Gdnard Oikmann in Gießen, eih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2 . lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hiſtel welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet i 3 e 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträt ſ für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Wr.— Pf. 1W f „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und efahr ſelbſt zu ſorgen. chadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der I Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Der Thurm Pill. — D er Thurm Will von Woraz Smith. Verfaſſer von Brambletye⸗Houſe. Wenn ſie in Freud' und Schmerz nicht gleich ſich bliebe, In Glanz und Niedrigkeit, was wär' die Liebe?— Ich weiß und frage nicht, ob Schuld in deiner Bruſt; Was du auch ſeiſt, dich lieb' ich, meine Luſt. Nach der zweiten Auflage des Engliſchen uͤberſetzt von Gustav Sellen. Zweiter Band. Leipzig, 1827. Bei A. Wienbrack. Gedruckt bei Georg Heinrich Maret. Erſtes Kapitel. Lieb und mild, doch ſchwer gekränkt, Ward ſein Geiſt zurückgedrängt, und verlor die Kraft;— Er, der Herrſcher weiter Gauen Muß im eig'nen Schloſſe ſchauen Hohn und ſchwere Haft. Wir hoffen, es wird dem Zartſinne der Da⸗ men nicht widerſprechend gefunden, auch nicht als ein Mangel der Gaſtfreundſchaft Sir Lionels betrachtet werden, wenn wir berichten, daß die Familie des Wirthes und deſſen Gaſt am fol⸗ genden Morgen bei einem Fruͤhſtuͤcke beiſam⸗ men ſaßen, welches aus Grobbrot, Semmel, dem Ruͤckenſtuͤcke eines Rindes, und einer Gal⸗ lone Ale beſtand; es war ein aͤhnliches Fruͤh⸗ ſtuͤck, wie auch die ſechs Edeldamen an dem verſchwenderiſchen Hofe des damals herrſchen⸗ den Koͤnigs bekamen. In Speiſen ſowohl, als in Gebraͤuchen, bezeichnete eine gewiſſe Miſchung von Pracht und Rohheit den Cha⸗ 5 rakter jenes Zeitalters. In der einen Ecke des Simmers ſtand ein Schenktiſch mit ſilbernem Geraͤthe, in fuͤnf Reihen uͤber einander aufge⸗ thuͤrmt, aber dennoch wurde hier von Zinn geſpeiſt, während zahlreiche Diener in pracht⸗ vollen Livreen hoͤlzerne Schuͤſſeln und Teller aufſetzten oder wegnahmen. Noch nicht an die Zeit denkend, wo es fuͤr ſchimpflich gehalten wird, ſelbſt bei der Mittagsmahlzeit Brannte⸗ wein zu trinken, und wo man zum Fruͤhſtuͤck Kaffee, Schokolade oder Thee ſchluͤrft, war die Geſellſchaft ſehr zufrieden mit dieſen Speiſen, und waͤhrend ſie ſich dieſelben wohlſchmecken ließ, ward uͤber die Zeremonien des Saͤnger⸗ feſtes geſprochen, welches an dem heutigen Tage im Thurmhauſe geſeiert werden ſollte. Sir Lionel bezeugte ſeinen Kummer, daß ſolche Feſtlichkeiten in dem Hauſe Statt finden ſoll⸗ ten, ſo kurz, nachdem man die Nachricht von deſſen geehrtem Beſitzer erfahren habe, doch, ſagte er, dies ſei ein Feſt, mit religidſen Fei⸗ erlichkeiten verbunden, das jaährlich, unabaͤn⸗ derlich, an dem Tage Mariaͤ Himmelfahrt be⸗ gangen werden muͤßte. Es ſei, erzaͤhlte er⸗ ausdrucklich ſo verordnet, als die Hungerfords in älteren Zeiten gewiſſe Laͤndereien, welche der Abtei von Glaſtonbury gehoͤrten, in Erb⸗ beſitz erhielten. Seine Gegenwart bei demſel⸗ See ben, und ſein Vorſitz, als Herr des Hauſes, war dabei durchaus erforderlich. Die Paſal⸗ len, die Minſtrels, und beſonders die niedern Lehnsleute, ſagte Sir Lionel, ſaͤhen dieſem jaͤhrlichen Jubel mit ſo viel Erwartung entge⸗ gen, daß er ſich nicht entſchließen koͤnne, ſie dieſes Vergnuͤgens zu berauben, obgleich er verſicherte, daß es mit ſeiner eigenen Betruͤb⸗ niß beſſer n wuͤrde, das S2 abzuſagen. „Guter Gott! guter Gott! Sir Lionel,. rief die Lady aus,„das wuͤrde uns jetzt we⸗ nig nuͤtzen, wo ſchon alles dazu vorbereitet. iſt. Wahrhaftig, lieber als eine Taſche voll be⸗ ſchnittener Goldſtuͤcke wollte ich, daß unſer Gaſt einige Tage fruͤher gekommen waͤre, da⸗ mit wir alle dieſer Unruhe, dieſen Koſten, die⸗ ſen Beſchwerlichkeiten häͤtten entgehen koͤnnen, die doch zu nichts dienen, als einer zuſammen⸗ gerafften Menge von Landlaͤufern, Pfeifern und Baͤnkelſängern den Magen zu fuͤllen. Ver⸗ wuͤnſcht ſeien die Kerle, die anderer Leute Ohr ihres eigenen Mundes wegen gefallen, und de⸗ nen ſelbſt keine Muſik ſo wohl der Klang der Becher und Kannen.“ „Nein, nein, meine gute Margarete,“ ſugte Sir Lionel,„achte dieſe ehrlichen Minſtrels nicht zu gering. Ihr Reich iſt zudem nur von einem Tage, und morgen ſollſt Du wieder ſpinnend unter Deinen Maͤgden ſitzen, und ih⸗ nen, wenn Du vt alle Deine Balladen vorſi ngen.“ „Wahrhaftig, die din ſich auch beſſer an, als dieſe berauſchten Schreier, wenn ihnen unſer beſtes Zweipfennigs⸗Ale in die Naſe ſteigt.— Achte ſie zu gering?!— Wißt Ihr, Sir Lionel, wie viel wir ſchon zu dieſem Feſte ausgegeben haben, fuͤr Getraͤnke und Speiſen?“ ui „Ei, das iſt eine Frage, die paſſender mei⸗ nem Haushofmeiſter vorgelegt wuͤrde,“ entgeg⸗ nete Sir Lionel mit ſeinem ſpoͤt⸗ tiſchen Blicke. „Ach, es iſt wohl gut, ein cdles Herz zu haben, und einen Magen, der nicht nach der Speiſe fragt, aber es iſt ein uͤbel Ding, heut Feſte zu feiern, und morgen zu faſten. Der beſte Haushofmeiſter iſt der Herr, und der ſi⸗ cherſte Geldkaſten ſeine eigene Taſche Es iſt beſſer, von Hans und Kunz zu borgen, die es nicht zuruͤckfordern, als Schuldner zu haben, die uns in das Ohr ſchreien koͤnnten:„„be⸗ zahle!““ wenn wir eben zu Bette gehen wol⸗ len. Wahrhaftig, bei dieſer Weiſe thaͤte es Noth, die Roſenobels wuͤchſen wie aus der Erde.“ Sie vergeſſen, Madame,“ ſagte Beatrix, welche der Unwille roͤthete, daß ihre Mutter ſich ſo ganz ohne Ruͤckhalt blos gab,„Sie vergeſſen, daß dieſe Kuͤchengeſpraͤche unſerem Gaſte wenig Unterhaltung gewaͤhren koͤnnen.“ „Recht, Kind, das vergaß ich, und, bei der Jungfrau, ich bitte ihn deshalb um Ver⸗ zeihung, und meinen theuern Sir Lionel eben⸗ falls, wenn ich ihn beleidigt haben ſollte, ob⸗ gleich er weiß, daß ich mich immer furchte, ihn zu fragen, ob er vergnuͤgt ſei.“ Sie ſah bei dieſen Worten mit dem Ausdrucke der zaͤrtlich⸗ ſten Unterwuͤrfigkeit auf ihren Gatten, doch als ſie bemerkte, daß er ſich ſeitwaͤrts wen⸗ dete, ohne ſie zu beachten, ſeufzte ſie, und ſagte in leiſerem Tone zu Beatrix:„Ich wollte, ich haͤtte uͤber dies ungluͤckſelige Feſt nie ein Wort geſagt, denn ich moͤchte mir lieber die Zunge abbeißen, als ihn aͤrgern.“ Dabei naͤherte ſie ſich der Thuͤre, doch als ſie einen Diener uͤber den Hof gehen ſah, rief ſie ihm zu:„Robin! Robin!— ſage Cicely, ſie ſoll zu mir in die Speiſekammer kommen, und ei⸗ nen Steinkrug mitbringen; ich will den Senf austheilen!“— daruͤber hatte ſie ihre fruhere Reue ſchon wieder vergeſſen, und indem ſie ſich abermals zu Sir Lionel wendete, ſagte ſie: „Dieſer Senf, der zu zwei Pence die Gallone gekauft iſt, wird den Saufbolden herrlich mun⸗ den, aber er iſt ſcharf, und ſie muͤſſen darauf das Doppelte trinken, um ſich wieder abzukuͤh⸗ len.“— Ohne eine Antwort abuwan ver⸗ ließ ſie hierauf das Zimmer. Sir Lionel bemerkte jetzt, daß er ſich eiig dazu vorbereiten muͤſſe, den Minſtrels Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, und ladete Dudley ein, ſich ebenfalls bei der Verſammlung einzufinden, und die Prozeſſion, ſo wie die Luſtbarkeiten und Feſtlichkeiten des Tages mit anzuſehen. Dieſen Vorſchlag nahm Dudley um ſo bereit⸗ williger an, da er vernahm, er ſolle Beatrir zur Gefaͤhrtinn haben; als ſie das Zimmer verließ, ſich anzukleiden, hoͤrte er ſie befehlen, daß ihr Zelter bereit gehalten werde. Eine Stunde, oder mehr, ward ihm geſagt, koͤnne vor der Verſammlung der Geſellſchaft vergehen, und er beſchloß, dieſe Zeit darauf zu verwen⸗ den, ſich das Thurmhaus genauer zu betrach⸗ ten, denn deſſen alterthuͤmliche Bauart, und die vielen ſchwarzen Inſchriften hatten ſeine Neugier erregt. Zu dieſem Zwecke wanderte er aus einem Zimmer in das andere, bis er ſich in der großen Halle ſahe, wo die alten Waoffen, welche an den Waͤnden aufgehangen waren, ſeine Aufmerkſamkeit erregten, obgleich er ſie ſich nicht ſo genau betrachten konnte, —— als er es gewuͤnſcht haͤtte, da an den Waͤnden ſchon die Tiſche zu dem heutigen Feſte aufge⸗ ſtellt waren. Waͤhrend dieſer Beſchaͤftigung hoͤrte er das laute Gebell eines Hundes. Es ſchien uͤber ihm zu ertoͤnen, und aus einem der vier runden Thuͤrme zu erſchallen, welche an den Ecken des Gebaͤudes ſtanden, und der hier das aͤußerſte Ende der Halle bildete. Er beſchloß, den Thurm wo moͤglich zu erſteigen, nicht nur um das Thier, welches eingeſchloſ⸗ ſen ſchien, zu befreien, ſondern auch in der Hoffnung, von dieſer Hoͤhe aus eine beſſere Ueberſicht des Landes umher zu gewinnen. Als er aber den Fuß des Thurmes erreichte, fand er die Thuͤr, die in denſelben fuͤhrte, dicht mit Naͤgeln beſchlagen, und ein ſtarkes Vor⸗ legeſchloß, welches an derſelben lag, ſagte ihm, daß dies irgend ein Verwahrungsort ſei. Kein Diener war in der Naͤhe, und er wollte daher ſchon ſeinen Vorſatz aufgeben, als es ihm einfiel, daß der gegenuͤber ſtehende Thurm viel⸗ leicht nicht eben ſo verwahrt ſei. In dieſer Vorausſetzung fand er ſich nicht getaͤuſcht. Die Thuͤr war offen, und unmittelbar dahin⸗ ter begann die ſteinerne Windeltreppe, welche zu der Spitze des Thurmes fuͤhrte. Bei ein⸗ zelnen Stufen waren weitere Raͤume, durch Einſchnitte in der Mauer erhellt; er ſtieg aber hoͤher hinauf, bis er zu einem Gemache kam, welches ein Fenſter mit der Ausſicht auf das Innere der großen Halle hatte. War es je mit einem wirklichen Fenſter verſehen geweſen, ſo war dies doch wenigſtens jetzt nicht mehr der Fall, ein Umſtand, der ihm geſtattete, den Hund zu ſehen, durch deſſen lautes, ungeduldi⸗ ges Gebelle er bewogen worden, hier herauf zu klettern. Es war ein ſchoͤner weißer Huͤh⸗ nerhund, aber nicht eingeſperrt, wie er es an⸗ fangs vermuthet. Er verſuchte ſeine ganze Kraft, indem er ohne Unterlaß gegen den gra⸗ deuͤber ſtehenden Thurm ſprang. Jedesmal er⸗ neuerte das Thier ſeine Anſtrengungen, wenn es von einem hervorſpringenden Steine, auf dem es ſich fuͤr einen Augenblick erhalten hatte, auf den Boden zuruͤckfiel. Wie groß war aber Dudleys Ueberraſchung, als er, ſorgfältig nach dem Gegenſtande blickend, den der Hund zu erreichen ſtrebte, zwei Arme ſahe, die ſich aus einem vergitterten Fenſter in einiger Hoͤhe, dem Thiere entgegenſtreckten, und ſich, jedoch ver⸗ geblich, bemuͤheten, den armen Hund zu erfaſ⸗ ſen, wenn er ſo hoch an der Mauer hin⸗ aufſprang. Wenige Minuten genuͤgten Dudley zu der Ueberzeugung, daß er innerhalb der Halle ganz ſicher auf dem Simſe, der einen Thurm mit —— dem anderen verband, gehen konne. Dudley ſprang aus dem Fenſter, wie es der Hund wahrſcheinlich ſchon vor ihm gemacht hatte, und naͤherte ſich dem entgegengeſetzten Thurme, wo der Hund ſeine Anſtrengungen mit einem ſolchen Eifer fortſetzte, daß er ſeine Annaͤhe⸗ rung nicht bemerkte. Dudleys Aufmerkſamkeit ward jedoch durch die Geſtalt in dem Fenſter ausſchließend in Anſpruch genommen, denn als er naͤher kam, erkannte er in ihr den Juͤngling aus der Wokey⸗Hoͤhle, zu deſſen Schutz er ſich verpflichtet foͤhlte, da derſelbe ihn aus der augenſchrinlichſten Gefahr errettet hatte. Er konnte ſich in dem ſanften, kraͤnk⸗ lichen, melancholiſchen Geſichte nicht taͤuſchen, welches das Licht der Fackel ihm damals ſo deutlich gezeigt hatte, obgleich er jetzt bemerkte, daß die Geſtalt vor ihm, des knabenhaften Anzuges ungeachtet, nicht ganz ſo jugenvlich ſei, als er anfangs geglaubt. Dudley dachte, der wichtigſte Dienſt, den er fur jetzt leiſten koͤnne, ſei: die beiden Freunde mit einander zu vereinigen, denn das ſchienen der Juͤngling und der Hund zu ſein. Daher nahm er dieſen auf ſeinen Arm, und hielt ihn ſo hoch in die Hoͤhe, daß er von hier aus das Fenſter mit einem Sprunge erreichen konnte. Mit einiger Schwierigkeit, und ſichtlicher Freude, — zog der Juͤngling das Thier durch das Gitter zu ſich hinein. Dudley haͤtte es kaum geglaubt, daß das Schauſpiel, welches nun erfolgte, ſo ruͤhrend ſein konne. Freude, Zaͤrtlichkeit, Zuneigung waren in dem armen Thiere deut⸗ lich zu erkennen, als es winſelte und klagte, und ſeines Herren Wangen leckte, und dann ſeinen Kopf in deſſen Buſen verbarg; und zugleich bemerkte Dudley, nicht ohne innige Ruͤhrung, daß der Juͤngling, indem er ſich uͤber ſeinen Liebling niederbog, ihn mit Thraͤ⸗ nen benetzte.„Ihr ſcheint ſehr erfreut, Euren vierfuͤßigen Gefaͤhrten wieder bei Euch zu ha⸗ ben!“ rief er endlich aus, nachdem er einige Zeit ihre gegenſeitigen— beobachtet hatte. „Wohl darf ich das ſan⸗ erwiderte der Jungling mit wohltonender Stimme,„denn er iſt mein einziger Freund auf der Erde.“ und ein Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt, und ſein Geſicht verfinſterte ſich wieder. „Darf ich fragen,“ fuhr Dudley„ weshalb Ihr ſo eingekerkert ſeid?“ „Weil ich entrann, und mich in der we⸗ key⸗Hoͤhle verbarg.“ „und weshalb duͤrft Ihr nicht dort pin oder an jeden andern e es S gefaͤllt?“ — 15— „Weil ich, wie ſie mir ſagen, zuweilen wahnſinnig und geiſtesſchwach bin.““ Als Dudley ſah, daß er nicht erkannt ſei, ſagte er ihm, daß er einer jener Fremden waͤre, die er in der Wokey⸗Hoͤhle ſo bereit⸗ willig mit einer Fackel verſehen hätte, und fragte, weshalb er nicht antwortete, als ſie das erſte Mal nach Huͤlfe riefen.. „Ich glaubte, ich hoͤrte meine Verfolger,“ entgegnete der Juͤngling,„und erſt, als ich Euch durch Eure Stimmen und Eure Unter⸗ redung fuͤr Fremde erkannt hatte, beſchloß ich, mich vor Euch ſehen zu laſſen.“ n Dudley beſchrieb hierauf das fremdartige weiße Geſchoͤpf, das ſie in dem Waſſer geſe⸗ hen hatten, und erklaͤrte, daß er eifrig wuͤn⸗ ſche, daruͤber Aufſchluß zu erhalten. „Das muß mein armer Hund Snowdrop geweſen ſein, zu dem Ihr mir ſo guͤtig wiederhal⸗ fet, und deſſen große, ſchwarze Augen im Dunklen wohl ſo glänzen moͤgen, als Ihr es beſchreibt. Er ſolgte mir auf dem engen Pfade, den ich zu einer innern Hoͤhle ent⸗ deckt hatte; er ſiel in das Waſſer„ und ward anfangs von dem Sttome mit fortgeriſſen, ſchwamm aber bald zuruͤck. Es thut mir leid, daß er Jemanden ſo viel Unruhe verurſachte, — 15— der ſo gut und milde ſcheint, obgleich ich, wenn ich die Wahrheit bekennen ſoll, be⸗ greife, wie Ihr hieher kamt.“ „Ich danke Euch viel,“ ſagte Ddiey⸗ „wegen des wichtigen Dienſtes, den Ihr mir geleiſtet habt, und moͤchte, wenn Ihr mir geſtattet, Euer Freund werden.“ „Mein Freund! mein Freund!“ ſchrie der Juͤngling, und ſchlug die Haͤnde Winſt⸗ i zuſammen.„Ach, nein, nein, nein! Ich habe keinen Freund in der weiten Welt, als Snowdrop, und außer ihm verachtet Jeder den armen, einfaͤltigen Cecil Hungerford.“ „Ich ahnete, daß ich mit dem Sohne mei⸗ nes tapferen Oheims, Sir Giles Hungerford ſprach,“ erwiderte Dudley,„obgleich ich nicht vermuthet hatte, ihn in ſeinem eigenen Schloſſe ſo ſchimpflich eingekerkert zu finden⸗ Ich fuͤrchte, Ihr werdet mich ſchwerlich als den Freund betrachten, der ich Euch zu ſein wuͤn⸗ ſche, wenn ich unſere Bekanntſchaft durch die ſchmerzlichſte Mittheilung beginne. Bereitet Euch auf traurige Neuigkeiten vor, doch haßt mich nicht als den Ueberbringer derſelben. Lei⸗ der bin ich verpflichtet, Euch zu ſagen, daß Euer edler Vater todt iſt.“ „Todt?“ rief der Juͤngling, und Freude — 1— uberzog ſein Geſicht.„Ich bin froh daruͤber!— Ich bin froh daruͤber!— Doch horch! horch. Kapitain Baſſet koͤmmt; ich weiß es an dem Knurren meines Hundes. Fort! fort, um Gottes Willen! Ich werde hart geſtraft, er⸗ faͤhrt er es, daß ich mit Euch geſprochen habe.“ Bei dieſen Worten winkte er haſtig mit der Hand, als wolle er ſeinen Beſucher zu augen⸗ blicklichem Ruͤckzuge bewegen, und verſchwand dann ſogleich vom Fenſter. In der Furcht, ſeinen ungluͤcklichen Vetter neuen Mißhandlungen auszuſetzen, folgte Dud⸗ ley der Warnung, und entfernte ſich, uͤber⸗ raſcht und empoͤrt durch das, was er geſehen hatte. Sein erſtes Gefuͤhl war die feſte Ueber⸗ zeugung, daß Cecil im vollen Beſitze ſeines Verſtandes ſei; daß die finſterſten, ſchändlich⸗ ſten Abſichten die Nachricht von ſeiner Geiſtes⸗ ſchwaͤche erfunden hätten, und daß nichts, als die Gewalt und Grauſamkeit eines Machtrau⸗ bers an einer ſolchen Einkerkerung Schuld wa⸗ ren. Obgleich durch Truͤbſinn beſchattet, ver⸗ riethen ſeine Zuͤge doch Liebenswuͤrdigkeit und ſcharfen Beobachtungsgeiſt; durch ſeinen Geſang in der Wokey-Hoͤhle hatte Dudley die ueber⸗ zeugung gewonnen, daß ſein Gehoͤr eben ſo richtig, als ſeine Stimme angenehm ſei; ſeine Worte waren im Anfange der Unterhaltung II. 2 —— verſtändig und zuſammenhaͤngend geweſen⸗ Dudleys Anſicht nach aber war eine krankhafte Empfaͤnglichkeit in ſeinen Thränen uͤber den Hund, beſonders, wenn er ſie mit der Freude uͤber die Nachricht von dem Tode ſeines Va⸗ ters zuſammenſtellte, welche offenbar nur ei⸗ ner ſchiefen Geiſtesrichtung zugeſchrieben wer⸗ den konnte, da es, wie aus dem Vorhergehen⸗ den erhellte, keinesweges aus gänzlicher Fuͤhl⸗ loſigkeit entſprang. Menſchen, die an augen⸗ blicklicher Verſtandesſchwäche litten, konnten, das wußte Dudley wohl, während einiger Zeit vollkommen vernuͤnftig ſprechen, und dann ohne ſichtbaren Grund auf Irr- und Abwege gerathen; und er war ſehr geneigt, in dieſe Flaſſe auch den Juͤngling zu ſetzen. Doch da⸗ durch ward deſſen Einkerkerung noch keineswe⸗ ges entſchuldigt, und die grauſame Behand⸗ lung, uͤber die er klagte, und die er ſelbſt dafuͤr erdulden mußte, daß er nur mit einem Fremden ganz freundſchaftlich geſprochen, war durchaus unverantwortbar. Wenn der grauſame Kriegsgebrauch Dud⸗ leys Menſchlichkeit auch etwas abgeſtumpft hatte, ſo ward dieſelbe hier durch den unwillen gegen den Unterdruͤcker ergaͤnztz auch ſein Stolz trug dazu bei, die Emporung — uͤber eine ſchaͤndliche Ungerechtigkeit zu vermeh⸗ ren, welche ſein Vetter erdulden mußte, der gerechten Anſpruch auf ſeinen Schutz hatte, wegen des Auftrages, den er von deſſen ſter⸗ bendem Vater erhalten; der jung und huͤlflos, der unbeſtreitbare Herr des Schloſſes, und in einem finſteren Winkel deſſelben heimlich einge⸗ mauert war. Wenn Dudley nach alle dem bedachte, daß Sir Lionel die Guͤter bereits an ſich geriſſen hatte, in deren rechtmäßigen Be⸗ ſitz der letzte Wille des Sir Giles ihn nach Hinwegſchaffung Cecils ſetzte, und daß er all⸗ gemein als ein gefährlicher, verwegener Mann bekannt war, der lieber die Gewalt der Hoͤlle zur Huͤlfe rief, als auf die Erreichung ſeines Zweckes verzichtete, ſah er ein, daß er ſowohl Grund habe, ſeine Verrätherei zu ahnen, als auch ſeine Rache zu fuͤrchten, wenn er ihm zuwider zu handeln wagte. Cecil war noch minderjaͤhrig, Sir Lionel ſein geſetzmaͤßiger Vormund, und wenn daher auch jenes volle Geiſteskraft erwieſen war, ſo befreite ihn dies doch noch nicht aus der Gewalt ſeines gegen⸗ waͤrtigen Huͤters, und ward hingegen ſein Schwachſinn erwieſen, ſo mußte es ihn nur um ſo tiefer in ſeine Macht verſtricken, und die Feſſeln ſeſter ſchmieden, die ſein Widerſacher 2* fuͤr ſein unſchuldiges Opfer bereit zu halten ſchien. Vorſicht war daher, ſowohl zu ſeines Vetters, als ſeiner eigenen Sicherheit noth⸗ wendig. Die geringſte Unvorſichtigkeit konnte eine Grauſamkeit gegen den Erſtern veranlaſſen, und die vielen Warnungen, die ihm vor Sir Lionel gemacht worden, uͤberzeugten ihn, daß er auch ſich ſelbſt keiner geringen Gefahr aus⸗ ſetzen wuͤrde, ſollte er irgend einen offenen Weg der Verſtaͤndigung einſchlagen. Die Ent⸗ deckung, welche ſich ihm ſo zufaͤllig dargeboten, machte es wuͤnſchenswerther als je, daß Sir Giles letzter Wunſch erfuͤllt, und deſſen un⸗ gluͤcklicher Sohn ſeiner jetzigen Lage entriſſen, und der Sorgfalt und Pflege des Abtes von Glaſtonbury uͤbergeben werde, der ſich eines feſten Rufes von Froͤmmigkeit, Tugend und Gelehrſamkeit erfreute. Mit Klugheit und Ge⸗ duld hoffte Dudley ganz ſicher einen Zweck erreichen zu koͤnnen, den er, dem Gebote ſei⸗ ner Pflicht nach, nie aufgeben durfte. Fuͤr jetzt aber beſchloß er, aufmerkſam und wach⸗ ſam zu ſein, eine Einſicht in Cecils wahren Zuſtand zu erlangen, und, wo moͤglich, Sir Lionels Abſichten zu erſpaͤhen, und deſſen fol⸗ gende Schritte durch die Drohung der Ent⸗ deckungen, die er machen konnte, zu hinter⸗ treiben. Alle dieſe Plane in ſeinem Kopfe reiflich ausarbeitend, ging er nach den Wohn⸗ gemaͤchern der Burg zuruͤck, da die Zeit ſich jetzt nahete, welche ihm als der Anfang des Minſtrelfeſtes genannt worden. Zweites Kapitel. Wie gottlos iſt der Mann; ein Kain, haßt Ihn Gott und Welt. In Schuld hat er erfaßt Der Herrſchaft feiles Glück. In ſeiner fluchenswerthen Nähe fäut unſres Glaubens Zeichen, und Jeder hält Von ihm ſich ſcheu zurück. Eben der Sir Nicolas Hungerford, fur deſſen Seelenheil der Pater Frank, wie wir bereits erwaͤhnten, eine Meſſe zu leſen beauftragt ward, hatte an dem Tage von Mariaͤ Himmelfahrt der Abtei von Glaſtonbury gewiſſe Landereien uͤbertragen, und dabei feſtgeſetzt, daß an eben dieſem Tage das Feſt der Minſtrels gefeiert werden, und das Lehn von gewiſſen Bedin⸗ gungen abhaͤngig ſein ſolle, die alle zukuͤnfti⸗ gen Aebte von Glaſtonbury zu erfuͤllen verpflich⸗ tet waͤren. Zeigte der fromme Sir Nicolas bei anderen Gelegenheiten nicht mehr Gottesfurcht, als bei Beſtimmung dieſer Bedingungen, ſo that er ohne Zweifel ſehr wohl, die Seelen⸗ meſſe fur ſich einzuſetzen; denn die Formel lau⸗ tete:„Nach der Mittagsmahlzeit ſollen alle Minſtrels, ohne Waffen, welcher Art es auch ſei, in dem Garten der Abtei von Glaſton⸗ bury ſich verſammlen, und die Ankunft des Stieres erwarten, fuͤr deſſen Herbeiſchaffung der Schloßvogt zu ſorgen hat; die Spitzen ſei⸗ ner Hoͤrner muͤſſen abgeſaͤgt, ſeine Ohren und ſein Schweif kurz abgeſchnitten, ſein ganzer Koͤrper mit Seife eingeſchmiert, und ſeine Naſe voll kleingeſtoßenen Pfeffer geblaſen werden. Dann ſoll der Haushofmeiſter bekannt machen laſſen, daß ſich ein Jeder, die Minſtrels aus⸗ genommen, vierzig Fuß von dem Stiere ent⸗ fernt halte, und ihm, auf ſeine eigene Gefahr, nicht naͤher komme, auch die Minſtrels auf keine Weiſe in deſſen Verfolgung hindere. Nach dieſer Bekanntmachung ſoll des Abtes Vogt den Stier gegen die Minſtrels loslaſſen, und wenn einer derſelben ein Stuͤck von deſſen Haut erlangen kann, ehe er von der Inſel Avalon, oder dem Gebiete der Abtei fortlaͤuft, ſoll den Stier der Muſikkoͤnig erhalten, verlaͤßt er aber die Inſel unbeſchaͤdigt, ſo gehoͤrt er nach wie vor dem Lord Abt.“ „Wird der Stier ergriffen, und ein Theil aus ſeiner Haut geriſſen, ſo ſoll er nach der Vogtei gebracht, dort mit einem Halsbande ver⸗ ſehen, und ausgeputzt, hierauf in die Schran⸗ ken der großen Straße von Glaſtonbury ge⸗ fuͤhrt, und daſelbſt mit Hunden gehetzt werden; das erſte Mal zu Ehren des Muſikkonigs, das zweite Mal zu Ehren des Abtes, das dritte Mal fuͤr die Stadt, und, wenn noch oͤfter, zum Vergnuͤgen ſaͤmmtlicher Zuſchauer. Iſt er zu Tode gebiſſen, ſo kann der Muſiktoͤnig uͤber ihn verfuͤgen, wie er es fuͤr gut befindet.“ Dieſen grauſamen Gebrauch hatte der jetzige Abt, ein tugendhafter, menſchlich geſinnter Mann, auszurotten geſtrebt, und deshalb den Minſtrels den dreifachen Werth des Stieres geboten, wenn ſie freiwillig auf dieſe jährliche Ausuͤbung ihrer Grauſamkeit verzichteten. Doch der Prior, und Pater Barnabas, der Sub⸗ prior, und der Almoſenier, und der Vorſän⸗ ger, alles ernſte, bigotte Moͤnche, nahmen an dem bloßen Vorſchlage ein Aergerniß, und ver⸗ anſtalteten eine beſondere Berathung, ihn zu hintertreiben, und hier ward einmuͤthig erklaͤrt, daß dies keine Zeit ſei, von ehrwuͤrdigen Ge⸗ bräuchen und Einrichtungen, von ihren Vorfah⸗ ren auf ſie vererbt, abzuweichen. Die Abtei, ſagten ſie ferner, habe ſeit der Einſetzung die⸗ ſes loblichen Feſtes beſtändig an Reichthum und Groͤße zugenommen, man koͤnne daher nicht beſſer thun, als es unverändert beibehal⸗ — 225— ten; auch ſei es in einem ſo revolutionären Zeitalter, wo Aufruͤhrer und Gotteslaͤugner die Guͤter der Kirche zu vermindern ſtrebten, kei⸗ newegs zulaͤſſig, eigenmaͤchtige Neuerungen zu machen. Nachdem ſie dieſen Gruͤnden noch an⸗ dere, eben ſo triftige hinzugefuͤgt, und ſich da⸗ bei allerhand beißende Bemerkungen gegen Ver⸗ ächter der alten Ordnung und gegen willkuͤhr⸗ liche Neuerer erlaubt hatten, ſetzten ſie die ganze Verhandlung ſchriftlich auf, und uͤber⸗ reichten ſie ihrem Vorgeſetzten, der zwar die Sache durchaus mißbilligte, aber dennoch ſeine Einwilligung gab, um Zwietracht und Hader in der Abtei zu verhuͤten. Hiezu wurde er um ſo eher vermocht, da er in die Eintracht ſeiner untergebenen, und deren gutes Betragen, ſei⸗ nen Ehrgeiz ſetzte. Ueberdies ließ die Unter⸗ druͤckung der kleineren Klbſter auch einen An⸗ griff auf die groͤßeren erwarten, und dieſen glaubte er von ſeiner Abtei nicht ſicherer abwen⸗ den zu koͤnnen, als wenn er uͤber der Aufrecht⸗ erhaltung des guten Rufes wachte, in welchem ſie bisher ohne unterbrechung geſtanden hatte. Die Zeremonieen hatten daher nach der Be⸗ ſtimmung ihres frommen, menſchlichen Stif⸗ ters, ihren Fortgang, und die Minſtrels des Landes, zu welchen ſich die des Thurmhauſes geſellten, bildeten eine Prozeſſion. An die 1 Spitze derſelben ſetzte ſich Sir Lionel, Dudley und Beatrir aber, und eine große Menge von Dienern und Zuſchauern, beſchloſſen den Zug. Auf dieſe Weiſe zogen ſie nach der Vogtei, wo der Haushofmeiſter des Koͤnigs der Muſik anordnete, daß einer der Minſtrels den Spre⸗ cher des Hofes machen, und alle gegenwaͤrtige Sänger auffordern ſolle, ihre Pflicht zu erful⸗ len, auf die Gefahr, von dem Saͤngerhofe fuͤr ihr Verſehen beſtraft zu werden. Hierauf ward ein Geſchwornengericht der erſten Minſtrels nie⸗ dergeſetzt, welchem der Haushofmeiſter eine Lob⸗ ſchrift auf die alte Wiſſenſchaft der Muſik uͤber⸗ gab. Es ward dadurch gezeigt, welche be⸗ wundernswerthe Wirkungen ſie ſchon gehabt, welche Koͤnige und hohe Perſonen ſich mit der⸗ ſelben beſchaͤftigt, was fuͤr Maͤnner die ſein muͤßten, die ſich mit der Muſik abgaͤben; und endlich ward das Geſchwornengericht auch noch durch dieſe Schrift ermahnt, wuͤrdige Beamte fur das folgende Jahr zu waͤhlen. Hierauf er⸗ folgte eine zweite Aufforderung, nach welcher jeder vortreten ſollte, der einen der gegenwaͤrti⸗ gen Minſtrels beſchuldigen konnte, ſeit dem letzten Sängerhofe irgend eine That begangen zu haben, die ihn ſeines chrenvollen Standes unwerth mache. gur Ehre der Minſtrels und der muſikali⸗ — 27— ſchen Verbruͤderung im Allgemeinen, koͤnnen wir hier verkuͤnden, daß keine Anklage Statt fand, ſo daß der Hof, nachdem noch manche andere, herkoͤmmliche Formen beobachtet worden, zur Erwählung ſeines Koͤnigs fuͤr das naͤchſte Jahr, ſchritt, eine leichte Mahlzeit von Kuchen und Ale verzehrte, welche der neue Monarch herbeigeſchafft hatte, und ſich dann mit vieler Freude zu dem Hauptfeſte des Tages, der Stier⸗ hetze, ruͤſtete. Als Dudley die grauſame Art dieſes Vergnuͤgens kennen lernte, glaubte er kaum, daß Miß Fitzmaurice dabei zugegen bleiben werde, aber ſie war ſo weit von jedem Mitleide uͤber das Thier entfernt, daß ſie froh⸗ lich zu dem Orte galloppirte, wo es losgelaſ⸗ ſen werden ſollte. Unter den verſammelten Zuſchauern bemerkte Dudley den Baͤrenfuͤhrer, mit dem er unter dem hohlen Steine zuſam⸗ mengetroffen, ſo wie ſeinen alten Bekannten, Will Mattock, und mehr dergleichen rohe Ge⸗ ſellen, welche ſich zu Zuſchauern dieſes Kam⸗ pfes weit mehr eigneten, als die junge, rei⸗ zende Beatrix. Ihre Gleichguͤltigkeit gegen die Leiden des Thieres erwuchs aber nicht ſowohl aus einer Fuͤhlloſigkeit des Herzens, als aus Mangel an Nachdenken, und einer allgemeinen Ueberzeugung, daß alles, was zum Vergnu⸗ gen der Lochter Sir Lionel Fitzmaurices bei⸗. — trug, ſchon aus dieſem Grunde eine rechtmaͤßige Unterhaltung ſei. Als Dudley, in der Poff⸗ nung, einige Nachrichten von Cecil zu erhal⸗ ten, bedauerte, daß dieſer nicht bei dem Feſte zugegen ſei, ſpottelte ſie uͤber die, welche eine uͤbertriebene oder erheuchelte Reizbarkeit hätten, und ſprach mit veraͤchtlichem Mitleide von ſei⸗ nem Vetter, als Einem, der zehn Mal weibi⸗ ſcher ſei, als ſie ſelbſt, der alle Kampfſpiele als barbariſch verdamme, und ſogar kaum Blut ſehen koͤnne, ohne in Ohnmacht zu fallen. Dudleh wuͤrde es verſucht haben, dies Ge⸗ ſpraͤch noch weiter fortzufuͤhren, obgleich ihe Ton und ihre Mienen ihm verriethen, daß ſie ſeinen„armen Vetter“ fuͤr einen Gegenſtand des bloßen Mitleides halte, doch der Stier wuͤthend gemacht, durch die Schmerzen, die er ſo eben erduldet hatte, ward jetzt frei gelaſſen, und rannte mit unbaͤndiger Schnelle uͤber den Anger. Beatrir ließ ihrem Pferde den Zuͤgel, und ſprengte, ungeachtet der Verordnung, welche nur den Minſtrels die Verfolgung erlaubte, dicht hinter dem Stiere her. Als Reuterinn eben ſo gewandt, wie der Stier wuͤthend, bog ſie ihm geſchickt aus, wenn er umkehrte, und erneuerte die Verfolgung, wenn er wieder vor⸗ waͤrts lief. Beſtaͤndig blieb ſie ihm dicht auf —— den Ferſen, und es ſchien, als werde ſie durch das Gebruͤll des Thieres, und durch das laute Geſchrei deſſen noch wilderer Verfolger, immer lebhafter erregt. Wir wollen unſeren Leſern die Gerechtigkeit erzeigen, zu glauben, daß ſelbſt die Anmuth, Schoͤnheit und Herzhaftigkeit, welche Miß Fitzmaurice zeigte, ſie nicht mit der Art und Weiſe verſohnen, mit welcher ſie dies that; und uͤberdies erregt es auch ein ſchmerzliches Gefuͤhl in uns, Jemanden, der ſo manchen liebenswuͤrdigen Zug des Charakters beſitzt, dieſer Liebenswuͤrdigkeit zuwider handeln zu ſehen; und endlich haben wir eine abſonder⸗ liche Abneigung gegen jede Art der Hetze, ſei das gehetzte Thier nun ein wuͤthender Stier, oher ein ſchuͤchternes Haͤschen, daher bitten wir um die Erlaubniß, die Geſellſchaft verlaſ⸗ ſen, und uns ihr erſt dann wieder anſchließen zu duͤrfen, wenn ſie ſich im Thurmhauſe ver— ſammelt, das Feſt der Minſtrels zu feiern. um Zeit zu den vielen Geſchaften des Ta⸗ ges zu gewinnen, war das Mittagseſſen erſt zu der ganz ungewoͤhnlich ſpaͤten Stunde, um zwei Uhr, aufgetragen worden. Die Gerichte be⸗ ſtanden aus derben, kraͤftigen Sachen. Rinds⸗ und Schweinefleiſch bildeten die Hauptbeſtand⸗ theile der Mahlzeit, weil ihr Preis durch eine eigene Parlamentsakte auf einen Halfpence das Pfund herabgeſetzt war, waͤhrend Hammel⸗ und Kalbfleiſch, welches einen Viertheilpfennig mehr koſtete, durch der Lady ſparſame Hand auch ſparſamer aufgeſetzt war. Schinken waren nicht geſpart, weil ſie eine laͤngere Zeit zu eſſen koſteten, und andere Fleiſchſpeiſen retteten; Gaͤnſe, Fleiſchkuchen und Fleiſchkloͤße, welche den Appetit leicht ſtillten, waren ebenfalls in großer Menge vorhanden. Die Feſtgeber wa⸗ ren in jener Zeit von alle der Muͤhe befreit, welche die Zubereitung der Vegetabilien machtz gelbe und rothe Ruͤben, Salat, Kohlruͤben und aͤhnliche eßbare Wurzeln, kamen damals in England nicht auf die Tafel. Die Koͤniginn Katharina ſoll, wenn ſie Salat eſſen wollte, einen Kourier nach Holland haben ſchicken muͤſ⸗ ſen. Geſalzene Fiſche und eingepoͤkeltes Fleiſch, ſonſt eine ſehr gewoͤhnliche Speiſe des gemei⸗ nen Mannes, waren bei dieſer Gelegenheit nicht in großer Menge zu finden, da ſie