Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Tesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1W.— f 1 Mr 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „—* ₰„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Noch iſt der Sommer nicht von unſerer Stirne gewichen, obſchon da und dort ein Silberhaar uns an ſein be⸗ vorſtehendes Scheiden mahnt, und doch fällt bereits die Zeit der Einnerung anheim, als man dem Chriſt⸗ feſt nicht nur wie einem Zeitpunkt kurzen Ausruhens von Sorgen und den erſchöpfenden Kämpfen der Welt, ſondern recht eigentlich als einem Feſttag für's Herz entgegenſah, indem ſelbſt in der geringſten Fa⸗ milie das Haupt gleich einem Patriarchen des Alter⸗ thums die Kinder und Enkel um den gaſtlichen Tiſch ſammelte und in ihnen einen Segen erkannte. Auch pflegte am Chriſtfeſt die Mutterliebe, jener ſeidene Faden, der die einzig ächten Perlen des Le⸗ bens, unſere Gefühle und Herzensneigungen, an⸗ einanderreiht und zuſammenhält, ihre Thätigkeit im ſüßen Verſöhnungswerk zu entfalten; wie hart auch die Herzen ſein mochten, ſo konnten ſie doch nur ſel⸗ ten den mütterlichen Bitten und Thränen widerſtehen; Ungehorſame wurden zurückgerufen und begnadigt; 1 4 durch Eigennutz entfremdete Brüder trafen wieder zu⸗ ſammen, wie ſich's für Brüder ziemt, und Schwe⸗ ſtern wechſelten auf's Neue die unſchuldige Vertrau⸗ lichkeit der Kindheit. Für die meiſten Familien war es eine Zeit der Luſt und der Thränen— der Luſt für die glücklichen Anweſenden, der Thränen wegen der leeren Plätze, die am heimathlichen Herd ſich nie wieder erſetzen ließen. Die Mutterliebe iſt das Göttliche im Weſen des Weibes. Reißt dieſes Band, welches die Kinder in herzinniger Umſchlingung zuſammenhält, ſo läßt ſich der Verluſt durch nichts mehr erſetzen; in den mei⸗ ſten Familien geht die Scheidung vom Grab der Mutter aus. Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Mit Aus⸗ nahme von einigen abgelegenen Landſtrichen iſt Weih⸗ nachten kein Familienfeſt mehr, ſondern nur ein lär⸗ mender Tag des Genuſſes, eine Gelegenheit, Auf⸗ wand zu machen und zur Schau zu ſtellen. Die Gegenwart von Fremden entweiht den Herd und er⸗ niedrigt die Zuſammenkunft zu einer bloſen faſhio⸗ nablen Luſtpartie, ſo daß von dem alten religiöſen Charakter und dem Einfluß auf das ganze Familien⸗ leben keine Rede mehr ſein kann. Den Engeln, welche in der Dämmerung des Chriſtmorgens„vom Frieden auf Erden und den Menſchen ein Wohlge⸗ fallen“ ſangen, dürfte leider bald kein anderes Lied mehr übrig bleiben, als die Klage um das Ent⸗ ſchwundene. Mit Bedauern müſſen wir bemerken, daß der ſo bald auf Weihnachten folgende Neujahrsabend gleich⸗ falls an Wichtigkeit verloren hat. Die Welt iſt zu — 5 ſehr in Geſchäfte verſtrickt, als daß ſie ſich an den altmodiſchen Jahreswechſel kehren ſollte. In großen Städten wird er höchſtens noch von den ärmeren Klaſſen, die in der Regel am längſten ältere Bräuche feſthalten, und von den Glöcknern beachtet, welche noch beharrlich das alte Jahr aus⸗ und das neue einläuten, ſei es aus Vorliebe für ihr Amt, oder weil ſie ein Anrecht an gewiſſe Stiftungen unſerer frommen Vorfahren nicht verſcherzen wollen. Nicht einmal das Maifeſt— die Zeit, wo die befruchtete Erde im dankbaren Wohlgeruch von Tau⸗ ſenden ſich öffnender Blumenkelche ihr ſtummes Ge⸗ bet entſendet, iſt der Gleichgültigkeit entgangen, mit welcher die Gegenwart Gefühle und Ueberlieferungen der Vergangenheit behandelt. Nur die Natur be⸗ hrt ihre alte Treue, indem ihr großer Altar ihr eihrauchopfer fort und fort darbringt; aber die Feſtgäſte ſind entweder abweſend oder beſchränken ſich auf jene Hefe der Menſchheit, welche in dem Aufzug des„Jack in the green“ das Straßengewühl unſerer Großſtädte durchzieht und Geduld und Beutel der Vorübergehenden brandſchatzt. Ach, wo iſt das England meiner Knabenjahre mit ſeinen mannhaften Spielen und den heiteren Be⸗ luſtigungen, die den Körper geſund und den Geiſt im Frieden erhielten! Die Jugend der Gegenwart hat zu viel zu thun, um auf ſolche einfache Vergnü⸗ gungen zu achten. Aufregung— Aufregung! heißt die Loſung. Wir ſehen wenige Jünglinge mehr; denn aus der Schulſtube tritt der Knabe in die Welt; der heiße Kampf des Lebens beginnt, und das Ringen deſſelben ſtempelt ihn vor der Zeit zum Manne. 6 Haben wir durch den Wechſel gewonnen? Die moderne Geſellſchaft wird auf dieſe Frage mit Ja antworten; das Alter aber und die Weisheit lächeln wehmüthig und ſchütteln das Haupt. Träume! Träume! ſo, dünkt uns, hören wir manchen von unſeren flüchtigen Leſern ausrufen. Möglich; aber ſie ſind demungeachtet voll Wahrheit. Das Schöne liegt in dem Idealen, und das wahre Glück ſteht weit inniger mit Träumen in Verbindung, als die Hellwachenden der Erde nur zu ahnen ver⸗ mögen. Wenn wir ſo lange bei dem Verfall unſerer vier großen Jahresfeſte verweilten, ſo geſchah es deßhalb, weil ſich, wie man ſpäter finden wird, an jedes der⸗ ſelben ein wichtiges Ereigniß unſerer Erzählung an⸗ London erregt Staunen und Bewunderung, wenn man es in ſeiner Geſammtheit betrachtet; ein Ein⸗ gehen auf ſeine Einzelnheiten aber flößt Entſetzen ein. Unmöglich kann auch ein einfacher Beobachter ſich durch ſeine Straßen winden, ohne daß ihm das Ge⸗ räuſch des geſchäftigen Lebens, der nach allen Rich⸗ tungen ſich ergießende Strom gutgekleideter Perſonen, die grell beleuchteten Läden, die prunkvollen Equi⸗ pagen und die Wägen, welche die Kaufmannsgüter der ganzen Welt von einem Stadttheil zum andern führen— kurz, alle die unverkennbaren Merkmale des Gewerbfleißes, des Wohlſtandes und Reichthums auffielen. Man hat ein Bild vor ſich, des Pinſels eines Claude würdig— ſonnig klar und voll Heiter⸗ keit. Aber Rembrandt würde den Gegenſtand ganz anders behandeln und uns ein Nachtſtück vorführen, auf welchem Armuth, gieriger Hunger und ſchonungs⸗ loſes Verbrechen aus ihren Schlupfwinkeln auftauchen, um mit dem Inſtinkt des Tigers ihre Beute im Dunkeln aufzuſuchen. Man darf übrigens nicht glau⸗ ben, daß ſelbſt ein Rembrandtiſches Gemälde blos Schatten bieten müßte. Im Gegentheil— wunder⸗ bare Lichter, hell wie die Sternſchnuppe, würden aus ſeiner Leinwand ſtrahlende Epiſoden von mora⸗ liſcher Schönheit hervorleuchten laſſen und damit den Beweis führen, daß die Menſchheit nicht blos Staub und Erde iſt. Tauſende unter unſeren Leſern haben vermuthlich von der Belvedereſtraße gehört, ohne daß ſie ſich je von ihrer Hertlichkeit eine Vorſtellung machten; ſie tragen ſich mit dem unbeſtimmten Argwohn, daß ſie irgendwo zwiſchen dem Weſtend und Borough, Templebar oder Paddington liegen müſſe, und damit hat all ihre topographiſche Weisheit ein Ende. Zum Beſten dieſer ununterrichteten Perſonen nun wollen wir hier nicht nur eine genaus Beſchreibung ihrer Lage, ſondern auch eine keine Stizze von ihren phy⸗ ſiognomiſchen Eigenthümlichkeiten geben. Die Belvedereſtraße iſt eine lange, unregel⸗ mäßige, ſchmutzige Gaſſe, die auf der Surreyſeite von Weſtminſter beginnt, an der Blackfriarsbrücke endigt und parallel mit der Themſe läuft. Obgleich ſie den Hauptadern von London, der Parlamentsſtraße, Fleet⸗ ſtraße und dem Strand als Abzugskanal dient, in⸗ dem ſie einen nicht unbeträchtlichen Theil der gewich⸗ tigeren Güter in der Geſtalt von ſchwerer und leichter belaſteten Waarenbeförderungsmitteln, vom Güter⸗ wagen bis zum Schubkarren herunter, in ſich auf⸗ nimmt, wird ſie doch nur wenig von Fußgängern be⸗ ſucht, wahrſcheinlich weil ſie nur theilweiſe gepflaſtert iſt und wegen ihrer niedrigen Lage bei naſſem Wet⸗ ter ſich in einen förmlichen Moraſt umwandelt. Im Jahr 1847, der Periode des Beginns unſerer Erzählung, waren die Häuſer der gedachten Straße ſo armſelig und gering, als man ſie ſich nur denken kann, und wurden hauptſächlich von Brettſchneidern und Kärrnern bewohnt, die auf den Holzplätzen und in den Brauereien der Nachbarſchaft Beſchäftigung fanden; doch miſchten ſich unter ſie, wie wir mit Be⸗ dauern bemerken müſſen, auch andere weit weniger achtbare Charaktere— Flüchtlinge vor dem Arm der Gerechtigkeit, Menſchen, die im Krieg lebten mit der Geſellſchaft, mit der Welt Verſteckens ſpielten und es den Zufälligkeiten der nächſten Nacht anheimgaben, ſie für den folgenden Tag mit einem Mittageſſen zu verſehen. In jüngſter Zeit haben, wie ich höre, jene Schanz⸗ gräber„der Gentility“, die Race der mit Arbeit überbürdeten und für Hungerſterben bezahlten Kauf⸗ mannsdiener es gewagt, in der Umgegend ſich als Squatter(man entſchuldige den amerikaniſchen Ausdruck) niederzulaſſen, und damit einer allmäligen Beſſerung der Zuſtände Bahn gebrochen. Wir ſind wenigſtens geneigt, dies zu glauben; denn als wir das letzte Mal die Gegend zu beſuchen uns erkühn⸗ ten, machten wir die Wahrnehmung, daß die Reihe düſterer, unheimlich ausſehender Häuſer, deren Fen⸗ ſter gewöhnlich der Blendläden entbehrten und auch ihrer wegen des Schmutzes nicht bedurften, durch Ein⸗ fügung einiger neuer von blankem Ausſehen unter⸗ ——— 7 9 brochen wurde. Allerdings bemerkten wir nichts daran, was als architektoniſch ſchön bezeichnet werden könnte— eine Eigenſchaft, die wir in London zu ſuchen längſt aufgegeben haben; aber ſie waren we⸗ nigſtens ſauber. So iſt denn der erſte Schritt ge⸗ than, und wir geben uns aufrichtig der Hoffnung hin, daß das Beiſpiel, wie es bisher die ganze Oertlich⸗ keit geweſen war, ſich als anſteckend erweiſen möchte. Barbarei und Civiliſation, vertreten durch ihre Kämpen Schmutz und Reinlichkeit, ſind einmal an einander gerathen, und der Schmutz muß noth⸗ wendig endlich unterliegen, wie lange der Kampf auch dauern mag. Die Belvedereſtraße macht, ehe man unter dem Bogen der ſie etwa in der Mitte ſchneidenden Wa⸗ terloobrücke durchkömmt, eine launenhafte Krümmung, indem ſie einen großen, zur Aufſtapelung von Bau⸗ holz dienenden Grund, an deſſen Hinterſeite eine Reihe niedriger Häuschen ſteht, halbkreisförmig umgeht und ſo eine Art unregelmäßigen Halbmonds bildet. Eines von den genannten Häuschen wurde ſeit mehreren Jah⸗ ren von einer blutarmen Familie Namens Markham bewohnt. Und doch hatten die Markhams eigentlich kein Recht, arm zu ſein, denn der Vater war ein einſichtsvoller, gebildeter Mann, der die Buchführung ausgezeichnet verſtand und nicht gewöhnliche Geſchäfts⸗ talente beſaß. Leider lag ein Hemmſchuh im Wege — getäuſchte Erwartungen hatten ihn zum Trunk verleitet, und wenn er dann unter dem Einfluſſe ſei⸗ nes Laſters ſtand, pflegte er, ſtatt dieſem ſein Un⸗ glück zur Laſt zu legen, dem Schickſal zu fluchen, das unbegreiflicher Weiſe alle ſeine Bemühungen zu kei⸗ 10 nem Erfolge kommen ließ. Freilich hätte ihm ein Kind den Schlüſſel zu dem Räthſel an die Hand ge⸗ ben können. In dem Alter von Einundzwanzig hatte Georg Markham Rachel Bently, das einzige Kind eines reichen Citykaufmanns, in deſſen Comptoir er ſeine merkantiliſche Bildung erhalten, geheirathet. Die Verbindung war zwar geſchloſſen worden, als der Vater ſich wegen Geſchäftsangelegenheiten der Firma in Indien befand, konnte aber doch keine heimliche genannt werden, ſofern die Mutter der Braut ihre Zuſtimmung ertheilt und das Chebündniß durch ihre Anweſenheit bei der Trauung geheiligt hatte. Unglücklicher Weiſe war Mrs. Bently eine oder zwei Wochen vor der Rückkehr ihres Gatten raſch ge⸗ ſtorben, und ein Brief, den ſie auf ihrem Sterbe⸗ bette geſchrieben, und in welchem ſie vermuthlich die Gründe für ihr Hondeln dargelegt, hatte nicht aufgefunden werden können. Es dürfte ſchwer ſein, zu entſcheiden, ob in Mr. Bently's Innerem Unwille oder Staunen das Ueber⸗ gewicht behauptete, als er bei ſeiner Ankunft in Eng⸗ kand ſeine Erbin mit einem Menſchen aus ſeinem Comptoir verheirathet fand. Abgeſehen von der Un⸗ gleichheit der Verbindung war ihm dadurch die theure Hoffnung vieler Jahre, ſeine Ausſicht nämlich, die Tochter mit ſeinem Neffen Carus Kearn, einem jün⸗ gern Compagnon des Hauſes, vermählen zu können, vereitelt worden. Der Kaufmann liebte zwar ſein Kind, obſchon er ſeine Gefühle nie ſonderlich merk⸗ lich werden ließ; aber ſein Stolz wie ſein Vaterherz war verwundet, und der Zorn iſt ein übler Rathge 11% „Du haſt für Dich ſelbſt gewählt,“ antwortete er, als Rachel mit zerknirſchtem Flehen um Verzeihung bat.„Die Einwilligung Deiner Mutter genügte Dir; die meinige kam, ſcheint es, nicht in Betracht. Das Weib meines Comptoiriſten Georg Markham,“ fügte er mit Kälte bei,„kann nicht unter meinem Dache bleiben. Ihre Heimath iſt bei ihrem Gatten. Ich verlaſſe London auf drei Tage, um meinen alten Freund Thornton zu beſuchen; bei meiner Rückkehr hoffe ich Sie nicht mehr hier zu finden.“ „Oh, der Brief!— der unglückliche Brief!“ ſchluchzte das arme Mädchen im Uebermaß ihres Schmerzes. „Er würde an meinem Entſchluſſe nichts ändern,“ erwiderte der Vater kalt. Mit dieſen harten Worten verließ er das Zim⸗ mer und begab ſich nach dem Comptoir, wo er un⸗ verweilt den Schwiegerſohn nach ſeinem Kabinet be⸗ ſcheiden ließ, um ihn ſeines Dienſtes zu entbinden; ſein nächſter Schritt beſtand darin, daß er ihm tau⸗ ſend Pfund als den Betrag eines Legats, das Rachel einer entfernten Verwandten zu danken hatte, aus⸗ zahlte. „Ich hätte gehofft,“ bemerkte der junge Mann, den dieſes Verfahren in tieſſter Seele verletzte,„daß Sie großmüthiger gegen mich handeln und mich we⸗ nigſtens an meinem Poſten laſſen würden. Ich habe Ihnen treue Dienſte geleiſtet.“ Ein höhniſcher Zug, in welchem der Ausdruck des Zweifels zu leſen war, flog über Mr. Bently's Lippen. 12 „Haben Sie etwas gegen meine Ehrenhaftigkeit einzuwenden?“ fragte Georg ſtolz. „Ein Rechner hat die Bücher durchgegangen,“ verſetzte der Kaufmann bedächtig,„und es ſcheint alles in Ordnung zu ſein.“ „Es iſt alles in Ordnung!“ rief der Schwieger⸗ ſohn mit Heftigkeit. „Ich wills glauben,“ lautete die ruhige Ent⸗ gegnung,„und das Haus wird Ihnen für den Fall, daß Sie ſich um einen anderen Platz umſehen, die üblichen Certificate nicht verſagen. Ich denke indeß,“ fügte er in ſpöttiſchem Tone bei,„Sie werden für eigene Rechnung ein Geſchäft anfangen wollen.“ „Wahrſcheinlich,“ erwiderte Georg leichthin, denn 8 fühlte ſich ſchwer gekränkt.„Guten Morgen, ir Außer den Beiden, die wir eben dem Leſer vor⸗ geführt haben, befand ſich in dem Kabinet noch ein Dritter— Peter Mangles, der älteſte Buchhalter des Hauſes. Er und Richard Bently waren mitein⸗ ander aufgewachſen und ungeachtet des Verhältniſſes von Commis und Principal durch die Bande der Freundſchaft ſtets eng verbunden geblieben. Wenn Peter etwas that, ſo durfte man darauf zählen, daß es recht war. Er konnte ſämmtliche Rechnungen des Hauſes an den Fingern herzählen und hatte bei mehr als einer Gelegenheit durch ſeine Erfahrung, ſeine Kenntniß des Geldmarktes und ſeine große Geſchäftstüchtigkeit ausgezeichnete Dienſte geleiſtet. Peter Mangles war ungemein ſchmächtig und, ohne Zweifel in Folge der vieljährigen Beſchäftigung am Pult, von etwas gebückter Haltung; auf ſeinen — — 13„ ſcharfgeſchnittenen, verſtändigen Geſichtszügen lag der Ausdruck großen Wohlwollens, und neben der faſt kindlichen Einfalt ſeines Weſens machte ſich außer den Geſchäftsſtunden ein leiſer Anflug von Ueber⸗ ſpanntheit an ihm bemerklich. Viele meinten, wahr⸗ ſcheinlich weil er Junggeſelle war, daß keinerlei Band oder Intereſſe ihn an die Welt feßle; doch darin irrten ſie, denn für ihn bildete das Comptoir die Welt, außer der er freilich keine andere kannte. Als Georg das Kabinet verlaſſen wollte, blickte der alte Buchhalter von ſeinem Pult auf und nannte ſeinen Namen. Der junge Mann wandte ſich um. „Es thut mir leid, daß wir Sie verlieren,“ ſagte Peter, indem er ihm die Hand darbot, zum erſtenmal während der vielen Jahre ihrer wechſelſeitigen Be⸗ kanntſchaft,„denn Sie haben ſchöne Geſchäftstalente und ſpekuliren nur ein Bischen zu viel; doch das iſt der Fehler der Jugend. Gott behüte Sie,“ fügte er bei.„Wenn Sie je einen Freund brauchen, ſo wiſſen Sie, wo Sie ihn ſuchen müſſen.“ „Danke, danke Ihnen, Mr. Mangles,“ verſetzte Georg in einem Tone, welcher darthat, daß er nicht unempfindlich gegen ein ihm erzeigtes Wohlwollen war, am allerwenigſten in einem ſolchen Augenblick. „Ich bin überzeugt, Sie würden nie dazu gerathen e meine Bücher durch einen Rechner prüfen zu aſſen.“ „Nein, gewiß nicht.“ „Sie halten mich für treu?“ „Für ſo treu, wie mein Hauptbuch,“ antwortete der alte Mann mit Eifer, indem er zugleich mit der offenen Hand auf das vor ihm liegende Buch ſchlug; „und wenn Jemand daran zweifelt, ſo mögen Sie ihm erklären, daß Peter Mangles dies geſagt habe.“ Georg konnte ſtolz ſein auf dieſes Zeugniß, und ſein Herz klopfte freier, als er das Kabinet ſeines Schwiegervaters und ſeitherigen Principals verließ. Mr. Bently dagegen fühlte ſich doppelt unbehaglich, einmal weil ihm ſein Gewiſſen zuflüſterte, daß er hart gegen ſein Kind gehandelt habe, und dann weil ihn das Benehmen ſeines vertrauten Buchhalters ärgerte. „Ich meine, Sie hätten zu dieſer plötzlichen Fteundſchaftsaufwallung gegen einen Menſchen, der mich ſo ſchwer gekränkt hat, einen paſſenderen Platz wählen können,“ bemerkte er in herbem Tone. „Aber keine paſſendere Zeit,“ verſetzte der alte Mann mild. „Und Sie halten Georg Markham noch immer für ehrlich?“ fuhr der Kaufmann fort. Peter Mangles nickte bejahend mit dem Kopf. „Trotz der zehntauſend Pfund fehlender Pfand⸗ briefe, die unglücklicherweiſe nur in Indien negocirbar ſind?“ fuhr der Sprecher ungeduldig fort. Peter kratzte ſich am rechten Ohr, wie er zu thun pflegte, wenn etwas in der Firma ſchief ging oder der Stand des Geldmarktes ihn verwirrte. „Kann nicht daraus klug werden; aber ich komme ſchon noch dahinter. Habe ſeit dem Verluſt keine Woche mehr Ruhe gehabt. Nur ſo viel iſt ſicher: Ihr Schwiegerſohn weiß nichts davon. Die Schlüſſel zu dem Geldkaſten ſind ihm keinen Augenblick unter die Hand gekommen.“ 15 „Sind die Papiere immer dort geweſen?“ fragte der Kaufmann zweifelnd. Der Buchhalter fühlte ſich augenſcheinlich ſchmerz lich überraſcht.. „Habe ſie ſelbſt hineingelegt,“ rief er,„die Schlüſſel mit nach Haus genommen, und, wie wäh⸗ rend der ganzen letzten fünfundzwanzig Jahre, unter meinem Schlafkiſſen verwahrt. Am Morgen waren ſie fort. Es gibt nur zwei paſſende Schlüſſel,“ fügte er bei,„den Ihrigen und den meinigen. Sie. den Ihrigen mit nach Indien genommen?“ „Nein.“ „Das war nicht recht.“ „Ich verwahrte die Schlüſſel in dem geheimen Fach meines Sekretärs, wo ich ſie bei meiner Rück⸗ kunft wieder fand,“ ſagte Mr. Bently.„Georg Markham muß viel im Haus geweſen ſein und—“ „Papperlapap!“ unterbrach ihn Peter.„Ich ſag' Ihnen, er iſt ehrlich. Ich hab' ihn von ſeinen Kna⸗ benjahren an beobachtet und ſeine kleine Kaſſe ſtets bis auf den Heller hinaus richtig gefunden. Sie könnten ebenſo gut auf mich Ihren Argwohn werfen,“ fuhr er fort.„Und wer weiß, ob Sie's nicht thun. Eine Ungerechtigkeit zieht gemeiniglich die andere nach ſich.“ „Die Ungerechtigkeit iſt jetzt auf Ihrer Seite,“ ſagte der alte Kaufmann lächelnd;„aber ich verzeihe Ihnen, denn Sie meinen es gut. Wir dürfen keine Händel mit einander anfangen.“ „Das iſt nicht ſo ganz gewiß,“ erwiderte Peter Mangles mit einem Tone, in welchem der Aerger mit der Empfindlichkeit zu kämpfen ſchien.„Ja, es iſt mir ſogar, als müſſe ich mit Ihnen Streit an⸗ fangen, Richard Bently, damit es mir wieder leichter ums Herz werde. Gewiß, es ſteht der Firma etwas Schreckliches bevor, wenn wir nicht mit einander ſtreiten,“ fuhr er fort;„denn während Sie mit dem armen Georg in dieſer unchriſtlichen und un⸗ geſchäftsmäßigen Weiſe ſprachen, hab' ich in das Hauptbuch einen falſchen Eintrag und zwei Klekſe gemacht! Zwei Klekſe, Herr— beide auf der näm⸗ üichen Seite!! Durchgehen Sie alle Bücher aus den letzten dreißig Jahren, und Sie werden mir keine ſolche Schande mehr nachweiſen können. Daran iſt Niemand ſchuld,“ fügte er vorwurfsvoll bei,„als Sie.“ Er hatte in ſeiner Aufregung ſeinen Schreibebock verlaſſen und ſtand jetzt, einer reſpektablen Dohle nicht unähnlich, in der Mitte des Zimmers; ſeine dünnen Beine waren in knappe ſchwarze Pantalons und blanke Heſſenſtiefel gekleidet, Kopf und Schulter nach vorn gebeugt und ſeine Haondflächen auf der Rückenſeite des ſchmalſchößigen Frackes gekreuzt. „Sie vergeſſen meine Gefühle,“ entgegnete der Principal.„Rachel hat mir das Herz gebrochen.“ „Der Hochmuth thut es,“ murmelte der Buch⸗ halter. „Einen Bettler heirathen!“ „Bettler?“ wiederholte Peter.„Ich ſehe, wir kriegen Händel; es geht nicht anders. Bettler! Was waren denn Sie, als ein thörichter aber treuer Freund Ihnen ſeine ganze Habe brachte, damit Sie ein Geſchäft anfangen könnten? Georg Markham beſitzt gerade ſo viel, als Sie damals hatten— Fleiß, Talent und Rechtlichkeit. Jagen Sie ihn fort, 17 verſtoßen Sie ihn, vernichten Sie ihn, wenn Sie wollen; aber denken Sie an mich, er wird dennoch ein ausgezeichneter Geſchäftsmann werden. Ich bin überzeugt, daß Ihre ſelige Frau für ihre Einwilli⸗ gung in die Heirath ihre guten Gründe hatte, wenn ich ſie auch nicht näher kenne. Sie war ein gutes Weib, Richard, und—“ „Ich kann dies nicht einmal von Ihnen anhören,“ unterbrach ihn der Kaufmann ungeduldig.„Nichts mehr davon.“ „Sie müſſen mich hören,“ entgegnete Peter auf⸗ geregt.„Ich habe mich kläglich in Ihnen getäuſcht, Richard. Daß Sie tückſſch ſind wie ein Maulthier, weiß ich längſt; aber nie hätte ich gedacht, daß Sie auch wirklich boshaft ſein könnten. Ich wiederhole es— Ihr Benehmen iſt weder das eines Vaters, noch das eines Geſchäftsmannes. Wenn ein Haus fallirt, ſchließt ein vernünftiger Gläubiger nicht damit ab, daß er die Abrechnungspapiere in's Feuer wirft, ſondern er wartet, ob ſich nicht ein Theil der For⸗ derung retten läßt; und Rachel's Heirath würde bei rechter Behandlung wohl das Pfund auf zwanzig Schillinge bringen.“ Ungeachtet ſeines Aergers konnte Mr. Bently ein Lächeln nicht unterdrücken bei dieſer Beweisfüh⸗ rung, die der Sprecher ſeinem Tagestreiben entnom⸗ men hatte. „Konnte auch ein Mann von geſunden Sinnen einem jungen Menſchen, der ſich in einem ſo aufge⸗ regten Zuſtand befindet, wie Georg, tauſend Pfund einhändigen, wenn er ihn nicht zu Grunde zu richten wünſcht?“ Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 2 ein Recht an ſie, Peter.“ wahr. Rachel iſt minderjährig. Alles wird in verrückten Spekulation draufgehen. Seine Berechnungen müſſen falſch ausfallen, denn ſein Kopf hat keine Ruhe mehr. Er wird zu Grunde gehen, und ſein Schwiegervater mag ſich deſſen freuen. Es iſt mir jetzt wohler, daß ich mir Luft gemacht habe,“ fügte Peter bei.„Ich mußte mich mit Ihnen zanken, und jetzt iſt's geſchehen. Da ſind die Schlüſſel zum Geldkaſten, Mr. Bently— da die Bücher, und nun können Sie auch einen Rechner kommen laſſen, daß er ſie prüfe.“ 4 Peter Mangles holte ſeinen Hut von dem Nagel, an welchem er denſelben ſeit nahezu vierzig Jahren aufzuhängen pflegte, drückte ihn mit der Miene feſter Entſchloſſenheit in die Stirne und ſchickte ſich an, das Kabinet zu verlaſſen. 8 3 rief erſtaunt der alte Freund und Dienſtherr. „Ja wohl, Richard.“ Au Anſtrengung und gingen Mr. Bently tief zu erzen. „Und was ſoll ich ohne Sie anfangen?“ „Kann mir's nicht denken; wird freilich ſchlecht genug gehen,“ verſetzte Peter mit erſtickter Stimme. „Und die Firma— das Gebäude, das wir Beide ſo mühſam zu Stand gebracht haben— das erſte Andern mehr anvertrauen.“ Dies war Peters ſchwache Seite, vielleicht ſeine 1 3 5„Können Sie mich im Ernſt verlaſſen wollen?“ Haus in der City? Ich kann die Bücher keinem Die Worte koſteten ihn augenſcheinlich keine ge⸗ 19 einzige; die Firma betrachtete er als einen Bau, zu deſſen Herſtellung er ſelbſt mitgewirkt hatte, und zum erſtenmal wurde ſein Entſchluß wankend. „Sie haben einen Neffen,“ murmelte er. „Carus iſt ein braver junger Menſch, beſitzt aber nicht Ihre Erfahrung,“ bemerkte der Kaufmann. „Kommen Sie, alter Freund, nehmen Sie Ihre Schlüſſel wieder. Wir haben den Wettlauf des Le⸗ ens mit einander angefangen und dürfen uns nicht trennen am Schluß unſerer Laufbahn. Die Wider⸗ ſpenſtigen verdienen eine Lehre.“ „Na, mag ſein,“ murmelte der alte Buchhalter, indem er verſuchte, ſeine Thränen zu verbergen,„wenn es nämlich eine weiſe iſt.“ „Ueberlaßt alles der Zeit, der beſten Schlichterin der Dinge,“ fügte Mr. Bently bei. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß es Mr. Bently Ernſt war, als er auf die Möglichkeit einer künftigen Verſöhnung mit ſeinem ungehorſamen Kinde hin⸗ deutete. Jedenfalls faßte Peter die Aeußerung in dieſem Sinne auf, denn er begab ſich nicht ohne einen gewiſſen Zug von Selbſtzufriedenheit wieder an ſein Pult, hing den Hut an den Nagel und hatte bald den ganzen Vorgang in den vor ihm liegenden Zahlenreihen vergeſſen. Man darf übrigens nicht glauben, daß die Geſchäftstüchtigkeit des Mannes allein den reichen Kaufmann bewog, Peter Mangles ſo rückſichtsdoll zu behandeln. Sie hatten als junge Lete Compagnonſchaft mit einander gemacht, und mit Peter's Geld war das Geſchäft angefangen wor⸗ den, in deſſen Firma ohne ſeine beharrliche Weige⸗ rung, auf das Anſinnen einzugehen, ſein Name längſt 2* 20 ätte„Nein, nein, Richard,“ pflegte er ſo oft der Gegenſtand zur Sprache kam, „ich bin ganz an meinem Platz und habe mehr Geld, als ich verbrauchen kann. Ich gebe vielleicht einen tüchtigen Diener, würde aber alles Vertrauen zu mir ſelbſt verlieren, wenn ich ein Principal wäre. Als Buchhalter tauge ich beſſer zu Ihnen, denn als Aſſocie.“ Und ſo blieb er Buchhalter. Wie Peter Mangles vorausgeſagt hatte, wurden die tauſend Pfund für Georg Markham und ſein be⸗ kümmertes Weib eher zum Schaden, als zum Vor⸗ theil. Statt einen Poſten zu ſuchen, fing der junge Mann ein eigenes Geſchäft an und iunte ſich eine Weile mannhaft durch, ſo daß er es wohl zu etwas hätte bringen können, wenn ihm einige Hilfe zu Theil geworden wäre; ſo aber kam es endlich trotz aller ſeiner Anſtrengungen zum Bruch, und die Folge davon war völliger Ruin. Die Gläubiger, welche ſahen, daß er nicht unehrenhaft gegen ſie gehandelt hatte, verſchonten ihn mit der Schmach, ſeinen Na⸗ men in den Zeitungen zu veröffentlichen, und be⸗ gnügten ſich damit, daß ſie ſeine ganze Habe ſich zueigneten und ihn zum bettelarmen Mann machten. In der Natur der Frau liegt eine geheime, dem Mann unbekannte Stärke, von der ſie ſelbſt nicht einmal eine Ahnung hat, bis die Stunde der Heim⸗ ſuchung ihre heilende Thätigkeit in's Leben ruft, da⸗ mit ſie den Balſam des Troſtes in die von der Welt aufgeriſſenen Wunden gieße, den verbitterten Shn beruhige und uns von Hoffnung zuflüſtere— ich meine die Kraft des Duldens. Und als ein ſolcher Troſtesengel erwies ſich Rachel für ihren unglücklichen 21 Gatten. Nie ſchien ſie heiterer und lächelte ihm zärt⸗ licher zu, als in der Stunde des Unglücks. Wohl war die Aufgabe ſchmerzlich; aber die Liebe der Gattin und der Mutter hielt ſie aufrecht, und wenn zuweilen in der ärmlichen Wohnung, in der ſie ein Obdach gefunden, die Einſamkeit ihren Muth brechen wollte, ſo reichte ein Blick nach der Wiege ihres Erſtgebornen hin, ihn wieder neu zu beleben. Georg Markham war mehrere Monate ohne Be⸗ ſchäſtigung. Für einen von Natur regſamen Geiſt iſt der Müßiggang ein böſer Rathgeber; denn ſowohl beim Reichen als beim Armen führt er gemeiniglich zu Laſtern, ſpannt das Herz ab, verſetzt das Gemüth in eine krankhafte Reizbarkeit, lähmt den moraliſchen Muth und raubt dem Manne ſeine Thatkraft. Bald fühlte der Unglückliche dieſen traurigen Einfluß und erlag der entwürdigendſten Verſuchung deſſelben, in⸗ dem er ſich dem Trunk ergab. Er nahm ſich aller⸗ dings oft vor, den verhängnißvollen Bann zu bre⸗ chen, und verſprach ſeinem entſetzten und beunruhigten Weibe, das tückiſche Getränk zu meiden, das ihn ſeiner Vernunft beraubte; aber zu ſeinem Unglück war die Flüſſigkeit zu ſchlau gemiſcht; eine Hand, die er nicht ſehen konnte, bereitete ſie für ihn zu, und was er verſprach, wurde eben ſo ſchnell wieder vergeſſen. Die Folge davon war, daß er eine Stelle um die andere verlor und zuletzt gar keine regelmã⸗ ßige Beſchäftigung mehr hatte, indem nur gelegent⸗ lich ein Advocat ihm Copialien zufließen ließ, wenn deſſen regelmäßige, an Fleiß und Ordnung gewöhnte Abſchreiber das vorhandene Material nicht bewälti⸗ gen konnten. So war die Familie Markham Jahr 22 um Jahr weiter herabgekommen, bis ſie ihren Wohn⸗ platz in dem Häuschen der Belvedereſtraße aufſchla⸗ gen mußte, wo nun noch ein zweites Kind, ein Mäd⸗ chen, in Armuth und Elend geboren wurde. Zu wiederholten Malen war ein Ruf an Mr. Bently's väterliche Gefühle ergangen, aber vergeblich; der Stolz und wir können wohl ſagen, die Liebe des alten Mannes fühlte ſich zu tief gekränkt. Oft, wenn er Abends aus ſeinem Klub heimkehrte, war er Zeuge, wie ſein Schwiegerſohn in der Geſellſchaft eines nichts⸗ nutzigen Burſchen, den er wegen ſeiner Liederlichteit aus dem Hauſe gejagt hatte, betrunken durch die Straßen taumelte, und ein ſolcher Anblick mußte na⸗ türlich ſein Herz noch mehr verhärten. Er hatte freilich keine Ahnung davon, daß dergleichen Begeg⸗ nungen geſchickt eingeleitet waren, und noch weniger wäre er auf den Urheber verfallen. Richt minder war darauf Bedacht genommen wor⸗ den, auch Peter Mangles zum Zeugen ſolcher empö⸗ render Auftritte zu machen, und der alte Mann härmte ſich ſehr darüber ab, da ihm jede Ausſchwei⸗ fung als etwas Ungeſchäftsmäßiges ein Abſcheu war. Sein gutes Herz geſtattete ihm übri⸗ gens nicht, auch Rachel fallen zu laſſen, die er von Zeit zu Zeit unterſtützte, allerdings nur ſpärlich, weil er fürchtete, ihr Mann möchte das Geld zu Befrie⸗ digung ſeiner Leidenſchaft verwenden, aber ſtets mit Worten freundlichen Raths und ohne darum ange⸗ gangen zu ſein.— Es iſt jetzt Zeit, von den Spröß⸗ üngen dieſer unglücklichen Ehe zu ſprechen— un⸗ glücklich nicht in dem gewöhnlichen Sinne des Worts, denn in beider Herzen lebte noch immer die Liebe. 23 Trotz ſeiner üblen Gewohnheit hing Georg zärtlich an ſeiner Gattin, während ſie ſelbſt in ihren ſchwer⸗ ſten Prüfungsſtunden nie vergaß, daß er der Geliebte ihrer Jugend, der Mann ihrer Wahl und der Vater ihrer Kinder war. Hierin lag das Band, der gol⸗ dene Ring in der Kette ihrer Vebe; ein eiſerner hätte längſt brechen müſſen. Richard, das älteſte, nach ſeinem Großvater ge⸗ nannte Kind, ſtand jetzt im dreizehnten Lebensjahre und war ungeachtet der Dürftigkeit, in welcher er erzogen wurdg, nicht nur ein ſchöner, ſondern auch ein hübſchgewachſener und geſunder Knabe. Er hatte vom Vater die verſtändige offene Stirne und das lockige Haar, von der Mutter das tiefblaue ſinnige Auge und viel von ihrem ſanften und liebevollen Charakter; zur ſchönſten Zierde aber gereichte ihm ſein kerngutes Herz. Ueberhaupt verdankte er der Natur weit mehr, als der Erziehung; denn ſeine Ausbildung beſchränkte ſich lediglich darauf, daß er leſen, ſchreiben und ein wenig rechnen konnte. Der Mutter und dem Schweſterchen Marie, einem jetzt ſechsjährigen lieblichen, elfenartigen Kind, aus voller Seele zugethan, bot Richard alle ſeine Kräfte auf, um den Kummer der armen Dulderin zu mildern und ihr, während der Gatte im Wirthshaus ſaß, die Heimath weniger freudlos zu machen. „Ich werde bald ſtark genug ſein, um für euch Beide zu arbeiten,“ konnte er ſagen,„und dann ſollt ihr an nichts mehr Mangel leiden.“ Bei ſolchen Worten ſchlug dann Marie die Händ⸗ chen zuſammen, lachte und ließ ſich von ihm ein ²4 neues Kleidchen verſprechen, während Rachel durch ihre Thränen lächelte. In der Liebe eines ſchönen Knaben zu ſeiner Mutter liegt nicht minder etwas Rührendes, als „etwas Edles. Sie iſt der grüne Zweig, der mit der Zeit zum Stab ihres hilfloſeren Alters werden und ihr, wenn dies je einem Kinde möglich iſt, die Sorge und Zärtlichkeit für den Unmündigen vergelten kann. Sie iſt eine ſchöne Verheißung— ein Keim der Hoffnung— der Lenz einer glücklichen Zukunft. Zweites Kapitel. Am letzten Tage des ſcheidenden Jahres ſaß die Familie Markham bei einem ſpärlichen Frühſtück in ihrem armen, aber reinlichen Häuschen. Georg, deſſen Kehle noch trocken und deſſen Augen roth auf⸗ geſchwollen waren von der Schwelgerei der letzten Nacht, mochte nichts eſſen, obſchon er mit Gier den Thee hinunterſchlang, den ihm ſein geduldiges Weib einſchenkte. Das Getränk war freilich ungemein ſchwach; aber es ſtillte doch ſeinen brennenden Durſt und beruhigte die fieberiſche Aufregung, in deren Folge ſeine Hand zitterte, als er die Taſſe zu den Lippen erhob. Butter war gar nicht und Brod nur ſehr wenig vorhanden, da der Eheherr das dafür beſtimmte Geld im Wirthshaus aufgebraucht hatte. Rachel theilte den göringen Vorrath ſchweigend unter die Kinder und behielt nur eine kleine Kruſte für ſich. „Ich bin nicht hungrig, Mutter,“ flüſterte Ri⸗ chard, indem er den größten Theil ſeiner Portion wieder zurückgab,„und Du haſt geſtern Abend nichts gegeſſen.“ Die kleine Marie dagegen war zu jung, um von„ dem ſie umgebenden Elend etwas zu verſtehen, und begann begierig ihren Antheil zu verzehren. Nach Art der Trunkenbolde war der Vater äußerſt empfindlich gegen Alles, was ſich wie ein Vorwurf deuten ließ, und bemerkte daher in zorni⸗ gem Tone: „Du haſt geſtern Abend mit Jack Manders ge⸗ ſpielt. Das will ich nie wieder von Dir erleben.“ „Es ſoll nicht mehr geſchehen,“ verſetzte Richard achtungsvoll, denn die Mutter hatte dem jugendlichen Geiſt ſorgfältig die Lehre des Gehorſams eingeprägt. „Ich habe Jack gern,“ rief Marie lachend;„er gab mir geſtern Abend Kuchen.“ „Du hätteſt ihn nicht annehmen ſollen.“ „Oh, aber Kuchen iſt meine Leibſpeiſe, und ich war ſo hungrig,“ verſetzte das Kind. Rachel drückte die Kleine in ihre Arme, um wei⸗ teren Reden vorzubeugen, und vermied es, ihren Gatten anzuſehen, weil ſie weiblich zart ihm die Demüthigung zu erſparen wünſchte. Das Kind aber war nicht ſo leicht zu beſchwichtigen, ſondern fuhr in ſeinen Fragen fort: „Warum kannſt Du Jack nicht leiden?“ „Weil ſein Vater ein Dieb war, mein Herzchen, und ſein Onkel, bei dem er lebt, ein heimgekehrter Deportirter iſt. Er erzieht ſeinen Neffen ſchlecht.“ Marie wußte nicht, was die Ausdrücke Dieb und 26 Deportirter bedeuteten. Um indeß den Gegenſtand abzubrechen, ſtand Georg Markham mit der Miene eines Mannes, der mit ſich ſelbſt unzufrieden iſt, vom Frühſtücktiſch auf und trat an einen kleineren in der Nähe des Fenſters, der mit Schriftſtücken belegt war. Er verſuchte mehreremale zu ſchreiben, aber ſeine Hand zitterte dermaßen, daß er unmöglich fortmachen konnte. „Wie angegriffen ich dieſen Morgen bin,“ mur⸗ melte er und warf die Feder weg. Sein Weib ſah ihn wehmüthig an und gedachte der Zeit, als er ein ganz anderes Weſen war.„Ich muß ein in die friſche Luft, um mich zurechtzubringen.“ achel wußte aus bitterer Erfahrung, was er unter„Zurechtbringen“ verſtand— die Schenke und den Branntwein. Das unglückliche Opfer der Trunkliebe ſetzte ſeinen Hut auf und verließ die Hütte, ohne einen Blick auf diejenigen zurückzuwerfen, die durch ihn ſo bitterer Noth preisgegeben waren. Er hatte kein Geld— leider für ihn kein Hinderniß, da er ſtets auf die Bürgſchaft ſeines guten Freundes Styles hin in der„Krone und Elſter“ bei Weſtminſter Kredit erhielt. Und doch gingen den Bethörten die Augen nicht auf! „Bleib' hier, bis ich zurückkomme, Richard,“ ſagte Rachel nach einer Weile; ſie hatte nämlich über die möglichen Folgen der Vertraulichkeit ihres Sohnes mit Jack Manders nachgedacht und war zu dem Ent⸗ ſchluſſe gekommen, derſelben unter allen Umſtänden . ein Ende zu machen, ja, wenn es ſie ſelbſt das Opfer der Trennung von ihrem Kinde koſtete. 27 Der Knabe verſprach Gehorſam. Rachel nahm nun die letzte Koſtbarkeit, ein Medaillon mit dem Haar ihres Vaters, aus einem kleinen Arbeitsetui und ſchickte ſich an, auszugehen, um es zu verkaufen. Die Hausmiethe wurde mit dieſem Tage fällig, und doch war für Deckung derſelben nicht ein Schilling vorhanden. Als die arme Frau dieſes Ueberbleibſel aus glücklicheren Zeiten betrachtete, traten ihr mit Macht die Erinnerungen an die Heimath und an die dort genoſſene Liebe vor die Seele; die Quellen des Gedächtniſſes und des Gefühls ſchloſſen ſich in glei⸗ cher Weiſe auf, und unter bitteren Thränen ſank ſie auf einen Stuhl. „Weine nicht, Mutter,“ rief Richard, indem er die Arme um ihren Nacken ſchlang und ſie küßte; „ich kann's nicht mit anſehen.“ „Meine Thränen gelten Dir, Richard,“ verſetzte die Mutter. „Mir?“ „Es wäre mein Tod, wenn Du der Verſuchung erlägeſt, dem Beiſpiel Deines ſchlimmen Kameraden folgteſt und wie er ein Dieb würdeſt!“ „Fürchte nichts, Mutter,“ erwiderte der Knabe, ſich ſtolz aufrichtend;„lieber will ich verhungern. Aber Dich— Dich kann ich nicht hungern ſehen,“ fügte er in ſchönem Gefühlsausbruch bei,„wenn es in meiner Macht liegt, es zu hindern.“ „In ehrlicher Weiſe,“ ſchluchzte Rachel:„ſage in ehrlicher Weiſe, Richard.“ „So meinte ich es natürlich,“ murmelte der Knabe. Beruhigter verließ die arme Frau das Haus, um ihre letzte Hilfsquelle zu verwerthen, und kehrte nach weniger als einer Stunde mit einem Erlös von etlichen Schillingen wieder heim: Einer davon wurde zum Ankauf von Lebensmitteln verwendet, der Reſt aber ſorgfältig in ein altes Taſchentuch gewickelt und in dem Arbeitskäſtchen aufbewahrt, das weder Mann noch Kinder zu berühren pflegten, weil ſie wußten, wie werth ſie es hielt. Nachdem ſie den rößten Theil der mit einem ſo ſchweren Opfer er⸗ auften Speiſe für Georg bei Seite gethan, trat ſie in Begleitung ihres Sohnes, welcher Ralie auf dem Arme trug, den Weg nach Blackheath an; denn ſie wollte nicht für ſich, ſondern für ihren Knaben, der vor Verbrechen und Schande bewahrt bleiben ſollte, Peter Mangles um Beiſtand anflehen. Um eines ſolchen Zweckes willen hätte ſie ſich ſelbſt einer größern Demüthigung unterzogen— war er ja ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihres Lebens letzte Stütze. „Er wird mich nicht zurückweiſen,“ dachte ſie; „der gute alte Mann ſteht mir ſicherlich bei.“ Ohne Zweifel würde auch ihre Hoffnung zur Wirklichkeit geworden ſein, wenn ſie Peter Mangles angetroffen hätte; ſo aber war unglücklicher Weiſe der letzte Tag im Jahr, der einzige während der zwölf Monate, an welchem ihr Freund mit dem Dienſtperſonal der Firma einen feſtlichen Abend zu begehen pflegte. Als Georg nach Hauſe kam, überraſchte es ihn, Rachel und die Kinder abweſend zu finden. Er war nicht gern allein, weil die Einſamkeit zum Nachdenken Anlaß gibt, und um ſich die Langeweile zu vertrei⸗ ben, ſetzte er ſich an den Tiſch und begann zu ſchreiben. Doch entleidete ihm dies bald, um ſo mehr, da der n e ſt lt 29 Branntwein ſeinen Einfluß verlor und ſeine Hand wieder unſtät wurde. Da ließ ſich auf einmal ein eigenthümliches Pfeifen vernehmen. „Du kannſt hereinkommen,“ ſagte er, indem er die Thüre öffnete,„mein Weib iſt nicht zu Hauſe.“ Ein finſterer Menſch mit harten Zügen und buſchigen Augbrauen, der in einem ſchäbig gentilen Anzug ſteckte, ſchob ſich faul in das Zimmer. Es war Georgs böſer Geiſt, Tom Styles. „Allein?“ rief der Burſche, indem er ſich nach Art eines Trödlers umſah, der ein Angebot auf eine Zimmerausſtattung im Ganzen machen will. „Rachel iſt abweſend,“ verſetzte Georg. „Um ſo beſſer,“ ſagte der Verſucher mit höhni⸗ ſchem Lachen;„es gibt in der„Krone und Elſter“ eine Partie. Kömmſt Du nicht auch?“ „Kann nicht.“ „Warum?“ „Ich habe kein Geld.“ Bei jeder anderen Gelegenheit würde ſich Styles erboten haben, ihn freizuhalten, aber die gegenwär⸗ tige erſchien für ſeine Abſichten zu günſtig, als daß ſie einen ſolchen Akt der Freigebigkeit zugelaſſen hätte. „Schade,“ bemerkte er,„denn Poß iſt des Ge⸗ winnes ſicher, und es ließe ſich da was machen. Es wird einen köſtlichen Spaß geben. Haſt Du nichts zu verſetzen oder zu verkaufen?“ „Nein,“ murmelte der Elende;„s iſt Alles fort.“ Der Gaſt ſah ſich zum zweitenmale im Zimmer um, fand aber nichts, was einige Schillinge ein⸗ bringen konnte, bis ſein Blick auf dem Arbeitskäſt⸗ chen haften blieb. —— . n —— —— S 30 „Ein artiges Ding da,“ ſagte er hinzutretend. „Berühr' es nicht,“ rief Georg, indem er zwi⸗ ſchen Tom und den Gegenſtand ſeiner Neugierde trat;„es gehört meinem armen Weib— mein erſtes Geſchenk für ſie. Es hat uns an Brod gefehlt; aber ich beſaß nie den Muth, von ihr zu verlangen, daß ſie es weggeben ſolle.“ „Um ſo einfältiger von Dir,“ verſetzte Styles ſpöttiſch.„Was iſt denn drinnen?“ „Nur einige Briefe.“ „Und Geld?“ „Geld?“ wiederholte der Trunkenbold.„Wie ſollte Rachel zu Geld kommen? Es iſt ſchon lange her, ſeit ſie—“ Er hielt plötzlich inne. Er hatte das Käſtchen in die Hand genommen, und drinnen raſſelte etwas; es klang wie Silber. Styles lachte höhniſch.„Sagte ich's ja, daß Geld drinnen ſei.“ Georg lüpfte langſam den Deckel, als fürchte er damit etwas Schlimmes zu begehen. Unten in dem Kiſtchen lagen vier halbe Kronen und ein Schilling. „Es iſt für die Hausmiethe,“ rief er.„Sie hat das Medaillon, ein Geſchenk ihres Vaters, verkauft,“ fuhr er nach einer Muſterung des übrigen Inhalts fort. „Es wäre Heiligthumsentweihung, es anzurühren.“ „Natürlich— auch wenn Du Pfunde damit ge⸗ winnen könnteſt.“ „Pfunde!“ wiederholte der Bethörte mit unſiche⸗ rem Blick.. „Und noch dazu einen heiteren Abend.“ „Wie ſo?“ 31 „Hab' ich Dir nicht geſagt, daß ſich's um eine Kribage⸗Partie zwiſchen Bob und Harry Turner handle?“ verſetzte der Strolch.„Bob iſt des Ge⸗ winnes ſicher.“ „Nein, nein,“ rief der Trunkenbold in großer Aufregung,„es wäre ſchändlich— unmännlich! So tief ich auch geſunken bin, iſt es doch noch nicht zum Diebſtahl an meinem Weib gekommen.“ „Diebſtahl?“ erwiderte Styles.„Wie kann den ein Mann an ſeinem Weib begehen? Was ihr ge⸗ hört, iſt auch ſein, und er kann ihr Alles nehmen, den Ehring ausgenommen. So hab ich Sneak, den Advocatenſchreiber, dutzendmal ſagen hören. Aber wie Du willſt,“ fügte er bei.„Ich geh' in die Krone und Elſter. Guten Abend und ein glück⸗ liches Neujahr.“ Mit dieſem ſpöttiſch hingeworfenen Wunſche ver⸗ ließ er die Wohnung des Mannes, den er moraliſch faſt gänzlich zu Grunde gerichtet hatte, und ging langſam die Belvedereſtraße hinauf. An der Weſi⸗ minſterbrücke zögerte er, weil er hoffte, ſein Opfer, deſſen Willensmacht er kannte, werde nachkommen; doch diesmal täuſchte er ſich und er langte allein in der Schenke an. Wäre Rachel jetzt zurückgekommen, ſo würde aller Wahrſcheinlichkeit nach ihr Gatte feſtgeblieben ſein oder im ſchlimmſten Fall einen Theil des Geldes von ihr verlangt haben. Aber als es immer dunkler wurde und der unglückliche Mann allein ohne Feuer und Licht in ſeiner ärmlichen Stube ſaß, gewannen Ungeduld, der brennende Durſt und das Verlangen 32 nach Aufregung die Oberhand; er vermochte nicht länger zu widerſtehen. „Ich kann gewinnen,“ murmelte er, das Geld aus dem Käſtchen nehmend, obſchon dabei ein tiefes Roth, die ſtumme Rüge ſeiner unwürdigen That, ſein Geſicht überflog. Doch das wilde Fieber in ſeinem Blut war ſtärker als das Gefühl der Scham oder die Vorwürfe eines halberſtickten Ge⸗ wiſſens. Im nächſten Augenblick befand er ſich auf der Straße, und da er die Mittel, ſich zu betrinken, in der Taſche hatte, ſo dachte er an kein Weib und keine Heimath mehr. Gegen zehn Uhr kehrte Rachel erſchöpft und mit wunden Füßen heim.„Biſt Du da, Georg?“ fragte ſie, als ſie über die Schwelle trat. Keine Antwort. O, wie bitter ſchnitt die Stille in ihre Seele! Die kleine Marie verlangte zu eſſen.