n S in wiſe Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. Seih und eſe geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fan nahme und der Bücher jeden Tag von Morgens rbis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von m Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den an enommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen e bei Entgegennahme Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe i welche bei deſſen Zurückgabe von mir onnenen. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: üf 1 Monat: 1 Mr.— Pf 1V 5 Ff 2 M Pf. 3 Auswärtige ahoninenten haben für Hin⸗ ind Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen miz Kupfern c.) muß der Labenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ ſlorene oder defecte Buch ein Theil eines arößeren Werkes, ſo iſt der ſe Erſatz des Ganzen verpflichtet. b 6. eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird di eſon S darauf aufmerkſam gemacht, daß 6 teeen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Tpurm Pill. Der Thurm Pill Poraz Smith. Verfaſſer von Brambletye⸗Houſe. Wenn ſie in Freud' und Schmerz nicht gleich ſich bliebe, In Glanz und Riedrigkeit, was wär' die Liebe?— Ich weiß und frage nicht, ob Schuld in deiner Bruſt; Was du auch ſeiſt, dich lieb' ich, meine Luſt. ——,—— Nach der zweiten Auflage des Engliſchen uͤberſetzt von Gustav Sellen. Dritter Band. Leipzig, 1827. Bei N Wienbrack. Maret. — — * — — 3 — 5 Gedruckt bei Erſtes Kapitel. Zu trunken biſt du Schuft, um dich zu tödten. Mit deinem ſchlechten Blut dies Si zu röthen, Der Ehre biſt du Schelm nicht werth! Drum, nicht dein ſchuldvoll Leben dir zu enden Streb' ich;— dein Säuferleben nur zu wenden Für eine Zeit, ſei dies gewährt.. Duvleys Wuth war ſo groß, vß er haſtig vorwärts ſchritt, ohne auch nur im Mindeſten daran zu denken, wohin er ſeine Schritte wende. Dabei erſann und verwarf er einen Plan nach dem andern, wie er ſeinen Vetter befreien, und deſſen ſchaͤndlichen Vormund genuͤgend beſtrafen koͤnne. Das Schwert, davon hatte er ſich ſelbſt uͤberzeugt, vermochte wenig gegen den, der entweder eine unuͤberwindliche Waffe beſaß, oder der unſichtbaren Dämonen gebieten konnte, dem Gegner die ſeinige aus der Hand zu win⸗ den, und in die Luͤfte zu ſchleudern. Wollte er rechtliche Wege einſchlagen, ſo hatte Sir Lionel ſelbſt ihm mit wenigen Worten die Schwierigkeiten angedeutet, mit denen er in dieſem Falle zu kaͤmpfen haben wuͤrde. Er fuͤhlte den Mangel der Veweismittel auf ſeiner eigenen Seite, die großere Glaubwuͤrdigkeit auf der ſeines Gegners, und hatte hinreichende urſache, zu furchten, daß Falſchheit, Beſte⸗ chung und Einſchuͤchterung nicht geſpart wer⸗ den wuͤrden, ſollte Sir Lionel ſie fur noͤthig erachten. Sogar wenn Dudley ſich grade an den Konig ſelbſt wenden wollte, was er noch fuͤr das Zweckmäßigſte hielt, ſchien dies, bei naͤherer Betrachtung, nicht ohne Gefahr geſche⸗ hen zu koͤnnen. Außer der Einkerkerung ſeines Vetters, die ſich uͤberdies noch durch die Gei⸗ ſtesſchwaͤche, deren man ihn beſchuldigte, recht⸗ fertigen ließ, hatte er keine gewiſſe oder halt⸗ bare Beſchuldigung. Sir Lionel ſtand, wie man wohl wußte, hoch in der Gunſt des Koͤ⸗ nigs, ſowohl wegen ſeiner Geſtalt, als auch wegen ſeiner Tapferkeit, und ſeiner Gewand⸗ heit und Erfahrenheit in allen ritterlichen Kuͤn⸗ ſten, ſaͤmmtlich Eigenſchaften, die der Koͤnig ganz beſonders ſchaͤtzte. Heinrich, der nicht weniger eigenmaͤchtig als eigenſinnig war, konnte es leicht fuͤr eine Beleidigung anſehen, daß man einen Mann anzuklagen wagte, dem er ſein Wohlwollen geſchenkt hatte, vorzuͤglich, wenn der beabſichtigte Zweck nicht erreicht wer⸗ den konnte. In Traͤumereien dieſer Art verloren, kam Dudley zu dem Hauſe von Mere, einer von den Beſitzungen der Abtei Glaſtonbury. Eine ſchoͤne, reiche Scene lag vor ihm ausgebreitet, welche ſeinem Gemuͤthe die Ruhe hätte wieder⸗ geben muͤſſen, waͤre ſein Geiſt jetzt fuͤr derglei⸗ chen Eindruͤcke empfaͤnglich geweſen. Es war ein warmer, ſchweigender, ernſter Herbſtabend; die untergehende Sonne warf einen goldenen Schein auf die Wellen des kleinen Sees, von welchem der Ort ſeinen Namen hatte; auch das Gehoͤlz, welches ſich in weiterer Ferne allmaͤh⸗ lig erhob, war von ihr beſchienen, aber jeder Zweig, jedes Blatt ſo bewegungslos, und die ganze duftende Gegend mit einer ſolchen Ruhe uͤbergoſſen, daß es ſcheinen konnte, ſie ſei ſo eben in ihren Schlaf fuͤr dieſe Nacht geſunken. Mehrere Teiche, oder kleinere Seen, zeigten rings um den groͤßeren herum Lheile ihrer blitzenden Oberflaͤche, getrennt und untermiſcht mit ſchattigem Gebuͤſche, ſchoͤnen Baumgrup⸗ pen, kleinen Inſeln, und reichen Wieſen, bis es endlich ſchwer ward, die einzelnen Umriſſe zu erkennen, ſo verſchmolz das ſanfte Sonnen⸗ licht alles in einander. Nahe dem ufer des groͤßeren Sees ſtand das Herrenhaus, ein al⸗ terthuͤmliches Gebaͤude, deſſen zahlreiche Zier⸗ rathen von ausgeſchnitztem Holzwerke, einſt ſcharf zugeſpitzt, jetzt aber durch die Zeit abge⸗ ſtumpft und verwittert, deſſen hohe gothiſche Fenſter, deſſen wohlverwahrtes, befeſtigtes und vergittertes Thorhaus, deſſen mit Stroh ge⸗ deckte Giebel daruͤber in Zweifel ließen, ob es ein religioͤſes Gebaͤude ſei, oder der alte Fa⸗ milienſitz eines Edelmannes, oder die Woh⸗ nung eines wohlhabenden Freiſaſſen oder rei⸗ chen Paͤchters. Die hellen Farben und ſchar⸗ fen Umriſſe eines neuern Bauwerkes wuͤrden mit der umgebung nicht uͤbereingeſtimmt haben, doch die verwitterten Spitzen dieſes Baues und die verſchiedenfarbigen Tinten, welche die Hand der Zeit auf deſſen Mauern gezeichnet hatte, gab ihm das Anſehen, als ſei es alt gewor⸗ den mit den ehrwuͤrdigen Baͤumen, von denen es uͤberragt ward, als ſei es ein wirklicher Theil der umliegenden Landſchaft. Erde und Waſſer hatten ſich vereinigt, dieſe furchtbare Beſitzung mit allen Schaͤtzen des Landbaues auszuſtatten. Ungeachtet der gro⸗ ßen Hitze des Wetters trugen die ſchoͤnen Wie⸗ ſen eine kraͤftige, blumenreiche Nachmath. Un⸗ beruͤhrt von der Axt des Holzſchlaͤgers ſtreckten die Bäume ihre Aeſte hoch und weit in die Luͤfte, als ſtrebten ſie aͤngſtlich darnach, ihren ———— kuͤhlenden, ſchutzenden Schatten fuͤr Menſchen und Thiere zu ſpenden. Nur die Weiße der Schaafe, welche ſich darunter gelagert hatten, zeigte, daß ſie ihrer Wolle beraubt worden, denn nach ihrer Rundung und Fette hätte man es nicht vermuthet. Die Leiche hinter dem Herrenhauſe waren mit Fiſchen reich verſehen, und wenn dieſe ſich zufaͤllig uͤber die Flaͤche des Waſſers hinauswarfen, ſo bekundete ſie ihre erſtaunende Groͤße als alte Einwohner des Plaz⸗ zes, und ſie ſchienen den Ausdruck Dudleys, der ſie die Aebte des Waſſers nannte, zu recht⸗ fertigen. Obgleich die Sonne nicht mehr auf die Obſtgaͤrten ſchien, welche ſich neben den Fiſchteichen ausdehnten, konnte er dennoch die fruchtbelaſteten Aeſte der Baäume ſehen, die ſich zur Erde hinabbogen, und unter ihrem eigenen Gewichte gebrochen ſein wuͤrden, hätte man ſie nicht ſorgfaͤltig geſtuͤtzt gehabt; ſelbſt im Schatten glaͤnzten die Fruchte, als waͤren ſie nicht von den Strahlen der Sonne beſchienen. Die großen, ſchoͤnen Kuͤhe, welche in den Stall getrieben worden, um gemilcht zu wer⸗ den, kauten gemächlich die kräftigen Kraͤuter, welche uͤber die Krippe hingen, und wohlrie⸗ chend dufteten. Neben dem Stalle war ein kleiner umhegter Park, uͤber deſſen Waͤnde die Hirſche ihre gekroͤnten Haͤupter erhoben, und — 1 — 10— Dudley ruhig, doch wie erſtaunt, anblickten; von nahegelegenem kleinerem Gebuͤſche kamen die Faſanen, zu zahm, um ſich durch ihn ſchrecken zu laſſen, herbei, ihr Abendfutter zu ſuchen. Einige erglaͤnzten in ihren reichen Far⸗ ben in den letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne, andere liefen im Schatten des nieder⸗ haͤngenden Gebuͤſches. Der See, an deſſen Geſtaden die reichen, lieblichen Beſitzungen von Mere ſich ausdehn⸗ ten, hatte gegen fuͤnf Meilen im umkreiſe, und ſchien faſt weniger fiſchreich zu ſein, als die benachbarten Teiche. An ſeinem oberen Ende ſtanden zwei Zeder⸗Baͤume, welche, der Sage nach, von einem des Hungerfords bei ſeinem erſten Kreuzzuge aus dem heiligen Lande mit⸗ gebracht, und dort gepflanzt worden ſein ſoll⸗ ten. Sie ſtachen deutlich gegen die helleren 5 umgebungen ab, von dem Lichte der Sonne, welche hinter ihnen unterging, hell beſchienen, und gaben jenem ganzen Theile der Landſchaft einen wahrhaft orientaliſchen Charakter. Ihre“ weiten, breiten Schatten warfen ſie uͤber die Fläche des Waſſers, und es ſchien, als waͤ⸗ ren ſie zwei rieſige Wächter dieſes kleinen Eden. An dem binſenvollen Ufer des Sees, unmittel⸗ bar an dem Wohnhauſe, war eine Schwanen⸗ Luſt, wie es damals genannt ward, das heißt, eine Anſtalt zum Bruten dieſer ſchonen Vögel, von denen wohl an hundert Stuͤck außerhalb dieſer Umhegung in dem See umherſchwam⸗ men; die friſche Luft blies ihr ſchneeiges Ge⸗ fieder weit auf, wenn ſie ihr ſtolz entgegenſe⸗ gelten, oder mit ſcheinbarer Selbſtzufrieden⸗ heit ruckwaͤrts ſahen, auf den maͤchtigen Schat⸗ ten, welchen ihr eigener Koͤrper auf die Ober⸗ flche des Meeres warf. Weiter hinunter, aber an dem nehmlichen Ufer des Sees, war ein Reiherſtand, und hier befand ſich eine ſolche Menge dieſer Voͤgel, daß ſie die Luft faſt ver⸗ dunkelten, indem ſie an dem ufer hinſchritten, um Fiſche zu fangen; dabei hoben ſie ihre langen Beine mit ſo majeſtätiſchem Anſtande, als hielten ſie es ihrer fuͤr unwerth, die Erde mit ihren Tritten zu beruͤhren. So zahm und ſanft waren alle die Fiſche, Voͤgel und ande⸗ ren Thiere, daß es ſchien, als ahneten ſie nicht, zu dem Gebrauche der Menſchen be⸗ ſtimmt zu ſein, und daß ſie auf Dudley gar nicht wie auf einen Feind ſahen; viel eher ſchie⸗ nen ſie ſich in einer geheiligten Freiſtätte zu befinden, wo ſie ſich gemächlich zu nähern be⸗ ſtimmt waren, wo ſie alt werden durften, bis ſie das Ziel erreichten, das die Natur ſelbſt ihrem Leben ſetzte. Ungeachtet der Menge und Verſchiedenheit dieſer thieriſchen Bewohner herrſchte ein tiefes Schweigen uͤber die ganze Beſitzung; das Waſ⸗ ſer war bewegungslos, der Wind ſchwieg, die Kuͤhe waren mit der Verzehrung ihrer Nahrung beſchaͤftigt, die Schaafe lagerten im Schatten, die kleineren Vögel ſuchten die Ruhe, und die Zuͤge weißer Tauben, welche das Haus noch in großeren und kleineren Kreiſen umſchwebten, flogen zu hoch, als daß das Rauſchen ihrer Fittiche haͤtten gehoͤrt werden koͤnnen. Wur⸗ den die Zweige dann und wann durch ein Luͤft⸗ chen bewegt, welches von dem See heruͤber⸗ wehete, ſo ſchien es, als entfalte das Zwie⸗ licht ſeine Macht und treibe die Natur zum Schlafe, doch dieſe augenblickliche Unterbre⸗ chung des Schweigens erhoͤhete nur den Ein⸗ druck der darauf folgenden Stille. An das Wohnhaus ſtieß eine kleine Kapelle, welche die uͤberhangenden Zweige Dudleys Blicken entzogen hatten; in der Mitte des Schweigens und des Ernſtes, welcher ſich uͤber die ganze Gegend gebreitet, toͤnten die tiefen, kraͤftigen Stimmen der Moͤnche, welche die Abendmet⸗ ten ſangen, von dem Waſſer getragen, zu Dudley hinuͤber, und der Schall verlor ſich dann in dem angrenzenden Gehoͤlze. Die Schwaͤne wandten ſich herum, und ſchienen dem Geſange zu lauſchen, und das Wild trat einige Schritte von der Umzaunung des Par⸗ kes zuruͤck; als aber die Toͤne allmaͤhlig erſtar⸗ ben, traten die Rehe und Hirſche wieder vor⸗ wärts, und warfen die Naſenloͤcher, beſorglich ſchnuͤffelnd, in die Luft, waͤhrend die gefieder⸗ ten Monarchen des Sees ihren Lauf mit ver⸗ doppelter Schnelle fortſetzten, als waͤren ſie unwillig, daß ſie fuͤr einen Augenblick darin Snbraſhn wurden. Wahrlich, ſagte Dudley zu ſich ſelbſt, ohne dieſen heiligen Geſang haͤtte ich kaum geglaubt, mich in der Rähe einer Abteibeſitzung zu befin⸗ den; doch die Moͤnche ſind immer wohlbera⸗ then, und pflegen ſich auf den fruchtbarſten Thei⸗ len der Erde einzuniſten. Obgleich er dies im Jone des Vorwurfes ſprach, war es doch weit cher ein Lob als ein Tadel, denn ſowohl hier in den Beſitzungen von Glaſtonbury, als in Crowland, Hales Owen, und anderen Orten, hatten die Moͤnche, unterſtutzt durch ihre be⸗ deutenden Reichthuͤmer, in jahrelang ununter⸗ brochener Arbeit ausgetrocknet und gepflanzt, bis ſie weite V Waſſerflächen in bluͤ⸗ hende Wieſen, unftuchtbare Wuͤſten in lachende Gärten verwondelt, und ſo uͤberall, wo ſie ſich angeſiedelt, ein Paradies in der Wuͤſte ge⸗ ſchaffen hatten. Während Dudleh in ſchweigendes Staunen — 14— verſunken ſtand, und die Landſchaft vor ſich betrachtete, welche allmaͤhlig immer mehr von dem purpurnen Zwielicht uͤbergoſſen ward, unter⸗ brach plötzlich eine kraftvolle Baßſtimme die Stille durch den Geſang einer moͤnchiſchen Hymne, und indem Dudley in der Richtung um ſich ſahe, aus welcher die Laute ertonten, gewahrte er ſeinen alten Bekannten, den Bru⸗ der Franz, der die Blumen in einem kleinen Garten zwiſchen dem Thorhauſe und dem Por⸗ tale des Wohngebaͤudes begoß, welcher von dem emſigſten Fleiße und der groͤßten Fultur zeigte. „Salve!“e rief der Monch, als Dudleh ſich nahete, ſeiner ſchoͤnen Stimme wieder je⸗ nen feierlichern Ton gebend, welchen der Kir⸗ chendienſt erfordert; dann fuhr er mit gutmuͤ⸗ thiger Vertraulichkeit fort:„Ah, mein Sohn aus dem Sumpfe, mein Ritter— nicht von Koͤnig Arthurs Tafelrunde— ſondern von deſ⸗ ſen tiefem Mooresgrunde— wie geht es, was machſt Du?“ „Laßt mich Euch nicht unterbrechen, guter Vater,“ entgegnete Dudley,„denn ich weiß, daß Maͤnner Eures Standes wenig Erholungen haben, und vielleicht keine, welche dem Her⸗ zen ſo wohlthut, als die Pflege lieblicher Blumen.“ — 15— „Das heißt, daß wir keine Freuden der Haͤuslichkeit genießen, mein Sohn, doch, bei dem heiligen Kreuze, es giebt Wenige, die zahlreichere Familien haben, als der, welcher die ganze Nachbarſchaft wie ſeine Kinder be⸗ trachtet.“ „Nach dem, was ich beobachtet habe,“ er⸗ widerte Dudley,„darf ich wohl glauben, daß Ihr der Vater Aller ſeid, denen elterliche Pflege, elterlicher Troſt, Noͤth thut.“ „Und hier iſt noch eine andere Familie,“ ſagte der Moͤnch, auf die Blumen zeigend, „welche die Mutter Erde mir gebracht hat, und ich liebe ſie wahrlich recht herzlich, denn nie belohnten Kinder die Sorgfalt und Muͤhe eines Vaters beſſer, als dieſe es thun. Hier ſind welche aus York und Lancaſter, rothe Ro⸗ ſen und weiße, ſo friedlich mit einander ver⸗ eint, als ob ſie, wie unſer gnaͤdiger Konig, aus einem gemeinſchaftlichen Stamme entſproſ⸗ ſen waͤren. Hier ſind franzoſiſche Ringelblu⸗ men, denen unſere engliſchen Bienen den Ge⸗ ſang des Friedens ſingen ſollen, und obgleich ſie wegen des Honigſtoffes im Streit ſein moͤ⸗ gen, ſo ſollen ſie doch als gute Freunde ſchei⸗ den, denn bei der Meſſe, dieſe Kuͤſten ſind friedlicher, als die zwiſchen Calais und Bou⸗ logne. Wo findeſt Du Harlequins und Co⸗ — 46— lombinen, ſo holdſelig und unſchuldig, wie dieſe, welche zuſammen in dem Winde tanzen, und ſich— gebenedeiet ſei der Name Gottes— nur mit keuſchen Lippen kuͤſſen.— Wo findeſt Du ſo große, reiche Roſenobles, als jener Goldlack? wo ſo liebliche Wohlgeruche, als der Duft der Weinroſen und des Geisblattes, des Jasmines und der Nelken, welche alle gemein⸗ ſchaftlich ihren duftigen Hauch uͤber dieſen klei⸗ nen Strich Erde ergießen?“ „In Wahrheit, Vater, Ihr habt einen ſchonen, herrlichen Garten, mit ſeltenen Blu⸗ men und die treffliche Pflege ſpricht fuͤr Euren haͤuslichen Sinn.“ „Hier ſind Dreifaltigkeitsblumen,“ fuhr der Moͤnch fort, der in das Lob ſeiner Blumen zu vertieft war, um auf Dudleys Rede zu achten, „deren Pflege Dir die Zufriedenheit des Herzens giebt, die in dem Buſen wächſt; Balſam, der beſſer die Melancholie vertreibt, als waͤrſt Du nach Antichra geſegelt, Dir ſelbſt die geiſt⸗ ſtärkende Nieswurz zu holen; Mohn, deſ⸗ ſen Wohlgeruͤche Dich eher in den Schlaf wie⸗ gen werden, als der betaͤubende Saft ſeiner Koͤrner;— und ſollteſt Du lieber den Gau⸗ men, als das Auge ergoͤtzen wollen, ſo ſind dort Erdbeeren, wie ſie der Biſchof von Elh ſelbſt in ſeinem beruͤhmten Garten zu Holborn nicht gehabt hat.“ m „Sie ſind wirklich vortrefflich,“ ſagte Dud⸗ ley, einige koſtend,„und an dieſem ſchwuͤlen Abende beſſer nach meinem Geſchmacke, als Eure praͤchtigſten Roſen.“ „Und dennoch,“ erwiderte der Moͤnch,„er⸗ quicken dieſe Blumen, wenn ſie mein Auge bis zu ihrem Perbluͤhen ergotzt haben, auch nachher noch meinen Gaumen; zugleich wies er ruͤckwaͤrts auf mehrere Korbe, von munteren Bienen dick umſchwärmt;— die ſammeln mir alle die Wohlgeruͤche meiner Blumen auch fuͤr den Winter ein.“ „Ich bin hoͤchſt erſtaunt,“ entgegnete Dud⸗ ley,„daß Ihr bei Euren mannichfachen Beſchaͤf⸗ tigungen noch ſo viel Zeit finden konnt, Eure Blumen mit ſolcher Sorgfalt zu pflegen.“ „Wenn mich die Reihe trifft, in der Ka⸗ pelle von Mere zu ſingen, begieße und ver⸗ ſchneide und pflege ich ſie, ſo gut ich es ver⸗ mag, und bei St. Benedikt, dem heiligen Stif⸗ ter unſers Ordens, es ſollte mir nicht mißfal⸗ len, beſtaͤndig den Dienſt in der Kapelle zu haben. Dann waͤre dieſer Garten mein eige⸗ nes kleines Oratorium, und waͤhrend die Vo⸗ gel und Bienen mir Hymnen vorſaͤngen, und von den Blumen alle Wohlgeruͤche der geweih⸗ MI. 2 3 = i ten Rauchfaͤſſer zu mir aufſtiegen, könnte ich unter ihnen ſitzen, und aufwärts ſthen nach einem Orte, der ehrwuͤrdiger iſt, als je eine Abtei oder Kathedrale war, und koͤnnte an⸗ dachts voll beten zu ihm, der uͤber dieſer Wol⸗ bung thront. Doch ach! mein Sohn, das kann nicht ſein! Wir haben nothigere Pflich⸗ ten zu erfuͤllen, wenn auch nicht heiligere; und von dieſen wird unſere Zeit und unſere Kraft in Anſpruch genommen. Dies erinnert mich ain unſer letztes Zuſammentreffen, und zwingt mich, Dich zu fragen: wie kömmſt Du hieher, und was macht der Habicht, der Verwuͤnſchte, der Teufelsdiener, der verfluchenswerthe vom Berge?“ Dudley erzählte mit wenigen Worten, daß er einen heftigen Streit mit dem Ritter ge⸗ habt, und daß es zu einem Schwertkampfe ge⸗ kommen ſei, in welchem ſein Leben nur durch Beattir Dazwiſchenkunft erhalten worden. „Heilige Mutter Maria!“ rief der Moͤnch, „ließeſt Du ihn nicht den Verſuchungseid ſchwo⸗ ren, und wiederholteſt Du auch nach dem Mor⸗ gen⸗ und Abegeſasht ein 4&citate oor- 1in 6 ℳ) Ich. muß— 3 ehrnte Vater, daß zu dem einen nicht Zeit war, und daß ich das andere vergaß, doch um Euch zu — verſoͤhnen, bitte ich Euch, eine Zeit zu beſtim⸗ men, in der wir in der Abtei fuͤr meine gluck⸗ liche Flucht ein„Hosanna in excelsis“ mit einander ſingen koͤnnen.“ Der Bruder Franz murrte laut, und nahm dann den ernſten, moͤnchiſchen Ton wieder an, welchen das enthuſiaſtiſche Lob ſeines Gartens fuͤr einige Zeit verdraͤngt hatte.„Mein Sohn, mein Sohn!“ rief er aus;„ſagte ich Dir nicht, Du ſollteſt den Habicht ſcheuen?— Groß iſt er zwar, und maͤchtig, aber der Tag wird kom⸗ men, an welchem der Teufel ſeine Hand hier los läßt, um ſie dort fuͤr immer zu ergreifen. Der Koͤnig vom Berge wird ſein ſtolzes, gottes⸗ läſterliches Haupt in den Staub legen muͤſſen, und fiele es dann mir zu, ſeine Leichenrede zu halten, und ihm die Grabſchrift zu ſetzen, ſo wuͤrde ich auf ſeinen Leichenſtein ſchreiben laſſen: nni 5 Ric jacet ein niedriger Schuft.— Veelzebub holt' ſeine Seel' durch die Luft. „Aber Gott ſei uns gnädig! noch lebt er, und Du wagſt Dein Leben, mein Sohn, durch jeden Augenblick, den Du noch in dieſer Ge⸗ gend weilſt. Du biſt der Erſte, der ſeinem Schwerte entrann, und es iſt wirklich ein Wunder, wenn Du den Schlingen und Fallen entgehſt, mit denen er Dich ganz ſicher um⸗ 2* ſtellen wird, wo Du auch immer ſeiſt; denn er verzeiht nie, und nur ſelten mißlingt ihm die Vernichtung ſeines Feindes. Was iſt Dein Vorſatz, und wohin wilſſt— jetzt wenden?“ Sun3 „Ich hatte tein beſtimmtes Zie und wußte nicht, wohin mein Fuß mich trug, doch der Zweck, der mich in dieſe Gegenden fuͤhrte, geht auch den ehrwuͤrdigen Abt von Glaſtonbury an, und ihn wollte ich meines ferneren—— wegen um Rath fragen. 4 üm önn „Er iſt ein redlicher, wahrhaft zuter Mann,“ entgegnete der Moͤnch,„und einen—— Fuͤh⸗ rer kannſt Du nicht haben.“ „Und wenn die Gefahr in vet Gegend des Thurmhaufes fuͤr mich ſo dringend iſt, als Ihr ſie macht,“ erwiderte Dudley,„ſo kann ich nicht bald genug ein ſchuͤtzendes Aſyl erreichen.“ „Der Abt ſchlaͤft in ſeinem Hauſe zu Sharpham,“ ſagte der Moͤnch,„Du thuſt aber wohl, ſogleich nach der Abtei, als dem ſicherſten Sufluchtsorte zu gehen; auch wirſt Du dort eine gute Wohnung fuͤr die Nacht finden. Morgen fruͤh, ſobald ich in der Ka⸗ pelle die Fruͤhmette beendigt habe, eile ich zu Dir, und Du weißt, daß ich ein ruͤſtiger Fuß⸗ gaͤnger bin.“ Hierauf beſchrieb er Dudley den Weg, den dieſer zu nehmen hatte, auf das Genaueſte, verſicherte, daß dort kein Hinter⸗ halt zu fuͤrchten ſei, und daß er wegen des Vollmondes auch keine Gefahr laufe, in den See zu gerathen, ſagte dann:„Salve et vale!“ und ſetzte ſeine Beſchaͤftigungen in dem kleinen Garten fort. Dudley dankte ihm herz⸗ lich fuͤr die freundſchaftlichen Rathſchlaͤge, und ſchritt nun in der Richtung gegen die Abtei zu, noch einige Zeit auf die tiefe Stimme des Moͤnches lauſchend, welcher eine andere Hymne ſang, deren einzelne Toͤne die Wellen des Sees noch lange zu Dudley hinuͤbertrugen. Als er außer den Bereich der Stimme des Moͤnches kam, die durch die Stunde und die Ruhe der ganzen Umgebung, in welcher ſie er⸗ tonte, einen beſonders feierlichen Ausdruck an⸗ nahm, dachte er wieder an die Ereigniſſe in dem Thurmhauſe zuruͤck. Sein Aerger war durch die feſte Ueberzeugung geſchwunden, daß er ſeine Niederlage dem Beiſtande zuſchreiben muͤſſe, den holliſche Geiſter ſeinem Gegner ge⸗ leiſtet, und mit deſto groͤßerem Behagen weilte er daher mit ſeinen Gedanken bei Beatrix, de⸗ ren Huͤlfe allein er die Erhaltung ſeines Lebens verdankte. Es ſchmeichelte ſeinem Stolze, zu glauben, daß die leidenſchaftliche Entſchloſſen⸗ heit, welche ſie gezeigt hatte, waͤrmeren Ge⸗ fuͤhlen, als bloßem Mitleid„ihr Entſtehen verdanke; ſeine eigene Dankbarkeit fuͤr den un⸗ ſchaͤtzbaren Dienſt, den ſie ihm geleiſtet, ver⸗ wandelte ſeine fruͤhere Bewunderung in eine zaͤrtlichere Empfindung, obgleich er ſich nicht leugnen konnte, daß ihre gegenſeitige Zunei⸗ gung, wenn ſie wirklich Statt finde, nicht unter den guͤnſtigſten Ausſi chten entſtanden ſei, und daß ſich noch weit weniger ein gluͤckliches Ende erwarten laſſe. Waͤre er mehr verliebt geweſen, ſo wurde er, an dem Ufer des Sees hinſchreitend, ganz ſicher auch mehr mit dem Monde ſympathiſirt haben. Die volle Scheibe deſſelben warf auf die Flaͤche des Waſſers ein ſchimmerndes Licht, das erſt zu ſeinen Fuͤßen endigte, und ihn in Verbindung, faſt in Beruͤhrung mit dem Ko⸗ nige der Nacht zu bringen, und ihm ein Mit⸗ tel zu bieten ſchien, durch das er ſeine Wuͤn⸗ ſche dem Himmel vorlegen, und die Huͤlfe ei⸗ ner Gottheit erflehen konnte, welche von je her den Liebenden, die mit Ungluͤck zu kaͤmpfen haben, hold geſinnt geweſen ſein ſoll. Solche Schwaͤrmereien waren ſeiner Denkweiſe aber ganz fremd, daher war es nur der dadurch verurſachte Umweg, der ihn verdroß, als er jetzt an eine kleine Bucht kam, die ſich in das Land erſtreckte, und ihn noͤthigte, das ufer des Sees zu verlaſſen. An dem Ende dieſer Bucht war eine dichte Gruppe von Eichen, Eſchen und Haſſeln; beinahe hatte er ſie erreicht, als eine Geſtalt unter den Zweigen ſichtbar ward, ſchwankend gegen ihn herangeſchritten kam, und ihm mit rauher Stimme, welche er ſogleich fuͤr die des Kapitain Baſſet erkannte, entgegenſchrie:„Troll Dich fort; troll Dich fort!— Was, mein tapferer Hahn von dem Duͤngerhaufen, mein ſchnellfuͤßiger Raufer, mein ſtolzer Reißaus, habe ich Euch gefunden? und im Ruͤckzuge gegen die Abtei, wie ich es vermuthete! Bei Pharaos Fuß, Ihr habt mir eine ſcharfe Jagd an dieſem heißen Abende ge⸗ macht, und haͤtte ich es nicht verſchworen, Waſſer zu trinken, ſo wuͤrde ich mich uͤber den See geworfen, und die Fiſche ihres weißen Ales beraubt haben, aus Mangel an beſſe⸗ rem Getraͤnke.— Haſt Du in dem Thurm⸗ hauſe nichts unbeendigt gelaſſen? nichts mit⸗ genommen, was Dir nicht gehoͤrt?“ „Weder das eine, noch das andere, mei⸗ ner Treu,“ erwiderte Dudley, welcher ſah, daß der Kapitain mehr als halb betrunken war, und vermuthete, daß er einen Streit anfangen wollte, vielleicht, um ſeine Aufmerkſamkeit da⸗ durch zu feſſeln, waͤhrend Andere unbemerkt fallen. von den Biumen—— in iun nihen * 8 — 24— „Nein, nein, Ihr entkommt mir nicht!“ ſchrie der Kapitain mit dem Fluche der Eng⸗ laͤnder,„denn ich will Euch nur ſagen, daß Ihr trotz Eures ſtolzen Leugnens, in dem Thurmhauſe einen unbeendigten Streit mit mei⸗ nem edlen Gebieter, Sir Lionel Fitzmaurice, zuruckgelaſſen, und ein Leben mit Euch genommen habt, das Euch nicht gehoͤrt, und zwar Euer eigenes, welches Ihr rechtlich verwirktet. Deshalb, bei Feuer und Blut, bei Becher und Kanne, bei Schwert und Roſolis, muͤßt Ihr Euren kalten Stahl vom Monde beſcheinen laſſen, und den Streit mit mir ausfechten, mit mir, dem ehr⸗ lichen Ben Baſſet, ſeinem Soldaten und Die⸗ ner. Was? ſoll ein tapferer Ritter, der mit Pelz und Decke reitet, in ſeinem eigenen Hauſe von einem franzmänniſchen Gecken beleidigt werden?— Zieh Du niedriger Schuft!“ Indem Ben Baſſet dies ſagte, riß er ſelbſt ſein Schwert aus der Scheide, und ſtellte ſich auf die Mitte des Weges; doch Dudley, der einen ſolchen Gegner kaum der Beachtung werth hielt, und ſich immer deutlicher uͤberzeugte, daß derſelbe nicht in kampffaͤhigem Zuſtande ſei, begnuͤgte ſich damit, zu erwidern:„Fort da, ſchmuziger, betrunkener Schelm, wenn Du nicht fuͤr einige Tage die Zeichen meines De⸗ gengehenkes auf Deiner Schulter tragen willſt; — 5— geh bei Seite, und mach mir Platz, denn ich habe Eile, und will mich nicht durch ſolch ei⸗ nen rothnaſigen Schwaͤtzer, wie Du biſt, auf⸗ halten laſſen.“ „Ihr blaſ't Euch huͤbſch auf, Herr Dud⸗ ley, doch bei Hahn und Elſter, ich will Euch ſo zahm machen, wie eine Amſel bei großem Froſte. Eure franzoſiſche Jacke ſoll aufgeſchlitzt werden, noch beſſer, als ſie es ſchon iſt, denn ich habe darauf geſchworen, daß ich mit dieſer meiner guten toleder Klinge dem Mondſcheine unter Euren Rippen einen Eingang verſchaffen will.— Rumbeldebumbel de ho, ho, ho!“ Dabei trat er naͤher, und ſchwang drohend die Klinge. Dudley, noch immer ruhig, ent⸗ gegnete:„Noch ein Mal warne ich Euch, nicht einen Schritt weiter zu thun, wenn Euch Euer Leben lieb iſt; denn wenn Ihr nicht, gleich Eurem unglaͤubigen Gebieter, ein bezaubertes Schwert fuͤhrt, ſo werdet Ihr es auf Eure Koſten erfahren, daß Ihr es mit Einem zu thun habt, der Meiſter in der Kunſt iſt.“ „Ei, was fuͤr ein prahlender Gelbſchnabel Ihr ſeid, Maſter Dudley; habt Ihr auswärts Unterricht erhalten in der Fuͤhrung des Schwer⸗ tes und des Dolches? haſt Du die imbroc- cata und stoocata, die passata und punto⸗ reverso gelernt?— Es koͤmmt nicht darauf — 26— an, ob Du es haſt, denn ich bin der ehrliche Ben Baſſet, der jeden Knopf in ſeines Geg⸗ ners Jacke bohren kann, ohne deshalb den Na⸗ men des Stoßes zu kennen; zieh alſo, zieh, Du Schuft, oder ich ſpieße Dich wie eine Lerche!“ Er war jetzt nur noch zwei oder drei Schritt von Dudley entfernt, und ſchwang dabei die Waffe, als wolle er die Wahrheit ſeiner Worte beſtaͤtigen; daher riß Dudley auch ſein Schwert haſtig aus der Scheide, mit dem Vorſatze, den Kapitain wo moͤglich zu entwaffnen; denn er war zu großmuͤthig, um einem Manne irgend ein wirkliches Uebel zufuͤgen zu wollen, der mit ſo ſichtlichem Mangel an Selbſtbeherr⸗ ſchung focht. Doch er vermochte nicht, ſeinen Zweck ganz ſo zu erreichen, als es ſeine Ab⸗ ſicht war, denn bei dem zweiten Ausfalle ſchlug die Spitze ſeines Schwertes uͤber den Korb von dem ſeines Feindes, und fuhr dieſem tief in den rechten Oberarm. Der Kapitain tau⸗ melte zuruͤck, warf ſeine Waffe zu Boden, und rief:„Dolch und Scheide! Der Henker hole Deinen verfluchten Stahl; er hat den Mond⸗ ſchein in meine Schulter geleitet. Was! wer ſollte denken, daß ſo heißes Blut aus einer ſo kalten Wunde fließen kann. Der Henker hole Dein franzoͤſiſches Stoßen. Einen ganzen Mo⸗ nat werde ich nicht im Stande ſein, mei⸗ — nen Bilbao zu fuͤhren, oder Becher und Kanne erklingen zu laſſen, und werde kaum noch ſin⸗ gen koͤnnen: Troll Dich fort; troll Dich fort— Peſt, was da fuͤr ein verfluchter Stich durch meinen Ellenbogen fuhr.“ Irgend einen neuen Hinterhalt oder Ueber⸗ fall befuͤrchtend, brach Dudley ſeines Gegners Klinge entzwei, und hielt es fuͤr das Beſte, ſeinen Weg durch das kleine Gehoͤlz ſo ſchnell als moͤglich zu beenden. Dies that er auch, ohne des Kapitains Ausrufungen zu beachten, der unter allen moͤglichen Fluͤchen und Ver⸗ wuͤnſchungen hinter ihm herſchrie, er ſolle umkehren, und auf den linken Arm mit ihm fechten, und ihn dabei fuͤr die Zukunft mit ſeiner Rache bedrohte, wenn er ſich weigere, dies Begehren zu erfuͤllen. Dudley ließ ſein Schwert entbloͤßt, bis er aus dem Schatten der Baͤume trat; er that dies ohne weitere Beunruhigung, und als er wieder zu dem of⸗ fenen Ufer des Sees gelangte, der jetzt von dem hellſten Lichte des Mondes beſchienen ward, warf er ſein Schwert in die Scheide, und ſchritt haſtig vorwaͤrts, den Ueberfall als eine Probe der Feindſeligkeiten betrachtend, welche er jetzt von Sir Lionel erwarten durfte. Baſ⸗ ſet war, dies leuchtete klar ein, ſogleich abge⸗ ſchickt worden, ihn zu verfolgen und zu uͤber⸗ —— fallen, und wahrſcheinlich konnte es nur dem trunkenen Zuſtande des Bevollmächtigten zuge⸗ ſchrieben werden, daß er den offenen Angriff ſtatt des Meuchelmordes erwaͤhlt hatte, und Dudley konnte daher weit eher glauben, daß er ſein gluͤckliches Entkommen der mangelhaf⸗ ten Ausfuͤhrung, als der mangelhaften Ent⸗ werfung des Verfolgungsplanes danke. Zwei Angriffe auf ſein Leben ſo kurze Zeit hinter einander, uͤberzeugten ihn, daß es wenig Si⸗ cherheit fuͤr ihn geben wuͤrde, ſo lange er in der Nachbarſchaft eines Feindes blieb, der eben ſo thaͤtig und unermuͤdlich in Verfolgung ſei⸗ ner Rache, als unbekuͤmmert um die Mittel zu derſelben war. Er beſchloß daher, wenn der Abt ſeine Anſicht gut heiße, ſogleich nach London zu eilen, wo er maͤchtige, angeſehene Bekannte hatte, und dort zu verſuchen, ob ihre vereinte Macht, geſtaͤrkt durch den Arm des Geſetzes, und vielleicht durch die Vermittelung des Monarchen ſelbſt, ſollte dieſe zu erbitten noͤthig werden, nicht hinreichend ſei, die Be⸗ freiung ſeines Vetters zu bewirken, und die Macht des kuͤhnen Koͤnigs vom Berge zu un⸗ terdruͤcken, trotz ſeiner mannichfachen ſchaͤndli⸗ chen Raͤnke, ſeiner banditenhaften Untergebe⸗ nen, und ſeiner unheiligen Verbindungen. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt eilte er Glaſtonbury munteren Schrittes zu, bis er, ei⸗ nen kleinen Huͤgel erſteigend, die beſchattete Seite der ehrwuͤrdigen Abtei vor ſich ſahe, die ihre ungeheuren und unregelmaͤßigen Maſſen gegen den mondbeleuchteten Horizont erhob, mehr einem Gebilde der Phantaſie aͤhnlich, wie man ſie ſich in den Wolkenbildern erſchafft, als einem Bauwerke von Menſchenhaͤnden auf⸗ gefuͤhrt. Die luftigen Thuͤrme und Zinnen, von dem Lichte hell beſchienen, glichen Saͤulen, welche, ohne Fundament, nur in den Wolken hingen, waͤhrend das Mondlicht, welches auf jener Seite in die hohen Bogenfenſter der Ka⸗ thedrale fiel, grade ſo viel Helle verbreitete, als erforderlich war, die Ausdehnung des Ge⸗ baͤudes erkennen zu laſſen. Kein Ton ward gehoͤrt, nichts war zu ſehen, was ſich be⸗ wegte; ſelbſt die Elemente ſchienen ehrfurchts⸗ voll zu ruhen, und als Dudley von dem ſcheuen Gefuͤhle ergriffen, welches die ganze Natur zu beherrſchen ſchien, an die Wohnung des Pfoͤrtners gelangte, hier die Glocke zog, und dieſe dumpf, doch ſtark widertoͤnte, ſchien es ihm faſt, als entweihe dieſer Klang die heilige Stille. Die Moͤnche waren ſchon zur Ruhe ge⸗ gangen. Der Abt, ſagte man ihm, wie er dies ſchon vom Bruder Franz gehoͤrt, ſei in — 680— Sharpham, doch als er erklaͤrte, er komme in dringenden Geſchaͤften zu ihm, wies man ihn in ein kleines, freundlich eingerichtetes Schlaf⸗ gemach, deren eine ganze Menge fuͤr zufaͤllige Beſucher eingerichtet war. Die Ermuͤdung nach ſeinem langen Marſche vergoͤnnte ihm bald die verſchiedenen Beunruhigungen ſeines Gei⸗ ſtes in einem tieſen⸗„ emuickenden—— i Nen— i Zweites Kapiter. Wo iſt der Abt im ganzen weiten Reiche, Der ihm an Frömmigkeit und Tugend gleiche, uund an Gelehrſamkeit; S Der ſo wie et, in ſeines Lebens Tagen Es wußte, guf ſein Amt zu übertragen * Gnade und Heiligkeit. Fruͤh des andern Morgens ſtand Dudleh auf, und benutzte die Zeit vor der Ankunft des Ab⸗ tes, ſich die Gebaͤude der Abtei zu betrachten, von denen er bei ſeinem erſten Beſuche nur die große Kirche, und ſelbſt dieſe nur fluchtig und unvollkommen geſehen hatte. Zu dieſem heili⸗ gen, Ehrfurcht gebietenden Bauwerke wendete er auch jetzt ſeine Schritte, zwiſchen den Graͤbern und uͤber die Grabſteine der geſchiedenen Großen wandelnd, deren beruͤhmte Namen den Ort zu erhohen und zu veredeln, oder an den hohen Flägeln hingehend, welche Schweigen zu pre⸗ digen ſchienen, und eine Andacht geboten, die ſelbſt ſein leiſer Tritt ſchon ſtoͤrte. Nachdem er — 32— die unuͤbertroffene architektoniſche Schoͤnheit und die reichen Verzierungen mit Muße betrachtet, und laͤngere Zeit auf die Entzifferung der nor⸗ maͤnniſchen Ziegel des Fußbodens verwendet hatte, welche mit lateiniſchen Inſchriften und Namen von verſchiedenen Koͤnigen und Wohl⸗ thaͤtern der Abtei bedeckt waren, beſuchte er nach und nach die Kapellen von St. Maria, St. Andreas, unſerer lieben Frau von Loretto, vom heiligen Grabe, und von St. Edgar, in welcher letzteren das ehrwuͤrdige Grab des Koͤ⸗ nigs ſich befand, der dem Gebaͤude ſeinen Na⸗ men gab. Alle die anderen waren durch pracht⸗ volle Monumente in Kupfer oder Marmor 1 verziert, errichtet zum Andenken an Koͤnige, Koͤniginnen, Aebte, Krieger, Staatsmaͤnner, und edle Damen aͤlterer Zeiten, welche nicht ahneten, daß die Mauern des Heiligthumes, in dem ſie ihre ſterblichen Reſte beizuſetzen be⸗ fahlen, Mauern, welche den Angriffen der Zeit noch manches Menſchenalter hindurch getrotzt haben wuͤrden, durch Menſchen umgeſtuͤrzt wer⸗ den ſollten, daß die Thiere des Feldes ihre entweihten Graͤber zu Hoͤhlen fuͤr ſich benuz⸗ zen, und die Haͤnde kirchenſchaͤnderiſchen Gei⸗ zes ſogar ihre Gebeine ausſcharrend, und ſie zu einer Nahrung raubgieriger Voͤgel machen wuͤrden, indem ſie die Saͤrge ihres Schmuckes beraubten, oder die Erde darunter nach ver⸗ grabenen Schaͤtzen umwuͤhlten. Von hier ging Dudley zu dem bewohn⸗ ten Theile des Gebaͤudes. Die Zimmer des Koͤnigs, wie ſie genannt wurden, ſo wie die Zellen des Abtes und der Moͤnche, ließ er da⸗ bei unbeſucht, ſchritt durch die Pachterwohnung, die Wohnung des Almoſeniers, und gelangte endlich an ein hohes, gewoͤlbtes Thor, mit ei⸗ ſernen Naͤgeln, Buckeln und Stangen ver⸗ wahrt. Als er es oͤffnete, drehte es ſich krei⸗ ſchend auf den Angeln, und brachte ihn in ein Gemach, das er an dieſem Orte des Frie⸗ dens nicht zu ſinden vermuthet haͤtte, eine Ruͤſtkammer nehmlich, reich verſehen mit Schwertern, Speeren, Arquebuſen und ande⸗ ren Kriegsgerathſchaften. Viele dieſer Waffen waren von alterthuͤmlicher Geſtalt, und wahr⸗ ſcheinlich in den Kriegen der Roſen oder in anderen Unruhen benutzt worden, wo die geiſt⸗ lichen Herren die Hellebarde und die Streitart fuͤr ein beſſeres Schutzmittel ihrer Beſitzungen hielten, als den biſchoͤflichen Krummſtab, oder ſelbſt die paͤpſtliche Bulle, obgleich dieſe mit einer Kapſel von Blei und dem Siegel des heiligen Petrus verſehen war. Seit Jahren war es der Spinne vergonnt worden, als ein treues Bild des Friedens und der Sicherheit, MI. 3 ihre Gewebe uͤber die Muͤndungen der Gewehre zu ziehen, und ſie wie Guirlanden uͤber die Spitzen und Schneiden zu haͤngen, die einſt von menſchlichem Blute geroͤthet worden; in der That war auch das ganze Gemach ſeit den Zeiten Perkyn Warbecks wie ein Janustempel dauernden Friedens zu betrachten geweſen. Seit aber Sir Lionel Beſitz von dem Thurmhauſe genommen, ein Mann, der eine unverſoͤhnliche Feindſchaft gegen den Abt eingeſtand, der, wie man wußte, zu jedem gewagten Unternehmen bereit, und deſſen zahlreiches, bewaffnetes Ge⸗ folge ſtets ſeiner Winke gewaͤrtig war, ſeit dieſer Zeit war es fuͤr eine nothwendige Vor⸗ ſichtsmaßregel gehalten worden, die roſtigen Waffen aufzuputzen, und die Ordnung in der Ruͤſtkammer wiederherzuſtellen, damit der Abt im Stande ſei, irgend einen plotzlichen Angriff oder nächtlichen Ueberfall eines ſo furchtbaren Gegners zuruͤckzuweiſen. Dies Gemach, welches ſich ſo wenig fuͤr das religioͤſe Gebaͤude eignete, verlaſſend, ging Dudley durch die Garderobe, die Brennerei, die Zimmer des Arztes und des Biſchofs, die Kreuzgaͤnge, in welchen mehrere Moͤnche und Beamte ab und zu gingen, und trat in die große, gegen Suͤden gelegene Halle, welche — etwa vierzig Yard*) lang und zwanzig breit war. Das ganze obere Ende dieſer Halle war mit einem Teppich von den reichſten Farben und der ſchoͤnſten Arbeit, behangen. Nachdem Dud⸗ ley dies treffliche Kunſtwerk der flamlaͤndiſchen Fabriken bewundert hatte, durchſchritt er den großen Hof, der nahe an fuͤnf hundert Fuß lang war, und trat in das Schreibzimmer, wo acht oder zehn Moͤnche, und eben ſo viele Schreiber der Abtei, damit beſchaͤftigt waren, zu ſchreiben, zu uͤbertragen, oder aufzufriſchen, ſowohl hiſtoriſche Chroniken als literariſche Schatze aller Art, alte und neue, kirchliche und buͤrgerliche. Von dieſem Zimmer ging er durch eine große Doppelthuͤre in die geraͤumige, hohe Bibliothek, und ſtaunte nicht weniger uͤber ihre ungeheure Ausdehnung, als uͤber die große Menge von Buͤchern und Manuſcripten, welche ſie enthielt, von dem Fußboden bis zu der Decke aufgereiht. Hier wurden die klaſ⸗ ſiſchen Schatze der Griechen und Lateiner auf⸗ bewahrt, die ohne die Sorgfalt ſo aͤngſtlicher Waͤchter, und die unſaͤgliche Muͤhe vieler Ko⸗ piſten, nie bis zu uns gelangt ſein wuͤrden; hier lagen in großer Maſſe alle die Quellen, *) Ein Yard, oder eine engliſche Elle iſt ungefaͤhr 1 ½ berliner Elle lang. D. ueb. 3* — aus denen ſpaͤter die gleichzeitige Geſchichte aller Laͤnder geſchopft worden iſt, und hier endlich ward die deutlichſte Antwort auf die ſo oft und ſo hoͤhniſch ausgeſprochene Frage gegeben:„Wie brachten die muͤßigen Monche ihre Zeit hin?