aſſocis?“ wiederholte Mr. Bently. „Ja, Richard, und ich bin Willens, auch eine gewiſſe Summe daran zu rücken, um ihm unter die Arme zu greifen. So; jetzt iſt mir's vom Herzen.“ 179 „Wie viel?“ „Nun, nicht viel im Anfang,“ verſetzte Peter. „Viertauſend Pfund.“ Nie zuvor hatte ſein Principal ein ſolches Er⸗ ſtaunen an den Tag gelegt. Er wollte ſeinem Ohr nicht trauen, ſo außerordentlich erſchien ihm die Mit⸗ theilung, daß ſein alter Buchhalter eine ſolche Summe auf's Spiel zu ſetzen entſchloſſen war und murmelte etwas von Gefahr vor ſich hin. Mangles griff das Wort auf und machte eine ernſte Miene. „Nur auf das Verhalten eines Menſchen hin, deſſen Rechtlichkeit zweifelhaft iſt?“ Peters Geſicht klärte ſich wieder auf. „Ich dachte, Sie hätten etwas Gediegeneres ein⸗ zuwenden,“ bemerkte er;„aber ich finde, es iſt nur Ihr altes Vorurtheil. Ich habe jeden Monat Mr. Thorntons Bücher durchgegangen— nicht aus Neu⸗ gierde, ſondern wegen Georgs— und nie eine beſſere Buchführung geſehen. Klar, Mr. Bently, klar und verſtändlich, wie die Ihrigen— kein Penny iſt ohne Beleg ausgegeben worden und der Abſchluß bis auf den Bruchtheil hin richtig. Rechtlichkeit! Ich ſagte Ihnen immer, er ſei ſo ehrlich wie mein Hauptbuch und die Erfahrung des vergangenen Jahres hat es beſtätigt.“ „Wie hoffen Sie die genannte Summe außzu⸗ bringen?“ fragte der Principal, welcher wußte, daß Peters Geld entweder auf Hypothek oder in Actien mehrerer guter Geſellſchaftsunternehmungen angelegt war. Peter Mangles kratzte ſich am Ohr, wie er zu thun pflegte, wenn er mit ſich nicht im Reinen war. 12 180 Nicht daß es ihm ſchwierig geworden wäre, die frag⸗ liche Summe oder auch fünfmal ſo viel flüſſig zu machen; dies wäre leicht genug gegangen; nur die Wahl unter den Effekten, die er realiſiren wollte, machte ihn verlegen. Eine gewiſſe Anzahl Actien in der Feuer⸗ und Lebensverſicherungsgeſellſchaft verintereſſirte ſich zu neun Procent, und ſeine Actien bei der Gasbeleuch⸗ tungscompagnie warfen ihm ebenſoviel ab; er hatte alſo keine Luſt, dieſe Papiere umzuſetzen. „Ich werde wohl Howard's Hypothekenſchuld kün⸗ digen müſſen,“ bemerkte er, eher auf die Einwürfe ſeines Innern, als auf Mr. Bently's Frage ant⸗ wortend. „Dazu iſt Zeit erforderlich.“ „Ein Monat oder ſo.“ „Und ſie verintereſſirt ſich gut.“ „Nur zu fünf Procent. Die Sicherheit iſt aller⸗ dings ausgezeichnet und—“ „Da wäre es Schade, wenn Sie das Geld zu⸗ rückzögen,“ unterbrach ihn der Kaufmann.„Cedi⸗ ren Sie den Pfandſchein an mich und ich ſchreibe Ihnen eine Anweiſung auf das Geld. Wenn ſich Ihre Erwartungen von Georgs Betragen und Erfolg verwirklichen, ſo können Sie ihn wieder ein⸗ löſen.“ Peter ſtaunte. Daß Mr. Bently mittelbar oder unmittelbar zu dem Emporkommen ſeines Schwieger⸗ ſohns etwas beitragen könnte, lag ſo außer aller ſeiner Berechnung, daß dem alten Mann der Ver⸗ ſtand ſtill ſtand und er auf die Vermuthung kam, er . 181 habe ſich über den Zweck, zu welchem er das Geld brauchte, nicht klar genug ausgedrückt. „Haben Sie mich auch recht verſtanden, Richard?“ rief er. „Vollkommen.“ „Wie, daß das Geld—“ „Ihren Freund in die Lage ſetzen ſoll, ſich an der Firma zu betheiligen, die kürzlich Mr. Thornton in London errichtet hat und in der Georg Markham bisher nur der Geſchäftsführer geweſen iſt,“ ſagte der Kaufmann.„Ich ſehe nichts ſo Außerordent⸗ liches in meinem Anerbieten. Die Sicherheit iſt un⸗ anfechtbar und ich möchte Ihnen einen Dienſt leiſten.“ „Das iſt wahr,“ murmelte der Buchhalter mit einem Seufzer getäuſchter Erwartung. „Doch wünſche ich nicht, daß von der Sache ge⸗ ſprochen wird,“ bemerkte Mr. Bently,„um etwaige Mißdeutung zu verhüten.“ „Haben Sie keine Sorge,“ brummte Peter mit Bitterkeit. „Es könnten Hoffnungen darauf gebaut werden, die ſich vielleicht nie verwirklichen. Rachel könnte glauben—“* „Sprechen Sie nicht weiter,“ unterbrach ihn der alte Mann,„kein Wort weiter, Richard, oder ich weiſe Ihr Anerbieten zurück.“ „Sie nehmen es alſo an?“ „Ja.“ Dieſes„Ja“ wollte nicht recht heraus, da die Beweggründe des Principals nicht ganz ſo klar wa⸗ ren, als der Buchhalter ſie gewünſcht hatte. Noch in derſelben Woche fand die Ceſſion des 182 Pfandſcheines ſtatt; das Geld wurde an die Firma ausbezahlt und der Aſſociationsvertrag unterzeichnet. Fortan erſchien der Name Georg Markhams in Ver⸗ bindung mit dem des in der Handelswelt hochſtehen⸗ den Mr. Thornton. Es war ein glücklicher, ein überglücklicher Tag für Peter Mangles, und man ſagte ihm nach— ver⸗ bürgen können wir die Sache freilich nicht— er habe in ſeiner Aufregung einen Conto unter dem Namen Bently und Markham ſtatt Bently und Compagnie in das Tagbuch eingetragen, zum großen Aerger des Mr. Carus Kearn, deſſen Groll noch erhöht wurde durch die triumphirende Miene, mit welcher der alte Buchhalter ihn betrachtete. Wir können nicht bergen, daß der bisher ſo glück liche Ränkeſchmied einigen Grund zum Aerger hatte. Der Mann, den er haßte und mit aller Macht zu vernichten geſtrebt hatte, deſſen gänzlichen Ruin er vorausgeſagt und von dem er in der City nur als von einem Abenteurer, einer Null zu ſprechen pflegte, war eine Perſönlichkeit in der Handelswelt und hatte einen Namen, eine Stellung auf der Börſe. Der Gedanke war für ihn Galle und Wermuth und er beſchloß, noch einmal auf den Untergang des Ge⸗ haßten auszugehen, und zwar nicht durch die früher benützten Mittel, denn er kannte die Welt zu gut, um zu erwarten, daß derſelbe Anſchlag zweimal glücken werde. Diesmal wollte er nicht blos auf das Glück, ſondern auch auf die Ehre ſeines Neben⸗ buhlers den Streich führen. „Georg beſitzt die Narrentugend Dankbarkeit,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und da er Styles verpflich⸗ 183 tet zu ſein glaubt, ſo wird er ſich's angelegen ſein laſſen, ihm zu dienen.“ Es war eine teufliſche Berechnung, aus der Her⸗ zensgüte des Mannes das Netz zu weben, das ihn verſtricken ſollte. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ei, Styles,“ rief Carus Kearn Georg Mark⸗ hams Verführer zu, als ihn dieſer in ſeiner Woh⸗ nung beſuchte,„wo haben Sie ſo lange geſteckt?“ „An einem Platz, wo ich viel erfuhr, was Sie angeht,“ verſetzte der Angeredete in einer nicht ſehr liebenswürdigen Stimmung,„und wenn Sie mich nicht geſehen haben, ſo lag die Schuld nur an Ihnen. Tag um Tag bin ich hergekommen und immer mit derſelben Antwort, nicht zu Hauſe“, abgeſpeist wor⸗ den. Hätten Sie gewußt, was ich weiß, ſo würde es wohl anders gelautet haben.“ „Aber Sie ethielten doch das Ihnen Ausgeſetzte regelmäßig?“ „Natürlich,“ entgegnete der Burſche.„Sie ſind nicht ſo keck geweſen, mir hierin etwas abzubrechen.“ Die Wange des Andern erglühte vor Scham und Zorn. Die Scham war jedoch nur ein augenblick⸗ liches Gefühl und entſprang eher aus Stolz als aus dem Erkennen des herabwürdigenden Benehmens, das ihn zwang, eine Drohung, wie ſie in dem Worte „nicht ſo keck ſein“ lag, hinzunehmen. Der Zorn da⸗ gegen nöthigte ihn, die Klugheit zu unterdrücken; denn er befand ſich ganz in der Gewalt des Spre⸗ 184 chers und bot damit einen neuen Beleg dafür, daß der Bund der Schlechten für den Anſtifter wie für den Vollbringer zur knechtenden Feſſel wird. „Ich habe Sie rufen laſſen,“ ſagte er. „Vermuthlich, weil Sie meiner Dienſte benöthigt ſd. „Ja.“ „Wohlan, ſo laſſen Sie hören.“ Carus begann nun ohne alle Umſchweife(denn er konnte merkwürdig offen ſprechen, obſchon er nur ſelten ſo handelte) ihm mitzutheilen, daß Georg Mark⸗ ham von Mr. Thornton zum Aſſocié angenommen worden ſei, und ſtellte das Anſinnen an ihn, er ſolle unter dem Deckmantel der alten Freundſchaft erſteren beſuchen und ihn um Verwendung im Geſchäft bitten, ſei es in der Eigenſchaft eines Commis oder in der eines Packers. Das Demüthigende einer niedrigen Stellung und der geringe Gehalt könne ja durch Geld ausgeglichen werden; und der Sprecher wollte ſich nicht karg erweiſen, wenn es ſich um Befriedigung ſeiner Sache und Förderung ſeiner Intereſſen han⸗ delte, vorausgeſetzt, daß der Gedungene ſich in ſei⸗ nem gewiſſenlöſen Dienſte treu verhielt. Styles hörte geduldig zu. Er begriff vollkommen, was man von ihm erwartete. „Sie müſſen ſich des Trinkens enthalten,“ be⸗ merkte der Verſucher.„Georg iſt ein gebeſſerter Trinker.“ „Wenn's das Geſchäft fordert, ſo können wir Beide uns beſſern,“ verſetzte der Andere. „Sie können ihm ſagen, daß Sie ihn zum Mu⸗ ſter genommen haben. In Anbetracht der früheren 185 Freundſchaft und Ihrer Freigebigkeit gegen ihn kann er Ihnen kaum eine Stelle verweigern.“ „Ich meine das auch, wenn er nur einen Funken Dankbarkeit in ſich hat.“ „Auf dieſen Punkt müſſen Sie fußen. Wenn ich ihn recht kenne, ſo wird er Ihnen Gehör ſchenken, und ſind Sie einmal im Geſchäft, ſo wird ſich alles Andere verhältnißmäßig leicht machen laſſen. Doch in dieſem Anzug dürfen Sie nicht zu ihm gehen; er riecht zu ſehr nach der Branntweinſchenke.“ Gegen dieſe Bemerkung hatte der Beſuch um ſo weniger einzuwenden, als ſie neue Bekleidung in Ausſicht ſtellte. Er war natürlich damit einverſtan⸗ den, daß es der helle Wahnſinn wäre, wenn er ſich ſo in dem achtbaren Comptoir der Herren Thornton und Markham zeigen wollte. Carus händigte ihm zehn Goldſtücke ein, damit er ſich das Erforderliche anſchaffen könne. „Sie geben Acht auf alle vorkommenden Han⸗ delsgeſchäfte und erſtatten mir Bericht darüber,“ ſagte Mr. Kearn.„Vor Allem verſchaffen Sie ſich Einſicht in das Wechſelbuch und überzeugen ſich, ob Georg eine Signatur für die Firma zuſteht.“ Styles nickte ſchlau. „Die Namen der Häuſer, mit denen ſie Geſchäfte machen.“ Das Zeichen des Verſtändniſſes wurde wiederholt. „Wo die Kaſſe ſteht und wer den Schlüſſel dazu in Händen hat.“ „Ich begreife vollkommen, was Sie wünſchen,“ entgegnete das bereitwillige Werkzeug. 186 „Wenn dies geſchehen iſt, ſollen Sie weitere Weiſungen erhalten.“ Mr. Styles dachte einige Minuten nach, eh' er ſeine Bereitwilligkeit erklärte. „Die Gefahr iſt ſehr bedeutend,“ bemerkte er end⸗ lich,„und das Geſetz behandelt den Vertrauensbruch furchtbar ſtreng. Sie halten ſich im Hintergrund, können über viel Geld verfügen, haben es alſo leicht, ſich ſeinen Maſchen zu entziehen; aber ſie dürften ſtark genug ſein, im Entdeckungsfalle mich rettungs⸗ los zu umſtricken.“ „Was weiter?“ verſetzte Carus. „Wenn das Spiel zu Ende iſt— das heißt, im Fall ich darauf eingehe,“ nahm Styles wieder auf, „ſo könnte nur ein Narr länger in England bleiben. Ich würde mich ſogar vor meinem Schatten fürchten und müßte vor jedem Glas Angſt haben, es möchte ein unbeſonnenes Wort, wie es einem beim Brannt⸗ wein ſo leicht entſchlüpft, zum Verräther werden. Ich muß die Mittel haben, mich nach Amerika zu⸗ rückzuziehen und dort zu bleiben.“ „Zugeſtanden.“ „Unter Bleiben verſtehe ich aber ein gemächliches Auskommen,“ bemerkte Styles. „Auch ich meine es nicht anders, denn es läge nicht in meinem Intereſſe, daß Sie wieder nach Eng⸗ land zurückkehrten. Ihr Einkommen ſoll ganz nach der Wichtigkeit des Dienſtes bemeſſen werden, den ich von Ihnen verlange. Sie haben bisher meine Aufträge treu und klug ausgeführt; wenn Sie den⸗ ſelben Eifer bei Förderung meines jetzigen Planes beweiſen, ſo wird meine Freigebigteit gleichen Schritt 187 halten mit Ihrem Verdienſt.— Doch was iſt es,“ fügte er bei, ſich der Bemerkung des Andern bei ſeiner Ankunft erinnernd,„was Sie in ſo naher Be⸗ ziehung zu mir entdeckt zu haben glauben?“ „Es betrifft Ihren Onkel, den Mr. Bently,“ ent⸗ gegnete der Halunke. „Wirklich?“ „Sie hätten gerne gewußt, wohin er ging, als er vor einigen Wochen ſich ſo geheimnißvoll ent⸗ fernte, ohne ſogar dem alten Narren Mangles ſeine Adreſſe zurückzulaſſen.“ „Können Sie darüber Auskunft geben?“ erwi⸗ derte der Ränkeſchmied haſtig. „Ja. „So ſprechen Sie. Es iſt mir—“ „Nicht ſo hitzig, Mr. Carus,“ unterbrach ihn ſein Agent;„es handelt ſich zunächſt um Bereinigung einer kleinen Einleitungsförmlichkeit. Um die Dank⸗ barkeit iſt es eine ſchöne Sache; aber ich traue ihr bei Niemand allzu weit.