„Sogleich, mein Kind,“ tröſtete ſie die bekümmerte Mutter, die ob dieſem Rufe nicht mehr an die Hausmiethe, an die Drohung des Hauseigenthümers, ſie auf die Straße zu ſetzen, noch an die Unmöglichkeit dachte, den Betrag wieder zu ergänzen. Sie taſtete im Dunkeln nach dem kleinen Tiſche, ergriff das Käſt⸗ chen und öffnete es. Das Geld war fort. Zum erſtenmal während ihres Eheſtandes bäumten ſich ob dieſem herzloſen Benehmen des Mannes, dem ſie ſo viel geopfert und der am Altare geſchworen hatte, ihr Beſchützer zu ſein, die Lippen Rachels. Doch das war nur ein augenblickliches Gefühl; der Schmerz gewann die Oberhand, und mit blutendem Herzen ſank ſie auf einen Stuhl. „Was haſt Du, Mutter?“ rief Richard, der das . it te ie m ie 6. ſt⸗ n m en er 8 33 Schweſterchen vom Arm auf den Boden ſetzte und auf ſie zueilte. „Nichts, nichts; nur eine augenblickliche Schwäche. Ich— ich fühle mich beſſer.“ „Ich darf Georg nicht vor ſeinem Knaben be⸗ ſchämen,“ dachte ſie,„damit nicht die Achtung vor dem Vater verloren gehe.“ Dies war wohl ein weiblich zartes Vornehmen, blieb aber nutzlos, denn der Sohn konnte ſich die Urſache ihres Kummers recht wohl denken. „Wir wollen den Vater aufſuchen,“ ſagte ſie, indem ſie Marie auf den Arm nahm,„und dann ſollſt Du zu eſſen erhalten, meine Liebe.“ „Ich will es jetzt,“ ſchluchzte das Kind.„Ich bin ſo hungrig.“ „Er kann noch nicht Alles verbraucht haben,“ dachte Rachel.„Sicher iſt noch etwas übrig.“ Richard ſagte nichts, aber ſeine Gedanken waren gefährlich; er verglich die Warnung, die ihm ſein Vater wegen Jack Manders ertheilt hatte, mit dem Verſchwinden des Geldes aus dem Käſtchen. An dem Schenktiſch in der„Krone und Elſter“ gab es ein großes Gedränge. Die Wirthin, ein wohlbeleibtes, gemein ausſehendes Weib mit rothen Bändern in der Haube, einer Fülle von falſchen Locken, einer ſchweren goldenen Kette um den Hals und zahlreichen Ringen um die fetten Finger, war emſig beſchäftigt, ihren Kunden Branntwein einzu⸗ enken— den Stammgäſten heute gratis; denn man darf nicht vergeſſen, daß der Neujahrsabend war. „Eure Geſundheit, Miſſes,“ ſagte ein triefäugi⸗ ger Kutſcher, indem er ſein Glas leerte. Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 34 Die Wirthin trank, in Anerkennung dieſer Höf⸗ lichkeit, auch das ihrige leer. Der Mann betrachtete ſie mit einem Ausdruck hoher Bewunderung. „Das iſt das zehnte, ſeit ich hier bin,“ bemerkte er gegen einen Bruder Fiaker, einen kleinen, ſtum⸗ pigen Kerl, halb begraben in einem ungeheuren, ausgenützten Livreeüberrock, der einſt einem adeligen Kutſcher gedient hatte.„Da ſage mir Einer, Schnaps ſei ſchlecht für die Konſtitution. Er iſt mehr werth als all der Lumpenkram aus der Apotheke— khe, 1 khe!“ Ein heftiger Huſtenanfall unterbrach ſein Lob des Giftes, das ihn langſam aufrieb. ——— Obgleich die Wirthin„zur Krone und Elſter“ 3 ihr Glas ſo gut führen konnte, wie die meiſten Wei⸗ ber, ſo füllte ſie es doch nie aus demſelben Fäßchen, ——— ——— aus welchem ſie ihre Kunden bediente, wie ſie denn auch nicht während des Geſchäftes trank; ihr Glas war mit Waſſer gefüllt. Man kann ſich denken, welchen unendlichen Abſcheu es ihren Verehrern ein⸗ geflößt hätte, wenn ſie hinter den Betrug gekommen wären. „Oh, er iſt Muttermilch für manche Leute,“ be⸗ merkte ein kräftig ausſehender junger Mann, der ſchon ſeit einer halben Stunde mit zwei prunkhaft gekleideten Mädchen geplaudert hatte, während dieſe, ohne etwas zu verlangen, den Platz vor dem Schenk⸗ tiſch verſperrten. „Drängt man ſich hier nicht, daß man gar —— 5— —— mand bedienen kann,“ bemerkte die Wirthin ſpitig und wahrſcheinlich auch voll Aerger über das Lachen, welches die Bemerkung des Gaſtes veranlaßt hatte. Der junge Mann griff in die Taſche, zog eine f⸗ te n, en s th e, b 3 i⸗ n, in 18 n⸗ n e⸗ er ft e, k⸗ 35 halbe Krone heraus, warf ſie mit großer Würde auf den Zahltiſch und verlangte ein Nöſel Branntwein. Dies beugte weiteren Beſchwerden über das Gedrünge am Schenktiſch auf die wirkſamſte Weiſe vor. Eine ſolche Scene der Liederlichkeit trat Rachels Auge entgegen und preßte ihr das Herz zuſammen, als ſie, die kleine Marie auf dem Arme und durch die Anweſenheit ihres Sohnes geſchützt, ſich in das Haus wagte. „Iſt Mr. Markham hier?“ fragte ſie mit tonloſer Stimme. Die Frage mußte mehrmals wiederholt werden, ehe ſie eine Antwort erhielt. „Ich kenne nicht alle meine Kunden bei Namen,“ antwortete die Wirthin ſchnippiſch. „Vielleicht habt Ihr die Güte, nachzuſehen.“ „Zu viel Geſchäft, Mam. Heiß Waſſer, Selly! Drei Schilling acht Pence, Sir. Halb und halb? Sogleich.— Dahinein dürft Ihr nicht,“ rief ſie Rachel zu, als dieſe die Richtung nach dem innern Gaſtzimmer einſchlug.„Mein Haus iſt ein achtbares Haus, und ich dulde Frauenzimmer nur in der all⸗ gemeinen Schenkſtube.“ „Aber ich bin Mr. Markham's Weib.“ „So ſagen ſie Alle,“ verſetzte die Wirthin mit einem höhniſchen Lachen, das unter den in der Nähe ſtehenden halbtrunkenen Elenden ein rohes Echo fand. Richards Augen blitzten zornig; aber die Stimme und noch mehr der flehende Blick ſeiner Mutter hielt ihn zurück. „Laß uns nach Hauſe gehen,“ ſagte ſie im Tone der Verzweiflung;„ich fühle eine Schwäche zum Um⸗ ſinken.“ Und an dem Arm des Sohnes ſich haltend, 3* 36 wankte die Aermſte weiter. Die ſcharfe, kalte Luft ſtellte zwar theilweiſe ihre Kraft wieder her, und ſie gelangte mit ihren Kindern bis zu der Straße, als ein leiſes Stöhnen Mariens, die ſie noch immer auf dem Arme trug, ihren Schritten Einhalt that. Sie griff mit der Hand unter den dünnen Shawl, der ſie bedeckte; das Kind war kalt wie Eis und ſchau⸗ derte wie vom Fieber. „Sie ſtirbt!“ ächzte die erſchreckte Mutter— „ſtirbt aus Mangel an Naohrung.“ Mehr konnte das brechende Herz des Knaben nicht ertragen. Der Becher des Elendes und der Leiden war zum Ueberfließen voll. Sein Gehirn glühte wie Feuer— Thränen konnten es nicht kühlen. „Schaff' ſie heim, Mutter!“ rief er.„Sei un⸗ beſorgt; ich will Euch zu eſſen bringen. Marie ſoll nicht ſterben. Ich will betteln— betteln,“ fügte er bei;„Alles, um ſie zu retten.“ „Richard, Richard, verlaß mich nicht,“ entgegnete die zu Tod geängſtigte Mutter.„Oh, ich will nicht meine beiden Kinder verlieren. Wenn Du Deine Mutter liebſt, ſo komm zurück— um der göttlichen Barmherzigkeit willen, komm zurück.“ Doch der Ruf kam zu ſpät. Durch die Leiden ſeiner Lieben faſt bis zum Wahnſinn geſteigert, hatte ſich der Knabe von der nur ſchwach feſthaltenden Hand der Mutter losgeriſſen und befand ſich jetzt ſchon außer dem Bereich ihrer Stimme. Rachel ſuchte ſich an einem Geländer zu ſtützen, bis ein zweites Aechzen, ſchwächer als das erſte, auf's Neue das Mutterherz durchbohrte.„Sie darf mir nicht auf der Straße ſterben,“ murmelte die arme Frau.„Nach * — —— 37 Haus, nach Haus, wenn ich noch ſo weit kommen kann.— O Gott,“ rief ſie in einem plötzlichen Angſt⸗ ausbruch,„ſchütze meinen Knaben, bewahr' ihn vor Verbrechen, behüt' ihn vor dem Laſter und den ar⸗ gen Schlingen, die in tauſend Geſtalten die freund⸗ loſe Jugend bedrohen, oder—“ fügte ſie feierlich bei—„nimm ihn lieber zu Dir, Du Gott des Er⸗ barmens!“ Das chriſtliche, vertrauensvolle Gebet rang ſich unter bitteren Kämpfen und Thränen aus dem Mutterherzen, und Engel trugen es vor den Thron der Gnade. Das todtkranke Kind inniger an die ſchmerzerfüllte Bruſt drückend, eilte das Weib des Säufers der Heimath zu. Als Richard verzweifelnd auf offener Straße ſich von Mutter und Schweſter losriß, hatte er ſich feſt vorgenommen, für ſie Lebensmittel beizuſchaffen, und es war ihm, als hätte er ſie einem hungrigen Tiger aus dem Rachen reißen können, wenn ſie nicht an⸗ ders zu bekommen. Das klägliche Stöhnen der klei⸗ nen Marie und der Schmerzruf ſeiner geängſtigten Mutter tönte noch in ſeinen Ohren. Er lief fort, ohne auf die eingeſchlagene Richtung zu achten, bis er den St. James⸗Park erreichte, wo er anhielt, um wieder zu Athem zu kommen. „Was ſoll ich thun?“ fragte er ſich ſelbſt.„Hier iſt keine Hilfe zu finden.— Was ſoll ich thun?“ wiederholte er, als er die lange entlaubte Allee hinunter ging, deren Aeſte, wie es ihm porkam, gleich den fleiſchloſen Armen eines Gerippes drohend über ſeinen Häupten ſich bewegten, wenn die erbarmungs⸗ 38 loſen Stöße des Nachtwindes durch ſie hinfegten. „Hier iſt keine Hilfe.“ Der Schauplatz war in der That troſtlos. Auf dem Boden Schnee, der unter den Füßen knirſchte — Schnee, ſo kalt wie die Barmherzigkeit der Welt. Das Immergrün hinter der Einfriedung bog ſich un⸗ ter ſeiner Laſt, und der See war eine einzige Eis⸗ fläche, die Stelle ausgenommen, wo die Parkwächter Löcher eingehauen hatten für das wilde Geflügel, deſſen trauriger, einſamer Ruf je zuweilen die Stille der Nacht unterbrach. Im Gegenſatz zu dieſem traurigen Bilde ſtrömte heller Lichterſchein aus den Fenſtern eines der präch⸗ tigen Häuſer auf der Carlton⸗Terraſſe. Muſik klang herab, und aus den an den Vorhängen vorbeiglei⸗ tenden Schatten konnte man ſchließen, wie eine hei⸗ tere und glückliche Jugend ſich im Tanz vergnügte. Der Knabe blickte ſehnſüchtig hinauf.„Wenn ſie's nur wüßten,“ dachte er. Aber es gibt nur zu viele unter den Günſtlingen des Glücks, die ſorgfältig darauf Bedacht nehmen, nichts zu wiſſen, die ihre Gefühle ſo eifrig hüten wie ihr Wild, und in jedem Armen einen Jagdfrevler ſehen, welcher ihrem Vergnügen Abbruch thut. Unſer Held war nicht der Einzige, deſſen Auf⸗ merkſamkeit der Gegenſatz, wie ihn das Innere des Hauſes und die äußere Umgebung darbot, auf ſich gezogen hatte. Ein großer, wohlgekleideter Mann hörte der Muſik zu und ſchaute nach den Fenſtern hinauf. Richard näherte ſich ihm in der Abſicht, ihn um Beiſtand anzugehen; aber als das Mondlicht die ſtrengen Züge des Gentleman erhellte, entſank ihm 8 — 39 der Muth, und er ging weiter, um bei der nächſten Perſon, die ihm begegnete, ſeinen Verſuch zu machen. Er war noch nicht weit gekommen, als er einem Knaben von ſeinem Alter begegnete, der ihm eine Weile nachſah, als wolle er ſich überzeugen, daß er ſich in der Perſon nicht irre, und ihm dann„Halt!“ zurief. Der Rufer war kein Anderer als Jack Man⸗ ders, derſelbe, vor deſſen Umgang Mr. Markham ic am nämlichen Morgen ſeinen Sohn gewarnt atte. Jack war das Muſterbild eines echten Londoner Gaſſenjungen, geſchmeidig wie ein Dachs, hurtig wie ein Wieſel, glatt wie ein Aal, ſchlau wie ein Fuchs und erfahren über ſeine Jahre. Und doch konnte man nicht Alles von ihm ſchlimm nennen. Die Er⸗ ziehung hat das Reis verkrüppelt, das in einem beſſeren Boden und unter ſorgfältigen Händen zu einem ſchönen Baum herangewachſen wäre. Von dem Augenblick der erſten Bekanntſchaft an hatte Jac eine Zuneigung zu unſerem Helden gefaßt. Andere Jungen verſpotteten ihn und hielten ihm vor, daß er einen Verbrecher zum Vater habe. Richard hatte dies nie gethan. Auch die kleine Marie ſtand bei ihm in Gunſt, und er bewies ihr dies häufig da⸗ durch, daß er ihr Obſt und Kuchen kaufte. Obſchon um einen halben Kopf kleiner als Richard, war er doch viel ſtärker und ſein Gliederbau muskulöſer, vielleicht weil er eine beſſere Koſt hatte. „Du hier?“ rief er im Tone des Erſtaunens. „Ei der Tauſend! Auf was biſt Du aus?“ Als er bemerkte, daß Richard ihn nicht verſtand, fügte er bei:„Was führt Dich hierher?“ 3 6 3 1 40 „Ich weiß es ſelbſt kaum,“ verſetzte Richard und wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge.„Ich bin halb von Sinnen. Meine Mutter und Schwe⸗ ſter hungern— ſterben vor Hunger, und ich kam heraus, um zu—“ Sein Herz war zu voll, er konnte das Wort„betteln“ nicht herausbringen. „Sehen, ob Du nicht etwas aufpicken kannſt,“ fuhr Jack, den Satz für ihn ergänzend, fort;„und Du haſt vollkommen Recht. Ich thäte auch lieber Alles, eh' ich meine Mutter und Schweſter verhun⸗ gern ſehen könnte, wenn ich welche hätte.“ „Wie kömmſt Du zu Deinem Unterhalt?“ fragte Richard.„Du haſt immer Geld und biſt ſo warm gekleidet.“ „Oh, ich lebe von meiner Arbeit,“ verſetzte der Knabe. „Von welcher Arbeit?“ Jack Manders war um die Antwort verlegen. „Du weißt's ſchon,“ ſagte er nach einer Pauſe und beehrte zu gleicher Zeit unſern Helden mit einem ungemein ſchlauen Blinzeln. „Nein, gewiß nicht,“ entgegnete Richard un⸗ ſchuldig. „Wohlan denn, ich eigne mir zu, was ich kann.“ „Ein Dieb!“ rief der Zuhörer ſchaudernd.„Das thut mir leid, ſehr leid um Deinetwillen, Jack, denn Du biſt gegen mich und Marie gut geweſen.“ „Es iſt nicht meine Schuld,“ verſetzte der junge Beutelſchneider trotzig.„Ich habe mich oft genug um Arbeit umgeſehen— um wirkliche Arbeit, meine ich; aber Niemand wollte mich beſchäftigen, weil mein Vater auf dem Strafplatze war. Dies hat man mit id in e er id er n⸗ te er ſe ige ug ine ein nit 41 immer in die Zähne geworfen. und deßhalb hab' ich Dich lieb. die Soldaten, aber dafür war ich zu jun ſogar nach dem Pönitentiarhauſe und bat, mir zu einer ehrlichen Laufbahn verhelfen. nichts für mich thun, weil ich kein S fangener ſei, hieß es. Das war eine Zeit für mich,“ fügte er bei.„Der Onkel F mich mit Fußtritten aus dem Hauſe zu treiben u hieß mich mein Brod verdienen. Endlich zeigte er mir, wie ich dies anzugehen habe, und ſeitdem hat es mir nie an Eſſen, Kleidung oder Geld gefehlt. Ich brauche nicht mehr unter den Bogen zu ſchlafen, ſondern habe mein gemächliches Bett. Auch weiß ich nichts mehr von Hunger. Warum machſt Du's nicht auch ſo?“ „Nicht, ſo lang ich arbeiten kann,“ verſetzte Richard. „Arbeiten?“ entgegnete Jack mit Lachen.„Wer wird Dir Arbeit geben? Mein Vater war ein Dieb, der Deine iſt ein Säufer— ein geringer Unterſchied. Und was das Betteln betrifft— verſuch' es einmal, und ſieh zu, ob Du nicht bald dem Packan in die Hände fällſt. Gott behüte,“ fügte er in vertraulichem Tone bei,„die Schienkel ſtrafen es ſo ſchwer als das Mauſen; ein Monat Tretmühle iſt das Mindeſte, was man dafür abfängt.“ Richard rang verzweifelnd die Hände. „Es iſt keine Gefahr dabei,“ fuhr Jack flüſternd fort,„wenn man nur ſeine fünf Sinne zuſammen⸗ hält. Ich will Dir zeigen, wie man's macht. Siehſt Du dort jenen Kunden, der nach den Fenſtern hin⸗ 42 Acht, und ſieh, wie bald ich ihn aus⸗ liche Perſon war derſelbe Gentleman, ſchon früher bemerkt hatte, und der, in räumen verſunken, noch immer ohne Rück⸗ e Kälte und die ſpäte Stunde das Auge Gebäude geheftet hielt. ein, nein!“ rief Richard. „Ich ließe meine Mutter und Schweſter nicht ver⸗ hungern,“ verſetzte Jack, der nicht ſo ſehr den jungen Freund in ſeine eigene Entwürdigung herabzuziehen, wohl aber in demſelben einen Kameraden zu gewin⸗ nen wünſchte, den er lieben und dem er vertrauen konnte. „Ich kann's auch nicht,“ murmelte Richard mit verzweifelter Entſchloſſenheit. Sie näherten ſich langſam dem Gentleman, der ihnen den Rücken zukehrte. Joack benahm ſich dabei zuverſichtlich und freute ſich der Gelegenheit, ſeine Geſchicklichkeit und Kühnheit dem Kameraden zeigen„ zu können, während dieſer zu zögern, nur langſam 1 nachzuſchleichen und bei jedem Schritte zu zittern be⸗ gann. Plötzlich machte er Halt. „So komm doch,“ flüſterte ſein Begleiter. „Unmöglich!“ verſetzte Richard.„Ich kann Hun⸗ gers ſterben, aber kein Dieb werden.“ Der Mutter Gebet war erhört. „So ſieh zu,“ flüſterte er.„Ich will's thun.“ Ein Nebel trat vor die Augen unſeres Helden, und er konnte ſich ſpäter nur unbeſtimmt deſſen, was jetzt folgte, erinnern. Er hörte Jack„lauf! lauf!“ rufen, als ein Polizeidiener, der ihnen hinter einem e— — 43 Baume zugeſehen hatte, aus ſeinem Verſteck hervor⸗ ſprang und ihn zu faſſen verſuchte. Der Schuldige entkam und Richard war ein Gefangener. „Hab' ich doch einen von dem Geſchmeiß,“ rief der Polizeimann. „Was gibt's?“ fragte der Gentleman, aus ſeinen Träumen etwachend. „Sie ſind beſtohlen, Sir.“ „Ich bin nicht der Dieb,“ rief Richard, ſich dem ſtarken Griff des Häſchers entwindend und dem Frem⸗ den zu Füßen fallend,„obſchon Hunger und Armuth mich ſchwer in Verſuchung führten. Meine Mutter und Schweſter verhungern.“ „Eine ſehr wahrſcheinliche Geſchichte,“ ſagte der Polizeimann, der ſeinen Knüttel gezogen hatte und den Knaben auf's Neue packte. Dieſer aber klam⸗ merte ſich verzweifelt an den Gentleman an und bat ſo flehentlich, daß deſſen Herz gerührt wurde. „Sie kann doch wahr ſein,“ ſagte der Fremde. „Keine Gewalt, Polizeidiener. Ich glaube, Sie ken⸗ nen mich.“ Der Polizeimann griff an ſeinen Hut. „Wie heißt Du, Knabe?“ „Richard Markham,“ verſetzte der Befragte ſtockend. Der Gentleman wiederholte den Namen langſam. „Du haſt einen Vater?“ fuhr er fort. „Ja, Sir.“ „Was iſt er?“ „Er war früher Comptoiriſt in der City; aber ſein Herr entließ ihn, weil er meine Mutter ohne ſeine Zuſtimmung geheirathet hatte; und ſeitdem iſt er, glaube ich, Aües geweſen, Sir.“ — — — —————— ———— 44 Vielleicht war es Laune, vielleicht ein beſſeres Gefühl— genug, der Gentleman beſchloß, nicht nur dem Knaben die Schande des Gefängniſſes zu er⸗ ſparen, ſondern auch, im Fall ſeine Erzählung ſich als wahr erwies, ihn den Gefahren der Armuth zu entreißen, indem er ihm den Weg zu einem ehrlichen Fortkommen aufſchloß. „Hat dieſer Junge wirklich mein Taſchenbuch ge⸗ nommen?“ fragte er den Polizeimann. „Das nicht, mein Herr; kann nicht darauf ſchwö⸗ en. Aber er war bei dem jungen Hallunken, der es hat, und—“ „Genug,“ unterbrach ihn der Fremde,„der Ver⸗ luſt iſt nicht ſonderlich bedeutend. Folgen Sie mir mit dem Gefangenen nach dem Thor und beſorgen Sie mir ein Cabriolet. Knabe,“ fügte er bei,„ich will Dir die Möglichkeit verſchaffen, ein ehrlicher Menſch zu werden, indem ich Dich an einen Platz bringe, wo man Acht auf Dich haben wird.“ „Und meine Mutter! meine arme Mutter!“ „Wenn ſie eine rechtliche Frau iſt, verſetzte der Fremde,„ſo wird ſie ſich freuen, daß Du den Fall⸗ ſtricken des Verbrechens Kentriſſen biſt.“ „Ach nein,“ rief Richard—„die Ungewißheit, die Angſt wird ihr Tod ſein.“ „Bringen Sie ihn nach dem Gefängniß,“ ſagte der Gentleman zu dem Häſcher. Die Drohung fruchtete. Richard wußte wohl, daß ſeiner Mutter das Gefängniß mehr war, als die Un gewißheit oder ſogar der Tod ſelbſt. 3 „Ich will mit Ihnen gehen, Sir,“ ſtotterte er Mehr als einmal kam ihm auf dem Wege von dem — S— 45 Park nach der Parlamentsſtraße der Gedanke, ſeinen Begleitern zu entwiſchen; aber er war zu gut be⸗ wacht. Das Cabriolet fuhr vor, und Richard ſtieg ein mit dem Manne, der, ſei es nun zu ſeinem Wohl oder Wehe, ſo auffallenden Antheil an ſeinem Schic⸗ ſal genommen zu haben ſchien. Vor dem Abfahren bemerkte er, daß der Gentleman dem Polizeidiener ein Goldſtück in die Hand drückte. Drittes Kapitel. Obgleich die eherne Zunge der Nacht ſchon auf dem Punkte war, die Geburt des Morgens anzu⸗ kündigen, darf der Leſer doch nicht vergeſſen, daß wir noch im alten Jahre ſtehen. Auch müſſen wir ihn bitten, nach dem Beiſpiel der Vielen, welche dieſer feſtlichen Zeit gerne ausweichen, London zu verlaſſen und uns nach dem Dörflein St. Faith zu begleiten, das in beträchtlicher Entfernung von der Landſtraße, irgendwo zwiſchen Tiverton und Exeter gelegen iſt. Dieſes Dörflein, das wegen ſeiner Ab⸗ geſchiedenheit und Verborgenheit noch keinen Platz in den Landkarten gefunden hat, beſteht aus einer einzigen unregelmäßigen Straße, wo die Häuſer in großen Gärten oder Baumgütern ſtehen und in einer Linie parallel mit der hohen Mauer eines Parkes hinlaufen. Sir Norman Boothroyd, der ehemalige Eigen⸗ thümer von Meldown und faſt der ganzen Umgegend, hatte Titel und Beſitzthum von ſeinem Onkel, einem ercentriſchen alten Junggeſellen, geerbt, der vor ſei⸗ nem Tode die Pachtgüter unter ſehr milden Bedin⸗ gungen nicht an die Hauptbauern, ſondern an die Kleinhäusler verlieh und durch dieſen Akt der Frei⸗ ebigkeit dem Erben wenig Freude machte, da dieſer ein Wohlgefallen fand an dem Geiſte der Unab⸗ hängigkeit, der ſich unter ſeinem Pachtvolke ausge⸗ bildet hatte. Der Grundzug in dem Charakter des Barons war Stolz— nicht auf ſeine Talente, da dieſe der Rede nicht verlohnten und die Natur ihn mit Geiſt und Herz gar knauſerig bedachte—, ſondern auf ſeine Perſon, ſeinen Rang und ſeinen Namen. Dieſe Schwäche hatt er ſchon in früher Jugend ſogar gegen ſeinen eigenen jüngeren Bruder an den Tag gelegt; denn als dieſer zum erſtenmal in die Welt eintrat, vermied Norman allen Verkehr mit ihm, beſuchte keine Geſellſchaft, zu welcher Allan eingeladen war, und behandelte ihn mit jener hochmüthigen Kälte, welche zuletzt jedes innigere Gefühl zwiſchen den Brüdern erſtickte. Die Folgen eines ſolchen Standes der Dinge ließen ſich leicht vorausſehen. Nach dem Tode der Mutter, des einzigen Weſens, das ihn geliebt und verſtanden hatte, ſchied der Jüngling aus der Hei⸗ math, welche ihm nie eine Heimath geweſen war, und ließ Jahre lang nichts mehr von ſich hören Man wußte nicht, was aus ihm geworden, und kümmerte ſich auch nicht darum. Bald nach ſeinem Verſchwinden ſchloß ſein Vate einen zweiten Ehebund, überlebte aber dieſen Schritt nicht lange. Auf ſeinem Sterbebette ſoll er ſich nach; —— 47 dem Anblicke des ſo grauſam behandelten Sohnes 5 geſehnt haben; aber ſein Gebet blieb unerhört. i Allan befand ſich im Ausland. Bald nach Uebernahme des Titels beglückte Sir er Norman mit ſeiner Hand eine Dame, die in jeder b. Beziehung zu ihm paßte, denn ſie war nicht nur das Echo ſeiner Vorurtheile, ſondern erhielt dieſelben rch alle Gründe, welche böſer Willen eingeben kennte, namentlich gegen den abweſenden Bruder in er voller Thätigkeit. Das würdige Chepaar hatte ge⸗ ſt hört, Allan ſuche ſein Glück als Soldat im Dienſte f der oſtindiſchen Compagnie— eine Kunde, die aus ſe Urſachen, welche man ſpäter kennen lernen wird, für ſie eitel Galle und Wermuth war, und es hätte t ihnen nichts erwünſchter kommen können, als die t Nachricht, daß er gefallen ſei. * Der einzige Sprößling dieſer hncen Che. 2 r, war ein jetzt zehnjähriges Töchterlei. Sir orman und ſeine Gattin würden Welten gegeben haben für 7 einen Sohn, aber dieſer Segen blieb ihnen verſagt, und die kleine Alice war vorausſichtlich die Erbin ihres unermeßlichen Reichthums. Alice war überdies nicht nur gut, ſondern auch ſchön, und die Lehren d des Stolzes und der Selbſtſucht, die ihr täglich ein⸗ geprägt wurden, machten keinen Eindruck auf ihr unſchuldiges Herz. Ungefähr drei Jahre vor dem Beginn unſerer Geſchichte hatte Mr. Thornton, ein reicher Fabrikant von Exeter, nur etwa zwei Stunden von Meldown Park, ein Gut,„die Ulmen“ genannt, gekauft und nit ſeiner Familie bezogen. Der Baron hielt ſich eine Zeirlang fern und vermied alle Berührung mit 48 ſeinem neuen Nachbar; denn das Blut des Abkömm⸗ lings der altadelichen Boothroyd empörte ſich bei dem Gedanken an eine Gemeinſchaft mit einem Manne, der durch Fleiß und Thatkraft zu Mitteln gekommen war. Die Anerkennung dieſer Thatſache reichte nicht zu, den eiſernen Stolz aufzuthauen, der erſt ſpäter auf minder ehrenhafte Beweggründe hin ſich zu mildern begann. Mr. Thornton war nämlich zum Friedensrichter ernannt worden und erwies ſich nicht nur als ein ſehr thätiger, ſondern auch als ſehr geſcheidter Beamter, der zwar dem Geſetze Gel⸗ tung verſchaffte und jeden erwieſenen Fall von Wild⸗ dieberei ſtreng zur Rechenſchaft zog, aber nie darauf einging, das Schießen eines Kaninchens auf den Gemeindegründen ſchärfer als mit einer blos nomi⸗ nellen Strafe zu ahnden. Sir Norman Boothroyd glaubte indeſſen ſeinen Zweck beſſer zu erreichen, wenn er den wackern Be⸗ amten nach Meldown Park einlud und mit Schmei cheleien bearbeitete. Freilich irrte er darin; den wenn Mr. Thornton auch ſeine Aufmerkſamkeit an nahm und als ſelbſtverſtändlich erwiderte, ſo hatt dies doch keinen Einfluß auf ihn. In dem Beſuchzimmer zu Meldown befand ſich ein Halbdutzend Perſonen, Mr. Thorntons dreizehn jährigen Sohn, einen hübſchen, verſtändigen und die Tochter des Hausherrn nicht mitgerechne Die Geſellſchaft beſtand aus Sir Norman und ſeine Gattin, dem Doctor Poundtert, einem hochkirchlichs Pfarrherrn, ſammt Gemahlin, einem reichen, g herzigen, aber unwiſſenden Landſquire„ der in d. Grafſchaft nur unter dem Namen Sporting Blund en tei⸗ nn an ite ſic hy et ne 49 bekannt war, und dem Eigenthümer der„Ulmen.“ Die gewöhnlichen Unterhaltungsgegenſtände waren erſchöpft. „Die Neujahrsnacht wird ohne Zweifel wieder wie allemal mit Lärm und Ausſchweifung, Luſtfeuern und Glockengeläute begangen werden,“ ſchloß Mr. Poundtert. „Ich habe das Feueranzünden verboten,“ ent⸗ gegnete Sir Norman feierlich. „Und mein Mann unterſagte das Glockengeläute,“ fügte die Frau Pfarrerin bei⸗„Die Kirche iſt dem Pfarrhaus ſo nah, daß man davor nicht ſchlafen kann; aber der elende Menſch, Farmer Minter, den die Gemeinde zum Kirchenpfleger gewählt hat, be⸗ ſteht auf dem Läuten als auf einem Recht und droht mit Klage beim Biſchof.“ „Schrecklich,“ bemerkte der Baron. „Ja wohl, überaus ſchrecklich,“ pflichtete die Baronin bei. „Und undankbar,“ fuhr Mrs. Poundtert fort; „denn mein Mann hat ihn ſogar in meiner Biblio⸗ thek empfangen und ließ ihn Platz nehmen, während er ſeine Einwendungen begründete.“ „Ich hoffe, meine Liebe,“ ſagte ihr Gatte mild, „daß ich mich immer ſelbſt gegen die Unwiſſendſten und Geringſten unter meinen Nebenmenſchen mit chriſtlicher Demuth und Liebe benehme.“„ „Aber Minter iſt weder unwiſſend noch gering,“ bemerkte Mr. Thornton mit einiger Wärme.„Ich habe in ihm ſtets einen Mann von geſundem, prak⸗ tiſchem Verſtand und unanfechtbarer Rechtlichkeit gefunden.“ Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 4 50 „Wie mögen Sie einer ſo irrigen Anſicht Raum geben?“ rief der Baron.„Der Kerl iſt ein Wil⸗ derer. Es wundert mich in der That, daß Sie ſich nicht mehr in Gefühle und Ideen hineinleben, wie ſie der Stellung ziemen, die Sie errungen haben.“ „Vielleicht geſchieht es gerade deßhalb, weil ich ſie errungen habe, daß ich mir nichts darauf zu gut thue,“ erwiderte Mr. Thornton ernſt, da der verſteckte Hohn ihm nicht entgangen war. „Hätten Sie Ihr Beſitzthum von Ihren Ahnen zet ſo würden Sie anders denken,“ ſagte Sir orman, den Angriff hartnäckig aufrecht erhaltend. . dn wohl, ganz anders,“ ſprach das Echo der ady. „Möglich,“ entgegnete Mr. Thornton, welchen die Rohheit der Bemerkungen ein wenig ſtachelte; „aber ich habe es erworben durch ehrenvollen Fleiß, durch die Arbeit meiner Hände und meines Kopfes. Meldown kam, ſo viel ich weiß, in einer Zeit der Barbarei und des Blutvergießens wegen geleiſte⸗ ter Kriegsdienſte an Ihre Vorfahren. Mein Eigen⸗ thum ſtammt aus einer ganz anderen Quelle. Der Kopf,“ fügte er mit Nachdruck bei,„begründet einen ſo ehrenhaften Anſpruch, als der Degen.“ „Sie werden doch keine ſolche Vergleichungen anſtellen wollen,“ erwiderte der Baronet, mit Mühe den Unwillen unterdrückend, den er über die An⸗ maßung des reichen Parvenus fühlte. „Nein, gewiß nicht,“ lautete die ntr Antwort. „Du haſt in der Hauptſache Recht, Thornton, ſagte Squire Blundell,„obſchon Du, wie mein 51 Hausfrau meint, manche ſonderbare Mücken im Hirn haſt. Nun, es wundert mich nicht und hat wahrſcheinlich ſeinen Grund, weil Du ſo lang im Wollengeſchäft geweſen biſt. Ich ſah einmal eine ſolche Spinnmaſchine, verſtand aber nichts da⸗ von; nur ſo viel weiß ich, daß von dem Schnurren und Drehen mir acht Tage lang der Kopf wirbelig wurde.“ Thornton konnte ſich durch dieſe Bemerkung nicht verletzt fühlen. Gleichwohl war er der Meinung, die Unterhaltung habe weit genug geführt. Er ſah auf ſeine Uhr, bemerkte, daß es ſchon ſpät ſei und for⸗ derte ſeinen Sohn auf, nach dem Wagen zu läuten. Sir Norman Boothroyd zog die Klin⸗ gel ſelbſt. „Wie, Papa, Du willſt ſchon ſo bald fort?“ fragte William. „Es iſt Zeit,“ verſetzte der Vater ernſt. „Und noch dazu Neujahrsabend,“ fügte der Knabe bei. „Oh, bleibe noch,“ rief die kleine Alice, von dem Tiſch hervorkommend, an dem ſie mit William irgend ein Kinderſpiel geſpielt hatte, und Mr. Thorntons Hand ergreifend.„Ich habe noch nicht ein einziges al gewonnen; William ſchlug mich immer.“ „Sehr ungalant von ihm,“ verſetzte Mr. Thorn⸗ ton lächelnd. Einige Minuten ſpäter wurde der Wagen ange⸗ kündigt. Mr. Thornton verabſchiedete ſich kalt von Sir Norman und deſſen Gemahlin, etwas weniger förmlich von den Pfarrleuten, die, abgeſehen von ihren Vorurtheilen und Eigenthümlichkeiten, in ihrer 4* 52 Art ein ganz vortreffliches Pärchen waren, und mit voller Herzlichkeit von Squire Blundell, der gar nicht zu ahnen ſchien, daß etwas Unangenehmes vorgefallen war. Kurze Zeit darauf hatten die übrigen Gäſte Ab⸗ ſchied genommen und Sir Norman Boothroyd und ſeine Frau blieben allein. Der verdrießliche Verlauf des ganzen Abends hatte Sir Norman höchlich verſtimmt. Er war mit ſich ſelbſt und folglich auch mit Jedermann ſonſt unzufrieden, die Gnädige nicht ausgenommen. Nach⸗ dem er einigemale im Zimmer auf- und abgegangen, hielt er plötzlich inne und ſagte ihr gute Nacht. „Wohin wollen Sie?“ fragte ſie. „Durch den Park und vielleicht auch nach der Gemeinweide, um zu ſehen, ob die Wildhüter auf den Beinen ſind und ihre Schuldigkeit thun,“ lautete die Antwort. „Wie abgeſchmackt! An ein paar lumpige Haſen und Kaninchen die Nachtruhe zu ſetzen und ſich in der Gegend verhaßt zu machen.“ „Lady Boothroyd,“ verſetzte der Baron mit mehr Feſtigkeit, als er ſonſt unter vier Augen zu zeigen wagte,„dies iſt meine Sache— rein meine Sache. Ich betrachte es als einen Ehrenpunkt, meine lehens⸗ herrlichen Rechte ſo zu erhalten, wie ich ſie von meinen Ahnen ererbt habe, die unter der Regierung der Plantagenets jeden ſpitzbübiſchen Wilderer auf hängen ließen.“ „Wir leben aber nicht mehr in den Zeiten der Plantagenets,“ bemerkte die Lady.. „Leider,“ verſetzte der Baron.„Leider.“ Mi 4 53 dieſer Aeußerung des Bedauerns verließ er das Zimmer. Die Baconin ſah ihm mit einem an Ver⸗ achtung grenzenden Gefühl nach, da in ihrer Ehe, wie der Leſer ſich wohl denken kann, nicht viel Liebe herrſchte. Das Band der wechſelſeitigen Achtung, ſonſt das ſtärkſte und dauerhafteſte, war längſt zer⸗ riſſen. Wie wenig ahnte die Herrin von Meldown, als ſie ſich zur Ruhe begab, zu welch' wichtigen Er⸗ eigniſſen die plötzliche Laune ihres Gatten, ſeine omäne begehen zu wollen, Anlaß geben ſollte. Der Mond ſchien hell und der Schnee bedeckte flockig den Boden, als Mr. Thornton mit ſeinem Sohne auf dem Weg nach den Ulmen durch St. Faith fuhr. Da der Vater keine Luſt zum Sprechen zeigte, ſo unterhielt ſich William damit, daß er zum Kutſchenfenſter hinaus Alles beobachtete, was ihm unterwegs vorkam. Bisher war ſeine Aufmerkſam⸗ keit nur wenig in Anſpruch genommen worden. Ein Paar ſtämmige Bauern und mehrere Taglöhner, erſtere in bequeme Ueberröcke, letztere in grobe Regen⸗ mäntel gehüllt, eilten dem einzigen Wirthshaus des Dorfes zu, um auf ein glückliches Neujahr zu trinken, und ein Häuflein junger Burſche ſang vor dem Haus des Farmers Minter. „Die müſſen große Muſitfreunde ſein,“ dachte der Knabe,„daß ſie in einer ſo kalten Nacht da⸗ ſtehen und ſingen mögen. Wie ungereimt!“ Er dachte nicht an die drei Töchter des Farmers; hätte er ſich derſelben erinnert und wäre er ein paar Jährchen älter geweſen, ſo dürfte er zu einem an⸗ dern Schluß gekommen ſein.„Da geht der alte Simon,“ rief er laut, als ſie an einem hübſchen 54 Häuschen vorbeikamen.„Es muß bald zwölf Uhr ſein, Papa.“ 6 Die ſo vertraulich bezeichnete Perſon iſt zu wich⸗ tig, um nicht die nähere Bekanntſchaft des Leſers zu verdienen. Simon Gee, oder der alte Simon, wie er gemeiniglich genannt wurde, war der einzige Handweber und der Hauptglöckner des Dorſes. Die Weberei lieferte ihm ſeinen Unterhalt, und da er ſein Handwerk nicht nur gut verſtand, ſondern auch ein grundehrlicher Mann war, ſo ſtand er gar hoch im Vertrauen der Bauernfrauen, deren Handgeſpinnſt er in gute, ſtarke Hausleinwand verwandelte; denn mit Ausnahme der Bewohner des Schloſſes und des Pfarrhauſes dachte in Saint Faith Niemand daran, Linnen zu kaufen. Das Glöckneramt dagegen war ſein Steckenpferd, das ihm das Leben verſüßte und zur Erholung nach der Arbeit diente. Er fühlte ſich nie ſo glücklich oder ſo wichtig, als wenn er mit ſeinen Unterthanen in der Glockenſtube ſich an⸗ ſchickte, die volle Harmonie ſeines Geläutes erſchallen zu laſſen, deſſen richtige Durchführung er⸗als eine Art moraliſche Pflicht und als eine gar ernſte An⸗ gelegenheit betrachtete, die man nicht leichthin neh⸗ men durfte. Seine ganze Gelehrſamkeit drehte ſich um das Thema der Glocken. Er konnte aufs Loth hin ſagen, wie viel der große Jwan zu Moskau wog, hegte eine hohe Verehrung vor dem weltbe⸗ kannten Tom von Lincoln und hielt ein förmliches Regiſter über die Leiſtungen der berühmteſten Glöck ner vor ganz England. Vor ſeiner Frau, einen rührigen Weiblein, unterhielt er eine Art erblichen Reſpeits, denn ſie war die Tochter der Tenorglod ie ch iſt in id nd en te te er en ne ch th e⸗ es m en ce 55 — des Mannes, deſſen Seil als Erbſtück an ihn übergegangen war, und er lebte ſehr glücklich mit ihr, ſo daß er eigentlich uber kein Leid zu klagen gehabt hätte, wenn ihm nicht durch das wilde Be⸗ nehmen eines von ihm erzogenen jüngeren Bruders mancher Kummer verurſacht worden wäre. Für Barny Gee war die Glockenſtube und der Webſtuhl ein Abſcheu; dagegen beſaß er eine entſchiedene Vor⸗ liebe fürs Wildern, das ihn häufig mit Sir Nor⸗ man Boothroyd's Jägern und der Gerichtsbank zu⸗ ſammenbrachte. Simon hatte aus ſeinen ſauren Erſparniſſen manche Strafe für ihn zahlen müſſen und wäre, da er den Galgenſtrick ſehr liebte, wohl noch öfter in Anſpruch genommen worden, wenn der aron nicht durch eine Drohung mit ernſtlicher Verfolgung ihn bewogen hätte, ſich für ein Regiment der oſtindiſchen Compagnie anwerben zu kaſſen. Seitdem waren Jahre verfloſſen, ohne daß man von ſeinen weiteren Schickſalen etwas erfuhr. Von Perſon war Simon ſehr ſchmächtig und nicht ganz mittelgroß; er hatte ein offenes, friſches, ehrliches Geſicht, und in ſeinem Geiſt konnte min ein eigenthümliches Gemiſch von Schlauheit und Einfalt wahrnehmen. Selbſt der Pfarrer hatte ihn gern wegen ſeines regelmäßigen Kirchenbeſuchs, und er wäre ſicherlich deſſen entſchiedener Liebling gewe⸗ ſen ohne ſeine leidenſchaftliche Vorliebe für's Glocken⸗ läuten. Vor dem Anbruch aller großen Jahresfeſte war Simon der Erſte im Glockenhaus, um für ſeine Amts⸗ genoſſen Alles herzurichten; und da man allgemein wußte, wie treulich er dieſem ſeinem Lieblingsgeſchäft 1 56 nachkam, ſo kann man ſich wohl erklären, warum William Thornton bei ſeinem Anblick ausrief:„Da ſi der alte Simon. Es muß bald zwölf Uhr ein.“ Viertes Kapitel. Nachdem Simon die Lichter in den eiſernen Wandleuchtern der Glockenſtube angezündet und die Seile hergerichtet hatte, ſtieg er wieder vom Kirch⸗ thurm herunter, ſetzte ſich auf einen Stein in der Nähe des Eingangs, um die Ankunft ſeiner Gefähr⸗ ten zu erwarten, und blickte, ängſtlich nach dem Dorfe hinſehend, auf ſeine Uhr, da es bereits hohe Zeit war. Augenſcheinlich fühlte er ſich beunruhigt, denn Carter, die große Glocke, hatte eine beſorg⸗ nißerregende Schwäche für Ale; auf die Anderen dagegen konnte er zuverſichtlich zählen. „Seine Hand wird unſtät ſein,“ dachte er,„auch genn er zur Zeit kommt.“ Er konnte nicht begrei⸗ . wie ein Menſch, dem ein ſo wichtiger Dienſt bevorſtand, Sinn für Ale haben mochte.„Da kömmt der Erſte,“ rief er freudig, als er die hohe Geſtalt eines Mannes raſch über den Kirchhofweg kommen ſah.„Nein,“ fügte er nach einer Pauſe bei;„er trägt einen Mantel, und ein ſolches Stück hat in St. Faith Niemand, als der Pfarrer oder Sir a Norman.“ Der Fremde rief ſeinen Namen. „Wer kann es ſein?“ murmelte Simon. Der Ruf wiederholte ſich. 8 8 — e 5 57 „Hier!“ antwortete der Glöckner. Der dicht in ſeinen Mantel eingehüllte Rufer bewegte ſich mit militäriſchem Schritt über den Kirch⸗ hof. Die tief in die Stirne gedrückte Soldatenmütze ließ von dem Antlitz nur den ſtarken Schnurr⸗ und Backenbart ſichtbar werden. Die im Aeußern ſo ſehr verſchiedenen Männer betrachteten einander einige Augenblicke ſchweigend. Simon ſprach zuerſt. „Sucht Ihr mich?“ fragte er verwundert. „Wen ſonſt?“ verſetzte der Fremde freudig. Bei dem Klang der Stimme erbebte Simon, als ob ſie in ſeinem Herzen ein lange ſchlummerndes Echo geweckt hätte; er ſah angelegentlich unter dem Mützenſtulp hervor nach dem Fremden, aber ſeine Züge kamen ihm völlig unbekannt vor. „Ich bin ein Narr,“ murmelte er;„immer träume ich von wunderbaren Dingen.“ „Iſt es etwas Wunderbares, wenn Abweſende heimkehren?“ ſagte der Mann im Mantel. „Es kann nicht ſein,“ rief. Simon, der das Zeug niß ſeines Ohres mit dem des Auges nicht in Eins klang zu bringen vermochte;„und doch möchte ich faſt ſchwören auf die Stimme.“ „Auf welche Stimme?“ „Auf die meines Bruders.“ „Richtig.“ „Barny!“ rief der Weber und breitete die Arme aus, während ihn die Beine kaum trugen. Der Soldat nannte Simons Namen, und die lange getrennten Brüder umſchlangen ſich in herz⸗ licher Umarmung. 58 „Es iſt Neujahrsnacht,“ ſagte der Wanderer. „Ich wußte, daß ich Dich hier finden würde.“ „Ja, ja,“ murmelte Simon.„Natürlich bin ich hier. Aber Gott behüte, wie Du verändert biſt. Du haſt ja wahrhaftig einen Bart.“ „Ich bin zehn Jahre in Indien geweſen,“ ver⸗ ſetzte Barny lachend. „In Indien— Du biſt in Indien geweſen!“ rief der Weber. „Gott behüt' mich,“ fuhr er fort, aufgeſchreckt durch einen kläglichen Ton, der unter dem großen ſeines Bruders hervorkam.„Was haſt Du a?“ Barny Gee ſchlug die Falten ſeines Mantels zurück und enthüllte ein Mädchen zwiſchen ſechs und ſieben Jahren, das er während der ganzen Unter⸗ haltung gegen die Nachtluft zu ſchirmen geſucht hatte. Er redete es in hindoſtaniſcher Sprache an, und die leine blickte lächelnd zu ihm auf. „Der Tauſend, das iſt ja ein Kind!“ rief Simon „Woher haſt Du es? Gefunden?“ „Gefunden!“ wiederholte Barny mit einem herz lichen Lachen ob dem Einfall ſeines Bruders.„Meinſ Du, Kinder ſchießen wie die Pilze nach einem Nacht regen aus dem Boden? Aber Du verſtehſt nichts von ſolchen Dingen,“ fügte er bei.„So ein alter Junggeſelle!“ „Das bin ich nicht,“ verſetzte Simon mit großet Würde.„Ich bin ſeit ſechs Jahren mit Eſther Crot chet verheirathet.“ „Und was für eine Frau iſt ſie Dir geworden kt n 16 id r⸗ e. ie nſt i ter et ot⸗ 59 „Die beſte von der Welt. War in meinem Le⸗ ben nie ſo glücklich.“ „Dann Gottes Segen über ſie— und über Dich!“ fügte der Soldat bei, indem er ihm die freie Hand hinbot.„Ich glaubte Dich für eine Nacht be⸗ unruhigen zu dürfen; aber ich finde wohl ein Unter⸗ kommen bei—“ „Beunruhigen?“ unterbrach ihn Simon tief ge⸗ kränkt.„Was hab' ich Dir gethan, daß Du in ſolcher Weiſe mit mir ſprichſt? Iſt nicht Deine Stube da und auch das Bett noch, in dem Du als Knabe zu ſchlafen pflegteſt? Sogar die Schnüre mit Vogel⸗ eiern, das Weſpenneſt und die alte Flinte— Alles hängt noch da, wie Du es verlaſſen haſt; nichts verrückt, denn Eſther ſagte immer, Du werdeſt eines Tages wieder kommen.“ 4 „Sagte ſie ſo?“ verſetzte Barny tief bewegt. „Natürlich,“ fuhr der Glöckner fort;„und ich habe ſtets darum zum Himmel gebetet. Wie fröhlich wird's jetzt in meinem Häuschen hergehen! Gib mir das Kind; ich will es Eſther bringen und ihr ſagen, daß Du gekommen ſeiſt. Wart hier; und wenn die Läuter kommen, ſo ſag' ihnen, ich werde ſogleich wieder da ſein.“ „Wenn's nur das iſt, ſo kann ich ja die Uhr zu⸗ rückſtellen,“ verſetzte Barny. „Gut,“ ſagte Simon, und eilte mit ſeiner Bürde dem Dorfe zu. „Da ſteht der alte Thurm und dort liegt St. Faith,“ rief der Wanderer,„die Heimath meiner Kindheit und eines bei ſeiner Einfalt ſo guten und ehrlichen Bruders, wie nur je einer das Brod des 60 Lebens brach. Was wohl Sir Norman ſagen wird, wenn er von meiner Rückkehr hört? Pah, mag er ſagen was er will. Ich habe meine Zeit ausge⸗ dient, trage einen ehrenvollen Abſchied in der Taſche und brauche mich nicht an ihn zu kehren, den großen Herrn— und Schurken,“ fügte er bei. Dann zog er ein kleines Paket aus dem Futter ſeiner Weſte, betrachtete es einige Sekunden mit großer Selbſtzufriedenheit und war eben im Begriff es wieder einzuſtecken, als ihm plötzlich ein anderer Gedanke kam. „Es wird dort ſicherer ſein,“ murmelte er. Mit dieſen räthſelhaften Worten ging er nach der Glocken⸗ ſtube hinauf, mit deren Hertlichkeit er augenſchein lich gut bekannt war, und rückte den Zeiger der Uhr zurück. Beim Hinabſteigen hörte er die Stim men der Läuter, die ſeinem Bruder riefen und nicht wenig über deſſen Abweſenheit erſtaunt waren. „Simon wird im Augenblick da ſein,“ ſagte er. Die Männer ſahen ihn mit großen Augen a und wunderten ſich, was ein Fremder im Thurm ſchaffen gehabt habe, noch mehr aber, daß die Teno glocke oder die„alte Pünktlichkeit“, wie ſie Simon ſcherzweiſe zu nennen pflegten, noch fehlte. „Es wird im Augenblick zwölf ſchlagen,“ ſcg⸗ der Eine. 2 „Nein, es fehlen wenigſtens noch neun Minuten“ d verſetzte der Soldat, dem es ſchwer wurde, das Lo a chen über den Streich, den er ihnen geſpielt hatte 6 zu unterdrücken. Man verglich die Uhren. Die Läuter konn nicht klug werden. zu or on gte Lo⸗ te ten in Verwahrung genommen.“ 61 „Neun Minuten!“ wiederholte der Baß.„Da hätte es noch zu einem Krüglein gereicht.“ „Ja wohl, Peter,“ bemerkte der Fremde. Erſtaunt, ſich bei Namen genannt zu hören, ging Peter auf den Unbekannten zu und ſah ihm neu⸗ gierig in's Geſicht. „s iſt Barny,“ rief er im Tone freudigen Er⸗ kennens.„Barny Gee ſelbſt!“ „Wie er leibt und lebt,“ verſetzte der Soldat. Es folgte nun ein Händedrücken, Fragen und Antworten, aber ſo haſtig und wirr, daß außer den Sprechern, welche die angeregten Perſonen und Ver⸗ hältniſſe kannten, Niemand aus den Ergießungen hätte klug werden können. „Und Stephan?“ fragte der Soldat, „Sir Norman trieb ihn wegen Wilderns aus der Gegend, der ſchwarze Dan wurde Soldat, Marie heirathete ihren Vetter und Jack Squires trat in Dienſt bei Lord Tranmore.“ „Willie vom Karren?“ „Ich ſah ihn eben mit den andern jungen Bur⸗ en der Gemeinweide zugehen. Sie hatten ihre Gewehre bei ſich.“ „Und Hunde,“ fügte ein Zweiter bei. Die Worte Gewehre und Hunde ſchienen in arny Gee angenehme Erinnerungen zu wecken, denn er erklärte, daß er Willens ſei, ſich der Partie anzuſchließen. In demſelben Augenblick langte ganz außer Athem ſein Bruder an. „Es, iſt Alles in Ordnung,“ ſagte er.„Eſther ſreut ſich, Dich zu ſehen. Sie hat das Kind ſchon 62 „Schönen Dank, Simon,“ verſetzte der Bruder und wandte ſich dem Dorfe zu. „Aber wo geht Barny hin?“ fragte Simon er ſtaunt. In dieſem Augenblick begann die Mitternachts⸗ ſtunde ihren Schlag. „Barny iſt alt genug, um auf ſich ſelbſt Acht zu haben,“ riefen die Läuter, ihn nach der Glockenſtube „wir haben keinen Augenblick zu vet ieren.