“ Wenn man ihre architektoniſchen, landwirth⸗ ſchaftlichen und literariſchen Arbeiten betrachtet, ſo kann es kaum erwieſen werden, daß die Mönche die Muͤßiggänger waren, fuͤr die man ſie oft nur allzu ungerecht verſchreit, was auch die Gruͤnde ſein moͤgen, die man aus politi⸗ ſchen oder religidſen Ruͤckſichten gegen das Monchsthum aufſtellt. Hoͤrt es nicht, Ihr Mitglieder des Rox⸗ burger Klubbs, wenn wir ſagen, daß alle dieſe Schätze älterer Zeiten, wie ſelten und werth⸗ voll ſie auch waren, Dudleys Theilnahme den⸗ noch weit weniger erregten, als die alten Waf⸗ fen der Ruͤſtkammer, zu denen er ſchon zuruck⸗ kehren wollte, als ein ehrwuͤrdiger, ſilberhaa⸗ riger Diener, in die Farben des Abtes geklei⸗ det, ihn anredete, und ihm ſagte, daß Sr. Lordſchaft angekommen wären, und ihn in dem Sprachzimmer, wohin er zu dieſem Zwecke ge⸗ fuͤhrt ward, ſprechen wollten, ſobald die Mor⸗ genandacht beendigt ſei. Es war ein kleines, gothiſches Gemach, die Wände mit dunkelfarbi⸗ gem Eichenholze von grober Schnitzarbeit beklei⸗ det, die Decke aber von gewoͤlbtem Mauerwerk, die Bogen entſprangen aus ſeltſam geſtalteten Koͤpfen von widerlichem Anſehen, und verliefen ſich in kleine, breite Mißgeſtalten, welche von der Decke mit nicht lieblicherem Blicke herun⸗ terſchauten. Ein breiter, alterthuͤmlicher Arm⸗ ſtuhl, der, den Kiſſen nach zu urtheilen, mit denen er belegt war, fuͤr den Gebrauch des alten, ſchwachen Abtes ſelbſt beſtimmt worden, trug auf der Lehne mehrere ausgeſchnitzte Figu⸗ ren, die man hier nicht erwartet haben ſollte. Es war nehmlich eine Verſammlung von Leu⸗ feln, welche mit ausgelaſſener Frohlichkeit tanz⸗ ten; doch hatte der Kuͤnſtler hinter ihnen Flam⸗ men angebracht, um zu zeigen, daß ſie ſich nicht ungeſtraft auf dieſe Weiſe ergotzen duͤrf⸗ ten. Auf dem Tiſche lag zwiſchen Buͤchern und Papieren eine paͤpſtliche Bulle, welche ſichtlich offen gelaſſen worden, um ſich daraus Raths zu erholen. Dudley hatte noch nie eine ſolche Schrift geſehen, daher betrachtete er ſie genauer, und las mit lauter Stimme deren An⸗ fang:„Innocentius Bpiscopus, servus ser- vorum Pei, dilectis filiis Abbati et Con- ventui Sanctae Mariae Glastoniae, Batho- niensis diocesis salutem et apostolicam be- nedictionem. In Dei nomine, Amen!“*) Als er die letzten Worte ausſprach, wurden ſie hinter ihm mit leiſer Stimme wiederholt, und als er ſich umblickte, ſah er den Abt, vor dem er ſich achtungsvoll verneigte, indem er zugleich wegen der Freiheit um Verzeihung bat, die er ſich geſtattet. „Ach! mein Sohn,“ erwiderte der ehr⸗ wuͤrdige Greis,„man nimmt ſich heut zu Tage groͤßere Freiheiten mit den Edikten des heiligen Vaters, als dieſe, und es giebt Wenige in unſern finſtern, boͤſen Zeiten, welche die Guͤte haben, ſich uͤber weit weniger verzeihliches Be⸗ tragen zu entſchuldigen, ſelbſt nicht uber offene, kuͤhne Widerſetzlichkeit gegen ihre Vorgeſetzten. Gottes Wille muß in allen Dingen geſchehen! — Noch nicht, mein Sohn; nein, ich bitte Dich, ſetz Dich. In meinem Amte, oder in dem Tempel des Herren heiſcht es meine Pflicht, alle den Reichthum zu zeigen, der die Wuͤrde meines Standes erhoͤhen kann, doch hier bin ich Richard Whiting, nicht mehr Abt von *) Biſchof Innocens, Knecht der Knechte Gottes, ſei⸗ nen geliebten Soöhnen, dem Abte und den Con⸗ ventualen von Glaſtonbury, in dem Kirchſprengel von Bath, ſeinen Gruß und apoſtoliſchen Seegen⸗ Im Namen Gottes, Amen. D. Ueb. —— Glaſtonburh, ſondern ein Suͤnder wie Du, und, wie Du ſiehſt, ein ſchwacher, gebrechli⸗ cher alter Mann.“— Bei dieſen Worten ſank er langſam, und mit ſichtlicher Anſtrengung in ſeinen gepolſterten Stuhl. Dudley nahm ihm gegenuͤber Platz, und der Abt, zu ſehr beſchaͤf⸗ tigt mit ſeiner eigenen Gebrechlichkeit, um ſo⸗ gleich nach dem Zwecke von ſeines Gaſtes Be⸗ ſuche zu fragen, fuhr fort:„Ja, wahrlich, mein Sohn, Stolz wuͤrde bei mir nur Spott uͤber die Vergaͤnglichkeit des Fleiſches ſein; ich eile dem Grabe zu, wo der Schaͤdel, der die Biſchofsmuͤtze trug, eben ſo gut eine Beute der Wuͤrmer wird, wie der, den eine Krone ſchmuͤckte, und wo die Hand, die den Krumm⸗ ſtab, und die, welche den Scepter faͤhrte, zu Staub verfallen, denn das tiefſte Grab, das prachtvollſte Monument iſt doch nur wie die eitele Thronerhebung eines widerlichen Gerip⸗ pes. Das wird in kurzem all die Groͤße und Pracht des Lord Abtes von Glaſtonbury ſein. — Ich habe meinen Lauf vollendet; ich habe meinen Lauf vollendet!“— Eine oder zwei Minuten blickte er ſchweigend auf ſeine gefal⸗ teten Haͤnde, ſichtlich verloren in ſeine ernſten Betrachtungen, doch dann riß er ſich gewalt⸗ ſam aus ſeinen Traͤumereien empor, und ſagte, die Augen aufſchlagend, zu Dudley:„Verzeih, — 40— mein Sohn, daß ein alter Mann, wel⸗ cher fuͤhlt, daß er ſich mehr mit jener Welt, als mit dieſer beſchaͤftigen muß, ſeine Gedan⸗ ken fuͤr einige Zeit zum Himmel ſchweifen ließz ſage mir, ich bitte Dich, weshalb Du hier biſt, und wie ich Dir am Wſtn dienen kann.“ So kurz als mgich berichtete Dudley nun die letzten Befehle des Sir Giles Hungerford, Cecil nach der Abtei zu bringen; ſeine eigenen Abenteuer in dem Thurmhauſe; ſeine Ueber⸗ zeugung, daß das Geruͤcht von Cecils Geiſtes⸗ ſchwaͤche eine Perlaäumdung ſei, der widerrecht⸗ lichſten Abſichten wegen erſonnen; ſeinen Arg⸗ wohn uͤber die finſtern Plaͤne Sir Lionels, der ſich des Vermoͤgens ſeines Muͤndels mit Ge⸗ walt bemächtigt haͤtte, und entſchloſſen ſchiene, es ſich durch geheime Einkerkerung, vielleicht durch Ermordung des rechtmäßigen Erben, zu erhalten. Er beſchloß dieſen Bericht mit der Bitte an den Abt, ihm ſeinen Rath zu erthei⸗ len, ſeine Meinung zu ſagen, wie er die Be⸗ freiung ſeines Vetters am ſicherſten bewirken, und den feindſeligen Angriffen am beſten ent⸗ gehen koͤnne, mit denen er ſelbſt ſich von deſ⸗ ſen verrätheriſchem Vormunde beſtändig bedroht ſaͤhe. Bei der erſten Nennung von Sir Lio⸗ nels Namen hatte der Abt ſich mehrere Male —— eifrig bekreuzt, und als Dudleh geendet, ſagte er:„Es iſt ein faͤrchterlicher Mann, mein Sohn, und ein boͤſer; voller Falſchheit und Liſt wie die Schlange; ein Mann, der ſich im Dunkeln gefaͤllt, deſſen Hand an das Blut⸗ vergießen gewoͤhnt iſt. Er iſt der Belial, der den Tempel des Herrn entweiht, die heiligen Zeichen unſeres Glaubens geſtuͤrzt hat; der Baal und Aſtaroth, welche gotzendieneriſche Prieſter hatten, und Menſchenopfer verlangten. Doch wenn auch der Satan, dem er ſich ver⸗ kaufte, ſeine hoͤlliſchen Plaͤne fuͤr einige Zeit unterſtuͤtzt, ſo wird doch endlich der Heilige, dem wir dienen, der Gott St. Benedikts, un⸗ ſeres heiligen Stifters, ſeine Abſichten zu Schan⸗ den machen, und er wird beſiegt zu unſeren Fuͤßen liegen.“ „Und wie, Mylord,“ fragte Dudley, „moͤgen wir ſeinen Raͤnken am beſten entge⸗ genarbeiten, wie meinen ungluͤcklichen Vetter von den Gefahren befreien, mit denen er be⸗ droht wird, wenn er ihnen nicht vielleicht gar ſchon erlegen iſt.“ „Obgleich die Daͤmonen, welche ſeinem Gebote gehorchen, wie mir geſagt worden iſt, den Blitz auf meine Meierei geleitet, und ſie bis auf den Grund niedergebrannt haben,“ fuhr der Abt fort, ohne die Frage zu beach⸗ —— ten,„will ich mein Vertrauen auf Den nicht aufgeben, der der Abtei immer ſeine wunderſame Gnade ſchenkte, auf Ihn, der Ananias und Sapphira ſchlug, der den Sohn Hamadats haͤngen ließ, weil er auf die Ver⸗ nichtung Mardecais ſann, und der Belſazzar toͤdtete, weil er die heiligen Gefaße des Tem⸗ pels entweiht hatte!“ Sein Geſicht ward, waͤhrend er ſprach, von frommem Feuer belebt, und er redete, in die lateiniſche Sprache fal⸗ lend, mit einem Eifer, den man ihm nicht haͤtte zutrauen ſollen. Als Dudley aber ſah, daß ſeine Frage uͤberhort worden, wiederholte er ſie, und der Abt erwiderte nun engliſch, und in ruhigerer Weiſe:„Heilige Mutter Maria! das iſt eine wichtige, wohl zu erwaͤgende Sache, und ich wage es nicht, meine Meinung daruͤ⸗ ber zu ſagen, noch meinen Rath zu ertheilen, bis ich andaͤchtig um Schutz und Erleuchtung gebetet habe. Vor dem Abendgeſange wird dies gethan ſein, und dann wollen wir uns wieder mit einander berathen; doch jetzt darf ich nicht laͤnger zoͤgern, denn es iſt Mittewoch, und an dieſem Tage, ſo wie am Freitage kom⸗ men alle die Armen aus der Nachbarſchaft hie⸗ her, ſowohl um ihrem irdiſchen Mangel abge⸗ holfen zu ſehen, als auch um ſich den geiſtli⸗ chen Troſt zu holen, den meine Ermahnungen, 3— meine Gebete und mein Segen ihnen gewaͤh⸗ ren koͤnnen. Verharre in dieſen Gemaͤchern, wo Du die Ordnung unſerer geringen Genoſ— ſenſchaft ſehen kannſt; und in kurzem, wenn fuͤr die Armen geſorgt iſt, und ich in meinem eigenen Betzimmer um den Beiſtand des Him⸗ mels gefleht habe, ſehe ich Dich wieder. Bis dahin ſei der Segen St. Benedikts mit Dir!“ Bei dieſen Worten verließ er das Gemach, und der ſilberlockige Diener, der Dudley hieherge⸗ fuͤhrt hatte, trat wieder ein. Er erklaͤrte, er habe den Auftrag, Dudley uͤberall in dem Gebaͤude herumzufuͤhren, und ſo gingen ſie denn mit einander. Die Gemaͤcher des Abtes, wie ſie beſchei⸗ dentlich genannt wurden, bildeten in der That eine Reihe geraͤumiger Hallen, Zimmer und Gebaͤude, und es war hier ſowohl ein Kolle⸗ gium, als ein kleiner Hof, deſſen bewunderns⸗ werthe Ordnung, gute Fuͤhrung und feine Sit⸗ ten, dem ganzen Koͤnigreiche lange als ein Muſter gedient hatten. Hieher wurden aus allen Theilen des Reiches die Soͤhne des vor⸗ nehmſten Adels geſandt, um eine tugendhafte, gelehrte und feine Erziehung zu erhalten. Ge⸗ gen dreihundert waren auf dieſe Weiſe durch den jetzigen Abt erzogen worden, viele Andere von geringerem Range, welche er fuͤr die Uni⸗ — 44— verſitaͤten gebildet hatte, noch ungerechnet. Seine Tafel, mit dem zahlreichen Gefolge und der Menge der Beamten, bot eine wohlgeordnete und reichliche Gaſtfreundſchaft, ohne uͤberfluͤſſi⸗ gen Luxus und Pracht, und ward von jedem Beſuchenden bewundert. Sein Hausweſen war ſo ausgebreitet, daß er fuͤnf hundert Perſonen von Bedeutung zu gleicher Zeit bewirthet hatte, ohne dadurch im Mindeſten beunruhigt zu wer⸗ den. Verließ der Abt ſein Kloſter, ſo hatte er oft gegen hundert Perſonen in ſeinem Gefolge, doch da er alle dieſe Pracht von ſeinem Amte, ſeiner Wuͤrde abhaͤngig machte, ſie nur dieſen zuſchrieb, gab es keinen perſoͤnlich beſcheidne⸗ ren, einfacherern, demuͤthigerern Mann, als den maͤchtigen Lord Abt von Glaſtonburh, ein Mitglied des Oberhauſes, und einen Baron des Parlaments, der regelmaͤßig ſchriftlich auf⸗ gefordert ward zu ſitzen inter pares, os ceres, et barones regni. ²) Eben als Dudley die Runde durch das Ge⸗ baͤude vollendet hatte, und an der Seite ſeines alten Fuͤhrers uͤber den großen Hof ging, hoͤrte er den Hufſchlag eines Pferdes, das ſich ihm eilig näherte. Als er ſich umſah, erblickte er *) unter ſeines Gleichen, den Vornehmſten, und den Reichsbaronen. D. Ueb. —— Petern, auf einem ſtattlichen Roſſe reitend, den Mantelſack hinter ſich; kaum gewahrte dieſer ſeinen Herrn, als er ſein Pferd vorwaͤrts ſpornte, und froͤhlich ſang: „Weißt Du wohl, mein lieber Freund, Weshalb die Frau ohne Bart erſcheint?— Sie ſchwatzt ohn' Ende, ohn' Ende, ohn' Ende, Daß man ſie nicht raſiren könnte.“ „Und wahrhaftig, gnaͤdiger Herr,“ fuhr er zu Dudley, ſich das Kinn reibend, fort,„ich habe die nehmliche Entſchuldigung, daß ich mir heute Morgen den Bart nicht ſchor, denn ſeit Tagesanbruch habe ich geſchwatzt und geſpro⸗ chen, um mich ſelbſt und meines Herrn Sa⸗ chen ſicher aus den Krallen jenes Ungeheuers in dem Thurmhauſe zu befreien. Bei Gott, wir haben nicht ſolche abſcheuliche Schufte in Frankreich.“ Auf Dudleys Fragen ſagte er nun, daß er kaum von dem Streite Sir Lio⸗ nels mit ſeinem Herrn, und von deſſen Flucht gehoͤrt haͤtte,— was jedoch erſt geſchehen ſei, als Kapitain Baſſet ſpaͤt in vergangener Nacht nach Hauſe zuruͤckkehrte— als er bei dem erſten Strahle des anbrechenden Tages den Mantel⸗ ſack gepackt habe, entſchloſſen, Dudley nach der Abtei zu folgen, wohin er nach des Kapi⸗ tains Bericht geflohen ſein ſollte. Die Diener aber, die er anfangs um ihre Huͤlfe gebeten, hatten kaum die Lage der Dinge erfahren, als ſie ihm nicht nur jeden Beiſtand verweigerten, ſondern auch unter ſich berathſchlagten, ob ſie ihn nicht ſo lange zuruͤckhalten ſollten, bis Sir Lionel ſeinen Willen uͤber ihn ausgeſprochen hätte. Sie waren endlich darin einig gewor⸗ den, daß dies wirklich das Kluͤgſte ſei, was ſie thun koͤnnten, und hatten ihn deshalb in dem Stalle eingeſchloſſen, um die Befehle ih⸗ res Gebieters einzuholen. Kaum hatten ſie ſich entfernt, als eine Trompete erſchallte, und an⸗ dere Stimmen riefen, Sir Lionel, der uͤber die Niederlage und gefaͤhrliche Verwundung des Kapitains wuthend ſei, habe allen ſeinen Die⸗ nern und Lehnsleuten befohlen, ſich zu bewaff⸗ nen, und ſogleich in der großen Halle zu er⸗ ſcheinen, wie man vermuthete, um ſchnell ei⸗ nen Angriff auf die Abtei auszufuͤhren und die Wiedererlangung des Fluͤchtlings durch Ge⸗ walt zu verſuchen. Dieſe Geſtaltung der Dinge gefiel Petern keineswegs, daher eilte er nach der entgegengeſetzten Thuͤre des Stalles, die zu ſeinem Gluͤcke unverwahrt geblieben war, und als er hier den Weg frei fand, wählte er das beſte Roß aus dem Stalle, fuͤhrte es zu dem Orte, wo er den Mantelſack gelaſſen, befeſtigte dieſen in aller Eile, ſchwang ſich davor in den Sattel, und beſchloß, zu verſuchen, ob es ihm —— nicht gelingen ſollte, ſeine Flucht durch einen kuͤhnen coup de main zu bewerkſtelligen. In der allgemeinen Verwirrung kam er unbemerkt, oder wenigſtens unaufgehalten hindurch; bei dem Thurmhauſe kannten ſie den Grund des Larmens im Hauptgebäude nur unvollkommen, und hatten keine Befehle, ihn aufzuhalten. So kam er wohlbehalten aus dem Quartiere des Feindes, und ſobald er nicht mehr befuͤrchten durfte, durch die Eile ſeiner Flucht Argwohn zu erregen, druͤckte er ſeinem Pferde die Spo⸗ ren ein, und war ſo eben in den Hof der Ab⸗ tei geſprengt. Er war an den Kriegsgebrauch lange genug gewoͤhnt, um jedes Ding als eine gute Beute zu betrachten, daher klopfte er jetzt den Hals ſeines Pferdes, und rief, mit einem Blicke der Selbſt⸗ zufriedenheit uͤber die vollbrachte That:„Sie werden zugeben, gnädiger Herr, daß dies Roß kein ſchlechter Erſatz fur die ausgeuͤbte Feindſe⸗ ligkeit iſt; der Mantelſack enthaͤlt wenigſtens alles, was uns gehoͤrt, und ſollten auch zwei oder drei Kleinigkeiten mehr darin ſein, mein Gott, wer kann dafuͤr etwas, wenn man ge⸗ zwungen wird, ſo uͤbereilt zu packen?“ Während dieſer Erzahlung waren mehrere Moͤnche, uͤberraſcht durch eine ſo ungewoͤhnliche Erſcheinung in einem Kloſterhofe, herzugetre⸗ ten, und bildeten mit ihrer ernſtern Fleidung und ihren finſteren Geſichtern einen ſonderba⸗ ren Gegenſat gegen das heitere, fremdartige Gewand, die dunkle Geſichtsfarbe, die golde⸗ nen Ohrringe, den froͤhlichen Ausdruck, und die laͤchelnden Augen des Franzmannes, der jetzt vom Pferde geſtiegen war, und ſeine weißen Zaͤhne zeigte, als er lachend und froͤhlich um ſich her ſahe. Als er das Staunen der Moͤnche bemerkte, ſchlug er die Haͤnde zuſammen, und brach ſo plotzlich aus in den Geſang:„Han- neton, vole, vole, vole!“ daß Mehrere ſcheu zuruͤcktraten, und daran zu zweifeln be⸗ gannen, daß ihr lebhafter Gaſt ſeines Verſtan⸗ des vollkommen maͤchtig ſei. Ehe ſie ſich noch von ihren Beſorgniſſen erholen konnten, ergriff er den ernſteſten von Allen bei der Hand, ſtreckte ſeinen Fuß gleich einem Tanzmeiſter vorwaͤrts, bog den Kopf zuruͤck, zog die Augenbrauen in die Hoͤhe, bis ſie die ganze ſonnenverbrannte Stirn mit Falten bedeckten, ſummte dann ei⸗ nen leichten franzoſiſchen Tanz, und wirbelte ſeinen unfreiwilligen Mittaͤnzer in einer Art von Walzer mit ſich herum, wobei er ſelbſt allen moglichen Anſtand und die ſichtlichſte Freude zeigte, waͤhrend der Moͤnch, ſich in Armölaͤnge von ihm entfernt haltend, als ob er in der Gewalt eines Wahnſinnigen ſei, ihm — 4— mit hoͤchſtem Staunen, nicht ganz ohne eine Miſchung von Entſetzen, in das Geſicht blickte. „Was ſoll das bedeuten, Du trunkener Schelm,“ ſchrie Dudley;„was ſollen dieſe tollen Streiche, dies affenhafte Betragen? Glaubſt Du, daß Du dieſe ehrwuͤrdigen Män⸗ ner eben ſo behandeln kannſt, wie die Sauf⸗ gevatterinnen in dem Brette? und iſt dies die Zeit zu Deinen Tollhaͤuslereien, wo wir das Knat⸗ tern des Gewehrfeuers in jedem Augenblicke erwarten duͤrfen, wenn Du kein luͤgenhafter Schuft biſt?“ „Ei, wahrlich, gnaͤdiger Herr, dies iſt die Zeit. Man muß ſeine Fuͤße gebrauchen, wenn man jeden Augenblick erwarten kann, auf den Kopf geſchlagen zu werden; und was dieſen ehrwuͤrdigen, feiſten Moͤnch betrifft,“— er griff ihm, indem er ſprach, vertraulich unter das Kinn—„ſo hat er, ſeines finſtern, ern⸗ ſten Blickes ungeachtet, ein entſchiedenes Ta⸗ lent, und wuͤrde unter meiner Leitung in drei Wochen reißende Fortſchritte machen.— Ei, ſieh nicht ſo verdrießlich aus, guter Vater.“ „Schweig! noch ein Mal ſage ich es Dir, Du ſchwatzender Schuft,“ rief Dudley mit ge⸗ bietenderer Stimme;„oder Deine Schultern ſol⸗ len Deinen Reitſtock fuͤhlen, bis Du aus einem anderen Tone pfeifſt.“ MI. 4 — „Friede ſei unter Euch!“ ſagte Bruder Franz mit tiefer Stimme, daß alle Anderen betaͤubt wurden. Er trat jetzt zu der Verſamm⸗ lung, und als er nun den Bericht Peters uͤber die feindlichen Anſtalten vernahm, die in dem Thurmhauſe gemacht worden, zog er Dudley bei Seite und verſicherte ihn, es ſei kein Grund zur Beſorgniß vorhanden, denn Sir Lionel, obgleich er ſich wohl von augenblicklicher Wuth hinreißen laſſe, ſei ein viel zu liſtiger und vor⸗ ſichtiger Gegner, um ſich durch irgend einen offenen Angriff auf die Abtei blos zu geben, beſonders, wo ſo wenig Hoffnung eines guͤn⸗ ſtigen Erfolges vorhanden ſei. Die hohen Mauern, von denen ſie umgeben waͤren, ſagte er, ſchutzten ſie gegen einen Ueberfall; die Zahl der Maͤnner hinter dieſen Mauern uͤberſtiege jede, welche Sir Lionel aufbringen koͤnnte, um mehr als das Doppelte; es mangelte weder an Waffen noch an Munition, und es wäre da⸗ her viel wahrſcheinlicher, daß Sir Lionel nur beabſichtigt habe, wie dies auch ſchon bei fruͤ⸗ heren Gelegenheiten geſchehen ſei, ſeine Leute wachſam zu erhalten, und ſich von ihrer Treue zu verſichern, als daß er einen Angriff auszu⸗ fuͤhren gedenke, der ihn, wenn er auch wirk⸗ lich gelinge, doch auf jeden Fall einer ſichern Rache des Geſetzes Preis gebe. Es ward da⸗ — her feſtgeſetzt, daß die Außenthore der Abtei verſchloſſen gehalten, und Wachen ausgeſtellt werden ſollten, die die Bewegungen in dem Thurmhauſe beobachteten, und ſogleich Nach⸗ richt brächten, ſobald irgend ein zahlreicher Aus⸗ fall gemacht werde, daß der Abt aber nichts von alle dem erfahren duͤrfe, da ſeine Geſund⸗ heit leicht durch eine ſo beunruhigende Nach⸗ richt gaͤnzlich zerſtoͤrt werden koͤnnte. Kaum war dieſer Entſchluß gefaßt worden, als die Zeit zum Mittagseſſen durch das Laͤu⸗ ten einer großen Glocke verkuͤndet ward, und Dudley begleitete den Bruder Franz in das Refektorium, wo die Tiſche fuͤr eine zahlreiche Menge gedeckt waren. Dem Gebrauche gemaͤß, ſaß der Abt allein an einem kleinen Tiſche, der auf einer Erhoͤhung ſtand, zu welcher zwoͤlf Stufen in drei Abſätzen fuͤhrten. Auf jedem Abſatze hielten die Moͤnche, welche dem Abte die Speiſen auf ſilbernen Schuͤſſeln brachten, ei⸗ nen Augenblick an, um eine kurze Hymne zu ſingen, ein Herkommen, welches den ehrwuͤr⸗ digen Herrn gegen das Verbrennen des Mun⸗ des ſicherte. An dem Gaſttiſche ſaßen mehrere arme Edelleute, wie ſie genannt wurden„die, entweder wegen einer weitlaͤuftigen Verwand⸗ ſchaft mit irgend einem Gruͤnder oder Wohl⸗ thaͤter der Abtei, oder wegen des zufaͤlligen 4* 5 6 — 3— Umſtandes ihrer edlen Geburt, ein Recht for⸗ derten, waͤhrend einiger Tage freie Wohnung und freien Unterhalt zu genießen. Nach Ver⸗ lauf dieſer Zeit verlegten ſie gewoͤhnlich ihr Quartier in eine andere religioͤſe Stiftung, bis ſie ſich ihren Weg von einem Ende des Koͤ⸗ nigreiches zu dem andern gegeſſen hatten. Dudley ſagte die Geſellſchaft ſolcher Menſchen nicht ſonderlich zu, die, obgleich ſie keinen Pence in der Taſche hatten, dennoch bekannte Freſſer und Saͤufer waren, die Unterhaltung eines Kloſters, einer Abtei, beſtaͤndig mit denen anderer verglichen, und dabei ſo laut waren, einen ſolchen Uebermuth zeigten, als glaubten ſie, ihre hohe Geburt entſchuldige ihre gemeinen Sitten; daher ſetzte Dudley ſich an eine geringere Tafel, an die Seite des Bru⸗ der Franz. Mehrere der Studenten bemuͤheten ſich, ebenfalls in deſſen Naͤhe Sitze zu erhal⸗ ten, was Dudleh der Leutſeligkeit zuſchrieb, die der gzute Moͤnch uͤberall zeigte; doch er ſah jetzt, daß dazu noch ein anderer Grund vor⸗ handen ſei. Die lateiniſche Sprache war die einzige, welche bei Tiſche geſprochen werden durfte, und Bruder Franz hatte einen Schatz von Reimſpruͤchen, Scherzen, Witzſpielen und Anekdoten in dieſer Sprache, worauf die ju⸗ gendlichen Zuhoͤrer eifrig lauſchten. Das Ver⸗ gnuͤgen, welches ſie dabei empfanden, ward noch vermehrt, wenn er die Diener, welche grade ſo viel Latein kannten, um die Namen der Dinge, welche ſie gewoͤhnlich bringen mußten, als Brot, Bier, Teller, zu verſtehen, mit ſolchen Umſchreibungen um dies oder jenes bat, daß zwar die Studenten ihn verſtehen konnten, die Diener aber nicht wußten, was er meinte, und nun, um ſich ihre Unkenntniß nicht mer⸗ ken zu laſſen, mit dem groͤßten Cifer ſeine Wuͤnſche zu erfuͤllen ſtrebten, und doch immer das Falſche brachten. Zuweilen aber gab er auch ſeine Beduͤrfniſſe durch eine natuͤrliche Sprache zu erkennen, die nicht mißverſtanden werden konnte, indem er zum Beiſpiel den Ton nachahmte, welchen der Wein hervorbringt, wenn er aus einer langhalſigen Flaſche einge⸗ ſchenkt wird; dabei ſah er dann den Dienern mit einer ſolchen Ernſthaftigkeit in das Geſicht, daß dieſe ihre Lachluſt nicht zu unterdracken vermochten. Die Mahlzeit war bald beendigt, und nach⸗ dem das Dankgebet geſungen worden, wobei die ſonore Stimme des Bruder Franz vor⸗ herrſchte, trennte ſich die Verſammlung, indem Einige zu ihren Studien, Andere zu ihren ver⸗ ſchiedenen Beſchaͤftigungen eilten. Kaum war dies geſchehen, als Dudley wieder in das —— Sprachzimmer des Abtes beſchieden ward, wo er den ehrwuͤrdigen Greis in ſeinem Armſtuhle ſitzend fand.„Ich habe um Erleuchtung gebe⸗ ten, mein Sohn,“ ſagte er mit ſchwacher Stim⸗ me,„und halte es fuͤr das Beſte, daß Du ſelbſt ſogleich nach London gehſt, wo Du nicht allein ſicherer vor den Raͤnken Deines Feindes biſt, ſondern wo es Dir auch leichter gelingen kann, ſeinen ſchaͤndlichen Plaͤnen entgegenzuwirken, und den Unſchuldigen aus ſeiner Gewalt zu befreien. Du ſollſt zwei Pferde aus meinem eigenen Stalle erhalten, und hier ſind Briefe, welche Dir ſehr gute Dienſte leiſten koͤnnen. Sie ſind an meinen beſonders wuͤrdigen Be⸗ ſchuͤtzer, den Lord Kardinal gerichtet, einen trefflichen Mann und einen großen. Er iſt nicht nur der Schuͤtzer der Bedraͤngten, der Vater der Elternloſen, ſondern hat auch volle Macht, die Gerechtigkeit zu bewirken, die er liebt, und wird ſchnell dieſen frechen Spotter von ſeiner Hoͤhe ſtuͤrzen. Ja, mein Sohn, ſelbſt wenn er mit den Geiſtern der Finſterniß im Bunde ſteht, ſo ſollen dieſe zuſammenſtuͤr⸗ zen vor den Geiſtern des Lichtes und des Ge⸗ ſetzes, eben ſo, wie die Zauberer Pharaos vor der uͤberlegenen Gewalt Moſes in den Staub ſanken.“ Hierauf las er den Brief, welcher eine kurze Auseinanderſetzung der Bedruͤckungen und Miſſethaten Sir Lionels enthielt, den Arg⸗ wohn ausſprach, daß er irgend eine grauſame Abſicht gegen ſeinen Muͤndel im Schilde fuͤhre, und, in Hinſicht genauerer Nachrichten auf den Ueberbringer verweiſend, dieſen dem maͤchtigen Schutze Sr. Lordſchaft dringend empfahl. Die⸗ ſen Brief ſiegelte er in Gegenwart ſeines Ga⸗ ſies, gab ihm denſelben, und ermahnte ihn, keine Zeit zu verlieren, ſondern die Abtei ſo bald als moͤglich zu verlaſſen, um ſich den ge⸗ heimen Schlingen und der offenen Gewaltthä⸗ tigkeiten zu entziehen, mit denen er ſo lange bedroht bliebe, als er ſich in der Nachbar⸗ ſchaft des Thurmhauſes aufhielte. Dieſer Rath ſtimmte ſo ſehr mit Dudleys eigenen Wuͤnſchen uͤberein, daß er ſich bereit erklaͤrte, auf der Stelle abzureiſen, obgleich er dieſe Gegend nicht verlaſſen koͤnne, ohne die Stadt Glaſtonbury zu beſuchen, und dort den Helm des Sir Giles in der Kirche aufzuhan⸗ gen, und zu einer paſſenden Inſchrift Anſtal⸗ ten zu treffen, wie die letzten Befehle ſeines ſterbenden Oheims ihm dies geboten.„ Auch darin kann ich Dir behuͤlflich ſein,“ ſagte der Abt;„die Pfarrſtelle ſteht unter meinen Be⸗ fehlen, und der jetzige Pfarrer ward durch mich ernannt. Es iſt ein wuͤrdiger, frommer Mann, — dem Du Deine Wuͤnſche dreiſt ſagen kannſt, fuͤr deren Erfuͤllung auch ich noch Sorge tra⸗ gen will.“ Indem er dies ſagte, breitete er die Arme aus, ſprach einen feierlichen Segen, empfahl Dudley der beſondern Obhut der hei⸗ ligen Maria und des heiligen Benedikt, des Beſchuͤtzers der Abtei, und wuͤnſchte ihm Lebe⸗ wohl. Nachdem Dudley ihm herzlich fuͤr all ſeine Guͤte gedankt, verließ er das Sprachzim⸗ mer, und ſuchte Petern aufz dann nahm er Ab⸗ ſchied von dem Bruder Franz, und ſorgte, daß dem Sir Lionel das Pferd zuruͤckgeſchickt werde, eine Maaßregel, die Peter fuͤr eine ganz uͤber⸗ triebene, uͤbelangebrachte Ehrlichkeit erklaͤrte. Als ihm indeſſen aus des Abtes Stall ein trefflicher Stellvertreter vorgefuͤhrt ward, tro⸗ ſtete er ſich uͤber den Verluſt ſeiner Beute. Dudley beſtieg ein muthiges Roß, und nahm dann einen recht herzlichen Abſchied von dem guten Bruder Franz, der ihnen mit ſeiner kraͤf⸗ tigen Stimme noch lange nachrief:„Salve et vale!“ Peter antwortete ihm durch den Ge⸗ ſang:„Allerte! allerte! allerte! discit Père Grégoire“ und dann kehrten ſie der Ab⸗ tei den Ruͤcken und ritten der Stadt Glaſton⸗ bury zu. Hier war mit dem Beiſtande des Geiſtli⸗ chen ihr Geſchaͤft bald geendigt. Mit Trauer — 57— erfullt, und ſchmerzlich erregt durch die Erin⸗ nerung an die verderbliche Schlacht der Aben⸗ teurer, und den Tod ſeines Oheims zu Montreuil, hing Dudley ſelbſt den unheilvollen Helm mit eigenen Haͤnden in einem, ins Auge ſpringenden Theile der Kirche auf, unter den Schilden, Bannern und Wahrzeichen der Familie. Der gute Prie⸗ ſter verſprach, fuͤr eine Inſchrift zu ſorgen, die den kommenden Geſchlechtern, dem Wunſche des Verſtorbenen gemaͤß, es ſagen koͤnne„daß einſt ein ſolcher Ritter, als Sir Giles Hun⸗ gerford von dem Thurme, lebte.“ Als er dieſer Pflicht auf ſolche Weiſe ein vollkommenes Genuͤge geleiſtet, trat Dudley ſeine Reiſe an, doch hatte er erſt eine kurze Strecke zuruͤckgelegt, als er hinter ſich Trompetenge⸗ ſchmetter hoͤrte. Er ſah ſich um, und erblickte Sir Lionels zahlreiches Gefolge, welches in guter Ordnung aus dem Thorhauſe heraus⸗ marſchirt kam. Deutlich konnte er die Waf⸗ fen im Glanz der Sonne blitzen ſehen. Er ſchloß aus dieſem Anblicke, daß Sir Lionel alles Ernſtes einen Angriff auf die Abtei beab⸗ ſichtige, und ſein erſter Entſchluß war, dahin zuruͤckzukehren, und bei deren Vertheidigung thaͤtig zu ſein. Doch ein einziger Augenblick der Ueberlegung reichte hin, ihn zu uͤberzeugen, daß weit eher ſeine Abweſenheit von der Abtei dieſe gegen gewaltſame Angriffe ſchutzen konne, als ſeine Gegenwart in derſelben, und daß ſein Zweck viel ſicherer erreicht werde, wenn er der Hauptſtadt zueile, als wenn er ſich noch län⸗ ger in Somerſetſhire aufhalte. Daher druckte er ſeinem Pferde die Sporen ein, und verlor das Thurmhaus ſo wie die geſetzloſe Bande des Sir Lionel Fitzmaurice bald aus dem Geſichte, indem er in ein liebliches Thal hinabritt, das zu beiden Seiten mit Gehoͤlz eingefaßt war. Doch obgleich das Gebaͤude ſeinem Blicke entzogen war, kehrten ſeine Gedanken noch oft dahin zu Cecil zuruͤck, uͤber den er ſich der traurigſten Ahnungen nicht erwehren konnte. Aber bei Gelegenheit weilten ſie auch, mit groͤßerer Be⸗ haglichkeit, auf Beatrix, fuͤr welche er die in⸗ nigſte Dankbarkeit fuͤhlte, und deren leiden⸗ ſchaftliche Verwendung zu ſeiner Rettung er immer und immer der zuaͤrtlichſten Theilnahme an ſeinem Schickſale zuſchrieb. — 59— Drittes Kapitel. Dieſen Elfen, der ſich ſelbſt die Regel giebt, Nennen Alle, die der Automat betrübt, Ihren ſchlimmſten Plagegeiſt.— Nur maſchinenmäßig hier ſich Jeder regt, Wo nach fremdem Willen Anes ſich bewegt, um daſſelbe Centrum kreiſt. 3 Begebenheiten, welche ſeine ganze Theilnahme in Anſpruch nahmen, waren waͤhrend ſeines kurzen Aufenthaltes in dem Thurmhauſe ſo raſch auf einander gefolgt, und ſeine ganze Bewunderung weiblicher Schonheit hatte Bea⸗ trir ſo allgewaltig auf ſich gezogen, daß Dud⸗ leys Gedanken kaum ein einziges Mal wieder zu der Tochter des Sir Euſtach Poyes zuruck⸗ gekehrt waren. Obgleich er ſelbſt es faſt ganz vergeſſen hatte, ſo werden die Leſer ſich doch vielleicht noch entſinnen, daß er mit der jungen Dame foͤrmlich verlobt war, und daß er ihrem Vater, ehe er Frankreich verließ, geſchrieben, er gedenke ihn in kurzer Zeit zu beſuchen; eine Zuſammenkunft, die unter den gegenwaͤrtigen umſtaͤnden, und bei dem immer naͤher heran⸗ ruͤckenden Zeitpunkte, der zu der Vermaͤhlung der Tochter beſtimmt war, die ſchoͤnen Bewoh⸗ nerinnen von Beckhampton Hall beunruhigen mußte, obgleich es der Erinnerung des verlob⸗ ten Braͤutigams faſt ganz entfallen war. Seine jetzige Reiſe geſtattete ihm vollkommene Muße, dieſer Verpflichtung zu gedenken, und ſeine Gefuͤhle in Hinſicht auf die Erfuͤllung derſelben, zu pruͤfen. Waͤhrend des erſten Ta⸗ ges ſeiner Reiſe bildete er ſich in der That be⸗ ſtaͤndig ein, er hoͤre das Feuer der Arquebuſen, auch glaubte er ſogar, den Knall der Feldſchlan⸗ gen unterſcheiden zu koͤnnen, mit welchen, wie er wohl wußte, die Abtei verſehen warz Toͤne, welche alle ſeine Gedanken auf den moglichen Ausgang des Angriffes richteten, und ihn mehr als ein Mal zweifelhaft machten, ob er nicht umkehren, und zur Zuruͤcktreibung des verwe⸗ genen, unrechtlichen Angreifers nach Kraͤften mitwirken ſolle. Kaum aber erſtarben dieſe Klaͤnge, als ſeine Betrachtungen durch Peters heitere Lieder verdraͤngt wurden, der wieder frohlich ſang:„Als Colin Artiſchocken ſpeiſ'te“ oder auch ſeinen Herrn zu erheitern ſtrebte, und ihm deshalb vorſang:„Ein Herz, das ſeufzt, iſt ganz verloren“. Doch endlich wurde des — 6— Galliers Lunge oder Geduld erſchopft, und da ſie nun ſchweigend ihre Reiſe fortſetzten, konnte ſein Herr ungeſtort uͤber ſeine Plaͤne fuͤr die Zukunft nachſinnen. Behagte es ihm wenig, den foͤrmlichen und wunderlichen Sir Euſtach Pohes zum Schwie⸗ gervater zu haben, ſo war der feurige, raub⸗ gierige, unheilige Sir Lionel Fitzmaurice eine noch minder wuͤnſchenswerthe Verwandtſchaft. Nach dem, was bereits zwiſchen ihnen vorge⸗ gangen war, und worauf ohne Sweifel noch fernere Feindſeligkeiten folgen mußten, war es viel glaubwuͤrdiger, daß der hochmuͤthige, ſtolze Ritter ihn verderben, als in irgend eine Aus⸗ ſoͤhnung mit ihm willigen, oder gar ihn als den Gemahl ſeiner Tochter anerkennen werde. Auch konnte Dudley ſelbſt nicht daran denken, ehe ſein Vetter befreit, und in den vollen Be⸗ ſitz ſeiner Guͤter eingeſetzt war. So machtig alſo auch der Eindruck war, den Beatrir Schoͤnheit auf ihn gemacht, und wozu beſon⸗ ders deren hohe Geſtalt und gebietendes We⸗ ſen, welches er fuͤr eine Frau von gewiſſem Range fuͤr unentbehrlich hielt, viel beigetragen, ſo fuͤhlte er doch die unerlaͤßliche Nothwendig⸗ keit, die wachſende Neigung zu unterdrucken, bis die Umſtaͤnde ihr guͤnſtiger ſein wuͤrden. Gluͤhende Dankbarkeit mußte er ihr, als der Retterinn ſeines Lebens, ewig zollen, doch da⸗ mit wollte er auch fuͤr jetzt ſeinen Gefuhlen eine Grenze ſetzen. Der Zuſammenkunft mit ſeiner Verlobten ſah er mit dem großten Wi⸗ derwillen entgegen, und wuͤrde mit Freuden jeden paſſenden Vorwand ergriffen haben, ſie gaͤnzlich zu vermeiden. Beckhampton Hall lag aber grade auf ſeinem Wege; er hatte ſich ge⸗ lobt, es gleich nach ſeiner Ankunft in England zu beſuchen; und wenn es nothwendig war, ſich zu erklären, daß er entſchloſſen ſei, den Heirathövertrag nicht zu erfuͤllen, ſo war es fur beide Partheien um deſto angenehmer, je eher es geſchah. Er ſetzte daher ſeine Reiſe mit dem druk⸗ kenden Gefuͤhle fort, daß er eine peinliche Pflicht zu erfullen habe, und jede Stunde, jede Meile ihn einer Aufkläͤrung naͤher bringe, die er viel lieber weiter hinausgeſchoben häͤtte. Eine Reiſe muß unter ſolchen Gefuͤhlen dop⸗ pelt unangenehm ſein, denn die Wuͤnſche zie⸗ hen uns ruͤckwaͤrts, und das Herz verliert in eben dem Maaße den Muth, in welchem die Fuͤße vorwärts ſchreiten. Auch in der Gegend, durch die er kam, gab es nichts, das ihn hätte zerſtreuen koͤnnen. Das Land war ſparſam beoolkert und ſchlecht kultivirt; die wenigen erbaͤrmlichen Huͤtten der Bauern wechſelten nur — ſelten mit religiöſen Gebäuden ab, um welche herum das Land, wie dies gewoͤhnlich war, ein lachenderes, fruchtbareres Anſehen gewann; die Wirthshaͤuſer waren ſchlecht, und die Wege, der guten Jahreszeit ungeachtet, dies ebenfalls ſo ſehr, daß ſie ihn mit Be⸗ ſorgniß fuͤr ihren Zuſtand waͤhrend des Win⸗ ters erfullten, und den Wunſch in ihm erreg⸗ ten, ihnen ſo bald als moͤglich zu entfliehen. Kaum wußte er, ob er ſich ſelbſt Gluͤck wuͤnſchen ſolle, ſo weit gediehen zu ſein, oder ob er vor den unangenehmen Auftritten, denen er nun entgegengehen mußte, erſchrecken ſollte, als er ſich endlich Beckhampton Hall naͤherte, das ſich durch wohl unterhaltene Hecken, huͤb⸗ ſche umzaͤunungen und eine Menge von Vieh aller Art ankuͤndigte. Die hervorſpringenden Fenſter des alten Gebaͤudes, deſſen ſpitze Daͤ⸗ cher und Giebel, durch Vorſprunge unterbro⸗ chen, und mit Spitzen von geſchnitztem Holz⸗ werke verſehen, die hohen Rauchfänge von ro⸗ then Ziegeln, und das luftige Glockengeruͤſt in der Mitte des Hauſes, waren alles, was man ſehen konnte, da die unteren Theile durch die feſte Mauer verborgen wurden, welche das Ganze umzog. In der Mitte dieſer Mauer befand ſich ein Thorhaus, zu welchem eine lange Reihe bejahrter Ruͤſtern fuͤhrte. Die zahlreiche — 64— Menge der Dohlen in den Bäumen ſchien durch ihr ängſtliches, rauhes Kraͤchzen zu verkuͤnden, daß ſie ſelten durch den Fußtritt eines Men⸗ ſchen geſtort wurden, und ließen auf kein froͤh⸗ liches Willkommen in dem Hauſe ſelbſt ſchlie⸗ ßen. Als Dudley vom Pferde ſtieg, und in das Thorhaus trat, kam ihm ein alter Pfoͤrt⸗ ner von finſterem, zuruckſchreckendem Aeußern entgegen. Er trug eine ſchwarzgelbe Livree, mit einer Pfauenfeder auf der Schulter. Nach⸗ dem er Dudley mit einem Blicke muͤrriſchen Staunens gemeſſen hatte, reichte er ihm ein beſtäubtes Buch, gab ihm Schreibmaterialien, und forderte ihn auf, ſeinen Namen in das Buch einzutragen. „Weshalb?“ fragte Dudley. „Weil es der Befehl des Sir Poyes iſt, und außerdem kein Beſuch zugelaſſen wird!“ lautete die Antwort, nicht in dem verbindlich⸗ ſten Tone. Dudley erfuͤllte dies Begehr, Jener aber reichte ihm noch ein Mal das Buch, indem er ſagte:„Wo iſt der Datum?— ſchreibt den Tag, den Monat und das Jahr.“ Dubdley that es; Peter folgte dem Beiſpiele, indem er ſich auf das Verlangen des Pfoͤrtners nannte:„den dienenden Mann des Obenſte⸗ henden.