“ Carus Kearn verſtand ganz gut, was Styles unter der Einleitungsförmlichkeit meinte und gab ihm weitere fünf Goldſtücke, die der Andere mit halb⸗ unzufriedener Miene in der Hand umdrehte, während er zugleich den Gentleman anſah und die Bemerkung hinwarf, daß ſein Geheimniß unter Brüdern zehn werth ſei. Die Summe wurde vervollſtändigt. „Wohlan, ſo will ich ſprechen,“ ſagte Styles. „Mr. Bently ging nach Jerſey.“ „Nach Jerſey?“ verſetzte Mr. Kearn.„Er hat dahin keine Geſchäftsverbindungen.“ 188 „Nein; aber er hat dort einen Knaben in die Schule gethan,“ entgegnete Styles. Carus ſprang bei dieſer Kunde in größter Ueber⸗ raſchung von ſeinem Sitz auf. Alle Arten von Arg⸗ wohn zuckten ihm durch das Gehirn. War ſein Onkel in's Geheim verheirathet? Hatte er ein Kind adop⸗ tirt— oder, ſchlimmer als Alles— war etwa der Knabe gar ſein Enkel? „Dieſe Nachricht iſt in der That ihre zehn Pfunde werth,“ rief er.„Jerſey! Hum!“ Er erinnerte ſich dabei der als„Privat“ bezeich⸗ neten Briefe, ob denen ſich Peter Mangles den Kopf ſo ſehr zerbrochen hatte. „Befolgen Sie die Weiſungen, die ich Ihnen ge⸗ geben habe,“ fuhr er fort.„In dieſer Angelegen⸗ heit will ich ſelbſt zum Rechten ſehen.“ Styles war mit ſeiner Morgenarbeit wohl zu⸗ frieden und entfernte ſich. „Der Schwachkopf!“ murmelte Carus.„Aber ſo iſt das Alter immer. Feſte Entſchlüſſe fordern die Vollkraft des Mannes und man ſucht ſie ver⸗ gebens an der Neige des Lebens. Mein Onkel läßt ſich nicht träumen, daß ich im Beſitz dieſes Leitfadens bin, und ich will ihm folgen wie ein Schweißhund der Wildſpur. Es iſt nur um ſo beſſer, wenn er keinen Argwohn gegen mich hat; ich kann dann deſto ſicherer im Geheimen wirken.“ Er dachte geraume Zeit ſchweigend über die ge⸗ machte Entdeckung nach. „Es muß ſein Enkel ſein,“ ſprach er wiederholt im Tone bitteren Spottes vor ſich hin.„Dies er⸗ klärt ſeine veränderte Geſinnung und ſein Benehmen 189 gegen mich. Ob die Markhame wohl darum wiſſen? Nein; denn er hat das Geheimniß ſogar gegen ſei⸗ nen Vertrauten, Peter Mangles, bewahrt. Nun, auch darin liegt ein Troſt. Er muß den Knaben ſei⸗ nen Eltern weggeſtohlen haben, ohne Zweifel in der Abſicht, ihn zu ſeinem Nachfolger in der Firma heranbilden zu laſſen und ihn zu ſeinem Erben zu machen. Zu ſeinem Erben!“ wiederholte er mit bit⸗ terem Lächeln.„Nie. Ich habe mich zu tief in Sünden verſtrickt, um dieſen Preis fahren zu laſſen. Als Rachel meinem Nebenbuhler ihre Hand gab, ſchwor ich, daß ihres Vaters Reichthum wenigſtens mein werden müſſe. Dies allein kann mich für ihre Treuloſigkeit tröſten und ich werde meinen Eid hal⸗ ten.— Onkel, Du ſpielſt eine gefährliche Rolle gegen mich. Wir wollen ſehen, wer ſich am beſten auf das Spiel verſteht und wer am Ende gewinnen wird. Du haſt zwar für den Augenblick die Trümpfe in der Hand; aber vielleicht ſchon morgen ſchlagen ſie um und fliegen mir zu.“ Unter ſolchen Betrachtungen, in welchen ſich die Gewohnheiten des Spielers deutlich kund thaten, ſchritt Carus in ſeinem Zimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit ſchlich ein finſteres Lächeln über ſein fahles Geſicht; dies geſchah, wenn er über irgend einem friſchen Zug in dem verzweifelten Spiele brü⸗ tete oder eine weitere Ausſicht auf Erfolg ſich ſei⸗ ner fieberiſch aufgeregten Einbildungskraft vergegen⸗ wärtigte. Mr. Markham ſaß in dem Comptoir vor ſeinen Büchern, während ſein Aſſocié die im Lauf der Woche gemachten Geſchäfte durchging. Da trat ein jünge⸗ 190 rer Commis ein und meldete, daß ein Mann, Na⸗ mens Styles, draußen nach ihm frage. Bei Nen⸗ nung dieſes Namens überflog ein tiefes Roth Georgs Wange und er wollte Anfangs den Beſuch gar nicht vorlaſſen; als er aber aufblickte und Mr. Thorntons Auge ernſt auf ſich geheftet ſah, da fürchtete er, die⸗ ſer Gentleman möchte ſeine Beweggründe mißdeuten und ertheilte die Weiſung, den Mann hereinzuführen. „Soll ich Sie allein laſſen?“ fragte Mr. Thorn⸗ ton.„Sie haben vielleicht eine Privatſache abzu⸗ machen.“ „Durchaus nicht,“ verſetzte Georg, von dieſem Zeichen des Vertrauens gerührt.„Ich habe keine Geheimniſſe vor Ihnen, mein theurer Sir, dem ich ſo viel verdanke. Wenn Ihnen aufgefallen iſt, daß ich dieſen unerwarteten Beſuch zu empfangen zögerte, ſo liegt der Grund in der Vergangenheit. Er war mein Gefährte auf der Bahn der Thorheit, die faſt zu Vernichtung aller meiner Lebenshoffnungen geführt hätte und er legte mir wiederholt Verpflichtungen auf, die ich gerne abtragen möchte.“ In dieſer Erklärung lag ein männlicher Freimuth, der dem Fabrikanten wohl gefiel. Er blieb, nicht weil er einen Zweifel in die Feſtigkeit ſeines Spre⸗ chers ſetzte, ſondern aus einem andern Grunde. Er hatte nämlich längſt gehört, welche Anſicht Peter Mangles von der fraglichen Perſon hegte. Als Styles eintrat, trug er, zum großen Erſtau⸗ nen ſeines früheren Opfers, einen zwar einfachen aber anſtändigen ſchwarzen Anzug; er war ſauber raſirt und ſah ſo wenig wie ſonſt aus, daß Georg ihn kaum wieder erkannte. Gleichwohl konnte dem genaueren Beobachter ein verdächtiges Roth um die Naſe und ein gewiſſes Schwimmen des Auges nicht entgehen. In allen anderen Beziehungen ſah der Mannn ganz achtbar aus. Obſchon der Anblick des Menſchen Markham an einige der ſchmerzlichſten Züge aus ſeiner Vergangen⸗ heit erinnerte, zwang er ſich doch, ihm die Hand zu reichen. „Ich danke Ihnen, Sir,“ ſagte der Heuchler. „Ihre Herablaſſung wirkt ſehr wohlthuend auf mich, wenn ich dabei an meine ſchnöde und wahnſinnige Vergangenheit denke.“ „Es ſteht mir nicht zu, Ihnen darüber Vorwürfe zu machen.“ „Das iſt ſehr wohlwollend von Ihnen,“ fuhr der Beſuch fort.„Auch ich habe die Thorheit der Trunk⸗ liebe eingeſehen, die mich faſt zu Grunde richtete. Aber Gott ſei Dank,“ fügte er mit Nachdruck bei, „ich habe ſie überwunden.“ „Ich wünſche Ihnen von Herzen Glück dazu,“ entgegnete ſein früherer Gefährte. Mr. Thornton hörte ruhig zu. „Ich habe überall Beſchäftigung geſucht, aber vergeblich. Stets wirft man mir das frühere Laſter in's Geſicht— ich habe es freilich verdient, wohl verdient— und Niemand will mir einen Platz an⸗ vertrauen. Was kann ich den Leuten auf ihre Vor⸗ würfe erwidern? Ich muß verſtummen, weil ich mei⸗ ner Schuld bewußt bin. Die Welt macht einem auch bei dem beſten Willen die Bekehrung bitter ſchwer.“ „Ja wohl,“ dachte Georg Martham;„ohne die beiſpielloſe Aufopferung meines Weibes und Peters 192 Freundſchaft hätte auch ich dieſe Erfahrung machen müſſen.“ Und er begann ein tiefes Intereſſe für Styles zu fühlen. „Ich habe mir daher die Freiheit genommen, Sie zu beſuchen,“ fuhr der Betrüger fort;„denn ich hoffe, Sie werden mir es durch Aufnahme in Ihren Dienſt ermöglichen, meine Vergangenheit wieder gut zu machen. Nicht in's Comptoir,“ fügte er bei,„ob⸗ ſchon ich, wie Sie wiſſen, eine ſehr ſchöne Hand ſchreibe und ein fertiger Rechner bin. Für den An⸗ fang darf ich ein ſolches Vertrauen nicht erwarten — aber Sie können mich vielleicht brauchen als als Ausläufer— kurz, ich gebe mich zu Allem eb. „Darüber müſſen Sie mit meinem Aſſpeié ſpre⸗ chen,“ erwiderte Georg;„ich überlaſſe alle derartigen Angelegenheiten ſeiner Beſorgung.“ Styles machte ein langes Geſicht und begann zu vermuthen, daß er entweder nicht ſcheinheilig genug geweſen oder daß ſeine Liſt durchſchaut ſei. „Auf meine perſönliche Unterſtützung,“ fuhr der Sprecher fort,„dürfen Sie immerhin zählen und ich werde nicht ſäumen, Ihnen Hilfe zu leiſten auf dem Pfad, den Sie gewählt haben.“ Der Heuchler drückte demüthig ſeinen Dank aus. Auf dieſe mittelbare Berufung hin hielt es Mr. Thornton für paſſend, das Wort ſelbſt zu nehmen. Trotz ſeiner Weltkenntniß hatte doch das Märchen von der Beſſerung des Trinkers einigen Eindruck auf ihn gemacht und er beſchloß, dem Manne, wenn er die Wahrheit ſprach, vorwärts zu helfen. 193 „Und wie lange haben Sie die üble Angewöh⸗ nung abgelegt?“ fragte er. „Ungefähr ſechs Monate, Sir.“ „Und Sie fühlen keine Neigung, in ſie zurückzu⸗ fallen?“ „O, ſehr oft, Sir,“ verſetzte Styles.„Wer nie der Sclave eines herabwürdigenden Laſters war, kann ſich keine Vorſtellung davon machen, wie ſtark ſeine Feſſeln ſind. Ich habe furchtbare Kämpfe und Verſuchungen durchgemacht, wenn ich alle Abende einſam in meiner Wohnung ſaß, der Geſellſchaft, des gefüllten Glaſes gedachte und mir dabei ſagen konnte, daß ich im Beſitz der Mittel ſei, der traurigen Lei⸗ denſchaft nachzuhängen. Aber ich widerſtand.“ Georg ſchauderte. Er hatte in Wirklichkeit die Prüfungen durchgemacht, welche der Betrüger ſo gut zu ſchildern wußte. „Von was haben Sie gelebt?“ fuhr der Fabri⸗ kant zu fragen fort. „Meine arme alte Mutter ſtarb,“ verſetzte Styles mit dem Anſchein tiefer Bewegung.„Ich glaube, ihr Verluſt war es, was mich zur Beſinnung brachte. Rach ihrer Beerdigung und nach dem Verkauf des kleinen Hausrathes blieben mir noch einige Pfunde, von denen ich lebte; jetzt aber ſind ſie nahezu fort. Mr. Markham weiß,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß ich oft Geld von ihr erhielt. Sie hatte eine Leibrente.“ Georg beſtätigte bereitwillig dieſe Angabe, aus der er ſich erklären zu können glaubte, daß Styles einem müſſigen Leben nachzuhängen und auch ge⸗ Smith, Ebbe n. Fluth. 1. 13 194 legentlich ihn ſelbſt freizuhalten im Stande geweſen war. „Sie haben ſchon in einem Geſchäft gedient?“ nahm Mr. Thornton wieder auf. „Bei Bently und Compagnie, Sir.“ „Und kamen um Ihren Platz?“ „Wegen Trunkenheit, Sir.“ „Jedenfalls aufrichtig,“ dachte der Gentleman und fuhr dann laut fort:„Können Sie Zeugniſſe beibringen?“ „Was Ehrlichkeit betrifft, ja,“ verſetzte Mr. Sty⸗ les.„Meine ärgſten Feinde können mir nicht nach⸗ ſagen, daß ich je meinen Dienſtherren etwas verun⸗ treute. In Beziehung auf Betragen aber habe ich kein Lob verdient.“ „Wen halten Sie für Ihre Feinde?“ „Mr. Kearn und Peter Mangles. Ihre Vor⸗ ſtellungen ſind ſchuld, daß Mr. Bently mich fort⸗ ſchickte. Ich habe es freilich verdient; aber ſie hät⸗ ten mir doch Friſt zur Beſſerung gönnen können.“ Es war ein guter Gedanke, den Namen des alten Buchhalters mit dem von Bently's Neffen in Verbindung zu bringen— in der That ſo gut, daß Mr. Thornton ſich ernſtlich geneigt fühlte, ihm zu glauben. Wie hoch er auch Peters Urtheil und Rechtſchaffenheit achtete, kannte er doch deſſen Strenge gegen Alles, was wie Ausſchweifung ausſah— es war ſo ungeſchäftsmäßig. „Wohlan,“ ſagte Mr. Thornton,„da mein Freund Mr. Markham geneigt zu ſein ſcheint, Ihnen Be⸗ ſchäftigung zu geben, ſo zweifle ich nicht, daß wir etwas für Sie auffinden werden.“ 195 Styles war lauter Freude und Dankbarkeit; vielleicht zeigte er ſich ein bischen zu wortreich, denn der Sprecher fügte bei: „Nach gehöriger Erkundigung—“ „O ja, natürlich, Sir.“ „Wenn ich finde, daß nichts gegen Sie ſpricht, als Ihre frühere Gewohnheit— namentlich keine Unehrlichkeit, ſo wollen wir ſehen, was ſich thun läßt.“ Mr. Kearns Sendling fühlte ſich des Erfolgs nicht mehr ſo ganz ſicher wie vorher. „Sprechen Sie nach fünf Tagen wieder vor.“ „Ich danke, Sir.“ Der Heuchler griff nach ſeinem mit einem Flor verſehenen, ſchön gebürſteten Hut(Mr. Thornton bemerkte, daß er ganz neu war) und verabſchiedete ſich unter demüthigen Verbeugungen. Als er das Comptoir verließ, drückte ihm Georg Markham eini⸗ ges Geld in die Hand. „Legen Sie ein gutes Wort für mich ein,“ flü⸗ ſterte Styles. Markham verſprach ihm dies, denn voll blinden Vertrauens in die Menſchennatur zweifelte er nicht an der Wirklichkeit der Bekehrung. Mr. Thornton theilte ſeine Meinung, es war eben eine Meinung. Als Georg am Abend aus der City nach Hauſe kam, fand er wie gewöhnlich Peter Mangles neben dem Kamin und die kleine Mary auf ſeinem Schooß, während Rachel Thee bereitete. „Ich habe Styles geſehen,“ bemerkte Georg gegen das Ende der Mahlzeit. Rachel zitterte— nicht aus Zweifel, aber der Name weckte in ihrer Seele ſo viele ſen Er⸗ 196 innerungen. Der Buchhalter hätte faſt die Taſſe fallen laſſen. „Der heilloſe Trunkenbold,“ murmelte er. „Das war er, mein theurer Sir,“ verſetzte Georg; „jetzt hat er ſich gebeſſert.“ „Glauben Sie es nicht,“ rief Peter haſtig.„Er iſt ein verſchmitzter, grundſatzloſer, ungeſchäftsmäßiger Kerl und hatte nie ſein kleines Kaſſenbuch in Ord⸗ nung; ich fühlte das wohl, konnte ihm aber dennoch nie auf den Sprung kommen.