den Durſt vermehrten; und da nach der Mahlzeit Alle, dem alten Gebrauche zu Folge, in die Kirche gingen, hatte die Lady dem Haushofmeiſter zu verſtehen gegeben, daß es gut ſein wuͤrde, Waſſer in das Ale zu miſchen, damit nicht etwa einer der Trinker an dem Altare ein Aer⸗ gerniß gebe. Sir Lionel und deſſen Familie ſaßen an dem oberen Ende der Halle, quer an der Tafel; in der Mitte des Tiſches ſtand ein maͤchtiges Salzfaß und alle alte Gebraͤuche waren treu⸗ lich beibehalten. Hier, wie bei jeder andern Gelegenheit gab ſich Sir Lionel das Anſehn hohen Standes. Er betrat oder verließ ſein Staatszimmer nie, und begann nie ein Mahl ohne Muſik. Heut waren alle ſeine Minſtrels Gaͤſte, und er hatte deshalb Trompeter auf die Gallerie geſtellt. Auf ein Zeichen von ihm blieſen dieſe einen ſchmetternden Tuſch, dann ſprach Doktor Wrench, ſein geiſtlicher Secretair, den Segen, und das Mahl begann. Alle Feſte haben eine gewiſſe Familien⸗ aͤhnlichkeit unter einander, und ſo angenehm ſie fur die Theilnehmer ſein mogen, ſo wenig ſind ſie dies fuͤr die Zuſchauer, daher wollen wir die Leſer hier ganz ihrer Einbildungskraft uber⸗ laſſen, und nur erwähnen, daß Dudley, der an Beatrix Seite ſaß, ſich an deren lebhafter Un⸗ terhaltung, ſo wie an dem geſchäftigen Treiben rings um ihn her ergotzt haben wuͤrde, hätte er ſeine Gedanken von ſeinem ungluͤcklichen Vetter abziehen konnen, der, als das Haupt des Feſtes, bei dem Bankette den Vorſitz fuͤh⸗ ren ſollte, und ſtatt deſſen in einem nahen Thurme eingekerkert ſaß, und durch das Ge⸗ raͤuſch der Gäſte gelangweilt wurde, die er ſelbſt nicht einmal ſehen durfte. Obgleich Sir Lionel ſowohl durch ſeinen Sitz an der Tafel, als durch den Reichthum ſeiner Kleidung fuͤr die vornehmſte Perſon in der Halle angeſehen werden mußte, ſo haͤtte man ihn doch in anderer Hinſicht fuͤr einen Fremden halten koͤnnen, denn aller Frohlichkeit, faſt Ausgelaſſenheit ungeachtet, die ihn umga⸗ ben, behielt er doch, ohne auch nur eine Miene zu aͤndern, jenen ſtolzen, beinahe hochmuͤthigen Blick bei, der ihm immer eigen war. In der That ſchweiften auch ſeine Gedanken ganz von der Verſammlung vor ihm ab, zu der ſie jedoch ſogleich wieder zuricktehrten, wenn irgend eine Vernachlaͤſſigung der Diener, irgend eine Ver⸗ letzung der vorgeſchriebenen Ordnung ihn zu ſtrengen Verweiſen reizte. Die Fleiſchſpeiſen, welche auf ſeinem Ende der Tafel aufgetragen wurden, waren beſſer als die uͤbrigen, und hin⸗ ter ſeinem Seſſel ſtand ein Page oder Mund⸗ ſchenk, der ihm von Zeit zu Zeit auf einem ſilbernen Teller Romagna oder gewuͤrzten Wein reichte, in einem ſilbernen Henkelkruge, welcher blos zu ſeinem eigenen Gebrauche beſtimmt ſchien. Aus einem Gefuͤhle der Pflicht gegen ihren Gatten, deſſen prachtvolle Lebensweiſe ſie mit —— beſtaͤndiger Furcht vor Verlegenheit oder Ver⸗ ſchuldung erfullte, predigte die Lady immer die Tugend der Sparſamkeit, und brachte dieſe Lehre auch uͤberall in Anwendung, wo es in ihrer Macht ſtand, obgleich das, was ſie auf dieſe Weiſe erſparte, dem Tropfen glich, der aus dem Strome geſtohlen wird. Aus dieſem Grunde konnte ſie karg, und ſogar geizig ſein, wie wir dies bereits bei ihrer Etzaͤhlung von den Vorbereitungen zu dieſem Feſte bewieſen haben; doch ſo ſehr dies auch bei kaltem Blute der Fall ſein mochte, ſo ſehr riſſen ſie wieder ihre Gutmuͤthigkeit und Gaſtfreundſchaft mit ſich fort, und der Kummer in ihrem eige⸗ nen Geſichte ſchwand dann, wenn ſie ſich von ſo vielen heitern, froͤhlichen Menſchen umringt ſahe, wenn ſie ihren Scherzen lauſchte, und ihr herzliches Lachen horte. Ihr Gewiſſen machte ihr dann Vorwuͤrfe uͤber ihre fruͤhere Sparſam⸗ keit, und ſie ging, zur Buße dafuͤr, rings um den Liſch, zu allen Gaͤſten, und forderte ſie auf, die Speiſen nicht zu ſchonen. Sie fragte nach jedem mangelnden Gerichte, ließ eine neue Maſſe deſſelben heraufbringen, und nahm ſelbſt die Gelegenheit wahr, dem Haushofmeiſter in das Ohr zu fluͤſtern, es ſei nicht noͤthig, daß er Waſſer unter das Ale miſche, da die Geſell⸗ ſchaft beſcheiden und anſtaͤndig zu ſein ſcheine, und M. 3 — man daher wohl kein unanſtaͤndiges Betragen in der Kirche zu befuͤrchten habe. Waͤhrend ſie ſo umherrannte, und uͤber der ihr eigenen Lebhaftigkeit die Gezwungenheit und Steifheit vergaß, welche die Gewohnheit jener Zeit ihrem Range angemeſſen hielt, faͤrbte die Roͤthe unwilliger Schaam Beatrix Geſicht. Sie biß ſich die Lippen, ruͤckte unruhig auf ihrem Seſſel hin und her, und ſuchte eifrig, Dudley ſo ſehr in das Geſpraͤch zu verwickeln, daß er dies unwuͤrdige Betragen nicht zu be⸗ merken vermoͤge. Als aber die Richtung ſeines Auges, und ſein unwillkuͤhrliches Lächeln ihr verriethen, daß dies bereits geſchehen ſei, hielt ſie die Lady an, als ſie haſtig bei ihr voruͤber wollte, und bat ſie, ſich nicht ferner durch die Bedienung dieſes gemeinen Volkes zu erniedri⸗ gen, ſondern dies den Bedienten zu uͤberlaſſen, ſelbſt aber wieder zu ihrem Sitze zuruͤckzukehren. Obgleich die Art, mit welcher dieſer Rath gegeben ward, nicht viel achtungsvoller war, als die Veranlaſſung dazu, empfing die Lady ihn doch mit vieler Gutmuͤthigkeit.„O mein Himmel! o mein Himmel! Tochter,“ rief ſie aus;„ich wollte nicht fuͤr eine Handvoll Sil⸗ bergroſchen irgend etwas unziemliches thun, doch ich konnte nicht ſtill ſitzen, als ich dachte, die armen, guten und frohlichen Menſchen be⸗ — durften noch etwas. Gott ſegne ſie!— Es iſt eine Freude, ſie anzuſehen, denn ob wir gleich oftmals vornehmere Gaͤſte und groͤßere Feſte in dem Thurmhauſe haben, ſo habe ich doch noch ſelten ſo herzliches Gelaͤchter gehoͤrt, ſo zufriedene Geſichter geſehen. Sie ſind frohlich, und das Feſt iſt bald zu Ende, ſiehſt Du es daher gern, ſo will ich mich wieder auf meinen Platz ſetzen.“ Kaum hatte ſie dies gethan, als ge⸗ ſchrieen ward:„Ruhe! Ruhe! Kapitain Baſ⸗ ſet will eine Rede halten!“ Nur mit Unwil⸗ len konnte Dudley dieſen Namen horen, als er ſich Cecils Worte erinnerte, und nun vermu⸗ thete, daß dies der nehmliche ſey, vor deſſen grauſamer Strenge ſein Vetter ſich furchtete. Indem er auf das untere Ende der Haupttafel blickte, ſahe er eine kleine, viereckte Geſtalt, mit einem ſtatken Schnurrbarte; das aufgedunſene, rothe Geſicht des Kapitains verrieth deſſen Liebe zum Trunke, und ſeine ſchwere Zunge zeigte deutlich, daß er während der Mahlzeit dem großen Alekruge, der an ſeiner Seite auf dem Tiſche ſtand, fleißig zugeſprochen habe.„Mein edler Herr, Sir Lionel Fitzmaurice,“ ſchrie er,„Ihr habt uns wie ein Konig bewirthet, und nun, mein theurer Gebieter, da ich gut Engliſch ſprechen kann, danke ich Euch dafuͤr, ſo wie unſerer guͤtigen Wirthinn, der Lady, und der ſchoͤnaͤugigen Miß Beatrix, und ſo thun wir Alle.— Tuſch, Ihr kratzenden und pfeifenden Schufte, Tuſch!— Und ein volles Maaß allen Freunden im Lande umher, die einen Pfennig in ihrer Taſche, ein tapferes Herz im Leibe, und ein gutes Schwert an ihrer Seite haben, daß ſie allen Feinden Sir Lionels Fehde bieten, ſowohl offenen als verſteckten, geſchorenen als ungeſchorenen, in der Kaputze oder der Stahl⸗ haube, in rauher Muͤtze oder dem Scharlach⸗ Hute. Ergreift die Kruͤge, fuͤllt die Kannen, wetzt die Baͤrte, und Huzza fuͤr unſeren Wirth und un⸗ ſere Wirthinn, und moͤgen ſie noch lange leben, und ſich ſo herzlich kuſſen, als Krug und Becher.“ Nach dieſer Ale⸗begeiſterten Rede wurden die Geſundheiten getrunken, und die Gaͤſte, welche gleich darauf vom Tiſche aufſtanden, wurden durch den Muſikkoͤnig und deſſen Beamte, geordnet, um nach der Kirche zu ziehen, und der heiligen Maria die uͤblichen Opfer darzu⸗ bringen. An eben dieſem Tage war ein Forſt⸗ gericht gehalten worden, um die Foͤrſter und Aufſeher fuͤr Chace, eines der Hungerfordſchen Guͤter, zu waͤhlen, und auch, um den Rehbock der Mutter Maria zu ſchießen, welcher jedes⸗ mal an dem Tage von Maria Himmelfahrt dem Abte dargebracht ward. Der Wildmeiſter und ſeine Leute kamen jetzt, die Prozeſſion der Minſtrels zu vergroͤßern. Der erſte Forſter trug den Kopf des Rehbockes, abgeſchlagen, und mit Silber umlegt, alle die andern trugen gruͤne Aeſte in ihren Haͤnden. Die Minſtrels, welche jetzt in dem großen Hofe verſammelt waren, und zu denen ſich die Sir Lionels wie⸗ der geſellt hatten, wurden nun ihrem Range nach geordnet, und die Prozeſſion ſetzte ſich wieder in Bewegung, den Ritter zu Pferde an ihrer Spitze. Dudley und Beatrir, ebenfalls zu Pferde, folgten dem Zuge, und nach ihnen kam wieder jene zahlloſe Menge von Dienern Sir Lionels, in allen Kleidungen und Abſtu⸗ fungen, zum groͤßten Theile bewaffnet. Bei dem Aufbruche blies der erſte Foͤrſter ein „Sucht!“ dem alle die Andern antworteten; als ſie die Grenzen des Thurmhausgebietes uͤberſchritten, einen„Ruͤckſchall“*), in welchen die Andern ebenfalls wieder einſtimmten„ und als ſie das Thor der Abtei erreichten, ſtießen ſowohl Foͤrſter als Minſtrel ein lautes Geſchrei aus, uͤber welches die hohen Hallen und Ge⸗ wolbe des heiligen Gebaudes unwillig ſchienen, *)„Sucht!“ und„Ruckſchall“ ſind beides Fagdſig⸗ nale; durch jenes wird den Hunden das Zeichen gegeben, die Faͤhrte eines Wildes zu verfolgen, durch dieſes werden ſie von einer falſchen Spur zuruͤckgerufen. D. Ueb. als ſie ſolch unheiligen und ungewöhnlichen Freudensruf zuruͤck toͤnten. Glaſtonbury⸗Abtei bedeckte in jener Zeit mit ſeinen Kirchen, Kapellen und Gebaͤuden nicht weniger, als ſechszig Morgen Landes; es war eines der groͤßten, aͤlteſten und praͤchtigſten Bauwerke Englands, und ſelbſt ſein Aeußeres konnte nicht ohne ein tiefes Gefuͤhl der Bewun⸗ derung betrachtet werden. Der Gedanke, daß die Abtei bei der erſten Einfuͤhrung des Chriſten⸗ thums begruͤndet ward, die mancherlei Wunder, welche damit im Zuſammenhange ſein ſollten, die Erinnerung, daß ſie der Begraͤbnißort Ko⸗ uig Arthurs, und vieler anderer Perſonen ſei, deren Namen die Geſchichte beruͤhmt gemacht hat, die großen Beſitzungen und Einkuͤnfte, die mit ihr verbunden waren, die wohlbekannte Macht und der hohe Stand des Abtes, welche faſt koͤniglich waren, dies alles trug maͤchtig dazu bei, ſie den Sinnen noch groͤßer und erha⸗ bener erſcheinen zu laſſen. Aber auch das Auge ward nicht weniger mächtig ergriffen durch die großartige gothiſche Bauart, und die ungeheuren Verhaͤltniſſe der heiligen Stiftung. Wie tief aber die Ehrfurcht ſein mochte, welche der Anblick des Aeußern erregte, ſo ward ſie doch noch weit von der Erhebung uͤbertroffen, von der man ſich ergriffen fuͤhlte, wenn man — das Innere des Gebaͤudes betrat. Seine uner⸗ meßlichen Chorgaͤnge, ſeine langen Reihen hoher Bogen waren durch ein feierliches Halbdunkel verhuͤllt, da die bemalten Fenſter nicht das volle Licht hereinließen. Dieſes geheimnißvolle Mit⸗ tel zwiſchen Licht und Dunkelheit that dem Auge wohl, und uͤberließ der Phantaſie einen groͤßern Spielraum, indem es die aͤußerſten Be⸗ grenzungen dem Blicke entzog. Die Kirche war in der That groͤßer als irgend eine andere Kathe⸗ drale in England, die alte St. Pauls⸗Kirche vielleicht ausgenommen, und die Pracht und Schoͤnheit der Verzierungen ſtanden dazu im wuͤrdigen Verhaͤltniſſe. Sir Lionel hatte Bea⸗ trir gebeten, nicht vom Pferde zu ſteigen, waͤh⸗ rend er in die Kirche ging, denn er wollte nicht, daß ſeine Tochter dem Abte ihre Ehrfurcht be⸗ zeugen ſolle. Sie blieb daher auf ihrem Zelter, und Dudley wuͤrde ihr gern Geſellſchaft geleiſtet haben, doch da Sir Lionel ihn aufforderte, mit in die Kirche zu gehen, ſowohl, um das pracht⸗ volle Gebaude, als auch das Ende der Prozeſ⸗ ſionsfeierlichkeiten zu ſehen, ſprang er, obgleich widerſtrebend, vom Pferde, und folgte jenem. Der feierliche Eindruck, den das ſo eben beſchrie⸗ bene Gebaͤude ohnehin ſchon machen mußte, ward dadurch noch bedeutend erhoͤht, daß in einer der Seitenkapellen, grade als Dudleh ein⸗ trat, Hochamt gehalten ward. Die Prieſter, dienenden Bruͤder und Chorknaben konnte er zwar nicht ſehen, aber der volltonende Geſang ſchallte zu ihm heruͤber, und der ſanfte Klang der Orgel und mehrerer Blaſeinſtrumente vermiſchte ſich mit dem kraͤftigen Baſſe der Moͤnche und dem reinen, glockenhellen Diskant der Chorknaben, und der Geruch von Weihrauch und Myrrhen zog durch die Luft, und wandte die Gedanken auf Gott, und deſſen unendliche Macht und Groͤße. Während Dudley, der nicht ein ſehr reizba⸗ res Gefuhl hatte, ſich durch alles dieſes maͤchtig ergriffen fand, glaubte er auf Sir Lionels Lip⸗ pen ein zorniges Laͤcheln bemerken zu koͤnnen, als derſelbe die Kirche mit den Augen maß, und dann in ſpottiſchem Tone ſagte:„Dies iſt der eitle Pomp, der den Stolz der Prälaten aufge⸗ blaſen hat, bis ſie ſich einbildeten, die Kirche ſei ihr eigenes Haus, und ſie ſelbſt deſſen Goͤt⸗ ter; doch die Stunde naht, wo dies ſtolze Ge⸗ bau, und der noch uͤbertriebnere Stolz, den es erregte, gleich einer Blaſe zerplatzen ſoll.“ Da dieſe Worte wenig zu Dudleys jetzigen Gefuͤhlen ſtimmten, erwiderte er nichts, und die Prozeſſion zog vorwaͤrts, bis ſie den Kreuzgang erreichte, welche zu der Kapelle der heiligen Jungfrau fuͤhrte, in der der Gottesdienſt mit vieler Pracht gehalten ward. Das Gebaͤude ſelbſt, im gothiſchen Sthle der bluͤhendſten Zeit aufgefuͤhrt, war heller vom Lichte beſchienen, als die Hauptkirche; es brach durch mehrere Bogen⸗ verzierungen, welche dem Ganzen etwas unver⸗ gleichlich Großartiges verliehen. Die hohen ſchlanken Saͤulen verloren ſich in der kuͤnſtlich gearbeiteten gewoͤlbten Decke, ſo mie in den ge⸗ ſchnitzten Figuren, Blumen, Fruͤchten und Ge⸗ winden, die ihre Kapitäler bildeten. Rund um den Altar, der von brennenden Wachskerzen er⸗ hellt ward, und auf dem Juwelen, Kelche, Monſtranzen, Flaͤſchchen, Kreuze, Rauchfaͤſſer und Taufſteine von Silber glänzten und funkel⸗ ten, ſtanden die zahlreichen geweiheten Bewoh⸗ ner des Kloſters, alle mit jener imponirenden Pracht gekleidet, welche die roͤmiſche Kirche vor⸗ ſchreibt. Die Geiſtlichen jedes Grades, jedes Alters waren hier verſammlet, von dem grau⸗ baͤrtigen Panier⸗Träger, deſſen Locken im lang⸗ jaͤhrigen Dienſte der Abtei gebleicht waren, bis zu den jugendlichen Chorknaben, und deren noch jugendlichern Bruͤdern, welche die geweihten Rauchbecken hin und her ſchwenkten. Doch die auffallendſte Geſtalt unter Allen war der ehr⸗ wuͤrdige Abt ſelbſt. Er war in ein reiches, glänzendes Meßgewand gekleidet, und mit allen aͤußeren, prachtvollen Zeichen ſeiner hohen Wuͤrde verſehen. In ſeiner linken Hand hielt — er ein bunt gemaltes Meßbuch, und glaͤnzende Strahlen ſchienen von ihm auszugehen, wenn das Licht ſich zufaͤllig in den Rubinen und Dia⸗ manten, Hyazinthen und Smaragden ſeiner zahlreichen Ringe ſpiegelte. Alle dieſe Pracht trug er als das Eigenthum der Abtei, nicht als ſein eigenes, und als Mittel, die Wuͤrde des Dienſtes, nicht des Dieners, zu erhoͤhen; und ſo ſchien es, als ſei er der Einzige in der ganzen Verſammlung, den der Glanz, welcher ihn um⸗ gab, unempfindlich ließ. Auch konnte kein vor⸗ urtheilsfreier Beobachter leugnen, daß alle dieſe Pracht nur dazu diente, den Eindruck der Bruͤn⸗ ſtigkeit ſeines Gebetes zu vermehren, und ſeine Froͤmmigkeit, ſeine wahre Gottesfurcht zu be⸗ weiſen, als er jetzt andãchtig das Auge gen Himmel erhob. Dudley, ſo wie Alle, mit denen er gekom⸗ men, blieben in dem Gange ſtehen, bis die Meſſe beendigt war. Hierauf gebot Sir Lionel ſeinen Leuten, vorwaͤrts zu gehen, und ihr Opfer niederzulegen. Während er ſelbſt blieb, wo er war, ging der Wildmeiſter zu dem Altare, und legte den mit Silber umgebenen Rehkopf darauf nieder; die Foͤrſter blieſen während der Zeit auf ihren Hoͤrnern ein dreimaliges„Todt). *) Jagdſignal. . Dann opferte jeder von ihnen einen Pfennig, und indeſſen ſpielten die Minſtrels auf ihren Inſtrumenten. Hierauf opferte auch jeder der Min⸗ ſtrels einen Pfennig, und die Jäger blieſen dazu auf dem Horne; dann zog die Prozeſſion zuruͤck durch die große Kirche, und Sir Lionel näherte ſich dem Altare, auch ſein Opfer auf demſelben niederzulegen. Sein ſeltenes Erſcheinen in der Kirche uͤber⸗ haupt, und beſonders die Fehde, die, allbekannt, zwiſchen ihm und dem Abte herrſchte, zog die Blicke der ganzen Verſammlung in hoͤchſter Spannung auf ihn, vorzuglich aber die der Be⸗ wohner des Kloſters. Alle waren begierig, ſo⸗ wohl das Opfer zu ſehen, das er darbrachte, als auch das Betragen der beiden Haͤupter zu beobachten; denn obgleich ſie gegenſeitig ihren Plänen ſchon ſeit längerer Zeit feindlich entge⸗ gengearbeitet hatten, ſo waren ſie einander doch vielleicht noch nie ſo nahe gekommen, als in dieſem Augenblicke. Ein leiſes Gemurmel rann durch die ganze Verſammlung, und behutſam draͤngten Alle vorwaͤrts, als Sir Lionel mit ſtar⸗ kem Tritte, von dem der Fußboden ertönte, ſich dem Altare nahete, und dabei mit kuͤhnem, trotzigem Blicke um ſich ſahe. Voller Scheu vor ſeiner hohen Geſtalt, ſeinem langen Schwerte, das an ſo viele blutige Thaten erinnerte, ſeinem feurigen Auge, ſeinem ſchwarzen, fliegenden Barte, und nicht minder vor ſeinem Rufe eines Buͤndniſſes mit den Mächten der Finſterniß, bebten die Chorknaben ſichtlich zuſammen, als er an ihnen voruͤberſchritt, und einer ſuchte ſich hin⸗ ter dem andern zu verbergen; ſelbſt in dem Buſen der Moͤnche ſchien der Abſcheu nicht ganz ohne eine Beimiſchung unheimlicher Furcht. Ohne hierauf zu achten, oder den Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes nur im mindeſten zu veraͤndern, ſchritt Sir Lionel vorwaͤrts, bis er ſich einem großen Bilde der Jungfrau Maria naͤherte. Es war in einer Art von Schrein eingeſchloſſen, und ſo⸗ wohl wegen der Trefflichkeit des Gemaͤldes, als auch wegen der Vergaͤnglichkeit der Zierrathen, fuͤr gewoͤhnlich mit einem Vorhange verdeckt, der nur waͤhrend des Gottesdienſtes zuruͤckgezo⸗ gen ward. Als Sir Lionel dem Bilde grade gegenuͤber war, fiel der Vorhang plotzlich herab, ohne beruͤhrt worden zu ſein,— ein boͤſes Vor⸗ zeichen, das unter dieſen Umſtaͤnden, und bei dem Vorurtheile, welches gegen Sir Lionel ſchon ſo allgemein herrſchte, ſelbſt den Unerſchrocken⸗ ſten in Schrecken ſetzen konnte, und das jetzt fuͤr ein vollſtaͤndiges Wunder angeſehen ward, als in dem Haufen der Umſtehenden eine Stimme rief, ſie habe die Mutter Gottes beide Arme erheben ſehen. — Verwirrung malte ſich auf jedem Geſichte; Viele bekreuzigten ſich, und fluͤſterten Gebete vor ſich hin; Andere ſtießen Worte des Schrek⸗ kens aus; Alle wichen zuruͤck, ſobald der Un⸗ heilvolle ſich ihnen näherte. Jedes Auge war auf ihn geheftet, wie auf eine ſchreckliche, uͤber⸗ natuͤrliche Erſcheinung. Sir Lionel ſelbſt aber ging mit unveränderter Feſtigkeit, mit gleichem Zorne vorwärts, doch kaum hatte er ſein Opfer auf dem Altare niedergelegt, als das große ſil⸗ berne Kruzifix, welches uͤber demſelben befeſtigt war, herunter, und zwiſchen die heiligen Gefaͤße fiel, mit einem ſo grellen Mißtone, daß es wie ein lauter Schmerzensruf klang, und jedes Herz erbebte und faſt uber jede Lippe ein Aus⸗ ruf des Entſetzens floh. Die juͤngeren Chorkna⸗ ben, und alle weibliche Zuſchauer, flohen in wilder, aͤngſtlicher Haſt, durch die Kirche. Ei⸗ nige der Moͤnche ſtanden ſtarr und bewegungs⸗ los, als habe der Schrecken ſie in Stein ver⸗ wandelt; andere ſchloſſen ſich dicht an einander, und erfaßten ſich, wie zu gegenſeitigem Bei⸗ ſtande; ein dritter Theil aber folgte dem Bei⸗ ſpiele des Abtes, der auf die Knie fiel, die Haͤnde faltete, und mit einer Stimme, welche durch eine Miſchung von Froͤmmigkeit und Ab⸗ ſcheu, laut und kraͤftig ward, rief:„Fort aus unſerer Mitte, Du ungluͤckſeliger! Zuruͤck in das Reich Bels! Zuruck in die Geſellſchaft Sa⸗ tans, Belials und Aſtaroths! Hinweg! Hin⸗ weg, und meide unſere Naͤhe! Und Ihr, Ihr Daͤmonen, die Ihr Euch frech in dies Heilig⸗ thum eingedrängt habt, ich banne Euch durch die große Dreieinigkeit, deren erwahlten Tempel Ihr entweihtet!— Bei aller Gnade, die auf uns haftet, bei der Kraft der heiligen Taufe, der Einſegnung, des heiligen Abendmahles, bei allen heiligen Maͤnnern und Frauen,“den Heili⸗ gen Gottes, welche ſich jetzt eines ewigen Ruh⸗ mes erfreuen, und bei allen ihren Verdienſten, beſchwore ich Euch, daß Ihr Eure holliſche Ge⸗ walt von dieſem Hauſe Gottes nehmt, und von uns weichet!“ 6 Während er dieſe Beſchwoͤrung ausſprach, welche in vielen Stuͤcken mit der Formel uͤber⸗ einſtimmte, die bei der Exorziſirung eines Hau⸗ ſes angewandt ward, ſah Sir Lionel auf den knieenden Hirten und deſſen zitternde Erde, mit einem Blicke fuͤrchterlicher Wuth, die ſeine Na⸗ ſenloͤcher weit ausdehnte, und ſelbſt ſeinen Bart bewegte, daß er auf- und niederwaͤrts wogte. Dann ſchritt er feſten Trittes zu der Kapelle hinaus, und Aller Blicke folgten ihm, bis ſeine hohe, kraͤftige Geſtalt in den ferneren Theilen des Gebaͤudes verſchwand. „Bringt mir Weihrauch,“ rief der Abt, ſich — von den Steinen erhebend;„und Weihwaſſer und ein Kruzifix, das heilige Zeichen unſeres heiligen Glaubens, und laßt uns zu dem Him⸗ mel, und allen ſeinen Heiligen beten, denn wir koͤnnen den Schlingen des Teufels durch uns ſelbſt nicht entgehen. Schon uͤber Levia⸗ than iſt uns, wie Ihr wißt, keine Macht ge⸗ geben, wie wollte es uns alſo gelingen, Sa⸗ tan und die Gewalt der Hoͤlle zu uͤberwinden. Bringt mir daher ſchnell die geweihten Kraͤuter, und das Weihwaſſer, und das heilige Kruzifir, und laßt uns unſere entweihte Kapelle reinigen, und die Huͤlfe des Himmels und aller Heiligen erflehen, und Alle in ein bruͤnſtiges Ave Ma- ria Gratia einſtimmen, ehe wir den Vorhang vor dem Bilde der heiligen Jungfrau wieder in die Hoͤhe ziehen, den die beleidigte Koͤniginn des Himmels vor ſich niederließ, damit ſie nicht ſehe den Verfluchten, den Gefährten des Belial, Beelzebub und Abadonna.“ Waͤhrend die Moͤnche allmaͤhlig wieder zu ſich kamen, und den Befehlen des Abtes Ge⸗ horſam zu leiſten begannen, verließ Dudley endlich die Saͤule, gegen welche er ſich in der erſten ſchrecklichen Ueberraſchung gelehnt hatte, und ſchickte ſich an, Sir Lionel zu folgen. Er hatte die Kapelle zu dieſem Zwecke durchſchrit⸗ ten, und wollte eben in die Hauptkirche treten, — als ihn Jemand leiſe auf die Schulter ſchlug, und wie er ſich umſah, ſtand der Pater Frank vor ihm. Auf die Ausgangsthuͤre zeigend, wo Sir Lionels hohe Geſtalt noch ſichtbar war, winkte der Moͤnch haſtig mit der Hand hinter ihm her, und ſagte dazu mit ſeiner tiefen, kräf⸗ tigen Stimme: „Ouare, quare hoe fecisti? Ubi tale didicisti, Inimice orucis Christi? ²) dann wandte er ſich zu Dudley mit den Wor⸗ ten:„Hatte ich nicht Recht, mein Sohn, als ich Dir ſagte, fuͤrchte den Falken? Ich wuͤnſche, daß Du heut Morgen nach der Fruͤh⸗ Meſſe das Gebet nicht vergaßeſt, das ich Dir ſagte; dann darfſt Du noch hoffen, daß Dein Herz und Deine Augen offen ſind gegen die Angriffe von des Teufels Vaſallen, unter deſ⸗ ſen Dache Du zu ſchlafen gehſt.“ „Wahrlich, guter Vater,“ erwiderte Dud⸗ ley,„ich habe das Gebet vergeſſenz doch ich hoffe, in der Unterlaſſung liegt keine Suͤnde, da ich nie geahnet haͤtte—“ „Sage das nicht, ſage das nicht; konnteſt *) Weshalb, weshalb that'ſt Du das? Der Du Dich von uns getrennt, Feind des Kreuzes Chriſti. — 40— Du nicht ahnen, worauf ich hindeutete? und haſt Du Dich nicht jetzt mit eigenen Augen uͤberzeugt, daß Du der Gaſt eines Mannes biſt, vor dem die heiligen Zeichen herabſtuͤrzen, und bei deſſen Annaͤherung die heilige Koͤniginn des Himmels den Schleier vor ihre Augen zieht?— Er iſt groß, machtig, reich, doch nur der Glaͤubigen iſt das Himmelreich; daher rathe ich Dir nochmals, willſt Du des Teufels Schlingen entgehen, und nicht Beelzebubs Lehnsmann werden, ſo flieh Sir Lionel und deſſen Haus, wie Du vor dem nahenden Un⸗ heile fliehen wuͤrdeſt.“ „Das iſt mein feſter Entſchluß, ſo bald ich mich des Auftrages entledigt habe, wegen deſſen ich hieher kam. Ich gelobte deſſen Voll⸗ ſtreckung, und nach den Entdeckungen, die ich gemacht, und dem, was ich hier geſehen habe, gebietet mir meine Pflicht, meinem Ziele um ſo eifriger entgegen zu ſtreben. Findet Ihr mich noch in ſeiner Gewalt, ſobald dies ge⸗ ſchehen iſt, ſo gelobe ich, der Kapelle der hei⸗ ligen Maria ein ſilbernes Kruzifir zu ſchenken, drei Mal ſo ſchwer, als das, welches ſo eben herabſturzte.“ „Du biſt jetzt in ſeiner Gewalt, und wirſt wohlthun, das Geluͤbde zu erfuͤllen, wenn Du ihr entranneſt. Huͤte Dich aber, dem Beiſpiele II. 4 des Walliſers zu folgen, der bei einem Sturme eine Kerze gelobte, ſo dick, wie der Maſt eines Schiffes, wenn er gluͤcklich in den Hafen komme und der, als er gerettet war, der Mutter Got⸗ tes ein duͤnnes Licht ſchenkte, und dabei ſagte, ſie moͤge ihn hängen, wenn ſie ihn wieder auf der See faͤnde.“ „Fuͤrchtet das nicht, guter Vater, furchtet das nicht von mir, und empfanget meinen herz⸗ lichſten Dank fuͤr Euren guten Rath; doch, ich kann nicht laͤnger zoͤgern, denn dort ſehe ich Sir Lionel ſich umblickend, als erwarte er mich.“ „Bei dem heiligen Blute, Du thäteſt wohl, ließeſt Du ihn bis an das Ende deines Lebens auf Dich warten, denn hier biſt Du beſſer aufgehoben. Als ein Biſchof, der ſeinen Ro⸗ ſenkranz betete, einſt den Befehl erhielt, zu Karl dem Großen zu kommen, endigte er erſt ſein heiliges Geſchaͤft, und entſchuldigte ſich dann bei dem Kaiſer damit, daß er im Dienſte eines großeren Konigs geweſen ſei. So, mein Sohn, biſt Du in beſſerer Geſellſchaft bei ei⸗ nem Diener Gottes, und zwar einem ſeiner ge⸗ ringſten, als bei dem mächtigen Lucifer, ſollte er Dich ſelbſt mit einem Scepter verlocken, mit einer Krone belohnen wollen. Er geht umher als ein heulender Loͤwe, und ſiehet, — 51— wen er erfaſſe.— Blick nicht in ſeinen offnen Rachen, ſondern volffuͤhre Deinen Auftrag ſchnell; flieh den Verfluchten, und dann ſuche mich auf, daß wir mit einander ein Hosanns in excelsis aus Dankbarkeit fuͤr Deine Ret⸗ tung ſingen moͤgen; bis dahin aber lebe wohl!“ Der Pater kehrte nach der Kapelle zuruck, von wo das Ave Maria, das die Monche mit mehr als gewohnlicher Andacht ſangen, her⸗ uͤbertoͤnte; Dudley aber eilte der großen Thuͤr der Kirche zu. Sir Lionel war ſchon mit Beatrir davon⸗ geritten, fuͤr ihn war jedoch ein Diener mit einem Pferde zuruͤckgelaſſen worden. Er ſaß auf, und hatte Jene bald erreicht. Die Ge⸗ genwart der Tochter hielt ihn ab, irgend eine Anſpielung auf die wunderbaren Ereigniſſe in der Kirche zu machen, von denen er Zeuge ge⸗ weſen. Sir Lionel beobachtete ein ſtrenges Stillſchweigen, und auch zwiſchen deſſen beiden Gefährten war die Unterhaltung nur ſehr ein⸗ ſilbig, denn Dudley war zu einem gewoͤhnli⸗ chen, alltäglichen Geſpräche nicht aufgelegt, und Beatrix war viel zu hochmuͤthig, um ein Geſpraͤch zu unterhalten, in welches man nicht freudig einging, das man nicht lebhaft fort⸗ ſetzte. In dieſer Verſtimmung, wo Alle das 4 Druckende des Schweigens fuͤhlten, und doch auch Jeder zu ſtolz, oder zu zuruͤckhaltend war, es zu brechen, erreichten ſie das Thurmhaus. Als Dudley unter dem feſten, gewoͤlbten Thore deſſelben hindurchritt, war es ihm, als liefere er ſich ſelbſt in die Gewalt eines fin⸗ ſtern, gefaͤhrlichen Mannes, der den rechtmaͤ⸗ ßigen Eigenthuͤmer dieſer Burg eingekerkert hatte, und die Macht und Guͤter, die er ſich angemaßt, ohne dazu berechtigt zu ſein, zu be⸗ haupten entſchloſſen ſchien, ſelbſt mit Aufopfe⸗ rung des Heiles ſeiner Seele, und im Buͤnd⸗ niſſe mit dem gefurchteten Feinde der Menſchheit. Stiz iſt fein Herz, und ſötzer noch ſein Er kündet uns, nie weiche er zurüc, P ihm die Rache winkt. Verfsigung“ ohne Raſt, das iſt ſein Siel; . 181 Todſünde ſelbſt iſt ihm ein Kinderſpiel, Wenn ſie zum Zweck ihn pringt.“ 2 7 St Liee Fitmatricii war der nuinihe Sohn eines Edelmanns. Sein Vater wollte ihn zwar niémals anerkennen, gab ihm aber ganz die Erziehung, wie man ſie in damaliger Zeit fuͤr einen Juͤngling erforderlich hielt, der zum Kriegerſtande beſtimmt war, verſchaffte ihm dann eine untere Stelle im Heere, und uͤber⸗ ließ ihn nun ſeinem Schickſale. Waͤhrend ſei⸗ ner Kindheit und Jugend hatten ſeine gluͤhen⸗ den Leidenſchaften niemals den heilſamen Zuͤ⸗ gel väterlicher Gewalt gefuͤhlt, und eben ſo waren die zarteren Reizungen ſeines Herzens von keinem fuͤhlenden Weſen erwidert worden, und konnten ſich nie zur Bluͤthe entfalten. —— Seine heftigen, boͤſen Neigungen waren durch Duldung emporgeſchoſſen und zur Reife gedie⸗ hen, jede Sanftmuth und Guͤte aber durch Kaͤlte und Theilnahmloſigkeit im Kern erſtickt worden. Nur wenig menſchliche Milde ward ihm von der Natur zugetheilt, aber ſelbſt dies wenige kehrte ſich nach innen, verwandelte ſich in Bitterkeit und Galle, und verdarb ſeine Mo⸗ ral von Grund aus. Schon als Knabe fuͤhlte er ſich allein und ausgeſtoßen. Er hatte keine Verwandte, keine Freunde, er genoß keine Liebkoſungen, hatte keine Feiertage, empfing keine Geſchenke, und Niemand kam ihm freund⸗ lich entgegen. Im Gegentheil ſchien ihn Jeder zu meiden, und ſich ſeiner zu ſchämen. Wenn ſeines Vaters Haushofmeiſter ſein Schulgeld bezahlte, verlangte er niemals, ihn zu ſehenz der Schulmeiſter, welcher Vortheil aus ſeiner traurigen Lage zog, machte ihn zu einer Art von Laſtbock fuͤr andere Knaben, welche er be⸗ guͤnſtigen wollte, und behandelte ihn mit un⸗ verdienter Haͤrte, und wenn der Juͤngling, welcher das Unrecht eben ſo ſchnell erkannte, als er ſich durch daſſelbe getroffen fühlte, nach der urſache ſeiner Beſtrafung fragte, ſo erhielt er niemals eine Antwort. Einen vollen Kopf großer als alle andern Knaben ſeines Alters, uͤbertraf er dieſelben nicht nur an koͤrperlicher Kraft, und an Gewandtheit bei den gymnaſti⸗ ſchen und kriegeriſchen Uebungen, welche da⸗ mals die Hauptbeſtandtheile der Erziehung bil⸗ deten, ſondern auch bei den wenigen geiſtigen Anſtrengungen, die dieſen roheren gen beigefuͤgt wurden. Bei jeder neuen und Miß⸗ handlung, die er erdulden mußte, wuchs der gluͤhende Haß, den er nicht zu befriedigen ver⸗ mochte, der aber immer mehr und mehr das Verlangen nach Rache in ſeiner Bruſt anfachte. Seine Gedanken waren nur darauf gerichtet, das zu verbergen, was er btuͤtete, und mit Sehnſucht ſah er dem Augenblicke entgegen, wo die volle, blutige Rache gereift ſein wuͤrde⸗ Er duldete ſogar alles Unrecht mit einer Art boshafter Freude, wegen der eingebildeten Wie⸗ dervergeltung, die dafuͤr erfolgen ſollte. Denn in ſeiner Einſamkeit zerſtoͤrte er nicht nur in Gedanken das ganze Gluͤck ſeiner Feinde, ſon⸗ dern ſeine Muskeln zuckten auch, als trete er den Koͤrper ſeiner Verfolger mit Fuͤßen, und ſtoße ihnen den Dolch in die Bruſt. Rachſucht und Heuchelei wurden deshalb bald in ſeinem Buſen verſchwiſtert, und dieſe beiden ſchreckli⸗ chen Eigenſchaften, welche dem Knaben ein⸗ geimpft worden, follten fuͤr ſein ganzes Leben „wachſen mit ſeinem Wachsthume, an Kraft ge⸗ winnen mit ſeiner Kraft.