“ Hierauf erſchien ein Page, um ſie nach dem Hauſe zu begleiten. Sir Euſtach hatte beſtimmt, daß durch die Hauptthuͤr nie⸗ mand vom Geſinde gehen ſolle, daher mußte Peter bei dem Pfoͤrtner warten, bis der Page zuruͤckkomme, ihn zu den Wirthſchaftsgebaͤuden zu begleiten. Der breite Kießgang, der zu dem Hauſe fuͤhrte, ward von einem andern durchkreuzt; auf dem Durchſchneidungspunkte ſtand ein ſchwerer ſteinerner Sonnenweiſer. Rings herum war der Garten, in Blumenbeete der verſchiedenartigſten Geſtalten getheilt, jedes mit einer niedrigen beſchnittenen Hecke einge⸗ faßt. Auf der einen Seite war ein Labyrinth von Hagebuchen, auf der anderen ein kuͤnſtli⸗ cher Berg. Ein ſchmaler, ſchlangenartig ge⸗ wundener Gang, mit Muſchelſchaalen einge⸗ faßt, fuͤhrte zu der Spitze, auf welcher ſich ein hellrother Sitz befand. An jeder Ecke des Parallelograms, welches der Garten bildete, ſtand ein Eibenbaum, dem man durch Schnei⸗ den und Ziehen eine rohe Aehnlichkeit mit ei⸗ nem Pfau gegeben hatte, jenem barbariſchen Geſchmacke getreu, welcher damals die erſte Kindheit der Gartenkunſt in England bezeich⸗ nete, ſo wie jetzt die zweite in Frankreich. Die Heiterkeit, welche die Blumen allenfalls haätten erregen koͤnnen, ward durch den traurigen An⸗ blick des Labhrinthes und des Berges verbannt, MI. 5 eben ſo, wie durch die dunkeln Pfauen, welche ſogar die Singevogel verſcheucht zu haben ſchie⸗ nen, denn nicht ein Schnabel war zu hoͤren. Vor dem Hauſe zog ſich eine niedrige Terraſſe hin, und da der Pfau das Wappen der Fa⸗ milie war, hatte man es fuͤr nothig erachtet, zwei dieſer Voͤgel als Waͤchter des Hauptein⸗ ganges hinzuſtellen, und ſie ſtreckten nun an jeder Seite deſſelben ihren Sinnpaumſchwar mit trauriger Bleichfoͤrmigkeit aus. Gleich der Mehrzahl des Adels, welche nicht der Kirche oder den Geſetzen huldigten, war Sir Euſtach Poyns Soldat geweſen, und hatte ſogar keinen geringen Kriegsruhm erkämpft. Als ihn der Friede zu ſeinem Sitze in Beck⸗ hampton zuruͤckſchickte, brachte er die Zeit da⸗ mit hin, daß er die Thiere des Feldes und die Vogel der Luft bekriegte, und als zuneh⸗ mende Gebrechlichkeit ihn hinderte, den Hun⸗ den oder dem Falken zu folgen, wußte er die Stunden nicht beſſer hinzubringen, als daß er die großten Kleinigkeiten ſeines Haushaltes wie durch ein Mikroskop bewachte, und ſtrenge, phantaſtiſche Befehle fuͤr die Ordnung deſſel⸗ ben gab. Zu der Ordnungsliebe, welche er in ſeinem Kriegsſtande erworben, vergaß er nicht, auch noch die militairiſche Puͤnktlichkeit und Strenge hinzuzufuͤgen, und vielleicht ward nie eine Garniſon ſo ſtreng behandelt, als die Fa⸗ milie des Sir Euſtach Poyns. Er verlangte von Andern nichts, was er ſelbſt nicht puͤnkt⸗ lich befolgt hätte, und ſo kam es ihm nie auch nur einen Augenblick in den Sinn, daß die Juͤngern und Lebensluſtigern, in der ſtrengen Einformigkeit etwas Peinigendes finden koͤnn⸗ ten. An dem Feſte St. Michaels, des Erzen⸗ gels, beſtand er unbedingt darauf, daß Alle, die zu ſeinem Haushalte gehoͤrten, ihre Win⸗ terkleidung anlegten, und an dem Tage von Maria Verkuͤndigung mußten ſie dieſelbe wie⸗ der ablegen, ganz ohne Ruͤckſicht auf das Wet⸗ ter; kannte dies den Tag nicht, ſo war es die Schuld des Klimas, nicht die des Sir Poyns. Jeder der Diener hatte ein kleines Buch, in welchem ſeine Pflichten fuͤr einen jeden Tag genau verzeichnet waren; jede Stunde brachte ihre beſtimmte Erholung oder Beſchaͤftigung fuͤr die ganze Familie mit ſich; jedes Fruhſtuͤck, Mittagsbrod und Abendeſſen des ganzen Jah⸗ res war im Voraus beſtimmt, und in das Haushaltsbuch eingetragen; und machte der Beſuch von Gäſten irgend eine Vermehrung der Speiſen noͤthig, ſo war auch dieſe ſchon nach der Zahl und dem Range der Gaͤſte be⸗ ſtimmt. Jedes Jahr, das ſeinen traͤgen Lauf dahinwalzte, glich dem vorhergehenden auf's 5* — 68— Haar, ausgenommen etwa, daß die Strenge und der Ernſt des Sir Euſtach Pohns und ſeiner Gattin mit dem Alter zunahmen, und daß alſo deren Kinder und Diener mit jedem Jahre zu einer groͤßern, peinlichern Regelmaͤ⸗ ßigkeit verdammt ſchienen. Lady Poyns war vollkommen paſſ end für einen ſolchen Gemahl, denn ſie behandelte ihn viel eher mit der Ehrerbietung, der Unterwuͤr⸗ figkeit, die ein Sclave ſeinem Herrn und Ge⸗ bieter ſchuldig iſt, als mit der zutraulichen Freiheit einer Gattinn, und ſeines Gleichen. Da die Abhaͤngigſten ſtets auch die Tiranniſch⸗ ſten ſind, entſchadigte ſie ſich fuͤr den Zwang, unter dem ſie lebte, durch eine noch groͤßere Strenge gegen ihre Kinder, als ſie ſelbſt zu erdulden hatte. Obgleich ihre aͤlteſte Tochter das Alter der Mannbarkeit bereits erreicht hatte, und die beiden andern ſich demſelben wenigſtens mit ſtarken Schritten naheten, muß⸗ ten ſie doch in ihrer Gegenwart ſtumm bleiben; und hatten ſie einige Zeit zur Strafe in dem Winkel geſtanden, ſo erhielt vielleicht gar ein Bedienter den Befehl, ein Kiſſen zu holen, auf dem ſie dann knieen mußten. Die maͤchti⸗ gen Fächer, welche die Edelfrauen zu jener Zeit trugen, hatten einen Griff, der beinahe eine halbe Elle lang war, und mit dieſem zuchtigte — 69— die Lady ihre Tochter oͤfters. Selbſt Miß Pohns war dieſer Strafe noch nicht entwachſen, welche häufig, ſo ſonderbar dies auch in unſe⸗ ren Tagen erſcheinen mag, ſelbſt erwachſene Frauen in der„guten alten Zeit“ erdulden mußten. Mit einer hochſt abgemeſſenen, ſteifen Hoͤf⸗ lichkeit ward Dudley von Sir Euſtach empfan⸗ gen, welcher durch den Rang, den er von je⸗ her bekleidete, das Betragen eines Hofmannes ſich angecignet hatte, obgleich er nicht einen Gedanken jener freundlichen, natuͤrlichen Weiſe beſaß, welche ſolchen aͤußern Hoͤflichkeiten allein Werth geben kann.„Ihr ſeid recht herzlich willkommen in England, und beſonders in Wiltſhire,“ ſagte er mit einer kalten Verbeu⸗ gung,„doch ich daͤchte, Ihr haͤttet uns von Frankreich aus etwas weniger ſelten Neuigkei⸗ ten von Euch zukommen laſſen ſollen.“ Dudley entſchuldigte ſich durch das unru⸗ hige Leben, das er dort fuhrte, und die Schwie⸗ rigkeit der Verbindung zwiſchen beiden Ländern im Allgemeinen. Der Ritter ſprach nun einige Worte uͤber Dudleys Vater, ſagte, er ſei ein wuͤrdiger, rechtlicher Mann, und ſein ſehr gu⸗ ter Freund geweſen, und wandte dann, nach einigen Alltagsreden, die Frage an ſeinen Gaſt, —— ob es ihm gefaͤllig ſei, bei der Lady Poyns eingefuͤhrt zu werden. Dudley glaubte, dort auch ſeine Verlobte zu finden, und da er nie in der Geſellſchaft von Damen erſcheinen mochte, ohne auf ſeinen Anzug alle moͤgliche Sorgfalt verwendet zu ha⸗ ben, bat er um die Erlaubniß, ſeine Reiſe⸗ kleider vorher wechſeln zu duͤrfen, damit er ſich der Lady in einem anſtaͤndigern Aeußern zeigen koͤnne. „Wahrlich, junger Mann, das iſt eine vernuͤnftige Bitte!“ ſagte der Ritter, ſichtlich geſchmeichelt durch die Achtung, dte ſie bewies; zugleich gebot er einem Diener, den Gaſt in das Zimmer Nummero ſieben, auf der Galle⸗ rie Nummero eins, zu fuͤhren. Als Dudley die Treppe hinaufſtieg, ſah er, daß alle Zim⸗ mer ſo regelmaͤßig mit Nummern verſehen wa⸗ ren, als die eines modernen Gaſthauſes. Sein Mantelſack, mit einer roͤmiſchen VM bezeichnet, war bereits auf ſein Zimmer gebracht worden. Er verſaͤumte nun keine Zeit, ſich zu putzen, und eilte dann wieder in das Zimmer, in wel⸗ chem er Sir Euſtach verlaſſen hatte. Der Ritter beachtete ſein Wiedererſcheinen fuͤr einige Zeit nicht, denn er war grade emſig, mit ſei⸗ nem Haushofmeiſter gemeinſchaftlich beſchaͤf⸗ tigt, das Wirthſchaftsbuch durchzuſehen. Da⸗ „— bei behauptete er eiftig, daß in der Speiſekam⸗ mer nicht mehr als ſechsundfunfzig Stockfi⸗ ſche und achtundvierzig Schellfiſche ſein könn⸗ ten. Der Diener verſicherte dagegen, er habe ſie mehrmals uͤberzählt, und es ſei ganz ſi⸗ cher einer mehr von jeder Art. Durch den Gewinn dieſer beiden ungluͤcklichen Fiſche hatte Sir Euſtach ſeine heitere Laune gänzlich verlo⸗ ren, und der geringe Ueberſchuß ſchien ihn mehr zu verdrießen, als dies bei anderen Her⸗ ren der Fall geweſen waͤre, haͤtten ſie eine große Minderzahl entdeckt. Es war jedoch nicht irgend eine Zahl, die ihn aͤrgerte, ſondern der Irrthum in der Rechnung, an welchem doch Jemand Schuld ſein mußte. Er ſelbſt hätte ſich beinahe lieber ein Verbrechen als eine Un⸗ regelmäßigkeit vorwerfen laſſen, daher wollte er durchaus den Urheber eines ſo unverzeihli⸗ chen Vergehens kennen. Endlich bemerkte er Dudley, und entließ nun den Haushofmeiſter mit ſtrengem Blicke, und ſagte dabei, die Sache ſei viel zu wichtig, um uͤbergangen zu werden, er werde daher ſehr bald in die Bedientenſtube kommen, um ein ſcharfes Verhoͤr uͤber ſo Ungeheures an⸗ zuſtellen.— Er wuͤnſchte, ſeine Eigenheit vor Dudley zu zeigen, und nahm ſelbſt einen ſcherzhaften Ton an, indem er ſagte:„Eure Ungeduld, Eure Braut zu ſehen, Maſter Dudley, iſt na⸗ tuͤrlich genug, und mißfaͤllt mir nicht, denn wahrlich, was eine Geliebte betrifft, ſo war ich ſelbſt immer ein ſturmiſcher Buhle, obgleich ich jetzt nicht mehr ſo flink, behende und ge⸗ wandt ſein kann, als es einſt meine Gewohn⸗ heit war.“ Dudley konnte ſich kaum eines Laͤchelns erwehren uͤber dieſe Erklaͤrung eines finſtern, muͤrriſchen Gruͤblers, der ſo ausſah, als ſei er nie jung geweſen, oder als ſei we⸗ nigſtens ſein kaltes Blut nie durch Liebe und Froͤhlichkeit in raſchere Bewegung geſetzt wor⸗ den.„Dennoch,“ fuhr der Ritter fort,„wuͤrde ich meine Lebhaftigkeit oder meinen Ungeſtuͤm nie meine Beſcheidenheit verletzen laſſen. Ich wuͤrde in allen Dingen regelmaͤßig und metho⸗ diſch zu Werke gehen, und da der Heiraths⸗ vertrag, den ich ſelbſt und Euer wuͤrdiger Va⸗ ter(deſſen Seele Gott gnädig ſei) machten, ſagt, daß Eure Vermaͤhlung ſtatt finden ſoll, wenn Brigitte ihr achtzehntes Jahr vollendet hat, ihr daran aber noch acht Monat und zwoͤlf Tage fehlen, ſo habt Ihr nichts zu thun, Maſter Dudley, als zu warten, und Euer Feuer zu kuͤhlen; dennoch wiederhole ich, jun⸗ ger Mann, daß Eure Ungeduld ſehr natuͤrlich iſt, und mir nicht mißfaͤllt.“ — Dudley fuͤhlte wieder einige Neigung, zu lächeln, da man ihn wegen der Eile zur Schlie⸗ hung eines Bundes beſchuldigte, den zu zerrei⸗ ßen er gekommen war, und gegen welchen ſein Widerwille mit jedem Augenblicke wuchs. Doch da er es fuͤr unartig hielt, der Beſchuldigung zu widerſprechen, und eben ſo wenig die Wahr⸗ heit derſelben eingeſtehen konnte, begnuͤgte er ſich, zu fragen, wie Lady Pohns in dieſem Punkte denke.„Lady Poyns, Sir,“ entgeg⸗ nete der Ritter, indem er ſich ſtolz aufrichtete, „iſt gewoͤhnt, keine andere Meinungen zu ha⸗ ben als die meinigen;— in Betreff dieſer Angelegenheit iſt mein Wille ihr bekannt, und ſie ſoll Euch dies ſogleich ſelbſt beſtaͤtigen.“ Bei dieſen Worten ſchellte er, und rief dem eintretenden Diener zu:„Sag' Deiner Ge⸗ bieterinn, ich wuͤnſche ihre Gegenwart.“ Bald darauf hatte Dudley die Ehre, der Lady vorgeſtellt zu werden, einer kleinen be⸗ henden Geſtalt, mit ſauertoͤpfiger, gedruckter Miene, in altmodiſcher, doch ziemlich glaͤnzen⸗ der Kleidung, und den maͤchtigen Faͤcher in der Hand, deſſen doppelten Gebrauch wir be⸗ reits beſchrieben. Sie begruͤßte Dudley mit einigen ſteifen Verbeugungen, bei denen ſie ihren Koͤrper, ganz in Uebereinſtimmung mit ihrem Fächer vorwärts und ruͤckwarts bog, —— indem ſie Dudley zu ſeiner Ankunft Gluͤck wuͤnſchte.„Wir fuͤhlen uns geſchmeichelt, gu⸗ ter Sir,“ ſetzte ſie hinzu,„durch den Eifer, mit dem Ihr die Vermaͤhlung betreibt, wie Euer gegenwaͤrtiger Beſuch bezeugt, aber wahr⸗ lich, es kann nicht ſein, es kann nicht ſein. Wahrhaftig, in dieſen verderbten Tagen moͤch⸗ ten die Maͤdchen Frauen werden, noch eher, als ihre Muͤtter, ſo dummſtol; und vermeſſen ſind ſie; doch achtzehn Jahr ſind ein vollkom⸗ men fruͤhes Alter, um einen eigenen Haushalt zu fuͤhren, und obgleich Brigitte ein gutes, pflichtvolles Mädchen iſt, ſo iſt ſie doch auch zu heiter und froͤhlich, um vor der beſtimmten Zeit Frau zu werden. Und wahrlich, ſelbſt wenn es anders waͤre, iſt es der Wille Sir Euſtachs, der in ſeinem Hauſe als Geſetz gilt, daß der Vertrag buchſtaͤblich erfuͤllt werde.“ „In der That,“ dachte Dudley bei ſich ſelbſt,„dieſe ehrlichen Leute ſcheinen ſich ein⸗ zubilden, daß ich gekommen ſei, mit ihrer Tochter zu fliehen, ſtatt vor ihr, wie es mein feſter Vorſatz iſt, ſo bald als moͤglich zu thun, und ungluͤcklicher Weiſe kann ich ſie nicht aus ihrem Irrthume reißen, ohne einen aͤrgerlichen Auftritt, den ich aͤngſtlich vermeiden will.“— In dieſer Verlegenheit verbeugte er ſich artig gegen Lady Poyns, als beſtaͤtige er ihre Worte und bot ihr dann einen Stuhl; denn ſie hatte die ganze Zeit ſtehend geſprochen. Aber ſie wagte nicht, Gebrauch von dem Seſſel zu ma⸗ chen, bis Sir Euſtach recht gnädig ſagte: „Lady Pohns, Sie haben die Freiheit, ſich zu ſetzen!“ Dann erſt nahm ſie Platz. Sir Eu⸗ ſtach ſchob ſeinen Stuhl jetzt näher zu dem ih⸗ rigen, raͤuſperte ſich drei Mal, ſah noch finſte⸗ rer aus, als gewoͤhnlich, und erklärte hierauf, er habe ihr eine Sache von der aͤußerſten Wich⸗ tigkeit mitzutheilen. Dudley horchte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit, und glaubte ſchon, Sir Euſtach habe ſeine Meinung geaͤn⸗ dert, und werde jetzt ſeine Einwilligung zu der augenblicklichen Feier der Vermählung kund thun, ein Umſtand, der ſeinen Zuhoͤrer in die groͤßte Verlegenheit geſetzt haben wuͤrde. Er uͤberlegte bei ſich ſelbſt, wie er ſich da heraus⸗ winden koͤnne, als der Ritter, zu ſeiner innig⸗ ſten Freude, eine weitlaͤuftige Erzaͤhlung von dem plus— Fiſche begann. Er betrachtete deſſen Erſcheinung faſt fur ein Wunder, erklaͤrte aber, die Sache ſei von ſolcher Wichtigkeit, daß er die Unterſuchung daruͤber unmoͤglich laͤnger verſchieben koͤnne. „Einen widerwaͤrtigern, langweiligern, und eigneren alten Foͤrmlichkeitskraͤmer,“ dachte — Dudley, als Jener das Zimmer verließ,„habe ich doch nie geſehen, und ich will hoffen, daß er bei ſeinem Fiſch-Verhoͤre ſitzen bleibt, bis ich gluͤcklich aus ſeiner verwuͤnſchten Burg ent⸗ flohen bin. Gleicht die Tochter den Eltern, ſo kann ich ſie nicht zu ſchnell aus ihrer Taͤu⸗ ſchung reißen, aber ich will das Daͤmchen doch wenigſtens ſehen, und mit eigenen Augen ur⸗ theilen, damit man mich keiner Uebereilung be⸗ ſchuldigen koͤnne.“ In der Hoffnung, einige Nachrichten uͤber ſeine Braut zu erhalten, fragte er nach ihrer Geſundheit.„O, Maſter Dud⸗ ley,“ erwiderte die liebevolle Mutter,„wir ge⸗ ſtatten nie einem unſerer Kinder, krank zu ſein; das wuͤrde gar kein Ende nehmen, wenn wir es thaͤten. Es iſt ihnen ſtrenge, bei Strafe des Hungerns, unterſagt, krank zu werden. Dies iſt das einzige Heilmittel, welches wir anwenden, denn bei ſo gutem, regelmaͤßigem Leben, als wir fuͤhren, beduͤrfen wir wahrlich die Huͤlfe des Arztes nicht. Ihr werdet eine geſunde Frau bekommen, das verſichere ich Euch.“ ſe „Wann darf ich auf das Vergnuͤgen hof⸗ fen, ſie zu ſehen?“ fragte Dudley, wel⸗ cher das Geſpraͤch keineswegs ſo zu wenden gedacht hatte. „Die Gewohnheiten und die Ordnung von — Beckhampton Hall, Sir, werden nie, und wegen keines Gaſtes abgeandert; alles geſchieht in unſerer trefflichen Wirthſchaft nach Ordnung und Maaß. Dies iſt die Stunde des Teppich⸗ wirkens, und meine Tochter ſind mit der Na⸗ del beſchaͤftigt, Kopien von Maſter Sheldons Zeichnungen zu ſticken. Es iſt Euch vielleicht nicht zuwider, zu ſehen, wie guten Unterricht ſie genoſſen haben. Gefaͤllt es Euch daher, ſo wollen wir in das Arbeitszimmer gehen, denn Brigitte weiß von Eurer Ankunft, und wird nicht boͤſe ſein, die Bekanntſchaft ihres kuͤnftigen Gatten zu machen.“ 55 „Immer bleibt's beim Alten!“ dachte Dud⸗ ley, obgleich er der Lady artig fuͤr ihren Vor⸗ ſchlag dankte, und ſie zu dem Arbeitszimmer begleitete. Als er ſich demſelben naͤherte, glaubte er innerhalb eiliges Laufen zu hoͤren, wie wenn die Madchen die Ruͤckkehr ihrer Stickmeiſterinn entdeckt haͤtten, und nun ſchnell zu ihrer Beſchaͤftigung eilten. War dies wirk⸗ lich der Fall geweſen, ſo hatten ſie ſich ſehr eſchickt zu ſetzen gewußt, denn als er eintrat, ſah er drei Mädchen, welche mit der groͤßten Aufmerkſamkeit auf ihre Arbeit blickten. „Miß Brigitte!“ ſagte die Mutter zu der aͤlteſten Tochter,„ dies iſt Maſter Dudley.“ Bei dieſer Nachricht erhob die junge Lady, — 78— ohne die mindeſte Verlegenheit zu verrathen, ſich halb von ihrem Sitze, ſchlug die Augen ein Mal auf, neigte das Haupt, ſetzte ſich wieder nieder, und arbeitete mit der vorigen Emſigkeit. Mit einem Blicke hatte Dudley bemerkt, daß ſie groß und huͤbſch ſei, und ſchoͤne braune Augen habe, aber, Himmel! welche nutzloſe Gabe war die Schoͤnheit fuͤr einen ſo fuͤhlloſen Automaten, als ſie zu ſein ſchien. Wie baͤuriſch war dabei ihr Betragen und ihr Anzug! Ihr dunkles Haar fiel glatt herab; um den Hals trug ſie keine Krauſe, und hatte weite Halbaͤrmel, um mit ihren blo⸗ ßen Armen beſſer arbeiten zu koͤnnen. Das weite, eckige Mieder, der Rock von Kamelot, der in weiten Falten um die Huͤften fiel, und ihre mit Fett geſchmierten Schuhe, gaben ihr viel eher das Anſehen eines Butterweibes, wel⸗ ches mit einer ſchweren Laſt auf dem Kopfe zu Markte zieht, als der aͤlteſten Tochter eines achtbaren Edelmannes. Waͤhrend Dudley dieſe Betrachtungen anſtellte, wollte die zweite Toch⸗ ter, Miß Dorothee, einen verſtohlenen Blick auf ein ſolches Phänomen werfen, als ein jun⸗ ger, maͤnnlicher Beſucher war; dabei hielt ſie jedoch, um der Aufmerkſamkeit ihrer Mutter zu entgehen, die Haͤnde in Bewegung. Das Mandver mißgluͤckte leider, denn waͤhrend ſie im Dunkeln arbeitete, riß der Faden, und die alte Lady, welche mit ihrem kleinen,Eboshaf⸗ ten Auge das Ganze beobachtet hatte, ſtieß ſie heftig mit dem Griffe ihres Fächers gegen die Schulter, und rief dabei:„Wie, Du leichtfer⸗ tige Dirne, machſt Du ſo den Teppich? Sieh auf Deine Seide und Deine Arbeit, oder ich will Deine Schultern zu einem Muſter machen.“ Die aͤlteſte Schweſter arbeitete mit verdoppel⸗ tem Eifer, als erwarte ſie eine aͤhnliche Zu⸗ rechtweiſung, und was die juͤngſte, Miß Ka⸗ tharina betraf, ſo ließ ein rother Streifen auf ihrem Nacken vermuthen, daß ſie ſchon dieſen Morgen bedacht worden ſei. 101 6 Empoͤrt durch dieſen Auftritt, und ein Be⸗ tragen, welches ſo ſehr gegen das der ſanften, lie⸗ benswuͤrdigen Lady Fitzmaurice abſtach, und nicht weniger beleidigt durch die Gleichguͤltigkeit ſei⸗ ner Braut, die weder zur Linken, noch zur Rechten ſahe, ſondern mit dem emſigſten Fleiße auf ihre Arbeit blickte, verneigte ſich Dudley, nach einem fluͤchtigen Lobe der Arbeit, gegen die jugendlichen Stickerinnen„und verließ das Zimmer, froh, auch der Geſellſchaft der Lady entgangen zu ſein, welche erklaͤrte, ihre Ge⸗ genwart ſei hier noͤthig, um aͤhnliche Nochlaͤſ⸗ ſigkeiten zu verhindern. Doch nicht lange durfte er ſich freuen, denn bald traf er auf Sir Eu⸗ ſtach, welcher ihm ſagte, das Verhor wegen der Fiſche ſei durch die Abweſenheit eines wich⸗ tigen Zeugen verhindert worden, und der ihn nun zu einem Spaziergange durch den Garten einlud. Der Ritter befahl, ſeine Schuhe Nr. 4. zu bringen, und nachdem er ſie angezogen, gin⸗ gen ſie mit einander. Dudley ſprach ſeine Ver⸗ wunderung aus, daß er die Blumen in ſo gu⸗ ter Ordnung zu halten vermoͤge, da doch ſo viele junge Leute im Hauſe waͤren, welche ſich gewiß gern ein Straͤußchen pfluͤckten.„Kei⸗ nes meiner Kinder,“ ſagte der Ritter,„darf eine Blume anruͤhren, und wagte es dies den⸗ noch, ſo koͤnnte es der Entdeckung und Strafe nicht entgehen, denn jeder Stengel hat ſeine Nummer.“ Jetzt waren ſie zu den Eiben⸗ Pfauen gekommen, und der Ritter ergriff da⸗ bei die Gelegenheit, ſeinem Gaſte in einer Er⸗ zählung, die eine volle halbe Stunde währte, zu ſagen, daß einer ſeiner Vorfahren, Namens Sir Euſtach, in dem erſten Kreuzzuge einen Sarazenen erlegt, und deſſen Zeichen, zwei Pfauen, angenommen habe, wonach er Sir Euſtach des Paons*) genannt worden ſei. Dieſer ehrenvolle Beiname ſei dann ſpaͤter ver⸗ *) Von den Pfauen⸗ . eb⸗ — 81— dorben, und mit der Zeit in das engliſche De Poyns verwandelt worden. Sein Großvater aber habe, ganz unverantwortlich, wie er meinte, das Vorſetzwort weggelaſſen, und ſich blos Poyns genannt.„Ein Name, Sir,“ ſchloß der Ritter,„den Ihr ſelbſt die Ehre habt, zu fuͤhren, weshalb Ihr auch ſeine Ge⸗ ſchichte wiſſen muͤßt. Ihr werdet Euch nun weniger wundern, weshalb ich mich mit die⸗ ſen Andenken ſeines urſprungs umgebe.“ Jetzt erſchallte eine Glocke von dem Hauſe her, deren Zweck der Ritter ſeinem Gaſte er⸗ klaͤrte. Es war das Zeichen fur ſeine Toͤchter, ſich anzukleiden, und für ſeine drei Soͤhne, welche bisher bei ihrem Lehrer geweſen waren, ſich zu zerſtreuen.„Die Jugend iſt die Zeit des Vergnuͤgens,“ ſagte der Ritter;„ich war ſelbſt einſt froͤhlich und ſpielluſtig, und mag es nicht leiden, wenn man Kinder zu ſtrenge halt, und ihnen ihren täglichen Zeitvertreib raubt.“ Als er dies ſagte, kamen ſeine drei Soͤhne, und zitterten ſichtlich, als ſie ſich ihrem Vater na⸗ herten. Nicht weniger ſteif, unbeholfen und abgezirkelt in ihrem Betragen, als altmodiſch in ihrer Kleidung, glichen ſie jenen truͤbe aus⸗ ſehenden Knaben, welche man zuweilen mit ihrer Bibel in der Hand, uͤber den Thuͤren der Armenſchulen, in Stein ausgehauen, ſieht. III. 6 82— „Bedenkt, Kinder, ſagte ihr Vater mit ernſter Miene und gebietender Stimme, daß Ihr bis zu dem Feſte des Erzengels Michael vier Mal um den Garten gehen, zehn Minuten in dem Labhrinthe, zehn Minuten auf dem Berge bleiben, und ſogleich zuruckkehren muͤßt, wenn Ihr die Glocke hoͤrt. Aber kein lautes Sprechen, kein Balgen, kein Laufen, bei Ru⸗ thenſtrafe.— Geht!— Arme Dinger,“ fuhr er fort, als ſie ernſthaft vorwaͤrts ſchritten, ſich dieſer langweiligen Erholung zu erfreuen!„es macht Freude, ſie ſo gluͤcklich zu ſehen. Ja, ſie ſind jung und luſtig, und es waͤre in der That zu hart, wollte man ſie zuruͤckhalten oder einſchraͤnken, denn wir ſind Alle zu un⸗ ſerer Zeit Wildfänge geweſen, Maſter Dud⸗ ley. Nach dem St. Michaels⸗Tage gehen ſie zwei Mal dͤfter täglich um den Garten, und nach Mariä Verkuͤndigung horen ſie auf, das Labyrinth oder den Berg zu beſuchen, ſo daß ſie weiß Gott genug Abwechſelung haben; aber die Jugend iſt nun einmal flatterhaft und un⸗ beſtaͤndig, und man darf ihnen daher nicht zurnen.“ Dudley mußte dieſe neue, erfindungsreiche Quaͤlmethode bewundern, die ſelbſt die Erho⸗ lungen der Knaben in die ſtrengſten Regeln zwaͤngte, und auf dieſe Weiſe das, was ihr Vergnuͤgen ſein ſollte, zu ihrer Strafe umſchuf. — 83— Selbſt ſeine eigene Unterhaltung mit Sir Eu⸗ ſtach mußte er faſt dafuͤr halten, und es war ihm eine erwuͤnſchte Unterbrechung, als ſein Wirth ihm ſagte, die ſechs Schlaͤge der großen Glocke ſeien das Zeichen zum Mittagseſſen. In dem Eßzimmer fand er die Lady, und die Miß Pohns, die einzige der Toͤchter, denen es erlaubt war, zu erſcheinen. Ob dies zu dem regelmäßigen Gebrauche der Automaten⸗ Familie gehoͤre, oder eine Ausnahme ſei, die man dem Gaſte zu Ehren machte, konnte er nicht erkennen; auch war es ihm ziemlich gleich⸗ guͤltig. Ihre Kleidung hatte ſie in der That gewechſelt, ohne dadurch indeſſen viel zu gewin⸗ nen, denn der Anzug war noch immer von dem ſchlechteſten Geſchmacke und dem alterthuͤm⸗ lichſten Schnitte. Sie ſprach nur einzelne Sil⸗ ben, und ihr Blick war noch eben ſo gleichgul⸗ tig; Geſicht und Kleidung ſchienen aus Steif⸗ leinen geſchnitten zu ſein. Als er ſo auf dieſe weibliche Maſchine ſah, erinnerte er ſich mit der groͤßten Verwunderung an die Worte ihrer Mutter:„Sie ſei viel zu froͤhlich, um vor der beſtimmten Zeit Frau zu werden.“ Daß ihre Zuͤge huͤbſch, und ihre Geſtalt keineswegs unangenehm ſei, konnte er trotz des unvor⸗ theilhaften Anzuges ſehen, und wenn es irgend einem Pigmalion gelungen ware, Venus zu 6* — erbitten, daß ſie die Statue belebe, und dann eine franzoſiſche Kammerfrau den belebten Mar⸗ mor geſchmackvoll kleidete, ſo konnte Miß Poyns wohl in den Stand geſetzt werden, den Na⸗ men Brigitte vergeſſen zu machen. Dies aber waren Wunder, die ſich nicht erwarten ließen, und deshalb beſchloß Dudley ſogleich und ganz beſtimmt, die Ehre, ihre Hand zu erhalten, abzulehnen, der Zukunft die Zeit und Art uͤberlaſſend, wie er der Familie dieſen Be⸗ ſchluß bekannt machen koͤnne. Nach dem Eſſen wurden die anderen Kin⸗ der hereingelaſſen, und neben dem Schenktiſche in einer Reihe aufgeſtellt, wo ſie einige Zeit wie eben ſo viele Bildſaulen ſtanden, indem ſie nicht ſprechen und ſich nicht bewegen durften. Endlich erklang eine Glocke, die ſie zu Arbeiten rief, welche ſie haßten, der ſie aber dennoch mit Freuden gehorchten, da ſie ſie von ihrem Arbeitsvogt entfernte, den ſie noch mehr haß⸗ ten. Miß Poyns blieb, und da ihre Mutter ihre Vorzuͤge vor ihrem beſtimmten Gatten auf vortheilhafte Weiſe zu entfalten ſtrebte, erhielt ſie den Befehl, zu ſingen, dem ſie auch ſogleich gehorchte. Entweder Furcht vor ihren Eltern, oder die ungewohnte Gegenwart eines Frem⸗ den verwirrte ſie ſo ſehr, daß ſie aͤußerſt ſchlecht ſang. Da der ſtrenge Befehl des Sir Euſtach, ſich zu ſammeln, nicht auf der Stelle befolgt ward, gebot er ihr aͤrgerlich, das Zimmer zu verlaſſen, und ſie entfernte ſich maſchinenmaͤßig, ohne daß ſich in ihren Zuͤgen auch nur die geringſte Veraͤnderung gezeigt haͤtte. Zu der großen Freude ſeines Gaſtes ent⸗ fernte Sir Euſtach ſich bald darauf, um das Fiſch⸗Verhoͤr, welches ihn einzig zu beſchaäfti⸗ gen ſchien, zu vollenden; ſo unerklaͤrlich dem Ritter auch deren Erſcheinung in der Speiſe⸗ kammer ſein mochte, ſo war doch Dudleys Staunen uͤber den Stockfiſch, welcher ſo eben in der Geſtalt der Miß Pohns, das Zimmer verlaſſen hatte, noch groͤßer. Den Gedanken, dieſe Meerjungfer, die indeſſen, ihrem Singen nach zu urtheilen, keine Syrene war, zu hei⸗ rathen, hatte er ſchon durchaus verbannt, und ſann nur daruͤber nach, wie er ſeine Flucht aus den Feſſeln, die ihn umſchloſſen, bewerk⸗ ſtelligen ſolle. Von Sir Euſtach ſah Dudley nichts mehr, bis am Abend die große Glocke, deren eiſerne Zunge man zum Stellvertteter der menſchlichen Stimme gemacht hatte, die Familie zum Ge⸗ bete zuſammenberief, und die Eltern, welche während des Tages durch ihre Thrannei der Fluch der Kinder geweſen waren, dieſe vor ſich niederknien hießen, ihnen, wie zum Spotte, ih⸗ — ren Segen ertheilten, und ſie dann entließen, um des einzigen wahren zu genießen, der ih⸗ nen blieb, der Wohlthat des Schlafes nehm⸗ lich. Der folgende Tag war ein Sonntag, und die ganze Familie ging paarweiſe in die Kirche. Als Dudley hier den Ritter und deſ⸗ ſen Gattinn, umringt von ihren ſechs Kindern, knien ſah, alle mit gleich kaltem Blicke, gleich ſteif und unbeweglich, konnte er den Gedanken nicht von ſich abwehren, daß weder ihre Stel⸗ lung noch ihre Gefuhle ſehr veraͤndert ſein wuͤr⸗ den, wenn einſt dieſe ganze Gruppe, in Stein ausgehauen, auf dem Familiendenkmale, nicht weit von dem Orte ſtehe, an welchem ſie jetzt kniete. Nach der Ruͤckkehr aus der Kirche ver⸗ ſprach das Anerbieten des Ritters, mit ihm auszureiten, Dudley einige Abwechſelung, doch ſie ritten auf eben der Straße, auf welcher Dudley von dem Thurmhauſe gekommen war, und als er den Ritter bat, einen anderen Weg einzuſchlagen, erwiderte dieſer ihm trocken, er habe ſich fuͤr jedes Vierteljahr eine Straße zum Spazierritt vorgeſchrieben, und nichts koͤnne ihn bewegen, von dieſem Grundſatze abzugehen, oder auch nur an einem anderen Orte, als dem gewoͤhnlichen, umzukehren. Auch bei dieſer Gelegenheit wich er nicht von ſeiner Peinlichkeit, und Dudleys Wider⸗ wille ward dadurch vollkommen gemacht, die vegetirenden Menſchen in Beckhampton Hall unterſchieden ſich ſeiner Anſicht nach nur wenig von ihren Mitgeſchoͤpfen des Feldes. In einem ſolchen methodiſchen Leben ging jeder Reiz der Rruheit verloren; Hoffnung, die Wuͤrze des Lebens, war ihnen verſagt; die Zukunft war eine langweilige, unveraͤnderte, vorausbeſthnte Rachahmung der Vergangenheit. Heute war wie geſtern, und ſollte auch wie morgen ſein; dies war die nie wechſelnde Geſchichte des Jah⸗ res, und die Jahre waren wie die Tage. Bei aller Foͤrmlichkeit und Vorbedachtſamkeit des Sir Euſtach hielt Dudley ihn dennoch eines Verſaͤumniſſes für ſchuldig— daß er nehmlich vergeſſen habe, den Tag zu beſtimmen, an wel⸗ chem die ganze Familie, zu Tode gelangweilt, von Beckhampton Hall entfliehen werde, indem ſie ſich an den Pfau⸗Baͤumen des Einganges aufhinge, um kuͤnftige Reiſende zu warnen, 55 ren traurigen Bezirk zu uͤbertreten. rin Entſchloſſen, ſeine eigene Flucht zu bewetl⸗ ſtelligen, ehe ein ſolches Ereigniß Statt finde⸗ ſagte er Sir Euſtach ſogleich, daß Angelegen⸗ heiten von der groͤßten Wichtigkeit ſeine An⸗ weſenheit in London erforderten, und ihn daher noͤthigten, noch dieſen Nachmittag abzureiſen, eine Nachricht, die ohne Staunen oder Be⸗ — dauern angehoͤrt ward. In Ruͤckſicht auf die Heirath ſagte er nichts, da er allen Partheien das Unangenehme einer Auseinanderſetzung er⸗ ſparen wollte, die eben ſo gut nach ſeiner Ab⸗ reiſe, durch Briefe eſolgen konnte. Bei ſeiner Ruͤckkehr nach Hall erhielt Peter den Beſehl, die Pferde zurecht zu machen. Als ſein Ent⸗ ſchluß hierauf der Lady Poyns bekannt ge⸗ macht worden, verſammelte ſie ihre Toͤchter, um Abſchied von Dudley zu nehmen. Die aͤlteſte verrieth nicht die geringſte Bewegung; ihr letzter Blick war eben ſo kalt und aus⸗ druckslos, als der erſte es geweſen. Die Lady erſchoͤpfte ſich in Hoͤflichkeiten, und Sir Eu⸗ ſtach ließ ſich ſo weit herab, zu verſichern, er wuͤrde ihn einige Meilen begleitet haben, doch ſei das nicht der Weg, den er in dieſem Vier⸗ teljahr reite. So ward Dudley von Beck⸗ hampton Hall entlaſſen, ſich ſelbſt zu ſeinem Entrinnen Gluͤck wuͤnſchend. Nachdem er der unbelebten, ſchlecht gekleideten Brigitte gedacht hatte, verweilten ſeine Gedanken mit um ſo groͤßerem Vergnuͤgen, ſo großerer Bewunde⸗ rung auf der geiſtreichen, ſchoͤnen, glaͤnzend ge⸗ kleideten Beatrix. 6 Viertes Kapitel. Ein geſchmeidiger Schelm, herzlos und ſchlecht; Nennt er ſich ſelbſt einen kriechenden Knecht, So iſt es nicht Spott. Ein luſt'gerer Schalk zu Tage nicht kam; Mit Eitelkeit nennt er, und ohne Schaam, Epikur ſeinen Gott. Weder durch ſeine Neigung zu Beatrir, noch durch die Ungewißheit, wie er den Brief abfaſ⸗ ſen ſolle, durch welchen er die Hand der ſee⸗ lenloſen Brigitte ausſchlagen wollte, ließ Dud⸗ leh ſeine Gedanken von der Pflicht ableiten, die ihn aufforderte, fuͤr das Wohl ſeines Vet⸗ ters Cecil zu ſorgen, und ſeine Reiſe nach London zu beſchleunigen. Er fuͤrchtete, Sir Lionel moͤchte ihm zuvorkommen, und alles aufbieten, ihm entgegen zu arbeiten. Bei ei⸗ nem ſo thätigen und mächtigen Gegner war keine Zeit zu verlieren. Sein kriegeriſches Le⸗ ben hatte ihn gelehrt, Anſtrengungen zu ertra⸗ gen, und er eilte daher mit einer Schnelligkeit vorwaͤrts, die Peter nicht ganz gefallen wollte. Er war kein ſo geuͤbter Reuter, als ſein Herr, und wuͤrde doͤfters ermattet ſein, haͤtte er nicht ſeine Lebensgeiſter dadurch aufgefriſcht, daß er den ganzen Vorrath ſeiner Lieder durch⸗ ſang. Waͤhrend der Reiſe uͤberleste Dudley, daß es aͤußerſt ſchwierig ſein werde, bei dem Lord Kardinal Zutritt zu erhalten, wenn ihm nicht irgend ein Mann von Wichtigkeit in London ſelbſt dazu behuͤlflich ſei, und des Abtes Brief auch noch muͤndlich unterſtuͤtze, beſonders, um die Eile zu bewirken, die ſo noͤthig war. Es fiel ihm dabei ein, daß es ſehr raͤthlich ſein duͤrfe, die Mitwirkung ſeines Verwandten, Sir John Dudley, zu erlangen⸗ Der Vater dieſes jungen Mannes war, zugleich mit ſeinem Ge⸗ fährten Empſon, im erſten Jahre der Regie⸗ rung des Konigs hingerichtet worden, wegen mehrerer Bedruͤckungen und Gelderpreſſungen, deren er ſich auf Befehl deſſen koniglichen Vorgaͤngers ſchuldig gemacht. Da er aber blos geopfert worden, um das murrende Volk zu beſaͤnſtigen, war auf ſeinen Sohn keine Ungnade fortgeerbt. Dieſer war kurze Zeit vorher, wegen der in Frankreich bewieſenen Tapferkeit, zum Ritter geſchlagen, und auf be⸗ ſonderes Verwenden Wolſeys, zum Ruͤſtmei⸗ ſter des Towers ernannt worden, ein umſtand, der ihn in Dudleys Augen ganz beſonders da⸗ zu geeignet machte, ſein Fuͤrſprecher bei dem Kardinal zu werden. Bei ſeiner Ankunft in London trat er zuerſt in dem Wirthöhauſe zum heiligen Lamme ab, nahe bei der Kapelle der heiligen Maria von Ronceval in Charing Croß, ein Haus, welches, wie er wußte, bei den Hofleuten und Stutzern in großem Rufe ſtand. Hier ließ er ſeine Sa⸗ chen unter Peters Aufſicht zuruͤck, und ſchlug den damals gewoͤhnlichen Verbindungsweg zwi⸗ ſchen den verſchiedenen Theilen der Stadt„auf dem Fluſſe ein, denn die Straßen waren in jener Zeit aͤußerſt ſchecht unterhalten, der Weg am Strande gefaͤhrlich, und er hatte keine Luſt, wieder in einen ſolchen Sumpf zu gerathen, wie in Somerſetſhire. Er landete bei London Bridge, wo die Häuſer, welche uͤber den Fluß haͤngen, ſelbſt uͤber die Gefahr, in der ſie ſchwebten, zu zittern ſchienen. Dann ging er gegen Thames ⸗Street, wo er das Polk eilig nach einer Richtung laufen, und ſich ſtoßen und drängen ſahe; zugleich horte er auch Trompetengeſchmetter, und das kaute Geſchrei: „Der Koͤnig! der Koͤnig!“ An der Ecke von New⸗Fiſh⸗Street traf er auf eine Abtheilung der koniglichen Leibwache, in weißen Wäm⸗ ſern, ſchwarz und weißen Borten in den Aer⸗ L meln, engen ſchwarzen Hoſen mit weißen Knie⸗ vaͤndern, und mit Stahlhelmen und einer Art von Halbmuskete bewaffnet. Der Koͤnig folgte in der Mitte einer glaͤnzenden Umgebung von Edelleuten und Dienern, auf einem ſtattlichen Roſſe reitend; der ganze Zug ging zu dem Grafen von Suffolk, um an einer Jagd in deſſen Park von Southwark Theil zu nehmen. Der Wind hatte die Feder auf des Koͤnigs Barett uͤber ſein Geſicht geworfen, ſo daß man ihn im Voruͤberreiten kaum erkennen konnte; aber als die Kavalkade durch die enge, gewun⸗ dene, und finſtere Straße von London-Bridge zog, war ſeine hohe Geſtalt noch unter den andern kenntlich. Dudley ſtand einige Zeit ſtill, und blickte wechſelsweiſe auf die zahlloſe Menge der Koͤpfe, welche in allen Fenſtern ſichtbar waren, und auf die wogenden Federn des koͤniglichen Gefolges, das, auf dem Wege nach Southwark fortreitend, bald ſichtbar war, bald hinter den verſchiedenen Schildern, und den ſtarken Balken von Bauholz verſchwand, welche die Haͤuſer, quer uͤber die Straße hinuͤ⸗ ber an einander befeſtigten, um zu verhin⸗ dern, daß ſie in die Themſe fielen. Der Ton der Trompeten, durch die hohen Gebaͤude zu beiden Seiten aufgefangen, ſchien mit unver⸗ minderter Kraft zu ihm zuruͤckgetragen zu wer⸗ —— — 96— den; endlich aber erſtarben die Laute allmählig, und der froͤhliche Zug kam ihm aus dem Geſichte, als derſelbe die Burg erreichte. Nach dieſer augenblicklichen Unterbrechung ſetzte Dudley ſeinen Weg fort, Thames⸗Street entlang und uͤber Woodroof⸗Lane nach Tower⸗ Hill; ſo kam er durch das hintere Thor in die Burg. Sein Verwandter, ein junger Mann, etwa in ſeinem eigenen Alter, mit dem er in den Knabenjahren innig vertraut geweſen, em⸗ pfing ihn mit freundſchaftlicher Offenheit, und verſprach willig, jeden Beiſtand zu leiſten, je⸗ den Rath zu ertheilen, der in ſeinen Kraͤften ſtehe. Als aber Dudley die Ereigniſſe in dem Thurmhauſe, und den Grund ſeines Beſuches in London erzählte, ließ ſein Gefaͤhrte bedeu⸗ tend in ſeinen Huͤlfsverſicherungen nach, obgleich ſein Betragen noch eben ſo freundſchaftlich blieb. „Ja, ſeht, Vetterchen,“ ſagte er;„denn ich glaube, daß wir von einem Stamme ſind, ob⸗ gleich ich, beim Himmel, nicht weiß, wie wir verwandt ſind, ſeht, ich verſprach Euch ſolchen Beiſtand, wie ich zu leiſten vermag, das heißt, in ſofern dadurch nicht die Pflicht verletzt wird, die ich einem anderen Freunde geſchworen habe, der mir näher und theurer iſt, als die ganze uͤbrige Welt.“ Dudley verſicherte, daß er keinesweges die —— Abſicht habe, irgend Jemand zu nahe zu kre⸗ ten, der ſich aͤltere Anſpruche auf ſeines Vet⸗ ters Freundſchaft erworben, doch ſähe er nicht ein, wie dies bei ſeiner jetzigen Bitte der Fall ſein konne, außer, wenn Sir Lionel Fitzmau⸗ rice ſelbſt der waͤre, auf den er anſpiele. „Nein, in der That, mein guter Vetter, jener tapfere Sir Gott'sſpoͤtter iſt mein Ge⸗ vatter nicht. Der Name meines guten Freun⸗ des iſt Jack Dudley, oder: John Dudley, oder: Euer Diener, zu Befehl, der keine Luſt hat, eine Tyburn⸗Krauſe zu tragen, oder ein han⸗ fenes Halsband, oder kaltes Stahl zwiſchen ſeinen Kopf und ſeine Schultern kommen zu laſſen, wie ſein Vater es vor ihm that. Denn das magnum opus, der Hauptzweck unſerer Tage iſt, an den Fallſtricken, dem Beile und dem Rachen des Lowen vorbeizuſteuern. Der Koͤnig liebt große Leute mit frohlichen Geſich⸗ tern, und heitern Erzaͤhlungen auf der Zungez man ſagt mir, ich ſei geſchaffen, ihm zu ge⸗ fallen, und meinen Weg bei Hofe zu machen, und, beim Himmel, ich will nichts thun, was der Beforderung meines geliebten und beſten Freundes Jack Dudley hinderlich ſeyn koͤnnte.“ „Sicher wurde Eure Verwendung fuͤr mei⸗ nen mißhandelten Vetter Cecil Euch in keiner Hinſicht ſchaden.“ — 55— „Hilf Himmel, mein Gebieter! das wuͤßte ich nicht. Sir Lionel Fitzmaurice ſteht ſich gut mit dem Koͤnige, der, ich kann es Euch ſagen, Geſetz und Prophet iſt, und ich mag nicht meine Hand, ja, nicht ein Mal meinen klei⸗ nen Finger gegen Jemanden aufheben, der freien Zutritt zu dem Ohr des Koͤnigs hat. Recht und Gerechtigkeit, und Ehre und Ehr⸗ lichkeit ſind ganz herrliche Dinge, aber Leben und Freiheit, und die Berechtigung, ſeinen Kopf auf den Schultern zu tragen, ſind doch noch beſſer. Buͤck Dich vor der Windöbraut, wenn ſie Dich nicht auf den Kopf ſchlagen ſoll; ſchwimme mit dem Strome, wenn Du dem Ertrinken zu entgehen wuͤnſcheſt; laß Dich von irgend einem Großen tragen, aber laß ihn los, wenn Du ſiehſt, daß er ruͤckwaͤrts gleitet; ſprich vertraulich mit Deinen geringſten Be⸗ kannten, in der Huͤtte wie im Palaſt, aber bleib fein zu Hauſe, wenn Dein Freund ſich in Gefahr begiebt, damit Du fuͤr den ſorgen kannſt, der Dir theurer iſt, als der Theuerſte — Dich ſelbſt, denn Dein Kleid iſt Dir nahe, aber Deine Haut iſt Dir noch naher.— Dies ſind meine Grundſaͤtze, und wahrlich, ſie ſind ganz in der Mode.— Wie gefallen ſie Euch?“ „Ueber ihre Schicklichkeit konnen zwei An⸗ ſichten Statt finden, Sir John, uͤber ihre Heilſamkeit aber, dächte ich, nur eine.“ „Das weiß ich nicht. Mein Vater hatte konigliche Vollmacht bei allem, was er that, und dennoch fiel ſein Haupt durch die Hand des Nachrichters. Da ich alſo ſehe, daß das Leben immer kurz iſt, und heut zu Tage in etwas dem Spiele gleicht, welches Gregorh Dawſon erfand— eine Art von Blindekuh, ſo iſt es ein anderer meiner Grundſätze, den heuti⸗ gen Tag zu erhaſchen, weil ich des morgenden nicht gewiß bin; zu leben, waͤhrend ich lebe; zu eſſen, zu trinken, und frohlich zu ſein, ſo lange es gehen will, wie ein kluger Kerl und ein guter Hofmann es immer thun ſollte. Euch zu einem friſchen, frohlichen Maͤdchen, einem muntern Mittagsmahle, einem ſprudelnden Glaſe franzoͤſiſchen Weines, zu einer luſtigen Kompanei zu verhelfen, darin will ich fuͤr Jack Dudley gut ſagen, fuͤr einen Beutel mit vier⸗ zig Schilling. Auch bin ich bisher in der Wahl meiner Schneider fur gluͤcklich gehalten wor⸗ den; aber, mein armes Herz! Ihr Herren von Calais macht uns wie Bauern ausſehend. Dieſe franzöſiſche Pauſchhoſe iſt unuͤbertrefflich, Euer Wams iſt ganz vorzuglich, und jede der Fal⸗ ten auf dem Ruͤcken Eures Reitrockes iſt eines Konigs Loſegeld werth.“ — 97— „Wahrlich, ſie haben ſchon oͤfters Beifall gefunden; der Schelm, der ſie legte, iſt ein Meiſter in der Schneiderkunſt, und weiß ſeine Scheere zu fuͤhren,“ ſagte Dudley, der ſich durch das Kompliment ſo geſchmeichelt fuhlte, daß er daruber fuͤr einige Minuten den eigentlichen Grund ſeines Beſuches vergaß. Endlich aber kehrte er wieder zu dem abgebrochenen Geſpraͤche zu⸗ ruͤck, und ſagte:„Dann furchte ich, Sin John, daß ich in dieſer Angelegenheit nicht auf Eure Huͤlfe zaͤhlen darf.