“ „Er hat um eine Stelle bei uns angeſucht,“ ſagte Georg. Seine Gattin warf ihm einen ängſtlichen Blick zu. „Und Sie wieſen ihn natürlich ab?“ bemerkte Mr. Mangles. „Ich hab' ihn an Mr. Thornton gewieſen.“ „Recht,“ rief ſein Freund,„ganz recht, mein lie⸗ ber Junge; hätten ihn an keinen beſſern Mann ver⸗ weiſen können. Ihren Aſſocié kann er nicht ſo leicht anführen, wie—“ Er hielt inne. „Wie mich, meinten Sie?“ entgegnete Georg „Ja. Sie haben immer zu viel Vertrauen in Ihren Nebenmenſchen geſetzt, obſchon ich zugeben will, daß manche beſſer ſind, als ich früher von ihnen dachte. Und was ſagte Thornton? Natürlich lehnte er das Geſuch ab.“ „Er will Erkundigungen einziehen; findet er nichts gegen ſeine Ehrlichkeit und ſtellt ſich ſeine Bekehrung als richtig heraus, ſo will er's mit ihm verſuchen.“ Der alte Mann ſeufzte tief auf. „Ihr Aſſocis glaubt an ſeine Beſſerung?“ ſagte er. „Ja.“ „Und Sie auch?“ „Ja.“ „Aber ich nicht,“ verſetzte Mr. Mangles mit Feſtigkeit.„Ich ſehe klar in der Sache. Der Kerl rechnet auf Ihre Dankbarkeit, auf Ihr Mitleid, und hat Ihnen ein Mährchen aufgebunden, um Sie zu hintergehen. Daß Thornton ſo thöricht ſein mochte! aber ich will einen Riegel vorſchieben.“ Die letzteren Worte wurden nur gemurmelt. Bald nachher verabſchiedete ſich Peter unter dem Vorwand, daß er Papiere und Rechnungen durch⸗ gehen müſſe, ſtatt aber nach ſeiner Wohnung in Blackheath zurückzukehren, knöpfte er, ſo bald er die Straße erreicht hatte, mit entſchloſſener Miene ſeinen Ueberrock zu und rief ein Kab on. „Wohin, Euer Gnaden?“ fragte der Kutſcher. Peter wußte nicht, was er antworten ſollte, denn er kannte nicht einmal dem Namen nach die gewöhn⸗ lichen Schlupfwinkel des Laſters in London. Endlich erinnerte er ſich, daß die Krone und Elſter in Weſt⸗ minſter der Schauplatz geweſen war, auf welchem Georg Markham ſich früher mit ſeinem Freund Sty⸗ les umgetrieben und er forderte den Mann auf, dahin zu fahren. Unter Wegs muſterte er den Stand ſeiner Finanzen— neun Schillinge und ſieben Pence. „Ein Glück, daß ich ſo gut verſehen bin,“ dachte er.„Ich führe nicht oft ſo viel Geld bei mir. Es müßte wahrhaftig ein theurer Abend ſein, wenn ich alles brauchen ſollte.“ Der arme Peter; wie wenig kannte er die Welt! 198 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Nur die warme Zuneigung zu Rachel und ihrer Tochter Mary vermochte Peter Mangles zu dem ver⸗ zweifelten Schritte zu drängen, auf den er ſich ein⸗ gelaſſen hatte. Das Intereſſe für Georg Markham allein würde nicht ausgereicht haben, denn während ſeines langen Aufenthalts in London hatte er nie einen Fuß in ein Wirthshaus von der Claſſe der Kron' und Elſter geſetzt; ja, er betrachtete ſogar dergleichen Oertlichkeiten mit einem Gefühl von Ent⸗ ſetzen als gefährlich und ungeſchäftsmäßig. Freilich hatte er von der Geſellſchaft, die man da traf, ſo wenig eine Vorſtellung, als der Laſtträger von dem Gewimmel an einem Courtage der Königin. Als das Kab Halt machte, ſtieg der alte Buch⸗ halter mit einem weit weniger entſchloſſenen Geſichte aus, als er eingeſtiegen war. Wie dem ungeübten Soldaten im Augenblick der Schlacht kamen ihm jetzt allerlei bange Gefühle. Zuerſt betrachtete er die buntfarbige Laterne über der Thüre, dann die durch die Fenſter ſcheinenden Gasflammen; dann hörte er auf die Stimmen von innen, die bald zornig don⸗ nerten, bald in branntweinſeliger Empfindſamkeit ſich vernehmen ließen. Nachdem er den Kutſcher zu warten angewieſen hatte, drückte er mit dem Muth der Verzweiflung die Thüre auf und trat in die Schenkſtube. Die wie gewöhnlich aufgedonnerte Wirthin war eifrig damit beſchäftigt, die zahlreichen Kunden, welche ſich um ſie herdrängten und meiſt aus jungem Volk beiderlei Geſchlechts beſtanden, zu bedienen. Peter Mangles blickte haſtig um ſich her, da ihm nie zu⸗ vor eine ſolche Scene begegnet war. Dann ſchöpfte er aus den Beweggründen, die ihn hergeführt hatten, Muth, trat mit gelüpftem Hut an den Schenktiſch und bat ſchüchtern um ein Glas Ale. Ein allge⸗ meines Gekicher begleitete dieſen ungewöhnlichen Beweis von Höflichkeit. „Heiß oder kalt?“ fragte das Weib, das ſich den Anſchein gab, als ob ſie ihn nicht recht ver⸗ ſtanden habe. „Ale, wenn ich bitten darf, Madame.“ Das Glas wurde gefüllt. „Wie viel?“ „Zwei Pence.“ Der Buchhalter zog einige ſorgfältig in Popier eingewickelte Halbpence heraus und zählte den Be⸗ trag auf den Tiſch. „Ich werde mir's zur Ehre rechnen, Ihre Ge⸗ ſundheit zu trinken, Sir,“ bemerkte ein ſchäbiggentil ausſehender Menſch, der, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, aus einer kurzen Pfeife rauchte. Peter wußte die Ehre zu ſchätzen, that aber nicht dergieichen, als ob er etwas beſtellen wolle. „In was ſoll es geſchehen?“ fügte der Mann bei, indem er den Umſtehenden zublinzelte. „Nach Belieben.“ „Branntwein— heiß und ſtark, Miſſis,“ rief der Burſche. Die Wirthin beſorgte die Miſchung und bot ſie ihm hin. 200 „Einen Schilling,“ ſagte ſie, ohne das Glas los⸗ zulaſſen. Es war etwas mehr als ein Wink nöthig, um Peter begreiflich zu machen, daß er den Branntwein zahlen müſſe; er that es auch endlich, obſchon nur mit Widerſtreben. Als er ſeine Zuſtimmung gab, hatte er ſich freilich nicht träumen laſſen, daß dieſes Geſundheittrinken ihm ſo theuer zu ſtehen kommen werde. Die Worte:„Ein Grüner!“„Sehr ſchön!“„Ein ächter Gentleman!“ ſchlugen jetzt an ſein Ohr. „Wir wollen uns einen Jux machen,“ bemerkte der Regalirte in vertraulichem Ton—„einen fidelen Abend. Freue mich Ihrer Bekanntſchaft.“ Peter begann zu wünſchen, daß er wohlbehalten in der City oder daheim in Blackheath ſein möchte. „Wollen Sie eine Cigarre verſuchen? Erlaube mir Ihnen eine anzubieten. Zwei von Euren beſten.“ Die Wirthin bot ſie über den Tiſch herüber. „Ach Gott, ich rauche nie,“ rief Peter haſtig, als ihm der Sprecher eine ächte britiſche Havannah in die Hand ſchob. „So will ich ſie für Sie rauchen,“ entgegnete der Burſche, indem er ſie zurücknahm und die andere anzündete. „Sechs Pence,“ ſagte die Wirthin; und als ſie ſah, daß kein Geld zum Vorſchein kommen wollte, wiederholte ſie die Forderung „Ich habe ſie nicht beſtellt,“ verſetzte der alte Mann ſchüchtern. Es folgte ein allgemeines Gelächter; dann die Worte:„Schäbig!“„Schmeißt ihn hinaus!“„Kein Gentleman.“ Peter, dem es ſo wirr im Kopfe umging, als habe er eine anrüchige Handlung begangen oder einen Fehler in ſeinen Rechnungen entdeckt, beeilte ſich zu bezahlen. „Kabmiethe, Branntwein, Cigarren, drei Schil⸗ linge und zwei Pence,“ rief er im Geiſt;„Gott be⸗ hüte, nur für einen Penny weiter hätte ich in der City drei Mittageſſen gehabt.“ Bisher hatte er nicht entfernt gedacht, daß Wirths⸗ häuſer ſo koſtſpielige Plätze ſeien und er wunderte ſich nicht mehr, daß ſie den armen Georg zu Grunde gerichtet hatten. Aber er war nicht der Mann, der in eine ſolche Schlinge ging. Nach Abzug der acht⸗ zehn Pence, die er dem Kutſcher ſchuldete, blieben ihm noch ſechs Schillinge zwei Pence und er beſchloß daher weislich, einzuziehen, eh' ihm die ſchlimmſte von allen Verlegenheiten, das Ausgehen des Geldes, begegnete. Er umkrallte mit verzweifelter Feſtigkeit (denn ſein Vorhaben forderte Muth) ſeinen Regen⸗ ſchirm, trat zum zweiten Mal an den Schenktiſch, lüpfte wieder ſeinen Hut— eine Höflichkeit, welche die Wirthin nicht hoch anzuſchlagen ſchien— und erklärte in ſehr entſchiedenem Tone: „Sie werden ſo gut ſein, Madame, dieſem Gent⸗ leman nichts weiter zu debitiren, wenn er auf meine Rechnung beſtellen will.“ „Was meint er mit debitiren?“ fragte die Wirthin mit großen Augen. „Er will nichts mehr preſtiren“ ſchrieen ein paar Dutzend Stimmen. 202 „Wie Ihnen beliebt,“ rief die Gebieterin des Hauſes und ſchüttelte mit einer Miene, welche Ver⸗ achtung ausdrücken ſollte, ihre Locken. Diejenigen, welche von Peter nicht regalirt worden waren, erklärten, er ſei nicht ſo dumm, wie er ausſehe. Mit ſchwerem Herzen blickte der alte Mann um⸗ her. Styles war nicht da, und er begann zu arg⸗ wöhnen, daß er ſich all dieſer Mühſale vergeblich ausgeſetzt habe. „Hält ſich der ſchurkiſche Saufbold gerade heute von ſeinem gewöhnlichen Schlupfwinkel fern, um mich für den Narren zu halten?“ fragte er ſich ſelbſt. Er war jedoch entſchloſſen, ſich durch keine Wider⸗ wärtigkeit von ſeinem Poſten vertreiben zu laſſen und ſetzte ſich auf eine Fenſterbank, wo er gemächlich ſein Glas Ale ausſchlürfte, von dem er bisher noch nichts gekoſtet hatte. Da wir den Leſer nicht zum erſten Male in die Schenkſtube der Krone und Elſter einführen, ſo brauchen wir nicht zu bemerken, daß die Geſellſchaft keine auserleſene oder nur im ſchlimmen Sinn des Wortes ſo genannt werden konnte. Bei der gegen⸗ wärtigen Gelegenheit beſtand ſie aus ganz beſonders ausgelaſſenen und verderbten Perſonen und es war ein Glück für den Buchhalter, wenn ſich nicht gar verbrecheriſche Gelüſte regten; doch Gewalt hatte er keine zu befürchten. Als die Quälgeiſter fanden, daß die Geduld des alten Mannes, dem ſie mit allerlei Hänſeleien zuſetzten, noch größer war als ihre Unverſchämtheit, hörten ſie allmälig auf, ſeiner zu achten und er konnte friedlich ſeinen Sitz unter dem Gaslicht behaupten, bis eine neue Perſönlichkeit, eine Negerin, die im WVeſtende der Stadt unter dem Na⸗ men der ſchwarzen Moll bekannt war, die Scene betrat. Im nüchternen Zuſtand war das arme Geſchöpf vollkommen harmlos, in der Aufregung des Brannt⸗ weins aber, den ihr mancher gut gekleidete Elende zahlte, während er ſie verlacht haben würde, wenn ſie ihn um Brod gebeten hätte, wurde ſie gewaltthä⸗ tig, gefährlich und wild wie eine Tigerin; dabei be⸗ ſaß ſie eine Körperkraft, welche ſie ſogar zum Schrecken der Polizei machte, der die Schwarze nur allzu gut bekannt war. Ihr Eintritt wurde mit lautem Geſchrei begrüßt. Peter begann zu argwöhnen, daß er in der That in eine höchſt zweifelhafte Geſellſchaft gerathen ſei, und machte ſich Gedanken darüber, was wohl die Comp⸗ toirgehülfen ſagen würden, wenn ſie den Kaſſier der wohlbekannten Firma Bently und Compagnie mit dem Bierglas in der Hand vorne an in der Schenk⸗ ſtube der Krone und Elſter ſehen könnten. Jeden⸗ falls hätte er nach einer ſolchen Bloßſtellung ſein Geſicht nie wieder auf der Börſe zeigen dürfen. „Wieder aus dem Käfig, Moll?“ bemerkte der Mann, den Peter regalirt, oder vielmehr, der ſich ſelbſt auf Peters Koſten traktirt hatte.„Mußte ich do hören, daß Ihr den Faßan todt geſchlagen ättet.“ „Nur den Arm ab, das war Alles,“ verſetzte die Schwarze. „Welch ein weibliches Unthier!“ ſagte Peter zu ſich ſelbſt. Die Negerin begann umher zu ſchauen, ob ſie 204 nicht Jemand bemerkte, der möglicherweiſe für ſie etwas zahlte, denn das Verlangen nach dem Reiz⸗ mittel, welches ſie ſo lange hatte entbehren müſſen, regte ſich mit Macht in ihr. Endlich blieben ihre Augen auf Peter Mangles haften, den ihr Blick dem der Klapperſchlange gleich feſt zu bannen ſchien. „Ach Himmel, was kann ſie damit meinen, daß ſie mich ſo ſchrecklich anſieht?“ dachte der alte Mann. Die Negerin nickte, und Peter ahmte in ſeiner Geiſtesverwirrung dieſe Bewegung nach. Ein allge⸗ meines Gelächter war die Folge davon. „Ihr lieb, alt Gentleman,“ ſagte ſie,„mit ſchöne, weiße Kopf; Ihr zahl ſchwarz Lady ein Glas Branntwein?“ „Nein; hinweg— hinweg von mir, mein gutes Frauenzimmer.“ „Ich trinken Euer Geſundheit, Sir?“ Peter umklammerte ſeinen Regenſchirm mit noch größerer Feſtigkeit— dieſes Compliment hatte ihn bereits ſein Geld gekoſtet. „Auf ihn, Moll!“ flüſterte ein junger Burſche, der am Schenktiſch lehnte.„Ihr ſollt dann das Glas haben.“ „Ihr mir nicht geb Branntwein?“ „Gewiß nicht.“ „Dann Ihr mir geb Kuß.“ „Was?