Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr vis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Srun⸗ den angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Vird. muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für venttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: I W— Pf 1 Wr 6 Pf 2 Wr— Pf 3 ——— — „„— 5„ 5 Answärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Lavenpreis erſetzt werden.— 3. das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Abtei Carrow. Roman von J. Smith. 1½— Frei nach dem Engliſchen Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. Zweite Abtheilung. Erſtes Kapitel. Im Beſuchzimmer des Pfarrhauſes ſaß Miß Ellen de Vere in ihren Trauerkleidern. Eine Lampe auf einem Tiſchchen neben ihr ließ die von Schmerz er⸗ ſchöpften Züge ſehen. Ihre Stickerei war ihr auf die Kniee entfallen, während ſie ihre Augen auf das Portrait ihres Wohlthäters, Sir William Mow⸗ bray, geheftet hielt. Von Zeit zu Zeit hob ein ſchmerzlicher Seufzer ihren Buſen. Beweinte ſie nur 4 ihren väterlichen Freund, den ein Verbrechen ihr „ geraubt hatte, oder folgte ihr Gedanke den Schritten von Henry Aſhton, der ſich jetzt Rom näherte, ohne Etwas von der unheilvollen Cataſtrophe zu wiſſen, welche eben die Abtei Carrow mit Blut befleckt hatte? Ein leichtes Geräuſch riß Ellen aus ihrer Träu⸗ merei. Ein junges Mädchen, einfach gekleidet, aber 1 geheirathet habe und mich in zwei Tagen in London von bemerkenswerther Schönheit, war eben in das Zimmer getreten. „Hier, theure Herrin, Nachrichten von Ihrem Vormund.... von Oberſt Mowbray,“ ſetzte ſie verlegen hinzu, als ſie ſah, daß Ellen bei dem Wort Vormund, das ihr Sir William in's Gedächtniß Trief, zuſammenfuhr. Sie nahm gleichgültig den Brief und legte ihn neben ſich auf das Tiſchchen. „Und keine Nochrichten von Rom?“ fragte ſie ihre junge Freundin. „Ach! nein, theure Herrin. Joe hat mir ge⸗ ſagt,“— und bei dieſem Namen wandte die hübſche Suſanne, welche keine andere als Joe Beans Ver⸗ lobte war, ihre erröthende Wange ein wenig ab,— „Joe hat mir geſagt, daß er vor drei Wochen keine erwarte.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſie ſich vertraulich auf einen Schemel zu Ellens Füßen und ſchaute ſie mit von Zärtlichkeit glänzenden Augen an. Ellen lächelte ihr ſanft zu und öffnete des Oberſts Brief; aber bei den erſten Zeilen fuhr ſie mit der Hand nach dem Herzen, indem ſie einen leichten Schrei ausſtieß, und eine tödtliche Bläſſe verbreitete ſich über ihr Angeſicht. „Miß Ellen! theure Herrin! In's Himmels Namen, was fehlt Ihnen?“ rief Suſanne. „Nichts, mein Kind,“ ſagte Ellen.„Ich mußte mich auf das, was kommt, gefaßt machen; mein Oheim meldet mir, daß er eben eine Lady Harebell 5 erwarte. Der Gedanke, Doctor Orme zu verlaſſen, mich von der Abtei zu entfernen und bei dem Oberſt zu leben, hat mir einen Schrecken verurſacht, den ich nicht überwinden konnte. Gott wird mir Stärke geben!“ Die Waiſe wurde mit offenen Armen von ihrem Oheim wie von ihrer neuen Tante aufgenommen, welche deren Freundſchaft gewinnen wollte, um die Plane des indiſchen Prinzen, deren niedriges Werk⸗ zeug der Oberſt war, zu begünſtigen. Man ließ Miß de Vere Suſanne und Joe Beans zur Bedie⸗ nung und ſie wurde mit Sorgfalt und Zuvorkommen⸗ heit umgeben. Aber ihre Geſundheit war ſchwer er⸗ ſchüttert. Trotz der guten Behandlung, deren Gegen⸗ ſtand ſie war, empörte ſich ihr Herz insgeheim gegen den Oberſt und Lady Mowbray. Sie wagte Henry's Namen nicht auszuſprechen. Sie kam in's Beſuch⸗ zimmer herunter aus Gehorſam und brachte alle ihre Tage in der Einſamkeit zu. „Sie leiden, Miß Ellen,“ ſagte Lady Mowbray. „Der Oberſt hat ſich entſchloſſen, ſeine Rückkehr auf das Land zu beſchleunigen, um Sie eine geſundere Luft, als die von London, athmen zu laſſen. Wir reiſen morgen nach Mortlake ab. Wir werden dort ein altes Schloß bewohnen, das einſt dem Protector gehörte und ſeitdem Cromwell⸗Houſe genannt wird. Mein liebes Herz,“ ſetzte ſie unter einer Umarmung hinzu,„neue Gegenſtände, die Ruhe des Landes und unſere wohlmeinende Sorgfalt werden Ihnen Ihre frühere Geſundheit wieder zurückgeben.“ Ellen fühlte ſich dankbar. Wie hätte ſie denken . 6 können, Lady Mowbray, die Frau ihres Oheims, ziehe ſie nur in die Einſamkeit, um ſie Miran⸗Hafaz auszuliefern? Zweites Kapitel. Die arme Ellen war entzückt, dem verworrenen Lärm von London zu entgehen, und drang in Lady Mowbray, ihre Abreiſe nach Mortlake zu beſchleunigen. Ihre treue Suſanne bezeugte nicht dieſelbe Ungeduld; ihr Argwohn irgend eines Verraths fand ſich beſtätigt durch das hinterliſtige Benehmen der herzloſen Frau und die wiederholten Beſuche von Miran⸗Hafaz bei dem Oberſt, der ganze Stunden lang mit ihm in dem Bibliothekzimmer eingeſchloſſen blieb. Aber da ſie ihrer jungen Gebieterin keinen Beweis für deren ſchlechte Abſichten zu liefern vermochte, ſo war Fie genöthigt, ſtill zu ſchweigen. Endlich brach der Tag an und nach einer ent⸗ zückenden Spazierfahrt im Wagen hielten ſie vor Cromwell⸗Houſe. Ellen wurde von deſſen alterthümlichem Ausſehen und Einſamkeit betroffen. Obgleich an Pracht tief unter der Abtei Carrow ſtehend, erinnerte das Haus ein wenig an ihre ehemalige Wohnung: die Wohn⸗ gelaſſe waren von eben ſo großem Umfang, die Zimmer eben ſo getäfelt, die Corridors eben ſo lang und eben ſo düſter. Der Garten erſtreckte ſich hinter dem Wohngebäude bis zu einer ſehr hohen Terraſſe, auf deren Mitte ſich ein Pavillon befand, der nur durch die Straße vom Fluß getrennt war. Zwiſchen der Terraſſe und dem Raſenplatz befand ſich ein Raum, mit Tarusbäumen eingefaßt, deren verſchlungene Zweige die Sonnenſtrahlen und ſelbſt den Wind auf⸗ fingen; kaum ein Lufthauch drang hier durch. An dieſem abgelegenen Ort ging ſie gern ſpazieren, um über die Vergangenheit nachzudenken und ſich den Hoffnungen der Zukunft zu überlaſſen. Gegen Ende des Abends am zweiten Tag nach ihrer An⸗ kunft wurde Ellen, während ſie in einer der ein⸗ ſamen Alleen herumirrte, plötzlich aus ihren Träu⸗ mereien durch ein Rauſchen in den Blättern aufge⸗ ſchreckt. Sie fuhr zurück und wollte entfliehen; aber Miran⸗Hafaz lag zu ihren Fußen, ehe ſie ihr Vor⸗ haben ausführen konnte. „Ellen!“ rief er mit ſchmerzvoller Stimme,„watum mich fliehen?“ „Warum diejenige verfolgen, die Sie zu lieben vorgeben?“ erwiderte die Waiſe.„Das iſt nicht edelmüthig!“ „Ihre Frage ſelbſt enthält meine Antwort... weil ich Sie liebe! Warum folgt die Sonnenblume immer dem glänzenden Geſtirn des Tages? Weil ſie aus deren brennenden Strahlen Leben ſchöpft und, deren glorreicher Gegenwart beraubt, abſtirbt!“ „Eitle Worte! Der wahrhaft Liebende iſt nicht ſelbſtſüchtig und ſucht ſein Glück nicht auf Koſten eines gebrochenen Herzens... Höre mich, Miran: es liegt zwiſchen uns ein Abgrund, den der Tod ſelbſt nicht überſchreiten kann. Müßte ich wählen, ſo würde ich das Leichentuch meines gemordeten Onkels dem Brautbette mit Dir vorziehen! Deine Gegenwart flößt mir einen namenloſen Schrecken ein! Ich kann Dich nicht haſſen, wiewohl mir mein Herz ſagt, daß Du meinen Haß verdienſt!“ „Deinen Haß! Warum, Ellen, warum?“ „Die hinſterbende Wehklage, die Deinen Schlaf ſtört, ſoll Dir anſtatt meiner antworten! Adieu!.. Zwinge mich nicht, zu rufen.“ „Du wirſt mich höreni“ rief Miran⸗Hafaz, ihre Hand faſſend.„Du darſſt mich nicht verdammen, ohne mich zu hören. So dunkek auch Deine Worte ſind, ſo bin ich nicht einfältig genug, um ſie nicht zu verſtehen. Du klagſt mich an, mich, den Bruder Deiner Kindheit, den Genoſſen Deiner Jugend, der Mör⸗ der von Sir William Mowbray zu ſein, nicht wahr?“ Das Mädchen ſchwieg ſtill. „Höre mich: ich wurde viele Tage vor ſeinem Tode verwundet. Die Nacht, da er ſtarb, war ich ſchwach wie ein neugeborenes Kind, ausgeſtreckt auf meinem Schmerzenslager! Die Anklage iſt die Ein⸗ gebung der unſinnigen Träume!“ Daſſelbe Stillſchweigen. „Oder der Vosheit meines Nebenbuhlers, Sage wenigſtens, daß Du mich freiſprichſt!“ „Gott wird Dich nicht freiſprechen,“ verſetzte Ellen traurig.„Ich kann meine Zunge nicht lehren, Worte zu ſprechen, die mein Herz Lügen ſtraft. Zwinge mich nicht, Dich der Gerechtigkeit der Menſchen an⸗ zugeben, oder den Schutz meines Vormunds in An⸗ ſpruch zu nehmen.“ 6 9 „Nehmen Sie ihn in Anſpruch und ſehen Sie, ob Oberſt Mowbray meine Gegenwart mißbilligt oder mich von hier zu vertreiben wagt.“ Bei dieſen Worten wurde Ellen von Schrecken ergriffen. Es beſtand alſo ein Vertrag zwiſchen ihrem Vormund und Miran! „Sie verleumden meinen Oheim!“ ſprach ſie mit halb erſtickter Stimme. „Ich wiederhole, daß ich mit Ermächtigung von dem Oberſt und Lady Mowbray, welche meine Liebe billigen und mir Ihre Hand zugeſagt haben, hier bin!“ „Sie werden dieſelbe alſo haben, wenn ich im Grabe bin!“ erwiderte Ellen feſt„denn ſo lang ich lebe, wird ſie niemals Ihnen angehören! o. Mein Gott!“ ſetzte ſie hinzu,„ſteh mir bei; ich bin ſehr unglücklich!“ „Und warum unglücklich?“ rief Miran, den Arm um ihre Hüfte legend und bemüht, ſie an ſein Herz zu ſchließen.„Meine Liebe verſpricht Ihnen alles Glück, das man auf Erden genießen kann. Willigen Sie ein, meine Frau zu werden, mit mir nach In⸗ dien zurückzukehren. Das Leben wird für uns ein langer Feſttag ſein; wir werden uns eines unge⸗ miſchten Glücks erfreuen, das niemals eine Wolke oder eine Thräne ſtören wird. In Indien wirſt Du Königin ſein und an mir einen Sckaven haben, der allen Deinen Wünſchen zuvorkommen wird! „Laſſen Sie mich los!“ rief das Mädchen em⸗ pört, indem es ſich aus ſeiner Umſchlingung los⸗ machte;„Sie werden mich dazu bringen, Sie zu haſſen!“ 10 Mit flüchtigem Schritt wie dem der erſchreckten Gozelle eilte ſie durch die Allee, um nach dem Ra⸗ ſen zu gelangen. Als ſie an einem Catalpa vorüber⸗ ging, glaubte ſie eine am Fuß des Stammes zu⸗ ſammengekauerte Frau zu ſehen; aber der Schrecken erlaubte ihr nicht, ſich davon zu überzeugen. Lady Mowbray und der Oberſt befanden ſich im Salon des Erdgeſchoßes, der an den großen„ Saal ſtieß. Die Dame war damit beſchäftigt, einen Diamantſchmuck zu bewundern, welchen Miran an demſelben Tage ihr zum Geſchenk gemacht hatte, um ſich in ihrer Gunſt völlig feſtzuſetzen. „Die kleine Närrin!“ ſprach ſie, von Ellen re⸗ dend,„einen ſolchen Liebhaber verſchmähen!. ſo reich und ſo generös!“ Darauf ſetzte ſie mit einem Seufzer des Bedauerns hinzu:„Ach! arme Iſabelle! wie glücklich ſie ihn gemacht hätte!“ „Vielleicht!“ erwiderte trocken ihr Gatte. Die Dame ſchaute ihn an, als wollte ſie nach dem Grund ſeiner Meinung fragen. „Nun,“ ſagte der Oberſt,„weil es in der Welt Weſen gibt, welche im Austauſch für ihre Hand ein Herz wollen; und ich zweifle, ob Miß Harebell je eines zu vergeben gehabt hätte.“ „Romantiſch, und in Ihrem Alter!“ rief die„ Dame mit ſpöttiſchem Lachen.„Pfui! Ich glaubte, daß Sie die Welt kennen!“ „Sie wenigſtens haben ſie zu Ihrem Vortheil ſtudirt.“ „Vielleicht wohl; die Frauen beobachten beſſer als die Männer.“ Die Thüre öffnete ſich plötzlich und Ellen ſtürzte t 11 athemlos vor Entrüſtung und Schrecken in den Salon. „Guter Gott, Kleine!“ rief Lady Mowbray, „was iſt geſchehen?“ „Oheim,“ ſprach das Mädchen, auf den Oberſt zutretend(es war das erſte Mal, daß ſie ihn mit dieſem Namen benannte),„er iſt hier... jener Mann, der uns London zu verlaſſen bewogen hat.... Man hatte mir verſprochen, daß ich ihn nicht mehr ſehen würde, und da hat er mir im Garten aufge⸗ paßt, um mir von dem, was er ſeine Liebe nennt, vorzureden. Er prahlt damit, Ihre Bevollmächtigung zu haben.. Sagen Sie mir, daß er gelogen, daß er mich getäuſcht hat. Ich habe jetzt keinen andern Beſchützer, als Sie; ol ſagen Sie, daß er gelogen hat, oder mein Herz muß brechen!“ Der Oberſt ſtand verwirrt vor dem unſchuldigen Mädchen, deſſen Vertrauen er ſo grauſam verrathen hatte. Lady Mowbray bemerkte ſeine Verlegenheit und beeilte ſich als geſchickter General ihm zu Hilfe zu kommen. „Welche Thorheit, Ellen!“ rief ſie;„Sie können nicht hoffen, daß wir uns mit unſern Freunden über⸗ werfen werden, weil es ſich findet, daß dieſelben Ihnen mißfallen! Was haben Sie gegen Miran⸗ Hafaz einzuwenden?“ „Das iſt eine Frage, Madame, welche Sie an mich zu richten kein Recht haben!“ verſetzte das Mädchen feſt. „Sie machen ſich lächerlich!“ erwiderte die Dame. „Er weiß, was ich ſagen will,“ ſetzte Ellen 12— hinzu, die erbleichte, indem ſie auf den Oberſt deutete, „das ſchreckliche Geheimniß klärt ſich auf!“ Vergeblich ſuchten Beide ſie zu bereden, den jun⸗ gen Indier als einen einfachen Beſucher zu empfan⸗ gen. Sie blieb feſt in ihrer Weigerung und erklärte, ſie werde ſchon am nächſten Tage in das Pfarrhaus zu Doctor Orme zurückkehren.„ Jetzt fiel die letzte Maske und Ellen entdeckte endlich den ganzen Verrath, deren Opfer ſie war. „Sie werden mich vorher um Erlaubniß fragen,“ erwiderte ihr Oheim ſtolz.„Habe ich bis jetzt mich Ihren albernen Vorurtheilen gegen meinen Freund hingegeben, ſo geſchah es in der Hoffnung, daß Zeit und Vernunft dieſelben heilen würden; aber da meine Nachſicht keine andere Wirkung hat, ſo werde ich verſuchen, was meine Autorität als Vormund vermag.“ „Sie vermag viel!“ ſagte Ellen,„ſie kann mir das Herz zerreißen, ſie kann meinen Traum von Glück zerſtören, mich vielleicht zur Verzweiflung und zum Tode bringen; aber nie wird ſie mich zur Frau eines Mannes machen, den ich verabſcheue!“ „Ich rathe Ihnen, ſich auf Ihr Zimmer zurück⸗ zuziehen, Kind,“ ſprach Lady Mowbray;„morgen werden Sie anders denken.“ 6 Ellen entfernte ſich, ohne ein Wort zu reden;* die arme Waiſe fühlte, daß es unnütz wäre, ihre Feinde umzuſtimmen zu ſuchen. „An Character und Gemüthsart gleicht Ellen ihrem verſtorbenen Oheim,“ bemerkte der Oberſt ſeiner Frau.„Sie können Sie brechen, aber nie⸗ mals beugen.“ L 13 „Wir wollen ſehen!“ murmelte die Dame;„wir wollen ſehen!“ Als Ellen in ihr Zimmer trat, erkannte Suſanne ſogleich an der Bläſſe und Aufregung in ihren Zü⸗ gen, daß etwas Schmerzliches vorgefallen ſein mußte. Das Erſte, was ſie that, war, die Thüre zu ver⸗ riegeln. Nachdem dieß geſchehen, trat ſie auf ihre junge Herrin zu und bat ſie, ihr Alles zu erzählen, was geſchehen war. „Mein Verfolger iſt hier!“ flüſterte Ellen. „Ich dachte es mir wohl,“ erwiderte die treue Suſanne. „O! warum haben Sie eingewilligt, das Pfarr⸗ haus zu verlaſſen?“ „Wollte Gott, ich wäre noch dort! Ich würde in Sicherheit ſein. Aber wir wollen dahin zurück⸗ kehren. Ich kann nicht eher ruhig ſchlafen, als bis ich mich wieder unter dem Dach des guten alten Doctors ſehen werde. Wenn er die grauſame Ver⸗ folgung, der ich ausgeſetzt bin, wüßte!“ Suſanne ſchwieg ſtill. Sie wußte, es war nicht wahrſcheinlich, daß man ihnen geſtatten würde, die⸗ ſes einſame Haus zu verlaſſen, wohin man Ellen ſo geſchickt verlockt hatte. Auf Bitten ihrer Herrin ſchlief ſie an ihrer Seite, aber es vergingen bange Stunden, ehe der Schlaf die Augenlider der armen Waiſe ſchloß. Nach einer unruhigen Nacht ſtanden ſie beide auf und Suſanne ging hinunter, um zu ſehen, ob es eine Möglichkeit gebe, das Haus zu verlaſſen, ehe der Oberſt und ſeine Frau erwacht wären, Während ihrer Abweſenheit betete Ellen zu dem, 14 welcher die Waiſen in der Stunde des Leidens und der Gefahr beſchützt. Plötzlich näherte ſich ein Schritt dem Zimmer; ſie ſtand auf und war ebenſo entrüſtet als erſtaunt, als ſie die Aya eintreten ſah. Ellen äußerte kein Wort des Vorwurfs oder der Bitte; ſie wußte, daß es vergeblich wäre; aber ſie wandte ſich ſchweigend mit der ruhigen Würde der Tu⸗ gend ab. „Ich habe Ihnen geſagt, wir würden uns bald wieder ſehen,“ rief Zara mit ſpöttiſchem Lächeln. „Sie können nicht gegen das Schickſal ankämpfen, und das Ihrige iſt, die Frau von Miran⸗Hafaz zu werden!“ „Cher den Tod!“ ſprach Ellen bei ſich, indem ſie ſich an das Fenſter ſetzte und ein Buch nahm, um jedem Geſpräch mit der Frau auszuweichen, die ſie einſt ſo vertrauensvoll geliebt hatte. Drittes Kapitel. Mr. Elworthy, der Sachwalter und Freund des verſtorbenen Sir William, hatte noch immer ſeinen Wohnſitz in der Abtei Carrow, unter dem Vorwand, den Stand des Beſitzthums zu unterſuchen, eine neue Schätzung der Ländereien vorzunehmen, einen Blick in die Pachtverträge zu werfen, wie es der Wille 15 des verſtorbenen Sir William Mowbray geweſen war. Der Oberſt war insgeheim ärgerlich darüber. Dieſer verlängerte Aufenthalt des geſetzlichen Rath⸗ gebers ſeines Bruders daſelbſt machte ihm Unruhe, er wußte nicht warum, und er ſchrieb demſelben mehrmals, um ihn nach London zu berufen. Aber er erhielt jedesmal eine abſchlägige, in ſo höflichen Redensarten abgefaßte Antwort, daß es unmöglich war, daraus Veranlaſſung zu einem Streit herzu⸗ nehmen. Er wollte nun eine Handlung der Autorität voll⸗ ziehen, aber dieſe zog ihm nur eine noch größere Demüthigung zu. Mr. Elworthy gab ihm zu be⸗ denken, daß er nicht der nächſte Erbe des Baronets wäre; daß er durchaus keine Controle auf dem Be⸗ ſitzthum auszuüben hätte, und daß er, Elworthy, nur auf ausdrücklichen Befehl des Kanzlers in ſein Begehren willigen könnte, ohne ſeine Pflicht zu ver⸗ letzen und den von ſeinem verſtorbenen Clienten er⸗ haltenen Inſtructionen zuwider zu handeln. Welches auch die Beweggründe ſein mochten, welche Mr. Elworthy in Carrow zu bleiben vermoch⸗ ten, bei jedem Schritt ſah er ſich durch den Kanin⸗ chenwärter behindert, welcher keine andere Beſchäfti⸗ gung zu haben ſchien, als ihm überall hin zu folgen. Der einzige Ort, wo er ſich vor dieſer Zudringlich⸗ keit geſichert fand, war die Bibliothek der Abtei; der Spion wagte offenbar nicht, dorthin einen Schritt zu ſetzen. So vernahm denn der würdige Mann mit nicht geringer Befriedigung, daß Will Sideler zu dem Oberſt nach London berufen worden ſei. Sobald er ſich dieſes läſtigen Spähers entledigt ſah, ließ er Joe Beans rufen, der damals noch bei Miß Ellen in des Rectors Hauſe ſich befand und der einzige Menſch war, der noch einigen Einfluß auf den alten Stall⸗ knecht Martin, deſſen Vernunft ſeit dem Tage des Verbrechens geſtört geblieben war, behalten hatte. Noch an dem Tage von Wills Abreiſe ſuchte Mr. Elworthy Joe Beans auf, den er auf dem Kirchhof und in Geſellſchaft des alten Martin und des Todtengräbers fand. „Joe,“ ſprach der Rechtsmann,„glaubt Ihr, Euren alten Freund in die Abtei bringen zu können?“ „Gewiß, wenn Sie es wünſchen. Er würde mir überall hinfolgen.“ „Ich wünſche es. Mir ſcheint, wenn wir ihn plötzich in die Bibliothek führen könnten, wo Sir Williams Ermordung geſchehen iſt, würde ſein Ge⸗ dächtniß zurückkehren. Hätte er auch nur für einen Augenblick einen Schimmer von Bewußtſein, ſo möchte es vielleicht hinreichen, uns auf den rechten Weg zu bringen.“ Es wurde alſo ausgemacht, ihn noch dieſen Abend hinzuführen. Um ſich des Gelingens von ihrem Vorhaben zu verſichern, durfte Martin nicht ahnen, an welchen Ort man ihn führte, noch irgend ein vertrauter Gegenſtand ſeinem Blick begegnen.. Ehe man alſo der Abtei nahe kam, warfen ihm ſeine Führer ein Taſchentuch über die Augen. So lang er ihre Stimme hörte, blieb er ruhig und ſie ſchwatzten mit ihm, während ſie den Blödſinnigen, ——— 17 jeder an einem Arm, vorwärts leiteten. Die ein⸗ zigen Worte, welche Martin ausſprach, waren: „Es iſt ſehr Nacht!“ Die Hülle wurde erſt weggenommen, als der alte Stallknecht in der Bibliothek gerade bem Seſſel gegenüber ſaß, wo man den ermordeten Baronet gefunden hatte. Elworthy, Joe und Chettleborough, der Todtengräber, beobachteten mit unendlichem In⸗ tereſſe die Phyſiognomie des Alten. Allmälig ſchien ein Geſpenſt, aus der Einbil⸗ dungskraft oder vielmehr aus dem Gedächtniſſe Mar⸗ tins entſproſſen, in dem alten hochlehnigen Seſſel zu ſitzen: es war Sir William; er hatte ein Buch in der Hand und ſeine Augen waren auf ein offenes Blatt vor ihm geheftet. „Herr!“ murmelte der Blödſinnige,„lieber Herr!“ „Er ſieht ihn!“ ſagte Joe, der vor Schrecken erbleichte und deſſen Zähne zu klappern anfingen. „Ha!“ rief Martin mit flammenden Augen. „Will! der geheime Gang!.... Blut! Blut!“ Bei dem Namen Will wechſelten dié drei Zeu⸗ gen dieſer Scene Blicke des Verſtändniſſes. Der treue Diener der Mowbray ſprang auf und ſchien mit einem eingebildeten Gegner zu ringen. Er rief mit lauter Stimme um Beiſtand:„Mord! Mord!“ Martin ſetzte dieſe Pantomimen fort, bis er an die Stelle der Bibliothek gelangt war, wo die Die⸗ nrerſchuſt ihn entdect hatte, als ſie ven blels Se⸗ ſchrei erweckt, die Thüre des Gemachs eingeſchlagen hatten. Plötzlich fuhr er mit der Hand nach dem Die Abtei Carrow. III. 12 Kopf, als ob er eben einen heftigen Schlag erhalten hätte und fiel tief aufſtöhnend zu Boden. „Gott ſteh' uns bei!“ rief Joe,„das iſt ſonder⸗ bar! Ich möchte, der Rector wäre hier! Gegen wen konnte er ſich alſo wehren?“ „Gegen ſeine Einbildung,“ erwiderte trocken der Rechtsmann. Joe war durch dieſe Antwort nur halb beruhigt; es kam ihm vor, als hätte man ein übernatürliches Mittel anwenden müſſen, um die Scene, von welcher er Zeuge geweſen war, hervorzubringen. „Vielleicht!“ ſagte er,„vielleicht!“ „Es iſt Gottes Werk!“ fügte der Küſter hinzu, den ſeine Gewohnheiten und ſein einſames Leben der Furcht weniger zugänglich gemacht hatten. „Wen meinte er mit dem Rufe: Will?“ fragte Mr. Elworthy, als ſeine Begleiter den Alten auf⸗ gerichtet und wieder zum Leben gebracht hatten. Beide antworteten ohne Zögern: „Den Kaninchenwärter!“ „Ich dachte es! Aber der geheime Gang?“ Joe machte darauf aufmerkſam, daß Martin auf einen gewiſſen Theil der Wand gedeutet hatte. Alle drei traten auf dieſelbe zu, um das Getäfel zu un⸗ terſuchen; aber anfänglich ſchien es ſo feſt, wie alles Andere. „Ich fürchte, es iſt nur ein eitler Traum!“ ſprach der Rechtsmann. „Nein!“ rief Joe freudig, denn er fühlte, wie das Eichenholz ſich unter dem Druck ſeiner breiten Schultern bog. Seine Begleiter vereinigten ihre Anſtrengungen 19 mit den ſeinigen; das Eichenholz krachte, die ver⸗ borgene Feder zerbrach und das Getäfel öffnete ſich, indem es den Eingang zu einer geheimen Treppe blicken ließ. „Der Gang!.... Martin hatte Recht!“ rie⸗ fen ſie zuſammen.„Von hier mußte der Mörder zu ſeinem Opfer gelangen.“ Auf Mr. Elworthy's dringende Bitten willigte Joe ein, den düſtern Gang zu erforſchen. Nachdem er ein Licht genommen, ſtieg er die Treppe hinab, an deren Fuß er ein kleines, gewölbtes Gemach und in der Mitte einen Tiſch fand, wo einige Gegen⸗ ſtände haſtig hingeworfen worden zu ſein ſchienen. Mit zitternder Hand unterſuchte er ſie. Der eine dieſer Gegenſtände war ein blutbeflecktes Taſchen⸗ tuch, als ob der Mörder ſich deſſen bedient hätte, ſich die Hände abzuwiſchen, der andere ein Beutel mit Papieren. „Ich glaube,“ ſprach Joe, indem er mit dieſer Beute hinaufſtieg,„ich glaube, daß man hier endlich Etwas hat!“ Viertes Kapitel. Als Suſanne aus Ellens Zimmer, wo ſie die Nacht zugebracht hatte, hinabſtieg und in die Ge⸗ ſindeſtube trat, fuhr ſie bei dem Anblick des Kanin⸗ chenwärters Sideler zuſammen, der vor einem großen, auf dem Roſt kniſternden Feuer ſaß. Das ganze übrige Haus hatte jenes verlaſſene, öde Ausſehen, welches Geiſt und Herz zu Eis erſtarrt. Sie konnte die Unruhe nicht verbergen, welche ihr die Gegen⸗ wart des Böſewichts verurſachte; denn Joe Beans hatte mit ihr oft von dieſem Menſchen geredet, gegen den er den Verdacht hegte, daß er Sir Wil⸗ liam Mowbray's Tod nicht fremd war, und den er im Stande hielt, die größten Verbrechen auf Rech⸗ nung derer zu begehen, die ſeiner vorherrſchenden Leidenſchaft, der Habſucht, zu ſchmeicheln wußten. Es war alſo nicht zu verwundern, daß Suſanne die Gegenwart des Kaninchenwärters als eine böſe Vorbedeutung für ihre Herrin, als eine Gefahr für ſich ſelbſt betrachtete. Will, der ohne Zweifel von Joe's Liebe zu der artigen Bäuerin unterrichtet war, warf ihr einen Blick zu, in den ſich Hohn und Spott miſchten. „Guten Morgen, mein hübſches Mädchen!“ rief er;„dieſes alte Haus ſcheint mir nicht halb ſo trau⸗ rig mehr, ſeitdem ich Dich hier ſehe.“ „Ihr werdet mich nicht oft ſehen,“ verſetzte Su⸗ ſanne, bemüht, die Furcht und Entrüſtung, welche ihr ſeine Vertraulichkeit einflößte, zu unterdrücken. „Ich bringe gewöhnlich meine Zeit bei meiner jungen Herrin zu.“ „Wir können Dich dieſes Theils Deiner Pflich⸗ ten entheben,“ ſprach der Böſewicht mit ſpöttiſchem Lachen.„Das närriſche Mädchen hat Jemand, der Deine Stelle erſetzen wird, Jemand, der ſie beſſer kennt und ſo treu iſt wie Du!“ „Wirklich!“ erwiderte Suſanne mit verſtellter 2¹ Gleichgültigkeit.„Der Platz iſt nicht ſo angenehm, daß mir viel daran liegt, ihn zu behalten. Ich kann auch nach Hauſe zurückkehren.“ „Nach Hauſe zurückkehren!“ wiederholte der Ka⸗ ninchenwärter mit dem Tone eines Menſchen, der ſich über irgend eine alberne Vorſtellung luſtig macht. „Ohne Zweifel kannſt Du es.... wer wollte Dich daran hindern? Nichts nichts in der Welt! Ich rathe Dir alſo, heimzukehren. ſobald Du kannſt!“ Will legte auf dieſe letzten Worte ſeiner ſpötti⸗ ſchen Rede einen ſolchen Nachdruck, daß Suſanne ihr Herz vor einer bis jetzt unbekannten Furcht klopfen fühlte. Der Elende ließ ſeinen Blick über ihre Perſon mit einem Ausdruck hinlaufen, welcher dem jungen Mädchen die Röthe auf die Wangen trieb. In ihrer Noth bereute ſie beinahe, daß ſie den dringenden Bitten ihres Geliebten nachgegeben und die gefährliche Rolle, welche ſie ſpielte, angenom— men hatte. „Wir wollen ſehen, was Lady Mowbray dazu ſagen wird!“ rief ſie, fortzugehen Miene machend. „Lady Mowbray?“ verſetzte Will mit heraus⸗ fordernder Ruhe.„Sie iſt geſtern nach London abgereist.“ „Dann werde ich mich an den Oberſt wenden.“ „Er iſt mit ihr gegangen. Mit Ausnahme von Miß Ellen und ihrer neuen Kammerfrau ſind wir allein im Hauſe, Du und ich... und ich habe die Schlüſſel!“ „Mit dieſen Worten zog er einen großen Schlüſ⸗ ſelbund aus der Taſche und ſchüttelte ihn auf eine beſchimpfende Beweiſe ihr vor der Naſe. „Wir werden gute Freunde ſein,“ ſetzte Will hinzu,„beſonders bei Nacht, wenn die Stunden lang und düſter ſind, wenn der Wind heult und ſeufzt gleich einem menſchlichen Weſen in den Gängen und Sälen dieſes alten Schloſſes'.. Ja, es wird uns ſehr wohl thun, einander Geſellſchaft zu leiſten. Was mich betrifft, ich haſſe die Nacht.“ „Sie führt Euch vielleicht,“ entgegnete Suſanne bitter,„Eure ſchlechten Thaten in's Gedächtniß zurück!“ Der Kaninchenwärter runzelte mit drohender Miene die Stirne. Er ſpraug von ſeinem Sitze auf und fragte, auf ſie zutretend, während ſie vor ihm zurückwich: „Welche Thaten, Närrin?.... welche Thaten?“ In ſeiner Wuth hätte der Elende ſie wahrſchein⸗ lich geſchlagen oder ſich irgend eines andern unwür⸗ digen Schimpfes ſchuldig gemacht, wäre nicht plötz⸗ lich die Thüre aufgegangen, um einen Jungen von etwa dreizehn Jahren einzulaſſen. Er war mit gro⸗ ben, zerriſſenen Kleidern angethan, die theilweiſe von einer Blouſe verdeckt waren, und trug weder Hut noch Mütze, um den Kopf gegen Sonne und Regen zu ſchützen; aber die Natur hatte hier vorge⸗ ſehen, indem ſie ihm eine ungeheure Maſſe rother, borſtiger Haare verlieh. Sein Geſicht war breit, ſeine Züge platt und ausdruckslos; ſeine kleinen, tiefliegenden und ſtets beweglichen Augen verriethen allein einige Symptome von Faſſungskraft. Sie ſchauten zuerſt auf Suſanne, dann auf den Kanin⸗ 23 chenwärter, und wurden hernach plötzlich von einem Bratenwender angezogen, der bei dem Luftzug durch das Feuer in Bewegung geſetzt wurde, das zum erſtenmal ſeit einer Reihe von Jahren auf dem un⸗ geheuren Roſte angezündet war. „Wer biſt Du in des Teufels Namen?“ fragte Will Sideler. „He?“ rief der Knabe mit einfältigem Staunen. „Wer biſt Du? ſage ich Dir,“ wiederholte der Böſewicht, indem er ihn an der Schulter packte und heftig ſchüttelte. „Ich bin Remnants Junge und ſehe nach den Kühen! Und Ihr, wer ſeid Ihr?“ Remnant war der Name des Pächters, der die zu Cromwell-Houſe gehörigen Felder bebaute. Der Kaninchenwärter wußte das und ſeine Unruhe ver⸗ ſchwand ſogleich. „Aber wie biſt Du hereingekommen?“ fragte er. „Seht Ihr es nicht?“ verſetzte der Junge, indem er auf einen großen, verroſteten Schlüſſel deutete, der jenem kürzlich weggekommen war.„Wer iſt dieſes junge Weib?“ ſetzte er hinzu. Während Suſanne darauf dachte, ſich die An⸗ kunft von Remnants Jungen zu Nutzen zu machen, ſchleppte ihr Verfolger, der den kleinen Mann nicht losgelaſſen hatte, ihn aus dem Zimmer, von da über den Hof und warf ihn auf die Straße, indem er ihm ſtreng einſchärfte, keinen Fuß mehr in das Haus zu ſetzen, da der Gentleman, der es gemiethet hätte, keinen Fremden hier dulde. „Aber ich bin kein Fremder!“ erwiderte der Knirps.„Ich kenne das Haus ſeit der Zeit, da ich 24 nicht älter war als Brindle Bets letztes Kalb. Meine Mutter wohnte hier zu Lebzeiten der alten Dame.“ Anſtatt auf dieſe Erklärungen zu achten, gab Will Sideler dem armen Kleinen eine Ohrfeige, um ihn zu lehren, welche Behandlung ſeiner warte, wenn er es jemals wieder wagte, ſein Geſicht im Hauſe ſehen zu laſſen. Als das Gitter geſchloſſen war, warf Red Ralph'), wie man ihn gewöhnlich im Dorfe nannte, dem Kaninchenwärter einen zornigen Blick zu, indem er murmelte, er werde doch auch gegen ſeinen Willen wieder hineinkommen. Und er hielt Wort. Seit ſeinem früheſten Alter an dieſen Orten herumzuſtreichen gewöhnt, kannte Ralph keine aber⸗ gläubiſche Furcht, wie ſolche bei den armen Leuten von Mortlake herrſchte. Er wiederholte oft ſeinem Herrn, er habe nie etwas geſehen, das ſchlechter wäre, als er ſelbſt; die Geiſter thaten ihm nichts zu Leide und er empfand einen geheimen Stolz, bei Andern Schreckniſſe wahrzunehmen, welche er ge⸗ fliſſentlich ausbreitete. Die Gärtnersfrauen in der Gegend hatten ihm manches Glas Dünnbier einge⸗ ſchenkt, damit er ihnen die Geſchichten von Cromwell⸗ Houſe erzähle. Im Augenblick, da der Kaninchenwärter aus der Geſindeſtube wegging, lief Suſanne nach dem Zimmer ihrer jungen Herrin. Die Thüre deſſelben war ver⸗ ſchloſſen. *) Der rothe Ralph. 25 „Heffnen Sie, Miß Ellen!“ rief ſie;„öffnen Sie um Gottes willen!“ „Es iſt unmöglich, armes Mädchen,“ antwortete die Waiſe,„ich bin Gefangene.“ Die Aya lächelte. „In den Händen meiner grauſamſten Feindin!“ fügte Ellen bei. Das Stillſchweigen, welches das Mädchen bis jett gegenüber von ihrer Amme beobachtet hatte, war nur dazu dienlich geweſen, die ſchlimmen Leiden⸗ ſchaften der Indierin aufzuregen, welche in Folge der ſeltſamen Widerſprüche unſerer Natur diejenige liebte, welche ſie verfolgte und von welcher ſie ge⸗ liebt zu werden begehrte. Aber als ſie ſich von dem Kinde, das ſie geſäugt hatte, ſich deſſen grau⸗ ſamſte Feindin nennen hörte, da wurde es ihr dunkel vor den Augen. Dieſe Worte trafen ſie in's Herz. Der Eindruck war erfolgt, an den ſie kaum noch dachte. „Ihre grauſamſte Feindin!“ wiederholte ſie, „weil ich nicht will, daß Sie ſich ſelbſt entehren, in⸗ dem Sie Ihre Hand einem Bauernlümmel reichen! weil ich Sie reich und glücklich ſehen will!.. Es ſey! ich kann auch das aus Liebe zu Ihnen ertragen!“ Ihre ehemalige Gebieterin verſchmähte es, ihr eine Antwort zu geben. Sie hätte einen Verrath an Henry zu begehen geglaubt, wenn ſie die von ihr getroffene Wahl rechtfertigte. Man hörte jetzt einen ſchweren Schritt auf der Treppe; es war der von Will Sideler. Das Herz der armen Suſanne klopfte vor Furcht und Schauder. Sie klammerte ſich an der Thüre an, ſie flehte um Einlaß. „Heffnen Sie, ich bitte!