Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Seih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr vis Abends 8 Uhr offen. 2 esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— 4 auf 1 Monat: 1 Wt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. . Auswärtige Fonhenten haben für Hin und Zurückf endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over vefecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt e der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * ſ 6 „ Die Abtei Carrow. Roman von 5 Z. J. Smith. Frei nach dem Engliſchen von Dr. Büchele. Vierter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. Schnellpreſſendruck von E. Freiner in Stuttgart. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Währenb im Pfarrhaus die Operation vor ſich ging, welche dem alten Stallknecht die Vernunft zurückgeben ſollte, befanden ſich der Oberſt, ſeine Frau und Miran⸗Hafaz in der Abtei, unbekannt mit der Rückkehr Henry's und mit der Sidelers und mit Allem, was gegen ſie angeſponnen wurde. Miran und der Oberſt ſaßen am Tiſch, beide mit ihren eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt. „Miran,“ ſprach der Oberſt auf einmal,„ich habe Alles für Sie gethan, was Sie verlangten. Ich muß jetzt meinen Lohn haben.“ Er ſprach mit verbiſſenen Zähnen, mit einer Miene faſt wilder Entſchloſſenheit. Der Indier lächelte. „Ich werde Ihnen Ihre Erklärung zurückgeben, Oberſt,“ verſetzte er,„an dem Tage meiner Heirath mit Ellen.“ „Ich muß ſie heute haben,“ rief Monbray, halb aufſtehend.„Ich kann ſo nicht leben, wahr⸗ haftig nicht!“ 4 * „Oberſt,“ ſetzte Miran hinzu, al er die düſtere Miene ſeines Freundes ſah,„ich gebe Ihnen Ihre Erklärung zurück! Ich bedarf Ihrer nicht mehr, um jenen Pächtersſohn und ſeine Freunde zu ent⸗ fernen. Und was Ihre Einwilligung zu meiner S betrifft, ſa bürgt mir Ihre Habſucht für ie!“ Man klopfte an die Thüre der Bibliothek.* „Herein!“ ſprach der junge Mann, ſich auf einen Sopha werfend. Den Augenblick darauf trat Lady Mow⸗ bray ein. „Sie ſcheinen erſchreckt, meine Theure?“ ſagte Oberſt Mowbray, welcher eben das zweite Papier in ſeinen Schreibpult eingeſchloſſen hatte;„was gibt es?“ „Victor iſt zurück,“ antwortete Lady Mowbray. Beim Namen des Dieners, welcher Sideler nach Marſeille hatte begleiten ſollen, ſprang Miran auf. Die Nachricht enthielt etwas Beunruhigendes, denn er wußte, daß dieſer Mann ihm treu, und wenn man ihm ſeine Frevelthaten gut bezahlte, wenig ſcrupulös war. Und dieſes Mal hatte er Gold an ihn verſchwendet. „Wo iſt er?“ fragte er. „In dem Speiſeſaal.“ Ohne ein Wort zu ſagen, eilte der ungeſtüme junge Mann dorthin. „In der That, mein Freund!“ ſagte Lady Mow⸗ bray,„dieſer Mican wird unerträglich! Gott ſei iſt er einmal verheirathet, werden wir ſeiner o8 c Ein lauter Lärm von Vorwürfen und Ver⸗ wünſchungen ließ ſich aus dem Speiſeſaal ver⸗ nehmen. „Um Gotttes willen! kommen Sie mit mir,“ rief Lady Mowbray,„ſonſt wird es einen Mord geben!“ Nachdem er noch einmal nachgeſehen hatte, ob ſein Schreibpult feſt verſchloſſen war, ging der Oberſt mit ſeiner Frau hinweg. Sie fanden Miran im Speiſeſaal gleich einem Tiger in ſeinem Käfig auf⸗ und abſchreitend, und den Diener niedergeduckt in einer Ecke, wohin ſein Herr ihn geworfen hatte. „Es iſt nicht meine Schuld!“ rief der Elende, ſobald er den Oberſt und Lady Mowbray gewahr wurde;„wahrhaftig, es iſt nicht meine Schuld. Mr. Aſhton hat Alles gethan!“ „Was iſt geſchehen?“. „Mein Nebenbuhler iſt zurück!“ brüllte der junge Indier.„Ja, noch mehr, er iſt zu Calais dem Kaninchenwärter und dieſem Dummkopf, auf den ich mein Vertrauen ſetzte, begegnet und hat es dahin gebracht, Sideler auf das Packetboot zu ver⸗ ſetzen. Das iſt geſchehen.“ „Sideler iſt alſo in England?“ fragte der Oberſt mit unruhiger Miene. „Ja!“ „Und Henry Aſhton?“ Iſt bei ihm!. Alles recht betrachtet, iſt es vielleicht beſſer ſo. Ich möchte meine Frau nicht ohne Kampf erobern! Iſt Ellen einmal mein, werde ich dem Schickſal und ſeiner Tücke Trotz bieten! Ich bedarf der Aufregung“ ſetzte er hinzu,„und das wird ſie mir verſchaffen. Die feuchte und dumpfe Luft Englands hatte mir das Blut erſtarrt und es iſt in meinen Adern wie zu einem ſtehen⸗ den Waſſer geworden; jetzt kreist es wieder frei!“ Sein Verbündeter fand nicht, daß es beſſer ſo wäre. Die Rückkehr unſeres Helden machte ihm ernſtliche Unruhe, und er wünſchte ſich insgeheim Glück, vor der Ankunft des Unglücksboten das Papier erhalten zu haben.. „Ich muß Ellen ſehen,“ ſprach der junge Indier. „Jetzt nicht!“ „Allerdings jetzt!“ wiederholte er feſt.„Ihr Anblick wird die Erregung meines Gehirns be⸗ ruhigen; ſchon in der Kindheit hatte ihre Stimme die Gewalt, mich zu beſänftigen. Die Heirath muß dieſen Abend ſtattfinden,“ ſetzte er, Mowbray den Arm drückend, hinzu;„ſie muß dieſen Abend mein werden!“ geſſen, daß, wenn wir auch die Dispenſation vom —— Aufgebot haben, Doctor Tordletexte erſt morgen ———in Carrow anlangen wird!“ „Morgen!“ rief Miran;„ich werde nie bis morgen dieſe-Beklemmung des Herzens und dieſe Zuckungen des Gehirns ertragen können!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er, ge⸗ folgt von ſeinem Verbündeten, hinweg und wandte ſich mit ihm nach dem Zimmer der Gefangenen. „Unmöglich!“ verſetzte der Oberſt,„Sie ver⸗ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Ellen befand ſich halb liegend auf einem Sopha, die Amme zu ihren Füßen. Eine tiefe Veränderung war in Zara's Seele vor ſich gegangen, ſeitdem ſie Ellen entſchloſſen zu ſterben, Miran entſchloſſen, ihr den Tod zu bringen, geſehen hatte. Ellen be⸗ ſaß das Geheimniß dieſer unzähmbaren Natur; ſie begriff, daß ihre Verfolgerin vom Tag zuvor keine andere Leidenſchaft mehr hatte, als ſie zu retten. „Man wird ſich verſtellen müſſen!“ ſagte Zara. „Verſtellen?“ „Man hat den morgenden Abend zu Ihrer Ver⸗ mählung feſtgeſetzt; ſie haben einen ihrer falſchen Prieſter erkauft, um die Ceremonie zu vollziehen. Miran wird nicht ſäumen, Ihnen einen Beſuch zu machen; jeden Augenblick kann ſein Schritt auf der Treppe ſich hören laſſen. Er iſt wahnſinnig, Ellen, wahnſinnig vor Eiferſucht und getäuſchter Erwartung. Sie kennen ſeine aufbrauſende Gemüthsart und das Feuer, das ihn verzehrt; die Vergangenheit kann Sie lehren, weſſen er fähig iſt.“ In dieſem Augenblick hörte man in der Gemälde⸗ gallereie die Stimme von Miran⸗Hafaz, welcher von Mowbray den Zimmerſchlüſſel begehrte. Beim Ton dieſer gefürchteten Stimme klammerte ſich Ellen an die Aya an, dieſelbe beſchwörend, ſie nicht zu verlaſſen. „Folgen Sie meinem Rath,“ ſagte Butn, w Sie werden gerettet ſein: was auch geſchehe, Sie ſind gegen die Beſchimpfung bewaffnet!“ Mit dieſen Worten machte ſie ſich aus ihrer Umſchlingung los und kauerte ſich, nachdem ſie den Riegel zurückgezogen hatte, hinter den Vorhängen des Toilettentiſches nieder. „Es iſt wahr,“ ſprach die Waiſe, welche die letten Worte der Amme beruhigt hatten,„Miran ſelbſt kann mich nicht über den Tod hinaus ver⸗ folgen!“ Sie ſetzte ſich ſo nahe als möglich der Stelle, wo die Aya ſich verbarg, und erwartete den Beſuch ihres Verfolgers, der beinahe in demſelben Augen⸗ blick in Begleitung von Oberſt Mowbray eintrat. Welchen Schrecken ihr Oheim ihr auch einflößte, in dieſem Moment erſchien ſeine Gegenwart ihr als ein Schutz. Die Phyſiognomie des jungen Indiers be⸗ ruhigte ſich, und deſſen Auge verlor ſeinen wilden Ausdruck, als er die Züge ſeines Opfers erblickte; er näherte ſich ihr mit demüthiger und ſanfter Miene. „Ellen!“ ſprach er,„ſo ſollten wir uns nicht ſehen!“ „Wie ſieht der Unterdrückte ſeinen Unterdrücker?“ erwiderte die Waiſe traurig.„Hofften Sie mich lächelnd zu finden, da mein Herz gebrochen iſt?.. Ach! es iſt lang her, Miran, daß Ihre Grauſam⸗ Lächeln von meinen Lippen vertrieben hat!“ Der Oberſt begann zu gähnen und ſetzte ſich; die Unterredung ſchien ihm viel zu ſchmachtend. 9 „Ellen, ſtürzen Sie mich nicht in Verzweiflung durch dieſe kalte und ſtudirte Verachtung; zwingen Sie mich nicht, mir ſelbſt ein Gegenſtand des Ab⸗ ſcheus zu werden! Ich liebe Sie ich liebe Sie mit all' der leidenſchaftlichen Abgötterei mei⸗ ner Natur! Ihr Bild hat ſich meiner Seele ſo ganz und gar bemächtigt, daß es keinen andern Traum, keine andere Hoffnung mehr kennt. Sie liebten mich ſonſt!“ „Wie einen Bruder, ja,“ erwiderte die Waiſe ſanft;„es iſt nicht meine Schuld, wenn Sie dieſes Gefühl verwandelt haben in... „Haß?“ rief Miran;„ Ellen, um Ihrer ſelbſt willen ſagen Sie nicht in Haß, damit Sie nicht den Geiſt des Böſen in mir entfeſſeln. Ich habe und kann noch mehr von Ihnen ertragen, aber nicht das Geſtändniß Ihres Haſſes!“ „Ich fühle mehr Mitleid, als Haß gegen Sie!“ „Seien Sie geſegnet! geſegnet für dieſes Wort! Daß ich Ihnen nicht das Andenken an die Tage Ihrer Kindheit, unſeres Vertrauens, unſerer jungen Liebe zurückrufen kann! Bei Ihnen war ſie nur vorübergehend; bei mir hat ſie ſich wie in den här⸗ teſten Granit eingegraben; man müßte mich zerſtören, um ſie zu verwiſchen!“ „Ach! wenn meine Thränen den Felſen er⸗ weichen könnten! O Hafaz! warum eine Liebe ſuchen, die nicht Ihnen gehören kann? Wird Ihr Herz glücklicher ſein, wenn das meinige gebrochen iſt?“ „Ellen!“ ſprach der Oberſt,„es iſt Zeit, dieſer Thorheit ein Ende zu machen. Nach der Natur, wie nach den Geſetzen Englands bin ich Dein Vor⸗ mund!“ „Ich weiß es, Oheim!“ „Um ſo beſſer! Ich habe Deine Hand meinem Freunde hier verſprochen. Der Kanzler billigt dieſe Heirath; ich befehle ſie. Morgen Abend werdet Ihr in Gegenwart von Lady Mowbray und mir ſelbſt vereinigt werden!“ Sie war im Begriff, ſich dagegen zu erklären, aber ein Blick Mirans erſtickte die Worte auf ihren Lippen. „Er wird an mir nur eine traurige Gattin haben,“ ſagte ſie,„eine ſehr traurige Gattin!“ „Aber doch eine Gattin!“ rief der junge Mann, auf die Kniee fallend und ihr die Hand drückend. „Sei geſegnet, Ellen! ſei geſegnet, ſelbſt für dieſe ſo kalte Zuſtimmung!“ „Zuſtimmung!“ ſtammelte ſie.„Habe ich meine Zuſtimmung gegeben?“ „Streiten wir darüber nicht; ein Leben gänz⸗ licher Hingebung wird das Lächeln auf Deine Lip⸗ pen zurückführen! Ich werde Dein Seclave ſein, Ellen! Ich werde allen Deinen Wünſchen zuvor⸗ kommen, ich werde Dich vor jeder Sorge behüten! Meine Mutter, welche Du liebſt, wird Dich wie die Retterin ihres Sohnes aufnehmen.“ „Miran! Miran!“ fiel das Mädchen ein,„ich kann nicht heucheln, noch meine Zunge die Lüge lehren! Ich kann das Wort nicht brechen, das ich einem Andern gegeben habe! Ich weiß nicht, wozu mich Verzweiflung oder Wahnſinn treiben kann; aber nie wird mein Herz die Gelübde ausſprechen, 11 welche Ihre Grauſamkeit meinen Lippen entreißen will.“ Erſchreckt über die Folgen ihrer Worte, verbarg ſie das Geſicht in den Händen und begann krampf⸗ haft zu ſchluchzen. Miran hätte die ganze Welt darum gegeben, dieſe Thränen zu trocknen; aber das einzige Opfer, welches dieß vermochte, ging über ſeine Kräfte. „Sie gibt nach!“ flüſterte der Oberſt höhniſch. „Ich hatte es Ihnen wohl geſagt, daß ihr Vor⸗ nehmthun nicht immer dauern würde.“ Der junge Indier hatte Luſt, ihn zu zer⸗ malmen. „Ellen,“ ſagte er,„es iſt nicht eine Thräne dieſer ſüßen Augen, die nicht gleich einem Tropfen ge⸗ ſchmolzenen Blei's auf mein Herz fällt! Ein Leben voll Ergebenheit wird ſie ſühnen und Du wirſt mir ſpäter wegen der Heftigkeit der Liebe, die mich ver⸗ zehrt, vergeben!“ Die Waiſe ſchwieg. „Sage, daß Du einwilligſt!“ flüſterte er,„wenn nicht mit Worten, wenigſtens mit einem Blick; ein Zeichen genügt mir! Keine Antwort! Ellen, ver⸗ ſprich mir nur, daß Du Dich in der Bibliothek bei mir einfinden wirſt!“ „Das kann ich Ihnen verſprechen!“ ſagte das Mädchen, ſich langſam erhebend.„Und nun laſſen Sie mich, wenn Sie anders nicht mich vor Schrecken zu Ihren Füßen ſterben ſehen wollen! Ich wünſche allein zu ſein, allein mit meinen Gedanken und mit Gott, um ihn zu bitten, daß er mich tröſte mir den Entſchluß, den ich gefaßt habe, ver⸗ gebe!“ Miran, welcher nicht ahnte, daß der Entſchluß, um den es ſich handelte, der Selbſtmord wäre, ſetzte voraus, ſie rede von dem Heirathsverſprechen, das er erhalten zu haben glaubte. Er wurde faſt närriſch vor Freude und Dankbarkeit und führte trotz der Schauder ſeines Opfers zu wiederholten Malen die eiſige Hand Ellens an ſeine brennenden Lippen. „Laſſen Sie mich,“ wiederholte ſie,„wenn Sie einiges Nitleid mit Der haben, welche Sie ſo un⸗ glücklich machen!“ Der Oberſt zog ihn aus dem Zimmer. Der Indier war ſo entzückt über die ſich ihm bietende Ausſicht, daß er die richtige Schätzung derſelben verlor. Er hatte ſich ſelbſt getäuſcht, betrogen; das arme Mädchen hatte ſich darauf beſchränkt, ihn nicht aus ſeinem Irrthum zu ziehen. „Pardieu!“ ſprach der Oberſt,„wiſſen Sie, daß Sie mehr einem großen Kinde, als dem kalten und entſchloſſenen Manne gleichen, der mir einſt ſo ſchön mitgeſpielt hat?“(Er deutete auf die Würfel⸗ Geſchichte.)„Sie ſind ſo erregbar wie ein liebe⸗ krankes Mädchen!“ Der junge Mann entfernte ſich ſchweigend von ihm. Es drängte ihn, allein zu ſein, um mit ſich ſelbſt ſich zu unterhalten; die Gegenwart des un⸗ würdigen Werkzeugs, deſſen er ſich bedient hatte, verurſachte ihm Abſcheu. „Ende gut, Alles gut!“ fuhr der Oberſt fort, 13 ihm mit dem Blick folgend.„Ellens Einwilligung erſpart uns eine ſehr unangenehme Alternative!“ Mit dieſen Worten wandte er ſich wieder nach der Bibliothek, in der Abſicht, die wichtige Schrift, die er von Miran erhalten hatte, zu vernichten⸗ Als er in das Gemach trat, fand ſich das Schreib⸗ pult nicht mehr daſelbſt. Niedergebeugt von Er⸗ ſtaunen und Beſtürzung, ließ er ſich in einen Seſſel fallen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Der Farmer Aſhton erwartete mit lebhafter Ungeduld den Beſuch des Khans; denn wiewohl er nicht an ſeinen guten Abſichten dabei zweifelte, daß er dem alten Martin, dem alleinigen Zeugen des an Sir William Mowbray begangenen Mordes, die Vernunft wieder zurückgab, wollte er doch völlige Gewißheit davon haben. Er hatte noch einen andern Beweggrund, als die lebhafteſte Theilnahme, welche er für das Glück ſeines Neffen empfand. In der Perſon des Renegaten hatte er ſeinen Bruder, ob⸗ eie ſehr verändert von Zeit und Abweſenheit, er⸗ annt. Es bedurfte für den Farmer nicht geringen Takts, um die Neugierde ſeiner Frau zu täuſchen und ihr die Gründe zu erklären, die er für den Wunſch hatte, allein zu ſein und länger als ge⸗ wöhnlich aufzubleiben. Zum Glück hatte die gute Fau in ihrer Gemüthsart nicht einen Funken Eifer⸗ ſucht. Als die Stunde ſich näherte, verließ Matthäus die Farm und marſchirte den Fußpfad hinauf, wel⸗ cher nach dem Gemeinde⸗Anger führte. Er wußte, daß ſein Beſucher hier vorüberkommen würde. Er brauchte nicht lang zu warten. Schon auf halbem Weg hörte er einen ſchweren, gemeſſenen Schritt, der von der andern Seite herkam. Es war der Khan. In Folge eines gegen⸗ ſeitigen Impulſes drückten ſie ſich die Hände und nannten ſich bei ihren Namen:„Philipp!— Matthäus!“ „Du erkennſt mich alſo?“ ſagte der Renegat. „Im Augenblick, da ich Deine Stimme hörte, habe ich Dich erkannt. Ich hätte durch Dein Ge⸗ ſicht mich vielleicht täuſchen laſſen können, denn die Züge ändern ſich mit der Zeit, und mein Ge⸗ ſicht iſt nicht ſehr gut; aber mein Herz zitterte bei dem Ton Deiner Stimme. Sie konnte mich nicht täuſchen!“ Sie gingen einige Zeit neben einander her, ohne das Stillſchweigen zu brechen. „Philipp,“ ſprach der Farmer endlich,„Du haſt Deinen Sohn geſehen.“ „Ich habe ihn geſehen und kann Dir nicht ge⸗ nug für Deine Güte gegen das arme, verlaſſene Kind danken. Du haſt Deine Pflicht ſchön erfüllt, Matthäus; Du biſt nicht allein edelmüthig, ſondern 15 auch klug geweſen, klüger vielleicht, als hätteſt Du gewüßt Er hielt plötzlich ein, wie wenn er ſchon mehr geſagt hätte, als er wollte. „Wenn ich was gewußt hätte?“ „Nichts Nichts! Er iſt Alles, was das Herz eines Vaters wünſchen kann.“ „Du darſſt es wohl ſagen, Philipp!“ ver⸗ ſetzte der Farmer ſtolz, denn Jichts machte ihm größere Freude, als ſeinen Adoptivſohn loben zu hören.„Doch gebührt nicht alles Verdienſt mir allein.. Doctor Orme iſt ſein Lehrer ge⸗ weſen.“ „Ich weiß ich weiß!“ „Ich hoffe, Du haſt nicht die Abſicht, uns ihn zu entführen und nach Indien mitzunehmen? Ich habe erfahren, Du ſeieſt reich, und vielleicht ſchämſt Du Dich, einen einfachen Pächter zum Bruder zu haben!“ Ich bin nicht reich!“ erwiderte kalt der Khan. Dieß war eine große Erleichterung für das Herz des würdigen Oheims unſeres Helden; nicht aus einem Gefühl des Neides, im Gegentheil, er hätte ſich über den Wohlſtand ſeines Bruders gefreut, ſondern weil dieß den Abſtand, der zwiſchen ihnen ſtattfand, verminderte. „Gott ſei Dank!“ murmelte er. „Dafür, daß ich arm bin?“ Nein, Philipp, nicht genau ſo, obwohl der Reichthum nicht das Glück ausmacht! Die Farm hat mir Glück gebracht. Ich habe genug und mehr 16 als genug für uns Alle; aber hätte ich auch weniger, ich würde doch mit Dir theilen!“ Sein Bruder drückte ihm die Hand, ohne ein Wort zu ſagen. „Denkſt Du, Henry vermuthe, daß er Dein Sohn iſt?“ fuhr der Pächter fort. „Gewiß nicht, und ich habe mehrere Gründe, für jetzt nicht zu wünſchen, daß er es erfährt. Eben deßwegen habe ich Dich allein ſehen wollen!“ Matthäus Aſhton konnte nicht begreifen, daß der Vater eines Sohnes, wie ſein Abgott Harry, den Drang ſeines Herzens zurückhalten und ihn als Fremden behandeln konnte. Ein unangenehmer Verdacht, der ihn für das künftige Glück unſeres Helden erzittern ließ, bewirkte, daß er plötzlich ſtehen blieb. „Philipp,“ ſagte er,„ich bin nicht neugierig... aber meine Liebe zu dem Jungen gibt mir das Recht, zu reden. Ich hoffe, Du haſt als recht⸗ ſchaffener Mann gegenüber von Harry's Mutter ge⸗ handelt!“ „Als Niederträchtiger und Frevler!“ ſeufzte der Renegat. „Gott vergebe Dir, Philipp... Gott vergebe Dir!... ich habe oft daran gedacht, denn weder ich, noch meine Frau hörten jemals davon, daß Du verheirathet geweſen!... So iſt alſo nach Allem der arme Harry ein.... „Du mißverſtehſt den Sinn meiner Worte!“ fiel ſein Bruder ungeduldig ein.„Welches auch meine Verfehlungen ſind, dieſe Sünde habe ich 17 mir nicht vorzuwerfen: Harry iſt in geſetzlicher Ehe geboren.“ Nie hatte eine Erklärung Matthäus größeres Vergnügen gemacht, als dieſe. Darüber beruhigt, trieb er ſeine Erkundigungen nicht weiter. „Es freut mich ſehr, daß Du wieder zurück biſt!“ ſagte er nun mit einem offenen Ausdruck von Zufriedenheit;„Du kennſt die Welt beſſer als ich, wiewohl ich zweimal in London und einmal ſogar in York geweſen bin!“ „Die Menſchheit iſt überall dieſelbe, in Europa, wie in Aſien, in einer großen Stadt, wie in einem Dorfe; die Umſtände geben ihr eine gewiſſe Geſtalt, aber verändern ſie ſelten; ihre Laſter und ihre Tugen⸗ den gleichen ſich vielfach.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel!“ verſetzte der Farmer, der nicht ganz gewiß war, ob er ſeinen Bruder recht verſtanden hatte. „Aber warum ſagſt Du mir Das, Matthäus?“ „Ach, ſieh!„ Vor zwei oder drei Tagen kam Chettleborough, der Küſter, zu mir auf die Farm. Dik mußt Dich ſeiner erinnern: ein großer, magerer Mon, als wir noch junge Burſchen waren?“ „Ich erinnere mich ſeiner vollkommen.“ „Er wollte mir ſagen, der arme Martin, der von dem Rector ſeiner Sorgfalt anvertraut worden war, habe ſich mehrere Nächte auf einander aus ſeiner Geſellſchaft weggeſchlichen, und es ſei aller Grund, zu vermuthen, daß er ſich nach der Abtei begebe.“ Die Abtei Carrow. W. 2 ———— 18 „Ich verſtehe. ich verſtehe!“ „Aber dieß war nicht Alles. Den Worten ji folge, welche er in ſeinem Irrſinn bei ſeiner Rüc⸗ kehr ausſprach, vermuthete Chettleborough, Miß Ellen de Vere, die NRichte des armen Sir Willian, ſei in irgend einer hölliſchen Abſicht dahin gebracht worden.“ Sein Bruder überlegte einen Augenblick. „Matthäus,“ ſprach er,„haſt Du darüber mit Harry geredet?“. „Nein.“ „Oder mit einer andern Perſon?“ „Richt mit einer lebenden Seele. Ich habe wohl daran gedacht, es Joe Beans zu ſagen, aber er lielt ſeinen Herrn ſo ſehr, daß er ihm ſicher das Gehein⸗ niß mitgetheilt hätte.“ „Alles hängt von Martins Geneſung ab,“ ver ſetzte Philipp mit nachdenklicher Miene. „Die lange auf ſich warten laſſen kann,“ ant⸗ wortete ſein Bruder;„und iſt die arme Miß Ellen wirklich in der Abtei, ſo ſolite ſogleich Etwas ge⸗ ſchehen. Harry würde mir niemals verzeihen, wenn dem Mädchen, das er liebt, ein Unglück widerführe und ich ſelbſt würde es mir nie verzeihen! Wos thun? Ihm Alles entdecken, oder... „Nein, wenn Du willſt, daß er am Leben bleibe!“ fiel der Khan ein;„ſein Feind vereint die Stärk⸗ des Tigers mit der Liſt der Schlange; er kennt kein anderes Geſetz, als ſeine ſchlechten Leidenſchaften und macht ſich aus dem Leben eines Menſchen ſ wenig als aus einem Strohhalm, den er auf ſeinen Wege findet! Ueberlaß ihn mir!“ zl⸗ ic⸗ Riß m, cht nit hl bt m nt⸗ en e⸗ nn e 5 k in n n 19 „Dir, Philipp?“ „Ja, ich allein beſitze die Mittel, ihn zu ent⸗ waffnen. Von Einem darfſt Du überzeugt ſein, daß ich über Ellens Sicherheit wachen werde, um ihrer ſelbſt willen.... um Henry's willen!“ „Bedarfſt Du eines Beiſtandes, Philipp?“ „Weder Beiſtandes, noch Zeugen, Matthäus; dadurch könnte mein Plan nur geſtört werden! Wie der Maulwurf, muß ich allein und im Finſtern ar⸗ beiten!“ „Eine ſeltſame Arbeit, das! Ich verſtehe Dich nicht ganz; ich habe immer meines Theils geglaubt, jede Arbeit, und beſonders die des Ackermannes, mache ſich beſſer bei Tageslicht. Aber Du mußt wiſſen, was unter ſolchen Umſtänden zu thun iſt.“ „Zweifle weder an meiner Klugheit, noch an meiner Theilnahme für Deinen Neffen!“ „Deiner Theilnahme, Philipp! Das iſt ein ſehr kaltes Wort, wenn es ſich um Deinen eigenen Sohn handelt! Liebe wäre beſſer geweſen!“ „Liebe, nun ja!“ verſetzte ſein Bruder unge⸗ duldig.„Sei bis Mittag im Pfarrhauſe.“ „Warum?“ „Die Magiſtratsperſonen werden ſich daſelbſt verſammeln, um Martins Erklärung in Empfang zu nehmen. Vielleicht wird er den Mörder ſeines Herrn nennen, denn er war allein zugegen.“ „Aber kann er es?“ „Gewiß.“ „Haſt Du wirklich dem Alten die Vernunft zurückgegeben? H! Philipp, Pbilipp, Du haſt Dir ein wunderbares Wiſſen erworben! Als wir noch 20 zuſammen Kinder waren, biſt Du ſo einfältig, ſo unwiſſend als ich geweſen! Wie haſt Du alles Das gelernt?“ „Durch Leiden!.... Adieu! ich muß nach der Abtei gehen.“ „Die Thüren ſind alle geſchloſſen.“ „Ich ſuche nicht hineinzukommen.“ „Und die Fenſter auch,“ ſetzte der Farmer hinzu, der bei dem Gedanken zitterte, ſein Bruder könnte ſich dem Grimm des ſchrecklichen Feindes, von dem er geſprochen hatte, ausſetzen. „Ich habe bei den Indiern und bei den Wilden gelebt,“ verſetzte der Renegat,„und kann ein Zeichen da leſen, wo Andere nur ein welkes Blatt oder eine geknickte Blume ſehen würden. Vertraue meiner Klugheit: erinnere Dich, daß Du mir verſprochen haſt, drei Tage lang Henry Aſhton das Band, das uns vereinigt, geheim zu halten.“ „Drei Tage? habe ich das verſprochen?... Wohlan, es ſei. Es wird eine harte Aufgabe ſein, und härter noch gegenüber von meiner Frau!“ „Und jetzt, Adieu!“ ſchloß Philipp, ihm die Hand drückend;„ſchenkt mir Gott das Leben, ſo werde ich Dir als Bruder Deine Güte bezahlen; unterliege ich, ſo wird es in Erfüllung einer Pflicht geſchehen, und mein Tod wird eine Schuld bezahlen, ſchwerer als die, welche ich gegen Dich habe!“ „Sprich nicht vom Tod, Philipp!“ rief der Farmer,„wenn Du einen Sohn wie Henry und einen Bruder haſt, um Dich zu lieben! Was die Schuld betrifft, ſo zeige Dich als guten Vater gegen 21 Harry, und ich werde mich für Alles, was ich ihm und Dir gethan habe, bezahlt glauben!“ Der Khan drückte ſeinem Bruder von Neuem die Hand und ging, ohne ein Wort zu ſagen, der Abtei zu. „Ich kann ihn noch nicht verſtehen!“ ſprach Mat⸗ thäus ſeufzend. Dreißigſtes Kapitel. Nach der Operation wurde Martin der Sorge der Fachmänner anvertraut, deren Anweſenheit ge⸗ wiſſermaßen jenen gewagten Verſuch ſanctionirt hatte. Anfänglich waren ſeine Erinnerungen verwirrt und undeutlich gleich einem wüſten Traume, aber am zweiten Tage kehrte ihm das Gedächtniß völlig zurück. Der Schauplatz des Mordes, das Opfer, der Mörder, Alles kam ihm wieder in den Sinn! Nach einer Berathung mit den Wundärzten ent⸗ ſchieden ſich Oberſt Butler, der als Friedensrichter berufen worden war, und der Rector dahin, daß Martin gerichtlich befragt wurde. In Folge deſſen wurde auch eine Einladung an General Bouchier und an Sir Jasper Pepper, beide Witalie des Friedensgerichtes der Grafſchaft, er⸗ aſſen. Das Bibliothekzimmer des Pfarrhauſes wurde 22 für die Sitzung hergerichtet. Ein Tiſch und Stühle wurden für die Magiſtratsperſonen, und der Lehn⸗ ſtuhl des Doctor Orme für den Zeugen aufgeſtellt. Oberſt Butler, Präſident, eröffnete die Sitzung damit, daß er den Magiſtratsperſonen, ſeinen Colle⸗ gen, den geheimnißvollen Tod Sir William Mow⸗ bray's zurückrief und nun beifügte, eine unerwartete Zeugſchaft mache es jetzt möglich, den Mörder der Obrigkeit zu überliefern. Dann verlas er die Ur⸗ ſchrift von der durch den Coroner vollzogenen Unter⸗ ſuchung, ſowie das von den Geſchwornen gefällte Verdict. Darauf wurde Will Sideler mit Joe Beans, dem Küſter und dem Dorfconſtabler, welche mit ſeiner Hut beauftragt waren, eingeführt. Der Räuber hatte ein verſtörtes Ausſehen; Schrecken, Gewiſſensbiſſe und Verzweiflung hatten tiefe Furchen auf ſein hartes Geſicht gezeichnet; ſein Blick, gewöhnlich ſo wild und keck, war demüthig und unterwürfig. Er fühlte offenbar, daß eine Gerechtigkeit, zögernd aber ſicher, ein Racheſchwert über ſeinem Haupte hielt. „William Sideler,“ ſprach der Präſident in einem Tone, welcher des Mörders Ohr wie Todtengeläute traf,„Ihr ſeid vor uns geführt worden, um Ant⸗ wort zu geben auf die Anklage des Mordes, grau⸗ ſamen, überlegten Mordes, verübt an der Perſon Eures alten Herrn, Sir William Mowbray. Es iſt meine Pflicht, Euch darauf aufmerkſam zu machen, daß Alles, was Ihr ſagt, von dem Gerichtsſchreiber aufgefaßt und niedergeſchrieben, und daß davon am Tage des Gerichts für oder wider Euch Gebrauch gemacht wird.“ 23 „Ich habe nichts zu ſagen,“ verſetzte der Ge⸗ fangene in mürriſchem Ton,„außer daß ich un⸗ ſchuldig bin. Es iſt eine nichtige Anklage, gegen mich von einem Wahnſinnigen und von meinen Feinden geſchmiedet!“ „Wen betrachtet Ihr als Eure Feinde?“ fragte General Bouchier. „Joe Beans und dieſen jungen Mann!“ rief der Räuber, auf Henry Afhton zeigend, der auf dieſe Anklage nur mit einem bittern Lächeln ant⸗ wortete. „Und wen nennt Ihr einen Wahnſinnigen?“ fragte Sir Jasper. „Den Stallknecht Martin,“ verſetzte der Kanin⸗ chenwärter.„Wir ſind von Kindheit an Feinde ge⸗ weſen; wir liebten daſſelbe Mädchen. Wegen dieſes Streites mit ihm erhielt ich meine Entlaſſung aus dem Dienſte von... von.... Der Räuber ſtockte. Er konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, den Namen von Sir William Mowbray auszuſprechen. „Von Eurem Opfer!“ ſetzte Henry Aſhton hinzu, zum erſten Mal das Wort nehmend.„Es iſt nicht zu verwundern, daß Eure Zunge ſeinen Namen aus⸗ zuſprechen zögert; ſein Bild war es, das auf der Ueberfahrt von Calais vor Euch ſpuckte.. Es wird in Eurer Nähe bleiben bis zur Stunde des Todes und Euch vor dem Throne des höchſten Rich⸗ ters anklagen!“ Der Gefangene bebte ſichtbar. „Ihr kennt wohl die Abtei Cartow?“⸗ fragte Oberſt Butler. 24 „Ja.“ „Wißt Ihr, daß es geheime Gänge oder ver⸗ borgene Thüren in dem Hauſe dort gibt?“ „Nein.“ „Wie kommt es dann, daß dieſe Taſche, welche zwanzig Zeugen als die Eurige erkennen werden, ſich in einem unterirdiſchen Gemach am Ende des geheimen, mit der Bibliothek, der Scene des Mordes, in Verbindung ſtehenden Ganges vorfand?“ rief der Doctor Orme. Alle Blicke waren auf den Kaninchenwärter ge⸗ richtet. Zweimal verſuchte er zu ſprechen, aber ſeine Stimme erſtarb ihm auf den Lippen. „Ihr könnt nicht antworten! Die Briefe, welche ſie enthält, beweiſen, daß Ihr ſchon vor langer Zeit gegen die Ehre und das Glück des edelmüthigen Mannes, der Euch das Brod, das ihr aßet, ver⸗ dienen ließ, Euch verſchworen habt!“ „Ich weiß nicht, wie dieſe Taſche dahin kam,“ ſprach der Angeklagte, ein feſtes Ausſehen anzu⸗ nehmen bemüht, welches von ſeiner ganzen Perſon Lügen geſtraft wurde;„aber ich glaube zuverläſſig, daß ſie von meinen Feinden dahin gebracht worden iſt, um mich anzuſchwärzen.“ „Wen nennt Ihr Eure Feinde?“ „Joe Beans und Henry Afhton.“ Der Räuber hatte kaum den Namen Joe Beans ausgeſprochen, als der ehrliche Bauer, empört über die Niederträchtigkeit dieſer Anklage, ausrief: „Das iſt eine Lüge, eine hölliſche Lüge, die Euch zu Nichts helfen wird, Will! Ich bin nur zweimal in der Abtei geweſen, und das in meiner ———————— er⸗ ief ne 25 Kindheit, bis zu jenem Abend, da ich den armen alten Martin und den Küſter dahin begleitete!.... Ihr ſeid immer ein gottloſer, rachſüchtiger Menſch geweſen, aber ich habe niemals weder Streit noch Zank mit Euch gehabt! Ich würde meine Hand nicht erheben, um einem Hund etwas zu Leide zu thun, er müßte denn eine Züchtigung verdienen!.... Fragen Sie nur Chettleborough, Euer Ehren; er wird ſagen, wie wir den Sack gefunden haben. Ich glaube, es iſt Gottes Finger, den man darin ſehen muß; wir ſind dabei für Richts!“ Der Eifer und die Aufrichtigkeit, wodurch dieſe Worte bekräftigt wurden, hätten die Zuhörerſchaft überzeugt, wenn es in dieſer Beziehung noch einen Zweifel gegeben hätte. Henry lächelte ihm zu und ſein demüthiger Freund nahm dieſes Lächeln als ein Zeugniß für ſeine Ehre und Rechtſchaffenheit auf. Man fand darauf für gut, den Zeugen einzu⸗ führen, damit er ſeine Ausſage mache. Nachdem Doctor Orme verabredetermaßen zweimal geklingelt hatte, öffnete ſich die Thüre der Bibliothek und Martin erſchien, gehalten von den beiden Wund⸗ ärzten. Das Geſicht des Alten war von ſchrecklicher Bläſſe; er hatte ſo viel gelitten! aber ſein Auge war hell und beſonnen, und die zuſammengedrückten Lippen deuteten Vernunft und Entſchloſſenheit an. Man ſieht niemals, oder doch höchſt ſelten einen Blöd⸗ oder Wahnſinnigen mit geſchloſſenen Lippen. „Danke, Maſter Harry, danke!