Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . cLeih- und cLeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. CQaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet( wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 5 f 2 W— Pf. ſ5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ₰ 6. Schadenersatz. 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Die Abtei Carrow war eines jener ſchönen Bau⸗ werke aus der Zeit von Eliſabeth, wie man ſie noch in den abgelegenſten Winkeln Englands trifft, gleich weit entfernt von dem Weibergeklatſch der Städte, dem Lärm der Geſchäfte und dem Tumult des ge⸗ meinen Lebens. Gleich einer ernſten Matrone hatte ſie ſich von einer Geſellſchaft und von Moden, welche nicht mehr die ihrer Jugend waren, gänzlich zurück⸗ gezogen. Das Haus war von Steinen und Ziegeln auf⸗ geführt, ungefähr in Geſtalt eines H. Es hatte hohe und graziöſe Giebel und zwei von Thürmen flankirte Flügel, geſchmückt mit Wappenſchilden und dem Namenszug des Gründers, die aber einiger⸗ maßen von dem Zahn der Zeit verwiſcht oder von dem dichten Epheu und den Schmarotzerpflanzen, die man an den Mauern hatte emporklimmen laſſen, bedeckt waren. Der Haupteingang, der nach Süden lag, beſtand aus einem Porticus und einem ſehr hohen Thurm, der in einem jeden Stockwerk von einem vorſprin⸗ genden Fenſter durchbrochen war und mit Zinnen und einer Plattform endete, wohin man während der Bürgerkriege zur Vertheidigung der Bewohner eine Kanone gebracht hatte. Es war den modernen Architecten und Deco⸗ rateurs verboten worden, an der Anordnung und Meublirung dieſes Wohnorts etwas zu ändern. Die hohen Zimmer mit Eichenholz⸗Getäfel bewahrten noch die Bildniſſe Derer, welche darin gelebt hatten oder geſtorben waren; und hätten die OHriginale aus den Grüften der benachbarten Kirchen, wo ſie größten⸗ theils ruhten, hervorgehen können, ſie würden noch dieſelben Seſſel mit hohen Lehnen, dieſelben reich geſchnitzten Schränke, dieſelben maſſiven Tiſche, die⸗ ſelben Sammt⸗Tapeten und Teppiche(ein wenig ver⸗ ſchoſſen zwar von deér Zeit und den Sonnenſtrahlen, welche ſchläfrig durch die ſchmalen Fenſter fielen), endlich dieſelben Himmelbetten und dieſelben Bet⸗ pulte gefunden haben, welche ſie zu ihren Lebzeiten geſehen hatten. Nichts hatte gewechſelt als der Eigenthümer. Der ungeheure Park, welcher die Abtei umgab, war wohlbeholzt, zu Thälchen verſenkt, in Hügel ausgebaucht, von großen Lichtungen durchſchnitten, welche die Sonne erheiterte, und wo die Damhirſche und Rehe Morgens, wenn der Thau noch auf dem 3 5 Graſe glänzte, luſtig weideten. Dann zogen ſie ſich als wahre Cpikuräer in den Schatten zurück, um nach Muße ihr Mahl zu verdauen. Alles um die Abtei herum hatte ein Ausſehen reſpectvoller Alterthümlichkeit. Die Eichen waren Rieſen in ihrer Art, die ſchwarzen Tannen, Lerchen, die ſilbergrauen Buchen ſchienen wenigſtens Zeitge⸗ noſſen des Gebäudes; ſelbſt die Saatkrähen, deren Vorfahren Jahrhunderte lang ihre Neſter in dem dicken Laubwerk gebaut hatten, ſchienen keine ge⸗ meinen Vögel; ihre ariſtocratiſche, ehrwürdige Miene erinnerte unwillkürlich an ein ernſtes Domcapitel. Es lag etwas Salbungsvolles und Markiges ſogar in ihrem Krächzen. Sah man ſie ſo nachläßig über das Herrſchaftsgut hinfliegen, man hätte ſagen mö⸗ gen, ſie wären es ſich bewußt, zu einer privilegirten Caſte zu gehören, ſicher zu ſein vor den Flinten junger Herumſtreicher und der benachbarten Pächter, welche Sir William Mowbray, den Gebieter von Carrow, allzu ſehr fürchteten, als daß ſie ſich erlaubt hätten, auf ſeinem Grund und Boden einen Schuß zu thun, was nicht geduldet wurde. Das will nicht ſagen, daß der Baronet ein Jäger war, im Gegentheil er ging nie mit einer Flinte aus und hegte eben ſo wenig ſein Wildpret für die Perſonen, welche zu ihm auf Beſuch kamen. Mit Ausnahme des Kirchſpiel⸗Geiſtlichen, welcher ein Mitſchüler von ihm zu Opford geweſen war, empfing er keine Perſon. Sein Leben war eben ſo einſam, wie das Herrenhaus, welches er bewohnte. Die Bücher waren ſeine vornehmſten Geſellſchafter, und er vermißte keine Andern. So wimmelte das ganze Herrſchaftsgut zum großen Verdruß der Pächter von Wildpret. Sie beklagten ſich laut über die von den Thieren ange⸗ richteten Verwüſtungen, wenn die jährliche Rechnungs⸗ Abhör kam; aber Sir William war ein ſo milder Gebieter und bewilligte ſo beträchtlichen Nachlaß für den Schaden, welchen Haſen und Faſanen(wir rech⸗ nen die Krähen nicht) der Ernte gethan hatten, daß ſie genöthigt waren, wenigſtens zufrieden zu ſcheinen. Wir ſagen zu ſcheinen, denn es iſt eben ſo ſchwer, einen Pächter zu finden, der ſich nicht beklagt, als einen politiſchen Charlatan ohne Partei⸗ gänger. Das Brummen ſcheint ihr habitueller Grund⸗ ton zu ſein. Obgleich der Baronet der größte Grundeigen⸗ thümer der Grafſchaft war, miſchte erz ſich doch niemals in die Wahlen, ſondern ließ ſeine Pächter nach ihrem Dafürhalten abſtimmen. Er überſchritt ſelten die Grenzen ſeines Parks, außer am Sonntag⸗ Morgen, wo er ſich nach der Pfarrkirche auf einem einſamen Fußweg begab und auf der kleinen, mit Vorhängen verſehenen Gallerie gegenüber von der Kanzel Platz nahm. Er kam gewöhnlich zuerſt und entfernte ſich zuletzt, ſo daß die Dorfbewohner nur ſelten Gelegenheit hatten, ihren excentriſchen und einſiedleriſchen Herrn zu erblicken. Sie erkannten ihn jedoch an ſeiner unbegrenzten Wohlthätigkeit. Das der Welt verſchloſſene Herz war für den Ruf der Noth offen geblieben. Das Haus von Sir William beſtand aus einem Dutzend Domeſtiken, von welchen die meiſten im Dienſt der Familie alt geworden waren. Es zählte ————. deren viel mehr zu der Zeit, da er ſich aus der Welt zurückzog, aber er hatte ſich geweigert, die, welche ſtarben oder ihn verließen, zu erſetzen; er konnte ein fremdes Geſicht nicht leiden. Gleichwohl beſaß dieſer Mann, welcher ſo einſam lebte, daß ſein Name aus dem Gedächtniß ſeiner Freunde verwiſcht ſchien, Talente, welche den Ruhm des Parlaments ausgemacht hätten: eine Energie, fähig, die Beſtrebungen einer großen Nation zu leiten; ein Vermögen, hinlänglich, einen Geizhals zu ſättigen, und einen Ruf, ſo rein, wie der Name einer Vorfahren. Zwölf S vor dem Anfang unſerer Geſchichte hatte Sir William Mopbray, damals in der Blüthe des Alters, eine jener Wunden erhalten, von wel⸗ chen ein großer Geiſt geneſen kann, eine gefühlvolle Seele niemals. Seine Gattin, die er leidenſchaftlich liebte, hatte mit einem Mann die Flucht ergriffen, welchen er für ſeinen treueſten Freund hielt; und um jenen Schimpf wo möglich noch zu vergrößern, hatte ſie ihr Kind mit ſich genommen, den Erben des Namens und Vermögens von Mowbray. Groß war das Erſtaunen der faſhionabeln Welt; denn der ehrenwerthe Capitän Lucas, der Entführer, ſtand eben ſo tief unter dem Baronet in Bezug auf gefälligen Anſtand, welcher das Herz der Frau ge⸗ winnt, wie auf männliche Tugenden, welche dieſe Eroberung zu behaupten verſtehen. Unter einem liebenswürdigen Aeußern verbarg er einen ſelbſtſüch⸗ tigen Character; er war in der größten Bedeutung des Worts ein ſinnlicher Menſch, ein Spieler, ein Feigling. Sobald der empörte Gatte ſich ein wenig von dem ſchrecklichen Schlag erholt hatte, welchen dieſes Ereigniß ihm verſetzte, verfolgte er die beiden Schul⸗ digen bis nach Florenz, dann von Florenz nach Rom, wo er ihre Spur verlor. Mehr als zwei Jahre lang durchlief er Europa, wie eine Seele in der Qual, unter der Laſt eines Schimpfs, welcher das Herz und das Gehirn vertrocknet; ſeine Kräfte wurden durch den Schmerz aufrecht erhalten, der ſie an⸗ ſpornte, aber ſeine Nachforſchungen waren fruchtlos. Er konnte keine Spur ſeines treuloſen Freundes, ſeiner entehrten Frau, feines geraubten Kindes entdecken. Ermüdet von dieſer Verfolgung und zerriſſenen Herzens kehrte endlich Sir William Mowbray nach England heim und zog ſich in die tiefe Einſamkeit von Carrow⸗Abtei zurück. Zum großen Erſtaunen ſeiner Freunde weigerte er ſich, den geringſten Schritt zu einer Scheidung zu thun oder zu demſelben Voll⸗ macht zu geben. Mehrere nahmen das für Schwäche. Sie täuſchten ſich. Sein Entſchluß kam aus der Kenntniß, den er vom Character ſeiner Frau hatte. Sie war ſtolz und empfindlich, und er wußte, es würde eine Zeit kommen, wo ihr Verbrechen ihre Züchtigung wäre. „Nie wird ſie ſeine Frau werden,“ ſprach er. „Sie lebe zur Abhängigkeit von ihrem Verführer er⸗ niedrigt und zitternd vor ſeiner geringſten Laune! Wenn die Leidenſchaft dieſes Mannes erloſchen iſt, wenn Ueberſättigung ihn abgeſtumpft hat, wenn ſie fühlt, daß ſie eine Laſt für ihn iſt, wenn jede 9 Stunde ihres Lebens zu einem Jahrhundert der Demüthigung für ſie geworden iſt.. dann werde ich gerächt ſein!“ Mehrere Jahre lang bot der Baronet demjenigen, welcher ihm ſeinen Sohn zurückgeben würde, große Belohnungen; aber vergebens. Ein undurchdring⸗ licher Vorhang ſchien Vater und Kind, den beſchimpf⸗ ten Gatten und die ſchuldige Frau zu trennen. Das einzige Individuum, welches von dem trau⸗ rigen und ſchmerzlichen Ereigniß, wie es ſchien, Nutzen ziehen ſollte, war der Bruder von Sir Wil⸗ liam, Obriſt Mowbray, ein Weltmann, ehrgeizig und intrigant, der ſolcher Art als ſein präſumtiver Erbe galt. So nahe verwandt ſie waren, beſtanden doch nur wenig Beziehungen zwiſchen ihnen und ſie ſahen ſich ſehr ſelten. Ihr Geſchmack und ihr Character waren nicht ſympathiſch. Sir William hatte ſonſt keine Verwandtſchaft, als eine Schweſter, welche von ihm zärtlich geliebt Gatte, General Aubrey de Vere, ein wichtiges Com⸗ mando begleitete. Nichts deſto weniger begegnete es ihm manchmal, daß er deren Briefe Wochen lang auf dem Tiſch liegen ließ, ohne das Siegel zu er⸗ brechen, und eben ſo lang vielleicht wartete, ehe er eine Antwort darauf gab. An einem heißen Abend zu Anfang des Auguſts 1817 ſaß der Baronet in der Bibliothek von Carrow⸗ Abtei, einem jener Gemächer, welche van Dyck ſo gern malte. Mehrere Portraits von Gliedern der Familie Mowbray, von jenem berühmten Meiſter, 10 hingen an dem eichenen Getäfel, deſſen zarte Schnitz⸗ Arbeit Gibbons beneidet haben würde. Das Aus⸗ ſehen deſſen, welcher den alterthümlichen Salon ein⸗ nahm, war nicht ohne Harmonie mit dem Character des Gemachs. Wiewohl in der Kraft der Jahre, trug Sir William bereits die Zeichen des Alters, nicht jenes rüſtigen Alters, welches einem Sonnen⸗ ſtrahl im Winter gleicht, ſondern eines vorzeitigen Verfalls: Abgelebtheit des Herzens, Runzeln von Thränen gegraben, eine von Schmerz, nicht von der Zeit gefurchte Stirne. Seine Phyſiognomie war ſehr intelligent und einſt ſchön geweſen, aber der Ausdruck derſelben, ſelbſt in der Ruhe, war der des Schmerzes, der von moraliſcher Energie überwunden worden iſt. Silberfäden miſchten ſich bereits unter die wallenden Locken ſchwarzen Haares, welches er zu Zeiten von ſeiner brennenden Stirne ſtrich. Sein Coſtüm war eben ſo vernachläßigt wie ſeine Perſon. Sein magerer, aber muſculöſer Körper war in einen weiten Schlafrock von verſchoſſenem Damaſt gehüllt, und er glich, in ſeinen geſchnitzten Seſſel zurückgelehnt, mehr einem Bildniß von ehe⸗ mals, von einem maſſiven Rahmen umſchloſſen, als einem lebendigen und fühlenden Weſen. Das Buch, das er las, die Anatomie der Schwer⸗ muth von Burton, war ihm aus der Hand gefallen, aber er ſchien es nicht bemerkt zu haben. Ohne Zweifel war er auf einen Lauf gekommen, der eine der unzähligen Saiten vibriren machte, welche von dem Herzen ausgehen und nach allen Seiten hin ausſtrahlen. Sein Blick war auf das Portrait eines ſeiner Vorfahren gerichtet, einen Holbein, deſſen außerordentlich friedſame Mienen mit den in dem Geſicht ſeines Abkönmlings gemalten Leidenſchaften ſeltſam contraſtirten. Der Geiſt des Baronets war offenbar mit Bil⸗ dern erfüllt, welche ſeinen Frieden ſtörten; vielleicht dachte er an die Todten und beneidete ſie um ihre Ruhe; vielleicht träumte er von den Lebenden, denn zuweilen zogen ſich die Muskeln ſeines Angeſichts raſch zuſammen und ſeine trüben Augen wurden beredt in ihrem ſtummen Schmerz. Wir neigen uns eher dieſer letzteren Meinung zu. Man hatte dreimal ſanft an die Zimmerthüre geklopft, aber der Baronet war ſo ſehr in ſein Nach⸗ denken vertieft, daß er nichts davon hörte. Endlich öffnete ſich die Thüre langſam und Mrs. Rebecca Jarmy, die alte Beſchließerin, trat ein. Das treue Geſchöpf war im Herrenhauſe geboren worden. Ihre Gefühle, ihre Gewohnheiten und ſelbſt ihr Geſicht hatten etwas von dem alterthümlichen Character dieſer Orte. Ihr ernſtes, würdiges Be⸗ nehmen war ſehr verſchieden von dem ſervilen Weſen der Domeſtiken unſerer Tage. In ihrer Jugend war ſie die Zofe von Sir Williams Großmutter geweſen; und bei dem Tode dieſer Dame hatte man ihr den Poſten, den ſie nunmehr bekleidete, übertragen. Mit den Gewändern ihrer verſtorbenen Herrin⸗ nen hatte ſie auch einen Theil ihrer Würde geerbt; und ſo lächerlich ihre tiefe Verbeugung beim Ein⸗ tritt in das Zimmer einem Emporkömmling von heute erſcheinen mochte, eine Dame vom Hofe 12 Georgs II. hätte gewiß daran weder etwas Albernes noch Außerordentliches gefunden. Die Haushälterin war in eine Robe von aufge⸗ ſchnittenem Brocat gekleidet, die zu ihrem Vortheil einen alterthümlichen Unterrock von geſteppter Seide blicken ließ. Ihre Haare, weiß wie Schnee, waren um ihre runzelige Stirne gelegt und von einer Haube von Brabanter⸗Spitzen, würdig einer Gräfin, über⸗ ragt. Ihre Manchetten und ihre Schürze waren mit nicht minder reichen Spitzen garnirt. Bei ihrem Anblick fuhr der Baronet zuſammen, gleich einem Menſchen, der plötzlich aus einem pein⸗ lichen Traum erwacht. „Ah! Jarmy, ſind Sie es?“ „Ja, Sir William.“ „Habe ich geklingelt?“ „Nein, Sir William.“ „Was führt Sie denn hieher?“ fragte ihr Gebieter in einem Tone, der einige Unzufriedenheit darüber andeutete, daß er in ſeinen Betrachtungen unter⸗ brochen worden war. „Ich muß Sie ſtören,“ erwiderte die alte Dame. „Eine Neuigkeit. es iſt Jemand angekommen.“ „Jemand angekommen?“ wiederholte der Baronet mit erſtaunter Miene. „Ja, Sir William.“ Offenbar war die Haushälterin in Verlegenheit und wußte nicht, wie ſie fortfahren ſollte. Der Ein⸗ ſiedler betrachtete ſie aufmerkſamer und bemerkte, daß ihre Augen voll Thränen waren, daß ihre Stimme zitterte und ihr ganzes Ausſehen große Auf⸗ regung verrieth. 13 „Setzen Sie ſich, Jarmy,“ ſagte er, auf einen Stuhl deutend,„und laſſen Sie mich wiſſen, was ſich zugetragen hat.“ „Haben Sie kürzlich einen Brief von meiner lieben jungen Dame erhalten?“ fragte ſie. Mit zitternder Hand ſuchte Sir William haſtig unter einer Maſſe von Briefen und Journalen, die auf dem Tiſch aufgehäuft waren. „Nein,“ ſagte er,„ich ſehe keinen Warten Sie, da iſt einer, der das Poſtzeichen In⸗ dien trägt.... Aber es iſt nicht die Handſchrift meiner Schweſter,“ ſetzte er hinzu, die Adreſſe an die Lampe haltend. „Haben Sie das Siegel angeſehen, Sir William?“ fragte die alte Frau in jenem Ton vertraulicher Zu⸗ neigung, zu dem ſie ihre langen und treuen Dienſte berechtigten. Der Baronet drehte den Brief um und ſah, daß er ſchwarz geſiegelt war. „Verlaſſen Sie mich,“ ſagte er mit gebrochener Stimme;„ich will Ihnen ſogleich klingeln, aber es iſt beſſer, ich bin allein, um dieſen Brief zu leſen.“ Die gute Frau entfernte ſich aus dem Zimmer; man las Betrübniß und Mitgefühl auf ihrem Geſicht; ihre Aufgabe war vollbracht, die des Baronets be⸗ gann erſt. Er erbrach das Siegel mit zitternder Hand. Der Brief war von dem Agenten ſeines Schwagers in Indien und meldete ihm mit ganz kaufmänniſchem Lakonismus, daß Sir Aubrey de Vere und ſeine Frau von einem jener anſteckenden und im Orient gewöhnlichen Fieber hinweggerafft worden waren, indem ſie ſeinem Schutze ihr ein⸗ ziges Kind, ein Mädchen von fünfzehn Jahren, an⸗ vertrauten. 3 „Todt!“ rief er, den verhängnißvollen Brief aus ſeiner Hand gleiten laſſend.„Ellen und ihr Gatte, beide todt, die einzigen Weſen, die mich liebten! Warum muß ich als der Letzte übrig blei⸗ ben, um zu leiden?“ Obgleich der Baronet keine Thräne vergoß, be⸗ klagte er doch bitter dieſen Verluſt. Thränen hätten ihn erleichtert, aber ſie waren ihm verſagt. Das Fieber, das ſein Herz und ſeinen Kopf verzehrte, hatte ſchon längſt deren Quelle vertrocknet. Zwei⸗ mal drückte er die Hand an ſeine Stirne, gleich einem Menſchen, der eben einen plötzlichen Schlag erhalten hat, dann ſank er, einen tiefen Seufzer ausſtoßend, in ſeinen Seſſel zurück. Als er wieder zu ſich kam, kniete ein ſchönes Mädchen zu ſeinen Füßen, ſeine Hände küſſend und ſie mit ihren Thränen badend. Die Wellenlinien ihres ſchwarzen, üppigen Haares, ihre reine Stirne, ihre Augen, Alles erinnerte ihn an ſeine verſtorbene Schweſter. Welche Süßigkeit und welcher Troſt liegt ſelbſt in dem Andenken an eine Schweſter! In der Ju⸗ gend iſt ſie die natürliche Vertraute unſerer Hoff⸗ nungen und unſerer Freuden, des erſten Traumes unſeres Herzens; ſie verläßt uns nicht in unſeren reiferen Jahren; auf dem Pfade des Alters iſt ſie gleich dem Schatten unſerer Jugend, und wenn kein anderes Weſen auf der Welt übrig bleibt, uns zu 15 beweinen, ſo fallen die Thränen unſerer Schweſter ſegnend auf unſer Grab. „Onkel! lieber Onkel!“ ſchluchzte die Waiſe,„er⸗ lauben Sie mir, Sie zu lieben? Werden Sie mich nicht von ſich ſtoßen?“ „Dich von mir ſtoßen?“ wiederholte der Baronet, indem er ſie an ſein Herz drückte.„Armes Vögel⸗ chen, das kein Neſt hat! Wo wäre Deine Wohnung, wenn nicht bei mir? Mein Herz iſt gebrochen, Ellen,“ ſetzte er hinzu,„gebrochen durch die Gott⸗ loſigkeit der Welt; aber es enthält noch Liebe ge⸗ nug, um Dir ein Aſyl zu gewähren.“ Das Mädchen legte den Kopf auf die Schulter des Baronets; ihr Herz war voll; ſie hatte Jemand gefunden, der ſie liebte, und ihre Thränen floſſen ſanft wie Regentropfen, welche die welkende Blume wieder beleben. Während Sir William das Kind ſeiner Schweſter betrachtete, die Waiſe, die ſo plötzlich ſeiner Sorg⸗ falt anvertraut worden war, nahm ohne Zweifel die Hand eines Engels den Stein hinweg, welcher ſeit langer Zeit die Quelle ſeiner Thränen verſiegelte, und ſie miſchten ſich mit denen ſeiner Nichte. „Danke, meine Liebe!“ ſagte er mit tief gerührter Stimme, indem er einen Kuß auf Ellens Stirne drückte. Sie ſah ihn mit erſtaunter Miene an. „Sie danken mir, lieber Onkel?“ flüſterte ſie, „und wofür denn?“ „Dafür, daß durch Dich mein Herz ſich er⸗ weicht hat.“ Zweites Kapitel. Ellen de Vere wohnte erſt ſeit wenigen Wochen in der Abtei Carrow, und bereits begann eine Ver⸗ änderung in den Gewohnheiten und Manieren des Baronets ſich geltend zu machen. Er nahm ſein Mahl nicht mehr in der Einſamkeit ein; ſeine Nichte theilte daſſelbe mit ihm, zur großen Befriedigung der trefflichen Miſtreß Jarmy und des übrigen Hau⸗ ſes; denn Sir William war von ſeinen Leuten mehr als geachtet, er war geliebt. Jeden Morgen, wenn er in die Bibliothek hinabſtieg, fand er ſeine Jour⸗ nale und Briefe in guter Ordnung und friſche Blu⸗ men in den Vaſen. Mit ſeltener Zartheit und ſel⸗ tenem Tact für ihr Alter trug ſeine Nichte in der erſten Zeit Sorge, ihn nicht durch ihre Gegenwart zu beläſtigen, ſo daß er nicht nur allmälig an ihre Gegenwart ſich gewöhnte, ſondern ſogar großes Ver⸗ gnügen daran zu finden ſchien. Eines Tages lud zum großen Erſtaunen des Hauſes Sir William ſogar Ellen ein, ihn auf ſeinem Spaziergang zu begleiten. „Ich glaube,“ ſagte der Beſchließer in vertrau⸗ lichem Ton zu Mrs. Jarmy,„wir werden die alten Tage wiederkehren ſehen.“ „Ohne Zweifel,“ erwiderte Dick Martin, der Bereiter, ein Mann mit harten Zügen, der zur Zeit des Großvaters von Sir William Stalltnecht geweſen war und ſich allmälig zu der Sinekure, die er jetzt begleitete, emporgeſchwungen hatte.„Erſt geſtern redete mich der Herr im Park an und fragte mich, ob es junge Pferde im Stall gebe. Ich wäre nicht mehr erſtaunt geweſen,“ ſetzte er hinzu,„wenn die Statue des alten Sir Rowland, die ſich im großen Saal befindet, von ihrem Fußgeſtell herab geſtiegen wäre, um mit mir zu ſprechen.“ „Junge Pferde!“ wiederholten einige Domeſtiken. „Und was noch mehr iſt,“ fuhr der Alte fort, „er bat mich, eines für Miß Ellen zuzureiten! Es war ein glücklicher Tag für unſern Gebieter und für uns Alle, der dieſes ſchöne Mädchen in das Herrenhaus führte.“ „Sie verbreitet überall Klarheit auf ihrem Gang,“ ſprach eine große Frau mit düſterem Geſicht, deren orientaliſches Coſtün und ſchwere Gold⸗Bracelets eine Indierin anzeigten.„In Indien,“ ſetzte ſie ſtolz hinzu,„war ſie das Licht in ihres Vaters Hauſe.“ Die, welche ſoeben geſprochen hatte, war Ellens Aya oder Amme geweſen, welche ſie nach England begleitet hatten In ihrer Zuneigung für den Gegen⸗ ſtand ihrer Sorge war ſie ſelbſt auf die ſie um⸗ gebende Liebe eiferſüchtig. Eine Art ſtummen Kriegs hatte bereits zwiſchen ihr und der würdigen Mrs. Jarmy, der Haushälterin, begonnen; jede von ihnen betrachtete es als ihr Privilegium, das junge Fräulein ausſchließlich zu bedienen. Jarmy machte für ſich geltend, daß ſie deren Mutter und Groß⸗ mutter und alle Damen der Familie ſeit drei Gene⸗ rationen erzogen habe! Zara, die Amme, daß ihre junge Herrin ſeit ihrer Geburt nur an die Bedienung von ihr gewöhnt ſei. Die Abtei Carrow. I. 2 18 Nach Verfluß eines Monats glaubte Dick Mar⸗ tin eines der jungen Pferde hinlänglich zugeritten zu haben, daß Ellen es beſteigen konnte. Der arme Mann wußte nicht, daß ſie in Indien die Gewohn⸗ heit hatte, im Palankin oder Wagen, aber nicht zu Pferd, die freie Luft zu genießen. „Was für ein ſuperbes Thier!“ rief das ent⸗ zückte Mädchen, den glänzenden Hals der Vollblut⸗ ſtute ſtreichelnd, welche der alte Bereiter vor dem Porticus des Hauſes am Zügel hielt.„Lieber On⸗ kel,“ ſetzte ſie, gegen den Baronet gewendet, mit ihrem ſtrahlenden Lächeln hinzu,„wie kann ich Ihnen für ein ſo ſchönes Geſchenk danken?“ „Dein Vergnügen iſt Dankes genug,“ antwortete Sir William.„Martin, ſeid Ihr gewiß, daß das Pferd gehörig zugeritten iſt?“ „Ja, Sir William,“ antwortete der Bereiter mit einer Miene der Genugthuung,„ein Kind könnte daſſelbe reiten.“ Beruhigt durch dieſe Antwort, half der Baronet ſeiner Nichte in den Sattel und gab, nachdem er ihr zu wiederholten Malen Vorſicht empfohlen, das Signal zum Abgang. Die Stute ſtrafte anfänglich das Verſprechen des alten Martin nicht Lügen. Es war unmöglich, einen ſanftern Gang als den ihrigen zu ſehen; ſie hatte einen ſo ruhigen Trab und Halb⸗Galopp, daß er ihr auf Ellens Bitten den Zügel ließ. Sie waren jetzt an den Eingang des Parks gekommen. Als die alte Frau, welche das Portier⸗Häuschen inne hatte, ſie durch die Allee galoppiren ſah, bildete ſie ſich natür⸗ 19 lich ein, dieſelben wollen einen Spazierritt ins Dorf machen, und öffnete die Thore. „Schließt ſie!“ rief Martin, denn er erinnerte ſich mit Schrecken, daß die Stute ſeines Zöglings die Grenzen des Parks nie überſchritten hatte. Der Rath kam zu ſpät. Erſchreckt durch die Stimme des Bereiters oder durch den rothen Mantel der Schließerin, ſtürzte das Thier vorwärts und war in einem Augenblick zum Thor hinaus, von Martin wüthend gefolgt. „Gott verzeihe mir!“ dachte er,„das wird wie⸗ der ein trauriger Tag für Sir William ſein!“ Die Stute ſah ſich nicht ſo bald auf der großen Gemeinde⸗Waide, als ſie, vor Freude wiehernd, mit wachſender Geſchwindigkeit dahinflog; nicht daß das Thier von Natur bösartig war; es war nur die Freude, ſich vergleichsweiſe frei auf einer großen Ebene, ſo verſchieden von den düſtern Alleen des Parks von Carrow, zu finden. Abgeſehen von der Gefahr Ellens, die ſich mit einer Feſtigkeit im Sattel hielt, welche Martin ſelbſt in ſeinem Schrecken bewunderte, war es ein ſchönes Schauſpiel, das graziöſe Thier wie wahnſinnig ga⸗ loppiren und über das Ginſterkraut ſetzen zu ſehen, während ſeine Nüſtern zuckend die Luft einſogen, während Mähne und Schwanz im Winde flatterten. „Es kann nicht fehlen, das Thier muß bald müde werden,“ dachte der Bereiter,„vielleicht kommen wir, recht beſehen, mit der bloßen Furcht davon.“ Aber das Abenteuer ſollte nicht ſo leicht endigen, als er wünſchte, denn ein Bauer, der Ginſter ſchnitt, ſprang plötzlich vor und wollte ſich des Zügels be⸗ mächtigen. Dieß diente nur dazu, das Pferd noch mehr zu erſchrecken, das nun, links wendend, ſeinen ungeſtümen Lauf ſchnaubend vor Wuth fortſetzte. „Mein Gott!“ rief der Alte mit einer Stimme voll Seelenangſt,„es nimmt ſeine Richtung nach der Sandgrube. Miß Ellen iſt verloren!“ Der Zügel entglitt ſeiner zitternden Hand, und ſein Pferd machte plötzlich Halt, als wolite es ihn die ſchreckliche Scene, die er fürchtete, beſſer ſehen laſſen. Gerade in dem Augenblick, wo Ellen und ihr Renner den Rand des Abſturzes erreichten, ſo daß ein Sprung weiter den Untergang von beiden zur Folge gehabt hätte, trat ein junger Mann von etwa ſiebzehn Jahren hinter einem Ginſterbuſch her⸗ vor und richtete ſich zwiſchen der Stute und der Sandgrube in die Höhe. Das Thier, durch dieſen uner⸗ warteten Anblick erſchreckt, bäumte ſich ſo, daß es beinahe überſtürzte. Der junge Mann wartete den günſtigen Augenblick ab, und während das Thier ſich wieder niederließ, fiel er, ehe deſſen Füße den Boden berührten, mit der linken Hand ihm in den Zügel und erfaßte mit der Rechten die dampfenden Nüſtern. Vergeblich mühte ſich das Thier ab und ſtieg in die Höhe; es war von einem eiſernen Griff gehalten. „Laſſen Sie ſich vom Sattel herabgleiten!“ rief er dem keuchenden Mädchen zu,„laſſen Sie ſich her⸗ abgleiten!“ Ellen beſaß noch Kraft und Geiſtesgegenwart ge⸗ nug, um ihre Füße loszumachen und auf den Boden zu ſpringen, dann wurde ſie ohnmächtig. 21 Dieß Alles geſchah ſo ungemein ſchnell unter Martins Augen, daß er zu träumen glaubte. End⸗ lich theilte ſich die Gewißheit von der Rettung ſeines Zöglings ſeinem Geiſte mit: er ſtieß einen Ruf aus, der einem Dankgebet glich, gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte nach der Stelle des Vorfalls hin. Seine erſte Sorge war, als er den Fuß auf die Erde geſetzt hatte, Ellen, die noch bewußtlos ſchien, in ſeine Arme zu nehmen. „Sie iſt todt!“ rief er. „Nein,“ erwiderte der junge Mann, der noch am Rande des Abgrunds mit dem Pferde rang,„ſie iſt nur in Ohnmacht.“ Ein wenig beruhigt durch dieſe Worte, zog der Bereiter, nachdem er ſanft ſeine Laſt zur Erde ge⸗ legt hatte, ein grobes Taſchentuch heraus und knüpfte es dem erſchreckten Thier um die Augen, ſo daß es ſich alsbald beruhigte und um ſich zu ſchlagen aufhörte, wiewohl es noch an allen Gliedern zitterte. „Da!“ ſagte er,„Sie können es jetzt führen; ein Kind würde mit ihm fertig werden.“ Der junge Mann erkannte, daß Martin Recht hatte; die Stute ließ ſich ruhig führen. Er über⸗ gab ſie den Händen des Bauern, der Ginſter ge⸗ ſchnitten hatte und herbeieilte, zu ſehen, ob er von einigem Nutzen ſein könnte. Inzwiſchen öffnete Ellen wieder die Augen. „Ich habe keinen Schaden genommen, Martin,“ ſprach ſie, zu lächeln verſuchend;„ich habe nicht die geringſte Schramme; aber ich ſchäme mich, daß ich ſo feigherzig geweſen bin.“ „Feigherzig!“ wiederholte der Bereiter,„es iſt kein Reiter in der Grafſchaft, der ſo feſt im Sattel geblieben wäre.“ „Aber wo iſt die Perſon, der ich meine Rettung verdanke?“ Martin zeigte ihr denſelben in einiger Entfernung ſtehend. Ellen trat auf ihn zu und begann ihm ihren Dank abzuſtatten, aber der junge Mann nahm ohne den geringſten Anſchein von Schüchternheit oder Ver⸗ legenheit ſeinen Hut ab und fiel ihr in's Wort: „Verzeihen Sie, ich bin es, der dafür dankbar ſein ſollte, daß ich das Glück hatte, der Nichte von Sir William Mowbray einen Dienſt zu leiſten.“ „Gut geſagt,“ dachte der alte Martin,„ich glaube allmälig, ich werde den jungen Mann lieb gewinnen.“ „Vielleicht,“ fuhr er fort,„erlauben Sie mir, Ihnen bis zum Portierhäuschen meinen Arm zu reichen; Ihr Diener kann mit den Pferden folgen.“ Ellen erröthete, beinahe ohne zu wiſſen, warum. Es lag nichts Unverſchämtes in dieſem Vorſchlag, und ſie konnte ihn annehmen, ohne eine Unſchick⸗ lichkeit zu begehen, und doch zögerte ſie. Ihr Retter bemerkte es und ſetzte mit einem Ton ſtolzer Demuth hinzu: „Nur bis an das Portierhäuschen, Miß de Vere; ich werde mir nicht geſtatten, weiter zu gehen.“ „Sie verſtehen mich nicht!“ rief das dankbare Mädchen, deren Augen ſich mit Thränen füllten; „Sie verſtehen mich wirklich nicht. Mein Zögern, Ihr wohlwollendes Anerbieten anzunehmen, kommt von der Beſorgniß, meinen theuren Onkel zu beun⸗ uhigen.“ 23 Das ſchöne Geſicht ihres Retters heiterte ſich wieder auf. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte er,„ich war unge⸗ recht gegen Sie.“ „Unter einer Bedingung,“ antwortete die Waiſe mit einem ſchwachen Lächeln. „Einer Bedingung?“ „Daß Sie mich nämlich, anſtatt nur bis zum Portierhäuschen, bis in die Abtei begleiten. Ich bin unfähig, Ihnen meine Dankbarkeit auszudrücken, wie ich es thun möchte und ſollte. Ich werde in meinem Onkel einen beredten Fürſprecher finden. Darf ich Sie fragen,“ ſetzte Ellen, zum erſten Mal wagend, ihre Augen zu ihm aufzuſchlagen, hinzu, „welches der Name meines Retters iſt?“ Erröthend und mit einem Stocken, wovon Ellen betroffen wurde, antwortete er: „Henry Aſhton.“ Indeſſen hatte der junge Mann keinen Grund, weder zu erröthen noch zu ſtocken. Henry Aſhton war in zartem Alter von ſeinem Oheim, einem der reichſten Farmer des Herrſchafts⸗ guts von Carrow, adoptirt, oder vielmehr dem Wohl⸗ wollen dieſes braven Mannes von deſſen Bruder, einem grundſatzloſen Individuum, der ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit ſeinen Antheil an dem väterlichen Vermögen in Laſter und Ausſchweifung verſchwendet hatte, aufgebürdet worden. Zum Glück für den kleinen Verlaſſenen hatte ſein Oheim keine Kinder. Nachdem er anfänglich mit Mitleid aufgenommen worden war, faßten der würdige Pächter und ſeine Frau allmälig Liebe zu ihm und Henry war noch kein Jahr unter 28 ihm einen wirklichen ihrem gaſtfreundlichen Dach, ſo würden ſie jede Re⸗ clamation von Seiten ſeines Vaters als das größte Unglück, das ihnen begegnen konnte, betrachtet haben. Aber dieſe Reclamation ſchien ziemlich unwahrſchein⸗ lich, in Betracht, daß von dem Tage an, da das Kind ihrer Sorge überlaſſen worden war, bis zu dem Anfang unſerer Geſchichte ſein Vater nie etwas von ſich hatte hören laſſen. Von ſeiner Kindheit an verrieth Harry(wie ihn die Frau gewöhnlich nante) eine Characterfeſtigkeit und bemerkenswerthe Beharrlichkeit. Wiewohl von zärtlichem Naturell(denn er kiebte ſeine Adoptiv⸗ Eltern, als ob er von ihnen das Leben empfangen hätte) ſprach er niemals: ich will, ohne daß er ſeinem Wort getreu blieb, ſelbſt wenn eine Züchti⸗ gung daraus entſpringen Jollte. Sein Oheim und ſeine Tante gewöhnten ſich endlich ſo ſehr an dieſe Beſonderheit, daß ſie, wenn einmal ihr Reffe dieſe ſacramentaliſchen Worte; ich will, ausgeſprochen hatte, ſich ſeinem Willen nicht mehr widerſetzten und ſogar denſelben zu bekämpfen aufhörten, da ſie wohl wußten, daß es unnütz wäre. Gleichwohl muß, um Henry Gerechtigkeit wider⸗ fähren zu laſſen, bemerkt werden, daß er ſie ſelten im Widerſpruch mit den Wünſchen ſeiner Eltern ausſprach. Es iſt wahrſcheinlich, daß er ohne dieſe beſondere Gemüthsart niemals eine andere Erziehung, als die in der Dorfſchule erhalten hätte. Hiebei kam ihm ſein unbengſamer Wille ſehr zu Statten; es war die erſte ernſtliche Veranlaſſung in ſeinem Leben, wo ſie Dienſt leiſtete. 25 Als der kleine Harry ungefähr eilf Jahre alt war, erhob ſich einſt, da er mit einigen Söhnen der Pächter und der Gentry der Nachbarſchaft Kol⸗ ben ſpielte, ein Streit über die Art und Weiſe, wie der Ball gegeben worden war: die Einen ſagten, er ſeie gut gegeben, die Andern behaupteten das Gegentheil. Unter denen, welche der letztern Meinung waren, befand ſich der Sohn von Peter Impey, dem Dorf⸗ anwalt. „Der Ball war faul,“ ſagte er,„und natürlich mußt Du mir glauben.“ „Warum?“ fragte unſer Held, deſſen Geiſt nicht Logik genug beſaß, um zu demſelben Schluß zu gelangen. „Weil ich ein Gentleman bin.“ „Und ich, bin ich es nicht auch?“ erwiderte keck Henry Aſhton. Mein,“ antwortete der kleine Laffe;„Du beſuchſt die Dorfſchule, während man mich in eine Penſion ſchickt, Du lernſt nur leſen und ſchreiben, aber ich ſtudire Latein und Griechiſch.“ „Latein und Griechiſch macht Dich alſo zu einem Gentleman?“ „Allerdings.“ „Dann will ich es auch lernen.“ „Das iſt unmöglich,“ rief der junge Impey mit triumphirender Miene.„Es iſt Niemand im Dorfe als der Rector, der Dich darin unterrichten könnte; aber er nimmt keine Zöglinge an er iſt reich genug ohne das. Papa wollte, daß er mich nehme, aber der Rector ſchlug es ab.“ „Vielleicht, Harry einfach. „Ich bin überzeugt, Du wirſt ihm auch nicht beſſer gefallen,“ erwiderte der Sohn des Anwalts. „Papa ſagt, er habe nie etwas geliebt, als die Schnepfen.“ daß Du ihm nicht gefielſt,“ ſagte „Er liebt die Schnepfen!“ rief der Neffe des Farmers;„dann weiß ich gewiß, er wird mich Latein und Griechiſch lehren.“ Und ohne das Ende der Partie abzuwarten, entfernte er ſich nachdenklich. „Was gibt es, Mann?“ fragte Frau Aſhton den Pächter, als ſie ihn mit mißvergnügter Miene zum Abendeſſen heimkehren ſah.„Sind die Kühe krank?“ „Nein, vielmehr der Junge.“ „Harry?“ „Ja; er will Griechiſch lernen; er ſagt, er will, und hat mich gequält, mit dem Geiſtlichen zu reden.“ Hätte der Farmer nicht Sorge getragen, ſeiner Frau zu ſagen, ihr Neffe habe jene Worte ausge⸗ ſprochen, welche ſeinen Entſchluß unwiderruflich machten, vielleicht würde ſie ihn umzuſtoßen verſucht haben. Aber da ſie die Nutzloſigkeit dieſes Unter⸗ nehmens wohl kannte, war ihr erſter Gedanke, das Verlangen des Knaben zu unterſtützen. „Wahrhaftig, Farmer,“ ſagte ſie,„ich ſehe nicht ein, warum Harry nicht Griechiſch lernen ſoll, wenn es ihm Vergnügen macht. Der Sohn von Willis lernt ja die Geige, und unſere Mittel geſtatten uns dieſe Ausgabe eben ſo gut, wie ihm. utne wird es uns vielleicht an Winter⸗Abenden Unter⸗ verſchaffen.“ 27 „Das iſt ſehr wahrſcheinlich, wiewohlich nicht recht weiß, was Griechiſch iſt; aber ich vermuthe, daß es nichts ſo Unrechtes ſein kann, ſonſt würde der Geiſt⸗ liche es nicht gelernt haben. Wenn es gelernt ſein muß, ſo wird er es lernen; aber zum Teufel, wenn ich den Geiſtlichen darum bitten muß.“ Mrs. Aſhton ſchwieg klüglich ſtill, da ſie ſich durch eine entſchiedene Meinung nicht compromittiren wollte, ehe ſie ihren Neffen über den Gegenſtand befragt und ſich darüber aufgeklärt hätte, was das geheimnißvolle Griechiſch war, welches er abſolut lernen wollte. Am andern Morgen, früh um drei Uhr, ſchlüpf⸗ ten Henry Aſhton und ſein erſter Miniſter und Ver⸗ trauter, Joe Beans, der Pflugjunge, der etwa um drei Jahre älter war, als er, mit der Flinte des Pächters aus der Farm hinaus. Die Jahreszeit war noch wenig vorgerückt; aber gab es ein Mittel, ein paar Schnepfen auf dem Gemeinde⸗Territorium zu finden, ſo wußten Henry und Joe, wo“ ſie zu holen waren. „Ich glaube nicht, daß wir finden,“ ſagte Ive gähnend. „Es iſt nichts ſo gut als ſuchen.“ „Es iſt noch zu früh.“ „Vielleicht nicht.