“ rief ſie der Aya zu. „Frau, haben Sie Mitleid mit einer Frau! Ich habe Sie nie beleidigt; warum mein Daſein ver⸗ nichten? O! Erbarmen! Erbarmen!“ Der laute Schrei, der dieſen Worten folgte, ver⸗ kündigte, daß der Verfolger bereits Hand an Su⸗ ſanne gelegt hatte. Sie klammerte ſich noch immer mit aller Kraft an die Thüre. Zara blieb unbe⸗ weglich. Ellens Züge verzogen ſich auf erſchreckliche Weiſe, als ſie ſich außer Stand ſah, ihre niedrige Freundin zu retten. Stolz, Groll, Alles verſchwand vor der Gefahr des armen Mädchens, deren verzweifelte Laute ſich mit den Flüchen Will Sidelers, der ganz raſend geworden war, vermiſchten. Sie warf ſich ihrer Gefangenwärterin zu Füßen, um ſie durch ihre Bitten zum Einſchreiten zu bewegen; aber die Worte blieben ihr in der Kehle ſtecken, und einen Schluchzer ausſtoßend, der aus einem gebrochenen Herzen zu kommen ſchien, fiel ſie ohnmächtig auf den Fußboden nieder. Die Aya hob ſie auf und ſah mit Schrecken, daß der unglücklichen Ellen das Blut aus dem Munde trat. Mit der Schnelligkeit des Gedankens trug ſie die Waiſe auf ihr Bett und eilte dann, die Zimmer⸗ thüre zu öffnen. Schon hatte der Frevler ſein Opfer bis auf die Hälfte der großen Treppe ge⸗ ſchleppt. Aber Suſanne klammerte ſich an das Ge⸗ länder von geſchnitztem Eichenholze an. Mehr als einmal hatte Sideler zu Schlägen ſeine Zuflucht . genommen, um ſie zu zwingen, ihren Halt fahren zu laſſen. Im Augenblick, wo er mit ihr in dem großen Saal anlangte, warf ſich ihm Zara entgegen. Trotz ihrer Hingebung an Miran⸗Hafaz hatte dieſe Frau doch kein ſo ganz verworfenes Herz und ſie fühlte ſich empört, als ſie den Zuſtand gewahrte, in dem ſich Suſanne befand. „Nun! was gibt es?“ murrte der Elende. „Wahnſinniger!“ rief die Indierin,„hat darum Dein Herr Leib und Seele von Dir erkauft und Gold verſchwendet, genug, um das Gewiſſen eines Brahminen zu bezahlen?“ „Sie iſt eine Spionin!“ brummte Will. „Sie iſt ein Weib!“ verſetzte Zara. „Und wie nennen Sie die, welche da oben iſt?“ fragte der Schurke frech.„Iſt ſie weniger ſchön, weniger jung, weniger zart, weniger unfähig, ſich zu vertheidigen? Ich folge nur dem Beiſpiele deſſen, dem wir Beide dienen!“ Zum zweiten Mal an dieſem Tage ſah die Aya ihr Betragen gegenüber von Ellen gleichſam aus einem Spiegel zurückgeworfen; zum zweiten Mal ſah ſie ſich genöthigt, die moraliſche Entwürdigung in Betracht zu ziehen, zu der ſie ſich Schritt für Schritt hatte hinreißen laſſen, und dieſe Lehre war nicht verloren. „Du kannſt über meine Motive nicht urtheilen!“ ſprach ſie. „Und Sie nicht über die meinigen!“ verſetzte Will Sideler.„Ich mache mir nicht ſo viel aus dem Mädchen, wäre es nicht der Haß, den ich gegen ihren Liebhaber empfinde, einen Mann, der mich geſchlagen, beſchimnft⸗ verhöhnt, der mir zu drohen gewagt hat!... Ich habe ihm geſchworen, mich zu rächen, und ich werde meinen Schwur halten! So würden Sie alſo beſſer thun,“ ſetzte er in ge⸗ winnendem Tone hinzu, während er ſich zugleich Suſanne wieder näherte, die ſich keuchend an ihre Beſchützerin anhing,„mir das Mädchen zu laſſen, um ſich mit derjenigen zu beſchäftigen, die Ihnen in dem Zimmer da oben anvertraut iſt.“ „Retten Sie mich aus ſeinen Händen,“ flüſterte die arme Suſanne;„Sie ſind meine einzige Hoff⸗ nung!“ „Beruhige Dich,“ erwiderte Zara,„wiewohl ich wenig Grund habe, Dich u lieben, denn Du haſt Zurück, Ilen zurück!“ ſete ſie gegen den Kanin⸗ chenwärter hinzu;„lege nur einmal die Hand an 5 ſie und ich tödte Dich, wie ich einen jungen Tiger der Dſchungeln, oder eine Schlange, die mir in den Weg kommt, tödten würde!“ Es war nicht zum erſten Mal, daß Will Sideler jene durchbohrende ſcharfe Klinge ſah, welche die Aya in der Hand hielt; denn wie wir bereits zu bemerken Gelegenheit hatten, ſie ging nie ohne Waffen wohin. Er kannte ihren Muth und zwei⸗ felte nicht, daß ſie des Dolches ſich zu bedienen wüßte. Er zog ſich alſo murrend zurück, aber immer ent⸗ ſchloſſen, ſein Möglichſtes zu thun, um das Glück ſeines Feindes, Joe Beans, und der unſchuldigen Suſanne zu zerſtören. Bei der Rückkehr in das Zimmer von Miß de 29 Vere beſchäftigten ſich die Indierin und das Mäd⸗ chen damit, die arme Waiſe in's Leben zurückzu⸗ rufen. Aber es verfloß einige Zeit, ehe der Erfolg ihre Anſtrengungen krönte. Als das Leben endlich zurück⸗ kehrte, wurde es offenbar, daß Ellens Geiſt eine Erſchütterung erlitten hatte, von der er ſich wohl nur ſchwer erholen konnte. Beim Anblick der Aya ſtieß ſie ein lautes Geſchrei aus und verbarg ihr Geſicht an Suſannens Buſen, indem ſie ihren er⸗ mordeten Oheim und Henry zu Hilfe rief. So oft die Indierin ſich mit ihr zu thun machen wollte, kehrte der Parorismus zurück und Zara war ver⸗ dammt zu ſehen, wie die, welche ſie ernährt hatte, von einer Andern die Dienſte empfing, welche ſie ihr zu leiſten den brennenden Wunſch hegte. Unzufrieden mit ſich ſelbſt, zog ſie ſich einige Schritte zurück und ſetzte ſich nieder, die beiden Mädchen zu betrachten. Anſtatt nachzulaſſen, wurde das Geſchrei Ellens nur noch unzuſammenhängender ihr Blick wilder. Sie hatte den Verſtand ver⸗ oren. Suſanne war in Verzweiflung und Zara von Gewiſſensbiſſen gefoltert. Ein leichter Schritt ließ ſich auf der Treppe hören. Die Kranke erkannte ihn ſogleich: es war der von Miran. Einen furchtbaren Schrei ausſtoßend, entriß ſie ſich Suſannens Armen und würde ſich, um ihm zu entfliehen, aus dem Fenſter geſtürzt haben, wenn die Aya ſie nicht in ihrem Laufe aufgehalten und auf das Bett zurückgetragen hätte, wo ſie in einem Zuſtand der Gefühlloſigkeit blieb. Zum Glück beſaß die ſchuldige Frau ihre ganze Geiſtesgegenwart. Ellen der Sorge won Suſanne überlaſſend, eilte ſie ſchnell genug aus dem Zimmer, um den Eintritt des Verfolgers zu verhindern. Den Finger auf dem Munde, um ihm Stillſchweigen aufzuerlegen, machte ſie ihm ein Zeichen, ſich zurück⸗ zuziehen. Der junge Mann gehorchte ihr nicht ohne Verwunderung. „Was iſt geſchehen?“ fragte er ängſtlich. „Der Hund hat auf eigene Rechnung jagen wollen,“ antwortete Zara in der figürlichen Sprache des Orients,„und das für ſeinen Herrn bewahrte Reh erſchreckt.“ „Was willſt Du ſagen?“ Wenige Worte erklärten ihm, was vorgefallen war, das frevelhafte Benehmen des Kaninchenwärters, die Gefahr Suſanna's und die Lage des unglück⸗ lichen Gegenſtandes ſeiner Verfolgung und Liebe. Das ſonſt unempfindliche Geſicht von Miran⸗ Hafaz wurde purpurroth vor Zorn. Der ſtolze, junge Mann fühlte bitter die Gemeinheit einer Ver⸗ bindung, wozu ihn ſein böſer Genius verleitet hatte. Es war ein Glück für Will Sideler, daß er bei dem Ausbruch des Sturms nicht gegenwärtig war; er würde deſſen Opfer geworden ſein. „Der Hund!“ rief der junge Indier;„der Elende! Ich werde ihn mit den Füßen zertreten, bis kein Hauch von Leben mehr in dem abſcheulichen Gerippe zurückbleibt, und ſeinen verrätheriſchen Leichnam in der Sonne verfaulen laſſen!“ „Sie werden es nicht wagen!“ ſagte Zara ruhig. „Ich es nicht wagen?“ fragte Miran gering⸗ ſchätzg. „Sie ſind in ſeiner Gewalt!.... O! wollte der Himmel, meine Ellen hätte niemals dieſes ver⸗ wünſchte Land geſehen! Sie wäre in Indien ge⸗ blieben, ihr junges Herz hätte nie eine andere Liebe gekannt; Sie hätten weder ein Verbrechen begangen, noch Gefahren ſich ausgeſetzt; und ich hätte das Glück in Eurer Vereinigung gefunden, die mir jetzt als ein Traum, als ein hoffnungsloſer Traum erſcheint!“ Miran ſchaute ſie einen Augenblick mit argwöh⸗ niſcher Miene an. „Ein Traum, der ſich verwirklichen wird!“ rief er, nach der Treppe ſich wendend, welche zu Ellens Zimmer führte. „Die einzige Hand, die es verwehren konnte, iſt zwiſchen Euch getreten!“ verſetzte Zara ruhig. „Welche Hand?“ „Die Hand des Todes! Schon breitet ſich ſein Schatten über Ellen aus. Bei dem Geräuſch Ihrer Schritte ſtürzte ſie ſich aus dem Bette, um vor Ihnen in das Grab zu entfliehen. Sie würde ſich zum Fenſter hinausgeſtürzt haben, wenn ich ſie nicht daran verhindert hätte. Ihre Gegenwart wird ihr den Todesſtoß geben!“ Dieſe Worte erſchütterten Miran⸗Hafaz, bei dem noch nicht jedes edle Gefühl erloſchen war, tief im Herzen. Er erfuhr jetzt, wie mächtig Ellens Liebe zu ſeinem Nebenbuhler war; er erkannte, wie gering ſeine Hoffnung war, ihn zu verdrängen; und dieſe Ueberzeugung wurde der Anfang ſeiner Züchtigung. 32 Ellen war krank, leidend, vielleicht ſterbend; und er wagte ſie nicht zu ſehen, aus Furcht, den ſchwachen Faden zu zerreißen, der ſie noch an's Leben knüpfte! Er fuhr mit den Händen nach dem brennenden Geſicht, um die Thränen zu verbergen, die trotz ſeines Stolzes gleich Tropfen geſchmolzenen Blei's ihm über die Wangen rollten.„ Die Aya wurde von ſeiner Betrübniß gerührt. Sie war in dieſem Augenblick von den Eingebungen ihres eigenen Herzens unbewegt, und wenn ſie darauf hörte, ſo verſtand ſie dieſelben nicht. „Sie muß gerettet werden, koſte es, was es wolle!“ ſagte Miran. „Vertrauen Sie mir,“ erwiderte die Indierin. „Sie wiſſen, daß ich die Eigenſchaften der Kräuter und Pflanzen kenne. Ich habe allzu oft am Bette derer gewacht, die ich liebte, um nicht das Nahen des Todes zu unterſcheiden: die ſtufenweiſe Ver⸗ finſterung des Lebens, die Unregelmäßigkeit des Pulſes, die Feuchtigkeit der Haut, die Schwierigkeit des Athemholens. Erſcheinen dieſe Symptome....5 „Laß ſogleich den geſchickteſten Arzt holen!“ fiel Miran ein.„Tag und Nacht ſoll ein Pferd voll⸗ ſtändig geſattelt im Stalle ſein. Ich will Dir Zadag laſſen(ſo hieß der junge Hindu, den wir bereits mehr als einmal geſehen haben.. oder viel⸗ mehr,“ ſetzte er hinzu,„ich will ſelbſt Beiſtand holen!“ Und er verließ wie wahnſinnig das Haus, um zu ſeiner Abreiſe Befehl zu geben. „Er iſt ihrer würdig!“ murmelte die Aya, ihr — 2——— G 33 zärtlich nachſchauend,„und kein Anderer ſoll ihr Gatte werden!“ Sie begab ſich wieder in das Zimmer der armen n. Fünftes Kapitel. Als Miran⸗Hafaz Mortlake verließ, befand er ſich in einem beinahe ebenſo bemitleidenswerthen Zuſtand, wie der ſeines Opfers. Sein Herz wurde von Ge⸗ wiſſensvorwürfen zerriſſen, wenn er an Ellens Ge⸗ fahr dachte. Sollte der Tod ihm den Gegenſtand ſeiner Liebe rauben? Oberſt Mowbray und ſeine Frau ſaßen in ihrem Salon zu London, als der junge Indier mit zer⸗ ſtörter Miene und blutunterlaufenen Augen vor ihnen erſchien. Selbſt die herzloſe Frau erbleichte beim Anblick der Veränderung, welche wenige Stun⸗ den bei ihm bewirkt hatten, und fragte ihn, was ſich zugetragen hätte. „Ellen ſtirbt!“ antwortete Miran mit heiſerer Stimme;„wir haben ſie getödtet!“ Er ließ ſich auf einen Stuhl fallen. Der Oberſt richtete ihn auf und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. Der junge Mann fuhr zuſammen, als ob er das Ziſchen einer Schlange gehört hätte. 2 Die Abtei Carrow. III. 3 34 „Nein!“ rief er,„für welches Ungeheuer halten Sie mich? Ich möchte ihre Liebe gewinnen und nicht den Duft der Blume zerſtören, die ich anbete! Ich bin nicht das elende Weſen, das Ihre Gemeinheit in mir vorausſetzt! Ellen hat von mir niemals eine unwürdige Gewaltthat zu fürchten! Sie iſt ſicher,“ ſetzte er in Thränen zerfließend hinzu,„ſicher, wie das Kind in ſeiner Mutter Armen, wie der Engel im Heiligthum ſeines Gottes!“ „Wie poetiſch Sie ſind!“ rief Lady Mowbray mit ſpöttiſcher Miene.„Ihre Reue iſt eine Ihrer roman⸗ haften Liebe würdige Epiſode. Warum nicht ſogleich Ellen entſagen? Warum nicht Ihren glücklichen Nebenbuhler aus Italien kommen laſſen? Warum nicht ſelbſt ſie vereinigen und hernach ſich zu deren Füßen tödten? Warum mindeſtens nicht nach Indien zurückkehren, weiſer, wenn auch nicht glücklicher, als Sie von dort gekommen ſind?“ Dieſe Anſpielung auf Henry Aſhton verſchaffte dem böſen Princip in Mirans Herzen den Sieg. Die argliſtige Frau hatte die empfindliche Saite berührt, und die Antwort entſprach ihrem Ver⸗ langen. „Niemals!“ rief der Indier bitter,„niemals! niemals! Ich möchte ſie lieber todt als in den Armen jenes Mannes ſehen. Der Schmerz, ſie zu verlieren, wäre nichts im Vergleich mit den Qualen, die ich leiden würde, wüßte ich ſie als die Gattin eines Andern. Mein Kopf brennt! Ich bin un⸗ glücklich! Ich bin wahnſinnig! Haben Sie Mitleid mit mir! Rathen Sie mir und tröſten Sie mich!“ Dieß war genau der Zuſtand, in welchem Lady S 35 Mowbray ihn haben wollte. Sie behandelte Ellens Krankheit als Bagatelle, als hyſteriſchen Anfall, zu deſſen Beſeitigung einige Tage Ruhe hinreichen würden. Sie ſuchte ſogar, allerdings vergeblich, ihn zu bereden, daß es nur Verſtellung wäre. Als ſie weggegangen war, ſagte der Oberſt zu Miran: „Ich kenne einen Mann, deſſen Geſchicklichkeit als Arzt unzweifelhaft, aber deſſen Character mehr als verdächtig iſt. Für Gold würde er ſich zu Allem hergeben, zum Böſen wie zum Guten; es liegt ihm wenig daran, von dem Augenblick, da Sie ſeine Habſucht befriedigen.“ „Wo wohnt er?“ „In einer elenden Straße, nahe bei der Almoſen⸗ pflege. Ich habe ſeinen Namen vergeſſen, weiß aber, wo er zu finden iſt.“ Mirans Ungeduld geſtattete keinen Augenblick Aufſchub. Sein Wagen wartete vor der Thüre, und einige Minuten nachher waren er und der Oberſt unterwegs, um ſich zu dem franzöſiſchen Doctor zu begeben, wie man ihn in der Nachbarſchaft ſeiner Wohnung nannte. Ehe ſie an die Almoſenpflege gelangten, ſtiegen ſie aus und durchſchritten zu Fuß die engen Gäß⸗ chen dieſes verpeſteten Stadtviertels, welches theil⸗ weiſe verſchwunden iſt, um behaglicheren Wohnungen Platz zu machen. Der Oberſt näherte ſich ohne Zö⸗ gern einem kleinen Hauſe mit alterthümlichen und dermaßen von Staub bedeckten Fenſtern, daß das neugierigſte Auge nicht durchzuſchauen vermocht hätte. Einige Flaſchen gefärbten Waſſers, eine einzelne 36 Schlange in Weingeiſt und der Kopf eines neuſee⸗ ländiſchen Häuptlings, dieß waren die einzigen An⸗ zeichen von der Beſchäftigung des Bewohners von dieſem Hauſe. Nicht einmal ſein Name zeigte ſich an der Thüre, wiewohl er ſehr wielen Perſonen vertraut war, welche in vergoldeten Salons wohn⸗ ten und ſich von Domeſtiken in Livree bedienen ließen; aber das Laſter führt zu ſeltſamen Bekannt⸗ ſchaften. „Wo iſt Dein Herr!“ fragte Oberſt Mowbray einen jungen Burſchen vom Lande, beſchäftigt Arznei⸗ mittel in einem Mörſer auf dem Ladentiſch zu zer⸗ ſtoßen. „In ſeinem Cabinet, mit einer Dame.“ „Sage ihm, daß ich ihn ſehen will.“ „Ich wage es nicht.“ „Warum nicht?“ „Er hat es mir verboten. Er hat viele Beſu⸗ cher wie ſie, keine armen Leute, ſondern Damen, wahrhaftige Damen, die ſeine Dienſte mit Gold bezahlen! Das iſt ein wunderbar geſchickter Mann, und die andern Aerzte ſind alle eiferſüchtig auf ihn.“ Nachdem ſie etwa eine halbe Stunde gewartet hatten, welche Miran ein Jahrhundert ſchien, ging die Thüre des Cabinets auf und das pergament⸗ artige Geſicht des Doctors Guyot erſchien auf der Schwelle, indem er einer Frau voranſchritt, deren reiche Kleider eine hohe geſellſchaftliche Stellung andeuteten. Wiewohl der Laden dunkel genug war, um jedes Erkennen unmöglich zu machen, und ein dichter Schleier ihre Züge verdeckte, trug ſie doch Sorge, ihr Taſchentuch vor das Geſicht zu halten. „Das iſt keine gemeine Hond!“ flüſterte der Oberſt ſeinem Begleiter zu. „Jetzt, meine Herren,“ ſagte der Beſitzer dieſes ſeltſamen Etabliſſements,„was begehren Sie von mir?“ „Eine Berathung.“ „Beſondere?“ „Ja. und Sie ſollen Ihren Zeitaufwand nicht bereuen.“ Der Doctor führte ſie in das Cabinet, welches er eben verlaſſen hatte, verſchloß ſorgfältig die Doppelthüre, welche daſſelbe vom Laden trennte, und ſetzte ſich dann ruhig mit der Miene eines Mannes, der eine wichtige Mittheilung erwartet. „Ich mache nie Beſuche,“ verſetzte er, nachdem Miran ihm Ellens Gefahr und die Natur ihrer Krankheit erklärt hatte;„das iſt gegen meine Ge⸗ wohnheiten.“ „Welche Summe wird Sie dazu beſtimmen?“ fragte der junge Mann unwillig. „Ich weiß nicht,“ antwortete der Doctor. Es war nur ein Mittel, den Preis ſeiner Dienſte zu erhöhen; denn auf die wiederholten Bitten des Indiers ließ ſich der Alte zuletzt herbei, eine Summe zu beſtimmen. „Die Summe, die Sie begehren, ſoll verdoppelt werden,“ rief Miran erfreut,„vorausgeſetzt, daß ich auf Ihr Stillſchweigen und Ihre Discretion rechnen kann.“ „Meine Discretion!“ wiederholte der Mann der Kunſt mit einem Lachen, das wie ein Gluckſen lautete, denn die Hoffnung auf Gewinn machte ihn fröhlich; „das Grab würde eher ein Geheimniß offenbaren, als ich. Man hat Mittel gefunden, eine in Fäul⸗ niß begriffene Leiche, ſelbſt die Aſche, welche die Ueberreſte des Menſchen bildet, zum Sprechen zu bringen; was mich betrifft, ſo ſind meine Geheim⸗ niſſe hier eingeſchloſſen, in meinem Gehirn! Ich vertraue ſie nie meinem Herzen an, weil das Herz ſchwach iſt.... Aber wozu alle dieſe Worte? Sie wiſſen, daß Sie auf mich vertrauen können, ſonſt würden Sie mich nicht aufgeſucht haben.“ „Und wie ſollte ich es wiſſen?“ fragte Miran, betroffen von der Seltſamkeit ſeines Benehmens und ſeiner Rede. „Er ſieht, daß ich bei Ihnen bin,“ ſagte der Oberſt;„wir ſind alte Bekannte, Guyot und nicht wahr, Mumie?“ „Da es Ihnen beliebt, Oberſt Mowbray, mich zu erkennen,“ erwiderte der Alte mit falſcher Demuth, „ſo gebe ich zu, daß wir alte Bekannte ſind, ſo alt, daß ich beinahe den Tag vergeſſen habe, da wir uns zum erſten Mal ſahen!“ is dieſen Augenblick hätte man nicht vermuthet, daß dem Doctor je zuvor einer von ſeinen beiden Beſuchern zu Geſicht gekommen wäre. Dieſe Probe genügte; Miran war überzeugt, daß er ihm trauen konnte. „Ich habe nur meinem Gehilfen einige In⸗ ſtructionen zu geben und einige Medicamente mit— zunehmen,“ ſagte der Doctor;„hernach gehöre ich Ihnen Ich ſetze voraus, daß Sie einen 39 Wagen hier in der Nähe haben, denn ich gehe nicht gern zu Fuß.“ Nach einer halben Stunde erſchien er wieder zur Reiſe ausgerüſtet. Er war von einem dicht in einen Mantel gehüllten Individuum begleitet, den er bis an die Thüre des Ladens begleitete und der ſich dann entfernte. „Ein Kranker?“ fragte der Oberſt nachläßig. „Nein, ein Zögling, von dem ſonderbaren Ver⸗ langen beſeelt, eine Krankheit zu behandeln, eine einzige,“ antwortete der Alte. „Wie heißt er?“ fragte Miran. „Ich weiß es nicht.“ „Aus welchem Lande iſt er?“ „Das weiß ich noch weniger. Seine Kenntniſſe ſind ebenſo mannigfaltig, wie die Sprachen, welche er ſpricht; er hat in vielen Ländern ſtudirt und beſitzt einen Theil der Weisheit von jedem derſelben. Wenn ich eine Vermuthung wagen dürfte, ſo glaube iſ „Dem Orient?“ fiel Miran bitter ein, denn er meinte in dem geheimnißrollen Zögling des Doctors den Khan erkannt zu haben, der ihm wegen ſeiner ſtrafbaren Plane länger zu dienen ſich gewei⸗ gert hatte. „Nein,“ erwiderte Guyot, ohne eine Muskel zu bewegen oder die geringſte Ueberraſchung auszu⸗ drücken,„ſondern aus Italien. Sein Geiſt und ſeine Perſonen haben alle die characteriſtiſchen Züge der Race, welche zuerſt der Welt das Joch der Er⸗ oberung, und hernach das des Aberglaubens auf⸗ legte Ja, ja,“ ſetzte er hinzu, wie wenn er das Für und Wider bei ſich ſelbſt erwöge,„er muß ein Italiener ſein.“ Die Unterredung ſtockte hier. Miran war über⸗ zeugt, oder ſtellte ſich wenigſtens ſo. Das Intereſſe, das er an der Entdeckung der Abſichten ſeines alten Freundes nahm, wurde durch Ellens Gefahr ver⸗ ſchlungen. Und überdieß war er durch den Eid beruhigt, den ihm der Khan bei ſeinem Abgang abgelegt hatte. Er hatte geſchworen, nie ſeinen lanen entgegen zu arbeiten, ſo lange er ſelbſt ge⸗ wiſſe Grenzen nicht überſchreiten würde. Sechstes Kapitel. Als Miran⸗Hafaz in Begleitung von Oberſt Mow⸗ bray und dem Doctor Guyot zu Mortlake ankam, lag Ellen im Delirium. Die Aya ſaß in einiger Entfernung von ihrem Opfer, die Augen mit großer Aengſtlichkeit auf die Züge ihres Opfers geheftet. Mehrmals war ſie mit Worten der Zärtlichkeit im Munde näher getreten, um ihren ſchweren Kopf aufzurichten, oder ihr ein erfriſchendes Getränke zu bieten, aber immer war ſie durch das jammervolle Geſchrei des Mädchens zurückgeſchreckt worden, das ſich mit wahnſinnigem chrecken an Suſanne anklammerte und Joe Beans 41 Verlobte beſchwor, ſie gegen die grauſame Zara zu ſchützen. „Sie wird mich ermorden!“ rief ſie,„wie ſie meinen theuren Onkel und meinen armen Henry er⸗ mordet hat!... Ach!“ ſetzte ſie hinzu,„es iſt beſſer zu ſterben, als Das zu leiden, was ich leide! Wir werden vielleicht im Grabe glücklich ſein; Miran wird uns dort nicht erreichen können!“ Dann ſtreckte ſie die Hand aus und erklärte ſich bereit, das Gift zu trinken, das die Aya, wie ſie ſich einbildete, ihr bereitet hatte. Die Indierin wandte ſich jetzt ab, lebhaft er⸗ griffen von dem Abſcheu, den Ellen ihr bezeugte. Einmal glaubte Suſanne ſie eine Thräne abwiſchen zu ſehen; aber dieß war nur eine augenblickliche Schwäche, eine jener plötzlichen Aufwallungen des Gefühls, welche trotz unſerer Entſchloſſenheit und der harten Lehren der Welt uns daran erinnern, daß wir menſchlich ſind. Den Augenblick nachher nahm ihre Phyſiognomie wieder den Ausdruck der Gefühl⸗ loſigkeit an, und ſie ſetzte ſich fern von dem Bette, die Minuten und Stunden bis zur Rückkehr von Miran⸗Hafaz zählend. Doctor Guyot blieb eine Minute auf der Schwelle des Gemachs ſtehen, um ſich, wie er ſagte, zum Herrn der Situation zu machen. Ehe er ſich dem Bette der Kranken näherte, gab er ſeinen Genoſſen ein Zeichen, ſich zurückzuziehen. „Aber Sie wiſſen nicht....“ ſprach der junge Indier. „Ich weiß Alles,“ fiel der Mann der Kunſt mit leiſer Stimme ein.„Das junge Fräulein hat einen — Stoß erlitten, deſſen Wiederholung tödtlich ſein würde, und dieſer Stoß wurde durch Ihre Gegen⸗ wart veranlaßt! Ihr Leben hängt an einem ſo dünnen und ſchwachen Faden, daß ein Hauch, ein Seußzer denſelben zerreißen könnte!“ Ohne ein Wort zu erwidern, zogen Miran und der Oberſt ſich in den Salon zurück. Das Herz des jungen Indiers glich einem Vulcan nach dem Ausbruch; er war erſchöpft durch das Ueberfluthen ſeiner unzähmbaren Leidenſchaften. Mit einem tiefen Seufzer warf er ſich auf den Sopha, und ſeine höhniſch⸗ſtolzen Lippen murmelten Worte des Gebets; denn Ellen, die Genoſſin ſeiner Kindheit, der Gegen⸗ ſtand ſeiner erſten und einzigen Liebe, war leidend, irrſinnig, vielleicht ſterbend. Er fühlte in dieſem Momente, daß es noch etwas Schrecklicheres gebe, als ſie zu verlieren, es war das quälende Bewußtſein, ſie getödtet zu haben. Es war noch nicht Alles in dieſer überſprudeln⸗ den Natur kothbefleckt. „Sie ſind traurig!“ ſprach der Oberſt mit Ruhe. er aufſprang und ungeduldig das Zimmer zu meſſen anfing.„Ei! beim Himmel, es bedarf der Gegenwart eines herzloſen Weſens wie Du, um mich mit mir auszuſühnen, um mich zu überzeugen, daß es noch einen Abgrund der Entwürdigung gibt, in den ich noch nicht verſunken bin!“* „Wer hat mich dazu getrieben?“ fragte ſein Mitſchuldiger, beleidigt durch den Ton bitterer Ver⸗ „Traurig!“ wiederholte der junge Mann, indem 3 43 achtung ſeines Gegenredners;„wer hat mich, als ich am Rande zögerte, wie ein vom Schwindel be⸗ fallener Wanderer, hineingeſtürzt? Ich kann Vorwürfe verdienen, aber nicht aus Ihrem Munde.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte der Indier trau⸗ rig;„ich habe ſelbſt die Befugniß verloren, Sie zu verachten!“ In dieſem Augenblick trat der Kaninchenwärter mit kecker, aufgeblaſener Miene ein. Er glaubte durch die Thatſache ſeiner Mitſchuld an dem Ver⸗ brechen mit dem Mann, der ihn bezahlte, auf glei⸗ chem Fuße zu ſtehen. Nun kam die in Mirans Herzen concentrirte Wuth mit furchtbarer Heftigkeit zum Ausbruch. „Elender!“ rief er;„abſcheuliche, brutale, gemeine Creatur!“ „Was habe ich mehr gethan, als Sie?“ fragte Sideler in mürriſchem Ton.„Das Mädchen gefällt mir, und ich wollte ſie dadurch, daß ich ſie erſchreckte, nur geſelliger machen.“ Mit einem ſchallenden Gelächter, ähnlich dem wilden Geſchrei der Hyäne, wenn ſie aus ihrem verborgenen Hinterhalt ſich auf ihr Opfer ſtürzt, warf ſich Miran auf ihn; die Nerven und Muskeln ſeiner ſchmächtigen Glieder ſchienen von gehärtetem Stahl. Ohne ſcheinbare Anſtrengung hob er den gewaltigen Körper des Kaninchenwärters bis zu ſeinem Haupte empor und ſchleuderte ihn dann an das andere Ende des Zimmers. Will war, wie bereits geſagt, rachſüchtig. Er ſtand im Augenblick wieder auf und ſchoß, nach⸗ dem er ſich wie ein Pudel keſchuttelt, auf den In⸗ dier zu. Zweimal wurde der Angriff wiederholt und zurück⸗ geſchlagen; nach dem dritten Mal lag der Unmenſch erſchöpft, zerſchlagen, blutend und beſiegt auf dem Boden. Miran ſchaute ihn ruhig an; ſein Puls ſchlug nicht ſchneller; der Kampf hatte den Sturm zerſtreut, welcher in ſeinem Innern grollte, jedoch ohne ſeine Nerven zu erſchüttern. „Iſt der Schlingel todt?“ fragte der Oberſt. Ein dumpfes Stöhnen des Kaninchenwärters verrieth, daß Dem nicht ſo war. „O! o!“ ſetzte er hinzu,„er iſt nur braun und blau und zum ſ geſchlagen! Sie haben nicht klug gethan.... Beſſer das Werkzeug, das uns nicht mehr nützt, zu vernichten, als es zu miß⸗ handeln!“ Dieſe Worte wurden leiſe geſprochen. „Was habe ich zu fürchten?“ fragte der junge Mann geringſchätzig. „Nichts, allerdings Nichts; Sie wiſſen das beſſer, als ich! Es iſt nur eine Meinung, die ich ausſprach. Ich habe einen fortgejagten Hund ge⸗ kannt, der ſeinen Herrn gebiſſen hat!“ Darauf öffnete er, als ob Sidelers Loos ihn nichts weiter anginge, das Thürfenſter des Sa⸗ lons und ſpazierte auf dem Raſenplatze auf und ab. Es war ein kluger Mann, ein ſehr kluger Mann, dieſer Oberſt Mowbray; er wollte weder Etwas ſehen noch hören, das ihn compromittiren konnte. „Steh auf!“ ſagte Miran zu dem Kaninchen⸗ wärter, als ſie allein waren. Zweimal verſuchte der Elende, aber vergeblich, ſich aufzurichten; bei jeder Anſtrengung taumelte er und fiel wieder zurück. Er blieb endlich ausgeſtreckt liegen, gleich einem gelähmten, wilden Thiere, das den Jäger mit blutunterlaufenen und von Schrecken geſchlagenen Augen anſchaut. „Es iſt mir unmöglich!“ murmelte er. Der junge Indier reichte ihm die Hand, nicht ohne vor Eckel zu ſchaudern, und ließ ihn auf einen Stuhl ſitzen. „Deine Frechheit verdiente den Tod,“ ſprach er ſanft,„denn ſie hat beinahe Derjenigen den Unter⸗ gang gebracht, für welche ich tauſend Leben wie das Deinige opfern würde, wenn es ſich darum handelte, ihr einen Seufzer oder eine Thräne zu erſparen!... Meine Hand gibt ſelten Gnade, wenn ſie ſich erhebt, zu ſchlagen; aber nimm Dich vor einer zweiten Beleidigung in Acht! Verletzeſt Du noch mit einem Wort, mit einem Blick jenes Mädchen, die Zofe von Miß de Vere, ſo reiße ich Dir das Leben aus und zertrete Dein niederträchtiges Gebein mit den Füßen! Du kennſt mich und biſt gewarnt!“ Der kalte, ruhige Ton, womit dieſe Drohung ausgeſprochen wurde, machte ſie ſchrecklicher, als wenn ſie die Wirkung eines gewaltſamen Zornausbruches geweſen wäre. Will Sideler bebte; er hatte ſeinen Meiſter ge⸗ funden. Miran bedurfte keines Verſprechens des Gehor⸗ ſams; der unterwürfige Ton des Frevlers bewies meine Worte brauchen Sie nicht zu beſtimmen; 46 ihm, daß dieſe Lection nicht vergeſſen war. Und außerdem hatte ihn die Erfahrung gelehrt, daß kein Thier willfähriger iſt, als ein Haushund, der die Peitſche fürchtet. Doctor Guyot trat in den Salon. Beim An⸗ blick des alten, runzeligen Franzoſen vergaß der junge Indier Alles, was nicht auf Ellen und die Gefahr, welche ihm ſie zu rauben drohte, Bezug hatte. „Welche Hoffnung?“ fragte er, dem Mann der Kunſt mit einer Kraft die Hand drückend, daß dieſer davor zurückwich. „Sehr wenig,“ antwortete der Doctor;„drei Bedingungen ſind zu ihrer Rettung nothwendig.“ „Nennen Sie dieſelben.“ „Zuerſt die tiefſte Stille.“ „Nicht ein Hauch ſoll die Blätter der Roſen⸗ ſtöcke bewegen, welche ihr Fenſter einrahmen. Die Gräber der ägyptiſchen Pyramiden ſollen nicht ſtum⸗ mer ſein, als dieſe Wohnung! Ich werde darüber wachen, und es ſoll Stille herrſchen, wie wenn der Engel des Todes über dieſem Dache ſchwebte!“ „Er ſchwebt auch wirklich darüber! Für's Zweite dürfen weder Sie, noch der Oberſt Mopbray, noch die Frau, welche ſich die Amme dieſes Mädchens nennt, die Schwelle ihres Zimmers überſchreiten.“ Miran ſchaute den Doctor mit argwöhniſcher Miene an. „Es iſt ein Nerven⸗ und Gehirnfieber,“ ſetzte der Franzoſe hinzu;„eine zweite Erſchütterung würde ohne Zweifel den Tod herbeiführen. Aber 47 ich habe kein Intereſſe an ihrer Geneſung, weil mein Honorar daſſelbe iſt, ſie mag leben oder ſterben!“ Der junge Mann wandte ſich mit Eckel von ihm ab und fragte ungeduldig: „Die dritte Bedingung, Sir, die letzte?“ „Sie werden ſorgfältig jeden Lichtſchimmer aus ihrem Gemach verbannen; das Auge iſt das Fenſter des Gehirns; es muß geſchloſſen werden; es muß jeder Eindruck der äußern Gegenſtände für den über⸗ ſpannten Geiſt ſorgfältig vermieden werden.“ „Und wie lang wird es ſo dauern?“ „Etwa ſechs Tage.“ „Und dann?“ „Wird die Kranke außer Gefahr oder für das Grab reif ſein.“ Miran⸗Hafaz ſchauderte bei Vernehmung dieſer Antwort, die mit der Gefühlloſigkeit eines Hrakels gegeben wurde. Und wirklich konnte man ſie als den Spruch des Schickſals betrachten; denn Doctor Guyot gehörte zu jenen merkwürdigen Männern, für welche die Wiſſenſchaft keine Geheimniſſe hat und welche außerhalb der Menſchheit ſtehen. Aber er war nichts deſto weniger der Sclave der unedel⸗ ſten der Leidenſchaften, der Habſucht, dieſes Krebſes am Herzen, die jeden edelmüthigen Antrieb in der Jugend ertödtet und im Alter ſich zur unbeſchränkten Gebieterin der Seele macht.. Nicht ohne Widerſtreben verſprach Miran, die drei Bedingungen zu beobachten. Der Alte begnügte ſich, die Achſeln zu zucken. „Ich will jetzt einen Trank bereiten,“ ſagte er, den Salon verlaſſend;„und wenn ich die Wirkung davon geſehen habe, werde ich nach London zurück⸗ kehren.“ Der Indier wollte ihn zu Mortlake zurückhalten; aber ſeine Anerbietungen, wie ſeine Drohungen waren nutzlos. Endlich, nachdem er den Doctor gebeten hatte, ein wenig nach dem Kaninchenwärter zu ſehen, der dieſe ganze Zeit über ſchweigend gelitten hatte, ſchloß er ſich Oberſt Mowbray auf dem Raſenplatz an. „Nun,“ ſprach dieſer,„was haben Sie mit ihm gemacht?“ „Mit wem?“ „Mit Will Sideler.“ „Ich habe ihn in des Doctors Händen gelaſſen.“ Sein Freund empfing dieſe Antwort mit wenig befriedigter Miene. „Sagen Sie mir,“ fuhr der junge Mann fort, „dieſer Guyot.... „Iſt geſchickter als das ganze Collegium der Aerzte zuſammengenommen. Ich weiß, daß es ihm hundertmal gelungen iſt, wenn alle Andern die Hoff⸗ nung aufgaben.“ „Ich zweifle nicht an ſeiner Geſchicklichkeit.“ „Woran denn?“ „An ſeiner Treue. Und er wiederholte ihm die von dem Alten auferlegten Bedingungen.“ „Sie haben dieſelben angenommen?“ „Was konnte ich anders thun?“ „Sie haben weiſe gehandelt. Was ſeine Treue betrifft, ſo bürge ich dafür. So lang ſeine Habſucht⸗ — 49 Vefriedigung findet, wird er Sie nicht verrathen... Zudem, was können Sie befürchten?