“ ſtammelte er, als unſer Held ihn mit beinahe kindlicher Beſorgniß zu ſeinem Seſſel geführt hatte. Dann heftete er den Blick auf den Kaninchenwärter, welchen er bis zu Ende des Verhörs nicht mehr aus den Augen ließ. Die beiden Wundärzte antworteten auf eine Frage von Oberſt Butler, daß ihr Patient den Ge⸗ brauch der Vernunft wieder vollkommen erlangt hätte und im Stande wäre, eine Ausſage niederzu⸗ legen. Es lag etwas Schreckliches in dem klaren, deut⸗ lichen, beinahe übermenſchlichen Ton, womit der Greis Alles, was in der Racht des Mordes vorge⸗ fallen war, erzählte. Er begann mit Erwähnung des Schreckens, den Ellen in der Gemäldegallerie gehabt hatte, und des von ihm gefaßten Entſchluſſes, demzufolge Wache zu halten: was damit geſchah, daß er jede Nacht die verſchiedenen Theile der Abtei durchwanderte. „Ich glaube,“ ſprach Oberſt Butler, ihm in die Rede fallend,„die Abtei Carrow enthält, gleich den * meiſten alten Herrenhäuſern, viele geheime Gänge und Cabinete, von deren Vorhandenſein wenige Perſonen beſſere Kenntniß haben, als Ihr.“ „Ein einziger Mann theilte mit mir dieſe Kenntniß.“ „Wie heißt er?“ Bi „Will Sideler. Sein Vater, ein alter Diener der Mowbray, zeigte ihm den Eingang zu den meiſten dieſer geheimen Localitäten.... aber nicht zu allen,“ ſetzte der Greis mit ſchwachem Lächeln hinzu;„nicht zu allen, Gott ſei Dank!“ Er ſpielte ohne Zweifel auf die Verſtecke an, in welchen mit ſeiner Hilfe ſein Gebieter das Teſta⸗ S v 2 — 27 ment ſammt den Familienkleinodien und den Beſitz⸗ titeln der großen Güter niedergelegt hatte. „Von wem vermuthet Ihr, daß er Miß de Vere in der Gemäldegallerie erſchreckt habe?“ fragte Sir Joſeph Pepper. „Will Sideler!“ „Und welche Maßregeln habt Ihr in Folge deſſen ergriffen?“ fragte Oberſt Butler. „Ich wachte alle Tage wie ein alter Hofhund, um die zu ſchützen, welche ihm Nahrung und Ob⸗ dach geben! Es war Alles, was ich thun konnte, um meine Treue zu beweiſen; denn ich bin alt, ſehr alt!“ „Und was fiel in jener Mordnacht vor?“ Zweimal verſuchte der alte Diener zu ſprechen, aber ſeine Bewegung war zu ſtark, und er fuhr mit der runzeligen Hand an ſeine Stirne. Henry nahm ſie ſanft in die ſeinige und drückte ſie liebevoll. Dieſe Berührung mit Mitgefühl und Liebe gab ihm den Muth, fortzufahren. „Ich ſchritt durch die Gemäldegallerie,“ nahm er wieder das Wort,„von wo ein nur Will Sideler und mir bekannter Gang unter der großen Treppe hin mit der Vibliothek in Verbindung ſteht. In den beiden Gemächern iſt der Eingang durch eine Fül⸗ lung von Holzſchnitzwerk, die ſich auf den Druck einer Feder öffnet, verborgen.“ „Um welche Stunde waret Ihr in der Gallerie?“ „Es hatte eben Mitternacht geſchlagen.“ „War die ganze Familie zu Bette?“ „Ja; mit Ausnahme meines guten lieben Herrn.“ „Erzählt uns nun, was folgte.“ 28 „Während ich durch die Gallerie ging, vernahn 2 ich ein beſonderes Geräuſch, wie von einer Federd wenn ſie ſich plötzlich ſchließt. Ich hielt das Oh an die Füllung und glaubte einen ſich entfernende« Schritt zu hören. Ich wartete einige Minuten, in e dem ich mich fragte, ob ich ihm nachgehen ode ſ lieber im Hauſe Lärm machen ſollte. Hätte ié e dieſem letzten Gedanken Folge geleiſtet, ſo wäre Sijl William vielleicht noch am Leben!“ Jederman hatte Mitleid mit der Bekümmerni des armen Mannes; jedoch nicht als ob er ſich Von2 würfe zu machen gehabt hätte: wenige Perſonen alit ſeiner Stelle würden mit der Kaltblütigkeit, welch„ er bewies, gehandelt haben. Der Gefangene be dauerte mehr als jeder Andere im Innerſten ſeine Herzens, daß der Greis nicht Lärm gemacht hatte. 2 „Ich öffnete die Füllung und wandelte vorſichti( durch den Gang. Als ich in dem kleinen gewölbte Cabinet zwiſchen der Gallerie und der Bibliothe anlangte, hörte ich ein tiefes Stöhnen. O! wie e in meinem Herzen wiederhallte! Ich ſtürzte vorwärts die Thüre am Ende des Gangs war geſchloſſen meine Hand zitterte dermaßen, daß ich die Fede d nicht finden konnte; ich ſchaute durch die Spalte un ſah meinen Herrn, meinen guten, vortrefflichen Herr den Freund des Armen, geliebt und verehrt vo Allen, die ihn kannten, ich ſah ihn in ſeinem Seſſin ſitzen. Ein Mann(hier flammten Martins Augs ſi wie die eines Anklage⸗Engels beim Blick auf do Gefangenen, der bezaubert von dieſem Blick, di fi ſeinigen nicht abwenden konnte), ein Mann, di linke Hand in den Haaren ſeines Opfers, die Recht 29 mit dem noch vom Blute Sir Williams rauchenden hr Meſſer... o Gott!.... mir wurde ſchwin⸗ del Ueberwältigt von Bewegung, ſank der treue e Diener in ſeinen Seſſel, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß. Jedermann glaubte anfänglich, er ſei todt, und Vill Sidelers Augen erglänzten von einer plötzlichen Hoffnung, denn der Ankläger hatte ihn noch nicht genannt. 3 Einige Minuten verfloſſen, ehe Martin ein Zeichen ti von Bewußtſein gab. Doch brachten ihn endlich 9 Ammoniakſalz und ein Fingerhut voll alten Weins in's Leben zurück und einer der Wundärzte erklärte den Magiſtratsperſonen, daß die Unterſuchung ihren Fortgang haben könne. „Als Ihr zum erſten Mal den Mörder Sir „ Williams ſahet,“ ſprach Oberſt Butler,„wandte er ti Euch den Rücken?“ .„Ja.“ „Pabt Ihr nicht hernach ſein Geſicht geſehen?“ „So deutlich, wie ich jett das Ihrige ſehe.“ „Und Ihr habt ihn erkannt?“ Ich hatte ihn erkannt, ehe ich ſeine Züge ſah, do denn wir hatten Jahre lang das Brod deſſelben Herrn gegeſſen!“ „Sein Name?“ Es erfolgte ein Augenblick tiefer Stille. Jeder⸗ ſt mann wußte die Antwort voraus, aber man wollte ſie hören. Mit einer Anſtrengung, deren Niemand ihn fähig glaubte, erhob ſich Martin ohne fremden Bei⸗ ſtand aus ſeinem Seſſel und ſprach, den Arm gegen den Gefangenen ausgeſtreckt, den Ramen aus: „Will Sideler!“ Die Züge des Mörders waren in eiſigen Schweiß gebadet, und ſeine groben grauen Haare richteten ſich vor Schrecken empor. Der Elende vermochte einige Secun den keinen Laut hervorzubringen. Die Worte kamen ihm auf die Lippen, aber ſeine Stimme ſchien erſtick in der Kehle, wie wenn eine Hand ſie gedrückt hätte, um ihn zu erwürgen. Alle Blicke waren auf ſeine gläſernen, unbeweglichen Augen gerichtet; aber Nie mand brach das Stillſchweigen. Alle ſchienen ge⸗ lähmt wie beim Anblick des Meduſenhauptes. „Das iſt eine Lüge!“ brüllte der Kaninchen⸗ wärter mit einer verzweifelten Anſtrengung, ſich dem Zauber, der ihn niederdrückte, zu entziehen.„Ich war in jenem Augenblick fern von der Abtei!“ „Will Sideler!“ wiederholte Martin, immer den Arm gegen ihn ausgeſtreckt. „Ihr ſeid mein Feind!“ nahm der Kaninchen⸗ wärter wieder mit rauher Stimme das Wort.„Ihr habt mich um meinen Platz in Sir Williams Hauſe gebracht. Um Euretwillen bezeugte man mir Kälte und Abneigung. Jahre lang habt Ihr mich gehaßt und verfolgt! Ihr habt ihn vielleicht ſelbſt ermordet, um Euer Verbrechen mir zuzuſchieben!“ Auf dieſe monſtröſe Anklage antwortete der alte Martin nur mit einem Lächeln der Geringſchätzung Zum dritten Mal ſprach er den Namen:„Will Si⸗ aus, und ſank dann langſam in ſeinen Seſſel zurück. Keiner der Anweſenden zweifelte gn der Wahr n⸗ ch 31 haftigkeit des Alten. Gott hatte ihm nicht die Vernunft zurückgegeben, nur damit er eine Lüge ſage. „Fühlt Ihr Euch ſtark genug,“ fragte der Rector, „um zu erzählen, was auf den Mord folgte?“ „Ich öffnete die Thüre,“ fuhr der Zeuge fort; „ich weiß nicht, wie ich es machte; ich glaube, ich ſchlug ſie ein; aber zuletzt brachte ich ſie auf. Obgleich es zu ſpät war, meinen edeln Herrn zu retten, hoffte ich doch, ihn zu rächen! Es erfolgte ein Kampf! Ich fühlte den Athem des Mörders auf meinem Geſichte! Ich.. ich erinnere mich des Weitern nicht mehr. Ich vermuthe, daß ich durch einen heftigen Schlag betäubt wurde.“ „Erinnert Ihr Euch, wie die Zeit von jenem Ereigniß an verfloſſen iſt?“ „Nein. Man ſagt mir, es liegen Wochen da⸗ Liſcen Ich glaubte, es wären nur zwei oder drei age.“ ſehe wißt auch nicht mehr, wo Ihr geweſen eid?“ „Hier im Pfarrhauſe!“ antwortete Martin mit überraſchter Miene.„Wo hätte ich dieſe Zeit zu⸗ bringen können?“ Dieſe Antworten bewieſen deutlich, daß die zwiſchen Sir Williams Ermordung und Martins Wiederkehr zur Vernunft verfloſſene Zeit an dem Letztern ohne Eindruck vorübergegangen war. Er hatte ebenſo wenig Bewußtſein von ſeinem Irrſinn, als von ſeinem Aufenthalt bei dem Küſter. Man befragte hierauf Mrs. Jarmy und die Do⸗ meſtiken, welche zuerſt den Leichnam Sir Williams 32 und ſeinen treuen Diener entdeckt hatten. Sie ſprachen von dem Zuſtand, worin ſie dieſen gefunden, und von ihrem Erſtaunen, keiner Spur von der Flucht des Mörders gewahr zu werden, was ſie zuerſt auf den Gedanken gebracht hatte, der Tod des Baronets wäre die Wirkung eines Selbſtmords. Nach einer mit leiſer Stimme zwiſchen den Ma⸗ giſtratsperſonen gepflogenen Berathung fragte Oberſt Butler den Kaninchenwärter, ob er noch etwas zu ſagen hätte. Er verneinte. „Gefangener,“ nahm nun der Oberſt das Wort, „die Entſcheidung dieſes Hofs lautet dahin, daß Ihr als angeſchuldigt des Mordes an der Perſon Eures ehemaligen Herrn, Sir William Mowbray, auf das Schloß Norwich gebracht werden ſollt!“ „Ich will nicht dahin!“ rief der Räuber wüthend; „Ihr habt kein Recht, mich dahin zu ſchicken! Dieß Alles iſt ein ſchwarzer Anſchlag, mich um's Leben zu bringen! Schickt mich nach Newgate zurück! Ich bin erſt vor einigen Tagen von dort entwichen!.... Ich ſage Ihnen, daß ich nach Newgate zurückkehren will!“ Man erwiderte ihm, die gegenwärtige Anklage ſei viel ernſthafterer Natur, als die von Mr. El⸗ worthy vorgebrachte, und die Erfüllung ſeines Be⸗ gehrens unſtatthaft. „So geſtattet mir dann, Caution zu leiſten!“ verſetzte der Kaninchenwärter;„ich kann ſie leicht aufbringen! Ich habe Freunde, ſehr reiche Freunde, welche dafür ſorgen werden, mir Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen.“ 33 Sir Jasper war eben im Begriff, dem Gefan⸗ genen zu erklären, daß Mord jede Caution aus⸗ ſchließe, als Doctor Orme, welchem Henry Aſhton eben einige Worte in's Ohr geflüſtert hatte, ihm in die Rede fiel und nach dem Namen der Perſon fragte, welche der Angeklagte zur Cautionsleiſtung vorſchlagen würde. „Das iſt ein reicher Mann,“ antwortete eifrig der Räuber, der ſich an dieſe Hoffnung, wie der Ertrinkende an einen Strohhalm, anklammerte;„reich genug, um Sie Alle zu kaufen, ſo viel Ihrer auch ſind.“ Auf allen Geſichtern war Erſtaunen zu leſen, außer auf denen von unſerm Helden und dem Rector. „Sein Name?“ fragte Oberſt Butler ſanft. „Es iſt der reiche Indier, Miran⸗Hafaz.“ Ein Seufzer tiefer und ſchmerzlicher Genugthuung entſchlüpfte Henry Aſhtons Bruſt: ſeine Ahnungen waren beſtätigt. „Er wird keine Caution für Euch leiſten!“ flüſterte Joe dem Gefangenen zu;„er gleicht dem Teufel, der zuerſt den Menſchen zur Sünde treibt und her⸗ nach in der Noth ſtecken läßt!“ Man erklärte jetzt Sideler, daß der Fall keine Caution zulaſſe, ſo ſtark ſie auch ſein möchte. „Und Sie haben entſchieden, mich auf Schloß Norwich zu führen?“ „Allerdings.“ „Nun wohl, ſo will ich nicht allein dahin gehen!“ rief der Mörder entſchloſſen.„Wenn man mich hängt, ſo werbe ich in Geſellſchaft gehängt werden. Die Abtei Carrow. MW. 5 34 Es ſteckt noch ein größerer Frevler als ich hinter der Geſchichte.“ „Sein Name?“ „Miran⸗Hafaz. Ich war arm und er hat mich mit ſeinem verwünſchten Gold verſucht; er hat mich zu Sir Jasper rufen laſſen und mir von Sir Wil⸗ liam geſprochen.“ „Ihr geſteht alſo, ihn auf Antrieb von jenem Miran ermordet zu haben?“ fragte Henry. „Nein. nein!“ erwiderte der Elende, denn ſeine ganze Schlauheit hatte ihn noch nicht verlaſſen; „ich ſage das nicht; aber ich ſage, daß jener Indier in mich drang, es zu thun. Ich weigerte mich, natürlich weigerte ich mich; ſo daß er wahrſcheinlich ſich an einen Andern gewendet hat. an dieſen alten Schurken vielleicht,“ ſetzte er, auf Martin deu⸗ tend, hinzu. Dieſe alberne Unterſtellung wurde mit einem ungläubigen Lächeln von der ganzen Zuhörerſchaft aufgenommen. Als General Bouchier und Sir Jasper Pepper zuerſt Mirans Namen hörten, wechſelten ſie nur Blick des Erſtaunens. Aber als der Kaninchenwärter zu erzählen begann, wie der Indier ihn aufgefordert habe, das Verbrechen, deſſen er angeklagt war, zu begehen, glaubten ſie, deſſen Vertheidigung überneh⸗ men zu müſſen. Der General hatte ihn in der Welt eingeführt; der Director ihn als ſeinen Gaſt aufge⸗ nommen. Sie fühlten ſich beide auf eine unange⸗ nehme Weiſe compromittirt. „Dieſe Anklage, meine Herrn, iſt ſo lächerlich, ſprach der Erſte,„ſo offenbar das Reſultat böslicher —— — t 8 35 Abſicht, daß ich es mir erſparen würde, darauf ein⸗ zugehen, wäre Miran-Hafaz nicht mein Freund, das heißt, wäre er mir nicht von Freunden empfohlen worden, auf welche ich das unbeſchränkteſte Vertrauen ſetze. In Indien hat er den Rang eines Fürſten.“ Es trat eine Stille ein. Niemand theilte die Ueberzeugung des Generals. p„Sein Vermögen iſt coloſſal,“ ſetzte der Director inzu. „Ja, ja!“ warf Sideler höhniſch ein;„er iſt reicher, als nöthig!“ „Ein ſo reſpectabler Mann!“ ſagte der General. „So reich!“ fügte Sir Jasper bei. „Welcher Beweggrund?“ fiel Joe Beans ein, unfähig, ſeine Entrüſtung länger zurückzuhalten.„Ich will es Ihnen ſagen, meine Herren, dieſen Beweg⸗ grund. Er liebt Miß Ellen, welche ihn nicht liebt. Er und Oberſt Mowbray brachten ſie nach Cromwell⸗ Houſe und hielten ſie dort gefangen. Ich glaube, ein Mord würde ihn nicht aufhalten, um zu ſeinem Ziel zu gelangen!“ Der General und Sir Jasper ſetzten ſich wieder mit mißvergnügter Miene. Die wenigen Worte des ehrlichen Bauern hatten ein neues Licht auf die Be⸗ weggründe des jungen Indiers geworfen. „Das iſt verteufelt unangenehm!“ flü ſterte der General ſeinem Freunde zu, der nur mit etnem ziemlich ausdrucksvollen Achſelzucken antwortete. Die Ausſagen Martins und der Domeſtiken wur⸗ den verleſen und von ihnen in Beiſein des Ange⸗ klagten, den Oberſt Butler ſogleich auf Schloß Nor⸗ 36 wich zu bringen befahl, unterzeichnet. Mayes und Kemp, zwei wohlbekannte Polizei⸗Officianten, welche außen gewartet hatten, erſchienen und legten Sideler die Handſchellen an, ehe er nur daran denken konnte, den geringſten Widerſtand zu leiſten. „Fort!“ ſagte Kemp, den Gefangenen am Kragen faſſend,„das Cabriolet iſt vor der Thüre!“ „Ich will nicht fort!“ ſtammelte der Unglückliche; „ich habe nichts geſtanden, ich habe nichts gethan. Ich bin unſchuldig; ich ſage Euch, ich bin unſchuldig!“ „Wir wiſſen es wohl,“ antworteten die Polizei⸗ Agenten kalt, indem ſie ihn ohne weitere Umſtände hinausſchleppten. Sobald Martin wieder auf ſein Zimmer gebracht worden war, ſchlug Oberſt Wutler ſeinen Collegen vor, einen zweiten Verhaftsbefehl gegen Miran⸗Hafaz zu erlaſſen. Der General und Sir Jasper proteſtir⸗ ten energiſch dagegen; die Meinungen ſtanden in der Schwebe, als Henry Aſhton um's Wort bat. Er erzählte ſo kurz als möglich ſeine Abenteuer in Italien, indem er Alles wegließ, was auf Lady Mowbray, die unglückliche Gattin von Sir William, Bezug hatte. Man vernahm mit Schauder den Bericht von Walters Tod; aber als er das Bekenntniß des Werkzeugs von ſeinem Nebenbuhler vorbrachte, verwandelte ſich der Schauder in Entrüſtung und Niemand erhob mehr Einſprache dagegen, daß ein Verhaftsbefehl gegen Miran⸗Hafaz geſchleudert wurde. — 9 ißigſtes Kapitel. Nach dem Abgang der Magiſtratsperſonen ſtieg Henry Aſhton in den Garten hinab, um Doctor Orme zu melden, daß er von Oberſt Mowbray Rechen⸗ ſchaft über Ellen verlangen wolle. Der würdige Rector, der nicht geneigt war, ſich ſo ſchnell von ſeinem Adoptivſohn zu trennen, drang in ihn, zu bleiben, indem er verſicherte, Mr. Elworthy ſei viel eher im Stande, ſeine Geliebte zu befreien und Miran den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. „Mein Vater! mein Freund!“ rief Henry,„tadeln Einunddre Sie mich nicht, denn mein Entſchluß iſt gefaßt. Es iſt eine Viper, die mir am Herzen nagt, ein Traum, der mich des Schlafes nicht genießen läßt! Ellen in der Gewalt von MiranHafaz! H! ich muß ſie ſuchen. Vielleicht wird es mir nicht gelingen; aber wenn ich hier in Unthätigkeit bleibe, fühle ich, daß ich davon wahnſinnig werde. Mein Herz wird brechen!“ „So ſuche ſie!“ antwortete der Alte,„und der Himmel leite Deine Schritte!“ „Er hat ſie geleitet!“ rief eine ernſte und ruhige Stimme ganz in ihrer Nähe. Sie wandten ſich um und erblickten mit Erſtau⸗ nen den Khan und den Farmer Aſhton. wollen Sie ſagen?“ fragte Ellens Lieb⸗ aber.„ „Daß Sie zu Carrow bleiben müſſen.“ „Zu Carrow?“ in 38 „Wenn Sie dieſenige finden wollen, welche Sie ſuchen.“ „Erklären Sie ſich, geheimnißvoller Menſch!“ rief unſer Held.„Bis hieher haben Sie nur in dunkeln Redensarten geſprochen, und doch glaube ich Sie von wohlwollenden Abſichten beſeelt.“ 3 „Wenigſtens in Beziehung auf Sie,“ antwortete der Renegat mit einem Seufzer.„Der Beweis da⸗ von hat mich manchen harten Kampf gekoſtet. Aber davon ſei nicht mehr die Rede. Sie ſuchen die Nichte von Sir William Mowbray?“ Ja „Und Sie würden viel darum geben, ihren Auf⸗ enthalt zu kennen?“ „Ich gäbe mein Leben dafür!“ verſetzte der junge Mann eifrig. „Eines ſo großen Opfers bedarf es nicht; mäßi⸗ gen Sie nur Ihre Ungeduld einige Stunden Sie ſehen mich an, als dächten Sie, ich wolle Sie täuſchen?“ „Du kannſt ſeinen Worten glauben, Harry,“ ſprach der Farmer, die Hand ſeines Neffen faſſend; „er wird Dich nicht täuſchen!“ „Sie kennen ihn alſo?“ c a Henry fühlte wieder den Verdacht in ſich et⸗ wachen, der geheimnißvolle Fremde möchte ſein Vater ſein; indeſſen empfand er nichts von jenen feurigen Wünſchen des Herzens, von jenen ſtarken, aber un⸗ erklärlichen Impulſen, welche Vater und Kind an einander ziehen. Er ſchaute wechſelweiſe den Pächter und deſſen 39 Begleiter an; es beſtand zwiſchen ihnen keine Aehn⸗ lichkeit, weder in Stimme noch Geſicht, welche ihn hätte glauben laſſen können, daß ſie Brüder ſeien, und dieſe Wahrnehmung erleichterte ihm das Herz. „Und auch Sie,“ ſprach unſer Held zu ſeinem Oheim,„können mich durch dieſe Ungewißheit auf die Folter ſpannen?“ „Es iſt zu Deinem Beſten, Henry, und nur auf einige Stunden. Ein wenig Geduld!“ „Bis wann?“ „Bis Finſterniß die Erde deckt,“ antwortete der Renegat.„Ich bin durch Umſtände gebunden, welche zuweilen ſo gebieteriſch als die Nothwendigkeit ſind.“ „Es ſei alſo!“ verſetzte der Liebende, von der Hoffnung beſeelt, bald ſeine angebetete Ellen zu ſehen.„Und Gott vergebe Ihnen Ihre Gräuſamkeit, wenn Sie mich täuſchen!“ „Er wird Dich nicht täuſchen!“ wiederholte der Farmer Aſhton.„Denkſt Du, ich würde Dein Glück, und das meinige, welches davon abhängt, einem Andern anvertrauen, als einem.... Er ſtockte. Ein Blick von dem Khan legte ihm Stillſchweigen auf. „Nun?“ fragte Doctor Orme. „Einem, deſſen ich nicht ganz gewiß wäre?“ ſetzte der Alte feſt hinzu. „Jetzt,“ ſprach der Renegat,„handelt es ſich darum, den Beiſtand von zehn oder zwölf Mann zu alten⸗ auf deren Muth und Treue man zählen „Zu welchem Zweck?“ fragte gierig Henry Aſhton. „Sie werden es bald erfahren. Ich will kein 40 halbes Vertrauen. Gewähren Sie mir daſſelbe voll⸗ ſtändig oder gar nicht.“ Es wurde alſo verabredet, Joe Beans auf die Farm und in das Dorf zu ſchicken, um jene Leute zuſammenzubringen und Abends ſieben Uhr nach dem Pfarrhaus zu führen. „Zwölf Mann!“ rief Joe;„hundert, wenn es ſein muß. Ich werde nur ſagen dürfen, Henry Aſhton nimmt Eure Dienſte in Anſpruch; es gibt nicht drei Menſchen, welche es abſchlagen würden! Soll ich ſie geraden Wegs nach dem Pfarrhaus bringen?“ „Geraden Wegs und in der Stille,“ antwortete der Khan. Ioe verſetzte, er würde dem Erſten von ihnen, der ein Wort ſpräche, den Kopf zerſchmettern; und ſtolz auf ſeinen Auftrag, ging er alsbald an's Werk, ſich deſſelben zu entledigen. Unſer Held hätte ihn gern begleitet, gab aber den Vorſtellungen von ſeinem Oheim und Doctor Orme nach. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Als Joe Beans an dem Portierhäuschen beim Eingang in den Hof des Pfarrhauſes vorüberkam, in Nachdenken vertieft über den Beweggrund zu dem 41 Auftrag, womit man ihn betraut hatte, wurde er in ſeinen Betrachtungen durch die Stimme von Red Ralph geſtört, welcher ihn, an der andern Seite der Straße auf einer Schranke ſitzend, erwartete. Ralph war Beans ſeit ihrer famoſen Expedition zu Cromwell⸗Houſe gefolgt; er war zu der hohen Würde eines Kuhhirtengehülfen auf der Farm er⸗ hoben worden und wich nicht mehr von ſeinem Pa⸗ tron Joe, außer wenn dieſer ihn mit einer allzu rauhen Liebkoſung bedrohte. Sie waren beide auf der Gemeindewieſe ange⸗ kommen, und die verlängerten Schatten einiger Bäume, welche ſich dünn geſäet daſelbſt befanden, verkündigten, daß der Tag ſich zu ſeinem Ende neige. „Was iſt das?“ fragte Red Ralph, indem er auf ein in der Nähe der Mergelgruben, gerade an der Stelle, wo Henry Aſhton Ellen das Leben ge⸗ rettet hatte, ungeſtürztes Fuhrwerk zeigte.„Es muß Jemand ein Unglück zugeſtoßen ſein.“ Beide beſchleunigten ihre Schritte, um zu ſehen, ob ſie einen Dienſt erzeigen könnten. Als ſie auf der Stelle des Unfalls anlangten, erkannten ſie das Fuhrwerk für eines von denen, welche dem Gaſthauſe zum Engel angehörten. Ein Mann von ehrwürdi⸗ gem Ausſehen bemühte ſich, aus denſelben heraus⸗ zukommen. Joe und ſein Genoſſe halfen dem Poſtillon, den Kutſchenkaſten wieder aufzurichten und den Reiſenden frei zu machen. Dieſer ſah ſich kaum geſund und wohlbehalten auf dem Boden, als er auf Straße und Poſtillon, den er für einen Karrenführer erklärte, loszuſchimpfen begann. 42 Als Red Ralph dieſe Stimme hörte, öffnete er ſeinen ungeheuren Mund, warf den Kopf rückwärts und machte eine jener erſchrecklichen Grimaſſen, welche bei ihm eine große Befriedigung ausdrückten. Joe glaubte in dieſer Demonſtration die Freude zu er⸗ kennen, welche ihm der kleine Unfall verurſachte; er täuſchte ſich. Der kleine Mann und der Reiſende waren alte Bekannte, aber keine Freunde. „Sind Sie verwundet, Sir?“ fragte Joe. „Ich glaube, ich habe keine Rippe gebrochen, aber eine hölliſche Erſchütterung bekommen. Sind wir noch weit weg von der Abtei Carrow?“ „Von der Abtei?“ fragte der junge Mann er⸗ ſtaunt. „Ja, von der Abtei Carrow.“ „Es ſind noch etwa zwei Meilen dahin.“ „Das macht ſich glücklich. Ich kann nun zu Fuß dahin gehen.“ „Dahin gehen?“ wiederholte Joe;„aber die Abtei iſt unbewohnt!“ „Ah! ja, ich habe davon ſagen hören. Macht nichts. Es iſt ein altes, ziemlich merkwürdiges Gebäude, glaube ich?“ „Sehr merkwürdig, Sir.“ „Und es iſt einem reiſenden Gentleman nicht verboten, zu ſeinem Vergnügen einen Blick hinein⸗ zuwerfen, vermuthe ich?“ „Nein, denke ich,“ verſetzte Joe Beans, welcher nicht glaubte, daß die Neugierde der einzige Beweg⸗ grund ſeines Gegenredners wäre. Der Fremde zog ſeine Börſe und bot Joe eine one zum Dank für den ihm geleiſteten Dienſt. * e . 43 Der junge Mann lehnte es höflich, aber feſt ab, ſie anzunehmen. „Ich nehme ſie gern an, Herr Pfarrer,“ rief Red Ralph.„Ich habe Sie zuerſt geſehen und bin nicht ſo ſtolz!“ Der Geiſtliche, ebenſo überraſcht als geärgert, ſich erkannt zu ſehen, gab ihm das Geldſtück und entfernte ſich mit verdrießlicher Miene in der Rich⸗ tung nach der Abtei. Er hatte kein anderes Gepäck, als einen kleinen Nachtſack bei ſich, den er in die Hand nahm. Dieſes Abenteuer beunruhigte unſern ehrlichen Freund ausnehmend. Er fragte ſich, ob er dem Fremden in die Abtei folgen ſollte oder nicht. „Wamn iſt dieſer Herr angekommen?“ fragte er den Poſtillon, der damit beſchäftigt war, die zerbro⸗ chenen Räder ſeines Fuhrwerks auszubeſſern. „Vor etwa einer Stunde,“ antwortete er. „Erwartete ihn Jemand im Gaſthauſe?“ „Nein; als er aus dem Poſtwagen ſtieg, ver⸗ langte er ein Fuhrwerk nach der Abtei, gebot mir, den kürzeſten Weg einzuſchlagen und zu fahren, als ob der Teufel oder ein Gerichtszeuge uns auf den Ferſen wäre.“ „Daran erkenne ich den Pfarrer,“ ſagte Ralph. „Er wittert die Gerichtszeugen ſo weit, wie unſere Katze die Ratten, und das aus Gründen; er hatte deren eine gute Zahl auf den Ferſen, als er zu Mortlake wohnte.“ Joe verabſchiedete ſich von dem Poſtillon, indem er verſprach, ihm einen Stellmacher zu ſchicken, der ihm dazu behilflich wäre, ſein Fuhrwerk wieder in 44 Stand zu ſetzen und nach Norwich zurückzukehren, Dann kehrte er, anſtatt ſeinen Weg nach dem Dorfe fortzuſetzen, geradezu wieder um und nahm ſeine Richtung nach dem Parke. „Das iſt nicht der Weg,“ rief ſein Begleiter. „Ich glaube, Mr. Beans, der Pfarrer verwirrt Ihnen den Kopf.“ „Iſt es wirklich ein Geiſtlicher?“ Ralph lächelte kopfſchüttelnd und antwortete, man nenne ihn Pfarrer zu Mortlake. „Und in welchem Rufe ſtand er?“ „In einem ſchlechten; er machte ſich flüchtig mit Zurücklaſſung von Schulden und nachdem er Pächter Jacks um eine beträchtliche Summe geprellt hatte. Skitter, der Schneider, behauptet, wenn er unglück⸗ lich mit ſeiner Frau lebe, ſo komme dieß nur daher, daß jener ſeine Ehe eingeſegnet habe.“ Bei dem Wort Ehe gerieth Joe in große Un⸗ ruhe; ein ſchrecklicher Gedanke fuhr ihm durch den Kopf; er täuſchte ſich vielleicht, entſchloß ſich aber zu handeln, als wäre er deſſen gewiß, was er be⸗ fürchtete. Er hatte nur wenig Zeit dazu. 1„Kannſt Du klettern, Ralph?“ fragte er dieſen, 1 auf die Parkmauer deutend, welche parallel mit der Straße lief. „Klettern? Iſt das eine Frage? Wozu glauben Sie, daß ich Beine habe?“ „Dann marſchire da hinüber.“ Und in einem Augenblick hatten ſie die Mauer überſtiegen. „Jetzt, Ralph, folge meinen Anweiſungen und it r e. , n er n. er n 45 ich will Dich Dein Leben lang vor jeder Noth be⸗ wahren.“ „Huida!“ „Siehſt Du dieſen Baum?“ Er deutete auf eine große Sykomore, die ſich am Ende der Allee, wovon der Park durchſchnitten war, erhob. „Ja, Mr. Beans.“ „Krieche wie eine Schlange durch das Gras und ſchwinge Dich auf die Aeſte hinauf. Gib ſorgfältig Acht, ob Jemand ankommt und ob man ihn in der Abtei einläßt. Aber vor Allem, rühre Dich nicht, ehe ich zurückkehre.“ „Ich werde die ganze Nacht bleiben, wenn es ſein muß.“ „Gut! Sei überzeugt, daß ich kommen werde.“ Der Junge ſchaute zu Joe auf und der Ausdruck ſeines fratzenhaften Geſichtes wurde beinahe menſch⸗ lich, denn ſeine koboldartigen Züge waren von Dank⸗ barkeit beſeelt. Joe war vielleicht das einzige Weſen, das ihn, ſeit er auf der Welt war, mit Güte be⸗ handelt hatte. „Mr. Beans,“ ſagte er,„iſt es der Pfarrer, der Sie beunruhigt?“ „Ja nein! Das heißt, ich kann mich itt erklären Ich habe keinen Augenblick zu ver⸗ ieren!“ „Er ſoll dem Hauſe nicht nahe kommen,“ ſetzte der Junge entſchloſſen hinzu. „Wie willſt Du ihn daran hindern?“ fragte der junge Mann erſtaunt. „Indem ich ihm den Hals oder ein Bein breche, 46 wenn er Schlimmes gegen Sie im Sinn hat 3 Wiewohl er mir eine Krone gegeben, bin ich immer der Meinung geweſen, daß er' für einen Pfarrer gottlos wäre. Vielleicht iſt das Geldſtück, recht be⸗ trachtet, falſch?“ Ralph zog es aus ſeiner Taſche und brachte es noch einmal zwiſchen ſeine Zähne; aber es hielt die Probe; es war gut. „Nein... nein!“ rief Joe nach einer augen⸗ blicklichen Ueberlegung.„Thue, wie ich Dir geſagt habe, und vielleicht geht Alles noch gut.“ Mon wird immer einige Zeit brauchen, dachte er, un das arme Fräulein vorzubereiten, wenn ſie die Ab⸗ ſicht haben, eine ſolche Niederträchtigkeit zu begehen „Gib Acht, ob er ſich dem Hauſe nähert,“ ſetzte er dann mit lauter Stimme hinzu;„ich werde bald zurück ſein. Wohlan, begib Dich auf Deinen Poſten, Schildwache!“ Der Junge warf ſich in das Gras und begann nach dem Baum hinzukriechen, ohne mehr Geräuſch zu machen, als ein Iltis. Sein Begleiter verweilte nur einige Secunden, ihm nachzuſehen. Dann ſchwant er ſich mit Hilfe des niedrigſten Aſtes einer Ceder die an der Mauer ſtand, noch einmal über dieſelb und kehrte zu der Stelle zurück, wo er den Poſtillon mit ſeinen angeſpannten Pferden gelaſſen hatte. Ohn ein Wort zu ſprechen, ſchwang er ſich in den Sattel und galoppirte wie wahnſinnig dem Dorfe zu, wäh⸗ rend der erſtaunte Poſtillon ihm nachſchrie. „Das heißt unglücklich ſpielen!“ ſprach er end⸗ lich, ſich am Kopf kratzend,„zuerſt die Kutſche um⸗ . et d n, nn lte no er, be on ne tel h⸗ d⸗ m 47 geworfen und zerbrochen, und hernach die braune Stute geſtohlen! Was wird der Herr ſagen? Ein ſchöner Sturm wartet meiner im Hofe des Engels.“ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Als Doctor Orme in das Pfarrhaus zurückkehrte, begleitet von unſerem Helden, dem Farmer Aſhton und dem Khan, fand er an der Thüre Mrs. Jarmy, welche mit wichtiger Miene ihn benachrichtigte, daß Martin aus dem tiefen Schlaf, in welchen er ſogleich nach dem Verhör gefallen war, erwacht ſei und zu wiederholten Malen nach ihm gefragt habe. „Iſt eine Veränderung eingetreten?“ fragte der Rector mit unruhigem Ton. „Zum Beſſern, ja,“ erwiderte die alte Frau. „Der Wundarzt hat erklärt, er habe allen Grund, ſeine Wiedergeneſung zu hoffen. Gott wolle es! Er hat ſich als einen guten und treuen Diener unſeres theuren Herrn gezeigt; es iſt nicht mehr viel von denjenigen übrig, welche Sir William in ſeiner Jugend gedient haben!“ „Und Martin hat mich allein zu ſehen begehrt?“ Sir. Der Doctor begab ſich ſogleich mit ſeinen Gäſten in das Zimmer des Kranken, ſetzte ſich an das Bett und faßte ſchweigend Martins Hand. Der Greis er⸗ 48 hob ſeine blauen Augen zu ihm und ſchaute ihn einige Augenblicke an, ohne ein Wort zu ſagen. Dann begannen Thränen über ſeine runzeligen Wan⸗ gen zu rinnen. Er dachte an die Worte, welche der Baronet ihm um Mitternacht in der Bibliothek zu Carrow ſagte, als er ihm den Verſteck zur Aufbe⸗ wahrung ſeines Teſtamentes gezeigt hatte. „Muth, treuer Diener!“ ſprach der Rector. „Wir haben gute Hoffnung, Euch bald geneſen zu ſehen.“ „Ich dachte nicht an mich,“ flüſterte der Greis mit einem Seufzer.„Was war mein armes Leben im Vergleich mit dem ſeinigen? Ich dachte an lieben Herrn und ſeine Leiden. Ich wünſche, daß Sie Aufklärung bezüglich ſeines Teſtaments erhalten.“ Der Rector erklärte ihm, wie dieſes wichtige Document Mr. Elworthy geraubt worden und wel⸗ chen Antheil Will Sideler an dieſer geheimnißvollen Geſchichte genommen habe. „Aber fürchtet nichts,“ ſetzte er hinzu;„wiewohl Ihr und die andern treuen Diener von Sir William des Lohnes ihrer Dienſte beraubt worden ſind, denn ich weiß gewiß, daß mein betrauerter Freund für die Bedürfniſſe ihres Alters Vorſorge getroffen hat, will ich darüber wachen, daß ſeine Abſichten tihh vereitelt werden.“ Martin bewegte ungeduldig die Hand. „Ihr werdet niemals Noth leiden,“ ſetzte de Rector hinzu.