“ rief der Buchhalter, entſetzt aufſpringend. Die Schwarze ſtürzte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Unter obwaltenden Umſtänden würde wohl mancher jüngere und kühnere Mann wie Peter ge⸗ handelt haben, welcher mit einem Ausruf des Schreckens 205 und Abſcheus zur Thüre hinaus und in das Kab hin⸗ einſchoß, das inzwiſchen auf ihn gewartet hatte. „Schließt den Schlag— feſt— laßt ſie nicht herein,“ ſchrie er dem erſtaunten Kutſcher zu, wäh⸗ rend er mit ſeinem Regenſchirm zum Fenſter heraus fortwährend Stöße nach ihr führte. Der Kutſcher wußte, mit welcher Furie er zu thun hatte, wenn ihr Blut in Wallung war. Statt daher abzuſteigen und den Schlag zu ſchließen, ließ er weislich ſeinen Pferden den Zügel und fuhr im Galopp nach der Parlamentsſtraße, während das Geſchrei der Zuſchauer dem Flüchtling nachdröhnte. ſ der St. Margarethenkirche machte der Kutſcher alt. „Wohin?“ fragte er. Der Inſaße des Wagens fand in der Verwir⸗ rung ſeines Geiſtes keine Antwort. „Was wollen Sie eigentlich?“ fragte der Mann weiter. Peter ſah ein, daß er ohne einen Gehülfen nicht zurecht kommen würde; er wagte es nicht, den Schrecken der Krone und Elſter allein Trotz zu bieten. „Führt mich nach einem Platz, wo wir ruhig mit einander ſprechen können,“ ſagte er. Das Ergebniß dieſer Beſprechung werden wir am Schluß dieſes Capitels kennen lernen. Es ge⸗ nüge zu ſagen, daß der Kutſcher auf ein Mittel ver⸗ fiel, das ſeine Fracht befähigte, in das Wirthshaus zurückzukehren, ohne daß ſie Gefahr lief, beſchimpft oder erkannt zu werden. Das Gaſtzimmer der Krone und Elſter wurde von ganz onderen Gäſten beſucht, als die waren, 206 welche der Schenkſtube ihre Gunſt zuwandten. Sie ließen vielleicht weniger aufgehen, waren aber mit einer oder zwei Ausnahmen viel regelmäßiger und achtbarer, und beſtanden hauptſächlich aus Gewerbs⸗ leuten, einigen Advokatenſchreibern, einem im Ruhe⸗ ſtand lebenden Leichenbeſtatter, dem Küſter einer be⸗ nachbarten Kirche und den höheren Dienern der Würdeträger der Abtei, oder der in unmittelbarer Nähe wohnenden beſſeren Familien. Ihr Präſident(denn ſie hatten eine regelmäßige, oder beſſer eine unregelmäßige Geſellſchaft unter dem Namen der„Krämer“ gebildet) war ein melancholiſch ausſehendes, faſt zwerghaftes Männchen, Goran ge⸗ heißen, das während der letzten dreißig Jahre im Haus der Gemeinen als Thürſteher gedient hatte. Die Anſichten dieſer bedeutſamen Perſon über alle politiſchen Fragen wurden mit tiefer Aufmerkſamkeit angehört, und zwar nicht mehr wie billig, da ſchon ein Caſtlereagh und Sidmouth mit ihm geſprochen hatte, obſchon Niemand genau wußte über welchen Gegenſtand— vielleicht über das Wetter, vielleicht auch über Staatsangelegenheiten. Er hatte dem poetiſchen Miniſter Georg Canning das Pferd ge⸗ halten und erinnerte ſich genau der Verſchwörung aus der Catoſtraße, der gerichtlichen Verhandlungen über die Königin Caroline, der Katholikenemancipa⸗ tion, des Durchgehens der Reformbill und der Zer⸗ ſtörung des Oberhauſes. In der That könnte Mr. Goran's Melancholie von dem letzteren Ereigniß ab⸗ geleitet werden. Seine beſten Freunde hatten ihn ſeitdem nie wieder lächeln ſehen. Ueber den Urſprung des Brandes, den er ſich nie ganz erklären konnte, unterhielt er ſeine eigenen Anſichten. Wenn man ihn ſcharf darüber ausfragte, ſo klangen ſeine Antworten entweder wie Hrakelſprüche oder waren ſie räthſel⸗ haft, und ſelbſt bis auf den heutigen Tag ſind die⸗ jenigen, welche ſein höchſtes Vertrauen genießen, im Unklaren darüber. An dem Abend, an welchem Peter Mangles die Krone und Elſter beſuchte, hatte ſich die Geſell⸗ ſchaft des Gaſtzimmers beſonders ſtark eingefunden. Es galt nämlich eine Wette von einer gehörigen Anzahl Gläſer Branntwein, die Styles darauf an⸗ geboten hatte, daß er ſeinen Hausherrn, eine abge⸗ fallene Krähe, Namens Impey, der ſich ſeit ſeiner Verehelichung nicht mehr an den nächtlichen Ver⸗ ſammlungen betheiligt, wieder nach dem aufgegebe⸗ nen Tummelplatz bringen werde. Jahre lang war der Abtrünnige einer der eif⸗ rigſten Stammgöäſte, der erſte und der letzte auf dem Platz geweſen. Sein Wegbleiben wurde um ſo mehr als ein Verluſt gefühlt, da er gut ſang und als ein vermöglicher Mann etwas Hübſches aufgehen ließ. In einer unbewachten Stunde, und ſicherlich ohne ſich bei ſeinem Miethsmann Raths zu erholen, hatte er ſeine Haushälterin, oder vielmehr dieſe ihn ge⸗ heirathet, denn der unglückliche Benedikt konnte ſich nie recht klar machen, wie es eigentlich zugegangen war, und es frägt ſich, ob er je darüber in's Reine kommen wird. Ein paar myſtiſche Worte und das Schieben eines Ringes über die nicht gar zarten Finger der Braut hatten einen höchſt merkwürdigen Wechſel hervorge⸗ bracht. Die Haushälterin pflegte ihren Herrn, 208 wie ſpät und in welchem Zuſtande er auch nach Hauſe kommen mochte, ſtets mit einem Lächeln zu bewillkommnen; ſie half ihm ſeine Stiefel ausziehen, leuchtete ihm nach ſeinem Zimmer, ſagte ihm mit der heiterſten Stimme gute Nacht, brachte ihm Mor⸗ gens eine Taſſe grünen Thee's und unterſtand ſich nie, merken zu laſſen, daß ſie ſein Benehmen für unweiſe oder ausſchweifend halte. Die Frau aber zeigte ſich ganz anders; ſie ſprach nicht nur beſtimmt und unverholen ihre Meinung aus, ſondern verbot — ja, verbot ihm ſogar, die Beſuche in der Krone und Elſter zu erneuern. Kam dies wie es wollte, der glückliche Chege⸗ mahl trug kein Verlangen, ihren Einſchärfungen un⸗ gehorſam zu ſein. Es war etwas ſo Eigenthümliches in ihrem Ton und Weſen, daß— kurz, bis auf den fraglichen Abend hatte er jeden Verſuch, ihn den kürzlich beſchworenen ehelichen Pflichten abzuſpannen, mannhaften Widerſtand entgegengeſetzt. Als daher Styles mit ſeinem Opfer eintrat, wurden ſie mit einem allgemeinen„Kah, kah“ bewillkommt; denn die Krähen thaten ſich etwas darauf zu gut, daß ſie ſtets in ihrer Rolle blieben. Jedermann ſchien ent⸗ zückt zu ſein, den Zurückgekehrten zu ſehen, den im Ruheſtand lebenden Leichenbeſtatter, welcher die Wette verloren hatte, und zwei Freunde ausgenommen, die beiſeits in einer Stubenecke ſaßen und augenſcheinlich von dem Auftritt nichts verſtanden. Von den beiden Letzteren war einer ein ſtämmi⸗ ger, luſtig ausſehender Burſche, dem man den Kab⸗ führer ſchon von weitem anſah. Der andere trug eine achtbare, nüchterne Livré und eine jener eigen⸗ thümlichen kleinen Flachsperrücken, wie ſie einſt die Kutſcher trugen und die man jetzt nur noch ſelten, etwa bei beſonderen Feierlichkeiten des hohen Adels, wahrnimmt; er hatte auch ein großes Halstuch um⸗ geſchlungen, ſo daß man von dem untern Theile ſeines Geſichtes nichts bemerken konnte. Die Ankunft des jungen Ehemannes und Mr. Styles' war das Signal zu einer Salve von mehr oder weniger feinen Witzen, an denen alle, mit Aus⸗ nahme der vorgenannten Perſonen, einen lebhaften Antheil nahmen. Aus ihrem Schweigen konnte man ſchließen, daß ſie unbeachtet bleiben wollten. Der Präſident beantragte in ernſter Rede ein Dankesvotum an die junge Frau, weil ſie ihrem Gatten einmal Urlaub gegeben habe, und der im Ruheſtand lebende Leichenbeſtatter unterſtützte die Motive, indem er ſchlau andeutete, daß der geachtete Bruder Krähe ein bischen unter dem Pantoffel ſtehe — eine Unterſtellung, welche Mr. Impey ſogleich auf die Beine brachte. Mit großem, durch den An⸗ laß durchaus nicht gerechtfertigtem Ungeſtüm behaup⸗ tete er, daß er nicht nur der glücklichſte, ſondern auch der unabhängigſte von allen Sterblichen ſei, klopfte ſich auf die Weſte und wollte wiſſen, ob ir⸗ gend eine Krähe glaube, daß ein Mann wie er je zu einem Pantoffelhelden herabſinken könne. Dann blickte er grimmig umher, als wollte er Antwort haben, die natürlich nicht erfolgte, und ſchloß damit, daß er ſich ſelbſt als einen Hausnero, einen voll⸗ kommenen Tyrannen verleumdete, der ein eiſernes Scepter führe. Smith, Ebbe u. Fluth. I. 14 210 „Hört! hört!“ brüllte Styles, indem er zugleich ſeinen Nachbarn zublinzelte. Das Eintreten des Kellners mit einem Brett gefüllter Gläſer verhinderte eine weitere Erörterung; aber vor dem Trinken mußte eine Einleitungscere⸗ monie durchgemacht werden, die in der Regel große Heiterkeit verbreitete und mit weiteren Koſten ver⸗ bunden war. Es gehörte nämlich zu den Geſell⸗ ſchaftsregeln, daß, wenn eine Krähe einen Aufwichs gab, jede andere einen Vers ſingen mußte, in wel⸗ chem ſie ſich ſelbſt, ihren Stand oder Beruf mit dem geflügelten Wahrzeichen des Klubs vergleichen oder Strafe zahlen mußte. Der Präſident machte den Anfang. Seine An⸗ ſpielungen waren natürlich ganz parlamentariſch. „Mit den Krähen der Luft kann 2 den Krähen der rden Der beginnende Staatsmann verglichen werden. Sie fliegen gar hoch, und als Schimpf erſcheint's nicht, Wenn jeder auf's beſte Neſt iſt erpicht. Kah! kah! kah!“ Pflichtlich wurde der Vers des erlauchten Präſi⸗ denten mit ſchallendem Beifall aufgenommen. Der Wſe, ein Advokatenſchreiber, begann ſofort ſein ied: „Mit den Krähen der Luft kann den Krähen der rden Am beſten der Rechtsmann verglichen werden. Sie tragen ſich Schwarz und die Kleinen frißt Jeder, Und fehlt das Gefieder, ſo doch nicht die Feder. Kah! kah! kah!“ Nun war die Reihe an dem Neuvermählten, deſſen Aufſtehen mit einem Beifallsſturm begrüßt wurde. Die Hand auf ſeine Weſte legend, machte er eine Verbeugung, um ſeine hohe Befriedigung auszudrücken; dann begann er ſeinen Beitrag zur Unterhaltung des Abends: „Mit den Krähen der Luft kann von den Krähen der Erden Vortrefflich der Ehmann verglichen werden. Das Huhn hält zu Hauſe das Neſtchen warm, Der Mann treibt ſich um in der Freunde Schwarm. Kah! kah! kah!“ Die Bravorufe waren noch nicht zu Ende, als raſch die Thüre aufging und eine ſauber gekleidete, achtbar ausſehende Frau hereintrat. Kaum hatte ſie der Sänger erkannt, als ſein Geſicht ſich veränderte; man ſah ihm an, daß er lieber an jedem andern Platze geweſen wäre. Sie heftete ihr ſcharfes graues Auge mit einem nichts weniger als liebenswürdigen Ausdruck auf ihn und rief in zornigem Tone ihm zu: „Impey, Du Narr, komm' heim!“ Nach den vorausgegangenen Großſprechereien machte der Ehemann allerdings eine ſehr lächerliche Figur. Der Hausnero wurde blaß und das cheliche Scepter war, wie ſich nun herausſtellte, nur von Holz, nicht von Eiſen. Er hatte die Lacher furcht⸗ bar gegen ſich. „Ja, freilich— ich komme bald, meine Liebe,“ ſtotterte er. „Mit dem bald iſt mir nicht gedient: Du mußt gleich jetzt kommen.“ Das Weib ſprach mit aller Entſchiedenheit und 14 212 jedes Wort fiel ſcharf und klar von ihren Lippen; augenſcheinlich war ein großer häuslicher Krieg auf dem Punkte der Entſcheidung. „Es muß etwas Ernſtliches vorgefallen ſein— tz ſehr Ernſtliches, Gentlemen,“ bemerkte der atte. „Strafe!“ rief der Präſident.„Strafe!“ Es war nämlich gegen die Regeln der Geſell⸗ ſchaft, in der Anrede ſowohl als ſonſt von den Mitgliedern anders als Krähen zu reden. „Ich ſtelle den Antrag, daß Mr. Impey den Präſidentenſtuhl einnehme,“ rief Styles. Das Votum fand keinen Widerſpruch. „Ein Glas und eine Pfeife für die Dame,“ fügte der Antragſteller bei. Kaum waren die Worte geſprochen, als ein kräf⸗ tiges Klatſchen auf die Wange des Sprechers das Gefühl bekundete, mit welchem das Compliment auf⸗ genommen wurde. Mr. Impey erblaßte, wahrſcheinlich im Vorgefühl. „Das ſind alſo Deine ſauberen Freunde?“ ſagte das Weib.„Laß mich hören, daß Du je wieder einen Fuß ſetzeſt in das Neſt⸗, wie Ihr es nennt, und mein Eigenthum mit Saufen und Schlemmen vergeudeſt. Krähen! Ja wohl da,“ fügte ſie im Ton der Verachtung bei.„Warum nennt ihr euch nicht lieber Eulen?— Muß ich noch lange warten?“ fuhr ſie in einem eigenthümlichen Tone fort.„Willſt Du meine Geduld ganz und gar erſchöpfen?