deutf cher, engliſcher und franzöſiſcher cLeih- und eſebedingungen. 11offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens bie Ahens Uhr bfen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von em Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ngenommen. 2 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ₰ Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 2 Wr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſ. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ e„ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Te ſ n beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem„welche die⸗ ſelben n mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6nard Ottmünn in Giehen, † legen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet c 3 Tage feſtgeſetzt und wird * ——— Der Thurm Pil. Thurm Will von Soraz Smith. Verfaſſer von Brambletye⸗Houſe. Wenn ſie in Freud' und Schmerz nicht gleich ſich bliebe, In Glanz und Niedrigkeit, was wär' die Liebe?— Ich weiß und frage nicht, ob Schuld in deiner Vruſt; Was du auch ſeiſt, dich lieb' ich, meine Luſt. Nach der zweiten Auflage des Engliſchen uͤberſetzt von Gustav Sellen. Pierter 65 Leipzig, 1827. Bei A. Wienbräck. — — — 5 — — * S — . — — — 8 3 S — 2 8 Erſtes Kapitel. So graufam, und ein Weib?— zu ſreben Kühn nach des eignen Gatten Leben?— Welch giftig Leid Hat ſie vermocht ſo zu bethören, Daß ſie ſich höher nicht mag ehren?— Rochſucht und Reid. Während Sir Lionel rings um ſich her Furcht verbreitete, waͤhrend er den hoͤchſten Triumph uͤber alle ſeine Feinde errungen zu haben ſchien, war er ſelbſt durch eine abermalige Er⸗ ſcheinung der fremden Dame in Wuth, doch auch in Schrecken geſetzt, und aͤhnliche Gefuͤhle waren ſchon bei jedem ihrer fruͤheren Beſuche in ihm erregt worden. Ihre Erſcheinung ward der Lady Fitzmaurice, wie immer, durch deren wachſame Dienerinn, angezeigt; die Neugier des Maͤdchens, die Urſach dieſer geheimnißvol⸗ len und heftigen Zuſammenkuͤnfte zu erfahren, kam wenigſtens der ihrer Gebieterinn gleich. Wieder nahete ſie ſich der Thuͤre Sir Lionels 6 ſo ſehr, daß ſie die Aeußerungen heftiger Dro⸗ hungen und kuͤhnen Trotzes hoͤren konnte; wie⸗ der hatte ſie Sir Lionel geſehen, wie er nach der Entfernung der Fremden eifrig mit dem Rechtsgelehrten berathſchlagte, und wieder hatte ſie dies alles, nicht ohne einige Uebertreibung, ihrer Gebieterinn hinterbracht, die ſich nun in tauſend Muthmaßungen uͤber ihres Gatten ge⸗ faͤhrdete Sicherheit erſchoͤpfte. Das Geheimniß ſollte indeſſen jetzt geloſ't wer⸗ den, und ihre Furcht eine beſtimmtere, ob⸗ gleich nicht minder drohende Geſtalt annehmen. Eben ſo ſehr zu ihrem Schrecken als ihrer Ue⸗ berraſchung, ward ihr geſagt, daß die fremde Dame, ſtatt das Haus, wie gewoͤhnlich, zu verlaſſen, unten warte, und ſie heimlich zu ſprechen wuͤnſche. Aengſtlich beſorgt, das Ge⸗ heimniß in einer Sache zu bewahren, wo es fuͤr Sir Lionel von ſolcher Wichtigkeit ſchien, befahl Lady Fitzmaurice die Fremde nach ihrem eigenen Simmer zu fuͤhren, und erwartete ſie hier voll der aͤngſtlichſten Beſorg⸗ niß, feſt uͤberzeugt, daß ſie etwas Schreckli⸗ ches hoͤren werde. Was es ſein koͤnne, ver⸗ mochte ſie ſich nicht zu entraͤthſeln, obgleich jede Sekunde, die bis zu dem Erſcheinen ihres Gaſtes verfloß, ihrer Furcht eine neue Rich⸗ tung gab. Endlich naheten ſich Tritte; ihr — Herz pochte aͤngſtlich, und als die Thuͤr ſich oͤffnete, und ſie aufſtand, ihren Beſuch zu empfangen, flog ihr Buſen mit ſolcher Heftig⸗ keit auf und nieder, daß ſie unfaͤhig war, ein Wort zu ſprechen. Bleichen Geſichtes, die Au⸗ gen noch vor Zorn uͤber die Unterredung mit Sir Lionel funkelnd, trat die Fremde langſam in das Zimmer, ſetzte ſich, und bat Lady Fitz⸗ maurice mit jenem Weſen, das Hoͤhere oſft gegen Geringere anzunehmen pflegen, ſich eben⸗ falls zu ſetzen; eine Erlaubniß, von welcher ſtillſchweigend Gebrauch gemacht ward. Das Dienſtmaͤdchen blieb in dem Zimmer, und be⸗ ſchaͤftigte ſich eifrig, vermied jedoch ſorgfältig jedes Geraͤuſch, in der Hoffnung, daß ihre Gegenwart nicht bemerkt werde. Die Fremde aber ſahe mit ſtolzem Blicke auf ſie herab, zeigte nach der Thuͤr, und winkte mit der Hand, daß ſie gehen ſolle. Das Zeichen war zu gebieteriſch, um ihm nicht zu gehorchen. Das Madchen ging, die Fremde ſchloß die Thuͤr hinter ihr ab, ſetzte ſich dann wieder, und redete ihre erwartungsvolle Gefaͤhrtinn auf folgende Weiſe an: „Ihr habt es nicht noͤthig, Madame, mich mit ſo mißtrauiſchem, durchdringendem Blicke zu betrachten; Ihr kennt mich nicht, und koͤnnt mich auch nicht fuͤglich kennen. Es hat mich gefreut, zu erfahren, daß Ihr Euch in Eurer jetzigen Stellung durch ein beſcheidenes, wohl⸗ wollendes Betragen beliebt gemacht habt, wie Jemand, der ſich ſeiner Geburt bewußt iſt; daher iſt es mir angenehm, daß ich ſo lange zoͤgerte, Euch die Nachrichten, die ich bringe, mitzutheilen, bis Ihr ſie mit ungetruͤbter Freude vernehmen konntet. Ich habe nicht nothig, Euch zu erzählen— denn Ihr ſelbſt muͤßt es tief gefuͤhlt haben— wie vieles Un⸗ recht Sir Lionel Euch zufuͤgte, in welcher Er⸗ niedrigung er Euch haͤlt, welche unbedeutende Rolle Ihr in ſeinem Hauſe ſpielt, wie ſeine Neigung zu Euch gaͤnzlich geſchwunden iſt (wenn ſie uͤberhaupt je zu etwas anderem, als Eurem Vermoͤgen Statt fand) und wie er zum oͤffentlichen Aergerniß ſowohl Euer Vermoͤgen, als auch die Beute und das Raubgut, welches er auf andere Weiſe erlangte, an eine unwuͤr⸗ dige Geliebte verſchwendet, die er in dem Hauſe des von ihm gemordeten Lord Dawbe⸗ ney zu unterhalten wagt.“ „Ach! ach!“ rief Lady Fitzmaurice,„ſind das die guten Nachrichten, die ich horen ſollte? Sie moͤgen wahr ſein, wie mein ahnendes Herz mir ſagt, daß ſie es ſind, aber wie koͤn⸗ nen ſie mir zum Troſte gereichen?“ „Weil ich gekommen bin, Madame, Euch Eure Freiheit wieder zu geben, Euch in den Stand zu ſetzen, Euer Vermoͤgen wieder zu erhalten, Euch von dem Manne, den Ihr haſ⸗ ſen muͤßt, zu befreien, indem ich Euch beweiſe, daß er nicht Euer Gatte iſt.“ „Wie! nicht mein Gatte? moͤgen der guͤtige Himmel und alle Engel dies verhuͤten!— Was meint Ihr damit?“ „Ich bitte Euch, gute Frau,“ ſagte die Fremde mit Geringſchaͤtzung,„weshalb ſeht Ihr ſo erſchreckt aus? Weshalb werdet Ihr ſo bleich? und weshalb haltet Ihr Euch an dem Stuhle, als fuͤrchtet Ihr zu fallen?“ „Guter Gott! guter Gott! wie koͤnnt Ihr ſo grauſam fragen? Wißt Ihr nicht, daß ich Lady Fitzmaurice bin?“ „Ich weiß, daß Ihr den Namen truget, und wuͤnſche Euch Gluͤck, daß es nicht laͤnger der Fall ſein wird, denn mit Schaam und Kummer lege ich das beſchimpfende Bekenntniß ab, daß Ich die Lady Fitzmaurice bin, die erſte, die einzige rechtmaͤßige Frau des Sir Lionel!— Erſchreckt nicht, ſondern hort nich an, obgleich es mir die Seele erſchuͤttert, neine Geſchichte zu erzaͤhlen. Sie iſt ſeltſam, ind wird dies fuͤr Euch um ſo mehr ſein, venn ich Euch ſage, daß ich eine Bohun bin,— ine jenes alten, edelen Geſchlechtes, deſſen Name niemals verunglimpft ward, bis ich mich verleiten ließ, der Himmel mag wiſſen, aus welcher Verblendung, den niedrig geborenen Abenteurer zu heirathen, den Buben und den Boͤſewicht, welcher den Namen Sir Lionel Fitzmaurice trägt. Seine Schandthaten, ſeine Treuloſigkeit, ſeine Mißhandlungen, Geilige Maria! Mißhandlungen gegen eine Bohun, und von einem ſolchen Baſtard) duldete ich fuͤr einige Zeit, aber vergeſſen wurden ſie nie. Wir trennten uns in bitterem, gegenſeitigem Grolle. Bald darauf wuͤthete die Peſt in England, und es verbreitete ſich das Gerucht, ich ſei geſtorben. Ja, ich ſelbſt war Urhebe⸗ rinn dieſes Geruͤchtes, denn ich ſchaͤmte mic der Schande, die ich uͤber meine Familie ge bracht. Ich legte den niedrigen Namen mei nes Gatten ab, und nahm den meiner glor reichen Vorfahren wicder an; umringte Si Lionel mit Spionen, ſelbſt in ſeinem eigene Hauſe, die mir von ſeinem täglichen Thu Bericht abſtatten mußten, und zog mich dan in die Verborgenheit zuraͤck, wo ich endli mit Entzucken vernahm, daß er wieder ve⸗ maͤhlt ſei.“ 6 „Hilf Himmel, Madame, hilf Himm, wenn dieſe Erzählung Wahrheit enthalt, ne konntet Ihr dann Entzͤcken daruͤber empfinde, daß zwei Eurer Mitgeſchoͤpfe ſo betrogen wur⸗ den; was haͤtte Euch zu ſolcher Grauſamkeit bewegen koͤnnen?“ Rache! rieß die Frenpt mit triumphi⸗ render Stimme, und faßte krampfhaft den Arm ihrer Geſellſchafterinn; ihr Auge ſpruhte dabei Feuer, und boöhafte Freude uͤberzog ihr Geſicht, daß die feinen reizenden Zuͤge dadurch ganz entſtellt wurden.„Aus Schaam und Empoͤrung waͤre ich laͤngſt geſtorben, hätte die Hoſſnung auf Rache nicht mein Herz aufrecht erhalten. Ihr habe ich Jahre lang gelebt, und nur um ſie deſto glaͤnzender ausuͤben zu konnen, verſchob ich ſie ſo lange. Ich habe gewartet, bis ſein Ehrgeiz geſättigt war, bis er die Hoͤhe, nach der er ſtrebte, erklommen hatte, daß ich ihn deſto tiefer herabreißen koͤnne, daß ſein Sturz ihm um ſo ſchmerzlicher ſei. Die Stunde iſt endlich gekommen, das Maaß ſeiner Schandthaten voll, die Hoͤhe ſei⸗ nes Ruhmes erklommen, und ſelbſt nicht die Teufel, mit denen er im Bunde ſteht, ſollen ihn jetzt noch halten koͤnnen. Iſt er nicht ein Gotteslaͤſterer, ein Moͤrder und Machtraͤuber? Iſt nicht ſeine Burg und alle die weiten Be⸗ ſitzungen umher das Eigenthum des Juͤnglings, den er widerrechtlich gefangen hält, indem er ihn fuͤr mondſuͤchtig ausgiebt? Hat er nicht — durch ſein holliſches Buͤndniß uͤberall vernich⸗ tet und geraubt, wo es ihm gefiel? und hat er nicht in dieſem Augenblicke das hochſte Stre⸗ ben ſeines Stolzes erreicht? Iſt er nicht ge⸗ furchtet von der ganzen Welt, geehrt von ſei⸗ nem Koͤnige, iſt nicht ſeine Tochter ſogar die Geſellſchafterinn der Koniginn? Dies iſt die Stunde, auf welche ich ſo lange, und mit ſol⸗ cher Ungeduld wartete. Seine Schuld und ſeine Groͤße koͤnnen nicht hoͤher getrieben wer⸗ den, und ich habe endlich meine Verborgenheit verlaſſen, daß ich ihn ruͤcklings von dem Gipfel ſeines Gluckes hinab ſturzen kann.“ „Ach! und habt Ihr das Herz, es zu thun? Ich frage nicht danach, was aus mir ſelbſt werde, doch der Himmel und alle guten Engel moͤgen es verhuͤten, daß ſo großes Uebel Sir Lionel treffe.— Welche Strafe beſtim⸗ men die Geſetze fur ſeine Schuld?“ „Den Tod!“ ſchrie die Fremde, mit der Hand auf einen kleinen Tiſch an ihrer Seite ſchlagend, und wieder durch jenen Zug hoͤhni⸗ ſchen Triumphes entſtellt.„Glaubt Ihr, daß irgend etwas anderes mir genuͤgen koͤnne? Wann ward je ein Bohun beſchimpft, ohne den Flecken durch das Blut des Beleidigers abʒuwaſchen? Er iſt dem Tode verfallen, und — durch die Hand des gemeinen Henkers muß er ſterben, oder ich bin nur halb geraͤcht.“ Lady Fitzmaurice ſank voller Entſetzen zu⸗ ruͤck in ihren Stuhl, und rang nach Luft. Dann fiel ſie der Fremden zu Fuͤßen, und rief mit brechender Stimme:„Bei der Liebe zu Chriſtus und ſeiner gebenedeiten Mutter, ſcho⸗ net ſein!— Schonet ſein, und gebt Euren furchterlichen Vorſatz auf!— Ich will von ihm fliehen, und ihn meiden, oder alles thun, was Ihr verlangt; doch auf meinen Knieen peſchwore ich Euch, laßt Sir Lionel nicht einen ſo ſchimpflichen Tod erdulden.“ „Ihr ſprecht wie die Tochter eines Gemei⸗ nen,“ entgegnete die Dame mit zuͤrnendem Blicke.„Haͤttet Ihr einen Tropfen, nur einen einzigen Tropfen edleren Blutes in Euren Adern, es wuͤrde laͤngſt gekocht haben bei all dem Un⸗ rechte, das Ihr erdulden mußtet, und Ihr freutet Euch jetzt, Euch ſo gerächt zu ſehen.“ „Ich habe an dem Altare Gottes geſchwo⸗ ren, ihn zu lieben und zu ehren.“ „Wie! das habe auch ich, du zahmes, ſanftes Weſen; doch dieſes Geluͤbde war ge⸗ genſeitig, und es bindet das Weib nur ſo lange, als der Mann es haͤlt. Als er es zu⸗ erſt gebrochen, wandelte meine Liebe ſich au⸗ genblicklich in Haß, und meine Ehre lag in der Hoffnung auf Rache. Ihr habt nichts beſchworen— Eure Eide galten nichts, denn er war nicht Euer Gatte, konnte es nicht ſe „O, ſo laßt mich an ihm haͤngen, und ihn beſchuͤtzen, wie einen Mann, den ich einſt liebte— als meinen Freund— als das We⸗ ſen, das ich von ſeinen ſuͤndlichen Irrthuͤmern zuruckzubringen hoffe, das ich bewegen will, ſeine unheiligen Thaten abzuſchwoͤren, und ſich mit ſich ſelbſt und dem Himmel auszuſoͤhnen, damit ich ihn, wenn ich zuerſt ſterbe, auf dem Wege des Heiles wandelnd zuruͤcklaſſe, wenn ich ihn aber uberlebe, hoffen darf, daß er Gnade und Verzeihung gefunden habe!“ „Gab es je ein ſo leichtglaͤubiges Geſchoͤpf? Verzeihung fuͤr Sir Lionel Fitzmaurice! und durch die erfleht, der er ſo vielfaches bitteres Leid zufuͤgte! Wie, Du alberne Naͤrrinn, Du einfaͤltige Thoͤrinn, Dein Kopf wird in Kupfer geſtochen uͤber den Balladen der geduldigen Griſela prangen, und die Hauſirer werden Dich in den Straßen ausſchreien, als den menſchlichen Hund, der den Fuß leckte, von dem er getreten ward.“ „Ach! nennt mich, wie Ihr wollt, doch noch ein Mal beſchwore ich Euch, ſtuͤrzt Sir Lionel nicht in dieſen Abgrund, belaſtet ihn nicht mit ſolcher Schande.— Thut Ihr es meinetwegen nicht, ſo ſchonet ſein um Beatrix willen. Ihr konnt Euer eigenes Kind nicht vaterlos machen wollen!“ „Machte er mich nicht kinderlos, indem er ſie von mir riß? Er ließ mir nichts zu pfle⸗ gen, als meine Rache. Dieſe habe ich wie mein Kind genaͤhrt, und ich ſchwoͤre es hiemit, daß Sir Lionel mir und dem Geſetze durch ſei⸗ nen Tod Genugthuung gewaͤhren ſoll! Meine edelen Verwandten ſind ſaͤmmtlich bereit, mich zu unterſtuͤtzen, und ihn von ſeiner erſchliche⸗ nen Hoͤhe herabzuſtuͤrzen; das Verfahren iſt eingeleitet; die Sache iſt klar; ſein Schickſal iſt beſchloſſen; nichts fehlt uns, als noch ei⸗ nige Beweiſe ſeiner zweiten Vermaͤhlung. Nie⸗ mand kann dieſe ſo gut ſchaffen, als Ihr ſelbſt, und dies iſt die urſach, weshalb ich dieſe Unterredung von Euch verlangt habe; denn Eure Vermaͤhlung ſcheint heimlich ge⸗ ſchloſſen zu ſein, und bis jetzt konnten wir noch keinen Zeugen jener Feierlichkeit finden. Ihr werdet auf gerichtlichem Wege eine Auf⸗ forderung deshalb erhalten, und wenn Ihr reiflicher uͤber das Unrecht nachdachtet, das Euch geſchah, werdet Ihr ohne Zweifel das Mittel ergreifen, Euer Vermoͤgen wieder zu erlangen, Euch von dem treuloſen Schurken zu cee 5 3 — 16— befteien, der Euch verachtet und mißhandelt, und ein Ungeheuer aus der Welt zu ſchaffen, durch welches dieſelbe viel zu lange gepeinigt ward.“ „Bei dieſen Worten ſchritt ſie mit ver⸗ ächtlichem Blicke aus dem Zimmer, und ließ Lady Fitzmaurice,(denn ſo wollen wir ſie auch jetzt noch nennen) auf den Knieen liegend, zuruͤck. Die Fremde hatte in der That nicht einmal verſucht, ſie aus dieſer Stellung zu ziehen, und ſelbſt nachdem jene das Gemach verlaſſen, blieb ſie noch einige Zeit ſo liegen, durch alles was ſie gehoͤrt hatte zu ſehr er⸗ ſchreckt, um Bewegung oder Sprache gewin⸗ nen zu konnen. Kaum kehrte ihr volles Be⸗ wußtſein zuruͤck, als ſie dieſe Stellung be⸗ nutzte, ein bruͤnſtiges Gebet fur die Erhaltung Sir Lionels ſowohl, als fuͤr deſſen Bekehrung zum Guten zum Himmel zu ſenden. Dies und ein Strom von Thränen ſchaffte ihrem gepreßten Herzen einige Erleichterung, und ſie warf ſich nun auf ihr Bett, mit ſich ſelbſt daruͤber zu Rathe zu gehen, wie ſie hier am beſten handeln koͤnne. Als die Fremde, welche den Namen der Mrs. Bohun fuͤhrte, und in der That das war, wofuͤr ſie ſich ausgab, die erſte Gemah⸗ linn Sir Lionels, beſchloß, ihre Verborgenheit zu verlaſſen, und die lange genaͤhrte Rache auszuuͤben, hatte ſie mit eben der Ruhe und ueberlegung gehandelt, welche ſie ſchon fruͤher beſtimmt, ihre Rache ſo lange zu verſchieben, bis ſie ſchwerer treffen, und tiefer ſchmerzen mußte. Sie kannte den Mann, mit dem ſie es zu thun hatte, wußte, daß er ſowohl liſtig als kuͤhn, dabei ſchwer zu hintergehen, und noch ſchwerer in Furcht zu ſetzen ſei, und be⸗ ſchloß daher, dem Zufalle gar nichts zu uͤber⸗ laſſen, ſondern den Beleidiger ſo zu umgarnen, daß das erſte Suͤhnopfer, welches er ihr und der Welt bringen mußte, ein oͤffentliches, und zugleich ein vernichtendes ſei. Nach dem da⸗ maligen Geſetze ward das Verbrechen, deſſen er ſich ſchuldig gemacht, mit dem Tode beſtraft, und obgleich die gaͤnzliche Unwiſſenheit, in der es begangen worden, in unſeren Tagen ein hinlaͤnglicher Schutz fuͤr das Leben des Ver⸗ brechers wäre, ſo bot dies doch zu der Zeit Heinrichs VIII. kein ſolch Sicherungsmittel dar, einer Zeit, von der es ſchwer waͤre, zu entſcheiden, ob die Beſtimmung oder die Voll⸗ ſtreckung der Geſetze grauſamer, unmenſchlicher und blutduͤrſtiger war. um ſelbſt gegen jede Milderung des Urtheils geſichert zu ſein, wußte ſie es zu veranſtalten, daß die Sache einem Richter uͤbertragen ward, der dem Sir Lionel IV. 2 —— — 6— als ein Verwandter des Lord Dawbeney, eines ſeiner Schlachtopfer, perſonlich feind war, und der, wie man wußte, laut erklaͤrt hatte, wenn er einſt Gelegenheit bekaͤme, die Welt von die⸗ ſem Auswurfe zu befreien, wolle er ſchon Sorge tragen, daß er nicht entkomme. Der Sachwalter, den ſie angenommen, war eben⸗ falls ein Mann, der durch Sir Lionel ſchwer gekraͤnkt worden, und der mit dem feindlichſten Geiſte nach deſſen Verderben ſtrebte. Ihre zahlreichen und maͤchtigen edelen Verwandten, welche das unrecht, das ihr widerfahren, wie eine Beleidigung des Namens Bohrn betrach⸗ teten, traten ihrer Sache mit dem groͤßten Ei⸗ fer bei, und verſprachen, ſie zu unterſtutzen. Dann begann ſie, unter dem maͤchtigen Ein⸗ fluſſe ihrer ganzen Familie, ihre Angriffe, und es ſchien, als ſei keine Maaßregel vernachläſ⸗ ſi t die ihr einen gluͤcklichen Erfolg ſichern, und Sir Lionels gaͤnzlichen Sturz herbeiziehen mußte. Sobald alle dieſe Anſtalten getroſſen waren, eilte ſie nach dem Thurmhauſe, Sir Lionel durch die Nachricht ihres Lebens in Schreck zu ſetzen, ſo wie ihn von den Schritten zu untertichten, die zu ſeinem unvermeidlichen Verderben gethan. Seit langer Zeit hatte ſie dieſem Augenblicke des Triumphes ſehnlich — 19— entgegengeharrt. Sie freuete ſich deſſelben mit der Bosheit eines heftigen, rachſuͤchtigen Wei⸗ bes, das in ihrem zarteſten Weſen verletzt wor⸗ den, bis ihre Liebe ſich zum gluͤhendſten Haſſe umwandelte. NRicht zufrieden, ihm dieſe Nach⸗ richten mitgetheilt zu haben, die ihn wirklich erzittern machen mußten, peinigte ſie ihn auch noch dadurch, daß ſie ihm vorhielt, waͤhrend er Andere mit ſeinen Netzen umzogen habe, ſei er ſelbſt in die gegangen, die ſie ihm geſtellt, ſei beſtaͤndig, ſogar in ſeinem eigenen Hauſe, mit ihren Spionen umringt geweſen. Doch die bitterſte Kraͤnkung, die ihn bis in das In⸗ nerſte des Herzens verletzte, fuͤgte ſie ihm zu, indem ſie ihn verſpottets, daß er bei all ſeiner Liſt und Vorſicht, durch ein Weib uͤberliſtet und gefangen worden ſei. Dies war der Gegenſtand der heftigen Un⸗ terredungen, der Drohungen, welche laut genug ausgeſprochen wurden, das Ohr des Dienſt⸗ maͤdchens der Lady Fitzmaurice zu erreichen, und dieſe ſelbſt mit ängſtlichen Vermuthungen zu erfullen, obgleich keine von Beiden die Wahr⸗ heit zu errathen oder zu entdecken vermochte. Eine oder zwei dieſer ſtuͤrmiſchen Zuſammen⸗ kuͤnfte reichten nicht hin, die Rachegefuhle der Mrs. Bohun, denn wir wollen ihr ihren ange⸗ nommenen Namen laſſen, zu beſaͤnftigen. Sie 2* — 0 ergoͤtzte ihr Herz an ſeiner Leidenſchaftlichkeit und Bangniß; gefiel ſich darin, ihm ſeine Schandthaten vorzuwerfen; ihn ſeiner Einfalt wegen zu verſpotten, daß er in die Fallen ge⸗ gangen, die ſie ihm gelegt; ihm die Unmoͤglich⸗ keit der Rettung zu beweiſen, er moͤge nun Menſchen oder Teufel zu ſeiner Huͤlfe beſchwoͤ⸗ ren. Doch dieſe Zuſammenkuͤnfte, dem holli⸗ ſchen Kampfe zweier boͤſen Geiſter nicht un⸗ ahnlich, waren jetzt voruͤber. Das gerichtliche Verhoͤr, bei welchem Lady Fitzmaurice zu er⸗ ſcheinen geſetzlich aufgefordert worden, nahete heran, und die fremde Dame kam nur noch ein Mal nach dem Thurmhauſe, und zwar, um die Lady zu fragen, ob ſie entſchloſſen ſei, ihr Zeugniß abzulegen. „Ach! ach!“ war ihre Antwort,„wie kann ich anders?— das Geſetz muß aufrecht erhal⸗ ten werden;— ich will bei dem Verhoͤre zu⸗ gegen ſein.“ „Genug! entgegnete die Freide. Ich wußte, daß Ihr endlich die erduldete Schmach fuͤhlen, und Eure Pflicht gegen Euch ſelbſt, die Wahr⸗ heit und die Gerechtigkeit erfullen wuͤrdet, in⸗ dem Ihr dem allgemeinen Feinde ſein Recht widerfahren laßt. Durch dieſen Entſchluß zeig⸗ tet Ihr Euch wuͤrdig, edeles Blut in den Adern zu tragen.— Lebt wohl!“ Das Geruͤcht der augenblicklichen Vernich⸗ tung, welche jetzt uͤber Sir Lionels Haupte hing, flog mit unglaublicher Schnelligkeit von Mund zu Mund, und bewegte ganz Somerſet⸗ ſhire, beſonders aber die Nachbarſchaft des Thurmhauſes auf die heftigſte Weiſe. Ausge⸗ nommen bei ſeinen eigenen Kreaturen und Mieth⸗ lingen, war das vorherrſchende Gefuͤhl Freude, daß er endlich den Lohn ſo vieler Bedruͤckungen empfangen ſolle. Sogar unter ſeinen Anhän⸗ gern hatte ſich eine ſolche Furcht verbreitet, daß mehrere ſeinen Dienſt verließen, und die zahl⸗ reiche Menge ſeiner heimlichen Feinde, ermu⸗ thigt durch die Ausſicht auf ſeinen nahen Sturz, trat jetzt an das Licht, ſich mit den Wenigen zu vereinigen, welche bisher ſeine Obergewalt noch nicht anerkannt hatten. Die Familie der Bohuns war nicht unthaͤtig; ſie verſammlete ihre Anhaͤnger, deren Zahl bei Allen, welche das Geſetz gegen den furchtbaren Koͤnig vom Berge aufrecht erhalten ſollten, eine gewiſſe Siegesahnung erweckte. Von beiden Seiten wurden Feldzeichen ausgetheilt, damit die Ka⸗ meraden einander erkennen koͤnnten, und eine Geſandtſchaft der Bohuns ging zu dem Abte von Glaſtonbury, ihn zu bitten, daß er einen Theil ſeiner Diener und Lehnsleute nach Wells ſchicke, wo das Verhoͤr gehalten werden ſollte. — L Sie erſuchten ihn, dadurch die Kraft der Ge⸗ rechtigkeit zu verſtärken, und ſeinen alteſten, gluͤhendſten Feind am Entrinnen zu hindern, ſollte er verurtheilt werden; oder ihn abzuhal⸗ ten, das Geſchworengericht durch die Entfaltung ſeiner uͤberlegenen Macht einzuſchuͤchtern. Der gute Praͤlat verweigerte aber in dieſem Falle jede Einmiſchung, und erklaͤrte, ſo erfreut er auch ſei, zu hoͤren, daß das Verderben endlich einen ſolchen ruchloſen Unterdruͤcker und Miſſe⸗ thaͤter ereilen ſolle, ſo komme es ihm, als ei⸗ nem Diener des Friedens, doch nicht zu, krie⸗ geriſche Ruͤſtungen zu treffen, ſelbſt nicht zur Unterſtutzung des Geſetzes, und noch weit we⸗ niger bei ſeiner eigenen Privatſtreitigkeit, in welcher er ſich keine anderen Kaͤmpfer wuͤnſche, als Wahrheit und Gerechtigkeit, keinen ſtaͤrke⸗ ren Ruͤckhalt, als die Ueberzeugung ſeiner eige⸗ nen Schuldloſigkeit. Sir Lionel ruͤſtete ſich waͤhrend dieſer Zeit ebenfalls mit einem Eifer, welcher der Groͤße der Gefahr angemeſſen war. Die Mehrzahl ſei⸗ ner Anhaͤnger und Dienſtleute waren ihm treu ge⸗ blieben, da ſie wohl wußten, daß ihr Schickſal großtentheils von dem ſeinigen abhaͤnge, von dem⸗ ſelben unzertrennlich ſei; ſie wurden ſogar durch eine Art verzweiflungsvoller Kuͤhnheit ermuthigt, welche der uͤberlegneren Zahl ihrer Gegner das Gleichgewicht halten konnte, ſollte ihnen dieſes Uebergewicht auch noch ferner bleiben. Selbſt von den Nachbaren blieben Mehrere an Sir Lionel haͤngen, in dem feſten Glauben, daß er durch Zauberkuͤnſte oder den Beiſtand der Hoͤlle aus dieſer Gefahr eben ſo wohl ſiegreich her⸗ vorgehen werde, als dies fruͤher jedes Mal ge⸗ ſchehen. Dieſe Meinung aufrecht zu erhalten fehlte es auch nicht an ſeltſamen, geheimniß⸗ vollen Geruͤchten, welche von dem Thurmhauſe ausgingen. Doch daß die uͤbernatuͤrliche Huͤlfe, auf die er allenfalls rechnen konnte, Sir Lionel nicht genuͤgend ſcheine, ſah man daraus deut⸗ lich, daß er ſeine Schätze nicht ſparte, ſowohl um Beſtechungen zu bewirken, als auch um ein ſolches Gefolge Bewaffneter zu erlangen, daß er hoffen durfte, dadurch auf die Furcht der Geſchworenen zu wirken, und ſie auf dieſe Weiſe von einem Ausſpruche abzuhalten, der ihm einen augenblicklichen ſchmachvollen Tod zuerkannte. Offen ſprach er die Drohung aus, treibe man ihn zu dieſem Aeußerſten, ſo ſollten die Geſchwornen wenigſtens mit ihm zugleich ihr Leben endigen. Sein eigener Charakter, ſo wie der des bewaffneten Geſindels, aus dem ſein Gefolge beſtand, buͤrgte dafuͤr, daß dies nicht leere Drohung ſei, obgleich die beabſich⸗ tigte Gewaltthat durch die Wachſamkeit und — Macht der entgegengeſetzten Parthei verhindert werden konnte. Durch dieſe feindlichen Ruͤſtungen, welche die Zeit des Buͤrgerkrieges der Roſen, oder der Emporung Perkin Warbecks zuroͤckzurufen ſchie⸗ nen, in Furcht geſetzt, begann ſich bei dem Scheriff von Somerſetſhire die Beſorgniß zu regen, daß die geſetzliche Gewalt uͤberboten werden moͤchten, und er ſandte deshalb nicht nur Briefe an das Gouvernement, ſeine Angſt kund zu thun, ſondern ſchickte auch nach Bri⸗ ſtol die Bitte, eine oder zwei Kompagnien der Truppen, welche dort grade jetzt nach Irland eingeſchifft werden ſollten, zu ſeiner Unter⸗ ſtutzung zuruͤck zu laſſen. Dieſe Truppen wa⸗ ren indeſſen ſchon unter Segel gegangen, als ſein Bote in Briſtol anlangte, und vom Gou⸗ vernement Unterſtuͤtzung zu erwarten, dazu war die Zeit zu kurz. So war der Scheriff alſo auf ſich ſelbſt verwieſen, doch hoffte er, wenn er die Macht des Geſetzes mit einer der beiden Partheien vereinige, werde es ihm gelingen, die andere von einem offenen Friedensbruche abzu⸗ halten. Lady Fitzmaurice hatte ſich mit ihrem Gat⸗ ten uͤber dieſen aͤußerſt wichtigen Punkt nicht beredet, auch ahnete er es nicht, daß ſie auf⸗ gefordert worden, bei dem Verhoͤre zu erſchei⸗ — nen. Sie war noch immer ſanft und guͤtig, doch von einer tiefen Melancholie, die ſelbſt ihr freundliches, doch erzwungenes Laͤcheln nicht ganz verbergen konnte, niedergebengt. Der Truͤbſinn ſchien ſich jedech in eben dem Maaße zu vermindern, in welchem der Tag des Ver⸗ hores ſich nahete; ſie ging mit dem Ausdrucke des feſteſten Selbſtvertrauens umher, ihrem ſonſtigen Betragen faſt ganz widerſprechend, und wenn ſie ihrem Gemahl zufaͤllig begegnete, laͤchelte ſie ihm freundlich zu, oder ſprach tro⸗ ſtend und ermuthigend zu ihm. In alle dem ſah Sir Lionel, ſeiner Anſicht der menſchlichen Natur getreu, nichts, als die Freude uͤber ſei⸗ nen nahenden Sturz und Tod, welche ſie un⸗ geſchickt hinter dem Scheine vermehrter Zunei⸗ gung und erhoͤheter Achtung zu verbergen ſtrebe. Die Gleichguͤltigkeit und Geringſchaͤtzung, die er ſonſt ſchon gegen ſie gefuͤhlt, verwandelten ſich jetzt in den gluͤhendſten Haß, da er ſie als die Urſach ſeiner gegenwärtigen Gefahr betrachtete, und er kam jeder Erklaͤrung von ihrer Seite durch das ſtrenge Gebot zuvor, ſeine Ruhe in einem ſolchen Augenblicke nicht durch ihre Ge⸗ genwart zu verpeſten. Durch dieſes ſchroffe Zuruͤckſtoßen ihres Ent⸗ gegenkommens nicht beleidigt, und ohne einem einzigen menſchlichen Weſen ihre Abſichten zu entdecken, wartete Lady Fitzmaurice den Mor⸗ gen der Entſcheidung ab, beſtieg dann ihr Pferd, und ritt ganz ohne Begleitung nach Wells. Die Straßen waren mit Bewaffneten der ver⸗ ſchiedenen Partheien, und mit Landleuten aus der umliegenden Gegend bedeckt; Alle eilten ei⸗ nem Ziele zu, Alle nahmen an der nehmlichen Sache, obſchon auf verſchiedene Weiſe, gleich lebhaft Theil, Alle ſprachen nur uͤber dieſen Gegenſtand. Als die Lady der Stadt naͤher kam, wuchs nicht nur die Zahl des Haufens, ſondern dieſer nahm auch ein kriegeriſcheres Aeußere an. Die verſchiedenen Partheien, wel⸗ che ſich durch ihre Feldzeichen leicht unterſchei⸗ den ließen, begrußten ſich gegenſeitig mit belei⸗ digendem Geſchrei oder Drohungen, oder foch⸗ ten mit ihren Stocken gegen einander, obgleich die Mehrzahl entſchloſſen ſchien, den Ausgang der gerichtlichen Verhandlung abzuwarten, ehe ſie ihre Krafte formlich mit denen der Gegner meſſe. Durch dieſe unruhig bewegte Menge ritt die Lady ungefaͤhrdet dahin, von Vielen nicht gekannt, und da, wo ſie gekannt war, achtungsvoll behandelt, denn die Bohuns, wel⸗ che die Wichtigkeit ihres Zeugniſſes wohl wuß⸗ ten, hatten die gemeſſenſten Befehle gegeben, ihr uͤberall mit Achtung zu begegnen. Dieſer Befehl wäre indeſſen kaum noͤthig geweſen, denn der Einfluß ihrer ſtillen Tugenden war ſo groß, und man trennte ſie in der oͤffentlichen Meinung ſo ganz von Sir Lionel, daß alle Partheien gleich eifrig bemuͤht waren, ihr ihre Ehrfurcht zu bezeigen. So erreichte ſie die Stadt Wells, wo ſie vom Pferde ſtieg, und endlich, ſich nicht ohne Schwierigkeit einen Weg durch die Maſſe der Menſchen bahnend, bei dem Sitzungshauſe an⸗ langte. Hier gab ſie ſich zu erkennen, und ward ſogleich in den Gerichtsſaal gefuͤhrt, wo man ihr auf der Zeugenbank ihren Platz an⸗ wies. Die Halle war innerhalb faſt mit der Zivilgewalt erfuͤllt, und außerhalb ganz mit den Streitkraͤften derſelben umringt, denn der Richter, welcher von der Verurtheilung Sir Lionels uͤberzeugt war, wollte Unruhen vermei⸗ den, und hatte den Scheriff aufgefordert, hin⸗ reichende Anſtalten zu ihrer beiderſeitigen Si⸗ cherheit zu treffen. Doch innerhalb des Ge⸗ baͤudes war deſſen ungeachtet noch eine ſolche Menge von den bewaffneten Anhaͤngern beider Partheien, daß dieſe Vorſichtsmaaßregeln da⸗ durch vollkommen gerechtfertigt erſchienen. Die Halle war jetzt faſt bis zum Erſticken gefullt, der Richter hatte ſeinen Sitz eingenom⸗ men, und ſah mit finſterem, drohendem Blicke auf die Anhänger Sir Lionels, welche ſich zu⸗ — ſammengedraͤngt hatten, der Name und das Verbrechen des Angeklagten waren verleſen wor⸗ den, und der Richter wollte die Geſchwornen auffordern, das Urtheil zu ſprechen, da erhob ſich Lady Fitzmaurice von ihrem Sitze, wen⸗ dete ſich an den Richter, und erklaͤrte, daß ſie etwas mitzutheilen habe, was jedes fernere Verfahren uͤberftuͤſſig machen, und dem Gerichts⸗ hofe Zeit und Arbeit erſparen werde. Die umſtehenden hoͤrten dieſe Worte nur theilweiſe, aber der Eifer Aller, die Mittheilung zu ver⸗ nehmen, war ſo groß, daß ſie eifrig und un⸗ ruhig vorwärts drängten, und einige Zeit ver⸗ ging, bis die noͤthige Ruhe bewirkt werden konnte. Kaum war dies geſchehen, als Lady Fitzmaurice die Augen niederſchlug, und mit dunkelgerdtheten Wangen den Richter mit fol⸗ genden Worten anredete. „Wahrlich, wahrlich, Mylord!— ich wollte lieber ein Glied meines Koͤrpers verlieren, oder mir die Zunge ausreißen laſſen, als das aus⸗ ſprechen, was ich im Begriffe zu ſagen bin, oder das entehrende Bekenntniß meiner Schande ablegen; doch ich bin zum Zeugniß aufgefor⸗ dert worden, und es koͤmmt mir nicht zu, Ew. Lordſchaft und den Geſchworenen unnuͤtz die Zeit zu rauben, daher bekenne ich hierdurch, daß ich niemals mit Sir Lionel vermaͤhlt ward. — Ich bin bereit, in die Verborgenheit zuruͤckzu⸗ kehren, der er mich entriß, und ſeiner wirk⸗ lichen, rechtmaͤßigen Gattinn alles zu uberlaſſen, worauf—“ „Wie ſagtet Ihr, Weib!— Was?“ un⸗ terbrach ſie der Richter haſtig;„ſprich es noch ein Mal aus!— Niemals mit Sir Lionel vermaͤhlt, ſagteſt Du?“ „Ach! ach! Mylord, es iſt nur zu wahr! — Ich ſagte es, doch ſetzt mich nicht der Schande aus, das Wort zu wiederholen!“ „Sprich nicht von Schande zu mir, Ver⸗ worfene!