— ⁰ 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oikmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 5o Pf. 2 Mt.— Pf. 7„—— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— S—— W * . Seegeſchichten und Marinebilder von Heinrich Smidt. „* Die Ueberſetzung ins Engliſche wird vorbehalten. Berlin. Allgemeine Deutſche Verlags⸗Anſtalt. — —— Seiner Hoheit dem regierenden Herzoge zu Sachſen⸗Coburg⸗Gotha, Herrn Ernſt dem Zweiten, Herzoge zu Sachſen, dem Hohen Schirmherrn der Kunſt und Wiſſenſchaft, ehrerbietigſt gewibmet. Zu Deinen Häupten rauſchte Des Waldes Märchentraum; Zu Deinen Füßen ſpielte Der Welle Silberſchaum; Die Blätter und die Wellen Die ſingen ſtill Dir nach, Das Wort, das Du geſprochen „Vom ſchönſten Lebenstag.“ Vom Tag vor Eckernförde Das deutſche Fürſtenwort, Es klingt an jenem Strande Zu ew'gen Tagen fort; Des Kampfes ſichtbar Zeichen In dunklen Fluthen liegt; Der Geiſt ſchwebt über den Waſſern! Dein Wort darüber fliegt. Und was die Wellen ſprechen, Und was die Wellen ſehn; Was aus den wogenden Wüſten Die Winde ſtrandwärts wehn; Der See ſeltſame Wunder, Ihr Schrecken, ihre Pracht: Es wird auf dieſen Blättern Dir huldigend gebracht. Inhalt. Winbſtile e Das Feuerſchiff—. Kajüts⸗Paſſagiere Regatta. Eisgang. Ein New⸗Pork⸗Auswande rer Was in den Dünen vorgeht. Vom Stapel Ein Sklavenſchiff—. Der Zollkutter..— Revolte. Weihnachten am Bord—. Seite 32 68 93 121 152 30 57 93 122 155 — Windſtiſſe. Vor uns der Ocean.— Seine wallende Fluth ſtrömt in ihrem rieſenmäßigen Gange an uns vor⸗ über. Das iſt die Welle, die ihr Haupt im Meer⸗ buſen von Mexico erhebt, um es an den eiſernen Bollwerken von London⸗Bridge zu zerſchellen. Leuch⸗ tendes Grün, ſo weit das Auge reicht, nur unter⸗ brochen vom perlenden Schaum, wenn hier und dort eine Welle, die andere überholend, ziſchend auseinander bricht. Darüber hin der tiefblaue Himmel der Tropen, an welche einzelne weiße Wölk⸗ chen hinziehen wie verſtürmte Segler, ohne leiten⸗ den Cours, weit von der gewohnten Bahn. Auf dieſer unermeßlichen Fläche nur ein Segler in Sicht. Ein langer, ſpitz zulaufender Rumpf, der auf ſeinem Rücken drei Maſte mit leichter Fregatten-Takelage trägt. Es iſt keines P 1 —— 2 jener ſchweren Schiffe, nur dazu gebaut, eine mög⸗ lichſt große Menge Paſſagiere oder Kaufmannsgüter von einer Zone zur andern zu bringen. Dieſe Fregatte gehört einem Manne, der für die See glüht, wie für ſeine Braut und ſich dieſer nur von ſeiner liebenswürdigſten Seite zeigen mag. Er will ſie nicht zur Laſtträgerin erniedrigen; er will in ihren weichen Armen ruhen und ſich von ihr hät⸗ ſcheln laſſen. Und wenn ſie zürnt die gewaltige Herrin, ſich dieſem Zorne beugen, bis ſie, durch ſeine ſchweigende Unterwerfung entwaffnet, ihn wie⸗ der mit Liebesarmen umſchlingt. Es iſt kein Schiff, wie die Andern. Sein Ver⸗ deck iſt nicht überbaut mit Langböten, Waſſerfäſſern und Brennholz, um unten deſto mehr Raum für die Frachtgüter zu gewinnen. Ueberall freie Bahn. Zwiſchen den blitzenden Geſchützen auf dem Halb⸗ deck ſtrecken ſich behagliche Ruheplätze aus, die Bewohner der Kajüte zur Raſt einladend. Auf dem Gangſpill erhebt ſich eine aus Golddraht ge⸗ flochtene Voliöre und in derſelben hüpfen die kleinen Singvögel aller Zonen durch- und übereinander, ein lauter, unentwirrbarer Knäuel. Ueber dies lachende Halbdeck wölbt ſich, um es vor dem glü⸗ henden Sonnenſtrahl zu ſchützen, ein luftiges Ge⸗ —————— 3 zelt, weiß wie der fallende Schnee, und eingefaßt mit einer Stickerei von Goldfäden und Purpurſeide. Die Mannſchaft dieſes Wunderſchiffes iſt über das Verdeck zerſtreut, hier und dort mit lachender Miene ein Wort wechſelnd, oder jenen geſchäftigen Müßiggang zeigend, dem der Seemann bei luſtigem Wetter mit doppeltem Eifer ſich hingiebt. Es iſt keine auf gut Glück zur harten Arbeit, oder zügel⸗ loſer Luſt zuſammen gewürfelte Mannſchaft, die ſich kaum dem Namen nach kennt, mechaniſch ihr Werk verrichtet, bei jeder Unannehmlichkeit mürriſch und verdrießlich iſt und ſtets ein Stück Taback im Munde und einen Fluch auf den Lippen hat. Es iſt ein auserleſenes Schiffsvolk. Ein jeder von ihnen guter Leute Kind. Alle eifrig und pünktlich im Dienſt. Feine Burſche, die nicht dem Schul⸗ meiſter vor der Buchſtabirſtunde davon gelaufen ſind; zwar nur Voll- und Halbmatroſen, aber Alle von dem Holze, woraus man tüchtige Schiffsoffi⸗ ziere ſchnitzen kann. Schmuckes Wetter überall. Die Matroſen ſpielen Ball mit Goldorangen, und die in dem Ta⸗ kelwerk auf und ab hüpfenden Papageien machen Jagd auf die ſchimmernde Frucht. Der Bootsmann betrachtet wohlgefällig den blitzenden Elger, womit —— 4 er den farbenſtrahlenden Delphin harpuniren will. Vorn am Bugſpriet ſingen friſche Stimmen ein fröhliches Lied von der Morgenwacht: „Roſen⸗Helle, Schaukelwelle! Fröhlich Leben iſt auf See!“ Nur der Mann am Steuerrade blickt ernſt auf ſeinen Compas und hört, den Kopf wiegend, auf die Weiſungen, welche der dienſthabende Offizier ihm giebt. Auf der Kajütstreppe wird es laut. Der Capitain erſcheint. Ein junger Mann in einer phan⸗ taſtiſch geordneten Seemannstracht. Die Geſtalt leicht und luftig und doch kräftig genug, dem Sturm der Elemente zu trotzen. Er iſt aus deutſch⸗friſi⸗ ſchem Stamm mit blonden Haaren und blauen Augen; einer von den Seeleuten, die anſcheinend weich und ſchmiegſam, doch unendlich zäh und von nie zu erſchöpfender Ausdauer ſind. Seine Offiziere treten an ihn heran und er⸗ ſtatten Bericht über den Dienſt der Nacht. Es iſt mehr ein harmloſes Geplauder, als ein ernſter Be⸗ richt. Was kann einem Schiffe, ſo ausgerüſtet und bemannt, in einer mildtropiſchen Nacht begeg⸗ nen? Ein fliegender Fiſch, der aus der Fluth auf⸗ 5 tauchend, im Mondesſtrahl ſpielt. Eine leuchtende Fontaine, hinaufgeſchleudert von einem Hai, der plötzlich im Schlafe geſtört ward. Ein Schiffsjunge, der auf der Ankerſpille einnickt, von der Meeresfee oder andern Seewundern träumt, und aufjauchzend über alle Zauber der Märchenwelt, auf das Ver⸗ deck herab und der Proſa in die Arme kollert. Der Capitain hört es, aber er merkt kaum auf das Geſagte, ſondern blickt nach dem Eingange der Deckkajüte. Eine junge Negerin ſchlüpft her⸗ aus und meldet dem Señnor Capitano, daß die Divina Seßora aufgeſtanden ſei und ſogleich er⸗ ſcheinen werde. Eine freudige Röthe fliegt über das Angeſicht des Capitains. Ein Paar Negerknaben breiten vor dem Ein⸗ gange zur Deckkajüte einen Teppich aus. Eine Dame, im Glanze der Jugend und Schönheit, erſcheint und grüßt mit holdſeligem Lächeln. Alle verneigen ſich ſtill und nur der jüngſte Offizier flü⸗ ſtert ſeinem Nebenmanne zu:„Wenn die Sonne nicht ſchon ein Paar Stunden am Himmel ſtände, man ſollte meinen, ſie ginge erſt jetzt auf.“ Der Capitain küßt die Hand der Dame und führt ſie zu dem für ſie bereiteten Sitz. Ein aus⸗ geſuchtes Frühmahl wird gebracht. Die Offiziere ordnen ſich um die Tafel. Man ißt und trinkt; man lacht und ſcherzt. Es iſt der fröhliche Anfang eines fröhlichen Tages. Eine helle Glocke ertönt. Sie giebt das Zeichen, daß der Mannſchaft die Mahlzeit bereitet iſt. Der Capitain winkt dem Bottelier und ſagt ihm:„Jedem Manne eine Ration Wein, um auf das Wohl der Señora zu trinken.“ Raſch wird dieſer Befehl vollzogen. Die Matroſen ſchwenken die Hüte, und mit den vollen Gläſern anklingend, rufen ſie:„Vivat Seßora Eſtrella!“ Die Dame dankt mit einer leichten Handbe⸗ wegung. Einer der Negerknaben überreicht ihr ein zierlich geflochtenes Körbchen. Ein Anderer bringt eine ſilberne Kanne mit Waſſer. Sie tritt zur Voliere und füttert die munter ſchwatzenden Thiere. Sie lacht und ſcherzt und plaudert mit 2 Allen, als verſtände ſie dies Zirpen und Flöten und Zwitſchern, und als würde ihr harmloſes Ge⸗ plauder wieder verſtanden. Der Capitain ſieht 3 mit der Begeiſterung eines Liebenden auf dies rei⸗ zende Geſchöpf. Señora Eſtrella iſt die Tochter eines alten Cadirer Geſchlechtes, welches vielfache Verbindun⸗ gen in dem Spaniſchen Amerika hat. Mit dieſem 7 iſt auch eine edle norddeutſche Familie, zu denen der Capitain gehört, genau befreundet. Der junge Deutſche mit den Goldlocken und dem ſeelenvollen Blick im blauen Auge iſt beſtimmt, das bereits geſchloſſene Bündniß durch noch ſüßere Bande zu befeſtigen und ſeine Hand der Donna Eſtrella zu reichen. Die Donna weilt in Mexico auf den reichen Beſitzungen ihres Oheims. Dieſer, nach ſeinem Mutterlande ſich ſehnend, verheißt baldige Heimkehr und der junge deutſche Seemann wird erſucht, ihn nach Europa überzuführen. Im Fluge durchſchneidet er mit ſeinem Schiffe den atlantiſchen Ocean. Aber wie ſchnell ſein Kiel; er kommt zu ſpät, um die Tochter aus der Hand des edlen Ca⸗ ſtilianers zu empfangen. Seit mehreren Wochen ruht er, von einem tödtlichen Fieber dahingerafft, im Grabe. Eſtrella, doppelt ſchön in ihrer Trauer, macht auf den jungen Deutſchen großen Eindruck. Das Auge des Seemannes dringt tief in das Herz der ſchönen Spanierin. Noch ehe das Schiff ſe⸗ gelfertig iſt, hat Eſtrella dem freudeſtrahlenden Ca⸗ pitain ſein Glück verkündet und als die Reiſe über den Ocean angetreten wird, iſt die gemeinſame Reiſe durch das Leben feſt beſchloſſen. Dies Alles erzählen ſich die Liebenden, indem 8 ſie neben einander ſitzen, zum hundertſten Male und Keiner wird müde, es zu wiederholen, Keiner wird müde, es wieder und immer wieder zu hören. Da tritt allgemach in dem harmloſen Leben am Bord eine Veränderung ein, zunächſt bemerkt von dem dienſtthuenden Offizier. Die friſche Kühlte, welche die Ober- und Unterſegel anſchwellte, läßt nach. Die Oberbramſegel ſtehen noch voll und gerundet; die Fock und die Marsſegel hängen ſchlaffer, und nur manchmal bauſchen ſie ſich auf, um in derſelben Minute an Maſt und Stengen zurückzuſchlagen. Eine widerliche Muſik. Es iſt der Augenblick, von welchem der Seemann ſagt, daß der Ocean träumt und nur von Zeit zu Zeit einen bangen Seufzer ausſtößt. Noch ein Paar Stunden eilen vorüber. Die Segel hängen back. Immer ſeltner werden die leiſen Athemzüge der Luft, welche ſich darin ver⸗ fangen. Das Schiff liegt um mehrere Linien außer⸗ halb des Courſes. Der Offizier vom Dienſt ſieht den Mann am Steuer fragend an und dieſer ent⸗ gegnet achſelzuckend: „Keine Steuerkraft im Schiffe, Herr!“ Es iſt Abend. Die Sonnenſcheibe ſteht auf der Kimmung des Horizontes und bedeckt zum 9 Abſchiede die ganze See mit ihrem flüſſigen Golde. Auf einen Wink des Capitains erſcheinen ſechs Matroſen und rollen das Sonnenzelt zuſammen. Der Blick in das Unermeßliche iſt nicht mehr be⸗ gränzt. Die Sterne blinken golden und ihr Wieder⸗ ſchein glitzert auf dem Waſſerſpiegel. Eſtrella hält die Mandoline in der Hand. Sie ſingt mit heller Stimme eine jener liebeglühenden ſpaniſchen Ro⸗ manzen, von denen in lauen Sommernächten die Ufer des Ebro und des Guadalquivir wiederhallen. Alles lauſcht am Bord vom erſten Offizier bis zum kleinſten Deckläufer und ſelbſt durch die ſchla⸗ fene Volière klingt es, wie ein ſeliges Träumen. Am andern Morgen iſt die See ſpiegelglatt. Das Schiff liegt regungslos in der unbewegten Fluth. Die Segel hängen in ihren Geitauen. Das Steuerrad iſt feſtgemacht und verwaiſt. Der See⸗ mann iſt ſo gewohnt, den Platz bei demſelben be⸗ ſetzt zu ſehen, daß er unwillkührlich erſchrickt, wenn er ihn leer findet. Die Matroſen ſtehen an den Reilingen umher und ſchauen neugierig darein, als müßten ſie noth⸗ wendig etwas ſehen, wo nichts zu ſehen iſt. Eine Windſtille nach vielen friſchbewegten Tagen er⸗ 10 ſcheint dem Seemann wie ein unvorhergeſehener Feiertag. Er ſieht ihn verwundert an und weiß in ſeiner Werkeltagsjacke nichts mit ihm anzufangen. Aber wie todt die See da zu liegen ſcheint; ſie lebt rings umher, ſo weit das Auge reicht. Der goldgelbe Seetang treibt vorüber, einer ſchim⸗ mernden Matte gleichend, auf welcher ſich die ſchla⸗ fende Schildkröte behaglich wiegt. Am Buge des Schiffes ſpielen kleine ſilberne Fiſche mit einander, ſo neckiſch, ſo wählich, daß man nicht müde wird, ihnen zuzuſchauen. Sie kommen ſpielend der Ober⸗ fläche ſo nahe, daß der Schiffsjunge glaubt, er dürfe nur die Hand über Bord ſtecken, um ſie greifen zu können. Aber die Fluth des Oceans iſt durch⸗ ſichtiger als der hellſte Kriſtall und was im Bereiche der Hand zu liegen ſcheint, das iſt unerreichbar viele Klafter tief unter uns. Der in Purpur ſtrahlende man of war ſchwimmt vorüber. Ein junger Matroſe— wohl bewandert in der Märchen- und Sagenwelt des Oceans— ſpricht von einer Reihe ſchöner Inſeln, die verſan⸗ ken, weil ihre Bewohner die Geſetze der herrſchen⸗ den Fee nicht hielten. Und auf den man of war deutend, ſagt er, daß ſei das Admiralſchiff der In⸗ ſelflotte, und wenn man auch den Herrn Admiral 11 mit gewöhnlichen Augen nicht ſehen könne, ſo ſei er doch gewiß und wahrhaftig am Bord. Er kreuze umher, einen Menſchen zu finden, dem er ſeine un⸗ glückliche Geſchichte erzählen könne und der ſie ihm glaube. Dann würden die Inſeln wieder in all ihrer Pracht und Herrlichkeit aus dem Ocean auf⸗ tauchen und Alles darauf wäre ſchöner als zuvor. Von dem Volke am Bord dieſer Fregatte hat Kei⸗ ner ein Verlangen nach den Mittheilungen des Ad⸗ mirals, denn ſie ſchlagen ein lautes Gelächter auf, und der arme man of war taucht leiſe ſeufzend in die Tiefe. Und wieder vergeht der Tag. Der Mond ſteigt am dunkelblauen Himmel auf und überſtrahlt das Licht der Sterne. Geſang und Lautenſpiel, ſprühender Witz und Becherklang auf dem Halb⸗ deck. Vor dem Fockmaſt fröhlicher Tanz und an⸗ muthiges Ringen um einen lockenden Preis. Leuch⸗ tende Ballons in allen Farben des Regenbogens ziehen ſich von den Maſten herab kreuz und quer über jeden Theil des Verdeckes. Ein lebendig ge⸗ wordenes Märchen aus Tauſend und Einer Nacht mitten im Atlantiſchen Ocean. Vierzehn Tage ſind vorüber. Dieſelbe ſtille See und dieſelbe unbewegte Luft darüber hin. Kei⸗ 12 nen Fußbreit vor- oder rückwärts hat das Schiff durch eigene Kraft gethan. Die Sonne brennt heiß. Von dem endloſen Begießen des Verdecks iſt dies mit einer Salzkruſte überzogen. Die Schiffsjungen entfernen ſie nicht aus eigenem Antriebe, und die Deckoffiziere halten ſie nicht dazu an. Alle ſind ſtill, unzufrieden. Bisweilen hört man leiſe pfeifen, wie der Seemann wohl zu thun pflegt, wenn er den Wind locken will. Ein Anderer taucht den Fin⸗ ger ins Waſſer und hält ihn dann hoch empor, ob er nicht ein kühlendes Lüftchen verſpüre. Umſonſt. Eine Stunde nach der andern verſtreicht. Keine Negerin erſcheint, um den Beſuch der Donna Eſtrella zu melden. Die Offiziere beachten es nicht, ſelbſt nicht der Capitain, der ſein gedankenſchweres Haupt gebeugt, mit über einander geſchlagenen Ar⸗ men auf⸗ und abgeht. Wieder eine Stunde, und der Capitain, der mit ſeinen Offizieren eine Berathung gehalten, be⸗ giebt ſich in die Kajüte. Die Offiziere rufen, je vor einem Maſt, ihre Quartiere zuſammen und ver⸗ künden denſelben:„Wegen fortdauernder Windſtille und da man nicht wiſſen kann, wie lange dieſelbe 13 anhält, wird Morgens und Abends nur ein halbes Maaß Waſſer gereicht.“ Die Mannſchaft ſchweigt ergriffen. Sie fühlt die Nothwendigkeit des Befehls; ſie hat ihn erwartet und iſt doch betroffen. Eine halbe Ration. Sie reicht nicht zum Nothwendigſten aus. Es kann nicht ſein. Und es iſt doch. Der Eingang zu den Waſſer⸗ behältern wird feſt verſchloſſen. Jeder Offizier hat den Schlüſſel zu einem der drei Schlöſſer. Es wird Nacht und Morgen und wieder Nacht. Aber kein Lied, kein heiteres, erfriſchendes Wort. Alles ſengt und glüht. Halbe Ration. Ein ganzer Monat iſt verſtrichen. Bleiſchwer ſchlich eine Minute nach der andern hin. Es iſt nicht allein ſtill am Bord; es iſt auch unheimlich. Die Harmonie, welche das Halbdeck mit dem Fock⸗ maſt verband, iſt gelockert und droht ſich ganz auf⸗ zulöſen. Ein böſer Dämon hat ſich zwiſchen Beide gedrängt: der Argwohn. Die Matroſen glauben, daß man ihnen Alles entzieht, um in der Kajüte deſto beſſer praſſen zu können. Die Offiziere halten dort im Verborgenen luſtige Gelage, flüſtern ſie ſich zu, während ihnen das laue Waſſer tropfen⸗ weiſe zugemeſſen wird. Die halbe Ration ward 14 vor drei Tagen durch die Viertel⸗Ration verdrängt. Das Lazareth im Zwiſchendeck iſt mit Kranken an⸗ gefüllt. Der Capitain geht durch ihre Reihen, tief erſchüttert von dem Anblick dieſer fieberhaften Ge⸗ ſtalten, die nichts denken, nichts hören und ſehen, als Waſſer. Gierige Luſt funkelt in dem Auge dieſes bleichen Mannes. Er ſieht in ſeinen wirren Träumen eine lange Tafel vor ſich, beſetzt mit den verführeriſchſten Getränken in blitzenden Karaffen und Kelchen. Dort ſchüttelt ſich Einer vor Wonne, denn er gewahrt, wie jenſeits des aufgetrockneten Strombettes, vor welchem er ſteht, ein ſtarker Re⸗ gen herabſtrömt. Ein Dritter ſtreckt die ſehnſüchti⸗ gen Arme nach der Kaskade aus, die vom zackigen Felſen— ihm unerreichbar— niederplätſchert „Waſſer! Waſſer!“ ſtöhnen ſie in ſteigender Angſt, und der Capitain ruft ergriffen dem Arzte zu: „Helfen Sie, Mann! Helfen Sie!“ Und der Arzt entgegnete achſelzuckend:„Rei⸗ chen Sie mir den Stab des Moſes, und uns iſt geholfen.“ Die Zeit eilt weiter. Außen⸗Bords iſt Alles unverändert, aber innerhalb deſſelben bringt jeder Tag ein neues Grauen. Der Argwohn ſchwindet, die Ueberzeugung drängt ſich an ſeine Stelle. Der 15 ſtille Groll ſchleicht ſeitwärts; die offene Empörung tritt allmählig an ſeinen Platz. Die Offiziere ſpre⸗ chen nicht mehr mit ihren Leuten; ſie befehlen, ſie verbieten nichts, ſondern gehen ihnen aus dem Wege. Das Schiffsjournal wird nicht wei⸗ ter geführt. Die Beſteckrechnung hört auf. Die Mittagsbreite, die Diſtancen des Mondes von der Sonne mißt Keiner. Es iſt der entſetzliche Vor⸗ abend eines entſetzlichen Tages. Da bricht der Sturm los. Die Offiziere er— ſcheinen mit ihren Schlüſſeln am Eingange des Waſſerbehälters. Die Männer drängen ſich mit ihren Krügen herbei. An ihrer Spitze tobt ein jun⸗ ger, verwegener Geſell. Auf ſeinem Geſichte zeigen ſich Tollkühnheit und Todesverachtung. Als die Vertheilung beginnt, ſpringt er zu, und dem Offi⸗ zier das Maaß entreißend, ſchreit er: „Ich will ſelbſt meſſen. Ihr Hunde betrügt uns.“ Die Worte fallen nieder wie ein Blitzſtrahl. Sie zünden, wie dieſer. „Wir wollen ſelbſt meſſen!“ ruft der wahn⸗ ſinnige Haufen, und Alle ſtürzen ſich auf das Faß, aus welchem ihnen eben ihr Antheil gereicht wer⸗ den ſoll. Laut ſchreiend kollern ſie es vor ſich her 16 und rufen durch das ganze Zwiſchendeck:„Waſſer vollauf! Hierher! Hierher!“ In der nächſten Vier⸗ telſtunde iſt es bis auf den letzten Tropfen geleert. Der Capitain empfängt die unheilvolle Kunde. Bewaffnet ſpringt er mitten in den rebelliſchen Haufen. Er verlangt augenblickliche blinde Unter⸗ werfung; verlangt den Mann, der zuerſt die ver⸗ brecheriſche Hand gegen einen Offizier erhoben. Alles ſchweigt. Nur der Rebell ſelbſt rühmt ſich ſeiner That, und dem Capitain in den Weg tretend, hebt er neuerdings die frevelnde Hand. Aber ehe er ſie fallen läßt, fliegt ihm eine Kugel mitten durch das Herz. „So ſtrafe ich Aufrührer“, ſagt der Capitain mit eiſiger Kälte.„Werft die Beſtie über Bord und beſinnt Euch eines Beſſern, ſonſt genade Euch Gott.“ Die raſche That macht die Rebellen ſtutzen. Sie laſſen den Capitain ungefährdet durch ihre Reihen gehen. Vier Jungmänner, gewohnt dem Commandowort blindlings zu gehorchen, nehmen die Leiche des erſchoſſenen Kameraden und werfen ſie über Bord. Kaum hat der Leichnam den Waſſerſpiegel be⸗ rührt, da ſprudelt es auf und ſchäumt und brauſt. Glitzernde Fontainen werden emporgeſchleudert. Der 17 wilde Hai, der ſtets in die Kielwaſſer der Schiffe ſteuert und nach Beute ſpäht, taucht empor aus der Fluth. Wilder Kampf beginnt um die blutige Beute. Sie fliegen hin und wieder, auf und ab. Und wenn ſie dabei mit ihren Rücken die Planken des Schiffes ſtreifen, dröhnt ein leiſes Zittern durch den willenloſen Rumpf. „Der war hin!“ ſagt der Schaluppenmeiſter, der vertrauteſte Freund des Erſchoſſenen.„Aber verlaſſe mich Gott, wenn ich das hinnehme. Ich will nicht ruhen, bis ich des Mörders Blut fließen ſehe, und wenn Ihr rechtſchaffene Kerle ſeid, müßt Ihr mir darin beiſtehen.“ „Wir wollen's!“ ruft ein Anderer.„In die⸗ ſer verdammten Windſtille müſſen wir doch alle— ſammt zum Teufel fahren. So ſollen ſie denn auch bis dahin nichts voraus haben. Ruft es aus, oben und unten, am Steuerbord, wie am Backbord! Krieg der Kajüte!“ „Krieg der Kajüte!“ rufen die heiſeren Kehlen und ſtürmen nach allen Seiten hin aus einander. Der Capitain ſtand auf und entließ ſeine Of⸗ fiziere: „Mit Gott, Ihr Herren. Wir ſind nur ein geringes Häuflein gegen die wüthende Schaar. B 2 18 Nach rühmlichem Kampfe der Uebermacht erliegen, iſt keine Schande; ſich ihr beugen, wäre eine Schmach, die Keiner von uns auf ſich laden wird.“ „Und vielleicht iſt noch nichts verloren“, ent⸗ gegnete der erſte Offizier.„Sie ſind nur ſo weit gegangen, weil ſie uns ſchwanken ſahen. Fühlen ſie, daß wir die Zügel ſtraffer anziehen, ergeben ſie ſich auf Gnade und Ungnade.“ „Recht, mein Freund“, unterbrach ihn der Ca⸗ pitain lebhaft.„Rufen Sie aus über Deck, daß Jeder, der noch ein Stück Ehre im Leibe hat, die Empörer verlaſſen und zu uns übertreten ſoll. Mag dann das Schwert entſcheiden. Friſch ans Werk. Ich bin ſogleich bei Euch.“ Die Offiziere eilten alsbald nach oben. Der Capitain ging quer über den Kajütsgang, von wo aus eine verborgene Treppe in die obere Kazüte führte. Ein ſeidener Vorhang rauſchte auseinander, und er betrat ein Gemach, ſo reich, ſo weibiſch⸗ wollüſtig eingerichtet, wie man ein ſolches am Bord eines Tropenfahrers nicht hätte vermuthen ſollen. Señora Eſtrella lag, den Kopf auf die Hand ge⸗ ſtützt, auf dem ſchwellenden Divan. Zu ihren Füßen ſaß eine ihrer Dienerinnen, die Mandoline im Arm, die Andere zu ihren Häupten, mit einem Palmen⸗ — 19 fächer Kühlung wehend. Unfern von dieſem Sitze ſtand ein Tiſch mit verſchiedenen Erfriſchungen. „Ah, Capitano,“ ſagte die Dame, halb lächelnd, halb ſchmollend, indem ſie ſich erhob.„Iſt es recht, mich ſo lange allein zu laſſen, und mich obenein wie eine Gefangene zu behandeln? Warum erlaubt Ihr mir nicht, auf das Verdeck zu gehen?“ „Gedulde Dich, meine Theure. Die Sonne brennt während dieſer Windſtille ſo heftig, daß Du krank werden würdeſt. Der Arzt hat es ſtrenge unterſagt.“ „Der Arzt! Immer der Arzt. Warum verbietet er es mir nicht ſelbſt?“ Der Capitain ſchwieg. Er wollte ihr nicht ſagen, daß der Arzt darnieder liege und im Durſt⸗ fieber raſe, vor welchem er ſie bis heute bewahrte. „Und wie Du erhitzt biſt,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, ihn näher betrachtend.„Du mußt Dich erholen, mußt Dich erfriſchen. Ich ſelbſt will Dich bedienen.“ Sie miſchte Limonienſaft mit Waſſer und brachte ihm das Glas entgegen. Der Capitain ſtreckte in fiebernder Haſt die Hand darnach aus, aber ebenſo ſchnell zog er ſie wieder zurück: „Ich darf nicht, Eſtrella. Ich habe ein Ge⸗ 20 lübde gethan, drei Tage lang keinen Tropfen zu trinken. Mein ganzes Schiffsvolk iſt meinem Bei⸗ ſpiele gefolgt. Es trinkt Keiner am Bord während dieſer Zeit. Wir hoffen, die heilige Mutter werde ſich erbarmen und uns einen günſtigen Wind ſenden.