“ „Es iſt nicht das!... es iſt nicht das!“ ri der alte Stallknecht;„daran liegt wenig, ob 49 meine Tage in einem Spital oder in einem Graben beſchließe, wenn nur denen, welche er liehte, nichts abgeht! Und man hat keine Spur von dem Teſta⸗ ment entdeckt, ſagen Sie?“ „Keine.“ 20, „Dann iſt es Zeit, daß ich ſpreche,“ fuhr Mat⸗ tin entſchlöoſſen fort.„Ich kann es ſelbſt nicht finden, aber ich kann Ihnen änzeigen, wo Sie es finden werden.“ 2 „Das Teſtament?“ „Ja Einige Tage vor meines Herrn Er⸗ mordung ließ Sir William mich in die Bibliothek rufen und gebot mir, ihm die geheimen Orte zu entdecken, wo in den unruhigen Zeiten ſeine Vor⸗ fahren gewöhnlich die Kleinodien, das Silbergeſchirr und die Beſitztitel des Herrſchaftsgutes Carrow ver⸗ borgen hatten. Es gibt wenigſtens ein Dutzend ſol⸗ cher Verſtecke in der Abtei. Ich zeigte ihm zwei davon. In dem erſten verwahrten wir ſeine Schätze und die Familien⸗Angedenken; in dem zweiten das Duplicat ſeines Teſtaments.“ „Großer Gott!“ rief der Rector, ganz ergriffen von der Wichtigkeit dieſer Entdeckung, welche ihn mit Hoffnung und Vertrauen erfüllte;„wir werden alſo die geheimen Umtriebe ſeiner Feinde vereiteln!“ „Gewiß!“ „Wo ſind dieſe Verſtecke?“ „Ich kann dieſes Geheimniß nur zwei Perſone entdecken.“ „Zwei Perſonen!“ wiederholte der Rector ängſtlich. „Ja; ich habe ein Geheimniß für Jede derſelben! Das Teſtament kann ich dem Freunde meines Herrn Die Abtei Carrow. 1v. 4 50 anzeigen; aber nur ſeinen Sohn darf ich mit dem Verſteck bekannt machen, wo die Schätze und die Familien⸗Papiere ſich befinden; und ich werde nicht ſterben, ehe ich ihn geſehen habe, davon bin ich überzeugt. Gott wird nicht geſtatten, daß der Gott⸗ loſe ſein Erbe habe! Der geſetzliche Erbe wird ſich finden! Ich werde ihn in der Wohnung ſeines Vaters ſehen. Ich kann nicht ſterben, ehe ich ihn geſehen habe!“ „Das wolle Gott!“ ſprach der würdige Rector, „das wolle Gott! Aber das Teſtament, Martin, das Teſtament! Ellens Glück hängt davon ab!“ „Wo iſt mein liebes Fräulein?“ „Bei ihrem Vormund, dem Oberſt Mowbray.“ „Er ihr Vormund!“ rief der Greis.„Gott helfe ihr dann! denn ſie iſt in den Händen eines Mannes, der die Bande des Bluts, die Schwäche der Frau, das Vertrauen des Menſchen nie geachtet hat! Hören Sie mich! Die Nacht, wo ich Sir William in der Bibliothek ſah, äußerte er ſich in ſolchen Ausdrücken gegen mich. Ich habe ſie in meinem Gedächtniß bewahrt, wie alle Woyte, welche aus ſeinem Munde kamen. Martin, ſagte er zu mir, ich habe Dich, als den älteſten Diener meinet Familie, und den Doctor Orme erwählt, die Hütet meines Teſtaments zu ſein, welches nur in dem Fall daß jenes, weſches ich in die Hände meines Notars niedergelegt habe, durch Verbrechen oder Mißgeſchis verſchwunden wäre, zum Vorſchein gebracht v darf. Was den zweiten Verſteck betrifft,? ſetzte 6 hinzu, ſo wirſt Du ihn nur meinem Sohn en deden Indem ich Ihnen denjenigen zeige, wo ſic v. das Teſtament befindet, fühle ich, daß damit nur der Wille meines Herrn geſchieht. Er würde ſelbſt Ihnen denſelben gezeigt haben, wenn der mitter⸗ nächtige Mörder nicht feinen Lebensfaden abge⸗ ſchnitten hätte.“ „Nun, das Teſtament, das Teſtament!“ rief Doctor Orme ungeduldig. „Sie kennen die Bibliothek, Sir?“ „Ja, Ja!“ „Und den Wappenſchild von geſchnitztem Eichen⸗ holz, über dem Kamin?“ „Ich habe ihn hundertmal bemerkt; er trägt den Wahlſpruch der Mowbray: In Trau va ſt.“ „Drücken Sie auf die blutige Hand, oben im Wappenſchild, und Sie werden einen kleinen Verſteck finden, welcher das Teſtament enthält. Gott gebe, daß es nicht zu ſpät iſt, um die Plane eines ent⸗ arteten Bruders unzuſtoßen, welcher mehr erfreut iſt, Sir Williams Güter zu erben, als ſeinen Tod betrauert.“ Ermüdet von der Anſtrengung, die er ſich auf⸗ erlegt hatte, ſtreckte ſich Martin in ſeinem Bette aus und ſchlief nach Verfluß einiger Minuten wie ein Kind. In demſelben Augenblick ging die Thüre des Bibliothekzimmers auf und die Aya trat in das Ge⸗ mach. Ihre ſchwarzbraunen Züge trugen das Aus⸗ ſehen düſterer Entſchloſſenheit, welche den Kampf zwiſchen ihren Empfindungen und ihrem Willen an⸗ deutete Henry, welcher wußte, daß ſie ſich ſtets ſeiner Heirath mit Ellen widerſetzt hatte, betrachtete ſie mit unbeſtimmtem Mißtrauen. pi 52 Ohne von den andern anweſenden Perſonen Notiz zu nehmen, trat die Indierin gerade auf unſern Helden zu und ſagte, nachdem ſie ihn einen Augen⸗ blick angeſehen, zu ihm mit einem Seußzer: „Sie ſind alſo wieder zurück?“ „Um meine Feinde zu beſchämen, unter welche ich Zara ſchon lang zähle!“ „Ich bin in der That Ihre Feindin geweſen; aber ich habe aufgehört, es zu ſein, wider meinen Willen. Meine Liebe zu Ellen trägt den Sieg über meinen Entſchluß davon! Mein Herz gibt nach, nicht meine Vernunft!“ „Erklären Sie ſich,“ ſprach Doctor Orme unge⸗ duldig;„was wollen Sie ſagen?“ „In zwei Stunden werden Ellen und Miran⸗ Hafaz am Fuße des Altars ſein; der Prieſter iſt angekommen und...4 „Nie! nie!“ rief unſer Held, ihr in's Wort fallend,„nie! nie! Die Blitze des Himmels werden eher erwachen, als zugeben, daß die Waiſe, welche Sir William wie einen Vater liebte, ihr Wor verpfände an....“ „Einen Andern, als den, welchen ihr Ohein beſtimmt hatte,“ ſagte der Khan. Er hatte ohn Zweifel irgend einen Grund, um Henry an den Vollendung ſeiner Phraſe zu hindern. 6 Zara ſchaute den Einen und den Andern wechſels⸗ weiſe an; ſie war bereit, Ellen zu retten, aber ſe hätte um nichts in der Welt ein Wort geſagt, ches Mirans Sicherheit hätte compromittiren könner „Die Blitze des Himmels werden nichts hindern!“ rief ſie mit einem Lächeln der Geringſchätzung.„Abe tiz rn he ſ en er ſe 10 et 53 Ellen iſt bewaffnet, bewaffnet gegen ihr eigenes Leben! Miran kann ſie heirathen, aber er wird nur eine Leiche umarmen!“ Henry's Herz ſchlug vor Dankbarkeit, Liebe, Schrecken und Bewunderung, als er die Aufopferung und Standhaftigkeit ſeiner Verlobten erfuhr. „Retten Sie dieſelbe!“ rief er,„und ich werde Sie ſegnen! Ich bitte Sie darum nicht um meinet⸗, ſondern um ihretwillen. Gedenken Sie daran, daß Sie dieſelbe als Kind genährt haben, daß dieſelbe S mit der vertrauensvollſten Zärtlichkeit liebte, is daß Er hielt an, indem er ſeine Phraſe aus Furcht, die Amme zu beleidigen, nicht vollenden wollte. „Vis daß ich ſie verrathen habe!“ ſetzte die Aya, ihn feſt anſchauend, hinzu. Henry ſchwieg ſtill. „Hätte ich je,“ nahm ſie wieder das Wort,„die geringſte Schwäche, die geringſte Unentſchloſſenheit in ihrem jungen Herzen bemerkt, ſo würde ich be⸗ harrlich geblieben ſein! Aber ich kann das Kind nicht opfern, das ich genährt habe! Ich werde Ellen retten unter einer Bedingung, ich werde Ihnen den koſtbarſten Schatz der Welt geben, das Mädchen, deſſen Liebe Sie beſitzen, das dem Tod Trotz bieten würde für Sie.. „Reden Sie, reden Sie! Welches iſt dieſe Be⸗ dingung?“ fiel der junge Mann ein. „Wenn es Gold iſt, was Sie wollen,“ ſetzte Doctor Orme hinzu,„ſo fürchten Sie nicht, Ihren Preis zu nennen! Ich bin reich, und um das Glück 54 meines Adoptivſohnes zu ſichern, werde ich mit Freuden Ihre Habſucht befriedigen.“ Ein verächtlicher Blick der Indierin ſchnitt ſeine Rede kurz ab. „Gold!“ wiederholte ſie;„die Kinder Europa's beurtheilen alle übrigen Menſchen nach ihrem ſchmutz⸗ gen Herzen! Wenn Sie vor mir alle Schätze In⸗ diens herzählten, alle die, welche Ihre verwünſchte Race in meinem unglücklichen Vaterlande zuſammen⸗ geplündert hat, ſo würden dieſelben mich nicht ver⸗ ſuchen. Man kann Zara weder verführen, noch kaufen. Sie gehorcht nur der Eingebung ihrer eigenen Gefühle!“ 6 Der Rector und Henry waren von der Würde dieſer Worte betroffen. Man konnte nicht zweifeln, daß ſie die Wahrheit redete.“. 1 „Verſprechen Sie mir,“ ſetzte ſie hinzu,„daß Sie die Hand nicht gegen Miran⸗Hafaz erheben, daß Sie nicht, weder direct noch indirect, ihm zu ſchaden ſuchen, und ich werde dieſe Heirath hindern Schlagen Sie es mir ab, ſo werde ich eine unem pfindliche Zuſchauerin von all dem Unheil bleiben, welches daraus erfolgen kann!“ Dieß war eine harte Probe für den Liebhaber Ellens, der es als eine heilige Pflicht betrachtete, den Tod ſeines Wohlthäters und die Beſchimpfung von deſſen Nichte zu rächen. Er konnte ein ſprechen nicht geben, das dem Mörder Sir William trafloſigkeit zuſicherte. Mit blaſſer Miene u zitternden Lippen lehnte er die von Zara gefor Verpflichtung ab. „Ich kann dieſes Verſprechen nicht geben,“ ſag er,„und ich will Sie nicht täuſchen. Ich werde den Frevler über die ganze Erde verfolgen.“ „Adieu!“ ſprach die Aya kalt, indem ſie ſich nach der Thüre des Bibliothekzimmers wandte. Der Khan trat nun in's Mittel. „Halt!“ rief er.„Ihre Weigerung iſt unbeſon⸗ nen und unüberlegt,“ flüſterte er unſerem Helden in's Ohr.„Haben Sie nicht mehr Glauben an die Gerechtigkeit Gottes? Denken Sie, ſeine Macht ſei ſo beſchränkt, daß er nicht einen andern Arm als den Ihrigen finden könnte, um ſeine Rathſchlüſſe zu vollziehen? Ueberlaſſen Sie alſo den Schuldigen jener Gerechtigkeit, welche ihn früher oder ſpäter beſtrafen wird!“ Henry zögerte. „Erinnern Sie ſich,“ ſetzte Doetor Orme hinzu, „daß ihm die Gerechtigkeit der Menſchen bereits auf der Spur iſt!“ „Wohlan denn!“ ſprach der junge Mann,„ich verſpreche Ihnen, nie die Hand gegen meinen Neben⸗ buhler zu erheben, außer in dem Fall der Selbſt⸗ vertheidigung, oder zum Schutz von denjenigen, deren Leben mir theurer iſt, als das meinige!“ „Und Sie werden Ihr Verſprechen halten?“ fragte Zara. „So gewiß, als ich Ellen meine Gattin zu nennen hoffe.“ „Gut! Fllen iſt in der Abtei. In zwei Stun⸗ den wird man ſie zwingen, den zu heirathen, wel⸗ chen ſie verabſcheut; dieſe Heirath ſoll in der Biblio⸗ thek ſtattfinden; ihr Oheim und jenes übertünchte Grab, das er ſeine Frau nennt, werden beide gegen⸗ 56 wärtig ſein. Ich will Sie an einen Ort ſtellen, von wo Sie Alles, was vorgeht, ſehen können; und im Augenblick, wo es ſcheinen wird, als hätte Alles Ellen verlaſſen, werden Sie eintreten und Ihre Ver⸗ lobte retten.“ „Die Bibliothek!“ rief Henry bitter;„das iſt wahrhaftig ein würdiger Ort zu einem ſolchen Ver⸗ brechen; iſt es nicht paſſend, daß der Schauplatz des erſten Opfers auch der des zweiten ſei? Kommen Sie! kommen Sie!“ ſetzte er, zu dem Rector und dem Khan gewendet, hinzu,„mein Herz verzehrt ſich vor Ungeduld, das Blut ſteigt mir in's Gehirn wie Feuer, das aus dem Schooß eines Vulkanes emporzuckt! Fort in die Abtei!“ „Es iſt noch nicht Zeit,“ ſprach Zara. „Wir bedürfen des Beiſtandes,“ ſetzte der Rector hinzu„warten wir die Rückkehr von Joe und ſeinen Freunden ab.“ „Sie wiſſen jetzt, was ich fürchtete,“ ſprach be Renegat, indem er ſeine Hand auf den Arm unſeres Helden legte.„Ich wußte, wo ein niederträchtiger Oheim ſeine Nichte von der Welt abgeſperrt hielt, aber ich wollte Ihnen bis zum günſtigen Augenblick nichts enthüllen! Kaltblütigkeit!“ ſetzte er hinzu; „laſſen Sie Ihren ungeſtümen Geiſt von denen leiten, deren Urtheil durch die Leidenſchaft nicht irregeführt werden kann!“ „Kaltblütigkeit!“ wiederholte der junge Mann, ſeine Hand zurückſchiebend;„Kaltblütigkeit, wenn die Schlange in ihren Umſchlingungen ſchon die un⸗ ſchuldige Taube erſtickt; wenn die Gewaltthat eines Frevlers das Mädchen, das ich liebe, den Traum 57 meiner Jugend, die Krone und Hoffnung meines Mannesalters bedroht! Kaltblütigkeit! Ah! Ver⸗ ändern Sie zuvor meine Natur!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſtürzte er aus dem Gemach und einen Augenblick ſpäter ſah man ihn wie wahnſinnig über den Raſenplatz und durch den Garten des Pfarrhauſes davoneilen. „Er wird durch ſein Ungeſtüm Alles verderben!“ ſprach der Khan.„Es iſt ſeine Beſtimmung; wer kann gegen das Schickſal ankämpfen?“ Die Zuneigung des Farmers Aſhton und des Doctors Orme nahm eine thätigere Geſtalt an. Dieſer befahl, ſeinen Wagen anzuſpannen, und beide mach⸗ ten ſich fertig, Henry zu folgen. „Nehmen Sie mich mit!“ ſagte die Aya. „Warum das?“ „Um darauf zu achten, daß der Wahnſinnige ſein Verſprechen hält! Wehe ihm, wenn er es bräche!“ „Auch ich will Sie begleiten!“ ſetzte der Khan hinzu;„ich habe eine Schuld an einen Lebenden und an einen Todten zu bezahlen: der Augenblick, ſie zu entrichten, iſt vielleicht gekommen.“ Einige Minuten nachher fuhr der Wagen mit dem Rector, dem Farmer und dem Khan raſch über die Gemeindewieſe und nahm ſeine Richtung nach der Abtei Carrow zu. 58 Vierunddreißigſtes Kapitel. Red Ralph hatte ſich kaum mitten ünter den höchſten Zweigen der Sykomore am Ende der Allee verborgen, als er über die beſten Mittel, Sr. Ehrwürden, Tord⸗ leterte, von der Abtei fern zu halten, Betrachtungen anſtellte. Während er damit beſchäftigt war, be⸗ merkte er am Ende der Allee einen breiten und tiefen Graben, welcher den Garten am Hauſe von dem Park trennte. Er war urſprünglich in der Abſicht gezogen worden, um das Damwild von der Zer⸗ ſtörung der Geſträuche und Blumen abzuhalten. Ein Lichtgedanke fuhr dem Jungen durch den Kopf und ſeine kleinen Frettchen⸗Augen funkelten vor Freude und Bosheit. Dieſer Graben, der nur theilweiſe mit Waſſer angefüllt war, konnte an dieſer Stelle nur vermittelſt eines kunſtloſen Stegs, der bloß für Fußgänger diente, überſchritten werden; die Brücke für Führwerke befand ſich auf der andern Seite des Parks. „Das iſt gerade recht!“ ſagte er,„das iſt getade recht!“ Der Pfarrer kam eben, mit ſeinem Nachtſack beladen, heran und hatte nur noch den Graben zu überſchreiten, ehe er in die Abtei gelangte. Aber im Augenblick, wo er ſich mitten auf dem Steg be⸗ fand, der nur aus einer ſchmalen Planke und einen Geländer zuſammengeſetzt war, warf der Junge ihn mit einem kräftigen Stoß der Schulter in den Gra⸗ ben hinab. S* 59 Der Reiſende war ſo unerwartet überfallen worden, daß er keine Zeit zum Widerſtand hatte, und es dauerte mehrere Minuten, bis er, nachdem er ſich genugſam in dem Bach abgezappelt, unter dem Steg hervorkam. Die Freude Ralphs war wo möglich noch größer als damals, wo er den Kaninchenwärter ge⸗ fangen hatte. Ein Geiſtlicher war ein viel edleres Wild! „Böſewicht! Frevler! Ich werde. ich werde Dir alle Knochen zerbrechen!“ brüllte Mr. Tordletexte, noch immer in dem Waſſer, welches von unangenehmer Tiefe war, um ſich ſchlagend; zudem hatten die Ränder des Grabens eine ſolche Höhe, daß es ihm unmöglich war, ohne Beiſtand herauszukommen. „Wenn Sie mich erwiſchen!“ verſetzte der Junge. 10 „Hilf mir da heraus!“ „Nein. nein, ich habe zu viele Mühe geéhabt, Sie hineinzubringen.“ „Ich ich gebe Dir eine Guinee!“ „Nein.“ „Zwei Guineen, Schurke, der Du biſt.... mein guter Freund, will ich ſagen.“ „Nein! Sie lügen, das weiß ich nur zu gewiß.“ „Warum?“. „Weil Sie mich Ihren guten Freund nennen. Nun bin ich es nicht und Sie wiſſen das wohl.... Nein, nein, ich kann Ihnen nicht heräushelfen; ich will Ihnen ſägen, was ich für Sie thun werde. 60 „Was denn?“ „Ich will mich auf das Gkländer ſetzen, bis der Conſtabler kommt, um Sie in's Gefängniß zu bringen, und werde darauf achten, daß Sie nicht völlig ertrinken.“ Bei den Worten Conſtabler und Gefängniß wurde Sr. Ehrwürden, Tordleterte, unruhiger, als er merken laſſen wollte, und er erneuerte ſeine An⸗ erbietungen an Ralph, aber mit nicht mehr Erfolg. Der Junge ſetzte ſich mit Ernſt auf das zerbrechliche Geländer, um den Pfarrer zu überwachen und Joe's Ankunft abzuwarten. Tordleterte begann aus Leibeskräften zu ſchreien und ſein Geſchrei wurde endlich gehört. Eine Seiten⸗ thüre ging auf und zwei der Diener von Miran⸗ Hafaz erſchienen wohl bewaffnet. . er erblickte kaum die mit Flinten bewaffneten Männer, als er vom Geländer herabſtieg und mit der Behendigkeit einer wilden Katze mitten in das dichteſte Gebüſch kroch. Bei ſeinem Rückzug hatte er noch die Kränkung, ſeinen Feind aus dem Graben gezogen zu ſehen; aber derſelbe ſchien mehr todt als lebendig, was nicht verfehlte, Ralph ein wenig zu tröſten. Einer der Diener kehrte mit Sr. Ehrwürden in die Abtei zurück. Der Andere näherte ſich, ohne Zweifel in Folge erhaltener Anweiſung, mit der Flinte auf der Schulter, dem Stege. Er bückte ſich, um den Nachtſack aufzuheben. Es möchte ſchwer zu entſcheiden ſein, ob der Freund von Joe Beans das Sprichwort kannte „Klugheit geht über Muth.“ Wie dem auch ſei, . 61 Ralph wartete, ehe er ſich zum Handeln entſchied, ab, ob der Mann den Steg überſchreite. „Ich räume den Platz!“ murmelte er, als jener dieß wirklich gethan hatte.„Flinten und andere Mordwerkzeuge der Art behagen mir Ja, ſuche nur!“ ſetzte er hinzu, als er ſah, wie der Diener in alle Büſche, welche er auf ſeinem Gang traf, hineinſchaute;„Du mußt gute Augen haben, wenn Du mich findeſt!“ Und er ſchlüpfte mit möglichſt wenigem Geräuſch unter das Brombeergeſträuch und Buſchwerk. Er hielt erſt an, als er einen beträchtlichen Abſtand zwiſchen ſich und ſeinen Verfolger gelegt hatte. e Fünfunddreißigſtes Kapitel. Red Ralph hatte kaum eine halbe Meile auf ſeinem Rückzug durch Gebüſch und junge Anpflan⸗ zungen gemacht, als er das Geräuſch eines aus entgegengeſetzter Richtung kommenden Schrittes ver⸗ nahm. Er hielt an, kratzte ſich nach ſeiner Ge⸗ wohnheit, wenn er in Verlegenheit war, im Kopfe überlegte einige Augenblicke, was er thun ollte. „Kehre ich wieder um,“ ſprach er bei ſich,„ſo begegne ich dem Mann mit der Flinte, der ſich ⸗ 62 ebenſo wenig ein Gewiſſen daraus machen wird, mich zu tödten, als wenn ich ein Kaninchen wäre. Gehe ich vorwärts, ſo falle ich in die Hände von Gott weiß, wem!“ Die Ausſicht war nicht ſehr beruhigender Art, man muß geſtehen; und der Junge ergriff das beſte Theil, indem er ſich entſchied, ſeinen Weg fort⸗ zuſetzen, da er lieber in die Hände Unbekannter, welche Freunde ſein konnten, als in die eines Fein⸗ „ 5 des gerathen wollte, an deſſen Abſichten er nicht zweifeln konnte. Zum Glück erkannte er bald die Stimme von Joe Beans, der an der Spitze einer Truppe von Bauern ſich der Abtei zuwandte. Einen lauten Schrei ausſtoßend, ſprang er aus dem Lager, wo er ſich eben niedergekauert hatte, hervor, indem er ihm verſicherte, daß ihm nie in ſeinem Leben die Begegnung eines Freundes ſo viel Vergnügen gemacht habe. „Warum?“ fragte Joe. „Weil man mich verfolgt.“ „Und wer verfolgt Dich?“ Mit wenigen Worten erzählte ihm Ralph ſein Abenteuer mit dem Pfarrer. Der Zorn, den der junge Mann zuerſt empfunden hatte, als er den Buben nicht auf ſeinem Poſten fand, legte ſich bei der Entdeckung, daß es demſelben gelungen war, die Ankunft des Geiſtlichen, deſſen Gegenwart in der Abtei ihm von übler Vorbedeutung für das Glück Ellens und ſeines theuren Maſter Harr) ſchien, zu verzögern. Seine Unruhe war ſo gro 5 daß er geglaubt hatte, nicht in das Pfarrhaus, w 5 — — 63 er verſprochen, zurückkehren zu dürfen, ſondern ſo⸗ bald er eine Anzahl Freunde im Dorfe geſammelt, nach der Abtei aufgebrochen war. Im Augenblick, als ſie ſich wieder in Marſch ſetzen wollten, hörten ſie das Geräuſch von einigen Perſonen, die ſich einen Weg durch den jungen Schlag bahnten und in Kurzem ſahen ſie Henry Aſhton mit Doctor Orme und dem Khan zum Vor⸗ ſchein kommen. Es war nicht der Augenblick zu Erklärungen. Die Freunde, welche Joe Beans begleiteten, drückten Henry Afhton ſchweigend die Hand, und die kleine Truppe nahm nun, dem Gebot des Renegaten ge⸗ horſam, ſtatt gerade nach der Abtei zu marſchiren, ihren Weg nach dem zerfallenen, kleinen Pavillon, welcher von der Parkmauer vorſprang und der Aya ihrem ergſten Stelldichein mit dem Khan gedient atte. „Hier iſt eine Treppe!“ rief Red Ralph, der vorausgelaufen war,„aber die Thüre iſt ge⸗ ſchloſſen.“ Mehrere jungen Leute erboten ſich, ſie einzu⸗ ſchlagen. „Das iſt nicht nöthig,“ erwiderte ihr Führer; „der Eingang in das Gemach iſt nicht von oben.“ „Wo denn?“ fragte der ungeduldige Henry. „Hier!“ verſetzte der Khan, auf einen großen Stein unter der Treppe, die von außen ſich erhob, zeigend.„Hier öffnet ſich der Gang, der mit der kleinen, gewölbten Kammer in Verbindung ſteht, wo man die Taſche des Kaninchenwärters fand, und welcher auch nach der Bibliothek führt.“ 64 Jedermann fühlte, daß der Khan damit ein neues Licht auf die den Mord von Sir William begleitenden Umſtände geworfen hatte. „Sind Sie zufrieden geſtellt?“ ſetzte er hinzu. Henry reichte ihm zur Antwort die Hand. Er brannte vor Verlangen, an dem Ort der Handlung anzukommen. Ein leichter Druck bewirkte, daß der Stein auf einer eiſernen Achſe ſich drehte und eine Heffnung zum Vorſchein brachte, groß genug, um einen Menſchen durchzulaſſen. Joe Beans wollte hineintreten, als ſein Freund ihn zurückhielt. „Nein, Ive!“ ſprach er,„ich kann Dir nicht den Ehrenpoſten überlaſſen.“ „Es iſt vielleicht auch derjenige der Gefahr, Maſter Harry.“ „Ein Grund mehr, daß ich ihn mir vorbe⸗ halte.“ 33 „Aber wenn Dir ein Unglück geſchähe!“ „Joe, keinen Wortwechſel. Mein Herz und mein Arm ſind jetzt von Stahl. Laß mich vorbei, ich will es.“ Aber während des Streites zwiſchen den beiden Freunden war Red Ralph in aller Ruhe hinab⸗ geſtiegen. „Die Peſt auf den Jungen!“ rief Joe Beans, als er es bemerkte;„er wird uns ein Unglück auf den Hals bringen.“ — 65 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Die Bibliothek der Abtei Carrow war in aller Eile zu der Ceremonie der Verehelichung Ellens mit Miran⸗Hafaz eingerichtet worden. Der große Tiſch von Eichenholz, ein Ueberreſt aus dem Capitelſaal, war aus der Mitte des Gemachs hinweggeſchoben und durch einen andern kleinern erſetzt worden. Um ihm einige Aehnlichkeit mit einem Altar zu geben, hatte Oberſt Mowbray ihn mit einem reichen Sammtteppich und einem Tuch von hollän⸗ diſcher Leinwand bedecken laſſen. Man hatte zwei maſſiv⸗ſilberne Candelaber mit ihren Kerzen hinzugefügt und der gothiſche Band des Kirchengebetbuchs mit ciſelirten Schlöſſern, der ſeit der Regierung Jacobs des Erſten in der Capelle gedient hatte, war zur Einſegnung aufgeſchlagen. Das Gemach bot einen düſtern, traurigen An⸗ blick, deſſen Einfluß ſelbſt Miran empfand; eine Ahnung von Unglück, die er vergeblich abzuſchütteln ſuchte, peinigte ihn. Die Stille war niederdrückend; der junge Indier hörte nicht einmal das Geräuſch ſeiner Schritte, während er mit Ungeduld den dicken Teppich maß, welcher den Fußboden bedeckte. „Potz Tauſend, mein Freund!“ rief Oberſt Mow⸗ bray, der eben eintrat,„Sie machen ein klägliches Geſicht für einen Mann, der zu heirathen im Be⸗ griff iſt. Ich habe Stumme bei Leichenbegäng⸗ niſſen geſehen, die noch fröhlicher ausſahen, als Sie. Nun, nun, das Heirathen iſt, recht betrachtet, Die Abtei Carrow. IV. 5 66 keine ſo ernſthafte Affaire: es gleicht einem kalten Bade, man taucht unter, und dann iſt Alles geſagt. Ellen wird gleich kommen.“ „Und der Prieſter?“ „Er iſt da. Beruhigen Sie ſich alſo über dieſen Punkt. Iſt Ellen einmal Ihre Frau, ſo können wir für Jedermann, der kommt, alle Thore von Carrow aufthun. Sie werden Ihre Rechte zu ver⸗ theidigen wiſſen!“ „Gegen die ganze Welt! Gegen Gott ſelbſt!“ rief der junge Indier feurig. Se. Ehrwürden, Tordleterte, ſchloß ſich ihnen dieſen Augenblick an. Oberſt Mowbray hatte ihn Kleider geliehen. Er war mit dem Chorhemd an⸗ gethan, dem Zeichen des Berufs, den er entehrte⸗ Wiewohl der Act, wozu er ſeine Dienſte zu leihen im Begriff war, ungeſetzlich erſchien, trat er mit lächelnder Miene in die Bibliothek ein. „Der Bräutigam?“ ſprach er, Miran begrüßend, der einen unwillkürlichen Ausdruck des Widerwillens nicht zurückhalten konnte.„Erlauben Sie mir, Ihnen meine Glückwünſche darzubringen.“ „Wenn Sie mit der Ceremonie fertig ſind“ verſetzte der Oberſt,„werden ſie mit Vergnügel angenommen werden.“ 4 Die Unterhaltung ſtockte hier bis zum Erſcheiner der Braut, welche Lady Mowbray von ihrem Zim⸗ mer herbeizuholen gegangen war. Um ſeine Verlegenheit zu verbergen, began Se. Ehrwürden den merkwürdigen gothiſchen, auf den Altar liegenden Band zu unterſuchen und dreht die Blätter davon mit der Miene eines enthuſiaſt Swx — S 2=— ——* d 6 67 ſchen Bücherfreundes um. Inzwiſchen warfen Miran und der Oberſt von Zeit zu Zeit ungeduldige Blicke nach der Thüre. Endlich ging dieſelbe auf und Ellen trat ein, gefolgt von Lady Mowbray. Das Opfer war in Trauer gekleidet; ſie hatte zu ihrem Anzug nur einen Schleier von ſchwarzen Venetianer⸗Spitzen ge⸗ fügt, welcher Geſicht und Schultern ihr wie mit einer finſtern Wolke bedeckte. Die Waiſe war blaß, aber Nichts in ihrem Be⸗ nehmen verrieth Aengſtlichkeit oder Verlegenheit; im Gegentheil, nie hatte ſie feſter, entſchloſſener ausgeſehen. Sie erinnerte die Zuſchauer an eine jener chriſtlichen Jungfrauen, welche um ihres Glaubens willen den wilden Thieren preisgegeben wurden. „Ellen! theure Ellen!“ rief der junge Mann, indem er auf ſie zutrat, um ihre Hand zu faſſen, vein Leben der Liebe, der Aufopferung und des Glücks wird Sie für die Erfüllung Ihres Ver⸗ ſprechens belohnen!“ Das arme Mädchen wich vor ihm, wie beim Anblick eines Baſilisken zurück. Er ſchien gekränkt und überraſcht. „Miran,“ ſprach ſie mit ernſter, feſter Stimme, „ich habe mein Verſprechen gehalten, ich habe bis jetzt noch keines gebrochen, mag es nun einem Freund oder einem Feind gegeben worden ſein.... Ach!“ ſetzte ſie hinzu,„ehe ich Sie kannte, habe ich nie⸗ mals Feinde gehabt!“ Er wollte ſie unterbrechen. „Hören Sie mich an,“ fuhr ſie fort;„ich habe 68 verſprochen, zu Ihnen in die Bibliothek zu kommen! Da bin ich; aber nicht zu dem Zweck, welchen Sie ſich vorſtellen; meine Neigung zu dem Lebenden, wie zu dem Todten ſperrt ſich dagegen. Ich kann meine Hand nur Dem geben, welcher bereits mein Herz hat. An Sie, Miran,“ ſetzte die Waiſe hin⸗ zu, auf die Kniee fallend und die Hand des Indiers faſſend,„an Sie richte ich jetzt meine Bitte; denn es bleibt, ſagt man, ſelbſt in der Natur des ge fallenen Engels eine Spur des Himmels zurüc Sie werden gegen das Flehen eines Mädchens, das Sie zu lieben behaupten, nicht taub bleiben! Handeln Sie edel, weiſe; anſtatt eines armſeligen und ſchmachvollen Triumphs über ein Kind, trachten Sie nach einem edlern Gewinn; tragen Sie den Sieg über ſich ſelbſt davon! Warum mich zu eine Heirath zwingen, welche mein Herz verabſcheut, welche der Himmel ſelbſt nicht beſtätigen kann! Sie können in der Welt eine Frau finden, welche Ihre Liebe erwidern, welche Ihnen ihr Herz in Austauſch für das Ihrige ſchenken, für welche Ihre Liebe das ſein wird, was die Sonne für die Blu⸗ men, der Thau für die ſchwellenden Knoſpen iſt während ſie für mich dem tödtlichen Schatten des Giftbaumes gleicht.“ „Ellen,“ ſprach der junge Mann, indem er ſich bemühte, ſie aufzuheben,„Sie begehren von mit ein Opfer, das ich zu bringen nicht die Kraft habe Ich kann Ihnen nicht entſagen. Sie ſind das 3 meines Lebens, das erſte und einzige Götterbild das mein Herz anbetet! Ich habe geſündigt un gelitten um Ihren Beſitz, und nun, da die Stund — . n 69 gekommen iſt, welche Sie zu der Meinigen machen muß, da der Becher des Glücks an meine vertrock⸗ neten Lippen geſetzt iſt, ſagen Sie mir, ich ſolle dieſen Becher, gefüllt an den friſchen Quellen Edens, wegwerfen und ſterben! Ich kann und will dieſen Selbſtmord nicht begehen!“ „Selbſtſüchtiger, unedelmüthiger Menſch!“ rief die Waiſe, einen Blick des Vorwurfs und der Ver⸗ achtung auf ihn heftend;„Sie würden alſo mein Leben ohne einen Gedanken, ohne einen Seufzer nehmen!.„. Ich habe Ihren Entſchluß gehört, Miran,“ ſetzte ſie hinzu;„jetzt hören Sie den mei⸗ nigen! Wäre Henry Aſhton auch todt, würde ich mich lieber mit dem Leichentuch bedecken und in das Grab ſteigen, als einwilligen, mein Schickſal an das Ihrige zu knüpfen, Sie meinen Gatten zu nennen!“ „Es ſei!“ erwiderte Miran mit rauher und pfeifender Stimme. Dann ſprach er zu dem Geiſt⸗ lichen gewendet:„Beginnen Sie!“ Und damit bemühte er ſich, Ellen zu dem Altar zu ziehen! Aber mit einer heftigen Anſtrengung machte ſie ſich von Mirans Hand los und ſtürzte nach dem Ende der Bibliothek, in die Nähe der geheimen Thüre, durch welche der Kaninchenwärter in der Mordnacht eingedrungen war. Bei dieſem Kampfe hatte ſie ihren Schleier verloren und ihre langen, ſchwarzen Haare waren losgegangen und wallten über Hals und Nacken herab. In der rechten Hand hielt ſie den Dolch der Aya, der weniger als ihre Augen funkelte, welche Blitze der Verachtung und Ent⸗ ſchloſſenheit ſchleuderten. 70 Ihre Verfolger waren wie betäubt von der Energie ihres Widerſtandes. „Kommen Sie nur einen Schritt näher,“ ſprach ſie zu dem jungen Indier,„und Gott wird Mitleid mit einer Sterbenden haben!“ „Sie wird es nicht wagen!“ rief Lady Mow⸗ bray mit verächtlichem Lachen. „Verlaſſen Sie ſich darauf!“ erwiderte die Waiſe.„Ich bin wahnſinnig vor Schrecken; Ihre Grauſamkeit hat mich dazu gebracht, und Gott wird einer armen Waiſe vergeben, welche in der Verzweiflung und unter Qualen, deren Erduk dung über die menſchliche Natur geht, den Um armungen, welche ſie beflecken würden, durch den Tod zu entrinnen ſucht!“ Eine Stimme, welche aus dem Schooße det Erde zu kommen ſchien, ſprach den Namen Ellen aus. Sie war begleitet von einem Krachen, wie wenn man das Getäfel zu durchbrechen geſucht hätte⸗ Die Waiſe erkannte dieſe Stimme; ſie glaubte, es wäre ein Anruf aus dem Aufenthalt der Todten, und fiel ohnmächtig auf den Teppich nieder. Miran⸗Hafaz ſprang wie ein Tiger auf, um ſich ſeiner Beute zu verſichern, aber die Thüre öffnete ſich, ehe er jene erreichen konnte, und ſein Neben⸗ buhler erſchien zwiſchen ihm und ſeinem Opfer⸗ Die beiden jungen Leute blieben einige Augenblick ſtehen, um ſich mit dem Stillſchweigen des Haſſes anzuſchauen. Ein Lächeln des Triumphes, ähnlich dem, welches das Geſicht des Erzengels Michac nach dem Sturze Lucifers verklärte, erleuchtete di⸗ 4 71 Züge Henry Aſhtons. Die des Indiers wurden von der Verzweiflung verdüſtert. Unmittelbar hinter Henry traten Doctor Orme, der Khan, der Farmer Aſhton und ein Haufe von Freunden ein. Miran⸗Hafaz ſah, daß er das Spiel verloren hatte und Ellen auf immer für ihn dahin war; aber die Rache ſchien ihm noch möglich. Auf ſeine Stärke vertrauend, ſtürzte er ſich auf ſeinen Nebenbuhler, in der Hoffnung, ihn zu Boden zu werfen und in Ellens Gegenwart unter ſeinen Füßen zu zertreten. Aber weder in dieſem Augenblick, noch in dem Gemach, wo Sir William Mowbray ermordet wor⸗ den war, konnte Henry unterliegen. „Hund!