“ Miran wußte Nichts darauf zu antworten; aber er war argwöhniſch, wie alle Orientalen, und mehr als einmal bereute er das Verſprechen, welches die Furcht, Ellen zu verlieren, ihm entriſſen hatte. Die Aya nahm es noch ungeduldiger auf als er, ſich aus dem Zimmer des Mädchens verwieſen zu finden. Sie litt bei dem Anblick davon, daß eine Andere ſie verpflegte, bei dem Gefühl, daß ihre Ge⸗ genwart Ellen verhaßt war. Als an demſelben Abend Suſanne in die Ge⸗ ſindeſtube hinabgegangen war, um einen von dem Doctor befohlenen beruhigenden Trank zu bereiten, fuhr ſie plötzlich zuſammen, denn ſie hörte an das hohe Fenſter klopfen, das auf den Raſenplatz hinter dem Hauſe ging. „Sind Sie allein?“ fragte eine Knabenſtimme. „Ja.“ „Dann will ich zu Ihnen kommen.“ „Die Thüren ſind geſchloſſen,“ antwortete das arme Mädchen. Sie zitterte, von Zara oder dem Kaninchenwärter überraſcht zu werden, denn ſie wußte noch nichts von der Behandlung, welche der Letztere erfahren hätte. „Ich habe einen Schlüſſel,“ lautete die Antwort. Wenige Minuten nachher hörte man den Schlüſſel im Schloſſe knarren, dann trat der rothhaarige Junge, den Will Sideler mit ſo wenig Umſtänden behandelt hatte, langſam in das Zimmer. Eine Zeit lang ſchaute er Suſanne lächelnd an. Dieſe erkannte ihn Die Abtei Carrow. II. 4 beim Schein der am Plafond hängenden Lampe und mußte ſich geſtehen, daß ſie noch nie ein häßlicheres Weſen geſehen hatte. „Ich habe Sie lieb,“ ſagte der Knirps;„ſonſt wäre ich nicht zurückgekommen. Warum ſind Sie hier?“ Suſanne antwortete nur mit einem Seufzer. „Ich könnte Ihnen hinaushelfen, wenn ich wollte.“ Der erſte Eindruck des Mädchens war, dieſes unerwartete Erbieten anzunehmen; aber der Gedanke an Ellen, die mitten unter Feinden allein blieb, hielt ſie zurück. „Ich kann mich nicht entfernen,“ ſagte ſie. „Warum nicht?... Lieben Sie den Alten, der Ihnen dieſen Morgen wehe that?“ „Ihn lieben? o nein! Ich fürchte ſeine Gegen⸗ wart mehr als Alles in der Welt.“ „Wäre ich Sie, ich ſuchte ihn zu erwiſchen!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich finge ihn in einer Falle, wie ich es mit den Vögeln mache. Cromwell-Houſe iſt ein koſtbarer alter Käfig. Ich will Ihnen wohl zeigen, wie man es machen muß, weil Sie freundlich mit mir ge⸗ ſprochen und weil Sie dem Alten geſagt haben, er ſolle mich nicht ſchlagen. In dem Dorfe lacht man, wenn Jemand mich ſchlägt, oder ſpottet meiner; auch haſſe ich ſie!“ Da ſie fühlte, daß ſie in ihrer Lage nichts zu vernachläſſigen habe, bat ſie den ſonderbaren Knaben ſich zu erklären. „Kommen Sie mit mir,“ ſagte er,„ich will Ihnen zeigen, was es iſt.“ 51 Er ging Suſanne voran und führte ſie in einen mit dem großen Saal gleichlaufenden Corridor, durch den man nothwendig gehen mußte, um von der Ge⸗ ſindeſtube auf die große Treppe zu gelangen. Sonſt gab es zwei Treppen hier; aber da die, welche nach der Küchenſtube führte, in Trümmer zerfallen war, ſo hatte man ſie ganz bei Seite geſchafft. Sobald ſie die Stelle erreicht hatten, lächelte Suſannens Führer und deutete auf den Fußboden. „Was gibt es?“ fragte das Mädchen, welches vermuthete, er wollte ſich über ſie luſtig machen. „Hier iſt ſie!“ „Was denn?“ „Meine Falle.... und die Ihrige, wenn Sie den Alten fangen wollen. Will er Ihnen den Hof machen und es gefällt Ihnen nicht, ſchauen Sie!“ Der Junge kniete ſo hart als möglich an der Thüre nieder und ſchob einen Theil des Simswerks an dem Getäfel zurück, worauf ein eiſerner Ring zum Vorſchein kam. Er zog denſelben und der Fuß⸗ boden ging auf einen Raum von zehn bis zwölf Fuß auseinander und es zeigte ſich eine Art Keller⸗ loch von beträchtlicher Tiefe. Entzückt von dem, was er eben gemacht hatte, ſchaute Red Ralph Su⸗ ſanne lächelnd in's Geſicht. Das Mädchen erkannte ſogleich den Vortheil, den es aus dieſer Entdeckung ziehen konnte. Sie geſtattete ihr, einen Abgrund zwiſchen Ellens Gemach und dem Erdgeſchoß zu legen, wohin die Aya und der Kaninchenwärter verbannt waren. Sie dankte dem armen Kleinen und bot ihm ein Goldſtück, das ſie aus ihrer Börſe nahm. Ralph ſchien in ſeiner Er⸗ wartung getäuſcht und lehnte es ziemlich barſch ab; Suſanne drang in ihn, es anzunehmen. „Ich will es nicht!“ „Warum nicht?“ „Weil ich Ihnen meine Falle nicht für Geld gezeigt habe.“ „Wofür denn?“ fragte das Mädchen überraſcht. „Für Ihre freundlichen Worte und den mitleidi⸗ gen Blick, den Sie mir zugeworfen haben, als der Alte mich mißhandelte. Ich dachte, ich könnte Ihnen nützlich ſein und bin deßhalb wieder gekommen; und werde abermals kommen, wenn Sie meiner be⸗ dürfen.“ Suſanne bot ihm die Hand, die er herzlich mit den Worten drückte, das wäre beſſer als Gold. Ein Schritt ließ ſich auf dem Vorſaal hören; Ralph ſchloß eiligſt die Falle und gab Suſanne ein Zeichen zu entfliehen. „Und Du?“ flüſterte ſie. „Ich kenne ein dutzend Mittel, um fortzukommen, ohne daß ſie mich fangen; ja und ſelbſt zwanzig oder mehr. Es iſt ein ſonderbares altes Haus, das hier; ich kann herein und hinaus, wenn es mir be⸗ liebt, ohne daß Jemand Etwas davon weiß.“ Dieß geſagt, ſchlüpfte er über den Corridor hin und verſchwand hinter einer kleinen, unter der gro⸗ ßen Treppe angebrachten Thüre. Suſanne kehrte raſch nach der Geſindeſtube zurück. Als ſie daſelbſt anlangte, befand ſich die Aya bereits dort; die Frau betrachtete ſie argwöhniſch. „Wo ſind Sie geweſen?“ Suſanne zögerte. 53 „Sie brauchen mir nicht zu antworten; ich will Ihnen die Mühe erſparen, eine Lüge zu erſinnen, die mich doch nicht täuſchen würde. Sie wollten entfliehen?“ „Und wenn dem ſo wäre?“ verſetzte das arme Mädchen, insgeheim erfreut, den Argwohn der In⸗ dierin darauf beſchränkt zu ſehen;„die Behandlung, die ich erfahren habe, iſt nicht der Art, um mir einen längern Aufenthalt hier wünſchenswerth zu machen.“ Mit dieſen Worten nahm ſie den Trank, den ſie am Feuer hatte kochen laſſen, und ſtieg wieder nach dem Zimmer ihrer jungen Herrin hinauf. Zara's Argwohn legte ſich nicht ſo leicht, als Suſanne dachte. Nachdem ſie einen aufmerkſamen Blick ringsherum geworfen hatte, verließ ſie das Zimmer, um einen Rundgang durch das ganze Haus zu machen. Sie wanderte mit leichtem Schritt durch die Corridors, beſuchte der Reihe nach die öden Salons, die Schlafzimmer, mit Ausnahme deſſen von Ellen, und eine große Gallerie mit Eichenholz⸗Getäfel, welche den Namen: Cromwells Rathskammer führte. Im Augenblick, da ſie ſich anſchickte, ſich von hier wieder zu entfernen, hörte ſie ein Geräuſch neben einem der Fenſter, welches auf das Dach hinaus⸗ ging. Sie ſteckte den Kopf durch das Fenſter, um zu ſehen, welches die Urſache davon wäre, befand ſich aber plötzlich einem Geſicht gegenüber, welches beinahe mit dem ihrigen zuſammenſtieß: es war der kleine Kuhjunge, welcher durch das orientaliſche Cv⸗ ſtüme und die ſchwarzbraune Geſichtsfarbe der Aya 54 in ſolchen Schrecken verſetzt wurde, daß er ſie für eines der Geſpenſter nahm, wovon man ihm ſo oft erzählt hatte. Einen Angſtſchrei ausſtoßend, rollte er das Dach hinunter und wäre zwei Stockwerke hoch hinabge⸗ fallen, wenn die Bruſtmauer ihn nicht aufgehalten hätte. „Der Geiſt! der Geiſt!“ rief er. Zara ſtieg hinab, um Miran zu Hilfe zu rufen; aber als ſie mit ihm zurückkam, war der Junge verſchwunden; es vergingen mehrere Tage, ehe er wieder in die Nähe des Hauſes zu kommen wagte. Siebentes Kapitel. Red Ralph wandte ſich pfeifend der Hütte zu, wo er mit ſeiner alten Großmutter wohnte, als eine Hand ſich ſachte auf ſeine Schulter legte. Der Kleine fuhr zuſammen und wandte ſich um. „Gott ſei bei mir!“ rief er,„warum Jemand ſo erſchrecken?“ „Fürchte nichts.“ „H! ich fürchte mich nicht,“ erwiderte Ralph, überzeugt, daß er es mit einem lebenden Weſen zu thun habe;„es gibt Leute genug da in der Nähe.“ „Und wenn auch kein Menſch da wäre,“ ſagte 55 Joe Beans, denn es war Niemand anders als unſer alter Bekannter,„ſo hätteſt Du von mir nichts zu fürchten!.... Ralph,“ ſetzte er hinzu,„liebſt Du das Geld?“ „Ich glaube wohl!“ antwortete der kleine Wilde, eine ſchreckliche Grimaſſe machend. Das war ſeine Art zu lächeln. Der junge Mann zog fünf Souverains aus der Taſche und zeigte ſie dem Kuhjungen. Dieſer hatte ſo viel Gold noch nie geſehen. „Iſt das lauter Gold?“ fragte er. Joe machte ein bejahendes Zeichen. „Wahrhaftes Gold?“ „Es iſt nie beſſeres aus der Münze gekommen. Jetzt höre mich an dieſes Gold iſt Dein unter einer Bedingung.“ „Mein?“ „Ihl“ „Was! all dieß Gold?“ „All dieß Gold.“ „Und was muß ich dafür thun?“ „Bringe mich in Cromwell⸗Houſe hinein.“ „O nein!“ verſetzte Ralph ſchaudernd;„nein! wäre es Tag, wollte ich nicht ſagen....“ „Tag oder Nacht, was kann das für einen Un⸗ terſchied machen?“ „Die Geiſter zeigen ſich nie bei Tag,“ murmelte der Knirps, einen lüſternen Blick auf die Goldſtücke werfend, welche Joe in ſeiner hohlen Hand hielt. „Höre mich, Ralph,“ nahm der junge Mann wie⸗ der das Wort! „Wohl.,“ „Der Geiſt, den Du geſehen haſt, war kein Geiſt, ſondern nur eine ſchwarze Frau, eine der Dienerinnen des Hauſes. Ich habe ſie ein dutzend Mal in einer andern Gegend des Landes geſehen. Ohne Zweifel haſt Du ſchon von ſchwarzen Menſchen reden gehört.“ Der kleine Mann ſtockte. Er hatte allerdings von ſchwarzen Menſchen reden gehört; er hatte ſogar einen geſehen. einen Matroſen, der aus den glaſſiſchen Umgebungen von Wapping ſich entfernend, die friſchen Schatten von Mortlake beſucht hatte. Er wußte alſo wohl, daß es ſchwarze Männer gab: an der Exiſtenz ſchwarzer Frauen zweifelte er noch. Aber er hatte, wie der Schulmeiſter ſagte, keine Einbildungskraft. „Werden Sie mit mir kommen?“ fragte er nach einer Pauſe. „Das iſt gerade meine Abſicht.“ „Nun! dann deſto beſſer!“ rief Ralph mit plötzlicher Entſchloſſenheit;„haben Sie keine Furcht, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich Etwas fürchten ſoltte. Laſſen Sie mich nur das Gold anrühren... ich habe noch nie einen Souverain in der Hand gehabt!“ „Noch mehr, Du ſollſt einen in Deine Taſche ſtecken, als Draufgeld für den Reſt.“ Mit dieſen Worten gab er eines der glänzenden Goldſtücke dem kleinen Mann, der jetzt zu lachen begann und von der Wichtigkeit, welche ihm der Beſitz dieſes Goldes in ſeinen eigenen Augen gab, ganz aufgeblaſen erſchien. „Kommen Sie! kommen Sie!“ rief Ralph, durch . 57 den Einfluß des koſtbaren Metalls ermuthigt;„aber iſt es wirklich eine Frau und kein Geiſt?“ „Es iſt wirklich eine Frau.“ „Folgen Sie mir! Sie ſollen nur ihre Thüren verriegeln und ihre Fenſter verſperren; ſie werden mich nicht hindern, in Cromwell⸗Houſe hineinzukom⸗ men. Es iſt wie ein Kaninchenbau; es gibt Mittel genug, darin aus⸗ und einzugehen.... Sprechen Sie nicht,“ ſetzte er hinzu, als man dem ſchmalen Wege näher kam, welcher längs des Raſenplatzes vor dem Hauſe hinlief,„und kommt Jemand, ſo machen Sie es wie ich.“ „Wie wirſt Du es machen?“ fragte Joe Beans. Um ſeine Abſicht zu erklären, ließ ſich Red Ralph auf die Hände fallen und begann ſich wie ein Hund im Schatten der Hecke hinzuſchleppen. Joe hatte ſich deſſelben Mittels zu oft in ſeiner Kindheit bedient, wenn er Nachts in Henry Aſhtons Geſellſchaft aus der Farm hinausſchlüpfte, um die geringſte Schwierigkeit in der Befolgung ſeines Bei⸗ ſpiels zu finden. „Wahrhaftig,“ rief der Kuhjunge lachend,„Sie ſind einer der Rechten. Man ſieht ſogleich, daß Sie daran gewöhnt ſind!“ Achtes Kapitel. Unſere Leſer erinnern ſich ohne Zweifel noch, daß, als Miran⸗Hafaz und Oberſt Mowbray ihren erſten Beſuch bei Doctor Guyot, in dem Stadtviertel der Almoſenpflege, machten, ſie einen ſo ſehr in ſeinen Mantel vermummten Mann gewahrten, daß man ſein Geſicht nicht ſehen konnte, und der alte Franzoſe ihnen ſagte, es ſei ein Zögling, den das ſeltſame Verlangen beſeele, die aus einer beſondern Urſache entſpringende Geiſteszerrüttung zu behandeln. Es iſt Zeit, daß wir dieſen Zögling dem Leſer vorſtellen; es war kein Anderer, als der Khan. Die erſten Blätter unſerer Geſchichte haben augen⸗ ſcheinlich bewieſen, daß der ehemalige Vertraute von Miran⸗Hafaz, deſſen europäiſchen Namen Niemand kannte, zu den zu Carrow vorgefallenen Ereigniſſen in Beziehung geſtanden ſein mußte. Weder Gegend noch Bewohner waren ihm fremd; er hatte mehr als einen bloßen Verdacht von Will Sidelers Ver⸗ brechen und wir haben geſehen, wie er von dem, was er wußte, Gebrauch machte, um dieſen Böſe⸗ wicht einzuſchüchtern. Irgend ein geheimes Motiv hatte ihn ſelbſt, ehe Henry Aſhton ihm das von dem wilden Kaninchenwärter bedrohte Leben gerettet hatte, angetrieben, ſich lebhaft für das Glück dieſes jungen Mannes zu intereſſiren. Dieſes Intereſſe hätte er vielleicht ebenſo ſehr durch Handlungen als Worte an den Tag gelegt, wäre er nicht durch Dankbarkeit und Eidſchwur an das Schickſal ſeines ehemaligen Zöglings gebunden geweſen. Der Renegat bewohnte ein kleines Gelaß in der Nachbarſchaft von Carrow. Man ſah auf den Meu⸗ beln ein wundärztliches Beſteck, ſeltſame Inſtrumente, Lanzetten, den ganzen chirurgiſchen Apparat. Auf einem Tiſch innerhalb des Bereiches ſeiner Hand befand ſich eine Cirkelſäge, ähnlich denen, welche man zum Trepaniren anwendet. Der Khan betrachtete ſie ſtillſchweigend.„Es wird mir gelingen,“ ſagte er endlich tief Athem holend. Und ſeine Augen glänzten von Hoffnung. Man klopfte leiſe an die Thüre. Der Khan ſchob, nachdem er durch ein Loch geſchaut hatte, um zu ſehen, wer der Beſuchende ſei, den Riegel und ließ Doctor Guyot ein. „Ei! Ei!“ ſprach der Mann der Kunſt mit billigendem Kopfnicken, nachdem ſie einige Experi⸗ mente mit einander gemacht hatten,„es iſt Ihnen gelungen!“ „Dank Ihren Unterweiſungen.“ „Und Ihrer Ausdauer. Ich hoffe, Sie haben Ihr Verſprechen nicht vergeſſen.“ „Welches Verſprechen?“ fragte der Khan über⸗ raſcht; denn der Erſolg ſeiner Arbeit nahm alle ſeine Gedanken in Anſpruch. „Die Belohnung, die Sie mir zugeſagt haben,“ antwortete der Doctor. Der Khan öffnete eine eiſenbeſchlagene Caſſette, die auf einem Tiſche im Bereich des angeketteten Tigerwolfs ſtand, nahm einen Beutel mit Gold daraus hervor und legte denſelben in die gierigen Hände des Franzoſen. „Damit ſind Sie bezahlt!“ ſprach er. 60 „Ehrlich!“ ſprach der Doctor, nachdem er die glänzenden Guineen gezählt hatte;„eines oder zwei Stücke ſind wohl ein wenig leicht; aber aus Freund⸗ ſchaft wollen wir nicht davon reden. Möge es Ihnen gelingen!“ ſetzte er hinzu, indem er aufſtand, um ſich zu entfernen. „Halt!“ rief ſein Zögling mit ſtrenger Stimme. Der Alte drehte ſich mit unruhiger Miene um. „Ich habe eine Frage an Sie zu machen.“ „Eine Frage?“ „Auf welche Sie antworten, aufrichtig antworten müſſen; denn Sie kennen mich genug, um zu wiſſen, daß man nicht mit mir ſpaßt!“ „Reden Sie!“ rief Doctor Guyot in immer größerer Verwirrung.. „Wie geht es mit Ihrer Kranken in Cromwell⸗ Houſe?“ Die Frage war ſo unerwartet und beſtimmt, daß der Doctor trotz ſeiner Kaltblütigkeit weder zu lügen, noch ſeine Verlegenheit zu verbergen ver⸗ mochte. „Welcher Kranken?“ ſtammelte er endlich. „Dem Opfer des Verraths eines treuloſen Vor⸗ munds und der Leidenſchaft eines jungen Starr⸗ kopfes; der Nichte des verſtorbenen Sir William Mowbray, Miß de Vere!“ „Es geht ihr beſſer,“ murmelte der Alte,„viel beſſer!“ „Hat Miran ſie wiedergeſehen?“ „Seit ihrer Krankheit nicht.“ „Er darf ſie nicht wiederſehen!“ fuhr der Renegat mit feſtem Ton fort.„Seine Gegenwart würde das , 61 arme Kind tödten!.... Hören Sie mich an. Ich ſtelle nie ein Verlangen, ohne daß ich die Mittel habe, es in einen Befehl zu verwandeln. Sie müſſen Mittel finden, dieſelbe aus ihrer Haft zu be⸗ freien.“ „Ich!“ rief der Doctor.„Sie wiſſen nicht, wie ſie gehütet iſt. Er, der junge Indier, den Sie nann⸗ ten, und der Oberſt entfernen ſich weder bei Tag, noch bei Nacht.“ „Ich dachte es mir.“ „Die Aya hält auch gute Wache; die Domeſtiken ſind ihrem Herrn ergeben.“ „Und wäre ſie von Geiſtern umgeben, Sie müß⸗ ten Mittel finden, ſie zu befreien⸗ Ich kenne die ungeheuren Hilfsquellen, welche die Wiſſenſchaft zu Ihrer Verfügung ſtellt.“ „Und warum ſoll ich davon Gebrauch machen?“ „Um Ihrer eigenen Sicherheit willen. Hören Sie mich an: ich habe Ihnen geſagt, daß ich nie⸗ mals ein Verlangen ſtelle, ohne die Mittel zu haben, dieſes Verlangen in einen Befehl zu ver⸗ wandeln.“ „Sie haben es geſagt.“ „Wohlan!“ fuhr der Khan fort,„das Verzeich⸗ niß Ihrer ſtrafbaren Handlungen, der von Ihnen empfangenen Summen, der Namen von Denjenigen, welche ſich Ihrer bedient haben, dieſes Regiſter iſt in meine Hände gefallen!“ Mit einem Schrei der Ueberraſchung und Wuth ſtürzte ſich Doctor Guyot auf ſeinen Zögling; eine Waffe, die er aus der Bruſttaſche zog, glänzte in ſeinen Händen. 62 „Hund!“ rief er,„dieſes Geheimniß ſoll mit Dir ſterben!“ Der Khan wich ſo weit zurück, bis er im Be⸗ reich der Kette des Gueparden war. Das Thier, das während dieſer Zuſammenkunft auf dem Boden niedergeduckt lag, warf ſich auf den Angreifer, ein dumpfes Knurren ausſtoßend. In einem Augenblick lag der Doctor auf dem Rücken ausgeſtreckt. Der Gueparde wartete nur auf ein Zeichen ſeines Herrn, um ihm die Bruſt zu zerfleiſchen. „Wahnſinniger!“ ſprach der Khan ruhig;„denkſt Du, ich ſei darauf nicht vorbereitet geweſen? Jetzt höre mich. Ich laſſe Dich hier unter der Hut meines treuen Gueparden und begebe mich zu einer Magiſtratsperſon, um ihr das Regiſter Deiner Ver⸗ brechen einzuhändigen, und bald wird man Dich unter dem Hohngeſchrei der Menge in den Kerker ſchleppen, wenn anders die Entrüſtung des Volks Dir geſtattet, lebend dahin zu gelangen.“ Der Doctor ſtöhnte laut auf.. „Ich unterwerfe mich!“ ſprach er.„Welches ſind Deine Bedingungen?“ 3 Sie wurden genannt und der Renegat traf ſeine Vorſichtsmaßregeln ſo gut, daß der verſchmitzte Britt Guyot kein Mittel fand, ſich ihnen zu ent⸗ ziehen. ſt t t — Neuntes Kapitel. Dank der Sorgfalt von Doctor Guyot, erholte ſich Ellen langſam von dem Fieber, welches mehrere Tage ihren Lebensfaden abzureißen gedroht hatte. Suſanne hatte ſich ihrer jungen Gebieterin ſtandhaft ergeben gezeigt; ſie hatte an deren Bette mit der Liebe einer Schweſter oder der zärtlichen Bekümmer⸗ niß einer Mutter gewacht. Kaum einen Augenblick hatte ſie dieſelbe aus den Augen gelaſſen; alle von demſelben ſeltſamen Arzt verordneten Heilmittel hatte Suſanne Ellen gereicht, und dieſe würde in ihrem Delirium ſie von keiner andern Hand ange⸗ nommen haben. Dieß Alles erfüllte mit Galle und Bitterkeit das Herz der Aya, welche ſich in der Liebe von Miß de Vere von einer Andern verdrängt ſah, die ſie als eine Ränkeſtifterin betrachtete. Sie haßte und liebte dieſelbe zu gleicher Zeit; ſie haßte die⸗ ſelbe wegen der Zuneigung, welche ihr Ellen bewies; ſie liebte dieſelbe wegen der Hingebung, womit ſie die Waiſe pflegte. „Sie befinden ſich beſſer, viel beſſer... jetzt,“ ſagte Suſanne, das Kiſſen der Kranken zurechtlegend. „Ich werde mir niemals die ſchlechte Meinung ver⸗ geben, die ich von dieſem abſcheulichen Doctor Guyot gefaßt hatte, der nicht halb ſo ſchlecht iſt, als er ausſieht. Seine Geſchicklichkeit hat Ihnen das Leben gerettet!“ „Für neue Leiden!“ fuhr das arme Mädchen „mit tiefem Seufzer fort.„Ich bin in der Gewalt eines Mannes, deſſen Herz kein anderes Geſetz als ſeine Leidenſchaften kennt; ich habe keinen einzigen Beſchützer, keine andere Freundin, als Dich; denn ſelbſt Henry hat mich vergeſſen.“ „O nein, Miß!“ rief ihre demüthige Freundin; „ich möchte beinahe ebenſo gut an Gottes Güte zweifeln, als an der Treue von Mr. Henry! Die, welche Sie in dieſe unglückſelige Wohnung ſchleppten, können auch Ihre und ſeine Briefe aufgefangen haben.“ „Aber nicht die von Doctor Orme, ſeinem alten Freunde; ſicherlich hätte Henry ihm ſchreiben können!“ Suſanne rieth der Waiſe, ſich an Doctor Guyot zu wenden, wenn nicht, um ſeinen Schutz anzu⸗ ſprechen, wenigſtens ihn um die Beſorgung eines Briefes an ihre Freunde zu bitten. „An Doctor Guyot!“ erwiderte die Kranke ſchau⸗ dernd;„daran iſt nicht zu denken. Ich habe ihn beobachtet, ich habe ſeinen kalten Blick geſehen, wel⸗ cher die Bitte auf den Lippen der Barmherzigkeit zurückdrängen und den Engel des Flehens für immer ſitzt denſelben.“. „Es gibt vielleicht auch einen andern!“ ſprach eine ernſte Stimme hart daneben. Die beiden gefangenen Mädchen ſtießen einen inſtinctmäßigen Schrei aus. Doctor Guyot war während ihres Geſprächs unbemerkt eingetreten und hatte ſich nach ſeiner Gewohnheit zunächſt an das Bett geſetzt. fern halten würde.... Gold! das iſt der einzige Schlüſſel zu ſeinem Herzen, und mein Verfolger be⸗ 65 Ellen nahm zuerſt wieder das Wort. „Iſt es möglich,“ rief ſie,„daß meine Leiden Ihr Herz gerührt hätten? Können Sie mir einen Dienſt leiſten?“ „Ich kann es.“ „Und Sie wollen es?“ „Hem!“ murmelte der Alte,„das hängt von den Umſtänden ab!.. Kind!“ ſetzte er, zu Suſanne gewendet, hinzu, geh in die Küche hinab und ſieh, ob das beruhigende Getränke, das ich der Indierin zu bereiten befohlen habe, fertig iſt.“ Das treue Mädchen zögerte. Dieſes ſonderbare Weſen flößte ihr einen ſolchen Schrecken ein, daß ſie Bedenken trug, daſſelbe mit ihrer Herrin allein zu laſſen. „Was fürchteſt Du?“ ſagte er mit bitterem Lächeln. „Geh, Suſanne!“ ſprach Ellen, von einer plötz⸗ lichen Hoffnung beſeelt;„es iſt kein Fels ſo hart, den Gott nicht ſchmelzen kann!“ Beruhigt durch dieſe Worte zog Suſanne ſich zurück. Der Arzt war kaum mit Ellen allein, als er ſeinen Stuhl noch näher an das Bett rückte und dann, ſeine lange, knochige Hand ausſtreckend, den Finger an ihren Puls legte. „Immer das Fieber!“ murmelte er,„immer das Fieber!“ „Achten Sie nicht darauf!“ rief die Kranke: „mein Geiſt iſt klar, ſehr klar; denn ich ſehe das Schreckliche meines troſtloſen Zuſtandes! Ich habe kite nſ Hoffnung, als Sie, keinen andern Freund, a ott!“ Die Abtei Carrow. III. 5 „Sie haben einen andern.“ „Einen andern Freund!.... Sein Name?“ fragte Ellen eifrig. „Ich kenne ſeinen Namen nicht.“ „Seine Heimath?“ „Ich kenne ſie ebenſo wenig. Er hat geboten.. und ich gehorche. Die Aufgabe, die ich übernommen habe, iſt gefährlich.... Denn Ihr Kerkermeiſter iſt eines jener glühenden Weſen, die mit dem Men⸗ ſchenleben ſpielen, wie die erzürnten Wogen mit dem auf's Ungewiſſe hintreibenden Fahrzeug; er bedient ſich ſeines Geiſtes nur, um ſeine Leidenſchaften zu befriedigen, nicht ſie zu beherrſchen.“ Ellen zitterte, denn ſie wußte, daß er von Miran⸗ Hafaz redete. „Dieſer Freund,“ nahm der Doctor wieder das Wort,„denn er iſt Ihr Freund und mein Gebieter, hat mir befohlen, Sie aus der Hand Ihres Ver⸗ folgers zu retten; aber er hat mir eine Bedingung auferlegt, wodurch die Sache ſchwieriger wird.“ „Dieſe Bedingung... Welches iſt ſie?“ „Ihn zu ſchonen!... Ohne dieß wäre es ein Leichtes.. ſehr Leichtes,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu.„Seit drei Tagen täuſche ich den jungen Indier über den Stand Ihrer Geſundheit; er glaubt noch immer, der Schatten des Todesengels ſchwebe über Ihnen, die geringſte Erſchütterung würde Ihnen tödtlich ſein. Nur darum hat er es ſich verſagt, Sie zu ſehen.“ „Erhalten Sie ihn in dieſem Irrthum, und ich werde Sie ſegnen; oder wenn es kein Mittel gibt, 2 67 ſeinem Beſuch zu entgehen, ſo machen Sie, daß Ihre Worte zur Wirklichkeit werden.“ „Wie ſo?“ fragte der Doctor mit forſchendem Blick. „Dadurch, doß Sie mir den Tod geben, der mich von ihm befreien wird.“ Die Feſtigkeit, womit dieſe Bitte geſtellt wurde, erregte zu gleicher Zeit das Erſtaunen und die Be⸗ wunderung des Alten, der bei Denen, welche ihn um Rath angingen, der niedrigſten Angſt vor dem Tode zu begegnen gewohnt war. „Das iſt noch nicht nöthig geworden,“ ver⸗ ſetzte er.„Haben Sie Vertrauen zu mir?“ Sie zögerte. Ihr Herz ſchlug heftig. „Was habe ich zu fürchten?“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt.„Es iſt eine Ausſicht, es iſt meine letzte Ausſicht!“ Und ſie ſetzte laut, mit der Aufregung des Fie⸗ bers hinzu:„Ich werde Ihnen gehorchen.“ „Vernehmen Sie alſo meine Anweiſungen,“ fuhr er mit geſenkter Stimme fort, als fürchte er, die Echo's des alten Zimmers würden ſeine Worte wieder⸗ holen.„Morgen Abend, wenn Alles zu Bette iſt, werden Sie ſich mit einem ſchwarzen Mantel und einem Schleier, den ich Ihnen mitbringe, be⸗ kleiden.“ „Aber Suſanne?“ fiel Ellen ein, welche auf⸗ merkſam zuhörte. „Fürchten Sie Nichts,“ verſetzte der Doctor ruhig,„ſie wird Sie begleiten.... Beruhigt durch dieſes Verſprechen, machte ihm die Gefangene ein Zeichen, fortzufahren. 68 „Wenn Sie einen Schrei, dem einer Eule ähn⸗ lich, dreimal unter Ihrem Fenſter wiederholen hö⸗ ren, ſo verlaſſen Sie Ihr Zimmer in der größten Stille.“ „Ach!“ ſprach die Unglückliche,„jede Nacht iſt meine Thüre zugeſchloſſen, und meine treuloſe Amme bewahrt den Schlüſſel.“ i34½ Der Alte ſtand auf, näherte ſich verſtohlen der Thüre und unterſuchte aufmerkſam das Schloß. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß Nichts leichter wäre, als die Schrauben herauszunehmen, ſetzte er ſich wieder an ſeinen Platz. „Dafür wird geſorgt werden,“ ſagte er.„Am Fuß der Treppe werden Sie mich in Geſellſchaft Ihres unbekannten Freundes finden. Das Uebrige nehmen wir auf uns.“ ſce „Aber wenn meine Kräfte mich im Stich laſſen?“ d iin „Ehe Sie ſich aus Ihrem Zimmer entfernen, trinken Sie den Inhalt einer kleinen Phiole, die Sie bei dem Schleier und Mantel finden werden; und welche Beſchwerden Sie auch fünf Stunden lang zu ertragen hätten, weder Kraft, noch Muth wird Sie verlaſſen. Verſprechen Sie mir, das Alles zu thun?“ al ſä, ja!“ ¹ „Erinnern Sie ſich, daß, wenn der Verſuch im letzten Augenblick durch Ihre Schwäche oder Unent⸗ ſchloſſenheit ſcheitern ſollte, es Ihre Schuld wäre; ich hätte mein Möglichſtes gethan, und vielleicht mehr, als mir lieb wäre, um Ihnen zu helf * 69 Das iſt Ihre letzte Ausſicht, der Gewalt Ihres un⸗ erbittlichen Verfolgers zu entrinnen!“ „Ich werde es wagen, und ſollte ſich das Grab unter meinen Füßen öffnen. Seien Sie mir treu, und meine Dankbarkeit wird Sie die Geſchenke von Miran⸗Hafaz nicht bedauern laſſen; denn ich bin reich, reich an jenem Golde, das Sie lieben, reich an Allem, außer an Freunden und Glück!“ „Ich werde Sie an Ihr Verſprechen erinnern, Fräulein!“ ſprach der Alte, deſſen Augen bei dem Gedanken an Gold, um deſſen willen er ſeine Seele ſchon ſo oft mit ſchrecklichen Verbrechen befleckt hatte, funkelten.„Wenn Sie frei ſind.“ „Und ich werde es redlich halten!“ Befürchtend, Mirans Argwohn zu erregen, der ſeinen Bericht mit Ungeduld erwartete, zog ſich Doctor Guyot aus dem Zimmer zurück, indem er mit ſeiner gewöhnlichen Vorſicht das geringſte Ge⸗ räuſch zu machen vermied, und ließ Ellen wechſels⸗ weiſe der Hoffnung, dem Zweifel und der Beſorgniß zum Raube. Als Suſanne in die düſtere, alte Küche von Cromwell⸗Houſe hinabſtieg, fand ſie die Aya und Will Sideler zu beiden Seiten des ungeheuren Herdes ſitzen, auf welchem eine Miſchung von Kräutern und Arzneimitteln in einem kleinen Gefäß kochte. Der Kaninchenwärter, beinahe vollſtändig von den Wunden hergeſtellt, welche er von der Hand ſeines Herrn erhalten hatte, betrachtete ſie mit drohender Miene; Zara ſchaute ſie mit ruhiger Gleichgültigkeit an und ſtand langſam auf, um ſich zu entfernen⸗ „Laſſen Sie mich nicht bei dieſem Menſchen!“ ſagte das Mädchen, deſſen frühere Angſt beim An⸗ blick des Kaninchenwärters wieder erwacht war. „Ihr braucht mich nicht zu fürchten,“ erwiderte Will;„wenigſtens jetzt nicht,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu, denn er war entſchloſſen, ſpäter die Rache zu vollſtrecken, auf die er ſeit langer Zeit gegen Joe Beans dachte. Die Aya bemerkte den wilden Blick ſeiner Augen und befahl ihm mit einer Geberde, die Küche zu verlaſſen. „Ich befinde mich ſehr gut hier!“ ſagte er. „Ihr werdet nicht hier bleiben,“ verſetzte ſie ruhig.„Was!“ rief ſie, als ſie ſah, daß er zu gehorchen zögerte,„iſt der Hund nicht genug ge⸗ züchtigt worden? Muß man ihm die Peitſche geben, um ihn Gehorſam gegen ſeinen Herrn zu lehren?“ Sideler ſtund auf und wandte ſich hinkend nach der Thüre, welche ihm die Indierin wies. „Wißt,“ ſetzte ſie hinzu,„daß es Werkzeuge gibt, von denen wir Gebrauch machen, aber die wir verachten. Wogt. es, den Fuß auf die Schwelle zu ſetzen, während das Mädchen hier iſt, und Eure Züchtigung ſoll noch ſchrecklicher ſein, als das erſte Mal. Ihr ſeid in den Händen eines Mannes, der nicht die Gewohnheit hat, zu verzeihen!“ Bei dieſer Anſpielung auf Miran zitterte der Elende; er hatte die Stärke ſeines Armes bereits empfunden, und dieſe Erinnnerung hielt ihn unter⸗ würfig wie ein wildes Thier, das ſeinen Meiſter gefunden hat. Er bedauerte im Weggehen bitter, ſich in ſeine Gewalt gegeben zu haben. Ohne Zweifel 71 hatten ſie ihr Verbrechen gemeinſchaftlich entworfen, aber Sideler hatte es allein vollbracht und beſaß nur die moraliſchen Beweiſe für die Mitſchuld des Indiers. Beruhigt durch die Abweſenheit ihres Feindes, begann Suſanne, ſich mit ihrer Aufgabe zu beſchäf⸗ tigen. Aber bald zog ein leichtes Geräuſch an dem vergitterten Fenſter ihre Aufmerkſamkeit an. Sie drehte ſich um und erblickte Red Ralph, der ihr durch die ſechseckigen Scheiben zulächelte. Sie erin⸗ nerte ſich der Freundlichkeit des kleinen Kuhjungen und erwiderte ſein Lächeln. „Sind Sie ganz allein?“ flüſterte er. C 7 „Verriegeln Sie alſo die Thüre und ich werde hineinkommen.“ Vermuthend, der kleine Mann werde einen Grund zur Wiederkehr haben, ſchob ſie ſchnell den Riegel vor und trat zu dem Fenſter, deſſen Gitterſtangen Red Ralph auszuheben ſich bemühte; es half ihm Jemand dabei und das Geſchäft rückte ziemlich raſch vor, denn mit der Zeit waren die eichenen Rahmen⸗ ſtücke morſch geworden. Suſanna ſteckte den Kopf vor und konnte kaum einen Freudenſchrei zurückhalten, als ſie in dem Begleiter des Kuhjungen ihren treuen Liebhaber, Joe Beans, erkannte. Der Anblick der Bewegung des Mädchens ver⸗ lieh Joe's Arm neue Kraft. Nach einigen Minuten war die Oeffnung groß genug, um einem Mann den Durchgang zu geſtatten, und einen Augenblick nachher ſchloß der Liebende ſeine Geliebte in die Arme, die zu gleicher Zeit lachte und weinte. ———— 72 „O Joe! Joe!“ ſprach ſie ſchluchzend,„ich hoffte nicht, Dich wieder zu ſehen! Du kannſt Dir nicht vorſtellen, welche Verfolgungen Miß Ellen und ich von unſern Feinden bisher erduldet haben!“ Joe hatte bald ihre Thränen getrocknet, indem er ſie verſicherte, das Ziel ihrer Leiden ſei gekommen. Als Ralph ſah, wie er Suſannens blaſſe Wange mit Küſſen bedeckte, rief er, von unbegrenzter Freude über dieſe Scene erfüllt: „Ha! gerade ſo wollte es der Alte machen; aber ſie ſtieß ihn hübſch zurück.“ „Der Alte!“ wiederholte Joe, einen forſchenden Blick auf ſeine Geliebte heftend;„von wem redet er?“ Suſanne erbebte, indem ſie ihm den Namen des Kaninchenwärters in's Ohr flüſterte. „Verflucht!“ rief Joe;„ich habe dieſen Schlingel nie geliebt, aber ſeitdem er Dich beſchimpft hat, fühle ich, daß ich ihn haſſe. Wenn ich je meine Hand an ihn lege, werde ich dem Henker einen Theil ſeiner Arbeit erſparen und ihn auf der Stelle er⸗ würgen! Wo iſt der Böſewicht?“ „Still!“ ſagte das Mädchen, die Finger auf den Mund legend;„er iſt nicht allein!“ Macht nichts!“ „Miran⸗Hafaz und der Oberſt befinden ſich beide hier; die Diener ſind ihnen ergeben. Miß Ellen verdankt nur dem Fieber das Glück, bis jetzt der Gewaltthätigkeit des Indiers entgangen zu ſein; ſie werden Dich ermorden!“ „Der Clenbe! der Elende!“ murmelte Joe.„O! wenn Maſter Harry hier wäre!.... Aber macht nichts. Mr. Elworthy hat an Doctor Orme geſchrieben, 73 und da wir das Lager gefunden haben, werden wir das Wild bald herauszubringen wiſſen!