“ Simon ließ ſich gutwillig nach dem Thurm trei ben, und ſie gelangten gerade rechtzeitig an, um ihre Reputation zu retten; denn mit dem letzten Stun⸗ denſchlag, dem Sterbeklang des ſcheidenden Jahres, begannen die Kirchenglocken von St. Faith ein fröh⸗ liches Geläut, um das neue willkommen zu heißen Richts wirkt herzerhebender, als das Wiederſehen lang getrennter Freunde, der warme Händedric, die Wiederantnüpfung alter Bande und das Schwel gen in alten Geſchichten und Erinnerungen. Das Gedächtniß iſt ein reicher Schatz, trotz des Trauet flors, der den Glanz mancher ſeiner koſtbarſten Gbel ſteine trübt. Als Barny den Kirchthurm verließ, um ſein alten Kameraden aufzuſuchen, hatte er nicht entfer im Sinn, ſich an ihrer gefährlichen Beluſigun betheiligen. Endlich fand er ſie und ließ ſich u ihnen in ein Geſpräch ein. Man bot ihm ein Büchſe an und ſein Entſchluß wankte. „Wohlgemerkt, nur Kaninchen,“ ſagte er.. Natürlich dachte in dieſem Augenblick Niemo daran, ſich in den wohlgehüteten Park zu wag ————— — 63 und einige Zeit blieb auch die Geſellſchaft ihrem Vornehmen treu. Leider aber kam einem der nächt⸗ lichen Geſellen ein Faſan in den Weg; ein Schuß — und der Vogel ſiel. Dies geſchah unfern einer Stelle des Parks, die Falle genannt, wo das grundherrliche Beſitzthum nur durch einen trockenen Graben von der Gemein⸗ weide getrennt wurde. In Letzterem hatten ſich die Parkwächter, Sir Norman an der Spitze, verborgen. Er ſprang vor und rief den Burſchen die Aufforde⸗ rung zu, ihre Gewehre abzugeben. „Kommt und holt ſie,“ riefen mehrere von den jungen Leuten. „Hunde los!“ rief der Baron. Zwei edle Schweißhunde wurden losgekoppelt. Die Wilderer wehrten ihren Angriff mit einer vollen Salve ab und begingen damit in Anbetracht der Wildheit ihrer Gegner nur einen Akt der Nothwehr; aber unglücklicher Weiſe fiel außer den Hunden auch einer der Parkwächter. Wüthend über den Anblick der verendenden Thiere und des verwundeten Ka⸗ meraden, erwiderten die Herrſchaftsjäger, welche jetzt das Recht auf ihrer Seite fühlten, das Feuer und fügten der Liſte ein neues Opfer bei. Barny 6. lag auf der Haide ausgeſtreckt; die Andern ent⸗ ohen. 6 „Die Hunde ſind wohl ganz todt?“ ſagte Sir Norman, die Thiere betrachtend, deren Verluſt ihn mehr anzugreifen ſchien, als das vergoſſene Blut. „Ganz todt,“ entgegnete Fletcher, der Oberjäger, an ſeinen Hut greifend. * 64 „So iſt's am Beſten, Ihr ſeht jetzt nahehn thorp,“ ſagte der Baron. So hieß nämlich der verwundete Parkwächter, dem eine Kugel in der Bruſt ſaß und eine andere die rechte Seite des Geſichts zerſchmettert hatte. Er ächzte ſchwer, als ſeine Kameraden ihn aufzurichten verſuchten, und ſank bewußtlos wieder zurück. „Er iſt am Sterben,“ flüſterte der Oberjäger. Der Herr von Meldown Park vernahm die Kunde ohne beſondere Aufregung, ja, wenn man ſeine Ge⸗ fühle hätte leſen können, vielleicht ſogar mit einer gewiſſen Befriedigung; denn er mußte ſich ſelbſt ſo⸗ gen, daß der Vorfall ſeine Unbeliebtheit in der Ge⸗ gend ſehr ſteigern werde, und der Tod eines ſeiner Jäger durch die Hand der Wilderer konnte ihn theil weiſe in der öffentlichen Meinung rechtfertigen. „Wir haben doch einen von den Schurken g pfeffert, Parker,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Ja, Sir Norman,“ verſetzte dieſer, ohne duß ſich in dem Ton ſeiner Stimme etwas von der 3 friedenheit des Barons wahrnehmen ließ. „Ihr ſaht ihn den Faſan ſchießen?“ i „Ich ſah den Faſan fallen, kann aber nicht g 1 wer auf ihn geſchoſſen hat.“ Der Baron zerbiß ſich die Lippe und verwünſch e in ſeinem Innern den übergewiſſenhaften Kerl. ſ „Wer es wohl ſein mag?“ fuhr Parker fort, i dem er auf Barny zuging, mit deſſen Blut aus de Seitenwunde das Leben raſch entſtrömte.„ kenne das Geſicht nicht; und doch meine ich, es ſcho irgendwo geſehen zu haben.“ er, re Er en de e⸗ net e⸗ ner eil a 65 „Oh, das iſt bei euch Beiden der Fall,“ ließ ſich eine Stimme in der Nähe vernehmen. Sir Norman fuhr zuſammen und lüpfte halb ſein Gewehr. „Erſchreckt nicht, Ihr kennt mich zu gut, um von mir Gewaltthat oder Wilddieberei zu erwarten.“ „Ah, Minter, ſeid Ihr's?% tgegnete der Grund⸗ herr.„Eine traurige Geſchichte; aber Ihr ſeht, wohin das ſtarrſinnige Weſen meines Pachtvolks ge⸗ führt hat. Einer meiner Jäger iſt ermordet und dieſer Burſche da erſchoſſen.“ „Ich möchte lieber ſagen, ſie wurden Beide er⸗ mordet,“ verſetzte der Farmer. „Aber Ihr deutet an, daß ich den ſchuftigen ilderer kenne,“ fügte der Baron bei. „Eben ſo gut wie ich.“ „Und ſein Name?“ „Im Augenblick, Sir Norman. Als Sie mit Ihren nagelneuen Vorſtellungen über Ihr Recht auf unſerer Gemeinweide Ihren Wohnſitz unter uns nah⸗ men, gab es hier einen glücklichen, leichtherzigen Jungen. Sie faßten eine beſondere Abneigung gegen ihn, verfolgten ihn wegen des kleinſten Vergehens und machten, um ihn vom Hals zu ſchaffen, einen roceß wegen Wilddieberei gegen ihn anhängig, dem er ausweichen wollte, obſchon Ihnen der Beweis ſchwer geworden wäre. So wurde er Soldat, ging, um Ihrer Feindſeligkeit auszuweichen, in's Ausland und iſt erſt in dieſer Nacht wieder zurückgekehrt.“ 8„Barny Gee,“ riefen der Wildhüter und ſein err. Smith, Ebbe u. Fluth. I. 5 66 „Ich ſagt es ja, daß ihr Beide ihn kennt,“ fügte der Farmer mit Unwillen bei.„Doch ihr habt's jetzt vollbracht, und mit dem armen Schelm iſt Alles vorbei. Dazu noch in der Neujahrsnacht. Das wird nicht ſo bald vergeſſen werden.“ „Der Kerl war ein Wilderer,“ bemerkte der Ba⸗ ron, einen Schein v Zuverſichtlichkeit wahrend, ob⸗ ſchon er zu fürchten begann, die Sache ſehe übler aus, als er erwartete.„Er ſchoß einen von meinen Faſanen; mein Parkwächter iſt Zenge.“ „Nein,“ verſetzte der Mann, von Gewiſſensbiſſen geängſtigt wegen der Rolle, die er früher gegen das Opfer geſpielt hatte.„Ich muß die Wahrheit reden, und wenn ich meinen Platz verliere. Der Vogel wurde geſchoſſen; aber wir Alle lagen in dem Gra⸗ ben, und Niemand von uns kann ſagen, wer den Schuß that.“ „Faſan! Wie mögt Ihr von Faſanen veden, während das Blut eines Nebenmenſchen an Euren Händen klebt! Armer Barny!“ Dies war das zweite oder dritte Mal, daß der Name des Sterbenden ausgeſprochen wurde. Dieſer hatte, obſchon er ſich ſchnell verblutete, die Beſin⸗ nung nicht verloren und hörte Alles, was vorging. Mit Mühe erhob er das Haupt vom Boden und winkte mit der Hand. Als die Umſtehenden dies bemerkten, traten ſie näher. Der Farmer kniete nie⸗ der und ſuchte ihn zu unterſtützen. „Simon! Simon!“ murmelte der Sterbende. „Er denkt an ſeinen Bruder,“ ſagte Minter. „Das Eulenneſt,“ fügte er bei und ſank zurück. 67 5„Was meint er damit?“ fragte der Baron. Der Parkwächter reichte Barny die Hand hin, und dieſer hatte eben noch Kraft genug, um ſie zu berühren und damit zu zeigen, daß er gegen den Mann keinen Groll hegte. „Gott ſei Dank,“ ſagte Parker.„Ich möchte nicht, daß ein Hund in Feindſchaft mit mir ſtürbe, wenn ich denken müßte, ich habe ihm Anlaß dazu gegeben.“ „Ihr werdet gar ſentimental,“ bemerkte Sir Nor⸗ man höhniſch.„Ich wette, der Burſche iſt ein De⸗ ſerteur, und die Kugel hat ihm nur die Peitſche er⸗ ſpart.“ Dieſe rohe Vermuthung flößte dem gekränkten 3 Soldaten Kraft ein; er raffte ſich gewaliſam auf, zog aus der Bruſttaſche den mit Blut getränkten 6 Abſchied und ſchüttelte ihn ſeinem Beleidiger in's Geſicht; dann ſank er mit einem Aechzen zurück und hauchte den Geiſt aus. Von der andern Seite der Gemeinde her ließ ſich jetzt Geſchrei vernehmen, und man ſah einen Menſchenhaufen herankommen. Die Haupttugend des Barons war ſicherlich nicht der Muth, und ba er ſeine Jäger nicht mehr bei ſich hatte, ſo trat er in aller Stille den Rückzug an. Unter dem Haufen langte der Glöckner zuerſt auf dem Platze an. Er hatte von dem unglücklichen Vorfall gehört, als er eben die Kirche verließ. Er kniete nieder und küßte die Leiche.„Ein harter Schlag,“ murmelte er;„aber des Herrn Wille ge⸗ ſchehe“ Thränen erſticten ſeine Worte. „Was wird aus Barny's Kind werden?“ bemerkte 5 —— 68 einer der Läuter, welchem Simon von der kleinen Reiſebegleitung des Soldaten erzählt hatte. „Das iſt meine Obliegenheit. Wie ſpärlich auch meine Mittel ſind,“ fügte er bei,„ſo werden ſie doch mit Gottes Segen reichen.“ Ein tiefes„Amen“ erſcholl von den Lippen Aller, die ihn hörten. Fünftes Kapitel. Das bewußtloſe Kind auf den Armen, wankte Rachel weiter, bis ſie die Weſtminſterbrücke erreichte. Da kam ihr plötzlich wieder die bittere Erinnerung, daß ſie zu Haus weder Nahrung noch Feuer, ja nicht einmal Licht finden werde, und daß Georg den letzten Schilling mit fortgenommen hatte. In ihrer Ver⸗ zweiflung und äußerſten Hilfloſigkeit beſchloß ſie den Beiſtand der Vorübergehenden anzuflehen, und es iſt erſtaunlich, wie wenig Ueberwindung ſie dieſer Ent⸗ ſchluß koſtete, denn Stolz, Furcht und weibliche Scham mit Einemmal dem ſtarken Inſtinkt der Mutter⸗ iebe. „Es gibt nicht lauter Eiſenherzen,“ murmelte ſie; „man wird mir Gehör ſchenken.“ Die Thränen, welche trotz ihrer Bemühungen, ſie zu unterdrücken, ſich in ihren Augen angeſammelt hatten, rollten auf die blaſſen Wangen nieder und wurden daſelbſt— natürliche Edelſteine, einem brechenden Mutterherzen entrungen— von dem ſchaien Froſte feſtgehalten. Die nächſte Perſon, an Pelche ſich die Bettlerin wondte, war ein großer, feſt in einen weiten Mantel Ihr jetzt anzuflehen genöthigt ſeid. 69 er Mann. Sie hätte wahrſcheinlich nicht den uth gefunden, ihn anzureden, wenn er nicht von ſelbſt Halt gemacht haben würde, um ſie anzuſehen. „Mein Kind iſt im Sterben!“ rief ſie flehentlich. „Nun?“ „Nun!“ wiederholte Rachel im Tone der Ver⸗ zweiflung.„Ich bitte um Verzeihung, Sir. Es war ein ſehr thörichter Gedanke, wenn ich glaubte, daß eine Mutter und ihr verhungerndes Kind in einer Nacht, wie dieſe, das Mitleid eines Fremden erregen könnte. Ich will nicht weiter läſtig fallen.“ „Was verlangt Ihr?“ Mit verzweifelter Anſtrengung ſtotterte die un⸗ glückliche Mutter das Wort:„Eine milde Gabe.“ Die Bitte wurde mit einem höhniſchen, triumphi⸗ renden Lachen beantwortet. In dem wilden Tone deſſelben lag etwas ſo Unnatürliches, daß Rachel, welche nicht begreifen konnte, wie ihr Unglück Anlaß zu ſolcher Heiterkeit zu geben vermochte, erſchreckt auf⸗ ſah, ob ſie nicht etwa einem Wahnſinnigen begegnet ſei. Ein Paar ſchwarzer, teufliſcher Augen ſchaute mit dem Ausdruck des Frohlockens auf ſie nieder; ſie erkannte dieſelben im Nu, denn es waren die nämlichen, welche die Treume ihrer Kindheit geäng⸗ ſtigt und ſie mit Entſetzen und Abneigung erfüllt hatten. Mechaniſch ſprach ſie den Namen„Ca⸗ rus“ aus. „Ja, Carus,“ verſetzte ihr Couſin mit bitterem Lachen.„Es freut mich, daß Ihr mich kennt. Ich bin nicht verändert. Carus, deſſen Liebe Ihr ver⸗ ſchmähtet und zurückwiest und deſſen Barmherzigkeit Ha, es liegt 70 Genugthuung darin, Georg Markham's Weib als Bettlerin wieder zu finden. Laßt mich Euch anſehen,“ fügte er bei,„denn dieſes pikante Vergnügen wird mir nicht oft zu Theil.“ Von Scham und Furcht überwältigt, verſuchte das zitternde Weſen an ihm vorbeizukommen; aber er packte ſie noch am Arm und ſtieß ſie zurück. „Ihr thut meinem Kinde weh!“ rief ſie. „Eurem Kinde!“ rief der gutgekleidete Schurke höhniſch;„ſeinem Kinde! Und es iſt alſo am Sterben— vor Hunger? Was konntet Ihr auch Anderes erwarten, als Ihr einen elenden Trunkenbold heirathetet? Seht her,“ fuhr er fort und hielt ihr die mit Geld gefüllte Hand hin;„die Hälfte davon— ein Viertel, ja, ein Zehntel würde ſein Leben retten und—“ „Ihr werdet mir natürlich keinen Penny geben, Carus,“ unterbrach ihn Rachel ruhig.„Ihr vergeßt, wie gut ich Euch kenne.“ „Recht,“ antwortete der Wüthende, indem er das 1 Geld über die Brücke ſchleuderte.„Keinen Deut. Mag der Balg verhungern und ſeine Mutter mit. Ein Armenſarg iſt gut genug für euch Beide.“ „Euer Wunſch— Euer grauſamer Wunſch— wird bald erfüllt ſein,“ ſchluchzte das entſetzte Weib. „Doch ich muß nach Haus in mein Elend.“ 3 „Nein; ich kann ſo nicht von Euch ſcheiden,“ be⸗ merkte Carus Kearn. 1* „Was wollt Ihr weiter?“ „Ihr habt kein Recht, zu betteln,“ verſetzte ihr Verfolger;„s iſt ein ſtrafbares Vergehen. Ich werde —— — r 3 e E dafür ſorgen, daß Ihr die Nacht auf der Polizei zu⸗ 3 wollt Ihr mir dieſer Frau?“ 3 71 bringt.“ „Das kann nicht Euer Ernſt ſein,“ rief Rachel entrüſtet. „Meint Ihr?“ entgegnete ihr Couſin kalt. „Ihr wagt es nicht— ſo ſchlimm Ihr auch ſeid, wagt Ihr es nicht, eine ſo ehrloſe Handlung zu be⸗ gehen. Die ganze Welt würde Schande über Euch rufen.“ „Mag ſie rufen; ihr Geſchrei ſchreckt mich nicht.“ Wäre er nicht vom Wein und noch mehr von der ſchrecklichen Freude ob der Demüthigung des Weibes, das ihn verſchmäht hatte, aufgeregt gewe⸗ ſen, ſo würde der kalte, berechnende Weltmann wohl Anſtand genommen haben, ſich in ſolcher Weiſe bloß⸗ zuſtellen; in ſeiner gegenwärtigen Stimmung aber wichen alle Rückſichten der Klugheit dem Verlangen nach Befriedigung ſeines Haſſes; er faßte abermals ſeine Verwandte am Arm und rief nach der Polizei, die jedoch zum Glück ſeinen Ruf nicht hörte. Während Rachel loszukommen ſich mühte, kam Jack Monders, der eben aus dem Park entwiſcht war, über die Brücke gelaufen. Er erkannte Mrs. Markham ſogleich und machte Halt. „Biſt Du an keinem Polizeidiener vorbeigekom⸗ men, Knabe?“ fragte Carus., 3 „An mehr als einem,“ verſetzte Jack;„aber was „Sie hat gebettelt.“ „So?“ „Und ich will ſie der Polizei übergeben.“ „Wirklich?“ 72 „Bring mir einen Polizeidiener und ich gebe Dir eine halbe Krone,“ fügte Carus bei. Trotz der Schule des Laſters, welcher Jack anheim⸗ gefallen war, beſaß er doch ein Herz und machte ſich bittere Vorwürfe wegen der Gefahr, in welche er ſeinen Kameraden verſtrickt hatte, obſchon er die⸗ ſelbe nicht für ſehr ernſtlich halten konnte, da Richard die Taſche des wohlwollenden alten Gentleman nicht berührte und außerdem der Polizei gänzlich unbe⸗ kannt war. Wie ſehr ihm übrigens dieſe Umſtände zu Statten kommen mußten, fühlte doch Jack um ſo tiefere Reue, als er Rachel ſich gegen ihren rohen Verwandten abkämpfen ſah. „Hörſt Du mich, Junge, ein halbes Goldſtück für einen Polizeidiener,“ wiederholte Carus. „Ich hab's gehört,“ rief der Junge.„Soll ich nicht lieber zwei bringen?“ Und er fuhr auf den wohlgekleideten Schurken los und verſetzte ihm gewandt einen ſchweren Schlag mitten auf die rechte Wange, ſo daß derſelbe rück⸗ lings auf das ſchlüpfrige Pflaſter niederſtürzte. Jack hatte dieſes Kunſtſtück von ſeinem Onkel gelernt und ſich dadurch mehr als einmal den Händen eines Hä⸗ ſchers entwunden. „Lauft!“ rief dem erſchreckten Weib ihr Beſchützer zu.„Der Packan iſt auf der andern Seite der Brücke; ich ſah ihn vor dem Schenktiſch des Anker auf ein gutes Neujahr trinken. Stiert mich nicht ſo an, Mrs. Markham; Ihr erſchreckt mich. Lauft! Lauft!“ Die Ausſicht, der herabwürdigenden Bloßſtellung zu entkommen, mit der ihr Verfolger ſie bedroht hatte, verlieh ihren zitternden Gliedern eine augenblickliche 73 Kraft, und die Mutterliebe beſchleunigte ihre Flucht; ſie verſchwand raſch in der Richtung ihrer Wohnung. Jack Manders ſäumte nicht, ihr zu folgen, und deckte galant ihr den Rücken, damit ſie nicht wieder ergriffen werde. Mehreremal murmelte er vor ſich hin:„Nur wegen Bettelns!“ Wäre es wegen Dieb⸗ ſtahls geſchehen, ſo hätte er es begreiflich gefunden. Als endlich der Polizeidiener auf der Brücke er⸗ ſchien, ſtand Carus Kearn allein da und lehnte ſich auf die Brüſtung, um wieder zu Athem zu kommen. „Hol euch der Teufel!“ murmelte er, vor Wuth und Aerger zwiſchen jedem Worte keuchend,„ihr Burſche ſeid nie um den Weg, wenn man eurer Dienſte bedarf.“ „Ja, ja, ich muß meinen regelmäßigen Umgang machen,“ antwortete der Mann an ſeinen Hut grei⸗ fend, denn der Sprecher war gut gekleidet und nicht ſo betrunken, daß er nicht wußte, was er that.„Was gibt's? Iſt Euer Ehren beraubt worden?“ „Ja,“ rief Carus haſtig;„ja!“ „Wo iſt das Spitzbubenvolk?“ fragte der Polizei⸗ mann. „Das heißt, ich hätte können beraubt werden,“ verſetzte der Gentleman nach einigem Beſinnen und entfernte ſich raſch.. „Hätte beraubt werden können,“ wiederholte der Wächter der öffentlichen Sicherheit.„Das müßte ein herzhafter Knabe ſein, der es wagen wollte, Dich zu berauben. In ſolchen großen, ſtarren, ſchwarzen Augen liegt mehr Unheil, als in einem geladenen Piſtol oder in einem Polizeidienersſtock. Sieht er nicht aus, als oh er Einen umgebracht habe, und 74 aus ſeinem Aeußeren, von ſeinen Manieren gar nichts zu ſagen, merkt man wohl, daß er kein ächter, ge⸗ borener Gentleman iſt.“ Mit dieſen nicht ſehr ſchmeichelhaften Bemerkungen über Carus Kearns Außenſeite nahm der Mann ſei⸗ nen Umgang wieder auf. Statt in ihre arme Hütte zurückzukehren, hielt Rachel in der Hoffnung, Unterſtützung zu finden, bei einer Nachbarin an, welche in der Yorkſtraße einen Tabaksladen hielt. Dieſe war ein gutherziges Weib⸗ chen und hatte der unglücklichen Mutter öfters einen kleinen Verdienſt mit weiblichen Arbeiten verſchafft. Mrs. Tuttle ſtand im Ruf der Wohlhabenheit, und wenn das Gerücht wahr ſprach, ſo hatte ſie ihre Stellung nur ihrer Klugheit und Sparſamkeit zu danken, da Niemand den Werth eines Penny beſſer zu ſchätzen wußte, obſchon ſie ſich nie ſchmutzig be⸗ nahm. Wenn ſie gab, ſo geſchah es mit Unmſicht, und dies iſt ſicherlich die beſte Art der Wohlthätig⸗ keit. Sie beſaß keine Familie, und da ihr Mann den ganzen Tag vom Haus abweſend war, ſo hatte ſie ihre Aufmerkſamkeit ſchon in einem Alter, in welchem andere Frauen nur an Vergnügungen den⸗ ten, dem Geſchäft zuwenden müſſen. Man ſah ſie früh und ſpät entweder hinter dem Tiſch ihres ſorg⸗ fältig gefegten Ladens, oder bei dem Feuer des durch eine Flügelthüre damit in Verbindung ſtehenden trau⸗ lichen Hinterſtübchens ſitzen. Mrs. Tuttle wollte eben ihren Laden ſchließen, als Rachel, die kleine Marie in den Armen, herein⸗ wankte. Anfangs flog ein finſterer Zug über die Stirne der Inhaberin des Ladens; als ſie aber das 75 bleiche, kummervolle Geſicht ihres Beſuchs wahrnahm, ging dieſer Schatten in einen Ausdruck wohlwollen⸗ der Theilnahme über. Sie begriff, daß Schwäche, nicht der Branntwein, die unglückliche Mutter unter ihrer Bürde taumeln machte. „Kommt in das Hinterſtübchen,“ ſagte ſie.„Setzt Euch. Was gibt's?“ Denn in Nothfällen war Mrs. Tuttle eine Frau von wenig Worten. „Todt!“ ſchluchzte Rachel, das Halstuch zurück⸗ ſchlagend, das ihr Kind verhüllt hatte.„Todt vor Kälte und Hunger— geſtorben auf der Straße. Ich bettelte— bettelte,“ fügte ſie mit friſchem Schmerz⸗ in bei;„aber Niemand hörte auf mein Fle⸗ en.“ Mrs. Tuttle fühlte ſich tief erſchüttert. Sie ſäumte indeß nicht, das Kind in ihre Arme zu nehmen und ſeine kalten Glieder zu reiben; dann zog ſie die Klingel und hieß ihre Richte, eine geſetzte junge Per⸗ ſon, die als Geſellſchafterin und Gehilfin bei ihr lebte, Milch warm machen. Bis dieſe fertig war, begann die Kleine Zeichen des wiederkehrenden Lebens von ſich zu geben. Rachel ſah mittlerweile mit ſtarren Augen zu, ſchien aber von dem Thun des gutherzigen Weibchens nichts zu begreifen. Marie öffnete endlich ihre ſanften blauen Auge und hauchte den Namen„Mutter“. Als ſei plötzlich eine Feder gelöst, ſprang Rachel von ihrem Sitze auf, ſank vor Mrs. Tuttle, auf deren Schooß die Kleine lag, auf die Kniee nieder und bedeckte die Wangen ihres Kindes mit Thränen und Küſſen; ſie umſchlang es mit ihren Armen, 76 drückte es krampfhaft an die Bruſt und murmelte ein unzuſammenhängendes Dankgebet. Mrs. Tuttle liebte es nicht, eine wohlthätige Hand⸗ lung nur halb zu vollbringen, und um ihre volle Thätigkeit entfalten zu können, mußte ſie gehörig unterrichtet ſein; ſie ſchickte ſich daher in ihrer ge⸗ wöhnlichen, geſchäftsmäßigen Weiſe an, Auskunft ein⸗ zuholen. Nachdem ſie ihren Pflegling in Schlaf ge⸗ wiegt hatte, hüllte ſie ihn ſorgfältig in eine warme Decke und legte ihn der Mutter in die Arme, da ſie annahm, dieſelbe werde weit eher einer vernünf⸗ tigen Rede fähig ſein, wenn der gerettete Schatz an ihrem Herzen ruhe. Ihre nächſte Sorge war, das Dienſtmädchen mit Lebensmitteln und andern Bedürf⸗ niſſen nach der Wohnung in der Belvedereſtraße zu ſchicken; und nun entlockte ſie ihrem Gaſte allmälig einen Bericht über Alles, was vorgefallen war. Wenn wir ſagen„Alles“, ſo müſſen wir die Geſchichte mit dem Käſtchen ausnehmen, da Rachel durch Erwäh⸗ nung dieſes Umſtandes nicht den Vater ihrer Kinder demüthigen mochte. „Oh, dieſe Männer— dieſe Männer!“ rief Mrs. Tuttle, nachdem Rachel zu Ende gekommen war. „Was Richard betrifft, ſo fürchte ich nichts für ihn, obſchon ich es loben muß, daß Ihr ihn ſo bald wie möglich aus dieſer Gegend ſchaffen wollt. Richard iſt ehrlich.“ 8 „So jung und in ſolcher Stunde auf der Straße!“ ſeufzte die Mutter, denn nach Mariens Erholung war alle Beſorgniß für die Sicherheit ihres Bruders zu⸗ rückgekehrt. „s iſt wohl ſchlimm, aber nicht hoffnungslos,“ W— verſetzte ihre Freundin.„Ich ſtehe dafür, er wird zurücktehren; aber er darf Euch nicht abweſend finden.“ „Ich will ſogleich aufbrechen,“ erwiderte Rachel ängſtlich. „Ihr werdet Feuer, Licht und Lebensmittel zu Haus finden,“ ſagte Mrs. Tuttle,„und laßt die Sache nicht wieder ſo auf's Aeußerſte kommen. Nun, es bedarf keiner Worte; ich weiß Alles, was Ihr ſagen wollt. Das Dienſtmädchen wird das Kind tragen. Gute Nacht,“ fügte ſie bei,„oder vielmehr guten Morgen, denn das neue Jahr hat bereits begonnen. Möge es für Euch glücklicher, viel glücklicher werden, als das alte!“ Mit dieſem freundlichen Wunſch beſchleunigte ſie die Entfernung ihres Gaſtes, nicht ſo faſt, weil ſie deſſen ledig zu ſein, ſondern weil ſie eine Wieder⸗ holung der Dankesergüſſe zu vermeiden wünſchte, die ihr wirklich ſchmerzlich fielen; denn es gehörte zu ihren Grundſätzen, gute Werke um ihrer ſelbſt willen zu verrichten, nicht aber wegen des leeren Genuſſes, ſich loben zu hören. Sie hatte darin Recht, und es wäre zu wünſchen, daß es Viele ihres Gleichen gäbe. Zu Haus angelangt, ſchaute Rachel umher; die Vergangenheit erſchien ihr wie ein ſchmerzlicher Traum, bis einiges Beſinnen ſie von ihrer Wirklichkeit über⸗ zeugte. Das hell auf dem Herde flackernde Feuer ſchien der Trauer ihres Herzens zu ſpotten. Unwill⸗ kürlich wandte ſie ſich dem Bette zu, in welchem Richard zu ſchlafen pflegte; aber es war leer. Ach, tauſendmal lieber hätte ſie ihr Stübchen kalt und öde wie ſie es verlaſſen, wäre nur er da geweſen, um ihr einen liebevollen Gutenachtkuß zu 78 bieten. Indeß gab ſie ſich nicht der Verzweiflung hin, denn er konnte ja zurückkehren. Neben dem leeren Lager ſchüttete ſie ihre Hoffnungen und Be⸗ ſorgniſſe in einem brünſtigen Gebet aus. Es war zwei Uhr, als Georg ſo ſchwer betrun⸗ ken anlangte, daß er nur noch nach einem Stuhle taumeln konnte; da blieb er denn ſitzen und ſtarrte ausdruckslos zuerſt das Feuer, dann das Weib an, deſſen Glück er vernichtet hatte. Rachel verſuchte ihn anzureden; aber die Worte erſtarben auf ihren Lippen, und ein an Ekel gren⸗ zendes Gefühl beſchlich ſie, als ſie den Verfall be⸗ trachtete, welchen Ausſchweifung ſeiner einſt männli⸗ chen Geſtalt aufgedrückt hatte. Es iſt ein gefährlicher Augenblick, wenn ſolche Gefühle in dem Herzen des Weibes auftauchen. Liebe und Achtung ſchweben zitternd in den Wagſchalen, und eine Feder, ſo leicht als der Flaum aus dem Flügel eines kaum dem Ei n Schwans, kann den Ausſchlag zum Haſſe eben. 5„Welch' ein Unterſchied!“ ſprach es in ihrem In⸗ nern.„Wurde mir dies verſprochen, als ich eine glückliche Heimath verließ, den Zorn eines Vaters mir zuzog, die Freunde mir entfremdete und auf die Ach⸗ tung der Welt, kurz auf Alles verzichtete, die Selbſt⸗ achtung ausgenommen?“ Dann erinnerte ſie ſich, daß die Härte ihres Vaters einen gewichtigen, wenn auch nicht ausſchließlichen Einfluß auf den Wechſel geübt hatte, der ihr ſo ſchwer wurde. Wärmere Ge⸗ fühle tauchten auf, und mit einem Seufzer ſprach ſe den Namen—„Armer Georg!“ Der Betrunkene athmete ſchwer. Rachel war der 79 Aufgabe nicht gewachſen, ihn zu Bett zu ſchaffen; aber mit weiblicher Herzensgüte löste ſie das Hals⸗ tuch, das er beim Abgang aus dem Wirthshaus ſich umgeknotet hatte, legte es auf einen Stuhl und horchte, bis die Athemzüge ruhiger gingen. Der Trunkene ſah ihr in's Geſicht und verſuchte zu lächeln. Das Bewußtſein kämpfte mit dem Dä⸗ mon, der es gefangen hielt; aber die Anſtrengung währte nicht lange, und er verfiel wieder in das alte, leere Stieren. Die Gedanken der Mutter weilten vornämlich bei ihrem Knaben. Die Vorſtellung, daß er in einer ſolchen Stunde durch die Straßen irre, nicht nur der bittern Kälte, ſondern Gefahren ausgeſetzt, gegen die der erbarmenloſe Froſt und der ſchneidende Wind eine Kleinigkeit waren, erfüllte ihre Seele mit To⸗ desweh. London iſt ein kleines Wort, ſchließt aber eine Welt in ſich— eine Wildniß und eine Stadt— eine Heimath für diejenigen, die darin wohnen, und eine Wildniß für den freundloſen Unglücklichen, der durch ſeine Irrgewinde dahin wandert. Rachel hatte keine Freunde, an die ſie ſich wen⸗ den konnte, und entbehrte in gleicher Weiſe der Mittel, ſich Beiſtand zu verſchaffen. So blieb ſie eben zu Hauſe und zählte die trägen Stunden und Minuten, hoffend, vertrauend und betend, bis zum Anbruch des Tages. Trauriges Loos für das einſt glückliche Mädchen, das der Stern des väterlichen Hauſes und der Ge⸗ genſtand der Bewunderung aller aus⸗ und einziehen⸗ den Freunde geweſen war! Wo war dieſer Vater? 8⁰ Er hatte ſie verſtoßen. Wo ſind die Freunde? Alle verſchwunden in der Stunde der Noth. Treu dem Inſtinkt der Welt entwichen ſie wie der Schatten, den man nur im Sonnenſchein ſieht. Nein, nicht alle. Der alte Buchhalter Peter Mangles hatte ſie weder vergeſſen noch verlaſſen. Als er bei ſeiner Nachhauſekunft von ihrem Beſuch erfuhr, bedauerte er ſehr ſeine Abweſenheit, weil er ſich denken konnte, daß wahrſcheinlich nur ein plötz⸗ licher ſchwerer Nothſtand Rachel veranlaßt hatte, an einem ſolchen Tag ihn aufzuſuchen. Zum großen Aerger ſeiner Haushälterin, die in ihrem Thun und Treiben eben ſo methodiſch war, wie ihr Herr, beſtand er darauf, ſein Frühſtück eine Stunde früher als ge⸗ wöhnlich einzunehmen, und nachdem er ſich damit verſorgt hatte, ertheilte er wahrhaftig, ſtatt wie ſonſt Tag für Tag den Stadtomnibus zu benützen, die Weiſung, ein Fly herbeizuſchaffen. Auf die Gegen⸗ vorſtellung der wohlmeinenden Matrone, die darin eine arge Verſchwendung ſah, antwortete er trocken, daß er es erſchwingen könne, und als er obfuhr, blieb die wirthſchaftliche Dame in einem wahren Sturm von Erſtaunen und quälender Neugierde zu⸗ rück. Plötzlich tauchte in ihr der Argwohn auf, Peter Mangles ſei im Begriff, ſich zu verheirathen. Tau⸗ ſend kleine Umſtände überzeugten ſie von der Rich⸗ tigkeit dieſer Vermuthung. Nie zuvor hatte er ſo zeitig gefrühſtückt, nie ein Fly nach der Stadt ge⸗ nommen. Geſichte von einer Gebieterin, die viel⸗ leicht ſchwer oder gar nicht zu befriedigen war, und Berechnungen über die Waohrſcheinlichkeit, ob ſie ihren Platz behalten oder verlieren werde, gährten im Ge⸗ N 81 hirn der Mrs. Lawrence, die ſich dabei des Gedan⸗ kens nicht erwehren konnte, daß ihr Herr, wenn er ein Weib brauchte, nicht nöthig gehabt hätte, nach London zu gehen. Peter Mangles war ſo früh aufgebrochen, daß er in der Belvedereſtraße anhalten und doch zu ſeiner gewöhnlichen Stunde in der City eintreffen konnte; denn in letzterer Beziehung nahm er es ſo genau, daß die Leute im Geſchäft eher an den unrichtigen Gang der Uhr auf der Sanct Paulskirche, als an ein Zuſpätkommen des Kaſſiers geglaubt haben wür⸗ den. Wie wenig dachte der alte Mann, deſſen Herz nur von Gedanken der Barmherzigkeit und Menſchen⸗ liebe erfüllt war, als ſeine Kutſche raſch des Weges dahin fuhr, welche Scene des Wehs und der gänz⸗ lichen Verlaſſenheit ihm in der Wohnung des armen Weſens bevorſtand, das er als Kind gekannt und geliebt hatte. Sechstes Kapitel. Wir zweifeln nicht, daß unſere Leſer zu erfahren wünſchen, was aus dem Helden unſerer Geſchichte geworden iſt. Ihre Neugierde iſt ſehr natürlich, und wir beeilen uns deßhalb, Auskunft zu geben. Das Cabriolet, in das man halb durch Ueber⸗ redung, halb mit Gewalt den Knaben gebracht hatte, fuhr ſo ſchnell durch die Straßen, daß Richard ſich bald in der Gegend nicht mehr zurechtfand, die augen⸗ ſcheinlich ein ihm ganz unbekannter Stadttheil war. Mehreremale dachté er daran, um Hilfe zu rufen Smith, Ebbe u. Fluth. I. 6 82² oder die Flucht zu verſuchen; aber die ſpähenden grauen Augen ſeines Begleiters, der jede ſeiner Be⸗ wegungen bewachte, hinderten ihn daran. Gleichwohl lag weder in ſeinen Blicken, noch in ſeinen Worten etwas Unfreundliches, und der Knabe meinte ſogar, gelegentlich einen Ausdruck des Wohlwollens und Mitleids unter den buſchigen Brauen hervorleuchten zu ſehen. „Wohin führt Ihr mich, Sir?“ fragte er endlich. „Oh, meine Mutter wird ſterben vor Kummer.“ „Ich handle zu Deinem Beſten,“ verſetzte der Gentleman mild.„Der Pfad der Pflicht iſt nicht immer der angenehmſte, führt aber doch zuletzt zum Glück.“ „Glück!“ entgegnete der Gefangene mit einem Seufzer.„Ich werde die Bedeutung dieſes Wortes nie wieder kennen lernen. Arme Mutter! arme Marie — in ſolcher Noth! Oh, Sir, um Gottes willen, laßt mich los. Ich hab Euch nie etwas zu Leide gethan, und Ihr könnt es ſicherlich nicht über Euch gewinnen, mich elend zu machen.“ „Elend zu machen?“ rief der alte Mann in tiefer Erregung.„Ich wiederhole Dir, daß ich es gut mit Dir meine. Ich will Dich nur, wie ich's auch mit Andern verſucht habe, dem Elend und der Schande entreißen, die eine Folge des Laſters ſind. Du machſt mir jetzt Vorwürfe und hältſt mein Benehmen für hart; aber der Tag wird kommen, der Dich es ſegnen lehrt.“ 4 Man ſprach nicht weiter, bis das Cabriolet vor einem ſchönen Gebäude in einem der Square Halt machte. Aus dem Beſuchzimmer blinkten Lichter her⸗ 1 E⸗ hl er ht m rie en, ide; uch fer mit mit nde Du; nen es vor alt 83 unter, und man hörte den Ton muſikaliſcher Inſtru⸗ mente. Richard ſchaute erſtaunt auf. Er hatte ſich vorgeſtellt, ſein Begleiter bringe ihn nach einem ſchrecklichen, unheimlichen Platz in Gott weiß welcher Abſicht— vielleicht ihn zu morden(denn von ſolchen Vorfällen war ihm zu Ohren gekommen)— und nun dieſes Haus, das ihm wie ein Palaſt vorkam! Ein Diener in einfacher aber ſchöner Livree trat an das Cabriolet. 64 „Schickt Euren Herrn herunter,“ ſagte der Gen⸗ tleman. Nach wenigen Minuten erſchien der Eigenthümer des Hauſes. Es folgte eine lange und lebhafte Un⸗ terhaltung in einer Sprache, die zu verſtehen Richard Welten gegeben, wenn er ſie gehabt hätte. Er er⸗ hielt endiich die Weiſung, auszuſteigen. Einen Augen⸗ blick zögerte er; aber die ſtrenge Stimme und der Gedanke an das Gefängniß entſchied über ſeinen Ge⸗ horſam. Zwiſchen den beiden Gentlemen trat er in's Haus und kam durch eine Halle voll Bedienten, die ihm neugierig nachſahen; denn bei aller Reinlichkeit trug ſein Anzug doch die Merkmale der Armuth. Endlich machte ſein Führer vor einer Seitenthüre Halt, die der Herr des Hauſes aufſchloß. „Wart', bis ich das Gas angezündet habe,“ ſagte der Letztere in freundſchaftlichem Tone. In weniger Zeit, als wir zu unſerer Schilderung nöthig hatten, befand ſich unſer Held mit ſeinen Be⸗ in einem behaglich möblirten Zimmer, deſſen ände mit Güterriſſen, Karten und Simſen voll Zinnkapſeln und Büchern bedeckt waren. Richard war nie zuvor in dem eines 84 Advocaten geweſen, da er ſonſt wohl die eigenthüm⸗ lichen Züge der Hertlichkeit erkannt haben würde. Er blickte verwirrt umher— kein Wunder, denn die Abenteuer der letzten Racht hätten auch einen älteren Kopf und ein klareres Gehirn außer Faſſung bringen können. „Sie wiſſen bereits, unter welchen Umſtänden ich dieſen Knaben aufgefunden habe,“ bemerkte der alte Mann, das Schweigen unterbrechend.„Sie werden ſich morgen erkundigen, ob ſeine Erzählung wahr oder falſch iſt. Nicht daß ich daran zweifelte,“ fügte er mit einem Seufzer bei;„aber die Sache muß feſtgeſtellt ſein.“ „Gut,“ verſetzte der Advocat. „Iſt es ſo, wie er ſagt, ſo werden Sie ihm meine Abſichten zu ſeinen Gunſten mittheilen. Ich überlaß ihn Ihrer Obhut mit der Ueberzeugung, daß er eine freundliche Behandlung und ſorgfältige Be⸗ wachung finden wird.“ „Das iſt Tyrannei!“ rief der Knabe ungeſtüm. „Welch' ein Recht haben Sie, mich meinen Eltern vorzuenthalten?“ ⸗ „Sie hören, Morton,“ ſagte der Mann, den er für ſeinen Verfolger hielt. 4 „Wenigſtens kenne ich jetzt Einen von euren Na⸗ men,“ bemerkte Richard. 3 „Still!“ unterbrach ihn der als Morton angere⸗ dete Gentleman,„das Recht, um das ſich's hier han⸗ delt, iſt nicht das des Starken gegen den Schwachen, ſondern das der Gerechtigkeit gegen eine Perſon, die eines Verbrechens beſchuldigt iſt.“ „Ich bin unſchuldig.“ —— en, die 85 „Das kann blos durch ein gerichtliches Verfahren bewieſen werden,“ ſagte der Advocat,„und vor dem Spruch kommt das Gefängniß mit ſeinem beflecken⸗ den Einfluß. Dieſe Schande wünſchen wir Dir zu erſparen. Handle klug und verſuche nicht, die Be⸗ mühungen Deiner Freunde zu vereiteln.“ „Freunde!“ wiederholte Richard in verächtlichem Tone.„Doch was nützt mich Alles? Ich bin in euren Händen, und wie ihr an mir handelt, ſo wird euch der Himmel richten.“ „Amen!“ ſprach der alte Mann und entfernte ſich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Mr. Morton betrachtete ſeinen neuen Bekannten eine Weile ſchweigend. Er war von Natur ein freundlicher Mann, der ſelbſt Familie beſaß, und das offene Geſicht des Knaben gefiel ihm. Er zog die Klingel und beauftragte den erſcheinenden Diener, Erfriſchungen zu bringen und für den unerwarteten Gaſt ein Zimmer herzurichten.—„Oben im Haus,“ fügte er bei, als der Diener ſich entfernte, um die Befehle zu vollziehen. „Du biſt müde,“ ſagte er, ſobald unſer Held den ihm vorgeſetzten guten Sachen hatte Gerechtigkeit widerfahren laſſen.„Morgen ſprechen wir weiter mit einander, und was ich thun kann, um Dich über Deine Mutter und Schweſter zu beruhigen, ohne gegen meinen Klienten, der zwar ein eigener, aber doch vortrefflicher Mann iſt, wortbrüchig zu werden, das ſoll geſchehen.“ Sowohl in der Stimme als in den Worten des Sprechers lag etwas ſo Aufrichtiges, daß Richard mit einem matten Lächeln zu ihm aufblickte. Die 86 Nacht über ſchlief oder ruhte vielmehr unſer Held zum Erſtenmal in ſeinem Leben in einem prächtigen Bette; denn es ſtund lange, ſehr lange an, bis der Schlaf ſeine ſchmerzenden Augenlider ſchloß, und als er endlich kam, gaukelten blaſſe Geſichter durch ſeine ängſtlichen Träume und verweinte Augen ſchienen ihn zu bewachen. Mehr als einmal richtete er ſich auf ſeinem Kiſſen auf und murmelte die Namen: „Mutter— Maorie“. Wir müſſen ihn jedoch für eine Weile verlaſſen und nach dem Haus zurückkehren, wo ſeine Abweſen⸗ heit ſo große Trauer verurſachte. Georg Markham hatte ſich von ſeinem Rauſch ſo weit erholt, um in der inneren Stube der Wohnung ſein Bett zu finden, und ſeine Frau, bleich von kör⸗ perlicher und geiſtiger Anſtrengung und müde vom Nachtwachen, war eben damit beſchäftigt, für ſich und Marie ein Frühſtück zu bereiten, als das Fly vor dem Hauſe anfuhr. Der erſte Gedanke der Mutter war ihr Sohn, und ſie beeilte ſich, die Thüre zu öffnen, in der ſeli⸗ gen Hoffnung, eine mitleidige Hand führe ihr den Verlorenen wieder zu. Ein unwillkürlicher Seufzer getäuſchter Erwartung entrang ſich ihr, als ſie ihren letzten Freund, Peter Mangles, erkannte, deſſen Antlitz ſie zu jeder andern Zeit mit Freude begrüßt haben würde. „Ei, Rachel,“ ſagte der alte Mann etwas ge⸗ tränkt,„Ihr ſcheint nicht ſehr erfreut zu ſein, mich zu ſehen, und ich habe mich doch bequemt, Euch zu beſuchen, weil ich dachte, Ihr könntet meiner Hilfe bedürfen. Es war nicht meine Schuld, daß Ihr 8 4 87 nich nicht zu Hauſe traft,“ fügte er bei.„Ihr wißt, ich mache nur wenig Feiertage.“ Es lag ein Ausdruck ſo tiefen Schmerzes, ſo na⸗ menloſen Elendes in der Miene, mit welcher ſie ihren Beſuch betrachtete, daß Peter wegen ſeiner unfreund⸗ lichen Rede ſich in ſeinem Innern Vorwürfe machte. Er ſah wohl, daß etwas Schreckliches ſtattgefunden haben mußte, weßhalb er den Kutſcher warten hieß und in das Häuschen eintrat. Er war zum Erſten⸗ mal da, und das unbehagliche leere Ausſehen der Wohnung machte einen ſchauerlichen Eindruck auf ihn. „Was iſt vorgefallen?“ fragte er, nachdem Mrs. Markham Platz genommen hatte. Die troſtloſe Mutter konnte nur den Namen ihres Sohnes ausſprechen. „Krant?“ fragte Mr. Mangles. „Verloren!“ murmelte Rachel.„Ich fürchte, auf immer für mich verloren.“ Nicht ohne vielfache Unterbrechung durch Thränen und Schluchzen erfuhr endlich der Buchhalter die Ge⸗ ſchichte von Richard's Verſchwinden und ihren eigenen, ſchmerzlichen Erlebniſſen.. Schlimm, ſehr ſchlimm, aber nicht hoffnungslos,“ ſagte er.„In London geht nichts verloren, wenn die Leute nur den rechten Weg zur Wiedererringung einſchlagen. Wir werden den Knaben bald wieder haben. Und was den ſchuftigen Carus betrifft, ſo bereue ich es jetzt zum Erſtenmal, daß ich die Bethei⸗ ligung an der Firma zurückgewieſen habe.“ „Sprecht nicht von dem Elenden,“ verſetzte die belümnmerte Mutter.„Richard iſt mein einziger Ge⸗ 88 danke. Hätte ich ihn wieder und könnte ich ihn an mein Herz drücken—“ Sie wurde durch das Eintreten einer Nachbarin unterbrochen, einer dienſteifrigen und wohlmeinenden, aber ungebildeten Frau, welche von dem Verſchwin⸗ den unſeres Helden gehört hatte. „Oh, Mrs. Markham,“ rief ſie,„das iſt eine traurige Geſchichte.“ Rachel wurde wo möglich noch blaſſer als zuvor. „Ich kann mit Euch fühlen,“ fuhr die Sprecherin fort.„Meine Kinder haben mir wohl Leid genug gemacht, aber nichts geht über das Eurige.“ „So rückt einmal damit heraus,“ rief der alte Buchhalter ungeſtüim.„Muß man ſich doch über Euch mehr ärgern, als über einen Bankrutt.“ Die Nachbarin wurde empfindlich. Sie war in der beſten Abſicht gekommen und begriff nicht, warum man ſie ſo rauh anließ. „Nun ja, ich hab' es aus dem Mund des jungen Spitzbuben Jack Manders, der an dem ganzen Un⸗ glück ſchuld iſt.“ „Ihr bringt ſie um,“ fiel ihr Peter Mangles in's Wort. „Richard iſt wegen Taſchendiebſtahls aufgegriffen worden.“ Rachel ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und ſank ohnmächtig von ihrem Stuhl zu Boden. Durch dieſen Anblick erſchreckt, begann die kleine Marie bitterlich zu weinen und ihrem Vater zuzuru⸗ fen, daß die Mama ſterbe. Der Lärm weckte den Säufer aus ſeinem Schlaf, und er taumelte mit verwirrter Miene in das Zimmer heraus. Beim An⸗ 89 blick ſeines früheren Freundes fuhr er zurück, denn er fühlte die volle Schwere ſeiner Verſunkenheit, ob⸗ ſchon nicht die ſeines Elends. „Was— was gibt es?“ fragte er, die geſchwol⸗ lenen Augen reibend. Peter deutete ſtreng auf die bewußtloſe Geſtalt ſeines Weibes. „Um's Himmels willen, erklärt mir,“ fuhr der unſelige Menſch fort. „Ihr habt ſie gemordet,“ entgegnete der alte Mann feierlich,„Euren Knaben zum Diebſtahl, zur Schande und in's Gefängniß getrieben. Georg, Georg, ſind dies die Hoffnungen, die ich einſt von Euch hegte?“ Der Schuldbeladene warf ſich neben der lebloſen BGeſtalt ſeines unglücklichen Weibes nieder, flehte ſie an, ihm zu verzeihen, wäre es auch nur durch ein Wort oder einen Blick, und überhäufte ſich ſelbſt als die Urſache all' ihres Elends mit wilden Verwün⸗ ſchungen; dann rief er ganz außer ſich nach ſeinem Sohn, den ſeine ſchlimme Aufführung zum Verbrechen verleitet habe. Es war eine furchtbare Scene. Der Stachel des Gewiſſens war bis in's Herz des Säufers gedrungen und hatte den einzigen Theil, welchen ſein ſchnödes Laſter noch unangetaſtet gelaſſen, die Liebe zu Weib und Kindern, getroffen. „Was hilft das Schreien, wenn das Unglück ge⸗ ſchehen iſt,“ bemerkte das Weib, das die ſchlimme Botſchaft gebracht hatte, in ſpitigem Ton.„Der einzige Troſt, welchen Ihr der Aermſten ſchaffen könnt, iſt Nachricht von ihrem Knaben.“ „ 9⁰ „Ich weiß, wie eine Mutter fühlt— armes, armes Ding!“ Und ſie kniete an ihrer Seite nieder, ihre Hände und Stirne reibend. Wir haben im Leben häufig Gelegenheit, wahr⸗ zunehmen, welches ſtarke Band von Mitgefühl die Armen untereinander verkettet und wie bereit ſie einander durch liebevolle Handreichung beiſtehen, wenn ihnen andere Mittel verſagt ſind. Die Frau meinte es gut und hatte keine Ahnung von dem Unheil, das durch ihr unüberlegtes Schwatzen angerichtet worden war. Von ihres Gleichen wäre die Erſchüt⸗ terung wohl weniger ſchwer aufgenommen worden; auf ein ſo zartes Weſen aber, wie Rachel, wirkte ſie faſt vernichtend. Die Unglückliche ſchlug langſam die Augen auf und ſtarrte um ſich her, bis ſie dem Blick ihres Gat⸗ ten begegnete; dann rieſelte ein krampfhaftes Schau⸗ dern über ſie hin, und ſie wurde wieder beſinnungs⸗ los, denn mit dem Anblick der Urſache kehrte das Bewußtſein des Flends zurück. Georg Markham griff nach ſeinem Hut und ſtürzte wie ein Wahnſinniger aus dem Haus, feſt entſchloſſen, ganz London zu durchſuchen, bis er Kunde von ſeinem Sohn habe. Peter Mangles ſchaute eine Weile mit der Miene völliger Hilfloſigkeit um ſich her. Im Uebermaß ſeiner Gefühle vergaß er ſogar der City und der Unruhe, welche ſein Fernbleiben im Comptoir ver⸗ anlaſſen mußte, da Rachels Zuſtand ihn ausſchließ⸗ lich in Anſpruch nahm. Er konnte das Kind, das er hundertmal auf ſeinen Knieen geſchaukelt, das ſchöne Mädchen, welches ſo oft im väterlichen Hauſe — — — ce— c — 91 ihn mit freundlichem Lächeln bewillkommt hatte, nicht in der verödeten Wohnung laſſen. Sein Entſchluß war gefaßt, und er ſchickte ſich an, unverweilt zu handeln; denn Entſchiedenheit erſchien ihm nicht nur als eine große moraliſche, ſondern auch als eine ge⸗ ſchäftsmäßige Tugend. Unter dem Beiſtand der Nachbarin, welche ihm den früheren Ausbruch ſeines Aergers noch nicht ganz verziehen hatte, hüllte er Rachel in einen Shawl, brachte ſie in das Fly, ſetzte Marie neben ſie, ſtieg ſelbſt ein und hieß den Kutſcher nach Blackheath zurückfahren. „Aber was wird ihr Mann ſagen, wenn er zu⸗ rücktömmt?“ fragte die Frau erſtaunt. „Was er will,“ antwortete Peter.„Wenn er ſeine Pflicht vernachläſſigt, ſo kenne ich die meinige.“ „Und die Nachbarn? das wird ein Gerede geben, und—“ Peter Mangles zog ungeduldig die Fenſter ſeines Wagens auf und befahl dem Kutſcher, fortzufahren, während der erſtaunten Frau ob dieſem ſummariſchen Verfahren das Wort auf den Lippen erſtarb. Das Ereigniß erregte Aufſehen in der Belvedere⸗ ſtraße. Einige von den Nachbarn machten Pete Mangles zu keiner geringeren Perſon, als zu der großen Citykaufmann ſelbſt, welcher ſeiner Tochz verziehen und ſie mit ſich genommen habe. Anz argwöhnten, ſie ſei durch einen weniger ach Charakter entführt worden und machten es Auskunftgeberin, nachdem ſie ihr Alles entl ten, zum Vorwurf, daß ſie nicht nach der gerufen. So mußte denn die gute Frau z 8 92 Troſt des alten Mannes mit dem Eſel in der Fabel ihre Zuflucht nehmen, daß es unmöglich ſei, Jeder⸗ mann recht zu thun. Sie hatte in der beſten Mei⸗ nung gehandelt, und ſelbſt von dem Weiſeſten kann man nicht weiter verlangen. Die Haushälterin in Ledger Cottage(ſo hieß Peter Mangles' Vorſtadtwohnung) war nicht weniger erſtaunt, als ſie das Fly wieder vor dem Haus an⸗ fahren ſah. Der Anblick eines Frauenzimmers be⸗ ſtätigte ihren Argwohn, und ſie beeilte ſich, ihre ver⸗ meintliche neue Gebieterin zu empfangen. „Ah, Ihr habt ſie mitgebracht?“ rief ſie. „Natürlich. Nehmt das Kind.“ „Kind?“ wiederholte die erſtaunte Mrs. Lawrence. „Da ſehe man!“ „Was macht das Weibsbild für Augen?“ fragte Peter, als er ihr Marie in die Arme legte.„Macht das beſte Zimmer zurecht. Der Doctor kann jeden Augenblick kommen.“ Der reſpectablen alten Dame wurde die Sache immer unbegreiflicher und begann in ihrer Privat⸗ meinung ſchon ein ziemlich häßliches Ausſehen zu ge⸗ winnen, obgleich ſie in chriſtlicher Liebe hoffte, daß ihr Herr wirklich verheirathet ſei. Mit aufgeworfener ippe und in geſetztem Tone fragte ſie ihn, ob ſie t Mrs. Mangles Beiſtand leiſten ſolle. Was für einer Mrs.?“ rief Peter erſtaunt. rs. Mangles, Sir.