“ „In ſofern Euch dadurch ein Dienſt gelei⸗ ſtet wird, daß ich Euch bei meinem gnaͤdigen Beſchuͤtzer, dem Lord Kardinal, einfuͤhre, konnt Ihr auf mich rechnen, denn ſo weit kann ich dreiſt gehen, ohne meinem geliebten Freunde Jack Dudley zu ſchaden. Zwiſchen dem Koͤ⸗ nige und dem Unterthan mag Sr. Lordſchaft wohl eher auf den Herrn, als auf den Mann ſehen, doch zwiſchen Jack und Tom iſt er ſo gerecht und unbeſtechlich, als Salomo ſelbſt. Wenn es ihm gefaͤllt, dieſen boſen Daͤmon, dieſen Sir Beelzebub von dem Thurme Hill zu ſtrafen, wird er ihn bald zum Knieen bringen, wie groß auch ſein Widerwille gegen das Ge⸗ bet ſein mag, und eben ſo wird er jeden ſei⸗ ner dienſtbaren Geiſter, ihrer geſpaltenen Fuͤße ungeachtet, in den Bock ſpannen.“ II. 1 „Habe ich Hoffnung, Sr. Lordſchaft noch heute zu ſprechen? „Keine, Ihr muͤßtet denn aus der Baͤcke⸗ rei, Fleiſcherei, Konditorei, Kellerei, oder aus der Speiſekammer kommen, denn er bewirthet den Koͤnig und den Hof dieſen Abend, nach der Zuruͤckkunft von der Jagd, und iſt jetzt mit den Zubereitungen zu dem Bankett, den Mummereien, Maskenzuͤgen, Taͤnzen und Ge⸗ ſaͤngen ſo ſehr beſchaͤftigt, als ob ſeine Ge⸗ ſchaͤfte als Kardinal, Biſchof und Großſiegel⸗ bewahrer noch nicht hinreichten, die Langeweile von ihm zu entfernen.— Vielleicht kann ich Euch dazu verhelfen, ihre Vergnuͤgungen mit anzuſehen, doch nun muß ich fuͤr Euer Mit⸗ tagseſſen ſorgen, denn Ihr werdet Euch wahr⸗ ſcheinlich von dem Lande und dem Waſſer auf Eurem Wege hieher einen tuͤchtigen Hunger geborgt haben, und ich ſtehe dafuͤr, Ihr ſollt ihm mit dem Beſten ſtillen, was Land und Waſſer bieten koͤnnen. Nicht ſolche Garniſons⸗ Koſt, wie uns hier in dieſen Grabenumzogenen Wällen gereicht werden koͤnnte, ſondern einen koſtlichen Trunk und geſundes Fleiſch, in einer trefflichen Taverne der Cith, wohin ich Euch fuͤhren will. Sobald ich dieſe militairiſchen Zierden abgelegt habe, wollen wir eilen, den Angriff zu beginnen. Während der Zeit iſt — 65 ₰ hier ein franzoſiſches Buch, das Euch unter⸗ halten wird, da es vielleicht nie ſeinen Weg in Eure Region Englands gefunden. Es heißt Amadis von Gaule, und iſt kuͤrzlich aus dem Spaniſchen uͤberſetzt; eine wilde Romanze, und nicht uͤberkeuſch. Aber Ihr mogt es Euch zu⸗ ruͤcklegen, wenn Ihr vielleicht bald zur Beichte gehen wollt. Der herzloſe, ſelbſtſuͤchtige Epikurismus, den dieſer ohne Errothen eingeſtand, der alles moraliſche Gefuͤhl verwarf, und nur um jeden Preis nach Sinnenkitzel oder zeitlichen Ehren haſchte, war an einem Hofe zur Mode⸗Im⸗ moralitaͤt geworden, an welchem der Monarch ſelbſt kein beſſeres Beiſpiel gab. Seine Guͤnſt⸗ linge, welche ihr Leben nur durch ſclaviſche Unterwerfung geſichert ſahen, und ſelbſt durch dieſe Erniedrigung noch nicht immer gegen den plotzlichen Wechſel ſeiner tiranniſchen Laune geſchutzt waren, ſpotteten alles oͤffentlichen und Privat⸗Wohles, und verfolgten ihren eigenen Vortheil mit unermuͤdlichem Eifer. Dudley war daher durch das Bekenntniß ſeines Vet⸗ ters weder beleidigt, noch daruͤber erſtaunt; er beſchloß, Jenen ſo weit zu ſeinem Vortheil zu benutzen, als er gehen wollte, nahm die Romanze, und wartete ruhig Johns Ruͤckkehr ab. Dieſer kam auch bald darauf, und nahm ſeinen Gaſt mit ſich nach Eaſicheap, welches zu jener Zeit wegen der Menge ſeiner Taver⸗ nen und Speiſehaͤuſer beruͤhmt war. Die Koͤche und Herren derſelben ſtanden in den Thuͤren ihrer Haͤuſer, und ladeten die Voruͤ⸗ bergehenden zu ſich ein, mit dem verfuͤhreriſchen Rufe:„Heiße Rindsrippen, geroͤſtet und ge⸗ ſotten! Schweineruͤcken, Schopslendenbraten, gebackene Gaͤnſe, Paſteten, Pudding, Eber⸗ fleiſch!“ und anderer uͤblicher Fleiſchſpeiſen. Zugleich zeigte der kräftige Geruch der Schuͤſ⸗ ſeln, das Klappern der Glaͤſer, Teller und Meſſer, ſo wie die froͤhlichen Klaͤnge der Harfe, der Pfeife und des Pſalters von dem geſelli⸗ gen Leben, das in dieſem ſpeiſeluſtigen Stadttheile jedes Mal um die Mittagsſtunde herrſchte. „Dort,“ ſagte Sit John, indem er auf ein Haus zeigte, deſſen kuͤnftige Beruͤhmtheit er wenig ahnete,„dort iſt der Ebers⸗Kopf, eine Taverne, in der die Weine und Speiſen nicht beſſer ſind, als die Geſellſchaft; denn, um die Wahrheit zu ſagen, wird es gewoͤhn⸗ lich von Wuͤſtlingen beſucht, oder laͤrmenden Prahlhaͤnſen, die weit eher einem die Taſchen beſtehlen und Haͤndel anfangen, als eine Rech⸗ nung bezahlen, und der Koch iſt täglich ein ſolcher Miſſethaͤter, wie Dick Rooſe, und ver⸗ — 404— dient kein beſſeres Schickſal*). Doch hier ſind wir an dem Schwane, einem trefflichen und beruͤhmten Gaſthauſe, deſſen Koch einſt in des Koͤnigs Palaſt zu Bridewell lebte, und Euch mit ſeinen Leibſpeiſen bewirthen ſoll, wie zum Beiſpiel mit Wildbraten, mit Oliven ge⸗ ſpickt, gebackenen Huͤhnchen, gedaͤmpften Ler⸗ chen, Damhirſchpaſtete, Hippokras⸗Gelee, und Mandelkreme. Dies iſt jedoch nur fuͤr die vornehmſten Edelleute, fuͤr Aldermen, und reiche Kaufleute; und auch nur ſolche werdet Ihr in ſeinem Speiſezimmer finden. Die ver⸗ ſorgt er mit allen neuen Speiſen und Lecke⸗ reien, und wird irgend eine Entdeckung von Fiſchen, Fruͤchten oder Gefluͤgel gemacht, ſo findet Ihr ſie hier eben ſo ſchnell, als an des Koͤnigs Tafel; tretet daher ein, und geht die Treppe hinauf, zu dem geheimen Zimmer. Ich ſtehe hier in gutem Anſehn, und obgleich Ihr treffliche gaskoniſche Koche gehabt haben mogt, ſo finde ich Euch doch vielleicht noch ei⸗ *) Eines der grauſamen Geſetze dieſer Regierung verdammte Jeden, der ſich der Vergiftung ſchul⸗ dig gemacht hatte, in heißem Waſſer zu Tode gekocht zu werden. Ein Mann, Namens Ri⸗ chard Rooſe, wurde auf dieſe Weiſe zu Smieth⸗ field hingerichtet. nen auf, der Euren Gaumen beſſer zu kitzeln verſteht.“ Dudley trat in das Zimmer, in welchem ſich ſchon mehrere Perſonen befanden. Den goldenen Ketten, ſtattlichen Baretts, und lan⸗ gen, mit Marder beſetzten Maͤnteln nach zu urtheilen, mußten es Maͤnner von Wichtigkeit ſein, eine Meinung, die auch durch den Eifer beſtaͤtigt werden konnte, mit dem ſie die Lek⸗ kerbiſſen, welche vor ihnen ſtanden, zerlegten. Jetzt erſchien auch Sir John, der noch unten geblieben war, um ſeine Befehle zu geben; das Eſſen, welches er ſelbſt mit Kennerſchaft ausgewählt hatte, folgte ihm.—„Wie ſchmeckt Euch dieſer Fiſch?“ fragte er ſeinen Gaſt. „Iſt es nicht eine koſtliche, ſchmackhafte Speiſe? — Doch jetzt, nun Ihr ihn ſo reichlich mit Sauce uͤbergoſſen habt, wuͤrde ich kaum ſeinen Namen wiſſen.“ „Ich kann wohl uͤber ſeine guten Eigen⸗ ſchaften ſprechen,“ ſagte Dudley,„doch bin ich nicht gelehrt genug, ihm einen Namen zu ge⸗ ben; ich habe Karpfen zwar auswaͤrts ſchon gegeſſen, ehe ſie in England bekannt waren, aber dieſer iſt nicht von der Familie.“ „Ei, Vetter, koͤnnen wir einem Juͤnger der wohlverſorgten Tafeln Gaskoniens hier in Eaſtcheap etwas zu rathen aufgeben?— Geht, — geht! Euer Gaumen hat nur ſein Alphabet gelernt; er hat einige zwanzig Jahre von Aſchermittwoch bis Oſtern gelebt, und iſt doch noch ſo unerfahren, durch einen Fiſch irre ge⸗ macht zu werden? Grashecht iſt ſein Name, mein theurer Vetter. Laßt den Tag, an dem Ihr ihn zuerſt aßet, mit einem weißen Steine, der Farbe ſeines Fleiſches, in Eurem Munde bemerken, denn es giebt, dafuͤr ſtehe ich Euch, nicht viel ſolche Morgen in eines Menſchen Leben. Habt Ihr Euch die Zaͤhne durch ein Glas Nomagna gereinigt?— Wohl, ſo ſchaͤrft ſie fur ein neues Gericht, doch ſagt mir vorher, ob Ihr mir dieſen Vogel nennen koͤnnt?“ „Ein junger Schwan, wenn ich nicht irre!“ ſagte Dudley. „Ein ſehr vernuͤnftiges„wenn“ Vetterchen, denn kein Schwan, es muͤßte denn der des Apollo ſein, iſt wuͤrdig, dieſes Vogels Vater oder Mutter zu heißen; und hatte ich beſtaͤn⸗ dig einen von dieſen auf meiner Tafel dam⸗ pfend, ſo beneidete ich Jupiter nicht um ſeinen Adler, noch Venus um ihre Tauben, noch Juno um ihren Pfau. Es iſt eine Neuigkeit aus der Luͤrkei, von welchem barbariſchen Lande er auch den Namen traͤgt. Aber, bei meinem Augenliede, ich will mich nie mehr in einem Zwiſchenſpiele an Mahomets Erſtechen — 104— ergoͤtzen, nun ich ſehe, daß die dickbaͤuchigen Sarazenen uns einen ſo ambroſiſchen Friedens⸗ vorſchlag geſandt haben. Koſtet, und ihr wer⸗ det die Unterthanen Sultan Solimans be⸗ neiden.“ Dudley geſtand, es ſei eine Delikateſſe, die ihm einen viel guͤnſtigern Begriff von den Muſelmaͤnnern beibringe, als er bisher gehabt. „Ich gab Euch die Verſicherung,“ erwi⸗ derte John,„waͤre irgend eine neue Entdeckung in Fiſchen, Fruͤchten oder Gefluͤgel gemacht, ſolltet Ihr ſie hier finden; durch die beiden erſten habe ich mein Wort geloͤſt, und hier denke ich Euch den dritten Beweis zu geben.“ Indem er dies ſagte, ſchnitt er eine Frucht aus einander, troͤpfelte etwas von ihrem Safte auf ein Stuͤck Zucker, reichte Dudley dieſes hin, und fragte ihn dabei nach dem Namen der Frucht. Als dieſer ihn nicht zu nennen vermochte, fuͤhlte der Epikuraer ſich ſehr er⸗ freut, lobte die Schmackhaftigkeit und ſagte dann:„Es iſt ganz beſtimmt der heszeriſche Apfel, fuͤr welchen Atalanta mit Freuden ihr Geſchlecht verlor; er ſollte eigentlich ihren Na⸗ men tragen, doch die Dummkoͤpfe, welche die Frucht zu uns brachten, nannten ſie Limone. Nicht eine Woche iſt vergangen, ſeit die erſte in England erzeugte das Lob unſeres feinſchmek⸗ 105 kenden Koͤnigs erhielt, als ſie ihm bei dem großen Feſte in Leatherſellers Hall vorgeſetzt ward. Daraus koͤnnt Ihr ſehen, daß der Wirth des Schwanes kein ſchlechter Proviant⸗ meiſter iſt. Nein, nein, Ihr muͤßt nicht thun, als ob Eure Mahlzeit beendigt ſei, bis Ihr Euer Urtheil uͤber dies Gelee geſagt habt. Das Rezept, nach dem es gemacht wird, ver⸗ danke ich meinem ſehr guten Freunde, Tom Cromwell, der zwar eines Schmidts Sohn iſt, aber dines Kardinals Zähne hat. Es iſt ganz genau ſo gemacht, wie das, durch wel⸗ ches er in Italien des Papſtes Gaumen ſo klug zu kitzeln wußte.“ „Es iſt in der That etwas ganz Treffli⸗ ches,“ ſagte Dudley,„und nun, nach meinem herzlichſten Danke fuͤr Eure koſtliche Mahlzeit, die ich wirklich ſelten und koniglich nennen kann, bin ich bereit, fuͤr den Reſt des Mor⸗ gens Euren Befehlen zu folgen.“ „Dann bitte ich Euch, mir Euren Beiſtand bei der Leerung eines halben Kruges Wein, von welchem unſer Wirth ſein Lager vor der letzten Akte gut verſorgt hat; denn ſeit die franzoͤſiſchen Weine acht Pence auf die Gallone Abgabe zahlen muͤſſen, und Malmeſi und Romney gar einen Schilling, brauen die be⸗ trugeriſchen Weinſchenken, und ſuchen am Waſ⸗ — 106— zu gewinnen, was ſie am Preiſe verlieren. Wollen wir von dieſem Gemiſch trinken, oder einen Deckelkrug Muskateller mit Eiern?“ Dudley entſchied ſich fur das letztere, und es ward ſogleich gebracht und wohlgefaͤllig ver⸗ zehrt. Dann machten ſich beide wieder auf den Weg, und gingen zuerſt nach Goldſmiths⸗ Row in Cheapſide, wo Sir John mit einem ſeiner Handwerker zu ſprechen hatte. Es war eine Reihe von vierzehn Kauflaͤden, alle ganz gleich, und mit einer huͤbſchen Einfaſſung von Holzwerk. Gegen die Straße war es mit den Zeichen der Goldſchmiede und vielen ganz gleichen Holzmaͤnnern(zum Andenken Thomas Woods, des Erbauers) verziert, die auf Un⸗ geheuern ritten, und alle reich gemalt und ver⸗ goldet waren. In dieſem geſchaͤftsvollen Theile der Stadt war nichts zu ſehen, als offene Kaufmannslaͤden, ohne Fenſter, vorn mit Blu⸗ men verziert, und der Beden mit Teppichen bedeckt. Einige der Handelsherren ſtanden, die Muͤtze in der Hand, in dem Eingange ihrer Buden, andere warteten ruhig ab, welche Kaͤufer der Zufall ihnen bringen werde, und eine dritte Art ladete, gleich den Koͤchen in Eaſtcheap, die Voruͤbergehenden mit lauter Stimme ein, naͤher zu kommen, obgleich das Klappern und Klirren der verſchiedenen Schil⸗ — 107— der und Zeichen an den Buden und auf der Straße, ſie oft ubertoͤnte. „Laßt uns jenen Haufen der Waſſertraͤger vermeiden,“ ſagte Sir John,„denn wenn ſie ſich unter einander zanken, ſind ſie auch wohl im Stande, die Vorubergehenden zu ſchimpfen, oder ſie mit dem Inhalte ihrer Schoͤpfeimer zu beſpritzen, und, Gott's Gnade, Vetter, es waͤre wenig ſchlechter, als Kirchenſchändung, dieſes gebauſchte Wamms zu verderben, von dem ich gewiß die Nacht traͤumen werde, wenn ich die Zeit zum Schlafe finden kann. Kommt nach dieſer Seite, und wir wollen durch New⸗ gate⸗Street nach dem Kollegio des Signor Rocco, des Fechtmeiſters in Watwick Lann, wo ich, wenn Ihr es erlaubt, meine Stunde nehmen will, was ich nie verſäume regelmaßig jede Woche drei Mal zu thun, Ueberdies iſt auch ein Wettgefecht zwiſchen Italienern und Engländern, und ich moͤchte nicht fuͤr eine Muͤtze voll Goldſtuͤcke verſäumen, es mit an⸗ zuſehen.“ Es iſt bereits auf die Wuth zum Zwei⸗ kampfe angeſpielt worden, ſo wie auf die Nothwendigkeit, daß jeder junge Mann von gutem Tone wenigſtens einen Gegner getoͤdtet haben mußte, und es war daher auch noͤthig, ſich in der Fechtkunſt in eben dem Maaße zu —— vervollkommnen, in welchem ſie von Wichtig⸗ keit war. Fuͤr Sir John, deſſen Grundſatz es war, ſo lange zu leben, als er koͤnne, war dies doppelt nothig. Dudleys Fechtkunſt, und deſſen Unbeſiegbarkeit bis zu dem Kampfe mit Sir Lionel ſind bereits erwaͤhnt worden, und man kann daher leicht annehmen, daß er in den Vorſchlag mit Freuden willigte, und daß ſie Beide den Fechtplatz mit der groͤßten Theil⸗ nahme betraten. Rings in der großen Unter⸗ richtshalle hatte Signor Rocco die Wappen aller der Edelleute aufhaͤngen laſſen, welche ſeine Schuͤler geweſen; und unter den Wappen waren deren Schwerte, Dolche, Fecht⸗ und Panzerhandſchuhe aufgehaͤngt; an den Mauern ſtanden Bänke und Stuͤhle zur Bequemlichkeit der Zuſchauer. Auf einem großen Tiſche, der mit einer gruͤnen Decke, mit goldenen Franzen beſetzt, belegt war, ſtand ein reiches Schreib⸗ zeug mit Federn, Dinte, Siegelwachs, und feinem vergoldetem Papier zum Gebrauche ſei⸗ ner Schuͤler, und in einer Ecke war eine ſchoͤne, große Uhr, damit er ſeinen Unterricht gleich⸗ formig eintheilen konne, eine wichtige Sache fuͤr die Lernenden, da ſelten Einer unter vier⸗ zig Pfund gab, Mehrere aber bis hundert be⸗ zahlen mußten. Der Wettkampf zwiſchen den Englaͤndern und Italienern ſollte ein Kampf — 100— zu drei und drei nach einander ſein, auf den bloßen Stoßdegen, den Stoßdegen und den Dolch, das bloße Schwert, das Schwert und die Tartſche, das Schwert und das Schild, das zweihaͤndige Schwert, den Spieß, und die Streitaxt. Der Kampfplatz war ein erhabe⸗ nes Geruͤſt ohne Lehne, ſo daß der, welcher im Gefechte zuruckgedraͤngt ward, in Gefahr kam, den Hals zu brechen. Das barbariſche Gladiatorgefecht hatte ſchon begonnen, als ſie eintraten, doch da es nicht unſere Abſicht iſt, es genau zu beſchreiben, begnuͤgen wir uns damit, zu ſagen, daß ſie Mehrere ſchwere Wunden empfangen, Meh⸗ rere gefaͤhrlich fallen ſahen, und daß dann Sir John mit dem Maſter Rocco nach deſſen eigenem Zimmer ging, ſeine Stunde zu neh⸗ men. Dudley zog hier ſeinen Degen, und bat dieſen beruͤhmten Meiſter, es zu verſuchen, ob er ihn entwaffnen koͤnne⸗ Nach mehreren angeſtrengten Verſuchen erklaͤrte Signor Roeco, es nicht zu koͤnnen. Dudley war daruͤber äu⸗ ßerſt erfreut, denn es uͤberzeugte ihn unwider⸗ ruflich, daß Sir Lionel ihn nur durch den Beiſtand der Holle entwaffnet hatte. Als ſie dieſe grauſame Schule verließen, gingen ſie nach Queen⸗Hithe, wohin Sir John ſein eigenes Boot beſtellt hatte; denn in — 110— jener Zeit, wo der Hof, die Theater, der To⸗ wer, und faſt alle dͤffentliche Gebäude an den ufern des Fluſſes lagen, und man durch ei⸗ nige Straßen beinahe gar nicht gehen konnte, war eine Barke ein eben ſo noͤthiger, und faſt noch noͤthigerer Theil der Einrichtung eines Edelmannes, als ein Pferd. Sie ſetzten uͤber den Fluß, und landeten bei Bankſide, um den Baͤrengarten und die Stiergefechte zu ſehen. Dieſe fanden auf einem freien Platze Statt, der rings mit Sitzen fuͤr die Zuſchauer um⸗ geben war. Daneben wurden Baͤren und Stiere, ſo wie in mehreren Staͤllen auch Bul⸗ lenbeißer, aufbewahrt. Paris⸗Garden, ein regelmaͤßigerer Circus zu dem nehmlichen grau⸗ ſamen Zwecke beſtimmt, ward hienach beſucht. Doch da der Sonntag der Hauptvergnuͤgungs⸗ tag fuͤr dieſen Ort war, und es jetzt faſt nichts zu ſehen gab, gingen ſie nach dem Globe⸗ Theater. Eine Flagge, welche auf dem Dache deſſelben geſchwenkt wurde, gab das Zeichen, daß die Vorſtellung eben angehe. Nachdem ſie vor dem Zeichen des Theaters, einem Herku⸗ les, welcher eine Weltkugel trug, voruͤberge⸗ gangen, traten ſie in ein achteckiges Gebäude, deſſen Logen zum Theil offen, zum Theil mit Matten verhangen waren. Hier wohnten ſie einer Vorſtellung bei, von„der Lichtmeßtag, — 11— oder der Mord der Kinder Jsraels“ geſchrieben von Jhan Parfre. In dieſem rohen Stuͤcke ſchworen die hebräiſchen Krieger bei Mahomet, der erſt ſechs hundert Jahr ſpaͤter geboren ward; der Bote des Herodes hieß Watkinz und die Ritter mußten rund um die Buͤhne ziehen, um Maria mit dem Kinde nach Egyp⸗ ten zu geleiten. Dies war der damalige Zu⸗ ſtand des Dramas, dies der Unſinn, der auf eben der Buͤhne dargeſtellt ward, auf welcher, wenig mehr als ein halbes Jahrhundert nach⸗ her, Shakespeare die Rolle des Geiſtes inzſei⸗ nem eigenen Trauerſpiele Hamlet, geben ſollte. Als ſie dem Fluſſe wieder zuſchritten, gin⸗ gen ſie an dem ufer bei den geſtatteten Freu⸗ denhaͤuſern voruͤber, wo Sir John ſeinen Ge⸗ fahrten auf eine grobe, aber charakteriſtiſche Satire auf ſeinen Beſchuͤtzer, den Lord Kar⸗ dinal, aufmerkſam machte; eines von dieſen verrufenen Haͤuſern hatte nehmlich den Kardi⸗ nalshut zum Zeichen genommen. Als ſie das Boot beſtiegen, geboten ſie den Schiffern, ge⸗ gen Weſtminſter zu ſteuern, und ſtiegen bei der Sternkammer aus, ſowohl um das Beil⸗ keſpiel zu ſpielen„als auch, um Bowling⸗Al⸗ ley zu beſuchen, welche beiden Vergnuͤgungen damals ſehr im Schwunge waren. Dann gingen ſie zu einem Gaſthauſe in der Naͤhe, —— und beſchloſſen hier ihre Wanderung dieſes Morgens. Iſt in der Art, wie die jungen Modemaͤnner und Luͤſtlinge unſerer Zeit eben dieſe Stunden hinbringen, mehr Verfeinerung, ſo muß man es der erhoͤheten Civiliſation zu⸗ ſchreiben; findet aber eine gleiche Zeitvergeu⸗ dung Statt, wo ſich ſo viele Mittel bieten, ſie nuͤtzlich anzuwenden, ſo muß man eine ge⸗ ringere Verſtaͤndigkeit eingeſtehen, wenn man auch eine groͤßere Eleganz zugiebt. Dudley kehrte nach der Taverne zum hei⸗ ligen Lamme zuruͤck, und wechſelte hier ſeinen Anzug ſo, daß er mit Anſtand in der Gallerie von des Kardinals großem Saale erſcheinen koͤnne. Sir John hatte verſprochen, ihm da⸗ ſelbſt Zutritt zu verſchaffen, um Zeuge von dem Feſte zu ſein, das dem Koͤnige und dem Hofe nach der Jagd gegeben werden ſollte. Nachdem ſich beide in den paſſenden Staat geworfen hatten, gingen ſie nach York-Houſe (der Vorgaͤnger des modernen Whitehall, von welchem damals ein großer Theil ſo eben er⸗ baut worden war). Als ſie durch das Haupt⸗ thor traten, welches zu beiden Seiten von hohen Thuͤrmen uͤberragt ward, ſahen ſie ſich von unregelmaͤßigen Maſſen Gebaͤuden umringt, deren verſchiedene Architektur die verſchiedenen Jahrhunderte ihrer Erbauung bezeichnete. Alle — 113— zuſammen bildeten einen ſo ungeheuren Palaſt, daß ſich der Mangel an Regelmaͤßigkeit uͤber der großen Ausdehnung des Ganzen vergeſſen ließ. Mit einer Karte, von Georg Cavendiſh, des Kardinals Edeldiener, unterzeichnet, waren ſie unaufgehalten durch das Thor gekommen, und gelangten ebenfalls durch dieſelbe ſogleich in die Gallerie, denn ungeachtet der Menge und Verſchiedenheit der Gaͤſte, war doch auch die Zahl der Diener ſo groß, und die Anord⸗ nung ſo vortrefflich, daß nirgends auch nur die geringſte Verwirrung entſtand. Nachdem ſie die enge Steintreppe, welche zu der Gal⸗ lerie fuͤhrte, und nur ſparſam erleuchtet war, hinaufgeſtiegen, fuͤhlten ſie ſich faſt geblendet durch den Glanz des großen Gemaches, in welches ſie hinabſahen; und nicht weniger ſtaunten ſie uͤber die Pracht der Verſammlung, und den Reichthum des Banketts, welches zu deren Erfriſchung bereitet war. Wohl mag der Geſchichtſchreiber des Kardinals gerecht⸗ fertigt werden, wenn er ſagt, daß bei Gele⸗ genheit dieſer koͤniglichen Beſuche„alle ſolche „Vergnuͤgungen zu des Koͤnigs Luſt und un⸗ „terhaltung Statt fanden, als nur erdacht „werden moͤgen. Die Bankette waren mit „Maskeraden und Mummereien ſo wunderli⸗ und praͤchtiger Art untermiſcht, daß man I 8 „ — 114— „ſich in dem Himmel waͤhnte. Da fehlten „weder Frauen noch Madchen, welche geſchickt „und willig waren, mit den Masken zu tanzen, „oder andere Ergetzlichkeiten. Da war alle Art „von Muſik und Harmonie, welche mit herrlichen „Maͤnner⸗ und Knabenſtimmen abwechſelte*).“ Gleich nach ihrem Eintritte begann ein Italiener ein Terzett zu ſingen, mit zwei Kna⸗ ben, ſeinen Muͤndeln. Ihr Geſang war ſo lieblich, hinreißend, bezaubernd, daß die Ge⸗ ſellſchaft plotzlich, wie ſie in verſchiedene Grup⸗ pen vertheilt geweſen, lauſchend ſtand, wie in Entzuͤcken verloren. Man haͤtte glauben koͤn⸗ nen, irgend ein Zauberer habe alle dieſe Men⸗ ſchen mit ſeinem Stabe in Bildſäulen verwan⸗ delt, ſo athemlos ſchienen ſie, ſo ſtumm und bewegungslos waren ſie. Selbſt die Luft ſchien zu lauſchen, denn die Flammen der Wachsfak⸗ keln brannten ruhig und gerade hinauf, als wollten ſie durch ihr Flackern die Aufmerkſam⸗ keit nicht ſtoͤren, und der große Teppich uͤber dem Sitze des Koͤnigs hing bewegungs⸗ los, als fuͤrchte er, das Raſcheln ſeines Sei⸗ denſtoffes moͤge die ſuͤße Melodie unterbrechen. Die Gäͤſte auf der Gallerie waren gleich ſehr hingeriſſen, und in dem ganzen Saale war wohl nicht Einer, von dem man nicht ſagen *) Cavendiſhs Leben Wolſeys. — 115— durfte, ſeine Seele ſei fuͤr den Augenblick in ſeinem Ohre. Als die letzten Tone allmaͤhlig erſtarben, herrſchte das tiefe Schweigen waͤh⸗ rend mehrerer Sekunden noch fort, als woll⸗ ten Alle die ſuͤßen Laute verfolgen, oder hoff⸗ ten ihre Wiederkehr, dann aber brach die ganze Geſellſchaft wie auf ein Zeichen in den laute⸗ ſten Beifallsruf aus, und ſelbſt die Gäſte auf der Gallerie ſtimmten mit ein. So augen⸗ blicklich und unwiderſtehlich dies auch geſchehen, ſo war es dennoch der ſcharfen Beobachtung und der ſirengen Ruͤge des Lord Kardinals nicht entgangen, denn er ſah mit ſtrengem Blicke nach der Gallerie hinauf, und winkte mit der Hand Schweigen, als wolle er Jene erinnern, daß ſie dort nur geduldet waͤren, und ſich nicht erlauben duͤrften, ſich ſeinen vorneh⸗ mern Gäſten durch irgend einen Ausdruck ih⸗ rer Gefuͤhle gleichzuſtellen⸗ Als der Zauber verſchwunden war, der die ganze Geſellſchaft gefeſſelt hatte, ſah Dudleyh ſie froͤhlich in bunten Gruppen durch einander wogen, und konnte ſogar, des Lachens und Scherzens ungeachtet, einzelne Theile des Ge⸗ ſpräͤches verſtehen. Jetzt hatte er Muße, die richtigen Verhaltniſſe des prachtvollen Saales zu beobachten. Er war in Bogen abgetheilt, und jeder derſelben mit einer Darſtellung aus 8* — Ovids Metamorphoſen verziert, deren ſchoͤne, reiche Farben durch das Licht von den vielen Kerzen der ſchweren ſilbernen Wand⸗ leuchter noch mehr hervorgehoben wurden. Ver⸗ goldete Leuchter von dem nehmlichen Stoffe, auf die Tiſche geſetzt, oder von der Decke her⸗ abhaͤngend, warfen ein volles Licht auf das Bankett, welches an dem oberen Ende aufge⸗ ſtellt war, und von einer zahlloſen Menge ſilberner Gefaͤße erglaͤnzte. Neben dem Ban⸗ kett ſtand ein Schenktiſch von acht Stufen, mit Bechern, Flaſchen, Kruͤgen und goldenen Toͤpfen beſetzt, von welchen mehrere mit Edel⸗ ſteinen und Perlen verziert waren. Des Kar⸗ dinals zahlreiche Leibdiener in Livreen vom ſchoͤnſten Karmoiſin⸗Sammt, mit goldenen Ket⸗ ten um den Hals, eilten hin und her, und theilten ihre Befehle den geringern Dienern mit, welche alle in Scharlachroͤcke, eine Hand breit mit ſchwarzem Sammt beſetzt, gekleidet waren, und ſich faͤmmtlich durch ihre ſchoͤne Greſtalt auszeichneten. Ueber das Bankett konnte man von der Gallerie hinlaͤnglich urthei⸗ len, um ſich zu uͤberzeugen, daß faſt jede Fleiſchſpeiſe in irgend eine kuͤnſtliche Geſtalt gebracht war. Die Paſteten, Gelees, das Konfect und andere zuſammengeſetzte Gerichte, waren, der ſimboliſchen Wuth getreu, welche — 117— unter Heinrichs VIII. Regierung die hoͤchſte Hoͤhe erreicht hatte, in allerhand Spitzfindig⸗ keiten, wie man es damals nannte, geformt. Dieſe Hierogliphen des Koches und Konfect⸗ baͤckers wurden mit Mottos, Deviſen, Raͤth⸗ ſeln, und dergleichen, ausgeſchmuͤckt, um ſo⸗ wohl den Gaumen als den Geiſt der Gäſte zu beſchaͤftigen. Der Kuͤnſtler hatte geſucht, ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen, indem er dieſe An⸗ ſpielungen ſo viel als moͤglich in Bezug auf die Gelegenheit brachte, und dann eines mit dem andern verband, bis das ganze Bankett eine Art eßbarer Allegorie war. Die Mehr⸗ zahl der Mottos enthielt Raͤthſel, deren Ver⸗ fertiger weder zu keuſch noch zu zartſinnig wa⸗ ren, und es war unter den jungen Stutzern eine allgemeine, obgleich nicht ſehr anſtaͤndige Mode, ihren Geliebten oder ihren Nachbarin⸗ nen dieſe Raͤthſel zur Aufioͤſung darzubieten, um ſich an der wirklichen oder erkunſtelten Ver⸗ legenheit zu weiden, mit welcher dieſe ihre Un⸗ wiſſenheit betheuerten. Unter den verſchiedenen Geſtalten, welche in dem Saale umhergingen, war keine auffallen⸗ der, als der Lord Kardinal ſelbſt, der in Schar⸗ lach⸗Lafft gekleidet war, an allen Theilen des Anzuges oder Koͤrpers, wo ſie ſich nur an⸗ bringen ließen, mit den ſchoͤnſten Juwelen ver⸗ — 118— ziert. Trotz der Binde uͤber ſeinem Auge, ei⸗ ner großen Warze auf der Lippe, und etwas plumper Zuͤge, verrieth er nicht die geringſte Gemeinheit, denn ſein Geſicht war geiſtreich, ſeine Geſtalt gebietend, und ſein Betragen durch eine Miſchung des Anſtaͤndigen mit einſchmei⸗ chelnder, gewinnender Artigkeit, ausgezeichnet. Er wandte ſich haͤufiger an die Damen, als an die maͤnnlichen Gaͤſte, und von der Leich⸗ tigkeit, mit der er ſich mit ihnen unterhielt, haͤtte man ſchließen koͤnnen, daß er im Pala⸗ ſte, aber nicht in dem Kloſter oder den Ge⸗ richtshoͤfen aufgewachſen ſei. Der ſtrenge Blick, mit dem er der Gallerie Ordnung und Ruhe geboten, war jetzt in ein gefaälliges Lächeln verwandelt, und der feinſte Hoͤfling in dem ganzen Saale hatte ſich nicht mit mehr Ele⸗ ganz und Ungezwungenheit zeigen koͤnnen, als der Lord Kardinal von York. Jetzt erſchallte an dem oberen Ende des Saales ein lauteres Geſpraͤch, es ward eine groͤßere Bewegung ſichtbar, und als Dudley ſein Auge dahin wandte, ſah er zwei ſonder⸗ bar gekleidete Geſtalten, welche mit Schellen bedeckt waren. Eine derſelben trug einen Affen auf der Schulter, und beide waren in einem Geſpraͤche begriffen, welches ſie mit komiſchem Mienen- und Geberdenſpiel ausſchmuͤckten, wor⸗ uͤber die Umſtehenden ein Mal uͤber das andere in lautes Gelaͤchter ausbrachen. Er fragte Sir John, wer die beiden Maͤnner waͤren, und die⸗ ſer ſagte ihm, der Eine ſei Maſter Williams, beſſer bekannt unter dem Namen, Patch, des Kardinals Lieblingsnarr, und der Andere Will Somers, des Koͤnigs Spaßmacher, von deſſen Ankunft ſich ſchließen ließe, daß auch der Koͤ⸗ nig ſelbſt bald eintreffen werde. Kein großes Bankett oder Vergnuͤgen ward fuͤr vollſtaͤndig gehalten, ſo verſchiedenartig auch gewoͤhnlich der Zeitvertreib war, bei denen die Gegenwart ſolcher Narren von Profeſſion mangelte. Sir John ſagte noch, dieſe beiden verdienten ihre Beruͤhmtheit vollkommen, da ſie ihren Herren haͤuſig ſolche beißende derbe Sachen ſagten, daß es fuͤr jede, weniger privilegirte Zunge aͤußerſt gefährlich ſein wuͤrde, ſie auszuſprechen. Zur Beſtätigung von Sir Johns Vermuthung, daß der Koͤnig nicht mehr lange ausbleiben werde, ward jetzt die Annaͤherung der koniglichen Barke gemeldet, und die ganze Geſellſchaft eilte zu den Fenſtern, die Ausſchiffung mit anzuſehen. Wenige Minuten darauf blieſen die Trompeter, welche in dem Saale ſtanden, eine laute und luſtige Weiſe, daß die Luſt erzitterte; die brei⸗ ten Thuͤren wurden aufgeriſſen, und eine bliz⸗ zende Geſtalt trat herein, und ſchien den Fuß⸗ — 120— boden in ein flimmerndes Firmament zu ver⸗ wandeln. Alle Anderen uͤberſtrahlte der Koͤnig ſowohl durch ſeine hohe Geſtalt als die Pracht ſeiner Kleidung. Er trug ein Gewand von Silberdamaſt, reich mit Goldſtoff beſetzt, und ͤberall mit koſtbaren Steinen verziert. Sein befiedertes Barett von Purpur⸗Sammt hatte an der Stirn einen Stern von Diamanten, der bei jeder Bewegung des Kopfes blitzte und flimmerte, als ſtehe er in Feuer. Koͤniginn Katharina von Arragonien ging ihm zur Seite, doch ihr trubes muͤrriſches Geſicht paßte wenig zu der Pracht ihrer Kleidung, und der Froͤhlich⸗ keit des Feſtes, die ſie umgab. Ohne ſie zu beachten, blickte der Koͤnig rings in dem Saale umher, ſah dann ſeitwaͤrts auf ein wunderſchones Frauenzimmer in dem Gefolge, und ging hier⸗ auf, mit niedergeſchlagenen Augen langſam weiter, als beachte er nicht, daß noch irgend Jemand in dem Saale ſei. Indem Dudley der Richtung von des Koͤnigs Blicke folgte, ſah er ein Weib, das ihn ſo ſehr anzog, ihn durch ihre hohe Schoͤnheit ſo entzuͤckte, daß er ſeinen Gefährten haſtig fragte:„Ich bitte Euch, Sir John, ſagt mir, wer iſt jenes liebenswuͤrdige Geſchoͤpf dort, das wie ein Pfau einherſchrei⸗ tet, den ſchoͤnen Hals ſo hoch traͤgt, wie ein Schwan, und mit einem Geſichte, welches vom — 121— Lächeln des Triumphes uberzogen iſt, ſich artig gegen die Gruͤßenden verbeugt. Ich ſollte denken, es waͤre eine Franzoſinn, denn ihr Anzug ſcheint dies zu verrathen, doch nie hatte eine Dame aus Gaskonien oder Guienne ſo feine, weiße Haut. Wie ſchoͤn kleidet ſie nicht das Barett von dunkelbraunem Sammt; der Rand, mit Perlen beſetzt, hebt ihr ſchoͤnes ſchwarzes Haar, welches ſich zu beiden Seiten der Stirn dar⸗ unter hervordraͤngt, und die kleinen geringelten Locken, welche hinten herabhaͤngen, geben ih⸗ ren Schultern eine ſchneeige Weiße! Und das niedrig ausgeſchnittene franzoſiſche Kleid, wel⸗ ches grade genug von ihrer Geſtalt ſehen laͤßt, um das uͤppige Gleichmaaß derſelben zu zeigen, wie vortheilhaft ſticht es gegen den ſteifen Kra⸗ gen und dicken Krauſen ab, welche Andere tragen.“ „Bei Gott's Auge, Vetter,“ erwiderte ſein Gefaährte,„Ihr habt ein ſcharfes Auge fuͤr weibliche Reize, und ich verſichere Euch, daß unſer verliebter Konig nicht mit weniger luͤſter⸗ nem Blicke auf ſie ſieht. Das iſt Miß Anna Boleyn, deren zukuͤnftiges Gluͤck die Hoͤflinge ſchon jetzt berechnen, wie Ihr aus dem Eifer ſehen koͤnnt, mit dem ſie ſie umringen, ihr ihre Huldigungen darzubringen. Es iſt ſchon bemerkt worden, daß der Koͤnig ſeine jetzige — 1— Gemahlinn nicht mehr als ſeine Frau betrach⸗ tet; es iſt daraus abgenommen, daß ſie nicht lange mehr ſeine Königinn bleibe, und des Koͤ⸗ nigs Augen ſprechen es deutlich genug aus, wer ihre Nachfolgerinn ſein duͤrfte. Man ſagt ſogar, daß die junge, loſe Schoͤnheit in Kur⸗ zem zur Graͤfinn gemacht werden, und zwei Schleppen tragen ſoll.*) Deshalb umflattern die Hoͤflinge ſie auch ſo, und laſſen die Koni⸗ ginn einſam ſitzen, und, meiner Tren, ſie thun Recht daran, denn das Maßliebchen, das bluͤ⸗ hen will, muß ſich vor der aufgehenden Sonne oͤffnen, und von der untergehenden abwenden. Wahrhaftig, guter Vetter, ich habe immer ge⸗ funden, daß die Koͤniginn eine gnädige, reizende Dame ſei, und ich wollte mich fuͤr ihren As⸗ capart, ihren Colbrand, ihren Guy von War⸗ wick und ihren Ritter erklaͤren, doch meine Pflicht gegen meinen guten Freund Jack Dud⸗ ley fordert, daß ich ſie mit kaltem Blicke be⸗ trachte, und mich zu der aufgehenden Sonne, der ſuͤßen Miß Anna wende, der Diana un⸗ *) Die Graͤfinnen waren berechtigt, zwei Schleppen zu tragen, eine vorn, und eine hinten. Die vor⸗ dere ward gewoͤhnlich uͤber den Arm geſchlagen, oder in dem Guͤrtel befeſtigt. Dies war eine Aus⸗ zeichnung, welche den Baroninnen, und allen Damen der geringeren Staͤnde, nicht zukam⸗ — 123— ſeres Epheſus, deren beide Diamantaugen un⸗ ſere Tagesgeſtirne ſind.— Doch ſtill! was giebts hier? Ich will verwuͤnſcht ſein, wenn es nicht eine Burg iſt, ſo ſtolz und feſt, als Flit⸗ terwerk und holzerne Kanonen ſie machen koͤn⸗ nen. Ich bitte Euch, wendet ihr all Eure Augen zu.“ Der Gegenſtand, auf den Sir John ſeines Vetters Aufmerkſamkeit durch dieſe Worte lenkte, war eines jener prachtvollen, beſchwerlichen Kunſtſtuͤckchen, welche man Gaffſpiele nannte. Es ward auf verborgenen Raͤdern fortgerollt, und ſtellte einen Berg vor, der mit Kriſtallen, Rubinen, Flitterroſen und Granataͤpfeln von Goldlahn verziert war, und auf deſſen Spitze ſich eine Burg mit vergoldeten Thuͤrmen erhob, welche durch einen Zettel als die„Burg der Schoͤnheit“ bezeichnet ward. In der Feſtung war eine Garniſon von ſechs ſchonen Maädchen. Aus einer Hoͤhle am Fuße des Berges ſprang jetzt das Verlangen mit fuͤnf andern Rittern hervor, das Schloß anzugreifen. Sie trugen Kleider von Gold und Silberſtoff, wuͤrflig ge⸗ webt, das Gold mit ſilbernen, das Silber mit goldenen Zacken eingefaßt, und auf dem Kopfe ſchwarze Sammt⸗Baretts, mit Juwelen ver⸗ ziert. Die Lagen von Blumen, Eingemachtem, Konfect⸗Herzen und Zuckerplätzchen, mit de⸗ — 424— nen ſie die Burg beſchoſſen, ward aus der Feſtung mit aͤhnlichen Lagen von wohlriechen⸗ dem Pulver, Roſenwaſſer und anderen Parfuͤ⸗ merien, beantwortet, welche die Garniſon aus den hoͤlzernen Kanonen ſchoß; doch eine Spi⸗ ritusflamme auf der Spitze eines der Thuͤrme deutete endlich an, daß Feuer in dem Schloſſe ſei, und die Belagerten verließen nun ſchnell die Feſtung. Ihrem Erſcheinem nach zu ur⸗ theilen mußten ſie durch die Belagerung nicht ſehr gelitten haben; ihre Gewänder von Gold⸗ ſtoff, mit Karmoiſin⸗Flittern durchwebt, waren friſch und blitzend; das Haar trugen ſie in gol⸗ denen Netzen, und daruͤber Baretts von Kar⸗ moiſin⸗Sammt, reich mit Perlen und Edelſtei⸗ nen beſetzt. Die Sieger und Beſiegten in die⸗ ſem Kampfe verliebter Narrheit, gaben ſich jetzt, zum Zeichen der Freundſchaft, die Haͤnde, und tanzten verſchiedene Taͤnze. Den Beſchluß machte die ernſte, ruhige Pavane, deren Name von der Aehnlichkeit mit dem Gange des Pfaues abgeleitet iſt. Als der Tanz beendigt war, nahmen die Taͤnzer ihren fruͤheren Platz in dem Berge wieder ein, und dieſer ward zum Saale hinausgerollt. Kaum war er verſchwunden, als die Trom⸗ peten zum Bankette riefen, und Jeder in das dimmer und an den Ort eilte, der ihm ange⸗ — wieſen war, ſtreng dem Range gemaͤß. Der Sitz des Koͤnigs ward an dem oberen Ende der Tafel errichtet. Moſchusroſen waren erſt korzlich durch den Doktor Linacre, Heinrichs Lieblingsarzt, in England eingefuͤhrt worden, und da der Konig gewiſſer politiſcher Verhaͤlt⸗ niſſe wegen, ſo that, als liebe er die rothe Roſe ganz beſonders, waren viele dieſer neuen, lieblichen Blumen, in ſilbernen Vaſen, mit dem koͤniglichen Wappen verziert, auf dem Ti⸗ ſche vertheilt. Doch auch der Gaum des kö⸗ niglichen Gaſtes war durch den verſchwenderi⸗ ſchen Kardinal nicht vergeſſen worden. Außer allen jenen Fleiſchſpeiſen, welche Dudleh in dem Schwane zu Eaſtcheap als des Koͤnigs Leibge⸗ richte genannt worden, ſah er hier auch eine Schuͤſſel voll goldener Pippin⸗Aepfel aus Plum⸗ ſtead in Suſſex, die erſten, welche in England gezogen worden; und eine reich verzierte Pracht⸗ torte, die Sir John nach dem ſuͤßduftenden Ambrageruche, der zu der Gallerie aufſtieg, fur das vollendetſte, unuͤbertrefflichſte Werk der Kochkunſt erklaͤrte. Der Kardinal liebte es fur beſtaͤndig, Pracht und Verſchwendung zu zeigen, und dem Koͤnige auf eine Weiſe zu huldigen, wie es vor ihm vielleicht noch Niemand gethan, daher nahm er auch jetzt keinen Sitz, ging uͤberall umher, ſprach dann und wann mit — 126— dem Konige, oder gab ſolche Befehle, wie er ſie zur Belebung allgemeiner Frohlichkeit fur zweckmäͤßig hielt. Als die Mahlzeit voruͤber war, und die Gaͤſte ſich gewaſchen hatten, ward Hippo⸗ kras herumgereicht, auf ſo ſchweren ſilbernen Praͤſentirbrettern, daß ein kraͤftiger Mann dazu gehoͤrte, ſie zu halten. Die Liſche waren in⸗ deſſen abgeräumt worden, und die Minſtrels ließen ſich nun in lieblichen Weiſen hoͤren, wäh⸗ rend die lebhafte Bewegung der juͤngeren Rit⸗ ter und Edlen, und das Scharren ihrer Fuͤße, verrieth, daß der Tanz beginnen ſolle. Dem Gebrauche gemaͤß war der Ringeltanz der erſte, der getanzt wurde; mehrere Perſonen gaben ſich dazu die Haͤnde, und bildeten einen Kreis, wobei ſie ſich einander beſtaͤndig ſtießen, da die Lritte mit dem Takte wechſelten. Auf den Ringeltanz folgte der leichte, muntere Canary, und als es tiefer in die Nacht hineinkam, und Aller Geiſt mehr aufgeregt war, folgten Co⸗ rantes, Jigs, Cavoltas und Gaillarden, mit all ihren Abwechſelungen.*) Obgleich der Kdnig ein ausgezeichnet guter *) Saäͤmmtlich franzoͤſiſche oder engliſche, jener Zeit eigenthuͤmliche Taͤnze, mit ſchnelleren „Me Taͤnzer war, ſpielte er doch faſt den ganzen Abend mit der Graͤfinn von Suffolk. In knech⸗ tiſcher Nachahmung ihres koͤniglichen Gebieters ſah man viele der aͤltern Hofleute in dem Saale zerſtreut, ebenfalls ſpielen, und bei dem geiſt⸗ loſen Wuͤrfelſpiele eben ſo ernſte Mienen ma⸗ chend; mehrere der juͤngern Hofleute ſogar ſtell⸗ ten ſich, als fänden ſie kein Vergnuͤgen an einem Tanze, bei dem ſie nicht des Koͤnigs Geſchick⸗ lichkeit bewundern konnten, und waren entwe⸗ der in Gruppen in dem Saale vertheilt, oder ſpielten Karten, unbekuͤmmert um die beiden Narren Patch und Will Somers, welche nicht weit von ihrem Tiſche ſtanden, und ganz laut allerhand beißende Anmerkungen uͤber die Spie⸗ lenden, deren Eifer und duͤſtre Blicke, machten. „Wahrlich,“ ſagte Dudley, die froͤhliche Scene uͤberſehend,„wenn die gute Koͤniginn Ka⸗ tharina in Anna Boleyn eine Nebenbuhlerinn ſieht, ſo iſt es ſehr gnaͤdig von ihr, daß ſie dieſelbe ſo beachtet, wie ſie es thut, und ſogar dicht neben des Koͤnigs Tiſche Karten mit ihr ſpielt.