“ Nachdem ſie das Moor bis Tagesanbruch durch⸗ ſtreift hatten, wurde die Beharrlichkeit unſerer jun⸗ gen Leute durch ein Paar⸗ Schnepfen, die erſten der Jahreszeit, belohnt. Die kleinen Jäger kehrten mit triumphirender Miene nach Hauſe zurück und ge⸗ langten auf den Pachthof, ehe man daſelbſt aufge⸗ ſtanden war. Die Flinte wurde wieder an ihren Platz gebracht; Harry ſchlüpfte wieder in ſein Bett ſein Camarade machte ſich zur Feldarbeit auf den Jeg. Die Vorliebe des würdigen Rectors, Mr. Orme, für Schnepfen war nicht ganz apokryphiſcher Natur. Wie die meiſten alten Burſchen war er etwas Epi⸗ kuräer. Als nun Henry Aſhton, mit ſeinen ſchön⸗ ſten Kleidern angethan, ſich im Pfarrhauſe mit den Vögeln einſtellte, wurde er gnädig aufgenommen. „Schnepfen!“ rief der Rector;„jetzt ſchon!“ „Ja; ich wußte, wo ſie zu finden waren.“ „Und Du haſt ſie für mich geſchoſſen, ausdrücklich für mich?“ „Allerdings; der Sohn des Anwalts Impey hat mir geſagt, Sie ſeien ein großer Freund davon.“ „Braver Junge!“ ſagte der Geiſtliche, ihm den Kopf tätſchelnd, denn er war oft von der Schönheit ſeiner Züge und ſeinem ruhigen Verhalten in der Kirche betroffen worden. Der Rector beſchränkte ſeine Gunſt nicht darauf; er ſteckte die Hand in die Taſche und zog einen Thaler hervor, den er Henry geben wollte. „Ich danke Ihnen, Sir,“ ſprach der kleine Jä⸗ ger erröthend;„nicht um ves Geldes willen bringe ich Ihnen meine Vögel.“ „Und wofür denn?“ fragte der Geiſtliche, wel⸗ cher anfing, ſich für ſeinen Beſuch zu intereſſiren. „Daß Sie mich Latein und Griechiſch lernen“ „Latein und Griechiſch, Kind!“ rief Doctor Orme erſtaunt;„Du weißt nicht, was Du ver⸗ langſt„ Dazu gehören jahrelange Studien.“ 29 „Macht nichts.“ „Es bedarf mehrſtündigen Fleißes jeden Tag.“ „Ich habe alle nöthige Zeit.“ „Du wirſt bald müde werden.“ „Stellen Sie mich auf die Probe.“ „Wohlan, mein kleiner Mann!“ ſprach der Pa⸗ ſtor, betroffen von der Beharrlichkeit des Knaben, „ich will Dich auf Probe nehmen, unter einer Be⸗ dingung.“ „Wollen Sie andere Schnepfen?“ fragte Henry begierig;„Sie ſollen alle haben, die ich ſchieße.“ „Nein,“ erwiderte Doctor Orme lächelnd;„ich verlange von Dir keine Schnepfen. Meine Bedin⸗ gung iſt: Du wirſt jeden Morgen eine Stunde mich beſuchen, und ich will Dir Deine Lection geben; aber erinnere Dich, daß unſer Vertrag an dem erſten Tag, da Du nicht erſcheinſt, gelöst iſt.“ „Der Tag wird nicht kommen!“ rief der Knabe freudig. Wirklich marſchirte der muthige kleine Mann alle Tage, ſelbſt im ſtrengſten Winter, durch den Schnee von der Farm nach dem Pfarrhaus. Die Stunde, die ihm verſprochen worden war, verlängerte ſich allmälig zu zwei, ſelbſt zu drei. Eines Tages ſah der Geiſt⸗ liche, daß ſein Zögling blaß war und nur mit Mühe athmete. „„Harry,“ ſagte er, denn er hatte ſich gewöhnt, ihm denſelben Namen wie deſſen Tante zu geben, „Du biſt krank?“ Es iſt nichts,“ antwortete der Jüngling, zu lächeln verſuchend. „Du hätteſt die Farm nicht verlaſſen ſollen.“ „Um unſern Vertrag zu brechen! Da Sie die Güte haben, mir Ihre Zeit zu widmen, wäre es ſehr undankbar von mir, ſie zu verlieren.“ An dieſem Tage wurde der kleine Harry Aſhton zum großen Erſtaunen des ganzen Dorfes in des Rectors eigenem Wagen nach Hauſe gebracht und am andern Morgen beſuchte ihn Doctor Orme. Sein Verſtand und ſein liebevolles Benehmen hatten ihm allmälig das Herz des alten Burſchen gewonnen; und ehe ein Jahr verfloß, war er im Pfarrhof wie im eigenen Hauſe. Dieß geſchah zum großen Miß⸗ fallen von ſeinem Onkel und ſeiner Tante, denn er fehlte ihnen ſehr, und ſie bedauerten oft, daß ihr Reffe ſich in den Kopf geſetzt hatte, Griechiſch zu lernen. „Es wäre mir viel lieber geweſen,“ ſagte der ehrliche Farmer oft,„er hätte die Geige gewählt.“ Die Dinge waren auf dieſem Fuß fortgegangen bis zu dem am Anfang dieſes Kapitels berichteten Ereigniß. Der Rector liebte ſeinen Zögling wie einen Sohn; und der junge Mann erwiderte deſſen Zuneigung durch jene edle Ehrerbietung und reſpect⸗ volle Aufmerkſamkeit, eben ſo angenehm für den Greis, als ehrenhaft in der Jugend. Doctor Orme war glücklich: die Natur hatte Har⸗ ry's Geiſt und Herz vorbereitet, um die beſten Ein⸗ drücke zu empfangen; die Wohlthaten des Geiſtlichen fielen auf keinen undankbaren und unfruchtbaren Boden. 31 Drittes Kapitel. Die erſte Perſon, welcher Ellen und ihr Retter am Parkthore begegneten, war der Baronet. Die alte Schließerin war hingelaufen, ihm zu ſagen, das Pferd von Miß de Vere habe ausgeriſſen, und er hatte das Herrenhaus in einem Zuſtand von Angſt verlaſſen, den man ſich eher vorſtellen, als beſchreiben kann. Seit der kurzen Zeit, da die Waiſe unter ſeinem Dach weilte, hatte er einen Theil des Glücks ſeiner erſten Jahre wieder gefunden: er hatte ein Weſen auf dieſer Welt zu lieben. Aber er wußte kaum, wie nothwendig Ellen für ſeine Exiſtenz geworden war, als die Furcht, dieſelbe zu verlieren, ihn dar⸗ über in's Klare ſetzte. „Onkel! lieber Onkel!“ rief ſie, ſich in ſeine Arme werfend und ſeine bleichen Wangen mit Küſſen bedeckend,„ich bin geſund und wohl, wie Sie ſehen. Tank dieſem Gentleman, deſſen Muth und Entſchloſſenheit ich das Leben ſchulde!“ Sir William dankte trotz ſeines rauhen, einſied⸗ leriſchen Weſens(es war ihm nicht natürlich, ſon⸗ dern nur angenommen) dem jungen Mann lebhaft und fragte ihn nach ſeinem Namen. „Henry Aſhton,“ antwortete er mit einer reſpect⸗ vollen Verbeugung. „Afhton, Afhton,“ wiederholte der Einſiedler, Fih6 höre ich dieſen Namen nicht zum erſten al. 32 Der alte Martin flüſterte ihm in's Ohr, es wäre der Name des Inhabers der Home⸗Farm. „Wahr, wahr; und wenn ich mich nicht täuſche, ſo ſind Sie der junge Mann, für den ſich mein Freund, der würdige Doctor Orme, ſo ſehr intereſſirt.“ „Er iſt mein Wohlthäter, mein Lehrer, mein Freund! Ihm verdanke ich ſo viel!“ Der Baronet war entzückt von der lebhaften Dankbarkeit, womit er von dem Rector ſprach. „Er hat mich oft von Ihnen unterhalten,“ ſagte er,„und ich glaube gern, daß Sie ſein Lob ver⸗ dienen.“ „Eine ſo gute Meinung, von Sir William Mow⸗ bray kommend! ich fürchte, das könnte mich eitel machen,“ erwiderte Henry lächelnd. „Er iſt ein Schmeichler!“ Kaum waren dieſe Worte den Lippen des Baro⸗ nets entfallen, ſo änderte ſich plötzlich die Phyſio⸗ gnomie des jungen Mannes; ſein Stolz war verletzt, er fürchtete, nicht verſtanden worden zu ſein. „Sir William,“ ſprach er achtungsvoll,„warum ſollte ich Ihnen zu ſchmeicheln ſuchen? Das iſt unſer erſtes und wahrſcheinlich unſer letztes Zuſainmen⸗ treffen; Sie haben das zurückgezogene Leben gewählt, das ſich für Ihren Rang und Ihr Vermögen ſchickt; das meinige muß mitten unter den Beſtrebungen und Kämpfen der Welt verlaufen. Ich habe einen Namen zu ſchaffen, eine Stellung zu erwerben.“ 3 „Kann ich Ihnen dazu behülflich ſein?“ fragte der Einſiedler, angezogen von einem Ton und Manieren, die wahrſcheinlich einem mit geringerem Scharſſinn als er begabten Manne anſtößig geweſen wären. „ 33 „Sie würen alſo dazu geneigt?“ erwiderte Henry Aſhton.„Verzeihen Sie mir, Sir William, und halten Sie mich nicht für undankbar, wenn ich Ihr Anerbieten ausſchlage; aber ich habe längſt den Ent⸗ ſchluß gefaßt, allein meine Carriére mir zu gründen.“ „In welchem Beruf?“ „Ich bin darüber noch nicht entſchieden; ich habe noch ein Jahr vor mir. Aber erlauben Sie mir, ehe ich Sie verlaſſe, mich von dem Vorwurf der Schmeichelei zu reinigen. Da ich in täglichen Be⸗ ziehungen zu dem Rector ſtehe, ſo kann es mir un⸗ möglich unbekannt ſein, daß Sir William Mowbray ein Mann iſt, deſſen Herz, obgleich der Welt ver⸗ ſchloſſen, dem Mitgefühl der Noth und dem Unglück der Menſchheit offen bleibt. Seit mehr als zwei Jahren bin ich eines der niedrigen Werkzeuge, durch welches ſeine zahlreichen milden Gaben vertheilt werden; ich habe geſehen, wie ſeine Großmuth das Alter dem Elend entriß; ich habe ſeinen Namen von der Wittwe und Waiſe ſegnen hören. Iſt es zum Erſtaunen, daß mein Herz voll Achtung für ihn iſt?“ Der einfache und unaffectirte Ernſt, womit der junge Mann dieſe Worte geſprochen hatte, machten 2 einen lebhaften Eindruck auf Ellens Geiſt. Sie wußte ihm mehr Dank für die Gerechtigkeit, welche er den beſcheidenen Tugenden ihres Oheims hatte wider⸗ fahren laſſen, als ſelbſt für den Dienſt, den ſie eben von ihm empfangen hatte. „Sie haben Recht, Sir,“ ſagte ſie, Sir Wil⸗ liams Hand faſſend,„ich wenigſtens bin überzeugt, daß Sie kein Schmeichler ſind.“ Die Abtei Carrow. I. 3 34 „Alſo ein Enthuſiaſt,“ bemerkte der Baronet lächelnd,„und das iſt noch gefährlicher. Der Ent⸗ huſiaſt greift das Herz an, der Schmeichler hält ſich nur an den Kopf. Nun, Sir,“ ſetzte er mit jener ernſten und muſikaliſchen Stimme hinzu, welche ſelbſt mehr als Worte anzeigt, wenn das Herz ſpricht, „ein an ſich vielleicht edler Entſchluß braucht nicht dadurch, daß man ihn auf das Extrem treibt, be⸗ ſchwerlich zu werden.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte unſer Held. „Wenn Sie mich als Beſchützer zurückweiſen,“ erwiderte Sir William mit wohlwollendem Lächeln, „ſo können Sie mich wenigſtens zum Freund an⸗ nehmen.“ Und er bot dem jungen Mann die Hand, der ſie, einem ihm unerklärbaren Antrieb folgend, an ſeine Lippen drückte. Der Baronet wollte nicht, daß er ſie verließe, ſondern beſtand darouf, er ſollte ſie in das Herren⸗ haus begleiten. Es war das erſte Mal ſeit einer Reihe vnn Jahren, daß er an der Gemeinſchaft einer ſympathiſchen Seele Vergnügen fand. Zum großen Erſtaunen des Hauſes lud Sir William den Neffen ſeines Pächters zum Diner ein. Dieſer ſchien anfänglich geneigt, dieſe Ehre auszu⸗ ſchlagen, aber ein Blick Ellens beſtimmte ihn. Das zärtliche M ädchen ſah, daß ihr Oheim in der Ge⸗ ſellſchaft des jungen Mannes ſich gefiel; daher ihr Verlangen, daß er bleibe. 3 Arme Ellen! Sie dachte wenig an tie Ver⸗ heerungen, welche dieſer Blick verurſachte. „ 35 Während Henry Aſhton mit dem Oheim über Philoſophie ſprach und aus den Augen der Nichte das ſüße Gift einer entſtehenden Liebe zog, machte man in's Blaue hinein Commentare im Zimmer der Haushälterin. Der Beſchließer Nicholls prophezeite, ſich die Hände reibend, man werde ihm bald gebieten, das alte Silbergeſchirr der Familie zu putzen, das ſeit ſo vielen Jahren unbenützt in einem Cabinet der Abtei gelagert war. Jarmy's Reflexionen beſchränkten ſich auf den Salon, den ihre Einbildungskraft neu meublirte. Der Kutſcher kaufte einen neuen Wagen an. Jedermann, mit Ausnahme des alten Martin, vereinigte ſich in dem Lobe des jungen Mannes, der Miß Ellen das Leben gerettet hatte, und erklärte, er verdiene die Gunſt, womit der Baronet ihn bei⸗ nahe zu überhäufen ſcheine. „Es iſt ein braver Junge,“ ſprach die Haus⸗ hälterin,„und am erſten ſchönen Tage gehe ich nach der Home⸗Farm, um ſeiner Tante zu ſagen, was ich von ihm halte.“ „Es iſt ein unverſchämter, eingebildeter Geck!“ brummte der alte Bereiter„Anfangs fühlte ich mich auch für ihn eingenommen; aber er hat ſich ſo ſehr geziert, Sir Williams Einladung anzunehmen, als wäre er ein Königsſohn, anſtatt der Neffe von einem ſeiner Pächter.“ „Es iſt undankbar von Dir, ſo zu ſprechen,“ etwiderte der Beſchließer.„Habe ich ihn nicht beim Diner ſagen hören, die alte Margarethe habe da⸗ durch, daß ſie das Thor öffnete, an dem Ausreißen 36 des Pferdes mit verſchuldet, ein Fehler von Dir ſei es durchaus nicht geweſen; es würde im Park ganz ruhig geblieben ſein, habe ſich aber, da es noch niemals darüber hinauskam, natürlich beim Anblick einer unbekannten Gegend erregt gefühlt? Hat er nicht von Deiner Beſorgniß für das junge Fräulein geſprochen, indem er hinzuſetzte, Du hätteſt geweint, wie ein Kind(er hätte ſagen können, wie ein Kro⸗ kodil)? Hat er endlich nicht die Geiſtesgegenwart gerühmt, womit Du der Stute die Augen verban⸗ deſt? Geh, Du ärgerſt mich; Du biſt... Ihr ſeid immer nur ein häßlicher Brummbär geweſen!“ „Es iſt wahr,“ entgegnete Martin aufſtehend, um ſich nach den Ställen zu begeben, ſeinem beſtän⸗ digen Zufluchtsort, ſo oft er gegen ſich ſelbſt oder gegen einen Andern aufgebracht war;„es iſt wahr, ich bin ein verdrießlicher, häßlicher Brummbär, wie Ihr ſagt, aber der Teufel iſt nicht ſo ſchwarz, als man ihn macht, und bei Allem dem habe ich kein ſchlechtes Herz.“ Von dieſem Augenblick hatte Henry Aſhton keinen wärmeren Freund, als Dick Martin. Es war beinahe ſechs Uhr, als der Retter von Miß de Vere die Abtei verließ. Zum erſten Mal in ſeinem Leben fühlte er, vaß es in ſeinem Herzen noch für andere, als jene ruhigen Neigungen Raum gab, welche bisher ſeinem Streben genügt hatten. Raſch durch die Allée ſchreitend, welche zu dem Por⸗ tierhäuschen führte, glaubte er noch in ſeinen Ohren 3 1. Ellens Stimme zu vernehmen; ihr Lächeln verfolgte ihn; ihr Bild, jeder ihrer Blicke, jedes ihrer Worte waren in ſein Gedächtniß eingegraben. „Wie bäuriſch mußte ich ihr vorkommen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„was für ein Grobian! Doch hat ſie gütig mit mir geſprochen Das geſchah aus Dankbarkeit! Es iſt Wahnſinn von mir, an ſie zu denken, und doch, wenn das Schickſal mich ihr gleich geſtellt hätte, wollte ich Bah!“ ſetzte er hin⸗ zu, ſeinen Schritt beſchleunigend, um gleichſam den Vorſpieglungen ſeiner Einbildungskraft zu entflichen, „wozu dient es, zu wollen, wenn das Schickſal die Mittel verſagt?“ Viertes Kapitel. Beinahe unmittelbar nach Henry Aſhtons Ab⸗ gang hatte Miß de Vere ihren Oheim umarmt und ſich in Begleitung von ihrer Aya und Mrs. Jarmy zurückgezogen. Das funkelnde Auge und die zuſam⸗ mengepreßten Lippen Zara's kündigten an, daß ihr etwas mißfallen hatte; aber ſie enthielt ſich in dieſem Augenblick jeder Frage, da ſie die würdige Haus⸗ hälterin nicht zur Zeugin von dem Ungeſtüm und ger übeln Laune ihrer treuen Amme machen wollte. Ellens Zimmer befand ſich in dem öſtlichen Flügel der Abtei. Im Hintergrund eines großen Altovs, gegenüber von dem Bogenfenſter befand ſich 38 ein Himmelbett mit Vorhängen und Decke von Pur⸗ purſammt; letztere mit dem geſtickten Wappen der Mowbray. Die hohen Lehnſeſſel und die Sophas waren mit demſelben koſtbaren, aber verſchoſſenen Stoffe überzogen. Sobald ſie dort ankamen, warf ſich die Aya nachläßig auf eine Beuge von Kiſſen, die von den Sophas entlehnt und orientaliſch geordnet waren. Wie die meiſten Leute ihres Landes hatte ſie eine lebhafte Antipathie gegen die Stühle. Dieſe Gruppe würde in der That für einen Künſtler ein anmuthiges Sujet abgegeben haben.* Nichts war maleriſcher als Zara's Coſtüme, aus einem weiten Rock beſtehend, der aus einem Shawl von Delhi mit ſchreienden Farben gemacht war; ihre langen ſchwarzbraunen Arme mit Bracelets von maſſivem Gold und Reihen großer Perlen ge⸗ ſchmückt; ein ſchmales Leibchen von Caſchmir zeichnete ihre elegante Taille ab und ging bis zum Halſe hinauf; es war auf allen Nähten mit gold- und buntfarbigen Seidenfäden geſtickt. Die geſchickteſte Modiſtin wäre in Verlegenheit geweſen, ihren Kopf⸗. putz zu beſchreiben. Es war ein ungeheures Viereck von Muſſelin, mit Käferflügeln getüpfelt, von derm, Stirne zurücktretend, um die Contouren des Schä⸗ dels ſehen zu laſſen, und über dem Nacken mit einem Filigran-Zierathe in Form eines Rings befeſtigt. Der größte Theil des Muſſelins, der durch dieſen. Ring ging, fiel in Form eines großen Schleiers über Hals und Schultern zurück. Ellen ſaß auf einem der maſſiven, zu beiden Seiten des Toiletten⸗ tiſches befindlichen Stühle. Die alte Haushälterin ——— * 39 hatte eben das Band weggenommen, womit die Haare des Mädchens zuſammongehalten wurden, und die ſchwarzen Wogen dieſes Haars überflutheten Ellens weiße Schultern. Das Geſicht der Waiſe war blaß und nachdenklich; doch lächelte ſie von einem Augenblick zum andern, während Mis. Jarmy ihre Haare für die Nacht ordnete, ihre Aya an, die ſich unaufhörlich von der Rechten zur Linken wiegte, indem ſie hindoſtaniſche Worte nach einer langſomen und einförmigen Melodie ſang. 3 „Welche prächtigen Haare Sie haben, Miß Ellen!“ ſagte die Haushälterin,„ganz dieſelben ſei⸗ denen, glänzenden Flechten, wie Lady Marguerite, Ihre Urgroßmutter, deren Portrait dort iſt.“ Das Mädchen erhob die Augen nach dem Bilde dieſer Dame, das an der Wand hing, und wurde von der Aehnlichkeit betroffen. Zara's Blicke nah⸗ men dieſelbe Richtung. „Sie ſieht nicht eus, als ob ſie glücklich geweſen wäre,“ ſagte die Indierin. „Nicht glücklich!“ rief Mrs. Jarmy;„ſie hatte die ſchönſten Diamanten in der Grafſchaft und war unbezweifelt der Abgott ihres Mannes!“ „Ich möchte glauben, daß ſie jung ſtarb,“ ſprach die Aya weiter. „Warum das?“ fragte die Gouvernante mit ſichtbarem Erſtaunen. „Ich leſe es in ihren Augen,“ antwortete die Indierin;„der Maler war kein mittelmäßiger Künſt⸗ ler; die Augen haben jenen Ausdruck, der ein ver⸗ hängnißvolles und unglückliches Loos andeutet.“ „Sie ſtarb jung,“ ſagte die Haushälterin mit einem Seufzer. Die Aya lächelte. „Sie litt auf der Bruſt,“ ſetzte Mrs. Jarmy hinzu. „Ihr Herz war gebrochen,“ erwiderte Zara. „Geben Sie ihrem Uebel, welchen Namen Sie wollen, ich bin überzeugt, ſie ſtarb an gebrochenem Herzen. Wie eine gefangene Gazelle mußte ſie ab⸗ zehren und untergehen in dieſen düſtern Mauern, wo Alles von den Todten, von der Vergangenheit, 5 Nichts von der Gegenwart oder der Zukunft redet.“ Jarmy ſchwieg ſtill. Ellen heftete mit forſchen⸗ dem Blick die Augen auf ſie, als wollte ſie dieſelbe fragen, ob der Verdacht ihrer Amme begründet wäre, aber die alte Dienerin der Mowbray hielt zu treu auf die Ehre der Familie, um vor einer Frem⸗ den die Leiden oder das Unglück von einem ihrer Glieder zu erzählen. Der Gang, welchen die Unterhaltung genommen hatte, mißfiel ihr offenbar; und ſobald die Nachttoilette des Fräuleins beendet war, verließ ſie das Zimmer. Bei ihrem Abgang ließ die Aya ein leiſes, pfeifendes Lachen hören. zu haben. Aber ich ahne die Quelle davon; i weiß wohl⸗ daß meine liebe Mutter kein Geheinn vor Dir hatte.“ die Aya ſchüttelte den Kopf, um zu verſtehen — „Zara,“ ſagte ihre Gebieterin,„Du ſcheinſt eine 1 ſeltſame Kenntniß von der Geſchichte meiner Familie . 41 zu geben, daß dieſe Kenntniß nicht von ihrer ver⸗ ſtorbenen Gebieterin herrühre. „Woher dann ſonſt?“ fragte die Waiſe über⸗ raſcht. „Es iſt die Gabe meines Stamms,“ erwiderte die Frau, eine directe Antwort auf die Frage ver⸗ meidend,„das Schickſal von denen, deren Züge wir geſehen haben, zu errathen.“ „Und das meinige?“ „Wird glänzend und ſtrahlend ſein, wie das Land, welches Ihnen das Leben gegeben hat, vor⸗ ausgeſetzt, daß Sie es nicht in dieſem düſtern Lande verderben laſſen, wo die Herzen kalt ſind und das Leben ohne Liebe iſt. In Indien,“ ſetzte die Amme, deren Augen bei der Erinnerung an ihr Vaterland ſich entzündeten, hinzu,„können Sie in Ihrer Schön⸗ heit herrſchen, wie ein Götterbild in ſeinem Tem⸗ pel, hier können Sie nur ein Daſein haben, wie ein gefangener Vogel in einem Käfiche.“ „Zara, ich darf dergleichen Worte nicht an⸗ hören.“ „Aber ich muß reden, auf die Gefahr hin, Sie gegen Ihre getreue Aya zu erzürnen. In Indien waren Sie das Licht Ihres Hauſes, hier ſind Sie eine Blume, welche in einer Wüſte verwelkt. Junge Herzen würden ſich an den Strahlen Ihrer Schön⸗ heit erwärmen, jedem Ihrer Blicke huldigen, nur in Ihrem Lächeln leben; hier haben Sie Niemand, der Sie liebt, außer der armen Zara.“ „Du vergiſſeſt meinen Oheim,“ ſagte die Waiſe. „Die Todten lieben nicht. Wenn das Herz zu Aſche geworden, die Seele ohne Leidenſchaften iſt, . was ſind wir anders, als lebende Leichen, dem Grabe entronnen?“ „Wie wenig kennſt Du meinen edeln Verwand⸗ ten. Gleich jener Blume, die ihren Duft erſt von ſich gibt, wenn ſie zertreten iſt, hat das Leiden nur ſeine zahlreichen Tugenden enthüllt, ſeine Wohl⸗ thätigkeit ohne Grenzen, ſeine Sympathie für das Schöne und Wahre, Alles, was es Gutes in ſeiner Natur gibt. Er hat für mich die Liebe eines Va⸗ ters.“ „Aber nicht die von Miran⸗Hafaz.“ „Miran⸗Hafaz liebt mich wie ein Bruder,“ ſagte Ellen erröthend. „Die Augen eines Bruders folgen den Schritten einer Schweſter nicht ſo, wie ich Mirans Augen Ihren Schritten habe folgen ſehen; die Stimme eines Bruders zittert nicht, wenn er ſeiner Schweſter in's Ohr flüſtert.“ „Du biſt närriſch, Zara; und wenn ich Dich nicht ſchelte, ſo geſchieht es, weil Miran und ich uns nie mehr ſehen werden.“ „Sie ſich nie mehr wieder ſehen werden! Aber wären Sie in einer Wüſte verloren, er würde Sie wieder finden. Seine Liebe iſt nicht wie die ruhige und kalte Liebe des Europäers. Was würden Sie denken, wenn ich Ihnen ſagte, daß er über die Waſſerwüſte gefahren iſt, in der Hoffnung, Sie zur Frau zu erhalten, Sie in das Land der Sonne zurückzuführen?“ „Ich würde es bedauern,“ antwortete die Waiſe mit Feſtigkeit. „Bedauern?“ 43 „Und was noch mehr iſt, auf der Stelle mit meinem Oheim, meinem natürlichen Beſchützer, reden, damit er durch ſeine Autorität einer Verfolgung ein Ziel ſetze, die ebenſo vergeblich für Miran, als un⸗ angenehm für mich iſt. Ich werde für Miran nie eine andere, als die Liebe einer Schweſter empfin⸗ den.“ „Seit wann haben Sie dieſe Entdeckung ge⸗ macht?“ fragte die Aya, auf Ellen einen forſchenden Blick heftend, der bis auf den Grund ihres Herzens dringen zu wollen ſchien. Miß de Vere ſchwieg ſtill. „Ich will es Ihnen ſagen,“ erwiderte ihre Amme. „Seitdem dieſer Paria mit dem blaſſen Geſicht dieſen Morgen Ihr Pferd aufgehalten; ſeitdem ein Knechts⸗ dienſt ein Lächeln zur Belohnung erhalten hat, ſo koſtbar wie die Edelſteine in der Krone des Nizam!, Ich belauſchte ſeine Blicke, als er Ihnen in der Vorhalle Lebewohl ſagte; denn ich war neugierig, den Retter meines Kindes zu ſehen. Er liebt Sie!“ Dießmal bedeckte eine lebhafte Röthe Geſicht und Hals der Waiſe. Es iſt etwas Gefährliches, einem Mädchen zu ſagen, daß es geliebt wird... Das bringt ſein Herz zum Träumen. „Und noch mehr,“ ſetzte die Aya hinzu,„Sie lieben ihn!“ Das muſikaliſche Lachen des Mädchens zerſtreute für den Augenblick den Argwohnderſcharfſinnigen Indierin. Sie wußte, daß Ellen über jede Verſtellung erhaben war; aber trotz ihrer Weltkenntniß vergaß ſie, daß die Jugend ſich ſelbſt täuſchte. Die Herzen wie die Vögel ſind oft in einer Schlinge gefangen, ehe ſie an eine Gefahr denken. „Gute Nacht, Zara,“ ſagte Ellen, ihr die Hand reichend, welche die Aya an ihre Lippen führte. „Ich ſehe, daß Du Dich über mich luſtig machſt. Ich Harry lieben.... Mr. Aſhton, wollte ich ſagen. Welche Albernheit! Gute Nacht!“ So albern dieſe Idee ihr vorkam, vermochte Ellen doch nicht, ſie aus ihrem Geiſte zu verjagen. Sie blieb noch lang nach dem Abgang ihrer treuen Amme wach. Aehnliche Albernheiten machen oft einen bleibenden Eindruck auf das Herz. Miran⸗Hafaz war der Sohn einer Begum oder indiſchen Fürſtin, welche die Vorurtheile ihrer Caſte ſo weit vergeſſen hatte, um ihre Hand und ihr un⸗ geheures Vermögen einem engliſchen Officier zu reichen, der ſie kurze Zeit nach der Geburt dieſes Sohnes als Wittwe hinterlaſſen hatte. Das Kind beſaß von ſeiner Mutter einen ſtolzen, aber edeln Character, eine unruhige Energie, leidenſchaftliche Triebe, eine eiferſüchtige und ausſchließliche Liebe, die Fehler und Eigenſchaften der Indier. Von Ge⸗ ſtalt glich& ſeinen beiden Eltern. Seine Hände und Füße, von zarter Form, ſein kleiner Wuchs und ſein olivenfarbiger Teint waren das Erbe ſeiner Mutter; die Züge ſeines Geſichts waren ganz und gar die ſeines Vaters. Seit ſeiner Kindheit war er gewohnt, den General de Vere zu beſuchen, bei dem er Ellen kennen lernte und noch ganz klein lieb gewann. Vielleicht dachte er kaum an die Natur ſeiner Gefühle für ſie, als der plötzliche Tod ihrer 45 Eltern und ihre ſchleunige Abreiſe nach Europa ihm dieſelben zu deutlicherem Bewußtſein brachten. Er war untröſtlich über ſeinen Verluſt, als ihm ein Gedanke durch den Kopf fuhr, und mit dem Ungeſtüm ſeiner Natur entſchloß er ſich, denſelben alsbald in Ausführung zu bringen, das heißt, ihr nach England zu folgen. Die Aya hatte nicht ganz Unrecht mit ihren Schlüſſen gehabt. Obgleich die Staaten der Begum ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit von den engliſchen Beſitzungen verſchlungen worden waren, beſaß die Fürſtin doch noch unge⸗ heures Grundeigenthum und ein großes Vermögen, außer der Penſion, welche ihr die oſtindiſche Com⸗ pagnie zur Entſchädigung für die ihr abgetretenen Landestheile und Einkünfte zahlte. Sobald ſie erkannte, daß der Entſchluß ihres Sohnes, den ſie abgöttiſch liebte, unumſtößlich war und weder Thränen noch Bitten weichen würde, wollte ſie wenigſtens, daß er auf eine ſeines Ver⸗ mögens und ſeiner Geburt würdige Art reiſe und ſtellte enorme Summen zu ſeiner Verfügung. „Weil es denn ſein muß,“ ſprach ſie,„ſo geh' und hole Deine Frau! Aber erinnere Dich, daß Deiner Mutter Herz troſtlos ſein wird bis zu dem Tage, wo ſie Dich von Neuem umarmt.“ In ihrem mütterlichen Stolz kam es ihr nicht einmal in den Sinn, die verwaiste Tochter des Generals de Vere könnte das glänzende Loos, wel⸗ ches ihr angeboten wurde, ausſchlagen. Aus Vorſicht vertraute ſie Miran der Hut eines Engländers an, der ſeit langer Zeit Oberintendan 46 ihrer Domainen war. Man nannte ihn Khan. Jedermann hatte den Namen vergeſſen, den er einſt in ſeinem Lande trug. Seine von dem langen Aufenthalt im Orient bronzirte Geſichtsfarbe, ſein indiſches Coſtüme und ſein Bart hatten ihn ſo ver⸗ ändert, daß ſelbſt ſeine Mutter ihn kaum erkannt hätte. B 8 Begleitet von einem zahlreichen Gefolge, ſchiffte ſich der ungeſtüme Miran in weniger als einem Monat nach Ellens Abreiſe nach England ein. Die Ueberfahrt war äußerſt ſgünſtig und er kam vierzehn Tage nach ihr an. Das vollkommenſte Ver⸗ trauen beſtand zwiſchen dem Verliebten und ſeinem Hüter. Dieſer liebte Miran; wie wenn er ſein Sohn geweſen wäre. 6 „Prinz,“ ſagte er noch aß Tage ihrer Ankunft zu ihm,„ich habe Ihnen Zweierlei zu empfehlen.“ „Sprechen Sie,“ ſagte der junge Mann. „Für's Erſte, ſtets nur hindoſtaniſch mit mir zu reden.“ Miran machte ein Zeichen der Zuſtimmung. „Für's Zweite, ſelbſt Ihren theuerſten Freunden zu verbergen, daß ich ein Engländer bin.“ „Warum das?“ „Ich könnte Ihnen für Ihre Zwecke nützlicher ſein, wenn ich unbekannt bleibe.“ „Gut. Es ſoll nach Ihrem Wunſche geſchehen.“ 47 Fünftes Kapitel. Miran war ganz und gar ein Naturkind, muthig wie das Roß, das nie den Zügel gekannt hat, feu⸗ rig wie die Sonne ſeines Landes. Sein unzähm⸗ barer Wille kannte kein unüberſteigliches Hinderniß und er empfand, um es zu beſiegen, den Stolz des Jägers, der gegen den Löwen der Wüſte kämpft. Die vornehmſte Gefahr, die von einem ſolchen Cha⸗ racter zu befürchten war, entſtand aus dem Einfluß ſeiner Leidenſchaften: es war die Legirung, welche den Werth des Goldes vermindert, der Thon, ohne welchen er über und unter dem Menſchen geſtanden wäre. Obgleich klein und zart, zeichnete er ſich in allen Leibesübungen aus. Er war von Kindheit auf ge⸗ wöhnt worden, die wilden Pferde zu zähmen und den königlichen Tiger der Dſchungeln zu jagen. Mit ſeinem Carabiner bewaffnet, verfehlte er niemals ſein Ziel. Es war auf der Jagd, daß er dem Eng⸗ länder, welchen wir auch fernerhin Khan nennen wollen, das Leben rettete. Einem Tiger, der ſich auf die Houda des Elephanten, den er ritt, ſtürzte, trieb er eine Kugel durch das Gehirn. Daher die Anhänglichkeit dieſes Mannes an ihn. Zum Unglück war es die Anhänglichkeit einer gemeinen Seele, eben ſo bereit, ſeine Dankbarkeit dadurch zu bezeu⸗ gen, daß er den Leidenſchaften ſeines Retters ſchmei⸗ chelte, als ein edles Herz es geweſen wäre, ihn auf den Pfad der Vernunft und der Tugend zu führen. Fremd der europäiſchen Welt mit ihren künſtlichen Unterſcheidungen, ihren Lüſten, Eiferſüchteleien, In⸗ triguen, kleinlichen Beſtrebungen des Ehrgeizes, war es nicht zu verwundern, daß der junge Mann ohne Erfahrung ſich von dem Wirbel ergriffen fühlte und ſich von den Rathſchlägen ſeines Vormunds leiten ließ, der wirklich auffallend mit Allem, was die Familie Mowbray betraf, auf dem Laufenden zu ſein ſchien. Man hatte kaum von der Ankunft des Prinzen er⸗ fahren, deſſen großes Vermögen noch durch das Gerücht geſteigert wurde, als die Thore der faſhionabeln Welt ſich zu ſeinem Empfang öffneten. Paireſſinnen, welche Töchter zu verheirathen hatten, ſpeculirten auf ihn, wie auf einen zu gewinnenden Preis; die jüngern Söhne der Familie und die Roués ohne Vermögen, dieſe Orakel des Turfs, erhielten neuen Credit von ihren Lieferanten, wenn ſie ſich rühmten, mit ihm in Verbindung zu ſtehen, und dennoch gelang es ihm, den Manövern der Mütter, wie den Netzen der Spieler zu entgehen. Vermittelſt eines intuitiven Tacts ſchien er bei Allen ihre Abſichten zu errathen. Wenn er in die Welt eintrat, war der Khan immer an ſeiner Seite. In einer Beziehung wenigſtens war die Erfahrung dieſes Mannes ihm nützlich. Miran war erſt ſeit zehn Tagen in England und beklagte ſich bereits über den Aufſchub ſeiner Hoff⸗ nungen. Er hatte keine Nachricht von Ellen und konnte die Taktik ſeines Freundes nicht begreifen, deſſen einziger Zweck ſchien, die Cirkel zu beſuchen, wo ihre Geſellſchaft gierig geſucht war; doch wechſelte ——— er daſelbſt niemals ein Wort, als mit ihm und nur in der Sprache des Orients. „Ich bin,“ ſagte er eines Morgens,„müde dieſer Welt der Zerſtreuung, wo es nichts gibt, was das Herz beſchäftigt.“ „Aber wo es Vieles gibt, um den Geiſt zu unterhalten,“ erwiderte der Khan.„Es verdient, ſtudirt zu werden.“ „Ich finde kein Vergnügen daran.“ „Geduld!“ „Geduld!“ rief der aufbrauſende junge Mann, „wenn ich vor Ungeduld brenne, die Stimme zu hören, welche wie himmliſche Muſik für mein Herz iſt, und in die Augen zu ſchauen, welche mir wie der Spiegel meiner Seele vorkommen.“ „Sie ſind dieſen Abend zu der Gräfin Arlington eingeladen.“ „Ich werde nicht hingehen.“ iie müſſen dahin gehen,“ antwortete der Khan ruhig. Der Prinz warf ihm einen Blick voll ſtolzer Ueberraſchung zu. „Das heißt,“ fuhr der Khan fort,„Sie müßten denn der Hoffnung entſagen, welche Sie Indien zu verlaſſen beſtimmt hat. Sie werden bei der Gräfin den Oheim des Mädchens, das Sie lieben, treffen.“ „Sir William Mowbray?“ „Nein, ſeinen Bruder, den Oberſt Mowbray, einen Mann, der ſein Vermögen in der Jugend thöricht verſchwendete und es in der Folge unternahm, es durch ſeines Characters würdige Mittel wiederherzu⸗ Die Abtei Carrow. I. 4 50 ſtellen. Er hängt gänzlich von dem Baronet ab, der ihm die Mittel liefert, um ſeinen Rang in der Welt zu behaupten, und doch haßt er ihn.“ Er haßt ihn!“ rief Miran erſtaunt,„aber ſie ſind ja Brüder!“ „Kain und Abel waren auch Brüder.“ „Kennen Sie ihn?“ „Ich habe ihn einſt gekannt. Wenn Sie ihm vorgeſtellt werden, müſſen Sie ſich plötzlich erinnern, daß Sie ſeinen Namen von dem verſtorbenen General de Vere haben nennen hören. Er wird mit Be⸗ gierde dieſe Gelegenheit ergreifen, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Warum?“ „Weil er weiß, daß Sie reich ſind.“ „Und er?“ „Iſt ein Spieler. Mit ein wenig Tact werden Sie leicht den Aufenthalt ſeiner Richte erfahren.“ „Und wenn ich das erfahre?“ „Verlaſſen Sie ſich wegen des Uebrigen auf mich.“ „Immer Verzögerungen ein Geheimniß, das keinen Grund hat,“ brummte Miran;„ich be⸗ greife nichts davon. Durch meine Geburt bin ich wenigſtens Ellen ebenbürtig; an Vermögen ihr über⸗ legen; es liegt nicht der Schatten einer Unehre auf meinem Namen“ Ich werde mich ſogleich ihrem Vormund vorſtellen; ich werde ihm meine Abſicht erklären und. „Abgewieſen werden.“ „Abgewieſen werden! Sehe ich nicht alle Tage oder vielmehr alle Stunden Mütter, die ſich eifrigſt um meine Verbindung für ihre Töchter bewerben?“ — 51 „Weil ſie denſelben kein Vermögen zu geben haben. Es iſt vielleicht nicht eines unter den be⸗ wundernswürdigen Mädchen, denen Sie begegnen, das nicht unterwieſen worden wäre, die Hand eines alten, gelähmten, in Laſter verſunkenen Wüſtlings anzunehmen, vorausgeſetzt, daß dieſelbe von einem Titel und Goldhaufen begleitet iſt. Ellen dagegen iſt reich genug, um einen Gatten unter den Reichſten und Edelſten ihres Landes zu wählen. Ihre Ver⸗ wandten werden natürlich begehren, ſie in England zu behalten; ihre Heirath mit Ihnen würbe den⸗ ſelben von keinem Nutzen ſein. In einer Familie iſt eine Erbin gleich einer Stimme im geſetzgebenden Körper, eine Sache, die man ausbeuten muß, um den größtmöglichen Vortheil für jüngere Söhne und vermögenloſe Neffen daraus zu ziehen.“ „Und das iſt alſo die Civiliſation, die Sie mir ſo oft geprieſen haben!“ rief Miran empört.„Sie prahlen mit der Freiheit des Geſchlechtes in Europa, wo die Frauen wahrhaft Sclavinnen ſind. Liebe, Sympathie, Perſon, Intelligenz, Alles iſt ein Gegen⸗ ſtund des Handels, wie die gemeinſten Waaren.“ „Ich habe niemals damit geprahlt, ich habe mich darauf beſchränkt, ſie Ihnen zu beſchreiben.“ An demſelben Abend begaben ſich der unge⸗ duldige Verliebte und der Mentor zu der Gräfin Arlington, wo ſie nach der Vorausſage des Khans dem Oberſt Mowbray und ſeinem Sohn, einem jun⸗ gen Mann von Mirans Alter, vorgeſtellt wurden. Dieſer glaubte, ſich der Bemerkungen des Khans über jüngere Söhne und vermögensloſe Reffen er⸗ innernd, in Ellens Couſin einen begünſtigten Neben⸗ buhler zu ſehen; aber wie die meiſten Orientalen beſaß er eine große Selbſtbeherrſchung. Nichts ver⸗ rieth den Sturm, der ſich in ſeinem Herzen ent⸗ wickelte. Im Gegentheil nahm er beide mit jener ruhigen Würde auf, welche Indiern von hohem Rang natürlich iſt. Er vergaß die Lection vom Morgen nicht. Der Oberſt und ſein Sohn waren von ſeinen Manieren entzückt und ſuchten eine ſo koſtbare Be⸗ kanntſchaft zu cultiviren. „Mowbray!“ wiederholte Miran, als ſie ihm näher getreten waren;„ich habe dieſen Namen ſchon gehbrt 6 Die Herren verbeugten ſich. „Ah! ich erinnere mich. in Indien, bei meinem Freund, dem General de Pere!“ „Meinem Schwager,“ ſagte der Oberſt. „Meinem Onkel,“ ſetzte der Sohn hinzu. „Wir haben erſt ganz kürzlich die traurige Nach⸗ richt von ſeinem Tod erhalten,“ nahm der Erſtere wieder das Wort.„Ich erhielt dieſen Morgen einen Brief von Sir William, meinem Bruder, welcher mich in Kenntniß ſetzt, daß meine Nichte ſeit einiger Zeit in England iſt.“ „Miß de Vere iſt alſo in London?“ fragte Miran, und trotz ſeiner Kaltblütigkeit zitterte ſeine Stimme ein wenig; zum Glück bemerkten die, an welche die Frage gerichtet war, nichts daran. „Nein, ſie iſt in Carrow⸗Abtei.“ Der Khan und der Verliebte wechſelten in Blic. „Wenn Sie Miß de Vere ſehen,“ fuhr der Letztere, Walter Mowbray anredend, fort,„ſo wer⸗ den Sie ihr vielleicht das achtungsvolle Beileid eines alten Freundes überbringen.“ „Ich fürchte ſehr,“ antwortete der junge Mann, „daß Sie einen ſchlechten Boten hiezu wählten. Ich habe meine Couſine nie geſehen; aber gelegentlich werde ich ihr ſagen, daß ſie in England einen Freund mehr hat, als ſie denken mag.“ Das Lächeln, womit Ellens Liebhaber ſeinem Gegenredner dießmal dankte, hatte nichts Erzwun⸗ genes. Er fühlte ſein Herz erleichtert. „Nun,“ ſagte Miran mit leiſer Stimme, indem er den Arm ſeines Begleiters ergriff und mit ihm die gedrängt vollen Säle durchwanderte,„wie habe ich mich benommen?