“ In dieſem Augenblick hörte man deutlich die Stimme von Miran⸗Hafaz, welcher im großen Saal nach Oberſt Mowbray rief und Licht verlangte. Es war nicht mehr Zeit zu fliehen. Der Kuhjunge, deſſen Geiſtesgegenwart ihn nicht verließ, denn er wußte, daß die Aya ein ſterbliches Geſchöpf gleich ihm war, ſchloß ſogleich das Fenſter und die Läden, um die Wegnahme der Gitterſtange zu verbergen, und auf eine große Scheiterbeuge in einer Ecke der Küche deutend, erklärte er ſeine Geberde dadurch, daß er ſich hinter derſelben verſteckte. Joe folgte ſeinem Beiſpiel, aber nicht, ohne Suſanne vorher einen weitern Kuß geraubt zu haben. „Muth!“ ſagte er;„wenn Dir ein Unglück droht, ſo erinnere Dich, daß ich hier bin, um Dich zu ver⸗ theidigen.“ Man klopfte an die Thüre; das Mädchen öffnete, indem es ſeine Aufregung ſo viel möglich verbarg. Es war Doctor Guyot, der eintrat und ſorgfältig die Thüre wieder verriegelte. „Es iſt Jemand hier verſteckt!“ ſprach er mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe. „Jemand verſteckt? welche Idee? wer denn?“ „Läugnet es nicht. Ich weiß, was ich ſage. Der Kaninchenwärter hat Stimmen in der Küche gehört; er hat Lärm gemacht; ſein Herr kommt mit Oberſt Mowbray und den Domeſtiken, um Alles durchzuſtöbern. Muth, und ich werde Euch retten!“ „Sie!“ rief Suſanne erſtaunt. Sie zitterte mehr für die Sicherheit ihres Geliebten, als für ſich ſelbſt. 5 „Ja, ich. So ſonderbar Euch das erſcheinen mag, ich bin Euer Freund. Folgt meinen Anwei⸗ ſungen, und wir werden ihrem Argwohn einen Streich ſpielen!“ Einige Augenblicke nachher ließ ſich ein großer Lärm an der Thüre vernehmen; Miran⸗Hafaz und der Oberſt begehrten Einlaß. „Ihr zittert!“ ſagte der Arzt,„ich will ihnen antworten!“ Er zog den Riegel zurück und öffnete die Thüre; dann trat er wieder, als ob die Beſucher ihm voll⸗ kommen gleichgültig wären, langſam an den Tiſch, wo Suſanne den Abſud von Kräutern und Arznei⸗ mitteln in ein anderes Gefäß filtrirte. „Doctor Guyot!“ rief der Indier, in ſeiner Er⸗ wartung getäuſcht. „Ja; wen dachten Sie zu finden?“ verſetzte der Alte. Dann zu dem armen Mädchen, deſſen Hand vor Angſt zitterte, wieder gewendet, ſprach er zu ihr im Tone des Vorwurfs: „Wenn der Topf zu heiß iſt, ſo bedient Euch Eurer Schürze oder Eures Taſchentuchs, um Eure Finger zu wahren. Ein hübſches Laboratorium für einen Chemiker; es gibt nicht einmal einen Deſtillir⸗ kolben hier!“ „Sideler ſagte uns... „Oberſt, unterbrechen Sie mich nicht!“ ſprach der Arzt ungeſtüm;„dieſe Mixtur muß ſehr behut⸗ ſam zubereitet werden und erfordert alle mögliche Aufmerkſamkeit. In einigen Augenblicken ſtehe ich Ihnen und Ihrem Freunde zu Dienſte.“ 75 Das Alles wurde in ſo natürlicher Weiſe geſagt und gethan, daß ſelbſt Mirans Verdacht verſchwand. Wie konnte er denken, daß ein Mann, der keinen andern Gott als das Gold hatte und mit ſeinen Geſchenken überhäuft worden war, ſich mit einem armen Mädchen gegen ihn in eine Verſchwörung ein⸗ laſſen würde? „Der Kaninchenwärter ſagte uns, er habe Stim⸗ men in der Küche gehört,“ ſagte Miran, als der Mann der Kunſt, überzeugt, Suſanne habe jetzt ihre Kaltblütigkeit theilweiſe wieder gewonnen, ihr auf die Filtrirung Acht zu geben überließ. „Das iſt nicht unwahrſcheinlich,“ erwiderte der Alte.„Bildet der Dummkopf ſich etwa ein, Suſanne und ich werden uns durch Zeichen unterhalten?“ Vollkommen durch des Doctors Kaltblütigkeit ge⸗ täuſcht, zogen Miran und der Oberſt ſich zurück. Sobald das letzte Echo ihrer Schritte auf dem Corri⸗ dor erſtorben war, bat er Suſanne, noch einmal den Riegel vorzuſchieben. „Und nun,“ ſprach er, nachdem ſie ihm gehorcht hatte,„könnt Ihr Eure hinter dieſer Beuge ver⸗ ſteckten Freunde hervorlaſſen.“ Joe Beans und ſein Genoſſe bedurften keiner zweiten Aufforderung, ihrer beſchwerlichen Lage ſich zu entziehen. „Entfernt Euch jetzt,“ nahm der Alte wieder das Wort;„entfernt Euch, ehe Eure Gegenwart entdeckt wird, und erwartet mich an der Wen⸗ dung des Fußpfads. Ich werde alsbald zu Euch ſtoßen; mein Zweck wie der Eurige iſt, Miß de Vere zu befreien.“ 76 Nach dem Beweis, den er von ſeiner guten Ge⸗ ſinnung gegeben, konnte man an ſeiner Aufrichtigkeit nicht zweifeln. Joe und der Kuhjunge verließen alſo das Haus, jedoch mit dem Entſchluß, zurückzukehren, dieſe ſonderbare Perſon ihr Verſprechen nicht ielte. 1hf Zehntes Kapitel. In dem Maße, als die Stunde der Befreiung nahte, wurde Ellen mehr und mehr zwiſchen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen. Hundertmal hatte ſie ſich den Tag über gefragt, ob ſie in ihren Arzt Vertrauen ſetzen dürfte, ob die Theilnahme, welche er ihr bezeugte, nicht die Abſicht verbärge, ſie von der einzigen Freundin, die ihr blieb, loszu⸗ reißen, ſie von Suſanne zu trennen und nach einem noch abgelegeneren Verſteck zu bringen, wo ihr un⸗ würdiger Vormund und Miran⸗Hafaz leichter ihre Projecte gegen ihr Glück und ihre Ruhe zur Aus⸗ führung bringen könnten. „Faſſen Sie Vertrauen zu ihm,“ ſprach Suſanne: „er müßte ſehr niederträchtig ſein, um die von Ihnen befürchtete Rolle zu ſpielen. Das Alter hat ſeine Haare gebleicht; ſeine wankenden Schritte nähern ſich dem Grabe ſicher ſcheut er ſich, Gott zu beleidigen, der ihn bald richten wird! Alles wird gut gehen!“ 77 Auf ſolche Weiſe beſtrebte ſie ſich, ihre Herrin zu beruhigen. Aber Ellen zauderte noch, als der Gegenſtand ihrer Unterredung in das Zimmer trat. „Wo iſt die Aya?“ fragte er. „Unten,“ antwortete Suſanne. „Und Miran⸗Hafaz?“ „In dem Bibliothekzimmer mit Oberſt Mowbray. Was den Kaninchenwärter betrifft, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß er unſerem Vorhaben ein Hin⸗ derniß in den Weg legt; den ganzen Tag thut er nichts als klagen; er leidet mehr als je und kann ſich kaum aufrecht halten.“ Docto Guyot lächelte; er wußte vollkommen, daß Will Sideler ſie nicht ſtören würde. Er hätte bei der Amme dieſelben Vorſichtsmaßregeln ergriffen; aber durch die beſonderen Gewohnheiten und die Gewiſſenhaftigkeit, womit ſie die Vorſchriften einer Religion beobachtete, welche ihr jede Nahrung zu genießen verbot, die ſie nicht mit ihren Händen zu⸗ bereitete, war er daran verhindert worden. „Es iſt keine Zeit zu verlieren, Fräulein!“ ſprach er.„Der Augenblick iſt gekommen, wo es für Sie der Entſchloſſenheit und Feſtigkeit bedarf. Ihre Freunde ſind ſchon auf ihren Poſten.“ Die Waiſe heftete einen forſchenden Blick auf ihn, wie um auf dem Grund ſeines Herzens zu leſen. Der Alte hielt dieſen Blick mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Unempfindlichkeit aus; er errieth ihre Gedanken, ohne davon überraſcht oder beleidigt zu werden: für ihn war Tugend und Laſter nichts als ein Name. Wäre es in ſeinem Intereſſe geweſen, er hätte das Mädchen eben ſo gern ſeinem Unter⸗ drücker ausgeliefert, als er ſich jetzt anſchickte, es zu retten. „Sie zweifeln an mir, Fräulein!“ erwiderte er. „Das iſt natürlich; denn es gibt wenig Leute in der Welt, die bereit ſind, den Unglücklichen Bei⸗ ſtand zu leiſten; und ſelten erweist man einen Dienſt für Nichts. Ich habe Ihnen geſagt, ich gehorche dem Gebot von einem Ihrer Freunde.“ „Das iſt wahr; aber Sie haben mir ſeinen Na⸗ men nicht geſagt.“ „Es iſt einer von den Männern, die ſich durch ihre Thaten, und nicht durch ihre Namen kund geben. Aber ich kann Ihnen zwei Andere nennen, die mit Ungeduld Ihr Erſcheinen erwarten.“ „Von wem reden Sie?“ fragte Ellen eifrig. „Mr. Elworthy befindet ſich einige Schritte von hier mit einem Wagen.“ Bei dem Namen des Geſchäftsführers von ihrem verſtorbenen Oheim leuchteten die Augen der Ge⸗ fangenen vor Freude. Es war ein Zweifel weniger. „Und ein einfacher Burſche, Namens Joe Beans, glaube ich, iſt eben dieſen Augenblick im Hauſe ver⸗ ſteckt, um Ihre Flucht zu decken.“ Die letzte Zögerung verſchwand. Es wäre ein Zweifel an Henry ſelbſt geweſen, dem Freunde zu mißtrauen, den er ihr empfohlen hatte. Suſanne ſetzte gleichfalls volles Vertrauen auf ihren Geliebten und ſah ſich bereits mit ihrer Herrin in Freiheit. Doctor Guyot trat an den Tiſch und begann einen Trank zu bereiten, der ſeiner Kranken Stärke und Muth geben ſollte. Dann reichte er der Waiſe das Glas. a no6 79 „Trinken Sie!“ ſprach er;„und auf eine Stunde wenigſtens wird Ihre Wange die glänzende Farbe der Geſundheit tragen, Ihr Blut frei in Ihren Adern fließen. In dieſem Trank liegt Kraft und Freiheit.“ Ellen leerte das Glas, ohne ſich einen Augenblick Zeit zur Ueberlegung zu nehmen. „Es iſt geſchehen!“ ſagte ſie, es ihm zurück⸗ gebend. „Macht Eure Gebieterin fertig,“ ſetzte der Alte, zu Suſannen gewendet, hinzu;„ich werde wieder kommen.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, ohne nur einen zweiten Blick auf Ellen zu werfen. Bei ſeiner Rückkehr fand er die Herrin und ihr Kammermädchen zur Abreiſe gerüſtet. Die Erſtere hatte ein glänzendes Auge und eine Miene der Ent⸗ ſchloſſenheit, welche für den Erfolg ihres Unter⸗ nehmens von günſtiger Vorbedeutung war. Beide waren, den Inſtructionen des Doctors gemäß, ſchwarz gekleidet. „Sind Sie bereit?“ fragte er. Suſanne antwortete bejahend und löſchte ſogleich das Licht aus. Sie ſtiegen langſamen Schritts und mit größter Vorſicht die Treppe hinab. Wie ihre Herzen klopften, als die eichenen Stufen unter ihren Schritten krachten! Die Zeit, um in den Vorſaal zu gelangen, ſchien ihnen ein Jahrhundert. Der Vorſaal war von einer einzigen, am Plafond hän⸗ genden Lampe ſchwach erleuchtet. Sobald ſie dort angelangt waren, kamen zwei Menſchen unter der Treppe hervor Es waren Joe 80 Beans und ſein Führer Red Ralph. Um jeden Lärm zu vermeiden, hatten ſie ihre Schuhe ausge⸗ zogen und ſchritten, gleich abgeſchiedenen Geiſtern, über die Steinplatten den Flüchtlingen entgegen. Suſanne konnte kaum einen Ausdruck der Freude unterdrücken, als ſie ihren Geliebten erblickte. Jede Gefahr ſchien ihr in ſeiner Gegenwart zu verſchwin⸗ den; ſie kannte ſeine Stärke, ſeine Kaltblütigkeit und ſeinen Muth. Joe begnügte ſich, ihr die Hand zu drücken; dann bot er Ellen den Arm, die ihn beinahe mit eben ſo viel Vergnügen annahm, als ob es der von Henry geweſen wäre. t Wie wir weiter oben geſagt haben, war das große Thor von Cromwell⸗Houſe Tag und Nacht ver⸗ ſchloſſen und Miran oder der Oberſt hatten die Schlüſſel dazu. Man mußte alſo, um hinauszukommen, die Küche und die Wirthſchaftsgelaſſe Paſſiren. Sie hatten bereis einen Theil des Corridors, welcher den großen Soal von den Domeſtiken⸗Zimmern trennte, zurückgelegt, als Ralph ſich umdrehte und Joe Beans einige Worte in's Ohr ſagte, worauf dieſer ſogleich ſtillſtand. je Was gibt es?“ fragte der Doctor leiſe. „Der Kaninchenwärter iſt in der Küche,“ ant⸗ wortete der junge Mann. „Ganz allein?“ . z nn S „Ueberlaſſen Sie es mir, mit ihm zu reden!“ verſetzte der Alte mit entſchloſſener Miene;„und wenn Sie mich pfeifen hören, treten Sie keck ein; ich bürge für den Erfolg.“ Mit dieſen Worten hob er die Klinke und trat 81 in die Küche, deren Thüre er ſorgfältig hinter ſich zumachte. Will Sideler ſaß vor dem Feuer; ſein Geſicht verrieth ſeine Leiden. Die Muskeln ſeiner Wangen zitterten und zuckten convulſiviſch, trotz dem daß er die Lippen feſt geſchloſſen zu halten ſuchte. „Unvorſichtiger!“ ſprach der Doctor Guyot,„warum habt Ihr Euer Zimmer verlaſſen?“ „Weil ich es nicht aushalten kann, allein zu ſein. Mein Schmerz nimmt in der Einſamkeit zu.“ „Ich kann ihn ſtillen. Da iſt ein Balſam, der nie verfehlt, einen erquickenden Schlaf zu verſchaffen.“ Will hatte kaum an dieſer Flüſſigkeit gerochen, als er, gleich einem plötzlich von Todesohnmacht er⸗ griffenen Menſchen, auf ſeinem Stuhl umſank. In demſelben Augenblick pfiff der Doctor und die Flüchtlinge ſchritten raſch durch die Küche und befanden ſich in Freiheit. „Gott ſei Dank!“ rief die Waiſe, die friſche Luft draußen einathmend;„wir ſind gerettet!“ Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als ein durchdringender Ruf, in welchem ſie die Stimme der Aya erkannte, ſie mit Beben erfüllte. Die In⸗ dierin, welche um das Haus herumſtreifte, hatte den unvorſichtigen Ausruf Ellens gehört. „Jetzt laufen wir,“ ſagte Joe;„es handelt ſich um's Leben.“ Von Schrecken getrieben, wandten die Flüchtlinge ihre Schritte nach einem halb unter Epheu verbor⸗ genen Pförtchen. Ralph, der den Schlüſſel dazu hatte, ſtürzte vor. Bereits hatte er daſſelbe geöffnet, Die Ibtei Carrew. II. 6 als Zara auf die Waiſe zuſprang und dieſelbe, mit ihren Armen ſie umſchlingend, zurückzuhalten verſuchte. „Laß mich gehen,“ ſprach Ellen feſt. „Niemals!“ antwortete die Amme.„Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß Sie vergeblich Ihrem Schickſal zu entrinnen verſuchen; es iſt in Zeichen geſchrieben, die niemals lügen.“ Joe Beans bekümmerte ſich wenig um die Vor⸗ herſagung der Indierin. Er packte ſie um die Hüfte, aber bemühte ſich vergeblich, ſie von Ellen loszu⸗ machen; ſie widerſtand ihm mit einer Kraft und Be⸗ harrlichkeit, die allen ſeinen Anſtrengungen ſpotteten. Es wurde bald offenbar, daß das durchdringende Geſchrei, das ſie ausſtieß, Lärm gemacht hatte, denn man ſah im Hauſe nach allen Seiten ſich Lichter bewegen. „Retten Sie mich!“ rief Ellen, von dem Ringen erſchöpft;„retten Sie mich um Ihres Freundes, um Henry's willen. Retten Sie mich!“ ſetzte ſie mit noch verzweifelterem Tone hinzu,„oder tödten Sie mich auf der Stelle!“ Bei dem Namen des Genoſſen ſeiner Kindheit zog der junge Mann entſchloſſen eine Piſtole aus der Taſche und gebot der Aya, die Mündung der⸗ ſelben ihr auf die Stirne haltend, ſie fahren zu laſſen. „Gebt Feuer!“ verſetzte Zara ruhig;„ſelbſt todt werde ich ſie nicht loslaſſen.“ Gereizt durch den Ton von Mirans Stimme, den man die Diener ihm zu folgen auffordern hörte, legte Joe den Finger auf den Drücker. „Feuer!“ rief der Doctor. „Gott verzeihe uns!“ wief der arme Junge, blaß vor Schrecken.„Es iſt Fure Schuld! Es iſt Eure Schuld!“ bi n Man hörte den Schuß aber ehe derſelbe erfolgte, hatte Ellen mit einer convulſiviſchen Bewegung der Hand die Mündung der Piſtole zurückgeſtoßen. Sie konnte nicht zu ihren Füßen das ſtrafbare Geſchöpf ſterben ſehen, das ſie einſt ſo zärtlich geliebt hatte: ſie konnte nicht deſſen warmes Blut über ihre eige⸗ nen Hände rinnen fühlen. „Nein! nein!“ rief ſie,„mir muß man das Leben nehmen! So gottlos ſie iſt, kann ich ſie doch nicht ſterben ſehen!“ Was die Drohung eines unmittelbaren Todes nicht hatte bewirken können, brachten dieſe Worte der Waiſe in einem Augenblick zu Stande. Zara ließ von ihr ab, als ob ſie von einer plötzlichen Lähmung befallen worden wäre. Ihre eiſerne Natur zerſchmolz bei dieſer edelmüthigen Aufopferung Ellens. Un⸗ glücklicher Weiſe war es zu ſpät. Die Wirkung von dem Wundertrank des Doctors wich vor der Er⸗ ſchütterung, welche das Opfer ſo vieler Tyrannei hatte, und ſie fiel erſchöpft Suſannen in die Arme. Es war kein Augenblick zu verlieren, Joe faßte ſie in die Arme, ging durch das Pförtchen und eilte, gefolgt von ſeinen drei Begleitern, durch die Alles hinunter. Miran holte ihn ein, als er am Ende derſelben anlangte. Zum Glück war er ohne Waffen. „Frevler!“ rief der junge Indier, auf ihn ſtür⸗ zend;„laß Deine Laſt los!“ „Frevler Du ſelbſt!“ verſetzte Jve, Ellen auf den Raſen legend und Anſtalt machend, Ellen bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen⸗„Nie bin ich vor einem Mann zurückgewichen und Du wirſt mich auch nicht zur Flucht bringen!“ Lang und ſchrecklich war der Kampf, der nun folgte. Beide waren in der Blüthe des Alters, ſtark und muthig. Zweimal packte Miran ſeinen Gegner an der Kehle, um ihn zu erwürgen, und zweimal nöthigte ihn Joe durch eine verzweifelte Anſtrengung loszulaſſen; aber er fühlte ſeine Kräfte ſchwinden. „Niederträchtiger!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Der Kampf begann wieder und würde ſich auf eine für den Geliebten der hübſchen Suſanne ver⸗ hängnißvolle Weiſe geendigt haben, wenn nicht Doctor Guyot, Ralph und das Mädchen in dem Augenblick angekommen wären, wo Joe der Athem ausging und ſeine Augen ſich verdunkelten. Ohne ein Wort zu ſagen, kniete der Alte auf dem Graſe neben den Kämpfenden nieder und drückte mit ſeinen langen, magern und knochigen Fingern dem jungen Indier die Schläfe⸗Arterien zuſammen, ſo daß dieſer bald ſeinen Gegner los ließ. „Gerade zu rechter Zeit!“ ſagte der Arzt mit einer Art freudigen Gluckſens;„gerade zu rechter Zeit!“ Ein in der Eile gegebener Kuß bewies Suſanne, daß ihr Geliebter, wiewohl erſchöpft, nicht ver⸗ wundet war; aber noch ſchien alle Gefahr nicht ver⸗ ſchwunden, denn Oberſt Mowbray erſchien mit meh⸗ ren Dienern, welche Fackeln trugen. „Wo iſt Miß Ellen?“ rief Joe um ſich ſchauend. „Entführt, entführt! Ol ich will in das Haus zu⸗ rückkehren. Ich will ſie aus dieſem Höllenloche reißen oder meine Gebeine daſelbſt laſſen!“ „Sie iſt nicht dort,“ ſagte Ralph, der während des Kampfs mit der Behendigkeit einer Katze einen Baum erklettert hatte. „Wo iſt ſie denn?“ „Der Wagen iſt herangefahren und ein Herr ausgeſtiegen, der die junge Frau in die Arme nahm und ſich mit ihr entfernte.“ „Gerettet!“ rief Joe erfreut;„Gott ſei Dank! Elworthy ſtand auf der Lauer!“ Er wurde dadurch ſo beruhigt, daß er Suſanne am Arm nahm und ſeinen Rückzug nach dem Königs⸗ wappen antrat. Guyot blieb zurück, bis der Oberſt zu ihm ſtieß. „Elender!“ ſagte dieſer. Der Alte antwortete nur mit einem geringſchätzi⸗ gen Lächeln. Miran⸗Hafaz war es, den er fürchtete: i dem Groll von deſſen Verbündeten beſorgte er ichts. „Wo iſt meine Nichte?“ nahm der unwürdige Vormund wieder das Wort. „Wahrſcheinlich bei denen, deren Geſellſchaft ihr angenehmer iſt, als die Ihrige. Nun, runzeln Sie nicht die Stirne, brauchen Sie keine groben Worte! Ich weiß, was dieß Alles zu bedeuten hat. Das Fräulein iſt Ihren Fallen entſchlüpft; Ihr indiſcher Prinz verliert ſeine zugeſagte Braut, und Sie den von demſelben verſprochenen Lohn.“ Mit dieſen Worten wandte er ihm den Rücken und ging ſeines Wegs. Der Oberſt zögerte einen Augenblick, ob er ihm nicht folgen ſollte. Ein wenig Ueberlegung ſagte ihm, es wäre unpolitiſch, mit dem Arzte Streit anzufangen. „Sie müſſen ihn flott bezahlt haben!“ brummte er.„Nie zuvor hat der alte Giftmiſcher, ſo hab⸗ ſüchtig er iſt, Jemand verrathen.“ Nachdem er beinahe eine Stunde auf der Ebene gewartet hatte, langte ein Wagen im Königswappen an; er enthielt Mr. Elworthy..„allein! „Und Miß Ellen?“ ſtammelte Joe. „Ich weiß, daß es Euch mißlungen iſt,“ verſetzte der Rechtsmann mit verdrießlicher Miene;„aber ich habe bis an's Ende gewartet.“ „Und Sie haben dieſelbe nicht geſehen?“ „Nein.“ „Auch nichts von ihr erfahren?“ Mein. Der arme Burſche ſtürzte mit verzweifelter Miene trotz des Flehens von Suſanne und der Bemühungen ſeiner Genoſſen, ihn zurückzuhalten, aus dem Wirths⸗ hauſe. Elworthy befragte Ralph, der bei dem, was er Joe geſagt, beharrte: er hatte während des Kam⸗ pfes einen Herrn in einem Wagen herankommen, die ohnmächtige Ellen aufheben und mit ihr abiahren ſehen. „Armes Mädchen!“ ſprach der Rechtsmann mit einem Seufzer.„Ihre Prüfungen ſind noch nicht zu Ende!“ n „ Eilftes Kapitel. Inzwiſchen beſchäftigte ſich Henry eifrig damit, den Sohn ſeines großmüthigen Beſchützers aufzu⸗ ſuchen. Man erinnert ſich, daß der unglückliche Sir William in Rom die Spuren ſeines Kindes und ſeiner von ihm ſchuldig geglaubten Gattin verloren hatte. Wir wollen die Schritte nicht aufzählen, welche Henry Aſhton bei der Polizei, bei den Car⸗ dinälen, bei dem Pabſte ſelbſt that; es genüge zu bemerken, daß ſeine Eigenſchaft als Geſandtſchafts⸗ Attaché, ſeine Beredtſamkeit und einigs Freunde und Freundinnen, die er ſich durch ſeine Schönheit, ſeine Anmuth und ſeine ſanften Sitten gewonnen hatte, ihm von großem Nutzen waren. Aber wäh⸗ rend er das Kind ſuchte, fand er Lady Mowbray, die Mutter; Lady Mowbray, welche man für todt hielt, welche ſich in ein Kloſter geflüchtet und daſelbſt den Schleier genommen hatte, ſo daß es einer aus⸗ drücklichen Vollmacht von Pius VII., daſſelbe zu verlaſſen, für ſie bedurfte. Lady Mowbray war unſchuldig. Das Opfer einer abſcheulichen Intrigue, eines Werks von Oberſt Mowbray, ihrem Schwager, der es ſchon damals auf das Erbe von Sir William Mowbray abgeſehen hatte, war ſie der Meinung geweſen, ihr Gatte liebe ſie nicht mehr, ſondern unterhalte ein ſtrafbares Verhältniß mit einer andern Frau, und hatte ſich in der Verzweiflung zur Flucht verleiten laſſen. Als Henpy Aſhton ihr von ihrem Sohne redete, verbarg ſie das Geſicht in den Händen und rief in * * Thränen zerfließend:„Mein Sohn! ach! er iſt den Händen ſeines treuloſen Oheims anvertraut worden!“ Dieſe Worte waren hinreichend, in Henry die Vermuthung zu erzeugen, Walter Mowbray ſei kein Anderer als der von ihm Geſuchte. Wie konnte ein ſo edler und großmüthiger Jüngling der Sohn des verrätheriſchen Oberſts ſein? So ließ er, ohne etwas Beſtimmtes zu äußern, die betrübte Mutter hoffen, ſie werde ihr Kind wieder finden, er ſei auf deſſen Spur und ſie könne vielleicht bald daſſelbe in die Arme ſchließen. Als er, einer neuen Hoffnung voll, nach Hauſe zurückkehrte, ſah er ſich mit Schrecken vor dem Leich⸗ nam ſeines feige ermordeten Freundes. Mitten in ſeinem Schmerz meldete man ihm, der Mörder ſei verhaftet und begehre, ihm Enthül⸗ lungen zu machen. Henry Aſhton eilte in den Kerker und befand ſich einem ihm unbekannten Engländer gegenüber. „Ich habe Sie rufen laſſen,“ ſprach der Gefan⸗ gene,„aber nicht, um Ihre Verzeihung oder Ihr Mitleid anzurufen. Ich bin zu ſtrafbar gegen Sie, um die Verzeihung zu hoffen, und das Mitleid will ich nicht; ich verſchmähe es!“ „Empfangen Sie meine Verzeihung, auch wenn Sie dieſelbe nicht begehren,“ erwiderte unſer Held mit Anſtrengung.„Sie haben mir großes Leid zu⸗ gefügt; Sie haben die theuerſte Hoffnung meines Lebens im Augenblick, da ſie ihrer Erfüllung nahe war, zerſtört; Sie haben mich meines beſten Freun⸗ des beraubt und mein Vertrauen auf die Menſchheit vernichtet. Ich verzeihe Ihnen, wie ein Chriſt 89 „Danke! Sie ſind edelmüthiger, als ich dachte, und Sie werden erkennen, daß ich nicht un⸗ dankbar bin!“ „Was wollen Sie ſagen?“ „Hören Sie mich geduldig an. Sie haben einen Feind.“ „Ich weiß es; einen Feind, der die Schliche und Ränke der Schlange anwendet, anſtatt mit der eines Mannes würdigen Offenheit zu handeln. Es iſt Miran⸗Hafaz! Sie brauchen mir ihn nicht zu nennen.“ „Sie irren ſich nicht. Ich warne Sie vor die⸗ ſem Mann, um, ſo weit es in meiner Macht ſteht, das Böſe zu ſühnen, das ich Ihnen angethan habe. Ich glaube, es iſt nichts Menſchliches an ihm! Er wußte, daß ich arm war, aber daß ich nicht den moraliſchen Muth hatte, der nothwendig iſt, um dem abſcheulichen Geſpenſt der Armuth in's Geſicht zu ſehen; er entdeckte, daß man, wie andere Unglück⸗ liche, mich erkaufen konnte. Er zahlte ohne zu mur⸗ ren, er zermalmte alle meine Bedenklichkeiten unter dem Gewicht des Goldes!... Das Uebrige er⸗ rathen Sie.“ „Aber was hat ihm Walter gethan, daß er ſeinen Tod ſuchte?“ „Der Stoß, der ihn getroffen, war nicht für ihn beſtimmt.“ „Für wen dann?“ „Für Sie!.. Er hatte mich zuerſt beauf⸗ tragt, Ihre ganze Correſpondenz aufzufangen, fand jedoch ohne Zweifel, daß er ſicht ſchnell genug zum 90 Ziel gelange.... Halt, da ſind die Briefe, die an Sie ſeit Ihrem Aufenthalt in Rom adreſſirt worden ſind.“ Bei dieſen Worten zog er ein Packet aus dem Futter ſeines Paletots. „Leſen Sie dieſelben noch nicht!“ ſetzte er hinzu, als er bemerkte, daß Henry ſich anſchickte, den Um⸗ ſchlag abzureißen.„Ich fürchte, die Nachrichten, die Sie darin finden, möchten Sie zum Widerruf der großmüthigen Verzeihung, die Sie mir angedeihen ließen, bewegen. Ol fluchen Sie mir nicht!“ Mit einer gewaltſamen Anſtrengung unterdrückte der junge Mann ſeine Neugierde und ſteckte das Packet in die Taſche. n „Danke! danke!... Sie werden bald nach England zurückkehren?“ „Sobald als möglich! Ich habe das Unrecht gegen mich und das Blut Walters zu rächen!. Daß ich nicht ſchon dem Mörder vor Angeſicht ſtehe denn Sie ſind nur ſein Werkzeug geweſen. Adieu! Wir ſehen uns nicht mehr in dieſer Welt. Bitten Sie den höchſten Richter um Vergebung, vor dem Sie bald erſcheinen werden.“ „Sie ſprechen die Wahrheit: Wir ſehen uns nicht mehr in dieſer Welt, Sie müßten denn morgen Mittag durch die Porta del Popolo gehen!“ Henry ſchauderte; dieß war der Hinrichtungsort der zum Tode Verurtheilten. „Schon!“ rief er. Ja,“ verſetzte der Gefangene ſorglos.„Der Arm der römiſchen Gerechtigkeit wird dießmal ſchnell treffen, und um ſo beſſer!... Niemand wird mich — 91 bedauern, als etwa ein Kind, das ſich vielleicht mit Erſtaunen fragen wird, warum ſein Vater es ſo verlaſſen hat.“ „Ein Kind?“ „Ja.“ „Und ohne Verwandte?“ „Es hat keine andern, als mich.“ „Ich werde ihm deren Stelle vertreten!“ ſprach Henry Aſhton nach einer Pauſe, in welcher die Großmuth ſeiner Natur gegen den Abſcheu, welchen ihm das Verbrechen des Vaters einflößte, einen Kampf beſtand.„Wo werde ich es finden?“ Der Unglückliche reichte ihm ein Papier, auf welchem ſich die Adreſſe befand. „Seien Sie verſichert, daß ich es nicht vergeſſen werde!“ „Gott ſegne Sie für dieſes Verſprechen. Dieſes Kind iſt das letzte Band, welches mich an die Erde knüpft!“ Henry verließ die Zelle des Gefangenen und kehrte in ſein Hotel zurück. Seine erſte Sorge war, ſich in ſein Zimmer ein⸗ zuſchließen, um die Briefe zu leſen, welche der Agent von Miran⸗Hafaz ihm übergeben hatte. Nicht eine Linie wurde übergangen; es entſchlüpfte ſeinen Lip⸗ pen weder ein Ruf noch ein Seufzer; er hatte ſich darauf gefaßt gemacht, ſchreckliche Nachrichten zu er⸗ fahren. Die ungewöhnliche Bläſſe, welche ſein Geſicht bedeckte, und das convulſiviſche Zittern ſeiner Lippen, als er an die Einzelnheiten von der Ermordung ſeines Wohlthäters gelangte, waren die einzigen ——— Zeichen des Schmerzes, der Entrüſtung, des Schau⸗ ders, wovon ſein ganzes Weſen ergriffen wurde. Dieſe übernatürliche Ruhe war ſchrecklich, wie die Stille, welche der Exploſion lang gedämpfter Feuer an den Seiten eines Vulkans vorangeht. „Und ich war nicht da!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen;„und ich war nicht da!“ Zn dem Schmerz, welchen ihm Sir Williams Tod verurſachte, geſellte ſich noch der Gedanke, daß Ellen den geheimen Umtrieben ſeines Nebenbuhlers ausgeſetzt blieb, den ſein Herz inſtinctmäßig als den Urheber des Verbrechens bezeichnete. Welches wären ſeine Empfindungen geweſen, hätte er alle die Prü⸗ fungen, welchen ſie ausgeſetzt geweſen, den Verrath — Oberſt Mowbray's, die Verfolgungen Mirans ge⸗ wußt? Es wäre Grund genug geweſen, ihn zum Wahnſinn zu bringen! Ellens Briefe enthielten kein Wort des Vorwurfs noch des Zweifels. Sie glaubte Henry krank oder todt; ſie dachte eher an irgend ein ſchwarzes, gegen ihn angezetteltes Complott, als daß ſie ſeine Untreue, ſeine Unbeſtändigkeit für möglich hielt. „Ellen! theure Ellen!“ rief er, ihre Unterſchrift mit lebhafter Bewegung küſſend,„ich werde Dich den Netzen des Dämons entreißen, der unſer Glück! zerſtören möchte! Der Elende! daß ich nicht den Raum, der uns trennt, aufheben kann! Bis auf dieſen Tag habe ich den Haß noch nicht gekannt; ich fühle in meinem Herzen, daß bei unſerer nächſten Begegnung der Kampf tödtlich ſein wird!“ Selten hatte ſich ein junger Mann in einer ſchwierigern Lage befunden. Wenige Stunden zuvor d ———— — 93 ſchien ihm das Leben voll Verheißungen; jetzt war Alles düſter und mit Wolken bedeckt. Sir William Mowbray und ſein Sohn(denn er zweifelte nicht, daß Walter dieſer verlorne Sohn ſei) waren nieder⸗ trächtig ermordet worden. Und Lady Mowbray, wie ihr dieſe traurige Botſchaft beibringen? wie die Hoffnung zerſtören, welche ſie hegte, wieder mit dem Geliebten ihrer Jugend, mit dem Sohn, den ſie an ihr Herz zu drücken ſo heiß begehrte, ver⸗ einigt zu werden? dieſer Schlag war um ſo grau⸗ ſamer, da er ſie im Augenblick traf, wo die Zukunft ihr endlich lächelte. Da er nicht wagte, ihr dieſe Ereigniſſe perſönlich mitzutheilen, ſchrieb er ihr einen Brief, der ihr erſt nach ſeiner Abreiſe übergeben werden ſollte und worin er ihr unter Anderem ſagte, die Ermordung ſeines Freundes nöthige ihn, unmit⸗ telbar nach England zurückzukehren, wo er Alles für ihre Ankunft daſelbſt vorbereiten würde. Am ondern Morgen mit Tagesanbruch verließ Henry Afhton die ewige Stadt. Vier raſche Pferde eilten mit ihm auf der Appiſchen Straße davon. Er war entſchloſſen Tag und Nacht zu reiſen und ſich keinen Augenblick Ruhe zu geſtatten, ehe er ſeinen Fuß auf vaterländiſchen Boden geſetzt hätte. 94 . Zwölftes Kapitel. Als Ellen aus der Ohnmacht, in welche der Schrecken und die Aufregung der Flucht ſie verſetzt hatten, erwachte, fand ſie ſich auf einem Bette liegend„ in einem einfach aber bequem möblirten Zimmer, in Geſellſchaft einer alten Frau, deren reſpectables Aus⸗ ſehen ihr Vertrauen einflößte. „Wo bin ich?“ fragte ſie, mit erſchrecktem Blick rings im Gemach umherſchauend, wie wenn ſie ihrem unverſöhnlichen Verfolger zu begegnen gefürchtet hätte. „Sie ſind in Sicherheit, mein liebes Fräulein, vollkommen in Sicherheit. Sie ſtehen unter dem Schutz meines Herrn.“ Bei dem Wort Herr bebte die Waiſe, denn ihre Furcht vergegenwärtigte ihr Miran⸗Hafaz oder den Oberſt. „Wie heißt er?“ „Ich weiß es nicht; aber das darf Sie nicht be⸗ unruhigen! Ich weiß, er iſt gut, wenn auch ſein Betragen ſonderbar erſcheinen mag; er iſt Ihret⸗„ 5 wegen ſehr unruhig geweſen.“ t „Ich muß ihn ſehen!“ rief das Mädchen;„ich muß aus ſeinem Munde erfahren, was ich zu fürchten oder zu hoffen habe!.... Die Ungewißheit,“ ſetzte ſie mit einem Ausbruch hyſteriſchen Schmerzes hinzu, „die Ungewißheit tödtet mich!“ Ehe die Alte ihr antworten konnte, klopfte man leiſe an die Thüre des Zimmers. „ 95 „Es iſt mein Herr!“ ſagte ſie,„fürchten Sie Nichts Sie werden an ihm einen Vater finden!“ Ohne auf Ellens Zuſtimmung zu warten, ver⸗ ſchwand ſie im Gang und kehrte nach einigen ſchnell geflüſtclten Worten mit einem Mann von fünfzig bis ſechzig Jahren, von hoher Statur, ernſter aber wohl⸗ wollender Phyſiognomie, zurück. Trotz ihrer Unruhe wurde Ellen von der Würde ſeines Ausſehens ergriffen; ein Bart, den die Zeit ſchon zum Theil verſilbert hatte, fiel auf ſeine Bruſt. Es war der Khan. Auch er hatte ſich gleich Mr. Elworthy auf die Lauer geſtellt und war glück⸗ lich zu rechter Zeit gekommen, um das Mädchen zu retten. „Wen habe ich zu ſegnen oder zu fürchten?“ fragte die Waiſe, einen flehenden Blick auf ihn heftend. „Einen Freund,“ antwortete der Renegat ſanft; „einen Freund, der ſeine guten Abſichten damit be⸗ wieſen hat, daß er die Bande, welche ihn an Ihren Verfolger knüpften, zerriß. Fürchten Sie nichts,“ ſetzte er, ihre Hand faſſend, hinzu,„Sie ſind in Sicher⸗ heit. Ich würde nicht das niedrigſte Geſchöpf Gottes, das unter meinem Dach eine Zuflucht ſuchte, ſeinen Feinden überlaſſen, mit wie viel mehr Grund werde ich eine Frau ſchützen, ein Kind Gottes, und auf die Vertheidigung eines jeden Mannes ange⸗ wieſen!“ „Sie ſind alſo der großmüthige und unbekannte Freund, von dem der Arzt mir geſprochen hat?