“ „Bei Gott's Auge, Vetterchen,“ erwiderte Sir John,„Ihr ſeid ſo unerfahren, wie ein Saͤugling, wenn Ihr das von ihr glaubt. Ich ſage Euch, ſo ſanft und guͤtig die Koͤni⸗ ginn ſich auch zeigt, ſo iſt ſie doch liſtig wie — 128— ein Fuchs; aber deſſen ungeachtet kann ich jetzt in ihrem Herzen leſen, als ob ſie es auf dem Aermel truͤge. Sie hat ſich herabgelaſſen, mit Anna Karten zu ſpielen, um ſie zu verhindern, ihren Anſtand und ihre ſchone Geſtalt im Tanze zu zeigen, in dem ſie in Frankreich eine ſolche Fertigkeit erlangte, daß ſie ſaͤmmtliche Damen unſeres Hofes beſchaͤmt; und ſie hat ſich ſo ſehr in die Nähe des Konigs geſetzt, damit die⸗ ſer den uͤberzähligen Nagel bemerke, welcher ei⸗ nen von Annas Fingern entſtellt. Sie hofft ihm durch einen Fehler Widerwillen einzufloͤßen, der ſchon bei Mehreren aͤhnliche Wirkung ge⸗ habt hat.— Und hort, Vetter, ein Wort ins Ohr, denn obgleich ein Jeder die Koͤniginn durchſchauen mag, ſo iſt es zuweilen gefaͤhrlich, den Koͤnig nur anzublicken; aber ich kann in ſeinem Herzen jetzt eben ſo gut leſen, als in dem der Koͤniginn. Kaum bemerkte er dieſen Streich, als er ſelbſt beſchloß, nicht zu tan⸗ zen, und er erwaͤhlte dies Spiel, weil es Schweigen erfordert; dadurch iſt er nun nicht gezwungen, ſeine Mitſpielerinn zu unterhalten, und kann ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf Anna wenden. Seht Ihr nicht, wie er ſie mit den Augen verſchlingt, wie er auf ihre Reize ſtiert, wie ſorglos und unachtſam er die Wuͤrfel fuͤhrt, waͤhrend ſeine Augen wie ſeine Gedanken von — 129— ſeinem eigenen Spiele ab, und auf ſeine Ge⸗ liebte gewendet ſind, die kleinſte Bewegung der⸗ ſelben und beobachten? Und verwuͤnſcht will ich ſein, wenn nicht Kunſtreiches und Anlocken⸗ des in der Art iſt, wie ſie ſeine Huldigungen ſchweigend annimmt, waͤhrend es ſcheint, als lächle ſie nur uͤber ihr ungluͤck, indem ſie je⸗ des Spiel an die Koͤniginn verliert. Bei der Meſſe, ſie kann wohl ihre Goldſtucke verlieren, denn wenn es zum Spiele um die Krone zwi⸗ ſchen ihnen koͤmmt, iſt ſie des Gewinnes gewiß.“ „Ach! die arme Koͤniginn,“ ſagte Dudleyz „es ſcheint mir, ols druckten ihre Zuͤge Kum⸗ mer und Betruͤbniß aus, und verriethen den geheimen Gram, dem ſie keine Worte geben darf. Der uͤberzaͤhlige Nagel ihrer Nebenbuh⸗ lerinn iſt nicht lang genug, um Annas Namen aus dem Herzens des Koͤnigs zu vertilgen. Auch die gute Koͤniginn denkt ſo, denn ſeht, Sir John, ſie hat die beiden Narren zu ſich geru⸗ fen, ihre uͤble Laune durch deren Scherze und Poſſen vertreiben zu laſſen.“ „Gottes Gnade, mein lieber Vetter, ich bin doch auch nur noch ein Juͤngling wie Ihr, aber dennoch habe ich zu viel von dem Hofe und der ſpaniſchen Katharina geſehen, um ihre Gedanken zu leſen, und ſie ſo auszulegen. IMI. 9 — 180— Seht Ihr nicht, wie ſie die Narren ihrer Ne⸗ benbuhlerinn zur Linken ſtellt? Sie weiß es wohl, daß die leichtherzige Schoͤne ſich uͤber die Poſſen vor Lachen faſt ausſchuͤtten wird, und hofft, daß ein häßlich hervorſtehender Zahn der oberen Kinnlade ſich dabei zeigen, und bei dem Koͤnige den Widerwillen erwecken werde, den der ungluckliche doppelnaglige Finger nicht zu bewirken vermochte. Frohlich und ausge⸗ laſſen, giebt ſich Anna ihrer Heiterkeit unbe⸗ ſorgt hin, unbekuͤmmert darum, die Fehler ih⸗ rer Hand und ihres Mundes ſehen zu laſſen, vorausgeſetzt, daß ſie ihre allgemeine Liebens⸗ wuͤrdigkeit zeigen koͤnne. Wahrlich, Vetter, ich habe dieſe Racht genug geſehen, um uͤber⸗ zeugt zu ſein, daß der Koͤnig an den Koͤder gebiſſen hat. Mein geſcheuter und wuͤrdiger Freund, Jack Dudley, der nie einen Rath ver⸗ ſchmaht, muß jetzt gewarnt werden, damit er ſich der Auszeichnung entziehe, mit der die Ko⸗ niginn ihn juͤngſt beehrt hat, und ſtatt deſſen die ſchone Anna durch irgend ein Geſchenk in franzoſiſchem Geſchmacke fur ſich zu gewinnen trachte, ein goldenes Holsgeſchmeide, oder eine Filigräͤnarbeit, oder eine Decke zu einem Kiſſen von flamlaͤndiſcher Tapezerei, wie ein Park ge⸗ ſtaltet, mit Männern, Weibern und Thieren, einen pariſer Bruſtlatz von Goldbrokat, kuͤnſt⸗ — 131— lich geſtickt, oder, wenn nichts anderes Aus⸗ ländiſches zu bekommen iſt, ſo mag ein Papa⸗ gei oder ein Affe ſeine Dienſte thun, und mir zu meinem Zwecke helfen.“ „Verzeiht, Sir John, wenn ich Euch un⸗ recht thue, aber trotz all Eurer Vorſätze, Euch Euren Weg zu bahnen, dächte ich doch, Ihr wäret zu unſtät und fluͤchtig, um den Hof⸗ mann mit gutem Erfolge zu machen.“ „Ich habe Euch geſagt, Vetter, daß der Koͤnig einen ſchoͤnen, wohlgewachſenen Mann liebt, der ein heiteres Auge und eine frohliche Zunge hat, der einen guten Kopf hat, ſeine Befehle zu vollſtrecken, und kein zu weichliches Herz, vor einem haͤßlichen Gebote zu erſchrek⸗ ken, und wenn ich Jack Dudley nur etwas kenne, ſo iſt er ganz der Mann; doch die Zeit wird es zeigen.— Horch! horch!— Bei Gott's Auge, die Thurmuhr des Weſtminſters ſchlägt eins.— Es koſtet mich einen Roſenobel an die Wache der geheimen Thuͤr im Tower, will ich nicht im Graben ſchlafen, doch morgen bei guter Zeit bin ich wieder bei Euch, denn ob⸗ gleich der Lord Kardinal mit der Eule zu Bette geht, ſteht er doch mit der Lerche wieder auf. So wuͤnſche ich Euch denn fuͤr jetzt wohl zu leben, mein guter Vetter.“ Mit dieſen Wor⸗ ten entfernte er ſich, und Dudley, durch die 9* — 132— Anſtrengungen des Morgens ſowohl, als durch das ewige Flimmern der Lichter und die Bewe⸗ gung der Menſchen unter ihm, ermuͤdet, war froh, ſeines Vetters Beiſpiele folgen, und ſich nach dem heiligen Lamme zur Ruhe begeben zu konnen⸗ 1 —————— Sechstes Kapitel. Ein plappernd, ſorglos, fröhlicher Wicht, Mit heit'rem Muth und heit'rem unter ſeines Gleichen;— Doch bei den Großen voner Bedacht, Nimmt ſich der Schelm wohl beſſer in ucht; Da weiß er zu ſchleichen. Seinem Verſprechen gemaͤß erſchien Sir John am nachſten Morgen; Dudley erwartete ihn ſchon, und ſie gingen nun ſogleich mit einan⸗ der nach York-Houſe. Ungeachtet der fruͤhen Stunde ihres Beſuches und der ſpaͤten Unruhe der vergangenen Nacht, fanden ſie hier alle die zahlreichen Beamten und Diener ſchon auf ih⸗ ren Poſten, und eine ſo vollkommene Ordnung, als waͤre ſie nicht noch kuͤrzlich durch ein ſo glänzendes Bankett geſtort worden; ſo puͤnkt⸗ lich war die innere Einrichtung von dem Haus⸗ halte des Kardinals, ſo ſtreng erfullte jeder einzelne von deſſen Dienern ſeine Pflicht. Als ſie ankamen, war der Kardinal in der Meſſe, —— und Dudleh ward durch deſſen Leib⸗Edeldiener in die Kapelle gelaſſen, welche nicht weniger durch die reiche Ausſchmuͤckung als durch die volle Harmonie des Chores geziert ward. Das Chor beſtand aus zehn Singe⸗Prieſtern, zwoͤlf weltlichen Saͤngern, und zehn Chorknaben. Ein Herzog und ein Graf hielten dem Kardinal bei der Abwaſchung das Becken, und als die ganze Zeremonie beendigt war, zog er mit einer ſtattlichen Proceſſion zu den Ptgemachern ſeines Palaſtes. Nachdem ſie eine kurze Zeit in einem Ge⸗ mache gewartet hatten, das zu dieſem Zwecke beſtimmt war, und wo noch mehrere Andere waren, welche ebenfalls die Ehre haben woll⸗ ten, vor den Kardinal gelaſſen zu werden, ge⸗ wannen ſie dieſen durch die guten Dienſte des Leibedeldieners den Vorſprung ab, und wurden zuerſt in Wolſeys Privataudienzzimmer gefuͤhrt, wo er jeden Morgen einige Zeit ſich aufhielt, um aͤhnliche Beſuche zu empfangen. Sie gin⸗ gen durch eine große Menge von Edelknaben, Lakeien, Kammerdienern, Trabanten(deren Zahl allein ſich auf fuͤnf und vierzig belief) und meh⸗ rerer anderen Diener, deren beſondere Beſchaͤf⸗ tigung ſie nicht kannten, und gelangten endlich in das Vorzimmer, wo mehrere Lords und Edelleute das Großſiegel von England, den — 135—* Kardinalshut, die beiden großen ſilbernen Kreuze, den ſilbernen Gewalthaberſtab, die ver⸗ goldeten Richtbeile, und alle die anderen In⸗ ſignien trugen, durch welche er ſich jedesmal umgab, wenn er oͤffentlich ſeines Amtes pfiegte. Von dort gingen ſie in das Privataudienzzim⸗ mer. Hier ſaß der Lord Kardinal an einem großen Tiſche, in einem Gewande von kar⸗ moiſin Satin, mit einem Hermelin Kragen. In der linken Hand hielt er eine ausgehoͤhlte Orange, welche mit verſchiedenen Spezereien angefuͤllt worden, und an die er zuweilen roch, ſowohl, ſich gegen Anſteckung zu bewahren, als auch der Unannehmlichkeit des uͤblen Ge⸗ ruches einiger Beſucher zu entgehen. Ein Se⸗ kretair, ein Siegelbewahrer und ein Raths⸗ herr ſaßen an dem unteren Ende der Tafel. Mitt einer tiefen Verbeugung, die jeder An⸗ dere, als ein Hofmann, knechtiſch genannt ha⸗ ben wuͤrde, und einer ſanften, gemäßigten Stimme, die den grellſten Gegenſatz zu ſeiner gewoͤhnlichen Heftigkeit bildete, ſtellte Sir John ſeinen Verwandten vor, der ſeinen Brief abgab, und eben im Begriffe war, die ganze Lage der Dinge ſo kurz wie moͤglich aus einan⸗ der zu ſetzen, als der Kardinal ihn unterbrach. Ton und Sprache Sr. Eminenz ſchienen ſeit der vergangenen Nacht keinen kleineren Wechſel * — 136— erlitten zu haben, als die Sir Johns, denn die Artigkeit, mit der er noch ſo kuͤrzlich ſeine Gäſte unterhalten, war in ein rauhes, ſtuͤrmi⸗ ſches Weſen verwandelt, als er ſagte:„Wie, Sir, wie! Weshalb ward dieſer Brief des guten Lord Abtes mir nicht fruͤher uͤberreicht?“ „Ich zoͤgerte nur zwei Tage in Wiltſhire, Mylord,“ ſagte Dudley,„und eilte dann ſo ſchnell hieher, daß ich den Brief ſchon geſtern haͤtte uberreichen koͤnnen, doch durfte ich wohl nicht hoffen, daß es Ew. Eminenz gefallig ſein wuͤrde, mir Audienz zu ertheilen.“ Der Kardinal oͤffnete ein Schiebefach zu ſeiner Seite, nahm ein Papier heraus, reichte es Dudley hin, und ſagte: it, habe ich ſchon ſeit drei Tagen; leſ't es. Iſt es nicht Wort fuͤr Wort der Brief, F Ihr mir ſo eben uͤberreichtet?“— Indem Dudley ſeine Augen uͤber das Papier ſchweifen ließ, ſah er, daß es eine woͤrtliche Abſchrift ſeines Briefes ſei. Er legte es wieder auf den Tiſch, und aͤußerte die Vermuthung, daß der Abt es geſchickt habe, obgleich er nicht zu begreifen vermoͤchte, wie es dem Boten moglich gewor⸗ den, es mit ſolcher Schnelligkeit zu uͤber⸗ bringen. „Es kommt nicht von Glaſtonbury, Sir,“ — 137— ſagte der Kardinal,„ſondern von Sir Lionel Fitzmaurice von dem Thurme Hill.“ „Von Sir Lionel Fitzmaurice,“ rief Dud⸗ ley im hoͤchſten Erſtaunen aus;„waͤre es moͤglich, daß der Lord Abt mich hinterging?“ „Nein, Sir,“ erwiderte der Kardinal mit Strenge;„der gute Abt iſt unfäͤhig, irgend Jemand zu hintergehen.“ „Nun,“ rief Dudley,„ſo iſt das ein neuer, uͤberzeugender Beweis der teufliſchen Huͤlfe, von der Sir Lionel uͤberall unterſtutzt wird. Denn wie anders konnte er ſonſt Kennt⸗ niß von dieſem Briefe erhalten, oder mir um ſo viele Tage zuvorkommen?“ „Dies ſind Dinge,“ entgegnete der Kar⸗ dinal,„die mir wenig zu wiſſen frommen wuͤrden, auch ſitze ich nicht hier, um Fragen zu beantworten: aber, bei Gott, haͤtte er zehn Mahl ſo viel Teufel in ſeinem Dienſte, als Mylord Dacre bei Jedburgh ſahe, ſo ſoll er dennoch das Geſetz zu ſtark fuͤr ſich finden. Iſt er der Miſſethaͤter, und der ſchaͤndliche Un⸗ terdruͤcker, als den dieſer Brief ihn ſchildert, ſo will ich ihn aus dem Thurmhauſe werfen, und ſtaͤnden Beelzebub und Aſtaroth ſelbſt als ſeine Huͤter auf der Zugbruͤcke. Die Hunger⸗ fords ſind ein altes, treues Geſchlecht; der Knabe, mag er nun mondſuͤchtig oder ſchwach⸗ — 138— ſinnig ſein, gehoͤrt unter meine Obhut als Großſiegelbewahrer, und noch ein Mal ſchwore ich es, bei den fuͤnf Freuden der Jungfrau, ihm ſoll Recht werden. Ich habe Groͤßere ge⸗ zaͤhmt oder gedemuͤthigt, als dieſen Sir Lionel, und wenn ich auf meinem Richterſtuhle ſitze, ſoll der Stolzeſte, der einen Kopf traͤgt, ſich beugen, und dem Geſetze huldigen. Geht, Sir, zu Euren Geſchaͤften; bekraͤftigt Eure Ausſage durch einen Eid, gebt mir die Pa⸗ piere, und furchtet nicht, wenn ich in Ruͤck⸗ ſicht ihrer Befehle gegeben habe, das Eure Sache ſchlafe, oder ſich auf den Straßen um⸗ hertreibe, wie Ihr ſelbſt es gethan.“ „Mit Eurer Verguͤnſtigung, Mylord, und wenn es mir erlaubt wuͤrde, aus einander zu ſetzen.“ „Ich geſtehe Euch keine Verguͤnſtigung zu, Sir, noch forderte ich Euch zu einer Ausein⸗ anderſetzung auf. Sir Lionel ſagt in ſeinem Briefe an mich, daß der Juͤngling verſtandes⸗ ſchwach ſei, woruͤber er ſich eine ſtrenge, recht⸗ liche Pruͤfung erbittet. Er ſoll ſie haben, und eine ſcharfe obenein, denn ich ſelbſt will die Kommiſſionaire und Aerzte ernennen, und er ſoll ſie weder hintergehen durch ſeine Teufel, noch beſtechen durch ſein Gold, noch uͤberliſten, noch durch die Waghaͤlſe, welche er in ſeinem — 139— Solde hält, in Furcht ſetzenz deshalb bitte ich, Euch zufrieden zu geben, denn Eurem Vetter ſoll genuͤgende, ſchnelle, Ge⸗ rechtigkeit werden.“ Dudley hatte die Lippen gefnet, ſeinen Dank auszuſprechen, als der Kardinal ſeinen Vorſatz hintertrieb, indem er zornig ſagte: „Und die ſoll auch Euch werden; denn ſeht, Sir Lionel ſchreibt mir, daß Ihr ein heuchle⸗ riſcher, ungetreuer Schelm ſeid; einer, der ge⸗ gen des Koͤnigs Scheidung ſpricht; der gegen Staatseinrichtungen Trotz bezeugt, und der, was noch ungleich aͤrger iſt, dem ketzeriſchen, gotteslaſterigen, verpeſteten, blinden, thieriſchen Luther anhaͤngt.“ „So wahr ich auf den Himmel hoffe, Mylord! Der Schaͤndliche thut mir Unrecht; zwei Mal hat er mir vergeblich nach dem Leben getrachtet, und nun moͤchte er meinen guten Ruf untergraben, um ſo meine Stimme zum Schweigen zu bringen. Ich bin ein Krieger, Mylord, und habe zu eifrig in des Koͤnigs Schlachten in Frankreich gefochten, um uͤber ſeine Scheidung nachzudenken, oder mir den Kopf mit kirchlichen Streitigkeiten anzufullen.“ „Was ſagt Ihr dazu, Sir John? ſeid Ihr bereit, fuͤr Euren Verwandten zu buͤrgen, und fuͤr ſeine Redlichkeit einzuſtehen?“ — 140— „Ich muß Ew. Eminenz meiner Kuͤhnheit wegen ganz unterthaͤnigſt um Verzeihung bit⸗ ten,“ ſagte der Ritter, durch die unerwartete Frage nicht wenig verwirrt,„daß ich es ge⸗ wagt, Einen, der mit mir gleichen Namen foͤhrt, bei Ew. Gnaden einzufuͤhren, doch dieſe ſchreckliche Beſchuldigungen, die meinem Ohte ganz neu ſind, vermag ich weder zu beſtreiten, noch zu beſtaͤtigen, da ich meinen Verwandten erſt zwei Tage kenne, ſeitdem wir beide noch Knaben waren.“ „Unvorſichtiger! ſo leichtſinnig ſetzt Ihr mich dem verhaßten Zufalle aus, mit— Lutheraner zu ſprechen? „Bei meiner Seele,——— Dud⸗ ley,„es iſt eine Beſchuldigung— „Ruhe, Sir!“ ſchrie der nicht an Euch richtete ich meine Frage.“ „Mag es Ew. Eminenz gefallen zu glau⸗ ben,“ ſagte Sir John, mit noch knechtiſcherem Tone und kriechenderem Weſen,„haͤtte ich meinen Verwandten fuͤr einen ſo ruchloſen Ketzer gehalten, ſo waͤre es ein niedriger, ſchaͤndlicher Verrath geweſen, ihn bei meinem beſten Freunde und gnaͤdigſten Beſchuͤtzer einzufuͤhren, den ich, gemeinſchaftlich mit der ganzen katho⸗ liſchen Chriſtenheit ſchon ſeit laͤngerer Zeit als den Nachfolger auf dem Stuhle Petri betrachte. — 141— Doch ich wage mit Zuverſicht zu hoffen, mit Ew. Eminenz Gunſt ſei es geſagt, daß ſein Ankläger ihm Unrecht thut, und daher darf ich wohl um Verzeihung dafur ſlehen, daß ich mir die vergangene Nacht die Freiheit nahm, ihn auf die Gallerie als einen Zuſchauer, oder eigentlich Zuhdrer, mit zu nehmen„denn mein Verwandter hatte auswärts ſo viel von Ew. Eminenz Beredſamkeit gehort, daß er durchaus mit eigenen Ohren daruͤber urtheilen wollte, ob alle die Wunderdinge, die er davon ver⸗ nommen, Wahrheit oder Uebertreibung waͤren.“ „Still, Sir, ſtill!“ ſagte der Kardinal, indem er ſich verdrießlich ſtellte, und doch durch ſeine Frage zu fortgeſetzter Schmeichelei auffor⸗ derte.„Was koͤnnten die Schwaͤtzer außer⸗ halb geſagt, oder wie der Ruf meiner unbe⸗ deutenden Reden in den Gerichtshofen von London, ſelbſt bis Frankreich ſich verbreitet haben?“ „Darf ich es ausſprechen, ohne Ew. Emi⸗ nenz zu beleidigen,“ erwiderte Sir John,„ſo ſagte mir mein Verwandter, wenn neue Trup⸗ pen von London ankamen, wußten ſie von nichts zu ſprechen, als den gelehrten, treff⸗ lichen, gewandten Reden, welche in der Sternkammer, dem Gerichtshofe des Legaten und der Halle von Weſtminſter gehalten wor⸗ — 142— den. Ich darf Ew. Eminenz nicht ſagen, aus weſſen Munde dieſe Reden kamen, da es nur Einen in England giebt, der ſo Großes ver⸗ mag. Mein Vetter war ſo ungeduldig, dieſen beruͤhmten Redner zu hoͤren, daß er mich bat, ihn die vergangene Nacht auf die Gallerie zu fuͤhren. Habe ich meinen gnaͤdigſten Beſchutzer dadurch beleidigt, ſo kann ich nur von Ew. Eminenz Gnade, Verzeihung hoffen.“ „Aber ich bitte Euch, Sir John, da Ihr nun einmal von dieſen Sachen ſprecht, was ſolltet Ihr von meiner Rede der letzten Nacht gehoͤrt haben, die doch wahrlich zu kurz war, um fuͤr etwas mehr als ein freies, haͤus⸗ liches Geſpraͤch zu gelten?“ Der pruͤfende Ton dieſer Frage verwirrte Sir John durch⸗ aus nicht, ſondern er fiel ſogleich ein: „Zu kurz war ſie in der That, Ew. Emi⸗ nenz, doch ach! wenn ich meine Gefuͤhle aus⸗ ſprechen duͤrfte, ohne in den Verdacht der Schmeichelei zu gerathen, welche ich verab⸗ ſcheue— wenn ich Worte finden koͤnnte; wenn meine Gedanken gut geheißen wuͤrden!— Und dann die herzerſchuͤtternde, ſeelerregende Anſpielung auf den heiligen Vater, der jetzt gefangen und belagert iſt in ſeinem eigenen Schloſſe, der Engelöburg.— O, Ew. Emi⸗ — 143— nenz!— O!— O!“— Sir Johns Stim⸗ me brach, er verhuͤllte das Geſicht in ſein Ta⸗ ſchentuch, und ſchien von ſeiner Ruͤhrung ganz uͤberwältigt. Dudley, der uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand nie eine Silbe zu ihm geſprochen hatte, und, da er mit ſeinem Vetter zuſammengewe⸗ ſen, wußte, daß dieſer nicht ein Wort von der erwaͤhnten Rede gehoͤrt haben konnte, war durch das Schauſpiel im hoͤchſten Grade uͤber⸗ raſcht. Er ſtaunte aͤngſtlich vor ſich hin, und ſcheute ſich, die Lippen zu oͤffnen, da er ent⸗ weder ſeinen Gefährten oder ſich ſelbſt zu be⸗ ſchaͤmen fuͤrchtete. „Geht, Knabe, geht!“ ſagte der Fardinal mit wohlwollender Stimme;„wahrhaftig, Ihr ſeid viel zu weich und reizbar. Aber Eure Er⸗ regung mißfaͤllt mir nicht, denn ſie zeugt da⸗ fuͤr, daß Ihr ein guter Katholik, und nicht ohne Kenntniſſe ſeid. Geht, guter Juͤngling, und troͤſtet Euch. Laßt Euren Verwandten thun, was ihm befohlen ward, und ich ſtehe Euch dafuͤr, dem jungen Hungerford, ſeinem Vetter, ſoll volle Gerechtigkeit werden.“ Sir John verbeugte ſich tief, und ging, ohne das Tuch von den Augen zu nehmen, langſam der Thuͤre zu. Dudley, verwirrt durch den Auftritt, von dem er Zeuge geweſen, ſtand fuͤr einen Augenblick unentſchloſſen, bis —— der Kardinal, ihm zuͤrnend mit der Hand winkend, und dabei gebieteriſch ſagend:„Fort da, Sir!“ ihn ſeinem Verwandten eiligſt nachſendete. Sir John behielt das Geſicht auf die oben⸗ beſchriebene Weiſe bedeckt, bis er die aͤußeren Thore des Palaſtes im Ruͤcken hatte, und nach Tilt⸗Yard zu um eine Ecke bog. Dann nahm er plotzlich das Taſchentuch vom Geſichte, und brach in ein ſo krampfhaftes Lachen aus, daß er beinahe zu Boden gefallen waͤre, haͤtte Dud⸗ ley ihn nicht gehalten.„Um der Barmherzig⸗ keit willen, mein theurer Vetter,“ rief er endlich aus,„lacht mit mir, oder es ſprengt mir die Seiten.— O, Himmel, ich glaube, ſie ſind ſchon aus einander!“ „Ich kann hier nichts Lächerliches ſehen,“ ſagte Dudley ernſt,„und in der That iſt der ganze Auftritt, von dem ich ſo eben Zeuge war, mir ein undurchdringliches Geheimniß, das ich ſehr gerne durch Euch erklaͤrt hätte.“ „Seht nur nicht ſo ernſt und feierlich aus, Vetter, ich bitte Euch, oder Ihr bringt mich zu einem neuen Gelächter, das mich leicht ſprengen konnte, ehe ich Eure Neugier zu be⸗ friedigen vermag. Bei Gott's Auge, das war ein Meiſterſtuͤck von mir, und jeder wahre Hofmann wird eingeſtehen, daß ich verdiene, — 145— dafuͤr augenblicklich befoͤrdert und nach meinem Tode in dem Kalender der Fuchsſchwaͤnzer ka⸗ noniſirt zu werden. Aber hort und lernt, Ihr, der Ihr mich ſo weiſe fuͤr zu flatterhaft und fluͤchtig hieltet, um mit Gluͤck die Rolle eines Hofmannes zu ſpielen:— Mein Freund, Georg Cavendiſh, ſagte mir, als wir durch das Audienzzimmer gingen, daß der Lord Kar⸗ dinal, der ſich ſelbſt auf ſeine Beredſamkeit viel zu Gute thut, und keine Gelegenheit ver⸗ ſäumt, ſie zu zeigen, geſtern Abend, nachdem der Koͤnig und deſſen Familie ſich entfernt hatten, die uͤbrigen Gaͤſte anredete, um ihnen, wie dies uͤblich, fuͤr ihre Gegenwart zu dan⸗ ken, und ſie dann zu entlaſſen. Dies war, wie es immer zu ſein pflegt, eine ſehr ge⸗ lehrte, wohlſtudirte Rede, wahrſcheinlich aus Jully entlehnt, und waͤhrend des Morgens abgeandert. Er zeigte darin ſeine Allgewalt, indem er dem heiligen Vater uͤber Kopf und Schultern ſahe, obgleich dieſer jetzt ſelbſt in Rom ein Gefangener iſt. Er ermahnte die Anweſenden, fuͤr deſſen Befreiung zu beten, und ſprach dabei ſo ruͤhrend, daß Alle, die am folgenden Morgen irgend eine Gnade zu erbitten hatten, ihre Taſchentuͤcher zu den Augen fuͤhr⸗ ten, ihren Mangel an Thraͤnen zu verbergen, und unter dieſer Maske fuͤr das Oberhaupt III. 10 — 146— der Kirche zu weinen ſchienen. Obgleich nun mein Freund Georg weiter nichts bekennen wuͤrde, ſo weiß ich doch die ſchwache Seite meines Beſchuͤtzers, und daß er dieſe Art der Schmeichelei nur zu gern einſaugt; und ich wollte einen doppelten Souverain gegen einen Dandiprat wetten, daß der Kardinal geſtern zu Bette ging, den Kopf ganz erfuͤllt mit dem Dunſte ſeines eigenen Hippokras, und dem von der Scheinheiligkeit ſeiner Gäſte. Dies war mein Wink. Kaum hatte ich geſehen, daß Ihr einen Brief des Bellerophon uͤber⸗ bracht hattet, daß der Kardinal gegen Euch eingenommen war, indem er Euch fuͤr einen Unruhſtifter, einen Lutheraner hielt, als ich von ſeiner Rede zu ſprechen begann, von wel⸗ cher wir Beide, dem Himmel ſei Dank, nicht eine Silbe vernahmen. und ich ſage Dir, Vetterchen, wenn ich richtig leſen kann, ſo wird das ſcheinbar muͤrriſche:„Geht, Knabe, geht!“ mit dem er mich entließ, mich bald eine Stufe hoͤher auf der Ehrenleiter ſtellen. So ward ich Ruͤſtmeiſter des Towers, und ſo werde ich, will's Gott, endlich Meiſter meines Meiſters werden, wenn nur mein Lord Kardi⸗ nal von York ſeine Macht behaͤlt, und mein guter Freund, Jack Dudley, ſtets ſo aufmerk⸗ — 147— ſam und verſchmitzt bleibt, als er ſich dieſen Morgen zeigte.“ „Und zugleich,“ ſagte Dudley,„ſcheint ſein Vorurtheil gegen mich eben ſo unbe⸗ gruͤndet, als das fuͤr Euch.“ „Weil, Vetterchen, ſchon der bloße Name eines Ketzers als Geſtank bei ihm gilt; weil Ihr ihn„Mylord“ ſtatt„Ew. Eminenz“ nanntet, und beſonders, weil Ihr hoͤrtet, daß ich ſagte, Ihr waͤret Ohrenzeuge ſeiner Be⸗ redſamkeit geweſen, und Ihr nicht eine Silbe des Staunens, oder der Bewunderung darà⸗ ber aͤußertet.— Gottsblitz, Mann, weshalb wart Ihr nicht ſcharfſinniger? „Haͤtte ich ſelbſt mit einſtimmen wollen, ſo wuͤrde er mich doch nicht gehoͤrt haben.“ „Aber Ihr hattet ein Taſchentuch, hinter welchem Ihr eben ſo heuchleriſch ſein konntet, als ich es war; Ihr haͤttet eine Ohnmacht oder Kraͤmpfe bekommen, nach fluͤchtigem Salz oder kaltem Waſſer rufen koͤnnen, und Euer Gluͤck waͤre fuͤr Eure Lebenszeit gemacht ge⸗ weſen.“ „Ich hatte es nicht noͤthig, irgend eine ſolche Gunſt nachzuſuchen. Ich kam nicht, um eine Gnade fuͤr mich, ſondern Gerechtigkeit fuͤr meinen Vetter Cecil zu erbitten.“ „Dann werdet Ihr Eure Abſicht vollkom⸗ 10* — 148— men erreichen, denn ich ſehe voraus, daß Ihr ſeine Gunſt nie erlanget, und daß er gegen dieſen Gottesleugner von dem Thurme Hill mit aller Strenge verfahren wird. Er will, daß Niemand unterdruͤckt werde, außer durch den Koͤnig und ihn ſelbſt, und es freut ihn, ſeine Uebergewalt durch den Sturz eines Mächtigen, wie dieſer Sir Lionel iſt, zeigen zu koͤnnen. Ihr habt ihn angeſpornt, indem Ihr aus Sir Lionel einen Teufel machtet, und Ihr ſollt ſehen, daß er ihn dem Geſetze zu unterwerfen wiſſen wird.“ „Das iſt alles, was ich bedarf, Sir John; iſt dies nur geſchehen, ſo werde ich ſeine Gnade nie wieder ſuchen, denn alsdann werde ich keinen Gegner zu bekaͤmpfen haben.“ „Verwuͤnſcht will ich ſein, wenn ich ſo denke. Iſt Sir Lionel der Mann, wie Ihr ihn ſchildert, ſo wird er ſich, dafuͤr buͤrge ich, nicht damit begnuͤgen, dem Großſiegelbewahrer ſolche Beſchuldigungen gegen Euch in das Ohr zu fluͤſtern.— Wie kam er zu der genauen Kenntniß von dem Briefe des Abtes?“ „Iſt es nicht durch die Huͤlfe des Teufels, ſo vermag ich nicht, Euch das Geringſte daruͤ⸗ ber zu ſagen.“ „Die Teufel, die ihm bei der Gelegenheit halfen, koͤnnen leicht Eure Verfolger werden, — 149— und Euch in ein Gefaͤngniß bringen, wenn dieſe gefährlichen Anklagen gegen Euch—“ „Aber ſie ſind falſch wie die Holle!“ „Das ſagt Einer, der Maſter Poyns Dud⸗ ley heißt, und zugleich der angeſchuldigte Theil iſt. Doch wenn zehn oder zwanzig ehrliche Teufel kommen, das Gegentheil zu beſchwoͤren, dann, Vetterchen, das ſage ich Euch, dann wollte ich weit lieber ſchuldig und außer den Schlingen dieſes Sir Lionel ſein, als unſchul⸗ dig, und in denſelben. Viel leichter wuͤrdet Ihr es finden, ſeinem Schwerte zu entgehen, ſo furchterlich es auch war, als den Fallen, mit denen er Euch durch dieſe Anklagen um⸗ ſtellen kann, ſo falſch ſie auch immer ſein moͤ⸗ gen. Und ach! es iſt keine reizende Beatrir in London, die Thuͤr des Gefaͤngniſſes zu oͤffnen, oder des Haͤngemanns Schleufe zu zerſchneiden, oder den aufgehobenen Arm des Nachrichters wie den ihres Vaters zuruͤck zu halten.“ „Ihr wuͤrdet mir ſchlechten Troſt gewaͤh⸗ ren, Sir John, glaubte ich, daß ein unſchul⸗ diger Menſch ſo weit gebracht werden konnte. Wie wuͤrdet Ihr mir denn rathen, zu han⸗ deln?“ „Nein, bei Gott, ich rathe nichts mehr. Ihr habt einen haͤßlichen Kampf zu kaͤmpfen, und ich wuͤnſche nicht, Euer Sekundant zu — 150— ſein. In der That halte ich es auch fur noͤthig und ehrlich, Vetter, Euch zu erzählen, daß ich, unſerer Verwandſchaft ungeachtet, Euch von nun an nicht helfen kann; hofft daher bei mir nicht auf Rath oder Huͤlfe, denn ich kann beides nicht gewaͤhren. Freudig wuͤrde ich Euer Freund bleiben, doch der eiferſuͤchtige Schelm, Jack Dudley, giebt es nicht zu. Er hat geſchwo⸗ ren, ich ſollte mit meinem Kopfe auf den Schultern begraben werden, und da moͤchte ei⸗ niger Zweifel Statt finden, ließe ich mich in einen ſolchen Handel, wie der gegen Sir Lio⸗ nel Fitzmaurice ein. Ihr wollt mich gewiß nicht zum Verräther an meinem beſten Freunde, Jack Dudley, machen, daher muͤßt Ihr mir ge⸗ ſtatten, mit dieſer Verbeugung auf Eure Be⸗ kanntſchaft zu verzichten, bis ſie mit weniger Gefahr verbunden iſt; und ſo, mein geliebter Vetter, wuͤnſche ich Euch wohl zu leben.“ Als er dieſe Rede endigte, nahm er ſeine Muͤtze ab, verneigte ſich auf hochſt komiſche Weiſe, und wollte ſich eben entfernen, als Dudleh ihn zuruckhielt. So herzlos und ſelbſtſuͤchtig die Grundſaͤtze auch waren, die er bekannte; ſo niedrig und falſch auch ſein Betragen ge⸗ gen ſeinen Beſchutzer, den Lord Kardinal, ge⸗ weſen; ſo offen er auch ſeinen Entſchluß kund — 151— „ that, ſich durch aͤhnliche Mittel zu hoͤheren Eh⸗ ren zu verhelfen; ſo war doch auch in ſeinem ganzen Betragen etwas ſo Offenes, Treuher⸗ ziges, wenn er nicht in der Gegenwart Hoͤhe⸗ rer war, daß Dudley, obgleich er auch ſeinen Charakter nicht achtete, ihm doch nicht zuͤrnen konnte. Er mußte es einraͤumen, daß er, eine Knabenbekanntſchaft und weitlaͤuftige Ver⸗ wandſchaft abgerechnet, nicht das geringſte Recht hatte, Dienſte von ihm zu fordern, oder zu verlangen, daß er ſich mit einem ſo gefaͤhr⸗ lichen Gegner als Sir Lionel in einen Streit einlaſſe. Obgleich Dudleys Einfuͤhrung bei dem Kardinal nicht ganz den guͤnſtigen Erfolg gehabt, den er davon erwartet, ſo war er ſei⸗ nem Vetter doch wenigſtens fuͤr deſſen gute Abſicht verpflichtet. Da er uͤberdies in Lon⸗ don keinen anderen Freund wußte, bei dem er ſich augenblicklich Raths erholen konnte, ſo wagte er es, von Sir John, ehe ſie ſich trenn⸗ ten, noch zwei Verguͤnſtigungen zu erbitten. Die eine war, daß er ihm irgend einen Rich⸗ ter empfehlen moͤchte, der ihm bei dem Rechts⸗ ſtreite gegen Sir Lionel behuͤlflich ſein könne, und die zweite, daß er mit Dudley zu Mittag eſſen moge.„Ich kann Euch zwar kein ſo koͤnigliches, verſchwenderiſches Mahl verſpre⸗ chen,“ ſagte Dudley,„als das Eurige in — dem Schwane zu Eaſtcheap war, doch mein Wirth vom heiligen Lamme hat mir einige franzoſiſche Ragouts verſprochen, und einen Phaſan auf pariſer Art zubereitet, à la Sainte Ménéhould; dies, mit einem Becher Kandia⸗ Weines und einem Deſſert von Marzipan oder Eingemachtem, wird Euch vielleicht nicht miß⸗ fallen.“ „Was Eure erſte Bitte betrifft,“ ſagte Sir John,„ſo gebt mir Eure Schreibtafel, und ich will Euch ſogleich den Namen und die Wohnung eines gewandten, verſchmitzten Rechts⸗ mannes aufſchreiben, der den Großſiegelbewah⸗ rer ſchnell in den Stand ſetzen ſoll, ſeine Ver⸗ ſprechungen hinſichtlich dieſes Sir Mahomet von dem Thurme Hill zu erfuͤllen.“ Nachdem er die Adreſſe niedergeſchrieben, gab er die Schreibtafel an Dudley zuruͤck, und fuhr dann fort:„Und in Hinſicht Eures zweiten Vorſchlages, Vetterchen, ſo gefaͤllt er mir, bei Bacchus und Ceres, ſehr wehl. Es iſt wahrlich beſſer, mit einer Verneigung der Flaſche, als der Hand, mit einem feuchten Trunke, als einem trockenen„guten Tag“ ſich zu trennen. Vorwaͤrts daher, denn das Uhr⸗ werk meines Magens zeigt die Mittagsſtunde an, und ich wette fuͤr ſeine Puͤnktlichkeit gegen — 153— die Weſtminſter⸗Glocke, und gegen die Sonne ſelbſt.“ „Seinem Einfluſſe ſoll ſogleich gehorcht werden,“ ſagte Dudley, den Weg nach der Taverne einſchlagend,„und ich hoffe, Euer Ma⸗ gen wird keinen Streit anfangen uͤber die fran⸗ zoͤſiſche Koſt, die ich fuͤr ihn beſorgte.“ „Streit, Vetter?— es giebt nichts Eß⸗ bares an Fiſchen, Fleiſch oder Gefluͤgel, das mir nicht willkommen wäre, ſobald die Kunſt des Koches es nur ſchmackhaft zubereitete. So klein er auch ſcheint, ſo iſt mein Magen doch eine Arche Noah, in der ſich Kaͤfiche fuͤr alle Voͤgel, Staͤlle fuͤr alle Thiere, Boͤden fuͤr alle Fruͤchte, und Keller fuͤr alle Getraͤnke befin⸗ den.— Iſt dies das Haus? Ha, der Ge⸗ ruch iſt von keiner uͤblen Vorbedeutung; es duftet nach Ambra— es iſt von dem treff⸗ lichſten haut-gout; ich ſchwoͤre es bei mei⸗ nes Oheims Leben; und das iſt ein theurer Eid, denn er ſchickt mir jaͤhrlich ein Faß Kanarienſekt, und einen feiſten Rehbock von Sherwood.“ Sie hatten jetzt die Taverne erreicht, wo der Wirth Dudley ſogleich bei Seite nahm, und ihm ſagte, es waͤren zwei oder drei Leute hier geweſen, ihn zu ſuchen. Nach dem Aeu⸗ ßeren zu ſchließen, ſagte der Wirth, waͤren es — 154— Boten irgend eines hoheren Gerichtshofes ge⸗ weſen, und er rathe ihm daher, ſo ſchnell als moͤglich auszuziehen, wenn er ſich gegen irgend eines der furchtbaren Tribunale, denen die Bo⸗ ten anzugehoͤren geſchienen, vergangen habe. In dem Bewußtſein ſeiner Unſchuld erwiderte Dudley mit mehr Muth als Klugheit, er habe kein Geſetz beleidigt, und verſchmaͤhe es daher, ſich zu entfernen. Nach dieſen Worten ſetzte er ſich, etwas verſtimmt, an den Tiſch, auf dem die Diener das Mittagsmahl ſchon aufzutragen angefangen hatten. Ehe dies jedoch vollendet war, wurde ihm angezeigt, daß einer von den Maͤnnern, welche ihn ſchon vorher geſucht hat⸗ ten, jetzt wieder gekommen ſei. Dudley ging in ein angrenzendes Gemach dem Fremden ent⸗ gegen; dieſer fragte ihn, ob er Dudley heiße, haͤndigte ihm, auf erhaltene Vejahung ein Pa⸗ pier ein, verbeugte ſich, und ging ſogleich wie⸗ der. Es war eine Vorladung vor den geiſtli⸗ chen Gerichtshof, welcher ihn aufforderte, zu erſcheinen, um auf mehrere Anklagen der Ketze⸗ rei, durch verſchiedene Zeugen beſchworen, zu antworten. Während er die Vorladung uͤber⸗ las und nicht weniger erſtaunt war uͤber die Schnelligkeit von Sir Lionels Verfolgungen, denen er es augenblicklich zuſchrieb, als uͤber die uͤhnheit, mit welcher er ſeine falſchen An⸗ klagen zu unterſtuͤtzen wußte, ſah er durch den Vorhang eines offenen Fenſters, welches in das Eßzimmer fuͤhrte, einen Mann, in der Klei⸗ dung eines Staatsboten, der grade auf Sir John losſchritt, und ihn ebenfalls fragte, ob er Dudley heiße. „Ja, Sir, Euch zu dienen,“ entgegnete Sir John, der ſich uͤber die Speiſen herge⸗ macht hatte, ohne auf ſeinen Gefaͤhrten zu war⸗ ten;„doch ſah ich, bei Gott's Auge, Euer Ge⸗ ſicht noch nie. Was giebt's, Freund? Iſt meine Gegenwart im Tower erforderlich?“ „Ich habe keinen Befehl, Euch jetzt ſchon dahin zu fuͤhren,“ ſagte der Staatsbote,„doch hier iſt ein Verhaftsbefehl fur Euch. Ich ſoll Euch vor die Lords der Sternkammer bringen, weil Ihr auf den Eid, mehrerer verrätheriſcher Reden gegen die Scheidung des Koͤnigs ange⸗ klagt ſeid.“ „Potz Fiſchchen!“ rief Sir John, den Verhaftsbefehl mit den Augen uͤberfliegend;„ſo etwas vermuthete ich beinah.— Dies iſt nicht fur mich, guter Sir, ſondern fuͤr meinen Ver⸗ wandten oder Vetter, Poyns Dudley, deſſen Namen Ihr hier in ſeiner ganzen Laͤnge ausge⸗ ſchrieben findet. Er wird ſogleich zuruͤckkom⸗ men, und Ihr koͤnnt ihn dann, wenn Ihr wollt, mit Euch fuͤhren, zum Gefängniſſe, zum — 156— Stricke, zum Beile oder zum Scheiterhaufen, aber Ihr muͤßt mich nicht bei der Verzehrung dieſes hoͤchſt trefflichen Ragouts ſtoren.“ „Meiner Treu, Sir, ich bin nicht ſo leicht zu hintergehen, als Ihr waͤhnt. Ihr geſtan⸗ det Euren Namen, und erwartetet ſogar, nach dem Tower gefuͤhrt zu werden, und das iſt ſo gut, als haͤttet Ihr Eure Schuld bekannt. Ich bitte Euch daher, Sir, vorwaͤrts, vorwaͤrts! denn die Lords warten bereits, und ich mag bei Erfuͤllung meiner Auftraͤge nicht zoͤgern.“ „Ei, was fuͤr ein vorſichtiger Eſel Du biſt. Ich ſage Dir noch ein Mal, ich bin Sir John Dudley, Ruͤſtmeiſter des Towers; dieſer Befehl iſt gegen einen ungluͤcklichen Wicht Namens Poyns gerichtet, und den magſt Du verhaften und willkommen heißen, denn mein Freund, Jack Dudley, fluͤſtert mir zu, daß es hohe Zeit iſt, ihn aufzugeben.“ „Ich will mich Euer auf jeden Fall ver⸗ ſichern,“ erwiderte der Staats bote, ſeine Hand auf Sir Johns Schulter legend;„habe ich ei⸗ nen falſchen Vogel gefangen, ſo iſt es weiter nichts, als daß wir ihn wieder fliegen laſſen. Daher ſollt Ihr all Eurer Ausreden ungeach⸗ tet mit fort, und das im Augenblicke.“ „Ich frage Euch nicht,“ ſagte Sir John mit ſpoͤttiſcher Feierlichkeit,„ob Ihr ein Herz — 157— habt? aber habt Ihr eine Naſe? Koͤnnt Ihr dies koͤſtliche Ragout riechen, und mich dennoch davon fortziehen wollen, ehe ich es mit mei⸗ nem Gaumen umſchlungen habe?“ „Zum Henker, ich bin nicht ſolch ein Tol⸗ pel, daß ich mich auf dieſe Weiſe behandeln ließe!“ rief der Staatsbote, und machte An⸗ ſtalt, ſeinen Gefangenen mit Gewalt vom Tiſche zu reißen. Sir John ſah jetzt, daß die Sache ernſthaft zu werden beginne, und ſchrie daher laut:„He!— Hallo!— Wirth!— Kellner! ſucht meinen Verwandten und Namensvetter, der noch irgendwo in dem Hauſe ſein muß, und laßt ihn durch dieſen Kerl in das Gefängniß oder zum Teufel ſchleppen; mir aber bringt den Phaſan à 1a Ménéhould, und laßt mich mein téte-Atéte mit dem Ragout beendigen. Aber das merkt Euch, ich werde heiß, wenn Ihr den Phaſan kalt werden laßt.“ Unter anderen Umſtaͤnden wuͤrde Dudley den Gedanken verabſcheuet haben, einen Ande⸗ ren fuͤr ſich verhaften zu laſſen, doch empoͤrt uͤber das herzloſe Betragen Sir Johns, uͤber⸗ zeugt, daß ſich der Irrthum ſogleich aufklären muͤſſe, und daß es fuͤr ihn von der größten Wichtigkeit ſei, mit dem Rechtsgelehrten zu berathſchlagen, wie er der Haft, die ihm drohte, entgehen koͤnne, durch welche alle ſeine Pläne — 158— zu Cecils Befreiung zerſtort werden mußten, beſchloß er, fur jetzt aus der Taverne zu ent⸗ fliehen, ſich jedoch ſogleich ſelbſt freiwillig zu ſtellen, wenn ſein Verwandter, was ſich aber nicht erwarten ließ, in Gefahr kommen ſolle. Zu dieſem Zwecke ging er unaufgehalten zu der Hauptthuͤr hinaus, ſchritt an dem alten acht⸗ eckigen gothiſchen Kreuze voruͤber, das ſeinen Namen von dem Dorfe Charing erhielt, und gegen Haymarket, das damals nur noch ein breiter Weg, mit Hecken ſtatt mit Haͤuſern eingefaßt, war. Hier ſetzte er ſich unter einem Baume nieder, um daruͤber nachzudenken, was jetzt fur ihn das räthlichſte zu thun ſei. Rach einer kurzen Ueberlegung ſchien es ihm das Beſte, ſogleich zu dem Rechtsgelehrten zu gehen, deſſen Namen Sir John ihm aufge⸗ ſchrieben, um ſich mit ihm nicht nur uͤber die Maaßregeln zu beſprechen, die der Großſiegelbe⸗ wahrer zu ergreifen habe, ſondern auch uͤber die, welche zu ſeiner eigenen augenblicklichen Sicherheit erforderlich wären. Der Richter ſchien, der Schreibtafel nach, in der Mitte des Tempels zu wohnen; dahin ſchlug Dudley alſo ſeinen Weg ein. Er wuͤnſchte aber, den Strand zu vermeiden, weil er dort irgend Einen von denen zu treffen fuͤrchtete, de⸗ nen er ſo eben entflohen war. Deshalb ging — 159— er zur Linken, laͤngs der Mauern von Covent⸗ Garden dahin, welcher damals dem Abte von Weſtminſter gehoͤrte, bog dann von St. Ma⸗ ria nach Drury⸗lane, und gelangte endlich zum mittleren Tempel. Ohne ſich damit auf⸗ zuhalten, das neuerbaute Thor zu bewundern, eilte er ſogleich zu der Wohnung des Rechts⸗ gelehrten, den er gluͤcklicher Weiſe zu Hauſe fand, und der ſogleich die Dokumente und Pa⸗ piere durchſahe, fuͤr deren Wahrheit Dudley ſich mit einem Eide verbuͤrgte. Nachdem der Rechtsmann eine Summe Geldes empfangen hatte, verſprach er, die Dokumente dem Groß⸗ ſiegelbewahrer vorzulegen, und die Sache mit allem moͤglichen Eifer zu betreiben. So weit war alles gut und genuͤgend, doch als Dudley den Streit erzaͤhlte, in den er mit Sir Lionel verwickelt war, die ſchaͤndlichen Verlaͤumdungen, die dieſer ſchon gegen ihn an⸗ gebracht hatte, und die gefährlichen Maaßre⸗ geln, welche der geiſtliche Gerichtshof und die Sternkammer bereits getroffen, da verlaͤngerte ſich das Geſicht des Rechtsgelehrten gewaltig. Er holte tief und ſchwer Athem, ſchuͤttelte mit dem Kopfe, und ſagte dann:„Eine ſchlimme Sache! meiner Treu! eine hoͤchſt ſchlimme Sache! Wenn der Lord Kardinal ihn nicht ſo⸗ gleich zu Boden wirft, wie er es droht, ſo — 160— ſeid Ihr geliefert und verloren. Ich kenne die⸗ ſen Sir Lionel von Namen und Ruf ſehr gut. Er iſt ein großer, bewundernswerther Mann, ein kuͤhner Geiſt, und noch nie hat er den Un⸗ tergang eines Gegners beſchloſſen, ohne mit Liſt und Gewalt ſeinen Zweck zu erreichen. Seine Gewandheit in ſolchen Sachen uͤberſteigt allen Glaubenz es iſt hoͤchſt bewunderns- und erſtaunenswerth.