“ „Bewundernswerth.“ Der Indier, von der Civiliſation noch nicht verdorben, fühlte ſich gedemüthigt von dieſem Com⸗ pliment, welches der Preis ſeiner erſten Verſtel⸗ lung war. Beinahe unmittelbar, nachdem ſie den Mowbray vorgeſtellt worden waren, zogen ſie ſich in ihr Hotel, einem der faſhionabelſten in London, zurück⸗ Am andern Morgen, zu früher Stunde, erklärte der Khan, daß er auf drei Tage verreiſen würde. „Drei Tage!“ rief Miran. „Ich brauche dieſe Zeit, um nach Carrow⸗Abtei zu gehen und zurückzukehren,“ ſetzte ſein ſeltſamer Vertrauter hinzu.„Sie behaupten die Mittel zu ſich mit der Aya in Communication zu ſetzen? cn1 „Vd. 54 „Das genügt. Sie ſehen mich in drei Tagen wieder. Sollten der Oberſt oder ſein Sohn ſich in meiner Abweſenheit vorſtellen, nehmen Sie dieſelben natürlich an. Schlagen ſie Ihnen ein Spiel vor, ſo ſeien Sie auf Ihrer Hut. Nicht weil ich denke, Sie laſſen ſich ſo leicht düpiren; Ihr Blick iſt ſo ſchnell wie deren Hände.“ „Wenn ich ſie beim Betrug im Spiel überraſche?“ „Das wäre ein Vortheil, ſobald Sie einen Zeu⸗ gen haben.“ „Und habe ich keinen?“ „So wäre es ein Ungeſchick, denn Sie würden Ihre Partie ausſetzen.“ „Das iſt alſo England!“ murmelte Miran, ſo⸗ bald er allein war.„Das ſind die Sitten des Volkes, welches Indien unterjocht hat, ſeine hundert Throne geſtürzt hat, um einen andern deſpotiſcheren aufzu⸗ richten, Brama und Wiſchnu aus ihren Tempeln vertrieben hat, um das Gold, ihr gelbes Götzenbild, an deren Stelle zu ſetzen!.... Um die Menſchheit iſt es ein ſeltſames Geheimniß!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„und die Dichter haben wohl Recht, zu ſagen, daß ſie aus Koth gemacht iſt. Wäre ſie aus härterem Stoffe, ſie könnte nie ſo monſtröſe Eindrücke aufnehmen.“ Den Augenblick darauf dachte er an Ellen, und die Wolke, die ſeinen Geiſt beſchattete, machte einem Lächeln Platz. Sechstes Kapitel. Als Henry Aſhton den Park von Carrow ver⸗ ließ, ſchritt er über die Gemeindewieſe, den Schau⸗ platz ſeines Abenteuers vom Morgen, um nach dem Pfarrhauſe zu gelangen. Wiewohl die Stunde noch nicht ſehr vorgerückt war, entſchloß er ſich dennoch, daſelbſt zu übernachten, da er, wie wir bereiks be⸗ merkt zu haben glauben, dort ebenſo, wie auf der Farm ſeines würdigen Oheims, zu Hauſe war. Zum erſten Mal in ſeinem Leben hatte er den Reiz jener Geſellſchaft gekoſtet, von welcher ihn in England die Dunkelheit ſeiner Geburt und die Vor⸗ urtheile der Welt ausſchließen zu müſſen ſchienen. Er hatte in langen Zügen geſchlürft und ſein Geiſt ſich in jene Trunkenheit verſenkt, welche ſich mehr des Herzens als des Gehirns bemächtigt. Während er langſam ſeines Wegs ging, den ſüßen Einbildungen nachbängend, welche uns in jun⸗ gen Jahren heimſuchen, die Blicke und Worte über⸗ denkend, welche die Erinnerung auf dem Grunde des Herzens anhäuft, wurden ſeine Träumereien plötzlich durch eine ernſte Stimme unterbrochen, welche ihm guten Abend wünſchte. Er hatte die Annäherung Deſſen, der ihn an⸗ redete, nicht bemerkt. „Guten Abend!“ erwiderte er und wollte weiter gehen. „Ich bitte um Verzeihung, mein junger Herr,“ fuhr der Unbekannte fort;„aber können Sie mir nicht das Portierhäuschen von Carrow⸗Abtei ſagen? Es ſind ſo viele Jahre ſeit meinem letzten Beſuch in dieſem Orte verfloſſen, daß ich den Weg beinahe vergeſſen habe.“ Dieſe Frage bewog Henry, außzuſchauen. Sein Gegenredner war, ſoweit die Dunkelheit zu erkennen geſtattete, ein Mann von hoher Statur und musculöſen Gliedern, im Alter von etwa fünf⸗ zig Jahren. Ein langer Paletot umſchloß ihn eng, und wiewohl die Nacht warm war, wurde der untere Theil ſeines Geſichts durch einen um den Hals ge⸗ wundenen Shawl verborgen; ein breitkrempiger Hut ſenkte ſich auf ſeine Stirne herab; kurz, man hätte ihn für Jemand gehalten, der nicht erkannt ſein wollte. Es lag Etwas in dem Laut, womit dieſe Frage gethan wurde, was den jungen Mann lebhaft er⸗ griff. Er war überzeugt, dieſe Stimme ſchon gehört zu haben, aber er konnte ſich nicht vorſtellen, wo oder wann. Es war ein vertrauter Ton, wie eine häusliche Stimme, die man auch nach jahrelanger Trennung im Augenblick wieder erkennt. „Wenn Sie mir erlauben,“ ſagte Henry,„ſo werde ich Sie bis zu dem Portierhäuschen führen.“ Dieſes Anerbieten wurde höflich angenommen und der junge Farmer kehrte ſogleich wieder um⸗ „Ich nehme Ihren Worten nach an,“ fuhr er fort,„daß Sie in dieſem Theil von Norfolk nicht fremd ſind.“ 5 „Nicht ganz,“ antwortete ſein Begleiter,„doch kam ich ſeit ſo vielen Jahren nicht hieher, daß ich beinahe dafür gelten kann. Sir William Mowbray wohnt noch immer in der Abtei?“ i „Seit fünfzehn Jahren hat er ſie nicht verlaſſen.“ „Das iſt ſonderbar.“ „Nicht, wenn er daſelbſt glücklich ift. ⸗ „Es ſcheint mir, bei ſeinem Rang und Vermögen ſollte er die Welt beſuchen.“ „Vielleicht verachtet er ſie oder hat wohl entdeckt, daß Rang und Vermögen nicht hinreichend ſind, das Glück zu gewähren.“ „Allerdings nicht; die Welt fordert andere Eigen⸗ ſchaften an Denen, welche ſie beherrſchen oder ſchmücken wollen. Es iſt ſeit meiner Jugend anders geworden. Ich erinnere mich noch der Zeit, wo ein Mann von dem Namen und Vermögen Sir Williams deren Abgott hätte werden können. Was ihn betrifft, ſo ſcheint er das Leben eines Eremiten vorzuziehen.“ Wiewohl vollkommen von der Urſache unterrichtet, aus welcher der Baronet ſich von der Welt zurück⸗ gezogen hatte, wollte der junge Mann doch einen ſo zarten Gegenſtand mit einem Fremden nicht ver⸗ handeln. Die Leiden des Gebieters von Carrow waren ſelbſt für die Schwätzer des Dorfs ein gehei⸗ ligter Gegenſtand. So wechſelte er ziemlich raſch die Unterhaltung, indem er ſeinen Begleiter fragte, ob er eine der Dorffamilien kenne. „Nicht genau,“ antwortete der Mann.„Doch erinnere ich mich der Namen von einigen ſeiner Be⸗ wohner. Es gab daſelbſt vorerſt den Doctor Manuel.“ „Der iſt ſeit vierzehn Jahren todt. Doctor Orme, 58 unſer würdiger Rector, iſt ſein Nachfolger auf der Pfarrei.“ „Den Anwalt Impei.“ „Der lebt noch,“ bemerkte Henry Aſhton trocken, „wenn Sie ſeine Bekanntſchaft erneuern wollen.“ „Nein,“ antwortete ſein Begleiter lachend,„wenn ich mich recht erinnere, war es ein intriganter, vor⸗ witziger Menſch, der immer ſeine Naſe in Anderer Angelegenheiten ſteckte. Darum vernachläßigte er aber die ſeinigen nicht, denn wenn er auf der Lauf⸗ bahn der Chicane und des Proceſſirens, die er mit ſo vielem Erfolg, als ich ihn kannte, betreten hat, fortgefahren iſt, ſo muß der Anwalt Impei jetzt reich ſein.“ „Er iſt reich, und ich ſehe, daß Sie ihn kennen.“ „Ich erinnere mich nur noch eines andern Namens aus dieſer Gegend, eines braven, trefflichen Mannes, deſſen Leben gleich einem ſtillen Bache, den Stürmen fremd, verfloſſen ſein muß, des Farmers Aſhton.“ „Mein Oheim!“ rief der junge Mann im Tone angenehmer Ueberraſchung, denn nie empfand ſein dankbares Herz eine lebhaftere Freude, als wenn er hörte, daß man dem edeln Character ſeines würdigen Verwandten Gerechtigkeit widerfahren ließ. Die Worte„mein Oheim“ wirkten wie ein electri⸗ ſcher Schlag auf den geheimnißvollen Fremdling. Er fuhr zuſammen, faßte Henry am Arm und ſchaute ihm nengierig in das Geſicht. „Mein Gott!“ rief er,„wie die Zeit vorüber geht!“ Henry Aſhton wußte nicht, warum er ſich von dem Ton der Stimme noch mehr, als von dem Benehmen des Unbekannten bewegt fühlte Die Worte deſſelben ſchienen in ſeinem Herzen nachzuklingen, als ob ſie daſelbſt ein lang entſchlafenes Echo geweckt hätten. „Sie ſcheinen mich zu kennen, Sir?“ ſprach er. Nein ja heißt, ich erinnere mich, Sie als Kind geſehen zu haben, zur Zeit meines letzten Beſuchs bei meinem trefflichen alten Freunde.“ „Er wird erfreut ſein, Sie zu ſehen; denn der Farmer iſt keiner von den Menſchen, welche Die⸗ jenigen vergeſſen, deren Hand ſie freundſchaftlich ge⸗ drückt haben. Ich werde morgen früh auf der Farm ſein; wen ſoll ich ſagen, daß ich getroffen habe?“ „Es liegt nichts daran.... vielleicht würde er meines Namens ſich nicht mehr erinnern!“ ant⸗ wortete Henry's Begleiter mit einem Seufzer.„Es iſt ſo lang her, daß wir uns nicht geſehen haben.“ „Sie thun ſeinem Herzen und ſeinem Gedächtniß Unrecht.“ „Vielleicht.“ „Wenigſtens werden Sie ihm einen Beſuch machen?“ „Nicht vor morgen!“ antwortete der Fremde, einer beſtimmten Antwort auf dieſe Frage auswei⸗ chend.„Wahrſcheinlich werde ich ſehr lang in der Abtei aufgehalten.... Verzeihen Sie mir,“ ſetzte er hinzu,„werzeihen Sie mir die Bemerkung, die ich Ihnen zu machen im Begriff bin; ich habe nicht die Abſicht, Sie zu beleidigen, aber Ihre Manieren und Ihre Sprache erinnern keineswegs an einen Farmer.“ 6 60 Der Zögling des würdigen Doctor Orme erklärte ihm die günſtigen Umſtände, welche ihm eine über ſeinen Stand gehende Erziehung verſchafft hatten. „Sie haben Glück,“ bemerkte der Fremde;„es iſt ſelten, daß der Zufall die Ungerechtigkeit der Welt wieder gut macht.“ „Ungerechtigkeit!“ „Ja, oder das Mißgeſchick(nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt), welches den Geiſt zur Unthätig⸗ keit verurtheilt.“ Inzwiſchen hatten ſie das Portierhäuschen von Carrow⸗Abtei erreicht. Der Fremde wandte ſich um, dankte ſeinem Führer höflich und drückte ihm nach des jungen Mannes Meinung liebevoller die Hand, als es der geringe Dienſt verdiente, den er ihm ge⸗ leiſtet hatte. Ein oder zwei Mal hielt Henry Aſhton, während er über die Gemeindewieſe ging, an und ſchaute rückwärts, um ſeinen Begleiter von vorhin zu beob⸗ achten. Der Mann war vor dem Portierhäuschen ſtehen geblieben, die Augen nach ihm gerichtet. „Sonderbar!“ ſprach Henry bei ſich.„Was kann er mit Sir William Mowbray zu thun haben? Der Baronet empfängt nur wenig Beſuch. Ich glaube, mit Ausnahme des würdigen Rectors bin ich der erſte Gaſt, den er ſeit Jahren zu Tiſch ge⸗ laden hat und ich verdanke,“ ſetzte er bitter hinzu, „meine Einführung nur einem zufälligen Dienſt, den ich ſeiner Nichte geleiſtet habe. Könnte er in meinem Herzen die Wünſche und Hoffnungen leſen, welche durch die letzten vierundzwanzig Stunden darin her⸗ vorgerufen worden ſind, ſein Stolz würde nur Ver⸗ 61 achtung für mich haben... Aber nein,“ ſetzte er, einem edleren Antrieb nachgebend, hinzu,„ich thue ihm Unrecht. Er würde mir vielleicht meine An⸗ maßung vorwerfen; er würde mit mir vernünftig reden; aber Stolz und Verachtung ſind ſeinem edlen Herzen fremd; die Welt hat ihm allzu viel Leiden auferlegt, um dieſen ſchlechten Sauerteig darin zurück⸗ gelaſſen zu haben.“ Mehrmals machte der junge Mann, während er ſeinen Weg fortſetzte, noch Halt, um auf die Glocke des Portierhäuschens zu horchen. Hatte ſein ſelt⸗ ſamer Begleiter wirklich die Abſicht, dem Baronet einen Beſuch zu machen, ſo war es ſonderbar, daß er nicht eintrat. „Bah!“ ſagte er endlich,„der Wind wird den Schall nach der andern Seite der Gemeindewieſe getragen haben. Ich bin wie ein Kind, um mich mit leeren Einbildungen zu quälen.“ Entſchloſſen, dieſe Ideen zu verbannen, ſchritt er weiter nach dem Pfarrhaus, indem er ſich verſprach, morgen auf den Pachthof zu gehen, denn er wünſchte lebhaft, etwas mehr über den Fremden zu erfahren, deſſen Stimme und Benehmen ſo auffallend ſein In⸗ tereſſe angezogen hatten.. Anſtatt ſich nach dem Portierhäuschen zu wenden, ſchlug der Reiſende, ſobald ſein Führer verſchwunden war, einen Fußpfad ein, der längs der Parkmauer hinlief, und marſchirte raſchen Schrittes einige Mi⸗ nuten, bis er drei ſteinerne Säulen erreichte, Ueber⸗ reſte der alten Abtei, welche einen Pavillon oder ein auf den Weg vorſpringendes Luſthäuschen trugen. 62 Dieſes Gebäude war ſichtbar ſeit langen Jahren vernachläßigt worden, denn Schlinggewächſe und Moos bedeckten die Mauern und ein zerbrochener Laden wiegte ſich nachläßig in dem Nachtwinde in ſeinen verroſteten Angeln. „Hier iſt die Stelle,“ ſagte er, die Augen auf das Fenſter richtend,„aber ich ſehe Niemand... vielleicht hat es noch nicht geſchlagen.“ Ein leichtes Rauſchen in dem dichten Epheu, der um das Fenſter emporkroch, gab ihm zu erkennen, daß Jemand in dem Pavillon war. Er wich einige Schritte zurück, um beſſer zu ſehen, und ſtimmte dann ein volksthümliches Lied der Hindu an. Nach der erſten Strophe hielt er an; aber er brauchte nicht lang zu warten, bis ihm eine Frauen⸗ ſtimme mit der zweiten Strophe antwortete. Er trat dann ſo nahe als möglich auf den Pa⸗ villon zu und eine Frau, den Kopf in einen weißen Schleier gehüllt, zeigte ſich am Fenſter. „St! St!“ machte ſie. „Zara!“ „Der Khan!“ Es war Ellens Aya und Mirans Vertrauter, die, nachdem ſie offenbar eine Zuſammenkunft ver⸗ hatten, ſich auf ſo geheimnißvolle Weiſe trafen. „Du huſt das Pfand erhalten, das ich Dir ge⸗ chickt habe?“ fragte der Khan. iid „Ja; und Miran Hafaz?“ „Iſt in England.“ Ein triumphirendes Lächeln erhellte die braunen, — 63 aber nicht unangenehmen Züge dieſer Frau, denn ſie kannte die unbeugſame Energie des Sohnes der Begum und deſſen leidenſchaftliche Liebe zu Ellen. „Wir werden nach Indien zurückkehren,“ ſprach ſie,„wir werden dieſes troſtloſe Land verlaſſen, wo die Geſänge der Vögel nur Traurigkeit athmen, wo alle Blumen die krankhafte Bläſſe des Todes haben.“ „Iſt Miß de Vere glücklich in ihrer neuen Heimath?“ „Ich kann dieſe Frage nicht beantworten, ich verſtehe mein Kind noch nicht. Ihr Character iſt verändert, ſeitdem ſie den Fuß auf dieſe finſtere Inſel geſetzt hat; ihre Stirne iſt ernſt und nach⸗ denklich geworden; ſie lächelt allerdings zuweilen, aber es iſt nicht mehr das leichte und ſtrahlende Lächeln ihrer Kindheit.“ „Iſt Sir William gut gegen ſie?“ „Wie es ein Leichnam ſein kann; Alles in dem Hauſe redet von der Vergangenheit, von denen, die todt ſind; es iſt die Wohnung der Betrübniß. O! wie verſchieden iſt dieſer Aufenthalt von dem, welchen ich für ſie in Indien ausſchmücken würde!“ „Dann würde es nur wenig bedürfen, um ſie zur Rückkehr dahin zu beſtimmen?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete die Aya mit nach⸗ denklicher Miene;„dieſen Morgen würde ich viel⸗ leicht bejahend auf Deine Frage geantwortet haben; jetzt zweifle ich. Ellen würde beinahe ſterben.“ „Sterben? Iſt ſie krank geweſen?“ „Nein; ihr Pferd iſt mit ihr durchgegangen, und ihr Leben wurde von einem jungen Bauern gerettet, 64 den ihr Oheim, anſtatt ihm ein Goldſtück zu geben, zu Tiſch geladen hat.“ „Ein junger Bauer? Sein Name?“ „Henry Aſhton.“ „Großer Gott!“ murmelte der Khan engliſch, „wie wunderbar ſind Deine Wege!“ „Wir werden ſie von ihm losmachen müſſen,“ fuhr Zara kalt fort, als ob vom Ausreißen einer vertrockneten Pflanze oder Staude die Rede geweſen wäre. „Rechne hiebei nicht auf mich.“ „In dieſem Fall,“ rief die Aya,„ſage Deinem Herrn, er ſolle jeder Hoffnung auf Erfolg entſagen, denn Alles ſagt mir, daß Ellen dieſen Bauern liebt.“ Und ſie zog ſich vom Fenſter zurück. Der Agent von Miran⸗Hafaz blieb einige Augen⸗ blicke unentſchloſſen, ohne zu wiſſen, was er thun ſollte. Die eben erhaltenen Nachrichten hatten offen⸗ bar ſeine Berechnungen umgeſtoßen. Es war ſelt⸗ ſam, duß ein an die deſpotiſchen Mittel des Hrients gewöhntes Weſen vor der Idee zurückbebte, aus dem Wege ſeines Herrn einen jungen Mann wegzuräumen, mit dem er auf keine Weiſe verbunden ſchien. Die Aya begriff nichts davon. Vielleicht erklärte er ſich kaum ſelbſt ſeine Beweggründe. Aehnliche Wider⸗ ſprüche gibt es nicht ſelten bei den verächtlichſten Naturen. „Warum bin ich nach Europa zurückgekommen?“ flüſterte er, langſam zurückkehrend;„die alten Erin⸗ nerungen wollen wieder erwachen. Ich möchte, ich wäre dieſem jungen Mann nicht begegnet. Wäre es jeder Andere als der Neffe von Matthäus Aſhto geweſen, die Aufgabe hätte ſich leicht gemacht. Was ihn betrifft, ſo hat er von meiner Hand nichts zu fürchten. Ich wollte um alle Schätze Indiens nicht, daß ſein Blut auf mein Haupt ſiele!“ Er ging eiligen Schritts über die Gemeindewieſe, wo ein Wagen und Poſtpferde ihn erwarteten. Er hatte den Beſuch vergeſſen, den er dem Farmer machen wollte. Ohne ein Haus zu betreten, oder die geringſte Erfriſchung zu ſich zu nehmen, warf er ſich in den Wagen, das einzige Wort„London“ ausſprechend. Wenige Minuten nachher lag die Abtei Carrow hinter ihm. Als Henry Aſhton am andern Morgen auf der Farm anlangte, war ſeine erſte Frage an ſeinen ob er den geheimnißvollen Fremden geſehen abe. „Fremden!“ wiederholte der Alte in traurigem Ton,„nein, Du biſt der einzige Fremde, den ich heute ſehe. Wir haben von Deinen Heldenthaten ſprechen hören, meine Frau und ich; Du haſt in der Abtei geſpeist: Du haſt bereits gelernt, uns zu vergeſſen; die nächſte Lection wird Dich lehren, uns zu verachten.“ „Sie verachten, Oheim!“ rief der junge Mann. „Dheim! Oheim! Sie haben gewiß ein ſo grauſames ort nicht ſagen wollen! Sie verachten, Sie, denen ich Alles verdanke! Sie haben mich immer mit der Güte eines Vaters behandelt, und es fehlt Ihnen durchaus nur der Name dazu. Ich habe nie einen andern gekannt!“ Die Abtei Carrow. I. 5 „Ich ſagte es der Alten,“ erwiderte ſein Oheim, ihm die Hand drückend,„ich ſagte es ihr, Du wäreſt weder ſtolz noch undankbar.“ Henry eilte in das Haus; er wußte den Weg zu dem Herzen ſeiner guten alten Tante zu finden. „Was gibt es, Harry?“ fragte ſie, als ſie ihren Adoptivſohn ſich auf ſeinen lang unbeſetzt gebliebenen Stuhl neben dem Kamin werfen ſah. „Es gibt es gibt, daß ich gekränkt, ſchwer verletzt bin.“ „Wer hat Dich verletzt?“ fragte die Frau un⸗ ruhig,„etwa das Pferd geſtern?“ „Nein, Tante, ſondern die grauſamen Worte des Oheims.“ „Iſt er böſe geweſen, Harry?“ „Er hat mir geſagt, Sie und er halten mich beide für verändert und undankbar, und iſt das nicht Etwas, um mich zu verletzen? Es iſt ſehr hart, von Denen, welche wir lieben, falſch beurtheilt zu werden.“ „Wahr, Harty, wahr!“ erwiderte die Dame ſchluchzend.„Aber das iſt ein Fehler von Mat⸗ ſhäus; er iſt immer bereit, ſich dummheiten in den Kopf zu ſetzen. Vielleicht langweilt er ſich auch Abends, wenn er allein iſt. Du fehlſt uns, Harry,„ und wir haben Niemand, der uns gute Nacht wünſcht; ich weiß, daß es eine Schwäche iſt, aber wir waren daran gewöhnt.“ „Das iſt eine Gewohnheit, um die Sie nicht kommen ſollen,“ ſagte der junge Mann, indem er ihre runzelige Wange küßte.„Ich will auf der Stelle meine Bücher und ſonſtigen Sachen bei Doctor Orm holen. Ich bin der Nachläßigkeit ſchuldig, aber nicht des Undanks.“ „Gott ſegne ihn!“ rief die Alte, als ſie ihn ab⸗ gehen ſah;„ich wußte wohl, daß er das Herz am rechten Flecke hatte. Aber das kommt Alles von dem Griechiſchen her; bei chriſtlichen Büchern kann das nicht geſchehen, es thut mir in den Augen weh, wenn ich nur einen Blick darauf werfe.“ Siebentes Kapitel. Miran⸗Hafaz ruhte in einem Gemach ſeines Ho⸗ tels, welches ſeine indiſchen Diener ſo gut als mög⸗ lich zu einem Divan umgeſchaffen hatten; Tiſche und Stühle waren entfernt und durch Beugen von Kiſſen erſetzt worden. Er war auf einem Musnud mitten im Zimmer ausgeſtreckt, eine perſiſche Hucka rauchend, deren reiches Parfüm die Atmoſphäre erfüllte. Auf dem Hinterhaupte trug er eine kleine, geſtickte, mit einer ſeidenen Eichel geſchmückte Mütze, welche graziös auf ſeine Schultern niederfiel. Seine lange Caſchmir⸗Simarre, um welche eine Herzogin ihn hätte beneiden können, war um ſeine ſchlanke Taille durch einen reichen Gürtel gehalten, an welchem ein Amulet hing, ein Geſchenk der Begum im Augenblick, da er von ihr Abſchied genommen hatte. 5 Ein junger Hindu, mit der Unterhaltung der Hucka beauftragt, ſaß zu ſeinen Füßen. Während der duftende Rauch in phantaſtiſchen Wirbeln ſich um ſeine ausdrucksvollen, aber zarten Züge erhob, beſchäftigten tauſend Erinnerungen der Vergangenheit ſeinen Geiſt. Ellen, der Garten, wo er mit dem Kinde ſpazieren gegangen war, alle die Worte, die ſie ihm geſagt hatte, jedes Lächeln, wo⸗ von dieſe Worte begleitet waren, wurden aus dem Schatz ſeines Herzens gezogen und noch einmal durch⸗ gemuſtert. Sie mußte meine ganze Liebe gewahr werden, dachte er, ſie konnte nicht blind für meine leiden⸗ ſchaftliche Anbetung, für die aufrichtige Huldigung meines Herzens ſein. Wie ich, iſt ſie in Indien geboren, jenem Land der Träume und der Blumen, der Wohlgerüche und der Himmel ohne Wolken. Sie muß wie ein gefangener Vogel auf dieſer düſtern Inſel ſein, ſie muß den ſtrahlenden Orient ver⸗ miſſen. Dann kam von Neuem der Zweifel, der ſchreckliche Zweifel über ihn. Er ſagte ſich, ſie habe ihn ver⸗ geſſen, ſie habe ſich durch die Stimme eines Indi⸗ viduums ihres Stamms bezaubern laſſen; denn es liegen im Blut und in der Sprache Sympathien, welche Jedermann fühlen kann, aber nur wenige Perſonen zu erklären wiſſen.* Die Abweſenheit des Khan bildete eine andere Quelle der Aufregung. Der dritte Tag war ge⸗ kommen, und Miran hatte noch keine Nachrichten von ihm. Das Herz des Liebenden verzehrte ſich 3 in Ungeduld. . —,—— „Ich möchte, er wäre zurück!“ rief er,„ſeine Gegenwart würde das Fieber in meinem Blut be⸗ ruhigen; er iſt von der kleinen Zahl Derer, welchen ich vertrauen kann; er iſt treu denn er hat an dem Todtenbett meines Vaters gewacht und mir zuge⸗ lächelt, da ich noch in der Wiege lag.“ Ein beſonderes Signal ertönte an der Thüre des Appartements. Die Phyſiognomie des Jünglings wurde ſtrahlend vor Freude. Er ſchlug nach orien⸗ taliſchem Gebrauch dreimal in die Hände, um anzu⸗ zeigen, daß er eintreten könne. Die Vorhänge, die man an die Stelle der Zim⸗ merthüre gebracht hatte, gingen aus einander und der Khan erſchien vrhn in ſein orientaliſches Coſtume gekleidet. „Nun!“ rief der ungeduldige Liebhaber von Ellen de Vere,„haben Sie die Aya geſehen?“ Der Bote antwortete mit einer einfachen Neigung des Kopfs und warf einen bedeutſamen Blick auf den jungen Hindu. Mit einer Geberde der Hand ſchickte Miran den⸗ ſelben hinweg. 4 „Reden Sie,“ ſagte er, ſobald ſie allein waren; zwas ſagt ſie? Hat Ellen mich vergeſſen? Gibt ſie mir einige Hoffnung?“. „Die Hoffnung,“ antwortete der Khan, ziſt der Stab des Lebens, das Licht der Jugend wie des Alters; ohne ſie wäre das Leben nichts als Fin⸗ ſterniß.“ Miran ſchaute ſeinen Gegenredner feſt an; ſein Benehmen noch mehr als ſeine Worte ließen ihn ahnen, daß er ungünſtige Nachrichten brachte. „Ich will das Schlimmſte wiſſen,“ ſagte er; „ich habe ein Herz, fähig, den härteſten Schlag, den das Schickſal mir verſetzen kann, zu ertragen. Die Schwachen allein beklagen ſich; die Starken leiden ſchweigend.“ „Das wolle Gott nicht, daß ich der Ueberbringer einer ſo traurigen Kunde ſei. Zara iſt ſeit ihrem Aufenthalt in England grillenhaft geworden: die Einſamkeit ihres gegenwärtigen Lebens, vereint mit dem brennenden Verlangen, nach Indien zurückzu⸗ kehren, hat ihren Geiſt mit Schatten erfüllt, welche ſie für Wirklichkeiten nimmt.“ „Fahren Sie fort,“ murmelte Miran ungeduldig. „Es ſcheint, das Leben von Miß de Vere iſt durch den Muth und die Kaltblütigkeit eines jungen Mannes gerettet worden, des Sohnes von einem reichen Pächter ihres Oheims. Der Baronet hat ihn in die Abtei eingeladen. Ellen iſt dankbar und die Aya hat ihre Dankbarkeit für Liebe genommen.“ Das Blut ſtieg dem jungen Indier in das Ge⸗ ſicht und gab ſeinen Zügen einen von ſeiner gewöhn⸗ lichen Ruhe ſo verſchiedenen Ausdruck, daß der Khan dadurch erſchreckt wurde. „Es iſt nur ein Kind,“ ſetzte er hinzu. „Aber Zara ſagt, daß Ellen ihn liebt?“ „Sie kennt ihn erſt ſeit einigen Tagen.“ „Die Liebe iſt eine ſchnell treibende Blume und ſelten das Product der Cultur. Ihre erſten Blätter ſind ſo zart, daß unaufmerkſame Augen ihre Ent⸗ ſtehung nicht gewahr werden. Hat ſie einmal Wurzel gefaßt, ſo wächst ſie ſo raſch und ſenkt ſich ſo feſt in den Boden, daß ſie nur Eins mit dem Leben macht.“ „Die Aya kann ſich täuſchen.“ „Sie hat durchdringende Augen, einen Frauen⸗ tact, und liest in dem Herzen ihrer ſchönen Gebie⸗ terin, wie die Gelehrten in dem Buch leſen, das ſie durchdacht haben.“ Der Khan ſchwieg ſtill. „Sein Name?“ „Henry Aſhton.“ „Ich muß ihn ſehen,“ ſagte der Indied mit düſterer Miene. Sein Bote erbleichte; er kannte den ungeſtümen Character Mirans, der, ſanft wie eine Taube gegen die, welche er liebte, die ganze Wildheit des Geiers gegen die hatte, welche er haßte. „Was wollen Sie thun?“ fragte er. „Ihn zertreten!“ rief der junge Indier hoch⸗ müthig,„wie ich die Schlange zertreten würde, welche mich geſtochen hat! Dieſer Menſch und ich können nicht dieſelbe Luft athmen; ſein Hauch iſt Gift; ſein Blick, wie der des Baſilisken, würde mein Herz vertrocknen! Es gibt ſo antipathiſche Naturen, daß ſie nicht zuſammen leben können!“ „Miran!“ ſagte der Khan mit einer Aengſtlich⸗ keit, welche ſeine geringe Bekanntſchaft mit Henry Aſhton noch auffallender machte,„erinnern Sie ſich, daß Sie in einem Lande ſind, welches nicht duldet, daß man Gewalt gegen den Niedrigſten ſeiner Unter⸗ thanen brauche. Weder der fürſtliche Rang Ihrer Mutter, noch Ihr unermeßliches Vermögen könnte Sie dem Schwert der Gerechtigkeit entziehen, wenn 72 Sie die Hand gegen das Leben jenes jungen Mannes erhöben.“ Der Indier lächelte nur; er hielt es unter ſeiner Würde, ſelbſt auf eine indirecte Drohung zu ant⸗ worten. „Wäre es nicht beſſer,“ fuhr der Khan fort,„ihn aus Ihrem Wege zu räumen?“ „Wie ſo?“ „Indem man ihn beſtimmt, England zu ver⸗ laſſen.“ Miran überlegte einige Augenblicke, ehe er eine Antwort gab. „Vielleicht,“ ſagte er endlich,„vorausgeſetzt, daß er weit von Ellen iſt.“ 3 „Wenn ich ihn nach Indien ſchickte?“ „Haben Sie die Macht dazu?“ S ℳ „Wie?“ „Prinz,“ ſprach der Khan, ſich in ſeiner ganzen Höhe aufrichtend und ihm feſt in's Geſicht ſchauend, ich kenne Sie ſeit Ihrer Kindheit; ich habe das Vertrauen der Begum, das Ihres Vaters und ſelbſt das Ihrige genoſſen.“ „Wahr.“ „Habe ich Sie je getäuſcht?“ „Niemals.“ „So verlaſſen Sie ſich auf mich in dieſer Ange⸗ legenheit. Suchen Sie nicht die Mittel kennen zu lernen, wodurch ich handle. Ich wage ſie ſelbſt Ihnen nicht zu erklären. Bewilligen Sie mir nur zehn Tage, und wenn es mir nach Verfluß dieſer Zeit nicht gelungen iſt, den Gegenſtand Ihrer eiteln Eifer⸗ 73 ſucht aus England zu entfernen, ſo will ich nicht mehr wie ein Schatten von übler Vorbedeutung zwi⸗ ſchen Sie und Ihr Vorhaben treten.“ „Es ſei,“ ſprach Miran ziemlich kalt;„erfüllen Sie Ihr Verſprechen, und ich werde mich wenig um die Mittel kümmern, welche Sie hiezu anwenden. Scheitern Sie, ſo werde ich ſelbſt die Leitung der Sache in die Hand nehmen, denn. ich fühle, daß daſſelbe Land nicht zugleich den Geliebten Ellens und mich faſſen kann!“ Mit dieſen Worten verließ der feurige und ſtolze Jüngling das Zimmer, um ſich auf einen Beſuch zu richten, den er Lord Yarmouth verſprochen hatte. Der Khan war kaum allein, als er ſich mit der Miene eines von ſchrecklichem Unglück niedergedrückten Mannes auf die Beuge von Kiſſen fallen ließ, welche der Sohn der Begum eben verlaſſen hatte. Er drückte ſeine Hand auf die hohe, von Runzeln durchfurchte Stirn, als ob er von einem plötzlichen Schlag be⸗ troffen worden wäre. „Mein Gott!“ rief er,„wie ſind Deine Wege ſo wunderbar! Legen wir Meere und Jahre zwiſchen uns, unſere Sünde findet uns doch am Ende auf. Entgehen wir ihr unſer Leben lang, beunruhigt ſie uns noch im Grabe. Der arme, harmloſe Jüngling! Es wäre beſſer, er begegnete einem wüthenden Tiger, als dieſem Miran. Ich habe verſprochen, ihn aus ſeinem Wege zu entfernen. Der Himmel, der mir dieſen Entſchluß eingegeben hat, wird mir auch die Mittel gewähren, ihn auszuführen.“ Während er in ſeine Betrachtungen verſunken war, öffnete ſich plötzlich der Vorhang, welcher den Eingang in das Gemach verhüllte, und der junge Hindu, welchen der Khan in Geſellſchaft von Ellens Liebhaber gefunden hatte, erſchien. Der Khan ſchaute auf. „Miran⸗Hafaz will Sie ſehen,“ ſagte der Jüng⸗ ling.„Sie ſollen ihn zu einem Beſuch, den er machen will, begleiten.“ Die Salons des Hotels von Lord Yarmouth waren glänzend beleuchtet und mit einer Menge Ein⸗ geladener erfüllt; es war hier Alles, was in der faſhionabeln Welt, ſei es durch Rang, Vermögen oder Genie, berühmt war, denn der edle Beſitzer dieſer prächtigen Behauſung gehörte zu jenen prunk⸗ ſüchtigen Nullitäten, die nur vom Widerſchein er⸗ glänzen. Der Herzog von York machte, auf den Arm des Wirthes gelehnt, ſeinen Gang durch die Salons, als ſie auf Miran und den Khan ſtießen. Der Erſte war damit beſchäftigt, die Angelegenheiten Indiens mit einem Glied des Cabinets zu erörtern. So groß auch ſeine Leidenſchaft zu Ellen war, hatte ſie doch nicht alle ſeine Gedanken erſchöpft und er em⸗ pfand bitter das begangene Unrecht gegen ſeine Landsleute, die Opfer einer ſchlechten Regierung. „Wer iſt der Indier von ſo diſtinguirtem Aus⸗ ſehen?“ fragte Seine Königliche Hoheit. „Der Sohn der Begum von Gunlore.“ „Ich habe von ihm reden hören; ſtellen Sie mir ihn vor.“ Auf ein Zeichen ſeines Wirths trat Miran⸗Hafaz näher. An dem Reſpect, womit die Eingeladenen, die Edelſten und Ausgezeichnetſten des Landes, ſich 75 entfernten, erkannte er ſogleich, daß der dicke Mann, der ſich auf den Arm von Lord Yarmouth lehnte, keine Perſon von geringem Rang war. „Wer iſt es?“ fragte er den Khan. „Der Bruder des Regenten und nächſter Thron⸗ erbe,“ antwortete dieſer mit leiſer Stimme. Der junge Indier machte, als ſein Wirth ihn dem Herzog genannt hatte, ſeine Complimente ſo graziös und mit ſolcher Geiſtesgegenwart, daß Seine Königliche Hoheit davon entzückt wurde. „Sind Sie am Hofe geweſen?“ fragte der Fürſt. „Noch nicht, Hoheit.“ „Yarmouth wird Sie vorſtellen.“ Miran verbeugte ſich. „Und was iſt Ihnen ſeit Ihrer Ankunft in Europa am meiſten aufgefallen?“ ſetzte ſein könig⸗ licher Gegenredner hinzu,„die Schönheit der Frauen, die liebenswürdige Freiheit ihrer Manieren, ſo ver⸗ ſchieden von der orientaliſchen Zurückhaltung, oder etwa die Freiheit unſerer Inſtitutionen?“ „Weder das Eine, noch das Andere,“ antwortete der junge Mann,„ſo merkwürdig Beides iſt und dem Fremden auffallen muß Sondern, was ich am meiſten in England bewundere,“ ſetzte er mit einer tiefen Verbeugung hinzu,„iſt die graziöſe Leutſelig⸗ keit ſeiner Fürſten.“ Der Herzog lächelte. So gewöhnt er von Kind⸗ heit auf an die Sprache der Schmeichelei war, hatte ſich ſein Ohr daran doch noch nicht überſättigt. „Wir müſſen ihn in Carlton-Houſe haben,“ ſprach er ganz leiſe zu Lord Yarmouth,„Georg wird von ihm entzückt ſein.“ Lord Yarmouth lächelte. „Iſt er reich?“ ſetzte Seine Hoheit hinzu. „Unermeßlich.“ „Und liebt er das Spiel?“ „Wüthend. Ich glaube, Oberſt Mowbray hat bereits ſich ihm angehängt.“ Der Herzog lächelte und ging vorüber. Die günſtige Meinung, welche er öffentlich über Miran äußerte, brachte dieſen vollends in die Mode; die ſchönen Frauen und die Intrigants legten es eifrig darauf an, ſich ihm vorſtellen zu laſſen. Um der Menge zu entgehen, zog er ſich in ein kleines Gemach in der Reihe der Appartements mit dem Oberſten Mowbray zurück. Er hatte den Rath des Khans nicht vergeſſen, auf der Hut zu ſein, wenn er mit Ellens Oheim ſpiele, aber ſich nur in Gegenwart eines Zeugen den Schein der Entdeckung eines Betrugs zu geben. Nach ſeiner Gewohnheit ſchlug der Oberſt ein Spiel vor. 3 „Da das Glück mir dieſer Tage ſo günſtig war, bin ich wahrhaft ungeduldig, Ihnen Revanche zu geben.“ Das war geradé nach Mirans Wünſchen und er nahm ſogleich an. Während der Partie, wo er die größte Wachſamkeit unter einer angenommenen Gleich⸗ gültigkeit verbarg, glaubte er zu bemerken, daß der Oberſt geſchickt die Würfel wechſelte. Zum Unglück waren ſie allein. Wurf für Wurf folgten mit beharrlichem Glück für den Oberſt. Sein Gewinn ſchien ſich zu einer beträchtlichen Summe zu erheben, denn er hatte 77* einen Haufen Gold und Banknoten neben ſich. In dieſem Augenblick trat Lord Yarmouth ein. „Sie ſind im Glück, Mowbray,“ ſagte Seine Herrlichkeit, einen Blick auf das Gold werfend. „Einfach auf gutem Wege dazu, Mylord,“ er⸗ widerte der Spieler. Bei dieſen Worten warf er. Nachdem er die Zahl angegeben hatte, hob Miran die Würfel auf; das Geſicht ſeines Gegners bedeckte ſich mit tödt⸗ licher Bläſſe. „Eure Herrlichkeit wird wohl die Gewogenheit haben, mir dieſe Würfel aufzubewahren?“ fragte Miran Lord Yarmouth.* „Ganz gewiß.“ „Es beſteht zwiſchen dem Oberſt und mir eine Wette, welche erſt morgen in's Reine gebracht wer⸗ den kann.“ Mit dieſen Worten nahm der Indier den Arm des entdeckten Betrügers und entfernte ſich mit ihm, nachdem er den edlen Pair gegrüßt hatte. Lord Yarmouth war verwirrt; er konnte nicht begreifen, um was es ſich handelte. Der Umſtand, daß ſie ſich ſo freundſchaftlich mit einander zurückge⸗ zogen hatten, entwaffnete jeden Verdacht einer Be⸗ trügerei. „Was muß ich denken?“ flüſterte der Oberſt ſeinem Begleiter zu, als ſie zuſammen durch die Salons gingen. „Daß Sie entdeckt ſind.“ „Wollen Sie zu verſtehen geben? 4 „Ich gebe nie zu verſtehen; ich behaupte,“ fiel Miran ein,„daß Oberſt Mowbray ein falſcher Spieler † iſt, ein Mann, der den Opfern ſeiner Liſt zu⸗ lächeln, ſie ſeine Freunde nennen und ſie ausplün⸗ dern kann. Aber Sie können mir nützlich ſein,“ ſetzte er im Tone der Verachtung hinzu.„Unter einer Bedingung werde ich Ihnen die Schmach eines Scandals erſparen.“ „Welches iſt ſie?“ fragte der Oberſt mit halb erſtorbener Stimme. „Sie ſollen disſelbe morgen früh erfahren.“ Achtes Kapitel. Seit dem Tage, da Henry Aſhton das Glück gehabt hatte, Ellen de Vere das Leben zu retten, machte er häufige Beſuche in der Abtei Carrow. Der Baronet fand allmälig, trotz ſeiner gewohnten Zurückhaltung, Vergnügen an ſeiner Geſellſchaft. Es lag in der Geiſtesrichtung des jungen Fremdlings eine Friſche, die ihn intereſſirte; er glaubte wieder ein reizendes Blatt einer beinahe vergeſſenen Ver⸗ gangenheit zu leſen, oder von Neuem die Träume ſeiner Jugend zu träumen. Henry's Studien bei dem Rector hätten ihn nur mit den Büchern, mit den Gedanken derer vertraut gemacht, welche aus der Tiefe des Grabes die Geiſter 79 beherrſchen. Seine Beziehungen zu Sir William Mowbray lieferten ihm die Kenntniß der Menſchen, denn in ſeiner Zurückgezogenheit hatte der Einſiedler die Augen offen behalten auf die Geſellſchaft, die er verlaſſen, auf die Literatur, die Fortſchritte und die Meinungen ſeines Jahrhunderts. Das Studium hatte dazu gedient, das Stechendſte in ſeiner Be⸗ trübniß abzuſtumpfen, und ihn gelehrt, das Leben, zu ertragen, das Leben, welches ihm einſt eine nütz⸗ liche und ehrenvolle Laufbahn verſprochen hatte. Allmälig ließ der neue Lehrer ſeinen Zögling das traurige Geſpenſt der Wirklichkeit von Angeſicht zu Angeſicht ſehen; denn die Jugend erkennt nur undeutlich deren häßliche Züge durch das Laubwerk und die Blumen, womit ihre Einbildungskraft die Landſchaft des Lebens ausſtattet. Erſt wenn eine befreundete Hand die Zweige beſeitigt, oder die Blätter abgefallen, die Blumen verwelkt ſind, erken⸗ nen wir das Phantom in ſeiner ganzen verhängniß⸗ vollen Abſcheulichkeit. Dieſe Unterhaltungen entführten dem Geiſt und Herzen des Jünglings eine Menge jener trügeriſchen Träume, welche gleich der Luftſpieglung den uner⸗ fahrenen Wanderer von dem wahren Lebensweg ab⸗ führen. Zuweilen übten ſie einen niederſchlagenden und ungeſunden Einfluß auf die Gefühle. „Die Menſchheit,“ rief er dann, wenn er den Baronet verließ,„die Menſchheit iſt ganz irdiſch!