f— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 6dnard Oltmann in Gießen. 3 1. Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen 2 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von hee 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme nes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 5 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat TW 1W 2 „„„—.. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene pder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — Der Thurm Will Poraz Smith, Verfaſſer von Brambletye⸗Houſe. N Wenn ſie in Freud' und Schmerz nicht gleich ſich bliebe, 5* In Glanz und Riedrigkeit, was wär' die Liebe?— Ich weiß und frage nicht, ob Schuld in deiner Bruſt; Was du auch ſeiſt, dich lieb' ich, meine Luſt. Nach der zweiten Auflage des Engliſchen uͤberſetzt von 1. Gustav Sellen. Erſter Band. Leipzig, 1827. Bei A. Wienbrack. Gedruckt bei Georg Heinrich Maret. 6₰ Vorwort des Ueberſetzers. Durch ſeinen Roman„Bramblethe⸗Houſe“ iſt Horaz Smith, der ſich in England bereits als der Verfaſſer von„Rejected Addresses“, Gaioties and Gravitiese beſonders abet von „Brambletye-House“ einen ausgezeichneten Namen erworben hatte, auch bei uns bekannt geworden. In England nennt man ihn„den gluͤcklichen Nachahmer Walter Scotts“ und iſt auf jedes ſeiner neu erſcheinenden Werke ſchon im Voraus hochſt geſpannt. Auch bei uns hat er ſich auf eine Weiſe eingefuͤhrt, die eine fort⸗ geſetzte Bekanntſchaft wuͤnſchen laͤßt, und ich bin daher uͤberzeugt, daß dieſe Ueberſetzung ſei⸗ nes neueſten Werkes meinen Landsleuten will⸗ kommen ſein wird. Horaz Smith hat ſaͤmmtliche Vorzuͤge des „großen unbekannten“: treue, ausfuͤhrliche Schilderung immer neuer, immer intereſſanter Charaktere; intereſſante Verwickelung der Ge⸗ ſchichte; neue, uͤberraſchende Situationen; und er jedoch den Fehler Walter Scotts, der ihm ſo oft, und mit ſo vielem Rechte, zum Vor⸗ wurf gemacht wird, deſſen oft unleidliche Breite. Um dem vorliegenden Werke eine guͤnſtige Aufnahme zu verſchaffen, bedarf es keiner weit⸗ zu dieſem Zwecke vollkommen genuͤgen, da aber eine befriedigende Entwickelung. Dabei vermeidet N laͤuftigen Lobpreiſungen, und das Geſagte wuͤrde — XII— eine, oder gar mehrere Kolliſionen hei der Ue⸗ berſetzung Statt finden, glaube ich hier noch einige Worte zur Erklaͤrung meiner Anſicht ſa⸗ gen zu muͤſſen, damit man mich nicht beſchul⸗ 1n kann, ich waͤre dem 5 g treu gei der eines Rniann kann man unmoͤglich eine treue, woͤrtliche Uebertra⸗ gung verlangen, und es muß dem Ueberſetzer, der freilich keine bloße Ueberſetzmaſchine ſein darf, unbedingt uberlaſſen bleiben, ſich kleine Abaͤnderungen, Zuſammenziehung von Breiten, Anpaſſung an den Geſchmack ſeiner Lands⸗ leute u. ſ. w., zu erlauben; Zuſaͤtze jedoch ſi nd in keinem Falle zu geſtatten. Dieſer Anſicht bin ich treu geblieben, und wenn ich auch das Original faſt ganz ohne Verkuͤrzung uͤbertragen habe, und uͤbertragen konnte, ſo mochte doch — VI11— ein gehaͤſſiger Kritiker, ohne dieſe Erklarung, leicht hier oder dort Stoff zum Ladel gefün⸗ den haben Gewiß witd Jeder, der den Thurm Hill geleſen, mir in dem Wünſche beiſimmen, daß der Verfaſſer uns recht bald wieder mit einem Produkte ſeiner Feder beſchenken möge. E* Erſtes Kapitel. Von Kopf zu Fuß bewehrt, in Kraft, Ein Bild kampfluſt'ger Ritterſchaft, So wogt der ungeſtüme Geiſt, Der bei Trompeten, mit Entzücken Ihn auf des muth'gen Roſſes Rücken Fort in der Lanzen Mitte reißt. Der ſtete Muͤßiggang, welcher einen Mann zuweilen uͤberredet, er koͤnne durch angeſtrengte koͤrperliche Bewegung die Unruhe und den Miß⸗ muth des Geiſtes verbannen, hatte Sir Giles Hungerford von dem Thurme bewogen, ſeinen Neffen, Pohns Dudley, der ſeit einiger Zeit das Amt ſeines Schildtraͤgers verſehen, zu einem Morgenſpaziergange zu ſich zu berufen. Als Poyns die Morgenglocke läuten hoͤrte, und durch das Fenſter ſah, daß draußen alles in einen dicken Nebel gehuͤllt ſei, konnte er ein unwill⸗ kuͤhrliches Achſelzucken nicht unterdrucken. Doch er wußte, daß es gefährlich ſei, den Befehlen eines ſo kuͤhnen Mannes, als ſein Oheim, zu I. 1 S widerſtreben. Daher warf er einen Mantel von Kendal⸗Tuch*) um, und ſchickte ſich ſchweigend an, Gehorſam zu leiſten. Sie ſchritten durch die Straßen von Calais dahin; der Schall ihrer Tritte erreichte das Ohr der Schildwachen an dem Leuchtthurm⸗Thore, noch ehe ihre Ge⸗ ſtalten ſichtbar wurden, und die Krieger riefen ſie heftig an, als ſie ſich ihnen naͤherten. Sir Giles war in ſeine Gedanken vertieft, und uͤber⸗ hoͤrte den Zuruf der Schildwachen, oder achtete ihn nicht. Leicht haͤtte er dafuͤr einen Arm⸗ bruſtſchuß erhalten konnen, haͤtte ſein Geſell⸗ ſchafter nicht gerufen:„Macht Platz, ihr Leute, fuͤr den Gouverneur.“ Bei dieſen Worten traten die Wachen zu beiden Seiten aus dem Wege, und gruͤßten den Gouverneur ehrfurchtsvoll, als er durch das Thor ſchritt, deſſen Gewoͤlbe den Klang ſeiner ſchweren Stiefeln wiedertoͤnte. Als er dem Hafen, in der Richtung nach dem Damme, zu⸗ ging, ward der Nebel ſo ſtark, daß er den Weg verfehlte, und plotzlich bis zu den Knieen in das Salzwaſſer gerieth. Dudley wußte wohl, daß Widerſtand und Schwierigkeiten aller Art *) Zu Kendal in Weſtmoreland wurden zu jener Zeit Tuche gefertigt, die in großem Rufe ſtanden. i Sn Ueberſ. — Sir Giles nur in ſeinen Vorſätzen beſtaͤrkten, und erwartete daher, daß er, ſeiner ſchweren Stiefeln, und ſeines Mantels ungeachtet, vor⸗ waͤrts gehen, und ſchwimmend ſein Ziel zu erreichen ſuchen werde. Doch zum Gluͤcke be⸗ ſchloß der Ritter, nicht die See, ſondern den Nebel zu bekaͤmpfen, kehrte ſchweigend um, und verſuchte auf's Neue, den Weg nach dem Ha⸗ fendamme zu finden. Noch einen Augenblick fruͤher war ihm je⸗ der Weg vollkommen gleichguͤltig, jetzt aber, wo ein Hinderniß ſich ihm entgegengeſtellt, hatte er eher ſein Leben geopfert, als auf die Erreichung des Zieles verzichtet. Er war von Natur heftigen, unruhigen Gemuͤthes, und nur bei dem Sauſen der Lanzen, bei dem Flirren der Schwerter, und unter alle dem Geraͤuſche und Getuͤmmel des Krieges, fuͤhlte er ſich wohl. Daher haßte er den ehrenvollen Poſten, der ihm als Gouverneur des Leuchtthurm⸗Thores in Calais uͤbertragen worden; denn es war mit dieſer Wuͤrde unvertraͤglich, Theil an den haͤufigen Streifereien zu nehmen, die in die franzoſiſchen Gaue, nicht ſelten bis zu den Thoren von Boulogne, gemacht wurden, und die ſtets mit Gefahren, Hinterhalten, Ueber⸗ fällen, kurz, mit allen jenen Abenteuern ver⸗ bunden waren, die ein kriegeriſches, ritterliches 1* Gemuͤth ergoͤtzen. Selbſt den Frieden, mit ſeinen Tournieren, welche einen Erſatz fuͤr das Vergnuͤgen an wahren Feindſeligkeiten gewaͤh⸗ ren, und der ihm doch wenigſtens geſtattete, die Thiere der Wildniß zu bekriegen, haͤtte er ſeinem gegenwaͤrtigen Zuſtande vorgezogen, bei welchem er taͤglich zu der tantaliſchen Qual verdammt war, die Krieger mit wehenden Ban⸗ nern beim ſchmetternden Klange der Trompeten dem Feinde entgegenziehen zu ſehen, waͤhrend er ſelbſt unthaͤtig in den Mauern von Calais zuruͤckbleiben mußte. Einem ſolchen Gemuͤthe konnte nichts unleidlicher ſein, als Unthaͤtig⸗ keit, und Widerſtand jeder Art war ihm will⸗ kommen, denn er gab ihm Gelegenheit zum Kampfe. In Ermangelung eines wuͤrdigern Gegners fuͤhlte er ſogar in ſiegreicher Beſtrei⸗ tung des Nebels einige Genugthuung, und er Kuͤrmte daher mit einem Eifer dem Hafendamme zu, als gelte es, einem Gegner in den Schran⸗ ken mit eingelegter Lanze entgegen zu fliegen, oder einem fliehenden Feinde den Ruͤckzug ab⸗ zuſchneiden. Nicht ohne Schwierigkeit erreichte er ud lich ſeine Abſicht, und wir glauben, es habe ſei⸗ ner ritterlichen Wuͤrdigkeit keinen Eintrag gethan, daß er ſich ſeines Sieges mit einer Selbſtzu⸗ friedenheit freute, welche eigentlich mit dem be⸗ kaͤmpften Gegner in gar keinem Verhaͤltniſſe ſtand. Hoch aufgerichtet, mit feſtem Tritté und munterm Schritte ging Sir Giles längs des hoͤlzernen Walles hin; doch hielt er ſich vorſichtig nahe an demſelben, denn leicht haͤtte ſonſt das Meer, bei einem einzigen Fehltritte, einen Triumph uͤber den Beſieger des Nebels erringen koͤnnen. Der Gedanke eines ſo un⸗ wuͤrdigen Endes ſeiner Unternehmung war ſo betruͤbend fuͤr den edlen Ritter, daß er ſich auf einer Bank niederließ, als er, ſeiner Berech⸗ nung nach, das Ende des Walles bald erreicht hatte. Sein Schildknappe lehnte ſich waͤhrend deſſen uͤber die Bruͤſtung, und bemuͤhte ſich, das Waſſer unter derſelben zu erſpaͤhen; die Stadt war ſeinen Blicken gaͤnzlich entzogen. Aber wenn ſie auch unſichtbar war, ſo ver⸗ kuͤndeten doch mehrere Tone die Nahe einer gro⸗ ßen, volkreichen Stadt. Die Morgenglocken der verſchiedenen Kirchen und Kloſter hatten ihr Gelaͤute noch nicht geendigt; die Krieger riefen nach ihren Gefahrten, welche der Rebel ihrem Blicke entzog; der gellende Klang der Trom⸗ pete, das Geſchrei einer Menge Matroſen, welche ein Fiſcherboot nach dem Waſſer zogen, das Schleifen des Kieles auf den Steinen, miſchten ſich mit dem Brauſen der Wellen, wenn ſie ſich in Sir Giles Naͤhe an den Pfei⸗ lern des Hafendammes brachen. Obgleich alle dieſe Tone nicht harmoniſch klangen, ſchienen ſie doch ſein Gemuͤth zu beruhigen, denn laͤn⸗ gere Zeit ſaß er da, und ließ ſie in ſein Ohr ſchallen, aber hoͤrte ſie nicht, ſann vor ſich hin, und dachte nicht, und ſchien ſich ſelbſt entruͤckt. Da begann eine Schildwache, welche auf dem Walle ſtand, ihre eingebildete Einſam⸗ keit— denn der Rebel verhinderte ſie, irgend etwas in ihrer Naͤhe zu bemerken,— durch Geſang zu beleben, und ſtimmte den erſten Vers einer neuen Ballade an, welche damals von den kriegeriſchen Abenteurern, welche nach Frankreich heruber haͤufig geſungen wurde. 3 3 Die Roſe will Franfreich ziehn; Amächt'ger Gott, geleit' ſie hin! Vewahre ſie, die König iſt, Die königliche Roſe mild, Die Roſe, die ein edles utd, Die England: Kriegerkönig! grüßt. 2— auf dieſe Weiſe gus einer Ge⸗ nichetehe geſtoͤrt zu werden, wie er ſie lange nicht genoſſen, oder empoͤrt daruͤber, daß der Soldat es wagte, die Achtung aus den Augen ſetzend, in ſeines Obern Naͤhe, die er jedoch nicht ahnete, zu ſingen, rief Sir Giles mit kraͤftiger Stimme:„Halloh, Schildwach, beob⸗ achteſt Du ſo das Schweigen, welches Dir zur Pflicht gemacht iſt?— Sei wachſam und — —„— ſtille, du Schreier!“— Der arme Teufel, welcher ohne Zweifel die Stimme des Gouver⸗ neurs erkannte, der ſo wie aus den Wolken uͤber ihn kam, war gewiß nicht wenig erſtaunt, und endete ſeinen Geſang auf der Stelle. Man hoͤrte nur noch ſeine Tritte, wenn er auf ſei⸗ nem Poſten mit verdoppelter Sorgfalt auf und nieder ſchritt. Die Sonne, welche lange vergeblich mit den Duͤnſten gerungen, hatte jetzt ſo viel Ge⸗ walt erkaͤmpft, ihren erſten Strahl durch den Nebel zu ſenden, und damit die Spitze des Wachtthurmes von Calais zu beleuchten. Die Leute der Hafenwache gingen dort umher, ihre Waffen erglaͤnzten im Lichte, und die Laͤrm⸗ glocke und ein kurzes Stuͤck ſchweren Geſchuͤz⸗ zes, welches ſie bei der Entdeckung irgend ei⸗ nes Feindes abfeuern mußten, wurden vollkom⸗ men ſichtbar; das durchnäßte Banner aber hing in der ruhigen Luft ſchlaff an ſeiner Stange herab. Die Kirchen von St. Nikolas und unſrer lieben Frau zeigten ſich den Blicken dann zuerſt, und andere der hochſten Gebäude tauch⸗ ten nach ihnen aus dem Nebel auf; die uͤbrige Stadt aber blieb noch immer verhuͤllt, und es ſchien, als wollten die dicken Duͤnſte ihre Ero⸗ berung nicht ſo ſchnell wieder aufgeben. Doch ein ſcharfer Wind, der von der See her blies, rollte die Wolken wie einen Vorhang auf und jetzt konnte man die ganze Stadt Calais, von der Sonne herrlich beſchienen, uͤberſehen. Schweigend hatte Sir Giles ſeine Blicke einige Sekunden daruͤber hinſchweifen laſſen, da er⸗ regte ein Klappen hinter ihm ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit. Er wandte ſich um, und ſah die neue Fahne, welche an dem aͤußerſten Ende des Walles aufgeſteckt worden war. Sie flat⸗ terte, ganz entfaltet, im Winde, und man be⸗ merkte auf ihr die großen, in Gold Worte:„Henricus VIII.“ Dudley, ſagte der Ritter, nachdem er ei⸗ nige Zeit das Wappen uͤber der Inſchrift be⸗ trachtet hatte, ich bin kein Herald, kein Wap⸗ penkundiger; ich weiß, daß der Koͤnig einen rothen Drachen in der Fahne fuͤhrt; ich kenne die Wappenfelder und Helmverzierungen der Hungerfords, weiß, daß wir unſer jetziges Wappen annahmen, als einer meiner Vorfah⸗ ren den Herzog von Orleans zum Gefange⸗ nen machte, und dann fuͤr das Loͤſegeld Far⸗ leigh⸗Caſtle erbaute. Weiter aber gehen meine heraldiſchen Kenntniſſe nicht, und doch moͤchte ich wiſſen, was jene Zeichen in dem koͤniglichen Wappen bedeuten, welche ſonſt, wenn ich nicht irre, nicht darin waren.“ „Die rothe Roſe, Sir, entgegnete Dudleh, iſt das Lieblingszeichen unſeres koͤniglichen Herrn. Er empfing es von dem Kaiſer Maximilian, als er der Belagerung von Terouenne als Freiwilliger beiwohnte; die rothe Roſe iſt hier mit der weißen vereinigt, zum Zeichen—“ „Still, Burſche! unterbrach ihn der Ritter barſch. Wenn ich auch in dieſer Hinſicht kein Gelehrter bin, ſo bin ich doch auch nicht ganz unwiſſend in dergleichen Dingen. So viel habe ich ſchon aus jener Ballade gelernt, ſonſt koͤnnte ich von jedem Butterweibe in England Auskunft uͤber dies Geſchwätz erhalten.“ „Meinen Sie das Fallgatter? erwiderte Dudley. Das bezieht ſich auf ſeine Abkunft von dem Hauſe Lancaſter. Dieſes Zeichen ward durch Johann von Gaunt erworben, als ſeine Beiſchlaͤferinn, Catharine Swinford—“ „Pſcha, Buͤrſchchen! unterbrach ihn Sir Giles abermals, uud heftiger als zuvor; Du biſt noch weit vom Ziel, daher ſpare deine Worte. Habe ich nicht genug dieſer Schand⸗ zeichen in des verſtorbenen Konigs Kapelle zu Weſtminſter geſehen, um ihre Wichtigi zu kennen?“ „Vielleicht meinen Sie dann den gefeſſelten Falken?“ Als der Ritter ſchweigend mit dem Kopſe nickte, fuhr Dudley fort:„Ohne Zweifel ſoll — es Sr. Hoheit Abkunft von beiden Haͤuſern bezeichnen, da es das Wappen von Edmund von Langley, Herzog von York, iſt. Doch darf ich es wagen, Sir Giles, Sie zu fragen, weshalb grade dies ſo— Ihre Auf⸗ merkſamkeit erregt?“ „Weil es ein Sinnbild meines eigenen Schickſals iſt, ſagte Sir Giles, nicht ohne Stolz. Weshalb bin ich gefeſſelt, und in die⸗ ſem verwuͤnſchten Calais eingeſchloſſen, wenn ich mit eingelegtem Speere auf die Feinde meines Koͤnigs einſprengen moͤchte; weshalb bin ich verdammt, ſtill zu ſitzen, wenn die Trompeten zu den Fahnen rufen, das Blut durch meine Adern ſtuͤrmt, und mein Schwert, deſſen Knopf ich jetzt nur erfaſſe, aus der Scheide teißen moͤchte; weshalb, ſage ich, bin ich nur ein gefeſſelter Falke?“ „Ihre jetige Unthätigkeit, entgegnete der Knappe, iſt nur eine ehrenvolle Buße fuͤr Ihre fruͤhern ruͤhmlichen Thaten; denn Sir Gilbert Talbot, des Koͤnigs Abgeordneter, kennt den Werth der guten Stadt, die ſeiner Obhut uͤbergeben iſt, zu wohl, um ſeine beſte Lanze zu ſolchen leichten, freibeuteriſchen Unterneh⸗ mungen, wie die, zu denen in der letztern Zeit unſere Krieger auszogen, aus Calais fortzu⸗ laſſen. Karl der Große zog ſein treues — — Schwert Jogeuſe nicht, und auch Morglay, Durindana oder Excalibar wurden nicht von der Scheide entbloͤßt, wenn der Feind und der Kampf ihrer nicht wuͤrdig waren.“ „Still, Burſche! ſprich nicht ſo zu mir, und hoffe nicht, mich durch alberne Schmeiche⸗ leien einzuſchlaͤfern, als ſprächſt Du zu einem Windbeutel. Der Krieger iſt wenig werth, der ſein Schlachtroß zu lieb hat, um es den Lanzen entgegen zu ſpornen, und der Koͤnig bedarf keiner ſolchen Ritter, die er ſich in das Bereich eines franzoſiſchen Schwertes zu brin⸗ gen fuͤrchtet. Ich ſage dir Poyns, kein Ande⸗ rer hat dem Falken die Feſſeln angelegt, als Sir Gilbert Talbot. Nur der Neid von des Koͤnigs Bevollmaͤchtigten iſt daran Schuld, daß mein Schwert in der Scheide roſtet, und haͤtte ich nur einen geringen Vorwand, es ihm in die Bruſt zu ſtoßen, es in ſeinem Blute zu waſchen—“ 3 „Nicht ſo laut, Sir, ich beſchwore Sie, ſchrie der Knappe; ſehen Sie nicht, daß jene Schildwach dort ihre Hakenbuͤchſe gegen den Boden geſtemmt hat, und daß der Menſch, waͤhrend er mit ſeiner Lunte beſchaͤftigt ſcheint, ſichtlich auf unſer Geſpraͤch lauſcht?“ „Verwuͤnſcht ſei der knurrende Schurke! ſchrie der Ritter noch lauter; ſollte Sir Giles Hungerford von dem Thurme, der auf des Koͤnigs Schaͤdel eine Lanze zerſplittert hat, ſich fuͤrchten, ſeiner Zunge vor den Ohren eines ſeiner eigenen Untergebenen und Lehnsleute freien Lauf zu laſſen? Bei Gott, Dudley, blutige Thraͤnen moͤchte ich weinen, wenn ich bedenke, daß ich ſo hier zuruͤckgehalten werde, waͤhrend ich hinausſtuͤrmen moͤchte zum Thore. „Mit Gunſt, Sir Giles, aber ich wuͤrde des Koͤnigs Bevollmaͤchtigten fuͤr einen ſchlech⸗ ten, ſorgloſen Falconier halten, ließe er ſeinen beſten Vogel auf die Kraͤhen los. Laßt nur den Phaſan oder den Kranich ſeine Fluͤgel ent⸗ falten, und ich ſtehe dafuͤr, Sir Gilbert Tal⸗ bot wird, ohne langes Suchen, den Sdelfalken zu finden wiſſen, der ſie auf der Stelle in den Grund bohrt.“ „Nun, luſtig dann, rief Sir Gies; Gott. moͤge den guten Tag bald erſcheinen laſſen.— Amen!“ Der Ritter ſah die Soldaten, welche die Wache abloͤſen wollten, an dem Walle her⸗ kommen, daher ſtand er auf, und ging mit ſeinen gewoͤhnlichen haſtigen Schritten dem Hafen zu. Er war aber ſo verſtimmt, oder ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, daß er der Bogenſchuͤtzen nicht achtete, welche ihn ehr⸗ furchtsvoll gruͤßten, als er an ihnen voruͤber⸗ ſchritt. Auch mit ſeinem Gefaͤhrten ſprach er kein Wort. Als ſie die Bucht des innern Ha⸗ fens erreichten, wurden ſie durch den grellen Ton einer Trompete aufmerkſam gemacht. Der Schall kam zwar aus dem Innern der Stadt, doch hallte ihn das Echo von den Waͤllen und dem gegenuͤberliegenden Leuchtthurm ⸗ Thore nach. Bei dem kriegeriſchen Klange erheiterte ſich Sir Giles Geſicht; er hob den Kopf em⸗ por, und blickte kuͤhn umher, als ſuche er Beſtätigung ſeiner Ahnung. „Es iſt die Trompete des ſchwarzen Bough⸗ ton, von den Abenteurern, ſagte Dudley; Keiner hat einen ſo ſtarken Ton, als er. Er ruft zu Roß und in den Harniſch; ein ſchoͤner Morgen, zu einem Streifzuge in die franzoſi⸗ ſchen Gauen.“ „Die Abenteurer ſind doch nicht ſolch rohes Geſindel, als ich ſie oͤfters habe nennen hoͤren, entgegnete der Ritter. Sie ſind kuͤhn und tapfer, bei Tag und bei Racht, im Hinterhalt und im offenen Felde. Und wenn ſie auch nicht das Zeichen des Edelmanns auf der Schulter, nicht das konigliche Wappen in der Fahne haben, ſo fuͤgten ſie den Franzoſen doch ſchon eben ſo viel Schaden zu, als man⸗ cher Ritter mit ſeinen Bogenſchuͤtzen und ge⸗ harniſchten Reiſigen.“ — Als ſie naͤher kamen, ſahen ſie mehrere Maͤnner voller Verwirrung dem Innern der Stadt zulaufen, und hoͤrten lautes, verworre⸗ nes Geſchrei von der Gegend des Marktplatzes her ertoͤnen. Als ſie die Wache erreichten, ſagte ihnen der kommandirende Unteroffizier, einer der Abenteurer ſei ſo eben, ſchwer ver⸗ wundet, auf dem Marktplatze angekommen, und habe dem dort verſammelten Volke ver⸗ kuͤndet, alle die Abenteurer waͤren in einen Hinterhalt gefallen, und haͤtten ſich ſaͤmmtlich zu Kriegsgefangenen ergeben; kaum aber haͤt⸗ ten ſie die Waffen geſtreckt, als ſie uͤberfallen, und von den Bauern grauſam niedergemetzelt worden waͤren. Er ſelbſt ſei nur durch einen Zufall entronnen, und der einzige Ueberlebende aller derer, welche am vergangenen Morgen von Calais ausgezogen. „Mit kaltem Blute ermordet, und nachdem ſie entwaffnet waren?“ rief Sir Giles aus. Edler Unwille roͤthete ſein Geſicht, und unwill⸗ kuͤhrlich legte er die Hand an den Griff ſeines Schwertes.„Eine ſchaͤndlich unwahrſcheinliche Geſchichte, fuhr er fort; die Erfindung irgend eines Schwaͤtzers, oder die Uebertreibung dieſes feigen Ausreißers, der vor ſeinem eigenen Blute erſchrocken iſt. Dudley, bringe mir den Kerl hierher, auf die Wache, damit ich ihn ſelbſt —— befragen kann; und wenn ſeine Nachrichten wahr ſind, ſo magſt du mich beſchimpfen, wenn der Falke nicht lieber ſeine Feſſeln ſprengt, als in dem Kaͤſiche wartet, bis ihm ſelbſt das Herz aus dem Buſen geriſſen wird.“ Ein gleichzeitiger Geſchichtſchreiber liefert von den Abenteurern folgende Nachrichten:„Es war eine gewiſſe Anzahl wilder Menſchen, Krie⸗ ger außer Dienſt, Geſellen und Lehrlinge, die ihren Meiſtern entlaufen waren, und Geſindel anderer Art. Sie baten den Lord Admiral, der auch die Landtruppen befehligte, ſie in des Koͤnigs Sold zu nehmen. Der Admiral gab ihnen die Antwort, der Koͤnig habe die Zahl der beſoldeten Truppen beſtimmt, und ſie ſei vollzaͤhlig; er rathe ihnen daher, nicht laͤnger in Calais zu bleiben, ſondern nach England zuruͤckzukehren. Ein langer Yeoman ſagte hier⸗ auf:„Mylord, es ſind hier manche tuͤchtige Kerle, die es, mit Ihrer Vergunſt, wohl auf Gewinnſt und Verluſt wagen wuͤrden, denn ihr Wunſch iſt, ſich an den Franzoſen, den Fein⸗ den des Koͤnigs und des Landes, zu raͤchen.“— „Braver Burſche, entgegnete der Admiral, der Wunſch iſt löblich, aber ſollten ſie aus Man⸗ gel an guter Fuͤhrung beſiegt werden, ſo waͤre dies ein Verluſt fuͤr den Koͤnig, und wuͤrde die Franzoſen ſehr ermuthigen.“— Hierauf ſchrie 6 der ganze Haufe:„Laßt uns ziehen, im Na⸗ men Gottes und des heiligen Georgs!“— Es wurde nun Rath gehalten, und dann gab der Admiral ihnen eine Fahne mit dem heiligen Georg, und ſagte, ſie moͤchten ausziehen, und das Aben⸗ teuer wagen. Hieraus entſtand der Name der Abenteurer.— Ferner ſagte ihnen der Admiral, wenn ſie Beute machten, ſollten ſie dieſelbe abliefern, und reichlich dafuͤr bezahlt werden. Dann theilte er Geld unter ſie aus, befahl, ihnen Waffen zu geben, und die ſogenannten Abenteurer, vierhundert an der Zahl, und dar⸗ uͤber, zogen aus, dem Feinde entgegen.“ Obgleich es aus dem oben Geſagten erhellt, daß die Abenteurer nicht viel beſſer waren, als Raͤuber, Wegelagerer und Freibeuter, ſo hatten ſie ſich doch durch mehrere kuͤhne Waffenthaten ausgezeichnet, waren durch die Beſitzungen des Feindes geſtreift, dabei nicht ſelten bis an die Thore ſeiner befeſtigten Staͤdte vorgedrungen, und hatten ſich auch oͤfters bereichert, wenn ſie fur die koͤnigliche Armee zum Fouragiren oder Rekognosziren ausgeſchickt wurden. Den bar⸗ bariſchen Grundſaͤtzen, nach denen damals der Krieg gefuͤhrt ward, getreu, wurden die Kriegs⸗ gefangenen, welche zu arm waren, ſich ſelbſt zu loͤſen, als Sclaven verkauft; zwar geſellte ſich der Geiz auf dieſe Weiſe noch zu den an⸗ dern Schreckniſſen des Krieges, aber man kann eher annehmen, daß er deſſen Grauſamkeit ver⸗ minderte, als vermehrte, denn gewiß wurden viele Gefangene, in Hoffnung auf das Loͤſe⸗ geld, verſchont, die ohne dieſe Hoffnung in der Wuth des Augenblickes niedergeſtoßen ſein wuͤrden. An dem Morgen vor dem Tage, an wel⸗ chem unſere Geſchichte beginnt, berief der Ka⸗ pitain Brearton, einer von den Fuͤhrern der Abenteurer, ſeine eigene Kompagnie zuſammen. Er ſtellte ſeinen Leuten vor, daß ſie nur auf die Beute oder das Loͤſegeld ihrer Feinde an⸗ gewieſen waͤren, da ſie von dem Koͤnige kei⸗ nen Sold erhielten, daß das Gluͤck ihre Unter⸗ nehmungen beguͤnſtigt hatte, und daß es dies auch jetzt wieder thun werde, hinlaͤnglich, um ſie fuͤr einige Monate in Ueberfluß zu verſez⸗ zen, wenn ſie nur bereit waͤren, etwas zu wa⸗ gen. Seine kleine Bande, die aus ſo kuͤhnen und unternehmenden Maͤnnern beſtand, wie ſie je einem Anfuͤhrer folgten, jauchzte ihm lauten Beifall zu. Sie machten ſogleich einen Aus⸗ fall in das franzoſiſche Gebiet, und ſtuͤrmten ohne Halt fort bis zu dem Dorfe Ouaſte, wo ſie eine Menge Vieh Beute machten, das nach Boulogne beſtimmt geweſen. Die Dorfbewoh⸗ waren an die kuͤhnen Unternehmungen die⸗ — —— ſer Wagehaͤlſe zu ſehr gewoͤhnt, um Wider⸗ ſtand zu leiſten, doch waren ſie auch aus eben dem Grunde, mit Allarmmitteln verſehen. Das Geſchrei verbreitete ſich bald in der Gegend, und zweihundert Reuter von der Garniſon in Boulogne, welche zur Bedeckung des Trans⸗ portes Vieh auf dem Wege waren, kamen her⸗ beigeſprengt. Sie umringten die wenigen Eng⸗ laͤnder, ſo daß dieſe weder zu entfliehen, noch gegen einen ſo uͤberlegenen, berittenen Feind, zu fechten vermochten. Als Kapitain Brearton ſah, daß Widerſtand vergeblich ſei, rief er dem Fuͤhrer der Franzoſen zu:„Sir, ich bin ein Edelmann, und dieſe Kompagnie gehoͤrt mir. Ich habe dieſe ehrlichen Burſche zu dem Wag⸗ ſtuͤcke beredet; deshalb bitte ich um Quartier fuͤr ſie. Wir Alle wollen uns euch zu Gefan⸗ genen ergeben.“ Der franzoͤſiſche Kapitain genehmigte den Vorſchlag mit großer Artigkeit, befahl ſeinen Leuten abzuſitzen, und die Gegner zu entwaff⸗ nen. Waͤhrend ſie damit beſchaͤftigt waren, kamen die Bauern und Landbewohner herbei, groͤßtentheils aber die Einwohner des Dorfes Ouaſte, und erboten ſich, die gefangenen Eng⸗ laͤnder zu kaufen. Sobald der Handel geſchloſ⸗ ſen, wurden ihnen die Gefangenen ausgeliefert und die Franzoſen ritten davon. Kaum aber — 5— waren ſie uͤber die naͤchſten Huͤgel, und außer dem Geſicht, als die Schufte, wie die Land⸗ bewohner damals ohne unterſchied genannt wurden, uͤber ihre Gefangenen herfielen. Hier zeigten ſie ſich jenes Namens vollkommen wuͤr⸗ dig, denn auf die grauſamſte Weiſe ermorde⸗ ten ſie die Wehrloſen mit Piken, Hacken und Meſſern. Sicher fuͤhlten ſie ſich zu dieſer Schandthat berechtigt, um die Verluſte zu raͤ⸗ chen, die dieſe Abenteurer ihnen ſo oft verur⸗ ſacht, und dann auch, weil ſie nicht fur wirk⸗ liche Soldaten galten und daher nur wie Pi⸗ raten oder Straßenraͤuber angeſehen wurden. Einem der ungluͤcklichen Abenteurer war es, obgleich ſchwer verwundet, gelungen, zu ent⸗ rinnen, und ſich in einem Buſche zu verſtecken. Hier lag er bis zum Anbruch der Nacht; dann machte er ſich auf den Weg nach Calais, er⸗ reichte dies am folgenden Morgen, und verkuͤn⸗ dete hier auf dem Marktplatze dem verſammel⸗ ten Volke das traurige Schickſal ſeiner Ge⸗ faͤhrten. Dadurch war jene Unruhe, jenes Hin⸗ und Herlaufen entſtanden, welches Sir Giles und Dudley bemerkt, deshalb hatte des ſchwarzen Boughtons ſchmetternder Trompeten⸗ klang zu den Waffen gerufen. Dieſer einzige Ueberbliebene des ganzen Trupps, der am vor⸗ hergehenden Morgen mit ſo froher Zuverſicht 2* ausgezogen war, wurde jetzt durch Poyns Dudley, dem Befehle von deſſen Herren ge⸗ maͤß, nach dem Wachthauſe gefuͤhrt. Der wilderregte Poͤbel folgte ihm, die Weiber ſchrieen laut nach einem Wundarzte, daß er die Wunden des Ungluͤcklichen verbinde, und die Maͤnner beſchworen die Rache herab auf die Haͤupter der Niedertraͤchtigen, welche dieſe Wunden ſchlugen. So ward er vor Sir Giles gefuͤhrt, und ſein Ausſehen beſtätigte hinlaͤnglich die Wahrheit ſeiner Worte. Die Leichenblaͤſſe, mit welcher der große Blutverluſt, das Entſetzen uͤber den Auf⸗ tritt, von dem er Zeuge geweſen und die Furcht waͤhrend einer durchwachten Nacht, ſeine Wan⸗ gen uͤberzogen, ward durch das geronnene Blut, das ſein Geſicht bedeckte, noch greller hervorgehoben, und vermehrte ſeine natuͤrliche Haͤßlichkeit und Blaͤſſe. Unter den Haͤnden des Feldwundarztes erzaͤhlte er alle Einzelnhei⸗ ten des Gemetzels, ganz wie ſie ſich wirklich zugetragen. Es wuͤrde auch in der That ſchwer geweſen ſein, zu uͤbertreiben, ſelbſt wenn er den Willen gehabt, die Grenzen der Wahrheit zu uͤberſchreiten. Noch waͤhrend er ſprach, brachten mehrere Kundſchafter, welche beſtaͤndig die angrenzenden franzoͤſiſchen Bezirke durch⸗ ſtreiften, die Beſtaͤtigung ſeiner Worte; ſie —— hatten die Leichen der Erſchlagenen geſehen und gezaͤhlt. 3 Sir Giles feuriger, kriegeriſcher Geiſt ſtimmte ganz mit dem der Abenteurer uͤberein, und er hatte dieſe ſchon ofters gegen die Anfeindungen ſeiner Waffenbruͤder und anderer Hauptleute vertheidigt, wenn einige derſelben die Zuläſſig⸗ keit ihres Gebrauches beſtritten, obgleich Alle die Kuͤhnheit ihrer Thaten zugaben. Jetzt war Sir Giles im hoͤchſten Grade uber die Schaͤnd⸗ lichkeit der Bauern empoͤrt, und waͤhrend des obigen Berichtes ging er mit haſtigen Schrit⸗ ten in dem Gemache auf und nieder. Er ſchnaubte vor Wuth, raufte ſich den Bart mit ſeiner rechten Hand, und biß wild die Zähne zuſammen. Kaum hatte der Verwundete ſeine Erzaͤhlung geendet, als Sir Giles ſein Schwert aus der Scheide riß, deſſen Griff kuͤßte, und laut ausrief:„Nun, beim Himmel und der heiligen Jungfrau, und bei dem Kreuſe mei⸗ nes Schwertes, das geht die Ritterſchaft an, und ich ſchwoͤre es, das Blut dieſer Tapfern ſoll nicht ungerächt zum Himmel ſchreien. Gieb mir meine Ruͤſtung, Dudley, und laß meinen Rothſchimmel Runnhmede ſatteln; und wenn die uͤbrigen Abenteurer die Rache an dem Feinde wuͤnſchen, und Sir Giles Hungerford von dem Thurme als Fuͤhrer des Tages annehmen wol⸗ —— len, ſo ſchwoͤre ich feierlich, daß ich auf Frank⸗ reichs Boden fallen, oder die blutige That blu⸗ tig raͤchen will.“ „Waͤre es nicht gut, Sir, fragte Dudley, wenn Sie zu dieſer Unternehmung die Bewilli⸗ gung des Sir Gilbert Talbot erbaͤten?“ Dud⸗ ley entzog ſich keiner kriegeriſchen That, aber er hatte mehr ruhige Ueberlegung, als ſein wil⸗ der, ſtuͤrmiſcher Ohm. „Du magſt ſie nachſuchen, Knabe, entgeg⸗ nete Sir Giles; aber ich habe einen Eid ge⸗ ſchworen, und weder Bevollmachtigter noch Gebieter, weder Koͤnig noch Kaiſer ſoll mich in den Mauern Calais zuruͤckhalten, wenn die uͤbrigen Abenteurer heute noch einen Ausfall machen, und mich zu ihrem Fuͤhrer haben wol⸗ len. Deshalb ſage ich Dir nochmals, bringe mir meine ſchwarze Ruͤſtung von ſchwäbiſchem Stahl, denn es ſoll Pfeilgeſchwirre, und Schlaͤge mit der Streitaxt, und Lanzenſtoße und Schwerteshiebe geben, ehe dieſe braven Maͤnner zuruͤckkehren, ohne ſich geraͤcht zu haben.“ Dudleh kannte den Ritter zu gut, um ir⸗ gend einen Widerſtand gegen ſeine Entſchluͤſſe zu verſuchen, beſonders in einem ſo wichtigen Falle, daher verbeugte er ſich, und ging, als wolle er die Befehle ausrichten, doch ſtatt deſ⸗ ſen eilte er mit der groͤßten Schnelligkeit zu Sir Gilbert Talbot, und bat dieſen, in die Unternehmung zu willigen. Wie Dudley es ſeinem Oheime ſehr richtig geſagt, hatte ſich der Vefehlshaber nie durch Neid beſtimmen laſ⸗ ſen, ſeine Einwilligung zu aͤhnlichen Abenteu⸗ ern zu geben, ſondern hatte ſich nur die Dienſte eines ſo ausgezeichneten Ritters, als Sir Gi⸗ les, zu wichtigern Gelegenheiten ſichern wollen. „Bei der Meſſe, Maſter Dudley,“ entgegnete er dem Knappen, als dieſer die Urſache ſeines Kommens kund gethan, es kann mir nicht gefallen, daß ein ſo wuͤrdiger Ritter, als Euer Ohm, ſein Leben in dem Streite dieſer Aben⸗ teurer wagen, und den Koͤnig um einer ſolchen Urſache wegen dem Verluſte eines ſo tapfern Ritters ausſetzen will. Im Felde iſt er ſo ge⸗ horſam und tapfer, wie irgend ein braver Krie⸗ ger, der je ſein Roß gegen den Feind ſpornte, aber hinter den Waͤllen iſt er immer eigenwil⸗ lig und aufbrauſend, als koͤnnte man nur im Lanzengemenge Athem holen. Ich weiß nicht, was ein groͤßeres Wunder iſt; daß ein ſolcher Heißſporn funfzig Jahr alt werden konnte, oder daß ein Funfziger noch ein ſolcher Heiß⸗ ſporn iſt.“ „Aber mein Oheim, Sir, hat einen feier⸗ lichen Eid geſchworen, die Abenteurer noch die⸗ — 24— ſen Morgen hinauszufuͤhren, und hat das Kreuz ſeines Schwertes darauf gekuͤßt. Auch Sie ſelbſt ſind ein echter Ritter und ein Schmuck der Ritterſchaft, daher beſchwoͤre ich Sie, ihn nicht an der Ausuͤbung ſeines Geluͤbdes zu hin⸗ dern. Ich kann verbuͤrgen, daß er weit eher ſich die Sporen von den Hacken reißen ließe, als er auf die Erfuͤllung ſeines Geluͤbdes ver⸗ zichtete.“ „So mag er denn in Gottes Namen gehen, und das Gluͤck geleite ihn; doch Du, guter Dudley, bleib wie ein wachſamer Schildknappe in ſeiner Nahe. Und nimm funfzig Speere von der Leuchtthurm⸗Wache mit Dir, denn ich mag ihn der Tapferkeit dieſer Lollhaͤusler nicht anvertrauen.“ Mit innigem Danke fuͤr die nur ungern gegebene Einwilligung, eilte Dudley nach dem Thore zuruͤck, welches er mit einem wilden Haufen der Abenteurer umringt fand. Sie ſchwenkten ihre Fahne mit dem heiligen Georg, und ſchrieen laut:„Hungerford! Hungerford!