“ Bald nachdem er das volle Mannesalter erteicht, und ſich in allen ritterlichen Uebungen dje· Reiſterſchaft erworben hatte, ge er, daß ſein edler Vater dem Koͤnige, welcher grade damals auf einer Reiſe durch den Suͤden Eng⸗ lands begriffen war, in ſeinem Schloſſe ein großes Turnier und Feſt gebe, und an alle Edelleute, die ſich dabei einfinden wollten, die Aufforderung habe ergehen laſſen, in den Schranken zu fechten mit Lanze, Streitaxt und zweihaͤndigem Schwerte. Der Graf hatte in ſeinem Schloſſe glaͤnzende Vorbereitungen zu dem Feſte getroffen, noch glaͤnzendere aber zu dem Turniere, dem Lieblingsvergnuͤgen des Kdoͤ⸗ nigs. Lionel hatte ſeinen Vater nicht geſehen, ſeit er noch ein Kind war, und da die zahl⸗ reichen Briefe, in denen er um Anerkennung oder Unterſtuͤtzung gebeten, waren unbeant⸗ wortet geblieben. Er hielt dies daher fuͤr eine guͤnſtige Gelegenheit, das zu erhalten, was er ſich zu fordern durch die Natur berechtigt glaubte, und geſchah dies nicht, ſo wollte er ſeine lange gehegte Rache befriedigen, indem er ſeinen Vater vor dem Koͤnige, dem verſam⸗ melten Hofe und der ganzen Rachbarſchaß blos gab. — 5— „ Zu dieſem Zwecke ſtellte er ſich, um unter denen verzeichnet zu werden, welche die Aus⸗ forderung annahmen; doch dabei erklaͤrte er ſich ſelbſt fuͤr unehelich. Der Graf ſagte ihm, daß er nicht angenommen werden koͤnne, da die Ausforderung ausdruͤcklich nur an geborene Edelleute gerichtet ſei. Nun gab er ſich ſeinem erſtaunten Vater zu erkennen, und machte ihm nicht nur die bitterſten Vorwuͤrfe, daß er ihn in die Welt geſetzt, ohne ihm irgend einen Platz in der menſchlichen Geſellſchaft anzuwei⸗ ſen, ſondern auch, daß er ſich jetzt ſogar ſei⸗ nen Abſichten entgegenſtelle, wo er ſich mit ſeinem Schwerte ſeinen eigenen Weg bahnen wolle. Der Graf, der aus manchen Uurſachen die Exiſtenz eines ſolchen Sohnes verbergen wollte, wies ihn unbiegſam zuruͤck, und warnte ihn, auf ſeine eigene Gefahr, jemals wieder ſeine Schwelle zu betreten; ſo ſchieden ſie in gegen⸗ ſeitigem Groll und Mißtrauen. Lionel aber, ſtatt ſich dieſer Zuruͤckweiſung zu unterwerfen, ruͤſtete ſich an dem Tage des Lurnieres von Kopf zu Fuß, beſtieg ein gutes Kriegöroß, und ließ ſich mit Gewalt in die Liſte aufneh⸗ men, in dem er Jeden, dem ſein Leben lieb ſei, warnte, ihm zu widerſtreben. Als der Koͤnig nach dem Grunde der Unruhe fragte, — 58— „ ſprang Lionel vom Pferde, ſchlug das Viſir auf, ließ ſich vor dem Monarchen auf ein Knie nieder, ſagte mit wenig Worten, wer er ſei, und gab als Grund ſeines ſtuͤrmiſchen Betra⸗ gens den innigen Wunſch an, ſich dem Dienſte ſeines Konigs zu weihen, und in deſſen Ge⸗ genwart durch ſeine Thaten zu beweiſen, daß er dieſer Ehre nicht unwerth ſei. Heinrich, welcher auf ſeine eigene Tapfer⸗ keit und Groͤße einen beſondern Werth legte, und dieſe Eigenſchaften auch an Andern ſchätzte, und der uͤberdies ſelbſt einen natuͤrlichen Sohn hatte, den er zu hohen Ehren und Auszeich⸗ nungen beſtimmte, war von der Geſtalt und dem kriegeriſchen Benehmen des Juͤnglings eben ſo ſehr eingenommen, als gegen den Grafen mit Zorn erfuͤllt. Er erklaͤrte deſſen Sohn fuͤr kampffahig, und ſagte, er werde ſeinen Ver⸗ wandten Ehre machen, wenn dieſe ihn auch nicht anerkennen wollten. Er befahl, daß Lio⸗ nel ſogleich unter die Kampfer aufgenommen werde, und war mit deſſen Tapferkeit und Muth ſehr zufrieden, und als er das Schloß einen Tag fruher, als er es anfangs gewollt, verließ, rieth er dem Grafen ernſtlich an, fuͤr ſeinen Sohn zu ſorgen, wenn er noch irgend eine Gunſtbezeugung von ſeinem Koͤnige erwar⸗ ten wolle. Ein Rath dieſer Art darf nicht un⸗ befolgt bleiben. Der eingeſchuͤchterte Vater ſandte ſeinem Sohne einen Brief, und ſchloß demſelben eine Anweiſung auf eine jaͤhrliche Unterhaltsſumme bei. Lionel zerriß die⸗ ſelbe, ſchickte ſie ſeinem Vater zuruͤck, und ſchrieb ihm dabei, da er dieſe Unterſtuͤtzung nur der Furcht vor der Ungnade des Koͤnigs, nicht der natuͤrlichen Liebe zu ſeinem Kinde verdanke, weiſe er ſie mit Verachtung zuruͤck. Er hatte ſeinen Vater dem Zorne des Koͤ⸗ nigs blosgeſtellt, hatte ihn gegen ſeine eigene Familie beſchimpft, hatte ihn zu Verſoͤhnungs⸗ vorſchlaͤgen gezwungen, und ſeine Unterſtuͤtzung zuruͤckgewieſen. Dies war ſeine erſte groͤßere Rache, und vielleicht ſeine ſuͤßeſte; denn da ſein Vater ihm eine Schande aufgebuͤrdet hatte, die in jenen Tagen jedes hoͤhere Steigen ver⸗ hinderte, oder doch mächtig erſchwerte, und dieſer Beleidigung noch immerwaͤhrende Vernach⸗ laͤſſigung hinzufuͤgte, betrachtete er ihn als ſeinen ſchlimmſten Feind, und vereinigte deshalb in ſeinem Haſſe Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch indem er dieſe offentliche Rache nahm, hatte er die Unrechtmäßigkeit ſeiner Geburt be⸗ kannt gemacht, hatte alle die Geringſchätzung auf's Neue in das Leben gerufen, der ſie ihn blosſtellte, hatte die Kluft zwiſchen ſich und der ubrigen Welt noch mehr vergroͤßert. Auch = 66— ſeinen perſonlichen Feinden hatte er eine Waffe gegen ſich in die Haͤnde gegeben, obgleich ſie ſich derſelben nur mit Gefahr ihres Lebens be⸗ dienen durften, denn er fuhlte den Schandfleck ſo unaustilgbar, und zugleich ſo grauſam und ungerecht, daß ſein Schwert, bei jedem Vor⸗ wurfe, der ihn deshalb traf, aus der Scheide flog, um das naturliche Recht zu vertheidigen, ſeine Mitgeſchopfe zu todten, ſobald ſie ihn angriffen. Ein Vortheil jedoch erwuchs ihm aus ſeinem männlichen Betragen bei dem Tur⸗ niere, deſſen wir erwähnten. Sir Giles Hunger⸗ ford, der dabei zugegen geweſen, und durch eine Tapferkeit, eine Glut, beſtochen ward, die ſei⸗ nem eigenen Charakter ſo ſehr glich, ſuchte ihn auf, um ihm einige ſeiner verbeſſerten Waffen⸗ ſtuͤcke zu zeigen; und ſo begann eine Bekannt⸗ ſchaft, welche damit endete, daß er Lionel zu ſeinem Schildknappen ernannte. Bald darauf brach der Krieg gegen Schott⸗ land aus, und in der Schlacht bei Flodden⸗ Field rettete Lionel, wie bereits berichtet, das Leben ſeines Ritters, und ward zum Lohne ſeiner Tapferkeit ſelbſt zum Ritter geſchlagen. Er benutzte die Gewalt, die er bei dieſer Ge⸗ legenheit uͤber Sir Giles gewonnen, und ward deſſen Freund, Vertrauter, Rathgeber, und wenn ſeine Gegenwart im Felde nicht erfor⸗ —— derlich war, fuͤhrte er die Aufſicht uͤber alle Hungerfordſche Guͤter in Somerſetſhire, und anderwaͤrts. In dieſem Fache ſchien er nicht weniger brauchbar und geſchickt, wie als Krie⸗ ger, ſo daß ſein Bevollmaͤchtiger, welcher alle finanzielle und haͤusliche Einrichtung, kurz, al⸗ les, was nicht militairiſch war, verabſcheute, ihm mit Freuden die unumſchraͤnkte Verwal⸗ tung ſeines Vermoͤgens uͤbertrug. Die Kopfwunde, an welcher Sir Lionel mehrere Jahre hindurch litt, verhinderte ihn, Sir Giles zu begleiten, als derſelbe nach Frank⸗ reich mußte, und er ward nun foͤrmlich als Stellvertreter des Sir Giles Hungerford, in dem Thurmhauſe eingeſetzt, mit unum⸗ ſchraͤnkter Vollmacht, uͤberall auf den Guͤtern der Hungerfords wie der wirkliche Herr zu ſchalten und zu walten. Auch zum Aufſeher ſeines Kindes machte ihn Sir Giles, und ver⸗ ſprach ihn zu ſeinem Erben zu machen, auf den Fall von Cecils Tode, ein Umſtand„ der durch des Knaben ſchwächliche Geſundheit ſehr wahrſcheinlich gemacht ward. Sir Lionel hoffte, daß er den Familienadel, der ihm ſelbſt mangelte, wenigſtens einigerma⸗ ßen durch die Verbindung mit einem Maͤdchen, das ihn beſitze, ergänzen konne, daher heirathete er ein Fraͤulein mit einem alten, beruͤhmten Namen, doch ohne Vermoͤgen oder glaͤnzende Familienverhaͤltniſſe. Seine Tochter, die reizende Beatrix, war die Frucht dieſer Ehe, beide Gat⸗ ten aber waren zu ſehr von einander verſchie⸗ den, um ſich durch dieſelbe begluͤckt zu fuͤhlen. Die hochgeborne Lady war eben ſo heftig und hochmuͤthig, als ihr Gemahl kalt und grob; ihre edelgebornen Freunde weigerten ſich, ihren Gemahl zu ſehen; gegenſeitige Abneigung hatte gegenſeitige Vorwuͤrfe zur Folge; er warf ihr Stolz und Armuth vor, ſie ſpielte dagegen auf die Unrechtmäßigkeit ſeiner Geburt an; er gab ihr Gelegenheit zur Eiferſucht, um ihren Haß zu entflammen; Keiner von Beiden verzieh dem Andern je, und ſo ſchieden ſie endlich als bittre, unverſoͤhnliche Feinde. Wenige Monate nach ihrer Abreiſe empfing Sir Lionel mit der hoͤch⸗ ſten Freude die Nachricht ihres Todes. Sein Haß gegen die Welt war durch die Gering⸗ ſchaͤtzung, welche er von den vornehmen Ver⸗ wandten ſeiner Gattinn hatte erdulden muͤſſen, noch vermehrt worden, und er beſchloß, ſeine zweite Frau zu einem Mittel ſeiner beabſichtig⸗ ten Rache zu machen, und daher nur nach Ver⸗ moͤgen zu heirathen, denn in einem Zeitalter der Verderbniß und Unruhe, wie das, in dem er lebte, ſei, das ſahe er wohl ein, keine Macht ſicherer, als die, welche ſich auf Reichthum —— gruͤndete. Die hinterlaſſene Tochter eines Buͤr⸗ germeiſters, welche durch den Tod ihres Oheims, eines Tuchhaͤndles in Glouceſterſhire, plotzlich reich geworden, zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, und kaum hatte er genaue Nachrichten von ihrem Reichthume eingezogen, als er ihr ſeine Hand anbot. So kurz auch ihre Bekannt⸗ ſchaft war, ſo hatte er ſich doch ſo ſehr um ſie bemuͤht, daß es ihm bereits gelungen, ihre Neigung zu gewinnen. Wegen des erſt kuͤrz⸗ lich erfolgten Todes ſeiner erſten Frau wurden ſie heimlich in einem entfernten Theile der Pro⸗ vinz getraut. Dies gutherzige, einfache Weib, welches die ſorgſame und ſparſame Lady Fitz⸗ maurice war, die wir bereits bei unſeren Leſern eingefuͤhrt haben, fuhr fort, ihren Mann zu lie⸗ ben, mit einer Beſtändigkeit, die ſogar ihrer eigenen Ueberzeugung von ſeiner Unwuͤrdigkeit, von ſeiner Untreue und Gleichguͤltigkeit gegen ſie trotzte. Das Gluͤck ſchien von dieſer Zeit an alle ſeine ehrgeizigen, hochftiegenden Plaͤne zu be⸗ guͤnſtigen. Als der Freund und Stellvertreter Sir Giles Hungerfords von dem Thurme beſaß er Anſehn und Einfluß; durch ſeinen Reichthum verſchaffte er ſich einen obrigkeitlichen Poſten, und dieſe Vereinigung gab ihm eine Gewalt, die er durch jedes nur moͤgliche Mittel zu ver⸗ — 64— mehren und zu befeſtigen ſtrebte, ehe er ſie in ihrer ganzen Ausdehnung auszuuͤben begann. Man hat beobachtet, daß in der Natur die groͤßten Thiere frei von Gift und Bosheit zu ſein pflegen, durch welche die kleineren den Mangel der Kraft erſetzen, doch bei Sir Lionel fand hierin eine Ausnahme Statt. Er hatte den Muth und die Kraft des Loͤwen, die Ge⸗ fraͤßigkeit des Wolfes, die Liſt des Fuchſes, die Blutgier und Falſchheit der Hyaͤne, und die Verſchlagenheit und das Gift der Schlange. In keiner Hinſicht durch Grundſaͤtze gemaͤßigt, vermied er doch offene Gewalt, und offenes Verbrechen, weil er ſie als vollig unnoͤthig be⸗ trachtete. Er hielt es fuͤr einen großen Miß⸗ griff, fuͤr einen gefaͤhrlichen Irrthum, ſich ſelbſt auf dieſe Weiſe der Gefahr auszuſetzen, wenn derſelbe Zweck auf heimlichem Wege erreicht werden konnte. Nachdem er die Geſetze und die Leidenſchaften der Menſchen genau kennen gelernt, war es ſeine innige Ueberzeugung, daß es keine Gewaltthat gaͤbe, die man nicht durch Betrug und Beſtechung ungeſtraft begehen koͤnne; und dieſe Ueberzeugung ward die Richtſchnur ſeines ferneren Betragens. Er betrachtete die Geſetze als eben ſo viele Feſſeln, durch die das gemeine Volk abgehalten ward, einander in Stuͤcken zu reißen, damit es zu Opfern ſeiner — 65— Obern, wenn dieſe es dazu machen will, auf⸗ geſpart werde. Er beſchloß, dem Beiſpiele des Koͤnigs zu folgen, ſeine Macht auf Furcht zu begruͤnden, und die Geſetze zur Erreichung ſei⸗ ner Abſichten zu benutzen. Er ſaß ruhig auf ſeinem hohen Sitze, und ſchaute in die Ebene hinab, wo die menſchlichen Opfer geſchlachtet und in Stuͤcke geriſſen wurden, wie ſeine Laune oder Rachſucht es heiſchte. Indem er nach dieſen Grundſätzen handelte, gewann er immer mehr Geſchmack an heim⸗ lichen Schleifwegen, an Betrug, Liſt, Falſch⸗ heit und Heuchelei. Selbſt wenn er ſein Ziel eben ſo gut auf gradem, offenem Wege erreichen konnte, zog er ihm den heimlichen, verſteckten, vor. Dies nannte er ſein Studium der menſchlichen Na⸗ tur;— ein gemeiner Schuft konnte offene Ge⸗ walt gebrauchen, aber zu ſchleichen, zu betruͤ⸗ gen, zu umgehen, den Feind erſt zu uͤberliſten, und dann zu opfern, und dies alles ohne die geringſte Gefahr fuͤr ſich ſelbſt, dies nur war eines hoͤhern Geiſtes wuͤrdig. So ſcharfſichtig und maͤchtig er aber auch war, ſo ſah er doch ein, daß er nie zur Er⸗ reichung der weitaus ſehenden Plaͤne gelangen koͤnne, die er ſich gemacht, wenn er nicht eine große Zahl von Helfern hatte, und dieſe er⸗ II. 5 — waͤhlte er ſich nun. Da die Geſetze das vor⸗ zuglichſte Werkzeug ſeiner Unterdruͤckungen ſein ſollten, ſuchte er ſich unter deren Juͤngern einen jener Schelme aus, die genug von dem Rechte verſtehen, um ſich deſſen Schlingen zu entzie⸗ hen, und dabei von einem Schelmenſtreiche durch keine Ruͤckſicht auf Ehre oder Gewiſſen zuruͤck⸗ gehalten werden. Dieſen Schaͤndlichen zog er in ſein Haus, gleichſam wie ſeinen Schakal, und da er ihm einen Theil der Beute gab, konnte er nicht daran zweifeln, daß er Jeden niederrennen werde, der zum Opfer auserſehen ward. Zu dieſer Art der Bedruͤckungen war jene Zeit ganz beſonders geeignet. Unter einer Regierung, unter der mehrere tauſend Verbre⸗ cher, viele politiſche Opfer noch ungerechnet, durch die Hand des Henkers ſtarben, muͤſſen die Kriminalgeſetze wohl ſtreng und grauſam geweſen ſein*). Sie waren in der That ſo blutig, und dabei doch ſo unbeſtimmt, ſo ſchwan⸗ kend,Zund oft einander gradezu widerſprechend, beſonders in Allem, was die Religion betraf, *) Die Zahl der Schuld⸗ und Kriminal⸗Gefangenen giebt eine Parlamentsakte auf mehr als 60,000 an, und Hume ſagt uns, unter Autorität Harri⸗ ſons, daß waͤhrend der Regierung Heinrichs VIII. 72,000 Menſchen wegen Diebſtahls und Raͤuberei hingerichtet wurden. Hollinſhed giebt, mit groͤße⸗ rer Wahrſcheinlichkeit, 22,000 an⸗ — daß Niemand ſicher ſein durfte, dem Rachen des Gefäͤngniſſes zu entgehen, vorzuͤglich, wenn er einen gewiſſenloſen Feind hatte, der ſein Verderben ſuchte. Zur Unterſtutzung ſeiner wi⸗ derrechtlichen Handlungen, wenn dieſelben je entdeckt werden ſollten, trug Sir Lionel Sorge, ſich ſolche Diener zu erwaͤhlen, die nichts zu verlieren hatten, und wenn es zum Kampfe kaͤme, bis auf den letzten Blutstropfen fechten, oder vor einem Gerichtshofe unerſchrocken ſchworen wuͤrden. Der Befehl dieſer geſetzlo⸗ ſen Bande, die beſtandig bewaffnet ging, um jeden Augenblick zur Ausuͤbung oder Abwen⸗ dung von Gewalt bereit zu ſein, ward dem Kapitain Baſſet uͤbertragen, deſſen Namen wir bereits oberflächlich erwaͤhnten. War der Ka⸗ pitain betrunken, und er betrank ſich gern, ſo war er zu jeder Unternehmung bereit, ſie mochte auch noch ſo grauſam ſein. Dieſer Eigenſchaft verdankte er ſeine jetzige Anſtellung, von Natur war er aber nicht laſterhaft. War er nuch⸗ tern, ſo ergriff ihn jedes Mal die Reue uͤber die Miſſethaten, die er waͤhrend der Trunkenheit begangen, und um einen ſo unwillkommenen Gaſt zuruͤckzuweiſen, griff er wieder zu der Flaſche, und ward durch dieſe gewohnlich zu einem neuen Gewaltſtreiche verleitet. So brachte er ſein Leben in beſtändigem Schwanken zwi⸗ 5 ½ — 68— ſchen Fehlern und Reue zu, bis die erſtern endlich haͤufiger wurden, die letztre aber ſelte⸗ ner, und immer kuͤrzere Zeit ihren Einfluß aͤußerte. Aber außerdem hatte Sir Lionel zur Er⸗ reichung ſeiner feindlichen Abſichten noch fin⸗ ſtrere, unheiligere Buͤndniſſe geſchloſſen, welche wir enthuͤllen wollen, wenn die Folgen der⸗ ſelben ſichtbar werden.„Kann ich nicht wie ein Gott verehrt werden, ſo ſoll man mich wie einen Teufel fuͤrchten,“ ſagte Sir Lionel zu ſich ſelbſt, als er ſeine Vorbereitungen ge⸗ troffen hatte, und vollkommen erfuͤllte er dies furchtbare Selbſtgelobniß. Wir koͤnnen es jetzt ſagen, daß er im Vertrauen auf ſeine Macht und ſeine Huͤlfs⸗ quellen der Menſchheit Krieg angekuͤndigt haͤtte, doch er beſchloß, erſt ſich an ſeinen perſonli⸗ chen Feinden zu raͤchen, ehe er ſeinem allge⸗ meinen Haſſe Raum gab. Sein Vater, den er als ſeinen erſten Feind betrachtete, war ſeinen augenblicklichen Vorſaͤtzen nach ſchon hinlaͤng⸗ lich gedemuͤthigt worden, obgleich er noch im⸗ mer mit unerſättlichem Haſſe auf ihn blickte; der Schulmeiſter, ſein zweiter Bedrucker, ward naͤchſtdem fuͤr ſeine Rache auserſehen. Keine Spinne, wenn ſie, mit Gift geſchwellt, in ih⸗ rem Netze ſitzt, ſah je mit groͤßerer Gier auf — 69— die vergeblichen Anſtrengungen des Opfers, das ſich in ihren Faͤden gefangen hat, und ſich zu befreien ſtrebt, als Sir Lionel auf die Angſt des Schulmannes blickte, den er mit einem ſcheinbar geſetzmaͤßigen Netze ſo feſt umſponnen hatte, daß er ihm nur zu entgehen vermochte, indem er ſeine Stelle verließ, und aus dem Lande entfloh, als ein freundlos Ausgeſtoßener, ein Bettler. Jetzt ſuchte er in ſeinem Herzen nach den Namen derer, die er als Opfer der lange ge⸗ naͤhrten Rache auserſehen, vielleicht ſchon in der Knabenzeit. Sein Gedaͤchtniß ſaß brutend auf der Vergangenheit, bis es jede erfahrene Beleidigung zu neuem Leben erweckte, und jede Unbill erneuerte das gluͤhendſte Rachgefuͤhl in ſeiner Bruſt. Gleich einem unſichtbaren Bluthunde verfolgte er die Wege ſeiner ehema⸗ ligen Schulgefaͤhrten, die ihn jemals beleidigt hatten, und waren ſie noch im Bereiche ſeiner Macht, ſo konnten ſie auch irgend einer Ver⸗ laͤumdung, irgend eines Mißgeſchickes gewiß ſein, und weder Urheber noch Urſache vermoch⸗ ten ſie jemals zu entdecken. Einer ſeiner Feinde fiel nach dem anderen. Sein Vuſen hob ſich unter dem Gefuhle einer boshaften Genugthuung, und der gluckliche Erfolg ermuthigte ihn, jetzt, wo er ſeiner Rachluſt gegen Einzelne genuggethan, ſeine Angriffe gegen das ganze Geſchlecht zu wenden, von dem er ſich ſchwer beleidigt und gekraͤnkt waähnte. Er ſchloß von ſich ſelbſt auf Andere, und glaubte daher, ſeine Nachbaren nicht ſchmerzlicher kränken, nicht ſtaͤrker aͤrgern zu konnen, als wenn er ſie in Glanz und Aufwand uͤbertreffe. Er wollte ſie ſo⸗ wohl mit Verwunderung als Reid erfullen, und zu Erreichung dieſes Zweckes ſparte er keine Mittel, keine Verſchwendung. Sein Haushalt konnte zwar nicht mit dem des Kardinal Wolſey wett⸗ eifern, welcher acht hundert Menſchen fuͤr be⸗ ſtaͤndig in ſeinem Dienſte hatte, doch war er im Vergleiche zu denen ſeiner edleren Rachba⸗ ren faſt nicht weniger fuͤrſtlich. Nichts freute ihn mehr, als der Titel des„Koͤnigs vom Berge“ den ihm das gemeine Volk beilegte, indem er uͤberall koͤniglichen Glanz anzuneh⸗ men trachtete. Muſik ließ ſich hoͤren, wenn er ein Gemach betrat oder verließ, damit, wie er ſagte, ſeine Einbildungskraft erregt werde. Der Anzug vermehrt, wie allbekannt, die Wuͤrde;— der ſeinige war königlich; von Je⸗ dem, der ſich ihm nahete, forderte er Ehrfurcht; gab er Befehl, einen Rehbock zu ſchießen, ſo geſchah dies jedes Mal auf eben die Weiſe, wie der Koͤnig dies zu thun pflegte, durch eine Vollmacht unterſiegelt, und mit eigener Hand unterzeichnet. Saß er auf ſeinem Richter⸗ ſtuhle, ſo war er ein Herrſcher auf ſeinem Throne, und uͤberdies ein ſtrenger, der mehr gefuͤrchtet ward, vor dem Manche mehr zitter⸗ ten, als vor einem gekroͤnten Despoten. Sei⸗ nen Gäſten ſetzte er die beſten Weine, die aus⸗ erleſenſten Leckerbiſſen vor, er ſelbſt aber war kein Epikur. Seine Seele war ſo ſehr mit der Ausarbeitung boͤſer Plaͤne beſchaͤftigt, daß er ſich wenig um die Pflege des Leibes kuͤm⸗ merte. Obgleich er ſelbſt an den Delikateſſen keinen beſonderen Geſchmack fand, ſo war ſein eigener Tiſch doch immer reich beſetzt, und er ſuchte ſogar ein geiſtiges Vergnuͤgen darin, der⸗ gleichen Dinge, die ihm ganz gleichguͤltig waren, zu genießen, weil er dadurch den Neid der we⸗ niger Reichen zu erregen glaubte. Vermoͤge der vollen Gewalt, welche Sir Giles ihm ſo unvorſichtig uͤbertragen, verkaufte er alle Familienbeſitzungen der Hungerfords, welche nicht in Somerſetſhire lagen, um die Be⸗ ſitzungen in der Umgebung des Thurmhauſes zu vergrößern. Bald betrachtete er dies als ſein Eigenthum, da er nicht zweifelte, daß deſſen rechtmaͤßiger Beſitzer in den franzdſiſchen Krie⸗ gen um ſein Leben kommen werde; und was Cecil betraf,— der war in ſeiner Gewalt, un⸗ ſchaͤdlich, ſo lange er ſeine Klagen nich laut werden ließ, und wohlverſorgt, wenn er dies wagte. Alle, welche angrenzende Göter beſa⸗ ßen, die zur Vergroͤßerung ſeiner eigenen guͤn⸗ ſtig lagen, mußten bald ſeine Macht fuͤhlen, wenn ſie es wagten, ſich derſelben zu widerſetzen. Von dem Augenblicke an war ihr Verderben bei ihm beſchloſſen. Nachdem Zwei oder Drei als Opfer ſeiner hoͤlliſchen Kunſtgriffe gefallen wa⸗ ren, wurden die Andern von Furcht ergriffen, und waren froh, ihre Guͤter weit unter deren Werthe verkaufen, und eine Gegend verlaſſen zu koͤnnen, die unter ſo unwuͤrdigem Drucke ſeufzte. Ohne Hoffnung, einen Mann zu beſiegen, der den Himmel verleugnete, der durch jedes irdiſche Mittel der Boöheit unterſtutzt ward, und der noch uͤberdies in dem Rufe eines Buͤndniſſes mit der Hoͤlle ſtand, gab es doch in der Gegend noch Einige, welche entſchloſſen und kraͤftigen Geiſtes genug waren, ſich einem ſolchen Unge⸗ heuer, ſolch unleidlicher Unterdruͤckung, nicht gutwillig unterwerfen zu wollen. Sie verab⸗ ſcheuten den Gedanken durch einen Baſtard, ei⸗ nen niedrigen Emporköͤmmling von dem Sitze ihrer Ahnen vertrieben zu werden, wieſen kuͤhn den Kaufantrag zuruͤck, und trotzten ſeiner Feindſchaft. Noch herrſchte in den entfernte⸗ ren Provinzen der barbariſche Gebrauch, daß die Vaſallen ihren Lehnöherren bei Ausfechtung ih⸗ rer Privatfehden Huͤlfe leiſten mußten, und ſie kamen daher mit einem zahlreichen bewaffneten Gefolge zu den Sitzungen, oder anderen oͤffent⸗ lichen Zuſammenkuͤnften, bei denen ſie erwarten durften, auf Sir Lionel zu treffen, aber er er⸗ ſchien entweder mit einer bewaffneten Beglei⸗ tung, die der ihrigen an Zahl uͤberlegen war, oder er machte von ihrem Betragen Anzeige, ſetzte ſich dadurch ſelbſt in ein vortheilhaftes Licht, und brachte es auf dieſe Weiſe dahin, daß ſeine Feinde entweder von dem Konige harte Verweiſe empfingen, oder nach London gefordert wurden. 333 Dieſe vergeblichen Verſuche, ſich aus ſeinen Schlingen zu winden, diente zu nichts, als ihr Schickfal zu verſchlimmern. Er umwand ſie ſo mit ſeinem Netze, und legte ihnen uͤberall ſo viele Fallſtricke, daß ſie ihm faſt nur durch ein Wunder haͤtten entrinnen koͤnnen. Die Stern⸗ kammer*), die geiſtlichen Gerichtshoͤfe, der Ge⸗ richtshof des päpſtlichen Legaten, das Kanzlei⸗ gericht, Beſtechung, Verlaͤumdung, und alle jene endloſen Plackereien der Geſetze wurden ge⸗ gen ſie aufgeboten, bis ſie endlich, an jeder an⸗ *) Ein geheimer Gerichtshof Englands, der damals noch beſtand, ſpaͤter aber abgeſchafft 5 e * V. leb⸗ deren Huͤlfe verzweifelnd, dahin gebracht wur⸗ den, ihn zum einzelnen Kampfe zu fordern. Konnte er ſie zu dieſem aͤußerſten Schritte brin⸗ gen, ſo war es ihm ſtets ſehr lieb. Der Furcht gaͤnzlich fremd, voll Vertrauen auf ſeine Kraft, Tapferkeit und Gewandheit, ſtimmte es vollkom⸗ men zu ſeinem Grundſatze der eigenen Sicher⸗ ſtellung, wenn die Entſcheidung der Streitigkei⸗ ten von dem Schwertkampfe abhaͤngig gemacht wurde; denn hier rechnete er immer darauf, ſei⸗ nen Gegner zu uͤberwinden, und er wußte wohl, daß fuͤr eine ſolche That niemals Rechenſchaft von ihm gefordert werden konnte, beſonders, wo er der herausgeforderte Theil, und nicht der Brecher des Friedens war. Lord Dawbeneh ward auf dieſe Weiſe als das erſte ſeiner Opfer auserſehen. Sir Lionel ſtieß ihm ſein Schwert durch das Herz, wiſchte es mit dem Saume vom Kleide ſeines Gegners ab, ſteckte es dann ruhig wieder in die Scheide, zog die Naſenloͤcher wohl⸗ gefällig in die Hoͤhe, blickte veraͤchtlich auf den todten Koͤrper, und ſagte voller Zufriedenheit: „So endet der Rechtsſtreit mit Mylord Daw⸗ beney 1 539 Begierig, ihren Freund und Nachbar zu raͤ⸗ chen, forderten Sir Launcelot Wallop, und der jungere Sohn des Sir Hugh Trevor ihn heraus, doch der unerſchrockene und unbeſiegbare Sir E ——— Lionel ſchien zu ſeinen Kaͤmpfen die Lanze des odes zu borgen, und die edlen Ritter, welche Lord Dawbeney raͤchen wollten, wurden von eben dem Schwerte durchbohrt, das auch ihrem Freunde das Leben geraubt hatte. Von dieſem Augenblicke an ward der Glau⸗ be, Sir Lionel uͤbe Zaubergewalt und Hepe⸗ rei, und ſtehe unter dem Schutze ſinſterer Daͤ⸗ monen, ſo allgemein, daß Wenige die Kuͤhnheit hatten, ihm zu widerſtreben, und wenn der Koͤnig des Berges ſeine Blicke in einer Richtung uͤber das Land ſchweifen ließ, ſo trafen ſie auf wenig Gegenſtaͤnde, die nicht zu ſeinen eigenen, weitausgedehnten Beſitzungen gehoͤrten. Einen Nebenbuhler hatte er jedoch noch, der nicht nur Beſitzungen, zwiſchen ſeinen eigenen belegen, hatte, und die er bisher, trotz aller Muͤhe, nicht von ihm erhalten koͤnnen, ſondern deſſen Guͤter auch ſich in der anderen Richtung faſt ſo weit erſtreckten, als das Auge reichte, und das Eigen⸗ thum Sir Lionels beinahe als unbedeutend er⸗ ſcheinen ließen. Dieſer Nebenbuhler war der Koͤnig des Thales, wie er im Gegenſatze zu Sir Lionel genannt ward, der Abt von Gla⸗ ſtonbury, ein Peer des Parlaments, und ein Mann, der aus einem natuͤrlichen Gefuhle fur Pflicht und Recht, ſich allen unrechtmaßigen Vergroͤßerungsverſuchen des Koͤnigs vom Berge ₰— widerſetzt hatte. Eben ſo demuͤthig im Herzen, als mächtig und gewaltig, betrachtete ſich dieſer fromme, gottesfurchtige Mann nur als den Verwalter des Abteieigenthums„und weigerte ſich deshalb, einen einzigen Morgen des dazu⸗ gehorigen Landes zu veraͤußern; und als Hirt ſeiner geiſtlichen Heerde, und als der Beſchuͤtzer der Gegend, hatte er alles gethan, was in ſei⸗ nen Kräften ſtand, um Sir Lionels Abſichten entgegen zu wirken. Daher die Wuth, mit welcher dieſer auf den Abt blickte, der dagegen wieder ihn mit frommem Abſchen betrachtete, nicht allein wegen ſeiner Miſſethaten, ſondern auch, weil er ſich von deſſen Buͤndniſſe mit den Maͤchten der Finſterniß feſt uͤberzeugt hielt. Daß ein unterrichteter, hellſehender Mann einem ſolchen Glauben Nahrung ſchenken konnte„mag einigen unſerer Leſer unnatuͤrlich erſcheinen, doch man muß bedenken, daß zu jener Zeit der große Feind der Menſchheit noch weit thaͤtiger war, als zu der unſrigen, und daß er ſich ſelbſt nicht ſcheute, ſich dem oͤffentlichen Blicke auszuſetzen. Lord Dacre ſchrieb ohne Scheu ſeinen Unfall in Schottland der Gegenwart dieſes furchterlichen Widerſachers zu, eine Thatſache, welche der Graf von Surrey in ſeinem amtlichen Schreiben dem Kardinal Wolſey mittheilte, und welche ——————— das ganze Heer durch ſein Zeugniß beſtätigte*). Hatte der fromme Abt dieſe Meinung vor dem Ereigniſſe in der St. Marienkapelle, deſſen wir erwaͤhnten, ſo darf man ſich nicht wundern, daß dadurch die bisherigen Vermuthungen zur Ge⸗ wißheit erhoben wurden, und daß ſein Abſcheu durch dieſen neuen, unwiderlegbaren Beweis von ſeines Gegners unheiligem Buͤndniſſe nur noch vermehrt ward. Damit unſere Leſer auch den Charakter der andern vorzuͤglichſten Bewohner des Thurm⸗ hauſes, zu dem wir ſie gefuͤhrt haben, kennen lernen, muͤſſen wir, ehe wir in unſerer Erzaͤh⸗ lung weiter fortſchreiten, noch einige Worte uͤber den Doktor Wrench, und ſeinen ehema⸗ ligen, ſogenannten Zoͤgling Cecil Hungerford ſagen. Der erſtere, welcher als ein armer Student auf die Univerſität gekommen war, und dieſelbe mit einem Rufe großer, ausge⸗ breiteter Gelehrſamkeit verlaſſen hatte, war ein pedantiſcher Padagoge, der ſich durch ſein uͤber⸗ wiegendes Talent, ſich ſeinen Weg im Finſtern zu bahnen, den Ruf tiefer Kenntniſſe erwor⸗ ben hatte. Er wollte beſtandig Neues entdek⸗ ken, wuͤhlte und grub in der Gelehrſamkeit umher, und foͤrderte doch nichts als Schutt *) Fllis Original Letters„ Vol. I. p. 217. —— und Staub zu Tage. Weil er uͤber einige Punkte der lateiniſchen Grammatik, oder ver⸗ ſchiedene Lesarten der Klaſſiker geſchrieben hatte, ward er in einer Lobrede ſeiner unwiſſenden Mitgelehrten„der Gelehrteſte“ genannt. Die Ratte, die in der Naͤhe der St. Pauls⸗Ka⸗ thedrale ſich ihr Loch graͤbt, koͤnnte eben ſo gut ein richtiges Urtheil uͤber die architektoni⸗ ſchen Schoͤnheiten dieſes Bauwerkes faͤllen, als der Doktor Wrench uͤber das Ganze der Literatur. Er hatte eine ausgebreitete Wort⸗ kenntniß, war in den Sachen aber gaͤnzlich un⸗ wiſſend, und betrachtete daher die Sprache nicht als Mittel, ſondern als Zweck, der an und durch ſich ſelbſt ſchon genuͤge. Gelehrſam⸗ keit war ſeiner Erklaͤrung nach nichts, als eine ausgebreitete Bekanntſchaft mit gewiſſen willkuͤhrlichen Lauten; alles mit Latein Um⸗ huͤllte ward dadurch zur Gottheit, und wenn nur die Schreibart richtig war, ſo uͤbertraf das erbaͤrmlichſte, ſinnloſeſte Gedicht, welches je ein Schulknabe in dieſer Sprache zuſam⸗ menſchmiedete, die ſchoͤnſten Gedanken, die in die engliſche Sprache gekleidet waren. Aber ſelbſt vom Latein wußte er nichts, als die Sprache, und die werthvollen Klaſſiker, welche erſt kurze Zeit vorher in Italien aufgefunden worden, erregten ſeine Theilnahme nur inſofern, als ſie dazu dienen konnten, die Schreibart oder Abſtammung eines Wortes zu beweiſen, oder einen ſtreitigen Satz der Grammatik zu entſcheiden. Dieſer gelehrte Dummkopf hatte das Un⸗ gluͤck, verwachſen zu ſein. Er hielt ſich des⸗ halb von der Natur vernachlaͤſſigt, und waͤh⸗ rend er mit Neid auf ſeine beguͤnſtigtern Mit⸗ menſchen ſahe, ward ſein Gemuͤth bald eben ſo verwachſen, als ſein Koͤrper. Das heran⸗ nahende Alter machte ihn noch muͤrriſcher, fin⸗ ſterer, und er wußte ſeinem Mißmuthe nicht anders Luft zu machen, als indem er ſeine Zoͤglinge quaͤlte, eine Freude, die er in jenem halbbarbariſchen Zeitalter ungeſtraft haben konnte. Es mag uͤberraſchend erſcheinen, daß ein ſo tiranniſches, boshaftes Geſchoͤpf ſich un⸗ ter einen Andern ſchmiegen, und auf Sir Lio⸗ nel mit der tiefſten Unterwuͤrfigkeit blicken konnte, und es wird noch uͤberraſchender ſein, wenn wir die Gruͤnde dieſer freiwilligen Er⸗ niedrigung angeben. Des Doktors Unwiſſen⸗ heit hatte ihn zu dem feſten Glauben an den Stein der Weiſen, das Lebenselixir, und alle die Geheimniſſe der Alchymie verleitet, und eine Zuſammenkunft, die er mit Cornelius Agrippa hatte, als dieſer beruͤhmte Magiker in England war, befeſtigte ihn fuͤr immer in dieſem Glau⸗ — ben. Er hatte nicht nur des Magikers dienſt⸗ baren Geiſt geſehen, in die Geſtalt eines ſchwar⸗ zen Hundes gekleidet, das Halsband mit vie⸗ len magiſchen Figuren bezeichnet; er war nicht nur Augenzeuge geweſen, wie der Erzmagiker mit Huͤlfe dieſes Geiſtes mehrere magiſche und aſtronomiſche Wunder verrichtete, ſondern er hatte auch von ihm ein Werk des Abtes Tri⸗ thenius, der große Phoͤnir betitelt, erhalten, in welchem es klar dargethan ward, daß das wahre Lebenselixir ſeinem gluͤcklichen Beſitzer nicht nur die Jugend wiedergebe, ſondern ihm auch vergoͤnne, jede Geſtalt männlicher Schoͤn⸗ heit zu erwaͤhlen, in der er ſein neues Leben zubringen wolle. Der Gedanke, ſeine Jugend wieder zu erhalten, und durch die hoͤchſte Schoͤnheit fuͤr ſeine jetzige Haͤßlichkeit entſchaͤ⸗ digt zu werden, eine Sache, deren Moͤglichkeit er um ſo weniger bezweifelte, da