— Gab es je ein ſo freches— un⸗ verſchaͤmtes Geſchopf?— Und Du haſt es ge⸗ wagt, da Du nur das Liebchen, die Maitreſſe, die Beiſchlaͤferinn dieſes Mannes wareſt, auf den Namen, Rang und Titel der Lady Fitz⸗ maurice Anſpruch zu machen?— Weib, Du biſt dem Geſetze Genugthuung ſchuldig!“ „Ach, ich weiß es wohl!— Ich verdiene Strafe, und bin voͤllig bereit, ſie zu erdulden.“ „Weib! Weib! Du biſt nur die Tochter eines Buͤrgerlichen, es iſt wahr, aber Du haſt Schande auf einen ehrlichen Namen gebracht, denn Dein Vater, der redliche Buͤrgermeiſter von Frome, den ich wohl gekannt habe, war ein Ehrenmann, und allgemein geachtet.“ „Guter guter Gott! Mylord,“ ſchrie — 3— Lady Fitzmaurice, auf die Knie fallend, und beide Haͤnde flehend emporhebend, waͤhrend die Thraͤnen in Stroͤmen uͤber ihre Wangen ran⸗ nen,„um Chriſti willen beſchwoͤre ich Euch, haͤuft nicht auf ſein Grab die Schande, oder er wird auferſtehen von den Todten, und ſeine Tochter verfluchen.— Schonet ſein, Mylord; erwaͤhnet ſeines Namens nicht.— Alles kann ich ertragen, nur das nicht.— O, mein Va⸗ ter!— mein armer Vater!“— Sie ſchluchzte heftig, und lehnte ſich gegen die Schranken, das Geſicht in ihren Haͤnden verbergend. „Alle Redliche klagen dich ſchon jetzt bei dem Himmel an,“ ſagte der Richter;„Du haſt die Verhandlung des Gerichtes gehemmt, und ſchon iſt Sir Lionel gerettet; doch Dich ſelbſt will ich“— Ein lautes Triumphgeſchrei der Anhänger Sir Lionels, als ſie dieſe Nachricht ſeines gluͤcklichen Entrinnens aus der dringen⸗ den Gefahr vernahmen, uͤbertonte die Stimme des Richters. Vergebens forderte dieſer die Konſtabler und Gerichtsdiener auf, die Ruhe herzuſtellen, indem er erklaͤrte, daß die Verhand⸗ lung dennoch ihren Gang gehen ſolle. Seine Befehle wurden nicht gehoͤrt, und haͤtten ſelbſt dann nicht vollſtreckt werden konnen, daher hob er den Gerichtshof auf, und entfernte ſich mit Wuth erfullt, waͤhrend diejenigen des Gefolges — Sir Lionels, welche ſich außerhalb des Gebaͤu⸗ des befanden, von denen innerhalb deſſelben ihren Triumph vernahmen, und nun die Luft von wiederholtem Jubelgeſchrei erſchallen mach⸗ ten, und ihre Gegner ſo lange reizten, bis alles eine Scene des Aufruhrs und Tumul⸗ tes ward. Zitternd und voller Furcht, und das Geſicht ſo viel als moͤglich hinter ihrem Tuche verber⸗ gend, ſtrebte Lady Fitzmaurice, ſich durch den Haufen zu ſtehlen, doch zum Ungluͤck ward ſie von Einigen der Parthei der Bohuns erkannt, und nicht nur mit Worten auf jede mogliche Weiſe beſchimpft, mit jedem entehrenden Na⸗ men belegt, den man ihrem Geſchlechte geben kann, ſondern wuͤrde wohl gar auch noch thät⸗ lich beleidigt worden ſein, hätten ſie nicht meh⸗ rere von Sir Lionels Anhaͤngern befreit, zu ihrem Pferde gefuͤhrt, und dann wie eine Art von Leibgarde nach dem Thurmhauſe begleitet. Sir Lionels Ruͤckkehr glich einem Triumphzuge, und ward von jedem Laͤrmen begleitet, der ſei⸗ nen Sieg bezeichnen konnte. Die Bohuns wollten zwar einen feindlichen Angriff unter⸗ nehmen, und verſammleten ſich zu dieſem Zwecke, aber ihre Zahl war ſchon bedeutend verringert, indem viele ihrer Anhaͤnger ihnen abtruͤnnig ge⸗ worden waren, und die Farbe Sir Lionels an⸗ — genommen hatten; Andere es aber raͤthlich ge⸗ funden, dem Koͤnige des Berges ſeinen Triumph ungeſchmälert zu uͤberlaſſen, und daher heimlich davongeeilt waren. Kaum hatte Lady Fitzmaurice ihr eigenes Zimmer erreicht, als ſie ſich auf die Knie warf, und den Himmel bruͤnſtig um Verzeihung fuͤr die Falſchheit anflehte, die ſie ſo oͤffentlich ge⸗ zeigt, um Sir Lionels Leben zu retten. Sie ſuchte ſich gegen den Allwiſſenden damit zu entſchuldigen, daß ſie ſagte, es ſei geſchehen, um zu verhindern, daß er durch einen ſolchen Lod die Beute des Feindes der Menſchheit werde; und in der Hoffnung, daß ſeine Erhal⸗ tung ihn bekehre, ihn der Tugend wiederge⸗ winne. Bisher war ihr Muth durch die Ue⸗ berzeugung aufrecht erhalten worden, daß ſie zur Erhaltung ihres Gatten ſo handeln muͤſſe, daß ihre Selbſtbeherrſchung zu deſſen Sicher⸗ heit noͤthig ſei, daß ſie fuͤr das falſche, aber doch nicht eidliche Zeugniß, in einem oͤffent⸗ lichen Gerichtshofe, augenblicklich Verzeihung erflehen koͤnne. Als ſie aber alle dieſe Pflich⸗ ten erfuͤllt hatte, nun nach Sir Lionels Zim⸗ mer ging, ihn gerettet von einem ſchmachvollen Tode, in dem Beſitz aller ſeiner Guͤter wieder eingeſetzt fahe, und er ſie mit ſiegestrunkenem Auge und zaͤrtlichem Blicke willkommen hieß, — 33— da ward ſie von ihren Gefuͤhlen uͤberwaltigt. Sie ſturzte ihm entgegen, rief haſtig:„O mein Gemahl! mein Gemahl! Ihr ſeid gerettet!— Ihr ſeid gerettet!“ ward von einem heftigen Lachkrampfe ergriffen, ſank ihm in die Arme, und ward ohnmaͤchtig. Selbſt Sir Lionel ward durch dieſes un⸗ zweideutige Zeichen einer Liebe und Zaͤrtlichkeit geruͤhrt, die jeder Untreue, jeder Geringſchaͤtzung, jeder Mißhandlung Stand gehalten hatte. Er vermochte es nicht zu faſſen. Es ſchlug alle ſeine Erfahrungen der menſchlichen Natur zu Boden; es machte die unendliche Selbſtſucht, mit der er gegen alle ſeine Nebenmenſchen ge⸗ handelt, verwerflich; es widerſprach allen ſeinen Grundſaͤtzen, und ſchmaͤhte ſeinen ganzen bis⸗ herigen Wandel. Auch eigennuͤtzigen Abſichten durfte er ihre Handlung nicht zuſchreiben, und unfaͤhig die Tiefe ihres Herzens und die In⸗ nigkeit ihrer Gefuͤhle zu ergruͤnden, nahm er zu dem alten Mittel in aͤhnlichen Faͤllen ſeine Zuflucht, indem er ſie fuͤr eine alberne Thoͤrinn erklaͤrte, die nur deshalb weniger ſchlecht ſei, als die Mehrzahl der Menſchen, weil ſie weni⸗ ger Verſtand habe. Er fand es ſo ſchwer, ſich zu uͤberreden, es ſei keine niedre Nebenabſicht hinter ihrem Betragen verborgen, daß ſeine erſte Frage, als ſie wieder zu ſich gekommen W. 3 war, was ſie vermocht habe, ſich ſelbſt freiwil⸗ lig, durch ihr offentlich abgelegtes falſches Zeug⸗ niß, ſo zu beſchimpfen. „Mein theurer Sir Lionel, erwiderte ſie, denn acht ich darf Euch ja nicht mehr meinen Gatten nennen, welchen Grund koͤnnte ich wohl gehabt haben, als den Mann vor einem ſchmachvollen Tode zu bewahren, den ich zu lieben und zu ehren geſchworen?— nicht nur von zeitlichem, ſondern auch von ewigem Tode. — Nein, denkt nicht ſo niedrig von mir, daß Ihr glaubt, ich hege nur einen Gedanken, mein Vermoͤgen zuruͤckzufordern. Bei meiner Treue, und dem Heile meiner Seele; ich wuͤrde kei⸗ nen Pence davon anruͤhren. Pierin wenigſtens konnen ſie mich nicht abhalten, Euer Weib zu ſein; und kann ich den Namen nicht fuͤhren, ſo laßt mich Eure Feundinn, Eure Rathgeberinn, Eure Retterinn von weit ſchrecklicherer Gefahr ſein, als dieſe war.— Einen groͤßeren Troſt fur die Schande, welche ich auf mein Haupt waͤlzte, verlange ich nicht.“ Dann bat ſie mit ernſter Ermahnung, die Wege des Boͤſen, auf denen er wandele, zu verlaſſen, den Pfand des Friedens wieder einzuſchlagen, alle finſteren Buͤndniſſe abzuſchwoͤren, und ſich mit dem Him⸗ mel wieder auszuſohnen. Bei dieſem Gegen⸗ ſtande war er nie ein geduldiger Zuhdrer; er war zu feſt in ſeinen Entſchluͤſſen, ſie mochten nun recht oder unrecht ſein, um ſich von ihnen durch den Rath eines Anderen abwendig ma⸗ chen zu laſſen, und ſein Stolz empoͤrte ſich bei dem Gedanken, daß ſeine Gattinn ihn lenken ſolle. Selbſt der wichtige Dienſt, den ſie ihm ſo eben erſt geleiſtet, konnte ihn damit nicht ausſoͤhnen. Er wollte ihr indeſſen nicht mit harten Worten begegnen, daher ſchuͤtzte er die Nothwendigkeit vor, ſie verlaſſen zu muͤſſen, um ſeinen zahlreichen Getreuen, die noch im⸗ mer laut auf dem Hofe jauchzten, zu danken, und Befehle zu geben, daß ihnen von dem be⸗ ſten Ale ſeines Kellers gereicht werde. Unter dem Einfluſſe dieſes kraͤftigen Ge⸗ traͤnkes, welches Allen reichlich geſchenkt ward, war das Thurmhaus ein Bild der Unruhe und des Wirrwarrs, bis der Mond aufgegangen, den ſchwaͤrmenden Vaſallen heimzuleuchten. Viele derſelben bedurften dieſes Lichtes ganz beſonders, um auf ihrem Wege nicht zu ver⸗ ungluͤcken. Kapitain Baſſet war in ſeinem vollſten Glanze; er ließ ſeinen Gebieter ein Mal uͤber das andere hoch leben, und fuͤllte den Becher, bis ſein eigener Kopf angefuͤllt war, und er das Schwert gegen einen ſeiner Kameraden zog. Doch ein Freund Beider ſchlug ihn mit ſeinem Kampfſtabe zu Boden, rollte 3* — — 566— ihn in den Holzſchuppen, und ließ ihn liegen, damit er ſich nuͤchtern ſchlafen, und nach beſter Bequemlichkeit friedlichere Geſinnungen anneh⸗ men koͤnne. Wie immer bei ſolchen Gelegen⸗ heiten, war Cecil in ſeinem Gefaͤngniſſe in dem Thurme eingeſchloſſen worden, und blieb hier, des Schlafes beraubt, eben ſo unfaͤhig, ſich den ungewoͤhnlichen Laͤrmen zu erklaͤren, als fruͤher, bei dem Beſuche des Koͤnigs. Ein ganz verſchiedenes Schauſpiel fand in dem Staͤdtchen Wells Statt, wo die Mrs. Bohun ihre Wohnung genommen. So heftig und rachſuͤchtig ſie auch war, hatte doch nicht die Rache allein ihre Handlungsweiſe ſo aus⸗ ſchließlich beſtimmt, wie ſie es in der Unterre⸗ dung mit der Lady Fitzmaurice geſagt. Dies Gefuͤhl hatte ſie in der That ſeit laͤngerer Zeit geleitet, und wuͤrde ſie wahrſcheinlich endlich ſo weit gebracht haben, einen oͤffentlichen An⸗ griff auf das Leben ihres Gatten zu machen; doch der lange genaͤhrte Wunſch ward auch noch durch eine andere Leidenſchaft geſteigert, die nicht weniger maͤchtig war. Sie hatte eine heftige eigung zu einem jungen Manne von edler Familie, aber ganz ohne Vermoͤgen, ge⸗ faßt, und dieſer erklaͤrte ſich bereit, ſie zu hei⸗ rathen, wenn es ihr gelaͤnge, ſich von den Feſſeln ihrer erſten Ehe zu befreien; denn er —— hoffte ſich durch ihren Einfluß, ihre Verbin⸗ dungen, hoͤher hinaufzuſchwingen. Nichts ſchien ſo einfach, oder ſo leicht ausfuͤhrbar, als den Tod Sir Lionels durch die Hand des Geſetzes zu bewirken; keine Muͤhe ward geſpart, ein Ziel zu erreichen, nach welchem ihre ganze Familie eben ſo emſig ſtrebte, als ſie ſelbſt. Nach der Meinung, nach der Ueberzeugung ihres Rechtsbeiſtandes, konnte an einem gluͤcklichen Ausgange gar nicht gezweifelt werden. Alle ihre Hoffnungen ſo mit einem Schlage zer⸗ truͤmmert zu ſehen; zugleich der Rache, nach der ſie eine ſolche Reihe von Jahren gerungen, beraubt, in ihrer Liebeshoffnung getaͤuſcht, und durch den Triumph des Mannes, den ſie ſo gluͤhend haßte, gekraͤnkt zu ſein, das war mehr, als ein Weib von ſo heftigen, ungezuͤgelten Leidenſchaften zu ertragen vermochte. Von der grenzenloſeſten Wuth hingeriſſen, nahm ſie noch an dem Tage der gerichtlichen Verhandlung Gift, und ward am folgenden Morgen todt in ihrem Bette gefunden. Es wäre unndthig, Sir Lionels Freude bei Empfang dieſer Nachricht ſchildern zu wollen, die ihn jeder fernern Beſorgniß uͤberhob. Scho⸗ nung gegen eine Familie, welche ſein Verder⸗ ben ſo eifrig geſucht hatte, war jetzt nicht mehr noͤthig, daher machte er der Lady Fitzmaurice den Vorſchlag, ſich auf der Stelle noch ein Mal, und zwar offentlich mit ihr zu vermaͤh⸗ len. Daß dieſer Vorſchlag aus dem Wunſche entſprang, ſich einen rechtlichen Anſpruch auf ihr Vermoͤgen zu ſichern, ahnete ſie nicht, denn ſtets beurtheilte ſie die Herzen Anderer nach ih⸗ rem eigenen, großmuͤthigen. Durch die offent⸗ liche, wenn auch falſche, Selbſtanklage, nur die Geliebte Sir Lionels geweſen zu ſein, mußte ſie in der oͤffentlichen Achtung gelitten haben, daher ſah ſie es fuͤr eine Großmuth ihres Gat⸗ ten an, daß er ſie nun doch noch zu ſeinem wirklichen Weibe erheben, in der Achtung der Welt, wie in ihrer eignen, befeſtigen, und ihr einen ehrenvollen Rang in der menſchlichen Geſellſchaft anweiſen wolle. Nach der Feier ihrer zweiten Vermaͤhlung ward ihre innige Neigung zu ihrem Gatten, durch ein Gefuͤhl der Dankbarkeit erhoͤht, noch gluͤhender, als zuvor. Selbſt Sir Lionel, ſonſt jeder ſanfte⸗ ren Regung unfaͤhig, enthielt ſich laͤngere Zeit jeder offenen Kraͤnkung gegen ſie, ſo daß die kummerbelaſtete Lady Fitzmaurice ſich einer un⸗ gewohnten Ruhe und Zufriedenheit erfreute. So ward dem uͤbergluͤcklichen Koͤnig vom Berge, ſiegreich gegen alle ſeine Feinde, die ungeſchmaͤlerte Freude ſeines Triumphes, und uͤberall ſtroͤmten ihm Huldigungen zu, denn feſt = 55— ſtand jetzt der Glaube, daß ſeine menſchlichen oder hoͤlliſchen Schuͤtzer ihn beſtaͤndig ſo gluͤck⸗ lich durch ſeine Feinde fuͤhren, und Jedem Tod oder Verderben bringen wuͤrden, der es wagte, gegen ſeine Macht zu kaͤmpfen, oder nur an ſeiner Obergewalt zu zweifeln. Zweites Kapitel. Schutz gewährt die heil'ge Stätte, Daß das unglück hier ſich rette Vor der Menſchen Lug und Trug; Schützt das Leben gegen Vanden, Doch wo wäre Schutz vorhanden Vor dem eignen Widerſpruch? Es iſt jetzt wohl Zeit, zu Dudleh zuruͤckzu⸗ kehren, den wir bei ſeinem Eintritt in die Frei⸗ ſtatt von Weſtminſter verließen. Er ließ ſich daſelbſt ſogleich in die Buͤcher als ein Buͤrger dieſes kleinen Freiſtaates eintragen, und ent⸗ richtete die Abgabe, durch welche er aller Vor⸗ rechte des Ortes theilhaftig ward. Als er ſich entſchloß, dieſe Zuflucht zu ſuchen, ſtellte ſie ſich ſeinem Geiſte als ein Schutzort fuͤr Uebertreter politiſcher Geſetze dar, oder fuͤr Solche, welche durch Feuer, Sturm, Ungluͤck zur See, oder aͤhnliches, unvermeidliches Mißgeſchick in Ar⸗ muth geſtuͤrzt, nun unter den Fluͤgeln der hei⸗ ligen Kirche Sicherheit gegen die Verfolgungen 5 grauſamer Glaͤubiger ſuchten. Dies war auch ſonder Zweifel die urſpruͤngliche Abſicht bei Gruͤndung der Freiſtätte. Doch ſeit längerer Zeit war damit ein Mißbrauch getrieben wor⸗ den, aͤrger als der der Geldwechsler, welche den Tempel Gottes zu einer Krambude um⸗ wandelten. Unter der Regierung Eduards V. rief der Herzog von Buckingham mit dem groͤß⸗ ten Rechte aus:„Seht, wie wenige Männer Noth oder Ungluͤck zwang, die Freiſtatt aufzu⸗ ſuchen! und auf der anderen Seite ſeht, wie Viele daſelbſt ſind, die nichts als eigene Ver⸗ worfenheit hieher gebracht hat; welch eine Maſſe von Raͤubern, Moͤrdern und Miſſethaͤ⸗ tern aller Art, an dieſen beiden Orten; in der City und in der Vorſtadt*). Wohl darf ich ſagen, vergleicht man die Wohlthaten, die ſie gewaͤhren, mit dem Uebel, welches aus ihnen entſpringt, ſo waͤre es beſſer, ſie nicht zu ha⸗ ben. Und wuͤrden ſie ſelbſt nicht gemißbraucht, wie es jetzt der Fall iſt, und ſo lange war, ſo fuͤrchte ich doch, ſie werden ewig beſtehen, denn Niemand wird ihre Aufhebung vorſchlagen wol⸗ len, weil man anzunehmen ſcheint, Gott und St. Peter waͤren die Schuͤtzer Ruchloſer. Jetzt verſchwenden Viele ihr Gut leichtſinnig, *) Weſtminſter, und St. Martin der Große. 2 in der Ausſicht auf dieſe Zufluchtsſtatte; Ju⸗ den und reiche Leute fliehen dort hin, mit dem Eigenthume der Armen, bauen und verſchwen⸗ den, und ihre Glaͤubiger gehen betteln; Weiber fluͤchten dahin mit dem Silber ihrer Maͤnner und ſagen, ſie koͤnnten mit dieſen nicht leben, weil ſie von denſelben geſchlagen worden; Die⸗ be bringen geſtohlenes Gut hieher, und leben davon in Ueberfluß. Hier wird das Neuge⸗ ſtohlene naͤchtlich getheilt, und die Verruchten ſchleichen ſich heraus, rauben, pluͤndern, mor⸗ den, und kehren wieder zu der Freiſtatt zuruck, als gewaͤhrte ihnen dieſe nicht nur Schutz fur das Boͤſe, das ſie gethan, ſondern ſogar einen Freibrief zu Begehung neuer Verbrechen*).“ Seit jener Zeit iſt der Mißbrauch in eini⸗ ger Hinſicht beſchraͤnkt worden, aber dennoch blieb ſo vieles zu verbeſſern, daß jene Worte noch immer Anwendung auf dieſen Ort finden koͤnnen. Als Dudley ſeine Abgaben entrichtet hatte, ward er von einem Haufen liederlichen Geſindels und leichtfertiger Weibsperſonen um⸗ ringt, deren Ausſehen und Betragen deutlich verrieth, daß es nicht gut ſein wuͤrde, die Er⸗ füͤllung ihrer Bitten zu verweigern, welche in Ertheilung eines Almoſens beſtand, etwa dem *) Halls Chronik, p. 354. —— aͤhnlich, was man bei dem Eintritte in unſere neumodiſchen Gefaͤngniſſe zu entrichten pflegt. Dieſe Gabe, oder vielmehr Brandſchatzung, ward von einem Sammler in Empfang genom⸗ men, und wenn auf ſolche Weiſe eine gewiſſe Summe zuſammengebracht worden, verwendete man ſie zu loͤblichem Zwecke, indem man ein Bankett davon ausruͤſtete. Das ſtarke Ale von Lambeth ward dabei nicht geſpart, und ſo endigte ein ſolches Gelag gewöhnlich mit einem feindlichen Streifzuge gegen eines der benach⸗ barten Stadtquartiere, und vermehrte die zer⸗ ſchlagenen Koͤpfe, ſo wie die geſtohlenen Ge⸗ raͤthſchaften und Gelder in der Schutzſtätte. Froh, dieſem Haufen entronnen zu ſein, eilte Dudley ſeiner eigenen Wohnung zu, als zwei Maͤnner zu ihm traten, deren Kleidung und Benehmen den Edelmann verriethen, obgleich ſie ſich in beiden vernachlaͤſſigt hatten, wie man es zu thun pflegt, wenn man laͤngere Zeit der beſſeren Geſellſchaft entbehrte. Wenn man uͤber, oder unter dem Urtheile der Welt ſteht, nimmt man eine gewiſſe, freie Sorgloſigkeit an, welche beſonders Verſchwendern eigen zu ſein pflegt. Dies Betragen hatte der eine der beiden Maͤnner angenommen, und bis zu einem gewiſſen Grade auch deſſen Gefaͤhrte, welcher ein Fremder zu ſein ſchien.„Willkommen!“ ———— — — rief der Erſtere, um deſſen Mutze einige Reſſeln in Geſtalt eines Kranzes gewunden waren⸗ „Ihr moget erfahren, amice,“ fuhr er fort, „daß es in dieſer Freiſtäͤtte von Weſtminſter alle Arten von Menſchen giebt. Lumpenpack, Ver⸗ ſchwender, Spieler, Saͤufer, Schelme, Luͤſt⸗ linge, Bettler, Schauſpieler, Hehler und Steh⸗ ler. Doch auf der andern Seite giebt es in⸗ nerhalb dieſes Bezirkes auch Edelleute und Ehrenmaͤnner, von denen ich ſelbſt, deſſen iſt Gott Zeuge, einer bin. Denn ich bin Johan- nes Skeltonus, Oxonii poeta laureatus, den mein Freund Erasmus in ſeiner Epiſtel an unſeren edlen Koͤnig: Britannicarum li- terarum lumen nannte, der durch ſeine eige⸗ nen frommen Werke zum Rektor von Diſſ in Norfolk gemacht worden iſt, und den der roth⸗ hutige Tirann, der einaugige Kardinal, ge⸗ zwungen, in dieſem Heiligthume St. Peters des Fiſchers, einen Zufluchtsort zu ſuchen, wollte er nicht gefangen, und zu einer Speiſe verarbeitet werden, die des Kardinals Gaumen gewaltig gekitzelt haͤtte.“. „Da ich lange in der Fremde war,“ ent⸗ gegnete Dudley,„iſt es mir noch nicht ſo wohl geworden, die trefflichen, frommen Werke Ma⸗ ſter Skeltons, des Gekroͤnten, zu Geſicht zu bekommen.“ — „Bei der Mutter Maria, was ich ſchrieb, ſchrieb ich,“ fuhr der Poet fort;„was meine Krone betrifft, ſo konnte mich ſelbſt Apol⸗ lo's Lorbeer nicht vor dem Donner des Flei⸗ ſcherſohnes beſchuͤtzen, daher habe ich ſie von mir geworfen, und die Neſſeln, als ein paſſenderes Zeichen, erwaͤhlt; aber wenn ſie mich auch in den Stand ſetzen, Andere zu zuͤchtigen, ſo kann ich ſie doch nicht um mein Haupt winden, ohne mir ſelbſt die Finger zu verbrennen. Seit dem Tode meines guten Freundes Lhli habe ich mit meinem Roſen⸗ kranze auf die bettelnden Bruͤder, die Domini⸗ kaner und den rothhutigen Lucifer losgeſchlagen, deren Schlingen ich nur durch die Huͤlfe mei⸗ nes wuͤrdigen Freundes, des Abtes Jölip von Weſtminſter, und dieſe heilige Stätte, entging, an welcher wir den boͤſen Feind ſelbſt nicht zu fuͤrchten haben.— Aber verwuͤnſcht ſei meine Plapperzunge. Wollte ich ſo fortfahren, wuͤrde ich nie dahin gelangen, Euch meinen theuren, ſehr gelehrten Freund, Polidore Virgil, den Archidiakonus von Wells, vorzuſtellen, der fur den Augenblick bereit iſt, Buße zu thun, indem er ſich in die Liſten unſerer Freiſtaͤtte einſchrei⸗ ben ließ.“ Von dem auf dieſe Weiſe Eingefuͤhrten, der zwar ein Fremder war, aber dennoch ein beſſeres Engliſch ſprach, als der gekronte Dich⸗ ter, erfuhr Dudley, daß die Beſſeren hier die Geſellſchaft der vielen Schufte und Schelme ſorgfaͤltig mieden, und unter ſich ſelbſt eine Geſellſchaft, eine Art Klubbs, gebildet haͤtten. Sie forderten ihn auf, ein Mitglied deſſelben zu werden, und ſeinen Eintritt dadurch zu feiern, daß er noch an dieſem Tage mit ihnen zu Mit⸗ tag ſpeiſe. Kaum hatte er ſich dazu bereit erklaͤrt, als der Gekroͤnte ausrief:„Dann, bei Mahomet, Jupiter, und dem baͤrtigen Bacchus ſelbſt, dann wollen wir auch ſo lange trinken, bis das Ale in unſern Koͤpfen tanzt, und wir des Fleiſcher⸗ hundes ſpotten koͤnnen, der mich in dieſe ver⸗ wuͤnſchte Lage brachte; denn ſeit Anbeginn der Welt gab es keinen Tirannen, der dieſen Koloß uͤbertroffen haͤtte, welcher mit einem Fuße auf dem Throne, mit dem andern auf dem Altar ſteht.— Und nun, Maſter Dudley, wuͤnſche ich Euch bis Mittag, unſerer Eſſensſtunde, wohl zu leben.“ Bei dieſen Worten lehnte er ſich auf den Arm ſeines Gefaͤhrten, und ſchlenderte mit die⸗ ſem davon, ihm ein Verschen vorſagend, das er ſo eben gemacht hatte. Dudley, den weder ſein eigenes Mißgeſchick, nach das Beiſpiel des Gekroͤnten bewegen konnte, die wichtige Pflicht der Kleidung zu vernachlaͤſſigen, ſchmuͤckte ſich mit einem neuen franzoͤſiſchen Anzuge, als waͤre er entſchloſſen, die ungluͤcklichen Bewoh⸗ ner der Freiſtatt durch einen ſo ungewoͤhnlichen Glanz in Staunen zu ſetzen. Als er ſich ſo in Staat geworfen, ging er, zu der beſtimmten Stunde, zum Eſſen. Hier fand er den Gekroͤnten, noch mit ſeinem Neſ⸗ ſelſchmucke geziert, auf dem Stuhle des Sym⸗ poſiarchen ſitzend, zu welchem Ehrenpoſten er durch die Geſellſchaft erwaͤhlt worden war. Die Mehrzahl von den Mitgliedern derſelben waren der Rache der verſchiedenen Glaubens⸗ hoͤfe Entflohene, welche, mit einer lobenswer⸗ then Unpartheilichkeit in der Verfolgung, alle Secten zu quaͤlen und zu verbrennen begannen, die ſich ihren Beſchluͤſſen auf irgend eine Weiſe widerſetzt hatten. Die religidſe Welt war dem ganzen Schrecken, der ganzen Verwirrung einer chaotiſchen Kriſis blosgegeben. Der Fels des alten Glaubens war erſchuͤttert, und dem Sin⸗ ken nahe, und der neue hatte noch nicht genug Feſtigkeit gewonnen, einen ſicheren Anhalt zu gewaͤhren. In der Mitte des Sturmes hielten Einige verzweiflungsvoll an dem Alten, Andere an dem Neuen feſt; wieder Andere ſchwankten unentſchloſſen zwiſchen beiden hin und her, und „das Beſtreiten und Behaupten der Meinungen konnte uͤberall gehort werden, wie das Ge⸗ — 46— brauſe der unruhig bewegten See*).“ Da ſich der Koͤnig zum Ritter eines Glaubens auf⸗ geworfen hatte, ſchien es, als halte er ſich ſelbſt berechtigt, ſo viele andere vorzuſchlagen, als es ihm gefiele. Leben und Freiheit waren nur geſichert, ſo lange man ſich der koͤniglichen Theologie anſchloß, welche ihre Lehren durch die Beredſamkeit des Scheiterhaufens, und die Vernunftgruͤnde des Galgens einpraͤgte, und deren eigene Grundſaͤtze mit jedem Wechſel der politiſchen Anſichten, der Leidenſchaft oder Laune, ſich aͤnderten. Bei dieſer Lage der Dinge mußte die Freiſtatt mit Anhaͤngern al⸗ ler Religionsſecten angefuͤllt ſein. Ihr fa⸗ natiſcher Eifer ward durch die Ueberzeugung der Unſtrafbarkeit noch vermehrt, und ſie ſtrit⸗ ten und zankten, und bewieſen und widerlegten nun ſo lange hin und her, bis der ganze Ort einer geiſtigen Arena glich, wo die wilden Thiere, in die Kappen der verſchiedenen Dog⸗ men gehuͤllt, ihr Moͤglichſtes thaten, ſich gegen⸗ ſeitig in Stucken zu reißen. Dies waren die wuͤthenden Kaͤmpfer, welche der Gekroͤnte mit wahrer Freude gegen einander hetzte, ſelbſt bei der feſtlichen Gelegenheit ihres wochentlichen Zuſammenkommens. Viele hatten *) Halitt's Schriften p. 15. — ſich auch in den Klubb nur in der Abſicht auf⸗ nehmen laſſen, ihre theologiſchen Grundſaͤtze und Meinungen gegen andere, die ſie verpeſtete Ketze⸗ rei nannten, durchzuſetzen, der Dichter aber, um aller Partheien zu ſpotten; zu dieſem Swecke unterbrach er ſie ofters in ihrem heftigſten Streite durch grobe, unanſtändige Scherze, oder durch den Geſang anglo⸗lateiniſcher Lieder, welche er beſonders gedichtet, die Koͤpfe noch mehr zu entflammen. Es war fuͤr Dudley eine ganz neue Erſcheinung, die Gaͤſte weit eifriger beſchaͤftigt zu ſehen, die abſurdeſten Dogmen vertheidigen und erkläͤren zu hoͤren, als die duf⸗ tenden Speiſen vor ihnen zu verzehren, uͤber deren Trefflichkeit keine getheilte Meinung Statt finden konnte; die, welche ſich als Freunde zu dem nehmlichen Tiſche geſetzt hatten, gleich den erbittertſten Feinden gegen einander ſtreiten zu ſehen; den Praͤſes, deſſen Pflicht es eigentlich geweſen, Ruhe und Ordnung zu erhalten, die Streitenden immer noch mehr anzufeuern, und oft alle Partheien, indem er ſie ad absurdum fuhrte, laͤcherlich machen zu ſehen. Unter den Gäſten war ein wuͤthender Re⸗ formator, Namens Woodville, den der Ge⸗ kroͤnte aber nur den tollen Lutheraner nannte, und deſſen Verſtand in der That von ſeinem S ganz verdraͤngt zu ſein ſchien. Ohne die V. 4 ——————— — 6— ſchmackhaften Fleiſchſpeiſen, die vor ihm auf dem Tiſche ſtanden, zu beachten, behauptete er mit wuͤthender Stimme, und dazu paſſenden Geberden, daß„Geſang und Meſſe, Morgen⸗ und Abenbgebet nur Thorheit, Abgeſchmacktheit und Albernheit, und das Spiel der Orgel eine tolle Eitelkeit ſei;“ ein Roͤmiſch⸗katholiſcher vehauptete dagegen, mit gleicher Unbiegſamkeit der Meinung, doch mit mehr Gelaſſenheit, daß alle Art von Unfug aus der Ueberſetzung der Bibel entſpringe, und belegte die Anhaͤnger des neuen Glaubens mit ſo emporenden Namen, daß das Blut in den Adern ſeines Gegners zu kochen ſchien, bis er ein ſichtbares Beweiömit⸗ tel ergriff, oder ſolche logiſche Gruͤnde, wie ſie in dem Bereiche ſeiner Haͤnde lagen. Die⸗ ſen letzten Beweis abzuwarten fuhlte der Pra⸗ ſes kein Verlangen, denn er wußte aus Erfah⸗ rung, daß dieſe fliegenden Unterredungskuͤnſte oft auch andere Kdoͤpfe trafen, als gegen welche ſie gerichtet waren, und wuͤnſchte nicht, die Schädel der uͤbrigen Klubbglieder in einen ſo traurigen Zuſtand verſetzt zu ſehen, als der war, in welchem ſich der des„tollen Luthera⸗ ners“ ſchon befand. Um dem Ausbruche zu⸗ vor zu kommen, ſchlug er heftig mit der Hand auf den Liſch, und rief dabei:„ Ruhe, Ihr tollen Schwätzer, wir ſind wie aufrichtige Freunde und Ehrenmaͤnner zuſammengekommen, um unter einem Baume Schutz gegen den Sturm zu finden, und die drei„aus“ zu trin⸗ ken— das Ale aus dem Kruge— das Geld aus der Taſche— den Witz aus dem Kopfe. Dies iſt die eingefuͤhrte Ordnung der Dinge, aber Ihr habt das Letzte zum Erſten gemacht; das iſt offene Rebellion gegen Euren Shympo⸗ ſiarchen, welcher dem Erſten, der ſich noch ein Mal auf dieſe Weiſe vergeht, ſeine Neſſelkrone in den Mund ſtopfen wird.— Bin ich nicht Euer Barde, Euer Gekronter, der geſchworen hat, die Einigkeit unter Euch zu erhalten?— Wo ſind die faullenzenden Minſtrels? Spielt auf, Ihr Ta⸗ gediebe!— Wie, haben wir keine Muſikan⸗ ten, unſerer Koͤnigſchaft Glanz zu geben?— Wohl, ſo mag das Ohr hungern, und wir wollen Muſik fuͤr den Mund machen! Auf! ruttelt die Kruͤge, Kannen und Becher, fuͤllt ſie bis zum Rande, ſteckt die Naſe in den Schaum, und trinkt Verderben dem Kardinal von St. Cecilia; dem Erzbiſchof von York; dem Vor⸗ ſteher des Legaten⸗Hofes; dem Biſchofe von Durham, Worceſter und Hereford; dem Abte von St. Albans; und dem Lord Großkanzler von England;— alle dieſe Wuͤrden koͤnnen, wie man ſieht, durch einen Mann mit einem Auge bekleidet werden.“ 4* Die meiſten der Anweſenden waren Wolſey perſonlich feindlich geſinnt; dieſe Geſundheit be⸗ wirkte daher eine ſeltene Einigkeit in der Ge⸗ ſellſchaft, und ward mit nur zwei oder drei Stimmen dagegen, getrunken. Dann erklaͤrte der Gekronte, welcher einen Ruͤckfall zu dem Benehmen fuͤrchtete, mit welchem er Dudley ſchon ſehr unzufrieden ſahe, daß er ein Gedicht zum Lobe ſeiner Geliebten, Margaretha, ſingen, und jeden Ungläubigen herausfordern wolle, der ſich weigere, ihre Geſundheit mit einem vol⸗ len Humpen zu trinken. Darauf ſang er ein Lobgedicht auf ſeine Schone, und willig ſtimmte Jeder mit ein, als ihre Geſundheit getrun⸗ ken ward, doch der Gekronte war nicht Orpheus genug, die wilden Thiere um ſich her durch ſei⸗ nen Geſang zu zahmen. Woodville, der tolle Fanatiker, ſtieß in die Trompete zum Angriff, Andere, ſeiner eigenen Anſicht, traten ihm bei, und die Vertheidiger des alten Glaubens nah⸗ men den Fehdehandſchuh auf. Der Dichter hatte jetzt ſchon ſo viel des guten Lambeth⸗ Ales getrunken, daß auch er in eine kriegeriſche Stimmung verſetzt worden, und er feuerte da⸗ her den Kampf an, indem er bald dieſe, bald jene Parthei unterſtuͤtzte. Unter ſolchen Kaͤm⸗ pfern, durch Fänatismus und Biet zugleich be⸗ geiſtert, mochte Dudley nicht weilen; er ging daher zu ſeiner eigenen Wohnung, entſchloſſen, die Ehre, ein Mitglied des Klubbs zu werden, zuruͤckzuweiſen, und ſich ſo viel als moglich von der Geſellſchaft zuruͤckzuhalten, deren Mit⸗ glieder, außer anderen ſchlechten Eigenſchaften, auch noch eine ganz beſondere Neigung zu alt⸗ modiſcher Kleidung zu haben ſchienen. An dem folgenden Morgen brachte Peter ſeinem Herren die Sachen, welche er in ſeiner Wohnung an der Strand⸗Bruͤcke zuruͤckgelaſſen, und zugleich das herzliche Erbieten ſeiner freund⸗ lichen Wirthinn, ihm auch noch ferner zu Dien⸗ ſten zu ſein. „Ei, Peter, was giebt's?“ fragte Dudley, als er ſah, daß ſein Diener ungewoͤhnlich nie⸗ dergeſchlagen ſei, eine Stimmung, die zu ſeinen Zuͤgen paßte, als ob Hanswurſt hinter einer ernſten Maske hervorgucke.„Biſt Du mißge⸗ ſtimmt, in einer Freiſtatt Sicherheit gefunden zu haben, Du, der Du ſingen konnteſt, als Du bis an den Hals in Arthurs Sumpf verſun⸗ ken warſt?“ „Ei, Gott verdamm' mich, gnaͤdiger Herr!“ entgegnete Peter,„ce weétoit que moi alors — Damals war ich es allein, und wir Fran⸗ zoſen, wir grämen uns nicht uͤber dergleichen Dinge. Aber Sie ſind ein Englaͤnder, und die können kein Mißgeſchick ertragen; die hän⸗ — gen oder ertraͤnken ſich, wo wir nur ein Lied⸗ chen traͤllern; es macht einen traurig, ſieht man die nur betruͤbt. Ein Strick iſt ſpott⸗ wohlfeil, der Fluß ganz in der Naͤhe, und wenn den gnädigen Herren irgend etwas be⸗ gegnete—“ Dabei zog er die Schultern und die Au⸗ genbrauen in die Hoͤhe, breitete die Hände weit aus einander, und ſtand mit anſcheinendem Entſetzen vor ſeinem Herrn, bis dieſer in ein lautes Gelaͤchter ausbrechend, ſagte:„Zeigte ich mich denn in dem Kampfe gegen Deine Landsleute als einen ſolchen Feigling, daß Du glauben kannſt, ich wuͤrde mich gleich haͤngen oder ertraͤnken, weil mich in London ein kleines dißgeſchick getroffen hat?“ „Aber die Englaͤnder,“ ſagte Peter, noch immer unglaͤubig mit dem Kopfe ſchuttelnd, „fechten gegen Jeden beſſer, als gegen ſich ſelbſt.“ „Vielleicht; doch ich ſage Dir, mein guter Peter, daß ich eben ſo wenig willens bin, mei⸗ nen Kopf in eine Schlinge zu ſtecken, als ihn unter Waſſer zu bringen. Im Gegentheile iſt es mein feſter Vorſatz, heiterer zu ſein, als gewoͤhnlich, und um ſo herzlicher zu lachen, je haͤrter das Gluck ſich gegen mich zeigt.“ „Ach, das iſt ein ganz anderes Ding,“ rief Peter, die Hände zuſammenſchlagend, mit ſei⸗ nem gewoͤhnlichen komiſchen Blicke. Bon! bon— Hinweg mit dem Kummer, und laf⸗ ſen Sie uns heiter ſein, nun das Mißgeſchick uns getroffen hat.