“ „Gewiß nicht, meine Liebe,“ rief haſtig der un⸗ glückliche Benedikt. Er verließ langſam ſeinen Sitz rechts von dem Präſidenten und bewegte ſich zaudernd gegen die Thüre hin. Als er in den Bereich ſeiner Ehehälfte gekommen war, packte ihn dieſe am Arm und führte 6 Triumph ihn aus der Gaſtſtube der Krone und ſter. Der Abzug wurde von einem brüllenden Ge⸗ lächter begleitet, um das ſich übrigens Mrs. Impey nur wenig kümmerte; denn ſie hatte erreicht, was ſie wollte, und ihren Gatten einer Geſellſchaft ent⸗ riſſen, durch welche zuletzt ihre beſcheidenen Mittel, Hausweſen, Bequemlichkeit und Achtbarkeit zu Grunde gerichtet werden mußten. Die Kur war ſo entſchie⸗ den, als die Krankheit bedrohlich, und im gegen⸗ wärtigen Fall rechtfertigte der Zweck das Mittel. Während der Verwirrung, welche nun folgte, waren der Kabführer mit ſeinem Begleiter in der achtbaren Livré und der Kutſchersperrücke unbemerkt verſchwunden. Es war Mitternacht vorbei, als ein Kab vor dem Häuschen in Blackheath anfuhr. Mrs. Lawrence, die Haushälterin, hatte in Todesängſten gelebt. In den zwanzig Jahren, während ſie Peters Hausweſen leitete, war er nie ſo ſpät heimgekommen. Sie kam auf den Gedanken, der alte Buchhalter fange an, ausſchweifend zu werden, und der Eindruck wurde noch bekräftigt, als er mit einem Gang und einem Stierblicke, der in der City ein eigenthümliches Auf⸗ ſehen erregt haben würde, in die kleine Wohnſtube trat. Der Kutſcher folgte ihm. Peter öffnete ſein Pult und zählte ihm drei Goldſtücke hin. 6i „Toll! rein toll!“ murmelte die Haushälterin, als ſie hinter dem Kutſcher die Thüre ſchloß. 214 Ihr Herr war in einer ſehr fröhlichen Stimmung. Man darf aber nicht glauben, daß die drei Glas Grog, die er, um den Schein zu wahren, getrunken, daran Schuld waren; eine ſolche Unterſtellung würde er mit Unwillen zurückgewieſen haben. „Der jüngſte Tag kömmt,“ ſagte die Haushälte⸗ rin.„Fr ſingt.“ Sie horchte und vernahm deutlich etwas von Krähen, worauf der Ruf:„Kah! kah! kah!“ folgte. Als ſie wieder in das Wohnzimmer trat, verſuchte Peter ſich zu ſammeln. Er nahm den Lichtſtock in die Hand und ſah ſie ſcharf an. „Mrs. Lawrence,“ ſagte er mit großer Würde, „ich habe Ihnen einen Auftrag— einen ganz be⸗ ſonderen Auftrag zu ertheilen.“ „Nun, Sir?“ „Wenn morgen früh ein ſchwarzes Frauenzimmer nach mir fragt, ſo bin ich für ſie nicht zu Hauſe.“ „Wenn wer fragt?“ erwiderte die Haushälterin entſetzt. „Ein ſchwarzes Frauenzimmer.“ „Sehr wohl, Sir.“ „In der That, ich werde für ſie nie zu Hauſe ſein.“ Mit dieſer Bemerkung marſchirte er majeſtätiſch aus dem Zimmer, kam unter dem Beiſtand des Ge⸗ länders die Treppe hinauf und riegelte ſich in ſein Schlafgemach ein— eine Vorſichtsmaßregel, welche die Haushälterin nie zuvor wahrgenommen hatte. „Gott behüt' mich!“ rief Lawrence außer ſich, „jetzt ſingt er ſchon wieder.“ Sie horchte und konnte wieder die Laute unter⸗ ſcheiden:„Kah, kah! kah!“ 215 Nach Ablauf der beſtimmten Zeit machte der reuige Mr. Styles in dem Comptoir der Herren Thornton und Markham wieder ſeine Aufwartung. Er wurde von dem älteren Aſſocié empfangen. „Ich habe die nöthigen Erkundigungen einge⸗ zogen,“ bemerkte er. „Sie ſind ſehr gütig, in der That ſehr gütig, Sir,“ verſetzte der Betrüger,„daß Sie ſich ſo viele Mühe geben wegen eines armen, freundloſen, aber, wie ich hoffe, durchaus gebeſſerten Menſchen.“ „Gegen Ihre Ehrlichkeit hat man nichts einzu⸗ wenden,“ fuhr der Fabrikant fort. „Das wußte ich wohl, Sir. Weder Mr. Carus, nach Peter Mangles, den ich für meinen größten Feind halte, kann mir hierin etwas vorwerfen.“ „Und ohne einen einzigen Umſtand würde ich Ihnen recht gerne Beſchäftigung geben; aber ich kann unmöglich den Krähen ein ſo werthvolles Glied ihrer Geſellſchaft entziehen.“ Das Geſicht des Beſuchs verlängerte ſich. „Heuchler!“ rief Mr. Thornton;„ſchamloſer Heuch⸗ ler, Sie ſind entlarvt. Solche Menſchen lähmen die Hand der Nächſtenliebe, verhärten das Herz und rechtfertigen faſt die Verachtung, welche nur zu Viele gegen die Menſchheit hegen, zu der wir doch auch als ein Theil gehören. Sie haben eingeſetzt und verloren.“ Ohne einen Blick auf Georg Markham zu werfen, ſchlich der reuige Styles aus dem Comptoir. „Wie habe ich dies zu verſtehen, mein theurer Sir?“ fragte der erſtaunte Georg. 216 „Daß Sie einer Schlinge entkommen ſind,“ ver⸗ ſetzte Mr. Thornton, ihm die Hand drückend.„Die Freundſchaft von Peter Mangles hat abermals über Ihnen gewacht. Es war der ſchlimmſte von allen Fallſtricken,“ fügte er bei,„denn die Berechnung ging dahin, Sie durch das beſte Gefühl Ihres We⸗ ſens, die Dankbarkeit, zu Grunde zu richten.“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. Bei dem Verſuch, Georg Markham durch Ver⸗ lockung zu Ausſchweifung und Laſter zu Grunde zu richten, hatte Styles bisher nur die ſchnöde Begier nach Geld geleitet. Der Anſtifter zahlte ihn für ſeine Dienſte; dies allein hatte er im Auge, ohne daß er weiter wünſchte. Aber nun traten auch perſönliche Gefühle des Neides über den beginnenden Wohlſtand ſeines Opfers und der Durſt nach Rache wegen der erlittenen, demüthigenden Bloßſtellung dazu, und er gelobte ſich, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um Georg wieder in die Tiefe hinabzuziehen, in welche ihn die Trunkliebe geſtürzt hatte. Voll von dieſem Entſchluß beſuchte er Carus Kearn in ſeiner Woh⸗ nung und erzählte ihm Wort für Wort den ganzen Vorgang— ſein argliſtig angelegtes Märchen und den ſchlechten Erfolg deſſelben. Der ſchlimme Mann hörte ihm ungeduldig zu; ihm genügte zu wiſſen, daß ſein Plan hinſichtlich der Mitwirkung ſeines Agenten fehlgeſchlagen war; die Einzelnheiten hatten keinen Werth für ihn und er⸗ höhten nur ſeinen Verdruß. 217 „Sie müſſen Ihre Karten ſchlimm geſpielt ha⸗ ben,“ bemerkte er. „Ich ſpielte aus, was ich hatte,“ verſetzte der Elende.„Wer konnte vorausſehen, daß der alte Narr, der Markham zum Aſſocié annahm, ſo genaue Auskunft über mein Thun und Treiben ſich zu ver⸗ ſchaffen vermöge? Georg muß über mich geklatſcht haben. Ich machte ſtets die Wahrnehmung,“ fügte er bei,„daß die ſogenannten geſetzten, achtbaren Ge⸗ ſchäftsleute weit ſchlauer und berechnender ſind, als die heiteren Lebemänner. Was mich betrifft, ſo habe ich mein Beſtes gethan und kann mir keinen Vor⸗ wurf machen.“ „Es ſcheint, Sie ſind des Unternehmens ſatt,“ verſetzte Carus. Styles zuckte die Achſel und murmelte etwas von Fehlſchlagen. „Ein ächter Raubvogel ſtößt zweimal.“ Styles ſah ihn feſt an. „Nur der Sperlingsfalke gibt die Verfolgung auf, wenn ihm der erſte Verſuch nicht gelungen iſt,“ fuhr Carus mit Nachdruck fort.„Ich tadle Sie nicht wegen des ſchlechten Erfolgs,— denn der Plan war gut angelegt und wurde nicht ungeſchickt ausgeführt. Alles kann man unmöglich in Rechnung nehmen. Ihre Belohnung ſoll unter dem Mißlingen nicht leiden.“ Der Zuhörer begann eine heiterere Miene zu machen. „Es gilt nun, einer Gefahr, die für meine künf⸗ tigen Ausſichten noch weit bedrohlicher iſt, auf den Grund zu ſehen und ihr womöglich vorzubeugen.“ 218 „Der Knabe in Jerſey,“ bemerkte Styles;„ſein Enkel.“ „Ja,“ verſetzte Carus Kearn.„Die Sache iſt mir mehr als verdächtig. Sollte ſich verwirklichen, was ich ahne— dann Adieu Erbſchaft. Ich werde dann nicht mein Verſprechen erfüllen und ordentlich für Sie ſorgen können, denn wenn mein Onkel ſtirbt, werde ich ſelbſt ein armer Mann ſein. „Es gibt nichts Unbeſtändigeres, als die Ent⸗ ſchließungen eines alten Mannes, die Verſprechen eines Weibes etwa ausgenommen,“ fuhr Carus mit Bitterkeit fort.„Wenn der Knabe Mr. Bently's Enkel iſt, ſo bin ich ein zu Grunde gerichteter Mann, es wäre denn, daß irgend ein Zufall ihn mir aus dem Weg räumte. Doch zuerſt muß ich wiſſen, ob die Sache ſich wirklich ſo verhält, oder ob mich blos ein Hirngeſpenſt quält. Sie haben den Knaben ge⸗ ſehen?“ „Oft.“ „Und würden ihn wieder erkennen?“ „Unter Hunderten.“ „So brechen Sie unverweilt nach der Inſel auf. Ich brauche Ihnen nicht Vorſicht anzuempfehlen. Laſſen Sie ſich nicht auf Nachfragen ein, da Sie zu nichts Gutem führen können und leicht Argwohn er⸗ regen würden. Suchen Sie ihn zu ſehen— dies wird ausreichen; dann kommen Sie wieder und ho⸗ len weitere Weiſungen ein.“ Styles wiederholte langſam die geſperrt gedruck⸗ ten Worte. „Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß unſer beiderſeitiges Intereſſe auf dem Spiel ſteht,“ 219 bemerkte Mr. Kearn.„Es thäte mir in der That leid, wenn ich nach Ihren langen und treuen Dien⸗ ſten nicht in die Lage käme, für Ihr Alter ſorgen zu können, meiner eigenen vereitelten Hoffnungen nicht zu gedenken.“ „Natürlich,“ murmelte Styles;„aber Sie ſind nicht der Gentleman, für den ich Sie halte, wenn Sie ruhig Ihre Ausſichten durch einen Knaben ver⸗ eiteln laſſen, und noch obendrein durch einen Sohn von Georg Markham.“ Der Gentleman lächelte. „Sein Vater hat Ihnen bereits genug geſchadet.“ Bei dieſer Anſpielung auf Rachel verſchwand das unheimliche Lächeln von den Lippen ihres Verwand⸗ ten und ſeine ſchwarzen Augen blitzten in der gan⸗ zen wilden Leidenſchaftlichkeit ſeines Weſens. „Etwas muß geſchehen,“ fuhr Styles fort. „Nun, wir werden ſehen,“ entgegnete Carus. „Und bald.“ „Ich ſäume ſelten, wenn ich einmal einen Ent⸗ ſchluß gefaßt habe,“ lautete die Antwort.„Die erſte Schwierigkeit beſteht darin, für was ich mich ent⸗ ſcheiden ſoll.“ „Und wenn Sie einen Freund nöthig haben, Mr. Carus,“ rief der achtbare Tom Styles,„ſo brauchen Sie ihn nicht weit zu ſuchen.“ „Ich danke Ihnen.“ „Wahrhaftig, das Blut kocht mir bei dem Ge⸗ danken, daß Sie eines Vermögens beraubt werden könnten, welches Ihnen gehört, und daß jener Balg, der Sohn eines Menſchen, welcher nicht beſſer iſt, als ich ſelbſt, Sie hindern ſoll, Ihre guten Abſichten 220 gegen Ihre Freunde auszuführen. Es iſt mir,“ fügte er bei,„als könnte ich Alles thun, um dieſem vor⸗ zubeugen.“ Obſchon Mr. Kearn vollkommen verſtand, was Styles damit ſagen wollte, gab er doch keine Ant⸗ wort. Ihm genügte zu wiſſen, daß ihm für ſeine verzweifelten Entwürfe, wie unbeſtimmt ſie auch zur Zeit noch ſein mochten, ein gewiſſenloſes Werkzeug zur Verfügung ſtand. Noch am nämlichen Abend brach Tom Styles nach Southampton auf, und traf daſelbſt eben recht ein, um das Dampfboot nach Jerſey benützen zu können. Er ſtieg am andern Morgen an's Land und quartirte ſich in dem Lion d'or, einem franzöſiſchen Hotel, ein, wo er am wenigſten erkannt zu werden befürchten mußte. Zur Vorſicht gab er ſich für einen vom Geſchäft zurückgetretenen Gewerbsmann aus, in welchem die Wohlfeilheit und die geſunde Lage der Inſel den Wunſch geweckt hatte, ſich bleibend auf ihr niederzulaſſen. Richard Markham hatte ſich nun gegen ein Jahr unter der Obhut des ehrwürdigen Mr. Onias Brown befunden, und in ſeiner Erziehung die befriedigendſten Fortſchritte gemacht,— da der Schmerz über die Trennung von ſeiner Mutter ihn nicht gegen die Vortheile eines guten Unterrichts blind zu machen vermochte. Seine ſchönen Talente entwickelten ſich um ſo raſcher, da ſie ſo lange brach gelegen hatten, und die Erwartungen ſeines Lehrers wurden bei Weitem übertroffen, da der Knabe der Ausbildung inſtinktartig entgegen zu kommen ſchien. Die ſchwie⸗ rigſten Lehrgegenſtände bewältigte er mit ſolcher Leichtigkeit, daß er bald die Knaben einholte, welche ſchon mehrere Jahre unter der Obhut des würdigen Geiſtlichen geſtanden hatten. Im Lateiniſchen war er ſchon ſehr weit voran, aber ſeine Talente zeigten ſich hauptſächlich in Erlernung der neueren Sprachen, namentlich des Hindoſtaniſchen, in welchem Mr. Brown, der früher Caplan in Indien geweſen war, Unterricht ertheilte, weil die meiſten ſeiner Zöglinge für die Armee oder ſonſt einem Beruf beſtimmt wa⸗ ren, der ſie mit dem Orient in Verbindung bringen konnte. Richards beſter Freund war Heinrich Morton, der Sohn des Rechtsgelehrten, in deſſen Haus er die Neujahrsnacht zugebracht, die einen ſo merkwürdigen Einfluß auf ſeine Beſtimmung geübt hatte. Der Knabe ſtand mit ihm in gleichem Alter und beſaß ein offenes, freimüthiges, edles Weſen; eine wechſel⸗ ſeitige Sympathie verband die beiden, und es herrſchte ein vollkommenes Vertrauen unter ihnen. Wenn wir ſagen,„ein vollkommenes Vertrauen,“ ſo müſſen wir doch einen Vorbehalt machen. Unſer Held war ſeines an Heinrichs Vater gegebenen Ver⸗ ſprechens eingedenk geblieben und ließ ſich deßhalb nie merken, daß er ſchon eine Nacht unter deſſen Dach zugebracht habe. Die erſte ſchwere Prüfung für Richard waren die Sommerferien, als ſeine Kameraden zu ihren Ver⸗ wandten und an den elterlichen Herd heimkehrten. Wochen vor dem Ereigniß, das für das Leben eines Schulknaben ſo wichtig iſt, mußte er mit anhören, wie ſie im Vorgenuß ſchwelgten und welche Ver⸗ gnügungsplane ſie ſich für die Vakanz entwarfen. 