das Buch in lateiniſcher Sprache geſchrieben war, dieſer Gedanke hatte ſich ſeiner ſo ganz bemaͤchtigt, daß er jeden andern ausſchloß, und ihn Tag und Nacht beſchäftigte. Mit der ihm eigenen Menſchenkenntniß hatte Sir Lionel dieſe Schwaͤche entdeckt; er gab ſich das Anſehen, ausgebreitete alchymiſtiſche Kenntniſſe zu beſitzen, ſchmeichelte dem armen krummen Pedanten mit der Hoffnung, jenes Wunderelirir zu bereiten, und hatte ihn da⸗ durch ſo zu ſeinem Selaven gemacht, daß er bereit war, zur Erreichung dieſes großen Zwek⸗ kes alles zu thun, was Sir Lionel von ihm verlangen wuͤrde. Verſchiedene Umſtaͤnde, und eigene Beobachtungen hatten den Doktor uͤber⸗ zeugt, daß ſein Schutzherr in einem Buͤndniſſe mit den Maͤchten der Finſterniß ſtehe, und nun hatte er um ſo groͤßeres Vertrauen, uͤberließ ſich ſeiner Leitung um ſo unbedingter. Sir Lionel hatte in der That einſt einige Pfund an die aufimuiſte Steines der Weiſen ge⸗ wagt, doch nachdem er ſich eine oberflächliche Kenntniß von den Ausdruͤcken der Schwarz⸗ kuͤnſtelei, und eine ebenfalls nicht tiefere Kennt⸗ niß der Chemie erworben hatte, ging er nicht weiter. Sein natuͤrlicher Scharfſinn entdeckte die Taͤuſchung bald, und er gab das Eingebil⸗ dete fuͤr das Wirkliche dahin. Die Retorten, Roͤhren und Blaſen, durch die er ſich zu ver⸗ groͤßern geſtrebt, wurden in ſeinen eigenen Geiſt uͤbergetragen, und die Stoffe, die er ver⸗ arbeiten wollte, waren die Furcht und die Thorheit, die Laſter und Leidenſchaften ſeiner Nebenmenſchen. um aber den Doktor, deſſen Aberglaube ihm ſehr willkommen war, noch ferner zu betrugen, behielt er ſein Laboratorium, geſellte ſich ſogar zuweilen zu dem Haufen II. 6 — 52— „blinder Dummkopfe, welche in die Kohlen blaſen“ und machte Experimente, wenn Mond und Planeten zu ſolchen Unternehmungen guͤn⸗ ſtig ſtanden. Nachdem wir den harten, grauſamen Cha⸗ rakter, und den verſchrobenen oder uͤberſpann⸗ ten Geiſt der Kerkermeiſter beſchrieben haben, macht es das Herz bluten, das Bild ihres Opfers zu entwerfen, und faſt ſtraͤubt ſich die Feder. Es gleicht jenem peinvollen Gefuͤhle, die Taube zu malen, wie ſie unter den Kral⸗ len des Habichts blutet, oder zarte Lamm, wie es von dem Rachen des Wolfes erfaßt iſt. Cecil Hungerford war eine jener zarten, zer⸗ brechlichen, beinahe aͤtheriſchen Formen, welche auf eine uͤbereinſtimmende Milde und Lauter⸗ keit des Geiſtes ſchließen laſſen. Als Juͤngling glich er einem Engel, und der Geiſt war die⸗ ſer Huͤlle nicht unwuͤrdig. Die feine, durch⸗ ſichtige Haut zeigte die blauen Adern, ſeine hohe Stirn und ſeine gewoͤlbten Augenbrauen verriethen einen ſcharfen Verſtand, und die Liebe, mit der ſein Herz erfuͤllt war, druͤckte ſich in allen Zuͤgen ſeines Geſichtes aus. Ein ſolcher Koͤrper, verbunden mit dem reizbarſten Gemuͤthe, verlangte die ſorgfaͤltigſte Pflege, ſollte die Uebereinſtimmung der verſchiedenen Kraͤfte erhalten werden. Jede Vernachlaͤſſigung — 83— mußte den zarten Mechanismus des Ganzen zertruͤmmern. Aber weit entfernt, ſich einer ſo milden Pfiege erfreuen zu duͤrfen, war Cecil, ſchon ſeit den fruͤheſten Tagen ſeiner Kindheit, der Gegenſtand wahrhaft teufliſcher Grauſam⸗ keit geweſen; vorzuͤglich waren die Angriffe ge⸗ gen ſeinen Geiſt gerichtet, und mit ſolcher Kunſt, mit ſolcher hoͤlliſchen Umſicht angelegt worden, daß ſelbſt ein Kraftigerer ihnen hätte erliegen muͤſſen. Als die Teufel des Ehrgeizes ſich in Sir Lio⸗ nels Buſen feſtzuſetzen begannen, betrachtete er den ungluͤcklichen Juͤngling mit neidiſchem Auge, als das einzige Hinderniß bei Erfuͤllung ſeiner Poffnungen; doch da ſein feſter Grundſatz der Vorſicht und Sicherheit ihm jede offene Gewalt⸗ that verbot, uͤberlegte er lange, wie er ſeine ſchaͤndliche Abſicht am beſten erreichen koͤnne. Ein ſo reizbarer Geiſt als der Cecils ſchien durch irgend einen gewaltſamen Angriff leicht aus ſei⸗ nem Gleichgewichte gebracht werden zu koͤnnen, und wenn er dieſen Zweck erreichen, oder auf irgend eine Weiſe den Verſtand Cecils ſchwaͤchen konnte, ſo mußte deſſen Wahnſinn ihm die fer⸗ nere Vormundſchaft ſichern, welche ſich jetzt, da ſein Muͤndel bald das ein und zwanzigſte Jahr erreicht hatte, ihrem Ende nahete. Auch konnte ein Juͤngling, der ſeines Verſtandes nicht 6* mächtig war, unmoͤglich heirathen, und ihn viel⸗ leicht auf dieſe Weiſe von der ſichern Erbfolge ausſchließen. Kaum hatte er dieſen Plan ge⸗ faßt, als er die Helfer, mit denen er ſich um⸗ ringt, und die chemiſchen Kenntniſſe, die er ſich bei dem Streben nach dem Steine der Weiſen erworben hatte, zu Erreichung ſeines Zweckes in Thaͤtigkeit ſetzte. Geiſtererſcheinungen und optiſche Tauſchungen traten vor das verſtorte Auge des Knaben, wenn er ploͤtzlich aus dem Schlafe aufgeſtoͤrt worden war. So wie ſeine ganze Organiſation aͤußerſt reizbar war, ſo war auch ſein Gehoͤr hoͤchſt empfaͤnglich, eine Eigen⸗ ſchaft, welche zugleich ſeine melodiſche Stimme beſſer und richtiger ausbildete, als Unterricht es vermocht haben wuͤrde, doch die ihn auch gegen jeden rauhen, disharmoniſchen Ton ſehr em⸗ pfindlich machte. Hieraus ward der grauſamſte Vortheil gezogen. Kettengeklirre, Schuͤſſe, Trompetengeſchmetter, und andere unangenehme oder ſchneidende Toͤne ſtoͤrten die Stille der Nacht, und betaͤubten ſein Ohr ſo ſehr, erfuͤll⸗ ten ihn mit einem ſolchen Entſetzen, daß ſeine Sinne dann gewoͤhnlich fuͤr den ganzen folgen⸗ den Tag in ihren Verrichtungen geſtoͤrt waren, und eine Fortſetzung ſolcher Schrecken, verbun⸗ den mit der Entziehung des Schlafes, bewirkten bald eine gaͤnzliche Geiſtes⸗Zerruͤttung. In dieſer Seit, wo Tage des Schwachſinnes auf die Naͤchte des Schreckens und Entſetzens folgten„wurde der Doktor Wrench zum Lehrer Cecils angenommen. Er nannte ihn traͤge, wenn er erſchoͤpft, dumm, wenn er beſtuͤrzt war, und that ſeiner eigenen Boöheit genug, und vermehrte die Krankheit des Ungluͤcklichen, indem er es verſuchte, ihm Fleiß und Verſtand einzupru⸗ geln. Der Erfolg war ganz ſo, wie Sir Lionel es vorausgeſehen. Erſchreckt und eingeſchuchtert ward der arme Cecil zu Zeiten wirklich alles Lernens unfähig, und dann fuͤr dumm oder ſchwachſin nnig erklärt. Su onderen Zeiten litt er wieder an Geiſtesabweſenheit; das galt bei ſeinen Quälern fuͤr Mondſuͤchtigkeit. Von Natur aber war ſein Verſtand ſcharf und durch⸗ dringend, und blickte zuweilen durch die Wol⸗ ken, mit denen mon ihn gewaltſam beſchattet, wie der Strahl der Sonne durch die Finſter⸗ niß des Gewitters oder Sturmes. Dieſer hellen Augenblicke ungeachtet erklärte der Doktor ihn fuͤr ſchwachſinnig, oder wenig⸗ ſtens fuͤr ſo dumm, daß er zu jedem Unter⸗ richt unfähig ſei, und verzichtete daher auf das Amt ſeines Lehrers. Sir Liong wußte dies uͤberall zu verbreiten. Er machte den Doktor, den er an ſich feſſeln wollte, zu ſei⸗ nem Pripatſecretair, und unterließ alle ferne⸗ — 6 ℳ ren Verfolgungen gegen Cecil, nicht etwa aus Gutmuͤthigkeit, ſondern weil er ſie fuͤr uber⸗ fluͤſſig, und daher fuͤr einen Mißgriff hielt, und der war in ſeinen Augen ſchlimmer, als ein Verbrechen. Seine Unwiſſenheit und ſei⸗ nen Mangel an Erziehung betrachtete er eben⸗ falls als Mittel des Beweiſes, wenn es je⸗ mals erforderlich ſein ſollte, ſeinen Schwach⸗ ſinn oͤffentlich darzuthun. Es war ein Gluͤck fuͤr Cecil, daß er ſich nun ſelbſt uͤberlaſſen blieb, denn eine laͤngere Fortſetzung jener Grau⸗ ſamkeiten, die die Sinne erſchuͤtterten, und die Einbildungskraft uͤbermaͤchtig erregten, hätte nur mit wirklichem Wahnſinne enden koͤnnen. Jetzt fand ſein Geiſt indeſſen bald das natuͤr⸗ liche Gleichgewicht wieder, obgleich er noch im⸗ mer ſo krankhaft bewegt war, daß er vor jeder Beruͤhrung, jedem Zuſammentreffen mit ſeinen Mitgeſchoͤpfen zuruͤckbebte, von denen er nichts als Bedruͤckungen erfahren hatte. Einen ober⸗ flächlichen Beobachter haͤtte uͤberdies ſeine Un⸗ kenntniß der gewoͤhnlichſten Dinge, die aus dem Mangel aller Erziehung entſprang, zu der Ueberzeugung verleiten koͤnnen, er ſei von Na⸗ tur ein Dummkopf. Sein ſcharfer Verſtand entfaltete ſich aber in dieſer Zeit zur vollkommenen Reife, obgleich auf eine Weiſe, welche nur dazu dienen konnte, das Gerucht, welches uͤber ihn im Umlauf war, zu beſtaͤtigen. Die unendliche Liebe, welche ſeine Mitgeſchoͤpfe ſo grauſam zuruͤckgeſtoßen hatten, trug er jetzt auf die Natur und die thieriſche Schoͤpfung uͤber. Sein weißer Hund war ſein Freund und unzertrennlicher Gefährte; die Erde war ſeine Geliebte, und auf ihre Schoͤnheiten konnte er Stunden hindurch mit einem Entzuͤcken blicken, das Wenige verſtan⸗ den, Viele laͤcherlich machten, oder bemitleide⸗ ten. Die natuͤrliche Welt konnte er bewun⸗ dern und verſtehen, die moraliſche verwirrte und empoͤrte ihn. Wenn er die Geſchaͤfte der Menſchen beobachtete, ſo ſah er, daß ihr Haupt⸗ zweck gewoͤhnlich war, ihre Mitgeſchoͤpfe zu hintergehen, zu betruͤgen, zu pluͤndern, zu quaͤ⸗ len, oder zu unterdruͤcken, waͤhrend ihre Haupt⸗ erholung darin beſtand, eben dies auch gegen die Thiere des Feldes auszuuͤben. Gegen das erſtere erklaͤrte er offen ſeinen Abſcheu, doch auch von der Jagd fuͤhlte er ſich zuruckgeſto⸗ ßen. Er weigerte ſich nicht, zu ſeinem Ver⸗ gnuͤgen militairiſche Uebungen zu treiben, oder ſie als ein Mittel zur Abwendung der Gewalt zu betrachten, ſollte er aber mit anderen Juͤng⸗ lingen ſeines Alters turnieren, was, wie er wußte, ſchon oft Wunden oder Tod zur Folge gehabt hatte, ſo weigerte er ſich ſtandhaft, und erklärte feſt, er halte ſich nicht berechtigt, ohne Noth ein Ebenbild Gottes zu zerſtdren. Dieſe ſchreiende Ketzerei ſchrieb man allgemein ſeiner Geiſtesſchwachheit zu, und wenn von ihm ge⸗ ſprochen ward, ſo nannten ihn ſelbſt die, welche ihn bemitleideten, und ihm ſeine volle Geſund⸗ heit gewuͤnſcht haͤtten„den armen Cecil Hun⸗ gerford, die Memme und den Tropf.“ S Kurz vor Dudleys Ankunft ereignete ſich ein Umſtand, der Cecils Truͤbſinn in ein krank⸗ haftes Gefuͤhl der Selbſtentwuͤrdigung verwan⸗ delte, und die Liebe zur Einſamkeit noch ver⸗ mehrte, die Sir Lionel in den Briefen an Sir Giles mit dem Namen von Halsſtarrigkeit belegt hatte. Um einigen Wechſel in die All⸗ täglichkeit ihres Lebens zu bringen, hatte Miß Fitzmaurice Cecil, in Ermangelung beſſerer Saͤnger, ofters zu ſich kommen laſſen, damit er ihr etwas vorſingen oder ſie begleiten ſolle, wenn ſie auf dem Spinett ſpielte, ein Geſchaͤft, zu dem er ſich wegen ſeiner ſchoͤnen Stimme, und ſeiner Kenntniß der Muſik, ganz vorzuͤg⸗ lich eignete. Ein ſo reizbarer Juͤngling, wie Cecil, konnte durch ihre glaͤnzende Schoͤnheit faſt nicht unbewegt bleiben; ſie war das ein⸗ zige weibliche Weſen, mit dem er umzugehen Gelegenheit hatte, das einzige beinahe, das ſich ſo weit herabgelaſſen, ihn zu beachten, und die Bewunderung„mit der er bisher auf ſie blickte, reifte, ihm ſelbſt unbewußt, zu zaͤrtlichern Gefuͤhlen. Dankbarkeit geſellte ſich dazu, ſeine Leidenſchaft zu befeſtigen. Kapitain Baſſet, der gewiſſermaßen zu ſeinem Aufſeher ge⸗ macht worden war, und der ihn gewoͤhnlich begleitete, wenn es ihm geſtattet ward, die Thore der Burg zu verlaſſen, ward durch Trunkenheit verleitet, ihn wegen wirklicher oder eingebilde⸗ ter Beleidigung zu engem Gewahrſam zu ver⸗ urtheilen. Beatrir ging zufällig voruͤber, und verwies ihm ſein Betragen nicht nur ſo bitter, daß er dadurch augenblicklich wieder nuͤchtern ward, ſondern befahl ihm auch, auf ſeine ei⸗ gene Gefahr, die Einſperrung Cecils zu unter⸗ laſſen, und nahm dieſen ſogleich mit ſich, um ſich durch ihn beim Geſange begleiten zu laſſen. Gunſtbezeugungen jeder Art erkannte Cecil tief und innig; die gegenwaͤrtige war zu ſtark fur ſein gefuͤhlvolles Herz. Kaum hatte er den Geſang begonnen, als er in einen Strom von Thraͤnen ausbrach, das Notenbuch aus den Haͤnden fallen ließ, Beatrix mit einem Blicke ausdrucksvoller Zaͤrtlichkeit anſah, und dabei ausrief:„Welche Wonne wuͤrde es fuͤr mich kin— welche SMidetun meiner— Lage 1*2— laubt, Euch zu e n 1 6 Beatrix ſah dieſen reinen Erguß der Dank⸗ barkeit fuͤr die Erklaͤrung einer innigern Nei⸗ gung, fuͤr das Erbieten ſeiner Hand an. Der Zorn uͤberzog ihr Geſicht mit dunkler Roͤ⸗ the, Feuer blitzte aus ihrem Auge, ſie erhob ſich von ihrem Sitze mit einem Stolze, der ihre Schoͤnheit entſtellte, und ſagte heftig:„Mich lieben, Sir!— der, dem ich dieſe Ehre erlaube, darf weder ein Knabe, noch ein Tropf ſein!“ Bei dieſen Worten warf ſie das Inſtrument zu, ſchritt ſtol; durch das Zimmer, und ließ Cecit verwirrt und betaͤubt zuruͤck.— Seit dieſem Augenblicke hatte ſie nie wieder mit ihm ge⸗ ſprochen, ihn nie wieder beachtet. Des Juͤng⸗ lings Herz war gebrochen, und er konnte kei⸗ nen Troſt finden, ausgenommen, wenn er denen zu entſchluͤpfen vermochte, die ihm zu Huͤtern geſetzt waren, und ſich in die wilde Einſamkeit der Mendip⸗Berge, oder die finſtere Abgeſchie⸗ denheit der Wokey⸗Hoͤhle verlieren konnte. Noch einen anderen Umſtand muͤſſen wir erwaͤhnen, der ſein Gemuͤth mit Truͤbſinn erfullte, und ihn zuweilen faſt zur Verzweiflung brachte. Das Licht ſeiner Vernunft war nicht ſo ſehr verfinſtert, daß er nicht von der Schoͤn⸗ heit, Einheit und Regelmaͤßigkeit der aͤußern Welt mit einem tiefen Gefuͤhle natuͤrlicher Re⸗ ligion erfullt worden waͤre, die ſich beſonders 5— in Wohlwollen und Liehe aͤußerte. Dieſe Ein⸗ druͤcke widerſprachen dem gradezu, was die Heiligenbuͤcher, Legenden und ten ſagten, die man ihm als einen Leitfaden durch das Leben, einen Spiegel der Wahrheit, in die Haͤnde gegeben hatte. Als er dem Pa⸗ ter Barnabas, der einzigen geiſtlichen Perſon, welche in dem Thurmhauſe Anſehn beſaß, des⸗ halb offen ſeinen Zweifel zu erkennen gab, ſchalt dieſer ihn einen Ketzer, und drohte ihm mit Schande auf dieſer Welt, und ewigen Qualen in jener. Erſchreckt, doch nicht uber⸗ zeugt, verbarg Cecil ſeinen Unglauben, floh auf's Neue in Einſamkeit und Abgeſchiedenheit, doch nur, um zu finden, daß die Unerklärlich⸗ keit dieſer Welt auch auf jene ausgedehnt ſei, und ſich dann mit unendlicher Wehmuth von beiden ausgeſtoßen zu fuͤhlen. Das ſchone Gebaͤude ſeines Geiſtes lag in der That in Truͤmmern, nicht in ſolchen, wie der Verlauf der Zeit ſie ſchafft, ſondern in ſolchen, wie ſie durch irgend ein furchtbares Naturereigniß erzeugt werden, und wie ſie die geſchickte Hand des Baumeiſters bald in aller ihrer vorigen— und wieder kerſi⸗ kann. — 92— Viertes Kapitel. Zrepp ab, Kopf üver ſürzt im raſchen pau⸗ Sau, Konſtahler, Klatſchen, Vauern,— Aue. n? Freiht ein Geſpenſt die wilde Schaar? 2 Iſtes ein Alraun? Iſt jener Spuck der— An dieſes wilden Schreckens, und Geiſt oder Teufel gar! Man wird ſi ch entſ unen, deß zer den Morgen des Tages, an welchem das Feſt der Winſtrels in dem Thurmhauſe gefeiert werden ſollte, den Auftrag echielt, bei guter Seit nach Wells aufzubrechen, um mit Sib Fawcett die Rechnung abzuſchließen, und ſeines Herren Sachen nach dem Thorhauſe zu holen, ein Auftrag, der ihm zu angenehm war, um ihn nicht mit der groͤßten Puͤnktlichkeit und Schnelle auszufuͤhren. Unter den verſchiedenen Merk⸗ wardigkeiten, welche Dudleys Reichthum ihm in Frankreich einzukaufen geſtattet, und die in dem weiten Mantelſacke Raum gefunden, befand ſich auch ein kuͤnſtliches Uhrwerk, von einer — 6— Art, welche in jener Zeit in England noch nicht bekannt war. Dem rohen Geſchmacke jenes Zeitalters getreu, ward das Zifferblatt durch ein abſcheuliches Ungeheuer getragen; es ſaß auf den Hinterfuͤßen, und glich den wun⸗ derlichen Geſtalten, die man haͤufig bei den Werken gothiſcher Baukunſt findet. Um das Schreckliche der Erſcheinung noch zu vermehren, waren Rachen und Augen, welche letztern aus Diamanten beſtanden, beweglich, und jeder Schlag des Perpendikels im Innern des Wer⸗ kes theilte ſich auch ihnen mit; bei jeder vollen Stunde richtete ſich das Ungethuͤm empor, und deutete die Zeit durch Schlaͤge mit einem lan⸗ gen kupfernen Stabe an. Dieſes mechaniſche Kunſtwerk hatte Dudley bei ſeiner Ankunft in dem Brette ausgepackt, um ſich zu uͤberzeugen, daß es durch die lange Reiſe nicht gelitten habe, und als er zu ſeiner Freude geſehen, daß es alle ſeine Verrichtungen noch puͤnktlich aus⸗ uͤbte, ſetzte er es bei ſeiner Abreiſe nach dem Thurmhauſe in eine Niſche. Bald nachdem er ſich entfernt hatte, fand die ungluͤckliche ſchwarze Sau, welche fuͤr behext galt, aus der großen Gaſtſtube, die ſie oft zu beſuchen pflegte, ih⸗ ren Weg in die Hornſtube. Dies geſchah je⸗ doch nicht ſo heimlich, daß es Dickon, der den Vortheil hatte, an zwei oder drei Orte —— zugleich ſehen zu koͤnnen, unbemerkt geblieben waͤre; er holte ſich einen derben Knuͤttel, und folgte dann dem Thiere, um es auf wenig hofliche Weiſe zu vertreiben. Zur Vollfuͤhrung dieſes Vorſatzes trat er haſtig in die Hornſtube, kaum aber war er dem daͤmoniſchen Kunſtwerke, das wir ſo eben beſchrieben, gegenuͤbergekommen, als er ent⸗ ſetzt ſtill ſtand. Der Stock entfiel ſeiner Hand, ſein Haar ſtraͤubte ſich zu Berge, und ſeine Augen blickten zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben in einer Richtung vor ſich hin; ſo blieb er einige Sekunden unbeweglich ſtehen, dann ſtieß er einen durchdringenden Schrei des Ent⸗ ſetzens aus, und ſtuͤrzte zum Zimmer hinaus. So gellend der Schrei auch geweſen, ſo er⸗ kannte Sib Fawceett daran doch ſogleich die Stimme ihres geliebten Kindes, und eilte in die Schenkſtube, wo ſie ihn mit einem Haufen von Gaͤſten umringt fand, die ihn alle gleich eifrig um die urſache ſeines Schreckens be⸗ fragten, ſo wie um die des Entſetzens, das noch auf ſeinem Geſichte lesbar war. Sobald der Schielende die Sprache wieder erlangte, ſagte er, doch nur mit abgebrochenen Worten, daß einer von des Teufels Gehuͤlfen oben in der Hornſtube an der Wand ſitze, daß er geſehen habe, wie er ihn anblickte, und ihm mit den Augen winkte, und dann innerlich lachte, und endlich, daß die behexte Sau ihren Ruͤcken an der Wand grade unter ihm gerieben habe. Ei⸗ nige aus der Verſammlung ſtellten ſich, als glaubten ſie an das alles nicht; der Burſche, meinten ſie, muͤſſe ſich entweder ganz und gar geirrt haben, oder er ſei durch ſein Schie⸗ len irregefuͤhrt. Dieſe Meinung verwarf Sib Faweett voller Unwillen, beſonders, da ſie gar nicht zugeben wollte, daß ihr Soͤhnchen in anderer Richtung ſehe, als alle uͤbrigen Men⸗ ſchen. Sie nahm ihn zaͤrtlich zu ſich auf den Schooß, floͤßte ihm durch ein Glas ihres be⸗ ſten Liqueurs Muth ein, und ließ ſich nun die Sache von ihm ſo ausfuͤhrlich, und mit ſo vielen Nebenumſtaͤnden erzaͤhlen, daß die Un⸗ erſchrockenſten ernſthafter wurden, und ſchnell den kuͤhnen Ton aufgaben, in dem ſie anfangs geſprochen hatten. Nicht einer von alle den Gäſten hatte ſich bisher erboten, die Treppe hinaufzugehen, um ſich mit eigenen Augen zu uͤberzeugen, obgleich mehrere der Sib Fawcett riethen, dies zu thun, und ihr eine Wette auf ein Achtel Ale anbo⸗ ten, daß es nichts ſei. Die verſtaͤndige Wir⸗ thinn hatte weit triftigere Gruͤnde, der Sache Glauben zu ſchenken, als ſie eingeſtehen wollte. Obgleich ſie Sir Lionels Charakter —— eiftig gegen Dudleh vertheidigte, theilte ſie doch ihrer innerſten Ueberzeugung nach die Meinung, die allgemein uͤber denſelben herrſchte; und kaum hatte ſie erfahren, daß Dudley nach dem Thurmhauſe wolle, als ſie auch argwohnte, er bringe einen neuen Transport von boſen Geiſtern dahin. Sollte einer derſelben entron⸗ nen, oder vielleicht zufällig vergeſſen ſein, ſo mußte die Hornſtube nothwendigerweiſe in den Ruf kommen, behext zu ſein, oder der Geiſt mußte augenblicklich gebannt und hinausgewor⸗ fen werden. So zweckmaͤßig und erfolgreich ſie dies nun aber auch hielt, ſo war ſie doch keinesweges geſonnen, die Beſchwoͤrung in eige⸗ ner Perſon zu vollziehen. Mit der Erfindungs⸗ gabe der Furcht erklaͤrte ſie, daß ſie ein Geluͤbde abgelegt habe, nie mehr mit dieſer ungluͤckſeli⸗ gen Sau auf der Treppe zuſammenzukommen, daß ſie aber Jedem ein Glas Ale geben wolle, der ihren Stock nehme, und das Thier aus dem Zimmer treibe. Sie hielt die Waffe und den ſchäumenden Krug hin, doch beide blieben unberuͤhrt. Einer mußte in die Stadt, ein Anderer vor die Stadt, ein Dritter verließ das Zimmer ganz ohne Ausrede, ein Vierter folgte ihm unter dem Vorwande, ihn zuruͤckbringen zu wollen, und wieder drei oder vier Andere erklaͤrten, ſie waͤren gar nicht durſtig. Da ge⸗ —— wahrte Sib den Konſtabler in der Thuͤr, druckte ihm ihren Stock in die Hand, und befahl ihm, zu Folge ſeines Amtes, den ungebetenen Gaſt zu vertreiben, der wohl, obgleich ſie das Ge⸗ gentheil wußte, ein Dieb ſein koͤnne, gekom⸗ men, das Haus zu beſtehlen. „Potz! Sib,“ entgegnete der Konſtabler, „wenn er das Brett auch nur um einen Dan⸗ digrat*) beſtiehlt, ſo iſt das eine klare Belei⸗ digung des Geſetzes, und ich Mathlas Mumps, Konſtabler des Lent, bin verpflichtet, mich dar⸗ ein zu miſchen, zur Erhaltung des Friedens. Wahrhaftig, ich kenne meine Pflicht, und waͤre der Fall ſo, ſo wollte ich den Frechen bald beſtrafen, ihn mit meinem Stabe knuffen, und ihn bis zur Gerichtsſitzung in das Gefaͤngniß werfen. Zum Henker, Nachbarinn, ich wollte ihm ſchon warm machen, denn es muß ein kuͤhner Burſche ſein, und ſich aus Blutvergie⸗ ßen wenig machen, der ſich Mat Mumps zu widerſetzen wagt, hat er des Koͤnigs Stab in ſeiner Hand, und des Konigs Geſetz an ſeiner Seite. Doch, ſeht nur, Sib Fawcett, dies iſt keines Konſtablers Sache, außer, wenn Ihr beweiſen konnt, daß der Friede gebrochen, *) Eine kleine Muͤnze von aͤußerſt geringem Werthe welche Heinrich II. ſchtagen üieß⸗ D. neb. IM. 3 — 98— oder ein Pence geſtohlen ſei. Der Miſſethäter iſt zu ſeinem Gloͤcke dem geiſtlichen Gerichte uͤberwieſen, denn deſſen Sache iſt es, in allen ſolchen Faͤllen zu entſcheiden, und, bei der Meſſe, ich will mich dem nicht ausſetzen, daß ich durch den einaͤugigen Koͤnig mit dem rothen Hute*) dem Gerichtshofe des päpſtlichen Le⸗ gaten uͤberliefert werde, weil ich meine Gewalt uͤberſchritt.“ Dieſe prahleriſche Rede ſtellte Sib keines⸗ weges zuftieden, und aͤrgerlich entgegnete ſie: „Ja, ich kenne Dich Deines Prahlens unge⸗ achtet fuͤr eine Memme;— hoͤrt doch, Ihr Herrſchaften, wie tapfer er reden, und ſchwaz⸗ zen, und ſich bruͤſten kann,— aber kommt es zum Handeln, da zieht er ſich zuruͤck.— Fort, Du Prahlhans, Du Großmaul; hier koͤmmt Will Mattock, der ſoll meinen Stock in die Hand nehmen, und mein Haus von der ſchwar⸗ zen Sau und allen anderen ungebetenen Gaͤſten raͤumen, und dafuͤr ein Maaß von meinem beſten Ale bekommen.“ Will, der ſo eben in das Haus getreten *) Wegen eines Schadens an dem einen Auge trug es der Kardinal Wolſey beſtaͤndig mit einem Pfla⸗ ſter bedeckt; daher ſind auch alle ſeine Portraits im Proſile gezeichnet. 6 —— war, ſchlug die Haͤnde zuſammen, rief:„An⸗ genommen!“ ergriff den Knuͤttel, lachte bei ſich ſelbſt uͤber den guten Handel, den er ge⸗ macht hatte, und wollte eben zur Vertreibüng der ſchwarzen Sau ſchreiten, als einer der Gaͤſte ihm in das Ohr fluͤſterte, er ſolle ſich nur darauf gefaßt machen, außer der ſchwar⸗ zen Sau auch noch andere ſchwarze Weſen zu finden. Als er hierauf erfuhr, was Dickon ge⸗ ſehen hatte, ließ er den Stock und die Unter⸗ lippe ſinken, ſtand ſtill, und blickte ſtarren Au⸗ ges auf die Wand. Es verdroß ihn, daß er ſo uͤbertolpelt werden ſollte, indem maͤn den Teufel unter einem et caetera bei ihm ein⸗ ſchwaͤrzte, wo er es doch eigentlich blos mit der ſchwarzen Sau zu thun zu haben glaubte. Daher ſagte er zu der Wirthinn, den Kopf ſchuͤttelnd:„Verwuͤnſcht, Sib, Du biſt'ne Feine, aber D' kannſt'n Will Mattock nicht b'⸗ truͤgen; b'kaͤm'ch ein's von d's Teufels Hoͤr⸗ nern in meinen Leib, ſo wuͤrd' Dein zweipfen⸗ nigs Ale's Loch nicht zuſtopfen.“ Zum Gluͤcke fuͤr die Wirthinn, die ſich jetzt keinen Kaͤmpfer mehr zu verſchaffen wußte, er⸗ ſchien in dieſem Augenblicke der Kirchen⸗Vor⸗ ſaͤnger. Es war eine kleine, naſeweiſe Geſtalt, der man den geiſtlichen Stand auf den erſten Blick anſahe; ſein Rock war ſchwarz, mit ei⸗ 7* — — 100— nem Pelzkragen, ſein Kopf geſchoren, ſein Bart kurz abgeſchnitten, ſeine Spitzen mit Ro⸗ ſenwaſſer beſprengt. Dieſe Geſtalt redete Sib mit mehr als gewoͤhnlicher Hoflichkeit an, nannte ihn„ehrwuͤrdiger Herr,“ erzaͤhlte ihm die Sache, und bat ihn um ſeinen Beiſtand, da er doch der Kirche angehoͤre, und die Ver⸗ treibung eines boͤſen Geiſtes ein Fall ſei, der die Einmengung des Klerus erfordere. Der Vorſaͤnger, deſſen Geſchaͤfte ſich nie uͤber den Singunterricht erſtreckt hatten, den er den Chorknaben geben mußte, fuͤhlte ſich ſehr ge⸗ ſchmeichelt durch den Titel ſowohl, der ihm hier ertheilt ward, als auch durch die Bitte um Beiſtand in geiſtlichen Angelegenheiten, und erklaͤrte ſich auf der Stelle zu dem Dienſte be⸗ reit; zugleich ſagte er auch, er glaube, daß der boͤſe Geiſt weiter nichts ſei, als eine Eule, ein Affe, oder ſonſt ein Thier, welches dem Edelmanne gehoͤre, der die Hornſtube erſt kuͤrz⸗ lich verlaſſen habe, eine Vermuthung, die um ſo glaubwuͤrdiger werde, wenn man bedenke, daß er aus einem fremden Lande komme. Er machte ſeinen Zuhoͤrern heftige Vorwuͤrfe uͤber ihren Aberglauben, den er fur die vorherrſchende Suͤnde in dieſem Theile von Somerſetſhire er⸗ klaͤrte. Da er aber zugeſtand, daß es wirklich Teufel gebe, und daß ſie keinen Ort lieber zu — 101— ihrem Aufenthalte waͤhlten, als ein oͤffentliches Gaſthaus, ſagte er, es wuͤrde wohlgethan“ ſein, den geiſtlichen Arm zu deren Vertreibung aufzubieten, und erklaͤrte ſich mehrmals bereit, dieſer geiſtliche Arm zu ſein, forderte jedoch die Umſtehenden auf, ihn mit dem Arme des Flei⸗ ſches zu beſchuͤtzen und zu vertheidigen, wenn der Geiſt, wie er es vermuthe, wirklich ein fremdes, wildes Thier ſei. Zu Folge dieſer Anordnung zog er ein gro⸗ ßes Geſangbuch aus der Taſche ſeines weiten Gewandes, und fragte, ob irgend einer von den Anweſenden nach Noten ſingen, und ihn bei einem„Domine exaudi“ oder„Deus, in cujus manu“ oder„Ostende nobis“ be⸗ gleiten koͤnne. Als ſich Keiner fand, der dies vermochte, fragte er verwundert, wo ſie gebo⸗ ren und erzogen wären, und ſchlug dann den Geſang des Paternoster vor, in welchem Alle ihn begleiten zu koͤnnen verſicherten. Hier⸗ auf ermahnte er ſie, ſich mit ſolchen Waffen zu verſehen, wie ſie grade bei der Hand waͤ⸗ ren; dann ſetzte er ſich ſelbſt, das offene Ge⸗ ſangbuch in der Hand, an die Spitze des Zu⸗ ges, und ſtieg die Treppe hinauf, gefolgt von einer Menge bewaffneter Landleute, denn zu den fruͤher ſchon anweſenden Gäſten hatten ſich —— auch noch andere neu hinzugekommene geſellt. „Hilf Himmel,“ ſchrie Sib Faweett, als ſie die kraͤftigen Anſtalten gewahrte,„iſt das doch ein Laͤrmen um ein ſolches Geſpenſt, wie eine Eule, die ich ſelbſt mit eigenen Haͤnden zum Fenſter hinauswerfen wollte, ſchriee mein ar⸗ mer Dickon nicht noch immer ſo jämmerlich, und zitterte dabei am ganzen Leibe— willſt Du nicht einige Tropfen Dillwaſſer, oder einen Mund voll Quittenſaft?“ „Nein, Mutter, nein,“ erwiderte der Burſche, und ſchuͤttelte ſich, als bebe er vor dem bloßen Gedanken des Eſſens zuruͤck,„ich konnte wahrlich nichts genießen, als etwa ei⸗ nen Napf voll Heidelbeeren und Zuckerrahm.“ „Und das ſollſt Du haben, mein Puͤpp⸗ U chen, auf der Stelle, und ſollte ich auch den Faͤſe deshalb berauben muͤſſen.“ Waͤhrend ſie ging, dies herbeizuſchaffen, war der PVorſaͤnger mit ſeinem Gefolge an der Thuͤr der Hornſtube angelangt. Er zog hier eine kleine Pfeife aus der Taſche, gab damit den Grundton an, hielt das Geſangbuch mit ſeiner linken Hand pro bono publico hoch empor, bewegte die rechte, den Takt ſchlagend, heftig auf und nieder, und nickte dazu noch mit dem Kopfe, wie er es ſich durch den Un⸗ terricht angewoͤhnt hatte, den er den Chorkna⸗ ben gab; auf dieſe Weiſe trat er in das Gemach. Der Fuͤhrer des Haufens verließ ſich auf die Kraft der Menge hinter ihm, heftete dabei den Blick feſt auf das Buch in ſeiner Hand, um dem Auge des Daͤmons nicht zu begegnen, und bewahrte deshalb ſeinen Muth viel beſſer, als die Andern. Dieſe hatten kaum einen hal⸗ ben Seitenblick auf das tickende, Augen und Zunge bewegende Ungeheuer, das wir beſchrie⸗ ben, und die unter demſelben gegen die Wand gelehnte ſchwarze Sau geworfen, als ſie meh⸗ rere Laute der Furcht ausſtießen, und ruͤck⸗ waͤrts zu draͤngen begannen. Die, welche noch weiter zuruck waren, wollten ihre Neugier be⸗ friedigen, und den Grund dieſer Bewegung kennen lernen, und hielten daher nicht nur die enge Thuͤr feſt beſetzt, ſondern druͤckten auch Jene allmaͤhlig vorwaͤrts, in das Zimmer hin⸗ ein, naͤher zu der ſchrecklichen Geſtalt. Der Beſchwoͤrer, welcher zwar noch nichts geſehen hatte, bei dem ſich aber doch maͤchtig die Ah⸗ nung regte, daß nicht alles ganz richtig ſei, ſang lauter als zuvor, doch wurde er bei die⸗ ſer heiligen Handlung von allen Andern gaͤnz⸗ lich im Stiche gelaſſen. unmittelbar hinter ihm ſtand Will Mattock; als dieſer, außer ſich — 104— vor Schrecken, ſahe, daß Flucht unmoͤglich ſei, ſchlang er ſeinen linken Arm um den Saͤn⸗ ger, ihn zu einer Art von Schild zu machen, hob dann den Knuͤttel hoch empor, und wollte damit eben einen wuͤthenden Streich nach dem Ungeheuer führen, als dieſes den Rachen weit aufriß, ſich hoch empor richtete, und die Stunde zu ſchlagen begann. Bei dieſem ſchreck⸗ lichen Tone, den ihre Furcht in den einer ſchmetternden Kriegstrompete verwandelte, be⸗ mächtigte ſich ein paniſches Schrecken der Her⸗ zen Aller. Der Vorſaͤnger, welcher erſt jetzt den Daͤmon zu ſehen bekam, ſtieß einen gellen⸗ den Schrei aus, der als das Zeichen zu all⸗ gemeiner Flucht angeſehen ward. Die welche außerhalb der Thaͤre ſtanden, wurden uͤber den Haufen gerannt, und Alle fielen, einer uͤber den Andern, die Treppe hinab. Dieſe guͤnſtige Gelegenheit benutzte die ſchwarze Sau, welche den ganzen Angriff gegen ſich gerichtet glaubte, zu einem ſchleunigen Ruͤckzuge uͤber die Kör⸗ per ihrer Widerſacher; doch hatte ſie dieſen Entſchluß erſt zur Haͤlfte ausgefuhrt, als Pin⸗ ſcher, der Hund, ſie zuruͤcktrieb, ſo daß ſie zwei oder drei Mal auf den Gefallenen herum⸗ getreten war, ehe ſie davon kam. Dies hatte die Getretenen zu dem Wahne verleitet, eine ganze Legion von Teufeln tanze auf ihnen — 105— herum, und ihre Angſt, ihr Entſetzen, war dadurch bis ins Unendliche vermehrt worden. Sib Fawcett eilte auf das Geſchrei herbei, und trat grade zu rechter Zeit in das große Gaſtzimmer, um ihren lieblichen Dickon in einer Fluth von Zuckerrahm zappelnd zu fin⸗ den; ſeine Niederwerfung war das letzte Unheil geweſen, welches die ſchwarze Sau anrichtete, ehe ſie auf ihrer Flucht die Straße erreichte. Die Wirthinn und ihre erſchreckte Familie waren jetzt allein in dem verhexten Hauſe, und wuͤrden wahrſcheinlich dem allgemeinen Bei⸗ ſpiele gefolgt, und aus ihrer eigenen Wohnung entflohen ſein, waͤren nicht einige der Fluͤch⸗ tigen auf den Pater Barnabas getroffen. Sie brachten ihn jetzt nach dem Gaſthauſe, erzahlten ihm die wunderbaren Ereigniſſe, und baten, daß er ihnen ſeinen Beiſtand leihen moͤge, den fuͤrchterlichen Daͤmon aus dem Hauſe zu treiben. Der Moͤnch, ganz verſchie⸗ den von dem Pater Frank, hatte aus der Be⸗ ſchreibung des Ungeheuers und deſſen Eigen⸗ thuͤmlichkeiten wahrſcheinlich ſehr richtig auf die Natur deſſelben geſchloſſen. Er ſchrieb den ungluͤcklichen Erfolg der Bannung nur dem Vorſänger zu, den er uͤbermuͤthig und dumm⸗ dreiſt nannte, weil er eine heilige Verrichtung uͤbernommen habe, zu der ſeine Kraft nicht — hinreichend ſei, und die nur deſſen Oberen zu⸗ komme. Er befahl, ihm einen ſtarken Aſt eines Zauberſtrauches abzuſchneiden, und er⸗ mahnte Alle, gutes Muthes zu ſein, denn er wolle den boͤſen Geiſt entweder ſogleich in das rothe Meer bannen, oder ihn mit einer einzi⸗ gen Beruͤhrung ſeines heiligen Stabes aller Bewegung, alles Lebens berauben. Während ſich Einige entfernten, einen Zweig des heili⸗ gen Baumes herbeizuſchaffen, welcher die wun⸗ derbare Kraft hat, Hexen anzuzeigen, und Daͤ⸗ monen zu vertreiben, verbreiteten ſie ſchnell durch den ganzen Ort das Geruͤcht von dem merkwuͤrdigen Ereigniſſe, welches in dem Gaſt⸗ hauſe Statt finden ſollte, ſo, daß Pater Bar⸗ nabas in kurzer Zeit eine groͤßere Menge um ſich verſammelt hatte, als mit dem Vorſänger gegangen, obgleich von deſſen Begleitern nur Will Mattock ſo viel Muth beſaß, noch einem zweiten Beſchwoͤrungsverſuche beizuwohnen. Nachdem der Pater den Zweig des heiligen Baumes in die Geſtalt eines Kreuzes gebogen hatte, ſchritt er zu dem Orte der Handlung. Eine aͤngſtliche, neugierige Maſſe Volkes folgte ihm, und hielt ſich ehrfurchtsvoll zuruͤck, als er das behexte Zimmer betrat. Sie wollte ſich den Ruͤckzug ſichern, und blieb ſcheu an der Treppe ſtehen; der Ruͤckzug ward in⸗ —— deſſen nicht erſorderlich. Die lateiniſchen Ge⸗ bete der Exorziſation ſprechend, ſchritt der Pa⸗ ter auf das Ungeheuer zu, befahl ihm auf gut Engliſch, vor dem heiligen Zeichen zu weichen, und gab ihm einen derben Schlag mit dem Zweige. Wie er es wahrſcheinlich vorausge⸗ ſehen, fiel das Werk dadurch gegen die Mauer, ward verruͤckt, und ſtand alſo ſtill. Der Ra⸗ chen und die Augen blieben unbeweglich, und das Ticken und Klappern im Innern, welches ſo viel Schrecken erregt hatte, war nicht mehr zu hoͤren. Bei dieſem willkommenen Ereigniſſe brachen alle Zuſchauer in einen lauten Freu⸗ densruf aus, und ſchrieen:„Ein Wunder!