“ „Aber in dem gegenwaͤrtigen Falle,“ ſagte Dudley,„und da ich vollkommen unſchuldig bin—“ „Stille!“ unterbrach ihn der Richter. „Wie viele Maͤnner könnt Ihr ſtellen, die, ob⸗ gleich ſie Euch nicht von Adam her kennen, falſche Eide fuͤr Eure Treue und Unbeſcholten⸗ heit ſchwoͤren?“ 136 1 „Ich bin kein Beſtecher!“ ſagte Dudley ſtolz. „Ja, ſo geht's!“ entgegnete ſein Gefährte ruhig.„Ihr kommt ganz unvorbereitet, und zum Ungluͤck kann es in Hinſicht der fal⸗ ſchen Eide Niemand mit Sir Lionel aufneh⸗ men. Er fuͤhrt faſt uͤber den ganzen Markt den Befehl. O, er iſt ein wunderbar großer Mann.“ Seine Bewunderung der Rechtskniffe und Raͤnke Sir Lionels ging ſo weit, daß er im — 161— Begriffe war, mehrere ihm bekannte Beiſpiele anzufuͤhren, doch Dudleh unterbrach ihn, in⸗ dem er ihm ſagte, er ſei nicht gekommen, von Sir Lionels fruͤheren Grauſamkeiten zu horen, ſondern die zu hintertreiben, die er jetzt gegen ihn ſelbſt beabſichtige, und wegen ſeiner eige⸗ nen perſoͤnlichen Sicherheit um Rath zu fragen. „Dies iſt eine zu ernſte und gefährliche Sache, um ſo ſchnell einen Rath zu ertheilen,“ ſagte der Richter.„Ich muß die verſchiedenen Gerichtshoͤfe beſuchen, um die Art der Anklage gegen Euch, und die, welche ſie fuͤhren, ken⸗ nen zu lernen. Dies will ich noch heute thun, und morgen koͤnnen wir uns dann genauer und ſicherer berathen. Und damit keine Zeit verloren gehe, will ich ſogleich nach dem Fluſſe, und in die Sternkammer. O, es iſt wahrlich ein großer Mann, eine wundervolle Kreatur, dieſer Sir Lionel.“ So gefaͤhrlich Dudley auch Sir Lionels Feindſchaft in deſſen unmittelbarer Nachbarſchaft gehalten hatte, wo er uͤber eine zahlreiche Menge von Dienern und Gehuͤlfen gebieten, und die in Furcht ſetzen konnte, die den weiten Bereich ſeiner Macht betraten, ſo ſehr uͤberraſchte es ihn, zu finden, daß er ſelbſt in London ein ſolches Schrecken zu verbreiten ver⸗ III. 11 — 162— mochte, wie in Somerſetſhire ſelbſt. Er war ſicher ein Schaͤndlicher, Niedertraͤchtiger, der mit den Maͤchten der Finſterniß im Bunde ſtand, und dem es nach dem Zeugniſſe Mehrerer noch nie mißlang, den guten Ruf ſeiner Wi⸗ derſacher zu zertruͤmmern, oder ihnen das Leben zu rauben, ſobald er ſie zum Gegenſtande ſeiner Rache auserſehen. Sir Johns ſchnelles Zuruͤckziehen von ihm, ſobald er den Namen ſeines Feindes gehoͤrt; des Rechtsgelehrten Mißmuth bei der nehmli⸗ chen Gelegenheit; ſeine eigene Erfahrung von dem rachſuͤchtigen Charakter Sir Lionels, und der Argwohn uͤber die hoͤlliſchen Kräfte, durch welche derſelbe unterſtuͤtzt ward, dies alles zeigte Dudley, daß er ſich in einen hochſt ver⸗ derblichen Handel eingelaſſen habe, der ſich nur durch den Untergang der einen oder der andern Parthei endigen könne. Er konnte ein unheim⸗ liches Gefuͤhl nicht verbannen, wenn er die große Macht ſeines Gegners, und deſſen Grund⸗ ſatz, ſich jedes Mittels zu bedienen, bedachte, wodurch er ein fuͤrchterliches uebergewicht uͤber ihn, den Einzelnen, gewinnen mußte, fuͤr den nichts ſtritt, als ſeine Unſchuld. Langſam ſchritt er, durch dieſe Gedanken niedergebeugt, vorwaͤrts, da ſah er, als er ſich dem Tempelthore nahete, unter einem der Sei⸗ — 163— tenbogen zwei Geſtalten, die er ſogleich fuͤr einige von den Schuften erkannte, die ſich fuͤr gewoͤhnlich als Sir Lionels Agenten in dem Thurmhauſe aufhielten, und von denen Einer zuweilen den Stellvertreter des Kapitain Baſ⸗ ſet machte. Beide waren bewaffnet, und beob⸗ achteten ihn offenbar; ſie hatten ihn ſicher bis zu dem Hauſe verfolgt, aus dem er trat, und wollten ihm nun ſo lange nachſchleichen, bis er die Beute der Bluthunde des Geſetzes ge⸗ worden, denen er dieſen Morgen entronnen. Zu einer anderen Zeit waͤre er vielleicht grade auf ſie zugegangen, und haͤtte verſucht, ſich mit ſeiner guten Klinge von ihrer Spuͤrerei zu be⸗ freien, jetzt aber war ſein Geiſt durch den Ge⸗ danken an die Gefahren, die ihn auf allen Seiten umringten, etwas niedergedruͤckt, und der erſte Eindruck war daher, ſich ihrer Auf⸗ merkſamkeit durch die Flucht zu entziehen. Er ging deshalb ſchnell durch das holzerne Thor, welches damals allein, mit ſeinen hoͤlzernen Pfeilern und ſeinen eiſernen Ketten, Fleet⸗Street von dem Strande trennte, und eilte zur St. Clemens⸗Kirche, in welche er eintrat. Doch als er durch eines der Fenſter bemerkte, daß ſeine Verfolger eben dem Orte zuſchritten, ver⸗ ließ er ihn wieder, und eilte an dem Strande 11* — 164— entlang, unentſchloſſen, wohin er gehen, oder welchem Plane er folgen ſolle. Zu jener Zeit floß das Waſſer von der hoͤheren Gegend, wo Katherine-Street jetzt ſteht, unter Strand⸗Bridge hindurch, und nahm ſeinen Weg nach dem Strome in einem breiten Graben, an welchem auf der einen Seite erbaͤrmliche Huͤtten ſtanden. In dieſe Oeffnung bog er ein, entſchloſſen, ein Boot zu ſuchen, und uͤber den Fluß zu ſetzen. Doch er war erſt wenige Schritte gegangen, als das Wort„Wohnungen“ auf eine Tafel, die an der Wand eines Hauſes hing, geſchrieben, welches ein weniger aͤrmliches Anſehen hatte, als die uͤbrigen, ploͤtzlich den Gedanken in ihm erregte, ſich zu verbergen, indem er hier fuͤr kurze Zeit ein Quartier miethe. Die Ver⸗ borgenheit und Erbäͤrmlichkeit des Ortes ſchien ihm eine ſicherere Zufluchtsſtaͤtte zu gewaͤhren, als er in irgend einem Gaſthofe der Stadt zu finden hoffen durfte. Auf jeden Fall bot es die Moͤglichkeit dar, der Gefahr zu entgehen, die ihm auf den Ferſen folgte; daher oͤffnete er ſogleich die Thuͤr des Hauſes, und trat ein. Es behagte ihm ſehr, im Innern eine Freundlich⸗ keit und Reinlichkeit zu finden, wie man ſie in dieſer Gegend kaum erwartet haben ſollte. Er war ſo behutſam eingetreten, daß man ihn — 165— gar nicht bemerkt hatte; oder der Beſitzer des Hauſes mußte nicht zugegen ſein, denn Nie⸗ mand ließ ſich ſehen. Er ſetzte ſich in ein Zim⸗ mer, welches an den Flur ſtieß, doch nahm er ſeinen Platz ſo, daß man ihn von der Straße aus nicht bemerken konnte. Er hatte bald darauf die Freude, ſeine Verfolger an dem Fenſter voruͤbereilen zu ſehen, als arg⸗ woͤhnten ſie ſeinen Entſchluß, den Fluß zu er⸗ reichen, und wollten ihm nun darin zuvorkom⸗ men. Er glaubte ſich jetzt fuͤr den Augenblick hinlaͤnglich geſichert, und rief daher nach der Wirthinn, welche auch bald darauf kam. Ihre Erſcheinung war nicht weniger einnehmend, als das Aeußere ihrer Wohnung. Alt war ſie in der That, und duͤrr und verſchrumpft; ihre Geſtalt, fruͤher uͤber der gewoͤhnlichen Groͤße, war jetzt durch das Alter gebeugt. Sorge und Kummer ſchienen ſich auch mit der Zeit verei⸗ nigt zu haben, ihre Spuren auf ihrem Ge⸗ ſichte einzugraben, aber dennoch lag mehr Ge⸗ winnendes als Zuruͤckſchreckendes in ihren Zuͤ⸗ gen. Ihr Weſen war gefaͤllig und zeigte von Sanftmuth, ihre Sprache war gewandt, ihre Kleidung, obgleich von dem aͤrmlichſten Stoffe, doch uͤberaus reinlich, und von nicht ungefaͤlli⸗ gem Schnitte; alles ſchien zu verrathen, daß ſie beſſere Tage geſehen habe, jetzt aber durch — 6 ₰ Alter, Kummer und Armuth darniederge⸗ beugt ſei. Gewonnen durch die Gutmuͤthigkeit ihrer Zuͤge, welche ſelbſt Runzeln und Elend nicht ganz zu verwiſchen vermocht hatten, erklaͤrte Dudley offen den Grund ſeines Eintretens, und den Wunſch, ihr Miether zu werden, doch gab er, als Nebengrund, die Naͤhe von der Woh⸗ nung des Rechtsgelehrten an, welchen er taͤg⸗ lich ſprechen muͤſſe.„Ach, Sir,“ rief ſie aus, „ich bin zu lange an Verfolgung und Unge⸗ rechtigkeit gewoͤhnt worden, um nicht mit Mit⸗ leid fuͤr Andere erfuͤllt zu werden, die ein glei⸗ ches Mißgeſchick trifft. Ihr ſeid willkommen unter meinem beſcheidenen Dache, und wenn Ihr es wuͤnſcht, daß ich dieſen Leuten folge, und ſehe, wohin ſie gehen, ſo will ich es au⸗ genblicklich thun, und Euch dann Nachricht bringen, obgleich ich jetzt nicht mehr ſo flink auf den Beinen bin, daß Ihr glauben koͤnntet, ich ſei einſt als Gaillarden⸗Taͤnzerinn beruͤhmt geweſen.“ Fuͤr einen Augenblick draͤngte ſich Dud⸗ ley der Argwohn auf, daß dieſer Vor⸗ ſchlag nur gemacht werde, ihn zu hintergehen, doch ihr freies, offenes Wefen beruhigte ihn ſogleich wieder. Dankend nahm er daher ihr Erbieten an, und eine Minute darauf verließ — 167— ſie das Haus. Eine kurze Zeit verging, nicht ohne einige Unruhe fuͤr Dudley, bis ſie zuruck⸗ kehrte, und ihm ſagte, die beiden Maͤnner waͤ⸗ ren auf dem Fluſſe in Verfolgung eines Boo⸗ tes begriffen geweſen, auf welches ſie mehr⸗ mals deuteten, ſichtlich in der Ueberzeugung, daß es den Gegenſtand enthalte, den ſie ſuch⸗ ten. So der Angſt entnommen, begann Dud⸗ ley ſich zu erinnern, daß er der Ragouts und des Phaſanen beraubt worden ſei, und fuͤhlte ein dringendes Beduͤrfniß nach irgend einem Stellvertreter. Die freundliche Wirthinn kam ſeinem Verlangen auf der Stelle entgegen, und obgleich die Speiſen, die ſie ihm auftrug, we⸗ niger lecker und ſelten waren, als die, welche er durch ſeine unfreiwillige Flucht im Stiche ge⸗ laſſen, ſo zeigten ſie doch von einer ſolchen Reinlichkeit, und waren ſo ſchmackhaft zube⸗ reitet, daß er, beſonders nach der ſtarken Be⸗ wegung, ein beſſeres Mahl hielt, als dies wahrſcheinlich in dem heiligen Lamme der Fall geweſen ſein wuͤrde. Nach einem einſam und freudlos verlebten Abende zog ſich Dudley in ſein kleines Schlaf⸗ gemach zuruͤck, aus welchem, ſo wie aus einem eben ſo großen angrenzenden Wohnzimmer, ſein ganzes Quartier beſtand. Er fand hier alles ſo reinlich und angenehm, als er es wuͤnſchen — 168— konnte, und legte ſich in das freundliche Bett, an Geiſt und Körper gleich ſehr erſchoͤpft, und keinesweges beruhigt uͤber die beaͤngſtigende Zu⸗ kunft, die vor ihm lag. Trotz des immer wach⸗ ſenden Abſcheues, den er gegen Sir Lionel empfand, ſtellte ſich ihm die ſchöne, muthige Beatrix als ſeine Lebensretterinn in ſeinen Traͤumen dar, und er konnte und durfte ſie nicht vergeſſen, wie groß auch immer die Abſcheu⸗ lichkeiten ſein mochten, deren ihr Vater ſich ſchuldig machen konnte. Waͤhrend des Schla⸗ fes erinnerte er ſich ebenfalls daran, daß er den Brief noch nicht geſchrieben habe, durch den er auf Brigittas Hand, und die Ehre, die Fleiſch⸗Automaten von Beckhampton⸗Hall zu vermehren, Verzicht leiſten wollte. Dudley hielt es fuͤr ausgemacht, daß Sir Lionels Soͤldlinge um die Wohnung des Rechts⸗ gelehrten im Hinterhalte laͤgen, ihm aufzu⸗ lauern, daher beſchloß er, ſeinen naͤchſten Be⸗ ſuch ſo lange zu verſchieben, bis es beinahe dunkel ſei. Er wollte ſelbſt ſeiner Wirthinn nicht geſtatten, den Richter in ſeinem Auftrage zu beſuchen, obgleich ſie ſich voll Freundlichkeit dazu erbot, fuͤr ihn nach jedem Theile der Stadt zu gehen. Er machte ſich ſelbſt bis zum Anbruche der Nacht zu einem Gefangenen, und ging dann erſt zu ſeinem Anwalt, von dem er — 169— Nachrichten empfing, die weit eher ſeine Be⸗ ſorgniſſe vermehren, als vermindern konnten. Er ſagte, er habe ſeine Wohnung nie⸗ mals verlaſſen, ohne durch einige der Spaͤ⸗ her Sir Lionels verfolgt zu werden, welche beſtimmt geglaubt hatten, er wolle ſeinen Klien⸗ ten beſuchen. In den Gerichtshoͤfen hatte er die Anklagen gegen Dudley ſo kuͤnſtlich ange⸗ legt, ſo geiſtreich, ſo ſtaunenswerth unterſtutzt gefunden, daß er in Bewunderung des uner⸗ ſchoͤpflichen Raͤnkeſchmiedes verloren war, der ſeinen Opfern auch nicht eine Moͤglichkeit der Rettung ließ. Er ſprach ſeine innigſte Ueber⸗ zeugung aus, daß Dudley entdeckt werden wuͤrde, wie ſorgfaͤltig er ſich auch verborgen halte, daß er den Anklagen erliegen muͤſſe, wie unſchuldig er auch ſei, und rieth ihm, unter dieſen Umſtaͤnden eine Freiſtatt zu ſuchen, und dort abzuwarten, welchen Erfolg des Lord Kar⸗ dinals Verfahren gegen Sir Lionel nehmen werde. Der Kardinal war jetzt im Beſitze aller dazu noͤthigen Papiere, und zoͤgerte, wenn er einmal von Sir Lionels Schuld uͤberzeugt war, gewiß nicht, ihn fuͤr die angemaßte Gewalt zu zuͤchtigen, bis er ſo zahm geworden, wie ein gerupftes Taͤubchen. Dieſen Rath beſchloß Dudley zu befolgen, und er war nur unentſchloſſen, ob er die Frei⸗ ſtatt in der City waͤhlen ſollte, wo die Kirche St. Martins des Großen dies Recht auf einen geringen Raum verbreitete, oder in dem Weich⸗ bilde der Weſtminſter⸗Abtei, wo er ausge⸗ dehnter war. Er gab dem letztern den Vorzug, bat ſeinen Anwalt, ihm dort Zimmer zu ver⸗ ſchaffen, und ging dann fuͤr den Augenblick nach ſeiner Wohnung an Strand⸗Bridge zuruͤck. Siebentes Kapitel. Du armes Weib, ſo thöricht und betrogen, Wenn erſt der Liebestraum dahingeflogen Giebt es ein ſeelig Widerkehren nicht.— Dein Gatte brennt in ſündigem Verlangen; Du ſiehſt bewundernd ihn, und liebend, hangen An ihr, die deiner Liebe Roſen bricht. Indem wir Dudley in der Freiſtatt der Weſt⸗ minſter⸗Abtei verlaſſen, in welcher er glucklich anlangte, und wo er fuͤr den Augenblick gegen die Launen des Gluͤckes und die Verfolgungen ſeines Feindes geſichert war, muͤſſen wir un⸗ ſere Leſer bitten, uns nach dem Thurme Hill zuruͤck zu begleiten, da wir hoffen, daß ſie nicht ganz ohne Theilnahme gegen das Schick⸗ ſal einiger Bewohner deſſelben ſind. In Hinſicht des ungluͤcklichen Cecil Hungerford wollten wir dies verbuͤrgen, und zu ihm wenden wir uns deshalb auch zuerſt. Ungeachtet der drohenden Unterredung zwiſchen Sir Lionel, dem Kapi⸗ tain Baſſet und dem Doktor, die Verfuͤgung uͤber ihren Gefangenen betreffend, ungeachtet ſeiner Weigerung, der Lady Fitzmaurice irgend einen Aufſchluß zu geben, lag es nicht in Sir Lionels Plan, irgend einen Gewaltſchritt gegen ſeinen Muͤndel auszuuͤben. Es war ſein Syſtem, eben ſo wenig ein unnuͤtzes Verbrechen zu begehen, als vor irgend einem zuruͤckzuſchrecken, das zur Erreichung ſeines Zweckes fuͤhren konnte. Seine Unterredung mit dem Kapitain und dem Doktor war daher eine jener Studien des menſchlichen Geiſtes geweſen, wie er ſie nannte, durch welche er, indem er ein boshaftes Spiel mit den Schwaͤchen und Laſtern ſeiner Mieth⸗ linge trieb, nicht nur pruͤfte, in wie weit er ſich ihrer Dienſte verſichert halten konnte, ſon⸗ dern durch welche er ſie auch immer enger in ſeine Gewalt zog, indem er ſie dahin brachte, ihre Laſter ohne Ruͤckhalt zu zeigen, und ſich ſelbſt dabei doch nicht im mindeſten blos gab. Sein Betragen gegen Lady Fitzmaurice war nichts, als eine Folge der Geringſchaͤtzung, mit welcher er ſie beſtaͤndig behandelte; daß er ſie aber zu dem Eide bewog, ihren Gatten nie zu verrathen, freute ihn als ein Streich der Ver⸗ ſchlagenheit und des Jeſuitismus, welche mit ſeinen hoͤheren Geiſteskraͤften eng verwebt waren. Durch die Kundſchaft der Spione, mit de⸗ —— nen er Dudley ſeit deſſen Eintritte in das Thurmhaus umgeben, waren ihm die verſtoh⸗ lenen Unterredungen der beiden Vettern nicht verborgen geblieben, und er beſchloß ſogleich, ſeinen Gefangenen in einen ſicherern Gewahr⸗ ſam zu bringen, bis er ſich ſeines unwillkom⸗ menen Gaſtes entledigen koͤnne. Gleich den meiſten der groͤßeren Edelſitze, welche in jenen Tagen oͤfters auch zu militai⸗ riſchen Zwecken benutzt wurden, hatte das Thurmhaus unter einem der großen Thuͤrme einen tiefen Kerker. An dieſen dunkelen, ver⸗ borgenen Ort gebot der gewiſſenloſe Vormund, ſeinen Muͤndel fuͤr den Augenblick zu bringen. Sir Lionel hatte indeſſen dabei keine andere Abſicht, als eine Unterredung zwiſchen Cecil und Dudley zu verhindern, denn er fuͤhlte, daß ſeine Pläne fuͤr die Zukunft dadurch ſehr gefaͤhrdet, oder wohl gar unmoͤglich gemacht werden konnten. Kaum war dieſe Furcht durch Dudleys Flucht gehoben, als Cecil aus dem abſcheulichen Kerker entlaſſen ward, und die Freiheit wieder genießen durfte, die ihm bisher geſtattet geweſen, das heißt, einer oder meh⸗ rere der Hausſpione folgten ihm beſtaͤndig, unter dem Namen ſeiner Huͤter, und hatten den Auftrag, ihn nicht weit von dem Thurmhauſe ſich entfer⸗ nen zu laſſen, beſonders aber ihn nie, auch — 174— nicht fuͤr eine einzige Sekunde aus den Augen zu verlieren. Dudleys Vermuthungen eines Angriffes auf Glaſtonbury Abtei waren eben ſo unge⸗ gruͤndet, als ſeine Furcht einer augenblicklichen Gewaltthat gegen ſeinen Vetter. Sir Lionel war wuͤthend uͤber die Flucht ſeines Gaſtes, da er die beſte Gelegenheit in Haͤnden gehabt, ihn zu vernichten, und eben ſo im hoͤchſten Grade aufgebracht uͤber die Wunde, welche Kapitain Baſſet in dem Gefechte mit Dudley erhalten; daher gab er in der erſten Aufwal⸗ lung wirklich Befehl, daß die Truppen ſeines Haushaltes(denn ſo darf man ſie wohl mit Recht nennen) ſich verſammeln ſollten, und muſterte ſie dann auf dem Berge, welcher dem, auf welchem der Thurm Hill ſich erhob, grade gegenuͤberſtand. Doch dies geſchah mehr, um die Puͤnktlichkeit ſeiner Diener zu pruͤfen, und die Nachbaren in Schrecken zu ſetzen, in⸗ dem er ſeine maͤchtigen Streitkraͤfte vor ihnen entfaltete, als um einen ſo verzweifelten Schritt zu thun, wie ein offener Angriff auf die Abtei geweſen waͤre. Andere und ſichere Wege zum Sturze des Lord Abtes hatte er bereits einge⸗ ſchlagen, und er baute hier zu feſt auf einen gluͤcklichen Ausgang, um dieſen durch unzeitige Feindſeligkeiten zu verhindern. — 175— Auf ſein perſoͤnliches Zuſammentreffen mit Dudley, und die faſt wunderbare Art, wie deſſen Leben gerettet worden, ſpielte Sir Lionel in Gegenwart ſeiner Tochter niemals an. So gleichguͤltig ſie auch fuͤr gewoͤhnlich war, ſo kannte er die Schaͤrfe ihres Geiſtes doch zu wohl, um hoffen zu duͤrfen, ſie in Hinſicht ſeiner wahren Abſichten gegen Cecil oder deſſen Vetter blind zu machen; und die Feſtigkeit und Beſtimmtheit ihres Charak⸗ ters raubte ihm jede Ausſicht, ſie, wie Andere, durch Einſchuͤchterung zu betaͤuben. Ueberdies ſcheute er ſich auch in den meiſten Fällen, Beatrix nur ein boͤſes Wort zu ſagen, und man konnte behaupten, ſie ſei das einzige Band, welches ihn noch auf freundliche Weiſe an die Menſchheit feſſele. So groß ſeine Ge⸗ ringſchaͤtzung gegen ſeine Mitmenſchen im All⸗ gemeinen war, ſo willig er jede Gelegenheit ergriff, Krieg mit ihnen zu fuͤhren, ſo konnte er doch den Gedanken nicht ertragen, von dem ganzen Geſchlechte abgeriſſen zu ſein; ſo men⸗ ſchenfeindlich er geſinnt war, ſo wollte er doch ſelbſt nicht ganz getrennt ſein von den Weſen, die er gluͤhend zu haſſen vorgab; er bedurfte irgend eines Bindemittels an die Welt. Die⸗ ſer unerklaͤrlichen Sehnſucht ward durch ſeine Tochter vollkommen genuͤgt, dem einzigen We⸗ ſen in dem Thurmhauſe, das er nicht haßte — 176— oder verachtete. Und dennoch kann man be⸗ haupten, daß er eher ſtolz auf ſie war, als ſie liebte; er war ſtolz auf ihre Schoͤnheit, ihre Vollkommenheiten, ihren energiſchen Cha⸗ rakter, ſelbſt auf ihren glaͤnzenden Anzug, und die Wuͤrde ihres Betragens, denn dies waren nur eben ſo viele Erinnerungen an ſeine eigene Groͤße; haͤtte ſie aber dieſe Vorzuge eingebuͤßt, haͤtte ſeine Liebe durch irgend eine Entſagung dargethan werden ſollen, ſo wuͤrde Beatrix ge⸗ wiß an dem gtigen, wohlwollenden Herzen ihrer Stiefmutter eine ſicherere Stuͤtze gefunden haben, als in der unzuverlaͤſſigen Neigung, die aus ihres Vaters Stolz erwuchs. Die erſten Tage, welche nach Dudlehs Flucht folgten, war Sir Lionel zu eifrig be⸗ ſchaͤftigt, Anſtalten zu deſſen Verderben zu tref⸗ fen, um an Beatrix viel zu denken, oder ſie zu beobachten. Wir haben geſehen, wie puͤnkt⸗ lich ſeine Rache ſeinem Widerſacher folgte, wie ſchnell er Anklagen gegen denſelben ange⸗ bracht, und ſie durch falſche Zeugen zu unter⸗ ſtuͤtzen gewußt hatte, mit welcher Eile er ei⸗ nen ſeiner Miethlinge nach London geſendet, die Vollſtreckung der Rache zu leiten und zu beſchleunigen. Er kannte die Abſichten ſeines Gegners durch die Abſchrift des Briefes, welche er ſich auf ſo unerklaͤrliche Weiſe zu verſchaffen — 177— gewußt hatte, und hielt es fuͤr rathſamer, ſelbſt am Hofe zu erſcheinen, als eine geſetz⸗ maͤßige Pruͤfung der Verſtandesfaͤhigkeit Cecils abzuwarten. Seinen eidfertigen Soͤldlingen hinterließ er die Sorge, die Geiſtesſchwaͤche zu beweiſen. Er wußte es ſehr wohl, daß ſein ungluͤcklicher Muͤndel nie aus ſeiner Ge⸗ walt zu befreien war, wenn es ihm gelang, dieſen Punkt zu erreichen. Während er mit dieſen Plaͤnen ſo beſchůf⸗ tigt war, daß er von den Hausgenoſſen faſt Riemand ſah, der nicht mit darin verwickelt war, hatte Beatrix vollkommen Muße, die unendliche Leere zu fuͤhlen, welche durch Dud⸗ leys Abreiſe entſtanden war. Die Groͤße des Thurmhauſes, die Pracht, in der ſie ſonſt ſo gern ſich zeigte, die Ueberzeugung ihrer Ueber⸗ legenheit uͤber die Edelfraͤulein der Nachbar⸗ ſchaft, ſowohl in Schoͤnheit als Reichthum, gewaͤhrten ihr nicht mehr die Genugthuung, wie fruͤher. Dies alles hatte ihr nur ſo lange genuͤgt, als ſie unter den beſtaͤndigen Bewoh⸗ nern des vaͤterlichen Hauſes oder den Gäſten, welche der Zufall dahin fuͤhrte, nicht einen Einzigen kennen gelernt, der ihre Neigung zu erwerben vermocht. Dudley war der Erſte, welcher die ſchlummernden Gefuͤhle ihres Bu⸗ ſens erweckte. Sein Aufenthalt im Thurm⸗ III. 12 — 178— hauſe war in der That nur von kurzer Dauer geweſen, maß ſie ihn aber nach dem Eindrucke, den er waͤhrend dieſer Zeit auf ſie gemacht, ſo betrachtete ſie ihn wie ihren aͤlteſten, theuer⸗ ſten Freund, und es iſt nur zu wohl bekannt, daß die Chronologie des Herzens jede andere Ordnung verachtet. Ihre Stiefmutter hatte es laͤngſt aufgege⸗ ben, ihr ihren eigenen beſcheidenen, haͤuslichen Sinn beizubringen, ſie zur Theilnehmerinn an der Fuhrung der Wirthſchaft zu machen, ſie zu uͤberreden, daß das großte Gluͤck in der Ausuͤbung haͤuslicher Tugenden zu finden, mit einem Gatten von gleichen Geſinnungen ver⸗ bunden, wenn er auch wenig uber ihren eigenen Stand erhaben ſei, und den Anforderungen ihrer maͤdchenhaften Eitelkeit nicht ganz ent⸗ ſpreche. Dieſe kleinlichen, altvaͤteriſchen Grund⸗ ſätze waren durch Sir Lionel gänzlich verbannt worden, denn er hatte ſeine Tochter gelehrt, die Schoͤnheit als den einzigen, der Bewunde⸗ rung wuͤrdigen Gegenſtand zu betrachtenz Rang, Reichthum, Glanz und Auszeichnung als die einzigen annehmbaren Bewerber. In dem Buſen eines jungen, ehrgeizigen, hoch⸗ muͤthigen Mädchens wie Beatrix, mußten ſolche Rathſchlaͤge ein uͤbereinſtimmendes Echo finden. Dudley vereinigte in ſich alles, was — 179— ſie als werthvoll zu ſchaͤtzen gewoͤhnt worden; er war jung, reich, von edler Geburt, und die Weiſungen, die ihr Vater ihr ſo ſorgfaͤltig ertheilt, konnten nicht in einem Augenblicke vergeſſen werden, weil er feindlich, und wie es ihr ſchien, unverantwortlich, das Schwert gegen den Mann gezuͤckt hatte, den ſie nach allen ſeinen fruͤheren Andeutungen fuͤr einen wuͤrdigen Bewerber um ihre Hand halten mußte. Daß Dudley irgend einen ſolchen Wunſch ausgeſprochen, konnte ſie freilich nicht ſagen, aber daß er es in der Folge gethan ha⸗ ben wuͤrde, davon war ſie feſt uͤberzeugt. Un⸗ ter Liebenden und gegenſeitigen Bewunderern giebt es ein weit ſchnelleres Verſtaͤndigungs⸗ mittel, als die Sprache; bei ihnen findet ein Austauſch der Gedanken Statt, der nicht der engenden Feſſeln der Zeit und der Zunge ach⸗ tet. Ein einziger Blick der Augen kann der kuͤnftigen Erklaͤrung der Lippen zuvorkommen, wie der Blitz der Stimme des Donners vor⸗ hergeht, und durch dieſe untruͤglichen, doch ſtummen Wahrſager, empfing Beatrix eine Voruͤberzeugung von Dudleys Abſichten, ob⸗ gleich er ſie noch nicht ausgeſprochen. Ein anderer Umſtand, deſſen ſie ſelbſt ſich nicht bewußt war, trug ebenfalls dazu bei, ihr guͤnſtiges Vorurtheil fuͤr Dudley zu ver⸗ = 4180= ſtaͤrken. Shakespeare hat geſagt, das Mitleid ſei zwiefach geſegnet, eine Bemerkung, die er fuglich auf Wohlthatigkeit jeder Art haͤtte aus⸗ dehnen konnen, denn wenn wir die, denen wir Gutes erzeigen, vorher auch nicht lieben, ſo geſchieht es doch ſehr haͤufig, daß dies nachher der Fall iſt. Wir wollen unſere Wohlthaten da⸗ durch rechtfertigen, daß wir den Gegenſtand derſelben in unſer Herz ſchließen. Niemand rettete je einen Hund vom Ertrinken, ohne ſich auch nachher noch um deſſen Schickſal zu be⸗ kuͤmmern, und wenn wir gluͤcklich genug wa⸗ ren, das Leben eines Nebenmenſchen zu retten, ſo iſt es haͤufig zweifelhaft, welcher von bei⸗ den Theilen dem andern herzlicher zugethan ſei. Gewiß iſt es wenigſtens, daß Beatrix Zufriedenheit uber den Dienſt, den ſie Dudley geleiſtet, mindeſtens eben ſo lebhaft und innig war, als ſeine Dankbarkeit. Ueberdies ſchmei⸗ chelte es ihrem Stolze, daß ſie ihm eine ſo große Verbindlichkeit aufzuerlegen vermocht. Sie war von je her daran gewoͤhnt, die Be⸗ ſchutzerinn zu ſpielen. Wäre der Fall umge⸗ kehrt geweſen, ſo wuͤrde ſie ſich wahrſcheinlich unangenehm ertegt gefuͤhlt haben, daß eine Schuld auf ihr laſte, die zu groß war, um getilgt werden zu können. Von einer andern Art der Demuͤthigung fuhlte ſie ſich auch jetzt nicht ganz frei, denn ſie glaubte ihre weibliche Wuͤrde gekraͤnkt, als ſie ſich bei naͤherer Praͤ⸗ fung ihrer ſelbſt oͤberzeugte, wie ſehr ſie zum Vortheile eines Mannes eingenommen ſei, der ſich nicht ausdruͤcklich als ihren Bewunderer erklärt hatte, und der, ſelbſt wenn ihre Ver⸗ muthungen begruͤndet waren, durch die gluͤ⸗ hende Feindſchaft ihres Vaters wahrſcheinlich abgehalten ward, ſeine Bewerbungen um ihre Gunſt fortzuſetzen. Es war moͤglich, ſogar wahrſcheinlich, daß ſie ihn niemals wieder ſah; in dieſer Lage fuͤhlte ſie die Nothwendigkeit, ihre Leidenſchaft zu beſiegen, faſt unmittelbar nachdem ſie die Entdeckung ihres Beſtehens ge⸗ macht hatte. Sie war aber zu lange an die Erfuͤllung ihres Willens gewoͤhnt geweſen, und beſaß zu wenig Selbſtbeherrſchung, um dies ohne Anſtrengung zu vermoͤgen, obgleich ihr Stolz ſie davor bewahrte, den Schmerz, der in ihrem Buſen tobte, auch aͤußerlich zu erkennen zu geben. Noch ein anderes weibliches Weſen lebte in dem Thurmhauſe, deſſen Herz unter herbe⸗ ren Qualen litt, als die, welche Beatrix zu erdulden hatte, denn ſie entſprangen aus uner⸗ widerter Liebe, und wurden durch Eiferſucht und geringſchaͤtzende Behandlung noch erhoht. Dies war die geduldige, lang⸗leidende, nie⸗ — 182— mals klagende, im Stillen liebende, und den⸗ verachtete, mißhandelte Lady Fitzmaurice. Einſt, als Sir Lionel auf der Terraſſe ſaß, und die Huldigungen ſeiner Kreaturen empfing, zu denen er ſich zuweilen zu einem Geſpraͤche herabließ, erklaͤrte er im ungebaͤndigten Stolze ſeines Herzens, daß er nicht eher ſich zufrie⸗ den fuͤhlen werde, bis alles, was er von die⸗ ſer Hoͤhe uͤberſehen koͤnne, ſein Eigenthum ge⸗ worden ſei, und er in jedem der Herrenhaͤuſer ein eigenes Liebchen habe. In der Wonne uͤber dieſe eingebildete Vergroͤßerung rief er ſeine Muſiker herbei, und befahl ihnen, einen königlichen Marſch zu ſpielen; dann ſaß er ei⸗ nige Zeit ſchweigend da, lauſchte den Toͤnen, und ſchwelgte in den Gedanken an kommende Pracht und Rache. Bis zu einem gewiſſen Punkte hatte er ſeine fruͤher ertraͤumte Groͤße wirklich erreicht. Faſt alles was er in der Gegend uͤberblickte, die der Abtei entgegenge⸗ ſett war, erkannte ihn fuͤr ſeinen Beſitzer, und wir ſpielten bereits fruͤher auf eine Geliebte an, welcher er das Haus ſeines Schlachto⸗ pfers, des Lord Dawbeney, das nun ſein Ei⸗ genthum geworden, eingeraͤumt hatte. Lady Fitzmaurice wußte von dieſer ſtraͤfli⸗ chen Verbindung, denn Sir Lionel ſchaͤtzte ſie zu gering, um ihr ein Geheimniß daraus zu — 183— machen, doch die Eiferſucht, welche durch die Entdeckung in ihrem Buſen erregt ward, war nicht jene blinde, wuͤthende Leidenſchaft, welche die Liebe in Haß verwandelt, und den, der ſich ihr uberläßt, zu Thaten der Rache und Verzweiflung fortreißt. Nie hatte ſie ſelbſt aufgehoͤrt, Sir Lionel zu lieben, und daher auch die Hoffnung nie aufgegeben, ſein Herz wieder zu gewinnen, ja, ſie hatte ſogar auf die Hoffnung nie verzichtet, ihn zu der Auf⸗ gebung ſeiner ſtolzen, hochftiegenden Plaͤne zu vermogen, und ihn der innigen Liebe ganz wuͤrdig zu machen, mit der ſie noch immer auf ihn blickte. In der Demuth ihres Her⸗ zens glaubte ſie, das beſte Mittel zu Erreichung ihrer Abſicht ſei geduldiges, ſtilles Leiden, und Enthaltung jeder Klage, jedes Vorwurfes. Pierin wenigſtens konnte ſie ihre Nebenbuhlerinn ganz gewiß uͤbertreffen, und ſo hoffte ſie mit der Zeit das Herz des treuloſen Gatten wieder zu gewinnen. In dem Glauben aber, daß ſie mit ſeiner Geliebten auch in Hinſicht der Voll⸗ kommenheiten wetteifern konne, lag eine Art naturlicher Einfalt. Durch die unverbuͤrgte Kundſchaft einer ihrer eigenen Maͤgde hatte ſie erfahren, daß die Frau, von der die Rede war, weder juͤnger, noch hubſcher ſei, als ſie ſelbſt, und daß ihr einziger Reiz darin beſtehe, daß ſie ſingen, und die Guitarre ſpielen koͤnne, Vorzuͤge, welche in jener Zeit noch weit ſelte⸗ ner waren, als ſie es in unſern Tagen ge⸗ worden. Nichts als die Ergebung einer unvertilgba⸗ ren Neigung haͤtte den Entſchluß zu erzeugen vermocht, den ſie jetzt faßte. Sie nahm ſich vor, die Guitarre ſelbſt zu lernen, damit ſie ihrem Gatten jenen Genuß auch in ſeinem ei⸗ genen Hauſe gewaͤhren koͤnne; und gern ſchrieb ſie die Untreue nur dem bisherigen Mangel die⸗ ſes Zeitvertreibes zu, obgleich, wie der Leſer ſich wohl erinnern wird, eine ganze Bande von Muſikern zu dem gewoͤhnlichen Haushalte ge⸗ hoͤrte. Ins Geheim und mit unermuͤdlichem Eifer fuͤhrte ſie ihren Vorſatz aus, der ihr doppelt ſchwer werden mußte, da dieſe neue Beſchaͤftigung den fruͤheren ſo ganz entgegen ge⸗ ſetzt war. Sogar in der Schwierigkeit des unternehmens aber fand ſie ein Vergnuͤgen, da ſie ſich uͤberzeugt hielt, daß Sir Lionel um ſo freudiger dadurch uͤberraſcht werden wuͤrde, und dabei der begluͤckenden Hoffnung lebte, ſie werde ihn mit der Stimme und dem Klange der Sai⸗ ten zu ſich zuruͤckrufen koͤnnen, eben ſo ſicher, wie der Falkonier den entflogenen Falken durch Atzung und Geſchrei zuruͤckruft. Rie, ſeit ih⸗ rer Verbindung mit Sir Lionel, hatte ſie ſich — 185— ſo glͤcklich gefuͤhlt, als unter dem Einfluſſe dieſer Täuſchung, die ſie ſchon im Voraus hohe Wonne empfinden ließ. Jeden Tag machte ſie irgend einen Fortſchritt, und jeden Abend legte ſie ihr Haupt mit der ſuͤßen, bezaubern⸗ den Ueberzeugung zur Ruhe, daß ſie ſich der Wiedererlangung von der Liebe ihres Gatten abermals um einen Schritt genaͤhert habe. Waͤhrend der Zeit dieſes begluͤckenden Wahnes verloren ihre Zuͤge jenen Ausdruck der Betruͤb⸗ niß, der ihnen ſonſt eigen war, und ihr Blick ward heiterer. Ihre langen Abweſenheiten bei ihren verſtohlenen Unterrichtsſtunden, und ihr heimliches Weſen bei ihrer Ruͤckkehr von den⸗ ſelben, uͤberzeugten Beatrix, die Einzige, welche ſie der Beachtung wuͤrdigte, daß ſie irgend ein Geheimniß zu verbergen habe, obgleich ſie nicht zu ergruͤnden vermochte, worin dies beſtehe. Endlich nahete ſich das Mittel, durch wel⸗ ches die Lady die Fackel der Liebe wieder an⸗ zuzuͤnden hoffte, der Reife. Durch ununter⸗ brochene Anſtrengung war es ihr gelungen, zwei oder drei Stuͤcke anf dem Inſtrumente ſpielen zu koͤnnen; nun verbarg ſie es in ihre Kleider, und trat unangemeldet in ihres Gatten geheimes Zimmer. Zum Gluͤcke war er in etwas freundli⸗ cherer Stimmung, als gewoͤhnlich, ſonſt wuͤrde er ſie beſtimmt geſcholten haben, daß ſie ohne — 186— Erlaubniß einzutreten gewagt; jetzt aber geſtat⸗ tete er ihr ohne weitere Bemerkung, ſich an ſeine Seite zu ſetzen, obgleich er einiges Stau⸗ nen uͤber ihren triumphirenden Blick nicht ganz verbergen konnte. Nachdem ſie ſich mit ſanf⸗ ten Worten beklagt, wie wenig ſie ihn in der letzten Zeit geſehen, da er entweder beſtaͤn⸗ dig in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen geweſen ſei, oder außerhalb des Thurmhauſes Zer⸗ ſtreuung geſucht habe(dies war die einzige verdeckte Anſpielung, die ſie wagte), fuhr ſie fort:„Hilf Himmel, Sir Lionel, mein theu⸗ rer Sir Lionel, was wuͤrde ich nicht geben, wolltet Ihr mir zuweilen etwas ſingen, wie Ihr es vor unſerer Verbindung thatet. Wahr⸗ lich, ich wollte willig ein Kopfſtuͤck darum ge⸗ ben, waͤret Ihr gutig genug, mich dieſe ſchone Ballade von dem Koͤnig Cophetua und dem Bettlermaͤdchen hoͤren zu laſſen. Ach, Sir Lio⸗ nel, erinnert Ihr Euch noch—“ ch „Still! Madame,“ unterbrach ſie ihr Gatte, der jede Anſpielung auf ſein Singen haßte, obgleich ſie niemals entdeckte, daß er es allein gethan, um ihr Geld zu erhalten;„Ihr koͤnnt Euch Eure Rede ſparen, denn ich erinnere mich noch an alles— des Muͤllers Haͤuschen— der kleine Garten— das Murmeln des Waſ⸗ ſers— die Amſel in der Eſche— und die Laube von Kaprifolium,— Wetter, ich haͤtte ſonſt ein ſchlechtes Gedaͤchtniß, denn ewig tragt Ihr die nehmliche Frage auf Euren Lippen.“ „Ach, weil die Erinnerung meinem Her⸗ zen ſo tief eingeprägt iſt, und ſtets vor mei⸗ nem Auge ſchwebt; doch bei der heiligen Jung⸗ frau, ich wuͤrde es nicht mehr erwaͤhnen, koͤnnte ich glauben, daß es Euch verdroͤſſe. Doch das werdet Ihr hoffentlich nicht als eine Beleidi⸗ gung aufnehmen, daß ich Euch hier eine kleine Ueberraſchung bereitet habe, denn ich glaubte gewiß, Euch dadurch Freude zu gewaͤhren.“ Indem ſie dies ſagte, legte ſie die Hand auf die verborgene Guitarre, welche ſie mit laͤcheln⸗ dem, ſelbſtzufriedenem Blicke betrachtete. „Pſcha!“ ſchrie Sir Lionel aufgebracht; „was ſoll die thorige Mummerei? Es iſt heut nicht der erſte April, und waͤre er es, thãtet Ihr beſſer, Euren Witz an den Mägden in der Spinnſtube zu uͤben, denn ich bin nicht der Gegenſtand fuͤr denſelben.“ „Bei meiner Treue, beim Heil meiner Seele, es iſt kein Scherz!“ ſagte Lady Fitz⸗ maurice, indem ſie mit der Hand uͤber das Inſtrument fuhr, als wolle ſie den Beweis fuͤr die Wahrheit ihrer Worte geben. „Nun, dann bitte ich, Eurer Thorheit ein Ende zu machen. Iſt es eine Puppe, ſo be⸗ wahrt ſie fuͤr die Mohrentaͤnzer, iſt es die Keule eines feiſten Rehbockes, fort dann mit ihr zu den Bratſpießwendern, und iſt es ein Paͤckchen feiner Wolle, in die Spinnſtube damit, und laßt die Hacken Eurer Maͤgde ſich in Bewe⸗ gung ſetzen, es zu verarbeiten.“ „Wahrlich, Sir Lionel, ich habe nichts ſo Kleinliches, ſondern etwas, das mich mehr Muͤhe und Arbeit gekoſtet hat, als ich auf ir⸗ gend eine Sache der Welt verwenden wuͤrde, ausgenommen die Aufheiterung meines Gatten. Bei der heiligen Jungfrau, Ihr ſollt nicht laͤn⸗ ger noͤthig haben, aus dem Hauſe zu gehen, wenn Euch nach Geſang und Saitenſpiel ver⸗ langt, denn ich halte das Mittel in meiner Hand, welches Euch das Thurmhaus ſo ange⸗ nehm machen wird, als wohnte ein feines Liebchen darin.“ Bei dieſen Worten ſchlug ſie ihre Gewaͤnder aus einander, laͤchelte geheim⸗ nißvoll, ſetzte ſich, ſtrich einige Male uͤber die Saiten, und begann dann mit unausge⸗ bildeter, doch nicht unmelodiſcher Stimme ei⸗ nige Stanzen zu ſingen, die ſie wahrſcheinlich eher ihres moraliſchen, als ihres poetiſchen Werthes wegen erleſen hatte. Ihre Ungeſchicklichkeit bei Handhabung des Inſtrumentes, welche den erſten Verſuchen eines ſchuͤchternen Schulmaͤdchens glich, ihre haͤufigen — 365— Mißgriffe, nach denen ſie ganz ruhig von vorn begann, die Ernſthaftigkeit, mit welcher ſie mit dem Fuße den Takt bezeichnete, um dem ſchwaͤcheren Ohre zu Huͤlfe zu kommen, und die Verſe, die ſie zu ihrem erſten Angriffe er⸗ waͤhlt, wuͤrden einem Fremden einen hoͤchſt laͤ⸗ cherlichen Anblick geboten haben, obgleich es das ganze Mitgefuͤhl, die innigſte Ruͤhrung bei dem erregt haben muͤßte, welcher den Grund ihrer Anſtrengungen kannte, und wußte, welche Hoffnungen ſie darauf gebaut hatte. Selbſt Sir Lionel, der ihre wahre Abſicht ſogleich er⸗ rieth, blieb nicht ganz ungeruͤhrt bei dieſem neuen Beweiſe unwandelbarer Liebe, und uͤber die Demuth, mit welcher ſie ſtrebte, ihn ſich wieder zu gewinnen, ſtatt ihn mit Vorwuͤrfen zu uberhaͤufen. So hart und geringſchätzend er auch immer gegen ſie war, ſo verbannte er doch jetzt ſein gewoͤhnliches hoͤhniſches Laͤ⸗ cheln. Deſſen ungeachtet aber wuͤnſchte er dem zweiten Verſe zu entgehen, mit dem ſie ihn bedrohte; daher legte er ſeine Hand auf ihren Arm, druͤckte ihn herzlich, und ſagte:„Ei, was fuͤr eine kindiſche Thoͤrinn Du doch biſt!— Haſt Du Dir all dieſe Muͤhe gegeben, um Deinem Gatten eine Zerſtreuung zu verſchaffen? —„Wahrlich, Margarethe, meine gute, ehr⸗ liche Margarethe, das hat er nicht um Dich — 190— verdient!“ Als er dieſe Worte geſprochen, druͤckte er ihren Arm wieder herzlich, und blickte nicht ganz ohne einen Ausdruck der Zaͤrtlichkeit auf ſie. Dies waren die erſten Liebkoſungen, die er⸗ ſten freundlichen Doͤne, die erſten milden Blicke, die ſie ſeit langer Zeit empfangen; in der Ein⸗ bildung, daß dies die Vorboten des gluͤcklichen Erfolges ihrer Bemuͤhungen waͤren, ſtroͤmte ihr zaͤrtliches Herz von der reinſten Freude uͤber. Die Guitarre entſchluͤpfte der unaufmerkſamen Hand, die Thraͤnen entſtuͤrzten ihren Augen, und indem ſie beide Haͤnde faltete, und auf ihre Knie fiel, rief ſie aus:„O, Sir Lionel, mein Gemahl, mein theurer Gemahl! ich wollte dies und zehn Mal mehr thun; ich wollte vor Euch knieen, und Eure niedrigſte Magd ſein, wenn Ihr mich nur ſo lieben wolltet, als Ihr einſt es thatet, wenn Ihr nicht glaubtet, daß eine Buhlerinn Euch nur ein halb ſo liebevolles, treues Herz bieten koͤnne, als Euer Weib.