“ Mit den Fingern ſchnippend, ſingend und tanzend eilte er hierauf aus dem Zimmer, kehrte jedoch bald wieder mit dem Fruͤhſtuͤcke zuruͤck, hielt dies weit vor ſich hin, warf den Kopf hinten uͤber, ſang mit vielem Pathos:„Als Colin Artiſchocken ſpeiſte“ und fuhr waͤhrend des ganzen uͤbrigen Tages fort, ſeine verſchiede⸗ nen Liederchen zu ſingen, ſeiner Lunge nur dann Nuhe goͤnnend, wenn er ſeine Fuͤße in Bewe⸗ gung ſetzte. Als ſich Dudley in ſeiner neuen Wohnung, welche die Ausſicht auf den Fluß hatte, mit ziemlicher Bequemlichkeit eingerichtet, ſchrieb er an Sir John nach dem Tower, bat ihn wegen der augenblicklichen Haft, die er ihm zugezogen, um Verzeihung, und erſuchte ihn, nach der Freiſtatt zu kommen, damit ſie gemeinſchaftlich berathen konnten, wie die Vorurtheile des Lord Kardinals am beſten zu beſiegen waͤren. Meh⸗ rere Tage blieb er ohne Antwort, dann wurden ihm folgende Zeilen zugeſtellt: „Dieſe Worte aus dem Tower, wo es mir ſehr wohl gefaͤllt, als Ruͤſtmeiſter zu ſein, doch ⸗ — 56— wo ich, nach dem Rathe meines guten Freun⸗ des, Jack Dudley, mich huͤten muß, ein Ge⸗ fangener des Sir William Kingſton, des Lieu⸗ tenants vom Tower, zu ſein. Sieh, Vetter⸗ chen, Du haſt mich ein Mal angefuͤhrt, in⸗ dem Du daran Schuld wareſt, daß ich vor die Lords der Sternkammer gefuͤhrt ward, und zwar von einem franzoͤſiſchen Ragout hinweg, mit dem ich kaum anders, als durch den Ge⸗ ruch, Bekanntſchaft gemacht hatte. Eine ſchmerz⸗ liche Trennung!— nicht von Dir, ſondern von dem Ragout. Doch laß das gut ſein.— Hore, Vetterchen, wir haben uns jetzt Einer den Andern zum letzten Male hintergangen, und von nun an ſind wir weder Bekannte, noch Verwandte. Sagte ich Dir nicht, daß ich zu Hauſe, bei meinem treuen Jack Dudley bleiben muͤßte, wenn mein beſter Freund in Gefahr oder in das Gefaͤngniß geriethe? Du biſt jetzt in Beidem, und kannſt verlangen, daß ich meinen Kopf dem Lowen in den Rachen ſtecken ſoll?— Mein gnaͤdiger Herr und Be⸗ ſchuͤtzer, der Lord Kardinal wird, wie ich aus guter Quelle weiß, jetzt von unſerem launiſchen Koͤnige mit kaltem Blicke betrachtet, und ſogar mit Ungnade und Verbannung bedroht. Ich verdanke ihm zwar meinen Poſten, und alles, was ich beſitze, aber dennoch werde ich mich, — auf den Rath meines Freundes Jack Dudley, ſo lange aus ſeiner Gegenwart zuruͤckziehen, bis es ſich deutlich zeigt, ob es raͤthlicher ſei, den Mund aufzuthun, um fuͤr ihn, oder um gegen ihn zu ſprechen. Und Du, dem ich nichts verdanke, als eine Verhaftung, verlangſt, daß ich Dich in der Freiſtatt beſuche, damit Du Dich mit mir berathen koͤnneſt? Wahr⸗ lich, Du haſt eine beſcheidene, aber recht kuͤhne Hoffnung!— Noch ein Mal ſage ich Dir, daß es mein Vorſatz iſt, mit meinem Kopfe auf meinen Schultern beerdigt zu werden— deshalb fiſche ich nicht in truͤbem Waſſer, und deshalb wuͤnſche ich auch, nichts mehr von Dir zu hoͤren, bis Du aufwaͤrts zum Gluͤcke ſteigſt. Dann will ich Dir auch mit meines Namens Unterzeichnung ſchreiben, welche ich jetzt wegzulaſſen fuͤr raͤthlich finde; dann werde ich wieder Dein treuer Freund und wohlwol⸗ lender Verwandter ſein.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Dudley zu ſich ſelbſt, indem er den Brief aͤrgerlich fortwarf,„Du biſt der herzloſeſte, niedrigſte, undankbarſte aller ſorgfaͤltigen Berechner, und wenn es zu einem guten Hofmanne genuͤgt, ein ſchlechtes Herz zu haben, ſo iſt Dein Gluck gemacht.“ Es war klar, daß Dudley von dieſer Seite keinen Beiſtand mehr erwarten durfte; es em⸗ — porte ihn ſogar, nur daran zu denken, nachdem er auf ſolche Weiſe zuruͤckgewieſen worden. Daher entſchloß er ſich, den Bemaͤhungen ſei⸗ nes Anwalts zu trauen, durch die wahrſchein⸗ lich Sir Lionels Sturz, und alſo auch ſeine eigene Befreiung bewirkt werden mußten, und während deſſen die Zeit unter den Zerſtreuun⸗ gen hinzubringen, welche der Ort zu genießen geſtattete. Dieſem Vorſatze getreu, machte er mit zweien oder dreien ſeiner Nachbaren Be⸗ kanntſchaft, wagte ſich des Nachts in die Stadt, und hatte in der Regel des Morgens eine Zü⸗ ſammenkunft mit ſeinem Rechtsbeiſtande, von dem er endlich zu ſeiner großen Zufriedenheit vernahm, daß die Kommiſſionaire nach dem Thurmhauſe abgereiſt waͤren. Ihre anerkannten Talente, und ihre unbeſtechliche Partheiloſigkeit gab ihm die innigſte Ueberzeugung eines gluck⸗ lichen Erfolges. Er nährte nicht den geringſten Zweifel an Cecils volliger Wiedereinſetzung in alle ſeine Rechte, und an Sir Lionels Beſtra⸗ fung fuͤr alle ſeine Miſſethaten, und um ſo groͤßer war daher ſein Schrecken, als er die Zer⸗ ſidrung ſeiner ſaͤmmtlichen Hoffnungen hoͤrte. Der Rechtsgelehrte ſchuͤttelte den Kopf, ſagte, er habe es wohl gewußt, wie fuͤrchterlich Sir Lionel als Gegner ſei, da er faſt uͤber alle Falſchſchworer den Befehl fuͤhrc, und rieth ihm dann, die Freiſtatt auf keinen Fall zu verlaſſen, da ſein Feind jetzt mehr zu fuͤrchten ſei, als je. Auch der Kardinal, welcher durch den Bericht von Cecils Geſundheit hintergangen zu ſein glaubte, war im hoͤchſten Grade aufgebracht, und konnte jetzt eben ſowohl fuͤr Dudleys Feind gelten, als der Koͤnig des Berges. Von aller Furcht vor dem Kardinale ward er bald darauf durch den Sturz und den Tod dieſes mächtigen Praͤlaten befreit; er ſelbſt hatte es jetzt aufgegeben, ferner noch etwas zu Cecils Gunſten zu unternehmen, denn er hielt ihn nun auch wirklich fuͤr mondſuͤchtig, und waͤhnte, er habe ihn nur zufaͤllig immer waͤhrend ſeiner hellen Zwiſchenraͤume geſehen. Deshalb glaubte er, daß Sir Lionel jetzt auch aufhoͤren werde, ihn mit falſchen Anklagen zu verfolgen, da fuͤr dieſe Verfolgungen kein Grund mehr vorhanden war. Hierin ſtimmte ſein Anwalt keineswegs mit ihm uͤberein. Rache, ſagte er, ſei jenem großen, bewundernswuͤrdigen Manne ein ge⸗ nuͤgender Antrieb, und er gebe ſelten einen Plan auf, den er einmal gefaßt, vergeſſe ſelten einen Feind, deſſen Verderben er beſchloſſen habe, daher rieth er ſeinem Klienten dringend, die Freiſtatt nicht zu verlaſſen. Dieſem Rathe folgend blieb Dudley noch laͤnger in Weſtmin⸗ ſter, als aber einige Zeit verging, und ſich — 60— nichts ereignete, was ihn hätte vermuthen laſ⸗ ſen, daß ſein Feind noch immer auf ſeine Ver⸗ folgung ſinne, als er des Muͤßigganges, und der Geſellſchaft, die er hier finden konnte, uͤber⸗ druͤſſig ward, war er ſchon feſt entſchloſſen, den Zufluchtsort auf jede Gefahr zu verlaſſen, als ſich ein Ereigniß zutrug, das ihn nicht nur von hier entfernte, ſondern ihm auch einen Schuͤtzer verſchaffte, gegen den ſelbſt der allmaͤchtige Sir Lionel nicht den kleinen Finger zu erheben wa⸗ gen durfte. St. James Hoöpital in dem Eton goll⸗ gium war durch den Koͤnig nach Chattisham in Suffolk verlegt worden, und der Monarch hatte befohlen, das alte Gebaͤude niederzu⸗ reißen. Er hatte die ſumpfigen Wieſen, die es umgaben, einhegen laſſen, um ſie zu ei⸗ nem Parke umzuſchaffen, und den Bau des jetzigen St. James Palaſtes begonnen. Bei ſeiner Ruͤckkehr von einer Luſtfahrt auf dem Fluſſe landete der Koͤnig nahe bei Weſtminſter Abtei, mit dem Vorſatze, durch die neuen Ein⸗ hegungen zu gehen, und— wie weit der Bau vorgeſchritten ſei. Mit ſeiner eigen⸗ thuͤmlichen Ungeduld war er ganz allein an das ufer geſprungen, und ſeiner Begleitung vorausgeeilt. Kaum hatte er den Abteibezirk betreten, als die Bewohner der Freiſtatt, welche —————— ſich in großer Menge verſammlet hatten, die prachtvolle Reihe der koniglichen Barken zu ſe⸗ hen, ihn umringten, auf die Knie fielen, und ihn, flehentlich um Gnade und Verzeihung bit⸗ tend, in ſeinem Gange hemmten. Unter denen, welche ganz in ſeiner Naͤhe ſtanden, war auch Woodville, der„tolle Lutheraner,“ deſſen uͤber⸗ ſtromender Eifer ſeine Sinne um dieſe Zeit ſo verwirrt hatte, daß er den Namen, der ihm anfaͤnglich nur zum Spotte gegeben worden, jetzt mit dem vollſten Rechte verdiente. In ſei⸗ nem Wahne bildete er ſich feſt ein, daß der Koͤnig den katholiſchen Glauben in aller ſeiner Sttenge wieder einzufuͤhren beabſichtige. Mehrere Proteſtanten waren in der That körzlich hingerichtet worden, weil ſie dem Ko⸗ nige vorzugreifen gewagt, und dies hatte den fanatiſchen Woodville in eine wahre Wuth verſetzt. Er legte ſeine Verblendung fuͤr einen gottlichen Ruf aus, der Streiter der unter⸗ druͤckten Proteſtanten zu werden, und waͤhnte, der Koͤnig ſei durch die Hand des Himmels hieher gefuͤhrt worden, damit er vor dem Wege des Irrthums,„auf dem er wandele, gewarnt werden moͤge. Daher erhob er ſeine Stimme, und drohte dem Koͤnige mit dem Zorne des Himmels, wenn er fortfahre, deſſen auserwaͤhl⸗ tes Volk zu opfern. Dabei fuͤhrte er das Bei⸗ — 63— ſpiel Eglons, des Konigs der Moabiter, an, der durch die Haͤnde Ehuds ſiel, welchem der Herr gebot, einen Dolch in die Seite des Ti⸗ rannen zu ſtoßen. Entweder in einer unbe⸗ wußten Uebereinſtimmung ſeiner Geberden zu ſeinen Worten, oder um ſeiner Warnung in den Augen des Koͤnigs mehr Gewicht zu ge⸗ ben, hatte er einen verborgenen Dolch hervor⸗ gezogen, und ſchwang ihn wuͤthend⸗ Dudley/ welcher in dieſem Augenblicke erſt herbeikam, ſah es, ſprang ſchnell uͤber zwei, drei der Knieen⸗ den hinweg, und warf den Fanatiker mit einem kraͤftigen Schlage zu Boden⸗ n4 pin In dieſem Augenblicke erſt ſah er, daß es der tolle Woodville ſei, denn er hatte ihn vor⸗ her nicht erkannt. Der Koͤnig, welcher einige Schritte zuruͤckgetreten war, rief zugleich:„Ha! — was!— Wer iſt dieſer Verraͤther?“ Dudley ſiel auf ein Knie nieder, und ſagte: „Ew. Mejeſtaͤt zu Befehl; es iſt ein ungluck⸗ licher Toller, Namens Woodville.“ Mehrere der Umſtehenden beſtätigten zugleich die Wahr⸗ heit dieſer Worte, indem ſie riefen:„der tolle Lutheraner! der tolle Lutheraner!“ Die Leib⸗ trabanten waren indeſſen herbeigekommen, und der Konig befahl ihnen nun, nachdem er ihnen ihre Saͤumniß mit harten Worten verwieſen, den Verräther zu ergreifen, in eine der Barken zu ſchaffen, und nach dem Tower zu bringen. Dann wandte er ſich zu den Bewohnern der Freiſtatt, und ſagte mit drohender Stimme: Fort, Ihr Schelme, Ihr Hallunken, Ihr RNichtswuͤrdige! oder, bei St. Paul, meine Leibwache ſoll ſich mit den Hellebarden einen Weg durch Euch bahnen!“ Empoͤrt uͤber eine ſo harte Anrede wollte auch Dudley ſich ent⸗ fernen, als der Koͤnig ihm zurief:„Was, ha! Mann, bleib! biſt Du der, welcher den Nichts⸗ wuͤrdigen zu Boden ſchlug? Run, wahrlich, Du biſt ein großer Mann, und ein ſchoͤner, und, dafuͤr ſtehe ich, nicht aus der Freiſtatt. Wer biſt Du?— Sprich!“ In ſo wenigen Worten als moöglich gab Dudley ſeinen Namen, und den Grund ſeines Hierſeins an, ſuͤgte hinzu, daß alle Anſchuldi⸗ gungen gegen ihn falſch und boshaft erſonnen ſeien, daß er ſeit ſeiner Kindheit fuͤr des Koͤ⸗ nigs Sache in Frankreich, und nicht ohne Er⸗ folg, gefochten habe, und daß er nichts ſehn⸗ licher wuͤnſche, als auch jetzt noch ſein Leben im Dienſte ſeines Koͤnigs zu wagen.„Ha, ſagſt Du das?“ rief der Konig, der durch ſein Aeußeres eingenommen, und eben ſo ſchnell in ſeiner Zuneigung, als eigenſinnig in ſeiner Ab⸗ neigung war;„die Dudleys waren immer ein treueb, koniglich geſinntes Geſchlechtsz Du haſt mir einen guten Dienſt erzeigt, indem Du je⸗ nen Schuft zu Boden ſchlugſt; ich vergebe Dir das, weſſen Deine Feinde Dich anklagen moͤchten, und der, der es wagt, nachdem ich dies Wort geſprochen, nur noch den Finger ge⸗ gen Dich zu erheben, bei St. Paul, der ſoll kaltes Stahl zwiſchen Kopf und Schultern fuͤh⸗ len, ehe er drei Tage älter geworden iſt.— Was! Ha!“ Er ſah bei dieſen Worten mit drohendem Blicke rings auf ſein Gefolge, das jetzt herangekommen war, um zu ſehen, ob ir⸗ gend Einer es wage, ihn uͤber ſeinen Willen zur Rede zu ſtellen. Als aber Alle ein ehr⸗ furchtsvolles Schweigen beobachteten, fuhr er etwas gemaͤßigter fort:„Hoͤre, Mann, komm morgen nach dem Palaſt von Bridewell, und frage nach Harry Fitzalan— nach dem Gra⸗ fen von Arundel, ich meine, nach dem Lord Kaͤmmerling.— Ich will Dich ſprechen.“— Hierauf winkte er Dudley mit der Hand, ſich zu entfernen, ein Befehl, dem ſogleich gehorcht ward. Die Leibwache des Koͤnigs hatte in⸗ deſſen die Freiſtaͤtter vertrieben, und ungehin⸗ dert ſetzte er nun ſeinen Weg durch die neuen umhegungen nach St. James fort. Dudley fuhlte zu ſehr, wie wichtig es fuͤr ihn ſei, ſich den koniglichen Schutz zu ſichern, um nicht den Befehl, den er erhalten, puͤnktlich zu erfuͤllen. Er wußte auch, daß der Koͤnig es liebte, wenn die, die ihn umgaben, glaͤnzend erſchienen, deshalb ermangelte er nichtj ſich in ſeinen prachtigſten franzoſiſchen Anzug zu klei⸗ den, der ſowohl ſeine ſchoͤne Geſtalt hervorhob, als auch einen genuͤgenden Beweis fuͤr ſeinen feinen Geſchmack und ſeine Prachtliebe abgeben konnte. So geſchmuͤckt nahm er ein Boot, landete bei Bridewell, und eilte nach dem Pa⸗ laſte zu, der wenige Jahre vorher, als Kaiſer Karl V. England beſuchte, mit großer Schnel⸗ ligkeit erbaut worden war. Seine zahlreichen zugeſpitzten, bemahlten Thuͤrmchen, mit den kd⸗ niglichen Thieren, vergoldete Wetterfahnen hal⸗ tend, verziert, und die Friſche und Neuheit des ganzen Gebaͤudes, bildeten einen grellen Gegen⸗ ſatz zu dem alten, ehrwuͤrdigen Bauwerke der angrenzenden Kirche, welche aus den maͤchtigen Steinen des alten Schloſſes aufgefuͤhrt worden, das einſt an den Ufern des kleinen Fluſſes Fleet geſtanden hatte. Als Dudley in das große Vier⸗ eck trat, fragte er nach den Zimmern des Lord Kaͤmmerlings, zu denen er ſogleich gefuͤhrt ward. Als er aber zu dem Lord kam, und dieſem ſeinen Namen ſagte, erklaͤrte er, daß er in Hinſicht ſei⸗ ner von dem Koͤnige keinen Befehl erhalten habe. 2 erbot ſich indeſſen, dem Koͤnige Dudleys V. 5 „ — Ankunſt zu melden, der ſo eben einige Depe⸗ ſchen in die Feder diktirt hatte, und ſich in kurzer Zeit nach ſeinem koͤniglichen Schloſſe zu Greenwich einſchiffen wollte, wohin er Gaͤſte eingeladen hatte, um daſelbſt ein Bankett zu halten. Ihn anzumelden, ging der Lord Kammerling hinweg, kehrte aber bald darauf zuruͤck, gebot Dudley, ihm zu folgen, und fuͤhrte ihn durch eine weite, mit Wappenſchildern verzierte Halle, in der die Ritter, Edelleute und verſchiedenen Beamten des koniglichen Gefolges verſammlet waren. An dieſen gingen ſie voruͤber, zu dem entgegengeſetzten Ende der Halle. Hier ſaß der Koͤnig hinter einer Traverſe*) an einem Ti⸗ ſche, einige Zeichnungen und Plane aufmerkſam betrachtend, die ihm ein plumper, gemein aus⸗ ſehender Mann, welcher ein Fremder zu ſein ſchien, und dicht an ſeiner Seite ſtand, zuwei⸗ len erklärte. Dies war der beruͤhmte Kuͤnſtler, Hans Holbein, welchen der Koͤnig, auf den Rath des Sir Thomas Moore mit einem Ge⸗ halte von zweihundert Gulden in ſeinen Dienſt genommen hatte. Die Zeichnungen waren Ent⸗ 8) Eine Traverſe war ein holzernes Gitter, mit ei⸗ nem Vorhange bekleidet. — 6— wuͤrfe zu einem Prachtthore, welches in White⸗ hall, das durch die Beſtrafung Wolſeys in des Koͤnigs Beſitz gekommen, errichtet werden ſollte. Trotz ſeiner Sinnlichkeit und Grau⸗ ſamkeit fand Heinrich VIII. viel Geſchmack an den ſchoͤnen Kuͤnſten, und beſonders an der Malerei und Baukunſt. Durch einen Seitenblick hatte er zwar die Ankunft des Lord Kaͤmmerlings und Dudleys bemerkt, aber ſogleich wandte er das Auge wieder auf die Zeichnungen, und fuhr fort, ſie aufmerk⸗ ſam zu betrachten, dann und wann Zeichen des Beifalls gebend, in welche der kluge Fuͤnſtler jedes Mal einſtimmte. Waͤhrend dieſer ganzen Zeit blieben der Lord Kaͤmme⸗ rer und Dudley auf den Knieen liegen, doch ſobald der Koͤnig den Plan zu dem Thore er⸗ waͤhlt, und den Maler entlaſſen hatte, gebot er ihnen aufzuſtehen, und rief, als er Dudleh erkannte:„Ha! Mann, Du biſt gekommen, biſt Du? Wahrlich, Du biſt ein netter Burſch, und von einer Puͤnktlichkeit, die mir gefaͤllt. Was meineſt Du?— Was! ſtimmt es mit Deinen Wuͤnſchen uͤberein, einer Unſerer Leib⸗ edeldiener zu werden, bis die Zeit und Deine guten Dienſte Uns geſtatten, weiter fuͤr Dich zu ſorgen?— Ha?“ 5* — Obgleich Dudley durch ſein Vermogen ſelbſt⸗ ſtaͤndig war, und nicht noͤthig hatte, eine Ver⸗ ſorgung am Hofe zu ſuchen, ſo war es ihm doch ſehr erwuͤnſcht, des Koͤnigs Schutz gegen die gefaͤhrlichen Anfeindungen Sir Lionels zu erhalten, und er erklaͤrte daher, ſich wieder auf ein Knie niederlaſſend, daß er es fur die hochſte Ehre achte, dem Koͤnige zu dienen, in welchem Poſten dies auch immer ſei. „Seht, Mylord von Arundel,“ ſagte der Konig zum Lord Kammerer,„diesd iſt ein Dud⸗ ley, und von edlem Blute; er war es, der ge⸗ ſtern den Tollen zu Boden ſchlug;— ich liebe es, Maͤnner mit ſchnellen Augen und ſchnelle⸗ ren Haͤnden um mich zu haben; die nicht auf das Wort warten, ſondern den Blick verſtehen konnen, und deren Glieder eben ſo ſchnell ſind, als ihre Gedanken, wenn ſie ſehen, daß ihrem Herrn Gefahr droht. Laßt ihn daher den Eid als Dienſtmann, auf Leib und Leben, ſchwoͤren, und macht ihn mit den Pflichten ſeines Stan⸗ des bekannt.— Fort!“ Er gab mit der Hand ein heftiges Zeichen, ſich zu entfernen. Es war niemals raͤthlich, hier mit dem Gehorſam zu zogern, und augen⸗ vlicklich entfernten ſich daher Beide, doch deutete der Lord Kaͤmmerer durch eine tiefe Verbeugung an, daß er die Befehle ſeines koͤniglichen Gebie⸗ ters vernommen. Kaum hatten ſie die Traverſe durchſchritten, als der Koͤnig, die Zeichnungen in der Hand, haſtig emporſprang, mit dem Fuße ſtampfte, und rief:„Was, he! Ihr Diener, ſeid Ihr taub? iſt Niemand zur Aufwartung da? Wo ſind die faulen Trabanten? Ruft den deutſchen Maler zuruͤck— iſt er ſchon fort?— Was! ſind die Ruderer bereit?— ſchnell, Sirs, ſchnell; die Zeit draͤngt. Nach Greenwich, ho! — nach Greenwich!“ Bei dieſen Worten ver⸗ ließ er das Gemach, begleitet von ſeinem zahl⸗ reichen Gefolge. Holbein, der ſchnell zuruͤckge⸗ rufen worden, traf ihn in dem Vorzimmer, und begleitete ihn in die Barke. Kaum hatte der Koͤnig ſich hier geſetzt, als er die Zeichnun⸗ gen wieder zur Hand nahm, und aufmerkſam betrachtete. Seine Ungeduld bei dem gering⸗ ſten Hinderniſſe, oder der kleinſten Verzogerung eines Planes war ſo groß, daß er, ſtatt nach Greenwich zu fahren, den Ruderern befahl, nach Whitehall zu ſteuern, damit er ſogleich den Platz zu dem neuen Thore auswaͤhlen, und Befehle zu deſſen Errichtung geben konne. Hier verweilte er, in Berathung mit Holbein, ſo lange, daß die Zeit, welche ſich ſelbſt durch Heinrichs VIII. Gebot nicht feſſeln ließ, da⸗ hineilte, und es endlich zu ſpaͤt ward, noch nach Greenwich zu fahren. Daher ſchickte er einen reitenden Boten dahin ab, den Gaͤſten zu ſagen, daß er ſeinen Entſchluß geaͤndert habe, und ſie zugleich auf den folgenden Tag wieder einzuladen. Drittes Kapitel. Ein hofverdorbner Schuft biſt Du zu nennen; Fühlſt Du in Deiner Bruſt ſo ſchwach nur brennen Den ſüßen Namen, den ſie trägt, Daß des Tirannen Zorn Dich füllt mit Zagen, Daß Du für Dich ihr ferner willſt entſagen? Schelm Du! den Selbſtſucht nur erregt. Dunley ward waͤhrend deſſen von dem Lord Kaͤmmerer in ſeinen Pflichten als Leibkammer⸗ diener unterwieſen; es ward ihm geſagt, daß er jede Nacht auf dem Wachtbette ſein muͤſſe, ausgenommen, wenn er ausdruckliche Erlaubniß zu dem Gegentheile habe; daß er in der Rei⸗ henfolge bei den Mahlzeiten des Koͤnigs auf⸗ warten, und darauf ſehen muͤſſe, daß die Be⸗ dienten des Koͤnigs Suppe, und alle Abend um acht Uhr, nach der Nachtmahlzeit deſſen Schlaftrunk bereiteten; daß er am Morgen fra⸗ gen muͤſſe, wo Sr. Majeſtaͤt die Meſſe zu hoͤ⸗ ren befoͤhlen, und ihm Seſſel, Geſangbuch und Kiſſen dahin trage. Ferner mußte er, wenn der Koͤnig ſpeiſte, mit einem der Diener zum Schenktiſche gehen, ihn ein Handtuch und Waſ⸗ ſer nehmen laſſen, und dafuͤr ſorgen, daß dies friſch ſei; mußte die Bedienten rufen, des Kö⸗ nigs Teller wegzunehmen; mußte fragen, ob es Sr. Majeſtaͤt gefällig ſei, Minſtrels, Muſi⸗ ker oder aͤhnliche Leute zu hoͤren; mußte dar⸗ auf ſehen, daß Niemand des Koͤnigs Teppich beruͤhre, oder ſich deſſen Seſſel zu ſehr zu nä⸗ hern wage, oder ſich unter dem Thronhimmel ſtelle, oder ſich an des Koͤnigs Bett lehne, oder ſich dem Schenktiſche nahe, auf dem des Kd⸗ nigs Kiſſen lag, oder auf dem Fußteppich ſtehe, ſondern daß ſich Alle am unteren Ende des Saales ſo nahe als moͤglich zuſammenſtellten, und ſie zuruͤckzudraͤngen, wenn der Koͤnig mit irgend einem Lord oder Edelmanne ſprechen wollte. Noch viele andere Pflichten, welche er mit den uͤbrigen Leibdienern der Reihe nach abwechſelnd ausuͤben mußte, lagen ihm ob. Auch wenn des Koͤnigs Bett gemacht ward, mußte er die Oberaufſicht fuͤhren, und dieſe Beſchaͤftigungen wurden fuͤr ſo wichtig gehal⸗ ten, daß er eine gedruckte Inſtruktion bekam, nach der er ſich bei allen Gelegenheiten genau richten mußte. Dudley vwononi ſich bald in ſei⸗ nem neuen Amte, und vollſtreckte alle ſeine 55— Pflichten mit einer Puͤnktlichkeit und einem Eifer, die, verbunden mit ſeiner ſchoͤnen Ge⸗ ſtalt, und dem Glanze ſeines Anzuges, zwei Eigenſchaften, welche bei Heinrich VIII. nie eines guͤnſtigen Eindruckes verfehlten, bei meh⸗ reren Gelegenheiten die Aufmerkſamkeit des Koͤnigs auf ihn lenkten. Obgleich ſein Wohl⸗ wollen ſich nie weiter erſtreckte, als auf die Aeußerung:„Ha! es iſt gut. Wahrlich, Du biſt ein tuͤchtiger, kraͤftiger Burſch. Was!“ ſo ward es doch, aus dem Munde eines Mo⸗ narchen kommend, der ſtets viel gebieteriſcher als gnaͤdig war, von den Hofleuten als ein ſicheres Zeichen ſeiner baldigen Befoͤrderung an⸗ geſehen, und ihre Ehrerbietung gegen Dudley wuchs in eben dem Maaße, in welchem ſich dieſe Zeichen des koniglichen Wohlwollens ver⸗ mehrten. Schon begann Dubdley ſelbſt daran zu denken, daß er bald hoͤher ſteigen werde, als, etwa drei Wochen nachdem er an den Hof gekommen, Sir John ganz unerwartet zu ihm in das Zimmer trat, und mit all der Ver⸗ traulichkeit und Herzlichkeit eines gepruͤpften, treuen Freundes, ihm die Hand reichend, ſagte: „Mein ehrlicher Vetter, mein ſehr lieber Ver⸗ wandter, bei Gott, ich bin hoͤchſt erfreut, Eure Hoffnungen unter dem Sonnenſcheine vom Auge des Koͤnigs wachſen und bluͤhen zu ſehen. Ich bin gekommen, mein Wort zu loſen, denn in dergleichen Dingen habe ich ein ſehr zartes, feinfuͤhlendes Gewiſſen. Sagte ich Euch nicht, daß Ihr in mir den treueſten Rathgeber, den willigſten Freund auf Leib und Leben finden ſolltet, ſobald Euer Gluͤcksſtern wieder auf⸗ waͤrts ſtiege? Glaubt Ihr, daß ich der Mann ſei, ein ſo feierliches Verſprechen zu vergeſſen? — Ich nicht, bei meiner Treu; denn mein Rathgeber, Jack Dudley, fluͤſtert mir in das Ohr, daß ich ein Thor, ein Narr, und was noch ſchlimmer iſt, ein blinder Schwaͤtzer waͤre, verſicherte ich nicht meinem wuͤrdigen Vet⸗ ter, Pohns Dudley, Saquire, Leibedeldiener des Koͤnigs, und in deſſen Gunſt wohl angeſchrie⸗ ben, daß ich ſein gehorſamſter Diener bin, ſein Pithias, ſein anderes Ich, ſein Buͤrge, ſein Bruder.“ Dabei nahm er Dudleys Hand in ſeine beiden, druͤckte ſie an ſein Herz und ſah ihm zugleich mit einem ſo komiſchen Blicke der Aufrichtigkeit in das Geſicht, daß ſein Vet⸗ ter, welcher wußte, daß es ihm keinen Vor⸗ theil bringen konnte, wenn er ſich beleidigt ſtellte, in ein lautes Gelaͤchter ausbrach, und ihm zum Zeichen der Anerkenntniß eine tiefe Verbeugung machte. Sir John war auch in der That keiner von denen, mit welchen man leicht Feind ſein konnte. Sein gaͤnzlicher Mangel an Grund⸗ ſätzen, ſeine unbegrenzte, herzloſe Selbſtſucht, waren mit ſehr wenigen Ausnahmen dem gan⸗ zen Hofe Heinrichs eigen, ja, man koͤnnte faſt behaupten, daß es ein charakteriſtiſches Zeichen des Zeitalters war, doch die Freimuͤ⸗ thigkeit, mit der er dies alles eingeſtand, machte ihn wenigſtens von dem Vorwurfe der Falſchheit frei, und in ſeinem ſorgfaͤltigen Epi⸗ kurismus, ſeiner lebhaften Weltlichkeit, ſeinem uͤberlegten Leichtſinne lag ſo viel Erheiterndes, daß die, welche ein Mal an ſeine Geſellſchaft gewoͤhnt waren, ſie dann nur ſchwer entbeh⸗ ren konnten. Obgleich Dudley wußte, daß er nie auf ihn als ſeinen Freund zaͤhlen durfte, ſo war es ihm doch nicht unangenehm, ſeine Bekanntſchaſt mit einem ſo frohlichen Geſell⸗ ſchafter zu erneuen, und fragte nach deſſen jetziger Lage, und ob er noch auf ſeinem Po⸗ ſten in dem Tower ſei. „Ei, freilich,“ entgegnete Sir John,„und habe die Ausſicht auf einen beſſern. Bei mei⸗ ner Seele, wenn ich beſtimmt bin, jemals hoch zu ſteigen, ſo iſt es durch die Huͤlfe der Soͤhne der Kirche. Kaum ſah ich, daß mein alter Goͤnner, des Fleiſchers Sohn, bergab gehe, als ich mich an den Sohn eines Huf⸗ ſchmieds anſchloß, der im Steigen begriffen war, und Jenen in der Gunſt, die der König ihm ſchenkte, noch uͤbertreffen wird. Ich bin jetzt in dem Dienſte Sir Thomas Cromwells, des erſten Staatsſekretairs, der taglich in des Koͤnigs Kabinet geht und freien Zutritt zu ſei⸗ nem Ohre hat. Du kannſt mir glauben, Vet⸗ terchen, das iſt ein beſſerer Poſten, als die Gouverneursſtelle von Calais, und wenn mein guter Freund, Jack Dudley, mir keinen Streich ſpielt, und des Scharfrichters Beil mir meinen Goͤnner nicht raubt, ſo werde ich die Gluͤcksleiter bald ſo weit erklimmen, daß ich die Sproſſen, auf denen ich hinaufſtieg, zu zertroͤmmern, und mich durch eigene Kraft auf der Hoͤhe zu erhalten vermag. Welchen Weg ich dahin einſchlage, das, Vetter, das iſt mir ganz gleich; doch, obgleich ich ſtets ein folgſamer Sohn war, ſo bin ich dennoch feſt entſchloſſen, dem Beiſpiele meines Vaters nicht zu folgen, und habe geſchworen, mit meinem Kopfe auf den Schultern zu ſterben.— und Ihr, mein lieber Vetter, was macht Ihr? Wie ſteht es um Eure alte Streitigkeit mit dem Gotteslaͤſterer, dem Mahomet, dem ver⸗ ruchten Sir Beelzebub von dem Thurme Hill?“ Dudley erzaͤhlte ihm, was ſich in der Sa⸗ che Cecils bisher zugetragen, und ſagte, da —,—— — er jeden Plan aufgegeben, zu Gunſten des Wahnſinnigen noch ferner etwas zu unterneh⸗ men, hoffe er auch, daß Sir Lionel von ſei⸗ nen feindlichen Verfolgungen ablaſſen werde, beſonders, da er ſich jetzt unter koͤniglichem Schutze befinde. Sir John blieb faſt den ganzen Morgen, alle Reuigkeiten und die aͤrgerlichen Ereigniſſe an dem Hofe erzaͤhlend. So ward eine Be⸗ kanntſchaft erneuert, die bald zu einer innigen Vertraulichkeit reifte, obgleich die Beweggruͤnde dazu, von der einen Seite die Luſt ſich zu vergnuͤgen, von der andern die Hoffnung hoͤ⸗ heren Steigens, nicht erlauben, dieſem Buͤnd⸗ niſſe den Namen der Freundſchaft zu geben. An dem Tage, welcher auf dieſe Unterre⸗ dung folgte, war in den Zimmern des Lord Kaͤmmerers Bankett und Ball. Dudley ward dazu eingeladen, und traf hier zu ſeiner groß⸗ ten Ueberraſchung Beatrix, von deren Anwe⸗ ſenheit im Palaſte er bisher noch nichts gehort hatte. Ihr Staunen glich dem ſeinigen, denn Sir Lionel hatte ihr geſagt, daß Dudley ge⸗ zwungen worden, in der Freiſtatt Zuflucht zu ſuchen, weil er ſchwerer Vergehungen beſchul⸗ digt ſei; daß dieſe aber nur von ihm ſelbſt ausgegangen, hatte er hinzuzufugen vergeſſen. Dudleys Anweſenheit an dem Hofe, und der — Poſten, den er bekleidete, zeigten zur Genuͤge, daß er ſich von dem ſchimpflichen Verdachte gereinigt habe, und ſie wuͤnſchte ihm dazu von Herzen Gluͤck. Er ſuchte nicht, ihren Vater anzuklagen, indem er ihn fuͤr den Urheber je⸗ ner Beſchuldigungen ausgab, und ſo ward die gegenſeitige Freude uber ihr unverhofftes Zu⸗ ſammentreffen durch nichts geſtort. Beide Theile enthielten ſich jeder Erwaähnung Sir Lio⸗ nels, Dudley aus Zartgefuͤhl, Beatrix aus Schaam, denn ſie ſah es ein, daß ihres Vaters Betragen heftig und unverantwortlich geweſen ſei. — Sie tanzten mit einander, und erneueten bald jene zartere Neigung, welche durch die Begebenheiten in dem Thurmhauſe ſo heftig zerriſſen worden. Dudley konnte es nicht ver⸗ geſſen, daß ſie die Retterinn ſeines Lebens ge⸗ weſen; jener Geſchmack und Glanz ihres An⸗ zuges, der ihn bei dem erſten Anblicke fuͤr ſie eingenommen hatte, zeichnete ſie auch noch hier, umgeben von all der Pracht, und alle den Schoͤnheiten des Hofes, aus; und der Stolz, die Hoheit ihres Betragens, ſchienen gemil⸗ dert, ein Umſtand, den Dudley ihrer unterge⸗ benen Stellung im Verhaͤltniß zu der Koͤniginn, zuſchrieb. Sie hatten von nun an bei den Hoffeſtlich⸗ keiten haͤuſige Gelegenheit, einander zu ſehen⸗ — und ihre zaͤrtliche Neigung nahm dabei zu. Dudley zweifelte gar nicht, daß Sir Lionel, nun er Cecil ſeinem Schickſale zu uͤberlaſſen, entſchloſſen war, in die Verbindung willigen werde. Deshalb zeigte er ſich uͤberall als Beatrix Bewunderer, und die Hofleute nann⸗ ten ihn ſchon ihren„Knecht.