— ein Wunder!“ Einige liefen die Treppe hinab, die frohe Nachricht weiter zu verbreiten, Will Mattock aber hob ſeinen Knuͤttel, und rief: „Wetter, Du Popanz, Du haſt mir Furcht eingejagt, aber nun D' todt biſt, will ch d'r auch ein's derb auf Deinen häßl'chen Rach'n geb'n!“ Dabei holte er zu einem gewaltigen Schlage aus, und wuͤrde das Ungethuͤm ge⸗ wiß fuͤr immer zum Schweigen gebracht ha⸗ ben, doch der Moͤnch ſchlug ſich in das Mit⸗ tel, und verbot ihm, es anzuruͤhren, weil die Folgen davon ſehr gefaͤhrlich ſein koͤnnten. Dann erklaͤrte er, daß der Verſtorbene in einen Faſten gethan, und begraben werden muͤſſe. ₰ —— Dieſem Vorſchlage ſtimmten Alle bei, und meinten zugleich, der paſſendſte Ort zu dem Be⸗ graͤbniſſe ſei neben dem Zauberbaume, von dem der Zweig genommen worden. So paſ⸗ ſend dieſer Ort auch ſchien, ſo widerſetzte ſich doch der Moͤnch dem Vorſchlage, und ſagte, der Dämon muͤſſe neben dem wunderthaͤtigen Walnußbaume, im Norden der St. Joſephs⸗ Kapelle, in dem Garten der Abtei, begraben werden. Da er, der Pater Barnabas, das gluͤckliche Werkzeug der Vernichtung geweſen, war das Wenigſte, was man ihm zu Gefallen thun konnte, das Ungeheuer neben dem, von ihm vorgeſchlagenen Baume zu beerdigen, wel⸗ cher, wie der ganzen Welt bekannt, nie vor dem 11ten Juni, dem Feſte des heiligen Barnabas, gruͤnte*). Wahrſcheinlich hatte der wuͤrdige Pater die Abſicht, ein mechaniſches Werk zu erhalten, deſſen Werth ſchon an und fuͤr ſich bedeutend *) Dieſer Baum ſowohl, als der wunderthaͤtige Dorn⸗ ſtrauch, welcher durch Pilgrimme aus Paläſtina heruͤbergebracht ſein ſollte, wurde als heilig be⸗ trachtet, und von Menſchen aus allen Staͤnden beſucht. Selbſt noch zur Zeit König Jakobs be⸗ zahlte dieſer Monarch, und auch ſeine Miniſter und der vornehmſte Adel, bedeutende Summen fuͤr Zweige dieſes Baumes, welche als heilige Reli⸗ quien aufbewahrt wurden. war, und das, wie das Beiſpiel ſo eben ge⸗ lehrt hatte, auch zur Ausuͤbung von Wundern ſich trefflich eignete, aber die Gruͤnde, die er der Verſammlung angegeben, wurden fuͤr ſo triftig erkannt, daß ſeine Zuhorer ſogleich zur Ausfuͤhrung des Planes ſchritten. Es ward ein Kaſten herbeigeſchafft, und der vernichtete Dämon durch die Haͤnde ſeines uUeberwinders ſorgfaͤltig hineingelegt; Will Mattock ward da⸗ zu beſtimmt, den Kaſten zu tragen, und Alle ſchickten ſich an, den Gang nach dem Abtei⸗ garten anzutreten. Aber noch ehe ſie Sib Fawcetts Haus verließen, ſtellte ſich dieſe mit einem Deckelkruge ein, den ſie dem Pater Bar⸗ nabas reichte, und ihm dabei dankte, daß er ihr Haus von dem boſen Geiſte befreite. Zu⸗ gleich bat ſie, es der ſchlimmen Zeit anzurech⸗ nen, daß ſie fuͤr ſo kargen Lohn, auch noch eine zweite Wohlthat von ihm heiſche. Nach⸗ dem ſie ermuthigt worden, ihren Wunſch zu aͤußern, bat ſie, jetzt auch noch aus der ſchwar⸗ zen Sau den Teufel zu vertreiben. Ihr armer Dickon, ſagte ſie, habe von dem letzten Falle eine derbe Beule davon getragen, und ſich noch uͤberdies ſeine neue Jacke mit dem Zuckerrahm begoſſen, auch werde ſicher keine Ruhe in ihr Haus zuruͤckkehren, bis der Fluch von dem armen Thiere genommen, und es dadurch der Wohlthaten der Kirche wieder theilhaftig, und abermals zu einem ruhigen Hausgenoſſen einer chriſtlichen Familie gemacht worden ſei. Pater Barnabas verſprach, die Sache in Erwaͤgung zu ziehen, wenn er das naͤchſte Mal wieder nach Wells komme; hierauf vertilgte er, mit Will Mattocks Huͤlfe, das Ale, welches er ſo leicht gewonnen hatte, und dann ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Der Kaſten ward wirklich mit allen moͤglichen Zeremonieen unter dem Baume begraben, deſſen einzelne Zweige die Kraft haben ſollten, die maͤchtigſten Dämonen zu bannen. 5 5 Am folgenden Morgen waren Will Mat⸗ tock und einige andere der laͤndlichen Theilneh⸗ mer jenes Ereigniſſes in dem Brette verſamm⸗ let, die Sache nochmals zu beſprechen, als ſie Petern bemerkten, der der großen Hitze ungeach⸗ tet mit der ihm immer eigenen heiteren Laune auf das Gaſthaus zutrabte. 4 „Allerte! allerte! allerte! disoit père Grégoire!“ ſang der leichtherzige Gallier; die Wirthinn fragte ſogleich nach der Urſach ſeines Kommens, und er erklaͤrte, dieſe ſei vierfach: Eine Pinte Ale zu trinken; die Rechnung zu bezahlen; den Mantelſack mit ſich zu nehmen, und ſeinen kleinen Teufel einzupacken;— die⸗ ſen Namen pflegte er der Uhr zu geben. Der rohe Will Mattock, der eine eben ſo große naturliche Abneigung vor einem Franzmanne fuͤhlte, wie ein Bullenbeißer vor dem Thiere, von dem er den Namen hat, und der glaubte, daß er dieſer Abneigung jetzt ein Genuͤge thun koͤnne, wo der ſchuͤtzende Daͤmon hinwegge⸗ ſchafft war, ſprang bei dieſen Worten wuͤthend empor, und forderte ſeine Kameraden auf, den ausländiſchen Beelzebub vom Pferde zu ſchla⸗ gen. Empoͤrt durch die Gleichguͤltigkeit, mit der Peter von dem kleinen Teufel geſprochen, als wenn es ſein beſtaͤndiger Reiſegeſellſchafter ſei, griffen die Bauern nach ihren Stoͤcken, und folgten Will Mattock, der, zu jeder Rauferei bereit, ſchon einen derben Schlag gefuͤhrt hatte. Zum Gluͤcke fuͤr Petern traf er jedoch nur die Schulter des Pferdes. Das feurige Thier, aus dem Geſtuͤte Sir Lionels, hob und drehte ſich mit einer Schnelligkeit, die ſeinen Reuter beinahe aus dem Sattel geworfen haͤtte; an Muth fehlte es Petern jedoch durchaus nicht, auch hatte er einen tuͤchtigen Reitſtock in der Hand, und ſo gelang es ihm, den Kopf wieder dem Gaſthauſe zuzuwenden. Kaum aber war dies geſchehen, als er ſich von einem Steinha⸗ gel begruͤßt ſahe. Mehrere der Wuͤrfe trafen abermals das Pferd, und dies machte nun hef⸗ tige Bogenſätze, trotz Peters Geſchrei:„Bh, par exemple! Comment donc?— attends! attends!“ Endlich nahm es das Gebiß zwi⸗ ſchen die Zähne, und jagte im vollen Rennen nach Hauſe. Peter hatte ſich tapfer im Sat⸗ tel erhalten, aber ſein Hut war ihm im Ge⸗ fechte vom Kopfe geworfen worden, und die Einwohner von Wells waren nicht wenig er⸗ ſtaunt uͤber die voruͤberfliegende Erſcheinung, der die Ringe in den Ohren tanzten, deren lange Haare vom Winde getragen, weit hinter ihr herzogen, deren Geſicht dunkelroth gefaͤrbt war, und die ihnen doch freundlich zunickte, und beſtaͤndig ſang: vole, vole, vole!“ Durch ein unbeſtimmtes Geruͤcht hatte Sir Lionel Fitzmaurice bereits vernommen, daß Dudleys Uhr durch einen Haufen fanatiſchen Pobels begraben worden ſeiz die naͤhern Um⸗ ſtaͤnde kannte er jedoch noch nicht. Peters ha⸗ ſtige Ruͤckkehr, und deſſen Erzählung von dem Angriffe, der die Vollſtreckung ſeines Auftra⸗ ges verhindert hatte, entflammten den ſtolzen Ritter im hoͤchſten Grade. Es war ſein Stolz, ſeine Wonne, daß die Einwohner der ganzen Gegend bei Nennung ſeines Namens zitterten, ein Gefuͤhl, das er aus ganz beſondern Gruͤn⸗ den auch auf Dudley uͤberzutragen wuͤnſchte. Eine Beleidigung, die ſo offentlich dem Diener ſeines Gaſtes zugefuͤgt worden, betrachtete er als einen Angriff gegen ſich ſelbſt, und da Will Mattock der Einzige war, den Peter na⸗ mentlich machen konnte, ſo ward ſogleich der Befehl zu deſſen Verhaftung erlaſſen; doch er⸗ hielten die Gerichtsbeamten den Auftrag, mit ihm auch Alle die feſt zu nehmen, die in ſei⸗ ner Geſellſchaft waͤren, oder von denen erwie⸗ ſen werden koͤnne, daß ſie an dem Angriffe auf Petern Theil genommen. Dieſer Befehl ward ſo ſchleunig als moͤglich vollſtreckt, und bald darauf berichtet, daß die Schuldigen ſich in der Gerichtshalle befaͤnden; Dudley ward hierauf herbeigerufen, um bei dem Verhoͤre ge⸗ genwaͤrtig zu ſein. Dieſe Halle, mit ihren fürchterlichen Ver⸗ zierungen iſt bereits beſchrieben worden. So gut ſie aber auch berechnet war, in den Ange⸗ klagten Furcht zu erregen, ſo war ihr Eindruck doch noch weit geringer, als der der Geſtalt Sir Lionels, auf dem Gerichtsſtuhle ſitzend. Ein weites Gewand, mit Pelz verbraͤmt, um⸗ huͤllte ſeinen Koͤrper; auf dem Kopfe hatte er einen ſchwarzen Sammthut, denen aͤhnlich, in welchen Heinrich VIII. gewoͤhnlich abgebildet iſt; vorn an demſelben war eine weiße Strau⸗ ßenfeder mit einer Diamantagraffe ſo befeſtigt, daß ſie ſeitwaͤrts lag, und der einen M. —— Seite uͤberfiel; ſein linker Arm lag auf dem Knaufe jenes fuͤrchterlichen Schwertes, welches allen ſeinen Gegnern ſo verderblich geweſen; ſein Kinn ruhte in ſeiner rechten Hand, ſo daß die Ringe, welche an den Fingern derſel⸗ ven ſteckten, zwiſchen den Haaren ſeines dunk⸗ len, fliegenden Bartes hindurch blitzten und funkelten; gegen die Ruͤcklehne ſeines Seſſels war der lange Stab gelehnt, dem der allge⸗ meine Aberglaube ſeine uͤbernatuͤrliche Gewalt zuſchrieb, und neben ihm ſaß der kleine ver⸗ wachſene Doktor, der ſtark in dem Verdachte ſtand, er ſei eine Art dienſtbaren Geiſtes von dieſem Zauber⸗Meiſter. Eine ſo auffallende Geſtalt konnte ſelbſt den Unerſchrockenſten ein⸗ ſchuͤchtern, doch kam noch die Strenge und Uunerbittlichkeit hinzu, welche er in allen Rechts⸗ haͤndeln zu zeigen pflegte, und der rauhe, bar⸗ ſche, ſtolze Ton, mit welchem er Jeden anre⸗ dete, der vor ſeinen Richterſtuhl gebracht wad. uſachini Sana Widl Mattocks naturliche Wildheit war jetzt, mit Huͤlfe von Sib Fawcetts Ale in eine muͤrriſche, finſtere, halsſtarrige Fuͤhlloſig⸗ keit verwandelt. Waͤhrend er hieher gebracht wurde, ſchwor er, daß er ſich durch kein Ge⸗ ſpenſt in Furcht ſetzen laſſen werde, und wenn der Koͤnig des Berges denke, er konne ihn — u— durch Drohungen zu einem Bekenntniſſe brin⸗ gen, ſolle er ſich uͤberzeugen, daß er die fal⸗ ſche Sau beim Ohre erfaßt habe. Dies war uͤbrigens keine leere Großprahlerei, denn er glaubte, daß Sir Lionel ohne den Daͤmon, den ſie unter dem heiligen Wallnußbaume be⸗ graben hatten, nicht furchtbarer ſei, als eine alte Hexe ohne ihren Veſenſtiel und ihre ſchwarze Katze. Daher kam er in dem Thurmhauſe mit dem feſten Entſchluſſe an, jede Drohung zu erfuͤllen, die er waͤhrend des Weges ausgeſto⸗ ßen hatte. „Du Schandbube, Du alegefuͤllter Trun⸗ kenbold,“ redete Sir Lionel ihn mit lauter, drohender Stimme an,„warſt Du der Fuͤhrer jener diebiſchen Schufte in dem Solhauſe der Sib Faweett?“ „Nein, nein, Ew. Geſtrengen, das war keine Raͤuberei, ſag'ch Euch, und Ihr koͤnnt't mir nicht b'weiſen, daß's'ne Raͤuberei war, und wenn'r bis Abend mit m'r ſtrittet.“ „Was? ſtreiten mit Dir, Du lumpiger Schuft, Du gemeiner, nichtönutziger Kerl, Du Straßenlaͤufer!— Sage mir ſogleich, ich rathe es Dir, Du baͤuriſches Thier, ſage mir ſogleich, wo Du das Uhrwerk hingethan haſt?“ Dieſes Wort ſchien Wills Sinne, die nie 8* * 16— ſehr geſchaͤftig waren, zu erregen.„Blitz!“ rief er aus,„der verwuͤnſchte kleine Teufel, deſſen Ticken mich ſo in Schreck ſetzte?— Was, fehlt'r Euch, Sir Lionel, fehlt'r Euch? „He, ja, Du— bekenne auf der Stelle Bei dieſen Worten ſchlug ſ ſ Will mit der rechten Hand auf den Schenkel, daß es laut klatſchte, und ſagte dann mit plumpem Lächeln:„Ho, ho! und wenn'chs nun nicht ſage?— Ich weiß, D' kannſt nichts ohne'n un und h will D'r nicht ſagen, wo * iſt. Wuͤthend, ſich auf dieſe Weiſe bffentlich getrotzt zu ſehen, ſpruͤhte Sir Lionels Auge Feuer, ſeine Naſenlocher zuckten, ſein langer ſchwarzer Bart wogte auf und nieder, und un⸗ willkuͤhrlich erfaßte er die Scheide ſeines Schwer⸗ tes mit der einen, den Griff deſſelben mit der andern Hand. Doch der unerſchrockene Will ließ ſich dadurch nicht einſchuͤchtern. „S hilft Euch nichts,'s hilft Euch all's nichts, Sir Lionel,“ rief er aus;„ich hab'n Zweig von d'm heil'gen Baum' unter d' Jacke g'ſteckt, und D' kannſt mit ſammt'm langen Schwerte nicht'n Haar auf'm Kopfe ver⸗ letzen.“ „Erbäͤrmlicher Wicht!“ ſchrie Sir Lionel, — 117— mit dem Fuße ſtampfend, und ſich in ſeiner ganzen, vollen Laͤnge erhebend;„dann iſt Dein Schickſal beſtimmt, und Dein letzter Augen⸗ blick gekommen, denn ich will zehntauſend Teufel herauf beſchwoͤren, daß ſie Dich in Stuͤk⸗ ken zerreißen, oder Dich in die ſiedende Glut des ewigen Feuers werfen.“— Bei dieſen Worten ergriff er den Stab, den er gegen ſeinen Stuhl gelehnt hatte, beſchrieb damit allerhand Kreiſe und Figuren in der Luft, ſtieß heftig mit dem rechten Fuße gegen den Boden, und rief mit lauter Stimme:„Herauf! Her⸗ bei! Beelzebub, Satan, Belial, Aſtaroth, Ab⸗ badonna, Asmodus!— Dies, mies, jesquet, benedoefet, douvina, enilemaus.“**) Von dem Augenblicke an, daß er dieſe Be⸗ ſchwoͤrung begann, wurden die Augen Wills, die er feſt auf ihn geheftet hatte, immer groͤ⸗ ßer und großer, ſeine Lippen zogen ſich zuruͤck, ſo, daß man ſeine zuſammengebiſſenen Zaͤhne ſehen konnte, der Angſtſchweiß bedeckte ſeine Stirn; ſein ſtruppiges Haar ſtraͤubte ſich em⸗ por, Leichenblaͤſſe uͤberzog ſein Geſicht, und endlich ſturzte er nieder auf die Knie, faltete krampfhaft die Haͤnde, und rief mit einer *) Dieſe Formel ſchreibt Wrirpa zum Zitiren der Teufel vor. — 118— Stimme, die Angſt und Entſetzen faſt unver⸗ ſtaͤndlich machten:„Sir Lionel! Sir Lionel! — thut's nicht fuͤr d's Heilands Sache— thut's nicht um Jeſu Chriſti willen.— Wir begruben ihn in einem Kaſten unter dem Gla⸗ ſtonbury⸗Baume— dem Wallnußbaume,— dem heiligen Wallnußbaume. Wahrhaftig, das that'n wir; daher, um's Himmels willen, Sir, ruft jetzt kein'n von d'n Teufeln;— thut's nicht— Herr— thut's nicht!“ Zit⸗ ternd am ganzen Leibe ſchloß er die Augen, als furchte er, eine ganze Legion von Teufeln zu erblicken, Sir Lionel aber beſchrieb noch einige Kreiſe in der Luft, und ſagte dann: „Trunkenes, einfaͤltiges Thier, Du kamſt noch grade zu rechter Zeit; einen Augenblick nur laͤnger, und nichts konnte Dich retten. Da Du bekannt haſt, ſchone ich Deines Lebens, doch huͤte Dich vor mir, denn ſelten verzeihe ich ein Mal, aber nie zum zweiten Male.“ Hierauf wandte er ſich zu den gegenwaͤrtigen Konſtablern, und ſagte:„Fort mit dem Schufte, und bis zum Abendeſſen in den Bock mit ihm; iſt dies ge⸗ ſchehen, ſo geht Ihr ſelbſt nach dem Wallnuß⸗ baume, grabt die Kiſte aus, und tragt ſie ſorgfaͤltig hieher.— Habt Ihr mich verſtanden, Ihr Kerle?— Fort, ſage ich!“— Nachdem er dieſe Befehle ertheilt hatte, „ — 119— warf er einen wuͤthenden Blick auf den Will, der noch immer zitternd auf ſeinen Knieen lag, und winkte dann deſſen Gefaͤhrten mit ſeinem Stabe, ihm Platz zu machen; mit Furcht und Zittern wichen ſie zu beiden Seiten zuruͤck, und ſtolzen Schrittes ging der Gewaltige mitten durch ſie hin. — 120— Fuͤnftes Kapitel. Das Weib, das nicht zum Glücke ward vermählt, Iſt für ein ungleich' bitter Loos erwählt, Das zwiſchen Größe und Entſetzen ſchwankt.— Obgleich vernachläſſigt, mißhandelt, liebt ſie dochz Härmt ſich im Stillen, und vergiebt dem noch Die Fehler, dem ſie ihre Leiden dankt. Sehnlich wunſchte Dudley, ſein Geſpräch mit dem ungluͤcklichen Cecil zu erneuern, aber immer mehr und mehr uberzeugte er ſich, daß es mit den groͤßten Schwierigkeiten verbunden ſein wuͤrde, eine Unterredung mit ihm zu erhalten. Er hatte hinreichenden Grund zu vermuthen, daß jedes offene Verlangen um eine ſolche, mit dem eingeſtandenen Vorſatze, ihm die letzten Wuͤn⸗ ſche und Beſtimmungen ſeines Vaters mitzu⸗ theilen, zuruͤckgewieſen wuͤrde, entweder unter dem Vorwande von des Juͤnglings Krankheit, oder auch ſogar gebieteriſch, ohne weitere Er⸗ klaͤrung. Er hegte ſogar den Argwohn, daß ihre erſte Unterredung verrathen oder entdeckt — 1241— ſei, und jeder ſeiner Schritte bewacht werdez denn er war ſchon mehrmals an dem Thurme voruͤbergegangen, auf dem er das erſte Mal hinaufgeſtiegen war, und hatte immerwaͤhrend einen Diener an der Thuͤr deſſelben gefunden. Nach dem, was er von Sir Lionels Charak⸗ ter kennen gelernt, glaubte er nicht, daß die⸗ ſer offene Gewalt, entweder gegen Cecil oder gegen ihn ſelbſt, ſcheuen wuͤrde, ſobald er ſie fuͤr nothwendig erachte. Dudley fuͤrchtete aber auch in der That die Macht des Boͤſen, mit dem er Sir Lionel im Bunde waͤhnte. Die Ereigniſſe in der Abteikirche, welche den Glau⸗ ben an deſſen uͤbernatuͤrliche Verbindung ſo ſehr zu rechtfertigen ſchienen, hatten einen tiefen Eindruck in ſeinem Geiſte zuruͤckgelaſſen. Er fuͤhlte, daß er in den Haͤnden eines Mannes ſei, deſſen ſichtbare Gewalt, ſo groß ſie auch war, er dennoch vielleicht weniger zu fuͤrchten hatte, als deſſen Verbindung mit unſichtbaren Maͤchten. Deſſen ungeachtet aber dachte er nicht im Geringſten daran, das aufzugeben, was er fuͤr eine heilige Pflicht hielt, aber er beſchloß, zu Erreichung ſeines Zweckes alle nur moͤgliche Vorſicht aufzubieten. Dieſem Vorſatze getreu ſtreifte er uͤberall in dem weitlaͤuftigen Gebäude umher, in der Hoffnung, irgend einen anderen Weg zu jenem Thurme zu ent⸗ — 122— decken, in welchem Cecil gefangen gehalten ward⸗ Waͤhrend einer langen Zeit fand er jedoch nichts, als einen ſchmalen Gang, ein finſteres Gemoch nach dem anderen, und nicht das Geringſte, das ſeinen Hoffnungen zu entſprechen ſchien⸗ Endlich fand er ein offenes Fenſterz er ſprang hinaus, auf die ebene Fläͤche unter demſelben⸗ Von hier aus ſtieg auf beiden Seiten ein Dach in die Hohe, und er ſchritt in der Rinne entlang, in der Hoffnung, entweder die Woͤl⸗ bung der großen Halle zu finden, oder den Thurm zu ſehen, in dem Cecil ſaß. Waͤhrend er ſo vorwaͤrts ging, ſah er zu ſeinem Erſtau⸗ nen aus einer Fallthuͤr in geringer Entfernung grade vor ſich Rauch aufſteigen, und ſein Staunen wuchs, als er eine farbige Flamme erblickte, welche zuweilen zu der Oeffnung her⸗ ausſchlug, und mit beſtaͤndigem Qualme fort⸗ brannte. Er glaubte, es ſei in dem Gebaͤude Feuer ausgebrochen, und ſchon wollte er zu⸗ ruͤckeilen, und Lärm machen, als er innerhalb jener Thuͤr den Klang einer Stimme hoͤrte, die ihn bewog, augenblicklich ſtill zu ſtehen. Es war offenbar Sir Lionel, der geſprochen hatte, und Dudley rutſchte nun auf den Knieen be⸗ hutſam naͤher, ſo, daß er beobachten konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden. 6 Als er nahe genug gekommen, in die Thuͤr ———— — 123— zu ſehen, bemerkte er ein kleines Gemach, das ſichtlich zu einem Laboratorium beſtimmt war. In der Mitte ſtand ein Heerd oder großer Stein, und um denſelben herum eine Menge von Tiegeln, Retorten, Flaſchen, Roͤhren, Glaͤſern, und verſchiedenen ſeltſamen Geſtalten, Inſtrumenten und Geräthſchaften. Aus einem großen kupfernen Gefaͤße auf dem Steine ſtieg die Flamme empor, die er bemerkt hatte; an der einen Seite des Steines kniete der ver⸗ wachſene Doktor. Seine Augen blitzten, und ſein ganzen Geſicht war Leben, indem er in den Dampf ſahe, mit einem Eifer, einer Span⸗ nung, als erwarte er, das groͤßte Arkanum ſolle aus dem Feuer hervorgehen. Dem Dok⸗ tor gegenuͤber ſtand Sir Lionel, und ſchwang einen langen, hohlen Stab. Zuweilen that er mit dem einen aͤußerſten Ende deſſelben etwas in die Flamme, und dieſe ſchlug dann jedes Mal hoͤ⸗ her empor, und die kleine, unfoͤrmliche Geſtalt blickte noch begieriger in den Rauch. Der chemiſche Kuͤnſtler ſah in ſolchen Augenblicken mit ſichtlicher Genugthuung oder vielmehr mit hoͤhniſchem Grinſen, auf den Doktor, als freue er ſich uͤber deſſen Ernſt und Eifer. Von Zeit zu Zeit ſprach Sir Lionel die Worte: Alka⸗ heſt, Magiſterium, Univerſalmittel und Lebens⸗ elixir aus, und redete dabei von einem Fort⸗ — 124— ſchreiten gegen das Ziel, einer Annaͤherung an daſſelbe. Dann fing er an in leiſerem Tone mit dem Doktor zu ſprechen. Dudley konnte davon weiter nichts verſtehen, als nur ein Mal ſeinen Namen, in Verbindung mit dem Ce⸗ cils; aber aller ſeiner Anſtrengung ungeachtet konnte er die Natur ihres Geſpraͤches nicht er⸗ forſchen, obgleich er dies doppelt wuͤnſchte, ſeit er wußte, daß er ſelbſt der Gegenſtand deſſelben ſei. Er verzweifelte an der Hoffnung, die wenigen Worte, die der Schall bis zu ihm heruͤbertrug, zu einem Ganzen zuſammen⸗ ſtellen zu konnen, fuͤrchtete auch, entdeckt zu werden, wenn er noch laͤnger hier verweile. Er zog ſich daher wieder zuruͤck, und gab fuͤr den Augenblick ſeine beabſichtigte Nachſuchung nach dem Thurme, in welchem Cecil eingeſchloſ⸗ ſen war, auf. In Nachdenken uͤber das verloren, was er ſo eben geſehen, verwechſelte er die Treppe, auf welcher er heraufgekommen, mit einer anderen, die zu dem innern Hofe fuͤhrte. Er ovlieb hier fuͤr einen Augenblick ſtehen, um durch eine offene Windklappe zu ſehen. Sie hatte die Ausſicht auf den Gemuͤſegarten, und hier gewahrte er eine Scene, deren Zweck und un⸗ ſchuldige Natur maͤchtig gegen die abſtach, von der er ſo eben ein heimlicher Zeuge geweſen. Wegen der noch immer fortdauernden Hitze hatte Lady Fitzmaurice, von einem Theil ihrer Maͤgde umgeben, wieder im Schatten des gro⸗ ßen Kaſtanienbaumes Platz genommen. Die ganze Verſammlung war mit Spinnen beſchaͤf⸗ tigt, waͤhrend der Rabe, deſſen dreimaliges Krächzen mit ſolcher Sicherheit den Tod eines Familiengliedes verkuͤndet hatte, um ſie herum⸗ huͤpfte, und ſie wild von der Seite anblickte, als ſei er mit dem Eindringen in ſein Gebiet gar nicht zufrieden. Was Dudley bisher von der Lady geſehen, hatte ihn unwillkuhrlich zu ihrem Vortheil eingenommen, ihrer uͤbertriebe⸗ nen Haͤuslichkeit, und des bejammernswerth ſchlechten Geſchmackes in ihrem Anzuge unge⸗ achtet. Die freimuͤthige Gaſtfreundſchaft, mit der ſie ihn empfangen, und der melancholiſche Ausdruck ihrer Zuͤge, der irgend einen gehei⸗ men Kummer anzudeuten ſchien, vereinigten ſich, ſeine Theilnahme zu erregen, beſonders, wenn er an den ganz entgegengeſetzten Charak⸗ ter des Mannes, dem ſie vermaͤhlt war, und an die Vernachlaͤſſigung, um nicht zu ſagen Geringſchaͤtzung, dachte, die ſie von demſelben erdulden mußte. Beatrix war nicht mit hier, und er freute ſich deſſen, denn ſo ſehr er dieſe haͤusliche Beſchaͤftigung fuͤr die wirthliche Lady Fitzmaurice paſſend fand, eben ſo erniedrigend — 126— waͤre ſie ſeiner Meinung vach fuͤr die hochher⸗ zige Beatrix geweſen. Die Zweige des Kſtunienbaumes, welche ſich bis zu der Oeffnung erſtreckten, an welcher Dudley ſtand, hinderten ihn, alles genau zu uͤber⸗ ſehen, aber deſſen ungeachtet blieb er. Die Lady aͤnderte ihren Platz, und ſagte dabei:„Wahr⸗ haftig, Ihr Dirnen, die Sonne iſt heut fleißig; ſchon zum zweiten Male erreicht ſie mich, und zwingt mich, dem Stamme naͤher zu ruͤcken, um den Schatten zu gewinnen.— Ich bitte dich, Alix, drehe dein Rad, und ſchau nicht ſeitwaͤrts uber die Mauer, denn der junge Falkonierburſch iſt mit ſeinem Falken heut ſchon vor Tagesan⸗ bruch hinausgezogen, und es war nicht ſein Pfeifen, das du hoͤrteſt, ſondern die Schwarz⸗ droſſel in dem Torfmoor.— Sieh nur, wie du das Flachs geknotet haſt; und jetzt reißeſt du gar den Faden ab. Pfui uͤber dich flatterhafte Dirne!— ja, du haſt wohl Urſach zu errd⸗ then!— Was nun; Himmel! iſt dein Faden ſchon wieder geriſſen? Hat es je ein ſo ungleiches Geſpinnſt gegeben?— Na, na! ſieh nur nicht ſo traurig aus, ſondern gieb dir etwas mehr Muͤhe.— Lieber Himmel, wenn ich ſelbſt auch nicht viel Freude habe, ſo mag ich doch keine andre, als frohliche Geſichter um mich haben.— Aber, bei der heiligen Jungfrau, wenn wir eine — 17— traurige Geſellſchaft haben, ſo ſoll es doch we⸗ nigſtens keine ſtumme ſein, denn ich will Euch das Ende einer Ballade ſingen, und die, welche dafur nicht eine andere zu ſingen weiß, mag am St. Erkenwalds⸗ Lage keigebeis 2 ein neues Kopftuch hoffen.“ Sierauf ſang ſie mit ſywacher und ungiüb⸗ — aber nicht unmelodiſcher Stimme: Ach Robert, ſchöner Robert, ſprich, Was nacht denn Liebchen dein? „Mein Wbchen das iſt liebeleer!— d tbe unt weshalb mäg ſie's nil 462 „Ach! ſie liebt einen Andern mehr, und immer ſagt ie nein!“ Nhnt das fur einen Anfang, und 6 bitte dich, Johanna, ſeufze ncht mehr, ſondern ſei gutes Muthes, und ſing uns eine heitere Bal⸗ lade, damit die Geſichter fröhlicher werden.“ Das angeredete Maͤdchen ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ſchuͤttelte traurig den Kopf, und begann, ohne die Augen zu erheben. einen Ge⸗ ſang, der ſichtlich mit ihren eigenen Gefuͤhlen uͤbereinſtimmte, ſicher aber nicht mit dem Be⸗ fehle, den ſie erhalten hatte. Chriſt ſei mit dir, du ueiner page, Chriſt ſtärk' und ſegne dich! Sag' an, was deine macht, Die Botſchaft ſag' für mich. Die ſeid'ne Schärpe ſchickt ſie dir Mit mancher Thrän' getränkt, und bittet dich, denk' du an ſie, Wie ſie dein liebend denkt. — 128— Sie ſchickt dir einen Ring von Gold, 2tls letztes Scheidegut.— Denk' ihrer, bittet ſie, dabei, Wenn ſie im Grabe ruht. Denn ach! gebrochen iſt ihr Herz Wird bald im Grabe ruh'n— Die Stimme der Saͤngerinn war nach und nach immer ſchwaͤcher und ſchwankender gewor⸗ den, jetzt aber brach ſie ihr ganz. Ire Gebie⸗ terinn ſah ihr in das Geſicht, uno rief dann aus:„Gottes Gnade, Johann“ iſt denn das eine frohliche Ballade? Gab es je eine ſolche Thorinn?— Scht ſie doch an, Ihr Mädchen, wie ihre Thränen auf den Rocken fallen, und wie ſie ſeufzt, als ob ihr eigenes armes Herz wirklich gebrochen wäre. Ich wette einen Sil⸗ berpfennig, daß ſie ſich verliebt hat, und der Himmel weiß ob ich ſie verſtehen kann, wenn ſie betrogen word. Aber laß den Kummer ſein, liebe Johannu, und wir wollen etwas ſingen⸗ was uns wieder heiter ſtimmt.“ Komm! meine Barbara; du haſt ein klares Auge, und ein froͤhliches Herz, und es freut mich immer, wenn ich deine Stimme hoͤre; da⸗ her ſinge uns deine Lieblingsballade.“ „Wahrhaftig, Mylady,“ erwiderte das Maͤd⸗ chen,„ich kenne nicht das Ganze, aber was ich mir ven dem kleinen Musgrave erinnern kann, ſollt Ihr hoͤren: — 129— Wie's pflegt zu gehn am Feiertag, und viel ſind ihrer im Jahr, Daß Jüngling und Mädchen zuſammengehn, Zur Mett' und Meſſe zwar, S kam Klein⸗Musgrav zur Kirchenthür, Wie der Prieſter ſtand am Altar, Sein Sinn mehr bei den ſchönen Frau'n, Als bei der Mutter Gottes war. und viele von ihnen waren grün, Viel andre gelb geſchmückt; Da trat herein Lord Barnards Weib und die Schönſte hatt' er erblickt. „Heilige Mutter Maria!“ rief Lady Fitz⸗ maurice, die Saͤngerinn unterbrechend,„was hoͤre ich? iſt es ſchon ſo nahe an Mittag, daß die Glocke in der Abtei ſchon gelaͤutet wird?“ Ei, freilich, Mylady, das iſt es. Eine Heiligegeiſtmeſſe ſoll um zwoͤlf Uhr geſungen werden, und das iſt die Bielne⸗ b die dazu einlaͤutet.“ „Himmel! dann muß ich in die Köche, und fuͤr das Mittagseſſen ſorgen, oder Sir Lionel wird boͤſe; und es iſt ein Gaſt im Hauſe. Aber ich ſage Euch, Ihr Madchen, ruͤhrt die Fuͤße, ſeht auf den Spinnrocken, und nicht uͤber die Mauer, und haltet nicht an mit der Arbeit, bis die Glocke zum Eſſen ruſt.“— Nach dieſen Befehlen eilte die Lady haſtig da⸗ von, und Dudley, der erſchreckt war, daß ihm nur ſo kurze Zeit zu ſeinem Anzuge blieb, ſaͤumte nicht, ihrem Beiſpiele zu folgen. Er II. 9 — 130— eilte nach ſeinem eigenen Zimmer, und laͤchelte auf dem Wege dorthin uͤber den Gegenſatz zwiſchen der Hauslichkeit und Wirthlichkeit der Lady, und dem Aufwande und der Verſchwen⸗ dung Sir Lionels. Nachdem er ſeinen Anzug mit mehr Fluͤch⸗ tigkeit vollendet hatte, als er fuͤr eine Ange⸗ legenheit von ſolcher Wichtigkeit fuͤr paſſend hielt, ging er in das Sprechzimmer, wo Sir Lionel und der Doktor, welche ihre alchymiſti⸗ ſchen Studien fuͤr heute beendet hatten, ſchon vor ihm angekommen waren, und mit Miß Fitzmaurice ſprachen, die ein neues, faſt noch praͤchtigeres Kleid trug, als das, in welchem er ſie das erſte Mal geſehen. Kaum war er zu ihnen getreten, und hatte Allen ſeine Ach⸗ tung bezeugt, als Lady Fitzmaurice eintrat. Ihr Geſicht gläͤhte, und zeigte von ihren An⸗ ſtrengungen in der Kuͤche, auch hatte ſie die grobe Schuͤrze, welche ſie dort vorgebunden gehabt, abzulegen vergeſſen. Beatrix Wangen rotheten ſich faſt ſo dunkel, als die der Lady hereits waren, und indem ſie ſich ihrer Stief⸗ mutter ſchnell näherte, fluſterte ſie ihr ziemlich laut und unwillig in das Ohr:„Himmel, Madame, halten Sie dies fuͤr die Kuͤche oder die Speiſekammer, daß Sie in einem ſolchen —— Putze eintreten?— So bwrißen Sie unſere Gaͤſte?“ Hilfi Himmel, Kind, 6.—— die i. indem ſie die Schuͤrze abnahm, und ſorgfaltig zuſammenlegte,„ich war in der Kuͤche, und da konnte ich unmoͤglich im ſeidenen Kleide am Heerde ſtehen.— Ihr wißt nicht, Maſter Dudley, wie ſorglos dieſe Bratenwenderjungen mit ihren Loͤffeln und ihrem Fette ſind. Doch da Ihr in der Fremde waret, kennt Ihr ſicher den Werth der ſeidenen Zeuge von Bruͤgge zu gut, um die Kuͤchenſchurze nicht zu entſchuldi⸗ gen, die ich in der That abzulegen vergaß.“ „Wahrhaftig, Madame,“ ſagte Sir Lio⸗ nel mit ſeinem ſpottiſchen Lächeln,„obgleich es ſo offentlich bekannt geworden iſt, daß Sie beim Bratenwenden waren, wollte ich doch, Sie hätten dies alte Kleid der Kochinn ge⸗ laſſen, und ſich in einem neuen Anuge gezeigt.“ „Guter Gott, Sir Lionel,“ nief die Lady, „ieſer Anzug iſt ſicher huͤbſch und koſtbar ge⸗ nug, um von der Tochter eines armen Burge⸗ meiſters getragen zu werden.