— Ach, wenn ich Euch von dieſen gefaͤhrlichen Irrwegen zuruͤckziehen koͤnnte—“ „Still! ſtill! gute Margarethe,“ unterbrach Sir Lionel, der die augenblickliche Ruͤhrung, welche er verrathen, bereits bereute;„auf von Euren Knieen, und davon nichts weiter, denn ich konnte es nie leiden, ein winſelndes Weib — 191— zu ſehen; und uͤberdies muß ich fort, denn ich habe dieſen Morgen noch wichtige Geſchaͤfte zu beendigen, die keine Verzoͤgerung geſtatten.“ „Hilf Himmel, Sir Lionel; jammerte ich? — Wahrlich, ich wußte es nicht. Ich will meine Thraͤnen trocknen, wenn ſie Euch aͤrgern, doch ich flehe Euch an, mein theurer Gatte, nicht eher zu gehen, als bis Ihr das Ende meines Geſanges gehoͤrt habt, ſo wie die ſchoͤne Ballade von dem Koͤnig Cophetua und dem Bettlermaͤdchen, die Ihr ſonſt wohl gern ſelbſt ſanget. Bei der heiligen Maria, es hat mich ſchwere Arbeit und manch eine ſaure Stunde gekoſtet.“ „Mein jetziges Geſchaͤft duldet keinen Ver⸗ zug, und ich muß das Hoͤren daher bis auf einen andern Morgen verſchieben,“ ſagte Sir Lionel, der nicht das geringſte Behagen fuͤhlte, jemals einen neuen Beweis ihrer Minſtrelſchaft zu vernehmen, obgleich er dem jetzigen Angriffe zu entfliehen ſtrebte, ohne ſich hart oder rauh ge⸗ gen ſie zu zeigen. Lady Fitzmaurice war zu ſehr erfreut uͤber das, was ſie bereits erlangt hatte, um ſeinen Wuͤnſchen jetzt zu widerſtreben, ſie hob deshalb die Guitarre vom Boden auf, preßte ſie an das Herz, als das theure Werk⸗ zeug, durch welches es ihr gelungen, ihres Gatten Liebe wieder zu erhalten, und eilte dann, — 192— die Bruſt mit Wonne erfullt, auf ihr eigenes Zimmer, dort Freudenthraͤnen zu vergießen, und ſich dann aufs Neue zu uben.. Sie hatte Wunder verrichtet, indem ſie in ihres Gatten Buſen auch nur eine geringe Re⸗ gung hervorzubringen vermocht, aber es fehlte ihr an der noͤthigen Lebensklugheit, die Vor⸗ theile, die ſie erlangt, zu erhalten und zu er⸗ weitern. Sie glaubte, es werde ihn freuen, ſie an einem anderen Morgen zu hoͤren, obgleich er dies nur geſagt, ſie mit Sanftmuth von ſich zu weiſen. Daher belagerte ſie ihn von nun an beſtaͤndig, uͤberfiel ihn eines Tages plotz⸗ lich mit ihrer Guitarre bewaffnet, und begann ſogleich zu ſingen: „Ich las, daß einſt in Afrika Ein König beherrſchte ein Land, Er hieß der Prinz Cophetua; So war er den Dichtern bekannt.“ Doch die Gaͤte, mit welcher Sir Lionel ſie ein Mal angehort, ſollte nicht wiederkehren. ungeduldig daruͤber, ſo belagert zu werden, verlor er ſogleich die Geduld, und befahl ihr, ihn nie wieder mit ſo unwillkommnem Zeitver⸗ treibe zu belaͤſtigen, bei der Strafe ſeines hoͤch⸗ ſten Zornes. Stets ſeinem Willen gehorchend, legte ſie das Inſtrument bei Seite, vergaß die unſägliche Muͤhe, welche es ſie gekoſtet, ihre Fertigkeit ſo weit auszubilden, ſah, daß ſie in — 193— der Wiedergewinnung von Sir Lionels Liebe noch nichts gewonnen habe, da ſeine Beſuche bei ihrer Nebenbuhlerinn eben ſo haͤufig blie⸗ ben, als fruͤher, und verſank in noch tieferen Truͤbſinn, als zuvor, obgleich ihren Lippen nicht eine Klage, nicht ein Vorwurf ent⸗ ſchlupfte. So blieben die Sachen einige geit, bis eine Nachricht, welche eine ihrer Maͤgde ihr hinter⸗ brachte, ſie aus ihrem Stumpfſinne riß. Dieſe ſagte ihr nehmlich ganz ins Geheim, daß eine fremde Dame, deren Anzug und Benehmen eine Frau von ausgezeichnetem Range vermu⸗ then ließe, kuͤrzlich ſchon zweimal unter hoͤchſt geheimnißvollen Umſtänden in dem Thurmhauſe geweſen ſei. Bei ihrer Ankunft hätte ſie nach Sir Lionel gefragt, mit dem ſie ſich dann fuͤr einige Zeit eingeſchloſſen. Beide Male waͤren drohende, heftige Worte zwiſchen ihnen gewech⸗ ſelt worden, und nachdem ſie das Thurmhaus wieder verlaſſen, waͤre dort alles in der groͤß⸗ ten Unruhe geweſen, indem Sir Lionel dann ſeine erſten Diener und Gehuͤlfen zu langen Berathſchlagungen berufen, und nachher durch ſein ganzes Weſen eine ſo entſetzliche Wuth verrathen habe, wie ſie fruͤher noch nie an ihm bemerkt. Lady Fitzmaurice erſte Beſorgniß fur ſich ſelbſt, daß die Fremde irgend eine neue MII. 13 — 194— neue Nebenbuhlerinn ſei, war kaum durch die Nachricht von der Wuth, mit der ſich beide Partheien trennten, verſcheucht, als der räth⸗ ſelhafte, unerklaͤrliche Bericht ſie mit Schrecken erfullte, daß ihres Gatten Sicherheit gefaͤhrdet ſei. Daß er, der dem Himmel und der Erde offenen Trotz bot, der bei jeder gewoͤhnlichen Gefahr kuͤhn und muthig wie der Loͤwe war, durch ein Weib in eine ſolche Unruhe verſetzt werden konnte, deutete ſchon auf eine dringende, fuͤrchterliche Gefahr. Sie wußte, daß ſeine herrſchſuchtigen, unrechtlichen Thaten oft mit vieler Wagniß ausgefuͤhrt wurden, und daß ſeine unheiligen Buͤndniſſe, wenn ſie ſo waren, wie ſie glaubte, ihm eine ſchwere, faſt untilg⸗ bare Verantwortlichkeit auferlegten; doch wie dieſe Fremde den Streich auf ſein Haupt zu leiten vermoͤge, von dem er bedroht ward, das konnte ſie nicht begreifen. Die peinigendſte Neu⸗ gier geſellte ſich auf dieſe Weiſe zu der zaͤrtlichen Beſorgniß um ihren Gatten, und ſie gebot dem Mädchen, ſie zu benachrichtigen, wenn die fremde Dame wieder in dem Thurmhauſe erſchienen ſei. Nicht viele Tage vergingen, bevor ſie dieſe Nachricht empfing. Sogleich begab ſie ſich nun an einen Ort, von welchem ſie das Vorzimmer genau uͤberſehen konnte, in welches man die Fremde brachte, ehe ſie in Sir Lionels eige⸗ — 195— nes Zimmer gefuͤhrt ward. Hier hatte ſie voll⸗ kommene Muße, die Geheimnißvolle zu betrach⸗ ten. Die Geſtalt, auf welcher ihre Augen pruͤ⸗ fend ruhten, war hoch und gebieteriſch, und die Frau hatte ſichtlich das mittlere Alter uͤber⸗ ſchritten. Es giebt eine gewiſſe Art phyſiſcher Ariſtokratie, welche durch haͤufige Wechſelhei⸗ rathen in einer und derſelben Familie erzeugt wird, ſich mit denſelben Gebraͤuchen und Ge⸗ wohnheiten, demſelben glaͤnzenden, genußrei⸗ chen Leben, forterbt, mit dem Verlaufe der Zeit ſo zu ſagen ein Stempel des Adels wird, und die Mitglieder ſolcher Geſchlechter auf den erſten Blick eben ſo leicht erkennen laͤßt, als man ein Race⸗Pferd von einem gemeinen Karngaule unterſcheidet. Dieſer Charakter ſprach ſich in jedem Zuge der Fremden ganz leſerlich aus. Ihre hohe roͤmiſche Naſe, ihre feine, faſt durchſichtige Haut, ihr ſeidenes Haar, der ſtolze Ausdruck ihres Auges, ihre ſchoͤne weiße Hand, mit den langen glaͤnzenden Naͤgeln, ihr an⸗ muthiges, und doch zuweilen etwas geringſchaͤtzen⸗ des Benehmen, bezeichneten ſie unwiderſprechlich als eine Frau von hohem Range, welche ſich der Vorzuͤge ihrer Geburt nicht unbewußt war. Der ganze Ausdruck ihres Geſichtes gab zu der Vermuthung Anlaß, daß ſie, einmal belei⸗ digt, nie wieder verzeihe. 13* — 496— Lady Fitzmaurice ſcheute ihren Gatten viel zu ſehr, um ſich in die Naͤhe ſeines Zimmers zu wagen, zu dem die Unbekannte jetzt gefuͤhrt ward. Die großere Neugier, oder der groͤßere Muth des Mädchens, ließ dieſes ſich der Thuͤre nahen. Sie kehrte mit beſorgtem Blicke zu⸗ ruͤck, und ſagte, ſie koͤnne zwar den Gegen⸗ ſtand des Geſpraͤches nicht erkennen, ſei aber uͤberzeugt, daß etwas Schreckliches dort drin⸗ nen vorgehe, denn die Stimmen Beider waͤren laut und leidenſchaftlich. Die Fremde, fuͤste das Mädchen hinzu, muͤſſe eine kuhne, gefaͤhr⸗ liche Frau ſein, daß ſie es wage, Sir Lionel auf dieſe Weiſe in ſeinem eigenen Hauſe zu trotzen, und ihrer Zunge eben ſo den Zuͤ⸗ gel ſchießen zu laſſen, als er der ſeinigen. Was aber auch die urſach ihres Beſuches ſein mochte, ſo war dieſer doch nicht von langer Dauer; ſie entfernte ſich bald, und Sir Lionels ganzes Weſen verrieth deutlich die beunruhi⸗ gende Natur ihrer Unterredung. Verwirrung und Wuth verzerrten ſeine Zuͤge, welche ſelten einen anderen Ausdruck hatten, als ein ſelbſt⸗ gefaͤlliges Läͤcheln. Der Rechtsgelehrte, wel⸗ cher um dieſe Zeit aus London zuruckgekehrt war, der Kapitain Baſſet und der Doktor wurden ſogleich auf ſein Zimmer berufen, und hier ſaßen Alle bis zu einer ungewoͤhnlich ſpaͤ⸗ —— ten Stunde der Nacht hinter verſchloſſenen Thuͤ⸗ ren bei der Berathung. Es ward indeſſen nichts Genaueres ruchtbar, und Lady Fitzmau⸗ rice, welche ſchon ſo piele Leiden zu tragen hatte, war nun auch noch ſwegen der Sicher⸗ heit ihres Gemahls beſorgt; denn dieſe Be⸗ ſorgniß mußte ein ſo geheimnißvolles Ereig⸗ niß in ihrem liebevollen, theilnehmenden Her⸗ zen erwecken. Achtes Kapitel. Wenn Vorbedeutungen und Schreckenszeichen Das ſinſtre Element durchglühn, erbleichen Die Furcht uns, knechtiſch zwingend, macht, Da wird die Geiſterwelt, in ihrem Walten Verwirrt zu grell chaotiſchen Geſtalten, Geſtürzt in gleiche, bange Nacht. So ſehr Sir Lionel durch das Erſcheinen die⸗ ſes neuen Gaſtes auch erſchreckt und in Wuth geſetzt ward, ſo verfolgte er doch ſeine uͤbrigen Plaͤne der Vergroͤßerung und Rache mit eben der Ruhe, Feſtigkeit und Liſt, welche ihn bis⸗ her gluͤcklich und ſiegreich durch jede Gefahr ge⸗ leitet hatten. Sein Geiſt wuchs ſtets mit die⸗ ſer in gleichem Maaße, ſein Herz ſchwoll von ſeinem eigenen geſammelten Gifte, und dem ſtolzen Vorgefuͤhle des Sieges an, wenn er irgend einen Angriff vollfuhrte oder uͤberlegte, und nur in dem einen Falle, den wir ſo eben anfuͤhrten, hatte er ſich von Beſorgniß und Wuth fortreißen laſſen. Daß Dudleh ſich an den Großſiegelbewah⸗ rer gewendet, hatte Sir Lionel der Gefahr aus⸗ geſetzt, die Verſtandesfaͤhigkeit ſeines Muͤndels geſetzlich pruͤfen zu laſſen, und er hatte ſeine ganze Gewandtheit aufgeboten, alles ſo einzuleiten, daß er einen gluͤcklichen Evfolg fuͤr ſich erwar⸗ ten durfte. In der That war er uͤber den Zu⸗ fall erfreut, denn da ſich die Minderjährigkeit Cecils ihrem Ablaufe nahete, fuͤhlte er die Nothwendigkeit, jede Klage gegen den Beſitz von deſſen Vermögen zum Schweigen zu brin⸗ gen, indem er eine gerichtliche Erklaͤrung des Schwachſinnes ſeines Muͤndels erlangte; war dies nur geſchehen, ſo hoffte er auch zum be⸗ ſtaͤndigen Waͤchter von Cecils Perſon ernannt zu werden, und dann konnte er es leicht ver⸗ hindern, daß dieſer ſich jemals vermaͤhle, oder auf andere Weiſe die weiten Beſitzungen der Familie zerſtreue. Daruͤber zu wachen, daß ſie nicht verſchwendet wuͤrden, war er als all⸗ einiger, nach dem letzten Willen des Sir Giles Hungerford eingeſetzter Erbe, berechtigt, obgleich er auf dieſes Recht weit weniger Gewicht legte, als auf neun andere, welche ſämmtlich in ſei⸗ nem gegenwaͤrtigen Beſitze vereinigt waren. Die Hinderniſſe bei dieſer Verfahrungs⸗ weiſe waren uͤbrigens auch keineswegs ſo un⸗ uberſteiglich, als ſie auf den erſten Anblick — 200— erſcheinen konnten. So verſchieden die beiden Gegenſtaͤnde ſind, wiſſen wir doch, daß es oft hoͤchſt ſchwierig iſt, wenn man den Horizont zeichnen will, die Linie zu beſtimmen, welche Erde und Waſſer trennt; eben ſo iſt es oft auch nicht minder ſchwierig, die zarte Linie zu beſtimmen, welche Verſtandesfaͤhigkeit oder Un⸗ faͤhigkeit bezeichnet, obgleich beide ſo gaͤnzlich entgegengeſetzt ſind. Cecils Ausſchweifen in Gedanken und Handlungen, ſeine gaͤnzliche Un⸗ wiſſenheit in vielen der einfachſten Dinge, ſeine Abneigung vor aller Geſellſchaft, ſein ſonder⸗ barer Hang, ſich in der Nacht der Wokey⸗ Hoͤhlen zu vergraben, und ſeine Liebe zu der Einſamkeit und ſeinem Hunde, konnten von Solchen wohl fuͤr Geiſtesſchwaͤche ausgelegt werden, welche die unverantwortliche Vernach⸗ läſſigung und die ſchaͤndlichen Kuͤnſte nicht kannten, durch die dies alles entſtanden, oder die unfaͤhig waren, zu erkennen, daß ſein Geiſt hell und klar war, wie die Sonne, obgleich er, wie dieſe, zuweilen durch voruͤberziehende Wolken verhuͤllt ward. Vorzuͤglich auf ſeine Unwiſſenheit baute Sir Lionel die ſicherſte Hoffnung eines guͤnſtigen Erfolges, beſonders, da ſein Exlehrer zugegen war, ſeine Lernun⸗ faͤhigkeit zu bezeugen. Doch entſchloſſen, dem Zufalle nichts zu uͤberlaſſen, und in einem ſo — wichtigen Falle eher zu viel, als zu wenig zu erlangen, ſpann er ein weites Luͤgengewebe, durch welches der Juͤngling einer ſolchen au⸗ genblicklichen Verwirrung und Wuth in ſeinen Reden, oder bei ſeinen ploͤtzlichen Anfällen von Geiſteszerruttung beſchuldigt ward, daß er hoffte, er ſolle nicht nur fuͤr ſchwachſinnig erklaͤrt, ſondern ihm auch zur ſichern Verwahrung uͤber⸗ geben werden, als Jemand, deſſen Freiheit mit dem Wohle der Unterthanen des Koͤnigs nicht vertraͤglich ſei. Dieſen Punkt ſtrebte er ganz beſonders eifrig zu erringen, denn er wußte, daß nichts geeigneter ſei, wirkliche Ver⸗ ſtandeszerruͤttung zu bewirken, als ſtrenge Ein⸗ kerkerung unter dem falſchen Vorwande derſelben. In allen Dingen aber im hoͤchſten Grade vorſichtig, bereitete er ſich, den guͤnſtigen Ein⸗ druck zu verhindern, den Cecils perſoͤnliche Er⸗ ſcheinung auf die Kommiſſarien machen konnte, ſo wie ſeine Schoͤnheit, ſeine Liebenswuͤrdig⸗ keit, die Selbſtbeherrſchung, welche er zuwei⸗ len zeigen konnte, und die ungemeine Bered⸗ ſamkeit, mit der er uͤber gewiſſe Dinge zu ſprechen wußte. Er konnte an dem Tage der Unterſuchung zufaͤllig in dem ruhigſten, gluͤck⸗ lichſten Zuſtande ſein, daher beſchloß Sir Lionel, den guͤnſtigen Eindruck, den dies machen mußte, dadurch zu zerſtoͤren, daß 202— er zugebe, er habe helle Zwiſchenraͤume, waͤh⸗ rend welcher er durch die Geiſtesſtärke, welche ſolchen Ungluͤcklichen dann eigen zu ſein pflege, den ſcharfſinnigſten Beobachter zu taͤuſchen ver⸗ moge, der ihn nicht waͤhrend ſeiner Anfaͤlle der furchterlichſten Geiſteszerruͤttung geſehen habe⸗ Durch dieſe Kunſtgriffe, und die augenblick⸗ liche Verſtandesſchwaͤche, welche die meiſten ſeiner Diener eidlich zu beſtätigen bereit waren, hoffte er mit Zuverſicht, jedes Mitgefuͤhl, das ſeines Muͤndels Erſcheinung erwecken konnte, zu hintertreiben, und ihn durch geſetzmaͤßigen richter⸗ lichen Aus ſpruch fur geiſtes ſchwach erklaͤrt zu ſehen. Die Vorbereitungsmaaßregeln zu dieſer Un⸗ terſuchung wurden jetzt mit der groͤßten Eile betrieben. So mannichfach auch die Geſchaͤfte des Lord Kardinals in jedem Zweige der Ver⸗ waltung waren, ſo duldete er es doch niemals, daß durch eine Verzoͤgerung von ſeiner Seite die Vollſtreckung der Geſetze zuruͤckgehalten werde. Er nahm an dem mißhandelten Ceeil ganz beſonders Theil, auch wollte er einen ſo kuͤhnen Uebertreter der Geſetze, wie Sir Lionel ihm geſchildert worden, von ſeiner erſchlichenen Groͤße herabziehen. Daher beeilte er ſelbſt die Sache, und ernannte die Perſonen, welche an dieſer Kommiſſion Theil nehmen ſollten. In der Ueberzeugung, daß an dem Orte ſelbſt ge⸗ —— nauere Nachrichten einzuziehen ſein wuͤrden, gebot er der Kommiſſion, nach Somerſetſhire zu gehen, und weit mehr nach ihrer eigenen Ueberzeugung, als nach dem Urtheile und den Reden Anderer ſich zu richten, wie beſtimmt und glaubwuͤrdig dieſe auch ſcheinen moͤchten; dann entließ er ſie mit dem Beſehle; die Vollſtrek⸗ kung ihres Auftrags zu beſchleunigen. Einige Zeit vorher erhielt Sir Lionel eine gerichtliche Zufertigung, welche ihm die Namen der Kommiſſionaire und Aerzte bekannt machte, und ihm den Tag anzeigte, an welchem ſie in dem Thurmhauſe eintreffen wuͤrden. Er verlor nun keine Zeit, alle Anſtalten zu treffen, die zu Unterſtuͤtzung ſeiner widerrechtlichen Abſich⸗ ten dienen konnten. um die Ueberzeugung zu erwecken, daß ſein Muͤndel nicht mehr Zwang erdulde, als noͤthig ſei, geſtattete er ihm mehr Freiheit, als bisher, und begleitete ihn ſogar ſelbſt zwei Mal nach Glaſtonbury, damit er da⸗ ſelbſt den Helm ſeines Vaters, und die Inſchrift, die zu deſſen Andenken gemacht worden, ſehen koͤnne. Er erlaubte ihm auch, in der Nach⸗ barſchaft des Thurmhauſes freier umherzuſchwei⸗ fen, obgleich nie ohne Begleitung ſeiner Huͤ⸗ ter, welche zugleich ſeine Entweichung verhin⸗ dern, und den Glauben befeſtigen ſollten, daß er ſich ſelbſt nicht zu leiten vermoͤge. Sir — Lionel fuͤrchtete, daß Cecil ſelbſt zu ſeiner Ver⸗ theidigung mitwirken werde, indem er die Qua⸗ len ſchildere, die er erdulden muͤſſen, daher hielt er ſorgfaͤltig jedes Geruͤcht der Unterſuchung, welche Statt finden ſollte, von ihm entfernt, und als die Zeit derſelben naͤher ruckte, er⸗ neuerte er jene niedertraͤchtigen Kunſtgriffe, durch welche er ſchon fruͤher Cecil in Schrecken und Verwirrung geſetzt hatte, indem er hoffte, daß ſie jetzt wieder den nehmlichen Erfolg herpor⸗ bringen wuͤrden. Die Nacht vor dem, zu der Unterſuchung beſimen Tage, erreichten dieſe teufliſchen Quaͤ⸗ lereien die hoͤchſte Hoͤhe. Sein Schlaf ward ploͤtzlich durch den ſchreiendſten Mißklang grel⸗ ler Toͤne unterbrochen, und dadurch ſein aͤußerſt reizbares Gehoͤr, deſſen wir bereits erwähnten, ſo erſchuͤttert, daß ſein Ohr im Innerſten ver⸗ letzt und zerriſſen zu ſein ſchien, und als er ſo erweckt worden, ſchwebten fuͤrchterliche Erſchei⸗ nungen durch das Gemach, oder naheten ſich ſeinem Bette, in jeder moͤglichen drohenden Stellung, die Furcht oder Entſetzen einfloͤßen konnte. Die Schmerzen ſeines Ohres waren ſo ſtark, daß ſie ihn in gewiſſer Hinſicht ge⸗ gen den ſchrecklichen Eindruck der Geiſtererſchei⸗ nungen ſtaͤhlten, auch war er nicht mehr in einem Alter, in dem man ihn ſo leicht zu —— taͤuſchen vermochte, als fruͤher. Entſchloſſen zu entdecken, ob dieſe Geiſter taſtbar wären, ſprang er aus dem Bette, und griff nach einer der Erſcheinungen, doch es waren phantasma⸗ goriſche Bilder, die ſich nicht ergreifen ließen, und voller Schreck, Angſt und Entſetzen kehrte er wieder in ſein Bett zuruͤck. Snowdrop aber, ſein treuer Hund, der mit ihm in einem Zim⸗ mer ſchlief, war nahe daran, den Schaͤndlichen zu entdecken, der ſo holliſche Kuͤnſte trieb. Durch die ungewoͤhnlichen entſetzlichen Tone erſchreckt, war das arme Thier, Schutz ſuchend, zu ſei⸗ nem Herrn gekrochen, und lag, an Cecil ge⸗ ſchmiegt, den Kopf an deſſen Buſen preſſend, und uͤber und uͤber zitternd, unbeweglich ſtill, doch blickte er zuweilen, nur das Auge ruͤck⸗ waͤrts wendend, auf die furchterlichen Geſtal⸗ ten. Dies waͤhrte einige Minuten, bis eine der Erſcheinungen ſich dem Bette nahete, und einen Dolch zu ſchwingen ſchien; da ſprang das treue Thier, nun den zu ſchuͤtzen, bei dem es erſt ſelbſt Schutz geſucht hatte, empor, und wuͤthend auf den Geiſt ein. Zwar konnte es denſelben nicht faſſen, indeſſen verriethen die ſcharfen Sinne des Thieres ihm jetzt den ver⸗ borgenen Lenker der Geiſtererſcheinungen, und er ſtuͤrzte mit ſolcher Haſt auf ihn zu, daß dieſer ſich nur mit Muͤhe durch die heimliche Thuͤr — 206— in dem Laͤfelwerke, durch welche er unbemerkt in das Zimmer getreten, retten konnte, ſonſt wuͤrden gewiß Snowdrops Zaͤhne den Beweis geliefert haben, daß die Geiſter wirklich Fleiſch und Blut hatten. Erſchoͤpft durch den Mangel des Schlafes, und in allen ſeinen Vorſtellungen verwirrt, ſtand Cecil an dem Tage, der zu ſeiner Pruͤ⸗ fung beſtimmt war, ſehr fruͤh auf, und wan⸗ derte hinaus auf das Feld, in der Hoffnung, daß die Ratur, wie ſie es ſonſt immer gethan, ſeinen Geiſt beruhigen werde. Es iſt wohl un⸗ nothig, zu erinnern, daß ſeine Huͤter ihn be⸗ gleiteten, oder vielmehr ihm folgten,(denn dies pflegten ſie faſt immer zu thun,) mit dem ausdrucklichen Befehle, ihn zu der Stunde der unterſuchung, welche um zwei Uhr Nachmit⸗ tags Statt finden ſollte, zuruͤckzufuͤhren. Auch ſah es Sir Lionel gern, daß Cecil ſo lange abweſend ſei, denn auf die Leute, welche ihn begleiteten, konnte er ſich verlaſſen, nicht aber ſo auch auf alle ſeine andern; von dieſen mußten Einige durch Dudley beſtochen ſein, da ſchon mehrere Verſuche gemacht worden, Cecil heim⸗ lich Briefe in die Hand zu ſpielen. Eine tiefe Niedergeſchlagenheit druͤckte Ce⸗ cils Geiſt, als er ſinnend durch die Felder ſchritt; gaͤnzliche Ermattung, durch die Berau⸗ — 207— bung des Schlafes erzeugt, laͤhmte die Kraͤfte ſeines Koͤrpers, und ſeine Sinne waren noch durch die Erſcheinungen dieſer Nacht zerruͤttet. So ſeltſam und fuͤrchterlich aber auch dieſe und die Klaͤnge geweſen, ſo wuͤrde er ſie doch ganz gewiß ſeiner eigenen erhitzten Phantaſie, und der Verſtandesſchwaͤche, welche man ihm Schuld gab, zugeſchrieben haben, hätten die Sinne ſeines Hundes Beides nicht eben ſo gut wahrgenommen, als ſeine eigenen. Weshalb er ſolchen Verfolgungen ausgeſetzt ſein ſolle, konnte er nicht begreifen; aus welchem Grunde ſie ihn traͤfen, kaͤmen ſie von einem menſchli⸗ chen Weſen, bemuͤhte er ſich vergeblich zu ent⸗ raͤthſeln, und kamen ſie als Strafe von einer Gottheit, ſo konnte er bei der genaueſten Pruͤ⸗ fung ſeines ganzen vergangenen Lebens ſich kei⸗ ner That entſinnen, durch die er ſie verdient. Alle dieſe truͤben, verwirrenden Gedanken hatte er, wie ſchon geſagt, durch den Genuß der freien Natur Gottes, die noch nie ihres lin⸗ dernden Einfluſſes auf ihn verfehlte, zu zer⸗ ſtreuen geſucht. Der Morgen war indeſſen hiezu durchaus unpaſſend. Ein dicker Nebel hing gleich einem Schleier uͤber der ganzen Natur, entzog dem Blicke jeden entfernten Ge⸗ genſtand, und lieh den naͤheren wunderbar phantaſtiſche Geſtalten. Nicht ein Hauch der —— Luft regte ſich, die Duͤnſte zu zerſtreuen; im Gegentheil ſchienen dieſe immer dichter und dichter zu werden, je mehr Cecil vorwaͤrts ſchritt. „Ach!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich hoffte, daß meine Gefuͤhle mit der Natur uͤbereinſtimmen ſollten, und wahrlich, das thun ſie, denn rings um mich her iſt alles in Dunkel und Geheim⸗ niß gehuͤllt; alles Finſterniß und Zweifel; die Welt ſelbſt mit ihrem ganzen Schmucke ein dunkles Raͤthſel; eben ſo unloͤsbar iſt auch mein eigenes Schickſal. Ich weiß nichts, als daß wäͤhrend alle anderen Geſchoͤpfe Troſt und Erheiterung in der Geſellſchaft der Weſen ih⸗ rer eigenen Gattung finden, nur ich allein ein⸗ ſam und ausgeſtoßen ſtehe, des Nachts durch ohrzerreißende Klaͤnge und Erſcheinungen fuͤrch⸗ terlicher Geiſter gepeinigt, und am Tage jedes geſellſchaftlichen Troſtes beraubt. Mein wei⸗ ches, ſehnendes Herz ſuchte ſich weiblicher Lie⸗ benswuͤrdigkeit anzuſchmiegen, doch ich bin zu⸗ ruckgeſtoßen worden, als Knabe und Tropfz fur einen Augenblick glaubte ich, in meinem Vetter einen Freund gefunden zu haben, doch kaum hat er mich des Mitgefuͤhls an meinem Schickſale verſichert, ſo iſt er auch verſchwun⸗ den, und ich werde in einen Kerker geworfen, weil ich ſein Mitleid erweckte.— Die ganze Welt verachtet mich;— ich habe keine Eltern, — 209— keinen Gefährten, keinen Freund!— Verzeih, mein armer Snowdrop, fuhr er nach einer Pauſe fort, ſeinen Hund zu ſich emporziehend, und an ſein Herz preſſend, Du biſt mein Ge⸗ ſellſchafter, mein Freund, und ich darf mich nicht beklagen, denn einen treueren haͤtte ich unter all meinen Mitmenſchen nicht finden koͤnnen.“ Er ließ hierauf den Hund wieder herab, und dieſer bellte nun latt und freudig, und ſprang, gluͤcklich uͤber die Liebkoſungen, die er empfangen, um ſeinen Herrn herum, dieſer aber ging in truͤbe Traͤumereien verloren wei⸗ ter, bis die ſonderbare Geſtaltung der Atmo⸗ ſphaͤre ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Statt daß ſich das Licht bei zunehmendem Tage hätte vermehren ſollen, ſchien es, als nahe die Nacht heran, denn die Finſterniß nahm noch immer zu, und der Nebel, der undurchdringlich uͤber der Erde hing, nahm ein ſo dunkles Blau an, daß man zu der Furcht erregt ward, es nahe irgend eine ſchreckliche Naturerſcheinung. An⸗ dere, unzweideutigere Zeichen beſtätigten dies. Cecil hoͤrte das heftige Rauſchen des Windes uͤber ſich, und die aͤngſtlich kreiſchenden Stim⸗ men der Voͤgel, welche ein ſchuͤtzendes Obdach ſuchten; das Hornvieh auf den Weiden bloͤkte furchterlich, und er hoͤrte den Klang ihrer Hu⸗ II. 14 6 —— fe, als einige erſchreckt uͤber die Steine einer nahen Straße ſprengten. Donnerſtuͤrme hatte Cecil in ihrer ganzen Verſchiedenheit geſehen, doch dies waren nicht die Zeichen, durch welche ſie ſich gewoͤhnlich ankuͤndigten; ein unheildro⸗ hendes Uebel ſchien uͤber der Welt zu ſchwe⸗ ben, und als Mittag herannahete, war die Finſterniß faſt undurchdringlich geworden. Be⸗ wegungslos, wie von paniſchem Schrecken ge⸗ feſſelt, ruhte die Luft; ſelbſt Cecil, auf das Angſigeſchrei der Voͤgel und anderer Thiere, welche er nicht ſehen konnte, lauſchend, von ei⸗ ner ungewoͤhnlichen Dunkelheit umgeben, von welcher er keine Urſach wußte, und bewegt durch die Angſt und das Zittern ſeines Hun⸗ des, der ſich an ſeine Fuͤße ſchmiegte, ſtand ſtaunend und regungslos, und wußte nicht, ſollte er glauben, daß ein Erdbeben die Erde zu ſeinen Fuͤßen ſpalten wolle, daß 8 Ende aller Dinge nahe. „Iſt es nicht genug,“ ſünert er ntlich leiſe vor ſich hin, denn es ſchien ihm, als ſei ſelbſt der Ton ſeiner Stimme nicht geſtattet, wo die ganze Natur ſich athemlos zeigte;„iſt es nicht genug, daß ich durch die Schrecken der Nacht verfolgt werde, ſondern muß ich auch noch dies Entſetzen mit anſehen, wenn es wirklich der Tag iſt, an welchem das — 211— Licht fuͤr immer ſeine Augen ſchließen, und die Erde auf das Todbett legen ſoll? Wes⸗ halb, o, weshalb bin ich ſo mit Haß und Entſetzen verfolgt? das Leben iſt nur ein ſchmaler Raum, der die Finſterniß vor der Geburt und nach dem Tode von einander ſchei⸗ det, aber wenn es ſo nichtig iſt, weshalb wird das meinige dann nicht ſchneller verloͤſcht? O! daß ich die Schwingen haͤtte, welche ich uͤber mir durch die Luft rauſchen hoͤre, daß ich durch die Dunkelheit dahinfliegen koͤnnte, und bald am Ende waͤre! O! daß mich das rauſchende Waſſer erfaßte, deſſen Wellen ich nicht ſehen kann, und mich hinuͤbertruͤge zu dem Ozean der Ewigkeit! O, daß ich zu den Elementen zuruͤckkehren koͤnnte, aus denen ich geſchaffen ward, und das elende Bewußtſein verloͤre, welches mir nur gegeben zu ſein ſcheint, mein Ungluͤck doppelt ſchmerzlich zu fuͤhlen! O, Ihr blinkenden Blumen, Ihr koͤnnt die Augen weit aufthun, denn Ihr kennt kein Leid! Beugt Ihr Eure Haͤupter vor dem Hauch des Stur⸗ mes, oder werdet Ihr vom Fuß des Menſchen niedergetreten, ſo habt Ihr nichts Suͤßeres zu beweinen, und Euer Tod iſt nur eine ſchmerz⸗ loſe Verwandlung, durch die ihr Euch zu den Wolken aufſchwingt.— O, Ihr Wolken, Ihr ſeid gluͤcklich, ſelbſt wenn Ihr weint, denn 14* —— —— Eure Thraͤnen werden zu Tropfen des Heiles fuͤr die Erde, und wenn Ihr errothet, ſo iſt es nicht aus Schaam, ſondern aus Freude uͤber den Anblick der Sonne; Ihr ſchwebt zwiſchen Himmel und Erde, aber Ihr fuͤrchtet nicht die Strafe des einen, noch die Grauſamkeit und Ungerechtigkeit der andern. Ich ſehe rings um mich, und erblicke nichts ſo Ungluͤckliches, ſo Erbärmliches, als den armen Cecil Punen⸗ ford.“ Er ſetzte ſich auf einen Stein, nahm ſeinen zitternden Hund vor ſich zwiſchen die Knie, legte ſeine beiden Haͤnde gefaltet auf deſſen Ruͤk⸗ ken, und uͤberließ ſich ſeinen melancholiſchen Traͤumereien, nur dann und wann auf den dunklen Himmel blickend. Nach einiger Zeit ſchien es ihm, als wenn die Finſterniß abneh⸗ me, als wenn der Nebel weniger dicht und dunſtig ſei; ſeine Gefuhle ſtimmten mit dem uͤberein, was er fuͤr ein Zeichen des ruͤckkeh⸗ renden Vertrauens hielt, und er ſetzte ſein Selbſtgeſpraͤch mit verminderter Betrubniß fort.„Undankbarer, der ich bin; weshalb ſollte ich zittern oder zagen? Selbſt wenn der Tag der Vernichtung gekommen, was haͤtte ich zu fuͤrchten? Zeigt uns nicht die wundervolle Pracht der Natur, daß Gott eben ſo wohl gut als groß iſt? Kleidet er nicht die Erde eben ſo gut mit jeder Freude, als er ihre Kinder naͤhrt? Sendet er nicht die Jahreszeiten in ihrer regelmaͤßigen Folge, kuͤhlt er nicht die erhitzte Erde mit dem Hauche ſeiner Luͤfte? Und ſo wird es auch dann noch ſein, wenn dieſes geheimnißvolle Dunkel verſchwunden iſt, denn der Schoͤpfer kann ſeine Geſchoͤpfe nicht vergeſſen, ſelbſt nicht ein ſo elendes, ungluͤck⸗ liches, als ich bin. Dieſe Schrecken ſind nicht, wie ich mir es einbildete, ein Zeichen ſeines Zornes gegen mich.— O, nein! nein! nein!— Die Menſchen moͤgen mich verfolgen und un⸗ terdruͤcken, die Welt mag mich gering ſchaͤtzen, mag mich als einen Schwachkopf, einen Aus⸗ 3 geſtoßenen betrachten, doch die Gottheit wird 1 mich nicht verlaſſen.“ Ein ſpaͤrliches Licht glaͤnzte jetzt durch die Wolken, grade hinreichend, den Stand der 3 Sonne am Himmel zu zeigen. Da ſiel Cecil auf die Knie, faltete die Haͤnde, und rief, den Blick gen Himmel erhoben:„Ol glaͤnzende, ewige Sonne, du Auge Gottes! ſo verhuͤllt du auch jetzt noch biſt, ſo wirſt du dich doch nicht weigern, wohlwollend auf mich herab zu 1 blicken.— Was ſind der Erde Leiden, wenn du mir noch das Laͤcheln des Himmels ſenden kannſt? Du wirſt dich nicht weigern, auf mich zu blicken, wenn ich vor dir kniee;— — 214— du wirſt dein Augenlied nicht niederſchlagen, wenn ich dich anflehe—“ Mit plotzlichem, unendlichem Entſetzen hielt er inne. Ein heftiger Windſtoß hatte die Wolken ſchnell aus einander getrieben, und zeigte ihm den Gegenſtand, den er noch ſo eben als das Auge Gottes angeredet hatte, mit herabgeſenktem Augenliede. So wenig⸗ ſtens ſchien es ſeinem verſtoͤrten, mit Entſetzen erfullten Blicke. Es war eine große Sonnen⸗ ſinſterniß. Von dieſen Himmelsphaͤnomenen hatte er, wegen der unwiſſenheit, in welcher er willentlich aufgewachſen, nie etwas erfah⸗ ren. Aber ſelbſt wenn er ſie gekannt haͤtte, iſt es wahrſcheinlich, daß er bei der Aufregung ſeines Gemuͤthes, und bei dem ſonderbaren Zuſammenhange, in welchem die Erſcheinung mit ſeiner Rede ſtand, einen eben ſo großen Schrecken gefuͤhlt haben wuͤrde. Er betrach⸗ tete es als eine beſtimmte Antwort des Him⸗ mels, als eine Zuruͤckweiſung ſeines flehent⸗ lichen Gebetes, hielt ſich als einen zweiten Kain gebrandmarkt, und ſeine Gedanken, ſeine Begriffe verwirrten ſich gaͤnzlich. Einige Se⸗ kunden blickte er mit unbeſchreiblichem Ent⸗ ſetzen auf das Phanomen, und ward dann von plotzlicher Raſerei ergriffen. Sein langes Haarflatterte im Winde, der jetzt —— die Wolken ganz zerſtreut, den Nebel vertrieben hatte, er ſtieß ein lautes, gellendes Angſigeſchrei aus, und lief, von ſeinem erſchreckten Hunde ge⸗ folgt, der beſtaͤndig aͤngſtlich heulte, mit Windes⸗ Eile den Mendip⸗Bergen zu. Das Herz des kuͤhnſten Zuſchauers muͤßte bei dem Schauſpiele ergriffen worden ſein, wie er ſo durch die noch wildempoͤrte Natur dahineilte. Seine Huͤter, welche jetzt nicht mehr ein unnuͤtzes Amt hat⸗ ten, folgten ihm, doch ihre groͤßte Haſt ward von der Fluͤchtigkeit des Wahnſinnigen ſo weit uͤbertroffen, daß ſie, weit entfernt, ihn einho⸗ len zu koͤnnen, kaum vermochten, ihn im Ge⸗ ſichte zu behalten. Waͤhrend einiger Zeit be⸗ zeichnete ſein gellendes Angſtgeſchrei den Weg, den er genommen, aber endlich verhallte dies, und ſie ſahen ihn nur noch dann und wann, als er die Hoͤhen der Mendip⸗Berge erreichte, und an den Abgruͤnden dahinflog, oder von Spitze zu Spitze kletterte. Dann verloren ſie ihn ganz aus dem Geſichte, und glaubten, daß er von einer der Felshoͤhen hinabgeſtuͤrzt ſei, und ſich zerſchmettert habe. Doch ſie erinnerten ſich ſehr genau Sir Lionels ſtrengen Befehles, ihn nie aus dem Auge zu verlieren, und wußten wohl, daß man ihm nicht ungeſtraft ungehorſam ſein duͤrfe, — 216— daher ſetzten ſie ihre Nachſuchungen nach Cecil fort, und eilten zu der Wokey⸗Hoͤhle, weil ſie wußten, daß dies einer ſeiner Lieblingsaufent⸗ haltsoͤrter ſei. Laͤngere Zeit ſtreiften ſie durch die wilde Gegend, uͤber felſige Spitzen und durch tiefe Thaͤler dahin, ohne etwas von dem zu ſehen, den ſie ſuchten. Wahrſcheinlich wuͤrden ſie auch in der Tiefe der Wokey⸗Hoͤhle, oder bei den Chedder Klippen, einem anderen Lieb⸗ lingsorte Cecils, nicht gluͤcklicher in ihren Nach⸗ ſuchungen geweſen ſein, waͤren ſie nicht auf Snowdrop getroffen, oder vielmehr, haͤtte der Hund ſie nicht vorſaͤtzlich aufgeſucht, um ihr Fuͤhrer zu ſein. Denen, welche in der Phyſio⸗ logie der Thiere noch weit zuruck ſind, wird es faſt unglaublich ſcheinen, daß Cecils Huͤter ſo⸗ gleich in den Augen des Hundes laſen, es ſei ſeinem Herrn irgend ein Unheil begegnet, und er wolle ſie zu dem Orte fuͤhren, an dem es ſich zugetragen; ſie erriethen durch ſein Knurren, ſein Wedeln, ſeine Bewegungen, ſogleich ſeine Abſicht, und beſchloſſen auf der Stelle, ihn zu ihrem Fuͤhrer anzunehmen. Als er ſah, daß er verſtanden worden, beſchleunigte er ſeinen Lauf, als wenn ſchnelle Huͤlfe noͤthig ſei, und ſah ſich ofters aͤngſtlich um, gleichſam als wolle er ihnen Vorwuͤrfe uͤber ihr Zoͤgern machen. — 217— Ueber Moor und Sumpf, durch Thal und Buſch und Wald, uͤber nackte Felſenhohen und an tiefen Abgruͤnden hin, leitete er ſie, bis ſie eine enge Schlucht erreichten, an deren einer Seite ein kleiner Bach, von der Hoͤhe des Fel⸗ ſens herabfließend, eine ſchmale, doch tiefe Spalte gebildet hatte. An dem blumigen ufer dieſes Baches war Cecil, durch Entſetzen und Anſtrengung erſchoͤpft, in Ohnmacht geſunken. Hier lag er noch, ſchoͤner als irgend eine der Bluͤthen an ſeiner Seite; ſchoͤner als Adonis oder Hiazinth, die ſelbſt nicht die ploͤtzliche, traurige Art ihres Todes ihrer Schoͤnheit be⸗ rauben konnte. Als die Huͤter ſich ihm nahe⸗ ten, zweifelten ſie nicht, daß er todt ſei, denn er beachtete ſeinen Hund nicht, der in der Freude, ihm Beiſtand herbeigeholt zu haben, mit ſo lautem Gebell um ihn herſprang, daß es Je⸗ den erweckt haben muͤßte, der nur geſchlafen haͤtte. Er blieb aber bewegungslos liegen, ob⸗ gleich der Wind ſein Haar ſpielend bewegte, und es in die Wellen des Baches warf, als ſpotte er des Todes. Selbſt Snowdrop ſchien zuletzt alle Hoffnung zu verlieren, denn als er wieder ganz nahe an ſeines Herrn Ohr gebellt, und deſſen Geſicht mehrere Male ohne Erfolg veleckt hatte, hob er den Kopf empor, und ſtieß — 218— ein langes, gellendes Klagegeheul aus, das ſelbſt die Herzen der Huͤter erſchuͤtterte, ſo un⸗ gewohnt ihnen auch jedes Zeichen des Gefuͤhls war. Einer von ihnen legte ſeine Hand auf Ce⸗ cil, und fand, daß er noch warm ſei; dann richtete er ihn ſanft empor, die Andern br⸗ ſprengten ihm das Geſicht mit Waſſer, und ſo gewann er endlich wieder Athem, und ſchlug die Augen auf. Da ſprang Snomdrop herbei, druͤckte ſeinen Kopf an ſeines Herrn Bruſt, wedelte heftig mit dem Schwanze, und gab unzaͤhlige, doch ſtille Zeichen ſeiner Freude. Cecil aber bemerkte ihn nicht; er ſprach nicht eine Silbe, ſah mit offenen Augen nichts, und war offenbar in einem Zuſtande gaͤnzlicher Fuͤhl⸗ loſigkeit. Die Huͤter wußten nicht, wie ſie ſich dabei benehmen, oder ihn nach dem Thurm⸗ hauſe zuruckſchaffen ſollten, und mit jeder Mi⸗ nute wuchs ihre Angſt, bis endlich einer von ihnen auf die Spitze des Berges lief, ſich um⸗ zuſehen, ob keine Wohnung in der Naähe, oder ſonſt keine Huͤlfe zu erſpaͤhen ſei. Noch war er nicht weit gegangen, als er zum Gluͤcke auf einige Bergleute traf, welche er durch das Ver⸗ ſprechen einer reichlichen Belohnung leicht be⸗ wegte, ihm einen der kleinen Wagen, welche ſie zur Fortſchaffung des Erzes benutzten, zu borgen. Dieſer Wagen ward nun mit einem tuͤchtigen Pferde beſpannt, ein Bote genom⸗ men, der der Gegend vollkommen kundig war, und dann eilten Alle zu dem Orte, wo Cecil zuruckgelaſſen worden. Mie dieſem ärmlichen Fuhrwerke, Snowdrop in ſeinem Schoße, doch ſeiner ſelbſt ſich nicht bewußt, ward Cecil nach dem Thurmhauſe geſchafft, das ſie durch die Wei⸗ ſung des Boten und die Tuͤchtigkeit des Gau⸗ les, weit eher erreichten, als die erſchreckten Huͤter Cecils geglaubt hatten. Bei der verlaͤngerten Abweſenheit Cecils hatte Sir Lionel deſſen Huͤtern in der erſten Wuth die fuͤrchterlichſte Rache geſchworen, da ſie die genaueſten Befehle empfangen, ihn zu einer beſtimmten Stunde zuruͤckzubringen. Ver⸗ raͤther argwoͤhnen ſtets Verrätherei, und als der Tag immer weiter vorruͤckte, nahm Sir Lionel es fuͤr ausgemacht an, daß ſeine Die⸗ ner durch Dudleys Helfer beſtochen worden, und ſeinem Muͤndel zur Flucht behuͤlflich ge⸗ weſen waͤren. Nachdem er alles ſo klug zu der unterſuchung vorbereitet hatte, noch in dem Augenblicke, wo er das SZiel ſchon erreicht zu haben waͤhnte, hintergangen zu werden, war ihm ein unertraglicher Gedanke, und er ſchickte — 220— ſogleich in allen Richtungen mehrere Diener aus, Nachricht von den Fluͤchtlingen einzuzie⸗ hen; doch der dicke Nebel, welcher es verhin⸗ derte, irgend einen Gegenſtand, ſelbſt in gerin⸗ ger Entfernung, zu erkennen, hatte gemacht, daß ſie alle ohne Erfolg zuruͤckgekehrt waren. Als immer mehr Zeit verging, verwandelte ſich ſein anfaͤnglicher Zorn in Wuth, und eben hatte dieſe die hoͤchſte Hoͤhe erreicht, als ſie durch die willkommene Nachricht gedampft ward, daß Cecil mit ſeinen Huͤtern angekommen ſei. Von den Waͤrtern konnte er durchaus keinen genuͤgenden Grund fuͤr Cecils ploͤtzlichen Wahn⸗ ſinn erfahren, auch lag ihm in der That nicht gar viel daran; ihm genuͤgte die Ueberzeugung, daß deſſen Geiſtesfaͤhigkeit noch nicht zuruͤckge⸗ kehrt ſei, denn in dieſem ganz gelegenen gluͤck⸗ lichen Zufalle ſah er ein treffenderes Mittel, ſeinen Zweck bei den Kommiſſarien zu errei⸗ chen, als alle ſeine Ränke zu bieten vermocht haͤtten. Die Natur war jetzt wieder zu ihrem ge⸗ woͤhnlichen Kreislaufe zuruͤckgekehrt, und Alle, die ſtaunenden Blickes nach der verfinſterten Sonne geſehen, waren wieder an ihre Tagesbe⸗ ſchaͤftigung gegangen. Die große Sonnenfinſter⸗ niß war voruͤber, ohne daß ſich eines jener fuͤrchterlichen Naturereigniſſe zugetragen haͤtte, welche die Aſtrologen Londons bei dieſer Gele⸗ genheit vorausverkuͤndeten. Die Kommiſſaire kamen, wie es beſtimmt worden, um zwei Uhr Rachmittags an, und wurden in die große Gerichtshalle gefuͤhrt, dort ſogleich zur Erfuͤl⸗ lung ihres Auftrages zu ſchreiten. So ſehr Sir Lionel auch in dem jetzigen Augenblicke darauf rechnen konnte, daß Cecils perſoͤnliches Erſcheinen zu deſſen Rachtheil gereichen muͤſſe, ſo verſaͤumte er doch nicht, alle die Beweis⸗ mittel herbeizuſchaffen, die er vorbereitet hatte. Die einzelnen Zeugen wurden nach einander vernommen, und ihre Ausſagen zu Papier ge⸗ bracht; eine Beſchaͤftigung, welche viel Zeit raubte. Es waren ſo viele Zeugen, und ihre Ausſagen uͤber Cecils Geiſtesſchwaͤche ſo be⸗ ſtimmt, ſo gleichlautend, daß ſich die Mehr⸗ zahl der Kommiſſarien ſchon jetzt fuͤr hinrei⸗ chend uͤberzeugt hielt. Die Anderen aber, welche den Charakter und die Raͤnke des Vor⸗ mundes kannten, und es wußten, wie leicht falſche Zeugen zu bekommen waͤren, erklaͤrten, daß alles nur von der Erſcheinung des Muͤn⸗ dels ſelbſt abhinge, und verlangten, daß dieſer jetzt herbeigefuͤhrt werde. Sogleich ward er geholt; ſein wilder, verſtorter Blick zeigte noch 22— deutlich die Geiſteszerruͤttung, von der er befal⸗ len geweſen, obgleich er fuͤr den Augenblick in einen gaͤnzlichen Stumpfſinn verſunken zu ſein ſchien. In dieſem Zuſtande blieb er einige Minuten, und beachtete die Fragen nicht, die an ihn gerichtet wurden, bis ſeine Augen ploͤtzlich auf alle die ſchrecklichen Bilder und Zeichen fielen, mit denen die Gerichtshalle, wie wir ſchon fruͤher erwähnten, ausgeſchmuͤckt war. Er faßte jetzt ſchnell den Gedanken, daß er als ein Verbrecher hiehergefuͤhrt worden ſei, und brachte dies mit den Ereigniſſen des Mor⸗ gens in Zuſammenhang. In dieſem Glauben bedeckte er das Geſicht mit beiden Haͤnden, ſtieß einen herzdurchdringenden Angſtſchrei aus, und rief mit klaͤglicher Stimme:„O, verbergt mich! verbergt mich!