“ Der heftige, beſtimmte Ton, in welchem Sir Giles ſeinen Entſchluß, ſie zur Rache zu leiten, ausgeſprochen hatte, und ſein dabei gethanes Geluͤbde, war ſchnell zu ihren Ohren gedrun⸗ gen, und von allen Seiten ſtroͤmten ſie herbei, ſtolz darauf, einen ſolchen Fuͤhrer gefunden zu —— haben. Ihr Geſchrei verkuͤndete die freudige Annahme ſeines Erbietens. Selbſt die Eile, mit der der Knappe nun zur Erfuͤllung von ſeines Oheims Befehlen ſchritt, konnte ihm deſſen Verzeihung fuͤr ſo ungewoͤhnlich langes Zoͤgern kaum verſchaffen. Die Einwilligung des Sir Gilbert Talbot ver⸗ kuͤndete er ihm wohl, doch huͤtete er ſich, der funfzig Speere zu erwaͤhnen, die der Befehls⸗ haber ihm mitzunehmen geſtattet. Er ſandte einen Freund ab, die funfzig Reuter zu erwäh⸗ len, die den Zug begleiten ſollten, beſorgte dann, daß Runnymede geſattelt werde, und half ſeinem Oheim bei Anlegung der Raͤſtung. Es gefiel dem Ritter, der mehrere vollſtaͤndige Ruͤſtungen in Stahl und Eiſen hatte, bei die⸗ ſer Gelegenheit eine ſchwarze anzulegen, die, wie ihr Name es ſchon verkuͤndete, im Aus⸗ lande gefertigt worden war. Aber er verſtand ſich auf Harniſche, wie die Ruͤſtungen damals genannt wurden, und hatte ſich daher einen Helm nach ſeiner eigenen Angabe verfertigen laſſen. Die beiden Träger und das Viſir wa⸗ ren hier auf eine neue Weiſe befeſtigt. Dieſer Kopfbedeckung von erprobter Guͤte vertraute er die Beſchuͤtzung ſeines Schaͤdels. Nachdem Dudley den Ritter gewappnet, ruͤſtete auch er ſich zum Gefechte; die funfzig Reuter waren ſchon — in der Straße aufgeſtellt, die Offiziere der Abenteurer hatten ihre Leute gemuſtert und ge⸗ ordnet, und der Zug begann ſeinen Marſch durch die Stadt nach dem boulogner Thore. Der Ritter, deſſen ganze Geſtalt in Eiſen gehuͤllt war, obgleich das aufgeſchlagene Viſir ſeinen grimmigen Blick und ſtarken Bart be⸗ merken ließ; ſein herrliches Schlachtroß, kaum weniger ſorgfaltig geruͤſtet, als deſſen Herrz ſein ſchoͤner Knappe, in glaͤnzenden Stahl ge⸗ kleidet; die funfzig wohlgeruͤſteten Reuter der Leuchtthurm⸗Wache, welche die Vorhut bilde⸗ ten, dies alles gewaͤhrte einen herrlichen An⸗ * blick und grellen Gegenſatz gegen die fuͤnf und zwanzig leichtgeruͤſteten Reuter der Abenteurer, zum Dienſt der Plaͤnkerer beſtimmt, und der zweihundert Bogenſchuͤtzen und Lanzenknechte, welche dieſen folgten. Wenn des ſchwarzen Boughtons Trompete in den Harniſch rief, ſo fand dies Gebot wenig woͤrtlichen Gehor⸗ ſam, denn nur Einzelne dieſer zuſammengelau⸗ fenen Rotte beſaßen einige Stuͤcke einer voll⸗ ſtaͤndigen Ruͤſtung, der Mehrzahl aber fehlte es an jeder Vertheidigungswaffe. Der Man⸗ gel der Uniformen, und die Verſchiedenheit ih⸗ rer Waffen, gab ihnen ein etwas banditenmä⸗ ßiges Anſehen, doch ſie marſchirten dabei in guter Ordnung; vor ihnen her flatterte ihre — Fahne mit dem heiligen Georg, und der ſchwarze Boughton blies ein luſtiges Stuͤckchen auf ſei⸗ ner Trompete. Es waren faſt alles große, ſchoͤne Leute, ihre Angriffswaffen im trefflich⸗ ſten Zuſtande, und ihre blitzenden Augen, ihre von Zorn geroͤtheten Geſichter, ihre zuſammen⸗ gebiſſenen Zaͤhne, bezeugten die Feſtigkeit ihres Willens, und daß ihre Herzen geſtaͤhlt waren, auch wenn ſie nicht unter einem ſtählernen Bruſtharniſch ſchlugen. Der Haufe der Freunde und des Pöbels, der ihnen bis zu dem bou⸗ logner Thore folgte, rief ihnen ein dreimaliges Lebewohl nach, als ſie die Stadt verließen, und lief dann auf die Wälle, ihnen mit dem Blicke ſo lange zu folgen, bis ſie die aͤußerſten Sugbruͤcken uͤberſchritten hatten, und der Zug ſich nun durch die oͤden Ebenen wand, welche das Meer begrenzen. Zweites Kapitel. Zum Tod berufen muß der Held in Staub Den Helm hinlegen; ſo ein Raub Des Augenblickes, ohne Säumen; Der kühnſte aller Gegner iſt der Tod, Den Panzer nicht, und Lanze nicht bedroht, Dem alle Tapferkeit das Feld muß räumen. ¹ Der Landſtrich, durch den die Krieger zogen, ſowohl, als ſie ſich der Grenze naͤherten, als wie ſie den Boden Frankreichs betraten, gab ein trauriges Zeugniß fuͤr die haͤufigen Ein⸗ fälle, denen die Bewohner beider Laͤnder aus⸗ geſetzt waren, ſo wie fuͤr den Zerſtoͤrungsgeiſt, der bei ſolchen Zuͤgen waltete. Zerſtoͤrte Doͤr⸗ fer, und die rauchgeſchwaͤrzten Ueberbleibſel niedergebrannter Schloͤſſer und Kirchen, traf man haͤufig auf dem Wege an. Die Bauern, welche das Feld beackerten, hingen ihre Waf⸗ fen uͤber den Pflug, und ſtellten ringsherum Wachen aus. Jedes Doͤrfchen hatte ſeine Lärmglocke, auf allen Hohen waren Laͤrmſtan⸗ gen aufgeſtellt, und man hatte ſich daruͤber wundern koͤnnen, daß ein Land, welches ſol⸗ chen Gefahren ausgeſetzt war, noch bebaut werde. Aber die meiſten Einwohner waren, wie die ſchottiſchen Grenzbewohner jener Zeit, faſt eben ſo oft der gewinnende als der verlie⸗ rende Theil bei dieſen immerwaͤhrenden Befeh⸗ dungen. Die Nachbarſchaft zwei ſo volkreicher Städte wie Boulogne und Calais, gab Gele⸗ genheit zu bedeutendem Schleichhandel, und da die Nothwendigkeit, dieſe Orte mit Schlacht⸗ vieh zu verſehen, die Weiden in der Regel wohlbeſetzt erhielt, ſo fehlte ſelten die Gelegen⸗ heit zum Pluͤndern bei den Streifzuͤgen der einen oder der andern Parthei. Menſchen ſo⸗ wohl, als Thiere wurden fuͤr willkommene Beute angeſehen; entweder bekam man fuͤr jene Loͤſegeld, oder man verkaufte ſie als Sclaven. Die Landbewohner vereinigten ſich bei ſolchen Unternehmungen, in der Hoffnung des Pluͤnderns, gewoͤhnlich mit den Soldaten, und waren in der That nur wenig beſſer, als unternehmende Freibeuter. Dabei hatten ſie die ganze Rohheit und Grauſamkeit, die ein ſolches Leben nothwendig erzeugen muß, und verdienten alſo kaum das Mitleid, das ein oberflächlicher Beobachter ihnen geſchenkt ha⸗ ben wuͤrde. —— Durch dieſen verwuͤſteten Landſtrich eilte Sir Giles Hungerford mit ſeinen Reutern vor⸗ wärts. Das Fußvolk ließ er zuruͤck, denn er wollte die ſchaͤndlichen Einwohner des Dorfes Ouaſte ſo bald als moglich uͤberfallen. Aber der Allarm erfolgte eben ſo ſchnell, als der Angriff, und ſie ſahen die Laͤrmſtangen bren⸗ nen, als ſie ſich naͤherten. Der Wind, der ihnen entgegenblies, trug den Klang der Laͤrm⸗ glocken in den Doͤrfern in der Ebene und jen⸗ ſeit der Huͤgel, zu ihnen heruͤber. Während ſie ſo vorwaͤrts ſtuͤrmten, hatten ſie ein Schau⸗ ſpiel, das Alle, beſonders aber die berittenen Abenteurer, zur hoͤchſten Wuth entflammte. Die Leichen ihrer Gefaͤhrten, welche den Tag vorher niedergemetzelt worden, waren auf dem Felde umher zerſtreut, oder in die Suͤmpfe geworfen, und ihr Anblick bezeugte nicht nur die grauſame Art ihres Todes, ſondern die niedrigen Beſchimpfungen, die ſie noch nach demſelben erfahren, und verrieth deutlich die abſcheuliche Wildheit, deren Opfer die Ungluͤck⸗ lichen geworden. Dieſer Anblick ſagte ihnen, daß ſie in der Nähe von Ouaſte ſeien. Raſch druͤckten ſie nun ihren Roſſen die Sporen ein, und ſprengten einen kleinen Huͤgel hinan; da ſahen ſie das Dorf dicht unter ſich liegen. Die maͤnnlichen Bewohner, welche den Grund die⸗ — 1— ſes Ueberfalls wohl ahnen konnten, wurden auf einem gegenuͤberliegenden Huͤgel in eiliger Flucht bemerkbar; ſichtlich ging ihr Streben dahin, Boulogne zu erreichen. Die Augen der Abenteurer ſpruͤheten Feuer bei dieſem Anblicke; ſie riefen Verwuͤnſchungen uͤber die Fluͤchtlinge herab, faßten ihre Waffen feſter, druckten den dampfenden Roſſen die Sporen ein, und jagten den Fliehenden noch eiliger nach. Der ſchwarze Boughton ſtieß in ſeine Trompete, daß die Luft erzitterte. Auch die Fluͤchtlinge hoͤrten den Ton, und als ſie ſich umſahen, den Grund deſſelben zu erſorſchen, und nun die Reuter erblickten, ſetzten ſie ihre Flucht mit verdoppel⸗ ter Eile, und allen Zeichen des Schreckens und der Verwirrung, fort. Raſend vor Wuth, und nach Rache duͤrſtend, jagten ihre Verfolger un⸗ ter lautem Geſchrei den Huͤgel hinab. Sie ſchienen viel eher auf einer Fuchshetze, als auf einem militaͤriſchen Marſche begriffen. Wolken von Staub ſtiegen wirbelnd unter den Hufen ihrer Roſſe auf, und in wenig Minuten hatten ſie das Thal erreicht, durch welches ein breiter, aber ſeichter Strom floß. Auch dieſer ver⸗ mochte ihrer Eile kein Ziel zu ſetzen, und hoch ſpritzte das Waſſer empor, als die Reuter durch das Bett des Fluſſes ſprengten. Dudley war zu edelherzig, um an der Niedermetzelung unbewaffneter Bauern Freude zu finden, ſelbſt wenn dieſe Strafe wohlver⸗ dient war, und nicht ohne Mitleid ſah er da⸗ her auf deren Anſtrengungen, ſich durch die Flucht zu retten. Er wußte es wohl, daß dies Bemuͤhen vergeblich war, und daß es ihre Strafe allenfalls verzogern, aber nicht verhin⸗ dern konnte. In der Bruſt des ſtrengen Sir Giles ſtiegen ſolche Gedanken nicht auf. Als die Reuter durch das Waſſer waren, erlangte er ſo viel Gewalt uͤber ſie, ſie auf einen Weg zu fuͤhren, der ſich unter dem Huͤgel hin wand. Seine Abſicht war, den Fluͤchtlingen in Errei⸗ chung der naͤchſten Anhoͤhe zuvorzukommen, und wirklich langte er auch auf deren Spitze in eben dem Augenblicke an, in welchem die flie⸗ henden Bauern von der andern Seite die Hohe erſtiegen. Ihnen blieb jetzt nichts, als auf ihre Knie niederzufallen, und um Gnade zu flehen. Die Abenteurer wollten eben auf ſie einſtuͤrmen, und Alle ihrer Wuth opfern, Sir Giles aber beſchuͤtzte ſie mit ſeinen Reutern, und erklaͤrte, daß ihnen, wenn ſie auch die groͤßten Boͤſewichter waͤren, dennoch volle Ge⸗ rechtigkeit werden, und nicht Einer beſtraft werden ſolle, der an der Metzelei des vergan⸗ genen Tages keinen Theil genommen habe. Die Wpian⸗ welche herbeigerufen wurden, — 56— hieruͤber zu entſcheiden, ſagten aus, daß alle die Gefangenen, ſieben und dreißig an der Zahl, Theilnehmer jener Grauſamkeit geweſen waͤren. Sogleich beſtimmte nun Sir Giles, daß Alle ſterben ſollten, ſobald das Fußvolk herangekommen ſei, um an dieſer feierlichen Rechtshandlung Theil zu nehmen. Vergebens bat Dudley, ſie als Sclaven zu verkaufen, oder ihr Leben auf jede Bedingung, welche die Abenteurer machen wollten, zu ſchonen. Der Ritter, ſonſt menſchlich und von feiner Sitte, zeigte ſich hier hart und unerbittlich. Wären ſie von edlerer Geburt geweſen, hätte er viel⸗ leicht den Gefuͤhlen der Menſchlichkeit Gehoͤr gegeben, aber er war ſo ſehr von dem Vorur⸗ theile ſeines Zeitalters beherrſcht, daß er die Bauern fuͤr wenig beſſer als die Thiere des Feldes achtete. Dabei glaubte er jetzt als gerechter Richter eine That der Pflicht zu uͤben, und der menſchlichen Geſellſchaft eine Wohlthat zu erzeigen, indem er ſie von einigen Schuften befreite. Als das Fußvolk herangekommen, erklaͤrte Sir Giles, weder er, noch des Koͤnigs Trup⸗ pen, wuͤnſchten das Richteramt zu uͤbernehmen, oder die beleidigten Abenteurer in ihrer gerech⸗ ten Rache zu ſtören. Deshalb zog er ſich mit ſeinen Leuten in einige Entfernung zuruck. I. 3 „ Die Abenteurer umzingelten hierauf ihre Schlacht⸗ opfer, fielen auf ein Signal von des ſchwar⸗ zen Boughtons Trompete uͤber ſie her, und zeigten ihnen heute nicht mehr Mitleid, als ſie ſelbſt am vergangenen Tage ausgeuͤbt. Doch da Einer ihrer eigenen Parthei, obgleich ohne den Willen der Moͤrder, dem allgemeinen Blutbade entgangen war, beſchloſſen ſie, aus einem Gefuͤhle natuͤrlicher Gerechtigkeitsliebe, auch einem der Bauern das Leben zu ſchenken. Dieſen ſetzten ſie dann auf ein fluͤchtiges Beu⸗ tepferd, und geboten ihm, nach Boulogne zu reiten, und dem dortigen Gouverneur in ihrem Namen zu verkuͤnden, ſie wuͤrden vom heutigen Tage an weder Mann, noch Weib, noch Kind, das in ihre Hände falle, verſchonen, ſo eine blutige, Rache fuͤr die ſchaͤndliche Behandlung des Kapitain Brearton und ſeiner Leute neh⸗ mend. Kaum war der Bauer mit dieſer dro⸗ henden Botſchaft entlaſſen, als die Abenteurer Ouaſte anzuͤndeten, und es bis auf den Grund niederbrannten. Dann kehrten ſie zu Sir Gi⸗ les zuruͤck, und baten, zu irgend einem neuen Unternehmen gegen den Feind, oder in deſſen Gebiet gefuͤhrt zu werden. Als der Ritter ſie in ſo guͤnſtiger Stim⸗ mung ſah, hoffte er, ſeinen Streifzug durch irgend eine glaͤnzende Waffenthat auszuzeichnen, — 35— willigte in ihr Begehr, und brach mit ihnen in der Richtung auf Montreuil auf. Jetzt nah⸗ men die Plaͤnkerer die Vorhut, und ſpaͤheten ihrer Gewohnheit nach uͤberall ſorgfaͤltig um⸗ her, ſowohl um einen Ueberfall zu verhuͤten, als um Beute zu entdecken. In dieſer letztern Hinſicht waren ſie ſo erfahren, und wurden ſie von ihren Bruͤder-Abenteurern ſo gut unter⸗ ſtuͤtzt, daß ſie eine bedeutende Beute an Ochſen und anderem Vieh machten, doch nicht, ohne weit von ihrer eigenen Grenze ab in das feind⸗ liche Gebiet zu ſchweifen. Sir Giles Hoffnung war geweſen, auf irgend eine Streifparthei der Franzoſen zu ſtoßen, unter Anfuͤhrung eines ausgezeichneten Hauptes, wie dies oft zu ge⸗ ſchehen pflegte. Mit einem ſolchen Anfuͤhrer hoffte er dann eine ehrenvolle Lanze zu brechen, und wohl gar, ihn als Gefangenen mit ſich nach Calais zu fuͤhren. Als aber kein ſolcher Gegner ſich zeigen wollte, und er berechnete, daß er kaum noch vor Anbruch der Nacht mit ſeiner Beute auf engliſches Gebiet gelangen konne, gab er Befehl zum Ruͤckmarſche. Mann und Roß waren durch die Laͤnge des Marſches und die Hitze des Tages gleich ſehr ermuͤdet, und da der Ort, an dem ſie eben waren, eine freie Ausſicht nach Montreuil gewaͤhrte, und durch einen waldbewachſenen 3* — 36— Huͤgel im Ruͤcken verdeckt ward, auch ein kla⸗ rer Bach, der Erfriſchung verſprach, hier vor⸗ uͤberfloß, gebot Sir Giles, Halt zu machen. Die Reuter fuͤhrten ihre Roſſe zu dem Bache; die Treiber trieben das erbeutete Vieh zu dem⸗ ſelben; die Krieger und Abenteurer nahmen ihre Helme und andere ſchwere Waffenſtucke ab, und ſtreckten ſich in dem Schatten einiger Espen und Pappeln auf den Boden. Hierauf nahmen ſie ihre Mahlzeit aus dem Torniſter, und wuͤnſchten ſich gegenſeitig Gluͤck zu der perſoͤnlichen Rache, die ſie an den Bauern ausgeuͤbt, oder berechneten, was ſie auf dem Markte von Calais fuͤr ihre Beute erhalten wuͤrden. 6 3 Als das Mahl beendigt war, und Sir Giles eben Befehl zum Aufbruche geben wollte, ſah er in der Richtung nach Calais zehn oder zwolf Ritter von Kopf bis zu den Fuͤßen ge⸗ harniſcht, uͤber den naͤchſten Huͤgel auf ſich zukommen. Als ſie ſeinen Haufen erblickten, hielten ſie, und machten ein Zeichen, wie wenn ſie Truppen hinter ſich haͤtten. Sogleich ertoͤnte eine Trompete, und zwei andere ant⸗ worteten in groͤßerer Entfernung. Sir Giles ließ haſtig ſein Viſir nieder, faßte die Zuͤgel ſeines Roſſes, ergriff ſeine Lanze, und rief zu⸗ gleich mit lauter Stimme:„Blaſ't, Trompe⸗ — — 3— ter, blaſ't! Zu Roß und Harniſch, zu Sat⸗ tel und Fahne! ſchnell auf, die Ihr gut und treu ſeid, und jeder an ſeine Stelle, denn dort kommen Franzoſen uͤber den Huͤgel, und nam⸗ hafte Lanzen, mit denen es einen ſchaͤrfern Tanz geben wird, als mit den Schuften, die ihr erſt zu Boden geſchlagen habt.“ „Glaubt mir, Sir, ſagte Dudley, es wuͤrde mir beſſer gefallen, blieſe der ſchwarze Boughton zum Entwappnen, oder zum Quar⸗ tier nach einem guten Turniere; denn nach der Pfauenfeder auf der Stirn ſeines Roſſes und demſelben Schmucke in des Ritters Helmbuſch, glaube ich, jener, in der blauen Ruͤſtung, iſt der Herzog von Vendome, und ich ſage dafuͤr gut, daß er ſich nicht ſo weit von Montreuil entfernt, ohne ein Gefolge an Reutern und Fußvolk bei ſich zu haben, wie es ſi Range geziemt.“ „Sei es, entgegnete der Ritter ſtolz; wir ſind zu alte Käͤmpfer, um durch ein Paar Speerſtoͤße erſchreckt zu werden; und wenn wir nur tapfer ſind, ſo gelingt es uns vielleicht, die Feder des Pfauenritters zu brechen, und ſeine Ruͤckkehr nach Montreuil zu verhindern.“ „Wenn er nicht vielleicht die unſrige nach Calais hindert, ſagte Dudley;“ doch ſein Oheim hoͤrte es nicht, denn er ritt durch die Reihen ſeiner Krieger, und ordnete ſie zum nahenden Kampfe. Des Schildknappen Vermu⸗ thung uͤber Namen und Stand des feindlichen Ritters auf jenem Huͤgel, war vollkommen begruͤndet. Der Bauer, den die Abenteurer mit ſo drohender Botſchaft nach Boulogne ab⸗ geſandt hatten, war noch nicht weit geritten, da traf er auf den Herzog von Vendome, der Graf Dammartin, und funfzehnhundert Reuter und achthundert Mann Fußvolk, begleiteten ihn. Er wollte eine Rekognoszirung gegen das engliſche ufer machen, und dann die Gegend um St. Omer mit Feuer und Schwert ver⸗ heeren. Dieſen beruͤhmten Anfuͤhrern theilte der Bauer die Nachticht von dem traurigen Schick⸗ ſale ſeiner Landsleute, und die beſchimpfende Botſchaft an den Gouverneur von Boulogne mit. Beides empoͤrte die Ritter gleich ſtark. Sie wollten die Grauſamkeit ihrer eigenen Bauern nicht entſchuldigen, aber die Rache der Englaͤnder, mit kaltem Blute, und unter dem Schutze eines Edelmanns und regulärer Trup⸗ pen veruͤbt, war in ihren Augen ungleich ſchlimmer, als die Wildheit der unwiſſenden Bauern. Da die Abenteurer uͤberdies laut er⸗ klaͤrt hatten, dieſe wilde Art der Kriegsfuͤhrung fortzuſetzen, ſo hoͤrten die franzoſiſchen Ritter mit Vergnuͤgen, daß der ganze Trupp derſelben — 39— ſich noch in der Nachbarſchaft befinde. So war die Hoffnung da, eine Bande Waghälſe zu uͤberfallen und zu vernichten, die ſich ſchon laͤngſt in alle den nahegelegenen franzoͤſiſchen Diſtrikten verabſcheut gemacht hatte. Durch den Bauer gefuͤhrt, brachen die Ritter ſogleich nach Ouaſte auf, und indem ſie von hier aus der Arriergarde des Sir Giles folgten, ſahen der Herzog und einige ſeiner Begleiter, welche dem ganzen Zuge vorausgeritten waren, den Gegenſtand ihrer Verfolgungen vor ſich, als ſie die Spitze jenes Huͤgels erreichten. Als ſich die franzoͤſiſche Kavallerie auf bei⸗ den Seiten des Gehoͤlzes ordnete, ſah Sir Giles wohl, daß es hier etwas mehr geben werde, als ein Paar Speerſtoͤße, wie er dies anfangs vermuthet; er ſah es ein, daß das Gefecht ein tollkuͤhnes Unternehmen ſei, daher blickte er ſorgfältig nach einer guten Stellung umher, den Angriff zu empfangen. In gerin⸗ ger Entfernung ruͤckwaͤrts bildete der Bach, in ſeinem Laufe gehemmt, einen breiten Sumpf, der ſich auf der einen Seite der Straße hinzog, waͤhrend die andere durch einen ſteilen Huͤgel und einen Teich geſchuͤtzt ward. Hier, wo er den Angriff der Reuterei beſſer abwehren konnte, nahm er ſeine Stellung. Als er ſeinen klei⸗ nen Trupp geordnet, und ſich ſelbſt in deſſen Mitte geſtellt hatte, redete er ihn mit folgen⸗ den Worten an:„Meine guten Krieger und Bruͤder, denn ſo will ich euch nennen, da ihr mich fuͤr den heutigen Tag zu eurem Anfuͤhrer gewaͤhlt habt;— ich habe euch in dieſe Ge⸗ fahr gefuͤhrt, und, bei Gott, ich will mit euch in derſelben untergehen, oder euch daraus erretten. Ihr heißt Abenteurer, Waghälſe;— jetzt iſt die Zeit gekommen, dieſen Namen zu rechtfertigen. Noch ſind eure Haͤnde, eure Schwerter, von franjoſiſchem Blute geröthet, und jene Reuter werden weder Pardon geben, noch Loͤſegeld nehmen. Kann irgend etwas jetzt noch unſer Leben retten„ ſo iſt es Gott und unſere eigene Tapferkeit. Daher laßt uns einander Treue ſchwoͤren; wenn ich mein Pferd wende, oder euch verlaſſen wollte, fordere ich euch auf, mich niederzuſtoßen.“ Als er geen⸗ det, beſchloß der ganze Haufe, ſich einen Weg durch die Reihen des Feindes zu bahnen, oder bei dem Verſuche zu fallen; dann fleheten Alle zu Gott um Vergebung ihrer Suͤnden, knie⸗ ten nieder, kuͤßten die Erde, und reichten ſich gegenſeitig die Haͤnde, mit dem Geluͤbde, bis zum letzten Blutstropfen Alle fuͤr Einen, und Einer fuͤr Alle zu ſtehen. Hierauf bereiteten ſie ſich zum Empfange des Angriffes, und er⸗ warteten dieſen nun in verzweiflungsvoller Ruhe. Als aber die Feinde, obgleich ſie ſich jetzt zu beiden Seiten des Holzes voͤllig geordnet hatten, noch immer keine Anſtalt machten, den Kampf zu beginnen, ſah Sir Giles es wohl ein, daß ſie ſich ihre Beute ſichern, und das Fußvolk, welches noch nicht heran war, ab⸗ warten wollten. Dieſe Vermuthung fand er beſtaͤtigt, indem er an die Trompeten dachte, welche er in weiterer Ferne gehoͤrt hatte. In der Hoffnung, der Vereinigung der Feinde noch zuvorzukommen, ſchlug er ſeinen Leuten vor, das Vieh vor ſich herzutreiben, und un⸗ ter dem Schutze des Staubes, den dies erre⸗ gen wuͤrde, den Wald zu erreichen zu ſuchen, wo ſie gegen die Angriffe der Reuterei noch mehr geſichert waͤren, als in ihrer gegenwaͤrti⸗ gen Stellung. Koͤnnten ſie ſich, fuͤgte er hinzu, zwiſchen den Bäumen nur bis zum Anbruch der Nacht halten, ſo duͤrften ſie hoffen, Alle zu entkommen, und in der Dunkelheit die Thore von Calais zu erreichen. Dieſer Vorſchlag ward mit dem lauten Geſchrei:„Vorwaͤrts! vorwaͤrts! St. Georg und Hungerford!“ beantwortet. Sie trieben das Vieh vor ſich her, und folgten demſelben mit aller Eile. Kaum aber hatten ſie einige hundert Schritte gemacht, als Sir Giles, dem die Hoͤhe ſeines Pferdes weiter zu ſehen geſtattete, als den Ueb⸗ rigen, eine große Menge Speere, mit einem Fähnchen in ihrer Mitte, an dem Saume des Huͤgels durch den Staub blitzend erblickte; als ſie die Hoͤhe herabzuſteigen begannen, ſah er noch einen zweiten Wald ſolcher Speere, mit einem zweiten Fähnchen in ihrer Mitte. Ob⸗ gleich die Leute des erſten Haufens durch den Staub unſichtbar gemacht wurden, und der zweite die Hoͤhe des Huͤgels noch nicht erreicht hatte, ſo ſah er doch aus der Bewegung ihrer Waffen, daß es Fußvolk ſei. Er fuͤrchtete jetzt, das Geholz nicht mehr vor dem feindli⸗ chen Angriffe erreichen zu koͤnnen, und rief daher ſeinen Leuten zu, ihre Eile zu ver⸗ doppeln. Einige Zeit ward dieſer Befehl mit der groͤßten Puͤnktlichkeit und Ordnung befolgt, doch bald war ihr Bemuͤhen durch einen Feind vereitelt, den ſie nicht erwartet hatten. Er⸗ ſchreckt, und durch Speerſtoße und Pfeilſchuſſe zuruͤckgetrieben, kam das Vieh wuͤthend von dem Huͤgel herabgeſturzt, und mit ſolcher Eile, ſolcher Heftigkeit, daß es alles vor ſich her niederrannte. Obgleich die meiſten der Aben⸗ teurer und Soldaten, welche auf dieſe Weiſe umgeworfen worden, ſich bald wieder auf den Beinen befanden, ſo war doch fur einen Augen⸗ blick Unordnung in ihren Reihen entſtanden. — 4— Dies benutzte der Feind, und wäͤhrend der erſte Haufe ſeines Fußvolks ſie von vorn angriff, fiel die Reuterei zu gleicher Zeit beide, jetzt unbedeckte Seiten an. Die ganze Maſſe der Franzoſen ſtuͤrmte unter dem Rufe: St. De⸗ nis und Vendome!“ auf ſie ein, ſie aber ant⸗ worteten mit dem lauten Geſchrei:„St. Ge⸗ org und Hungerford!“ Das Handgemenge ward nun fuͤrchterlich. Franzoſen und Englaͤnder, Reuter und Fußvolk, Menſchen und Vieh war wild durch einander gewirrt, und in dem undurchdringlichen Staube waren Freund und Feind gleicher Gefahr aus⸗ geſetzt. Das Gebruͤll des Viehes, das Ziſchen der Pfeile, das Geſchrei der wuͤthenden Kaͤm⸗ pfer, und das Schmettern der Trompeten, machten jeden Verſuch, irgend einige Ord⸗ nung wieder herzuſtellen, durchaus vergeb⸗ lich. Ohne die Hoffnung, gegen einen ſo uͤberlegenen Feind, und unter ſo vielen un⸗ guͤnſtigen Umſtaͤnden mit gluͤcklichem Erfolge zu fechten, hielten die Abenteurer doch tapfer zu⸗ ſammen und thaten dem Feinde man hen Scha⸗ den, ſo lange ſie ihre Bogen gebrauchen konn⸗ ten, und die Ordnung in ihren Reihen noch nicht ganz gebrochen war, dann aber fiel Einer nach dem Andern unter den Streichen der Feinde, und ihr immer ſchwächer und ſchwaͤ⸗ cher toͤnendes Kriegsgeſchrei verkuͤndete die Ver⸗ minderung ihrer Zahl. Als der Herzog von Vendome dies ſah, ritt er mit ſeiner Leibwacht umher, und rief mit lauter Stimme:„Tod den Abenteurern, Pardon den Rittern und Krie⸗ gern!“ Dieſer Befehl ward puͤnktlich beachtet, und beſchleunigte das Ende der Erſteren, waͤh⸗ rend einige der funßzig Reuter der Leucht⸗ thurm⸗Wache ſich willig zu Kriegsgefungenen ergaben. Der kuͤhne Sir Giles— welcher jede Schlacht bis zu Ende kaͤmpfte, und ſich noch uͤberdies durch ſein Geluͤbde verpflichtet fuͤhlte, mit den Abenteurern zu ſtehen oder zu fallen, dachte nicht daran, den angebotenen Pardon anzunehmen, ſondern ſchwang noch immer wild ſein Schwert. Sein gutes Roß hatte ihn bis hieher tapfer unterſtuͤtzt, und durch die Feinde getragen, wild mit den Ruͤſtern ſchnaubend, und mit den Vorderhufen um ſich ſchlagend, als wolle es jeden Widerſtand zu Boden ren⸗ nen; einmal erfaßte es ſogar ein franzoſiſches Roß mit dem Gebiſſe bei den Ohren, und hielt es feſt, bis Sir Giles deſſen Reuter erlegt hatte, doch durch den Blutverluſt aus mehre⸗ ren Speerwunden erſchoͤpft, ſank Runnymede endlich kraftlos unter ſeinem Reuter zuſammen. Aber ſelbſt jetzt noch ſchien das edle Thier uͤber — die Gefahr ſeines Herrn beſorgt, und richtete ſich auf den Hanken empor, als wolle es Sir Giles mit den Blicken verfolgen. Noch einen Verſuch machte es, ſich zu erheben, doch dieſe Anſtrengung raubte ihm den letzten Reſt ſeiner Kraͤfte, es ſank zuruͤck, und— war todt. In gutes, erprobtes Stahl gehuͤllt, mit un⸗ verminderter Kraft nach allen Seiten Streiche austheilend, ſchwang ſich Sir Giles in den Sattel eines Roſſes, deſſen Reuter er getödtet. Taub gegen die Stimme Dudleys, der ihm auf den Ferſen folgte, und ihm beſtaͤndig zurief, daß er jetzt auf dem ganzen Felde nur noch der ein⸗ zige Kaͤmpfende ſei, ſtrebte Sir Giles nur, den Herzog von Vendome zu erreichen, der ſowohl durch die Pracht ſeiner Ruͤſtung, als durch die Pfauenfeder auf dem Kopfe ſeines Roſſes und auf ſeinem Helme, kenntlich war. Offenbar entſchloſſen, mit den Abenteurern zu enden, ſchien Sir Giles ſeinen Tod durch den des be⸗ deutendſten ſeiner Feinde auszeichnen zu wollen. Mit unglaublicher Anſtrengung hatte er ſich wirklich bis auf Schwerteslaͤnge zu dem Her⸗ zoge hindurchgearbeitet, und hob ſchon ſeinen Arm, ihn anzugreifen, da traf ein Schlag mit einer Streitaxt ſein Viſir, und es ſprang auf. Haſtig griff er danach, ſich das Geſicht wieder zu bedecken, aber der ganze Helm, obgleich nach „ einer eigenen Art und ſeiner beſondern Angabe verfertigt, blieb ihm in der Hand, und dies unerwartete, ihm unerklärliche Ereigniß, be⸗ raubte ihn fuͤr einen Augenblick ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Geiſtesgegenwart. Noch ehe er dieſelbe wieder erlangte, ward er in dem unbedeckten Geſichte durch einen Pfeil gefährlich verwundet. Er taumelte, als er den Schuß empfing, und ſtuͤrzte dann zu Boden, und ſicher hätte er un⸗ ter den Streichen der Feinde, welche von allen Seiten auf ihn einſtuͤrmten, ſein Leben geen⸗ det, haͤtte nicht Dudley die Streiche abgewehrt und laut gerufen:„Quartier und Loͤſegeld fuͤr Sir Giles Hungerford von dem Thurme!“ Obgleich des Ritters letzte Anſtrengungen ſicht⸗ lich dem Herzoge von Vendome galten, ſo be⸗ wunderte dieſer doch deſſen ungezuͤgelte Tapfer⸗ keit deshalb nicht minder, und gab großmuͤ⸗ thig nicht nur Befehl, des Ritters Leben zu ſchonen, ſondern auch, ihn mit aller Sorgfalt nach Montreuil zu bringen, und ihn dort ſei⸗ nem eigenen Wundarzte zu uͤbergeben. Es wurde ein Wagen fuͤr den Ritter herbeigeſchafft, und die Gefangenen begannen dann unter hin⸗ laͤnglicher Bedeckung ihren traurigen Marſch nach Montreuil. Dudley, welcher das Gluͤck gehabt, nur eine leichte Pfeilwunde in den Arm zu bekommen, ging an der Seite ſeines Oheims. Der Herzog und der uͤbrige Theil der Franzo⸗ ſen ſchlugen die entgegengeſetzte Richtung ein, um ihre feindlichen Abſichten gegen die Umge⸗ bungen von St. Omer nun noch auszufuͤhren. Mit der ganzen Heftigkeit, welche in ſei⸗ nem Weſen lag, hatte der Ritter gleich an⸗ fangs verſucht, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen, hatte dabei den Schaft von der eiſer⸗ nen Spitze abgebrochen, und dieſe war in ſei⸗ nem Geſichte ſtecken geblieben. Doch obgleich der Schmerz der Wunde heftig ſein mußte, ſchien er ihn uͤber dem Eifer gaͤnzlich zu ver⸗ geſſen, mit dem er den Grund anzugeben ſtrebte, weshalb er ſie bekommen. Dabei verwuͤnſchte er den Waffenſchmidt, welcher den Helm ver⸗ fertigt, denn allein deſſen ſchlechter Arbeit ſchrieb er das Ungluͤck bei. Obgleich ſich ſeine Erfin⸗ dung im Augenblicke der Gefahr nicht als zweck⸗ maͤßig erwieſen, obgleich er bedeutende Schmer⸗ zen auszuſtehen hatte, wollte er doch an der Trefflichkeit des Helmes nicht zweifeln, und haͤtte er auf der Stelle das Gefecht noch ein⸗ mal beginnen, ſeine Sicherheit noch einmal dieſer Kopfbedeckung anvertrauen koͤnnen, er wuͤrde nicht einen Augenblick gezoͤgert haben. „Es war eine boͤſe Stunde, Sir,“ ſagte Dud⸗ ley, indem er neben ſeinem Oheim herging, „und ein uͤbles Beginnen, als Sie die alte — 28— Art der Ruͤſtung abaͤnderten. Ich dachte mir es immer, daß ein Schlag mit einem Streit⸗ kolben oder einer Streitaxt, das Viſir herab⸗ werfen koͤnne, und zitterte bei dem Gedanken, daß Sie Ihren Irrthum ſo theuer bezahlen ſollten.“ „Gottes Tauſend, Kerl,“ ſchrie der Ritter, indem er ſich in dem Wagen in die Hoͤhe rich⸗ tete,„was willſt Du mit Deinem Jrrthum? Ich ſage Dir, Du Gelbſchnabel, es iſt die trefflichſte Erfindung, und ohne die ſchlechte Arbeit des Schuftes von einem Waffenſchmidte, (wofuͤr der Henker ſein Genick brechen moge) wuͤrde der Helm den ſtärkſten Schlaͤgen eines zweiſchneidigen Schwertes widerſtanden haben. Im Irrthum, Du Lump! Als unſer tapferer Koͤnig im Turniere mit dem Herzoge von Suf⸗ folk eine neue Ruͤſtung verſuchte, das Viſir in dem Gelenke ſtockte, ſein Geſicht faſt unbedeckt blieb, und der Herzog ihm mit ſolcher Heftig⸗ keit gegen den Helm rannte, daß ſeine Lanze von dem Ruͤckſtoße ſplitterte, und das Leben ſeiner Hoheit dadurch einer großen Gefahr aus⸗ ſetzte, bewies ich ihm, haͤtte er einen meiner Helme aufgehabt, ſo haͤtte er nie einem aͤhn⸗ lichen Mißgeſchicke ausgeſetzt werden koͤnnen. Noch an eben dem Tage borgte ſich des Koͤnigs Waffenſchmidt meinen Helm zum Muſter.“ „Haͤtte er ihn doch behalten,“ ſagte Dud⸗ ley⸗„und verſchmiedet, ſo wuͤrden Sie heut einen von der guten alten Art getragen, und dieſe ſchlimme Wunde nicht bekommen haben.“ „Schweig, Knabe; das iſt nur, als ob ein altes Schlachtroß einen Spornſtoß bekoͤmmt. Ich habe ſchon eher einen Pfeil in meinem Fleiſche gefuͤhlt.— Es wird beſſer ſein, wenn es ſich ganz ausblutet. Aber, die Wahrheit zu ſagen, mein Bart iſt ſchon voll, und ich werde es daher uͤber den Wagen traͤufeln laſſen.„ Wer das finſtere Geſicht des Sir Giles und die Pfeilſpitze in der Wunde geſehen haͤtte, wie er ſich uͤber die Seite des Wagens bog, und ihm das Blut dabei uͤher den Bart lief, und auf den Weg rann, der haͤtte glauben muͤſſen, der Ritter ſei auf ſeinem letzten Wege, und ſeine Gedanken waären auf einen Prieſter und das Jenſeit gerichtet. Hoͤrte man aber ſeine Worte, ſo mußte man glauben, er ſei vollkommen geſund, und ziehe irgend einem Turniere, irgend einer tapfern Waffenthat ent⸗ gegen, denn er ſprach von nichts als Kampf und Streit, im Felde oder in den Schranken. Alles aber brachte er auf ſeine eigenen ruͤhm⸗ lichen Thaten zuruͤck, und beſonders, auf ſeine Erfindung, das Viſir zu befeſtigen.„War es nicht im zweiten Jahre ſeiner Regierung,“ ſagte J. 4 er zu Dudley,„und zur Zeit des Pfingſtfeſtes, als der Konig, der damals in ſeiner koniglichen Wohnung zu Greenwich war, alle Edelleute herausforderte, mit ihm und ſeinen beiden Ge⸗ fährten in den Schranken mit Speer, Schild und Schwert zu fechten, bis jeder von ihnen zwoͤlf Gaͤnge mit dem weiſchneidigen Schwerte gemacht habe? Ich war einer der Gegner, und wahrlich, der Foͤnig ſtritt ſo tapfer, daß er ine Feinde faſt uͤberwunden haͤtte; bis ich den F zwiſchen ſeinen Schienen benutzte. Er ließ deshalb ſeine Ruͤſtung abaͤndern.“ „Ich war damals nur noch ein Fnabe, entgegnete Budleh,„ doch wenn ich nicht irre, habe ich Sie dieſes umſtandes erwähnen hoͤren⸗ Hätte er hinzugeſetzt„einige zwanzig Male,“ ſo wuͤrde er nicht uͤbertrieben haben, denn ob⸗ hleich der Ritter ſonſt kein Schwätzer war, ſo ergriff er doch gern jede Gelegenheit, von ſeinen Verbeſſerungen der Ruͤſtungen zu ſprechen. „Das war ein ſchoͤnes, glaͤnzendes Turnier, fuhr Sir Giles fort, welches die gute Koͤnigin Katharina von Arragonien zu Havering ausſchrieb. Die Verſammlung der Damen war groß und glaͤn⸗ zend; Lord umfreville brach damals bei dem Falle von ſeinem Pferde das Bein, und der Herzog von Suffolk rannte ſeine Lanze mit ſolcher Heftigkeit gegen das Viſir des Sir Fran⸗ 5— cis Bryan, daß er ihm das Auge ausſtieß. Nach der Ausſage der Kampfrichter waren vier⸗ hundert und ſechs Lanzen gebrochen worden. Ehe Sir Francis Wunde verbunden wurde, gab ich ſeinem uͤbrigen Auge meine verbeſſerte Art des Viſirs zur Anſicht.„Gottes Gnade,“ rief er aus,„Sir Giles, weshalb habt Ihr mir das nicht fruͤher gezeigt; dann hätte ich viel⸗ leicht den Preis gewonnen und mein Auge be⸗ halten, jetzt aber iſt mir Beides verloren.“ „Beim Himmel, rief Dudley, ich wuͤnſchte, Sie haͤtten heut' einen alten Helm St. Cris⸗ pins, der ſchon in der Schlacht von Azincourt ſeinen Dienſt that, aufgehabt, ſtatt dieſer Kopf⸗ bedeckung mit allen ihren Verbeſſerungen. Ich glaube wahrhaftig, die Wunde blutet ſtaͤrker, als zuvor, und Sie koͤnnen Ihr beſtes Blut hier auf der Straße laſſen, ehe wir die Zug⸗ bruͤcke von Montreuil erreichen. Ich bitte Dich, ehrlicher Kerl,“ redete er den Fuhrmann fran⸗ zoͤſiſch anz„treibe Deine Thiere zu groͤßerer Eile, und Du ſollſt einige Silberlivres in Deine Laſche ſtecken, denn Dein Gefangener iſt ein Edelmann und ein Ritter, und bedarf der bal⸗ digen Huͤlfe von des Herzogs Wundarzt.“ „Schweig, Burſche! rief der Ritter heftigz ein wenig Blut kann bald den Bart eines Mannes in eine rothe Fahne verwandeln. Ich ſage Dir, meine Wunde iſt nichts, obgleich es ein Elend iſt, daß ich die Spitze nicht her⸗ ausbekam, daß der Pfeil in meiner Hand zer⸗ brach; ich ſchließe daraus, daß er weder von Eſchenholz, noch von Ahornbaum, noch von Eibenholz war, ſondern von Weiden oder Tan⸗ nen. Denn das iſt die Gewohnheit dieſer Franzoſen, die weder die Pfeile gut zu verfer⸗ tigen, noch gut zu ſchießen wiſſen. Es giebt wahrlich keine beſſern Bogenſchuͤtzen, als unſere Engliſchen; ſelbſt unſere Nachbarn, die Schot⸗ ten, duͤrfen ſich nicht mit ihnen meſſen, obgleich auch ſie ſehr gut ſchießen. Davon war ich Augen⸗ zeuge in der Schlacht bei Flodden⸗Hill; als unſere Geſchuͤtze alle Steine verſchoſſen hatten, ruͤckten die Bogenſchuͤtzen vor, und bedienten ſich ihrer Waffen ſo tapfer, ſo geſchickt, daß ſie die Helme durchbohrten, ſelbſt die Lanzen zerſchmetterten, und die leichter Geruͤſteten durch und durch ſchoſſen. Mein guter Freund, Sir Lionel Fitzmaurice, der in jener Schlacht mein Leben rettete, und daruͤber beinahe ſein eigenes einbuͤßte, verſicherte mir, er habe einen Pfeil einen unbewaffneten Bauern durchbohren, und nachher noch ſo raſch durch die Luft flie⸗ gen ſehen, als habe er noch keinen Todten hinter ſich niedergeworfen. Das moͤchte ich aber faſt meiner neuen Art, die Pfeile zu ſpiz⸗ zen, nßhrihe⸗ die damals zuerſt in Gebrauch kam.“ „Ich habe gehoͤrt,“ entgegnete Dudiey, welcher ſeinem Oheim einen Gefallen erzeigen wollte, indem er ihm Gelegenheit gab, ſein Lieblingsgeſpraͤch fortzuſetzen,„oder ich erinnere mich vielmehr, in einer Beſchreibung jener gro⸗ ßen Schlacht von Flodden oder Bramſten⸗Hill geleſen zu haben, kaum haͤtten die Trompeten das Zeichen zum Beginn der blutigen Schlacht gegeben, ſo habe auch die Artillerie beider Theile mit ungeheurem Geraͤuſche, Feuer und Flammen geſpieen, doch habe der Geſchutz⸗Mei⸗ ſter der Englaͤnder den Geſchuͤtz⸗Meiſter der Schotten geſchlagen, und alle ſeine Leute, welche die Stuͤcken bedienten, getoͤdtet, ſo daß die Geſchuͤtze der Schotten den Englaͤndern kei⸗ nen Schaden zufuͤgten, dieſe aber ihre Geſchoſſe in die Reihen der Schotten ſchleuderten, und viele derſelben erſchlagen wurden; es ſcheine demnach, als wenn die Stuͤckknechte des Gra⸗ fen von Surrey eben ſo wichtige Dienſte ge⸗ leiſtet, eben ſo viel Theil an dem glaͤnzenden Tage des Sieges gehabt haͤtten, als die Bo⸗ genſchuͤtzen. „Auf eine gewiſſe Entfernung ſtimme ich Dir bei, erwiderte Sir Giles, aber auf gerin⸗ gere Entfernungen ſind die engliſchen Bogen⸗ ſchuͤtzen im Angriffe immer furchtbar geweſen. Dieſe Pulvermaſchinen gefallen mir nicht, Dud⸗ leh, und ich ſehe es voraus, daß ſie, ehe eine lange Zeit vergeht, das Ritterthum ſtuͤrzen werden. Verwuͤnſcht ſei der glatzkoͤpfige Moͤnch, der dieſe holliſchen Koͤrner erfand, und Mißge⸗ ſchick treffe jeden Schmidt, der eine neue Ma⸗ ſchine dieſer Art verfertigt. Doppelhaken und Arquebuſen und andere Handgeſchuͤtze, waren noch nicht genug, ſondern wir muͤſſen auch noch ſchweres Geſchuͤtz von allen Gattungen haben, Falkonets, Feldkatzen, Feldſchlangen, Baſilisken, Culverins, und Gott weiß was noch alles, außer der großen Kanone des Koͤnigs, welche drei Klafter lang iſt, und Steine ſchießt, ſo dick, als ein Pfennigsbrod. Dudley, Dudley, das kann nicht gut fuͤr ech⸗ tes Ritterthum ſein, zu deſſen beſcheidenen Mitgliedern ich mich ſelbſt zaͤhle, wenn kuͤhne Herzen und kraͤftige Glieder fuͤr nichts mehr gelten, und feige Schufte Schlachten gewin⸗ nen koͤnnen, indem ſie Schwefel in eiſerne Roͤhren ſtopfen.