“ Eine Stunde nachher, vielleicht während er mit Ellen über den grünen Raſen oder durch die maje⸗ ſtätiſchen Alleen des Parks luſtwandelte, nahm er 80 dieſe Ketzerei zurück und gab zu, obgleich der Tempel irdiſch wäre, entſtamme doch der Geiſt, welchen er ein⸗ ſchließe, dem Himmel. Die Stunde der Enttäuſchung kommt für Alle. Schlägt ſie, ſo verfallen die Einen in Apathie, die Andern werden Cyniker oder Skeptiker. Glücklich der Menſch, welcher in dieſem Augenblick ein lebhaftes Gefühl oder eine Leidenſchaft hat, ihn aufrecht zu erhalten, Etwas, was ſeinem erſterbenden Herzen einen neuen Antrieb, ſeinem niedergeſchlagenen Geiſt eine neue Energie gewährt, Etwas, was ihn mit der Menſchheit ausſöhnt, von welcher er nur die ſchwarzen Schatten erblickt. Bei Henry war dieſes Gegengift die Liebe. Er wußte, wie anmaßlich ſeine Hoffnungen, wie unſin⸗ nig ſeine Wünſche waren; und doch konnte er ſie nicht verbannen. In ſeiner feurigen Natur ent⸗ wickelte ſich die Liebe mit der Kraft und Geſchwin⸗ digkeit einer geſunden Pflanze, der es nur an ein wenig Luft und Sonne gebricht, um zur Reife zu gelangen; bei der Waiſe glich ſie jener zarten Blume, welche ihre feinen Blätter den Küſſen der Sonne entfaltet, aber bei Annäherung der Abendluft wieder eiligſt ſchließt. Henry fühlte ſeine Gefahr, aber wie der bezauberte Vogel konnte er ſich nicht rückwärts wenden. Dieſe 6 Gefahr glich einem jener berauſchenden Träume, welche das Opium erzeugt; und er überließ ſich fortwährend jenem ſüßen Gifte gegen alle Hoffnung und beinahe gegen alle Vernunft. WMan ſtaunte über die Verblendung des Oheims, 8¹ der ſo freie Beziehungen zwiſchen ſeiner Nichte und dem Neffen des Farmers geſtattete. Er erlaubte ihnen jeden Tag einen Spaziergang mit einander, zu Fuß oder zu Pferd, denn unter der Leitung ihres Retters war Ellen eine uner⸗ ſchrockene Reiterin geworden; und Martin, der Be⸗ reiter, hatte die Stute jetzt ſo weit dreſſirt, daß ſie eben ſo gelehrig der Hand des Mädchens, wie der ſeinigen folgte. Mrs. Jarmy ſchüttelte mit miß⸗ billigender Miene den Kopf und die Aya empörte ſich darüber, daß ein Bauer ſeine Augen zu der⸗ jenigen zu erheben wagte, welche ſie in dem Stolze ihrer Zuneigung einer Krone würdig erachtete. Einige Tage Beobachtung hatten den Verdacht der hellſehen⸗ den Indierin beſtätigt; ihre junge Herrin lächelte nicht mehr, wenn jene ſie der Parteilichkeit für Henry anklagte. Bisher hatten weder die Haushälterin, noch der Beſchließer, noch die Amme es gewagt, Sir William ihren Verdacht mitzutheilen. Den beiden Erſten legte der Reſpect, der Letztern der Haß Stillſchweigen auf. Die Aya betrachtete den Baronet als das einzige Hinderniß pon Ellens Rückkehr nach Indien, eine Rückkehr, die ſie leidenſchaftlich begehrte. Seine Kälte erſtarrte ſie zu Eis; ſeine Zurückhaltung nahm ſie für Stolz; die düſtere Majeſtät der Abtei drückte ſie nieder; er ſchien ihr ein Grab zu bewohnen und ſie ſeufzte nach dem ſtrahlenden Himmel und dem lachenden, aber ganz materiellen Leben ihres Ge⸗ burtslandes, wo die Frauen wie Götterbilder behan⸗ delt, mit den Sinnen, aber nicht mit der Sesle an⸗ gebetet werden. Die Abtei Carrow. 1. 6 82 Die Verblendung des Baronets kam weder von einem Mangel an natürlichem Scharfſinn, noch von Gleichgültigkeit für ſeine Nichte; ſondern aus einem ganz andern Grunde. Die Liebe hatte ſeit ſo langer Zeit aufgehört, ein Gaſt in ſeinem Herzen zu ſein, daß nur wenige Spuren dieſer Leidenſchaft darin zu⸗ rückblieben, wenn nicht etwa die Leiden, welche ſie ihm verurſacht hatte, bittere und grauſame Leiden. Während der Stachel noch die Wunde vergiftet, ſcheint es ziemlich natürlich, den ſüßen Duft der Blume zu vergeſſen, zu vergeſſen, daß Andere eben ſo gut wie wir daran hängen bleiben können. Die beiden Liebenden, denn ſie liebten einander unbewußt, befanden ſich in dem Park, einen jener glorioſen Sonnen-Untergänge bewundernd, welche Claude Lorrain zu einer italieniſchen Scene genom⸗ men hätte, ſo ſchön war das Licht, welches den See und die Hügel vergoldete, ſo reich die Schattirungen, welche es dem Laubwerk verlieh. Beide ſchwiegen: ſie waren zu glücklich in der Geſellſchaft von einan⸗ der, um dieſen Zauber durch Worte zu brechen, welche nicht das Echo ihrer Gedanken geweſen wären. Die Luft, mit dem Duft von tauſend Blumen ge⸗ ſättigt, welche ſie auf ihrem Gang beinahe krümmte, war ſo rein und ruhig, daß man deutlich das Sum⸗ ſen der Fliege oder der ſchwärmenden Biene ver⸗ nahm, die, beladen mit der ſüßen Beute des Tags, nach dem Stock zurückkehrte. Aber wiewohl die Stimmen der beiden Liebenden ſchwiegen, ihre Herzen ſprachen mit einander durch die Sympathie, welche Beide für die wunderbare Ratur empfanden. Ihre Augen waren beredt, denn 83 kaum hatte Eines einen neuen Reiz in der ſtrahlen⸗ den Landſchaft entdeckt, als ein Blick ihn dem An⸗ dern andeutete und das Vergnügen, das es ſelbſt empfand, mittheilte. 3 Für Ellen war es ein Glück, rein und unge⸗ miſcht, wie ihre Unſchuld. Waren ihre Empfindun⸗ gen tief, ſo waren ſie auch ruhig wie der friedliche See, welchen die Hügel gegen den rauhen Hauch des Sturmes ſchützten. Nicht ſo war es für ihren Begleiter; es befand ſich eine Legirung in dem Gold ſeiner Glückſeligkeit. Von Zeit zu Zeit zeigte ſich das traurige Geſpenſt ſeiner Zukunft zwiſchen den Blumen, welche die Gegenwart ſchmückten, und flü⸗ ſterte ihm in die Ohren:„Das kann nicht fort⸗ dauern! Das iſt ein Traum, es iſt Thorheit, Wahnſinn!. In einiger Entfernung befand ſich die Aya, welche ſie belauſchte. Die Abweſenheit ihres Kindes, wie ſie Miß de Vere noch immer nannte, hatte ſie beunruhigt, und ſie hatte deren Shawl zu ſich ge⸗ nommen, unter dem Vorwand, ſie gegen die Abend⸗ luft zu ſchützen. Selbſt die Indierin konnte bei deren Betrachtung nicht umhin, anzuerkennen, daß ſie ein reizendes Paar bildeten. Aber Miran war gleich Ellen ihr Pflegling geweſen. Sie liebte Beide und hatte ſich dahin entſchieden, ſie zu verheirathen, um mit ihnen nach Indien zurückkehren zu können. Zara ſcheiterte ſelten mit ihren Unternehmungen. „Sie lieben ſich!“ flüſterte ſie;„ich leſe es in ihren Augen, in ihrem Stillſchweigen, in ihrem träumeriſchen Sinnen. Die verwundete Taube iſt ſtumm; der Geſang, welcher den Wald erfreut, kommt von dem Vogel, welchen der grauſame Jäger noch nicht getroffen hat! Wozu kann das zuletzt führen? Zu dem Tode Eines von ihnen vielleicht; zum Unglück für Beide gewiß!.... Mein Kind die Frau eines Bauern!“ ſetzte ſie im Tone der Verachtung hinzu,„während der edelſte Jüngling Indiens ihre Hand ſucht. Niemals! niemals! Nein, Ellen; wie der junge Adler mußt Du Dich mit Deinesgleichen paaren, oder in Einſamkeit und Un⸗ fruchtbarkeit verwelken.“ Da ſie dieſelben ſo aufmerkſam und ſo lang als möglich belauſchen wollte, blieb die Aya unbeweglich wie ein Götzenbild in den Tempeln ihres Geburts⸗ landes, die Augen mit einem kalten, gefühlloſen Ausdrucke auf das Paar geheftet, deſſen Schickſal ſie zugleich zu beeinfluſſen und zu beklagen ſchien. „Dieſe Scene iſt prächtig, Miß de Vere!“ ſagte der junge Mann, zum erſten Mal das Stillſchweigen brechend.„Ohne Zweifel hat ſie nicht die kühnen Linien einer indiſchen Landſchaft, deren graziöſe Palmen, deren üppige Vegetation, die phantaſtiſchen Pagoden oder die wolkenloſe Sonne; ihre Schön⸗ heiten ſind, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, von einem mehr düſtern, tiefſinnigen Character; ſie ſpre⸗ chen mehr zu dem Herzen als zu den Augen; ſie blenden weniger, aber ſie gefallen mehr.“ „Sie haben mit wenigen Worten die unterſchei⸗ denden Züge beider Länder geſchildert,“ antwortete Ellen;„man möchte glauben, Sie ſeien in Indien geweſen!“ „Ich habe mehr als eine Beſchreibung von die⸗ ſem Lande geleſen,“ antwortete Henry erröthend; „ 85 aber er vergaß zu ſagen, daß er ſich für dieſe Lectüre erſt intereſſirte, ſeitdem er ſeine liebenswürdige Be⸗ gleiterin kannte. „Vielleicht“ nahm Ellen wieder das Wort, „haben Sie die Abſicht, den Hrient zu beſuchen?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der junge Mann, welchen dieſe Frage aus ſeinen Träumereien riß. „Ich bin wie eine Barke ohne Steuerruder und Compaß, preisgegeben den Wogen und dem Schick⸗ ſal. Ich kann auf irgend eine wüſte Inſel geworfen werden, ohne einen Baum, mein troſtloſes Herz darunter zu ſchützen.“ 1 „Vielleicht auf eine grüne Inſel, wo Sie das Glück und die ſüße Zufriedenheit finden werden! Pfui! Henry! warum an der Güte der Vorſehung oder an der Kraft Ihrer Natur zweifeln?“ „Es iſt nicht die Kraft, welche mir fehlt,“ mur⸗ melte der junge Mann leidenſchaftlich;„es iſt eben ſo wenig ein Zweck. Aber zwiſchen mir und dem Ziel meines Ehrgeizes ſehe ich eine ſo unüberſteig⸗ liche Schranke, daß mein Muth erſchlafft und ſelbſt meine Hoffnung verzweifelt!“ „Unüberſteiglich!“ „Ja, denn ſie iſt aufgerichtet und bewacht wor⸗ den durch die Vorurtheile der Welt, die Unterſchiede des Rangs, die Spöttereien des künſtlichen Lebens; mit einem Wort, das Sie ſogleich verſtehen werden, durch den Unterſchied der Caſte.“ Jetzt war die Reihe des Erröthens an Ellen; wiewohl Henry keine wörtliche Anſpielung auf ſie ſelbſt gemacht hatte, verſtand ſie ihn doch ſehr gut. Es iſt erſtaunlich, wie ſchnell die Einſicht kommt, wenn das Herz intereſſirt iſt. „Ich fürchte,“ ſagte ſie nach einer Beide in Ver⸗ legenheit ſetzenden Pauſe,„die Schönheit dieſes Abends hat uns unſern Spaziergang zu weit aus⸗ dehnen laſſen; es wird beinahe dunkel werden, bis wir nach Hauſe kommen.“. „Ein Vorwurf!“ dachte Henry ſeufzend.„Sie ver⸗ ſteht mich, ſie iſt. vielleicht durch meine Anmaßung beleidigt.“ Hätte er in Ellens Herz leſen können, wie ſchnell würde ſeine Niedergeſchlagenheit dem ſüßeſten Ent⸗ zücken Platz gemacht haben! In dieſem Augenblick zeigte ſich plötzlich die Aya, welche den Verſteck, wo ſie dieſelben belauſcht, eben verlaſſen hatte, vor ihnen. Aber trotz des durchbohrenden Blicks, welchen ſie auf Ellen heftete, ſchien dieſe weder verwirrt noch erſchreckt. „Zara!“ ſprach ſie im Tone der Ueberraſchung. „Der Abendthau fällt,“ erwiderte die Indierin, indem ſie ihr einen reichen Caſchmir⸗Shawl bot. „Ich bedarf deſſen nicht,“ ſagte ſie kalt,„Du kannſt nach Hauſe zurückkehren.“ Und den Arm ihres Begleiters nehmend, wandte ſie ſich der Abtei zu. Die wiederholten Anklagen der Aya, welche derſelben ihre Liebe zu Henry vor⸗ warf, hatten ihren Stolz verletzt. Sie erkannte ſo⸗ gleich, daß der Shawl nur ein Vorwand war, ſie zu belauſchen; und zum erſten Mal in ihrem Leben ließ das ſchöne und edle Mädchen Zara den Unter⸗ ſchied ihrer ſocialen Stellung fühlen, wiewohl dieſe 87 Anſtrengung ſie eben ſo viel Mühe koſtete, als ihre Amme darunter litt. „Sie hat Recht! Sie hat Recht!“ ſagte dieſe, „der Stolz ziemt ihr. Es iſt billig, daß die Die⸗ nerin von ihrer Herrin gedemüthigt wird. Ich werde für meine Dienſte bezahlt aber nicht für meine Liebe,“ ſetzte ſie ſtolz hinzu.„Es gibt kein Gold, das dafür zahlen kann, weder für die Sorge, wo⸗ mit ich über ihrer Kindheit gewacht habe, noch für die mehr als mütterliche Zärtlichkeit, welche mein Herz immer für ſie empfunden hat. Sie hat ihre Nahrung aus dem Buſen gezogen, den ſie werwun⸗ dete, damals als die Natur ihrer Mutter das ſüßeſte Privilegium der Mutterſchaft verſagtel.„ werde ſie retten, ich werde ſie vor ſich ſelbſt vetten! Das unvorſichtige Mädchen wird mich tadeln können, aber die Frau von Miran⸗Hafaz wird mich lieben und mir danken!“ Als ſie ſich der Abtei näherten, ſtießen Ellen und ihr Gefährte auf einen der Diener ſammt Joe Beans, dem Knechte des Farmers Aſhton, demſelben, der Henry bei jener Schnepfenjagd begleitet hatte, deren Preis die Lectionen von Doctor Orme geweſen waren. „O! Maſter Harry,“ rief der Bauer,„wie froh bin ich, Sie gefunden zu haben; es gehen traurige Dinge zu Hauſe vor.“ „Iſt mein Oheim krank?“ „Nein; ich glaube, er iſt mehr betrübt als krank. Die Frau thut nichts als weinen, und der Herr iſt blaß und ganz niedergeſchlagen. Noch nie habe ich ſie ſo traurig geſehen, als da der Sohn von dem Anwalt Impei ihnen ſagte, er habe den Nachen an der Spitze von Carrow umſchlagen ſehen.“ „Was iſt denn geſchehen?“ rief der junge Mann ungeduldig. „Das kann ich Dir nicht ſagen, Maſter Harry, wenn es nicht etwa ein Brief iſt, der aus der Fremde kam. Dick Mayer, der Brieſträger, hat geſagt, er komme aus Indien. Der Farmer hat mich ſogleich abgeſchickt, Dich nach Haus zu holen, Maſter Harry. Ich habe die alte Stute genommen und den Poney für Dich.“„ „Ein Brief von Indien, was bedeutet das?“ Der erſte Gedanke des Jünglings war an ſeinen Vater, der ſeit ſo vielen Jahren kein Lebenszeichen von ſich gegeben hatte. War es möglich, daß er dieſes geheimnißvolle Stillſchweigen gebrochen atte? Da Joe die Pferde der Sorge des alten Martin üͤberlaſſen hatte, ſo mußte man nach der Abtei zurück⸗ kehren, ehe man ſich nach der Farm begab. Henry Aſhton brachte alſo ſeine Begleiterin zu Sir William zurück, der ſie auf dem Raſenplatz erwartete. „Keine Entſchuldigung, mein junger Freund,“ ſagte der Baronet, als der Jüngling ihm Ellen zu⸗ führte.„Ich begreife Ihre Ungeduld. Erinnern Sie ſich, daß, wenn Etwas vorgefallen iſt, mein Beiſtand Ihnen von Nutzen ſein kann; ich Sie bitte, denſelben ungenirt in Anſpruch zu nehmen. Ich hoffe, Sie morgen früh wieder zu ſehen oder wenigſtens Nach⸗ richt von Ihnen zu erhalten.“ Henry antwortete eilig mit einigen Worten des Dankes, die nicht einmal nothwendig waren, denn 89 der Baronet kannte bereits ſein Herz. Er unterließ nicht, beizufügen, das Erſte, was er am nächſten Morgen thun würde, wäre ein Gang nach der Abtei. Den Augenblick nachher galoppirte unſer junger Freund die Allee hinab, gefolgt von dem treuen Joe, der Sorge trug, ſich in reſpectvoller Entfernung hinter ihm zu halten, bis er über das Portierhäuschen hinaus war. Sein junger Herr hatte ſich in ſeiner Achtung wunderbar erhoben, ſeitdem er denſelben einem wahrhaften Baronet die Hand drücken ſah. Sir William Mowbray ſchaute Heinrich mit einem Intereſſe nach, das er ſich kaum ſelbſt erklären konnte, ſo ſchnell waren die Fortſchritte, die jener in ſeiner Gunſt gemacht hctte. „Nun! Ellen,“ ſprach er endlich, ykehren wir in das Haus zurück. Der Nachtthau fällt allmälig.“ Das Mädchen folgte ihm ſtillſchweigend. Hundert⸗ mal ſeit einer Viertelſtunde hatte ſie ſich gefragt, welchen Einfluß wohl ein Brief aus Indien auf die Zukunft ihres Retters haben könnte. Sie wußte bisher noch nicht, daß ein entarteter Vater ihn der Sorge des Pächters Aſhton über⸗ laſſen hatte. Neuntes Kapitel. Oberſt Mowbray verließ die Soiree von Lord Yarmouth, ein Raub der bitterſten Demüthigung. Wiewohl er arm und vergnügungsſüchtig war, ſchätzte ihn die Welt als einen ehrlichen Mann. Er hatte den Stolz der Geburt, aber nicht die Ehre, welche der Schmuck des Adels ſein muß. Wie viele Andere fürchtete er die Spöttereien der Welt mehr, als die Vorwürfe ſeines Gewiſſens.⸗ Dieſes war ſeit langer es manchmal ſeine Stimme noch vernehmen ließ, erſtickte er es ſchnell in dem Wirbel einer unwürdi⸗ gen Zerſtreuung. Gleich ſeinem Bruder, dem Ba⸗ ronet, beſaß er große Talente, welche, wenn ſie richtig geleitet worden wären, ihm eine Stellung hätten gewähren können, ſehr verſchieden von der eines entdeckten Falſchſpielers, eines ruinirten Spie⸗ lers, wozu ihn Laſter und Thorheiten gebracht hatten. Er wußte, daß es unnütz war, von Lord Yar⸗ mouth die Würfel, den verhängnißvollen Beweis ſeiner Schmach, zu fordern. Denn ein ſo leiden⸗ ſchaftlicher Liebhaber vom Spiel der Lord war, hatte er ſich doch niemals dem Verdacht ausgeſetzt, als nehme er zu irgend einem unehrenhaften Mittel ſeine Zuflucht, um das Gold ſeiner Freunde und Genoſſen zu gewinnen. Der erſte Gedanke des Oberſts war alſo, ſich Schmach in der Dunlelheit zu verbergen. Eine ein⸗ zige Hoffnung hielt ihn zurück: Miran hatte ihm Zeit zum Stillſchweigen gebracht worden, oder wenn nach dem Continent zu flüͤchten und daſelbſt ſeine 91 geſagt, er könnte ihm nützlich ſein. Allerdings hatten dieſe Worte ſeinen Stolz tief verletzt, aber ſie ver⸗ ſprachen ihm auch das Geheimniß, und er entſchloß ſich auf jeden Fall, das Reſultat der Zuſammenkunft vom nächſten Morgen abzuwarten. duj Er zog auch in Erwägung, daß der Indier jung, ohne Welterfahrung wäre. Und dann ſein Ruf als Schütze ohne Nebenbuhler. Vielleicht gelang es ihm, demſelben zu imponiren. Der Spieler dachte wenig an die Kraft und Entſchloſſenheit des Mannes, mit welchem er zu thun hatte. „Bah!“ ſprach er bei ſich,„ſein Muth verließ ihn ſogleich, nachdem er mich entdeckt und die Würfel den Händen ſeines Wirths übergeben hatte. Er wird ſie von ihm zurückfordern und ſeine Entſchul⸗ digung machen müſſen, und damit iſt die Sache dann abgethan. Weigert er ſich, ſo werde ich Mittel finden, ihm Stillſchweigen aufzuerlegen.“ Ehe er ſich niederlegte, verſicherte er ſich, daß ſeine Piſtolen in gutem Stande waren. Oberſt Mowbray entſchloß ſich, die Angſt, welche ihm am Herzen nagte, nicht durch einen allzu früh⸗ zeitigen Beſuch im Hotel des jungen Indiers zu verrathen. Er fand ſich alſo ſehr ſpät am Morgen daſelbſt ein. Aber anſtatt wie gewöhnlich in den Salon geführt zu werden, wurde er durch einen Diener in einen langen Corridor geführt, welchen MiranHafaz zu einer Schießſtätte hatte einrichten laſſen. Die Wände waren mit Trophäen aus zu⸗ ſammengeſetzten Waffen aller Art geſchmückt: von dem Damascener Säbel bis zu dem maleriſchen Helm und Schild des Mahratten⸗Häuptlings; won der 92 Mamelucken⸗Lanze bis zu dem reich eingelegten indi⸗ ſchen Carabiner, bis zu den Piſtolen und der Jagd⸗ flinte, Meiſterwerken der geſchickteſten Waffenſchmiede von Europa. Zu ſeinem großen Mißvergnügen fand Ellens Oheim den jungen Indier beſchäftigt, ſeine Geſchick⸗ lichteit mit dem Capitän Herbert und zwei oder drei andern Herven, deren Bekanntſchaft er ſeit ſeiner An⸗ kunft in England gemacht hatte, zu verſuchen. Lord Yarmouth und General Bouchier waren Zuſchauer; der Letztere ſprach von Zeit zu Zeit hindoſtaniſch mit dem Khan, der immer vorgab, kein Wort von einer andern Sprache zu verſtehen. Ein ſchwaches Lächeln kräuſelte die Lippen von Mirans Agenten, als Mowbray ankam. Lord Yarmouth, der über die Affaire vom ver⸗ gangenen Abend noch nicht ganz zufrieden geſtellt war, hatte die Würfel in der Taſche mitgebracht. Er argwohnte, ſie ſeien falſch und eine Erklärung unvermeidlich. Aber da er ein vorſichtiger Mann war und leidenſchaftlich an dem Leben und ſeinen Freuden hing, wollte er ſich mit einem ſo gewandten Duelliſten wie der Oberſt nicht überwerfen. Seine Miene war, wenn nicht herzlich, wenigſtens artig. Für einen Mann von ſo viel Tact, wie Mowbray, wollte dieß ſo klar als möglich ſagen:„ich ſuſpendire mein Urtheil.“ „Sie haben ein merkwürdiges Schauſpiel ver⸗ loren, Mowbray,“ ſagte der General, ſeine Worte mit einem Zeichen der Erkennung begleitend. „Wie ſo?“ fragte der Spieler, bemüht, ſeine Verlegenheit zu verbergen. N — „Unſer Freund hier hat ſechsmal nach einander Herz⸗As am Ende der Gallerie getroffen. Die Kugel iſt nicht ein einziges Mal um eine Linie vom Cen⸗. trum abgewichen.“ Man ſteckte eine ſiebente Karte am Ende des Corridors auf, als Miran⸗Hafaz herzutrat, um ſei⸗ nen Beſuch zu empfangen, was mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Ruhe geſchah. Einer ſeiner Diener hatte ihm eben eine geladene Piſtole übergeben, welche er mit der Linken hielt; die Rechte bot er dem Oberſt. „Ich rühmte eben Ihre Geſchicklichkeit gegen Mowbray,“ ſagte General Bouchier;„er iſt der Mann, um ſie zu ſchätzen; denn ich verſichere Sie, er hat keinen geringen Ruf als Schütze, obgleich er nothwendig durch den Ihrigen verdunkelt werden muß.“ Der Indier lächelte; er las in den Angen ſeines Beſuchers, daß eine ſeiner Berechnungen vernichtet worden war. „Fertig!“ rief Capitän Herbert, der die Karte aufgeſteckt und ſich auf eine gewiſſe Entfernung am untern Ende der Gallerie zurüͤckgezogen hatte. Ohne ſeine Waffe mit der Hand zu wechſeln, hob Miran nachläßig dieſelbe und gab Feuer. Dieſer Aet unterbrach die Bemerkung nicht, die er in die⸗ ſem Augenblick machte und er vollendete ſie, ohne nur umzuſchauen, ob er das Ziel getroffen habe, ſo ſicher war er ſeines Erfolgs. Die am andern Ende der Gallerie befindlichen jungen Leute brachen in die lauteſte Bewunderung an Zum ſiebenten Mal hatte die Kugel genau den Mittelpunkt der Karte getroffen. 94 „Ganz außerordentlich!“ ſagte Capitän Herbert, die Karte ſeinem Oheim reichend.„Es würde mir leid thun,“ ſetzte er, dem geſchickten Schützen zu⸗ lächelnd, hinzu,„in einen Streit mit Ihnen zu ge⸗ rathen.“ „Warum?“ „Weil, mein junger Freund,“ antwortete General Vouchier für ſeinen Reffen,„in England ein Streit mit einem Duell endigt.“ „Ich mißbillige das Duell,“ ſprach Miran ernſt. „Allerdings,“ fügte Lord Jarmouth bei,„iſt es, moraliſch betrachtet, nicht 8 rechtfertigen, aber die Gebräuche der Geſellſchaft.... wir ſind Alle Scla⸗ ven derſelben.“ „Weil wir es ſein wollen. Für mich wäre, müßte ich nur eine Ausforderung annehmen oder er⸗ gehen laſſen, eine Vedingung nothwendig.“ „Und welche, mein trefflicher junger Freund?“ „Eine fleckenloſe Ehre bei meinem Gegner. Ich könnte mich entſchließen, ein Opfer zu bringen, nie⸗ mals, die Functionen eines Henkers zu vollziehen.“ „Eines Henkers!“ „Wie nennen Sie denn den Mann, welcher die letzten Urtheile der Gerechtigkeit gegen einen Ver⸗ brecher vollſtreckt?... Ich weiß, meine Vor⸗ ſtellungen müſſen Ihnen ſonderbar erſcheinen,“ fuhr Miran fort,„aber das ſind Vorurtheile, die wir in Indien haben. Ich wiederhole es, ich könnte keine Begegnung unter gleichen Bedingungen mit einem Mann haben, deſſen nicht ſo wie die meinige wäre.“ Aber wenn man Sie ſenc eine Memme 95 hieße?“ ſagte Lord Yarmouth,„was würden Sie thun?“ „Ich würde ſeine Schmach bekannt machen und dem erſten Mann von Ehre, der ſeine Anklage wieder⸗ holte, eine Kugel durch das Herz oder Gehirn jagen.“ „Er könnte auch ſeine Hand gegen Sie erheben,“ bemerkte Capitän Herbert. Die Augen des Indiers ſchleuderten fürchterliche Blitze, ſo daß Oberſt Mopbray, der kein Wort von dieſer Unterhaltung verlor, ſich erbleichen fühlte. „Ich würde ihm alle Glieder zerreißen!“ rief er, „wenn der elende Paria mich mit ſeiner beſchmutzten Hand zu berühren wagte!. 4. Aber während wir unwahrſcheinliche Vorausſetzungen machen,“ ſetzte Miran mit einer Ruhe hinzu, die in zu plötzlichem Widerſpruch mit der eben vorangegangenen Hitze ſtand, um natürlich zu ſein,„das Zwiſchenmahl, oder wie Sie in England es nennen, der Lunch erwartet uns, meine Herren. Ich will nur meine Hände von den Spuren unſerer Morgenunterhaltung reinigen und Ihnen ſogleich folgen.“ Die beiden Hindu⸗Domeſtiken, welche ſich in der Gallerie befanden, öffneten auf ein Zeichen ihres Herrn die Thüren und ſchritten ihren Gäſten bis zum Speiſeſaal voran, wo ſie eine mit allem Luxus des Hrients ſervirte Tafel erwartete. Miran⸗Hafaz und Oberſt Mowbray blieben allein zurück. „Oberſt Mowbray,“ ſprach der Indier mit fürch⸗ terlichem Ernſt,„es bleiben Ihnen nur einige Mi⸗ nuten zur Entſcheidung, ob Sie unter meinen Gäſten Platz nehmen wollen, oder ob ich Sie ihnen als einen erkannten Schelm erklären ſoll.“ „Einen Schelm!“ wiederholte der verwirrte Spieler. „Welchen andern Namen wollen Sie, daß ich einem Mann gebe, der das Geld eines Andern ſtiehlt? Iſt er nicht ein Schelm, ein Dieb, ein ver⸗ worfener, gemeiner und verächtlicher Schurke, den die Geſellſchaft, trotz all ihrer Laſter, aus ihrer Mitte verſtößt? Ich glaube, dieſen Ausdruck nicht unpaſſend angewendet zu haben.“ Der Weltmann, gewöhnlich ſo Herr über ſich ſelbſt, fühlte ſich von der unerbittlichen Logik ſeines Gegenredners, der neben ihm nur ein Kind war, niedergeworfen. „Ich bin unſchuldig,“ ſtammelte er. Miran wandte ſich nach der Thüre. „Folgen Sie mir,“ ſagte er. „Wohin?“ „In den Salon. Lord Yarmouth hat noch die Würfel. Man wird ſie in Gegenwart Ihrer Freunde zerbrechen. Sind ſie nicht falſch, ſo ſoll es keine noch ſo demüthige Entſchuldigung geben, die ich Ihnen nicht anerbiete, keine Sühne, wozu ich nicht bereit bin, wegen des Unrechts meines Verdachtes⸗.. Sie zögern. Noch Eines fehlte, ich ſehe es, um Ihre Ehrloſigkeit vollſtändig zu machen.... eine Lüge, und Sie haben dieſelbe ausgeſprochen!“ Das Geſicht von Oberſt Mowbray wurde tödtlich blaß. Es war das erſte Mal in ſeinem Leben, daß dieſes vernichtende Wort ſich ihm anheftete, ohne daß er den Flecken im Blute des Beleidigers ab⸗ waſchen konnte. Und hier ſtand er, ſchuldig, ent⸗ deckt, gedemüthigt, ſelbſt unter die Verachtung ſeines Anklägers erniedrigt. 97 „Schonen Sie mich,“ ſagte er,„es iſt das erſte Mal, daß der Name, den ich trage, entehrt wor⸗ den iſt.“ „Unter zwei Bedingungen.“ „Reden Sie!“* „Die erſte, daß Sie ein geſchriebenes Geſtändniß der ſchmählichen und unehrenhaften Mittel, womit Sie mir große Summen abgewonnen haben, unter⸗ ſchreiben; die zweite, daß Sie ſich verpflichten, mir bei dem Vorhaben beizuſtehen, um deſſen willen ich nach England gekommen bin.“ „Ein Bekenntniß!“ ſtotterte Mowbray.„Iſt mein Verſprechen...5 Ein höhniſches Lachen ſchnitt ſeine Worte kurz ab. „Ihr Verſprechen!“ wiederholte Miran,„ich würde eher auf die Beſtändigkeit des Windes rech⸗ nen, als auf das Verſprechen eines entdeckten Falſch⸗ ſpielers. Sie müſſen Wort für Wort die Geſchichte Ihrer Schmach niederſchreiben. Schreiben Sie es ſich ſelbſt zu, wenn dieß das einzige Pfand iſt, worauf ich mich verlaſſen kann.“ „Und das Vorhaben?“ „Schreiben Sie!“ ſagte Miran ſtreng. Einen Augenblick zögerte der Spieler, aber er ſah den kalten und feſten Blick ſeines harten Gebie⸗ ters. Einen Schrei der Wuth und Kränkung er⸗ ſtickend, ſetzte er ſich an einen Tiſch und ſchrieb auf ein Blatt Papier das umſtändliche Geſtändniß ſeines Verbrechens. Als er geendet hatte, überreichte er daſſelbe mit zitternder Hand dem jungen Mann, der es aufmerkſam las. Es war ſo vollſtändig, als er wünſchen konnte. n Die Abtei Carrow. I. „Gut,“ ſagte Miran,„aber ehe Sie unterzeich⸗ nen, bedarf es eines Zeugen.“ Er klatſchte in die Hände, nach dem Gebrauch der Orientalen, wenn ſie ihre Leute rufen wollen, und ein Diener trat ein, welchen er fragte, ob der Bankier angekommen ſei. Die Antwort war be⸗ jahend und einige Augenblicke nachher führte derſelbe Diener den berühmten Mr. Coutts, auf deſſen Haus Miran einen unbeſchränkten Credit hatte, in die Gallerie. Miran dankte ihm dafür, daß er auf ſeine Bitte gewiſſe Urkunden und Papiere mitgebracht habe, welche der Bankier auf den Tiſch legte; dann ſetzte er hinzu, um das Maaß ſeiner Verpflichtungen voll zu machen, müßte er eine Unterſchrift von Oberſt Mowbray bezeugen. Der Disconto⸗Mann willigte natürlich ein. Nachdem er die Schrift mit einem Blatt Papier verdeckt hatte, bat er den Oberſt mit der ſanfteſten Stimme, zu unterzeichnen. Seine Worte waren höflich und gewinnend, aber der Blick, der ſie be⸗ gleitete, eine gebieteriſche Aufforderung. Der Spieler ſah, daß es kein Mittel, zu ent⸗ kommen, gab; er war vollſtändig in den Netzen des Sohnes der Begum gefangen. Mit einer gewalt⸗ ſamen Anſtrengung ſchrieb er ſeinen Namen und warf dann ſeine Feder ergrimmt hin. Der Bankier beglaubigte die Aechtheit der Unterſchrift. Der Triumph Mirans war vollſtändig. Er ſiegelte ſorgfältig das Document in ein Cou⸗ vert ein und übergab es den Händen von Mr. Coutts, mit der Bitte, es als ein geheiligtes Depoſitum zu * 99 betrachten, indem er vorſichtshalber hinzuſetzte, er dürfte es Niemand als ihm ſelbſt, in Perſon, wieder zuſtellen, und niemals auf eine geſchriebene Ordre, wer ſie auch überreichen ſollte. Der Bankier verbeugte ſich zum Zeichen der Bei⸗ ſtimmung und man begab ſich nach dem Speiſeſaal, wo die andern Gäſte warteten. Beim Hinausgehen aus der Gallerie flüſterte der Oberſt ſeinem Wirth in's Ohr:„die Würfel.“ „Seien Sie ruhig, ich werde ſie zurückfordern,“ ſagte Miran.„Nehmen Sie eine heitere Miene an, und kein Menſch wird deßhalb Verdacht haben: es wird Ihnen nicht ſchwerer fallen, denke ich,“ ſetzte er mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu,„als bei der Aus⸗ plünderung eines Mannes, den Sie Ihren Freund nennen, zu lächeln.“ Der Spieler biß ſich in die Lippen und ſchwieg till. Gegen das Ende des Lunch, während deſſen der Wein in Menge floß, rief der Indier, als ob er ſich eben erſt des Zwecks erinnerte, zu welchem er ſeine Gäſte eingeladen hatte: „Apropos, meine Herren, wir haben unſere Wette mit dem Oberſt Mowbray noch nicht in's Reine gebracht.“ „Welche Wette?“ ſragten Einige. „Ich habe gewettet, mit einem einzigen Piſtolen⸗ ſchuß jeden der Würfel zu zerſchmettern, womit wir geſtern Abend geſpielt haben,“ erwiderte Miran. „Ich glaube,“ ſetzte er mit einer anmuthigen Ver⸗ beugung gegen ſeinen Wirth vom geſtrigen Abend hinzu,„daß Eure Herrlichkeit die Würfel haben?“ 100 Lord Yarmouth zog ſie aus der Taſche. Miran ſagte einige Worte auf Hindoſtaniſch zu dem Khan, der mit einem bloßen Lächeln antwor⸗ tete. Er nahm die Würfel und die Geſellſchaft be⸗ gab ſich wieder nach der Gallerie. Der junge Hindu, der gewöhnlich mit der Unter⸗ haltung der Huka beauftragt war, wurde aufgeboten. Ohne die geringſte Zögerung ſtellte er ſich gerade vor die Zielſcheibe, mit ausgeſtrecktem Arm einen der unglücklichen Würfel zwiſchen dem Zeigefinger und Daumen haltend. Sein Gebieter ſchoß dreimal und mit jedem Schuß zerſchmetterte er einen der elfen⸗ beinernen Cubi. Die Eingeladenen wußten nicht, was ſie mehr bewundern ſollten, die Geſchicklichkeit des Herrn oder die Unerſchrockenheit des Dieners. „Ich hoffe, Oberſt, daß Sie ſich für geſchlagen halten?“ ſagte Miran. „Gonz und gar,“ antwortete der Spieler, der ſich nicht enthalten konnte, insgeheim den Tact zu bewundern, womit der Indier ihn aus einer pein⸗ lichen Lage geriſſen hatte,„und ich gebe Ihnen die Summe zurück, welche ich Ihnen geſtern Abend ab⸗ gewonnen habe.“ Mit dieſen Worten reichte er Miran ein Packet Banknoten, das Product ſeines Betrugs. Miran konnte nicht umhin, ſie onzunehmen, wiewohl er dieſelben durch die Hände des Spitzbuben beſchmutzt erachtete. Die Beſucher zogen ſich nach einander zurück. Mowbray blieb bis zuletzt. 1 „Oberſt!“ ſagte der Sohn der Begum, ihm die 101 Banknoten zuwerfend,„meine Abſicht iſt nicht, Sie der Früchte Ihrer Induſtrie zu berauben. Behalten Sie den gemeinen Preis, für welchen Sie die Ehre und die Achtung vor ſich ſelbſt losgeſchlagen ha⸗ ben!.... Nun, nun, zögern Sie nicht, Mann,“ ſetzte er im Tone vernichtender Verachtung hinzu, „ich bin gewohnt, freigebig zu zahlen.“ „Und welchen Dienſt muß ich Ihnen leiſten?“ „Wenn Stunde und Gelegenheit kommt, werden Sie es erfahren. Adieu! Ich bediene mich Ihrer, aber ich ſchenke Ihnen mein Vertrauen nicht.“ Sobald Miran allein war, begab er ſich an das andere Ende der Gallerie und las die zerſtreuten Bruchſtücke der Würfel auf. Er unterſuchte ſie ſorg⸗ fältig, als der Khan eintrat. „Hat ſich Ihr Verdacht beſtätigt?“ fragte dieſer. „Vollſtändig!“ antwortete ſein Gebieter, indem er ihm ein kleines, rundes, in das Elfenbein ge⸗ bohrtes Loch zeigte, das noch ein Stückchen Blei enthielt;„die Würfel waren falſch!“ Zehntes Kapitel. Bei der Ankunft auf dem Pachthof fand Henry Aſhton die Farmerin, ſich in ihrem großen Lehn⸗ ſeſſel wiegend, eine Beute ſolcher Betrübniß, daß 102 ſein liebendes Herz ſogleich davon gerührt wurde. Sein Oheim ſchien ruhiger; aber ſein Geſicht, wo gewöhnlich die Blumen der Geſundheit blühten, war ſehr bleich. Der alte Farmer ſaß am Tiſche und hielt die Augen feſt auf einen Brief gerichtet. Sein Neffe, der dieß Alles durch die offene Küchenthüre bemerkte(der Salon wurde nur an Sonn⸗ und Feſt⸗ tagen benützt), ſah, wie der Alte ſeine Brille abnahm, um die Gläſer abzuwiſchen, welche durch ſeine Thrä⸗ nen getrübt waren. „Hier! Maſter Harry,“ ſagte Joe Beans mit leiſer Stimme,„es iſt ganz ſo, wie ich Dir geſagt habe. Was kann man von ſo weit her ſchreiben, um ehrliche Leute ſo unglücklich zu machen?“ Auf ein Zeichen des jungen Mannes zog Joe ſich zurück. „Oheim,“ ſagte Henry, in die Küche tretend, „was iſt geſchehen?“ Bei dem Ton dieſer Stimme nahm die Frau die Schürze von ihrem Geſicht und ſchlang, plötzlich aufſtehend, die Arme um den Hals ihres Reffen. „Harry!“ rief ſie ſchluchzend,„Du wirſt uns nicht verlaſſen. Allerdings haben wir Dir das Leben nicht gegeben, aber der Farmer iſt für Dich ein Voter geweſen, und ich weiß wohl,“ ſetzte ſie mit einem neuen Ausbruch des Schmerzes hinzu,„daß mein armes Herz Dich gleich dem einer Mutter ge⸗ liebt hat!“ „Sie verlaſſen!“ wiederholte ihr Neffe.„Was bringt Sie auf einen ſolchen Gedanken? Warum ſollte ich Sie verlaſſen?“ 103 „Ich wüßte es gewiß nicht zu ſagen.... In⸗ dien iſt ein prächtiges Land, voll Gold, ſagt man; aber Du wirſt daſelbſt Niemand finden, der Dich mehr liebt, als der Farmer und ich.. Und was das Geld betrifft, ſo iſt die Farm ſammt allen dazu gehörigen Grundſtücken, die ganze Frucht un⸗ ſerer Arbeit dein, Harry, Alles dein!“ Als er ſah, daß es unmöglich war, von ſeiner Tante die Erklärung deſſen, was vorgefallen war, zu erlangen, weil ihr Schmerz bei der Vorſtellung, ihren Neffen zu verlieren, jede andere Vorſtellung verſchlang, wandte Henry die Augen nach dem Brief, welchen Matthäus Aſhton eben ſammt ſeiner Brille auf den Tiſch legte. „Es iſt ein Brief von Philipp,“ ſagte der Alte. „Von meinem Vater?“ „Er ſcheint ſich auf einmal erinnert zu haben, daß er einen Sohn und Bruder hat. Er iſt jetzt ein reicher Mann, ſcheint es. Wolle Gott, daß dieſer Reichthum ehrlich gewonnen iſt! Er ſchreibt, Du ſolleſt zu ihm nach Indien kommen; er verſpricht, aus Dir einen wahrhaften Edelmann zu machen, Aber halt, lies, Harry, und urtheile e Mit zitternder Hand nahm der lang verlaſſene Sohn den Brief und las gierig jedes Wort. Er begann mit kalten Dankſagungen gegen den Bruder, der ſo viele Jahre für ſeinen Neffen Sorge getragen hatte, und erklärte hernach, daß der Schreiber dieſer Zeilen lange Zeit im Dienſte eines indiſchen Fürſten geſtanden ſei; daß er, nachdem er ein Vermögen geſammelt, ſeinen Sohn zu ſehen und in Indien zu 104 verſorgen wünſche. Der Brief ſchloß mit einer glän⸗ zenden Beſchreibung des Landes, das für die Unter⸗ nehmungen eines feurigen, energiſchen Jünglings ein ungeheures Feld bot. Eine Nachſchrift ſetzte hinzu, eine Summe von fünfhundert Pfund ſei bei Gebrüder Grant, Lom⸗ bard⸗Street, zu Henry's Ausſtattung und Reiſe de⸗ ponirt und er brauche ſich dort zu deren Erhebung nur zu ſtellen. „Und das iſt Alles!“ ſprach der junge Mann mit einem Seufzer.„Nicht eine Linie... nicht ein Wort für mich?