“ Dieſer theilte, nach dem damals eingefuͤhrten Gebrauche der Galanterie, die Gunſtbezeugungen der Dame mit ihrem Schooßhuͤndchen; durfte ihr Ge⸗ ſchenke und liebeathmende Gedichte uͤberſchicken, kurz, er durfte ſeine Leidenſchaft zeigen, und auf jede Weiſe das Anerbieten ſeiner Hand machen, ausgenommen in reinem Engliſch. Der Graf von Surrey und Sir Thomas Wyatt, hatten, dem Beiſpiele Petrarkas fol⸗ gend, um dieſe Zeit die Mode der platoni⸗ ſchen Liebe eingefuͤhrt, welche, ohne eine in⸗ nigere Verbindung mit dem geliebten Gegen⸗ ſtande zu beabſichtigen, alle Aeußerungen und Zeichen wahrer Liebe nachahmte. Der erſte dieſer beruͤhmten Dichter begnuͤgte ſich damit, eine unbekannte Schoͤnheit, unter dem Namen Geral⸗ dine, zu verherrlichen, und von dem zweiten glaubte man, daß Anna Boleyn der Gegen⸗ ſtand ſeiner Leidenſchaft ſei; aber es gab auch Einige, welche irgend ein Gebilde der Phanta⸗ ſie zu der Angebeteten machten, und dieſem dann mit einem Eifer, einer Ergebenheit, ei⸗ ner Ernſthaftigkeit, huldigten, wie ſie den Kin⸗ dern eigen zu ſein pflegt, wenn ſie mit ihren Puppen ſpielen. Selbſt wo die Aufmerkſam⸗ keiten auf ein lebendes Weſen gerichtet waren, ließ es ſich ſchwer entſcheiden, welcher End⸗ zweck dabei obwalte; ob ſie aus der Eitelkeit der Maͤnner entſpraͤngen, die unter den Schmeichlern jener Tage ganz heimiſch war, oder ob ſie die Vorlaͤufer einer ordentlichen, ehrlichgemeinten Liebeserklaͤrung waͤren. Grade in dieſe Lage fand ſich Beatrix gegen Dudley verſetzt. Jetzt, wo er einen eh⸗ renvollen Poſten bei Hofe bekleidete, und taͤg⸗ lich in des Koͤnigs Gunſt ſtieg, hatte ſie keine Urſach zu glauben, daß ihr Vater ſeine Ein⸗ willigung zu ihrer Vermaͤhlung verweigern werde. Durch ihre Anweſenheit an dem Hofe hatten ſich in manchen Dingen ihre Anſichten geaͤndert, und ſie blickte nicht mehr mit der Bewunderung auf Dudley, wie fruͤher, aber ihr Gedaͤchtniß ergaͤnzte manches, deſſen ihr Herz bedurfte, denn ſie bewahrte fuͤr ihn noch immer jenes guͤnſtige Vorurtheil, das ein Weib fuͤr den ſelten aufgiebt, dem es zuerſt gelang, die ſchlummernden Gefuͤhle ihres Buſens zu wecken, und, ganz beſonders, deſſen Leben es rettete. Dudleh ſelbſt war noch nicht einig mit ſich. Obgleich fuͤr gewoͤhnlich nicht unentſchloſſen, hatte er doch einige Reigung zum Zaudern, ein Verlangen, alles in die Ferne zu ſchieben, beſonders, wenn die Erreichung irgend eines Zieles ſeine bisherige Lebensart und ſeine Vergnuͤgungen aͤndern mußte. Obgleich er ſchon laͤngſt feſt entſchloſſen war, ſeine Ver⸗ bindlichkeit gegen Miß Poyns nicht zu erfuͤllen, und die lebenden Maſchinen von Beckhampton⸗ Hall nie wieder zu ſehen, ſo hatte er doch bis⸗ her immer noch nicht den Brief geſchrieben, durch den er ſeiner Verlobten dieſen Entſchluß mittheilen und ihr die Freiheit geben wollte, jeden Mann zu heirathen, der weniget Abnei⸗ gung vor einer automatiſchen Gattinn hätte. In Folge ſeiner Zoͤgerungsſucht, welche ihm weder geſtattete, die eine Geliebte aufzugeben, noch die andere zu erwaͤhlen, ſchloß er ſich der Mode an, die ihm ſchon ſehr zu behagen be⸗ gann, indem er ein verſtandener, doch nicht erklaͤrter Liebhaber war, und ſo gegen Cupido das verraͤtheriſche Beiſpiel des Grafen von Surreh und Sir Thomas Whatts nachähmte. Dies waren die Gruͤnde, die ihn bewogen, mit ſeiner Leidenſchaft ſo zu ſagen zu ſpielen, bis ſich ein Ereigniß zutrug, das ſeinem Ver⸗ zu Beatrix ein plotzliches und feindli⸗ W 6 * ches Ende machte. Der veränderliche Heinrich war Anna Boleyns äberdräͤſſig, und hatte im Stillen ihr Verderben beſchloſſen; ſeine Leiden⸗ ſchaft fur Johanna Sehmour beſchraͤnkte ſich bis jetzt noch auf einige zärtliche Blicke, und in dieſem Zwiſchenreiche ſeiner Liebesbegierde, warf er ſeine Augen bei einem Hofballe auf Beatrix. Sie tanzte hier, eine Fertigkeit, in der ſie ganz beſonders glaͤnzte, und wobei ſich ihre ſchoͤne Beſtalt im beſten Lichte zeigte. Sie war dem Koͤnige ſchon aufgefallen, als er ſie in dem Thurmhauſe das erſte Mal ſahe; an⸗ dere Gedanken hatten ſie ſeit der Zeit aus ſei⸗ nem Gedaͤchtniſſe verdraͤngt, doch dieſe Ruͤck⸗ kehr ſeiner Reigung zeigte ſich ſtaͤrker, als der erſte Eindruck. Sie hatte ganz jene Art der Schoͤnheit, die er ſtets am meiſten bewun⸗ derte; eine hohe, ſchlanke, reizende Geſtalt, durch prachtvolle Fleidung noch mehr hervorge⸗ hoben;— ſein Hets oder vielmehr ſeine Sinne, waren fuͤr den Augenblick unbeſchaͤf⸗ tigt, und er ließ ſeine Einbildungskraft die Reize, auf die er geblickt, ſo lange betrachten und zergliedern, bis er ſich ſelbſt von der gluͤ⸗ hendſten Liebe ergriffen wähnte. Widerſtand gegen ſein Verlangen, oder nur Verzoͤgerung der Befriedigung deſſelben, ahnete er nie, und ſo beſchloß er, Beatrix zu ſeiner Geliebten zu erklaͤren, eine Ehre, welche, wie er glaubte, mit Freuden angenommen, und hoch geſchäͤtzt werden wuͤrde, von einem Maͤdchen, deſſen Vater von unrechtmaͤßiger Geburt war, und das von den edlen Verwandten ihrer Mutter nicht anerkannt ward. Durch einige Fragen uͤber ſie erfuhr er, daß Dudley ihr erkläͤrter Knecht ſei; und er fand es daher fuͤr nothig, ihm bei erſter Gelegenheit zu wiſſen zu thun, daß er in dieſer Sache nicht weiter gehen, auf keinen Fall aber ihr ein Anerbieten ſeiner Hand machen duͤrfe. Der Hof war um dieſe geit in Whitehal, und Dudley traf die Reihe, die Aufſicht uͤber die Nachtwache in dem Vorzimmer des Koͤnigs, einer großen, weiten Halle, zu fuͤhren. Der Koͤnig war ſchon laͤngſt zu Bett gegangen; bei dem Lichte einer großen Fackel, welche in der Mitte des Gemaches ſtand, hatte Dudley in Aretins Satiren geleſen, doch als er den gro⸗ ßen Tom*) von Weſtminſter die Stunde der Mitternacht verkuͤnden hoͤrte, ſchloß er das Buch, und ſteckte es in die Taſche. Indem er ſich nun in der Halle umſahe, bemerkte er, daß er der einzige Wachende ſei; die Ritter *) Die große Glocke des thnee fuhrt dieſen Namen.. 6* — 84— und Trabanken der Wache hatten ſich auf ihre Strohkiſſen geworfen;— die Hellebardirer hat⸗ ten ihre Hellebarden und gezogenen Schwerter auf den Fußboden gelegt, und ſchlummerten auf ihren Poſten; das Licht der Fackel ſpiegelte ſich in ihren leichten Ruͤſtungen, oder verur⸗ ſachte einen augenblicklichen hellen Blitz, wenn ſie zufällig ihre Stellung veraͤnderten. Es iſt gut, dachte Dudley, daß die Schildwachen au⸗ ßerhalb wachſamer ſind; denn er hoͤrte, wie ſie eben abloͤſten, und vernahm dann ganz deutlich den ſchweren Tritt der Trabanten, als ſie uͤber den gepflaſterten Hof gingen.— Als er dem abnehmenden Widerhalle ihres Ganges noch lauſchte, erreichte ein Klang anderer Art ſein Ohr; der Koͤnig huſtete in ſeinem Schlaf⸗ gemache, und gleich darauf hoͤrte Dudley ihn ungeduldig rufen:„Was, ha! wer wacht draußen?“ Anfangs wollte Dudley einen von den Rit⸗ tern der Wache erwecken, von denen kein ein⸗ ziger den Ruf gehoͤrt hatte; doch da er des Koͤnigs Ungeduld kannte, und um deſſen Wuth vorzubeugen, ſollte er entdecken, daß die Waächter auf ihrem Poſten geſchlafen hätten, eilte er ſchnell vorwärts, legte ſeinen Mund an die Thuͤr, und fragte:„Riefen Ew. Ho⸗ heit?“ — 65— „Wer biſt Du, Kerl? wie heißt Du?“ war die Antwort. „Ich bin Pohns Dudley, einer von den Dienern Ew. Majeſtaͤt, Euch zu Befehl!“ „Ha! Du biſt's? Was!— Komm her⸗ ein; ich habe mit Dir zu ſprechen.. Nachdem Dudley gehoͤrt⸗ wie der Konig eine Feder druͤckte, die einen Riegel von der Thuͤr zuruͤckzog, oͤffnete er, trat in das Schlaf⸗ gemach des Koͤnigs, die Thuͤr ſchlug hinter ihm von ſelbſt wieder zu, und der Riegel ſprang in das Schloß. Zwei große Wachskerzen, auf einem Marmortiſche brennend, verbreiteten ein helles Licht in dem Zimmer, ſo daß die ver⸗ goldeten Engel, mit denen das Bett geſchmuͤckt war, davon widerſtrahlten, und man den grel⸗ len Widerſatz zwiſchen ihren lieblichen, ſanften Geſichtern und den Zuͤgen des Koͤnigs deutlich erkennen konnte.— Heinrich hatte um dieſe Zeit allen ſeinen Hoͤflingen geboten, ihr Haar kurz abzuſchneiden; er ſelbſt gab darin das Beiſpiel, ließ aber zugleich ſeinen Bart frei in ſeiner ganzen Laͤnge wachſen, und trug ihn geflochten. Durch langes Hingeben an die Sinnenluſt war ſein Koͤrper allmaͤhlig plump und trage geworden, bis ſeine breiten, aufge⸗ dunſenen Wangen einem Schwamme glichen; ſeine Zuͤge trugen ganz das Gepraͤge morali⸗ —— ſcher Schlaffheit, welches ſtets erzeugt wird, wenn man längere Zeit nur ſeinem eigenen Willen folgt. Sie ſprachen ſowohl Mißbeha⸗ gen, als Eigenſinn und Ungeduld aus, und verriethen deutlich, daß die Natur weder den Mißbrauch der Luſt, noch des Willens geſtat⸗ tet, ohne den Uebertreter dafuͤr zu zuͤchtigen. Es war unmoglich, ihn zu betrachten, ohne im Augenblicke zu bemerken, daß das Thieri⸗ ſche das Geiſtige in ihm ſo lange beherrſcht habe, bis ſein Aeußeres ein klares Bild ſeiner Lebensweiſe geworden; ſeine Seele neigte ſich ſichtlich zum Thieriſchen hinab. In dem ge⸗ genwaͤrtigen Augenblicke zeigte ſein Geſicht auch noch eine Miſchung des Zornes, da die Die⸗ ner ſeinen Nachtbecher ſo weit geſetzt hatten, daß er ihn nicht erreichen konnte, und ſein Blick war durch die Storung ſeines Schlafes ſinſterer und wuͤthender, als gewoͤhnlich, auch hatte er, aber vielleicht ſich ſelbſt unbewußt, die Hand an den Griff des Schwertes, das zu dem Kopfende ſeines Bettes hing, gelegt. Dies war die Geſtalt, welche, nach einer heftigen Schmaͤhrede gegen den Diener, der den Pokal ſo weit von dem Bette abgeſetzt hatte, Dudley gebot, ihm den Trank zu rei⸗ chen, und zugleich fragte, ob er geſehen, daß davon gekoſtet worden. Alè er hierauf bejahend geantwortet, erhielt er den Befehl, ſelbſt von dem Weine zu koſten, und erſt nach⸗ dem dies geſchehen, reichte er dem Koͤnige den Becher hin, und dieſer leerte ihn auf einen Zug. Es ſchien, als habe der Trunk ihm eine beſſere Laune gegeben, und mit weniger un⸗ freundlicher, gebieteriſcher Stimme, ſagte er: „Komm naͤher, Mann!— noch naͤher! was! Hoͤre, Sir, Du kennſt jenes Maͤdchen aus Somerſetſhire, eine von den Damen der Koͤni⸗ ginn, die Tochter des Baſtards Fitzmaurice?“ Dudley verneigte, zum Zeichen der Beja⸗ hung, das Haupt, doch der Koͤnig, durch dieſe ſtumme Antwort beleidigt, rief heftig aus: „Hoͤrſt Du mich nicht, Sir?— Ha!“ „Ich hatte die Ehre, der Miß Fitzmaurice Bekanntſchaft in dem Hauſe ihres Vaters zu machen, Ew. Majeſtäͤt zu Befehl;“ ſagte Dud⸗ ley, ſich abermals verbeugend. „So hoͤre mich, Sir; verſteh' mich wohl, und thu, was ich gebiete.— Gieb ihr dies.“ Dabei zog er aus einer kleinen Taſche an dem Hauptende ſeines Bettes einen Lieblingsring, auf welchem Holbein die Schlacht von Bos⸗ worth auf Emaille gemalt hatte; dieſen Ring, und ein Halsgeſchmeide von werthvollen Dia⸗ manten uͤbergab er Dudleh, und ſagte dabei: „Sage ihr, daß der Koͤnig ihr gewogen ſei, — daß er ihre Reize bewundere— daß es ſein Vorſatz iſt, ſie zu erhoͤhen und zu ehren— und daß ſie, wenn ſie ſich willig und gehorſam gegen ihn zeige, Geſchenke und Penſion erhal⸗ ten, und eben ſo ehrenvoll behandelt werden ſoll, als dies mit Lady Talboy*) der Fall war. Und verſteh mich wohl, Sir; ich will, daß Niemand Anderes ihr den Hof machen ſoll — nicht mit einem Worte, einem Hauche, ei⸗ nem Blicke— oder, bei St. Paul! ſein Kopf ſoll von ſeinen Schultern fliegen. dat Du es gehoͤrt? Ha! Was!“ „Ich habe es, Ew. Majeſtat zu Befehl, und es iſt meine Pflicht, uͤberall zu ge⸗ horchen.“ „Es iſt gut, Sir; Du ſollſt Gunſt und Erſatz dafuͤr finden. Geh! morgen will ich Dich wieder ſprechen. Fort! Ha!“ Dudley verbeugte ſich, und ging; der Rie⸗ gel ward zuruͤckgezogen, die Thuͤr dffnete ſich, ſchloß ſich dann hinter ihm, und er ſtand wie⸗ der in dem Vorgemache. Keiner der hier An⸗ weſenden ſchien etwas von einem Geſpraͤche vernommen zu haben, das ſeine ganze Lage ſo *) Die fruͤhere Maitreſſe des Koͤnigs; ſie gebar im den Henry Fitzroy, der zum Herzoge von Rich⸗ mond und Somerſet ernannt ward⸗ — plotzlich aͤnderte, und ihm eine Pflicht aufer⸗ legte, deren Erfuͤllung mit ſeinen Gefuͤhlen in dem lebhafteſten Widerſpruche ſtand. Er nahm Aretins Satiren nicht wieder zur Hand, und fuͤhlte dennoch ſehr wenig Neigung zum Schlafe, denn ſeine Gedanken waren nur damit beſchaͤf⸗ tigt, wie er ſich in dieſer gefaͤhrlichen Lage der Dinge am beſten zu benehmen habe. Furcht war ihm, wie wir ſchon fruͤher ſagten, fremd, ſobald es irgend eine perſonliche Gefahr galt. Er war ein Haͤndelmacher von Profeſſion, hatte ſchon drei Gegner getoͤdtet, und wuͤrde mit kaltem Blute wegen der geringſten Kleinigkeit noch eben ſo vielen das Leben geraubt haben; kurz, er beſaß Muth, der ihm theils angebo⸗ ren, theils durch ſeine Lebensweiſe, theils durch die Furcht erzeugt war, fuͤr einen Feigling zu gelten, doch zu jenem hohen, wahren Muthe, der den Mann, wenn die Pflicht es heiſcht, dem Mißgeſchicke oder dem Tode furchtlos ent⸗ gegengehen laͤßt, welcher ihn das Leben verach⸗ ten lehrt, wenn es nur durch Aufopferung eines Grundſatzes erhalten werden kann, zu dieſer Hoͤhe vermochte er nicht ſich emporzuſchwingen. Den Lorbeerkranz des Siegers konnte er errin⸗ gen, aber nicht die Dornenkrone des Maͤrti⸗ rers. Sein Aufenthalt an einem ſo verderbten Hofe, und beſonders ſein vertrauter umgang — 90— mit Sir John, hatten ebenfalls ſchon dazu beigetragen, ſeine beſſern Grundſätze zu unter⸗ graben. Die zahlreichen Beiſpiele der unendli⸗ chen Grauſamkeit, welche Heinrich gegen Alle uͤbte, die ſeinem Willen zu widerſtreben wag⸗ ten, gab ihm die Ueberzeugung, daß ſein Le⸗ ben in der dringendſten Gefahr ſei, wenn er mit der Vollſtreckung des Auftrages zogere, und erfuͤllten ihn mit Furcht, ſowohl ſeine ei⸗ genen Rechte und Wuͤnſche zu behaupten, als auch Beatrix Meinung zu vernehmen. Nachdem er durch alle dieſe niedern Gruͤn⸗ de beſtimmt worden, dem Befehle ſeines Ge⸗ bieters zu gehorchen, fand er bald tauſend Entſchuldigungen fuͤr ſeine Schlechtigkeit, denn der Verſtand iſt ein feiner Sophiſt, und macht die Vernunft nur zu leicht zum Selaven des Willens. Sein Dienſteid verpflichtete ihn, ſei⸗ nem Gebieter in allem Folge zu leiſten; er hatte ſich nie durch eine beſtimmte Erklaͤrung gegen Beatrix verbindlich gemacht; ſeine Nei⸗ gung zu ihr war nicht von der Art, daß ſie ihn verleiten konnte, zu vergeſſen, was er ſei⸗ nem Konige ſchuldig ſei, oder ſeine ganze Exi⸗ ſtenz auf das Spiel zu ſetzen. Wahr war es freilich, daß ſie ihm einſt das Leben rettete⸗ daß er ſich ganz oͤffentlich als ihren Bewunde⸗ rer und Knecht gezeigt hatte, aber das erſtre —— wat das unwillkuͤrliche Ergebniß eines Augen⸗ blickes, das bei jedem Andern, der in gleicher Gefahr geweſen, ebenfalls Statt gefunden ha⸗ ben wuͤrde, und das letztere war nichts als die nichtige Erklaͤrung eines Vorzuges, den er auf⸗ geben mußte, ſobald der Koͤnig ſein Neben⸗ buhler ward, und auf den vielleicht Beatrix ſelbſt mit Vergnuͤgen verzichtete, konnte ſie einen Monarchen an ihren Triumphwagen feſſeln. Durch alle dieſe unhaltbaren Gruͤnde ent⸗ ſchloſſen, eben ſo kleinmuͤthig zu werden, als die anderen Hoͤflinge, ſteckte Dudley die Juwe⸗ len in ſeine Taſche, und ging am folgenden Morgen zu Beatrix Zimmer. Er hoffte, daß ſie ihm eine Entſchuldigung ſeines eigenen Wan⸗ kelmuthes bieten werde, indem ſie den Aner⸗ bietungen des Koͤnigs ein williges Ohr leihe. Mit dieſer Ausſicht legte er den prachtvollen Ring auf den Tiſch, und breitete das werth⸗ volle Halsgeſchmeide daneben aus, ehe er ſich ſeines Auftrages entledigte. Alle Hoffnungen, daß ſie einwilligen werde, ſchwanden aber in dem Augenblicke, daß er ſie ſahe. In der ſtil⸗ len Wuͤrde der Schoͤnheit und Tugend liegt etwas ſo Gebietendes, daß es ſelbſt den aͤrg⸗ ſten Wuͤſtling mit Ehrfurcht erfuͤllt; auf Dud⸗ ley uͤbte es eine maͤchtige, bezaubernde Gewalt. Er war verwirrt, beſchaͤmt, und dennoch feſt entſchloſſen, ſich des verhaßten Geſchaͤftes, das ihm uͤbertragen worden, zu entledigen. Es waͤre ſchwer zu entſcheiden geweſen, ob die Art des Vorbringens oder die Sache ihn mehr peinige, als er, ſo viel wie moͤglich mit des Koͤnigs eigenen Worten, ſeinen Auftrag aus⸗ richtete. Die hochmuͤthige Heftigkeit, welche wir fruͤ⸗ her an Beatrix ſchilderten, war durch ihren Aufenthalt an dem Hofe bedeutend gemildert worden, doch jetzt war ſie in allen ihren Ge⸗ fuhlen ſo verletzt, in ihrem Stolze ſo beleidigt, uͤber den entehrenden Antrag ſowohl, als auch daruͤber, daß er ihr aus Dudleys Munde ward, im Innerſten ihres Herzens ſo emport, daß es ſchien, als ſei ihre fruͤhere Heftigkeit mit er⸗ neuerter Gewalt zuruckgekehrt. Dunkle Roͤthe faͤrbte plotzlich ihr Geſicht, ihr Auge ſpruͤhte Feuer, ihre Zuͤge nahmen jenen Ausdruck der Verachtung an, der ſie ihrem Vater ſo aͤhnlich machte, und ihrer Schoͤnheit einen unweib⸗ lichen, ſaſt furchterlichen Stempel aufdruckten, ſie ergriff das Halsband, warf es heftig gegen den Boden, und rief:„Der Konig iſt ein Nie⸗ dertraͤchtiger, daß er es wagt, mir ſolchen An⸗ trag zu machen, und Du biſt ein niedriger, nichtswuͤrdiger, haſſenswerther Schuft, daß Du * die Botſchaft uͤbernommen!“ Bei dieſen Wor⸗ — 6— ten richtete ſie ſich ſtolz in ihrer ganzen Hoͤhe empor, daß es faſt ſchien, als wachſe ſie uͤber⸗ natuͤrlich, warf einen Blick unausſprechlicher Wuth auf Dudley, und verließ das Zimmer. Das Entzuͤcken, mit dem Beatrix dem Le⸗ ben am Hofe entgegengeeilt, war durch eine nähere Bekanntſchaft mit demſelben laͤngſt ver⸗ ſchwunden, und mehrere Ereigniſſe hatten uͤber⸗ dies noch dazu beigetragen, ſie mit ihrer Lage hoͤchſt unzufrieden zu machen. In der That konnte nichts, als ihre innige Anhaͤnglichkeit an die Koͤniginn, ſie bewegen, ſo lange zu blei⸗ ben. Sie erfreuete ſich der beſondern Gunſt ihrer Gebieterinn, hatte ſich zu der Religion der⸗ ſelben bekehren laſſen, und war oft die Almo⸗ ſenierinn, immer aber die Bewunderinn der zahl⸗ reichen Wohlthaten, welche die Koͤniginn ſpen⸗ dete, der reichen Tugenden, durch welche ſie ge⸗ ſchmuͤckt ward. Dieſe unerwartete Beſchim⸗ pfung fuͤllte das Maaß ihres Mißmuthes. Sie ſah keine andere Zuflucht, keine andere Sicherheit, als augenblickliche Flucht von einem Schauplatze, der jetzt in ihren Augen durchaus haſſenswerth erſchien. Als ſie dieſen Vorſatz einmal gefaßt, fuͤhrte ſie ihn auch mit maͤnn⸗ licher Entſchloſſenheit aus. Sie nahm einen herzlichen Abſchied von der Koͤniginn, die ihr ein reiches Geſchenk machte, und der ſie keinen an⸗ — 94— deren Grund ihrer ſchnellen Abreiſe angab, als die Nothwendigkeit ihrer augenblicklichen Ruͤck⸗ kehr nach dem Thurmhauſe; dann verſchaffte ſie ſich zwei tuͤchtige Pferde, und trat ſchon am folgenden Morgen, noch vor Sonnenauf⸗ gang, ihre Reiſe nach Somerſetſhire an, nur von einem bejahrten Diener begleitet, den ſie aus Mitleid zu ſich genommen. Einen ſolchen Ausbruch des Zornes haͤtte Dudley nicht erwartet, und er fuͤhlte ſich inner⸗ lich beſchaͤmt uͤber die Porausſetzung, die er zu ſeiner eigenen Entſchuldigung gemacht. Sein Hoflingsgeiſt geſellte ſich indeſſen bald zu ſei⸗ nem beleidigten Stolze, und ſo hielt er es fuͤr beide Theile vortheilhaft, daß die Bekanntſchaft ſo ploͤtzlich abgebrochen worden, da dieſe doch nicht langer haͤtte beſtehen koͤnnen, wegen der Strafe, die des Koͤnigs Zorn ihnen auferlegt haben wuͤrde, haͤtte er geahnet, daß ſie ſeinen Befehlen zu widerſtreben gewagt. Dennoch ſchamte er ſich der traurigen Rolle, die er hier geſpielt hatte, und um ihrer ſo bald als moͤg⸗ lich entledigt zu werden, nahm er das zuruͤck⸗ gewieſene Geſchmeide vom Boden auf, und eilte zu dem Koͤnige, ihm den Erfolg ſeiner Botſchaft zu verkuͤnden. Knieend, wie der Ge⸗ brauch dies heiſchte, legte er die Juwelen auf den Tiſch, und ſagte, Miß Fitzmaurice habe ſich geweigert, ſie anzunehmen, und ihm dabei die bitterſten Vorwuͤrfe gemacht, daß er einen ſolchen Auftrag uͤbernommen. Pon ihren Schmaͤhreden gegen den Koͤnig ſelbſt, durch die ſie ihren Kopf in deſſen Gewalt geliefert, ſagte er jedoch nichts. Heinrich tobte und ſtampfte mit den Fußen, wie er es immer that, ſobald ſich nur das kleinſte Hinderniß ſeinem despotiſchen Willen entgegenſtemmte, und winkte Dudley, ſich zu entfernen, nachdem er die hoͤchſten Eide ge⸗ ſchworen, daß er die Verrätherinn zwingen werde, ſeine Wuͤnſche zu erfullen;— mit der großten Freude gehorchte Dudley dem Zeichen ſeines koͤniglichen Gebieters. Am folgenden Tage verdoppelte ſich die Wuth des Tirannen, als er Beatrix Flucht er⸗ fuhr, und er gelobte eine fuͤrchterliche Rache, aber noch ehe er mit ſich einig war, wie er dieſe vollſtrecken ſolle, verliebte er ſich in Jo⸗ hanna Seymour, und in eben dem Maaße, in welchem dieſe Leidenſchaft wuchs, nahm auch das Verlangen zu, ſich Anna Boleyns zu ent⸗ ledigen. Von dieſer doppelten Leidenſchaft be⸗ ſtuͤrmt, ſchwand der Eindruck, den Beatrir auf ihn gemacht, eben ſo ſchnell, als er entſtanden war. Heinrich war mit der Begier der Ge⸗ genwart, bis er ſie hefriedigt hatte, immer ſo — 96— ganz beſchaͤftigt, daß ſie jeben Gedanken an das Fruͤhete verdraͤngte, und es iſt kein Wun⸗ der, daß er uͤber dem Wunſche, eine Koͤniginn zu koͤpfen, und die andere züu kroͤnen, Beatrir ganz aus dem Geſichte verlor, der er in einem Anfalle augenblicklicher Laune die Ehre zuge⸗ dacht, ſie zur N— der Lady Talboys zu machen. Dudleys vereitwillikeit ihm zu gehorchen, ſchien er indeſſen nicht uͤberſchen zu haben, denn er vermehrte ſeine Gunſtbezeugungen ge⸗ gen ihn, gleichſam, als ob er ihn fuͤr den Ver⸗ luſt ſeiner Geliebten entſchaͤdigen wolle. Er ward beſonders erwaͤhlt, den Koͤnig bei einigen Fleineren Parthien zu begleiten. Haͤufig traf er hier auch mit ſeinem Verwandten, Sir John, zuſammen, der durch ſeine heitere Laune und die mannigfach aubgebildete Gabe der Unter⸗ haltung ſchnell in des Konigs Gunſt zu ſtei⸗ gen ſchien. Obgleich Heinrichs zunthmende Koͤrperfuͤlle ihn abhielt, ſich dem Vergnuͤgen der Jagd mit ſolchem Eifer hinzugeben, als fruͤher, ſo behielt er ſeine Vorliebe dafuͤr doch noch immer bei, und hatte Befehl gegeben, eine große Jagd in dem Epping⸗Forſte zu veranſtalten. Dudley und Sir John wurden dazu eingeladen. Su jener Zeit erſtreckte ſich der Wald noch näher nach London heran, als jetzt, und da er uͤber⸗ dies hoͤchſt wildreich war, hatte der Koͤnig ihn, ſeiner bequemen Lage wegen, zu ſeinem Lieb⸗ lingsorte fuͤr dieſes Vergnuͤgen erwaͤhlt. Der Morgen, der zu der erwaͤhnten Jagd beſtimmt worden, konnte faſt nicht beſſer ſein; es war im Monat May, und der Himmel ganz wolkenlos; der Wald ſchien in aller Fri⸗ ſche und Pracht des Fruͤhlings zu erglaͤnzen; das Gras und der Boden zwiſchen dem Ge⸗ buͤſche waren mit Blumen bedeckt; die Voͤgel begruͤßten den Koͤnig und deſſen Begleiter mit frohlichem Geſange, den man deutlich verneh⸗ men konnte, da der Tritt der Roſſe auf dem weichen Boden kaum zu hoͤren war. Die Buͤ⸗ ſche und Kraͤuter dufteten Wohlgeruͤche, und die ganze Natur ſchien ſich eines neuen Lebens zu erfreuen, und erweckte in dem Buſen des Beſchauers ein aͤhnliches Gefuͤhl der Freude und Luſt. Heinrich war ungewoͤhnlich heiter, und von noch ungewoͤhnlicherer Herablaſſung; er lachte herzlich uͤber Sir Johns komiſche Er⸗ zaͤhlungen; erniedrigte ſich ſogar zuweilen, auf deſſen Scherze ſcherzhaft zu antworten; klopfte den Hals des ſchwarzen Bosworth, ſeines Jagd⸗ renners, oder hielt dann und wann an, ſeinen Lieblingsjagdhund zu liebkoſen, ein Thier von ſo ungewoͤhnlicher Groͤße, daß es ſeinen Kopf W. 5 — in des Koͤnigs Schooß legen konnte, wenn rs ſeine Vorderfuͤße gegen des Pferdes Bruſt ſtemmte. 30 Als wenn es Beſtimmung ſei, daß an dem heutigen ſchonen Tage alles ganz beſonders glucklich gehe, war die Jahd ſo trefflich, daß ſelbſt dem eifrigſten Jaͤger nichts zu wuͤnſchen blieb. Endlich gab Heinrich Befehl, anzuhal⸗ ten, und Alle lagerten ſich nun im Schat⸗ ten einer maͤchtigen Eiche, um einige Erfri⸗ ſchungen zu ſich zu nehmen, bevor die Jagd erneuert werde. Nie ward einem Befehle freu⸗ diger gehorcht, denn des Jägers Hunger iſt zum Sprichworte geworden, und die Anſtren⸗ gungen des Morgens boten die triftigſte Ent⸗ ſchuldigung fuͤr dieſen Hunger. Die Diener packten ſchnell ihre Roſſe ab, und brachten die Vorraͤthe herbei; die Hunde lagen ſchnaufend im Schatten; die Pferde fraßen das Gras, oder die Blaͤtter von den herabhaͤngenden Zwei⸗ gen der Baͤume, und der Koͤnig und deſſen Ge⸗ folge, auf dem Raſen in verſchiedenen Grup⸗ pen vertheilt, verzehrten mit dem beſten Appe⸗ tite die verſchiedenen Fleiſchſpeiſen, oder ſchluͤrf⸗ ten gemaͤchlich das kraͤftige Ale. Sobald Heinrich ſeinen Hunger geſtillt hatte, widmete er ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſeinem Lieblingshunde, welcher ſich lahm gemacht, in⸗ —— dem er ſich einen Dorn in den Fuß getreten hatte. Der Koͤnig, der ſich etwas auf ſeine chirurgiſchen Kenntniſſe zu Gute that, duldete es nicht, daß irgend Jemand ſeines Gefolges dem Thiere zu nahe komme, ſondern nahm es ſorgfaͤltig auf den Schooß, zog mit eigenen Haͤnden den Dorn heraus, legte eine Binde um die Wunde, und befeſtigte ſie mit einem Faden; dann wechſelten der konigliche Hunde⸗ doktor und deſſen vierbeiniger Patient Kuͤſſe und Liebkoſungen, mit allen Zeichen gegenſeiti⸗ ger Zuneigung. „Ein Loͤwe im Kriege, und ein Lamm im Frieden!“ fluͤſterte Sir John Dudley zu, doch laut genug, um von dem KFoͤnige nicht uͤber⸗ hoͤrt zu werden.„Wer unſeren tapferen Koͤnig bei Tournay und Boulogne die Franzoſen zu Boden ſchmettern ſahe, ſollte der wohl glau⸗ ben, daß er ſo voll Mitleid und Zaͤrtlichkeit ſei, daß er ſich nicht ſcheut, mit ſeinen eigenen koͤniglichen Haͤnden dieſe Sorgfalt auf die Hei⸗ lung eines Jagdhundes zu verwenden?“ In dieſem Augenblicke hoͤrte man den ent⸗ fernten Knall einer Kanone. Schnell ſchob der Koͤnig den Hund bei Seite, ſprang empor, ſchlug beide Haͤnde in einander, und rief:„Ha! ha! es iſt geſchehen! das Werk iſt vollendet! 71 — 100— — Entkuppelt die Hunde; die Jagd beginne auf's Neue!“ Dieſer Kanonenſchuß war das verabredete Zeichen, daß in eben dem Aogenblicke Anna Boleyns Kopf vom Rumpfe geflogen ſei!— Der Koͤnig ſetzte ſeine Vergnuͤgungen in dem Walde noch einige Zeit hindurch fort, und ward, nach London zuruͤckgekehrt, noch an dem nehmlichen Abende, oder, anderen Nach⸗ richten zu Folge, am naͤchſten Morgen mit Johanna Seymour vermaͤhlt. Viertes Kapitel. Religion und Liebe ſollen einen Ihre Flammen, der Vernunft Glanz wieder ſcheinen Durch Trug und Racht, mißhandelter Cecil! Dann auf! laß frei al Deine Klagen gelten, Daß ſie, die wahnſinnig Dich könnten ſchelten Erröthend ſehn' in Lüg', ihr ſchändlich Ziel. Einige Zeit vor dem traurigen Ereigniſſe, wel⸗ ches wir am Schluſſe unſeres letzten Kapitels erzaͤhlten, langte Beatrix, nachdem ſie ihre weite Reiſe mit gleicher Furchtloſigkeit fortgeſetzt, wie begonnen hatte, wohlbehalten in dem Thurm⸗ hauſe an. Hier erfuhr ſie, daß Sir Lionel nach London gereiſt ſei, Schloß, Haus und Beſitzungen von Farleigh, bei Bath, in An⸗ ſpruch zu nehmen. Lord Hungerford, der Ei⸗ genthuͤmer jener weiten Beſitzungen, war ſo eben unter dem Beile des Geſetzes gefallen, ohne Erben zu hinterlaſſen, und Sir Lionel, deſſen Raubgier unerſaͤttlich war, weil ſeine Verſchwendung keine Grenzen kannte, eilte ſo⸗ — 102— gleich nach der Hauptſtadt, Farleigh fuͤr ſeinen Muͤndel, als den naͤchſten Verwandten, zu for⸗ dern, eigentlich aber, es fuͤr ſich ſelbſt zu er⸗ halten. Dieſer Zweck ward nicht ſo ſchnell erteicht, als er es gehofft, ſeine Reiſe hing uberdies auch noch mit mehreren der finſteren Verbindungen, in die er verwickelt war, im Zuſammenhange, und er ward daher eine ge⸗ raume Zeit in der Naͤhe des Hofes gefeſſelt. Es iſt unndͤthig, die Herzlichkeit zu beſchrei⸗ ben, mit der Lady Fitzmaurice ihre Stieftoch⸗ ter empfing, denn in ihrer Liebe und Zaͤrtlich⸗ keit fand weder Ebbe noch Fluth jemals Statt. Fruͤher hatte Beatrix wohl dſters ihre Gaͤte voll Haͤrte und Stolz zuruͤckgewieſen, jetzt aber warf ſie ſich ihr freudig in die Arme, und brach in einen Strom von Thraͤnen aus, denn wech⸗ ſelsweiſe beſtuͤrmte ſie die Reue uͤber ihre fruͤ⸗ here Undankbarkeit, und das freudige Gefuͤhl, eine ſichere Heimath, ein theilnehmendes Herz gefunden zu haben. Es iſt bereits oberflaͤch⸗ lich erwaͤhnt worden, daß ihr Aufenthalt am Hofe eine gänzliche Aenderung ihrer Anſichten, Hoffnungen und Gewohnheiten bewirkt hatte, und jetzt koͤnnen wir verſichern, daß ſie bei ih⸗ rer Ruͤckkehr in das Thurmhaus nicht mehr je⸗ nes ſtolze, hochmuͤthige Maͤdchen war, als welches ſie es verlaſſen hatte. Beatrix war. —— ein ganz umgewandeltes Weſen. Ihr fraͤherer Leichtſinn, ihr Stolz, und andere Irrthuͤmer, waren aus einer verfehlten Erziehung entſprun⸗ gen, aus den falſchen Grundſatzen, welche ihr Vater ihr eingepraͤgt, und weit eher aus einem Mangel an Nachdenken, als an Sinn und Gefuͤhl. Rang und Macht, Glanz und Aus⸗ zeichnung, waren ihr beſtaͤndig als die einzigen Dinge genannt worden, die des Strebens nach ihnen werth ſeien, aus denen allein ein wah⸗ res Gluͤck entſpringen koͤnne. Mit dieſen An⸗ ſichten war ſie an den Hof gekommen, doch ſo fluͤchtig und jung ſie auch war, ſo war ihr Geiſt doch zu lebhaft und ſcharf, um lange ge⸗ taͤuſcht werden zu koͤnnen. Sie war von allem umringt, was ihr als die Quelle eines dauern⸗ den Gluͤckes beſchrieben worden, und dennoch fuͤhlte ſie, nachdem der erſte Reiz der Neuheit verſchwunden, die verſprochene Zufriedenheit in ihrem eigenen Buſen nicht, und konnte ſie auch bei Andern nicht bemerken. Die Koͤniginn, welche von einem niedern Stande, im Vergleiche zu ihrem ſpaͤteren, zu der hoͤchſten Hoͤhe emporge⸗ ſtiegen, war vielleicht die Ungluͤcklichſte an dem ganzen Hofe. Wenn Beatrix zuweilen in ihr Privatgemach gerufen ward, ihr einige leichte franzoſiſche Liederchen zu ſingen, ſah ſie, wie die Koͤniginn in einen Strom von Thraͤnen aus⸗ — 104— brach, und ſich mit Wehmuth an die Tage ihrer Jugend erinnerte, wo ſie zwar im Verborgenen, aber zuftieden lebte;— ein ruͤhrendes, lehrreiches Beiſpiel, das aus dem Herzen der Zuſchauerinn ſchnell jeden falſchen Schimmer verbannte. Ueber das Ziel ihres eigenen Strebens war Beatrix zwar geblendet worden, allein ihre Begriffe von natuͤrlicher Moral und Gerechtig⸗ keit waren unverderbt geblieben. Sie fuͤhlte den innigſten Abſcheu gegen Niedrigkeit, Grau⸗ ſamkeit und Bedruͤckung. An dem Hofe Hein⸗ richs VIII. gab es faſt nichts anderes zu ſehen. Mit zwei oder drei Ausnahmen waren ſaͤmmt⸗ liche Großen falſch, zweizuͤngig niedertraͤchtig und kriechend unterwuͤrfig, und in dem Koͤnige ſah ſie nichts, als Selbſtſucht, Sinnlichkeit und grauſame Herrſchſucht. So folgte der an⸗ fänglichen Taäuſchung ihrer Hoffnungen bald der hoͤchſte Widerwille. Sie fuhlte die ganze Klein⸗ heit der Großen, die Werthloſigkeit aller der Dinge, die ſie bisher, entweder an ſich ſelbſt, oder an Andern uͤbermaͤßig geſchätzt hatte. Be⸗ truͤbt ſowohl als empoͤrt, fuͤhlte ſie einen ſol⸗ chen Abſcheu vor allem, was ſie umringte, daß nur noch ihre innige Liebe zur Koͤniginn ſie zu⸗ ruͤckzuhalten vermochte. Dieſes Freundſchaftsbuͤndniß ſollte durch die Bande der Religion noch geſtählt und be⸗ — feſtigt werden. Anna Bolehn fuͤhlte, daß ſie die unmittelbare Urſache der Reformation in England ſei, und ſetzte ihren Stolz darein, ſich als deren Vertheidigerinn und Befeſtigerinn zu zeigen. Sie war eine ſtete Beſchuͤtzerinn der Gelehrten, und die Goͤnnerinn Aller, welche in der Religion freie Anſichten hatten. Sie hatte einen eigenen kleinen Hofſtaat, groͤßtentheils aus eifrigen Proteſtanten beſtehend; unter die⸗ ſen befanden ſich auch Latimer und Shaxton, ihre Kaplane, welche ihr bei der Vertheilung ihrer zahlloſen Wohlthaten huͤlfreich an die Hand gingen. Im Stillen, nur von ihren Damen umgeben, verwandte ſie ihre Zeit auf Stickereien, auf das Verfertigen von Kleidern fuͤr die Armen, auf das Leſen von Tindals Ue⸗ berſetzung des Teſtamentes, deſſen Befehlen ſie ſo weit gehorchte, als ſie es vermochte. Bea⸗ trir war in dem katholiſchen Glauben erzogen worden, doch das neue Buch, von welchem die Koͤniginn ihr eine Abſchrift ſchenkte, und die Unterredungen mit ihrer koͤniglichen Gebieterinn, uͤberzeugten ihren hellen Verſtand bald, daß ſie bisher im Irrthum geweſen ſei, und ſie nahm die verbeſſerte Religion mit einem Eifer an, der augenblicklichen Gehorſam gegen ihre Gebote verlangte, und die umwandlung ihres ganzen Weſens und Charakters vollendete. — 106— Die letzte Beleidigung, die ihr widerfahren, hatte ihr Herz mehr um der Koͤniginn willen, als ihrer ſelbſt wegen, gekraͤnkt. Sie hatte jeden Gedanken an Dudley, als Einen, der nur ihrer Verachtung werth ſei, aufgegeben, und glaubte, daß er durch die verpeſtete Luft des Hofes ganz verderbt ſei; ſo war es ihr gleich nach ihrer Ankunft in dem Thurmhauſe moͤglich geworden, durch den Troſt der Reli⸗ gion ihre Ruhe wieder zu gewinnen. Doch als ſie die grauſame Hinſchlachtung der Koͤni⸗ ginn, des Lord Rochford, ihres edelen Bruders, und der vier unſchuldigen Hoͤflinge vernahm, die der Koͤnig zum Opfer ſeiner Leidenſchaft fuͤr ein anderes Weib gemacht hatte, da konn⸗ ten ſelbſt die milderen Gebote ihrer neuen Re⸗ ligion einen Ausbruch jener ungezuͤgelten Hef⸗ tigkeit nicht verhindern, welcher die Unbeſtaͤn⸗ digkeit der menſchlichen Natur ſie noch zuwei⸗ len unterwarf. Sie wuͤrde ihr Leben, ihre Seele fuͤr die Schuldloſigkeit der Koͤniginn zum Pfande geſetzt haben; der leidenſchaftliche Anfall der Verachtung, der ſie bei der Nach⸗ richt von dem Morde ergriffen, blieb ungemil⸗ dert, bis ſie in einen Strom erleichternder Thraͤnen ausbrach. Die Geringſchaͤtzung, mit der ſie fruͤher auf den Palaſt und alle Bewoh⸗ ner deſſelben zuruͤckgeſehen, war Bewunderung —— im Verhaͤltniß zu ihren jetzigen Gefuͤhlen. Ih⸗ rer Einbildung nach konnten ſelbſt die wildeſten Kanibalen Afrikas keine groͤßere Grauſamkeit begehen. Der Hof bot ihrer Phantaſie ein Bild der niedrigſten, verworfenſten Hoͤflinge, auf ihren Knieen vor einem blutigen Tirannen kriechend, der die Koͤpfe der Maͤnner und Wei⸗ ber, ſeiner Guͤnſtlinge und ſeiner Gemahlinnen abſchlug, wenn augenblickliche Laune es ihm gebot. Das Beil, der Galgen und der Strang ſchienen vor ihren Blicken zu tanzen, unter⸗ miſcht mit glaͤnzenden Feſten, Banketten, Mum⸗ mereien, und alle der flimmernden Pracht eines barbariſchen Hofſtaates, bis ſie endlich beſchloß, ihre Ruhe wiederzugewinnen, indem ſie ihre Gedanken ſo viel als moͤglich von der blutbe⸗ fleckten Groͤße abziehe, der ſie erſt kuͤrzlich ent⸗ flohen war. In dieſer Stimmung, mitleidend unter der Haͤrte, mit der ein grauſamer Tirann das Land bedruͤckte, fuͤhlte ſie mehr als je die Luſt, je⸗ dem ſeiner Nachahmer Widerſtand entgegenzu⸗ ſetzen. Der Zufall lehrte ſie eine Handlung unnoͤthiger Strenge kennen, welche auf Kapi⸗ tain Baſſets Befehl gegen Cecil veruͤbt worden war. Schon ein Mal hatte ſie ſich zu ſeiner Beſchuͤtzerinn aufgeworfen; jetzt that ſie es wie⸗ der, und zwar auf ſo gebietende Weiſe, daß — 108— ungehorſam gefaͤhrlich ſchien. Befreit von der Einkerkerung, zu der er verurtheilt geweſen, eilte Cecil im erſten Augenblicke, der guͤtigen Beſchaͤtzerinn ſeine Dankbarkeit auszudruͤcken. Dieſe war nicht wenig uͤberraſcht uͤber die Ver⸗ änderung, die in ſeiner aͤußern Erſcheinung vor⸗ gegangen, ſeit ſie ihn zum letzten Male ſahe. Nur um ein Jahr war ſie aͤlter, als ſie ihn einen„Knaben und Thoren“ nannte. Seit der Zeit hatten alle ſeine Zuͤge den Stempel der Maͤnnlichkeit angenommen, obgleich ſie noch immer tiefe Melancholie, ſo wie eine ſchwaͤch⸗ liche Geſundheit verriethen. Sein Erſcheinen allein reichte hin, ſie zu uͤberzeugen, daß die erſte jener beiden veraͤchtlichen Benennungen nicht mehr auf ihn anwendbar ſei, und waͤh⸗ rend eines laͤngeren Geſpraͤches, in das ſie ſich mit ihm einließ, ward ſie geneigt, auch die zweite zuruͤckzunehmen, und einen Zweifel in die Gerechtigkeit des Urtheils zu ſetzen, das die Kommiſſionaire Wolſeys gefaͤllt hatten. Sie befragte Cecil uͤber die Umſtaͤnde, die es be⸗ wirkt hatten, und er geſtand ihr die Verwir⸗ rung des Gemuͤthes, in der er ſich damals be⸗ funden. Von der Pein, die er an jenem Mor⸗ gen gefuhlt, befreite ſie ihn ſogleich, indem ſie ihm das Phaͤnomen erklaͤrte, von dem er ein Zeuge geweſen; und von dieſem Augenblicke an ſtieg der Argwohn in ihr auf, daß alle die Beſchuldigungen ſeines Schwachſinnes nur er⸗ ſonnen waͤren, aus der niedern Abſicht, die Grauſamkeit und Einkerkerung,„die er erdulden mußte, zu rechtfertigen, und ihm alle ſeine Rechte gewaltſam zu entreißen. So rkraͤnkend es fuͤr ſie auch war, ihren Vater einer ſolchen Niedrigkeit zu beſchuldigen, und ihm ſich zu widerſetzen, ſo beſchloß ſie doch mit ihrer gewoͤhnlichen Feſtigkeit, allen ſeinen widerrechtlichen Abſichten entgegenzuarbeiten, ſo viel es in ihren Kraͤften ſtehe, und ihn wo moglich dahin zu bewegen, daß er ſeinem Muͤn⸗ del die lange vorenthaltene Gerechtigkeit endlich doch noch widerfahren laſſe. Reue uͤber ihre eigene fruhere Haͤrte geſellte ſich zu der Schaam uͤber die zahlloſen Bedruͤckungen und Ungerech⸗ tigkeiten, die Ceeil von ſeinem Vormunde zu erdulden gehabt, und ſie fuhlte ſich ſowohl durch die Gebote der Menſchlichkeit als der Religion aufgefordert, dem Unglaͤcklichen ſo viel Erleich⸗ terung ſeiner Lage zu verſchaffen, als es in ih⸗ ren Kraͤften ſtehe. Bitterlich beklagte ſie die Sorgloſigkeit, mit der ſie auf die Bedruͤckungen gegen ihn geblickt, bis es beinahe zu ſpaͤt war, den Fehler zu verbeſſern. Doch bis zu dem gegenwaͤrtigen Augenblicke hatte ſie an den Schwachſinn, der ihm aufgebuͤrdet worden, feſt — 110— geglaubt, und war durch andere Gedanken zu ſehr beſchaͤftigt geweſen, um ganz beſonderen Theil an dem Schickſale eines Menſchen zu nehmen, den Alle nur als einen armen, geiſtes⸗ kranken Knaben betrachteten. 