“ Der Renegat antwortete nur mit einem Lächeln. Ellen erkundigte ſich ſofort nach ihren Freunden, nach Suſanne und Joe, die, um ſie zu retten, ſich ſo großer Gefahr ausgeſetzt hatten. Ihr geheimniß⸗ voller Beſchützer antwortete, er habe allen Grund, ſie in Sicherheit zu glauben. „Morgen früh will ich Nachricht von ihr?n ein⸗ ziehen. Ich finde ſie ohne Zweifel zu London, wo Elworthy mir Mittheilung über ſie machen* wird.“ Der Name des Agenten von Sir William war für Ellen ein neuer Beweis von der Aufrichtigkeit des Khan, und als er ſich zurückzog, war es der⸗ ſelben, als ginge ein Freund von ihr. „Ich habe ſeine Stimme ſchon früher gehört,“ ſprach ſie bei ſich;„ſie gemahnt mich wie die Erin⸗ nerung eines Kinder⸗Traumes oder eines lange ver⸗ geſſenen Liedes. Wo kann ich ſie gehört haben? In Indien?.. Ja, ja, es muß in Indien ge⸗ weſen ſein!“ 3 Bald ſchlief ſie ein und angenehme Träume be⸗ ſuchten ihren Schlummer. Am andern Morgen waren Joe und Suſanne auf Mr. Elworthy's Schreibſtube, wo ſie zuſammen ihr Mißgeſchick vom Tag zuvor beklagten, als ein Unbekannter daſelbſt eindrang. 8 Es war der Khan. „Sie ſind geſtern Nacht in Mortlake geweſen?“ begann er. „Ja, ich war in Mortlake,“ antwortete Mr. Elworthy. „Und dieſe Perſonen waren bei Ihnen?“ „Ja. ℳ 97 „Er weiß Alles!“ rief Joe mit leichtem Lächeln, denn des Khans Beſuch ließ unbeſtimmte Hoffnungen in ihm außſteigen;„Sie würden am beſten thun, ihm Alles zu ſagen, Herr Juriſt! „Sie haben es unternommen,“ fuhr der Renegat fort,„Miß de Vere der Vormundſchaft ihres Oheims, ihres einzigen legalen Beſchützers, zu entreißen. Wiſſen Sie die Folgen eines ſolchen Schrittes?“ „Der Oberſt hat ſeine Rechte auf eine ſchändliche, niederträchtige Weiſe mißbraucht, und mein Ge⸗ wiſſen ſpricht mich frei!“ rief der Juriſt. „Es ſei. Ich kenne die Leiden, welche Miß de Vere erduldet hat, und die Gefahren, denen ſie ent⸗ ronnen iſt!“ „Entronnen!“ rief Joe aufſpringend und die Hand des Khans faſſend;„haben Sie geſagt, ent⸗ ronnen? Wiederholen Sie dieſes Wort und ich werde Sie auf den Knieen anbeten.“ 4Sie iſt entronnen!“ wiederholte der Khan. Joe's Freude war ſo lauter und unordentlicher Art, daß einige Augenblicke verfloſſen, ehe man das Geſpräch wieder aufnehmen konnte. In ſeinem Ent⸗ zücken umarmte er Sufanne, wiſchte ihr die Thränen ab, indem er fragte, warum ſie weine, und erklärte, von nun an könne er Maſter Harry wieder ohne Scham in's Geſicht ſehen. So groß war die Zuverſicht ſeines Glücks, daß er auch den Rechtsgelehrten und den Ueberbringer dieſer guten Botſchaft hätte umarmen können. „Das iſt wahrhaftig ein glückliches Ereigniß!“ rief Mr. Elworthy:„denn niemals im ganzen Laufe Die Abtei Carrow. III. 7 meiner juridiſchen Praxis habe ich mich für eine Affaire ſo ſehr intereſſirt. Darf ich Sie fragen, wo die Nichte meines verſtorbenen Clienten verborgen iſt?“ „Sicherlich dürfen Sie es,“ fiel Joe ein.„Er iſt zu gut, um deren Freunde von ihr fern halten zu wollen. Ich wußte, daß Sie für Maſter Harry Freundſchaft empfanden. Seit der Nacht des Leichenbegängniſſes von Sir William iſt mir ſtets* Erinnerung geblieben, was Sie mir ſagten, 6 Dieſe letzten Worte waren an den Renegaten gerichtet, der jedoch nicht wollte, daß, was er zu Joe geſagt hatte, vor Mr. Elworthy wiederholt wurde. Vielleicht fürchtete er, der ſcharfſinnige Geiſt des Juriſten möchte daraus Schlüſſe ziehen und daran Fragen knüpfen, auf welche ſeine ehemalige Freundſchaft für Miran⸗Hafaz und der Schwur in der Gruft von Carrow zu antworten ihm nicht ge⸗ ſtatteten. „Eben um Sie davon in Kenntniß zu ſetzen“ fiel er ein,„bin ich hieher gekommen. Die Geſund⸗ heit des jungen Fräuleins ſchwebt noch in ernſtlicher Gefahr; die Gegenwart ſeiner Freunde wird ihm beſſer thun, als alle Kunſt der Aerzte.“ Der Gedanke, den Gegenſtand von Henry Aſhtons) Liebe wieder zu ſehen, über welchen er ſorgfältig zu wachen verſprochen hatte, gab dem Gedankengang des ehrlichen Bauern eine ſo veränderte Richtung, daß er die Anſpielung, in deren Mitte er unter⸗ brochen worden war, völlig vergaß. Aber der Rechtsmann hatte deſſen Worte in ſeinem Gedächt⸗ — —. 90 niß einregiſtrirt und verſprach ſich, bei einer andern Gelegenheit darauf zurückzukommen. Es wurde nun zwiſchen den verſchiedenen Mit⸗ gliedern der kleinen Geſellſchaft ausgemacht, ihre Wohnung im Quartier des Tempels ſogleich zu ver⸗ laſſen und ſich zu Waſſer nach der London⸗Brücke zu begeben; ſie dachten auf ſolche Weiſe der Gefahr, daß man ihnen nachfolge, zu entgehen. Hier konnten ſie einen Wagen nehmen, der ſie nach der Zufluchts⸗ ſtätte des Renegaten bringen würde. Als Ellen ſehr ſpät aus dem erquickenden Schlaf erwachte, deſſen ſie nach ſo vielen Stunden der Un⸗ ruhe genoß, war die erſte Perſon, welche ſie an ihrem Bette ſah, Suſanne, die unter Thränen ihr zulächelte. Zuerſt bildete die Waiſe ſich ein, noch zu träumen; aber die Thränen, die auf ihre Hand fielen, welche das treue Kammermädchen mit Küſſen Seie überzeugten ſie von der Wirklichkeit ihres „Gerettet! Gerettet!“ flüſterte ſie, das Herz voll Dankbarkeit;„aber wo iſt Dein Geliebter, der treue, einzige Freund Henry's? Iſt er auch in Sicherheit?“ uſanne antwortete bejahend; und der arme Joe, der an der Thüre gehorcht hatte, um ſich durch Vernehmung von Ellens Stimme zu verſichern, daß der Gegenſtand ſeiner Sorge wirklich da wäre, zog ſich jetzt eiligſt zurück. „Sie hat mich Henry's Freund genannt!“ ſprach er, eine Thräne abtrocknend, die er eines Mannes unwürdig glaubte;„wenn der Oberſt oder Miran es unternimmt, ſie zu verfolgen oder von Henry zu trennen, ſo werde ich ſie tödten, wie ich mit wilden 100 Katzen thäte, und ſollte ich den nächſten Augenblick darauf gehenkt werden!“ Mit dieſen Worten ſtieg er in den Salon des Erdgeſchoſſes hinab, wo der Khan und Mr. Elworthy ſich mit einander beſprachen. Dreizehntes Kapitel. War, wie Amble, der Schulmeiſter von Mort⸗ lake, ſagte, Red Ralph das Vermögen der Einbil⸗ dungskraft von der Natur verſagt worden, ſo hatte Schlauheit begabt. Der kleine Mann ließ kluger Weiſe zwei oder drei Tage vergehen, ehe er ſich von Neuem auf den Schauplatz ſeiner letzten Heldenthaten wagte. Er fürchtete, erkannt zu werden; denn er fühlte wohl, daß die Ereigniſſe, deren Zeuge er geweſen, außer⸗ ordentlicher Art waren, und er ſagte ſich, es würde gefährlich für ihn ſein, in die Hände derer zu fallen, welchen er ihre Plane zu vereiteln mitgeholfen hatte. Gr beſuchte zuerſt vorſichtig die Wirthſchafts⸗ gebäude, wohin er durch einen der geheimnißvollen Ausgänge, die ihm allein bekannt waren, gelangte. Hier ließ er, in dem Speicher über dem Gemach des Stallknechts verſteckt, ſeine Blicke über das Haus ſie ihn, gleichſam zum Erſatz, mit einer guten Doſis — 8—— — S S— 101 ſchweifen und bemerkte mit Vergnügen, daß unter allen den unzähligen Kaminen nur eines war, aus dem ein Rauch aufſtieg. „Die Herren ſind abgereist!“ murmelte er mit einem Lächeln oder vielmehr einer Grimaſſe der Befriedi⸗ gung,„ſie haben nur eine Perſon zurückgelaſſen, um den Ort zu hüten!“ Ermuthigt durch dieſe Entdeckung, näherte er ſich kriechend dem Hauſe, in welches er nach ſeiner Ge— wohnheit durch eine der Dachluken unmittelbar über den kürzlich von den Domeſtiken von Miran⸗Hafaz und dem Oberſt bewohnten Kammern eindrang. Alles war in jenem Zuſtande der Verwirrung, welcher eine plötziche Abreiſe anzeigt: die Möbel verſtellt und in einer Unordnung, in welcher man vergeblich eine Wirkung der Kunſt geſucht hätte. Von den Räumlichkeiten der Domeſtiken ſtieg er in die Hauptgemächer hinab. Alle Feuer waren er⸗ loſchen. Im Salon ſah er mehrere zerſtreute Briefe auf dem Tiſch; er bemächtigte ſich gierig derſelben und ſteckte ſie in ſeine Taſche. „Alle abgereist!“ wiederholte er,„alle abgereist! wir können uns Geſellſchaft leiſten, das alte Haus und ich!“ Er war ſo feſt von der Unbewohntheit des Ortes überzeugt, daß er kock in das Erdgeſchoß über die große Treppe hinunterſtieg. Er hatte den einzelnen Faden Rauches, den er vom Kamin der Küche aus⸗ gehen ſah, vergeſſen; er begann zu pfeifen. Dieſe Unvorſichtigkeit hätte ihm beinahe das Leben ge⸗ koſtet; denn ſie zog die Aufmerkſamkeit von Will Sideler auf ſich, den man zur Hut der Wohnung zurückgelaſſen hatte. Der Räuber hörte kaum jenen Laut, als er, ſich mit einem großen Meſſer bewaffnend, von ſeinem Stuhl in der Küche aufſtand und vorſichtig durch die Corridors hinſchlich, bis er in den großen Saal gelangte, der mit dem Speiſeſaal in Verbindung ſtand. Dieß nahm einige Zeit weg; denn er hatte ſich erſt zur Hälfte von den Folgen der ſtrengen Züchtigung erholt, welche von Miran⸗Hafaz über ihn verhängt worden war. Ein Lächeln wilder Freude trat auf ſeine Lippen, als er bei einem Blick in das letztere Gemach den Kühjungen am Tiſche ſitzen und die Ueberreſte ſeines eigenen Frühſtücks ver⸗ ſchlingen ſah. Entſchloſſen, ſich dießmal ſeine Beute nicht ent⸗ gehen zu laſſen, zog er ſeine Schuhe aus, damit das Geräuſch ſeiner Schritte den kleinen Mann, der ihm den Rücken bot, nicht aufſchrecke. Zum Glück für den armen Ralph ſaß er gerade einem großen Spiegel gegenüber, in welchem nicht nur ſeine eigene armſelige Perſon, ſondern auch der Eingang des Speiſeſaals und ein Theil des hieher auskaufenden Corridors ſich darſtellte. Er war eben im Begriff, einen Hühnerſchlegel in ſeinen unge⸗ heuren Mund zu führen, als ſein Arm plötzlich vor Schrecken gelähmt wurde: er ſah deutlich in dem Glaſe, wie der Kaninchenwärter, mit einem Meſſer bewaffnet, auf den Zehenſpitzen hinter ihm herankam. In dieſem Augenblick war ihm der Inſtinet der Selbſterhaltung nützlicher, als die Einbil⸗ dungskraft. Er ſchlüpfte raſch von ſeinem Sitz „ 103 herab und verſchwand unter der langen Tafel, welche, als er ſich wieder erhob, in Folge dieſes Manövers ſich zwiſchen ihm und ſeinem Feinde befand. Sideler verbarg die Waffe, welche er trug, in ſeinem Aermel. Der kleine Mann ſah kaum eine Schranke zwiſchen ſich und dem Kaninchenwärter, als er ſeinen Muth wieder bekam; denn er war überzeugt, daß in einem Wettkampf der Behendigkeit der Alte für ihn nur ein armſeliger Gegner wäre. Die einzige Gefahr beſtand darin, in ſeine Hände zu fallen. So ſchlüpfte, als der Räuber auf Ralph zuſtürzte, dieſer ſchnell unter ſeinem Arm durch, ſprang auf den Tiſch und warf ſich durch die Thüre in den Salon. Zum Unglück waren die Fenſterthüren, welche auf den Raſenplatz hinausgingen, geſchloſſen. Der Kuhjunge probirte jetzt mit großer Geiſtesge⸗ genwart die Thüre, welche mit der Treppe in Ver⸗ bindung ſtand, auf welcher er herabgeſtiegen war; aber der Kaninchenwärter hatte, von der Küche kommend, die Vorſicht gebraucht, ſie abzuſchließen. „Du kannſt mir nicht entgehen!“ rief der Räuber, der hart hinter ihm her war.„Ich habe zu meiner Zeit zu viel ſolches Wild in der Schlinge gefangen, um mich von Dir anführen zu laſſen. Du wirſt wohl daran thun, Dich zu ergeben: ich will Dir nichts zu Leide thun!“ Dieß war aber Ralph's Meinung nicht; die letzte Verſicherung ſchien ihm vielleicht nicht befrie⸗ digend genug. Der arme Teufel wußte, daß er keine Ausſicht hatte, zu entkommen, als durch die Küche. Konnte er dahin gelangen, ſo war es ein 104 Leichtes für ihn. Glücklicherweiſe erinnerte er ſich der Falle im Fußboden des dahin führenden Cor⸗ ridors. „Ihr habt mich noch nicht!“ rief er in ſtörriſchem Ton.„Manche Leute gehen auf's Scheren aus und kommen ſelbſt geſchoren heim, wie mein alter Schul⸗ meiſter gewöhnlich ſagte.“ Er eilte nach dem Corridor und hatte Zeit, die Falle zu richten, ehe Will Sideler zu dem Eingang gelangte. Läden und Thüren des Salons waren geſchloſſen; es herrſchte alſo ſolche Finſterniß, daß der Räuber den Abgrund nicht ſah, ſondern unter ſchrecklichen Flüchen und Drohungen ſeinen Weg fortſetzte. Hätte er in dieſem Augenblick Hand an Ralph legen können, der arme Teufel wäre ſehr ſchlimm dabei weggekommen; denn war Will durch Widerſtand gereizt, ſo wurde er wild und grauſam gleich allen feigen, niederträchtigen Seelen. „All dieß Laufen iſt unnütz!“ rief er dem Flücht⸗ ling zu;„die Thüren ſind wohl verſchloſſen, und die Schlüſſel„„ Es trat eine Veränderung in ſeiner Stimme ein; man hörte das Geräuſch vom Fallen eines ſchweren Körpers, ein⸗ oder zweimal ein Stöhnen dann erfolgte tiefe Stille. Ralph machte ſogleich Halt und begann vor Freude zu tanzen und zu lachen. Es wäre ſchwer zu ſagen geweſen, was ihm größeres Vergnügen machte, ſeinem Verfolger einen Streich geſpielt zu haben, oder deſſen Griffen entgangen zu ſein. „Gefangen!“ rief er;„habe ich ihn endlich doch gefangen!“ 60 105 Er kehrte wieder nach dem Corridor um, tappte ſich vorſichtig bis an den Rand der Falle hin und ließ die Thüre oder den Deckel wieder zuſchnappen. Der Räuber blieb im Dunkeln allein mit ſeinem Schmerz und ſeinen Betrachtungen. Ralphs Freude glich ſo ziemlich der eines Men⸗ ſchen, der einen Tiger gefangen hat und nicht weiß, was er mit demſelben anfangen ſoll. In dieſer Verlegenheit entſchloß er ſich, nach London zu gehen, um Joe Beans, der ihm Mr. Elworthy's Adreſſe gegeben hatte, aufzuſuchen. Er fand ſeinen Freund Beans nicht; aber er fand den Rechtsgelehrten, und ſo groß war die Freude über ſeinen großen Sieg, daß er, als Mr. Elworthy, ſelbſt entzückt über dieſen Fang, ihm ein paar Guineen in die Hand ſteckte, rings im Zimmer herum zu tanzen anfing, gleich einem Bären, den man eben in Freiheit ge⸗ ſetzt hat. Vierzehntes Kapitel. Als Red Ralph die Thüre ſeiner Falle, wie er die Heffnung des Souterrains, worin er den Ka⸗ ninchenwärter ſo geſchickt fing, geſchloſſen hatte, be⸗ fand ſich dieſer in einer beinahe vollſtändigen Finſter⸗ niß. Er hatte das Bein gebrochen. Der Schmerz, die Finſterniß, die Gewiſſensbiſſe verſetzten ihn in ——— —— 106 die furchtbarſte Verzweiflung, welche beinahe zum Wahnſinn ſtieg, als er ſich von garſtigen Reptilien umringt ſah. Laſſen wir ihn den Schreckniſſen zum Raube, welche ihm die Ausſicht, lebendig gefreſſen zu wer⸗ den, verurſachte. In der Schreibſtube von Mr. Elworthy befanden ſich Red Ralph und Joe Beans. „Du biſt alſo, mein kleiner Mann,“ ſprach der Rechtsgelehrte,„vollkommen überzeugt, daß die letzten Miether von Cromwell⸗Houſe den Platz verlaſſen haben und nur der Kaninchenwärter noch da iſt?“ Ralph antwortete mit einem bejahenden, von einem Lächeln begleiteten Kopfnicken. In dieſem Augenblick rief man den Rechtsmann in einer dringenden Angelegenheit ab, und er ließ die beiden Freunde allein beiſammen. „Du wrillſt doch nicht ſagen, daß Du den Kaninchenwärter in einer der Kammern des alten Herrenhauſes eingeſperrt haſt?“ nahm Joe wieder das Wort. „Nein, nein; es iſt nicht in einer Kammer!“ „Wo denn ſonſt?“ „In meiner Falle!“ Und der kleine Mann begann wieder mit einem Gluckſen der Freude, die durch die Geſchicklichkeit, i er ſeinem Feinde einen Streich geſpielt atte, erzeugt wurde, im Zimmer herumzutanzen. Seine Fröhlichkeit war ſo groß, daß mehrere Minu⸗ ten verfloſſen, ehe der junge Mann eine erträgliche Erklärung der Sache von ihm herauszubringen ver⸗ mochte. 107 „Und wann iſt dieß Alles geſchehen?“ „Geſtern.“ „Und ſeit geſtern iſt er ohne Eſſen und Trinken geblieben?“ Ralph antwortete bejahend. Der gute Bauer konnte den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß Sideler ohne Beiſtand bliebe, zumal er das Bein gebrochen hatte. Ueberdieß durfte er nicht ſterben, da ſeine Ausſagen zur Aufklärung der Gerechtigkeit beträchtlich beitragen mußten. Er machte alſo den Vorſchlag, ſogleich nach Mortlake abzugehen, ohne daß man Mr. Elworthy's Rückkehr abwartete. 5 „Ich glaube nicht, daß er das Bein gebrochen hat,“ brummte Ralph.„Mir däucht, er wollte mich nur erſchrecken. Ich bin hundertmal ſo hoch hinab⸗ ge ohne daß ich mich je dabei beſchä⸗ igte.“ Joe ließ ihn nicht fortfahren, ſondern beſchloß, trotz der Bemühungen Ralphs, der ſeine vertrau⸗ lichen Mittheilungen zu bereuen anfing, auf der Stelle nach Cromwell⸗Houſe zur Befreiung des Kaninchenwärters avzugehen. Nachdem er dem Schreiber für Mr. Elworthy ein Billet zurückgelaſſen hatte, worin er ihm den Beweggrund ſeiner Abweſenheit erklärte, brach er ſogleich auf und begab ſich nach dem Schauplatz ſeiner letzten Abenteuer. Fünfzehntes Kapitel. Das Individuum, das Mr. Elworthy hatte rufen laſſen, war Niemand anders, als Capitän Eltons ehemaliger Kammerdiener, der wegen eines Diebſtahls im Hauſe von Lady Mowbray, ſeiner letzten Gebieterin, zu Newgate eingekerkert ſaß. Er war in Abweſenheit von dieſer, welche ohne Zweifel Klage gegen ihn zu erheben gezögert hatte, verhaftet worden. Es geſchah zur Zeit unſeres lieben alten Georgs des Dritten, wo man wegen Vertrauens⸗ Mißbrauches, Diebſtahles, Fälſchung und anderer kleiner Sünden, welche die Gerechtigkeit heutzu⸗ tage weniger ſtreng beſtraft, an den Galgen kam. Nun hing der Spitzbube an dem Leben. „Vielleicht,“ ſprach er zu dem Rechtsgelehrten, „vielleicht könnten wir unter den Ereigniſſen, die ſeit einem halben Jahr vorgefallen ſind, Etwas finden, was Sie zu meiner Rettung beſtimmen dürfte.“ „Etwas iſt gewiß, mein wackerer Mann,“ ver⸗ ſetzte Mr. Elworthy,„daß die Zurückgabe der ge⸗ ſtohlenen Gegenſtände Euch nicht retten dürfte.“ „Was müßte ich denn ſonſt thun?“ Der Rechtsgelehrte zuckte die Achſeln. „Wenn ich Ihnen den Oberſt Mowbray und ſeine Gemahlin in die Hände lieferte?“ fragte der Kammerdiener. Schweigen von Mr. Elworthy⸗ „Wenn ich zur Wiederauffindung des verlore⸗ 109 nen Teſtamentes von Sir William Mowbray ver⸗ hülfe?“ Daſſelbe Schweigen. „Wenn ich das Leben des Mannes, der Ihnen das Teſtament geſtohlen hat, Ihrer Gnade preis⸗ gäbe?“ „Ja,“ verſetzte der Rechtsgelehrte.„Liefert mir den Oberſt und Lady Mowbray in die Hand; ent⸗ deckt das Teſtament meines ermordeten Clienten; beweist mir die Identität des Räubers, der mich beſtohlen hat, und ich werde, wiewohl ich erröthe, dem Galgen einen Schurken, der deſſen ſo würdig iſt, wie Ihr, zu entziehen, Euch das Leben retten!“ So außerordentlich auch dieſes Verſprechen er⸗ ſcheinen könnte, war Mr. Elworthy doch vollkommen im Stande, es zu erfüllen. Der Kammerdiener hatte ihm bereits zu verſtehen gegeben, er vermöge das Schmuckkäſtchen wieder aufzufinden, das der Wittwe des Capitäns Elton geſtohlen worden war; und Sir Jasper Pepper hatte ſchon einige Mal den Rechtsgelehrten über die Möglichkeit befragt, wieder in den Beſitz jener Kleinodien ohne den Scandal, von dem ein Proceß offenbar begleitet ſein würde, zu gelangen. Nachdem die Sache in's Reine gebracht worden war, ließ Elworthy einen Beamten rufen, vor welchem Lady Mowbray's Er⸗Beſchließer nicht allein dieſe Dame und den verſtorbenen Capitän Elton der gemeinſchaftlichen Schuld an dem Raub des Teſtaments anklagte, ſondern außerdem noch er⸗ klärte, daß es der Kaninchenwärter geweſen, der Mr. Elworthy beinahe um's Leben gebracht hätte. 110 Dieſe letztere Nachweiſung war noch koſtbarer als die erſtere. Seit langer Zeit ſuchte der Rechts⸗ gelehrte die Mittel, Will Sideler in ſeine Gewalt zu bekommen. Seit dem Tage des Meuchelmords hatte er einen Verdacht auf ihn; jetzt hatte er die Gewißheit, und es war ihm, als ſei er ſeiner ſo ſicher, wie wenn derſelbe bereits hinter den Mauern von Newgate ſäße. Der Beamte machte keine Schwierigkeit, einen Verhaftsbefehl gegen den Kaninchenwärter zu er⸗ laſſen. Aber was Lady Mowbray betraf, ſo war dieß eine delikatere Affaire und bedurfte der Ueber⸗ legung. Der Name der Perſon, welcher Capitän Elton das Teſtament anvertraut hatte, war Mr. Elworthy wohl bekannt und er zweifelte nicht, es mit kluger Anwendung von Geld und Drohungen wieder in ſeine Gewalt zu bekommen. Damit bewaffnet, gedachte er, ſich unmittelbar an den Kanzler zu wenden und dadurch jeder weitern Einmiſchung des Oberſts vorzubeugen. So verließ er mit großer Befriedigung den Kerker und begab ſich wieder nach ſeinem Bureau im Tempel, wo der Schreiber ihm ſogleich das Billet von Joe Beans einhändigte. „Was iſt da am beſten zu thun?“ fragte er den Beamten, der ihn begleitet hatte. „Nehmen Sie zwei von meinen Leuten mit ſih und folgen Sie dieſem Mr. Beans nach Mort⸗ ake.“ Dieß war der beſte Vorſchlag; und in weniger als einer Stunde war der Juriſt in Begleitung 111 zweier Polizei⸗Agenten auf dem Wege nach Mort⸗ lake, wo er kurz nach Joe Beans und Red Ralph anlangte. Als der letztere die Thüre von ſeiner Falle hob, erblickte Joe Beans ein Schauſpiel, das ihn er⸗ bleichen machte. Sein alter Feind, der Kaninchen⸗ wärter, ſchlug ſich mit wahnſinniger Wuth gegen Hunderte von Ratten herum, die ſich nicht allein an ſeine Kleider, ſondern ſelbſt an ſein Fleiſch ge⸗ hängt hatten. In ſeiner Seelenangſt wälzte ſich der Unglückliche auf dem Boden und erdrückte da⸗ durch einige unter dem Gewicht ſeines Körpers. Andere faßte er mit den Händen und ſchleuderte ſie gegen die Mauern oder das Gewölbe ſeines Kerkers. Sein Schrecken war ſo groß, daß er dieſelben ſogar mit den Zähnen packte. „Hurrah!“ rief Ralph mit erſtaunter Miene; „das iſt beſſer als Hahnenkämpfe! der Alte braucht nicht, daß man ihn antreibe!“ Ioe's erſter Antrieb war, in die Tiefe hinab⸗ zuſpringen, zum Beiſtand des Kaninchenwärters, der bereits allmälig ſeine Kräfte verlor. Er half ihm, ſich der zahlreichen Angreifer zu entledigen, weſche beim Anblick dieſer unerwarteten Verſtärkung ſich wieder in ihre Löcher zurückzogen. „Ach! Meiſter Joe,“ ſagte der kleine Mann, der ſich immer an der Mündung des Kellers hielt, „Ihr habt die ganze Unterhaltung verdorben!“ Sein Genoſſe ſchauderte und bat ihn, eine Leiter im Wirthſchaftsgebäude zu holen. „Warum?“ fragte Ralph;„für Euch? dann ja, von Herzen gern, aber nicht für dieſen alten Sün⸗ 112 der! Er hat mich ermorden wollen, und hätte ſich daraus ſo wenig gemacht, als ein Kaninchen zu tödten! Seht!“ ſetzte er hinzu, das große Meſſer aufhebend, welches der Kaninchenwärter im Corridor hatte fallen laſſen;„was denkt Ihr davon?“ Er ließ es am Licht funkeln. „Das iſt ſehr böſe, Ralph, ſehr böſe; aber wir ſind nicht ſeine Richter.“ „Ich habe kein Verlangen, ihn zu richten,“ erwiderte der kleine Mann bitter,„ich will es den Ratten überlaſſen. Das iſt die beſte Jury für ihn!“ Joe Beans war einige Augenblicke über die Abſichten des Kühjungen in Zweifel; derſelbe zögerte ſichtbar; aber wie groß auch ſein Haß gegen Will Sideler ſein mochte, Jemand, der ihm ſo viel Güte bezeugt hatte, konnte er einem ſo traurigen Looſe nicht preisgeben. Seine Liebe zu Joe trug den Sieg davon; er ging alſo, die verlangte Leiter zu holen, noch immer brummend, wenn er das Be⸗ nehmen ſeines Genoſſen hätte vorausſehen können, würde er ſein Geheimniß noch einige Tage länger bewahrt haben. Der Kaninchenwärter bot einen erſchreckenden Anblick dar, als man ihn aus dem finſtern Keller⸗ loch hervorzog, wo er ſo lange Stunden der Ge⸗ fangenſchaft zugebracht hatte. Seine Kleider waren gänzlich zerriſſen, ſeine Hände und ſein Geſicht mit Blut befleckt. „Gib mir Waſſer,“ ſprach ſein Retter zu Ralph. „So gottlos er iſt, darf er nicht ohne Beiſtand ſterben.“ 113 Ralph füllte mit einer Miene von Widerwillen einen mäßig ſaubern Waſſerkrug in der Küche, wo⸗ hin ſie den beinahe ohnmächtigen Räuber gebracht hatten, und näherte ihn ſeinen vertrockneten Lippen. „Er will nicht trinken,“ ſagte er. Sideler öffnete langſam die Augen. „Wo bin ich?“ ſtöhnte er. „Wo Ihr nicht ſein ſolltet,“ rief Ralph;„an Gottes hellem, lichtem Tag.“ Die drohende Miene, welche der Kaninchenwärter zum Dank gegen den kleinen Mann und Joe Beans annahm, verkündigte, daß die Schreckensſcene, welcher er eben entgangen war, keinen tiefen Ein⸗ druck auf ſein verhärtetes Herz gemacht hatte. „Waſſer! Waſſer!“ ſagte er. Ralph näherte den Krug ſeinen Lippen und Will trank den Inhalt begierig aus. Nie in ſeinem Leben war ihm ein Getränke ſo köſtlich vorgekommen. Seine Augen begannen vor Freude zu funkeln. „Noch mehr, noch mehr!“ ſagte er. „Dann holt es Euch ſelbſt!“ erwiberte Ralph, dem es im Bereich ſeiner Hand nicht ſehr wohl war. „Ich muß jetzt fort und die Kühe von Farmer Rem⸗ nant hüten.“ Während er ſich der Küchenthüre näherte, öffnete dieſe ſich plötzlich und Elworthy trat ein, gefolgt von zwei Idividuen, die Jve Beans noch nie ge⸗ ſehen hatte. Er blieb nicht lang im Zweifel bezüg⸗ lich des Zweckes ihres Beſuchs. Ohne ein Wort an Jemand zu richten, näherten ſie ſich dem Stuhl, Die Abtei Carrow. III. 114 wo der Kaninchenwärter ſaß, und hatten ihm, ehe er aufſtehen konnte, mit jener Gewandtheit, welche eine lange Erfahrung gibt, die Handſchellen ange⸗ legt. „Ihr heißt Sideler?“ ſprach einer der Polizei⸗ Agenten in einem Ton, der anzeigte, daß er nur eine nothwendige Formalität erfülle, denn er war ſeines Mannes gewiß. Der erſtaunte Räuber vermochte ihm keine Ant⸗ wort zu geben. „Ich kann es Ihnen kezeugen, daß dieß ſein Name iſt!“ ſagte Joe Beans;„ich kenne ihn ſeit meiner Kindheit.“ „Das genügt,“ ſetzte der zweite Agent hinzu, den Schlüſſel zu den Feſſeln in die Taſche ſteckend. Dann ſprach er zu dem Kaninchenwärter gewendet: „Ihr ſeid unſer Gefangener!“ „Auf welche Anklage hin?“ ſtammelte der Un⸗ glückliche.„Laſſen Sie den Oberſt Mowbray, ſeine Gemahlin und ſeinen Freund, den reichen Indier Miran⸗Hafaz, holen! Sie werden Caution leiſten, ſo hoch man ſie auch begehrt.“ „Für Verbrechen des Mordes nimmt man keine Caution an!“ erwiderten die Agenten. Bei dem Worte Mord ſtöhnte Sideler tief auf und ſank auf ſeinem Stuhl um. Sein ganzer phyſiſcher Muth hatte ihn verlaſſen; er war ſchwach und niedergeſchlagen wie ein Kind. „Endlich!“ murmelte er,„endlich!“ Aus Rückſicht für ſeinen Zuſtand von Schwäche willigten die Agenten ein, ihm einige Augenblice 115⁵ Ruhe zu laſſen, ehe ſie ihn nach London führten. Noch dieſelbe Nacht ſchlief er in Newgate. „Mörder!“ rief Ralph, als er den Alten den Wagen beſteigen ſah, der ihn in den Kerker bringen ſollte.„Der Teufel hole mich, wenn ich nicht Etwas dergleichen vermuthete! Ich bin recht froh, daß Joe ihn nicht den Ratten überlaſſen hat; das gibt noch ein viel größeres Vergnügen, ihn hängen zu ſehen! Welches Feſt für Mortlake!“ Elworthy erklärte Joe Beans Alles, was bei ſeiner Unterredung mit dem ehemaligen Kammer⸗ diener von Capitän Elton vorgegangen war. „Alſo iſt Sideler wegen eines Attentats auf Ihr Leben verhaftet worden?“ rief der junge Mann. Der Notar machte ein bejahendes Zeichen. „Ich dachte, wegen der Ermordung von Sir William Mopbray.“ „Nein; ſo ſtark auch mein Verdacht iſt, ich habe noch keinen Beweis!“ Sechzehntes Kapitel. Die Wittwe Barnes, die einzige Dienerin des Khans, war zwiſchen der Dankbarkeit gegen ihren Herrn und dem Schrecken, den er ihr einflößte, ge⸗ theilt. Die arme Suſanne war noch nicht gefaßt genug für die ſchrecklichen Erzählungen, womit ihre Gefährtin ſie unaufhörlich unterhielt. Mehr als einmal hatten ſie in Abweſenheit des Khans zitternd an der Thüre ſeines Zimmers gehorcht, aus dem Kettengeraſſel und brüllendes Geheul ertönte. Eines Abends geberdeté ſich der Guepard, den ſein Hert vergeſſen hatte, von Hunger gereizt, ſo wüthend, daß die beiden Frauen den Kopf verloren und in dem Parorismus der Furcht aus dem Hauſe ent⸗ flohen. Im Augenblick, da ſie ſich flüchteten, war Ellen von einem grauſamen Unglück bedroht. Oberſt Mowbray hatte, von Miran angetrieben, von dem Lordkanzler ſich eine Ordre zu verſchaffen gewußt, um wiederum in den Beſitz ſeiner Nichte, die nach ſeiner Verſicherung irrſinnig geworden war, zu ge⸗ langen. Die Waiſe befand ſich allein, verlaſſen von ihrer Dienerin und ihrer treuen Freundin, als Lady Mowbray, begleitet von zwei aus einem Irrenhaus entlehnten Wärterinnen, vor dem Land⸗ hauſe erſchien, um ihr grauſames Vorhaben auszu⸗ führen. Die argliſtige Frau hatte erklärt, ihre Nichte ſei wahnſinnig. Ellen, welche Suſannens und der Wittwe Ge⸗ ſchrei gehört hatte, zögerte, wiewohl noch ſchwach und leidend, keinen Augenblick hinabzuſteigen, um ſich nach der Urſache zu erkundigen. Am Fuß der Treppe begegnete ſie den Wächterinnen. „Was ſuchen Sie?“ fragte das Mädchen. „Sie ſelbſt, wahrſcheinlich,“ antwortete ſie. „Mich?“ 117 „Es iſt meine Nichte!“ rief Lady Mowbray, welche eben aus dem Wagen geſtiegen war und die Stimme ihres Opfers erkannte.„Beeilen Sie Ohne ein Wort zu ſagen, legten die beiden Frauen Hand an Ellen und begannen ſie nach dem Wagen zu ſchleppen. „Was wollt Ihr?“ rief das erſchreckte Mäd⸗ chen.„Ihr werdet mich nicht mit Gewalt fort— nehmen! Zu Hilfe! Ich habe Freunde, welche die Urheber dieſer Beſchimpfung ſtrafen werden.“ „Sie ſagen Alle daſſelbe,“ bemerkte die eine der Wächterinnen;„ſchaffen Sie dieſelbe fort, ohne ſich um ihre Redensarten zu bekümmern.“ „Gewiß, ich habe zu oft mit Wahnſinnigen zu thun gehabt, um mich durch deren Ertravaganzen beunruhigen zu laſſen.“ „Hören Sie mich!“ rief Ellen, bemüht, ruhig zu erſcheinen;„ich bin nicht wahnſinnig! Sie ſind durch meine Feinde getäuſcht worden! Wahrhaftig, ich bin nicht wahnſinnig!“ „Sie weiß es beſſer, als die Doctoren!“ „Und als der Kanzler.“ „Oder ihre eigene Tante, die ſo viel Sorge für ſie trägt, das arme Fräulein!“ Trotz Ellens Widerſtand gelang es den beiden Furien, ſie in den Wagen zu ſchleppen, wo Lady Mowbray bereits Platz genommen hatte. Dieſe lächelte ironiſch beim Anblick ihres Opfers, das in Ohnmacht fiel. Vorſichts halber ließ ſie die Vorhänge des agens herunter, und ſie that wohl daran, denn 6 — — „ 118 am Ende der Gaſſe begegnete ſie Joe Beans und dem Khan, welche ſich durch die Ordre des Kanzlers nicht hätten einſchüchtern laſſen. Suſanne kehrte beſchämt über ihr momentanes Ausreißen in demſelben Augenblicke zurück, und als ſie die offene Thüre und den ſich entfernenden Wagen erblickte, errieth ſie mit Leichtigkeit den ganzen Umfang ihres Unglücks und ihrer Ver⸗ fehlung. Sie warſ ſich ſchluchzend ihrem Geliebten um den Hals.. „Verzeihe mir; o! verzeihe mir!“ rief ſie. „Dir verzeihen, Suſanne! Dir verzeihen, was? daß Du erſchreckt worden biſt?“ „Ellen... die arme Miß Ellen!“ murmelte ſie. Joe erblaßte ſchrecklich. „Rede,“ ſagte er;„Alles iſt beſſer, als der Zweifel!“ „Sie iſt fort.... in die Hände ihrer Feinde gefallen!“ „Fort!“ wiederholte Joe,„und durch meine Schuld! Ich hätte ſie keinen Augenblick verlaſſen ſollen. Fort! und wenn Maſter Harry zurückkehrt, der mir aufgetragen hat, ſie zu ſchützen, über ſie zu wachen!.... Ich werde nie mehr wagen, ihm in's Geſicht zu ſehen!“ In der Bitterkeit der erfahrenen Täuſchung be⸗ deckte er ſich das Geſicht mit den Händen, um die Thräuen zu verbergen, welche ihm unwillkürlich über die Wangen floßen. Der Khan war beinahe ebenſo niedergeſchlagen, als er ſelbſt; ſeine Bruſt ſchwoll auf; aber nach einigen Augenblicken nahm er ſeine gewöhnliche 119 Ruhe wieder an. Er legte ſeine Hand auf die Schulter ſeines Begleiters und ermahnte ihn, nicht zu verzweifeln. „Komme, was da wolle,“ ſetzte er hinzu,„ich werde ſie Ihnen zurückgeben“ „Sie?“ „Ja. Sie haben mein Verſprechen, und ich habe es noch nie gebrochen.