“ „Dann will ich mit Euch faſten,“ entgegnete ſie holdſelig lächelnd, war aber von einem wüſten Geſchrei unterbrochen, das vom Verdecke herüber hallte. „Was bedeutet das?“ rief ſie erſchreckt. „Schon einmal hörte ich dieſes entſetzensvolle Ge⸗ kreiſch. Was iſt geſchehen?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte der Capitain, ob dieſer Lüge erröthend.„Aber ich will hinaus und Dir alsbald Botſchaft ſenden.“ Er eilte denſelben Weg zurück, den er gekom⸗ men. Ueberall kriegeriſche Bewegung. Die Gang⸗ wege, die vom Halbdeck nach dem Fockmaſt führten, waren verrammelt. Hinter dem oberen Bollwerk ſtanden, bis an die Zähne bewaffnet, die Offiziere. Niemand war bei ihnen, als die vier Jungmänner, welche die erſte Rebellenleiche über Bord geworfen hatten. Ihnen gegenüber tobten die Reſte der Mannſchaft, die von der Gluth des Fiebers noch nicht niedergeworfen waren. Sie hatten zwei Ge⸗ —1 ſchütze von der Back abgefahren, und deren Mün⸗ dungen gegen das Halbdeck gerichtet. „Die Schlüſſel gebt heraus!“ ſchrie der Scha⸗ luppenmeiſter, ſich auf die Ankerſpille ſchwingend; „die Schlüſſel zu den Waſſerfäſſern liefert aus, oder wir brennen los.“ „Hier ſind die Schlüſſel!“ rief der Capitain und warf ſie auf die Kajütskappe.—„Wer den Muth hat, nimmt ſie weg.“ Der Schaluppenmeiſter ſtand vor der Anker⸗ ſpille und eilte nach dem großen Maſt. Der Ca⸗ pitain erwartete ihn mit geſpanntem Hahn. Als er die Stelle erreichte, wo der Fallreep mit dem Halb⸗ deck gränzt, hielt er unwillkürlich an. Es war die Scheu, welche jeder Seemann empfindet, wenn ſein Fuß dieſe Planken berührt. Es iſt bei allen Na⸗ tionen die geheiligte Schwelle am Bord, welche noch Niemand ungeſtraft beſchimpfte. „Ihr denkt wohl,“ ſagte der Schaluppenmeiſter nach einer Pauſe, mit Anfangs unſicherer Stimme, „uns fehlt der Muth, aber Ihr irrt Euch. Wir wollen nur nicht unnützes Blut vergießen. Darum bleibe ich hier. Drei Stunden habt Ihr Bedenkzeit. Sind dann nicht die Schlüſſel freiwillig ausgeliefert, holen wir ſie. Was dabei geſchieht, kommt über Euch.“ 22 Er kehrte zu dem lärmenden Haufen zurück, der ihn entſendet hatte. Man empfing ihn mit Schimpfworten, weil er noch einmal nachgegeben. Man drohte ihm. Die entfeſſelten Leidenſchaften waren kaum noch zu bändigen. „Es iſt nicht mehr zu ertragen,“ ſagte der erſte Offizier, und ſah auf ſeinen jüngſten Came⸗ raden, der ſich der Länge nach auf das Verdeck niederwarf.„Er kann auch nicht weiter, der arme Junge. Und keine Hülfe! Keine! Noch vier und zwanzig Stunden, und wir ſind Alle dahin.“ Señora Eſtrella horchte mit wachſender Angſt auf den wilden Lärmen, der ſtets vernehmlicher zu ihr herüber ſcholl. Sie flog dem Capitain, der eben eintrat, mit allen Zeichen der Angſt entgegen und ſagte bebend: „Um der heiligen Mutter willen, mein Ge⸗ liebter! Sprich ein Wort. Was dieſe ent⸗ ſetzlichen Töne?“ „Aufruhr! Empörung!“ antwortete 8 Ca⸗ pitain finſter.„Ich darf es Dir nicht länger ver⸗ ſchweigen. Das bravſte Schiffsvolk auf der Welt iſt zum Thier geworden durch die Noth.“ „Noth?“ fragte ſie ſtaunend. Sie kannte kaum das Wort, viel weniger ſeinen Begriff. 23 „Noth?“ wiederholte ſie langſam.„Ich verſtehe Dich nicht.“ „Sie dürſten, die Unglücklichen. Die glühende Hitze verzehrt ſie.“ „Dann hebe das Gelübde wieder auf,“ bat ſie ſchmeichelnd.„Die heilige Mutter wird Euch die⸗ ſen Bruch verzeihen. Ich will zu ihr beten, und ſie wird mich erhören. Gieb ihnen zu trinken.“ „Ich habe nichts,“ ſagte der Capitain dumpf vor ſich hin. „Du haſt nichts?“ fragte Eſtrella ungläubig lächelnd.„Was Du nur treibſt? Du biſt ſo ſelt⸗ ſam. Ich bemerkte es ſchon vorhin und jetzt noch mehr. Biſt Du krank, mein ſüßer Freund? Ruhe hier aus. Ich will Dir Kühlung zufächeln und Dich erquicken.“ „Weg! Nimm das Glas weg. Es iſt ein Ver⸗ brechen, wenn ich es berühre.“ „Du erſchreckſt mich!“ ſagte Eſtrella erbleichend. „Ich fürchte mich vor Dir. Warum trinkſt Du nicht?“ „Weil Niemand am Bord trinkt. Weil wir nicht dürfen,— weil wir nicht können. Der Vor⸗ rath iſt erſchöpft.“ Sie ſah ihn groß an, als begriffe ſie ihn nicht: 24 „Erſchöpft? Geh! Du neckſt mich. Sieh mur, wie jene zarten Pflanzen am Fenſter den Kopf hängen. Die unartige Mimi hat ſie vergeſſen. Aber ich ver⸗ geſſe ſie nicht. Sie ſollen ſchon zu trinken be⸗ kommen.“ Sie ergriff eine halbgefüllte Karaffe, die auf dem Tiſche ſtand, aber in demſelben Augenblicke faßte der Capitain ihre Hand: „Halt ein, Unglückliche. Es iſt der letzte Trunk, den ich für Dich aufgeſpart habe.“ Die beiden Negerinnen ſtürzten wimmernd zu Boden. Eſtrella ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. Der Capitain faßte ſie in ſeine Arme und trug die Ohnmächtige auf ihr Lager. Die Sonne war dem Untergange nahe. Als der Capitain das Verdeck betrat, eilte ihm ſein erſter Offizier entgegen. Ein Strahl der Freude leuchtete aus ſeinen Augen.„Ich bringe Hülfe!“ flüſterte er. Der Capitain ſah ihn fragend an. „Mit dem kommenden Morgen hat unſer Lei⸗ den ein Ende, ſo oder ſo. Viele Jahre kreuze ich unter dieſen Breiten, und kenne jede noch ſo unbe— deutende Veränderung des Himmels. Seht nur, wie die Sonne ſich in die Fluth hinabtaucht. Was ——— 25 von ihr ausſtrömt, iſt kein reines Abendglühen. Ihre Strahlen verlieren ſich in Nebeldunſt. Das iſt meine Hoffnung.“ „Wäre es möglich?“ „Iſt meine Vermuthung richtig, werden ſich die Rebellen von ſelbſt unterwerfen. Habe ich Un⸗ recht, fechten wir morgen den letzten Kampf aus.“ „Heute noch, Freund. Die Friſt, welche ſie mir zu ſetzen wagten, iſt um, und ich will ſie em⸗ pfangen, wie es meiner würdig.“ „Sie kommen nicht,“ entgegnete der Offizier mit Zuverſicht.„Jetzt nicht. Es ſind ein paar Alte unter ihnen mit gleicher Erfahrung und gleich ſcharfem Blicke wie ich. Und ſeht nur, Capitain. Während wir mit einander ſprechen, hat ſich der Schauplatz wieder verändert. Die einzelnen kaäum ſichtbaren Atome ballen ſich zuſammen und zeigen ſich ſchon außerhalb des Lichtſtreifes, der ſich längs dem Horizont hinzieht. Wir wollen das nicht aus den Augen verlieren.“ Die Rebellen ſangen ein wildes Lied, das ſie an fernen Küſten von irgend einem Indianerhaufen gehört hatten. Einer ſchwang eine Zimmeraxt, der Andere einen ſchweren Eiſenhammer, den er in des Bootsmannes Kammer gefunden. Alle riefen nach 26 dem Schaluppenmeiſter, der den Angriff leiten ſollte. Aber dieſer hatte für ſeine tobenden Gefährten kein Ohr. Er ſtand am Backbord, nahe dem Fockmaſt und ſah ſcharf in die ſtark anwachſende Dämmerung hinein. „Hollah ahoi!“ rief ihn einer ſeiner Gefährten an.„Was ſteht Ihr und ſchaut in die leere Luft, als gäbe es dort Wunders etwas zu holen. Es iſt Zeit.“ Fener winkte ihm, ſtill zu ſein. „Was ſtill! Die Zeit des Lärmens iſt da. In einer Stunde müſſen wir die Herren des Halbdecks ſein, oder wir werden es nie.“ „Still, ſage ich!“ fuhr der Schaluppenmeiſter ihn an.„Mache eine Beobachtung.“ Der Matroſe lachte laut auf:„Machſt'ne Beobachtung? Heran da, alle Mann! Der Scha⸗ luppenmeiſter macht'ne Beobachtung. Wo ſind Deine Gradſtöcke, alter Kerl? Oder haſt's ſchon zum Offiziers⸗Sextanten gebracht? He! Willſt endlich kommen?“ Der Schaluppenmeiſter antwortete nicht. Er blickte immer erregter in die Leere vor ſich. Er rieb ſich die Augen und ſah wieder hin. Er hielt den Finger in die Höhe und ſank dann, am ganzen — 2 Leibe zitternd, unter Lachen und Weinen in die Kniee. „Was wird das?“ rief der Matroſe und auch Andere kamen herbei.„Ich glaube, er hat das Durſtfieber. Was iſt geſchehen?“ Der Schaluppenmeiſter ſprang auf; wehrte die Leute von ſich ab, ſchwankte bis an die Ver⸗ ſchanzung des Halbdecks und rief mit bebender Stimme den Offizieren zu: „Es brieſ't!“ Dies Wort fuhr wie ein Blitz durch das ganze Schiff. Es verbreitete ſich bis in die fern⸗ ſten Räume. Es rührte, wie ein belebender Hauch an die Stirn der Kranken und ein Strahl der Freude leuchtete aus ihren halberloſchenen Augen. „Es brieſ't!“ Vergeſſen der nahe bevorſtehende Kampf. Kein Gedanke an die erſehnte Beute, dreifach ver⸗ ſchloſſen in dem Waſſerbehälter des Zwiſchendeckes. Keiner am Bord hatte für etwas Anderes Sinn, als für den weſtlichen Horizont, der ſich raſch mit einer dichten Nebelbank deckte, die ihren ſchwärz⸗ lichen Schatten auf die glitzernde See warf. Sie war fortdauernd im Wachſen. Je höher ſie ſtieg, 28 je lauter und ungebundener wurden die Ausrufe freudigen Entzückens. „Möchte wiſſen,“ ſagte der Segelmacher, „ob man vom Bramtop noch darüber ngſ kann?“. Und derſelbe Kerl, der ſich ſchon ſeit dreien Tagen nicht mehr vom Flecke rührte, flog mit der Behendigkeit eines Deckläufers das Fockwant hin⸗ auf. Er ſchwang ſich auf die Bramſahling und als er einen Augenblick dort verweilte, ſchrie er laut zu Deck: „Nebel überall!“ Eine Stunde war verſtrichen. Die Wolken hatten ſich über den ganzen Himmel verbreitet und hingen gewitterſchwer auf dem Ocean herab. Die leichte Briſe, Anfangs nur dem Erfahrenſten merk⸗ bar, wehte über den Seeſpiegel hin, der Falte auf Falte ſchlug, die neben einander hinrollten. Die leichten Oberſegel bauchten ſich auf. Aber die Of⸗ fiziere riefen die Leute nicht zum Aufbraſſen der Ragen, ſie thaten es 2 Sie und die vier Jungmänner. Das Vorderdeck merkte es. Die Mannſchaft vor dem Fockmaſt hat ein ſcharfes Auge für die Stimmung der Kajüte. Sie flüſterte miteinander, —— 29 und ohne auf einen Befehl zu warten, that ſie aus freien Stücken an der vordern Takelage, was ſie die Offiziere an ihrem Platze hatten thun ſehen. Die Oberſegel ſtanden voll, und der Offizier, der die Steuertaille hielt, rief jubelnd: „Steuerkraft im Schiffe!“ Ein lautes Hurrah begleitete dieſe Worte. Das Schiff ſegelte unter leiſem Druck. Die jüngſte Vergangenheit war, bis auf die Erinnerung ver⸗ ſchwunden. Der Schaluppenmeiſter, der zunächſt den Bau der Schanze begonnen hatte, ſchlich dicht an dieſe heran, und begann abzuräumen. Andere kamen ihm zu Hülfe. Sie riſſen ein und trugen jeden Gegenſtand an die gewohnte Stelle. Das Deck war klar. Ein junger Burſche, gleich beliebt dieſſeits und jenſeits des großen Maſtes, lief nach dem Steuer. Der Offizier, der dort Wache hielt, winkte ihm ſchweigend zurück. Nochmals war eine Stunde vergangen. Die Briſe verlor ſich wieder. Aber ein lauter Donner rollte von Weſten nach Oſten; ein Blitz riß die immer tiefer ſinkenden Wolken auseinander. Die See kochte und ſchäumte. Der erſchreckte Hai tauchte unter; die fliegenden Fiſche ſprangen auf, der leuchtenden Helle entgegen. Auf der unermeß⸗ 30 lichen Fläche wimmelte es geſpenſterhaft. Am Bord war tiefe, ahnungsvolle Stille. Da rauſcht es um die Spitze der Toppe. Es fährt längs dem Takelwerk herab und ſchlägt auf das Verdeck nieder. Hier und dort und wieder dort. Einzelne ſchwere Tropfen, die klingend nie⸗ derfallen. Jeder Ton wirkt wie ein elektriſcher Schlag. Mit leuchtenden Blicken, den Athem an ſich haltend, ſehen Alle zu dem ſegenbringenden Himmel auf, der nun in gewaltigen Strömen nie⸗ derrauſcht. Vergeſſen alle Angſt und Noth. Sie lachen, ſie weinen, ſie liegen ſich in den Armen. Hinweg vom Decke ſpült ſich die Salzkruſte, die ſich darüber hingelegt. Da regt ſich jede Hand. Die Schlüſſel zum Waſſerbehälter— Keiner weiß, Wer ſie geholt oder gebracht— oaber ſie ſind da. Sie fangen das ſtrömende Waſſer auf, die Eimer fliegen, eine ununterbrochene Kette von Hand zu Hand, und noch iſt die Mitternacht nicht vorüber, als auch das letzte der Fäſſer bis zum oberſten Rande gefüllt iſt. Als der Regen nachließ, friſchte die Briſe wie⸗ der auf. Die Segel bauchten ſich und das Schiff ſchoß mit fliegender Eile durch die leicht erregte See. Es blieb ruhig am Bord. Nichts deutete mehr 5 auf das furchtbare Ereigniß, als die Waffen der Of⸗ fiziere. Der Meiſter des Kabelgats ging nach dem Halbdeck und bat um die Steuertaille. Der Capitain „ ſagte kalt, indem er die Hand an die Piſtole legte: „Nimm ſie, Rebell!“ Die Nebel gaben ſich vollends auseinander. Die einzelnen Wolken flogen wie ſiegestrunkene Boten vor dem Schiffe her. Die Sonne ging ſtrah⸗ lend auf und beleuchtete eine ſtolze Vierzig⸗Kanonen⸗ Fregatte, die unter dem Volldruck ihrer Segel vor dem Winde hinlief. Die Mannſchaft flog mit allen Zeichen der Angſt nach dem Halbdeck. Der Capitain ſchwang ſich mit dem Sprachrohr auf die Galerie. Der erſte Offizier brachte die Rothflagge. Da öffnete ſich die Thür der obern Kazüte und Eſtrella erſchien. Die Matroſen ſtürzten ihr zu Füßen und riefen: „Gnade, Madonna! Gnade!“ Eſtrella blickte bittend zu dem Capitain auf. Der aber ſenkte grüßend das Sprachrohr und rief ſeinem erſten Offizier zu: „Laßt die Staatsflagge aufziehen und gebt dem Schiffe Seiner Majeſtät den Ehren⸗Salut!“ 6 Das euerſchiff. Einſam, mit ſchneebedecktem Haupte, ſteht hart am Fuße der Düne der Leuchtthurm. So weit des Wächters Auge ſchaut, nichts als die zu Eis erſtarrte See. Darüber hin die langen Züge hun⸗ gernder Krähen; zwiſchen ihnen hindurch ziehen die Möven ihre phantaſtiſchen Kreiſe. Ein Hauch von Süden her fährt über die blinkende Eisdecke, und ſie bebt leiſe. Der Himmel 1 5 hüllt ſich in düſtere Wolken und ein warmer Sprüh⸗ regen rieſelt unhörbar nieder auf den allmählig ergrauenden Schnee. Mit dem ſinkenden Tage er⸗ hebt ſich ein fliegender Sturm. Die Waldbäume knarren unter ſeiner Wucht. Die Waſſer der Tiefe werden lebendig. Sie ſtemmen ihre breiten Wellen⸗ rücken gegen die diamantene Hülle und prallen ohn⸗ mächtig zurück. 3 Es iſt Tag. Durch fliegende Wolken blitzt ſekundenlang ein matter Sonnenſtrahl. Verſchwun⸗ den von dem Eiſe iſt der Schlitten mit dem flüch⸗ tigen Renner, verſchwunden der Fiſcher, der ſeine Netze in die offenen Lumen warf. Die Decke ſchwankt. Sie ſteigt und ſenkt ſich, wie die Fluth oder die Ebbe darunter wegrollt. Hier reißt eine Spalte und dort; in hundert ſprudelnden Fontai⸗ nen drängt ſich das befreiende Element an das Licht. Noch iſt Alles todt. Aber durch das weit⸗ ſchauende Sehrohr gewahrt der Wächter des Thur⸗ mes an dem äußerſten Horizont bereits die erſten dunklen Meereswellen, die mit der einſetzenden Fluth gegen die aufgethürmten Eismaſſen heranrollen. Langſam ſteigt er die Stufen hinab und geht bin⸗ nenwärts. Aus einem Bau von räthſelhafter Form, zuſammen gezimmert aus den Reſten eines geſchei⸗ terten Barkſchiffes, halb Blockhaus, halb Kazüte, ſchallt ihm ein lautes Lachen entgegen. Der Strand hat ſeine eigenen Bewohner. Der Feuerwächter iſt der erſten einer, und bildet mit dem Strandvoigt und dem Steuerreiter die Ari⸗ ſtokratie auf den weithin geſtreckten Dünen. Sie haben in der Blockhausſchenke zunächſt am Feuer . 3 34 ihren abgeſonderten Platz und der Wirth bildet die Mittelsperſon zwiſchen ihnen und dem übrigen Volk, den Strandläufern, Mövenfängern, Fiſchdie⸗ ben und Schmugglern, die im Vorüberſtreifen hier einkehren, um ſich vom angeſtrengten Tage⸗ oder Nachtwerk zu erholen und ſich untereinander zu ver⸗ abreden zur neuen, abentheuerlichen Fahrt. Es geht luſtig zu in der Kajüte auf feſtem Grunde. Die Strandläufer lachen über das fin⸗ ſtere Geſicht des Steuerreiters, vor deſſen ſichtlichen Augen ſie einen Karren verbotener Waaren ge⸗ ſchmuggelt, ohne daß er es geſehen und der Steuer⸗ reiter lacht wieder über den Strandvoigt, der dem Wirthe mit herzbrechendem Tone erzählt, daß ſein Revier noch in keinem Herbſte ſo ſchlecht beſtellt geweſen ſei, als in dem letztvergangenen. 6 Da tritt der Wächter des S ein und ruft mit lauter Stimme: „Blau Waſſer überall!“ Und als wollte die See ſelbſt dies Wort be⸗ zeugen, donnert es plötzlich auf, daß die Kajüte bis in ihre Grundfeſten erbebt. Schlag auf Schlag erdröhnt, als ob ein Dreidecker aus ſeinen ſchwer⸗ ſten Geſchützen feuert. Der pfeifende Nordweſt giebt ſich auf und ſtürzt nieder auf die morſch ge⸗ 35 wordene Fläche, die er mit wildem Gelächter in große Fetzen reißt. „Blau Waſſer!“ ſagt der Strandvoigt, ſich vergnügt die Hände reibend„Nun giebt's neue Arbeit.“ „Blau Waſſer!“ wiederholt der Steuerreiter ärgerlich und ruft nach ſeinem Pferde.„Nun kann man ſich verzehnfachen. Dieſe Schmuggler ſchießen aus der Erde, wie die Pilze nach dem Mairegen.“ „Blaue See längs der ganzen Kimmung,“ wiederholt der Wächter, gelaſſen ſeinen Grog ſchlür⸗ fend.„Nun kriege ich bald wieder einen Gehülfen, denn ſo wie das Eis in's Treiben kommt, muß das Feuerſchiff auf die Rhede hinaus.“ Das Feuerſchiff! Der Wächter auf ſeinem Thurm iſt verein⸗ ſamt. Der Wächter bei der Leuchte eines Feuer⸗ ſchiffes iſt es zehnfach. Er hat nur den ſchwan⸗ kenden Kiel unter ſich. Er ſieht nicht den ſchatten⸗ den Baum, oder die wallende Saat, die von ferne her ihm traulich zunicken. Von keinem gaſtlichen Heerd ſieht er den bläulichen Rauch aufſteigen. Kein neugieriger Wanderer ſpricht bei ihm ein, um die Pracht ſeiner Lichter zu bewundern. Wenn die See frei wird, ſchifft er durch die krachenden Eis⸗ 3 36 ſchollen auf die Rhede hinaus. Dort an der ge⸗ fährlichſten Stelle, wo der Wind ihn der Länge nach ſtreift, wo die gefährlichſten Klippen liegen und die Brandungen darüber hintoben und ſchäumen, legt er ſich vor ſeinen Ankern, ein Warnungszeichen für alle Schiffer aus See, daß Keiner ſich ihm nähere, daß Keiner ſeinen Bord berühre, denn in⸗ nerhalb des Kreiſes, den er vor Wind und Wellen um ſeinen Anker beſchreibt, lauert der Tod. 3. Weithin iſt es ſichtbar das vereinſamte Feuer⸗ ſchiff. Von dem Kiel bis zur höchſten Spitze ſeines Maſtes iſt es mit leuchtend⸗rother Farbe beſtrichen. Sein Rumpf iſt breit; ſein Bug und ſein Spiegel ſind halbrund, wie ein altholländiſches Galiot, denn es ſoll nicht ſegeln, ſondern feſtliegen im Strom und den Stürmen wie dem Eisgange widerſtehen. Und am Bord dieſes Fahrzeuges ſteht der Feuerſchiffer mit ſeinem Maak. Dies Schiff iſt ihre Welt. Der Raum deſſelben birgt die Kohle, die ſie wärmt, das Brod, das ihren Hunger, das Waſſer, das ihren Durſt ſtillt. Daneben iſt eine Lagerſtatt. Sie iſt ſchmal und hart, denn der Feuerſchiffer ſoll ſich nicht dehnen und ſtrecken, ſon⸗ dern ſcharfe Udkiek halten bei Tage und bei Nacht. Es ſind ihrer Zwei am Bord und es iſt doch nur 37 2 Einer. Wenn der Erſte das beſcheidene Mahl herrichtet, oder, vom Schlaf übermannt, auf ein Paar Stunden zuſammenſinkt, hält der Andere auf dem Deck die ſchützende Wacht. Mit dem erſten Schimmer des dämmernden Abends erſcheint an der Maſtſpitze des Feuerſchiffes die hellſtrah⸗ lende Leuchte, begrüßt von dem Lampenſchimmer des Wächters am Thurm. Und wenn im Früh⸗ roth die Lichter verbleichen, entfaltet ſich an deſſen Statt die Staatsflagge mit dem goldenen Wappen im purpurnen Felde. Noch liegt das Feuerſchiff vor ſeinen Kabeln ſicher im Hafen. Aber ſchon iſt der Hafenmeiſter am Bord mit den Seinen und des Scharwerkens wird kein Ende. Alle ſind da. Nur die Beiden nicht, welche das Schiff bedienen ſollen. Dieſe kom⸗ men erſt in dem letzten Augenblicke. Man richtet ihnen Alles zu. Man geleitet ſie bis auf die Rhede und bringt ihnen die Anker aus. Dann drücken alle Helfer den Zurückbleibenden die Hände, ſteigen zu Boot und ſegeln durch Eis und Wellen nach dem Strande zurück. „Ade! Ade!“ Sie rufen es, die Hüte ſchwen⸗ kend, den Scheidenden nach und reichen ſich die Hände. 38 „Willkommen am Bord, Bruder Niklas! ſagt der Aeltere.„Haben uns, glaube ich, ſeit acht Monaten nicht geſehen.“ „Willkommen Du auch, Bruder Alſo ſind es acht Monate?“ „Acht Monate, genau gezählt. Machte wäh⸗ rend der Zeit eine braſilianiſche Reiſe. Aber wenn ich Dich anſehe, iſt es mir, als wären es acht Jahre, ſo fremd kommſt Du mir vor.“ 3 „Ich weiß nicht, daß ich anders geworden bin,“ ſpricht Niklas leiſe.„Aber ich will Alles unten herrichten für die Nacht. Gieb Du Acht auf die Flagge.“ 3 „Es iſt nicht richtig mit ihm,“ ſagte Detlev, der ihm kopfſchütteld nachſah.„Aber er ſoll mir ſchon beichten zur Nacht. Hollah! Was da ſeit⸗ Es war nichts. Eine Robbe, von einer Eis⸗ ſcholle getragen, ſchrammte die Breitſeite des Feuer⸗ ſchiffes und ſteckte verwundert den Kopf aus dem Waſſer. Es war für lange Zeit der einzige Be⸗ ſuch, den die Schiffer zu erwarten hatten. Die Nacht kam; aber Niklas beichtete nichts. Auch in den folgenden nicht. Als nach den vier erſten Wochen das große Boot von der Hafenrunde 39 zu dem Feuerſchiff hinauskam, um nach dem Rech— ten zu ſehen und friſche Zufuhr zu bringen, trat einer der Bootsgaſten zu dem Niklas und ſteckte ihm einen Zettel in die Hand. Erſchreckt öffnete er denſelben, aber ſeine Augen ſchwammen. Er ſtieg hinunter zur einſamen Lagerſtatt, warf ſich davor in die Kniee und weinte bitterlich. Und als die Mitternacht ihn zur Wacht bei der Leuchte rief, war die harte Rinde, die ſein Herz umſchloß, gebrochen, und er ſchüttete es vor dem Freunde aus. Niklas war ein ſchmucker Matroſe am Bord eines Englandsfahrers, und liebte die ſchöne An⸗ grete vom Süderdeich. Die Dirne war ein muth⸗ willig⸗neckiſches Ding und des Detlev Schweſter. Dieſer ſah die Neigung des Freundes zur ſchönen Angrete und ſagte:„Mein Maat und ihr Mann; doppelt hält beſſer und mir iſt es recht.“ Zur Schweſter aber ſprach er:„Willſt ihn nicht, ſage es gleich. Willſt ihn aber, ſo halte aus. Das genade Dir Gott; ich kenne Dich leichtfertigen Un⸗ band.“ Aber Angrete lachte. Sie ſpottete den Bru⸗ der aus, gab dem Niklas einen Kuß und lief mit ihm nach der Schenke auf dem Süderdeich zum fröhlichen Tanz. 40 War luſtig in der Schenke. Tauſchten derben Witz und ſcharfes Wort, wie überall, wo Bauern⸗ volk und Seevolk durcheinander verkehren. Von den Erſtern ſaßen ihrer vier oder fünf an einem Tiſche. Sie zechten viel, ſchwatzten noch mehr und thaten groß. Verſtanden nicht, wie man gut trin⸗ ken kann, ohne den ärmern Nachbar fühlen zu laſ⸗ ſen, wie viel drauf gehe und daß es nicht Jeder vermöge, aus dem Vollen zu zehren. Wenn der Bauer, der für ſein Leben gern den Seemann prellen mag und in der Regel von dieſem geprellt wird, einen Krug über den Durſt trinkt, iſt des Prahlens kein Ende und das Beſte ihm kaum gut genug. Das Beſte in der Schenke war heute Abend des Niklas Angrete und die Bauern wollten, daß die Dirne mit keinem Andern, als mit ihnen tanzen ſollte der Reihe nach. Dar⸗ über gab es harte Reden. Angrete ſchrie, daß ſie mit den Bauerkerlen nichts zu thun haben wolle, und Niklas drohte, ſie zur Schenke hinauszuprü⸗ geln, wenn ſie nicht von ſelbſt gingen. Aber Fünf über Einen iſt mehr als ein Englandsfahrer be⸗ wältigen kann, und Niklas war nahe am Stran⸗ den, als plötzlich ein Fremder in der runden See⸗ mannsjacke erſchien, der, ohne ein Wort zu ſagen, mit ſeiner rieſigen Fauſt die Bauern bei'm Schopfe nahm und nach einander zur Thüre hinauswarf. Dann ſetzte er ſich gelaſſen an ihren Platz und ſagte: „Klares Fahrwaſſer, Maat. Setze Segel und ſteuere den alten Cours.