“ Bisher war Sir Giles mehr als gewoͤhn⸗ lich mittheilend geweſen, ſowohl wegen des Vergnuͤgens, das er darin fand, von ſeinen Erfindungen zu ſprechen, als auch, um ſeinen Feinden zu zeigen, daß ſein Mißgeſchick ihn — 55— nicht ganz entmuthigt habe, und ſogar, um ſeinen eigenen Wunden zu beweiſen, daß ſie ihn nicht zum Stillſchweigen zu bringen ver⸗ moͤchten. Dies letztere mag thoricht und uͤber⸗ ſpannt erſcheinen, doch er betrachtete die fran⸗ zoſiſche Pfeilſpitze, welche in ſeinem Fleiſche ſaß, wie einen lebenden Feind, der ſein Blut ſog, und der des Ritters Glauben nach trium⸗ phiren wuͤrde, ſaͤhe er ſein Opfer den Schmer⸗ zen erliegen. Lange Zeit hatte er deshalb ge⸗ gen ſeine Leiden mit wahrem Stoicismus ge⸗ kaͤmpft, doch die Kraͤfte ſeines Koͤrpers, nicht die ſeiner Seele, begannen ihn zu verlaſſen⸗ Er hoͤrte auf zu ſprechen, weil er fuͤrchtete, dieſe Anſtrengung koͤnne ſeine gaͤnzliche Erſchoͤ⸗ pfung beſchleunigen. Den Reſt ſeiner peinvol⸗ len Reiſe legte er ſchweigend zuruͤck, und als die Bedeckung mit den Gefangenen zu Mon⸗ treuil anlangte, konnte der ermattete Sir Gi⸗ les nicht nur nicht ſtehen, ſondern vermochte kaum, irgend etwas von dem wahrzunehmen, was um ihn her vorging. Da man wußte, daß er ein ausgezeichneter Ritter ſei, und ſeine Begleiter des Herzogs Befehl, ihn gut zu behandeln, puͤnktlich wie⸗ derholten, begegnete man ihm hoͤchſt menſch⸗ lich, ſogar achtungsvoll. Man wies ihm in dem Hauſe des Gouverneurs eine Wohnung an, ſein Knappe erhielt die Erlaubniß, zu ſei⸗ ner Pflege bei ihm zu bleiben, und der beſte Wundarzt des Ortes ward ſogleich zu ſeinem Beiſtande herbeigeholt. Ruhe und Erftiſchun⸗ gen gaben ihm bald einen Theil ſeiner verlore⸗ nen Kraͤfte wieder, doch als er entwappnet wurde, zeigte es ſich, daß der Schlag mit der Streitaxt ihn zugleich in den Kopf gefaͤhr⸗ lich verwundet habe, obgleich ihm keine Klage deshalb entſchluͤpft war. Die Pfeilſpitze in ſeiner Wange hatte Widerhaken, und war in den Knochen eingedrungen. Daraus war das Abbrechen des Schaftes bei dem erſten hefti⸗ gen Verſuche, ihn herauszuziehen, ſehr erklaͤr⸗ lich, und es blieb noch hoͤchſt zweifelhaft, ob die Bemuͤhungen des Wundarztes einen gluͤck⸗ licheren Erfolg haben wuͤrden. Verzug ſchien gefaͤhrlich, und da Sir Giles ſich am folgen⸗ den Tage ſehr ungeduldig zeigte, auch kraͤftig genug zu der Operation ſchien, ſo ward ein Verſuch gemacht, das Eiſen aus der Wunde zu ziehen. Doch es hatte ſich, des Widerha⸗ kens wegen, ſo feſt in den Knochen geſetzt, oder, was faſt noch wahrſcheinlicher iſt, die Inſtrumente jener Zeit waren zu unvollſtaͤndig, die Wundarzneikunſt ſelbſt noch zu weit zuruͤck, kurz, nachdem er manche Tortur ausgeſtanden hatte, erklaͤrte es der Wundarzt fuͤr zu gefahr⸗ lich„den Verſuch noch länger fortzuſetzen. Die Natur, ſagte er, muͤſſe ſich nun ſelbſt helfen, er fuͤgte Beiſpiele hinzu, in welchen aͤhnliche Wunden ſehr ſchnell geheilt waren, und die Verwundeten das Eiſen mit ſich zu Grabe ge⸗ tragen hatten, ohne mehr als zufaͤllige Unan⸗ nehmlichkeit davon zu haben. Selbſt wenn hier die Sache zum Nachtheile des Ritters ausfallen ſollte, ward es doch fuͤr vergeblich erklaͤrt, ihm noch fernere Schmerzen zu verur⸗ ſachen.* Nach zwei oder drei Tagen waren alle Zei⸗ chen ſo bedenklich geworden, daß nur noch Sir Giles allein Hoffnung zur Beſſerunß hatte. Er hatte die Ueberzeugung, daß die Franzoſen keine guten Pfeile zu verfertigen wuͤßten, und daß ſo ungeſchickte Schuͤtzen wie ſie, nur ſel⸗ ten toͤdtlich verwunden koͤnnten; er mochte da⸗ her nicht glauben, daß er von ſeinem Irrthume uͤberfuͤhrt werden ſolle, am wenigſten aber durch ein Beiſpiel an ihm ſelbſt. Es ſchien ihm eine Art von Ungehorſam, deſſen ſich ſein Koͤrper ſo gegen ſeinen Geiſt ſchuldig mache, und mochte er daher noch ſo viel ausſtehen, er ſchrieb alle Schmerzen der Wunde, welche die Streitaxt ihm geſchlagen, zu, nicht aber dem Pfeile. Die Natur entſchied entgegenge⸗ ſetzt. Seine Wunde ward taͤglich ſchlimmer, Fieber und Entzuͤndung machten reißende Fort⸗ ſchritte; es ſtellten ſich unzweideutige Zeichen des ſchlimmſten Ausganges ein, und der Wundarzt hielt es zuletzt, nachdem er die Un⸗ moͤglichkeit, den Pfeil herauszuziehen, beklagt, fuͤr ſeine Pflicht, Sir Giles zu fragen, ob er darauf gefaßt ſei, an ſeiner Wunde zu ſterben. „Nein, Sir Arzt, entgegnete der Ritter mit einem Blicke, der ungleich mehr Stolz verrieth, als ſeine ſchwache Stimme; und ich will keine Luͤge auf mich laden, um Sie zu verpflichten. Leicht koͤnnen Sie ſagen, daß endlich ein engliſcher Ritter durch einen fran⸗ zoͤſiſchen Bogenſchuͤtzen getoͤdtet worden iſt, doch Sir Giles Hungerford von dem Thurme, wird ſich nie dazu hergeben, eine ſolche Fabel zu glauben. An dem Schlage mit der Streit⸗ art will ich noch in dieſer Stunde freudig ſter⸗ ben, wenn es dem Himmel ſo gefaͤllt; aber fehlte mir weiter nichts, als daß ich das Stuͤckchen Eiſen hier in der Backe habe, ſo wollte ich darauf wetten, in drei Tagen mit dem beſten franzoſiſchen Ritter zu kaͤmpfen, zu Roß oder zu Fuß, im Felde oder in den Schranken, mit Lanze, Schwert und Kolben.“ Der franzoͤſiſche Wundarzt zog die Augen⸗ brauen zuſammen, zuckte mit den Schultern, und geſtand, Sir Giles habe die Freiheit, ſei⸗ — 650— nen Tod jeder beliebigen Wunde zuzuſchreiben, doch hielte er es fuͤr ſeine Pflicht, ihm noch⸗ mals zu erklären, daß ſein Ende nahe ſei. „Dann bedarf ich Eurer fernern Geſellſchaft wenig, ſagte Sir Giles finſter; doch muß ich wirklich meine Gebeine in franzoͤſiſche Erde legen laſſen, ſo bitte ich wenigſtens, Herr Gallier, daß Ihr Euren Landsleuten nicht ſagt, ich waͤre durch einen franzoſiſchen Bo⸗ genſchuͤtzen getödtet worden, denn es iſt nicht wahr, und ſoll nicht wahr ſein; und es wuͤrde nur ſchmerzlich ſein, mich ſo verleumdet iu — Der Wundarzt legte beide Pände auf die Bruſt, verneigte ſich tief, und verließ das Zim⸗ mer, ohne etwas zu erwidern; doch ehe er ging, zuckte er noch einmal mitleidig die Schultern uͤber die ſonderbare Einbildung des Kranken. Bald nachdem der Wundarzt ſich entfernt hatte, trat Dudley in das Gemach. Er ſetzte ſich an ſeines Oheims Bett, dieſer aber reichte ihm die fiebergluͤhende Hand und ſagte:„Poyns, mein guter Waffengefaͤhrte und treuer Knappe, denn als ſolcher haſt Du Dich jetzt, und bei jeder andern Gelegenheit gezeigt, der Wund⸗ arzt ſagt, daß ich ſterben ſoll, und zwar, was ich nimmermehr geglaubt haͤtte, an jenem Schlage mit der Streitaxt. Ich habe auch — 60— wirklich ein leiſes Vorgefuͤhl, welches mir ſagt, daß das Turnier meines Lebens bald geendigt, und ich zu meiner letzten Wohnung eingehen werde; daher gieb wohl acht auf das, was ich Dir jetzt ſage, und ſorge dafuͤr, daß meine letzten Befehle und Wuͤnſche genau erfuͤllt wer⸗ den. Es iſt Dir wohl bekannt, daß mein treuer Freund, Sir Lionel Fitzmaurice, mir in der Schlacht von Flodden das Leben rettete; fuͤr die dabei bewieſene Tapferkeit ward er auf der Stelle zum Ritter geſchlagen. Du weißt auch, daß mein Verwandter, Lord Hungerford, in uͤblem Rufe ſteht, und ein Flecken unſeres Geſchlechtes iſt; deshalb mag ich ihm die Sorge uͤber mein Vermoͤgen nicht anvertrauen. Was Dich betrifft, ſo haſt Du ſchon eine reiche Erbſchaft zu erwarten, und wirſt durch die Lochter des Sir Euſtach Poyns, Deine Ver⸗ lobte, noch mehr erhalten. Deshalb habe ich in meinem letzten Willen feſtgeſetzt, daß, wenn Dein Vetter Cecil, mein einziges Kind, ohne Nachfolger ſterben ſollte, mein ganzes Vermoͤ⸗ gen, Land und Leute, Schloͤſſer und Burgen, auf Sir Lionel Fitzmaurice falle, als Dank fuͤr das, was er bei Flodden fuͤr mich gethan. Ihm habe ich die Ordnung aller meiner Ange⸗ legenheiten in England anvertraut, deshalb räͤumte ich ihm mein Stammhaus zu dem —— Thurme ein. Ich weiß auch, daß er ein gu⸗ ter Soldat und tapferer Krieger iſt, daher uͤber⸗ trug ich ihm die Erziehung meines Knaben Ce⸗ eil. Wegen meiner langen Abweſenheit durch die verſchiedenen Kriege veranlaßt, habe ich ſeit mehreren Jahren weder England, noch meinen Sohn geſehen, und bei St. Johannes dem Taͤufer, blutige Thraͤnen moͤchte ich wei⸗ nen, mein treuer Dudley, uͤber die Nachrichten, die ich von ihm erhalten habe. Denn Sir Lionel ſchreibt mir, daß er nicht nur ſchwäch⸗ lichen Koͤrpers iſt, ein Ungluͤck, das ſich noch allenfalls tragen ließe, da es ſich wohl aͤndern koͤnnte, ſondern daß er auch weichlichen, wei⸗ biſchen Gemuͤthes iſt, und einen Mißfallen fin⸗ det an Lanze und Roß, an Bogen und Schwert, und an alle den edlen Beſchftigungen eines wahren Ritters.“ „Mein Vetter iſt noch jung, etwiderte Dud⸗ ley, und dabei, wie Sie ſagen, kränklich. Zweifeln Sie nicht, daß er bei reiferem Alter und beſſerer Geſundheit auch kraͤftigeren Gemuͤ⸗ thes werden, und ſich als ein echtenz⸗ tapferer Hungerford zeigen wird.“ „Ach, mein theurer Dudley, fuhr der Rit⸗ ter fort, ich habe Dir noch nicht alles geſagt. Sein Erzieher ſchreibt mir auch, daß er ſchuͤch⸗ tern und finſter iſt, jedes Geſpraͤch flieht, daß —— er weichlich und träumeriſch iſt, und daß er⸗ werde er wirklich groß, nicht viel beſſer, als ein Schwachſinniger ſein werde. Deshalb will ich nicht, daß er jemals in die Zahl der Rit⸗ ter aufgenommen werde, und am Ende wohl gar den Orden beſchimpfe. Es iſt mein Wille, daß er ſo bald als moͤglich heirathe, damit er vielleicht Kinder erziele, die wuͤrdigere Erben meines Namens ſind, und die Ehre unſeres Geſchlechtes beſſer auftecht erhalten koͤnnen; und endlich, da ich keine Nachkommenſchaft von Unwiſſenden und albernen Schwätzern ha⸗ ben will, und da Sir Lionel an den Kraften ſeines Verſtundes zweifelt, verlange ich, daß er ſogleich dem Abte von Glaſtonbury uͤberge⸗ ben werde, der ein guter, wohlunterrichteter Geiſtlicher, und dabei in der Erziehung der Jugend erfahren iſt.— Nun ſage mir, mein guter Dudley, haſt Du auch dies alles behal⸗ ten? und willſt Du verſprechen, mir nach mei⸗ nem Lode noch eben ſo treu zu ſein, als Du es mir im Leben warſt, und willſt Du dies dadurch beweiſen, daß Du meine Auftraͤge an Sir Lionel uͤberbringſt, und dafur ſorgſt, daß ſie ſämmtlich puͤnktlich vollſtreckt werden?““ „Jeden habe ich meinem Gedaͤchtniſſe tief eingepragt, entgegnete Dudley, und ich gelobe mir ſelbſt/ ſie alle erfuͤllt zu ſehen; aber waͤre — es nicht gut, wenn Sie dieſelben in einem Briefe an Sir Lionel aufzeichneten, damit ich mich bei ihm zu beglaubigen vermag?“ „Recht, Burſche, recht! und ich bitte Dich, lege ihn mir ſogleich zur Unterſchrift vor, denn ich wußte immer beſſer mit der Lanze, als mit der Feder umzugehen, und jetzt, wo Hand und Kopf ſchwach werden, moͤchte es vollend mit dem Schreiben ſchlecht gehen.“ „Dudley ging, den Brief zu ſchreiben, kehrte dann damit zu ſeinem Oheim zuruͤck, der bei deſſen Unterzeichnung den erſten Seuf⸗ zer ausſtieß, der bisher noch uͤber ſeine Lip⸗ pen gegangen; dabei ſagte er in bettuͤbtem Tone:„Ach, Dudley, Dudley! Bald ſoll ich im tieſen, dunklen Grabe liegen, wo ich weder gewappnete Ritter, noch geruͤſtete Roſſe, noch eingelegte Lanzen ſehen, noch den Herold zum Turniere rufen hoͤren werde. Mein Herz ſoll nicht mehr bei dem geliebten Klange der Trompete vor Freuden huͤpfen, ich ſoll Runny⸗ mede nie mehr in das Speergemenge ſpornen, nicht mehr bei einem froͤhlichen Bankette ſitzen, nicht mehr dem Sange der Minſtrels lauſchen, nicht mehr— an dem Anblicke der Schoͤn⸗ heit ergotzen. Lebe wohl, mein geliebtes Thurmhaus, meine Parks und Herrenſi itze, meine herrlichen Jagden und ſchoͤnen Waldun⸗ gen!— Nie mehr werde ich das Echo der Jä⸗ gerhorner in euch erſchallen laſſen, wenn ich den Hirſch jage, noch unter euren gruͤnen Zwei⸗ gen mit dem Falken reiten.— Laß wenigſtens meinen Helm in der Kirche von Glaſtonbury aufhängen, und neben denſelben einen Stein mit kupferner Inſchrift, damit die Welt es auch ſpater noch wiſſen möge, daß es einſt ei⸗ nen ſolchen Ritter gab, wie Sir Gil les Hun⸗ gerford von dem Thurme“ „Beſtimmt, Sir, ſagte Dudley, weiher es nicht erwartet hatte, ſeinen Oheim in ſo ergebener Stimmung zu finden. Sie muͤſ⸗ ten trachten, die Freuden dieſer Welt zu ver⸗ geſſen, und wenn Sie griſtlichen Troſt ver⸗ langen, ſo kann ich Ihnen einen Prieſter von der ſchottiſchen Garde des franzoſiſchen Koͤnigs bringen; er iſt jetzt in Montreuil, und ſpricht gut engliſch.“. „Ich liebe die weißen, mit Silber rſtte ten Mäntel dieſer Schotten nicht, auch wiſſen ſie mit ihren Waffen nicht ſo gut umzugehen⸗ als unſere Bogenſchuͤtzen aus Kent oder So⸗ merſetſhire, doch da ihre Prieſter ihr Amt viel⸗ leicht beſſer verſtehen, als ihre Schuͤtzen das ihrige, ſo laß ihn mir, in Gottes Namen, die⸗ ſen guten Dienſt erzeigen“ „Ich weiß nicht, ehrwuͤrdiger Vater, ſabte — 65— der Ritter, als der heilige Mann in das Ge⸗ mach trat, daß ich irgend etwas gethan haͤtte, was die heilige Mutter⸗Kirche beleidigen, oder ihre Abſolution, ihre Verzeihung noͤthig ma⸗ chen koͤnnte. Ich habe zwei Pilgerfahrten zu unſerer lieben Frau von Walſingham gemacht, und eine zu St. Thomas von Becket; der er⸗ ſtern habe ich jaͤhrlich einen ſilbernen Kelch und ſechs Wachskerzen gegeben, und dem letztern eine Feſttagsaltardecke von gruͤnem Sammt, eine Oſterkerze, und einen Chorrock, außer der Meſſe zu tragen. Der Kapelle von Farleigh habe ich ein Gebetbuch, einen Pſalter, und ei⸗ nen Hochgeſang geſchenkt, alle drei mit illu⸗ minirten Bildern, und mit goldenen Spangen gebunden; und außerdem noch ein Weihbecken mit Schloß und Schluͤſſel, damit das Waſſer nicht geſtohlen werde. An dem Lichtmeßtage habe ich jedesmal einen Engel*) in die Buͤchſe gethan; am Allerheiligentage und zu Pfingſten habe ich den Armen Almoſen geſpendet, und durch meinen letzten Willen nicht nur der Ka⸗ pelle des heiligen Joſeph von Arimathea, zu Glaſtonbury, acht Wachskerzen vermacht, ſon⸗ dern auch eine immerwaͤhrende Meſſe fuͤr das *) Eine Muͤnze, etwa zehn Schilling an Werth. D. Ueb. I. 5 — Heil meiner Seele geſtiftet; ſie ſoll täglich nach dem Laͤuten der Ave⸗Glocke geleſen werden.“ „Das ſind gute Thaten, mein Sohn, er⸗ widerte der Pater, welche ſicher nicht vergeſſen werden, aber noch nothiger iſt es jetzt, Dich ſolcher Vergehungen zu erinnern, welche Ver⸗ zeihung heiſchen. Laſtet keine Suͤnde auf Dei⸗ nem Gewiſſen?“ „Ich erinnere mich, guter Vater, daß, als ich mit den Truppen Sr. Hoheit vor Bayonne lag, wo wir auf die Huͤlfe warteten, die der Koͤnig von Arragonien uns ſenden wollte, ich mit dem Baron von Burford mit einer Abthei⸗ lung leichtgeruͤſteter Reuter uͤber den Fluß St. Maria ging, und eine Schwadron franzoͤſiſcher Reuter, welche auf Kundſchaft ausgezogen wa⸗ ren, angriff. Wir verfolgten ſie ſo heftig und ſo weit, daß wir in einen Hinterhalt fielen. Hier wurden uns unſere beſten Leute getodtet, und ich konnte mir dies nie verzeihen, beſon⸗ ders, weil der Lord Marqueß mir Verweiſe gab, daß ich ohne hohern Befehl gehandelt habe. Und in der Schlacht bei Terouenne ver⸗ ſäumte ich, einen Theil meiner Gefangenen niederzuhauen, wie es mir gerathen worden⸗ Sie uͤberfielen ihre Wache, plaͤnderten unſere Zelte, und dies hat dann immerwaͤhrend mein Gewiſſen belaſtet.“ — „Das war Dir bald verziehen, mein Sohn, beſonders, da Dein Fehler aus einem Gefuͤhle chriſtlicher Milde erwuchs. Haſt Du ſonſt nichts zu bekennen?“ „Nichts, als daß ich einſt, aus Neid, dem guten Abte von Glaſtonbury, mit dem ich mich uͤbrigens vollkommen verſoͤhnt habe, drei ſei⸗ ner fetteſten Rehboͤcke mit der Armbruſt erſchoß; doch ich habe durch meinen letzten Willen der Kapelle des heiligen Joſeph von Arimathea acht Wachskerzen vermacht, wie ich Euch be⸗ reits ſagte.“ „Acht Wachskerzen, mein Sohn, ſind nur eine leichte Buße fuͤr ein ſo ſchweres Ver⸗ gehen.“ „Nun denn, in Gottes Namen, ſchrie der Ritter, ſo laßt es ganze Wuͤrfel ſein;(dies waren große viereckte Stuͤcken Wachs, mit ei⸗ nem Dochte in der Mitte) jetzt aber bitte ich Euch, legt nicht ſo viel Werth auf des Abts Rehboͤcke, die ihn wenigſtens nie eine Wild⸗ pret⸗Paſtete koſteten; thut Euer heiliges Werk bald und ſchnell, denn ich fuͤhle es, daß ich nicht lange mehr leben werde.“ Als der Prieſter einige Zeit an ſeiner Seite gebetet, und ihm dann das Viatikum gereicht hatte, ging er, und als Dudley darauf wie⸗ der in das Zimmer trat, erklaͤrte ſein Oheim, 5* — 68— daß er ſich jetzt ruhiger in ſeinem Gemuͤthe fuhle, und ſein Schickſal mit Geduld erwarte. „Aber was hältſt Du dort fuͤr ein Papier in Deiner Hand, guter Poyes?“ fragte er hier⸗ auf den Knappen. „So eben, entgegnete Dudley, iſt ein Trompeter von Calais angekommen, und hat eine Botſchaft an den Gouverneur von Mon⸗ treuil uͤberbracht, fur Sie aber dieſen eigenhaͤn⸗ digen Brief des Sir Gilbert Talbot.“ Der Ritter nahm das Papier, und las mit lauter Stimme die ueberſchrift:„Meinem hoͤchſt wuͤrdigen und ganz beſonders guten Freunde, Sir Giles Hungerford von dem Thurmez gebet dieſes ſogleich.— Ekilig, eilig, eilig, hoͤchſt eilig!“— Der Ritter gab hierauf dem Knappen den Brief zuruͤck, gebot ihm, den Faden zu loſen, das Siegel zu brechen, und den Inhalt zu leſen.„Aber mir, ſetzte er hinzu, wird er wohl gleichguͤltig ſein, denn ich habe meine Rechnung mit der ganzen Welt abgeſchloſſen.“ Sir Gilbert ſagte in ſeinem Briefe, kaum habe er die Nachricht von Sir Giles Gefan⸗ gennahme erhalten, ſo ſei auch der Trompeter von ihm abgeſchickt worden, um die Summe des Loͤſegeldes zu erfahren, welches er zwolf Stunden nach erhaltenem Beſcheide zu uͤberſen⸗ den verſpreche; er fuͤgte hinzu, da jetzt wenig — 69— Unruhe herrſche, habe er dem Gouverneur von Montreuil eine Ausforderung geſendet, ſechs Edelleute aus ſeiner Garniſon zu waͤhlen, um mit ſechs Edelleuten aus der Garniſon von Ca⸗ lais, auf der Ebene von Margeſſon zur Si ihrer Damen zu kaͤmpfen. Selbſt zu den Zeiten Heinrichs VIII. wur⸗ den dergleichen Ueberbleibſel des alten Ritter⸗ thums dſters in das Leben gerufen, um die Ruhe einer Belagerung zu unterbrechen, oder die ſchlummernden Feindſeligkeiten, wenn auch nur im Bilde, zu erwecken.— Sir Gilbert wollte zwar nicht geſtatten, daß der wilde, tollkuͤhne Ritter es ſelbſt mit der uͤberlegenſten Zahl der Feinde aufnehme, aber mit dem groͤß⸗ ten Vertrauen haͤtte er ihn gegen eine jede gleiche Zahl in der ganzen Welt geſchickt, da⸗ her ſchrieb er Sir Giles, der Tag des Kam⸗ pfes ſolle bis zu ſeiner gaͤnzlichen Geneſung verſchoben werden, damit er einer der Strei⸗ ter ſein koͤnne. Er hatte es wirklich gut mit dem Ritter gemeint, aber die Wirkung ſeines Briefes ent⸗ ſprach der Abſicht nicht, in der er ihn geſchrie⸗ ben, denn kaum hatte Sir Giles den Inhalt vernommen, als er im Bette in die Hoͤh ſprang, und haſtig ausrief:„Nun, beim Himmel und unſerer heiligen Jungfrau, ich hätte bis jetzt — nie geglaubt, daß es ſo bitter ſei, zu ſter⸗ ben!— Sterben!— Bei der Meſſe! ich muß nicht, ich will nicht von dem Leben ſcheiden, bis ich noch ein Mal mit meinem guten Schwerte Feuer aus der Stahlkappe eines Franzoſen gelockt habe.— Sieh nur, Burſche; mir iſt ſchon beſſer;— ich bin ganz wohl. Reich mir meine Lanze, guter Dudley, und gieb mir meinen Harniſch her, denn ich bin ſtark an Geiſt und Koͤrper, und fuͤhle Kraft genug in mir, Roß und Reuter zu Boden zu rennen!“— Bei dieſen Worten fiel er zuruͤck auf ſein Bett, ganz erſchoͤpft durch die An⸗ ſtrengung. Einige Zeit lag er ſchweigend da, dann ſank er in einen unruhigen Schlummer. Bei ſeinem Erwachen fuͤhlte er ſeinen Kopf er⸗ leichtert, und ſeine umherſchweifenden Gedan⸗ ken, welche mit der religidſen Feierlichkeit und dem beſchloſſenen Gefechte mit den franzoſiſchen Rittern wechſelsweiſe beſchaͤftigt waren, zogen eine Viſion herbei, in welcher das Chriſten⸗ thum mit dem Ritterthume ſonderbar vermiſcht war. Er bildete ſich ein, daß er auf ſeinem Runnymede ſitze, und in ein Eliſium laͤngſt ge⸗ ſchiedener Ritter einreite. Er ſagte, er ſaͤhe Prieſter, Moͤnche und Aebte, vom Kopf bis zu den Fuͤßen geharniſcht, auf ſtattlichen Kriegs⸗ roſſen ſitzend, und mit eingelegten Lanzen auf einander einſprengend; das Ganze zeigte ſich ſeinem geiſtigen Auge ſo deutlich, daß er die verſchiedenen Ruͤſtungen ganz genau beſchrieb. Dieſem Phantaſiebilde folgte abermals ein unruhiger, oft unterbrochener Schlaf; in den wachen Zwiſchenraͤumen ermahnte er Dudley ernſthaft, in der Schlacht nie einen andern Helm zu tragen, als einen nach ſeiner Erfin⸗ dung verbeſſerten, uͤberttug ihm ſeinen letzten Seegen fuͤr ſeinen Sohn Cecil, faltete die Haͤnde, und hauchte bald darauf den Geiſt aus. Drittes Kapitel. Ihr Schwätzer, Klatſchen, Vetteln ihr, Mit Kannen, Krügen, Schläuchen hier, Mit Töpfen, Schalen, die ihr mitgenommen, Sagt mir, bezechte Schönen, ſprecht, Wie paßt der Mönch zu euch ſo ſchlecht, und weshalb ihr gekommen? Der Herzog von Vendome kehrte jetzt nach Montreuil zuruͤck. Als er den Tod ſeines ta⸗ pfern Gefangenen vernahm, ſchlug er nicht nur jedes Loͤſegeld fuͤr deſſen Schildknappen aus, obgleich es gewiß bedeutend geweſen waͤre, ſondern gab auch den Befehl, daß der Leich⸗ nam des Sir Giles mit allen militairiſchen Ehrenbezeugungen bis zu der franzoͤſiſchen Grenze geleitet werde. Am folgenden Morgen ſetzte ſich der Zug in Bewegung; vorauf ritt ein Trompeter und ein Pfeifer*); der Leich⸗ *) Die Pfeifer waren damals bei feſtlichen Aufzuͤgen, ſowohl ernſten, als komiſchen, ſehr „ Ueb. — 73— nam lag auf einem offenen Wagen, Schwert, Lanze und Harniſch um denſelben; dann ffolgte Dudley, und die Bedeckung leichtgeruͤſteter Lanzenreuter und berittener Bogenſchuͤtzen be⸗ ſchloß den Zug. In dieſer Ordnung erreichten ſie die engliſche Grenze. Die franzoͤſiſche Be⸗ deckung kehrte hier zuruͤck, und eine Ehrenwache, welche Sir Gilbert Talbot abgeſchickt hatte, nahm den Leichnam in Empfang, und zog durch das boulogner Thor mit ihm ein, durch das der Ritter noch wenige Tage zuvor, auf ſeinem muthigen Schlachtroſſe, in ſeine gute Ruͤſtung gekleidet, ausgezogen war, im feſten Vertrauen auf ſeinen Muth und ſeine Tapfer⸗ keit, ein gluͤckliches Ende vorausſehend. Was die Traurigkeit der Stadtbewohner bei dem Einzuge noch vermehrte, war die Erinnerung, daß von alle den Abenteurern, die unter des Ritters Befehlen ausgezogen, auch nicht einer mehr am Leben ſei, ſo tapfer hatten ſie ge⸗ kaͤmpft, ſo groß war die Wuth der Feinde geweſen. Mit aller nur moͤglichen Feierlichkeit, und in Gegenwart der ganzen Garniſon, wurden die ſterblichen Reſte Sir Gilberts in der St. Nikolas Kirche zur Ruhe beſtattet. Sir Gilbert Talbot ſelbſt nahm die Verpflichtung auf ſich, ein Denkmal mit einer paſſenden Inſchrift zu beſorgen, die Thaten des Ritters, und deſſen — trauriges Ende, der Rachwelt bekannt zu machen. Kurz nach dieſer Begebenheit war zwiſchen den Englaͤndern und Franzoſen ein Waffen⸗ ſtillſtand geſchloſſen worden, und Dudley nahm ſich vor, die Ruhe zu benutzen, um nach Eng⸗ land zu reiſen, und die Auftraͤge und den letz⸗ ten Willen des Sir Giles zu uͤberbringen. Zugleich wollte er in einer Sache Gewißheit zu erlangen ſuchen, von der ſein ganzes zukuͤnf⸗ tiges Gluͤck abhing. Es iſt bereits erwaͤhnt worden, daß er mit der Tochter des Sir Eu⸗ ſtach Poyes verlobt war, doch ſeinen eigenen Willen hatte man bei dieſem Buͤndniſſe nicht zu Rathe gezogen. In den hoͤhern Klaſſen der menſchlichen Geſellſchaft war es zu jener Zeit gar nichts ungewoͤhnliches, daß die Eltern uͤber die kuͤnftige Verbindung ihrer Soͤhne und Tochter Vertraͤge abſchloſſen, ſelbſt wenn ſie noch bloße Kinder waren. Dodleys Vater hatte ſeinen Sohn nicht nur nach ſeinem Freunde Sir Euſtach Poyes in ſeinem Teſta⸗ mente genannt, ſondern dabei auch beſtimmt, daß er deſſen Tochter heirathen ſolle, ſobald ſie ihr achtzehntes Jahr erreicht habe; ſogar die Mitgift beider Theile, und das Haus, in wel⸗ chem die Neuvermaͤhlten wohnen ſollten, war genau angegeben. In aͤhnlichen Faͤllen war —— es zuweilen gebraͤuchlich, dem Braͤutigam, wenn zwei oder drei Toͤchter vorhanden waren, die Wahl der Braut zu uͤberlaſſen. Doch Dudley war dieſe Freiheit nicht verſtattet wor⸗ den, denn eb war namentlich geſagt, daß er Bridget, die aͤlteſte Tochter des Sir Euſtach Poyes von Beckhampton⸗Hall, in der Graf⸗ ſchaft Wilts, heirathen ſolle. Seit dem Abſchluſſe diefes Vertrages, der unter gerichtlichem Zeugniſſe eingegangen, und in gehoͤriger Form unterſiegelt worden, als Dudley noch ein Kind war, hatten ſich meh⸗ rere Ereigniſſe zugetragen, die ſeine Einſtim⸗ mung ſehr zweifelhaft machten. Seine beiden Eltern waren jetzt todt, und er hielt ſich nicht laͤnger zur Erfuͤllung eines Vertrages verpflich⸗ tet, der ohne ſeinen Willen geſchloſſen worden. Er hatte die Lady, die auf dieſe Weiſe zu ſei⸗ ner Gattin beſtimmt worden, nicht geſehen, ſeit ſie die Kinderſtube verlaſſen, er hatte eine ei⸗ gene Abneigung gegen den Namen Bridget, und was er ſich von Sir Euſtach Poyes erin⸗ nerte, war nicht geeignet, ihn ſich zum Schwie⸗ gervater zu wuͤnſchen. Seine Abweſenheit waͤhrend des Krieges hatte jeden genaueren Um⸗ gang zwiſchen ihnen verhindert, doch da die junge Dame ſich jetzt ihrem achtzehnten Jahre nahete, und ihr Vater ohne Zweifel auf die Erfuͤllung der Uebereinkunft rechnete, wenn er nichts von dem Gegentheile horte, war es durchaus noͤthig, daß Dudleh zu irgend einem beſtimmten Entſchluſſe uͤber dieſen Gegenſtand gelange. Ohne perſoͤnliche Zuſammenkunft war dies kaum moͤglich, und er wollte daher ſeine jetzige Reiſe auch zu einem Beſuche in Beckhampton⸗Hall benutzen, um ſich mit ei⸗ genen Augen zu uͤberzeugen, welchen Weg er einzuſchlagen habe. Fand er die Braut nach ſeinem Geſchmacke, und glaubte er, daß ſie ſich eigne, ſeine Gattin zu werden, ſo ſah er kei⸗ nen Grund, weshalb er die Anordnung ſeines Vaters nicht erfuͤllen ſolle; im Gegentheile aber wollte er ſich dadurch nicht binden laſſen. In dieſem letztern Falle blieb ihm nichts uͤbrig, als die ihm zugedachte Ehre zuruckzuweiſen, und offen den Grund dieſer Weigerung zu be⸗ kennen;— daß nehmlich ein ſo wichtiger Schritt, als die Eingehung einer Ehe, nicht zu dem beabſichtigten Zwecke, dem Gluͤcke bei⸗ der Gatten, fuͤhren koͤnne, wenn die gegenſei⸗ tige Zuneigung mangele, und daß alſo die Verbindung beſſer unterbliebe. Indem er dieſen Entſchluß zur Richtſchnur ſeines kuͤnftigen Betragens nahm, benachrich⸗ tigte er Sir Euſtach durch einen Brief von ſeiner Reiſe nach England. Dann nahm er den ungluͤckſeligen Helm, den er in der Kirche von Glaſtonbury aufhaͤngen ſollte, und den Brief fuͤr den Sir Lionel Fitzmaurice mit ſich, und begann ſeine Reiſe. Peter, ein engliſch⸗ galliſcher Bedienter, den er in Calais gemie⸗ thet, begleitete ihn. Dieſer Menſch hatte ſei⸗ nen Aufenthalt ſo oft zwiſchen England und Frankreich gewechſelt, indem er Herren aus beiden Laͤndern diente, denen er ſich durch ſeine Kenntniß der beiden Sprachen empfahl, daß er ſelbſt oft nicht wußte, als der Unterthan welches Reiches er ſich betrachten, oder welchem von beiden er den Vorzug geben ſolle. Doch im Innerſten ſeines Herzens hielt er Frank⸗ reich, das Land ſeiner Geburt, hoͤher. Haͤt⸗ ten ſeine Zuͤge, ſeine Ausſprache und ſeine Bewegungen, nicht in Andern den Glauben er⸗ weckt, er ſei nicht galliſcher Abkunft, ſo wuͤrde ſein leichter Sinn, und ſeine natuͤrliche gute Laune einen bedeutenden Zweifel erregt haben, ob ein Tropfen engliſchen Blutes in ſeinen Adern rinne. Er war aber dennoch ſtolz, ſich einen engliſchen Unterthan nennen zu koͤnnen, ſobald Vortheil oder Ehre von dieſem Titel abhingen; in jedem Falle aber, wo die Fran⸗ zoſen hoͤher ſtanden, ergriff er die Gelegenheit, ſie ſeine Landsleute zu nennen. Mit dieſem Gefaͤhrten ſetzte Dudley uͤber den Kanal, und — kaufte hier ein Roß fuͤr ſich ſelbſt, und ein anderes fuͤr Peter, ſtark genug, außer dieſem auch noch den ſchweren Mantelſack zu tragen⸗ Nachdem ſie ſo ausgeruͤſtet waren, begannen ſie ihre weite Reiſe nach dem alten Familien⸗ ſitze der Hungerfords von dem Thurme. Dieſe Reiſe laſſen wir ſie fuͤrs Erſte fortſetzen, und dabei mit alle den Schwierigkeiten kaͤmpfen, welche ſchlechte Wege, der Mangel friſcher Pferde, aͤrmliche Gaſthaͤuſer, und Widerwaͤrtig⸗ keiten aller Art, dem Reiſenden damaliger Zei⸗ ten entgegenſetzten, und bedienen uns der Zau⸗ bergewalt, die uns als Schriftſteller eigen⸗ thuͤmlich iſt, um unſere Leſer mit einem Zuge der Feder in eine Straße, oder vielmehr eine Reihe von Haͤuſern, in die unmittelbare Nach⸗ barſchaft der damals bluͤhenden Stadt Wells in Somerſetſhire, zu bringen. An dem einen Ende dieſer unregelmaͤßig gebauten Straße ſtand ein altes Haus, wel⸗ ches ſeit manchen Jahren als Gaſthaus keinen unbedeutenden Ruf erlangt hatte, obgleich der, welcher es in Gedanken mit unſeren neumodi⸗ ſchen Hotels vergleichen wollte, wie man die jetzigen Gaſthaͤuſer wohl mit Recht nennen kann, einen gewaltigen Mißgriff begehen wuͤrde. Das Gebaͤude, von dem die Rede iſt, war ein langes, niedriges, mit Stroh gedeck⸗ — 60— tes, zweiſchoͤſſiges Haus; die Lehmwaͤnde wa⸗ ren mit gelbem Moͤrtel beworfen, und mit ſtar⸗ ken Balken, oder vielmehr roh behauenen Wei⸗ den⸗Vaͤumen durchzogen, denn Eichen wurden damals als ein zu koſtbares Holz betrachtet, um zu etwas anderem, als dem Bau von Kirchen und Kloͤſtern, oder den Palaͤſten und Wohnun⸗ gen der Großen, benutzt zu werden. Feuereſ⸗ ſen hatte dies Haus nicht, denn die wurden ſelbſt noch in ſpäterer Zeit fuͤr Luxus geachtet, und in einer Landſtadt gab es ſelten mehr als zwei oder drei, die auf den geiſtlichen Gebaͤuden und den Edelſitzen ausgenommen. Das Feuer ward in Rauchfaͤngen angezuͤndet, oder an Brandmauern auf der Ruͤckſeite des Gemaches. Den Rauch betrachtete man als heilſam, nicht nur, das Bauholz häͤrter und dauerhafter zu machen, ſondern auch, Schnupfen und aͤhnliche Uebel abzuhalten. Die Fenſter unſeres laͤndli⸗ chen Gaſthauſes beſtanden aus hoͤlzernem Git⸗ terwerk, und einige waren dem Zutritte der freien Luft geoͤffnet, oder nur mit Segeltuch verhangen; zwei aber, welche wahrſcheinlich dem beſten Gemache angehoͤrten, hatten ſtatt der Glasſcheiben Platten von duͤnngeſchnitte⸗ nem Horn. Eliner der Thuͤrpfoſten war roth⸗ und weiß⸗wuͤrflig bemalt, zum Zeichen, daß hier das Brettſpiel geſpielt werde. Und ſo⸗ — 60— wohl von dieſem Zeichen, als von den haͤufi⸗ gen Zuſammenkuͤnften der Fuhrleute, die hie⸗ her kamen, ihr Ale zu trinken, war das Haus in der Gegend unter dem Namen„das Brett“ bekannt. Und es war weit umher gekannt, denn kein Weib in ganz Somerſetſhire von den Mendip⸗Bergen, bis zu dem Walde von Ex⸗ moor, oder von Filton-Hay bis zu Crewkerne⸗ Abbey ſtand wegen ihres Ales in ſo hohem Rufe, als die Wittwe Sib Fawcett von dem Brette. Sie ſollte ihr Geheimniß, das Ale zu brauen, von einem geſchickten Moͤnche ha⸗ ben, der, wie ein aͤrgerliches Geſchwätz der Nachbarſchaft behaupten wollte, das Alehaus aus anderer Abſicht beſuchte, als um Frau Sib die Beichte abzunehmen. Das wahre Geheimniß ihrer Brauerei beſtand aber nur darin, daß ſie alles, was ſie dazu bedurfte, ſelbſt beſorgte, und daß ſie das Ale mit eigenen Haͤnden, und in ihrem eigenen Hauſe verfertigte. Ein ande⸗ rer Umſtand, der zu dem Rufe ihrer Gaſtwirth⸗ ſchaft beitrug, war ihre, in damaliger Zeit haͤufige, jetzt aber zum Gluͤck etwas außer Ge⸗ brauch gekommene Gewohnheit, geiſtige Ge⸗ traͤnke gegen Pfänder zu ſchenken. Sie hatte in der That eine Leihanſtalt, und borgte Ale gegen die Sicherheit von Toͤpfen, Keſſeln und Hausgeraͤthen jeder Art. Dieſer Gebrauch muß damals, wo die Pfennige bei den Bau⸗ ern und Handarbeitern ſo ſelten waren, als heut zu Tage ein Pfund*), eine große Em⸗ pfehlung bei den Durſtigen geweſen ſein, ob⸗ gleich dadurch gewiß ihre Huͤtten nicht ſelten ausgeraͤumt wurden. Das Wetter war ungemein ſchwuͤl; die Maͤn⸗ ner waren ſaͤmmtlich auf dem Felde mit der Erndte beſchaͤftigt, und die Weiber, welche auf der Aehrenleſe geweſen, fuͤhlten mehr als gewoͤhn⸗ lich das Beduͤrfniß, ihre Kehlen anzufeuchten; die oͤffentliche Abgabe hatte einige Tage vorher ihren kleinen Reſt von halben und viertel Pfen⸗ nigen dahingenommen, und dieſes Zuſammen⸗ treffen der Umſtaͤnde veranlaßte einen Zuſam⸗ menlauf weiblicher Dorfbewohner bei dem Hauſe der Sib Faweett, von der ſie fuͤr Kannen, Kruͤge, Toͤpfe, Schuͤſſeln und dergleichen, die erwuͤnſchten geiſtigen Getraͤnke eintauſchen woll⸗ ten, waͤhrend einige Wenige hofften, denſelben Zweck auf dem einfacheren Wege des Ankrei⸗ dens zu erreichen. 2 Das Gaſtzimmer des Brettes war eine *) Der Lohn eines Feldarbeiters belief ſich in jener Zeit auf einen bis einen und einen halben Pfennig den Tag. I. 6 große Stube, welche mit Sitzen, Baͤnken, und Ti⸗ ſchen, auf Geſtellen liegend, reichlich verſehen war. Die nackten Waͤnde hatte der Rauch ge⸗ ſchwaͤrzt, die Fenſter waren von offenem hoͤl⸗ zernem Lattenwerk, und der Lehmboden mit Matten belegt, welche durch eine angehaͤufte Sammlung von ueberbleibſeln der Speiſen, Knochen, Holz, die Feuchtigkeit, welche die Hunde der Gäſte zuweilen verurſachten, und andere ekelhafte Dinge, weder im Geruche, noch im Ausſehen, viel beſſer waren, als ein Duͤn⸗ gerhaufen. Doch ſolche Dinge thaten dem Rufe der Frau Sib Faweett keinen Eintrag, denn Erasmus ſelbſt ſagt, dieſe Unreinlichkeit ſei in den Wirthshaͤuſern fuͤr das gemeine Volk ganz gewoͤhnlich geweſen; auch ſchreibt er der⸗ ſhen die haͤufigen Seuchen in England zu. In einer Ecke dieſes Zimmers ſpielten zwei alte Weiber das Brettſpiel. Sie ſaßen neben dem offenen Fenſter, und waren mit ihrem Spiele ſo ſehr beſchaͤftigt, daß ſie das Geraͤuſch in dem entgegengeſetzten Theile des Gemaches ganz zu uͤberhören ſchienen. Hier ſaß Sib Fawcett hinter einer Art von Pult, auf wel⸗ chem die ſchwarze Schuldtafel und ein Stuͤck Kreide lag; neben ihr ſtand ihr Sohn Dickon, ein unerhoͤrt haßlicher, ſchielender Burſche. Er hatte Feder, Dinte und Papier, und verſah V die Stelle eines Rechnungsfuͤhrers, ein Beweis fuͤr eine damals unerhoͤrte Gelehrſamkeit in die⸗ ſem Kreiſe des Lebens. Dadurch konnte auch der uͤbermaͤßige Stolz einigermaßen gerechtfer⸗ tigt werden, mit welchem Sib auf ihren Sohn blickte. Dieſem Paare gegenuͤber ſtand ein Haufe Weiber, deren rothe Geſichter und leichte Kleidung die Hitze des Tages bezeugten, nicht weniger unzweideutig, als die Haſt, mit wel⸗ cher ſie das Ale, welches zur Stillung ihres Durſtes noͤthig war, zu erhalten und nach Hauſe zu tragen ſtrebten. Deshalb lobte jede den Werth des Pfandes, welches ſie bot, wäh⸗ rend Sib Faweett, mit Auge und Blick, die die Menge nicht wenig entmuthigten, vieles zu tadeln wußte, um dadurch den Borg ihrer Getränke zu beſchränken.„Hilf Himmel! Nachbarinn Hogmore,“ rief ſie aus,„wie koͤnnt Ihr es wagen, dieſen Roſenkranz mir vor die Augen zu bringen? Zum Henker! wolltet Ihr ihn fuͤr ein Maaß Ale verhandeln? Und was wuͤrde Vater Barnabas ſagen, wenn Ihr zur Beichte kommt? Und nennt Ihr dieſe Schnur ſchwarzer Perlen einen Roſenkranz? Ich will verdammt ſein, wenn ich nicht ſchon beſſere aus Haſſelnuͤſſen und Eicheln gemacht habe.“ „Ei, Sib,“ entgegnete die ſo uhirei 6* —— Perſon,„laßt Euer Geſchwaͤtz, und ſeht noch ein Mal hin. Iſt nicht dies Paternoſter eine Reihe Perlen, ſo gut wie aus Ambra?— Dies Ave⸗Maria aus echtem Bergkriſtall, oder aus Glas, das eben ſo viel werth iſt?— Dies Credo ein echter Briſtol-Kieſel, und alle die uͤbrigen eben ſo ehrliche ſchwarze Betkoral⸗ len, als je an einem Roſenkranze ſaßen? und gewiß ſchadet Ihr Euch nicht, wenn Ihr mir auf dies Pfand das Maaß fuͤllt, ſelbſt wenn ich es zwei Mal voll verlangte.“ „Mit Hefen und Spuͤlicht vielleicht, erwi⸗ derte die Wirthinn,„doch nicht mit Sib Faw⸗ cetts Ale, zu zwei Pence die Gallone. Den⸗ noch, gebt mir das Ding; das Credo gefaͤllt mir. Dickon, ſchreib nieder: Ein Maaß fuͤr Gammer Hogmore, gegen den Roſenkranz ge⸗ borgt.— Bei meiner Treu, Gevatterinn Delves, Ihr bringt mir da einen alten eiſernen Ring, Teppiche daran zu haͤngen; irgend ein ſtätſches Pferd hat ihn aus einer Scheunthuͤr geſchla⸗ gen. Und auf dies erbaͤrmliche Machwerk ei⸗ nes Grobſchmidts ſoll ich Euch Eure Kanne mit meinem guten Ale fullen? Wahrhaftig!— Fuͤr welch eine Thorinn haltet Ihr mich?“ „Fuͤr blind, Sib, weit eher, als fuͤr thoͤ⸗ richt, denn, beim Kreuze, dieſer Ring iſt das Geld jedes Mannes, oder beſſer, jeder Frau, werth, denn es iſt ein wahrer und echter Krampfring, durch Koͤnig Heinrich an einem heiligen Freitage, beruͤhrt und geſegnet, nach⸗ dem er ſelbſt und die Koͤniginn, ſo wie die Herren und Damen des ganzen Hofes, zu Kreuze gekrochen waren; und ich wollte, daß Ihr jetzt doppelt ſtark von den Kraͤmpfen an⸗ gepackt werden moͤchtet, damit Ihr ſehen koͤnn⸗ tet, wie eine einzige Beruͤhrung dieſes heiligen Ringes ſie vertreibt.