“ rief er, ſeinen Gegner zu Boden wer⸗ fend und ihm den Fuß auf die Bruſt ſetzend, „niederträchtiger, erbarmungsloſer Mörder!“ In dieſem Moment wäre es Miran erwünſcht geweſen, ſich vernichten zu können, ſo ſehr ſchämte er ſich ſeiner Niederlage. „Gedenken Sie Ihres Verſprechens!“ flüſterte eine Stimme unſerem Helden in's Ohr. Henry ſchaute ſich um und erkannte die Aya in drohender Haltung. „Wahr!“ murmelte er,„ich habe verſprochen, ihm nichts zu Leide zu thun, außer im Fall geſetz⸗ licher Vertheidigung! Das Reptil hat ſein Gift Die Hand des Henkers mag das Uebrige thun Auf Befehl von Doctor Orme begannen zwei der jungen Farmer, Miran zu binden. Zara ſchaute mit flammenden Augen der Be⸗ handlung zu, welcher man den jungen Indier unter⸗ warf. Sie drehte ſich zu unſerem Helden um und fragte ihn, ob er auf ſolche Weiſe ſein Verſprechen zu halten gedenke. „Das geht Mr. Aſhton nichts an,“ ſprach einer der Nebenſtehenden, der ſich als Conſtabel auswies. „Ich habe einen wegen Mords gegen ihn erlaſſenen Verhaſtbef ehl!“ Der Oberſt und Lady Mowbray begannen un⸗ ruhige Blicke zu wechſeln. „Wegen Mords?“ wiederholte Zara.„Wegen welches Mordes?“ „Deſſen von Sir William Mowbray!“ Die unglückliche Frau ſtürzte aus dem Zimmer, die Beute eines Schmerzes, den keine Worte zu ſchildern vermögen. Was der Rector geſagt hatte, als er Henry Aſhton zuredete, ſeinen Nebenbuhler der Gerechtigkeit Gottes zu überlaſſen, war ihr jetzt erklärt. Miran war Gefangener und ſie ſelbſt hatte zu ſeiner Ergreifung geholfen. Se. Ehrwürden, Tordletexte, hatte kaum dieſen ungeſtümen Einfall wahrgenommen, als er auch das lebhafteſte Verlangen empfand, ſich davon zu machen. Während des kurzen Kampfes zwiſchen Miran und Henry war es ihm gelungen, verſtohlen und unbe⸗ merkt die Thüre des Bibliothekzimmers zu ge⸗ winnen. Aber gerade in dem Augenblick, da er hinaus wollte, traten ihm Joe und ſeine Begleiter entgegen. „Nein, Sie werden ſich nicht entfernen!“ rief Red Ralph, ihm mit der Behendigkeit einer wilden 73 Katze an den Hals ſpringend.„Ich habe Sie er⸗ wiſcht, und dieſes Mal werde ich Sie nicht los⸗ laſſen! Das wird eine famoſe Geſchichte zu erzählen geben, wenn ich nach Mortlake zurückkehre!“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Als Ellen wieder zum Bewußtſein kam, fand ſie ſich in den Armen von Doctor Orme, der ſie mit väterlicher Zärtlichkeit aufgehoben hatte und vor Freude weinte, daß er dieſen Schatz wieder ge⸗ wonnen. Henry, auf den Knieen ihr zur Seite, hielt eine ihrer Hände und betrachtete ſie mit einem Ausdruck triumphirender Liebe. Das berauſchende Glück dieſes Augenblicks erſetzte den armen Wanderer alle Qualen, die er erduldet atte. „Heffne die Augen!“ flüſterte er,„Engel der Standhaftigkeit und unerſchüttlichen Treue! die Zeit der Prüfung iſt vorüber und das Leben voll Ver⸗ heißungen und Freude wird beginnen!“ „Henty!“ ſtammelte das noch lebhaft erregte Mädchen,„Gott hat mein Gebet erhört. Dieſer Augenblick iſt kein Traum!“ Inzwiſchen hatte ſich Oberſt Mowbray von der Unruhe, in welche er verſetzt worden war, erholt. Die ſchreckliche, gegen den Indier geſchleuderte An⸗ 74 klage fiel indirect auf ihn ſelbſt zurück, und nach einigen Minuten Ueberlegung erkannte er, daß es klüger wäre, ſich an die Sache von Miran⸗Hafaz anzuſchließen, als ſie preiszugeben.. „Was bedeutet, ich bitte Sie, meine Herren!“ rief er,„dieſe außerordentliche Beſchimpfung? Mit welchem Recht haben Sie dieſes Haus im Sturm genommen und meinen Gaſt auf eine ſo empörende Weiſe behandelt?“ Henry Aſhton erwiderte dieſe Frage nur mit einem Zornesblick. Er war allzu ſehr von der Sorgfalt, womit er Ellen überhäufte, in Anſpruch genommen, als daß er einem ſo verächtlichen Weſen eine Antwort gab. „An mich müſſen Sie ſich wenden, Mr. Mow⸗ bray!“ ſprach Oberſt Butler, der mit Joe Beans in die Bibliothek getreten war;„denn auf einen von mir erlaſſenen Verhaftsbefehl iſt Das, was Sie einen Schimpf nennen, begangen worden!“ „Ich erbiete mich zur Caution für ihn!“ „Oberſt Mowbray muß wiſſen, daß man, wo es ſich um einen Mord handelt, keine Caution an⸗ nimmt, und daß das Geſetz zwiſchen dem Mörder und Dem, welcher ihn bezahlt, keinen Unterſchied macht. Ich muß Ihnen zudem bemerklich machen, daß das außerordentliche Intereſſe, welches Sie für einen Mann bezeigen, der eines ſo ſchrecklichen Ver⸗ brechens angeklagt iſt, unangenehmen Verdacht gegen Sie ſelbſt erregen könnte.“ 6 „Meine Pflicht gegen meinen Gaſt „Sie vergeſſen, was Sie Ihrem Sohn ſchuldig ſind, Sir!“ rief Henry Aſhton,„wenn der edle, 75⁵ hochherzige Walter wirklich Ihr Sohn war. Walter iſt durch die Hinterliſt dieſes Frevlers ermordet worden!“ „Was!.... Walter iſt todt?“ verſetzte Oberſt Mowbray erſtaunt. „Ja, todt beim Eintritt in das Leben, todt, ehe er die Schmach ſeines Vaters kennen lernte, todt, das Opfer des Werkzeugs von Miran⸗Hafaz.“ Die Gefühlloſigkeit, womit dieſe Nachricht aufge⸗ nommen wurde, beſtärkte Henry mehr und mehr in dem Gedanken, daß Walter Mowbray der Sohn von Sir William wäre. „Sie werden beſſer thun, ſich zurückzuziehen, Lady Mowbray!“ ſprach ihr Gatte, indem er einen bedeutſamen Blick auf ſeine Nichte warf.„Das iſt hier keine Scene für Sie!“ „Auch nicht für Ellen!“ ſetzte die argliſtige Frau hinzu, welche deſſen Abſicht vollkommen begriff. „Komm, meine Liebe, ich werde Dich wieder auf Dein Zimmer führen!“ Bei dem Ton dieſer Stimme drückte ſich die Waiſe an die Bruſt des ehrwürdigen Rectors. „Das werden Sie nicht thun, Madame!“ rief der würdige Mann.„Nach dem, was eben vorge⸗ gangen, kann die Abtei nicht mehr der Aufenthalt der Nichte von Sir William ſein.“„ Oberſt Mowbray glaubte ſich im Recht, Einſprache zu thun. Er wußte, daß die Entſcheidung des Kanz⸗ lers ihm die Vormundſchaft über ſeine Nichte zuer⸗ kannte. „Sie vergeſſen, Doctor Orme,“ ſagte er,„daß Miß Ellen de Vere nicht allein meine Nichte, ſondern 76 auch meine Mündel iſt. Ich werde nicht dulden, daß Jemand, wer es auch ſei, zwiſchen mich und meine geſetzliche Autorität trete!“ Und er trat herzu, in der Abſicht, Ellen aus den Armen ihres Beſchützers zu reißen. „Zurück!“ ſprach Henry mit ſtrengem Ton.„Be⸗ flecken Sie dieſelbe nicht mit Ihren Blicken! Beim Himmel! Es bedarf der ganzen Liebe, der ganzen Dankbarkeit, die ich Ihrem verſtorbenen Bruder ſchulde, um mich abzuhalten, Alles, was ich von Ihrem niederträchtigen, abſcheulichen Benehmen denke, Ihnen in's Geſicht zu ſagen!“ „Nun, nun, junger Mann!“ erwiderte Ellens Oheim ironiſch,„Sie vergeſſen ſich!“ „Sie werden vielleicht dieſelbe Bemerkung mir entgegenhalten,“ ſprach der Rector,„wenn ich Ihnen ankündige, daß, was auch geſchehen mag, Miß de Vere keinen Augenblick länger unter Oberſt Mow⸗ bray's Schutz bleiben wird. Nimm ſie, Henry!“ ſetzte er hinzu, das Mädchen unſerm Helden über⸗ laſſend.„Wir wollen ſehen, ob ihr Vormund die Autorität, womit ich bewaffnet bin, mißkennen wird!“ „Welche Autorität?“ wiederholte Lady Mowbray. „Iſt es die des Kanzlers?“ „Nein, Madame! Es iſt die des Verſtorbenen!“ Mit dieſen Worten näherte ſich der Rector dem Kamin, über welchem ſich der alte Wappenſchild mit der Deviſe der Mopbray zeigte. Er drückte auf die blutige Hand, nach des armen alten Martins In⸗ 4 ſtructionen, und der Verſteck wurde vor ihren Blicken 1 ſichtbar. „Was haben wir hier?“ fragte Oberſt Butler. 3 77 „Das Teſtament des verſtorbenen Sir William Mowbray!“ antwortete der Rector mit feierlichem Ton, indem er demſelben das Pergament mit ſeinen unverletzten Siegeln übergab.„Leſen Sie es, Oberſt; der Anblick der mir vertrauten Schriftzüge hat mich allzu ſehr aufgeregt, als daß ich die Wünſche und Willenserklärungen meines Freundes entziffern könnte; aber ich errathe ſie!“ Der Umſchlag enthielt außer dem Teſtament ein Billet von der Hand des Baronets, worin geſchrieben ſtand, er habe, von einer Ahnung geleitet, man möchte ſich ſeines Teſtaments zu bemächtigen ver⸗ ſuchen, die Vorſicht gebraucht, eine demſelben gleich⸗ lautende Abſchrift in einem Verſteck niederzulegen, der nur ihm und ſeinem treuen Diener Martin be⸗ kannt wäre, welcher wüßte, unter welchen Umſtänden er es an den Tag bringen dürfte. Das tiefſte Stillſchweigen herrſchte in der Biblio⸗ thek. Miran ſelbſt erwartete mit Ungeduld die letzte. Willensbeſtimmung des Mannes, welchen er ſo grau⸗ ſam hatte ermorden laſſen. Nachdem er ſeine Beſitzungen fideicommiſſariſch übertragen hatte, beſtimmte der Verſtorbene ein be⸗ trächtliches Legat ſeinem Adoptivſohn, Henry Aſhton, und ertheilte ſeine volle Zuſtimmung zu deſſen Heirath mit Ellen de Vere; er ernannte darauf ſeinen guten und getreuen Freund, den Rector von Carrow, zum Vormund der verwaisten Erbin. Eine kleine Rente ſollte jährlich an Oberſt Mow⸗ bray ausbezahlt werden, und eine viel größere an deſſen Sohn Walter. 78 Der Oberſt und ſeine Frau hatten Mühe, ihre Wuth und ihre Kränkung zu verbergen. „Dieſes Teſtament iſt das Werk eines unver⸗ ſchämten Fälſchers! rief der Oberſt.„Ich werde es angreifen!“ „Das können Sie!“ erwiderte der Rector gelaſſen, „inzwiſchen aber werde ich meine vormundſchaftlichen Rechte in Anſpruch nehmen! Miß de Vere wird bei mir bleiben, es müßte denn ſein, daß ſie die Wohnung ihres theuren Oheims vorzöge!“ ſetzte er mit einem Lächeln hinzu. Ellen klammerte ſich an ſeinen Arm an und küßte ihn mit der dankbaren Zärtlichkeit eines Kindes. Es wurde ſchließlich ausgemacht, Miran⸗Hafaz ſollte auf eine Nacht in dem Glockenthurm, wo ſein Mitſchuldiger eingeſperrt geweſen war, unter Ver⸗ ſchluß bleiben und am nächſten Morgen nach Nor⸗ wich gebracht werden, um ihn dort dem Gericht zu übergeben. Joe Beans und der Conſtabel erhielten gemeſſenen Befehl, ihn keinen Augenblick außer Acht zu laſſen. „Fürchten Sie nichts!“ antwortete der ehrliche „wir wollen über ihn wachen, Ralph und i Als Ellen, geſtützt auf ihren Geliebten und den Rector, die Bibliothek verließ, warf der junge Indier einen Blick ſo voll Schmerz und Verzweiflung auf ſie, daß ſie trotz Allem, was ſie von ihm zu leiden ge⸗ habt hatte, davon gerührt wurde. „Miran,“ ſprach ſie,„Gott rühre Ihr Herz und flöße Ihnen Reue ein, damit er Ihnen vergebe!“ Als ihre ſylphidenartige Geſtalt vrrſchwunden * 79 war, kam es dem Unglücklichen vor, als habe er den Anblick des Lichts verloren. Seine ganze Kraft verließ ihn, und er verwünſchte ſein Geſchick und den Stern ſeines Nebenbuhlers. Oberſt Mowbray und ſeine Frau zogen ſich zurück, ohne ein Wort mit ihm zu wechſeln; ſie waren allzu ſehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, um an ihm Theil zu nehmen. Der junge Mann lächelte bitter, jedoch ohne den Schmerz einer getäuſchten Erwartung zu empfinden: ſchon lange hatte er den Werth ihrer feilen Natur zu ſchätzen gelernt. Einige Augenblicke nachher meldete man ihm, der Wagen, welcher ihn nach ſeinem temporären Kerker bringen ſollte, ſei bereit. Als er durch den Vorſaal ſchritt, begegnete er der Aya, welche ſich, ein Raub heftiger Verzweiflung, ihm zu Füßen warf. „Fluchen Sie mir.... tödten Sie mich!“ rief „ich bin es, welche Sie zu Grunde gerichtet t Miran⸗Hafaz ging mit einem bittern Lächeln vor⸗ über; und Zara verhüllte ſich das Geſicht, um nicht Zeuge ſeiner Demüthigung und Schmach zu ſein. Mr. Elworthy blieb im Namen von Doctor Orme als Teſtamentsvollſtrecker in der Abtei zurück. Der Rector kehrte mit unſerem Helden, Ellen de Vere und Oberſt Butler nach dem Pfarrhaus zurück. Joe Beans, der Küſter und der Conſtabel be⸗ gleiteten Miran“ in ſeinen Kerker, um ihn bis zum Morgen zu bewachen. Bei ihrer Ankunft im Pfarrhauſe wurde Ellen von Suſanne, Mrs. Jarmy und dem ganzen Hauſe 80⁰ mit der größten Freude empfangen. Trotz ihrer Er⸗ ſchöpfung beſtand ſie darauf, Martin in ſeinem Zimmer zu beſuchen. Ihr Herz floß über von Dankbarkeit, zunächſt gegen Gott, der ihr zu Hilfe gekommen, und dann gegen den alten Stallknecht, welcher das vom Himmel erwählte Werkzeug geweſen war. Die verdunkelten Augen des Greiſes bekamen einen Theil des alten Glanzes wieder, als die Richte ſeines theuren Herrn ihre bleichen Lippen auf die welke Hand deſſelben drückte, ihm dankend und ihn ſegnend, daß er ſie durch Angabe des Ortes, wo ſich das Teſtament befand, von der Vormundſchaft ihres unwürdigen Oheims befreit hatte. „Ihr habt von Eurer Dankbarkeit gegen die Lebenden und Eurer Treue gegen die Todten einen ſchönen Beweis geliefert,“ ſagte ie. „Noch nicht!“ murmelte der Greis mit einem bedeutſamen Lächeln.„Ich habe Etwas gethan, aber nicht Alles!.... Maſter Harry,“ ſetzte er, an unſern Helden, der Ellen begleitet hatte und am Fuß des Bettes ſtand, ſich wendend, hinzu,„Maſter Harry, wie haben Sie mir eines Tags geſagt, daß jene ſeltſame ſtachelige Pflanze heiße, Jahre lebt, ehe ſie zur Blüthe gelangt hernach ſogleich abſtirbt?“ „Sie heißt Alo, Martin.“ „Ich habe Ihnen geſagt, ich gliche jener Pflanze.“ „und „Id. „Ich habe erſt eine Knoſpe, die noch nicht zur Blüthe geworden iſt; aber ſie wird bald blühen. Ich fühle es.... ich weiß es. Ich werde es noch erleben, den Sohn meines Herrn im Beſitz des hundert 81 Herrſchaftsgutes ſeiner Vorfahren zu ſehen; worauf der alte Martin ſein Geheimniß offenbaren und in Frieden ſterben wird, gleich der verblühten Alos.“ „Welches Geheimniß?“ „Wenn die Stunde und der Erbe gekommen ſind, werde ich reden. Bis dahin iſt das Grab nicht ſtummer, als Martin.“ Es war unmöglich, mehr aus ihm herauszubrin⸗ gen; er drehte ſich nach der andern Seite um und ſchickte ſich an, zu ſchlafen, denn es würde die Zeit kommen, ſagte er, wo man ſeiner ganzen Kraft und ſeines ganzen Gedächtniſſes benöthigt ſein dürfte. Wie ſüß war dieſe Nacht Ellens Schlaf! Wie angenehm und ruhig waren ihre Träume! Suſanne wachte an ihrem Bette bis zum Morgen. „Willſt Du, daß ich es Dir ſage, Philipp,“ ſprach zu ſeinem Bruder der würdige Farmer Aſhton, als ſie dem Rector gute Nacht gewünſcht hatten und nun ſich nach dem Pachthof wandten,„ich begreife Dich durchaus nicht!“ Der Khan lächelte. „Du haſt nicht die Liebe in Dir, welche die Natur einflößt!“ fuhr der würdige Mann fort.„Als ich ſah, wie ſich der edle Harry benahm, hätte ich ihn an mein altes Herz drücken können, während Du, Du, der Du ſein Vater biſt, ſtehen bliebeſt, kalt und unbeweglich wie ein Stein! Ich bin über⸗ zeugt, das Kind argwohnt Etwas. Er wird mor⸗ gen auf die Farm kommen. Er wird mich fragen, und ich kann ich kann ihm keine Lüge ſagen.“ „Ich kann Dir nur wiederholen, was ich Dir Die Abtei Carrow. MW. 5 82 bereits erklärt habe. Es iſt für ſeine Sicherheit nöthig, daß er nicht als mein Sohn erkannt werde.“ „Aber er iſt als ſolcher erkannt, Philipp.“ „Von wem?“ fragte der Renegat. Der Farmer ſchien verlegen. „Von Deiner Frau, vermuthe ich?“ „Was wollteſt Du, daß ich thun ſollte? Sie war unruhig! Es hat immer das größte Vertrauen zwiſchen uns beſtanden, ſo daß ich.. Du ihr geſagt haſt, ich ſei Dein Bruder.“ „Vll⸗ „In dieſem Fall muß ich Henry Aſhton am Morgen ſehen. Matthäus, Deine Indiscretion wird eine Erklärung hervorrufen, welche für uns Beide verhängnißvoll ſein kann!“ Achtundbreiigſtes Kapit. Die Natur iſt niemals ruhiger, als nach einem heftigen Sturme. Derſelbe Fall war es mit Miran⸗ Hafaz, als er ſich in ſeinem Kerker eingeſchloſſen ſah. „So endet der Traum meines Lebens!“ murmelte er,„Liebe, Ehrgeiz, eine nützliche und ehrenvolle Laufbahn, Alles, was der Menſch ſchätzt, hat auf dem Meer der Leidenſchaften Schiffbruch gelitten!.. Bereue ich die Vergangenheit? Nein! Die Reue 83 iſt für die Dummköpfe oder für die Feiglinge, welche ſich gegen ihr Schickſal anzukämpfen ſcheuen, es iſt das unnützeſte Gefühl des menſchlichen Herzens. Was mich betrifft, ſo habe ich eine eiſerne Natur! Ich werde dem Geſpenſt des Todes in's Geſicht ſchauen und ſeinen Schreckniſſen Trotz bieten! Ich werde ihn ſehen, aber nicht auf die Weiſe, wie ſich meine Feinde einbilden. Nein; die Hand des Henkers wird niemals meinen Körper beflecken. Mein verabſcheuter Nebenbuhler wird mich niemals das Schaffot beſteigen ſehen. Miran⸗Hafaz wird auf eine ſeiner würdige Weiſe endigen!“ Entſchloſſen, zum Selbſtmord ſeine Zuflucht zu nehmen, ſchaute er um ſich, um zu ſehen, welche Mittel er zur Erreichung ſeines Zweckes anwenden könnte; es blieb ihm weder Dolch, noch eine Waffe irgend einer Art: die, welche ihn gebunden, hatten ihm ſorgfältig jedes Werkzeug des Todes geraubt. Er beſaß nichts mehr als ſein mit Banknoten voll⸗ gepfropftes Portefeuille und am Finger den koſtbaren Ring, das letzte Geſchenk der Begum. Er ſchaute ſie einige Augenblicke ſchweigend an. Er hätte gern Alles hingegeben, Diamant und Bank⸗ noten, für eine Waffe, welche ihm geſtattete, dem Schickſal, wovon er bedroht war, zu entgehen. Inzwiſchen hielten Joe Beans und der Küſter, Red Ralph und der Conſtabel Wache in dem Gemach des unmittelbar darunter gelegenen Stockwerks. „Hört!“ ſagte Joe Beans,„wie ſein Schritt ungeduldig den alten Bretterboden mißt! Wenn er ſich ſo von Mauern eingeſchloſſen ſieht, muß er die Unruhe eines Tigers im Käſig empfinden. Ach! ich 84 will viel lieber der arme Jode Beans mit einem guten Gewiſſen, als der reiche Miran⸗Hafaz ſein.“ „Ganz gewiß,“ erwiderte der Küſter,„beſonders mit der Ausſicht, die er vor ſich hat: Kerker, Proceß und Tod!“ „Denken Sie, daß er gehängt wird?“ fragte Ralph. „Das iſt mehr als wahrſcheinlich,“ antwortete der Conſtabel;„ich habe Oberſt Butler und Mr. Elworthy ſagen hören, daß er in einer ſchlechten Haut ſtecke!“ In dieſem Augenblick klopfte man ſtark an die Thüre. Joe Beans öffnete ſie gegen den Willen ſeiner Genoſſen, und ſein gutes Herz wurde bewegt, als er die Indierin erkannte. „Was wollen Sie?“ ſagte er zu ihr.„Kehren Sie in die Abtei zurück, Zara, oder in das Pfarr⸗ haus, zu Miß Ell len; ſie hat ein gutes, mitleidiges Herz und. „Ich kann nirgends mehr hingehen, als hieher; meine Wohnung iſt bei Miran, den ich mit meiner Milch genährt habe,“ fiel die Aya ein.„Ich hätte ihn im Glück und Wohlſtand verlaſſen können, aber nicht im Unglück!.... Ich weiß, daß meine Empfindungen, meine Gedanken und meine Sprache Euch fremd erſcheinen; meine Haut hat nicht einmal die Farbe der Eurigen, aber mein Herz iſt ſo ge⸗ fühlvoll wie Euer Herz! Laßt mich Miran ſehen! Ich habe ihn verrathen, ich habe ihn ſeinen Fein⸗ den, der Schmach, vielleicht dem Tode überliefert! Aber ich muß ihn ſehen; ich kann nicht ſterben, ohne ſeine Verzeihung erhalten zu haben!“ —— „Sterben!“ ſprach Joe, der fühlte, wie ſein Ent⸗ ſchluß bei der Stimme dieſer Verzweiflung zu wanken begann.„Warum ſterben? Miß Ellen wird wohl Sorge für Sie tragen!“ „Ich werde bald Niemand mehr bedürfen!“ rief die Indierin;„das Einzige, um was ich bitte, iſt, mein Kind zu ſehen.“ „Unmöglich! Es iſt verboten.“ „Für eine Liebe, wie die meinige, iſt nichts un⸗ möglich!“ „Es iſt mir abſolut verboten, ihn mit irgend Jemand, wer es auch ſei, in Communication treten zu laſſen!“ „O!“ fuhr Zara fort, ſich Joe zu Füßen wer⸗ fend,„Du, der Du von einer Frau geboren biſt, habe Erbarmen mit den Leiden einer Frau! Du kannſt die Aufopferung einer indiſchen Amme für das Kind, welches ſie aufgezogen hat, nicht be⸗ greifen! Ich habe Ellen gerettet, ich habe ſie Dem zurückgegeben, welchen Du Deinen Freund nennſt. Alles, was ich dafür von Dir erbitte, iſt, mich nur einige Augenblicke mit Dem unterhalten zu können, deſſen Vertrauen ich verrathen, deſſen Herz ich ge⸗ brochen habe!“ „Sie wollen ihn ſehen!“ wiederholte Joe in einem Ton, welcher anzeigte, daß er mit ſich ſelbſt zu Rathe ging,„und allein, vermuthe ich?“ „Allein oder in Gegenwart eines Andern, viel,“ erwiderte Zara,„wenn ich ihn nur ehe! „Wohlan, Sie ſollen ihn ſehen!“ ſprach der 86 junge Mann mit Feſtigkeit,„trotz Allem, was der Conſtabel und der Küſter ſagen mögen!“ Die Augen der Flehenden erglänzten eine Se⸗ cunde in lebhaftem Schimmer; im nächſten Moment wurden ſie wieder ruhig und düſter. „Folgen Sie mir,“ nahm Ioe wieder das Wort,„ich will Sie zu Miran⸗Hafaz führen.“ Ungeachtet der Einwendungen ſeiner beiden Ge⸗ noſſen hielt er ſein Verſprechen. Sie beſtanden jedoch Vorſichts halber darauf, nicht allein Zara zu begleiten und der Zuſammenkunft beizuwohnen, ſondern auch dieſelbe auszuſuchen. Die Indierin unterwarf ſich mit geringſchätziger und gleichgültiger Miene dieſen demüthigenden Bedingungen. Man konnte bei ihr weder eine Waffe, noch ein Arznei⸗ mittel, noch ein Werkzeug irgend einer Art finden⸗ Selbſt Ralph, der allen ihren Bewegungen folgte, entdeckte Nichts, was ſeinen Verdacht erregte. „Ich hoffe, Ihr ſeid nun zufrieden geſtellt?“ ſagte Joe Beans zu dem Conſtabel und dem Küſter. mit prophetiſcher Miene, ſeinen grauen Kopf ſchüt⸗ „Ich verſtehe Richts davon,“ erwiderte dieſer telnd;„ſo oft irgend ein Unglück im Anzug iſt, könnt Ihr ſicher ſein, daß eine Frau dabei irgendwie die Hände im Spiel hat!“ Nach dieſer wenig galanten Bemerkung endigte aller Widerſpruch, und die Geſellſchaft ſtieg die Treppe, welche in den erſten Stock führte, hinauf. Der Conſtabel hatte kaum die Thüre geöffnet, ſo ſtürzte Zara in das Zimmer, fiel auf die Kniee und blieb, die Arme über der Bruſt gekreuzt, unbeweglich wie . 87 eine Statue zu den Füßen Deſſen, dem ſie einſt Amme geweſen war. Die Wächter hatten ſie nur begleitet, um zu verhüten, daß ſie dem Indier nicht irgend ein Wertzeug des Todes einhändige, und um ihm keine Ausſicht zu irgend einem Entweichungsverſuch zu laſſen, hatten aber nicht das geringſte Verlangen, der Unterhaltung zwiſchen ihr und dem Gefangenen zuzuhören. Sie zogen ſich alſo in einen Winkel des Gemachs zurück, ſich begnügend, ſie ſtillſchweigend zu überwachen. „Zara!“ ſprach der Gefangene,„woher dieſer Schmerz? Kommſt Du,“ ſetzte er bitter hinzu, „um Zeuge meiner Erniedrigung zu ſein? Um Ellen und dem Nebenbuhler, dem Du mich verkauft haſt, die unmächtige Verzweiflung und Reue von Miran⸗Hafaz zu berichten?“ 13 Die Amme erhob ſich langſam. Sie hatte das Ausſehen majeſtätiſcher Würde, welches nicht bloß zum Schein angenommen ſein konnte. „Muß ich Dir ſagen, was mich hieher geführt hat, Miran? Ich bin gekommen, um mit Dir zu ſterben.“ „Mit mir zu ſterben!“ rief der Indier;„mit mir, Zara! Wiederhole dieſe Worte; denn ſie ſchließen in ſich, daß Du mir die Mittel liefern wirſt, meine Feinde zu täuſchen, ihnen den ſchönſten Theil ihres Triumphes zu rauben, dem Galgen der Schmach zu entgehen!“ „Und dachteſt Du,“ ſagte die Aya im Tone des Vorwurfs,„dachteſt Du, es wäre mir möglich, Dich zu verlaſſen? Sie haben mich ausgeſucht, Miran, —— — . 88 als ich durch meine Bitten, meine Thränen, mein Flehen dieſe verwünſchten Kerkerknechte dahin brachte, mich zu Dir zu führen; aber ſie haben weder Eiſen, noch Gift bei mir gefunden, und doch bin ich be⸗ waffnet und kann einen ſo raſchen Tod geben, wie die giftigſte Schlange.“ Bei dieſen Worten hob die Aya ihre Hand ſo, daß das Licht der am Gewölbe hängenden Lampe voll auf dieſelbe fiel. Die Augen funkelten, als er unter dem Nagel des Daumens ſeiner Amme einen Flecken von tiefem Purpurroth entdeckte. Es war das„Urari,“ das feinſte der bekannten Gifte, deſſen Wirkungen ſo ſchrecklich ſind, daß die Indier, welche es bereiten, ſich ſelten einer andern Waffe, als eines in ſeinen tödtlichen Saft getauchten Schilfrohrs bedienen. Es iſt eine wohlbekannte Thatſache, daß ſie oft ihre Feinde durch einen ein⸗ fachen, von dem mit dieſem Gifte bewehrten Nagel gemachten Ritz tödten. Die Wunde hat einen bei⸗ nahe augenblicklichen Tod zur Folge. „Das Urari?“ fragte er. n „. „Zara,“ rief der junge Mann,„ich verzeihe Dir Alles um dieſes Triumphes willen über meinen Nebenbuhler, über die Spöttereien der Welt, über den Haß Ellens! Das edelſte Blut Indiens darf nicht vergoſſen werden, wie das eines gemeinen Verbrechers.“ „Rirmals!“ murmelte die Aya, niemals!“ „Ich habe Niemand in dieſem Lande, det mich betrauert, Niemand außer Dir!“ — 8 S— 89 „Du vergiſſeſt, Miran,“ erwiderte Zara im Tone des Vorwurfs,„daß ich mit Dir ſterbe“ Dieſes Geſpräch wurde hindoſtaniſch geführt, und natürlich verſtanden weder Joe noch ſeine Be⸗ gleiter davon ein Wort. Als die Amme den Arm erhob, um das Gift zu zeigen, fragte Red Ralph mit leiſer Stimme, ob die ſchwarze Frau den Teufel beſchwören wolle! „Still!“ verſetzte Joe;„ſo ſtrafbar ſie auch ſind, wollen wir ſie nicht verhöhnen!“ „Ich habe keine Luſt, ſie zu verhöhnen,“ ſagte der Junge,„ſondern nur den Indier hängen zu ſehen!“ „Schöne Welt, lebe wohl!“ ſprach Miran mit einem Seufzer;„es drängt meinen Geiſt, frei zu ſein. Ich habe gegen das Schickſal gekämpft, aber die eiſerne Hand, welche die Welt regiert, hat ſich zu ſtark für mich gefunden! Ich habe die Schlacht verloren, aber ich werde meine Niederlage nicht be⸗ klagen!.... Jetzt, Zara,“ fügte er hinzu,„ver⸗ richte das Amt eines Opferprieſters der alten Zeiten! Der Altar iſt bereit und das Opfer willigt ein.... Wir müſſen eilen; unſere Späher fangen an, uns argwöhniſch zu betrachten. Zara, ich habe in Deinen Armen meinen erſten Schlaf gekoſtet, in Deinen Armen will ich auch jetzt meinen letzten ſuchen.. Was fürchteſt Du?“ „Nichts für mich!“ „Es wird bald Tag werden!“ ſagte Joe Beans, dem die lange Dauer dieſer Unterhaltung allmälig Unruhe einflößte.„Es iſt Zeit für Sie, ſich zu trennen!“ 90 Zara warf ihm einen ſo ſtrafenden Blick zu, daß der ehrliche Burſche unwillkürlich erbebte. Sie ſchaute rings um ſich, als ob ſie gehofft hätte, irgend ein Mittel zu finden, um dem ſchrecklichen Ziele, worauf ſie ſich vorbereitet hatte, zu ent⸗ gehen. „Iſt das Dein Muth?“ fragte Miran ruhig. „Gott befohlen!“ rief ſie, die Arme öffnend, um ihn aufzunehmen,„Gott befohlen! aber nicht für immer! Mein Geiſt wird ſeinen Flug mit dem Deinigen beginnen!“ Nur einen Augenblick ſchloß die ihm ſo innig ergebene Frau ihn an ihr Herz und machte dann ihm mit dem Nagel einen leichten Ritz am Hals, unmittelbar unter dem Ohre. „Sie brauchen lange Zeit, ſich zu umarmen ſagte Red Ralph. 5 „Ihr müßt jetzt gehen!“ rief der Conſtabel. „Ich bin bereit,“ verſetzte die Aya, Euer Gefangener iſt Guch entkommen!“ „Entkommen?“ „Ja, er iſt todt.“ Sie öffnete die Arme und der Leichnam von Miran⸗Hafaz gleitete ſanft zu ihren Füßen nieder. „Was iſt das?“ fragte Joe von Schrecken be⸗ troffen. „Ich ſagte es Ihnen ja, daß ſie ihre Beſchwé⸗ rungen machte!“ flüſterte Red Ralph, ihn am Rock ziehend. F „Euer Opfer iſt Euch entgangen!“ rief gär in einem Ton, worin ſich Triumph und Verzweiflung mnſchten.„Sein Herz und ſein Geiſt genießen beide die Ruhe! Kommt nicht näher; keine Hand als die meinige berühre ſeine vergänglichen Ueber⸗ reſte!“ „Einen Arzt! Man hole einen Arzt!“ ſagte der Conſtabel. „Oder vielmehr den Oberſt Butler!“ ſetzte der Küſter hinzu. „Wahnſinnige!“ erwiderte die Aya;„verſucht lieber die von dem Stiele, welcher ſie trug, abge⸗ riſſene Blume wieder darauf zu ſetzen! Miran iſt Euren Geſetzen, Eurer Gerechtigkeit entgangen! Seine Feinde werden nicht die Freude haben, die Schmach und Erniedrigung des Abkömmlings einer langen Linie von Fürſten zu ſehen! Er iſt bereits kalt, kalt wie mein Herz!“ Ueberwältigt von Schmerz, ſetzte ſich die Indierin auf den Fußboden des Kerkers und begann mit der Zärtlichkeit einer Mutter die Glieder Deſſen, den ſie als Kind genährt hatte, zurecht zu legen. Es lag ein ſtolzes Lächeln auf den halbgeöffneten Lippen Mirans, wie wenn ſein letzter Gedanke, ſein letztes Gefühl eher ein Gefühl des Triumphs, als der Niederlage geweſen wäre. „Laſſen wir ſie hier!“ ſagte Joe traurig;„ſie kann nicht entfliehen.“ Seine Genoſſen waren allzu beunruhigt durch den geheimnißvollen Tod ihres Gefangenen, als daß ſie Hand an die Aya zu legen wagten, welche ihnen großen Schrecken einflößte. Für ihre abergläubiſchen Einbildungen war ſie mit einer übernatürlichen 92 Kraft begabt. Sie ſchloſſen ſorgfältig die Thüre hinter ihr und ſtiegen in den untern Stock hinab, Zara allein bei dem Todten laſſend. Neununddreißigſtes Kapitel. „Ich habe Ihnen ja geſagt,“ nahm Red Ralph, ſobald ſie ſich geſetzt hatten, das Wort,„daß die ſchwarze Frau den Teufel beſchwören wolle! So wird es alſo Allem nach,“ ſetzte er mit einem Ton getäuſchter Erwartung hinzu,„nur den Alten zum Hängen geben!“ Henry und Ellen gingen langſam im Garten des Pfarrhauſes auf und ab, indem ſie von der Vergangenheit und der Zukunft, von den Todten und den Lebenden, hauptſächlich aber von ihrer Liebe ſchwatzten. Inzwiſchen näherte ſich Joe langſam. Als die Spazierengehenden ihn bemerkten, wurden ſie von dem demuthsvollen und beſtürzten Ausſehen des armen Jungen betroffen. Er glich einem treuen Hunde, der ſich eines Fehlers bewußt iſt und ge⸗ ſcholten zu werden erwartet. Mit einer gleichzeitigen Bewegung boten ſie ihm die Hand, aber Joe war es um's Herz zu ſchwer, als daß er dieſe liebevolle Geberde zu erwidern wagte. 93 „Ich habe mit Dir zu ſprechen, Maſter Harry,“ ſprach er, ſeine Mütze abnehmend, um das junge Fräulein zu grüßen. „Du kommſt gerade recht, Joe; denn wir ſpra⸗ chen eben von Dir und Deiner Treue!“ „Ach! das iſt's eben, daß ich nicht treu bin; ich habe Dein Vertrauen verrathen.“ „Mein Vertrauen verrathen!“ wiederholte Henry. „H! Du haſt Dich doch nicht überreden laſſen zum Losgeben des.... nein, nein; es hieße Dir Un⸗ recht thun, nur einen Augenblick eine ſolche Ver⸗ muthung feſtzuhalten! Dein Gefangener iſt....“ „Noch in dem Glockenthurm,“ ſetzte der junge Mann hinzu, indem er Henry ein Zeichen machte, daß er ihn gllein zu ſprechen wünſchte. Nachdem er Ellen auf eine Bank geführt hatte, kehrte unſer Held zu Joe zurück. „Nun,“ ſprach er,„was iſt geſchehen?“ Nebenbuhler iſt todt, Maſter Harry!“ „Todt?“ „Das iſt meine Schuld, ja, meine Schuld, wahr⸗ haftig. Der Conſtabel, der Küſter, Ralph und ich, wir hielten zuſammen in dem alten Thurm Wache; die Nacht war rauh!“ „Aber der Gefangene, der Gefangene!“ „Die Indierin kam und klagte ſo jämmerlich, daß ich ihr eine Unterredung mit Miran⸗Hafaz nicht abſchlagen konnte. O! es war einzig meine Schuld; mich allein mußt Du tadeln, Maſter Harry.“ „Ich tadle Dich nicht; ich erwartete vielleicht etwas mehr Vorſicht von Deiner Seite.“ 94 „An der Vorſicht hat es nicht gefehlt. Wir haben die Frau ausgeſucht, ehe wir ſie eintreten ließen; ſie hatte weder Meſſer, noch Strick, noch irgend etwas Verdächtiges; überdieß ſind wir bei ihrer Unterredung gegenwärtig geweſen.“ „Und Du ſagſt, daß er todt iſt!