“ hr ſeid eine Närrin, Mrs. Lawrence,“ entgegnete ihr Gebieter.„Eine ſolche Perſon gibt es esse noch in posse.“ s war das erſtemal in ſeinem Leben, daß ſich ₰ 93 Peter bis zum Latein verſtieg, gegen das er ſonſt ſogar einen größeren Argwohn hatte, als gegen penn⸗ ſylvaniſche Fonds oder andere zweifelhafte Werth⸗ papiere. 5 „Was weiß ich von Ihrem posse,“ erwiderte die Haushälterin zornig;„aber ich denke mir, ſie iſt nicht beſſer, als ſie ſein ſollte.“ „Das iſt bei gar Wenigen von uns der Fall,“ bemerkte der alte Herr ſarkaſtiſch. Unter dem Beiſtand des Kutſchers trug er die kaum einer Beſinnung fähige Rachel in's Haus, und WMrs. Lawrence folgte in großer Verwirrung über den lächerlichen Mißgriff, den ſie begangen hatte. Um ihn wieder gut zu machen(denn ſie war in Wirklichkeit eine gutherzige Perſon), gab ſie ſich alle Mühe, den unerwarteten Gaſt zu bedienen, und brachte ihn auch zu Bett, eh' der Arzt anlangte, der ſich noch mit ſeiner Patientin abgab, als Mr. Bently in großer Unruhe über das ungewöhnliche Ausbleiben ſeines vertrauten Buchhalters, Caſſiers und Freundes angefahren kam. „Sind Sie krank, Mangles?“ fragte er, in das kleine Stübchen tretend, in welchem der Angeredete ängſtlich des ärztlichen Gutachtens harrte. „Krank? Nein,“ verſetzte Peter ſpitzig. Sein Dienſtherr ſah ihn überraſcht an. „Ja, ich bin krank,“ fuhr der Buchhalter fort, „krank im Herzen, und zwar durch Sie, Richard. Ich hätte Sie ſchon vor Jahren verlaſſen ſollen— ja, vor Jahren; und ich war ein Narr, daß ich's nicht that.“ 94 „Was iſt vorgefallen, daß Sie ſo üblen Humors ſind?“ fragte der Kaufmann. „Was vorgefallen iſt?“ entgegnete Peter.„Was wäre nicht Alles vorgefallen, und nur um Ihres unverſöhnlichen Gemüths willen. Es gäbe eine lange Liſte: ich will Ihnen die Items vorzählen. Erſtlich iſt ihr Schwiegerſohn, dem Sie hätten unter die Arme greifen ſollen, ein hoffnungsloſer Säufer.“ „Fluch über ihn,“ unterbrach ihn Mr. Bently mit Wärme.„Er iſt der Mörder meines Glücks.“ „Nein, das ſind Sie ſelbſt, Richard,“ bemerkte der alte Mann wehmüthig.„Zweitens, ſein Sohn, der Ihren Namen führt— hätten Sie ihn lieber Peter genannt, denn ich hab ihn zu meinem Erben erwählt— iſt wegen Taſchendiebſtahls in den Händen der Polizei.“ Der ſtolze Geiſt des reichen Mannes fühlte ſich tief erſchüttert; er ſtieß einen unterdrückten Seufzer aus. „Das kam nicht aus Ihrem Herzen, Richard,“ fuhr Mangles fort.„Wollte Gott, es wäre ſo; aber ich hörte nur Ihren Stolz. Das Schlimmſte kömmt übrigens noch. Ihre Tochter Rachel, das einzige Kind eines der reichſten Männer in der City, ſah ſich in der letzten Nacht genöthigt, um Almoſen zu betteln. Und wen meinen Sie wohl, hat ſie darum angegangen? Ihren Couſin Carus. Der herzloſe Schurke rief ihr nicht blos zu, ſie möge verhungern, ſondern häufte noch Vorwürfe und Beſchimpfungen auf ihr unſchuldiges Haupt.“ „Der Elende!“ 95 „Ja, der Elende. Und ich fürchte, es iſt nicht einmal der ſchlimmſte Titel, den er verdient.“ „Was meinen Sie damit?“ „Es liegt nichts daran, was ich meine,“ verſetzte Peter empfindlich.„Sie werden mit der Zeit ſchon ſelbſt dahinter kommen. Ich habe nur Verdacht und— nein, nein. Ohne Beweis ſoll ein ehrlicher Mann nicht einmal von einem Feind übel reden.“ „Aber mein Kind— Sie haben von meinem Kind geſprochen?“ „Sie iſt am Sterben, fürchte ich,“ verſetzte ihr Wohlthäter. „Am Sterben!“ rief voll Gewiſſensangſt der Vater.„Oh, laßt mich zu ihr eilen. Ich bin viel⸗ leicht zu hart, zu unverſöhnlich geweſen. Wo iſt mein Kind— mein leidendes Kind?“ „Meinen Sie, ich habe die Tochter meines älteſten Freundes an der Stätte der Armuth und des Elends zurückgelaſſen?“ verſetzte der Buchhalter.„Nein, Richard; ſie iſt hier— hier unter meinem Dache, und ſoll dieſe Heimath nur mit einer glücklicheren vertauſchen— oder mit dem Grabe,“ fügte er ruhig bei. „Ich muß ſie ſehen!“ „Aber nicht um ihr Vorwürfe zu machen,“ ent⸗ gegnete der Buchhalter mit Wärme. „Vorwürfe— wollen Sie mich toll machen?“ rief der Kaufmann.„Doch ich vergebe Ihnen, denn Sie ſind nie Vater geweſen.“ „Gott Lob, nein,“ verſetzte Peter ſelbſtgefällig. „Ich habe ohnehin Mühe genug gehabt, Ihre Bücher 96 in Ordnung zu halten; der Himmel weiß, wie's mir möglich geworden wäre mit Familie.“ Sie waren eben im Begriff, Rachel einen Beſuch zu machen, denn in der Aufregung des Einen und in der Freude des Anderen bei der Ausſicht auf eine Verſöhnung hatten Beide den möglichen nachtheiligen Einfluß einer Ueberraſchung außer Acht gelaſſen, als ihnen glücklicher Weiſe der Arzt entgegen kam und ihnen ihr Vorhaben unterſagte. „Aber ich bin ihr Vater,“ drängte Mr. Bently. „Chef der Firma Bently in der City,“ fügte der Eigenthümer von Ledger Cottage bei. „Ich bedaure, mein Verbot wiederholen zu müſ⸗ ſen,“ entgegnete der Mann der Wiſſenſchaft;„aber der Zuſtand meiner Kranken iſt höchſt bedenklich. Die geringſte Aufregung, ſei ſie freudiger oder ſchmerz⸗ licher Art, kann verhängnißvoll werden.“ „Es iſt doch Hoffnung vorhanden?“ fragte Mr. Bently. Der Arzt zögerte, als wolle er den Umfang des Troſtes abmeſſen, den er in ſeine Worte legen konnte. „Hoffnung wohl,“ verſetzte er;„aber ſie iſt ſo gering, daß ſie von einem Hauch abhängt. Nach vierundzwanzig Stunden werde ich in der Lage ſein, mich beſtimmter auszuſprechen.“ Peter Mangles und ſein Principal blieben an jenem Tag in Ledger Cottage. Der Erſtere ſchlich ſo verſtohlen wie eine Katze im Haus umher und ſtellte ſogar ſeinen Lieblingspapagei bei einem Nach⸗ bar ein, damit die Leidende nicht durch deſſen Ge⸗ plauder geſtört werde. 8 S — 97 In der Nacht waren Rachels Vater und Freund nicht die einzigen Wächter. Ihr ſchuldiger aber reuiger Gatte ging wie ein unruhiger Geiſt auf der Haide umher und umſchlich das Haus, das er nicht zu betreten wagte; denn ſeine Hoffnung, den Sohn zu finden oder Nachricht über ihn zu erhalten, hatte ſich nicht erfüllt, und ſein Gewiſſen flüſterte ihm zu, daß dies das Einzige ſei, wovon er ſich Vergebung verſprechen dürfe. In wenigen Stunden war er ein ganz anderer Mann geworden. Er erkannte jetzt ſein Benehmen in ſeiner ganzen Häßlichkeit und ſchauderte ſelbſt vor dem Bilde. Wenn er während der langen Stunden der Nacht nach den Fenſtern hinaufſah und jeden Schatten an den Vorhängen ver⸗ folgte, konnte er die halb erfrorenen Hände ringen und vor ſich hinmurmeln—„zu ſpät, zu ſpät!“ In ſolchen Ergüſſen machte ſich ſeine Verzweiflung, ſein zerriſſenes Herz Luft. Aber wer mag die Worte des ſich ſelbſt anklagenden Sünders wiederholen und ſagen, der Engel der Reue habe ihn zu ſpät über⸗ ſchattet? Am folgenden Morgen verkündete der Arzt eine leichte Beſſerung in dem Befinden ſeiner Kranken, und auf dieſe Nachricht hin ſchickte ſich Peter Mang⸗ les an, nach der City aufzubrechen. Zwei Tage von ſeinen Büchern und Rechnungen wegzubleiben, wäre eine Verſäumniß geweſen, die nur durch den Tod ſei⸗ nes Schützlings gerechtfertigt werden konnte. Natür⸗ lich war er jetzt voll Zuverſicht und hoffte das Beſte. Als er raſch über die Haide ging, um den Om⸗ nibus anzurufen, deſſen gewöhnliches Halten vor ſei⸗ nem Haus er ausdrücklich unterſagt hatte, trat ihm Smith, Ebbe u. Fluth. I. 7 — 98 Rachels Gatte mit einet ſo kläglichen Schmerzens⸗ miene entgegen, daß der gutherzige alte Buchhalter nicht den Muth hatte, ihm Vorwürfe zu machen. „Um Gottes willen nur ein einziges Wort!“ rief der unglückliche Mann.„Mein Weib! Ich habe die ganze Nacht unter ihrem Fenſter gewacht. Oh, ſpre⸗ chen Sie; mein Herz iſt faſt gebrochen!“ „Der Doctor hält ſie für beſſer, Georg, und meint, daß ſie ſich bei ſorgfältiger, äußerſt ſorgfältiger Be⸗ handlung wieder erholen könne.“ „Gott ſei Dank! dann hab' ich ſie doch nicht ge⸗ mordet. Oh, laſtete der Untergang meines armen Knaben ſo wenig auf meiner Seele, als ihr Tod!“ „Haben Sie nichts von ihm gehört?“ „NRein,“ ſtöhnte der reuige Vater.„Ich habe auf jeder Polizeiſtation nachgefragt und jeden Schlupf⸗ winkel des Laſters durchſtöbert, aber nichts gefunden.“ „Die ganze Nacht draußen— und noch dazu in einer ſoichen Nacht!“ dachte Mr. Mangles, Georg voll Mitleid betrachtend.„Da, Georg,“ fügte er — laut bei;„Sie müſſen einer Erfriſchung bedürfen.“ die angebotene Gabe ab. „Fortan ſoll das Brod, das ich eſſe, die Frucht Rachels Gatte drückte ihm die Hand, lehnte aber des Fleißes ſein,“ ſagte er.„Es iſt nicht Slolz— glaubt mir, es iſt nicht Stolz, denn dieſer iſt längſt niedergetreten, ſondern der feſte Entſchuß eines reui⸗ gen Sünders, wo möglich ſeinen befleckten Namen wieder zu Ehren zu bringen, die Verzeihung des ge⸗ kränkten Engels zu gewinnen und mit dem Bewußt⸗ ſein zu ſterben, daß meine armen Kinder nicht de Andenken ihres Vaters fluchen werden.“ ef ie t, e HSeimſtätten verödet. 99 „Er gibt noch Hoffnung,“ rief Peter Mangles, als Georg raſch von ihm wegging.„Ich hab' dieß immer geſagt, ſeit ich wahrnahm, daß er ſchon als Knabe ſein kleines Caſſenbuch ſtets in beſter Ordnung hielt. Jenem feinen Spitzbuben Carus,“ fügte er bei,„kann ich dies nicht nachrühmen.“ Siebentes Kapitel. Seit längſten Menſchengedenkens hatte man in St. Faith kein ſolches Aufſehen, keinen ſolchen all⸗ gemeinen Schrecken erlebt, als bei dem Tod des Parkwächters und des unglücklichen Soldaten, der eine Stunde nach ſeiner Ankunft im Heimathort er⸗ ſchlagen wurde— erſchlagen, während noch der Willkommsgruß in ſeinem Ohr klang und ſeine S noch warm war von dem Drucke der Freund⸗ aft.„ Entſetzen und Aufregung waren übrigens nicht die einzigen Gefühle im Dorf; denn es miſchte ſich darunter tiefes Mitleid mit dem armen alten Simon, mit dem hilfloſen Kind, das jetzt ganz ſeiner Sorge anheimfiel, und eine hohe Entrüſtung gegen den Grundherrn wegen ſeines Antheils an der Trauer⸗ geſchichte. Allerdings auch nicht mit Unrecht, denn die ausſchließenden Anſprüche Sir Norman Booth⸗ royds an die Jagd auf der Gemeinwaide waren im mindeſten Fall zweifelhaft, und dennoch hatte der Streit darum zwei Menſchenleben gekoſtet und zwei 7* 100 Wenn der Name des Barons ſchon vorher in der ganzen Gegend unbeliebt geweſen war, ſo wurde er jetzt zum Gegenſtand der Verwünſchung. Zum Erſtenmal fand in St. Faith eine Volksverſammlung ſtatt, und es wurde unter den Pächtern eine Sub⸗ ſeription eröffnet, um die langbeſtrittene Frage durch einen Proceß gegen den übermüthigen Grundherrn zu erledigen. Während die Bewegung unter den Bauern in vollem Schwung war, langte der Coroner an, um über die Leichname die geſetzliche Unterſuchung an⸗ zuſtellen. Mehrere Magiſtratsperſonen der Graß⸗ ſchaft, unter ihnen auch Mr. Thornton und Squire Blundell, wohnten der Verhandlung bei. Als der Erſtere vor dem Dorfwirthshaus anfuhr, wurde er von den Farmern und Anderen, die ſich daſelbſt ver⸗ ſammelt hatten, mit einem Hurrah begrüßt. „Eine traurige Geſchichte,“ ſagte er beim Aus⸗ ſteigen zu den am nächſten Stehenden. „Wir wollen unſere Rechte haben,“ rief der Haufen.„Nun Sie da ſind, ſind wir überzeugt, daß uns Gerechtigkeit zu Theil werden wird. Sie ſind von jeher des armen Mannes Freund geweſen.“ „Und werde es ſtets ſein, ſo lange er die Ge⸗ ſetze achtet,“ entgegnete der Gentleman.„Doch, ich bitte euch“, fügte er bei,„nur keine Unordnung. Ihr müßt euren Feinden, wenn ihr welche habt, nicht dieſen Vortheil über euch einräumen.“ Mit dieſer Verwarnung ging er weiter. Ein ganz anderer Empfang wurde Sir Norman Boothroyd zu Theil. Man ſah ſeinen Wagen kaum durch die Parkthore auftauchen, als ein gellendes — — —— — de m ¹9 b⸗ rn in f⸗ re er er r⸗ t, ie e⸗ t, it es 101 Ziſchen ihn von allen Seiten begrüßte. Sein erſter Gedanke war, wieder nach der Halle zurückzukehren; aber der Stolz und die Furcht vor den Spottreden ſeiner Frau Gemahlin hielt ihn zurück. Leichenblaß bewegte er ſich durch das Gedränge, jeden Augen⸗ blick einer Gewaltthat gewärtig, und ſeine Furcht wich erſt, als er in dem Zimmer anlangte, wo die Unterſuchung ſtattfinden ſollte. Er machte eine ſteife Verbeugung gegen Mr. Thornton und bot deſſen Collegen die Hand, der ſie übrigens nur leicht be⸗ rührte. Die Unterſuchung wurde mit der Leiche des Parkwächters begonnen. Wie man ſich denken kann, trat von den im Streit Betheiligten Niemand als Zeuge auf, weil Jeder ſich ſelbſt bloszuſtellen fürch⸗ tete, und Sir Norman hatte Vorſorge getroffen, daß Keiner von Gerichts wegen vorgeladen wurde. In Folge davon kam kein anderes Zeugniß als das ſei⸗ nige und das ſeiner Dienſtleute zur Abhör. Mehr als eine Lippe zog ſich in verächtliche Falten, als der Baron beſchwor, daß die Wilddiebe zuerſt auf ſeine Leute gefeuert hätten, eh er die Salve geben ließ, welche für Barny Gee verhängnißvoll wurde; ja, man hörte ſogar aus dem Gedränge, das den hinteren Theil des Gemachs einnahm, manche nicht ſehr ſchmeichelhafte Murmelrede— Kundgebungen, denen übrigens der Coroner bald ein Ende machte⸗ Nachdem noch der Arzt des Ortes, Dr. Phraſe, vernommen war, welcher mit einem ungeheuren Auf⸗ wand von mediciniſcher Terminologie erklärte und bewies, daß die Kugel den Herzbeutel zerriſſen habe, faßte der Coroner klar und leidenſchaftslos den Fall 102 zuſammen, indem er zugleich darauf aufmerkſam machte, wie aus dem Zeugniß Sir Norman Booth⸗ royd's und ſeiner Dienſtleute erhelle, daß die Wil⸗ derer zuerſt geſchoſſen hätten; der Verſchiedene ſei, als er die tödtliche Wunde erhielt, in ſeinem geſetz⸗ lichen Beruf geweſen, und die Geſchworenen hätten nun auf die abgehörten Zeugniſſe hin ohne Haß oder Gunſt ihren Wahrſpruch abzugeben. Die Angeredeten waren gewiſſenhafte Männer, die ihren Eid ſehr ernſt nahmen. Nach einſtündiger Berathung wurde unter athemloſer Stille des Ge⸗ richtshofs der Wahrſpruch auf„Mord durch eine oder mehrere unbekannte Perſonen“ verkündet. Unter den Zuhörern klopfte manches Herz ungeſtümer, aber Niemand von Denen, welche dem Zeugniß des Ba⸗ rons und ſeines Parkgeſindes hätte widerſprechen können, wagte es, vorzutreten, da fortan das Be⸗ zücht des Mords wie das Schwert des Damokles Jedem über dem Haupte ſchwebte. In dem Falle Barny Gee's brauchte ſich Doctor Phraſe weniger mit techniſchen Ausdrücken zu be⸗ mühen. Die Ladung hatte aus Schrot beſtanden, die Lunge getroffen und die Blutung den armen Schelm erſtickt, eh' er Farmer Minter ſeine letzten Wünſche kund thun konnke. Allgemeine tiefe Theilnahme erregte das Zeugniß Simons, als er die unerwartete Rückkehr ſeines Bruders, die Freude des Wiederſehens, ſein Heim⸗ eilen mit dem Kinde, ſeine Rücktehr zu den Läutern und die Entfernung Barny's, um auf der Haide ſeine alten Kameraden aufzuſuchen, ſchilderte. 3 raſchung. 103 „Kennt Ihr keinen derſelben bei Ramen?“ fragte der Coroner. „Ich weiß nichts, als daß ich meinen einzigen Bruder verloren habe,“ antwortete Simon, ſich eine Thräne wegwiſchend.„Mit den Wilderern, wenn's Wilderer geweſen ſind, konnte er nichts gemein ha⸗ ben, denn er war unbewaffnet.“ „Könnt Ihr dies beſchwören?“ fragte Sir Nor⸗ man's Advocat. „Ich kann ſchwören, daß er es war, als er mich verließ,“ entgegnete der Glockner. Einer von den Geſchworenen fragte, ob nicht Pulver und Blei bei dem Getödteten gefunden wor⸗ den ſei. Die Conſtabler legten Alles, was er bei ſich getragen hatte, vor— eine ſilberne Uhr und ſieben Pfund. „Und dieſer Abſchied,“ fügte Simon bei, indem er das mit Biut befleckte Pergament einem der Be⸗ amten hinbot.„Ich wünſche, daß er vorgeleſen werde. Es iſt zwar eine dürftige Genugthuung, aber doch eine; Barny war kein Deſerteur.“ Die Urkunde, welche den ehrenhaften Charakter des Todten beglaubigte, wurde zuerſt dem Coroner und ſeinem Schwurgericht, dann den Magiſtrats⸗ perſonen übergeben. Mr. Thornton las ſie zuletzt, und zwar laut. Als er ſie ſchon wieder zurückgeben wollte, bemerkte er eine vom Blut faſt verwiſchte Schrift, die er übrigens, wenn er ſie etwas entfernt hielt, leſen konnte. „Das iſt merkwürdig,“ rief er. Es folgte eine allgemeine Bewegung der Ueber⸗ 104 „Inhaber dies, Barny Gee, diente unter mir in der Penſchab⸗Reiterei und rettete mir zweimal das Leben. Da ich mich ihm nicht anders dänkbar er⸗ weiſen kann, habe ich ihm dieſes Certificat ausge⸗ ſtellt, in der Hoffnung, daß es ihm einmal nützlich werden möchte. Lieutenant Boothroyd.“ Das Geſicht des Barons wurde todtenblaß. Es war die Unterſchrift ſeines jüngern Bruders. Das halbunterdrückte Murren der Verwünſchung, das ſein Ohr traf, belehrte ihn, welchen tiefen Un⸗ willen ſein Benehmen eingeflößt hatte. „Ich halte dies für eine unverſchämte Fälſchung,“ rief er. S⸗ läßt ſich leicht ermitteln, Norman,“ ver⸗ ſetzte Squire Blundell.„Da iſt der alte Blackmore, der Sie Beide ſchreiben lehrte.“. Das Dokument wurde dem Dorſſchulmeiſter ein⸗ gehändigt, welcher nach ſorgfältiger Unterſuchung die Aechtheit von ſeines früheren Zöglings Allan Booth⸗ royd's Handſchrift eidlich zu beglaubigen ſich erbot. Abermals faßte der Coroner den Fall zuſammen, aber weit ſorgfältiger als früher, denn die Sache hatte ein Ausſehen gewonnen, das die öffentliche Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen verſprach. Die Geſchworenen traten ab und kehrten nach einer Stunde mit dem Wahrſpruch auf Mord gegen Sir Norman Boothroyd und ſeine Dienſtleute zurück. Ihr Urtheil wurde von den anweſenden Farmern und Freiſaſſen mit einem donnernden Hurrah be⸗ rüßt. „Ich kann dieſen Spruch nicht gelten laſſen,“ 105 ſagte der Coroner, ſobald es ihm gelungen war, die Ruhe wieder herzuſtellen.„Er läßt ſich auch nicht durch das mindeſte Zeugniß rechtfertigen, ynd keine Magiſtratsperſon in der County dürfte hierauf einen gerichtlichen Akt gründen. Sir Norman und ſein Diener waren geſetzlich in ihrem Recht und gaben zu ihrer Selbſtvertheidigung Feuer. Der Hingeſchie⸗ dene, auch wenn er unbewaffnet war, hat den An⸗ dern in einer Beiſtand und Vorſchub geleiſtet.“ Wenn Springthorp ermordet wurde,“ verſetzte der Obmann,„ſo iſt auch der arme Barny ge⸗ mordet.“ „Ich ſag' euch, das iſt nicht der Fall,“ erwi⸗ derte der Coroner.„Ihr müßt euren Wahrſpruch noch einmal in Erwägung nehmen.“ Die Geſchworenen entfernten ſich abermals und tamen nach einer noch längeren Abweſenheit überein, ſich nicht entſchieden auszuſprechen:„der Verblichene ſei erſchoſſen gefunden worden, über die näheren Umſtände aber ſtehe ihnen kein Urtheil zu, weil es an dem erforderlichen Zeugniß fehle.“ Einen Wahr⸗ ſpruch auf„rechtfertigbare Tödtung“ zu erlaſſen, lehnten ſie mit Entſchiedenheit ab, und der Barny⸗ ſche Fall blieb demnach eine offene Frage. Die Aufregung und Unzufriedenheit unter der Menge war groß; in Mitte derſelben ſchlich ſich Sir Norman weislich von hinnen und erreichte ſeinen Wagen, noch eh' ſeine Entfernung von den Pächtern bemerkt wurde. Vielleicht das Erſtemal in ſeinem Leben fühlte er Reue, wie ſie etwa ein herzloſer Selbſtſüchtling fühlen mag, der ſeine eigene theure 106 Sicherheit gefährdet hat; auch bedurfte es einer lan⸗ gen Beſprechung mit ſeinem Advocaten, bis er eini⸗ germaßen die gewohnte Faſſung wieder errang. Am meiſten ärgerte ſich über den Vorfall Lady Boothroyd, obſchon ſie, ihrer alten Rolle getreu, in Anweſenheit des juridiſchen Berathers nur einen Wiederhall zu den Gefühlen und Meinungen ihres Gatten bildete; aber als ſie mit Letzterem allein war, drückte ſie unverholen ihre wahre Anſicht über ſeine erſtaunliche Thorheit aus, daß er den ihm ge⸗ bührenden Einfluß über ſein Pachtvolk einem Schat⸗ ten opfern möge. „Es wird mein ganzer Takt nöthig ſein,“ be⸗ merkte ſie,„um das Unheil wieder gut zu machen, das Sie durch Ihre veralteten Ideen von Herr⸗ ſchaftsrechten und durch die erbärmlichen Balgereien wegen elender Kaninchen angerichtet haben.“ Sir Norman murmelte, ſie möge thun, was ſie wolle, und ſchloß ſich für den Reſt des Tages in ſeinem Bibliothekzimmer ein. Der Leſer wird ſchon bemerkt haben, daß Lady Norman unter die Perſonen gehörte, die, wenn ſie einmal in einer Sache einen Entſchluß gefaßt haben, ihn auch raſch zur That werden laſſen. Sie ließ unverweilt durch einen Bedienten den Steward An⸗ dreas Silex, einen hageren alten Mann, welchen, zum Erſtauen Aller, die ihn kannten, Sir Norman fortwährend mit der Verwaltung der zum Herren⸗ haus gehörigen Güter betraute, zu ſich entbieten. Nachdem ſie ihrem Sendling ihre Weiſungen ertheilt hatte, ſetzte ſie ſich ruhig zu weiterer Erwägung ihrer Plane nieder; wir müſſen ſie jedoch für eine Weile 107 dieſer angenehmen Beſchäftigung überlaſſen, um zu dem armen Simon und ſeiner verwaisten Nichte zu⸗ rückzukehren. In der Hütte des Glöckners drängte ſich's faſt den ganzen Tag von den Beſuchen wohlmeinender Freunde. Manche ehrliche rauhe Hand drückte die des alten Simon, und es fehlte nicht an Beiſtands⸗ anerbietungen; dieſer aber Kehnte dankbar ab, nicht aus Stolz, denn er war eines der demüthigſten und einfachſten Geſchöpfe auf Gottes Erde, ſondern aus Liebe. Er wolle ſelbſt für die Beerdigung des ar⸗ men Barny ſorgen, ſagte er; es ſei der letzte Be⸗ weis von Liebe, den er ihm geben könne, und hierin wie an der Aufgabe, das verwaiste Kind zu ſchützen, möge er Niemand einen Antheil geſtatten. Seine beſſere Hälfte, Eſther, die in St. Faith als eine gar kluge Frau galt, billigte ſeinen Ent⸗ ſchluß. Da ſie ſelbſt keine Kinder beſaß, ſo hatte ſie das hilfloſe Weſen, das ſo unerwartet ihrer Ob⸗ hut zugefallen war, ſchnell lieb gewonnen. Sie mußte etwas haben, was ſie in ihr Herz aufnehmen konnte, und wohl die Meiſten von uns wiſſen, was dies heißen will. Ein Umſtand ſetzte das würdige Paar in Ver⸗ legenheit; Lillian ſprach nämlich nur ſehr wenig Eng⸗ liſch, und weder der Weber noch ſeine Frau verſtan⸗ den ein Wort Hindoſtaniſch. Die Bewohner der Hütte ſaßen bei dem Feuer, Simon mit ſeiner Nichte auf den Knieen an der einen Seite des Theetiſches, und Eſther an der ondern, 4 ein leiſes Pochen an der Thüre ſich vernehmen ieß. 108 „Herein!“ rief der Glöckner. 8 Die Thüre ging auf und der Steward ſchob ſich in das Zimmer. Das Aeußere dieſes Mannes war ebenſo merkwürdig, wie ſein Charakter. Eh' das Alter die hagere linkiſche Geſtalt gebeugt hatte, mochte er wohl ſeine ſechs Fuß gemeſſen haben. Andreas Siler trug ſowohl im Winter als im Som⸗ mer denſelben Anzug, kskinhoſen, Stulpenſtiefel, und einen blauen Leibro mit Meſſingknöpfen. Nie⸗ mand hatte ihn je in einer andern Tracht geſehen, und er that ſich etwas darauf zu gut, in ſeinem Le⸗ ben nie Langhoſen oder Schuhe getragen zu haben. Sein Ausſehen hatte allerdings etwas Moderiges, denn ſeine Kleider ſchienen bis zum Gebrauch nicht in einem chriſtenmenſchlichen leiderſchrank, ſondern in einem Beinhaus aufbewahrt worden zu ſein, und ſeine Geſichtszüge machten denſelben unheimlichen Eindruck. Ungeachtet dieſer Eigenthümlichkeiten war der Steward bei den Pächtern nicht gerade unbe⸗ liebt. Niemand ſprach freier von Sir Norman, als er; aber obgleich er häufig deſſen Befehle als hart und drückend tadelte, befolgte er ſie doch nach dem Buchſtaben. Die Pflicht ſtand obenan; dann kam erſt das Mitgefühl. Für Alle, die zu ihm kamen, hatte er ein freundliches Wort, aber auch weiter nicht; denn obwohl er für reich galt, kargte er doch ungemein mit ſeinem Geld, wie er denn überhaupt nur ſehr wenig Gelegenheit hatte, etwas zu ver⸗ brauchen. „Ah, Mr. Siler, Ihr ſeid es?“ rief Simon er⸗ ſtaunt.„Was führt Euch hieher?“ „Ich komme, um Euch mein Beileid zu bezengen, 109 mein guter Freund,“ verſetzte der Beſuch, der ohne Umſtände nach einem Stuhl langte und ſich einen behaglichen Sitz am Feuer ausſuchte.„Ihr habt's wahrhaftig recht nett hier,“ fügte er bei, in dem ſauber möblirten Zimmer ſich umſehend.„Aber kein Wunder, die Rente, die Ihr zahlt, iſt faſt Null.“ „Eurem Herrn gebührt kein Dank dafür,“ be⸗ merkte Eſther ſpitzig. „Ihr habt ganz Recht,“ erwiderte der Steward. „Ei der Tauſend, iſt dies des armen Barny Kind?“ fügte er bei, die Augen auf Lillian heftend. „Ja,“ antwortete der Weber, ſeinen Schützling küſſend. Der Steward betrachtete das Kind lang und aufmerkſam, dann brach er in ein leiſes, gedehntes Kichern aus. „Sie iſt recht hübſch,“ ſagte er. „Freilich,“ entgegnete ſelbſtgefällig die Tante. „Und gut,“ fügte Simon bei. „Meint Ihr, daß ſie Eurem Bruder viel ähnlich ſehe?“ „Ich denke, ſie gleicht ſeinem Weib,“ ſagte Si⸗ mon,„denn eine Aehnlichkeit mit ihrem Vater kann ich nicht finden.“ Eſther, die des Ausfragens müde zu werden begann, gab ihrem Beſuch ziemlich derb zu verſtehen, daß das tiefe Leid, in welches ſie und ihr Mann verſetzt worden, ihnen Geſellſchaft nicht eben wün⸗ ſchenswerth mache. „Ich kann mir's denken,“ verſetzte der Steward, ohne eine Spur von Empfindlichkeit kund zu thun. „Sir Norman, der nicht ſo ſchlimm iſt, das heißt, — 11⁰ nicht ganz ſo ſchlimm, als Ihr meint, nimmt ſich den melancholiſchen Tod Eures Bruders ſehr zu Herzen und hat mich angewieſen, Euch mitzutheilen, daß er willens ſei, alle Beerdigungskoſten zu be⸗ zahlen.“ „Das geſchieht nicht,“ entgegnete Simon auf⸗ geregt. „Aber ich ſage Euch, er thut's,“ bemerkte der Steward. „Und ich ſage, er thut's nicht,“ rief Eſther Gee. „Und wenn mein Mann vom Morgen bis in die Nacht ſein Weberſchifflein ſchießen laſſen und ich mir das letzte Gewand vom Leib weg verkaufen müßte, obſchon's bei uns noch nicht ſo weit iſt. Wir wei⸗ ſen's zurück mit Verachtung! Wir haben die Hilfe Derer abgelehnt, von denen ſie anzunehmen wir uns nicht hätten ſchämen dürfen— von wohlwollenden Freunden und Nachbarn, Leuten mit Herzen von Fleiſch und Blut und mit warmen, chriſtlichen Ge⸗ fühlen im Leib. Wir lehnen's ab, weil wir dem armen Barny unſere Liebe damit beweiſen wollen, daß wir ihn auf unſere Koſten in die Erde bringen; und glaubt Ihr, wir werden nur einen Heller von ſeinem Mörder annehmen?“ „Mörder iſt ein ſehr hartes Wort, Mrs. Gee— ein ſehr hartes Wort,“ bemertte der Steward.„Es war kein Mord.“„ „Gott wird es ſo nennen,“ verſetzte der Glöckner feierlich,„denn in ſeinen Augen iſt das Blut des Armen und des Reichen, des Geringen und des Vornehmen gleich. Ich möchte lieber an der Stelle des armen Barny dort ſein,“ fügte er bei, nach 111 dem inneren Zimmer deutend, in welchem die Leiche lag,„als an der von Sir Norman Boothroyd.“ „Ihr habt Unrecht, mein guter Freund— glaubt mir, Ihr habt Unrecht,“ verſetzte Andreas Silex. „Der Baron iſt vielleicht nicht, was wir einen guten Mann nennen; in Wahrheit— unter uns geſagt— ich möchte ihn eher als einen ſchlimmen bezeichnen; aber er iſt des von Euch namhaft gemachten Verbrechens nicht fähig. Ich kenne ihn gut; er hätte nicht die Courage dazu. Die gnädige Frau nimmt ſich den Vorfäll ſehr zu Herzen, und ich zweifle nicht, ſie wird etwas Namhaftes, etwas ſehr Namhaftes für das Kind thun, namentlich, wenn ſie ſieht, was es für ein hübſches, anſprechendes kleines Geſchöpf iſt. Sie läßt's vielleicht etwas lernen oder nimmt es Euch ganz ab,“ fügte er bei. „Aber ich würde ihr Lillian nie abtreten,“ fuhr Eſther fort.„Wir können für ſie arbeiten; nicht wahr, Simon?“ „Ei freilich,“ verſetzte der Weber zuſtimmend. „Ihr weist alſo allen Beiſtand zurück?“ fragte der Steward. Vl „Für die Beerdigung ſowohl, als für das Kind?“ „Ja,“ erwiderte einſtimmig das EChepaar. „Wenn's euch anders kommen ſollte, ſo wißt ihr, wo ich zu finden bin,“ bemerkte der Steward, ſich zum Abſchied erhebend. „Es kömmt uns nicht anders.“ „Ich ſagte nur, wenn? Ihr wißt, Untergebene müſſen die Aufträge ihrer Herrſchaft erfüllen. Na⸗ türlich zürnt Ihr mir nicht wegen des Vorgefallenen?“ 112 „Nicht im Mindeſten,“ bemerkte Simon, mit ehr⸗ licher Offenheit die Hand ſeinem Gaſt bietend, der ſie auf's Freundlichſte zwiſchen ſeine langen, knöcher⸗ nen Klauen klemmte und gute Nacht wünſchte. Eh' er die Hütte verließ, warf er noch einen ſpähenden Blick auf Lillian, als wolle er jeden Zug ihres unſchuldigen Geſichtchens ſeinem Gedächtniß einprägen. Obgleich es ſchon ſpät war, kehrte Andreas Siler doch nicht nach dem Farmhaus zurück, ſondern begab ſich in die Halle, wo er in einer langen Audienz der Lady Boothroyd das Ergebniß ſeines Beſuches mittheilte. „Unverſchämt!“ rief die Gnädige im Tone des Aergers.„Es iſt nicht oft, daß ich mich zu verſöhn⸗ lichen Schritten herablaſſe. Ich werde mir keine weitere Mühe geben, ihnen zu dienen.“ „Sie werden es doch,“ bemerkte der Steward. „Sprecht deutlich, Mann; ich kann die Räthſel nicht leiden. Was meint Ihr?“ „Sie haben das Kind noch nicht geſehen.“ „Welches Kind?“ fragte die hochmüthige Frau ungeduldig. „Des todten Soldaten— Barny Gee's. Er brachte es aus Indien mit. Das arme, kleine Ding!“ fügte er bei.„Es iſt jetzt eine Waiſe— ſo jung — ſo intereſſant.“. Der heuchleriſche Ton und das künſtleriſche In⸗ tereſſe des Sprechers für die Waiſe täuſchte die Lady nicht; aber alle ihre Bemühungen, Weiteres aus ihm herauszuholen, blieben fruchtlos. Seine einzige Ant⸗ r n 9 ß E b ¹3 5 8 1e 113 wort auf ihre vielen Fragen lautete:„Sehen Sie ſelbſt; Sie müſſen ſie ſehen.“ Dieſe auffallenden Worte und noch mehr der Blick, von dem ſie begleitet wurden, übten die be⸗ abſichtigte Wirkung, indem ſie die Neugierde der Gebieterin von Meldown Park weckten. Sie be⸗ ſchloß, unmittelbar nach Barny Gee's Beſtattung die Hütte zu beſuchen. Achtes Kapitel. Im ganzen Hauſe rührte ſich noch nichts, als Richard Markham ſchon auf war und das Zimmer unterſuchte, in welchem er die Nacht als Gefangener zugebracht hatte. Jeder Gedanke an eine ihn be⸗ drohende Gefahr oder Gewaltthätigkeit war ver⸗ ſchwunden, denn für ihn gab es nichts zu verlieren; und doch fühlte er ſich kaum weniger elend, wenn er an Diejenigen dachte, welche er im Jammer und Mangel gelaſſen hatte. Er wußte, wie ſehr der Kummer ſeiner Mutter durch die Angſt und die Un⸗ gewißheit wegen ſeines Ausbleibens erhöht werden mußte; und dazu die arme Marie— was hätte er nicht gegeben um eine verläßliche Kunde über ihr Befinden? Sobald er ſein behagliches Bett verlaſſen hatte, öffnete er zuerſt das Fenſter. Die Ausſicht war, wie in der Regel von der Hinterſeite der Londoner Häuſer, niederſchlagend genug— ein Gewirr von Smith, Ebbe u. Fluth. I. 8 Dächern und Schornſteinen, auf denen die Sperlinge 114 ſo fröhlich umherhüpften und zirpten, als gebe es keine grünen Felder, Bäume und Büſche. Der Knabe betrachtete ſie mit einem Gefühl von Neid; denn ſie waren frei und er ein Gefangener. Das Fenſter ſtand vom Boden wenigſtens ſechzig Fuß ab, und ohne eine Leiter oder ein Seil hinunter⸗ zukommen war unmöglich. Das Letztere würde frei⸗ lich Jack Manders, hätte er ſich in einer ähnlichen Lage befunden, aus den Betttüchern und Vorhängen improviſirt haben, denn er war ein Burſche von ungemein fruchtbarer Erfindungsgabe, freilich aber auch in einer ganz andern Schule erzogen worden, als unſer Held. Sein Onkel hatte die Newgate⸗ gymnaſtik, wie die Diebe ſie in ihrer Kunſtſprache nannten, zu einem Zweig ſeiner Bildung gemacht. Der Gefangene erhob ſeine Augen zu dem Dach, das über die Mauer vorſprang, aber es befand ſich weit außer dem Bereich ſeines Armes, ſelbſt wenn er den Muth gehabt hätte, ſich demſelben anzuver⸗ trauen. In ſeinen Hoffnungen, auf dieſem Wege zu entrinnen, getäuſcht, wandte er ſeine Aufmerkſam⸗ keit der Thüre zu; ſie war gut und feſt und wider⸗ ſtand allen ſeinen Anſtrengungen, ſie aufzuzwängen. „Ich muß das Holz um den Schließhaken her weg⸗ ſchneiden,“ dachte er;„dieß iſt meine einzige Aus⸗ ſicht.“ Er hatte ein Meſſer in der Taſche und ging entſchloſſen an's Werk. Wie würde Jack Manders elächelt haben, hätte er die nutzloſe Mühe und die enge Holzſpäne mit angeſehen, die allmälig den Boden bedeckten. Mit einem Meſſer, ja, mit roſtigen Nagel wäre es ihm leicht geweſen, ein vie n n er n, he in r⸗ ge r⸗ g⸗ ng rs ie en m el 115⁵ ſtärkeres Schloß auszubrechen, als das war, welches unſern Helden gefangen hielt. Der arme Knabe mühte ſich ſo ernſtlich ab, daß er in kurzer Zeit auf eine der Schrauben kam, die das Schloß feſthielten; aber jetzt brach die Klinge, und ſeine letzte Hoffnung war dahin. Vom Schmerz überwältigt, warf er ſich auf das Vett und begrub ſein Geſicht in den Kiſſen, um die Thränen zu ver⸗ bergen, deren er ſich ſchämte. Als zwei Stunden ſpäter der Diener das Früh⸗ ſtück brachte, machte er große Augen über die Pro⸗ ben von Richards Fleiß, ſagte aber nichts, da ihm ſein Gebieter alles Fragen oder Antworten ſtreng verboten hatte. Er ſtellte die Eßwaaren ruhig auf den Tiſch und verließ das Zimmer, deſſen Thüre er ſorgfältig wieder verſchloß. Im Lauf des Tages beſuchte der Rechtsgelehrte ſeinen Gefangenen und fand ihn am Fenſter ſitzen, während das Frühſtück noch unberührt auf dem Tiſche ſtand. „Das iſt thöricht, mein armer Knabe,“ bemerkte er in freundlichem Ton. „Sie können mich hier feſthalten,“ verſetzte unſer Held mit Feſtigkeit,„aber mich nicht zum Eſſen zwingen.“ „Das wird der Hunger thun,“ erwiderte der Gentleman,„der ſchon bei den härteſten und ent⸗ ſchloſſenſten Menſchen ähnliche Vornehmungen ge⸗ brochen hat. Du fühlteſt noch nie, was wahrer Hunger iſt.“ Richard antwortete darauf mit einem ſchmerzlichen 8* Lächeln. 116 „Seine erſten Stadien ſind Dir wahrſcheinlich nicht fremd,“ fuhr Mr. Morton fort,„aber nicht ſeine letzten, wenn der nagende Schmerz ſich zum Wahnſinn ſteigert. Warum betrübeſt Du Diejenigen, die Dir wohl wollen?“ „Ich kann nicht eſſen,“ verſetzte Richard,„wenn ich weiß, daß Diejenigen, die ich liebe, verhungern.“ „Du meinſt Deine Mutter und Schweſter?“ „Ja.“ „Es wird für ſie geſorgt werden— ja, ohne Zweifel iſt es bereits geſchehen; denn der Gentleman, der ſich für Dich intereſſirt, hat mir's verſprochen, und er iſt nicht der Mann, der nicht Wort hielte.“ „Gott ſegne ihn dafür,“ verſetzte der Knabe im Tone tiefer Erregung.„Aber wenn er ſo wohl⸗ wollend iſt, warum hält er mich hier zurück?“ „Zu Deinem Beſten.“ Richard ſah ihn zweifelhaft an. „Und im Intereſſe Derjenigen, welche Dir am theuerſten ſind,“ fuhr Mr. Morton fort.„Dein Wohlthäter iſt ein ſehr reicher Mann, wenn auch etwas excentriſch in ſeiner Denk⸗ und Handlungs⸗ weiſe. Er weiß bereits, daß Deine Geſchichte wahr iſt, und kennt außerdem, was Du ſorgfältig vor ihm geheim hielteſt.“ „Was ich vor ihm geheim hielt?“ entgegnete Richard erſtaunt. „Ja; die Trunkliebe Deines Vaters.“ Richard erröthete hoch. „Welche nicht nur ſein Weib, ſondern auch ſeine Kinder in Armuth, Elend und Schande ſtürzt.“ 117 ich„Es ſtand mir nicht zu, von den Fehlern meines cht Vaters zu ſprechen.“ m„Recht,“ verſetzte der Gentleman beifällig.„Ich n, zweifle nicht, daß wir uns mit der Zeit vollkommen verſtehen werden. Der Freund, den die Vorſehung nn Dir ſo unerwartet in dem Augenblicke ſandte, als .“ Du am Ronde des Verbrechen ſtandeſt, hat beſchloſſen, Dich dem ſchlimmen Einfluß eines ſolchen Beiſpiels zu entreißen, Dich erziehen zu laſſen und für Dich ne zu ſorgen— unter einer Bedingung, nämlich der, m, daß Du einwilligſt, London zu verlaſſen und in n, einem entlegenen Theil des Königreichs bei einem Beiſtlichen zu wohnen, der nur ſechs Zöglinge an⸗ 3 nimmt und—“ hl⸗„London zu verlaſſen, ohne meine Mutter wieder zu ſehen?“ rief der Knabe unwillig.„Nie— nie!“ „Du vergißſt die Vortheile.“ „Nein.“ m„Die Gelegenheit, Dich einem Leben des Elends, ein wo nicht des Verbrechens zu entreißen— eine ehren⸗ uch haſte Stellung zu erringen in der Achtung der Welt 3... — und am Ende Denjenigen nützlich zu werden, die . Du liebſt.“ hm Richard ſchüttelte ungeduldig den Kopf. Sein erz war nicht überzeugt. ete„Hör' mich aus,“ fuhr Mr. Morton fort. „Weigerſt Du Dich, ſo habe ich die Weiſung, Dich vor einen Friedensrichter zu ſtellen. Der Gentleman wird gegen Dich auftreten, und die Folge davon wird ſein—“ „Daß man mich freiſpricht. Mein Ankläger ine — 118 weiß, daß ich kein Dieb bin, und ſein eigenes Zeug⸗ niß wird meine Unſchuld beweiſen.“ „Gleichwohl droht Dir als Diebsgenoſſen auf zwei Jahre in ein Pönitentiarhaus geſchickt zu wer⸗ den,“ erwiderte der Rechtsgelehrte ernſt,„handle vernünftig, und ich will ſo weit von meiner Inſtruc⸗ tion abgehen, daß ich Dir geſtatte, an Deine Mutter zu ſchreiben.“ „Zu ſchreiben, nicht ſie zu ſehen, Sir?“ „Dies wage ich nicht zu erlauben.“ „Und was bürgt mir für Ihr Worthalten, wenn ich einwillige?“ „Eben mein Wort,“ verſetzte der Rechtsgelehrte. „Du willigſt alſo ein?“ „Ja. Die Zuſage wurde mit Widerſtreben gegeben— ihm durch die Gewalt von Umſtänden entriſſen, die der Knabe nicht zu bewältigen vermochte; doch ältere Köpfe ſind ſchon in der Lage geweſen, ſich demſelben verhängnißvollen Geſetz, der Nothwendigkeit, zu beu⸗ gen. Gleichwohl geſchah es mit dem geiſtigen Vor⸗ behalt, wo möglich zu entwiſchen. „Und Du verſprichſt mir, nicht davonzulaufen?“ fügte der Rechtsgelehrte bei. „Verlangen Sie nicht von mir, daß ich dies verſpreche,“ antwortete Richard;„denn wenn ich eine Gelegenheit ſehe, mich zu befreien, ſo ſagt mir mein Herz, daß ich nicht Wort halten könnte.“ In dieſer Antwort lag eine Offenheit und Ehr⸗ lichteit, welche die gute Meinung beſtärkte, die der Agent des geheimnißvollen Wohlthäters von ihm zu hegen begann. r⸗ le er 119 „So muß ich mich eben auf die Wachſamkeit meines Dieners verlaſſen,“ bemerkte er mit einem ruhigen Lächeln,„und der Thüre einen Riegel vor⸗ ſchieben. Ich ſehe, Du haſt Dir bereits mit dem Schloß zu ſchaffen gemacht; aber Du hätteſt zuerſt durch mein Bureau müſſen, in welchem ein halbes Dutzend Schreiber ſitzt.“ „Wann darf ich meinen Brief ſchreiben?“ fragte Richard mit einem Seufzer; denn er ſah, wie hoff⸗ nungslos ſich jeder Verſuch, das Haus zu verlaſſen, erweiſen mußte. „Nach dem Frühſtück,“ erwiderte Mr. Morton, mit einem Lächeln auf den Tiſch deutend.„Du magſt darin ſagen, daß Du einen Freund gefunden, der Dir verſprochen habe, für Dich zu ſorgen und Dir weiter zu helfen. Meinen Namen aber darfſt Du nicht nennen.“ Der Knabe las in dieſem Verbot wenigſtens eine Bürgſchaft für die Abſicht einer treuen Ueberliefe⸗ rung, und mit ſchwerem Herzen ſetzte er ſich an den wohlbeſtellten Tiſch nieder. „Wenn nur meine Mutter und Marie daran theilnehmen könnten,“ dachte er;„wie glücklich würde es ſie machen.“ Wie wenig ahnte er von dem Wechſel, der in⸗ zwiſchen ſtattgefunden hatte. Der Brie war geſchrieben. Unſere Leſer wiſſen bereits, warum Rachel ihn damals nicht erhielt. Am Ende der Woche brach Richard, der einen ſchönen Anzug erhalten hatte, in Geſellſchaft des freundlichen Rechtsgelehrten nach Jerſey auf, um ddeſelbſt der Obhut des ehrwürdigen Hnias Brown — 120 vertraut zu werben, der ſechs Zöglinge für die Armee, für Indien und für die Univerſität vorbereitete. Vor dem Abgang von London hatte unſer Held noch eine Beſprechung mit ſeinem ſeltſamen Wohlthäter, der mit Befriedigung die vortheilhafte Veränderung wahrnahm, die mit ſeinem Schützling vorgefallen war. „Ein hübſcher Knabe, Morton,“ rief er.„Schade, wenn er aus Mangel an Erziehung zu Grunde ginge.“ „Ja wohl, Sir.“ „Willſt Du mir Deine Hand geben?“ ſagte der Gentleman, Richard die ſeinige hinbietend. Der Knabe gab ſie ihm mit Widerſtreben. „Ich ſehe, Du haſſeſt mich,“ bemerkte der Gent⸗ leman mit bitterem Gefühl.„Doch es überraſcht mich nicht. Ich erwarte keinen Dank in dieſer Welt,“ fügte er mit einem Seußzer bei. „Ich kann Sie nicht haſſen,“ verſetzte der Knabe. „Warum zögerteſt Du, mir Deine Hand zu geben?“ „Weil ich Sie nicht begreife. Ich würde kauſend⸗ mal lieber in meine Armuth zurückkehren und zu denen, die ich liebe.“ „Hm, jedenfalls ein treues Herz,“ murmelte der Unbekannte. „Das verdank ich meiner lieben Mutter.“ „Deine Anhänglichkeit an ſie nimmt mich nicht Wunder,“ ſagte der Gentleman;„denn je mehr ich von Dir ſehe, deſto mehr fühle ich Theilnahme für Dich. Ich würde ihr auch Beiſtand geleiſtet haben,“ fügte er bei,„aber die Perſon, die ich Erkundigung einziehen ließ, berichtet mir, daß ihre Freunde ſich ihrer angenommen hätten.“ „Mein Großvater!“ rief Richard erfreut.„Ich ee, or ch r, r. e, A er t⸗ ht A u er 121 hoffe, es iſt mein Großvater. Wie glücklich wird ſie dies machen.“ „Iſt er denn ſo reich?“ „Ich weiß nichts von ſeinem Reichthum,“ ver⸗ ſetzte der Knabe,„und weiß überhaupt nur, daß ich einen Großvater habe, weil man mich lehrte, für ihn zu beten; aber meine Mutter liebt ihn innig. Erſt an dem Tage, an dem ich zuerſt mit Ihnen zuſam⸗ mentraf, trennte ſie ſich von dem kleinen goldenen Schloß, das ſein Haar enthielt. Ich werde es nie vergeſſen, wie ſie es küßte und darüber weinte.“ „Ha, dieſe City⸗Menſchen,“ rief der Wohlthäter; „dieſe Menſchen von Gold und Disconto's! Ihre Herzen ſind von Eiſen.“ 2 „Sicherlich nicht bei Allen,“ bemerkte der Rechts⸗ gelehrte. „Bei Allen,“ entgegnete ſein Klient,„wenigſtens der Geſinnung nach, und das kömmt auf's Gleiche heraus. Gott befohlen,“ fügte er bei, Richard ſeine Hand bietend.„Fälle kein Urtheil über mich, bis Du alt genug biſt, mich zu verſtehen. Verdien⸗ meine Güte durch ein gutes Verhalten, und Du wirſt finden, daß Dir der Zufall Deine natürlichen Freunde durch einen Mann erſetzt hat, deſſen Ab⸗ ſichten vielleicht noch wohlwollender ſind als ſeine Worte.“ Der ernſte Ton, mit welchem dies geſprochen wurde, machte auf Richard einen entſprechenden Ein⸗ druck; er konnte einem unwillkürlichen innern Drange nicht widerſtehen, und bot dem Fremden von freien 5 Stücken ſeine Hand. „Gott ſegne Dich, mein armer Junge,“ rief der 122 Gentleman, ſie mit Wärme drückend.„Wir werden mit der Zeit ganz vortreffliche Freunde werden.“ „Er muß mich vorher meiner Mutter zurück⸗ geben,“ ſagte unſer Held nach deſſen Entfernung. „Ich fühle, daß ich ihn dann lieben kann.“ „Alles zu ſeiner Zeit,“ entgegnete der Rechts⸗ gelehrte lächelnd. Auf dem Weg nach Southampton theilte er ſei⸗ nem jungen Begleiter mit, daß ihm dieſer einen Ge⸗ fallen erweiſen könne. „Ich, Sir? von Herzen gerne.“ „Hör' mich erſt an!“ fuhr Mr. Morton fort. „Nach Allem, was ich von Dir geſehen habe, hege ich ein großes Vertrauen zu Deiner Aufrichtigkeit. Ich habe einen Sohn, ungefähr von Deinem Alter, der ſchon ſeit fünf Jahren ein Zögling der Schule iſt, an welche Du jetzt gleichfalls kommen ſollſt.“ „Ich bin überzeugt, daß ich ihn lieben werde!“ rief Richard. „Ich hoff' es; aber dies iſt nicht Alles. Ich wünſche von Dir das Verſprechen, daß Du ihm ohne meine Erlaubniß nie die Umſtände mittheilſt, unter denen wir mit einander bekannt geworden ſind. Willſt Du nicht darauf eingehen, ſo muß ich für ihn einen andern Lehrer ſuchen.“ „Um meinetwillen ja nicht,“ verſetzte Richard; „ich verſpreche es treulich.“ Der Rechtsgelehrte dankte ihm und fühlte ſich durch ſein Wort vollkommen befriedigt. Zwei Tage nachher erreichten ſie ihren Beſtim⸗ mungsort, Jerſey, und der lang vernachläſſigte Knabe fand daſelbſt ein Unterkommen in einem ſchönen Land⸗ 123 haus, von deſſen Fenſtern aus man einen maleriſchen Ueberblick über die St. Clementsbai hatte. „Wenn der Sohn dem Voter gleicht,“ dachte Richard, dem abfahrenden Dampfer nachſehend,„ſo werde ich ihn ſicherlich liebgewinnen. Aber wie wird Alles dies enden? Iſt es Traum oder Wirklichkeit?