“ Die volle Schenke jubelte laut und die Mu⸗ ſikanten ſpielten, als wären ſie auf einer Hochzeit. Als der Tanz vorüber war, ging Niklas zu dem Unbekannten und ſagte ihm großen Dank für ſeine Hülfe. Er wußte ſelbſt nicht, wie es ſo ſchnell kum; aber er ſaß ihm gegenüber und zwiſchen ihnen Beiden die Angrete. Der fremde Seemann hieß Barthel und war ein Matroſe von der langen Reiſe. Solche Maa⸗ ten galten zu damal für etwas Beſonderes. Sie hatten drei Mal die Linie paſſirt und waren eben ſo oft glücklich um das Cap Horn geſteuert. Und es wird Mancher zum ſtillen Mann, bevor er das Cap Horn doublirt hat. Der Barthel trug eine feine Tuchjacke, einen bunten Seidenſchawl um den Hals, ein gelbes Seidentuch um den linken Arm und goldne Rupien in der Taſche. Das ſind die Wahrzeichen eines Seemannes von der langen Reiſe. uheimlich. Barthel Dem Niklas ward es ſchob ihm den vollen Krit und ſcherzte dann mit der Dirne, die begieri auf ihn horchte. Er. zog nachläſſig eine Handboll Goldſtücke hervor und that, als hätte er tauſend Händevoll mehr. Er ließ ein gülden Kettlein im Lichte widerſchimmern und hing es lachend der Angrete um. Sie ſträubte ſich und wurde blutroth; wollte es immer wegthun und ließ es endlich hängen. „Du ſollſt nach Hauſe mit mir!“ flüſterte Niklas verdrießlich dem Mädchen zu. Sie lachte und reichte dem Barthel die Hand zum Tanz, der ſie nun nicht wieder losließ. Der Morgen dämmerte. Die Schenke war leer. Niemand mehr darin, als die beiden wilden Tänzer und Niklas, der ſie mit Ingrimm betrachtete. Die Muſikanten ſchwankten ins Freie, und der Wirth ſchnarchte drinnen auf der Ofenbank. Von der Rhede her dröhnte es wie leiſer Donner. Es war der Abſchiedsgruß des Dreimaſters, mit wel⸗ chem Bruder Detlev nach Braſilien verſegelte. Er ahnte nicht, was ſeinem Schweſterlein und ſeinem Herzensfreunde geſchehen war zur Nacht. Der Seemann iſt nicht dazu da, müßig am Strande zu hocken. Auch Niklas ſollte wieder hin⸗ — — 43 aus auf das blaue Waſſer. Er ging zur Angrete und ſagte es ihr. Seit jenem Abend in der Schenke hatte ſie für ihn kaum ein freundliches Wort. Seine Gegenwart war ihr eine Laſt. Der Barthel kam viel ins Haus, und die Mutter, die gern einen reichen Schwiegerſohn gehabt, hieß ihn ſtets wieder⸗ kommen. Dem Niklas gab ſie zu verſtehen, es ſei gar nichts daran gelegen, wenn er fürder wegbliebe. Er ließ die Alte reden und ſagte der Angrete zum Abſchiede:„Gieb Acht, der Barthel betrügt Dich, und das iſt ſein und mein Unglück.“ Die Angrete aber antwortete achſelzuckend: „Kümmere Dich nicht um Dinge, die Dich nichts angehen. Was ſchadet es, wenn ich ihn gern habe? Sonſt hatte ich Dich gern. Vielleicht kommt's wie⸗ der ſo, und dann wird der Barthel auf Dich ſchel⸗ ten. Geh ſtill an Bord, mein Junge, und thue Deine Schuldigkeit. Aber wenn Du von England binnen kommſt, mußt Du ein beſſeres Geſicht mit⸗ bringen, ſonſt ſperre ich Dir die Hofthür vor der Naſe zu.“ Und als er von England kam, war das Un⸗ glück geſchehen. Die Angrete war auf und davon. Bei Nacht und Nebel verſchwand ſie mit dem Bar⸗ thel. Niemand wußte, wohin. Die Mutter fagte 44 weinend, ſie werde es nicht überleben. Aber ſie überlebte es doch und wurde auch wieder guter Dinge, als die Angrete nach einiger Zeit ſchreiben ließ, es ginge ihr gut, und ſie ſchicke nächſtens einen Sack mit Geld, denn ſie werde eine vornehme Ca⸗ pitainsfrau. Der Niklas verwand es nicht. Er ging ab von dem luſtigen Englandsfahrer und be⸗ warb ſich um einen Platz auf dem Feuerſchiff, wo er mit ſeinem Schmerz allein war zwiſchen See und Düne. Als er das letzte Mal im Spätherbſt an die faſte Wall kam, trat ihm die Mutter jammernd entgegen. Der Barthel war auf und davon. Er hatte ſich über die Einfalt der Angrete luſtig ge⸗ macht und ſie in Schimpf und Schande ſitzen laſſen. Vergrämt und verkommen zog ſie dem Süderdeiche zu. Draußen vor dem Dorfe blieb ſie bei einer halbtauben Inſtenfrau. Im Fieber warf ſie ſich auf der Lagerſtatt hin und her. Da halfen keine Bitten, keine Drohungen; ſie dachte nicht an ihre Sünden, und daß ſie ſich verſöhnen müßte mit de⸗ nen, welche ſie bis in den Tod betrübte. Sie wollte nichts, als Rache an ihrem Verderber. Sein Tod war das einzige Labſal, nach welchem ſie ſich ſehnte. Sie rief unaufhörlich nach dem Niklas. Als ——— 1 45 er eintrat, raffte ſie ſich auf in ihrem Schmerze, ſtreckte ihm die Arme entgegen und kreiſchte: „Dich hat er auch betrogen, Dich auch! Nimm Dein Meſſer und bringe ihn um. Er ſoll nicht mit anderen Dirnen über mein Grab hintanzen.“ Und als ſie das geſagt, ſank ſie zurück und blieb ſtumm. Des Geiſtes Licht war erloſchen. Sie kannte Niemand mehr und wußte nichts von ſich ſelbſt. So war es, als Bruder Detlev von Braſilien heimkam. Er fand das Haus der Mutter ver⸗ ſchloſſen. Die Nachbarn getrauten ſich nicht, die Wahrheit zu ſprechen, ſondern ſagten: die Mutter ſei ſammt der Angrete zu der Muhme weit über das Moor weg gezogen und werde wohl den Winter dort bleiben. Als er vernahm, daß Niklas zum Feuerſchiff geſchworen, und daß der Mann, der mit ihm den nächſten Winter dort zubringen ſollte, krank geworden, trat er an deſſen Stelle, denn er ſehnte ſich nach dem Freunde, und eine fremdartige Scheu hielt ihn zurück, zu der Mutter in das Binnenland zu gehen. Mit Ungeduld lugte er nach dem Freunde aus, um auf den Grund ſeines Herzens zu ſchauen. Aber er mußte lange warten, bis ihm dies gelang. 46 Da kam zum erſten Male das Proviantbvot und mit ihm der Zettel, den ein Mann heimlich dem Wiklas zuſteckte. Nun öffnete ſich das verſchloſſene Herz, und als nichts mehr zu ſagen war, gab dem Freunde das Blatt, welches der Paſtor ge⸗ ſchrieben, und auf welchem ſtand, daß der Himmel nach ſeiner großen Barmherzigkeit die Angrete dem Irrſal entriſſen habe und ihr die Erkenntniß ge⸗ kommen ſei. Aufrichtig bereue ſie, was ſie Uebles gethan, und bitte Alle, die ſie gekränkt, mit heißen Thränen um Vergebung, am meiſten aber den Ni⸗ klas, der durch ſie elend geworden. Und wie ſie hoffe, daß ihr vergeben werde, ſo wolle auch ſie dem Manne verzeihen, durch den ſie ſo tief ge⸗ fallen, und ſie bete innig, daß Gott den Fluch nicht erhört haben möge, den ſie im blinden Zorn auf ihn herabgerufen. Und nach dieſem aufrichtigen Bekenntniſſe war die Angrete ſtill entſchlummert. Dies Alles ſchrieb der Paſtor und ſetzte hinzu: „Liebet die, ſo Euch haſſen, betet für die, ſo Euch fluchen; thuet wohl denen, die Euch beleidigen und verfolgen.“ So ſprachen in der Mitternachtſtunde die bei⸗ den Wächter vom Feuerſchiff mit einander. Der Niklas wiederholte vor ſich hin ſprechend die Worte: 47 „Thuet wohl denen, die Euch beleidigen und ver⸗ folgen!“ Detlev aber rief: „Den Teufel will ich. Käme mir der Kerl je in den Weg; ich ließe nicht von ihm, bis er todt zu meinen Füßen läge, und auch dann würde ich ihn noch treten wie einen Hund. Ich will meine Luſt daran haben, wenn er ſich in Schmerzen krümmt. Es giebt keine Gewalt, die ihn meinen Händen entreißt.“ Und von da ab war es, als ob ein böſer Geiſt den Detlev beherrſche. Er konnte ſtundenlang vor ſich hinbrüten und nichts denken, als wie er den Barthel finde und ſeinem Grolle genüge. Da trat der Freund zu ihm und ſagte: „Du hörſt und ſiehſt nicht, und iſt doch Deine Wacht zu Deck. Wir ſind nicht mehr im Hoch⸗ ſommer, und ein Udkiekmann muß ſeine Augen überall haben. Schau jene Bank im Nordweſten. Ueber den Steert von Blauſand ſtürzen die Bräkers ſo raſch über einander hin, daß man ſie nicht mehr von einander unterſcheiden kann. Und dort am Tannhügel breitet ſich die Brandung aus wie ein meilenlanges Leintuch. Es kommt noch in dieſer Stunde über uns. Laß uns nach dem laufenden 48 Gut ſehen und noch einen Stopper um die Anker⸗ taue legen. Wird ein ſcharfer Ritt werden.“ Die Arbeit war raſch gethan. Detlev holte tief Athem, als er auf die nordweſtliche Bank blickte und den erſten ſchrillenden Ton des losbrechenden Sturmes vernahm. Niklas aber ſagte: „Gott tröſte Den, der jetzt im Anſegeln be⸗ griffen iſt und nicht mehr Höhe genug hat, um über Blauſand wegzukommen. Er treibt geradezu in die Brandung vom Tannhügel. Laß uns noch einmal nach der Leuchte ſehen.“ Die Freunde ſtanden neben einander. Keiner von ihnen dachte daran, das Deck auch mur einen Augenblick zu verlaſſen. „War es ein Donner?“ fragte Detlev, ſcharf hinſtarrend, den Freund. „Mir war es wie ein Fallwind, der ſich mit⸗ ten in den Tann geworfen hat. Es giebt ein lau⸗ tes Echo dort. Da iſt's wieder.“ „Das iſt ein Schuß!“ rief Detlev erregt. „Und das noch einer und wieder einer. Schiff in Noth!“ „Den genade Gott! Er iſt hin!“ ſprach Ni⸗ klas.„Und nun kommt der Wellengang auch in unſere Bucht. Das iſt die einſetzende Fluth. Hei! 3 49 wie ſich der Bug hebt und wieder ſenkt. Die Welle iſt ihrer ganzen Länge nach unter dem Kiel weg⸗ gerollt.“ „Und die dritte oder vierte rollt vielleicht ſchon über das Deck hin. Nimm ein Schlingtau um den Leib, und binde das andere Ende um den Maſt, damit es uns nicht hinunterſpühlt.“ Es geſchah, halb lachend, halb mit bangklopfen⸗ dem Herzen. Es ſollte wie Scherz klingen und war doch ein furchtbarer Ernſt. Die Möven und Seegeier waren in ihrer Ruhe geſtört und flogen krächzend um das Feuer an der Maſtſpitze. Von Minute zu Minute rollte ſich die See mehr auf und die Wolken ſenkten ſich tiefer herab. Himmel und Erde verſchwammen in Eins. Das Deck des Feuerſchiffes war mit einem weißen Giſcht bedeckt. Die Ankerſpille knarrte und knackte, wie der Bug ſich hob und ſenkte; das Steuer bebte in ſeinen Finglingen, und der Maſt ſchütterte vom Top bis zum Kiel. Die Minute wurde zur Stunde; die Stunde dehnte ſich zur Unendlichkeit aus. Der Sturm raſete mit den Wellen um die Wette. Detleb hatte den Backbord, Niklas den Steuerbord. Sie riefen ſich zu, aber ſie verſtanden ſich nicht. Die wü⸗ W 4 thenden Elemente verſchlangen jeden menſchlichen Laut. Endlich dämmert es im Oſten, und vor dem erſten Schimmer des jungen Morgens flieht der erſchöpfte Sturm. Dumpf grollend verliert er ſich in die Ferne und giebt die gefeſſelten Wellen frei, die in zügelloſer Trunkenheit blindlings zuſammen⸗ ſtürzen und wieder auftaumeln. Noch flammt die Leuchte am Maſt, aber ſie wirft keinen Schein mehr. Den Horizont entlang breitet ſich ein ſilberner Streifen aus. „Ich hatte Recht,“ ſagte Detlev und deutete mit der Hand auf die Kugelbaak am Fuße des Tannhügels.“ Donner und Fallwind zur Nacht waren Nothſchüſſe. Da haben wir das Unglück vor uns.“ Es war ein ſtattliches Vollſchiff, welches hoch auf dem Sande lag, und die Brandung leckte an ſeine Breitſeiten empor. Die Maſte ſchwankten und die Nothflagge an der großen Gaffel ſchlingerte. Vom Strande aus hatte man die Schiffbrüchigen ſchon bemerkt. Der Leuchtthurmwächter tritt auf die Gallerie hinaus, die ſeine Lampen umgiebt, und macht die mit den nächſten Dörfern für ſolchen Fall verab⸗ 51 redeten Signale. Der Strandvoigt iſt mit ſeinen Genoſſen bereits zur Hand. Er läuft geſchäftig hin und wieder, begierig nach Rundholz und Bal⸗ ken, nach Kiſten und Kaſten ſchauend, die auf der Fluth treiben; willkommene Beuteſtücke, die einen reichen Bergelohn gewähren. „Dank für den geſegneten Strand!“ ſpricht er vor ſich hin, und ſtolpert über eine zerbrochene Spiehre, die eine ſchadenfrohe Welle ihm gerade vor die Füße wirft. Der Strandreiter ſitzt längſt im Sattel. Er hält die Hand über die Augen, um die Schmuggler aufzufinden und ſie mit verhängtem Zügel in den Grund zu reiten. Der Kajütenwirth aber kommt ſammt Knecht und Magd, alle Drei beladen mit einem guten Imbis und noch beſſeren Trunk, ein luftiges Bivouak errichtend auf flüchti⸗ gem Sande. „Es regt ſich nichts am Bord,“ ſagte Niklas, der ſcharf auslugte.„Sie haben bei Nachtzeit das Wrack verlaſſen, um ſich mit den Siten in Sicher⸗ heit zu bringen.“ „So iſt es wenigſtens nicht Allen gelungen,“ erwiederte Detlev,„denn dort auf dem Kamm jener Welle treibt ein umgeſtürztes Langboot. Es ſchwimmt gerade auf uns zu.“ 4* 52 „Schau, wie es geſchleudert wird. Es liegt mit dem Kiel nach oben. Treibt es in dieſer Rich⸗ tung weiter, fliegt es gerade gegen unſere Breit⸗ ſeite. Wie wehren wir es ab?“ „Mit nichts. Müſſen den Stoß an uns kom⸗ men laſſen. Unſere Barkhölzer ſind ſtark und wer⸗ den nicht gleich zuſammenknicken. Da ſtürzt der große Maſt, und das Bugſpriet ſchwappt wie'ne Binſe am Strande. Hilf Gott, was iſt'n Seemann für'n trauriges Ding mit dem Kiel auf dem Trocknen!“ „Da iſt es!“ rief Niklas erregt.„Und... das ſehe ich erſt jetzt! An den Kiel klammern ſich zwei Hände. Ein Menſch hängt daran.“ „Sprich, eine Leiche,“ ſagte Detleb.„Un⸗ möglich kann Einer am Leben bleiben, der ſo her⸗ umgeſchleudert wird.“ „Wer weiß, Bruder!“ rief Niklas in faſt fie⸗ berhafter Erregung.„Es kann doch ſein, daß Le⸗ ben in dem Manne iſt, und wir müſſen wenigſtens eine helfende Hand nach ihm ausſtrecken.“ Die Männer rührten ſich. Sie hatten ſtarke Penterhaken, womit der Seemann den aufgewunde⸗ nen Anker vollends zu Deck bringt. Die Haken hingen an leichten neuen Kabeln. 53 „Werfen wir ſie aus!“ rief Niklas.„Faſſen wir damit das Boot, können wir es ſo lange hal⸗ ten, bis Einer von uns auf daſſelbe hinausſpringt, und ein Tau um den Leib des Mannes legt. Wird das Schiff auch etwas ramponirt, ſo retten wir doch vielleicht ein Menſchenleben. Iſt er todt, machen wir ein Nothſignal, und der Mann kriegt wenigſtens ein ehrliches Begräbniß.“ Beide traten an den Reiling, zum Wurfe aus⸗ holend. Als die nächſte Welle das Boot näher herantrug, flogen die Haken durch die Luft, und ſaßen Beide feſt. Die Feuerſchiffer zogen das Boot vollends an ſich und befeſtigten die Kabel. Es konnte nun nicht fort, aber es ſchlug dafür ſo hef⸗ tig gegen die Breitſeite, daß es dröhnend durch das ganze Schiff hallte. „Nun will ich hinaus und ihm helfen!“ ſagte Niklas und ſprang mit dem Ende einer bereit ge⸗ haltenen Troſſe auf das Boot hinaus. Er warf ſich platt über daſſelbe hin, und befeſtigte die Troſſe um den Leib des Verunglückten. Erſt nach müh⸗ ſamer Anſtrengung gelang es, die Hände deſſelben von dem Kiel zu befreien. Faſt erſchöpft richtete er ſich auf und rief dem Freunde zu, die Troſſe einzupalmen; er wolle ihm treu helfen, damit ſie 54 den erſt halb Geretteten ſobald als möglich binnen Bords brächten. Ein guter Erfolg krönte das mühſame Werk. Detlev konnte bald den Körper des Unbekannten faſſen. Die grollende See hatte einen Augenblick Frieden gehalten, als ſei ſie gerührt von dem Eifer der Wächter vom Feuerſchiff. Aber nun erhob ſie ſich mit erneuerter Wuth. Sie ſchüttelte das in den Penterhaken ſchwankende Boot, und in dem Augenblicke, wo Detlev den Geretteten vollends zu Deck brachte, ſtürzte Niklas vorne über und gerieth mit ſeinem Leibe zwiſchen Boot und Breitſeite. Mit einem Schrei ſprang Detlev hinzu. Es gelang ſeiner herkuliſchen Kraft, den Freund zu ſich empor zu ziehen, ehe im Hin⸗ und Herſchwanken zum zweiten Male das Boot gegen das Schiff zurück⸗ ſchlug. Als Niklas das Verdeck erreichte und Detlev ihn losließ, ſank er, vor Schmerz wimmernd, zu Boden. Entſetzt ſtand Detlev zwiſchen zwei Ver⸗ unglückten. Aber nur einen Augenblick verlor der entſchloſſene Mann ſeine Beſonnenheit. Er flog von dem Einen zum Andern. Durch die Mittel, welche man bei Ertrunkenen anwendet, brachte et den Fremden nach und nach ins Leben zurück. Aber mit dem Niklas ging es anders. Als ice 55 von dem Freunde halb getragen, auf das Lager im Zwiſchendeck niederſank, ſagte er: „Bruder, von dem Strohſack ſtehe ich nicht wieder auf. Ich fühle es. Sage mir nichts und laſſe mich einen Augenblick ſchlafen.“ Detlev ging zu dem Geretteten auf das Deck. Dieſer war noch ſehr erſchöpft und ergriff die dar⸗ gebotene Flaſche mit Begier. Dann ſtreckte er ſich nieder, wickelte ſich in eine Perſenning und ſchlief feſt ein. Als er nach einigen Stunden erwachte, rief Detlev ihm zu: „Hoffentlich ſeid Ihr nun wieder ganz auf dem Platze und das iſt gut, denn bis andere Hülfe kommt, bedarf ich der Eueren. Mein Maat iſt bei Eurer Rettung ſchlecht bedacht worden, und ich fürchte, es iſt ſchlimmer, als ich geglaubt. Es dämmert ſchon, und wir wollen unſere Leuchte in Bereitſchaft ſetzen. Iſt das gethan, nehme ich mei⸗ nen Poſten, und Ihr geht hinunter zu dem Kran⸗ ken. Morgen mit dem früheſten mache ich das Noth⸗ ſignal.“ Der Fremde ſagte nichts; aber er that, wie ihm geheißen. Als am Bord Alles wohl beſchickt war, ſtieg er hinunter zum Niklas, und Detlev 56 ſtand ſchweigend am Steuer, den Blick bald auf die Leuchte, bald auf den Horizont gerichtet. Es lag ihm auf der Bruſt wie Bergeslaſt, und er konnte es nimmer von ſich wälzen. Da tönte plötzlich ein gellendes Gelächter von unten herauf, gefolgt von einem Schrei des Entſetzens. Außer ſich vor Schrecken, ſtürzte Detlev die Treppe hinunter. Niklas, vor Schmerz ſtöhnend, ſaß auf dem Lager, beide Hände zur Abwehr von ſich geſtreckt. Der Fremde ſtierte ihn mit ſeinen Gluthaugen an, als wollte er ihn durchbohren. Sein Geſicht war bleich; die Lippen waren feſt aufeinander gepreßt. „Was geht hier vor?“ rief Detlev, indem er ſich zu dem Freunde hinabbeugte.„Warum ſchrieſt Du ſo entſetzlich?“ bebend.„Dort! Dort!“ Er deutete mit der Hand nach der Richtung, wo der Fremde ſtand. * „Das iſt kein Geiſ. Das iſt der Verunglückte, der ſich an das gekenterte Langboot geklammert hatte.“ „Nein! Es iſt ein Geiſt. Ich weiß auch, „Ich habe einen Geiſt geſehen!“ ſagte Niklas 57 welcher. Bringe Dein Ohr an meinen Mund. Ich muß es leiſe ſagen.“ Detlev that dem Kranken ſeinen Willen. Aber kaum hatte ein Laut aus dem Munde des Freun⸗ des ſein Ohr berührt, als er, wie von einem Scor— pion berührt, aufſprang und rief: „Sagſt Du die Wahrheit?“ Niklas vermochte vor heftigen Schmerzen nicht zu reden. Er ſtreckte die Hand aus und der Freund ergriff ſie voll Mitleid Niklas hatte ſie gefaßt und hielt ſie in ſeiner Angſt ſo feſt, daß Jener ſich nicht losmachen konnte, wenn er es auch gewollt. „Du ſollſt keinen Augenblick von mir. Ich bin voll Angſt und Bekümmerniß. Der Entſetzliche hat mir meine Angrete geſtohlen, und die Aermſte zeitlich und ewig verderbt.“ „Ich will'n todtſchlagen!“ ſagte Detlev und wollte ſich losreißen. „Du ſollſt nicht!“ ſchrie Niklas in Todesangſt, „ſonſt fällſt Du dem Teufel in die Hände, wie Deine arme Schweſter. Meinſt Du, daß die Dirne wirklich in der Hölle ſchmachtet, oder hat ſie um ihrer Reue willen Gnade gefunden und iſt bei dem lieben Gott im Himmel?“ „Er iſt ganz und gar von ſich,“ ſagte Detlev 58 weich und verſuchte es nicht mehr, ſeine Hand zu befreien. Mag es auf dem Deck gehen, wie es eben will; ich kann ihn nicht verlaſſen.“ Niklas lag im fieberhaften Schlummer. Det⸗ lev ſaß ſtill bei ihm und Barthel ſtand an der Treppe, wie ein ſteinern Bild. Da ſchlug plötzlich der Kranke wieder die Augen auf. Er ſtarrte feſt auf einen Punkt und lächelte: „Nun ſiehſt Du? Da iſt ja die Angrete. Ich wußte es wohl. Sie ſchaut zu dem Barthel hin⸗ über und breitet die Hände über ihn aus. Wem ſie ihm vergiebt, die er am meiſten gekränkt, müſſen wir es auch. Es ſoll ihm Keiner etwas thun, Keiner!“ Er preßte den Freund feſt an ſich, als wollt er ihn nimmer laſſen. Bis hierher hatte Barthel ausgehalten, jenen Beiden gegenüber, die er ſo ſchwer beleidigt. Allein jetzt überkam ihm eine furchtbare Angſt und er floh, aus tiefſter Bruſt ſtöhnend, die Treppe hinauf. 3 Als es dämmerte, ſtieg auch Detlev nach oben „Er iſt hinüber, der arme Niklas,“ ſprach er vor ſich hin.„Und das iſt gut, denn die Treuloſigkeit meiner Schweſter hätte er wohl nimmer verwunden. — 59 Und da iſt jener Hund, den ich würgen wollte— aber der Todte hat meine Hand gefeſſelt.“ Mühſam gefaßt trat Detlev zu dem finſter blickenden Barthel und ſagte: „Ginge es nach mir, faßte ich mit dieſer Hand nach Deiner Kehle und ließe nicht ab, ſo lange Du noch athmen kannſt. Aber ich habe ihm ſchwören müſſen, daß ich Dir Alles vergeben will, wie er es auch gethan und ſomit haſt Du nichts von mir zu befahren. Aber daß Du es weißt! Ich haſſe Dich als meinen Todfeind und wenn meine Augen tödten können, mußt Du doch daran glauben, trotz meines Schwurs. Jetzt will ich mein Werk thun.“ Der Wächter vom Leuchtthurm ſtand auf ſeiner Galerie, wie er nach Tagesanbruch zu thun pflegte und ſagte: „Laſſen ſich viele Zeit am Bord heute. Meine Lampen ſind ſchon aus und der Blaak iſt von den Deckeln gewiſcht, während ihre Leuchte noch in der Luft ſchlingert. Na endlich!.. Und nun die Flagge. Hurrah! Hurrah! Rührt Euch doch!— Was?.. Das iſt ja nicht unſere Landesflagge. Das iſt ja ſchwarz! Kohlſchwarz! Da giebt es ein Unglück.“ Er eilte die Treppe hinab, er wußte nicht wie. Als er unten anlangte, kam der Steuerreiter daher 60 geſprengt, der gerade eine Schmugglerjagd begann, die ſich glücklich hinter ſeinem Rücken in Sicherheit brachte. „Haltet einen Augenblick an mit Eu Hatz,“ ſagte der Wächter vom Thurm,„und reitet rück⸗ wärts zum Süderdeich. Am Bord des Feuerſchif⸗ fes giebt es ein Unglück. Die ſchwarze Flagge weht am Maſte.“ Verdrießlich warf der Steuerreiter ſein Pferd herum und hätte ſeine Schmuggler beinahe erwiſcht. Keine Stunde dauerte es, da erſchien das Boot des Strandvoigts, das nach dem Feuerſchiff abhielt. Detlev empfing denſelben:„Habe eine Leiche, Herr. Mein guter Bruder Niklas iſt von dem Langbvot des Wrackes gequetſcht, als er jenen Mann dort rettete, der ſich an den Kiel des Boo⸗ tes klammerte. Gebt dem wackern Jungen ein chriſtliches Begräbniß, Herr. Laßt die Glocken da bei läuten und den Paſtor ein Gebet ſprechen. Mir aber bringt an ſeiner Statt einen Andern.“ 4 „Wollen dem Niklas ein ſtattliches Begräbniß veranſtalten mit Sang und Glockenklang und allem andern Chriſtenthum, wie es ſich für einen Mann gehört, der in ſeinem Berufe geſtorben iſt. Aber einen Andern kann ich nicht geben, denn meine Leute 61 brauche ich, bis jenes Wrak vollends geborgen iſt und alles ledige Volk iſt aus in See. Darum behalte nur Jenen bei Dir. Dafür, daß Niklas ſein Leben für ſeine Rettung gegeben, kann er wohl eine Zeitlang für ihn den Dienſt thun. Gott be— fohlen.“ Detlev ſchrie laut:„Nun und in Ewigkeit nicht!“ Der Barthel ſetzte an, um in das Boot des Strandvoigts hinüber zu entern. Dieſer aber ließ ſchnell die Fangleine ſchlippen und ſagte lachend: „Vertragt Euch, ſo gut Ihr könnt. Wenn das Wrak gelöſcht iſt, komme ich wieder. Sobald der Niklas zur Ruhe iſt, ſoll es Euch der Leucht⸗ thurmwächter durch einen weißen Wimpel ver⸗ künden.“ Der weiße Wimpel erſchien und verſchwand wieder. Das Wrak war gelöſcht und ſoviel von dem Kont⸗ und Rundholz geborgen, als möglich. Das Uebrige hatte die Brandung weggeſpült. Aber das Boot des Strandvoigts kehrte nicht zurück, um einen Entſatz für den Niklas zu bringen, und als eines Tages neue Zufuhr von Lebensmitteln und Waſſer anlangte, ſagte der Führer des Pro⸗ viantſchiffs: Haltet Euch ſteif. Das iſt die letzte Ration. 5 62 Wenn ſie verzehrt iſt, holen ſie Euch binnen. Bis dahin guten Udkiek.“ Es war ein trauriges Leben am Bord des Feuerſchiffes. Die beiden Männer wechſelten nie ein Wort miteinander. Barthel hatte den Dienſt bald begriffen und that Alles pünktlich, wenn ſein Zeit auf Deck war. Dann ging Detlev hinunter und ließ ſich nicht eher wieder blicken, bis die Reihe ihn traf. Wenn er dann oben erſchien, war Bar thel verſchwunden und ließ ihm vollen Raum. Da betrat er einſt mitten in der Nacht das Verdeck. Barthel hatte ihn nicht bemerkt. Er ſtand am Maſt, eine halbvolle Flaſche in der Hand und ſang ein wüſtes Lied, worin über leichtfertige Dirnen geſpottet wurde. Detlev, ſeiner nicht mäch⸗ tig, ſprang auf ihn zu.