“ Frau Aſhton warf einen flehenden Blick auf ihren Gatten, aber der Alte blieb ſeinem gefaßten Entſchluß getreu. So groß auch ſeine Liebe zu ſeinem Neffen war, und ſo viel es ihn auch koſten mochte, er wollte ihn nicht täuſchen. Ein zweiter Brief war ange⸗ kommen; ſeine Frau hatte ihn gebeten, denſelben zu unterſchlagen; ſie wußte, das ſtolze und gefühlvolle Herz ihres Harry würde ſich gegen die augenſchein⸗ liche Vergeßlichkeit eines Vaters, der ein ſo langes Stillſchweigen beobachtet hatte, empören. „Harry,“ ſagte ſein Oheim,„es iſt ein anderer Brief da.“ „Für mich?“ „Für Dich!“ antwortete er, ihm zugleich ein kleines, ſorgfältig verſiegeltes Packet überreichend. „Frau,“ ſetzte er hinzu, ſich gegen ſeine alte Lebens⸗ gefährtin wendend,„wir haben unſere Pflicht gethan, und dieß iſt ein Troſt, ſelbſt wenn unſer Alter ver⸗ laſſen bleiben ſollte, ſelbſt wenn wir nur Fremde — 105 hätten, um unſere grauen Haare in die Grube zu legen.“ „Oheim! lieber Oheim!“ ſagte der Jüngling, ihm die Hand drückend,„nie wird ein Fremdling Sie auf den Kirchhof geleiten, ich müßte denn ſelbſt zuerſt dort ruhen. Sie können nicht glauben, daß ich Ihre Güte mit Undank vergelte.“ „Güte!“ rief die Frau;„Liebe war es, Harry, lauter Liebe. Der Farmer und ich beklagten uns oft, wenn wir das Getraide wachſen und das Vieh gedeihen ſahen, daß wir kein Kind hätten, für das wir arbeiten und ſparen. Du kamſt zu uns, und ſeitdem haben wir nie mehr daran gedacht.“ „Sie ſind wahrhaftig Vater und Mutter für mich geweſen,“ erwiderte ihr Reffe,„und Sie haben das Recht, von mir Gehorſam und die Pflichten eines Sohnes zu erwarten. Seien Sie überzeugt, daß es nicht meines Vaters Reichthum iſt, der mich veranlaſſen könnte, Sie zu verlaſſen, ſondern die Hoffnung, mich ehrenvoll auszuzeichnen, einen Namen, eine Stellung in der Welt zu erlangen. Ich würde beſſer thun,“ ſetzte er mit einem ungeduldigen Blick auf den Brief hinzu,„Alles dieß allein zu leſen.“ Das Verlangen war ſo natürlich und das Be⸗ nehmen Harry's ſo liebevoll, daß weder der Pächter noch ſeine Frau daran Etwas auszuſetzen fanden. Sie wünſchten ihm alſo gedrückten Herzens gute Nacht. „Der Farmer iſt reicher, als gewiſſe Leute glau⸗ ben!“ flüſterte die Frau Henry zu, als er ihre runzelige Wange küßte,„und Alles iſt dein.“ 106 „Liebe iſt koſtbarer als Gold, Tante,“ erwiderte der junge Mann ſeußzend. „Gut, Henry!“ ſagte ſein Oheim, der die diplo⸗ matiſche geheime Mittheilung ſeiner beſſern Hälfte wie die Antwort ſeines Adoptivſohnes gehört hatte; „gut, mein Jungel es würde mir ſchwer fallen, Dich mehr zu lieben, aber dieſer Gedanke verdient meine Achtung.“ Und als ſein Neffe ſich zurückgezogen hatte, ſetzte er hinzu: „Etwas ſagt mir, daß Harry, Alles recht be⸗ trachtet, uns nicht verlaſſen wird; er iſt ſo gut und dankbar!“ „Du kennſt ihn nicht, Matthäus!“ bemerkte die Frau weinend. „Ich kenne ihn nicht!“ wiederholte ihr Gatte. „Nein; Du haſt ihn nicht ſtudirt, wie ich ge⸗ than. Noch als Kind bezeugte er uns nie mehr Zärtlichkeit, als nachdem er uns beleidigt oder ver⸗ ſetzt hatte.“ „Er hat doch nicht geſagt, daß er gehen würde.“ „Nein; auch nicht, daß er nicht gehen würde. Achi hätte er es geſagt, mein Geiſt wäre ruhig. Matthäus! Matthäus! warum haſt Du dem Kind den Brief ſeines Vaters gegeben?“ „Eben deßhalb, weil er von ſeinem Vater kommt. Es wäre traurig in unſerem Alter, wenn wir dem armen Jungen nicht mehr in's Geſicht ſehen könnten. Er hat uns nie getäuſcht.“ „Das iſt wahr.“ „Nun, Frau, trockne Deine Thränen. Henry 107 wird uns nur um ſo mehr lieben, wenn er ſieht, daß wir der Achtung werth ſind.“ Nach dieſen Worten gingen der würdige Farmer und ſeine Frau zu Bette; aber ſie konnten nicht ſchlafen. Jedes von ihnen erwartete ängſtlich die Entſcheidung des Morgens. Nie war ein Brief künſtlicher geſchrieben als der⸗ jenige, welchen Philipp Afhton nach ſo vielen Jahren der Vergeſſenheit an ſeinen Sohn richtete. Er führte darin alle Gründe an, welche fähig waren, einen Einfluß auf einen jungen, ſeurigen Geiſt auszuüben, der ſeine Energie nicht anwenden konnte und ſich unthätig in der Einſamkeit verzehrte. Er verſprach darin Vermögen, Stellung und die Mittel, ſich aus⸗ zuzeichnen; er ſetzte ihm endlich alle die Gelegenheiten aus einander, welche das verheerte Indien Abenteu⸗ rern bot, Ehre und Reichthum zu gewinnen, und ſchloß mit einer glänzenden Schilderung des Landes. Aber die Worte der Liebe waren ſelten und kalt; es fand ſich nichts von den Ergießungen eines väter⸗ lichen Herzens, von der Ungeduld, ſeinen Sohn zu umarmen.. und der arme Henry fühlte dieſe Unterlaſſung lebhaft. „Mein Gott!“ rief er, den Brief mit einem traurigen Seufzer aus der Hand gleiten laſſend,„iſt es möglich, daß Derjenige, der dieſe Zeilen geſchrieben hat, mein Vater iſt?“ Er las von Neuem, indem er bei jeder Redens⸗ art inne hielt, aber ohne etwas zu finden, was ſein Herz befriedigte. Man verſprach vielleicht zu viel für ſein Fortkommen in der Welt, nichts für die Zärtlichkeit. Trotz ſeiner natürlichen Feſtigkeit ver⸗ 108 goß der Jüngling Thränen und eine ſchmerzliche Ueberzeugung machte ſich in ihm geltend. „Man möchte glauben,“ murmelte er,„mein Vater habe irgend einen Plan auszuführen, ſich meiner zu bedienen; deßhalb lade er mich ein, zu ihm nach Indien zu kommen, nicht um mir ſeine Liebe und ſeinen Segen zu geben.“ Es lag in dieſer Muthmaßung mehr Wahrheit, als er dachte. Indeſſen regte ihn dieſer Brief lebhaft auf, denn er konnte ſich nicht verhehlen, daß er ehrgeizig war und lange Zeit insgeheim die Dunkelheit beklagt hatte, wozu das Schickſal ihn zu beſtimmen ſchien. Bald gedachte er, dieſe verſpätete Einladung anzu⸗ nehmen, bald, ſie zurückzuweiſen. Das Bild Ellens und die Hoffnung, Namen und Stellung, ihrer würdig, zu gewinnen, boten ſich ſeiner Einbildungs⸗ kraft dar. Hätte er glauben können, die Liebe, die in ſeinem Herzen brannte, würde erwidert, er hätte ſich fähig gefühlt, jede Entbehrung zu ertragen, jeder Gefahr zu trotzen, mit der Möglichkeit, Ellen zu ge⸗ winnen; aber die traurige Ausſicht auf eine lang⸗ jährige Abweſenheit und darauf ſich bei ſeiner Rück⸗ kehr vergeſſen zu ſehen, erſchütterte ſelbſt ſeinen Entſchluß. „Seltſam,“ ſprach er,„daß wir dieſen Abend ſo viel von Indien geſprochen haben.“ Nach verſchiedenen Entſchließungen, eben ſo ſchnell aufgegeben, als gefaßt, entſchied ſich der Liebhaber von Miß de Vere, am Morgen Sir William Mow⸗ bray zu beſuchen. Er hatte die höchſte Meinung von der Klugheit und den Rathſchlägen des Baronets 109 und fühlte, das Benehmen Ellens, wenn ſie das ihm gemachte Anerbieten erführe, würde dazu dienen, die Empfindungen zu erproben, die ſie für ihn nährte. „Wenn das Flüſtern meines Herzens Wahrheit redet,“ dachte er,„wenn ich wirklich von dem ein⸗ zigen Weſen geliebt werde, das mich glücklich machen kann, ſo können alle Verſprechungen meines Vaters ſich verwirklichen, meine Anſtrengungen und Hoff⸗ nungen werden einen Zweck haben. Wo nicht(und dieſe Vorausſetzung erkältete plötzlich ſein Blus zu Eis), ſo werde ich der Gefahren und der Aufre ung bedürfen, um gegen die Bitterkeit meiner Täuſchung anzukämpfen. Im einen wie im andern Fall glaube ich nach Indien gehen zu müſſen.“ Nach einer ſchlaflöſen Nacht ſtand Henry Aſhton früh auf. Der Pächter und ſeine Frau ließen noch nichts von ſich hören. Er fürchtete, ihren ſtürmiſchen Bitten nachzugeben. Er eilte nach dem Stall und begann ſein Pferd zu ſatteln, um zum Frühſtück im Pfarrhauſe bei Doctor Orme zu ſein und dann ſeinen Beſuch in der Abtei zu machen. Während er alſo beſchäftigt war, erſchien ſein alter Camarade und Vertrauter, Joe Beans. „Du biſt ja früh aufgeſtanden, Maſter Harry,“ ſagte er, nach Art eines Grußes an der flächſigen Haarlocke ziehend, welche ihm über die Stirne her⸗ einhing. „Ja, Joe; ich habe ſchlecht geſchlafen und glaube, ein kleiner Ritt wird mir gut thun.“ „Auch ich habe durchaus nicht geſchlafen“ Henry ſchaute den ehrlichen Diener mit überraſchter 110 Miene an. Es bedurfte mehr als einer Unverdau⸗ lichkeit, um Joe Beans wach zu halten. „Biſt Du krank?“ fragte er. „Tödtlich,“ antwortete Joe, mit ſeiner großen Hanb ſich die Bruſt reibend,„aber es iſt keine Krankheit für Aerzte, denn mein Uebel ſitzt hier. Du willſt uns verlaſſen, Maſter Harry?“ „Euch verlaſſen? Wer hat Dir das geſagt?“ „Die Frau hat es geſtern Abend dem Alten ge⸗ ſagt, Dein Vater rufe dich nach Indien; aber gehe nicht dahin, ich bitte Dich, Maſter Harry; das würde dem Alten das Herz zerreißen; und dann, wir ohne Dich thun, der Pony und i 22— Dieſe letzte Bemerkung entlockte dem Jüngling unwillkürlich ein Lächeln. „Ich hätte bei dem Squire Harwey Feldhüter⸗ Gehilfe werden können,“ fuhr er fort; Faber ich wollte die Farm nicht verlaſſen; gehſt Du aber, ſo wird es geſchehen.“ „Warum?“ „Warum? Weil wir Buben mit einander ge⸗ weſen ſind; allerdings war ich der ältere, und Du biſt immer gut gegen mich geweſen. So, gehſt Du in die Fremde, ſo muß ich auch dahin gehen.“ Du?“ „Gewiß; haben wir nicht immer zuſammen die wilde Ente gejagt und den Kaninchen im alten Ge⸗ häge Fallen gelegt? Was ſollte ich hier thun, wenn Du fort biſt?“ „Du vergiſſeſt Suſanne, Joe.“ 111 Dieß war der Name eines hübſchen Mädchens in der Nachbarſchaft, welchem der arme Junge zuge⸗ than war. „Nein, ich vergeſſe ſie nicht,“ antwortete Joe Beans mit entſchloſſener Miene.„Suſanne wird wohl warten, bis wir uns wieder ſehen.“ „Verlaſſe ich England,“ rief unſer Held, von ſeiner Treue ergriffen,„ſo ſollſt Du mich begleiten.“ „Gib mir Deine Hand zum Pfande.“ Henry reichte ihm die Hand; und der Bauer hielt ſie mit ſolcher Kraft feſt, daß deſſen Finger noch lang das Zeichen dieſes ehrlichen Drucks be⸗ wahrten.. Eine Minute ſpäter galoppirte der Gegenſtand ſo vieler Sorge und Treue auf der Straße hin, welche nach dem Pfarrhauſe führte. Eilftes Kapitel. Der würdige Rector von Carrow ſaß beim Früh⸗ ſtück, als ſein Zögling ankam. Seit Henry die Abtei beſuchte, hatte er ihn ſo ſelten geſehen, daß er all⸗ mälig befürchtete, vergeſſen zu ſein. Er hatte ſelbſt daran gedacht, ihm Vorwürfe zu machen: aber jede Empfindung des Zorns verſchwand beim Anblick des 112 Jünglings, der, die Züge belebt von der eben ge⸗ habten Bewegung, in ſein Zimmer trat und ſich theilnehmend nach der Geſundheit ſeines Lehrers erkundigte. Es lag nichts Serviles in ſeinen Ma⸗ nieren; es waren die eines liebevollen Sohnes gegen⸗ über von einem Vater; und in einem Sinn war Doctor Orme für ihn ein Vater geweſen, weil er ihn der Knechtſchaft der Unwiſſenheit entriſſen und ihm das Leben der Intelligenz gegeben hatte. „Nun, Harry!“ ſagte er lächelnd,„es freut mich, zu ſehen, daß Du den Weg nach dem Pfarrhaus nicht vergeſſen haſt.“ „Vergeſſen!“ wiederholte der Jüngling;„wäre ich auch blind, würde ich keines Führers bedürfen, ihn zu finden; mein Herz würde mir ihn zeigen. Ich wäre geſtern Abend gekommen, aber die vorge⸗ rückte Stunde hat mich daran verhindert. Es iſt et⸗ was geſchehen, wobei Ihr Rath... „Ich weiß ich weiß!“ „Sie wiſſen?“ „Allerdings. Dieſelbe Schwierigkeit hat ſich auch bei mir indeſſen eingeſtellt; aber frühſtücke, wir wollen die Sache in der Bibliothek beſprechen.“ Henry Aſhton war vollkommen myſtificirt. Er konnte nicht begreifen, wie ſein trefflicher Freund den Inhalt eines Briefes wiſſen konnte, der ihn keinen Augenblick verlaſſen hatte. „Er muß den Farmer geſehen haben,“ ſagte er bei ſich.. „Haben Sie einen Beſuch von meinem Oheim gehabt?“ ſetzte er dann laut hinzu. I Von Deinem Oheim!“ erwiderte der Rector 113 überraſcht.„Nein, Harry.... Es ſind viele Wochen, daß ich kein Wort mit dem würdigen Mann gewechſelt habe. Warum dieſe Frage?“ „Ich dachte, er hätte mit Ihnen von meiner Verlegenheit geſprochen.“ Doctor Orme ſchien nun ſeinerſeits verwirrt. Er hatte kürzlich mit ſeinem Zögling die Fragmente von den Wolken des Ariſtophanes geleſen und bildete ſich ein, der Jüngling ſei gekommen, ihn wegen einer jener ſchwierigen Stellen um Rath zu fragen, auf welche der Gelehrte auf jeder Seite dieſes Dichters ſtößt. „Matthäus Aſhton mit mir von Deiner Schwie⸗ rigkeit ſprechen!“ rief er.„Du ſcherzeſt, Harry. Ich zweifle, ob der würdige Farmer ſich auch nur des Namens unſeres Autors erinnern könnte.“ Der Jüngling erkannte den Irrthum des Lehrers, aber er beſchloß, den wirklichen Grund ſeines Be⸗ ſuchs nicht vor dem Ende des Mohls, das zum Glück für ſeine Ungeduld bald aus war, zur Sprache zu bringen. „Haſt Du das Buch mitgebracht?“ fragte der Rector, ſobald ſie in der Bibliothek ſaßen. „Das Blatt, welches ich Ihnen bringe, iſt das Werk eines Lebenden, nicht eines Todten. Es iſt ein Brief von meinem Vater.“ Doctor Orme war ſeit ſo vielen Jahren Henry als ſeinen Sohn zu betrachten gewöhnt, daß er bei⸗ nahe vergeſſen hatte, der Jüngling habe andere El⸗ tern als den Farmer und ihn, welche beide ihn von Herzen adoptirt hatten. Die Abtei Carrow. I. 8 114 „Von Deinem Vater!“ wiederholte er langſam. „Leſen Sie ihn, theurer Sir, leſen Sie ihn und dann rathen Sie mir. Sie werden Alles darin finden, was im Stande iſt, meinen Ehrgeiz zu er⸗ regen; welches ungeheure Feld er der unruhigen Energie eines ſeiner Unthätigkeit müden Herzens verſpricht.... und och! die Abweſenheit jedes Zeugniſſes aufrichtiger Liebe!“ Der Rector las den Brief mehrmals, ehe er ihn Henry zurückgab. Die Bücher waren nicht aus⸗ ſchließlich der Gegenſtand ſeiner Studien geweſen; er hatte in ſeiner Jugend viele Reiſen gemacht, er hatte die Welt geſehen und das am ſchwerſten ver⸗ ſtändlichſte aller Blätter, das heißt das menſchliche Herz, geleſen. So kam es, daß der gänzliche Man⸗ gel von Geſühl in dem Brief eines lang abweſenden Vaters an ſeinen Sohn ihn überraſchte und mißfällig anregte. „Harry,“ ſagte er nach einer augenblicklichen Pauſe,„wie die meiſten Menſchen, die lange Zeit vom thätigen Leben zurückgezogen lebten, bin ich ein wenig Egoiſt geworden; aber ich denke nicht, daß ich meinen Wünſchen und Empfindungen geſtatten würde, einer poſitiven Pflicht ein Hinderniß in den Weg zu legen. Enthielte dieſer Brief ein einziges Wort der Liebe, eine einzige Ergießung eines väter⸗ lichen Herzens, ſo würde ich ſagen: gehe, ſelbſt wenn das Loos, das man Dir böte, ärmlich und dunkel wäre, aber hier zaudere ich.“ „Sie vergeſſen, daß mein Vater mich ſeit meiner Kindheit nicht geſehen hat.“ 115 „Nein, ich vergeſſe es nicht. Ich vergeſſe es eben ſo wenig, daß er in ſechzehn Jahren nicht ein einziges Mal ſich nach Dir erkundigt hat. Es be⸗ darf etwas mehr, als des Bandes, das Euch ver⸗ einigt, um dieſes verſpätete Intereſſe an Dir zu erklären.“. „Er iſt Soldat,“ ſagte Henry,„der ſich ſelbſt, wenn es möglich wäre, den kalten Ton jenes Briefes mbee wollte. „Der Flaum, welcher die Bruſt des Geiers be⸗ deckt, iſt eben ſo weich gegen ſeine noch nackten Jun⸗ gen, wie derjenige der Waldtaube. Aber es iſt nicht ſeine Kälte, die mich am meiſten überraſcht hat.“ „Was denn?“ „Seine Hinterliſt, verzeihe mir dieſen Ausdruck. Der Verfaſſer des Briefs hat Alles vorgebracht, was den Ehrgeiz eines feurigen Geiſtes, eines Träu⸗ mers, wie Du biſt, erregen kann. Man möchte ſich einbilden, Du ſeiſt ein Werkzeug, deſſen er ſich bedienen will, und nicht ein Sohn, den er in ſeine Arme zu ſchließen wünſcht.“ Henry ſeufzte; er konnte die Wahrheit dieſer Bemerkung nicht leugnen. „Das iſt das Erſte,“ fuhr der Rector fort,„was mich beunruhigt. Das Zweite, daß Dein Vater Dir in einer Sprache ſchreibt, welche er Dir verſtändlich zu glauben keinen Grund hat, er müßte Dich denn geſehen haben.“ „Unmöglich.. er iſt in Indien. 2 „Oder er müßte Nachricht von Dir haben.“ „Ich habe ihm niemals eine Linie geſchrieben, 116 und ſelbſt noch geſtern war ich ſeines Daſeins nicht einmal gewiß.“ „Sei überzeugt, mein liebes Kind, daß er einen Freund beauftragt hat, Erkundigung über Dich ein⸗ zuziehen und der Bericht Dir günſtig geweſen iſt. Warum ſollte er vorausſetzen, Dein Oheim, ſo gut und edel er iſt, habe Dir eine Erziehung gegeben, die ſeiner eigenen ſo überlegen iſt?“ Der Jüngling wurde von dieſer Bemerkung, die ihm viel zu denken gab, lebhaft ergriffen. „Biſt Du überzeugt,“ nahm Doctor Orme wieder das Wort,„daß dieſe Aufforderung, nach Indien zu reiſen, wirklich von Deinem Vater ausgeht?“ „Ich könnte darauf ſchwören!“ rief ſein Zögling. „Ich habe nur einen einzigen Brief von ihm ge⸗ ſehen, den, worin er mich der Sorge ſeines Bruders empfahl. Ich habe ihn oft wieder geleſen; es iſt kein Wort, kein Schriftzeichen darin, das nicht un⸗ auslöſchlich meinem Gedächtniß eingeprägt wäre. Wer ſonſt ſollte überdieß an meinem Looſe Theil nehmen?“ Der Doctor ſchwieg ſtill. „Wahr,“ ſagte er endlich mit nachdenklicher Miene.„Doch begreife ich nichts davon.... Du kennſt das Anerbieten Deines Vaters,“ ſetzte er hin⸗ zu;„jetzt, Harry, höre das meinige. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich reich und ohne Kinder bin. Das Einkommen meiner Pfarrei iſt mir voll⸗ kommen gleichgültig. Du haſt Talente, welche die Zierde der Kirche oder jeder andern Laufbahn, für welche Du Dich entſcheideſt, machen würden. Was ſagſt Du davon, nach Orford zu gehen? Ich würde 117 mich nur allzu glücklich ſchätzen, meinen Functionen zu entſagen und zu Deinen Gunſten auf meine Pfründe zu verzichten.“ „Was ſagen Sie?“ erwiderte der Jüngling, von dem edlen Anerbieten des Rectors überraſcht und tief gerührt.„O! nie! nie! Ihre nachſichtige Güte hat Sie für meine zahlreichen Mängel verblendet; ich bin nur zu den Kämpfen der Welt gut; ich würde mich in der Unthätigkeit gleich einem in einen un⸗ fruchtbaren Boden verſetzten Baum verzehren. Ich wage Ihnen meine ganze Schwäche, meine ganze Thorheit nicht zu geſtehen; aber die heiligen Func⸗ tionen, welche Sie durch Ihr Leben und Ihre Tu⸗ genden ſchmücken, ich würde ſie durch eitles Bedauern und durch die Kämpfe, welche ich gegen meine Lei⸗ denſchaften zu beſtehen hätte, entweihen. Nein, das iſt unmöglich!“ Dieſe Worte wurden mit ſolcher Feſtigkeit ge⸗ ſprochen, daß der Rector die Nutzloſigkeit weiteren Drängens einſah. „Du biſt alſo entſchloſſen, nach Indien abzu⸗ reiſen?“ ſagte er. „Das wird ſich in wenigen Stunden entſcheiden, die mich entweder zum Glücklichſten oder Unglücklichſten der Menſchen machen.“ „Ich verſtehe Dich kaum.“ „Ich verſtehe ſelbſt mich kaum; ſeit einigen Tagen iſt mein Herz ein Feuer. Verzeihen Sie mir, ich bitte; aber wie ein eigenſinniges Kind bin ich taub gegen Alles, was mir nicht von Hoffnung redet.“ Bei dieſen Worten führte Henry reſpectvoll die 118 Hand von Doctor Orme an ſeine Lippen und ver⸗ ließ die Bibliothek. Ehe der würdige Rector ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, ſah er den Jüng⸗ ling über die Gemeindewieſe der Abtei zugaloppiren. „Er iſt närriſch!“ rief er,„ganz närriſch!“ 1„Sie würden ihn noch mehr nennen, wenn Sie Alles wüßten!“ ſagte ſeine Haushälterin, welche eiut Eintritt in das Zimmer dieſen Ausruf gehört hatte. „Wenn ich was wüßte?“ fragte der Rector un⸗ geſtüm. „Daß Mr. Harry, ſeitdem er die Abtei ſah, ver⸗ liebt geworden iſt.“ „Bah! Bah! Seien Sie überzeugt, daß er keine ſolche Lächerlichkeit begangen hat. Verliebt! In wen könnte er in der Abtei ſich verlieben? Meine achtbare Bekannte, Mrs. Jarmy, iſt alt ge⸗ nug, um ſeine Großmutter ſeine Urgroßmutter ſogar zu ſein, glaube ich.“ „In Miß Ellen, Sir,“ antwortete die Frau mit boshaftem Lächeln. Der Rector ſchaute mit großen Augen die Haushälterin an. „Mrs. Jarmy hat geſtern im Pfarrhauſe Thee 1. getrunken,“ fuhr ſie mit geheimnißvollem Ton fort. „Wirklich?“ „Und ſie ſagt, das ganze Haus habe bemerkt, wie ſti Geſellſchaft von einander aufſuchen. „Ah!“ „Sie reiten mit einander ſpazieren.“ „Hapry iſt ein vortrefflicher Reiter.“ „Und i mit einander im Park herum.“ 6 119 „Das iſt ſehr natürlich für ihr Alter.“ „Und Miß Ellen iſt ganz traurig, wenn Mr. Harry einen Morgen vorübergehen läßt, ohne zu kommen.“ „Mrs. Page, Sie werden mich ſehr verpflichten, wenu Sie unterlaſſen, ähnliche Thorheiten zu wieder⸗ holen.“ „Gewiß, Sir.“ „Miß de Vere iſt noch ein Kind, Harry auch. Es iſt albern, anzunehmen, daß ſie ſich dergleichen Ideen in den Kopf geſetzt haben. Gehen Sie! Sie haben mich mit Ihrem Gewäſch geärgert. Ich habe ganz vergeſſen, was ich zu meinem Diner beſtellen wollte. Ich werde Ihnen ſogleich klingeln.“ Die beleidigte Haushälterin, die ſich wie die meiſten Diener von Hageſtolzen für eine Perſon von Wichtigkeit hielt, ging geräuſchvoll ab. „Arme Kinder!“ murmelte Doctor Orme, ſobald er allein war,„arme Kinder! Das erklärt Alles. Sie ſind pemitleidenswerth. Sir William und ich ſind allein zu tadeln; wir hätten dieſe Liebe vor⸗ herſehen ſollen!“ Kurze Zeit nachher nahm der würdige Rector Hut und Stock und verließ das Haus, ſogar ohne ſein Diner zu beſtellen, ein ſo außerordentlicher Um⸗ ſtand, daß er Mrs. Page in ihrem Verdacht beſtärkte. Zwölftes Kapitel. Ellen de Vere erwartete ängſtlich den Beſuch ihres Retters. Ohne recht zu wiſſen warum, fürch⸗ tete ſie, der aus der Fremde gekommene Brief würde von ſchlimmer Vorbedeutung für ihren Freund ſein. Die Frauen haben gewöhnlich eine intuitive Auf⸗ faſſungsgabe für das Uebel, wenn es denen droht, für welche ſie ſich intereſſiren. Zara beobachtete aufmerkſam Ellen. Sie wußte von Joe's Ankunft und den Vermuthungen der Do⸗ meſtiken über ſeine Votſchaft. Ellen konnte vor den Augen ihrer Amme, die ſeit ihrer Kindheit gewohnt war, Alles in ihrem Geſicht zu leſen, die Beſorg⸗ niſſe, die ſie bewegten, nicht verbergen, und dieſe war mehr als je von der Liebe, welche zwiſchen dem jungen Paar exiſtirte, überzeugt. Als nun ihre junge Gebieterin, beinahe unmittel⸗ bar nach dem Frühſtück mit ihrem Oheim in der Bibliothek, ſich nach dem Salon zurückzog, folgte ihr die Aya vorſichtig und verbarg ſich hinter einem der ſchweren Sammt⸗Vorhänge, welche die Fenſter ſniien bereit, Alles zu behorchen, was geſprochen würde. In dieſem Zimmer machte Henry Aſhton der Waiſe gewöhnlich ſeinen Morgenbeſuch. Er ließ nicht lang auf ſich warten. Aber trotz des feinen Gehörs der Lauſcherin erkannte Ellen, von dem Inſtinct der Liebe beſeelt, vor ihr den Schritt ihres Retters auf den Stufen der Vortreppe. 121 „Sie liebt ihn!“ ſagte ſich die Amme,„ihr Herz hört ihn von fern!“ Den nächſten Augenblick trat der junge Farmer in das Zimmer. „Guten Morgen, Miß de Vere,“ ſagte er,„ich bringe eine traurige Botſchaft in die Abtei.“ „Eine traurige Botſchaft?“ ſtammelte Ellen. „Traurig für mich wenigſtens,“ fuhr der junge Mann fort, ſie mit leidenſchaftlicher Bewunderung anſchauend,„für mich, der ich das Vergnügen ſo ſüßer Beziehungen bis zu dem Grade gekoſtet habe, daß ich die Epiſtenz einer Welt außer Carrow bei⸗ nahe vergaß. Ich fürchte, dieſer Beſuch wird der letzte ſein.“ Die Waiſe erblaßte und ſchlug die Augen nieder: ſie wagte nicht zu ſprechen. „Ich habe einen Brief von meinem Vater er⸗ halten, der in Indien iſt.“ „Und er will, daß Sie zu ihm kommen, Henry.. Verzeihung, ich wollte ſagen Mr. Afhton? Sie haben vielleicht Recht; Sie haben Energie und Ta⸗ lente, welche in der Welt Glück machen müſſen. Ich bin überzeugt, ich glaube feſt, daß Sie darin glück⸗ lich ſein können ſehr glücklich!“ „Glücklich!“ wiederholte er traurig.„Läſen Sie in meinem Herzen, ſo würden Sie nicht ſo bittern Scherz mit mir treiben. Glücklich in der Welt! Ich könnte in ihrer harten Schule und ihren peinlichen Kämpfen die Vergeſſenheit finden, die Ruhe, die dem Sturm folgt, wenn ſeine Wuth ſich gelegt hat, den Tod, aber niemals das Glück!“ Ellen erhob die Augen. ₰ „Warum nicht?“ „Weil ich es ſo hoch hinaufgerückt habe, daß es wahnſinnig wäre, die Erreichung deſſelben zu ver⸗ ſuchen; ich liebe! Verachten Sie mich, jagen Sie mich von Ihnen, wenn Sie wollen!—“ und Henty warf ſich auf die Kniee;„aber zuvor hören Sie mich! Es iſt das erſte und letzte Mal, daß ich Sie beleidige. Trotz der Verſchiedenheit des Rangs, der uns trennt, trotz meiner Unwürdigkeit und Ihrer Verdienſte habe ich gewagt, Sie zu lieben! Von dem erſten Augenblick, da ich Sie ſah, iſt Ihr Bild nicht mehr aus meinem Gedächtniß gewichen. Es war das Erſte, das jemals einen Eindruck auf mich gemacht hat; es wird auch das Letzte ſein!“ „Henry!“ „Ich weiß, was Sie ſagen wollen; aber ehe Sie mir gebieten, Sie zu verlaſſen, ehe Sie mich in die Verzweiflung verſtoßen, ſagen Sie mir aus Mitleid, daß Sie mir verzeihen, daß ich wenigſtens dieſen Troſt ig das fremde Land mitnehme! Ihre Verachtung wilrde mich tödten!“ „Meine Verachtung!“ wiederholte Ellen, deren Hals und Geſicht ſich mit einer lebhaften Röthe be⸗ deckten.„O! Henry, wie wenig kennen Sie meinen Character! Wie ſchlecht verſtanden Sie, meine Dank⸗ barkeit, meine Achtung... meine Liebe zu leſen!“ ſetzte ſie, ſich plötzlich mit Entſchloſſenheit waffnend, hinzu, indem ſie dem Liebenden zu ihren Knieen die Hand reichte.„Warum ſollte ich es vor meinem eigenen Herzen verhehlen? Ich bin nur ein Kind, Henry, in Bezug auf die Gebräuche der Welt und 123 vielleicht werden wir viel Schwierigkeiten und Prü⸗ fungen durchzumachen haben; aber meine Liebe wird ſtärker ſein und wenn das Schickſal Ihnen meine Hand verſagt, ſo ſoll ſie auch keinem Andern ge⸗ hören!“ Die Aya lächelte bitter, als ſie dieſe Erklärung ihrer Gebieterin hörte. „Wir wollen ſehen!“ ſprach ſie bei ſich,„wir wollen ſehen!“ Aber welche Worte könnten die Freude, das Entzücken Henry Aſhtons malen, als er das ſchöne, erröthende Mädchen betrachtete, das ſeine Liebe zu ihm ſo offen bekannt hatte? In den Ergießungen ſeiner Dankbarkeit hätte er ihr die Füße geküßt. Er befand ſich in der Trunkenheit des erſten Liebes⸗ taumels, und der Zauber war vollſtändig. „Ellen! Süße Ellen!“ rief er, ſie mit jener un⸗ ermeßlichen Zärtlichkeit betrachtend, welche wir in der Liebe, die aus der Seele kommt, empfinden; „wie ſoll ich Ihnen meine Dankbarkeit, ſeine Freude ausdrücken? Alle Beſtrebungen meines Lebens wer⸗ den Ihnen geheiligt ſein, alle Schläge meines Her⸗ zens werden hinfort kein anderes Ziel mehr haben, als Ihr Glück. Meine Sorgfalt wird allen Ihren Wünſchen zuvorkommen! Mein Leben ſelbſt werde ich nür als ein Geſchenk von Ihnen betrachten; denn Sie verleihen ihm erſt ſeinen ganzen Werth.“ Einige Augenblicke überließen ſich die jungen Lie⸗ benden, welche mit dem Vertrauen ihres Alters in die Zukunft ſchauten, jenen köſtlichen Erregungen, welche die Herzen zum Schlagen bringen, wenn ſie ſich zum erſten Mal geliebt fühlen; jenen Erregungen, 124 die wir nur einmal im Leben empfinden, und die ſo lebhaft ſind, daß ihre Wiederholung uns tödten „Sehen Sie meinen Onkel nicht?“ fragte endlich die Waiſe mit ſchwacher Stimme.„Er iſt ſo gut und edel!. Es darf nichts vor ihm verborgen blei⸗ ben, Henry. Ich bin überzeugt, er wird unſerer Liebe nicht entgegen ſein!“ Zara dachte verſchieden. Sie konnte jedoch nicht umhin, anzuerkennen, daß die Liebenden ein edles Paar bildeten. Die Natur ſchien ſie für einander beſtimmt zu haben. Henry antwortete, daß er zuerſt nach London gehen müßte. 2 „Nach London?“ fragte Ellen überraſcht. „Ja, meine Freundin! Dem Briefe meines Vaters zufolge kann ſeine Stellung in Indien nicht dunkel ſein. Sein Agent wird mir wahrſcheinlich mittheilen, was ich ſo ſehr zu wiſſen verlange. Viel⸗ leicht erhalte ich eine Nachweiſung, einige Hoffnung für die Zukunft, wodurch Sir William ſich mit der Idee unſerer Liebe ausſöhnen würde!“ Hierauf verließen ſie ſich; Henry, um nach dem Pachthof zurückzukehren und daſelbſt die Herzen ſeiner würdigen Bewohner durch die Kunde zu erfreuen, daß er in England bleiben würde; Ellen, um ihre Blumen zu pflegen. „Ihren Oheim mit der Idee dieſer Heirath aus⸗ ſöhnen!“ ſprach die Amme, ſobald ſie allein war. „Ei! was macht der tiefſinnige Baronet, wenn der feurige Nebenbuhler Miran⸗Hafaz ſich dagegen ſetzt! Eitle Träume alles Das!“ 32 125 Bei ſeiner Ankunft auf der Farm fand Henry Matthäus und deſſen würdige Frau in die tiefſte Niedergeſchlagenheit verſenkt. Daraus, daß er ſich entfernt hatte, ohne ihr Aufſtehen abzuwarten, hatten ſie den Schluß gezogen, er ſei entſchloſſen, abzureiſen und nur ſeine Liebe zu ihnen laſſe ihn noch zögern, dieſe betrübende Botſchaft ihnen mitzutheilen. „Ah! Henry!“ rief die Frau,„da biſt Du, Kind!“ Sein Oheim bot ihm ruhig die Hand. „Alſo Du willſt uns verlaſſen, mein Junge?“ ſagte er. „Nein; ich habe es überlegt und meinen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Ich werde die verſpätete Einladung meines Vaters nicht annehmen.“ Die Alte fuhr ſchnell auf. „Habe ich recht gehört?“ rief der Farmer. Sein Neffe antwortete nur mit einem Lächeln. „Gott ſegne Dich, Harry! Gott ſegne Dich!“ ſagte ſeine Tante.„Ich habe immer behauptet, daß Du ein gutes Herz haſt und Deine alten Freunde nicht einſam ſterben laſſen würdeſt! Nicht wahr, Matthäus?“ „Du wirſt es nicht bereuen, Harry,“ ſagte ſein Oheim.„Die Farm iſt ganz dein, und wenn Matthäus Aſhton ſtirbt, wird ſein Erbe vielleicht im Stande ſein, den Kopf hoch unter denen, welche über uns ſind, zu tragen.“ „Möge dieſer Tag noch fern ſein!“ ſagte der junge Mann, ihm die Hand drückend,„aber ich muß Sie auf einige Tage verlaſſen.“ Aufzeinige Tage!“ rief ſeine Tante unruhig. „Ha „Wohin gehſt Du, mein Junge?“ ſragte der Farmer. „Nach London, um den Agenten meines Vaters zu ſehen. Ich kann vielleicht von ihm einige Nach⸗ weiſungen erhalten über ſeine Stellung, ſein Ver⸗ mögen und ſeine Hoffnungen! Es iſt ſeltſam,“ ſetzte er nachdenklich hinzu,„daß er niemals meine Mutter, ſelbſt gegen Sie, genannt hat!“. „Niemals!“ ſagte der Alte. Es wurde ſchließlich ausgemacht, daß unſer Held am andern Morgen in Begleitung von Joe Beans nach der Hauptſtadt abreiſen ſollte. Dreizehntes Kapitel. Die Bank von Gebrüder Grant und Comp. lag in dem regſamſten Theile der Lombard⸗Street. Es war einer jener düſtern Tempel, wo der Mammon ſich gern einſchließt. Das Aeußere war ſeit Jahren nicht mehr überworfen worden und die maſſiven eiſernen Läden mit ehrwürdigem Roſt überzogen. Das Haus hatte viel Aehnlichkeit mit einem Sr wo man Geld gewinnt, ſo ſchwarz und finſter war 3 127 es. Wenn Morgens zufällig ein Sonnenſtrahl durch die engen Gitter und ſtaubigen Fenſter drang, ſo zog er ſich eiligſt wieder zurück, wie ein ungelegener, durch die Kälte des ihm zu Theil gewordenen Em⸗ pfangs erſtarrter Gaſt. Dieſe Beſchreibung zeigt den Leſern, daß die Compagnie keinen Luxus zur Schau ſtellte. Die Thüren drehten ſich träge in ihren Angeln, um den vergleichungsweiſe wenigen Perſonen den Eintritt zu geſtatten, welche des Tags die Schwelle überſchritten; und doch wurden jährlich daſelbſt für Millionen Ge⸗ ſchäfte gemacht; denn Sir James war der Agent und Correſpondent der größten Handelshäuſer in Indien. Sein Name war auf der Börſe verehrt, und ſeine Unterſchrift galt für baar Geld, gleich einer Note der Bank von England. Der erſte Beſuch, den Henry Aſhton am Morgen nach ſeiner Ankunft in London machte, galt der Bank von Sir James Grant. Er hatte kaum einen Grund für ſeine Hoffnungen, und doch hielt er ſich für überzeugt, etwas Beſtimmtes in Bezug auf ſeinen Vater zu erfahren. Das Vage und Ungewiſſe quälte ihn. Bei ſeinem Eintritt in das düſtere Haus, das wir zu beſchreiben verſucht haben, in Begleitung des treuen Joe Beans, der die Vorſchrift der guten Farmerin, über die Sicherheit ihres Adoptiv⸗ ſohnes zu wachen, nicht vergeſſen hatte, bemerkte er ein halb Dutzend Commis mit grauem Haupte, re⸗ ſpectabler Miene, gerade beſchäftigt, ihre Hauptbücher in die Hand zu nehmen. Einer der weniger Be⸗ johrten ließ ſich herab, langſam von ſeinem Schemel aufzuſtehen und ſich nach dem Schreibtiſch zu wenden, 128 nachdem er beinahe fünf Minuten ſtehen geblieben war, ſich umzuſchauen. „Herr Gott! Maſter Harry!“ flüſterte Joe,„iſt das die Bank?“ Henry machte ein bejahendes Zeichen. „Nun!“ ſprach ſein Begleiter weiter,„das iſt ein Ort tödtlicher Traurigkeit. Ich machte mich darauf gefaßt, mehr Gold zu ſehen, als ich davon tragen könnte, und da gibt es nichts als Staub und Spinnengewebe!“ Inzwiſchen hatte der Commis den ungeheuren Mahagoni⸗Schreibtiſch erreicht, über welchen jedes Jahr ſo enorme Summen gingen, und fragte höflich, was den Herren gefällig wäre. „Gefällig?“ wiederholte Jde mit lautem Lachen, „das iſt ein ſeltſamer Ort zur Gefälligkeit.“ Das muntere Gelächter des ehrlichen Bauern weckte die Echo's des alten Hauſes und die andern Commis erhoben den Kopf mit einer Miene ſtiller Ueberraſchung. Es mußte wenigſtens ein Mann von einer Mil⸗ lion Pfund Sterling ſein, um ſich bei Sir James eine ſolche Freiheit herauszunehmen. „Still!“ flüſterte Henry, der auf den erſten Blick ſah, daß die Fröhlichkeit ſeines Gefährten am un⸗ rechten Ort war; denn das Geſicht des Commis, der das Wort an ihn gerichtet hatte, war außerordent— lich ernſt. 3 „Gut, Maſter Harry,“ ſagte Joe,„gut!“ „Könnte ich Sir James ſehen?“ fragte unſer 129„ „Sir James ſehen?“ wiederholte der Commis erſtaunt. „Gewiß. Hier iſt wohl, glaube ich, ſein Bank⸗ haus.“ „Ja. das heißt... aber der Chef des Hauſes iſt nicht immer für die Fremden ſichtbar. Mr. Snapgull,“ ſetzte der Commis, zu dem Aelteſten in ihrer Mitte gewendet, mit mehr Reſpect hinzu, als er irgend Jemand unter dem Rang eines Direckors der Oſtindiſchen Compagnie bezeigt hätte—„hier iſt ein junger Gentleman, welcher Sir James Grant zu ſehen begehrt.“ Die würdige Perſon, welche auf den Namen Snapgull antwortete, erhob die Augen raſch von ihrem Journal, worin ſie aufmerkſam die Börſen⸗ ſeite las, und ließ ſich herab, den Beſucher zu prüfen. Er ſchaute ihn mit ſo argwöhniſcher Miene an, als hätte es ſich darum gehandelt, eine von einem Un⸗ bekannten präſentirte Banknote zu verificiren. „Welches iſt ſein Name?“ fragte Mr. Snapgull. „Ihr Name, Sir?“ wiederholte der jüngere Com⸗ mis mit höflicherem Ton, als ſein Oberer. „Henry Aſhton.“ Der junge Commis wiederholte ihn dem Senior. „Seine Karte!“ Henry gab ſie. Mr. Snapgull klingelte, gab die Karte dem ein⸗ tretenden Lakaien mit der Anweiſung, ſie dem Chef des Hauſes zu überreichen. Dann nahm er, ohne einen zweiten Blick auf ein Individuum zu werfen, das in der Finanzwelt ſo unbedeutend war, wie Die Abtei Carrow. I. 9 0 unſer Held, ruhig die Lectüre ſeines Journals wieder auf. Nach einigen Minuten kam der Lakai wieder und führte Henry in die Gegenwart des großen Mannes. Jve Beans folgte ihm, trotz des unwilligen Blicks, welchen ihm der Diener zuwarf. Das Gemach, wohin unſere jungen Leute dran⸗ gen, war noch düſterer, als das erſte Bureau. Alles, von den Tapeten bis zu den Vorhängen, war ver⸗ ſchoſſen, aber von ſcrupulöſer Reinlichkeit. Auf einem großen Lehnſeſſel ſaß der kleine Sir James. Sein magerer Körper und ſein Wieſelgeſicht hatten jenes Ausſehen, wovon gewöhnlich eine unermüd⸗ liche Energie oder eine außerordentliche Raubgier begleitet iſt. Wir haben es oft bei den Raubthieren niederer Claſſe bemerkt. Rachdem er ſeine Feder niedergelegt hatte, denn er ſchrieb bei Henry's Eintritt, ſagte er: „Mr. Afhton, glaube ich.“ 3 „Er ſelbſt, Sir James.“ „Es iſt zu Ihrer Verfügung auf Gebrüder Grant von Indien aus ein Credit von.... fünftauſend Pfund eröffnet?“ „Von fünfhundert Pfund, Sir James,“ ſagte unſer Held verbeſſernd.. „Möglich,“ erwiderte der Geldmann mit wirk⸗ licher oder affectirter Gleichgültigkeit;„ich kann ſolche winzige Details nicht im Kopf behalten. Mr. Snap⸗ gull wird den Avisbrief zu Rathe ziehen. Wann gedenken Sie abzureiſen?