1i Die Folgen, die daraus entſtehen konnten, wenn ſie ſeinen Geiſt erhelle, und ihn faͤhig mache, die Kraͤnkungen und Unterdruͤckungen, denen er ausgeſetzt geweſen, zu fuͤhlen, uͤberſah ſie nicht. Ihre Familie ward wahrſcheinlich aus dem Thurmhauſe vertrieben— Sir Lionel ſeiner Macht beraubt— ſie ſelbſt ging ihres Ranges in der Geſellſchaft verluſtig, und theilte die Verachtung, die Alle treffen mußte, welche man als ſtillſchweigende Theilnehmer an den Grauſamkeiten betrachten konnte. Dies alles waren Gruͤnde, Sir Lionel zu einer freiwilligen Verzichtleiſtung auf die widerrechtlich an ſich geriſſene Macht zu vermoͤgen, aber ſie boten keine Rechtfertigung fuͤr deren Fortſetzung. Ihre Pflicht war feſt und unabaͤnderlich. Ge⸗ gen Recht und Gerechtigkeit, gegen Religion und Geſetz, konnte es keine Ueberlegung geben, nicht uͤber des Vaters Vortheil, und noch viel weniger uͤber ihren eigenen; und durch dieſe Gefuͤhle angeregt, ging ſie ohne Zoͤgern an die Ausfuͤhrung ihres Vorſatzes. Das erſte, was ſie that, war, Eecil Tin⸗ — 141— dals Ueberſetzung der Bibel zu geben. Mit unermuͤdlichem Eifer las er ſie, bis er das alte Teſtament vollendet hatte. Der Eindruck, den es auf ſeinen Geiſt machte, glich dem in dem blinden Chaos der Natur, als Gott ſprach: „Es werde Licht!“ und die Sonne nun in aller Klarheit und Pracht am Himmel empor⸗ ſtieg, und die Dunkelheit verdraͤngt ward, und die Schoͤpfung ſich in der ganzen Groͤße ihres Werdens zeigte, doch noch ohne die Schoͤnheit der Ordnung und Uebereinſtimmung, die ihr ſpaͤter zu Theil werden ſollte. Cecil war eben ſo ſehr von Staunen als Bewunderung ergrif⸗ ſenz er fuͤhlte ſich der Gegenwart entruͤckt, und verſetzt in jene Zeiten, unter fremde Voͤlker, als der Schoͤpfer noch zuweilen ſelbſt mit ar⸗ men Schaͤfern und Schaͤferinnen redete; als Propheten uͤber die Erde gingen, und faſt jedes Thal und jeder Huͤgel, jeder Bach und jeder Fluß, durch Wunder merkwuͤrdig gemacht wur⸗ den, wo an dem Himmel Zeichen geſchahen und Erde und Himmel wechſelsweiſe ſich die Herr⸗ lichkeit Gottes zuzurufen ſchienen. Sein eige⸗ nes Vaterland, und jeder Gedanke an die neuere Zeit, waren verbannt, und er waͤhnte ſich verſetzt in das heilige Land, glaubte auf dem Libanon zu wandern, unter Palmbaͤumen zu raſten, den druckenden Brand der ſiriſchen — 112— Sonne zu fuͤhlen. Er hoͤrte die Stimme der Patriarchen und Propheten, und fuͤhlte ſich durch ihre Naͤhe mit heiliger Scheu erfuͤllt. Alle ausgezeichnete Maͤnner und Frauen des alten Teſtamentes ſah er vor ſeinem inneren Auge voruͤberſchreiten. Durch die Gewalt ſeiner Phantaſie rief er ſo alle jene Perſonen wieder in das Leben, und rollte den Vorhang der Zeit vor ſich auf, bis er ein klares Bild alles deſſen hatte, wie es vor Chriſti Geburt geweſen. Seine Einbil⸗ dungskraft war geſtaͤrkt und erweitert, ſeine Kenntniſſe unendlich vermehrt worden, indem ſeinen Gedanken eine neue Welt eroͤffnet ward; aber ſein Urtheil fand er zuweilen verwirrt, ſeine Gefuͤhle mehr als ein Mal empoͤrt. Ihm genugte keines der moraliſchen Gebilde, welche er kennen gelernt; er ſeufzte nach etwas Rei⸗ nerem, Groͤßerem. Dieſe Sehnſucht ward uͤber⸗ ſchwenglich erfuͤllt, als er das neue Teſtament las, und hier die Religion des Herzens aus⸗ geſprochen fand, deren Hauptbeſtandtheile Liebe und alles umfaſſende Milde ſind. Er fuͤhlte ſich mit inniger Verehrung gegen Chriſtus hin⸗ gezogen, deſſen Erſcheinen auf der Erde die fruͤheren Goͤtzenbilder der rohen Gewalt und Grauſamkeit ſtuͤrzte, und der in ihre Stelle die Majeſtät der Tugend, die Macht der Liebe und — 113— die Allgewalt der unuͤberſchwenglichen Guͤte ſetzte. Als er das heilige Buch ſchloß, war dies das einzige Bild, an dem ſeine Gedanken hafteten; dies war die ſtolze Erinnerung, uͤber der er ſeinem Herzen zu bruͤten geſtattete. Darf man es ohne Suͤnde ausſprechen, ſo kann man ſagen, daß ſein eigener Charakter dem unſeres Heilandes glich, weniſtens in ſei⸗ ner unendlichen Milde.— Cecil hatte ſich da⸗ nach geſehnt, in allen Nenſchen ſeine Bruͤder, Kinder eines gemeinſchaftlichen Vaters zu er⸗ blicken; er ſchauderte zuroͤck vor den Thaten des Krieges und der Gewalt, als unvertraͤglich mit der Natur vernuͤnftger Weſen; et hatte die zu⸗ faͤlligen Beguͤnſtgten durch Geburt und Reich⸗ thum verachtt; er hatte ſich geweigert, der Macht und Schoͤnheit jene Huldigungen darzu⸗ bringen, welche in ſeinen Augen nur der Tu⸗ gend, Guͤte und Gelehrſamkeit gebuͤhrten; er hatte gewuͤnſcht, den Geiſt uͤber den Koͤrper erheben zu koͤnnen, und nur jene geiſtigen Vor⸗ zuͤge zu ehren, welche der Bauer vor dem Prin⸗ zen zu erlangen vermag. Alles dies ſah er durch das Beiſpiel und die Lehren unſeres Hei⸗ landes geboten, den Erſten, welcher allen Un⸗ terſchied verbannte, der dem Bettler Troſt und Erhebung gewaͤhrte, indem er ihn verſicherte, daß er vor dem Angeſichte, dem ſtolze⸗ IV. — 114 ſten Herrſcher der Erde gleich ſei, der die Suͤn⸗ der weit eher durch Ermahnungen, als durch Drohungen bekehrte, der unendliches Mitleid gebot, und ſogar unſere Feinde zu lieben be⸗ fahl. Die geheimſten Wuͤnſche ſeines Herzens ſo erfullt zu ſehen, praͤgte ihm das innigſte Mitgefuͤhl an der Sache ſeiner Mitgeſchopfe ein, gab ihm ſeine Selbſtachtung wieder, und erweckte ſogar einen edlen Stolz in ſeinem Bu⸗ ſen, wenn er bedachte daß er als ein Wahn⸗ ſinniger gebrandmarkt norden, weil er Anſich⸗ ten äußerte, welche der Stifter unſerer Reli⸗ gion aufgeſtellt hatte, und weil er den Gebo⸗ ten der Bruͤderſchaft und des Friedens gehorchte, welche Er allen ſeinen Nachhlgern ganz be⸗ ſonders zur Pflicht gemacht. Die moraliſche Groͤße, und die Majeſtaͤt dieſes hohm Beiſpie⸗ les erreichen zu konnen, war er weit mtfernt zu glauben, aber deſſen Gute, Milde und Menſchenliebe beruͤhrten eine anſtimmende Saite in ſeinem eigenen Herzen, und dies machte, daß er an ſeinem goͤttlichen Vorbilde mit aller nur denklichen Liebe hing. Waͤhrend die moraliſche Welt des wahren Chriſtenthumes, welches bisher ein verſchloſſe⸗ nes Buch und ein todter Buchſtabe geweſen, jetzt eigentlich erſt in England eingefuͤhrt ward, wurden auch die Grenzen der phyſiſchen durch die Entdeckung eines neuen Welttheiles erwei⸗ tert, durch die Kenntniß aller der neuen Wun⸗ der und Nationen, welche man auf demſelben fand. Man hatte ſich jetzt von dem erſten Er⸗ ſtaunen uͤber die Entdeckung Amerikas erholt; die Eroberung Mexiko's und die Pluͤnderung Peru's, hatten der Geſchichte des Tages einen Anſtrich des Romantiſchen gegeben, der ſelbſt alle die Fabeln des Argonautenzuges noch uͤber⸗ traf. Um eben dieſe Zeit wurde China zuerſt durch die Portugieſen beſucht; Canada und die Magellaniſche Straße, Ceilon, die Bermudas und St. Helena wurden entdeckt. In allen Welt⸗ gegenden gab es neue Wunder. Es ſchien, als ſchaffe Gott eine Erneurung ſeiner Erde, wie ſeines heiligen Wortes. Alle dieſe uͤberraſchenden uigleiten erfuhr Cecil durch Beatrix. Gleich einem Blinden, der ploͤtzlich ſein Geſicht wieder gewinnt, war er anfangs betaͤubt und verwirrt, verloren in der Groͤße und Mannigfaltigkeit ſeiner eigenen Be⸗ griffe, aber ſein heller Verſtand machte ihn bald faͤhig, alles zu uͤberſehen und zu begrei⸗ fen, und ſo ſchnell ſich auch ſeine Kenntniſſe vermehrten, ſo verwirrten ſich ſeine Anſichten doch nicht im Geringſten. Waͤhrend er ſo beſchaͤftigt war, gerieth einer der Nichtswuͤrdigen, welche Sir Lionel zu den 8* — Geiſtererſcheinungen und ähnlichen Quaͤlereien Cecils benutzt hatte, mit dem Kapitain Baſſet in Streit, und ward ſeines Dienſtes entlaſſen. In ſeiner Wuth hieruͤber verrieth er Cecil, wel⸗ chen Theil er an dieſen Schreckniſſen, ſo wie an manchen anderen genommen, durch die er waͤhrend ſeiner Kindheit gepeinigt ward. Bea⸗ trix, die in dieſem Geſtaͤndniſſe ihren ſchlimm⸗ ſten Argwohn beſtätigt ſahe, ward zugleich von Schaam uͤber ihren Vater, und von Ver⸗ achtung gegen deſſen Helfer ergriffen, und drohte dieſem mit der haͤrteſten Strafe. Cecil aber machte ſie darauf aufmerkſam, daß es Niemand zuſtehe, ſein eigener Raͤcher fuͤr er⸗ fahrene Beleidigungen zu ſein, und ſagte zu⸗ gleich, er fuhle ſich entzuͤckt, ſo bald dem Ge⸗ bote ſeiner neuen Religion gehorchen zu koͤnnen, indem er ſeinen Feinden verzeihe. Voll Milde verſicherte er dem Miſſethäter, daß er ſein Un⸗ recht vergeſſe, und entließ ihn mit der herzli⸗ chen Ermahnung, eine gleiche Verzeihung des Himmels zu erflehen. In ſeiner jetzigen Gemuͤthsſtimmung waͤre Cecil in der That unfaͤhig geweſen, ſelbſt an ſeinem bitterſten Feinde Rache zu nehmen. Er war in Entzuͤcken verſunken, mit dem Himmel, ſich ſelbſt, und der Welt wieder ausgeſoͤhnt. Seine religidſen Jrrthuͤmer waren verbannt; — er bezweifelte ſeine vollkommene Verſtandesfaͤ⸗ higkeit nicht laͤnger, und ſah, daß ſeine Mit⸗ geſchoͤpfe nur ſchuldbelaſtet und ungluͤcklich wä⸗ ren, weil ſie von dem Pfade des Friedens ab⸗ gewichen, gegen den ſie, wie er hoffte, ihre Schritte, durch den neuen gereinigten Glauben geſtaͤrkt und gelaͤutert, wieder lenken wuͤrden. Seine Zweifel waren verſchwunden, die Schup⸗ pen von ſeinen Augen gefallen, er fuhlte ſich ſelig begluͤckt, und wuͤnſchte nichts, als daß alle ſeine Mitgeſchoͤpfe Theilnehmer ſeiner Wonne werden moͤchten. Beatrir, welche es uͤbernommen, ſeine Leh⸗ rerinn zu ſein, ward oft durch die Liefe ſeiner Forſchungskraft, die Neuheit und Gruͤndlichkeit ſeiner Bemerkungen in Verlegenheit geſetzt. Vielleicht hatten ſeine Geiſtesfähigkeiten durch ſo lange Ruhe an Kraft und Gewandtheit ge⸗ wonnen. Durch den gewoͤhnlichen Gebrauch der Erziehung werden wir viel eher durch Klaͤnge, als durch Gedanken bereichert; wir lernen Sprachen, nicht wegen ihres Weſens, ſondern wegen ihrer Worte, die ihnen nur zu Begleitern dienen ſollten; ſo bearbeiten wir das Aeußere, ſtatt des Inneren. Ein Geiſt wird zum Lenker des andern, bis wir, dem vor⸗ geſchriebenen Pfade folgend, den Pferden glei⸗ chen, die ſich durch den Zuͤgel ſo lange lenken — 118— laſſen, bis ſie jeder Selbſtlenkung unfaͤhig, und durch das kleinſte Hinderniß erſchreckt werden, das ſich ihnen in den Weg ſtellt. Durch ein ſo knechtiſches, auf Nachahmung gegruͤndetes Siſtem moͤgen Gedaͤchtniß und Urtheilskraft geſtärkt werden, aber die Kraft eigener Gedan⸗ ken, und die Fähigkeit, die Dinge in einem neuen Lichte zu ſehen, muß erſchlaffen, da ſie nie zur Uebung koͤmmt. Wäͤhrend Beatrix ſich bemuͤhte, irgend einen ſchwierigen Punkt auf die uͤbliche Weiſe zu erklaͤren, ſah Cecil ihn oft in ſeiner Eigenthuͤmlichkeit, und ſprang zu einem Schluſſe uͤber, der ſelbſt dem Scharf⸗ ſinne ſeiner Gefährtinn entgangen war. So ward er faſt eben ſo haͤufig ihr Lehrer, als er ihr Schuͤler war, und waͤhrend ſeine Faͤhig⸗ keiten ſich entwickelten, und ſeine Kenntniſſe ſich mit bewundernswerther Schnelligkeit ver⸗ mehrten, ſollte ſein Herz einen unaustilgbaren Eindruck empfangen. Immer war er ein Bewunderer von Bea⸗ trix Reizen geweſen; als Juͤngling fuͤhlte er ſich durch die Dankbarkeit fuͤr den Schutz, den ſie ihm gewaͤhrte, zu ihr hingezogen, und wuͤrde ſich glocklich geſchaͤtzt haben, ihre Freund⸗ ſchaft zu beſitzen, wäre ſeine Annaͤherung nicht mit ſo hochmuͤthiger Härte zuruͤckgewieſen wor⸗ den; doch gegen die Fehler ihres Charakters — 119— war er nie blind geweſen. Jetzt aber ſah er ſie gaͤnzlich veraͤndert; ihr Stolz war geſchwun⸗ den, ihre Selbſtſucht in Wohlwollen, ihre maͤdchenhafte Bewunderung der Zweikaͤmpfer in Abſcheu verwandelt, ihre Luſt zur Jagd und aͤhnlichen grauſamen Vergnuͤgungen ganz ver⸗ ſchworen. Zu ſeiner anfänglichen Bewunde⸗ rung ihrer Reize, geſellte ſich jetzt noch die un⸗ vegrenzteſte Dankbarkeit fuͤr die unſchaͤtzba⸗ ren Dienſte, die ſie ihm geleiſtet, und eine hohe Achtung ihrer Tugenden. Dieſe Gefuͤhle, geſtählt durch ein tägliches, faſt ſtuͤndliches Beiſammenſein, reiften bald zu der gluͤhend⸗ ſten Liebe. Als Beatrix beſchloß, Cecil in etwas fuͤr die Grauſamkeit ihres Vaters zu entſchaͤdigen, begann ſie die Erfuͤllung ihrer ſelbſtauferlegten Pflicht mit einem verletzten Gefuͤhle, einem ge⸗ taͤuſchten Herzen, einer Regung des innigſten Mitleids fur den Gegenſtand ihrer liebevollen Guͤte. Als ſie in der Bibel mit einander die einfache, aber ruͤhrende Geſchichte von Ruth und Boas, von Hagar und Jömael in der Wuͤſte laſen, die Grauſamkeit, die Joſeph von ſeinen Bruͤdern erdulden mußte, die Gefangen⸗ ſchaft und Befreiung der Juden, oder Nabots Leiden, als er auf falſches Zeugniß verurtheilt ward, verglich ſie unwillkuͤhrlich ihre eigene, — 120— oder Cecils Lage mit der jener Leidenden in der heiligen Schrift, und die Tiefe und Innigkeit ihrer Zuneigung gewann durch den religidſen Ton noch an Staͤrke. In dem Maaße, wie ſich die Urtheilskraft ihres Zoͤglings vermehrte, bis er endlich ſogar oft ihr Lehrer ward, in eben dem Maaße nahm auch ihre ueberzeugung des Unrechts, das er erduldet, zu, in eben dem Maaße bewunderte ſie mehr und mehr die Kraft und Schnelligkeit ſeines Geiſtes. Der Eifer, mit dem er alle die Gebote der Religion auch auszuuͤben ſtrebte, die Milde, mit der er Sir Lionel das Unrecht gegen ihn, welches er jetzt erſt vollkommen zu erkennen vermochte, verzieh, der Ernſt, mit dem er verſicherte, ſaͤmmtliche Feinde des Va⸗ ters ſeiner guͤtigen Lehrerinn zu deſſen Freunden umwandeln zu wollen, ſtellten ſeine Herzens⸗ guͤte eben ſo hoch, als ſeinen Verſtand, und vollendeten die Achtung, die Beatrix vor Cecils Charakter hegte. Die blutvergießenden Helden, welche ihre mädchenhafte Phantaſie fruͤher ver⸗ gottert hatte, fand ſie jetzt haſſenswerth, und eben ſo gern wuͤrde ſie zu ihren Puppen zu⸗ ruͤckgekehrt ſein, wie zu ihrer ehemaligen Be⸗ wunderung eitler Pracht und aͤußerlichen Glan⸗ zes. Alle dieſe Vorzuge hatte Dudley beſeſſen und dennoch durch ſeine Thaten bewieſen, daß — 124— ſie ſich in einem moraliſch verderbten Menſchen, der ihrer Liebe und Zuneigung durchaus unwuͤr⸗ dig ſei, vereinigt finden koͤnnten. Jetzt ſah ſie nur auf Muth und Schoͤnheit des Geiſtes, mehr auf Seelengroße, als auf hohen Rang und Stand, auf reichen, innern Schmuck, in⸗ nere Vorzuge, aber nicht auf aͤußerlichen Flit⸗ tertand; alle dieſe Eigenſchaften fand ſie in dem einſt verachteten, zuruͤckgeſtoßenen Cecil Hunger⸗ ford vereinigt. Noch immer aber wuͤrde ſie ſich uber die wahre Natur ihrer Gefuͤhle getaͤuſcht haben, haͤtte nicht Cecil, durch ihre unverhehlte herz⸗ liche Theilnahme ermuthigt, auf achtungsvolle, doch gluͤhende Weiſe ſeine leidenſchaftliche Liebe fur ſie erklaͤrt. Als einen Grund, ſie zur Er⸗ hoͤrung ſeiner Wuͤnſche zu vermoͤgen, zeigte er ihr alle die mannichfachen Vortheile, die aus ihrer Vereinigung entſpringen mußten. Er ver⸗ gab nicht nur Sir Lionel deſſen ſaͤmmtliche Miſſethaten, ſondern verſprach ſogar, ihn im ungeſtoͤrten Beſitze des Thurmhauſes zu laſſen, wenn er ihn zu ſeinem Schwiegerſohne an⸗ nehme, und mit Beateir entweder eines der anderen Schloſſer zu beziehen, oder auch zu bleiben, wo ſie waͤren, ganz wie ihr Vater es wuͤnſche. Das Entzuͤcken, mit dem Beatrir dieſen Vorſchläͤgen lauſchte, verrieth ihr plotz⸗ — 122 lich die geheimen Wuͤnſche ihres eigenen Her⸗ zens. Ihren Gedanken ſtellte ſich auf dieſe Weiſe die einzige Moͤglichkeit dar, durch welche Cecil friedlich in den Beſitz ſeiner Rechte wieder eingeſetzt werden konne, ſo weit er ſelbſt nehm⸗ lich dieſe Wiedereinſetzung wuͤnſchte, das heißt, ohne Verzichtleiſtung auf ſeine ferneren Forde⸗ rungen, doch auch ohne Beſtrafung ihres Va⸗ ters. Sie fuͤhlte, daß dieſe Vorſchlaͤge eben ſo ſehr mit den Wuͤnſchen ihres Herzens uͤber⸗ einſtimmten, als zu dem Wohle und Gluͤcke der verſchiedenen Partheien gereichten; daher wollte ſie ein ſo zartfuͤhlendes Gemuͤth, wie das Cecils, auch nicht fuͤr einen Augenblick kraͤnken, und geſtand ihm auf der Stelle ihre innige Gegenliebe, ſo wie die Freude, mit der ſie das Erbieten ſeiner Hand annehme. Lady Fitzmaurice, der ſie ſogleich alles mit⸗ theilte, was ſich zugetragen, war faſt nicht weniger erfreut, als ſie ſelbſt. Obgleich ſie ſich, beſonders ſeit dem Ausſpruche der Kom⸗ miſſion, uͤberzeugt hielt, daß Cecil nicht faͤhig ſei, ſeine Angelegenheiten ſelbſt zu verwalten, ſo war ſie doch ſtets bei dem Unrechte, das ihm geſchah, tief ergriffen geweſen, und hatte jede Gelegenheit wahrgenommen, dagegen zu ſprechen. Jetzt, wo ſie ſah, daß Cecil den vollen Gebrauch ſeiner Vernunfi wieder gewon⸗ — 123— nen, ging ſie mit ſo großerer Freude in den Gedanken ein, ihn in all ſeine Rechte einzu⸗ ſetzen, und glaubte, Sir Lionel werde eine ſo guͤnſtige Gelegenheit, einer Beſchimpfung zu entrinnen, und zugleich ſeiner Familie die Guͤ⸗ ter zu erhalten, nicht ungenuͤtzt voruͤbergehen laſſen. Auch hoffte ſie innig, ihren Gat⸗ ten dabei zu vermoͤgen, daß er ſeine unheiligen Buͤndniſſe aufgebe, auf alle ſeine Plane der Pluͤnderung, Rache und Vergroͤßerung Verzicht leiſte. Dies war ihrem Herzen ſtets das Naͤchſte und Theuerſte, und ſie jauchzte dieſem Buͤnd⸗ niſſe Beifall zu, nicht nur aus Theilnahme an dem Geſchicke der beiden Liebenden, ſondern auch weil ſie daraus die Erfullung ihrer eige⸗ nen zaͤrtlichen Wuͤnſche fuͤr ihren Gatten er⸗ wachſen zu ſehen hoffte. Dies war die Lage der Dinge in dem Thurm⸗ hauſe, als Sir Lionel dahin zuruͤckkehrte. Nach mancher Verzogerung war es ihm endlich ge⸗ gluͤckt, den Zweck ſeiner Reiſe nach London zu erreichen. Farleigh⸗Caſtle mit ſeinen ausge⸗ breiteten Ländereien war ihm von dem Konige, gegen Erſtattung einer bedeutenden Summe uͤbertragen worden, und zu dem Verderben des großten ſeiner noch uͤbrigen Feinde, des Abtes von Glaſtonburh hatte er ſolche Anſtalten ge⸗ troffen, daß er an einem gluͤcklichen Erfolge — 124— nicht mehr zweifeln zu konnen glaubte. In un⸗ gewoͤhnlich heiterer Stimmung kam er daher in dem Thurmhauſe an, und der Muth, mit welchem Lady Fitzmaurite ihm entgegen ging, ſchwand nicht bei ſeinem Anblicke; ſie empfing ihn mit freundlichem, geheimnißvollem Laͤcheln, denn ſie zweifelte nicht, daß die Neuigkeiten, die ſie ihm mitzutheilen hatte, ihm eben ſo willkommen, als wichtig fuͤr ihn ſein wuͤrden. Mit liebevoller Emſigkeit ſagte ſie, daß ſie ihm ein Geheimniß mitzutheilen habe, mehr werth, als alle die Nachrichten, die er von London mitgebracht haben koͤnnte. Gern wuͤrde ſie noch einige Zeit mit der Mittheilung gezoͤgert haben, ſie ſahe indeſſen, daß er ungeduldig zu werden beggnn, und im Begriffe ſtand, ſie zu verlaſſen; daher wollte ſie ihm die laͤngere Erwartung erſparen, und theilte ihm haſtig alles mit, was ſich ſeit Beatrix Ankunft zu⸗ getragen. Kein Gewitter oder Sturm in heißen Laͤn⸗ dern brach je plotzlicher, und mit großerer Wuth aus, als die war, mit welcher Sir Lionel von ſeinem Stuhle aufſprangz mit der Hand ſchlug er heftig auf den Tiſch, und mit einer Stimme, die Leidenſchaft heiſer gemacht hatte, ſchrie er:„Närrinn! Thoͤrinn: Schwaͤz⸗ zerinn! ſiehſt Du nicht, daß ich eingeſtehe, er — 125— ſei nicht wahnſinnig, wenn ich meine Einwil⸗ ligung zu der Verbindung mit Beatrir gebe? daß ich mich ſelbſt wegen des Vergangenen anklage, und meiner Hoffnungen auf die Zu⸗ kunft beraube?— daß ſeine Beſitzungen jetzt ſein Eigenthum werden, und nach ſeinem Tode auf ſeine Erben, ſtatt auf die meinigen uͤbergehen?“ „Hilf Himmel! hilf Himmel!“ ſagte die erſchreckte Lady Fitzmaurice,„wird nicht Bea⸗ trix jetzt die Beſitzerinn aller der Guͤter, und hinterlaͤßt ſie nicht einſt dieſelben ihren Kin⸗ dern?“ „Was!“ ſchrie Sir Lionel mit geſteigerter Wuth,„ſoll ich meiner eigenen Tochter Kappe tragen?— Der Vaſall eines unkindlichen Kin⸗ des werden?— Habe ich Gefahren aller Art getrotzt, habe ich Himmel und Erde verſpottet, um ihre ungeborne Brut zu bereichern?— Nein! Was ich gewonnen, das will ich auch behalten, deſſen will ich mich fur mich ſelbſt erfreuen. Niemand ſoll mir einen einzigen Ak⸗ ker meiner Laͤndereien rauben. Mein ſind ſie, und mein ſollen ſie bleiben. Weder Menſch Teufel ſoll mir meine Beute entreißen.“ „In der Heftigkeit ſeiner Wuth hatte er gegen Lady Fitzmaurice die Unrechtmaͤßigkeit ſeiner Beſitzthumer offener eingeſtanden, als je — 126— zuvor, und gleichſam, als reue ihn dies, ſagte er in gemaͤßigterem Tone;„ Verrathet nicht ein Wort von dem, was zwiſchen uns vorge⸗ gangen. Fort zu Euren Maͤgden und Eurem Spinnrade! Ueberlaßt mir dieſe Sache, und ſie ſoll bald beendigt ſein!— Fort!“ Bei dieſen Worten eilte er zu ſeinem eigenen Zimmer, hier zu uͤberlegen, welche Schritte jetzt die raͤthlichſten waͤren; denn ſo wie er Beatrix Feſtigkeit und Charakterſtaͤrke kannte, befurchtete er, daß ſie ſich mit Cecil vermaͤhlen mochte, ohne ſeine Einwilligung ab⸗ zuwarten, wenn er ihr nicht irgend ein unuͤber⸗ ſteigliches Hinderniß in den Weg lege. Schnell in ſeinen Entſchluͤſen, und glucklich in deren Wahl, war er bald mit ſich einig. In dem Augenblicke, in welchem er London verließ, hatte der Koͤnig, durch wichtige politiſche Gruͤnde beſtimmt, nicht gaͤnzlich mit dem Stuhle zu Rom zu brechen, die Proteſtanten einer heftigen Verfolgung unterworfen, weil ſie ſich nicht ſorgfäͤltig genug nach dem koͤnigli⸗ chen Wetterhahne gerichtet. Tunſtall, Biſchof von London, hatte Tindals Ueberſetzung der Bibel aufgekauft, und oͤffentlich verbranntz dies Mittel war indeſſen als ungenuͤgend er⸗ kannt worden, und Heinrich hatte nun zu ſeiner gewoͤhnlichen, entſcheidenden Maaßrẽgel gegriffen, —— indem er es fuͤr Hochverrath erklaͤrte, auch nur eine Abſchrift jenes Buches zu beſitzen. Auf dieſes und aͤhnliche unbedeutende Vergehun⸗ gen waren ſchon Mehrere hingerichtet worden, und nicht ſobald erfuhr Sir Lionel, daß Cecil eine Abſchrift dieſes verbotenen Buches beſitze, und eifrig darin leſe, als er ein erwuͤnſchtes Mittel ſahe, nicht nur deſſen Verbindung mit Beatrix zu lhintertreiben, ſondern ſich ſeiner auch auf immer zu entledigen, indem er ihn dem Ketzertode uͤberlieferte, und ſich dadurch die rechtmaͤßige Erbfolge, und den ſteten geſetz⸗ lichen Beſitz ſaͤmmtlicher Guͤter des Hingerich⸗ teten ſichere. Mehrere von den Hausbedienten Sir Lionels beſtaͤtigten die Wahrheit der ange⸗ ſchuldigten Thatſache, und hatten dies Mal nicht noͤthig, ihr Gewiſſen mit falſchem Zeug⸗ niſſe zu beflecken. Doch Sir Lionel fuͤrchtete, wenn in ſeiner Naͤhe eine Unterſuchung ge⸗ ſuͤhrt werde, ſo moͤchten ſeine Beweggruͤnde zweideutig erſcheinen, und die allgemeine Theil⸗ nahme an dem Schickſale Cecils, ganz beſon⸗ ders aber der, demſelben Schuld gegebene Wahnſinn, auf deſſen Beſtaͤtigung er ſelbſt ſo viele Muͤhe verwendet, den Ausgang der Sache zum Vortheile ſeines Muͤndels wenden. um dies zu vermeiden, beſchloß Sir Lionel, — 128— Cecil nach London zu ſchaffen. Dort war ſeine Geſchichte unbekannt, und unter mehreren ähnlichen Beleidigern des Geſetzes, die entwe⸗ der eingekerkert, oder hingerichtet wurden, konnte ſein Schickſal keine beſondere Theil⸗ nahme erregen. Zu der Ausfuͤhrung dieſes ſchaͤndlichen Planes ward kein Augenblick ver⸗ loren. Ohne ein Wort mit ſeinem Opfer zu wechſeln, befahl Sir Lionel Cecils Verhaftung; einige ſeiner bewaffneten Diener, die er fuͤr den Gefangenen verantwortlich machte, gab er hierauf dieſem zu Waͤchtern, und ſchickte ſie nach London, mit einem Briefe an Sir Tho⸗ mad Cromwell, mit dem er wegen des Abtes von Glaſtonbury ſchon einige Zuſammenkuͤnfte gehabt hatte. Cecil ſah, daß Widerſtand ver⸗ geblich ſei, und duldete willig eine Gewaltthat, fuͤr die er durchaus keinen Grund entdecken konnte; doch bat er um die Erlaubniß, Sir Lionel ſprechen, und von Beatrix Abſchied neh⸗ men zu duͤrfen. Beides ward verweigert; als er aber den Wunſch aͤußerte, ſeine Bibel mit ſich nehmen zu duͤrfen, ward ihm die Erlaub⸗ niß ſogleich ertheilt, nicht ohne Laͤcheln, daß er ſo dazu beitrage, Beweiſe gegen ſich ſelbſt zu liefern, und zu ſeinem eigenen Verderben mitzuwirken. — 129— unter der Begleitung dieſer Nichtswuͤrdi⸗ gen ſetzte Cecil ſeine Reiſe fort, tief betruͤbt, ſo ploͤtzlich von Beatrix getrennt worden zu ſein, faſt in eben dem Augenblicke, als er ſich zum erſten Male in ſeinem Leben ganz gluͤck⸗ lich gefuͤhlt. Er verlor ſich in Muthmaßungen uͤber die urſach ſeiner Reiſe nach London; ſeine Begleiter beobachteten in dieſer Hinſicht ein unverbruͤchliches Stillſchweigen. Sir Lio⸗ nel hatte ihnen dies befohlen, damit Cecil um ſo unfaͤhiger ſei, ſich zu vertheidigen, oder die Anklage auf ſeinen eigenen Anklaͤger zuruͤckzu⸗ waͤlzen. So traurig auch Cecils Erinnerungen an die Vergangenheit, ſo truͤbe ſeine Ausſich⸗ ten auf die Zukunft waren, ſo fand er deén⸗ noch den hinlaͤnglichen Troſt, indem er bei jedem Anhalten waͤhrend der Reiſe die heilige Schrift las. Dieſem Troſte, den ſeine Huͤter wie eine Erleichterung ihrer eigenen Muͤhe betrachteten, ſetzten ſie kein Hinderniß entgegen, und er ge⸗ nuͤgte, ihn bis zu ihrer Ankunft in London heiter und wohlgemuth zu erhalten. Ohne ir⸗ gend einen Unfall, der der Erwaͤhnung ver⸗ diente, erreichten ſie die Hauptſtadt. Hier gingen Cecils Begleiter ſogleich zu Sir Tho⸗ mas Cromwell, welcher befahl, daß der junge Ketzer auf der Stelle in das gefuͤhrt IV. —— werde. Alle geringeren Kerker waren mit Ue⸗ bertretern der ſtrengen Geſetze einer ſo tiranni⸗ ſchen, blutigen Regierung angefuͤllt und Cecil ward daher die beſondere Ehre, in dem Tower von London eingekerkert zu werden. Fuͤnftes Kapitel. Iſt dies der Knabe, den man Irrſinns zeihte, Der nie des ſüßen Vorrechts ſich erfreute, Das die Vernunft Aujeglichem gewährt?