“ „Und dennoch, Gevatterinn Delves, ziehſt Du ein Maaß von Sibs Gebraͤude vor, und, bei der Meſſe! Du thuſt recht daran, denn kein Kirchen⸗Ale, das jemals gebraut ward, iſt beſſer fuͤr Schnupfen oder Kolik. Aber Kraͤmpfe ſind ein hartnaͤckiger Geſell, und wol⸗ len nur Roſoli und Aquavit weichen, wovon das Maaß ſechszehn Pence koſtet.— Iſt dies auch gewiß ein Krampf⸗Ring Koͤnig Hein⸗ richs?“ „Ei, freilich, Sib; Fuͤße, Arme und Ma⸗ gen, denen er geholfen hat, koͤnnen dafur buͤr⸗ gen. War es am St. Helenen⸗Tage oder an St. Peters Kettenfeier, daß ich das letzte Mal die Kraͤmpfe hatte, als ich—“ „Still, Gevatterinn, es iſt ſchon genug, denn Euer ſchwarzer Krug ſoll gefuͤllt werden. Dickon, ſchreib es auf, befeſtige einen Zettel an den Ring und haͤng' ihn in meinen Schrank, denn ich bin oͤfters in der Nacht nicht ganz wohl, und fuͤhle ein leiſes Zwicken in meiner rechten Huͤfte.— Was, Goody Tapps, ſoll ich Euren Krug init gutem kraͤftigen Ale fullen, fuͤr dieſe ſchlechte Muͤtze von Lincoln⸗gruͤn, welche ſo lange getragen iſt, daß man jeden Faden ſehen kann? Nein, bei der Meſſe, ich will Euch den Magen nicht fur ſolches Zeug waͤrmen, welches das Genick kalt laͤßt. Da⸗ her geht nur Eurer Wege, und nehmt Euren Krug mit, damit Ihr Gaffer Tapps darin eine Suppe kochen koͤnnt.— Was, Nachbarinn Stiles, den Trauring verſetzen, um die Korb⸗ flaſche zu fuͤllen? Das wird einen ſchoͤnen Lärm geben, wenn der gute Mann die weiße Stelle hier an dem Finger bemerkt! Doch, Gold iſt Gold, daher fuͤlle ihr die Flaſchez Dickon, ſchreibe ihren Namen auf, und thu den Ring in den Schrank.— Was der Tau⸗ ſend? ein Spinnrocken mit Flachs?— Darauf borge ich nicht einen Tropfen, Nachbarinn, denn in dieſer heißen Zeit giebt es ohnehin mehr Luſt zu trinken, als zu ſpinnen, und ich konnte meine Faͤſſer von gutem Bier leeren, um ſie mit ſchlechtem Zeuge anzufuͤllen.“ „Sib, Sib, Ihr habt ganz Recht, ſagte ein altes Weib, indem es ſich vorwärts arbei⸗ tete, denn Ihr koͤnnt zum Pfande erhalten, was ſo gut iſt als Geld, und ſogar beſſer, in der ganzen Welt. Indem ſie dies ſagte, nahm ſie ein Paͤckchen unter ihrem Arme her⸗ vor, wickelte eine Menge Umhuͤllungen ab, die ſorgfältig gelegt waren, und foͤrderte endlich eine kleine hoͤlzerne Buͤchſe zu Tage. Dieſe off⸗ nete ſie dann, und zeigte ihren Inhalt mit ei⸗ ner Miene großen Stolzes, und inniger Zu⸗ friedenheit.„Beim Himmel! Granny Stiles, ein artiger Betrug, ſchrie Sib; glaubte ich doch wenigſtens Juwelen zu ſehen zu bekom⸗ men, und es iſt nichts, als getrocknete Ka⸗ millen⸗Blumen, oder Senna, oder ſo etwas Aehnliches fuͤr einen Doktor.“ „Gott ſei uns Allen gnaͤdig, Amen!“ rief Granny Stiles, ſich kreuzigend und ſegnend; „Seid Ihr ſo teriſch geworden, daß Ihr auf dieſe Weiſe die Reliquien des Glaſtonbury⸗ Dornes verlaͤſtert, fuͤr deren Echtheit dies hei⸗ lige Zeugniß buͤrgt?“ Es war in jener Zeit weltbekannt, daß der heilige Joſeph von Arimathea, als er auf ſeiner Miſſionsfahrt durch England, nach Wea⸗ ryollhill bei Glaſtonbury kam, ſeinen Wander⸗ ſtab in die Erde ſtieß, und daß dieſer ſogleich Wurzel ſchlug, und am heiligen Chriſttage gruͤnte und bluͤhete, indem er in einen wun⸗ —— derthaͤtigen Dornſtrauch verwandelt worden. Dieſer Baum, der zwei beſondere Staͤmme hatte, bewahrte ſeine Beruͤhmtheit bis zu der Zeit der Koͤnigin Eliſabeth; dann hieb ein Pu⸗ ritaner einen der beiden Staͤmme ab, und auch der zweite erlitt waͤhrend der großen Re⸗ volution ein gleiches Schickſal. Zu der Zeit unſerer Geſchichte, wurden ſeine Bluͤthen als ſo große Merkwuͤrdigkeit, und als ſo all⸗ gemeines Heilmittel betrachtet, daß ſie ein Gegenſtand fuͤr die Gewinnſucht der Handels⸗ leute von Briſtol wurden. Dieſe verkauften ſie nicht nur den Einwohnern ihrer Stadt, ſondern verſandten ſie auch in die verſchiedenen Theile Europa's. Das wußte Sib ſehr wohl, und kaum hatte ſie daher ihr Auge auf das Certifikat geworfen, als ſie Granny Stiles Wuͤnſche erfuͤllte, und ehrfurchtsvoll auf das werthvolle Pfand ſah. Außer dieſen heiligen Pfaͤndern wurden auch noch andere dargebracht, welche gegen boͤſe Augen, und alle Arten von gewoͤhnlichen Uebeln, helfen ſollten. Auch Pfaͤnder von haͤus⸗ licherer Natur brachten die Durſtigen. Einige ſandte Sib befriedigt, andere unbefriedigt, zu⸗ ruͤck, fuͤr Alle aber hatte ſie einige treffende, oder ſcharfe Worte bereit, bis ihre Aufmerk⸗ ſamkeit durch eine der alten Weiber in der entgegengeſetzten Ecke des Zimmers erregt ward. Dieſe hatte ihren einzigen Pfennig in dem Brettſpiele verloren, und bediente ſich nun, ihren Durſt auch ohne Einſetzung eines Pfan⸗ des zu loͤſchen, eines Mittels, das ſie bei aͤhnlichen Gelegenheiten ſchon oͤfters, und nie ohne Erfolg angewendet hatte. Mit ſcheinbar natuͤrlichem Erſtaunen ſchlug ſie die Haͤnde zuſammen, wandte ihre Blicke abwechſelnd gegen den Himmel und auf den haͤßlichen, ſchieligen Burſchen, welcher die Pfaͤnder in ſein Buch verzeichnete; dabei rief ſie mit lauter Stimme:„O Voater, gab es je ein ſo liebes Kind? Ach, der liebe Junge! der herrliche Menſch!— O, ſeht ihn doch nur an!“ Und nun ſang ſie mit zitternder, widerlich kreiſchender Stimme: „Deine Mama und Dein Papa Haben durch die Jungfrau Maria, Mein lieblicher Dickon, mit göttlicher Macht, Dich niedliches Püppchen zu Tage gebracht!“ Sib Faweetts Zuͤge, die fuͤr gewoͤhnlich finſter und muͤrriſch waren, erheiterten ſich bei dieſen willkommenen Toͤnen; mit zaͤrtlichem Blicke betrachtete ſie ihr holdes Soͤhnchen, fullte dann einen großen Krug, der ihr zur Seite ſtand, und ſchickte ihn dem alten Weibe. Mit freundlicher Miene rief ſie ihr dabei zu: „Pflegt Euch, Mutter Trotman, pflegt Euch.— Iſt es nicht ein lieber, verſtaͤndiger Burſche?“ — In dieſem Augenblicke ſtuͤrzte ein juͤngerer Sohn in das Gemach, und ſchrie haſtig: „Mutter, Mutter, die ſchwarze Sau iſt in die Meiſchkufe gerathen!“— Bei dieſer Nachricht ſprang Sib empor, ergriff einen Stock, und rief:„He, Pinſcher, Pinſcher!— he!— Hunde, Hunde!“ Dann ſtuͤrzte ſie aus dem Gemache, und ihr Geſchrei, mit lau⸗ tem Hundegebell untermiſcht, war noch lange zu hoͤren. Endlich kehrte ſie aber zuruͤck, und erzaͤhlte den Gaͤſten, als Pater Barnabos am letzten Allerheiligen⸗Tage einen halben Krug Ale verlangte, weil das Wetter heiß war, habe ſie es ihm auf eine hoͤlzerne Bank ge⸗ ſetzt; dann habe der Pater ſeine Stirn mit der Kaputze abgetrocknet, und waͤhrend deſſen ſei durch einen ungluͤcklichen Zufall, oder viel⸗ leicht auch auf Eingabe des Teufels, die ſchwarze Sau hereingekommen, habe ihren Ruͤcken an der Bank gerieben, dieſe dem Pa⸗ ter auf den Fuß geworfen, und das herrliche Ale verſchuͤttet. Er habe hierauf das Thier verwuͤnſc?, den Krug ergriffen, und demſel⸗ ben gegen den Kopf geworfen. Von dieſem Augenblicke, ſagte ſie, habe das ungluͤckliche Thier nichts als Unheil angerichtet. Es habe ihre Kinder umgerannt, einen Steinkrug voll —— Aquavit zerbrochen, die Katze getoͤdtet, den Spunt aus einem Ale⸗Faſſe geſtoßen, das Gehaͤge eingeriſſen, die Milch ausgeſoffen, es ſei in das Malzfaß geklettert, und habe jetzt ſelbſt in das Meiſchfaß ſeinen Weg gefun⸗ den; wenn daher der Pater Barnabas nicht bald ſeinen Fluch zuruͤcknaͤhme, ſo muͤſſe ſie das Schwein ohne Verzug in Speck ver⸗ wandeln. In dieſem Augenblicke toͤnte draußen eine laute Baßſtimme, wie beim Meſſeleſen:„Pax vobiscum!“— Sogleich ſprangen alle noch uͤbrigen Gaͤſte empor, und riefen mit freu⸗ digen Blicken:„Da iſt Pater Frank,— der muntere Laienbruder— der gute Laienbruder; auf ſeine Stimme koͤnnten wir ſchwoͤren und wenn wir ſie in einer Entfernung von tauſend Meilen hoͤrten.“ Zur Beſtaͤtigung der Ver⸗ muthung trat unmittelbar darauf ein Mann herein, der fruͤher Laienbruder geweſen, jetzt aber den wuͤrdigen Stand eines Moͤnches be⸗ kleidete. Er ſchlug ſich die Bruſt, blickte heiter durch das Gemach, ſah ſich uͤberall um, und ſagte dann nochmals, mit einer Stimme, die alles erzittern machte:„Be— ne— di— ci— te!— Wie geht es Euch, Ihr Ge⸗ vatterinnen, Hausfrauen, Aleweiber, und Ihr Zecherinnen alle?“— So fuhr er fort, in⸗ — 92— dem er ſie alle bei Namen anredete, bis Sib Faweett ihn mit vieler Unterwuͤrfigkeit bat, einzutreten, was er auch ſogleich that, indem er durch die Hitze, fur welche ſeine Fleiſchmaſſe ihn doppelt empfaͤnglich machte, ſichtlich litt. „Bei der Kaputze des heiligen Franciskus, rief er aus, einen heißeren Tag haben wir nicht gehabt, ſeit Perkyn Warbeck, der Prinz von der weißen Roſe, wie er ſich ſelbſt nannte, von Taunton floh, und in dem heiligen Ge⸗ vaͤude von Bewdley Zuflucht ſuchte. Seine ſchaͤndlichen Soldaten bedachten nicht, wie ſehr wir in einer ſo heißen Jahreszeit des Ales be⸗ durften, und pluͤnderten den Keller der Abtei rein aus.— Sib Faweett! Sib Faweett! Es giebt kein Mittel, dieſe Fieberhitze des Blutes abzukuͤhlen, als Malzgebraͤude; doch ich komme nicht, um mein taͤgliches Kaͤnnchen zu trinken, wie Du es nennſt, obgleich ich es lieber als mein Honorarium betrachten moͤchte, dafuͤr, daß ich meinen Muͤndel Dickon im Le⸗ ſen und Schreiben unterrichte. Ich habe Sil⸗ berpfennige in der Taſche, meine Tochter. Es gefiel einem Sir Nikolas Hungerford, aus der guten alten Zeit(deſſen Seele Gott gnädig ſei) eine Seelmeſſe fuͤr ſich einzuſetzen, Mitt⸗ wochs, bei den Abendmetten, durch einen gut⸗ unterrichteten Prieſter, zu welchen ich mich, — — 93— (mit des Himmels Gunſt) zaͤhlen darf, leſen zu laſſen. Die Meſſe ward vergangenen Abend geleſen, und heut Morgen erhielt ich meinen Silbergroſchen. Unſer Aller Gaumen ſind heut Nachmittag ausgetrocknet, daher gelobe ich, das Ganze in Ale zu vertrinken, zu meiner ei⸗ genen Labung und der aller guter alten Wei⸗ ber und Gevatterinnen, die ihre Kehle noch nicht angefeuchtet haben.“ „O, uͤber den geſegneten Pater!— Gott ſchutze den guten Moͤnch!— Geſegnet ſei der Bruder Frank!“ riefen die Weiber aus, welche bei dem Verſprechen betheiligt waren, waͤhrend die andern freundlich um ihn herumgingen, und ſeine Guͤte zu theilen hofften, obgleich ſie in der Einladung nicht mit begriffen waren. „Sib Fawcett,“ fuhr der Pater fort,„ruf Deinen flinken Kellner, mit den finſteren Au⸗ genbrauen und dem rothlichen Haare, und ſag ihm, daß er von dem beſten Faſſe zapfe. Er ſoll aber nicht glauben, daß er uns mit kleinem Maaße hintergehen kann; ich will nichts haben, als den ſechsreifigen Krug, voll, aber nicht ſchaͤumend; auch darf es kein duͤn⸗ nes, rothes, klebriges Ale ſein, ſondern von Sib Fawcetts beſtem Gebräude.“ Schnell, und mit freudigem Geſichte, das erſte baare Geld an dieſem ganzen Nachmittage —— zu empfangen, ging die Wirthin hinaus, das Verlangte zu beſtellen, und bald darauf ward der ſechsreifige Krug vor den Moͤnch auf den Liſch geſtellt. Er ſah ſich im Zimmer um, rief die zu ſich, welche vorher noch nichts ge⸗ trunken hatten, fuͤllte einen kleineren Krug, reichte ihn Einer hin, und gebot ihr, ihn auf einen Zug zu leeren, und dann einen Segens⸗ wunſch fuͤr den Begruͤnder der Seelmeſſe aus⸗ zuſprechen.„Gnade der Seele des Sir Ni⸗ kolas Hungerford, rief das Weib, ihre Lippen trocknend, nachdem ſie getrunken, und:„Amen!“ fiel der Moͤnch ein, und rief dann:;„Super naculum!“ Die gute Gevatterinn, welche die Weiſe des Moͤnches ſchon kannte, drehte den Krug um, und machte die Nagelprobe, zum Beweiſe, daß ſie ſeinem Befehle genuͤgt habe. Hierauf ſagte der Moͤnch mit ſeiner tiefen Stimme:„ Placebo!“ Der Krug ward wieder gefuͤllt, und einer Zweiten, unter Beob⸗ achtung der nehmlichen Zeremonien, gereicht. So ging es durch den ganzen Kreis fort, bis endlich der Moͤnch auch ſein eigenes Theil mit ſichtlichem Wohlgefallen trank. Eine zweite Runde nahm den Silbergroſchen hinweg, und brachte den Moͤnch zu dem Ende des„Dirige“ und„De profundis,? wovon er, zur großen Erbauung ſeiner Zuhoͤrerinnen, ſchon waͤhrend — 5— der Becher kreiſete, einzelne Stellen geſungen hatte. Als die Zeremonie zwei Mal vollendet war, reichte der Moͤnch der Wirthinn ſeinen Silber⸗ groſchen hin.„Bei den fuͤnf Freudon der hei⸗ ligen Jungfrau, ſagte er dabei, nie iſt ein beſſerer Tauſch gemacht worden, als dieſes kleine, trockene Stuͤck veraͤnderter Erde, gegen ein Dutzend angefeuchteter Kehlen, froͤhlicher Geſichter, und gelaͤufiger Zungen; und wenn er gute Sir Nikolas(dem Gott gnaͤdig ſei) ſich durch ſeine Meſſe beſſer befindet, ſo ergeht es uns, bei der Meſſe, durch ſeinen Gro⸗ ſchen beſſer, den wir in Sibs Geldkaſten ge⸗ worfen, und in gutes Ale verwandelt haben. Ha! es läßt eine angenehme Feuchtigkeit auf den Lippen zuruͤck. Aber jetzt, ihr undankba⸗ ren Klatſchen, denn ſo muß ich Euch nennen, weil Ihr plaudert und ſchwatzt, ehe Ihr noch fuͤr Eure Mahlzeit dem Herren gedankt habt, wollt Ihr nicht den Prieſter fuͤr das danken hoͤren, was Ihr genoſſen?— Ruhe denn, Ihr Plaudertaſchen, damit ich um zukuͤnftige Wohlthaten derſelben Art bitten kann, wäh⸗ rend Ihr der vergangenen kaum noch gedenkt.“ Dann begann er mit tiefer, melodiſcher Stimme, eine alte moͤnchiſche Hymne zu ſingen: O tu qui dans oraoula, scindis cutem novacula eio.“ — 96— und als er ſie beendigt hatte, ſagte er:„Mein Schuͤler Dickon ſoll Euch dieſer Tage das Ganze uͤberſetzen, denn in Ruͤckſicht ſeines Bu⸗ ches hat er ein ſcharfes Auge, obgleich er kreuzweis in die Welt ſieht.— Sib Faw⸗ cett, haſt Du etwas gelaͤuterten Honig, oder ein Stuͤckchen Zuckerkandi bei der Hand, ſo bitte ich Dich darum, denn ich habe meine Kehle hier ſo angeſtrengt, daß ich es wahr⸗ ſcheinlich beduͤrfen werde, ehe ich den Singe⸗ pult in Glaſtonbury, wohin ich mich ſogleich auf den Weg machen muß, erreiche.“ Bei der Nachricht, daß er weg wolle, um⸗ ringte ihn der ganze Haufe, und beſtuͤrmte ihn mit einer Maſſe von Bitten und Nachrich⸗ ten, ſo daß er noch laͤnger in der Nachbar⸗ ſchaft weilen mußte, als es anfangs ſein Wille geweſen. Der gute Pater, wie er mit Recht genannt ward, war nicht allein der all⸗ gemeine Friedensſtifter für die ganze umgegend, und der Schiedsrichter jedes Streites, ſondern da er ſich ſelbſt fuͤr einen eben ſo geſchickten Leibes⸗ als Seelenarzt ausgab, wurde er auch bei alle den Krankheiten und Gebrechlichkeiten um Rath gefragt, denen der Menſch von der Wiege bis zum Grabe ausgeſetzt iſt. um ſich fuͤr dieſe verſchiedenen Verrichtungen geſchickt zu zeigen, hatte er beſtäͤndig eine Reiſetaſche — 97— bei ſich, in der er außer dem Pſalter und dem Meßbuche auch noch Pillen und Tropfen fuͤr ſeine glaͤubigen und geduldigen Patienten mit ſich fuhrte, und ſogar Zuckerbrod, Pfeffernuͤſſe, und Saffrankuchen fuͤr die Leckermaͤuler der Kinder. Durch dieſe Mittel, denen er zuweilen auch noch das große Kruzifix an ſeinem Roſenkranze, und einige Reliquien, die von ſeinem Guͤrtel herabhingen, hinzufuͤgte, gelang es ihm ge⸗ woͤhnlich, ſeine Kranken wieder herzuſtellen. Viele derſelben hielten ſeine lateiniſchen Worte, wenn er einen Pſalm oder eine Hymne ſang, und ſie dabei mit mitleidigem Blicke betrach⸗ tete, wenigſtens fuͤr eben ſo kraͤftige Heilmit⸗ tel, als ſeine Arzneien ſelbſt, obgleich ſie von alle den Geſaͤngen nicht eine Silbe verſtanden. Auch in geiſtlichem Troſte war er nicht weni⸗ ger gluͤcklich in ſeinem Erfolge. Es war einer ſeiner freundlichen Grundſaͤtze, daß die Aerme⸗ ren in der menſchlichen Geſellſchaft, welche hier ſo viel Noth und Elend, ſo manche Entbeh⸗ rung oder Kraͤnkung zu ertragen haben, wenig⸗ ſtens in jenem Leben auf ein beſſeres Schickſal hoffen muͤßten, und deshalb ließ er es ſeine Sorge ſein, depen, die er als Beichtvater be⸗ ſuchte, eine ſolche Hoffnung einzupraͤgen, da⸗ mit ſie mit freudigerem Blicke ihrem Tode ent⸗ gegenſaͤhen, wenn dieſer Troſt nicht gar, wie I. 3 dies haͤufig der Fall war, dazu diente, ihnen zur Wiedererlangung ihrer Geſundheit behuͤlf⸗ lich zu ſein. Nach dem Geſagten, kann es nicht uͤber⸗ raſchen, daß die Weiber, welche ſo gluͤcklich waren, ihn in ihrer Naͤhe zu beſitzen, ihn nicht ſo bald wieder fortlaſſen wollten. Goody Tapps bat ihn, einer Nachbarinn, welche Bo⸗ ſes von ihr geſprochen, mit dem Zorne der Kirche zu drohen. Sie wollte ihm eben die Sache weitlaͤuftig berichten, als ſie der Moͤnch mit den Worten unterbrach:„Sag' ihr, wenn ſie ihre boͤſe Zunge nicht zuͤgelt, ſoll ſie in den Trill⸗Stuhl kommen; wer nicht gutes ſprechen kann, laͤßt ſich auch nicht gut be⸗ herrſchen.“ „Da, meine Herrſchaften, da!“ rief Goody Tapps, mit der rechten Fauſt in die linke Hand ſchlagend.—„Habe ich es nicht ge⸗ ſagt?— Wahrhaftig, ich wollte ihr jeden jener Namen geben, haͤtte ich ſie nur behalten!“ Nachbarinn Stiles bat, ihren kranken Sohn zu beſuchen, und waͤre es auch nur, ihm einen Pſalm zu ſingen. Sie ſagte, er ſei ganz fuͤr die Muſik geſtimmt, und habe, ſeit er den guten Pater auf der Orgel ſpielen hoͤren, von nichts anderem geſprochen. „In Wahrheit, ſagte der Moͤnch, in mei⸗ nem Spiele auf der Orgel gelte ich etwas, und mehr noch, als wegen meiner ſchoͤnen Stimme, denn dieſe iſt mir angeboren, jenes aber erworben. Doch erinnere ich mich in meinen juͤngeren Jahren mit vieler Eitelkeit, meine eigene Grabſchrift verfertigt zu haben. Sie lautete: Millibus in mille Cantor fuit optimus ille, Praeter et haec ista, Fuit optimnus orgaquenista*). Doch jetzt bin ich zu alt geworden, um mich meiner Vollkommenheiten, ſowohl der vokalen, als der inſtrumentalen, zu ruͤhmen, obgleich ich nun naͤher daran bin, eine Grabſchrift zu beduͤrfen. Dennoch ſoll der Knabe beſucht werden, und ich will ihn von ſeinem Kranken⸗ bette aufſingen, als wenn er von der Taran⸗ tel geſtochen waͤre; und wenn er ein ſo gutes Gehoͤr hat, als Ihr ſagt, und daneben auch eine gute Stimme, ſo koͤnnt' ich ihn wohl in Glaſtonbury als Chorknabe unterbringen. „Ach, guter Bruder Frank,“ rief eine an⸗ *) Nach einer, fur die ſchoͤnen Leſerinnen verfertigten freien Ueberſetzung, moͤchte dies etwa heißen: unter Tauſend und Tauſend abermal War er der beſte Sänger zumal; Aber nebenbei und beineben War er der beſte Hrgelſpieler eben. D. Ueb. 7* — dere der Klatſchgevatterinnen,„meine arme Toch⸗ ter Cicely iſt nun ſchon ſeit drei Tagen beſeſſen und verhert, und der Teufel, der in ihr hauſ't, will nicht dulden, daß ſie vor dem Kreuze auf dem Marktplatze voruͤbergehe, ſondern treibt ſie immer durch das Gaͤßchen, in welchem Wat Staples, der junge Wollkämmer, ſingend bei ſeiner Arbeit ſitzt, und ich dachte nun, wenn Ihr den LTeufel beſchworen koͤnntet—“ „Wenn!“ unterbrach ſie der Moͤnch;„wißt Ihr nicht, daß ich dazu eine eigene Bulle des Papſtes habe? Laßt ſie an dem Morgen zwi⸗ ſchen St. Simons und St. Judas Tage zu Hauſe ſein, und ich werde den Teufel aus ihr vertreiben, mit Glocke und Buch und Licht, und Kirie⸗Eleiſon, und Chriſte-Eleiſon,— und sancte, sancte, sancte, Herr Gott Ze⸗ baoth.“ Die Achtung des gemeinen Volkes vor de⸗ nen, welche der lateiniſchen Sprache maͤchtig waren, und vor dieſer Sprache ſelbſt, die bei allen religidſen Feierlichkeiten gebraucht wurde, war ſo groß, daß ſie glaubten, ohne die An⸗ wendung derſelben koͤnne nichts Außergewoͤhn⸗ liches, keine Wunderkur, und dergleichen, voll⸗ bracht werden; und ſie legten den Worten, die ſie nicht verſtanden, wunderthaͤtige Kraft bei. — 101— Doch kein unredlicher Grund bewog den Bru⸗ der Frank, ſolche Worte in ſeine Reden zu miſchen, ſondern nur der Wunſch, durch ſie die Wirkung der Mittel, welche er anwendete, zu verſtärken; lange Gewohnheit aber hatte ihm dies zur andern Natur gemacht. Jetzt entfernte ſich das gute Weib, deren Tochter bezaubert war, in der feſten, freudigen Ueberzeugung, daß ihr Kind an dem Morgen zwiſchen dem St. Simons und dem St. Judas Tage voll⸗ kommen geheilt werde. Der Pater zeichnete ſich einiges uͤber alle dieſe Mittheilungen und Bitten in einem klei⸗ nen Gedaͤchtnißbuche auf, das er ebenfalls in ſeiner Reiſetaſche bei ſich trug, und war dann ſchon im Begriffe, zu gehen, als er ſich plotz⸗ lich auf etwas zu beſinnen ſchien, und ſchnell zu Sib Fawcett ſagte:„Beinahe hätte ich uͤber unſerer Berechnung wegen des Silbergro⸗ ſchens vergeſſen, daß ich mein gewoͤhnliches Honorarium fuͤr den Unterricht meines guten Schuͤlers dort, heut noch nicht getrunken habe. Uum alles in der Welt wollte ich aber nicht, daß ein ſo lernbegieriger Knabe Ruͤckſchritte im Studium machte, daher will ich lieber mein gewoͤhnliches beſcheidenes Maaß geiſtiger Getraͤnke uͤberſchreiten. Glaubſt Du nicht auch, * — 102— Sib, fuhr er fort, daß bomum additum bono facit aliquid melius*)? „Ei, ſicher und gewiß glaube ich das,“ entgegnete die Wirthinn;„und bin bereit, es zu beſchwoͤren, wenn Ihr ſagt, daß es ſo ſei.“ „Nun dann, gute Sib,“ ſagte der Pater, ſo laß das Ale eben ſo gut ſein, als das vo⸗ rige, denn dies hat noch ein angenehmes An⸗ denken auf meinen Lippen zuruͤckgelaſſen.“— „Sahſt Du nicht, meine ehrenwerthe Wirthinn,“ fuhr er fort, als das Ale gebracht worden, „bei dem letzten Jahrmarkte den Taſchenſpieler, der die Sachen durch einen Wink mit der Hand unſichtbar machte? Nun ſollſt Du ſehen, wie man dies auch mit einer Bewegung des Mundes kann.“ Bei dieſen Worten trank er den Krug mit einem Zuge bis auf den letzten Tropfen aus, that ſeinen Guͤrtel und ſeine Reiſetaſche um, und wollte eben das Gemach verlaſſen, als es von einem lauten, heftigen Pochen an der Thuͤr widerhallte. Dabei rief draußen Jemand:„Ho, ho! oͤffnet die Thuͤr, Ihr tauben, trunkenen Toͤlpel!“ So unhoͤflich dieſe Rede auch war, ſo ge⸗ horchte Sib Faweett dem Befehle doch augen⸗ — ²) dem Guten hinzugefuͤgt, etwas Beſſeres gebe. . — 103— blicklich, und es trat ein erhitzter Mann mit bloßem Kopfe, herein. Seine Geſtalt und ſein Geſicht, ſo wie ſein ganzes, befehlshabe⸗ riſches Weſen, verkuͤndeten eine Perſon von Wichtigkeit, obgleich man ſeine Kleidung durch⸗ aus nicht erkennen konnte, ſo ſehr war er vom Kopf bis zu den Fuͤßen mit Staub und Koth bedeckt. Viertes Kapitel. Dies iſt die Zauberhöhle, wo Syrenen Sich üben in luſtvonen Wundertönen, Oder Luftſänger, reich zuſammengeſchaart. Nicht ird'ſchen Lippen entſtrömen ſolche Klänge; Rein! dies ſind wunderſüße Rundgeſänge, Die Geiſter ſingen von ganz eigner Art. Duvley, wie es bereits geſagt ward, von Peter, der einen Mantelſack mit vollſtaͤndiger Garderobe hinter ſich auf dem Gaule hatte, begleitet, war glucklich nach Somerſetſhire, bis in die Nahe der Mendip⸗Berge gekommen, als er ſich erinnerte, von einem ſeiner Ver⸗ wandten von dem Thurme wunderbare Erzaͤh⸗ lungen von einer Hoͤhle gehoͤrt zu haben, die unter dem Namen der Wokey⸗Hoͤhle bekannt war. Der Umweg, den er machen mußte, wollte er ſie ſehen, war nicht ſehr groß, und er beſchloß daher, dieſe Gelegenheit nicht un⸗ genuͤtzt voruͤbergehen zu laſſen. Deshalb wandte er ſein Roß nach den hoheren Gebir⸗ — 05— gen, welche aus mehreren Hohen beſtanden, deren Abdachungen bald ſteiler, bald weniger ſteil, einen hoͤchſt maleriſchen Anblick gewaͤhr⸗ ten. Zwiſchen den Hoͤhen, doch oft von dem Fuße derſelben unterbrochen, erſchien ein Bach, der auf dieſe Weiſe mehreren kleinen Seen oder Teichen glich. In dieſem Theile des Ge⸗ birges waren zahlreiche Heerden von Schafen, entweder im Thale in Gruppen vertheilt, oder einzeln auf den hoͤchſten Spitzen weidend, be⸗ merkbar, und gaben der ganzen Landſchaft ein hirtenhaftes, laͤndliches Anſehen. Sobald aber Dudley die Hoͤhen erreicht hatte, und nun in einer andern Richtung weiter ritt, aͤnderte ſich der Charakter der ganzen Gegend. Vor ihm war die Ausſicht ſchwarz, finſter und wuͤſt. Die Spitzen der Huͤgel waren mit lan⸗ gen, duͤſter ausſehenden Hoͤckern bedeckt, und in den Seiten derſelben zeigten ſich ungeheure Spalten, welche durch irgend einen Krampf der Erde erſtanden zu ſein ſchienen. Zuweilen nahmen ſie hoͤchſt phantaſtiſche Geſtalten an, aber immer ſahen ſie fremdartig und ſchrecklich aus. Eine dieſer Kluͤfte, die er auf ſeinem Wege ſah, war beinahe eine Meile lang, und das Auge glaubte hier wirklich etwas Zaube⸗ riſches, Ueberirdiſches zu erblicken. An mehre⸗ ren Stellen ſtiegen die ſchroffen Waͤnde uͤber — 106— vierhundert Fuß perpendikulaͤr in die Hoͤhe, und an andern Orten ſenkten ſie ſich in dop⸗ pelt ſo tiefe Abgruͤnde hinab. In ihnen zeig⸗ ten ſich die Oeffnungen verſchiedener Hoͤhlen, welche in der Gegend fuͤr die Wohnungen eben ſo vieler hoͤlliſcher Geiſter galten. Ueber die⸗ ſen Oeffnungen hingen ungeheure Felsmaſſen, welche die Luft verdunkelten, indem ſie die Tiefe beſchatteten, in die ſie, wie es ſchien, jeden Augenblick ſtuͤrzen mußten. Das Ge⸗ muͤth des Beſchauers ward bei ihrem Anblicke unwillkuͤhrlich mit einem Gemiſche von Schrek⸗ ken und Bewunderung erfuͤllt. Seit ſeiner Jugend an militaͤriſche Unter⸗ nehmungen in unbekannten Gegenden gewoͤhnt, wo er nicht allein auf die Oertlichkeit achten, ſondern auch Hinterhalte und Ueberfaͤlle jeder Art vermeiden mußte, erfreute ſich Dudley nicht wenig an dieſer Landſchaft, und an der Schaͤrfe des Blickes, die jeden noch ſo fernen Punkt erreichte, der ihm einſt genannt worden war. Durch dieſe Eitelkeit beſtochen, hatte er es auch verſchmaͤht, einen Fuͤhrer zu nehmen, ſondern wollte die Wokey⸗Hoͤhle blos der Richtung nach auffinden, obgleich man ihm mehrmals verſichert hatte, daß er ſeinen Zweck ohne Huͤlfe eines Wegweiſers ſchwerlich errei⸗ — 107— chen werde. Seine Kenntniß von der Gegend, in welcher das Ziel ſeiner Tagereiſe lag, nutzte ihm wenig. Er konnte keinen gangbaren Weg finden, und gerieth oft in die großte Gefahr, wenn er ganz unerwartet an irgend einen un⸗ durchdringlichen Moraſt, oder an einen ſteilen Felsabhang kam, welchen er nicht hinabklettern konnte, ohne dem wahrſcheinlichſten Verderben entgegen zu gehen. Nur auf einem ſchmalen Fußſteige, den ſie wenige Zeit verfolgt hatten, konnten ſie vorwaͤrts dringen, und ſo klimm⸗ ten ſie die eine Hoͤhe hinab, und die andere hinauf; ſich drehend, vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts, bis ihre Pferde erſchoͤpft zu werden begannen. Dudley, deſſen Vertrauen zu den neuen We⸗ gen, die er oͤfters einſchlug, jedesmal getauſcht ward, verlor endlich nicht nur jeden Richtpunkt, ſondern, was noch weit ſchlimmer war, auch ſeine Geduld- Einem reizbaren Menſchen, der hinreichen⸗ den Grund fuͤr ſeine uͤble Laune zu haben glaubt, iſt nichts unleidlicher, als die unver⸗ tilgbare Frohlichkeit eines Gefaͤhrten, und in dieſer Lage befand ſich Dudley, in Bezug auf Peter. Der Letztere, welcher, dem franzoͤſi⸗ ſchen Gebrauche gemäß, die ſchroffen Schran⸗ ken zwiſchen Herrn und Diener uͤberſprungen hatte, war bei jedem neuen Unfalle, der ſie — 108— betraf, in ein lautes Gelaͤchter ausgebrochen, und hatte dann jedes Mal geſungen: „Hanneton! ſiege, fliege, ſilege! Hanneton! ſlege, ſtiege, ſliege!“ Dies alte Lied hatte er mehrmals wiederholt, bis ſie, nach manchem Hin⸗ nnd Her⸗Wege, nach mancher Vermuthung, daß ſie endlich auf den rechten Weg gerathen waͤren, wieder an eben dem Orte waren, von dem ſie bei dem letzten Verſuche ausgeritten. Bei dieſer ganz unerwarteten Ueberraſchung machte ſich Peters Lachluſt, die er bisher nur mit der groͤßten Gewalt unterdruckt hatte, in einem ſo lebhaf⸗ ten Ausbruche Luft, daß die Gegend ringsum⸗ her von dem Gelaͤchter ertonte. Dudley, den ſeines Dieners uͤberwiegende gute Laune ver⸗ droß, obgleich er ſeinen eigenen Aerger deſſen Mangel an Achtung zuzuſchreiben ſuchte, machte ihm Vorwuͤrfe deshalb, und in nicht ſehr ge⸗ linden Ausdrucken. „Pardi, gnaͤdiger Herr,“ entgegnete Pe⸗ ter, indem er ſeine Lachmuskeln zuſammenzu⸗ ziehen ſtrebte,„in Frankreich lachen wir immer zu dergleichen Dingen.“ „Dann ſeid Ihr Narren,“ ſagte Dudley finſter;„unſte jetzige Lage iſt doch gewiß nicht laͤcherlich.“ „Pardi, gnaͤdiger Herr, jeder Tropf kann — 109— lachen, wenn er eine gute Urſache dazu hat, aber lachen, wenn man verzweifeln moͤchte, ha, ha ha! das heißt das Gluͤck zum Narren ma⸗ chen, und nicht ſich ſelbſt.“ „Vielleicht,“ ſagte Dudley weniger muͤr⸗ riſch,„konnte es ſo ſein, wenn man aus Phi⸗ loſophie lachte, aber wo das Gelaͤchter nur aus natuͤrlicher, angeborner Frohlichkeit ent⸗ ſteht—“ „Wir ſind immer frohlich, wir e 3. unterbrach Peter. „Oder wo dumpfe Fuͤhlloſigkeit die Urſache iſt;“ fuhr Dudley fort. „Ohne Zweifel,“ erwiderte Peter mit ſpoͤt⸗ tiſchem Blicke, und einem Achſelzucken, das ſeinen Worten widerſprechen ſollte,„ohne Zweifel giebt es unter den Franzoſen derglei⸗ chen Leute.“ „Wir muͤſſen einen neuen Verſuch machen, uns zurecht zu finden,“ entgegnete Dudley, indem er ſeinem Pferde die Sporen gab;„oder wir muͤſſen wenigſtens irgend ein lebendes We⸗ ſen zu treffen ſuchen, denn ſonſt koͤnnen wir die Nacht hier zubringen, und unſere Sporen⸗ leder zur Abendmahlzeit verzehren.“ „A la bonne heure— allons!“ rief Pe⸗ ter, indem er ſeinem Herren folgte, und begann einen neuen Geſang, der ihm offenbar einge⸗ — 110— fallen war, als er uͤber die Froͤhlichkeit ſcherzte: „Verdammte Noth, mein Peter, Teufelsnoth! Catin meint, weil ich alles trinken wollte, So denke ſie viel eher an den Tod Als daß ich ſie nebſtbei noch lieben ſoute!“ Dudleys Gleichmuth war noch keinesweges ſo weit hergeſtellt, daß er der Heiterkeit ſchon wieder zugaͤnglich geweſen; ſelbſt dies Liedchen war ihm zuwider, und mehrmals hatte er ver⸗ ſucht, Peter durch den gebieteriſchen Ruf „Stille!“ zum Schweigen zu bringen. Peter hatte nur einen leiſeren Ton angeſtimmt, der den Geſang nicht ſtorte, dabei aber eine ſo er⸗ heiternde Kraft zu haben ſchien, daß er auf die wilden Umgebungen mit ſo froͤhlichem Blicke ſchaute, als waͤren ſie das Thor eines herrlichen Gaſthofes geweſen, wo er die treff⸗ lichſten Leckerbiſſen in ganz England zu finden hoffen durfte. Als Dudley aber wieder ſein Pferd anhielt, wie ſie vor einem ſteilen Fels⸗ abhange ſtanden, ſchien ſein artiger Diener ſeine uͤble Laune zu theilen; und indem er aus⸗ rief:„Peſt, wir haben nicht ſolch eine ab⸗ ſcheuliche Gegend, wie dieſe hier, in Frank⸗ reich;“ bemuͤhte er ſich, recht muͤrriſch auszu⸗ ſehen, doch gleich darauf fiel er wieder in ſeine eigenthuͤmliche Stimmung zuruͤck, brach er in einen neuen Geſang aus, und ſtimmte dieſen — 111— mit einem Eifer an, als wolle er das Schick⸗ ſal wegen ſeines augenblicklichen Mißmuthes um Verzeihung bitten. Dudley, der ſich ſchon gewaltig uͤber das Vertrauen zu ſich ſelbſt, das ſo uͤble Folgen zu haben drohte, aͤrgerte, ward durch die un⸗ vertilgbare Frohlichkeit ſeines Dieners, und deſſen Mangel an Achtung ſo ſehr aufgebracht, daß er ſchon im Begriffe ſtand, ihm ſeine Herr⸗ ſchaft durch einige tuchtige Schlaͤge mit der Reitpeitſche zu beweiſen; da ward er durch lau⸗ tes Geſchrei und wildes Gelaͤchter uͤberraſcht, das von vielen Maͤnnern ausgeſtoßen, und von der Spitze der Hoͤhe gerade uͤber ihm, zu er⸗ tonen ſchien. Sogleich richtete er ſeinen Blick nach der Gegend, in der das Geraͤuſch erſchallte, doch er konnte kein menſchliches Weſen erſpaͤ⸗ hen, noch irgend einen Gegenſtand, der ſich bewegte, und da dem anfaͤnglichen Gelaͤchter ein tiefes Schweigen folgte, begann er, ſich der Sagen von der Hexe der Wokey⸗Hoͤhle, und deren Beſuchen in den Mendip⸗Bergen, zu erinnern; zu dieſen Bergen kam ſie nehm⸗ lich, um den Orgien und Feſten ihrer Zauber⸗ ſchweſtern bei den großen jaͤhrlichen Verſamm⸗ lungen beizuwohnen. Selbſt Peter kreuzigte andächtig Stirn und Bruſt, und wuͤrde ein ganzes Paternoſter gebetet haben, waͤre er nicht — 112— in deſſen Mitte unwillkuͤhrlich in den Geſang gefallen:„Als Colin Artiſchocken ſpeiſte.“ Ein zweiter Ausbruch lauten, gemiſchten Geſchreies und Gllaͤchters, der noch deutlicher von der Spitze des Berges herniederſchallte, beſtimmte Dudley, die Hoͤhe zu erklettern, um zu entdecken, woher dies Geraͤuſch entſtehe. Nach zwei oder drei vergeblichen Verſuchen, ir⸗ gend einen Pfad fuͤr ſein Pferd zu finden, ſtieg er ab. Peter folgte ſeinem Beiſpiele, und als ſie ihre Thiere an einem Buſche angebunden hatten, begannen ſie, die ſchroffen Seiten hin⸗ anzuklimmen, die nicht nur durch tauſend Ab⸗ ſaͤtze unterbrochen, ſondern auch durch tiefe Kluften geſpalten, und mit verkruͤppeltem Hai⸗ dekraut bewachſen waren. Mit großer Gefahr und Anſtrengung naͤherten ſie ſich endlich der Spitze des Berges. Noch immer ertoͤnte eben jenes Geſchrei und Gelaͤchter, und als ſie zuletzt die Kuppe wirklich erſtiegen, bot ſich ihnen ein Anblick dar, der ihnen eben ſo uͤberraſchend, als unerklaͤrlich war. Dicht vor ſich ſahen ſie in der Liefe eine Hoͤhle, deren felſige, ſteile Waͤnde, ſichtlich durch Feuer geſchwaͤrzt, ganz fuͤglich haͤtten fuͤr den Krater eines Vulkanes gehalten werden koͤnnen, waͤren nicht auf einem ebenen Platze in der Mitte derſelben mehrere wild ausſehende Män⸗ — 113— ner ſichtbar geworden, welche in finſtere, ſchmutzige Kleidungen gehuͤllt waren. Sie bil⸗ deten einen großen Kreis um eine niedrige, hoͤl⸗ zerne Huͤtte, welche in der Mitte des Raumes ſtand. Gern haͤtte Dudley irgend eine Erlaͤu⸗ terung uͤber dieſe ſonderbare Erſcheinung einge⸗ zogen, allein die wilden Blicke der verſammel⸗ ten Maͤnner behagten ihm ſo wenig, daß er ſich hinter einem hervorragenden Felszacken ver⸗ barg, und Petern nochmals befahl, ſeinen Ge⸗ ſang zu unterlaſſen; denn er war feſt entſchloſ⸗ ſen, das Betragen dieſer banditenaͤhnlichen Leute genau zu beobachten, ehe er ſie um ihren Schutz anſpreche. Die kleine hoͤlzerne Baracke war mit trockenem Reiſig, Moos, und anderen brenn⸗ baren Stoffen umgeben; ein Mann, welcher der Fuͤhrer des Haufens zu ſein ſchien, ſchwang eine brennende Fackel um ſeinen Kopf, und Dudley war geſpannt, welche Art von Opfer dieſen Ritus bezeichnen werde, der eben ſo wild ſchien, wie die Gegend, in der er gefeiert ward. Dieſen Argwohn hatte er ſchon bei dem erſten Anblicke gefaßt, die Abſicht der laͤndlichen Fa⸗ natiker(denn dafuͤr hielt er ſie) ſchien aber jetzt auf noch Grauſameres gerichtet. Kaum hatte der Anfuͤhrer den Reiſighaufen angezuͤndet, als alle ein lautes Geſchrei ausſtießen, das um ſo furchtbarer klang, da es mit grellendem Gelaͤch⸗ I. — ter untermiſcht war. In den Pauſen, die bei dieſem Lärm entſtanden, glaubte Dudley den Schall von Schlaͤgen zu horen, die Jemand, der in der Huͤtte eingeſchloſſen war, mit gro⸗ ßer Heftigkeit gegen dieſelbe zu fuͤhren ſchien. Der umſtehende Haufe antwortete auf dieſe Toͤne durch verdoppelte Zeichen der Freude. Waͤre es moͤglich, dachte Dudley, daß dieſe ſchaͤndlichen Bauern unwiſſend genug ſind, um den entſetzlichen Druidendienſt wieder in das Leben zu rufen? Koͤnnen ſie ſo verhaͤrtet ſein, daß ſie nicht nur Menſchen opfern, ſondern auch die Qualen ihrer Opfer noch grauſam vermehren? Sein Abſcheu ward durch dieſe Betrachtungen ſo geſteigert, daß er ſchon daran dachte, durch irgend einen verzweifelten Entſchluß das Opfer zu ſtoren, denn uͤber das Teufliſche ihres Zwek⸗ kes konnte er nicht länger im Zweifel ſeyn. Jetzt war der ganze Haufe der brennbaren Stoffe entzuͤndet, als zu ſeiner groͤßten Ueber⸗ raſchung, durch vermehrte Wuth der Schlaͤge im Innern der Huͤtte, die eine Seite derſelben eingeriſſen ward, und ein Mann herausſprang, der wie alle die Uebrigen gekleidet war. Er ſturzte ſich durch die Flammen, und rannte mit eiliger Haſt und Blicken des Schreckens zur Hoͤhle hinaus. Ein lautes, durchdringendes Geſchrei ertonte wie aus einem Munde, als — 115— der Gefangene ſeinen Kerker durchbrach, und obgleich Niemand ihn verfolgte, ſo zweifelte Dudley doch noch, daß er glůcklich entrinnen werde. Doch er hatte nicht nur eine Richtung eingeſchlagen, in der der Pfad gangbarer war, als auf der Seite, auf welcher Dudley herauf⸗ geklettert, ſondern ſprang auch mit der Behen⸗ digkeit und Schnelligkeit einer Bergziege von Spitze zu Spitze, und uͤber die weiten Spal⸗ ten. Jetzt hatte er die Kuppe des Berges er⸗ reicht, und näherte ſich dem Felſen, von wo aus unſere Reiſenden ihm voller Theilnahme mit den Blicken gefolgt waren. Ihr Staunen, als ſie ſeinen verſengten Bart, ſeine geſchwaͤrzten Kleider, welche ſeiner natuͤrlichen Finſterkeit und Wildheit etwas uebermenſchliches zu geben ſchienen, ſahen, ward von dem ſeinigen noch uͤbertroffen, als er zwei wohlgekleidete Reiſende in dieſer unzugaͤnglichen Gegend unerwartet dicht vor ſi 3 erblicte. Si und Se und S Gefahr unſeres Lebens gegen jene unglaubigen und Moͤrder vertheidigen. Am Fuße des Ber⸗ ges ſtehen unſere Pferde, welche uns zu deiner Rettung behulflich ſein ſollen, wenn jene Boͤ⸗ ſewichter dich verfolgen, vorausgeſetzt, daß du 8* — 116— uns einen gangbaren Pfad zeigen faunſ⸗ den wir bisher vergeblich ſuchten.