“ Dieſe Frage ſtellte er wiederholt an ſich, als er an der Seite des ehrwürdigen Onias Brown nach der Villa zurückging. Dieſer hatte indeß dem Shetiff und dem Hafenbeamten die Weiſung ertheilt, auf den Knaben ein wachſames Auge zu haben, im Fall ihn die Luſt anwandeln ſollte, von der Inſel zu ent⸗ weichen. Wir hoffen, daß der Leſer durch unſere Zickzack⸗ wanderungen nicht müde geworden iſt. Von den Canalinſeln bis Blackheath iſt kein unbeträchtlicher Sprung; und doch müſſen wir bitten ihn mitzumachen. Die Feder verſteht ſich noch beſſer auf Zauberei, als der Dampf, und vernichtet Raum und Zeit noch ſchneller. Preſto! Der Wechſel iſt geſchehen, und ſtatt der maleriſchen Felſen, der tiefblauen Buchten und der faſt italieniſchen Landſchaft Jerſey's liegt wieder in Vogelperſpektive das liebe, alte, rauchige London unter uns, und zwar der Theil in der Nach⸗ barſchaft von Greenwich Park, dieſem Paradies der Cockney's, Penſionäre und Kindsmädchen. Mr. Bently war jeden Tag in dem Hauſe ſeines Freundes Peter Mangles zu Beſuch, und dieſer ſchloß aus der Angſt und Innigkeit, welche der Kaufmann an den Tag legte, bis der Arzt ſeine Kranke außer und dem ungehorſamen Kind eine volle Verſöhnung Gefahr erkiärte, daß zwiſchen dem ſtrengen Vater 124 ſtattfinden werde. Dies war der einzige Lohn, den der wohlwollende alte Mann für ſeine uneigennützigen Anſtrengungen wünſchte und in deſſen Vorgenuß er bereits ſchwelgte. Mit dem Zurücktreten der Gefahr wurden jedoch die Gefühle des Kaufmanns allmälig kühler, und er vermied ſorgfältig jede Anſpielung auf den Gegenſtand, ſo daß der Buchhalter ſich vor⸗ nahm, ihm ganz unverholen zu Leib zu gehen und zum Ausweichen keine Gelegenheit zu laſſen. „Dieſer Poſten ſteht ſchon Jahre lang offen, Ri⸗ chard,“ ſagte er,„und muß Ihnen ſchon manche ſchlafloſe Nacht verurſacht haben. Jedenfalls iſt mir's ſo ergangen. Glauben Sie nicht, es ſei Zeit, einen Strich dadurch zu machen, bezahlt darunter zu ſchrei⸗ ben und die arme Rachel wieder an Ihr Herz zu nehmen? Ich will jetzt noch keine Antwort,“ fügte er haſtig bei, da ihm die umwölkte Stirne ſeines Zuhörers nicht ganz gefiel;„Sie haben noch erſt die Hälfte von dem gehört, was ich vorzubringen habe.“ „Ich bin bereit zu hören,“ bemerkte der Kauf⸗ mann ruhig. „Recht; nichts geht über Geduld in Geſchäfts⸗ ſachen. Nun, Ihr Kind hat viel durchgemacht und eine große Dividende in Kummer und Thränen ge⸗ zahlt. Der Verluſt ihres Knaben hat ihr faſt das Herz gebrochen. Wahrhaftig, Richard,“ fuhr er fort, „es iſt Zeit, das Alte zuzudecken und über die Er⸗ innerung an die Vergangenheit mit dem Schwamm zu fahren.“ „Ich bin bereit, ſehne mich ſogar, ihr zu ver⸗ geben,“ verſetzte Mr. Bently bedächtig,„und möchte ſie gern wieder in meine Liebe aufnehmen.“ 125 „Gott ſei Dank!“ rief Peter Mangles, ihm die Hand drückend;„ich glaubte immer, daß Sie das Herz am rechten Fleck haben; nur iſts ein bischen ſchwer ihm beizukommen.“ „Unter einer Bedingung,“ fügte Rachels Va⸗ ter bei.. Der Buchhalter wiederholte langſam die Worte. „Daß ſie ſich von ihrem unwürdigen Gatten trenne.“ „Trenne?“ rief Peter im Tone der Ueberraſchung und des Unwillens.„Sie vergeſſen, daß ihr Bund fürs ganze Leben gilt. Von Trennung reden, wenn's einmal ſo ausſieht, und Georg, der ſich gebeſſert hat, ſein Brod durch ehrlichen Fleiß verdient! Ich ſagte eine Lüge, Richard: Sie haben das Herz nicht am rechten Fleck, wenn Sie mit ſolchen Vorſchlägen kom⸗ men; und was noch ſchlimmer iſt, ich fürchte, es wird nie an den rechten Fleck kommen. Ich möcht's lieber auf mich nehmen, einen ſchlechten Wechſel zu discontiren, als Ihr Gemüth zu rühren.“ Mr. Bently nahm dieſe Vorwürfe eher mit Schmerz als mit Unwillen hin, denn er begriff voll⸗ kommen die Wärme des Sprechers, wenn deſſen Ge⸗ fühle aufgeregt waren. Das letztere kam freilich nicht häufig bei ihm vor, da in allen gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens Peter Mangles ſich ſo talt wie die Freundſchaft der Welt gegen das Flehen der Armuth, oder ſo proſaiſch verhielt wie eine Zah⸗ lenreihe in ſeinem Hauptbuch. „Hören Sie jetzt auch mich an,“ ſagte der Kauf⸗ n„nachdem ich Ihnen geduldig Gehör geſchenkt abe.“ 126 Der Buchhalter antwortete darauf mit einem un⸗ zufriedenen„Hm!“ „Wäre Georg Markham nicht ſo ganz und gar verſunken, ſo hätte ich auch auf ihn meine Verzeihung ausdehnen können. Sie ſagen, er verdiene ſich ſei⸗ nen Unterhalt durch ehrliche Arbeit— gut; aber wie bringt er ſeine Nächte zu? in der verworfenſten Schlemmerei, auf Schauplätzen des Laſters und der ſchamloſeſten Ausſchweifung.“ „Glauben Sie doch dies nicht,“ unterbrach ihn ſein Zuhörer. „Ich hab' ihn bewacht,“ ſagte der Kaufmann. „Durch Ihre Werkzeuge. Ich möchte keinem da⸗ von trauen.“ „Nein, ich ſelbſt that es,“ entgegnete Richard Bently,„denn ich war diesmal entſchloſſen, meinem Gewiſſen keinen Raum zu gönnen, um mir Vorwürfe zu machen. Ich folgte ihm Nacht um Nacht nach den Höhlen, wo die Schande ihren Hof hält, und Trunk⸗ ſucht und Unehrlichkeit ihren ſchnöden Gelüſten fröh⸗ nen. Sie können ſich meinen Jammer, meine Scham denken, als ich mich mit meinen eigenen Sinnen über⸗ zeugte, daß mein Kind, mein einziges Kind, das Weib eines ſolchen Menſchen ſei, geſchändet durch ſeinen Namen und noch mehr durch die Zähigkeit, mit der ſie an ihm feſthält. Ich kann die Liebe ver⸗ ſtehen,“ fügte er bei,„die der Meinung der Welt trotzt und ſelbſt den Zorn eines Vaters nicht ſcheut; aber die Liebe, welche die Achtung überlebt, verdient dieſen Namen nicht mehr; ſie iſt entartet zur Leiden⸗ ſchaft— zu einer wilden, unbändigen Leidenſchaft.“ Dies war ein ſchwerer Schlag für Peter Mang⸗ 127 les Hoffnungen. Er hatte ſich ein ſo ſchönes Bild von Rachels Verſöhnung mit ihrem Vater entworfen und ſah im Geiſte Georg bereits wieder im Comp⸗ toir, wie er unter ſeiner Leitung die Bücher führte und am Ende ſelbſt einen Antheil an der Firma er⸗ hielt. Da dies wahrſcheinlich der einzige Traum ſeines Lebens geweſen war, ſo erfüllte in gleichem Maß deſſen Fehlſchlagen ſeine Seele mit herber Ent⸗ rüſtung gegen Rachels Gatten. „Der Thor, der herzloſe Thor!“ murmelte er bitter.„Wenn ich es von andern Lippen hörte, als von den Ihrigen, Richard, ſo würde ich es nicht glauben. Wie, ſeinen Sohn verloren, ſein Weib am Sterben, und doch— Ach, ſchlimme Welt! du wirſt bald bankrutt ſein, ſo weit edler Sinn und Recht⸗ ſchaffenheit in Frage kommen.“ Wohl oder übel nahm er es auf ſich, ſeinem lei⸗ denden Gaſt die Bedingung mitzutheilen, unter wel⸗ cher der Vater die Tochter wieder aufzunehmen wil⸗ lens war. „Ah, Rachel, Ihr kommt wieder zu Kräften,“ ſagte er, denn er pflegte ſeinen Gaſt ſtets mit dem Taufnamen anzureden.„Wenigſtens fünfzig Procent beſſer in der letzten Woche.“ Die bekümmerte Mutter lächelte matt. „Ich muß etwas mit Euch ſprechen,“ fuhr er fort;„aber nicht jetzt, wenn Ihr denkt, es könnte Euch angreifen.“ „Jetzt,“ rief die Leidende aufgeregt;„haltet mich nicht in Ungewißheit. Ihr habt etwas von meinem armen verlorenen Knaben gehört?“ Peter ſchüttelte den Kopf und ein tiefer Seufzer 128 verrieth, wie ſehr ihr die getäuſchte Hoffnung zu Herzen ging. „Wir finden ihn ſchon noch,“ bemerkte er, eine heitere Miene verſuchend.„Ich bin überzeugt, wir finden ihn. Hab' in meinem Leben nie etwas ver⸗ loren geben müſſen, als jene unglücklichen Werth⸗ papiere,“ fügte er für ſich ſelbſt bei. „Keine Kunde von meinem Sohn?“ murmelte Rachel. „Habt Ihr ſonſt Niemand, den Ihr liebt?“ „Georg und—“ „Nennt ihn nicht,“ unterbrach ſie der Buchhalter leidenſchaftlich.„Er hat mich getäuſcht, alle meine Berechnungen über den Haufen geworfen und alle meine Plane zu ſeinem Beſten vereitelt. Er iſt ein herzloſer, elender Trunkenbold, ein ſchlechter Gatte und ein noch ſchlechterer Vater. Nein, Rachel, nicht von ihm wollte ich mit Euch ſprechen, ſondern von Eurem Vater. Ihr braucht nur ein Wort zu reden, und er nimmt Euch wieder auf in ſein Herz und in die Heimath Eurer Jugend.“ „Soll mein Gatte Theil daran haben?“ fragte Rachel in hoher Erregung. „Ich ſag' Euch, er iſt deſſen nicht würdig,“ ver⸗ ſetzte Peter Reangle„Während Ihr auf dem Kran⸗ kenbett lagt, ſchwelgte er und verbrachte ſeine Nächte in den ſchnödeſten Ausſchweifungen.“ „Nein, nein!“ kreiſchte die Gattin aus ſchwer ge⸗ ängſtigter Seele.„Ich kann es nicht glauben.“ Eine Fluth von Thränen ſchaffte ihr Erleichterung, und der wohlwollende Buchhalter weinte aus Theil⸗ nahme mit. — S e— 8S 8S c— 8 —— ————— — 129 „Es iſt nur zu wahr,“ nahm er wieder auf. „Euer Vater ſelbſt hat ihm Nacht für Nacht auf ſei⸗ nen Schleichwegen zu Schlupfwinkeln nachgeſpürt, die ich nicht beſchreiben will, ja, nicht einmal kann, denn ich habe keine Vorſtellung von ihnen; daß ſie aber etwas Schreckliches ſein müſſen, darf ich wohl aus Richards hohem Unwillen ſchließen. Rachel, Ihr wißt, wie ich für Georg eingeſtanden bin, während Alles gegen ihn war— wie ich hoffte, gegen alle Hoffnung, er werde ſich eines Tages beſſern und Alles wieder gut machen; jetzt aber gebe ich ihn auf und rathe Euch als Euer älteſter Freund, der Euch wie ein Vater liebt, kehrt zurück in Eure elterliche Heimath und zum Vaterherzen.“ Rachel ſah ihn mit einem ſo wehmüthigen Blicke an, daß er halb bereute, ſich dieſer Aufgabe unter⸗ zogen zu haben.. „Wollt Ihr beide Eure Kinder verlieren?“ fügte er, auf Marie deutend, bei. Peter hatte die rechte Saite berührt. Die müt⸗ terliche Liebe konnte allein den Kampf aufnehmen mit der Hingebung des Weibes. Um das ihr noch gebliebene Kind vor Elend und Schmach zu bewah⸗ ten, konnte ſie jedes Opfer bringen. „Ich muß ihn ſehen!“ rief ſie. „Wen ſehen— Euren Vater?“ „Nein, meinen Mann,“ antwortete Rachel.„Er muß meinen Entſchluß und deſſen Rechtfertigung aus meinem eigenen Munde kennen lernen. Wären Lei⸗ den und Armuth durch Unkenntniß der Welt oder als höhere Schickung über uns in en ſo Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 130 könnte ich ſie geduldig ertragen und ohne Murren oder Vorwurf für ihn fortarbeiten. Nur das La⸗ ſter vermag uns zu trennen, nicht das Leiden.“ „O des Elends— des hoffnungsloſen Elends,“ fuhr ſie händeringend fort,„das ſich an das Weib eines Trinkers heftet! Von den Wonneträumen ihrer Jugend ſchwindet einer um den andern; zuerſt Schrecken, dann Abſcheu treten an ihre Stelle, bis das Herz zum Grab geknickter Gefühle wird, die in ihrer Aſche keine zarte Erinnerung zurücklaſſen. Mein Sohn iſt bereits geopfert. Die Mutterliebe befiehlt mir, wenigſtens ſeine Schweſter zu retten.“ „Und es iſt ein weiſer Befehl,“ rief Peter Mang⸗ les, erſtaunt über ihre Feſtigkeit und Entſchloſſenheit. „Nichts geht über das Zeichen einer Abſchlußbilanz, wenn die Rechnung unbefriedigend iſt.“ Hätte er Zeuge des ſchweren Kampfes und der Thränen ſein können, welche ſeiner Entfernung aus dem Zimmer folgten, ſo dürfte er es wohl als räthlich erachtet haben, ſie noch ein wenig länger offen zu halten, oder mit andern Worten, dem verirrten Gat⸗ ten noch eine Probezeit zu gewähren. Neuntes Kapitel. Sollte irgend ein ſpeculativer Schriftſteller Luſt haben, eine Geſchichte von St. Faith zu ſchreiben, ſo dürfte er für dieſen Zweck reichliches Material auf dem Dorftirchhof finden; denn abgeſehen davon, daß z er us ich zu at⸗ uſt 131 wir ihn unbedingt für einen der maleriſchſten im ganzen Land erklären müſſen, iſt er auffallend reich an ununterbrochenen Reihen von Grabſteinen, dieſen letzten Ruheſtätten eines ſtämmigen Geſchlechts von Landleuten, die im Bereich des Klangs der heimath⸗ lichen Glocken geboren wurden, in Mühe und Arbeit ihr Leben hingeſchleppt haben und geſtorben ſind. In der That befindet ſich kaum eine Familie in der Pfarrei, deren Genealogie ſich nicht durch die er⸗ wähnten ſteinernen Dentzeichen ſo klar nachweiſen ließe, daß höchſtens einem Advocaten oder einem ge⸗ täuſchten Erbſchaftscandidaten ein Zweifel kommen könnte. So findet man zum Beiſpiel ſeit mancher Gencration die Minters ſo dicht wie Bienen an der Vorderſeite des ſeltſam gemeiſelten altnormänniſchen Porticus geſchaart; die Sparrows(Sperlinge) ſchlafen, nachdem des Lebens Gezwitſcher vorüber iſt, in ihren Neſtern unter der Mauer des ſüdlichen und die Gil⸗ berts unter dem Schatten des nördlichen Chorgangs, während die Whiteheads, Spaldings und Craſhers freundnachbarlich auf dem großen, freien Platz vor dem hohen Glockenthurm ruhen, der, in einen dichten Epheumantel gehüllt, einer treuen Schildwache gleich daſteht, um den Stürmen der Jahrhunderte zu trotzen. Ein Leichenzug bewegte ſich langſam den mitt⸗ leren Kirchhofweg dahin. Seit der Beſtattung des letzten Grundherrn, deſſen freundlich zu gedenken die ganze Pächterſchaft guten Grund hatte, war in St. Faith keine ſolche Menge von Leidtragenden ge⸗ ſehen worden. Die größeren Pächter, die Söldner und Beiſitzer ſammt ihren Weibern und Söchtern, 6 132 kurz, faſt die geſammte Dorfeinwohnerſchaft war zu⸗ gegen, und zwar nicht blos aus Theilnahme für den arinen Glöckner, ſondern um durch ihr Erſcheinen einen Proteſt gegen die barbariſche Handlung zu er⸗ iien welche ſeinem Bruder das Leben gekoſtet hatte. Die Menge verhielt ſich vollkommen ruhig und ordentlich, was wohl vornehmlich ſeinen Grund in der Anweſenheit des mit Recht bei dem Volke ſo be⸗ liebten Mr. Thornton, außerdem aber auch in der Feierlichkeit des Anlaſſes haben mochte; dabei waren jedoch die Rachegefühle gegen Sir Norman und ſeine Parkwächter ſo rege als je, und bedurften nur eines Anſtoßes, um loszubrechen. Der ehrwürdige Mr. Poundtert, der die ſchönen Trauergebete vorlas, fühlte ſich anfangs etwas ängſt⸗ lich, als er die ganze Kirchſpielbevölkerung dem Sarge folgen ſah; die Anweſenheit des Friedensrichters übrigens beruhigte ihn wieder, weil er ſich wohl denken konnte, daß es in deſſen Gegenwart zu keinen unziemlichen und aufrühreriſchen Kundgebungen kom⸗ men werde. Simon und ſein Weib ſtanden, die verwaiste Lillian bei der Hand haltend, zu den Häupten des Grabes. Bei Allem, was die Kleine ſah und hörte, zeigte ihr Geſicht einen Ausdruck unſchuldiger Neu⸗ gierde. Vielleicht war ſie zu jung, um ihren Verluſt zu verſtehen; und doch mußte ſie deſſen Ausdehnung einigermaßen begriffen haben, denn man hörte ſie mehrmal die Worte vor ſich hinmurmeln:„Armer Barny!“ 3 Eſther kam es ungemein befremdlich vor, daß ſie † u⸗ n n d in e⸗ er en ne en ſt⸗ ge rs hl en te es u⸗ uſt 133 ihren Vater ſtets bei deſſen Taufnamen nannte. Nach vollbrachter Beerdigung begleitete der Zug die Hauptleidtragenden nach ihrer beſcheidenen Hütte zurück. Dort angelangt, wandte ſich der Weber um, nahm ſeinen Hut ab und rief: „Dank euch, Freunde und Nachbarn, für den letzten Liebesdienſt, welchen ihr einem Menſchen er⸗ wieſen habt, der unter euch geboren wurde, euch alle liebte und gegen jeden von euch zu jedem in ſeinen Kräften liegenden Dienſt bereit geweſen wäre. Auch Euch danke ich,“ fügte er mit tiefer Erregung gegen Mr. Thornton bei,„die Ihr ſtets gegen die Armen eine freundliche Geſinnung zeigt.“ Bei jeder andern Gelegenheit ware auf eine ſolche Anſprache ein Vivat für die beliebte Magiſtrats⸗ perſon gefolgt, doch ſchienen die Zuhörer bei all ihrer Derbheit und Unkultur zu fühlen, daß dies Angeſichts ſo vielen Leides nicht am Platz wäre. „Und nun erlaubt mir, euch zu rathen,“ fuhr der Sprecher fort,„daß ihr ruhig in eure Woh⸗ nungen zurückkehrt. Ich bin überzeugt, ihr verſteht mich und wißt den Grund zu würdigen, warum ich noch darum bitte. Gebt nicht denjenigen, welche meinen armen Bruder durch das verläumderiſche Be⸗ zücht kränkten, daß er ein Ausreißer ſei“— der arme Mann fühlte ſich jetzt von ſeinem Schmerz völ⸗ lig übermannt—„Gelegenheit, ſeinem Andenken etwas anzuheften.“ Die letzteren Worte wurden durch Schluchzen und Thränen ſo ſehr unterbrochen, daß man ſie kaum verſtehen konnte. „Simon hat Recht,“ bemerkte Mr. Thornton, in⸗ 134 dem er ihm die Hand reichte.„Ihr habt dem Todten die letzte Ehre erwieſen, ſchwächt den Werth dieſer edlen Kundgebung nicht dadurch, daß ihr eine feind⸗ ige Geſinnung gegen die Lebendigen an den Tag egt.“ Die Folge dieſes trefflichen Raths beſtand darin, daß die Menge ſich zerſtreute, ohne auch nur ein einziges Zeter über Sir Norman Boothroyd, wie ihre urſprüngliche Abſicht geweſen, gerufen zu haben. „Ich laß mir's nicht nehmen,“ bemerkte Farmer Minter, als er an Mr. Thornton's Seite durch das Dorf ging,„daß Barny Gee ermordet worden iſt. Die Advocaten ſagen mir wohl, er ſei von Rechts⸗ wegen geblieben; ich glaub's eben nicht. Und ſo arm ich auch bin, möchte ich doch nicht in Sir Nor⸗ man's Haut ſtecken, wenn ſchon faſt die ganze Ge⸗ gend ſein gehört.“ Sein Zuhörer war im Geiſt derſelben Meinung, obſchon er zu klug war, um ſich dies merken zu laſſen. „Er iſt zu beklagen,“ verſetzte er. „Zu beklagen?“ wiederholte der Farmer unwillig. „Wie, einen Nebenmenſchen todt zu ſchießen wegen eines Kaninchens? Aber dabei bleibt's nicht. Ich tenne den Geiſt unter den jungen Burſchen zu gut.“ „Um's Himmels willen,“ bemerkte der Gentleman, „wenn Ihr Einfluß unter ihnen habt, ſo benützt ihn, um dem Ausbruch von Gewaltthätigkeiten vorzuber⸗ gen, da nur ſie ſelbſt dadurch zu Schaden kommen würden.“ „Das hab' ich ihnen ſchon geſagt, Sir „Ferner ſchaffen ſie ſich dadurch ein Vorurtheil in † ber das Schießrecht auf der Gemein N dem Proceß ü er 9 in re er 8 ſt. ſo r⸗ e⸗ g, n. g. en ch n, n, 1. u⸗ en . 135 S den ſie, wie ich höre, anzufangen beabſich⸗ igen.“ „Es unterliegt keinem Zweifel, daß es dahin tommen wird,“ entgegnete der Farmer.„Es ſind ſchon mehr als hundert Pfund unterzeichnet. Ich bin übrigens ärgerlich auf mich ſelbſt,“ murmelte er ge⸗ dankenvoll vor ſich hin. „Was könnt Ihr Euch möglicherweiſe vorzuwer⸗ fen haben?“ fragte Mr. Thornton im Tone des Er⸗ ſtaunens. „Vorzuwerfen gerade nichts,“ verſetzte der Farmer. „Aber dumm iſts doch. Ich war der Erſte, der Barny Gee aufhob, nachdem er den Schuß erhalten hatte. Kein Wunder, daß ich nicht wußte, wo mir der Kopf ſtand; denn ich habe nie zuvor ein Menſchen⸗ weſen vor mir gehabt, das ſich zu Tod blutete. Er griff nach meiner Hand und blickte mir ſo traurig ins Geſicht, daß es mir ſelbſt ganz elend wurde; denn ich hab' ihn gekannt, wie er noch ein Knabe war, nicht größer als mein eigener Junge⸗ Er wollte mir etwas ſagen, aber das Blut gurgelte herauf mit den Worten. Ich erinnere mich nur noch,“ fügte er bei,„daß er ſagte:„Sagt Simon— Papiere. Dann folgte der Name einer Perſon oder eines Platzes; was es war, weiß ich nicht mehr, obſchon ich glaube, er würde mir wieder einfallen, wenn ich ihn hörte.“„ „Der arme Menſch!“ rief Mr. Thornton.„Wahr⸗ eiich eine Auskunſt über ihm gebührende Sold⸗ rückſtände oder ſeine Perſon. Ich will die geeigne⸗ ten Nachforſchungen anſtellen.“ 136 „Möglich,“ verſetzte der Kirchenpfleger;„aber ich glaube doch nicht, daß es dies war.“ Wahrſcheinlich gibt es kein Gemeinweſen, in welchem der Reichthum nicht ein dienſtwilliges Werk⸗ zeug aufzufinden wüßte. Dieſe wichtige Thatſache war auch für Sir Norman Boothroyd längſt kein Geheimniß, und obſchon er ſeit dem Tage der Leichenſchau den Bann ſeiner Domäne nicht verlaſſen hatte, unterrichteten ihn ſeine Späher doch vollſtän⸗ dig über Alles, was ihm Dorfe und bei dem Leichen⸗ begängniß vorging. Die Kunde von dem Subſcrip⸗ tionsfond zum Zweck eines Proceſſes gegen ihn brachte ihn faſt von Sinnen. Nicht, daß die Summe ihn beunruhigt hätte; aber er erkannte daraus den entſchiedenen Geiſt des Widerſtandes. „Undankbare Elende!“ rief er.„Proceß! Ja, ſie ſollen genug zu proceſſiren haben. Ich will ſie zu Grunde richten, zu Bettlern machen.“ „Ich dachte, Sie hätten ſolche Gedanken aufge⸗ geben,“ bemerkte ſeine Gemahlin ruhig. „Nie, Madame, nie! Wenn ich nur daran denke, daß dieſer Kerl, der Thornton, der Beerdigung eines ſchuftigen Wilddiebs anwohnte— ein Mann, den ich ſogar zu meiner Tafel einlud.“ „Vielleicht geſchah es, um den Frieden aufrecht zu erhalten, und in dieſem Falle ſollten Sie es ihm Dank wiſſen.“ „Den Frieden aufrecht zu erhalten,“ entgegnete der Herr Gemahl.„Sind Sie wirklich ſo ſchwach, Lady Boothroyd, zu glauben, die elenden Bauern⸗ tölpel könnten einen Angriff auf Meldown⸗Park wagen?“ 137 „Solche Dinge ſind ſchon geſchehen.“ „Oder etwas gegen meine Perſon verſuchen?“ fügte der Baron bei.„Nein. So ſchlimm ſie ſind, glaube ich doch, ſie werden ſich zweimal beſinnen, eh' ſie ſo zum Aeußerſten greifen. Sie kennen mich zu gut.“ „Norman,“ ſagte die Lady und unterdrückte ihre Neigung, über das Aufbrauſen ihres Gemahls zu lächeln, das ſie wenigſtens nach ſeinem wahren Werthe zu würdigen wußte,„ich glaubte, Sie hätten die Beilegung dieſer lächerlichen Geſchichte meinen Händen überlaſſen.“ „Ich habe mich anders beſonnen,“ verſetzte der Baron. „Und Sie wollen von Ihren Rechten über die Gemeinwaide nichts ablaſſen?“ „Kein Titelchen. Ich wäre meines Namens nicht würdig, wenn ich es thäte, und müßte mich ſchämen, die Augen zu der langen Bilderreihe meiner Ahnen aufzuſchlagen. Welcher Boothroyd hat je ſeine Rechte aufgegeben?“ „Bis Gewalt oder die Angſt ihn dazu zwang,“ dachte die Gnädige. „Ich will nach Exeter fahren und meinen Adyo⸗ raten darüber hören,“ fügte er bei.„Wahrſcheinlich wird er mit hieher kommen.“ „Um Sie zu ſchützen,“ ſprach im Geiſt die Lady mit dem Gefühl der Verachtung. Lady Boothroyd gehörte zu den Perſonen, die, wenn ſie ſich einmal etwas vorgenommen haben, mit änßerſter Hartnäckigkeit an ihren Planen feſthalten. Wenige Hinderniſſe vermochten ſie in einem Vorhaben 138 wankend zu machen, und unter dieſe gehörte jeden⸗ falls ein Widerſpruch von Seiten Sir Norman's nicht; ſie wußte wohl, wie ſie ſeine Einſprachen zu überwältigen hatte. Kaum war der Baron fort, als ſie ihren Hut und Shawl nahm und unter dem Vorwand eines Spazierganges im Park das Haus verließ. Nach einigem Umherſchlendern richtete ſie ihre Schritte nach den Jagdeinfriedungen, wo die Hütte des Oberjägers ſtand. Zu ihrer großen Zufriedenheit fand ſie den Bewohner zu Hauſe und allein.. „Fletcher,“ begann ſie, indem ſie ſich niederließ, während der Jäger achtungsvoll ſtehen blieb,„iſt ſeit der Neujahrsnacht auf dem Gut wieder gewildert worden?“ „Nein, gnädige Frau.“ „Der Tod des Soldaten Gee, oder wie der Menſch heißen mag, hat, wie ich höre, im Dorf eine ſehr üble Stimmung hervorgerufen?“ „Eine ſchreckliche, Euer Gnaden. Wir dürfen uns in St. Faith nicht blicken laſſen, ohne daß man uns nachziſcht oder mit Fingern auf uns deutet. Es war nicht unſere Schuld,“ fügte er bei;„wir thaten nur unſere Pflicht.“ „Natürlich,“ bemerkte die Gnädige.„Aber dieſer Zuſtand der Dinge macht den Aufenthalt in der Halle höchſt unangenehm. Die Farmer ſind, wie ich höre, übereingekommen, das Recht, auf der Gemeinwaide auf dem Proceßweg zur Erledigung zu ringen. „Glaubt Ihr, daß Sir Norman wirklich das aus⸗ ſchließliche Recht beſitzt, das er anſpricht?“ 8 zu rt 139 „Sein verſtorbener Onkel hat es nie ausgeübt,“ verſetzte Fletcher. „Das iſt keine Antwort.“ „Es würde anmaßend von mir ſein, wenn ich eine Anſicht äußern wollte.“ „Unaufgefordert— ja,“ erwiderte das ſtolze Weib. „Wohlan denn, gnädige Frau, wenn ich auf meinen Eid befragt würde, ſo glaube ich nicht, daß er es hat. Ich habe dies dutzendmal von Siler ſagen hören, und der weiß auf den Acker hin, wie weit ſich das Herrſchaftsrecht ausdehnt.“ „Aergerlich!“ murmelte die Gnädige.„So wird nicht nur das Lächerliche eines Proceſſes mit den eigenen Pächtern, ſondern auch eine Niederlage die Folge dieſer Unglücksgeſchichte ſein, wenn nicht“— und ſie heftete ihre Augen ſcharf auf das Geſicht des alten Mannes—„Ihr mir beiſteht, ſie zu ver⸗ hindern.“ k „Ich, gnädige Frau? Was kann ich thun? Ich bin kein Advocat.“ „Aber ein trefflicher Schütze,“ bemerkte die Lady kalt. Fletcher's Geſicht zeigte den Ausdruck des höch⸗ ſten Erſtaunens. Es fragt ſich, ob in ſeinem ganzen Leben ihn je etwas ſo ſehr überraſcht hatte, wie dieſe einfache Bemerkung. „Was macht der Menſch für Augen!“ fuhr Lady Booihroyb fort. Sie dachte an die Deutung, welche Fletcher ihren Worten geben mochte, und brach in ein herzliches Lachen aus.„Nein, Fletcher, nichts der Art,“ rief ſie;„nichts der Art. Ich will ein⸗ * 140 fach mit Euch reden, denn Ihr habt viele Jahre in der Familie gelebt, und müßt Antheil an ihrem Wohl nehmen. Ich wünſche meinen Mann durch Einſchüchterung von dem Streit abzubringen, der den Frieden der Gegend bedroht. Nun kenne ich kein Mittel, welches dieſe Wirkung haben könnte, als wenn man ihn auf den Glauben bringt, daß in Folge ine Hartnäckigkeit ſein Leben mit Gefahr bedroht „Das mag's wohl thun,“ verſetzte der Dienſt⸗ mann bedächtig,„denn Sir Norman iſt ſchrecklich furchtſam.“ „Er wird erſt mit Einbruch der Dunkelheit zurück⸗ kehren,“ fuhr die Gnädige fort,„und bei dem ſüd⸗ lichen Jägerhaus hereinfahren. Wenn Ihr ihm nun eine Kugel durch's Kutſchenfenſter jagen würdet— wohlgemerkt, nur durch das Fenſter— ſo glaube ich für das Uebrige einſtehen zu können.“ Fletcher rieb ſich die Hinterſeite des Kopfs und betrachtete ſeinen Beſuch eine Weile zweifelhaft. „Thun könnt' ich's freilich,“ ſagte er,„und ohne alle Gefahr; aber geſetzt, der Herr käme dahinter? Er iſt keiner von den nachſichtigen Gentlemen.“ „Ich nehme die Schuld auf mich,“ verſetzte Lady Boothroyd ungeduldig.„Bedenkt, daß es ſich darum handelt, einer Wiederkehr der Schreckens⸗ ſcenen vorzubeugen, deren kürzlich eine geſpielt hat, und wenn Ihr durch Einſchüchterung Sir Norman veranlaßt, vernünftig zu handeln, ſo leiſtet Ihr ihm einen Dienſt, den zu belohnen meine Sorge ſein wird. Ihr ſeid die einzige Perſon,“ fügte ſie herab⸗ laſſend bei,„der ich einen ſolchen Verſuch anvertrauen „—— c— 141 kann; denn Eure Schützengeſchicklichkeit macht ihn nicht nur vollkommen gefahrlos, ſondern bürgt auch für den ſicheren Erfolg.“ Es wäre nutzlos, zu wiederholen, welche weitern Gründe die Sprecherin aufbot, eh es ihr gelang, den alten Mann zur Uebernahme der Aufgabe zu bereden. Für den Zweck unſerer Erzählung genügt es, zu Pemerken, daß ſie ihre Abſicht erreichte und hochvergnügt über das Gelingen ihres Planes das. Jägerhäuschen verließ. Als ſie in der Halle anlangte, fand ſie einen ſchwarzgeſiegelten Brief mit dem Poſtzeichen Indien vor. Die Adreſſe an ihren Gatten focht ſie nicht an; ſie öffnete denſelben unbedenklich, und las zu ihrem größten Erſtaunen die Ankündigung, daß Sir orman's jüngerer Bruder und deſſen Gattin am gelben Fieber geſtorben ſeien. Der Correſpondent, Obriſt von Allan's Regiment, bezeigte ſeine und der übrigen Offiziere Theilnahme an dem Verluſt der Familie, und drückte die Hoffnung aus, daß das Kind wohlbehalten in England an⸗ gelangt ſein werde. „Kind?“ rief ſie, und der Rath des Steward, Simon Gee's Hütte zu beſuchen, blitze in ihrem⸗ Geiſte auf:„Meine ſchlimmſten Beſorgniſſe ſind ge⸗ und meine Hoffnungen zu Grunde ge⸗ richtet.“ —Dieſer Ausruf bezog ſich auf eine Klauſelip dem Teſtament des verſtorbenen Barons, Aun Fall, daß beide ſeine Neſſen ohne männliche Erben ſtürben und ſomit der Titel erlöſche, die Verfügung zum Verkauf des Beſitzthums und zur gleichen Ver⸗ 6 „ 142 theilung unter die weibliche Nachkommenſchaft der + beiden Brüder traf; doch ſollte Sir Norman für VLebenszeit im unangefochtenen Beſitz der Güter 2 3 bleiben. „Iſt es möglich,“ murmelte ſie,„daß es jenem elenden Abenteurer ſelbſt aus dem Grab hervor ge⸗ lingen ſoll, einen verhängnißvollen Streich auf alle meine Entwürfe zu führen? Der Balg iſt. ſein. Ich muß nachdenken— nachdenken.“ Es war kein gutes Zeichen, wenn das vergangene oder zukünftige Schickſal irgend eines Menſchen für die Sprecherin zum Gegenſtand ernſter Gedanken wurde; denn ſie hatten dann die Eigenſchaft des Mehlthaus und brachten Alles, was ſie trafen, zum Erſterben. Für den Reſt des Tages mußte Alice bei der Gouvernante in dem Arbeitszimmer bleiben; denn ihre Mutter wollte allein ſein mit ihrem ſchlimmen Herzen und ihrem gährenden Gehirn. Das Geplau⸗ der des unſchuldigen Kindes hätte ſie in ihrem Brü⸗ ten ſtören können. Es war ſchon dunkel, als das Raſſeln eines Wa⸗ gens im Hof ſich vernehmen ließ. Unmittelbar dar⸗ auf hörte man Stimmen, und die Gebieterin von Meldown⸗Park erkannte darunter die ihres Gatten⸗ In ihren Betrachtungen hatte ſie ſeiner ganz ver⸗ geſſen. „Gefeſſelt zu ſein an einen Egoiſten, an ein mark⸗ und loſes Geſchöpf,“ ſeufzte ſie,„und noch dazu in einem Jölchen Augenblick! Doch, Geduld, Ge⸗ duld!“ Das Beſuchzimmer öffnete ſich, und Sir Norman S„„—„ r ir r 143 Boothroyd trat mit ſeinem Advocaten ein. Sein Geſicht zeigte eine Leichenbläſſe; auch aus dem ſeines Begleiters war gleichfalls alle Farbe gewichen. Der Baron warf ſich in einen Seſſel und keuchte die Worte: „Man hat auf mich geſchoſſen, meine Theure— geſchoſſen!“ „Unmöglich,“ verſetzte die Lady mit gut geſpiel⸗ tem Erſtaunen. „Und noch dazu in meinem Park „Unglaublich!“ „Alle Sicherheit im Land hat ein Ende,“ ſagte der Gentleman,„wenn man dem Leben eines Mannes von meinem Rang ungeſtraft nachſtellen kann.“ „Mein theurer Norman,“ verſetzte die Gnädige, eine ſchöne Thräne zur Schau ſtellend,„ſo tief mich dieſer Mordverſuch erſchüttert, kann er doch nur einer einzigen Urſache beigemeſſen werden— der ritterli⸗ chen Feſtigkeit, mit der Sie Ihre Rechte vertheidigt haben. Um meiner, um unſeres ſüßen Kindes, um Ihrer ſelbſt willen, halten Sie deßhalb inne, eh' dieſe verzweifelten Wilddiebe zu weiterer Gewalt⸗ that ſchreiten. Welchem Zuſtand von Schrecken und Angſt muß ich ſtets ausgeſetzt ſein! So oft Sie das Haus verlaſſen, habe ich zu fürchten, man könnte Sie als Leiche heimbringen— ja, ſchon das Vorbei⸗ gehen an einem offenen Fenſter droht mit Gefahr. Wenn Sie auf Ihrem Entſchluſſe beharren, ſo wäre ein Gefängniß eine weit ſicherere Wohnſtätte als Meldown⸗Park.“ Der Baron ächzte bei dem ſo aii entwor⸗ fenen Bilde. Gleich Bob Acres in Sheridans un⸗ 1“ 144 nachahmlichem„die Nebenbuhler' fühlte er, daß ihm raſch aller Muth aus dem Leibe rieſelte. „Ei, gnädige Frau,“ bemerkte der Mann des Ge⸗ ſetzes,„ſo weit iſt's noch nicht gekommen.“ „Stille!“ verſetzte die Lady und ſchoß dem Ad⸗ vocaten einen Blick zu, ob welchem dieſer höchlich erſchrak, denn er hatte ſie bisher gleich allen Be⸗ kannten der Familie für eine bloße Null, für das Echo zu den Meinungen ſeines Klienten gehalten. „Sie denken nur an Ihre erbärmlichen Deſerviten, ich aber an meinen Gemahl.“ „Wir wollen nach London ziehen,“ ſagte der Ba⸗ ron, der immer unruhiger wurde.„Morgen werde ich gefaßter ſein. Das war ein haarſcharfes Ent⸗ kommen,“ fügte er bei.„Die Kugel ging durch beide Kutſchenfenſter.“ ſo n die Dienſtleute den Schurken nicht ver⸗ olgt?“ „Sie wollten es thun, und Marſhall hat, glaub' ich, etwas der Art vorgeſchlagen,“ antwortete der haſenherzige Sir Norman;„aber ich beſtand darauf, daß ſie eiligſt dem Hauſe zufuhren.“ Der Bück der Verachtung, welchen ihm ſeine Gattin unwillkürlich zuſandte, übergoß ſein blaſſes Geſicht mit einem Anflug von Roth. Er erklärte, daß er ernſtlich unwohl ſei, und ertheilte Befehl, das Dienſtperſonal ſolle zu den Waffen greifen, die Thü⸗ ren ſorgfältig verſchließen, und Doctor Phraſe herbei⸗ rufen. Lady Boothroyd ſah, daß ihr Plan gewirkt hatte, und es vollkommen unnöthig war, weiter Komödie zu ſpielen. Sie klingelte daher dem Kammerdiener — 145⁵ und ertheilte ihm die Weiſung, den gnädigen Herrn nach ſeinem Zimmer zu bringen und bis zur Ankunſt des Arztes bei ihm zu bleiben. Advocat Marſhall war der Dame des Hauſes eine Weile mit neugierigen Blicken gefolgt. Die Ent⸗ ſchiedenheit, mit der ſie ſprach und handelte, ſtieß alle ſeine vorgefaßten Meinungen über ihren Cha⸗ raiter um, und er fragte ſich, ob es nicht gerathen ſein dürfte, ſich um ihre Gunſt zu bemühen und ihren Anſichten über die Angelegenheiten ſeines reichen Klienten mehr Achtung zu erweiſen. Noch eh' er jedoch mit ſich in's Reine kommen konnte, entfernte ſich die Lady nach ihrem Boudoir, und ſie wollte ſich ſchon zur Ruhe begeben, als ihr Doctor Phraſe noch einen Beſuch machte. „Das iſt erſchrecklich, meine theure Lady Booth⸗ royd,“ rief er;„erſchrecklich! Die ganze Honoratioren⸗ ſchaft der County, ja das Miniſterium des Innern ſelbſt muß die Sache zur Hand nehmen. Mein ge⸗ achteter Patient hat ein heſtiges Fieber.“ „Es wird ohne Zweifel morgen beſſer ſein,“ be⸗ merite die muſterhafte Gattin kalt. „Hem! ja— ohne Zweifel. Ich hab' ihm zur Ader gelaſſen und verſpreche mir eine günſtige Wir⸗ kung auf die erhöhte Herzthätigkeit von dem Blaſen⸗ pflaſter, das ich ihm auf die linke Bruſt ſetzte, wäh⸗ rend die Kataplasmen auf die Füße vom Kopf ab⸗ leiten werden und—“ „Ei, Sie foltern den armen Mann!“ ſagte die Gnädige, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. „Foltern?“ wiederholte der Sohn des p Smith, Ebbe u. Fluth. I. 146 „Entſchuldigen Sie; foltern iſt nicht gerade das rechte Wort. Wenn die Symptome günſtig ſind, ſo werde ich morgen die Fiebermirtur reichen, und wenn er außerdem noch ein paar Tage magere Diät hält und herabſtimmende Mittel einnimmt, ſo wird hof⸗ fentlich die Geſundheit meines geachteten und hoch⸗ geſchätzten Patienten wieder hergeſtellt ſein. Wie ich finde, ſehnt er ſich, den Landaufenthalt mit dem in London zu vertauſchen.“ „Ja— ja,“ verſetzte die Lady gedankenvoll, denn ſie hatte ihren Operationsplan noch nicht ganz ge⸗ ordnet;„aber Sie müſſen ihn wenigſtens noch ein paar Tage in der Halle zurückhalten. Doctor Phraſe,“ fügte ſie bei,„ſind Sie wirklich den Intereſſen meiner Familie ſo zugethan, wie Sie verſichern?“ „Es iſt grauſam von Euer Gnaden, dies nur einen Augenblick zu bezweifeln,“ rief das pomphafte Männlein, die Hand auf die Bruſt legend und ſich tief verbeugend.„In der That, ich kann Ihnen einen überzeugenden Beweis davon geben. Bei dem Leichenſchaugericht über den Wilddieb und den Park⸗ wächter, der ſo elend ſeinen Tod fand, habe ich einen Umſtand unterdrückt, deſſen Bekanntwerden den Arg⸗ wohn und den Groll der Bewohner von St. Faith ſehr geſteigert haben würde.“ „Unterdrückt?“ wiederholte die Gebieterin der Halle.„Kann es da möglicherweiſe etwas zu unter⸗ drücken geben, was Sir Norman Boothroyd's oder meine Intereſſen berührte?“ Doctor Phraſe griff nach ſeinem Taſchenbuch und holte daraus einen zerknitterten und mit Blut be⸗ fleckten Papierſtreifen hervor; 6 waren auch Brand⸗ —— — and⸗ — 147 ſpuren an den Enden, als wenn er einer Piſtole oder einem Gewehr als Pfropf gedient. „Dies habe ich aus der Wunde des Parkwächters Springthorp gezogen,“ ſagte er. Die Lady nahm das Papier ohne eine Spur von Schauder oder Widerſtreben(der Arzt ſah darin ein ſehr befriedigendes Merkmal für die geſunde Be⸗ ſchaffenheit ihrer Nerven) und hielt es gegen das Licht. Nach einer ſorgfältigen Unterſuchung las ſie zu ihrem großen Erſtaunen darauf die von ihrer eigenen Hand geſchriebenen Worte:„Von Lody Broth⸗ royd, den 16. Juni.“ Die Jahreszahl fehlte. „Auffallend,“ murmelte ſie. „So kam es mir auch vor, und deßhalb hab' ich's verborgen,“ bemerkte der Doctor. „Wann mag ich dies geſchrieben haben?“ 3„Habe nicht die geringſte Idee davon, gnädige „Meine Handſchrift iſos,“ fuhr ſie fort.„Iſt es auch gewiß— ganz gewiß, daß Sie dieſes Papier in der Leiche des Porkwächters gefunden haben?“ „Ganz gewiß,“ verſetzte der Arzi.„Vielleicht kann ich Ihrem Gedächtniß nachhelfen,“ fügte er bei. „Es kömmt mir vor, als ſei es aus einem Buch ge⸗ riſſen, vielleicht aus—“ Ah, ich entſinne mich,“ rief Lady Boothroyd im Ton der Zufriedenheit; denn ſo ſonderbar es auch klingen mag, der blutige Papierfetzen gab ihr einen Faden für das Labyrinth an die Hund, das den ganzen Abend ihren Geiſt beſchäftigt hatte, und im Nu waren ihre Plane geordnet. 8 „Doctor Phraſe,“ ſagte ſie,„Sir Norman muß 103 148 5 in drei Tagen ſo weit hergeſtellt ſein, um die Halle verlaſſen zu können. Alſo kein Aderlaſſen, kein Bla⸗ ſenpflaſter mehr— dies würde ihn nur ſchwächen.“ Der kleine Mann verbeugte ſich mit der Miene tieſſter Reſignation. „Die herabſtimmenden Mittel ſchaden ihm viel⸗ leicht nicht?“ „Schaden?“ wiederholte er mit einer Jammer⸗ miene;„ich dächte nicht.“ „Sie mögen ihm meinetwegen auch Ihre Fieber⸗ mirtur reichen,“ fügte die Gnädige mit einem Lächeln bei.„Sie ſehen, ich nehme Raiſon an. Was dieſen Papierſtreifen betrifft, ſo erlauben Sie mir wohl, ihn gegen einen andern auszutauſchen, der Ihrer Kunſt und Ihres Wiſſens würdiger iſt.“ Sie legte dem Doctor eine Fünfzigpfundnote in die Hand und nahm den Papierfetzen in ſorgfältige † Verwahrung. Nach Empfang eines ſo ungewöhnlich 3 freigebigen Honorars hatte ſich bei dem Doctor das † Gefühl der Theilnahme und Aufopferung für ſeinen geachteten und hochgeſchätzten Patienten erſtaunlich verſtärkt, und er machte ſich faſt Vorwürfe, daß er nicht genug für ihn gethan habe. Dagegen dürften manche unſerer Leſer, wären ſie an des Barons Stelle geweſen, dem Glauben Raum geben, er habe zu viel gethan, wenigſtens was das Blaſenpflaſter und die Kataplasmen betrifft. „Das Glück lächelt mir,“ dachte das argliſtige Weib, als ſie ſich allein ſah.„Der Entwurf bedarf zur Ausführung einer kühnen Hand, und dieſe iſt gefunden. Das Uebrige wird verhältnißmäßig leicht gehen. Ich habe nur noch auf die Angſt meines 149 Mannes zu wirken, und ihn meinem Willen unter⸗ würfig zu erhalten— eine leichte Aufgabe für Jeden, der den Schlüſſel zu ſeinem Charakter hat. O Mann, Mann,“ fügte ſie bei.„Du nennſt Dich den Herrn der Schöpfung, und wie biegſam iſt Dein Weſen. Der Himmel mag uns aus demſelben Thon geformt haben, aber die Härtung iſt ſo verſchieden, wie bei Stahl und Blei; hier Willenskraft, dort Schwanken.“ Am ondern Morgen ſchickte nach einer langen Beſprechung mit ſeiner Gattin Sir Norman Booth⸗ rroyd nach dem Steward Siler und ertheilte ihm die Weiſung, der Ortseinwohnerſchaft kund zu thun, daß ihr Grundherr, tieferſchüttert von dem Tode Barny Gees und des Partwächters, beſchloſſen habe, fortan den obwaltenden Hader fallen zu laſſen, und das 3 n Jagdrecht auf die Gemeinwaide auf⸗ zugeben. Das Zugeſtändniß fand nur eine mürriſche Auf⸗ nahme. Als Gnadenakt kam es zu ſpät; das ſo übermüthig vergoſſene Blut konnte ſo bald nicht ergeſſen werden. Indeß hatte er doch eine gute Wirkung: es machte dem angedrohten Proceß vor ſeinem Beginn ein Ende. — Zehntes Kapitel. Dtſchon der Anſchein den Eindruck, welchen Mr. Bently von ſeines Schwiegerſohns Benehmen ge⸗ wonnen, volltommen rechtfertigte, fuhr doch Georg WMartham tapfer und erfolgreich fort, gegen den 15⁰ Teufel Trunkliebe anzukämpfen, der die Urſache all ſeines Elends und ſeiner Schmach geworden war. 3 Jeder neue Tag gab ihm friſche Kraft für den Kampf, machte das Ringen weniger ſchmerzlich, und milderte die unerſättliche Begier nach dem Giftbecher der bac⸗ chiſchen Gelage. Sein Gewiſſen ließ ihn ſogar eine Art äußerer Freude, einen milden Triumph in jedem Stich empfinden, der ſeine Seele zerriß, wenn ſeine Arbeitsgenoſſen ihn wegen ſeines„Milch⸗ und Waſſer⸗ geiſtes,“ wie ſie's nanüten, verhöhnten. Für einen von Natur aus ſtolzen Sinn war es eine herbe Demüthigung, ſich freiwillig den Spott⸗ und Stichelreden ſolcher Menſchen zu unterwerfen; aber Georg hatte die Züchtigung verdient, und dieſes Bewußtſein befähigte ihn, ſie geduldig zu ertragen. Die Erinnerung an ſeine frühere Thorheit übte die reinigende Wirkung des heiligen Bitters bei dem Alten, und trug bei zur Läuterung ſeines Herzens. Wer nie den Wahnſinn der Trunkenheit, den brennenden Durſt und die gänzliche geiſtige Erſchlaf⸗ fung gefühlt hat, welche dem plötlichen Aufgeben des Trinkens folgen, kann ſich nur eine ſchwache Vorſtel⸗ lung von den Verſuchungen machen, denen der ge⸗ beſſerte Trinker ausgeſetzt iſt, eh' er den vollſtändigen Sieg über ſeine herabwürdigende Leidenſchaft errun⸗ gen hat. Wir ſind Zeuge geweſen, wie die Vernunft auf ihrem Throne wankte, der ſtarke Mann in ſeinem Kampfe heulte und der Verſuchung fluchte, die ſo lockend vor ihn hintrat und der er ſich dennoch nicht unterwarf. Zum Glück hat dieſer Wahnſinn wie die Kriſis in einem Hirnfieber ſeine Grenze. Allmälig legt ſich das Brennen der Kehle, der glühende Durſt — S 8 „—* — es ie m 151 mindert ſich, das Verlangen wird weniger ungeſtüm, und ſtufenweiſe tritt ein moraliſch und phyſiſch ge⸗ ſunder Umſchlag ein. Der Engel des Friedens breitet ſeine Schwingen um den Unglücklichen, und gießt ſeinen heilenden Balſam in die Geſchwüre ſeines Her⸗ zens und Gehirns, bis das Ringen nicht nur ſeine Zitterkeit verliert, ſondern auch ein Kampf zu ſein aufhört, und männliche Selbſtachtung das lang ver⸗ ſcherzte Scepter wieder ergreift. Rachel's Gatte war, ſeit er Beſchäftigung in der Fabrik gefunden, Morgens und Abends regelmäßig nach Peter Mangles Wohnung gekommen, um ſich nach der Leidenden zu erkundigen. Welche Erleich⸗ terung für ſein von Selbſtworwürfen gepeinigtes Herz, als er erfuhr, daß die⸗Gefahr vorüber ſei und ſie allmälig wieder zu Kräften komme. Es war ihm, als ſegne der Himmel ſeine Bemühungen, ſich ihrer weniger unwürdig zu machen. Die alte Haushälterin, Mrs. Lawrence, und ſein Kind waren die einzigen Perſonen, die er bei ſolchen Gelegenheiten ſah; denn er wählte ſeine Zeit ſo, daß er weder dem Kaufmann, noch dem Buchhalter be⸗ gegnete. Er hatte ſich feſt vorgenommen, ſein Wie⸗ derauftommen in der Welt der eigenen Anſtrengung und nicht dem Mitleid Anderer verdanken zu wollen. Wenn er hierin irrte, ſo lag ſeinem Entſchluß wenig⸗ ſtens ein edler Stolz zu Grunde; denn das Mitleid iſt zu oft der Verachtung verwandt, und Georg's Ehrgeiz ſtrebte als Ziel an, nicht nur die Liebe, ſon⸗ dern auch die Achtung der Dulderin, welche ihm durch das eheliche Band angehörte, wieder zu erringen. Der reuige Gatte harrte wie gewöhnlich nach 152 vollbrachtem Tagewerk an der hintern Gartenthüre, um die Haushälterin und ſein Kind zu ſehen und zu erfahren, welche Fortſchritte die Geneſung ſeines Weibes mache. Er fühlte ſich beſonders niederge⸗ drückt, als ob die Vorahnung eines nahen Uebels ihn umſchwebe. „Oh, Mr. Markham!“ rief die geſchwätzige alte Frau;„ich habe ſchlimme Nachrichten für Euch, aber ich weiß nicht, ob ich ſie Euch mittheilen ſoll, da ich ſie nur zufällig erfahren habe.“ „Rachel!“ ſtotterte der bekehrte Trinker.„Oh, was iſt mit ihr?“ „Mama befindet ſich viel beſſer,“ rief die kleine Marie, an ihm in die Höhe ſpringend und ihn küſ⸗ ſend; denn ſie war zu jung, um zu begreifen, auf welche ſchlimme Irrwege er gerathen war.„Und ich hab' ihr nie geſagt, daß ich Dich geſehen, ſeit Du mir es verboten haſt.“ „Es iſt nicht dies,“ ſagte Mrs. Lawrence voll Mitleid mit ſeinem Kummer.„Mrs. Markham iſt im Begriff, ſich mit ihrem Vater zu verſöhnen, und ſoll künftig bei ihm wohnen. Das arme Ding! Ihr Entſchluß wundert mich nicht, wenn ich bedenke, was ſie durchgemacht hat. Und auch Euch kann es nicht überraſchen,“ fügte ſie bei,„denn Ihr habt ja doch keine Heimath, in die Ihr ſie einführen könnt.“ Georg ſtieß einen halbunterdrückten Seufzer aus. Er begriff Alles. Rachel hatte in die Trennung von ihm gewilligt. „Und ich ſoll ſie nicht mehr ſehen?“ murmelte er endlich. „Ich glaube kaum,“ verſetzte Mrs. Lawrence. re nd ge⸗ lte er ich auf ich Du oll iſt nd Ihr vas icht och us. ung elte nce. * 153 „Mr. Bently iſt ein reicher Gentleman, und man begreift wohl, daß es ihm nicht lieb ſein mag, eine Perſon, wie Ihr, im Hauſe zu ſehen.“ „Fluch über ſeinen Reichthum!“ rief der unglück⸗ liche Mann;„er hit ſein Herz gegen mich verhärtet.