“ 3 „Ich habe gar nicht das Verlangen, abzureiſen.“ 131 „Sie haben gar nicht das Verlangen, abzureiſen!“ wiederholte Sir James erſtaunt.„Sie wollen nicht nach Indien, dem Land von Gold und Edelſteinen, dem wahrhaften Eldorado der Erde? Sind Sie wahnſinnig, junger Mann, oder träumen Sie? Wiſſen Sie, was Sie ausſchlagen: Vermögen, Ge⸗ legenheit, Aufregungen, Alles, was die Jugend be⸗ gehrt, Alles, was das Alter vermißt! Ueberdieß,“ ſetzte er hinzu,„ſind, wenn ich mich recht erinnere, beſondere Inſtructionen in Bezug auf Sie vorhanden meinem achtbaren Correſpondenten, Alexander und Gebrüder.“ „In Bezug auf mich?“ Sir James klingelte zweimal, und Mr. Snapgull kam nach einigen Augenblicken. Jeder Ausdruck von Anmaßung war aus einem Pergament⸗Geſicht ver⸗ ſchwunden. „Snap,“ ſagte ſein Patron. Er nannte ihn Wir Sun aus demſelben Grunde, aus welchem „um Zeit zu ſparen, eine große Anzahl Worte t beim Schreiben abkürzte.„Snap, der letzte Brief d von Alexander?“ Der alte Commis, vielleicht errathend, was ſein e Herr verlangte, hatte ihn mitgebracht. „Ach! ja, wie ich ſagte, junger Mann,“ nahm ⸗ der Bankier, nachdem er ihn durchlaufen hatte, wie⸗ d d Wot.„Da ſind gewiſſe Inſtructionen in Bezug auf Sie. Die fünfhundert Pfund ſind für Ihre Ausſtattung und Ihre Reiſe... Laß ſehen, das Schiff Lady Haſtings geht in zehn Tagen unter Segel.“ „Ich wiederhole Ihnen, Sir,“ ſagte Henry, ihn 132 unterbrechend,„daß ich gar nicht die Abſicht habe, nach Indien zu gehen.“ „Dann kann ich Ihnen auch das Geld nicht geben!“ rief Sir James, offenbar über dieſen Ent⸗ ſchluß mehr geärgert, als es gerade nöthig ſchien. „Ich mache gar keinen Anſpruch darauf, Sir James,“ erwiderte Henry, tief gekränkt durch den Mangel an Vertrauen und Zuneigung, welchen dieſe Vorſicht ſeines Vaters verrieth. Der Zweck, um deſſen willen ich mich Ihnen vorgeſtellt habe, iſt, einige Nachweiſe über meinen Vater zu erhalten.“ „Ich weiß nichts von ihm,“ antwortete der Bankier kalt.„Alexander und Gebrüder ſind ſeine Agenten.“ „Können Sie mir nicht ſeine Adreſſe geben?“ „Nein; Alles, was ich thun kann, iſt, Briefe zu beſorgen, die Sie etwa nach Indien ſchicken wollen; aber ich würde Ihnen rathen, es wohl zu überlegen, ehe Sie einen beſtimmten Entſchluß faſſen. Indien iſt das nöthige Feld für eine Energie, wie die Ihrige. Mein Großvater begab ſich mit ſechzehn Jahren da⸗ hin, ohne bei ſeiner Ankunft daſelbſt mehr als eine Guinee zu haben; er kam mit fünfmalhunderttauſend Pfund Sterling zurück. Mein Vater trat in ſeine Fußſtapfen und machte die Million vollzählig. NRicht viel, werden Sie ſagen, aber es waren ſchwere Zeiten. Ich ging vor dreißig Jahren ſelbſt hin... und Sie ſehen das Reſultat.“ Die zufriedene Miene, womit dieſe Worte aus⸗ geſprochen wurden, hätten in jedem andern Augen⸗ blick ein Lächeln erregt, aber unſer Held war zu ſich ein ſolches zu geſtatten. ſehr über den Ausgang ſeines Beſuchs getäuſcht, um 133 „Ohne Zweifel, Sir James,“ ſprach er,„haben Sie Ihre Erfolge verdient, aber nicht Jedermann hat Ihre Energie und Beharrlichkeit. Was mich betrifft, ſo iſt mein Entſchluß gefaßt: ich bleibe in England, werde aber von Ihrem wohlwollenden Aner⸗ bieten, Briefe an meinen Vater zu beſorgen, Ge⸗ brauch machen. Guten Morgen, Sir James!“ Und der junge Mann entfernte ſich, ohne eine Antwort abzuwarten. „Nicht nach Indien gehen!“ murmelte der Ban⸗ kier mit düſterer Miene, ſobald er allein war; „wir wollen ſehen! Als ob ein Mann ohne Ver⸗ mögen ſagen könnte, wohin er gehen will.“ Er warf ſchnell einige Linien hin und beauftragte ſeinen alten Commis Snap, ſie an ihre Adreſſe ge⸗ langen zu laſſen. Noch an demſelben Abend empfing Henry Aſhton ein Billet von unbekannter Hand, deſſen Inhalt ſeine Neugierde lebhaft erregte. Es lautete folgen⸗ dermaßen: „Bedienen Sie ſich morgen Abend des Ueber⸗ ſenbeten, wenn Sie den einzigen Menſchen treffen wollen, der das Geheimniß Ihres Schickſals kennt und Sie vor der Gefahr warnen kann, wovon Sie bedroht ſind, und der Sie davor bewahren will. Ein unbekannter Freund.“ Der Unmſchlag enthieſt zwei Billets zu dem ſollte. Maskenball, der im Opernhauſe gegeben 134 „Bah!“ ſprach der junge Mann, ſobald er die Zeilen geleſen hatte;„irgend ein alberner Intrigant, der ſich über meine Einfalt beluſtigen will. Ich werde nicht gehen!“ Trotz dieſes Entſchluſſes begann er, als die Stunde ſich näherte, zu überlegen, daß er noch keine Maskerade geſehen hatte, daß dieß ein großes Ver⸗ guügen für Joe Beans ſein würde und er ſelbſt eine Stunde angenehm zubringen könnte. Er ließ alſo bei Fentum zwei Dominos holen und langte einige Minuten vor der angedeuteten Stunde im Theater an. Joe war voll Entzücken. Im Jahr 1817 war es für einen Bauern ſchon Etwas, London zu ſehen. Er war ein ganzes Jahr nach ſeiner Rückkehr das Drakel des Dorfes und blieb ſein Leben lang eine Autorität. Henry ſelbſt unterhielt ſich faſt wider ſeinen Willen an dem bunten Schauſpiel. Die Mas⸗ kenbälle waren noch nicht ausgeartet, wie in unſern Tagen; ſie waren von Perſonen von Stand beſucht. Es war eine wohlbekannte Thatſache, daß der König ſich herabließ, incognito dahin zu gehen. Unſer Heid und ſein Begleiter hatten noch nicht mehr als zweihundert Schtitte im Kreis herum ge⸗ macht, als ſich eine Hand auf Henry's Arm legte. Er drehte ſich um und bemerkte neben ſich einen Mann von hoher Statur, in einfachem Domino, das Geſicht mit einer Maske bedeckt. „Sie täuſchen ſich,“ ſagte er. „Nein, ich täuſche mich nicht, Henry Aſhton!“ erwiderte der Unbekannte.„Entfernen Sie Ihren Befährten.„ich muß Sie ſprechen.“ „Es iſt der beſte Ort der Welt für eine Be⸗ ſprechung wie die unſrige. Wir werden tauſend Zuſchauer haben, aber nicht einen einzigen Zeugen. Eine Menge ſchwarzer Projecte werden auf Masken⸗ bällen angezettelt und in Ausführung gebracht.“ „Sie müſſen mir zuerſt ein Pfand geben, das mir beweist, daß Sie nicht mit mir ſpielen. Es iſt das erſte Mal, daß ich mich zu London befinde. Es würde für einen Mann Ihrer Erfahrung nur ein ärmlicher Erfolg ſein, meine Einfalt myſtificirt zu haben.“ „Sie wollen einen Beweis von mir?“ ſagte der Unbekannte. Henry nickte bejahend. „Ich will ihn geben.“ Und ſich vorwärts beugend flüſterte er ihm den Namen Ellen in's Ohr. „Sind Sie jetzt zufrieden geſtellt?“ „Vollkommen.“ Und nachdem er Ioe aufgetragen, ihn zu erwar⸗ ten, zog er ſich mit ſeinem fremden Begleiter in eine jener Vertiefungen zurück, welche durch die Deco⸗ ration des Saales gebildet wurden. Es war eine ſeltſame Scene mit den beiden Maskirten: der Eine dem Andern in die Augen ſchauend, als wollten ſie auf den Grund ihrer Seele dringen; der Andere, ſein Möglichſtes thuend, dieſem Blick auszuweichen, welcher, gleich dem der Schlange, eine Art Zauber auf ihn ausübte, während die Menge der Ver⸗ gnügungsſüchtigen gleich eben ſo vielen Geſpenſtern vor ihnen auf⸗ und abwandelte. „Sie verlieren die koſtbarſten Augenblicke Ihres Lebens,“ ſprach der Fremde,„einem Phantom zu folgen, das Sie nur von dem Wege abbringt, den Sie gehen ſollten, und zwiſchen dem und Ihnen ein unüberſteiglicher Abgrund beſteht, das Grab. Warum die Aufforderung Ihres Vaters ausſchlagen? Nach Indien rufen Sie gleichmäßig Pflicht, Intereſſe und Liebe.“ „Intereſſe vielleicht,“ erwiderte der junge Mann erſtaunt, denn er konnte nicht begreifen, wie ein Fremder über ſeine Lage ſo gut unterrichtet war; „aber weder Pflicht noch Liebe.“ „Warum nicht?“ „Weil der Vater, von dem Sie reden, Pflicht und Liebe mir gegenüber vergeſſen hat. In den von ſeinem Agenten übermachten Inſtructionen entdecke ich den Argwohn eines Herrn, der befürchtet, ſein Werkzeug ſuche ihm zu entgehen, und nicht das Ver⸗ trauen, welches zwiſchen Vater und Sohn beſtehen muß. Ueberdieß hat er mich nie geliebt.“ „Worauf gründen Sie dieſen Verdacht?“ fragte der geheimnißvolle Fremde mit überraſchtem Ton. „Auf ſein langes und grauſames Stillſchweigen und auf den Mangel der Worte, welche dem Her⸗ zen theuer ſind. Sein Brief iſt ſo kalt, wie er ſelbſt.“ Beurtheilen Sie ihn nicht zu ſtreng,“ antwortete die Maske nach einer Pauſe.„Sein Herz iſt viel⸗ leicht wärmer als Sie denken. Wirklich will ich Ihnen nicht verbergen, daß ſein lebhaftes Verlangen nach Ihrer Gegenwart vornehmlich von einer Ihnen 137 in England drohenden Gefahr herkommt, welcher er Sie entziehen möchte.“ „Einer Gefahr?“ „Sie haben einen Feind.“ 61ing „Ich fühlte es!“ rief Henry Aſhton.„Ein ge⸗ wiſſer Inſtinet ſagte mir ganz leiſe, es exiſtire eine der meinigen ſo antipathiſche Natur, daß wir nicht beide zu gleicher Zeit leben können!.. Wohlan! dieſer Feind?“ „Iſt mächtig, denn er hat das, womit man Alles in der Welt macht, Vermögen! Gegen die, welche er liebt, iſt er ſanft wie ein Lamm; gegen den Feind, der ſeinen Weg kreuzt, iſt er unbarmherzig wie der ausgehungerte Tiger, wenn er den Raub in den Klauen hält! Man muß vor ihm fliehen!“ „Vor ihm fliehen!“ wiederholte der junge Mann lebhaft.„Wie wenig kennen Sie mich! Es iſt einer der Träume meines Daſeins geweſen, einen Gegner zum Kampfe zu finden, einen meiner Energie wür⸗ digen Gegenſtand. Ich ſeufze nach dem Kampfe mit den Wirklichkeiten dieſer Welt; ich werde allmälig ihrer Träume müde.“ „Sie werden den Gegner und die Wirklichkeiten finden.“ „Wann denn?“ „Bald, bald. Ich habe meine Pflicht gethan. Sie ſind gewarnt.“ „Aber wer iſt dieſer Feind?“ „Ich wage ihn nicht zu nennen.“ „Sein Rang?“ „Erlaucht.“ „Sein Alter?“ „Ungefähr das Ihrige. Und jetzt Adieu! Noch fünf Tage haben Sie nichts zu beſorgen; nach Ver⸗ fluß dieſer Zeit nehmen Sie Ihr Leben wohl in Acht; mißtrauen Sie ſelbſt Ihrem Schatten. Denn Sie werden dann auf ihrer Fährte einen Mann haben, deſſen Entſchluß ſo unerſchütterlich iſt, wie der Felſen, an welchem die Wellen ihre eitle Wuth erſchöpfen... und ich kann hinzuſetzen, ebenſo ge⸗ fühllos.“ Dieſer ernſte Ton, im Verein mit der Kenntniß, welche der Gegenredner von ſeiner Liebe zu Ellen hatte, überzeugte Henry, daß, was auch ſeine Be⸗ weggründe ſein mochten, er keinen Scherz mit ihm trieb; und er dankte ihm für die bezeugte Theil⸗ nahme. „Fühlen Sie einigen Dank gegen den, welcher Ihnen dieſe Warnungen zukommen läßt,“ nahm der Unbekannte wieder das Wort,„ſo zeigen Sie es, indem Sie dieſelben befolgen. Gehen Sie zu Ihrem Vater in Indien. Sie werden dort die glänzendſten Laufbahnen vor Ihnen aufgethan finden; hier iſt die Gefahr auf Ihren Ferſen, und Sie haben nur Täu⸗ ſchungen und Unglück zu erwarten.“ Henry Aſhton lächelte, indem er ſich ohne eine Antwort entfernte. Er hatte Vertrauen in die Energie ſeines unbezähmbaren Muthes. „Ich werde dieſem Feind begegnen,“ murmelte er,„und dann wahre er ſich! Er wird mich ebenſo feſt finden wie ſich an Willen und That!“ Mit dieſen Worten langte er wieder an dem Ort an, wo er Joe Beans gelaſſen hatte. Der ehr⸗ liche Diener war von einer Menge von Masken um⸗ 139 geben, welche dem Talent und der Kaltblütigkeit Bei⸗ fall klatſchten, womit er ſeine Rolle als Bauer, der zum erſten Mal in ſeinem Leben ſich auf einen Maskenball wagt, aufrecht erhielt. Vierzehntes Kapitel. Während der zehn Tage, welche Miran⸗Hafaz dem Khan zur Entfernung ſeines Nebenbuhlers be⸗ willigt hatte, war der junge Indier ſo unruhig wie der in einem Käfig eingeſchloſſene Tiger. Wie die meiſten Hrientalen hielt er ſerupulös auf ſein Wort, und obgleich er brennend begehrte, der Verpflichtung, welche ſeine Thätigkeit feſſelte und ſein Blut reizte, ledig zu ſein, entſchloß er ſich doch, bis zum Verfluß der feſtgeſetzten Zeit keinen Schritt zu thun. Einmal ſeines Verſprechens los, wollte er die Leitung der Affaire ſelbſt übernehmen; denn er ſah an der nie⸗ dergeſchlagenen Miene ſeines Vertrauten und an deſ⸗ ſen Bemühen, jeder auf den Gegenſtand bezüglichen Frage auszuweichen, daß er in ſeinem Vorhaben ge⸗ ſcheitert war. „Unſinniger, der ich war,“ ſagte Miran bei ſich, „mich einem Werkzeug anvertraut zu haben, das von meiner Wahl iſt!“ ⸗ Dann lächelte er verächtlich bei der Vorſtellung eines einfältigen Bauern, der keck genug war, ſeinen Weg zu kreuzen und ihm Ellen ſtreitig zu machen. „Sie kann ihn nicht lieben,“ ſetzte er hinzu, „denn ſie iſt ſo ſtolz als ſchön. Die Aya muß im Irrthum ſein!“ Aber dieſer tröſtende Gedanke wurde bald bei Seite geſchoben. Die erhaltenen Nachweiſe waren allzu umſtändlich, als daß ſie einen Zweifel geſtat⸗ teten, ohne daß man Zara's Treue beargwohnte, die ſeine wie Ellens Amme geweſen war und ihre bei⸗ den Pfleglinge gleichmäßig liebte. „Sie liebt ihn!“ wiederholte er am Morgen des zehnten Tages, in ſeinem Divan auf⸗ und abſchrei⸗ tend,„und ich habe meine Barke auf ein Meer ge⸗ worfen, wo es weder ein grünes Eiland, noch eine lachende Küſte, noch einen Hafen gibt, um Schutz zu hoffen; ich ſehe nichts als unfruchtbare Felſen und treuloſen Sand, wo mein Herz ſcheitern muß! Aber ſie ſollen ſich vor dem Schiffbrüchigen hüten,“ ſetzte er mit bitterem Lächeln hinzu,„denn ich werde nicht allein untergehen!“ Einer ſeiner europäiſchen Diener trat ein und meldete, daß der Oberſt Mowbray im Salon warte. „Sage ihm, er ſolle warten,“ erwiderte der junge Mann nachläßig.. Der Diener ſah ihn erſtaunt an; er war nicht gewohnt, auf eine ſo cavaliere Weiſe Beſucher ſol⸗ chen Ranges empfangen zu ſehen. „Schicke mir den Khan,“ ſetzte ſein Gebieter hinzu. Einige Minuten nachher trat ſein Vertrauter in den Divan. „Ich ſehe, daß Sie geſcheitert ſind!“ ſagte Miran in ſarkaſtiſchem Ton;„daß Ihre große Feinheit durch ein Kind, durch einen Bauern in Verwirrung gebracht iſt! Fortan werde ich mir allein trauen.“ „Es iſt wahr, ich bin in meinen Erwartungen getäuſcht worden,“ antwortete der Khan;„dieſes Kind, dieſer Bauer, wie Sie ihn nennnen, in wel⸗ chem ich nur einen Burſchen mit Ideen und Gefüh⸗ len, ebenſo niedrig wie ſeine Stellung, zu finden dachte, ſtraft ſeinen Stand Lügen; et iſt von dem Metall, aus dem man Männer macht, und beſitzt einen ſo unbezühmbaren Willen, einen ſo ſtolzen Muth wie Sie ſelbſt.“ Die Augen des Indiers funkelten vor Freude. Es war eine Art Troſt für ſeinen Stolz, zu finden, daß ſein Nebenbuhler in Ellens Zuneigung nicht einfach ein Weſen von Fleiſch und Nerven war, ſon⸗ dern ein ſeiner würdiger Gegner. Wie der junge, für die Arena eingeübte Gladiator ſeufzte er nach dem Kampf, der zwiſchen ihnen entſcheiden ſollte. „Es ſei!“ ſagte er,„das paßt mir um ſo beſſer. Es war mir immer lieber, den Tiger als die furcht⸗ ſame Antilope zu jagen, unter meinem Fuß den Kopf der Schlange, als den vertheidigungsloſen Wurm zu zertreten.“) Der Khan ſchüttelte den Kopf mit muthloſer Miene. „Wie?“ fuhr ſein Herr verächtlich fort,„ſuchen Sie mir Ihren Dorfhelden furchtbar zu machen? Ich dächte, daß wenigſtens Sie mich beſſer kennen!“ 142 „Ich zweifle nicht an Ihrem Muthe.“ „Woran denn ſonſt?“ fragte Miran hochmüthig. „An Ihrem Glück. Ihre Energie gleicht den fürchterlichen Wirbelwinden Ihres Geburtslandes, jenen Orkanen, welche die Felſen ſpalten und die Thäler ausfegen; in ihrer kurzen Dauer weicht Alles vor ihnen. Die ſeinige gleicht jener unermüdlichen Geduld, welche deren Verwüſtungen wieder heilt. Die Geſchichte Indiens zeigt Ihnen den Unterſchied, der zwiſchen der ſächſiſchen Race und der jenes Landes ſtattfindet.“ Der Indier betrachtete ihn einen Augenblick ſtill⸗ ſchweigend. Es war das erſte Mal, daß der Khan, der Renegat ſeines Vaterlandes, nicht allein ſeinen Willen, ſondern die geringſte ſeiner Launen zu durchkreuzen wagte, und er konnte ihn nicht be⸗ greifen. „Iſt er von Ihrem Blut?“ fragte er. „Weder von meinem Namen, noch von meinem Blut,“ antwortete der Khan ohne das geringſte Zei⸗ chen von Verwirrung oder Zögerung.„Wäre dem ſo, Miran, ſo würde ich, trotz der Zuneigung, die ich für Sie hege, trotz des Andenkens Ihres verſtorbe⸗ nen Vaters, Mittel finden, ihn Ihrem Haß zu ent⸗ ziehen. Aber ich beſchränke mich darauf, Ihnen mei⸗ nen Rath zu wiederholen: Hüten Sie ſich vor Henry Aſhton!“ Die gewöhnlich ruhigen Züge Mirans drück⸗ ten eine von Zorn nicht ganz freie Ueberraſchung aus. „Eine Drohung!“ rief er. „Nein,“ antwortete der Renegat,„aber ein Vor⸗ 143 wurf, denn wenn das Herz verwundet iſt, redet die Zunge; ich diene Ihnen ſeit Ihrer Kindheit; ich habe Sie geliebt gleich einem Sohn; ich habe hun⸗ dertmal mein Leben gewagt, um Ihren geringſten Willen zu vollziehen; ich habe gewacht über Sie in geſunden und kranken Tagen, und jetzt, weil die klugen Rathſchläge des Alters ſich nicht mit der ver⸗ zehrenden Ungeduld der Jugend vertragen, haben Sie mich im Verdacht, mich!. Vertrauen iſt das Siegel auf das Band der Freundſchaft; der Verdacht zerbricht es.“ „Sie haben Recht,“ ſprach der junge Mann, dem Khan die Hand bietend, welche dieſer achtungsvoll drückte;„aber könnten Sie in meinem Herzen leſen, würden Sie mich beklagen und mir vergeben; es iſt von Eiferſucht und getäuſchter Hoffnung zerriſſen. Ellen war der Traum meiner Jugend, der Stern meines Lebens; wenn dieſer Stern verſchwindet, iſt es mit meinem Daſein aus. Kann ich nicht Ihrer Meinung ſein, ſo ſchätze ich wenigſtens die Treue, welche daraus ſpricht; aber Sie haben nie geliebt!“ Der Khan lächelte traurig. „Oder wenn Sie geliebt, hat das Alter dieſes edle Gefühl in Ihren Adern zum Erſtarren gebracht; Ihr Herz hört nur auf die kalten und klugen Ein⸗ gebungen der Vernunft, während das meinige einem Vulkan gleicht, in dem das eingeſchläferte Feuer glimmt. Wenn die Geduld ein Hohn iſt, wenn die letzte Schranke gewichen iſt, wird die Lava ſeiner Leidenſchaften rings herum Verwüſtung bereiten.“ „Ich ſehe,“ ſprach der Alte, von der Aufregung ſeines Zöglings tief bewegt,„daß es nutzlos iſt, 144 Ihnen Geduld zu predigen, aber vielleicht werden Sie wenigſtens auf die Stimme der Klugheit hören. Sie ſind nicht in Indien, ſondern in einem Lande, wo es eine Macht über dem Thron gibt, eine Macht, welche durch beſtochen, welche durch nichts gebeugt wer il ſie leidenſchaftslos iſt gleich eine t und unempſfindlich wie der Tod. e ſt die Gerechtigkeit!“ „Die Gerecht wiederholte Miran mit ſpöt⸗ tiſchem Lachen;, ürde ich ſie finden? In Ihrem Parlament, von welchem das verwüſtete Indien ver⸗ gebens Hilfe verlangt, und wo die Freiheiten eines Volkes alle Jahre für Aemter und Ehren verkauft werden? Haben Ihre Leibeigenen ſie gefunden, ſie, die für undankbare Herren arbeiten, ſäen und ernten? Gerechtigkeit! Sie ſpotten, Khan!“ „Und doch iſt das Leben des Geringſten von denen, welche Sie Leibeigene nennen, ſo geheiligt vor dem Geſetz, als das des erlauchteſten Herrn.“ „Möglich. Es ſind die Bienen, welche arbeiten, und die Drohnen kennen deren Werth.“ Da Miran das Geſpräch nicht länger fortſetzen wollte, klatſchte er in die Hände und gebot dem Die⸗ ner, welcher auf dieſen Ruf erſchien, dem Oberſt Mowbray zu melden, daß er bereit wäre, ihn zu empfangen. „Ich werde einen Beſuch im Hauſe des Generals Bouchier machen, deſſen Güter Carrow benachbart ſind,“ ſagte er.„Ich werde Ellen und jenen furcht⸗ baren Nebenbuhler fehen; ich werde ſelbſt über ihn urtheilen und nach dieſem Urtheil handeln... Ich halte Sie nicht länger auf.“ 145 Der Khan verſtand den Sinn und zog ſich zu⸗ rück. Es war offenbar, daß der junge Indier kein Vertrauen mehr zu ihm hatte; und dieſe Ueberzeu⸗ gung diente nur dazu, ſeinen Eifer zu erkalten, ſtatt zu beleben. Seitdem er wieder in England ſich be⸗ fand, waren von Neuem Gefühle und Erinnerungen erwacht, welche längſt in ſeinem Herzen geſchlum⸗ mert hatten; die Undankbarkeit ſeines Zöglings ver⸗ wundete ihn, und zum erſten Mal dachte er an die Möglichkeit, ſeine Plane zu vereiteln; aber dieſer Gedanke wurde ſogleich wieder verworfen. „Noch nicht,“ ſprach er,„noch nicht! Er bildet ſich nicht ein, daß ich mit einem Wort zwiſchen ihm und ſeinen Hoffnungen eine Schranke aufführen könnte, die ſelbſt für ihn unüberſteiglich iſt. Aber die Zeit iſt noch nicht gekommen. Warten wir, warten wir! Vielleicht kann ich ihm Unrecht thun!“ Er begegnete auf dem Corridor dem Oberſt Mowbray, der ihn grüßte und ſehr aufmerkſam an⸗ ſah. Der Renegat, getreu ſeinem Vorſatz, ſich für einen Eingebornen Indiens gelten zu laſſen, erwiderte dieſen Gruß auf orientaliſche Weiſe. „Seltſam!“ ſprach mit halblauter Stimme der Oheim von Ellen de Vere;„ich bin überzeugt, daß ich dieſes Geſicht ſchon irgendwo geſehen habe!“ Der Khan, der ihn hörte, lächelte; er hätte ihm ſagen können, wo und unter welchen Umſtänden. Als Oberſt Mowbray in den Divan trat, wo Miran ihn erwartete, deutete ihm dieſer, ohne auf⸗ zuſtehen, nachläßig auf eine Beuge Kiſſen neben ſich. Das Blut ſtieg dem Oberſt in's Geſicht. Wi Die Abtei Carrow. I. hatte, welche ihn in jenem erhalten ſollt 146 andere Weltleute bewahrte er den Stolz auf ſeinen Rang noch lange Zeit, nachdem er die Ehre verloren „Haben Sie General Bouchier geſe en?“ fragte der Indier. „Ja; er hat mich und meinen Sohn zur Jagd bei ſich in Norfolk eingeladen.“ k „Und Sie haben angenommen?“ „Noch nicht.“ „Sie werden annehmen. Der Augenblick iſt ge⸗ kommen, wo Sie mir dienen und wenn nicht Ihre Ehre, wenigſtens den Schein der Ehre wieder erkau⸗ fen können. In der Welt, worin wir leben, ſieht man nur auf die Oberfläche: Flitter wird alſo auch für Gold paſſiren.“ Der Oberſt preßte die Lippen zuſammen, um nicht auf dieſen Sorkasmus eine zornige Antwort zu geben. Miran, der dieß wahrnahm, lächelte ver⸗ ächtlich. Er fühlte ſich als einen ſtarken Mann, der einer giftigen Schlange die Ferſe auf den Kopf geſtellt hat. Die Krümmungen des Reptils unter⸗ hielten ihn. „Es iſt Zeit, Oberſt Mowbray, daß wir uns ver⸗ ſtehen; dieſe Aufwallungen des Zorns und dieſe fin⸗ ſtern Blicke beleidigen mich. Wenn ich meiner Natur Gewalt anthue, Sie vor der Welt als Freund zu behandeln, die Hand eines Weſens zu drücken, das ich verabſcheue, die gebräuchlichen Höflichkeiten mit — einem Mann auszutauſchen, der ſo entehrt iſt, wie Sie, ſo muß ich Sie unter vier Augen mit der Verachtung, die Sie verdienen, behandeln dürfen.“ 147 Während dieſer Anrede, von welcher jedes Wort wie ein Tropfen geſchmolzenen Blei's auf das Herz des Falſchſpielers fiel, maß der Unglückliche den , eine Beute der Wuth und der Scham. End⸗ lich ſprang er wie ein halb dreſſirtes Roß empor, bei dem ſein Herr die Sporen nicht genug be⸗ nützt hat. Sich dem Divan gerade gegenüberſtellend, auf welchem Miran ausgeſtreckt war, ſprach er zwiſchen den verbiſſenen Zähnen das Wort: Niederträchti⸗ ger! aus. „Niederträchtiger!“ wiederholte der Indier plötz⸗ lich aufſpringend. „Wie nennen Sie den, welcher einen wehrloſen Feind höhnt, welcher, nachdem er mit hölliſcher Genauigkeit ſeine Schwächen, ſeine Bedürfniſſe, ſeine Leidenſchaften berechnet hat, ihn an den Rand eines Abgrunds zieht, überzeugt, daß ein einziger Fehltritt ſeinen Untergang herbeiführt? Hätte ich nicht einen Sohn, deſſen Herz bei der Schmach ſeines Vaters brechen würde, ich würde Ihnen zeigen, was es heißt, den Weg eines Mowbray zu kreuzen.“ Miran ſchaute ihn einige Augenblicke ſtillſchweigend an, um zu ſehen, ob dieſer Zorn erheuchelt oder wirklich wäre, ob es eine Komödie oder der wirk⸗ liche Ausbruch einer Seele wäre, in welcher noch nicht jedes Gefühl der Ehre erloſchen. „Sie haben Recht,“ ſagte er, ſich nachläſſig auf ſeine Kiſſen niederfallen laſſend,„der Sieger ſollte großmüthig ſein. Sie haben einen Sohn; Sie lieben ihn; ich hätte mich deſſen erinnern ſollen! Es iſt noch nicht Alles in Ihrer Natur verdorben! Alſo keine ſolche Scenen mehr; aber weil das Schickſal uns zu einem Zweck an einander gefeſſelt hat, ertra⸗ gen wir unſere gegenſeitige Knechtſchaft mit Geduld.“ „Welches iſt dieſer Zweck?“ „Ich liebe Ellen de Vere.“ „Meine Nichte!“ „Ich liebe ſie wahnſinnig, leidenſchaftlich, mit allem Feuer eines Mannes, der unter der Sonne geboren und von ihren Strahlen genährt worden iſt! Ellen iſt die Seele meines Lebens, der Abgott mei⸗ nes Herzens! Um ihre Hand zu erhalten, habe ich mein Geburtsland verlaſſen; um ſie zu érobern, bin ich bereit, allen Hinderniſſen zu trotzen, ſelbſt mit dem Tod zu ringen, wenn dieſes eiſige Geſpenſt den Weg, der mich in Ellens Arme führt, durchkreuzen ſollte! Sie müſſen mir hiezu behilflich ſein.“ „Ich! Sie vergeſſen, daß Sir William Mowbray ihr Vormund iſt; er allein kann über ihre Hand verfügen.“ „Ein Träumer!“ rief Miran mit geringſchätzigem Ton. „Hüten Sie ſich, dieſen Träumer zu wecken,“ ſagte der Oberſt, dem es leichter zu Muth ward, ſeit⸗ dem er das Ziel kannte, wornach der Indier ſtrebte, oder weil er den Preis ſeiner Dienſte erhöhen wollte. „In ſeiner Jugend war mein Bruder der erſte De⸗ gen, der geſchickteſte Schütze, der kühnſte Cavalier ſeiner Zeit; er war mit einer Energie begabt, welche die Zeit geſchwächt, aber nicht zerſtört haben kann. Sein Character iſt edel, offen und vertrauensvoll. Die, welche er liebt, können ihn an einem Seiden⸗ 149 faden leiten; aber ein Rieſe könnte ihn nicht von ſeinem Weg abwendig machen.“ „Wie Schade, daß eine ſolche Seele Schiff bruch gelitten hat! Wie ſind ſeine Feinde ihm beige⸗ kommen?“ 5„Indem ſie ihn in ſeinen Neigungen verwunde⸗ ten! Es gab kein anderes Mittel,“ antwortete der Oberſt.„Ich ſehe jetzt,“ ſetzte er mit ſichtbarem Verlangen hinzu, den Gegenſtand der Unterhaltung zu wechſeln,„warum Sie wollen, daß ich die Ein⸗ ladung von General Bouchier annehme. Seine Güter grenzen an Carrow⸗Abbey.“ „Ganz richtig.“ „Warum ſich nicht ſogleich meinem Bruder vor⸗ ſtellen? Ihr Rang und Ihr Vermögen berechtigen Sie, um die Hand ſeiner Mündel anzuhalten. Ich ſetze voraus, daß Sie meine Richte kennen.“ „Ich war der Genoſſe ihrer Kindheit.“ „Und ſie liebt Sie?“ „Sie liebte mich ſonſt,“ antwortete der junge Mann traurig,„oder verhielt ſich wenigſtens das Gefühl, das ſie für mich hegte, zur Liebe, wie die Roſenknoſpe zur aufgeblühten Roſe. Schon fingen die zarten Blätter die Hülle der jungfräulichen Sitt⸗ ſamkeit zu durchbrechen an; ein wenig mehr und ſie wären in all ihrer Pracht erblüht. Aber die Ab⸗ weſenheit hat, ähnlich dem eiſigen Hauch des Win⸗ ters, die Liebe, ehe ſie ſich erſchloß, zum Welken gebracht.“ Der Ton der Traurigkeit, womit dieſe Worte aus⸗ geſprochen wurden, und welcher ſo ſehr von den kalten und hochmüthigen Manieren Mirans ſich un⸗ 150 terſchied, traf das Herz des Oberſts und gab ihm Stoff zur Ueberlegung. Er ſah in der Liebe des Indiers zu ſeiner Nichte das Mittel, die verlorenen Waffen wieder zu gewinnen und ſich mit dem jun⸗ gen Mann auf den Fuß der Gleichheit zu ſtellen. Ein ſchwaches Lächeln fuhr gleich dem Schatten ſei⸗ ner Gedanken über ſeine Züge und verſchwand dann ſo ſchnell, wie es gekommen war. Aber Miran hatte es bemerkt und in einem Augenblick ſchüttelte er ſeine Schwäche ab und ſein Herz hüllte ſich in Stahl. „Sie werden mich begleiten;“ ſagte er,„Ihr Einfluß muß mir bei Ihrem Bruder zu Hilfe kom⸗ men und den Fortſchritten meines Nebenbuhlers bei Ihrer Nichte das Gleichgewicht halten.“ „Ein Nebenbuhler!“ rief Mowbray erſtaunt. „Wo hat denn beim Glück und ſeinen hundert Lau⸗ nen Ellen einen Liebhaber gefunden? Ich glaube, man empfängt wenig Beſuche in der Abtei?“ „Ein junger Mann, ein Bauer, ein Lümmel ohne Geburt, der ihr das Leben gerettet hat!“ mur⸗ melte der Indier ungeduldig.„Ueberlaſſen Sie ihn —. „Von ganzem Herzen; er wird in guten Händen ſein. Aber welches iſt der Name dieſes modernen Cymon?“ „Henry Aſhton, der Neffe eines der Hinterſaſſen von Sir William Mowbray.“ Der Oberſt erblaßte ſchrecklich; dann trieb ihm der Zorn das Blut in den Kopf. „Was!“ rief er,„meine Nichte, die Erbin des Generals de Vere ſollte ſich ſo weit erniedrigen, 151 auf die Liebe des Neffen von ihres Oheims Pächter zu hören! Unmöglich! Kann mein Bruder ſo ſehr vergeſſen, was er der Ehre ſeines Namens ſchuldig iſt, ſo iſt es Zeit, daß ich mich deſſen erinnere! Ich halte zu Ihnen mit Leib und Seele; Sie können über mich verfügen!“ „Denken Sie, daß wir zum Ziele kommen?“ Der Oberſt lächelte beinahe verächtlich bei dieſer Frage. Er hatte Hilfsmittel, an welche Miran nicht dachte. „Gewiß!“ antwortete er. „Führen Sie es alſo aus,“ ſagte Miran mit vor Aufregung zitternder Stimme,„und an dem Tage, wo meine Wünſche gekrönt werden, an dem Tage, wo ich Ellens Gatte werde, gebe ich Ihnen nicht nur den ſchrecklichen Beweis Ihrer Schmach zurück, ſondern mache Sie noch zu einem reichen Mann.“ Mowbray war überraſcht. „Ich bedarf keines Vermögens mit meiner Frau,“ ſetzte der Indier hinzu.„Ihre Schönheit iſt für mich ein genügendes Heirathsgut. All' ihr Vermö⸗ gen, oder wenigſtens eine gleichmäßige Summe wird Ihnen ſein.“ „Die Sache iſt abgemacht,“ ſagte der Oberſt, ihm die Hand reichend, welche Miran dießmal ohne Widerſtreben nahm, ſo ſehr war er von dem Reſultat dieſer Unterredung befriedigt;„betrachten Sie Ellen, als wenn ſie bereits die Ihrige wäre.“ Mit dieſen Worten ſchieden ſie. Fünfzehntes Kapitel. Die Bildergallerie von Carrow⸗Abbey war ein großes, gut beleuchtetes Gemach, welches die ganze Länge des öſtlichen Flügels einnahm. Die Bildniſſe der Glieder der Familie Mowbray waren ſorgfältig erhalten. Die Wände zeigten im Gemälde die Ge⸗ nealogie eines Stammes, der ſeit einer langen Reihe von Jahrhunderten die weit ausgedehnten und frucht⸗ baren Ländereien der Umgegend beſaß. Ellen fand ein Vergnügen daran, in dieſem Ge⸗ mach umherzugehen und zu träumen. Sie machte daſelbſt Bekanntſchaft mit den Todten, welche aus ihren vergoldeten Rahmen heraus ihre junge, ſchöne Enkelin anzulächeln ſchienen. Jarmy, die würdige alte Haushälterin, begleitete ſie oft in die Gallerie. Sie war in der Geſchichte des Hauſes bewandert wie eine Chronik; ſie wußte alle von den Dienern geſammelten Traditionen und konnte über die ver⸗ ſchiedenen Zweige der Familie Mowbray ſeltſame und intereſſante Details erzählen. Ellen hatte oft am Ende der Gallerie ein mit einem ſchwarzen Sammtvorhang bedecktes Gemälde bemerkt und der in den Falten angehäufte Staub bewies, daß man ihn ſelten oder niemals aufzog. Ein⸗ oder zweimal war ſie auf dem Punkte geweſen, Jarmy zu fragen, was dieß für ein Portrait wäre, und warum dieſer ſonderbare Schleier es verhülle; aber die alte Dame wandte ſich immer ab, oder be⸗ gann eine lange Geſchichte von Liebe und Abenteuern 153 irgend einer lächelnden Dame oder eines Eiſen⸗ geharniſchten Ritters, deren Bilder am andern Ende der Gallerie ſich befanden. Wiederholte Verſuche hatten ſie überzeugt, daß eine beſtimmte Frage ge⸗ macht werden mußte, wenn ſie ihre durch dieſen Umſtand ſo natürlich erregte Neugierde befriedigen wollte. Am Morgen des Tags, wo Henry Aſhton von London zurückgekommen war, ging die Waiſe in der Gallerie auf und ab, wie gewöhnlich von der Haus⸗ hälterin und der Aya begleitet, als ſie wieder dem geheimnißvollen Portrait gegenüber zu ſtehen kam. Sie hielt einen Augenblick an, und ſtreckte dann, wie von einem unwiderſtehlichen Antrieb geleitet, die Hand aus, um den Vorhang wegzuziehen. Eine zitternde Hand legte ſich auf ihren Arm: die Hand der alten Jarmy. „Rühren Sie nicht an, Miß Ellen!“ murmelte ſie,„rühren Sie nicht an, ich bitte Sie.“ „Warum nicht?“ „Sir William hat verboten, dieſes Portrait zu ſeinen Lebzeiten zu enthüllen, und ich bin überzeugt, Sie werden ihm nicht ungehorſam ſein wollen.“ „Ich müßte ſehr undankbar ſein, wenn ich an ein ſolches Vorhaben denken könnte; aber ich darf Sie wenigſtens fragen, welches Bild unter dieſem Schleier verborgen iſt?“ „Das ſeiner Geinahlin,“ ſagte die Haushälterin mit leiſer Stimme. Das Mädchen erröthete. Wiewohl noch ſehr jung bei ihrer Abreiſe von Indien, hatte ſie doch von der Urſache reden hören, wodurch ihr Oheim be⸗ ſtimmt worden war, ſich aus der Welt zurückzuziehen. „Und das ſeines Sohnes,“ ſetzte Mrs. Jarmy hinzu.„Dieſes Gemälde wurde gemacht, als ſie zum letzten Mal nach der Abtei kam. Wer hätte jemals gedacht, daß eine ſo ſchöne Perſon ſo tief ſinken könnte? Sir William liebte ſie leidenſchaftlich.“ „Aber der Verführer?“ „Verdiente ebenſo wenig mit meinem armen Herrn verglichen zu werden, wie die Nacht mit dem Tage. Es war ein weichlicher, weibiſcher, junger Mann, mehr geeignet zum Pagen, als Liebhaber einer edlen Dame. Was ſein Benehmen noch nieder⸗ trächtiger machte, war die Freundſchaft, womit Sir William ihn beehrte, und das Vertrauen, das er in ihn ſetzte. Er behandelte ihn mehr wie einen Bru⸗ der, denn wie einen Fremden; er ſäete Wohlthaten und erntete nichts als Undank; ſo geht es in der Welt!“ in ſ Die dankbare Waiſe konnte ſich nicht entſchließen, ſie ihre Tante oder Lady Mowbray zu nennen. „Ah! das iſt eben das Seltſamſte! Nie liebte eine Mutter leidenſchaftlicher ihr Kind; nie ſchien eine Gattin einem nachſichtigen Mann mehr zuge⸗ than. Halten Sie mich nicht für anmaßend, Miß Ellen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ſie wie meine eigene Tochter liebte! Gott weiß, daß ihre uner⸗ klärliche Flucht mehr als ein Herz beinahe brach!“ Die Thränen, welche die Wangen der alten Haushälterin benetzten, zeugten von der Aufrichtig⸗ keit ihrer Worte. 155 „Nie war,“ fuhr ſie ſchluchzend fort,„eine ſolche Schmach auf die Familie gefallen. Ohne Zweifel hat man ſeltſame Dinge auf Rechnung von Lady Sara erzählt, deren Mann Geſandter im Haag unter der Regierung Georgs des Erſten war; aber Niemand hat ihnen Glauben geſchenkt; denn bei ſeiner Rück⸗ kehr empfing der Diplomat ſeine Gemahlin mit der größten Liebe. Aber ihr Glück dauerte nicht lang; die arme Lady ſtarb bald darauf.“ „Welches iſt das Portrait von Lady Sara?“ fragte Ellen. Die Haushälterin antwortete, es befinde ſich nicht in der Gallerie, ſondern im Schlafzimmer des Mäd⸗ chens, da deſſen Urgroßvater, Sir Richard Mowbray, den Anblick dieſes Bildes nicht ertragen konnte und deſſen Entfernung befohlen hatte. „Vielleicht hatte er ſeine Gründe dazu,“ ſagte die Aya. Mrs. Jarmy erröthete bis an die Haarwurzeln, ſo ſehr intereſſirte ſie ſich für die Ehre der Familie. „Das iſt eine niedrige Verleumdung!“ rief ſie, „die ſpäter durch ſeinen Feind und Nebenbuhler, Lord Nugent, verbreitet wurde. Lady Sara's Tod war plötzlich; aber der Leichnam wurde wieder her⸗ ausgenommen und von den erſten Aerzten unterſucht, und die Unſchuld ihres Gatten deutlich ans Licht gebracht. Ich war damals ein kleines Mädchen: aber ich erinnere mich alles deſſen, als ob es erſt geſtern geſchehen wäre.“ „Ihr Gatte war alſo doch beargwohnt worden?“ ſagte die Aya mit ironiſchem Lächeln. 156 Die Haushälterin war zu empört, um eine Ant⸗ wort zu geben. „Haben Sie den Leichnam geſehen?“ fragte die Ayo. Die alte Frau nickte kalt, um zu verſtehen zu geben, daß ſie ihn geſehen hatte. „Haben Sie das linke Ohr bemerkt?“ Dieſe ſo einfache Frage machte eine außerordent⸗ liche Wirkung auf Mrs. Jarmy. Ihre Phyſiognomie verkündete eine furchtbare Aufregung, und ſie wäre zu Boden gefallen, hätte Ellen ſie nicht am Arme genommen, um ſie zu einem Seſſel zu führen. „Schnell ein Glas Waſſer!