“ „Ich begreife nichts davon,“ erwiderte Joe; „ſie hat ihn nirgends verwundet, und doch iſt er todt! Das Einzige, was man ſieht, iſt ein leichter Ritz unter dem Ohr, und es iſt ohne Zweifel das Werk des Teufels!“ Unſer Held erinnerte ſich, daß die Otomae⸗ Indianer ſich oft den Nagel am Daumen mit dem Saft des Urari vergiften und der geringſte Ritz den Tod verurſache. Er wußte, daß die Aya wie die meiſten Frauen des Hrients in der Wiſſenſchaft der Gifte bewandert war, und zweifelte nicht, das Mittel errathen zu haben, welches ſie angewandt hatte, um Miran⸗Haſaz einem ſchmachvollen Tod zu entziehen. „Das wolle Gott nicht, Joe,“ ſagte er, ihm die Hand reichend,„daß ich Dich tadle, der Stimme der Menſchlichkeit Gehör, der Stimme Deines eige⸗ nen Herzens Gehör gegeben zu haben! Wer hätte Das, was geſchehen iſt, vorausſehen können? Er iſt todt, die Erinnerung ſeiner Verbrechen möge mit ihm untergehen!“ „Und Du verzeihſt mir?“ „Ich habe nichts zu verzeihen; aller Zorn er⸗ löſcht am Rande des Grabes.“ Dieſe wenigen Worte befreiten Joe Beans von einer ſchweren Laſt. Noch nie hatte Etwas ſeinen 95 Geiſt ſo ganz außer Faſſung gebracht, wie dieſer Tod von Miran⸗Hafaz. In ſeiner Einfalt war er geneigt, ihn einer Zauberei zuzuſchreiben. „Und Du begreifſt, wie es gekommen iſt, Maſter Harry?“ „Ich begreife es.“ „Meiner Treu! Ich glaube, Du weißt Alles. Ach! um das Griechiſche muß es eine koſtbare Sache ſein.“ Gerade wie der Farmer und ſeine Frau ſchrieb der ehrliche Joe dem Studium des Griechiſchen die geiſtige Ueberlegenheit unſeres Helden und Alles zu, was er an ſeinem Betragen nicht begreifen konnte. „Du wirſt wohl daran thun, Dich zu Doctor Hrme zu begeben,“ ſagte Henry,„Du wirſt ihn in der Bibliothek finden; ich werde in einem Augen⸗ blick wieder bei Euch ſein!“ Zu der Stelle zurückkehrend, wo er die Waiſe gelaſſen hatte, bemerkte Henry an ihrer unruhigen Miene, daß ſie die Nachricht, welche er ihr zu brin⸗ gen hatte, zur Hälfte errieth. Er faßte ſie bei der Brn ſah ſie zärtlich an und flüſterte ihr in das „Wenn Du hinfort beteſt, Ellen, erinnere Dich, daß es einen Menſchen gibt, der Deiner Fürbitte bei dem Gott der Barmherzigkeit bedarf, und welche Bitten ſollten günſtiger aufgenommen werden, als die von dem Mädchen, welches ſeine wüthen⸗ den Leidenſchaften eines zweiten Vaters beraubt haben?“ „Iſt Miran dem Tode nahe?“ ſtammelte ſie. 96 Ihr Geliebter ſchwieg ſtill. „Ah! er iſt ſchon todt!“ Henry trocknete mit einem Kuß die Thränen, wovon dieſe Worte begleitet waren. „Gott vergebe ihm, wie ich ihm vergebe!“ flüſterte Ellen. Doctor Orme war weder über Mirans Tod, noch über die wilde Treue ſeiner Amme überraſcht. In ſeinem langen einſiedleriſchen Leben war die Wiſſenſchaft nicht ſein einziges Studium geweſen; er hatte auch das Myſterium, welches menſchliches Herz genannt wird, zu analyſiren gelernt. Inzwiſchen hatte Zara alle die alten Sargbretter und die zerbrochenen Kirchenſtühle, die man ſeit Jahren in dem Kerker zuſammengeworfen, auf ein⸗ ander gehäuft. Zu oberſt legte ſie den Leichnam von Miran⸗Hafaz, zundete den improviſirten Scheiter⸗ haufen an und ſetzte ſich an die Seite deſſen, dem ſie in ſeinen Kinderjahren Amme geweſen war. Als man den Brand entdeckte, wären die beiden Körper ſchon lange in Aſche verwandelt. Vierzigſtes Kapitel. Wir hoffen, daß unſere Leſer Mat Cowls, den Henker, nicht vergeſſen haben, den wir in einem Zeit⸗ 6 97 punkte verließen, da er gerade von der ſchlechten Behandlung ſich zu erholen begann, welche er durch den Kaninchenwärter in der Nacht von deſſen Flucht aus Newgate erlitten hatte. „Ei, Mat!“ ſagte einer der Wächter, eben der⸗ jenige, welcher ſich durch die Freigebigkeit und Fröm⸗ migkeit des alten Davids hatte hintergehen laſſen, „wißt Ihr die Neuigkeit?“ „Hat man ihn erwiſcht?“ fragte der rachſüchtige kleine Mann, indem er ſich mit Mühe von ſeinem Bett auf der Krankenſtube aufrichtete. Der Schließer nickte bejahend. „Ah!“ rief Mat mit einem Gluckſen der Freude, welches zwiſchen dem Pfeifen der Schlange und dem Schrei der Hyäne die Witte hielt,„ich wußte wohl, daß man ihn wieder bekommen würde; ich habe alle Nacht davon geträumt, und meine Träume gehen gewöhnlich in Erfüllung. Wann wird er zurück⸗ kommen?“ „Holla, Mann,“ ſagte der Schließer,„er wird in Rorwich wegen eines andern Verbrechens vor Gericht kommen.“ „So wird man ihn alſo nicht nach Newgate zu⸗ rückbringen?“ „Nein.“ „Dann muß ich nach Norwich!“ ſagte er mit einer Miene feſter Entſchloſſenheit.„Ich habe Lane(dieß war der Name des Henkers zu Norwich) einmal einen Dienſt geleiſtet; jetzt iſt die Reihe an ihm!“ „Was wollt Ihr ſagen?“ „Daß ich keinen Augenblick mehr Ruhe hätte, Die Abtei Carrow. Iv. S 98 wenn ein Anderer als ich dieſen Will Sideler hän⸗ gen würde!“ „Aber Ihr ſeid krank!“ „Ich werde bald beſſer ſein. Ich fühle es! Die Nachricht, die Ihr mir gebracht, hat mir beſſer ge⸗ than, als all die Arzneimittel des Doctors.“ Mat Cowls hielt Wort. Fünf Tage vor Eröff⸗ nung des Geſchwornengerichts fuhr er mit einem Wagen nach Norwich ab. Wiewohl der Sitzungsſaal gedrängt voll war, denn die Ermordung von Sir William Mowbray hatte eine große Senſation in der ganzen Grafſchaft erregt, fand der Nachrichter doch Mittel, ſich einen Platz auf einer der Tribünen gegenüber von dem Angeklagten zu verſchaffen. Er war in der offen⸗ baren Abſicht, ſich gut zu unterhalten, gekommen, denn in dem kleinen Körbchen neben ihm befand ſich eine Papiertüle voll Sandwichs*) und eine Flaſche von ſeinem Lieblingsgetränk, halb Gin halb Waſſer. Sein Glück wäre vollſtändig geweſen, wenn er die Erlaubniß gehabt hätte, ſeine Pfeife zu rauchen. Der Kerkermeiſter Johnſon und ſeine Gehülfen führten den Gefangenen einige Minuten, ehe der Richter auf ſeinem Sitz Platz genommen hatte, herein, um die Neugierde des Publikums zu befriedigen. Sideler, auf welchen ſich alle Augen hefteten, ließ ſeine Blicke mit feſter, kecker Miene rings im Saal herumlaufen. Die Zuverſicht ſeines Advocaten hatte ihm Hoffnung gegeben; jener dachte nicht, daß 6 Schinkenbutterbrödcheu. 99 die Jury den Angeklagten auf das bloße Zeugniß des armen alten Martin, den er als irrſinnig zu behandeln ſich vornahm, verurtheilen würde. Was ihn am meiſten beunruhigte, war der Rich⸗ ter, welcher ſelten ein für die Freiſprechung günſti⸗ ges Reſumé gab. Sobald der Kaninchenwärter auf ſeinem Platz angekommen war, heftete Mat Cowls mit unend⸗ lichem Haſſe die Augen auf ihn. Es lag etwas Schreckliches und Spöttiſches in ſeinem Blick, wel⸗ cher zu ſagen ſchien:„ich werde Dich dennoch hän⸗ gen!“ Der Gefangene hatte kaum dieſen Schlangen⸗ blick aufgefaßt, als ſeine kecke, zuverſichtliche Miene der Verzweiflung Platz machte. Beinahe Jedermann bemerkte dieſe Veränderung, aber Niemand argwohnte die Urſache davon. Der Henker nickte mit dem Kopf und lächelte und erfreute ſich königlich an Sidelers Beſtürzung. „Da!. da!“ ſagte der Gefangene zu ſeinem Rechtsbeiſtand. „Was gibt es denn?“ „Sehen Sie jenen Mann?“ .“ „Er muß fort von hier!“ „Fort von hier!.... Und unter welchem Vor⸗ wand? Iſt es ein Zeuge?“ „Nein.“ „Dann, mein lieber Sir, iſt es mir unmöglich, ihn von da zu entfernen, er müßte ſich nur ſchlecht aufführen.“ 8 „Ich ſage Ihnen, er muß fort!“ ſagte der Ge⸗ fangene noch dringlicher, als zuvor.„Man kann — 100 mich nicht richten, ſo lang er da iſt. Ich werde nie darein willigen. Sein bloßer Anblick macht mich wahnſinnig!“ „Aber was haben Sie denn gegen ihn?“ „Es iſt der Henker!“ Und der Kaninchenwärter bedeckte ſich das Ge⸗ ſicht mit den Händen. Der Rechtsmann erhob die Augen und betrachtete aufmerkſam Mat Cowls. Dieſer gab ihm den Blick mit der unzerſtörbarſten Kaltblütigkeit zurück; er hatte große Achtung vor Leuten dieſes Berufs und pflegte zu ſagen, es ſeien ſeine beſten Freunde. „Ah! wahrhaftig! das iſt ziemlich ſonderbar 16 ſprach der Rechtsbeiſtand. „Das iſt ſchrecklich!... ſchrecklich!“ murmelte der Mörder. „Mein lieber Sir, ich muß geſtehen, die Sache iſt ziemlich außer der Ordnung; aber laſſen Sie ſich vas nicht anfechten. Es kann ſelbſt das Mittel geben, daraus Vortheil zu ziehen; ich ſehe darin eine beredte Anſprache an die Jury, ein Beben des Schreckens, welches das Publikum durchläuft, die Sympathie der Menge für den Angeklagten! Ein Unglück iſt, daß der Advocat der Krone das Recht der Replik hat.“ Zo dieß war ein Unglück, wie die Folge lehren wird. Während der Prpceßverhandlung wandte der Kaninchenwärter beharrlich ſeine Blicke ab, um ſei⸗ nen Feind nicht zu ſehen; und mir wenn ein ſeiner Saché günſtiger oder ungünſtiger Punkt discutirt wurde, begegneten ſich ihre Augen zuweilen, und 101 auch dann nur einen Moment, denn das Geſicht des Henkers bewahrte ſeinen ironiſchen Ausdruck. Nachdem die Anklage⸗Acte verleſen war, wurde der Gefangene zur Erklärung aufgefordert. „Nicht ſchuldig,“ antwortete er. „Hem... hem!“ machte der Henker. „Wie wollt Ihr gerichtet werden?“ „Durch Gott und mein Land,“ antwortete Sideler nach der gewöhnlichen Formel. „Gott ſchicke Euch alſo eine glückliche Erlöſung!“ ſetzte der Gerichtsſchreiber für Verſetzung in Anklage⸗ ſtand mit näſelndem, gleichgiltigem Ton hinzu, indem er dem Richter die Unterſuchungsacten mit mehreren andern Papieren übergab.. Dießmal hörte man anſtatt des„Hem hemi“ eine Art von Gluckſen unter der Menge: der Kanin⸗ chenwärter wußte allein, woher dieſes Geräuſch ent⸗ ſtand. Er fühlte, es kam von ſeinem Feinde, Mat Cowls. Nachdem die Diener ihre Ausſage bezüglich des Zuſtandes, worin ſie den Körper Sir Williams ge⸗ funden, niedergelegt hatten, wurde endlich Martin vorgefordert. In Betracht ſeines Alters und ſeiner Leiden ließ der Richter ihm einen Stuhl geben. Der Greis trat ein, auf den Arm von Joe Beans geſtützt.. Er gab ſein Zeugniß ernſt, mit klarer und deut⸗ licher Stimme und erklärte Sideler für den Mörder ſeines Herrn. Darauf begann der Advocat Gork, welcher die Sache des Kaninchenwärters führte, das contradicto⸗ riſche Verhör zur Vertheidigung. 1 102 „Seit wie lang kennt Ihr den Gefangenen, welcher vor den Schranken iſt? Schaut ihn an, Sir, und erinnert Euch, daß Ihr die Wahrheit zu ſagen geſchworen habt.“ „Seit etwa fünfzig Jahren,“ antwortete Martin. „Ihr habt früher zuſammen in der Abtei Cartow gedient?“ Ja4 „Und Ihr ſeid Nebenbuhler geweſen?“ „Bd. „Nebenbuhler!“ wiederholte der Advocat, erfreut darüber, etwas erlangt zu haben, was er als ein ſehr wichtiges Geſtändniß betrachtete.„Sie hören es, meine Herren Geſchwornen, der Zeuge geſteht, daß ſie Nebenbuhler geweſen ſind! Ich wußte wohl, daß ich am Ende die Wahrheit entdecken würde.“ Wiewohl bei Martin durchaus kein Zaudern, kein Verlangen nach Verheimlichung dieſes Umſtandes zu erkennen war, hätte der Rechtsmann doch gern den Glauben erregt, als ob es ſeine Geſchicklichkeit wäre, wodurch ihm dieſes Geſtändniß entriſſen worden. „Wirklich, Sir,“ nahm der Advocat wieder das Wort,„und ich rufe Euch noch einmal in's Gedächtniß zurück, daß Ihr die Wahrheit zu ſagen geſchworen habt, aus welchem Grunde iſt der Gefangene aus dem Dienſte des verſtorbenen Sir William Mowbray entlaſſen worden?“ 5 „Vielleicht,“ erwiderte der Zeuge widerſtrebend, „würden Sie beſſer daran thun, dieß den Verwalter zu fragen.“ Hier flüſterte Will Sideler ſeinem Rechtsbeiſtand etwas in's Ohr. Aber Gork, welcher ſich einbildete, 103 einer für die Vertheidigung wichtigen Thatſache auf der Spur zu ſein, drehte den Kopf nicht um, ſon⸗ dern fuhr folgendermaßen fort: „Ich werde nichts der Art thun, Sir! Seit wann dictiren die Zeugen dem Advocaten die Fragen, welche er zu ſtellen, und die Perſonen, an welche er ſich zu wenden hat? Die Herren Geſchwornen werden ohne Zweifel Eure Antwort zu ſchätzen wiſſen! Ich wiederhole es, warum iſt der Gefangene aus dem Dienſte des verſtorbenen Sir William Mowbray entlaſſen worden?“ „Weil er ſein Meſſer in einem Streit gegen mich gezogen und mich verwundet hat,“ antwortete Martin gelaſſen. Dieſe Antwort machte einen dem Gefangenen ſehr ungünſtigen Eindruck und erregte eine gewiſſe Sympathie für den armen alten Zeugen, der offen⸗ bar nicht den Wunſch gehegt hatte, daß ſeine eigenen Kränkungen das Gewicht, womit Sideler beſchwert war, noch vergrößerte. Man hörte von Neuem ein Gluckſen. Der Sherif gebot Stille. Von Neuem begegneten ſich die Augen des Hen⸗ kers und Wills; dieſer ſah ſich bereits verurtheilt. „Ah!... hem!“ machte der Advocat.„Ihr ſeid allerdings ſehr edelmüthig. Wir kennen Alle dergleichen affectirten Edelmuth! Habt Ihr Zeugen für K ganz außerordentliche Thatſache?“ d 2 „Rennt ſie.“ „Miſtreß Jarmy, die Haushälterin von Carrow, und Nicholls, den Beſchließer; ja noch mehr, das 104 Zeugniß des Chirurgen, der meine Wunden verband. Ich bemerke ihn unter den Anweſenden!“ Und Martin deutete auf den Doctor Martineau, der unter den Geſchwornen ſaß. „Ich denke, Bruder Gork,“ ſprach der gelehrte Richter, indem er ſich über ſein Pult vorbeugte, „Sie würden gut daran thun, dieſe Vertheidigungs⸗ linie aufzugeben!“ Der Advocat wurde carmoifinroth: er fühlte, daß er unfreiwillig ein Vorurtheil gegen ſeinen Clienten erregt hatte. Neues Gluckſen. „Still!“ gebot der Sherif, indem er mit er⸗ grimmter Miene um ſich ſchaute. „Ihr gebt alſo zu,“ ſagte Gork, einen letzten Verſuch machend,„daß Ihr ein Gefühl von Groll . den Gefangenen habt, der vor den Schranken ſteht?“ „Nein.“ „Nicht einmal darum, daß er Euer Nebenbuhler geweſen?“ „Nein!... das Mädchen, das wir beide liebten, iſt todt. Sein Leichnam wurde in dem Fluß unter⸗ halb der Carrow⸗Spitze gefunden.“ „Auch nicht wegen der Verwundung, die er Euch beigebracht hat?“ „Noch viel weniger. Was mich betrifft, ſo kann ich ihm alles Leid verzeihen, das er mir angethan hat! Mylord,“ ſetzte er hinzu, Joe's Arm faſſend, um ſich zu erheben,„ſeit meiner Kindheit habe ich der edeln Familie der Mowbray gedient. Ich häbe ihr Brod mit Dank gegeſſen. Man ſetzte Vertrauen in mich; ich wurde von ihnen gecchtet und beinahe geliebt, wenn es mir erlaubt iſt, mich alſo auszu⸗ drücken. Ich wäre gern geſtorben, um meine Dank⸗ barkeit zu beweiſen! Es war Gottes Wille, daß mein Leben ihnen nützlich ſein ſollte!.... Wird Eure Herrlichkeit mir eine Frage erlauben?“ „Gewiß!“ antwortete der Lord Oberrichter Shark. „Hat Eure Herrlichkeit bei meiner Ausſage irgend ein Verlangen, die Wahrheit zu verbergen, bemerkt?“ „Nicht im Mindeſten.“ „Fahren Sie fort, Sir!“ ſprach der Zeuge, zu Gork gewendet, weiter.„Ich bin jetzt bereit, auf alle Ihre Fragen zu antworten.“ „Vortrefflich!“ murmelten zwei oder drei Advo⸗ caten, entzückt über die völlige Riederlage ihres ge⸗ lehrten Mitbruders. „Mylord,“ nahm Gork wieder das Wort, ſich reſpectvoll vor dem Hofe verneigend,„wiewohl jene Frage und die Antwort darauf ziemlich außer⸗ ordentlich ſind, freut es mich doch ſehr, daß dieſe kleine Cpiſode vorgefallen iſt, weil es mir die Gelegen⸗ heit verſchafft, den Geiſt derer, welche uns anklagen, in ſeinem wahren Lichte zu offenbaren.“* „Sie vergeſſen, Herr College, daß in dieſer An⸗ gelegenheit die Krone es iſt, welche klagt,“ erwiderte der Lord Oberrichter ernſt;„und daß man in einem Fall des Mordes nicht vorausſetzen darf, daß ſie gegenüber von dem Gefangenen günſtig oder ungün⸗ ſtig geſtimmt ſei.“ „Mylord, Sie haben ohne Zweifel gleich mir und allen übrigen Mitgliedern des Gerichts bemerkt, daß der Hof zu verſchiedenen Malen unterbrochen wurde, ich ſage, gröblich unterbrochen wurde durch eine unſchickliche Heiterkeit, welche ohne Zweifel Eure Herrlichkeit ebenſo wie mich ſelbſt überraſcht hat. Aber dieſe Ueberraſchung wird ſich in Entrüſtung verwandeln, Mylord, wenn ich Ihnen ſage, daß dieſe Unterbrechung von keiner andern Perſon als dem Henker herkommt, der hier eingeführt, und abſicht⸗ lich eingeführt wurde, um meinen unglücklichen Clien⸗ ten, während es ſich für ihn um Leben oder Tod handelte, zu verwirren, zu erſchrecken und zu ärgern!“ „Das iſt eine Lüge, Mylord!“ rief Mat Cowls aufſtehend.„Man hat mich hier nicht eingeführt; ich bin freiwillig gekommen, aus eigenem Antrieb.“ Als die Aufregung ſich ein wenig gelegt hatte, wurde Mat Cowls von einem der Polizei⸗Officianten gefaßt. Alle Blicke richteten ſich auf ihn, aber er hielt dieſelben unerſchütterlich aus. „Was bedeutet dieſe unſchickliche Unterbrechung?“ fragte Seine Herrlichkeit. „Ich habe mir keine unſchickliche Unterbrechung erlaubt!“ verſetzte Mat;„dazu bin ich zu klug, tylord!“ „Was hat Euch hieher geführt?“ „Die Freundſchaft, Mylord! Der Gefangene und ich ſtanden ſehr vertraut zu Newgate! nicht wahr, Will?“ Der Gefangene erbebte. „Ich glaube, Mylord, einiges Licht auf dieſen Gegenſtand werfen zu können,“ ſprach der Advocat der Krone.„Der Unglückliche, der ſich vor den 107 Schranken befindet, iſt neulich aus Newgate entwichen, wo er als angeklagt eines Mordverſuchs an der Perſon des Notars von Sir William Mowbray ein⸗ geſperrt war.“ „Was, ein anderer Mord?“ „Ja, Mylord. Würde er heute freigeſprochen, ſo wartet ein Polizeibeamter, um ihn zu verhaften, damit er wegen jenes andern Verbrechens gerichtet werde.“ Mat Cowls begann zu lachen. „Setzt Euch, Sir!“ ſprach der Richter mit halb ärgerlicher, halb zufriedener Miene zu ihm,„und keine Unterbrechung mehr!“ Trotz der advocatiſchen Beredtſamkeit des Ver⸗ theidigers Gork waren die Zeugniſſe doch zu mächtig; die Geſchwornen gaben das Verdiet: ſchuldig. Ein letztes Mal ließ ſich das hölliſche Gluckſen vernehmen; aber ehe man den Befehl des Sherifs zur Verhaftung von Mat Cowls in Vollzug ſetzen konnte, hatte dieſer den Hof verlaſſen. Indem der Richter den Urtheilsſpruch verkündigte, ließ er Sideler keine Hoffnung auf Gnade. Der Gefangene wurde betäubt und von Schrecken über⸗ wältigt, von den Kerkerknechten fortgeführt. 108 Einundvierzigſtes Kapitel. Die Stadt Norwich, die alte Hauptſtadt von Oſtangeln, iſt oft und nicht ohne Grund die Stadt der Gärten genannt worden. Ihre Straßen, eng und unregelmäßig, ſind von eingeſtreuten Gärtchen und grünen Raſenplätzen unterbrochen, welche dem Pittoresken ihres Ausſehens noch den Reiz großer Schönheit verleihen. Außer dem Schloß, einem alten ſchönen ſäch⸗ ſiſchen Donjon, welcher von den modernen Solons der Grafſchaft kürzlich verſchönert worden iſt und ſich ſtolz auf einem Hügel in der Mitte einer im Herzen der Stadt ſelbſt gelegenen Ebene erhebt, hat Nor⸗ wich unter Anderem, was für den Alterthumsforſcher und den Künſtler von Intereſſe iſt, eine prächtige Kathedrale, zwei ſchöne, alte Paläſte und ſechsund⸗ dreißig Kirchen, um nichts von einigen ſeit Kurzem in den Vorſtädten erbauten Monſtruoſitäten zu er⸗ wähnen. Es ſind noch einige Trümmer der mit Thürmen beſetzten Mauern, welche die Stadt einſchloßen, übrig; aber die mit Schießſcharten verſehenen Thore, merk⸗ würdige Muſter mittelalterlicher Architektur, ſind unter dem Hammer der Vandalen verſchwunden, welche in der Eigenſchaft von Mayors und Alder⸗ männern den Ort regierten und die Grabſteine ihrer Voreltern verkauft hätten, wenn ihnen einige Thaler daraus zu ziehen möglich geweſen wäre. Auf der Stelle, wo die letzten Spuren des Gra⸗ 109 bens verſchwinden, welcher einſt das Schloß umgab, läuft eine lange, unregelmäßige Gaſſe, Roſe⸗Lane genannt, hin, vornehmlich von armen Webern oder Arbeitern aus den Gießereien von Watſon und Ker bewohnt. Zur Zeit unſerer Geſchichte bildeten die Be⸗ wohner von Roſe⸗Lane eine von der übrigen Stadt getrennte Gemeinde. Der Miethzins der Häuschen und Gärtchen war daſelbſt ausnehmend niedrig, die honneten Armen hatten ſich dahin zurückgezogen; wenn der Ueberfluß dort unbekannt blieb, ſo wußte man auch nichts von abſoluter Entblößung. Es war ein Stamm einfacher, arbeitſamer und zufriedener Leute, welche den größten Theil von dem Aber⸗ glauben und den Vorurtheilen, wie auch die guten Eigenſchaften des engliſchen Bauern und Handwerkers bewahrt hatten. In der alten Ziegelſteinmauer, welche ſich längs der rechten Seite dieſer Gaſſe hinzog, befand ſich ein Pförtchen, der einzige Zugang zu einem Reſt von Häuschen, deren jedes ſein Gärtchen, mit Hülſen⸗ früchten und Obſtbäumen bepflanzt, hatte. In einem dieſer Häuschen wohnte ein großer, magerer Mann, von ehrwürdigem Ausſehen, welchen ſeine Nachbarn nur mit Schrecken betrachteten. Es war Sam Lane, der Henker von Norwich. Der einzige Bewohner des Hauſes, außer dem Nochrichter, war ſein Enkel, ein blaſſer, kränklicher Knabe von etwa dreizehn Jahren. Dieſes arme Weſen hatte keine Camaraden; Niemand ſpielte mit ihm; Jedermann floh vor ihm. Das Vorurtheil, welches ſeit einer lungen Reihe von Jahren den 110 Alten zum Einſiedler gemacht hatte, hängte ſich auch an ſeinen Abkömmling. Wenn es ihm begegnete, daß er die Grenzen des kleinen Gartens, welcher, hinter ſeinem Häuschen befindlich, glücklicher Weiſe vor den Blicken verſteckt war, ſo machten ſich die Kinder ſeines Alters über ihn luſtig oder warfen ihn mit Steinen. Und wiewohl er ſich ſelten be⸗ klagte, fühlte der arme Kleine lebhaft ſeine Iſolirung; ſein Herz erſtarrte, wie die Quellen der Geſundheit und des Lebens. Die Einſamkeit machte ihn vor der Zeit zum Träumer. Es war einer jener Unglücklichen, die verdammt ſind, nie die Freuden der Kindheit kennen zu lernen. Obgleich Sam Lane nicht ohne Erziehung war, gab er ſich doch nicht die geringſte Mühe, ſeinen Enkel zu unterrichten; vielleicht dachte er, es wäre beſſer für ihn, in der Unwiſſenheit erzogen zu werden. DieWiſſenſchaft entfaltet das Herz und er wollte es erſticken. Er geſtattete jedoch einem guten Alten, Namens Blackmore, der lange Zeit Dorfſchulmeiſter geweſen war, von Zeit zu Zeit Abends zu kommen und den Knaben leſen zu lehren. Hätte er voraus ſehen können, was die Folge davon wäre, er würde ihm ohne Zweifel ſeine Thüre verſchloſſen haben. Der Zögling verſchlang die Lectionen, bis ſein Herr ihn nichts mehr zu lehren hatte. Meiſter Blackmore intereſſirte ſich allmälig für einen Zögling, der ſo voll Eifer und Faſſungskraft war, und beſchloß, ihn wo möglich dieſer Vereinzelung, welche die Quellen des Lebens in ihm vertroknete, zu 111 entreißen. Er ſchrieb alſo an einen ſeiner Bekannten, Rheder in London. Dieſer erbot ſich auf ſeine Empfehlung, Ruben(ſo hieß der Knabe) als Jungen an Bord von einem ſeiner nach Indien unter Segel gehenden Schiffe zu nehmen, unter der Bedingung, daß deſſen Freunde ihm zu einer Ausſtattung be⸗ hülflich wären, deren Koſten ſich auf etliche zwanzig Pfund beliefen, eine Summe, welche weder Black⸗ more, noch der Großvater zuſammenzubringen ver⸗ mochten. Ruben war in den Garten geſchickt worden, während die Alten ſich über dieſen Gegenſtand unter⸗ hielten. „Es iſt Schade um den Verluſt einer ſolchen Gelegenheit, dem armen Kinde einen Dienſt zu leiſten, nicht wahr, Mr. Blackmore?“ ſprach der Henker mit nachdenklicher Miene.„Aber was kann ich thun? Ich würde Alles, was ich beſitze, um zehn Pfund verkaufen.“ „Ich dachte, Sie hätten ſich Etwas erſpart?“ „Erſpart! Alles, was ich kaufe, läßt man mich theurer als Andere zahlen, und doch verkauft man es mir nicht gern. Wenn ich morgen ſtürbe, müßte man das Bett und die Stühle verkaufen oder zu dem Kirchſpiel zum Zweck meiner Beerdigung Zu⸗ flucht nehmen.“ „Haben Sie keine Freunde?“. Freunde!“ wiederholte der Henker bitter,„ich bin erſtaunt, Mr. Blackmore, daß ein verſtändiger Mann gleich Ihnen eine ſolche Frage machen kann!“ Der Schulmeiſter dachte einige Augenblicke nach. 112 Er war eben im Begriff, wieder das Wort zu nehmen, als man ſtark an die Thüre klopfte. „Herein!“ rief Sam Lane. Ein kleiner Mann von mißfälligem und gonz verwittertem Ausſehen, in alten ſchwarzen, abge⸗ ſchabten Kleidern, die gar nicht für ihn gemacht ſchienen, trat in die Küche. „Ihr Name iſt Sam Lane?“ ſprach er zu dem Henker. „Ja. „Sie ſind der Henker der Stadt und Grafſchaft?“ „Ja,“ antwortete der Alte mit einem Seufzer. „Ich habe mit Ihnen zu ſprechen,“ fuhr ſein Beſucher fort. „In Geſchäften, Sir?“ „In Geſchäften, allerdings,“ verſetzte der Fremde mit einer Art Gluckſen, wodurch ſein Geſicht noch häßlicher wurde.„Man kommt nicht zu ſeinem Ver⸗ gnügen hieher, vermuthe ich! Ich heiße Mat Cowls!“ Bei dieſem Namen erhob ſich Lane raſch und bot ſeinem Collegen einen Stuhl. „Ich habe gehört, wovon Sie ſprachen,“ nahm Mat wieder das Wort, indem er ſich ſetzte,„und habe mit Ihnen gerade über dieſen Gegenſtand zu reden unter vier Augen.“. Blackmore ſtand auf und begab ſich zu Ruben in den Garten. „Sie möchten alſo,“ ſagte Mat, ſobald der Schul⸗ meiſter verſchwunden war,„ſich dieſen Gelbſchnabel vom Halſe ſchaffen? Der Stand ſeines Großvaters behagt ihm nicht?... Nichts als Vorurtheile, eitle Vorurtheile; aber was kann man von Leuten erwarten, welche in der Provinz wohnen?“ „Der arme Junge verdient ein beſſeres Loos, als das, an dieſem traurigen Ort zu vegetiren, ein Gegenſtand von Beſchimpfungen oder Spöttereien, weil ſein Großvater der Henker iſt! Es bietet ſich eine Gelegenheit, ihn auf das Meer zu ſchicken. Die einzige Schwierigkeit iſt das Auftreiben. „Von zwanzig Pfund für ſeine Ausſtattung,“ fiel Mat in's Wort.„Ich weiß es. ich habe Alles gehört. Zwanzig Pfund! Das macht eine große Summe; aber das darf Sie nicht beunruhigen. Ich verſchaffe ſie Ihnen.“ Zweiundvierzigſtes Kapitel. Mit dem erſten Schimmer des Morgens hatte ſich eine große Menſchenmenge allmälig um das Schaffot verſammelt, das während der Nacht auf dem Gefängnißplatz errichtet worden war. Sie kam nicht allein aus der Stadt und den Vorſtädten, ſon⸗ dern ſelbſt aus den benachbarten Dörfern. Der Abſcheu, welchen das Verbrechen des Kaninchenwärters ein⸗ flößte, war ſo groß, daß nicht eine Stimme unter dieſer unzählbaren Menge ſich, ihn zu beklagen, er⸗ Die Abtei Carrow. IV. 8 114 hob. Und doch zählte man darunter viele Leute von Carrow, welche mit Sideler von Kindheit auf bekannt waren; aber ſie hatten auch ſein Opfer, den guten, wohlthätigen Sir William Mowbray gekannt. In der vorderſten Reihe ſtellte ſich die kleine Perſon von Red Ralph zur Schau. Der mißge⸗ ſtaltete Burſche hatte noch keine Hinrichtung mitan⸗ geſehen und war ebenſo ungeduldig, dieſes ſchreckliche Schauſpiel zu genießen, als vielleicht ein Kind, in das Theater zu gelangen, wohin man es zum erſten Mal führt. Geſtand wohl der Verurtheilte ſein Verbrechen ein, oder ſtarb er in ſeiner Verſtockung? Dieß war der Gegenſtand zahlreicher Discuſſionen. Wie ge⸗ wöhnlich gab es eine große Anzahl Frauen dabei. Schreckensſcenen ſcheinen ein beſonderes Intereſſe für das ſchwache Geſchlecht zu haben. In dem Maße, als die Todesſtunde ſich näherte, machte die Sorgloſigkeit Sidelers allmälig einem ruhigern Benehmen Platz. Er hörte auf den Zu⸗ ſpruch des Caplans, nicht mit der Inbrunſt wahrer Reue, ſondern mit der wahnſinnigen Hoffnung, es möchte ein unvorhergeſehenes Ereigniß eintreten, wo⸗ durch er gerettet würde. Er bedauerte bitter, Miran⸗ Hafaz, ſeinen Mitſchuldigen, angegeben zu haben. Gewiß, wenn der junge Indier am Leben geweſen wäre, er würde mit Hilfe ſeines Einfluſſes, ſeines Vermögens und ſeiner Kühnheit ein Mittel gefunden haben, das unglückſelige Lvos, das ihn bedrohte, ab⸗ zuwenden. Selbſt an dieſem ſchrecklichen Ziele begriff der 115⁵ Mörder kaum, daß die Gerechtigkeit ihn in ihren furchtbaren Griffen hielt. Der Prieſter und der Verurtheilte waren allein in der kleinen Capelle des Gefängniſſes. Umſonſt hatte der würdige Geiſtliche ſich alle mögliche Mühe gegeben, von Sideler das Geſtändniß ſeines Ver⸗ brechens zu erlangen. Alle ſeine dringenden Bitten beantwortete der Kaninchenwärter damit, daß er ſich für nicht ſchuldig erklärte oder ein düſteres Still⸗ ſchweigen beobachtete; er fand eine Art traurigen Vergnügens darin, die Befriedigung deſſen, was er als eine bloße Neugierde ſeiner Feinde betrachtete, zu verweigern.„Sie können mich wohl hängen,“ ſprach er bei ſich,„aber zum Reden bringen nie⸗ mals.“ Von Zeit zu Zeit warf er einen unruhigen Blick nach der Thüre, denn er hörte das Sumſen der Menge, das erſchreckende Gemurmel der Gefängniß⸗ beamten, welche auf dem Gang den erſten Schlag der Mittagsglocke erwarteten, um den Verurtheilten zum Schaffot zu führen. Nichts ſchärft das Gehör ſo wie der Schrecken. Die Züge des Kaninchenwärters bedeckten ſich mit tödtlicher Bläſſe, als der Inſpector des Ge⸗ fängniſſes, ſchwarz gekleidet, in die Capelle trat: er wechſelte einen Blick mit dem Caplan. „Es iſt noch nicht Mittag!“ ſtammelte der Ge⸗ fangene, zitternd vor Schrecken;„es kann noch nicht Mittag ſein!“ Ein lauter Schlag an die Thüre der Capelle erſparte Mr. Johnſon die Mühe, zu antworten. „Wer iſt da?“ fragte er wie gebräuchlich. 16 Es war die rauhe Stimme von Anthony Skinner, dem Sherif, welcher die Frage damit beantwortete, daß er im Namen des Königs begehrte, ihm den Leib von William Sideler, der des Mordes über⸗ wieſen wäre, auszuliefern, damit er gemäß dem gegen ihn ausgeſprochenen Urtheil gehängt würde. Die Thüre ging auf und der Sherif erſchien, begleitet von ſeinen Agenten und einem Holbdutzend Kerkerknechte. Nach einigen eilig geflüſterten Worten übergab der Sherif Mr. Johnſon einen„Empfangſchein“ für den Leib des Verurtheilten, welcher ſogleich dem Henker Mat Cowls ausgeliefert wurde, der hinter den Kerkerknechten verborgen, ſeine Beute mit teuf⸗ liſcher Ungeduld erwartete. Der Faninchenwärter hatte nicht ſobald den Henker erkannt, als er von einem convulſiviſchen Zittern ergriffen wurde; vergeblich ſuchte er zu ſprechen, oder ſich zu bewegen; der Schrecken übte einen ſo ſeltſamen Zauber auf ihn aus, daß ſeine Zunge und ſeine Glieder davon gelähmt waren. Ehe der Elende ſeine Kaltblütigkeit wieder gewinnen konnte, hatte Mat mit der Gewandtheit, welche eine lange Erfahrung gewährt, ihm die Arme feſt auf den Rücken gebunden. „Wir ſind bereit, meine Herren!“ ſprach Mat mit der größten Ruhe, als wenn das Jammern des Verurtheilten die natürlichſte Sache von der Welt geweſen wäre. Der Befehl zum Abmarſch wurde wiederholt. Der Caplan begann das Seelenamt und Will Si⸗ 117 deler wurde zwiſchen zwei Kerkerknechten zum Schaffot Mat Cowls folgte dicht hinter ihm, den ver⸗ hängnißvollen Strick in der Hand. Als der Kaninchenwärter das mißtönende Ge⸗ ſchrei der Menge hörte, beruhigte er ſich plötzlich. Er ließ ſeine Blicke über dieſes Meer von menſch⸗ lichen Köpfen hinlaufen und ſelbſt auf der Schwelle der Ewigkeit trat ein Fluch aus ſeinem Munde hervor. Die Menge zerſtreute ſich langſam, die Einen trauriger, als ſie gekommen waren, die Andern mit einer brutalen Luſtigkeit, die durch Nichts zu beſ⸗ ſern iſt. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Die große Welt empfand eine lebhafte Sym⸗ pathie für die Wittwe von Sir William Mowbray. Sie hatte kurze Zeit nach Henry Afhton Italien verlaſſen. Ihre Geſchichte war in einem Augenblick verbreitet. Man erfuhr, daß ſie irregeleitet durch Eiferſucht und die Einflüſterungen von Lucas mit ihm ſich aufgemacht hatte, um Sir William und ſeiner angeblichen Mitſchuldigen in den Weg zu treten; daß ſie zu ſpät über die Lügen ihres Be⸗ 118 gleiters aufgeklärt und von ihm mit Gewaltthat be⸗ droht, ſich vertheidigt und ihn mit einem Dolch⸗ ſtoß getödtet hatte. Ihre romanhaften Abenteuer, ihre Leiden und Kränkungen waren der Gegenſtand aller Unterhaltungen in den faſhionablen Kreiſen. Viele von denen, welche ſie jung und ſchön gekannt hatten, wurden ſchmerzlich bewegt beim Anblick der Verheerungen, welche mehr der Kummer als die Zeit auf ihrem einſt ſo lieblichen Geſichte angerichtet hatten. Sie war von der Herzogin von Devonſhire in ihr Haus aufgenommen worden. Jedermann be⸗ eilte ſich, ſie einzuladen, um ſo viel möglich das unfreiwillige Unrecht, das man ihr angethan, zu ſühnen. Aber ſie wollte nirgends hin. Ohne Zweifel war der giftige Pfeil, der ſo lang ihr Herz zerriſſen hatte, herausgezogen, aber die Wunde blieb noch. Sie ſchien nur in der Geſellſchaft von Ellen und unſerem Helden Vergnügen zu finden. Sie blieb Stunden lang bei ihnen ſitzen, um Plane für deren Glück zu machen und vergaß ſo zuweilen ihre eige⸗ nen Schmerzen. Doctor Orme hatte die hervorragendſten Mit⸗ glieder des Gerichtshofes über die Schritte befragt, welche zur Feſtſtellung ſeiner Rechte auf die Vor⸗ mundſchaft über die Waiſe einzuleiten wären. Sie hatten ihm ſämmtlich erklärt, er müſſe vor Allem ſich der Entſcheidung des Kanzlers unterwerfen, Miß de Vere dem Oberſt Mowbray zurückgeben und her⸗ nach bittend um Unterſuchung des Falles einkommen. Vergeblich hielt der würdige Rector Sir Williams Teſtament und die Art und Weiſe, wie man die Vormundſchaft mißbraucht hatte, entgegen. Die — 119 Herren vom Gerichte ſchüttelten den Kopf und riethen ihm, ſich zu fügen. Sie kannten den ruhigen aber entſchloſſenen Character ihres Clienten nicht, welcher den Entſchluß faßte, Ellen, ehe er ſie in das Haus ihrer Tyrannen zurückkehren ſehen müßte, lieber ſelbſt mit ſeinem Adoptivſohn zu verheirathen und ſie zu⸗ ſammen bis zur Vollährigkeit der Erbin in's Aus⸗ land zu ſchicken. „Alles, was man thun kann, iſt, mich wegen Mißachtung der Geſetze in's Gefängniß zu ſchicken,“ ſprach der Rector bei ſich,„aber, was mir geſchieht, daran liegt nichts, wenn nur ſie glüͤcklich ſind.“ Und er begab ſich in das Hotel Devonſhire, um ſeinen Freunden Mittheilung von dieſem Plan zu machen. Henry Aſhton war davon entzückt. Ellen fühlte ſich geneigt, einzuwilligen, aber jene inſtinctartige Zartheit, welche die Wächterin ihres Geſchlechts iſt, flüſterte ihr zu, die Welt könnte dieſe Uebereilung verdammen. Die Herzogin von Devonſhire war der⸗ ſelben Meinung. „O Madame!“ rief Henry,„Sie zerſtören mein Glück!“ „O nein; ich verzögere es nur! Geduld iſt eine Eigenſchaft, welche die Menſchen ſelten beſitzen. Erinnern Sie ſich, daß ich nicht poſitiv dieſer über⸗ eilten Heirath entgegen bin; aber es iſt nicht nöthig, zu derſelben zu ſchreiten, ehe alle übrigen Mittel erſchöpft ſind. Lady Mopbray hat die Macht ihres Einfluſſes zu Ihren Dienſten noch nicht verſucht!“ „Meinen Einfluß!“ wiederholte die Wittwe mit einem Seufzer;„ach! was kann mein Einfluß be⸗ wirken?“ 120 „Viel,“ erwiderte Ihro Gnaden,„wenn Sie davon Gebrauch machen wollen. Vor Ihrer Heirath waren Sie Ehrendame der Königin?“ „Das iſt wahr.“ „Seit Ihrer Rückkehr nach England und der Entdeckung des niederträchtigen Complotts, deſſen Opfer Sie geweſen ſind, hat dieſelbe öffentlich ihre Theilnahme für Sie und ihren Wunſch, Sie zu empfangen, bezeugt. Ich werde Sie nach Bucking⸗ ham⸗Houſe begleiten; ich werde eine Audienz be⸗ gehren, denn ich habe hiezu als Pairin von Eng⸗ land das Recht; ich werde Sie Ihrer Majeſtät vor⸗ ſtellen und ſie bitten, insgeheim bei dieſem wider⸗ wärtigen Kanzler in's Mittel zu treten. Verſpricht ſie uns ihre Unterſtützung, ſo ſeien Sie überzeugt, daß Seine Herrlichkeit trotz alles ſervilen Reſpects für frühere Fälle und für die Etikette es nicht wagen wird, dem Verlangen der Königin zu wider⸗ ſtehen.“ „Aber wenn Ihre Majeſtät uns abſchlägig be⸗ ſchiede?“ „In dieſem Fall,“ erwiderte die Herzogin,„würde ich meinen Einfluß auf den Geiſt meiner jungen Freundin hier anwenden, um ſie zur Einwilligung in den Plan des Rectors zu beſtimmen.“ Zur Zeit unſerer Geſchichte war die Unpopularität des Prinz⸗Regenten auf ihrer höchſten Stufe. Dieſer Egoiſt hatte den Widerwillen von ganz England durch die niederträchtige Verfolgung, welche er über ſeine unglückliche Gemahlin verhängte, auf ſich ge⸗ laden. Die alte Königin, ſeine Mutter, theilte mit 121¹ ihm den allgemeinen Haß, weil ſie die Partei ihres Sohnes gegen ihre Schwiegertochter ergriffen hatte. Charlotte von Mecklenburg, die Gemahlin Georgs III., war eine jener Perſonen, deren Tu⸗ genden und Fehler mehr negativer als poſitiver Art ſind. Während ſie auf dem Thron ſaß, reinigte ſich der Hof von der ſchmählichen Unſittlichkeit, welcher denſelben unter den zwei vorangehenden Regierungen entehrt hatte. Es war eine wohlbe⸗ kannte Thatſache, daß ſie ſich weigerte, die Mark⸗ gräfin von Anſpach zu empfangen, weil dieſe Dame in dem Verdacht ſtand, ſo lang ſie noch Lady Craven war, die Maitreſſe des Markgrafen geweſen zu ſein. Als der König für irrſinnig erklärt worden war, ernannte das Parlament ſie zu ſeiner Hüterin und ſie miſchte ſich, zu ihrem Lob ſei es geſagt, ſelten in die Politik. Ihr größtes Vergnügen war, Geld zuſammenzuſparen, welches ſie regelmäßig ihren Ver⸗ wandten in Deutſchland zuſchickte. Der Adel von England achtete, aber liebte ſie nicht; das Volk achtete und haßte ſie. „Es iſt heute Empfang geweſen, wie ich ſehe,“ ſagte Doctor Orme zu unſerem Helden, als er beim Abgang vom Hotel Devonſhire den Conſtitntion⸗Hill hinunterſtieg;„welche Menſchenmenge in dem Park!“ In jedem andern Augenblick hätte es Henry Unterhaltung gemacht, die glänzenden Cquipagen und die Menge der im Park verſammelten Fußgänger zu ſehen. Eine große Zahl der letztern tadelten mit lauter Stimme die Politik der Regierung, indem ſie die vornehmen Herrſchaften, welche vorüberfuhren, je nachdem dieſelben für oder gegen die Maßregeln 122 des Cabinets waren, mit Pfeifen oder Beifalls⸗ geſchrei begleiteten. Die Lords Sidmouth und Caſtlereagh hatten die heftigſten Demonſtrationen der Gefühle des Publikums zu erfahren. Der Erſte er⸗ trug die Sache mit ziemlicher Gleichgiltigkeit, aber der Zweite, weniger Herr ſeiner ſelbſt, vermochte ſeinen Zorn und ſeine Geringſchätzung nicht zu ver⸗ bergen. Die Thüre des Gartens von St. James ging auf und eine Truppe von Garde⸗Yeomen erſchien, eine Portechaiſe, die von einer Krone überragt war, tragend. Sie war gefolgt von den Edelleuten des Hauſes der Königin, welche nach dem Empfang nach Buckingham⸗Houſe zurückkehrte. Das Geſchrei:„Die Königin! die Königin!“ er⸗ tönte mitten aus der Volksmenge; Pfeifen ließ ſich vernehmen, und der Haufen drängte ſich um die Portechaiſe. „Großer Gott!“ rief der Rector,„es iſt Ihre Majeſtät. Sieh, das Volk beſchimpft die Königin!“ „Hu! Hu! alte Schnupftabaksdoſe!“ brüllten Einige der Frechſten,„wer hat die Prinzeſſin ge⸗ tödtet?“ Denn das Volk glaubte allgemein, die Kronprinzeſſin ſei vergiftet worden und ihre Schwie⸗ germutter dieſem Verbrechen nicht fremd. Das Volk iſt gewöhnlich ſehr leichtgläubig, wenn es ſich um ſchauderhafte und unwahrſcheinliche Thaten handelt. Es gibt nichts ſo Ungeheuerliches, was es nicht für möglich hält, beſonders von Seiten der Großen. Ein Stein wurde geworfen, welcher die ver⸗ goldete Krone oben auf der Portechaiſe traf. Einige — 123 achtbare Perſonen riefen:„Schande! Schande!“ aber die Proteſtationen gegen jene Beſchimpfung wurden unter dem darauf folgenden Pfeifen und Geheul erſtickt. Henry Aſhton erblickte kaum die Gefahr, wovon die Königin bedroht war, als er ſeinen Begleiter ſtehen ließ und ſich mitten durch die Menge, welche die Träger am Weitergehen verhinderte, einen Weg bahnte. Dank ſeinen Bemühungen gelangte er zu der Portechaiſe, aber ein Stein traf ihn an die Stirne, zwar nicht heftig genug, um ihn zu be⸗ täuben, doch floß das Blut über ſeine Wange hinab. „Ihr ſolltet Euch ſchämen!“ rief er;„ich kann nicht glauben, daß Ihr Engländer ſeid! Behandelt man alſo eine Dame, erlaucht durch ihren Rang, achtbar durch ihr Alter, deren Leben allen Müttern und allen Töchtern dieſes Landes zum Muſter dienen könnte?“ „Hört Ihr dieſen Ariſtocraten?“ rief eine Stimme „Nieder mit dem Ariſtocraten, nieder!“ brüllten einige Andere. Zum großen Erſtaunen des Lumpengeſindels machten die Garde⸗Yeomen, welche die Portechaiſe trugen, Halt, und Ihre Majeſtät zeigte ſich, nachdem ſie das Glas niedergelaſſen hatte, deutlich den Blicken. Ihre Züge waren blaß aber feſt. Es war vielleicht während ihres langen Lebens der ein⸗ zige Fall, wo die Königin Charlotte Muth und Würde zeigte. „Warum beſchimpft ihr mich?“ fragte ſie.„Ich bin mehr als ſiebzig Jahre alt, und mehr als fünfzig davon Königin von England. Welche That 124 meines Lebens hat eine ſolche Behandlung ver dient?“ Von Neuem ließ ſich der Ruf„Schande!“ ver⸗ nehmen. Einige achtbare Perſonen begannen, ſich um die Portechaiſe zu gruppiren, ermuthigt durch die Feſtigkeit der Königin. Ein Ruf verkündigte, daß die berittene Garde ſich näherte, und die größten Schreier des Lumpen⸗ geſindels packten ſogleich auf und liefen aus Leibes⸗ kräften davon, wie es immer bei dergleichen Fällen geſchieht. Viele der Edelleute und Officiere, welche vom Empfang kamen, ſtiegen aus ihrem Wagen, zogen den Degen und vereinigten ſich zu einer Escorte der Königin, welche ſie bis nach Buckingham⸗Houſe be⸗ gleiteten. 46 Als Ihre Majeſtät die Portechaiſe verließ, dankte ſie denen, welche freiwillig eine Escorte zu ihrem Schutz formirt hatten; dann nahm ſie den Arm ihres Unter⸗Kammerherrn, welcher ſie erwartete, und begann langſam die große Treppe hinaufzuſteigen. Plötzlich ſchien ihr etwas in den Sinn zu kommen; ſie hielt an und gebot einem der Officiere ihres Hauſes, nach dem Namen ihres Vertheidigers zu fragen. Name iſt Henry Aſhton!“ erwiderte unſer eld. „Sie ſind ein Edelmann?“ fragte der Bote, welcher gleich den meiſten Dienern der alten Königin ein Deutſcher war. 2 Henry übergab ihm ſeine Karte, auf welcher er als Attaché bei der engliſchen Geſandtſchaft in Neapel bezeichnet war. 125 „Ah! ſehr gut!“ rief der Bote, nachdem er langſam die microſcopiſchen Schriftzeichen entziffert hatte.„Es freut mich ſehr, daß Sie nicht zu dieſem abſcheulichen Lumpengeſindel gehören! Mein Gott! Eine Königin beſchimpfen! Man ſollte ſie Alle mit Kartätſchen zuſammenſchießen, dieſe Verräther!“ Henry wünſchte ihm guten Tag und entfernte ſich, um den würdigen Rector aufzuſuchen, den er glücklicher Weiſe in der Nähe des Palais traf. „Guter Gott!“ rief ſein Freund unruhig,„Du biſt verwundet!“ „Eine bloße Schramme; ich fühle ſie kaum; es iſt Richts!“ „Wie haſt Du das bekommen?“ Sein Schützling erzählte ihm Alles, was vorge fallen war. Der Rector erachtete die Sache für wichtig ge⸗ nug, um die Herzogin unmittelbar davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Dieſe erkannte ſogleich den Vortheil, den man daraus zu Gunſten der Liebenden ziehen könnte. Der Prinzregent hatte kaum von der ſeiner Mutter zugefügten Beſchimpfung gehört, als er eine ſtarke Abtheilung der Fußgarde nach Buckingham⸗ Houſe ſchickte, wohin die meiſten Miniſter und ein großer Theil des Adels ſich alsbald verfügten, um Zeugniß abzulegen, wie ſehr ſie über die Beleidigung, welche der Gemahlin ihres Souverains widerfahren war, ſich entrüſtet fühlten. Auch die Herzogin von Devonſhire erſchien mit Lady Mowbray. Sie wurden ſogleich zur Königin vorgelaſſen. in 126 „Ah! Lady Mowbray!“ rief dieſe,„wir ſind glücklich, Sie wieder zu ſehen und unſerer Theilnahme an Ihrem unverdienten Leiden zu verſichern. Sie wer⸗ den uns das Vergnügen machen, ſich bei dem nächſten Empfang einzufinden, damit wir unſere Geſinnungen 4 Sie öffentlich an den Tag zu legen im Stande ſin 1 3 Wiewohl die Königin die Erzählung der Her⸗ zogin geduldig anhörte, denn ſie hatte großes Ge⸗ fallen an Frauengeklatſch und Chronique scanda- jeuse, ſo war ſie doch über das Abenteuer dieſes Tags in zu großer Verwirrung, als daß ſie die Zu⸗ ſage gab, zu Gunſten der Liebenden in's Mittel treten zu wollen. „Ich vermag nichts,“ bemerkte ſie;„Mylord Liverpool hat mich eben verlaſſen, und er ſagt, die Regierung könne nichts thun, ehe man den Räuber, der mich mit Steinen geworfen, in Händen habe!“ „Vielleicht iſt der Geliebte von Miß de Vere im Stande, dieſen Menſchen anzugeben.“ Wer „Der Geliebte von Miß de Vere,“ wiederholte die Herzogin,„der Gentleman, welcher das Glück gehabt hat, Curer Majeſtät einen kleinen Dienſt zu leiſten und von dem Volkshaufen verwundet worden iſt.“ „Sein Name, Herzogin, ſein Name?“ „Mr. Henty Aſhton.“ „Ach! ja, ſo heißt er wohl; und von dieſem jungen Mann ſprechen Sie!.. Gut! gut! er ſoll ſehen, daß ich nicht undankbar bin. Ich werde mit dem Lord⸗Kanzler reden!“ 3 127 In dieſem Augenblick trat ein Page in das Cabinet der Königin, um zu melden, daß dieſe Perſon gerade angekommen ſei und um die Erlaub⸗ niß bitte, Ihrer Majeſtät ſeinen Reſpect bezeugen zu dürfen. ð „Ich werde ihn im grünen Salon empfangen. Bleiben Sie hier, Herzogin; ich werde Sie nicht lang warten laſſen.“ Im Widerſpruch mit dieſem Verſprechen verfloß beinahe eine Stunde, ehe die Königin zurückkehrte. Als ſie eintrat, war ſie roth vor Zorn. Da die Herzogin die Hartnäckigkeit des Kanzlers kannte, fürchtete ſie, derſelbe möchte den Bitten Ihrer Ma⸗ jeſtät Widerſtund geleiſtet haben. Sie täuſchte ſich. Trotz der Feſtigkeit des Beamten war die Königin Charlotte noch beharrlicher als er. „Iſt es Eurer Maſeſtät gelungen?“ fragte reſpect⸗ voll Lady Mowbray. „Gelungen! hum!“ murmelte dio Königin.„Der Kanzler iſt eben ſo einfältig, wie Mylord Liverpool. Er redet von frühern Fällen, von Mißachtung ber Geſetze. Und als ich von ihm die Beſtrafung des Mannes begehre, der mich beſchimpft hat, zuckt er die Achſeln und ſpricht: Die Regierung vermag nichts, als was die Geſetze geſtatten.“ „Iſt es möglich!“ rief die Herzogin. „Das iſt ſeine Antwort; aber ich habe Ihre Freunde nicht vergeſſen. Sie können dem jungen Mann in meinem Namen ſagen, daß er nichts zu befürchten hat.. Ihre Nichte,“ ſetzte die Königin, zu Lady Mowbray gewendet, hinzu,„wird nicht mehr zu ihrem gottloſen Oheim zurückkehren!“ 128 Die Wittwe Sir Williams beugte ein Knie zur Erde und küßte die runzelige Hand, welche ſich gegen ſie ausſtreckte. „Sie dürfen mir wohl danken,“ fuhr die Königin fort,„denn ich habe ſehr hart gegen ihn auftreten müſſen! Und erſt nachdem ich ihm gedroht hatte, Miß Ellen de Vero eine Stelle in meinem Hauſe zu geben, eine Stelle, um welche er für Lady Munton ſich bewirbt, gab der Kanzler mir das Verſprechen, die Sache in Ordnung zu bringen!“ 3 Am nächſten Morgen, als Ellen in Begleitung von der Herzogin, von Doctor Orme und unſerem Helden vor Seiner Herrlichkeit erſchien, war Oberſt Mowbray nicht wenig verblüfft. Niemals wurde eine Affaire in kürzerer Zeit unterſucht, und der Kanzler entſchied, daß die Waiſe unter der Vor⸗ mundſchaft des Rectors und der verwittweten Lady Mowbray bleiben ſollte, welchen jedoch unterſagt wurde, ihre Einwilligung zur Heirath ihrer Mündel mit Henry Aſhton zu geben, ehe das Teſtament von Sir William für gültig erklärt würde. Jedermann war mit dieſer Entſcheidung zufrieden, außer Henry und Oberſt Mowbray. Der Erſte ſah ſein Glück vielleicht auf lange Zeit hinausgeſchoben; der Zweite erwartete nichts als Schmach und Scan⸗ dal von dem Proceß. „Könnte ich nur den ſealeß Brief bekommen, den ich an Lucas geſchrieben habe,“ ſprach er hei ſich, als er den Hof verließ,„ich würde ihnen Allen noch Trotz bieten!“ Dieſer Brief war im Beſitz von Lady Villian, me niemals ſich von ihm trennte, und ihn — 129 Nachts unter ihr Kopfkiſſen legte. Der Oberſt wußte das, und er dachte nur auf Mittel, ihn wieder zu erlangen.. Vierundvierzigſtes Kapitel. * Pen Morgen nach der Zuſammenkunft der ver⸗ wittweten Lady Mowbray und der Königin Charlotte las man in der Zeitung folgende Anzeige: „Ihre Majeſtät hat die Gnade gehabt, in einer beſondern Audienz zu Buckingham⸗Houſe Lady Mowbray zu empfangen, die Wittwe des Baronets dieſes Namens, die nach langjähriger Abweſen⸗ heit auf dem Feſtlande ſo eben wieder nach Eng⸗ land heimgekehrt iſt.“ Dieſe wenigen Zeilen, ſcheinbar von ſo geringer Bedeutung, ſtellten nichts deſto weniger die beſchimpfte * Ehre von Lady Mowbray wieder her und gaben der⸗ ſelben ihren Platz unter den tugendhafteſten Damen Englands zurück. Da für den Augenblick keine Gewaltthat von Oberſt Mowbray gegen Ellen zu befürchten war, gaben Doctor Orme und die Herzogin von Devon⸗ ſhire der edeln Wittwe den eifrigen Rath, mit dem Mädchen nach der Abtei Carrow zurückzukehren, bis die Gerichte ſich über die Gültigkeit von dem Teſta⸗ ment des Baronets ausgeſprochen hätten⸗ Die Abtei Carrow. IV. 130 wieder zu ſehen, wo unſere glücklicheren Tage ver⸗ floſſen ſind. Alles ruft daſelbſt diejenigen in's An⸗ denken zuruck, welche man für immer verloren hat. Die Welt war nur Aſche für Lady Mowbray! „Ihr habt einen großen Einfluß auf mich ge⸗ wonnen,“ ſprach ſie in Erwiderung auf die Bitten von Ellen und unſerem Helden.„Ich glaube bei⸗ nahe, indem ich Euch höre, längſt verſtummte Stim⸗ men zu vernehmen!... Deine Mutter,“ ſetzte ſie, zu Ellen gewendet, hinzu,„iſt meine erſte und meine theuerſte Freundin geweſen: wie mußte es ihr Herz betrüben, da ſie mich ſchuldig glaubte!“ Die Waiſe warf ſich ihr an den Hals und trock⸗ nete mit ihren Küſſen die Thränen, welche die Augen ihrer Tante verdunkelten. Weniger leicht war der Einfluß zu erklären, welchen Henry Afhton auf ſie ausübte. Oft fuhr ſie zuſammen und wurde von tödtlicher Bläſſe befallen, wenn ein Ton ſeiner Stimme ſie an Sir William erinnerte. Die Stunden, die er mit ſeinem Wohl⸗ thäter zugebracht, hatten ihm Etwas von ſeinen Manieren mitgetheilt. Es wurde ſchließlich ausgemacht, Henry ſollte zuerſt nach Carrow abreiſen, um Alles für die Auf⸗ nahme der Damen vorzubereiten. Joe Beans ſollte ihn begleiten. Bald nach der Ankunft von Henry Aſhton und Joe Beans zu Carrow verbreitete ſich das Gerücht, die verwittwete Lady Mowbray ſei im Begriff, zurück⸗ zukehren und ihren Aufenthalt in der Abtei zu nehmen, wohin Miſtreß Jarmy, der Beſchließer Es iſt hart, im Alter und in Trauer die Orte 131 Nicholls und alle alten Diener ſich begaben, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Vor ihrer Abreiſe nach London hatten Henry und der Rector Sorge getre„die Geſchichte von der grauſamen Hinterliſt d apitäns Lucas unter die Leute zu bringen, was eine lebhafte Theilnahme für die Wittwe zur Folge hatte. Als Martin dieſe Nachricht erfuhr, nickte er mit dem Kopf und begann zu lächeln. 6„Ich habe das Alles in meinen Träumen ge⸗ ſehen, murmelte er;„ſie ſind theilweiſe ſchon in Erfüllung gegangen, der Reſt wird zu ſeiner Zeit auch noch kommen.“ Als man ihn fragte, was er unter dem Reſt verſtände, ſchüttelte er den Kopf und verfiel wieder in Stillſchweigen. Auf Joe's rn geſtützt, kehrte er nach ſeinem Lieblingsplatz im Stall zurück, wo eer ſich dem Nachdenken über die Vergangenheit und ielleicht auch über die Zukunft überließ. Die meiſten Diener betrachteten ſeine Worte als Aeußerungen indiſchen Zuſtandes, worin ſie ihn verfallen glaubten, ober ſie täuſchten ſich. Das Gedächtniß des Greiſes war ſo friſch wie je, und er bewies dieß, indem er Miſtreß Jarmy, die mit der Anordnung von Lady + Mowbray's Zimmer beauftragt war, darauf aufmerk⸗ am machte, an welcher Stelle dieſes oder jenes Möbel geſtanden war und welche Blumen ihre un⸗ glckliche Gebieterin beſonders gern hatte. Der Farmer Aſhton war nicht der erſte Gatte, welcher die Unmöglichkeit erkannte, ein Geheimniß vor ſeiner Frau zu bewahren. War die gute Dame 3 — * 7 132 nicht mehr ſo hübſch, wie die Jüngſten ihres Ge⸗ ſchlechts, ſo war ſie doch nicht weniger neugierig, ſo daß ſie bald aus Matthäus herausbrachte, der Khan ſei kein Anderer als ſein Bruder. „Dann iſt er al arry's Vater?“ „Gewiß, Frau!“ „Aber ich hoffe, er wird ihn nicht in die Fremde mit ſich nehmen wollen; es ſcheint mir, er iſt ohne⸗ dieß ſchon weit genug gereist.“ „Ich glaube eben ſo wenig, daß er ihn mit⸗ nehmen will, um ſo mehr, da jetzt Alles zwiſchen dieſem und Miß Ellen in's Reine gebracht worden iſt. Uebrigens weiß Harry noch nichts davon.“ „Wie! er weiß nicht, daß der Khan ſein Vater iſt?“ „Ah! das iſt mir doch ein wenig ſtark!.. Aber Du willſt es ihm ſagen?“ „Ich habe meinem Bruder verſprochen, es ge⸗ heim zu halten.“ „Aber ich, ich habe nichts verſprochen!“ rief die Frau entrüſtet.„Schämt er ſich etwa ſeines Soh⸗ nes?.... O! Matthäus, Matthäus, daß es nicht der unſrige iſt!“ „Ja, daß es nicht der unſrige iſtl.. Aber v könnten ihn darum doch nicht mehr lieben.“ Nicht ohne Mühe brachte der Farmer ſeine Frau zum Verſprechen, das Geheimniß zu be⸗ ſen und auch ſo verſprach ſie es ihm nur Während die Adoptiv⸗Eltern unſeres Helden e e r e r r ſpucke. — 133 ſich alſo mit deſſen Lage beſchäftigten, verſchwand der Khan plötzlich aus der Umgegend von Carrow und man ſucht ihn mehrere Tage vergeblich⸗ 5 *8 Finfundierſigſtes Kapitel. Red Ralph begab ſich nach der Farm, wo er Joe Beans zu finden hoffte und ging ſo, pfeifend und mit ſich ſel edend, dahin, indem er mehr einem Kobold inem Ehriſtenkinde glich, bis er ſich jener t en und einſamen Thalſenkung näherte, wo die einſt von Will Sideler bewohnte Hütte ge⸗ legen war. Seit der Hinrichtung des Mörders wurde ſie von den Bauern der Umgegend mit abergläubiſchem Schrecken betrachtet; die alten Wei⸗ ber des Dorfes behaupteten ſogar, daß es dort Nun war Ralph zwar nicht abergläubiſch, aber ſeit dem Tod des Kaninchenwärters doch nicht mehr ſo unerſchrocken, wie wir ihn zu Mortlake geſehen haben. So machte alſo ſein fröhliches Pfeifen all⸗ nälig einem unbeſtimmten Sumſen Platz, und mehr als einmal fuhr er bei dem Geräuſch von einem Fuchſe oder einer wilden Katze zuſammen, die 134 ſich verſtohlen durch die Ginſter⸗ und Brombeer⸗ büſche ſchlichen. „Meiner Treu!“ ſprach er ſtilhaltend und um ſich ſchauend,„es iſt beinahe Nacht; ich habe gute Luſt, umzukehren!“ Er machte langſam einige Schritte. „Man würde ſich auf der Farm über mich luſtig machen!.... Nein, ich muß meines Weges weiter gehen!“„ Der Junge, der einen großen Theil ſeiner Zeit in Feldern und Waldungen zugebracht, mehr als einmal im Park von Richmond gewildert hatte, be⸗ ſaß ein beinahe ſo feines Geſicht und Gehör, als ein junger Indier. Er begann alſo ſie unter dem Einfluß wenn nicht eines poſitiven Schreckens, wenigſtens einer gewiſſen Unruhe in Anwendung zu bringen, indem er mechaniſch a zebüſchen und Baumgruppen, unter welchen ei ſich hatte auch hätte verbergen können, auswich. ganz und gar zu pfeifen aufgehört. Er erreichte den kleinen Raſenplatz vor der Hütte: zu ſeinem großen Erſtaunen erblickte er einen röthlichen Lichtſtrahl durch die Fenſter. An⸗ fangs glaubte er, es wäre der Widerſchein des letzten Schimmers im Weſten; aber das Fn lag gegen Oſten und Ralph bemerkte dieß wohl. Alle die ſeltſamen Erzählungen, die er gehört und worüber er ſich luſtig gemacht hatte, kehrten ihm in's Gedächtniß zurück. Sollte der Geiſt Will Sidelers wirklich in der Hütte umgehen? Seine erſte Bewegung, als ſich die Betäubung des Er⸗ ſtaunens etwas verloren hatte, war, ſich platt auf — —— 135 die Erde zu werfen und ſich gleich einem Thier mitten unter das Gebüſch zu flüchten. Das Gebüſch war für Red Ralph, was für den alten Martin der Stall: der beſte Ort, um ſich dem Nachdenken zu überlaſſen. „Was kann das ſein?“ fragte er.„Noch dieſen Morgen habe ich den Verwalter zu dem Farmer ſagen hören, die Hütte drohe zu verfallen! Nie⸗ mand wolle daſelbſt wohnen.... Doch ja, Wilderer vielleicht, oder etwas noch Schlimmeres.“ Ralph ſetzts großes Vertrauen auf einen Knüttel. Et wählte ſich alſo ein junges Stämmchen, ſchnitt ſtutzte es ſo zu, daß ein vortrefflicher us wurde. es kein Geiſt iſt,“ murmelte er,„ſo mir gar nichts daraus. Vor einem Weſen ſch und Blut, gleich mir ſelbſt, fürchte ich cht, aber ich möchte den Alten nicht ſehen mit ſeiner über das Geſicht gezogenen Baumwollen⸗ mütze und mit den Beinen einen luſtigen Tanz erſter Qualität ausführend.... hu!“ Ein Schauder des Abſcheus durchlief ſeine Glieder bei der Erinnerung an das Schauſpiel, deſſen Zeuge er zu Norwich geweſen war. Bewaffnet mit ſeinem Knüttel und einem guten Entſchluß, ſchleppte ſich Ralph gegen eine Eiche hin, deren knorrige Aeſte den Weg beſchatteten und bei⸗ nahe das Dach der Hütte berührten. Er kletterte vorſichtig auf den Baum, ſetzte ſich rittlings auf einen der Aeſte und rückte allmälig ſo weit vor, bis er in der Lage war, Alles zu ſehen, was im 136 Innern der Hütte, deren Fenſter einen röthlichen Lichtſtrahl durchließ, vor ſich ging. Ein gutes Feuer flackerte in dem Kamin, und ein eiſerner Topf hing über dem Feuer. Ein Laib Brod, eine Flaſche und ein Teller zeigten ſich auf dem Tiſch mitten in dem Gemach. Aber was Ralphs Aufmerkſamkeit beſonders erregte, war ein ſchwarzes, mit Silber eingelegtes Käſtchen. Er war überzeugt, es ſonſt ſchon geſehen zu haben, aber konnte ſich nicht erinnern, wo. „Das ſind keine Geiſter,“ ſprach er bei ſich, „ſondern Wilderer. Was ich eben für ein Dumm⸗ kopf war!“ Bereits ſchickte er ſich an, von dem Ba zuſteigen; aber es wandelté ihn die Luſt Perſon zu ſehen, welcher alle dieſe Vorb galten., „Irgend ein wackerer Schelm, ohne der meinen Geſchmack an einem Kaninchen Aber das ſchwarze, ſilbereingelegte Käſtchen be⸗ unruhigte ihn; er konnte den Blick nicht davon ab⸗ wenden; es übte eine Art Bezauberung auf ihn aus. Er war zugleich neugierig und ärgerlich: neugierig, den Inhalt deſſelben zu erfahren, ärger⸗ lich, ſich nicht erinnern zu können, wo er es ſchon geſehen hatte. Die Hütte ſchien unbewohnt; die Gelegenheit war verführeriſch. Ralph ſtieg langſam von ſeinem Baum herab, ſeinen Stock zwiſchen den Zähnen haltend, bis er auf dem Boden angelangt war. „Ich will ſehen, was daran iſt!“ ſagte er;„er⸗ 137 wiſcht man mich, wird man mich deßhalb nicht hängen können; ich bin kein Dieb!“ Der kleine Vorwitzige näherte ſich der Thüre, mit dem feſten Entſchluß, durch das Fenſter ein⸗ zudringen, wenn jene geſchloſſen wäre. Mit einer Vorſicht, um welche ihn der erfahrenſte Dieb hätte beneiden können, legte er die Hand auf die Klinke, hob ſie zweimal, zuerſt leiſe drückend, dann ſtärker, als er ſah, daß die Thüre Widerſtand leiſtete. Er war in Verlegenheit; nirgends Etwas von einem ſichtbaren Schloß an der Thüre, und doch konnte er dieſelbe nicht öffnen. Daraus ergab ſich der natürliche Schluß, daß ſie von innen verriegelt war; aber dann mußte auch Jemand in der Hütte ſein. Dieſe Entdeckung machte ihn noch vor⸗ ſichtiger. unm „Das iſt ein ſeltſames Abenteuer!“ ſprach er bei ſich.„Ich ſehe Niemand und doch iſt nur ein Gemach in der Hütte!“ Er wollte verſuchen, das Fenſter zu öffnen; aber hier erwartete ihn eine furchtbare Ueberraſchung, welche ihn aus einem Zweifler plötzich in einen Gläubigen verwandelte. Da ſtand, mit dem Rücken gegen das Feuer, der Kaninchenwärter. Ralph konnte ſich nicht täuſchen: es war ſein Coſtüme, ſein hoher Wuchs, ſein Hut und ſeine Waid⸗ taſche. 3 Die rothen Haare ſtanden dem Jungen zu Berge. Zum Glück war ſein Schrecken zu groß, als daß er ſprechen oder einen Schrei ausſtoßen konnte. Er ſtieg von dem Fenſtvorſprung herab und fiel ohn⸗ mächtig auf den Raſen. „ „ Sechzundoierzigſtes Kapitel. Joe Beans ſchlief in ſeinem guten Bett im Pfarthauſe. Vielleicht träumte er von Suſanne. Es iſt ſogar mehr als wahrſcheinlich, da ſie wenige Stunden zuvor ihm verſprochen hatte, an dem⸗ ſelben Tage ihm die Hand zu reichen, an welchem Henry Afhton ſich mit Miß Ellen de Vere ver⸗ mählen würde. Konnte Joe nach einem ſolchen Verſprechen von etwas Anderem, als ſeiner Braut ttnilei Man hatte mehrmals an Joe's Fenſter geklopft, aber er ſchlief noch immer. Es iſt ſo ſchwer, Je⸗ mand aufzuwecken, der einen ſchönen Traum hat. Ein Stein, der mit größerer Kraft als die voran⸗ gehenden geworfen worden war, zerbrach endlich die Scheibe und die Stücke davon fielen klirrend auf den Fußboden. Joe wachte plötzlich auf und fragte, durch das Fenſter ſchauend:„Wer iſt da?“ Statt aller Antwort fiel ein zweiter Kieſelſtein auf ſein Bett. E Joe ſprang aus demſelben und lief an das Fenſter. lit „Wer iſt da?“ wiederholte er. „Ich bin es, Mr. Beans!“ antwortete die wohl⸗ bekannte Stimme von Red Ralph. Am Fuße eines Baumes auf dem Raſen kauerte der arme Kuhjunge, welcher nach der ſchrecklichen Erſcheinung, deren Zeuge er in der Hütte des Kaninchenwärters geweſen war, keine Ruhe finden 139 konnte, ehe er ſeinem bäuerlichen Beſchützer, was er geſehen, erzählt hatte. „Und was willſt Du zu dieſer Stunde der Nacht?“ ſagte Joe mit nicht ſehr liebenswürdiger Stimme, denn er war ärgerlich darüber, geweckt worden zu ſein.„Ich fürchte, Ralph, Du haſt ge⸗ trunken. 16 I6. „Habe ich getrunken, ſo war es nur Waſſer.“ „Kehre nach Hauſe zurück, auf der Stelle.“ „Noch Hauſe! nein, nein, Mr. Beans! Ich möchte es nach Dem, was ich dieſen Abend gefehen, nicht mehr wagen, über die Gemeindewieſe zu gehen!.... Kommen Sie herab, ich bitte Sie! Ich verſichere Sie, es iſt wahr! Wenn ich Ihnen eine Unwahrheit ſage, ſo können Sie mir eine gute Tracht Prügel aufmeſſen.“ Es lag Verſtand in dieſem letzten Vorſchlag. Joe entſchloß ſich alſo, in ſein Begehren zu willigen. „Warte,“ ſagte er,„und mache keinen Lärm, damit der Rector und die Domeſtiken nicht beun⸗ ruhigt werden.“ „Gewiß nicht, Mr. Beans, aber beeilen Sie ſich!