“ In der Sprache der Landbewohner dortiger Gegenden, die Dudley oft faſt ganz unverſtaͤnd⸗ lich war, erkläͤrte der Fluͤchtling auf Dudleys verſchiedene Fragen, daß er jetzt keine Verfol⸗ gung zu befurchten habe, daß der Berg, auf welchem ſie ſtaͤnden, eine beruͤhmte Blei⸗Mine ſei, und daß die tiefe, ſchroffe Heffnung, in welche ſie ſähen, durch das Ausbrechen des Erzes, welches hier uͤberall den Felſen durch⸗ zoͤge, entſtanden ware, und endlich, daß die Leute, denen er eben entronnen, Bergleute waͤ⸗ ren. Wenn ſie zur Nacht ihre Arbeit been⸗ digten, pflegten ſie ihre Geraͤthſchaften in jener kleinen hoͤlzernen Huͤtte aufzubewahren. Durch ein rohes Geſetz, das ſie unter ſich ſelbſt geſchaffen, ſchi ließen ſie Jeden, der uͤberfuͤhrt iſt, dieſe Ge⸗ rathſchaften, oder einige derſelben, geſtohlen zu haben, in die Huͤtte ein, und legen Feuer um dieſelbe. So bleibt dem Eingeſchloſſenen nur die Wahl, ob er verbrennen, oder ſich mit Ge⸗ walt aus der Huͤtte brechen, und entfliehen will; doch darf er, wenn ihm dies gelingt, nie wie⸗ der in derſelben Grube arbeiten. Durch dies feurige Gottesgericht, welches„der Brand des Berges“ genannt wird, ſchien der Erzähler eben gegangen zu ſein, obgleich er gegen ſeine — 117— Zuhbrer ſeine Unſchuld betheuerte, und ſeine Flucht andern urſachen zuſchreiben wollte; ſein Geſicht aber ſchien die Anklage eiwti zu rechtfertigen. Was aber auch Dudleys Meinung von der Schuld oder Unſchuld des Mannes ſein mochte, ſo ſprach er doch laut ſeinen Abſcheu gegen die grauſame, geſetzloſe Art der Strafe aus. Pe⸗ ter wollte die Ausuͤber ſolcher Graüſamkeit nicht fuͤr ſeine Landsleute anerkennen, und ſagtt da⸗ her mit bedrutungsvollem Achſelzucken:„Mor- bleu! in Frankreich habeitet wir keine ſuhe Wilden.“ Der neüe Bekannte ward von Dudleh güß gefordert, gegen eine angemeſſene Belohnung, deſſen Fuͤhrer zu werden. Zugleich ſollte er ſagen, ob ſie noch weit von der beruͤhmten Wokey⸗Hoͤhle entfernt waren.„Ihr Eingag,“ entgegnete der Bergmann,„iſt hier ganz in der Nähe, und gern will ich Ihr Föhrer ſein, venn ganz genau. u „Ich dachte es wohl, tß i5 nich 6 ſehr geirrt haben koͤnnte,“ ſagte Dudley,„und daß wir doch endlich in der wahren Richtuig wären⸗. „Morpleu!“ rief Peter, das dachte der gnaͤdige Hert auch, als wir uns in entgegen⸗ — 118— geſetzter Richtung befanden; doch, das iſt gleich⸗ viel. Hanneton! fliege, fliege, fliege!“ Bei dieſen Worten eilte er den Berg hinab, die Pferde zur Fortſetzung der Reiſe in Stand zu ſetzen. Herr und Diener beſtiegen darauf ihre Thiere wieder, und entdecken, mit Huͤlfe ihres Foͤhrers, was ſie ſo lange vergebens ge⸗ ſucht hatten,— einen gangbaren, wenn auch etwas unebenen Fußpfad, und bald hatten ſie, auf demſelben fortreitend, das Ziel ihres Stre⸗ bens erreicht. Die Gegend um den Eingang der Hoͤhle war noch eben ſo felſig und wild, ſo großartig und prachtvoll, als fruher, aber ein groͤßerer Reichthum an Pflanzen, und das verſchiedenfarbige Moos und Gebuͤſch, welches aus den Ritzen und Spalten ſproßte, gab dem Ganzen einen. etwas milderen, ſanfteren An⸗ ſtrich. In der perpendikularen Felswand vor ihnen, war eine längliche Seffnung von bedeu⸗ tender Große. Unter derſelben befand ſich eine naturliche Wolbung, etwa dreißig Fuß hoch, und vierzig breit, aus deren Heffnung ein kla⸗ rer Bach floß, der ſich mit lautem Geräuſche ber Felsſtice⸗ einen Weg bahnte, und eine Menge von V Waſſergewachſen und Mooſen ent⸗ hielt. Nachdem ſie unter der Fuͤhrung ihres Boten eine ſteile Anhoͤhe hinaufgeklettert wa⸗ ren, traten ſie durch den ſchmalen Eingang in — 119— die Hohle, und befanden ſich nun unter einem weiten Gewolbe, deſſen Decke und Seiten vol⸗ ler ſonderbarer Geſtalten, aus Tropſſtein gebil⸗ det, waren. Pon hier ſtiegen ſie durch eine ſchmale Heffnung in ein anderes, minder gro⸗ ßes Gewolbe, von welchem ſie ein langer, un⸗ ebener, gewundener Gang in eine weite Halle brachte. Die Hohe derſelben konnten ſie bei dem Lichte der Fackel, mit welcher ihr Fuͤhrer ſich verſehen hatte, nicht ermeſſen, obgleich ſie ſo viel bemerkten, daß der Raum eine zilinder⸗ foͤrmige Geſtalt habe. Dies, ſagte ihnen der Fuͤhrer, ſei der vorzuͤglichſte Aufenthaltsort der Hexe von Wokey geweſen, deren verſchiedene Geräthe und Thiere, durch den Verlauf der Zeit, und das beſtändige Tröpfeln des Waſſers, in Stein verwandelt, der Hoͤhle einverleibt worden wären, wie ſie dies ſehen koͤnnten. Ganz deutlich ſollten ſie ſich noch jetzt in aller⸗ hand Geſtalten, die aus dem Boden und den Seitenwaͤnden hervorragten, erkennen laſſen. Durch dieſen ländlichen Cicerone erfuhren un⸗ ſere Reiſenden, daß während der Herrſchaft der Hexe alle Pflanzen in der Gegend der Hoͤhle verdorrt, alle Heerden, die ſich in ihre Nahe gewagt, krank geworden und krepirt wären; daß ſie neun dienende Geiſter gehabt, welche am Tage ihre Gebote erfullten, und des Nachts an — 120— ihrer Seite ſchliefen, bis endtich einer der frü⸗ hern Aebte von Glaſtonbury, in Proeſſion zu der Hoͤhle kam, in der Mitte derſelben ein Pa⸗ ternoſter ſang, den Strom in Weihwaſſer ver⸗ wandelte, indem er das Kreuz in denſelben tauchte, und dabei den Segen ausſprach, einige Tropfen deſſelben nahm, die neun Elfen, eine nach der anderen, damit beſprengte, und ſie ſo in Stein verwandelte. Zur Beſtatigung ſeiner Worte zeigte der Bote auf den Boden der Hoͤhle, und zahlte neun Steinklumpen, als Beweis, daß ſelbſt in der Zahl kein Irrthum Statt finden könne. Mit leiſen Schritten und fluͤſternder Stimme, und einem Blicke, in wel⸗ chem ſich die Angſt deutlich malte, fuͤhrte er ſie hierauf zu einer alabaſterähnlichen Maſſe, welches, wie er ſagte, einſt die Hexe ſelbſt ge weſen. Sie war unwillkuͤhrlich auf ihrem Arm⸗ ſtuhle in Schlaf geſunken, dann mit dem Welh⸗ waſſer beſprengt, und in Stein verwandelt worden, noch ehe ſie die Augen öffnen konnte. Doch durch den leiſen Ton ſeiner Stimme ver⸗ rieth der Berichterſtatter, daß er es fuͤr moͤg⸗ lich halte, ſie ſei nur in einen tiefen Schlaf gefallen, aus dem jedes heftige Geräuſch ſie vielleicht erwecken koͤnne. Die wunderbare Schoͤnheit und ſonderbare Geſtaltung dieſer Höhle, veranlaßte Petern, ſich fuͤr einen Englaͤnder anzuſchen, ind mit gro⸗ ßem Nachdrucke rief er:„Pardi; in Frank⸗ reich haben ſie nicht folche Wunder!“ Dudley, der ſich durch die Neuheit des Schauſpiels fur die vergeblichen Anſtrengungen des Tages entſchädigt hielt, gebot dem Fuͤhrer, ihn bis zu den aͤußerſten Grenzen der Hoͤhle zu geleiten, und er ſchickte ſich dazu an, ob⸗ gleich ſein Betragen, als er den dunkleren Theilen dieſes unterirdiſchen Hepentempels zu⸗ ſchritt, zu verrathen ſchien, daß er die uͤberna⸗ tuͤrliche Gewalt noch nicht ganz erſtorben glaubte. Indem er behutſam vorwaͤrts ſchritt, zeigte er auf das klare Tropfwaſſer, welches ſich hier geſammelt hatte, an die Woͤlbung des Felſens ſtieß, und den Weg unterbrach. Dies, ſagte er, werde das Hexenbad genannt, und uͤber daſſelbe hinaus koͤnne man durchaus nicht gelangen. Aber gleichſam um ſeiner Verſicherung auf der Stelle zu widerſprechen, ward in dem Waſſer ein lautes Plätſchern hoͤrbar, und ſie Alle ſahen deutlich, daß hin⸗ ter dem hohen dunklen Felsbogen hervor, ein weißer Gegenſtand durch das Waſſer ſchnell auf ſie zugeſchwommen komme, obgleich ſich nichts deutlich erkennen ließ, als zwei große glaͤnzende Augen, welche das wenige Licht die⸗ ſes duͤſteren Ortes einzuſaugen ſchienen. Der — 122— Führer fand dieſe Erſcheinung gewiß mit ir⸗ gend einer Sage von dieſer Hoͤhle uͤbereinſtim⸗ mend, denn kaum hatte er einen Blick auf die⸗ ſelbe geworfen, als er voller Schrecken aus⸗ rief:„Die Hexe! die Hexe!“ und mit aller Haſt der Oeffnung, durch welche ſie eingetre⸗ ten waren, zulief, vielleicht in der Erwartung, daß die beiden Andern ihm folgen wuͤrden. Seine Flucht war aber ſo plotzlich, und Dud⸗ ley war durch das unbekannte Weſen in dem Waſſer ſo uͤberraſcht worden, daß der Fuͤhrer die aͤußere Heffnung beinahe erreicht hatte, als er ſich entſchloß, dem Lichte zu folgen, um nicht in gaͤnzlicher Dunkelheit hier zuruͤckzu⸗ bleiben. Als er ihm in dieſer Abſicht nachlief, hatte er kaum zwanzig Schritte gemacht, als er gegen einen Vorſprung des Bodens ſtieß, und mit ziemlicher Heftigkeit niederſchlug. Noch ſah er in dieſem Augenblicke einen ſchwa⸗ chen Schimmer der Fackel, doch in der Se⸗ kunde darauf war alles in undurchdringliches Dunkel gehullt. Dudley war von Natur ta⸗ pfer, und ein heſtändiges Kriegerleben hatte ihn mit ſo mancher Art der Gefahr bekannt ge⸗ macht, und ſeinen angebornen Muth noch er⸗ hoht, doch er war keinesweges frei von dem Glauben an uͤbernatuͤrliche Dinge, der damals in allen Klaſſen der menſchlichen Geſellſchaft — 123— gleich ſtark herrſchte, und er konnte äbernatur⸗ lichen Erſcheinungen nicht ohne Zagen entgegen gehen, auch ſeine gewoͤhnliche unerſchrockenheit nicht beibehalten, als er ſich jetzt in einem weiten Gewoͤlbe lebendig begraben, und der Bosheit einer Hexe ausgeſetzt ſahe, die viel⸗ leicht in eben dieſem Augenblicke durch den jetzt unſichtbaren Strom zu ihm heruͤber ſchwamm, um ihn zu uͤberfallen. Zum Gluck fur den Ruf ſeiner Tapferkeit verhinderte ſeine Wuth gegen den Fuͤhrer, und die Schmerzen, welche ihm der Fall verurſachte, daß ſeine Angſt ſich durch Worte, oder wohl gar durch Stoßgebete verrathe. Peter, der mit jedem Augenblicke erwartete, daß die Hexe das ufer erreichen„und ihm auf das Genick ſpringen werde, hegte keinen Wunſch„ſein Entſetzen zu verbergen. Er ſtand und kreuzigte ſich, und betete angſtlich, bis ſeines Herrn maͤrriſche Worte ihm die Rich⸗ tung angaben, in welcher derſelbe war. In der Freude, ihn wiederzufinden, nahm er zu ſeinem gewoͤhnlichen Troſte ſeine Suſucht, und ſang mit heller Stimme: „Als Colin aurtiſchocken ſpeiſ'te, Sprach er zu ſeiner Frau: Auf Ehre, eine leckre Sorte! Ei, koſte dech, wie gut ſie ſind!“ 2 Sobald Dudſey ihn zum Schweigen ge⸗ 6 bracht hatte, gebot e ihm, zu lauſchen, 6b ſich irgend etwas in der Hohle rege. Doch nichts konnten ſie hören,„ was die tiefe Stille unterbrach, als die ſtarken Athemzuge Peters, der verſicherte, er habe ſich ſo athemlos geſün⸗ gen, und das Rauſchen des unſichtbaren Waſ⸗ ſers, welches in eiligem Laufe durch die Dun⸗ kelheit floß. Als die Ruhe beiblieb, belebte ſich ihr Muth; doch ein neuet Gedanke beun⸗ ruhigte Dudley. Er dachte, daß der Bote ſie abſichtlich zu dieſem außerſten Ende der Höhle gefuͤhrt, und ſie hier boshäft verlaſſen habe, um ſich ihrer Pferde, und des großen Man⸗ telſackes zu bemächtigen, der eine reiche Gar⸗ derobe enthielt, welche Dudley in Frankreich mit vieler Muͤhe und vielen Foſten erſtanden hatte. Dieſe Vermuthung ward foſt zur Ge⸗ wißheit, wenn er ſich des diebiſchen Geſichtes ſeines Fuͤhrers, und der Strafe erinnerte, welcher derſclbe, als überfuͤhrter Dieb, eben erſt entronnen war. In dem erſten Aerger, ſo angefuͤhrt zu ſein, und einen ſo untrſetzli⸗ chen Verluſt erlitten zu haben, beſchloß er, keine Zeit zu verlieren, den Weg aus der Höhle zu finden, damit er auf der Stelle eine Ver⸗ folgung beginnen koͤnne. Er nahm daher Pe⸗ tern feſt bei der Hand, um in der Dunkelheit nicht von ihm abzukommen, oder damit ſie ſich — 125— gegenſeitig unterſtutzen koͤnnten, wenn ſineiht Einer von ihnen in das Waſſer fiele. folgten ſie ſorgfaͤltig dem Geraͤuſche des S mes, da ſie ſich erinnerten, deſſen Wellen ge⸗ hort zu haben, als ſie die Hoͤhle betraten. Sie taſteten ſich zu dem entgegengeſetzten Endt der Halle vorwaͤrts, ſtrauchelten beſtaͤn⸗ dig uͤber die Steine, welche den Boden uneben machten, oder waren in Gefahr, in das Waſ⸗ ſer zu ſturzen. Doch den Gang, die Oeffnung, durch welche ſie in die Freiheit gelangen konn⸗ ten, entdeckten ſie, aller Muͤhe, aller Anſtren⸗ gungen ungeachtet, nicht. Dudley hielt ſich überzeugt, daß ſie ihren Zweck erreichen muͤß⸗ ten, wenn ſie ſich rings an den Felſen hin⸗ fählten, und ſie begannen ihre Unternehmung mit neubelebter Hoffnung abermals. Als ſie aber, nach ueberwindung mancher Schwierig⸗ keit, nach Ueberſtehung mancher Gefahr, nach einem bedeutenden Kraftaufwande, die Wellen des Fluſſes abermals hoͤrten, und ſich uͤber⸗ zeugt hielten, daß ſie wieder bei dem Hexen⸗ bade waͤren, da ſank ihr Vertrauen auf einen gloͤcklichen Ausgang, und allerhand aͤngſtliche Vermuthungen draͤngten ſich ihnen auf, denn Beide wußten nicht, was ſie jetzt beginnen ſollten. Ihre Pein ward aber auch noch durch einen bedeutenden Hunger vermehrt, denn bei — 126— alle den Anſtrengungen des Tages hatten ſie bisher noch nichts genoſſen, und ſie ſahen ſich im Geiſte ſchon dem ſchrecklichen Hungertode verfallen, wenn nicht irgend ein glucklicher Zu⸗ fall noch zu rechter Zeit einen neuen Beſucher herfuͤhrte. Sie hielten eine kurze Berathung mit einander, in der jedoch Peter nichts zu ſagen wußte, als:„Pardi, wir haben nicht ſolche verwuͤnſchte Orte in Frankreich!“ Dud⸗ ley erklaͤrte, daß ſie ihre Bemuͤhungen, ſich zu befreien, nicht aufgeben duͤrften, ſo lange ſie dazu noch Kraͤfte in ſich fuͤhlten. Deshalb begannen ſie ihre Nachſuchungen nach dem Ausgange aufs Reue, mit dem feſten Vorſatze, dabei endlich zu einem gläͤcklichen Ziele zu gelangen. Sie faßten ſich daher wieder bei der Hand, und wollten eben den Marſch in das Dunkele beginnen, als ſie mit unendlicher Ueberraſchung eine liebliche Stimme uͤber ſich ertoͤnen hoͤrten, die folgen⸗ den Geſang anſtimmte: Echo, luft'ger Stimmenklang Herrliche Betonung, Wandrer mit geheimem Gang, Wo iſt Deine Wohnung? Wie ſeltſam; Hier— dort, haut der Klang; Horch! horch! horch! Süß iſt's, Menſchenſtimmen⸗Töne Fern zu hören, und allein, Fürchtend nicht, die Meerſyrene Lade trügeriſch uns ein. — 127— Wie ſeltſam: Hier— dort, hallt der Klang; Horch! horch! horch! Eine Stimme iſt Dir eigen, Die nie ſchmeichelt, niemals trügt, Schmerz zerſtreu'ſt Du, kannſt auch ſchweigen, Wenn Du unſrem Wunſch genügt. Wie ſeltſam: Hier— dort, halt der Klang; Horch! horch! horch! Ferner Gegenwärtger, zweites Selbſt, und mein Abkömmling doch, Kleiner Elfe, kühnen Streites Reckſt Du Deinen Vater noch. Wie ſeltſam: Hier— dort, halt der Klang; Horch! horch! horch! Theurer Wiederhal, o! weile; Zürne nicht; o, ſiehe nicht! Meine Hede mit mir theile, Daß ihr's nicht an Luſt gebricht. Wie ſeltſam: Hier— dort, hallt der Klang; Horch! horch! horch! Mochte auch Dudley bei dem erſten Tone dieſes Geſanges noch ſo ſehr erſchrocken ſein, indem er waͤhnte, die Hexe ſelbſt, oder irgend ein uͤbermenſchlicher Bewohner der Hoͤhle habe in der Hoͤhe ſeinen Sitz aufgeſchlagen, um von dort aus ſeinen Syrenengeſang erſchallen zu laſſen, ſo hatte die Stimme doch etwas ſo Sanftes, Liebliches, Beruhigendes, daß er nach dem Schluſſe des Geſanges, feſt uͤberzeugt war, er koͤnne nur von einem guten Geiſte herruͤh⸗ ren. Als er darauf lauſchte, daß die bezau⸗ bernde Stimme ſich noch einmal ſolle hoͤren — 128— laſſen, zogen alle die Erzaͤhlungen, die er je⸗ mals von Syrenen, Nymphen oder Genien gehoͤrt, in ſeinem Gedaͤchtniſſe voruͤber. Zu welcher dieſer Gattungen er den unſichtbaren Saͤnger zaͤhlen ſolle, wußte er nicht, doch das konnte er unmoͤglich glauben, daß irgend ein Kind der Erde den Weg in dieſe unterirdiſchen Hallen gefunden habe, oder geſtimmt ſei, dieſe weiten, finſteren Gewoͤlbe mit dem Echo ſeines Geſanges zu erfuͤllen. Peter war ſo froh, ei⸗ nen Saͤnger in ſeiner Naͤhe zu wiſſen, und beſonders einen, der ſo wunderſuͤße Weiſen ſang, daß er leiſe, doch vernehmlich vor ſich hin fluͤſterte:„Morbleu! gnaͤdiger Herr, die Franzoſen haben keine Hexen mit ſo herrlichen Stimmen!“ Denn er glaubte ſteif und feſt, die Hexe der Wokey⸗Hoͤhle ſei aus ihrem Schlafe erwacht, und habe dort in der Hoͤhe geſungen. Als der Geſang nicht wiederholt ward, be⸗ ſchloß Dudley, dem Saͤnger ihre Gegenwart kund zu thun, und um ſeinen Beiſtand zu ih⸗ rer Befreiung zu bitten. Deshalb ſchrie er laut; doch das Echo ſeiner eigenen Worte war die einzige Antwort, die er erhielt. Nochmals wiederholte er den Ruf, in den jetzt auch Pe⸗ ter einſtimmte, doch der Schall verklang, und wieder herrſchte tiefes Schweigen. — 129— „Wer dieſer Saͤnger auch ſein mag, ſagte Dudley,„ſo iſt er doch nicht ſo menſchen⸗ freundlich, als ſeine Stimme es vermuthen ließ; denn er muß unſeren Ruf gehoͤrt haben, und ſcheint doch nicht den Willen zu haben, uns beizuſtehen. Deshalb, guter Peter, muͤſ⸗ ſen wir wieder unſerer eigenen Kraft vertrauen, und das Geſchaͤft auf's Neue beginnen, in dem wir durch den Geſang unterbrochen wurden.“— „Merte, allerte, allerte! disoit pore Gré- goire;“ entgegnete Peter, und ſie ſtrebten wie⸗ der, den Eingang zu finden, nicht wenig ver⸗ ſtimmt daruͤber, daß die kaum erregten Hoff⸗ nungen auf ſolche Weiſe getaͤuſcht worden. Sie hatten erſt einige Schritte gemacht, als ſie abermals ſtill ſtanden, weil Peter be⸗ hauptete, er habe einen ſchwachen Lichtſchim⸗ mer gegen die Woͤlbung der Halle fallen ſe⸗ hen; jetzt aber war alles wieder vollkommen dunkel. Wenige Sekunden darauf jedoch ſah Dudley ſelbſt den Schein eines Lichtes, der gegen die Decke der Hoͤhle fiel, und ſich flak⸗ kernd hin und her bewegte, wie ein tanzendes Irrlicht. Doch bald ward der Schein großer, und fiel beſtimmter gegen die eine Wand der Hoͤhle. Jetzt ſchrieen Dudley und Peter laut nach Huͤlfe, und zu ihrer innigen Freude ſa⸗ hen ſie gleich darauf, daß das Licht ſich ihnen I. 9 — 130— ſchnell naͤhere. Nan erſt vermochten ſie, in der Seitenwand der Hoͤhle eine Oeffnung zu be⸗ merken, und als ſie auf dieſelbe mit dem Ei⸗ fer eines Menſchen blickten, der der nahenden Huͤlfe ſehnlich entgegenharrt, ſahen ſie endlich eine Fackel, deren Träger allmaͤhlig eine An⸗ hoͤhe auf jener Seite heraufſtieg, bis er in die Muͤndung der Oeffnung trat. Es war ein Juͤngling, in ein reiches Wams, uͤber dem er eine Tunika trug, gekleidet. Sein ſchoͤnes Haar ſiel in langen, reichen auf ſeine Schultern herab. „Huͤlfe, guter Freund, Hulſe! ſchrie Dud⸗ ley.„Unſer Fuͤhrer hat uns boslich verlaſſen, die Fackel mit ſich genommen, und uns ſo der Gefahr ausgeſetzt, hier umzukommen, da wir im Dunkeln den Ausgang aus der Hohle nicht zu finden vermoͤgen.“ „Wartet! wartet!“—5 der Juͤng⸗ in mit freundlichem Blicke und lieblicher Stimme; und haſtig lief er dann die Anhoͤhe wieder hinab. Immer ſchwaͤcher und ſchwaͤ⸗ cher ward der Schein des Lichtes, bis er end⸗ lich ganz verſchwand, und Dudleh und ſein Diener ſich abermals im Dunkeln ſahen. Es entſtand nun eine hoͤchſt peinliche Pauſe, denn jede ſchwindende Minute ſchien ihr beider Le⸗ ben zu verkuͤrzen. Eine nach der andern ver⸗ — 131— ging, und jener Fremdling kehrte nicht zuruͤck. Sie glaubten ſich jetzt dem gewiſſen Verderben uͤbergeben, und ihre Gefuͤhle koͤnnen nur mit denen Schiffbroͤchiger verglichen werden, welche ſich auf einen nackten Fels im Meere gerettet haben, und das Boot, welches ſich nahet, ſie in Sicherheit zu bringen, vor ihren Augen von den Wellen verſchlingen ſehen. Doch dieſe Angſt waͤhrte nicht lange. Die Decke, gegen welche ſie den Blick beſtaͤndig richteten, erglänzte bald von einem ſchwachen Lichtſchimmer, und kurz darauf trat der Juͤngling, der ſich noch ſchneller als das erſte Mal naͤherte, wieder in die Oeffnung jener Hoͤhle. Er zuͤndete hier an der ſeinigen eine zweite Fackel an, welche er ſo eben geholt hatte, ließ ſie dann an der ſtei⸗ len Felswand behutſam hinabgleiten, und gluck⸗ lich erreichte ſie unausgeloͤſcht den Boden. Mit lieblicher Stimme, die ihn ſogleich als den unſichtbaren Saͤnger bezeichnete, ſagte er hier⸗ auf:„Ihr werdet den Ausgang der Hoͤhle hinter jener Felsklippe, dicht neben dem Waſ⸗ ſer, finden. Verliert keine Zeit, Euch zu ent⸗ fernen, und Gott geleite Euch!“ Bei dieſen Worten verneigte er das Haupt, eilte in die Hoͤhle zuruͤck, und war ſogleich en Blicken Der Ermahnung zur Eile vurfi es ei 9* — 132— unſeren Reiſenden nicht, denn auch ohnedies wuͤrden ſie nicht gezoͤgert haben. Als ſie ſich dem angegebenen Felſen näͤherten, fanden ſie, daß ſie bei ihren fruͤheren Verſuchen ungluck⸗ lich geweſen waren, weil ſie gefuͤrchtet hatten, ſich dem Waſſer zu ſehr zu naͤhern, und im Dunkeln wuͤrde ſich derſelbe Fall noch zwan⸗ zig Mal wiederholt haben, obgleich ſie jetzt den Ausgang ſogleich fanden. Die Ungeduld, end⸗ lich aus der verwuͤnſchten Hoͤhle befreit zu werden, und auch die Hoffnung, ſein Eigen⸗ thum noch wieder zu erhalten, befluͤgelte Dud⸗ leys Schritte ſo ſehr, daß er in unglaublich kurzer Zeit mit ſeinem Diener die Muͤndung der Hoͤhle erreichte. Sobald ſie ſich wieder unter freiem Himmel, und von der Sonne be⸗ ſchienen ſahen, that Peter ſeine Freude durch Fortſetzung des Liedes von Colin und ſeinen Artiſchocken kund, und ſang ftoͤhlich: „Die Schöne ſpricht mit ſanftem Blick: Mein Freund, ſie munden mir, auf Ehre, Viel beſſer wenn Du ſie genießeſt, Als wenn ich ſelber ſie verzehre.“ Waͤhrend Peter ſo beſchaͤftigt war, rann Dudley zu dem Orte, wo ſie die Pferde zu⸗ rückgelaſſen hatten. Zu ſeiner großen Ueber⸗ raſchung, und noch groͤßeren Freude, fand er die Thiere hier ruhig graſend, und den Man⸗ telſack unausgepluͤndert; auch ſchien es, als — 133— ſei keine lebende Seele hier geweſen. Als er den alten Kruͤppel fragte, der ihnen die Fackel gegeben hatte, und der jetzt neben dem Ein⸗ gange der Hoͤhle ſtand, horte er, ſein Fuͤhrer ſei einige Zeit vorher mit größter Haſt davon gerannt, und habe dabei eine entgegengeſetzte Richtung genommen. Dieſer Nachricht zufolge hielt ſich Dudley uͤberzeugt, daß der Bote wirk⸗ lich ſo erſchreckt geweſen, als er zu ſein ge⸗ ſchienen, und daß er ihn alſo ohne Grund in boſen Verdacht gezogen, der indeſſen durch die Strafe des„Brandes vom erns⸗ wohl ge⸗ rechtfertigt war. Unſer Reiſender hatte den Mangel eines Wegweiſers bereits ſo viel gelitten, daß er nicht den Wunſch hegte, ſeine Reiſe noch weiter ohne Fuͤhrer fortzuſetzen, doch der Kruͤp⸗ pel wollte und konnte ihn nicht geleiten, und ſeiner Behauptung nach war auch, außer in dem Dorfe Wokey, welches eine und eine halbe Stunde entfernt lag, kein Bote zu fin⸗ den. Als der Greis aber erfuhr, daß Dudley nach Wells wolle, ſagte er, daß dahin kein Fuͤhrer noͤthig ſei, da ſie in geringer Entfer⸗ nung auf eine gebahnte Straße kaämen, die gerade nach der Stadt fuͤhre, und nicht leicht verfehlt werden koͤnne. Auf dieſe Verſicherung, verbunden mit genauen Erkundigungen nach —=— jenem Wege, beſchloſſen ſie ihr Heil zu verſu⸗ chen. Als ſie daher ihre Pferde gefuͤttert, und ihren eigenen Hunger durch die Verzehrung von des Kruͤppels kleinem Reſte zuſammengedorrter Saffrankuchen mehr beſchwichtigt, als geſtillt hatten, machten ſie ſi ch auf den Weg, kamen bald darauf zu der bezeichneten Landſtraße, und ritten nun, geſtärkt und ermuthigt durch die Ueberzeugung, nicht wieder umherirren zu muͤſ⸗ ſchneller vorwaͤrts. Als ſie ſo aller Beſorgniß enthoben waren, znten ſie mit Muße an die wunderbaren Er⸗ eigniſſe in der Wokey⸗Hoͤhle denken. Es ſtie⸗ gen daruͤber verſchiedene Vermuthungen in ih⸗ nen auf, aber alle waren gleich unbefriedigend. Beſonders wußte Peter nicht, wofur er das Weſen halten ſollte, welches ſie im Waſſer ſchwimmend geſehen hatten. Daß der freund⸗ liche Juͤngling ſich damit einen Spaß gemacht habe, um ſie zu erſchrecken, war nicht wahr⸗ ſcheinlich; uͤberdies war die Geſtalt, ſo undeut⸗ lich ſie dieſelbe auch geſehen, doch ohne Zwei⸗ 11 fel weiß, und der Juͤngling trug ſchwarze Kleider, die nicht ſo ausſahen, als waͤren ſie im Augenblicke vorher durchnäßt worden. Aus alle dem bewies Peter endlich, daß es Nie⸗ mand mehr und Niemand weniger geweſen ſein konne, als die Hexe ſelbſt, deren boshaf⸗ ten Schlingen entgangen zu ſein, ſie ſich dop⸗ pelt gloͤcklich fuͤhlen konnten. Dudleh erſchoͤpfte ſich vergeblich in Muthmaßungen uͤber den Juͤngling, dem ſie ihre Befreiung verdankten. Wer war er?— Wie kam er in dieſe innete Hoͤhle?— Welchen Grund konnte er haben, ſie fur einen längeren Aufenthaltsort zu erwäh⸗ len? denn daß dies der Fall war, ging daraus hervor, daß er ſich mit einem Vorrathe von Fackeln verſehen hatte.— Dies alles waren Fragen, die ſich weit leichter aufwerfen, als beantworten ließen, da nichts die Schwierigkeit der Loſung zu mindern vermochte. So kurze Zeit Dudley den Juͤngling auch nur geſehen, ſo hatte er doch bemerkt, daß ſeine Kleidung einen hoͤhern Stand verriethe, obgleich ſein blaſſes, feines Geſicht, und der melancholiſche, faſt wehmoͤthige Ausdruck ſeiner Zuͤge den Glauben erregten, daß ihr Beſitzer weder ge⸗ ſund, noch gluͤcklich ſei. Dieſe Betrachtungen unterbrach Peter durch den Ausruf:„Morbleu! Bei uns in Frank⸗ reich haben wir nicht ſolche ſchaͤndliche Ausrei⸗ ßer, als dieſer Schuft von einem Fuͤhrer.“ „Du vergißt die Schlacht von den Spo⸗ ren!“ erwiderte Dudley ſpottiſch. „Ah, Goddam,“ entgegnete Peter, der mit dem Fluche, den er ſeinen Reden vorauszu⸗ ſchicken pflegte, auch ſein Vaterland zu wechſeln waͤhnte,„da liefen ſie wohl vor unſeren engli⸗ ſchen Bogenſchuͤtzen, die noch ein Bischen ſchrecklicher ſind, als ſolch eine alte Waſſer⸗ here. Mais, écoutez donc, Monsieur*),“ fuhr er fort, um ſich in etwas fuͤr den em⸗ pfangenen Hieb zu raͤchen;„Sie waren nicht in Calais, als Culpepper, der Unter⸗Marſchall, hundert und zwanzig franzoſiſche Gefangene einbrachte. Einen derſelben kaufte ein engli⸗ 6 ſcher Faßbinder; er empfing hundert Kronen Loſegeld, und begleitete, aus Freude daruber, den Gefangenen auf ſeinem Ruͤckwege nach Boulogne bis uͤber den Damm. Pardi, gnä⸗ diger Herr, kaum waren ſie dort angelangt, als mein Landsmann, der Franzoſe, der keinen Beiſtand fuͤr den Faßbinder in der Naͤhe ſahe, dieſen gefangen nahm, und mit ſich nach Bou⸗ logne fuͤhrte, wo er ſich zwei hundert Kronen Loͤſegeld zahlen ließ.— Ha, ha, ha!— das war Muth;— das war Feinheit. Al- lerte, allerte, allerte, disoit père Grégoire! „Dudley fuͤhlte keine Luſt, dieſen Geſang, oder ein halbes Dutzend anderer, das ihm folgte, zu unterbrechen, bis ſie von dem Men⸗ 1¹ dip⸗Bergen herabritten, und die zerſtreut lie⸗ *) Aber, hoͤren Sie doch, gnädiger Herr! — 137— gende Stadt Wells vor ſich erblickten. Als er hier ſah, daß ſich die Landſtraße in einer großen Kruͤmmung dem Orte naͤhere, machte er in ſeiner Ungeduld, und um den ermuͤdeten Roſſen den Umweg zu erſparen, den Vorſchlag, den Bogen zu durchſchneiden, und grade uͤber das Feld zu reiten, um die Stadt auf dem moͤglichſt nahen Wege zu erreichen. Da keine Umhegungen ſie aufhalten konnten, dachte Pe⸗ ter, ſie wuͤrden am beſten daran thun, lenkte ſein Pferd aus der großen Straße, und ritt auf das Gras neben derſelben. Sehr gut waͤre es geweſen, haͤtte Dudley uͤberlegt, daß man die Straße doch mit gutem Vorbedacht in ſol⸗ chem Bogen gegen die Stadt gefuͤhrt haben muͤſſe. Und in der That war dies auch un⸗ vermeidlich geweſen, denn das Waſſer, wel⸗ ches haͤufig von den Bergen rann, hatte eine Reihe gefaͤhrlicher Suͤmpfe und Moräſte gebil⸗ det, deren Oberflaͤche duͤnn mit Gras und Kraͤutern uͤberwachſen war, und die man des⸗ halb nicht von dem feſten, ſicheren Boden un⸗ terſcheiden konnte. Bald ſank Dudley in eines dieſer Loͤcher, waͤhrend Peter, der das Schick⸗ ſal ſeines Herrn vermeiden wollte, und ſeit⸗ waͤrts ritt, noch tiefer in ein anderes fiel. Sein ſchwerbeladenes Pferd, zu ermattet, um ſich herauszuarbeiten, ſank immer mehr in den — 138— Sumpf hinein, und bald ſaß Peter unbeweg⸗ lich feſt. Nach der heftigſten Anſtrengung ge⸗ lang es dem anderen Pferde, ſich herauszu⸗ winden. Dudley ſtieg nun ab, und gebot Pe⸗ tern, die Riemen, mit denen der Mantelſack befeſtigt war, zu loͤſen, und ihm hinzureichenz vielleicht wuͤrde es dann dem Pferde, ohne die Laſt, moͤglich, ſich zu befreien. Sogleich ward dieſer Befehl befolgt, und der werth⸗ volle Mantelſack dann behutſam auf dem fe⸗ ſteren, trockenen Boden in Sicherheit gebracht. Doch das arme Thier konnte ſich deſſen unge⸗ achtet nicht bewegen, und um ihre Verlegen⸗ heit noch zu vermehren, bemerkte Peter jetzt, er ſitze ſo feſt in dem Buͤgel, daß auch er ſich nicht ruͤhren koͤnne, denn alle ſeine Verſuche, ſich zu befreien, dienten zu weiter nichts, als ihn noch tiefer in den Moraſt zu verſenken. In dieſer traurigen Lage hielten es Beide fur das Beſte, daß Dudley ſein Pferd beſteige, und auf dem gebahnten Wege ſo ſchnell als moͤglich nach Wells reite, um von dort Huͤlfe herbeizuholen. Doch ihr Mißgeſchick ſchien auf das Hoͤchſte gebracht werden zu ſollen, denn als Dudley auf ſein Pferd ſteigen wollte, ſah er, daß deſſen heftige Anſtrengungen, ſich aus dem Moraſte zu arbeiten, es zu jedem Dienſte gaͤnzlich untauglich gemacht hatten. Es blieb — alſo jetzt nichts uͤbrig, als daß Dudley zu Fuß nach der Stadt gehe. Er mußte, ſo ſchmutzig er auch war, die große Straße, die er ſo unvorſichtig verlaſſen, wieder zu erreichen ſuchen, und mit der Muͤtze in der Hand bei der großten Hitze den Weg nach der Stadt zuruͤcklegen. Als er vorwaͤrts ſchritt, hatte er laut nach Beiſtand gerufen, aber ohne Erfolg, da die Maͤnner ſaͤmmtlich auf einer entgegen⸗ geſetzten Seite bei der Erndte waren. Dies, und die Verdrießlichkeit uͤber ſein aͤrgerliches Abenteuer, war daran Schuld, daß er ſo hef⸗ tig gegen die Thuͤr des Gaſthauſes„zum Brette“ donnerte, und Sib Faweett und de⸗ ren Gevatterinnen auf die Weiſe erſchreckte, — wir es im——— Füͤnftes Kapitel. er war ein echter fränk'ſcher Degen, Im Glücke, wie in Noth, verwegen; Stets reichbegabt mit Fröhlichkeit. B Was Glück ihm gab, hieß er willkommen, und Stof zu Scherzen zu bekommen, iE Das wußt er ſelbſt aus Herzeleid. Als unſer beſchmutzter und ungluͤcklicher Rei⸗ ſender einen Moͤnch in der Gaſtſtube ſitzen ſah, und beſonders, als aus deſſen vollem Geſichte Froͤhlichkeit und Gutmuͤthigkeit zu leuchten ſchien, ſetzte er mit hoͤflicheren Worten ſein Mißgeſchick auseinander, und bat den guten Pater, ſein Anſehen zu benutzen, daß die traͤgen Bauern ſich beeilten, ſeinem Die⸗ ner Huͤlfe zu leiſten.„Mein Sohn in dem Fleiſche,“ ſagte der Moͤnch,„ denn ſo kann ich Dich wohl mit Recht nennen, da alles Fleiſch Erde iſt, und Du Dich ganz in Erde gekleidet haſt, die traͤgen Bauern, wie Du ſie nennſt, ſind alle bei der Arbeit auf dem Felde —— beſchaͤftiget, doch haͤtten ſie nur geahnet, daß Menſchen, welche Augen in dem Kopfe haben, von den Bergen kommend in die Sumpfe ge⸗ rathen koͤnnten, ſo zweifle nicht, ſie wuͤr⸗ den ihre Garben auf dem Acker gelaſſen haben, und herbeigeeilt ſein, ihre Mitgeſchoͤpfe aus dem Moraſte zu fiſchen. Sie gehoͤren zum Theile zu meiner eigenen Heerde, und ich habe es ihnen wohl eingeſchaͤrft, wie der barmher⸗ zige Samariter zu handeln.— Denn des Hirten Nachlaͤſſigkeit iſt des Wolfes Freude.— Bei dem Papſte, mein Sohn, ich glaubte, Arthurs Sumpf waͤre der ganzen Welt be⸗ kannt, vorzuglich, ſeit der Schuft, der des Abtes Stachelbeeren ſtahl, darin erſtickte.“ „Das kann auch das Schickſal meines Dieners und ſeines Pferdes ſein,“ fiel Dud⸗ ley ungeduldig ein,„wenn die Landbebauer nicht bald zu deſſen Huͤlfe herbeigeholt werden.“ „Das waͤre verlorene Zeit,“ ſagte der Pater,„und iſt um ſo weniger noͤthig, da wir ihrer nicht beduͤrfen. Dickon, mein flei⸗ ßiger Schuͤler,“ wendete er ſich zu dieſem, „beeile Dich, die Schenkflaſche wegzuſetzen, hole ein tuͤchtiges Seil herbei, und ſage Will Mattock, der in der Schmiede iſt, mein Maul⸗ thier beſchlagen zu daß er—— herkomme.“ —„ „Ich gehe, ehrwuͤrdiger Vater,“ entgeg⸗ nete der Burſche, beruͤhrte, in Ermangelung einer Muͤtze, ſein Scheitelhaar, und verſcwen ſogleich. „Hatte ich nicht Recht, ihn einen fleißigen Schuͤler zu nennen?“ fragte laͤchelnd der Moͤnch;„das iſt er wahrlich, und auch ſeine Mutter iſt gelehrt, in der Veregung gute Ales.“ Dickon kehrte jetzt mit— Seile urſ begleitet von einem ſtarken, breitſchultrigen, dickkopfigen Bauerburſchen, deſſen nackte, rauhe Arme verbuͤrgten, daß er gegen die Kraft und rohe Gewalt eines Buͤffels zu kaͤmpfen vermoͤge. Ja, ja!“ rief der Moͤnch, ich kenne Will Mattock wohl fuͤr den kuͤhnſten Streiter bei unſeren Feſten, und ich zweifle nicht, daß er hier, wo es gilt, Mann und Roß aus dem Sumpfe zu ziehen, eben ſo viel Kraft zeigen wird, als wenn er ein Bein aus einem hoͤl⸗ zernen Liſche reißt.“ Will kicherte und grunzte wie ein Schwein, als er von dieſer letztern Beſchaͤftigung ſprechen horte, waͤhrend er durch ein ſchweigendes Kopfnicken ſeine Einwilligung zu dem erſtern zu erkennen gab. Als dieſe Vorbereitungen getroffen waren, erkläͤrte der Moͤnch, zum Trotz aller der Auf⸗ traͤge, die er ſchon durch die Gevatterinnen er⸗ — 143— halten hatte, daß er dieſer Unternehmung mit beiwohnen wolle. Als er den Zug gluͤcklich im Gange ſah, ſagte er, waͤhrend des Weges, zu Dudley, daß er ſelbſt mit dem Seile wohl umzugehen wiſſe, da er die große Glocke Jo⸗ ſeph, zu Glaſtonbury oft mit einer Hand ge⸗ zogen habe, obgleich Viele es mit zwei Haͤn⸗ den nicht koͤnnten. Trotz des heißen Wetters, ſeiner Koͤrperfuͤlle, und des bedeutenden Ge⸗ wichtes ſeiner inhaltreichen Reiſetaſche, eilte der gute Pater ſo ſchnell vorwaͤrts, daß ſein Gefaͤhrte ſich daruͤber hoͤchlich wunderte, bis der Moͤnch ihm ſagte, daß der Sumpf, in dem Peter ſtecke, ſehr gefaͤhrlich ſei, und ſchon mehr Leute verſchlungen habe, als den Dieb von des Abtes Stachelbeeren, bei dem dieſer Tod eher fuͤr ein Strafgericht angeſehen wer⸗ den koͤnne.„Wer im Dunklen geht, weiß nicht, wohin er geraͤth!“ rief er aus.„Waͤret Ihr im Dunkeln in den Sumpf gerathen, ſo ſollte es mich gar nicht wundern, aber bei Tageslicht giebt es außer den Blinden Wenige, welche in dieſe Falle gehen.“ Dudley bekannte, daß es ſeine eigene Schuld waͤre, und deshalb ſollte es ihm noch ungleich ſchmerzlicher ſein, kaͤme ſein Diener auf eine ſo ſchreckliche Art um, ohne irgend einen Troſt der Religion. Dies letztre ſetzte er mehr hinzu, um ſeinem — 144— geiſtlichen Begleiter dadurch zu ſchmeicheln, als wegen eines ſympathetiſchen Gefuͤhles fuͤr Pe⸗ ter.„Zwiſchen Becher und Lippe,“ entgeg⸗ nete der Pater,„iſt manche Falle, wie Ihr zu Eurem Schaden erfahren habt, als Ihr glaubtet, Ihr koͤnntet Wells mit den Zaͤhnen erreichen; aber die Gnade tritt eben ſo ſchnell ein, als Irrthum oder Unfall. Deshalb glaube ich, daß der eine treffende Grabſchrift erhielt, der bei einem Falle von dem Pferde umkam, und auf deſſen— die Inſchrift einge⸗ graben ward: „Swiſchen dem Steigbügel und dem Grunde Bat ich um Gnade, und fand ſie zur Stunde.