“ „Das mag ſein, Madame, aber er paßt ſi ch nicht fuͤr die Gemahlinn des Sir— Fitzmaurice.“ „Mylady erinnert ſich z ſagte der — 132— Doktor, eine ganz beſondere Betonung auf ſeine Worte legend„„daß durch ein Statut, welches im dritten Jahre der Regierung Konig Eduards IW. erlaſſen iſt, den Weibern der Buͤrgerlichen verboten ward, nach dem Puri⸗ fikationsfeſte, welches damals Statt fand, Kleider von Gold⸗ oder Silberſtoff zu tragen, oder Sammt mit Sammt beſetzt, oder purpur Seide; oder Kragen von Spitzen, Kanten und Hermelin, oder irgend anderes Pelzwerk, als von weißem Lamm; oder Linon oder—“ „Still! ſtill!“ ſchrie Sir Lionel, ihn vol⸗ ler Ungeduld unterbrechend;„wir haben nicht noͤthig, das ganze Statut zu wiſſen, und muͤßte es ſein, ſo hätten wir doch jetzt nicht die Zeit dazu, denn das Mittagseſſ en wartet uns.“ „Ach!“ ſagte die Lady ſeufzend,„ich werde wenig Appetit haben, denn als ob nicht ohne⸗ hin ſchon Geld genug ausgegeben wuͤrde, iſt jetzt auch wieder eine Fenſterſcheibe in dem Da⸗ maſtſchlafzimmer zerbrochen, und Gott weiß, was eine neue koſten wird. Johanna ſchlug am St. Hilarius⸗Tage auch eine mit ihrem Beſenſtiele ein, und dieſe, darauf moͤchte ich wetten, ward durch die muͤßigen Burſche zer⸗ brochen, welche ſich immer bei den Maͤgden oben etwas zu ſchaffen machen, obgleich ſie — 133— ſagen, der Wind haͤtte ſie zerſchmiſſen. Ge⸗ wiß werden wir jetzt ſturmiſche Naͤchte haben, waͤre es daher nicht beſſer, Sir Lionel, unſere Glasfenſter ausnehmen, und mit Brettern be⸗ legen zu laſſen, um nicht noch haͤrtere Verluſte erdulden zu muͤſſen?“ Ein Blick ſtillſchweigender Geringſchaͤtzung war die ganze Antwort Sir Lionels, Beatrir aber fluͤſterte ihr wieder in das Ohr:„Erin⸗ nern Sie ſich doch, Madame, daß dies An⸗ gelegenheiten fuͤr den Haushofmeiſter und den Liſchler ſind, und nicht fuͤr Sir Lionel Fitz⸗ maurice von dem Thurme.“ „Ach, Kind, ich hoffe, ich habe nichts ge⸗ ſagt, was ihn verdrießt, denn wahrhaftig, ich meinte es nicht ſo; aber es muͤſſen einige der Diener fort, oder der Himmel mag wiſſen, wie lange die Wirthſchaft noch ſo gehen kann. Hilf Himmel! das Herz moͤchte mir brechen, wenn ich daran denke.“ Ein tiefer Seußzer, und ein Blick aͤngſtlicher Beſorgniß beſtatigten dieſe Worte, doch gleichſam wie zum Spotte ihrer Sparſamkeit trat in dieſem Augenblicke ein Kaͤmmerling herein, und meldete, daß an⸗ gerichtet ſei. Die Muſik erſchallte, und ſie gingen durch eine Menge ſich buͤckender Diener in das anſtoßende Gemach, wo Dudleh ſeinen Platz wieder neben Miß Fitzmaurice erhielt. — 134— Ss iſt ſchon oft bemerkt worden, daß Leute, die zu Ehren und Wuͤrden gelangen, welche ſie nicht erwartet hatten, nicht erwarten konn⸗ ten, ſehr eiferſuͤchtig auf den Rang ſind, zu dem ſie befordert wurden, und nichts verſäu⸗ men, was ihr Anſehn bezeugen oder vermehren kann. Die hingegen, welche in hoͤherem Stande geboren wurden, empfangen dieſe Ehrenbezeu⸗ gungen als etwas ganz Gewoͤhnliches, das ſo ſein muß, und auf das ſie daher oft nicht ſon⸗ derlichen Werth legen. Oft entſpringt auch die Beſcheidenheit der Großen aus dem Wun⸗ ſche, uͤber ihren Reichthum erhaben zu ſchei⸗ nen, eine Art des Stolzes, von der Sir Lio⸗ nel gaͤnzlich ausgenommen werden mußte. In ſeinem Hochmuthe war keine Heuchelei; er zeigte und bekannte ihn ganz oͤffentlich. Er bewies ſeinen Rang, oder vielmehr ſeine Macht, in jedem Blicke, jedem Worte, jeder Bewegung, als ob er ſowohl ſich ſelbſt, als auch Andere, beſtaͤndig von ſeiner Große uͤberzeugen wolle. Beleidigungen irgend einer Art vergab er ſelten, aber gegen die, welche ihm Geringſchaͤtzung ge⸗ zeigt hatten, war er ganz unverſohnlich. Bei Beatrix zeigte ſich die nehmliche Eifer⸗ ſucht auf ihren Rang mehr in der Art der Aeußerung, als in der Tiefe dieſes Gefuͤhles. Ihr Betragen war in der Regel mit der wah⸗ — 135— ren Groͤße vereinbar, obgleich ſie ihre Geſin⸗ nungen nicht ſo kurz äußerte, als ihr Vater. Zuweilen indeſſen nahm ihr Stolz auch eine ſchiefe Richtung. Ließ ſie ſich ſo weit herab, einen Niederen zu beachten, ſo that ſie dies mit einer gewiſſen Miene der Beſchuͤtzerinn, welche die Ueberzeugung ihrer eigenen Ueberle⸗ genheit verrieth, ſelbſt wenn ſie dieſelbe verber⸗ gen wollte. Den gewoͤhnlichen weiblichen Kunſtgriff, Schmeicheleien zu erhaſchen, indem ſie ihre eigenen Reize oder guten Eigenſchaften herabzuſetzen ſcheinen, dehnte ſie auch auf Sir Lionels Rang und ihre eigene Pracht aus, und ſuchte die Aufmerkſamkeit auf das zu lenken, was ſie beſaßen, indem ſie von dem ſprach, was ihnen fehlte. So bezeugte ſie Dudley ihr Bedauern, daß ihr Vater keine Edelknaben hatte, die wahrend des Mahles an ſeiner Seite ſtänden, keinen beſtaͤndigen Mundſchenk, keinen Vorſchneider, keinen Stallmeiſter, obgleich ſie offen bekannte, daß ihr Hausweſen, ſo weit ihr geringes Vermoͤgen es geſtatte, glaͤnzend und prachtvoll eingerichtet ſei. Lobte er ihre Armbaͤnder, ſo bat ſie ihn, dieſelben nicht zu bewundern, da ſie ſich ihrer faſt ſchaͤne.„Die Diamanten,“ ſagte ſie, den Arm darreichend, damit Dudley ſie ſehen koͤnne,„ſind wirklich vom reinſten Waſſer, und von großem Wer⸗ ——— — 136— the, aber die kleinen Perlen ſind nur unaͤcht, und verſchimpfen daher das Ganze.“ Dudley bemerkte dieſe und andere kleine Zuͤge maͤdchen⸗ hafter Eitelkeit nicht, oder that er es, ſo fand er doch kein Mißfallen daran. Er war ver⸗ wundet durch ihre Schoͤnheit, eingenommen durch ihre Lebhaftigkeit, erſtaunt uͤber ihre Ho⸗ heit und Wuͤrde. Alle dieſe Eigenſchaften ſchie⸗ nen ſich bei dieſem Zuſammenſein auf das Glaͤnzendſte zu entfalten, und ungeachtet der unguͤnſtigen Meinung, die er von dem Vater hegte, wuchs die Bewunderung fur die Tochter immer mehr und mehr. Im Laufe der Unterhaltung waͤhrend der Mittagsmahlzeit ſagte Sir Lionel, daß ſeine Leute unter dem heiligen Wallnußbaume nach der Uhr nachgeſucht haͤtten, doch ohne Erfolg. Die Erde ſei zwar ganz friſch aufgegraben ge⸗ weſen, und ſie haͤtten auch von der Einſchar⸗ rung des Kunſtwerkes zuverlaͤſſige Nachricht eingezogen, deſſen ungeachtet aber es nicht ge⸗ funden, und das ſchnelle Verſchwinden ſei nur der Liſt und Raubgier der Moͤnche zuzuſchrei⸗ ben. Indem er dieſe Vermuthung als Gewiß⸗ heit annahm, hielt er eine heftige Schmaͤhrede gegen den ganzen Orden, insbeſondre aber ge⸗ gen den Abt. Doch troͤſtete er ſich mit der Verſicherung, daß die Stunde der Vergeltung — 137— fur alle ihre Gewaltſtreiche nahe ſei, und daß die Macht, die ſie ſo viele Jahrhunderte hin⸗ durch gehabt hätten, bald mit dem Rieſenge⸗ vaͤude, dem Sitze deſſelben, gemeinſchaftlich in Truͤmmer ſtuͤrzen werde. „Gegen funfzehn Menſchenalter, Sir Lio⸗ nel,“ ſagte der Doktor, ſeine beiden Vorderfin⸗ ger erhebend, um ſeinen Worten dadurch mehr Nachdruck zu geben;„ich glaube, wir koͤnnen funfzehn Menſchenalter annehmen, denn Gla⸗ ſtonbury ſoll durch die Heiligen begruͤndet ſein, welche unſeren Heiland in das Grab legten⸗ Damals jedoch ward es nur aus Erde und Baumzweigen errichtet, eine beſcheidene, faſt ſchlechte Begruͤndung fur die jetzige ſtolze, weit⸗ ausgedehnte Maſſe, die ſich gleich einem unge⸗ heuren Berge von Stein in der Ebene erhebt. St. Patrick, im Jahre 439, und St. David, im Jahre 530, waren beides freigebige Schutz⸗ herren, aber Ina, Koͤnig der Weſt⸗Sachſen, ubertraf alle andern weit, und machtedieſe Abtei unabhängig von der biſchoflichen Gewalt.“ „Doch nicht von der koniglichen,“ unter⸗ brach Sir Lionel.„Die ſoll, ehe eine lange Zeit vergeht, dieſe luftigen Thuͤrme, die ſich bis in die Wolken erſtrecken, in den Staub verwan⸗ deln, aus dem ſie entſtanden ſind; ja, und auch dieſen ſtolzen Abt dazu wird ſie in den Staub — 138— legen, trotz ſeines unermeßlichen Reichthumes, und alle die Monche, und Diener, und Lehns⸗ leute, deren Menge faſt nicht zu zahlen iſt.“ „Mit Eurer Gunſt, Sir Lionel,“ erwiderte der Doktor,„die Moͤnche ſind alle regelmaͤßig gezaͤhlt, und einregiſtrirt. Da iſt nach dem Prior und Sub⸗ prior zuerſt der magister operis, welcher die Aufſicht uͤber die Gebaͤude hat; dann der Almo⸗ ſenier; der Kuͤchenmeiſter, welcher die Speiſen vertheilt; der Sakriſtan; der Camerarius, oder Kaͤmmerling; der Cellarius, oder Keller⸗ meiſter; der Thesaurarius, oder Schatzmeiſter; der Praecentor, oder Singemeiſter; der—“ „Still, ſtill!“ ſchrie Sir Lionel, und ſprang haſtig auf;„wolltet Ihr ſie alle nennen, wuͤr⸗ den wir bis Abendmetten nicht damit fertig. Folgt mir, Sir, und ich hoffe, die Geſellſchaft wird Euch gern entſchuldigen, daß Ihr die Liſte nicht vollendetet.“ Bei dieſen Worten entfernte ſich Sir Lionel, der ſeine Mahlzeit vollendet hatte, und gruͤßte Dudley leichthin. Der Dok⸗ tor folgte ihm, und die Muſiker, welche im Vor⸗ zimmer ſtanden, bließen den Tuſch, den ſie jedes⸗ mal erſchallen laſſen mußten, wenn der maͤchtige Herr des Hauſes an ihnen voruͤberſchritt. Kaum hatte Dudley, froh uͤber die Befrei⸗ ung von der Gegenwart des finſtern, hochmuͤthi⸗ gen Ritters, ein Geſpraͤch mit Lady Fitzmaurice * ⁵ — 253— und deren Tochter begonnen, als ein Diener ein⸗ trat, und ihm ſagte, ein Frauenzimmer verlange ihn zu ſprechen, und ſei einſtweilen in das Ge⸗ mach neben der großen Halle gefuͤhrt wor⸗ den. Er war uͤber dieſe Nachricht nicht wenig erſtaunt, indem er ſich nicht entſann, in dieſem cheile von Somerſetſhire die Ehre einer einzigen weiblichen Bekanntſchaft zu genießen. Sein Staunen ward keinesweges vermindert, als er auf ferneres Befragen erfuhr, die Frau ſei wohlgekleidet, und komme offenbar von einer Reiſe, habe auch einen Burſchen bei ſich, deſſen Pferd ſo bepackt ſei, daß m ihn ſelbſt kaum ſehen koͤnne.„Ohne Zweifel eine romantiſche Heldinn auf einem ſchoͤnen Zelter, und von ei⸗ nem Edelpagen begleitet!“ ſagte Beatrix, ſich erhebend, und leicht errothend.„Ihr waret am franzdſiſchen Hofe, Sir, und auf dem Felde der goldenen Kleider; ſicher habt Ihr dort, ohne es zu wiſſen, das Herz irgend eines edlen Fräuleins erobert, die nun, ſtatt ihren Pagen zu ſenden, wie es die ſchoͤne Emmeline bei dem Kinde Ellens that, es fuͤr beſſer gehalten hat, den Pagen ſelbſt zu begleiten. Iſt das Thurm⸗ haus der Ehre wuͤrdig, die Dame unter ſeinem Dache aufzunehmen, ſo habt, ich bitte darum, die Guͤte, es ihr zur Wohnung anzubieten.“ „Ja, ja, thut das immerhin,“ rief Lady — 140— Fitzmaurice, welche Beatrix Rede woͤrtlich nahm; „wahrhaftig, ſie ſoll ſo willkommen ſein, als den Voͤgeln die Fruͤhlingskraͤuter, oder den Bie⸗ nen die Maiblumen. Sie kann in der Damaſt⸗ ſtube ſchlafen, und die Glasſcheibe ſoll eingeſetzt werden, denn ich bin uͤberzeugt, daß ſie dieſelbe nicht wieder zerbricht, um ſo mehr, Maſter Dudley, wenn Ihr ſie auf die Koſten aufmerk⸗ ſam machen wolltet.“ Dudley erklaͤrte, er habe durchaus keine Be⸗ kanntſchaft, fuͤr die er die Gaſtfreundſchaft der Lady in Anſpruch nehmen koͤnne, die Sache muͤſſe auf einem Mißverſtaͤndniſſe beruhen, und er eile, dieſes aufzuklaͤren. Er ging nun ſo⸗ gleich hinab, und konnte ſich? eines Lachelns nicht erwehren, als er hier Sib Faweett auf ſich wartend fand. Sie war in ihren beſten Anzug von Kendalgruͤn gekleidet, und hatte ei⸗ nen neuen Hut auf, ein neues Maͤntelchen um. „Ich wuͤnſche Euch einen guten Morgen, verehr⸗ ter Sir, und viele andre moͤgen ihm folgen,“ rief ſie ihm entgegen.„Ihr wollet erfahren, daß Will Mattock in den Bock geſpannt worden iſt; und, meiner Treu, es geſchah ihm ganz Recht, denn er iſt immer mit ſeinem Stocke vorne weg, und ſo querkoͤpfig und eigenſinnig wie Mahomet. Ich wette, in der ganzen Ge⸗ meine war kein Laffe und kein Kind, das ihn — 141— nicht verſpottet und beworfen hätte, wie er ſo eingeſpannt war. Ihr wollet guͤtigſt bemerken, Maſter Dudley, daß ich ihn davor warnte, Eu⸗ ren franzoſiſchen Bedienten anzufallen; Gott ſegne ihn!— Itch hoffe, er iſt wohl auf, denn es iſt ein heiterer, naͤrriſcher Burſche, und als ich den ſchuftigen Bauer mit ſeinem Stocke nach ihm ſchlagen ſahe, rief ich ihm zu, er ſollte nicht großere Ehrenmaͤnner vertreiben, als er ſelbſt ſei; gute, treue Maͤnner mit Geldſtuͤcken in der Laſchen, die kaͤmen, ihrer Herren Rechnungen zu bezahlen.“ „Uund bezahlt ſoll ſie werden, meine gute Frau, ſobald ich die Sachen erhalten habe, we⸗ gen welcher mein Diener ebenfalls kam; denn das Geld wird doch wohl die Urſache Eures Beſuches ſein.“ „Ei, Sir, glaubt Ihr denn, ich wuͤrde auch nur den Werth eines Deut verlangen, wenn ich Euch nicht den großen Mantelſack mitbraͤchte; denn den meint Ihr gewiß.— Gott ſei gelobt, Sib Faweett hat Geldſtuͤcke in ihrem Kaſten, und braucht nicht zu ſtehlen oder zu betruͤgen, woran, wie die Leute ſagen— Gott moͤge es mir verzeihen— doch nur der Teufel ein Recht hat. Ich habe daher in Eurer Abweſenheit fuͤr Eure Sachen gute Sorge getragen; und als ich erfuhr, daß Ihr laͤnger bei Sir Lionel verweilen —— wuͤrdet— ich hoffe, der edle, wuͤrdige Ritter befindet ſich wohl— packte ich gleich den Man⸗ telſack auf ein tuͤchtiges Pferd, ſetzte meinen Sohn Dickon dazu— und es iſt ein huͤbſcher kleiner Reuter— und ritt mit ihm heruͤber zu dem Thurmhauſe. Iſt es Euch gefaͤllig, hinabzu⸗ kommen zu dem Stallhofe, wo die Falken ein⸗ geſperrt ſind, ſo koͤnnt Ihr ſelbſt nachſehen, ob alles richtig iſt; denn eher verlange ich nicht ei⸗ nen Heller auf die Bezahlung meiner Rechnung.“ Dudley hielt es zur Zufriedenſtellung aller Theile am beſten, dieſen Rath zu befolgen, und ging debhalb mit Sib an den bezeichneten Ort. Hier fand er Dickon Wache haltend bei dem Gepaͤcke. Seine Mutter hatte es ihm dringend eingeſchaͤrft, ſich bis zu ihrer Ruͤckkehr nicht da⸗ von zu entfernen, da ſie wohl wußte, daß meh⸗ rere von Sir Lionels Leuten uͤber das Eigen⸗ thumsrecht nicht allzuſtrenge Begriffe hatten. Kaum aber ſah Dickon die Anſtalten zu Oeff⸗ nung der Geraäthſchaften, als die Furcht, irgend ein neuer Dämon, dem aͤhnlich, den er in der Hornſtube geſehen, moͤge daraus hervorſpringen, ihn ergriff. Voller Schrecken wich er einige Schritte zuruͤck, murmelte ein Paternoſter vor ſich hin, und machte mit der Hand ein Kreuz uͤber den Ruͤcken, da er zu beleidigen fuͤrchtete, wenn er dies Sicherungsmittel offentlich anwende. — 143— Als alles ſo gefunden worden, wie Dudley es verlaſſen hatte, bezahlte er die Wirthinn frei⸗ gebig, und vergaß auch Dickon nicht. Mutter und Sohn beſtiegen hierauf mit einem Schwall von Dankſagungen ihre Pferde, und ritten zum Thurmhauſe hinaus. Kaum hatten ſie das Thor im Ruͤcken, und wurden durch einige Baͤume verdeckt, als Sib Reißaus nahm, ſich wiederholentlich mit großer Andacht kreuzigte, ein Paternoſter betete, und dann rief:„Fluch dem boͤſen Feinde und allen ſeinen Anhaͤngernz und wenn ich je wieder den Weg eines. Verfluch⸗ ten durchkreuze, ausgenommen bei einer ſo ge⸗ ſetzmäßigen Veranlaſſung, als die gegenwaͤr⸗ tige, ſo ſei der Tod mein Theil!“ Indem ſie dies ſagte, ſpuckte ſie auf die Erde, und be⸗ ſchtieb ein Kreuz in den Staub. Dickon folgte ihtem Beiſpiele, und ſagte dann:„Mutter, Mutter, ſoll ich den Silbergroſchen, den er mir gab, in den heiligen Brunnen der Abtei werfen?“ 5 „Potz Blitz, Kind, nein! wollteſt Du ein ſo undankbarer Schelm ſein, gutes Silber, mit dem Zeichen des Kreuzes gepragt, von Dir zu werfen? Wahrhaftig, ſolche Muͤnze muß man behalten, und käme ſie aus den Haͤn⸗ den des boͤſen Feindes ſelbſt; und wer weiß, ob dies nicht der Fall iſt?— Die heilige Maria — 144— beſchuͤßze uns Alle!— Aber wenn auch, ſolch ein liebes Kindchen, wie Du, kann keinen Ge⸗ brauch davon machen, es bringe nun Gutes oder uebles.“ Indem ſie dies ſagte, nahm ſie ihm das Geld, und ſteckte es behutfam in einen kleinen ledernen Beutel, den ſie dann wieder ſorgfaͤltig an ihrem eigenen Leibe verbarg; und nun ſetzten Beide ihren Weg nach dem Gaſthauſe fort. Dudley blieb während deſſen bei den Kafi⸗ gen, in welchen die Falken aufbewahrt wurden, und ſah dem Falkonier-Meiſter in ſeinem Ge⸗ ſchaͤfte zu. Es war ein aͤltlicher, ernſter Mann, in einer gruͤnen Muͤße mit einer Reiherfeder. Er pfiff ſich ein Stuͤckchen, und ſiegelte dabei, wie man es nennt, mit der groͤßten Gleichgultig⸗ keit die neugefangenen Falken. Dies beſteht darin, daß dem Vogel ein Draht durch das Au⸗ genlied geſteckt, und dies uͤber das Auge herun⸗ tergezogen wird; dies iſt die Vorbereitung zu dem Verkappen. Haͤtte er ſeine Nadel durch ein Stuͤck Sackleinewand geſteckt, er haͤtte dabei nicht mehr Fuͤhlloſigkeit zeigen koͤnnen. Bei dem Siegeln einer ungluͤcklichen Ente, ſeinem naͤchſten Experimente, mußte er indeſſen mehr Vorſicht anwenden, da er es ſo machen mußte, daß das Thier nach ruͤckwaͤrts ſehen konnte. Dadurch, erklaͤrte er Dudley, fliege es nur um ſo hoͤher, und eigne ſich daher zu einer Lockung fuͤr einen — 145— Sorfalken. Das naͤchſte Opfer dieſes ausge⸗ lernten Thierquaͤlers war ein junges Huhn, dem er die Fluͤgel brach, und das er dann laufen ließ, damit es von einigen jungen Taubenfalken in Stuͤcken zerriſſen wuͤrde. Sie ſollten auf dieſe Weiſe bei Zeiten lernen, ihre Beute zu er⸗ faſſen. Dies waren die Vorbereitungen eines Vergnuͤgens, das in allen ſeinen Theilen gleich grauſam war; in der That die Charakteriſtik der Jagd im Allgemeinen. Von dieſem Schauſpiele der Grauſamkeit ward Dudleys Aufmerkſamkeit auf einen Hund abgeleitet, der mit einer ſolchen Haſt auf ihn zuſtuͤrzte, daß er anfangs einen feindlichen An⸗ griff erwartete, bis er ſah, daß es ſein guter alter Bekannter Snowdrop war, dem er dazu vehulflich geweſen, in dem Thurme zu Cecil, ſeinem Herren, zu gelangen. Das arme Thier bezeugte ſeine Dankbarkeit fur dieſen Dienſt durch mehr Liebkoſungen, als Dudley in der Gewalt eines Hundes geglaubt hätte. Doch damit noch nicht zufrieden erfaßte er nach den erſten heftigen Freudenbezeugungen den Saum von Dudleys Kleid, und verſuchte ihn mit ſich fort zu ziehen, als wolle er, daß das Freundſchaftsbuͤndniß, welches ein gluͤcklicher Zufall erneuert hatte, nicht ſo bald wieder endigen ſolle. Als aber Dudley ſeine erſten Liebkoſungen freundlich auf⸗ II. 10 — 146— genommen hatte, ſuchte er ſich von ihm los⸗ zumachen, um zu der liebern Geſellſchaft zu⸗ ruͤckzukehren, die er in dem Speiſezimmer ver⸗ laſſen hatte. Alle ſeine Bemuͤhungen deshalb waren aber vergeblich. Snowdrop hielt den Saum des Kleides beſtändig feſt, und mit ei⸗ nem ſolchen Blicke der Entſchloſſenheit, daß es Dudleys Aufmerkſamkeit ganz in Anſpruch nahm, und daß er endlich beſchloß, ſich von ſeinem vierfuͤßigen Fuͤhrer leiten zu laſſen. Kaum aber bemerkte das kluge Thier, daß er bereit ſei, ſeine Wuͤnſche zu erfuͤllen, als es das Kleid losließ, und vorauslief, ſich aber alle Augenblicke aͤngſtlich umſah, ob Dudley ihm auch folge. Auf dieſe Weiſe ward er aber einen Holz⸗ hof, und bei mehreren Außengebaͤuden voruͤ⸗ bergefuͤhrt, bis er, durch eine niedere gewoͤlbte Oeffnung ſchreitend, ſich außerhalb der Mau⸗ ern ſahe; zwiſchen dieſen und dem Schloßgra⸗ ben war ein ſchmaler Pfad, mit Baͤumen und wildverwachſenem Geſtraͤuch eingefaßt. Ein kaum ſichtbarer Fußſteg, den die Diener und Arbeiter gebildet hatten, zog ſich durch das wilde Geſtruͤpp hin. Auf dieſem ging der Hund voran, bis ſie, um eine Ecke biegend, unter einem der Thuͤrme der großen Halle ſtan⸗ den, welchen Dudley ſogleich fuͤr den nehmli⸗ — 147— chen erkannte, durch den es ihm das erſte Mal gelungen, Cecils Gefaͤngniß zu erreichen. Wegen einiger Ausbeſſerungen an dieſem Thurme, war eine Leiter gegen ein offenes Fenſter in bedeutender Hoͤhe uͤber dem Erdboden gelegt. Hier klimmte das arme Thier hinauf, ohne Huͤlfe, und unverdroſſen. Dudley ſah jetzt, weshalb er hieher gefuͤhrt ſei, ſtieg dicht hinter ihm hinan, kam in den Thurm, und von hier, wie das erſte Mal, zu den Mauern von Cecils Gefaͤngniß. Aber Snowdrop bellte und heulte nicht wie damals, oder gab ſeine Ungeduld laut zu erkennen. Obgleich er den Schwanz mit ungemeiner Schnelligkeit hin und her be⸗ wegte, gab er doch nicht einen Laut von ſich, ſondern kroch ſchweigend zu dem Thurme hinan, bis er unter dem Fenſter war, und hier ſeine Anweſenheit durch ein leiſes Knurren kund gab. Dies war vollkommen hinreichend fuͤr das ſcharfe Gehoͤr ſeines Herren, der ſogleich an dem Gitter erſchien. Sein Geſicht leuchtete vor Freude, und er ſtreckte haſtig die Arme aus, um ſeinen Liebling zu erfaſſen. Dudley hob den Hund wieder wie damals auf ſeinen Ar⸗ men empor, ſo daß er leicht durch das Gitter gezogen werden konnte, und war nun aber⸗ mals Zeuge eines eben ſo ruͤhrenden Aufttit⸗ tes, als das erſte Mal. Das Thier richtete 10* —— ſeine Augen mit einem faſt menſchlichen Aus⸗ drucke der Zaͤrtlichkeit auf ſeinen Herren, und dieſer weinte wieder vor inniger Ruͤhrung. „Bei unſerer letzten Unterredung, die ſo zu unrechter Zeit unterbrochen ward,“ ſagte Dud⸗ ley,„bat ich, Euer Freund werden zu duͤrfenz wollt Ihr mir jetzt geſtatten, e Bitte ju wiederholen?. „Ihr habt mir,“ entgegnete Cecil,„den einzigen Freund wiedergegeben, den ich jemals fand; nehmt dafuͤr meinen Dank, meine herz⸗ lichſte Dankbarkeit an. Ihr habt mir eine Wohlthat erzeigt, zu deren Vergeltung ich mein Leben wagen wuͤrde; doch ich fuͤrchte, ei⸗ nen Freund unter meinen Nebenmenſchen zu erwaͤhlen, denn dieſe haben bisher noch immer meine Liebe mit Grauſamkeit und Verachtung vergolten. 4 „ So nehmt wenigſtens meine Dienſte zu Eurer Befreiung aus dieſer unwuͤrdigen Knecht⸗ ſchaft, und der Wiedereinſetzung in Eure Rechte an. Denn dreiſt behaupte ich, daß fuͤr Eure Einmauerung ſich auch nicht der Schatten ei⸗ ner Rechtfertigung auffinden ließe.“ „Meint Ihr die Beſchuldigung des Schwach⸗ ſinnes,“ ſagte Cecil ruhig,„ſo weicht meine Meinung von der Eurigen ab. Iſt die uͤbrige Welt im Beſitze ihrer vollen Vernunft, ſo bin — 149— ich es ganz gewiß nicht. Ich habe in der That nur wenige jener vernuͤnftigen Menſchen geſe⸗ hen, aber iſt alles das,*was ich durch Andere von ihnen gehoͤrt habe, wahr, ſo ſind ſie des Namens nur wenig wuͤrdig, denn man hat mir geſagt, daß ſie freiwillig ihr Vermoͤgen, ihr Leben, ihre Freiheiten einem Einzigen un⸗ terwerfen, welcher der Schlechteſte von ihnen Allen zu ſein ſcheint;— ein Tyrann und ein Moͤrder, der Jeden ohne Noth opfert, wel⸗ cher—“ „Heilige Mutter Gottes,“ unterbrach ihn Dudley,„ſprecht nicht ſo— ſprecht nicht ſo! Die Waͤnde haben Ohren fuͤr ſo verrätheriſche Reden uͤber den Koͤnig.“ „Die Vernuͤnftigen muͤſſen erſchrecken, wenn ſie ihren innerſten Gedanken laut aus ſprechen, die der Beweis der Vernunft ſind; Dank dem Himmel, ich bin der wahnſinnige Cecil, und kann ſprechen, was ich will.— Was ſeh ich noch außerdem in der vernuͤnftigen Welt?— Drei Klaſſen; die Kirche, das Heer, das Ge⸗ ſetz— alle ſtreben, die Gewalt an ſich zu rei⸗ ßen, indem ſie die große Maſſe zu verfuͤhren, zu betruͤgen, zu hintergehen, zu pluͤndern ſu⸗ chen, die auch wirklich ſo ſinnlos iſt, ſich frei⸗ willig zu ihrer gegenſeitigen Zerſtoͤrung anzu⸗ bieten, zum Vortheil ihrer verſchiedenen Be⸗ — 150— druͤcker und Quaͤler. Dies, ſage ich zu mir ſelbſt, ſind die Vernuͤnftigen, daher danke du nochmals Gott, daß du der wahnſinnige Cecil biſt.“ „Traut den Buͤchern nicht, Vetter, die Euch ſolche Gedanken lehrten, denn ſie koͤnnen Euch nicht nur Eure Rechte rauben, ſondern auch Euer Leben in Gefahr bringen.“ „Mir ſind alle Buͤcher verſagt worden, aber um ſo eifriger habe ich in dem großen Buche der Natur geleſen, deren Sprache Jeder verſtehen kann. Die Erde, das Meer und der Himmel, mit der Inſchrift: Allmacht, Gerech⸗ tigkeit und alles umfaſſende Liebe, ſagen mir wieder, daß die vernuͤnftigen Menſchen die Zwecke ihres Schoͤpfers nicht erfuͤllen, und daß daß ich mich gloͤcklich ſchaͤtzen darf, nicht zu ihnen zu gehoͤren.“ „Fuͤr Einen, der noch ſo jung iſt, und ſo wenig geſehen hat, ſcheint Ihr tief uͤber dies alles nachgedacht zu haben, Vetter Cecil.“ „Ich bin nicht mehr ſo jung, als Andere wuͤnſchen, daß ich gehalten werden moͤchte,— habe ich wenig geſehen, ſo litt ich deſto mehr— und meine Gedanken, denen jedes Streben nach Außen verwehrt worden, haben ſich mit deſto groͤßerer Kraft nach Innen gewendet. So wie ſie ſind, ſind ſie ganz mein eigen. Ich weiß, — 151— ſie widerſprechen der Vernunft der Welt, und wieder freue ich mich, daß ich der wahnſinnige Cecil bin.“ „Nach den Geſinnungen, die Ihr geaußert habt, hoffe ich, daß es Euch wenig Muͤhe ko⸗ ſten wird, einen der letzten Befehle Eures ſter⸗ benden Vaters zu erfullen, und nie einen Har⸗ niſch zu tragen, nie Soldat zu werden.“ „Die Erde konnte mir keine Belohnung bie⸗ ten, mir mit keiner Strafe drohen, die im Stande waͤre, mich zu einem Krieger zu machen. Ich koͤnnte willentlich nicht das kleinſte Inſekt zerſtoren, das an dem Boden kriecht; aber das Ebenbild Gottes vernichten, ohne Noth einen Menſchen todten, und dies noch dazu als ein Handwerk, als ein Diener Anderer— nur ein Vernuͤnftiger koͤnnte ſo abſcheulich ſein; die Seele des wahnſinnigen Cecil ſchaudert davor mit Entſetzen zuruͤck. Ihr ſtauntet bei unſerer fruheren Unterredung, daß ich Freude uͤber den Tod meines Vaters bezeugte. Das Leben er⸗ ſcheint mir ſo erbaͤrmlich, daß ich den Tod als eine Wohlthat achte. Soll ich mich nicht freuen, wenn die, welche ich liebe, in Freiheit kommen? In jedem Falle fteue ich mich, daß die Todten die Feſſeln des Lebens gebrochen, und entflohen ſind; doch wenn ein Soldat — 152— ſtirbt, ſo freue ich mich auch in der Seele der Lebenden, denn ſie haben eine Geißel weniger.“ „Ihr werdet dann, hoffe ich, Sir Giles zweitem Befehle eben ſo willig Genuͤge leiſten; dieſer iſt, daß, wenn Ihr das Mannöalter erreicht habt, Ihr heirathen ſollt, um dem Na⸗ men und der Ehre der Hungerfords Erben zu erzielen.“ „Heirathen!“ rief Cecil aus, und dunkle No⸗ the faͤrbte ſein Geſicht, waͤhrend ſeine Augen ſich unwillkuͤhrlich mit Thraͤnen fuͤllten.—„Heira⸗ then! ach, wenn mein Herz die Liebe fuͤhlte— wie es vielleicht ſein mag— wenn es braͤche, — wie ich glaube, daß es ſchon ſeit laͤngerer Zeit thut— wer wuͤrde Mitleid mit mir ha⸗ ben, wer mich anders behandeln, als mit Ge⸗ ringſchaͤtzung?— wer wuͤrde von mir anders ſprechen wollen, als von einem Tropfe, einem Knaben?“ „Wahrlich, Vetter Cecil, Ihr thut Euch ſelbſt unrecht, doch Ihr werdet dies ſogleich unterlaſſen, wenn ich Euch in Freiheit ſetze, wie ich hoffe, daß es bald geſchehen ſoll, und Euch dann in die Geſellſchaft der Welt einfuͤhre.“ „Die Geſellſchaft der Welt?— die Engel und alle Heiligen moͤgen es verhuͤten. Seid Ihr wahrhaft mein Freund, wollt Ihr mir wirklich dienen, wollt Ihr Euch meine ewige — 153— Dankbarkeit ſichern, ſo verſchafft mir die Ge⸗ ſellſchaft der Natur wieder, erhaltet mir die meines Hundes. Laßt mich am Tage frei uͤber die Mendip⸗Berge ſchweifen; laßt mich des Nachts, meinen Snowdrop an meiner Seite, in der Wokey⸗Hoͤhle ruhen, mich dort durch das Murmeln der unſichtbaren Waſſer in den Schlaf wiegen. Es iſt keine nackte Kuppe, kein ſchroffes Thal, keine enge Schlucht, keine Hoͤhe, keine Hoͤhle, in die ſich das Waſſer ſturzt, um einem unbekannten Ziele zuzufließen, keine ſonnenbeſchienene Ebene, wo Voͤgel, Bie⸗ nen und Blumen eine wohlriechende Muſik ausfuͤhren, keine unterirdiſche Hoͤhle, in deren tiefem, ſchweigendem Grabe die Natur zu ah⸗ men aufzuhoͤren, die Pulſe ihres Herzens zu ſtocken ſcheinen; keine luftige Hoͤhe, kein ſchwin⸗ delnder Abgrund, mit dem der Tritt meines Fußes nicht vertraut iſt, der meiner blutenden Erinnerung nicht theuer, unendlich theuer waͤre!— Ach, wenn Ihr die Freude, die Wonne, das Entzuͤcken kenntet, das meine Seele fuͤllt, wenn ich mich vor Sonnenaufgang in eine ſolche, noch ſtillſchlummernde Unendlichkeit ſteh⸗ len kann, die eben mit dem Bewußtſein der Annäherung des Tagesgottes zu errothen be⸗ ginnt;— wenn ich auf jenes große, majeſtaͤ⸗ tiſche Licht blicken kann, wie es in all ſeiner — 154— herrlichen Pracht uͤber den Horizont emporſteigt, waͤhrend ſeine Strahlen ſiegend den Himmel durchziehen, und die Wolken ihre fliegenden Banner daruͤber ausbreiten, und die Erde von ſeinem Glanze erfuͤllt iſt;— die Welt aus ihrem Schlafe zu Licht und Leben uͤbergehen zu ſehen;— auf die gluͤhenden Spitzen der Berge zu blicken, wie ſie ſich glaͤnzend uͤber die noch dunklen Thaͤler erheben; die blitzenden Waſſer, die gruͤnen Flaͤchen, die vielfarbigen, vielgeſtal⸗ teten Blaͤtter zu ſehen; den Weihrauch einzuath⸗ men, den die dankbare Erde zu Gott aufſtei⸗ gen laͤßt; die Morgenhymne der Inſekten und Voͤgel, und vierfuͤßigen Thiere zu hoͤren, wel⸗ cher die kraͤftige Stimme des Windes, mit ein⸗ fallend, den Ausdruck unendlicher Groͤße giebt! — Wenn ich ſo ſitze, und dies alles ſchwei⸗ gend, und voller Andacht uͤberſchaue, wenn ich mich gleichgeſtimmt fuͤhle mit dem Geiſte der Natur, dann kann ich das Elend meines Da⸗ ſeins vergeſſen, dann ſtuͤrzen lindernde Thraͤnen aus meinem Auge, dann falte ich meine Haͤnde, dann ſinke ich auf die Knie, beuge mein Haupt nieder zur Erde, und danke dem großen Scho⸗ pfer derſelben, daß ich nicht einer von den Soͤh⸗ nen der Vernunft bin, daß ich, ungequalt durch ihre gluͤhenden Leidenſchaften, ein Ausgeſtoßener, — 156— ein Sohn der Natur bin, daß ich der verachtete, alleinſtehende, wahnſinnige Cecil Hungerford bin.“ Gleichſam als fuͤhle er die Wonne, die er doch nur beſchrieben hatte, leuchtete ſein Auge bei dieſen Worten von Freude; doch kaum war er zu ſich ſelbſt, der Wirklichkeit und ſeiner traurigen Lage mit ſeinen Gedanken zuruckge⸗ kehrt, ſo nahm auch ſein Geſicht wieder den gewoͤhnlichen melancholiſchen Ausdruck an. Er fuhr einige Male mit ſeiner Hand zwiſchen den eiſernen Staͤben des Gitters vor ſeinem Fenſter hindurch, legte ſie dann auf ſein Herz, und ſagte mit trauernder Stimme, waͤhrend ihm die Thranen uͤber die Wangen rannen:„Ich bin wie ein Vogel, der nur in Feld und Wald leben kann, und wenn Ihr jetzt zu fuͤhlen ver⸗ mochtet, wie mein armes Herz der Freiheit ſehnſuͤchtig entgegenklopft, ſo wuͤrdet Ihr Euch wundern, daß es ſich nicht ſchon ſelbſt an den Staͤben ſeines Gefaͤngniſſes zerſchlagen hat.“ Faſt noch nie war Dudley ſo tief ergriffen, obgleich es ſchwer geweſen wäre, zu entſchei⸗ den, ob Mitleid oder Emporung in ſeinem Herzen die Oberhand hatte.„Sei gutes Mu⸗ thes, mein theurer, mißhandelter Cecil,“ ſagte er,„denn bei allen Heiligen des Himmels ſchwoͤre ich, dich in deine Rechte einzuſetzen, oder in dem Verſuche unter zu gehen. Wie, — 156— ſollte der Sohn und Erbe des tapfern Sir Giles Hungerford—“ „Still, ſtill!“ rief Cecil, ihn unterbrechend, und zeigte dabei auf Snowdrop, der die Ohren ſpitzte, die Zähne wies, und mit blitzenden Augen zu knurren begann,—„es koͤmmt Je⸗ mand— es iſt der Kapitain. Ich weiß es an des Hundes ganz eigenem Knurren; er fuͤrchtet, ſie werden ihn wieder von mir trennen.— Fort! fort! aber laßt uns uns wieder ſehen.