— Seht ihn, den Jüngling, lieberglüht, in Klarheit Das Leben bieten für des Glaubens Wahrheit, Der Märtirer⸗, der Heldenkrone werth! Ceeil war noch nicht lange eingemauert gewe⸗ ſen, als er zufällig erfuhr, weſſen man ihn bei dem Biſchofshofe angeklagt habe. In einer Selle mit ihm ſaß ein unglucklicher Prieſter, der unter Sir Thomas Moore's Grauſamkeit, als dieſer noch Kanzler geweſen, fuͤrchterlich ge⸗ litten hatte. Auf ſeinen Befehl war er erſt an einem Baume in dem Garten des Sir Thomas, zu Chelſea, aufgehangen, und graͤß⸗ lich gegeißelt, und dann im Gefängniſſe der Tortur unterworfen worden. Der Kanzler ſelbſt hatte alles dies geleitet. Durch dieſe Qualen ließ er ſich bewegen, ſeine Grundſaͤtze, welches die der reformirten Religion waren, aufzugeben, 9* — 132— und erhielt hierauf ſeine Freiheit wieder. Doch Gewiſſensbiſſe uͤber ſeinen Abfall hatten ihn gepeinigt, und ihn ſo erſchoͤttert, daß ſein Ver⸗ ſtand dadurch, anfaͤnglich nur zu Zeiten, dann aber gaͤnzlich verwirrt ward. Ploͤtzlich gewann er jedoch ſeine Geiſteskraͤfte wieder, und ſeine Freunde ſchmeichelten ſich mit ſeiner Wieder⸗ herſtellung. Aber ſie taͤuſchten ſich, denn dieſe augenblickliche Erhebung ward nur durch den Entſchluß bewirkt, ſeinen Abfall zu widerrufen, ſeine fruhern Grundſätze frei und oͤffentlich zu bekennen, und als ein Maͤrtirer der Wahrheit zu ſterben. Grade jetzt fuhlte er ſich dazu be⸗ ſonders berufen, weil er in den Maaßregeln des Konigs nut ſolche Zeichen ſahe, die zu alle den kaum abgeworfenen Irrthuͤmern des Papſtthu⸗ mes zuruͤckfuͤhren mußten. Er predigte deshalb oͤffentlich gegen Gotzendienſt, und ermahnte das Volk, nicht dorauf zu bauen, daß es das Heil ſeiner Seele durch Pilgerfahrten erwerben koͤnnte, und den Wundern nicht zu trauen, welche durch kunſtlich gearbeitete Bilder bewirkt wuͤr⸗ den. Fuͤr dies Verbrechen ward er ergriffen, vor den Biſchofshof gebracht, als ein unver⸗ beſſerlicher Ketzer verurtheilt, und bald nach Cecils Ankunft in dem Tower zum Feuertode verdammt. Die Freunde dieſes Mannes durchſuchten — 133— die Buͤcher des Biſchoföhofes, um zu der Ver⸗ theidigung des Verurtheilten wirken zu koͤnnen; da trafen ſie auch auf den Namen Cecil Hun⸗ gerford, und erfuhren zugleich die Natur der Anklage gegen ihn. Sie wußten, daß er mit ihrem Freunde zuſammen in einem Kerker ſei, und theilten ihm ihre Entdeckung mit. So mit der Gefahr, die ihn erwartete, bekannt ge⸗ macht, bereitete Cecil ſich darauf vor, ihr mit Muth und Feſtigkeit entgegen zu gehen. Unter der geiſtigen Leitung des Vater Barnabas hatte er von dem Papſtthume wenig mehr kennen gelernt, als das Buch der Legenden, eine Samm⸗ lung, die von mehreren der hellſehendern Katho⸗ liken verworfen ward. Die Irrthuͤmer und Mißbraͤuche des alten Glaubens waren indeſ⸗ ſen ſo mannigfach und einleuchtend, und er fuͤhlte die Vorzuͤge der neuen Meinungen, wie die reformirte Religion genannt ward, ſo innig, daß er den Gedanken verabſcheute, ſich nicht fuͤr einen Anhaͤnger der Lehre Luthers zu er⸗ kennen zu geben, ſich als den Beſitzer und Ken⸗ ner von Tindals Bibeluͤberſetzung, und einen Widerſacher aller Anhaͤnger an die alten Irr⸗ thuͤmer und Mißbraͤuche zu verleugnen. Der Glaube muß falſch ſein, dachte Cecil bei ſich ſelbſt, der ſeinen Juͤngern befiehlt, die zu ver⸗ folgen, zu quälen, zu ermorden⸗ die von ihm — 134— abweichen. Ein wahrer Chriſt kann gar nicht unduldſam ſein; ehe er Grauſamkeit mit Bi⸗ gotterie zu vereinigen vermag, muß er die Re⸗ ligion, welche er bekennt, ganz abgeſchworen, und den Heiland verleugnet haben, der noch am Kreuze Verzeihung fur ſeine Moͤrder er⸗ flehte, weil ſie nicht wuͤßten, was ſie thaͤten. In dieſen Geſinnungen ward Cecil durch ſeinen Gefaͤhrten befeſtigt, der ihn mit alle den religibſen Streitpunkten bekannt machte, welche damals beſonders die verſchiedenen Partheien entzweiten. Ohne Furcht erwartete dieſer Maͤr⸗ tirer ſeines Glaubens ſein grauſames Loos, und Hymnen ſingend, in allen ſeinen Zuͤgen das innigſte Entzucken lesbar, ſchritt er dem Richt⸗ platz entgegen, beſtieg er den Scheiterhaufen. Mit einer ſeltenen Kraft und Ruhe erduldete er ſeinen grauſamen Tod. Bisher war Cecils Muth durch die Ermah⸗ nungen ſeines Mitgefangenen aufrecht erhalten worden, nun er aber allein, und ſeinen Gedan⸗ ken ganz uͤberlaſſen war, ſtellte ſich ihm alles, was er zu erwarten hatte, unter finſterern Far⸗ ben dar, und verſetzte ſeine Seele in einen peinvollen Kampf. Waͤre er fruͤher aufgefor⸗ dert worden, ſein Leben zum Opfer zu brin⸗ gen, ſo wuͤrde er mit Freuden gehorcht haben, denn damals hatte es keinen Werth fuͤr ihn; aber durch einen ſchmachvollen Tod pon der Welt abberufen zu werden, gerade in dem Au⸗ genblicke, in welchem er ſich mit derſelben aus⸗ geſohnt hatte, als ſich ihm zum erſten Male die Ausſicht auf Gluck darbot, als er ſich ſelbſt wieder achten gelernt, und ganz vorzuglich, als Beatrix durch das Geſtaͤndniß ihrer Gegenliebe ihm das Leben unendlich theuer gemacht hatte, dies war in der That ein Gedanke, den er nicht zu ertragen vermochte, ohne die ganze Kraft ſeines Geiſtes zur Huͤlfe zu rufen. Aber ſiegreich beſtand er den Kampf mit ſich ſelbſt. Er fuͤhlte ſich zu dieſer Selbſtopferung nicht nur durch die Religion, die er bekannte, ver⸗ pflichtet, ſondern war auch uͤberzeugt, daß das Wohl der ganzen Menſchheit durch die Fort⸗ ſchritte des Proteſtantismus befoͤrdert wuͤrde, auf keinem Wege aber konnte dies Ziel ſo ſicher und ſchnell erreicht werden, als wenn das Blut mehrerer Maͤrtirer ihrer Sache ver⸗ goſſen ward. Er betrachtete ſich ſelbſt als ein Opfer zum Heile ſeiner Mitgeſchoͤpfe, und in dieſem Glauben vergaß er Cecil Hungerford, und ſelbſt Beatrix, ſein Schickſal mit großher⸗ ziger Ruhe erwartend. Zu dieſer Feſtigkeit des Willens hatte er ſich eben emporgeſchwungen, als der Befehl anlangte, daß er zum Verhore in den Biſchofs⸗ 6— hof gefuͤhrt werden ſolle. Die ernſten Richter deſſelben ſchienen uͤber ſeine Jugend, ſo wie uͤber das Intereſſe, welches ſein Aeußeres ein⸗ floͤßen mußte, nicht weniger uͤberraſcht, als uͤber ſein feſtes, geſammeltes, doch achtungsvolles Benehmen. Er ward von der Anklage gegen ihn unterrichtet, und aufgefordert, ſeinen Glau⸗ ben zu bekennen. Ohne Zoͤgern geſtand er ſo⸗ gleich die Wahrheit der Anklage zu, und be⸗ kannte ſich fuͤr einen Anhaͤnger des proteſtan⸗ tiſchen Glaubens, deſſen Grundſaͤtze er mit ei⸗ ner Wahrheit, Kraft und Beredſamkeit aus⸗ einanderſetzte, welche die Wuth vieler ſeiner Zuhoͤrer, das Staunen aller erregten.„Schweig, Knabe, ſchweig!“ ſchrie einer der Richter, als er geendet;„dies ſind die verpeſteten Grundſaͤtze unſerer Tage, die auf der Univerſität zu Wit⸗ tenberg, und unter den dummen Schuͤlern Deutſchlands entſtanden. Wo war Deine Re⸗ ligion vor Luthers Zeit?“ „Wo die Eurige nicht war, Mylord,“ ent⸗ gegnete Cecil ehrerbietigz„in dem geſchriebenen Worte Gottes.“ „Fort, Du nichtswuͤrdiger Ketzer!“ rief der Frager durch die Antwort beleidigt.„Was hat der Laie mit dem geſchriebenen Worte Gottes zu ſchaffen? Soll ein Knabe wie Du biſt, es beſſer kennen, als alle Väter der Kirche, als — 1— alle dieſe ehrwuͤrdigen Geiſtlichen? Willſt Du Dein Leben fuͤr einen ſolchen Irrſinn wagen? — Und womit denkſt Du zu beweiſen, daß Du ein beſſerer Chriſt biſt, als wir ſelbſt, wenn Du auf dem brennenden Scheiterhaufen ſtehſt, von den Fluͤchen aller Rechtglaͤubigen belaſtet?“ „Durch eine beſſere Nachahmung des Bei⸗ ſpieles Chriſti!“ ſagte Cecil feſt;„indem ich Segen fuͤr Verfluchungen ſpende, indem ich fuͤr Euch, und Alle, die an meinem grauſamen Tode Schuld ſind, Verzeihung erflehe, da ich beſtimmt glaube, daß Ihr nicht wißt, was Ihr thut!“ „Hinweg mit dem jungen Laͤſterer, der die Worte unſeres Heilandes ſchaͤndlich nachſpricht!“ ſchrieen zwei oder drei Stimmen zu gleicher Zeit.—„Hinweg mit ihm!“ ertoͤnte es auch von Andern;„ſo jung er noch iſt, ſo verderbt iſt er doch ſchon, und reif fuͤr den Scheiter⸗ haufen. Er ſucht den Tod, und er ſoll ihn finden. Er ſoll dem Herrn als ein Brandopfer dargebracht werden.“ Waͤhrend dieſer und aͤhnlicher Ausrufungen ward Cecil in ſeine Zelle nach dem Tower zu⸗ ruckgefuͤhrt. Stille und Einſamkeit geſtatteten ihm hier, ſeine Gedanken zu ſammeln, und die Ereigniſſe des Morgens noch ein Mal zu uͤber⸗ legen. Er ſah auf das ſtuͤrmiſche Betragen ſeiner Richter ohne Zorn, auf ſein eigenes mit wahrer Zufriedenheit. Er fuͤhlte, daß er jetzt zu weit gegangen ſei, um noch zuruͤck zu kon⸗ nen, ſah, daß er fuͤr eine gute Sache gefoch⸗ ten, ſeinen Glauben aufrecht erhalten, und ſich die Maͤrtirerkrone erworben habe, und daß er wegen der Urſach ſeines Todes der Wohlthäͤter ſeiner Mitmenſchen genannt werden koͤnne. Sein Buſen war von der reinſten Wonne er⸗ fullt; er fiel nieder auf die Knie, dankte in in⸗ bruͤnſtigem Gebete dem Schopfer fur die Staͤrke, die er ihm verliehen, flehte um Verzeihung fuͤr ſämmtliche Vergehungen Sir Lionels gegen ihn, ſo wie fur ſeine Richter, und ſchlief dann ru⸗ hig bis zum folgenden Morgen. Zu fruher Stunde des naͤchſten Tages off⸗ nete ſich die Thuͤr ſeines Kerkers, und es trat ein Mann zu ihm herein, den er bisher noch nie geſehen. Er war von hoher, kräftiger Ge⸗ ſtalt; auf dem Kopfe trug er eine ſchwarze Sammtmuͤtze mit niedriger, doppelter Spitze. Seine ſchmalen, tiefliegenden Augen ſtanden dicht neben einander, ſeine Augenbrauen waren ſtark, ſein Haar duͤnn und kurz verſchnitten, die Naſe leicht in die Hoͤhe gebogen, die Lip⸗ pen eng zuſammengepreßt, die Geſichtsfarbe von unnaturlich dunkler Rothe, und ſeine Zuͤge — 139— ſprachen im Allgemeinen Liſt, Entſchloſſenheit und Reueloſigkeit aus. Dies war der beruͤhmte Sir Thomas Cromwell, der jetzt zum General⸗ viſitator der Kloſter ernannt worden war; eine Ernennung, durch die Heinrich VIII. den groͤß⸗ ten Scharfſinn verrathen hatte. Es iſt ſchon erwaͤhnt worden, daß Cecils Begleiter einen Brief an Sir Thomas miterhalten hatten; dieſer beſuchte den Tower jetzt eines anderen Geſchaͤftes wegen, und benutzte die Gelegenheit, den Ketzer zu ſehen, der ihm ſo ſehr hartnaͤckig und gefaͤhrlich geſchildert worden. Der erſte Eindruck, den Cecils Anblick bei ihm hervor⸗ brachte, war der des Staunens uͤber deſſen Ju⸗ gend, der zweite, Verwunderung daruͤber, daß ſo große, unbiegſame Feſtigkeit mit ſo ſanften, lieblichen Formen vereinigt ſein ſollten. Per⸗ ſonlich konnte er durch Cecils Verderben nichts gewinnen, und deshalb fuͤhlte er ſich zu auf⸗ richtiger Theilnahme an deſſen Schickſal hinge⸗ riſſen, ein Gefuͤhl, das ſich ſelten regte, wo ſein eigener Vortheil mit im Spiele war. Angeregt durch dies, ihm ſeltene Gefuͤhl, er⸗ mahnte er Cecil aufrichtig, alles zu thun, um ſein Verderben von ſich abzuwenden; ſeine Irrthuͤmer zu bekennen, auf das Leſen des Teſtaments Verzicht zu leiſten, und ſich gegen alle Befehle der geiſtlichen Gerichtshoͤfe gehor⸗ — 140— ſam zu beweiſen. Er ſelbſt verſprach, dann ſeinen ganzen Einfluß anzuwenden, um ihm die Freiheit wieder zu verſchaffen, wenn Cecil ihm nur geſtatte, in ſeinem Namen ſeine Reue uͤber das Vergangene auszuſprechen. In die⸗ ſem Augenblicke traf durchdringendes, fuͤrchter⸗ liches Angſtgeſchrei Cecils Ohr, und er ver⸗ nahm von ſeinem Beſucher, daß dies von einem Ketzer herruͤhre, welcher ſo eben in einem nahe⸗ gelegenen Gefaͤngniſſe die Tortur erdulde. Bei den Leiden dieſes ungluͤcklichen warnte Sir Thomas Cecil, indem er ihn darauf aufmerk⸗ ſam machte, daß auch er, ſollte er bei ſeiner Hartnaͤckigkeit beharren, aͤhnliche Qualen aus⸗ zuſtehen haben wuͤrde. Cecil brach in Thraͤnen aus, und fuͤhlte ſich bis ins innerſte Herz er⸗ ſchuͤttert durch die Schmerzen ſeines Neben⸗ menſchen, aber er erklaͤrte, daß dies ſeinen Entſchluß nur noch mehr befeſtige, durch ſein Martirerthum ein Werkzeug zur Zerſtoͤrung ei⸗ ner Kirche zu werden, die ſolche Grauſamkeiten gebieten konne. Seine eigenen Leiden, ſagte er, wären nur voruͤbergehend, der wohlthätige Einfluß ſeines Todes aber konne fortdauernd ſein. Hierauf erzaͤhlte er ausfuͤhrlich, was ſich am vergangenen Tage im Biſchoföhofe zuge⸗ tragen. Da ſagte ihm Sir Thomas, haͤtte er dies fruͤher gewußt, wuͤrde er nicht ſh — 141— haben, ihn zu bekehren, denn es waͤre nun zu ſpäͤt; keine Gewalt der Erde koͤnne ihn jetzt noch retten, und er muͤſſe ihn daher, obgleich nur widerſtrebend, dem ſelbſtgewaͤhlten Verder⸗ ben uͤberlaſſen. Bei dieſen Worten entfernte er ſich, und wieder ward die Thuͤr vor dem einſamen Gefangenen verſchloſſen. Dies war der Muth Cecils, den man als ſchwachſinnig gebrandmarkt, weil er den Krieg verabſcheute, und ſich weigerte, ſeinen Arm ge⸗ gen ſeine Mitgeſchoͤpfe zu erheben, während ſein Verwandter, Dudley, der ſtets in den vorder⸗ ſten Reihen kaͤmpfte, und in jedem Zweikampfe ſeinen Gegner toͤdtete, jetzt der Laune eines ti⸗ ranniſchen Gebieters knechtiſch huldigte, und ſo bewies, daß ihm jener wahre Muth mangele, der ſich auf Seelengroße und Grundſätze ſtuͤtz. Sir Thomas Cromwells Aeußerung, daß es jetzt zu ſpät ſei, Cecil zu retten, fand bald ihre Beſtaͤtigung. Der Lieutenant des Towers beſuchte ihn am folgenden Morgen, um ihm zu ſagen, daß er Befehl erhalten, Anſtalten zu ſeiner Hinrichtung zu treffen, welche nach drei Tagen Statt finden ſolle; zugleich ſprach er das aufrichtigſte Mitleid aus, daß Cecil bei ſeiner Jugend und anſcheinenden Schuldloſigkeit eines ſo grauſamen Todes ſterben ſolle. Cecil dankte ihm fuͤr ſein Mitgefuͤhl, erklaͤrte, daß er — 142— ſein Schickſal mit Faſſung erwarte, und bat nur, als um eine letzte Gunſtbezeigung, ihm Schreibmaterialien zu verſchaffen, und dann den Brief, den er ſchreiben werde, zu beſorgen. Seine Bitte ward freundlich gewaͤhrt, und er ſchrieb nun folgende Zeilen: „Dies aus meinem Gefaͤngniſſe in dem To⸗ „wer zu London. Meine innig geliebte Bea⸗ „trix, meine guͤtige Lehrerinn in dem Glauben, „dem ich mein kurzes Gluͤck auf dieſer Welt „verdanke, und, wie ich hoffe, ein ewiges in „jener;— Gnade ſei mit Dir, Ruhe und „Friede!— Mogeſt Du Dich fteuen, zu hoͤ⸗ „ren, daß ich im Himmel bin, wenn Du die⸗ „ſen Brief empfaͤngſt; daß ich nicht laͤnger die „Muͤhſeligkeiten und Leiden der Erde ertragen „muß, ſondern unter Engeln wandle, ſchoͤn „und gut, wie Du, und den gluͤckſeligen Tag „erwarte, an dem unſere Vermählung in den „Wolken gefeiert wird, an dem wir uns wie⸗ „derſehen, um nie mehr uns zu trennen.“ „Theuerſte, liebſte Beatrir! Ich bin den „Pfad der Wahrheit gewandelt, wie Du es „mich gelehrt haſt, bin zum Tode verurtheilt „worden, weil ich die Bibel beſitze. Soll ich „nicht willig dies fluͤchtige Leben des Leidens „opfern, fuͤr das Buch, das mir ein ewiges „Heil geſichert hat? Ja! wahrlich!— und — 16— „Du wirſt Dich mit mir freuen, daß ich es „that. Durch das Blut der Maͤrtirer ward „das Chriſtenthum zuerſt befeſtigt, und durch „das nehmliche Blut muß es auch jetzt wieder „unterſtuͤtzt werden. Dank, tauſend Dank Dir, „meine theure, edle Beatrix, durch die ich zum „auserwählten Werkzeuge dieſer hohen Sache „gemacht, den Armſeligkeiten der Erde entnom⸗ „men, und dem ewigen Heile des Himmels „zugeſendet werde.“ „Zuͤrne nicht mit Deinem Vater, wegen „deſſen, was er begangen. Hat er mich nicht „unſterblich gemacht?— Sag' ihm, daß ich „ihm verzeihe, und fuͤr ihn bete.“ „In dem Himmel erwarte ich Dich; bis „dahin wuͤnſche ich Dir alles Gute und Liebe, „deſſen Dein edles Herz werth iſt, und rufe „Dir ein herzliches Lebewohl zu! Meine innig „geliebte, meine engliſche Beatrir, moͤgen alle „gute Engel Dich beſchuͤtzen, und der Segen „Gottes mit Dir ſein!— Amen!— Dies „von Deinem Schuͤler, Freunde und Geliebten Cecil Hungerford.“ Dieſen Brief ſiegelte er, und vertraute ihn dem Lieutenant an, welcher verſprach, ihn puͤnkt⸗ lich zu beſorgen. Cecil hatte jetzt den letzten Abſchied von der Welt genommen, und bereitete ——————— — 144— ſich nun darauf vor, ſeine Strafe mit Ruhe und Ergebung zu erdulden. Waͤhrend Sir Lionel Fitzmaurice durch ſeine Helfer in London ſein Ziel ſo gluͤcklich erreichte, war er ſelbſt in ſeiner Heimath nicht unthaͤtig geweſen. Ohne Beatrix zu ſehen, gegen welche er die groͤßte Wuth hegte, da ſie es gewogt, ſich ſeinen Abſichten entgegen zu ſetzen, und ſich fuͤr den wahnſinnigen Knaben, wie er Cecil noch immer nannte, zu verwenden, hatte er das Thurmhaus, unmittelbar nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr von London, wieder verlaſſen, und war nach Farleigh⸗Caſtle geeilt, Beſitz von den Schloͤſ⸗ ſern, Burgen und Guͤtern zu nehmen, welche ſo lange das Eigenthum der ältern und edleren Linie der Hungerfords geweſen waren. Dieſer Ort, der ſeinen Namen von den ſchoͤnen Seen oder Teichen erhalten haben ſoll, die ihn um⸗ ringen, hatte eine herrliche Lage in einer frucht⸗ baren Gegend, in Sir Lionels Augen aber war das großte Verdienſt das ungewoͤhnlich feſte Schloß, auf einem felſigen Huͤgel erbaut. Er wußte ſehr wohl, in wie feindlicher Stellung er ſich gegen die Edlen und das Land⸗ volk ſeiner Nachbarſchaft befand, und hatte ſchon laͤngſt befurchtet, daß ſie ihre Kraͤfte ge⸗ gen ihn vereinigen moͤchten. Deshalb hielt er ſein bewaffnetes Gefolge ſtets vollzaͤhlig, des⸗ — 145— halb war er jetzt entzuͤckt bei dem Gedanken, ein Schloß zu beſitzen, das ſich beſſer zu kraf⸗ tigem Widerſtande eignete, als das Thurmhaus. Er fuͤhlte ſich hiedurch beſtimmt, es zu ſeinem beſtändigen Aufenthaltsorte zu erwaͤhlen; nach⸗ dem er daher Befehle zu ſolchen Veraͤnderun⸗ gen gegeben hatte, welche Farleigh ſeinem Glau⸗ ben nach unnehmbar machen mußten, ging er nach Wells, wo ſeine augenblickliche Gegen⸗ wart erfordert ward, wegen der Anſtalten, die er zur Vernichtung eines anderen ſeiner Feinde getroffen. Die Folgen ſeiner Reiſe nach London, ſei⸗ ner haͤufigen Unterredungen mit Sir Thomas Cromwell, und aller der Ränke, die er zum Verderben des Abtes von Glaſtonbury geſchmie⸗ det, naheten ſich jetzt ihrem Ausbruche. Auf die Anzeigen, welche er dem Sir Tho⸗ mas Cromwell gemacht, und durch ſeine Zeu⸗ gen beſtaͤtigt hatte, fertigte der Generalviſita⸗ tor zwei ſeiner Unterbeamten nach Glaſtonburh ab, die Sache zu unterſuchen, und den Abt der Strafe zu uͤberliefern, wenn die Anklagen, die gegen ihn vorgebracht worden, begruͤndet gefunden wuͤrden. Mit dieſen Bevollmaͤchtigten traf Sir Lionel bei ihrer Ankunft in Wells zuſammen, und begleitete ſie dann nach Sharp⸗ ham, dem Landſitze des Abtes. Dieſen ver⸗ V. 10 — 146— hafteten ſie hier, ließen ihn unter Bedeckung zuruck, und eilten darauf nach der Abtei, das Privatgemach und Studierzimmer des Abtes zu durchſuchen. Noch nicht lange hatten ſie hier die alten Pergamente, Bullen, Schen⸗ kungsakten, und dergleichen, umhergeworfen, als ſie ein Buch fanden, welches Sir Tho⸗ mas Abell, ein Geiſtlicher, geſchrieben hatte, um die Rechtmaͤßigkeit von des Koͤnigs erſter Che zu beweiſen. Die Bevollmaͤchtigten erklär⸗ ten, dies allein ſei hinreichend, den Abt ſeinen Kopf zu koſten, und fernere Nachſuchungen daher unndͤthig. Sir Lionel ſagte indeſſen, es ſei ein unterirdiſcher Gang vorhanden, der mit dem Hospitale in der Stadt Glaſtonbury zu⸗ ſammenhaͤnge, und zu den Zuſammenkuͤnften der Pilgrimme des heiligen Joſeph erbaut, dann aber benutzt worden ſei, wie man ihn wenig⸗ ſtens verſichert habe, liederliche Weibsperſonen heimlich in die Abtei zu bringen. Sie gingen deshalb, dieſen Gang ebenfalls zu unterſuchen. Der Eingang war durch eine Thuͤr verwahrt, die der Abt, der einen Schluſſel dazu beſaß, ſchon ſeit läͤngerer Zeit hatte verſchließen laſſen. Die Thuͤr ward jetzt mit Gewalt eingeſtoßen, und ſogleich entdeckten ſie nun in einer Niſche die Uhr, welche Dudley entwendet, und auf dem Kirchhofe vergraben worden war. Sir — 147— Lionel behauptete, ſie ſogleich wieder zu erken⸗ nen; neben derſelben war eine große Menge von dem Silbergeraͤthe der Abtei; beides ſollte der Abt zu ſeinem eigenen Gebrauche hier ver⸗ borgen haben, ein Verbrechen, welches genuͤgte, ihn augenblicklicher Beſtrafung zu uͤberliefern. Ohne dem Abte indeſſen ihre Entdeckungen, noch ihre Abſichten mitzutheilen, forderten ſie ihn auf, in Wells vor dem Centgerichte zu er⸗ ſcheinen. Er kam ohne Zoͤgern, und wollte einen Sitz unter den Beiſitzern hoͤhern Ranges nehmen, da forderte der Sprecher ihn vor die Schranken, und gebot ihm, auf die Anklage des Hochverrathes, die gegen ihn eingegangen, zu antworten. Verwirrt und erſchreckt, ſah der alte Mann umher, und fragte, weſſen man ihn beſchuldigt haben koͤnnte. Er blieb jedoch nicht lange in Ungewißheit, denn die Bevollmaͤchtigten und Sir Lionel gaben ihr Zeugniß uͤber die Entdeckungen, die ſie gemacht, legten zugleich das verbotene Buch, und das gefundene Silbergeſchirr auf den Tiſch, und fragten ihn, welche Vertheidigung er gegen ſo unleugbare Beweiſe haben koͤnne. „Sic me Deus adjuvat!“ ſagte der Abt, die Hand auf das Evangelium legend. Der Richter aber unterbrach ihn, ſagte ihm, daß er hier nicht Meſſe leſe, ſondern vor einem df⸗ 10* — 148— fentlichen Gerichtshofe ſtehe, und daher eine Sprache ſprechen muͤſſe, die Jedermann ver⸗ ſtaͤndlich ſei. Mit feierlichem, leidenſchaftli⸗ chem Ernſte betheuerte nun der Abt ſeine gaͤnz⸗ liche Unſchuld in Hinſicht aller der angeſchul⸗ digten Verbrechen, und behauptete, daß man ihn deren nur fälſchlich anklage, um ihn zu verderben. Er berief ſich auf das Zeugniß ſei⸗ nes ganzen, langen Lebens, auf den unbefleck⸗ ten Ruf, in dem die Abtei ſtets geſtanden, und endlich auf Gott ſelbſt. Unſchuld war aber in jener Zeit ein ſchlechtes Vertheidigungsmittel fuͤr einen Abt, ſelbſt wo ſie gruͤndlicher bewieſen werden konnte, als in der Sache des armen Richard Whiting. Durchaus unſchuldig, und ſogar unfaͤhig, die Verbrechen, die man ihm zur Laſt legte, zu begehen, ward er auf der Stelle verurtheilt, und nach Glaſtonbury zu⸗ ruckgeſchickt, nicht ahnend, daß er ſchon ſo bald ſterben ſolle. Als er die Kloſtermauern erreichte, kam ihm ein Prieſter entgegen, ſeine letzte Beichte in der Saͤnfte, die ihn hieherge⸗ bracht, zu vernehmen, denn es ward ihm ver⸗ ſichert, daß er noch in derſelben Stunde ſter⸗ ben muͤſſe. Mit Thraͤnen flehte der alte Mann, daß man ihm wenigſtens einen Tag oder zwei goͤnnen moͤge, ſich auf ſeinen Tod vorzuberei⸗ ten, daß man ihm geſtatte, in die Abtei zu — 149— treten, um von ſeinen Moͤnchen Abſchied zu nehmen. Keine dieſer Bitten gewaͤhrte man ihm; er ward aus der Saͤnfte geriſſen, auf eine Schleife geworfen, und zu dem Thurme Hill gebracht, von dem man die Abtei uͤber⸗ ſehen kann. Hier ward er in ſeinen prieſter⸗ lichen Kleidern, an der hoͤchſten Spitze, auf⸗ gehaͤngt. Ein verwirrtes Geruͤcht der beabſichtigten Gewaltthat war in der Abtei bereits von Mund zu Mund gelaufen; Einige nannten es unglaub⸗ lich, Andere laͤcherlich, als etwas Unmoͤgliches. Als ſie aber ihren alten, ehrwuͤrdigen Vorge⸗ ſetzten wirklich haͤngen ſahen, und nun Nie⸗ mand mehr die Wahrheit bezweifeln konnte, da befiel Alle ein unbeſchreibliches Schrecken und Entſetzen. Einige waren keiner Regung faͤhig, Andere ſchrieen und weinten laut, und wieder Andere liefen zu dem Orte der Hinrich⸗ tung, als glaubten ſie, das Ungluͤck noch un⸗ geſchehen machen zu koͤnnen. Auch die Bauern und das Landvolk, in großer Zahl an dem Fuße des Thurmes verſammlet, waren nicht weniger erſtaunt uͤber das fuͤrchterliche Schau⸗ ſpiel. Sie waren daran gewoͤhnt geweſen, den guten Abt als beinahe allmaͤchtig auf dieſer Erde zu betrachten, und ſeiner Tugenden und Heiligkeit wegen ſchon hier des Gluͤcks des — 150— Himmels theilhaftig zu halten; als ſie ihn jetzt, gleich dem ſchaͤndlichſten Verbrecher hin⸗ gerichtet ſahen, feſſelte ihr Staunen fuͤr einige Zeit all ihre Geiſtesfaͤhigkeit. Wechſelsweiſe blickten ſie ſtarr auf den Leichnam, und auf die Wolken uͤber demſelben, als erwarteten ſie, daß dieſe ſich oͤffnen wuͤrden, die Vollſtrecker ſo gotteslaͤſterlicher Grauſamkeit zu ſtrafen. Wahrſcheinlich wuͤrden ſie ſich mit den Mon⸗ chen vereinigt, und des Abtes Befreiung ver⸗ ſucht haben, haͤtten ſie ſich eher von ihrer Ver⸗ wirrung erholt; jetzt aber war es zu ſpaͤt,— der edle Greis lebte nicht mehr. Damit ſeine Moͤrder das Maaß der Rache ganz leerten, ward ſein Kopf auf dem Thore der Abtei an⸗ genagelt, und die Viertheile ſeines Koͤrpers nach Wells, Bath, Ilcheſter und Bridgewater geſendet. Alle Kirchenguͤter, welche der Konig bisher eingezogen, hatte er unter die Reichen und Maͤchtigen vertheilt, die zu vertheidigen ver⸗ mochten, was ſie erhalten. So glaubte er auf die ſicherſte Weiſe zu vermeiden, daß die Guͤter wieder in die Haͤnde ihrer erſten Beſitzer kaͤ⸗ men. Mehrere wieſen dergleichen Guͤter ganz zuruͤck, und Alle betrachteten den Beſitztitel als ungenuͤgend, daher erwartete und verlangte Heinrich keine hinreichende Gegendienſte fuͤr der⸗ — 151— gleichen Schenkungen. In vielen Faͤllen wur⸗ den ſie fuͤr nichts gegeben, in anderen fuͤr ei⸗ nen Preis, der wenig mehr als nichts war. Sir Lionel Fitzmaurite war ganz der Mann nach dem eigenen Herzen des Konigs, und dafur bekannt, der Gewalt der Klöſter eben ſo feindlich geſinnt zu ſein, als dieſer ſelbſt; uͤber⸗ dies war er das vorzuͤglichſte Werkzeug zum Sturze des Abtes geweſen, und er ethielt da⸗ her einen großen Theil der eingezogenen Guͤter, gegen Erſtattung einer ſo unbedeutenden Sum⸗ me, daß dieſer neue Zuwachs ſeiner ausgebrei⸗ teten Beſitzthuͤmer als ein freies Geſchenk an⸗ zuſehen war. In dem Stolze und der Hab⸗ gier ſeines Herzens hatte er erklärt„er wolle nicht eher raſten, als bis alles, was er von dem Thurmhauſe aus in der Richtung auf die Abtei uͤberſehen konne, ſein Eigenthum gewor⸗ den wäre. Durch die reiche Gabe des Konigs waren ſeine Wuͤnſche faſt ganz erfuͤllt, und ſchon ſah er dem Tage frohlockend entgegen, an dem er ſie vollkommen erreichen werde. Dies alles hatte ſich waͤhrend der erſten Tage von Cecils Gefangenſchaft in London zu⸗ getragen, und eben die Briefe, die Sir Lionel von dem ungeheuern Zuwachſe ſeines Reich⸗ thumes benachrichtigten, brachten ihm auch die willkommene Botſchaft, daß ſein Muͤndel zum Tode verurtheilt worden ſei, und ſeine Strafe erduldet haben wuͤrde, noch ehe er die Briefe erhalten. In dem Augenblicke ihrer An⸗ kunft war Sir Lionel in dem Thurmhauſez ſein Buſen hob ſich voll Entzucken und Triumph, indem er las; und die Papiere noch in der Hand, eilte er mit mehr als gewoͤhnlicher Haſt auf die Terraſſe.„Es iſt mein,“ rief er zu ſich ſelbſt, den Boden mit dem Fuße ſtam⸗ pfend;„dies Haus iſt mein,— alles, was ich uͤberſehe, mein— rechtmaͤßig mein— außer dem Bereiche aller Bosheit und der Laune des Schickſals. Und die ausgedehnten Be⸗ ſitzungen von Farleigh ſind mein, das feſte Schloß iſt mein, hinter deſſen Mauern ich der vereinigten Gewalt aller meiner Feinde ſpotten kann.— Ha! ha! ſchwor ich es nicht, mich an den Menſchen raͤchen zu wollen;— und habe ich meinen Eid nicht gehalten?— Ich habe ihn zu meiner Puppe, meinem Spiel⸗ zeuge, meinem Sclaven gemacht, bis es mir gefiel, ihn mir zu meinem Opfer auszuerſe⸗ hen. Der Koͤnig des Thales iſt vor meinen Streichen gefallen, und ich bin jetzt der ein⸗ zige Monarch dieſer weiten Gauen; der Tirann derſelben, wenn es meinen Unterthanen gefaͤllt, mich ſo zu nennen.— Ich verlange keinen heſſeren Namen. Wo iſt der Mann, der jetzt — 153— noch wagen duͤrfte, ſich meinen Feind zu nen⸗ nen? laßt mich ihn ſehen, damit ich ihn zu ſeinen Vorgaͤngern ſenden kann. Wo ſeid Ihr, Mylord Dawbeney, Sir Launcelot Wallop, und Maſter Trevot? Wo ſeid Ihr, mein Lord Abt von Glaſtonbury? Wo iſt das verraͤthe⸗ riſche Weib, das nach dem Blute ihres Gat⸗ ten trachtete? Wo iſt der wahnſinnige Knabe, der thoͤricht nach dem Beſitze ſeiner Guͤter ſtrebte?— Was! ha! Sir Lionel Fitzmaurice von dem Thurme Hill und von Farleigh⸗Caſtle ruft Euch!— Hervor! ſprengt Eure Saͤrge, blickt aus Euren Graͤbern, und ſeht den Triumph des Mannes, den ihr beſiegen zu koͤnnen waͤhntet!— Was? ſeid Ihr Alle taub? — Ha! ha! ha! ha!“ Das wilde Gelaͤchter, mit dem er dieſes Selbſigeſpraͤch ſchloß, gab ſeinen Zuͤgen einen furchterlichen Ausdruck. Die rechte Hand an den Griff ſeines Schwertes legend, ſah er mit ſtolzem, herausforderndem Blicke rings um ſich her, als ſei er bereit, es ſelbſt mit den Gei⸗ ſtern derer aufzunehmen, die er geruſen hatte; in dieſer drohenden Stellung ging er langſa⸗ men Schrittes nach dem Thurmhauſe zuruͤck. — 154— Sechstes Kapitel. Bau' nur auf Deiner Burgen feſte Macht, Birg Dich auf ihrer höchſten Höh' in Nacht und Schuld, Du Lügenmeiſter, böſer Wicht!— Herabgeſtürzt von ihrer Schwindelhöhe Sei'ſt Du der Welt ein Beiſpiel, daß ſie ſehe: Wie hoch ſie ſteigt, wie tief die Sünde bricht. Wir uberlaſſen Sir Lionel Fitzmaurice fur den Augenblick der Freude uͤber ſeine Groͤße, die jetzt ihren hoͤchſten Gipfel erreicht hatte, obgleich er in ſeinem unerſättlichen Ehrgeize immer neue Plaͤne zu ſeinem Steigen erſann, und muͤſſen unſere Leſer bitten, uns nach Throgmorton⸗Street in der Cith von London zu begleiten. Hier ließ Sir Thomas Crom⸗ well, durch des Koͤnigs Freigebigkeit und ſeine eigene Raubſucht dazu ſchon hinlänglich berei⸗ chert, einen prachtvollen Palaſt erbauen. Mit etwas verſchwendriſcher Gaſtfreiheit ließ er hier, zwei Mal des Tages an zwei hundert Arme Brot, Speiſen und Getraͤnke austheilen, und — 155— aus weniger zweideutigen Beweggruͤnden, wen⸗ dete er hier einen bedeutenden Theil ſeiner Reichthuͤmer auf die Pflegung eines herrlichen Gartens, in welchem er eine Menge exotiſcher Gewaͤchſe, Fruͤchte und Blumen hegte, die da⸗ mals in England hoͤchſt ſelten waren, ſo ge⸗ woͤhnlich ſie auch jetzt ſein moͤgen. unter dieſen Fruchtbaͤumen und Blumen wandelte Sir Thomas umher, den Gaͤrtnern Befehle ertheilend, oder den Handwerkern, welche mit dem Bau des Hauſes beſchaͤftigt waren. Zuweilen ſtand er ſtill, dies mit ſtol⸗ zer Zufriedenheit zu betrachten; da ward ihm die Nachricht gebracht, daß ein Mann in Prie⸗ ſtertracht ihn zu ſprechen verlange, ſich jedoch weigere, ſeinen Namen zu nennen.„Laßt ihn in dem Garten auf mich warten!