“ obgleich daſſelbe lateiniſch beſſer gegeben ward, bei Einem, der von einer Bruͤcke fiel, und er⸗ trank: Misericordia inter pontem et fon- tem*). Daraus koͤnnt Ihr Euch überzeugt halten, daß Euer Diener Zeit genug finden wird, um die Vergebung ſeiner Suͤnden zu bitten. Eben ſprach Dudley die Hoffnung aus, daß ſie Petern ſchon außer dem Sumpfe finden wuͤrden, als Dickon, der mit dem Seile vor⸗ ausgelaufen war, mit Blicken voller Entſetzen zuruͤckkam, und verkuͤndete, der Ehrenmann, *) Gnade zwiſchen Bruͤcke und Strom⸗ — 145— der in Arthurs Sumpf gefallen, ſei ſchon bis zum Erſticken darin verſunken; zwar ſinge er dabei munter, wie eine Elſter auf einem Duͤn⸗ gerhaufen, er koͤnne aber keine Silbe von dem Geſange verſtehen. Jetzt ward Peters Stimme hoͤrbar; er ſang mit einer Kraft und einer Schnelligkeit, daß man glauben mußte, ſeine Lage ſei entweder äußerſt angenehm, oder ganz hoffnungslos, denn er wußte in ſeinem Ge⸗ ſange beide Extreme mit einander zu vereini⸗ gen. Als die Helfer ſich ihm näherten, ſahen ſie, daß er den ttriftigſten Grund fuͤr ſeine Heftigkeit hatte. Es war ihm zwar gelungen, ſich von ſeinem Pferde herunter zu helfen, doch dabei war er in ein noch tieferes Loch bis an die Bruſt verſunken, und obgleich er noch im⸗ mer keinen feſten Boden unter ſich fuhlte, ſang er doch mit einer Haſt, als fuͤrchte er, nicht mehr ſo viel Zeit zu haben, um das Lied beendigen zu koͤnnen: Ein Herz, das ſeufzt, iſt ganz verloren; D'rum lach' ich, weinen mögen Thoren. „Mein Sohn, mein Sohn,“ ſchrie der Pater,„wenn es uns jetzt gelingt, Dich mit einem Stricke zu retten, ſo prophezeihe ich Dir, daß Du nie durch einen andern Dein Leben verlieren wirſt, denn Deine Zuge ſind gutmuͤthig und froͤhlich, und Du wirſt gewiß I. 10 — den Tod weit eher durch ein Gelächter ver⸗ ſcheuchen, als durch einen Seufzer herbeilocken; und dergleichen Leute ſind nicht des Haͤngmei⸗ ſters Arbeit.— Doch jetzt, mein froͤhlicher Burſche, ergreife den Strick ohne Zoͤgernz zieh ihn Dir aber unter die Arme hindurch, im Fall eines Ungluckes.“. Peter that wie ihm geboten; ſeine Retter ergriffen das andere Ende des Strickes, und der Moͤnch ſtimmte ein lautes:„De profun- dis!“ an, damit ihr Ziehen gleichzeitig geſche⸗ hen moͤge. Auf dieſe Weiſe gelang es ihnen, mit vier kraͤftigen Rucken ihrer Beute habhaft zu werden, die ſie nun auf den feſten Boden in Sicherheit brachten. Peter ſah ſich kaum errettet, als er froͤhlich umherſprang, und ſei⸗ nen lauteſten, herzlichſten Dank darbrachte; doch verwarf er es gleichſam, ſich durch ſeine Sprache als den Bewohner eines Landes zu er⸗ kennen zu geben, das ſo haͤßliche Suͤmpfe hatte, und zeigte ſich daher in allem als ein echter Sohn Frankreichs.„Sapperlot,“ ſagte Will Mattock, nachdem er ihn einige Zeit mit ſchwei⸗ gendem Staunen betrachtet hatte,„haͤtt'ch ge⸗ wußt, daß's'n Franzmann waͤr', bei'm Ku⸗ kuck»ch haͤtt'n laſſen verſinken, mit ſammt'n gold'nen Ohrringen, und'r hätte konnen nach en Froſch'n ſuch'n!“—„Ho, ho! meinen — 147— ſchoͤnſten Dank,“ entgegnete Peter, und fragte hierauf, zu ſeinem Herren ſich wendend, ob ſie wohl in Frankreich ſolche Wilde haͤtten.— „Die, welche bei Ouaſte die Abenteurer nie⸗ dermetzelten,“ entgegnete Dudley,„verdienen dieſen Titel wohl mit vollem Rechte. Doch,“ fuhr er fort,„wo iſt Dein Pferd hingelaufen? ich ſehe, es hat— aus dem Moraſte gear⸗ beitet.“ „Und ich ſah es in demſelben verſinken,“ ſagte Peter,„denn dort in jenem Loche iſt ſein Kopf vor etwa zehn Minuten verſchwunden. Es kann nicht ſagen, daß ich ihm entlief, denn ich wuͤrde ihm in kurzer Zeit gefolgt ſein, haͤtten Sie nicht meine Reiſe zur Unterwelt unterbrochen.“ Als Will Mattock törte, daß das Pferd, von welchem die Rede war, von kentiſcher Raſſe, und ein ſchoͤnes, kraͤftiges Thier gewe⸗ ſen ſei, ſchien er ſchmerzlich betruͤbt, daß ſie zu ſpaͤt gekommen waren, das engliſche Pferd, und doch noch zu rechter Zeit, den franzoͤſiſchen Mann zu retten, und bemerkte, daß er lieber eines von den eiſernen Schuhen des Pferdes, als die beiden goldenen Ohrringe des franzd⸗ ſiſchen Herren aus dem Sumpfe gezogen haben wuͤrde. Dennoch trug er, auf das Verlangen des Moͤnches, Dudleys Mantelſack ſorgfaͤltig 10* — nach Wells. Er ward deshalb auf ſeine brei⸗ ten Schultern geladen, welche dieſe Laſt kaum zu fuͤhlen ſchienen; und ſo zogen ſie nach der Stadt zuruͤck. Peter fuhrte ſeines Herren lah⸗ mes Pferd am Zuͤgel.„ Während des Weges erzählte Dudley gele⸗ gentlich, daß er zu Sir Lionel Fitzmaurice von. dem Thurme wolle. „Sir Lionel Fitzmaurice!“ rief der Moͤnch aus, ſtand ſtill, und bekreuzigte ſich.—„Die heilige Jungfrau beſchuͤtze uns; amen!— Gehe ich denn neben einem Freunde Sir Lionels?“ „Ich kenne ihn nicht, habe ihn auch nie geſehen,“ entgegnete Dudley,„obgleich ich ihm Aufträge von Wichtigkeit zu uͤberbringen „Scheu den Habicht— ſcheu den Habicht!“ rief der Pater,„und wenn Du ein Krieger biſt, wie Du ſagſt, ſo erinnere Dich, daß es weiſe iſt, ein Schild gegen eine Streitaxt zu haben, und daß ein guter Rath heute beſſer ſei, als morgen eine Huͤlfe.“ „Ich danke Euch, guter Vater, ſelbſt fuͤr den Rath, aber damit er mir um ſo beſſer nuͤtze, wuͤnſchte ich die Art der Gefahr zu ken⸗ nen, gegen die ich mich ruͤſten muß.“ „Guter Gott, mein Sohn! hier duͤrfen ſich — 149— die Leute kaum ſelbſt zufluͤſtern, was ſie von Sir Lionel denken, und ich ſollte uͤber ihn mit einem Fremden ſchwatzen?— Dickon, mein Kind, halt Dich hinter uns, und geh mit Will Mattock und jenem Manne von Erde, der bei dieſer Hitze in Staub verwandelt ſein wird, ehe wir noch das Brettſpiel erreichen. — Mein Sohn,“ ſagte er, in leiſerem Tone zu Dudley ſich wendend,„vielleicht war es zu voreilig von mir, daß ich Dich warnte, des⸗ halb will ich Dir nur ſagen, traue ſeinem Laͤcheln nicht, eben ſo wenig, als den Worten, die er Dir in das Geſicht ſpricht; denn nur die Zunge ſpricht dieſe Worte, und die Zunge dient ihm zu nichts, als die Sprache ſins Herzens zu verbergen.“ „So muß man ihm mißtrauen,“ entgeg⸗ nete Dudley,„doch weshalb man ihn ſo ſehr fuͤrchten ſoll, ſehe ich nicht.“ „Du ſiehſt auch den Teufel, und die Macht der Finſterniß nicht, und dennoch fuͤrchteſt Du ſie, und die, welche mit ihnen im Bunde ſte⸗ hen. Du kennſt den Mann nicht, von dem wir ſprachen, und den ich Dir nicht genauer beſchreiben mag. In unſerem Gebete flehen wir um Segen fuͤr alle Erzbiſchoͤfe und Biſchoͤfe, fuͤr alle Aebte, Prioren, Moͤnche, Canonici und Bruͤder, fuͤr alle geiſtliche Maͤnner und — 150— Frauen, fuͤr alle Pfarrer und Peieſter, fuͤr alle PVikarien und Kirchner, ſo wie fuͤr alle gute Chriſten, oder genauer, fuͤr die, welche der Kirche Buch, Glocke oder Kerze, Kelch, Chor⸗ rock, Meßgewand, Weihbecken, Laͤnder oder Einkunfte ſchenken, aber wenn wir dies gethan, haben wir doch noch nicht fuͤr Sir Lionel Fitzmaurice von dem Thurme gebetet.“ „Eurer Rede nach, guter Vater, ſcheint es, daß er in ſchlechtem Vernehmen mit der Kirche ſtehe, und ich zweifle nicht, daß er ein gefaͤhr⸗ licher, profaner Menſch ſein mag, doch ich bin der ueberbringer eines freundſchaftlichen, ver⸗ trauten Auftrages.“ „Die Freundſchaftlichen und Vertrauten werden am leichteſten ſeine Feinde, und ſeine Feinde ſind bis jetzt noch immer ſeine Beute geworden. Daher rathe ich Dir, endet, wie dies wahrſcheinlich der Fall ſein wird, Deine Botſchaft mit ſcharfen Worten und gezogenem Schwerte, ſo ficht nicht mit ihm, bis er den Eid abgelegt hat:„„Ich ſchwoͤre, Ihr Rich⸗ ter, daß ich weder Knochen, noch Stein, noch Glas, weder Zauber noch Hexerei an mir habe, wodurch die Gewalt des Wortes Gottes ge⸗ ſchwaͤcht oder vernichtet, oder die Gewalt des Teufels vermehrt werden könne;— ſo wahr mir Gott helfe, und ſeine Heiligen!““— — 151— Hätte Lord Dawbeney, oder Sir Launcelot Wallop, oder Maſter Trevor es ſo gemacht, ſie koͤnnten ſich noch jetzt des hellen Sonnen⸗ lichtes erfreuen, und in ihren Waͤldern, ihren B herreiten, ſtatt ſie nun auf dem Kirchhofe liegen, mit der Wunde von Sir Lionels Schwerte in ihrem Koͤrper.“ „Guter Vater, ich werde keine Gelegenheit zuhnn hart mit ihm an einander zu gerathen, weder mit der Zunge, noch mit dem Stahlez und wie furchtbar er auch ſein mag, ich ſcheue ihn nicht, denn ich vertraue auf meine gute Sache, auf den Himmel meinen Schot⸗ engel.“ „Thu das, mein Sehn, und nigen ſie Dir gnaͤdig ſein, doch noch ein Mak rathe ich Dir, ſei auf Deiner Hut gegen die boͤſen En⸗ gel von dem Thurme. Einige der heiligen Väter haben entdeckt, daß die heißen Quellen von Bath durch die Thränen der gefallenen En⸗ gel entſtanden ſind, und es ſollte mich daher gar nicht wundern, wenn auch in dem Gebiete des Sir Lionel Fitzmaurice heiße Quellen zu finden wären.— S—— Friede und Si⸗ Fruͤh⸗Meſſe, oder nach dem Abend⸗ gebete zu ſagen:„a caecitate cordis, libera — 152— nos, Domine!— Bei dieſen Worten wandte ſich der Moͤnch ſeitwaͤrts, um ſein Maulthier zu beſteigen, und die verſchiedenen wohlthaͤtigen Bitten und Auftraͤge zu erfullen, die er in ſein Erinnerungsbuch verzeichnet hatte, und uͤberließ, als er der Wohnung Sib Faw⸗ cetts zuritt, Dudley mancherlei Betrachtungen uͤber die dunklen, unbeſtimmten Nachrichten, die er ihm von Sir Lionel Fitzmaurice mitge⸗ theilt hatte. Zu dieſen Gedanken war ihm indeſſen nur wenig Zeit verſtattet, denn bald erreichte er das Gaſthaus der Sib Fawcett. Seine erſte Sorge war es hier, ſeinen koſtbaren Mantel⸗ ſack in Sicherheit zu bringen, dann aber ließ er ſich von der Wirthinn ein eigenes Gemach anweiſen. Peter nahm auf einer der Baͤnke in dem allgemeinen Gaſtzimmer Platz, und be⸗ gann hier ohne Zoͤgern, ſich uͤber das Brot, den Taunton⸗Kaͤſe, und den Krug ſchaͤumen⸗ den Ales herzumachen, der ihm zu ſeiner Mahl⸗ zeit gebracht worden war. Waährend er ſo beſchaͤftigt war, ſtanden mehrere der Klatſchgevatterinnen, zu welchen auch noch ihre Toͤchter, und einige heimge⸗ kehrte Landbauern getreten waren, um ihn her. Will Mattocks Bericht, daß ſie einen Fran⸗ zoſen, mit Ringen in den Ohren, den er aus — 153— Arthurs Sumpf gezogen, ſehen wuͤrden, hatte ſie herbeigelockt, und ſie betrachteten die unge⸗ woͤhnlichen goldenen Zierrathen mit ſpottiſchem Gelaͤchter, lachten uͤber ſein kothiges Ausſehen, und begruͤßten ihn mit jeder Art von Scherz, Spott und Schimpf, der im allgemeinen ge⸗ gen ſein Vaterland, und insbeſondre gegen ihn gerichtet werden konnte. Waͤhrend Peter mit ſeiner Mahlzeit beſchaftigt war, machte dies weiter keinen Eindruck auf ihn, als daß es ihn ſelbſt zum Lachen reizte, und ihn ſichtbar in die heiterſte Laune verſetzte. Als er nun ſeinen Deckelkrug geleert hatte, ſeine ſchwarzen Augenbrauen bis auf die Mitte der Stirn hinauf zog, ſeine ſchonen weißen Zähne grin⸗ zend zeigte, und ſich ſo uͤberall umſchaute, hatte er etwas ſo unwiderſtehlich Komiſches in ſei⸗ nem Geſichte, daß die ganze Verſammlung un⸗ willkuͤhrlich in lautes Gelaͤchter ausbrach. Noch war die Froͤhlichkeit etwas gezwungen, doch bald geſellte ſich das Gefuͤhl der Gaſt⸗ freundſchaft hinzu, und die Verſoͤhnung war geſchloſſen, als er jetzt aufſprang, mit den Fingern ſchnippte, und erſt ſingend allein im Zimmer umhertanzte, dann aber ſich einer der juͤngern Frauenzimmer näherte, und ſie mit ſpottiſcher Zeremonie bat, ſeine Tänzerinn zu ſein. Das laute Geſchrei der Dirnen, und — 154— ihre Bemuͤhungen, ihm zu entrinnen, wenn er ſie durch das Gemach verfolgte, und ihnen mit komiſchem Blicke ſeine ſumpfgefaͤrbte Hand hinhielt, um ſie zu einem franzoͤſiſchen Tanze einzuladen, das Gelaͤchter und der Huſten der alten Weiber, ſo wie die innige Freude der Bauern, die ſich an der Angſt der Frauen hoͤchlichſt ergotzten, der ſchlarrende Schritt Pe⸗ ters, der, vom Kopf bis zu den Fuͤßen mit Koth bedeckt, ſeine artigen Bewerbungen um eine ſchoͤne Taͤnzerinn noch immer mit vielem Anſtande fortſetzte— dies alles bildete eine ſo komiſche, laͤcherliche Scene, daß es das wie⸗ hernde Gelaͤchter vollkommen rechtfertigte, von dem bald das ganze Haus der Sib Fawcett zu erzittern ſchien. Dieſe wichtige Perſon war in dem Augen⸗ blicke keinesweges ſo gut gelaunt, noch mit ihrem Gaſte ſo wohl zufrieden, als ihre ge⸗ woͤhnlichen Beſucher in dem Gaſtzimmer mit dem froͤhlichen, unterhaltenden Diener. Gleich ſo vielen der jungen Streiter, welche laͤngere Zeit in Frankreich geweſen, war Dudley mit einem unleidlichen Widerwillen und Vorur⸗ theile gegen alles Engliſche, zuruͤckgekehrt, ein Gefuͤhl, welches einigermaßen dadurch gerecht⸗ fertigt ward, daß ſeine Landsleute in damali⸗ ger Zeit wirklich in vielen Dingen, welche das — 155— Leben angenehm machen, oder verſchoͤnern, noch weit hinter den Franzoſen zuruͤck waren. Alle Manufacturen feinerer Sachen oder der Artikel des Lurus, waren damals, ſelbſt in London⸗ in den Haͤnden von Fremden, ein Umſtand, der den plumperen Eingeborenen oͤfters zu Kla⸗ gen, ſogar zu Unruhen, Veranlaſſung gegeben hatte. Es gab alſo einige Rechtfertigung fuͤr jenes Gebot der Mode, das auf den Gebrauch auslaͤndiſcher Sachen beſchraͤnkte. So ſehr wechſeln die Zeiten, daß die Englaͤnder damals, in Hinſicht auf ihre Gaſt⸗ und Bierhaͤuſer eben ſo ſehr zuruͤck waren, als ſie jetzt darin weit vorgeſchritten ſind. Dudley, dem dieſe Bemerkung auf ſeiner Reiſe durch Somerſet⸗ ſhire ſich ſchon manchmal aufgedraͤngt hatte, war in jedem neuen Gaſthauſe, in das er trat, auf eine neue Beleidigung ſeiner zarten Ge⸗ ſchmacksnerven gefaßt. Der uͤble Geruch in dem Gaſtzimmer, welcher ſelbſt die Ausduͤn⸗ ſtungen des Moraſtes, der auf ſeinen Kleidern haftete, noch uͤberbot, hatte nicht dazu gedient, die muͤrriſche Laune zu mildern, welche ſein Mißgeſchick in ihm erregt hatte. Blick und Ton waren daher nicht ſchmeichelhafter, wie ſeine Worte, als er zu Sib Faweett ſagte: „Gute Frau, wenn Ihr eine Stube habt, die beſſer iſt, als ein Schweineſtall, und Speiſen, —— die ein Chriſt eſſen kann, ſo wuͤrde es mich freuen, beides zu ſehen.“ Die Perſon, welche auf dieſe Weiſe angere⸗ det ward, ſtolz auf einen bedeutenden Vorrath von Geldſtuͤcken, zu welchem ihr Pfandhandel ihr verholfen, und im Gefuͤhle der Unabhaͤn⸗ gigkeit, war keineswegs geneigt, ſich dieſe be⸗ leidigende Anrede gutwillig gefallen zu laſſen. Daher entgegnete ſie mit einem Geſichte, ſo roth wie ein Puterhahn, und einer Stimme, die wenig melodiſcher war:„Schweineſtall! Sieh mir doch Einer! und wenn es wäre, fuͤr ſolch einen Schmutzfinken, wie Du biſt, wäre er gut genug.— Speiſen, die ein Chriſt eſſen kann? Guter Gott; Du ſiehſt mir eher aus wie Mahomet im Schauſpiele, als wie ein Chriſt. Mancher beſſere Edelmann, das ſchwore ich, hat es fuͤr eine koͤſtliche Mahlzeit gehalten, wenn er einige Brocken zu eſſen, und einen Krug Duͤnnbier, in dem die Fliegen ſchwam⸗ men, zu trinken hatte.“— Als Dudley ſah, daß er mit Boſem hier nichts ausrichten werde, ſtimmte er einen ſanfteren Ton an, und nahm eine wohlgefuͤllte Boͤrſe heraus, wie er vorgab, um ſich zu uͤberzeugen, ob er auch nichts dar⸗ aus verloren haͤtte. Dabei ſagte er, faͤnde er das Quartier gut, ſo wuͤrde er einige Tage hier bleiben, oder wenigſtens ſo lange, bis ſein — 157— Pferd ſo weit hergeſtellt ſei, die Reiſe fortſetzen zu konnen. Dieſe Nachricht verwandelte Sib auf der Stelle, denn wenn ſie auch ihrer Hef⸗ tigkeit gern den Zuͤgel ſchießen ließ, ſo ging dies doch nie ſo weit, daß es ſie blind gegen ir⸗ gend einen zu gewinnenden Nutzen gemacht haͤtte. Schnell beſaͤnftigt rief ſie daher zur Thuͤre hinaus:„Meg! Meg! bring friſche Streu und reines Linnenzeug in die Hornſtube!“ und ging dann ſelbſt voraus, ihm den Weg in dies Zimmer zu zeigen. Es war das nehmliche, von dem wir ſchon erwaͤhnt haben, daß es ſtatt der Scheiben von Glas, Hornſcheiben hatte, ein Gegenſtand der Pracht und des Luxus, der ihm den Namen gegeben. Doch weder das duͤſtre gelbe Licht, welches durch dieſe Glas⸗ Subſtituten in das Zimmer fiel, noch das Bette, welches in einer Ecke des Gemaches ſicht⸗ bar ward, konnten Dudleys Zufriedenheit erre⸗ gen, und unwillig rief er aus:„Gewiß, Frau Wirthinn, habt Ihr etwas Beſſeres fuͤr einen ermuͤdeten Menſchen, ſeine Glieder darauf zu ruhen, als dies erbaͤrmliche Lager.“ „Potz Fiſchchen, gnädiger Herr,“ rief Sib, „ich wollte ein Kopfſtuͤck“) darauf verwetten, *) Eine Muͤnze, ſechs Pence an Werth. — 158— daß Ihr einer jener zierlichen Herren von dort auswärts ſeid, denen nichts gefällt, was nicht neugebacken iſt, und die eingelullt und einge⸗ wiegt werden, und ſo weich ſchlafen moͤſſen, als eines Abtes Lieblingshund. Wahrhaftig, es giebt Viele, die ſich noch erinnern konnen, (aber ich ſelbſt bin dafuͤr zu jung) daß ein Reiſender froh war, wenn er auf einem Bunde Stroh liegen konnte, eine einfache wollene Decke, und ein rundes Kiſſen unter den Kopf hatte. Und dies waren Maͤnner, welche die feſteſten Staͤdte in Frankreich erobert haben. Hat der reichſte Pachter in Somerſetſhire einen Sack mit Heu, um ſeinen Kopf darauf zu legen, ſo haͤlt er ſich eben ſo gut verſorgt, als ein Lord, und Ihr habt hier ein Kiſſen, wie es eigentlich nur ein Kranker fordern ſollte, mit Federn von meinem eigenen Huͤhnerhofe geſtopft, und da koͤmmt Meg mit reinen Ueberzugen und friſchem Stroh; was koͤnnt Ihr mehr vet⸗ langen?“ „Ich wußte nicht, meine gute N⸗ entgegnete Dudley,„daß Ihr ſo reichlich fuͤr mich ſorgen wuͤrdet, doch wenn Ihr mich fragt, was ich noch mehr verlangen kann, ſo will ich Euch erzaͤhlen, daß ich heute einen weiten Weg gemacht, und dabei gefaſtet habe, und daß es — 159— mir lieb ſein wuͤrde, Bekanntſchaft mit den Vorraͤthen Eurer Speiſekammer zu machen.“ „Wahrhaftig,“ erwiderte Sib,„es iſt alles darin, was man um jetzige Zeit erwarten darf. Ich habe weder Waizenbrod noch Grobbrod, noch Semmel, aber da iſt gutes Brod von Miſchkorn, ſo gut, wie es jemals gebacken wurde, und geſundes Kleienbrod, obgleich ich dafur ſtehe, daß Ihr es nicht anruͤhren werdet. Wollt Ihr guten Taunton⸗Kaͤſe?— ich habe einen, der des Koͤnigs Gaumen kitzeln wuͤrde, und Ale dazu, von meinem eigenen Fäßchen, von dem Ihr noch acht Tage, nachdem Ihr es getrunken, träͤumen ſollt.“ „Aber Fiſche, Fleiſch, Gefluͤgel?“ fragte Dudleh. 36 „Ei, Ihr koͤnnt alles Dreies haben, und von Allem das Beſte; es iſt eingeſalzener Stock⸗ fiſch da, ein Stuͤck von einem eben geſchlachte⸗ ten Eber, und was das Gefluͤgel betrifft, ſo habt Ihr die Wahl unter meinem Huͤhnervolke, das Ihr da unten gackern hoͤrt. Dickon ſoll ſogleich eines davon toͤdten.“ „Keine Henne ſoll wegen meiner ſterben,“ ſagte Dudley,„ſo lange ich noch ihre Eier be⸗ kommen kann. Die moͤchte ich, mit den ande⸗ ren guten Speiſen, die Ihr da eben genannt habt, ſo bald als moͤglich haben, denn ich bin —— ſo hungrig, daß ich Eurer Kuͤche gewiß Ehre machen werde.“ Dudleys Mantelſack war be⸗ reits in ſeine Stube gebracht worden, und er machte jetzt Anſtalt, ſich rein zu kleiden. Sib verſicherte noch, ſein Klepper ſolle eben ſo gut verſorgt werden, als er ſelbſt, denn ſie koͤnne ihm Haferbrode geben, drei Laib fuͤr einen Pfen⸗ nig, und ging dann, um die Mittags⸗ oder viel⸗ mehr Abendmahlzeit fur beide Theile zu beſorgen. Während dieſer Verhandlungen mit ihrem Gaſte ärgerte Sib ſich uͤbrigens nicht wenig uͤber den ungeheuren Laͤrm in dem großen Gaſtzimmer, denn ſie glaubte, dies koͤnne dem neuen Beſu⸗ cher eine ſchlechte Meinung von ihrem Hauſe beibringen, und ihn zu fruͤherer Abreiſe bewe⸗ gen. Deshalb trat ſie mit einem Geſichte, das noch finſterer war, als gewoͤhnlich, in die Gaſt⸗ ſtube, und ſchrie mit kreiſchender Stimme: „Was, Ihr laͤrmenden Schufte, und Ihr trun⸗ kenen Weiber; iſt Euch das Ale ſo ſehr zu Kopfe geſtiegen, daß Ihr einen ſolchen holli⸗ ſchen Laͤrm macht, als waͤret Ihr toll, und eben erſt dem Irrenhauſe entſprungen?— Das Brettſpiel iſt ein ordentliches Haus, und ein ehrliches, aber keine Saufbude, und kein Bor⸗ dell fuͤr betrunkene Kerle und deren liederliche Schaͤtzchen. Der Henker ſoll mich holen, oder — 161— ich laſſe den Konſtabler rufen, wenn Ihr nicht auf der Stelle ruhig werdet.“ Aber Peter, der Haupturheber dieſes Lär⸗ mens, war weit entfernt, ſich durch jene hefti⸗ gen Worte in Furcht ſetzen zu laſſen. Er ging auf die ſchimpfende Sib los, faßte ihre Hand, und drehete ſich, wie im Walzer, mit ihr um⸗ her, indem er dazu ein franzoſiſches Liedchen ſang. Er bewegte dabei die Fuͤße mit einer Zierlichkeit, welche durch den Widerſpruch lächerlich ward, in dem ſie zu ſeiner ſchmutzi⸗ gen Kleidung ſtand.„Scher Dich zum Kukuk, Du franzoͤſiſcher Racker, Du ſchmutziger Kerl, Du ſchmierige Vogelſcheuche!“ ſchrie Sib, mit geſteigerter Wuth, Peter aber fiel auf ein Knie vor ihr nieder, druͤckte ihre Hand an ſein Herz, ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und ſah ſie mit ſo wehmuͤthig⸗komiſch⸗ zaͤrtlichem Blicke an, daß ſelbſt Sib nicht laͤnger widerſtehen konnte. unwillkuͤhrlich mußte ſie laͤcheln, ſagte:„Der Leufel hole den Kerl! gab es je einen ſolchen albernen, poſſenhaften Narren?“ und eilte dann zum Zimmer hinaus, um das Lachen zu verber⸗ gen, welches ſie nur noch mit Muͤhe unter⸗ druͤckte. Ermuthigt durch dieſen Sieg uber die gewoͤhn⸗ liche Ernſthaftigkeit der Wirthinn, beſonders, nachdem ſie noch eben erſt ſo drohende Reden I. 11 — 162— gefuͤhrt hatte, brach die ganze Verſammlung auf's Neue in ein lautes Gelaͤchter aus, und die Poſſen wurden fortgeſetzt, bis Peters Muͤ⸗ digkeit ihn zwang, der Geſellſchaft ſeine Ver⸗ beugung zu machen, um nach den verſchiedenen Anſtrengungen und Muͤhſeligkeiten des Tages, durch Ruhe ſeine Kraͤfte wieder herzuſtellen, und ſich zu dieſem Zwecke auf K Strohlager zu werfen. — 163— Sechstes Sapitet. Da habt ihr Bärenführer, Kärrner hier, und Männer, Roſſ' und Bär in dem Revier, Wo Eins das Andre fürchten macht. Schweigt, wenn man euch hier Schläge reicht, Ihr Schwätzer! wont ihr hadern,— ſchweigt,— Wenn Blitze glüh'n, und Donner kracht? Ehe Dudleh am folgenden Morgen von ſei⸗ nem Lager aufſtand, dachte er wieder an die ſonderbare Warnung vor Sir Lionel Fitzmau⸗ rice. Zwar glaubte er, daß des Moͤnches Vorurtheil daraus entſtanden ſei, daß Sir Lio⸗ nel es verſaͤumt hatte, die heilige Jungfrau, oder den heiligen Joſeph von Arimathea zu beſchenken, bei deren Reichthum und Pracht auch der gute Pater betheiligt war, aber den⸗ noch beſchloß er, vor ſeiner Abreiſe nach dem Thurme, ſeine Wirthinn hieruͤber auszuforſchen. Er hatte zur Genuͤge geſehen, daß ihr Haus ein allgemeiner Verſammlungsort ſei, und vermuthete mit gutem Grunde, daß die 11* — 164— Schwaͤtzer, welche hieher kamen, ihr Ale zu trinken, ſie mit allen Klatſchgeſchichten der Nachbarſchaft bekannt machen wuͤrden, beſon⸗ ders, da er wohl wußte, wie frei, und oft auch frech, die Niederen die Handlungen Hoͤ⸗ herer, oder ihrer Herrſchaften, beſprechen. Sobald er alſo gefruͤhſtuͤckt hatte, ſuchte er eine Unterredung mit Sib anzuknupfen„ deren gewohnlicher, finſterer Blick durch die Ausſicht, einen ſolchen Gaſt längere Zeit bei ſich zu be⸗ halten, etwas gemildert ward. Er fragte ſie, ob ſie ihm zum Kaufe von zwei guten Gaͤulen, fuͤr ihn und ſeinen Diener, behuͤlflich ſein konne, da ſein eigenes Pferd noch lahm ſei, und er Sir Lionel Fitzmaurice Zoͤgern befuchen muͤſſe. Die Roͤthe, welche der guten Frau immer eigen war, verbreitete ſich uͤber ihr ganzes Ge⸗ ſicht, als ſie das Zeichen des Kreuzes machte, und dabei ausrief:„Der Himmel beſchuͤtze uns! Sie ſind vielleicht ein Sir Lionels?“ „Nein, keineswegs,“ entgegnete Dudley, itwas uͤberraſcht, daß ſie dieſelbe Frage an ihn richtete, wie der Moͤnch, als ob ſich das Vorurtheil gegen alle ſeine Freunde verbreitete, und nicht blos gegen den Ritter ſelbſt.„Ich bin dem Sit Lionel durchaus fremd.“ — 165— „Weshalb, um des Himmels Willen, mußt Ihr dann nach dem Thurmhauſe?“ „Ich habe Geſchafte daſelbſt, welche bald beendigt werden muͤſſen, und dann werde ich vielleicht zuruͤckkehren, um die Bekanntſchaft mit Eurem guten Ale zu erneuern. Aber Ihr ſprecht, als wenn Gefahr damit verbunden ware, in dem Thorhauſe einzureiten. Wißt Ihr irgend etwas gegen Sir Lionel?“ „Wer, ich? Der Himmel moͤge verhuͤten, daß ich eine Silbe gegen ihn ſpreche. Er iſt Ritter und Friedensrichter, und ein reicher, maͤchtiger, wurdiger Mann. Wer etwas da⸗ gegen ſagen wil, muß ein kuͤhnes Herz, und ein ſcharfes Schwert haben.“ „Wenn das Geruͤcht Wahrheit ſpricht,“ ſagte Dudley,„ſo fuhrt er ſelbſt ein ſcharfes, grauſames Schwert. Ich habe gehoͤrt, daß der Lord Dawbeney, und zwei Andere, deren Namen ich vergeſſen habe, durch ſeine Hand gefallen ſind.“ „Gottes Gnade, Sir, das ſind ſie. Und es waren ſo tapfere und chriſtliche Edelleute, als irgend einer in der Welt. Aber es geſchah alles im rechtlichen, ruͤhmlichen Kampfe, ob⸗ gleich es ein Elend iſt, daß unſere beſten Rit⸗ ter ſich untereinander ſelbſt bekaͤmpfen, da ſie doch gegen ſo viel Franzoſen ſtreiten konnen, 456— als ſich das heißeſte Blut nur wuͤnſchen mag; ſi ie durften dazu blos uͤber das Waſſer ſetzen.“ „Die Urſache ihres Streites iſt alſo ganz bekannt?“ fragte Dudley. „Ja, das mag ſie dem ſein, der fragt, 2 entgegnete die vorſichtige Sib.„ Dies iſt ein kitzliches Ding, mit dem ich mich nicht befaſſen mag. Ich will daruͤber meine eigenen Gedan⸗ ken behalten, eben ſo gut, als ein Anderer.— Sir,“ fuhr ſie fort,„ich will Dickon nun nach den guten Pferden ſchicken, von denen Sie ſprachen, und was den Sir Lionel Fitz⸗ maurice von dem Thurme betrifft, ſo ſage ich nochmals, der Himmel moͤge es verhuͤten, daß ich behauptete, er waͤre nicht ein hoͤchſt acht⸗ barer Ritter und ſehr— richter.“ Dudleh argwoͤhnte, ſie wiſe dche als ſe zu verrathen fuͤr gut finde, daher ſuchte er ſie zuruͤckzuhalten, um wo moglich noch mehr von ihr zu erfahren. Kaum aber bemerkte ſie ſeine Abſicht, als ſie in Furcht gerieth, und allen ſeinen Fragen auswich, oder eine gänzliche Un⸗ wiſſenheit betheuerte. Und als unten ein Ge⸗ raͤuſch entſtand, ergriff ſie die Gelegenheit, um ſich zu entfernen, indem ſie vorgab, die unſe⸗ lige ſchwarze Sau ſei wieder, wie ſchon ein Mal, in das Maiſchfaß gerathen. Die ein⸗ — 167— zige neue Nachricht, welche er zu erhalten ver⸗ mocht hatte, war, daß Sir Lionel eine ſchoͤne, reizende Tochter habe, die man jedoch in der Gegend umher fuͤr ſtol; und hochmoͤthig hielt, eine Beſchuldigung, die, wie Sib verſicherte, ihrer Ueberzeugung nach, ganz ungegruͤndet ſei; denn als ſie einſt bei dem Brettſpiele anhielt, ihr Pferd zu erfriſchen, hatte ſie Dickon einen Pfennig geſchenkt, und ihn dabei mit ſichtli⸗ chem Wohlgefallen, und gutmuͤthigem Laͤcheln angeblickt. 6ö Die Pferde waren zur Anſicht vor die Thuͤr des Gaſthauſes gebracht worden. Sie geſielen Dudley, und Peter erhielt nun den Befehl, ſich in die ſchone franzoſiſche Lioree zu werfen, die zum Gluͤcke in dem Mantelſacke aufbewahrt geweſen war. Sein Herr zog ſich waͤhrend deſſen in ſein eigenes Gemach zuruͤck, um hier die ſchwierige Aufgabe zu loͤſen, welchen An⸗ zug er fuͤr dieſen erſten Beſuch erwaͤhlen ſolle⸗ In jenem Zeitalter der Pracht, wo die Cdlen in dem Glanze ihrer Kleidung mit einander wetteiferten, und wo man den Ertrag eines Gutes nicht ſelten zu einem einzigen Anzuge verwendete, war dies ein Punkt von groͤßeret Wichtigkeit, als es in unſeren Tagen ſcheinen mochte. Dudley war bei der beruͤhmten Zu⸗ ſammenkunft zwiſchen Heinrich und Franz I. von Frankreich, zugegen geweſen, auf jenem Felde goldener Kleider, wo der engliſche Koͤnig ſelbſt zuerſt das Beiſpiel uͤbertriebener Pracht, uͤbertriebenen Aufwandes im Anzuge, gegeben hatte; ein Beiſpiel, das nicht nur viele Edle ſeiner Zeit zu Grunde gerichtet hatte, ſondern das auch in allen hoͤhern Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft nachgeahmt worden war, bis die Sucht, ſich glaͤnzend zu kleiden, zu einer Art von Wuth ward, und durch eigene, ſtrenge Geſetze gemaͤßigt, werden mußte. Dudleys Jugend, ſo wie ſein Stand, hatten ihn dort verhindert, an dem allgemeinen Wettſtreite Antheil zu nehmen, aber er hatte doch Liebe zu der Pracht im An⸗ zuge gewonnen, eine Liebe, der Jeder zu genuͤ⸗ gen pflegte, der die noͤthigen Mittel dazu in Haͤnden hatte, und zu dem Heere gehoͤrte. Denn hier war von jeher die Sucht, ſich praͤch⸗ tig oder glaͤnzend zu kleiden, einheimiſch gewe⸗ ſen. Zum Gluͤcke fuͤr ſeine Prachtliebe, war es bei den Kriegern nicht uͤblich, ſelbſt nicht außer dem Dienſte, Trauer fuͤr diejenigen ihrer Ver⸗ wandten anzulegen, welche in der Schlacht ge⸗ toͤdtet worden, ſo daß Dudley, deſſen Eitelkeit ihn zu dem Wunſche bewog, in den Augen von Sir Lionels Tochter ſo vortheilhaft als moͤglich zu erſcheinen, durch den kuͤrzlichen Tod — 169— ſeines Oheims nicht an der Erreichung dieſes Wunſches gehindert ward. 36 Seine Geſtalt war ausgezeichnet, ein Um⸗ ſtand, der bei ſeiner Auswahl der Kleidung nicht leicht uͤberſehen werden konnte; doch es war auch nothig, durch Neuheit des Anzuges ſeinen Geſchmack, und durch Pracht ſeinen Reichthum zu beweiſen. Nachdem er alle dieſe einzelnen Punkte reiflich bei ſich erwogen und uͤberlegt hatte, wählte er einen vollſtändigen Anzug von dunkelbrauner Seide; das Wamms war uͤberall, eben ſo, wie die Schlitzen der Beinkleider, mit Perlen und Goldlan geſtickt. Sein Mantel war von dunkelbraunem, unge⸗ ſchorenem Sammt, mit Satin gefuͤttert und beſetzt, und reich mit Gold geſtickt. Guͤrtel, Degengehenk, Scheide, Hut, Kragen, waren von paſſender Farbe, und aus den reichſten Stoffen gefertigt, und ſeine geſtickten Schuhe waren mit Roſen, Spitzen und goldenen Zak⸗ ken eingefaßt. Einzelne Theile dieſes Anzuges wyurden Petern anvertraut, und ſollten erſt bei Erreichung des Thurmhauſes angezogen werden, und da auch die anderen Stuͤcke ſich nicht dazu eigneten, oͤffentlich gezeigt, oder von einem Reuter getragen zu werden, ſo zog er einen weiten Reitanzug uͤber, und ſteckte die Fuͤße in weite Schlappſtiefeln. — A— Auf dieſe Weiſe eingehuͤllt, ſah er kaum ſo gläͤnzend und heiter aus, als ſein Diener. Dieſer trug ein Wamms von gelbem Manſche⸗ ſter, welches halb mit pfirſichblaͤthfarbenen Kndpfen zugekndpft, halb zuruckgeſchlagen warz pfirſichbluͤthfarbene Hoſen, mit ſchmalen, ſchwarz⸗ gelben Schnuͤren; einen grauen Hut mit ku⸗ pfernem Rande und pfirſichbluͤthfarbenem Bandeß lichtblaue Struͤmpfe; einen bleifarbenen Man⸗ tel, mit einem Saume von ſchwarzem Tuche, und mit geflochtenen fleiſchfarbigen Schnuͤren eingefaßt, und mit carmoſin Boy beſetzt. Sei⸗ nen Anzug vollſtaͤndig zu machen, hatte ſein Hert ihm guͤtig einen Theil ſeiner franzoͤſiſchen Wohlgeruche gegeben, und als Peter ſich jetzt verglich, wie er in dieſem Augenblicke ausſah, zu der Geſtalt, in der er geſtern in dem Gaſt⸗ hofe erſchienen, konnte er ſich kaum uͤberzeu⸗ gen, daß er noch eben derſelbe Menſch ſei. Er gelangte dahin erſt, als er das Lied:„Als Colin Artiſchocken ſpeiſte“ ganz zu Ende geſun⸗ gen hatte.— wtutn Dudley vermuthete, daß Sir Lionel um zwolf Uhr zu Mittag eſſen werde, denn dies war damals fuͤr den Adel und den Mittelſtand die gewoͤhnliche Stunde. Er wollte ihn aber nicht mehr bei der Mahlzeit treffen, daher war⸗ tete er bis Mittag, und war alſo mit alle — 171— den Kleidungsſtuͤcken, welche wir beſchrieben haben, auf dem Leibe, der großten Hitze des Tages ausgeſetzt. Er war indeſſen gewoͤhnt, einen Harniſch zu tragen, und unter demſel⸗ ben einen Anzug von Leder, uͤberall dick aus⸗ geſtopft, um die Stoͤße und Hiebe feindlicher Waffen abzuhalten, und man kann daher an⸗ nehmen, daß er, von einer ſolchen Buͤrde be⸗ freit, ſelbſt durch die ſengendſten Strahlen der Sonne nicht ſehr litt. Nicht aus dieſem Grunde alſo zwang er ſein Pferd zu bedaͤchti⸗ gem Schritte, aber er glaubte, daß irgend eine zbermäßige Hitze entweder den vortheilhaften Eindruck ſeiner perſonlichen Erſcheinung ver⸗ mindern, oder ſeiner Kleidung nachtheilig ſein konne. Waͤhrend er ſo langſam vorwaͤrts ritt, den Staub zu vermeiden, und den Schatten aufzuſuchen ſtrebte, ſah er in einer geringen Entfernung die Bewohner von Wells auf einem offentlichen Platze verſammelt, und mit Schei⸗ benſchießen beſchäftigt, das, nach einer Parla⸗ mentbakte, an Sonntagen, und zu anderen paſſenden Zeiten, gehalten werden ſollte. Er wandte ſein Pferd dorthin, um ihnen zuzuſe⸗ hen, und kam grade in dem Augenblicke an, in welchem der kraͤftige Will Mattock, der ſei⸗ nen Bogen ſchußgerecht gemacht hatte, laut rief:„Feſt!“ ein SZeichen, welches jeder — 172— Bogenſchutze geben mußte, um die Umſtehenden dadurch zu warnen.„Ho, ho!“ ſchrie Will, als er ſah, daß er uͤber das Ziel hinausge⸗ ſchoſſen, und alle ſeine Mitbewerber uͤbertrof⸗ fen hatte;„Leigh, der Richter von Wigan, der eine Meile mit drei Pfeilen ſchoß, konnt's nicht beſſer thun, als das iſt.— He! wer wird's beſſer koͤnnen?— Nicht Einer von Al⸗ len, bei der Meſſe, und ich werde fuͤr bu Schuͤtzenkoͤnig ſein; ho, ho!“ Als er ſich bei dieſem Ausrufe umdrehte, erblickte er Petern; plotzlich biß er ſich auf die Unterlippe, ſah jenen mit einer Art einfaͤlti⸗ gen Staunens an, ſchlug ſich dann mit der Hand auf den Schenkel, und rief:„Potz Fiſchchen; Du biſt der Franzmann, den ich aus Arthurs Sumpf zog;— Du biſt's, trotz Deiner bunten Jacke. Heda, Ihr guten Schuͤz⸗ zen, ſtellt den Bogen hin, verlaßt den Stand, und kommt hieher, Euch dieſen Franzmann mit Ringen in den Ohren zu beſehen.“ Auf dieſen Ruf verließen die Landleute ihre Beſchaͤf⸗ tigung, und umringten Petern, wie dies ſchon bei Sib Faweett geſchehen, ſpottend und nek⸗ kend, mit lautem Gellaͤchter, und begruͤßten ihn mit Spitznamen. Doch hiemit noch nicht zu⸗ frieden, ſtieß einer der Maͤnner Peters Pferd in die Seite, ſo daß es ſchlug und ſprang. — 173— Peter war keinesweges ein erfahrener Reuter; er ſchrieb dieſe Bewegungen der natuͤrlichen untuhe ſeines Thieres zu, und ſuchte es zu befaͤnftigen, indem er ihm den Hals ſtreichelte, und dabei rief:„Bh bien! was willſt Du denn?— Warte, warte!“ Dies beluſtigte die Bauern nur mehr, und ſie neckten das Pferd noch ſtärker. Dudley ergotzte ſich an ſei⸗ nes Dieners aͤngſtlichen Bemuͤhungen, ſich im Sattel zu erhalten, und an deſſen komiſchem Geſichte, denn das Streben, mehr als ge⸗ woͤhnlich heiter zu ſcheinen, gemiſcht mit der Angſt uͤber die Spruͤnge ſeines Thieres, war darin unverkennbar. Endlich aber trug Will Mattock, der von Natur plump, und durch ſein Gluͤck beim Scheibenſchießen uͤbermuthig gemacht war, ſeine Angriffe mit der Spitze ſeines Pfeiles von dem Pferde auf den Reuter uͤbet, und wagte es, dieſen derb in den Schen⸗ kel zu ſtechen. Dieſer Scherz uͤberraſchte Pe⸗ tern anfangs gewaltig, und er rief verwun⸗ dert aus:„Comment!“ doch kaum hatte er die Art des Scherzes und deſſen Urheber ent⸗ deckt, als er ſeine Reitpeitſche ſo heftig auf Wills Dickkopf niederfallen ließ, daß ihm ſo⸗ gleich das Blut uͤber das Geſicht ſiromte. „Ihr Lungerer! Ihr Schnecken,“ ſchrie der wuͤthende Bauer,„wollt Ihr dulden, daß engli⸗ * — 174— ſches Blut auf dieſe Art durch einen franzoſi⸗ ſchen Hund vergoſſen werde, der Ringe in den Ohren trägt?— Kommt her, Ihr Herren, kommt!— wir wollen ihn an einen Ort brin⸗ gen, der noch ſchlimmer iſt, als Arthurs Sumpf.“. „Nieder mit ihm! nieder mit ihm!— St. Georg fuͤr England!“ tonte es von Wills Ge⸗ fährten wider; einige derſelben ſchwenkten ihre Bogen, andere ſpannten ſie, alle aber umring⸗ ten Petern mit lautem Geſchrei und drohenden Geberden. Da aber zog Dudley ſein Schwert, ſprengte mitten unter ſie hinein, und rief mit lauter Stimme:„Zuruͤck, Ihr Schufte, Ihr wil⸗ den Kerle! Euch Allen geſchahe Recht, wuͤrdet Ihr ſo bedient, wie jener Burſche da.