“ Ohne eine Antwort dbzuwarten, drückte er ſein Kind leidenſchaftlich an die Bruſt und eilte von dannen. Peter Mangles' Haushälterin ahnete nicht, welchen herben Seelenkampf ſie heraufbeſchworen, und wie ſie nahezu den neugeborenen Geiſt der Reue wieder aus ſeinem Herzen verſcheucht hatte. Mehr einem Wahnſinnigen, als einem vernünf⸗ tigen Weſen gleich, ſtürmte Georg auf der Heide umher. Er warf ſich auf den Schnee nieder und verwünſchte ſeine Thorheit, daß er die Perle ſeines Lebens in dem Augenblick weggeworfen hatte, in welchem er ihren Werth am meiſten fühlte. „Ich habe ſie verloren,“ rief er,„und kann— ja darf ihr keinen Vorwurf machen, denn die Erin⸗ nerung an die Vergangenheit und die Scham ließe kein Wort über meine Lippen kommen. Das Weib ſprach die Wahrheit. Ich habe keine Heimath, in die ich ſie einführen kann— nichts als Armuth und Mangel, und ſolche Genoſſenſchaft hat ſie im Ueber⸗ maß gehabt. Thor! Thor!— und Schurke! Oh, ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, wenn ich denke, wie ſchlecht es iſt! Dummkopf, daß ich noch von einer glücklichen Zukunſt träumen mochte. Für den Säufer gibt es keine Zukunft; er muß fort und fort in der Hölle braten, die er ſich ſelbſt an⸗ gezündet hat!“ 154 Mitunter bemächtigten ſich ſeiner auch andere Gedanken. Rachel war ſein Weib. Das Geſetz ließ Trunkliebe nicht als Scheidungsgrund gelten. Ihre Heimath war die ſeinige, und er nahm ſich vor, ſeine Rechte zu behaupten. Bald aber trat wieder die Erinnerung an ſeinen Sohn, an die Leiden des durch ihn geopferten Weibes vor ſeine Seele, und beſſere Gefühle gewannen die Oberhand. „Sie hat Recht,“ murmelte er,„ganz Recht, denn ich bin ihrer nie würdig geweſen. Was iſt die Liebe eines Menſchen wie ich, in Vergleichung mit der eines Vaters— und welche angenehme Lage kann es ihr nicht bereiten? Es iſt der Inſtinkt der Na⸗ tur,“ fügte er bei,„der Entſchluß einer Mutter, ihr Kind zu ſchützen.“ Es war auffallend, daß der unglückliche Mann auf der Höhe ſeiner Verzweiflung gerade den Beweg⸗ grund traf, welcher ſein Weib veranlaßt hatte, in die Trennung zu willigen. Sogar in ſeinem Wahn⸗ ſinn ließ er der Reinheit ihres Herzens Gerechtigkeit widerfahren, da er wohl wußte, wie fern demſelben jedes ſelbſtſüchtige Gefühl war. Während er in dieſer düſtern Stimmung u wanderte, traf er auf einen Trupp Arbeiter üus ſeiner eigenen Fabrik, die auf dem Weg nach Green⸗ wich waren, um die Nacht wie gewöhnlich im Wirths⸗ haus zu verbringen. Die Männer, von denen die meiſten ſchon getrunken hatten, umringten ihn mit heiterem Zuruf und beſtanden darauf, daß er mit ihnen gehe. „Laßt mich,“ ſagte er;„ich bitte, laßt mich. Ich bin zu unglücklich, um mit mir ſpielen zu laſſen.“ 155 „Nichts geht über einen Tropfen, wenn man die Sorge ertränken will,“ bemerkte der Eine. „Verſucht's mit dem Haar des Hundes, der Euch biß,“ fügte ein Zweiter bei. „Nur ein einziges Glas,“ flüſterte verführeriſch ein Dritter. Die Verſuchung kam, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, im ſchwächſten Augenblick. Sein Gaumen lechzte, und er ſehnte ſich nach dem Trank, der die Erinnerung in Vergeſſenheit einlullen könnte; gleich⸗ wohl wehrte ſich noch Herz und Kopf— er leiſtete Widerſtand, wenn auch nur ſchwach. Die Kameraden aber ſchleppten ihn halb gewaltſam mit fort, bis ſie vor dem Branntweinpalaſt, dieſem Tempel des Todes, anlangten, deſſen ſchön verzierte Vorderſeite und blen⸗ dende Gasbeleuchtung einen ſchroffen Gegenſatz zu dem Haufen zerlumpter, hagerer Schnapsbrüder bil⸗ dete, die ſich um die Thüre drängten. In dieſem Augenblick bog ein Menſchentrupp um die Straßenecke, voraus ein Polizeidiener, welcher eben einen Knaben wegen Diebſtahls verhaftet hatte. Markham ſchrudert⸗ und dachte an ſeinen 6 Sohn. „Kommt mit, alter Burſche,“ rief einer ſeiner Gefährten und zerrte ihn nach der Schenke hin. „Sogleich,“ verſetzte Georg.„Was hat der Knabe gethan?“ fragte er eine achtbar ausſehende Frauens⸗ perſon, welche dem Gedräng in einiger Entfernung folgte. Seinen Dienſtherrn beſtohlen,“ antwortete die Frau.„Ich ſagte immer, es werde mit ihm dahin kommen.“ 156 „Wie konntet Ihr dies vorausſagen?“ fragte einer der Arbeiter. Weil er einen Säufer zum Vater hatte.“ Der aſſyriſche Monarch konnte bei ſeinem gott⸗ loſen Gelage nicht beſtürzter ſein ob dem Urtheil, das ſich in feuriger Schrift vor ihm an der Wand abmalte, als Rachel's Gatte ob dieſen wenigen Worten. Sie ſchienen ihm durch die Ohren zu ziſchen, bis in ſein Mark zu dringen und ſeiner Seele das Brandmal der Verdammniß aufzudrücken. Mit einem gellenden Schrei, der ſo wild und unir⸗ diſch klang, daß man hätte auf die Meinung kommen können, er rühre von einem plötzlich frei gewordenen Geiſte her, riß er ſich von ſeiner Umgebung los und floh von hinnen, eh' noch ſeine Gefährten ſich von ihrem Staunen erholen konnten. „Laßt ihn gehen,“ rief der Eine. „Eine Milchſuppe, ein filziger Dummkopf, ein Pfennigfuchſer!“ ſtimmten die Andern ein. Derjenige, welchem die Beiworte galten, befand ſich bald außer dem Bereich ihrer Stimmen; doch wären ſie ihm auch unmittelbar in's Ohr gerufen worden, ſo hätte er ſich eben ſo wenig daran gekehrt, denn noch immer klang in ſeinem Innern die Be⸗ merkung nach: Weil er einen Säufer zum Vater hatte. Sein Ohr hörte keine andern Laute, und das Echo ſchien ſie zu wiederholen. „Weil ſein Vater ein Säufer war!“ rief er, als er ſich wieder auf der Haide befand.„O Gott!“ fügte er bei,„nimm dieſen Vorwurf von mir. Ich vertraute meiner Kraft, und Du zeigteſt mir meine 57 Schwäche. Laß mich nicht ganz verloren gehen, denn ich fühle, wie eitel menſchliche Entſchlüſſe ſind, wenn nicht Deine Gnade ſie ſegnet, und wie bald des Mannes Stärke bricht, wenn ſie Deines Schildes entbehrt.“ So kurz dieſes Gebet war, übte es doch einen beruhigenden Einfluß auf das aufgeregte Gehirn und Herz deſſen, der es ſprach. Gleich dem Hel, das die wildbewegte Woge bändigt, kam ein ruhigerer Geiſt über ihn, und er lenkte zwar immer noch in Kummer, aber nicht mehr in Verzweiflung die Schritte nach ſeiner armen Wohnung. Am andern Morgen hatte Georg ſeinen Dienſt als Arbeitsaufſeher in der Fabrik bereits angetreten, als ein Brief von ſeiner Frau anlangte, die ihm ihren Wunſch, ihn zu ſprechen, mittheilte. Bei aller Liebe verriethen die Zeilen eine wehmüthige Stim⸗ mung; augenſcheinlich hatte die Feder in der Hand, welche die Worte bildete, gezittert, und an mehr als einer Stelle ließen ſich die Spuren unwillkürlicher Thränen wahrnehmen. Er drückte das Blatt an ſeine Lippen.» Da die Fabrikinhaber mit der Pünktlichkeit und dem guten Verhalten ihres neuen Dieners wohl zu⸗ frieden waren, ſo wurde es dem unglücklichen Mann nicht ſchwer, einen kurzen Urlaub zu erhalten. Mit einer Ruhe, die noch weit ergreifender war, als die Gewalt ſeiner Verzweiflung, eilte er nach Hauſe und kleidete ſich in den einfachen Arbeiteranzug, den er ſich durch die Früchte ſeines Fleißes bereits errungen. Es lag in dieſem Akt ebenſo ſehr ein 158 Gefühl ehrenhaften Stolzes, als das der tiefen De⸗ müthigung. „Beſſer ſo,“ dachte er,„als in den fadenſcheini⸗ gen, verſchoſſenen Fetzen, die meine frühere Stellung bezeichnen.“ Wie viele bittere Erinnerungen bedrängten auf dem Weg über die Haide ſeinen Geiſt— Geſichte entſchwundenen Glücks, verſäumte Gelegenheiten, Heimſuchungen, welche durch Klugheit hätten ver⸗ mieden werden können, Leiden, die ſein Weib mit der holdſeligen Geduld weiblicher Liebe getragen hatte. „Ich verdiene, ſie zu verlieren,“ dachte er.„Die Strafe entſpricht vollkommen dem Vergehen. Ich will ihrem Herzen nicht durch unmännliche Schwäche wehthun, ſondern meinen Schmerz für ſpäter auf⸗ ſparen. Es wird noch Zeit genug geben zum Trau⸗ ren,“ fügte er bei,„in den langen bittern Stunden der Trennung. Jetzt muß ich Feſtigkeit zeigen.“ In dieſer Stimmung erreichte er Ledger Cottage, vor dem er eine Weile ſtehen blieb, um nach den Fenſtern des von Rachel bewohnten Zimmers hinauf zu ſehen. Die Blenden waren aufgezogen Er glaubte ihre ſitzende Geſtalt hinter einem der ſchneeweißen Mouſſelinvorhänge ſitzen zu ſehen, und ſein Herz pochte ungeſtüm.„Wartet ſie wohl auf meine An⸗ kunft?“ fragte er ſich ſelbſt. 3 Als ihm Mrs. Lawrence die Thüre öffnete, em⸗ pfing ſie ihn mit einem Kopſfſchütteln und deutete nach; der Treppe.„Das Zimmer rechts,“ ſagte ſie. Er konnte ihr nicht danken, ſondern ſtieg lang⸗ ſam die Treppe hinan, um von den Lippen des ge⸗ 159 liebten Weſens das gefürchtete Urtheil zu vernehmen. Wie ſeine Hand zitterte, als ſie die Thürklinke faßte! Ein kurzes Zögern, und im nächſten Augenblick ſtand er vor ſeiner gekränkten Gattin, die in einem Arm⸗ ſtuhl ſaß und ſich zu erheben ſuchte, um ihm entge⸗ gen zu gehen. Im Nu lag er zu ihren Füßen. Der Anblick ihrer abgezehrten Geſtalt und ihres bleichen Geſichtes überwältigte die männliche Feſtigkeit, mit der er ſich gewaffnet zu haben glaubte; er weinte lange und bitterlich, und es ſtand eine geraume Zeit an, bis Eines von Beiden ſprechen konnte. „Das iſt ein trauriges Wiederſehen, Georg,“ ſagte Rachel, bei dem Anblick ſeiner Thränen tiefbewegt. „Als unſere Hände vor dem Altar vereinigt wurden, ahnte ich freilich nicht, daß ich je den Mann, den ich liebte, in ſolcher Demüthigung ſehen müßte. Es iſt etwas Schreckliches in den Thränen eines Mannes,“ fügte ſie bei;„ſie machen mich elend und unfähig, auszuſprechen, was mir auf dem Herzen liegt.“ „Mach' mir Vorwürfe, ich verdiene ſie wegen meiner herzloſen Thorheit und wegen des Jammers, den ich über Dich gebracht habe!“ ſtöhnte der Reuige.„Dei⸗ nen Unwillen kann ich beſſer ertragen als Deine Güte.“ ₰ „Vorwürfe?“ wiederholte die Kranke, und ihre Hand ſank unwillkürlich auf ſeine Schulter—„Vor⸗ würfe, dem Gatten meiner Jugend, dem Vater meiner Kinder? Nein, Georg, nein; ſelbſt in der tiefſten Armuth und Noth, als uns bitterer Hunger quälte, und ich in den langen Nachtſtunden wachend Deiner harrte, hob ſich nie eine Verwünſchung zu meinen Lippen— ein Gebet für Deine Beſſerung, ein Seuf⸗ 160 zer über Deine Liebloſigkeit vielleicht, aber nie ein Vorwurf.“ „Liebloſigkeit? Nenn' es bei ſeinem rechten Namen — nenn' es Wahnſinn, thieriſchen Wahnſinn. Ich habe Deinen Brief erhalten, Rachel,“ fügte er bei, „und will Dir den Schmerz erſparen, die Wunde zu ſchlagen, die mein Herz unheilbar treffen muß. Du biſt im Begriff, Dich mit Deinem Vater zu ver⸗ ſöhnen—“ Die Gattin antwortete nicht. „Zurückzukehren in die Heimath, aus der Dich meine unglückliche Liebe verbannte— und Du haſt Recht. Gegen Deinen Entſchluß weiß ich keine Sylbe vorzubringen. Ich erkenne ſeine Gerechtigkeit, ſeine volle Gerechtigkeit an, denn ich bin Deiner nicht mehr werth. Wie anmaßend von mir,“ fuhr er fort,„daß ich glauben konnte, Reue vermöge ein Benehmen wie das meinige wieder gut zu machen; aber nichts deſto weniger werde ich auf dem ge⸗ wählten Pfade fortfahren.“ „Zu Deinem Glück, hoffe ich?“ Ihr Gatte lächelte bitter.. „An meinem Gebet ſoll es nicht fehlen, Dich darin zu bekräftigen,“ fuhr Rachel fort.„Georg, Georg,“ rief ſie in plötzlichem Schmerzensausbruch, „hab' Mitleid mit dem Jammer einer Mutter— ſprich von meinem Sohn— haſt Du ihn nicht ge⸗ funden— keine Spur entdeckt von meinem verlore⸗ nen Schatz? Doch nein, ſo grauſam Du auch ge⸗ weſen biſt, würdeſt Du mir doch den einzigen Balſam nicht vorenthalten haben, der mein brechendes Herz heilen kann.“ — t N—— 8— 161 „Ich habe überall nach ihm geforſcht,“ verſetzte der Gatte, von ihrem Schmerz tief ergriffen.„Nacht um Nacht wanderte ich durch die Straßen von Lon⸗ don— drang in jeden Schlupfwinkel der Sünde und Schande— ſuchte ihn, wo das Laſter ſeine verlockenden Schlingen ausſtellt für die freundloſe Jugend; Alles vergebens. Der Himmel hat ſich verſchloſſen gegen meine Anſtrengungen, meine Ge⸗ wiſſensqual, meine fruchtloſe Reue. Rachel,“ fügte er bei,„könnte ich durch das Opfer meines Herz⸗ blutes ihn Dir zurückgeben, ſo würde ich es mit Freuden hinſtrömen laſſen und noch glauben, daß die Rettung wohlfeil erkauft ſei.“ „Georg!“ „Ich weiß, was Du ſagen willſt. Es iſt Zeit, daß wir ſcheiden. Ich will Dich nicht länger mit meiner Gegenwart quälen. Mein künftiges Leben ſoll Dir nicht zur Schande gereichen. Nur um Eines bitte ich Dich, laß mein Kind nicht um die Geſchichte von ihres Vaters Verirrung erfahren: ſie iſt zu jung, um es jetzt zu begreifen. Laß mich ſie zuweilen ſehen. Ich will nicht mit ihr reden, Rachel, ſie nicht in meine Arme drücken— nein, gewiß nicht. Der Kuß des Säufers ſoll nicht ihre unſchuldige* Wange beflecken. Bei dem Andenken an die Liebe, die ich verſcherzte— um unſeres Knaben willen, gewähr' mir dieſe meine letzte, meine einzige Bitte.“ Bei Erwähnung der Beweggründe, welche ſeine Anweſenheit an Orten erklärte, die das Herz und den Stolz einer Frau auf's Tiefſte verletzen mußten, fuhr Rachel Markham von ihrem Sitz auf. Zweimal Smith, Ebbe u. Fluth. 1. 11 162 verſuchte ſie zu ſprechen; aber die Erregung erſtickte ſie faſt, und mit furchtbarer Geſchwindigkeit wechſelte auf ihrem Geſichte das tieſſte Roth und die Bläſſe des Todes. „Antworte mir, Georg!“ rief ſie endlich, den Zauber durchbrechend, der ihre Lippen zu feſſeln ſchien,„und der Wahrheit gemäß, damit kein Vor⸗ wurf auf meiner Seele zurücbleibe.“ „Was meinſt Du?“ „Leitete Dich beim Beſuch der— der Schau⸗ plötze des Laſters, die Du nannteſt, kein anderer Beweggrund, als die Hoffnung, unſern verlorenen Knaben wieder zu finden?“ „Keiner,“ antwortete ihr Gatte mit ungeheuchelter Ueberraſchung. „Alſo nicht die Trunkſucht?“ „Nein.“ „Oder noch eine ſchlimmere—“ „Rachel,“ unterbrach ſie ihr Gatte,„wie tief ich auch geſunken ſein mag, ſo kränke mich nicht durch einen Argwohn, an den die Vernunft unmöglich glauben kann und den ſelbſt der Wahnſinn mit Ver⸗ Ichtung zurückweiſen würde.„Sieh' mich an,“ fuhr er fort;„hab' ich je mit Lügen meine Lippen be⸗ fleckt, mit Lügen, hinter welchen der Feigling ſeinen Schirm ſucht und zu denen nur der ſchleichende Be⸗ trüger ſeine Zuflucht nimmt? Laß mir die einzige Gerechtigkeit widerfahren: der giftige Trank hat noch nicht alle Mannheit und alles Schamgefühl in mir erſäuft; die Wahrheit wenigſtens überlebte den Schiffbruch.“ „Ich bin von Herzen froh, dies aus Deinem —— —„———,— —,— 163 Munde zu hören, Georg,“ rief Rachel in Thränen ausbrechend und auf ihren Stuhl zurückſinkend. habe eine ganz andere Geſchichte gehört.“ „Von Deinem Vater?“ „Ja; aber mach' ihm keinen Vorwurf. Er ſprach nur ſeine Ueberzeugung ats, nachdem er Dir auf Deinen nächtlichen Gängen nachgeſpürt hatte und dadurch auf die Meinung gekommen war—“ „Daß ich ſowohl Herz als Verſtand verloren habe,“ verſetzte der unglückliche Mann,„und daß ich tief genug im Laſter verſunken ſei, um ſelbſt von der Gnade nicht mehr erreicht werden zu können. Ich weiß, wie liebevoll er mich beurtheilt. Ohne Zweifel ſagt er, ich ſei noch immer ein Säufer?“ „Der Schein verleitete ihn dazu.“ „Der Wunſch war der Vater ſeines Gedankens,“ entgegnete Georg Markham.„Nein, Rachel, ſeit dem Tag, der mir Weib und Sohn ruubte, iſt nie der berauſchende Trank wieder über meine Lippen gekommen. Ich geſtehe zwar, daß ich ſchwer verſucht wurde, aber ich widerſtand; denn die Mannesauf⸗ gabe ſchwebte mir vor: die Achtung der Welt und die eigene wieder zu gewinnen.“ 5 Während er ſo ſprach, überflog die Gluth ehren⸗ haften Selbſtgefühls ſein Antlitz. Seine Gattin be⸗ trachtete ihn mit athemloſer Spannung und erwog jedes ſeiner Worte. „Als mir geſtern das Weib, das mich bedient, in gutmüthiger Geſchwätzigkeit mittheilte, Du habeſt eingewilligt, Dich von mir zu trennen und mich nie wieder zu ſehen, da, Rachel, fühlte ich mich als einen Ausgeſtoßenen, und alle Hoffnung ar von 11 — 164 mir gewichen. In der Verzweiflung ſtellte ich die Frage an mich, was es mich nütze, mit meinem Schickſal zu ringen, warum ich ſuche einen Namen wieder zu Ehren zu bringen, den Du zu theilen ver⸗ ſchmähſt, weßhalb ich mich nach einer Zukunft ſehne, die mir keine Freude bringen könne, nach einer Hei⸗ math, die beſtimmt ſei, öde zu bleiben. In dieſem Zuſtand der höchſten körperlichen und geiſtigen Ab⸗ ſpannung horchte ich auf die Spottreden meiner Arbeitsgenoſſen— denn ich bin jetzt ein bloſer Ar⸗ beiter— und ließ mich von ihnen bereden, ihnen in die Schenke zu folgen.“ „Und Du fieelſt?“ hauchte ſeine Zuhörerin. „Nein, Gott bewahrte mich,“ antworkete der ge⸗ beſſerte Trinker feierlich.„Ein Wort wurde mein † Retter. An der Schwelle des Tempels, wo die Vernunft geopfert, die Mannheit vernichtet, und Gefühl und Ehre in der Aufregung der Trunkenheit erſäuft wird, riß ich mich von ihnen los und entfloh.“ „Gott ſei Dank,“ murmelte ſein Weib;„Gott ſei Dank, daß Du dies thateſt.“ „Ich dachte an Dich, Rachel, und an meinen armen verlorenen Knaben. Ich will Dir nicht da⸗ mit wehthun, daß ich von der Qual ſpreche, die ich empfand, als ich mich wahnſinnig auf dem Boden wälzte oder nach den Fenſtern Deines Zimmers hin⸗ aufſah— von den gottloſen Gedanken, die mir den Sinn verwirrten, bis der Geiſt des Gebets über mich kam. Ich rang nach Kraft und fand ſie in jener einſamen Stunde; ſeitdem hat ſie mich nicht wieder verlaſſen.“ Augenſcheinlich arbeitete in Rachels Herzen etwas, — —— 8„——.—— — e⸗ in ie nd eit tt en U⸗ ch 165 dem ſie gern Ausdruck gegeben hätte; aber Georg bemerkte es nicht, ſondern fuhr fort: „Und nun lebe wohl! Fürchte nicht, daß ich wieder fallen werde. Wenn mir die Verſuchung auch naht, ſo kenne ich jetzt meine Kraft, die dem Dämon nicht unterliegen ſoll. Ich werde ausharren,“ fügte er bei,„muß ich gleich den rauhen Pfad der Reue wandeln ohne ermuthigende Hoffnung, ſchweigend und allein.“ „Nicht allein!“ rief ſein Weib, die Arme gegen ihn ausbreitend,„ein treues Herz wird Dir zur Seite ſein, Georg. Du kannſt die Leiden, die ich durchgekämpft habe, nicht wohl ungeſchehen, wohl aber wieder gut machen. Den herzloſen Lüſtling und Trunkenbold mußte ich verwerfen, nicht aber den Gatten, der das Glück ſeiner Zukunft in der Tugend ſucht. Was immer Dein Schickſal ſein mag, ich werde es theilen, werde mit Dir leben, mit Dir arbeiten, mit Dir ſterben, und nie ſoll von meiner Seite ein Blick oder ein Wort des Vor⸗ wurfs Dich an die Irrthümer der Vergangenheit er⸗ innern.“ Eine Umarmung, rein wie ihre erſte junge Liebe, drückte der Verſöhnung das Siegel auf, und bei⸗ fällig lächelten die Engel dazu. Rachel Markham hielt ihr Wort; ungeachtet der dringenden Vorſtellungen ihres Freundes, Peter Mangles, und der Anerbietungen ihres Vaters, der nicht an Georgs Schuldloſigkeit glauben wollte, hielt ſie an dem gefaßten Entſchluſſe feſt. Der reuige Trinker ſollte den ſchweren Pfad der Beſſerung nicht 166 allein gehen. Ein helfender Geiſt in der Engels⸗ geſtalt eines vergebenden Weibes lächelte ſeiner Anſtrengung zu und leiſtete ihm Geſellſchaft. Elftes Kapitel. Wir hörten einmal eine ſehr achtbare Wittwe, die dreimal verheirathet geweſen, in einem kleinen heilſamen Rath an ihre Nichte, die im Begriffe war, ſich mit einem reichen jungen Mann von unſerer Be⸗ kanntſchaft zu verbinden, die Erklärung abgeben, daß nach Abſtellung eines anerkannten Beſchwerdegrundes oder nach der Beſtimmung eines ſchönen Nadelgeldes eine Frau zuerſt darnach trachten ſolle, einen Schlüſſel zum Charakter ihres Mannes zu gewinnen, der ihr die innerſten Falten ſeines Herzens auſſchließen und ſeine Lieblingsſchwäche, an Händen und Füßen ge⸗ feſſelten Gefangenen gleich, ihrem freien Gutdünken überliefern könne.„Nicht, daß eine rechtſich geſinnte Frau,“ fügte ſie umſichtig bei, als ſie bemerkte, daß wir unſer Buch bei Seite legten und ihrer Unter⸗ weiſung lauſchten,„je daran denken wird, ihr ſo er⸗ rungenes Wiſſen zu mißbrauchen; durchaus nicht, meine Liebe. Aber räthlich iſt es immerhin, es zu erlangen, nach demſelben Grundſatz, den ein erfah⸗ rener General befolgt, wenn er in der Front eines Verbündeten, deſſen Abſichten zweifelhaft ſind, eine feſte Stellung einnimmt.“ Selbigen Tag kamen wir — natürlich innerlich— zu dem Beſchluß, den wir auch ſtets feſtgehalten haben, unſere Neigung nie einem, wenn auch noch ſo ſchönen, Mädchen, zuzu⸗ * — 6 167 wenden, das eine verwittwete Tante in der Fa⸗ milie hat. Wir wiſſen nicht, ob Lady Boothroyd das Glück hatte, eine ſo erfahrene Rathgeberin zu beſitzen, oder ob die inſtinktartigen Auffaſſungen ihres Geſchlechtes auf dem Wege einer natürlichen Logik ſie zu denſel⸗ ben Schlüſſen führte; ſo viel wenigſtens iſt gewiß, daß ſie die aufgeführte Lehre ſo erfolgreich übte, als ſei ſie ſchon ihrem Mädchenherzen eingeprägt worden. Die Schwäche ihres Gatten, unmännliche Furcht für die perſönliche Sicherheit, diente ihrem Handeln zur Grundlage. Fletcher verſicherte, er habe hinter der großen Ulme unmittelbar vor dem Fenſter von ſeines Herrn Gemach einen Mann lauern ſehen und auf denſelben Feuer gegeben; aber eh' er wieder laden konnte, ſei der Spibbube verſchwunden geweſen. Die Feigheit iſt ſprüchwörtlich leichtgläubig. Wie hätte ihm Sir Norman nicht glauben ſollen, da er ja ſelbſt den Schuß gehört hatte. Zunächſt forderte die Kammerjungfer der gnädi⸗ gen Frau ihren Abſchied. Ihr Schlafzimmer ging gegen den Park hinaus, und ſie hatte ſchwache erven. „Die Elenden!“ rief der haſenherzige Baron. „Ich will den Platz verlaſſen; ſie ſind nicht würdig, daß der Grundherr unter ihnen wohnt.“ Die Bewohner von St. Faith waren ſo ziemlich . derſelben Anſicht. Dies hatte das argliſtige Weib gewünſcht. Der Vorfall beſtärkte ihren Gatten in ſeinem Entſchluß, Meldown zu verlaſſen, welchen Squire Blundells 168 Neckereien einigermaßen erſchüttert hatten. Der Auf⸗ enthalt auf dem Lande war ihr längſt zuwider, da er Talenten, wie die ihrigen, ein zu enges Feld dar⸗ bot. In London fand ſie ihre natürliche Sphäre, vielleicht auch geeigneten Spielraum. Es wurde Be⸗ fehl zur Abreiſe gegeben. Ein paar Tage vor dem Umzug erklärte die Lady ihre Abſicht, einen Gang durch's Dorf zu machen. Sir Norman vernahm dies mit Erſtaunen. „Wie?“ rief er,„Sie wollen ſich in die Höhle dieſer Wilddiebe, Meuchelmörder und Ungeheuer wagen?“ „Ich habe keine Furcht,“ verſetzte ſeine Gattin. „Gegen mich hegen ſie keinen Groll. Ihr Blut iſt's, nach dem ſie dürſten.“ „Die Böſewichter!“ rief der Baron ſchaudernd. „Außerdem dürfen wir ſie nicht auf dem Glau⸗ ben laſſen,“ fügte die Lady bei,„als hätten ſie uns durch Einſchüchterung vertrieben.“ „Gewiß nicht!“ rief der Gentleman mit Nach⸗ druck.„Vertreiben! Wer hat je gehört, daß ein Boothroyd vertrieben wurde! Und was die Ein⸗ ſchüchterung betrifft, ſo hoffe ich, daß meinem Weg⸗ zug von Meldown Niemand einen ſo lächerlich fal⸗ ſchen Beweggrund unterſtellen wird.“ Die Gnädige lächelte. „Ich füge mich darein,“ fuhr der Sprecher fort, „weil ich den mißleiteten Elenden ein ſchreckliches, unerhörtes Verbrechen erſparen will. Um zu zeigen, wie wenig die Rückſicht auf meine Perſon damit zu ſchaffen hat, würde ich Sie gerne begleiten, wenn 169 nicht Doctor Phraſe darauf beſtünde, daß ich das Zimmer hüte.“ „Ich bedarf keiner Begleitung,“ entgegnete die Lady, welche ihre guten Gründe hatte, allein zu gehen,„und wiederhole, daß ich nichts zu fürchten habe. Meine Beſorgniß gilt blos Ihnen.“ Als ſie das Zimmer verließ, ſtellte Sir Norman an ſich ſelbſt die Frage, ob wohl die Ungewißheit über den Betrag ihres Witthums ſeiner Gemahlin dieſe ungewöhnliche Sorglichkeit einflöße, oder welchen anderen Beweggrund ſie dafür haben möge; denn ſelbſt ſeine Eitelkeit verſtieg ſich nicht ſo weit, in der Liebe ihn zu ſuchen, da ſie beide aus dieſem Traum längſt erwacht waren. Lady Boothroyd's erſter Beſuch galt der Hütte des Webers. Sie wollte ſich ſelbſt überzeugen, ob die Winke ihres Stewards nur auf unbeſtimmte Muthmaßungen, den Einflüſterungen eines erſchreck⸗ ten Gewiſſens, oder auf eine unanfechtbare Aehnlich⸗ keit zwiſchen der Waiſe Lillian und dem unglücklichen Allan ſich gründete. Nicht, daß das Ergebniß in einem wie im andern Falle ihre Plane beeinflußt hätte; denn letztere waren auf gewiſſe Grundſätze, oder vielmehr auf einen Mangel an Grundſätzen ge⸗ baut— auf die ſchlimmen Leidenſchaften und ehr⸗ geizigen Abſichten, die ſie im Hinblick auf die künf⸗ tige Verſorgung der ſchönen und unſchuldigen Alice zur Richtſchnur nahm. Wie bereits bemerkt wurde, war die Lady bei den Bewohnern von St. Faith nicht gerade unbeliebt. Man ſah in ihr ein demüthiges Weſen, das unter dem harten Charakter ihres Gatten ſchwer zu leiden . hatte. Wenn je den ärmeren Pächtern ober Hinter⸗ ſaßen eine kleine Vergünſtigung gewährt wurde, ſo ſchrieb man es ſtets auf Rechnung ihrer Fürbitte, wie im Gegentheil für jeden harten Schritt Sir Nor⸗ man allein in's Gerede kam. Dieſer Eindruck war in der That ſo allgemein, daß man ſelbſt die Dienſt⸗ boten vielfach ſagen hörte, wie es ſo ganz anders wäre, wenn die Lady ihren Willen hätte. Das ſchlaue Weib hatte augenſcheinlich Pope nicht umſonſt geleſen, denn ihr ganzes eheliches Leben bildete einen praktiſchen Commentar zu ſeinem Rath: „Und herrſchet ſie, ſo zeig' ſie nie den Scepter.“ Es frägt ſich, ob Macchiavelli je ſo viel Unheil in ſo wenigen Worten zuſammengedrängt hat. Wie gut kannte der Dichter die Schwäche ſeines eigenen Geſchlechts. Wir ſind ſo gern bereit, das Weſen dem Schatten zu opfern und nachzugeben, wenn im⸗ mer ein Vorwand dafür ſich uns darbietet. „Sie zeige nie den Scepter.“ Das iſt ein Ver⸗ golden der Pille, die Täuſchung, welche das alte Kind von Ehmann veranlaßt, den Mund aufzuſperren und zu meinen, ſie ſei eine Zuckerpflaume. Obgleich Simon Gee und ſein rühriges Weibchen einen geziemenden Unabhängigkeitsgeiſt beſaßen, fühl⸗ ten ſie ſich doch etwas außer Faſſung ob der Ehre eines ſo hohen Beſuches. Simon erhob ſich beim Eintritt der Lady von ſeinem Webſtuhl, warf die rothwollene Nachtmütze weg und ſtrich ſich das dünne graue Haar glatt, während Eſther ſehr unnöthiger⸗ weiſe, da ſie ſtets ihr Möbelwerk gewiſſenhaft rein zu halten pflegte, den großen Lehnſeſſel mit der 171 Schürze abſtäubte, um ihn dem Gaſt anbieten zu können. „Ich hab' euch nicht früher beſuchen wollen, meine guten Freunde,“ begann die Lady in mildem Tone,„weil ich fühlte, daß in den erſten Augen⸗ blicken des Schmerzes ſelbſt eine wohlwollende Theil⸗ nahme läſtig werden kann.“ „Oh, gnädige Frau,“ verſetzte Eſther mit einem Knir,„wir Alle wiſſen, daß es nicht Ihre Schuld iſt. Wegen des Vorgefallenen macht im ganzen Dorf Niemand Ihnen einen Vorwurf.“ „Es freut mich, dies zu hören,“ lautete die Ant⸗ wort.„Natürlich kann weder Sir Norman noch ich zugeben, daß das Kind euch eine Laſt werde.“ „Es iſt keine Laſt, gnädige Frau!“ rief Si⸗ mon Gee. „Nein, das weiß der Himmel,“ fügte ſein Weib bei. „Wenigſtens werdet ihr mir einen Beitrag ge⸗ ſtatten—“ „Keinen Penny,“ unterbrach ſie der Weber, ohne ſeiner Gewohnheit gemäß die Meinungsäußerung ſei⸗ ner Frau abzuwarten, oder auch nur durch einen ſeiner kleinen telegraphiſchen Blicke, die im ehelichen Leben ſo wohl verſtanden werden, ihren Rath ein⸗ zuholen.„Ich wollte mir lieber die Finger bis auf die Knochen abarbeiten, als zugeben, daß das Kind meines ermordeten Bruders— denn er wurde er⸗ mordet, gnädige Frau— etwas zu ſeinem Unter⸗ halt von Sir Rorman beziehe.“ „Und ich ſpreche auch ſo,“ fügte ſeine beſſere Hälfte mit Nachdruck bei. „Aber gegen mich könnt ihr doch nicht daſſelbe 172 einwenden,“ bemerkte die Lady.„Ich begreife euren ehrenhaften Stolz und ſchätze ihn. Wir können über die Sache weiter ſprechen, wenn ich von London zu⸗ rückkehre. Vorderhand bin ich blos gekommen, um eure Nichte zu ſehen.“ „Tauſend Dank für Ihre Güte, gnädige Frau,“ ſagte Eſther.„Lillian ſpielt mit Farmer Minter's Kindern; hier wäre ſie ſo allein. Simon, geh' und hol' ſie.“ Mit einem Gefühl von Widerwillen, für das ſich Simon keinen Grund angeben konnte, griff er nach ſeiner Mütze, ſtand auf und ſagte, daß er in eini⸗ gen Minuten wieder da ſein werde. Wir glauben nicht an Ahnungen— an übernatürliche nämlich, ſonſt könnten wir vermuthen, es habe ihn ein Vor⸗ gefühl beſchlichen, als ſei er im Begriff, die hilfloſe Unſchuld ihrer ſchlimmſten Feindin vorzuſtellen. Aber natürlich wuchs ein ſolcher Gedanke nicht in Simon's einfachem, ehrlichem Kopf. Warum auch? Um Lady Boothroyd's Maske zu durchſchauen, waren ſchärfere Augen nöthig. Es iſt erſtaunlich, wie geſchwätzig die Zunge wird bei einem vollen Herzen. Sobald Eſther mit ihrem Gaſt allein war, brach ſie in Lobeserhebungen über Lilly aus, deren Schönheit und einnehmende Ma⸗ nieren ſie nicht genug hervorzuheben wußte.„Man ſollte ſie für das Kind von vornehmen Leuten und nicht für die Tochter des armen Barny halten, ſo hübſch und fein iſt ſic. So ſchöne ſchwarze Locken, gerade wie bei Miß Alice— und Augen, ich weiß nicht, ob ſie nicht gleichfalls die Farbe haben, wie — 173 die der Miß Alice. Iſt das nicht merkwürdig, gnä⸗ dige Frau?“ „Wahrſcheinlich war ihre Mutter eine Hindu,“ bemerkte die Gebieterin von Meldown⸗Park ärger⸗ lich;„die ſind alle dunkelfarbig.“ „Ohne Zweifel, gnädige Frau,“ verſetzte das ein⸗ fache Weibchen, deren Gedanken dadurch auf einmal eine andere Richtung gewannen,„es muß ſo ſein. Lilly ſpricht nur ſehr wenig engliſch, und hat eine ſo curioſe Art, Dinge, die ſie will, zu verlangen, faſt als ſei ſie an die Aufwartung von Bedienten gewöhnt.“ Obſchon Lady Boothroyd einigermaßen auf eine Aehnlichkeit mit der Familie ihres Gatten vorbereitet war, konnte ſie doch kaum einen Ausruf der Ueber⸗ raſchung unterdrücken, als Simon Gee die Waiſe in's Zimmer führte. Die Aehnlichkeit mit Allan's Portrait war ſo ſprechend, daß ſie in ihrem Innern beſchloß, das Bild zu entfernen oder zu vertilgen, indem ſie zugleich bereute, es nicht ſchon früher ge⸗ than zu haben. 2 Der Anblick der reich gekleideten fremden Dame wirkte nicht einſchüchternd auf Lillian; ſie ging furcht⸗ los auf die Lady zu, ſah ihr ernſt in's Geſicht und ſprach einige Worte hindoſtaniſch. Als ſie ſah, daß ſie nicht verſtanden wurde, wandte ſie ſich traurig ab. „Du mußt engliſch ſprechen, mein Herzchen,“ flüſterte die Tante. Lilly ſchüttelte den Kopf, ſie wollte nichts vom Engliſchen wiſſen. „Sie iſt in der That ein holdes kleines Weſen, ich vehme tiefen Antheil an ihr.“ Dieſe Worte be⸗ 174 gleitete die Lady mit einem Kuß, der zu Eſther's Aerger nur kalt erwidert wurde. Warum doch? Ihre Küſſe erwiderte das Kind warm genug. Frei⸗ lich war ſie nicht ſelbſt Mutter, und ahnte daher nicht, wie gute Kinder in der Regel die wahren oder erlünſtelten Kundgebungen von Liebe zu unterſcheiden wiſſen. „So rede doch mit der Lady,“ ſprach ihr der Weber zu. Die Kleine erhob ihre großen leuchtenden Augen zu ihm und lächelte. „Hat ſie die Mama geliebt?“ fragte ſie. „Das iſt Lady Voothroyd,“ rief Eſther mit inner⸗ lichem Aerger,„eine ſehr vornehme und reiche Frau, die nichts von deiner Mutter weiß. Haben Sie Nach⸗ ſicht mit ihrer Jugend, gnädige Frau.“ Bei dem Namen Boothroyd machte Lillian ein Geſicht, als ſuche ſie ſich auf etwas zu beſinnen; doch jetzt erhob ſich der Gaſt, um ſich zu entfernen. „Nach meiner Rückkehr von London hoffe ich Mittel zu finden,“ ſagte ſie,„eurer Richte nützlich zu werden, ohne Verletzung eurer Geſühle, die ich nur zu wohl zu würdigen weiß,“ fügte ſie mit einem Seufzer bei.„Ich brauche euch nicht zu empfehlen, gut gegen das Kind zu ſein; denn ich ſehe, daß es ſich bereits in euren Herzen feſtgeniſtet hat.“ Nachdem die ſchlimme Frau das beabſichtigte Opfer ihrer Tücke nochmal geküßt hatte, verließ ſie die Hütte. „Es iſt doch eine gute Lady, wie es nur je eine gab,“ rief Simon Gee, ihr durch das Fenſter nach⸗ — „% E i⸗ er n er 175 ſehend.„Sie geht zu Mark Rayner, ſicherlich auch in irgend einer wohtwollenden Abſicht.“ „Ohne Zweifel,“ verſetzte Eſther;„ſein Weib war immer ein Liebling der gnädigen Frau. Mark iſt freilich nicht ſo ordentlich, als er ſein ſollte, und die Nachbarn ſagen, er werde Hütte und Land dem Sir Norman wieder abgeben müſſen. Das Gewehr iſt ihm lieber als der Pflug.“ „Es thut mir leid, dies zu hören,“ ſagte der eber,„denn es gibt ſchlimmere Leute in der Welt, als der arme Mark, obſchon er ſo eine Art Thunicht⸗ gut iſt.“ Der Gegenſtand dieſer Bemerkungen war ein großer, ſtarker, gut ausſehender, junger Mann, dos Muſterbild eines engliſchen Yeoman, der ein paar Jahre früher eines der hübſcheſten Mädchen in St. Faith geheirathet hatte. Die Klugen ſchüttelten frei⸗ lich den Kopf darüber, daß Roſa Mayfly, welche ſtets die erſte in der Schule geweſen und in der Bank von Exeter ein großväterliches Erbvermögen von hundert Pfund liegen hatte, ſich an einen ſolchen Burſchen wegwerfen mochte. Und doch konnte man ihm nichts entſchieden Schlimmes nachſagen, als etwa, daß er in ſeiner Art ein Müſſiggänger ſei. Obwohl er nicht gern für ſich ſelbſt arbeitete, war er doch ſtets be⸗ reit, einem Freund in ſeinen Geſchäften zu helfen; auch machte er ſich nichts aus acht bis zwölf Weg⸗ ſtunden im Tag, wenn er dabei nur ſein Gewehr auf dem Rücken tragen konnte— eine Liebhaberei, in deren Folge es ſchon manche ärgerliche Geſchichte zwiſchen ihm und den herrſchaftlichen Jägern gege⸗ ben hatte. 176 Wie die meiſten Pächter der Meldown'ſchen Güter ſaß Mark Rayner unter ſehr leichten Bedingungen auf ſeinem Zinsgute, das aus einer Hütte und zwei oder drei Stücken Felds beſtand. Vielleicht war ge⸗ rade die niedere Rente die Haupturſache ſeiner Un⸗ thätigkeit geweſen; denn wenn ſein Weib es wagte, ihn an die Nothwendigkeit einer beſſeren Feldbeſtel⸗ lung oder an den Zahlungstermin zu erinnern, ſo pflegte er darauf zu antworten, daß ein einziges gutes Jahr Alles in Ordnung bringen werde; und wie's eben den Weibern ergeht, Roſa glaubte ihm. Seit dem Neujahrabend hatte jedoch ein entſchie⸗ dener Wechſel in dem Benehmen ihres Mannes ſtatt⸗ gefunden. Er ſtand früh auf, arbeitete den ganzen Tag und ſchien ernſtlich befliſſen zu ſein, ſeine frühere Thorheit wieder gut zu machen; aber dieſe erſehnte Beſſerung vermochte doch nicht, ſeine Frau ganz zu beruhigen, denn er erſchien oft verſtimmt, hatte un⸗ ruhige Nächte und murmelte in ſeinen Träumen ſelt⸗ ſame Reden, ob denen ihre Wangen erblaßten und ihr Herz entſetzt zu klopfen begann. „Ich muß Euch vor meiner Abreiſe noch beſuchen, Roſa,“ ſagte Lady Boothroyd, als ſie die Hütte betrat;„denn Ihr wißt, daß mir Euer Wohl am Herzen liegt. Setzt Euch! Ihr ſcheint unruhig zu ſein. Ich kann mir die Urſache denken.“ „Die Urſache?“ ſtotterte das beſtürzte Weib. „Ja,“ entgegnete die Lady.„Ich hörte den Steward zu Sir Norman ſagen, Euer Mann ſei nahezu mit zwei Rententerminen im Rückſtand; das darf Euch nicht unglücklich machen. Ich komme, um—5 ter en ei e te, el⸗ es nd ie⸗ en re te 177 „Oh, tauſend Dank, gnädige Frau,“ unterbrach ſie Roſa ſehr erleichtert.„Das Geld wird zur Zeit bezahlt werden.“ „Von Eurer Mitgift?“ bemerkte das argliſtige Weib.„Ich glaubte, ſie ſei längſt durchgebracht.“ „Nein, von der Arbeit meines Mannes,“ ver⸗ ſetzte Roſa ſtolz.„Er arbeitet jetzt ſo fleißig, wie nur irgend einer im Ort, und iſt früh und ſpät auf ſeinen Feldern.“ „Seit wann?“ 4 „Seit— oh ſchon lange, gnädige Frau,“ ant⸗ wortete Roſa verwirrt. „Freut mich, dies zu vernehmen,“ ſagte die Her⸗ rin von Meldown⸗Park,„denn man erzählte mir, er habe nicht nur Euer großväterliches Erbe aufgebracht, ſondern auch aus Eurer Haushaltung Manches zu Geld gemacht, was Ihr nicht hättet weggeben ſollen — ſo zum Beiſpiel die Bibel, die ich Euch ſchenkte, als Ihr die Schule verließet.“ „Dann hat man Sie ſchändlich belogen,“ rief die argloſe Roſa haſtig.„Wer kann auch ſo ſchlecht ſein? Glauben Sie mir, es iſt nicht wahr.“ Im Geſicht ihres Gaſtes zeigte ſich ein ungläu⸗ biges Lächeln. „Ich kann Sie überzeugen, gnädige Frau,“ fuhr die Sprecherin freudig fort, indem ſie nach einer alt⸗ modiſchen Commode eilte und das fragliche Buch herausholte.„Hier iſt ſie.“ Lady Boothroyd 4 den Titel auf. Wie ſie erwartet hatte, war das Schmutzblatt, auf welchem ihr Name und das Datum der Geſchenksreichung ſtand, abgeriſſen. Man konnte nur noch Worte Smith, Ebbe u. Fluth. I. 178 leſen:„Geſchenk an Roſa Mayfly als Lohn für ihr Wohlverhalten.“ Der Reſt fehlte. „Wer iſt doch ſo abſcheulich geweſen?“ rief Roſa beim Anblick des zerriſſenen Blattes. „Das hat Euer Mann gethan,“ verſetzte die Lady, das ſcharfe graue Auge auf das Geſicht des nichts ahnenden Weibes heſtend. „Mark? Oh, gnädige Frau, warum er?“ „Um am Neujahrsabend ſein Gewehr damit zu laden,“ antwortete Lady Boothroyd bedächtig,„in derſelben Nacht, als Springthorp ermordet wurde.“ Die Sprecherin zog jetzt aus ihrem Taſchenbuch den halbverbrannten, mit Blut befleckten Papierſtrei⸗ fen, und verglich ihn mit dem zerriſſenen Blatt in der Bibel, zu dem er ohne allen Zweifel paßte. Die Worte von„Lady Boothroyd“ vervollſtändigten die Widmung. Der Beweis war ſchlagend. „Ich bedaure Euch ſehr,“ fuhr ſie fort.„Mark iſt der Mörder des unglücklichen Parkwächters und dies der ſchreckliche Beweis ſeiner Schuld.“ Eine Weile ſtand das unglückliche Weib wie vom Donner gerührt, ohne ihr Elend zu begreifen; als ihr aber die ganze Ausdehnung deſſelben klar wurde und ſie fühlte, daß der Mann, den ſie ſo innig liebte, ſein Leben verwirkt hatte, entrang ſich ihr ein Schrei des Entſetzens. Sie fiel auf ihre Kniee nieber, und ergriff das Gewand ihres Gaſtes. „Schonen Sie ihn, gnädige Frau,“ rief ſie mit von Schreck erſtickter Stimme—„im Namen des Allbarmherzigen ſchonen Sie ihn! Er that es nicht mit Abſicht, denn er hat einen Abſcheu vor aller Grauſamkeit. Fragen Sie, ob in ganz St, Faith 8— Jemand dem armen Mark etwas Schlimmes nach⸗ ſagt. Er iſt ſeit zwei Jahren mein Mann, und ich liebe ihn trotz ſeiner Fehler, weil ich ſein Herz kenne. Schonen Sie ihn und ich will Tag und Nacht für Sie und die Ihrigen beten. Oh, mich mögen Sie mit Füßen treten, tödten, mit mir anfangen was Sie nur wollen!“ Dieſe Worte, ein von Seufzern und Thränen unterbrochener Erguß, galten der Zuhörerin als eine Bürgſchaft, daß Roſa, um ihren Mann zu ſchützen, ſich zu den verzwifeltſten Handlungen brauchen laſſen werde. „Es iſt eine ernſte Angelegenheit, einen Mord zu verheimlichen,“ ſagte ſie. „Aber es iſt ja kein Mord,“ ſchluchzte die Aermſte unter Händeringen.„Es muß zufällig geſchehen ſein.“ „Die Leichenſchauer haben es dafür erklärt,“ ent⸗ gegnete die Lady kalt,„und wenn Sir Norman ein⸗ mal dieſen Beweis in Händen hat—“ „Aber er wird ihn nicht erhalten,“ erneuerte Roſa ihr Flehen.„Geben Sie mir das verhängniß⸗ volle Papier; ein Menſchenleben hängt davon ab. Sie ſind eine reiche und vornehme Dame,“ fügte ſie bei,„und ich bin nur ein armes und geringes Weib. Was kann es Sie nützen, wenn Sie den armen Mark dem Gericht überliefern? Der Todte wird dadurch doch nicht lebendig; mich aber ſtürzen Sie in Schande und in ein ſo hoffnungsloſes Elend, daß ſelbſt der Tod dagegen eine Wohlthat wäre.“ „Ich kann dieſes Papier nicht hergeben,“ bemerkte ie Lad, eindem ſie es in ihrer Brieftaſche wieber verwahrte und dieſe zu ſich ſteckte— eine 13 über⸗ 180 flüſſige Vorſicht, denn man konnte Roſa wohl zutrauen, daß ſie in ihrer Verzweiflung mit Gewalt das ver⸗ hängnißvolle Zeugniß an ſich zu bringen ſuchen werde. „Aber unter einer Bedingung bin ich vielleicht ge⸗ neigt, es Euch, oder vielmehr Eurem Manne auszu⸗ liefern.“ „Nennen Sie die Bedingung! Sollen wir Fel⸗ der und Häuschen aufgeben? Oh wie gerne. Spre⸗ chen Sie, erleichtern Sie mein brechendes Herz.“ „Sende Mark nach der Halle, er ſoll es dort er⸗ fahren,“ ſagte die Lady, und ſchickte ſich zum Fort⸗ gehen an. Als Roſa ſah, daß die Lady ſich entfernen wollte, ſtellte ſie ſich inſtinktartig vor der Thüre auf. „Ihr unterſteht Euch doch nicht, Gewalt zu brau⸗ chen?“ ſagte Lady Boothroyd, mit Würde ſich auf⸗ richtend. „Gewalt?“ rief Roſa außer ſich;„ja, Sie ſelbſt bringen mich darauf. Ich werde wahnſinnig, wenn Sie mir nicht das unglückliche Papier da laſſen. Wir wollen ja Alles thun, aber treiben Sie mich nicht zur Verzweiflung.“ „Mädchen!“ „Ich bin kein Mädchen, ſondern ein Weib,“ er⸗ widerte Roſa, die aus der Liebe zum Gatten Kraft gewann.„Ich muß das Papier haben; es gehört mir, und ich will es haben. Oh, gnädige Frau,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich ihr wieder zu Füßen warf, „haben Sie Mitleid mit meiner Noth. Treiben Sie mich nicht ſo weit, daß ich den Unterſchied unſerer Stellungen vergeſſe. Wenn Ihnen ein menſchliches Herz in Liebe ſchlägt, ſo hören Sie auf mein Flehen.“ * 181 „Ich höre,“ bemerkte die Lady verächtlich. „Ich verpflichte mich mit jedem Eid, den Sie mir auferlegen, und Mark ſoll das Nämliche thun — Ihr Geheiß zu erfüllen. Sie wiſſen, daß man ſich auf mich verlaſſen kann. Sie ſind ſelbſt Gattin und können ſich vorſtellen, was ich leide, bis dieſes ſchreckliche Zeugniß vernichtet iſt. Der Schlaf wird meine Augen fliehen, und die Furcht ſich wie ein unheimlicher Schatten an meine Fußtritte heften. In jedem Laut, der meiner Hausthüre naht, werde ich die Stimme derer hören, welche kommen, um meinen Mann vor den Richter— auf das Schaffot zu ſchleppen! O Gott, ich ſehe ihn dort. Erbarmen! Erbarmen! Gönnen Sie ihm Zeit zur Reue, um ſei⸗ ner Seele, um meinetwillen.“ Die rührende Anſprache übte keinen Einfluß auf das Herz der ſtolzen Frau; dagegen wurde ſie jetzt für ihre perſönliche Sicherheit beſorgt. „Roſa,“ ſagte ſie in milderem Tone,„traut Ihr mir nicht?“ „Ihnen trauen,“ entgegnete das aufgeregte Weib, „während es in Ihrer Macht liegt, Mark von ſeiner Heimath weg in's Gefängniß, in den Tod zu ſchicken? Welches Weib würde ſelbſt einem Engel trauen, der dies vermöchte? Das Papier— ich muß das Pa⸗ pier haben!“„ „Nie!“ Roſa ſtürzte auf ſie zu und es kam zum Hand⸗ gemenge. Lady Boothroyd's Finger verſtrickten ſich in dem üppigen Haar der Gegnerin, das ſie mit den Wurzeln ausriß, und ihre Nägel zeichneten in furcht⸗ barer Weiſe deren Hals und Geſicht. Roſa übte 182 keine Wiedervergeltung, obſchon ſie es leicht hätte thun können; denn ihr Gewiſſen flüſterte ihr zu, daß ſie unrecht handle. Sie wollte ſich blos den Beweis von ihres Gatten Schuld zueignen. Dem Kampf wurde jedoch durch das Erſcheinen des Steward Si⸗ ler ein Ende gemacht, der im Vorbeigehen die Hilfe⸗ rufe ſeiner Gebieterin hörte. Ungeachtet ſeines Al⸗ ters war er noch ein kräftiger Mann mit Sehnen wie Stricke und einer Hand wie Eiſen. Im Nu war die Lady aus Roſa's Händen befreit. „Ei!“ rief er mit einem Grinſen, das ſeine Hai⸗ ſiſchzähne bloslegte,„es wird immer ſchöner in St. Faith. Haben Sie Schaden genommen, gnädige Frau?“ „Nicht viel,“ verſetzte die Lady, ruhig ihren zer⸗ zausten Anzug ordnend.„Thut ihr nichts zu Leide: ſie muß wahnſinnig ſein, denn von Natur iſt ſie nicht boshaft. Ich bedaure ſie.“ Das unglückliche Weib, das noch immer ſchluch⸗ zend in der Stubenecke lag, in welche ſie der Ste⸗ ward geſchleudert hatte, ſchöpfte aus dieſen Worten neue Hoffnung. „Verzeihung,“ murmelte ſie,„Verzeihung!“ „Dir verzeihen, Du Drache!“ wiederholte der Steward, ſie rauh am Arm ſchüttelnd.„Ja wohl — da— verzeihen! Ein ſaüberes Beiſpiel für die Andern im Dorf. Soll ich nach dem Conſtabler ſchicken?“ fügte er bei. „Nein,“ verſetzte die Lady haſtig.„Ich wünſche ausdrücklich, daß Ihr über den Vorfall das tieſſte Schweigen bewahrt. Roſa,“ fuhr ſie fort,„ich meine te ß is f i⸗ n 183 es noch immer gut mit Euch, trotz Eures Undanks. Schickt Mark in die Halle, ſobald er heim kömmt.“ „Treten Sie mich mit Füßen— tödten Sie mich!“ rief das noch immer zitternde Weib, deſſen Herz von Dankbarkeit für die unverhoffte Gnade überſtrömte. Hch bin der Vergebung nicht würdig.“ „Sobald Ihr Euch ſelbſt verzeihen könnt,“ be⸗ merkte Lady Boothroyd mit einer Miene würdevollen Wohlwollens,„mögt Ihr meine Vergebung nach⸗ ſuchen.