„Beſtie!“ rief er und goh ihm einen Schlag vor die Stirn. † Beide ſtanden ſich kampffertig gegenüber. „Verzeihe mir Gott,“ ſagte Detlev,„ wem ich meinen Schwur breche. Aber ich kann anders, ich muß ihn würgen.“ Er ſtürzte auf ihn zu. Barthel, größer 4 ſtärker, drückte den Detlev mit beiden Armen ſ feſt an ſich, daß dieſem faſt der Athem verzi Dann ſagte er, ihn loslaſſend: 63 s„Das war für den Schlag. Noch eine Mi⸗ nute ſo und Du biſt ſtill für immer. Jetzt ſieh 5 nach Deiner Leuchte, denn Du haſt die Wache und ie ſie iſt nahe am Verlöſchen.“ ſt Sie war es. Raſch holte Detlev ſeine Leuchte e zu Deck; aber während dem erloſch ſie vollends. er Beſtürzt eilte er in die Lichtkammer. Als er zu⸗ e rückkam, fielen dichte Schneeflocken herab. In we⸗ nigen Augenblicken war das Schiff damit bedeckt. Der Wind aus Oſten gab ſich auf, peitſchte 6 die Schneewolken vor ſich her und brachte den r hellen, glitzernden Froſt. Die Vorboten des Win⸗ d ters rückten heran. Krähen und Dohlen flatterten ſchreiend über die Düne hin. Die auf- und ab⸗ ſteigenden Möven flohen erſchreckt der Küſte zu. b Auf ſeinen breiten Schwingen ruhend, ſchwebte der Seeadler darüber hin. Die Sterne funkelten hell zur Nacht, und bei m Tage fiel der Schnee in dichten Maſſen. Eisſchol⸗ len blitzten auf. Die Erſten kaum handgroß, leicht zerbrechlich; dann Mehrere, größer und ſtärker; d raſch aufeinander folgend, immer ſchneller und ſchnel⸗ ſo ler, wirbelnd und drehend, bis Eine, die im Laufe g angehalten, von der Zweiten überholt wird und über ſie hinſchiebt. Darüber ſtürzt ſich die Dritte — 64 und Vierte. Zu Eisbergen gethürmt, ſchwimmen ſie gleich fliehenden Inſeln von den Wellen ge⸗ ſchaukelt und werden zuletzt mit Le an die Küſte geworfen. Wenn die am Lande noch länger ſäumen, uns binnen zu holen, werden dieſe Eisberge uns er⸗ drücken,“ ſagte Detlev vor ſich hin.„Schon heute früh habe ich das Zeichen gegeben. Es hängt noch immer unter der Flagge und am Strande rührt ſich keine Hand.“ „Das letzte Oel habe ich ſo eben in die Leuchte gegoſſen. Das Waſſer geht auf die Reige und. der Combuſe liegen höchſtens fünf Schaufel Kohlen.“ Barthel ſagte es und ſchielte den Detlev mit übereinander geſchlagenen Armen an. Dieſer ſch nach dem Leuchtthurm, wo ſich nichts regte m ſprach:„ „So müſſen wir hier elendiglich umkommen.“ „Wir nicht. Aber Du. Ich brauche kein Feuer, denn Dein Fauſtſchlag brennt noch heß genug auf meiner Stirn und wenn der Durſt mich quält, will ich ihn mit Deinem Blute löſchen.“. Er lachte wild auf. Detlev ſchauderte. Der Wächter auf dem Thurm zeigte in dieſem Augem blicke eine blaue Flagge. Das Signal bedeutett, — 65 daß das Feuerſchiff morgen binnen gebracht werden ſollte. Beide hatten es nicht geſehen. Die Nacht brach herein. Sie war finſterer als je. Der Sturm brauſte durch die Luft und warf die eiſigen Maſſen auf- und untereinander. Das Deck des Feuerſchiffes war mit einer dichten Kruſte überzogen und ſo glatt, daß man nicht dar⸗ auf ſtehen konnte. Die Klüſen ſtarrten von Eis und die Ankertaue froren ſo feſt darin, daß ſie nicht einen Zollbreit zu bewegen waren. Die Brandung von Blauſand dehnte ſich im⸗ mer weiter aus und rollte dem Schiffe zu. Sie hob daſſelbe und drückte es hinab, bis ein don⸗ nernder Sprung durch den ganzen Rumpf bebte und dieſer ſeitwärts ſchwankte. „Backbords Ankertau iſt geriſſen!“ rief Bar⸗ thel in den Sturm hinaus.„Nun holt auch der Teufel das zweite am Steuerbord und dann geht es hinaus zur luſtigen Jagd. Huſſah! Wenn der Satan mich am Genick packt, packe ich Dich, und wenn der Kiel berſtet und der Maſt zerſplittert, fahren wir hinauf und hinunter. Das iſt das Ende von dem tollen Spiel.“ Detlev hörte nicht auf ihn. Er blickte nach I. 5 ———————— 66 den Lampen am Thurm, die ſo troſtreich zu ihm herüber ſchimmerten; dachte an den Freund und die unglückliche Schweſter und das Blut ſtrömte zum Herzen. Da rollte eine mächtige Welle heran und warf ſich mit ſolcher Gewalt auf das Schiff, daß es faſ in die Tiefe ſank. Als es von der weiter rollen den Fluth erfaßt, jach aufſchnellte, bebte es aber mals durch den ganzen Rumpf; aber diesmal län ger und heftiger. „Steuerbords Anker iſt hin!“ rief der wild Barthel. Detlev faßte mechaniſch nach der Steuerpinn Aber das Eis hatte ſich zwiſchen die Finglinge ge ſetzt und er vermochte nicht, es zu regieren. Sein Kniee brachen zuſammen. Am andern Morgen rang ſich ein ſtarkbe manntes Boot vom Strande los und arbeitt mühſam durch Eisſchollen und Sturmwellen. Da Feuerſchiff war verſchwunden. Man fand die bi den Ankerbojen an der gewohnten Stelle. „Das Eis hat die Taue durchgeſägt,“ ſaßt der Bootmeiſter,„und dann iſt das Schiff mit d Ebbe nach See getrieben. Friſch, Jungens! Wi müſſen die Baake von Blauſand doubliren, den — nd mte ar faſ len kbe tet a bi agt du Wi en 67 da herum ſind ſie allein zu finden, wenn ſie nicht ſchon tief unten liegen.“ Die Leute arbeiteten friſch. Mit einbrechender Dämmerung war ihr Werk gethan. Auf der äußer⸗ ſten Spitze des gefährlichen Riffs ſaß das Feuer⸗ ſchiff feſt und unbeweglich. Die See raſete dar⸗ über hin. Nur mit der größten Anſtrengung ge⸗ lang es einigen Bootsgaſten, an Bord zu kommen. Die Zerſtörung war überall ſichtbar. Von den Männern, die auf dem Schiffe gehauſt, fand ſich keine Spur. Hatten ſie im wüthenden Haſſe mit einander gerungen, Leben um Leben? Hatten ſie in dem letten, ſchrecklichen Augenblicke, erfaßt von der todtbringenden Woge, ſich verſöhnt die Hand ge⸗ reicht? Es hat Riemand erfahren. 5* Rajüts⸗Paſſagiere. Unweit von dem Schulauer Feuerſchiffe, in der Mitte der Wedeler Bucht, liegt vor einem einfachen Anker, zur langen Reiſe gerüſtet, das Vollſchiff „Herrmann.“ Die Wedeler Bucht, welche in das Land hinein rundet und die Blankeneſer Berge in ihren Hintergrund ſtellt, hat etwas von einer Außenrhede. Sie kann wild ſtürmen und manchem ſtolzen Segler hat ſie die Seitenborde zertrümmert. Aber an dieſem Abend iſt ſie ein kriſtallener Spie⸗ gel, dem die winterliche Landſchaft zum Rahmen dient. Selbſt die Strömung der Elbe iſt ſo ſchwach, daß das Ankertau des„Herrmann“ nur mäßig an⸗ geſtrengt wird. Die Dämmerung iſt im Wachſen. Flagge und Wimpel ſind längſt zu Deck. Der Bootsmann kommt mit einer hellbre nenden Laterne aus dem Kabelgat und beſeht 69 einem der Halbmatroſen, ſie in der Vormars auf⸗ zuhängen; dann geht er zu dem Oberſteuermann auf das Halbdeck und ſagt: „Habe Euern Auftrag erfüllt und das Signal iſt nun weit ſtromauf und ab ſichtbar. Mir ſcheint es, mit Verlaub, nicht nöthig, denn der„Herrmann“ leuchtet ſchmuck und blank über alle anderen Schiffe hinaus.“ „Die Staatsſchaluppe muß bald von der Stadt kommen und der Capitain, wißt Ihr, hat es gerne, wenn ſeine Paſſagiere, die er an Bord bringt, Alles wohl gerüſtet finden.“ „Sind's Viele diesmal, Herr?“ „Ihrer Achte, ſoviel ich weiß, Damen und Herren,“ antwortete der Oberſteuermann. „Weibsvolk auch?“ ſagte der Bootsmann, in⸗ dem er nach dem Fockmaſt zurückkehrte.„Unter⸗ röcke in der Kajüte, ſind Sturmſegel an den Ragen. Gott gebe es gnädig.“ Der Oberſteuermann iſt hinabgegangen, um noch einmal nachzuſehen, ob Alles in Ordnung iſt. Die große Staatskajüte, herrſchaftlich eingerichtet, bietet den Reiſenden über See jede denkbare Be⸗ quemlichkeit. Rechts und links davon liegen die Kammern des Capitains und ſeiner Offiziere. Zu 70 dem Kajütengange iſt ein Theil des Zwiſchendecks gezogen, und hier befinden ſich längs den Seiten⸗ borden die Wohnungen der Paſſagiere. Der Raum vor dieſen, einzeln geſonderten Cabinen iſt eine Art von Foher, welches die Verbindung der Staats⸗ kajüte mit der Treppe zu Deck vermittelt. Jenſeits dieſer Treppe hauſen der Steward mit ſeinen Ge⸗ hülfen. Dort iſt das Büffet und die Art und Weiſe, wie daſſelbe eingerichtet iſt, giebt den Be⸗ weis, daß der Steward Alles aufgewendet hat, um die Herzen der Paſſagiere ſchon in der erſten Stunde für ſich zu gewinnen. Die Deckwacht ſchlägt an die Glocke. Es iſt ein Zeichen, daß ſich Jemand dem Schiffe naht. Ein leichtes Boot legt an den Fallreep und der Capitain ſteigt hinauf, begrüßt von ſeinem erſten Offizier. „Iſt mir gelungen, eine Viertelſtunde Vor⸗ ſprung zu gewinnen, und kann nun die Paſſagiere bei ihrem an Bord Kommen meinen Offizieren ſo⸗ gleich vorſtellen,“ ſagte er ſelbſtzufrieden.„Wo ſind die anderen Herren?“ Der Unterſteuermann und der Meiſter des Kabelgats, als erſter Deckoffizier, treten vor. „Guten Abend, Ihr Herren. Es iſt unbe⸗ 8 71 haglich, wenn Leute, die zu einem Schiffe gehö⸗ ren, auch nur eine Stunde neben einander auf⸗ und abgehen, ohne ſich zu kennen. Es ward Zeit, daß ich an Bord kam, denn ſchon höre ich den Ruderſchlag unſerer großen Staatsſchaluppe. Je⸗ dermann an ſein Werk.“ Vier Jungmänner ſchwangen ſich rechts und links die Fallreepstreppe hinab, um den Paſſagie⸗ ren bei'm Aufſteigen behülflich zu ſein. Von dort bis zu der Kajütstreppe flammten mehrere Lam⸗ pen auf, welche den Weg faſt tageshell machten. Alles Volk war zu Deck und trug die Sonntags⸗ jacken. Der Capitain ſagte heiter:„Wenn Alle am Bord ſind, giebt der Bottelier einen Extragrog. Laßt in der Staatskajüte den Thee ſerviren. Da ſind unſere Gäſte.“ Die Schaluppe legte am Fallreep an. Der Erſte, welcher das Deck erreichte, war ein rund⸗ bäuchiger Herr mit einem gutmüthigen, dicken Ge⸗ ſicht, der dem Capitain lachend die Hand bot. Die⸗ ſer ſagte raſch: „Freue mich der Ehre. Herr Brauns, dies ſind meine Offiziere: Oberſteuermann Schloſſer, Unterſteuermann von der Berg, Hochbvotsmann Burkhard Walker. Meine Herren Offiziere, dies . 72 der Herr Particulier Brauns aus Mecklenburg, Parchim denke ich, der dem„Herrmann“ während der Ueberfahrt nach Saint Thomas die Ehre ſei ner Gegenwart ſchenken will.“ Herr Brauns und die Offiziere wechſeln einige höfliche Worte, aber der Capitain iſt ſchon wieder am Fallreep, die beiden Damen begrüßend, die ihm entgegen treten. Er führt ſie zu ſeinen Offizieren und nennt dieſen Fräulein Charlotte und Fräulein Julie als die Schweſter und die Nichte des Herrn Brauns. Und nach ihnen folgen der ſtets lächelnde Herr Lobegut, ein Allerwelts⸗Enthuſiaſt, und Herr Warrens, der auf dem Continent mit engliſcher Faſhion und engliſchem Comfort renommirt, und auf ſeinem Eiland für deutſche Sitten und deutſche Gemüthlichkeit ſchwärmt. Nach ihm kommt Herr Joſua Berg, der die Induſtrie ſeiner ſächſiſchen Heimath dem Neger der Congoküſte einimpfen will, und Herr und Madame Bardini, zwei Italiäniſche Virtuoſen, die jenſeits des Oceans für das ver⸗ lorne Metall ihrer Stimme das ſolidere Metall des Sacramento einzutauſchen wünſchen. Mit hinreißender Beredſamkeit hat der Capi⸗ tain ſich ſeiner Pflicht als Wirth entledigt. Die Zahl iſt voll und er weicht erſtaunt zurück, als ein 73 Mann im dicht zugeknöpften Oberrock, den Hut tief in die Stirn, auf dem Verdeck erſcheint, der ihm mit einer ſtummen Verbeugung einen Brief überreicht. Der Capitain lieſt bei dem Schein der Laternen: „Der Herr Ueberbringer iſt von der Rhederei als Paſſagier angenommen und wird dem Herrn Capitain beſtens empfohlen. Der Herr Ueber⸗ bringer hat genügende Gründe, während der Reiſe ſein Incognito ſo lange zu bewahren, als es ihm beliebt, und wird die ſtrengſte Discretion von den Offizieren des„Herrmann“ erwartet.“ Der Capitain ſteht ſprachlos. Schon fangen die Matroſen an, die in der Schaluppe befindlichen Paſſagier-Effekten zu Deck zu bringen; ſchon ſtei⸗ gen die Paſſagiere ſelbſt unter dem Geleit der Of⸗ fiziere die Kajütstreppe hinab, als der Capitain noch immer mit offenem Munde vor dem Unbe⸗ kannten ſteht. Dieſer aber ſagt kurz:„Dort liegt ja wohl die Kajüte, Herr Capitain?“ und folgt den Anderen nach. Auf dem Kajütsgange iſt einen Augenblick lang ein wirres Durcheinander. Ein Binnenländer unter Deck ſpielt in den erſten Tagen Blindekuh mit offe⸗ nen Augen. Die Offiziere haben genug zu thun, Jeden an ſeinen beſtimmten Platz zu bringen. „Hierher die Fräulein Brauns, wenn es be⸗ liebt. Gleich neben der Kajüte ihres Oheims. Sig⸗ nor und Signora durch dieſe Thür, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ Die Paare verlieren ſich. Herr Lobegut ſteht auf der Schwelle ſeiner Kajüte und ſchlägt applau⸗ dirend in die Hände:„Himmliſch! Herrlich! Wun⸗ derſchön!“ Herr Warrens ſchlendert, beide Hände in den Taſchen, gleichgültig an ſeinen Beſtimmungsort, und Herr Joſua Berg irrt, unter jedem Arm ein Packet, ängſtlich ſuchend umher. „Ich kann meine Stube nicht finden!“ ruft er einem der Offiziere zu, und dieſer antwortet: „Sie waren ja ſchon darin! Halt! Da wohnen die Mecklenburger Fräulein!— Dort iſt die Kajüte der italieniſchen Signora!— Herr, Sie ſind ja ganz confuſe und verwirren uns mit. Endlich! Gott ſei Dank!“ Der Capitain erſcheint mit dem Unbekannten: „Meine Herren Offiziere! Herr....“ Er ſieht den Fremden erwartend an. Aber dieſer bleibt unerſchütterlich, und der Capitain fährt 75 kleinlaut fort:„Oeffnen Sie dieſem Herrn die blaue Kajüte.“ „Blau iſt meine Lieblingsfarbe!“ ſagt der Unbekannte lächelnd und geht hinein. Endlich iſt Alles ſtill. Die Paſſagiere ſind ſammt ihrem Gepäck untergebracht. Aus der Par⸗ ticuliers⸗Kajüte ſchallt ein heiteres Lachen, und der Virtuoſenkajüte entſäuſeln einige Guitarrenklänge. „Himmliſch! Herrlich! Wunderſchön!“ ruft Herr Lobegut, lebhaft applaudirend, und Herr Warrens, ſein Nachbar, ſagt ärgerlich:„Sein ſie ſtill! Ich will ſchlafen.“ „Nu will Der ſchlafen!“ ſagt verwundert die Induſtrie des Sachſenlandes zu ſich ſelbſt.„Und wir haben noch kein Abendbrod gekriegt.“ Die Glocke des Stewards klingt ſilberhell. Unbewußt errathen die Paſſagiere die Bedeutung dieſer Töne und treten ihre Wanderung nach der Hauptkajüte an. Der Capitain empfängt ſeine Gäſte und macht die Honneurs. Die Damen be⸗ reiten den Thee, die Herren ſpenden den Witz dazu, und der elegante Zirkel am Bord des„Herrmann“ iſt conſtituirt. „Und wo iſt,“ fragt der Capitain nach einer Pauſe„der letzte Herr?“ Er ſtockt, und der Steward ſagt:„Der Herr läßt ſich entſchuldigen. Er wünſcht in ſeiner Kajüte zu ſpeiſen.“ Der Capitain macht gute Miene zum böſen Spiel und ſagt, wie entſchuldigend zu der Geſell⸗ ſchaft: „Hoffe, ihn den Herrſchaften mindeſtens mor⸗ gen vorſtellen zu können. Denke, daß er die Artig⸗ keit gegen Damen haben wird, nicht länger als Verkappter unter uns zu leben. Belieben von dieſem Kuchen, Mademoiſelle? Aus der beſten Conditorei Hamburgs. Neelſen und Compagnie, Neuerwall Nummer achtzig, erſter Stock. Bin ihnen neulich vorgeſtellt. Recht artige Leute.— Ah! da iſt ja auch unſer Lootſe! Unſer Lootſe, meine Herrſchaften, der das Schiff in See bringt. Herr Johann Popp aus Neumühlen. Johann Popp, Sohn, nämlich. Herr Johann Popp, dies iſt Herr Brauns....“ Und die ganze Geſellſchaft wird abermals auf das förmlichſte aufgeführt. Der Lootſe macht ſeine Scharrfüße und brummt vor ſich hin:„In der Zeit hätte ich ein Glas Grog trinken können.“ Die Theeſtunde iſt vorüber, und die Geſell⸗ ſchaft zieht ſich zurück, um von den Strapazen der 6 Landreiſe auszuruhen, und der Seereiſe vorzubereiten. Und wie das Leben unter Deck verſtummt, wird es auf dem Decke lebendig. Um Mitternacht eine friſche Briſe auf. Der Anker wird gelichtet, und als die Sonne aufgeht, befindet ſich „Herrmann“ ſeitab der Kugelbaak; den Leucht⸗ eſr von Cuxhafen im Rücken, die offenbare See r dem Buge. Auf dem Halbdeck iſt es ſchon lebendig. Ein uf die Strapazen Paſſagier bleibt ſelten unten, wenn das Schiff in See geht. Jeder iſt in ſeiner Weiſe beſchäftigt. Herr Brauns weiß, was unter dieſen Umſtänden K Sleicht zu geſchehen pflegt. Er hat ſich ein ſtilles Plützchen ausgeſucht und wartet, eine tiefe Schüſſel 3 4 6 in den Händen, auf die Seekrankheit. Aber der% „Himmel und das Waſſer find ruhig, und ſie will ( nicht kommen. Fräulein Charlotte ſieht ſchmach⸗ ⁵ /. 3 ttend nach dem allgemach ſchwindenden Ufer zurück, 3 und hofmeiſtert ihre junge Nichte, die ihre muntern 7 . Augen überall umherſchweifen läßt, ohne daß ſie Ifnden, was ſie zu ſuchen ſcheinen. Herr Warrens„ ſitzt mit übereinander geſchlagenen Beinen, dem Lande den Rücken zugewendet, den Kopf ſtolz in den Nacken Er wittert die Luft Alteng⸗ 6 lands. Die Virtuoſen träumen von ihren amerika⸗ niſchen Siegen. Herr Joſua Berg ſieht kopfſchüt⸗ ſelnd auf den Leuchtthurm von Neuwerk. Er ſagt, daß er ſich an ſeiner Stelle ſo allein grauſam lang⸗ weilen würde und begreift nicht, daß der Unter⸗ ſteuermann bei dieſem Witz nicht laut auflacht. Der Lootſe tritt in den Kreis der Paſſagiere und vuft „Allſtunds verlaſſe ich das Schiff. Wer noch etwas am Lande zu beſtellen hat, kann es mir mit⸗ geben.“ Die letzte Friſt verſtreicht. Mit dem Rufe: „Behaltene Reiſe!“ ſpringt der Lootſe in das ihn erwartende Boot. Dahinten das Lootsgaliot und die rothe Tonne. Der„Herrmann“ rollt der Nord⸗ ſee in die ausgebreiteten Arme. Die erſte Woche iſt vorüber. Das feierliche Ceremoniell der Kajüte beginnt ſich zu klären. Das Bedürfniß, ſich während der langen, geſchäftsloſen Reiſe zu zerſtreuen, führt die Paſſagiere einander näher. Die ſteifen Formen weichen. Man ſagt ſich Artigkeiten, man leiſtet ſich Dienſte. Bei plötzlich einbrechender Briſe holen die Herren für die Da⸗ men den in der Staatskajüte vergeſſenen Shwal. Die Dame ſetzt ſich, wenn ſie die langweiligen ———— . 2 8 ⸗— N Whiſtkarten drohen ſieht, an den Flügel und bannt durch ihr Spiel die Spieler in ihre Nähe. Ein Gourmand ſpricht kurz vor dem Eſſen mit Begei⸗ ſterung von einer ſeltenen Leckerei, und als er den Appetit der Geſellſchaft auf das Höchſte gereizt, bringt er das Geprieſene aus ſeinen Reiſevorräthen triumphirend herbei. Hier wird ein Buch geliehen, dort der mitgenommene Cigarrenbedarf zur Ver⸗ fügung geſtellt. Die Damen flüſtern ſich bereits kleine Geheimniſſe zu und ſpinnen eine Intrigue an. Die Herren bleiben nach weggenommenem Tiſch⸗ tuche ſitzen und behaupten nach der dritten Flaſche, man könne bei der ſorgfältigſten Auswahl keine traulichere und herzlichere Reiſegefährten zuſammen⸗ bringen, als der Zufall ſie an Bord des„Herr⸗ mann“ geſandt habe. Nur der Unbekannte wird nicht ſichtbar. Man hört, er ſei krank und menſchenſcheu. Anfangs wird er bemitleidet, dann bekrittelt und endlich vergeſſen. Aber alle Uebrigen am Bord ſind ein Herz und eine Seele, und Herr Lobegut ruft mit vollem Rechte„Himmliſch! Herrlich! Wunderſchön!“ Ueber Fräulein Juliens Geſicht fliegt zuweilen ein trüber Schimmer. Der Vater bemerkt es wohl und ſchüttelt mit dem Kopfe. Aber bald beſinnt er 80 ſich eines Beſſern und reibt ſich fröhlich die Hände, als ſei ihm irgend ein Streich ganz beſonders ge⸗ lungen. Herr Brauns hat viele Geſundheit, vieles Geld und vielen guten Willen, ſich zu amüſiren. Nur zwei Dinge geniren ihn: ſeiner Schweſter, die noch mit fünfunddreißig Jahren die Gurli ſpielt, einen Mann zu ſchaffen, und ſeiner Tochter einen Mann ab⸗ wendig zu machen, den er ihr nicht geben will. Dieſer unwillkommene Freier zählt nur nach Hun⸗ derten, wie der Particulier nach Tauſenden, und der Mecklenburger Rothſchild erklärt die Worte des Mecklenburger Poeten: „Arm oder reich! Die Glücklichen ſind gleich!“ für eine ſchändliche Lüge. Aber Julie bittet ſo ſchön, und ihr Auserwählter iſt ein ſo ehrenwerther Mann. Darum, als Herr Brauns den Plan ge⸗ macht hat, ſeine weſtindiſchen Verwandten zu be⸗ ſuchen, ſagt er zu dem jungen Mann:„Wenn Sie mich dahin bringen, daß ich freiwillig den Heiraths⸗ kontrakt unterzeichne, iſt Julie die Ihrige.“ „Befehlen Sie nur, wo dieſe Ceremonie vor ſich gehen ſoll, und es iſt ſo gut wie geſchehen!“ ſagte jener raſch. 81 „So?“ fragte Herr Brauns im langgedehnten Ton.„Nun, mein Herr, ſoll die Unterſchrift ver⸗ bindende Kraft haben, muß ſie meinerſeits nicht nur aus freien Stücken geſchehen; ich muß mich auch noch dafür bedanken. Der feierliche Akt darf nicht in der Stadt und noch weniger auf dem Lande geſchehen. Der Ort darf kein Zimmer, kein Salon, keine Galerie ſein; es muß nicht im ge⸗ ſchloſſenen Raume, aber doch unter Dach vor ſich gehen. Es muß mitten im Winter unter Blu⸗ men, aber weder in einem Garten, noch in einem Treibhauſe ſtatthaben. Es geſchehe auf einem Platze, der in aller Herren Länder nicht zu finden iſt, und in einem Reiche, von deſſen Bewohnern uns Keiner ſieht, obgleich wir uns mitten unter ihnen be⸗ finden.“ Lachend ging der alte Herr ſeines Weges, und der vorhin ſo zuverſichtliche Bewerber kehrte mit einem ziemlich langen Geſichte heim. Das waren die Zuſtände in der Familie des Mecklenburger Rothſchild vor deren Einſchiffung an Vord des„Herrmann“, wo ſie ſich auf den ſchma⸗ len Raum zweier Kajüten beſchränkt ſieht. Fräu⸗ lein Charlotte iſt regſamer als je. Der mildere Himmel, der ſich über ſie zu wölben beginnt, ſimmt 1. 6 82 ſie noch milder, noch hingebender. Sie ſchwärmt mit Herrn Warrens über die Schönheit und majeſtä⸗ tiſche Wirkung der engliſchen Nebel; ſie hört von Herrn Berg mit dem einnehmendſten Lächeln die Entwicklungsgeſchichte der ſächſiſchen Induſtrie; ſie ſagt den Schiffsoffizieren Artigkeiten über Dinge, die ſie nicht verſteht, und bezieht die Worte: „Himmliſch! Herrlich! Wunderſchön!“ womit Herr Lobegut an ihr vorüberfliegt, ſtets auf ſich. Sie hat Augen für Alle, nur nicht für ihre NRichte Julie, die ſtets in roſiger Heiterkeit, bald auf dem Deck, bald unter demſelben, lacht und ſingt und die Bor⸗ dini's zur Verzweiflung bringt, deren zarte Ohren ſich beleidigt fühlen und die innerlich für Neid platzen, daß hier in verſchwenderiſcher Fülle vor⸗ handen iſt, was ſie ſchon lange entbehren. Aber Julie hört es nicht und ſchwatzt unbefangen mit des Stewards Frau, die mit ihrem Manne be⸗ deutungsvolle Blicke wechſelt. Nichts iſt unter den Paſſagieren verabredet; ſie haben keine Ahnung von ihren gegenſeitigen Wünſchen und Intriguen und ſpielen doch ſeine luſtige Komödie ohne Regie und Souffleur, in Comoedia del arte vom rein⸗ ſten Waſſer. Der„Herrmann“ erreicht die Höhe des nörd⸗ ſcen e Die Sſef iſt ngenthi lich thätig und wirft ab und zu vielſagende Blicke auf die Paſſagiere des Halbdeckes. Der Capitain hat daſſelbe mit einem leichten Sommerzelte be⸗ decken laſſen, und die tropiſche Ruhe der See er⸗ laubt es, dieſen Aufe thalt nach Luſt und Laune herauszuputzen. Zwiſchen zwei Kanonen hat der Flügel ſeinen Plaßz gefunden, und Fräulein Char⸗ lotte phantafirt Auf demſelben über die Träume⸗ reien ihres noch jugendlich ſchlagenden Herzens in unendlichen Variationen. Das Frühſtück wird angekündigt, und Alle vereinigen ſich um die Tafel. Der Capitain iſt heute beſonders geſprächig. Er hat für Jeden eine Artig⸗ keit, und als er zum Schluſſe das Glas erhebt, ſagt er mit einer gewiſſen Feierlichkeit: „Dies Glas trinke ich auf Ihr Wohl. Wenn ir uns zu Mittag wieder verſammeln, werde ich die Ehre haben, Ihnen Jemand vorzuſtellen, den Sdie noch nicht kennen.“ „Hier?