— Laß den Zuͤgel los, Du Hund, oder, bei der Jungfrau, Du ſollſt bald keine Hand mehr haben, ihn zu halten!“— Dieſe Worte, und das blitzende Schwert in Dud⸗ leys Hand, beſtimmten Will Mattock, den Zuͤgel von Peters Pferd, den er gefaßt hatte, los zu laſſen, und Alle drängten ſich nun, wie zu gegenſeitigem Schutze, dicht aneinander, doch ſchienen ſie ihre feindlichen Abſichten noch kei⸗ nesweges aufzugeben, bis Dudley fortfuhr: „Wir ſind auf dem Wege zu einem Friedens⸗ richter hier in der Naͤhe, und wollen uns nicht durch ſolche erbaͤrmliche Wichte, als Ihr ſeid, aufhalten laſſen. Wenn aber irgend Einer von Euch ſich beleidigt fuͤhlt, ſo mag er uns zu Sir Lionel Fitzmaurice folgen.“ Nichts konnte ſchneller und kräftiger wirken, als die Nennung dieſes Namens. Alle wende⸗ ten ſich ſogleich um, damit ihre Geſichter nicht erkannt werden moͤchten, und mehrere der Schuͤtzen kehrten ſogar zu dem Scheibenſtande zuruck, und ſetzten ihre Beſchäftigung fort. An⸗ dre zogen die Muͤtze ab, naͤherten ſich ſchuch⸗ tern, und baten um Verzeihung, und Einer nach dem Andern ſchlich ſich davon, bis nur noch Will Mattock zuruͤck war. Sein Aus⸗ druck der Wuth war ſchnell in die groͤßte Un⸗ terwuͤrfigkeit verwandelt, und ſogar mit ſicht⸗ lichem Entſetzen ſagte er, die Muͤtze mit beiden Haͤnden abnehmend, zu Peter:„Nicht wahr⸗ gnaͤdiger Herr Franzmann, Ihr erwaͤhnt mei⸗ nen Namen nicht gegen Zir Lionel; nicht wahr?“ „Pardi, mein ehrlicher Freund,“— Peter, ſeinen Arm ausſtreckend, und Wills Hand ergreifend, wir ſind jetzt ſo gute Freunde, daß ich Deinen Namen niemals ausſprechen, und Dein Geſicht niemals wieder ſehen will.“ „Dank Euch! Dank Euch herzlich!“ erwi⸗ derte der Bauer, und kehrte ziemlich kleinlaut zu ſeinen Gefaͤhrten zuruͤck. Peter aber ſah ſich — 176— erſt nach der einen, dann nach der andern Seite um, und ritt hierauf, ſichtlich in der beſten Laune, ſeinem Herrn nach. Wahrhaftig, dachte Dudley, wenn dieſer Sir Lionel weiß, wie er den Adel durch ſein Schwert, und die Geiſtlichkeit durch ſein Be⸗ tragen in Furcht ſetzen ſoll, obgleich ich noch nicht einſehe, auf welche Weiſe, ſo verſteht er es auch nicht weniger, auf den Haufen ſeine Herrſchaft auszudehnen, und ſelbſt deſſen Leidenſchaften zu unterdruͤcken. Von unrecht⸗ maͤßiger Geburt und beſchraͤnktem Vermogen, kann er keine Gewalt haben, ausgenommen, als der Freund und Stellvertreter meines ver⸗ ſtorbenen Oheims, welches hinreichend gewe⸗ ſen ſein mag, ihm zu dem obrigkeitlichen Amte zu verhelfen, die aber keineswegs ſo unendlich ausgedehnt ſein kann. Ganz ſicher iſt irgend ein alberner, lächerlicher Aberglaube mit ſeinem Namen verbunden, den er vielleicht ſelbſt nicht ahnet, und uͤber den er, kennte er ihn, zuerſt lachen wuͤrde. Doch bald werde ich mich durch meine eigenen Augen von alle dem uͤberzeugen, denn dort in der Ebene ſehe ich die ſchone, ſtattliche Abtei Glaſtonbury; daruͤber ethebt ſich, in der Hoͤhe, der Thurm von St. Michael, und die Gebaͤude, welche ihn umtingen, ſind ohne Zweifel die des — 177— Chorhauſes, wo dieſer Furchtbare Hof haͤlt. Sei er nun aber Rieſe oder Zauberer, Ungläu⸗ biger oder Menſchenfreſſer, Hexenmeiſter oder Damon, ſo will ich dennoch ſein Schloß ſtuͤr⸗ men, denn ich fuͤrchte, habe ich erſt die Zug⸗ prucke hinter mir, ſo wird, wie dies gewoͤhnlich iſt, der Zauber ſchwinden, und Sir Lionel nichts andres ſein, als wie ihn mir meine ſehr liebe Wirthinn zum Brettſpiele beſchrieb:„Ein eh⸗ renwerther Ritter, und ſehr achtbarer Friedens⸗ richter.“ Waͤhrend dieſer Betrachtungen hatte er ſich dem Thorhauſe ſo weit genähert, daß er deſſen alterthuͤmlichen Bau uͤberſehen konnte, doch jetzt bemerkte er auch, daß die Natur die ausgedoͤrrte Erde durch einen Sturm erfriſchen werde. Plotz⸗ lich ſtiegen finſtere Wolken in verſchiedenen Rich⸗ tungen am Horizonte empor. Sie verdunkelten die Sonne, als ſie ſich gegen einander thuͤrmten, heftige Windſtoße wirbelten den Staub auf, und Schwalben und andere kleinere Voͤgel ſuch⸗ ten angſtlich zwitſchernd das ſchuͤtzende Neſt. Das Vieh lief braͤllend umher, und einzelne große Regentropfen verkuͤndeten den nahenden Sturm. Dudley furchtete fuͤr ſeinen neuen franzoſi⸗ ſchen Anzug die geringſte Durchnäſſung. Er ſah daher ängſtlich umher, ob er kein Obdach I. 12 gewahren koͤnne, und bemerkte, daß die Feld⸗ arbeiter ihre Arbeit verließen, und einem run⸗ den Felſen, in geringer Entfernung von ihm, zuliefen, den auch verſchiedene Wanderer zu er⸗ reichen ſich bemuͤheten. Sie mußten eben die Abſicht haben, wie er ſelbſt, daher ſpornte er ſein Roß, und kam zu dem hohlen Steine, ei⸗ nem Orte, der anfangs, wie ſein Name ſagte, nichts geweſen war, als ein hervorragender Stein, der aber nach und nach, um zu verſchie⸗ denen Zwecken Steine zu gewinnen, ſo ſehr un⸗ terhohlt worden war, daß er einer ziemlich zahl⸗ reichen Verſammlung zum Zufluchtsorte dienen konnte. Als Dudley ihn erreichte, traf er meh⸗ rere Perſonen unter demſelben, einige zu Fuß, andere zu Pferde, aber er und Peter fanden noch vollkommenen Schutz gegen den heftig nie⸗ derſtroͤmenden Regen, der wie ein kleiner Waſ⸗ ſerfall von dem uͤberhangenden Felſen herabfiel. In dieſer Lage blieb Dudley, und ſah auf den Regenſchauer mit jenem Blicke der gaͤnzlichen Ergebung, die den Englaͤndern bei aͤhnlichen Gelegenheiten eigen ſein ſoll. Peter war indeſ⸗ ſen abgeſtiegen, kuͤßte ſein Pferd, und lachte herzlich, indem er ſang:„Aimez moi, comme je vous aime!*)“ Da ſchnaubten alle die *) Liebe mich, wie ich Dich liebe. D. Ueb. — 179— Thiere wild auf, und draͤngten, mit Zeichen des Schreckens, ſich auf einem Ende zuſammen. Ihre Herren konnten den Grund davon erſt nicht einſehen, bis ſie einen großen Bären erblickten, der durch ſeinen Fuͤhrer hieher gebracht wurde, und dem ſechs maͤchtige Bullenbeißer folgten. Unter den Gaͤſten, welche ſich bereits hier befan⸗ den, war auch ein Kaͤrrner, mit drei kraͤftigen Laſtpferden, welche mit Wolle beladen, und nach Bath beſtimmt waren. Dieſe Thiere konn⸗ ten den Anblick des langhaarigen Wilden nicht ertragen, ſchuͤttelten die Glocken an ihren Koͤ⸗ pfen, und ſchnaubten ſo ſehr, daß ihr Beſitzer erſchreckt ward, und muͤrriſch ausrief:„Fort da Du unnuͤtzer Burſch, mit Deiner wilden Beſtie; ſiehſt Du nicht, daß hier ſchon beſſere Thiere ſind, als Du ſelbſt?“ „Potz Wetter!“ erwiderte der Angeredete, „was biſt Du denn fuͤr ein Wicht? Sollen etwa ſolche Schelme, wie Du biſt, unter den trockenen Stein kriechen, und des Koͤnigs Bä⸗ renfuͤhrer im Regen ſtehen?“ „Des Koͤnigs Baͤrenfuͤhrer?“ entgegnete der Faͤrtner;„welcher Konig, das mochte ich doch wiſſen, denn wir haben zwei in dieſer Gegend, den Koͤnig vom Berge, und den Koͤnig vom Thale, oder mit andern Worten, Sir Lionel 12* — 180— Fitzmaurice von dem Thurme viu⸗ und der gute Abt von Glaſtonbury.“ „Richtig! und ſie ſollen in London zwei haben, den Koͤnig Kardinal Wolſey, und den Koͤnig Heinrich VIII.; dieſen letzteren er⸗ kenne ich fuͤr meinen Herren, und hier iſt ſein Zeichen auf meinem Arme, und mein Baͤr und meine Doggen ſind bereit, fuͤr ihn zu fechten, gegen Alle, die ihm ſeine Macht ſtreitig machen wollten. Daher halten wir uns eben ſo gut zu einer trockenen Ecke berechtigt, als irgend ein ſolches Schaafsgeſicht, wie Du biſt.“ „Sapperment, ich wuͤnſchte, Dein Braun waͤre, wo er hergekommen iſt, und Du ſelbſt truͤgſt ſeine Kette, oder wuͤrdeſt durch die Hunde gebiſſen, wie ſchon mancher beſſere Geſell.— So, ho, Dobbin!— ruhig, Ball, ruhig!— zuruͤck, Glasauge.— Bei unſerer Jungfrau, es wird hier ein Ungluck geben, wenn Du Dich nicht fort machſt, denn meine Packpferde freſſen gutes Korn, und Niemand kann ſie halten, wenn ſie losbrechen wollen.“ „Gab es je ſolchen Dummkopf?“ erwiderte der Baͤrenfuͤhrer;„gutgefuͤtterte Pferde durch einen ſtrohkoͤpfigen Eſel leiten zu laſſen!— Dreh ihre Raſen in die dunkle Ecke, Du Vieh, damit ſie meinen Braun nicht ſehen koͤnnen, und damit auch ihre Schellen meinen Baͤren nicht — 181— in Furcht ſetzen, wie dies ſchon bei meinen Bul⸗ lenbeißern der Fall iſt.“— Der Käaͤrrner be⸗ folgte den Rath, die Reuter ahmten ſeinem Bei⸗ ſpiele nach, und eine augenblickliche Ruhe trat nun an die Stelle des Schnaubens der Roſſe, des Schellens der Glocken, des Bellens der Hunde, und des Streitens der Maͤnner. Der Baͤrenfuͤhrer knuͤpfte zuerſt ein Geſpraäch an. „Wer von Euch, Ihr Herren,“ ſagte er, „ſprach von dem Sir Lionel Fitzmaurice von dem Thurme? Ich will zu ihm, vorausgeſetzt, daß er an dem Morgen nach Marià Himmel⸗ fahrt den Vorſit fuͤhrt, bei der Stierhetze. Ich mochte wiſſen, ob er wohl den Bärentanz liebt, und ob er mich gut belohnen wuͤrde, was, wie ich hore, ganz in ſeiner Macht ſteht.“ „Wahrhaftig, Ihr habt die Wahrheit ge⸗ hort,“ ſagte der Kaͤrrner,„denn alle die Be⸗ ſitzungen, die Ihr von hier aus uͤberſehen koͤnnt, gehoͤren entweder dem Koͤnige vom Thale, oder dem Koͤnige vom Berge, der alles haben muß, was ihm gefaͤllt; ſonſt wuͤrden Lord Dawbeneh⸗ Sir Launcelot Wallop und Maſter Trevot nie⸗ mals das kalte Eiſen gekoſtet haben, und jetzt nicht in der kalten Erde liegen.“ „Wahrt Eure Zunge, Herr Ritter von der Wolle,“ ſchrie eine Stimme aus der Mitte des Haufens;„Ihr ſeid ein Fremder, oder Ihr — 182— muͤßt wiſſen, auſofahr mit— Reden ver⸗ bunden iſt.“ „Ei was!“ entgegnete der ierit,„ich habe tuͤchtige Pferde in meinem Stalle, und gutes Gold in meiner Taſche, und ich will meine Zunge wegen keines Menſchen halten, wenn es mir gefallt, die Wahrheit zu ſprechen. Ich bin weder Sir Lionels Vaſall, noch ſein Knecht. Ich kann durch ihn nichts verlieren, indem ich ſage, was Ihr Alle wißt, obgleich Ihr vielleicht zu feigherzig ſeid, um es auszuſprechen.— So, ho! Dobbin!— ruhig, Ball“ „Und iſt der gute Abt,“ fragte der Baͤren⸗ fuͤhrer weiter,„einer von denen, welche ihren Seckel aufthun, um meinen Baͤren fechten zu ſehen?“ „Nicht anders, als wenn es geſchaͤhe, um Unterricht zu nehmen,“ erwiderte der Kaͤrrner, „denn er wird fuͤr ſich ſelbſt bald hinreichend zu fechten haben. Und bei der Meſſe, wenn die beiden Koͤnige vom Berge und vom Thale an einander kommen, ſo wird der Donner verderb⸗ licher ſein, als der, welcher jetzt uͤber unſeren Koͤpfen praſſelt, ohne uns Leid zuzufuͤgen. Ich bitte Euch, Ihr Herren, ſagt mir doch, iſt es wahr, daß der Teufel, es moͤgen etwa drei Wochen her ſein, aus einem Schornſteine des — 183— Thorhauſes in eine ſolche Gewitterwolke geſprun⸗ gen iſt, wie jetzt dort uͤber der Kirche haͤngt?“ „Vorgeſehen, Herr Conſtabler von der Peit⸗ ſche;“ rief die nehmliche Stimme, die vorher ſchon ein Mal warnend erſchallte,„hoͤrte ich Euch nicht die Ballade von Andreas Barton ſingen, als Ihr mit Euren falben Wallachen unter dem Mearyallhill hinzoget?“ „Ja, die ſang ich; 10 Der König ſah über die Schulter herab, Sein Aug' im Zorne blinkt; „Hab' ich keinen Lord in meinem Reich, Der jenen Verräther mir bringt?“ und was iſt nun weiter?“ „Ei nun, mein guter Freund, da Ihr ſeht, daß Eure Stimme ſtaͤrker tont, als die Schellen Eurer Gäule, ſo thaͤtet Ihr wohl, Euch zu erin⸗ nern, daß der Koͤnig von dem Berge, in deſſen Gebiet Ihr Euch jetzt befindet, nur eben jene Worte ausſprechen duͤrfte, und daß dann Euer beſtes Pferd es nicht verhindern koͤnnte, daß Ihr feſtgenommen, und vor ihn gebracht wuͤrdet.“ „Huͤte Dich, daß Deine Reden nicht den Schelm verrathen;“ entgegnete der Kaͤrrner. „Bin ich denn ein Verraͤther, wenn ich wieder⸗ hole, was ich von des Abtö Gerichtsboten ge⸗ hoͤrt habe, als wir gemeinſchaftlich unter einem Baume ſtanden, um, wie jetzt, Schutz vor dem — 184— Regen zu finden? Da ſah er auf der hoͤchſten Feuereſſe des Thurmhauſes einen Teufel, der ſeinen Schweif ſchwenkte, und mit ſeinen Hoͤr⸗ nern an eine ſchwarze Wolke ſtieß, welche uͤber ſeinem Kopfe hing, und als die Wolke ſich der Blitze entladete, ſprang der Teufel hinein, und verſchwand.— Zuruͤck, Glasauge, zuruͤck!— weshalb ſchuttelt Ihr die Schellen ſo.— Ru⸗ hig, ruhig, Ihr armen Thiere.“ Niemand ſchien auf die Erzaͤhlung des Kaͤrr⸗ ners zu achten, und zwei oder drei Minuten herrſchte das tieſſte Schweigen, bis endlich eine Stimme ausrief:„Wollte der Himmel, der tapfre und gute Sir Giles Hungerford wäre wieder unter uns!“—„Amen!“ ſagten meh⸗ rere Andere. „Oder Maſter Cecil,“ fuhr der erſte Spre⸗ cher fort,„haͤtte ſeinen vollen Verſtand, und das Mannesalter erreicht, und herrſchte im Thurmhauſe.“— Zu dieſem Wunſche ertoͤn⸗ ten die Amens noch zahlreicher, und der Baren⸗ fuͤhrer wollte eben in Betreff des Maſter Cecil einige neue Fragen hervorbringen, als ein fuͤrch⸗ terlicher Blitz, dem ein ſo heftiger Donnerſchlag folgte, daß es ſchien, er wolle den Fels, un⸗ ter dem ſie ſtanden, herabwaͤlzen, die ganze Verſammlung fuͤr einen Augenblick in Still⸗ ſchweigen verſenkte. Ehe ſie ſich noch voll⸗ — 185— kommen wieder erholt hatten, um das abge⸗ brochene Geſpraͤch wieder anzuknuͤpfen, fiel einer der Bauern, mit ſichtlichem Entſetzen, auf die Knie, kreuzigte ſich, zeigte nach dem Thurme Hill, und rief dabei aus:„Da iſt er! da iſt er!— Gebe Gott, daß er den Blitz nicht auf uns ſchleudert!“ Dann fing er ſein Pater⸗ noſter wieder mit dem groͤßten Eifer zu beten an. Als ſeine Gefährten den Blick nach dem angedeuteten Punkte wandten, ſchienen ſie gleich erſchreckt, Viele folgten ſeinem Beiſpiele, und ſanken auf die Knie, Alle aber waren ſichtbar von Furcht durchdrungen. Wo Dudley ſtand, konnte er den Gegenſtand, der die Andern ſo erſchreckte, nicht ſehen, doch kaum hatte er ſeine Stellung veraͤndert, als er auf der Spitze einer hohen Terraſſe, die uͤber das Thurmhaus hervorragte, eine lange, dunkle Geſtalt erblickte, die einen großen Stab in der Hand hielt, den ſie gegen die Wolken ausſtreckte, und mit lang⸗ ſamem, majeſtätiſchem Schwunge hin und her bewegte. Die dicken ſchwarzen Wolken hatten ſich dicht hinter dieſem Weſen zertheilt, und geſtatteten den Strahlen des Lichtes den Durch⸗ gang. Dadurch erſchienen ſeine Umriſſe nicht nur deutlich und beſtimmt, ſondern wie er ſo auf der hohen Terraſſe ſtand, hinter ſich nichts als den Horizont, haͤtte man ihn fuͤr einen — 186— Geiſt halten koͤnnen, der durch die Wolken wandelte. Dieſe Geſtalt war, wie Dudley aus den Aeußerungen der Umſtehenden entnahm, der allgefuͤrchtete Sir Lionel Fitzmaurice, waͤh⸗ rend eine kleine verdrehte Figur, die in dieſem Augenblicke an ſeiner Seite ſichtbar ward, und die ganz ſo ausſah, wie der dienſtbare Geiſt eines hoͤheren Meiſters, durch die fluͤſternden Bauern mit dem Namen des„Doktors“ be⸗ zeichnet ward. Aengſtlich draͤngten ſich alle die un in einem Winkel zuſammen, als fuͤrchteten ſie, von der furchtbaren Geſtalt geſehen zu werden, welche den Elementen zu gebieten ſchien; aber dennoch vermochten ſie nicht, die Augen von der Erſcheinung zu wenden, als habe der An⸗ blick derſelben ſie in Stein verwandelt. Sie bewachten jede Bewegung Sir Lionels, und Entſetzen befiel ſie, wenn er ſich dabei zufällig in der Richtung nach ihnen hin wendete, als furchteten ſie, er werde die Blitze, die ihn noch immer umſpruͤheten, zu ihnen heruͤberſchleu⸗ dern. Andere, welche der Erzaͤhlung des Kaͤrr⸗ ners gedachten, die in dieſen Gegenden allge⸗ mein bekannt und geglaubt war, ſahen auf den buckligen Zwerg an ſeiner Seite, und erwar⸗ teten, daß er jeden Blitz benutzen werde, um in eine der ſchwarzen Wolken hineinzuſpringen. — 187— „Die Abtei! die Abtei!“ ſchrieen jetzt Mehrere, und Dudley, der ſich der Fehde zwiſchen dem Koͤnige des Berges und dem Koͤnige des Thales erinnerte, glaubte, dem Gotteöhauſe drohe irgend ein Unheil, doch die hohen Thuͤrme, die Spitzen der Kirchen und Kapellen, welche durch die Wolken in tiefen Schatten gehuͤllt waren, rag⸗ ten majeſtätiſch in den Himmel hinein, und ſchienen der hoͤchſten Wuth des Sturmes zu gebieten. Noch waren Aller Blicke einige Zeit abwechſelnd auf die dunklen, drohenden Ge⸗ ſtalten auf der Terraſſe, und auf das heilige Gebaͤude der Abtei gerichtet, doch jetzt fingen die Gewitterwolken an, ſich zu zertheilen, der Himmel ward wieder klar, und Sir Lionel und ſein haͤßlicher Gefahrte gingen zu dem Hauſe zuruͤck, und verſchwanden. Der Donner ver⸗ hallte murmelnd in der Ferne, der Geſang der Voͤgel uͤbertonte das Rauſchen des Waſſers, welches von dem Steine herabrann, die Sonne brach glaͤnzend durch die Wolken, ein pracht⸗ voller Regenbogen ſpannte ſich am Himmel aus, und unbeſchaͤdigt ſtand die Abtei, im hell⸗ ſten Sonnenlichte da. Ermuthigt, daß ihre Befuͤrchtung nicht eingetroffen war, begannen die Bauern wieder freiern Athem zu ſchoͤpfen, und in lauterem Tone mit einander zu ſprechen. Der Kaͤrrner wagte einige Scherze uͤber Sir — 188— Lionels Geſchmack zu machen, im Regen unter freiem Himmel zu wandeln, und mit einer Zauberruthe in die Wolken zu peitſchen; der Baͤrenfuͤhrer erklaͤrte lachend, koͤnne er den klei⸗ nen buckligen Doktor zu Kauf bekommen, ſo wolle er ihn herausputzen, und als Affen ſei⸗ nem Baͤren auf den Kopf ſetzen, und Alle wollten ſo eben ſich trennen, und den Zu⸗ fluchtsort verlaſſen, als in einiger Entfernung eine dicke, dunkle Rauchſaͤule aufſtieg, aus der zuweilen einzelne Flammen hervorſchlugen. Faſt zu gleicher Zeit riefen zwei oder drei der Bauern aus, daß die Meierei der Abtei in Feuer ſtehe. Wenige Minuten darauf brachen die Flam⸗ men uͤberall mit Gewalt hindurch, und gaben nicht nur die Beſtätigung, ſondern zeigten auch, daß das ganze Gebäude in kurzer Zeit von der Macht des Elementes verzehrt ſein werde. Das Schrecken der Bauern, welche dieſes Ungluͤck der uͤbernatuͤrlichen Gewalt von dem Erzfeinde der Abtei zuſchrieben, kehrte auf's Neue, und ſtaͤrker als zuvor, zuruͤck. Ihre Stimmen ſan⸗ ken wieder zum Gefluͤſter hexab, und Pater⸗ noſters und Avemaria's entſtroͤmten ihren zit⸗ ternden Lippen; der Kaͤrrner trieb ſeine Pferde an, und entfernte ſich ſchweigend, und der Baͤrenfuͤhrer, zu entmuthigt, um ſeine vorigen Scherze fortzuſetzen, aber doch auch zu ehrgeizig, — 189— um ſich ganz entmuthigt zu zeigen, pfiff ſich ein munteres Stuͤckchen, als er mit ſeinem Baͤren an der Seite, und ſeiner Heerde von Doggen hinter ſich, davon zog. Dudley, der ein aufmerkſamer Beobachter des ganzen Auftrittes geweſen war, zog eben⸗ falls ſeines Weges weiter, verloren in eine Menge von Vermuthungen. Bisher hatte er den Schrecken des Landvolkes vor dem Sir Lionel entweder einem blinden Aberglauben zu⸗ geſchrieben, oder dem Abſcheu, vor ſeinen blu⸗ tigen Thaten im Zweikampfe. Doch jebt hatte er ſelbſt geſehen, daß Sir Lionel Grund zu dem Argwohne gegen ſich gab, durch ein Betragen, das wenigſtens eben ſo finſter und zweifelhaft war, als die Geruͤchte, die in der Umgegend herrſchten. Der Brand der Meierei konnte allerdings auch eine zufällige, ganz natuͤrliche urſache haben, doch mußte ſich Dudley einge⸗ ſtehen, daß die Zeit und die umſtaͤnde, unter denen er erfolgte, ganz dazu geeignet waren, den Aberglauben der Beobachter zu beſtätigen. Einem kraͤftigen, kähnen Geiſte iſt es etwas Erfreuliches, mit einem Weſen zuſammenzutref⸗ fen, vor dem die ganze uͤbrige Welt zuruckbebt. Die Neugier, Sir Lionels Charakter und Ge⸗ ſinnung ganz kennen zu lernen, geſellte ſich jetzt zu dieſem Gefuͤhle, und die Beſchreibung von — 190— der Schoͤnheit der Tochter Lionels diente eben⸗ falls zur Vermehrung ſeiner Ungeduld, als er ſich dem Thurmhauſe naͤherte. Peter war zu ſehr damit beſchaͤftigt gntſen ſein Pferd zu kuͤſſen, und ihm etwas vorzuſin⸗ gen, um ſehr auf die Geſprache in ſeiner Naͤhe, und ſelbſt auf den tobenden Sturm zu achten, obgleich er jetzt mit der heiterern Natur ſo ſehr ſympathiſirte, daß er ohne Unterbrechung ſang, bis ſie bei dem befeſtigten Thorhauſe anlangten, das den Eingang zu dem des S Lionel — bildete. = 191— Siebentes Kapitel. Du ſchmucke Dirne, friſch und ſchön In reichen Kleidern anzuſehn In prachtgeſchmücktem Wagen Ach! laß nicht Stolz die Züge ſchmähn, Geringſchätzung ſie nicht umwehn, Richt dieſe Reize Makel tragen. Dos Thurmhaus war einer jener alten Edel⸗ ſitze, welche zu dem Zwecke der Sicherheit erbaut wurden, dabei aber doch den Reichthum des Er⸗ bauers zeigen ſollten. Aber ſeit der Beendigung des Krieges zwiſchen den beiden Roſen waren die Befeſtigungswerke vernachlaͤſſigt worden; zwar hatte Sir Giles Hungerford die Abſicht gehabt, ſie wieder vollkommen herzuſtellen, al⸗ lein durch ſeine beſtaͤndige Abweſenheit im Dienſie ſeines Vaterlandes war er daran verhindert wor⸗ den. Zwei runde befeſtigte Thuͤrme, mit aus⸗ gezackten Zinnen, welche ſich an einen ſchmalen gothiſchen Bogengang lehnten, uͤber deſſen maͤch⸗ tigem Querbalken das Wappen der Hungerfords — eingegraben war, bildeten das Thorhaus, welches etwas von den uͤbrigen Gebäuden entfernt ſtand. Der Damm, welcher unmittelbar an daſſelbe ſtieß, hatte auf beiden Seiten Mauern, die in⸗ nerhalb nicht ſehr hoch waren, die aber außer⸗ halb, durch die Abdachung des Berges, ſo an Hoͤhe gewannen, daß ſie nur vermittelſt Leitern erſtiegen werden konnten. Die kräftige Natur hatte indeſſen den Abhang deß Berges ſo reich⸗ lich mit Holz und Gebuͤſch bewachſen laſſen, daß ein Belagerer dadurch hinlänglichen Schutz gefunden haben wuͤrde, unentdeckt bis auf die Spitze zu gelangen. Das Hauptgebaͤude beſtand aus einem großen Hofe, an dem die Staats⸗ und Wohnzimmer ſich befanden, und einem klei⸗ neren, hinter jenem gelegenen, den die Wirth⸗ ſchaftsgebaͤude umgaben. Dieſe letztern dehnten ſich ruͤckwaͤrts bis zu der ſteilen Anhohe des Thurmes Hill, und eine Reihe von Stufen fuhrte zu einer Terraſſe an dem Abhange eines fuͤrchterlichen Abgrundes. Dieſe Terraſſe war ungefaͤhr in gleicher Höhe mit dem hohen Thurme der St. Michaels⸗Kirche, der jetzt noch ganz erhalten, und allein von dem alten Sitze der Hungerfords, dem er den Namen gegeben, ubrig geblieben iſt. Von alle den anderen Gebaͤuden iſt ſelbſt jede Spur verſchwunden. An jeder Ecke des großen Hofes ſtand ein runder Thurm, mit einer Zinne von eben der Geſtalt, wie die des Thorhauſes, und das Ganze war auf drei Seiten mit einem trockenen Graben umzogen, uͤber den ſonſt, an dem Ende des Dammes, eine Zugbrucke gefuͤhrt hatte, die jetzt aber durch ei⸗ nen ununterbrochenen Damm erſetzt worden war. Die Lerraſſe, und der unerſteigliche Abhang, an dem ſie lag, waren die einzige Befeſtigung der Ruͤckſeite des Thurmhauſes. Als Dudley das Thorhaus erreichte, bat er um die Erlaubniß, in daſſelbe zu treten, und hier ſeinen Anzug vollenden zu koͤnnen, ehe er den Herrn des Hauſes begruͤße. Er ſtaunte uͤber alle die Beweiſe der Pracht und Große, welche er hier erblickte. Der Wärter des Thor⸗ hauſes, geſchmackvoll in Sammt gekleidet, hatte Yeomen und Thuͤrſteher bei ſich; ein Edelmann Sir Lionels, einen Pagen hinter ſich, und von zwei reichgekleideten Dienern, welche das Wap⸗ pen ihres Herrn, einen blanken Dolch mit fuͤnf Blutötropfen, trugen, begleitet, kam eben her⸗ ausgeritten. Als Dudley ſeinen Anzug vollen⸗ det hatte, und nun dem Haupthofe zuging, wuchs ſein Staunen, als er ſah, daß wenige der reichſten Edlen, mit alle der Pracht und der zahlreichen Dienerſchaft, mit der ſie ſich zu um⸗ geben pflegten, den Glanz zu uͤberbieten ver⸗. mochten, welcher hier herrſchte. Die Mehrzahl I. 13 — 194— der Diener, die er in uberreichlicher Menge er⸗ blickte, trug Schwerter, wie die Dienſtmannen eines Lehnsbarones. Der Haushofmeiſter, ſchon gekleidet, und eine goldene Kette um den Hals, empfing ihn am Eingange der großen Halle, welche die ganze Fronte dieſes erſten Hofes einnahm. Als er zwiſchen der Reihe von Yeomen und Bedienten, die zum Theile in prachtvolle Livreen gekleidet waren, hinging, und ſich dem oberen Ende der Halle nahete, ſah er an den Waͤnden verſchiedene Waffen in allerhand Figuren aufgehangen. Unter denſelben erkannte er an dem Helmzeichen den Helm, welcher Sir Giles in fruherer Zeit ſo manchen guten Dienſt geleiſtet, ihm vielleicht ſo manches Mal das Le⸗ ben gerettet hatte, bis er ihn gegen den verbeſ⸗ ſerten vertauſchte, der ſeinen Tod zur Folge hatte. Dudley war keinesweges ſehr empfaͤng⸗ lich fuͤr betruͤbende Gefuͤhle, aber dennoch konnte er einen Seufzer nicht unterdrucken, als er ſich des Todes ſeines Oheims erinnerte, und Un⸗ wille ergriff ihn, indem er bedachte, daß ein Fremder ſich in deſſen Familienſitz eingeniſtet habe, und den Glanz des rechtmaͤßigen Eigen⸗ thuͤmers verdunkele. Als Dudley aus dieſer Halle in den Ge⸗ richtsſaal trat, konnte er ſich den Schrecken des gemeinen Volkes einigermaßen deuten, das vor — 195— dieſen Schranken erſcheinen, und mit einem Kriegsmanne in unmittelbare Beruͤhrung kom⸗ men mußte, der als Obrigkeit die Gerechtigkeit mit unerbittlicher Strenge handhabte, und deſſen Mangel an Leutſeligkeit wahrſcheinlich das Vorurtheil und den Abſcheu noch vermehrt hatte, mit welchem das Volk auf alle die blickt, welche es im Beſitze uͤbernatuͤrlicher Gewalt waͤhnt. Dem Schuldigen mußte dieſe Gerichts⸗ halle in der That ein ſchrecklicher Anblick ſein. Die Wand war mit Stahlhauben und Helmen, mit Panzerhemden, Piken, Hellebarden, Mor⸗ genſternen, Streitaxten und Schilden behangen⸗ Doch einen noch ſchrecklichern Eindruck mußte eine hoͤlzerne Tafel machen, welche, dem Ein⸗ gange grade gegenuͤber, den Blicken jedes Ein⸗ tretenden ſich ſogleich darbot, und auf der Abbildungen von Arm- und Fußbloͤcken, von der Peitſche des Buͤttels, den Ketten des Schlie⸗ ßers, ſogar des Kerkers mit ſeinen finſtern Wän⸗ den, und endlich des Galgens, an dem ein Ge⸗ richteter hing, eingeſchnitten waren. Ein ſolcher Apparat, und in deſſen Mitte ein Richter, den der gemeine Haufe fuͤr nicht viel beſſer hielt, als den Boͤſen ſelbſt, war ganz dazu geeig⸗ net, das Gemuͤth des Schuldigen zu zer⸗ knirſchen, und dem Unſchuldigen Furcht einzufloßen. 13* — 196— Nachdem Dudley noch durch zwei andere, klei⸗ nere Gemaͤcher gekommen war, empfing ihn ein Kammerling, ein Thuͤrſteher und zwei Pagen. Dieſe geleiteten ihn zu dem Eingange eines Vorzim⸗ mers, und kaum hatten ſich die Thuͤren deſſel⸗ ben geoͤffnet, als Sir Lionels Hausminſtrels ihn mit einem Tuſch begrußten, und dann erſt ward er in die Gegenwart des Mannes gebracht, der ſich ſo mit Dienern umgeben hatte. Hier war Sir Lionel nur in Geſellſchaft des kleinen, mißgeſtalteten Doktors. Sir Lionel trat ſei⸗ nem Gaſte entgegen, und nachdem einige Worte allgemeiner Hoflichkeitsbezeugungen gewechſelt worden, uͤbergab Dudley den Brief; waͤhrend Sir Lionel ihn las, hatte er volle Muße, ihn genau zu betrachten. Seine Geſtalt wuͤrde ſelbſt neben dem groͤßten der gewohnlichen Er⸗ denſoͤhne hoch und gebieteriſch erſchienen ſein, doch im Vergleich zu der Zwerggeſtalt an ſeiner Seite nahm ſie etwas Rieſenhaftes an, und ohne das Gleichmaaß ſeiner Glieder wuͤrde dies noch mehr der Fall geweſen ſein. Er ſchien etwa fuͤnf und vierzig Jahr zu zäͤhlen. Sein Vorderkopf war kahl, doch die langen Locken ſeines Hinterkopfes ſchienen ſich noch natuͤrlich zu ringeln, und ſein langer, ungeſchmuͤckter ſchwarzer Bart gab ihm etwas ungewoͤhnlich Feierliches. Seine großen, durchdringenden — 197— dunklen Augen waren von kuͤhn und doch zier⸗ lich gewoͤlbten Augenbrauen beſchattet; ſeine Naſe, welche ſich der Form der roͤmiſchen naͤ⸗ herte, trug eben dieſen Charakter; ſeine Zähne waren trefflich, und man hätte ſein Geſicht im Ganzen ſchoͤn nennen koͤnnen, haͤtten ihm nicht das ſpottiſche Ziehen der Mundwinkel, und die entſtellende Narbe, welche die Wunde zuruͤckließ, die er empfing, als er Sir Giles Hungerford das Leben rettete, von der Seite geſehen, einen zuruͤckſchreckenden Ausdruck gegeben. Die dunkelen Kleider, in denen Dudley ihn auf der Terraſſe geſehen, hatte er abgelegt. Seine jetzige Kleidung war zwar von eben ſo dunkler Farbe, aber aus den reichſten Stoffen verfertigt, und ganz dazu geeignet, ſeine ſchoͤne Geſtalt noch mehr hervorzuheben. Sein Kleid von zimmtfarbenem Zeuge, mit Silberſchnuͤren eingefaßt, war auf dem Ruͤcken in Falten gelegt, die Schoͤße aber hingen offen und glatt herab; ſein Wamms war von eben der Farbe, wie das Ueberkleid, und mit ſilbernen Knoͤpfen beſetzt; darunter trug er ein Wamms von Silberſtoff, welches jedoch nur ſichtbar ward, wenn er ſei⸗ nen Bart bewegte. Ein reichgeſtickter lederner Guͤrtel, mit Diamanten beſetzt, trug ein pracht⸗ volles Schwert, und umſchloß ſeine Huͤften, waͤhrend weite, xuffige Beinkleider, von dunk⸗ — 105— ler Farbe, und reich mit Silberſchnuͤren beſetzt, die Groͤße und Regelmaͤßigkeit ſeiner Geſtalt in das ſchonſte Licht ſtellten. Die Roſe an ſeinen Schuhen war in der Mitte mit einer Agraffe von Juwelen befeſtigt, und waͤhrend er den Brief las, bemerkte Dudley, daß an ſeinen Fingern Diamanten, und Obgleich die Nachricht, vi er p Wen em⸗ pen hatte, fuͤr ihn von großer Wichtigkeit war, und ſogar in gewiſſer Hinſicht ſein ganzes Schickſal beſtimmen konnte, ſo ſchien ſie ihn doch nicht im Mindeſten zu beunruhi gen. Seine Mienen verzogen ſich nicht, und ſein bleiches Geſicht ward nicht von der geringſten Roͤthe ge⸗ faͤrbt, als er gleichguͤltig das Papier zuſammen⸗ faltete, und zu Dudley ſagte:„ So iſt alſo, wenn ich aus Ddieſem Briefe ſchließen darf, mein Vbo beſter Freund wirklich nicht mehr?„ Dudley betichtete die umſtaͤnde von Sir giles Tod, und deſſen ehrenvolles Begraͤbniß zu Calais. In der That,“ rief Sir Lionel aus,„er war ein tapferer, wuͤrdiger Ritter, aber ſo heiß und unuͤberlegt in ſeiner Tapferkeit, daß er in jedes Gefecht ſprengte, wo es nur Schwertergeklirre gab, und ſein Blut vergoß, als wäre es Quellwaſſer. Wir muͤſſen uns daher, trotz unſeres Kummers, daß er ſo fruͤh — 199— ſtarb, daruͤber wundern, daß er ſo lange lebte.— Hinterließ er noch irgend eine andre Schrift, ein andres Teſtament, ein Voſt als dieſen Brief?“ „Durchaus keines!“ ᷣzehi Dudley. „Es ſoll meine Sorge ſein, daß ſeine letzten Wuͤnſche puͤnktlich erfuͤllt werden,“ ſprach der Ritter, indem er den Brief ſorgfaͤltig in ſeine Taſche ſteckte.„Wer waren die Zeugen ſeines Todes?“ „Ich war allein zugegen, als er ſeinen Geiſt aushauchte,“ erwiderte Dudley,„und mir al⸗ lein vertraute er auch ſeinen letzten Willen an, den er Euch in dieſem Briefe ſelbſt verkuͤndet.“ „Wohl, wohl!“ ſagte Sir Lionel;„ſein Wille ſoll erfullt werden, und kis Gott ſei⸗ ner Seele gnaͤdig ſein.“ FJetzt ward die kleine, ſchwarzgekleidete Ge⸗ ſtalt unter dem Namen des Doktor Wrench vorgeſtellt, und machte ihre Verbeugung. Die Halskrauſe des Doktors war ſteif geſtärkt, ſein Bart kurz abgeſchnitten, wie der eines egypti⸗ ſchen Götzenbildes, ſein Blick verrieth Scharf⸗ ſinn, oder vielmehr Heftigkeit und Bosheit, und ſein Geſicht trug ganz jenen unbeſtimmten Charakter, der ſogleich verräth, daß es einem Verwachſenen angehoͤrt. An der Unterredung, die ſich jetzt anſpann, nahm er kaum einigen Theil, und wenn Sir Lionel ſprach, ſo richtete er ſeine kleinen, ſtechenden Augen mit einem Blicke der Unterwuͤrfigkeit auf ihn, der ſeinem uͤbrigen Weſen ganz widerſprach. Dudley ward nun aufgefordert, die Niederlage der Aben⸗ teurer, die Verwundung und den Tod des Sir Giles, ſo wie die Abenteuer ſeiner eigenen Reiſe durch Somerſetſhire, ausfuͤhrlicher zu erzaͤhlen. Daruͤber war eine längere Zeit vergangen; er wunderte ſich, daß während deſſen auch nicht ein Mal von Cecil die Rede geweſen, und ſprach daher laut die Hoffnung aus, er ſei ge⸗ ſunderen Koͤrpers und kraͤftigeren Geiſtes, als nach den letzten Briefen an Sir Giles zu erwarten geweſen. „Gottes Gnade, Maſter Dudley,“ rief Sir Lionel,„wir koͤnnen Euch keinen guͤnſti⸗ gern Bericht ertheilen, denn aus Liebe zu ſei⸗ nem Vater habe ich in dieſer Hinſicht viel eher die Wahrheit verkleinert, als vergroͤßert. Der Juͤngling iſt noch immer kraͤnklichen Koͤrpers und Gemuͤthes, und dennoch verſchloſſen und eigenſinnig, ſobald man ihn nicht ſeinen truͤben raumereien, ſeinem Dumpfſinne ungeſtort uͤber⸗ läßt. Mein gelehrter Freund, Doktor Wrench, welcher ſein Lehrer war, oder eigentlich wohl ſein ſollte, hat, nach mancher vergeblichen Muͤhe, die Hoffnung aufgegeben, denn es iſt unmoͤglich, etwas in ein Gefaͤß zu gießen, das — 201— zu ſeicht iſt, um etwas aufzunehmen, eben ſo, wie es unmoͤglich iſt, einem Menſchen etwas zu lehren, dem die Fähigkeit mangelt, etwas zu lernen.“ Dieſe Behauptung beſtaͤtigte der Doktor mit wenigen, abgemeſſenen Worten, durch welche er die Meinung ausſprach, daß er den jungen Menſchen fuͤr mondſuchtig halte, der zwar helle Zwiſchenraͤume habe, unter dem Einfluſſe des Mondes aber jedes verſtaͤndigen Gedankens gaͤnzlich unfaͤhig ſei; weshalb er dies Wort dem legaleren„geiſtesſchwach“ wel⸗ ches er ihm beilegte, als er ihn unfaͤhig fand, ein lateiniſches Zeitwort zu konjugiren, vor⸗ ziehe. Deshalb, fuͤgte er hinzu, ſei Cecil nicht im Stande, ſich ſelbſt zu leiten, und es muͤſſe alſo, nach dem ſiebenzehnten Geſetze Eduards II., Kap. zehn, einem Anderen die Fuͤhrung ſeiner Geſchaͤfte anvertraut und uͤbertragen werden; und zu dieſem muͤhſamen Amte eigene ſich Nie⸗ mand beſſer als Sir Lionel, obgleich er glaube, daß derſelbe nur ſchwer zu deſſen Uebernahme vermocht werden duͤrfte. Der Ritter beachtete dieſe Aeußerung des Doktors nicht, und Dudley ſagte nun, da er beauftragt ſei, ſeinem jungen Vetter den letzten Segen ſeines ſterbenden Vaters zu uͤberbringen, hoffe er, denſelben zu ſehen zu bekommen, ſo⸗ wohl, um ſich dieſes Auftrages zu entledigen, — 202— als auch, um das Vergnuͤgen zu W die Bekanntſchaft ſeines Vetters zu machen. „Ihr werdet es bald nicht mehr für ein Vergnuͤgen halten!“ entgegnete der Ritter, und dann wechſelte er das Geſpraͤch, ohne genauer von irgend einer Zuſammenkunft zu ſprechen⸗ Er fragte Dudley, wie lange er ſich in Somer⸗ ſetſhire aufhalten werde, und ladete ihn ein, ſein Gaſt zu ſein, bis er entweder nach Frank⸗ reich zuruͤckkehre, wenn dies ſein Wille ſei, oder bis er an irgend einen anderen Ort berufen werde. Dudley ſagte, da er eine Inſchrift verfertigen laſſen wolle, um ſie, ſeinem Ver⸗ ſprechen gemaͤß, neben dem ungluckſeligen Helme in der Kirche zu Glaſtonbury aufhängen zu laſſen, ſei er gendthigt, noch einige Tage in der Nachbarſchaft zu verweilen, und nehme daher mit Dank das gaſtfreundliche Anerbieten an. Dies that er um ſo freudiger, da ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit den Gaſthoͤfen Englands, und be⸗ ſonders mit dem der Sib Faweett, ihn keines⸗ weges auf einen laͤngeren Aufenthalt in denſelben begierig gemacht hatte. Außer dieſen Gruͤnden, die er fuͤr die Annahme jenes Erbietens angab, hegte er auch noch den Wunſch, wenn es moͤglich waͤre, die Bekanntſchaft ſeines Vetters zu machen, an deſſen Schickſal er jetzt den innigſten Theil zu nehmen begann. Auch wuͤrde es ihm — 203— ſehr unangenehm geweſen ſein, abreiſen zu müſ⸗ ſen, ohne die„friſche, reizende Schone“ geſe⸗ hen zu haben, die ſo viel zu der Sorgfalt bei⸗ getragen, mit der ſeine n.