— Ich bin ſchuldig!— Gott ſchloß ſein Auge vor mir! Ich bin ein Nichtswuͤrdiger, ein Ausgeſtoßener!— Ein Kain, den Gott mit ſeinem Zeichen gebrand⸗ markt hat!— Ach, ſeid barmherzig, und todtet mich ſchnell, denn mein Hirn iſt in Feuer, und mein Herz von Entſetzen zerriſſen!“ Dies, und aͤhnliche Ausrufungen des Schreckens und Entſetzens waren alle Antwort, welche die Kommiſſaire und Aerzte von ihm zu erhalten vermochten, und da ſeine Verwir⸗ rung durch den Aufenthalt in der Gerichtshalle geſteigert zu werden ſchien, befahlen ſie voller Mitleid, daß er hinausgefuͤhrt werde. Jetzt waren ſelbſt die Unglaͤubigſten, Arg⸗ wohnvollſten uͤberzeugt; was ſie auch von den Zeugen gedacht haben mochten, dieſer Beweis war ſchlagend. Deshalb ſetzten ſie ſogleich einen Bericht auf, in welchem ſie Cecil ein⸗ ſtimmig fuͤr wahnſinnig erklaͤrten, und darauf antrugen, ſeinen Vormund auch fuͤr die Zu⸗ kunft noch zu ſeinem Huͤter zu beſtellen(denn die Zeugenausſagen beſtaͤtigten vollkommen deſ⸗ ſen Menſchlichkeit, ſo wie ſeine Faͤhigkeit zu dieſem Amte) und ihm die ungemeſſene Voll⸗ macht zu ertheilen, den Juͤngling einſchließen zu duͤrfen, ſobald er es entweder zu deſſen ei⸗ genem Beſten, oder zu der Sicherheit Ande⸗ rer fuͤr noͤthig halte. Dies Geſuch, von Maͤnnern ausgegangen, die uͤber allen Ver⸗ dacht erhaben waren, beſtaͤtigte der Großſiegel⸗ bewahrer, und glaubte, daß der Abt' von Glaſtonbury hintergangen ſei, und daß Dud⸗ ley entweder aus eigennuͤtzigen Abſichten, oder aus perſoͤnlicher Feindſchaft gegen Sir Lionel die Klage angebracht habe. So hatten die Anſtrengungen zu Cecils Befreiung alſo nur dazu gedient, die Feſſeln, mit denen ſein Un⸗ — 224— terdrucker ihn umgeben, noch enger zuſammen zu ziehen, die geſetzliche Erklaͤrung ſeines Schwachſinnes zu bewirken, und dem liſtigen, furchtbaren Sir Lionel den Triumph uͤber alle ſeine Feinde zu verſchaffen. ———————— Neuntes Kapitel. Jungfrau! willſt Du zwiſchen dieſen Bergen Deiner Reize hohe Pracht verbergen, Einſam in dem ſtillen Dorf' verblühn? Folg' dem Ruf' der Königinn zur Höhe, Die ſie bietet; ſtifte Luſt und Wehe, Rimm des Hofes Huldigungen hin. Der Koͤnig vom Berge, der ſeit ſeinem letzten Siege dieſen ſtolzen Titel mehr als je ver⸗ diente, konnte nun, in dem Beſitze all ſeiner unrechtmaͤßigen Guͤter geſetzlich beſtätigt, mit Muße an der Ausfuͤhrung ſeiner verſchiedenen großen Plane arbeiten. Dudley vermochte er jetzt, nachdem er ihn in die Freiſtatt getrieben, nicht zu verderben, doch traf er alle Anſtalten, daß Vernichtung ihn ereilen muͤſſe, ſobald er es wagte, den Zufluchtsort zu verlaſſen. Ge⸗ gen ſeinen aͤlteſten Feind, den Abt von Gla⸗ ſtonbury, und ſogar gegen deſſen Leben, hatte er die ſchwaͤrzeſte Verſchwoͤrung angeſponnen, und täglich naͤherte ſich dieſe mehr und mehr ihrer Reife. Cecil Hungerford war, nachdem er ſich von dem letzten Anfalle des Wahnſin⸗ MI. 15⁵ — 226— nes auf kurze Zeit erholt, in einen tieferen Truͤbſinn geſunken, als er je gezeigt und Sir Lionel, der ſich ſowohl durch die geſetzliche Er⸗ klaͤrung von deſſen Schwachſinn, als auch durch die Selbſteinkerkerung Dudlehs gegen jeden neuen Angriff zu Gunſten des armen Mondſuͤchtigen, wie es ihm jetzt geßiel, Cecil zu nennen, geſichert ſahe, bekuͤmmerte ſich faſt in keiner Hinſicht mehr um ſeinen Muͤndel. Cecil ward gleich⸗ guͤltig der guten oder ſchlechten Behandlung ſeiner Aufſeher uͤberlaſſen, denen jedoch noch immer auf das Strengſte befohlen ward, ihn nicht aus dem Geſichte zu verlieren. So ver⸗ ging eine geraume Zeit ohne ein wichtiges Er⸗ eigniß in dem Thurmhauſe, deſſen machtigen Gebieter und Herrn die Tugendhaften und Gu⸗ ten taͤglich mehr verabſcheuten, obgleich die jah⸗ relange Erfahrung ſeiner Macht und ſeiner teufliſchen Raͤnke, verbunden mit dem jetzt ganz allgemein befeſtigten Glauben, daß er ſich hol⸗ liſchen Beiſtandes erfreue, ſelbſt den Kuͤhnſten abhielt, ſich in einen Streit mit einem ſo ge⸗ faͤhrlichen, gewaltigen Gegner zu verwickeln. Es nahete ſich um dieſe Zeit ein ſo wichti⸗ ges, ſo ungeheures Ereigniß, daß es die un⸗ getheilte Aufmerkſamkeit von ganz Europa auf ſich zog.— Die Reformation hatte begonnen! — Die ganze Gedankenwelt, welche eine ſo — 227— lange Reihe von Jahren hindurch in den Feſ⸗ ſeln des Aberglaubens und der Unwiſſenheit ge⸗ legen hatte, ſchuttelte ſich jetzt in jenem mach⸗ tigen Krampfe, durch den ſie bald die Bigot⸗ terie, die Mißbraͤuche, die Vorurtheile, und alle jene Graͤuel, mit denen ſie ſo lange bela⸗ ſtet geweſen, abwerfen, und in dem vollen Glanze daſtehen ſollte, ſich dem Himmel mit Freiheit, Reinheit und Wahrheit zu naͤhern. Deutſchland brach zuerſt die Feſſeln eines miß⸗ verſtandenen Glaubens, und gab das Loͤſungs⸗ wort; doch England ſtimmte in den Ruf mit ein, und das Echo warf ihn von ſeinen tau⸗ ſendzackigen Felſen und Klippen mit verſtaͤrkter Gewalt zuruͤck. Mit dieſem Rufe erſtand der Genius Großbrittaniens, und warf den Natio⸗ nen den Fehdehandſchuh hin. Aus den Luͤſten, den Begierden, der Verworfenheit— aus den Laſtern und Ausſchweifungen Heinrichs VIII. und ſeines Hofes— vielleicht den entartetſten menſchlichen Weſen, welche die neuere Zeit aufzuweiſen hat— aus dieſen giftigen Stoffen zog der Himmel, der dafuͤr nicht weniger un⸗ ſere Bewunderung als unſere Dankbarkeit ver⸗ dient, jenes verbeſſerte Chriſtenthum, das in wenig Jahren mehr zur Erhebung und Vered⸗ lung des menſchlichen Geſchlechts beitrug, als alles, was ſeit der Geburt Chriſti geſchehen. 15* — 228— Ein ſo hellſehender, ehrgeiziger Menſch, wie Sir Lionel Fitzmaurice, konnte ſich nicht leicht uͤber die Vortheile taͤuſchen, die ihm bei Ver⸗ folgung ſeiner Plaͤne aus dieſer neuen Ord⸗ nung der Dinge erwachſen mußten, und machte ſich natuͤrlich auch kein Gewiſſen daraus, ſich ihrer zu bedienen. Der Kardinal Wolſey war gewiß der thaͤtigſte, verd ienſtvollſte Miniſter, den Heinrich VIII. jemals beſaß, obgleich man ihm Stolz und Habſucht mit Recht Schuld giebt. Nie iſt er fuͤr den wohlthaͤtigen Zwang, den er den laſterhaften Neigungen ſeines Herrn auferlegte, genug gelobt worden. Waͤhrend er das Ruder fuͤhrte, war des Koͤnigs Betragen groͤßten⸗ theils vorwurfslos, jetzt aber war er todt, und der Koͤnig begann nun allmaͤhlig jene hals⸗ ſtarrige Tirannei zu uͤben, welche aus Mangel jedes genuͤgenden Widerſtandes bald zu der un⸗ erhoͤrteſten Grauſamkeit reifte. Ins Geheim hatte er ſich bereits entſchloſſen, die Kloſter aufzuheben, und jetzt ſammelte er die Rechtfertigungsmittel fuͤr dieſen Schritt, indem er alle Klagen anhoͤrte, welche gegen die Kloͤſter und Geiſtlichkeit ange⸗ bracht wurden, und zwar mit einer Vorneigung, alles zu glauben, was die Sache beſchleunigen, und den großen Zweck ſeiner Habſucht, die Pluͤn⸗ derung der religioͤſen Stiftungen, ſchneller her⸗ beifuͤhren mußte. Fuͤr Sir Lionel, der die Abſicht — 229— des Koͤnigs errieth, eroͤffnete ſich hier eine er⸗ wuͤnſchte Gelegenheit, ſich ſelbſt hoher zu ſchwin⸗ gen, und zugleich an ſeinem gehaßteſten Feinde, dem Abte von Glaſtonbury, Rache zu nehmen, indem er ſolche Beſchuldigungen auf ihn waͤlzte, daß der Name fuͤr ewig mit Schande belaſtet werden mußte, der bisher aller Achtung ge⸗ noß, welche Heiligkeit, Tugend und Gelehr⸗ ſamkeit fordern duͤrfen. Gelang es ihm, zu der Zerſtorung der Abtei thätig mitzuwirken, ſo zweifelte er nicht, daß ihm auch ein Theil des Raubes geſtattet werde. So durch Raub⸗ gier und Rachſucht gleich ſtark angeſpornt, be⸗ gann er ſeine verderblichen Raͤnke zu ſchmieden, und machte von Zeit zu Zeit bei dem Gouver⸗ nement heimliche Mittheilungen, die fuͤr eben ſo wichtig als annehmbar angeſehen wurden. Niemand waren ſie indeſſen willkommener, als dem Koͤnige ſelbſt, der dem Abte perſon⸗ lich abhold war, nicht nur, weil ihn deſſen untadelbarer Lebenswandel verdroß, durch den er ſich und ſein Kloſter in die hoͤchſte Achtung zu ſetzen gewußt, die nun auch auf andere, aͤhnliche Stiftungen uͤbergetragen ward, ſon⸗ dern auch wegen gewiſſer Religionsvorurtheile, an denen der Abt haftete, was von dem herrſchſuͤchtigen Monarchen fuͤr Ungehorſam und Verletzung der ſchuldigen Achtung angeſe⸗ hen ward. Heinrich war jetzt mit der Koni⸗ ginn, Anna Boleyn, auf einer Reiſe durch den Weſten Englands begriffen. Sein Weg fuͤhrte ihn in der Naͤhe von Glaſtonbury voruͤber, und er beſchloß in einem Anfalle ploͤtzlicher Laune einen Beſuch in dem Thurmhauſe. Seine Ab⸗ ſicht war nicht ſowohl, Sir Lionel dadurch eine Gunſt zu erzeigen, als naͤhere Nachrichten uͤber die Abtei einzuziehen, obgleich er ſich Sir Lionels als eines tapfern Kaͤmpfers in den Turnieren noch mit Wohlwollen erinnerte, auch deſſen Mittheilungen in der letztern Zeit mit Vergnuͤgen vernommen hatte. Zugleich wollte er die Abtei, von deren Pracht der Gebaͤude ſo viel geſprochen ward, ſehen, ohne ſie doch ſelbſt zu beſuchen. Seiner grenzenloſen Unge⸗ duld genuͤgte, hatte er einen Gedanken gefaßt, nichts, als die augenblickliche Ausfuͤhrung deſ⸗ ſelben, und er wuͤrde ſogleich den Kopf ſeines Pferdes gegen Glaſtonbury gewendet ha⸗ ben, waäͤre er nicht uͤberzeugt geweſen, daß er es mit ſeinem zahlreichen Gefolge nicht vor Anbruch der Nacht erreichen koͤnne. Jetzt ſandte er nur ſeinen Liebling, Anthony Denny, nach dem Thurmhauſe, dort zu verkuͤnden, daß er es am folgenden Morgen mit einem Beſuche zu beehren geſonnen ſeiz ein fluͤchtiger Renner ſetzte den Abgeſandten in den Stand, dieſen Weg in weniger als der halben Zeit zuruckzu⸗ —— legen, welche der Koͤnig mit ſeinem Hoſſtaate dazu gebraucht haben wuͤrde, da viele Frauen, und eine Menge ſchwer beladener Packpferde ſich mit in dem Zuge befanden. Sir Lionel erſchrak bei der unerwarteten Nachricht. Er war ſich ſeiner zahlreichen Miſ⸗ ſethaten wohl bewußt, und kannte des Koͤnigs kurzes Verfahren bei Beſtrafung der Verbre⸗ cher. Daher war er ſehr geneigt, irgend ein Unheil bei dem Beſuche zu ahnen, bis Sir Anthony ihn beruhigte, indem er ſagte, er habe es ſelbſt gehoͤrt, daß der Koͤnig noch am vergangenen Tage freundlich von Sir Lionel geſprochen, und ſich dabei des großen Turnie⸗ res erinnert haͤtte, bei dem er Sir Lionel zum erſten Male ſah, und zu ſeinem Kaͤmpfer er⸗ nannte. Sir Anthonh hatte auch noch den Auftrag, Sir Lionel zu ſagen, daß er keine Mahlzeit zu beſorgen noͤthig habe. Die Kuͤrze der Zeit haͤtte dazu auch wirklich kaum die Ge⸗ legenheit geboten, da es des Koͤnigs Abſicht war, ſich nicht laͤnger als eine oder zwei Stun⸗ den in dem Thurmhauſe aufzuhalten; dann wollte er nach Wells, wo Anſtalten zu ſeiner Mittagsmahlzeit getroffen worden. Nachdem auf dieſe Weiſe jede Beſorgniß verbannt war, dachte Sir Lionel nur daran, wie er aus dem Zufalle fur ſich Vortheil zie⸗ — 232— hen konne. Er ging ſogleich zu Lady Fitzmau⸗ rice, und ſetzte ſie von der unvorhergeſehenen Ehre des koniglichen Beſuches in Kenntniß. Das Blut ſtieg ihr bei der Nachricht in das Geſicht, und ihre Angſt ſchien mit jeder Mi⸗ nute zu wachſen, bis er zu dem Theile der koͤniglichen Botſchaft gekommen, durch den es ihm erlaſſen ward, fuͤr Erfriſchungen zu ſor⸗ gen. Da vergaß ſie uͤber ihrer Freude die Ehrfurcht, welche ſie ihrem Gatten fuͤr gewoͤhn⸗ lich erwies, ſchlug zwei oder drei Mal die Hände zuſammen, und rief:„Guter Gott! gu⸗ ter Gott!— Nun jetzt ſei der Himmel fuͤr ſeine Guͤte geprieſen. Wahrlich, dieſe Menge der feinen Damen und baͤrtigen Leckermaͤuler, die, dafuͤr ſtehe ich, nur an dem Beſten und Theuerſten Geſchmack finden, muͤßten uns von Haus und Hof gegeſſen haben. Wahrhaftig, wir haben fuͤr's Erſte genug Feſte gehabt, bei den weitſchlundigen Minſtrels, die mehr von unſerem guten Ale verſchlungen haben, als ſie durch ihre Muſik bezahlen koͤnnen, und ſpiel⸗ ten ſie uns auch bis zum juͤngſten Tage et⸗ was vor.“ „Obgleich Sr. Majeſtaͤt uns nicht die Ehre erzeigen wollen, mit uns zu Mittag zu eſſen,“ entgegnete Sir Lionel,„ſo wird Sr. Hoheit — doch vielleicht eine leichte Zwiſchenmahlzeit nicht unwillkommen ſein.“ „Hilf Himmel, Sir Lionel, fuͤr einen ſol⸗ chen Magen, wie der des Koͤnigs, giebt es gar keine leichte Mahlzeit.— Eline leichte Mahlzeit!— Meiner Treue, deſſen Mund kann nicht gefuͤllt werden, ohne daß Euer Beutel leer wird. Er iſt nicht gewohnt, eingeſalzene Speiſen zu genießen; an Faſttagen und an Feſttagen muß er Schwaͤne und Wildprett, Kraniche und Brachvogel ſpeiſen, und kein an⸗ deres Getraͤnk mundet ihm, als gewuͤrzter Hippokras.“ „Deſſen ungeachtet, Madame,“ erwiderte Sir Lionel,„iſt es mein Wille, daß ſogleich eine Mahlzeit bereitet werde; kein Bankett, aber doch ſolche gute, ſchmackhafte, paſſende Spei⸗ ſen, wie es dem Koͤnige anzunehmen, und Sir Lionel Fitzmaurice zu bieten geziemt.“ „Nun, wahrhaftig, das moͤge der Him⸗ mel verhuͤten; Ihr ſagt es beſtimmt nur, um mich zu aͤngſtigen, denn bei der heiligen Jung⸗ frau, es iſt nichts im Hauſe, als geraͤuchertes und geſalzenes Fleiſch, Baͤrenſchinken, einige große Wuͤrſte, und dergleichen. Eine Wild⸗ paſtete war zwar da, aber die iſt dieſen Mor⸗ gen zur Haͤlfte verzehrt worden; und auch von dem Backwerke der vergangenen Woche habe — ich nichts, als einige Ueberbleibſel, die ich den Hunden geben wollte.“ „Ich ſagte Euch meinen Willen, Madame, und ich wuͤnſche, daß Ihr ihn erfuͤllen moͤget. Wenn nichts anderes in dem Thurmhauſe iſt, ſo iſt doch wenigſtens Geld vorhanden, das uns bald alles, deſſen wir beduͤrfen, verſchaf⸗ fen wird. Fort daher in die Kuͤche, die Spei⸗ ſekammer und den Keller. Beeilt Euch; ich will indeſſen dem Haushofmeiſter und den Koͤ⸗ chen Befehl geben, daß ſie nach allen Richtun⸗ gen Boten ausſchicken, was wir brauchen, im Namen des Koͤnigs herbeizuſchaffen.“ „Iſt es wirklich Euer Wille, Sir Lionel, ſo ſollt Ihr mich jederzeit bereit finden, ihm zu gehorchen.— Hilf Himmel! hilf Himmel! was wird das wieder koſten, und wo ſoll es zuletzt ein Ende nehmen?“ Bei dieſen Wor⸗ ten verließ ſie, mit Sorge belaſtet, das Zim⸗ mer; Sir Lionel aber eilte, die noͤthigen Be⸗ fehle zu geben, beſonders aber zu gebieten, daß Cecil wieder in ſein altes Gefaͤngniß nach dem großen Thurme geſchafft, und dort ſo lange ſorgfaͤltig verborgen gehalten werde, bis der Koͤnig und deſſen ganzes Gefolge das Thurm⸗ haus wieder verlaſſen haͤtten. Selten war eine Nacht in dem Thurmhauſe geraͤuſchvoller geweſen, als die nun folgende. — 235— Lady Fitzmaurice, durch ihre grobe Kuͤchen⸗ ſchuͤrze gegen jedes Unheil geſchuͤtzt, und mit einem, von Feuer und Anſtrengung dunkelge⸗ roͤtheten Geſichte, war uͤberall zu ſehen oder zu hoͤren, beſtaͤndig laut nach Margaretha, Johanna, Katharine und Cecilie, oder den ver⸗ ſchiedenen Beamten des Haushalts rufend, um zu erfahren, was hier oder dort mangele, da⸗ mit ſie ein Verzeichniß uͤber alles fuͤhren koͤnne, was gebraucht worden war. Sie ermahnte dabei alle ihre Diener, ſparſam zu ſein, und ein wachſames Auge auf die koniglichen Be⸗ dienten zu haben, welchen oſt nicht mehr zu trauen fei, als denen anderer Leute. Beatrir, welcher der Gedanke ſchmeichelte, vor allen den jungen und froͤhlichen Maͤnnern zu erſcheinen⸗ die das Gefolge des Koͤnigs bildeten, hielt eine wichtige Berathung mit ihrer Kammerfrau, uber die Juwelen und Kleider, die ſie bei dieſer Ge⸗ legenheit anlegen ſolle, denn ihr Vater hatte den Wunſch gegen ſie ausgeſprochen, daß ſie mit aller nur moͤglichen Pracht erſcheine. Sir Lionel ſaß einſam in ſeinem Zimmer, und uͤber⸗ legte, wie er ſich feſtſetzen konne in des Kd⸗ nigs Gunſt, und zugleich ſeine Racheplane ge⸗ gen den Abt ihrer Reife naͤher bringen. Ka⸗ pitain Baſſet, der jetzt den Gebrauch ſeines rechten Armes wiedergewonnen, ſuchte eine Uni⸗ — 236— formskleidung hervor, deren fruͤherer Glanz durch Zeit und Gebrauch indeſſen bedeutend gelitten hatte, oder er erwaͤhlte diejenigen von Sir Lionels Dienern, welche eine Art von Leibwacht des Koͤnigs bilden, und bei deſſen Ankunft ihre Arquebuſen abfeuern ſollten. Doktor Wrench, der nichts weniger liebte, als ſeine Gelehrſamkeit unvorbereitet zu zeigen, ſaß die ganze Nacht auf, um eine glaͤnzende Rede aus⸗ wendig zu lernen. Cecil, der rechtmaͤßige Be⸗ ſitzer des Thurmhauſes war der einzige von al⸗ len Bewohnern deſſelben, welcher uͤber den be⸗ vorſtehenden Beſuch in gaͤnzlicher Unwiſſenheit blieb. In ſeinen Kerker eingeſchloſſen, und durch den mannichfachen Laͤrm am Schlafe ver⸗ hindert, uͤberließ er ſich den ſonderbarſten, ver⸗ ſchiedenartigſten Vermuthungen uͤber den Grund zu dieſer ungewoͤhnlichen Unruhe, bis es ihm endlich, lange nach Mitternacht, als das Ge⸗ raͤuſch allmaͤhlig nachließ, gegoͤnnt ward, ſeine Leiden und ſeinen Kummer in einem ungeſtor⸗ ten Schlafe zu vergeſſen. Am folgenden Morgen richteten ſi ch alle Augen auf die Straße, von wo die hohen Gaͤſte erwartet wurden, ſchon lange vorher, ehe man irgend ein Zeichen ihrer Annaͤherung ſahe. Endlich naheten ſie ſich, und bildeten mit ihrem zahlreichen Gefolge einen langen, bunten Zug, einer orientaliſchen Karavane aͤhn⸗ lich. Der Mangel haͤuslicher Beaquemlichkeit war zu jener Zeit ſo bedeutend, daß die Gro⸗ ßen und Edlen, wenn ſie reiſten, Teppiche mit ſich nehmen mußten, die nackten Waͤnde ihrer Schloͤſſer damit zu bekleiden, und eben ſo auch das meiſte Hausgeraͤth. Bei der Ungewißheit, während des Weges ſelbſt die geringſte Be⸗ quemlichkeit zu finden, laͤßt es ſich erwarten, daß bei einer Reiſe des Hofes das Gefolge un⸗ geheuer war. Kutſchen waren damals noch unbekannt, auch geſtattete die Schlechtigkeit der Landſtraßen, beſonders in den entlegneren Pro⸗ vinzen, dieſes zerbrechliche Reiſemittel nicht. Die vornehmſten Damen reiſten entweder auf Zeltern reitend, oder in einer Art von Palan⸗ kin, das heißt, einem Tragſeſſel, der vermittelſt langer Stangen vorn auf einem, und hinten auf einem zweiten Pferde ruhete. Dies letztere war die Art, auf welche die Koͤniginn bei dieſer Gelegenheit reiſte; ſie war einige Zeit unpaͤß⸗ lich geweſen, und ging nun zur Befeſtigung ihrer Geſundheit in ein mineraliſches Bad. Zuerſt erblickte man nur den Koͤnig und die Koͤniginn, von den Auserwaͤhlteſten des Hof⸗ ſtaates umgeben; das uͤbrige Gefolge mußte in bedeutender Entfernung zuruͤck bleiben, damit der Staub nicht läſtig werde. Selbſt aus * — 238— groͤßerer Ferne konnte man den hohen Stand der vorderen Abtheilung erkennen, theils an dem Flattern und Wogen der Federn auf den Baretts der Reiter, theils an dem flimmernden, blitzenden Schmucke der Pferde.— Dann ka⸗ men die Ritter und Cdelleute, nebſt einigen von den Damen der Koͤniginn, auf Weiberſaͤt⸗ teln reitend, und die Muſiker, welche, eben ſo wie der Hofnarr, den Koͤnig auf allen ſeinen Reiſen begleiten mußten. Den Beſchluß mach⸗ ten die zahlreichen Diener aller Arten, mit den Laſtpferden und Maulthieren, mit dem konig⸗ lichen Jagdgeraͤthe, und einem endloſen Ge⸗ paͤcke beladen, das man unmoͤglich einzeln an⸗ fuͤhren koͤnnte. Ein Komet, der mit ſeinem feurigen Schweife den ganzen Horizont in Flam⸗ men zu ſetzen geſchienen, haͤtte bei den Land⸗ bewohnern Somerſetſhires nicht mehr Aufmerk⸗ ſamkeit erregen koͤnnen, als dieſer Zug des kd⸗ niglichen Hoſſtaates, der ſich ſo unerwartet durch ihre ſtillen Beſitzungen dehnte. Als der Koͤnig und deſſen Begleitung end⸗ lich bei dem Thorhauſe anlangten, feuerte Ka⸗ pitain Baſſets Ehrengarde ihre Arquebuſen ab, und bildete dann zu beiden Seiten ein Spalier, durch welches Heinrich hindurch ritt, waͤhrend Sir Lionels Muſiker einen ſchmetternden Tuſch blieſen. Als der Koͤnig, welcher ganz an der —— Spitze des Zuges ritt, auf den Damm kam, der zu dem Thurmhauſe fuͤhrte, trat ihm Dok⸗ tor Wrench entgegen. Er pflanzte ſich mitten auf den Weg hin, nahm eine redneriſche Stel⸗ lung an, und hinderte den Koͤnig, weiter zu reiten. Die Halskrauſe des Schulmannes war ſteif geſtaͤrkt, ſein Bart in eine horizontale Linie gedreht, und ſein Buſenſtreif mit Roſen⸗ waſſer beſprengt; mit der linken Hand hielt er ſeine Muͤtze, der rechte Arm war ausgeſtreckt, und in dieſer Stellung, ſeine blinkenden Augen auf den Koͤnig gerichtet, begann er ſeine Rede, die, wie er waͤhnte, dem Ohre des Herrſchers hochſt ſchmeichelhaft ſein mußte:—„Ouemad- modum, Rex clementissime, excellentis- sime, invictissime, illustrissime, gloriosis- sime, potentissime, celsissime, sacratissime, serenissime“— Der Himmel weiß, wie viel „issimest“ er noch aus ſeiner tiefen Kenntniß der lateiniſchen Sprache geſchoͤpft haben wuͤrde, haͤtte ihn nicht der Koͤnig unterbrochen. Er hatte einen ganz beſonderen Widerwillen gegen alle kleine, mißgeſtaltete Menſchen; Sir Ralph Sadleir iſt der einzige Kleine, der ſich jemals ſeiner Gunſt zu erfreuen hatte; er haßte eine Ueberraſchung, die ihn zwang, ſein Pferd ſo plotzlich anzuhalten; er war heiß und beſtaubt, und ſehnte ſich, das Haus zu erreichen, und — 240— alle dieſe Gefuͤhle zuſammengenommen machten, daß er im hochſten Zorne ausrief:„Fort! fort! — Was! Sollen wir hier in der Sonne hal⸗ ten, damit Du uns mit Deinen quemadmo- dums und quapropters peinigeſt?“ Bei dieſen Worten wollte er vorwaͤrts rei⸗ ten, der Doktor aber legte viel zu viel Werth auf ſeine Fertigkeit in der lateiniſchen Sprache, um dieſe guͤnſtige Gelegenheit, dieſelbe zu zei⸗ gen, ſo ungenuͤtzt voroͤbergehen zu laſſen, da⸗ her ſtreckte er den rechten Arm aus, hielt den linken zu deſſen Beiſtand bereit, und fuhr fort: „Etsi conscius sim, Rex clementissime—“ „Ha! Du ſprichſt? Was!“ unterbrach der Koͤnig ihn in furchterlicher Wuth;„ſagte ich Dir nicht, Du ſollteſt gehen? Platz, Du Be⸗ ſtie, Du Narr, Du buckliger Zwerg, oder bei der heiligen Maria, ich uͤberreite Dich!“ Er ſpornte dabei ſein Roß, und wuͤrde ganz ge⸗ wiß ſeine Drohung wahr gemacht haben, waͤre der Doktor nicht behende bei Seite geſprungen, und haͤtte in dem Thorhauſe eine Zuftucht ge⸗ ſucht, den Damm fuͤr den Koͤnig und deſſen Gefolge frei gebend. Die aͤngſtliche, komiſche Art der Flucht des Doktors ſchien Heinrich ſeine gute Laune wiedergegeben zu haben, denn als er bei dem Hauptgebaͤude ankam, wo Sir Lionel, deſſen Gattinn und Tochter, und ein zahlreiches — 241— Gefolge ſeiner warteten, ſagte er mit freundlichem Lächeln:„Ha! Sir Lionel Fitzmaurice; was! noch immer die nehmliche hohe Geſtalt— noch immer der nehmliche, kraͤftige Krieger? Die Zeit hat ſich wohl geſcheut, ihre Macht an Dir zu uͤben, denn wahrhaftig, manches Jahr iſt verfloſſen, ſeit ich Deinen Vater demuͤthigte, und Dich zu meinem Kaͤmpfer erwaͤhlte.“ Sir Lionels Naſenlocher dehnten ſich aus, ſein Bart wogte auf und nieder, und voll un⸗ terdruͤckten Grimmes biß er die Zaͤhne zuſam⸗ men, denn ſelbſt von ſeinem Koͤnige konnte er dieſe Anſpielung auf die Unrechtmäßigkeit ſeiner Geburt nicht ruhig ertragen. Indem er das Haupt niederbeugte, ſeine Aufregung zu verber⸗ gen, bemerkte Heinrich die Narbe an ſeinem Schlafe, und ſagte:„Ha! ich erinnere mich, daß man mir erzaͤhlte, Du waͤreſt ſchwer ver⸗ wundet worden, doch, bei Johannes dem xau⸗ fer, das laubte ich nicht, daß die Wunde ſo gefaͤhrlich geweſen. War es nicht bei einem Grenzgefechte, als die Schotten plotzlich Allarm ſchlugen, und uns eine Schlacht anboten, ir⸗ gendwo, da in Glendale?“ „Nicht in Schottland, ſondern in Nor⸗ thumberland, in der Schlacht bei Flodden⸗Hill, Ew. Hoheit zu Befehl.“ „Richtig, richtig, als Du durch den Gra⸗ II. 16 — 242— fen von Surrey auf dem Schlachtfelde zum Ritter geſchlagen wurdeſt; wahrlich, Sir Lionel, es freut mich, Dich ſo wohl zu ſehen, und in ei⸗ nem ſo ſchoͤnen Hauſe, von ſolcher zahlreichen Dienerſchaft umgeben.“ Unter dem Beiſtande der Lady Fitzmaurice und deren Tochter hatte die Koͤniginn jetzt ihren Tragſeſſel verlaſſen, und das koͤnigliche Paar, ſo wie ihre naͤchſte Umgebung, wurden in das Haus gefuͤhrt. Heinrich heftete ſeine Augen mit einem Blicke inniger Bewunderung auf Beatrix, durch deren hohe Geſtalt und wuͤrdevolle Schoͤnheit er nicht wenig ergriffen zu ſein ſchien. Sobald der Koͤnig ſich gewaſchen, und ei⸗ nen Becher leichten franzoͤſiſchen Weines getrun⸗ ken hatte, verlangte er eine geheime Unterre⸗ dung mit ſeinem Wirthe. Er ſagte dabei, daß er vom Reiten noch warm ſei, und die of⸗ fene friſche Luft der verſchloſſenen Stube vorziehen wuͤrde; deshalb ward er zu der hohen Terraſſe gefuͤhrt. Hier nahm er vertraulich Sir Lionels Arm, und ging einige Zeit mit ihm auf und nieder, uͤber die Ankla⸗ gen gegen den Abt ſprechend, und dann und wann ſtill ſtehend, um auf die Abtei zu blik⸗ ken, deren ausgedehnte, bluͤhende, fruchtbare Beſitzungen ſich faſt ſo weit erſtreckten, als das Auge reichte. Sir Lionel hatte Sorge getra⸗ — gen, ſich mit ſolchen Nachrichten zu verſehen, wie ſie willkommen ſein mußten. Er hatte neue Vergehungen, neue Beweiſe von dem Un⸗ gehorſam des Abtes entdeckt, und uͤberreichte dem Koͤnige eine Liſte ſaͤmmtlicher Laͤndereien, Schloͤſſer, Meierhofe, Wälder, Parks, Fiſch⸗ teiche, kurz, aller Beſitzungen, die zu der Ab⸗ tei gehoͤrten, ſo wie ein genaues Verzeichniß des Silbergeraͤthes, der Juwelen und anderer Koſtbarkeiten in dem Gebaͤude ſelbſt. Der Koͤ⸗ nig uͤberlas dies mit großer Zufriedenheit, und nachdem er es in die Taſche geſteckt, und ſei⸗ nem Wirthe fur die guten Dienſte, die er ihm geleiſtet, gedankt hatte, kehrten Beide zu dem Hauſe zuruͤck. „ Obgleich Sir Anthony Denny mir Ew. Gnaden Befehl uͤberbrachte, keine Mittagsmahl⸗ zeit bereiten zu laſſen,“ ſagte hier Sir Lionel, „ſo habe ich doch, in der Hoffnung, daß es Ew. Majeſtät nach einem ſo langen Ritte nicht mißfallig ſein wuͤrde, fuͤr ein kleines Fruͤhſtuͤck geſorgt, freilich nur ſehr gering im Verhaͤlt⸗ niß zu meinen Wuͤnſchen, allein die Kuͤrze der Zeit geſtattete mir nicht mehr.“ „Ha! ſagſt Du, Sir Lionel? iſt etwas Gutes zu eſſen da? Nun, wahrlich, Gott und die heilige Jungfrau mogen es verhuͤten, daß wir Dir alle dieſe Unruhe gemacht, ohne Dir 16* — 244— die Ehre zu erzeigen, Deine Speiſen zu koſten, wie gering ſie auch immer ſein moͤgen. Bei meiner Treue, es gefaͤllt mir wohl; empfange meinen Dank fuͤr Deine Gaſtfreundſchaft, denn, um gute Reiſende zu machen, ſollte der Reiter jedes Mal in das Speiſezimmer gehen, wenn das Pferd zur Krippe gefuͤhrt wird.— Was ſagen Ew. Gnaden?“ fuhr er, ſich zur Koͤni⸗ ginn wendend, fort; wir haben vor dem Mit⸗ tagseſſen noch einige Meilen zu reiten, und es waͤre fuͤr Jemanden, der nicht ſeine volle Ge⸗ ſundheit hat, gar nicht diealich⸗ zu lange zu faſten.“ „Ich bin immer bereit, Ew. Hoheit Wuͤn⸗ 11 ſche zu erfuͤllen,“ entgegnete die Koͤniginn,„doch 1 ich glaube, wir muͤſſen die Ruͤckkehr unſerer guten Wirthinn abwarten, die uns ſo eben ver⸗ laſſen hat, und gewiß bald wieder hier ſein wird.“ „Wenn es Ew. Majeſtät gefaͤllig iſt,“ ſʒi Sir Lionel,„ſo wird meine Lochter deren Platz erſetzen, und Eure Wirthinn machen.“ Denn er hielt ſeine Gattinn nie der geringſten Beachtung werth, und war in der That zu⸗ friedener ohne ihre Geſellſchaft, als mit der⸗ ſelben. „Eine ſchoͤnere, wuͤrdigere kann ich nicht haben,“ erwiderte die Koͤniginn mit gnaͤdigem — 245— Lächeln, legte ihren Arm in den Beatrixens, und ging mit dieſer voran; der Koͤnig und die uͤbrige Geſellſchaft folgten ihr in das Speiſe⸗ zimmer. Lady Fitzmaurice, welche ſich ent⸗ fernt hatte, um die Oberaufſicht uͤber die Auf⸗ tragung und Anordnung der Speiſen zu fuͤhren, vertiefte ſich in die Befehle zur Ordnung und Ermahnungen zur Sparſamkeit, die ſie gab, bis ſie hoͤrte, daß die Geſellſchaft das Zederzimmer ſchon verlaſſen habe; dann eilte ſie nach dem Speiſezimmer, ihr wo moͤglich noch zuvorzu⸗ kommen. Die grobe Kuͤchenſchuͤrze, welche ſie in Dudleys Gegenwart unwiſſentlich umbehal⸗ ten, hatte ſie zwar bei Seite geworfen, allein das große Bund Schluͤſſel hing noch an ihrem Guͤrtel. Das Geklingel der Schluͤſſel wuͤrde ſie ganz gewiß darauf aufmerkſam gemacht ha⸗ ben, waͤre ſie nicht von dem Kummer uͤber al⸗ les, was ſie jetzt wieder auszugeben gezwungen worden, zu tief ergriffen geweſen. „Was, der Tauſend, Sir Lionel,“ rief der Koͤnig, als ſie in vollem Trabe in das Speiſezimmer trat, ſo daß ihre muſikaliſchen Schluͤſſel ſich laut hoͤren ließen,„iſt Euer gutes Weib ſo ſehr geneigt, die Schule zu umgehen, daß ſie ihre Schritte durch Schellengelaͤute be⸗ merklich machen muß, wie das Packpferd ei⸗ 246— nes Laſttreibers oder der Leithammel eines Schaͤfers?“ z pnig Die ganze Geſellſchaft lachte laut, denn koͤnigliche Scherze ſind, wie bekannt, ſtets un⸗ widerſtehliche Erwecker der Lachluſt; Beatrir uͤberflog eine tiefe Roͤthe der Schaam und des unwillens, und Sir Lionel machte durch einen ausdrucksvollen Blick ſeine Gattinn auf den Ge⸗ genſtand aufmerkſam, welcher der Grund der allgemeinen Frohlichkeit war. Sie ſteckte die Schluͤſſel nun ſchnell in ihre Laſche, wandte ſich zur Koͤniginn, und ſagter„Jetzt ſind ſie an ihrem Orte, und ich flehe um Ew. Ma⸗ jeſtaͤt Verzeihung, daß ich dies fruͤher zu thun vergaß, doch ich bin uͤberzeugt, daß Ew⸗ Ho⸗ heit ſelbſt eine zu gute Hausftau ſind, um nicht die Schloſſel einer beſondern Beachtung zu wuͤr⸗ digen. Es wuͤrde wahrlich ſchlimm ausſehen in dem Thurmhauſe, gaͤbe es Niemand, der die treuloſe Dienerſchaft ſtreng im Auge behaͤlt.“ 22 Die Königinn ſagte ihr einige Schmeicheleien uͤber die Haͤuslichkeit, von der ſie ſo deutliche Beweiſe gegeben, und dann gingen Alle mit einem Eifer an die Vertilgung der aufgetrage⸗ nen Speiſen, daß es ſehr wahrſcheinlich ward, das in Wells beſtellte Mittagseſſen werde um⸗ ſonſt bereitet ſein.„Wie, Sir Lionel, was! Nennſt Du das eine geringe, arme Mahlzeit? Verwuͤnſcht will ich ſein, wenn es nicht ein ordentliches, ſchmackhaftes Feſtmahl iſt; ich wun⸗ dere mich nur, wie Du es haſt moͤglich ma⸗ chen koͤnnen, in der kurzen Zeit dies alles her⸗ beizuſchaffen. Wahrlich, Deine Hausfrau muß zaubern koͤnnen.“ So unzufrieden Lady Fitzmaurice auch anfangs damit geweſen war, ihren Koͤnig bewirthen zu ſollen, ſo ſehr ſie die bedeutenden Ausgaben gefuͤrchtet, die dies verurſachen mußte, ſo hatte doch jetzt, nun der Tiſch gedeckt war, ihre Gaſtfreundlichkeit nicht nur alle jene Ge⸗ danken verdraͤngt, ſondern auch die Angſt und Schuͤchternheit vertrieben, die ſie unter jeden anderen Verhaͤltniſſen in einer ſo hohen Geſell⸗ ſchaft gefuͤhlt haben wuͤrde. Noch mehr ermu⸗ thigt durch des Koͤnigs Anſpielung auf ſie ſelbſt, wagte ſie es, auf die Rede zu antworten, die eigentlich an Sir Lionel gerichtet worden, und rief aus:„Ja, bei meiner Treue, wir haben weder Muͤhe noch Koſten geſpart, und ich hoffe, es wird Ew. Gnaden gefallen, ſich das Eſſen ſchmecken zu laſſen, denn wahrhaftig, Ihr ſeid uns herzlich willkommen. Moͤchte es Euch gefaͤllig ſein, dieſe Roſen⸗Aepfel zu ko⸗ ſten; ſie ſind ſelten, und von herrlichem Ge⸗ — 248— ſchmacke, und, bei der Meſſe, das muͤſſen ſie auch, denn jeder koſtet einen Silberſchilling.“ „Ich daͤchte,“ ſagte die Koͤniginn,„dieſes Wild⸗Haché iſt ſo trefflich, wie es uns noch nie durch unſere koͤniglichen Koche bereitet wurde.“ Lady Fitzmaurice fiel wieder ein, ſetzte die Bereitung aus einander, ließ ſich durch das La⸗ chen mehrerer Hofleute in ihrem Eifer nicht irre machen, und gab endlich faſt von ſaͤmmtlichen Speiſen, die ſich hier auf dem Tiſche befanden, die Recepte und die Art, wie ſie gemacht wer⸗ den muͤßten, auf das Genaueſte an. Der Koͤnig war bisher mit den Speiſen noch zu ſehr beſchaͤftigt geweſen, um auf dieſe Geſpraͤche ſehr zu achten, doch als er ſeinen Hunger geſtillt, bemerkte er die ſchwache Seite ſeiner Wirthinn, und ergotzte ſich nun daran, ihr ihre ſämmtlichen Kuͤchenfertigkeiten zu ent⸗ locken, zur großen Freude der Hofleute, und gleich großem Mißbehagen Sir Lionels und deſſen Tochter. Doch er ward dieſes Zeitver⸗ treibes bald uberdruſſig, ſtand auf, und ſchlug vor, nach dem Geſellſchaftszimmer zuruͤckzukeh⸗ ren. Erſt wenige Minuten hatte der ungedul⸗ dige Monarch hier verweilt, als er erklaͤrte, daß es Zeit ſei, die Reiſe fortzuſetzen, und deshalb die Pferde zurecht zu machen befahl. — 249— Noch ehe dies geſchehen konnte, fing es plotz⸗ lich an, ſtark zu regnen; die Abreiſe ward da⸗ durch fuͤr den Augenblick verhindert, auch ſchien es, als werde der Regen lange anhalten. Die Koͤniginn bemerkte jetzt das Spinet, und wuͤnſchte, den Koͤnig, den jedes Hinderniß an der Erfuͤl⸗ lung ſeines Willens in die uͤbelſte Laune ver⸗ ſetzte, aufzuheitern, deshalb ergriff ſie Beatrir Hand, fuͤhrte ſie zu dem Inſtrumente, und bat ſie, zu ſpielen. In der Eile, mit der Dudleh abgereiſt war, hatte er ein Buch mit Josquins franzoͤſiſchen Liedern zuruͤckgelaſſen, und Beatrix hatte ſeit⸗ dem alle dieſe Geſaͤnge auswendig gelernt. Jetzt erwaͤhlte ſie zufaͤllig ein Liedchen, das der Koͤ⸗ niginn ganz beſonders gefallen, als ſie es, noch als Maͤdchen, an dem Hofe des franzoͤſiſchen Koͤnigs, Franz I., gehoͤrt. Viele Jahre wa⸗ ren vergangen, ſeit ſie es zuletzt vernommen, und es beſchwor jetzt eine Erinnerung ihrer gluͤcklichen Jugendtage herauf, eine Sehnſucht nach jener Zeit, die ſie in dem ſchoͤnen Frank⸗ reich verlebte, jetzt, wo ſie lange genug ver⸗ maͤhlt war, um einzuſehen, daß des Koͤnigs Gattinn nichts ſei, als eine geſchmuͤckte Scla⸗ vinn, und daß ſie gluͤcklicher geweſen in ihrer fruͤ⸗ heren Unbedeutendheit, als in ihrer jetzigen Groͤße. Sie ließ Beatrix die ganze Samm⸗ III. 17 — 250— lung ſingen; jedes Lied erweckte irgend ein neues Bild der heiteren Vergangenheit, das lange in ihrem Gedaͤchtniſſe geſchlummert hatte. Mit immer ſteigender Wonne lauſchte ſie den Toͤnen, und zu gleicher Zeit wuchs in eben dem Maaße ihre Vorliebe fuͤr die Saͤngerinn, die ſo, wie mit Zaubergewalt, den Geiſt ihrer gluͤcklichern Tage der Vergangenheit heraufbeſchworen hatte⸗ Willig wuͤrde ſie noch laͤnger zugehoͤrt haben, allein der Koͤnig draͤngte voller Ungeduld zur Abreiſe, obgleich der Regen noch immer nicht aufgehoͤrt. 3 Er konnte Widerſtand ſo wenig vertragen, daß 3 er ſelbſt mit den Elementen haderte, und die Koniginn kannte ſeine Heftigkeit zu gut, um eine Verzoͤgerung ihres Aufenthaltes zu erbitten. Sie wuͤnſchte indeſſen, ihre Trennung von Bea⸗ trix ſo lange als moͤglich hinauszuſchieben, und bat ſie deshalb, ſie mit in das Bad zu begleiten. Waͤhrend der Reiſe dorthin fand ſie ſo viel Gefallen an ihrer neuen Geſellſchafterinn, daß ſie, an dem Ziele angelangt, einen Boten an Sir Lionel ſandte, dieſen zu erſuͤchen, daß er ſeiner Tochter erlaube, ſo lange bei der Koͤni⸗ ginn zu hleiben, als dieſe ſich in Somerſet⸗ ſhire aufhalte. Mit Freuden willigte Sir Lio⸗ nel ein, auch war es ihm keineswegs zuwider, als er nach einigen Tagen einen zweiten Boten erhielt, durch welchen die Koͤniginn ihm anzei⸗ — nach der Hauptſtadt des Reiches an, ihr Herz gen ließ, daß ſie Beatrix eine Anſtellung zuge⸗ theilt, und ihr den Vorſchlag gemacht habe, den Hof nach London zu begleiten. Er ſah es ein, daß Beatrir unter ſo maͤchtigem Schutze weit mehr Gelegenheit haben werde, zu ſteigen, als ſich ihr in der Heimath bot, auch hoffte er, ſie werde hinreichenden Einfluß gewinnen, ſeine eigenen Plaͤne und Abſichten zu unter⸗ ſtuͤtzen. Beatrix ſelbſt war uͤber dieſen uner⸗ warteten aber freudigen Wechſel ihrer Lage im hoͤchſten Grade entzuͤckt. Seit ihrer Kind⸗ heit war ſie daran gewoͤhnt worden, Hoheit und Pracht als die einzigen, eines Wunſches werthen Gegenſtaͤnde, zu betrachten, und ſie hielt daher eine Anſtellung um die Perſon der Koͤniginn und einen Aufenthalt in dem koͤnig⸗ lichen Palaſte fuͤr den Gipfel der Gluckſeligkeit. Von dieſen Gefuͤhlen erfullt trat ſie die Reiſe von tauſend Vorahnungen des Gluͤckes und der Freude beſeligt. So groß auch fruͤher ſchon Sir Lionels Macht geweſen, ſo war ſie doch durch alle dieſe Ereigniſſe noch unumſtoͤßlicher befeſtigt worden. Die Nachbaren des Thurmhauſes, welche bei der Nachricht von des Koͤnigs An⸗ kunft dahin geeilt waren, hatten ihn auf der Terraſſe Arm in Arm mit dem Monarchen ge⸗ hen ſehen, und die Vermuthung, daß er durch ſeine Tochter ſicheren und ſchnellen Zutritt zu dem Ohre des Koͤnigs gewinnen werde, war ganz natuͤrlich, Es ſchien daher, daß in Zu⸗ kunft jeder Kampf gegen ihn unnuͤtz oder ver⸗ derblich ſei, moͤchte er ſich auch noch ſo harte Bedruͤckungen erlauben; nur in unbedingter Unterwerfung unter ſeinen Willen ſchien von nun an noch Sicherheit zu liegen. Ende des dritten Theiles X ſ 8 9 10 11 12 13 14 16 18 19 „ e . 4 3. 1 „„* 73 5