“ fragen Alle, wie aus einem Munde. „Mitten im Ocean?“ „Nicht mitten im Ocean, ſondern unter dem nördlichen Wendekreis, den wir bis zwölf Uhr er⸗ reichen,“ fuhr der Capitain fort.„Dort hat von 6* 84 Alters her der alte Neptun ſein Reich aufgeſchlagen und macht jedem Schiffe, das über ſeinen Waſſer⸗ palaſt hinfährt, und auf welchem ſich Paſſagiere befinden, die noch nicht hier waren, einen Beſuch.“ Die Paſſagiere ſehen ſich an:„Das iſt aller⸗ dings ein Scherz. Aber zu was Ende?“ „Ich ſcherze nicht. Meine Herren Offiziere werden es mir bezeugen. Aber Sie brauchen ſich nicht zu fürchten, denn Herr Neptun iſt ein ganz angenehmer Mann, und mit einigen Dollars per Kopf iſt Alles abgemacht.“ „Die müſſen auf die Proviſion geſchlagen wer⸗ den,“ brummt der Induſtrielle vor ſich hin, und der Capitain fährt fort: „Iſt eine Eigenheit des alten Herrn, von jedem Neuling einen Tribut zu fordern. Eine Art Sund⸗ zoll, wiſſen Sie. Zahlen und für gnädige Strafe danken, oder drei Eimer kaltes Waſſer über den Kopf, das iſt ſo ſeine Manier. Denke, die Herr⸗ ſchaften zahlen lieber, als daß ſie ſich begießen laſſen.“ Er ging lachend davon. Die Paſſagiere wa⸗ ren ſichtlich erregt. Sie lachten einander zu, als wenn es eben nicht anders wäre, als ſonſt, und —— doch konnte Keiner ſeiner innern Furcht Herr wer⸗ „ 85 den. Mit jeder Minute ſteigerte ſich die Erwar⸗ tung. Endlich erſchienen die Offiziere mit ihren Sertanten, die Mittagsbreite zu nehmen. Noch ſtieg die Sonne um eine halbe Linie, noch um eine Viertel!„Halt! Sie ſteht!“ „Zwölf Uhr!“ ſagt der Capitain zu ſeiner Umgebung, und jeder Paſſagier hat die ſeine in der Hand, um ſich zu verſichern, wie viel ſie ſeit geſtern verloren habe. „Zwölf Uhr!“ ruft es über Deck. Aber der Koch läßt nicht wie ſonſt mit der großen Glocke läuten, um der Mannſchaft zu verkünden, daß ihr Mittagseſſen bereit iſt. Es iſt Alles ſtill, und eine Stimme, die vor dem Buge des Schiffes aus der Tiefe der See zu kommen ſcheint, ruft laut: „Schiff ahoi!“ Der Capitain antwortet durch das 5 dar⸗ gereichte Sprachrohr: „Halloi!“ Was für'n Schiff und woher?“ „Vollſchiff„Herrmann“ von Hamburg.“ „Wohin?“ „Nach Sanct Thomas!“ „Paſſagiere am Bord?“ 86 „Mehrere, die Alle noch nicht den Tropicus paſſirten.“ „Beidrehen!“ ruft die Stimme, und der Ca⸗ pitain kommandirt: 3 „Backbraſſen!“ Alsbald fliegen die Segel des Fockmaſtes ge⸗ gen den Wind, und die Steuerpinne wird feſtge⸗ bunden. Das Schiff liegt unbeweglich.„ Eine erwartungsvolle Pauſe. Dann ein Ruf des Staunens Seitens der unerfahrnen Paſſagiere. Ein Mann im langen Gewande, eine große Per⸗ rücke von Seetang auf dem Kopfe, eine Maske vor dem Geſicht und einen Delphinelger als Drei⸗ zack in der Hand ſteigt aus dem Galion zu Deck. Ihm folgt ein Zweiter im gleichen Koſtüm, der ſtatt des Dreizacks einen Beſen führt. Der Dritte hat ein großes Buch unter dem Arm. Das Schiffsvolk bildet mit abgezogenen Mützen Spalier, und läßt Herrn Neptun ſtll an ſich vorübergehen. Dieſer ſchreitet mit ſeinen Vegleitern bis an das Halbdeck wo er von den Offizieren empfangen wird. „Capitain vermuthlich?“ fragt der Alte le koniſch. „Ja, Herr! Beliebt näher zu treten und ein Glas auf das Wohl des„Herrmann“ zu leeren.“ 87 Der Steward bringt den Wein, und der alte Neptun braucht vielen Stoff, bevor er die Salz⸗ kruſte von der Zunge ſpült. Dann ſchüttelt er dem Capitain die Hand, und dieſer führt ihn in den Kreis der Paſſagiere: „Meine Damen und Herren, dies iſt der Ihnen bereits gemeldete Herr Neptun mit dem gefürchteten Dreizack. Dies iſt ſein erſter Secretair, der einen Beſen beſitzt, mit welchem er geſchickt den Schaum vom Buge des Schiffes ſtreicht, bei welchem ſein Herr an Bord geht. Dieſer, als zweiter Secretair, trägt das große Buch, das nun auch bald mit Ihren Namens-Unterſchriften verſehen ſein wird. Herr Neptun, dies iſt Herr Brauns aus Parchim....“ Der Capitain iſt in ſeinem Element. Er ſtellt den Meergott und deſſen Gefolge allen Paſſagieren mit ihrem vollſtändigen Namen und Charakter vor. Er wird nicht müde, ihre geſellſchaftlichen Tugen⸗ den zu rühmen, welche er während der Dauer der Reiſe ſchätzen lernte, und er zweifelt, daß der „Herrmann“ je ſo glücklich ſein wird, nochmals Paſſagiere von ſolcher Vollkommenheit bei ſich zu ſehen. n Das große Buch wird aufgeſchlagen, und der erſte Secretair lieſt: — 88 „Wir Zeus, Selbſtgott und Beherrſcher des Olhymps, entbieten Allen, die dieſes leſen, Unſern Gruß zuvor. Sintemal es in der letzten Plenar⸗ Verſammlung als unbeſtritten feſtgeſtellt iſt, daß bei der zunehmenden Cultur des Menſchengeſchlechts der Olymp allmählig zu einem Sandhügel zuſam⸗ menſchrumpft, und die raffinirte Klugheit der Men⸗ ſchenkinder die Einfalt Unſerer Götterpoeſie nicht mehr begreifen will, als üben Wir Zeus von Dich⸗ ters Gnaden zum letzten Male das Amt eines olhmpiſchen Präſidenten und verkünden was folgt: Wir verbannen uns gegenſeitig, den Einen hier⸗, den Andern dorthin, wo er mit dem Menſchenvolke in keine Berührung mehr kommt. Und weiſen Wir Unſern vielgeliebten Bruder Neptunus an die Grän⸗ zen des nördlichen Wendekreiſes, damit er allda ſeinen Waſſerpalaſt erbaue und in ſtiller Beſchau⸗ lichkeit des Tages warte, wo auch für die Olympier das tauſendjährige Reich beginnt. Damit er aber — weil von jetzt ab jede Naturalverpflegung von Nektar und Ambroſia aufhört— zu leben habe, überweiſen Wir ihm als auskömmliches Traktament eine beliebige Steuer, die er von jedem Menſchen⸗ kinde und von jedem Schiffstheil zu erheben hat, ſo zum erſten Male über die Zinnen ſeines Palaſtes wegſegelt. Gegeben am Tage u. ſ. w.“ Der Secretair macht das Buch zu und Nep⸗ tun fährt fort: „Weil nun dies ein göttlicher Beſchluß iſt, gegen den ſich kein Sterblicher auflehnen darf, ohne daß ich die Thorflügel meines Palaſtes öffne und den ganzen„Herrmann“ verſchlinge; ich aber hier am Bord viele Perſonen ſehe, die mir vorher nie zu Geſicht kamen, ſo bitte ich die mir zugeſpro⸗ chene Steuer in den Beutel zu thun, den mein jüng⸗ ſter Begleiter Ihnen zu präſentiren die Ehre haben wird. Ich aber erſuche Alle, dies Blatt mit ihren wertheſten Namenszügen zu zieren.“ Die Geſellſchaſt iſt ſofort bereit. Die Dollars fallen klingend in den Opferſack und Papa Brauns aus Parchim ſetzt mit zierlichem Schnörkel ſeinen Namen unter das vorgelegte Blatt, indem er hin⸗ zufügt: „Charmanter Spaß das! Eine kleine Co⸗ mödie auf See. Ich danke Ihnen, Herr Neptun, daß Sie mir die Ehre Ihres Beſuches geſchenkt haben, und bin ſtolz darauf, in Ihrem Stammbuche zu ſtehen, das gewiß viele berühmte Namen ent⸗ hält.“ 90 „Ganz gehorſamer Diener, Herr Schwieger⸗ vater,“ ſagte Herr Reptun, indem er Perrücke und Maske abnahm und der geheimnißvolle Paſſagier ſichtbar wurde, der am Abend der Einſchiffung die blaue Kajüte bezog. Tante Charlotte fiel in Ohnmacht.„Himm⸗ liſch! Herrlich! Wunderſchön!“ rief der Enthuſiaſt, und der Capitain ſagte: „Er hat mich in ſein Vertrauen gezogen.— Aber, ich vergeſſe. Meine Damen und Herren, dies iſt Herr Doktor Eduard Meiners aus Dömitz. Herr Doktor, dies iſt....“ Aber der Doktor hört nicht, ſondern fährt fort, indem er auf das Blatt deutet: „Das iſt mein Heirathskontrakt mit Fräulein Julien und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie ihn durch Ihre Namens-Unterſchrift beſtätigt haben.“ „Er gilt nicht!“ ſchrie Herr Brauns.„Dir Unterſchrift iſt erſchlichen.“ „Mit nichten!“ entgegnete der Doktor.„Ich ſollte Sie dahin bringen, daß Sie den Kontrakt unterzeichneten und ſich noch dafür bedankten. Dies iſt ſo eben vor all' dieſen Zeugen geſchehen. Es ſollte weder auf dem Lande, noch in der Stadt, in keinem Zimmer, keinem Salon, auf keiner Galerie 91 geſchehen, welches, wie Sie bemerkten, auch nicht der Fall war; es ſollte mitten im Winter, aber nicht in einem Garten oder Treibhauſe, und der Schauplatz doch mit Blumen geziert ſein. Es iſt heute der zehnte Januar und Sie ſehen, wie der Capitain die von mir bei der Abreiſe an Bord gebrachten Blumen aus Kajütskappe und Gang⸗ ſpill üppig hervorwachſen läßt. Das Gebiet ſoll nicht in aller Herren Länder zu finden ſein, wel⸗ es ſich hier im Ocean buchſtäblich erfüllt; auch hat ſchließlich kein Bewohner dieſes Gebietes zu⸗ geſehen, denn alle Fiſche befinden ſich wohlbehalten unter Waſſer. Ich habe alſo alle mir geſtellten Bedingungen erfüllt, und bitte nun um die gleiche Gunſt von Ihrer Seite.“ Herr Brauns wollte ein verdrießliches Geſicht machen, aber Julie ſah ihn ſo bittend an, daß er vor ſich hinbrummte: „Verdammtes Volk! Hat mich doch geprellt!“ „Braßt voll!“ rief der Capitain. Die Segel des Fockmaſtes ſchwellten an, die Steuerpinne hob ſich und der„Herrmann“ ſchoß fröhlich weiter durch die heranrauſchende Fluth. Alle Paſſagiere umringten das junge Paar mit lauten Glückwünſchen. Der Brautvater aber 92 rief:„Sei es denn! Capitain! Schicken Sie mir den Steward! Heute Abend iſt Verlobung und Alles, was am Bord eine Kehle hat, iſt ein⸗ geladen.“ „Auch die Kehlen jenſeits des großen Maſtes, Herr Brauns?“ „Alles! Vom Kieltop bis zum Sahlingsdeck!“ ſagte der Alte, erfreut, einen Schiffsausdruck ge⸗ braucht zu haben, bei dem Jeder ſich etwas denken konnte; nur ein Seemann nicht. Die Kunde von der Einladung aber war vor den Fockmaſt gelangt und als zu Ehren des Tages die Staatsflaggen gehißt wurden, ertönte ein don⸗ nerndes Hurrah zum Halbdeck herüber. 36 „Regatta! Regatta!“ Der laute Zuruf ſchallt von Deck zu Deck, von Boot zu Boot durch die ganze Seebucht. „Regatta! Regatta!“ Die jungen Seeoffiziere und Matroſen rufen es ſich einander zu. Die Fiſcher, die längs dem Strande wohnen, ſtimmen ſchmunzelnd ein, denn für ſie iſt es ein Tag, der manche klingende Floſſe in ihr Netz jagt. Die Jungen rufen es auf den Straßen. Sie ſchwenken kleine Flaggen, ſie be⸗ kämpfen ſich mit kleinen Rudern; der Sieger jubelt aus voller Bruſt, der Beſiegte ruft erboſt:„Es gilt nicht!“ und beginnt den ſchon entſchiedenen Kampf von Neuem. Es iſt eine prächtige Seebucht, in welcher ſich dies Alles vorbereitet. In ihrem Hintergrunde 94 ſteigt von den mit Eichen und Buchen bekränzten Hügeln die Rede mit ihren leuchtenden Häuſern zu Thale und macht am Hafendamm Front gegen den Maſtenwold, der ſich in doppelter und drei⸗ facher Stadt ihr entgegenſtellt. Nach kechts und unks laufen die Sthußen weiter. Dicht an dicht drängen ſich die unzertrennlichen Begleiter einer Handelsſtadty S ie achtſtöckigen Speicher, die Ar⸗ ſenale der Kaufmannsflotten, die Magazine der Schiffshändler, die von Menſchen wimmelnden Werkſtätten der Segel- und Blockmacher, die lang⸗ geſtreckten Reeperbahnen, wo die Kabeltaue zu⸗ ſammengeſchlagen werden, die Ankerſchmieden mit den glühenden Eſſen, und am Schluſſe die Werfte mit einer Reihe halbfertiger Briggs und Drei⸗ maſter auf den hochragenden Helgen. Und jenſeits des letzten Werftes, wo das geſchäftige Treiben allgemach verſtummt, liegen in duftigen Gärten und ſchattigen Parks die ſtolzen Landſitze mit dem ſäu⸗ lenragenden Dache und das mit Weinranken um⸗ zogene beſcheidene Schweizerhäuschen; erſt nahe bei einander, dann ſparſamer, bis ſich ein letztes an den Saum des Waldes lehnt, der ſeinen Fuß keck in die aufrauſchende See hineinſchiebt. Ein ununterbrochen ernſtes, gemeſſenes Trei⸗ 4 5 —,——— 95 ben iſt auf dieſen Hafendämmen und Laſtbrücken. Ein ſtetes Kommen und Gehen. Keine Kurzweil, nur Geſchäft. Kein Wort zu viel, kein Loth zu wenig: Zunge und Wageſchaale im ſteten Gleich⸗ gewicht. Aber heute iſt es anders, denn die Sonne leuchtet hell und Morgen iſt Regatta. Muſik klingt auf allen Straßen. Junges Seevolk, Arm in Arm zu Fünfen und Sechſen, ſingen und lachen. Aus den geöffneten Fenſtern wehen die Landesfarben, geſchmückt mit Blumenſträußen und Kränzen. In den Sälen des Ruderklubs wogt es auf und ab in dichtgedrängten Maſſen. Jeder will hören und ſchen; und Jeder hört und ſieht, nur nicht das Rechte; denn die Herren vom Vorſtand behalten das Beſte für ſich, und der Zeitungsſchreiber macht ſeinen Artikel auf gut Glück. Vor dem Eingange des Klubhauſes drängt ſich vieles Volk. Zwölf Ruderer, feſtlich gekleidet, harren ſammt ihren Schaluppenmeiſtern auf den Wink ihrer Oberen. Er wird ihnen ertheilt und ſie gehen nun, zwei feſtverſchloſſene Kiſten tragend, worin ſich das Allerheiligſte befindet, nach dem Hafen, einen langen Schweif von Neubegierigen hinter ſich her ſchleppend. Sie eilen die große 96 dern hinaus in die offene Bucht. „Wohin geht ihr Cours?“ Freitreppe hinab, ſpringen in ihre Böte und ru⸗ Im Oſten der Föhrde breitet ſich ein lichter, von langen Baumreihen durchſchnittener Wieſenplan zwiſchen zwei ſchattigen Parks aus. Das iſt der Platz für die Zuſchauer, die zur Regatta geladen ſind. Auch hier iſt Muſik und Tanz, auch hier wehen Flaggen und Wimpel von hohen Maſtbäu⸗ men und von leichten Zelten, deren geſchäftige Wirthe Alles zu dem Empfange ihrer Gäſte be⸗ reiten. Hart am Waſſer, wo die Strand⸗Marken ſte⸗ hen, welche den ab- und zurudernden Böten als Signale dienen, erhebt ſich das große Zelt der Klubgeſellſchaft mit Kränzen und Flaggen beſäet. Hier führt der Oekonom des Klubhauſes ſein eiſer⸗ nes Regiment. In der Mitte ſteht eine lange Tafel. Ihr ſchönſter Schmuck iſt ein aufrechtſte⸗ hender, ſilberner Schild, auf welchem die Haupt⸗ punkte des Rudergeſetzes verzeichnet ſind. Unfern davon der kunſtreiche Feſtpokal, aus welchem den Siegern der Ehrentrunk zugebracht wird. An dem einen Ende der Tafel erhebt ſich eine mit Blumen geſchmückte Terraſſe, auf welcher die Gewinne zur 97 Prunkſchau ausgeſtellt ſind, die Morgen die Sieger aus ſchönen Frauenhänden empfangen ſollen. Als erſter Preis erglänzt vor Allem ein ſilbernes Boot mit goldenen Rudern und goldenem Steuer, deſſen reiche Ankerkette den mit Brillanten beſäeten Anker hält. Bewunderung und Staunen überall. Kaum noch zu bändigende Ungeduld unter den Boot⸗ ſteurern und ihren Ruderern. Gegenſeitige Heraus⸗ forderungen, keck hingeworfene Neckereien, ſpöttiſche Selbſtverkleinerung, die von Dem, was ſie ſagt, nichts meint, als das gerade Gegentheil. Alles hüllt ſich in das Gewand des Scherzes, iſt aber jeden Augenblick bereit, ſich in drohenden Ernſt umzuwandeln. „Wenn Du mit dem ſilbernen Anker im Knopfloche Morgen Abend nach Hauſe kommſt,“ ſagt der Vater zu ſeinem Sohne, ſpreche ich Dich los von meiner Zucht und Du kannſt zuſehen, wie Du Dich allein als rechtſchaffener Kerl durch die Welt hilſſt. Bleibſt Du aber der Letzte, oder mußt gar ausbrechen, brauchſt Du gar nicht wieder daher zu kommen, denn ich will nicht, daß die Leute mit Fingern auf uns zeigen ſollen.“ Lehren, Ermahnungen, Bitten und Verhei⸗ 5. 7 98 ßungen werden ertheilt, wo nur ein Paar zuſam⸗ men ſtehen. Im ſchattigen Gebüſch, auf dem freien Wieſenplan, unter dem ſchützenden Dache der Zelte. Auch dort, wo die Flagge mit dem roth und weiß gewürfelten Damenbrett ſo luſtig von dem Linnen⸗ dache flattert, ſitzen zwei junge Ruderer und hören aufmerkſam den Ausſpruch der eben ſo jungen Wirthin, die zwiſchen ihnen Platz genommen hat, und von Beiden zu einer Antwort gedrängt wird. Es ſind zwei kräftige, männlich ſchöne Ge⸗ ſtalten und die runde Blaujacke kleidet ihnen vor⸗ trefflich. Der Eine trägt um den Leib eine leuch⸗ tende Orangeſchärpe; die Farbe des Bootes, dem er dient. Die Schärpe des Anderen iſt weiß und grün, in ſchräge neben einander hin laufenden ſchmalen Streifen. „Sprich Dich aus, Chriſtine, offen und frei,“ ſagte der Weißgrüne.„Mehr verlange ich nicht. Sprich ohne Anſehn der Perſon und habe keine Furcht.“ „Furcht?“ fragte ſie mit aufgeworfenen Lip⸗ pen.„Wäre mir gerade wie Furcht.“ „Und mir erſt!“ ſiel der Mann mit der Orangebinde ein.„Aber ein Ende muß werden. 99 Wir müſſen eine beſtimmte Antwort haben, und laſſen uns nicht länger hinhalten.“ „Darauf gebe ich Dir die Hand,“ ſagte der Weißgrüne;„wenn ich auch ſonſt nichts mit Dir zu theilen haben will.“ „Es geht auch wohl ohne Hand,“ antwortete Jener mürriſch.„Wir haben uns nichts zu ſagen und nur die Chriſtine ſoll ſprechen.“ Es war ein eigenes Dreiblatt, das um dieſen Tiſch ſaß. Nachbarskinder waren ſie, und hatten von früheſter Jugend an zuſammen geſpielt. Chri⸗ ſtinens Aeltern hielten einen kleinen Kram. Die beiden Knaben holten von den Alten, was das Haus bedurfte und machten zugleich gute Nachbar⸗ ſchaft mit Chriſtinen. Sie thaten für ihre junge Freundin was ſie konnten und dieſe nahm das Gebotene, ohne Einem den Vorzug zu geben. So gingen nun die jungen Kerle endlich zur See und wenn Einer von der Reiſe wiederkam, brachte er der ſchönen Chriſtine ein Geſchenk mit. Dieſe dankte und ließ Alles beim Alten. Da kamen Beide eines Tages von einer langen Fahrt zurück. Die Aeltern Chriſtinens waren geſtorben und hatten ihr den Kram ſammt der dazu gehörenden kleinen Schenke verlaſſen. Aus dem ſpielende Kinde war 100 eine blühende Jungfrau geworden und ihre Spiel⸗ genoſſen verwandelten ſich in feuerige Liebhaber. Sie aber blieb ſich auch jetzt gleich und wenn ſie allzulebhaft beſtürmt wurde, wie gerade jetzt, am Vorabend der Regatta, ließ ſie Beide ganz zu Ende reden und ſagte dann: „Was wollt Ihr? Ich habe es hundert Mal geſagt und wiederhole es jetzt; ich ziehe keinen von Euch dem Andern vor. Ihr könnt es nicht glauben, und es iſt doch ſo. Ich ſoll Einen von Euch heirathen. Jeder von Euch iſt mir lieb von Kindheit an, aber ich bin Keinem von Euch ſo be⸗ ſonders zugethan, daß ich ſagen möchte, Dich mag ich vor Allem gern. So weiß ich nun nicht, Wen ich nehmen ſoll, um den Andern nicht weh zu thun.“ „Wenn ich Dein Mann werde, will ich ihm noch mehr Freund ſein, als ich es früher geweſen bin;“ ſagte der Weißgrüne.„Und von allen guten Dingen, die ich habe, gebe ich ihm die Hälfte, da⸗ mit er es mit einer Anderen theile, die ihn auch lieb haben wird, wenn er ihr ſein Herz zu⸗ wendet.“ „Ich will nichts von Dir!“ rief die Orange⸗ binde.„Aber kriegen ſollſt Du was ich nur habe 101 und was ich in Zukunft noch verdiene, wenn mich die Chriſtine nimmt.“ „Nun ſind wir an derſelben Stelle, wo wir ſchon ſo oft gehalten haben und dann nicht weiter können!“ ſagte die Chriſtine, eine leichte Erregung raſch unterdrückend.„Würdet Ihr Euch unterein⸗ ander vertragen, wagte ich es mit dem, der mir von Euch beſtimmt worden. Da Ihr das aber nicht wollt und die Sache zu Ende kommen muß, ſo will ich mich mit dem von Euch Beiden ver⸗ loben, der mir Morgen Abend den beſten Preis von der Regatta in dies Zelt bringt.“ Beide ſprangen auf:„Ich bringe ihn Dir!“ riefen ſie zugleich und eilten, ohne ſich umzuſehen, in's Freie. Muſik ſchallte ihnen entgegen. Zwei Boot⸗ geſellſchaften zogen mit ihren Enblemen heran. Dem Einen ward ein orangefarbenes, dem Anderen ein weißgrünes Banner vorgetragen. Die beiden Ruderer ſchloſſen ſich den Ihrigen an, lautſchlagen⸗ den Herzens, an nichts denkend, als an den mor⸗ genden Sieg, in Gedanken den gewonnenen Preis vor ſich her tragend. Allmälig dämmert der Abend herein. Auf dem Spiegel der See glüht der letzte Schimmer 102 des Tages. Die einzelnen Jollen und Schaluppen, die noch in der Föhrde kreuzen, kehren allgemach zu dem Strande zurück. Die Wimpel und Flaggen ſenken ſich. Die Feuer verglimmen; die Lichter in den Zelten, die Fackeln vor denſelben erlöſchen. Die Fußgänger verſchwinden von den Straßen. Vom Bord des Wachtſchiffes, welches auf freiem Waſſer am Eingange des Hafens liegt, donnert der Gutenacht⸗Schuß. Die Schildwachen auf Back und Schanze rufen„Alles wohl!“ und der Offi⸗ zier vom Dienſt beſchreitet den Steuerbord des Halbdecks. Alles ruht. Aber mit dem anbrechenden Morgen erwacht das junge Leben mit doppelter Kraft. Schon am Abend vorher haben es der Hafenmeiſter und ſeine Gehülfen von Bord zu Bord angeſagt, daß ge⸗ flaggt werden müſſe und mit dem Aufgange der Sonne bedecken ſich die Gaffeln und Toppe aller im Hafen ankernden Schiffe mit den Staatsflaggen. Die Verdecke ſind blank und rein, und die Ma⸗ troſen tragen ihre Sonntagsjacken. Der Capitain weiß wohl, daß ſein Volk am Tage der Regatta doch nichts thut und darum läßt er es gutwillig laufen. 103 Mit der Minute wächſt die Zahl der kleinen Fahrzeuge, die den Waſſerſpiegel bedecken. Die Speculationsböte ſind die Erſten auf dem Platze. Das ſind die ſchwimmenden Proviantmagazine mit Getränken und Lebensmitteln aller Art, einen Ru⸗ derer am Buge, einen Verkäufer auf der Mittel⸗ ducht, und am Stern eine weiße Flagge, worin als Wahrzeichen eine bauchige Flaſche mit einem Kranz von Würſten umgeben gemalt iſt. Dazwi⸗ ſchen kreuzen die langgeſtreckten Gondeln aus dem nahen Binnenwaſſer; mit einem hölzernen Dache, einen Tiſch in der Mitte und um denſelben die Mitglieder irgend einer wandernden Kapelle mit Pauken, Trompeten und dicken Notenbüchern, ihren taktſchlagenden Maeſtro an der Spitze. Dann jene Unzahl von Seeleuten mit Glacee⸗ handſchuen aus dem Stande der Landlubbers, die nicht zu dem Klub gehören, und von der Marine ſoviel wiſſen, wie von dem Mondgebirge in Afrika. Sie haben ihre Taillen eingeſchnürt und ſehen in ihren runden Jacken aus, wie ein Schneidergeſelle in der Admirals⸗Uniform. Acht Tage haben ſie heimlich Unterricht genommen in der Kunſt ein Boot zu ſteuern, aber als ſie dieſe Kunſt bewähren ſollen, weiſen die Steven ihrer Böte nach allen 104 zwei und dreißig Strichen des Compaſſes und ein Dutzend derſelben hat ſich zu einem unentwirrbaren Knäuel in einander geſchlungen, den nur die Hafen⸗ runde wieder auseinander zu bringen vermag. Auf der Wieſe ward es ſchon früh lebendig. In dem Zelte der Preisrichter iſt das Kleinſte geordnet und vor demſelben ſind ſechs metallene Geſchütze aufgeſtellt. Die Flaggen, Banner, Gö⸗ ſchen und Wimpel der einzelnen Klubs wehen von hohen Maſtbäumen und die dazu gehörigen Mann⸗ ſchaften halten ſich in der Nähe auf. Die Marken und Baaken, welche ausgelegt ſind, werden noch mit einem letzten Kranze geziert und neben jeder legt ſich ein Boot, worin ſich ein Mann befindet, der genau die Diſtance zu beſtimmen hat, in wel⸗ cher die um den Preis kämpfenden Böte ſeine Station paſſiren. Der Mann hat Alles bei ſich, was ihm an einem ſolchen Tage vonnöthen: Ein ſcharfes Auge, einen Griffel nebſt der auszufüllen⸗ den Liſte, ein tüchtiges Packet Zigarren und den unerläßlichen Korb mit Wein. Allgemeine Bewegung. Die Staatsſchaluppe mit den Preisrichtern kommt. Weißgelockte Geſtalten mit durchwetterten von der Tropenſonne gebräunten Geſichtern. Wohlgediente Capitaine und Steuer⸗ 105 leute, mit dem Hafencapitain und dem Lootſen⸗ Commandeur als Präſidenten an der Spitze. Die Kanonen donnern ihnen den Salut entgegen; die Trompeten ſchmettern, die Pauken und Trommeln wirbeln luſtig darein. Die Direktoren des Klubs treten ihnen ent⸗ gegen und führen ſie nach dem Ehrenzelt. Der Aelteſte begrüßt die alten Seeratten mit einer Rede, und dieſe erwiedern durch ihre Präſidenten, wobei der Hafencapitain bald dem Lootſen⸗Commandeur, und bald der Lootſen⸗Commandeur dem Hafen⸗ capitain das Wort aus dem Munde nimmt, und Beiden endlich begegnet, was ſie auf dem blauen Waſſer nie erlebten: ſie ſtranden. Der Pokal wird gebracht; die geſtrandeten Feſtredner flotten ſich wieder und bringen ſich dann in den hohen Lehn⸗ ſeſſeln vor Anker. Die Geſchütze donnern aufs Neue und die Regatta beginnt. Zwei achtrudrige Böte. Die Klubherren ru⸗ dern ſelbſt. Eine halbe Meile hin und eine halbe Meile zurück, im ſtattlichen Bogen um das hinaus⸗ gelegte weiße Boot mit der dunkelrothen Flagge am Buge. Alle Ruderer weiß mit leichten Stroh⸗ ————— 106 hüten. Boot Nummer Eins rudert ſteuerbord, Boot Nummer Zwei backbord ab. Dahin fliegen ſie. Man ſieht es, daß dieſe Ruderer keine gedungenen Matroſen ſind. Junge Capitaine und Steuerleute ſitzen auf den Duchten; dazu die Söhne und Neffen ſtolzer Rheder und Schiffsmakler, die ſich ſo gut zu der Ariſtokratie der Marine zählen, als die gedienten Schiffsoffi⸗ ziere. Alle Hälſe ſtrecken ſich, alle Füße heben ſich auf den Zehen. Die Hinterſten drängen nach vorne, und die Vorderſten fallen ins Waſſer. Hurrah! Hurrah! Ein endloſer Jubel begleitet ſie. „Commandeur!