222 Das Herz wurde ihm ſchwer dabei— nicht aus Reid, denn ſolche Leidenſchaften waren ihm fremd, ſondern aus Kummer. Was hätte er darum gegeben, wenn er nach London zurückkehren und nur einen Tag, ja, nur eine einzige Stunde unter dem Dach ſeiner Eltern hätte zubringen dürfen? Wie glücklich würde es ihn gemacht haben, im Nothfall ihre Mühen zu theilen, den Segen ſeiner Mutter wieder einmal hinzunehmen, das Schweſterchen zu küſſen und ſich ſelbſt von dem Wechſel zu überzeugen, der nach Mr. Browns oft wiederholter Verſicherung mit ihnen vorgegangen war. Dieſe Gedanken machten ihn natürlich einſylbig, und eines Morgens zog er ſich, ſtatt an den Spie⸗ len der Knaben Theil zu nehmen, nach einem abge⸗ legenen Winkel des Spielplatzes zurück, um einſam ſeinen Gedanken nachzuhängen, dem armen Hirſche gleich, der, wenn er verwundet iſt, die fröhliche Ge⸗ ſeliſchaft der Heerde meidet. Heinrich vermißte ihn bald und ſuchte mit der Beharrlichkeit der Freundſchaft ihn auf. Zu ſeiner Ueberraſchung fand er ihn in Thränen. „Was iſt Dir, Richard?“ fragte der theilneh⸗ mende Knabe, an ſeiner Seite ſich niederlaſſend. „Ich kann's nicht ertragen, Dich ſo menſchenſcheu und trübſinnig zu ſehen.“ „Nichts,“ verſetzte Richard, und verſuchte ein Lä⸗ cheln zu erzwingen. „Du weinſt ſonſt nicht um Nichts,“ bemerkte ſein Freund, durch dieſen ſcheinbaren Mangel an Ver⸗ trauen gekränkt.„Man ſollte meinen, daß die Nähe der Ferien Dir ſchmerzlich iſt.“ „Das iſt auch der Fall.“ „Warum?“ „Erſtlich werden ſie mich von Dir trennen,“ ver⸗ ſetzte Richard Markham. „Aber auch Du wirſt Deine Eltern und Ver⸗ wandten beſuchen,“ entgegnete Heinrich.„Wir wer⸗ den allerdings auf einige Wochen getrennt ſein.“ Zum großen Erſtaunen des Freundes erzählte nun Richard, daß er während der Vakanz auf der Inſel zurückbleiben müſſe, und daß er aus Urſachen, über die er ſich nicht auslaſſen dürfe, noch lange, lange Zeit keine Ausſicht habe, ſeine Eltern zu ſehen. „Halte mich nicht für ſelbſtſüchtig,“ fügte er bei,„und glaub' ja nicht, daß ich euch um euer Glück beneide; aber der Gegenſatz drängt ſich mir nothwendig auf.“ „Du gehſt nicht in die Vakanz?“ wiederholte Heinrich im Ton der Ueberraſchung.„Nicht zu Dei⸗ nen Eltern?“ „Nein.“ „Was haſt Du denn gethan, um eine ſolche Strafe zu verdienen? Brown ſagt, Du ſeieſt der beſte Schüler, und ich muß ſeinem Zeugniß bei⸗ pflichten.“ Ein hohes Roth überflog Richards Antlitz. Die Erinnerung an den Vorgang, welcher ihn den Hän⸗ den ſeines geheimnißvollen Beſchützers überliefert hatte, wurde ihm ſchmerzlich, denn mit dem Zart⸗ gefühl einer edeln Seele beurtheilte er ſein eigenes enehmen weit ſtrenger, als es Andere gethan haben würden. „Ich glaube, es iſt eher eine Vorſorge, als eine Strafe,“ antwortete er. 224 „Eine Vorſorge?“ „Ja; damit ich nicht weglaufe. Haſt Du nie bemerkt, daß unter allen Knaben ich der einzige bin, der kein Taſchengeld erhält?“ „Ei freilich, und es iſt uns Allen aufgefallen.“ „Ich brauchte nur mein Wort zu geben, daß ich die Inſel nicht verlaſſen wolle,“ fuhr Richard fort, „um ſo gut wie die Anderen etwas für den Neben⸗ verbrauch zu erhalten; aber ich habe dies nie thun wollen. Du mußt mich jetzt nicht weiter fragen, Heinrich, denn ich darf Dir nicht antworten. Ver⸗ ſprich mir, um dieſer Mittheilung willen nicht übel von mir zu denken, oder mich weniger zu lieben.“ Der Freund verſicherte ihm mit Wärme, daß etwas ganz Anderes, als der Mangel an Taſchengeld oder das Dableiben während der Vakanz dazu ge⸗ hören würde, um ſeine Freundſchaft und die gute Meinung, die er von ihm hegte, zu erſchüttern. Und ſo endete die Unterhaltung der beiden Knaben, die wenigſtens von einem derſelben nicht vergeſſen wurde. Am nämlichen Tag ſchrieb Heinrich Morton an ſeinen Vater einen langen Brief, in welchem er dem⸗ ſelben ſeinen Schulkameraden und Freund mit der vollen, einfachen Beredtſamkeit jugendlicher Begeiſte⸗ rung ſchilderte; er ſprach von deſſen trauriger Stel⸗ lung, wie er allein während der Ferien zurückbleiben ſolle, und ſchloß mit der Bitte um die Erlaubniß, Richard mitbringen zu dürfen. Der Brief intereſſirte den würdigen Rechtsge⸗ lehrten ſo ſehr, daß er ihn ſeinem Clienten zeigte, der, wie wir unſerem Leſer nicht mehr länger zu verhehlen brauchen, Niemand anders als der reiche Kaufmann Mr. Bently war. Der alte Mann fühlte ſich bei Durchleſung des Schreibens tief ergriffen. Die Schilderung von den guten Eigenſchaften ſeines Enkels, ſein Fleiß und ſeine Fortſchritte, nicht min⸗ der die Standhaſtigkeit, mit der er an ſeinem Ver⸗ ſprechen feſt hielt, machten einen tiefen Eindruck auf ihn, und wenn es ſich mit dem Plane, den er für die Beſſerung ſeines Schwiegerſohns entworfen, ver⸗ tragen hätte, ſo würde er gerne ſeine Zuſtimmung zu dem Vorſchlag des jungen Mr. Morton ertheilt haben. Doch dies war unmöglich, und auf ſeine Weiſung hin gab der Rechtsgelehrte ſeinem Sohn eine abſchlägige Antwort, die er zwar in die freund⸗ lichſten Ausdrücke einkleidete, gleichwohl aber entſchie⸗ den genug hielt. Als Grund gab er an, wenn die Angehörigen unſeres Helden beſchloſſen hätten, den⸗ ſelben während der Vakanz in der Penſion zu laſſen, ſo halte er den Lehrer nicht für befugt, eine Ab⸗ weichung von dieſer Maßregel zu geſtatten. Der arme Heinrich ſah ſich in ſeinen Hoffnungen bitter getäuſcht und die Knaben trennten ſich unter erneuerten Freundſchaftsverſicherungen, wobei ſie ſich mit der Ausſicht auf baldiges Wiederſehen tröſteten. Am zweiten Abend nach Heinrichs Ankunft in London ſpeiste Mr. Bently bei Mr. Morton. Der nichts ahnende Knabe war leicht zu bewegen, von der Schule und ſeinen Schulkameraden zu erzählen und ſo erhielt der Großvater unſeres Helden Auskunft über Alles, was ihn intereſſirte. Von dieſem Tage an wurde in dem alten Mann das Verlangen, Richard zu ſehen, allmälig ſo über⸗ mächtig, daß er ſich vornahm, es zu befriedigen, ſelbſt Smith, Ebbe u. Fluth. II. 15 — 226 auf die Gefahr hin, von irgend einem der Gäſte auf der Inſel erkannt zu werden. Daher die geheimniß⸗ volle Abweſenheit, welche Peter Mangles ſo viel Kopfzerbrechens gemacht und die Neugierde von Ca⸗ rus Kearn geweckt hatte. Richard befand ſich mit einem Buch in der Hand auf dem jetzt verlaſſenen Spielplatz, als ſein Lehrer zu ihm kam und ihm mittheilte, daß aus England ein Gentleman angekommen ſei, der ihn zu ſprechen wünſche. „Iſt es Mr. Morton?“ fragte der Knabe haſtig. „Nein.“ Der Zögling kannte ſonſt Niemand, von dem er ſich einer Nachfrage verſah. „Es iſt ein Mann, welcher an Ihrem Wohl ein Intereſſe nimmt, das Ihnen ſeltſam erſcheinen mag, aber doch aus dem wohlmeinendſten Herzen quillt — der Gentleman nämlich, der Sie Mr. Morton's Obhut anvertraut hat. Er weiß, wie ehrenhaft Sie bisher Ihr Verſprechen gehalten und welche guten Fortſchritte Sie in Ihren Studien gemacht haben. Ich möchte Ihnen rathen, ihn ſo dankbar zu em⸗ pfangen, wie es ſeine beiſpielloſe und uneigennützige Güte verdient.“ „Er hat mich von meiner Mutter getrennt, Sir,“ entgegnete der Knabe ernſt. „Zu Ihrem Beſten,“ verſetzte der Geiſtliche. „Das kann ich nicht einſehen. Es iſt wahr, es geht mir nichts ab; ich habe gute Kleider, gute Koſt und werde gut erzogen; aber all' dies kann mich für den Schmerz nicht entſchädigen, den er mir bereitet hat. Und dennoch wollte ich Alles vergeſſen, wenn — 227 ich ſie nur einen Augenblick wieder ſehen, ihren Kuß fühlen und mich überzeugen dürfte, daß ſie wohl iſt. Es iſt ein grauſames Wohlwollen, ein Herz, das ihn nie beleidigt hat, unter dem Vorwand einer guten Abſicht zu zerreißen.“ „Da iſt der Gentleman,“ ſagte der Geiſtliche, als er Mr. Bently aus dem Haus nach dem Spielplatz kommen ſah.„Ich will Sie mit ihm allein laſſen. Sie können offen und der Wahrheit gemäß Ihre Ge⸗ fühle gegen ihn ausſprechen, denn ich zweifle nicht, daß Ihr Wohlthäter im Stande ſein wird ſich zu vertheidigen.“ Mit dieſen Worten zog ſich der Geiſtliche nach einem abgelegenen Theil des Gartens zurück und ließ den kann mit ſeinem Enkel in der Hoff⸗ nung allein, daß eine Verſtändigung ſtattfinden werde, da ſeinem Urtheil nach die Gefühle ſeines Zöglings eben ſo natürlich als richtig waren. Richard erhob ſich bei der Annäherung des Man⸗ nes, der einen ſo außerordentlichen Einfluß auf ſeine Beſtimmung geübt hatte, und blieb kalt aber achtungs⸗ voll vor ihm ſtehen. Ungeachtet ſeiner Jugend ſah er wohl ein, wie viel er der Güte des Fremden ver⸗ dankte, namentlich wenn er ſich die ſchreckliche Lage vergsgenwärtigte, aus welcher ihn derſelbe gerettet hatte; aber die Gefühle der Dankbarkeit wurden durch die Empfindung erkältet, daß er die errungenen Vor⸗ theile mit dem Seelenfrieden ſeiner Mutter habe er⸗ kaufen müſſen. Sie betrachteten ſich wechſelſeitig eine Weile. Dem reichen Kaufmann ſchien das beſſere Ausſehen, die anſtändige Haltung, das ſchöne, g des Knaben wohl zu gefallen und hätte er dem in⸗ nern Drange folgen wollen, ſo würde er ihn an ſein Herz gedrückt haben. Doch die Zeit war noch nicht gekommen, die, wenn er nicht ſeinem Plan zu⸗ wider handeln wollte, eine Enthüllung räthlich machte. „Ich ſehe, daß Sie mich erkennen,“ ſagte er. „Ja Sin“ „Aber Sie freuen ſich nicht, mich wieder zu ſehen?“ Richard Markham ſchwieg. „Und doch habe ich blos Ihnen zu lieb eine lange und etwas beſchwerliche Reiſe unternommen.“ „Ach, Sir,“ rief er,„warum thaten Sie Ihrem Wohlwollen gegen mich dadurch Abtrag, daß Sie mich von allem Verkehr mit meinen Eltern aus⸗ ſchließen? Sie handeln ungerecht gegen ſich ſelbſt, indem Sie es mir unmöglich machen, Sie ſo zu lieben, wie ich ſollte— und wie ich Sie lieben könnte,“ fügte er bei,„denn mein Inneres ſagt mir, daß Sie es gut mit mir meinen.“ „Und iſt denn das Verlangen, Ihre Eltern zu ſehen, ſo ſtark, daß Sie der Befriedigung deſſelben die Ausſicht auf eine glückliche Zukunft opfern möchten, oder—“ „Es iſt ſtärker als je,“ unterbrach ihn der Knabe. „Ich träume von ihnen, und es vergeht kaum eine Nacht, ohne daß ich bleiche Geſichter ſehe, die an meiner Schlafſtätte trauern. Sie haben meiner Mutter das Herz gebrochen,“ fügte er leidenſchaftlich bei,„und mich dabei zum Werkzeug gebraucht.“ „Vielleicht habe ich es blos verſucht,“ verſetzte Mr. Bently, ſich neben ihm auf die Bank ſetzend. „Richard, ich kam hieher, um einen Knaben, ein Weſen zu ſehen, deſſen Geiſt gleich dem jungfräu⸗ lichen Pergament im Stand iſt, eine Schrift aufzu⸗ nehmen. Ich nehme an Ihrem künftigen Wohl ein tiefes, ein weit tieferes Intereſſe, als Sie ſich vor⸗ ſtellen, und habe deßhalb, ſo weit es in meiner Macht lag, vorgebaut, daß keine unwürdigen Lehren ihn beflecken. Nun aber finde ich, daß der Kummer Sie vor der Zeit zum Mann gemacht hat— zwar nicht an Jahren, aber im Urtheil, und ich will Ihnen jetzt mein Benehmen erklären, obſchon dies anfänglich nicht meine Abſicht war.“ „Ich werde Sie geduldig anhören.“ „Und meinen Gründen Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Ich hoffe ſo,“ verſetzte Richard. „Als wir uns zuerſt begegneten,“ nahm Mr. Bently wieder auf,„war ich Willens, Sie dem Ab⸗ grund zu entreißen, an deſſen Rand Sie die Armuth und der Schmerz, Ihre Lieben vor Mangel umkom⸗ men zu ſehen, geführt hatte. Zuerſt zog ich Erkun⸗ digung ein über die Wahrheit Ihres Vorbringens und erhielt dabei auch Kunde von der Geſchichte Ihrer Eltern, von den traurigen ehelichen Verhält⸗ niſſe Ihrer Mutter und— um mich keines härteren Ausdrucks zu bedienen— von dem wüſten Leben Ihres Vaters.“ Bei der Anſpielung auf das Laſter ſeines Vaters erröthete Richard tief. „Eh' ich über das von mir einzuſchlagende Be⸗ nehmen einen Entſchluß faßte,“ fuhr Mr. Bently fort,„legte ich mir ſelbſt zwei Fragen vor. War es weiſe, Sie dem befleckenden Einfluß eines ſolchen ————— —— 230 Beiſpiels zu überlaſſen, indem ich Ihnen den Um⸗ gang mit einem Mann geſtattete, der die Pflichten gegen ſein Kind ſo ſchwer vergeſſen hatte?“ „Ich höre Sie, Sir.