“ Zehn Minuten ſpäter befand ſich Henry's Freund auf dem Raſen. Er hatte zuerſt die Abſicht, den Jungen zu ſchelten; kaum aber erblickte er deſſen Bläſſe und das krampfhafte Zucken ſeines Geſichtes, das im Mondſchein noch häßlicher als bei Tage war, ſo änderte er ſeinen Vorſatz und fragte, ihm ſuſ die Hand auf die Schulter legend, was ihm ehle. 140 „Ich habe ihn geſehen! Ich habe ihn geſehen!“ rief Ralph ganz verſtört. „Du haſt ihn geſehen!... Wen haſt Du geſehen?“ 1 10 1 „Den Ka„ nin chenwärter!“ Ralphs Zähne klapperten vor Schrecken. „Geh, geh, Ralph, Du haſt Dir eingebildet, ihn zu ſehen! Die Todten kehren niemals wieder!“ „Glauben Sie?.. Ich habe es auch ge⸗ glaubt, aber jetzt weiß ich, was daran iſt!... Ich ſage Ihnen, Mr. Beans, ich habe ihn geſehen, gerade ſo gekleidet wie in Cromwell⸗Houſe, mit ſeiner Jagdtaſche und ſeinem breitkrämpigen, über die buſchigen Augbraunen herabgeſchlagenen Hute! Ha, ich würde darauf ſchwören!“ „Wo haſt Du ihn denn geſehen?“ 9 „In der Waldhütte, wo er ſonſt wohnte! Ich bin überzeugt, daß er mehr als einen Mord be⸗ gangen hat und deßhalb keine Ruhe finden kann!“ „Es iſt ganz gewiß eine Wirkung Deiner Ein⸗ bildungskraft, Ralph,“ erwiderte Jve in einem Tone der Ueberzeugung, von welcher er weit entfernt war. „Du wirſt mich nicht überreden, Ralph! Du haſt getrunken oder geträumt!“ Aber Joe ſagte dieß vielleicht ebenſo ſehr in der Abſicht, die Ueberzeugung des Jungen auf die Probe zu ſtellen, als ſeinen ſchon beträchtlich er⸗ ſchütterten Zweifel auszudrücken. Es liegt beinahe in allen Menſchen eine angeborne Leichtgläubigkeit, eine große Liebe zu dem Wunderbaren; und Joe war von dieſer Schwäche nicht ausgenommen. 141 „Haſt Du ſein Geſicht geſehen?“ fragte er nach einigen Minuten Ueberlegung. „Nein„nein! der Anblick ſeines alten Rockes und ſeines alten Hutes war mir genügend!“ antwortete Ralph mit Schaudern.„Aber ich weiß gewiß, er war es! Er hatte auf dem Tiſch ein viereckiges Käſtchen, ſchwarz und Silber, das ich irgendwo geſehen habe, aber ich kann nicht ſagen, wo. Und Sie, Mr. Beans?“ Bei Erwähnung des Käſtchens ging im Geiſte des ehrlichen Jve ein neues Licht auf. Er hatte ein Käſtchen geſehen, welches dieſer Beſchreibung entſprach. Er wußte, daß die Wittwe von Sir William ein ähnliches hatte, welches ſie jede Nacht unter ihr Kopfliſſen legte; er wußte, daß es den Brief des Oberſts an Lucas, ſowie andere wichtige Papiere enthielt. „Du biſt ein Junge von Geiſt, Ralph!“ rief er. „Wirklich!“ erwiderte der Knabe mit einem Lächeln der Befriedigung.„Ei, ich hätte es nicht geglaubt!“ „8 iſt kein Geſpenſt, ſo viel weiß ich gewiß.“ „Sondern irgend ein elender Ränkeſchmied, der das Aeußere von Will Sideler angenommen hat, um Diejenigen, welche ſich der Ausführung ſeines Vorhabens widerſetzen könnten, zu erſchrecken. Mich ſoll er nicht erſchrecken!.... Warte einige Augen⸗ blicke auf mich, Ralph; ich hole nur meine Piſtolen. Wir werden den Verräther bald aus ſeinem Hinter⸗ halt vertriu. haben!“ „Sind Sie deſſen gewiß, was Sie ſagen, Mr. Beans? Es hatte ſchreckliche Aehnlichkeit mit Will!“ „Ich möchte ſchwören, es iſt Oberſt Mowbray oder eines von ſeinen Werkzeugen. Er will ſich des Käſtchens bemächtigen, welches die Beweiſe ſeiner Frevelthat enthält! Ich ſehe jetzt Alles deutlich!“ 3 36 „Und ich auch!“ rief Ralph erfreut;„denn jetzt fällt mir ein, wo ich dieſes Käſtchen oder ein ähn⸗ liches geſehen habe! Die Dame in ſchwarzem Ge⸗ wand, mit dem blaſſen Geſicht, welche Maſter Harry aus dem Wagen in den Salon getragen hat, hielt es in ihren Händen! Was war ich für ein Dumm⸗ kopf! Aber da es kein Geſpenſt iſt, gehen wir darauf los! Ich fürchte mich vor keinem Menſchen von Fleiſch und Blut, gleich uns, Mr. Beans!“ Ioe verließ das Pfarrhaus wohlbewaffnet. Der Kuhſunge willigte gern ein, ihn durch das Gehölz zu begleiten; aber ſein bäuerlicher Patron weigerte ſich beharrlich, ihm eine Piſtole anzuvertrauen. Er wußte, der Junge war nicht bloß ſchlau, ſondern auch behend wie ein Fuchs oder eine wilde Katze; und er dachte, dieſe Eigenſchaften genügten, ihn im Fall der Gefahr zu retten. Eine Piſtole wäre S allzu gefährliche Waffe in ſolchen Händen ge⸗ weſen. Im Augenblick, wo Red Ralph, der voraus⸗ ging, aus dem günſtigen Schatten des Gehölzes hervorrücken wollte, um auf den Raſen im Mond⸗ licht zu treten, ließ ſein vorſichtigerer Fenoſſe einen 143 Eulenruf hören. Der Junge hielt gleich einem gut dreſſirten Wachtelhund ſtill. „Was wollen Sie, Mr. Beans!“ flüſterte Ralph, ſobald Joe ſich ihm ſchweigend genähert hatte. „Nicht ſo ſchnell; es kann Gefahr geben!“ „Die Thüre iſt offen und das Licht ausge⸗ löſcht!“ 6„Warte hier; ich will zuerſt hingehen,“ ſagte oe. „Nein, Mr. Beans, nein; ich will des Teufels ſein, wenn ich Ihnen gehorche! Sie ſind gut gegen mich geweſen, Sie haben mir gute Rathſchläge ge⸗ geben, Sie haben mich bei Farmer Aſhton unter⸗ gebracht... es iſt Alles unnütz, was Sie ſagen. Ich gehe mit Ihnen. Ich fürchte mich nicht. Bin ich klein, ſo bin ich auch feſt auf den Beinen!“ „Wohl, wohl,“ verſetzte ſein Gefährte, von Ralphs Treue gerührt;„komm mit mir, aber er⸗ innere Dich, daß das tiefſte Stillſchweigen zu beob⸗ achten iſt! Nicht ein Wort, es ſei denn, daß ich zu Dir ſpreche!“ „Gut, Mr. Beans, man wird Ihnen ge⸗ horchen!“ „Und wenn mir Etwas widerführe,“ ſetzte der junge Mann mit leicht bewegter Stimme hinzu, „ſo laufe aus Leibeskräften in das Pfarrhaus, mache Lärm unter den Dienern, rufe Maſter Harry und ſage ihm, was Du geſehen haſt!“ Red Ralph fühlte, wie ihm bei dem Gedanken einer Gefahr für ſeinen Freund und Beſchützer das Herz ſchwoll. 144 ch werde Ihnen gehorchen, Mr. Beans, ich verſpreche es Ihnen; aber geben Sie mir eine Piſtole! Ich verſichere Sie, daß ich mich derſelben zu bedienen weiß. Hundertmal habe ich Sperlinge und Amſeln zu Mortlake geſchoſſen und niemals gefehlt. Warum an mir zweifeln?“ „Wohlan, hier iſt eine; aber gib Acht darauf!“ „Ja, Mr. Beans!“ „Und bedenke, daß Du Dich ihrer nur im äußerſten ſnhel bedienen darſſt!“ „Wann, Mr. Beans?“ „Im äußerſten Nothfall; das heißt, in Verthei⸗ digung Deines Lebens.“ „Hder des Ihrigen!“ flüſterte Ralph. Sri ich bin nicht ſo einfältig, als ich aus⸗ ehe!“ Die Thüre der Hütte ſtand offen; ſie ſchloß ſich von innen durch eine ſtarke Eiſenſtange, die jetzt an die Wand gelehnt war. Nachdem er noch einige Zeit ſich im Finſtern, denn die Läden waren ge⸗ ſchloſſen, fortgetappt hatte, ließ es Joe Beans darauf ankommen, Feuer zu ſchlagen. Auf dem Tiſch befand ſich ein halb abgebrann⸗ — tes Licht, in einer leeren Flaſche ſteckend; er zündete es an und ſie ſahen, daß ſie allein waren. „Nicht eine Seele iſt hier, Ralph!“ ſagte Joe. „Nein, Mr. Beans; der Vogel iſt ausge⸗ flogen.“ „War wirklich einer da?“ „Das iſt leicht zu erkennen.“ Wie ſo?“ 145 „Machen Sie es, wie ich es zu Mortlake machte, wenn ich wiſſen wollte, ob die Vögel brüteten: befühlen Sie, ob das Neſt warm iſt!“ Joe fing an, die im Kamin angehäufte Aſche aufzuwühlen; einige helle Funken ſprangen hervor und einzelne noch nicht ganz erloſchene Kohlen be⸗ gannen, dem Einfluß der Luft ausgeſetzt, wieder zu glühen. „Bei Gott! Du haſt Recht!“ rief der junge Mann,„das Neſt iſt warm.“ „Ich habe es Ihnen ja geſagt!“ Eine genauere Unterſuchung der Hütte führte ſie nicht nur zur Entdeckung von Mundvorräthen auf einem LTeller, ſondern auch von Stroh und Moos, das man in einer Ecke zum Lager ausge⸗ breitet hatte. Das war noch nicht Alles. Unter dem Stroh fanden ſie einen Nachtſack mit Weißzeug und Reiſe⸗ kleidern, die offenbar einem in Wohlſtand befind⸗ lichen Mann angehörten. „Was denken Sie jetzt, Mr. Beans?“ „Daß Du Recht hatteſt, Ralph; und daß ich ein Thor war, an Dir zu zweifeln.“ Nein, nein, kein Thor; aber Sie ſind zu miß⸗ trauiſch!.... Wollen Sie nicht die Taſchen durch⸗ ſuchen?“ Die Taſchen waren leer, mit Ausnahme einer, worin ſich eine Karte befand, auf welcher Etwas, in Chiffern geſchrieben, ſtand. „Bring mir das Licht,“ ſagte Ive. Falph gehorchte; aber wiewohl Joe die Schrift⸗ zeichen nicht verſtehen konnte, ſprach doch der darauf Die Abtei Carröw. IV. 10 146 gedruckte Name deutlich genug; es war der von Oberſt Mowbray. „Ralph!“ rief er entſchloſſen,„wir verlieren unſere Zeit hier! Der Frevler handelt und voll⸗ bringt vielleicht in dieſem Momente ſein nieder⸗ trächtiges Vorhaben. Brechen wir auf!“ „Wohin?“ „Nach der Abtei! Hier wird das Werk dieſer Nacht zu Ende gehen.“ „Ich verlaſſe Sie nicht, Mr. Beans; von dem Augenblick an, da ich weiß, daß es kein Geiſt iſt, habe ich keine Furcht mehr vor ihm!“ Es war jetzt an Joe, vorauszumarſchiren. Und dieß geſchah mit ſolcher Geſchwindigkeit, daß Red Ralph genöthigt war, Sprünge wie ein Känguru zu machen, wenn er nicht zurückbleiben wollte. In weniger als einer halben Stunde hatten ſie die Park⸗ mauer erreicht. „Soll ich an dem Portierhäuschen läuten?“ fragte der kleine Mann außer Athem. „Mache es wie ich,“ erwiderte ſein Genoſſe, indem er nach einem Baumzweig griff, der über die Mauer herüberragte, und ſich zu demſelben empor⸗ ſchwang. 4 Einen Augenblick nachher war Ralph an ſeiner eite. Einmal im Park, eilten ſie der Abtei zu. Eine Todtenſtille umgab das ehrwürdige Gebäude; nicht ein Licht war an den Fenſtern zu ſehen; Alles ſchien in tiefe Ruhe verſenkt. „Sehen Sie! Sehen Sie!“ flüſterte der Junge, Joe am Arm faſſend und mit dem Finger nach —— 147 dem Gebüſch deutend, welches ſich längs des Gra⸗ bens hinzog, in welchen er Se. Ehrwürden, Tordle⸗ texte, geworfen hatte;„wir ſind nicht allein!“ Joe gewahrte deutlich den Schatten eines Mannes, der auf ein Bosket zuging, in deſſen Mitte ſich ein alter, gothiſcher Pavillon erhob. Es war einſt ein Lieblingsplätzſchen von Sir Wil⸗ liam und ſeiner Gattin geweſen. Aber ſeit der Entfernung der Letztern war es immer verſchloſſen geblieben. „Gott ſei Dank!“ flüſterte er,„wir kommen noch zu rechter Zeit.“ Nachdem ſie eine Minute gewartet, wandten ſie ſich gleichfalls dem Pavillon zu. Der Schlüſſel ſteckte im Schloß. Joe öffnete die Thüre und trat mit den Piſtolen in der Hand, gefolgt von Ralph, in das Gemach. Es war leer. Ein ſchwacher Lichtſchein ſchien aus dem Boden zu kommen. Als ſie näher traten, bemerkten ſie, daß man eine Platte aufgehoben hatte, und fanden eine Treppe. Das Licht wurde offenbar von dem Mann getragen, den ſie verfolgten, denn es ent⸗ fernte ſich und wurde immer ſchwächer. Ohne Zaudern, ohne ein Wort zu reden, be⸗ gannen ſie hinabzuſteigen. Joe ſtand beinahe auf der letzten Stufe, als er hörte, daß ſein Begleiter die Piſtole ſpannte. Der Burſche machte ſich zum Kampfe fertig, wie er ſagte. „Nimm Dich in Acht!“ flüſterte Joe. Verlaſſen Sie ſich auf mich, Mr. Beans; aber das iſt ein ſeltſames Gebäude, das; es mahnt mich an Cromwell⸗Houſe!“ 30 148 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Obwohl die alten Diener der Familie Mowbray ſehr zufrieden damit waren, ſich endlich wieder in der Abtei zu befinden, miſchte ſich doch ein Gefühl des Schreckens in ihre Freude. Keiner wagte es, zu geſtehen, aber jeder von ihnen zitterte, wenn er durch die öden Gemächer und düſtern Corridors wandelte. Bei dem Geräuſch ihrer eigenen Schritte fuhren ſie zuſammen; ſo beeilten ſie ſich mit An⸗ bruch des Abends nach dem Zimmer der Haus⸗ hälterin zu gelangen, wo ein gutes Feuer und die Geſellſchaft ihrer Camaraden die Röthe auf ihre Wangen zurückrief. Sie vermieden beſonders ängſtlich die Gemälde⸗ gallerie und die Bibliothek, den Schauplatz der ſchreck⸗ lichen Ereigniſſe, welche Trauer über ganz Carrow verbreitet hatten. Nur der alte Martin wagte, jene Räume zu betreten, und ging in traurigem Nach⸗ denken dort auf und ab. Miſtreß Jarmy und der Beſchließer Nicholls, die ihn ſchon ſo lang kannten, verſtanden ihn nicht mehr. Oft hörten ſie ihn wiederholen: „Noch nicht! Noch nicht Ruhe! die Aloe hat noch nicht geblüht!“ „Was will er mit der Aloe ſagen?“ fragte die Haushälterin die Diener. Aber Keiner konnte dieſes Geheimniß erklären, und Martin zu befragen, war unnütz. Die letzten S hatten ihn noch ſchweigſamer als je ge⸗ macht. 149 Alle Bewohner der Abtei hatten ſich zu Bette begeben, mit Ausnahme der Donmeſtiken, die noch um das Feuer von Miſtreß Jarmy verſammelt blieben. Sie hatten zu große Furcht, um ſich nieder⸗ zulegen. Die Diener der Herzogin von Devon⸗ ſhire leiſteten ihnen Geſellſchaft und die alte Haus⸗ hälterin machte nach ihrer Art die Honneurs der Abtei, indem ſie eine ihrer erſchrecklichſten Geſchichten erzählte. „Man hatte mich,“ fuhr ſie fort,„nach der Abtei geſchickt, um meiner Großmutter zur Zeit der Heirath von Lady Blanche zu helfen, denn der halbe Adel des Landes war daſelbſt verſammelt. Der Abend vergeht, die Vermählte begibt ſich nach ihren Zimmern, während plötzlich die Tänzer, die ſich noch in der großen Gallerie herumtummelten, von einem durchdringenden Schrei und dem Ton einer Klingel erſchreckt wurden... „Nun weiter, weiter!“ riefen einige Zuhörer, die bereits vor Schrecken zitterten. Miſtreß Jarmy war im Begriff, in ihrer Er⸗ zählung fortzufahren, als ein Schrei, der aus einem entfernten Theil der Abtei kam, ſich hören ließ. Er erklang in der Stille der Nacht gleich dem Anruf eines Unglücklichen, der ermordet wird. Die Haushälterin erbleichte tödtlich: die Mägde ſtellten ſich unter den Schutz des tapfern Flip, der ſelbſt halb todt vor Furcht war. Selbſt der alte Martin erhob ſich aus ſeinem Seſſel. „Habt Ihr gehört?“ fragte die Kammerfrau. Der Schrei wiederholte ſich nicht nur, ſondern auch die Klingel begann wieder zu rufen; zum Un⸗ 150 glück war der Schrecken der Domeſtiken ſo groß, daß ſie nicht unterſcheiden konnten, woher dieſe Klin⸗ gel kam. „Wir werden Alle ermordet werden!“ rief der Lakai der Herzogin. „Ja, noch ſchlimmer, wir werden von den Geiſtern geholt werden,“ entgegnete die Kammer⸗ frau. „Man muß ſehen, was es iſt!“ rief Martin. „Ja, ja,“ ſtammelte Nicholls.„Gerathet nicht in Zorn, Martin! Ich bin ein Haſenfuß, ich ge⸗ ſtehe es; aber ich werde meine Schuldigkeit thun!“ Die beiden Greiſe nahmen jeder eine Piſtole und gingen hinweg. Vergeblich beſchwor Miſtreß Jarmy Flip, den Diener von Ihro Gnaden, ihnen zu folgen. N „Ich würde nichts Beſſeres wünſchen,“ verſetzte er;„aber meine Pflicht hält mich zurück!“ „Ihre Pflicht!“ wiederholte die alte Frau;„ſagen Sie lieber die Furcht!.... Aber macht Nichts! ich will ſelbſt gehen!“ Und das treue Geſchöpf hätte gethan, wie ſie ſagte, wäre ſie nicht mit Gewalt von den Mägden zurückgehalten worden. Man hörte einen Piſtolenſchuß, von einem lan⸗ gen, durchdringenden Schrei gefolgt. „Das iſt Mylady's Stimme!“ rief die Haus⸗ hälterin;„laßt mich gehen!“ „Es ſind Mörder!“ „Das Geſpenſt!“ Reues Geſchrei ließ ſich vernehmen. Mit einer verzweifelten Anſtrengung riß ſich die alte Jarmy 151 aus den Armen Derer, welche ſie zurückhielten, und ſtürzte aus dem Zimmer, indem ſie die daſelbſt Bleibenden mehr todt als lebend zurückließ. Es iſt Zeit, daß wir zu Joe Beans und ſeinem Gefährten zurückkehren. Der ſchmale Gang, durch welchen ſie verſtohlen dem Lichtträger folgten, war ganz von Stein und ein Bau wenigſtens ſo alt als die Abtei. Es gab darin ebenſo viel Windungen wie in einem Kanin⸗ chenbau, und da, wo die Krümmungen Winkel bilde⸗ ten, bemerkte man einige Verzierungen am Kreuzge⸗ wölbe; es waren hauptſächlich Mönchs⸗ und Heili⸗ genköpfe, in die Mauerecken und Vorſprünge ge⸗ meißelt. Ein oder zwei Mal hielt das Licht ſtill, wie wenn Der, welcher es trug, ein Geräuſch zu hören geglaubt hätte. Joe und Ralph machten gleichfalls Halt und wagten kaum, Athem zu holen. „Ziehen wir unſere Schuhe aus,“ ſagte der Erſte;„unſere Schritte könnten ihn beunruhigen.“ „Ja, Mr. Beans,“ ſtammelte Ralph. Das Licht war ihnen beinahe aus dem Geſicht, als ſie ſich wieder in Marſch ſetzten. Endlich gelangten ſie an eine Treppe, ähnlich derjenigen, welche aus dem gothiſchen Pavillon hinabging. Sie hielten an, um zu horchen. „Er öffnet eine Thüre!“ ſprach Joe bei ſich, er das Geräuſch einer Feder oder einer Klinke örte. Den Augenblick darauf war der letzte Licht⸗ ſchimmer verſchwunden und ſie befanden ſich in der volſſtündigſten Finſterniß. Unſere beiden Freunde — * 132 ſtiegen die Treppe hinauf und gelangten an einen Holzverſchlag, welcher ihnen den Weg verſperrte. Ein tiefer Seufzer entſchlüpfte Joe's Bruſt. „Gott erbarme ſich unſer!“ rief Ralph:„was gibt es?“ „Still!“ flüſterte Joe;„da iſt eine Thüre.“ „Iſt Sie offen, Mr. Beans?“ „Nein!. Haſt Du den Feuerſtahl, Ralph?“ „Hier iſt er!“ Bald hatte man Feuer, und das Zündhölzchen brannte lang genug, um Joe einen eiſernen Ring in dem eichenen Täfelwerk gewahr werden zu laſſen. Nachdem er an ihm nach allen Seiten gezogen und geſchoben hatte, fühlte er das Täfelwerk nach⸗ geben, und einen Augenblick nachher befand er ſich mit Ralph in der Gemäldegallerie von Carrow⸗ Abtei. Die Strahlen des Mondes erhellten das Gemach. Joe hielt einen Augenblick an, um zu über⸗ legen. „Bleibe hier!“ ſagte er zu Ralph,„neben der geheimen Thüre.“ „Aber Sie, wohin gehen Sie?“ „Wohin mich die Pflicht ruft! Die Deinige iſt, hier zu bleiben. Du kannſt Dich leicht hinter einem Möbel verbergen. Wenn das vorgebliche Geſpenſt ſich wieder auf dem Wege, welchen es gekommen, wollte „So tödte ich es“ rief der Junge mit ent⸗ ſctoſenr W ſollte ich deßhalb gehängt werden!“ 153 Hier ließ ſich der erſte Schrei vernehmen, ge⸗ folgt von dem erſten Ton der Klingel. Und Joe wußte ſogleich, welche Richtung er einſchlagen mußte. „Muth,“ ſprach er,„und ich mache einen Mann aus Dir!“ Mit dieſen Worten eilte er nach dem Ende der Gallerie und verſchwand durch die Thüre. „Sie wieder hier zu ſehen,“ ſchluchzte Ralph, „wäre mir lieber als alles Gold, das in Cromwell⸗ Houſe vergraben ſein ſoll!.... Ich möchte für ihn beten können!“ ſetzte er hinzu.„Gott ſegne ihn! Das kann in allen Fällen nichts ſchaden, wenn es auch aus dem Herzen eines armen, unwiſſen⸗ den Geſchöpfes kommt. So wiederhole ich: Gott ſegne ihn!... Und jetzt,“ fuhr er fort, ſorg⸗ fältig das Zündkraut ſeiner Piſtole unterſuchend, „jetzt wehe dem Geſpenſt! Es würde mir Ver⸗ gnügen machen, einen Schuß ihm in den Leib zu jagen!“ Mit dieſen Worten verbarg er ſich hinter einer der holzgeſchnitzten Conſolen, von wo er, ohne ſelbſt geſehen zu werden, Alle, welche in die Gallerie kamen, erblicken konnte. ſie im Laufe ſeines Lebens war er in ſolcher Erregung geweſen, als eben jetzt; aber er fühlte ſich ſtolz auf Joe's Vertrauen und hätte ſich eher in Stücke reißen laſſen, als ſeinen Poſten aufge⸗ geben. 0 50 Folgen wir nun dem ehrlichen Bauern in das Zimmer von Ellen und Lady Mowbray, wohin das Geſchrei dieſer Dame ihn gezogen hatte. Oberſt Mowbray, denn das Geſpenſt war Nie⸗ 154 mand anders, als der niederträchtige Bruder des ermordeten Baronets, war es vermittelſt eines Schlüſſels, den er einſt zur Begünſtigung der thö⸗ richten Leidenſchaft von Miran⸗Hafaz hatte machen laſſen, möglich geworden, in deren Gemach einzu⸗ dringen, Ellen und ihre Tante ſchliefen; das Mädchen hatte ein Lächeln auf den Lippen, denn ſeine Träume waren glücklich; die Züge der Wittwe waren be⸗ wegt. Einige Augenblicke brachte der Anblick von ſo viel Schönheit und Leiden ihn zum Wanken in ſeinem Vorſatz, welches kein anderer war, als ſich der Papiere zu bemächtigen. Deßhalb hatte er das Käſtchen von Ebenholz mitgebracht, in der Hoff⸗ nung, es vielleicht gegen das andere, mit welchem es Aehnlichkeit hatte, vertauſchen zu können. Aber ſeine Unentſchloſſenheit dauerte nicht lange Zeit. Den Athem anhaltend, näherte er ſich langſam dem Bett und fuhr mit der Hand ſachte unter das Kopfkiſſen. So leicht auch dieſe Bewegung war, ſtörte ſie doch die Waiſe, welche beim Erwachen den Schatten des Kaninchenwärters über ſie gebeugt zu ſehen glaubte. Sie ſtieß einen lauten Schrei aus, welcher Lady Mowbray, die neben ihr ſchlief, erweckte, und fiel in Ohnmacht. Lady Mowbray faßte mechaniſch den Glockenzug, aber der Räuber entriß ihr den⸗ ſelben faſt ebenſo ſchnell. „Wer ſeid Ihr?“ fragte ſie außer ſich,„und was wollt Ihr?“ „Das Käſtchen!“ murmelte der Oberſt. 155 Zum Glück hatte Lady Mowbray den Kaninchen⸗ wärter nie geſehen; ſonſt würde der Schrecken ihr e Zweifel wie Ellen eine Ohnmacht zugezogen aben. „Nie!“ erwiderte ſie feſt.„Tödtet mich, wenn Ihr wollt; aber ich werde nie den einzigen Ariadne⸗ Faden, der mich zu meinem Kinde leiten kann, oder die Papiere mir entreißen laſſen, welche den Beweis liefern, daß ich meines unglücklichen Gatten würdig geblieben bin!.. Was habe ich gethan,“ fuhr ſie fort, in Thränen zerfließend,„daß die Gottloſen ſich alſo gegen mich verſchwören?“ Sie klammerte ſich mit der verzweifelten Energie, welche die Mutterliebe gewährt, an das Käſtchen an. Ihr Geſchrei wurde durchdringender; die ſchlimmen Leidenſchaften des Oberſts entzündeten ſich. Er zog ein Meſſer aus der Taſche, um ihr die Handgelenke und Fingernerven zu durchſcheiden, damit ſie das Käſtchen fahren ließe, aber während des Kampfes fielen ſein Hut und die graue Perrücke, die er aufgeſetzt hatte, um ſich unkenntlich zu machen, auf das Bett. Beim Schein der auf dem Tiſch ſtehenden Nacht⸗ lampe erkannte ihweine Schwägerin ſogleich, und ſie beging die Unvo tigkeit, ſeinen Namen aus⸗ zuſprechen. Das Ungehuer änderte jetzt ſein Vor⸗ haben. Der Mord warszu ſeiner Sicherheit noth⸗ wendig geworden. „Wahnſinnige!“ murmelte er,„ich hätte Dich verſchont.“ 4 In dieſem Augenblick der Todesangſt und des Schreckens ſtürzte ſich Joe Beans auf den Oberſt. 156 Man hörte ihn nicht kommen, weil er die Schuhe ausgezogen hatte. Er packte ihn am Hals und warf ihn heftig zur Erde. „Rettet mich! Rettet mich!“ rief Lady Mow⸗ ray. „Haben Sie Ihr Käſtchen, meine werthe Dame?“ „Ach!“ rief die Wittwe,„es iſt verſchwunden! Denkt nicht an mein Leben Schafft mir das Käſtchen wieder an, und ich werde Euch ſegnen!“ Wiewohl einen Augenblick betäubt von ſeinem Fall, gewann der Oberſt bald wieder ſeine Kalt⸗ blütigkeit und wandte ſich, durch die offene Thüre hinwegeilend, nach der Bildergallerie, während Joe Beans ihm wie ein Spürhund folgte. Lady Mowbray begann wieder zu klingeln, um im Hauſe Lärm zu machen. Im Augenblick, wo der Oberſt mit dem Käſtchen unter dem Arm am weſtlichen Ende in die Gallerie trat, zeigten ſich Martin und Nicholls am entgegen⸗ geſetzten Ende. Der Beſchließer ſtieß beim Anblick eines Weſens, das mit dem Kaninchenwärter ſo viel Aehnlichkeit hatte, einen lauten Schrei aus und fiel auf die Kniee, denn bei der Entfernung, in welcher er ſich von ihm befand, vermochte er nicht, ihn deutlich zu erkennen. Martin, wiewohl nicht weniger erſchrocken, ſchritt feſten Schrittes vor: ſeine Entſchloſſenheit brachte ihm Verderben, denn das vorgebliche Geſpenſt ſchoß ihm eine Piſtole in die Seite; er fiel ſeufzend zu Boden, wurde aber augenblicklich gerächt. Wäh⸗ rend der Mörder die Feder der geheimen Thüre ſuchte, ſchlüpfte Ralph ohne Geräuſch nahe hinter 157 ihm her und ſchoß ihm die Piſtole in den Rücken. Der Rückenwirbel wurde durch den Schuß zerſchmet⸗ tert.... Ralph hatte ihn nur kampfunfähig machen wollen. Der Oberſt Mowbray krümmte ſich auf dem ge⸗ wichsten Boden gleich einer in ihrem Blute ſchwim⸗ menden Schlange. „Ich habe ihn getroffen, Mr. Beans, ich habe ihn getroffen!“ rief Ralph mit triumphirender Stimme, als Joe in die Gallerie trat.„Er wird das Geſpenſt nicht mehr machen können!“ Die Diener kamen jetzt, ermuntert durch das kühne Beiſpiel von Miſtreß Jarmy, in Maſſe heran. Alle fragten, begierig nach der Erklärung deſſen, was vorgefallen war. „Schickt Jemand nach dem Pfarrhauſe,“ ſagte Joe, ſich den Schweiß von der Stirne trocknend, „bringt den Oberſt Mowbray und den armen, alten Martin in die Bibliothek!“ „Nicht in die Bibliothek!“ verſetzte der Mörder mit ſterbender Stimme;„ich kann die Augen nicht im Frieden ſchließen in der Bibliothek!“ „Er denkt an ſeinen Bruder!“ flüſterte Joe der Haushälterin zu;„begeben Sie ſich ſogleich zu Lady Mowbray; das iſt hier keine Scene für Sie. Ich werde für Martin und den Oberſt ſorgen!“ „Führe mich in die Bibliothek, Joe!“ murmelte der Alte;„ſetze mich in Sir Williams Seſſel. Hier will ich ſterben. Verſprich es mir!“ „Ich verſpreche es Euch!“ antwortete der junge Mann;„aber faßt Muth; Ihr werdet noch nicht ſterben!“ 158 „H! gewiß, bald, bald! aber nicht, ehe Alles ſich aufgeklärt hat!“ erwiderte der alte Stallknecht. Achtundvierzigſtes Kapitel. Kaum erhellte der erſte Schimmer des Tages die Hügel und die bewaldete Thalniederung von Carrow, als die Kunde von einem neuen, in der Abtei be⸗ gangenen Mord ſich nicht allein im Dorfe, ſondern von Pachthof zu Pachthof verbreitete. Ein ſchreck⸗ liches Verhängniß ſchien auf dem alterthümlichen Gebäude zu laſten, welches verurtheilt ſchien, Zeuge ſo vieler furchtbarer Scenen zu ſein. Die Bauern ſchauten einander ganz betäubt an, ſich fragend, wie das Alles enden würde. Der Farmer Aſhton und ſeine Frau machten ſich ſogleich auf den Weg. Sie fürchteten, ihr Reffe möchte das Opfer dieſes Mordes geworden ſein. „Er iſt geſund und wohl, geſund und wohl!“ rief Jve Beans, als er das Pferd und Cabriolet ſeines ehemaligen Herrn, welches durch die Allee herankam, erkannte. „Gott ſei Dank!“ ſprachen der Farmer und ſeine Frau. Wirklich war unſer Held, nachdem er ſich bei der Herzogin über den Zuſtand von Ellen und Lady Mowbray erkundigt hatte, in die Bibliothek getreten, 159 wo er Oberſt Mowbray auf dem Sopha liegend, Ver⸗ zweiflung und Tod ſeinen Zügen eingegraben, fand. Martin, ruhig und ergeben, nahm den Seſſel ſeines geliebten Herrn ein. Kaum erblickte er Henry, als er ihm mit einem Verſuch, zu lächeln, die Hand reichte. Miſtreß Jarmy und die anderen Diener, welche ihn umgaben, konnten ihre Thränen nicht zurückhalten. „So geht es bald zu Ende mit mir, Harry!“ flüſterte der Greis;„aber Etwas ſagt mir, daß die Alos(Sie ſehen, ich habe den Namen nicht vergeſ⸗ ſen) noch blühen wird!“ Unſer Held ſchüttelte den Kopf. Für ihn war der Erbe ſeines Wohlthäters in Walters Grabe beſtattet.. „Oberſt Mowbray,“ ſprach der Rector,„denken Sie, ich bitte Sie, an Ihre Gefahr, ſühnen Sie Ihre Verbrechen, treten Sie nicht ſo plötzlich vor das Angeſicht Ihres Schöpfers mit einer von Be⸗ fleckung ſo ſchwarzen Seele.“ „Gibt es keine Hoffnung mehr?“ ſeufzte der Sterbende. Die Aerzte verneinten es. „Retten Sie mich!“ erwiderte er,„retten Sie mich, und ich will Alles ſagen.... Alles! Leben! Leben! ſelbſt um den Preis der Ehrloſigkeit! Ich wage noch nicht zu ſterben!“ Als man ihm erklärt hatte, daß Menſchen nichts für ihn vermöchten, ſchloß er die Augen und beobach⸗ tete ein hartnäckiges Stillſchweigen, welches zu brechen jede Anſtrengung vergeblich war. „Verſtockt,“ ſprach der Rector mit einem Seufzer, „verſtockt bis zum Ende! Er wird ſterben, wie er gelebt hat. Möge Gott ihm verzeihen!“ Der arme Joe lief überall herum wie wahn⸗ ſinnig. Zuerſt mußte er Suſanne tröſten, welche einen Nervenanfall bekommen hatte, dann Ralph beſuchen, welchen man proviſoriſch der Polizei über⸗ geben hatte, endlich die Fragen der Magiſtratsper⸗ ſonen beantworten. Niemals, ſelbſt zur Zeit des Todes von Sir William, war die Abtei der Schauplatz einer ſolchen Verwirrung geweſen. Die Thüre der Bibliothek ging auf und zum allgemeinen Erſtaunen trat die verwittwete Lady Mowbray, trotz der Leiden, die ſie erduldet hatte, in das Gemach, geſtützt auf den Arm der Herzogin von Devonſhire. Wiewohl ihre Wange tödtliche Bläſſe zeigte und ſie kaum die Kraft hatte, ſich auf⸗ recht zu halten, war ihr Mutterherz doch ſtark; ſie kam, einen letzten Anruf an ihren Feind zu verſuchen und wo möglich von ihm noch einige Aufklärung über den Sohn, den er ihr geraubt hatte, zu er⸗ halten. „Walter,“ ſprach ſie,„gleich Ihnen bin ich am Rande des Grabes; in wenigen Stunden erſcheinen wir vielleicht beide vor dem Richterſtuhl Gottes. Etwas ſagt mir, daß ich Ihnen das Unglück meines Lebens, meine Schmach in den Augen der Welt, den Verluſt der Liebe meines Gatten zuzuſchreiben habe. Seien Sie edelmüthig, laſſen Sie mich, ehe ich ſterbe, meinen Sohn umarmen und vor dem Throne des Allmächtigen werden meine Gebete Barmherzigkeit für Ihre Verbrechen erflehen.“ 161 Ein Hohnlächeln kräuſelte Oberſt Mowbray's Lippen; obgleich ſterbend, blieb ſein Herz unempfind⸗ lich für dieſen Anruf. „O! wenn Sie noch etwas Menſchliches an ſich haben,“ fuhr ſie, ſich vor dem Sopha auf die Kniee werfend, fort,„ſo haben Sie Mitleid mit der Seelen⸗ qual einer Mutter! Iſt es denn etwas ſo Geringes, die Vergebung für ſolchen Schimpf, wie ich erlitten habe? Ich bin weit aus meinem Hauſe hinwegge⸗ ſchleppt worden; meine Leiden haben mich zum Wahnſinn gebracht; hören Sie, zum Wahnſinn! Meine Jugend welkte dahin, mein Alter iſt einſam! O! ſprechen Sie nur ein einziges Wort!“ „Nie!“ murmelte der Elende, indem er einen Blick voll teufliſcher Bosheit auf ſie warf.„Der einzige Troſt, der mir bleibt, iſt, daß mein Tod die letzte Hoffnung Ihres Daſeins zerſtören wird.“ „Ungeheuer!“ rief eine ernſte Stimme neben ihm. „Was iſt das für eine Stimme? Wer hat ge⸗ ſprochen?“ Hberſt Mowbray wandte ſich mit ſchmerzlicher Anſtrengung um und begegnete dem entrüſteten Blick von Henry Aſhton. Die unglückliche Wittwe ergriff die Hand ihres Verfolgers und beſchwor ihn in den rührendſten Redensarten, ſich erweichen zu laſſen. Aber Alles war vergeblich. Der Anblick der Thränen dieſer Frau ſchien ſeinen Schmerz zu lindern! „Sie wiſſen jetzt, was leiden heißt,“ ſagte er. „Ah! das Geheimniß wird mit mir ſterben! Sie haben nicht einmal die Befriedigung, zu wiſſen, ob Die Abtei Carrow. 1v. 11 lebt oder im Grabe fault, wie ſein Vater!.... Ich liebte Sie einſt,“ ſetzte er hinzu,„aber Sie haben den reichen Bruder dem, welcher arm war, vorgezogen!“ „Haben Sie kein Herz?“ ſagte Doctor Orme. „Wenigſtens werden Ihre Sophismen es nicht rühren! Ich glaube nicht an Reue oder an alle die Lügen, welche Ihr Kirchenleute uns am Todtenbette vorſinget!. Sie haben Recht!“ ſetzte der Mörder, wieder ſein unglückliches Opfer anſchauend, hinzu; „die Stimme Ihres Herzens hat Sie nicht betrogen: ich bin es, der Lucas auf den Glauben brachte, Sie lieben ihn; ich bin es, der mit ihm das Complott angeſponnen hat, welches Sie in's Elend ſtürzte! Ich hätte Sie entehrt, ſtrafbar, im Kothe kriechend ſehen mögen! Dieſe Befriedigung iſt mir nicht zu Theil geworden; aber ich laſſe Sie ohne Kind!“ „Mein Gott! halte mich zurück!“ rief Henry, vor Empörung außer ſich;„ſonſt vergeſſe ich, was ich Walters Andenken ſchuldig bin, und vergreife † mich an dem Elenden.