“ Siebenzehntes Kapitel. Es gibt in London Hunderte von Leuten, die ſich Agenten betiteln, und die in großer Verlegen⸗ heit ſein würden, wenn ſie von den Geſchäften, die ſie machen, Rechenſchaft ablegen müßten. Sie kaufen und verkaufen nicht; und doch leben ſie. Die Einen nennen ſich Rechtsmänner, wiewohl ſie noch nie einen Actenſtoß gefertigt haben, die Andern ſind Wechſelmäkler und behaupten die Anweiſungen von leichtſinnigen Erben zu discontiren, ohne vielleicht nur die Mittel zu Bezahlung der Miethe ihres armſeligen Cabinets zu haben. Es iſt eine Race von Weſen, für welche die Ehre ein vergeſſenes Wort iſt, welche das Verbrechen nur im Verhältniß zu den damit verbundenen Gefahren betrachten und zu jedem Unternehmen für eine ordentliche Prämie bereit ſind. 120 Einer der berüchtigtſten dieſer Claſſe war ein Greis von ehrwürdigem Ausſehen, von dem man insgemein annahm, daß er ſich ein beträchtliches Vermögen erworben habe, wiewohl ein ehrlicher Kaufmann über die Erklärung der Mittel dazu ſehr in Verlegenheit geweſen wäre; denn William Dovids hatte weder Bücher, noch Waare, war ausnehmend ſerupulös in ſeinen Rechnungen und hatte ſich nie auf der Börſe ſehen laſſen. Die alte, taube Frau, welche ſeit mehr als dreißig Jahren ſeine Haushaltung in Clements⸗Inn beſorgte, antwortete gewöhnlich auf die Fragen neu⸗ gieriger Nachbarn, daß er nicht mehr als einen oder zwei Beſuche in der Woche empfinge. Man wußte, daß er ſehr ſelten ausging, ſchloß alſo natür⸗ lich daraus, jene Beſucher müßten gute Clienten ſein. Genügte dazu, daß man gut bezahlte, ſo täuſchte man ſich nicht ſehr darin. Der Alte ſaß an einem runden Tiſchchen in dem finſtern, kleinen Gemach, das er ſein Bureau nannte, und unterſuchte beim Scheine einer ein⸗ ſamen Lampe verſchiedene zerſtreute Papiere vor ſich, die größtentheils mit hieroglyphiſchen Zeichen bedeckt waren. Es waren Berichte von Werkzeugen, die er zu ſeinen Operationen verwendete. Neben ihm ſtand ein Mann mit Haaren ſo grob wie Roß⸗ haar und mit entſchloſſener Miene. Es war ſein vertrauter Agent, unter dem Namen Tyburn⸗Ned bekannt. „Was iſt aus dem Kinde geworden?“ fragte ſein Herr. 121 „Es iſt im Arbeitshauſe.“ „Und kein Verdacht?“ „Keiner. Ich habe Sorge getragen, ſeine Batiſt⸗ und Spitzenkleider gegen die gröbſten Lumpen zu vertauſchen.“ 4 „Gut!“ ſprach ſein Herr, ſich eine Bemerkung machend.„Die Sache iſt geordnet! Und der Capitän?“ „Auf der andern Seite des Waſſers.“ „Endlich!“ ſprach der alte David mit einem Seufzer der Genugthuung.„Dieſer Schelm hat mir mehr Saden als Gewinn gebracht. Man muß ihn wiſſen laſſen, daß er im Fall einer Rückkehr keinen Beiſtand von mir zu hoffen hat, dieſer Pfuſcher. Mag er gehenkt werden oder Hungers ſterben, ich bekümmere mich nichts darum!“ Ein Zug an der Klingel ſchnitt dieſe Bemerkungen kurz ab. „Seht, wer an der Thüre iſt; aber öffnet nicht!“ Ned ging ab und kehrte nach einigen Minuten zurück, nachdem er durch ein kleines, eiſernes, in 6 Thüre angebrachtes Gitter den Beſuch geprüft hatte. „Nun, wer iſt es?“ fragte der Alte haſtig. „Ich weiß es nicht; aber Sie würden am beſten thun, ſelbſt zu ſehen. Es iſt kein ordinärer Be⸗ ſucher; ſeinem Ausſehen nach möchte man ſagen, ein Prinz.“ „Wie iſt er gekleidet?“ „Er iſt ganz in einen großen ſpaniſchen Mantel gehüllt. An der Hand, welche den Mantel hielt, 122 um ſein beſcht zu verbergen, ſah ich einen Diamant ſo groß wie jener....“ „Schon gut,“ fiel der Agent ein, der e Zweifel nicht gern von dem Diamant reden hörte, auf welchen Ned anſpielte.„Ihr könnt ihn eintreten laſſen.“ Einige Augenblicke nachher wurde Miran⸗Hafaz in das düſtere Gemach geführt. Ned bot ihm einen Stuhl; aber ehe der Indier ſich Platz zu nehmen herbeiließ, forderte er den Alten barſch auf, ſeinen Diener zu entfernen. „Geht,“ ſprach David ſanftmüthig,„und ſorgt dafür, jene Waaren einzuſchiffen.“ Dieß war ein zwiſchen ihnen ausgemachter Gauner⸗Ausdruck, wenn Tyburn⸗Ned einem Beſucher nachgehen und über ſeine Wohnung berichten ſollte; denn Viele von Denen, welche bei dem Alten Bei⸗ ſtand ſuchten, bekümmerten ſich nicht darum, ihm Namen oder Adreſſe zu laſſen. „Jetzt, Sir,“ ſetzte er hinzu, ſobald ſie allein waren,„was iſt Ihr Begehren?“ Wäre der junge Indier des wahren Characters von dem Mann, mit dem er zu thun hatte, nicht ganz gewiß geweſen, er würde mit einer Antwort haben, ſo ehrwürdig erſchien ſein Aus⸗ ehen Name. William Davids?“ er. a „Agent?“ „General⸗Agent, zu Ihren Dienſten,“ verſetzte der Mann lächelnd. 123 „Man hat mir von Ihnen geſprochen, Mr. Davids, von Ihrer Gewandtheit, Thätigkeit, womit Sie die Geſchäfte Derer führen, welche ſich in Ihre Hände geben. Man hat mir geſagt, daß es keine Schwierigkeit gebe, die Sie nicht wegzuräumen auf ſich nehmen.“ „Vorausgeſetzt, daß die Bezahlung zu der Ge⸗ fahr und Arbeit im Verhältniß ſteht.“ „Und welche Bezahlung ſcheint Ihnen genügend, um in drei Tagen die Flucht eines Gefangenen aus Newgate zu bewerkſtelligen?“ „In drei Tagen? Die Zeit iſt ſehr kurz!“ er⸗ widerte der Agent mit nachdenklicher Miene. „Ich weiß es wohl!“ „Weſſen iſt jener Mann angeklagt?“ „Des Mordes.“ „Des Mordes!“ wiederholte langſam der Alte mit dem Ton eines Mannes, der alle Gefahren ſorgfältig erwägt.„Das wird ſchwer halten!“ „Wäre es leicht geweſen, ſo hätte ich keiner ſo erfahrenen Perſon, wie Sie, bedurft. Der Stand des Individuums, für welches ich mich intereſſire, iſt von der niedrigſten Art; aber darum handelt es ſich nicht. Vielleicht erſcheinen Ihnen die Schwierig⸗ keiten geringer, wenn Sie erfahren, daß es nur ein Mordverſuch geweſen iſt.“ „Das kommt genau auf daſſelbe heraus; das Unternehmen wird nicht allein ſehr ſchwierig, ſon⸗ dern auch ſehr koſtſpielig ſein.“ „Ich habe mich darauf gefaßt gemacht.“ „Es iſt ſo viel Gefahr dabei zu laufen!“ ſetzte der Agent hinzu, der über die Summe nachdachte, die er fordern könnte. „Ihr Preis, Sir, Ihr Preis?“ „Fünftauſend Pfund Sterling.“ Der Alte hatte nicht ſo bald dieſe Worte aus⸗ geſprochen, als er ſeine Frettchen⸗Augen auf ſeinen Beſucher heftete, indem er unruhig die Wirkung ſeiner Worte erwartete. „Die Sache iſt abgemacht,“ antwortete Miran lt. Anſtatt ſich über die Willfährigkeit ſeines Clienten zu freuen, bereute Mr. Davids bitter, ſo wenig ge⸗ fordert zu haben. „Hier iſt ein Draufgeld,“ ſprach der junge Mann, indem er eine Banknote von fünfhundert Pfund aus der Taſche zog.„Ich komme morgen Abend um dieſelbe Stunde wieder und Sie werden mir dann ſagen, was Sie ausgerichtet haben, und Ihren Plan und Ihre Mittel nennen. Finde ich die Sache thunlich, ſo erhalten Sie morgen noch fünfhundert Pfund. Die Sache iſt abgemacht?“ „Ja, Sir,“ antwortete der Agent, begierig die Banknote ergreifend, die er an das Licht hielt, um ſich zu überzeugen, daß ſie gut wäre.„Bis dahin wird mein Plan reif ſein; aber ehe ich irgend einen Schritt thue, muß ich nothwendig wiſſen, welches der ℳ N Name... „Ich glaubte, Ihnen denſelben ſchon genannt zu haben. Der Mann heißt Will Sideler.“ „Das genügt.“ „Will Sideler,“ wiederholte der alte Geizhals. 125 Eiin Lächeln der Zufriedenheit erhellte ſeine Züge. Der Abend war gut. Eeinige Clienten wie Miran⸗Hafaz hätten ihn ſchnell bereichert. Achtzehntes Kapitel. Der ſchlechteſte Gebrauch, den man von dem Menſchen machen kann, iſt ihn zu hängen. Die modernen Geſetzgeber ſcheinen allmälig zum Gefühl dieſer wichtigen Wahrheit zu gelangen. Die Kerker werden einer gewiſſen Disciplin unterworfen; man führt den Prieſter und Schulmeiſter daſebſt ein und es ſteht zu hoffen, daß ſie mit der Zeit den Kerkermeiſter unnütz machen werden. Vor dreißig Jahren gewährte Newgate einen ganz andern Anblick als heutzutage. Man geſtattete dem reichen Verbrecher, den kurzen Zeitraum, der zwiſchen Einkerkerung und Urtheilsſpruch verfloß, in der erniedrigendſten Ausſchweifung zuzubringen; Ver⸗ nunft und Gewiſſen wurden gleicherweiſe in Wein erſäuft. Der Arme dagegen fand, daß im Kerker wie in der Welt die Armuth ſein größtes Ver⸗ brechen war. Die Kerkermeiſter, welche ihr Einkommen durch den Verkauf von Bier, Branntwein und Tabak an 126 die Gefangenen beträchtlich erhöhten, ſchmeichelten denen, welche Geld hatten, bis die letzte Guinee dahin war. Die ſchlechte Behandlung, die Schläge, die Flüche wurden für die vorbehalten, welche nicht die Mittel hatten, ihre Habſucht zu befriedigen, und welche ſie als gemeine kleine Spitzbuben ohne Kühn⸗ heit und unfähig, ſich gegen die ſchlechten Tage vor⸗ zuſehen, betrachteten. Der Saal, wo die Verbrecher den Tag zubrachten, glich mehr einer„freien Geſellſchaft“, als einem Detentionsort. Singen, Spielen, Trinken war die Ordre. Die Plätze des Präſidenten und Vicepräſi⸗ denten wurden gewöhnlich von Nacht⸗ oder Straßen⸗ räubern eingenommen, deren Ruf ihnen ein Recht zu dieſen Ehrenämtern gab, denn ſelbſt das Ver⸗ brechen hat ſeine Ariſtocratie. Die Kerkermeiſter nahmen, wenn ihr Dienſt vorüber war, ſelbſt Theil an ihren Orgien; ſchmutzige Lieder und Gottes⸗ läſterungen ertönten da, wo man nur das Seufzen und Schluchzen der Reue hätte vernehmen ſollen. Es gab unter den Bewohnern von Newgate einen magern Alten, mit harten Zügen, gallichter Geſichtsfarbe, unter dem Namen Mike bekannt. Man wußte nicht recht, ob er ſeinen Urtheilsſpruch erwartete, oder ſeine Kerkerhaft abſitze. Die Kerker⸗ meiſter legten offenbar wenig Gewicht auf ſeine Perſon, denn ſie ließen ihn, ohne ein Wort zu ſagen, vom Gefängnißhof nach der Loge des Schließers gehen; er ging und kam, wie es ihm beliebte. Einige Gefangene hielten ihn für einen Spion, an⸗ dere für einen zur Ruhe geſetzten Gefängnißwärter. Jedermann kannte ihn oder ſchien ihn zu kennen; 127 der Gouverneur ſelbſt grüßte, wenn er die tägliche Runde machte, ihn zuweilen mit dem Kopf und dieß war ein Act großer Herablaſſung bei einer ſo wich⸗ tigen Perſon, welche ſelten ihre Untergebenen einer Notiznahme würdigte. Mike war ebenſo ſonderbar von Geſchmack und Manieren, als von Perſon. Im Allgemeinen ge⸗ ſprochen, vermied er mehr die Geſellſchaft, als er ſie ſuchte. In dem gemeinſchaftlichen Saal hatte er eher das Ausſehen eines Beobachters, als eines Gaſtes, und wenn es ihm je begegnete, ſich gehen zu laſſen, ſo geſchah es zu Gunſten irgend eines notoriſchen Verbrechers, welchen die Gerechtigkeit bereits dazu beſtimmt hatte, den Andern als Bei⸗ ſpiel zu dienen. Eine andere Beſonderheit war, daß alle Dienſt⸗ tage, welche zur Zeit Georgs III. die Hänge⸗Tage waren, der Alte ſich immer nur ſehr ſpät im Ge⸗ fängnißhof oder gemeinſchaftlichen Saal zeigte, und dann ſchien er noch ſchweigſamer als gewöhnlich. Im Ganzen genommen war er eines jener We⸗ ſen, die wenig menſchliche Sympathien haben; die Menſchheit ſchien ihn aus ihrem Schooße verſtoßen zu haben, gleich Kain. Er lebte allein mitten unter ſeinen Nebenmenſchen. Mike ging längs der Hofmauer in der Sonne ſpazieren, als Sideler herabkam. Ein Naſenwärmer ſteckte feſt zwiſchen ſeinen Mumienlippen, welche in regelmäßigen Zwiſchenräumen dichte Rauchwolken entſchlüpfen ließen. Während er an dieſem Mann vorbeiging, be⸗ merkte der Kaninchenwärter, daß derſelbe ihn mit 128 beſonderem Intereſſe beobachtete. Dieſes Intereſſe wurde bald ſo auffallend, daß Will ſich darüber ärgerte. „Wofür nimmt mich dieſer Dummkopf?“ brummte er zwiſchen ſeinen Zähnen.„Aber macht nichts, ich werde ſeinen Beobachtungen wohl ein Ende zu ma⸗ chen wiſſen.“ In dieſer Abſicht blieb er, als er das nächſte Mal Mike wieder begegnete, barſch ſtehen und hef⸗ tete einen drohenden Blick auf ihn, worüber der Alte mehr erfreut, als erzürnt ſchien; denn er er⸗ widerte darauf nur mit einem kalten, ſpöttiſchen und eyniſchen Lächeln. Sideler bebte; nie hatte er ein ſolches Lächeln geſehen, und unter dem bezaubernden Blick Mike's ſenkte er ſeine frechen Augen. Das auf beiden Seiten beobachtete Stillſchweigen machte dieſe Begegnung für den Kaninchenwärter noch niederdrückender, und er beſchloß, daſſelbe zu brechen. „Kennt Ihr mich?“ fragte er. „Noch nicht,“ antwortete Mike, deſſen Geſicht ſogleich ſeinen beſondern Ausdruck verlor;„aber ohne Zweifel werden wir noch nähere Bekanntſchaſt mit einander machen.“ „Ich denke nicht; ich werde nur ſehr kurze Zeit in Newgate bleiben.“ „Wahr, wahr; die Sitzungen ſind nahe.“ „Ich werde bald in Freiheit ſein.“ Mike ſchüttelte mit unglaubiger Miene den Kopf. „Ich ſage Euch,“ fuhr Sideler fort,„daß ich in Folge eines Irrthums hier bin. Ein alter Schurke 129 von einem Advocaten, der mehr Furcht als Leid dabei hatte, bildet ſich ein, ich habe ihn angegriffen und beraubt. Ich glaube, man hat ihm nie etwas geſtohlen und er hat dieſe Anklage nur erfunden, um mir Verdruß zu machen. Zum Glück kann ich ein Alibi nachweiſen. „Es iſt ſehr ſchlimm, mit Advocaten zu thun zu haben,“ ſprach Mike nach einem augenblicklichen Ueberlegen.„Ich habe noch nie Jemand davon kommen ſehen, wenn ſie einmal den Hacken nach ihm auswerfen, und Mr. Elworthy iſt famos bösartig.“ „Mr. Elworthy!“ wiederholte der Räuber er⸗ ſtaunt. „Ja, der Mann, den Ihr beſtohlen und beinahe ermordet habt, wie er wenigſtens behauptet.“ „Und wie zum Teufel wißt Ihr ſeinen Namen?“ „Ich habe ihn in der Gefangenenliſte bei dem Schließer geleſen.“ „Ihr ſeid alſo nicht Gefangener?“ „Allerdings! Aber da meine Zeit beinahe aus iſt, ſo achtet man nicht viel auf mich und läßt mich herumſtreichen, wo ich will. Man weiß wohl, daß ich keine Luſt habe, zu entwiſchen.“ Sideler hatte große Luſt dazu. Newgate behagte ihm durchaus nicht; nicht daß er den Aufenthalt allzu unangenehm fand, aber es war die Art heraus⸗ zukommen, die ihn beunruhigte. In dieſem Augenblick meldete ihm ein Kerker⸗ knecht, daß ſein Voter nach ihm frage. Sideler, der keinen Vater hatte, errieth ſogleich, daß es ſich um einen Boten von Miran⸗Hafaz handle. Er wandte ſich alſo haſtig nach ſeiner Zelle. Die Abtei Carrow. II. 9 130 Bei der Ankunft daſelbſt fand Sideler einen Greis von ehrwürdigem Ausſehen, deſſen ſtaubige Schuhe und Kleider einen langen, beſchwerlichen Marſch andeuteten. Das Geſicht des Betrügers war mit tiefen Runzeln gefurcht; einige ſilberfarbige Locken fielen auf ſeine ſonnenverbrannte Stirne. Dem Aeußern nach hätte Jedermann ihn für irgend einen einfachen Bauern genommen, deſſen Leben unter Feldarbeiten, fern von der Welt, deren Kämpfen und Leidenſchaften verlaufen war. Und doch waren es wenigſtens dreißig Jahre, daß der ſcheinheilige Schurke kein grünes Feld ge⸗ oder die Grenzen von London überſchritten atte. Dieſer Vater mit zerriſſenem Herzen, der ſich für die Gelegenheit ſo geſchickt fand, war kein An⸗ derer als Williant Davids, der Generalagent. „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief der Elende mit gut geſpieltem Schmerz, ſich dem Kaninchenwärter um den Hals werfend,„Du wirſt meine grauen Haare mit Schande bedecken, ehe ich in die Grube ſinke! Wehe! wehe!“ ſetzte er, mit Abſcheu in der Zelle herumſchauend, hinzu,„mußten wit uns nach ſo vielen Jahren der Trennung an einem ſolchen Orte wiederſehen!“ „Nach dem Begräbniß iſt es unnütz, zu weinen!“ verſetzte der Gefangene, indem er mit Mühe ſeine Lachluſt unterdrückte. „Ihr erwartetet mich?“ flüſterte David, den Kaninchenwärter an's Herz drückend. „Gut! gut!“ erwiderte Sideler in demſelben Ton. Eine der Gefängnißregeln, wiewohl ſie unregel⸗ 131 mäßig genug beobachtet wurde, verlangte, daß einer der Kerkerknechte bei den Unterhaltungen der Ge⸗ fangenen mit ihren Freunden gegenwärtig ſein ſollte. Der Mann, welcher den Agenten in die Zelle ſeines angeblichen Sohnes eingeführt hatte, zog in der Vorausſicht, daß die Zuſammenkunft ohne Zweifel langweilig ſein würde, einen Naſenwärmer aus der Taſche und begann zu rauchen. „Ich muß mit Euch allein reden,“ ſprach der Agent mit leiſer Stimme. „Soll ich unſern Genoſſen erkaufen?“ „Nein, nein.“ „Ihn Branntwein holen laſſen?“ „Das würde nichts helfen. Ich habe es gefunden! Laßt mich machen!“ „Was iſt Eure Abſicht?“ „Beten wir!“ ſagte der Elende, mit ſeinen klei⸗ nen, grauen Augen blinzelnd, woraus zu erkennen war, wie viel ihn dieſer Spaß koſtete.„Es iſt nicht Einer unter ihnen, der hier widerſtehen könnte!“ Nachdem er ſich auf die Kniee geworfen, begann der Heuchler ein langes Gebet zu Gott, damit er das Herz ſeines Sohnes rühre. Seine Worte floßen mit einer ſolchen Geläufigkeit, daß er offenbar ſeine Rolle einſtudirt haben mußte Zuerſt näherte ſich der Kerkerknecht langſam der Thüre, indem er mit gleichgültiger Miene auf den langen Gang ſchaute. Dann verwandelte ſich allmälig ſeine Gleichgültigkeit in Ungeduld, welche er dadurch bezeugte, daß er immer dickere und häufigere Rauchwolken ausſtieß und vor Langeweile ſich die Füße rieb. ————————————— 132 Der Beſucher ſchien mit ſeinem Gebet noch lang nicht fertig. ⸗ „Der Teufel hole ihn!“ brummte der Schließer; „er iſt langweiliger, als der heilige Joſeph(dieß war der Name des Hausgeiſtlichen)! Es iſt ſchon mehr als genug, ſeine Litaneien alle Sonntage an⸗ hören zu müſſen. Machen wir einmal einen Gang in dem gemeinſchaftlichen Saale und ſehen, was dort paſſirt.“ Nachdem dieſer Entſchluß gefaßt war, ſchritt er langſam durch den Corridor und über den Gefäng⸗ nißhof. Sobald Will Sideler deſſen Schritt ſich entfernen hörte, wollte er aufſtehen, aber die Hand und ein bedeutſamer Wink Davids hielten ihn noch auf den Knieen zurück: dieſer fuhr zu beten fort, indem er ſeine Stimme noch mehr erhob, bis er verſichert war, daß man ihn nicht mehr hören konnte. „Keine Ungeduld!“ ſprach er jetzt aufſtehend, „ſonſt werdet Ihr Alles verderben! Langſam und ſicher, iſt mein Wahlſpruch! Iſt dieſe Zelle die Eurige?“ „Ja.“ „Die Thüre am Ende des Gangs wird bei Nacht verriegelt?“ „Ja, und doppelt verſchloſſen.“ Der Agent dachte einen Augenblick nach; die Schwierigkeit ſchien ihn nicht ſehr zu beunruhigen, denn er ſpielte nicht mehr darauf an. „In dieſem Päckchen,“ fuhr er fort, dem Ge⸗ fangenen etwas in die Hand ſteckend,„werdet Ihr die nöthigen Werkzeuge finden. Es ſind vier Stahl⸗ 133 federn, um das Eiſen zu zerſägen: ich ſetze voraus, Ihr könnt damit umgehen?“ Der Kaninchenwärter lächelte und verbarg das Packet an ſeiner Bruſt. „Ich denke wohl!“ antwortete er. „Ich werde Euch alle Tage beſuchen, um Euch meine weitern Inſtructionen zu ertheilen. Ein Wort zur Warnung: vertraut Euch Niemand an! So lang Ihr Herr Eures Geheimniſſes bleibt, iſt es Euer Diener; vertraut Ihr es Jemand, ſo werdet Ihr ſein Sclave!“ In dem nun folgenden raſchen Geſpräche ſetzte der Agent ſeinen Plan zur Flucht des Gefangenen auseinander. Er war kühn und ausführbar. „Ihr habt mich verſtanden?“ fragte er.— „Vollkommen.“ „Und Ihr ſeid Eures Muths gewiß?“ „Bis zum Galgen,“ verſetzte der Verbrecher mit der Miene frechen Trotzes. Mr. Davids betrachtete ihn mit Verwunderung. Wie die meiſten Leute, welche in Ermanglung phy⸗ ſiſchen Puhe auf Liſt und Kunſtgriffe zählen, um zu ihrem Zweck zu gelangen, hatte er großen Reſpect vor roher Kraft. hr müßt viele Freunde haben?“ ſagte er. Der Kaninchenwärter nickte mit dem Kopfe. und reiche Freunde?“ „Ja, gewiß; und Freunde, die mich ſo ſehr lieben, daß ſie mich allein nicht hängen laſſen würden!“ Eine Art von Gluckſen, womit dieſe Bemerkung auf⸗ genommen wurde, belehrte Sideler, daß tieſelie in ihrem gehörigen Verthe erkannt wurde. 134 Als der Schließer nach einer Abweſenheit von beinahe einer Stunde in die Zelle zurückkehrte, fand er den angeblichen Vater und Sohn, ſich an der Hand haltend, neben einander ſitzen. Sie hatten ſeine ſchweren Schritte auf dem Gang gehört und dieſes Tableau abſichtlich veranſtaltet. Sie hatten beide Geſchmack am Maleriſchen. „Es iſt Zeit zum Gehen!“ ſprach der Kerker⸗ knecht. Der Greis ſchien von Schmerz niedergebeugt und machte, nachdem er den Gefangenen gottesfürchtig zur Reue ermahnt hatte, ſich fertig, ſeinem Führer zu folgen. „Nehmt meinen Arm,“ ſagte dieſer, ungeduldig werdend und vielleicht eine zweite Homilie befürchtend. Dieſes Anerbieten wurde mit demüthiger Dank⸗ ſagung angenommen und an der Kerkerthüre durch eine halbe Guinee belohnt, welche der Agent in die Hand des Beſchließers gleiten ließ. „Hm!“ ſagte dieſer;„recht betrachtet, iſt das kein übles Geſchäft, nur könnte die Predigt weniger lang ſein.“ „ —— Am Ende der zweiten Tagereiſe fuhr der Wagen von Lady Mowbray mit Ellen und ihren beiden Neunzehntes Kapitel. Hüterinnen in die ſchattige Allee des Parks von 135 Carrow ein und hielt vor der verlaſſenen Abtei. Alle Läden waren geſchloſſen; kein äußeres Zeichen kündigte an, daß ſie bewohnt war. Die Waiſe ſtieß einen tiefen Seufzer aus und verbarg das Geſicht in den Händen, um den Anblick der Thränen zu verbergen, welche ihre Wangen be⸗ netzten, als ſie ihre erſte Ankunft an dieſem Ort mit ihrer gegenwärtigen Reiſe verglich. Es fand ſich dießmal zu ihrem Empfang weder eine gute Mrs. Jarmy, noch der treffliche Sir William; ſie bekam einen Schauder, als ſie in den großen Saal trat. Es ſchien dem armen Mädchen, als habe ſie eben die Schwelle ihres Grabes überſchritten. Die Aya und zwei männliche Domeſtiken, in welche Lady Mowbray völliges Vertrauen ſetzte, waren die einzigen Bewohner der Abtei. Die bronzirte Wange Zara's wurde noch dunkler, als ihre Augen dem vorwurfsvollen Blick ihres Mädchens begegneten, das ſie zu fragen ſchien, ob das der verdiente Dank dafür wäre, daß ſie ihr in der Nacht ihrer Flucht von Cromwell⸗Houſe das Leben gerettet hatte. Trotz ihrer Apathie wurde die Indierin gerührt. „Sie kennt mich noch nicht,“ murmelte ſie. Waren dieſe Worte das Reſultat einer plötz⸗ lichen Reue, oder hatte die Aya den Beſchluß gefaßt, die, welche ſie ſo grauſam bisher verfolgt hatte, zu beſchützen? Die Zukunft wird das lehren. Die Gefangene(denn die Waiſe war in den Händen ihrer Verfolgerin nichts Anderes) wurde in das Zimmer, das ſie ſonſt bewohnt hatte, am Ende der Bildergallerie geführt. 136 „Hier iſt Ihr Zimmer,“ ſprach ihre Tante in anmaßendem Ton;„Sie werden daſſelbe nicht ver⸗ laſſen, als bis Sie Ihrer ſchmählichen Liebe zu jenem Henry entſagen, als bis Sie den Wünſchen Ihres Vormundes nachgeben!“ 1n „Ich werde es bälder verlaſſen!“ „Und wann denn?“ „Wenn man mich fortführt, um mich in der Gruft beizuſetzen, wo jetzt der ruht, deſſen Arm mich nicht mehr vertheidigen kann. Wenn es den Seelen der Verſtorbenen erlaubt iſt, an denen Theil zu nehmen, welche ſie im Leben geliebt haben, ſo bin ich überzeugt, daß mein Oheim in dieſem Augenblick ſich über meine Leiden betrübt. Es liegt Kraft und Troſt für mich in dieſer Ueberzeugung!“ Lady Mowbray wurde blaß wie der Tod und ihre Züge verzerrten ſich vor Wuth, als ſie ſich von derjenigen Trotz geboten ſah, welche ſie noch als Kind betrachtete. Die ſchlechten Leidenſchaften ihrer rachſüchtigen Natur entzündeten ſich, ihr Stolz wurde jetzt in den Kampf hineingezogen und ſie ſchwur in ihrem Herzen, keine menſchliche Gewalt ſollte ſie an dem Abſchluß von Ellens Vereinigung mit Miran⸗ Hafaz hindern. Sie war in dieſem Augenblick ſo heftig gegen ihre NRichte aufgebracht, daß ſie den Arm erhob, ſie zu ſchlagen. Beim Anblick dieſer Beſchimpfung trat Zara, die bisher unempfindlich geblieben war, in's Mittel; ſie konnte wohl ein Complott gegen das Glück ihres Kindes anzetteln, es ſelbſt zerſtören: aber ſie konnte nicht zugeben, daß ein Anderer ſich Gewaltthätig⸗ keiten gegen ſie erlaubte.. * 137 „Zurück!“ rief ſie ruhig und entſchloſſen;„das Kind, welches mein Buſen genährt hat, iſt kein Sclave!.... Fürchten Sie nichts, Ellen!“ ſetzte ſie mit leicht bewegter Stimme hinzu;„ich bin hier, Sie zu ſchützen; ſo lang mir ein Lebensathem bleibt, wird dieſe entwürdigte Frau Ihnen nichts zu Leide thun!“ „Entwürdigt!“ wiederholte Lady Mowbray wü⸗ thend und gekränkt;„iſt das wohl die Dienerin von Miran⸗Hafaz, die mit mir redet?“ „Wir ſind beide ſeine Dienerinnen, weil er uns beide zahlt. Ich habe zum Lohn freundliche Worte, Blicke der Zuneigung, das Vertrauen, welches er in mich ſetzt, und das Glück, das ich empfinde, ihm zu dienen; er achtet mich! Was Sie betrifft, ſo iſt Ihr Gehalt das Gold, welches ſeine Hand an Sie verſchwendet, und die Diamanten, welche Sie ſchmücken! Glauben Sie mir, unſer Herr kennt den Werth un⸗ ſerer Dienſte; mich achtet er, Sie verachtet er!“ „Werft mir dieſes Weib vor die Thüre!“ rief Lady Mowbray, außer ſich vor Raſerei über Zara's bittere Sarcasmen. „Die beiden Wärterinnen traten näher, um das eben empfangene Gebot zu vollziehen; aber ſo gewohnt ſie auch an Kämpfe mit ihren Kranken, ſo ſtark und muthig ſie ſein mochten, waren ſie nichts als Kinder für die muskelkräftige Zara, welche ſie kalt zurück⸗ ſtieß, wie eine Tigerin die läſtigen Angriffe zweier Wölfe zurückſtoßen würde. „Das iſt keine Frau!“ ſprach die Eine von ihnen. „Sie hat eine eiſerne Fauſt!“ ſetzte die Andere ₰ 138 hinzu, ſich die Schulter reibend, auf welche Zara ihre Hand gelegt hatte. „Geht!“ ſchrie Lady Mowbray,„ruft die Diener. Dieſes freche Geſchöpf ſoll die Abtei verlaſſen, oder ich werde ſelbſt fortgehen!“ „Thun Sie, was Sie wollen,“ verſetzte Zara, ihr einen Blick der Verachtung zuwerfend,„ich bleibe hier! Der Zorn hat Sie wahnſinnig gemacht; das iſt die Wirkung, welche er auf alle ſchwachen Köpfe hervorbringt. Setzen Sie einen Augenblick den Fall, es gelänge Ihnen, mich von meinem Kinde zu ent⸗ fernen, ſo dürfte ich nur in das Dorf laufen und dort erklären, die Nichte des verſtorbenen Baronets werde von der Frau Oberſt Mowbray in der Abtei gefangen gehalten und ſei wie ein Waarenballen an Miran⸗Hafaz verkauft worden. Mehr als hundert Arme würden ſich zu ihrer Vertheidigung darbieten; man würde Sie gleich einer Ausſätzigen von hier verjagen und Ellen befreien! Aber was hilft es, Worte zu verſchleudern? Bis zur Ankunft des künf⸗ tigen Gatten von Miß de Vere bin ich deren Vor⸗ münderin! Weder Sie, noch die Furien, die Sie in Ihren Dienſt genommen haben, werden die ge⸗ ringſte Autorität über ſie ausüben!“ Lady Mowbray und die beiden Wärterinnen ver⸗ ließen mit wüthender Miene das Zimmer. Sie hatten ſich kaum entfernt, als Ellen auf die Aya zutrat. „Ich kann Dir nicht danken,“ ſagte ſie,„und doch bin ich erkenntlich für den Schutz, den Du mir gewährt haſt. O Zara! warum nicht fortfahren auf dem Weg der Reue und Tugend? Rette mich vor 139 5 Miran und ſeiner verderblichen Liebe! Rette mich, und die Vergangenheit ſoll für mich nichts als ein wüſter Traum ſein! Rette mich, und ich werde Dich ſegnen!“ Die Indierin ſetzte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, auf eine Beuge Kiſſen. „Wird Dich Mitleid, wird Dich die Liebe zu dem Kinde, das Du genährt haſt, nicht rühren? Wird die Rückkehr meiner Zärtlichkeit nicht Mirans Zorn erſetzen, um von dem Beifall Deines Gewiſſens nichts zu ſagen?“ „Laſſen Sie mich!“ murmelte Zara mit rauher Stimme. Die Indierin hatte ihr Wort gegeben. Sie wollte lieber ſterben, als daſſelbe brechen. Ellen zog ſich an das Fenſter zurück, wie um in den Park zu ſehen, in Wirklichkeit aber, um ihre Thränen zu verbergen. „Gott helfe mir!“ dachte ſie,„meine letzte Hoff⸗ nung iſt verſchwunden!“ Am andern Morgen in früher Stunde verſam⸗ melte ſich die Dienerſchaft in ihrem gemeinſchaftlichen Saale. Sie ſahen alle verwirrt aus. Jeder hatte eine Geſchichte von der außerordentlichen Art und Weiſe zu erzählen, wie er in der Nacht beunruhigt worden war. Es ſchien, ſie hatten, erſchreckt durch ein Geräuſch ſchwerer Schritte auf dem langen und finſtern Cor⸗ ridor, auf welchen ihre Zimmerthüren gingen, einen furchtſamen Blick hinausgeworfen und eine phan⸗ taſtiſche Perſon wahrgenommen, welche mit Blättern . 140 und Blumen um den Kopf daſelbſt auf⸗ und ab⸗ ſpazierte. Einer der Diener behauptete, das Geſpenſt habe von Blut geſprochen; er hatte deutlich dieſes Wort gehört. Die Erzählung der beiden Wärterinnen war noch erſchreckender; der geheimnißvolle Beſucher war in ihr Zimmer getreten, wiewohl ſie ihrer Ausſage nach die Thüre verſchloſſen und ben Schlüſſel doppelt umgedreht hatten; und zu wiederholten Malen hatte er ihnen ein Zeichen gemacht, ihm zu folgen. Sie redeten ſogar davon, die Abtei zu verlaſſen: ihre Nerven könnten dergleichen Scenen nicht ertragen. „Was mich betrifft,“ nahm Thomas, der Diener, der das Wort Blut gehört hatte, wieder das Wort, „ich werde, ſoviel ich Reſpect für Mylady habe, die einen vertrauten Diener zu ſchätzen weiß, fortgehen!“ Sein Genoſſe ſchwieg ſtill; vielleicht dachte er mehr an den verſprochenen Lohn. Dieſen Augenblick ließ ſich die Klingel aus Lady Mowbray's Zimmer heftig vernehmen. Dieſe Dame ſchlief in dem jüngſt noch von dem verſtorbenen Baronet bewohnten Zimmer. Man zauderte, darauf zu antworten. „Gott ſegne uns!“ ſagte eine der Wärterinnen, „das iſt vielleicht das ſchwarzbraune Weib, das ſie erwürgt!“ „Boshaft genug iſt ſie dazu!“ verſetzte die andere. Dieſe Vorausſetzung, welche mehr als wahrſchein⸗ lich erſchien, brachte ſie zur Entſcheidung. 4 Alle vier ſtürzten ſich in Maſſe nach der Zimmer⸗ thüre von Lady Mowbray; einer allein wäre nicht 141 hingegangen. Ein dritter Anſchlag der Klingel ließ ſich im Augenblick hören, da ſie im Corridor an⸗ kamen. Barbara Botch, die älteſte der beiden Frauen, klopfte mit einem Muth, der ohne Zweifel aus dem Morgenkelch, den ſie eben getrunken hatte, geſchöpft war, an die Thüre. „Herein!“ rief eine Stimme. „Ich kann nicht, Mylady,“ erwiderte die Frau, an dem Schloſſe zerrend;„der Riegel iſt vorgeſchoben!“ Man hörte den Riegel zurückſchieben, und die beiden Wärterinnen traten in das Zimmer. Sie fanden Lady Mowbray ganz beſtürzt, in ihrem Bette ſitzend, das Geſicht leichenblaß, mit ſtarren Augen um ſich ſchauend. „Durchſucht das Zimmer!“ ſagte ſie mit erſter⸗ bender Stimme,„es iſt Jemand hier verborgen!“ Die Frauen gehorchten; ſie vergaßen nicht einen Schubladenſchrank; aber ſie ſahen Niemand. Sie ſchauten ſich ſtillſchweigend an. Die Fenſter waren geſchloſſen, und es ſchien keinen andern Ausgang hier zu geben, als die Thüre, durch welche ſie einge⸗ treten waren. „Es iſt Niemand da,“ ſagte Barbara Botch. „Hat Madame ihn geſehen?“ „Geſehen, wen?“ „Einen Greis, der ganz friſch aus dem Grabe gekommen ſchien, ſo blaß waren ſeine Züge. Um den Kopf trägt et einen Kranz von Blumen und Blättern. Wir ſind beinahe wahnſinnig darüber geworden. Ich bin überzeugt, es geht ein Geiſt im Hauſe.“ 142 „Ein Geiſt!“ wiederholte Lady Mowbray;„Ihr ſeid lächerlich! Das Individuum, das Ihr eben beſchreibt, iſt ſicherlich in mein Zimmer gekommen und da geblieben, um zn den Füßen meines Bettes zu ſeufzen. Er hatte ſelbſt die Frechheit, an die Decke zu greifen, als wollte er mich wecken, und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen; aber es war ganz gewiß eine lebende Perſon!“ Die beiden Wächterinnen ſchüttelten mit ungläu⸗ biger Miene den Kopf. „Wie hätte er hereinkommen können, Mylady?“ fragte Barbara. „Oder wie hinauskommen?“ ſetzte ihre Genoſſin hinzu.„Der Riegel war vorgeſchoben, als wir klopften, und die Fenſter ſind noch geſchloſſen.“ Dieß wollte Lady Mowbray gerade wiſſen. Sie zog alſo ſchnell einen Nachtrock an, ſtand auf und unterſuchte alle Theile des Gemachs. Kicht zufrieden, die Schränke und Schubladen zu unterſuchen, forſchte ſie ſelbſt an den Wänden. Sie ſchienen feſt. „Das iſt unerklärlich!“ murmelte ſie mit ärger⸗ licher Miene. Die beiden Frauen fanden es ſchrecklich. „Ich werde mein Zimmer wechſeln!