“ Dudley entfernte ſich ſchnell, eben ſo be⸗ ſorgt, Entdeckung zu verhuͤten, als der Gefan⸗ gene, aber feſt entſchloſſen, wenn alle anderen Mittel mißlingen ſollten, Sir Lionel oͤffentlich zur Rechenſchaft zu fordern, und Cecils volle Einſetzung in ſeine Rechte und Freiheiten zu verlangen. rin ni Sechſtes Kapitel. Die niedern, knecht'ſchen Seelen hat er doch Obgleich ſie Schelme, ſtets als Narren noch v120 Behandelt, ſie dahin gebracht, Die Schwärze ihres Herzens frei zu zeigen.— Dann höhnte er mit gift'gem Grimm, ihm eigen, Die Laſter, die ſie kund gemacht. Ein niedrigeres Gemach des Thurmhauſes, wel⸗ ches die Ausſicht auf den großen Hof in der Front hatte, und mit einer Gallerie zuſam⸗ menhing, aus welcher man auf den innern Hof an der hinteren Seite des Gebäudes ſahe, ſo, daß man von hier eine Ueberſicht des ganzen Gebaͤudes hatte, war durch Sir Lionel zu ſeinen beſonderen Abſichten eingerichtet wor⸗ den. Von hier aus konnte er Jeden ſehen, der kam oder ging; hier bewahrte er wichtige Pa⸗ piere und Briefe auf, welche verborgen gehalten werden mußten; hier hielt er immer eine bedeu⸗ tende Summe Geldes zu Beſtechungen oder anderen heimlichen Ausgaben bereit, von denen ſein Haus⸗ hofmeiſter nichts wiſſen durfte; hier endlich wa⸗ ren in Vertiefungen und hinter Wandbeklei⸗ * — 158— dungen, die er allein nur kannte, Waffen al⸗ ler Art verborgen, im Fall irgend ein Ueber⸗ fall von Außen, oder Verraͤtherei im Innern den Zutritt zu der eigentlichen Ruͤſtkammer ver⸗ hindern ſollte. Zu dieſem Zimmer war jedem Diener der Zutritt ſtreng unterſagt, nicht nur um Entdeckungen aller Art zu verhindern, ſon⸗ dern auch, um ueberraſchungen zu vermeiden, wenn er ſich mit den Planen der Rache und Vergroßerung beſchaͤftigte. Denn es war einer ſeiner unumſtoßlichen Grundſätze, nie einem ſeiner Gehuͤlfen oder Mitverſchworenen ſein vol⸗ les Vertrauen zu ſchenken. Bis auf einen gewiſſen Punkt mußte er ſeine finſteren Plaͤne enthuͤllen, aber nie ging er weiter, als zur Erreichung ſeiner Abſichten unumgaͤnglich noth⸗ wendig war. Er verließ ſich auf die Liſt und Sicherheit, mit der er die widerrechtlichſten Handlungen leiten konnte, und hatte die Ueber⸗ zeugung, daß wenn auch wirklich etwas an das Licht des Tags käme, ihm perſoͤnlich doch nichts bewieſen werden koͤnne, und daß, wenn das verletzte Geſetz ſeine Opfer fordere, es wohl die Helfershelfer erfaſſen, doch niemals die Hand entdecken konne, die das Ganze lei⸗ tete. um ſich gegen jede Verantwortlichkeit noch mehr zu ſichern, gab er hoͤchſt ſelten ge⸗ ſchriebene Befehle. einer Art, und ſprach — 159— mit einem untergeordneten Gehuͤlfen nur ſelten in Gegenwart eines anderen. Es entzuckte ihn, zu denken, daß er in ſei⸗ ner Hand einen Hauptſchluͤſſel zu den Haupt⸗ leidenſchaften derer habe, welche in ſeine groͤßern Verſchwoͤrungen verwickelt waren. Es ſchmei⸗ chelte ihm, dieſe Puppen ganz nach ſeinem Willen und Vergnuͤgen tanzen zu laſſen; ſeine Ueberlegenheit zu zeigen, indem er ſich uͤber ihre Leidenſchaften luſtig machte, und mit ih⸗ ren Schwaͤchen ſpielte; ſie anzulocken, und ih⸗ nen den Koͤder vorzuhalten, bis ſie ſich zu je⸗ der Grauſamkeit, jeder Gewaltthat bereit erklaͤrten, die er von ihnen verlangte. Auch ſchmeichelte es ſeiner Liſt und ſeinem Stolze, um den Nacken eines Jeden eine Schlinge zu legen, ſo daß er in dem Augenblicke, in wel⸗ chem ſie unentſchloſſen oder ungehorſam wur⸗ den, nur das Zeichen zu geben brauchte, um ſeine Gehuͤlfen in Bewegung zu ſetzen, den oͤffentlichen Anklaͤger machen, und ſich ihrer ſo fuͤr immer entledigen zu koͤnnen. Zwei Maͤn⸗ ner, die in ſeine gefäͤhrlichern Unternehmungen verwickelt geweſen, und mit einer Entdeckung ſeiner Plane gedroht hatten, waren ſchon auf dieſe Weiſe gefallen, und ſeine uͤbrigen Helfer und Handlanger erhielten dadurch die Ueber⸗ zeugung, haͤtten ſie erſt die Schwelle des Thurm⸗ 3 — 160— hauſes uͤberſchritten, und waͤren Theilnehmer irgend einer ſeiner Verſchworungen geworden, ſo gaͤbe es fuͤr ſie keinen Schritt ruckwaͤrts; verzweiflungsvoll mußten ſie in ihrem Begin⸗ nen vorwaͤrts ſchreiten, und ſich darin ergeben, die Opfer ihres Gebieters zu werden, ſobald ſie aufhorten, deſſen Mitſchuldige zu ſeyn. Waͤhrend Dudley die Unterredung mit Ce⸗ cil hatte, die wir im letzten Kapitel mittheilten, war Sir Lionel in einer ernſten Berathung mit ſeinen beiden Hauptmitverſchworenen, dem Dok⸗ tor, und dem Kapitain Baſſet, begriffen; der Ort derſelben war jenes Gemach, welches wir ſo eben beſchrieben. Es war Sir Lionels Gewohnheit, wenn er irgend eine Grauſamkeit beabſichtigte, dieſelbe nie auf ein Mal auszu⸗ ſprechen, ſondern irgend eine undeutliche Aeuße⸗ rung hinzuwerfen, die ſeine Zuhoͤrer auffaſſen, und weiter ausſpinnen konnten, ſo daß ſie ſei⸗ ner Abſicht entgegen kamen, und es doch den Schein hatte, ſie ſelbſt waͤren die Erfinder des Planes. In Hinſicht ſeiner Abſichten mit Ce⸗ cil hatte er jetzt einige ſolche dunkle Meinun⸗ gen geaͤußert, vor denen der Kapitain, der fuͤr den Augenblick zufällig nuchtern war, mit ſicht⸗ lichem Abſcheu zuruckſchauderte, ſtatt die Mei⸗ nung, die ſo verdeckt geaͤußert worden, zu ver⸗ theidigen.„Gott'stod, mein edler Gebieter,“ rief er aus,„ganz ſicher gehen Eure Gedan⸗ ken nicht dieſen Weg, und ich muß Eure Mei⸗ nung ganz und gar mißverſtanden haben, was einem ſolchen Schwachkopfe, wie ich bin, leicht begegnen kann. Ei, potz Dolch und Scheide, Sir Lionel, Ihr habt gute Beweiſe gehabt, daß ich ein tuchtiges Schwert an meiner Seite fuͤhre, welches Eurem Kommandoworte folgt, ſo treu und ſchnell, als das Echo, und, bei St. Jo⸗ hannes dem Laͤufer, ich bin ic immer ſo bereit, als je, gegen Alle zu kaͤmpfen, die in Euer Bereich dringen, ſeien es nun Chriſten, Juden, Tuͤrken, Kannibalen oder Saracenen; das heißt, auf eine offene, ritterliche Weiſe, ohne Zauberkraft oder Hexerei, Fuß gegen Fuß, Geſicht gegen Geſicht, Stahl gegen Stahl. So koͤnnen wir noch immer unſern Mann toͤdten, ohne unſere Naſe zu ſehr in die Naͤhe des Haͤngemannes zu bringen. Aber jeder Schritt gegen einen ſchutzloſen, ſchwachſinnigen Juͤngling, außer, den Vogel in dem Kaͤfich zu erhalten, in den wir ihn ſperrten, bei Hahn und Elſter, das waͤre eine erbärmliche That, und eine grauſame dazu, meines edlen Gebie⸗ ters nicht wuͤrdig zu verlangen, und unmoͤglich auszufuͤhren, fuͤr einen ſo alten Kriegsmann als Ben Baſſet, der eben ſo wohl ein Gewiſ⸗ ſen, als ein Schwert hat.“ II. 11 — 162— „Wahr und wahrhaftig, und mit Eurer Gunſt,“ ſagte der Doktor, der ebenfalld vor dem finſteren Verlangen zuruͤckgeſchaudert war, und ſich jetzt freute, durch ſeinen Gefährten in dem Widerſtande unterſtuͤtzt zu werden,„wahr und wahrhaftig, der tapfere Kapitain giebt ei⸗ nen guten Rath, und der auch gute Gruͤnde enthaͤlt; denn es waͤre nicht weniger unnuͤtz als gefahrvoll, noch weiter zu gehen, als wir bis jetzt thaten.— Unnuͤtz, da der Gegner rechtlich nichts fuͤr ſich thun kann, indem er das ein und zwanzigſte Jahr noch nicht erreicht hat, obgleich er die aetas pubertati proxima wohl erlangt haben mag. Die Frage beſteht aus drei Hauptſaͤtzen, welche ich genau erlaͤu⸗ tern will, ohne dabei der Gefahr zu gedenken, die, wie es ſcheint, und ſo natuͤrlich iſt, des guten Kapitains Furcht erregt hat.“ „Furcht, Du kameelruckiger Schwaͤtzer,“ rief der Kapitain veraͤchtlich,„Furcht und ich, ſind wie Feuer und Waſſer, die nicht beiſam⸗ men beſtehen koͤnnen. Ich kann weder in Furcht geſetzt, noch mein Durſt geloſcht werden. Haͤng die Sorge— der Kummer wird eine Katze todten. Ich ſinge und bin froͤhlich, der Rauf⸗ degen fuͤr immer„ und dem Haͤngemann ein Schnippchen!— aber i6, ſagte frei„ was ich — 163— kuͤhn verantworten will; ſolche feige That ware grauſam und unnatuͤrlich.“ „Moͤchte es Euch gefallen, Sir Lionel, ernſt⸗ lich zu erwaͤgen, was der gute Kapitain ſagt?“ rief der Doktor, indem er unterwuͤrfig auf ſei⸗ nen Gebieter ſahes„denn ſicher und in Wahr⸗ heit, wuͤrde eine ſolche That ausgeuͤbt, ſo koͤnnte ſie mit Fug und Recht grauſam und unnatuͤr⸗ lich genannt werden.“ „Dummkoͤpfe und Toͤlpel!“ ſchrie Sir Lio⸗ nel, der ihnen mit dem Lacheln des Grimmes zugehoͤrt hatte;„welche Grauſamkeit kann un⸗ natuͤrlich ſein? oder wo, wenn ich Euch zu irgend einer blutigen That uͤberreden wollte, wo koͤnntet Ihr eine grauſamere, wildere, nach⸗ Lehrerinn finden, als die Natur ſelbſt? Neun Zehntheile der Geſchoͤpfe, die ſie hervorge⸗ bracht, zerfleiſchen und zerreißen beſtandig ihre Mitgeſchoͤpfe, und trinken deren Blut, um dem Inſtinkte zu folgen, zu deſſen Unterſtuͤtzung ſie von der Natur mit Krallen und Zaͤhnen verſehen worden ſind; auch darf man bei ihren Waffen die Liſt, die Schnelle, und die Schaͤrfe der Sinne nicht vergeſſen, welche ſie nur um ſo ver⸗ derblicher machen. Durch dieſe bewaffneten und raubgierigen Beſtien werden auf das Gebot der Natur die ſchwachen und unſchuldigen Geſchoͤpfe und vernichtet, denn ſie ſind dazu ge⸗ 11* — 164— ſchaffen, eines des andern Beute zu werden; der Menſch aber iſt uͤber ſie alle.— Welche Grauſamkeit kann die der Natur uͤbertreffen, Ihr Plappermaͤuler;— wenn Ihr den Adler dem Lamme die Augen aushacken ſeht, oder den Wolf, wie er ſeine Faͤnge in die junge Geis ſchlaͤgt, und wie beide begierig das Blut ihrer Opfer ſaugen; oder wie Peſt, Hungersnoth und Erdbeben das Wohl Tauſender zerſtdren? und wer iſt der ſtolze Herr der Schoͤpfung, den ſie willenlos in das Daſein gerufen hat, ohne ihm zu ſagen, wie er gemacht ward, ohne ihm die Gruͤnde ſeiner Anwendung zu erklaͤren;— was iſt er, als ein blindes Werkzeug/ durch ein thieriſches Verlangen geleitet, ein Geſetz auf⸗ recht zu erhalten, von dem er nichts weiß, und ohne Reue bei Seite geworfen, wenn dieſer Zweck erreicht iſt, entweder durch Alter, oder Mißmuth, oder Tod. Wir vertilgen Einer den Andern, bis das Grab uns Alle verſchlingt, nur, damit eine neue Generation erſtehe, die denſel⸗ ben Kreislauf von vorn beginnt, und dann auch wieder in den Staub zuruͤckkehrt, aus dem ſie geſchaffen ward. Und dieſen weiten Zirkel ha⸗ ben Menſchen und Thiere beſchrieben, bis die Erde ein unendliches Leichenhaus geworden, deſ⸗ ſen Fußboden mit Skeletten ausgelegt, in deſſen wolkenumzogener Decke die Sonne wie eine — 165— Lampe ausgehangen iſt, damit wir alle die Graͤßlichkeiten unſeres Lebens⸗Grabes ſehen koͤnnen. Dies ſind die zaͤrtlichen Sorgen der Natur, und ſollen unſere Kinder nicht mit dem Maaße meſſen, das ſie von ihren gemeinſchaft⸗ lichen Eltern erhielten?— Sprecht, Ihr vau dernden Maulwuͤrfe!“ Durch Erſtaunen uͤber dieſe frurige Rede 8. ſeſſelt, ſchlug der Doktor ſeine Augen nieder, und zog ſich hinter ſeinen Gebieter zuruͤck, ohne einen einzigen Einwurf zu wagen; doch der Ka⸗ pitain, der ſich nicht einſchuͤchtern ließ, ſagte mit einer, faſt eben ſo gebieteriſchen Stimme, als die Sir Lionels geweſen:„Seht, mein kuͤhner und edler Gebieter, die Natur iſt eine Art von Koͤniginn, und mag, unſerem tapferen Harry gleich, thun was ihr gefaͤllt, denn das Haupt, das eine Krone traͤgt, fuͤhlt ſelten einen haͤnfenen Halter unter ſeinem Kinne; aber Ben Baſſet iſt weder Konig, noch Kaiſer. ueber⸗ dies, wenn die Prieſter uns von der Kanzel Wahrheit predigen, oder von dem Chore ſingen, ſo darf der, welcher in dieſer Welt ein fluͤchtiges Maaß gefullt hat, fuͤr jene furch⸗ ten; und die, welche hier befehlen, und ihre Backen aufblaſen, ſollen dort ſich placken, Spießruthen laufen, und umher⸗ gehen muͤſſen.“ — 166— Und ſeht Ihr die geſchorenen Heuchler ſo leben, als wenn ſie ihre eigenen Maͤhrchen glaubten?“ fragte Sir Lionel ſpoͤttiſch laͤchelnd; „und wuͤrdet Ihr eine Wohlthat, die Euch jetzt geboten wird, wegen einer unſichern Belohnung in der Zukunft zuruͤckweiſen? Nun wohl denn, gewiſſenhofter Kapitain, ſo werde ich den Roſoli nicht herbeiholen, uͤber den ich Euch um Eure Meinung befragen wollte, indem ich wohl wußte, daß Ihr ein trefflicher Richter in der⸗ gleichen Dingen ſeid. Doch die Prieſter haben das Trinken fur ſuͤndlich erklaͤrt, obgleich ſie, wie dies gewoͤhnlich geſchieht, ins Geheim thun, was ſie oͤffentlich verdammen.“ „Wetter, Sir Lionel, ich wäre ein rechter Tropf, ein wahrer Einfaltspinſel, wollte ich ein geſchorenes Haupt und eine wollene Kutte um Erlaubniß fragen, die Flaſche zu meinen Lippen fuͤhren zu duͤrfen.— Soll ich einen Krug holen, damit ich ſogleich mein Urtheil uͤber den Roſoli abgeben kann? Verwuͤnſcht ſei meine Naſe, wenn ſie mich irre leitet, aber ich glaube, ich glaube ich rieche ihn hier in dieſer Stube.“ „Ein braver Hund, der ſein Wild wittert 1 ſagte der Ritter, und indem er zu einem Schenk⸗ tiſche ging, fuͤllte er einen ſilbernen Pokal mit — 167— dem geiſtigen Getraͤnke, und—— ihn dann dem Kapitain hin. „Wetter!“ rief der Kapitain, die Lippen leckend;„der iſt ſelten und koͤniglich, ein wenig feurig, oder ſo etwas. Aber es iſt ein Feuer, das vom Himmel geſtohlen ward, und das mir ein Gefuͤhl erregt, als hätte ich eine neue Seele bekommen. Ich erklaͤre ihn fuͤr hoͤchſt vortreff⸗ lich, und wer es leugnet, luͤgt in ſeinen Magen hinein.— Ja, ja, in ſeinen Magen, Sir Lio⸗ nel, bei der Meſſe! Das war gut geſagt, denn ſein Magen muß es fuͤhlen, daß er ein Luͤgner iſt.— Wie, mein edler Gebieter, ſoll Ben Baſſet keinen Glauben finden, wenn er ſchwoͤrt, daß dies Getrank gottlich iſt, und daß der, deſ⸗ ſen Eingeweide es erwaͤrmt, Euer armer Diener iſt, bereit, mit Herz und Hand, mit Schwert und Dolch, Eure Befehle zu vollſtrecken, gegen alle Eure Feinde, unbaͤrtige Knaben, und ſchwachſinnige Juͤnglinge.“ „Mit aller Achtung und Ehrfurcht,“ ſagte der Doktor, und wagte zum erſten Male, ſei⸗ nen Blick zu erheben,„bitte ich meinen Ge⸗ vieter, ſich verſichert zu halten, daß ich eben ſo, wie der tapfte Kapitain zu jedem Dienſte, jedem Beweiſe meines Gehorſams bereit bin.“ „Habt Ihr die kabbaliſtiſche Zahl in Al⸗ bertus Magnus und Hermippus Redivivus — 168— aufgeſucht, wie ich Euch ſagte?“ fragte Sir Lionel den Doktor, heimlich zu ihm ſprechendz „denn die Planeten ſtehen guͤnſtig, und das Horoskop deutet auf ein glůcktiches— ten zu dem Siele.“ „Thut es, thut es das?“ rief der Doftor mit funkelnden Augen;„mein guͤtiger Herr, mein beſter Freund, wie ſoll ich meine Dank⸗ harkeit beweiſen?“ „Es freut mich,“ ſagte Sir Lionel, ſich wieder zu Baſſet wendend,„daß Ihr dies Elixir gut findet.“ Bei dieſem Worte ſtutzte der Doktor, und ſeine Zuͤge druͤckten ein wonniges Vorgefuͤhl aus.„Aber, mein guter Kapitain,“ fuhr Sir Lionel fort,„der iſt ein ſchlechter Richter, der ſeine Meinung ſagt, ehe er beide Theile gehoͤrt hat; daher bitte ich Euch, koſtet auch aus dem anderen Kruge, und ſprecht dann Euer urtheil, denn ihr verſteht Euch darauf.“ „Ha, ha!“ rief der Kapitain, nachdem er ohne Zoͤgern der Weiſung gefolgt war,„bei Becher und Kanne, bei der ſchaͤumenden Fla⸗ ſche, moͤgen meine Lippen nie wieder den ſil⸗ bernen Pokal kuͤſſen, wenn dies nicht ein kd⸗ niglicher, goͤttlicher Branntewein iſt, werth, dem heiligen Thomas von Kent vorgeſetzt zu wer⸗ den, und dem heiligen Joſeph von Arimathea, — 169— und unſerer lieben Frau von Walſingham!— Bei dem Kreuze, mein edler Gebieter, ich bin kein Schwätzer, kein Schmeichler, und den⸗ noch ſage ich, daß Ihr einen feinen, konigli⸗ chen, goͤttlichen Geſchmack habt, und daß der ehrliche Ben Baſſet, welcher die Undankbar⸗ keit haßt, jederzeit bereit iſt, gute Dienſte fuͤr gutes Getraͤnk zu leiſten. Was ſagſt Du, mein kleiner krummbuckliger, zwerghafter Dok⸗ tor? Haben wir nicht einen braven Befehls⸗ haber, und ſollen wir nicht ſeine Wuͤnſche er⸗ fuͤllen, ohne vor irgend einem Popanze, oder einer Vogelſcheuche zu erſchrecken?“ „Wir waren Schelme und undankbare Kerle, es zu verweigern,“ lautete die Antwort, „ausgenommen jedoch, mit Sir Lionels Gunſt, jeden ferneren Schritt von der letztberuͤhrten Art, an welchen wir Alle, wie ich glaube, die Gedanken aufgegeben haben.“ „Die Sonne iſt im Loͤwen, und der Mond im Krebs,“ fluͤſterte Sir Lionel, ſich zu den Ohre des Doktors hinabbeugend,„und die zwoͤlf Dreiecke des Horoskops ſind voll der guͤn⸗ ſtigſten Verſprechungen; die letzte Nacht befragte ich den Geiſt, der aus dem Saturn und Merkur entſpringt, und welchen Hironimus Carden gefan⸗ gen haͤlt, und er verſicherte, ich wuͤrde bald gluͤck⸗ lich ſein, und das Lebenselixir erhalten.“ —————— — 170— „Dann iſt das große Werk nahe!“ rief der Doktor, und ſeine Augen wurden ſo groß, als wollten ſie ihm aus dem Kopfe treten. „Mein wuͤrdiger Freund, mein gnaͤdiger Ge⸗ bieter, mir mehr als Vater, der Geber eines neuen Lebens, was ſoll ich thun, Euch zu dienen, auf welche Weiſe ſoll ich Euch in die⸗ ſer erbaͤrmlichen, verwachſenen Geſtalt nuͤtzen, die ich bald durch den Gewinn des unſchätzba⸗ ren, goͤttlichen Elixirs abzuwerfen gedenke.“ Er ſah ſo aus, als wuͤrde er dem Ritter zu Fuͤßen gefallen ſein, haͤtte ihn nicht die Gegenwart eines Dritten davon abgehalten. Sir Lionel aber wandte ſich, ſcheinbar ohne ſeine Glut zu bemerken, wieder zu dem Kapitain, und fuhr fort:„Schande treffe den Geizigen, der nach jedem Tropfen ſieht, der in dem Kruge zuruͤck⸗ blieb, wenn tapfere und durſtige Maͤnner da ſind, die ihm die Nagelprobe machen können!— Wie iſt es, Kapitain? noch ein Becher, und der Krug iſt leer.“ „Wenn ich nein ſage zu ſolchem Roſoli, ſo moͤge meine Zunge getrocknet werden, wie die eines Ochſen, und in einem Rauchfange haͤngen, wo weder Regen noch Thau ſie je⸗ mals erreichen kann. Hier koͤmmt der letzte Becher, mein edler Meiſter, und bei Pharaos Fuß, er waͤre beſſer, als der erſte, wenn er — 171— nicht den Krug leer machte;— laßt ihn einem todten Manne, und eine ftohliche Meſſe hil⸗ terher! Singt rumbeldebumbel, hei, ho! hei, ho!— Wie, mein tapferer Gebieter;— geh ich nicht wie ein Brummkreiſel nach der Peitſche? — Ich bin der ehrliche Ben Vaſſet, Euer Sol⸗ dat und Diener, und ich waͤre ein niedriger Schuft, und ein erbaͤrmlicher Kerl, und eine Kroͤte, was ſchlimmer iſt, als alles, da ſie niemals trinkt, wollte ich Euren Willen nicht erfuͤllen. Was iſt ein pimpelnder, blaßwan⸗ giger, ſperrbeiniger Knabe, daß er unſerem edlen Gebieter im Wege ſtehen ſoll, der ſicher andere Kruͤge mit ihrem ſuͤßen Blute fur die bereit hat, die bereit ſind, ihr Blut fuͤr ihn zu vergießen. Was ſagſt Du, mein kleiner, krummer Doktor Hoͤcker⸗Traͤger?“ „Dieſe Nacht zitire ich den Geiſt!“ floͤ⸗ ſterte Sir Lionel dem Doktor in das Ohr. „Mein beſter Gebieter, wie ſoll ich Euch genug ehren und ſchätzen?“ entgegnete der Doktor in dem naͤmlichen Tone. „Was iſt da fuͤr ein langes Geſperre!“ ſchrie der Kapitain, der jetzt ſchon zu betrun⸗ ken war, um ſich noch durch die Gegenwart Sir Lionels maͤßigen zu laſſen;„antworte, Du Lraͤger Deines eigenen Fleiſchpackes, wenn Du —— nicht zu ſchief biſt, um eine grade Antwort zu geben!“ 60 „Wahrlich,“ ſagte der ſo unhöflich ange⸗ redete,„Ihr ſeid ein Stuͤck von einem Schand⸗ maule, doch in Hinſicht auf Eure Frage, in ſofern ſie Einen betrifft, der kraͤnklich, und nicht bei vollem Verſtande iſt, und der weder lange leben, noch waͤhrend dieſer kurzen Zeit vernuͤnftig ſein kann, ſo duͤrfen wir ganz ſicher ſein, wenn wir den Willen unſeres guten und maͤchtigen Gebieters erfuͤllen, beſonders wenn wir bedenken, wie er im Stande iſt, den Dienſt auf geiſtige und leibliche Weiſe zu be⸗ lohnen. Es iſt nicht billig, daß die Wag⸗ ſchaale, in welcher Macht, Muth, Alter und Weisheit liegt, von der andern aufgewogen werde, in welcher ſich nichts befindet, als ein ſchwachſinniges Kind; denn das iſt es vor dem 4 Wohl geſprochen, mein kleiner Doktor,“ ſchrie der Kapitain;„Du biſt ein guter Logi⸗ ker, und ich wollte Dir dafuͤr den Ruͤcken ſtrei⸗ cheln, koͤnnte ich Platz fuͤr meine Hand fin⸗ den. Sing tirlie tirlowe!— Wer wird vor einem Knickbein mit einem Maͤdchengeſichte er⸗ ſchrecken, wenn er aufgerufen wird zum Dienſte ſeines Lehnsherrn, des ſehr edlen Ritters Sir Lionel Fitzmaurice von dem Thurme, welcher tuͤchtige Korbflaſchen mit Roſoli in— Kel⸗ ler— „Der den Geiſt des Hironimus Curden Sehr hat, dem die Titanus M agnatia, das unſchätzbare Elixir, verſprochen iſt!“ fuͤgte der Doktor, ſeinem Gebieter zufluͤſternd, hinzu. „Deshalb, mein theurer Gebieter,“ nahm der Kapitain wieder das Wort, ſprecht Euren Willen nur aus, und bei Dolch und Scheide, bei Schwert und Sporn, bei Blut und Feuer, Ben Baſſet thut die That, und gaͤlte es, einen Teufel aus den Banden der Holle zu befreien, oder einen Heiligen hineinzuſtoßen.“ „Habt die Gnade, uns Euren Willen kund zu thun, mächtigſter Gebieter,“ fuhr der Dok⸗ tor fort,„und wir ſind Eure dienſtwilligen Selaven, in Erfuͤllung Deſſelben. „Fort denn, auf Eure Poſten!“ rief Sir Lionel, nachdem er dem Kapitain einige Worte zugefluͤſtert. Als dieſer den Befehl erhalten, nickte er mit dem Kopfe Beifall, und taumelte aus dem Gemache, dabei mit ſeiner linken Hand das Schwert mit wildem Blicke erfaſ⸗ ſend, und das Ende einer Ballade ſingend. Der Doktor, verloren in ein ſeliges Vorempfin⸗ den der nahenden Verwandlung, ging langſam davon, murmelte einige unverſtaͤndliche Worte vor ſich hin, und war ſichtlich ganz unempfind⸗ —— lich gegen alles, was um ihn her vorging⸗ „Schwaͤtzer und Narren! Trunkenbolde und Schelme!“ rief Sir Lionel, als ſie fort wa⸗ ren, mit hoͤhniſchem Grimm;„plaudert uͤber die große Guͤte der Natur, und beweiſet durch Euch ſelbſt, wie reueloſe Herzen ſie geſchaffen hat. Sie machte Euch zu den Werkzeugen ei⸗ ner hoͤhern Bosheit, wie die meinige es iſt; doch eben ſo, wie ich meinem Hunde die Rinde vorwerfe, die mir diente, meine Speiſen zu zerlegen, ſo ſollt auch Ihr mir nuͤtzen, meine Zwecke zu erreichen, und dann fuͤr Eure Muͤhe dem Henker uͤberliefert werden. Darf man mich tadeln, daß ich zuſchlage, wenn ſo wil⸗ lige Waffen ſich meinen Haͤnden von ſelbſt antra⸗ gen? Wenn die Welt in Unterdruͤcker und Un⸗ terdruͤckte getheilt iſt, darf man es dann mir zur Laſt legen, daß die Natur mich durch meine hoͤhern geiſtigen Eigenſchaften zu einem der Erſtern beſtimmte, und mein Herz dem Mitleide fuͤr die Letztere verſchloß? Wahr, meine Abſichten ſind ſtrafbar, allein was ha⸗ ben die Gelehrten und Wohlwollenden von ih⸗ ren unnuͤtzen Tugenden?— Krank gemacht durch ſeine Schulgelehrſamkeit bietet Erasmus ſeine Kenntniſſe auf, um ein Buch zum Lobe der Narrheit zu ſchreiben; Sir Thomas More, welcher an der Hoffnung verzweifelt, die Feh⸗ „— ler und Laſter der Menſchen zu verbeſſern, ſucht Troſt in einer eingebildeten Welt, und ſchafft ſich ein utopia.— Ich lache uͤber Euch Beide, und bin ſtol; auf meine eigene, beſſere Wahl. Statt durch ironiſches Lob die Thorheit lächer⸗ lich zu machen, ziehe ich Vortheil aus ihr; ſtatt auf eine eingebildete Welt zu hoffen, will ich in dieſer triumphiren; denn erbärmlich waͤre in der That das Leben, koͤnnte ich die Unge⸗ rechtigkeit nicht vergelten, die ich erduldete; jetzt aber darf ich ſelbſt dem Alter froh entge⸗ gen ſehen, da es meine Plane zur Reife bringt und mir dient, die Beleidigungen zu raͤchen, die ich in meiner Jugend empfing.“ Bei dem Ende dieſes Selbſtgeſpraͤches lehnte er ſich zuruͤck auf ſeinen Seſſel, und uͤberdachte einige Zeit die verſchiedenen Verbindungen und Verſchwoͤrungen, in denen er verwickelt warz er pruͤfte in Gedanken das Betragen ſeiner zahlreichen Agenten, ſowohl in der Hauptſtadt als auf dem Lande; er uͤberlegte jeden Fall moͤglicher Verraͤtherei, wog ihn gegen die ge⸗ troffenen Sicherheitsmaaßregeln ab, und freute ſich dann ſeiner Liſt und Gewandheit. Jeden Einzelnen hatte er ſo in ſeiner Gewalt, daß er ihm bei dem geringſten Verſuche der Verraͤ⸗ therei, die Schlinge, an der er ihn hielt, uͤber der Kehle zuziehen konnte. In dieſe Gedanken — 16— war er ſo ſehr vertieft, daß er die Annäherung der Lady Fitzmaurice nicht eher bemerkte, als bis ſie dicht an ſeiner Seite ſtand, da ſprang er haſtig auf, und legte die Hand auf den Griff eines Dolches, den er beſtaͤndig unter ſeinem Wammſe verborgen trug. Beſchaͤmt uͤber den Schrecken, den er verrathen hatte, ſetzte er ſich wieder, als er ſeine Gattinn erkannte, und ſagte mit kaltem Blicke und rauher Stimme:„Wie, Madame, was machen Sie hier? Wiſſen Sie nicht, daß dies mein gehei⸗ mes Zimmer iſt?“ Das rothe, aufgedunſene Geſicht der Ange⸗ redeten verrieth deutlich, daß ſie ſchmerzlich ge⸗ weint habe, und wieder fuͤllten ſich ihre Au⸗ gen mit Thraͤnen, als ſie mit dem Tone tiefer Betruͤbniß erwiderte:„Hilf Himmel, Sir Lionel, man ſagt, die Sorge hat einen Schluͤſſel zu des Koͤnigs Kabinet, und Nie⸗ mand koͤnne ſein Ohr der Stimme des Kum⸗ mers verſchließen, bis die Erde auf ſeinen Sarg geſchuttet iſt.“ „Was giebts?“ erwiderte der Ritter. — ein neues Elend hat ſich zugetragen? Iſt ein Keſſel mit Suppe in der Kuͤche uͤber⸗ gekocht, oder iſt wieder eine Fenſterſcheibe zer⸗ ſchlagen, oder hat eine der Maͤgde ihr Butter⸗ — 177— faß zerbrochen, und die Vuttermilch ausge⸗ ſchuͤttet?“ n Obgleich er dies mit hoͤhnendem Spotte ſagte, hielt doch das einfache Weib ſeine Worte fuͤr einen vertraulichen Scherz, und entgegnete, indem ſie zu laͤcheln verſuchte:„Ei, mein theurer Sir Lionel, bei den fuͤnf Freuden der heiligen Jungfrau,(Gott ſei Dank, daß ich bei dieſen ſchwoͤren kann; denn der Himmel weiß, daß ich ſelbſt keine habe) bei den fuͤnf Freuden der heiligen Jungfrau, es freut mich⸗ Euch bei ſo guter Laune zu finden, denn in der letzten Zeit habt Ihr mich nie anders, als mit finſterem Blicke gegruͤßt. Duͤrfte ich hof⸗ fen, Eure Verzeihung dafuͤr zu erhalten, ſo moͤchte ich Euch ſagen, wie es mich ſo innig betruͤbt, daß Ihr weder ſo guͤtig noch ſo gluͤck⸗ lich ſeid, als Ihr es fruͤher waret.“ „Ich war nie gluͤcklich!“ entgegnete der Ritter mit einer Bitterkeit, die jeden ſeiner Zuͤge verzerrte, da er dabei aller noch uner⸗ reichten Abſichten gedachte. „Oh, ja, ja, ja! wirklich und in Wahr⸗ heit ſeid Ihr es geweſen, ehe Ihr zu all dieſer erbaͤrmlichen Groͤße aufzuklimmen begannet, von welcher, wie ich fuͤrchte, boͤſe Thaten und unheilige Huͤlfe die Grundlage ſind, und die daher nie zu einem rechtlichen, erfolgreichen II. 12 — S Ende gelangen kann. Waret Ihr nicht gluͤck⸗ lich, mein theurer Sir Lionel, als Ihr um mich warbet, in des Muͤllers Haͤuschen, von Haſelgebuͤſchen umgeben, und wir in dem klei⸗ nen Garten mit einander ſaßen, und dem Murmeln des Waſſers lauſchten, das von dem Muͤhlwehre fiel, oder auf den Geſang der Am⸗ ſel in dem großen Ahornbaume hoͤrten, und Ihr mir Kriegsgeſchichten erzaͤhltet, oder mir Straͤuße wandet von wilden Roſen, Stiefmuͤt⸗ terchen und Primroſen, oder mir die Ballade ſanget von der Tochter des Bailiffs von Js⸗ lington, oder Koͤnig Cophetua und dem Bett⸗ lermaͤdchen. Oft gedenke ich jener Tage, oft ſteht noch alles klar vor meinem Auge, wie es damals war, bis ich mir ſogar einbilde, ich hoͤrte das Pfeifen der Amſel, oder das Rau⸗ ſchen des Waſſers; und oft, oft, oft wuͤnſche ich, daß ich noch dort ſaͤße, Euch an meiner Seite, ſo goͤtig und gluͤcklich, als Ihr in je⸗ nen Tagen minderen Glanzes und groͤßerer Zu⸗ friedenheit waret;— und ach! Sir Lionel, mein theurer Sir Lionel, waren es nicht auch Tage groͤßerer Schuldloſigkeit?“ 20 Während des letzten Theiles ihrer Rede hatte ſie ihre Hand auf die ihres Gatten gelegt, und druckte dieſe zaͤrtlich, als ſie endete, doch er wies ihre Liebkoſungen kalt zuruͤck, und ſagte: — 179— „Still, Madame, ſtill. Habt Ihr dieſes maͤd⸗ chenhaften Geſchwätzes wegen die Spinnſtube verlaſſen, und Euch hier bei,mir eingedraͤngt? Seit wie lange habt Ihr die Schuͤrze der Haus⸗ frau gegen die Kaputze des Moͤnches vertauſcht, daß Ihr mich uͤber die Tage des Gluͤckes und der unſchuld in das Verhoͤr nehmt? Zum Henker, Madame, woher lerntet Ihr dieſe Thor⸗ heit?“ „Vergebt mir, Sir Lionel; in Wahrheit, und bei meiner Seele, ich wollte Euch nicht aͤrgern, nein, nicht fuͤr alles in der Welt; doch ſagt mir ehrlich, und legt die Hand auf Euer Herz: Waren das nicht gluͤcklichere Tage?“ Unwillig, ſo in das Gebet genommen zu werden von der, die bisher nicht gewagt hatte, gegen die grellſten, haͤrteſten Beleidigungen etwas zu ſagen, und zugleich verdrießlich dar⸗ uͤber, daß er die Frage nicht mit nein zu be⸗ antworten vermochte, ſagte er mit ſpoͤttiſchem Lächeln:„Wenn Sir Lionel Fitzmaurice von dem Thurme ſeinem Weibe das Recht zugeſteht, mit ſolchen Fragen in ihn zu dringen, wird er ſich ohne Zweifel auch herablaſſen, ihr zu ant⸗ worten.“ Hiebei machte er eine Bewegung, als wolle er das Gemach verlaſſen, doch Lady Fitz⸗ maurice bemaͤchtigte ſich der Hand wieder, die er ihren Liebkoſungen entzogen hatte, und fuhr 12* — 180— in noch ernſterem Tone fort⸗„Habt Geduld mit mir, habt Geduld mit Eurem ungluͤcklichen Weibe, und hort mich noch laͤnger an, denn Ihr konnt an meiner Liebe und Aufrichtigkeit nicht zweifeln; nie war ich bekuͤmmerter, mein Herz nie gepreßter, als jetzt. Ich habe viel geſehen, Sir Lionel, von ſo finſterem, grauſamem, unheim⸗ lichein Weſen, daß ich zuruͤckſchaudere, wenn ich nur daran denke. Ich wollte mein Leben hingeben, Euch von den Banden Satans und ſeiner Teu⸗ fel zu befreien, wenn ich mich in meinem Arg⸗ wohn nicht getäuſcht habe, wie mein armes, gequältes Herz mir ſagt. Dennoch habe ich hieruͤber geſchwiegen, ſeit Ihr mir verbotet, meine Lippen deshalb nicht zu oͤffnen; ich habe geſchwiegen, zitternd und elend, abet dennoch meinen Gehorſam bewahrend. Ich habe meines Gemahls furchtbarem, drohendem Gobote gehorcht, und nie daruͤber geweint, außer im Stillen, und manches Mal ſind meine Ge⸗ bete fuͤr ſeine Befreiung aus den Klauen des Bbſen durch meine Thränen unterbrochen oder erſtickt worden. Meine eigenen, perſoͤnlichen Beleidigungen Ihr wißt, mein theurer Sir Lionel, daß ſie grauſam und unverdient waren, daß ich Euch niemals Veranlafſüng gab, eine ſtolze Geliebte einem treuen, ſanften, liebenden Weibe vorzuziehen;— dieſe Beleidigungen habe — 181— ich getragen, und immer geſucht, meinen Kum⸗ mer zu verbergen, um Euch nicht durch denſel⸗ ben zu verletzen. Weit entfernt, Euch mit Worten Vorwuͤrfe zu machen, wollte ich es nicht einmal mit Blicken. Aber jetzt ſoll eine neue That begangen werden; ich habe eben ein Schauſpiel mit angeſehen, ſo betruͤbend und ſo kläglich, daß mein Herz brechen muͤßte, gaͤbe ich meinem Entſetzen keine Worte; ich bitte, ich flehe, ich warne, ich beſchwoͤre Euch bei der heiligen Mutter Gottes, geht nicht weiter in dieſem ruchloſen Beginnen“ uc „Gott's Himmel, Madame! an welcher Pogelſcheuche ſeid Ihr vorubergekommen, welcher Popanz hat Euch erſchreckt, in Geſtalt einer aus⸗ gehoͤhlten Ruͤbe, mit einem angezuͤndeten Dochte in ſeinem Maule?— Habt Ihr eine Todten⸗ wache oder ein Sterbegloͤcklein gehoͤrt? iſt wie⸗ der die Lende eines Bratenwenderjungen durch eine Pfanne verbruht worden, oder hat der Rabe in dem Kuͤchengarten ſein Verderben drohendes Kraͤchzen hoͤren laſſen?“ „Guter Gott! guter Gott! Sir Lionel!“ entgegnete ſie, ungeduldig die Haͤnde ringend, „es iſt keine Zeit zu ſolchen Scherzen, da viel⸗ leicht in eben dieſem Augenblicke— armer Juͤngling! armer Cecil! armer Cecil Hunger⸗ ford!— Ich ſah ihn mit meinen eigenen Au⸗ — 182— gen; ſeine Haͤnde waren gebunden, der Mund geknebelt; ſie ſchleppten ihn in den Kerker unter den vorderen Thurm.