“ „Hund! Sohn eines Bettlers!“ brummte der Sterbende. „Wer nennt Henry Aſhton einen Hund, Sohn eines Bettlers?“ fragte eine Perſon von hohem Wuchs, welche eben in die Bibliothek trat mit Oberſt Butler, der bis jetzt in einem andern Zimmer damit beſchäftigt geweſen war, die Ausſagen von Ralph und Joe entgegen zu nehmen. Es war der Khan; aber im Aeußern ſo verän⸗ dert, daß, hätte er nicht ſeine Stimme hören laſſen, Niemand ihn erkannt haben würde. Er trug nicht † 163* mehr den langen Bart, der die Hälfte ſeines Geſichtes bedeckte, und von ſeinem halb orientaliſchen Coſtüme war keine Spur zu ſehen. Oberſt Mowbray erbebte. „Du kommſt gerade recht, Philipp,“ ſagte der Farmer, ſeinem Bruder die Hand reichend.„Sage dieſem hoffärtigen Menſchen, daß Henry Afhton nicht der Sohn eines Bettlers, ſondern der Sohn eines rechtſchaffenen Mannes iſt. Ich habe immer geſagt, daß Du in rechtmäßiger Ehe mit ſeiner Mutter verbunden geweſen!“ „Philipp Aſhton! Es iſt Philipp Aſhton!“ mur⸗ melte der alte Martin.„Gott ſei Dank! Endlich wird Alles ſich aufklären!“ „Mein Vater!“ ſagte Henry, der endlich das Geheimniß ſeiner Geburt erfuhr. Er trat auf den Khan zu, ohne allzu ſehr beeilt zu ſein, und mit einem Erröthen auf der Stirne. Ein ſchmerzliches Weh machte ſich ihm fühlbar, ſeinen Vater nicht lieben, nicht ehren zu können. Philipp Aſhton, denn wir müſſen dem Khan ſeinen wahren Namen wieder geben, wehrte Henry mit der Hand ab und ſprach, immer zu Lady Wil⸗ liam gewendet: „Fürchten Sie nichts, Madame! Was auch der Entſchluß dieſes frechen und gottloſen Mannes ſein mag, ſeine Bosheit iſt von nun an unmächtig gegen Sie! Ihr Sohn lebt noch!“ Ein Freudenſchrei entſchlüpfte dem Herzen der armen Mutter. finden!“ „Und Sie werden denſelben Ihrer Liebe würdig 164 „Dein Schwur!.... Dein Schwur!“ rief Oberſt Mowbray wüthend. „Bindet mich nur bis zu Ihrem letzten Seufzer,“ entgegnete der Khan ruhig.„Ich werde ihn halten, ſeien Sie davon überzeugt. Einige Augenblicke mehr oder weniger machen nicht viel aus. Wenn die Geiſter der Hölle warten können, wird dieſe Dame, welcher Sie ſo viel Leid angethan haben, wohl auch warten!“ Die Bitterkeit dieſer Antwort verurſachte dem Sterbenden neue Qualen. Er hätte alles Gold der Welt für einige Minuten Stärke gegeben, um gegen den Khan zu ſtreiten und mit ihm ſein Geheimniß im Grabe verſcharren zu können. „Richten Sie mich auf, Harry!“ ſagte Martin, ſeine Hand faſſend,„und verlaſſen Sie mich nicht! Meine Augen verdunkeln ſich und im Sterben will ich Sie ſehen! Geben Sie mir eine Herzſtärkung. Es darf nicht ſein.... ich will nicht ſterben vor dieſem gottloſen Mann!.... ſie wird noch blühen, mein Kind; ja, die Alob wird noch ihre lang ver⸗ heißene Blüthe tragen!“ „Was wollt Ihr ſagen?“ rief unſer Held, ver⸗ wirrt durch die Hoffnung, die ſich in ihm regte; „träume ich?“ „Alles wird ſich bald aufklären; ich habe es Ihnen wohl geſagt.“ Der Greis verſchluckte die Herzſtärkung, welche WMiſtreß Jarmy ihm reichte. Er ließ das Geſicht Oberſt Mowbray's, welches ſchnell erloſch, nicht aus dem Auge. „Halten Sie mich!“ wiederholte Martin,„halten 165 Sie mich! Ich werde ihn noch überleben! um meines lieben Herrn willen wird der Himmel mir die nöthige Kraft geben. ja, ich fühle es!“ Es war für Jedermann ein Moment qualvoller Erwartung; der Mörder nahte ſich mit raſchen Schritten ſeiner Auflöſung und machte doch von Zeit zu Zeit wüthende Anſtrengungen, dem Tode Wider⸗ ſtand zu leiſten; der Khan ſtand ruhig und unbe⸗ weglich am Fuß des Sopha's, den Sterbenden zu betrachten. Lady Mowbray, beinahe ohnmächtig, ſaß am andern Ende des Gemachs, gegenüber von Martin. Zuweilen begegnete ihr Blick dem von Henry Aſhton und eine neue Bewegung ergriff ihr armes Herz. „Wenn dem ſo wäre!“ flüſterte ſie der Herzogin zu;„wenn dem ſo wäre!“ Ihre Freundin drückte ihr ſchweigend die Hand. Oberſt Mowbray ſtieß endlich ſeinen letzten Seuf⸗ zer aus; er hatte eine Läſterung auf ſeinen Lippen und Haß im Auge. „Er iſt todt!“ ſprach der Wundarzt;„er hat jetzt nur Gott Rechenſchaft abzulegen.“ Bei dieſen Worten drückte Martin unſerem Hel⸗ den ſtärker die Hand. „Ich wußte, daß ich den Frevler überleben würde,“ ſagte er;„ich fühlte es; jetzt wird ſich Alles aufklären!“ 166 Neunundvierzigſtes Kapitel. Ohne fremden Beiſtand ſich erhebend, rief jetzt der alte Stallknecht mit deutlicher Stimme: „Philipp Aſhton, in Gottes Namen, rede! Der Verfolger iſt nicht mehr und die Stunde iſt ge⸗ kommen!“ Alle Augen wandten ſich nach dem Khan, deſſen Geſicht ſo ruhig und unempfindlich war wie jemals. Jedermann fühlte, daß er eine ſeltſame Geſchichte und eine noch ſeltſamere Löſung des Knotens hören würde. „Vielleicht, ſagte die Herzogin, welche die ſchmerzliche Erregung von Lady Mowbray bemerkte, „vielleicht wäre es beſſer, dieſe Erklärungen zu ver⸗ ſchieben!“ „Nein! nein!“ murmelte Martin.„Ich bin im Sterben. Laſſen Sie mir die Genugthuung, meine Pflicht zu erfüllen! Wenn ich meinen Herrn in einer beſſern Welt ſehe, wird er mir dann zulächeln und bei ſich ſagen können, daß das Vertrauen, welches er in mich geſetzt hatte, wohl angebracht war. Rede! Rede!“ „Er hat Recht!“ ſetzte die Wittwe hinzu, welche die Erfüllung des theuerſten Wunſches ihres Herzens vorausſah.„Fürchten Sie nichts, theure Freundin! die Freude wird mich nicht tödten, und auf jeden neuen Schmerz bin ich gefaßt!“ Matthäus nahm jetzt ſeinerſeits das Wort; er ahnte den Schlag, der alle ſeine vieljährigen Hoff⸗ nungen vernichten ſollte. 167 „Philipp,“ ſprach er,„wenn Du Etwas in Be⸗ zug auf dieſen gottloſen Mann, oder auf den Sohn dieſer armen Dame weißt, ſo ſprich ſogleich, um der Ehre willen von Deinem und Deines verſtorbenen Vaters Namen!“ Alſo von allen Seiten gedrängt, begann der Renegat ſeine Erklärung. „Meine Rechtfertigung muß meinen Enthüllun⸗ gen zur Seite gehen,“ ſprach er mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Ruhe.„Die alten Grabſteine vom Kirchhofe zu Carrow würden mir Vorwürfe machen, wenn durch meine Schuld der geringſte Flecken auf dem Namen Aſhton bliebe! Ich wende mich an die, welche mich verſtehen und mit dem Stolz des recht⸗ ſchaffenen, den Herren des Bodens, den unſer Schweiß ſeit Jahrhunderten befruchtet hat, immer getreuen Farmers ſympathiſiren können!.... Da ich mich nicht zu dem beſchwerlichen Tagewerk meiner Vor⸗ fahren entſchließen konnte, ließ ich mich im Alter von ſechszehn Jahren anwerben und wurde in dem Regiment eingereiht, welches der gottloſe und ver⸗ meſſene Mann, den Sie eben ſterben ſahen, comman⸗ dirte. Mehrere Jahre diente ich tapfer meinem Vaterlande unter dem glühenden Himmelsſtrich In⸗ diens und in andern Ländern. Unſer Regiment litt ſehr bei Aſſaye, wo ich mich auszeichnete, indem ich meinem Commandanten das Leben rettete. Kurze Zeit nachher erhielten wir Ordre, nach England zu⸗ rückukehren, wo wir in der Nachbarſchaft von Lon⸗ don einquartirt wurden. Man weiß außerhalb der Armee wenig von den Leiden des Soldaten. Wegen einer geringen Verletzung der Disciplin wurde ich 168 zur Peitſche verurtheilt: man ſollte mich gleich einem Hund anbinden und mich in Gegenwart aller meiner Camaraden auspeitſchen! Nicht der Schmerz der Peitſche war es, was ich fürchtete, ſondern die Schmach! Ein Mann konnte mich von dieſer Schande retten, und dieſer Mann war Oberſt Mowbray! Er ſuchte mich im Kerker auf und ſchlug mir für den Preis ſeines Erbarmens vor, nach Indien in die Verbannung zu gehen und ein Kind mit mir zu nehmen, das meinen Namen tragen und für das meinige gelten ſollte.“ Alle Blicke wandten ſich nach Lady Mowbray und unſerm Helden, deren Aufregung ſchrecklich wurde. „Ich ſagte zu,“ nahm der Erzähler wieder das Wort,„ich ſagte mit Freuden zu, denn mein alter Camarade und Freund Musgrove, der Vater von Miran⸗Hafaz, hatte eine Begum oder indiſche Fürſtin geheirathet und befand ſich in der Lage, mich zu be⸗ ſchützen und zu bereichern.“ „Das Kind! das Kind!“ rief Lady Mowbray. „Ihr Herz, Madame, hat mein Geheimniß ſchon errathen! Noch einige Augenblicke und Ihre Hoff⸗ nungen werden ſich beſtätigen! Der böſe Geiſt, der mich zur Abreiſe beſtimmte, ließ mich mit einem Eid, allzu ſchrecklich, als daß ich ihn wiederholen möchte, beſchwören, niemals, ſo lang er lebte, Etwas von dieſer Sache zu entdecken! Zwei Tage vor der Abfahrt des Schiffes traf ich den Mann, welcher das Kind aus Italien nach England gebracht hatte. Ich erfuhr von ihm, daß dieſes Kind der eigene Neffe des Oberſts, der Sohn ſeines Bruders, der 169 Erbe von Carrow war! Was thun? Den Mund durch einen Eid verſchloſſen, welchen ich nicht zu brechen wagte, war ich noch in der Gewalt des Oberſts, der mir zur Flucht verhalf, anſtatt mir Pardon zu verſchaffen, was ihm etwas Leichtes ge⸗ weſen wäre. Doch entſchloß ich mich, das Kind nicht den Gefahren der Reiſe, den Zufällen eines unſtäten Lebens, wie das meinige, auszuſetzen. Ich brachte es nach Carrow auf meines Bruders Farm; ich ſprach von einer vorgeblichen Ehe, von dem Tode meiner Fräu; er glaubte mir und nahm das Kind an, das in ſeinem Hauſe aufwuchs.“ Ein durchdringender Schrei entſchlüpfte den Lip⸗ pen von Lady Mowbray, und ihre Arme ſtreckten ſich mechaniſch gegen unſern Helden aus. „Meine Mutter!“ rief Henry. „Mein Sohn! Mein Sohn! komm an dieſes gebrochene Herz!“ Den Augenblick hernach lagen ſie einander in den Armen. Die Mutter betrachtete ihren Sohn mit unausſprechlicher Zärtlichkeit; ſie ſtrich ihm die Haarlocken, die auf ſeine Stirne fielen, zurück, drückte den heiligen Mutterkuß auf dieſelbe und fiel dann ohnmächtig in die Arme der Umſtehenden. Sir William Mowbray, denn dieß iſt der wahre Name unſeres Helden, hätte ſich vor ihr auf die Kniee werfen und ſie anbeten können. Jahre lang hatte ſein Herz nach der Liebe einer Mutter geſeufzt und ſeine glühenden Wünſche waren endlich befriedigt. „Meine Mutter!“ rief er. Zum zweiten Mal ſprach ſein Mund dieſes theure Wort aus.„Oeffne 0 die Augen und ſegne Deinen Sohn; ſegne ihn mit einem Blick und er wird glücklich ſein!“ Dieſe Worte, dieſe rührende Stimme entrißen Lady Mowbray ihrer Ohnmacht; ſie öffnete halb den Mund und ſprach den Namen William, den Namen ſeines Vaters aus. Und in dieſem einzigen Augen⸗ blick war das Glück eines ganzen Lebens concentrirt. Der alte Martin, der Alles eifrig mit angehört hatte, murmelte einige Worte des Dankes. Er fühlte, daß er jetzt ſeine Pflicht erfüllen und das Vertrauen ſeines geliebten Herrn rechtfertigen könnte. Beinahe alle Augen waren feucht von Thränen. Der Rector betete auf den Knieen; der arme Joe Beans konnte das Schluchzen, welches ihn zu erſticken drohte, nur mit Mühe unterdrücken. Frau Aſhton und ihr Gatte ſaßen ſtillſchweigend da, das Herz getheilt zwiſchen Freude und Schmerz: ſie hatten einen Sohn verloren. „Hätte mein armer Oheim das wiſſen können dachte Ellen.„Wie würde ſein edles Herz von Freude entzückt geweſen ſein!“ Die Herzogin von Devonſhire erholte ſich zuerſt von ihrer Bewegung. Sie beſtand darauf, daß Lady Mowbray ſogleich auf ihr Zimmer gebracht würde; denn ihr erſchöpfter Körper drohte der von allen dieſen Eindrücken erzeugten Ueberreizung zu unterliegen. Henry(die Gewohnheit iſt ſo ſtark, daß wir uns beinahe nicht an ſeinen wahren Namen gewöhnen können), Sir William duldete nicht, daß Jemand Anderes als er ſeine Mutter führe. „Ellen, meine liebe Couſine,“ flüſterte er, Lady Mowbray's Zimmer verlaſſend,„nächſt der Freude, welche mir die Entdeckung einer ſo würdigen Mutter verurſacht, iſt mein größtes Glück, daß Du nicht über Deine Wahl vor den Augen der Welt zu er⸗ röthen haſt!“ „O! ich verſichere Dich,“ erwiderte das Mädchen, „Sir William Mowbray wird mir nicht theurer ſein, als Henry Aſhton!“ Unſer Held und die Frauen hatten ſich kaum aus der Bibliothek entfernt, als Jedermann in Lobſprüche über das Benehmen des Khans ausbrach, der noch hinzuſetzte, daß es ihm ſeit ſeiner Rückkehr nach England gelungen ſei, die Perſon, welche den kleinen Erben Carrows aus Italien gebracht hatte, ausfindig zu machen.— „Das wird uns die Begründung der Rechte unſeres jungen Freundes um ſo leichter machen,“ erwiderte Oberſt Butler;„aber unglücklicher Weiſe werden die Gerichte etwas mehr, einen weitern Beweis ver⸗ langen, hier, wo es ſich um ſo ausgedehnte Be⸗ ſitzungen handelt.“ „Dieſen Beweis können wir liefern, Miſtreß Page und ich!“ ſprach die alte Haushälterin. „Sie?“ wiederholte der Rector erſtaunt. „Ja! Miſtreß Page und ich waren bei der Ge⸗ burt von Sir Williams Sohn. Doctor Martineau, der Mylady beiſtand, zeigte uns ein auffallendes Muttermal links auf der Bruſt des Kindes!“ „Ein Muttermal?“ „War es Etwas wie ein Erdbeerblatt?“ fragte Frau Aſhton eifrig. „Es war ein Erdbeerblatt, ſo deutlich wie ge⸗ malt!“ erwiderte Miſtreß Jarmy erſtaunt. 172 „Dann hat es keine Schwierigkeiten,“ ſprach die Farmerin mit einer Stimme voll Traurigkeit,„denn Harry. Ach!“ ſetzte ſie in Thränen zerfließend hinzu,„ich darf ihn nicht mehr ſo nennen; denn Sir William hat dieſes Muttermal an der linken Bruſt. Ich habe es mehr als tauſendmal geſehen, als er noch klein war!“ „Warum weinſt Du, Frau?“ ſragte ihr Gatte; „Du ſollteſt Dich im Gegentheil freuen!“ „Freuen.... ja wohl freuen, wenn man einen Sohn verloren hat! Was hilft es uns, bis jetzt gearbeitet und geſpart zu haben? Harry.... Sir William, wollte ich ſagen, wird unſere Erſparniſſe nicht brauchen... er wird uns vergeſſen... er wird uns auf der Farm allein laſſen!“ „Das iſt nicht wahr, Madame,“ ſchluchzte Joe Beans,„und noch mehr, Sie wiſſen ſelbſt, daß es nicht wahr iſt! Maſter Harry, ich kann ihn noch nicht anders nennen, würde keinen Hund vergeſſen, den er geliebt hat! Ich bin überzeugt, er würde nicht an mir vorübergehen, ohne ein freundliches Wort oder ein Lächeln, wenn er auch der Gebieter im Herrſchaftshauſe geworden iſt! Um ſo viel we⸗ niger wird er diejenigen vergeſſen, welche ihn auf⸗ erzogen und geliebt haben!“ „Und wenn er ſie vergäße,“ ſetzte der Rector hinzu,„ſo würde ich ihn ebenſo verachten, als ich ihn bisher geliebt habe.“ Es gibt nichts ſo Empfindliches, als auf ihre Rechte eiferſüchtige Liebe; und Frau Aſhton wollte ſich nicht überzeugen laſſen, weil dieſe Worte nicht aus dem Munde unſeres Helden kamen. Sie wollte 173 durchaus nach dem Pachthof zurückkehren und langte eben mit ihrem Mann in dem großen Saal an, als Sir William, aus dem Zimmer ſeiner Mutter kommend, durch denſelben ging. „Matthäus, Hut ab!“ flüſterte ſie;„du iſt iſte Sie konnte ſich nicht entſchließen, Sir William zu ſagen und brach in Schluchzen aus. Niemand kannte ſie beſſer, als derjenige, welchen ſie erzogen hatte. Unſer Held errieth im Augenblick, was in ihr vorging; er warf ſich in ihre Arme und küßte die runzeligen Wangen mit der alten Vertraulichkeit. „Nun, nun,“ ſagte er,„Sie werden Ihr Kind nicht unglücklich machen wollen, indem Sie ſehen laſſen, daß Sie unter ſeinem Glück leiden! Mow⸗ bray oder Afhton, was macht das aus! Ich werde Sie darum nicht weniger lieben. Sie werden immer den erſten Platz in meinem Herzen nach meiner theuren Mutter einnehmen!“. Wenn er nicht von Ellen redete, ſo geſchah es, weil ohne Zweifel ſeine Liebe zu ihr den Sieg über jede andere Liebe davon trug. „Mein liebes Kind,“ ſprach der Rector, der dieſen Augenblick in die Bibliothek trat,„der alte Martin verlangt ſehr, Dich zu ſehen! Die Wundärzte erklären, daß er keine Stunde mehr zu leben hat. Und es bleibt ihm eine feierliche Pflicht vor ſeinem Tode zu erfüllen!“ „Eine Pflicht?“ wiederholte Sir William. „Ja; der Auftrag, welchen Dein Vater ihm an⸗ vertraut hat!“ „Ich folge Ihnen, ich folge Ihnen Sie 174 hören,“ ſetzte er, zu dem Farmer und deſſen Frau ſich umwendend, hinzu;„ich wäre ein ruchloſer Menſch, könnte ich zögern, dieſem an mich gerichteten Ruf Folge zu leiſten!“ Und er folgte dem Rector nach der Bibliothek. Einige Augenblicke nachher begegnete Joe Beans dem Farmer und ſeiner Frau in dem großen Sagl. Sie fragten ihn, ob er auch die Abtei verlaſſe. „Ich muß den armen Ralph beſuchen,“ ſagte er; „derſelbe glaubt gewiß, er ſei verloren. Er iſt in den Händen der Polizei!“ „Der Polizei! Und warum?“ „Wiſſen Sie es nicht? Er iſt es, der den Oberſt verwundet hat. Ich wollte, es wäre geſchehen, ehe der Frevler auf den alten Martin ſchießen konnte“ Matthäus und ſeine Frau waren empört, als ſie vernahmen, daß Ralph in Gefangenſchaft ſei, weil er jenes Ungeheuer verwundet hatte; und der Farmer erklärte ſogleich, er würde für den Jungen eine Caution von tauſend Pfund leiſten, wenn es nöthig wäre. „Zweitauſend, Matthäus!“ ſetzte ſeine Frau hinzu. „Sage ihm das, Joe; ſage ihm das von mir aus Das iſt eine ſchöne Gerechtigkeit, wahrhaftig!“ Ioe verſprach, ihm von dieſen freundlichen Ver⸗ fügungen zu ſeinen Gunſten Mittheilung zu machen, und verließ ſie, um den Gefangenen zu tröſten, den er in dem Zimmer des Beſchließers zwiſchen dem Conſtabel und einem Polizeidiener von Norwich fand. „Ah! ah! Mr. Beans,“ rief der arme Ralph, „da ſind Sie endlich das habe ich nicht er⸗ wartet, ich verſichere Sie!“ 175 Und dabei zeigte er auf die Handſchellen, die man ihm angelegt hatte. „Hat nichts zu ſagen,“ erwiderte ſein Beſchützer, „es wird nicht auf lange ſein.“ „Ja, ja, gerade ſo ſagte Will Sideler, als man ihn zu Cromwell⸗Houſe verhaftete, und doch iſt er gehängt worden!“ „Sei ohne Furcht, man wird Dich nicht hängen!“ „Das weiß ich nicht!. es iſt ein ſo ſonder⸗ bares Ding um dieſe Welt aber hat nichts zu ſagen! Er tödtete den armen Alten, und wenn es noch einmal ſo käme, würde ich wieder daſſelbe thun. Vielleicht wären auch Sie getödtet worden, hätte ich nicht auf ihn geſchoſſen.“ Joe wurde durch dieſen Beweis von Anhänglich⸗ keit gerührt und auf Suſanne, welche gegenwärtig war, machte ſie einen ſolchen Eindruck, daß ſie das rothhaarige Ungeheuer, wie ſie ihn gewöhnlich nannte, umarmte. Jetzt erſchien Oberſt Butler, welcher ihm die Handſchellen abnehmen ließ und erklärte, er würde mit einem oder zwei Tagen Haft loskommen, bis die gerichtliche Unterſuchung vorüber wäre, in Be⸗ tracht als hier offenbar ein Fall gerechtfertigter Tödtung vorläge. Und ſelbſt das kieße ſich vermeiden, wenn Jemand Caution für denſelben leiſten wollte. Joe gedachte der Anerbietungen des Farmers und ſeiner Frau und Ralph wurde ſogleich in Frei⸗ heit geſetzt. 176 Fünfzigſtes Kapitel. Beim Eintritt in die Bibliothek eilte unſer Held ſogleich zu dem Seſſel des alten Martin, auf deſſen Geſicht bereits die Bläſſe des Todes lag, aber deſſen Augen bei dem Ton von der Stimme ſeines jungen Herrn eiglänzten⸗ „Da iſt der Sohn meines Herrn!“ rief er;„aber Sie haben bis jetzt weder die Beſitztitel, noch die Familien⸗Kleinodien, noch das Silbergeſchirr.“ „Das Alles iſt verloren!“ ſagte Mr. Elworthy, der neben ihm ſtand. „So glaubt man,“ verſetzte der Sterbende lächelnd, „ſo glaubt man, aber man täuſcht ſich. Martin hat Alles: Pergamente, Diamanten, Gold und Silber, Alles, Alles! Sir William hat ſie weder ſeinem Rechtsanwalt, noch dem Rector anvertraut. nein, nein.. ſondern der Treue.. des alten Haushundes, der Treue von Martin... von Martin dem Stallknecht!.... Es fehlt nichts davon,“ ſetzte er hinzu, die Hand des Erben faſſend; „Alles iſt hier, Alles iſt hier!“ Die Anſtrengung, die es ihn koſtete, hatte den Greis ſo erſchöpft, daß man ihn einige Augenblicke für todt hielt. Aber der Khan begehrte ein Glas Waſſer, goß den Inhalt eines kleinen Fläſchchens hinein, welcher der Flüſſigkeit eine Opalfarbe gab und hielt es dem Sterbenden an die Lippen. Schon der bloße Geruch ſchien ihn wieder zu beleben, und als er getrunken hatte, bekam er wieder Kraft. 177 „Ich bin jetzt ſtark,“ ſprach er mit feſter Stimme. „Wie lang wird es anhalten?“ „Eine Stunde vielleicht,“ antwortete der Khan, dänn „Ich verſtehe,“ fiel der Greis ein;„es muß ſein! warum ſollte der Haushund noch leben, nach⸗ dem er das ihm anvertraute Gut zurückgegeben hat? Jedermann ziehe ſich zurück, mit Ausnahme von Sir William Mowbray!“ Es iſt beinahe unnütz, beizufügen, daß dieſe Auf⸗ forderung ſogleich vollzogen wurde. „Jetzt ſchließen Sie die Thüre!“ flüſterte er unſerem Helden zu, als ſie allein waren. Dann zog Martin einen an der Bruſt verwahrten Schlüſſel hervor, welcher die Thüre zu dem geheimen Gemach öffnete und gab ihm Anleitung, wie er ſich deſſen bedienen ſollte. „Steigen Sie hinab, Sie werden Alles daſelbſt finden; nicht ein Siegel iſt verletzt: die Rechtstitel, ohne welche Ihr elender Oheim nicht einen Morgen Landes hätte verkaufen oder verpfänden können, die Diamanten, das Silbergeſchirr, Alles.... Alles!“ „Aber ich kann Euch nicht verlaſſen, Martin, in einem ſolchen Augenblick.“ „Die Rechtstitel, die Pergamente, ich muß ſie ſehen, ehe ich ſterbe, ich muß ſie in Ihren Händen ſehen, denn Ihnen allein habe ich verſprochen, ſie zu übergeben. Schlagen Sie dem alten Martin nicht ſeine letzte Bitte ab.“ Mit zitternder Hand ſteckte Sir William den Schlüſſet in das kunſtvolle, ſo geſchickt in dem Die Abtei Carrow. IV. 12 178 Schnitzwerk des Getäfels verborgene Schloß; er konnte ihn nicht drehen. „Links links!“ ſagte Martin, der alle ſeine Bewegungen beobachtete. Endlich ging die Thüre auf. „Das Couvert, mit der Adreſſe ſeines Sohnes, einen Brief enthaltend, der nur von dieſem Sohne geleſen werden darf, liegt auf dem Deckel des Käſt⸗ chens,“ fuhr der Greis fort;„nehmen Sie es, damit ich es ſehe!“ Unſer Held ſtieg ſchnell hinunter und kehrte nach einigen Augenblicken mit dem Papier zurück. So ſehr er auch Eile hatte, die letzten von ſeinem Vater aufgezeichneten Zeilen zu leſen, lief er doch dem ge⸗ treuen Hüter zu. Der Trank des Khans verlor allmälig ſeine Kraft; das Leben ſchwand ſchnell dahin. „Martin,“ ſprach unſer Held, indem er deſſen Hand faßte,„kann ich Nichts für Euch thun, um Euch meine Dankbarkeit zu bezeugen; habt Ihr keinen Wunſch?“ „Allerdings, ich habe einen, nur einen.“ „Redet!“ „Laſſen Sie mich im Angeſicht von der Gruft der Mowbray begraben, damit ich nahe bei meinem theuren Herrn bin!“ „Ihr ſollt in der Gruft ſelbſt, mitten unter den Gliedern der Familie, welcher Ihr ſo lang und ſo treu gedient habt, begraben werden!“ „Nein, nein, nicht in der Gruft, aber daneben! der Haushund muß vor der Thüre liegen — vor der Thüre! Sind Sie gewiß, daß das Käſtchen unberührt iſt?“ „Vollkommen.“ „Und Sie werden den Weg zu dem geheimen. Gemach nicht vergeſſen.... Erinnern Sie ſich... daß man„den Schlüſſel links drehen muß!“ Die Mühe, welche es ihn koſtete, dieſe letzten Worte auszuſprechen, zeigte, daß ſein Ende nahe war. Sir William öffnete die Thüre der Bibliothek und machte dem Rector ein Zeichen, einzutreten und die Pflichten ſeines Amtes zu erfüllen. Doctor Orme begann mit der Inbrunſt wahrer Frömmigkeit die Sterbegebete zu leſen. Der Greis hörte freudig zu und öffnete von Zeit zu Zeit die Augen, um noch einmal den Sohn ſeines alten Herrn zu ſehen. Am Schluß der Gebete wollte er ſich von ſeinem Kopfkiſſen aufrichten, aber fand ſich zu ſchwach dazu. Der Rector und unſer Held kamen ihm zu Hilfe. „Gott ſegne Sie!“ ſagte er;„Sie werden mich nicht vergeſſen?“ „Nie! Nie!“ Ein ſchwaches Lächeln irrte über die entfärbten Lippen des Greiſes. „Wie heißt jene Pflanze... Sie wiſſen wohl, jene mißfällige, mit Stacheln bewaffnete Pflanze, welche nur einmal in hundert Jahren blüht und wovon wir mit einander geſprochen haben?“ „Alos, Martin, Aloé!“ antwortete Sir William, der kaum ſeine Thränen zurückhalten konnte. 180 „Ach ja! ich erinnere ni ch ſagte Ihnen, daß ſie wohl am Ende blühen würde! Der alte Martin hat ſeine Schuld der Dank⸗ barkeit bezahlt und kann ſich jetzt wieder mit lächeln⸗ dem Geſicht vor ſeinen Herrn ſtellen.“ Dieß waren ſeine letzten Worte. Er ließ ſein Haupt auf das Kopfkiſſen zurückfallen und gab, die Augen auf den Erben der Mopbray geheftet, den Geiſt auf. Der Baronet drückte ihm ſanft die Augen zu und verließ nach Erfüllung dieſer letzten Pflicht mit dem Rector die Bibliothek. In der Einſamkeit ſeines Zimmers las unſer Held die letzten, von ſeinem Vater an ihn gerichteten Zeilen. Sie enthielten die Ergießungen eines edeln, von Schmerz gebrochenen Herzens und empfahlen ſeinem unbekannten Erben, die Tugenden Henry Aſhtons nachzuahmen, deſſen Freundſchaft er insbe⸗ ſondere werth halten ſollte. Am nächſten Tage fand zu früher Stunde die gerichtliche Unterſuchung über die Leichen von Oberſt Mowbray und dem treuen Martin ſtatt. Das Ver⸗ dict lautete; gerechtfertigte Tödtung für den Erſten, und abſichtlicher Mord, begangen an der Perſon des Zweiten; ſo daß, wenn der Oheim unſeres Helden Red Ralph entgangen wäre, er von den Gerichten wegen des Todes des alten Stallknochts hätte Ant⸗ wort geben müſſen. Das kleine rothhaarige Ungeheuer war außer ſich vor Freude, als er ſich freigeſprochen ſah; er machte Sprünge und Cabriolen, die an's Wunder⸗ bare grenzten, und wollte Jedermann die Hand drücken. 181 Man ſchickte ihn auf die Farm und der Baronet verſprach, für ſein Glück zu ſorgen. Oberſt Mowbray wurde um Mitternacht in einem Winkel des Kirchhofs eingeſcharrt; kein Stein be⸗ zeichnet den Ort ſeines Begräbniſſes. Unſer Held und der Rector fühlten, daß es eine Entweihung des Heiligthums wäre, ihn neben ſeinen Bruder zu legen. Sein Platz in der Familiengruft wurde dem getreuen Martin eingeräumt. Lady Mowbray ſchien einen neuen Vertrag mit dem Leben abgeſchloſſen zu haben, ſo ſehr gab die Freude, den Sohn wieder gefunden zu haben, ihr die Kräfte wieder. Wenn ſie ihn anſchaute, konnte man in dem abgemagerten Geſichte die Spuren der Schönheit ihrer jungen Jahre erkennen. Wiewohl keine Seitenverwandten da waren, welche Sir William die Erbſchaft ſeiner Väter hätten ſtreitig machen können, erachteten es ſeine Rathgeber doch für klug, ſeine Rechtsanſprüche öffentlich anerkennen zu laſſen, und zu dieſem Zweck wurde gegen die Teſtamentsvollſtrecker eine gerichtliche Verhandlung eingeleitet, um ſie zu zwingen, ihren Functionen zu entſagen. Man begreift, daß dieß eine bloße, mit ihnen abgemachte Förmlichkeit war; aber er mußte ſich deßhalb doch nach London begeben. „Es iſt unſere letzte Prüfung!“ ſprach unſer Held zu Ellen, als er ihr in den Wagen half, worin Veans und Suſanne ſchon den Rückſitz einnahmen. Wenn wir nach Carrow zurückkehren, geſchieht es nur zur Vollendung unſeres Glücks, zur Erfüllung der heißen Wünſche, welche uns noch vor Kurzem etzweiſelt ſchienen.“ — — Die Waiſe beantwortete nur mit einem Erröthen dieſe Anſpielung auf ihre Heirath. Um jede ſ zu verhüten, welche für ſeine Mutter hätte peihch ſein können, hatte Sir Wil⸗ liam geboten, die Stunde der Abreiſe geheim zu halten; ſie kam aber dennoch unter die Leute und bei dem Ausgang aus dem Park wurde der Wagen von ſympathetiſchen Zurufen begrüßt. Red Ralph ſtand an der Spitze der auf der Gemeindewieſe ver⸗ ſammelten Bauern. „Der Teufel hole den Jungen!“ rief Joe Beans mit ärgerlicher Miene.„Er iſt immer auf einen ſchlimmen Streich aus!“ „Nicht immer, Joe!“ erwiderte Suſanne ſanft⸗ müthig.„Außerdem iſt er ſo dankbar!“ „Adieu, Mr. Beans!“ rief Ralph;„wenn Sie nach Mortlake kommen, empfehlen Sie mich den Ratten von Cromwell⸗Houſe!“ Es war unmöglich, ihm lang zu zürnen, und Joe winkte ihm ein Lebewohl zu im Augenblick, als der Wagen die Gemeindewieſe verließ. . Was ſollen wir noch hinzufügen? Daß die Rechte unſeres Helden auf das Erbe der Mowbray völlig anerkannt wurden, darüber wird Keiner von unſern Leſern einen Zweifel haben. Wir werden auch nicht mehr die Hochzeitsfeſtlichkeiten von Sir William mit Ellen und von Joe Beans mit Suſanne beſchreiben. Dieſe beiden Ehen wurden an demſel⸗ ben Tage zu Carrow von dem würdigen Rector eingeſegnet. Matthäus Aſhton und ſeine Frau traten ihre Farm an den wackern Joe ab, weil Penig wel⸗ war mein Freund, mein Wohlthäter! Brauche chen ſie ſo lang als ihren Sohn be chtet hatten, ſie bei ſich in der Abtei haben wollte. Die verwittwete Lady Mowbray bekam allmälig ihre völlige Geſundheit wieder und lebte lang ge⸗ nug, um die Kinder ihres Sohnes und Ellens auf ihren Knieen hüpfen zu laſſen. Joe behielt Red Ralph bei ſich und machte einen vortrefflichen Ackersmann aus ihm und ver⸗ heirathete ihn ſpäter mit der Tochter eines kleinen Pächters aus der Nachbarſchaft, welche zum großen Erſtaunen des rothhärigen Ungeheuers, wie Suſanne n freundſchaftlich benannte, ſich in ihn verliebt atte. Was Philipp Aſhton betraf, ſo ließ er Tags zuvor, ehe Sir William von London wieder nach Carrow abreiste, dieſem melden, daß er ihn zu ſprechen wünſche. Dieſer begab ſich in das Bücher⸗ zimmer, wo er den Khan in Reiſekleidern fand; eine Poſtchaiſe wartete auf der Straße. „Wie!“ ſagte unſer Held,„Sie reiſen vor uns ab?“ „Nicht nach Carrow,“ antwortete der Alte trau⸗ rig,„ſondern nach Indien.“ „Nach Indien!“ wiederholte der Baronet im Tone getäuſchter Erwartung und des Erſtaunens. „Ja. Ich habe der Ehre und der Gerechtig⸗ keit meine Schuld bezahlt. Es bleibt noch dic der Dankbarkeit und Freundſchaft übrig! Die Mutter von Miran⸗Hafaz muß aus meinem Munde er⸗ fahren, daß ſie keinen Sohn mehr hat. Ihr Gatte 184 ich mehr zu ſagen?... Wir ſcheiden im Frieden?“ „Im Frieden!“ rief Sir William, ihm die Hand reichend,„Sie müſſen ſagen, als Freunde. Unter den Umſtänden, in welche das Schickſal Sie ver⸗ ſetzte, hätte mancher Andere eher ſein Intereſſe und ſeine Sicherheit, als die ewigen Grundſätze der Gerechtigkeit und Wahrheit zu Rathe gezogen. So oft ich an Sie denke, wird es als an einen Freund geſchehen!“ „Danke!“ ſprach der Khan ſehr bewegt. „Kann ich nichts thun, um Ihnen meine Achtung, meine Dankbarkeit zu beweiſen?“ „Nichts Ic bin reich reich!. denken Sie nicht, daß mein Vorſatz unüberlegt oder unfreundlich ſei! Mein Bruder kennt ihn bereits und iſt damit einverſtanden! Adieu! Seien Sie ſo glücklich, als Sie es zu ſein verdienen; dieß iſt der größte Lohn, den ich Ihnen wünſchen kann!“ Er führte die Hund, welche er noch hielt, an ſeine Lippen und verließ hierauf das Zimmer. Und ehe der Baronet von ſeinem Erſtaunen ſich erholt hatte, wurde die Poſtchaiſe von vier kräftigen Roſſen im Galopp hinweggeführt. Nie hörte Sir William oder Matthäus Aſhton Etwas von ihm. Und jetzt, lieber Leſer, iſt unſere Aufgabe vollendet. Mögen wir Deine Theilnahme nicht mißbraucht haben! Ende. I 7 8 9 10 11 2 13 14 15 16 0 8 v