“ ſagt der Hafen-Capitain zu ſeinem Nachbar.„Ich glaube, das Boot Nummer Eins gewinnt. Mein Jakob hat das Steuer.“ „Ich glaube, es thut's nicht, Capitain,“ ent⸗ gegnet der Lootſen⸗Commandeur, ſich behaglich zu— rücklegend.„Meiner Schweſter ihr Jüngſter ſteuert Nummer Zwei.“ Der Bogen um das Signalboot iſt beſchrie⸗ ben. Als ſie genau vor der Flagge deſſelben w⸗ ren, kreuzten ſie die Ruder und warfen ſie hoch zum ſeemänniſchen Ehrengruß. Dann ging es in geſtreckten Laufe zurück, und genau in derſelben Sekunde wippten die Ruder aus den Dollen, und 107 die Böte ſchoſſen, ohne ſich zu berühren, längs dem Bollwerk des Landungsplatzes. Alles Volk empfing ſie mit einem nie endenden Jubelgeſchrei. Der Sieg blieb unentſchieden, aber Alle waren fröhlich und guter Dinge; und nur des Hafen⸗ Capitains Jakob, ſowie des Lootſen-Commandeurs Schweſterſohn vermochten nicht ganz zu unter⸗ drücken, daß ſie ſich eigentlich das Weiße im Auge nicht gönnten. Der zweite Zug! Sieben Böte ſtellen ſich; jedes mit ſechs Ru⸗ derern und einem Mann am Steuer. Die Mann⸗ ſchaft des erſten Bootes trägt ſich grün und die des zweiten vrange; die dritte und vierte roſa und hellblau, die fünfte, ſechste und ſiebente purpur, dunkelblau und gelb. Ihre Flaggen und Staats⸗ decken ſind von denſelben Farben. „Regenbogen⸗Regatta!“ rufen Alle wie aus einem Munde. Alle Mann ſitzen auf den Duchten und halten die Ruder hoch. Die Kanonen geben das Zeichen zur Abfahrt. Hunderte von Böten fliegen hinter⸗ drein. Und eine Fahrt folgt der andern. Stets ein neues Bild mit überraſchenden Verwandlungen, bis 108 endlich der Mittag eintritt und die Ruderer, Her⸗ ren wie Diener, ſich nach Stand und Würden ſam⸗ meln zum fröhlichen Mahl, Jeder an dem Ort, wo ihm die Stätte bereitet worden. In Chriſtinens Zelt mit der roth und weiß gewürfelten Flagge dampft der feſttägliche Braten, und der rothe Wein funkelt in den Gläſern. Un⸗ ter den Gäſten an ihrem Tiſche ſitzen auch die Männer mit der Orange- und der weißgrünen Schärpe. „Nun kommt es an uns!“ ſagt der Erſte. „Wer ſich einen der Wimpel von dem äußerſten Seeboje holt, hat den ſilbernen Anker im Knopf⸗ loche.“ „Und dieſer werde ich ſein,“ ſagte der Weiß⸗ grüne.„Ich habe es heute Nacht geträumt, und ſolche Träume werden wahr.“ Chriſtine ſah Beide feſt an; aber ſie ſchwieg. Sie verſtanden dieſen Blick und ſchwiegen auch. Ein alter Bootführer mit weißem Kopfe, der ein Verwandter und Freund der Chriſtine war, ſaß am untern Ende des Tiſches und ſagte zu ſeinen Nachbarn:„Die haben auch mehr Liebeskram im Kopfe als Gedanken, ſonſt müßten ſie wiſſen, daß 109 ſie noch lange nicht kommen, ſondern daß wir erſt die Flaggen-Regatta haben.“ Dann aber ging er zu der Chriſtine und ſagte bekümmert:„Du bringſt Dich um der Beiden willen noch ins Unglück.“ Sie aber erwiederte:„Sie lieben mich Beide, und ich bin Beiden zu gleichem Danke verpflichtet. Ich kann nicht anders.“ Gleich darauf ertönte der Signalſchuß. Schnell noch einen letzten Trunk und dann hinunter an den Rand der Föhrde. Die Flaggen⸗Regatta beginnt. Es iſt kein Preis⸗ oder Wettrudern, ſondern eine Kunſtfahrt in geſchloſſenen Gliedern. Eine Unzahl kleiner Böte findet ſich zuſammen. In jedem der⸗ ſelben ſitzt ein Mann mit zwei leichten Rudern. Vom Buge weht eine einfarbige Flagge ab, die nach Umſtänden weggenommen und durch eine an⸗ dere erſetzt werden kann. Die Böte rudern ab. Eine doppelte Reihe, alle roth beflaggt, voran; dann folgen in gleicher Zahl die weißen, darauf die blauen. „Hollands Flagge allzeit mit uns! Ein Hur⸗ rah für Holland und ſeine braven Seeleute!“ ruft es am Strande. Ein Signal! Statt hinter einander, rudern die drei Farben neben einander hin, und bilden die 110 franzöſiſche Tricolore. Ein neues Signal. Wie⸗ derum ziehen die drei Farben hinter einander; dies⸗ mal die blaue voran, und die Muſikchöre längs dem Ufer ſpielen: „Schleswig⸗Holſtein, meerumſchlungen!“ Da miſchen ſich die Rothen und Gelben darein und bilden das Seebanner der Caſtilianer. Und weiß und blau zeigen die ſtolze Flagge, mit der Portu⸗ gals erlauchter Prinz einſt den Ocean durchſchnitt, um das Wappen der Braganza's an der Küſte von Braſilien aufzupflanzen. In Blau und Gelb leuchtet das Flaggenband des Mälarſees und det gothländiſchen Küſten. Und Flagge auf Flagge entfaltet ſich, und Zuruf auf Zuruf begrüßt ſi, bis endlich die jüngſte, nicht die letzte, ſich den Har⸗ renden zeigt. Dunkel wie die Nacht, womit das Geſchick ihr Leben zur See lange umhüllte, ziehen in dichter Reihe die Böte mit den ſchwarzen Wim⸗ peln heran. Aber noch iſt die Mitte der Bahn nicht erreicht, da weichen ſie aus einander, zwiſchen jedes ſchwarzbewimpelte Boot drängt ſich ein zwei⸗ tes mit dem weißen Wimpel. Sie legen ſich durch einander, vier und vier, weiß und ſchwarz quadrirt, und dringen im gemeſſenen Ruderſchlage unbeirtt um das ihm anvertraute Schiff behalten binnen zu 111 vorwärts, während ihre Mannſchaft in ein lautes Hurrah ausbricht und aus voller Bruſt ſingt: „Ich bin ein Seemann, mir zu Häupten rauſchet Die Preußenflagge mit dem Eiſenkreuz.“ Vorüber die Flaggen⸗Regatta! Alle kehren an das Land zurück. Da wird ein augenblickliches wirres Treiben. Die Boots⸗ gaſten drängen ſich zwiſchen die dichten Reihen. Dieſem wird geſchmeichelt, Jener wird getadelt. Hier helles Lachen, übertönt vom rauhen Fluch; dort heimliches Necken und abſichtliches Höhnen, weiterhin kalter Spott oder warmes vom Herzen ſtrömendes Lob. Dazwiſchen das Klappern der Zinnkannen und das Klingen der Gläſer, bis end⸗ lich die Kanone von Neuem das Zeichen giebt und der Ruf„Zur Seeboje!“ erſchallt. Die Seeboje iſt weit. Da, wo die Waſſer der Führde ſich von denen der offenbaren See ſcheiden, ſtehen zwei hell angeſtrichene Landmarken, und wo deren Peillinien nördlich und ſüdlich ſich kreuzen, legt als Wahr⸗ und Warnungszeichen für die fremden Segler eine große Boje vor ſchweren An⸗ kern auf dem Steert einer Sandbank. Weitab ſteuert der ſorgſame Lootſe bei demſelben vorüber, 112 bringen. So iſt die Seeboje ſtill und vereinſamt, nur zur Hälfte aus dem ſtrömenden Waſſer ſchauend, wie der Kopf eines aufhorchenden Hai's. Aber heute iſt auch ſie feſtlich geſchmückt. So weit ſie Menſchenhänden erreichbar, iſt ſie mit weißen Stä⸗ ben bedeckt, und an jedem Stabe flattert ein weißer Wimpel. Es iſt nicht leicht, binnen einer gegebe⸗ nen Friſt bis zu dieſer Stelle zu gelangen, und noch ſchwerer, ohne die Ruder einziehen zu dürfen, von der ſtets hin- und herſchwankenden, ſtets auf⸗ und abtauchenden Seeboje einen der Wimpel im Fluge zu entführen. Und doch empfängt nur der, der ſein Boot bei der Heimfahrt mit einem ſolchen ſchmücken kann, einen ſilbernen Anker im Knopfloch. Wer aber einen Wimpel heimbringt, woran nichts zerbrochen iſt, ſelbſt nicht der Zapfen, womit er an der Boje befeſtigt war, dem hängen ſie den Anker an einer ſilbernen Kette um den Nacken. „Abrudern!“ lautet der Befehlruf, und„die dichtverſchlungene Maſſe ſetzt ſich in Bewegung. Einige ſind ſchon Anfangs weit voran; in lang ausgeholten Zügen jagen ſie ihr Boot durch die kräuſelnden Wellen. Andere ſind beſonnener. Sie geben nicht die ganze Kraft zuerſt mit vollen Hän⸗ den aus; ſie rudern ſich erſt warm, um dann deſto 143 ſicherer ihr Ziel zu erreichen. Als ſich die Flotille in Bewegung ſetzte, war ſie anzuſchauen, wie eine Mövenflucht, die bei einem plößzlichen Geräuſch von dem Fuße der Düne aufflattert und ſeewärts zieht. Allmählig verſchwimmen ſie mit den Wellen, und es wird ſchwer, dem Einzelnen zu folgen. Sie ſind nicht mehr mit bloßen Augen zu unterſcheiden. Fernröhre von allen Formen und Größen werden ſichtbar. Alles Jungvolk klettert an Flaggenſtangen und Maſtbäumen hinauf, um den Geſichtskreis zu bergrößern. Aber endlich will auch das nicht aus⸗ reichen, und ſie müſſen ſich in Geduld finden, bis die buntbeflaggten Argonauten heimkehren mit dem goldenen Widderfell. Und ſie kommen zurück. Nicht in Maſſe, wie ſie abfuhren, ſondern in kleinen Geſchwadern, oft auch ein Vereinzelter, mit zerbrochenen Dollen, oder berlorenem Ruder in vollſter Havarie. Am Strande dichtgedrängt, ſtehen die Freunde und Angehörigen der Wimpeljäger, voll Begier, den Sohn, den Bru⸗ der, den Geliebten zuerſt zu entdecken und zu er⸗ ſpähen, ob von ſeinem Buge der weiße Wimpel weht. Mein Jochen hat'n nicht,“ ſagt ein alter Schauermann verbrießlich.„Der Satansjunge 15 8 114 ſoll mir acht Tage lang nichts thun, als Werg zupfen.“ „Das iſt'n Schimpf für den Jochen, Maat,“ ſpricht bedenklich ſein Nachbar. „Und das da iſt'n Schimpf für mich!“ ent— gegnete der Alte, auf das wimpelloſe Boot zeigend. „Ich glaube, Mutter,“ flüſtert eine ſchlank⸗ aufgewachſene Dirne mit munteren Augen,„das iſt des Nachbars Boot— o nicht doch!— Sie ſieht ja den ganz verkehrten Weg!— Das Boot, meine ich, mit dem gelben Kreuz am Steven. Es iſt des Nachbars Boot, und darauf weht ein weißer Wimpel.“ „Es iſt erſtaunlich,“ entgegnet die Alte, die mehr glaubt, als ſieht,„daß ein ſo alter Kerl, wie der Nachbar....“ „Ah!“ unterbrach die Dirne kichernd. e Nachbar hat'n lahmen Arm und liegt zu Bette⸗ Sein Boot rudert ja....“ Aber indem rufen ein Dutzend Burſchen einem ihrer glücklichen Genoſſen ein donnerndes Hurrah zu, und die Mutter erfährt es diesmal nicht, wer des Nachbars Boot rudert. Die Böte ſind allſammt binnen. Chriſtin ſchaut nach ihren Freunden aus. Sie hielten ſich 115 fern von einander und auch von ihr. Beide waren ſpäter bis in die Nähe der Seeboje gelangt. Alle kamen ihnen bereits mit dem Rufe entgegen:„Die Wimpel ſind alle! Es giebt nichts mehr zu fiſchen!“ Beide ſtanden bei den Maatſchaften in Anſehn und wurden ſonſt oft um Rath gefragt. Aber heute beachtete ſie Keiner. Sie waren im Unglück, und nur die Sieger freuten ſich einer allgemeinen Theil⸗ nahme. Ein feſtlicher Marſch erſchallte. Die Preis⸗ richter traten aus dem Zelte, um die Sieger zu empfangen. Ihnen zur Seite ſtanden die ſchönen Jungfrauen, welche den Glücklichen den erſtrittenen Dank mit zierlich geſetzten Worten überreichen pollten. Die Sonne war dem Untergange nahe und übergoß das lebenvolle Bild, das ſich nunmehr entfaltete, mit Purpur und Gold. Die Sieger wur⸗ den nach der Reihe aufgerufen und mit Trompeten⸗ klang und Paukenwirbel begrüßt. Einer trug dem Andern die Namen der Glücklichen zu, und Wer ein beſonders tüchtiges Werk vollbrachte, mit dem wollte Jeder bekannt oder gar befreundet ſein, hatte er auch vorher nie ein Salzkorn mit ihm gegeſſen. Chriſtine trat zu ihren beiden Freunden und ſagte: 8* „Ihr müßt Euch das nicht ſo ſehr zu Herzen nehmen. Wenn kein Wimpel mehr draußen war, konntet Ihr keinen heimbringen. Was nicht in die⸗ ſem Jahre geſchah, kann im künftigen wahr wer⸗ den, und ich halte Euch Wort. Deſſen ſeid gewiß.“ Ein dreifacher Trompetenſtoß mahnte zu neuer Aufmerkſamkeit. Die Preisrichter forderten die Wim⸗ pel von der Seeboje, und zwei Schiffsjungen er⸗ ſchienen mit Sammtkiſſen, auf welchen die zwölf ſilbernen Anker befeſtigt waren. Die Ruderer tra⸗ ten mit ihrer Beute heran. Die Richter unter⸗ ſuchten, ob einige derſelben ohne Havarie wären. Es fand ſich nur Einer, dem das Glück zu Theil wurde, den Anker an einer ſilbernen Kette zu tragen. „Weiter mit den Wimpeln!“ ſagte der Hafen⸗ Capitain, als er den letzten aus der Hand legte. „Iſt kein weiterer da!“ entgegnete einer der Clubchefs, der das Heroldsamt bei der Regatta bekleidete. „Dann,“ ſagte der Lootſen⸗Commandeur,„ſind nicht alle binnen gebracht. Die Seeboje iſt mit zwölf Wimpeln beſteckt geweſen, und hier ſind nur eilf. Hätte die Strömung auch einen derſelben weg⸗ geriſſen, müßte der Zapfen, womit die Stange be⸗ * 117 feſtigt war, ſichtbar geblieben ſein, und das darf dem Auge eines Seemannes nicht entgehen.“ „Ein Wimpel fehlt!“ Dieſer Ausſpruch brachte eine elektriſche Wir⸗ kung hervor. Die Richter ſahen einander an und wußten nicht gleich, wie entſcheiden. Da ſchwang ſich einer der Herren auf einen erhöhten Platz und rief: „Es wird ja wohl ein Burſche in der ganzen Flotille ſein, der, trotz der hereinbrechenden Däm⸗ merung, den Muth hat, den Wimpel zu holen, wenn man ihm nicht nur den Anker verſpricht, ſon⸗ dern die ſilberne Kette dazu?“ Es war eine Frage; die raſch hingeſprochene Meinung eines Einzelnen. Die Menge nahm es für einen Beſchluß und brach in ein nicht zu en⸗ dendes Hurrah aus. Auch Chriſtine, welche ſich noch in der Nähe ihrer Freunde befand, wurde bon der allgemeinen Erregtheit fortgeriſſen. Aber ſie unterdrückte das mächtig aufwallende Gefühl. Sie preßte die Hand gegen das lautſchlagende Herz und blieb ſtumm. Ihr Auge ſtreifte unwillkürlich den Freund mit der Orangebinde, und in dieſem Blicke lag ein räthſelvolles Etwas. Beide ſahen es nicht mehr, ſie waren bereits auf dem Wege zu 118 ihren Böten. Mit ihnen rüſtete ſich die ganze Schaar zur Abfahrt. Manche ſtanden ſchon mitten im Boot und ſchwangen die Ruder. Aber Viele hielten mitten im Löſen der Fangleine inne und ſahen bedenklich zu dem Himmel auf. Dieſer hatte ſich ſeltſam verändert. Die heitere Bläue, womit er ſich während des Feſtes ſchmückte, ſank der unter⸗ gehenden Sonne nach, und ein drohendes Wetter braute aus der See auf. Von Allen, die zur Ab⸗ fahrt haſteten, blieben nur Wenige beim Werke. Die Herren im Zelte hatte das raſch ausge⸗ ſprochene Wort eines der Ihrigen verwirrt. Als ſie ſich recht beſannen und das verderbliche Wetter ſahen, riefen ſie aus, daß ſie ihre Zuſtimmung ver⸗ weigerten. Aber die wirklich entſchloſſenen Ruderer hörten es nicht. Sie waren ſchon mitten auf der Föhrde, umhüllt von der wachſenden Dämmerung, grollend empfangen von den heran ſtürzenden Wellen, die der Nordoſt vor ſich her in die Seebucht jagte. Und Viele ließen es ſich eine Warnung ſein. Erſt warf ein Einzelner ſein Boot herum; dann wieder Einer und noch Einer. Sie fuhren heim, ohne den Kampf zu beginnen. Endlich waren nur noch die Bewerber Chriſtinens draußen, und die zuletzt Heimkommenden ſagten aus, daß ſie Beide 119 friſch rudernd erblickt hätten, obgleich die anſtür⸗ menden Wellen ſie weit von ihrem Courſe ver⸗ ſchlagen hätten. Der Sturm nahm überhand. Vom Eingange der Seebucht her blitzte die Brandung wie ein un⸗ heimliches Silberglühen. Am Ufer wurden Fackeln angezündet und auf hohe Stangen geſteckt. Helle Laternen brannten auf den Land- und Waſſermarken, um den draußen Umherirrenden den nächtlichen Pfad zu zeigen. Aber ſie kamen nicht. Chriſtine ging in ihr Zelt und weinte ſtill vor ſich hin. Die Stunden vergingen. Sie merkte nicht darauf. Die Menſchen verliefen ſich. Es war leer am Strande. Die Fackeln und Leuchten erloſchen. Sie wußte es nicht. Da ſchlug die Zeltdecke auseinander. Der Seemann mit der Orange-Schärpe trat ein. In der Hand hielt er eine zerbrochene Wimpelſtange mit einem weißen Feten daran. „Hier iſt der Preis!“ ſagte er mit zitternder Stimme. Bei dem Tone dieſer Stimme ſchrie Chriſtin freudig auf. Ihr Geſicht glühte; ihre Augen leuch⸗ teten. Sie ging dem Freunde raſch entgegen und hielt ihm die Hand hin:„Ich bin bereit!“ — 6 „Ich nicht!“ entgegnete er tonlos. Sie ſah ihn an. Sein Anblick erſchreckte ſie und ſchwer rangen ſich die Worte von ihren Lippen: „Wie kommſt Du mir wieder?“ „Wir ſtreckten Beide zugleich die Hand nach der Stange aus. Da griff ich nach dem Dollbord ſeines Bootes, und er ſtürzte kopfüber in die See.“ „Jeſus!“ ſchrie Chriſtine und ſank bewußtlos nieder. Er entfernte ſich mit zitternden Knieen. Regatta! Regatta! Die glücklichen Sieger verſammelten ſich mit ihren Freunden zu einem fröhlichen Mahl. In den hell erleuchteten Sälen des Klubhauſes herrſchten Spiel, Tanz und Geſang. Die Becher kreiſten. Hundert Geſchichten voll Luſt und Laune würzten die Feier. Was aber in dem Zelte mit der weiß und roth gewürfelten Flagge geſchehen war, erzählte Niemand. Regatta! Regatta! Eisgang. Da brauſt ein Segler aus See heran. Wenn ein Schiff, mit Flaggen und Wimpel, im bunten Farbenſchmuck und mit wallenden Se⸗ geln aus See heimkehrt, dann führt es den Namen „die gute Hoffnung“ mit Ehren und Alle die das Deck betreten, weht ein Hauch des glücklichen Gei⸗ ſtes an, der in dieſen Räumen waltet. Da liegt ſie die ſtattliche Brigg, die dieſen beglückenden Namen trägt. Noch flattern die Segel im Winde, noch iſt der Lootſe nicht vom Verdeck geſchieden, als ſchon der Hafenmeiſter erſcheint, und ihr den Liegeplatz anweiſt. Im Binnenhafen iſt bereits Alles beſetzt. Der Spätherbſt iſt da und die Schiffe, die hier ihre Heimath haben, ſind Alle vor ihr zurückgekehrt. 122 Da kommen Schuten und Prahme, um die Brigg zu entlaſten. Die Matroſen und hüflfreiche Schauermänner bringen das laufende Gut zu Deck. In dreien Tagen iſt die Brigg ſo kahl, wie ein Waldbaum nach dem Decemberſturm. Die letzte Arbeit iſt gethan. Die Mannſchaft geht an's Land, um vor dem Richter die Verklarung zu belegen; ſie geht zum Waſſerſchout, um ihre verdiente Häuer zu empfangen, und in die Schenke, um ſie wieder zu verthun. Am andern Tage kommen ſie einzeln zurück, um ihre Kiſte und Hängematte zu holen; dann wird es einſam am Bord und nur der„Lig⸗ ger“ bleibt allein zurück. Der Ligger am Bord iſt ein alter, wackerer Seemann, der mehrere Reiſen mit demſelben Schiffe gemacht und darum eine beſondere Vorliebe dafür hat. Er iſt über die Jahre hinaus, da Fidel und Weiber das Morgen- und Abendgebet des Ma⸗ troſen ſind und hat Niemand, bei welchem er den langen Winter in Frieden verleben möchte. So bleibt er am liebſten am Bord und hat Acht, daß bis zum nächſten Frühjahr Alles wohl im Stande bleibe und kein Schiffsdieb begehre, was ihm nicht gehört. Was er für ſich bedarf, holt er ſich von Zeit zu Zeit vom Lande. Er iſt ſein Koch und 123 ſein Bottelier, ſein Doktor und Apotheker, ſein alleiniger Geſellſchafter und Helfer bei allem Thun, ſein zuverläſſiger Freund in der Noth. Der Herbſt hat ſeine letzten Stürme über See gejagt und die Fluthen erſtarren zu Eis. In dichten Flocken fällt der Schnee aus dunklen Wol⸗ ken herab; das wogende Element ruht in dem Vann der kryſtallenen Hülle, die ſich von Stunde zu Stunde mehr verdichtet. Der Ligger am Bord der guten Hoffnung heißt Meinert Dirk und iſt von einer jener Halli⸗ gen gebürtig, die neben einander in der Weſtſee hingeſtreut, ein redendes Zeugniß ſind von jenen großen Land⸗ und Waſſerrevolutionen, die in frü⸗ heren Jahrhunderten ein blühendes Land in die Tiefe hinabſchleuderten und die ſtarrenden Dünen darüber hin thürmten. Meinert Dirk hat eben die Bottlerei durchſtöbert und gefunden, daß der letzte Vorrath dahin iſt. Ihm iſt das Land ſo gleich⸗ gültig, daß er ſtets nach einem Vorwande ſucht, es nicht betreten zu dürfen. Aber nun iſt kein Vorwand mehr möglich, und er fängt allgemach an, ſich aufzutakeln. Als er vom Bord ſcheidet, hat ſich das Wetter weſentlich geändert. Der Wind ſprang nach Sü⸗ 124 den um; die Luft iſt milde und die grauen Wolken, die ſich am Himmel zeigen, drohen mit Regen. Als er den Fuß von der Schiffstreppe auf die Eisdecke ſetzt, ſeufzt er tief, als trete er in eine ihm fremde Welt; dann geht er die Straße ent⸗ lang, deren Pflaſterſteine Eisblöcke und deren Pa⸗ läſte Barken und Schooner, Fregatten und Galioten ſind. Meinert Dirk tritt in's Comptoir. Er empfängt ſein Geld und geht mit ſich zu Rathe, was und wieviel er für Faß und Kelle beſchaffen ſoll. Da kreuzt ein halbgewracktes Galion ſeinen Cours und legt hart vor ſeinem Bugſpriet mit backen Se⸗ geln bei. „Hollah! Wen haben wir hier? Meinert Dirk vermuthlich?“ „Ligger am Bord der guten Hoffnung. Und Ihr da?“ „Andres Roder, oder wie ſie mich immer hei⸗ ßen, der grüne Andres, weil ich in der Jugend ein ſolcher Grünſchnabel war. Heiße noch ſo, trotz der weißen Haare an meinem Schädel. He, alter Maat, weißt noch, wie wir mitſammen Kojegaſten am Bord des„Nordſterns“ waren? Knappe Koſt und harte Arbeit, denn der Capitain war ein Jüte. 125 Uns aber kümmerte es nicht, wir blieben guter Dinge und lachten über Kajüte und Halbdeck. Habe in ſpätern Jahren manches luſtige Geſpinnſt ab⸗ gewickelt, das wir in jener Zeit ſpannen, da wir das Seewerk lernten. Aber, das iſt ein ſchlechtes Kreuzen hier in Wind und Regen. Habe eine ſchmucke Kajüte nahebei und eine Bottlerei dazu; darin wollen wir uns für eine Stunde zu Anker bringen.“ Sie thaten's. In einem jener Keller, die in der Hafenſtraße ſich unter den Magazinen und Speichern in die Erde hinein verlieren, und durch das Waſſer, das von den Wänden träufelt, den Seemann ſtets an ſein eigentliches Element erin⸗ nern, hatte der grüne Andres ſeine Hängematte aufgeſchlagen. Die Kleiderkiſte war beides, Ar⸗ beits⸗ und Speiſetiſch und der Ofen mußte zugleich als Combuſe dienen. Die Pfeifen dampften. Der Grog in dem Glaſe war ſo ſteif, wie der Südweſt, der draußen wehte und das Geſpinnſt, welches ſie ſich einander abwickelten, lief nicht immer glatt von der Spuhle; es hatte mitunter Kinken und Knoten. Da langte Meinert Dirk bedächtig nach dem Glaſe und that den letzten Zug. 126 „Lens pumpen!“ ſagte der grüne Andres fröhlich. „Habe es gethan, alter Maat. Nur der Ge⸗ ruch giebt es noch, was für Stoff darin war. Und nun wirf die Jagetroſſe los, die mein Fahr⸗ zeug hält und laß mich bei mir an Bord ſteuern“ „In dem Sturm? Und bei dem Regen?“ „Für den Sturm habe ich das Segelreffen gelernt, und der Regen kann mich von Außen nicht naſſer machen, als ich von Innen geworden bin. Sprich mir nicht darein, Mann. Werde krank, wenn ich eine Nacht am Lande ſchlafe, und muß obenein vor jedem Schaden aufkommen.“ „Du willſt nicht am Lande ſchlafen und ich möchte mal wieder ſehen, wie man ſich am Bord zur Koje lootſt. Ich kreuze mit Dir zur„guten Hoffnung“ hinaus. Wo iſt Dein Packen?“ „Sind ihrer zwei. Jeder von uns nimmt Einen. Sollſt Deinen Platz finden am Bord, wie ihn ein Deckofficier nicht beſſer wünſchen kann. Die Bootsmannskammer am Kabelgat iſt blank und rein. Anker auf und vollbraſſen.