“ ſagte Sir Thomas, der uͤber ſaͤmmtliche Orden eine ſol⸗ che despotiſche Gewalt ausuͤbte, daß er es fuͤr uberfluſſig hielt, einem einzelnen Mitgliede derſelben beſondere Achtung zu beweiſen. Dem Befehle ward gehorcht, und ſogleich naͤherte ſich nun ein Fremder, deſſen großer Hut ihm uͤber das Geſicht hing, als ſolle er ihn ver⸗ bergen, der aber dennoch die finſteren Zuͤge nicht verdecken konnte. Dieſe, und die dunkle Kleidung des Fremden, bildeten einen grel⸗ len Gegenſatz zu den freundlichen, lieblichen — 6— Blumen, zwiſchen welchen er ging, und mach⸗ ten ſeine ganze Erſcheinung nichts weniger als einnehmend. Sir Thomas bat ihn, die Urſach ſeines Beſuches zu nennen, und zwar, dies ſchnell zu thun, da er bald zu dem Koͤnige nach Whitehall muͤſſe; der Fremde erklaͤrte in⸗ deſſen, er habe Mittheilungen von der hoͤchſten Wichtigkeit zu machen, und koͤnne dies nicht gut in einem offenen Garten. Sir Thomas fuͤhrte ihn daher in ſein Kabinet, verſchloß hier ſorgfaltig die Thuͤr, und vernahm nun das Geheimniß. Der Mann war niemand anders, als der Pater Barnabas, deſſen wir zu Anfang unſe⸗ res Werkes oberflaͤchlich erwaͤhnten, als Je⸗ mandes, der Sir Lionels Vertrauen bis zu einer gewiſſen Ausdehnung beſitze, und die ein⸗ zige geiſtliche Behoͤrde ſei, der der Zutritt zu dem Thurmhauſe geſtattet war. Ihre Verbin⸗ dung beſchraͤnkte ſich indeſſen keinesweges auf dieſe religidſen Gegenſtände, denn der Pater Barnabas war bei vielen der Raͤnke, deren wir bereits erwaͤhnten, thaͤtiger, obgleich heim⸗ licher, Mitwirker geweſen. Als Sir Lionel die Leichtglaͤubigkeit und den Aberglauben bemerkte, der ſeine Nachbarſchaft ganz beſonders auszeich⸗ nete, und dann beſchloß, ſich dieſer Mittel zu bedienen, um ſich in den Ruf uͤbernatuͤrlicher — Gewalt zu ſetzen, und als ein Teufel gefurch⸗ tet zu werden, da er nicht wie eine Gottheit angebetet werden konnte, ſah er ſich nach einem paſſenden Gehuͤlfen um, der durch ſeinen Stand uͤber jeden Argwohn erhoben, ihm dar⸗ in beiſtehen koͤnne, die Nachbarſchaft in Schrecken zu ſetzen, und zu tauſchen. Wegen einiger Unregelmaͤßigkeiten in ſeinem Betragen hatte Pater Barnabas um dieſe Zeit von dem Abte einen oͤffentlichen Verweis erhalten, und war von ſeinem Amte als Schatzmeiſter ent⸗ bunden worden. Dieſe Strafe erzeugte bei dem heftigen, laſterhaften Charakter des Paters einen tödtlichen Haß gegen den Urheber derſel⸗ ben, und beſtimmte ihn, jedes nur moͤgliche Mittel anzuwenden, um ſich Rache dafuͤr zu verſchaffen. Kaum erfuhr Sir Lionel dies al⸗ les, als ſeine tiefe Menſchenkenntniß ihm auch ſagte, dies ſei der Mann, wie er ihn fuͤr die eben angegebenen Abſichten ſuchte, und das paſ⸗ ſendſte Werkzeug, den Zweck zu erreichen, nach dem Beide gleich eifrig ſtrebten,— die Ver⸗ nichtung des Abtes. Er ſuchte, mit dem Pa⸗ ter zuſammenzutreffen, beklagte ihn wegen der Beleidigung, die er erfahren, ſchrieb dieſe der perſonlichen Feindſchaft ſeines Vorgeſetzten bei, und verſprach, ſein Vermoͤgen, ſeine Macht, und ſeinen Einfluß anzuwenden, ihn zum Nach⸗ — 158— folger des Abtes zu machen, ſollte es ihnen einſt gelingen, dieſen zu ſtuͤrzen. Er ſchmei⸗ chelte dem Stolze des Paters ſo eifrig, wußte deſſen Durſt nach Rache ſo anzufachen, daß er ihm bald in allem ſo untergeben und gehorſam ward, als er ſelbſt es ſich nur wuͤnſchen konnte. Beide ſchloſſen jetzt ein enges Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß; zu Folge einer der Nebenbedin⸗ gungen deſſelben hatte ſich der Pater Barna⸗ bas mit gegen Cecils Vernunft verſchworen, indem er ihm mit der groͤßten Schande in die⸗ ſer Welt, und ewigen Qualen in jener drohte, ſobald er ſahe, wie wenig Glauben ſein Schuͤ⸗ ler in das Buch der Legenden ſetze. Dies war indeſſen nur eine Nebenbeſchaͤftigung. Sir Lionel hatte die Ueberzeugung, im Beſitze uͤber⸗ natuͤrlicher Gewalt gewaͤhnt zu werden, heiße, ſie wirklich zu beſitzen, und Furcht ſei die ſicherſte Begruͤnderinn der Groͤße. Dieſem Grundſatze getreu ergriff er jedes Mittel, das zu der Befeſtigung des Glaubens dienen konnte, er ſei in den finſteren Wiſſenſchaften erfahren, und habe ein inniges Buͤndniß mit den Maͤch⸗ ten der Finſterniß geſchloſſen, die dafuͤr in je⸗ dem Augenblicke zu ſeiner Unterſtutzung bereit waͤren. Sein Laboratorium diente ebenfalls dazu, dieſen Glauben zu beſtaͤrken, den er durch noch unzweideutigere Mittel, mit Huͤlfe ——— — 159— des Pater Barnabas, zu befeſtigen wußte. Er ſah ein Gewitter heraufſteigen, und beredete den Pater, ſich heimlich in die Meierei zu ſchleichen, und dort Feuer anzulegen. Der Pater zeigte ſich dazu auch ſogleich willig, in⸗ dem ihn der bloße Gedanke erfreute, ſeinem gehaßten Vorgeſetzten einen empfindlichen Scha⸗ den zuzufuͤgen. Sir Lionel war hierauf, mit einem Zauberſtabe bewaffnet, auf die Terraſſe geſtiegen, und hatte dort, wie es den erſchreck⸗ ten Bauern geſchienen, die mit Dudley unter dem Hohlſteine ſtanden, die Elemente gelenkt, die Beſitzung ſeines Feindes zu zerſtoͤren. Es war Pater Barnabas geweſen, der es heimlich, und kirchenſchaͤnderiſch veranſtaltet, daß der Vorhang vor dem Bilde der heiligen Jung⸗ frau herabfiel, und das Kruzifir von dem Al⸗ tare ſtuͤrzte, als Sir Lionel ſich bei der Pro⸗ zeſſion der Minſtrels den heiligen Gegenſtaͤnden naͤherte. Dies war zwiſchen ihnen verabredet worden, nicht nur um den Argwohn gegen den Ritter unausloſchlich zu machen, ſondern auch, um vielleicht einſt auch den Abt anklagen zu koͤnnen, er habe durch falſche Wunder das Volk zu taͤuſchen geſucht. Nach alle dieſem glaubte Sir Lionel, daß er ſich ſelbſt die Ge⸗ walt, Teufel citiren zu koͤnnen, beilegen duͤrfe, und die Furcht des rohen Will Mattock darf — 160— daher nicht uͤberraſchen, als er Sir Lionel alle Anſtalten zu dieſem fuͤrchterlichen Werke tref⸗ fen ſahe. Es war ebenfalls Pater Barnabas gewe⸗ ſen, der Dudleys Uhr waͤhrend der Nacht heimlich ausgegraben, ſie dann die nächſte Zeit hindurch bei ſich verborgen, und endlich auf Sir Lionels Veranlaſſung mit den ſilbernen Kirchengefaͤßen in jenen unterirdiſchen Gang ge⸗ bracht hatte, zu dem er ſich den Schlͤſſel heimlich zu verſchaffen gewußt. Wieder war es derſelbe wuͤrdige Gehuͤlfe, der das verbo⸗ tene Buch uͤber des Konigs Ehe von Sir Lio⸗ nel erhalten, und in dem Studierzimmer des Abtes verborgen hatte, und endlich war auch er es, von dem Sir Lionel ſo ſchnell die Ab⸗ ſchrift des Briefes erhielt, den der Abt an den Kardinal Wolſey geſchrieben, und dem Pater gegeben hatte, ihn in das Briefregiſter der Abtei einzutragen. Rache ſtirbt gewoͤhnlich mit Erreichung ih⸗ res Zieles, und verwandelt ſich dann in Reue. Dieſer Mann hatte ohne Gewiſſensbiſſe die ſchaͤndlichſten Raͤnke und Verraͤthereien gegen den Abt geuͤbt, und ſich dafuͤr nur zur Bedin⸗ gung gemacht, nicht bei dem Verhore erſchei⸗ nen zu muͤſſen, weil er fuͤrchtete, ſich dadurch der Nachfolge verluſtig zu machen; aber kaum — 161— ſah er den Greis an der Spitze des Thurmes Hill hangend, als er vernichtet, von ſeinem Gewiſſen gepeinigt, daſtand. Alle ſeine Ra⸗ chegefuͤhle erſtarben plotzlich, und nur darin vermochte er Troſt zu finden, daß er wenig⸗ ſtens nicht umſonſt geſuͤndigt habe, ſondern durch Sir Lionels Beiſtand, und deſſen be⸗ kannten Einfluß bei dem Koͤnige, ſeines Opfers Nachfolger in Amt und Wuͤrde werden muͤßte. Als aber die unmittelbar darauf erfolgende Auf⸗ hebung der Abtei dieſe Hoffnung zertruͤmmerte, ward er durch das peinigendſte aller Gefuhle beſtuͤrmt, das Bewußtſein nehmlich, ein Ver⸗ brechen vergeblich begangen zu haben. Da verfiel er in einen tiefen Truͤbſinn, der die Sorge des wachſamen Sir Lionel erregte. Der Ritter bot ihm einen Theil ſeiner eignen Beute, als Entſchädigung fur die getaͤuſchte Hoffnung. Doch Ehrgeiz und Rachſucht, nicht Habgier, hatten den Pater Barnabas zu alle ſeinen Vergehungen vermocht, und er wies deshalb den Lohn zuruͤck. Von dieſem Augenblicke an beſchloß Sir Lionel ſein ſchnelles Verderben, da er ihm als Mitwiſſer ſo mancher Geheim⸗ niſſe hoͤchſt gefaͤhrlich werden konnte. Zufaͤllig erhielt der Pater Kenntniß von ei⸗ nigen vorbereitenden Schritten zu Erreichung dieſes Zweckes. Sie erweckten ihn aus ſei⸗ V. 11 —— nem Stumpfſinne, und riefen all ſeine ſchlum⸗ mernden Rachegefuͤhle, ſeinen gluͤhendſten Haß gegen ſeinen ſchaͤndlichen Verbuͤndeten auf's Neue in's Leben. Er war nicht dazu geſchaf⸗ fen, ein geduldiges, unwiderſtrebendes Opfer zu werden. Er kannte ſeinen Widerſacher, denn als ſolchen betrachtete er Sir Lionel jetzt, als eben ſo ſchnell in der Vollſtreckung ſeiner Pläne, als liſtig in Entwerfung derſelben; er ſchlaͤferte daher deſſen Aufmerkſamkeit ein, in⸗ dem er vorgab, an das ufer der See gehen zu wollen, um ſeine wankende Geſundheit wieder⸗ herzuſtellen, und machte ſich augenblicklich auf den Weg nach London. Ohne Unterbrechung, ohne ſich die mindeſte Erholung zu goͤnnen, rei⸗ ſte er Tag und Nacht, kam in der Hauptſtadt an, und eilte zu der Wohnung des Sir Tho⸗ mas Cromwell. Sir Lionel war trotz ſeiner Vorſicht, trotz ſeines Argwohnes, nicht im Stande geweſen, den Pater Barnabas während ſeiner langen Bekanntſchaft mit ihm, daran zu verhindern, gewiſſe Dokumente und Papiere, einige von ſeiner eigenen Handſchrift, zu erhalten, welche unwiderleglich die Natur der Verſchwoͤrung ver⸗ riethen, deren Theilnehmer ſie gemeinſchaftlich geweſen. Eben ſo liſtig und verderbt, als ſein Verbundeter, hatte der Moͤnch dieſe Brieſſchaf⸗ L — 163— ten, als das letzte Zufluchtsmittel, in Sicher⸗ heit gebracht, und bei ſeiner Flucht aus So⸗ merſetſhire es nicht vergeſſen, ſie mit ſich zu nehmen. Nachdem er fuͤr ſich ſelbſt Verzeihung be⸗ dungen, ſollte er ſeinen Mitverſchwornen ver⸗ rathen, legte er dieſe Beweiſe in die Haͤnde des Sir Thomas Cromwell, und ging dann erſt in eine genaue Auseinanderſetzung der Wi⸗ derrechtlichkeiten ein, deren er ſich gemeinſchaft⸗ lich mit Sir Lionel zu der Vernichtung des Abtes von Glaſtonbury ſchuldig gemacht, ver⸗ rieth zugleich des Ritters mannigfache Miß⸗ braͤuche ſeiner Gewalt als Vormund, die ſchaͤndlichen Mittel, die er angewendet, den Verſtand ſeines Muͤndels zu verwirren, und ihn dann gerichtlich fuͤr wahnſinnig erklaͤren zu laſſen, und endlich, die Raͤnke, deren er ſich bedient, es dahin zu bringen, daß der ungluͤckliche Juͤngling als Ketzer verurtheilt werde, damit er ſelbſt in den rechtmaßigen Be⸗ ſitz deſſen ſäͤmmtlicher Guͤter komme. Ein Blick auf die Papiere genuͤgte Sir Thomas Cromwell, der Sir Lionels Hand⸗ ſchrift ſehr gut kannte, ſich von der Glaub⸗ wuͤrdigkeit derſelben zu uͤberzeugen, und ſeine erſte Vermuthung war die Moͤglichkeit, auf dieſe Weiſe ſelbſt als Theilnehmer der gegen 11* —— den Abt begangenen ungerechtigkeit betrachtet zu werden. Er zweifelte indeſſen nicht, von jeder Verantwortlichkeit freigeſprochen zu wer⸗ den, wenn er auf der Stelle dem Koͤnige die ſo eben gemachten Entdeckungen mittheile. Kaum hatte er ſich wegen ſeiner eigenen Si⸗ cherheit beruhigt, als er Cecils gedachte, deſſen Hinrichtung fuͤr den folgenden Morgen feſitge⸗ ſetzt war. Von Anfang an hatte er eine auf⸗ richtige Theilnahme fuͤr ihn gefuͤhlt; die ſo eben empfangenen Mittheilungen beſtaͤrkten ſein guͤnſtiges Vorurtheil, indem ſie ihm deutlich zeigten, welches Unrecht er fruͤher zu erdulden gehabt, und wie ſchaͤndlich die Abſichten ſeines Anklagers waren. Er beſchloß daher, keinen Schritt, den er ohne Gefahr fuͤr ſich ſelbſt thun koͤnnte, zu verſaͤumen, um Aufſchub des urtheils und Durchſicht der Unterſuchung gegen ihn zu erlangen. Sir Thomas fuͤhlte die Wichtigkeit der Mittheilungen, und die Nothwendigkeit der Eile, und forderte daher den Moͤnch auf, ihn in ſeiner eigenen Barke nach Weſtminſter zu begleiten, damit der Koͤnig ſogleich durch ihn ſelbſt uͤber alles genaue Auskunft erhalten kon⸗ ne. In der Hoffnung, des Koͤnigs Beſtäti⸗ gung ſeiner Verzeihung zu erlangen, willigte Pater Barnabas mit Freuden in den Vorſchlag. Sie gingen deshalb zu dem Fluſſe, wo das Boot des Sir Thomas, die Bootsleute in deſſen Livree gekleidet, wartete, ſchifften ſich ein, und ſtiegen kurze Zeit darauf bei dem ehe⸗ maligen Palaſte Wolſeys ans Land, der jetzt Whitehall oder des Koͤnigs Schloß zu Weſt⸗ minſter genannt ward. Hier ward der Moͤnch in ein Vorzimmer gefuͤhrt, ſein Gefaͤhrte aber ging grade in des Koͤnigs Kabinet, wo er ein ſtets willkommener Beſucher war, weil er faſt jedes Mal Nachrichten von Guͤtern brachte, die man den uͤbermaͤßigen Beſitzungen der Kirche entriſſen. Als er eintrat, war Heinrich in ein Geſpraͤch mit ſeinem Schneider vertieft. Dieſer hatte ihm ſo eben den Anzug eines Sarazenen anprobirt, in welchem er bei einem großen Maskenballe erſcheinen wollte, der dieſen Abend am Hofe gegeben werden ſollte. Der Anzug war ſo graus und fuͤrchterlich, als die Talente des Kuͤnſtlers ihn herzuſtellen vermocht hatten. Er winkte dem Scheerenhelden ſich zu entfernen, und ſetzte ſich in ſeinem Maskenanzuge, zu welchem ſein Geſicht weit beſſer paßte, als ſeine Geſtalt, nieder, zu vernehmen, was Sir Thomas ihm zu ſagen habe. Mit der noͤthi⸗ gen Aufmerkſamkeit, ſo daß ihm nichts entge⸗ hen konnte, lauſchte er deſſen Worten, beſah aber dabei dennoch mehrere andere Maskenklei⸗ — 166— dungen, welche auf einem Stuhle uͤber einan⸗ der lagen. Mitleid daruͤber, daß der unſchul⸗ dige Abt auf ſo grauſame Weiſe geopfert ſei, kam ihm nicht in den Sinn. Sein vorherr⸗ ſchendes, ſogar ſein einziges Gefuͤhl, war Em⸗ porung daruͤber, daß er ſelbſt durch zwei ver⸗ buͤndete Schelme hintergangen, und eines ſo bedeutenden Theiles der Abteilaͤndereien beraubt worden ſei. Von dieſen Gedanken beſtuͤrmt, ſtampfte er den Boden, und rief mit wuͤthen⸗ der Stimme:„Ha! was! hat der niedertraͤch⸗ tige Baſtard es gewagt, falſch mit mir zu ſpielen? nun, bei der heiligen Maria! hätte er ſo viele Koͤpfe als die Hydra, ſo ſollen ſie ſämmtlich von des Verräthers Schultern fallen. Laß ihn ergreifen, und nach London bringen. Er ſoll auf dem Thurme Hill ſterben, als ein Warnungszeichen fuͤr alle verraͤtheriſche Schufte; ha!“ „Ew. Majeſtaͤt Befehle ſollen erfuͤllt wer⸗ den,“ ſagte Sir Thomas;„und, was dieſen Moͤnch betrifft, dem wir die Entdeckung der Miſſethaten verdanken, ſo habe ich gewagt, zu verſprechen, daß Ew. Hoheit ihm verzeihen wuͤrden.—“ „Sagſt Du, Mann? Ihm verzeihen! Wie konnteſt Du das Wort ausſprechen, ha? — Was!— Sorge, daß er in das Gefaͤng⸗ — 167— niß gebracht, und in ſicherer Obhut gehalten werde. Bei St. Paul, er ſoll in Tyburn an ſeinem eigenen Galgen haͤngen. S iſt nur, um die Welt von einem Schelme zu befreien, und das iſt gut;— und von einem Moͤnche, was noch beſſer iſt.“ „Ganz wie es Ew. Majeſtat Weisheit ge⸗ faͤllig iſt,“ entgegnete Sir Thomas mit einer tiefen Verneigung.—„Und in Ruͤckſicht des unſchuldigen Juͤnglings, mag es Ew. Majeſtät gefallen zu vernehmen, daß ich ihn ſah, und daß er, die Wahrheit zu ſagen, ſehr weich⸗ muͤthig und unbeſtändig ſcheint; ſonſt wuͤrde er auch nicht in dieſe Schlinge gegangen ſein.“ „Wohl denn, ſo mag der Knabe freige⸗ ſprochen ſein. Es giebt auch ohne ihn ſchon genug Narren in der Welt; doch laß das nun gut ſein. Die Hungerfords waren immer ein tapferes, treues Geſchlecht; ſein Vater war ein tuchtiger Krieger, das beweiſt ſchon, daß er auf dem Turniere zu Greenwich ſein Schwert auf unſerem Helme zerſplitterte; und, bei mei⸗ ner Treue, ſeinem Sohne, dieſem Schwach⸗ kopfe, ſcheint hinlaͤngliches Unrecht geſchehen zu ſein. Hoͤrteſt Du mich, ha?— Fort denn, und thu, was ich gebot; und ſende mir den Schneider, mir die Ruͤſtung abzunehmen.— — 168— Dieſe Sarazenentracht gefallt mir nicht; ſie iſt viel zu heiß und ſchwer.“ Schnell verließ Sir Thomas das Gemach, und ſchickte den Handwerker, aus dem Bar⸗ baren einen chriſtlichen Koͤnig zu machen, ſo weit dies moͤglich war; dann ging er zum Pater Barnabas, der nicht wenig erſtaunte, als er erfuhr, daß er in engen Verwahrſam gebracht werden ſolle. Obgleich Cromwell kei⸗ nen Glauben in ſeine eigenen Worte ſetzte, verſicherte er ihn doch, daß es nur eine Vor⸗ ſichtsmaaßregel ſei, ſich ſeines Zeugniſſes ge⸗ gen Sir Lionel zu verſichern; nach deſſen Be⸗ ſtrafung werde des Koͤnigs bekannte Milde ſich gewiß auch gegen ihn zeigen. Ihn dieſem un⸗ ſicheren Troſte uͤberlaſſend, ſah er ihn nach dem Gefaͤngniſſe abfuͤhren; er machte die Boots⸗ leute fuͤr ihn verantwortlich, und ging dann, die Befehle zu vollſtrecken, die er in Hinſicht des Koͤnigs vom Berge erhalten. Der Verhaftsbefehl gegen Sir Lionel war mit der unterſchrift des Koͤnigs verſehen, aber Sir Thomas kannte ihn hinlaͤnglich, um an ſeiner ruhigen Unterwerfung zu zweifeln, wenn er ſo viel Zeit gewinnen konnte, ſich zum Wi⸗ derſtande zu ruͤſten. Deshalb gebot er dem Scheriff von Somerſetſhire, dem er den Be⸗ fehl uͤberſandte, das moglichſte Geheimniß zu — 169— beobachten, eine ſo geringe Mannſchaft mit ſich zu nehmen, daß ſie keinen Verdacht erregen koͤnnte, und zu trachten, Sir Lionel zu uͤber⸗ fallen; dann aber ihn unter ſicherer Bedeckung nach London zu ſenden. Der wachſame Sir Lionel war aber nicht leicht zu uͤberfallen. Ei⸗ ner ſeiner Spione in London hatte zufällig den Pater Barnabas und den Lord Privat⸗Sekre⸗ tair mit einander bei dem Palaſte des Koͤnigs an das Land ſteigen, und in den Palaſt eintreten ſehen. Sogleich eilte er mit dieſer Nachricht zu ſeinem Gebieter, und dieſer ſah die ganze Gefahr, die ihn nun bedrohen mußte, ſehr wohl ein. Nie war er fruͤher in einer ſo vetzweifel⸗ ten Lage geweſen; aber er war bekannt mit der Gefahr, an einen gluͤcklichen Ausgang gewohnt, voll Vertrauen zu ſeinen eigenen Huͤlfsquellen, und war uͤberzeugt, daß er durch Raͤnke und Betruͤgereien, Beſtechung und falſches Zeugniß, ſich auch aus dieſer Verlegenheit ziehen werde, wie aus ſo mancher andern, nicht minder dro⸗ henden. Als er die angefuͤhrte Botſchaft erhielt, war er in dem Thurmhauſe. Sogleich ver⸗ ſchloß er ſich in ſein eigenes Zimmer, zu uͤber⸗ legen, was nun zu thun ſei, doch gab er vor⸗ her noch Befehl, alle Thore feſt zu verſchlie⸗ ßen, und die Wache in dem Thorhauſe zu —— verdoppeln. Kaum war dies geſchehen, als der Scheriff mit ſeinen Leuten zu dem Haupt⸗ eingange hereinſprengte, in der Erwartung, den Platz durch Ueberrumpelung zu gewinnen. Zu ihrem großen Verdruſſe fanden ſie alles zum Widerſtande bereit; deshalb ſandte der Scheriff den Verhaftsbefehl dem Herrn des Schloſſes friedlich zu, und forderte ihn im Na⸗ men des Konigs auf, ſich zu uͤberliefern. Statt dieſem Befehle zu gehorchen, riß Sir Lionel das Papier in Stuͤcken, warf dieſe in die Luft, befahl, die Laͤrmglocke zu ziehen, um ſeine Leute zu verſammeln, riß das Schwert aus der Scheide, und eilte auf den Damm, von deſſen Mauern aus er den Scheriff warnte, ſich zu entfernen, wollte er nicht mit einem Hagel von Pfeilen und Kugeln begruͤßt wer⸗ den. Der Scheriff war ein entſchloſſener Mann, und hielt dieſe Drohungen fuͤr leere Prahlerei, denn er glaubte durchaus nicht, daß Sir Lio⸗ nel es wagen wuͤrde, dem Befehle des Koͤnigs offene Gewalt entgegenzuſetzen. Er bemerkte, daß die Mauern des Dammes von der Außen⸗ ſeite mit Geſtruͤpp und Buſchwerk ſo dicht be⸗ wachſen waren, daß es nicht ſchwer ſein konnte, ſie von hier aus zu erſteigen. Daher gebot er ſeinen Leuten, abzuſitzen, und den —— Damm zu ſtuͤrmen, ehe Sir Lionels uͤbrige Mannſchaft herbeizukommen vermoge. Er ſelbſt war der Erſte, der dieſem Befehle, gehorchte. Er ſprang vom Pferde, lief gegen die Mauer hinan, ſchwang ſich von Zweig zu Zweig, und erreichte wirklich die Spitze, un⸗ ter dem beſtaͤndigen, lauten Rufe:„Im Na⸗ men des Konigs!— Im Namen des Ko⸗ nigs!“— Doch ſchnell ward er zum Schwei⸗ gen gebracht, denn Sir Lionel eilte ihm ent⸗ gegen, ſpaltete ihm den Helm mit einem ein⸗ zigen Schlage ſeines fuͤrchterlichen Schwertes, und des Scheriffs Koͤrper ſturzte ruͤckwarts in das Gebuͤſch; zwei ſeiner Leute wurden in eben dem Augenblicke durch einen Pfeilhagel der Wache getodtet. Die Uebrigen, durch den Ver⸗ luſt ihres Fuͤhrers entmuthigt, liefen zu ihren Pferden zuruͤck, und ſprengten haſtig davon; lautes Jubelgeſchrei der kleinen Garniſon folgte ihnen. Die Leichen des Scheriffs und ſeiner beiden Leute blieben an dem Fuß der Mauer liegen. Alles dies war das Werk eines Augenblik⸗ kes, und es bedurfte kaum mehr Zeit, es aus⸗ zufuhren, als zu erzählen. Als Sir Lionel aber zur kaͤlteren Ueberlegung zuruͤckkehrte, fand er die großte Veranlaſſung zur Reue. Es war ganz ſeinen Grundſaͤtzen der Klugheit zuwider, — 172— ſo die Hand gegen ſeinen eignen Monarchen zu erheben. Es hätte noch manches Mittel gege⸗ ben, dem Gehorſam auszuweichen, ohne des Koͤnigs Gewalt zu trotzen, und den Scheriff der Grafſchaft, der mit deſſen Handſchrift ver⸗ ſehen war, zu ermorden. Er ſah es voraus, daß es viel Falſchheit koſten wuͤrde, die ganze Schuld auf die Heftigkeit des Beamten zu wälzen, und deſſen Tod dem Irrthume oder dem Zufalle zuzuſchreiben.„Er baute indeſſen auf jenes gute Gluͤck, das ihn ſtets beguͤnſtigt hatte, und vertraute ſogar blindlings auf ſeine eigene Klugheit, grade in dem Augenblicke, als ſie ihn zum erſten Male verlaſſen. Er war in der That trunken durch den immerwaͤhrenden gluͤcklichen Erfolg ſeiner Unternehmungen, be⸗ täubt durch die Hoͤhe, zu der er emporgeſtiegen. Er fing an, ſeine eigenen Traͤume zu glauben, ſich einzubilden, daß er wirklich durch uͤberna⸗ turliche Gewalten beſchuͤtzt werde, und daß er „feſt“ ſei, kurz, alle Zeichen jener Geiſteszer⸗ ruͤttung zu geben, durch welche das Schickſal die beſtraft, die es zu verderben beſchloſſen. Es nahete ſich jetzt ein Ereigniß, welches mächtig zur Entwickelung dieſer Selbſttuſchung beitrug. In dem alten Glanben geboren und erzogen, und an denſelben durch Vortheil und Gewohnheit gefeſſelt, blieb das gemeine Volk — 173— kein muͤßiger Zuſchauer bei den Unterdruͤckun⸗ gen dagegen, die mit Grauſamkeit und Raub⸗ gier jeder Art verbunden waren. Beſonders war die Aufregung in den Gegenden lebhaf⸗ ter, wo die Kloſter aufgehoben worden, die durch milde Werke und Unterſtutzungen der Nothleidenden die beſtaͤndige Zuflucht und Huͤlfe der Armen geweſen. In der neuen Re⸗ ligion ſahen dieſe Leute nichts, was jene zeitli⸗ chen Vortheile zu erſetzen vermochte. In den Hoff⸗ nungen getaͤuſcht, die Allen als die unmittelbare Folge von der Aufhebung der Kloſter vorgeſpie⸗ gelt worden, war in mehreren Gegenden un⸗ ter dem Volke ein offener Aufruhr ausgebrochen. Zu dieſen Mißvergnuͤgten hatten ſich auch ei⸗ nige des Adels geſellt, deren Vorfahren der⸗ gleichen geiſtliche Stiftungen begruͤndeten, und die ſich nun plotzlich der Verſorgung fuͤr ihre juͤngeren Kinder beraubt ſahen. Die aber, welche dem Aberglauben noch am meiſten an⸗ hingen, fuͤhlten ſich wegen der Seelen ihrer Vorfahren beaͤngſtigt, die nun fuͤr undenklich lange Zeit im Fegfeuer bleiben mußten, da die Meſſen zu ihrer froͤhern Crloͤſung wegfielen. Viele dieſer Angeſehenern hatten ſich mit den Inſurgenten vereinigt, deren Heere, zuweilen von 20 bis 40,000 Mann anwachſend, in manchen — Gegenden ſo furchtbar wurden, daß ſie das ganze Reich umzuſtuͤrzen drohten. Bisher waren jedoch alle dieſe Haufen nur zerſtreut geweſen, aber in der Zeit, von der wir jetzt ſprechen, brach im Weſten eine neue Rebellion von drohenderem Charakter aus, als alle, welche ihr vorangegangen waren. Einige Fuͤhrer derſelben, Maͤnner von Rang und Ge⸗ wicht, kannten die kriegeriſchen Talente Sir Lionels, ſo wie die Menge der Bewaffneten, die er ins Feld zu ſtellen vermochte, und for⸗ derten ihn auf, ſich mit ihnen zu vereinigen. Sie ſchilderten ihm dabei ihre Ausſichten ſo glaͤnzend, uͤberreichten ihm eine ſo große Liſte von Edlen und Geringen, die ſich mit ihnen zu vereinigen verſprochen, daß er die Ueberzeu⸗ gung gewann, ſie wuͤrden eine unwiderſtehliche Gewalt zuſammenbringen, und alles vor ſich niederwerfen. Er uͤberlegte uͤberdies, daß er gegen den Koͤnig ſein Leben verwirkt habe; der leichteſte Weg, ſich aus dieſer Gefahr zu er⸗ retten, war, den Monarchen zu entthronen, oder wenigſtens zu demuͤthigen, der es gewagt hatte, den Befehl zu geben, ihn zur Beſtra⸗ fung nach London zu bringen. Schon der bloße Gedanke ſchmeichelte ſeinem Stolze maͤch⸗ tig, und wenn die Aufruͤhrer ihren Zweck er⸗ reichten, ſo war es unmoͤglich, voraus zu be⸗ — 175— ſtimmen, zu welcher Hoͤhe er ſelbſt ſich empor⸗ zuſchwingen vermoͤge. Endlich entſchloſſen, ſei⸗ nen bisherigen Grundſatz vorſichtiger Klugheit aufzugeben, und einen kuͤhnen Schritt zu wa⸗ gen, berief er ſeine Anhaͤnger zuſammen, und dieſe erklaͤrten einſtimmig, daß ſie bereit ſeien, ihm zu folgen, wohin er ſie auch fuͤhren wollez und an ihrer Spitze marſchirte er zu dem ver⸗ abredeten Verſammlungsorte der Empoͤrer. Alles trug hier das Gepräge kriegeriſcher Geſchaͤftigkeit; alles war Enthuſiasmus und Vertrauen. Die ganze Umgegend war in den Waffen, und waͤren die anderen Theile der Provinz eben ſo thaͤtig geweſen, ſo haͤtte nichts ihrer vereinten Macht zu widerſtehen vermocht. Aber obgleich ſich die Unzufriedenheit uͤberall verbreitet hatte, ſo war doch die Inſurrection nur theilweiſe, und der drohende Anblick, den ſie in den Gegenden gewann, in welchen ſie herrſchte, diente zu nichts, als ihre Anhaͤnger zu taͤuſchen, welche ſie uͤber das ganze Koͤnig⸗ reich ausgebreitet waͤhnten. Es mangelte in der That nichts, was den hoͤheren Staͤnden Vertrauen einftoͤßen, oder guͤnſtig auf den Aberglauben der Menge wirken konnte. Gleich ihren Vorgaͤngern bei der Unternehmung, wel⸗ che die„Pilgerfahrt der Gnade“ genannt ward, zogen Prieſter an der Spitze einher, Kreuze in „ — 176— ihren Haͤnden tragend. In ihren Bannern war ein Krußifir eingewebt, mit einem Kreuze, und den fuͤnf Wunden Chriſti. Auch auf ih⸗ ren Aermeln trugen ſie dies Zeichen, mit dem Namen„Jeſus“ in der Mitte; und alle wa⸗ ren durch einen Eid an einander gefeſſelt. Die Weihe, und die heiligen Simbole dieſer Maͤn⸗ ner aͤußerten einen mächtigen Einfluß auf die Menge, aber was ihr das groͤßte Vertrauen einflößte, war die wunderthätige Huͤlfe, die ih⸗ nen durch ein Weib ward. Ungeſchreckt durch das Beiſpiel der„heili⸗ gen Jungfrau von Kent“ welche ſich einige Zeit vorher als Prophetinn und Wunderthaͤterinn geopfert hatte, kam ein armes, fanatiſches Maͤdchen, aus irgend einem verborgenen Theile von Somerſetſhire als deren Nachfolgerinn her⸗ bei. Bald erlangte ſie einen ſolchen Ruf, daß die Haͤupter der jetzigen Inſurrection ſie auf⸗ forderten, zu ihren Fahnen zu ſtoßen, und ih⸗ ren Unternehmungen durch ihre Wunder die Weihe zu geben. Dieſem Maͤdchen konnte man nicht, wie ihrer Vorgaͤngerinn aus Kent, die Abſicht des Betruges zur Laſt legen. Sie handelte nur aus geiſtiger Ueberſpannung, und vereinigte ſich in der feſten Ueberzeugung mit den Auftuͤhrern, daß ſie vom Himmel berufen ſei, dieſelben zum Siege zu fuͤhren, und den — 177— alten Glauben wieder herzuſtellen, eine Ueber⸗ zeugung, die ſich bald auch ihren bewaffneten Gefaͤhrten mittheilte. Der Name der englaͤn⸗ diſchen Johanna ward ihr beigelegt, und Je⸗ der ſagte voraus, daß ſie die Thaten ihrer franzoſiſchen Namensſchweſter noch uͤberbieten wuͤrde, und das Vertrauen wie die Zahl ih⸗ rer Anhaͤnger wuchs mit jedem Tage, faſt mit jeder Stunde. In dieſer blutduͤrſtigen, aufgeregten Stim⸗ mung erfuhren die Empoͤrer, viel mehr mit Wuth, als mit Beſtuͤrzung, daß der Herzog von Norfolk mit einer Abtheilung regelmäßiger Truppen gegen ſie heranruͤcke, und verlangten mit lautem Geſchrei, gegen ihn gefuͤhrt zu werden; ein Verlangen, dem man ein ſchnelles Genuͤge leiſten mußte, wollte man nicht be⸗ furchten, daß der Enthuſiasmus ſich abkuͤhle. Gewiß wuͤrde Sir Lionel, als einer der erfah⸗ tenſten Krieger unter den Anfuͤhrern, jetzt den Oberbefehl an ſich zu reißen gewußt haben, aber die blinde, trunkene Menge wollte keinen Befehlen gehorchen, als denen der englaͤndi⸗ ſchen Johanna, und dieſe verlangte nichts, als dem Feinde grade entgegenzugehen, und nichts zu fuͤrchten, ſo lange ſie an der Spitze des Zuges ſei. In dieſer Verwirrung ruͤckten ſie dem Feinde mit unvermindertem Muthe entge⸗ W. 12 — 178— gen, bis ſie eine geringe Anhoͤhe erreichten, und nun des Herzogs Truppen in guter Ord⸗ nung in dem Thale unter ſich aufgeſtellt ſahen. Sie beſtanden aus einer unbedeutenden Menge, Fußvolk und Reutern gemiſcht. Jetzt verlangte Sir Lionel, feſt uͤberzeugt, daß der Feind bei einiger Maͤßigung umzingelt und gänzlich ver⸗ nichtet werden koͤnne, daß ihm der Oberbefehl ertheilt werde, oder irgend einem der anderen Kriegsmaͤnner, die ſich dazu eigneten. Doch eben ſo gut haͤtte er zu Wind und Wellen ſprechen können. Der weibliche General war zu ſtolz auf ſeine neue Wuͤrde, um darauf zu verzichten; das Mädchen glaubte wirklich, vom Himmel geſendet zu ſein, ermahnte die Men⸗ ge, ihr zu folgen, und verſprach, daß ſie die Feinde vor ihrem Angeſichte durch Feuerſtroͤme und Donnerkeile des Himmels vernichtet ſehen ſollten. Die Maſſe hielt es fur beſſer, einem Himmel⸗geſendeten Fuͤhrer zu folgen, als einem bloßen Sterblichen, und gehorchte ihren Befehlen blindlings. In ein weißes Gewand gekleidet, einen Palmzweig in der Hand, und moͤnchiſche Hymnen ſingend, ſchritt das Maͤdchen muthig vorwaͤrts, bis es bei der erſten Salve der ko⸗ niglichen Truppen eine Wunde empfing, und ſchreiend zu Boden ſturzte. Doch ſchnell ſprang — 179— ſie wieder empor, die Kleider mit Blut bedeckt, ſchwang den Palmzweig hoch in der Luft, und ſchritt abermals voran. Doch eine zweite Ku⸗ gel traf ſie; ſie fiel wieder, und war nicht mehr zu ſehen, obgleich ihr gellendes Geſchrei laut durch die Luͤfte ſchallte. Der Angſtruf machte die Herzen ihrer Anhaͤnger erſtarren, und jenes paniſche Schrecken, dem ungeregelte Heere ſo leicht unterworfen ſind, verbreitete ſich durch die ganze zahlreiche Maſſe; wie auf ein Zeichen warfen die Empoͤrer die Waffen von ſich, und flohen nach allen Richtungen. Sir Lionel ward bei dieſem Anblicke von Wuth und bitterem Grolle ergriffen. In ei⸗ nem Augenblicke ſahe er alle ſeine Hoffnungen zertruͤmmert; Flucht verabſcheute er, und wußte, daß er mit ſeinem eigenen kleinen Haufen, der die Ordnung noch immer beachtete, nichts aus⸗ zurichten vermoͤge. Gnade durfte er nicht er⸗ warten, wenn er gefangen ward, und von die⸗ ſen mannigfachen Gefuͤhlen beſtuͤrmt, faßte er den Entſchluß, ſich nach Farleigh⸗Caſtle zuruͤck⸗ zuziehen. Dort war er fuͤr den Augenblick in Sicherheit, und konnte fuͤr die Zukunft auf Rettungsmittel ſinnen. Der Herzog von Nor⸗ folk errieth indeſſen aus der beſſern Ordnung und regelmaͤßigern Kleidung ſeines Haufens, daß dieſer einem Fuͤhrer des Aufruhres ange⸗ 12* — 180— hore, und ſendete eine Abtheilung Reuterei ab, ihm den Ruͤckzug abzuſchneiden; eine Abſicht, die dem Fuͤhrer der Reuterei vollkommen ge⸗ lang. um ein unnuͤtzes Blutvergießen zu ſparen, ritt er gegen Sir Lionel heran, ſchwang eine weiße Fahne, und rief ihm zu, daß alle Par⸗ don erhalten ſollten, die ſich freiwillig ergaͤben. —„Ich empfange ſolchen Pardon, wie ich gebe!“ ſchrie Sir Lionel ſtolz, ſprengte in eben dem Augenblicke vorwaͤrts, warf den Offizier mit einem kraͤftigen Hiebe vom Pferde, und toͤdtete ihn, als er am Boden lag, durch wie⸗ derholte Streiche. Bei dem Anblicke dieſer ſchandlichen Ver⸗ raͤtherei druͤckten die koniglichen Krieger ihren Pferden die Sporen ein, und ſprengten unter lautem Geſchrei vorwaͤrts, den Tod ihres Fuͤh⸗ rers zu raͤchen. Sir Lionels Anhaͤnger uͤber⸗ ſahen jetzt die gaͤnzliche Hoffnungsloſigkeit ih⸗ rer Lage, jagten nach allen Seiten aus einan⸗ der, und uͤberließen ihren Ritter ſeiner eigenen Huͤlfe. Seine natuͤrliche Wildheit ward da⸗ durch in Verzweiflung verwandelt, und ſeine faſt uͤbermenſchliche Kraft erlaubte ihm nicht nur, ſich gegen die vorderſten ſeiner Angreifer zu vertheidigen, ſondern ſogar mehrere derſelben leblos zu ſeinen Fuͤßen niederzuſtrecken. Kein Tiger, der ſich gegen ſeine Verfolger vertheidigt, — 1— kann ſchrecklichere, kraͤftigere, furchterlichere An⸗ ſtrengungen machen. Als aber die Hauptmacht der koͤniglichen Truppen herankam, ward er von allen Seiten umzingelt; ſich auf's Aeu⸗ ßerſte vertheidigend, ſturzte er endlich, von un⸗ zaͤhligen Wunden durchbohrt, leblos zu Boden. — 182— Sibene Sapieet Mein Leſer, der Du bis zu ſeinem Ende Dies Buch hier laſeſt, froh, behende, Langſam und heiter,— wie es kam, Denk', daß der Autor, eh' er endet, Ein herzlich Lebewohl Dir ſendet, Das er aus tiefſter Seele nahm! Ale ihr Vater nach Farleigh⸗Caſtle aufge⸗ brochen war, gleich nachdem er Cecil nach Lon⸗ don geſendet, blieb Beatrix fuͤr einige Zeit der peinigendſten Ungewißheit uͤber das Schickſal ih⸗ res Geliebten hingegeben, denn die zuruckgeblie⸗ benen Diener wußten uͤber die Beſtimmung Ce⸗ eils entweder nichts, oder fuͤrchteten ſich, das zu verrathen, was ſie wußten. Nach dem er⸗ ſten Ausbruche ihres Kummers wartete ſie in⸗ deſſen mit ziemlicher Geduld die Ruͤckkehr ihres Vaters ab, der von Tag zu Tag entgegen ge⸗ ſehen wurde. Sie war feſt entſchloſſen, ſo⸗ bald ſie eine Unterredung mit ihm erhalten — 183— konne, uͤber ſein heftiges, unrechtmaͤßiges Be⸗ nehmen gegen ſeinen ungluͤcklichen Muͤndel zu ſprechen; ihm die Falſchheit des angeſchuldigten Wahnſinnes vorzuhalten; ihren unabaͤnderli⸗ chen Entſchluß zu erklären, nie einen Anderen zu heirathen; die großmuͤthigen Anerbietungen Cecils zu verkunden; ſowohl ihres Vaters Klug⸗ heit, als ſeine Pflicht aufzufordern, ſie anzu⸗ nehmen; und endlich, ihren Vater zu beſchwoͤ⸗ ren, dieſen guͤtlichen Vergleich nicht von ſich zu weiſen, wenn ihm das Gluͤck ſeines einzigen Kindes, und das Heil ſeiner eigenen Seele am Herzen liege; das Mittel zu ergreifen, durch das er Gerechtigkeit uͤben, und ſich zugleich ſeine Macht und ſein Anſehn zu ſichern ver⸗ moͤge. Sie hatte hinlaͤnglichen Grund zu glauben, daß ſie von ſeiner Gerechtigkeitsliebe, ſelbſt von ſeinem Vatergefuhle nichts erlangen koͤnne, doch von ſeiner Liebe zur Selbſterhal⸗ tung, von ſeiner bekannten Vorſicht, und ganz beſonders von dem Anerbieten, ihm das Thurm⸗ haus zu uͤbergeben, hoffte ſie mit Zuverſicht auf einen gluͤcklichen Erfolg. Aus der Hef⸗ tigkeit, die Sir Lionel gleich anfangs ge⸗ zeigt, ſchloß ſie, daß er die Vortheile nicht reif⸗ lich erwogen habe, die ihm aus der vorge⸗ ſchlagenen Verbindung erwachſen mußten, und wenn ſie die große Verantwortlichkeit bedachte, — 184— die er durch den Mißbrauch ſeiner Gewalt ge⸗ gen ſeinen Muͤndel auf ſich geladen, ward ſie ſeinetwegen faſt nicht weniger beſorgt, als we⸗ gen Cecils und ihrer ſelbſt; und um ſo inni⸗ ger wuͤnſchte ſie deshalb, daß er die vorge⸗ ſchlagenen Bedingungen annehmen, und dadurch ſich ſelbſt Sicherheit gewinnen, ſie und Cecil aber ganz glucklich machen moͤchte. Sie hielt es unmoͤglich, daß er fortfahren konne, ſich ih⸗ ren Wuͤnſchen zu widerſetzen, wenn es ihr nur gelang, ihm alle dieſe Vortheile in ein klares Licht zu ſetzen. In dieſem Glauben verlaͤngerte ſie die Geduld, mit der ſie ſeine Ruͤckkehr er⸗ wartet hatte, obgleich dieſe nun ſchon bedeu⸗ tend uͤber den anfaͤnglich dazu beſtimmten Tag verzoͤgert war. Als aber einer der Diener, welche Cecil nach London begleitet hatten, zu dem Thurm⸗ hauſe zuruͤckkehrte, und ſie jetzt das ſchaͤndliche Komplott erfuhr, das gegen deſſen Leben ge⸗ ſchmiedet worden, und daß er als Gefangener in London zuruͤckgeblieben, da ſchien die Nach⸗ richt jene ungemaͤßigte Hitze auf's Neue her⸗ vorrufen zu wollen, der ſie fruͤher unterworfen geweſen. Liebe, Kummer, Zorn und Abſcheu be⸗ ſtuͤrmten ihren Buſen zu gleicher Zeit; in dieſem Widerſtreit der verſchiedenen Leidenſchaften konnte ſie ihrem Herzen nur durch wiederholtes Ge⸗ ſchrei Luft machen, bis ihre Natur ſh erſchoͤpfte, und ſie in Ohnmacht fiel. Als ſie wieder zu ſich kam, war der Anfall unbegrenzter Heftig⸗ keit verſchwunden, und ſie hatte ihre Selbſtbe⸗ herrſchung wiedergewonnen; aber dennoch blieb ſie tief erſchuͤttert, und dies um ſo mehr, da ihre Ruhe ihr geſtattete, die ganze Groͤße ihres Elends zu uͤberſehen, von dem keine Erloͤſung moͤglich ſchien. Tauſend Mal klagte ſie ſich, mit ſtets vermehrten Selbſtvorwuͤrfen an, die urheberinn von Cecils Einkerkerung, vielleicht von ſeinem Tode, zu ſein. Das Bekenntniß ihrer Liebe fuͤr ihn hatte Sir Lionel zu dieſem ſchrecklichen Schritte getrieben; ſie war es ge⸗ weſen, die ihn die ketzeriſchen Grundſaͤtze ge⸗ lehrt, wegen derer er jetzt angeklagt ſtand; ſie hatte ihm das Buch gegeben, deſſen Beſitz das Verderben auf ſein Haupt herabrufen konnte. Ihre eigene Unſchuld an den trauri⸗ gen Folgen, die Reinheit ihrer Abſichten bei ihren Handlungen, vermochten nicht, ihr Troſt zu gewaͤhren. Sie war Schuld an dem Tode ihres Geliebten. Dieſer Gedanke erfuͤllte ſie bis zum Wahnſinne, und peinigte ihr Gewiſſen mit Vorwuͤrfen, gegen die ſie keine Linderung kannte. Plotzlich ſtieg die Hoffnung in ihr auf, daß es noch Zeit ſei, ihn zu retten— daß ihre = 255— Dazwiſchenkunft ſelbſt jetzt noch ſein Schickſal aͤndern koͤnne. Sie klagte ſi ch ſelbſt an, dies nicht fruͤher bedacht zu haben, ſie ſprang em⸗ por mit dem Vorſatze, nach London zu eilen, und ihr eigenes Leben zum Opfer zu bieten, ſollte ſie das Cecils dadurch retten koͤnnen. Sie wollte ſich dem Koͤnige zu Fůͤßen werfen, und Gnade erflehen— ſie wollte zeigen, wie groß ihr eigener Antheil an dem Verbrechen ſei, deſſen ihr Geliebter angeklagt worden— wollte alle die ſchaͤndlichen Raͤnke entdecken, de⸗ ren Opfer er war, ſo wie die Niedrigkeit der Abſichten, aus denen ſie entſprungen.