“ ſagte Ellen zu ihrer Amme. Dieſe ging mit einem ſpöttiſchen Lächeln auf den Lippen weg. Ellen konnte weder von der Haushälterin, noch der Amme eine Erklärung erlangen. Die erſte gab an, von der Hitze ſei ihr unwohl geworden; aber von dieſem Tage an vermied ſie ſorgfältig alle Be⸗ ziehungen zu der Aya und redete nie mehr vor ihr von der Geſchichte der Familie Mowbray. Dieſes Gefühl des Mißtrauens theilte ſich allmälig auch dem übrigen Hauſe mit und die Indierin fand ſich zuletzt völlig iſolirt in der Abtei, ein Umſtand, den ſie nicht im Mindeſten bedauerte, denn er verſchaffte ihr die Freiheit, ihren eigenen Neigungen ſtillſchwei⸗ gend und ohne bemerkt zu werden, nachzugehen. Die Scene in der Gemäldegallerie hätte ohne Zweifel einen tiefern Eindruck auf die Waiſe gemacht, wäre Henry Afhton nicht angekommen. Sie hatte ſeine Rückkehr ängſtlich erwartet; denn das Geheimniß 157 laſtete gleich einem Verbrechen auf ihrem Herzen. Jedes Wort, jeder Blick des Wohlwollens von ihrem Oheim ſchien ihr ein Vorwurf.„Es bedarf keiner Verheimlichung,“ ſprach ſie hundert Mal bei ſich während ſeiner Abweſenheit;„die Verheimlichung macht das Uebel nur verwickelter, und das Uebel iſt gewiß Henry's Herzen eben ſo fern, wie dem meinigen!“ Ellen hatte Recht; ihr Mädchen⸗Inſtinct täuſchte ſie nicht. Ein edles und vollſtändiges Vertrauen mußte ihnen die Sympathie eines ſo offenen Characters, wie der des Baronets, gewinnen; und wenn ſelbſt die Vorurtheile der Welt, die Rückſichten des Ranges und Vermögens ihn beſtimmten, ihre Zuneigung zu mißbilligen, ſo würde ſein Tadel doch der eines theilnehmenden Freundes ſein. Der Abend war beinahe eingebrochen, als Henry Gelegenheit fand, mit Ellen allein zu reden. „Ich bin getäuſcht worden,“ ſagte er in Erwide⸗ rung auf ihre Fragen,„bitter getäuſcht worden in den Reſultaten meines Beſuchs in London. Mein Vater hat ſeinen Agenten gut gewählt, denn Sir James Grant iſt eben ſo gefühllos wie er. Ich konnte von ihm keinen Nachweis weder über die Gegenwart, noch die Vergangenheit erhalten. Ich muß mir ſelbſt Bahn in der Welt brechen, allein und ohne Unterſtützung.“ „Sie zweifeln nicht an dem Erfolg?“ ſagte das Mädchen, indem ſie ihn mit Liebe und Vertrauen, anſchaute. „Eine Stunde wird darüber entſcheiden.“ „Eine Stunde?“ 158 Jo, theure Ellen; denn in dieſem kurzen Zeit⸗ raum werde ich erfahren, was ich von Sir William Mowbray zu hoffen oder zu fürchten habe.— Er ſoll Alles wiſſen. Würde ich ihm länger meine Liebe zu ſeiner Nichte verbergen, ſo müßte ich mich ver⸗ achten; noch mehr, ich gäbe ihm das Recht, mich zu verachten. Ich kann die Gaſtfreundſchaft, die er mir gewährt, den Antheil, den er an meinem Glück ge⸗ nommen hat, nicht mit Verheimlichung entgelten. Es darf kein Schatten von Verdacht zwiſchen meiner Ehre und dem Urtheil, das er darüber fällen kann, beſtehen. Sie tadeln mich doch nicht, Ellen?“ „Sie tadeln!“ rief die Waiſe voll Bewunderung für den edeln und männlichen Entſchluß ihres Ge⸗ liebten.„Ich kann Ihnen nicht ſagen, Henry, um wie viel theurer Sie dieſer Entſchluß meinem Herzen macht, denn er verwirklicht Alles, was ich von Ihrer Ehre und Rechtſchaffenheit erwartete. Mein Onkel wird, oder ich müßte ſeinen Character ſchlecht kennen, nicht taub bleiben gegen die Stimme ſeines Herzens, und ich bin überzeugt, ſie wird zu unſern Gunſten reden.“ „Wenn unſere Liebe ihm mißfiele, wenn unſere Hoffnungen getäuſcht werden ſollten,“ rief der junge Mann,„und wenn ich an die Ungleichheit denke, die zwiſchen uns beſteht, ſo wage ich kaum, meinem allzu leichtgläubigen Herzen mit einem ſchwachen Hoffnungsſchimmer zu ſchmeicheln!“ „Wir wollen warten,“ fiel Ellen ein, ſänft ihre Hand auf Henry's Arm legend,„und wollen mit um ſo mehr Geduld warten, da wir recht gehandelt haben. Es iſt möglich, daß mein Onkel die Prüfung 159 der Zeit und vielleicht ſelbſt der Abweſenheit ver⸗ langt, um ſich von der Aufrichtigkeit unſerer Liebe zu überzeugen; wenn dem ſo iſt, wollen wir uns geduldig ſeiner Entſcheidung unterwerfen; aber ich kenne ihn zu gut, um nur einen Augenblick zu fürchten, daß er uns zu einer ewigen Trennung ver⸗ urtheilt!“ Es wurde endlich ausgemacht, Henry ſollte noch dieſen Abend Sir William Mowbray ſehen. Bei der Rückkehr des jungen Paares nach der Abtei, denn dieſe Unterredung hatte auf dem Spa⸗ ziergang ſtattgefunden, fragte Henry den alten Martin, der unter der epheubedeckten Vorhalle ſitzend dem Sonnenuntergang zuſah, wo Sir William Mowbray wäre. „In der Bildergallerie,“ ſagte der Alte lächelnd. „Er bringt gewöhnlich eine Stunde Abends daſelbſt zu.“ „Wie weyde ich das Reſultat Ihrer Unterredung erfahren?“ fragte Ellen leiſe. Ihr Geliebter beſann ſich einen Augenblick. Sein Blick fiel auf eine prächtige Camelia, welche ſie am Buſen trug. „Geben Sie mir dieſe Blume,“ ſagte er, und ſeine Augen baten beredter darum, als ſeine . Die Waiſe gab ſie ihm lächelnd. „Wenn Sir Williams Herz auf meinen Anruf antwortet, wenn einige Hoffnung auf ſeine Zuſtim⸗ mung bleibt, ſo werde ich ſie Ihnen durch Martin zurückſchicken, wo nicht, ſo werde ich ſie als Pfand 160 meiner Treue bewahren, bis wir uns ſpäter wieder⸗ ſehen.“ „Ja, Herr Henry,“ antwortete der alte Bereiter, „ich werde warten, und wenn es bis Mitternacht ſein ſollte, bis Sie mit Sir William zum Ende ſind. Sie könnten keinen beſſern Ort zur Unter⸗ redung mit ihm finden, als die Bilder⸗Gallerie.“ „Warum?“ „Weil ſein Herz ſich daſelbſt immer wie das einer Frau erweicht. Ich kann Ihnen den Grund davon nicht ſagen; nur eine gottloſe Zunge ver⸗ räth die Geheimniſſe ihres Herrn. Aber ich wieder⸗ hole es, Sie könnten keinen beſſern Ort finden. Er behält daſelbſt nichts von dem Stolz der Mow⸗ bray!“ Ellens Oheim ging wirklich nach ſeiner Gewohn⸗ heit in der alten, von zwei oder drei Lampen ſchwach erleuchteten Gallerie auf und ab. Es war ſeine Lieblingsſtätte, wenn er allein bleiben wollte, um zu träumen; und man kannte ſeine Gemüthsſtimmung zu gut, als daß Jemand ihn dort zu ſtören wagte. Der Baronet hörte alſo nicht ohne einiges Er⸗ ſtaunen an die Thüre klopfen. Er glaubte anfäng⸗ lich, ſein Ohr habe ihn getäuſcht; doch hielt er end⸗ lich an, um zu horchen. Das Geräuſch wiederholte ſich ein wenig ſtärker. „Herein!“ rief Sir William. 5. Einen Augenblick darauf ſtand Henry Afhton vor ihm. Das Geſicht des Jünglings war bleich; 3 doch bewies die feſte Stimme, womit er den Baronet anredete, daß er allen ſeinen Muth für die Auf⸗ le — — 161 die er ſich auferlegt, zuſammengenommen atte. „Iſt Etwas vorgefallen?“ fragte ſein Wirth, nicht weniger betroffen von ſeiner Gegenwart in dieſem Gemach, als von der Bläſſe ſeiner Züge. „Sir William,“ ſprach der Jüngling,„ich komme, um Ihnen aller Wahrſcheinlichkeit nach für immer Lebewohl zu ſagen!“ „Wie!.. haben Sie ſich entſchloſſen, England zu verlaſſen?“ „England nicht, aber meine Heimeth.“ Der Einſiedler ſchwieg ſtill. Es lag in Henry's Ton Etwas, was ihm ſagte, der junge Mann habe nicht ohne Anſtrengung dieſen plötzlichen Entſchluß gefaßt, und er ſuchte vergeblich, den Beweggrund davon zu errathen. Seit ihrem erſten Zuſammen⸗ treffen empfand er ein lebhaftes Intereſſe für das Glück deſſen, der ſo kühn das Leben ſeiner Nichte gerettet hatte; es war ihm allmälig zur Gewohn⸗ heit geworden, ſich in ſeiner Geſellſchaft zu gefallen, zur Entwicklung ſeines Geiſtes beizutragen. Es iſt alſo nicht zu verwundern, daß der Gedanke an ſeine Trennung ihm peinlich war. „Darf ich Sie nach der Urſache dieſer Entfernung fragen?“ „Ich bin unglücklich hier! Seitdem ich Sie und Ihre Nichie, Miß de Vere, kennen gelernt habe, bin ich nicht mehr mit meiner niedrigen Stellung zufrieden.“ „Sie haben Ehrgeiz!“ ſagte der Baronet lächelnd. Die Abtei Carrow. 1. 11 162 „Beurtheilen Sie mich nicht ſo unrichtig! Die Beklemmungen, welche ich leide, kommen von einer edlern Leidenſchaft, der Liebe.“ Die Schuppen ſielen von Sir Williams Augen, und er erkannte ſogleich, wie ſchuldig er ſich ge⸗ macht hatte, die Beziehungen zweier Weſen zu au⸗ toriſiren, die ſo ganz geſchaffen waren, ſich zu ſchätzen und zu lieben. Henry ſtand vor ihm wie ein Ver⸗ brecher, der ſein Urtheil erwartet. „Armes Kind!“ murmelte der Baronet,„armes Kind!“. Doctor Orme hatte daſſelbe geſagt, als die Ge⸗ ſchwätzigkeit ſeiner Haushälterin ihn zuerſt von der Gefahr ſeines Zöglings in Kenntniß geſetzt hatte. „Ja,“ fuhr der junge Mann fort,„tadeln Sie mich, jagen Sie mich von ſich, wenn Sie wollen. Es iſt mir lieber, als der Vorwurf, Sie zu täuſchen, Ihre edle Gaſtfreundſchaft anzunehmen, und mich erniedrigt, Ihres NMitleids und Ihrer Achtung un⸗ würdig zu finden. Ich liebe Ellen! Sie können die ganze Energie dieſer Worte, die Ergebenheit des Herzens und der Seele, den Entſchluß, mich der⸗ ſelben würdig zu machen, verſtehen.“ „Und Ellen?“ „Sie liebt mich!“ rief Henry mit Begeiſterung; „ihre edle Natur hat ſich nicht Zeit genommen, die Klugheit oder die Meinung der Welt um Rath zu fragen. Sie liebt mich trotz meiner niedrigen Ge⸗ burt, und das adelt mich! Ich bitte Sie nicht, zu unſerer Liebe zu lächeln; aber ich beſchwöre Sie, ich flehe Sie an, Ihren Zorn zu ſuſpendiren, bis ich mit der Welt gerungen, bis ich ihr einen Namen — 163 entriſſen habe, den ſie ohne Erröthen tragen kann. Unſere Herzen ſind vereint; Sie ſind zu gut, um ſie zu trennen. Ich beſchwöre Sie darum, gewähren Sie mir Zeit, mich der Gunſt, um die ich bitte, würdig zu zeigen.“ Bleich und keuchend vor Erregung hielt der junge Mann mit flehender Miene die Augen auf Sir William gerichtet, von deſſen Mund er das verhängnißvolle Urtheil erwartete, das ihn der Ver⸗ zweiflung überliefern oder ſein Herz mit ſchönem, freudigem Leben erfüllen ſollte, einem Leben, welches die Hoffnung in jenen goldenen Träumen malt, welche den Schlummer der Liebenden heimſuchen⸗ Es verfloßen einige Augenblicke, ehe der Baronet ſich entſchließen konnte, die harten und kalten Worte auszuſprechen, welche dieſe ſchönen Illuſionen zer⸗ ſtreuen ſollten. Seine Stimme zitterte, ſeine Miene athmete Güte, als er ſie endlich ſagte; denn Rie⸗ mand wußte beſſer als er, wie ſchmerzlich die Qualen einer getäuſchten Liebe ſind. „Henry!“ ſagte er,„ich wage nicht auf meine Gefühle oder die Eingebungen meines Herzens zu hören; ich wage nicht, Ihnen eine Hoffnung zu geben, welche ſich nicht verwirklichen kann! Ich habe Pflichten gegen das Andenken meiner Schweſter, gegen den Namen, den ich trage, gegen die Mei⸗ nung der Welt. Nie kann Ellen...“ „O! reden Sie nicht weiter!“ fiel der Liebende außer ſich ein.„Die Vernunft ſagte mir, daß es ſo geſchehen würde, aber ich hoffte gegen die Ver⸗ nunft. Sie haben noch nicht die Hälfte von dem gehört, was ich ſagen wollte. Ihre Abweiſung „ 164 wird mich zum Grabe verurtheilen. Erinnern Sie ſich auch, daß Ihre Güte, die warme Theilnahme, die Sie mir bezeugt haben, mich zuerſt die Ver⸗ wirklichung meiner Träume in der Ferne erblicken ließen.“ das ein Vorwurf?“ ſprach Sir William ſanft. „Nein, aber eine Bitte. Sie können dieſelbe unmöglich verweigern! Ich bitte nicht um Ihre Einwilligung; ich flehe nur um Ihre Geduld. Die Welt hat ſo viel Wege, welche zu Ehren führen, daß ich nicht ſcheitern kann, wenn ich ein ſo ſüßes Licht zum Führer habe!“ „Es wäre klüger, die Heilung der Wunde zu verſuchen, ſo lang ſie noch friſch iſt,“ erwiderte der Einſiedler mit traurigem Ton.„Die Zeit thut Wun⸗ der an den Herzen.“ „Nicht, wenn ſie gebrochen ſind. Aber Sie haben nie geliebt!“ Der junge Mann hatte, ohne es zu wiſſen, eine jener Saiten berührt, deren Vibrationen zum Wahn⸗ ſinn bringen können, und er fuhr zuſammen, er⸗ ſchreckt über den Sturm, den er hervorgerufen hatte. „Ich nie geliebt!“ rief der Baronet mit einem Lachen, das die eingeſchlafenen Echo's der Gallerie weckte.„Kind, die Flamme, welche die Unſinnigen als einen Funken des göttlichen Feuers darſtellen, hat in meinem Herzen gebrannt, um es in Aſche zu verwandeln, und ſie brennt noch daſelbſt. Das Gebet kann ihre Qualen nicht ſtillen, die Vernunft nicht mildern. Der Wahnſinn hat mit ihr ge⸗ 1 165 rungen und iſt beſiegt worden. Der Liebende kann, getrennt von dem Gegenſtand ſeiner Liebe, einige Erleichterung in der Abweſenheit finden; es bleibt in ſeinem Herzen noch ein grüner Platz für die Freuden des Lebens. Aber, mein Gott! die Beängſtigungen eines zerriſſenen Herzens, das liebt und verrathen worden iſt, welche Freude kann ſie erleichtern, welches friſche Lüftchen ſie einſchläfern!“ „Verzeihen Sie mir!“ ſprach Henry Aſhton mit erſtickter Stimme, beunruhigt durch die zunehmende Heftigkeit des Baronets, deſſen Augen in ſchrecklichem Glanze leuchteten. Sir William nahm den jungen Mann am Arm oder zog ihn vielmehr wie ein Kind an das obere Ende der Gallerie, wo ſich das Portrait ſeiner Frau und ſeines Kindes befand. Er zog raſch den Vor⸗ hang, der es verhüllte, hinweg und zeigte ihm das Gemälde, das eine wunderbar ſchöne Frau mit einem Kind in den Armen darſtellte. „Ich predige nicht, was ich nicht in Ausführung zu bringen weiß! Sie ſehen hier das Bild von Allem, was ich einſt beſaß, von Allem, was die Welt mir geraubt hat: Frau, Kind, Ehre. Die Gattin, die ich liebte, hat mich verlaſſen; ſie hat mir Herz und Stirne mit dem Brandmal unaus⸗ ſprechlicher Schande bezeichnet; ſie hat mich zum Geſpötte der Weltkinder und der Narren gemacht. Dann hat ſie, um mein Unglück voll zu machen, mir mein Kind geraubt, den Stolz meines Herzens, mein Kind, das mir lieber war als das Leben, den Erben meines Vermögens und meines Namens; ſie hat mich zu einem elenden, einſamen Daſein ver⸗ 166 urtheilt, und wenn die Stunde meines Todes kommt, habe ich keine Kindeshand, um meine letzten Augen⸗ blicke zu verſüßen.“ „Ihre Leiden ſind wahrhaft ſchrecklich geweſen,“ ſagte Henry;„doch bleibt Ihnen ein Troſt!“ Sir William ſchaute ihn mit unglaubiger Miene an. „Der, daß ſie unverdient ſind,“ ſetzte der junge Mann hinzu. „Mein armes Kind!“ fuhr der Einſiedler fort, ohne auf dieſe Worte zu achten;„es iſt fremder Sorge überlaſſen worden, beraubt der Liebe eines Vaters, welcher über dieſe zarte Pflanze gewacht, der ſeinen Geiſt gebildet, aus ſeinem Herzen das giftige Unkraut geriſſen hätte, welches die Leiden⸗ ſchaften in den fruchtbarſten Boden ſäen.“ Ein plötzlicher Gedanke erhellte Henry Aſhtons Geſicht: der edle Entſchluß, den er eben gefaßt hatte, glänzte in ſeinen Augen. „Sir William!“ rief er,„verzeihen Sie mir dieſe Frage; um Nichts in der Welt möchte ich Sie betrüben; aber ich habe einen mächtigeren Beweg⸗ grund, als die Neugierde: haben Sie niemals eine Spur von Ihrem Sohn entdeckt?“ „Niemals.“ „Sein Alter?“ „Achtzehn Jahre. Ich folgte der Mutter und dem Verführer bis nach Rom. In dieſer Stadt angekommen, ſtieg mir das Fieber, welches das Herz verzehrte, in's Gehirn und ich wußte Wochen lang nicht, was um mich vorging. Als ich wieder ge⸗ nas, war es zu ſpät; die Treuloſen, Frau und 5 167 Freund, waren der Rache des beſchimpften Gatten entflohen, und ſeitdem habe ich nie Etwas erfahren, was mich auf die Spur leiten oder mir einige Kenntniß von dem Schickſal meines verlorenen Soh⸗ nes verſchaffen könnte!“ „Ich werde ihn wieder finden!“ rief Henry feſt. „Ich weihe Leib und Seele dieſem Unternehmen. Schon lang ſeufze ich nach einem Gegenſtand, wür⸗ dig, meine unruhige Energie zu beſchäftigen; ich habe ihn endlich entdeckt! Ja! Sir William, Sie werden noch Ihren beweinten Sohn umarmen, wenn anders meine Aufgabe nicht über den Muth und die Beharrlichkeit eines Menſchen geht.“ Der Baronet erröthete und erbleichte wechſels⸗ weiſe, während der junge Enthuſiaſt redete. „Welchen Lohn verlangen Sie?“ ſagte er. „Denken Sie nicht ſo ſchlecht von mir, um mich fähig zu halten, mein Glück dem Schmerz eines Vaters auszupreſſen.“ „Edles Kind!“ erwiderte der Einſiedler.„Was iſt Stolz, Vermögen und die Meinung der Welt, die ich verachte, in Vergleich mit Deinen Tugenden? Gib mir meinen Sohn wieder, und mein Segen ſoll, wenn, wie ich hoffe, Ellens Herz nicht ver⸗ ändert iſt, zu Eurem Glück nicht fehlen!“ Der Liebende empfand eine allzu lebhafte Dank⸗ barkeit, als daß er ſie in Worten hätte ausdrücken können; er wollte die Hand des Baronets küſſen, aber dieſer drückte ihn an ſein Herz. Dieſe edeln Charactere waren gemacht, ſich zu verſtehen und zu lieben. Noch dieſe Nacht wurde die Blume, um welche 168 Henry Aſhton den Gegenſtund ſeiner Liebe gebeten hatte, Ellen zurückgegeben; und das liebenswürdige Mädchen ſchlief, dieſelbe küſſend, ein. Sechzehntes Kapitel. Als Henry Aſhton die Gallerie nach ſeiner Unterredung mit dem Baronet verließ, war er trunken von Hoffnung, dieſem Wein des Herzens. Die Zukunft hatte ihre Schatten verloren und er⸗ ſchien ihm als lauter Klarheit. Er ſah einen Gegen⸗ ſtand vor ſich, ein Ziel, um ſeine Beſtrebungen darauf zu richten und einen edeln Dank zu ge⸗ winnen. Er ſuchte alſo mit elaſtiſchem, freudigem Schritt am andern Tage Ellen am Ufer des kleinen See's auf, um ihr zu erzählen, wie Sir William ſein Ge⸗ ſtändniß aufgenommen hatte. Aber als er ſich der Geliebten näherte, konnte er nur ihren Namen flüſtern und ihre Hand an ſeine Lippen führen. Beide ſchwiegen anfänglich ſtill, denn ihre Herzen bebten vor Glück. Aber allmälig ſetzte Henry Miß de Vere alle die Umſtände jener merkwürdigen Unterredung aus einander. Als er geendet hatte, ſagte Ellen mit halb erſtorbener Stimme: 169 „Aber wenn Sie den verlorenen Erben nicht fänden?“ „Ihn nicht finden! Ha!“ rief er,„und wenn er im Mittelpunkt der Erde verborgen wäre, wenn ich einen ſolchen Stern zum Führer habe, ſollte ich ihn nicht finden? Beim Himmel! Ellen, meine Freude, ſeinem edeln, hochherzigen Vater ihn zurückzugeben, kann nur der nachſtehen, welche ich bei dem Gedanken empfinde, daß ich eines Tags Sie die Meinige nennen werde!“ Ueber eine Stunde irrten die Liebenden am Ufer des See's herum, deſſen murmelnde Quellen ihnen die himmliſche Melodie, welche ihre Herzen erfüllte, zu wiederholen ſchienen. Allerdings mußten Jahre vergehen, ehe ihr Liebestraum in Erfüllung gehen konnte, aber deßhalb beunruhigten ſie ſich nicht. Zwei jungen Wanderern ähnlich, welche die Dome und Spitzen der fernen Stadt, nach der ſie ihre Schritte wenden, von der Sonne vergoldet ſehen, dachten ſie nicht an die Schluchten und Abgründe, welche ſie davon trennen, noch an die Dornſträuche, welche ihnen den Weg verſperren. Als ſie in der Abtei ankamen, ſagte ihnen Mrs. Jarmy, Sir William erwarte ſie in der Bibliothek. Sie fanden ihn daſelbſt mitten unter ſeinen Büchern ſitzend, das Geſicht noch bleich von der Bewegung des vorangehenden Abends. Er empfing Henry Aſhton mit Güte, aber ernſter Miene; er bezeugte Ellen alle Zärtlichkeit eines Vaters, welcher das zitternde Bekenntniß der erſten Liebe ſeines Kindes empfängt. „Ellen!“ ſprach er, als das Mädchen ſich ihm * 170 an den Hals warf, um ſein Erröthen an deſſen Schulter zu verbergen,„Ellen, Du liebſt dieſen Jüngling?“ Ein Ja, ſo ſchwach wie der Hauch des Zephyrs, war ihre Antwort. „Es gibt einen zweifachen Adel,“ fuhr der Ein⸗ ſiedler fort,„den der Geburt und den der Natur. Ich ſchätze beide; aber wie die Werke Gottes den Werken der Menſchen überlegen ſind, ſo tragen die Eigenſchaften des Herzens und Geiſtes, edles Stre⸗ ben, erhabene Hoffnung, Ehre, Liebe zur Tugend und Wahrheit bei mir über den Zufall des Namens und Blutes den Sieg davon. Die Eigenſchaften beſitzt Henry, und ich habe ihm Deine Hand unter einer Bedingung verſprochen.“ „Theurer, guter Onkel!“ „Mein edelmüthiger Wohlthäter!“ „Jener Bedingung muß ich eine andere ſub⸗ ſtituiren. Die erſte war dem ſchwachen Herzen eines beſchimpften Vaters, ſeinem Kummer, ſeinen Hoffnungen entriſſen; ſie war Henry's und meiner unwürdig. Die, welche ich Ihnen jetzt ſtelle,“ ſetzte Sir William mit traurigem Lächeln hinzu,„unter⸗ wirft Ihr Glück nicht einem reinen Zufall. Zeigen Sie ſich Ellens würdig durch Ihre Aufführung in der Welt, treten Sie in eine nützliche, ehrenvolle Laufbahn ein.“ „Und welche kann ehrenvoller und nützlicher ſein, als die Aufgabe, all, die grauſamen Leiden wieder gut zu machen, welche Sie erduldet haben, Ihr gebrochenes Herz zu heilen, dadurch, daß ich Ihnen Ihren Sohn wieder gebe? Sir William, 171 Sie kennen nicht die Hälfte meiner Kräfte; Sie wiſſen nicht, wie viel Muth mir Liebe und Dank⸗ barkeit geben können, mit welcher geduldigen Aus⸗ dauer ich darnach trachten werde, das von Ihren Feinden angezettelte Complott zu entwirren. Die Hoffnung verſichert mir den Erfolg. Ihre Güte hat mich dermaßen gerührt, daß ich mich nur halb glücklich ſchätzen würde, wenn Etwas zu Ihrem Glück fehlte!“ „Gewähren Sie ihm ſeine Bitte, lieber Onkel!“ flüſterte Ellen.„Was iſt Ehre und Achtung der Welt neben der Freude eines Erfolges, welcher Ihr Herz von ſeiner Qual befreien, welcher das Lächeln auf Ihre Lippen zurückführen und Ihr Alter mit Freude krönen würde?“ „Vielleicht kann ich ihm einen Weg anzeigen, auf welchem er zu gleicher Zeit die Pflicht der Ehre und der Dankbarkeit erfüllen kann; aber es bedürfte eines Opfers.“ Unwillkürlich ſchauten die beiden Liebenden ſich an und laſen mit einem Blick ihr gegenſeitiges Ver⸗ trauen in das Wohlwollen und die Aufrichtigkeit des Baronets, ſo wie ihre Unterwerfung unter ſeine Wünſche. „Die Abweſenheit,“ fuhr er fort,„dieſe Prü⸗ fung, welche das Herz ſtärkt, welche das Gold des Herzens unberührt läßt und ſich nur mit der Legirung vereinigt.“ „Wir können ſie ertragen,“ ſagte Ellen mit feſter Stimme;„meine Liebe wird ſich niemals ändern.“ „Die meinige ebenſo wenig,“ ſetzte Henry mit 172 Wärme hinzu,„bis der Tod dieſes Herz, das Ihre Tugenden anbetet, erſtarrt hat. Ihr Bild iſt das erſte, das ſich hier eingeprägt hat; es wird das letzte ſein, das ſich hier verwiſcht.“ Wie wir im erſten Kapitel dieſer Geſchichte er⸗ wähnt haben, verlor Sir William Mowbray in Rom die Spur ſeiner ſchuldigen Gattin und des treuloſen Freundes, die ſeinem Glück einen ſo ſchrecklichen Schlag verſetzt hatten. Er ſtellte ſich alſo vor, nur in Rom könnte Henry jene Spur wieder auffinden. Wiewohl er ſich ſeit langer Zeit von der Welt zu⸗ rückgezogen hatte, verſchafften ihm doch natürlich ſein Rang und Vermögen einigen Credit, und er war überzeugt, leicht für ſeinen Schützling die Stelle eines Attaché bei einer Geſandtſchaft Italiens zu erhalten. Eine ſolche Bitte von einem Mann, deſſen Einfluß, wenn er ihn geltend machen wollte, die Wahlen der Grafſchaft entſcheiden mußte, duldete keine Verweige⸗ rung zu den Zeiten von Sidmouth und Caſtlereagh. Er ſchlug alſo Ellens Geliebten vor, in die diplo⸗ matiſche Carriöre zu treten, da ſie am geeignetſten war, ihn in der Welt vorwärts zu bringen. Sie gab ihm zugleich die Mittel, ſeinen Zweck zu ver⸗ folgen. Sie war vielleicht nicht diejenige, welche der junge Mann gewählt hätte; aber er empfand eine zu lebhafte Dankbarkeit gegen den Baronet, um nur einen Augenblick zu zögern, deſſen Vorſchlag anzunehmen. Seine Stimme zitterte ein wenig, als er ſeinen Wohlthäter fragte, wann er Carrow⸗Abtei verlaſſen müßte. „In einem Monat und vielleicht noch früher,“ antwortete Sir William. — —— ———————— 173 „In einem Monat!“ flüſterte der junge Mann Ellen in's Ohr, als er ihr Adien ſagte, nachdem ſie die Bibliothek verlaſſen hatten;„wir haben nur noch einen Monat dem Glück und der Liebe zu weihen!“ „Dankbarkeit und Fflicht werden ſie erſetzen,“ erwiderte das edle Mädchen, welche ſich alle Mühe gab, ihre Thränen zurückzuhalten. Und nach dem Pachthof ſich begebend, fragte ſich der Liebende, welche Aufnahme die Nachricht von ſeiner Abreiſe bei der Farmerin und ihrem Gatten finden würde. Was ſeine Liebe und die ſchöne Zukunft betraf, die ſich vor ihm öffnete, ſo hatte er durchaus nicht die Abſicht, darauf die ge⸗ ringſte Anſpielung zu machen. „Nein, Ellen,“ ſprach er bei ſich,„Niemand als Dein Oheim darf das Geheimniß unſerer Herzen kennen, bis zu dem Tage, wo Du, ohne zu er⸗ röthen, den Gegenſtand Deiner Wahl vor der Welt nennen kannſt. Er wird ſich des Glaubens, den er gefunden hat, würdig zeigen!“ Während dieſe Ereigniſſe vorfielen, war eine zahlreiche Geſellſchaft in Bungalore⸗Hall, der Be⸗ hauſung von Sir Jasper Pepper, dem reichen Director der oſtindiſchen Compagnie, verſammelt. Das Haus, ein ungeheures, aber unbequemes Gebäude, lag etwa ſieben Meilen von Carrow⸗Abtei. Es war von Sir Jaspers Vater, der ſein Glück in Indien gemacht hatte, errichtet worden, und bildete eine Nachahmung der italieniſchen Villen, deren Architectur zu dem veränderlichen Clima Englands durchaus nicht poßt. 174 Alles ſchien daſelbſt ſo traurig wie neu, denn das Geld, das mit Ziegeln und Steinen Wunder thun kann, vermag zum Unglück nicht viel mit den Bäu⸗ men. Sie müſſen Zeit haben, groß zu werden.. So erblickte man daſelbſt nicht jene düſtern Waldun⸗ gen, welche der Londſchaft Tiefe geben; es gab da⸗ ſelbſt weder rieſige Eichen noch ehrwürdige Ulmen, wie in dem Park von Sir William Mowbray. Dafür waren die Wege mit glänzendem Sand bedeckt und man ließ daſelbſt nicht ein ſchlechtes Gräschen treiben; die Staudengewächſe waren ſorg⸗ fältig beſchnitten; Vaſen ohne Blumen und Statuen von Gyps zierten den Raſen, in deſſen Mitte ſich ein Teich befand, mit dem Namen eines See's be⸗ ehrt, wo traurig einige ſeltene und unglückliche Gold⸗ und Silberfiſche herumſchwammen. Auf einem Inſelchen erhob ſich eine Pagode, unter der man eine Art Grotte ſah, die zwei unglücklichen Peli⸗ kanen, einem Geſchenk aus Indien von einem Freunde des Directors, zur Zufluchtsſtätte diente. Bungalore⸗ Hall war nicht die Hauptbeſitzung von Sir Jasper Pepper; aber da die andere in der nördlichen Graf⸗ ſchaft gelegen und folglich ſehr entfernt von der Hauptſtadt war, ſo hatte er nur ſelten Zeit, jene zu beſuchen. Unter der Geſellſchaft befanden ſich der General Bouchier und ſein Reffe, Miran⸗Hafaz und der Khan, Lady Harebell und ihre Tochter, ein College des Directors mit ſeiner Frau, Oberſt Mowbray und ſein Sohn Walter, ein junger Mann von zwanzig Jahren, der ebenſo ſehr die edeln Eigenſchaften, wie den Namen ſeines Stamms geerbt hatte. 175 Am Morgen ihrer Ankunft wurde Miran, wel⸗ cher europäiſches Coſtume angelegt hatte, zum erſten Mal Iſabelle vorgeſtellt, deren Schönheit ihn er⸗ griff, ſo ſehr er ſich Ellen zugethan glaubte. Die Manieren des jungen Fräuleins, welcher die Mutter ihre Lection einzuüben Sorge getragen hatte, be⸗ ſtärkten nur den Eindruck, den ihre Schönheit auf ihn machte. Der junge Indier behielt die meiſten Vorſtellun⸗ gen des Orients bezüglich der Frauen bei. Die Freiheit der Beziehungen, welche er zwiſchen den Geſchlechtern in England bemerkte, verletzte in ihm das Gefühl der Schicklichkeit. Der Walzer und die ausgeſchnittenen Kleider waren ihm ein Abſcheu er bekümmerte ſich nichts um eine Schönheit, die den Blicken der ganzen Welt ausgeſetzt war; es er⸗ innerte ihn allzu ſehr an einen Sclavenmarkt. Lady Harebell, von dem General berathen, hatte ihre Tochter demzufolge inſtruirt. So war Iſabelle faſt wie eine Nonne gekleidet, als der Nabob ihr vorgeſtellt wurde. „Was für ein liebenswürdiges Mädchen!“ ſagte Miran mit leiſer Stimme zu dem General. Und Iſabelle ſenkte ſchüchtern die Augen unter ſeinem Blick. „Ja,“ erwiderte der alte Burſche,„und ebenſo beſcheiden als ſchön.“ Capitän Herbert, der in der Nähe war, biß ſich in die Lippen und runzelte die Stirne. Er wollte nicht, daß ſeine Couſine von einem Andern als ihm bewundert werde, und doch war er entſchloſſen, Miß Pepper zu heirathen; aber die Männer ſind ſolche Egoiſten! Die Ungeduld Mirans, Ellen wieder zu ſehen, duldete keinen Aufſchub. Eine Stunde alſo nach dem Frühſtück brach er in Geſellſchaft des Oberſts, Walters und des Khans auf, der aus ihm bekann⸗ ten Gründen auf Beibehaltung orientaliſchen Coſtüms beharrte; die kleine Geſellſchaft nahm ihren Weg nach der Abtei von Carrow. Sir William war allein, als ſie ankamen; Ellen und ihr Geliebter machten ihren gewöhnlichen Spazier⸗ gang im Park. Wenn die beiden Brüder ſich keine große Zu⸗ neigung beim Wiederſehen bezeugten, ſo war ihre Begegnung wenigſtens herzlich, und dieß war Alles, was der Spieler hoffen konnte, denn ſein Gewiſſen ſagte ihm, daß er es nicht verdiente. Siebenzehntes Kapitel. Der Baronet ſah zum erſten Mal ſeinen Reffen Walter Mowbray, deſſen einfache Manieren und auf⸗ fallendes Aeußere einen günſtigen Eindruck auf ihn zu machen ſchienen. Man bemerkte an dem jungen Mann kein Beſtreben, zu glänzen oder zu gefallen; Alles an ihm war natürlich, wenn auch ein wenig 177 zurückhaltend; denn er begriff nicht, warum bei ihrer nahen Verwandtſchaft weder er, noch ſein Vater jemals in die Abtei eingeladen worden waren. „Ich konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, meine Nichte zu umarmen,“ ſagte der Oberſt, nach⸗ dem er die ihn begleitenden Perſonen vorgeſtellt hatte.„Walter wünſchte gleichfalls lebhaft, mit Dir und ſeiner Couſine bekannt zu werden; mein junger indiſcher Freund war der Genoſſe von Ellens Kindheit; ſo habe ich, wie Du ſiehſt, Bruder, keine Zeit zum Schreiben gehabt, um Dich auf meinen Beſuch vorzubereiten.“ „Das war nicht nöthig,“ erwiderte Sir William mit melancholiſchem Lächeln.„Du biſt immer ſicher, mich in der Abtei zu finden.“ Der Baronet hatte die verrätheriſche Röthe be⸗ merkt, womit das Geſicht ſeines Neffen in dem Augenblick ſich bedeckte, da der Oberſt auf deſſen Ver⸗ langen, ſeinem Oheim vorgeſtellt zu werden, an⸗ ſpielte. Die Thatſache war, daß Walter es ſorg⸗ fältig vermieden hatte, einen Wunſch in dieſer Be⸗ ziehung auszudrücken; ſeine ſtolze und empfindliche Natur bedauerte lebhaft die Gleichgültigkeit, womit er bis dahin von Sir William behandelt worden war; er ahnte nicht, daß es irgend einen Beweg⸗ grund zu ſeinem Betragen geben konnte. Miran war in tödtlicher Unruhe während der Unterhaltung, die bald allgemein wurde. Bei dem mindeſten Geräuſch fuhr er zuſammen und ſchaute forſchend nach den Fenſtern, von wo man in den Park ſah. Sein Herz wurde von Ungeduld und 12 Die Abtei Carrow. I. 178 Eiferſucht verzehrt; aber er wagte nicht, ſeinen Em⸗ pfindungen den Lauf zu laſſen; es lag in der Miene des Baronets eine Art kalter Majeſtät, welche ihm imponirte. „Dieſes Portrait,“ ſprach der Oberſt zu ſeinem Sohn, deſſen Aufmerkſamkeit auf einen van Dyk ihm gegenüber gerichtet war,„iſt das Deines erlauchten Vorfahren, Sir Richard Mowbray, der während der Bürgerkriege ein Commando unter Fairfax hatte.“ „Ich kenne ſeine Geſchichte,“ erwiderte der junge Mann,„und bewundere ſeinen Charakter nicht.“ „Warum nicht?“ fragte ſein Oheim. „Weil er Ruprechts Freund geweſen war, und weil er dem Prinzen geſagt hatte, die Leute, die er aushöbe, ſeien ſür den Dienſt des Königs, nicht des Parlaments. Nie kann meiner Anſicht nach die Treu⸗ loſigkeit einer guten Sache Glück bringen.“ „Sie ſind alſo der Meinung, daß die Sache des Parlaments eine gerechte war?“ bemerkte Sir Wil⸗ liam, der vielleicht das Urtheil und die Geſinnung ſeines Neffen prüfen wollte. „Im Anfang, ja.“ „Und der Tod des Königs?“ „War ein Verbrechen der beleidigten Menſchheit. Sein Unglück, noch mehr ſeine Krone machten ſeine Perſon geheiligt.“ Der Einſiedler lächelte mit beifälliger Miene. Es kam ihm vor, als würde er gern einen jungen Mann kennen lernen, dem in dem Fall, daß ſein Sohn nicht wieder gefunden würde, ſein Erbe wer⸗ den konnte. Hufſchläge von Pferden ertönten in der großen — 179 Sandallee, welche auf die Fagade der Abtei ſtieß, und zogen den Baronet und ſeine Beſucher an das Fenſter. Ellen und ihr Begleiter, von dem alten Martin gefolgt, näherten ſich raſch dem Hauſe. „Iſt das meine Couſine?“ fragte Walter Mow⸗ bray;„wie ſchön iſt ſie Miran machte keine Frage; ſein Herz ſagte ihm, daß es Ellen war, ehe er deren Züge zu erkennen vermochte. Als die Reiter an der Vorhalle anlangten, half der Baronet ſeiner Nichte abſteigen und ſtellte ſie dann ſeinem Bruder und ſeinem Reffen mit einem Gefühl des Stolzes und beinahe väterlicher Liebe vor. Als der Oberſt die Wange des hübſchen Mädchens küßte, runzelte der junge Indier die Stirne; er fand, daß dieß beinahe eine Entweihung wäre, aber ſein Aerger war noch eine Luſt in Vergleichung mit den Qualen, welche er litt, als Walter vermöge der Vetter⸗ ſchaft daſſelbe Privilegium in Anſpruch nahm. „Bin ich ganz und gar vergeſſen?“ fragte er auf ſie zutretend. „Miran, lieber Miran!“ rief Cuen, ihm beide Hände reichend.„Das iſt eeftihe eine unerwar⸗ tete Freude! Er iſt,“ ſetzte ſie zu Sir L William gewen⸗ det hinzu,„der Genoſſe meiner Kindheit geweſen; wir waren Freunde, und welche Freunde! So lang er in meiner Nähe war, habe ich nie gefühlt, daß mir ein Bruder fehlte!“ Das Geſicht des jungen Indiers erglänzte vor Freude. In dem Gluͤck, welches ſie empfand, ihn wiederzuſehen, hatte die einfache, offenherzige Ellen die Inſinuationen der Aya, die Qualen, welche 180 Miran ihretwegen erduldet, und die Erklärung, die man dieſem Empfang geben konnte, vergeſſen. Der Baronet verſtand ſie vollkommen; er überzeugte ſich aus der Freimüthigkeit ihres Benehmens bei dieſem Empfang, daß ſie für den Genoſſen ihrer Kindheit nie etwas Anderes als die Liebe einer Schweſter gehabt hatte. Nicht ſo war es mit Henry; die Liebe kann nicht kalt raiſoniren; zum erſten Mal fühlte er die bittere Beklemmung der Eiferſucht. Als Sir William ihn als Ellens Retter vor⸗ ſtellte, war es intereſſant, die verſchiedenen Schat⸗ tirungen des ihm zu Theil werdenden Empfangs zu bemerken. Der Oberſt bemühte ſich, dankbar zu erſcheinen, aber es gelang ihm nicht, ſeine Stimme ſtrafte ſeine Worte Lügen. „Die Freunde von Miß de Vere,“ ſagte Miran, „können ihre Verpflichtungen nicht lebhaft genug ausdrücken. Es würde mir ein Vergnügen ſein, dem jungen Mann zu beweiſen, wie ſehr ich ſeine Dienſte ſchätze.“ Henry Aſhton's Stirne bedeckte ſich mit Röthe; der Ton, womit dieſe Worte geſprochen wurden, beleidigte ihn, und die beiden Nebenbuhler ſchauten einander einige Augenblicke ſtillſchweigend an. „Mr. Henry Aſhton, auf den Sie anſpielen,“ erwiderte der Baronet mit markirter Abſichtlichkeit, „iſt auf dem Punkte, die diplomatiſche Laufbahn zu betreten; wenn Ihre Beziehungen zu den Höfen und Cabineten Europa's Sie in den Stand ſetzen, ihm einen Dienſt zu leiſten, wird er gewiß Ihre Aner⸗ bietungen dankbar annehmen.“ 181 Miran biß ſich in die Lippen, ohne zu antwor⸗ ten. Er war zu weit gegangen und fühlte, daß er, wenigſtens vor Sir William, vorſichtig handeln mußte. Die Bemerkung des Einſiedlers hatte den doppel⸗ ten Vortheil, Henry auf einen Fuß der Gleichheit mit den Beſuchern zu ſtellen und dem Indier begreif⸗ lich zu machen, daß ſein Rang und Vermögen ihn in England nicht berechtigten, die Rolle des Be⸗ ſchützers zu ſpielen. Sir William drehte ſich, um die Wirkung ſeiner Worte auf ſeinen Neffen zu ſehen, und ein wohl⸗ wollendes Lächeln erhellte deſſen Züge. Walter drückte Henry herzlich die Hand. „So iſt's recht,“ ſprach er bei ſich,„ich muß mit dem jungen Mann nähere Bekanntſchaft machen.“ Die Geſellſchaft begab ſich ſogleich nach der Bibliothek, wo Miran vergeblich verſuchte, mit Ellen eine beſondere Unterhaltung anzuknüpfen. Das Mädchen wich ihm mit inſtinctartigem Tact aus. „Ich ſehe, daß Sie mich vergeſſen haben,“ ſagte er mit leiſer Stimme. „Vergeſſen!