— ſi ich bemuͤht. Sir Lionel hte eine große ufeidenßeit mit dieſem Entſchkufſe, rief dann einen Pagen aus dem Vorzimmer herein, und gebot ihm, der Lady Fi tzmaurice zu ſagen, ein Fremder, der einige Tage im Thurmhauſe bleiben werde, und hoͤchſt wichtige Nachrichten aus Frankreich berbracht habe, warte darauf, ihr vorgeſtellt werden zu konnen. Als ſie jedoch nach einiger Zeit noch nicht erſchien, bat Duvleh um die Erlaubniß, mit ſeinem Diener zu ſprechen, um ihn nach Wells ſchicken zu koͤnnen, ſeinen Man⸗ telſac und ſeine äbrigen Sachen zu holen, und die Wirthinn zu bezahlen. Zu dieſem Zwecke ward er in ein kleines Zimmer gefühtt, das die Ausſicht auf den hinteren Hof hatte. Kaum war er hier eingetreten, als er in einem anſto⸗ ßenden Gemache, deſſen Thuͤr nür angelehnt war, eine weibliche Stimme ſagen hoͤrte: „Hilf Himmel, Menſch, giebt es einen lang⸗ ſameten Teppich⸗Wirker, als Du biſt? Ha⸗ ben Vel und der Drache noch keinen neuen Schwanz, iſt Suſanna noch nicht geſtopft, und — 204— der Fuß des verlorenen Sohnes noch nicht wie⸗ der angeſetzt?“ „Nein, Lady,“ erwiderte eine maͤnnliche Stimme;„alle ſind angefangen, aber noch kei⸗ ner beendigt; doch da iſt der neue Teppich mit Bildwerk, mit Gurken, Blumenſtraͤußen und Granataͤpfeln eingefaßt, und dann der mit wil⸗ den Thieren, Voͤgeln, und noch mehrere andere.“ „Der neue Teppich!“ nahm die erſte Stimme das Wort;„kann ich den neuen Tep⸗ pich aufhaͤngen, du Toͤlpel, ehe er mit Wurm⸗ mehl und Koloquinte gegen die Motten einge⸗ rieben iſt?— Geh deiner Wege, Faulpelz; ich will keinen aufhaͤngen, bis die alten in Ordnung ſind, und der Fremde mag in der geſchnitzten Stube ſchlafen.— He, Johanna! Cicely! Meg! wo ſeid Ihr? Seht nach der geſchnitzten Stube, daß ſie von Spinneweben gereinigt werde; legt neue Matten und bringt das roth und weiße Bett hinein. Sagt der Kochinn, daß ſie das Abendbrod beſorge, wie ich es ihr befohlen habe. Sie ſoll zu mir in die Speiſekammer kommen, um ſich alles zu holen, was ſie bedarf; ſagt ihr auch, daß ſie das Zinngeraͤth heraufſchicke, denn Sir Lionels Gaſt iſt ein reicher, vornehmer Mann, und da ſoll alles im Glanze erſcheinen.“ Die Stimme ward nun immer ſchwaͤcher und ſchwächer, in — 205— dem Maaße, wie deren Beſitzerinn ſich entfernte, doch hoͤrte man ſie noch einige Zeit Befehle fuͤr alle Zweige des Hausweſens geben, bis ſie endlich ganz verſchwand. Von dem Litel, den der Teppich⸗Wirker ihr gegeben hatte, ſchloß Dudley, daß er ohne ſeinen Willen die Lady Fitzmaurice belauſcht habe. Er mußte ihr zwar die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie eine thätige, ſorgſame Hauswirthinn ſei, aber er haͤtte dies von der Gattinn des ſtolzen, ver⸗ ſchwenderiſchen Sir Lionel nicht erwartet. Peter, welcher kurz darauf kam, hatte ſchon Gelegenheit gefunden, mit einigen Dienern des Hauſes Bekanntſchaft zu machen, und kaum hoͤrte er, daß ſie ihre Wohnung in dem Thurm⸗ hauſe nehmen, und die elende Kabache, wie er das Wirthshaus der Sib Faweett nannte, ver⸗ laſſen ſollten, als er voller Freuden ſang:„Al- lerte! allerte! allerte! disoit père Gré- goire,“ und verſprach in aller Fruͤhe des fol⸗ genden Morgens zur Vollſtreckung ſeines Auf⸗ trages aufzubrechen. Sein Herr kehrte hierauf zu dem Cederzimmer zuruͤck, wie das Gemach genennt ward, in dem er den Sir Lionel zuerſt traf. Er fand das Zimmer leer, denn der Wirth, und deſſen kleiner ſchiefer Gefaͤhrte, der jetzt, wo das Amt des Lehrers ihm nichts mehr zu thun gab, des Ritters Privatſekretair — 206— geworden war, hatten ſich entfernt, um uͤber Gegenſtaͤnde zu berathen, bei denen des Gaſtes Gegenwart durchaus nicht zulaͤſſig gewe⸗ ſen wäre. Dudley bemerkte jetzt, daß zwiſchen der dunklen Bekleidung von Cedernhol;, welche dem Zimmer den Namen gegeben hatte, aller⸗ hand Spruche geſchrieben waren; zum großen Theil indeſſen waren ſie unleſerlich geworden, entweder durch den Verlauf der Zeit, oder durch das haͤufige Reinigen der holzernen Wandbe⸗ kleidungen. Dieſe waren ſtark und alterthuͤm⸗ lich; an der Wand hingen zinnerne Armleuch⸗ ter; das große Kamienſtuͤck von ausgeſchnitztem Eichenholz zeigte das Wappen der Hungerford, mit Wappenſchildern und Trophäen aller Arten reichlich umgeben. Auf einem ſchweren eichenen Tiſche in der Mitte des Gemaches lag eine kleine gedruckte Vorſchrift fuͤr den Kapellendienſt am Tage Mariaͤ Himmelfahrt; ein Buch uͤber aſtro⸗ logiſche Weisſagungen, mit Anweiſungen zur Entdeckung des Steines der Weiſen, und des Lebenselixirs; und eine Abhandlung uͤber die Jagd, die Reiherbaitze und die Genealogie, von Frau Juliane Berners, welche zur Zeit Hein⸗ richs VI. guͤtig genug war, junge Edel⸗ fraͤulein in der Bemannung zwiſchen Fin⸗ kenfalken und Lerchenhabichten Unterricht zu — 207— geben*). Ein Manuſcript, mit dem Befehle, daß das Saͤngerfeſt und die Stierjagd an dem Morgen nach Mariä Himmelfahrt gehalten werden ſollten, vollendete die literariſche Samm⸗ lung, die weder fuͤr auserleſen, noch fuͤr unter⸗ haltend gelten wuͤrde, laͤge ſie auf dem Liſche eines modernen Putzzimmers. Es muß jedoch bemerkt werden, daß zu jener Zeit ſelbſt die ausgezeichnetſten Maͤnner ſelten andere Buͤcher von irgend einer Art hatten; keine Zeitungen oder Magazine gab es; keine Novellen oder li⸗ terariſche Korreſpondenzen. Shakespeare war noch ungeboren, und kein großer Unbekannter verſah die Welt mit geiſtreichen und unterhal⸗ tenden Werken, mit einem ſo unnachahmlichen Talente, daß es die Bewunderung jedes Stan⸗ des und Alters erregt, und dabei mit einer ſo unerſchoͤpflichen Fruchtbarkeit, daß es ihm nie an neuen Charakteren, an neuen Verwickelun⸗ gen gebricht. Aus Mangel dieſer Unterhal⸗ tungsmittel waren die Jagd und das Turnier in der Zeit des Friedens die einzige Erholung der Edelleute, junge Damen aber, welche durch haͤusliche Angelegenheiten nicht beſchaͤftigt *) Sie war Priorinn des Nonnenkloſters zu Sopewell, und ihr Buch ward 1481 in dem benachbarten Moͤnchskloſter St. Albans gedruckt. — 208— waren, oder ihre Zeit nicht mit dem Wirken von Teppichen hinbrachten, konnten zu Dame Juliane Berners gehen, und dort Finkenfalken und Lerchenhabichte begatten lernen. Nachdem Dudley einen flaͤchtigen Blick auf jenes Werk einer Dame geworfen hatte, trat er in eines der tiefen Fenſter des Simmers. Von hier aus konnte er die ganze Abtei, und auch den Meierhof uͤberſehen, der jetzt faſt ganz niedergebrannt war. Dies erinnerte ihn wieder an den Aberglauben der Bauern, daß Sir Lio⸗ nel die empoͤrten Elemente zu deſſen Zerſtoͤrung geleitet habe, und er beſchloß, ſeinem Wirthe, ſobald er ihn wieder ſehe, dies mitzutheilen, und ihn dabei genau zu beobachten. Wenige Minu⸗ ten darauf trat Sir Lionel, von dem Doktor begleitet, ein, und Dudley fragte ihn nun, ob er glaube, daß die Meierei der Abtei durch den Blitz in Brand geſteckt worden ſei, und ob er ſie von dem Fenſter aus habe brennen ſehen. „Ich dachte es, daß ſie abbrennen wuͤrde,“ entgegnete Sir Lionel ruhig,„und habe des⸗ halb nicht danach hingeſehen. Es aͤrgert mich, daß der Wind mir davon Kenntniß gegeben hat, denn ich ſchätze ihn ſo gering, daß ich ſelbſt den Rauch nicht riechen, noch von der Aſche beſtaͤubt werden, noch irgend etwas von einem — 209— Dinge wiſſen mag„das einſt ſein Eigenthum war“ „Darf ich fragen,“ erwiderte Dudley, „woraus ihr ſchloſſet, daß die Meierei abbren⸗ nen wuͤrde?“ „Weil ich weiß, daß er den inenl we⸗ der hintergehen, noch in Furcht ſetzen kann, wie er es ſo lange mit ſeinen Nebenmenſchen gethan hat, und weil ich glaube, daß die Stunde der Rache naht.— Als ein Koͤnig in gerechtem Zorne einem ſchwelgeriſchen Vorgän⸗ ger dieſes Abtes drohte, ihm die Kuͤche uͤber dem Haupte abzubrennen, baute der ſtolze, ver⸗ rätheriſche Praͤlat eine Kuͤche von Stein, und ruͤhmte ſich, daß alles Holz aus den koͤnigli⸗ chen Forſten nicht hinreichen werde, dieſe zu verbrennen. So reich und faſt allmaͤchtig ſie aber ſind, ſo koͤnnen ſie doch nicht die Korn⸗ boͤden und Heuſchober von eben ſo feuerfeſtem Material erbauen, und ich hoffe, daß der jetzige Lord Abt, ſeines hohen Alters ungeachtet, noch lange genug leben wird, um ſeine Sbi ſeiner Meierei folgen zu ſehen.“ Dudley hätte gern den Grund dieſer gren⸗ zenloſen Feindſchaft erfahren, wollte aber doch auch gern den Schein zudringlicher Reugier ver⸗ meiden; eben dachte er daruͤber nach, welche Mittel er anwenden ſolle, ſeinen Zweck zu er⸗ I. 14 — 210— reichen, als der Eintritt der Lady Fitzmaurice ſeinem Sinnen ein Ende machte. Sie ſchien etwa fuͤnf Jahr juͤnger zu ſein, als ihr Gemahl. Trotz der Sorge und des Kummers, welche ſich in ihren Zuͤgen ausſpra⸗ chen, hatte ſie doch etwas ſehr Liebenswuͤrdi⸗ ges, und die Freundlichkeit, mit der ſie Dud⸗ ley willkommen hieß, ſoͤhnte ihn mit ihrem Be⸗ tragen wieder aus, das zwar nicht grade ge⸗ mein war, aber doch auch nicht ſo, wie es ſich fuͤr ihren Rang ziemte. Selbſt wenn ihre Stimme ſie auch nicht verrathen hätte, wuͤrde er doch bald in ihr die ſorgſame Hausfrau er⸗ kannt haben, die er ſo genaue Befehle in Hin⸗ ſicht des Hausweſens geben hoͤrte. Ihr Anzug, ſo haͤuslich und matronenhaft er auch war, ſtach ſo ſehr gegen den Reichthum und Glanz in der Kleidung Sir Lionels ab, daß man ſie weit eher fuͤr ſeine Wirthſchafterinn, als fuͤr ſeine Gattinn haͤtte halten konnen. Sie hatte ſchon von dem Tode des Sir Giles gehoͤrt, ehe ſie eintrat, und kaum befand ſie ſich in dem Zimmer, als ſie ausrief:„ Ach! iſt der gute Ritter todt und dahin?— Gott ſei ſeiner Seele gnaͤdig, und Amen! Er war immer ein treuer Freund Sir Lionels, und gegen die ganze Welt ein hoͤchſt wuͤrdiger Edelmann!— Ver⸗ wuͤnſcht ſei die Gegend von Calais, denn ob⸗ — 211— gleich es, wie ich gehoͤrt habe, nur ein erbarm⸗ liches Land iſt, ſo iſt es doch mit ſo gutem engliſchen Blute getraͤnkt worden, als je fur die Eroberung des heiligen Landes, und die Vertheidigung vom Grabe unſeres Heilandes vergoſſen ward.— Ja, ja! ich ſagte es ge⸗ ſtern, da es der Vorabend von Maria Him⸗ melfahrt war, wohl voraus, daß wir die betruͤbende Nachricht eines Todes erhalten wuͤrden.“ „Hattet Ihr denn irgend einen Grund, den Tod meines Oheims zu ahnen?“ fragte Dud⸗ ley, der ſich Sir Lionels Ahnung von dem Brande des Meierhofes erinnerte, und zu glau⸗ ben begann, beide Theile hatten die Gabe, Ue⸗ bel vorauszuſehen. „Ei, freilich⸗“ entgegnete die Lady,„hatte ich den; denn ich ſaß mit meinen Maͤgden un⸗ ter dem Kaſtanienbaume beim Spinnrade, in dem Gemuͤſegarten, wegen der Hitze, da hoͤr⸗ ten wir von der Abtei heruͤber eine Todten⸗ glocke läuten, und ſogleich begann Johanna, welche nur eine ſeufzende, weichherzige Dirne iſt, die alte Ballade zu ſingen: Laß die Todtenglocke läuten, Laß ſie meinen Tod vedeuten, Läute, Trauerklang; Denn ich muß, ich muß ja ſe Rettung kann ich nicht erwerben, Sicher iſt mein untergang. 14* — 212— und kaum hatte ſie ihren Geſang geendigt, als wir in der Kuͤche einen lauten Schrei hor⸗ ten. Es war eine Pfanne vom Feuer gefallen, und hatte einen Bratenwenderjungen tuͤchtig verbrannt, was aber wohl eine gerechte Schik⸗ kung genannt werden kann, denn er ſtiehlt im⸗ mer das Fett. Und nun denken ſie ſich, Ma⸗ ſter Dudley, während der Junge noch ſchrie, ſprang der Rabe im Kuͤchengarten auf den Saun„ und kraͤchzte drei Mal.“ „Niemals,“ ſagte Sir Lionel in ſpoͤtti⸗ ſchem Tone,„ konnte es ſicherer voraus ver⸗ kuͤndet werden, daß ein tapferer engliſcher Rit⸗ ter in Frankreich getoͤdtet ſei.“ „Da Ihr erſt kuͤrzlich aus Frankteich temut, 6 nahm die Lady das Wort, dieſe Be⸗ merkung nicht beachtend, und Dudley wieder anredend,„ſo koͤnnt Ihr mir gewiß ſagen, ob ſie dort viel wohlfeiler leben, als wir hier. Gott weiß, wie wir es hier in England noch machen, zu leben, ſeit die Dinge ſo im Preiſe geſtiegen ſind. Ein vierzehn Pfund ſchweres Stuͤck Rindfleiſch kann man nicht unter acht Pence haben, und eine Hammelkeule nicht un⸗ ter drei Pence; ein fettes Schwein koſtet zehn Schilling, und noch ſo eben habe ich die Meer⸗ ſchweinchen zu dem Mittagseſſen der Minſtrels fur morgen, das Stuͤck mit einem Schilling — 213— bezahlt.“ So ging es noch eine geraume Zeit fort, und Dudley erfuhr faſt von jedem Dinge, das in einer Hauswirthſchaft gebraucht wird, die Preiſe, bis endlich Sir Lionel ausrief: „Still, ſtill, Milady; denken Sie, daß die Schildknappen eines Ritters ihr Leben in Fleiſchſcharren und auf Maͤrkten zubringen, oder daß unſer Gaſt in Frankreich mit irgend einer Koͤchinn ein Liebesbuͤndniß gehabt hat, und ihr Marktbuch zuſammenrechnete, waͤhrend ſie einen wilden Schweinskopf aufputzte, und ihm, zu einer Weihnachtsmahlzeit eine Lemone in das Maul ſteckte?“ „Nicht doch, nicht doch, Sir Sne die⸗ ſer Edelmann iſt ein Reiſender, und daher glaube ich, daß er fremde Laͤnder nicht geſehen haben wird, ohne einige nuͤtzliche Erfahrungen einzuſammeln.“ Dudley bezeugte ſeine Reue, ſich keine Kenntniſſe dieſer Art geſammlet zu haben, doch hoffe er, dafuͤr Entſchuldigung zu finden, in⸗ dem er nie ein eigenes Haus gehalten, ſon⸗ dern immer ein Kriegerleben gefuͤhrt habe, und mit allem, was er bedurft, entweder durch den Koͤnig, oder durch des Koͤnigs Feinde ver⸗ ſorgt worden ſei. „Das alles,“ erwiderte die Lady,„iſt zwar der Einſammlung koſtbarer Nachrichten ſehr —— zuwider, doch werdet Ihr vielleicht Gelegenheit ge⸗ habt haben, zu erfahren, was die Dienerſchaft ko⸗ ſtet, die hier eine wahre Laſt des Geldbeutels iſt. Selbſt zum Koſtgeld muͤſſen ſie zwolf Pence die Woche haben, und eine Scheuerfrau oder ein Kindermaͤdchen kann man nicht unter zwanzig Schilling jährlich bekommen; ein Knecht verlangt eben ſo viel, und ein Bedienter oder Falkonier vierzig. Sir Lionels Edelknechte er⸗ halten fuͤnf Mark, oder vielleicht zehn Roſeno⸗ bel.“ Jetzt bemerkte ſie, daß ihr Gemahl und deſſen Secretair ſich in ein Fenſter zuruckgezo⸗ gen hatten, und ſchnell näherte ſie ſich nun Dudley, und fluͤſterte ihm, ſichtlich entruͤſtet in das Ohr:„Der Doktor bekoͤmmt ſogar hundert Schilling.*). Dudley mußte abermals ſeine Unwiſſenheit in allen dieſen Dingen bekennen, doch die Lady troſtete ihn gutmuͤthig mit der Bemerkung, daß. heut zu Tage die meiſten jungen Edelleute dar⸗ in eben ſo ſorglos waͤren, als er ſelbſt.„Und,“ fuhr ſie fort,„ich werde mir gewiß nicht die Muͤhe geben, ſie verbeſſern zu wollen, denn, wie das Sprichwort ſagt: Was mit dem Kno⸗ *) Roger Aſham bekam juͤhrlich nur eine Penſion von 10 Pf. Sterling, fuͤr die Erzichung der Prinzeß Eliſabeth. „* chen geboren iſt, geht nicht aus dem Fleiſch. — Aber, beim Himmel, Maſter Dudley, ich will Euch dadurch nicht beleidigen, doch ich bin eine ehrliche Haut, und nicht gewohnt, die Worte hinunterzuſchlucken, wenn ſie ſich mir zum Munde draͤngen.“ „Ich fuͤhle mich durch dieſe Freimuͤthigkeit geehrt,“ ſagte Dudley,„und nichts gefaͤllt mir beſſer, als eine freie, ehrliche Rede.“ Er ſah nach Sir Lionel, als er dieſe Worte ausſprach, und erinnerte ſich deſſen, was der Moͤnch ihm uͤber des Ritters Charakter geſagt hatte, doch dieſer blieb in dem Fenſter, und fluͤſterte eif⸗ rig mit ſeinem verwachſenen Secretair. „Und dann,“ fuhr die Lady abermals fort, deren Gedanken, wie dies faſt beſtaͤndig der Fall war, ſich noch mit dem vorigen Ge⸗ genſtande beſchaͤftigten,„was fuͤr eine Ver⸗ ſchwendung herrſcht hier in den Livreen. Jeder Knecht muß ja wahrhaftig nach der neueſten Mode gekleidet ſein, mit einem Schwerte an ſeiner Seite, und einem geſtickten oder ſilber⸗ nen Wappen auf dem Arme; und Sir Lionels Edelknechte wollen nur Sammetkleider tragen; was kuͤmmert es ſie, ob Hans verhungern, oder Kunz nackend gehe, wenn ſie nur in der großen Halle umherſtolziren koͤnnen, mit vier⸗ zig oder fuͤnfzig Schilling auf dem Ruͤcken, — 216— denn es giebt keinen guten Sammt unter zwan⸗ zig Schilling den Stab, und was den drei⸗ draͤthigen betrifft— werdet Ihr es mir glau⸗ ben, Maſter Dudley, ich bezahlte vier Roſe⸗ nobles fur ein franzoſiſches Kopfzeug, und fuͤr einen halben Stab und zwei Zoll, woraus dieſer Kragen gemacht iſt, ſogar—“ Zum Ungluͤck fuͤr die Vermehrung ſeiner Kenntniſſe ward der Redeſtrom der Lady durch den Eintritt der Miß Fitzmaurice unterbrochen. Ihre Mutter ſtellte ſie unter dem Namen Bea⸗ trir vor, und ihr Erſcheinen beſtätigte augen⸗ blicklich Sib Fawcetts Worte, als ſie dieſelbe eine friſche, bluͤhende Schoͤnheit nannte, ob⸗ gleich ein gewiſſer Ausdruck von Stolß ſich in ih⸗ ren Zuͤgen nicht verkennen ließ. In vieler Hinſicht ſah ſie ihrem Vater auffallend aͤhnlich. Auch ihre Geſtalt war gebieteriſch, doch in allen ein⸗ zelnen Theilen ſo regelmaͤßig, daß ſie nur we⸗ nig größer zu ſein ſchien, als es mit weib⸗ licher Schonheit vertraͤglich gehalten wird. Ihre braunen Augen, mit den dunkelen, und fein gewolbten Brauen, waren ſo majeſtätiſch, wie die einer Juno; die Umriſſe ihres Geſichtes waren gleich edel, ihre Zähne fehlerlos, doch ihr Mund, obgleich die Winkel deſſelben ſich nicht ſo ſpottiſch verzogen, wie bei ihrem Va⸗ ter, ſchien jede Sanftmuth und Leutſeligkeit zu —— verbannen, und man haͤtte dies einem uͤbertrie⸗ benen Stolze, einem Gefuͤhle uͤberwiegender Hoheit, oder auch dem Hochmuthe zuſchreiben koͤnnen, nach dem Eindrucke, den es auf ver⸗ ſchiedene Beobachter machte. Niemand aber konnte leugnen, daß Geſicht und Geſtalt erha⸗ ben und ſchoͤn waren. Die Reize der Natur durch— Kunſt noch zu erhoͤhen, hatte die Miß auch nicht verfaͤumt, denn ihr verzoͤgertes Erſcheinen war nur durch die Aemſigkeit bewirkt worden, die ſie auf ih⸗ ren Anzug verwendet hatte. Es ſchien, als wenn ſie hierin eher dem Schoͤnen, als dem ueblichen, gehorcht habe, ſo wie es ebenfalls ſchien, als ob ſie geeigneter ſei, der Mode zu gebieten, als ihrem Gebote zu folgen. Ihr Haar, in Flechten gewickelt, ſo daß man ihre hohe Stirn ſehen konnte, war mit Schnuͤren von Perlen durchzogen, und ſiel in leichten Ringeln auf den Nacken herab. Weder Hals⸗ krauſe, noch Kragen bedeckten Nocken und Schultern, deren feine Formen durchaus ſicht⸗ bar waren. Ihre eng anſchließende Schnuͤr⸗ bruſt von dunkelbraunem Damaſt trug den neu⸗ modiſchen Schnitt, obgleich in der Taille be⸗ deutend laͤnger, und war gebauſcht, und uͤber⸗ all mit Perlen und Silberſchnuͤren reich be⸗ ſetzt. Halbaͤrmel, auf den Schultern mit Kno⸗ — 218— ten von Perlen befeſtigt, zeigten ſowohl die Schoͤnheit ihres Armes, als den Reichthum ihrer Armbaͤnder, und ihr Guͤrtel, von eben dem Stoffe, als die Schnuͤrbruſt, war mit Blumen von geſchlagenem Silber und Bogen von Perlen, geſchmuͤckt. Dieſer Putz, der jetzt fuͤr uͤbertrieben gelten wuͤrde, war in jenen Tagen groͤßeren Prunkes ganz gewoͤhnlich. Sir Lionel fand uͤbrigens an Pracht und Aufwand ſo viel Geſchmack, daß er ſeiner Gattinn uͤber ihre haͤusliche Kleidung dͤfters Vorwuͤrfe machte, und dagegen ſeine Tochter lobte, je reicher, koſtbarer ſie ſich putzte. Sir Lionel lachte niemals, laͤchelte nur ſehr ſelten, und faſt nie aͤnderte ſich der Ausdruck ſeines Geſichtes; doch, ſo ſonderbar dies ſchei⸗ nen mag, durch ſeine Naſenlocher ſprachen ſich ſeine wechſelnden Gefuͤhle aus. Leidenſchaft dehnte ſie aus, und Behaglichkeit zog ſie faſt unmerklich in die Hoͤhe. Dies letztere Gefuͤhl deuteten ſie jetzt an, als er mit ſtolzem Wohl⸗ behagen auf ſeine Tochter blickte. Er ließ ſei⸗ nen Secretair im Fenſter ſtehen, trat naͤher, hieß Beatrir willkommen, und miſchte ſich in die Unterhaltung, die er bisher ſeiner Beach⸗ tung nicht werth gefunden zu haben ſchien. Ihrer Schoͤnheit ſich bewußt, und keineswegs geneigt, ihre Talente fuͤr gering zu halten, er⸗ — 219— freute ſich Beatrix jener Selbſtzufriedenheit, welche ihren Beſitzer in den Stand ſetzt, mit Gelaͤufigkeit zu ſprechen, wodurch die Unwiſ⸗ ſenheit oft verborgen, und in den Augen Un⸗ unterrichteter ſogar der Schein der Gelehrſam⸗ keit gewonnen wird. Sie befragte Dudley uͤber die Maskeraden, Feſtlichkeiten und Baͤlle, denen er in Frankreich beigewohnt hatte, fragte, welche gefeierte Schoͤnheiten er geſehen, ging ſogar in die Einzelnheiten ihres Anzugs ein, und ſchien ſehr zufrieden uͤber die Puͤnktlichkeit, mit welcher er hier uͤberall Auskunft zu geben vermochte, und auch uͤber den Geſchmack, den er durch ſeinen eigenen Anzug bewieſen. So ſehr ſie auch ihrem Vater glich, ſo war ſie doch von deſſen Unbeweglichkeit der Zuͤge weit entfernt, und ihr Geſicht ſchien das Zifferblatt ihres Herzens zu ſein. Sie bedurfte der Ver⸗ ſtellung nicht, und waͤre auch zu ſtolz geweſen, ſich zu derſelben zu erniedrigen. Als Sir Lio⸗ nel ſeinen Gaſt uͤber mehrere ſeiner fruͤheren Waffenbruͤder, deren Leben und Thaten in Frankreich befragte, zeigte Beatrix Auge bei alle den Berichten von perſoͤnlicher Tapferkeit, von Glanz und Pracht, die regſte Theilnahme, doch ſobald von unmaͤnnlichem Thun, oder von Geiſtesbeſchraͤnktheit die Rede war, zeigte ſich in ihren Zuͤgen eine ſo leidenſchaftliche — 220— Mißbilligung, daß dadurch faſt ihre Schoͤnheit gemindert ward. An dieſem Geſpraͤche nahm Lady Fitmnat⸗ rice nur wenig Theil, ausgenommen, um uͤber die Koſten der Feſte zu klagen, oder nach dem Preiſe dieſes oder jenes Gegenſtandes zu fra⸗ gen, deſſen zufallig Erwähnung geſchah. Der Doktor war gewoͤhnlich ganz ſtill, und fiel nur ein Mal in die Rede, um die Ausſprache eines lateiniſchen Wortes zu verbeſſern; doch auf Al⸗ les, was Sir Lionel ſprach, achtete er mit dem Ausdrucke der tiefſten Verehrung. Die uͤbrigen Perſonen aber bedurften keiner fremden Belebung ihres Geſpräches, und mit unver⸗ minderter Theilnahme ward dies fortgeſetzt, bis die Muſikanten in dem anſtoßenden Gemache einen Tuſch blieſen, mehrere Diener eintraten, und meldeten, daß die Abendmahlzeit aufge⸗ tragen ſei. „Die heilige Maria ſteh uns bei!“ rief die Lady aus;„die Huͤhner koͤnnen kaum ge⸗ braten ſein, und es iſt ſicher noch nicht ſechs Uhr.— Horch! ja, wahrhaftig, es iſt ſechs, denn ich hoͤre in der Abtei zum Abendſegen laͤuten.“ Bei dieſen Worten ging ſie der Ge⸗ ſellſchaft, welche, dem Gebrauche gemaͤß, durch einen Kaͤmmerling gefuͤhrt ward, nach dem Speiſezimmer voran, wo zahlreiche Pagen und — 221— Diener in reichen Livreen ſtanden; die Muſikan⸗ ten, welche an dem obern Ende des Gema⸗ ches ihre Sitze hatten, ließen ſich während der Mahlzeit, und nach derſelben, hoͤren. Bei der Lafel erkannte Dudley die Zugaben, die ſeine Ankunft veranlaßt, und uͤber welche er ſaͤmmt⸗ liche Befehle gehoͤrt hatte; doch auch ohne dieſe Zugaben wuͤrde er die Mahlzeit hinreichend ge⸗ funden haben. Die Ladh ſchien durch die Lage, in der ſie ſich befand, in Verlegenheit geſetzt, Beatrix aber wachte ſorgfältig uͤber der Beob⸗ achtung des aͤußerſten Anſtandes, duldete durch⸗ aus keine Vernachlaͤſſigung, und machte ein Mal ſogar dem Pagen hinter ihrem Seſſel uͤber ein kleines Verſehen, bittere Vorwuͤrfe. Dud⸗ leh ſah mit Bewunderung auf die ſchoͤne Ge⸗ ſtalt Sir Lionels, auf deſſen langen Bart und glänzende Kleidung, wie er ſo da ſaß, von einer Unzahl Diener in reichen Livreen umge⸗ ben, und den Vorſitz an der Tafel mit Leich⸗ tigkeit und Anſtand fuͤhrte. Bald gab er al⸗ lerhand Befehle, bald gebot er den Muſikern, ein neues Stuͤck zu beginnen, odet in ihrem Spiele einzuhalten. Dudley war verloren in Erſtaunen, nicht nur uͤber die prachtvolle Ein⸗ richtung des Ritters, ſondern auch daruͤber, daß et ſich in ſeiner kihe ſo benahm, — 222— als ſei er in ſo pomphafter, faſt koͤniglicher Pracht geboren. Als die Dame des Hauſes ſah, daß Dud⸗ ley nur wenig genieße, fragte ſie, ob er viel⸗ leicht ein Stuͤck von einer Wildpaſtete koſten wolle, welche ſie zum Mittagseſſen gehabt haͤt⸗ ten, und die ſie als gut und ſchmackhaft empfeh⸗ len koͤnne. Mit einem Achſelzucken, das ſeine frunzdſt⸗ ſche Abkunft verrieth, dankte er, und bemerkte, daß ſo kraͤftige Speiſen bei den Koͤchen Gasko⸗ niens, und auf den Tafeln der Normandie, nicht in ſonderlichem Rufe ſtaͤnden. „Gewiß,“ fuhr ſeine gaſtfreundliche Wir⸗ thinn fort,„habt Ihr jenſeits des Kanales nicht ſo gutes Ale getrunken, als wir hier in Somer⸗ ſetſhire zu brauen verſtehen; koſtet nur, und wenn Ihr je etwas Beſſeres tranket, ſo will ich nicht Margarete heißen.“ Bei dieſen Worten ließ ſie einen Deckelkrug, den ſie eben geleert hatte, wieder fuͤllen, und reichte ihm denſelben uͤber die Tafel hin, mit dem Trinkſpruche:„Auf die Freuden der Tafel.“ Dudley verbarg ſeinen Widerwillen, ſo gut er es vermochte, und dankte ihr fuͤr das guͤtige Anerbieten, erklaͤrte jedoch, daß er zu lange an Claret, mit Eis oder Schnee gekuͤhlt, gewoͤhnt ſei, um Geſchmack an Malz⸗ gebraͤude zu finden. — 223— „Und was ſind denn die Lieblingsgerichte dort druͤben?“ fragte die Lady;„denn ich wuͤrde Euch gern mehr eſſen ſehen, koͤnnte ich Euch nur Speiſen nach Eurem Geſchmacke vorſetzen.“ „Wir haben Pilze und Kaviar, Schnecken und Froͤſche,“ entgegnete Dudley mit einer Wichtigkeit, welche Vielgereiſten haͤufig eigen zu ſein pflegt. „Potz Fiſchchen, Mann,“ ſchrie die Lady; „Schnecken und Froͤſche? Iſt das Gewuͤrm auch eine Speiſe fuͤr Chriſten? Wahrhaftig, wenn das wahr iſt, ſo lebt ein engliſcher Hund beſſer, als ein franzoͤſiſcher Herzog. Ihr muͤßt recht froh ſein, Euch wieder unter uns zu ſehen, denn das verſpreche ich Euch, daß Ihr in dem Thurmhauſe nicht ſolch ſchmutziges Zeug bekom⸗ men ſollt.“ Beatrix machte ihr zarte Vorwuͤrfe uͤber ihre Unkenntniß fremder Leckerbiſſen, und wandte dann das Geſpraͤch von einem Gegenſtande ab, bei welchem die Lady, wie ſie aus Erfahrung wußte, ſo lange verweilte, als es noch etwas zu eroͤrtern gab, oder noch ein Zuhoͤrer zu fin⸗ den war. Nachdem die Mahlzeit beendigt, ward der Nachtiſch, welcher auf dem unteren Ende der Zafel ſtand, durch zwei Diener herbeigebracht, und enthuͤllt, und zeigte einen Reichthum von — 224— Fruͤchten und Eingemachtem. Hierauf reichten die Pagen Becken und Handtuͤcher umher, da⸗ mit die Gäſte ſich die Hände reinigen koͤnnten, ein Gebrauch, der ganz unerlaͤßlich war, denn trotz aller Pracht, aller Verſchwendung, die bei den Mahlzeiten damaliger Zeit herrſchte, kannte man doch die Gabeln noch nicht. Sir Lionel⸗ der zuletzt mit groͤßerer Vertraulichkeit, als ſönſt ſeine Gewohnheit war, Theil an dem Geſpraͤche genommen hatte, entfernte ſich jetzt mit ſeinem zwerghaften Stcretair, und überließ Dudley die Sorge, die Lady und die reizende Beatrix zu unterhalten, ein Auftrag, den er, wenigſtens in Ruͤckſicht auf die Letztere, mit der herzlichſten Freude uͤbernahm. Trotz ſeiner Abneigung ge⸗ gen alles Engliſche, war er doch durch ihre aus⸗ gezeichnete, wuͤrdevolle Erſcheinung ganz einge⸗ nommen worden. Zwar fand er mehrere Theile ihrer Kleidung, weil ſie nicht nach franzoͤſiſcher Mode waren, von unbedingt ſchlechtem Ge⸗ ſchmacke, aber dennoch fuͤhlte er ein unwider⸗ ſtehliches Verlangen, ihre Gunſt zu erwerben. Es giebt eine genaue Charakteriſtik jenes halb⸗ barbariſchen Zeitalters, wenn wir berichten, daß er ihr, um dieſen Zweck zu erreichen, erzaͤhlte, er habe drei Gegner im Zweikampfe getodtet, von denen zwei ſeine Freunde, und der dritte wenigſtens ſein Landsmann geweſen. Ihre Na⸗ —— men, den Grund des Streites, die Art ihrer Wunden, alles ſetzte er ganz genau auseinander, nicht allein ohne Reue, ſondern ſogar mit einem ſichtlichen Gefuͤhle des Wohlbehagens und Tri⸗ umphes. Außer dem ſprach er noch von Meh⸗ reren Schlaͤgereien, an denen er thaͤtigen Theil genommen, und die faſt nicht weniger blutig geendet hatten. Er uͤbertrieb hierbei aber durch⸗ aus nicht/ denn er hatte lange bei dem beruͤhm⸗ ten Vincentio Unterricht genommen, und galt, ſeiner Jugend ungeachtet, fuͤr einen der geſchick⸗ teſten Fechter in ganz Calais. Wenn wir ſa⸗ gen, daß Beatrix dieſen Erzaͤhlungen mit Ver⸗ gnuͤgen und Bewunderung lauſchte, ſo muͤſſen wir, der Gerechtigkeit wegen, hinzufuͤgen, daß damals ſchwerlich ein einziges Edelfraͤulein in ganz England anders gehandelt haben wuͤrde. So maͤchtig iſt das Beiſpiel der Koͤnige, und der Einfluß des Gebrauches und der Gewohn⸗ heit, daß er das Herz verhaͤrtet, ſelbſt das weibliche, welches ſonſt doch den zarteſten Ge⸗ fuͤhlen zugaͤnglich iſt. Indeim Beatrir aber dieſe Sachen ſo leicht anſah, hatte ſie auch noch das Beiſpiel ihres eigenen Vaters fuͤr ſich, der drei ſeiner Nachbarn opferte, um ſei⸗ nen Zweck der Vergroͤßerung zu erreichen. Die beruͤhmte Zuſammenkunft zwiſchen dem engliſchen und dem franzoͤſiſchen Koͤnige, von I. 15 — 226— welcher Dudley, wie bereits erwaͤhnt worden, Zeuge geweſen, bot ihm ebenfalls Stoff zur Unterhaltung. Zwar waren ſchon mehrere Jahre ſeit derſelben verfloſſen, indeſſen noch immer erregten Erzaͤhlungen von derſelben die Theilnahme jedes Ritters, jeder Dame, jeder Dirne. Von den Englaͤndern fagte man da⸗ mals, ſie truͤgen ihre Stammſitze, von den Franzoſen, ſie truͤgen ihre Waldungen, auf ih⸗ rem Ruͤcken, doch als die Turniere, die Baͤlle und Banketts, die Maskeraden und Feſtlich⸗ keiten, als oͤffentlicher Glanz und die Eitelkeit des Einzelnen auf einander gefolgt waren, blieb nichts als ein ermuͤdendes da Capo uͤbrig, und die beiden jungen Koͤnige ſehnten ſich nach der Abreiſe, denn ſie waren ihres Vergnuͤgens we⸗ gen zuſammengekommen, und es war kein Ver⸗ gnuͤgen mehr zu finden. Obgleich der Chroni⸗ kenſchreiber jener Feſtlichkeiten ſagt:„Jeder, der irgend ein neues Vergnuͤgen erfinden oder angeben konnte, war willkommen,“ ſo ſcheint doch nichts Geiſtiges dabei geweſen zu ſein, man muͤßte denn die Schauſpiele hieher rechnen wollen, bei denen dunkle Allegörien, Witz⸗ und Wortſpiele, Worthieroglyphen und Anagramme durch die Ritter gebildet wurden. Dudley be⸗ ſchrieb die Unruhe, die unter ſeinen Landsleuten geherrſcht hatte, als die Franzoſen, der Zahl —— nach jenen weit uͤberlegen, ihre Stellung ver⸗ ließen, und unter den engliſchen Hof und Adel rannen, der, in dem ungegruͤndeten Argwohne, es ſei Verrätherei im Spiele, ſich ſogleich in Schlachtordnung ſtellte. Dem Koͤnige Englands ſprach er die Palme zu, ſowohl in Hinſicht der Tapferkeit, als der perſoͤnlichen Liebenswuͤrdig⸗ keit; doch auch der Tapferkeit und dem edlen Betragen des franzoſiſchen Königs Franz ließ er volle Gerechtigkeit wiederfahren, und ſagte, daß Hall ihn ganz genau beſchrieben habe, als er ihn ſo ſchilderte:„Ein guter Prinz von wuͤrdiget Haltung und froͤhlichem Gemuͤth; von brauner Farbe, großen Augen, hoher Naſe, ſtarken Lippen, gewoͤlbter Bruſt und breiten Schultern, duͤnnen Schenkeln und großen Fuͤ⸗ ßen.“ Da aber der erwaͤhnte Chronikenſchreiber geſagt hatte, daß der Verſtand von zehn Maͤn⸗ nern nicht hinreiche,„den Schmuck der Damen, ihre reichen Anzuͤge, ihre unſchaͤtzbaren Juwelen, und die Verſchiedenheit ihrer Schoͤnheit von Tag zu Tag zu beſchreiben,“ ſo unterließ es Dudley, etwas zu thun, was ein ſolcher Mann fuͤr unmoͤglich erklaͤrt hatte. Er begnuͤgte ſich damit, die Geſchenke zu beſchreiben, die die koniglichen Bruͤder bei der Trennung einander uͤberreichten. Heinrich gab Franz ein Hals⸗ band von prachtvollen Steinen, Rubin⸗Ba⸗ 15* — 228—* laſte genannt, mit großen Diamanten und Per⸗ len umgeben; Franz hingegen ſchenkte Heinrich ein prachtvolles Armband von rreichen, ſeltenen Juwelen. Endlich ſagte Dudley auch noch, daß viele der Ritter und ſchoͤnen Damen, in Erman⸗ gelung beſſerer Unterhaltung, in das Blaue hin⸗ ein gelogen haͤtten; auch beſtaͤtigte er die Ver⸗ ſicherung des Chronikenſchreibers, daß aus einem Springbrunnen beſtaͤndig Wein gefloſſen ſei, und daß daher Vagabunden und Landlaͤufer, Knechte, Kaͤrrner und Bettler, betrunken auf den Straßen umhergelegen haͤtten. Dudley zog jetzt eine kleine elfenbeinerne Tafel hervor, und unterhielt ſeine Zuhdrerinnen nun mit den Räthſeln, Charaden, Deviſen, und anderen Spielereien des Witzes und Verſtandes, die bei jenen Feſtlichkeiten entſtanden waren, und die er alle ſorgfaͤltig niedergeſchrieben hatte. Dieſe Art der Unterhaltung war damals am Hofe ſehr uͤblich, und Beatrixr gab ſich ihr daher mit allem Eifer hin, bis Lady Fitzmau⸗ rice bemerkte, daß es Zeit ſei, ihrem Gaſte eine gute Nacht zu wuͤnſchen; Beatrix ging nun, mit dem lebhaften, unterhaltenden Beſucher hoͤchſt zuftieden. Dudley ward hierauf mit vieler Feierlichkeit zu dem geſchnitzten Schlafzimmer gefuͤhrt, deſſen eichenes Taͤfelwerk mit dem Wappen der Familie, und dem Helmſchmucke, — 229— ſo wie mit Waffen, Denkſpruͤchen und dem al⸗ ten Motto geſchmuͤckt war: he en Dieu ma comforte*).“ Indem ſich Dudley mit weit mehr Behagen in ſein roth und weiß geſtreiftes Bett warf, als am vergangenen Tage auf das harte Lager in Sib Fawcetts Hornſtube, dachte er noch einige Zeit uͤber das uͤbele Geruͤcht nach, in dem ſein Wirth ſtand, von dem er doch bisher noch nichts geſehen hatte, was ſo finſtern Verdacht beſtatigte. Seine Bewegungen auf der Terraſſe, waͤhrend des Gewitters, blieben indeß unerklaͤr⸗ lich, und woher er das Geld nehme, einen ſo furſtlichen Haushalt zu fuͤhren, konnte Dudley nicht begreifen. Doch auf jeden Fall war das Betragen des Ritters voller Wuͤrde, leutſelig und hoͤflich. Seine Verſprechungen waren ge⸗ nuͤgend, Dudley's Aufnahme freundlich, und er glaubte daher, einen guͤnſtigen Ausgang ſeines Auftrages vorausſehen zu koͤnnen. Vielleicht beſtimmten ihn auch die Reize der ſchoͤnen Bea⸗ trix, welche auf ihn einen ſo tiefen Eindruck gemacht hatte, wie fruͤher noch kein anderes weibliches Weſen, zu Gunſten Sir Lionels zu urtheilen, den er wenigſtens ganz unpartheiiſch, und ohne Ruͤckſicht auf die Vorurtheile des *) Hoffnung auf Gott meine Stuͤtze. — 230— gemeinen Haufens, zu pruͤfen beſchloß. Mit dieſem aufrichtigen Vorſatze fiel er in Schlaf, und hatte kaum den Vater vergeſſen, als er von der Tochter zu traͤumen begann, mit der er ſich einer ſo langen Unterredung erfreut hatte. Doch es liegt nicht in unſerer Macht, zu berichten, daß ſich ſeine Gedanken auch nur ein einziges Mal bis in die Nachbarſchaft von Wilts, oder zu der Tochter des Sir Euſtach Poyes verirrten, obgleich er mit ihr foͤrmlich verlobt war, und die junge Dame wahrſchein⸗ lich mit der großten Ungeduld der Ankunſt S Brůutigams entgegen— Ende des erſten Theits. Bei A. Wienbrack in Leipzig ſind kuͤrzlich noch folgende ſehr intereſſante Romane ver⸗ lest, die man durch alle Buchhandlungen Deutſchlands um heigeſette Fh ethalten ann. 46 goton, von Slonvevite, oder die Hoß⸗ haltung Heinrich des Dritten im Ardenner⸗ waide. Aus dem Engüſchen der Anna Rad⸗ life von er. 2 Shei s. 22hlr. SGr. Die von Gotha, ein hi⸗ ſtoriſches Gemaͤlde des 16ten Jahrhunderts, von Withemite Loren. 8. 1 Shn. 86r. Emitie, oder ſo tebt ein deutſches 65 und der gefundene Schleier. Zwei Erzihlungen von Withemine Lorenz 8. Shtr. 8 Gr. Marine Falieri, Doge von Venedig. Er⸗ zihlung aus der Witte des 14ten Jahrhun⸗ derts, von M. Ncht s. 1 2hlr. 4 Gr. . t ep 5 an Maly, der Montenegriner⸗Hiupt⸗ ing. Hiſtoriſch⸗ temantiſche Etzählung von Seroſohn. 2heit. 8. 12hr. 16 Gr. Emmp, oder der Menſch denkt, Gott lenkt. Ein Roman von Heinrich Clauren. 2 Theile. 1 Thlr. 16 Gr. Brambletye⸗Houſe und der ſchwarze Geiſt. Romantiſche Darſtellung aus den Zeiten Crom⸗ wells. Nach der 2ten Ausgabe aus dem Engliſchen uͤberſetzt von 6. A. Micheelis. 4 Theile. 8. 1. 42hlr. Der Erbring, oder Beſimmung bieibt Be⸗ ſtimmung. Rach einer wahten Behebeihei, von Dr. Borries. S 2 ht. Wahnſinn und Liebe. Noman von Pr. Balbamus 6 h Gr. Das Fürſtenhaus. Ein geſchichtiches Ge⸗ malde aus der Mitte des 18ten Jahrhunderts von L. T. Bernhardi. 2 hit. 8. 22hi Kurt, der Jügerburſche. Erzihlung aus dem sojihrigen Friege von M. Richter. 8. 20 Gr. i Fuͤnfhundert vom Blanik, und die Sylpeſternacht. Zwei Erzählungen von Pr. Herloßſohn. 8. 12hlr. Das Femitienvernhtnib⸗— Der Mytter Suͤnde, der Kinder Fluch. — Se wunderbare Brautweber. Viei Sitihitüen von Sellen. 12ht. 4—— ſt ſſſſſſſſiſſſſſſſ 12 13 14 15 16 17 6 7 8 9 10 £ 9 8 y l M