“ „Zweitens fragte ich mich, ob es nicht etwa möglich ſei, Vater und Sohn dadurch zu retten, daß ich den Erſteren über das Schickſal des Letzteren in einer Ungewißheit erhielt, die ſein Gewiſſen wecken mußte. Denn der Schmerz iſt der einzig wahre Läuterer des Herzens und dieſe Ueberzeugung bewog mich, nicht auf Ihre Bitten zu hören und Sie plötz⸗ lich ſpurlos aus London verſchwinden zu laſſen. Dem Himmel ſei Dank, mein Plan iſt gelungen. Georg Markham gehört nicht mehr unter die hoff⸗ nungsloſen Trunkenbolde, ſondern er hat ſich gebeſſert und verdankt ſeiner Thätigkeit ein ehrenhaftes Aus⸗ kommen. Wenn die Zeit kommt, Sie ihm zurückzu⸗ geben, werden Sie nicht nöthig haben, wegen Ihres Vaters zu erröthen.“ Der Knabe faltete in ſtummer Dankbarkeit die Hände. Sein Herz war zu voll für Worte. Er wußte, wie glücklich dieſer Wechſel ſeine Mutter machte. „Mit ſeiner Frau war meine Aufgabe ſchwieriger,“ fuhr Mr. Bently fort.„Ihr Verluſt war für ſie ein Schlag, den ich ſelbſt nur mit blutendem Herzen anſehen konnte. Ich brachte in Erfahrung, daß ein treuer Freund ſie der Armuth entriſſen hatte; aber ihr Seelenleiden konnte nur die Zeit heilen. Sie fand Troſt in der Umkehr ihres Mannes, lebt voll chriſtlicher Zuverſicht der Hoffnung, daß ihr Sohn eines Tages an das ſehnende Mutterherz zurückkehren werde und hat in der Geduld wieder Kraft gewonnen.“ „Oh, Sir,“ rief unſer Held, indem er ihn bei der Hand nahm,„vergeben Sie mir, daß ich Ihr edles Benehmen ungerecht beargwohnte. Wie ſchwer habe ich Ihnen Unrecht gethan!“ „Hören Sie mich vollends an und ich bin fertig,“ entgegnete Mr. Bently.„Von dieſem Augenblick an ſteht es Ihnen frei, ſelbſt eine Entſcheidung zu faſſen und, wenn Sie wollen, zu Ihren Eltern zu⸗ rückzukehren. Aber zuerſt faſſen Sie die wahrſchein⸗ lichen Folgen in's Auge. Sie wiſſen ſelbſt, wie oft Ihr Vater ſein Beſſerungsverſprechen gebrochen hat. Soll er wieder in den herabwürdigenden Zuſtand zurückfallen, aus welchem allein Kummer und Ge⸗ wiſſensbiſſe ihn zu ziehen vermochten? Oder wollen Sie noch ein Jahr oder zwei in der Stellung aus⸗ harren, in die ich Sie verſetzte, damit ſeine guten Entſchlüſſe feſte Wurzel faſſen, die Gewöhnung an Mäßigteit und Tugend ſich befeſtige, und er ſtatt der Schenke und ſchlimmer Geſellſchaft an einem achtbaren Hausweſen Gefallen finde? Ich laſſe Ihnen die Wahl.“ Richard Markhams erſter Gedanke war, ſich für die Rückkehr zu ſeiner Mutter zu entſcheiden. Welche Ausſichten, ſelbſt die verlockendſten, konnten ihren Kuß, ihren lächelnden Willkommsgruß und das Mutterglück aufwiegen, wenn ihre Arme ihn um⸗ ſchlangen und ihre Thränen auf ſeine Wangen nie⸗ derthauten? Hätte er ſogleich geantwortet, ſo wäre ſeine Wahl in dieſer Richtung ausgefallen; aber das durchdringende graue Auge ſeines Wohlthäters haf⸗ tete warnend auf ihm. Seine Gedanken kehrten zu dem unvergeßlichen Häuschen in der Belvedereſtraße 232 zurück. Er erinnerte ſich, wie oft er aus dem Munde ſeiner Mutter die Worte gehört hatte, ſie möchte ihn lieber todt als entehrt ſehen, und ver⸗ gegenwärtigte ſich das um Brod weinende Schweſter⸗ chen, während die troſtloſe Fau nichts hatte, um den Hunger des kleinen Weſens zu ſtillen. Eine einzige übereilte Handlung konnte die Prüfungen und Verſuchungen wieder erneuern: er wagte es nicht, es darauf ankommen zu laſſen. „Wählen Sie für mich, Sir,“ ſagte er, obſchon der Schmerz der kindlichen Liebe ihm dabei das Herz zuſammenſchnürte;„möge Ihre Weisheit meine Un⸗ erfahrenheit leiten. Ich verſtehe Sie jetzt und werde nicht über Ihre Entſcheidung murren.“ „Oder mir Deine Hand verweigern, Richard, wenn ich wieder nach Jerſey komme, um Dich zu beſuchen?“ ſagte Mr. Bently, von dem edlen Be⸗ nehmen ſeines Enkels faſt zu Thränen gerührt. Der Knabe ergriff mit Wärme die Hand des alten Mannes und führte ſie an ſeine Lippen. Den ganzen Reſt der Ferien über blieb Mr. Bently auf der Inſel, um ſeinem Enkel Geſellſchaft zu leiſten, der ihm bald ſo zugethan wurde, daß er dem Ende der Vakanz nur mit Bedauern entgegenſah. Von dieſem Tage an hörten alle Beſchränkungen auf und Richard Markham bezog ſo gut ſein Taſchen⸗ geld, wie jeder andere Knabe. Wie ſehnte er ſich nach der Rückkehr ſeines Freundes Heinrich! Dreißigſtes Kapitel. Als Tom Styles das nächſte Mal in der Woh⸗ nung ſeines grundſatzloſen Gönners erſchien, brauchte dieſer nicht erſt nach dem Ergebniß der Jerſeyer Reiſe zu fragen, denn er las ſchon in den Blicken des ſtets bereitwilligen Werkzeugs ſeiner ſ uftigen Plane eine Beſtätigung der Beſorgniſſe, welche ihn quälten. Sein reicher Onkel, der ſich ſo ſtreng und nachſichts⸗ los gegen die verirrte Tochter benahm, hatte ſeine Liebe ihrem Sohn zugewandt, nachdem er denſelben von der Schwelle der Laufbahn zum Verbrechen weggeriſſen. Die Stirne des ränkevollen Neffen zog ſich in finſtere Falten. Die Entdeckung machte einen um ſo unangenehmeren Eindruck auf ihn, da ſie ihn zu Handlungen zwang, welche ihn der Gewalt ſeines Verbündeten anheimgeben konnten— eine Nothwen⸗ digkeit, die er lieber vermieden hätte. „Ich brauche Sie nicht erſt zu fragen, Styles,“ rief Carus;„der alte Mann ſteckt noch tiefer in der Narrheit, als ich ihm zugetraut hatte.“ „Es iſt Georg Martham's Sohn,“ ſagte Styles, „er iſt in Penſion bei einem Geiſtlichen, der nur die Söhne von Gentlemen aufnimmt und ſein Großvater hat ihn dort ſchon zweimal beſucht. Es ſcheint, daß er ſein ganzes Herz an den Knaben gehängt hat. Ohne Zweifel iſt es auch ſeine Abſicht,“ fügte er bei, indem er jedes Wort nachdrücklich betonte, um die Wirkung damit zu verſtärken,„ihn zu ſeinem Erben zu machen.“ 234 5 „Vielleicht,“ murmelte Carus mit Bitterkeit. „Oder wenigſtens zu einem Aſſociés der Firma. Und das iſt's, was ich ſelbſt gern geweſen wäre.“ Der Zuhörer lächelte; er begriff vollkommen, daß der Sprecher ihm auf dieſe mittelbare Weiſe den Preis für den Dienſt bezeichnen wollte, der, wie er meinte, von ihm erwartet wurde. „Sie ſollen's auch werden, Styles,“ verſetzte er, „wenn ich das alleinige Haupt des Hauſes würde: muß ich aber der Anſicht eines Anderen Rechnung tragen, ſo wird es wohl unmöglich ſein.“ „Ei, Sie werden doch nicht die Sache ſchon auf⸗ geben wollen?“ „Was kann ich thun?“ „Sie ſagten mir, ich ſolle zurückkehren, um weitere Weiſungen einzuholen.“ Gerade dieſe wollte aber Mr. Carus Kearn jetzt nicht geben. Die ehrgeizige Andeutung des Anderen hatte ihn erſchreckt und es fiel ihm nicht ein, für einen Dienſt, den er mit weniger Gefahr ſelbſt ver⸗ richten konnte, einen ſo ungeheuern Preis zu bezahlen. Der Bund der Schurkerei iſt nicht geeignet, Vertrauen zu erwecken; die Betheiligten haben ſtets Argwohn gegen einander. „Ich würde wohl Gelegenheit gehabt haben, Euch zu beſchäftigen, wenn ſich die Sache anders heraus⸗ geſtellt hätte,“ bemerkte er;„ſo aber, was kann ich thun? Mr. Bently iſt Herr ſeines Vermögens und kann darüber verfügen wie er will.“ „Sie wollen ruhig zuſehen, wenn dieſer Knabe an Ihre Stelle tritt?“ „Ich muß wohl, wenn ſich's nicht vermeiden läßt.“ „Aber es läßt ſich vermeiden,“ bemerkte der An⸗ dere, ſeine Stimme zu einem Flüſtern dämpfend, „und ich bin ſo entrüſtet über die ganze Geſchichte, daß ich, wenn ich nur überzeugt wäre, daß Sie es ehrlich gegen mich meinen, wohl ein Mittel finden wollte, Ihren Onkel zu hindern, daß er Sie zum Narren hält.“ „Durch Gewalt?“ verſetzte Carus und fügte nach einer Pauſe bei:„Von Gewalt kann nicht die Rede ſein, wenigſtens nicht mit meiner Zuſtimmung. Ich würde vielleicht keinen Anſtand nehmen, einen ſchlauen Streich auszuführen— aber ein Verbre⸗ chen begehen? Nimmermehr. Ich muß eben auf einen günſtigen Zufall hoffen und vorderhand der Sache ihren Lauf laſſen.“ „Das heißt ſo viel, als ich verſuch' es ſelber,“ dachte Styles und faßte gleichfalls ſeinen Entſchluß, deſſen Ergebniß die Folge zeigen wird. Carus belohnte ihn für ſeinen Beſuch in Jerſey und ertheilte ihm, eh' er ihn entließ, den gemeſſenen Auftrag, während des folgenden Monats ein wach⸗ ſames Auge auf das Treiben der neuen Firma Thornton und Markham zu haben und ihn alle Tage brieflich darüber in Kenntniß zu ſetzen. „Er will mich aus dem Weg haben,“ folgerte daraus der in ſeinen Erwartungen getäuſchte Schurke, ließ ſich aber ſeine Unzufriedenheit weder in Mienen noch in Worten anmerken. Styles entfernte ſich mit der Ueberzeugung, daß er ein mißhandelter Mann ſei. Er ärgerte ſich über den Mangel an Vertrauen und über die Gemeinheit 236 ſeines bisherigen Gönners, der die ſchmutzige Arbeit ſelbſt übernehmen wolle, während ihm doch ein ſo geeignetes Werkzeug zu Gebote ſtand. Der Streich, über welchem Carus brütete, ſollte einen doppelten Zweck erreichen. Zunächſt war ſeine Abſicht, ein Weſen, das ihm bei ſeinen Planen auf das Vermögen ſeines reichen Verwandten ein gefähr⸗ licher Nebenbuhler zu werden drohte, aus dem Weg zu räumen; dann aber traf er damit auch das Herz des gehaßten Weibes, das mit inniger Liebe an dem verlorenen Knaben hing, am tiefſten. Es iſt zweifel⸗ haft, ob dieſe Beweggründe in ihrer Geſondertheit kräftig genug geweſen wären, um ihn zu Begehung eines ſolchen Verbrechens zu verleiten; vereint aber wirkten ſie unwiderſtehlich und ließen ihn alle Rück⸗ ſicht auf die Gefahr vergeſſen. Am nämlichen Abend fand im königlichen Theater eine Redoute Statt. Die Gelegenheit, ſich eine Verkleidung anzuſchaffen, war zu günſtig, um unge⸗ nützt zu bleiben, und Carus Kearn trat um Mitter⸗ nacht in einen der zahlreichen Läden von Haymarket, in denen Maskencoſtüme vermiethet oder verkauft werden. Er kaufte ſich daſelbſt einen künſtlichen Schnurrbart und eine militäriſche Halbuniform. „Darin wird mich Niemand erkennen,“ dachte er. Während er ſeinen Einkauf machte, ſtand ein Kerl im Ueberrock, der den Hut in's Geſicht herein⸗ gedrückt hatte, vor dem Ladenfenſter und beobachtete mit geſpannter Aufmerkſamkeit jede ſeiner Bewegun⸗ gen. Dies war ſein Agent Styles, der ihm von dem Laden nach dem Theater nachſchlich. „Carus Kearn will dies noch zu etwas Anderem brauchen,“ dachte der Schurke.„Der gemeine Lüg⸗ ner! Will er da einem ehrlichen Kerl das Brod aus dem Mund nehmen und das ſchmutzige Werk ſelbſt verrichten!— Ich will doch ſehen,“ fügte er nach einer Pauſe bei,„ob ſich nicht zwei bei dem gleichen Spiel betheiligen können. Verſteckens iſt ja nicht ſo ſchwer zu lernen.“ Es war Hochſommer und Richard Markham ſah diesmal den Ferien ohne Bedauern entgegen. Die Verſtändigung, die zwiſchen ihm und ſeinem Wohl⸗ thäter ſtattgefunden— der Leſer erinnert ſich, daß der Knabe noch nicht wußte, welches Band den alten Mann an ihn feſſelte— hatte eine ſchwere Laſt von ſeinem Herzen gewälzt. So lang er ſeine Lie⸗ ben in Mangel und Elend wähnte, erſchienen ihm ſeine guten Kleider und ſeine veränderte Stellung im Licht eines Verbrechens, und nun er in dieſer Beziehung beruhigt war, konnte er geduldig zuwar⸗ ten, bis ſein Vater ſich hinreichend gebeſſert hatte, um die Rückkehr zu ihm zuläſſig zu machen. Außerdem erwartete er bald einen Beſuch von dem Kaufmann, deſſen Wohlwollen er mit einem an Liebe grenzenden Gefühl zu erwidern begann. Wie ſeine Mutter war er von Natur mit einem dankbaren Herzen begabt. Endlich kam der Tag heran, der ſeine Kameraden in die Heimath entführie. Richard begleitete ſie bis an den Hafendamm(bisher war ihm dies nie ge⸗ ſtattet worden) und ſah ihrer Einſchiffung zu. Während des letzteren Monats hatté der dank⸗ bare Knabe alle ſeine Mußeſtunden darauf verwen⸗ det, um von den intereſſanteſten Partieen der Inſel 238 Anſichten zu fertigen und die Blätter in ein kleines Album zuſammengeheftet, das er Heinrich als ein Geſchenk an ſeinen Vater mitgab, da deſſen Güte ihm noch immer in lebhafter Erinnerung war. „An meinen Vater?“ rief Heinrich erſtaunt. „Warum?“ „Haſt Du mir nicht erzählt, er wünſche einige Zeichnungen von den Buchten zu haben?“ verſetzte unſer Held ausweichend, denn er gedachte des abge⸗ legten Verſprechens und wollte demſelben nicht ein⸗ mal mittelbar untreu werden. „Das iſt wahr.“ „Außerdem iſt er Dein Vater, Heinrich, und wie ich nicht zweifle, ein gütiger Vater; Grund genug für mich, ihm dieſe Blätter zu ſenden.“ Zum Glück läutete die Dampfbootglocke und der Gegenſtand konnte nicht weiter erörtert werden. ichard hatte abſichtlich ſo lange mit der Uebergabe des Albums gezögert, um dies zu vermeiden. Er ſah dem Schiff ſo lange nach, bis es hinter den Felſen verſchwunden war, und kehrte dann mit ſei⸗ nem Lehrer wieder nach Haus zurück. „Erwarten Sie in dieſer Vakanz einen Beſuch von Mr. Boucher, Sir?