“ Die beiden Männer ſchwankten fort. Unter ſtrömendem Regen, bis an die Knöchel im Waſſer watend, gelangten ſie am Bord. 127 Es war ein trüber Morgen. Feucht wehte der Südwind über die Eisdecke, die aus dem dar⸗ über hinfluthenden Waſſer ſtellenweiſe hervorragte. Die großen Brücken, welche von dem Ufer auf den Strom führten, wurden abgebrochen. Dieſe Brücken ſind die polizeilichen Wegweiſer, die amt⸗ lichen Vermittler zwiſchen Land und Waſſer; ſo lange ſie liegen, iſt die volle Sicherheit verbürgt. Aber wenn ſie aufgenommen werden, iſt die Bürg⸗ ſchaft erloſchen und das Betreten der Eisdecke ge— ſchieht für eigene Gefahr und Rechnung. Es giebt Platz. Wo ſich vor Kurzem noch eine zahlreiche Verſammlung fand; wo geſchäftiger Müßiggang, ruheloſes Tagewerk und ausgelaſſene Luſt neben einander hinwanderten; wo Schlittſchuläufer, Laſt⸗ wagen und ſchlanke Renner mit prachtvollem Schel⸗ lengeläut die Straße ſich kreuzten, iſt es leer. Die Zelte mit den wehenden bunten Flaggen und den luſtigen Inſchriften fallen zuſammen. Die Schenken und Garküchen packen auf, die Carouſſelle und ihre Kreisſchlitten bauen ab. Die Feuer erlöſchen. Die Muſik verſtummt. Nur der kleine Erwerbs⸗ verkehr zwiſchen beiden Ufern, auf Handſchlitten und zu Fuß will nicht ſterben. Die bittere Noth⸗ wendigkeit friſtet noch ſein Leben. Um den Gewinn 128 einiger Groſchen wagt der verwegene Menſch ſein höchſtes Gut und kämpft mit dem treuloſen Ele⸗ mente jede Stunde einen neuen Kampf um das nackte Leben. Im Zwiſchendeck der vereinſamten Brigg ſpürte nur Einer dieſe Veränderungen. Als Meinert Dirk mit ſeinem Freunde vor dreien Abenden an Bord ging, dachten Beide nicht daran, daß Andres am nächſten Morgen nicht wieder an's Land zurück⸗ gehen könne. Ihn ſchüttelte das Fieber und er lag einen Tag ohne Beſinnung in der düſtern Koje. „Dachte wohl, daß ein Unglück geſchehen würde,“ ſagte Meinert Dirk zu ſich ſelbſt.„Wenn ein Schiff ſo liegt, daß ſein Volk an die faſte Wall gelangen kann, ohne ein Ruder in's Waſſer zu tauchen, darf Keiner vom Bord gehen, bevor er ein Kreuz auf den Fallreep gemalt hat und dazu ſpricht: Gott Vater zur Nacht Nimm Du die Wacht! ſonſt kommt allerlei Teufelei an Bord. Habe das fromme Werk vergeſſen und nun haben wir das Fieber hier und der arme Junge kann vielleicht ohne des Doktors Hülfe daran glauben müſſen. 129 Wie er ſich ſchüttelt! Will'n meine Joacke noch überdecken. He! He! Arme unter die Decke! Kommts nun mit der Hitze? Wirf nicht Alles weg, grüner Andres, als wäre es unnützer Ballaſt. Willſtnen Trunk thun?“ Der Fieberkranke richtete ſich auf, und ſah den Freund mit großen Augen an. Er rieb ſich die Stirn, als beſönne er ſich auf etwas. Dann fragte er:* „Sind geſtern ſpät an Bord gekommen. Iſt es ſchon Tag?“ Meinert Dirk lachte:„Haſt endlich ein Wort für mich? Sind drei Tage, ſeit Du bei mir am Bord biſt. Hatten Beide ſchwer geladen in Deiner Zwiſchendecks⸗Kajüte und kamen erſt nach einem ſchlimmen Kreuzzuge an Bord. Havarie vollauf. Den Proviantbeutel, den ich Dir aufgeladen, haſt Du verloren und dafür das Fieber aufgeſackt, das Dich hier feſthielt. Aber Dein Auge ſieht klar und ich denke, die Gefahr iſt vorüber.“ „Mich durſtet, Maat.“ „Hier iſt Waſſer mit etwas Kräftigem ver⸗ ſezt. Nun nimm aber die Decken wieder zuſam⸗ men und ſchlafe weiter. Will auch eine Steuer⸗ tour lang einnicken.“ 1. 130 „Ich bin nicht mehr müde. Muß lange ge⸗ ſchlafen haben. Drei Tage bin ich bei Dir am Bord, ſagſt Du? Mir ſcheints, es ſind noch nicht drei Stunden. Und doch kommt mir der Gedanke an alle Arten Traum. War auch'ne Geſchichte darunter von'ner Nonne und vom goldenen Tajo...“ „Weiß, was Du meinſt und will das Ge⸗ ſpinnſt vor Dir abwickeln. Hatte eine gute Häuer auf einer däniſchen Schvonerbrigg. Der Capitain war ein luſtiger junger Herr, der viele tolle Streiche machte, wenn er außerhalb Landes war. So la⸗ gen wir unterhalb Liſſabon vor Anker und der Capitain, der große Stücke auf mich hielt, ſagt eines Abends zu mir:„Meinert Dirk, will mich für ein Paar Tage im Grünen umſehen, und D ſollſt mit. Es darf aber Niemand das Geringſt erfahren, weder vorher, noch nachher. Darauf gieb mir die Hand, als ein ehrlicher Matroſe.“ Das that ich und noch in derſelben Stunde gingen wir in's Grüne. Als es eine Zeitlang gedauert, ſagte der Capitain zu mir:„Siehſt die Mauer hinter den Weinranken hervorgucken? Iſt ein Gefängniß ſo ſchlimm, daß die Gewölbe bei uns daheim in Kro⸗ nenborg luftige Kajüten dagegen ſind. Darin ſüt eine ſchmucke Portugieſin mit heißem Blute und . 131 ſchwarzen Augen, die wollen ſie zur Nonne machen. Sie aber will nicht, ſondern will mich zum Manne haben und ſie ſoll mein Weib ſein, ſo wahr ich ſie mehr als mein Leben liebe. Gutwillig bekomme ich ſie nicht, darum will ich ſie ſtehlen bei Nacht.“ Mich wunderte, daß der Capitain es ſo lange verſchob. Ich hätte es lieber gleich gethan, denn ich war ein junges, unruhiges Blut, das nicht lange auf einer Stelle blieb, und ſtrebte ſchon wieder anderswo hin. Nun floß ein ſchmales Waſſer un⸗ weit der Mauer, das lief zwiſchen Buſchwerk und Steinen bald ſteuerbord, bald backbord, bald rück- bald vorwärts, bis es in den Tajo lief. War tief genug, um ein leichtes Boot zu tragen, aber wegen des ſchnellen Stromes und der vielen Klippen und Strudel nicht leicht zu befahren, zu⸗ mal in der Nacht. Fand nahebei einen Kahn, wie ſie dort zu finden ſind, plump und unbeholfen. Darin legte ich mich an der beſtimmten Stelle platt nieder. Hatte meine Ordre, daß ich mir nicht eher etwas merken laſſen ſollte, bis ein blaues Licht auf dem obern Rand der Mauer erſchiene. Dann werde eine Strickleiter herabrollen, die ſolle ich unten feſthalten und wenn Alles am Bord, die Ruder brauchen, wozu ſie gut wären. Als 9* 132 ich Alles klar gemacht hatte und mit Ungeduld auf das Licht warte, höre ich, daß etwas nahebei im Laube raſſelt, und zwei Kerle einander zurufen: „Hier wirds ſein. Das ſind die zwei ſtarken Kaſta⸗ nienbäume und in ihrer Nähe muß der Kahn liegen, worin wir uns verſtecken ſollen, um zur Hand zu ſein, wenn ſie ja über die Mauer kommen.“— Das hörte ich. Leiſe ſteckte ich die Hand über Bord. Ein Seemann hat immer ein gutes Meſſer bei Wege, zumal wenn er mit ſeinem feurigen jungen Capitain in's Grüne geht. Mit einem Ruck ſchnitt ich die Fangleine durch und ließ mich trei⸗ ben. Kaum war ich fort, als Einer von den Beiden ſagte:„Die Bäume ſind wohl da, aber kein Kahn, und weitere Bäume auch nicht. Wollen eine Strecke weiter ſtromauf gehen; dort ſind mehr Bäume und vielleicht liegt dort der Kahn.“ Mich überlief es kalt. Fanden ſie mich, bekam ich ein Paar Zoll portugieſiſches Eiſen in den Leib und mein Capitain war gefangen. Da ſchüttelte es mich, wie neulich Abends Dich, und ich dachte wohl, daß es das Fieber ſei, ließ mir aber nichts mer⸗ ken, denn der Eine von den Kerlen ſagte:„Geh Du allein; ich bleibe hier, damit nichts geſchieht, ohne daß wir etwas davon wiſſen.“ Der Kerl 133 ſtolzirte unter den Bäumen auf und ab und ich zitterte, daß jeden Augenblick das blaue Licht er⸗ ſcheinen werde. Darum ſchob ich die Spitze des Kahnes leiſe auf den Sand, ſchnitt die Fangleine in zwei Stücke und ſtieg an das Ufer. Schritt um Schritt ſuchte ich dem Kerl näher zu kommen, und als ich dicht hinter ihm ſtand, warf ich mich auf ihn und riß ihn zu Boden. Wir rangen tüchtig, doch war er von dem Fall betäubt, und es gelang mir, ſeine Arme und ſeine Füße zu binden. Dar⸗ auf riß ich mein Halstuch ab, und quetſchte es ihm in den Mund, damit er nicht ſchreien ſollte. Kaum war das geſchehen, als das blaue Licht erſchien und die Strickleiter hezabrollte. Mein Capitain kam mit ſeiner verſchleierten Dame zu mir in den Kahn. Als wir kurz vor Tagesanbruch an Bord kamen, lichteten wir die Anker, ſegelten über die Barre und waren auf hoher See. Habe niemals recht erfahren können, wie es mit der Geſchichte jener Nacht zuſammenhing, denn von der Anſtren⸗ gung und der Furcht verlor ich die Beſinnung und ward in des Doktors Kammer getragen. Als ich wieder geſund wurde, befanden wir uns in dem Hafen von Rouen. Der Capitain rief mich zu ſich in ſeine Kammer und ſagte:„Meinert Dirk, ich —— k 134 habe Deinen Handſchlag, daß kein Menſch von Dir erfährt, was in jener Nacht am Tajo vorgefallen iſt. Damit wir aber nicht in Verſuchung kommen, mehr von der Sache zu ſprechen als dienlich, ſo danke ich Dich ab und ſchicke Dich an Bord des „Paradiesvogels,“ wo Du auf meine Verwendung an des verſtorbenen Bootsmanns Stelle trittſt. In dieſem Beutel iſt Deine verdiente Gage, alter Maat. Ich werde Deinen Beiſtand nie vergeſſen und ſomit behaltene Reiſe auf Nimmerwiederſehn.“ So kam ich halb im Traume zur Meiſterſchaft des Kabelgats, und als ich am andern Morgen nach der Schvoonerbrigg ausluge, um den Capitain zu preien, wie das Alles ſo eigentlich zuſammenhänge, war dieſe bereits wieder in See und ich habe ſeitdem nie mehr etwas von ihr gehört. Das iſt mein Geſpinnſt von der Portugieſin und Du haſt gehört, wie man durch'ne gute Portion Fieber zum Deck⸗ offizier werden kann, wonach Dir nun wohl nicht der Sinn mehr ſteht.“ Da ſchütterte es mächtig in der Luft. Es war, als ob durch die Stille der Nacht ein toſen⸗ der Donner raſete und lange nachhallend wieder⸗ tönte; es war, als ob ein glühender Blitz nieder⸗ führe und bis in den Mittelpunkt der Erde dränge, Tod. Wir müſſen hier ausharren“ 135 denn es zitterte und bebte meilenlang ſtromauf und ſtromab. „Was iſt das?“ rief der grüne Andres ent⸗„ ſetzt, indem er jach auffuhr. „Habe es mir lange gedacht und wollte es uur nicht ſagen, um Dich nicht vor der Zeit zu erſchrecken. Die Eisdecke bricht.“ „Chriſtus! Und wir liegen mit dem iſe außerhalb des Bollwerkes.“ „Das thun wir, alter Maat. Gott ne Iſt eine ſchlechte Lagerſtatt.“ „Laß uns an Land, Meinert Dirk. Laß uns fort, ehe das Eis uns mit ſich reißt.“ „Hat nicht noth. Das Schiff liegt vor tüch⸗ tigen Kabeln hinten und vorne feſt.“ „Wenn ſie nicht reißen, ſchneidet das Eis den Boden des Schiffes durch und wir ſinken, oder es thürmt ſich vor dem Buge und am Stern zuſam⸗ men und wir werden gequetſcht. Darum ſort an's Land.“ Biſt drei Tage unter Deck und im Fieber,“ ſagte Meinert Dirk mit trübem Ernſt.„Du weißt nicht, daß wir nicht mehr fliehen können. Das Eis bröckelt und jeder Fußtritt außenbords iſt gewiſſer —————— 136 Der kaum Geneſene ſtierte den Freund mit ſteigender Angſt in's Geſicht. Dieſer ſagte: „Halte Dich hart, Andres. Habe Holz voll⸗ auf und Du ſollſt nicht frieren.“ „Aber Du... Ach, Gott, mir fällt Alles ein. Ich habe den Sack von mir geworfen, worin Deine beſte Proviſion war; ich habe Dich darum gebracht und Du leideſt Hunger.“ „Fürchte Dich nicht, Andres. Noch iſt etwas da. Habe früher manchen Tag gefaſtet und Du auch. Wird ja nicht ewig dauern. Andres warf ſich ſchluchzend auf ſein Lager und konnte ſich nicht zufrieden geben. Meinert Dirk ſuchte ihn zu tröſten und hörte zugleich mit wach⸗ ſender Furcht den fliegenden Sturm, der an die Brigg rührte, daß die Maſten in ihren Spurhöl⸗ zern bebten. Da knackte es plötzlich unter ihnen und ein domerähnliches Geräuſch hallte außenbords herum. „Ein Kabel iſt geriſſen!“ rief der Ligger un⸗ willkührlich aus und wollte auf das Verdeck. Der Kranke, der ſeine Hand hielt, ließ ihn nicht. „Nimm mich mit. Ich kann nicht allein hier bleiben. So oder ſo! Wir ſind hin.“ „Die Brigg war ohne Halt und der Strom 137 riß ſie mit. Schwunges flog ſie zur Seite. Es geſchah mit ſo gewaltigem Stoße, daß auch der zweite Kabel vor der mächtigen Anſtrengung riß, und die Brigg nun willenlos in den dichten Eis⸗ ſchollen umhertrieb. Es war ein wüſtes Toſen; ein endloſes Krachen und Berſten. Dazwiſchen donnerten die Kanonen 3 auf den Hafenbatterieen, die den begonnenen Eis⸗ gang verkündeten und die Uferbewohner zur Wach⸗ ſamkeit ermunterten. Schuß auf Schuß verhallte. Feuerſignale flackerten auf. Die Menſchen verſam⸗ melten ſich am Strande. Sie ſahen nichts als eine ungefügige, regelloſe Maſſe, die ſtets ſchwankend, an einigen Stellen hoch emporragend, an anderen plötz⸗ lich zuſammenbrechend, langſam vorübertrieb. Da wird es Tag. Sein erſter trüber Schim⸗ mer fliegt über den Strom und entrollt das grauen⸗ erregende Bild vor Aller Augen. Hundert Grup⸗ pen bilden ſich; jede für ſich gewährt ein lebendi⸗ ges Bild. „Wie Anno achtzig,“ ſagte ein alter Ever⸗ führerbaas, der über ein halbes Jahrhundert zwi⸗ ſchen Schiff und Speicher mit ſeiner Schute um⸗ herſchwimmt. Damals ſah es auch aus, als ob ein hohes Gebirg ſich mitten in den Strom hinein⸗ 138 ſchob und dort feſtwachſen wollte. Mein Vater, der ſeiner Zeit ein tüchtiger Robbenſchläger geweſen iſ, meinte, es wäre wie in Grönland.“ „Kann nicht ſagen, daß ich mir etwas Son⸗ derliches bei den Bergen denke,“ ſagte ein aufge⸗ ſchoſſener Burſche, der aus den weiten Marſchſtrecken des Hadeler Landes gebürtig war. Man ſieht nicht einen Schritt weiter, als ſie es haben wollen. So iſt's nicht bei uns daheim, wo wir die Deiche auch gern abſchafften, wenn es nur jenſeits derſelben keine Nordſee gäbe. Aber einen Eisgang wird es weiter unten ſetzen, woran man ſeine Freude hat. Es treibt in einer Breite von zwei Meilen abwärts.“ „Bis der Strom kentert. He? Daran dachteſt wohl nicht, Jungkerl? Gieb nur Acht. Bald wird es ſo weit ſein.“ Alle ſehen auf den wandelnden Strom. Eine lange Reihe von zerbröckelten Eisſchollen, eine ne⸗ ben, eine nach der andern. Dazwiſchen ſchmale Rinnen mit klarem Waſſer. Keine Scholle für ſich ſtark genug, nur die geringſte Laſt zu tragen; und ſo dicht gedrängt, daß auch nicht das ſchmalſte Boot dazwiſchen Raum findet. Langſam zieht ſie vorüber dieſe kahle, auf⸗ und abtauchende Fläche. Ein Haufen wilder Buben, die überall oben⸗ 139 auf und nirgends an ſind, tobte zwiſchen den ein⸗ zelnen Gruppen hin und her und trieb ſeine aus⸗ gelaſſenen Spiele. Da ſtand einer von ihnen plötz⸗ lich ſtill und rief ſtromaufwärts zeigend laut aus: „Schiff nach See!“ „Was ſagſt Du, Unband?“ fragte der Ever⸗ führerbaas, ihn bei den Ohren faſſend.„Willſt ehr⸗ bare Leute zum Narren halten?“ „Sage, daß ein Schiff in See geht,“ ant⸗ wortete der Junge trotzig, indem er ſich losriß. „Könnt es ſelbſt ſehen, wenn Ihr die Augen dazu habt.“ „Ein Schiff! Ein Schiff!“ rief es überall, und alle Blicke wandten ſich auf die Brigg zur guten Hoffnung, welche mitten im Strom trieb, ein dich⸗ tes Bollwerk von aufeinander geſchobenen Eisplat⸗ ten um ſich her. „Die iſt hin!“ ſagte der Everführerbaas.„Und gebe nur Gott, daß keine Menſchen am Bord ſind.“ „Das giebt Gott nicht!“ ſagte ein Jollen— führer, der neben ihm ſtand,„denn dort ſteht Einer auf der Galerie und handſchlagt zum Gotterbar⸗ men. Mag ihm nicht beſonders wohl zu Muthe ſein. Was willſt, Friedel?“ „Vater! Nimm Deine Jolle und fahre hin. 140 Ich helfe Dir, und wir bringen den Mann hier⸗ her.“ „Hat ſich was. Auf Eisſchollen rudern habe ich nicht gelernt, und die kleinſte davon ſägte meine Jolle durch. Was macht er nur?“ „Er zieht die Nothflagge auf, Nachbar. Iſt nicht nöthig, Mann; Deine Noth iſt ohnedies ſicht⸗ bar. Da kommt der Herr Hafenmeiſter. Platz da, für den Herrn Hafenmeiſter! Was ſteht zu Euer Dienſten, Herr?“ „Ein Schiff hat ſich losgeriſſen im Oberhafen und treibt nach See zu. Sind Menſchen am Bord, die müſſen wir retten. Friſch, Leute! Seht zu, was Ihr vermögt. Wer an Bord der Brigg gelangt, ſei es, auf welche Weiſe es wolle, und die Noth⸗ leidenden bergen hilft, erhält hundert Thaler, das Gotteslohn nicht zu gedenken, das noch viel ſchwe— rer in die Waage fällt.“ „Hundert Thaler! Habt Ihrs gehört? Der Herr Hafenmeiſter gelobt hundert Thaler, wenn wir den Mann von Bord holen!“ ſummt es durch ein⸗ ander.„Friſch, Kinder! laßt es uns verſuchen. Wie fangen wir es am beſten an? Ich denke, ich nehme einen Bootshaken und entere damit von Scholle zu Scholle. Hierher!“ 141 Und in wenigen Augenblicken iſt der Strand des Stromes mit wagehalſigen Geſellen bedeckt. Mit Haken, leichten Tauen und anderem Geräth belaſtet, beginnt die Wanderung. Der Eine hat kaum den Fuß auf ein Stück Eis geſetzt, das unter ihm fortgleitet, als er auch ſchon auf den ſicheren Boden zurückſpringt. Ein Anderer fliegt mit einem Satze weit über ſein Ziel hinaus und klammert ſich mühſam an die bröckelnde Scholle; ein Dritter ſpringt zu kurz und ſtürzt kopfüber ins Waſſer. „Hollah! Hollah! Hierhin! Dorthin!“ Ueberall Helfer, aber keine Hülfe. Nach hundert fruchtloſen Anſtrengungen kehren ſie vom Strande zurück. Die Brigg iſt bereits eine Strecke über das Weichbild der Stadt hinaus. Die Nothflagge hängt wie ein dunkles Trauertuch von der einſamen Gaffel herab. Langſam ſegeln die krachenden Eisberge ihr dor dem Winde nach. Kaum noch, daß ſie von der Stelle rücken. Endlich ſtehen ſie vollends ſtill. „Der Strom kentert!“ ſagt der Everführer⸗ baas zu ſeiner Umgebung.„Noch einige Augen⸗ blicke un die Fluth ſetzt ein. Was ſoll aus dem und aus den armen Leuten am Bord?“ „Wüßten ſie es nur. Meinert Dirk ſteht, in 142 ſich verſunken, auf dem Deck und ſieht auf das grauenvolle Schauſpiel vor ſich, hinter ſich: „Wird immer dichter das Treiben. Sehe kei⸗ nen Fußbreit Waſſer, ſoweit mein Auge reicht. Da! Die Krähe! Sie ſetzt ſich kaum auf die Eisdecke und fliegt ſchon wieder auf. Fürchtet ſich, das Thier. Und ich ſollte mit dem kranken Mann.... Herr Gott, der Andres! Wie kannſt Du Dein Koje verlaſſen? Zitterſt über und über.“ Andres blickte wild um ſich:„Wo iſt die Stadt?“ „Weit hinter uns, mein Junge. Das Uftr tritt zurück. Werden bald.... Hörſt, wie es ſägt am Spiegel? Jedes Stück Eis, das daren entlang ſchrammt, reißt ſeinen Splitter mit ſich fort.“ „Es iſt kalt unten, Meinert Dirk. Mich friert und hungert.“ „Mich hungert auch, Maat. Iſt nichts mehr am Bord als eine Handvoll trockner Erbſen. Die Zunderbüchſe iſt aufs naſſe Deck gerollt, und kein Funken will fangen. Ho! Ho! Wir ſtehen ſtill“ „Entſetzlich. Und wie es rauſcht unter den Kiel. Was nun wieder?“ „Das iſt die Fluth!“ rief Meinert Dirk er⸗ 143 regt.„Sie trägt uns nach der Stadt zurück. Sie geht! Sie geht! Mitten zwiſchen den Sanden durch! — Nun, glaube ich, können ſie uns wiederſehen.“ Sie thun's. Noch daſſelbe Gedränge am Ufer. Weiber laufen zwiſchendurch und bitten die Män⸗ ner wehklagend um Hülfe für das unglückliche Schiff. Wohlhabende Bürger bieten Gold Jedem, dem der glückliche Wurf gelingt. Von allen Sei⸗ ten ſchleppen ſie Lebensmittel herbei, als könne man dieſe dampfenden Keſſel mit leichter Hand über den Strom ſchleudern, den Hungernden ent⸗ gegen. „Die Fluth kommt!“ Eine ganze Reihe ſchwim⸗ mender Gletſcher wird von ihnen getragen, und aus ihnen heraus ragen die beiden Maſten der Brigg. Nichts ſonſt von ihr zu ſehen, als die Spitze der Gaffel mit der Nothflagge daran. „Da iſt die Stadt, Andres. Sehe zwar nichts von dem Strand, aber ich weiß, daß er mit Men⸗ ſchen bedeckt iſt, die ihre Hände nach uns aus⸗ ſtrecken. Wenn ich nur in jener Unglücksnacht das Kreuz nicht vergeſſen hätte. Gott beſſers. Ich bin alt und ſtumpf.“ „Ich ſehe die Dächer von drüben her und auf jedem ein Schornſtein, woraus dicker Rauch 144 aufſteigt. Möchte wohl einen Augenblick meine Hand daran halten.“ „Habe es nochmals verſucht, Anders. Aber das Holz brennt nicht. Im Raum ſägt es im⸗ mer fort. Weiß wohl, es iſt das Eis das ge⸗ gen die Bugplanken champfilt, aber in der Angſt bilde ich mir ein, daß es der Todtenwurm iſt, der die Schraubenlöcher in unſeren Sargdeckel bohrt.“ „Laß'n bald fertig ſein, Meinert Dirk, ſonſt muß ich ohne Sarg fort. Iſt Alles ſchwarz.... Halte mich, Bruder.“ Er fiel dem Freunde in die Arme und ſchloß die Augen:„Sehe nicht mehr. Aber ich höre. Iſt's nicht Donner? Gute Nacht.“ Der Donner rollte fort. Von den Wällen hatten ſie die Geſchütze geholt und jagten damit den Strand entlang. Wo das Eis ſich zuſammen geſchoben, feuerten ſie mitten in die aufgethürmten Maſſen hinein. Die wohlgeſchulten Pontonnire wagten ſich hinaus, wo nur irgend eine freie Stelle war und rüſtige Feuerwerker ſchoben ihre Minen unter die ſchwankenden Schollen. Tauſend Hände waren beſchäftigt. Hierhin, dorthin in ſchwindelnder Haſt, folgte Einer willig dem Rufe des Andern 445 Sie winkten ſich zu; ſie rieben ſich faſt auf und die Tauſende reichten nicht zwei der Ihrigen zu retten. Vorüber der Tag. Vorüber die Nacht. Der Strom kentert zum dritten und vierten Male und mit dem neuen Morgen beginnt es zu ebben. „Sagte es vorher,“ rief Einer, dem es nicht ſonderlich um ein Stück Arbeit zu thun war.„Es hilft nicht, mit dem Kopfe durch die Wand rennen. Che wir an das Schiff kommen, ſind die Leute darauf längſt verhungert.“ „Sprich nicht ſo unchriſtlich, Mann. Wenn wir in alle Wege unſere Schuldigkeit thun, haben wir uns nichts vorzuwerfen. Die Hoffnung iſt immer lebendig.“ „Warum mir den Finger pte ritzen um chts? Aus dem Eiſe arbeitet man ſich nicht her⸗ aus, wenn man einmal darin ſitzt. Das haben wir in Grönland und am Nordcap oft erlebt. Warum ſollte es hier anders ſein? Wollte Den ſehen, der die da frei macht. Wollte ihn ſehen.“ Und er ſollte es. Mit dem aufſteigenden Morgen ſetzte der Wind ſich aus dem lauen Süd in einen ſcharfen Nordweſt um. Schnell wie ein — 146 Pfeil flog er daher und warf ſich mit wilder Haſt auf die ſchwankende Laſt. Treulich hielt die Ebbe zu ihm und riß ein mächtiges Stück nach dem andern fort. Eine breite Furche entſtand in dem Strome. Aber zu beiden Seiten ſtarrte es empor wie eine Gletſcherwand. Eine leiſe Aenderung in der Richtung des Windes, eine geringe Abwei⸗ chung in der Fluthſtrömung, und ſie ſchloß ſich wieder. „Mit Gott!“ ſagte ein rüſtiger Mann, der an dieſen Küſten groß geworden, und in dem Kampfe mit den Elementen erſtarkt war. Er ſprang in ein feſtes, eichengeplanktes Boot, das mit allen Hülfsmitteln, ſowie mit Speiſe und Trank vollauf verſechen war.„Mit Gott!“ ſprachen ſeine drei Gefährten ihm nach und begleitet von dem Segens⸗ rufe der am Ufer Harrenden ſtießen ſie ab. Eine Strecke weit ſchoben ſie ſich längs den Eisbergen hin, dann fand ſich hier ein Hinderniß, dann dort. Die breite Fahrſtraße hörte auf. Um einen Schritt weiter zu kommen, mußten ſie erſt das Eis vor dem Buge mit Kolben zerſtampfen. „Hier geht's nicht weiter!“ ſagte der Steuet⸗ mann.„Wenn ſie uns nur vom Lande aus ſehen 147 und ein Zeichen geben könnten. Winke'mal Einer mit der Flagge. „Hilft nichts, Hanjochen. Steht'n Eisblock zwiſchen. Sieht Wer die Maſtſpitzen?“ „Sah ſie eben noch. Da kommt wieder ſo eine Beſtie gerade auf uns zu. Stemmt Euch mit den Haaken dagegen alle Mann. Bleiben ſelbſt ſtecken am Ende, ſtatt Andere loszumachen.“ Die Leute am Ufer hatten das Boot aus dem Geſichte verloren. Die breite Furche ſchloß ſich, und der Arbeitsſcheue von vorhin rief: „Habe es gleich geſagt, daß es unnütz ſei, Hand anzulegen. Wollte Den ſehen, der jemals bei der Brigg mit geſunden Beinen an Bord kommt.“ Und er kam! Fernab von dem Schauplatz dieſes wirren Treibens ſtand eine Frau am Heerde. Sie hatte einen Keſſel trefflichen Würzbiers für ihren Mann und deſſen Gehülfen, die bei dem Eisſprengen be⸗ ſchäftigt waren, gebraut. Ein munterer Knabe, ihr einziger Sohn, ſtand dabei und hörte, wie die Mutter, indem ſie nach ihrem Mantel ging, vor ſich hin ſagte: „Weiß Gott, ich trage es ihnen gerne hin; 40 148 aber ich wollte es doch lieber den armen Leuten auf dem Schiffe bringen.