“ ſetzte Lady Mowbray nach einigem Nachdenken hinzu. Ihre Begleiterinnen dachten, dieß würde unnütz ſein; ſie erzählten, wie ſie durch dieſelbe Erſcheinung in der Nacht erſchreckt worden waren und ſchloßen mit der Aeußerung des Verlangens, die Abtei zu verlaſſen. Es bedurfte aller Vernunftgründe von Seiten 143 ihrer Gebieterin, unterſtützt durch das Verſprechen guten Lohnes, um ſie zum Bleiben zu beſtimmen. Lady Mowbray, auf welche das Abenteuer größeren Eindruck gemacht hatte, als ſie ſelbſt ge⸗ ſtehen wollte, behielt unter dem Vorwand, ihr beim Ankleiden behülflich zu ſein, dieſelben bei ſich. Sie wünſchte von ganzem Herzen die Ankunft von dem Oberſt und Miran⸗Hafaz herbei, überzeugt, eine zweite ſolche Nacht würde alle männlichen und weib⸗ lichen Domeſtiken in die Flucht jagen, worauf ſie mit Ellen und der Aya, zu der ſie kein Vertrauen hatte, allein bliebe. Auf ihren Befehl wurden die Thüren ſorgfältig verſchloſſen. Sie verbot, irgend ein Fenſter zu öff⸗ nen, damit wenn ein Dorfbewohner etwa durch den Park ginge, er nicht auf den Verdacht gerathe, die Abtei ſei bewohnt. Die Vorſicht war unnütz, denn ſeit der Ermordung von Sir William kam Riemand gern in deren Nähe. Ellen, welche ihre traurigen Gedanken am Schla⸗ fen verhindert hatten, war gleichfalls mit einem Beſuch begünſtigt worden. Dieſelbe Perſon war ihr am Fuß ihres Bettes erſchienen, Seufzer ausſtoßend und ſie auffordernd, ihr zu folgen. Anfangs glaubte ſie, ihre Phantaſie habe ihr einen jener Streiche ge⸗ ſpielt, welche gewöhnlich die ſchlummernde Vernunft berücken. Erſt nach dem Verſchwinden des Geſpen⸗ ſtes meinte ſie in demſelben Aehnlichkeit mit dem alten Martin zu finden. Sie machte ſich dann bit⸗ tere Vorwürfe, ſeiner ſtummen Einladung nicht ge⸗ folgt zu ſein; ſie hätte vielleicht ihre Freiheit damit gewonnen. 144 Zu ihrem großen Erſtaunen hatte die Aya, deren Schlaf gewöhnlich ſo leicht war, daß ein Windhauch ihn ſtören konnte, ſich nicht gerührt. Man hätte ſagen können, ein Zauber laſte auf ihr. Beim Schein des Mondes, der einen Theil des alten getäfelten Zimmers erleuchtete, ſah die Waiſe etwas auf dem Boden am Fuße der aufgehäuften Kiſſen, worauf ihre treuloſe Amme ruhte, liegen. Sie erkannte den langen geſtählten Dolch, den Zara gewöhnlich, wie die meiſten ihrer Landsleute trug. Heimlich ihr Bett verlaſſen und ſich deſſelben zu bemächtigen, war das Werk eines Augenblicks. Die Waiſe war kaum im Beſitz dieſer Waffe, als eine erſchreckende Ruhe, ähnlich der Ruhe des Todes, über ſie kam. Sie fühlte, daß ſie jetzt Her⸗ rin ihrer ſelbſt und ihres Schickſals wärc. Es ſtand nicht mehr in der Gewalt ihrer Feinde, ſie dem geſchworenen Wort untreu zu machen; ſelbſt der Gedanke an Miran⸗Hafaz war ihr nicht mehr ſo ſchrecklich. Nachdem ſie ſorgfältig das Inſtrument in ihr Taſchentuch gehüllt hatte, verbarg ſie es an ihrem Buſen, entſchloſſen, ſich eher das Herz zu durch⸗ bohren, als jemals einem Andern, denn Henry Aſhton die Hand zu reichen. 7 Die Bewohner der Farm waren traurig verän⸗ dert. Matthäus Aſhton führte zwar noch den Pflug und beſäete noch ſeine Felder; das Glück begünſtigte ihn immer, aber ſein Herz war gedrückt. Es kam ihm vor, als ob ſeine Arbeiten keinen Zweck mehr hätten. Was ſeine Frau betraf, ſo war ſie noch 145 mehr verändert, als ihr Gatte. Ihre Gemüthsſtim⸗ mung war bitter, verdrießlich, mürriſch geworden. Ihre Milchwirthſchaft, ſonſt das Muſter für alle Pächterinnen der Nachbarſchaft, wurde vernachläſſigt, ihre Butter nahm nicht mehr den erſten Rang auf dem Markte ein. „Was hilft das Arbeiten, wenn man dem Grab ſo nahe iſt?“ ſagte ſie.„Niemals kehrt Harry wieder, uns zu beſuchen.“ Dieſe Worte wurden gewöhnlich an ihren Mann gerichtet, der ſich begnügte, ein wenig ſtärker zu rauchen. Am Morgen nach der Scene der Verwirrung, deren Schauplatz die Abtei Carrow geweſen war, ſaßen die alten Eheleute in ihrem kleinen Salon beim Frühſtück, als einer der Diener eintrat, um zu melden, der Küſter des Kirchſpiels wünſche Mr. Matthäus zu ſprechen. „Der Küſter!“ rief die Frau übellaunig;„was kann er wollen? wir haben keinen Todten im Haus! Schick ihn wieder fort!“ Ihr Gatte war anderer Meinung und befahl, den ercentriſchen Alten hereinzuführen. Seine Neu⸗ gierde war erregt. Es war etwas Beſonderes, daß Chettleborough Jemand einen Beſuch machte! Man traf ihn ſelten außerhalb der Ringmauer des Kirch⸗ hofes; es ſchien ihm überall ſonſt nicht wohl zu ſein! Er kannte die Grabſteine viel beſſer als ſeine Nachbarn, und zog ſie ohne Zweifel dieſen auch vor. Beim Anblick des großen und magern, in das Zimmer tretenden Todtengräbers ſagte Mrs. Aſhton Die Abtei Carrow. III. 10 146 bei ſich ſelbſt, ſie habe niemals ein häßlicheres In⸗ dividuum geſehen. „Ich mache Ihnen einen Beſuch, Farmer,“ ſagte er,„weil es mir nicht recht wohl iſt!“ „Wündet Ihr nicht beſſer daran thun, Euch an den Doctor zu wenden?“ verſetzte die Frau. „Du haſt ihn nicht verſtanden,“ ſprach ihr Mann. „Es iſt irgend etwas vorgefallen, was ihn beun⸗ ruhigt.“ „Er ſieht auch ſo ſchauderhaft aus,“ dachte die Alte,„als wenn ihm ein Geſpenſt begegnet wäre. Und doch ſollte er jetzt daran gewöhnt ſein!“ Unſere Leſer werden wiſſen, daß er in einer Ecke des Kirchhofs wohnte. „Was iſt geſchehen, Meiſter Küſter?“ fragte der Farmer;„etwas in Bezug auf den armen alten Martin?“ Chettleborough nickte mit dem Kopfe. „Redet, Mann!“ „Ich kann nicht!“ „Warum nicht?“ Chettleborough war ungalant genug, mit dem Finger auf die Pächterin zu deuten. „Ich rede' nie vor Weibern!“ ſagte er. „Unſere Leſerinnen werden ſicherlich zugeben, daß dieß mehr war, als dazu gehört hätte, um die Geduld und Stimmung der liebenswürdigſten ihres Geſchlechts auf die Probe zu ſtellen. Das will jedoch nicht ſagen, daß Mrs. Afhton genau ein Recht auf dieſen Titel hatte, denn ſie brummte einige Worte, unter welchen man nur die: alter Bär! deutlich verſtand. 147 Der Farmer nahm ſeinen Hut und forderte den Küſter auf, ihm in den kleinen Garten, der die Vorderſeite des Hauſes ſchmückte, zu folgen. Sobald ſie unter einem Maulbeerbaum angekommen waren, an deſſen Fuß ſich eine Reihe Bienenſtöcke befand, blieb Chettleborough ſtehen. „Sir William iſt todt,“ ſprach er,„der Rector abweſend, Maſter Harry und Joe Beans ſind Gott weiß wohin gegangen; ich muß alſo Ihnen, als dem klügſten Mann des Kirchſpiels, ſagen, daß Fremde in der Abtei ſind!“ „Geht doch!“ rief Matthäus Aſhton. „Der alte Martin hat ſie geſehen!“ „Wie könnte er hineingekommen ſein?“ „Damit hat es keine Mühe. Schon vielmal iſt er fortgegangen, aber ich beunruhigte mich deßhalb nicht, weil ich wußte, wo er war. Aber dieſen WMorgen iſt er nach einer längern Abweſenheit als gewöhnlich zurückgekehrt, und ſeitdem redet er von Nichts als Miß Ellen und einer ſchwärzen Frau! lauben Sie mir, Farmer, ich täuſche mich nicht, es gehen unrechte Dinge in der Abtei vor!“ „Man muß darüber wachen,“ ſprach der Oheim unſeres Helden nach augenblicklicher Ueberlegung. „Iſt Miß Ellen im Herrenhaus, ſo iſt irgend eine Riederträchtigkeit im Anmarſch.... Man muß darüber wachen!“ 148 Zwanzigſtes Kapitel. Der Kaninchenwärter verwendete den größten Theil der auf den Beſuch des argliſtigen Agenten von Miran⸗Hafaz folgenden Nacht dazu, den Riegel ſeines Schloſſes zu durchſägen. Als der Tag an⸗ brach, war er beinahe mit der Hälfte ſeiner Aufgabe fertig. Wiewohl er keine große Gefahr lief, entdeckt zu werden(man konnte keine Spur der Operation wahr⸗ nehmen, wenn die Thüre geöffnet war), hielt der Gefangene es doch für klug, den ganzen Tag unter dem Vorwand von Unpäßlichkeit in ſeiner Zelle zu bleiben, um ſich auf jeden Fall ſicher zu ſtellen. Es war kaum einige Minuten Tag, als einer der Kerkerknechte in Begleitung des Agenten von Miran⸗Hafaz ankam. Will empfing den vorgeblichen Verwandten mit großem Eifer und das gottloſe Poſſenſpiel des Gebets wurde mit demſelben Erfolg wie Tags zuvor wiederholt. „Wie iſt es Euch gelungen?“ fragte Mr. Davids mit leiſer Stimme. „Vollkommen; das Schloß iſt halb durchſägt.“ „Es muß bis morgen Abend ganz geſchehen ſein, denn ich habe Eurem Freund verſprochen, daß Ihr vor dem Morgen frei ſein ſolltet.“ „Ich werde Oel brauchen.“ Der vorſorgliche Davids gab ihm ein Fläſch⸗ chen mit vier Unzen. „Leſit das Papier, worein es gewickelt iſt,“ ſetzte er hinzu, während der Kaninchenwärter es an ſeiner 149 Bruſt verbarg.„Ihr werdet darauf Eure Inſtruc⸗ tionkn finden; Ihr müßt ſie buchſtäblich befolgen, und erinnert Euch, daß Ihr Eure Zelle nicht ver⸗ laſſen könnt, ehe der Gouverneur ſeine Runde ge⸗ macht hat, was gewöhnlich um elf Uhr ſtattfindet. „Ich verſtehe.“ „Wie viel glaubt Ihr Zeit zu brauchen, um die Fenſterſtangen zu durchſägen?“ „Eine Stunde wenigſtens.“ Nach wenigen Minuten Ueberlegung ſagte ihm der achtbare Mr. Davids, ſobald es auf der nahen Kirche ein Uhr ſchlüge, werde von ſeinen Freunden draußen ein Knäuel Bindfaden in den Hof gewor⸗ fen werden, vermittelſt deſſelben müſſe der Gefangene eine Strickleiter an ſich ziehen und nach dieſem werde die Aufgabe leicht ſein. Während der betrübte Alte, nachdem er von ſei⸗ nem vorgeblichen Sohn Abſchied genommen hatte, über den Gefängnißhof in Begleitung des Kerker⸗ knechts ſchritt, begegnete er Mike, deſſen funkelnde Augen ein ſchnelles Verſtändniß von der Sache zu verrathen ſchienen. Doch war er zu verſchlagen, um eine Frage zu machen, ehe der Gegenſtand ſeiner Neugierde draußen vor Newgate war. Aber am Abend, da er ſeine Pfeife in der Loge des Schließers rauchte, fragte er denſelben Kerker⸗ knecht, wer der Alte wäre, den er begleitet hätte. „Der Vater eines Gefangenen,“ antwortete der Kerkerknecht nachläſſig. „Sidelers?“ ſetzte Mike hinzu. Der Kerkerknecht nickte mit dem Kopf. „Hat er ihn oft beſucht?“ 150⁰ „Zweimal, geſtern und heute.“ „Ihr ſeid ohne Zweifel die ganze Zeit m Vorſchrift in der Zelle geblieben?“ „Allerdings.“ „ Der Kerkerknecht wußte wohl, daß er log, wollte es aber nicht ſagen. „Ihr ſolltet ihn predigen hören,“ ſetzte er hinzu. „Habt Ihr ihn gehört?“ „Wie wüßte ich es ſonſt?“ Das war genug; Mike machte keine Frage wei⸗ ter. Er hatte Davids trotz ſeiner Verkleidung er⸗ kannt, denn ſie hatten mehr als ein Geſchäft zuſam⸗ men gemacht. Er wußte, daß ſeine Verwandtſchaft mit dem Kaninchenwärter nur eine Erdichtung war, und es fiel ihm nicht ſchwer, den Beweggrund ſei⸗ ner Beſuche zu errathen. „Nein, nein,“ ſprach er bei ſich,„ich habe geſagt, der Dummkopf würde gehängt werden, und er ſoll es auch ſein! Kein Entwiſchen! Aber ich muß Wache halten; zum Glück kann ich es! Er ent⸗ wiſchen! Geht doch! Ich will ihn lehren, was es heißt, mich zu beſchimpfen!“ Es kam vielleicht noch etwas Anderes in Be⸗ tracht. Sidelers Flucht hätte ſeinen Freund, den Henker, um zehn Guineen gebracht, und er intereſ⸗ ſirte ſich lebhaft für den Wohlſtand des liebenswür⸗ digen Mat Cowls. Dieſe Nacht, wie die vergangene, beſchäftigte ſich der Kaninchenwärter damit, das Schloß an ſeiner Thüre zu durchſägen. 151 Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Gouverneur von Newgate hatte ſeine ge⸗ wöhnliche Runde gemacht und Alles war ruhig im Kerker, als Will Sideler, der mit dem Durchfägen des Schloſſes fertig geworden war, barfuß den Cor⸗ ridor hinabſchlüpfte, deſſen Thüre feſt verriegelt war. Nach mehreren vergeblichen Verſuchen gelang es endlich dem Räuber, ſich zu der vergitterten Heff⸗ nung emporzuſchwingen, wo er nothwendig hinaus mußte, um in den Hof zu gelangen. Zum Glück für ihn hatte der Roſt bereits die Riegel angefreſſen, und es bedurfte nur kurze Zeit, ſie zu durchſägen. An der andern Seite der Thüre ſtand ein Mann, mit dem Ohr an dem Schloß, gierig auf das ge⸗ ringſte Geräuſch horchend. Beim Angreifen der Riegel über ſeinem Kopfe verurſachten die ſcharfen Zähne der Säge eine Art dumpfen Pfeifens, wel⸗ ches der Horcher mit einem ebenſo dumpfen Gluckſen beantwortete. Braucht noch bemerkt zu werden, daß es Nie⸗ mand anders, als Mike war, der wie ein Spürhund wachte? „Säge! Säge!“ murmelte er,„Du wirſt mir nicht entrinnen. Das wird köſtlich ſein,“ ſetzte er mit wilder Freude hinzu,„ihm in die Augen zu ſchauen, wenn er wirklich weiß, wer ich bin! Aber ich will ihm jetzt noch nicht über den Hals kommen Im Augenblick des Entwiſchens, wenn ſein 152 Herz von Hoffnung ſchlägt, da iſt meine Stunde ge⸗ kommen!“ Es lag ein teufliſches Raffinement in der Schluß⸗ folgerung des Alten. Sein einſiedleriſches Daſein hatte ihm einen gewiſſen Anſtrich philoſophiſchen Witzes und beinahe poetiſcher Empfindungen gegeben. Nachdem er eine Piſtole aus der Bruſttaſche ge⸗ zogen hatte, um zu ſehen, ob das Zündkraut in gutem Stande wäre, entfernte ſich Mike geräuſchlos, ſchritt über den Hof und ſtellte ſich in einem von der Mauer des gemeinſchaftlichen Saales und der des Kerkers gebildeten Winkel auf. Der Mond be⸗ leuchtete die Steinplatten ſo hell, daß nicht eine Ratte hätte vorübergehen können, ohne von ihm ge⸗ ſehen zu werden, während der tiefe Schatten des Ortes, wo er ſtand, ihn vor jeder Beobachtung ſicher ſtellte. Während er in dieſem Winkel niedergekauert war, gleich einem Tiger, der auf den Augenblick zum Anſprung wartet, ſchlug es auf der benachbar⸗ ten Kirche drei Viertel auf ein Uhr. Einige Minuten ſpäter ſchritt der Kaninchenwär⸗ ter über den Hof der Mauer zu. Er hatte ſeine Schuhe an einem in einen Strick zuſammengewickel⸗ ten Taſchentuch um den Hals hängen. „Es wundert mich nur,“ ſprach Mike bei ſich, „wie er darauf rechnen kann, über die Mauer zu kommen? Bildet ſich der Dummkopf ein, darüber hinwegfliegen zu können? Was thut er jetzt? Es iſt noch zu bald zum Beten!“ Der Räuber hatte ein Knie auf die Erde geſetzt, um ſeine Schuhe wieder anzuziehen; daher die Ver⸗ 153 muthung von Seiten des verborgenen Zeugen ſeiner Handlungen. Der Alte brauchte nicht lang zu warten, denn im Augenblick, wo der Kaninchenwärter ſich erhob, ſchlug es ein Uhr. Der letzte Nachklang war kaum erloſchen, als ein Knäuel, in Papier eingewickelt, um das Geräuſch des Falls zu dämpfen, über die. Mauer geworfen wurde. Ein Bindfaden war daran geknüpft. Der Spion lächelte. Er ſah die Beſtätigung ſeines Verdachts; der Gefangene hatte Mitſchuldige. Sideler begann an dem Bindfaden zu ziehen und hatte bald ein ſtarkes, mit Knoten beſetztes Seil. vor ſich. Nachdem er wiederholt daran gezogen hatte, um ſich zu verſichern, daß es feſt angebunden war, be⸗ gann der Gefangene zu ſteigen. Er hatte ſich eben von der Erde erhoben, als eine kalte, klebrige Hand ihn am Hals packte und eine flüſternde Stimme ihm herabzuſteigen gebot. Den Augenblick nachher ſtand Sideler vor Mike, der ihn noch immer am Hals hielt und mit einer Piſtole bedrohte. „Milke!“ ſtammelte der Kaninchenwärter,„ſeid Ihr es?“ „Meiner Treu! ich denke wohl,“ erwiderte der Alte in ſpöttiſchem Ton. „Ihr wollt mich doch gewiß nicht hier zurück⸗ halten?“ „Allerdings.“. „Ich glaubte, wir wären Freunde?“ „Wir ſind es auch und ſo ſehr, daß ich . 154 mich nicht entſchließen kann, Euch zu verlieren. Oſſen geſprochen, ich muß Euch nur ſagen, daß Ihr mir gegenüber ſehr ſchlecht gehandelt habt!“ „Sehr ſchlecht gehandelt?“ „Ja.... Ihr wollt mich berauben!“ „Euch berauben?“ wiederholte der Kaninchen⸗ wärter, immer mehr myſtificirt;„ich verſtehe Euch nicht.“ „Ihr werdet mich dald verſtehen.“ „Wie könntet Ihr durch mein Entwiſchen zu Schaden kommen?“ „Es würde mir einen Verluſt von zehn Guineen bringen.... um von dem Werth Eurer Kleider nichts zu ſagen, die zwei Pfund Sterling wie einen Pfennig werth ſind; was für uns gerade zwölf Pfund und zehn Schilling ausmacht.“ Ein kalter Schweiß benetzte die hagern Züge des Gefangenen, denn ein ſchrecklicher Verdacht kam ihm plötzlich in den Sinn. „Ihr ſeid,“ rief er in einem Tone, worin Schrecken und Abſcheu ſich miſchten;„Ihr ſeid...“ Er konnte das Wort nicht ausſprechen. Die Kehle vertrocknete ihm plötzlich und ſeine Zunge blieb am Gaumen kleben. 3 „Richtig,“ ſprach Mike,„der Henker, Mat.. Ihr kennt mich zuletzt doch! Nun! Solltet Ihr einen armen Teufel, wie mich, deſſen, was ihm gebührt, berauben wollen? Ihr ſeid gewiß nicht ſo unvernünftig!“ Bei dieſen Worten ſchaute er ſeinem Opfer in die Augen, das niedergeſchmettert in ſeiner Hand blieb. Der Alte lachte vor Vergnügen, als er — 155 zwiſchen ſeinen knochigen Fingern den eiſernen Körper des Kaninchenwärters zittern fühlte. In dieſem Augenblick wurde das Seil auf der andern Seite von dem Agenten und ſeinen Genoſſen geſchüttelt; ſie waren ungeduldig. „Ich werde Euch die zehn Guineen geben,“ ſprach Sideler mit einer verzweifelten Anſtrengung, ſeine Kaltblütigkeit wieder zu gewinnen. „Ihr vergeßt die Kleider,“ verſetzte Mike ruhig. „Ich werde Euch zwölf geben.“ „Aber das Riſico?“ „Fünfzig!“ ſetzte der Gefangene hinzu, deſſen Schrecken in raſchem Zunehmen war. „Um nichts von dem Vergnügen zu ſagen, einen Burſchen, ſo gut gebaut wie Ihr, in den Raum hinauszuſchleudern,“ murmelte der Henker. „Was denkt Ihr von hundert Guineen?“ „Es iſt nicht genug.“ „Nun! Alles, was ich beſitze!“ „Wird mich nicht in Verſuchung führen,“ ver⸗ ſetzte Mike feſt, obgleich ſeine Habſucht einen ſchweren Kampf zu beſtehen hatte, um zu dieſem Entſchluß zu gelangen.„Es iſt ſelten, daß ich mir ein Ver⸗ gnügen gönne; aber wenn es einmal geſchieht, ſo ſehe ich nicht auf das Geld. Rührt Ihr Euch nur, leiſtet Ihr nur den geringſten Widerſtand,“ ſetzte er hinzu, denn der Kaninchenwärter begann aus ſeiner Verzweiflung Muth zu ſchöpfen,„ſo zerſchmettere ich Cuch das Gehirn!“ „Immer noch beſſer als der Strick!“ Und ein plötzlicher Schlag des Srjeſenen be⸗ wirkte, daß Mike die Piſtole zur Erde fallen ließ. 6. Nun, da dieſer einmal entwaffnet war, veränderten ſich die Umſtände plötzlich; Mike ſah ſich der Gnade eines ebenſo unbarmherzigen Menſchen, wie er ſelbſt, preisgegeben. „Zu Hilfe! Zu Hilfe!“ ſchrie er. Ein Fauſtſchlag Sidelers auf die Schläfe ſtreckte Mike zu Boden gleich einem Stier im Schlachthaus. Ihn an der Kehle packen und in einen dunkeln Winkel ſchleppen, war das Werk eines Augenblicks. Das Seil wurde lebhafter geſchüttelt als das erſte Mal; aber wiewohl eine Minute Verzug ſeine Sicherheit compromittiren konnte, obgleich ſeine Freunde draußen die lebhafteſte Ungeduld bezeugten, verließ der Kaninchenwärter den Alten doch nicht cher, als bis er ihn mit Füßen getreten und auf's Schrecklichſte entſtellt hatte. Er bedauerte bitter, kein Meſſer bei ſich zu haben; nie in ſeinem Leben hatte er eine Freude wie dieſe empfunden; ſie ließ ihn ſogar die Gefahr, die er lief, vergeſſen. Aber ſo war ſein Opfer der Henker, welcher ihm mit dem Strick gedroht, welcher kalt den Blutpreis berechnet und bereits die Hand an ſeinen Hals ge⸗ legt hatte. „Man wird mich vielleicht hängen,“ murmelte er,„aber es wird nicht Mat Cowls ſein, der mir den Knoten ſchnürt!“ Nachdem er dem empfindungsloſen Mike oder Mat noch einen letzten Fußtritt gegeben hatte, ergriff der Räuber das Seil und langte bald oben auf der Mauer an. Einmal dort, war das Hinunterkommen leicht; er ließ ſich an der Mauer herabgleiten und fand ſich in Freiheit. 157 Der Agent und zwei ergebene Männer erwarte⸗ ten ihn wohlbewaffnet. „Was zum Teufel hat Euch zurückgehalten?“ fragte der achtbare Mr. Davids;„man möchte ſagen, Ihr hattet ſo viel Widerſtreben, Euren Kerker zu verlaſſen, wie Andere, hineinzukommen.“ „Man hat mir aufgepaßt.“ „Wer?“. „Der Henker! und wir haben einen tödtlichen Kampf gehabt. Ich wollte ihn mit Gold beſtechen, aber er hat Alles ausgeſchlagen! Er wollte das haben, mich an den Galgen zu knüpfen, däß „Ihr ihn getödtet habt?“ „Ganz richtig!“ „Ihr habt wohl daran gethan!... Seid Ihr gewiß, daß er todt iſt?“ „Wenigſtens müßte er ein zäheres Leben haben, als eine Katze!“ Der Agent fühlte, daß keine Zeit zu verlieren war. Sideler konnte ſich täuſchen, der Henker wie⸗ der zum Bewußtſein kommen und Lärm machen. Nachdem er alſo ſeinen Mantel ausgezogen, legte er ihn dem flüchtigen Verbrecher über die Schultern und bedeckte ſeinen ſtark behaarten Kopf mit einer Pelzmütze. Folgt mir,“ ſprach er,„und nicht ein Wort!“ Sie wandten ſich ſo raſch als möglich nach der Blackfriarsbrücke, wo ein mit vier Pferden beſpann⸗ ter Wagen, bereit auf das erſte Zeichen abzufahren, ſie erwartete. 158 Der Kaninchenwärter ſtieg zuerſt hinein, und Mr. Davids hinter ihm; die beiden Abe welche ſie begleitet hatten, blieben da. „Nach Dover!“ ſprach der Agent. Die Poſtillons knallten mit den Peitſchen und der Wagen fuhr mit einer Geſchwindigkeit davon, die jeder Verfolgung Trotz bot. Bei jedem Relais ſtanden die Pferde völlig bereit; alle Schwierigkeiten waren voraus in Rückſicht genommen und beſeitigt, ſo daß ſie im Seehafen ohne alle L an⸗ kamen. Im Marine⸗Hotel fanden ſie den Diener von Miran⸗Hafaz, der ſie erwartete. Sein Herr hatte ihm geboten, den Kaninchenwärter nach Marſeille zu begleiten und an Bord des Schiffs zu bringen, mit dem er nach Indien abgehen ſollte. Groß war die Beſtürzung unter den Beamten von Newgate, als man am Morgen zu früher Stunde die Flucht des Gefangenen entdeckte. Die Kerker⸗ knechte hatten eine ſtrenge Unterſuchung vor dem Gouverneur zu beſtehen, aber ſie warf kein Licht auf den Gegenſtand. Mike, oder Mat Cowls, wie wir ihn fernerhin nennen werden, wurde nach dem Krankenhaus gebracht; denn, ſo ſchrecklich zerſchlagen und entſtellt er war, lebte er doch noch. „Ich kann nichts für ihn thun!“ bemerkte der Wundarzt beim Anblick der angeſchwollenen und zer⸗ fetzten Züge des Henkers,„jedes Mittel wäre ver⸗ geblich.“ „Nein.. nein!“ murmelte der Kranke ſtöh⸗ nend;„ich werde leben! ich werde leben, um die 159 Canaille zu hängen. Verſuchen Sie es, Doctor, ver⸗ ſuchen Sie es!“ Der Mann der Kunſt verſuchte es, und Mat Cowls hielt ſein Verſprechen; er blieb am Leben. Die Zukunft wird lehren, ob er die gehoffte Rache vollbringen konnte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Canzlei der engliſchen Geſandtſchaft zu Paris war von Engländern belagert, welche das Viſa ſeiner Ercellenz zu erhalten wünſchten. Die auf Päſſe be⸗ züglichen Verordnungen waren damals viel ſtrenger als heutzutage. Unter der Menge erblickte man einen großen, blaſſen, jungen Mann, deſſen Phyſio⸗ gnomie die Spuren des Schmerzes und friſcher Stra⸗ pazen trug. Jedoch war ſein ſchwarzes Auge voll Entſchloſſenheit und verkündete, daß er nichts von ſeiner Energie verloren hatte. Dieſer Mann in Trauer war kein Anderer, als Henry Aſhton. Sein Poß war ein diplomatiſcher, man entband ihn von der Formalität, wieder zu kommen, und die nöthige Signatur wurde auf der Stelle beigeſetzt. Mehrere Gentlemen, welche lang gewartet hatten, murrten über dieſen Vorzug, den ſie nicht begreifen konnten. „Ich bin ſchon zweimal gekommen!“ ſagte Einer. 160 „Ich auch!“ ſetzte ein Zweiter hinzu.„Meine Angelegenheit iſt ſehr wichtig.“ „Es handelt ſich für mich um Leben und Tod!“ rief ein Dritter, der niemand anders als der wür⸗ dige Rector von Carrow war. Beim Ton dieſer vertrauten Stimme drehte ſich ſein ehemaliger Zögling raſch um. Sie erkannten ſich ſogleich. „Henry 16 „Mein Wohlthäter!“ Und ſie drückten ſich herzlich die Hand. „Gott ſei Dank! mein liebes Kind,“ ſprach der Rector,„ich habe Dich endlich gefunden! Du erſparſt mir eine lange und beſchwerliche Reiſe! Aber Du biſt krank... und was ſehe ich? in Trauer! Du haſt alſo erfahren.. „Ich habe Alles erfahren,“ antwortete der junge WMann, bemüht, ſeine Bewegung zu unterdrücken; „aber ſagen Sie mir....“ Sein Herz war ſo voll, daß er Ellens Namen nicht ausſprechen konnte. „Es geht ihr gut!“ ſprach der Rector, der voll⸗ kommen verſtand, was er ſagen wollte.„Ich habe ſie in der Obhut ihres Oheims, Oberſt Mowbray's gelaſſen.“ Ein Ausdruck der Dankbarkeit entſchlüpfte den Lippen des jungen Mannes; denn welche Antipathie er auch gegen den Bruder ſeines ermordeten Wohl⸗ thäters empfand, war er doch weit entfernt, ihn für fähig zu halten, den Abſichten ſeines Nebenbuhlers auf eine niedrige Weiſe zu dienen. Der Ort eignete ſich nicht zu Erklärungen, welche. —— 161 ſie zu geben und zu empfangen hatten; aber ehe er in ſein Hotel zurückkehrte, erhielt Henry das Viſa für ſeinen Freund. Nur diejenigen, welche einen ſehr theuren Ver⸗ wandten oder Freund, der ermordet wurde, hatten, können die Seelenqual begreifen, womit Henry Afhton die ſchrecklichen Einzelheiten der Ermordung ſeines Wohlthäters vernahm. Es wäre ein Troſt für ihn geweſen, weinen, ſein Herz durch Thränen erleichtern zu können; es war ihm verſagt. „Halten Sie mich nicht für undankbar!“ ſprach er, ſeine gerötheten Augen auf ſeinen alten Freund heftend.„Ich werde nicht weinen können, als bis ich ihn gerächt habe! Gibt es nichts, was mich in den Stand ſetzt, dem Mörder bis in ſeine Schlupf⸗ winkel zu folgen, ihn hervorzuziehen, um ihn der Gerechtigkeit mitten unter den Verwünſchungen der Welt zu überliefern?“ Der Rector unterrichtete ihn von dem Beſuche, den der alte Martin, Elworthy und Ive in der Bi⸗ bliothek gemacht hatten, und von der Entdeckung der Taſche des Kaninchenwärters in dem unterirdi⸗ ſchen Gemach am Ende des geheimen Gangs. „Was enthielt ſie?“ fragte der junge Mann. „Briefe von altem Datum, welche den Beweis lieferten, das Sir William in Bezug auf das Be⸗ nehmen ſeiner unglücklichen Frau grauſam betrogen worden und daß eben dieſer Sideler eines der Werk⸗ zeuge bei dieſem abſcheulichen Spiel geweſen war. Aber nichts erklärte, wie dieſe Briefe ſich hier be⸗ fanden!“ Die Abtei Carrow. III. 11 162 „Macht nichts; ich werde es erklären!“ In möglichſt wenigen Worten theilte er ſeinem alten Freunde Alles mit, was zu Rom vorgefallen war; die Treuloſigkeit und die Bekenntniſſe des Agenten von Miran⸗Hafaz; die Entdeckung Lady Mowbray's, den Tod Walters, und endlich die Ge⸗ wißheit, die er hatte, daß dieſer Letztere der Sohn des verſtorbenen Baronets ſei. „Ich denke das nicht!“ erwiderte Doctor Orme nach einigen Augenblicken der Ueberlegung. „Warum nicht?“ Weil ich mich ſehr gut der Heirath des Oberſts erinnere, einer Heirath, die Sir Williams Beifall nicht hatte, und der Geburt eines Sohnes, mehr als ein Jahr vor der des Sohnes von Sir William ſelbſt.“ So flüchtig auch alle dieſe Erklärungen waren, ſo gewährten ſie doch dem unglücklichen Liebenden einen Troſt. Er dachte Ellen ſich in gutem Befinden. Joe Beans und Suſanna waren in ihrer Nähe, und er konnte auf den Muth und die Treue des Genoſ⸗ ſen ſeiner Kindheit zählen. Ungeachtet der dringenden Bitten des Rectors, der ernſtlich für die Geſundheit unſeres Helden be⸗ ſorgt war, entſchloß ſich Henry ſogleich nach Calais abzureiſen. Er hätte die Hälfte ſeines Lebens darum gegeben, wäre dieß möglich geweſen, die Zeit und Entfernung, welche ihn von England trennten, zu vernichten. Als ſie durch das Thor Saint⸗Denis fuhren, nannte Doctor Orme zum erſten Mal Miran⸗Hafaz. Die Zuneigung, die er zu ſeinem Adoptivſohn hegte, ließ ihn ein Zuſammentreffen mit dem Indier fürchten.* „Sprechen Sie ſeinen Namen nicht aus!“ rief Henry, heftig ſeinen Arm drückend.„Wenn ich den letzten Blutstropfen dieſes Frevlers, der kalt und ohne Gewiſſensbiſſe mordet, vergoſſen habe, wenn ich ſein Herz mit Füßen getreten und der beſchimpften Gerechtigkeit das einzige Opfer, das ihr genügen kann, gebracht habe, dann, aber dann erſt werde ich ſeinen Namen zu hören im Stande ſein!“ Sie langten in ſehr ſpäter Nacht zu Calais an. Doctor Orme willigte, den Bitten ſeines jungen Freundes nachgebend, ein, ſich zu Bette zu legen, da das Packetboot erſt um ſechs Uhr Morgens ab⸗ gehen ſollte. Wiewohl er geiſtig und körperlich genug gelitten hatte, um ſelbſt einen eiſernen Körper zu ermüden, konnte Henry doch nicht ſchlafen; das Fieber, das ſein Herz verzehrte, hielt ihn wach. Er hullte ſich alſo in ſeinen Reiſemantel, denn die Nacht verſprach kalt zu werden, ſchritt über den Markt und näherte ſich dem Einſchiffungsplatz. Der Nordwind kühlte ſeine brennende Wange; er fand etwas Sympathi⸗ ſches in der Wuth der Elemente; das Geräuſch der Wogen, welche ſich brüllend gegen den Hafen ſtürz⸗ ten oder ſich grimmig an den Pfählen brachen, be⸗ ruhigte ihn. Er hatte einen oder zwei Gänge auf und ab gemacht, als er einem Marine⸗-Officier in engliſcher Uniform begegnete, der ihn aufmerkſam betrachtete; aber unſer Held bemerkte kaum, daß Jemand außer ihm an dieſem Ort hin und her wandelte. „Ich kann mich unmöglich täuſchen!“ dachte der Officier. Zum zweiten Mal gingen ſie an einander vorüber. „Wie! Henry Aſhton!“ rief er bei der dritten Begegnung,„erkennen Sie mich nicht mehr?“ Der Reiſende ſchaute auf und erkannte den Sohn eines Gentlemans, deſſen Beſitzung in der Nähe von Carrow lag. Als Kinder hatten ſie oft zuſammen mit ihren kleinen Camaraden auf dem Gemeinde⸗ Anger geſpielt. „Fred Suckling, wenn ich nicht irre!“ antwortete unſer Held. „Gewiß nicht, Sie irren ſich nicht!“ wiederholte der junge Mann, ihm herzlich die Hand drückend.„Ich vermag Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr ich erfreut bin, Sie wieder zu ſehen! Kehren Sie mit mir zurück?“ Henry ſchaute ihn an, wie wenn er die Frage nicht recht verſtanden hätte. Lieutenant Suckling erklärte ihm, er befehlige das Packetboot, das in einigen Stunden abgehen würde. „Ja ja ich kehre mit Ihnen zurück!“ antwortete Ellens Liebhaber eifrig;„und, Fred, wenn die Erinnerung an die Spiele unſerer Kind⸗ heit Ihnen angenehm iſt, o! ſo entfalten Sie alle Ihre Segel, ſtrengen Sie ſich nach Kräften an, um die Küſten Englands zu erreichen! Mein Herz ver⸗ zehrt ſich vor Ungeduld, bis ich den Fuß auf den heimathlichen Boden ſetzen kann!“ „Fürchten Sie Nichts,“ ſagte der junge Mann, „wir werden Sie ſchnell genug hinüberbringen. 165 Der Wind iſt uns günſtig, und das kleine Fahr⸗ zeug, welches ich zu befehligen die Ehre habe, iſt eines edlern Dienſtes würdig aber wir ſind jetzt im Frieden. Harry,“ ſehte er hinzu,„wenn Sie irgend ein unangenehmes Abenteuer, einen Streit mit den Behörden gehabt haben, würden Sie vielleicht beſſer thun, ſich auf der Stelle mit mir einzuſchiffen! Einmal unter der Flagge Alt⸗ Englands ſind Sie in Sicherheit!“ Dieſes Anerbieten wurde dankbar abgelehnt. „Es iſt wahr, ich bin ſehr beeilt, Frankreich zu verlaſſen, aber nicht aus den Gründen, welche Sie denken.“ Der Lieutenant drängte nicht weiter. „Meiner Treu!“ ſprach er nach einer Pauſe, während welcher ſein Genoſſe, in ſeine Träumereien verſenkt, mechaniſch neben ihm hermarſchirte,„unſer Zuſammentreffen iſt ſehr ſonderbar, aber nicht das bizarrſte, das ich heute gehabt habe!“ Henry ſchaute ihn an, wie um nach der Er⸗ klärung dieſer Worte zu fragen. „Und auch von Carrow!“ „Von Carrow?“ „Ja... haben Sie jenen vereinzelten Mann bemerkt, der am Ende des Hafendamms ſaß?“ „Ja; das heißt, ich glaube ihn im Vorbeigehen geſehen zu haben.“ „Und haben Sie ihn erkannt?“ „Nein.“ „Und doch iſt es eine alte Bekanntſchaft.“ „Wer denn, in's Himmels Namen?“ „Ein Schurke, der uns oft auf dem Gemeinde⸗ 166 Anger und im Walde von Carrow nachjagte; aber wir dürfen ihm deßhalb nicht böſe ſein.“ „Sein Name agte Henry Aſhton, deſſen Augen Blitze ſchöſſen;„um Gottes willen, halten Sie mich nicht länger in ungewiſſer Spannung!“ „Will Sideler, der Kaninchenwärter,“ antwortete der Officier, der zu glauben anfing, ſein Gefährte habe den Verſtand verloren.„Ich habe mit ihm geſprochen, aber er ſchien mich nicht zu erkennen. Entſchuldigen Sie meine Offenheit, Harry, aber er iſt mir ebenſo närriſch vorgekommen, wie Sie ſelbſt, oder vielleicht noch etwas mehr; denn er ſchwang unaufhörlich die Arme und murmelte unverſtänd⸗ liche Worte. Vielleicht war er, recht betrachtet, nur trunken!“ „Ja, von Blut!