“ fragte Richard. Boucher war der Name, den ſein Großvater auf der Inſel führte. „Ja,“ verſetzte der Geiſtliche;„aber erſt in eini⸗ gen Tagen. Ich freue mich aber ſo ſehr wie Sie, ihn wieder zu ſehen,“ fügte er bei,„denn ich bin ſtolz auf die Fortſchritte meines Zöglings. Fragen Sie mich aus irgend einem beſonderen Grunde?“ Der Knabe theilte ihm ſeinen längſt gehegten Wunſch mit, eine Fußwanderung um die Inſel zu machen und die verſchiedenen Buchten derſelben zu beſuchen. Da er ſchon ziemlich herangewachſen und die Tour unter gewöhnlichen Umſtänden von keiner Gefahr begleitet war, ſo ertheilte Mr. Brown be⸗ reitwillig ſeine Zuſtimmung, und es wurde feſtge⸗ ſetzt, daß unſer Held am andern Tag aufbrechen ſollte. Nur die wahren Freunde der Natur, welche es nicht verdrießt, ihre Schönheiten in den abgelegenſten Gegenden, fern von dem Tummelplatz der Menſchen, aufzuſuchen, können ſich eine Vorſtellung von der Luſt machen, mit welcher unſer Held, der mit dem friſchen Sinn für das Maleriſche die Begeiſterung des Dichters verband, die Landſchaftsparthieen mit ihren ſenkrecht abfallenden Felsgruppen betrachtet, die ihm bei jeder Wendung des Wegs plötzlich als Neuheiten entgegentreten. Nicht minder anregend wirkte auf ihn das Gefühl der Freiheit und der Genuß der balſamiſchen Luft, die ihn mit dem Hauch der Geſundheit anwehte. Da Richard in der Zeit nicht beſchränkt war, ſo gab er ſich ſeiner Muße mit jener träumeriſchen Luſt hin, welche poetiſchen Gemüthern einen ſo großen Genuß bietet. Kein intereſſanter Standpunkt wurde vernachläſſigt und er ließ ſich Zeit zu bewundernder Betrachtung, da ihm jede neue Scene einen größe⸗ ren Zauber zu bieten ſchien. Am dritten Tag ſeiner Wonderung erreichte er eine maleriſche Felſengruppe, welche eine der vielen Inſelbuchten umgab, und durch ihre Vorſprünge in die See ſie hermetiſch von dem übrigen Land ab⸗ ſchloß, ſo daß ein Menſch, der zur Zeit der Ebbe 240 auf ihr zurückblieb, nur in einem Boot oder ver⸗ mittelſt des an einem Seil befeſtigten Korbes zu entkommen hoffen durfte, in welchem die Fiſcher ſich zu Betreibung ihres gefährlichen Berufs niederlaſſen und wieder in die Höhe gezogen werden, während ihre Barken unten an den Klippen befeſtigt liegen bleiben. Die Landſchaft war in hohem Grad anſprechend und Richard hatte große Luſt, ſie zu zeichnen. Er beſaß jedoch nicht hinreichende Kraft, um ſich nach Art der Seeleute ſelbſt hinabzulaſſen, weil dafür eine eherne Fauſt und ein ungemein ſicheres Auge nöthig war. Er wollte ſeinen Plan ſchon wieder aufgeben, als ein militäriſch gekleideter Gentleman, dem An⸗ ſchein nach ein Touriſt wie er ſelbſt, auf dem Fel⸗ ſen erſchien. „Eine ſchöne Landſchaft, junger Herr,“ bemerkte der Fremde, ſich ihm nähernd. „Sehr ſchön, Sir.“ „Ein Künſtler, wie ich bemerke.“ „Nur ein Liebhaber.“ „Sie wollen eine Skizze von der Bucht auf⸗ nehmen?“ „Dies war meine Abſicht,“ verſetzte Richard; „aber ich muß ſie aufgeben, weil ich mir nicht ge⸗ traue, ohne Unterſtützung das Seil zu handhaben und auf anderem Wege kann man nicht hinunter kommen.“ Der Fremde näherte ſich vorſichtig dem Rande des Felſen, ſchaute hinab und betrachtete einige Mi⸗ nuten die Bucht ſehr aufmerkſam. „Gibt es keinen Pfad hinunter?“ fragte er. Richard erklärte ihm, wie vollſtändig die Bucht von dem übrigen Land abgeſchieden ſei; ſie bilde ſo zu ſagen eine bloße von den Felſen ausgeſchäufelte Sandgrube, während beiderſeits die Klippen weit ins Meer hinausliefen. Der Gentleman muſterte ſorgfältig das Seil und die rohe, aber ſtarke Moſchinerie, an der es befeſtigt war. Allem Anſchein nach konnte es nichts Siche⸗ reres geben. „Ich habe ſelbſt etwas vom Maler in mir,“ ſagte er,„und kann daher Ihr Bedauern verſtehen. Sie ſind nicht ſehr ſchwer und der Haſpel regelt die Abwickelung. Wenn Sie den Verſuch machen wollen, ſo kann ich Sie hinunterlaſſen.“ Das Erbieten wurde von unſerem Helden dank⸗ bar angenommen. Er legte ſein Reiſegeräth in den Korb, ſtieg dann ſelbſt hinein und gab dem gefälli⸗ gen Fremden das Zeichen, ihn nieder zu laſſen. Anfangs verrichtete dieſer ſein Geſchäft mit aller Sorgfalt und haſpelte das Seil langſam von der Folle ab. Nachdem jedoch der Korb ein Drittel der Höhe zurückgelegt hatte, hielt er mit der einen Hand die Kurbel an und zog aus ſeiner Taſche ein großes Einſchlagmeſſer. „Am beſten, ich zerſchneide den Strick,“ murmelte er.„Niemand ſieht mich. Ein einziges Krachen und Alles iſt vorbei.“ Die Klinge ſtack feſt und er ſchickte ſich an, ſie mit den Zähnen aufzumachen. Während er ſo beſchäftigt war, konnte man langſam einen Wagen die Straße einherfahren ſehen. Er enthielt den ehrwürdigen Onias Brown und Smith, Ebbe u. Fluth. H. 16 242 Mr. Bently. Der Letztere war früher eingetroffen, als man erwartet hatte, und in der Ungeduld, ſeinen Enkel zu ſehen, ſogleich mit dem würdigen Geiſtlichen aufgebrochen, um ihn aufzuſuchen. Richard war natürlich ſehr erſtaunt, als der Korb nicht weiter ging und rief in die Höhe, um nach der Urſache zu fragen; noch mehr beunruhigte es ihn, daß er keine Antwort erhielt. Wenn an der Maſchinerie ſich etwas ſchadhaft erwieſen hatte, ſo ſah er ein, daß ſein Untergang unvermeidlich war. An der Stelle, wo er, wie Mahomets Sarg, nur in einer weniger befriedigenden Weiſe, mitten zwiſchen Himmel und Erde hing, ſprang ein Felſen⸗ ſtück vor, das gerade groß genug war, um einem Menſchen zum Stützpunkt zu dienen. Ein ſeltſames Zittern des Seils diente ihm zum warnenden Zei⸗ chen, daß keine Zeit zu verlieren ſei. Er ſprang aus dem Korb und erreichte die rettende Stelle in dem⸗ ſelben Augenblick, als das Seil riß. Ein Moment ſpäter und er hätte zerſchellt in dem Abgrund ge⸗ legen. Der Meuchelmörder war ſo ganz und gar von ſeinem ſchrecklichen Werk in Anſpruch genommen, daß er weder das Rollen der Räder auf dem Raſen, noch die Fußtritte Derjenigen hörte, welche aus dem Wagen ſtiegen und auf ihn zukamen. Der Elende hatte ſich am Rande des Felſen auf Hände und Kniee niedergelaſſen und ſchaute in die Tiefe, als der Geiſtliche im Ton des Entſetzens ausrief: „Das Seil iſt geriſſen!“ Bei dieſen Worten ſprang der Mordbube auf. „Es iſt abgeſchnitten,“ fügte Mr. Brown bei. —— „Abgeſchnitten!“ wiederholte der entſetzte Kauf⸗ mann. Als Carus Kearn die Stimme ſeines Onkels hörte, ergriff er die Flucht in der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß er ſeinen abſcheulichen Plan erfolgreich ausgeführt habe. Ein Kerl in einer Blouſe und einem breitkrämpigen Hut, wie ſie von den Bauern der Inſel getragen werden, war Zeuge ſeiner Arbeit geweſen und folgte ihm nach. „Ach!“ rief der Geiſtliche im Tone des tiefſten Schmerzes,„der arme Knabe iſt todt!“ Bei dem Worte„todt“ ſtieß Mr. Bently einen Sſch aus und ſank beſinnungslos zur rde. Durch die Rufe des Kutſchers und des Geiſtlichen erſchreckt, eilten mehrere Fiſcher aus den entfernt liegenden Hütten herbei. Kaum hatten ſie erfahren, was vorgefallen war, als ſich Einige auf den Weg machten, um den Mörder zu ergreifen. „Mein Knabe! mein armer Knabe!“ murmelte der Kaufmann. Einer der Fiſcher, der älteſte aus dem Häuflein, die ſich um den Wagen geſammelt hatten, lauſchte. Es ließ ſich ein matter Schrei vernehmen. „Sind Boote draußen?“ fragte er. „Keines,“ verſetzten ſeine Gefährten. „So muß es der Geiſt des armen Schelms ge⸗ weſen ſein.“ Der Ruf wiederholte ſich und die Abergläubiſche⸗ ren von den Umſtehenden wollten ſchon die Flucht ergreifen, als der Geiſtliche ihnen hindernd in den Weg trat. 16* 244 „Der Himmel hat ihn vielleicht wunderbar er⸗ halten,“ bemerkte er.„Ich kann meinen Freund nicht verlaſſen; aber einige von euch mögen nach⸗ ſehen, was aus ihm geworden iſt. Ihr ſollt gut belohnt werden.“ Von der Hoffnung auf Gewinn geſpornt, krochen die Männer, welche die Möglichkeit eines Entkom⸗ mens nach einem ſolchen Sturz wohl zugaben, aber doch an der Wahrſcheinlichkeit zweifelten, an den Rand des Felſen und einer von ihnen bemerkte, wie Richard Markham auf dem Vorſprung ſaß, dem er ſeine Rettung verdankte. Ihr erſtes Geſchäft war, das Seil wieder auf⸗ zuwinden, das glücklicher Weiſe noch lang genug war, um an die Stelle zu reichen, wo unſer Held ſaß. Nachdem man ſich hievon überzeugt hatte, machte einer der Fiſcher eine Schleife an das Ende und ſeine Kameraden ließen ihn hinab. Es war für Alle ein Augenblick der furchtbarſten Spannung, denn man konnte nicht wiſſen, ob der⸗ jenige, welcher die Rettung verſuchte, ſich nahe ge⸗ nug an den Vorſprung hinſchwingen konnte und ſelbſt wenn dies anging, fragte ſich's noch, ob, wenn der Knabe das Seil zu haſchen verſuchte, die ſchwin⸗ gende Bewegung deſſelben nicht beide abſtreifte. Ein Jubelruf verkündete, daß der erſte Theil des Verſuchs gelungen war. Der Mann hatte Fuß auf dem Felſen gefaßt. „Was iſt geſchehen?“ fragte Richard Markham; denn er dachte nicht entfernt daran, daß man das Seil abſichtlich könnte durchſchnitten haben. „Ein Unglücksfall, Sir.“ 24⁵ „Ich dachte es. Dem Gentleman iſt es gewiß recht leid geweſen.“ Der ehrliche Fiſcher ſchwieg. Er wollte dem Knaben durch die Kunde, daß ein Verſuch auf ſein Leben gemacht. worden ſei, keinen Schrecken ein⸗ jagen. Obgleich der muthige Junge ſich gegen beſondere Vorſichtsmaßregeln verwahrte, beſtand doch der er⸗ fahrene Seemann darauf, ihm das Seil nicht nur mit der Schleife, ſondern auch mit ſeiner Halsbinde um den Leib zu befeſtigen, ehe er das Zeichen zum Aufziehen gab. Die Vorſorge erwies ſich als werthvoll, denn ſo⸗ bald unſer Held in der Luft ſchwebte, begann unter ſeinem leichten Gewicht das Seil wie ein Uhrpendel zu ſchwingen und hätte ſeine Sicherheit nur von der Feſtigkeit ſeiner Fauſt abgehangen, ſo galt es Zehn gegen Eins, daß er zerſchellt worden wäre. Als er wieder feſten Boden unter ſich hatte, fühlte er ſich ſo verwirrt, daß er einige Zeit weder ſeinen Lehrer noch Mr. Bently erkannte. Der Letz⸗ tere, der vor Aufregung und Schrecken noch leichen⸗ blaß war, konnte die Freude über das glückliche Ent⸗ kommen ſeines Enkels nur in einem ſtummen Dank⸗ gebet ausdrücken. „Mein lieber Junge,“ rief der ehrwürdige Mr. S Brown,„ich wünſche Ihnen von Herzen ü 2 „Meine Rettung iſt in der That ein Wunder,“ verſetzte unſer Held,„aber ich fühlte, daß das Seil nachgab, und es gelang mir, noch auf dem Felſen Fuß zu faſſen.“ „Nachgab?“ ſtöhnte ſein Großvater.„Es wurde zerſchnitten.“ „Zerſchnitten?“ wiederholte Richard erſtaunt. „Wer konnte eine ſo grauſame Handlung begehen? Ich habe doch, ſo viel ich weiß, nid einem menſch⸗ lichen Weſen ein Leid gethan.“ Mr. Bently's Entſchluß, das zwiſchen ihnen be⸗ ſtebende Band zu verheimlichen, hielt nicht mehr Stand Angeſichts der Gefahr, welcher der Knabe eben entronnen war. Er drückte ihn an ſeine Bruſt, erkannte ihn als ſeinen Enkel an und gelobte, fortan ihn mit einem Schutze zu umgeben, an dem alle Schurkerei zu Schanden werden müſſe. „Mein Großvater!“ rief der noch immer ver⸗ wirrte Knabe, dem alten Mann in das aufgeregte Geſicht blickend.„Ah, dies erklärt Alles!“ Eh' ſie nach Mr. Browns Wohnung zurückkehrten, verſammelte der Kaufmann die Fiſcher um ſich und theilte den Inhalt ſeiner Börſe unter ſie aus. Alle erhielten eine freigebige Belohnung, nur der Mann nicht, der ſich zu unſerem Helden in die Tiefe hin⸗ untergelaſſen hatte. Dieſem wurde nicht eine einzige Guinee zu Theil. „Wie iſt Euer Name?“ fragte ihn der Kauf⸗ mann. „Jakob Tawgelle, Sir,“ verſetzte der ehrliche Burſche in einem Tone, der eher Ueberraſchung als getäuſchte Erwartung ausdrückte. „Kommt morgen in die Wohnung dieſes Gentle⸗ man,“ ſagte Mr. Bently,„und Ihr ſollt keinen Grund haben, über meine Freigebigkeit zu klagen. 6 247 Der Dienſt, welchen Ihr mir leiſtetet, iſt von der Art, daß Ihr durch ein bloßes Geldgeſchenk nicht belohnt ſeid. Ich werde Sorge dafür tragen, daß Ihr auch für Eure alten Tage keinen Mangel zu fürchten habt.“ Ende des zweiten Bandes. 10 11 2 13 14 15 16 17 8