“ Mit dieſen Worten verließ ſie die Hütte, und Mr. Siler folgte ihr. Sie gingen ſchweigend durch das Dorf, die Lady ſtattlich und aufrecht, als komme ſie von einem Werk der Barmherzigkeit, der Steward unterwürfig hintendrein. Erſt im Park lieh der Letz⸗ tere ſeinen Gedanken Worte. „Euer Gnaden verfahren nicht offen gegen mich,“ ſagte er,„Sie haben Geheimniſſe, die ich nicht theile.“ „Einfach, weil ich keine Gelegenheit hatte, Euch zu Rathe zu ziehen,“ entgegnete das ſchlaue Weib. Ihr Begleiter zuckte zweifelnd die Achſeln.. „Ihr könnt mir glauben, denn ich bedarf Eures Beiſtands.“ glaube ich Ihnen,“ erwiderte Mr. iler. „Ich habe entdeckt, daß Mark Rayner der Mör⸗ der von Springthorp iſt,“ ſagte Lady Boothroyd, „und war thöricht genug, ſeinem Weib die Beweiſe zu zeigen, ſtatt den Mann zu mir kommen zu laſſen. Ihr wart Zeuge des Erfolgs. In ihrer Verzweif⸗ lung verſuchte ſie, mir dieſelben zu entreißen.“ „Kühn, aber unklug,“ bemerkte der Steward, — 184 der Alles, was er hörte, mit einem Commentar zu begleiten pflegte. „Nun habe ich für Mark ein geheimes Geſchäft.“ „Kann mir's denken.“ „Ich habe das Kind geſehen.“ „Allan Boothroyds Kind,“ ſagte der alte Mann kichernd,„und Sie wünſchen, daß Mark Rayner es beſeitige— es ſtehle. Er wird es thun; denn NRie⸗ mand iſt ſo zuverläſſig als ein Menſch mit dem Strick um den Hals. Da er außerdem Haus und Feld abgeben und fortziehen muß, ſo fällt kein Argwohn auf ihn. Aber Sie ſagten, daß Sie meines Bei⸗ ſtands bedürften, in wie ferne?“ „Ihr müßt mir Jemand in London ausfindig machen, der für Geld das Mädchen aufnimmt.“ „Und es gut behandelt?“ Trotz der gewohnten Heuchelei überflog doch eine tiefe Gluth das Geſicht des argliſtigen Weibes, nicht ſo faſt ob der Frage, ſondern wegen des Blickes, der ſie begleitete. „Gewiß,“ antwortete ſie. Mr. Siler kicherte, blinzelte pfiffig, und murmelte etwas von Thörichtſein, daß er nur ſo unnöthig fra⸗ gen möge. „Früher wäre das leicht gegangen,“ bemerkte er; „aber ich bin ſeit vielen Jahren nicht in London ge⸗ weſen, und offen geſtanden, es verlangt mich nicht, wieder hin zu kommen.“ „Bedenkt wohl,“ drängte die Lady,„daß Eurer eigenen Sicherheit Gefahr droht, wenn das Kind wirklich Allan's Tochter iſt, und das Geheimniß ſei⸗ ner Geburt an den Tag kömmt.“ — —* — „Bis dies geſchieht, bin ich längſt todt,“ verſetzte der Steward philoſophiſch.„Indeß— zchlen Sie mich gut, und ich gehe.“ „Wegen des Geldpunktes werden wir nicht ſtrei⸗ ten,“ ſagte die Lady.„Wann wollt Ihr aufbrechen?“ „Sobald ich die Reiſemittel habe— erforderlichen Falls ſchon in einer Stunde. Meine Vorbereitungen ſind bald gemacht. Aber ich muß das Geld haben; in ſolchen Angelegenheiten gebe ich keinen Credit.“ „Geld!“ wiederholte ſeine Verbündete.„Immer Geld!“ „Meinen Sie, ich ſündige aus Luſt an der Sünde?“ fragte der alte Mann ſpitzig. „Bisweilen kommt mir's ſo vor,“ antwortete die Lady.„Doch folgt mir nach dem Hauſe; ich will unverweilt das Nöthige für Eure Abreiſe beſorgen.“ „In einer Stunde ſteh' ich zur Verfügung. Ich muß noch Anordnungen für die Beſorgung der Farm treffen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. „Ein ſeltſamer Menſch,“ dachte die Lady, als ſie ihm nachſah.„Er hat ſich ſeiner Zeit nützlich ge⸗ macht; aber ich werde mich ruhiger fühlen, wenn er einmal todt iſt.“ Es war nicht das Erſtemal, daß ihr ſolche Ge⸗ danken kamen. 186 Zwölftes Kapitel. Mark Rayner kam wie gewöhnlich um Mittag nach Haus. Er war nicht wenig beunruhigt über den Zuſtand, in welchem er ſein treues Weib fand, das, ſobald ſie ihn erblickte, die Arme um ſeinen Hals ſchlang und an ſeiner Bruſt in Thränen aus⸗ brach. Der unglückliche Mann ahnte nur zu gut die Urſache ihres Kummers; denn ſeit der verhäng⸗ nißvollen Reujahrsnacht hatte er ſelbſt keine Ruhe mehr gehabt. Er war zwar ſeiner Schuld nicht ge⸗ wiß, weil mehrere Schüſſe zumal fielen; aber ſchon die Möglichkeit umſpuckte ihn wie ein Geſpenſt. Da⸗ her ſeine plötzliche Arbeitsluſt, die unermüdliche Thä⸗ tigkeit bei Tag, die unruhigen Nächte und die Träume, die ſelbſt den Schlaf ihm zum Schrecken machten. „Ich habe dem armen Springthorp nie abſicht⸗ lich ein Leid gethan,“ rief er, nachdem Roſa ihm von dem Beſuch der Lady Boothroyd erzählt und die gemachte Entdeckung mitgetheilt hatte,„und doch kann mein Herz keinen Frieden finden. Warum hab' ich nicht auf Deine Bitten geachtet und bin in jener verhängnißvollen Nacht zu Hauſe geblieben? Aber Sanders war da. Du erinnerſt Dich, wie er mich mit dem Pantoffelregiment verhöhnte, und— kurz, ich gab nach und verlor das ganze Glück meines Le⸗ bens, weil ich nicht ſtark genug gegen ſeine Spott⸗ reden war.“ Mark's Fall ſteht nicht vereinzelt. Die Männer laſſen ſich, gegen die Stimme der Vernunft, ſo leicht durch den Spott vom rechten Weg abbringen, 187 doch wollen ſie als das ſtärkere Geſchlecht gelten. „Wie mußt Du mich verachten und haſſen,“ murmelte er, ohne daß er es wagte, die Augen zu dem Weſen aufzuſchlagen, mit deſſen Frieden er ein ſo grauſames Spiel getrieben, und deſſen Herz er getäuſcht hatte. Der Kuß, den ihre bleichen Lippen ſeiner Stirne aufdrückten, war nicht nur das Siegel der Verge⸗ bung, ſondern auch das Unterpfand, daß die Liebe, die er gewonnen, keinen Wechſel kannte. Wäre ſeine Schuld geringer geweſen, ſo hätte vielleicht ſein Weib ſchärfere Saiten aufgezogen; Angeſichts der Gefahr aber, die ſogar das Leben des geliebten Mannes bedrohte, waren alle ſeine Verirrungen vergeſſen. „Wenn ich denke, wie nichtswürdig ich an Dir gehandelt habe,“ ſagte Mark,„ſo verabſcheue ich mich ſelbſt. Roſa, Roſa, die Nachbarn hatten wohl Recht, als ſie ſagten, daß ich Deiner nicht werth ſei.“ In der Erzählung befand ſich ein Zug, den der unglückliche Mann nicht zu begreifen vermochte— das aus der Bibel geriſſene und als Gewehrpfropf benützte Blatt; er konnte ſich nicht erinnern, es ge⸗ braucht zu haben. „Was würde mich Dir gegenüber oder vor Ge⸗ richt ein Läugnen nützen,“ ſagte er;„aber da ich wußte, wie werth Dir das Buch iſt, ſo hätte ich nicht ſo herzlos ſein konnen, das Blatt herauszu⸗ reißen. Du mußt im Irrthum ſein.“ Roſa ging nach der Commode, um das heilige Buch herauszuholen und ihn zu überzeugen. Es war 188 fort. Lady Boothroyd hatte es mitgenommen und ſomit den vollen Beweis in Händen. Die arme Frau entdeckte kaum dieſen Verluſt, als auch die letzte Hoffnung, an die ſie ſich gehalten, verſchwand. Sie hatte jetzt alles Vertrauen zu den Verſprechungen der Lady verloren. „Du mußt fliehen, Mark,“ erief ſie. Ihr Gatte ſchüttelte traurig den Kopf. Wohin ohne Geld? denn Roſa's Beibringen war längſt auf⸗ gebraucht. Wie bitter bereute er, nun es zu ſpät war, die leichtſinnige Sorgloſigkeit, die ihn an ſein Geſchick feſſelte. „Fliehen!“ wiederholte er.„Und was ſoll aus Dir werden?“ „Ich begleite Dich,“ antwortete Roſa mit Feſtig⸗ keit,„theile Deine Mühſalen und will Dir tröſtend zur Seite ſtehen. Lieber alles Elend, als daß ich mit anſehen könnte, wie man Dich in's Gefängniß — vielleicht zum Tode ſchleppt.“ Mark ſchlang den Arm um ſeine Gattin und drückte ſie an die Bruſt. Nie zuvor hatte er den Werth des Schatzes, den er davon getragen, ſo ſehr gewürdigt; nie war ſie ihm ſo ſchön vorgekommen. „Hör mich an, Du treues Herz,“ ſagte er. „Lady Boothroyd hat unſere arme Hütte nicht ohne Grund beſucht. Du meinſt, es ſei aus Menſchen⸗ freundlichkeit geſchehen; ſie ſprach von Bedingungen?“ „Ja, ich entſinne mich,“ verſetzte Roſa haſtig. „Wollte ſie aber nicht nennen?“ „Nur Dir, Mark— nur Dir.“ „Dann muß ich mit ihr reden,“ rief Mark ge⸗ t, n in ät in 1d iß d n hr r. ne n⸗ 189 dankenvoll.„Es iſt meine einzige Ausſicht, da ohne Geld von einer Flucht nicht die Rebe ſein kann.“ Nachdem Mark ſich für dieſen Schritt entſchieden hatte, legte er ſeinen Arbeitsanzug bei Seite und kleidete ſich für den Beſuch in der Halle; aber als der arme Schelm ſeine Hütte durch die Vorderthüre verließ, ſchlich von der hintern ſein Kamerad San⸗ ders weg, der Alles mit angehört hatte. Auch er war am Neujahrsabend draußen geweſen und hatte gleich den Andern auf die Parkwächter Feuer gegeben. Wahrſcheinlich ſchlug ihn das Gewiſſen, als er Lady Boothroyd und den Steward aus Marks Hütte kom⸗ men ſah, und er verbarg ſich deßhalb bis zur Zu⸗ rückkunft des Gatten im Hauſe, um zu hören, was vorgefallen war. „S iſt Alles recht,“ murmelte er, als er ſich entfernte.„Ich bin ſicher genug, wenn die gnädige Frau den Beweis hat, daß Mark es war. Sie wird ihn nicht unglücklich machen, denn ſein Weib iſt immer bei ihr in Gunſt geſtanden.“ In der Freude, die Laſt von ſich abgewälzt zu ſehen— ſein Herz blieb dabei unberührt, da nicht ſein Gewiſſen, nur die Furcht ihm zu ſchaffen gemacht hatte— begab er ſich, ſtatt zur Arbeit zurückzukehren, in's Wirthshaus. Die drei Stunden, welche Mark Rayner aus⸗ blieb, ſchienen ſeinem bekümmerten Weib eine Ewig⸗ keit zu ſein; ſie verwandte das bleiche Antlitz nicht von dem Fenſter und harrte voll Angſt ſeiner Rück⸗ kehr.„Kommt er wieder,“ fragte ſie wiederholt ſich ſelbſt,„oder hat man ihn nur in eine Schlinge ge⸗ lockt, um ihn der Gerechtigkeit zu überliefern?“ Das 190 eine Mal ſtürzte ſie der letztere Gedanke in Verzweif⸗ lung, und im nächſten Augenblick ſuchte ſie wieder Troſt in den Abſchiedsworten der Lady.„Sie kann nicht ſo grauſam ſein,“ beruhigte ſie ſich,„uns mit Hoffnungen hinzuhalten, nur um den Schlag um ſo ſchrecklicher zu machen. Sie iſt reich, glücklich und muß auch gut ſein.“ Sie wurde allmälig ruhiger. Endlich entrang ſich ihren Lippen ein Ausruf der Freude; Mark kehrte zurück. Sie konnte ſich nicht täuſchen. Die Entfernung und die Thränen im Auge machten zwar die Umriſſe unbeſtimmt, aber ſie er⸗ kannte ihn an der Geſtalt, der Haltung und dem Gang. oder ſchlimme Kunde? Oh, dieſe Ungewißheit iſt peinlich. Es muß was Gutes ſein,“ fügte ſie nach einer Pauſe bei,„denn der Schritt des Kummers iſt langſam. Er ſieht mich, er winkt mir mit der Hand. Alſo Hoffnung! Die gute freundliche Lady hat mich nicht getäuſcht. Gottes Segen über ſie!“ Als Mark in der Hütte anlangte, hatte die Auf⸗ † regung des Weibes eine Höhe erreicht, daß ſie nicht ſprechen konnte; aber ihre Augen waren beredter als ihre Worte. „Gerettet!“ flüſterte er, ſie umormend. Nie rang ſich ein dankbareres Gebet aus einem bekümmerten Herzen, als das lautloſe, das Roſa für ihre vermeintliche Wohlthäterin gen Himmel ſandte. „Du haſt die gnädige Frau geſehen, und ſie hat Dir den ſchrecklichen Beweis zurückgegeben?“ „Noch nicht.“ „Aber ſie will es thun?“ „Er geht raſch,“ murmelte ſie.„Bringt er gute c—— — WMark langſam. ziehen.“ 1 191 „Wenn die Bedingungen erfüllt ſind.“ „Bedingungen?“ wiederholte Roſa.„Ach ja, ich habe dies vergeſſen. Was verlangt ſie? Sollen wir von der Heimath fortziehen? Gerne, denn die trau⸗ rigen Gedanken ließen uns hier doch keine Ruhe.“ „Weib,“ ſagte Mark, ſie bei der Hand nehmend, „ich verſprach, ſie zu erfüllen; aber es hängt von Dir ab, ob ich Wort halte. Hätte ich mich gewei⸗ gert, ſo wäre ich als Gefangener feſtgehalten wor⸗ den. Ihre wohlwollende Gnaden,“ fügte er mit Bitterkeit bei,„verlangt, daß wir St. Faith verlaſſen und in ein fremdes Land fliehen.“ „Bis an der Welt Ende,“ rief Roſa in freudi⸗ gem Dank;„denn da iſt Sicherheit.“ „Es iſt nicht die einzige Bedingung,“ ſagte Roſa betrachtete ihn unruhig. „Ich muß die Rolle eines Diebes ſpielen, um mich mit dem Gericht über den Mörder zu ent⸗ „Eines Diebes?“ „Ja; ich ſoll Lilly ſtehlen, das Kind meines alten Kameraden Barny Gee. Nur unter dieſer Be⸗ dingung ſoll mir geſtattet ſein, meine Schande und Reue in einem fremden Lande zu verbergen. Dem alten Simon wird es das Herz brechen.“ „Aber wozu dieſes herzloſe, unnütze Verbrechen?“ fragte Roſa.„Ich kann mir keinen Beweggrund denken.“ „Lady Boothroyd erklärt, man könne unmöglich die Ereigniſſe der Reujahrsnacht vergeſſen, ſo lange das Kind in St. Faith bleibt; ſeine Anweſenheit ——— 192 unterhalte die Gereiztheit und den Groll zwiſchen Sir Norman und ſeinen Pächtern!“ „Und Du haſt zugeſagt?“ „Ja,“ verſetzte Mark ſchamroth.„Ich dachte an Dich, Roſa.“ „Sie hat Dich nur auf die Probe ſtellen wollen, Mark,“ rief Roſa, deren aufrichtigem Sinn das Ver⸗ brechen eben ſo ſchwarz und ſchändlich erſchien, als die Gründe dafür ſchwach und ungenügend waren. Hätte ſie mehr in der Welt gelebt, ſo würde ſie dem Umgang mit der Geſellſchaft eine große Wahrheit entnommen haben, daß nämlich in neunundneunzig Fällen unter hundert der Vorwand den Beweggrund maskiren muß. S „Du kennſt ſie nicht,“ bemerkte Mark bitter. „Ihr Herz iſt jedem menſchlichen Gefühl ebenſo ent⸗ fremdet, wie das Deinige dem Verbrechen. Ich machte ſie auf den Jammer des armen alten Simon und ſeiner Frau aufmerkſam; doch ich hätte eben ſo gut den Steinen predigen können.“ „Und was ſagte Lady Boothroyd darauf?“ fragte Roſa erſtaunt. „Inmer nur das Gleiche; den Galgen oder Ge⸗ horſam.“ Der Schreckensſchauder, welcher den Körper ſei⸗ ner Zuhörerin durchſchütterte, bekundete die Gewalt des Kampfes, der zwiſchen der Liebe und ihrem ſtren⸗ gen Rechtsſinn ſtattfand. „Arme Lilly,“ murmelte ſie.„Es iſt ſchrecklich; aber es bleibt uns keine Wahl. Wenn die Liebe ein Verbrechen wieder gut machen kann, ſo ſoll es geſchehen, indem ich mich ihr als Mutter erweiſe.“ —— 7) S S Se—— n X i⸗ lt n⸗ 5 e „Sie ſoll nicht bei uns bleiben,“ ſagte Mark, dem Blick ſeines Weibes ausweichend.„ch muß das Kind in London der gnädigen Frau überliefern. Sie hat verſprochen, es zu erziehen und zu verſorgen.“ ei all' ſeinem Leichtſinn hätte doch keine Aus⸗ ſicht auf Geldgewinn ihn zu beſtimmen vermocht, die ihm angemuthete That zu begehen; aber der Schrecken wirkte beſtimmend auf ihn und ſeine Frau. Beide waren jung und hatten nach dem Lauf der Natur noch viele Jahre der Liebe und des Glücks in Aus⸗ ſicht. Wenn indeß Roſa fiel, ſo geſchah es nicht ohne Kampf. Halt inne, gefühlvoller Leſer, eh' Du ſie verur⸗ theilſt, und vergiß nicht, daß die Sicherheit ihres Gatten der Köder war. Auch Engel ſind gefallen. Im Dorf erregte es nach den bekannten Vor⸗ gängen wenig Ueberraſchung, als am andern Mor⸗ gen früh der Bailiff von Marks Häuschen und von den Feldern Beſitz ergriff. Wir brauchen wohl kaum zu ſagen, daß dies ein zwiſchen Lady Boothroyd und den unfreiwilligen Werkzeugen ihres ſchlauen Planes abgekarteter Handel war. Faſt alle Einwohner von t. Faith kamen, um von ihnen Abſchied zu nehmen. „Ich denke nicht, daß Du mir lang voraus ſein wirſt, Mark,“ bemerkte Sanders,„denn der Platz gefällt mir gar nicht mehr. Es wird hier ſterblich langweilig ſein, wenn Du fort biſt.“ Die ſchwerſte Prüfung war der Abſchied von dem Weber und ſeinem Weib; letztere drängte ihnen zahl⸗ kleine Liebesbeweiſe auf, die ſie gerne abgelehnt ätten. „Nimm ſie nur,“ ſagte Simon;„brauchſt nicht Smith, Ebbe u. Fluth. I. 13 194 ſo ſtolz zu ſein; ſie werden Dich an Deine Heimath und Deine Freunde erinnern. Behalt' friſchen Muth in dem fremden Land, bis Du Dir die Mittel er⸗ worben haſt, wieder zu uns zu kommen. Mich wirſt Du freilich nicht mehr antreffen; aber Lilly da“— er bot ihm das Kind zum Kuſſe hin—„iſt, ſo Gott will, wohl noch am Leben, um Dich willkom⸗ men zu heißen.“ Roſa konnte nur durch Thränen antworten. Viele Dorfbewohner gaben ihnen noch eine ſchöne Strecke weit das Geleit, und nahmen erſt Abſchied von den Wanderern, als die Kutſche kam, welche ſie nach Ereter nehmen ſollte. Sie dachten freilich nicht, daß Mark ſo bald ſeinen Geburtsort wieder beſuchen werde. Hätten ſie eine Ahnung von dem Grund ſeiner beabſichtigten Rückkehr gehabt, ſo würden ſich wohl ihre freundlichen Wünſche in Flüche umgewan⸗ delt haben. Mitternacht war vorbei, als Rayner ſich St. Faith wieder näherte. Er hatte ſich ſo gut verkleidet, daß ſelbſt ſeine beſten Kameraden ihn nicht wieder er⸗ kannt haben würden. Und doch bebte er bei jedem Laut. Das Aechzen des Windes durch die entlaub⸗ ten Zweige, das leichteſte Raſcheln in der Hecke er⸗ füllte ſeine Seele mit Schrecken. Selbſt das Knir⸗ ſchen des Schnee's unter ſeinen Tritten half ſeine Unruhe erhöhen. Er war noch ein Neuling in Ver⸗ brechen. Auf der Höhe des Hügels angelangt, von wo aus der ſchmale Fußpfad durch den Dorfkirchhof führt, hielt er an.„Nicht dieſen Weg,“ murmelte er.„So tief ich auch geſunken bin, kann ich doch — th th er⸗ rſt m⸗ ne ied ſie ht, en nd ſich an⸗ ith ß em ub⸗ nir⸗ ine er⸗ wo hof elte och nicht am Grabe des armen Barny vorbei, deſſen Kind ich ſtehlen ſoll.“ Es waren auch andere Gräber da— die ein⸗ fachen Raſenhügel derer, die in ſeiner Jugend ihn geliebt hatten, der Mutter, die ihn geboren, des Vaters, der ihm einen reinen Namen hinterlaſſen hatte— einen Namen, den er jetzt zu entehren im Begriff war. Kein Wunder, daß er nicht durch den Kirchhof gehen wollte; er ſchlug die Straße ein. ie elend war dem unglücklichen Mann auf dem verſtohlenen Gang nach dem Heimathort zu Muth! Schatten gleich glitt er an den wohlbekannten Häu⸗ ſern vorbei, deren Bewohner ihm kurz zuvor Gottes Segen auf den Weg gewünſcht hatten. Er fühlte ſich mehr als einmal verſucht, ſein Vorhaben aufzu⸗ geben und zu fliehen; allein der Gedanke an Roſa beſtärkte ihn wieder.„Allein könnte ich wohl Alles über mich ergehen laſſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt; „aber ich habe kein Recht, Schande und Elend über i zu bringen.“ Wenn er nur früher ſo gedacht hätte. Bei Simon Gee's Hütte bog er in den ſchmalen Heckenweg zwiſchen dem Garten des Webers und Farmer Minters Baumgut ein; dann ſprang er über die Hecke und taſtete ſich behutſam nach der Hinter⸗ ſeite des Hauſes. Es war leicht, eine Glasſcheibe auszuheben und in Lilly's Schlafſtübchen zu gelan⸗ gen. Aber nun durchzuckte ihn der ſchreckliche Ge⸗ danke, daß das Kind erwachen und Lärm machen könnte. Haſtig hüllte er das unſchuldige Weſen in die Bettdecke und ſprang mit ihm durch das Fenſter. Seine Eile bewirkte gerade das, was 6. 196 die Erſchütterung des Sprungs weckte die Waiſe aus ihrem Schlummer, und ſie begann zu ſchreien. Er hörte dann die Stimmen Simon's und ſeines Weibes und unmittelbar darauf ein Geräuſch, wie wenn Licht geſchlagen würde. Mark wußte jetzt, daß ihm Verfolgung drohte. Aber eben gegen dieſe Gefahr, welche man voraus⸗ ſehen konnte, war von dem berechnenden Teufel, der ihn zum Verbrechen verführte, Vorſorge getroffen worden. Lady Boothroyd hatte ihm die Schlüſſel zu einem ſeene in den Park und zu einem unbenützten alten Pavillon gegeben, der in einem abgelegenen Theil des Parks ſtand, und ſo von Epheu überwuchert war, daß der Porticus ſowohl als das Dach in ſeiner üppigen Umſtrickung halb begraben lag. Der ſchuldige Flüchtling kam erſt wieder zu Athem, als er dieſen Schirm erreicht hatte. Man denke ſich den Schrecken des Webers und ſeiner Frau, als ſie halb angekleidet in Lilly's Schlaf⸗ ſtübchen ſtürzten und ihren Verluſt entdeckten. Das offene Fenſter zeigte an, auf welchem Wege man in's Haus gekommen und die Waiſe entführt worden war. Verzweifelnd ſchlug Simon die Hände zuſam⸗ men, als er des leeren Bettes anſichtig wurde. „Es iſt noch warm,“ rief ſein Weib.„Der Räu⸗ ber kann nicht weit ſein; auch haben wir ſie ſchreien hören. Nimm Dich zuſammen,“ fügte ſie bei, indem ſie ihn am Arm ſchüttelte.„Eil' zu Farmer Min⸗ ters; biet' die Nachbarn auf! Man wird ihn noch einholen.“ Es war keine Zeit, ſich Gedanken darüber zu 197 machen, warum das Kind geſtohlen worden war. Simon eilte dem Geheiß gemäß nach dem Haus des Farmers, während Eſther in ihrer Aufregung alle Nachbarn weckte. Nach wenigen Minuten war es im ganzen Dorf lebendig. Die Nachricht von dem Verluſt wurde mit Staunen und Entrüſtung aufge⸗ nommen. So etwas war in St. Faith nie erhört worden, und noch vor Tagesanbruch durchſtreiften wenigſtens ein Dutzend Reiter in allen Richtungen die Gegend, freilich ohne Erfolg, denn der Plan war ſo ſchlau angelegt, daß ſelbſt Minters Eifer nichts erzielte, weßhalb dieſer beſchloß, als letzte Zu⸗ flucht Mr. Thornton um Rath zu fragen. Der arme alte Simon begleitete ihn nach den Ulmen. Der ehrenwerthe Beamte ließ die Beiden ihre Erzählung mehrmal wiederholen, eh' er es über ſich gewann, an ihre Wahrheit zu glauben. „Da iſt guter Rath ſchwer,“ bemerkte Mr. Thorn⸗ ton.„Die Umſtände des Verbrechens ſind ſo gar ungewöhnlich. Was ich thun kann, ſoll geſchehen. Ich werde eine Beſchreibung des Kindes den Poli⸗ zeibehörden der benachbarten Städte und der Land⸗ orte zugehen laſſen. Wir wollen eine Belohnung ausbieten.“ „Und zwar eine ſchöne,“ ſagte der Farmer.„Ich ſtehe dafür, daß ſie bezahlt wird. In St. Faith iſt kein Einwohner, der nicht dazu beitrüge, denn Lilly gehört gewiſſermaßen uns Allen an.“ „Haben ſich letzter Zeit nicht Zigeuner in der Gegend umgetrieben?“ fragte Mr. Thornton. „Das iſt keine Zigeunerarbeit,“ meinte der ehr⸗ liche Farmer.„Die haben nichts damit zu ſchaffen.“ 198 „Wenn Ihr einen Argwohn habt, ſo iſt es Eure Pflicht, ihn auszuſprechen,“ ſagte Mr. Thornton. „Wohlan denn,“ verſetzte Mr. Minter bedächtig, „es iſt mein Glaube, daß Sir Norman die Hand darin hat.“ Der Friedensrichter beſann ſich eine Weile, eh' er antwortete. Es fehlte an jedem annehmlichen Grunde für eine ſolche verbrecheriſche That, deren man ſich von dem Baron um ſo weniger verſehen durfte, da die Ausführung Klugheit und Muth for⸗ derte. „Unwahrſcheinlich,“ ſagte er,„wenn nicht gera⸗ dezu unmöglich. Ich weiß gewiß, daß Sir Norman ſeit mehreren Tagen ſein Zimmer nicht verlaſſen hat. Er war unwohl, ſehr unwohl. Und zudem, warum ſollte er ſich zu einem Verbrechen herablaſſen, das ihn nicht nur in den Augen der Welt beſchimpfte, ſondern auch in den Bereich der Strafgeſetze ſeines Landes bringen würde?“ Der Ankläger ſchüttelte den Kopf; er war zum Schweigen gebracht, aber nicht überzeugt. „Ich kann nicht glauben, daß es der Baron iſt,“ ſagte Simon Gee,„denn erſt vor zwei Tagen hat Ihre Gnaden unſere arme Hütte beſucht, das Kind geküßt und ſich erboten, für ſeinen Unterhalt zu ſorgen, obſchon Eſther und ich ihren Beiſtand ab⸗ lehnten.“ „Lady Boothroyd iſt eine zu achtbare Frau,“ bemerkte Mr. Thornton,„als daß ſie zu einer ſo unwürdigen That ihre Zuſtimmung geben könnte.“ „Das iſt ſie,“ riefen die Beiden.„In der Halle — S——— „— 7 0— Bo 199 würde es ganz anders ausſehen, wenn es nach dem Willen der armen Lady ginge.“ Der Beamte war bei all ſeiner Feinheit derſel⸗ ben Anſicht— ein Beweis, wie gut das kleine ehe⸗ liche Drama in MeldownPark geſpielt wurde, da es ſelbſt ſeinen durchdringenden Blick täuſchte. Dreizehntes Kapitel. Alice und ihr Spielgefährte William ſahen nur mit Leidweſen der bevorſtehenden Abreiſe Sir Booth⸗ royd's und ſeiner Familie entgegen. Sie waren aller⸗ dings früher oft getrennt geweſen, aber dann immer nur zeitweilig. Die Etoner Vakanz führte den Kna⸗ ben ſtets nach den Ulmen zurück, und die Kinder, welche von der jeweilig zwiſchen den Vätern beſte⸗ henden Entfremdung nichts ſpürten, wußten in der Regel ſich zuſammen zu finden. Wenn die Erbin mit ihrer franzöſiſchen Gouvernante oder dem Kindsmäd⸗ chen einen Spaziergang machte, beſtieg William ſei⸗ nen Pony und war ſicher, ſie einzuholen oder ihnen zu begegnen— natürlich nur zufällig. Beide waren ſo jung und unſchuldig, daß weder die Made⸗ moiſelle noch Jane nur einen Augenblick argwöhn⸗ ten, es könnte ein tieferes Gefühl, als das einer kindlichen Freundſchaft, zwiſchen ihnen beſtehen. Alice bot ihre Roſenlippen ſo unbefangen zum Kuſſe dar, während die Unterhaltung des Knaben ſich um Schul⸗ abenteuer, Ballſpiel, Wettrudern auf der Themſe, kurz um Knabenbeluſtigungen drehte. —— —— 200 Es war erſtaunlich, wie das verſtändige, liebliche Kind ſich alle dieſe Dinge merkte. Sie kannte die Namen Aller, die zur Mannſchaft der Meerjungfer gehörten, konnte den Bau und die Flaggen des Fahrzeuges beſchreiben, wußte, wer bei dieſem oder jenem Wettrennen das Streichruder, wer das Steuer führte. Kein Wunder, ſie waren Freunde. Wenn indeß dieſe lebhafte Zuneigung nicht Liebe genannt werden kann, ſo wiſſen wir nicht, wie wir ſie bezeich⸗ nen ſollen. Allerdings keine Liebe im gewöhnlichen weltlichen Sinn mit ihren Leidenſchaften, Hoffnungen und Thränen, ſondern Liebe im Keim, ſchlummernd gleich der Perle in der Muſchel, ein nicht an's Licht geförderter Edelſtein, und rein wie die Herzen, die ihn umſchloſſen. Der für die Abreiſe beſtimmte Tag war gekom⸗ men. Karten mit dem gewöhnlichen P. P. C. wur⸗ den in den Häuſern der benachbarten Gentry abge⸗ geben, Mr. Thornton's nicht ausgenommen, denn Lady Boothroyd war viel zu fein, um in einem ſol⸗ chen Augenblick von irgend Jemand in Spannung zu ſcheiden. Der arme William fühlte ſich ſehr unglücklich, da er ſeine kleine Spielgefährtin nirgends mehr zu ſehen bekam, obſchon er ſeinen Pony durch alle Heckenwege und über ihre gewöhnlichen Spaziergänge traben ließ. Die meiſten ſeiner Altersgenoſſen würden den Ver⸗ ſuch verzweifelt aufgegeben haben; aber er war ein Etonianer, und die Schüler von Eton verzweifeln nicht leicht an etwas. In der Ueberzeugung, ſie müſſe Befehl erhalten haben, im Park zu bleiben, be⸗ ſchloß er, ſie dort aufzuſuchen. Er ſtellte ſeinen Pony in 201 im Dorf ein, und ging zwiſchen der Hütte des alten Simon und Minters Farm denſelben Weg hinaus, welchen in der Nacht zuvor Mark, als er Lillian entführte, eingeſchlagen hatte. Einem ſo behenden Jungen bot eine Mauer nur ein geringes Hinderniß, er ſchwang ſich vermittelſt eines Baumes hinauf und kletterte in den Park hinunter. Während er den ſchmalen gewundenen Pfad dahineilte, feſſelte etwas Glänzendes auf dem Schnee ſeine Aufmerkſamkeit; er hielt natürlich an, um es aufzuheben. Es war eine goldene Kette aus feinem Draht mit einem herz⸗ förmigen Türkis, auf welchem Schriftzüge von ihm unbekannter Form eingegraben waren. Dieſe Form von Geſchmeiden iſt im Oſten ſehr gewöhnlich. „Alice iſt hier geweſen,“ ſagte er.„Es muß ihr gehören, obſchon ich es nie an ihr bemerkt habe.“ Mit dieſer Folgerung ſteckte er es in die Taſche. Wie er vermuthet hatte, befand ſich der Gegen⸗ ſtand ſeiner Nachforſchung im Park und machte, nur von der Wärterin Jane begleitet, ſeinen Morgen⸗ ſpaziergang. Kaum hatte die Kleine ihn erkannt, als ſie auf ihn zueilte und ihm ihr unſchuldiges Geſichtchen zum Kuß darbot. In demſelben Augenblick zeigte ſich auch Robert, einer der Parkwächter, und wie ſich's ſo fügte, mußte Jane ihm einige Abſchiedsworte ſagen, da er nicht mit der Familie nach London zog. Sie warnte da⸗ her die Kinder, nicht weit fort zu gehen, und eilte von ihnen weg ihrem Liebhaber entgegen. Es fällt uns nicht ein, die Geduld unſerer Leſer ſo weit zu mißbrauchen, daß wir ihnen die Unter⸗ haltung zweier Kinder Wort für Wort berichten, und 202 doch ließe ſich vielleicht etwas daraus entnehmen— wie bitter zum Beiſpiel William Alice's Abreiſe von Meldown beklagte, oder wie Alice ihn durch die Nachricht tröſtete, ſie werde öfters ihre Tante, die Gräfin von Carleiſton, in dem Holm beſuchen. „Ei, der Holm iſt nur anderthalb Stunden von Eton entfernt,“ rief ihr Gefährte hocherfreut,„und Illſton iſt mit mir in gleicher Klaſſe.“(Viscount Illſton war ihr Vetter, der einzige Sohn und Erbe des Grafen.)„Ich muß mich mit ihm befreunden.“ „Nimm ihn auf die Meerjungfer,“ rief das Kind, voll Freude über den Gedanten die Händchen zu⸗ ſammenſchlagend.„Ihr werdet dann gewiß Freunde werden!“ William machte zu dieſer Andeutung ein etwas ernſtes Geſicht. Er war nicht der Capitän des Boots, ſondern nur einer von der Mannſchaft, und zwar der jüngſte. „Illſton iſt ein ſolches Hühnchen, daß dies nicht gehen wird,“ verſetzte er.„Seine feinen weißen Händchen taugen nicht zum Rudern, und außerdem fehlt es ihm an Muth. Nein, nein! er paßt nicht auf die Meerjungfer.“ Alice machte ein betrübtes Geſicht; ſie begriff voll⸗ kommen, was ihr Gefährte meinte, wenn er ihren Cou⸗ ſin ein Hühnchen nannte; denn William hatte ſie voll⸗ ſtändig in die Sprache des Spielplatzes eingeweiht. „Aber ſo geht's,“ fügte er bei;„ich mach' ihm ſeine Aufgaben und balge mich für ihn.“ Alice hielt dies für ſehr weiſe, ohne daß ſie eine Vorſtellung von den Balgereien der Etonknaben ge⸗ habt hätte. 203 Die Zeit entſchwindet der Jugend ſchnell, und ein großer Theil des Morgens war dahin, eh' eines der Kinder an ein Scheiden dachte. William that es zuerſt, weil er ſeinem Vater verſprochen hatte, zu einer gewiſſen Stunde wieder zurück zu ſein. Er ſagte ſeiner Gefährtin Lebewohl; Alice aber wollte ihn nach der Parkmauer begleiten und ſich ſelbſt überzeugen, daß er glücklich hinüberkomme. „Es iſt ja keine Gefahr,“ bemerkte er lachend. „Wer weiß?“ antwortete das Kind.„Die Hunde ſind los und mich kennen ſie alle.“ „Mich auch,“ verſetzte der Knabe. „Auf den Papa iſt geſchoſſen worden,“ fügte die Erbin bei, ihre Stimme faſt zu einem Flüſtern däm⸗ pfend, während ſie zugleich ängſtlich umherſchaute. „Ach, mein Vater und Squire Blundell ſagen, man habe den Schuß blos abgefeuert, um ihn zu erſchrecken, nicht aber um ihn zu beſchädigen; und dies iſt auch meine Meinung.“ Da Alice längſt daran gewöhnt war, Alles zu glauben, was ihr William ſagte, ſo ſchien ihr die Erklärung vollkommen befriedigend. Dennoch konnte ſie nicht begreifen, wie Jemand ſo boshaft ſein mochte, ihren Papa erſchrecken zu wollen. Obſchon ihre Furcht jetzt weſentlich gemindert war, ließ ſie ſich's doch nicht nehmen, ihm über die Mauer zu helfen. Er hatte ſchon faſt die Hälfte des Wegs nach Haus zurückgelegt, als er ſich erſt der Kette erinnerte. Sein erſter Gedanke war, zurückzu⸗ reiten und ihr das Geſchmeide zuzuſtellen, da er nicht im mindeſten an ihrem Eigenthumsrecht zwei⸗ felte; da er aber fürchtete, Alice möchte ſchon in 204 der Halle ſein, ſo ſetzte er den Weg nach den Ul⸗ men fort. Man darf nicht glauben, daß Alice's Schmerz über die Trennung von ihrem jungen Freund be⸗ ſonders tief oder nachhaltig war, um ſo weniger, da ſie ihn bald wieder zu ſehen hoffte. Ihre Gedanken waren jetzt ausſchließlich darauf gerichtet, die Stelle wieder zu erreichen, wo ſie die Wärterin verlaſſen hatte; aber zum Unglück war ihr der Theil des Parks, den ſie mit William durchwandert, nur wenig bekannt. Sie ſchlug einen unrechten Weg ein und entdeckte ihren Irrthum erſt, als ſie vor einem alten, halb in Epheu verſteckten Pavillon ſtand. Da ſie das Gebäude nie zuvor geſehen hatte, ſo weckte es ihre Neugierde. Sie umwandelte vorſichtig das Ge⸗ bäude und kam zu dem Porticus, vor dem ſie in dem Schnee abgedrückte Fußtapfen bemerkte. „Wahrſcheinlich gehört es Fletcher oder einem von den Parkwächtern,“ dachte ſie.„Man kann mir den Heimweg weiſen.“ Im Nu war ſie die Treppe droben und an der Thüre, die ſich übrigens nicht öffnen ließ. „Niemand da,“ ſagte ſie laut.„So muß ich mich allein heim finden.“ Sie wollte eben wieder hinunterſteigen, als ein kläglicher Ton ihr Ohr traf und ſie mit Schrecken erfüllte. Sie würde geflohen ſein, wenn nicht eine Stimme, ſo kinderartig wie ihre eigene, ihrer Flucht Einhalt gethan hätte. Sie horchte. Unverkennbar kam der Ton aus dem Innern des Gebäudes. Alice brachte ihr Auge an das Schlüſſelloch und bemerkte zu ihrem großen Erſtaunen ein Mädchen 205 von ihrem Alter, das, in eine Bettdecke gehüllt, bit⸗ terlich weinte und ächzte. „Wer biſt Du?“ fragte ſie. Da die Antwort in einer Sprache erfolgte, die ſie nicht verſtand, ſo wiederholte ſie ihre Frage. „Mah buka hun,“ rief die kleine Gefangene, welche, wie unſere Leſer bereits errathen haben, Niemand anders als Lillian war. Alice wiederholte die Worte, um ſie ihrem Gedächtniß einzuprägen. „Und warum weinſt Du?“ fuhr ſie fort. „Meh ſörd hun,“ lautete die Antwort. In dem Ausſehen der armen Kleinen lag etwas ſo Troſtloſes, daß das Herz der Erbin gerührt wurde; ſie verſuchte mehrmal die Thüre mit Gewalt zu öff⸗ nen, aber ihre Kräfte reichten nicht aus. „Ich werde bald wieder hier ſein,“ rief ſie, athem⸗ los vor Anſtrengung.„Weine nicht ſo— o, weine nicht.“ Sie ſtürzte die Porticustreppe hinab und ſchlug den nächſten beſten Weg ein, indem ſie dachte, er müſſe entweder zu der Halle oder zu einem Park⸗ wächterhäuschen führen, wo ſie Beiſtand zu finden hoffen durfte. Sie war noch nicht weit, als ſie ihre Mutter mit einem Mann einherkommen ſah, der, als er ſie be⸗ merkte, raſch im Gebüſch verſchwand. Es war Mark Rayner. „Du hier?“ rief Lady Boothroyd erſtaunt und ärgerlich ob der Begegnung. „D Mama,“ verſetzte die Tochter,„es iſt ein armes kleines Kind, nicht älter als ich, dort einge⸗ 206 ſperrt und weint, als ob ihm das Herz brechen wollte. Kommen Sie und laſſen Sie es heraus.“ „Ein Kind?“ wiederholte die ſchlimme Frau er⸗ ſchrocken. „Ja, und es iſt ſo hübſch.“ „Haſt Du es geſehen?“ „Ja, Mama.“ „Und Jane auch?“ „Nein, Mama,“ antwortete Alice;„ich verließ Jane im Geſpräch mit einem Parkwächter und fand den Ort allein; es iſt ſo kalt und traurig da. Ich bitte, kommen Sie mit,“ fügte ſie bei, die Mutter am Kleid feſthaltend,„und gewiß, Sie werden Mit⸗ leid mit ihr haben.“ Lady Boothroyd war nicht ſo leicht aus der Faſſung zu bringen; gleichwohl fühlte ſie ſich ob der Entdeckung ihrer Tochter in nicht geringer Verlegen⸗ heit, da ſie Alice's gutes Gedächtniß kannte und ſich zugleich ſagen mußte, daß ein ſolcher Vorfall ſich demſelben unauslöſchlich einprägen werde. „Es iſt ein boshaftes Zigeunermädchen, das man zur Strafe dort eingeſperrt hat.“ Alice ſah ihr in's Geſicht; die Mutter las in ihren Augen den natürlichen unwillkürlichen Zweifel und erröthete ob ihrem eigenen Unwerth. Die Wahrheit iſt der Schatten Gottes, das Sinnbild und ſichtbare Zeichen ſeiner Gegen⸗ wart auf Erden, und es laſtet eine furchtbare Ver⸗ antwortung auf den Eltern, wenn ſie, die nächſt Gott am höchſten in der Achtung und Verehrung ihrer Kinder ſtehen ſollten, ſich gegen dieſe zur Lüge her⸗ ablaſſen. Die Unwahrheit bleibt vielleicht eine Zeit 207 lang, vielleicht Jahre, unbeachtet; aber zuletzt ent⸗ deckt das Kind dieſelbe doch, macht ſich Gedanken darüber und trauert, wenn es gut iſt, oder recht⸗ fertigt mit dem ſchlimmen Beiſpiel ſein eigenes Ab⸗ ſ von dem Pfade der Ehre und Rechtſchaffen⸗ eit. „Aber um Deines Fürworts willen,“ fuhr die Lady fort,„will ich Befehl zu ihrer Freilaſſung er⸗ theilen.“ „Oh, ich danke, Mama,“ rief Alice erfreut. „Unter einer Bedingung.“ „Oh, Mama, ich will ſo gut ſein, daß Made⸗ moiſelle ſich die ganze nächſte Woche nicht über meine Aufgaben ſoll beklagen dürfen.“ Ihre Mutter machte ihr begreiflich, wie die Be⸗ dingung darin beſtehe, daß ſie ihre Entdeckung des böſen ne in dem alten Pavillon ge⸗ gen Jedermann geheim halte, und Alice verſprach dies, hocherfreut darüber, daß ſie der Schuldigen auf ſo leichte Weiſe Verzeihung ausgewirkt hatte. Auf dem Weg durch den Park begegneten ſie Jane, welche in ihrer Unruhe ob dem Verlaufen des Kindes ihren Pflegling auf allen Wegen geſucht hatte, nur auf dem rechten nicht. „Iſt dies die Art, wie Ihr auf Eure junge Ge⸗ bieterin Acht habt?“ fragte Lady Boothroyd zornig. Das Mädchen verſuchte ſich zu entſchuldigen; die Lady unterbrach ſie aber mit dem Befehl, unverweilt nach der Halle zurückzukehren. Sir Norman plauderte eben mit dem ehrwür⸗ digen Doctor Poundtert und deſſen Gattin, die ſich in der Halle eingefunden, um ihren Abſchiedsbeſuch 208 zu machen, als die Lady mit Alice in dem Beſuch⸗ zimmer anlangte. „Wo ſind Sie geweſen?“ fragte der Baron ſeine Gattin.„Sie wiſſen doch, welches ſchreckliche, teuf⸗ liſche, unnatürliche und unerhörte Verbrechen verſucht worden iſt, und ſollten deßhalb mehr Rückſicht auf meine Gefühle nehmen. Ihre Abweſenheit hat mich ſehr beunruhigt.“ Ihre Gnaden nahmen den Verweis mit trefflich geſpielter Sanftmuth und ehelicher Unterwürfigkeit entgegen. Der Geiſtliche machte oder verſuchte eine Miene, in welcher bei jedem der von dem Baron beliebten Verbrechensprädikate ſich eine Schreckensſteigerung ausdrücken ſollte, und ließ am Ende der Reihe ſeine Gefühle in einem tief gezogenen Seufzer verpuffen, der ihm ohne Zweifel durch ſeine gründliche Ueber⸗ zeugung von der Verderbtheit der menſchlichen Na⸗ tur abgerungen wurde. „Schrecklich, ſehr ſchrecklich, mein theurer Sir Norman,“ murmelte er, indem er zur Stärkung nach einem Glas von des Barons feinem oſtindiſchem Ma⸗ deira griff.„Aber all dies entſpringt aus der Luſt an dem Wechſel, die ſich bis in die Eingeweide des Gemeinweſens gefreſſen hat.“ „Sagen Sie lieber, der Fehler liege darin, daß die höheren Klaſſen ſich ihrer Rechte begeben,“ be⸗ merkte der Grundherr mit Würde.„Meine Ahnen könnten entrüſtet aus ihren Gräbern ſich erheben bei dem Gedanken, daß auf einen Boothroyd auf ſeinem eigenen Grund und Boden gefeuert wurde, und höchſt wahrſcheinlich von einem ſeiner eigenen Pächter.“ 209 „Vielleicht iſt es nur geſchehen, um Sie zu er⸗ ſchrecken, Papa,“ rief Alice, der Worte Williams eingedenk. Lady Boothroyd betrachtete das Kind ſehr ſcharf und mit verlegener Miene, während der Pfarrer und ſeine Frau ſich abwandten, um ihr Lächeln zu ver⸗ bergen; ſie waren nämlich unter ſich zu dem Schluß gekommen, obſchon ſie nicht entfernt ahnten, welchen Antheil die gnädige Frau an der Sache hatte. „Mich zu erſchrecken?“ wiederholte Sir Nor⸗ man und erröthete bis über die Schläfe.„Das Kind wird wahrhaftig blödſinnig. Wer hat je eine t lächerliche unwahrſcheinliche, unmögliche Idee ge⸗ ört?“ „Sehr lächerlich,“ echote die Gnädige. „Mademoviſelle Joulain iſt nicht länger die ge⸗ eignete Perſon, ihre Erziehung zu leiten,“ fuhr der Baron fort.„Sie braucht eine Gouvernante, welche feſt und ſtrenge mit ihr iſt.“ „Allerdings, mein Beſter, wenn Sie ſo glauben,“ verſetzte die Frau Gemahlin. „Ich glaube ſo, Lady Boothroyd,“ erwiderte der Eheherr,„und muß Sie bitten, daß Sie meine Wünſche über dieſen Gegenſtand in Erwägung ziehen.“ Ein Blick, hell und plötzlich, wie der Blitz aus einer Donnerwolke, erinnerte den Sprecher daran, daß nicht immer Gäſte in Meldown⸗Park waren, und ſein Unwille verkühlte ſich raſch. Der laute, zürnende Ton, mit welchem der Vater geſprochen, und die Drohung mit einer anderen Gou⸗ vernante, trieb Thränen in Alice's Augen; ſie eilte Smith, Ebbe u. Fluth. r. 14 210 auf ihn zu, ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, und bat um Verzeihung. „Die Unbedachtſamkeit der Jugend,“ bemerkte Doctor Poundtert. „Oh, Doctor,“ ſagte Alice, ſich plötzlich der frem⸗ den Worte erinnernd, die ſie im Pavillon gehört hatte,„was heißt Meh buka hun?“ Der Pfarrer ließ ſich die Worte wiederholen. „Ei, behüt mich,“ rief er mit großer Ueberra⸗ ſchung.„Das iſt Hindoſtaniſch. Wo mag ſie dies aufgegriffen haben?“ „Mademoiſelle erlaubt ihr immer, abgeſchmackte Novellen zu leſen, ſtatt ſie zu geeigneteren Studien anzuhalten,“ antwortete die Gnädige haſtig, denn ſie fühlte ſich ernſtlich beunruhigt.„Sie haben ganz Recht,“ fügte ſie gegen ihren Gatten bei;„es iſt Zeit, eine andere Gouvernante zu ſuchen.“ Sir Norman fühlte ſich ſehr erleichtert, als er aus dem Munde ſeiner Gattin vernahm, daß ſie ſei⸗ ner früher ausgeſprochenen Anſicht Recht gab; denn einige Minuten lang hatte er mit dem Eindruck ge⸗ kämpft, daß das Gegentheil der Fall ſei. Lady Boothroyd zog die Klingel, und Alice, die nicht begreifen konnte, was ſie verbrochen haben ſollte, wurde zur Strafe auf ihr Zimmer geſchickt. Die Gäſte verabſchiedeten ſich bald nachher, und die Sache kam in Vergeſſenheit. Faſt vierundzwanzig Stunden waren Mark und Lillian in dem Parkpavillon eingeſperrt geblieben. Sie litten ſehr von Kälte und Hunger— das Kind allerdings am wenigſten, denn zum Glück hatte der ſchuldige, obſchon nicht verhärtete Mann in ſeiner te n ie ¹ ſt er i⸗ n ie n d d 211 Taſche ein Stück Zwieback gefunden, d Abſchied von Roſa zugeſteckt worden„ ſelbſt etwas davon zu koſten, gab er da Waiſe, die er noch weiter dadurch zu erwär daß er ſie in die bei dem Kinderraub mitg Bettdecke hüllte und mit ſeinen Armen um hielt. Während der langen Stunden ihres ſeins hatte er hinreichend Zeit, über ſeine verg Thorheit, ſein verſcherztes Glück und ſeine vé läſſigten Pflichten nachzudenken. Reue und Ler erwieſen ſich als heilſame Lehrmeiſter.„Daß ich mich faſt Angeſichts meines Geburtsorts wie ein erbärmlicher Dieb verſtecken muß!“ murmelte er. „Und ein Dieb bin ich, der ſchlimmſte unter den Dieben, denn ich habe dem armen Simon ſeinen einzigen Troſt geraubt. Wie wenig ahnt der gute alte Mann, wem er die Verödung ſeines Herdes zu danken hat!“ Zuweilen häufte er bittere Verwünſchungen auf das gewiſſenloſe Weib, das ihm eine ſo ſchnöde Rolle aufgedrungen hatte. Dabei ſchwebte ihm ſtets der Gedanke an Roſa und an die ſchreckliche Angſt vor, der ſie in ſeiner Abweſenheit preisgegeben war. Gegen Mitternacht kam Lady Boothroyd, die nicht bloß Lebensmittel und Wein, ſondern auch einige von Alice's abgelegten Kleidern für Lillian mitbrachte. Die Nacht war bitter kalt, und die zärtlich erzogene, durch den Luxus verwöhnte Dame hatte wohl eine halbe Stunde weit über den Schnee hinſchleichen müſſen; aber wie es ſo häufig in der Welt geht, die ſchlimmen Leidenſchaften hielten 3 Kraft 212 die natürlichen Gefühle der Pflicht und cht Stand gehalten hätten. t die Thüre,“ ſagte ſie. habe Lebensmittel mitgebracht,“ fuhr die ort,„damit Ihr Euch ſtärken könnt, während as Kind ankleide. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Als die Lady Lillian ankleidete, bemerkte ſie mit Unwillen, daß eine feine goldene Kette, welche ſie Hals ihres Opfers wahrgenommen hatte, nicht mehr vorhanden war. Gebieteriſch forderte ſie das Ge⸗ ſchmeide von Mark, welcher vergeblich betheuerte, daß er es nie geſehen habe. gnädige Frau,“ wiederholte er.„Warum ſollte ich Sie belügen? Der Werth iſt ſo bedeutend nicht, und ſelbſt wenn ich ſie genommen hätte„ fügte er trotzig bei,„ſo hätte ich ſo viel Recht dazu, wie Sie, da Sie keine Verwandte der armen Lilly ſind.“ Die letztere Bemerkung brachte die Lady zum Schweigen, um ſo mehr, da Ort und Zeit einem Streit nicht günſtig waren, auch glaubte die ſchlaue Lady ein ſicheres Mittel zu beſitzen, bei anberer Ge⸗ legenheit den vermißten Gegenſtand ihm abzuringen. „Folgt mir,“ ſagte ſie, nachdem ſie Lillian an⸗ gekleidet und ihrer Meinung nach den Beiden hin⸗ reichende Zeit gelaſſen hatte, ſich zu erfriſchen. bei dem Beſuch im Hauſe des Webers an dem „Ich ſage Ihnen, daß ich die Kette nicht habe, i — W8—— 213 „Wohin, gnädige Frau?“ „Nach den Ställen.“ „Der Grom Barge ſchläft dort,“ bemerkte Mark zögernd. „Ich habe ihn aus dem Weg geſchafft,“ verſetzte die Lady.„Ihr müßt Sir Normans Jagdpferd, Milton, bis Ereter mitnehmen; dort laßt Ihr es los. Geht es verloren, ſo ſeis drum.“ „Aber warum alle dieſe Vorkehrungen?“ „Die Narren von St. Faith haben das Land in allen Richtungen durchſtreift,“ ſagte die Lady,„und ich brauche Euch nicht zu bemerken, wie höchſt unan⸗ genehm es für uns Beide ſein müßte, wenn Ihr auf⸗ gegriffen würdet— nicht daß ich dies gerade fürchte,“ fügte ſie bei.„Milton iſt das ſchnellſte Pferd in der Grafſchaft, und bei Euch gilt es das Leben.“ Die letzten Worte wurden mit einem Nachdruck geſprochen, der den Zuhörer ſchaudern machte. „Ich reiſe morgen nach London ab,“ fuhr die precherin fort.„Ihr wißt bereits, wo Ihr mich mit Eurem Pflegling zu treffen habt. Seid treu, und Ihr werdet mich dankbar finden.“ In dem Stall angelangt, ſattelte Mark haſtig das Pferd, ſtieg auf, ließ Lillian vor ſich ſitzen, und harrte des Schlußbefehls zum Aufbruch. „Ihr habt hinreichend Geld für die Reiſe?