— Die Ueberlegung eines Augenblickes aber reichte hin, ſie zu uͤberzeugen, daß ein ſolcher Schritt fuͤr ſie mit der aͤußerſten Gefahr verbunden ſein mußte. Nach den Antraͤgen, die der Kd⸗ nig ihr durch Dudley hatte machen laſſen, konnte ſie glauben, daß ihr Anblick ſeine Lei⸗ denſchaft aufs Neue beleben werde; in dieſem Falle hieß: Cecil ihren Geliebten nennen, eben ſo viel, als: das Uurtheil ſeines Todes mit ei⸗ genem Munde ausſprechen, denn Er, von dem man ſagte, daß er ein Weib nie ſeiner Luſt, einen Mann nie ſeiner Wuth ſpare, konnte da, wo dieſe beiden Leidenſchaften ſich vereinigt zeigten, unmoͤglich gegen ſie und Cecil Gnade uͤben. Sogar wenn ſie die Verſchworung ge⸗ — gen Cecil zu enthuͤllen ſtrebte, ohne ſich ſelbſt dem Kdͤnige zu zeigen, wie vermochte ſie dies, ohne ihren Vater der dringendſten Gefahr aus⸗ zuſetzen? durfte ſie in der Sorge fuͤr Cecil ſo weit gehen, daruͤber ihrer eigenen Verwandten zu vergeſſen? durfte ſie einen Vatermord bege⸗ hen, um ihren Geliebten zu retten? Selbſt wenn ein glucklicher Erfolg dieſen verbrecheri⸗ ſchen Vorſatz kroͤnte, durfte ſie dann in Cecils Armen auch nur einen Augenblick wahrer Ruhe und Zufriedenheit erwarten, nachdem ſie den urheber ihres Lebens auf dem Altare der Liebe geopfert hatte?— Ol nein! nein! nein!— ſie ſchauderte zuruͤck vor dem ſchrecklichen Ge⸗ danken, und verwarf ihn ohne Zoͤgern. Obgleich es unmoͤglich ſchien, Cecils Leben zu retten, obgleich alles die eitle Hoffnung ver⸗ warf, daß es ihr je vergoͤnnt ſein werde, ſich noch in dieſer Welt des Gluͤckes an ſeiner Seite zu erfreuen, ſo konnte ſie doch wenigſtens ſein Schickſal theilen, und gemeinſchaftlich mit ihm in jenes Leben hinuͤbergehen. Dieſem Schritte widerſtritt keine Pflicht; zu ihm fuͤhlte ſie ſich mit jedem Pulsſchlage ihres Herzens unwiderſtehlich hingezogen. Sie konnte Cecil die Stunde ſeines Todes dadurch erleichtern, und ihr ſelbſt war es ein ſuͤßer Gedanke, ihn zugleich mit ihm zu erdulden. Sie wollte ihre — 188— Theilnahme an all ſeinen Ketzereien eingeſtehen, und darauf dringen, gleiche Strafe mit ihm zu erhalten. Kaum hatte ſie dieſen Entſchluß ge⸗ faßt, als ſie auch mit ihrer gewoͤhnlichen — und Feſtigkeit an deſſen Ausfuͤhrung ging. Selbſt der Lady Fitzmaurice ſagte ſie nichts von ihrem Vorhaben, da ſie fuͤrchtete, daß dieſe ihr abrathen werde, ſondern befahl dem alten Diener, der ſie von London begleitet hatte, die Pferde heimlich bereit zu halten. Unbemerkt uͤbergab ſie ihm einen kleinen Man⸗ telſack mit den nothwendigſten Reiſebeduͤrfniſ⸗ ſen und einer hinreichenden Menge Geld, ver⸗ ließ das Thurmhaus, und eilte in der— auf London vorwaͤrts. Am Abende deſſelben Tages, als ſie ſich mit ihrem Gefäͤhrten berieth, wo ſie anhalten ſollten, um den Pferden Ruhe und Erfriſchung zu gonnen, kam ihnen einer von den Dienern Sir Lionels entgegen. Er ritt gegen ſie her⸗ an, ſagte, daß er von London komme, und ei⸗ nen Brief mit ſich bringe, welchen er den ſtrengſten Befehlen nach nur der Miß Fibmau⸗ rice ſelbſt einhaͤndigen ſolle. Dies war Einer von denen, welche Cecil nach London begleite⸗ ten; der Lieutenant des Towers hatte erfahren, daß er nach Somerſetſhire zuruckgehe, und ihm Cecils Brief an Beatrix anvertraut, ſich ſeiner — 189— Treue durch ein bedeutendes Geſchenk verſichernd. Mit zitternder Hand erbrach Beatrix das Sie⸗ gel, mit gepreßtem Herzen las ſie den betruͤ⸗ benden Inhalt des Schreibens. Der Eindruck, den er auf ſie hervorbrachte, war nicht minder ergreifend, als der bei der erſten Nachricht von Cecils Mißgeſchick, doch aͤußerte er ſich nicht mit gleicher Heftigkeit. Bis jetzt hatte die eitle, unbeſtimmte Hoffnung ſie aufrecht erhalten, daß ihre Gegenwart eine Aenderung in dem Schickſale ihres Geliebten hervorzubringen ver⸗ moͤge, obgleich ſie nicht wußte, welche; in je⸗ dem Falle aber hoffte ſie auf den Troſt, mit ihm gemeinſchaftlich ſterben zu koͤnnen. Doch jetzt, als ſie ſah, daß es zu ſpaͤt, daß alles vorbei ſei— jetzt ſchien ihre Kraft plotzlich zu erliegen, ihr Herz zu brechen. Der Brief ent⸗ fiel ihrer Hand, die Farbe wich von ihren Wangen, ihre Augen ſchloſſen ſich, und ſie ſank in Ohnmacht; ſie wuͤrde vom Pferde ge⸗ fallen ſein, hätte ſie nicht ihr Diener, der ihr uebelſeyn bemerkte, gehalten. Mit Huͤlfe des anderen Dieners ward ſie vom Pferde gehoben, und auf das Gras ge⸗ legt; dann aber betrachteten Beide ſie mit der groͤßten Verwirrung, und wußten nicht, welche Mittel zu ergreifen, ſie ins Leben zuruͤckzurufen. Nach einiger Zeit ſtieß ſie indeſſen einen tiefen — 190— Seufzer aus, und gewann allmaͤhlig ihre Sinne wieder. Ihre erſte Frage war dann, was aus dem Briefe geworden ſei. Mehrmals uberlas ſie dieſen, als ſie ihn wieder erhalten, ſchweigend, ohne eine Thraͤne zu vergießen, oder ſonſt ein Zeichen tiefer Betruͤbniß zu ge⸗ ben; denn gaͤnzliche Verzweiflung hatte ihr fuͤr einen Augenblick die großte Ruhe gegeben. Nach einer kurzen Berathung mit ihren ei⸗ genen geſchwaͤchten Gedanken gebot ſie Sir Lionels Diener, ſeine Reiſe fortzuſetzen; dann beſtieg ſie ihr Pferd wieder, und ſagte ihrem eigenen Bedienten, daß ſie nach Bath wolle, von wo ſie nicht ſehr weit entfernt waren. Hier eilte ſie zu einem Nonnenkloſter, das ſie einſt mit Lady Fitzmaurice beſucht hatte; eine arme Verwandte derſelben war hier Nonne. Beatrix ſprach mit der Superiorinn, und ſagte ihr, daß ſie mit der Abſicht komme, das Ge⸗ luͤbde abzulegen, und als Nonne den Schleier zu nehmen.„Ach, meine Schweſter,“ erwie⸗ derte die Priorinn,„Ihr ſeid uns willkommen, ſo lange wir ſelbſt noch ein Obdach haben, unſer Haupt zu bergen. Bisher ſind wir noch verſchont worden, weil unſere Einkuͤnfte zu ge⸗ ring ſind, um die Habſucht zu reizen; aber die Zerſtoͤrungswuth iſt einmal gegen die hei⸗ ligen Stiftungen ausgebrochen, und wie lange — 191— wir ihr noch entgehen werden, iſt allein dem bekannt, deſſen demuͤthige Dienerinnen wir ſind.“ „Wenigſtens koͤnnt Ihr mir fuͤr den Augen⸗ blick eine Zufluchtsſtaͤtte bieten, ehrwuͤrdige Mutter,“ ſagte Beatrir,„bis ich jenes unwi⸗ derrufliche Gelubde abgelegt habe, das fuͤr ewig jeden Bewerber um meine Hand zuruͤckweiſt. Meine Hoffnungen ſind begraben; mein Herz iſt gebrochen; ich habe meine Rechnung mit dieſer Welt abgeſchloſſen. Ich bin die ver⸗ lobte Braut eines Mannes, der meiner im Himmel wartet, der—“ Ihr Herz brach, indem ſie Cecils gedachte; bei dem Gedanken, ihm im Himmel verbunden zu werden, gab ſie ſich ihrer Hoffnungsloſig⸗ keit ohne Ruͤckhalt hin. Ihr Haupt ſank an den Buſen der Aebtiſſinn; dann ſeußte ſie zwei oder drei Mal tief auf, und fand endlich in einem Strome von Thraͤnen Erleichterung. Die Aebtiſſinn gewährte all ihren Wuͤnſchen willige Erhoͤrung. Beatrix nahm ſogleich den weißen Novizenſchleier, und begann die Vor⸗ bereitungsuͤbungen, welche den angehenden Non⸗ nen vorgeſchrieben ſind. Aengſtlich war ſie be⸗ muͤht, ſich ſo bald als moͤglich zur Ablegung des Eides wuͤrdig zu zeigen, und von einer Welt Abſchied zu nehmen, die ſie jetzt verab⸗ ſcheute. Ihre tgliche, faſt ihre ſtuͤndliche Be⸗ — 192— ſchaͤftigung war es, Cecils Brief zu uͤberleſen, daß die Großherzigkeit ſeiner Gefuͤhle, welche ſich in demſelben deutlich ausſprach, ſie in ihrem Vorſatze beſtaͤrkte, und ſie durch die Ausſicht troͤſte, im Himmel mit ihm vereinigt zu wer⸗ den. Im Vergleiche mit ihm ſchienen ihr jetzt alle Maͤnner zur Unbedeutendheit herabzuſinken. So zart, und doch ſo muthig; ſo milde bei den Leiden Anderer, und doch ſo kraͤftig bei Ertragung eigener; ſolche Sanftmuth mit ſol⸗ cher Herzhaftigkeit verbunden; ſolche Weich⸗ heit bei ſolcher Hochherzigkeit! wo, wo durfte ſie hoffen, auf dieſer Erde Einen zu finden, der ſolche Eigenſchaften in ſich vereinigte? und wann, wann konnte ſie den gluͤcklichen Tag erwartend, er ſie in den Himmeln mit ihm zu⸗ ſammenfuͤhrte? S So mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt, beide Haͤnde, von denen eine Cecils Brief hielt, auf dem Buſen gekreuzt, ging ſie Abends mit den Nonnen in die Thaͤler um Bath, wohin die Aebtiſſinn ſie zu fuͤhren pflegte, damit ſie ſich der Kuͤhle nach der Hitze des Tages erfreuten. Der kleine Zug ward durch mehrere Edelfraͤu⸗ lein vergroͤßert, die ihr zur Vollendung der Erziehung anvertraut waren, und die ganze Geſellſchaft zerſtreute ſich in dem Schatten ei⸗ ner Gruppe herrlicher Baͤume, hier und dort, — 193— auf verſchiedene Weiſe beſchaͤftigt, Platz neh⸗ mend. Einige hatten ihre Rocken zum Spin⸗ nen mitgebracht, andere arbeiteten an kleineren Stickereien, und die Mehrzahl der Seſ⸗ ſchaft ſang die Vesper⸗Hhmnen. Beatrix hatte ihre Augen auf die Sonne geheftet, welche hinter prachtvollen gold⸗ und pur⸗ purgemiſchten Wolken unterging. Mehrere kleinere Wolkenmaſſen, herrlich gefaͤrbt, ſchwammen ſeitwaͤrts an dem Horizonte dahin, und ſie waͤhnte in ihrer lebhaften Einbildung, daß Cecil eines uͤberirdiſchen Gluͤckes theilhaftig, von einer dieſer himmliſchen Inſeln auf ſie herabblicke, da ward ſie plotzlich durch eine unruhige Bewegung unter ihren Gefaͤhrtinnen geſtort. Einige derſelben liefen haſtig an ihr voruͤber, um der Annaͤherung eines Fremden auszuweichen. Als Beatrix ſich umſahe, die urſache des Schreckens zu erſpaͤhen, erblickte ſie eine Geſtalt, welche eilig auf ſie zugelau⸗ fen kam, und einen Augenblick ſpaͤter ſank ſie mit einem lauten Schrei des Entzuͤckens ihrem Geliebten ohnmaͤchtig in die Arme. Es war wirklich Cecil Hungerford, der, durch die Vorſtellungen des Sir Thomas Crom⸗ well begnadigt, nach Somerſetſhire geeilt war. Hier hatte er durch den entlaſſenen Diener Bea⸗ trix Vorſatz erfahren, und war nach Bath ge⸗ IV. 13 — 194— flogen, die Ablegung ihres Geluͤbdes zu ver⸗ hindern, und ſie als ſein Weib zuruͤckzu⸗ fordern. Wir uͤberlaſſen die glucklich Liebenden ihrem Entzuͤcken, um einen zweiten Grund ihres un⸗ erwarteten Zuſammentreffens zu erklaͤren, und einiger anderer Perſonen unſeres kleinen Wer⸗ kes zu erwähnen, ehe wir von dem guͤtigen Leſer den letzten Abſchied nehmen⸗ Wir fuͤrchten ohnedies, daß man finden wird, wir vernachlaͤſſigten Dudley, der in dem Anfange unſerer Erzaͤhlung eine ſo bedeutende Rolle ſpielte, gegen das Ende derſelben zu ſehr. Wir verließen ihn als eifrigen Hofmann, und hier ſetzte er ſich ſo ſchnell in der Gunſt des Koͤnigs feſt, daß er zu allen Banketts und Hoffeſten eingeladen ward. Bei einer ſolchen Gelegenheit ward er durch die Erſcheinung einer neuen Schonheit in maͤchtiges Erſtaunen ver⸗ ſetzt. Sie ſchwaͤrmte unter den Damen um⸗ her, welche des Koͤnigs Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken ſtrebten, und trug eine fantaſtiſche franzoſiſche Kleidung, die Dudley herrlich und von trefflichem Geſchmacke nannte, die Andere aber uͤbertrieben fanden. Sie war hoch und ſchoͤn gewachſen, hatte glaͤnzend ſchwarze Locken, und lebhafte braune Augen, die ſie ohne Aufenthalt umherrollen ließ, ſobald ein neuer, der Beach⸗ — 195— tung werther Gegenſtand ihr auffiel. Ihr Weſen verrieth ein leichtes Geſchoͤpf, unbekannt mit der Umgebung, und erfreut uͤber alles, was ſie ſahe. Ihr Betragen zeugte uͤbrigens von jenem Anſtande, jener Wuͤrde, die Dud⸗ ley ſtets bewundert hatte, und er fuͤhlte ſich um ſo mehr gedrungen, nach ihrem Namen zu fra⸗ gen, da er ſich uͤberzeugt hielt, ſie ſchon fruͤher geſehen zu haben, obgleich er nicht wußte, wo. Des Leſers Erſtaunen kann das ſeine nicht uͤbertreffen, als er erfuhr, daß dies Niemand anders ſei als ſeine Verlobte, die phlegmatiſche Miß Pohns von Beckhampton⸗Hall, die ihre Mutter, wahrſcheinlich aus beſſerer Kenntniß ihres wahren Charakters„ein gutes Theil zu frohlich und lebhaft“ genannt hatte, obgleich er ſelbſt ſie fuͤr wenig beſſer, als eine menſch⸗ liche Maſchine gehalten. Unter allen ſeinen puͤnktlichen Einrichtungen hatte Sir Poyns vergeſſen, den Tag zu beſtim⸗ men, an welchem der Tod ihm ſeinen Beſuch in Beckhampton⸗Hall abſtatten wuͤrde. Er hatte ſich aber entſchloſſen, in dem Michaeli⸗ Vierteljahre zu ſterben, weil auch ſein Vater dies gethan, und war deshalb mehr uͤber die Unregelmaͤßigkeit, als uͤber die Natur aufge⸗ bracht, als dieſe ihn am St. Helenen⸗Tage abrief, grade als er die Rechnung in ſeinem 13* —— Haushaltsbuche abſchloß. Der Tod kuͤmmerte ſich indeſſen nicht um die eingefuͤhrte Ordnung, ſondern nahm ſeine Beute in Empfang. So⸗ bald Miß Poyns die Trauer abgelegt, folgte ſie der Einladung einer Tante, ſie in London zu beſuchen. Die Tante kannte die perſoͤnlichen Reize ihrer Nichte, und hoffte mit Huͤlfe der⸗ ſelben dieſe zu erheben, und ihr eigenes Ver⸗ moͤgen zugleich zu vermehren. Am Hofe war beſtaͤndig eine Anzahl junger Schoͤnheiten, welche es wohl wußten, daß der Koͤnig die fruͤhere Gattinn nicht lange ſchonen wuͤrde, ſobald ihm nach einer neuen verlangte, und die emſig nach der Koͤnigswuͤrde ſtrebten, mochte dieſe auch immerhin mit einem kurzen Leben verbunden ſein. Entſchloſſen, der Nichte eine eben ſo glaͤnzende Ausſicht zu eroffnen, als alle die Ue⸗ brigen hatten, bildete und kuͤnſtelte die Tante an ihr herum, wie ſie es am zweckmaͤßigſten hielt, und gab ihr deshalb franzoſiſche Klei⸗ dung, eben ſo auffallend im Schnitte, wie im Stoffe. Sie fand an ihrer Nichte eine willige und gelehrige Schuͤlerinn, in deren Gemuͤth ein kurzer Aufenthalt an dem Hofe einen Eindruck hervor⸗ brachte, welcher dem, den Beatrix empfangen, grade entgegen geſetzt war, weil die moraliſchen Ei⸗ genſchaften, auf welche er wirkte, ſich eben⸗ falls entgegengeſetzt waren. Die ſtrenge Zuruͤckgezogenheit, in welcher Miß Poyns ſo lange Zeit gehalten worden, machte, daß ſie, von dieſen Feſſeln befreit, ſogleich zu dem andern Extreme uͤberging. Sie tobte in der plotzlich wiedererlangten Freiheit wild umher. Sie hatte nur wenig Verſtand, und noch weniger Gefuͤhl, und fand ſich daher durch die Sitten und Gebräuche vom Hofe we⸗ der empoͤrt noch zuruckgeſtoßen, ſondern betrach⸗ tete es ſogar als die hoͤchſte menſchliche Gluͤck⸗ ſeligkeit, und erfreute ſich ihres neuen Lebens mit um ſo groͤßerem Entzuͤcken, wenn ſie an ihr fruͤheres dachte, dem ſie kaum erſt ent⸗ ronnen. Sie war, um es kurz zu ſagen, ein herr⸗ liches Modeweib, nicht weniger durch ihre kor⸗ perlichen Reize, als durch ihre Kleidung, und die Lebhaftigkeit ihres Betragens ausgezeichnet. Mehr verlangte Dudley nicht von einer Frau, und er glaubte daher, daß er jetzt doch wohl noch die Verpflichtung loͤſen koͤnne, die ſein Vater ihm auferlegt hatte, kurz, daß er ihr ſeine Hand bieten duͤrfe, beſonders, da er ge⸗ gen ihr bedeutendes Vermoͤgen nie eingenom⸗ men geweſen war, und jetzt nichts mehr an ihr auszuſetzen fand, als den Namen Brigitte — 198— Sie hatte lange genug vor dem Koͤnige para⸗ dirt, um ihre Tante zu uͤberzeugen, daß keine Hoffnung vorhanden ſei, ſie werde jemals auf den Thron gelangen, und ſie gab daher, da Dudley in des Koͤnigs Gunſt hoch ſtand, und vielleicht zur Erreichung ihrer eigenen Wuͤnſche beitragen konnte, ihre Einwilligung zu der Verbindung. Sie wurden deshalb vermahlt, und lebten noch ferner an dem Hofe. Hier zeichneten ſie ſich beſtändig durch die Neuheit und den Reichthum ihrer franzoͤſiſchen Kleidung, die Trefflichkeit ihrer franzoͤſiſchen Gerichte, ihre fremden Livreen, und die franzoͤſiſche Einrich⸗ tung ihres ganzen Haushaltes aus. Die Ober⸗ aufſicht uͤber denſelben erhielt Peter, als Haus⸗ hofmeiſter, und dieſer fuhr beſtaͤndig fort, fran⸗ zoͤſiſche Balladen zu ſingen, luſtige Streiche zu machen, Geſichter zu ſchneiden, den Mädchen unter das Kinn zu faſſen, und dann und wann einen alten, wohlbeleibten Diener zu ergreifen, um ihn im unfreiwilligen Walzer um und um zu drehen. Stimmte dies auch wenig zu der Wuͤrde ſeines Amtes, ſo war es doch der gan⸗ zen Natur ſeines Weſens zu ſehr angemeſſen, als daß er es zu laſſen vermocht haͤtte. Sir John ſicherte ſich die Gunſt ſeines lau⸗ nigen, wankelmuͤthigen Gebieters, indem er es zu ſeinem Grundſatze machte, in Sachen der —— Politik, der Religion, oder in allen anderen Dingen, nie eine eigene Meinung zu haben, ſobald dieſe von der des Koͤnigs abgewichen ſein wuͤrde, und der Monarch uͤberhaͤufte ihn zum Lohne dafuͤr nach und nach mit den hoch⸗ ſten Wuͤrden. Sanders, der Geſchichtſchreiber der Reformation, verſichert, daß Heinrich, als er alt und muͤrriſch ward, die, welche ſei⸗ nen Stuhl dem Feuer naͤher ruͤckten, mit Kir⸗ chen⸗Pfruͤnden und Guͤtern geiſtlicher Stif⸗ tungen beſchenkte; und Fuller ſagt in ſeiner Kirchengeſchichte, er habe einſt einer Frau, die ſeinen Gaumen durch ein neues Gericht zu kitzeln wußte, ein geiſtliches Gebaͤude von be⸗ deutendem Werthe geſchenkt. Den Rathſchlaͤ⸗ gen ſeines liſtigen Freundes, Jack Dudley, ſtets folgend, und ſich in die Launen ſeines Gebieters fugend, erhielt Sir John nicht nur einen bedeutenden Theil von der Beute, die ſo unverantwortlich verſchwendet ward, ſondern wurde auch nach und nach zum Baron Mal⸗ pas, Viscount Liöle, Graf von Warwick und Lord Großadmiral auf Lebenszeit ernannt. Mit gleicher Vorſicht und Klugheit fuhr er auch nach des Koͤnigs Tode zu handeln fort, und ſah ſich zum Lord Marſchall von England, und endlich zum Herzoge von Northumberland er⸗ hoben. Als aber Eduard VI. ſtarb, ſpielte —— ſein alter Freund, Jack Dudley, ihm einen boͤſen Streich, indem er ihm rieth, Lady Jo⸗ hanna Gray, welche ſeinen vierten Sohn ge⸗ heirathet hatte, zur Koͤniginn von England aus⸗ zurufen. Als dies Unternehmen ſchnell ein ungluͤckliches Ende erreichte, ward er ergriffen, verurtheilt, und im Tower enthauptet. So folgte er doch endlich noch dem Beiſpiele ſeines Vaters, obgleich er ſich ſo oft verſchworen, es nicht zu thun, und ward ohne ſeinen Kopf beerdigt, trotz ſeiner innigſten Ueberzeugung des Gegentheiles. Durch die Nachricht von Sir Lionels Tod in den tiefſten Kummer geſtuͤrzt, eilte Lady Fitzmaurice, ſobald ſie die traurige Kunde vernommen, zu dem Schlachtfelde.„Hilf Himmel! hilf Himmel!“ rief ſie waͤhrend des Weges mehrmals aus,„ſagte ich ihm nicht immer, daß er endlich von der Hoͤhe herabſtuͤr⸗ zen wuͤrde, wenn er nie aufhoͤre, zu ſteigen?“ Sie ſchuͤtzte die ſterblichen Reſte ihres Gat⸗ ten gegen Beſchimpfung, ſorgte fuͤr ein anſtaͤn⸗ diges Begraͤbniß, und ſetzte ihm ein pracht⸗ volles Denkmal mit der Inſchrift:„Hier liegt der tapfere Sir Lionel Fitzmaurice, gefallen in der Schlacht von—“ und nun folgte eine lange Erzaͤhlung, in welcher das treue Weib ſo viel als moͤglich die Wahrheit zu ſagen ſtrebte, und doch alles ſorgfaͤltig vermied, was ihren Gatten noch im Grabe mit Schande be⸗ laſten konnte. Waͤhrend ſie hiemit beſchäftigt war, machte ihr ein Nachbar Vorwuͤrfe, daß ſie alle dieſe Zeichen der Achtung und Licbe an das Andenken eines Mannes verſchwende, der ihrer innigen Neigung ſo wenig werth geweſen ſei.„Theures Herz! theures Herz!“ erwi⸗ derte ſie,„was wolltet Ihr, daß ich thun ſollte? Iſt iſt nicht ein Eid ein Eid? und ſchwor ich nicht am Altare, ihn im Boͤſen und im Guten zu lieben und zu ehren, bis der Tod uns von einander trennen wuͤrde? Nie gab ich die Hoff⸗ nung auf, ihn der Tugend und Religion wie⸗ der zu gewinnen, nie vergaß ich, daß er einſt ſanft, gut, und liebevoll war. Er war der Erſte, der mein Herz gewann, und ſoll er es nicht bis zum Ende behalten?— Ach, Nach⸗ bar, Nachbar, koͤnntet Ihr die ganze Vergan⸗ genheit vor Euch ſehen, wie ich es jetzt thue, — wie wir in dem kleinen Garten bei einan⸗ der ſaßen, und das Murmeln des Waſſers, das Rauſchen der Eſchen, der Geſang der Droſſel—“ die Thraäͤnen rannen ihr uͤber die Wangen, indem ſie ſprach; ihr Nachbar ver⸗ mochte zwar nicht, ihren Kummer mitzufuhlen, aber er machte ihr doch wenigſtens keine Vor⸗ wuͤrfe mehr daruber. —— Nachdem eine hinreichende Zeit ſeit dem Tode Sir Lionels verfloſſen, feierten Beatrix und Cecil ihre Vermählung, mit großer Pracht und vielen Feſtlichkeiten. Die Gebete, welche zu dem Himmel aufſtiegen, ihr Gluͤck zu erfle⸗ hen, waren herzlich und aufrichtig, und es ſchien, als ſolle all ihr fruͤheres Leiden durch eine ungeſtorte Gluckſeligkeit verguͤtet werden. Sie ſuchten dieſe zu verdienen, indem ſie den Geboten eines reineren, gelaͤuterten Chriſten⸗ thumes eiftig Folge leiſteten. Der Einfluß deſſelben war bei Beiden ganz verſchieden; bei Cecil diente es nur dazu, ſeine natuͤrliche Lie⸗ benswuͤrdigkeit und Milde zu erhoͤhen, und bei Beatrir war es zuweilen nothig, jene unge⸗ regelte Heftigkeit zu mildern, die ihr noch von ihrer Jugendzeit anhing, und zu deren Aus⸗ rottung es der vereinten Macht der Zeit und Religion erforderte. Endlich aber erreichte ſie das große Ziel ihres Strebens— ihres Gat⸗ ten in jeder Hinſicht wuͤrdig zu ſein. Als Cecil zum Beſitze ſeines vaͤterlichen Ver⸗ moͤgens gelangt war, ließ er es ſeine erſte Sorge ſein, alles, was Sir Lionel durch Raͤnke und Betrug an ſich geriſſen hatte, ih⸗ ren fruͤheren Eigenthuͤmern oder deren Familien zuruͤckzugeben, und zugleich ſchrieb er an den Koͤnig, um ihn zu bitten, die Laͤndereien, 1 — 203— welche Sir Lionel durch die Aufhebung der Abtei erhalten, zuruͤckgeben zu duͤrfen, da ſie nur durch falſche Angaben erlangt worden waͤren. „Nun, bei St. Maria,“ ſchrie der Koͤnig, nachdem er den Brief geleſen,„Jjetzt glaube ich doch, daß Sir Lionel Recht hatte, und daß dieſer Juͤngling in Wahrheit ein Narr iſt. Es giebt Schelme genug, die mich wegen ſol⸗ cher Guͤter gepeinigt haben, aber Maſter Hun⸗ gerford iſt der erſte Thor, welcher ſich erbietet, ſie mir wieder zuruͤckzugeben.“ Das Thurmhaus bot Cecil, als der Schau⸗ platz ſo unzähliger Leiden, zu viel traurige Ruͤckerinnerungen, um es auch fuͤr die Zu⸗ kunft noch zu ſeinem Aufenthaltsorte zu waͤh⸗ len. Er entließ alle die Abenteurer, welche Sir Lionel um ſich verſammlet hatte, und richtete ſeinen Haushalt ordentlicher ein. Dann zog er nach Farleigh⸗Caſtle, wo Lady Fitz⸗ maurice die alleinige Aufſicht uͤber alles er⸗ hielt, was zu der innern Wirthſchaft gehoͤrte. Durch ihre Sparſamkeit ward Cecil in den Stand geſetzt, den alten Glanz ſeiner Familie beizubehalten, ohne die ausgedehnte Wohlthä⸗ tigkeit, welche das Entzuͤcken ſeines Herzens machte, deshalb beſchraͤnken zu muͤſſen. Hier erfreute ſich die gute Lady Fitzmaurice in ih⸗ — 20 4— ren ſpaͤteren Tagen eines Gluͤckes, einer Ru⸗ he, die ihr in ihrem fruͤheren Alter fremd ge⸗ blieben waren. Selten nur ward ſie hierin geſtoͤrt, ausgenommen, wenn ſie Sir Lionels Grab beſuchte; dann erinnerte ſie ſich jedes Mal mit Thraͤnen an des Muͤllers Garten, Murmeln des Waſſers, das Rauſchen der Eſche, und den Geſang der Droſſel. Cecil nahm ſeinen beſtaͤndigen Aufenthalt zu Farleigh⸗Caſtle, und da ſowohl er als Beatrix feſt entſchloſſen waren, London nie wie⸗ derzuſehen, verkaufte er das Haus, welches ſeine Familie daſelbſt, an den Ufern der Themſe, nicht weit von dem Dorfe Charing entfernt gelegen, ſeit geraumer Zeit beſeſſen hatte. Ein anderer Hungerford kaufte es, und bei deſſen Nach⸗ kommen blieb es bis zu den Zeiten Karls II. Dann riß Sir Edward Hungerford es nieder und baute mehrere kleinere Haͤuſer, ſo wie ein Marktgebaͤude an deſſen Stelle. An der Nordſeite des Marktgebaͤudes ließ er, um das Andenken der Familie zu erhalten, ſeine Buͤ⸗ ſte, in Stein gehauen, ſetzen. Beſtaͤubt und beſchmutzt ſteht ſie dort noch jetzt, doch We⸗ nige werfen einen Blick auf ſie, und noch Wenigere denken dabei des tapferen Ritters, den ſie darſtellt, und deſſen Name der angren⸗ zende Marktplatz noch jetzt traͤgt. kuchen, Backwerk und Saffrankuchen, hing Von Andern nach ſich ſelbſt urtheilend, und deshalb eine grauſame Rache fuͤrchtend, floh der Doctor Wrench in die tiefſte Verborgen⸗ heit, ſobald er hoͤrte, daß Cecil in alle ſeine Rechte wieder eingeſetzt ſei. Cecil aber ent⸗ deckte ſeinen Zufluchtsort, und ſandte ihm nicht nur die Verſicherung ſeiner Verzeihung zu, ſondern ſetzte ihm auch eine jaͤhrliche Sum⸗ me zu ſeinem Unterhalte aus, von der er ohne Sorge leben konnte. Er erfreute ſich dieſer Wohlthat jedoch nicht lange. In allen ſeinen Hoffnungen bitter getaͤuſcht, fing ſeine Geſundheit bald an, zu wanken, und nach kurzer Zeit ſtarb er, im tiefen Seelenleiden in das ſchrecklichſte Elend geſturzt. Bis auf die Kleidung gänzlich unveraͤndert, denn er legte die Moͤnchskutte ab, fand Bru⸗ der Franz in Farleigh⸗Caſtle eine Zu⸗ fluchtsſtätte. Alle ſeine Gewohnheiten und Beſchaͤftigungen behielt er hier ungeſtoͤrt bei. Er war der beſtaͤndige Friedenſtifter bei allen Streitigkeiten in der Umgegend; ſeine lateini⸗ ſchen Brocken wurden nicht vergeſſen; ſeine Stimme hatte nichts von ihrer Kraft und Tiefe verloren, und ward noch immer fleißig geuͤbt; der Querſack mit ſeinen Pillen, Tro⸗ pfen und Eſſenzen, ſo wie mit ſeinen Honig⸗ — 206— noch immer uͤber ſeine Schulter; und da Ce⸗ cil ihn reichlich mit Silbergroſchen verſorgte, war Bruder Franz in der Nachbarſchaft von Farleigh⸗Caſtle bald eben ſo beliebt, als er es in der des Thurmhauſes geweſen. Indem der Autor ſo von alle Denen Ab⸗ ſchied genommen, mit denen er den Leſer be⸗ kannt gemacht, hofft er auf guͤtige Verzeihung, wenn er auch einige Worte uͤber Cecils aͤlte⸗ ſten Freund, Snowdrop, ſagt. Jetzt, da ſein Herr ſeine Liebe auch edleren Weſen zuwenden konnte, erfreute er ſich deſſen Liebkoſungen nicht mehr ſo ausſchließlich, als fruͤher, aber er war noch immer wohlgelitten, und erdul⸗ dete die gewoͤhnliche Strafe der Hunde, fuͤr ſolche Auszeichnung. Er ward durch zu große Koͤrperfuͤlle gequaͤlt, und die Luft mangelte ihm, ſobald er ſich ſchnell bewegen wollte. Seine Sitten aͤnderten ſich mit ſeinem Gluͤcke. Statt wie ſonſt, mit vorſichtigem Schritte um Cecil herumzuſchleichen, ſchien er ſeinen Platz in Farleigh⸗Caſtle als der Freund des Gebie⸗ ters behaupten zu wollen. Er vergaß zwar ſeine Achtung gegen ſeinen Herrn, nie auch nur fuͤr einen Augenblick, allein er ließ wohl dann und wann nach denen, welche ihn auf ſeiner Matte an dem Feuer beunruhigten, oder ſonſt auf irgend ein Weiſe die kleinen — 207— Plaͤne ſtoͤrten, die er fuͤr ſeine eigene Bequem⸗ lichkeit entworfen. Bei der gaͤnzlichen Aufhebung aller Kloſter fand Cecil uͤberſchwengliche Gelegenheit, ſeiner Wohlthaͤtigkeitsliebe ein Genuͤge zu leiſten. Tauſende von armen Moͤnchen und Nonnen wurden in gaͤnzlicher Huͤlfloſigkeit in eine Welt hinausgeſtoßen, die ſie nicht kannten, und mit deren mannigfachen Widerwaͤrtigkeiten ſie nicht zu kaͤmpfen verſtanden. Viele derſelben fanden in den Mauern von Farleigh-Caſtle eine au⸗ genblickliche oder eine immerwaͤhrende Zuflucht, Andere erhielten außerhalb kleine Unterſtuͤtzun⸗ gen, wieder Andere wurden ihren Verwandten in entfernteren Theilen des Reiches zugeſchickt, und Mehrere endlich erhielten die Mittel, durch eigene Beſchaͤftigung ihren Lebensunterhalt zu ſichern. „Der,“ ſagte Cecil,„muß der beſte Chriſt ſein, der die meiſte Duldung und denen die groͤßte Milde zeigt, welche in ihrer Meinung von ihm abweichen. Ach! wir ſind Alle Kin⸗ der des Irrthums, und Anderen Unrecht zuzu⸗ zufuͤgen, blos aus dem hoͤchſt zweideutigen Grunde, weil wir ſelbſt uͤberzeugt ſind, Recht zu haben, heißt von dem Geiſte im Geſetze Gottes abweichen, um den Buchſtaben aufrecht zu erhalten. Die Sekte, welche Andersglau⸗ —— bende verfolgt, ahmt nur die Fehler ihrer Gegner nach, ſtatt ihnen mit einem beſſeren Beiſpiele voranzugehen. Wenn ihre Widerſa⸗ cher die Macht dazu fuͤhlen, werden ſie Glei⸗ ches mit Gleichem vergelten, und ſo wuͤrde ſich die Welt ewig in einem Kreiſe des Irr⸗ thumes und Elends bewegen. Noch manches Jahr wird dies der Lauf der Welt ſein, aber endlich koͤmmt doch der Tag, an welchem Pro⸗ teſtant und Katholik ſich freundlich die Haͤnde reichen, und ſich aus aufrichtigem Herzen „Bruͤder“ nennen. Wir ſind Alle Kinder e nes Vaters, Unterthanen eines Koͤnigs; laßt uns auch uns ſelbſt als ſolche betrachten, und den fuͤr den Beſten unter uns halten, der das Gebot Chriſti am redlichſten erfuͤllt, und: „Seinen Naͤchſten liebt, wie ſich ſelbſt!“ Ende des vierten und letzten Theiles. ————————— ſſ M m 1 7 8 9 10 11 12 13 14 16 16 17 18 19 8 —