“ rief unſer Held heftig;„vom Blute ſeines Opfers, des guten, des edeln Sir William Mowbray... denn Etwas ſagt mir, daß er ſein Mörder iſt! Fred, Sie müſſen mir zur Verhaftung dieſes Menſchen behilflich ſein.“ „Verhaftung!“ wiederholte der Lieutenant, der von der Ermordung des Baronets gehört, aber nie in Will Sideler den Mörder beargwohnt hatte. „Ja, und wir wollen ihn mit uns nach England nehmen.“ „Würden Sie nicht beſſer thun, ſich deßhalb an die Obrigkeit zu wenden?“ „Um dem Frevler Gelegenheit zum Entwiſchen zu geben!“ fiel Henry Aſhton ungeduldig ein. „Nein nein! man muß auf der Stelle han⸗ deln. Der Dämon, der ſich ſeiner bedient hat, iſt 167 reich! Nichts würde verſäumt werden, er würde Gold verſchwenden, um die Gerechtigkeit zu hinter⸗ gehen! Ich nehme die ganze Verantwortlichkeit auf mich!“ „Sie?“ 8 „Jo, ich! Und Dockor Orme iſt Friedensrichter, wiſſen Sie; er iſt mein Reiſegefährte!“ Suckling kannte ſehr wohl die väterliche Lheilnahme des guten Geiſtlichen für Henry, dem er, wie man ſagte, einen großen Theil ſeines Vermögens ver⸗ machen wollte. Er begann zu glauben, ſein alter Camarade ſei doch nicht ſo närriſch, als er ihm vorkam. Um ſich zu überzeugen, daß der Lieutenant ſich nicht getäuſcht hatte, hüllte Henry ſich in ſeinen Mantel, um ſein Geſicht zu verbergen. Die beiden jungen Leute näherten ſich ſtillſchweigend dem Ende des Hafendamms, wo der Mörder, ſeine grauen Haare im Winde flatternd, ſich befand; die Reiſemütze, die der Agent ihm gegeben hatte, lag auf der Erde. Der Räuber war ſichtbar eine Beute großer Aufregung. Der Branntwein, den er beim Landen getrunken hatte, war ihm zu Kopf ge⸗ ſtiegen. Während er ſich nach der Küſte ſeines Heimath⸗ landes gedreht hatte, bildete er ſich ein, irgend eine phantaſtiſche Perſon mache ihm ein Zeichen, zurück⸗ zukehren. „Das Meer iſt zwiſchen uns,“ murmelte er, „und ich werde nicht zurückkehren! Schon einmal habe ich die Hand des Henkers an meinem Halſe 168 gefühlt, aber ich bin ihm entwiſcht! Ich bin in Sicherheit. in Sicherheit.... in Sicherheit Rufe, rufe nur!“ ſetzte er mit raſendem Ge⸗ lächter hinzu;„zeige die Wunde in Deiner Kehle; man kann mir nicht beweiſen, daß ich ſie gemacht habe; und wenn man es ſelbſt bewieſe, ſo bin ich hier in Sicherheit!“ Henry Afhton drückte den Arm ſeines Genoſſen. „Sind Sie überzeugt?“ fragte er. „Vollkommen!.... Aber hören Sie!“ Der Mörder begann von Neuem. „Du kannſt mir nicht folgen!“ rief der trunkene Kaninchenwärter, mit der Fauſt dem eingebildeten Weſen drohend, an das er ſich wandte;„das Meer wird Dich nicht tragen!.... O Gott!“ ſetzte er hinzu,„da iſt es ſchon wieder in Blut verwandelt! Der Rächer verfolgt mich noch! Ich will mich nicht ergreifen laſſen!“ Der Elende warf ſich, erſchöpft durch die Schreck⸗ niſſe, welche ſein Gewiſſen heraufbeſchworen hatte, zur Erde und verbarg ſich das Geſicht mit den Händen. „Können Sie es mir noch abſchlagen?“ fragte Henry. „Nein!“ antwortete der Lieutenant feſt;„aber man muß vorſichtig und ohne Alärmirung der Obrig⸗ keit handeln. In einer Stunde wird er unter den Lucken an Bord des Packetboots geborgen ſein; aber ich muß Einige von meinen Leuten holen.“ „Wo finden Sie dieſelben?“ „In der Schenke zu Schloß Dover, bei der Poſt. 169 Sie bleiben hier und laſſen den Frevler nicht aus den Augen, bis ich mit meinen Matroſen zurück⸗ komme!“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Am nächſten Tage um zwei Uhr warf die Polly Anker vor Dover, mit dem Mörder, escortirt von Doctor Orme und Henry Aſhton, an Bord, und einige Minuten nachher fuhren zwei Wägen in vollem Jagen mit ihnen nach Carrow davon. „Was werden wir bei der Ankunft mit unſerem Gefangenen machen?“ fragte Henry.„Sollen wir ihn nach Schloß Norwich ſchicken?“ „Vielleicht,“ antwortete der Rector,„aber ich werde ihn für eine Nacht gut unterzubringen wiſſen.“ „Wo?“ „In dem alten Thurm der Kirche zu Carrow. Es wird nicht zum erſten Mal ſein, daß er zum Kerker dient. Während der Revolution waren mehrere Bürger daſelbſt eingeſperrt.“ Wiewohl die beiden Diener, welche Sideler be⸗ wachten, eine Antwort auf ſeine Fragen verweigerten, ſo ſchien der Unglückliche doch inſtinctmäßig zu fühlen, wohin man ihn führte; und ſeltſam! wie⸗ wohl er theilweiſe ſeine Kräfte wieder bekommen 170 hatte, machte er keinen Verſuch zu entweichen. Viel⸗ leicht erkannte er den Finger Gottes in ſeiner Be⸗ gegnung mit Henry Aſhton und fühlte, daß jeder Widerſtand vergeblich war. Mehr als einmal ſchlief er auf der Reiſe ein, aber ſeine Züge verzerrten ſich dermaßen, ſein Ge⸗ ſicht nahm einen ſo ſchrecklichen Ausdruck an, daß die Diener den Anblick davon nicht ertragen konnten ſo weckten ſie ihn wieder auf. Der Mörder träumte. „Danke!“ ſagte er, wenn man ihn an ſeinem Rockkragen ſchüttelte;„ich will nicht ſchlafen; es raubt mir den Muth!.... Ach! James,“ ſetzte er, einen ſeiner Begleiter, den Kutſcher von Doctor Orme, von Carrow gebürtig, erkennend, hinzu,„das iſt eine häßliche Affaire. Was ſagt man von mir zu Hauſe?“ Er wollte wiſſen, ob das öffentliche Gerücht ihn bereits des an Sir William Mowbray verübten Mordes anklagte; aber der robuſte Kutſcher hatte keine Luſt zu ſchwatzen und ſchwieg beharrlich ſtill. „Wirſt Du nicht reden?“ brüllte der Kanipchen⸗ wärter, ärgerlich werdend. Immer daſſelbe Stillſchweigen. „Fluch Dir! wohin führſt Du mich?“ „An den Galgen!“ antwortete endlich der Mann ungeduldig.„Schrei nicht ſo, Du wirſt bald genug dort ankommen!“ Der Elende ſtieß einen tiefen Seufzer aus und fiel auf ſeinen Sitz zurück. Die ganze übrige Reiſe machte er keine Frage mehr. 171 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Mr. Elworthy, Joe Beans, der Khan und Su⸗ ſanne ſaßen bei einander im Bücherzimmer des Pfarrhauſes; und Mrs. Jarmy, die Ex⸗Haushälterin der Abtei, befand ſich gleichfalls daſelbſt, als zwei Poſtwägen im Galopp in den Hof fuhren. „Der Rector!“ rief Mr. Elworthy. „Maſter Harry!“ ſprach Ive mit einem Freuden⸗ ſchrei; denn er erkannte die blaſſen Züge ſeines Freundes; und Alles vergeſſend in dem Glück, ihn wiederzuſehen, eilte er nach der Thüre, um den Reiſenden willkommen zu heißen. Ein Lächeln, das erſte, das ſeit Wochen auf Henry Aſhtons Geſicht getreten war, erhellte ſeine Züge, während er Jve Beans die Hand drückte. „Ich muß weinen!“ ſprach der arme Junge, in⸗ dem er vergeblich die Thränen zu verbergen ſuchte, welche über ſeine Wange rieſelten,„ſonſt würde es mir das Herz zerſpalten. O Harry! Maſter Harry, wo biſt Du dieſe ganze Zeit über geweſen? Ich ſchrieb Dir Tag für Tag, ohne eine Zeile zur Antwort zu erhalten, die mir zu wiſſen gethan hätte, daß Du noch am Leben wäreſt! Ich dachte nicht, Du habeſt mich vergeſſen; dazu kannte ich Dich zu gut; 6ber „Alle für mich beſtimmten Briefe ſind unter⸗ ſchlagen worden; ich zweifle nicht, daß auch die, welche Du ſchriebſt, daſſelbe Schickſal hatten!“ „Hier iſt nicht der Ort zu Erklärungen,“ fiel Mr. Elworthy ein, der ebenſo methodiſch in ſeinen Ideen, als in ſeinem Benehmen war;„wir haben viel zu erzählen und ohne Zweifel viel zu erfahren Aber wen bringen Sie da?“ ſetzte er, auf den zweiten Wagen deutend, hinzu. „Einen alten Bekannten, wenn ich mich nicht irre,“ ſprach der Rector;„wenn Sie das Individuum ein⸗ mal geſehen haben, denke ich nicht, daß es nöthig iſt, es Ihnen zu empfehlen!“ Der Wagen hielt und der Schlag öffnete ſich. Zuerſt ſtieg James, der Kutſcher, heraus, dann Will Sideler und der zweite Diener. Ein Schrei des Schreckens und Abſcheus begrüßte den Räuber. „In's Himmels Namen!“ ſprach der Rechtsmann, der ſeit mehreren Tagen keine Zeitung geleſen hatte und darum von der Entweichung des Kaninchen⸗ wärters noch nichts wußte;„wie iſt dieſer Menſch aus Newgate entkommen?“ Wenige Worte reichten hin, um ihn mit allem, was vorgefallen war, bekannt zu machen. Er rieth nun, denſelben ſogleich in den Kerker zurückzubringen. „Nein,“ ſprach der Khan;„da das Schickſal ihn hieher ſchickt, ſo ſoll er hier bleiben. Wenn der arme alte Martin wieder zur Vernunft kommt, das heißt, in einigen Stunden, kann er vielleicht ein kleines Geſpräch mit dem Kaninchenwärter haben.“ Bis zu dieſem Augenblick hatte Will Sideler ſeinen Feinden eine eherne Stirne gezeigt, aber bei dem Ton von des Renegaten Stimme erblaßte er. Er fühlte, daß die Stunde der Vergeltung nahe war. Zur großen Entrüſtung des Beſchließers wurde der Mörder in den Keller gebracht, mit drei Mann 173 zur Bewachung, und eine feſte, eichene Thüre hinter ihm verſchloſſen. Armer Doctor Orme! mit welchem Seufzer der Zufriedenheit ließ er ſich in ſeinen Lehnſeſſel fallen! Es kam ihm vor, als wären alle ſeine Glieder ver⸗ renkt; aber er beklagte ſich nicht, denn der Sohn ſeiner Wahl war wieder bei ihm. Ehe man ſich trennte, wurde ausgemacht, die Operation, welche Martin die Vernunft wieder geben ſollte, nicht zu verſchieben und auf den nächſten Tag Oberſt Butler, jene Magiſtratsperſon, die zur Zeit des Todes von Sir William ſo viel Eifer be⸗ wieſen hatte, und zwei ausgezeichnete Wundärzte von Norwich, Namens Martineau und Dalrymple, zu berufen. Trotz der Abmahnungen des Doctors beſtand S darauf, ſich ſogleich nach der Farm zu be⸗ geben. „Mein liebes Kind,“ ſprach der Alte,„nach Allem, was Du ausgehalten haſt....“ „Und was haben mein guter Oheim und meine Tante nicht gelitten? Ich kann ihre Unruhe nach der meinigen bemeſſen! Ich muß hingehen es iſt meine Pflicht!“ „Du haſt Recht! Ich dachte nicht an ihre Un⸗ ruhe; wie die meiſten Menſchen fragte ich nur mich um Rath! Gute Nacht, und Gott ſegne Dich!... Der Junge hat immer Recht!“ ſetzte er hinzu, als ſein Adoptivſohn in Geſellſchaft von Ive abging, um ſich nach der Farm zu begeben. Dieſer nahm ſich kaum Zeit, Suſanne ein Wort 174 des Abſchieds zu ſagen; es drängte ihn, mit Henry allein zu ſein. „Maſter Harry,“ ſprach er beim Einlenken in den langen, heckenbegränzten Fußpfad, der nach der Farm führte,„bei Deiner Abreiſe in die Fremde habe ich Dir verſprochen, über Miß Ellen zu wachen!“ „Wahr, Joe!“ „Tadle mich nicht, wenn ich nicht Alles gethan habe, was ich verſprach. Es iſt nicht der Fehler meines Herzens, welches ſtets gut war, ſondern der meines Kopfes. Ich hätte ihn tödten ſollen!“ „Tödten, wen?“ „Miran⸗Hafaz. Und ich hätte es gethan, wenn ich Deiner Billigung gewiß geweſen wäre. Du würdeſt jetzt glücklich ſein!“ „Nicht um alles Gold der Welt! Dieſer Menſch iſt mir vorbehalten! Beim Himmel, ich würde jeden haſſen, der ſich zwiſchen mich und meine Rache ſtellte!.... Joe, Du biſt mein erſter Freund; Gott hat mir einen zweiten gegeben, ebenſo wahr, ebenſo ergeben, wie Du ſelbſt. Er iſt nicht mehr; ich werde keinen andern ſuchen.“ „Du tadelſt mich alſo nicht, Maſter Harry?“ „Dich tadeln! Gott lohne Dir, Jve, Deine Treue und Deine Freundſchaft für mich; denn ich werde es nie zu thun im Stande ſein!“ Joe glaubte ſich reichlich durch dieſe wenigen Worte belohnt; von ſeinem Herzen war eine große Laſt genommen; ſein Freund hatte ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Sie ſetzten ſchweigend ihren Weg fort. Der Farmer Aſhton und ſeine Frau ſaßen in ihrem kleinen Salon, um von dem Abweſenden zu ſchwatzen, nach ihrer Gewohnheit; denn das An⸗ denken an ihn kehrte mit den Arbeiten eines jeden Tages wieder und ſeine Rückkehr war der Gegen⸗ ſtand ihrer beſtändigen Gebete. Die Zimmerthüre ging raſch auf und Jve Beans trat ein, das Ge⸗ ſicht ganz roth und ſtrahlend vor Lächeln. „Ach! Joe,“ ſprach der Alte,„ich wünſchte Dich zu ſehen. 2 „Ohne Zweifel.... ohne Zweifel!“ verſetzte der junge Mann;„auch ich wünſchte, Sie beide zu ſehen! Ich nehme an, ich ſei der angenehmſte Be⸗ ſuch, den Sie ſeit langer Zeit geſehen!“ „Was willſt Du ſagen, mein Freund? Biſt Du närriſch?“ „Etwas, das.. das ich mich beinahe Ihnen zu ſagen fürchte!“ Was gibt es Lebhafteres in der Welt, als den Inſtinct der Frauenliebe? Die Pächterin errieth ſo⸗ gleich, daß er ihnen Nachricht von ihrem Neffen zu bringen hätte. „Du haſt einen Brief erhalten, Joe?“ „Nein, nein, Madame!“ „Nein!“ wiederholte ſie im Ton getäuſchter Er⸗ wartung;„wahrhaftig ich hätte es geglaubt!“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein leichtes Ge⸗ räuſch in dem Gemach, welches zum Vorzimmer diente, vernehmen, und Birdſeye, der alte Lieblings⸗ bund des Farmers, begann luſtig zu bellen. Der Farmer und ſeine Frau erinnerten ſich, daß er auf ſolche Weiſe gewöhnlich die Rückkehr ihres Reffen ankündigte, und beide erbleichten. Sie warfen beide 176 Joe einen flehenden Blick zu, als wollten ſie bitten, ihrer Ungewißheit, die noch grauſamer als die ge⸗ täuſchte Hoffnung war, ein Ende zu machen. „So freuen Sie ſich,“ ſprach der junge Mann, „es ſind Nochrichten von Maſter Harry da... Ich fürchtete nur, es Ihnen allzu früh zu ſagen.“ „Er iſt zurück!“ rief die Pächterin, deren Auf⸗ merkſamkeit zum zweiten Mal durch ein Gebell Bird⸗ ſeye's erregt worden war.„Ich bin überzeugt, er iſt zurück! Hörſt Du, wie das alte Thier vor Freuden wimmert? Harry! Harry!“ Beim Ton von der Stimme derjenigen, welche für ihn eine Mutter geweſen war, ſtürzte unſer Held, unfähig, ſeine Gefühle länger zurückzuhalten, in den kleinen Salon und ſchloß, während er die eine Hand ſeinem Oheim reichte, ſeine Tante voll Liebe feſt in ſeine Arme. „Gott ſegne Dich, Harry!“ ſprach der Alte ſchluch⸗ zend;„Du biſt willkommen!“ „Willkommen!“ wiederholte ſeine Frau;„ja wahrlich, wie das Geſicht für den Blinden, wie die Geſundheit für den Kranken! Wo ſollte er will⸗ kommen ſein, wenn nicht hier?.... Du wirſt uns nicht mehr verlaſſen, Harry?“ ſetzte ſie hinzu, ihn mit Stolz und Zärtlichkeit betrachtend.„Das Haus iſt das Haus, ſo niedrig es auch iſt, und wiewohl wir es ohne Dich nicht fröhlich gefunden haben!“ „Ich bin genug gereist!“ ſprach der junge Mann“ mit einem Seufzer;„ich verſichere Euch, daß ich freiwillig England nicht mehr verlaſſen werde.“ „Gott ſei Dank!“ rief der Farmer. „Du biſt blaß, mager, erſchöpft, Harry! Sag uns, was Dir begegnet iſt. Vermag Geld etwas, um Dich glücklich zu machen? Wir ſind alt, Mat⸗ thäus und ich, und wir brauchen nicht mehr viel.“ Matthäus ſagte nichts; er wußte beſſer als ſeine Frau, daß die Traurigkeit ſeines Reffen von Etwas herkam, wofür Geld nichts vermochte. Nachdem die erſte Aufregung des Wiederſehens vorüber war, begann die Energie, welche bisher den Wanderer durch alle Prüfungen hindurch aufrecht erhalten hatte, dem Bedürfniß der Ruhe zu weichen. Selbſt die geſchwätzige, alte Frau, beunruhigt durch ſeine Bläſſe, beſtand darauf, daß er ſich zu Bette begebe. Einige Augenblicke nachher ſchlief Henry in dem einfachen, aber ſaubern Bette, das er ſo oft in ſeinen Knabenfahren eingenommen hatte. Der alte Hund wollte ſeinen jungen Herrn bis an die Thüre ſeines Zimmers begleiten, wo er be⸗ harrlich blieb, trotz der wiederholten Bemühungen von Joe Beans und dem Farmer, ihn fortzunehmen. Das treue Thier begnügte ſich, mit dem Schwanze zu wedeln, indem es ein ſchwaches Wimmern aus⸗ ſtieß. Henry Aſhton hatte einen ſeltſamen Traum dieſe Nacht: es kam ihm vor, als ſitze er mit Ellen in der alten Bibliothek der Abtei, als Sir William Mowbray ihm erſchien, das Geſicht ſtrahlend vor Freude, wie er in den Tagen ſeiner Jugend geweſen ſein mußte, ehe der Kummer ſeine Thatkraft ge⸗ lähmt oder das Gefühl unverdienter Schmach die Quellen ſeines Weſens vertrocknet hatte. Es träumte Die Abtei Carrow. III. 12 178 ihm, der Einſiedler gebe ihnen ſeinen Segen und verſchwinde dann vor ihren Augen. Und dieſer Eindruck prägte ſich ſo tief in ſeinen Geiſt ein, daß weder Erſchöpfung noch Schlaf ihn verwiſchen konnten; er erwachte, die Erinnerung daran in ihrer ganzen Friſche bewahrend. Die Strahlen der Sonne erhellten ſein kleines Gemach, als er aufſtand, im Gedächtniß mit ver⸗ ſchiedenen wichtigen Gegenſtänden, die er in Aus⸗ ſicht hatte, und vornehmlich mit Martins Geneſung beſchäftigt. Er beſchloß, ohne einen Augenblick zu verlieren, ſich nach der Abtei zu begeben, um der Operation beizuwohnen. Als er ſich in Begleitung ſeines alten Oheims auf den Weg machte, ſchlug es auf der alten Wanduhr der Farm Acht. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. In der Nähe der Abtei begegneten Henry Aſhton und ſeine Begleiter dem Küſter Chettleborongh und dem armen Martin. Das Geſicht des Blödſinnigen nahm einen ſtrahlenden Ausdruck an, als unſer Held ſeine Hand faßte und ihn liebevoll fragte, wie er ſich befände. Joe glaubte darin den Anfang von der Rückkehr der Vernunft zu erblicken. —— „Zurückgekommen! Zurückgekommen!“ ſprach das Opfer der Brutalität des Kaninchenwärters.„Eins! Zwei!.. Alle werden mit den Blumen und Vögeln des Frühlings wiederkommen!“ „Wer wird wieder kommen, Martin?“ Der Alte gab auf dieſe Frage keine Antwort, ſondern begann an den Fingern zu zählen:„Eins! Zwei!“ und zu wiederholen:„Zurückgekommen! Zurück⸗ gekommen!“ „Was will er ſagen?“ fragte Henry unruhig. Chettleborough war im Begriff zu antworten, aber ein Blick von Matthäus Aſhton hielt ihn zu⸗ rück. Der würdige Farmer wußte, wie ſehr ſein Keffe ſeiner Kraft und Kaltblütigkeit bedurfte, und wollte ihn nicht dadurch beunruhigen, daß er ihn vermuthen ließ, Ellen könne in der Abtei ſein. Er hatte den Entſchluß gefaßt, ihm vor der Operation nichts zu ſagen. „Wie iſt mein armer Freund während meiner Abweſenheit geweſen?“ fragte Henry den Küſter. „Wie am Tage Ihrer Abreiſe,“ antwortete dieſer, „voll Einfalt wie ein Kind. Seine vornehmſte Unterhaltung war, Maaßlieben auf dem Kirchhofe zu ſammeln, denn er begleitete mich regelmäßig und blieb bei mir, während ich arbeitete. Abends hörte er mir Stunden lang beim Glockenſpiel zu.... Aber ſeit einiger Zeit habe ich eine Veränderung an ihm wahrgenommen. Er iſt unruhiger als ge⸗ wöhnlich, ein⸗ oder zweimal hat er ſich von meinem Häuschen entfernt. Das letzte Mal kehrte er erſt am Morgen zurück. Ich vermuthe, er war in der 180 Abtei; denn er redete von Nichts als von ſeinem alten Herrn und von Miß Ellen.“ Inzwiſchen waren ſie im Pfarrhaus angekommen, wo Doctor Orme, der Khan, Oberſt Butler, Sir Jasper Pepper, der General Bouchier und die beiden Wundärzte bereits im Bibliothekzimmer verſammelt waren. Beim Anblick ſo vieler Fremden wich Martin mit einem Ausdruck kindlichen Schreckens zurück. Es bedurfte des ganzen Einfluſſes unſeres Helden und des Saecriſtans, um ihn an der Flucht zu ver⸗ hindern. Henry bebte beim Anblick des mit einer künſt⸗ lichen Vorrichtung verſehenen Seſſels, deſſen ſich der Khan bei der Operation des Blödſinnigen bedienen mußte. „Wer iſt dieſer Mann?“ murmelte der Farmer Aſhton; und als der Renegat einige Worte aus⸗ ſprach, begann er bei dem Ton dieſer Stimme zu zittern und wurde ſehr blaß. „Was fehlt Ihnen?“ fragte Henry.„Sind Sie krank?“ „Es iſt Nichts.... es iſt Nichts, Harry!“ antwortete der Alte;„wenigſtens Richts, was ich Dir jetzt ſagen könnte. Achte nicht auf mich!“ Sein Neffe verließ ihn mit überraſchter Miene; denn Doctor Orme hieß nun Jedermann hinaus⸗ gehen, mit Ausnahme der Wundärzte, Henry's, Jve's und des Küſters. Sobald ſie allein waren, ſebte der Küſter den Blödſinnigen in den Seſſel. Der Alte leiſtete ſo wenig Widerſtand, als ein Kind in den Armen ſeiner Amme. — — 181 „Jetzt, Joe!“ ſprach Henry Aſhton, ſobald er Martins Aufmerkſamkeit vollſtändig beſchäftigt ſah, „wie lebhaft auch unſer Mitgefühl für die Qualen unſeres armen Freundes ſein mag, es handelt ſich darum, feſt zu ſein. Du wirſt ſeine linke Hand faſſen, während ich mich der rechten bemächtige.“ „O, Maſter Harry! ich würde das beſte meiner Jahre, die ich noch zu leben habe, darum geben, wenn es vorüber wäre.“ Wir werden die Operation der Trepanirung nicht beſchreiben; der Khan hatte von Indien eine beinahe unfehlbare Methode zurückgebracht und durch ſeine Forſchungen zu größerer Vollkommenheit ge⸗ führt. Der Alte bebte wie unter dem Einfluß eines electriſchen Schlages, er zitterte am ganzen Körper, ſtöhnte tief auf und verſuchte, ſeine Hände zu heben. Der arme Joe war ſo verwirrt, daß er ihn beinahe hätte fahren laſſen. Der Khan hielt an. Der Aufhalt dauerte nur einen Augenblick; der Operateur hatte einige Haare, wodurch die Thätig⸗ keit des Inſtruments gehemmt wurde, entfernen müſſen. „Im Namen der Menſchlichkeit,“ ſprach Henry, „verlängern Sie ſeine Leiden nicht um eine Secunde, wenn Sie keine Hoffnung mehr haben!“ „Im Namen des gerechten Gottes und der Menſchlichkeit,“ verſetzte der Renegat in feierlichem Ton,„werde ich fortfahren, ſo lang mir ein Hoff⸗ nungsſchimmer bleibt.“ Und er begann wieder die Säge zu hand⸗ haben. 182 Das Geſchrei und Stöhnen des Patienten war herzzerreißend; aber Henry und Ioe hörten darüber hinweg das Pfeifen der ſchreckliche Säge. Es ver⸗ urſachte ihnen einen Schauder bis in's Mark und i Qual ſtand nur der des armen, alten Martin nach. Bei den Anſtrengungen, die er machte, ſich ihren Händen zu entreißen, bohrte er ſeine Nägel Henry bis in's Fleiſch, und dieſer hätte Welten darum gegeben, wenn die Operation vorüber ge⸗ weſen wäre. Joe war blaß wie der Tod: Tropfen kalten Schweißes rieſelten ihm von der Stirne. Der Khan blieb unempfindlich. Ruhig wie die Bildſäule des Schickſals handhabte er fortwährend ſeine Säge, deren ſcharfe Zähne langſam in den zerſchmetterten Hirnſchädel eindrangen. Nach langem, andauerndem, kläglichem Stöhnen erfolgte ein tiefer Seufzer, dann trat Stille ein. Die kehrten in das Bibliothekzimmer urück. „Wie ich vorausſah,“ fprach Dalrymple, das Reſultat der Operation betrachtend;„es iſt Ihnen vollſtändig gelungen, die zerſchmetterten Theile zu entfernen; aber der Patient iſt vor Erſchöpfung ge⸗ ſtorben!“ Der Renegat ſchüttelte traurig den Kopf. „Todt?“ wiederholte Henry mit einem Seußzer der Betrübniß;„armer Alter, eine Treue wie die Deinige verdiente ein beſſeres Loos!“ Martineau, der ſich des Handgelenks des Patien⸗ ten bemächtigt hatte, forderte augenblicklich Ammoniak⸗ ——— ſalz; er hatte entdeckt, daß der Puls noch ſchwach ſchlug. „Schnell!“ rief er;„er iſt noch nicht todt!“ Das Reizmittel wurde ſogleich angewendet. Nach einigen Augenblicken der Erwartung und äußerſten Unruhe ſtieß Martin einen leichten Seufzer aus. Sein Kopf wurde ſogleich von der Maſchine losgemacht und Joe Beans nahm den Alten in ſeine Arme und trug ihn mit der Zärtlichkeit einer Nutter auf ein Bett im nächſten Zimmer. Jetzt war es an den Wundärzten, für ihn Sorge zu tragen. „Vorausgeſetzt, daß wir das Fieber zu hindern vermögen!“ ſprach der Eine. „Gelingt uns Das,“ ſetzte der Andere hinzu, „ſo iſt es möglich, daß er am Leben bleibt, wenig⸗ ſtens auf einige Zeit.“ „Gott ſei Dank!“ rief Henry;„mein Herz iſt von einer niederdrückenden Laſt befreit!“ „Und das meinige auch!“ ſchluchzte Joe.„O! Maſter Harry, als ich das ſo bleiche Geſicht des Alten betrachtete und das Pfeifen jener hölliſchen Säge hörte, kam es mir vor, als wäre ich zur Be⸗ gehung eines Mordes behilflich!“ Im Augenblick, wo der Khan, der in der Bi⸗ bliothek geblieben war, um ſeine Inſtrumente ein⸗ zupacken, ſich anſchickte, den Wundärzten zu folgen, legte ſich eine Hand auf ſeinen Arm. Er wandte den Kopf; es war die Hand des Farmers Aſhton. „Nicht jetzt, Matthäus!“ ſprach er,„nicht jetzt! Ich werde dieſen Abend auf die Farm kommen.... 184 Das heißt, wenn Du mir verſprichſt, allein zu in 35 verſpreche es Dir,“ antwortete der Oheim unſeres Helden mit einem Ton tiefer Bewegung. „Du wirſt mich nicht täuſchen? Es verlangt mich zu wiſſen.. „Du ſollſt Alles erfahren, was ich Dir zu ſagen vermag, zu ſagen wage; erinnere Dich, daß hier nicht der Ort iſt, uns zu erklären.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. „Ich täuſchte mich nicht!“ murmekte der Far⸗ mer, ihm folgend.„Ich wußte, daß ich mich nicht täuſchen konnte; überdieß hat er mich Matthäus genannt. Wie ſollte ein Fremder meinen Namen wiſſen?“ Wiewohl die Operation gelungen war, hing das Leben des alten Martin doch nur an einem Faden. Die beiden Chirurgen zweifelten, daß er ſich jemals ſo weit erholen würde, um eine Ausſage nieder⸗ zulegen. Doctor Orme machte darauf aufmerkſam, daß er zu ſchlafen geneigt ſcheine. „Sie haben Recht,“ ſagte der Khan, der das Vertrauen nie verloren hatte;„er will einſchlafen.“ Henry trat auf ihn zu und drückte ihm dankbar die Hand. „Wenn dieſer Schlaf vorüber,“ ſetzte der Khan hinzu,„wird er Vernunft und Gedächtniß wieder erlangt haben, oder in einer andern Welt erwachen, wo es weder Verbrechen noch Leiden gibt.“ „Sie werden bei ihm wachen?“ 0 „Das wäre nutzlos, junger Mann,“ verſetzte der Renegat, Henry ſeine Hand auf die Schultern legend. „Ich kann ihm keinen weitern Dienſt erweiſen, und überdieß ruft mich eine gebieteriſche Pflicht.... Was auch geſchehe, zweifeln Sie nicht an meinem Wunſche, Ihnen angenehm zu ſein.... Schenkt Gott mir das Leben, werden wir uns wieder⸗ ſehen!“ Darauf verließ er das Pfarrhaus, aber er war nicht allein; Jde Beans begleitete ihn mit den Schlüſſeln des Glockenthurms, wo man Will Sideler in Erwartung des Erfoigs von der an Martin voll⸗ zogenen Operation eingeſperrt hatte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der Glockenthurm der Kirche von Carrow war ein hoher, viereckiger Thurm, ganz von Steinen in dem blumigen, gothiſchen Styl erbaut und offenbar von viel jüngerem Datum, als das übrige Gebäude, woran man noch Spuren normänniſcher und ſächſiſcher Architektur findet. Derſelbe war in fünf Stockwerke oder Kammern getheilt, wohin man nur auf einer ſchmalen, in der nördlichen Mauer, noch viel dicker 3 die drei übrigen, angebrachten Treppe gelangen onnte. 186 Der fünfte Stock enthielt ein Glockenſpiel, das nicht ohne Harmonie war; der vierte war von der Uhr eingenommen; der dritte war zum proviſoriſchen Kerker für den Kaninchenwärter auserſehen worden. Man ſah, daß das hier befindliche Gemach nicht zum erſten Mal einen Gefangenen einſchloß, denn die Thüre beſtand aus maſſivem, mit Nägeln be⸗ ſchlagenem Eichenholz und ungeheure Riegel ver⸗ ſperrten ſie von außen. Das Fenſter war mit Aus⸗ nahme einer ſchmalen Lucke, um das Tageslicht einzulaſſen, vermauert worden, ſo daß jedes Ent⸗ weichen und jede Communication mit den untern Räumlichkeiten unmöglich war. Den dringenden Bitten des Gefangenen, der die langen Stunden der Finſterniß fürchtete, nach⸗ gebend, hatte der Küſter aus dem untern Stock⸗ werk einen großen eiſernen Fackelſtuhl heraufgebracht, der eine röthliche, traurige Helle in das Gemach warf. Will Sideler hatte eine Nacht der Unruhe und des Schreckens zugebracht. Seine Anwandlungen von fieberiſchem Schlaf waren durch Träume geſtört worden, worin die Gegenwart und die Vergangen⸗ heit ſeltſam ſich miſchten. Der Tag machte den Qualen des Elenden kein Ende. Der erſte Sonnen⸗ ſtrahl, der durch die ſchmale, als Fenſter dienende Heffnung eintrat, brachte ihm auch nur die ſchreck⸗ liche Ueberzeugung, daß er ſeinem Tode um einen Tag näher gerückt war. „Das würde nicht ſo viel ausmachen,“ murmelte er,„wenn man mich nur anderswo, als zu Nor⸗ wich hängte! Ich habe als Kind auf dem Schloß⸗ —=— 187 berge geſpielt und es würde mir widerſtreben, dort wie ein Hund gehängt zu werden vor den Tauſen⸗ den blaſſer Geſichter, die mir zuſchauen wollen... vor Leuten, die mich klein gekannt haben!“ Als Joe Beans das Pfarrhaus nach der von dem Khan an dem armen Martin vollbrachten Operation verließ, nahm er den Schlüſſel zu dem Thurm mit ſich, um dem Gefangenen zu Eſſen zu bringen. Er war zu ſeinem Kerkermeiſter beſtellt worden, da der Küſter zu alt war, um ihm dieſe Rolle zu übertragen. Beim Oeffnen des Kerkers von dem Gefangenen fand er denſelben in einer Ecke niedergekauert. Welchen Abſcheu er auch vor dieſem Mann und ſeinen Verbrechen haben mochte, er konnte ſich eines Gefühls von Mitleid beim Anblick ſeiner blutunterlaufenen Augen, ſeiner blaſſen Züge, ſeines ſtarren Ausſehens nicht erwehren. Es ſchien, daß die Ereigniſſe der letzten Tage ihn um zehn Jahre gealtert hatten; ſeine Haare waren gebleicht, und ſein ganzer Körper magerer und elender ge⸗ worden. „Ich bringe Euch zu Eſſen,“ ſprach Joe, einen kleinen Korb vor ihn hinſtellend. „Ich will nicht eſſen,“ verſetzte Will Sideler mit mürriſchem Ton;„zu trinken begehre ich!“ Joe machte ihm bemerklich, daß er Waſſer in ſeinem Krug habe. „Waſſer!“ rief der Räuber;„Branntwein muß ich haben! Würdet Ihr einem Fieberkranken Eis geben! Zudem verabſcheue ich das Waſſer, ich habe einen Schauder davor!“ „Will!“ ſprach Joe in ernſtem Ton,„der ——— * arme, alte Martin iſt wieder zur Vernunft ge⸗ kommen!“ Dieſe Nachricht brachte auf den Gefangenen die Wirkung eines heftigen electriſchen Schlags her⸗ vor. Er blieb einen Augenblick wie verſteinert; dann begann er an allen Gliedern zu zittern, und ſeine Geſichtsmuskeln verzogen ſich ſchmerzlich. „Mein Traum!“ ſagte er.„Ich werde gehängt werden wie ein Hund an der Stelle, wo ich als Kind ſpielte!“ Ende des dritten Bandes. Außerordentlich billig!! In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: W. M. Thackeray, 5* Fämmtliche Romanr. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Geſchichte von Samuel Tit⸗ marſh und dem großen Hog⸗ gart'ſchen Diamant. 3 Bändchen. Der Jahrmarkt des Lebens(Va- Pendbni Henry Esmond. Eine Erzählung aus den Zeiten der Königin Anna 13 Die Newcomes. Denkwürdigkeiten einer höchſt achtungswerthen Familie 31„ Als ein Stern erſter Größe ſteht Thackeray am literariſchen Himmel Englands. In ſeinen Romanen zeigt er ſich Fielding und Smollet vollkommen ebenbürtig. Eine Fülle geſunden Humors, eine Wahrheit der Zeichnung und des Colorits, wie man ſie ſonſt nur bei Dickens findet, tritt dem Leſer auf jeder Seite entgegen. Aus dieſen Gründen ver⸗ dient er auch ein Liebling des deutſchen Leſepubli⸗ kums zu werden. Unſere Ausgabe zeichnet ſich durch vortreffliche Ueberſetzung und außerordentliche Billigkeit aus und verdient daher vor allen andern den Vorzug. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. — In unſerem Verlage iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Wyſterien rines Freimaurers. Von Br.“. Heribert Rau. Zwei Bände. Manuſeript für Freimaurer. 8. eleg. geh. 21 Sgr. oder fl. 1. 12 kr. rhein. Der Hauptzweck dieſes Buches iſt ein den jetzigen Zeitbewegungen vollkommen entſprechender. Er geht dahin, alle Freimaurerbrüder vor jenem unſeli⸗ gen Geiſte des Myſticismus zu warnen, welcher leider— von Pfaffen und Kopfhängern in die ſtillen Hallen des Bundes eingeführt— jetzt in ſo manchen Logen ſpukt, und namentlich in den höheren Graden und der albernen Spielerei im Schottenthum einen günſtigen Boden findet. So ſehr daher der Verfaſſer die Freimaurerei in den drei Jo⸗ hannis⸗Graden ehrt, mit eben ſolcher Entſchieden⸗ heit enthüllt er, in der Geſchichte eines unglück⸗ lichen, betrogenen Bruders, die Erbärmlichkeit und Abgeſchmacktheit des mauriſchen My⸗ ſticismus der Schottengrade. Franckh'ſche verlagshandlung. —————— 8 —— eee — durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Feſtgeſchenke. In unſerem Verlage ſind ſo eben erſchienen und Hermann Kurz, Schillers Heimathjahre. 2 Bände. eleg. broch. Preis Thlr. 1. 18 Sgr. oder fl. 2. 42 kr. Prachtvoll gebunden Thlr. 2. oder fl. 3. 24 kr. Hermann Kurz, Erzählungen. Erſter Band. eleg. broch. Preis Thlr. 1. oder fl. 1. 36 kr. 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