“ „Mehr als genug,“ verſetze Roſa's Gatte bitter. „Fort alſo! Der Schlüſſel in den Park öffnet auch die Pforte gegen die Gemeindewaide hin. Nehmt den Weg durch die Felder, denn die Wächter befinden ſich im nördlichen Gehölz. Vergeßt nicht, was Euch droht, wenn Ihr ergriffen werdet,“ 214 Mark drückte dem feurigen Thiere die Sporen in die Seiten und verſchwand in der angedeuteten Richtung. Während ſeines Rittes machte er ſich Ge⸗ danken über das außerordentliche Benehmen der Lady Boothroyd, die in ſolcher Weiſe ihren Ruf auf's Spiel ſetzte.„In welcher Beziehung ſteht ſie zu Lillian oder Lillian zu ihr?“ fragte er ſich ſelbſt, denn er war viel zu ſchlau, um den von ihr ange⸗ gebenen Beweggründen zu glauben.„Es ſteckt ein Geheimniß dahinter,“ murmelte er,„aber warum ſoll ich mich damit plagen? Wenn ich es auch ent⸗ decke, ſo nützt es mich doch nichts, denn ich bin ganz in ihren Händen, und ſie gehört nicht unter die Nachſichtigen, denen gegenüber, welche ihre Entwürfe kreuzen. Dazu iſt das Glück Roſa's in ihrer Hand, und dieſer Gedanke macht mich zum Feigling.— Gott ſteh' dem unſchuldigen Kinde bei, das ſie allen natürlichen Schutzes beraubt hat,“ fügte er bei.„Ich möchte die Kleine tauſendmal lieber mit mir in ein fremdes Land nehmen, als ſie ihrer Sorge überlaſſen. Aber ich liege an der Kette wie ein Hund, der Strick bimmelt vor meinen Augen, und ich muß mich unterwerfen.“ Mit dieſer Betrachtung ſetzte er ſeinen Weg fort. Vierzehntes Kapitel. Mr. Silex hatte ſein der Lady Boothroyd gege⸗ benes Verſprechen, für Lillian eine paſſende Pflege zu ſchaffen, nicht vergeſſen, und ſich deßhalb nach London begeben. Nicht daß es durchaus nöthig ge⸗ —————— — — ——— 1— —— —— W—— 5—*— 215 weſen wäre, zu dieſem Zweck einen Beſuch in der Hauptſtadt zu machen, denn er kannte bereits die geeignete Perſon; aber der ehrenwerthe Agent hatte ſeinen eigenen Plan, deſſen Ausführung er perſönlich überwachen wollte. Briefen traute er nicht. Das für den fraglichen ehrenhaften Dienſt aus⸗ erleſene Individuum war Niemand anders, als ſein eigener Zwillingsbruder Mike, der heimgekehrte De⸗ portirte, der Onkel und Beſchützer von Jack Man⸗ ders. Begreiflich hielt ſich der vertraute Steward eines reichen devonſhirer Barons für viel zu achtbar, um die Verwandtſchaft anzuerkennen, nicht aber um den Verwandten zu beſchäftigen, und obgleich jede Art von Correſpondenz oder Verkehr zwiſchen den Beiden längſt aufgehört hatte, ſo war ihm doch ſtets der Glaube vorgeſchwebt, daß ſich Mike eines Tages dürfte nützlich erweiſen können. Er hatte ſogar die Erinnerung an die beſtehenden Bande des Bluts ſo weit feſtgehalten, daß er ſeinem-Bruder gelegentlich eine kleine Geldſumme zufließen ließ, aber ſtets in ſo mittelbarer Weiſe, daß es dem Beſchenkten unmöglich wurde, über den Wohnort und die Stellung des Gebers ſich Auskunft zu verſchaffen. Mike— oder wie er von denen, welche ihn kannten, vertraulich genannt wurde, der alte Mike— hielt ſeinen Bruder Andreas für reich, und ſtatt deſſen gelegentliche Unterſtützungen dankbar anzuer⸗ kennen, fluchte er vielmehr häufig über die Gemein⸗ heit, die nicht freigebiger für ſeine Bedürfniſſe ſorgte. er Aerger war vielleicht nicht ganz ungerecht, da ſie in ihrem früheren Leben manches zweideutige Ge⸗ ſchäft mit einander gemacht hatten. 216 Gleich vielen von ſeiner Klaſſe ſuchte der heim⸗ gekehrte Deportirte in ſeinem vorgerückten Alter die Abnahme des perſönlichen Muthes und der Dreiſtig⸗ keit durch Schlauheit zu erſetzen; er fand es nicht minder unerträglich, Andere zum Verbrechen zu ver⸗ leiten, und die Früchte deſſelben mit ihnen zu theilen, der weit geringeren Gefahr nicht zu gedenken. Jack war nicht das erſte Opfer, das er verderbt hatte, und blieb aller Wahrſcheinlichkeit nach auch nicht ſein letztes. Der alte Mann ſaß mit ſeinem Neffen am be⸗ haglichen Feuer beim Frühſück, als ein raſches Po⸗ chen an der Thüre einen Beſuch ankündigte. Mike ſah ſich ſorgfältig um, ob nicht etwa ein verräthe⸗ riſcher Gegenſtand im Zimmer lag, und nachdem er ſich in dieſer Beziehung beruhigt hatte, wies er den Knaben an, die Thüre außzuriegeln. Mr. Silex trat mit jenem eigenthümlichen Lächeln, das ſeine Haifiſchzähne ſehen ließ, in die Stube. Er trug diesmäl nicht die Stulpenſtiefel und die abge⸗ legten Kleider ſeines verſtorbenen Gebieters, ſondern einen achtbaren ſchwarzen Anzug, den Rock bis an das Kinn zugeknöpft, ſo daß ſeine lange, hagere Fi⸗ gur recht wohl einem rieſigen Blutegel mit einem Menſchenkopf verglichen werden konnte. Wie es bei Zwillingen häufig der Fall iſt, fand zwiſchen den beiden Brüdern eine ſprechende Aehnlichkeit Statt, und Jack war darüber ſo betroffen, daß er bald den einen, bald den andern mit weit aufgeſperrten Augen anſtarrte. Der Steward blickte zuerſt auf Mike, und dann nach der Thür, um dadurch anzudeuten, daß er mit ihm allein zu ſein wünſchte. K 217 „Da, Jack,“ ſagte ſein Onkel, indem er ihm einen Schilling gab,„geh' und mach Dich ein paar Stun⸗ den luſtig.“ „Verteufelt kalt draußen,“ murmelte der Knabe, deſſen Neugierde geweckt war. Ein Blick auf ſeinen Verwandten ließ ihn jedoch erkennen, daß dieſer keinen Scherz verſtand; er griff nach ſeiner Mütze und verließ das Haus. Wie er ſich luſtig machte, werden wir ſpäter ſehen. „Du haſt mich nicht vergeſſen,“ lauteten die erſten Worte des Steward. „Ich vergeſſe nie Jemand oder irgend Etwas,“ murmelte der Deportirte,„nicht einmal, daß ich einen Bruder habe.“ „Das denk' ich auch,“ verſetzte Mr. Silex ſcharf, „in Anbetracht der Summen, die ich Dir geſchickt habe, Du warſt immer undankbar, Mike.“ „Undankbar?“ wiederholte der Andere.„Und für was ſoll ich dankbar ſein? Für eine Lumperei, die man einem Menſchen zuwirſt wie einem hungrigen Hunde einen Knochen— ich kann nicht einmal die Hand ſehen, welche gibt.“ „Du könnteſt ſie beißen,“ bemerkte der reiche Bruder kalt. „Wozu dieſes Verſteckenſpielen gegen mich?“ fragte der Deportirte im Ton bitterer Empfindlich⸗ keit.„Warum ſagſt Du mir nicht unverholen, wo Du wohnſt?“ „Ich empfange keine Beſuche.“ „Aber ich könnte Dir doch gelegentlich ſchreiben.“ „Nehme auch keine Briefe an,“ fuhr der Steward ort. 218 Mike erklärte mit einem Fluch, diesmal wenig⸗ ſtens wolle er dahinter kommen; er könne einen ſo unnatürlichen Argwohn, der ſeine Gefühle verletze, nicht ertragen. „Deine Gefühle ſind ohne Zweifel gar zart,“ antwortete der Steward.„Ich habe mir nichts vor⸗ zuwerfen und Alles gethan, was mir bisher meine beſchränkten Verhältniſſe geſtatteten. Jetzt nehme ich ſogar die Mühe einer Reiſe nach London auf mich, um Dir die Mittel zu ſchaffen, Deine Lage we⸗ ſentlich zu verbeſſern; aber ich finde Dich ſo leidenſchaftlich und undankbar wie immer.“ Bei den Worten Lage verbeſſern⸗ wurde Mike, der den Sprecher mit unterſchiedlichen Puhs und Pahs unterbrochen hatte, plötzlich ſehr aufmerkſam. „Du weißt, Andreas,“ ſagte er,„daß Du mich ſtets zu Allem bereden konnteſt.“ „Nur nicht zum Vernünftigſein,“ bemerkte der Steward. „Es iſt eine harte Lage, wenn man nicht einmal gegen den eigenen Bruder ſein Herz ausſchütten kann,“ ſagte der Deportirte.„Sind wir nicht Zwil⸗ linge? Aber auf was haſt Du's abgeſehen? Laß hören.“ „Kann man ſich auf Dich verlaſſen?“ „Du weißt, man kann's, auf meine eigenen Koſten.“ „Die Angelegenheit, welche ich Dir vorzuſchlagen habe,“ fuhr Mr. Siler fort,„iſt mit wenig Gefahr verbunden.“ „Und wird dafür auch gering bezahlt,“ rief Mike. „Ich kenne Deinen Zahlungsmaßſtab von früher. Doch fahre fort; ich will Dich ganz anhören.“ „Im Gegentheil, es iſt eine ſchöne Summe da⸗ mit zu verdienen.“ „Die ich vermuthlich, wie vor Zeiten, mit Dir theilen muß.“ „Ich verlange keinen Penny.“ „Gut, ſo rede,“ rief Mike.„Ich kann's nicht ausſtehen, wenn Du um das, was Du willſt, Dich ſchlangenartig herumwindeſt. Das iſt nicht meine „Ungeſtüm wie immer,“ verſetzte der Steward. „Wenn ich Dir nun vorſchlage, Du ſolleſt ein ſieben⸗ jähriges Mädchen in Verpflegung nehmen?“ „In Verpflegung? Nun, was weiter?“ „Du darfſt aber nicht den Namen der Lady zu entdecken ſuchen, die es Dir bringen wird,“ fuhr der Steward fort.„Es wäre zudem keine leichte Auf⸗ gabe, da ſie, wie ich, auf dem Land und in großer Entfernung von der Hauptſtadt lebt.“ „Und wie viel ſoll ich kriegen?“ fragte Mike. „Du machſt, wenn ſie morgen kömmt, Deine Be⸗ dingungen,“ antwortete Mr. Silex,„denn ſie kann gut zahlen. Du ſiehſt, ich verliere keine Gelegenheit, Deine Intereſſen zu fördern.“ Der Deportirte unterſtützte den Kopf mit der Hand und dachte eine Weile nach, eh' er mit ſich in's Reine kam. „Sieh', Andreas,“ ſagte er endlich,„wenn ſich's nur um die Verpflegung des Kindes handelt, und ich dafür gut bezahlt werde, ſo laß ich mir die Sache wohl gefallen. Aber ich will nicht Gefahr laufen— das heißt, nicht große Gefahr. Du verſtehſt mich. Ich bin jetzt ein alter Mann und lebe reſpektabel.“ 220 „Das heißt, Du machſt Dir die Sünden Anderer zu Nutzen,“ bemerkte der Agent der Lady Boothroyd. „Ich tadle dies nicht. Jeder von uns iſt in ſeiner Art ein Philoſoph. Aber ich nehme meine Sicher⸗ heit ſo gut in Acht, wie Du die Deinige. Ich kann unmöglich vorauswiſſen, was die Perſon, mit der Du zu thun haben wirſt, Dir anzuſinnen beabſich⸗ tigt; aber das ſag' ich Dir, wenn Du dem Kind nur ein Haar krümmſt, ſo wird es Dich das Leben koſten. Du weißt, ich drohe nie umſonſt. Der Lady magſt Du verſprechen, was Du willſt.“ „Du nimmſt alfo ein Intereſſe an dem Frätzchen?“ „Ein großes.“ „Aus Liebe?“ Der Steward öffnete ſeine Kinnladen zu einem herzlichen Lachen, das ſeine Haifiſchzähne gehörig in's Licht ſtellte. „Ich dacht' es ja, nein,“ ſagte Mike. „Aus Liebe!“ wiederholte der Steward, indem er ſeiner Heiterkeit wieder die gebührende Grenze an⸗ wies.„Ei, natürlich aus Liebe, denn ſie wird eines Tages ihr Gewicht in Gold werth ſein.“ Sein Zuhörer vergaß dieſe Worte nicht. Der Reſt des Vertrags kam bald zum Abſchluß, indem nur noch eine Bedingung beigefügt wurde. Mike ſollte nämlich, wenn die Dame das Kind brachte, die Sache behandeln, als ob er nie zuvor etwas da⸗ von gehört hätte, von Allem aber kein Wort fallen laſſen, welches ſie auf die Vermuthung führen konnte, er wiſſe etwas von den früheren oder gegenwärtigen Verhältniſſen des achtbaren Mr. Silex. Nach Bereinigung dieſer Angelegenheit beſprachen 221 ſich die Beiden noch eine kleine Weile über Familien⸗ angelegenheiten und ſchieden dann in einer weit freundlicheren Stimmung, als ſie zuſammengetroffen waren. Sie dachten freilich nicht, daß jedes ihrer Worte von ihrem Neffen Jack belauſcht worden war, den man ſo unceremoniös von ſeinem Frühſtück fort⸗ geſchickt hatte. Der Knabe war nämlich verſtohlen nach der Hinterſeite des Hauſes geſchlichen, zum Waſchküchenfenſter hineingeſtiegen, und durch dieſes Manöver in die Lage gekommen, ſeine Neugierde zu befriedigen. Zu ſeinem Erſtaunen erfuhr er nun von dem Vorhandenſein eines Onkels, von welchem er nie etwas gehört oder geſehen hatte— eines Onkels von achtbarem und wohlhäbigem Ausſehen, und dieſe Entdeckung erfüllte ihn mit der Hoffnung, ſich einer Lebensweiſe entwinden zu können, deren er nachgerade müde wurde. Von Natur war der Knabe nichts weniger als boshaft, und nur ſeine Erziehung hatte ihn auf ſchlimme Wege geführt. Seit Richards unerklärlichem Verſchwinden nun waren ihm allerlei Bedenken und Gewiſſensbiſſe gekommen, und er fühlte jedesmal ein ſtürmiſches Herzklopfen, wenn er eines Polizeidieners anſichtig wurde. „Wenn ich von ihm nur ein Zeugniß erhielte,“ dachte er,„ſo könnte ich einen Flatz kriegen und durch Arbeit mein Brod verdienen. Ich will ihn doch darum angehen.“ Nachdem er zu dieſem Schluß gekommen war, nahm er ſich vor, Mr. Siler auf der Brücke abzu⸗ paſſen und ſich ihm vorzuſtellen. Während er des Kommenden harrte, erging er ſich in Betrachtungen, 22²2 wie angenehm es ſein müßte, umherzuſpazieren, ohne Furcht, plötzlich am Kragen gepackt zu werden und ſogar einem Polizeidiener in's Geſicht ſehen zu dürfen. Zum Erſtenmal in ſeinem Leben wurde die Liebe zur Ehrlichkeit übermächtig in ihm. Obgleich der Steward ſeinen Bruder ſo uner⸗ wartet beſucht hatte, daß dieſer keine Vorbereitungen treffen konnte, ihm nachzuſpüren, war er doch nicht frei von Argwohn und ließ, als er von der Bel⸗ vedereſtraße in die von Weſtminſter einbog, ſeine kleinen grauen Augen nach rechts und links ſchießen. Ungefähr in der Mitte der Brücke bemerkte er Jack, der ihm mit abgezogener Mütze entgegentrat. „Geh' bei Seite, Knabe,“ ſagte der alte Mann zornig, indem er ſich anſtellte, als kenne er ihn nicht. „Ich habe nichts für Dich.“ „Mit Verlaub, Onkel, ich bin kein Bettler,“ ver⸗ ſetzte Jack. Der Steward fuhr bei dem Worte Onkel zuſam⸗ men, und wollte an ſeinem Reffen vorbeieilen; dieſer aber ließ ſich nicht ſo leicht abſchütteln. „Ich möchte mit Euch ſprechen, wenn Ihrs er⸗ laubt,“ fügte er bei. „Mit mir?“ „Ja, Onkel.“ „Ich bin nicht Dein Onkel.“ „Das hilft Euch nichts,“ rief er mit pfiffigem Blinzeln, während er ſeinen runden Dachskopf ſchüt⸗ telte.„Ich habe Alles mit angehört, was Ihr da⸗ heim mit Mike ſpracht von der Lady und von dem Kind.“ „Schon gut,“ ſagte Mr. Siler, dem ſehr unbe⸗ 223 haglich zu werden begann.„Ich will Dich anhören. Komm mit mir.“ Jacks Herz klopfte hoch auf vor Freude. End⸗ lich hatte er, wie er meinte, einen Freund gefunden, und er ging, die Mütze in der Hand, neben ihm her, bis ſie den gepflaſterten Hof auf der Weſtminſterſeite der Brücke erreichten. Hier machte der alte Mann plötzlich Halt, heftete die Augen auf ihn und fragte, was er ihm zu ſagen habe. „Ich brauche ein Zeugniß,“ verſetzte der Knabe. Mr. Siler grinste über die Naivetät ſeines Neffen, und ſeine Einbildungskraft fühlte ſich gekitzelt durch die Vorſtellungen, daß man in ihm einen Gewährs⸗ mann ſuchte. „Um zu Arbeit zu gelangen,“ fügte der junge Taſchendieb bei.„Ich hab' es ſatt, die ganze Nacht in den Straßen umherzulaufen und bei Tag mein Geſicht verbergen zu müſſen. Jedermann ſcheint mir's anzuſehen, von was ich meinen Unterhalt ziehe. Die Knaben in der Straße wollen nicht mit mir ſpielen, obſchon ich beſſer gekleidet bin und zweimal ſo viel Geld ausgeben kann als ſie.“ „Und von was ziehſt Du Deinen Unterhalt?“ „Oh, das wißt Ihr wohl.“ „Wie kann ich dies wiſſen, da ich Dich dieſen Morgen zum Erſtenmal ſehe?“ „Ich hab' es Mike Euch ſagen hören,“ antwor⸗ tete Jack, welcher bald die ſchlaue Bemerkung machte, daß es ſeinem neuen Verwanbten ſo wenig auf eine Lüge ankam, als ſeinem alten. „Warum willſt Du Deinen Onkel verlaſſen, der Dir ein zweiter Vater geweſen iſt?“ 224 „Weil bei ihm mein Gemüth nicht ruhig werden kann, und ich nicht thun darf, was recht iſt,“ erwi⸗ derte der arme Knabe tief erröthend.„Ich werde gewiß eines Tages entdeckt und weiß dann wohl, was daraus erfolgt; denn ich habe oft, wenn man mich für ſchlafend hielt, mit angehört, wie der Alte ſich von der Norfolkinſel mit ſeinem Kumpan, dem Fidler Dick, unterhielt— das iſt der, welcher die tanzenden Mädchen hat; vielleicht kennt Ihr ihn?“ Der achtbare Mann ſchüttelte den Kopf. „Nun, es hätte wohl ſein können, denn er iſt ein guter Freund von Mike, weil ſie mit einander gepackt worden ſind. Ich möchte aus dieſer Lauf⸗ bahn herauskommen, denn ich kann's nicht ertragen, daß ich mich immer fürchten ſoll, wenn ich mein Ge⸗ ſicht in der Straße zeige. Wie hämmert mir das Herz gegen die Rippen, wenn ich zufälliger Weiſe einen Packan ſehe oder Jemand mit der Hand nur meine Schulter berührt.“ „Was kann ich für Dich thun?“ „Mir ein Zeugniß geben. Ich werde dann Ar⸗ beit finden.“ Mr. Silex warf ſich mit der Miene großer Strenge in die Bruſt. Durch ſeine Fragen und ſeine ſcheinbare Aufmerkſamkeit hatte er ſeinen Neffen ſo lange hingehalten, bis er einen Polizeidiener in der Nähe bemerkte. „Siehſt Du jenen öffentlichen Diener?“ fragte er. „Ja, Onkel.“ „Du biſt ein unverſchämter junger Hallunke,“ fuhr ſein Verwandter fort,„und wenn Du Dich er⸗ dreiſteſt, mich wieder Onkel zu nennen, ſo werde ich 225 Dich wegen verſuchten Taſche⸗ diebſtahls feſtnehmen laſſen. Ich erkenne keine Verwandtſchaft an und will nichts von Dir wiſſen. Fort, und zwar auf demſelben Weg, auf dem Du gekommen biſt,“ fügte er bei, indem er nach der Prücke deutete. Jack ſtand eine Weile ils das leibhaftige Bild des Erſtarrens da. Dann' ſtürzten Thränen aus ſei⸗ nen Augen und er ging errüſtet weiter. Sein Herz war zu voll für Worte; cber von dieſer Stunde an hatte der herzloſe Elende welcher taub blieb gegen das Flehen von ſeiner(chweſter Kind, einen weit gefährlicheren Feind, als ihm je irgend einer ent⸗ Fesen war— einen Feind, deſſen Kräfte zu⸗ egten, während die ſeinigen abnahmen; denn die Jugend iſt die Blüthenzeit der Zukunft. Mit einem zufriedenen Kichern über die Leichtig⸗ keit, mit welcher er ſich des Bittſtellers entledigt hatte, verfolgte der Mann der Achtbarkeit und des Geldes ſeinen Weg. „Der alte Schurke,“ murmelte Jack vor ſich hin; „aber ich will's ihm eintränken. Er kennt ſeinen Neffen Jack noch nicht, ſoll ihn aber kennen lernen. Er will Mike nicht ſagen, wo er wohnt— das werde ich herauskriegen, Nummer Eins; und dann will ich auch ausfindig machen, wer jene Lady iſt, Nummer Zwei. Er will mich feſtnehmen laſſen, ha? vielleicht kann ich ihn auf die gleiche Weiſe bedienen; denn obſchon er einen feinen ſchwarzen Rock trägt und ſo ſtolz thut, glaube ich doch, daß er kein Haar beſſer iſt als einer von uns.“ 2 In Anbetracht der erfahrenen Behandlung und Smith. Ebbe u. Fluth. 1. 15 der belauſchten Unterredung war dieſe Folgerung natürlich genug. Es iſt traurig, aber nichts deſto weniger wahr, daß Armuth und Verbrechen beſonders geeignet ſind, Kinder früh reif zu machen, ohne Zweifel in Folge deſſelben Prinzips, nach welchem der Inſtinkt der Selbſterhaltung ſich bei nilden Thieren weit ſchneller entwickelt, als bei den Haisthieren. Jack hatte nur einen Anhaltspunkt, einen ſehr ſchwachen zwar, aber er beſchloß, ihn mit Beharrlechkeit zu verfolgen. Wäh⸗ rend er ſich nämlich mit ſe nem Onkel auf dem klei⸗ nen gepflaſterten Hof am Ende der Brücke beſprach, war ihm aufgefallen, daß die Sohlen ſeiner Stiefel die Spuren feinen Kieſes an ſich trugen. Er begann daher, alle Straßen in der Umgebung der Brücke zu durchſtreifen, um wo möglich zu entdecken, wo Kies geſtreut war. Geraume Zeit blieb ſeine Nochforſchung erfolglos; als er ſich aber endlich in den Park wagte, machte er die Wahrnehmung, daß der Paradeplatz vor Horſeguards ausgebeſſert worden und in allen Richtungen friſch bekiest war. Wie der Indianer auf der Jagd ſeiner Wildfährte nachſpürt, ſo hatte er jetzt die erſte Spur ſeiner Beute aufgefunden. Fünfzehntes Kapitel. Die Einen kommen durch den langſamen und langweiligen Prozeß der Folgerung, Andere im Sprung zu einem Schluß. In beiden Fällen iſt das Reſultat ſo ziemlich das Gleiche; denn der Inſtinkt hat, na⸗ — — 27 mentlich wo die niederen Leidenſchaften in Frage kommen, eine ſo merkwürdige Aehnlichkeit mit dem Verſtand, daß die Philbſophen wohl keine ſo leichte Aufgabe haben, wenn ſie entſcheiden ſollen, wo der Eine aufhört und der Andere anfängt. Jack Manders, der ſich zum erſtenmal in ſeinem Leben veranlaßt ſah, einen Schluß zu bilden, zog natürlich den kürzeſten und leichteſten Weg vor, um ſo mehr, da er nie von einem andern gehört hatte, und das Ergebniß war die vollkommene moraliſche Ueberzeugung, daß Onkel Andrew ein ebenſo großer, vielleicht ein noch größerer Spitzbube ſei, als Onkel Mike. Hätte irgend Jemand dem armen freundloſen Knaben geſagt, ſein wohlgekleideter, achtbarer Ver⸗ wandter ſei ein Mörder, ſo würde er es ohne Be⸗ weis geglaubt und ihn, wie der Richter Jefferies Monmouths unglückliche devonſhirer Anhänger, aus moraliſcher Ueberzeugung verurtheilt haben. Jacks Entwürfe hatten ſich vorläufig ein doppeltes Ziel geſteckt; einmal wollte er den Aufenthalt des geheimnißvollen Verwandten entdecken, den er ſo unerwartet kennen gelernt hatte, und dann war es ihm darum zu thun, den Namen der Lady her⸗ auszukriegen, die ſich's ſo angelegen ſein ließ, ihr Kind in einer ſo achtbaren Pflege unterzubringen; er zweifelte nämlich nicht, daß es ihr eigenes Kind ſei; denn wie hätte ihm auch von der Möglichkeit träumen ſollen, daß irgend Jemand für den Unter⸗ halt von anderer Leute Kinder Geld zahle? Eine ſolche Uneigennützgkeit war für ihn etwas linerhörtes; es hatte ſich nie Jemand erboten, für ihn zu zahlen. Welchen Nutzen ihm die eine oder die andere 15* 2²⁸ der beabſichtigten Entdeckungen bringen ſollte, dies überließ er der Vorſehung. Es war das erſte Ge⸗ ſchäft außerhalb ſeiner gewöhnlichen Branche, und gleich einem Neulingsſpekulanten, der in die Börſe der Welt eintritt, fühlte er ſich voll Hoffnung. Am folgenden Morgen in aller Früh begab ſich Jack feſten Entſchluſſes nach dem Park. Er hatte den Stülp ſeiner Mütze über die Augen niederge⸗ zogen, den unteren Theil ſeines Geſichtes ſorgfältig in einen großen wollenen Comfort verſenkt und nahm nun auf einem der Bänke Platz, welche im Sommer regelmäßig von ſentimentalen Kindswär⸗ terinnen und der lärmenden, lachenden Brut beſetzt ſind, die man unter ihrer Obhut ſicher wähnt. Die Poſition war gut gewählt und machte der Taktik des Knaben Ehre, da ſie nicht nur die Treppe nach dem Waterlooplatz, ſondern auch den Weg nach den Spring⸗gardens und die lange Promenade von dem Palaſt bis zum Paradeplatz beherrſchte. Kam Mr. Silex zufällig durch den Park, ſo mußte ſein Reffe blind ſein, wenn er ihn nicht bemerkt hätte. Se.es iſt erſtaunlich, mit welcher Geduld der Knabe harrte. Nicht einmal das Eis des Waſſerbaſſins mit ſeinen fröhlichen Schlittſchuhläufern, meiſt Knaben ſeines Alters, oder, was noch verlockender ſchien, die famos lange Schleife außerhalb des Geländers konnte ihn auch nur einen Augenblick von ſeinem Poſten abziehen— ein Beweis, daß ſelbſt bei halb erfrorenen Händen und Füßen ſein Herz warm blieb. von der Bitterkeit der Rachſucht. Die einzige Unter⸗ haltung, die er ſich geſtattete, beſtand gelegentlich in einem kurzen Lauf, begleitet von einem Schwenken 229 der Arme über der Bruſt, oder, wenn er ernſtlich in Zweifel kam über die Oertlichkeit ſeiner Zehen, in einem ſcharfen Anſchlagen ſeiner Stiefel gegen den nächſten Baum, vermuthlich weil er ſich über⸗ zeugen wollte, ob ihre gewöhnlichen Inſaſſen zu Hauſe ſeien oder nicht. Es wäre in der That hart geweſen, wenn eine ſolche Beharrlichkeit keinen Er⸗ folg gehabt hätte. Jack befand ſich ſchon mehrere Stunden im Park, als er einen Mann und eine Frau, die ein Kind zwiſchen ſich führten, einherkommen ſah. Sie ſchauten umher, als wollten ſie ſich überzeugen, daß ſie am rechten Platze ſeien, und ließen ſich in unmittelbarer Nähe eines der großen Tragſteine nieder, auf wel⸗ chen Sommers die Milchweiber ihre Eimer und Näpfe zu ordnen pflegen. „Vom Lande,“ dachte Jack, nachdem er die An⸗ kömmlinge mit kritiſchem Blicke gemuſtert hatte. Kein Wunder, daß er neugierig wurde; denn in dem Geſicht der Frau waren die Merkmale des Kummers nicht zu verkennen. Und doch konnte Armuth— das heißt Armuth nach Jacks Begriffen — nicht die Urſache ihrer Thränen ſein, da ſie gut und warm gekleidet war und auch das Kind über einem ſchwarzen Tuchkleid ein Sammtmäntelchen trug. Anfangs glaubte er natürlich, daß ſie nur aus⸗ ruhen wollten, weßhalb er mit jedem Augenblick erwartete, ſie würden ihre Wanderung wieder fort⸗ ſetzen; als ſie aber blieben, tauchte ihm der weitere Gedanke auf, daß ſie auf Jemand warteten. Auf wen wohl? Die Antwort auf dieſe innerliche Frage folgte 230 bald. Wie er ſeine Augen nach der Statue des Herzogs von York hingleiten ließ, ſah er, eine Dame am Arm, ſeinen achtbaren Verwandten Silex die Treppe herunterſteigen. Im Nu war ihm die ganze Sache klar. „Ha,“ murmelte er,„daß ich der Erſte ſein muß, der Onkel Mike's neuen Koſtgänger zu ſehen kriegt.“ Er begann ein Intereſſe für das Kind zu fühlen. Mit einer Geiſtesgegenwart, die ihm alle Ehre machte, ſchlüpfte er hurtig hinter den erwähnten Tragſtein, kniete in den Schnee nieder, befreite ſeine Ohren von dem Tröſter und ſchickte ſich an, zu horchen. „Ihr ſeht, Roſa, ich habe Wort gehalten,“ ſagte Lady Boothroyd, als ſie ſich der Bank näherte, auf welcher Mark mit ſeinem Weibe und Lillian ſaß. Die arme Frau betrachtete die Waiſe mit einem Ausdruck des Mitleids. „Und ich das meine,“ verſetzte Mark.„Gott weiß, wie ſchwer es mir geworden iſt. Mußte es ſo weit mit mir kommen, daß ich zum Kinderdieb wurde!“ „Hoho,“ dachte der Lauſcher;„das Kind iſt ge⸗ ſtohlen.“ „Ihr ſeht, wohin das Wildern führt,“ bemerkte der Steward mit Würde. Mark verſtummte. „Ich würde mich nicht ſo ganz unglücklich fühlen,“ rief Roſa,„wenn die gnädige Frau ſich nur hetab⸗ laſſen wollte, mir zu ſagen, was man mit Lilly an⸗ zufangen beabſichtigt.“ „Sie iſt alſo eine gnädige Frau,“ ſagte ſich Juck, für den keines der Worte verloren ging. — — 231 „Man wird gut für ſie ſorgen,“ ſagte Lady Boothroyd. „Sie in die Schule ſchicken,“ fügte Mr. Silex bei. Der Knabe konnte ſich bei dem Gedanken, daß Mike die Erziehung irgend eines Menſchen anvertraut werden ſollte, eines Grinſens nicht erwehren. Wußte er doch, daß derſelbe außer ihm nie einen Zögling gehabt hatte. „Ich habe keine Zeit, um mich auf eine Aus⸗ einanderſetzung meiner Abſichten einzulaſſen,“ bemerkte die Lady ſtolz,„und Euch ſteht kein Recht zu, Fra⸗ gen zu ſtellen. Mein Rang und mein Charakter ſind für Euch eine zureichende Bürgſchaft, daß ich es gut meine. Gebt mir das Kind,“ fügte ſie bei. „Mr. Siler wird das Uebrige beſorgen.“ Jack wiederholte den Namen mehrmal, um ihn ſeinem Gedächtniß einzuprägen. 8 Im feſten Glauben, daß unter der Beſorgung des Uebrigen eine Zurückgabe der Schuldbeweiſe zu verſtehen ſei, küßte Roſa das Kind und legte deſſen Händchen in die Hand ſeiner Verfolgerin. „Ich will nicht mit ihr gehen,“ rief Lillian, ihre großen ſchwarzen Augen auf das Geſicht der Lady heftend.„Bringt mich nach Haus zu Onkel Simon und der lieben Tante Eſther.“ „Sie wird gut gegen Dich ſein,“ flüſterte Roſa. Die Waiſe ſchüttelte zweifelnd das Köpſfchen. „Und Dich in die Schule ſchicken, wo Du viele Spielgefährten Deines Alters finden wirſt,“ fuhr Roſa fort.„Auch ſchöne Kleider wirſt Du kriegen.“ „Ja, Mike iſt mir der Mann danach,“ lautete Jacks innerlicher Commentar zu dem letztgenannten Verſprechen.„Das arme kleine Ding! Eher nimmt er ihr auch noch die hübſchen Sachen, die ſie anhat, verkauft ſie und trägt das Geld in die Brannt⸗ weinſchenke.“ Es hielt nicht ſchwer, der Kleinen ihre Abnei⸗ gung, die ſchöne Dame zu begleiten, welché ſo viel für ſie thun wollte, auszureden. Gleichwohl trennte ſie ſich von Roſa nur mit Widerſtreben, und mehr denn einmal wandte ſie ſich, als ihre grauſame Fein⸗ din ſie ſchon im Triumphe fortführte, gegen ſie um und warf ihr Kußhändchen zu. Mark dagegen be⸗ achtete ſie nicht, und es ſchien ihr nur wenig oder gar nicht Leid zu thun, ſich von ihm zu trennen. Der Knabe machte keinen Verſuch, ihnen zu fol⸗ gen, weil er wohl wußte, wohin ſie gingen, ſondern richtete alle ſeine Aufmerkſamkeit auf das, was nun⸗ mehr zwiſchen ſeinem Onkel, dem Mann und der Frau vorging. „Ihr habt doch das— Ihr wißt, was ich meine,“ ſagte Mark;„das—“ „Die gnädige Frau hat es mir vor ihrer Abreiſe gegeben,“ unterbrach ihn der Steward;„aber wir müſſen zuvor mit einander ſprechen. Wo iſt die Kette und das Herzchen?“ „Welche Kette, welches Herzchen?“ fragte Roſa. „Die Mark Lillian abgenommen hat,“ lautete die Antwort. Vergeblich betheuerte Mark, daß er nie etwas davon geſehen habe. Mr. Silex war nicht zu über⸗ zeugen, abgeſehen davon, daß es nicht in Lady Boothroyds Plan paßte, ſich von der Bibel oder dem Blatt zu trennen. — — G 233 „Warum will ſie's denn behalten,“ rief Mark leidenſchaftlich,„wenn ſie ehrlich gegen mich zu han⸗ deln gedenkt?“ „Warum behaltet Ihr die Kette?“ entgegnete Mr. Silex. „Ich habe ſie nicht.“ Der Steward lächelte ungläubig. „Ich will Euch ſagen, warum wir's behalten wollen.“ „Darauf bin ich begierig,“ dachte Jac. „Warum legen Kinder einem Vogel, den ſie ge⸗ fangen haben, eine Schnur um das Bein?“ fuhr der verſchmitzte Alte fort.„Wollt Ihr's wiſſen? Um ihn zurückzuziehen, wenn er fortzu⸗ fliegen verſucht. Ihr ſeid der Vogel; die Schnur iſt um Euer Bein gelegt— Hals wäre viel⸗ leicht das beſſere Wort, nur bin ich kein Freund von Bemerkungen, die unangenehm klingen. Behaltet Eure Beweiſe; wir werden die unſrigen bewahren. Ihr ſeht, wie es ſteht— Schach gegen Schach. Iſt das nicht geſcheidt?“. „Schurkiſch, wollt Ihr ſagen,“ rief Mark entrüſtet. „Das Wort kommt ſo ziemlich auf's Gleiche her⸗ aus,“ bemerkte Mr. Silex philoſophiſch. „Hätt' ich das gewußt!“ „Aber Ihr habt's nicht gewußt— konntet's nicht wiſſen,“ unterbrach ihn Mr. Siler zum zweiten⸗ mal.„Wie wäre das möglich? Gleichwohl gedentt die gnädige Frau freigebig an Euch zu handeln. hr ſeid im Begriff auszuwandern— ein kluger Entſchluß; aber noch klüger wird es ſein, nie wieder nach England zurückzukehren. Vornehme Leute leben 234 nicht gern in Furcht. Ihr verſteht mich? Da ſind fünfzig Pfund zur Beſtreitung Eurer Reiſe.“ „Aber das Kind,“ rief Roſa, die trotz ihrer Angſt um den Gatten die arme Lillian und die ſchändliche Rolle, die man ſie in der Geſchichte zu ſpielen ge⸗ nöthigt hatte, nicht vergeſſen konnte. „Für das Kind wird geſorgt,“ verſetzte der Steward, während er Mark die Banknoten aus⸗ händigte.„Ihr kennt Eure Lage und wißt, wie gut Ihr davon gekommen ſeid.“ Hätte Sir Norman etwas davon erfahren—“ Bei Nennung dieſes Namens ſchauderten Mann und Weib. „Sir Norman,“ wiederholte Jack.„Noch ein Name, den ich mir merken muß.“ Der Steward ſah auf ſeine Uhr, und als er bemerkte, daß es bald Eins war, hieß er die un⸗ glücklichen Bethörten bleiben wo ſie wären, bis es auf Horſeguards ausgeſchlagen hätte. Hiedurch ge⸗ wann er Zeit, die Equipage des Barons zu erreichen, die an der Säule auf dem Waterlooplatze ſeiner harrte. Er wünſchte nicht, daß Mark oder Roſa von den Domeſtiken erkannt würden. Daß ihm Je⸗ mand anders folgen könnte, ſiel ihm nicht entfernt ein. Seinen Neffen hatte er ganz vergeſſen. „Der Schurke,“ murmelte Mark, die Noten zu⸗ ſammenknitternd.„Oh, Roſa, Roſa! wohin hat Dich mein Leichtſinn und meine Unklugheit gebracht? Das Weib eines Capitalverbrechers, ja faſt Theilhaberin an ſeinem Verbrechen— ich komme von Sinnen, wenn ich daran denke.“ Der verborgene Lauſcher hatte keine Zeit, weiter —— — —— 3 7 auf ihr Reden zu achten. Es galt jetzt, ſeinem Onkel zu folgen, den Bau des alten Fuchſen auszu⸗ ſpüren und ihn durch Rauch herauszutreiben, oder mit anderen Worten ſeine gewagten Entdeckungen aufs Vortheilhafteſte zu verwenden. Mike, das wußte er wohl, konnte etwas Schönes daraus machen. Gleich vielen älteren und erfahrenen Generalen hatte Jack die Strategie des Feindes nicht mit in Rechnung genommen. Er ärgerte ſich deßhalb nicht wenig, als er, nachdem er von Baum zu Baum nachgeſchlichen und auf Händen und Füßen die Treppe hinaufgekrochen war, auf der oberſten Stufe gerade noch zu rechter Zeit anlangte, um ſeinen Verwandten in dem ſchmucken Wagen davon fahren zu ſehen. In der Bitterksit ſeiner getäuſchten Erwartung ge⸗ reichte ihm nur ein Umſtand zum Troſte; man hatte ihn nicht erkannt, und dies war ſchon etwas. Die meiſten Knaben ſeines Alters würden jetzt von der Verfolgung abgeſtanden ſein und der Sache nicht weiter gedacht haben. Nicht ſo Jack, der ſeine Bildung einer ganz anderen Schule, der Schlauheit und der Gefahr, verdankte. Nach kurzer Friſt war er mit ſich einig, wie er handeln wollte. Er zog aus ſeinem Wamms ein zierliches Taſchen⸗ buch heraus, über deſſen Erwerbung er ſchwerlich eine befriedigende Auskunft hätte ertheilen können, und eilte nach der Stelle zurück, wo Mark und Roſa des Stundenſchlages harrten. „Mit Verlaub, wer war der alte Gentleman, mit dem ich Euch vorhin ſprechen ſah?“ rief er ſchein⸗ bar ganz außer Athem. „Wärum fragſt Du?“ entgegnete der Mann. 236 „Seht, was er hat fallen laſſen,“ ſagte der Knabe.„Ich verſuchte ihn einzuholen; aber er fuhr in einer ſchönen Kutſche davon, eh' ich ihn erreichte.“ Mark ſowohl als Roſa dachte an die Möglichkeit, das verhängnißvolle Blatt könnte ſich in dem Taſchen⸗ buch befinden, und erſterer verlangte haſtig, davon Einſicht zu nehmen. „Ihr ſeht es ja.“ „Ich möchte den Inhalt unterſuchen.“ „Das würde nicht ehrlich ſein,“ verſetzte der Knabe mit gut geſpielter Freimüthigkeit.„Ich habe ſelbſt noch nicht hineingeſehen.“ „Wir wollen es ihm zurückgeben,“ ſagte Roſa. „Und das Trinkgeld einſtreichen. Nein, ich danke.“ Ein kurzes Nachdenken überzeugte das unglück⸗ liche Paar von der Unwahrſcheinlichkeit, daß Lady Boothroyd ſelbſt ihrem Vertrauten jene Beweiſe überantwortet, oder daß dieſer ſie mitgebracht hatte. Es nützte ſie alſo nichts, wenn ſie die Zurückgabe des Taſchenbuchs hinderten. „Sein Name iſt Silex,“ ſagte Mark. Der Frager wußte dies bereits. „Er iſt Steward bei einem ſehr reichen Gentle⸗ man, Sir Norman Boothroyd,“ fügte Roſa bei, der die vermeintliche Ehrlichkeit des Knaben wohlgefiel, „aber wir können nicht ſagen, wo er ſich in London aufhält— wahrſcheinlich bei ſeinem Herrn.“ „Und wo wohnt dieſer?“ fragte Jack. „Wir wiſſen es nicht; die Familie iſt erſt in die Stadt gekommen. Auf dem Lande hat Mr. Siler ſeinen Sitz in St. Faith, Devonſhire, auf dem Herr⸗ ſchaftsgut.“ 237 Da gab es ſehr viele Namen zu merken; aber Jack wußte ſich wohl zu helfen, obſchon er weder leſen noch ſchreiben konnte. Er benützte dabei ein eigenthümliches mnemoniſches Syſtem, für das ihm Verbrechen und Gefahr als Lehrer gedient hatten. Nach einem flüchtigen Dank an ſeine Auskunftgeber entfernte er ſich nicht ohne geheime Verachtung gegen ihren Mangel an Einſicht. „Kein Wunder, daß Onkel Andrew ſie zum Nar⸗ ren hielt,“ dachte er.„Sie merken einen Pfiff ſo wenig, als ein Kanarienvogel eine Maus.“ Die Fährte war nun leicht zu verfolgen; noch ein weiterer Anhaltspunkt konnte Onkel und Neffe wieder zuſammenführen. Während die geſchilderte Scene in dem Park ſpielte, lag der heimgekehrte Deportirte in ſeiner Hütte, wie die ihres Raubs harrende Spinne in ihrem Netz, auf der Lauer. Er begann ſchon un⸗ geduldig zu werden, als ein Klopfen an der Thüre ſeinen Betrachtungen ein Ende machte.„Herein!“ rief er barſch. Im nächſten Augenblick trat Lady Boothroyd dicht verſchleiert und mit Lillian an der Hand in die elende Stube. Ihre erſte Bewegung war, daß ſie die Thüre ſchloß; dann nahm ſie ſich einen Stuhl. „Sind wir allein?“ fragte der Beſuch. „Gonz allein, Marm,“ antwortete Mike,„wenn ie mir etwas zu ſagen haben.“ „Ihr ſeid mir als eine Perſon gerühmt worden, der man etwas anvertrauen kann.“ „Ungezähltes Gold, Marm,“ rief der Deportirte, mit der Hand auf die Bruſt klopfend, als fordere 238 er ſein Herz zum Zeugen für die Wahrheit ſeiner Behauptung auf; dabei verſuchte er eine ungemein ehrliche Miene zu machen. „Mit dieſem Vertrauen möchte ich Euch nicht gerade behelligen,“ bemerkte die Dame trocken. „Na, Marm, Sie hätten können. Doch bin ich bereit, Alles in Verwahrung zu nehmen; es iſt bei mir gut aufgehoben. Ich habe die beſten Zeugniſſe und kann—“ „Ich zweifle nicht,“ unterbrach ihn die Lady etwas ungeduldig.„Eure Verſicherungen ſind un⸗ nöthig, denn ich habe mich vollſtändig über Eure Perſönlichkeit unterrichtet, ehe ich mich dafür ent⸗ ſchied, Euch einen Auftrag zu geben.“ „Der Spitzbube Andrew hat mich ſchwarz ge⸗ macht,“ dachte Mike.„Noch dazu mein eigener Zwillingsbruder.“ „Ich wünſche zu erfahren, ob Ihr geneigt ſeid, ein Kind in Verpflegung zu nehmen.“ „Ein Kind,“ rief der Strolch mit gut geſpieltem Erſtaunen.„Das iſt nicht gerade meine Branche; aber wenn es nicht allzu jung iſt—“ Die Lady deutete auf Lillian. „Ei, das iſt ein artiges Geſchöpflein,“ fuhr er in einem Tone fort, der ohne Zweifel recht ſanft und zärtlich ſein ſollte.„Komm' her, meine Liebe.“ Das Kind wich inſtinktartig vor ihm zurück und klammerte ſich an die Lady an. „Leider iſt ſie illegitim,“ bemerkte die Letztere, „und kann nicht anerkannt werden. Auch fordert ihr ſtörriſches Weſen eine ſtrenge Zucht.“ — 239 „Das fehlt bei mir nicht, Marm,“ ver⸗ ſetzte Mike, indem er Lillian für ihr unwillkürliches Zurückweichen einen finſtern Blick zuſchoß;„und was ihr ill— ille— ich weiß ſchon, was Sie meinen, wenn mir ſchon das Wort nicht gerade beifällt— betrifft, ſo hat das nicht viel zu bedeuten. Sie ſind nicht das erſte Frauenzimmer, dem ein Unfall paſ⸗ ſirt iſt.“* „Was will der Elende damit ſagen?“ rief die Gebieterin von Meldown⸗Park, hoch entrüſtet ob einer ſo anzüglichen Vermuthung, deren Ungerechtigkeit ſie um ſo empfindlicher verletzte, als ſie die einzige ihr eigene Tugend betraf. „Es iſt Alles recht, Marm,“ ſagte Mike mit einem ſchlauen Blinzeln.„Nichts für ungut.“ Lady Boothroyd fühlte, wie abgeſchmackt es wäre, ſich über den fraglichen Punkt gegen den Kerl weiter einzulaſſen, und im Grunde war ſeine Vorausſetzung ihrem Plan nicht ungünſtig. Neugierde iſt allen ge⸗ meinen Naturen eigen, und wenn ſie ihn auf ſeinem Wahne ließ, ſo ſtellte er vorausſichtlich über ſie keine weiteren Nachforſchungen mehr an. Die Geldfrage war bald bereinigt. Für Lillians Unterhalt und Erziehung ſollten jährlich fünfzig Pfund, und zwar zum Voraus, bezahlt werden. 5 „Ich habe zu bemerken vergeſſen,“ ſagte die ge⸗ wiſſenloſe Frau, als ſie ſich zum Abſchied erhob, „daß das Kind ein Vermögen von fünfhundert Pfun⸗ den beſitzt.“ „Wirklich?“ entgegnete Mike, im Geheim ſich wundernd über das ſo unverhofft in ihn geſetzte Vertrauen. „Und ich würde mich verpflichtet fühlen,“ fuhr die Lady fort,„für den Fall ihres Todes die Summe Euch auszu⸗ bezahlen, als Anerkennung für die Mühe, die Ihr ohne Zweifel mit ihr haben werdet, vorausge⸗ ſetzt natürlich, daß Ihr die geeignete Sorgfalt auf ſie verwendet.“ „Ich will für ſie ſorgen,“ murmelte der Strolch. „Und ſie mit Liebe behandelt.“ „Mit ſo viel Liebe, als Ihr wünſcht,“ entgegnete Mike.„Aber geſetzt, es paſſirte ihr Etwas,“ fügte er bedächtig bei.„Manche Kinder ſind ſo gar zart; und wie kann ich's Euch zu wiſſen thun?“ „Ich werde alle ſechs Monate eine Perſon, der Ihr vertrauen könnt, nach dem Kinde ſehen laſſen.“ „Könnt' ich nicht ſelbſt irgendwo vorſprechen?“ fragte Mike. Dieſer beſcheidene Vorſchlag wurde abgelehnt. Die Lady, die ſich jetzt verabſchiedete, war zu ſchlau, um ſich in einer ſolchen Schlinge fangen zu laſſen. Erſchreckt von dem Gedanken, an einem ſo un⸗ heimlichen Platz allein zurückbleiben zu ſollen, wollte Lillian ihr folgen; aber der Hausherr riß ſie rauh zurück und drohte ihr unter ſchrecklichen Flüchen mit Halsumdrehen, wenn ſie ſchreie oder ſich von der Stelle rühre. „Setz Dich daher,“ ſagte er, ſie auf einen Stuhl in der Stubenecke niederdrückend,„und mukir' Dich nicht, oder ich will Dir den Meiſter zeigen.“ Das Schluchzen, welches ſich von Zeit zu Zeit trampfhaft aus der Bruſt der armen Waoiſe hob, und der ſtumme Schmerz in ihren Blicken machte 241 nicht den mindeſten Eindruck auf Mike, der jetzt ganz andere Sachen zu denken hatte. Die Abſchiedsworte ſeines Beſuchs klangen noch in ſeinen Ohren. Fünfhundert Pfund für den Fall, daß ſein Pflegling mit Tod abging! Während ſeiner ganzen verbrecheriſchen Laufbahn hatte er nie über eine ſolche Summe geboten; ſie ſchien ihm unerſchöpflich zu ſein, und doch hätte er mit ein wenig Anſtrengung und Eyrlichkeit leicht ſich ſo viel erwerben können. Fünfhundert Pfund! Nach ſeiner Schätzung des Geldes war dies gleichbedeutend mit Unabhängigkeit, mit eigentlichem Reichthum. „Warum rückte ſie nicht mit der Farbe heraus?“ murmelte er.„Sonſt können doch Weiber über das, was ſie wünſchen, nicht genug plappern. Richt daß ich Gefahr dabei liefe— nein, nein; dafür ſtehen mir die Augen zu weit offen. Aber es iſt ein mäch⸗ tiges Geld,“ fügte er nachſinnend bei. Dann ge⸗ dachte er der Drohung ſeines Bruders, daß es ihn das Leben koſten werde, wenn er dem Kind ein Haar krümme. „Sie wird für ihn eines Tags ihr Gewicht in Gold werth ſein,“ ſagte er, ſeine Worte wiederho⸗ lend.„Ich bin begierig, was dabei für mich her⸗ ausſpringen wird.“ Die Antwort blieb noch immer dieſelbe— fünf⸗ hundert Pfund. Es ſchien eine Art Zauber in der Summe zu liegen. Mike hatte ſchon von gleich⸗ großen, ja noch größeren Beträgen gehört, aber noch eSmith, Ebbe u. Fluth. I. 16 242 nie die Idee ſo ganz und gar in ſich aufgenommen. Trotz der ſchweren Verſuchung kam er endlich zu dem Schluß, nicht übereilt zu handeln. Erſtlich wollte er ſich vergewiſſern, daß, im Fall ſeinem Pflegling etwas zuſtieß, das Geld auch wirklich und wahrhaftig bezahlt werde; denn er war ſchlau genug, um zu wiſſen, daß er auf ein Verſprechen hin nicht klagbar auftreten konnte. Außerdem hegte er großen Reſpekt vor den Gerichtshöfen, die ihm noch kein Glück ge⸗ bracht hatten. Zweitens fragte ſich's, wie die Sache ſich geſchäftsmäßig und ohne Gefahr für ihn ſelbſt einleiten ließ. Die letztere Rückſicht nahm er aller⸗ dings nicht beſonders ſchwer, denn, wie er bereits bemerkt hatte, manche Kinder ſind ſo gar zart'“ „Wenn ich bedenke, daß da fünfhundert Pfund zu mir betteln kommen,“ ſagte er in philoſophiſchem Selbſtgeſpräch.„s iſt zum Todtärgern. Fünfhun⸗ dert Pfund nur dafür, daß ihr Einer für ein paar Minuten die Hand auf den Mund legt und den Athem zurückhält! Das könnt' ich ſo leicht thun, wie— aber was dann?“ Es iſt erſtaunlich, welche Macht dieſe paar Worte ſchon auf der Welt geübt haben, im Guten ſowohl als im Böſen. Was dann? Dieſe Frage hat den Muth manches Verzweifelten abgekühlt, Schurken in den Bann geſetzlicher Ehrlichkeit eingezwängt, Hände vom Verbrechen zurückgehalten, aber auch zum Verbrechen gehetzt in der eitlen Hoffnung, daß es verborgen bleibe. Mike's Träumereien wurden durch die Rückkehr Jacks unterbrochen, der ſich über den Anblick Lil⸗ 243 lian's ſehr überraſcht ſtellte und allerlei verwirrende Fragen über ſie vorbrachte. Wer war ſie? Blieb ſie klang im Hauſe? Wie hieß ſie und wie kam ſie her? „Du biſt verzweifelt neugierig,“ rief der Alte ungeduldig, nachdem ſeine Redegabe durch die Rei⸗ henfolge der Lügen, zu denen er ſeine Zuflucht nahm, nahezu erſchöpft war.„Sie iſt die Tochter eines guten Freundes von mir, wird gerade ſo lange hier bleiben, als es mir gefällt, und heißt— wie iſt Dein Name?“ fügte er rauh bei. „Lilly,“ antwortete das zitternde Kind. „Fahrt ſie nicht ſo rauh an,“ ſagte der Knabe. „Ihr erſchreckt ſie.“ „Ich werde ſprechen, wie ich mag,“ lautete die Antwort. Bei all ſeinem wilden Weſen, der Frucht der Verwahrloſung und des Mangels an liebevoller Fa⸗ milienerziehung, beſaß Jack von Natur ein gutes Herz, wie wir bereits aus ſeiner Zuneigung zu der kleinen Marm und ſeinem zwar rauhen, aber doch warmen Mitgefühl für Richard Markham wahrge⸗ nommen haben. Jetzt bot ſich ihm ein anderer Ge⸗ genſtand, und in Folge deſſelben geheimnißvollen Geſetzes, nach welchem die im dunkeln, feuchten Keller wurzelnde Pflanze ihre gelben Blätter dem einzigen einfallenden Lichtſtrahl zuwendet, ſchenkte er inſtinkt⸗ artig all ſeine Liebe der neuen Hausgenoſſin. Wenn Mr. Silex in ihm einen Feind hatte, ſo beſaß die arme Lillian an ihm einen Freund. „Weine nicht,“ ſagte er, indem er die Kleine bei 244 der Hand nahm;„Onkel Mike iſt wohl rauh in ſeinen Reden, wird Dir aber nichts zu Leide thun.“ Der Deportirte ſtieß ein dumpfes Hum aus. Lillian blickte dem Knaben in's Geſicht und verſuchte zu lächeln. Ende des erſten Bandes. ſſ 8 9 10 11 12 8 14 15 16 4. 9 6 y 5