“ Aus ihrem gewoͤhnli⸗ chen Gleichmuthe durch das Schauſpiel der Grauſamkeit, von dem ſie zufällig Zeuginn geweſen, aufgeregt, warf ſie ſich nieder auf die Knie, faltete die Haͤnde, und rief, waͤhrend die Thraͤnen in Stroͤmen uͤber ihre Wangen her⸗ abrannen:„Sir Lionel! mein Gemahl! mein Gemahl!— dies iſt ſein eigenes Haus— Ihr ſeid ſein Vormund— er iſt unter Eurem Schutze. Oh, wenn Ihr mich je auch nur einen Augenblick geliebt habt— Ihr ſeid ja ſelbſt Vater— wollt Ihr endloſes Elend in dieſer Welt, und ewige Qualen in jener ver⸗ meiden, o! ſo beſchwoͤre ich Euch bei unſerem Heilande und ſeiner gebenedeieten Mutter, und bei allen guten Engeln, laßt Cecil Hungerford kein weiteres Leid zufuͤgen.“ „Und thaͤte ich es,“ ſchrie Sir Lionel, und ſein Auge ſpruͤhte Feuer, ſeine Naſenloͤcher dehn⸗ ten ſich weit aus,„und thaͤte ich es, ſo waͤret Ihr wahrſcheinlich das ergebene und geduldige Weib, welches verraͤtheriſch anzeigte, was Eure thoͤrichte Neugier Euch zufällig entdecken ließz Ihr wuͤrdet den Angeber machen, um eines Gatten los zu ſein, deſſen Thaten—“ „Oh, nie, nie, nie! Sie ſollten mir eher — 183— die Zunge aus dem Munde, das Herz aus dem Buſen reißen, ehe ich den verriethe, dem ich Liebe, Ehrfurcht und Gehorſam geſchworen habe. Denn ich wuͤrde und muß Euch ja immer liebenz ſeid Ihr unſchuldig, weil Ihr meine Neigung verdient; ſeid Ihr ſchuldig, weil ich Euch der Reue gewinnen moͤchte. Ich wollte Euch von der Begehung eines neuen Verbrechens abhal⸗ ten, ſchwaͤrzer, fuͤrchte ich, als alle, die ihm vorausgegangen ſind. Aber bei der heiligen Jungfrau, bei dem Kreuze Chriſti, bei meiner Hoffnung auf den Himmel ſchwoͤre ich, meinen Gatten nie, nie zu verrathen!“ Sir Lionel zog bei dem feierlichen Schwure, zu dem er ſeine Gemahlinn gereizt hatte, die Naſenloͤcher mit dem Ausdrucke der Zu⸗ friedenheit zuruͤck, und ſagte dann:„Es iſt ein ſchwerer Eid, Madame; erinnert Euch ſeiner, wenn Ihr Eurem Verderben ent⸗ gehen wollt. Ich glaube, daß von der kuͤnfti⸗ gen Feindſchaft der Frau, die ihn geſchworen hat, nichts zu furchten ſei, und ſehe daher auch den Grund nicht ein, weöhalb wir auf ihre Fuͤrbitte unſer jetziges Vorhaben aufgeben, oder abaͤndern ſollten.“ Bei dieſen Worten kehrte er ſich ſchnell um, und verließ das Gemach mit ſolcher Eile, daß Lady Fitzmaurice, welche nicht raſch genug aufſpringen konnte, um ihn zuruͤck⸗ — 184— zuhalten, nur auszurufen vermochte:„Mein Gemahl! mein theurer Sir Lionel! ſchone ſein!— oh, ſchone ſein!“ Dann aber beſtuͤrmten die widerſtreitenden Gefuͤhle ſie zu ſehr; Alles ver⸗ ſchwamm vor ihren Augen, ihre Stimme ſank zu einem leiſen, unverſtaͤndlichen Gemurmel herab, und ohnmaͤchtig fiel ſie zu Boden. — 185— Siebentes Kapitel. Richts kann dieſem Schwerte widerſtehen; Seine Bahn muß es entſetzlich gehen, Stets geführt von blut'ger Hand.— Einen Talisman ſoll er beſitzen, und die Todeswaffe ſol beſchützen Ein unheimlich Zauberband. Ale Dudley ſich eilig von Cecil entfernte, be⸗ furchtend, daß der, deſſen Annaͤherung Snow⸗ drops Knurten verkuͤndete, ihre Zuſammenkunft entdecken moͤchte, beſchloß er, in dem erſten Aufbrauſen ſeines Zornes, Sir Lionel ſogleich aufzuſuchen, und nicht nur Cecils Freilaſſung zu verlangen, ſondern auch deſſen augenblick⸗ liche Auslieferung an den Abt von Glaſton⸗ bury, der letzten Beſtimmung ſeines ſterbenden Vaters gemaͤß. Doch eine kurze Ueberlegung zeigte ihm, daß ſolch ein Schritt, bei der jetz⸗ gen Lage der Dinge, unbeſonnen und gefaͤhr⸗ — 186— lich ſein wuͤrde. Wichtige Nachrichten, welche zu jedem ferneren rechtlichen Verfahren durch⸗ aus erforderlich waren, konnte er leicht erhal⸗ ten, wenn es ihm gluͤckte, noch einige wenige Zuſammenkuͤnfte mit Cecil zu haben. Er hatte vergeſſen, ihm Sir Giles Beſtimmung, daß er nach der Abtei gebracht werden ſolle, mit⸗ zutheilen, und vor allen Dingen hatte er zu fragen vergeſſen, wenn ſeine Minderjaͤhrigkeit zu Ende ſei, damit er zu dieſer Zeit rechtlich von ſeinem Vormunde verlangt, und in alle ſeine Rechte eingeſetzt werden konnte, ſollte es fruͤher nicht gelingen, ihn aus der Gewalt Sir Lionels zu befreien. Cecil hatte geſagt, er ſei aͤlter, als Andere wuͤnſchten, daß er gehalten werde, doch es war noͤthig, ſein Alter ganz genau zu wiſſen. Auch war es nothwendig, oder doch wenigſtens raͤthlich, Thatſachen der Mißhandlung außzuſtellen, wenn man Sir Lio⸗ nel gerichtlich wegen eigenmaͤchtiger Ueberſchrei⸗ tung der Gewalt gegen ſeinen Muͤndel ankla⸗ gen wollte, und Niemand konnte Dudley in dieſer Hinſicht ſo genuͤgende Auskunft geben, als der ungluckliche Leidende ſelbſt. Dudley hatte ſchon genug geſehen, um ſich uͤberzeugt zu halten, daß man ſchaͤndlichen Mißbrauch mit der Gewalt uͤber den Minderjaͤhrigen ge⸗ trieben, eben ſo, wie man ſich deſſen Vermoͤ⸗ — 187— gens widerrechtlich bemächtigt hatte. Doch ſo, wie die Gerechtigkeit damals gehandhabt ward, und beſonders, wo eine ſo wichtige und mäch⸗ tige Perſon als Sir Lionel im Spiele war, wuͤrden hinlaͤngliche Beweiſe, das ſah er wohl ein, aͤußerſt ſchwer herbeizuſchaffen ſein, und auf einen gluͤcklichen Ausgang ließ ſich nur dann zaͤhlen, wenn durchaus kein Zweifel an der Natur des Rechtes Statt finden konnte. Durch noch einige Unterredungen vermochte er auch, ſich von ſeines Vetters volliger Geſund⸗ heit zu uͤberzeugen, ein Punkt, der ſehr wich⸗ tig war, und der durch die kurzen, haſtigen Geſpraͤche, die ſie bisher mit einander gehalten, kaum genuͤgend dargethan werden konnte. Aus⸗ ſchweifung und Unregelmaͤßigkeit der Anſichten, Verkehrtheit des Urtheils, eine krankhafte Reiz⸗ barkeit, und die grenzenloſe Kuͤhnheit, mit wel⸗ cher er uͤber den Konig geſprochen, konnten in der That als Verirrungen von dem gewoͤhnli⸗ chen Gange der Gedanken, Gefuͤhle und Klug⸗ heit gegen ihn zeugen. Unwiſſenheit durfte man bei Jemanden erwarten, deſſen Erziehung durch⸗ aus vernachlaͤſſigt war, und dem man keine Buͤcher hatte zukommen laſſen, doch weit da⸗ von entfernt, natuͤrlichen Stumpfſinn oder Mangel des Verſtandes zu verrathen, hatte er im Gegentheile eine Eigenthuͤmlichkeit und —————— — 188— Kuͤhnheit der Gedanken gezeigt, die auf große innere Kraͤfte ſchließen ließen, und die bei ge⸗ hoͤrigem Unterrichte einen der erſten Geiſter zu bilden verſprachen. Dudley fuͤhlte, daß er ſelbſt wahrſcheinlich der Einzige ſei, der es wagen werde, Zeugniß abzulegen, und fuͤr ſei⸗ nen ungluͤcklichen Vetter zu ſprechen, und es war daher natuͤrlich, daß er aͤngſtlich ſtrebte, ſich dazu mit aller Macht, allen nur moͤglichen Beweiſen, auszuruͤſten. Durch alles dies war er entſchloſſen, die Forderung von Cecils Auslieferung noch ſo lange zu verſchieben, bis er von demſelben al⸗ les erfahren haben wuͤrde, was zur Erreichung ſeines Zweckes dienen konnte, und daher nahm er ſich vor, ſich jetzt gegen Sir Lionel ſo zu betragen, als ſei nichts vorgefallen, was ihr bisheriges, freundſchaftliches Verhaͤltniß ſtoren konnte. Auch war er nicht ohne Hoffnung, daß er, wenn er dies freundliche Aeußere bei⸗ behielt, und das Geſpräch auf ſeinen Vetter zu bringen vermoͤchte, den Sir Lionel vielleicht zu irgend einer Aeußerung verleiten koͤnnte, die die Unredlichkeiten ſeiner Abſichten verriethe, und ihn ſo in den Stand ſetzte, dieſelben zu durchſchauen und zu vereiteln. Es war laͤcher⸗ lich genug, zu erwarten, daß es ihm gelingen werde, einen ſo liſtigen Gegner zu uͤberliſten, —— doch das letzte, was ein Menſch argwoͤhnt, iſt die Schwaͤche ſeines eigenen Geiſtes; und Dudley, der entſchloſſen war, ſich einem Wi⸗ derſacher entgegenzuſtellen, der nie anders als mit Liſt und Verſtellung ſein Ziel zu erreichen geſtrebt hatte, fuhlte nicht den geringſten Zwei⸗ fel, ob auch ſeine Kraͤfte zu einem ſolchen Kampfe hinreichen wuͤrden.— In dieſem Au⸗ genblicke hoͤrte er den Klang der Muſik, und vermuthete, es ſei der gewoͤhnliche uſch, der bei der Annaͤherung Sir Lionels geblaſen ward. Er beſchloß, die Laufgraben ſogleich zu erdff⸗ nen, und eilte deshalb nach dem Zederzimmer, unterwegs die feinſten Fragen, die liſtigſten Fallen ausſinnend, durch die er ſeinen Feind zu fangen hoffte. n Als er jedoch das Zimmer oͤffnete, fand er, ſtatt des Gegners, den er mit jeſuitiſcher Liſt angreifen wollte, Beatrix, welche auf dem Spinett ſpielte, und eben im Begriffe ſtand, zu ſingen.„Ihr ſeid ſehr willkommen, Sir, rief ſie ihm entgegen, denn ich glaube, es giebt wenig tapfere Streiter der franzoſiſchen Kriege, welche nicht eben ſo gut in dem Gemach einer Dame, als auf dem Schlachtfelde dienen koͤn⸗ nen. Es giebt viele muͤßige Stunden in ei⸗ nem Feldzuge, wie mein Vater ſagt, waͤhrend welcher das Leben des Kriegers hochſt lang⸗ — 190— weilig waͤre, könnte die Lanze nicht gegen die Guitarre, das Speer nicht gegen Pfeife und Handtrommel vertauſcht werden. Hier iſt eine Laute, die nicht ſchlecht iſt, wenn ſie in eine kunſtfertige Hand fällt, und da ich ſelbſt nur noch eine Anfängerinn bin, moͤchte ich gern Unter⸗ richt von Jemand nehmen, der ſie gewiß bei den ſchoͤnen Muſikmeiſterinnen Gaskoniens treff⸗ lich ſchlagen lernte.“ „Nein, nein,“ ſagte Dudleh,„ich habe mich bei Miß Fitzmaurice eingedrängt, und ihren Geſang unterbrochen; laßt ihre Stimme ſich zuerſt hoͤren, und ſie hat dann nach dem Sän⸗ gergeſetze das Recht, mir zu gebieten, irgend einen Beweis der rohen Minſtrelſchaft zu ge⸗ ben, welche ich mir unter dem beſtaͤndigen Schmettern der Laͤrmtrompete auf den Kuͤſten Frankreichs zu erwerben vermochte.“ „Ich dachte, Sir,“ ſagte Beatrix, welche ſich bereits daran gewoͤhnt hatte, ihre Wuͤnſche ohne Zogern erfullt zu ſehen,„Ihr hättet in je⸗ nem Lande feiner Sitte auch gelernt, daß eine Dame auf augenblickliche Erfuͤllung rechnet, wenn ſie eine Bitte ausſpricht.“ Sie ſprach dies mit einem ſtolzen Neigen des Kopfes, und einem gewiſſen Ausdruck von Hoheit; doch jetzt, als reue es ſie, ſich zu ſtolz bei ſeiner Weige⸗ rung gezeigt zu haben, fuhr ſie in vertrauliche⸗ — 191— rem Tone fort:„Bedenket, Sir, daß wir zwar einige wenige Muſiker in unſerem beſcheidenen Haushalte haben, doch keinen Saͤnger, keinen Meiſter, der mir Unterricht in der Sangeskunſt geben koͤnnte. Ich kenne keine Lieder, als die ich von dem Vorſaͤnger zu Glaſtonbury erhielt, und der gute Mann hat kein Geſangsbuch au⸗ ßer ſeinem Gebetbuche, kein beſſeres Inſtru⸗ ment, als ein dreiſaitiges Hackebrett, keine lieb⸗ lichern Geſaͤnge, als die Kirchenlieder; deshalb darfrich wohl hoffen, entſchuldigt zu werden, daß ich Euch nicht vorangehe, der Ihr ohne Zweifel von trefflichen Lehrern Unterricht er⸗ hieltet, und wahrſcheinlich den großen Muſiker unſerer Zeit, den beruͤhmten Joöquin, ſahet und hoͤrtet.“ „Welche Weiſe waͤre Euch gefällig?“ fragte Dudley, ſich verbeugend, und die Laute neh⸗ mend;„in klagendes Lied, wie es am beſten zu den engliſchen Worten paßt, oder eines je⸗ ner frohlichern franzoſiſchen Madrigals, wie man ſie ſo oft in den ſonnigen Gefilden Frank⸗ reichs hoͤrt?“ „Laßt es auf jeden Fall eine ſchwermuͤ⸗ thige Weiſe ſein, denn, mit aller Achtung ge⸗ ſprochen, Euer Geſicht ſieht gar nicht ſo aus, als waret Ihr jemals in den ſonnigen Gefil⸗ den geweſen, von denen Ihr ſprecht, und wird — 192— weit beſſer zu einem unſerer heimiſchen Klage⸗ geſaͤnge paſſen, als zu einem heiteren franzoſi⸗ ſchen Liedchen.“ Dudley, der ſeiner Empoͤrung uͤber die Be⸗ handlung, die Cecil erdulden mußte, noch nicht ganz Herr werden konnte, lächelte, als er mit der Hand uͤber die Saiten fuhr, und ſagte: „Sind meine Blicke ſolche Plauderer, als Ihr ſagt, ſo muß ich von meinem dichteriſchen Freunde, Sir Thomas Wyatt, die Worte bor⸗ gen, den Grund zu erklaͤren.„Dann ſonge o6: Staune nimmer, wenn ſie klagen Die Geſänge, die ich ſinge, Denn nur Leid, aus Wehmuthstagen Iſt es, was ich weinend bringez und wo dieſe Schmerzen ſchlagen, Sind geſchrieben, tief und weich, Tauſend Seufzer, mehr noch Klagen, Eine Fluth, von Thränen reich. und wie kann ein Mann im Leiden Grund noch zu der Freude finden, Wie ein Herz, das Wonnen meiden, Sich in milden Tönen künden?— H! der Scherz, dem dies gelänge Müßte ſo in mir erſcheinen, Wie ein Glück, das zu ſich dränge, Könnte enden dies mein Weinen! „Ei, Sir,“ ſagte Beatrir, als er den Gr⸗ ſang geendigt hatte,„obgleich ich die Muſik und die Stimme loben muß, ſollte doch Euer Freund ſeine ſchonen Worte nicht zu ſo traurigen Ge⸗ fuͤhlen leihen. Wahrlich, ſo iſt es immer mit — 193— Euch Kriegsmaͤnnern, welche an den Kuͤſten Frankreichs waren. Ihr laßt Eure Herzen bei irgend einer ſchwarzaͤugigen Schoͤnen Gasko⸗ niens oder der Normandie, und koͤnnt nichts als ſeufzen, und Eure Gedanken in die Fremde ſenden, wenn Ihr wieder zu den Pen Eng⸗ lands zuruͤckkehrtet.“ „Mit Gunſt, und Eurer werzeihung,“ erwi⸗ derte Dudley,„kann ich Euch verſichern, daß Eure eigenen Gedanken jetzt weit von dem rech⸗ ten Ziele entfernt ſind; und ich habe einen anderen Freund und wuͤrdigen Zoͤgling der Muſen, welcher bezeugen ſoll, daß Ihr mir Unrecht thut.“ Dann heftete er nach einem kurzen Vorſpiele ſeine Augen auf Beatrir, und ſagte:„Ich will Euch mit des Grafen von Surrey Worten an die ſchoͤne Geraldine an⸗ reden— es nute Jepit ſchelten An Witz und Geiſt mich leer, Ließ ich die Perle gelten Richt als die Schaale mehr. und wenn ich glaubt' die Eule Säh ſchärfer als der Falk?— Sie ſtieht bei nächt'ger Weile, Das weiß ja jeder Schalk. Beatrix erroͤthete, da ſie dieſe Schmeichelei auf ſich ſelbſt bezog, und glaubte, er klage ſie als die urſache ſeines Truͤbſinnes an; doch II. 13 — 194— verrieth ſie daruͤber kein Mißfallen. Keine Huldigung ihrer Reize hatte je angenehmer in ihrem Ohre wiedergetdnt, und obgleich ihr Stolz ihr nicht erlaubte, nur die Hälfte des Triumphes zu zeigen, den ſie fuͤhlte, ſo gluͤhte doch ihr Auge, funkelte ihre Wange, und ſie konnte ihre Unruhe nicht ganz Lerbergen, als ſie jetzt das Inſtrument nahm) und ſich auf Dudleys Anliegen bereitete, nun auch ihrerſeits zu ſpielen.„Wahrlich, Sir,“ ſaßte ſie, ich gebe Euch ein kurzes Liedchen, und ein trauri⸗ ges dazu, und obgleich es beſſer zu Eurer ei⸗ genen Stimmung paßt, als zu der meinigen, der jede Art des Kummers fremd iſt, ſo will ich ihm doch meine Stimme leihen, nicht al⸗ lein, damit ich Cure Eule austauſchen kann, ſondern auch, damit Ihr mir ſagt„wie Euch Mark Smeatons Muſik gefaͤllt. Er ſteht am Hofe in hoher Gunſt, und das iſt kein gerin⸗ ges Lob, denn unſer tapferer Koͤnig iſt ſelbſt ein ausgezeichneter Komponiſt: Ich weiß, es giebt kein Weſen, Das ſtets in Kummer lebe, Dem nicht die Zeit erleſen Den Troſt, der es erhebe. Die Eul' mit blödem Auge Lauſcht in der Mauerhöhle.— In kalter Nacht der Sperling Sch' wo er ſich verhehle. —, iee———— Doch wehe mir, und wehe! Im Glanz nicht, noch im Schatten Den Ruh'platz ich erſpähe, Zu raſten im Ermatten⸗ „Itre ich nicht,“ ſagte Duvley,„ſind dies die Worte eines alten Freundes meines ver⸗ ſtorbenen Oheims„des Sir Francis Brhan, der das Auge in dem Tournier von Havering durch einen Speerſtoß des Herzogs von Suf⸗ folk verlor; ich daͤchte, ſeine Verſe wären ſo rauh, wie das Raſſeln der Trommel, und wenn ſie jetzt meinem Ohre ſuͤß und wohlklin⸗ gend toͤnen, ſo danke ich dies der melodiſchen Stimme der Saͤngerinn, und nicht den— des Dichters.“ Beatrix neigte ſich freundlich gegen den Sprecher, und reichte ihm dann wieder die Laute hin; er verbeſſerte ſeinen fruͤheren Feh⸗ ler durch die augenblickliche Erfullung ihres Wunſches, und indem er jetzt mit der Weiſe zugleich auch die Sprache aͤnderte, ſang er eine von Josquins Kanzonetten, welche da⸗ mals in dem ganzen Suͤden Europas bekannt waren. „Ich habe einen ſtöylichen Burſchen zum Die⸗ ner,“ ſagte Dudley, als er geendigt hatte;„der kann Euch laͤndliche franzoſiſche Geſaͤnge und alte Balladen vorſingen, von der Fruͤhmette bis zur Vesper; und wahrlich, wir hatten 13* — 196— außer aͤhnlichen Gedichten und den Kirchenge⸗ ſängen wenig Muſik, bis Josquin uns verfei⸗ nerte und beſeelte. Die Burg jedes Barons hatte zwar ihre Minſtrels, doch da deren Stimmen nicht ausgebildet waren, konnte man Geſang faſt nur im Chore oder auf dem freien Felde, bei den Landleuten hoͤren, bis der froh⸗ liche Franzmann, ſeine leichten Lieder dem Tone des Spinetts und der Laute anpaſſend, die Hallen der Burgen und Zimmer der Da⸗ men von lieblichern Tonen erſchallen machte.“ Wie ſindet Ihr dieſe Lauteß fragte Bea⸗ ſie iſt von einem geachteten Meiſter.“ trirz i allerdings gut genug fuͤr einen engli⸗ ſchen Kuͤnſtler“ erwiderte Dudley, das Inſtru⸗ ment mit geringſchätzendem Blicke betrachtend, „doch, mit Eurer guͤtigen Erlaubniß, unſere Landöleute ſind nur Stuͤmper, und ihre plumpe Hand eignet ſich mehr fuͤr den Ambos und den Pflug, als fuͤr irgend eine Beſchäftigung, zu welcher Geſchick oder Geſchmack gehort.— Frankreich iſt das einzige Land fuͤr dergleichen koſtbare Tandeleien. Deſſen ungeachtet iſt die Laute ſchon genug, nur klingt ſie etwas nach der Zither.— Sch furchte, es wird noch eine geraume Zeit vergehen, ehe wir mit unſeren galliſchen Nachbarn wetteifern koͤnnen, ſowohl in dem ſchoͤnen Klange ihrer Guitarre, als — 197— auch in der ſhi heit ihrer Schneider.“ Beatrix uͤberſah den Blick des Stolzes und der Genugthuung nicht, den Dudley bei dieſen Worten auf ſeinen eigenen prachtvollen Anzug warf, welcher in Paris verfertigt worden; und mit jener Hoheit und Wuͤrde, die ihr ſo na⸗ tuͤrlich war, entgegnete ſie:„Wahrhaftig, mein Herr Dudley, die engliſchen Maädchen auf dem Lande, welche weder Aufſatze aus Paris, noch Mieder aus Savoyen, noch Kragen aus Vene⸗ dig, noch Hauben und Schärpen aus Frank⸗ reich haben, muͤſſen in den Augen derer, welche nur gewohnt ſind, den Flitterſtaat frem⸗ der Damen zu ſehen, wie ſchmutzige Dutß maͤdchen erſcheinen.“ „Außer, wenn ſie wie Miß Fitmauriteſ entgegnete Dudley mit einem Blicke ehrfurchts⸗ voller Bewunderung,„mit der uͤberlegenen Schoͤnheit der Englaͤnderinnen die natuͤrliche Grazie vereinigen, die alles verherrlicht, bei dem ſie ſich zeigt, und die ſchon durch 6 ſelbſt die ſchoͤnſte Mode bildet.“ „Die Mode der Schmeichelei kann man wenigſtens bei unſeren Nachbaren trefflich er⸗ langen,“ ſagte Beatrix, nicht allein verſoͤhnt, ſondern ſogar erfreut durch die feine Wendung, die er ſeinen Worten zu geben gewußt hatte; — 198— „und da ich ſehe, daß es einen aͤrmlichen Ge⸗ ſchmack verrathen wuͤrde, einen engliſchen Ge⸗ ſang zu verlangen, ſo bitte ich um noch eines jener franzoſiſchen Kanzonette.“ Zu Folge dieſer Bitte ergriff Dudley die Laute. Als er geendigt hatte, trat Beatrix wieder zu dem Spinett; ſie ſangen dann ei⸗ nige Duette mit einander, und als ſie ſich trennten, fand Dudley, daß er ſehr wohl ge⸗ than habe, den Entſchluß zu faſſen, noch laͤn⸗ gete Zeit in dem Thurmhauſe zu bleiben, wo er taͤglich mit einem Weſen zu ſprechen hoffen durfte, fuͤr welches er eine ſtets wachſende Be⸗ wunderung fuͤhlte. Beatrix dagegen geſtand ſich auf dem Wege nach ihrem Zimmer, ſo ſehr ſie auch anfangs Dudleys Vorliebe fuͤr alles Franzoſiſche verdroſſen hatte, daß keiner der Edelleute, welche die Heimath nie verlie⸗ ßen, ſo artig, gewandt und gefaͤllig ſei, als dieſe gereiſeten Tapfern, welche die verfeinerten Sitten fremder Hoͤfe mit ſich nach England zuruͤckbrachten. Das Thurmhaus ward in der That von ſo wenigen Fremden beſucht, und dieſe wenigen waren Dudley in jeder Hinſicht ſo ſehr untergeordnet, daß es nicht uͤberraſchen darf, wenn ſeine Gegenwart Beatrix ein Herz⸗ klopfen erregte, das ſie bisher noch nicht ge⸗ kannt hatte, und von dem ſie ſich anfangs — 199— durchaus keine genuͤgende Erklaͤrung zu geben vermochte. Mit dem Geſange und dem unterhaltenden Geſpräche„welches darauf folgte, war ſo viel Zeit vergangen, daß Dudley glaubte, er konne jetzt zu Cecil zuruͤckkehren, ohne befuͤrchten zu muͤſſen, den noch bei ihm zu finden, der ihr Geſpraͤch zu ſo ungelegener Zeit unter⸗ brochen hatte. Daher ging er auf dem bereits beſchriebenen Umwege zu Cecils Ge⸗ fangniſſe. Als er unter dem vergitterten Fenſter des Thurmes anlangte, rief er ſeines Vetters Namen, erſt ganz leiſe, und dann meh⸗ rere Male mit lauterer Stimme, aber verge⸗ bens; ſelbſt ein Kieſel, den er in das Gemach warf, blieb unbemerkt. Er wußte, daß das ſcharfe Ohr Cecils, und das noch ſchaͤrfere ſei⸗ nes Hundes, dieſe Zeichen vernommen haben muͤßte, waͤre einer von beiden in dem Zimmer geweſen, und es blieb ihm daher kein Zweifel, daß man ihn in ein noch verborgeneres Ge⸗ fangniß geſchleppt habe, ein Wechſel, der nur aus ſtraͤflicher Abſicht erfolgt ſein konnte, und der das arme Opfer der Schaͤndlichkeit Sir Lionels Preis gab, ohne daß es einen Zeugen geben konnte, der deſſen Schickſal erfuͤhre, oder einen Streiter, der ihn raͤche. Alle Beſchluͤſſe und Ueberlegungen Dudleys waren jetzt plob⸗ — 200— lich vergeblich gemacht. Sein Vorſatz, gegen den Bedruͤcker noch zu ſchweigen, in der Hoff⸗ nung, wichtige Nachrichten von deſſen Opfer einzuziehen, war nun ohne Kraft, und es war unnuͤtz, Sir Lionels Endabſicht zu entdecken, da dieſer Schritt ſchon deutlich zeigte, wie wi⸗ derrechtlich die Natur deſſelben ſei, wie ſehr er dabei das Auge der Menſchen, das Licht des Tages, ſcheuen muͤſſe. Es verdroß ihn, auf dieſe Weiſ hintergan⸗ gen und uͤberliſtet zu ſein, und es ward ihm immer mehr und mehr klar, daß irgend ein neuer Gewaltſtreich gegen ſeinen ungluͤcklichen Vetter im Werke ſei, der nur durch die ſchleu⸗ nigſten Maaßregeln hintertrieben werden koͤnne. Daher eilte er zu dem Hauſe zuruͤck, entſchloſ⸗ ſen, Sir Lionel aufzuſuchen, ihn um ſeine Abſichten mit Cecil zu befragen, und deſſen augenblickliche Auslieferung an den Abt von Glaſtonbury zu verlangen. Er war fern von jeder Furcht, und dennoch konnte er ſich des Gefuͤhles nicht erwehren, daß er in der Gewalt eines Mannes ſei, den er zur Rechenſchaft zu fordern im Begriffe ſtand. Von Unruhe oder Heftigkeit durfte er hier nichts erwarten, daher beſchloß er, ihn anfangs mit aller Gelaſſenheit anzureden, dabei aber die noͤthige Feſtigkeit nicht zu vernachlaͤſſigen. Einige Gedanken, daß — 201— die Macht der Finſterniß, mit der er ſeinen Gegner im Bunde waͤhnte, demſelben in der Noth Beiſtand leiſten koͤnne, ſtiegen freilich in ihm auf, doch er gedachte der Gerechtigkeit ſei⸗ ner Sache, bannte ſie von ſich, und ging feſten Schrittes und feſten Muthes nach dem eigenen Simmer Sir Lionels. Er fand ihn, an einem Schreibpulte ſitzend, und mit mehreren Papieren beſchaͤftigt, die er haſtig bei Seite ſchob, als Dudley eintrat; mit durchdringendem, Blicke ſah er dieſen an. „Ich ſollte mich meines Eindringens wegen entſchuldigen, Sir Lionel,“ ſagte Dudley,„doch ich hoffe, dies wird nicht noͤthig ſein, wenn ich Euch ſage, daß wichtige Geſchafte mich zwingen, das Thurmhaus ſogleich zu verlaſſen, und daß ich vorher noch meinen Vetter Cecil ſehen, und erfahren muß, wann es Euch ge⸗ fallig iſt, ihn nach der Abtei zu ſenden.“ „Wie, Maſter Dudley,“ entgegnete der Rit⸗ ter, ſich erhebend, mit kaltem, geringſchätzen⸗ dem Blicke,„Ihr koͤnnt von dem geſetzmaͤßigen Vormunde Auskunft verlangen, nun Ihr nicht mehr heimlich mit deſſen wahnſinnigem Muͤn⸗ del zu ſprechen vermoͤgt?— Nein, erſchreckt nicht, und laßt Eure geroͤtheten Wangen ihre natuͤrliche Farbe wieder erlangen. Ich mochte — 202— Euch fuͤr die Zukunft gern dergleichen zweckloſe Unruhe erſparen, und daher erfahret hiemit, daß Ihr keinen Schritt gehet, kein Wort ſprecht, keine Stimme hoͤret, ja, kaum ei⸗ nen Gedanken denket in den Ringmauern des Thurmhauſes, ohne daß es mir vollkommen eben ſo genau bekannt waͤre, als Euch ſelbſt.“ „Ihr ſeid es, der erroͤthen ſollte,“ ſagte Dudley, indem er nur mit Muͤhe den aufſtei⸗ genden Zorn unterdruͤckte,„daß Ihr mich durch die unverantwortliche Einkerkerung meines Vet⸗ ters zu einer Verfahrungsweiſe gezwungen habt, die meiner Natur zuwider iſt, und zu welcher ich mich unter anderen Umſtaͤnden nie erniedrigt haben wuͤrde. Habt die Guͤte, mir Eure Ab⸗ ſichten mit meinem Vetter mitzutheilen, und ich gelobe Euch, ihn nicht wieder heimlich zu ſprechen.“ „Ihr habt die Freiheit, Sir, den Verſuch zu machen, wenn es Euch geluͤſtet, doch kann ich Euch nicht mit einem guͤnſtigen Er⸗ folge ſchmeicheln; er iſt außerhalb Eures Be⸗ reiches.“ Ich wuͤnſchte zu wiſſen, Sir Lionel, mit welchem Rechte er von ſeinen Freunden ent⸗ fernt gehalten wird.“ „Ich moͤchte eben ſo wohl wiſſen, Maſter Dudley, wie Ihr beweiſen wollet, daß Ihr ſein Freund ſeid, und mit welchem Rechte ihr die geſetmäßige Gewalt eines Vormundes uͤber einen wahnſinnigen Muͤndel antaſtet?“ „Ich laͤugne, daß er wahnſinnig iſt, und das Recht, durch das ich ihn Eurer Aufſicht entziehen will, iſt das Teſtament ſeines Vaters, Euch ſelbſt uͤberſandt in dem Briefe, den ich in Eure Haͤnde gab.“ nt indett „Von einem ſo wichtigen Dokumente habt Ihr ohne Zweifel eine gerichtliche Abſchrift nehmen laſſen?“ „Nein, in der That, ich hatte nie den Arg⸗ wohn, daß eine ſolche Vorſichtsmaaßregel no⸗ thig ſein konne.“ „Gott's Gnade, Maſter Dudley, da ſeid Ihr ſehr zu tadeln; ich habe es zufuͤlliger Weiſe unter andere Papiere kommen laſſen, und mit dieſen vernichtet.“ „Aber Ihr habt es geleſen, und muͤßt Euch ohne Zweifel des Inhalts erinnern!“ rief Dudley voller Unwillen. „Es wuͤrde mich wenig koſten, das erſtere zu laͤugnen, das letztere aber mir zu beweiſen, duͤrfte in der That etwas ſchwierig ſein.“ „Sir Lionel, Sir Lionel, dies iſt eine un⸗ wuͤrdige Ausflucht; habt Ihr den Inhalt ver⸗ geſſen, ſo laßt mein Zeugniß genuͤgen. Ich ſtand an dem Bette meines ſterbenden Oheims, — ich ſetzte den Brief, von dem die Rede iſt, auf⸗ und kann daher uͤber ſeine letzten Befehle in keinem Zweifel ſein.“ i „Sicher, Sir, brachtet Ihr andere Seugen der letzten Worte des Sterbenden mit Euch?“ „Ich ſagte Euch bereits, Sir Lionel, daß ich bei jenem traurigen Sweigniſ e der einiige Gegenwaͤrtige war.“ „Hilf Himmel, Maſter Dudley ſeid Ihr ſehr zu tadeln!“ ſchrie der Ritter aber⸗ mals mit einem ſo ſpoͤttiſchen Laͤcheln, daß ſein Gaſt daruͤber die Geduld zu verlieren be⸗ gann; dennoch maͤßigte er ſich ſo weit, mit erzwungener Ruhe zu fragen:„Sir Lionel, wenn meine eigenen gerechten Forderungen, und die Befehle des verſtorbenen Sir Giles Hungerford nicht ſchnell und auf ehrenvolle Weiſe erfullt werden, erkläre ich Euch, daß ich ſie durch Huͤlfe eines Gerichtshofes durchzuſez⸗ zen wiſſen werde.““ „An den Ihr kein Recht Euch zu wenden habt,“ ſagte Sir Lionel laͤchelnd,„und wo Euer einzelnes, unbeſtaͤtigtes Zeugniß wenig gelten wird gegen Sir Giles ſchriftliche Vollmacht, und das Zeugniß ſämmtlicher Nachbaren, in deren Gegenwart er mir die rechtliche Vor⸗ mundſchaft uͤber ſeinen Sohn ertheilte.“ „Ganz gewiß, Sir Lionel, habt Ihr nicht — 205— die niedrige Abſicht, Euch aler dießei Rechts⸗ mittel zu bedienen“ „Ganz gewiß, junger Mann, habt Ihr nicht die Thorheit zu glauben, ich wuͤrde es dulden, daß Ihr meine Abſichten ergruͤndet.“ „Ich dachte, ich hätte es mit einem Manne von Ehre zu thun,“ ſagte Dudley zornig,„doch * iſt nur zu klar, daß ich irrte.“ „Ich dachte, ich wuͤrde durch einen Gecken, einen hirnloſen Knaben befragt,“ erwiderte der Ritter mit beleidigender Ruhe,„und ich ſde daß ich nicht irrte.“ „Schelm und Machträuber!“ ſchrie vuin hingeriſſen von ſeiner Leidenſchaftlichkeit,„mein Schwert ſollte Dich fuͤr dieſe Frechheit zuchti⸗ gen, und mir auf der Stelle Gerechtigkeit ver⸗ ſchaffen, doch die Schande Deiner Geburt be⸗ ſchuͤtzt Dich gegen deſſen Spitze.“ Ha! haſt Du es ausgeſprochen, das un⸗ verziehene Wort?“ ſchrie Sir Lionel, mit dem Fuße ſtampfend, und ſein Schwert aus der Scheide reißend, waͤhrend ſeine Augen Feuer ſpruͤhten, und ſeine Naſenlocher ſich weit aus⸗ dehhten.„Sieh⸗ und vertheidige Dich, oder ich ſpieße Dich wie ein Kalb; denn bei Himmel und Hoͤlle, dein Urtheil iſt geſprochen!“ „Dein ſchaͤndliches Blut komme uͤber Dich ſelbſt!“ rief Dudley, zog das Schwert und — 206— ſetzte ſich in Vertheidigungsſtand;„Komm, Nie⸗ dertraͤchtiger,“ rief er,„und empfange Deinen Lohn, denn ein guter Engel füͤſtert mir zu, daß ich dazu beſtimmt bin, meinen Vetter, und den derer, die Du— zu rächei⸗ „Du wirſ es ſgeth⸗ vaß es ein gögengeiſ iſt, Knabe!“ ſchrie Sir Lionel; dann kreuzte et ſein Schwert mit dem ſeines Gegners, und that zwei oder drei wuͤthende Stoͤße, welche Dudley geſchickt abwandte, denn er war, wie wir bereits ſagten, ein faſt unuͤbertroffener Meiſter der Fechtkunſt; als er aber verſuchte, der angreifende Theil zu werden, ward ihm das Schwert mit einer Heftigkeit aus der Hand geſchlagen, die das Gelenk beinahe ausrenkte. Der Stahl flog klirrend gegen die Decke, und in eben dem Augenblicke fuͤhrte Sir Lionel ei⸗ nen maͤchtigen Stoß gegen Dudley. Das Schwert ging durch deſſen Kleid, ohne ihn zu verwunden, doch mit einer ſolchen Kraft, daß das Gefäß ihn zuruͤcktaumeln machte. Der gewandte und rieſenkraͤftige Sir Lionel ſprang abermals vorwärts, warf ihn zu Boden, und kniete auf ihm nieder. Mit der einen Hand erfaßte er ſeine Gurgel, mit der andern hob er das unbeſiegbare Schwert empor, ſah dabei fuͤr einen Moment mit triumphirendem Blicke äuf ſein Opſer, und ſagte dann: Zur Holle mit Dir, grober Naſeweis, und ſag dem Lord Dawbeney, Sit Launcelot Wallop und Ma⸗ Trevor, ich ſei es, der Dich ſendet.“ Durchaus unfaͤhig, ſich von ſeinem kraͤfti⸗ gen Gegner zu befreien, ſah Dudley ſchon die todtende Waffe vor ſeinem Auge blinken, und hatte ſich bereits in ſein unabwendbares Schick⸗ ſal ergeben, als plotzlich ein durchdringender Schrei durch das Zimmer toͤnte, und Beatrix, ſchnell vorwarts ſtrzend, ſich uͤber ihren Va⸗ ter warf, deſſen aufgehobenen Arm zurockhielt, und zugleich laut ſchrie:„Mein Vater! mein Vater! wolltet Ihr Euren Gaſt unter Eurem eigenen Dache ermorden?“ „Fort, pflichtvergeſſene Dirne!— Fott, verwegenes Geſchoͤpf!“ rief der Ritter wuͤthend; „waͤre er zehn Mal mein Gaſt— er ſtirbt!“ — Er verſuchte hierauf ſich los zu machen, aber ſie hing an ihm mit einer Kraft, die der ſeinigen nur wenig nachgab. Mit feſter Ent⸗ ſchloſſenheit ſah ſie ihn an, und ſagte dann: „Doͤdtet mich, wenn Ihr koͤnnt, aber Ihr ſollt mich nicht von Euch treiben!“ Sir Lionel ſprang auf, mit dem Vorſatze, ſie mit roher Gewalt von ſich zu ſtoßen, doch kaum hatte er Dudley frei gegeben, als ſie ſchrie:„Fliehet, Sir, fliehet! mein Vater — 208— iſt wahnſinnig, und weiß nicht, was er thut!“ Dabei hielt ſie noch immer ihres Vaters Arm mit unverminderter Gewalt feſt. Dudley ſah, daß keine Zeit zu e ſei, und hielt es fuͤr keine Schande, vor einem Manne zu fliehen, den er jetzt ganz ſicher durch Zauberkraft unterſtuͤtzt glaubte, daher ſprang er ſchnell empor, raffte ſein Schwert vom Bo⸗ den auf, verbeugte ſich dankend gegen Beatrir und verließ das Gemach. Dann ſchritt er durch die große Halle, eilte uͤber den Damm, und wandte dem Thurmhauſe den Ruͤcken, beſtuͤrmt durch eine Menge peinigender Gefuͤhle⸗ Doch bald unterdruͤckte er ſeinen Kummer durch den Gedanken, daß ſein bisher noch unbeſiegtes Schwert nur mit dem unheiligen Beiſtande der Hoͤlle uͤberwunden ſei.. Ende des zweiten heiles. S 0 10 11 12 13 14 15 16 17 18 6 9 y 8 llill