“ wiederholte Ellen laut genug, um im ganzen Zimmer gehört zu werden,„wie können Sie ſo ungerecht ſein? Wir haben bei meinen lieben Eltern in Indien allzu glückliche Augenblicke zuge⸗ bracht! Es iſt unmöglich, daß ich jemals die vergeſſe, welche von ihnen geliebt worden, oder gegen mich gut geweſen ſind.“ „Und Zara?“ ſagte der junge Mann. „Sie iſt hier; ſie wird entzückt ſein, Sie zu ſehen.“ 182 Während dieſer Unterhaltung war Henry Aſhton wahrhaft unglücklich. Er wäre gern mit Ellen allein geweſen, um aus ihrem Munde eine Verſicherung zu empfangen, daß Miran für ſie nur ein Freund, ein Bruder ſei. Es war für ihn eine unausſprechliche Erleichterung, als der Oberſt und ſeine Begleiter, nachdem ſie ihren Beſuch bis an die äußerſten Grenzen der Schicklichkeit ausgedehnt hatten, ſich erho⸗ ben, um abzugehen. „Du mußt mir Deinen Neffen laſſen,“ ſagte der Baronet zu ſeinem Bruder,„damit wir einander genauer kennen lernen.“ Walter's Geſicht ſtrahlte vor Freude, als er dieſe Einladung annahm, für deren Mitbetheiligung Miran die ganze Welt gegeben hätte. Aber Sir Villiam beſchränkte ſich auf die kalte Erklärung, daß er ohne Zweifel das Vergnügen haben werde, ihn vor ſeiner Abreiſe noch einmal zu ſehen. „Ich werde noch nicht abreiſen,“ antwortete der junge Mann mit einem traurigen Blick auf Ellen, „dieſes Land hat zu viele Reize für mich.“ Beim Abgehen von der Abtei begegneten Miran und der Oberſt der Aya, welche auf die Nachricht von der Ankunft ihres Pfleglings im Gang auf ihn wartete. Mit jener halb wilden Zuneigung, die ihrem Character und Lande eigenthümlich war, faßte ſie ſeine Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. „Zara,“ ſagte er hindoſtaniſch,„mein Herz iſt gebrochen.“ „Nein, nein,“ erwiderte ſeine Amme,„eine Schlange hat es verwundet, aber die Wunde wird heilen. Seien Sie kalt wie der Schatten eines „ —— 183 Grabes, aber feſt wie der Marmor, wovon es erbaut iſt. Wachſame Augen werden Sie belauſchen und treuloſe Ohren gierig auf alle Worte horchen, die Sie ſich entſchlüpfen laſſen. Ellen wird doch mit Ihnen nach Indien zurückkehren und ich werde mitten unter den Kindern meiner Kinder ſterben! Wo iſt der Khan?“ „Er hat ſich geweigert, mich in die Abtei zu begleiten; ich habe ihn im Dorfe gelaſſen.“ „Ich will ihn aufſuchen und durch ihn Sie einen Ort wiſſen laſſen, wo wir uns in aller Sicherheit ſehen können. Jetzt ziehen Sie ſich zurück; der Gra⸗ bes⸗Bewohner(ſo nannte ſie gewöhnlich den Baronet) beobachtet uns!“ Während der Wagen den Oberſt Mowbray allein mit Miran⸗Hafaz durch die Allee davon führte, rief dieſer, endlich ſeinem Zorn freien Lauf laſſend: „Ich fühle es, ich haſſe dieſen Bauern, dieſen Henry Aſhton!“ 5 auch,“ bemerkte kalt ſein Begleiter. ie?“ „Sie? „Ja,“ erwiderte der Spieler.„Mein Bruder iſt in ſeiner Einſamkeit nicht mehr zum Vormund eines Mädchens, wie Ellen, geeignet. Dieſer junge Mann ſcheint ſie bezaubert zu haben; ſie behandelt ihn wie ihresgleichen. Erinnern Sie ſich, mit welcher Bitterkeit Sir William Ihre Dienſtanerbietungen an dieſen Bauern beantwortete?“ Der Indier erröthete. Es war die erſte Demü⸗ thigung, die er über ſich hatte ergehen laſſen, ohne auf der Stelle Rache zu nehmen; es ärgerte ihn, 184 daß der Oberſt, den er verachtete, Zeuge davon ge⸗ weſen war. Am Ende des Parks machte ſein Verbündeter ihn darauf aufmerkſam, daß ſie den Khan mitnehmen müßten, der im Dorfe geblieben war. „Macht nichts,“ ſagte der Indier,„er kann allein zurückkommen.“ „Nachdem er Ellens Amme geſehen hat,“ be⸗ merkte ſein Begleiter.„Sie ſehen,“ ſetzte er mit einem Lächeln hinzu,„daß ich ein wenig Hindo⸗ ſtaniſch verſtehe und edelmüthig genug bin, es Sie wiſſen zu laſſen. In meiner Jugend beſtiminte man mich zu einer Anſtellung in Indien, ich hätte viel⸗ leicht beſſer daran gethan, ſie anzunehmen.“ Miran dachte daſſelbe, denn in dieſem Fall wäre der Oberſt aller Wahrſcheinlichkeit nach der Vormund ſeiner Nichte geworden. Seitdem er Sir William Mowbray geſehen, ſagte ihm Etwas, Ellen habe einen Beſchützer gefunden, den er nur mit Auf⸗ bietung ſeiner ganzen Energie und Gewandtheit zu täuſchen vermöchte. Aber was zuerſt in Betracht kam, war, ſich ſeines Nebenbuhlers zu entledigen. Die Gedanken ſeines Begleiters zielten auf denſelben Gegenſtand ab. 185 Achtzehntes Kapitel. Beinahe unmittelbar nach ſeines Vaters Abgang drückte Walter die Abſicht aus, die Kirche von Car⸗ row zu beſuchen, welche die Monumente ſeiner Vor⸗ fahren enthielt. Sein Oheim ſagte ihm, dieſelbe liege ganz nahe am Park und er habe Zeit genug, noch vor der Stunde des Diners ſeine Reugierde zu befriedigen. Er fügte bei, Henry Aſhton würde ſich ein Vergnügen daraus machen, ihn zu begleiten. Der junge Mann ſchaute auf Ellen, wie um die Gunſt ihrer Geſellſchaft anzuſuchen. „Man darf Ellen nicht zu ſehr ermüden,“ ſagte der Baronet,„ſie wird bei mir bleiben.“ Wie wenn es von dieſer Beſtimmung keine Appel⸗ lation mehr gäbe, zogen ſie ohne jene ab. „Wer iſt dieſer Miran⸗Hafaz?“ fragte Henry Walter, als ſie mit einander die Allee hinunter gingen. „Der Sohn einer Begum pder indiſchen Fürſtin, welche die Vorurtheile ihrer Caſte ſo weit vergaß, um einen engliſchen Officier zu heirathen.“ „Wie hieß dieſer Officier?“ „Ich habe ſeinen Namen nie erfahren.“ „Die Manieren dieſes Miran ſind ſehr ſonderbar.“ „Mehr als ſonderbar; ſie ſind ganz auffallend. Er iſt freigebig bis zur Verſchwendung; er liebt die Geſellſchaft, wo er alle ihm Begegnenden als ihm untergeordnet behandelt. Ich habe es niemals gegen⸗ über von mir wahrgenommen, aber ihn bei ſeinen Unterhaltungen mit Andern einen Ton annehmen 186 hören, der mir eine ſehr ſchlechte Vorſtellung von ſeinem Character beigebracht hat.“ Die Andern, auf welche er anſpielte, waren ſein Vater und Henry; aber Achtung und Zartheit hin⸗ derten ihn, ſich deutlicher zu erklären. „Er iſt der beſte Schütze, den ich kenne; ich habe ihn dreimal nach einander einen Würfel auf dreißig Schritte Abſtand treffen ſehen.“ „Vielleicht thut er ſich auf ſeine Geſchicklichkeit Etwas zu gut?“ ſagte Henry bitter. „Möglich; ich bin ſogar geneigt, es zu glauben, denn es lag etwas Prahleriſches in der Art und Weiſe, deren er ſich bediente, uns dieſelbe zu zeigen.“ Während ſie der Kirche zuſchritten, befeſtigte ſich der günſtige Eindruck, den die jungen Leute auf einander gemacht hatten, gegenſeitig. Walter Mow⸗ bray ſprach mit der größten Offenheit von der Schön⸗ heit und Sanftmuth ſeiner Couſine.„Ich bin über⸗ zeugt,“ ſetzte er hinzu,„ich würde ſie gleich einer Schweſter lieben.“ Das Wort Schweſter beſchwichtigte ein gewiſſes Gefühl der Unruhe, welches ſeinen Begleiter an⸗ wandelte. Es lag ſo viel Aufrichtigkeit in Walters Ton, und ſeine Manieren waren ſo natürlich, daß Henry's Verdacht entwaffnet wurde, wiewohl Liebende eine eiferſüchtige Race ſind. Während des übrigen Wegs machte er noch mehrere Fragen bezüglich des Indiers, beſonders über ſeine Geſchicklichkeit als Schütze. „Ich muß mich üben,“ dachte er. Und ohne daß er beinahe wußte, warum, bemächtigte ſich ſeiner das Verlangen, ein guter Schütze zu werden. 187 Die Kirche von Carrow war einer jener ſchönen, im Oſten Englands ſo gewöhnlichen Tempel. Seine ſpisbogenartigen Fenſter zeigten, daß ſie nach der nor⸗ männiſchen Eroberung erbaut worden war; aber die Einzelheiten ihrer Architectur waren unter dem Mantel von Epheu, der ſie vollſtändig bedeckte, verborgen. Im Chor befanden ſich viele Grabſteine und ſeltſame Monumente über einander, meiſtens mit dem Wappen⸗ ſchilde der Mowbray. Als ſie in die Kirche traten, begegneten ſie einem Mann von hoher Statur, ſonn⸗ verbranntem Teint, ſcheinbar zwiſchen fünfzig und ſechzig Jahre alt und orientaliſch gekleidet. Er ver⸗ beugte ſich tief vor Walter und zog ſich zurück. „Wer iſt es?“ fragte Henry. „Man nennt ihn Khan und er iſt dem Rang nach ein Mittelding zwiſchen einem Freund und einem Diener von Miran⸗Hafaz. Armer Teufel! Er muß ſich in dieſem Lande ſehr langweilen, da er kein Wort von unſerer Sprache verſteht.“ „Sind Sie deſſen gewiß, Sir?“ fragte Jemand hinter ihnen. Sie drehten ſich um und Henry erkannte Dick Martin, den Bereiter, auf einem der Grabſteine ſitzend. Seine Neugierde war, wie das bei alten Leuten gewöhnlich iſt, durch das Ausſehen und ſelt⸗ ſame Coſtüm des Fremden erregt worden, dem er im Dorfe begegnet und bis in die Kirche nachge⸗ gangen war, wo er während ſeines Beſuches ſich verborgen gehalten hatte. „Allerdings,“ antwortete Walter,„warum zwei⸗ felt Ihr daran?“ Der alte Stallknecht heftete einen forſchenden 188 Blick auf den jungen Mann, als wollte er ſich ver⸗ ſichern, daß er ihn nicht täuſchen wolle, ehe er er⸗ klärte, der Khan ſei ſeiner Meinung nach bewanderter in der engliſchen Sprache, als er vorgebe. „Ich will es Ihnen ſagen, Sir,“ nahm er, ohne Zweifel von ſeiner Prüfung befriedigt, das Wort. „Sehen Sie dieſe Gallerie?“ Dick Martin zeigte auf eine in Eichenholz ge⸗ ſchnitzte Emporkirche, welche einſt die Chorbühne ge⸗ weſen war. „Sie ſehen dieſelbe, aber können nicht ſagen, wer die ſind, welche dort ſitzen. Mr. Henry weiß es wohl. Es iſt der Platz für die Schulkinder: viele grauköpfige Greiſe haben dort zum erſten Mal die Worte des Gebetes gehört. Stiegen Sie die Treppe hinauf und unterſuchten Sie die Kehrſeite der Felder, ſo würden ſie grob eingeſchnittene Namen und Daten daſelbſt finden. Ich könnte Ihnen mehrere dieſer Namen ſelbſt auf den Steinen des Kirchhofs zeigen.“ „Aber welchen Bezug hat das auf den Fremden?“ fragte Henry, den Martins Worte lebhaft zu intereſ⸗ ſiren anfingen. „Vielleicht keinen beſondern, weil es, recht be⸗ trachtet, bloßer Zufall oder Neugierde ſein könnte. Aber ich will es Ihnen ſagen. Dieſer Fremde, wenn es anders ein Fremder iſt, hat hinter der Thüre des Chors die Treppe zu der Emporkirche ſo leicht gefunden, als ich ſelbſt, der ich in meiner Kindheit gewöhnlich alle Sonntage da hinaufſtieg; denn ich bin in der Schule von Carrow bis zu dem Tage geweſen, da der Großvater von Sir William mich in ſeine Dienſte nahm.“ —— 189 „Nun!“ riefen die beiden jungen Leute. „Er blieb über eine halbe Stunde oben, um unter den Namen zu ſuchen, welche die Kinder mit ihren Meſſern eingeſchnitten haben, wie ich Ihnen ſagte. Ich möchte wiſſen, welchen Namen er ſuchte.... Es konnte doch nicht der ſeinige ſein,“ ſetzte er in einem Ton hinzu, der nichts weniger als ſicher war. Henry Aſhtons Herz ſchlug heftig. Er hatte oft ſeinen würdigen Oheim ſagen hören, er und ſein Bruder haben, da ſie noch Kinder waren, ihre Namen auf der Emporkirche eingeſchnitten. Könnte er es wohl ſein? dachte er; nein, dieſe Idee war zu albern. „Iſt dieß Alles, was Ihr bemerkt habt?“ fragte er. „Alles,“ antwortete Dick Martin,„außer daß er beim Herabſteigen ſich mit einem ſchönen, gold⸗ gewirkten Taſchentuch die Augen wiſchte. Aber es konnte auch vom Staub herkommen, denn er ſcheint nicht der Mann, eine Thräne zu vergießen.“ Von Neugierde getrieben, ſtiegen alle drei auf die Chorbühne hinauf, welche wirklich zahlreiche Spu⸗ ren von Meſſern kleiner Knaben trug. Nachdem ſie lange Zeit mitten unter den Hieroglyphen, deren Bedeutung vergeſſen worden war, herumgeſucht hatten, entdeckte Henry endlich die Namen von Philipp und Matthäus Aſhton innerhalb eines großen Kreiſes eingeſchnitten. Der alte Stallknecht zeigte freudig den ſeinigen, den die Zeit beinahe verwiſcht hatte, und begann, ſein Meſſer nehmend, die Linien, welche die Buchſtaben ſeines Namens bildeten, tiefer zu graben. 190 „Da iſt einer, der gleichfalls aufgefriſcht worden iſt,“ ſagte Walter Mowbray. Seine Begleiter traten näher und laſen den Namen Richard Musgrove. „Richard Musgrove!“ wiederholte Ellens Geliebter, „ich habe gewiß dieſen Namen ſchon gehört.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ ſagte der Alte;„Mus⸗ grove war der Name einer Wittwe, welche mit ihrem Sohn Richard auf der Farm Ihres Oheims wohnte, viele Jahre, ehe Sie zur Welt kamen.“ „Und dieſer Fremde?“ „Kann nicht Richard Musgrove ſein, deſſen ich mich ſehr gut erinnere. Es war ein großer ſchöner Jüngling mit blauen Augen und blonden Haaren. Er hat vor beinahe dreißig Jahren Carrow ver⸗ jaſſen, um ſein Glück in der Fremde zu ſuchen.“ „Iſt er niemals heimgekehrt?“ fragte Henry. „Niemals. Seine Mutter ſtarb kurz nach ſeiner Abreiſe und iſt gegenüber von der ſüdlichen Vorhalle begraben.“ Ueberzeugt, daß Richard Musgrove und der Gegenſtand ihrer Neugierde zwei verſchiedene Per⸗ ſonen waren, ſtiegen ſie von der Emporkirche herab und kehrten in den Chor zurück, wo Dick Martin Walter Mowbray die Gräber und Monumente ſeiner Vorfahren zeigte. „Es war ein tapferer Stamm,“ ſagte er,„es wäre Schade, wenn er erlöſche!“ Die Stunde zum Diner ſchlug, als die jungen Leute in der Abtei ankamen. 191 Neunzehntes Kapitel. Es iſt etwas Seltſames um die Menſchheit. Man erzählt, daß ein großer Muſiker niemals com⸗ ponirte, als im Hofkleide und mit dem Diamant, den ihm die Kaiſerin Maria Thereſia geſchenkt hatte, am Finger. Rembrandt und Correggio malten nur in dunkeln Gemächern, wo kaum das Tageslicht ein⸗ drang, und Dick Martin konnte ſeine Ideen nur im Stalle ſammeln. Hier fand er ſich zu Hauſe und hieher zog er ſich allemal zurück, wenn ihn etwas verdroß oder in Verlegenheit ſetzte. Verſchiedene Vorſtellungen und Bilder wogten in ſeinem Geiſt auf und ab, an die Perſon des Fremden geknüpft, deſſen Beſuch in der Kirche ſeine Neugierde erregt hatte; aber er vermochte ſie nicht einen Augenblick feſt zu halten. „Macht nichts!“ murmelte er, über den Hof ſchreitend, um ſich nach ſeiner Lieblingsſtätte zu be⸗ geben, von wo nach der gewöhnlichen Ausſage der Domeſtiken es eben ſo gefährlich war, ihn wegziehen, als einen Dachs mit der bloßen Hand in ſeinem Bau faſſen zu wollen.„Macht nichts! Alles wird ſich im Stall machen!“ Die Zeit wird uns lehren, ob der alte Stall⸗ knecht mit ſeinen Berechnungen Recht hatte. Wie die meiſten Menſchen, die nur wenig Worte machen, war Dick Martin ein großer Beobachter, ein ſtummer Chroniſt über Alles, was auf dem ſeiner Autorität unterworfenen Gebiet vorkam. Er erinnerte 192 ſich der Namen und Thaten aller Pferde des Geſtütes der Mowbray während der drei letzten Generatione Es gab beſonders einen Sattel, den er in große Verehrung hielt, eine Art Jagdſattel, deſſen ſich Nimrod der Familie, der Großvater Sir Willia⸗ unter deſſen Auſpicien Dick in ſeine Laufbahn getreten war, bedient hatte. Niemand außer ihm wagte, die Hand daran zu legen. Während der ehrliche Alte, in den Stall zurück⸗ „ gezogen, damit beſchäftigt iſt, ſeine Ideen in Ord⸗ nung zu bringen, müſſen wir unſere Leſer bitten, uns in den Salon der Abtei zu folgen, wohin ſich der Baronet und ſeine Gäſte nach dem Diner be⸗ geben haben. „Was denken Sie von meinem Neffen?“ fragte Sir William ſeinen Schützling, mit einem Blick auf ſeinen Neffen, der durch die Art und Weiſe, wie er von ihrem Geliebten ſprach, in der Gunſt ſeiner Couſine raſche Fortſchritte machte. „Ich denke, er iſt des Glücks werth, Ihr Neffe zu ſein,“ antwortete Henry.„Ich kenne ihn erſt ſeit einigen Stunden, und doch iſt es mir mit ihm wie mit einem Freunde aus der Kindheit. Seine Seele iſt wie ein ſchönes Blatt in einem ſchönen Buch; man kann es auf den erſten Blick leſen. Ich bin überzeugt, Sir William, Sie werden ihn lieben wenn Sie ihn kennen lernen.“ Die Lebhaftigkeit ſeines Gegenredners entlockte dem Baronet ein Lächeln. Andere würden auf den neuen Ankömmling eiferſüchtig geweſen ſein; Henry war über jede ſelbſtſüchtige Empfindung erhaben. 193 „Es freut mich ſehr, daß Sie ihn lieben; das terſtützt meinen erſten Eindruck; bis jetzt habe ich weir noch kein Urtheil über ihn gebildet. Die Vor⸗ ht iſt eine der bittern Lehren der Erfahrung! In Jugend lieben wir alle Sprachen, welche uns au Freundſchaft oder Liebe reden; erſt wenn wieder⸗ lte Verräthereien und Treuloſigkeiten uns das Herz ertrocknet haben, wird unſer Ohr taub für dieſe verführeriſche Sprache.“ „Wenn Zweifel die Klugheit iſt, welche die Er⸗ fahrung gewährt,“ ſagte Henry mit einem Seufzer, „ſo wolle Gott, daß ich dieſelbe nie erlange!“ „Möge es ſo ſein! Denn man erkauft die Klug⸗ heit nur um den Preis grauſamer Leiden. Was meinen Neffen betrifft, ſo habe ich vielleicht bis jetzt meine Pflichten gegen ihn vernachläſſigt, in Anbetracht es engen Bandes, das uns vereinigt; aber es iſt roch nicht zu ſpät, dieſe Vergeßlichkeit wieder gut u machen, wenn er ſich, wie ich hoffe, meiner Freundſchaft würdig zeigt.“ „Darauf möchte ich ſchwören!“ rief Henry.„Ich vertraue gerner den Eindrücken und Sympathieen der Jugend, als den kalten Lehren der Erfahrung.“ Während des übrigen Abends ſuhr der Baronet ort, ſeinen Neffen aufmerkſam zu beobachten. Hätte der junge Mann das von ihm einzuhaltende Beneh⸗ nen zur Gewinnung von ſeiner Gunſt ſtudirt, er väre nicht im Stande geweſen, es beſſer anzuſtellen, o ungezwungen und natürlich waren ſeine Manieren, ngenehm ohne abſichtliche Bemühung, vertrauensvoll hne Keckheit. Fin Umſtand namentlich machte ſeinem reichen Die Abtei Carrow. 1. 13 194 Verwandten Freude. Als Ellen ihrem Couſin ve ſprach, ihm am nächſten Morgen den See und d ſchönſten Plätze des Parks zu zeigen, wußte es dieſ ſo zu arrangiren, daß der Retter des Mädchens au von der Partie war; und als Henry zu einer ſpät Stunde ſehr ungern ſich entfernte, beſtand er darg ihn bis zum Portierhäuschen zu begleiten. „Gut ſo!“ ſprach der Baronet bei ſich,„ſie ſi werth, Freunde zu ſein... Nun, Ellen,“ ſe er laut hinzu,„Du haſt einen Couſin gefunden!“ „Sagen Sie vielmehr einen Bruder!“ erwide das glückliche Mädchen.„Sie können nicht glaube wie gut und liebevoll er iſt, wie er Ihnen gleic Ich habe aus ſeinem Munde nicht ein einziges Wr gehört, das ich vergeſſen möchte!“ „Vielleicht,“ ſprach ihr Oheim ernſt,„vielleic haſt Du einen Liebhaber gefunden?“ Die Waiſe erröthete und ſtockte einen Augenbli ehe ſie antwortete. „Walter empfindet für mich nichts dergleichen ſagte ſie.„Ich bin überzeugt, er wird mir nie de Kummer machen, mich zu lieben. Als er mir gu Nacht ſagte, hätte ich ihn umarmen können, faſt e er mich darum bat, was er niemals gethan hab würde, wenn er das geringſte Symptom der Liel von der Sie reden, gefühlt hätte.“ „Und warum nicht?“ „Weil eine ſolche Bitte mich beleidigt hätt erwiberte Ellen ſtolz.„Alſo dießmal, lieber Hnk ſetzte ſie, mit zärtlichem Lächeln ihn anſchau hinzu,„haben Sie Unrecht, ſehr Unrecht. Co Walter liebt mich nicht.“ — ſe tä ka 195 „Und der junge Mann, der bei meinem Bruder var, der Geſpiele Deiner Kindheit, der erſte Freund, annſt Du daſſelbe von ihm ſagen?“ Er hat mir niemals geſagt, daß er mich liebe; ber ich fürchte, er liebt mich!“ „Du fürchteſt?“ „Ja! Gibt es ein größeres Unglück, als von Jemand geliebt zu werden, den man nur achten ann? zu wiſſen, daß man ihn unwillkürlich betrübt, Jezwungen zu ſein, den Ausdruck ſeiner Gedanken und Empfindungen abzumeſſen, aus Furcht, er möchte ie übel deuten? Miran iſt von Natur gut und edel, und Sie haben geſehen, wie ungerecht ihn ſeine Thorheit gemacht hat.“ „Du haſt Recht, Ellen,“ ſagte ihr Onkel, ihre Aufrichtigkeit und Einfalt bewundernd;„die Liebe, velche wir nicht erwidern können, iſt wahrhaft ein Unglück, und um Dir einen ſolchen Schmerz zu er⸗ ſparen, werde ich ſelbſt Deinen Couſin von Deinem Verhältniß mit Henry Aſhton in Kenntniß ſetzen. Was Deinen indiſchen Bewunderer betrifft, ſo fürchte ich, daß eine ſolche Andeutung zu ſpät kommen möchte!“ Die Waiſe dachte ebenſo; aber Sir William führte die Unterredung nicht weiter fort, ſondern wünſchte ihr, nachdem er ſie auf die Wange geküßt, gute Nacht. Als die jungen Leute die Abtei verließen, ſtießen ſie auf den Er⸗Bereiter, welcher von ſeiner Lieblings⸗ tätte kam. „Nun!“ ſagte Henry, der ſeine Gemüthsart kannte,„habt Ihr in Eurem Geiſte entſchieden, wer 196 die geheimnißvolle Perſon iſt, der wir in der Kirche begegnet ſind?“ „Ja und nein,“ antwortete Martin, mit der Hand durch ſeine grauen, dünngeſäeten Haare fah⸗ rend, wie wenn dieſe Verrichtung ſeinem Raiſonne⸗ ment zu Hilfe kommen ſollte.„Alles hängt von einem Umſtand ab.“ „Von welchem?“ „Zu erfahren, ob er Engliſch ſpricht. In„ dieſem Fall wollte ich Hundert gegen Eins wetten daß ich ihn bei ſeinem Namen nenne.“ „Ihr könnt es wenigſtens uns ſagen,“ fuhr Henry Aſhton fort;„wer, vermuthet Ihr, daß er ſein kann?“ Der Alte ſchüttelte den Kopf und antwortete kurz:„Nein.“ Henry machte keinen Verſuch, ihn von ſeinem Vorſatz abzubringen. Das Nein von Dick Martin war im Hauſe des Baronets ſprichwörtlich geworden. Man wußte, daß er niemals von einem einmal faßten Entſchluß abwich. Als die jungen Leute das Portierhäuschen reichten, trennten ſie ſich, Einer von dem Andern entzückt: Walter, um nach der Abtei zurückzukehren, Henry, um nach der Farm ſich zu begeben. Als er über die Gemeindewieſe ging, kam es ihm mehr ðõ als einmal vor, als höre er ein Geräuſch von Schritten hinter ſich. Er hielt ſogar an, um zu rufen, aber Niemand antwortete ihm. „Bah!“ murmelte er,„welche Thoren m die Einbildungstraft aus uns!“ Er gelangte eben an die Stelle, wo der Weg 7 ——————— — 197 ſich ſpaltet und einerſeits nach der Farm, anderer⸗ ſeits nach dem Pfarrhaus führt, als ein Individuum, das am Fuß des Wegweiſers niedergeduckt war, vor ihm aufſtand. Henry war ſogleich auf ſeiner Hut. „Herr Gott! Maſter Henry, kennſt Du mich nicht?“ Es war Joe Beans, der treue Vertraute unſeres Helden. „Joe!“ rief er,„was führt Dich hieher?“ „Ich war nicht ruhig im Geiſte; ich mußte Dich ſehen, Maſter Henry; ſo wollte ich denn, nachdem ich das Geſpann in den Stall gebracht hatte, auf Dich warten. Ich wußte wohl, ich würde Dich an dem alten Platze, wo wir den Kaninchen im Winter aufpaßten, finden. Eine famoſe Unterhaltung, nicht wahr?“ „Aber warum biſt Du nicht ruhig im Geiſt geweſen, wie Du ſagſt?“ fragte Henry. Seit langer Zeit war er der Meinung, Joe ſey nicht ſo einfältig, als man von ihm behauptete. „Hieher! Hieher Maſter Henry, und ich will es Dir ſagen!“ Nachdem er einen ſchmalen Fußweg eingeſchlagen hatte, der nach den Anlagen führte, ſchritt Joe eine Zeit lang ſchweigend vorwärts. Endlich näherten ſie ſich einem Bauernhauſe, das von einem der Kaninchen⸗ wärter bewohnt war und gewöhnlich die Retraite genannt wurde. „Hier!“ ſagte Joe, mit einem Lächeln der Zu⸗ friedenheit;„da ſind ſie alle. Ich habe ſie be⸗ lauſcht.“ „Belauſcht, wen?“ 198 „Schaue nur durch den Spalt im Laden, Du wirſt es wohl ſehen.“ S1 Henry Aſhton folgte dem Rath und erkannte zu ſeinem großen Erſtaunen den Oberſt Mowbray, Miran⸗Hafaz und die Aya. Zwanzigſtes Kapitel. Das Häuschen, oder wie man es gewöhnlich nannte, die Retraite, von Will Sideler, dem Kaninchen⸗ meiſter bewohnt, lag im Hintergrund eines Thälchens oder einer Schlucht, welche die Gemeindewieſe in zwei beinahe ganz gleiche Theile trennte. Man konnte zu demſelben nur auf einem ſchmalen, gewun⸗ denen Pfad gelangen, der unter Stauden und Dorn⸗ gebüſchen ſo gut verborgen war, daß er den Blicken Derer, welche ihn nicht kannten, leicht entging. Die beiden Abhänge waren von Hagedorn und verkrüppelten Tannen, die in dem ſteinigen, ſan⸗ digen Boden nur magere Nahrung fanden, beſchattet. Das Häuschen, aus Ziegeln und Kieſelſteinen aufgeführt, war in drei kleine Gemächer eingetheilt und unter Epheu und paraſitiſchen Gewächſen, welche in der Umgebung wuchſen, halb begraben. Trotz ſeines geringen Umfangs war es übrigens für ſeinen Bewohner zu groß, welcher als unverheirathet und nicht des beſten Rufes in der Nachbarſchaft genießend, 199 nur wenig Beſuche empfing. Kurz es war eine jener iſolirten Zufluchtsſtätten, wo das Verbrechen gern brütet, wo der Menſchenfeind der Geſellſchaft der Menſchen entgeht. Will, der Koninchenmeiſter, eine Perſon von hohem Wuchs, etwa ſechzig Jahre alt, mit harten Zügen, dem Auge eines Spürhunds, die Unter⸗ kinnlade Energie und Entſchloſſenheit ausdrückend, bewahrte noch trotz ſeines Alters große Stärke und Thätigkeit. Sein Schritt, obgleich verſtohlen, war feſt, ſeine Haltung gerade. Demgemäß hätte ein Fremder ihn für viel jünger gehalten, als er wirk⸗ lich war. Es befand ſich nicht eine Unze zu viel Fleiſch an ſeinem nervigen, eiſernen Knochengerüſte.. In ſeiner Jugend war er einer der Wildhüter auf dem Herrſchaftsgute Carrow geweſen, aber Sir William hatte ihn kurze Zeit, nachdem er Beſitzer davon geworden war, wegen ſeines brutalen Charac⸗ ters, welcher dem ganzen Hauſe Schrecken verurſachte, entlaſſen: er hatte in einem Anfall von Zorn das Meſſer gegen Martin, den Bereiter, gezogen. Auf Fürſprache des Oberſts, ſeines Bruders, hatte der Baronet, wiewohl ungern, ſeine Einwilligung dazu gegeben, ihn zum Kaninchenmeiſter zu ernennen, wobei er ihm jedoch bemerklich machte, daß er bei dem erſten Act der Gewaltthätigkeit gegen Martin oder jeden andern Diener der Abtei um ſeine Stelle kommen würde. Will Sideler kannte zu gut die Characterfeſtig⸗ keit von Sir William, als daß er einen Angenblick an dem Vollzug dieſer Drohung zweifelte, wenn er zu der geringſten Klage Veranlaſſung gebe. Da er 200 für ſein Temperament nicht ſtehen konnte, ſo faßte er den Entſchluß, den klügſten unter ſolchen Um⸗ ſtänden, vor jeder Gelegenheit, ihm nachzugeben, ſich zu hüten. Von dem Tage an, wo er Kaninchen⸗ meiſter wurde, hörte er auf, die Dorfſchenke zu be⸗ fuchen, aus Furcht, ſeinen alten Camaraden zu be⸗ gegnen, und blieb einſam in ſeiner Hütte mit ſeinen ſchlechten Gedanken. Henry Aſhton hatte Mühe, einen Schrei des Erſtaunens zurückzuhalten, als er die in dem kleinen Gemach verſammelte Gruppe bemerkte. Will Putzte in einem Winkel ſorgfältig ſeine Flinte; Oberſt MWowbray, Miran⸗Hafaz und die Aya ſaßen vor dem Feuer und hatten eine ſehr lebhafte Unterhaltung; aber ſie redeten ſo leiſe, daß ſein Ohr nur einige unvollſtändige Sätze auffaſſen konnte. Der erſte Antrieb des jungen Mannes war, ſich zurückzuziehen; er verachtete jedes Ausſpioniren; aber ſein und Ellens Name, von dem Indier ausgeſprochen, feſſelten ihn auf die Stelle. 73. Henry kannte ſich als Gegenſtand von Zara's Haß; ihre unheilverkündenden Blicke, wenn ſie ihm begegnete, und die eiferſüchtige Hartnäckigkeit, wo⸗ mit ſie bei mehr als einer Veranlaſſung die Schritte ihrer Gebieterin verfolgt hatte, ließen ihm in dieſer Beziehung keinen Zweifel. Er wußte auch, daß Miran ſein Nebenbuhler war. Aber welches Motiv konnte den Oberſt veranlaßt haben, ſich mit denſelben gegen ihn zu verbinden? Das blieb ihm noch zu erforſchen übrig. „Nun, Maſter Henry!“ flüſterte Joe,„was denkſt Du davon?“ Ein Zeichen des jungen Mannes ſchloß ihm den 29¹ Mund. Er hörte wiederholt ſeinen Namen von Miran. „Morgen wird ſich mein Schickſal entſcheiden,“ ſprach der Indier.„Ich will aus Ellens eigenem Munde erfahren, ob ſie wirklich dieſen Bauern ohne Geburt liebt, den vielleicht die Gunſt eines ſchwach⸗ köpfigen Einſiedlers oder ein falſches Gefühl der Dankbarkeit von Seiten ſeiner Mündel mit Eitel⸗ keit und anmaßenden Hoffnungen berauſcht hat.“ „Sie liebt ihn,“ erwiderte die Aya.„Sie haben Worte ausgetauſcht, die mir niemals aus dem Gedächtniß kommen. Nähert er ſich, ſo er⸗ kennt ſie von Ferne das Geräuſch ſeiner Schritte; ſie folgt ihm mit träumeriſchem, nachdenklichem Blick, wenn er ſich entfernt; dieß Alles offenbart mir ihre Liebe!“ „Man muß mit dieſem Lümmel ein Ende ma⸗ chen, man muß ihn tödten!“ ſagte Oberſt Mowbray, zum erſten Mal das Wort nehmend.„Da dieſer Kerl es wagt, ſich mit Leuten von Stand auf gleiche Linie zu ſtellen, ſo wird nichts leichter ſein, als ihn in einen Streit zu verwickeln.“ Miran antwortete mit einem bittern Lächeln. „Wen will man tödten?“ fragte Ioe mit leiſer Stimme. Ein Wort Henry's legte ihm von Neuem Still⸗ ſchweigen auf. „Das wäre das Mittel, Ellen für immer zu verlieren,“ antwortete die Aya. Ihr Pflegling ſchaute ſie mit fragender Miene an. „Man muß ihn in Ellens Gegenwart erniedrigen,“ fuhr ſie fort,„demüthigen, vernichten, ſie ſehen laſſen, 202 von welchem Koth der geformt iſt, den ſie liebt. Bringt ihren Stolz in Aufregung, denn ſie iſt eben ſo ſtolz als ſchön. Todt wird ſie ſein Gedächtniß heilig halten; aber lehrt ſie, ihn zu verachten und dieſe nichtige Laune wird aus ihrem Herzen ver⸗ ſchwinden, wie der Thau vertrocknet auf den Blu⸗ men, wenn die Sonne am Firmament aufſteigt.“ „Sie hat Recht!“ rief Miran.„Beim Himmel! Zara hat Recht. Ich will dieſen kriechenden Selaven ſo verhöhnen, ſo zerdrücken und erniedrigen, daß Ellen über ihre unwürdige Vorliebe erröthen ſoll.“ Hätte der Indier den flammenden Blick Henry Aſhtons und das verächtliche Lächeln, welches ſeine Lippen kräuſelte, als er das Vorhaben ſeines Nebenbuhlers hörte, geſehen, er würde das⸗ ſelbe auf der Stelle als unnütz aufgegeben haben. Er konnte ihm wohl das Leben nehmen; aber ihn erniedrigen niemals; denn der junge Mann hatte ein ſo entſchloſſenes Herz, einen ſo unbezähmbaren Muth, wie er ſelbſt. „Gehen wir,“ ſprach er zu ſeinem Begleiter, „ich habe genug gehört.“ „Und haſt Du verſtanden, wovon die Rede war?“ fragte Jve, ſich durch das Gebüſch einen Weg bahnend, um wieder auf die Gemeindewieſe zu gelangen. „Ja,“ murmelte der junge Mann,„aber ge⸗ warnt, bin ich gegen ſie gewaffnet. Danke, ſetzte er, ihm die Hand drückend, hinzu, „Du haſt mir einen unſchätzbaren Dienſt geleiſtet. 4 „Wirklich!“ rief Joe, mehr und mehr erſtaunt. 203 „Einen Dienſt, den ich nie vergelten kann.“ „Sprich nicht von Vergeltung, Maſter Henry; „haſt Du mich nicht Abends leſen und ſchreiben ge⸗ lehrt, wenn die Schafe in den Stall getrieben und das Werk zu Ende war, und wenn ich etwas ſchlecht gemacht hatte und der Farmer ſich über mich er⸗ zürnte, hatteſt Du nicht immer ein gutes Wort, um ihn zu beſänftigen? Eine Vergeltung!“ wiederholte er, auf ſeine breite Bruſt ſchlagend,„bedarf mein Herz deſſen?“ Henry kam nicht mehr darauf zurück, denn er verſtand Joe. Dieſer war zu beſchränkt, als daß er an eine andere, als Geldbelohnung denken konnte. „Du mußt mir ein Ding verſprechen,“ nahm ſein junger Herr wieder das Wort. „Ein halb Dutzend, und ſehr gern. Was iſt es?“ „Ein völliges Stillſchweigen über Das, was dieſe Nacht geſchehen iſt, zu beobachten; ich habe wichtige Gründe dafür.“ Joe verſprach es ihm ohne Schwierigkeit. Hätte Henry es von ihm verlangt, er hätte ihm ebenſo gut verſprochen, den Längengrad von Carrow, oder den Werth des Quadrats der Hypotenuſe zu finden. Ueberdieß war es für ihn eine wahre Erleichterung, dieſes Abenteuer zu vergeſſen; denn da er es nicht begreifen konnte, erſparte es ihm die Verlegenheit, darüber nachzudenken. Als ſie auf der Farm ankamen, ſchlief das alte Paar ſchon längſt. Henry ſagte ſeinem treuen Freunde gute Nacht und zog ſich auf ſein Zimmer zurück, indem er Joe bei dem Geſchäfte ließ, eine unge⸗ heure Platte mit Schweinefleiſch und Kraut zu vertilgen. ————— 3 204 Aber der Schlaf fand ſich nicht ein, Henry's Augen zu ſchließen. Das in der Hütte des Kaninchen⸗ wärters angehörte Geſpräch bewies ihm, daß er einen Nebenbuhler und Feind hatte; er glich einem jungen Gladiator, der nach Kampf begierig war. „Er will mich erniedrigen!“ wiederholte er bei ſich,„mich durch die Verachtung demüthigen, mich in Ellens Gegenwart beſchimpfen!.. Nun, wir wollen ſehen. Iſt mein Name noch nicht in den Archiven des Adels einregiſtrirt, ſo iſt mein Herz wenigſtens edel und würde es verſchmähen, den Vortheil der Geburt, ſelbſt gegen einen Feind, gel⸗ tend zu machen. Er will mich erniedrigen, der übermüthige Prahlhans! Man kann nur ſelbſt ſich erniedrigen!“ Kaum begann der Tag anzubrechen, ſo erhob ſich Henry Aſhton von dem Bett, auf das er ſich geworfen hatte. Dann öffnete er einen Schrank, der ſich gegenüber vom Fenſter befand, nahm aus einer Schublade ein Pnar Piſtolen von koſtbarer Arbeit heraus, die nach der Ausſage des würdigen Pächters ſeinem Vater gehört hatten; er unterſuchte ſorgfältig das Schloß; vielleicht ſagte ihm eine Ahnung, daß er deren bald bedürftig ſein würde. Befriedigt von ihrem Zuſtand, verſah er ſich mit Kugeln und Pulver und entfernte ſich, ehe Jemand im Hauſe auf war. Als einige Stunden nachher Frau Aſhton in die Küche hinabkam, war die erſte Frage nach ihrem Neffen; aber Niemand von den Dienſtboten hatte ihn geſehen. Dieß kam ihr ſehr ſonderbar vor, da ſie auf ſeinem Zimmer geweſen war, um 205 ihn zu rufen, und alſo wußteé, daß ſein Bett ge⸗ braucht worden war. „Beunruhigen Sie ſich nicht,“ ſagte endlich Ive Beans.„Ich glaube zu wiſſen, wo er zu finden iſt.“ „Und wo denn?“. „Am Zaun da unten. Maſter Harry unterhält ſich ohne Zweifel damit, die Saatkrähen zum Teufel zu ſchicken. Hören Sie? das muß er ſein.. und doch iſt es nicht der Schall der alten Flinte, er iſt zu kurz dazu.“ „Es iſt nicht die Flinte,“ erwiderte ſeine Her⸗ rin,„denn ich habe ſie in ſeinem Zimmer geſehen.“ Während ſie ſich in Vermuthungen verloren, kam unſer Held, welcher ſeine ganze Munition ver⸗ ſchoſſen hatte, zurück, um neue zu holen. „Barmherzigkeit, Harry!“ rief ſeine Tante, ſo bald ſie ihn mit den Piſtolen in der Hand kommen ſah;„was haſt Du mit dieſen mörderiſchen Waffen zu thun?“ „Ich habe ſie probirt,“ antwortete der junge Mann, ſie liebevoll umarmend.„Die Piſtolen ſind ſchon ſo lange her vergeſſen; ich fürchtete, ſie wür⸗ den verroſten.“ Trotz ſeiner Ungeduld, zu ſeinen Uebungen auf der Scheibe, die er errichtet hatte, zurückzukehren, war Henry genöthigt, zur Vermeidung jedes Ver⸗ dachts beim Frühſtück zu bleiben. Er wußte, daß ſeine Tante, obwohl eines der beſten Geſchöpfe von der Welt, doch von Natur neugierig war, und das einzige Mittel, ihre Frage von einem Gegenſtand abzulenken, darin beſtand, ſie auf einen andern Gegenſtand zu richten. 206 Indem er der am Abend zuvor in der Kirche mit dem Khan vorgefallenen Scene und des Um⸗ ſtands gedacht, daß nach der Ausſage des alten Martin die Wittwe Musgrove und ihr Sohn einſt auf der Farm gewohnt hatten, entſchloß er ſich, Frau Aſhton darüber zu befragen. „Tante,“ ſagte er,„erinnern Sie ſich noch der Musgrove?“ „Ob ich mich ihrer erinnere! Gewiß, Harry! beim Tode des alten Musgrove, der Hausmeiſter in der Abtei geweſen war, befanden ſich ſeine Wittwe und ihr Sohn in großer Noth. Matthäus nahm tſie bei ſich auf und verſchaffte ſpäter dem Sohn die Mittel, nach Indien zu gehen, wo er Officier wurde. Aber er hat ſich undankbar in ſeinem Glück gezeigt und dem Farmer niemals einen Schilling von dem ihm vorgeſchoſſenen Gelde bezahlt. Das iſt einer der Gründe, warum er niemals dieſen Namen aus⸗ ſpricht; der andere iſt der, daß er nicht gern von ſeinen guten Thaten ſpricht; er fürchtet, er möchte das Anſehen haben, als rühme er ſich derſelben. Aber das ganze Dorf weiß, wie Matthäus Aſhton an der Wittwe und dem Waiſen ſeines alten Freun⸗ des gehandelt hat.“ „Und was iſt aus ihnen geworden?“ „Die Wittwe ſtarb vor Kummer,“ ſagt man, „in Folge der Härte ihres Sohnes, der eine reiche In⸗ dierin heirathete. Ich habe alle ſeine Briefe irgendwo.“ „Heirathete eine reiche Indierin!“ rief Harry, dem ein plötzliches Licht aufging.„Geben Sie mir dieſe Briefe!“ „Wozu können ſie Dir helfen?“ 5 8 9 10 11 12 13 14 15 1 6 2 9 S y