“ „Das kann ich ja thun, Mutter.“ „Ja, wenn es nur ginge, mein Sohn,“ ant⸗ wortete ſie und trat in die anſtoßende Kammer. „Warum ſoll es denn nicht gehen?“ ſagte er zu ſich und lief mit dem Keſſel davon. Wie alle Jungen da herum, wußte er ein leichtes Ruder zu handhaben und eine Jolle von der Stelle zu brin⸗ gen. Dicht vor ihm ſchaukelte ſich eine der kleinen Nußſchaalen, die man ſtets für irgend einen Noth⸗ fall im offenen Waſſer hält. Er trat ſammt ſeinem Keſſel über und ſchob mit dem Ruder blind in die ſchwimmenden Eisſtücke hinein. Am Ufer gewahrte man es, und rief ihm barſch zu: Er ſolle umkeh⸗ ren. Er that es nicht und ihn zurückzuholen fehlte es den Schreiern an Muth. „Da kommt'n Block, der wird'n guetſchen!“ rief Einer. „Geſchieht dem Naſeweis recht!“ lautete die Antwort. „Um den muß ich herum!“ ſagte der Knabe und lenkte ſeitwärts. Und als ob das Element ihm gehorchte, wichen die ſchwimmenden Schollen zurück, oder ſchoben ſich leiſe unter den Kiel weg. 149 Durch alle Gefahren, von denen er keine Ahnung hatte, ſchwamm er die vielfach gekrümmten Bahnen, entlang, bis ihm plötzlich das Schiff aus den um⸗ gebenden Eismaſſen entgegen trat. Ein ſchmaler Priel, kaum breit genug, die Jolle durchzulaſſen, führte zum Fallreep, und darin glitt ſie hinein, als ob ſie von einer unſichtbaren Hand geſteuert werde. „Der Keſſel iſt noch warm!“ ſagte der Knabe, udem er zu Deck ſtieg. Dort ſaßen die beiden Leidensgefährten beiſammen auf der großen Luke. Sie lehnten mit der Schulter an einander, aber ſie regten ſich nicht. Hunger und Kälte hatten ſie erſtarrt. „Wollt Ihr nicht mal trinken?“ fragte eine helle Stimme.„Die Mutter ſchickts und ich habe es gebracht.“ Er goß den Deckel ſeines Keſſels voll und brachte ihn an die Lippen der Halbtodten. Sie ſchlürften unter krampfhaften Zittern den lange entbehrten Labetrunk, und der Knabe rief luſtig: „Und eine große Semmel habe ich auch in der Taſche. Das ſoll mal ſchmecken.“ Und während das Kind wie ein Barmherzig⸗ keits⸗Engel ſich um die faſt Verlornen bemühte, 150 hörte man es außenbords lärmen und ſcharwerken. Nach vielen vergeblichen Anſtrengungen war es endlich den Männern gelungen, mit ihrem ſchweren Boote dem Seitenbord der Brigg nahe zu kommen. Sie enterten über die eiſige Umwallung zu Dech der Führer voran. Aber kaum hatte dieſer die Gruppe auf der Luke erblickt, als er erſchreckt rief: „Allbarmherziger Gott, wo kommt der Junge her?“ „Ich habe das Würzbier gebracht, Vater!“ rief dieſer fröhlich.„Sie ſind ſchon wieder ganz friſch.“ „Junge! Junge!“ rief der Vater und ſchloß ihn an ſein Herz ſo feſt, als fürchtete er, ihn zu verlieren.„Wie biſt Du nur daher gekommen?“ „Mit Peter Jürgenſens Jolle. Die Nummer funfzehn, weißt Du. Das Würzbier war noch warn, als ich an Bord kam.“ Der Vater antwortete nichts. Aber mit Thri⸗ nen der Rührung hielt er das Kind umſchloſſen und dachte kaum daran, daß er gekommen ſei, zu helfen und zu retten. Am Strande rührte ſich muntere Thätigkeit Dem erſten Boote folgte ein zweites. Im Triumpf brachte man die Geretteten an das Ufer, begrißt 151 vom tauſendfachen Hurrah, überſchüttet mit Gaben aller Art. Und zwiſchen den freudig Erregten ging der Knabe, den der Herr geſandt hatte, damit es offenbar werde, woher der Retter komme, wenn Menſchenhülfe verzweifelt. Ein Rew⸗Nork⸗Auswanderer. Des iſt die neue Hafenſtadt. Sie zählt kaum ein Viertel⸗Menſchenalter und blüht doch ſchon in vollſter Pracht und Herrlichkeit. Ein Maſtenwald wiegt ſich auf ihrer Rhede; ein Maſtenwald raſtet in ihrem Hafen. Die Bollwerke, aus breiten Quadern aufgethürmt, trotzen dem Drange der Wogen, und erſterben in dieſem Kampf. Es iſt eine praktiſche Arbeit dieſe Stadt. Was ſie zu ihrem Daſein bedarf, das hat ſie ſich gleich in größter Vollendung beſchafft. Ihre Börſe, ihre Speicher, ihre Magazine ſind Paläſte. Und weil der Menſch nach gethaner Arbeit genießen will ſind die Wirthshäuſer vom erſten Hotel bis zur beſcheidenſten Schenke in reicher Auswahl vorhan⸗ den, und am Ende der Hauptſtraße hat bereits Thalia ihren Brettertempel aufgeſchlagen. Dagegen —,— ———— 153 iſt die Kirche kaum aus dem Fundament aufge⸗ mauert. Die Gerichtsſitzungen finden in einem Pri⸗ vathauſe ſtatt, und bis das Schulhaus unter Dach iſt, hat die liebe Schuljugend gute Tage. Mit ihrer Front gegen den Hafen ſieht die Stadt aus wie eine Königin, die in Glanz und Schimmer am Seeufer ihren Hofhalt gegründet. Binnenwärts verlieren ſich die abgeſteckten Straßen allmählig im Sande, und kaum tauſend Schritte von dem letzten Speicher blühen an den Bretterzäunen Wicken und Bohnen in tiefſter ländlicher Ruhe. Die junge Uebermüthige liebt den ſteten Wech⸗ ſel. Was ſie heute empfängt, ſtreut ſie morgen mit vollen Händen in alle Theile der Welt und haſcht nach dem Neuen, das die See ihr zuträgt. Die ſchöne Herrin empfängt die in Glanz und Schim⸗ mer des Reichthums ſtrahlenden Söhne dreier Welt⸗ theile mit lachendem Geſicht und ladet ſie an ihren Hof. Und die armen Söhne des weiten Binnen⸗ landes empfängt ſie in einem ſchloßähnlichen Ge— bäude, nicht um darin zu wohnen, ſondern um darin eine kurze Raſt zu halten und ſich vorzubereiten zur weiten Fahrt in die Länder jenſeits des Oceans. Es iſt ein dichtes, nie endendes Gewühl vor und in dieſem Gebäude, das eine Welt für ſich 154 bildet. In der Mitte liegt die Kapelle und harrt der Gläubigen. Ihre Stühle ſind leer und ihre Fenſter verhüllt. Aber in dem großen Saal, der gemeinſamen Zwecken geweiht iſt, ſchnarrt die Fidel und quäkt die Flöte. In der Küche dampfen die Fünfhundert⸗Portionen⸗Keſſel in langer Reihe neben einander. In dem Erdgeſchoß drängt ſich Laden an Laden, mit den verſchiedenſten Waaren, wie ſie der Reiſende wohl brauchen kann während der langen Ueberfahrt. In einzelnen Stuben raſſeln im zinnernen Becher die Würfel und der Bank⸗ halter biegt gleichmüthig ein Paroli. Die Säle, worin die Auswanderer raſten, ſind mit je zwei und zwei übereinander ſtehenden Bettſtellen ver⸗ ſehen, um die Paſſagiere noch vor dem Scheiden von der faſten Wall an die Schiffsordnung zu gewöhnen. In dieſen Kojen hocken die Weiber, nähend, ſtrickend und ſeufzend; vor denſelben lär⸗ men die Kinder und nicken die Alten. Ein lebens⸗ luſtiger Geſell mit Wanderſtab und magerem Ränzel ſucht auf einer Rieſenkarte von Amerika ſeine künf⸗ tigen Plantagen; ſein gleichgeſinnter Nachbar lernt engliſche Vokabeln, und manches bleiche Geſicht ſieht träumeriſch durch die Scheiben auf den be⸗ wegten Strand und die bewegtere Fluth. Reiſende über See! Ein leichter Flußdampfer ſchwimmt ſtromab und bringt eine neue Ladung beweglicher Stückgüter. Sie finden offene Arme überall. Was die Stadt, die noch immer ihre Geburtswehen nicht überſtan⸗ den hat, aufzeigt: es iſt für dieſe Reiſenden da. Sie ſind der Nerv, der Mittelpunkt aller Bewe⸗ gung. Kaum ein Haus, das nicht die Inſchrift führte:„Nöthig für Auswanderer.“ Kein offenes Geſchäft, das nicht für die Bedürfniſſe der Reiſen⸗ den über den Ocean die rührendſte Sorgfalt an den Tag legte. Man rreicht ihnen nicht blos den Branntwein, ſondern auch das Fäßchen dazu, deſſen Inhalt für die Reiſe reicht, wenn das daran hän⸗ gende blecherne Maaß täglich nur einmal gefüllt wird. Wer der Beredtſamkeit des Händlers ver⸗ traut, dankt ihm für den erſtandenen zierlich ge⸗ ſtrickten Shawl, der in der ſcharfen Seeluft keine Wärme giebt, oder preiſt die ſchwere Friesjacke, die ihn in Texas oder Guatemala zur Verzweiflung bringt. Wenn dem Reiſenden in dieſen„Magazi⸗ nen für Alle“ das Handeln zu ſchwer wird, findet ſich ein freundlicher Agent, der ihn die Sache um die Hälfte theurer bezahlen läßt und ſich zum Dank 156 dafür mit einer kaum nennenswerthen Erkenntlich⸗ keit begnügt. Die verſchiedenen Landsmannſchaften, welche hier aus Oſten und Weſten zuſammenſtrömen, jede mit anderen Sitten und Gewohnheiten, mit einer Mutterſprache, aber in hundert Dialekten, welche wie ein Babhloniſches Sprachgewirr ertönen, die Söhne der Ebene und des Gebirges, ſie ſammeln ſich am Hafendamm und ſtaunen das ſchwimmende Haus von Brettern und Balken an, das fortan ihre gemeinſame Heimath ſein wird. Es iſt ihnen fremd, fremd wie die ferne Welt, zu welcher es ſie hinüber tragen ſoll. Eine breite Laufbrücke führt von dem Damm auf das Verdeck. Vor derſelben liegen in dichten Haufen die Güter der Reiſenden, jedes Stück mit einer beſonderen Marke verſehen. Die Matroſen und Schauerleute greifen zu, und ein Packet nach dem andern verſchwindet in dem Raum. Halb ängſtlich, halb neugierig blicken die Eigenthümer ihren Schätzen nach; ſie ſehen ſich mit einem verlegenen Lächeln an und fragen ſich mit den Augen, ob ſie das Alles auch wohl wie⸗ derſehen werden? Hier flüſtert es:„Liebſter Herr Schiffsmann!“ Dort ſtottert es:„Schau, mein gutes Mannle!“ Aber die Matroſen beachten es 157 nicht. Sie haben kein Ohr für dieſe leiſen Bitten und Klagen. Der mühſam mitgeſchleppte Sorgen⸗ ſtuhl, der ein halbes Jahrhundert hinter dem hei⸗ miſchen Ofen ſtand, bricht ein Bein, ehe er im Zwiſchendeck anlangt; die Wiege, worin der Säug⸗ ling ſchläft, wippt ein angetrunkener ungeſchlachter Burſche auf ſeine Schulter, und es iſt nicht das kleinſte Wunder bei dieſer Einſchiffung, daß ſie und ihr Träger nicht kopfüber von der Brücke ſtürzen. Endlich iſt auch das letzte Frachtſtück am Bord, und den Waaren folgen die Menſchen. Der Ober⸗ Steuermann läßt ſich die Fahrkarten von jedem Uebertretenden aushändigen, und ſieht nach, ob dieſe mit der Liſte des Agenten übereinſtimmt. Der zweite Steuermann führt die Controle, und beide Offiziere gelangen zu dem Reſultat, daß dreihundert und ſechsundzwanzig Männer und Weiber im Schiffe ſind, die Säuglinge nicht gerechnet. Alles an Bord. Die Brücke wird landeinwärts gezogen, und mit ihr ſcheidet das Vaterland. „Klar Deck!“ befiehlt der Capitain, und der Lootſe wiederholt den Befehl. Wer von den Paſſa⸗ gieren ſich etwa noch oben befindet, oder ſich ſurchtſam⸗neugierig wieder hervorwagt, wird von 158 dem Schiffsvolk mit barſchen Worten zurückge⸗ ſchreckt. Sie bleiben unten. „ Eine troſtloſe Heimath das Zwiſchendeck eines Auswandererſchiffes; dreifach troſtlos, wenn es ſich nicht am Bord eines deutſchen Schiffes befindet. Es giebt eine Anzahl Fahrzeuge, von deren Topp die Flagge mit dem geſegneten Sternenbanner weht, an deren Bord die Willkühr und die Roh⸗ heit der Offiziere und Matroſen die herrſchenden Gewalten ſind. Soviel Stücke am Bord, für jedes Stück ſoviele Thaler Paſſagegeld, im Voraus be⸗ zahlt. Was unterweges ſtirbt oder verdirbt... Wer rechnet es ihnen nach? 5 Dies iſt ein„New-Nork emigration-vessel,“ Die Sterne in ſeiner Flagge ſind auch die Sterne an dem Leidenshimmel der armen Paſſagiere in Zwiſchendeck. Alles am Bord. Die Kabel, welche das Schiff hielten, ſind losgeworfen. Ein kleiner Dampfer bugſirt es auf die Rhede hinaus, damit es morgen mit dem Früheſten die offne See er⸗ reichen kann. Es war in den Nachmittagsſtunden, als man die Paſſagiere hinunter ließ. Seitdem ſitzen ſie in ihren Kojen und auf dem Gerümpel vor denſelben. Sie empfinden die ihnen fremdar⸗ tige Bewegung des Schiffes und zucken zuſammen, . 159 wenn das Bugſirboot das Schlepptau feſter an— zieht, und als die Ankerkette raſſelnd in die Tiefe hinabrollt, tönt ein unterdrückter Schrei. Die Zwiſchendecksgaſten kommen, um zu ſehen, ob Alles ſeefeſt iſt, und um die Laternen anzuzün⸗ den, welche von oben herabhängen, und mehr Schatten als Licht verbreiten. Sie können ihr Werk nicht thun, ohne die Paſſagiere zu necken und ihnen zu verſtehen zu geben, daß ſie für die Reiſe nichts zu thun haben, als ihren Befehlen zu gehorchen. Sie werfen den Dirnen auffordernde Blicke zu und ſagen, daß es nur von ihnen ab⸗ hänge, ſich während der Ueberfahrt gut behandelt zu ſehen. Ein junger Menſch, bleich und hektiſch, der von ſeinem Webeſtuhl weg in dies Zwiſchendeck geſchleudert iſt, beugt ſich zu einem alten Manne nieder, der ſich froſtig in ſeine Decke hüllt, und ſagt ihm: „Höre! Wenn der braune Kerl dem Katherl noch ein Mal ſolch' ſchlimmes Wort ſagt, vergreif ich mich an ihn.“ „Was fährſt auf, Burſch?“ ſagte der Alte. „Denkſt, wir ſind daheim, daß Du aufbegehren kunnſt? Die Herren Schiffsleute ſind vornehme 160 Geſellen. Was kann ein Solcher dem Katherl Böſes geſagt haben?“ „Er wolle ſie in drei Tagen zu ſeiner Frau machen, ohne daß der Pfarrer erſt ein Wort drein zu reden hätte, ſagte er, und nun weint die Dirne.“ „Das iſt ſchlecht,“ antwortete der Alte.„Bringe die Kathi hierher. Will ſie in meinen Schutz neh⸗ men. Sage, mein Sohn, wie ſtehts mit der Abendeſſenszeit hier zu Lande? Mich hungert.“ „Das laßt Euch vergehen, wenn Ihr nicht ſelbſt etwas mitgebracht habt,“ ſprach ſein Nachbar darein.„Ich habe ſchon gefragt und kriegte zur Antwort: Unſere Beköſtigung ginge erſt von Mor⸗ gen an und bis dahin würden wir wohl nicht ver⸗ hungern.“ Morgen! Er iſt gekommen dieſer Morgen und nach ihn mancher Andere. Das Schiff ſchwimmt auf der hohen See. Die Glocke läutet über Deck und die Paſſagiere treten den Weg zur Combuſe an, um ihre ſchmale Ration von kaum gahren Erbſen und anrüchigem Fleiſch zu empfangen. „Es wird immer weniger, Herr Schiffskoch,“ ſagt furchtſam ein Oberländer.„Ich bin für voll 161 verköſtigt worden, wenn Ihr's erlaubt und möcht'n Biſſel Speck.“ Er deutet auf die Schüſſel und die eiſerne Schöpfkelle fällt ſtrafend auf die kecke Hand nieder. Der nächſte Hungernde drängt ſich vor. Die For⸗ derungen werden immer ungeſtümer; das Schelten immer lauter. „Nun auch'ne Kelle voll für's Mutterle in dieſen Topf!“ ſagt eine bleiche, junge Frau. Das Mutterle kann nit vom Bett auf.“ „Dann ſoll ſie ſich zum Doktor ſcheeren. Bei mir zählen nur die Geſunden.“ „Sie iſt aber nicht krank, ſondern nur ſchwach vom wenigen Eſſen.“ „Was unterſteht Ihr Euch? Weg da vom Keſſel! Welche diebiſche Hand greift nach der Fleiſchſchüſſel? Wo iſt der Offizier vom Quar— tier? Hier, Herr. Ein aufſäſſiges Weib.“ Der Deckoffizier faßt ſie bei dem Arm:„Unter Deck Weib! Hier muß Ordnung ſein.“ S „Nein, das iſt zu arg!“ ſchrie dieſe.„Lands⸗ leute, leidet Ihr das? Landsleute! Er würgt mich.“ Und ein düſteres Murren erhebt ſich. Es ſchwillt von Secunde zu Secunde. Vergeſſen iſt der Hunger; der Durſt nach Rache hat ihn beſiegt. 3. 11 162 Der Offizier des Halbdecks berichtet den Be⸗ ginn des Tumultes nach der Kajüte. Der Capitain, verdrießlich, bei ſeinem Frühmahl geſtört zu wer⸗ den, ſpringt mit der Piſtole in der Hand, vor den großen Maſt und ruft: „Den Erſten, der einen Laut von ſich giebt, ſchieße ich vor den Kopf und laſſe ihn über Bord werfen. Unter Deck alle Mann!“ Die rauhe Stimme des Gebieters, ſein wild⸗ rollendes Auge, daß noch für keinen von Allen die am Bord ſind, einen freundlichen Blick hatte, ſchüchtert die ſchon halb Verkommenen vollends ein und ſie gehorchen dem Befehl. Sie ſtehlen ſich unter Deck, Manche mit einem thränenvollen Blick auf den leeren Napf in der Hand, denn der Koch hat die Thüre der Cambuſe geſchloſſen und ſeine beiden Maaten ſtehen wache⸗ haltend vor derſelben. Die Matroſen drängen ſich um die Flüchtigen und begleiten ſie mit höhnendem Gelächter bis in ihre verborgenſten Schlupfwinkel. Einer der kleinen Deckläufer, welcher den Dienſt in des Doktors Kammer hat, tromnelt gegen die Cambuſenthür und ſchreit: 4 „Gebt'n Napf mit heißem Waſſer für'n Dok⸗ tor. Er will's'nem Kranken eingeben.“ — 163 „Habe nichts!“ brummt drinnen der Koch, ſich behaglich ſtreckend.„Komme in einer Stunde wieder.“ „Der Doktor will es gleich!“ ſchreit der Junge noch ſtärker. „Zum Teufel mit dem Doktor. In einer Stunde, habe ich geſagt.“ Der Capitain ſitzt behaglich in ſeiner Kajüte. Der Steward hat ihm einen kräftigen Grog ge⸗ braut und er ſchlürft langſam die flüſſige Gluth. Der Oberſteuermann tritt ein. „Guten Abend, Herr. Sitzt nieder. Was bringt Ihr? Steward! Helft dem Oberſteuermann zu einem Glaſe.“ „Bringe den Abendrapport, wenn es jetzt be⸗ liebt!“ ſagte der Offizier. „Langweiliges Zeug!“ brummte der Capitain bor ſich hin.“ Was zum Teufel fällt dem Comité ein, nach beendeter Reiſe ein Rapportbuch zu for⸗ dern? Iſt nicht geweſen, ſo lange Newyorker Schiffe über See gehen, um Arme und Beine zu holen, die unſere Stabannen pflügen. Euer Wohl⸗ ſin, Herr, und leſtt, ſo lange Ihr etwas auf Cuerm Blatte habt. Steward, noch'nen Tropfen.“ Der Oberſteuermann las: 164 „In der dritten Oberkoje zu Backbord iſt Nachmittag um zwei Uhr die alte Frau Moje aus Ulm geſtorben. Der Doktor ſagt: ſie hätte eine Magenverhärtung gehabt.“ „Das Volk frißt ſich krank! Laßt den Namen in das Todtenregiſter ſetzen. Die wievielſte iſt's?“ „Die achte, ſeit wir Cap Lezart paſſirten. Hatten damals den erſten Todten. Acht ſind etwas viel, Herr, für den Weg vom Canal bis zum Pie.“ „Noch immer genug Eſſer am Bord. Setzt den Namen in die Liſte und laßt dem Doktor ſei⸗ nen Senf dazu thun. Was weiter?“ „Die Laterne im Fockmaſt⸗Quartier iſt herab⸗ gefallen und die große Scheibe darin zerbrochen. Der Paſſagier Grode aus Leipzig wird beſchuldigt, es gethan zu haben. Aber er ſtreitet es ab.“ „Was kann ſo ein Burſche abſtreiten? Er ſoll die Laterne bezahlen nach der Inventarientaxe.“ „Die Scheibe war ſchon geſpalten, Herr.“ „Könnt Ihr in Newyork eine geſpaltene Scheibe wieder einſetzen? Der Kerl zahlt für voll.“ „Es heißt auch,“ fuhr der Oberſteuermann fort,„die Laterne ſei mit Willen herabgeworfen; damit der wachthabende Quartiersmann nicht ſehen ſollte, was um den Fockmaſt herum getrieben ward.“ 4 165 „Getrieben? Geſtatten meine Offiziere, daß die Paſſagiere etwas treiben, was eine Laterne nicht beleuchten darf? He, Steward! Noch'nen Tropfen! Und für den Steuermann auch. Was bringt Ihr da für Süßwaſſer, Ihr Schurke? Ich werde Euch in das Zwiſchendeck und auf halbe Ration ſetzen, wenn Ihr den Rum ſchont.— Was war vor dem Fockmaſt? Laßt mich mehr davon hören?“ „Weiß nichts Genaues, Herr. Aber es flü⸗ ſtert und ziſchelt von Mund zu Mund. Sieht aus wie der Anfang einer Revolte.“ „Revolte!“ ſchrie der Capitain und ſtieß ſo heftig mit dem Glaſe auf den Tiſch, daß es zer⸗ ſprang. Seine Augen traten aus den Höhlen; das Geſicht verzerrte ſich:„Ich bin der Mann für die Revolte. Sie ſollen nur kommen.“ Der Unterſteuermann trat ein, die Mütze tief über die Stirn gezogen. Der Capitain ſah ihn mit durchbohrenden Blicken an, und der Oberſteuer⸗ mann ſagte leiſe: „Vergeßt nicht, daß Ihr in die Capitains⸗ Kajüte tretet. Striicht die Flagge, Mann.“ „Mag es denn,“ entgegnete Jener,„ob ſich gleich ein ordentliches Schiff nicht gern mit zer⸗ brochenem Galion zeigen mag.“ 166 Er zog die Mütze ab und eine ſtarke Brauſche an der Stirn ward ſichtbar. Die Offiziere ſchlu⸗ gen ein lautes Gelächter auf und der Unterſteuer⸗ mann lachte mit: „Haben'n Weib drunten, ſchmuck wie'ne Paſſat⸗ briſe; warm und doch friſch. Könnte'ne Geſchichte erzählen, wie ich Luſt bekam zu dem Dinge und ihr ſagte, ich wollte ſie heirathen für'n Tag. Sollte es thun, ſagte ſie; dann wolle ſie mir einen Denk⸗ zettel geben, damit ich den Tag nicht vergäße. Habe bisher nur mit Newyorker Bankzettel zu thun gehabt; darum ging ich hinab zu ihrer Koje und ſtreckte die Hand nach ihr aus; ſie aber faßte nach einem Stücke Holz....“ Er wollte ſpaßen, aber man ſah, daß Aerger und Schaam in ihm kämpften. Der Capitain lachte und rief dem eintretenden Doktor zu: „Da habt Ihr einen neuen Patienten, mit dem es vor dem Kopfe nicht richtig iſt.“ „Habe genug mit den Alten!“ ſagte dieſer mürriſch.„Es liegen ihrer Vierzig in einem La⸗ zareth, das nicht für Zwanzig Raum hat. Mit Gunſt, Herr, aber Ihr habt ein ſchweres Verſehen gemacht, daß Ihr den Medizinkaſten vor der Ab⸗ reiſe nicht füllen ließet.“ — 167 „Zum Teufel mit dem Medizinkaſten!“ ant⸗ wortete der Capitain mit ſchwerer Zunge.„Das Quackſalbern iſt Euere Sache und dieſe Nachläſſig⸗ keit kommt auf Euere Rechnung.“ „Ich bin Doktor, aber nicht Apotheker,“ ent⸗ gegnete Jener kalt.„Was ſoll ich dem Volke nun eingeben?“ „Laßt ſie Seewaſſer ſaufen. Das reinigt das Blut. Und her mit dem Rapport! Will'n unter⸗ ſchreiben.“ „Er iſt noch nicht zu Ende,“ ſagte der Ober⸗ Steuermann. „Soll aber zu Ende ſein. So! Nun laßt uns'n Lied haben. Singt Ihr, wenn Euch die Brauſche da nicht auch die Kehle rauh gemacht hat. Ein Lied von Paddy's Liebeswegen an dem De⸗ laware.“ Der Geſang begann und mit ihm eine jener Orgien, wie der Ocean ſie oft mit geheimem Grolle in dem engen Raum einer Kajüte geſchaut. Und es iſt wieder Abend. Das Proletariat im Zwiſchendeck hat auch ſeine Kröſuſſe. Sie ſitzen zu Dreien am Fuße des großen Maſtes um eine Kiſte. Auf derſelben ſteht eine brennende Laterne und be— leuchtet die Karte, welche vor ihnen ausgebreitet liegt. 168 „Das Alles iſt Miſſiſippiland,“ ſagte der Eigner der Karte.„Für unſere hundert und funf⸗ zig Dollars können wir ſoviel davon haben, als wir wollen. Wenn wir dann tüchtig ſäen und pflanzen und einige geſchickte Handwerker an uns ziehen, kommt bald eine blühende Kolonie zu Stande“ Die Mitkröſuſſe nicken beiſtimmend und ein ehrliches Sachſengeſicht ſchaut ihnen über die Schulter: „Hören Sie, meine guten Herrchens, von we⸗ gen der Handwerkers, ſo wäre ich Eener davon für gute Behandlung. Aber darzu geben kann ich nichts, und Taback habe ich auch nicht mehr, denn ich rauche ſchon ſeit drei Tagen kalt.“ Die Kröſuſſe lehnen die Mitkoloniſtenſchaft ab, ſpenden aber von ihrem Vorrath und der Sachſe ſagt, eifrig ſtopfend: „Zwanzig Tage ſollten wir unterweges ſein. Thut vierzig Pfeifen, oder ein Pfund. Das iſt alle und wir ſein noch lange nicht da. Wenn mir nur erſcht in Amerika ſind, werde ich mir ſchon Taback genug pflanzen und da ſtehe ich wieder zu Dienſten.“ „Und nun,“ ſagte der Eigner der Karte, dieſe zuſammenrollend;„nun wollen wir auf das Ge⸗ 169 lingen unſeres Werkes einen Schluck nehmen. Schaut einmal her.“ Er zog eine kleine Flaſche hervor und ſtellte ein blechernes Maaß darneben:„Für Jeden ei⸗ nen Zug. Das giebt neuen Muth und geſunden Schlaf.“ Er ſchenkte das Maaß voll und ſogleich ſtreckte ſich eine Hand darnach aus. Es war der Wacht⸗ mann vom Quartier, der es gleichmüthig aus⸗ trank: „Dank für den Tropfen.“ „Das war nicht für Euch, Herr!“ ſagte der junge Kröſus. Aber der Wachtmann erwiederte: „Ihr brennt Licht gegen Ordre. Wenn ich es anzeige, kommt Ihr in Strafe. Darum ſeid ſtill und ſchenkt nochmal ein.“ Mit langem Geſicht that man ihm ſeinen „Seht Leute! Meine Pflicht iſt, das Licht ſofort auszulöſchen und Euch die Laterne wegzu⸗ nehmen, damit Ihr nicht noch ein Mal gegen die Schiffsordnung verſtoßt. Aber ich mag Niemand in's Unglück bringen und will nichts geſehen ha⸗ ben. Darum löſcht das Licht ſelbſt aus und * 170 kriecht in Euere Koje. Die Flaſche aber laßt nur hier ſtehen, denn ich habe eine lange Wacht vor mir und muß mich munter halten.“ Die Laterne verlöſchte und die drei Kröſuſſe des Zwiſchendecks krochen in ihre gemeinſame Koje, ohne auf das Wohl ihrer Miſſiſippi-Colonie ge⸗ trunken zu haben. Und wieder wird es Abend und wieder Mor⸗ gen. Diesmal erwachen ſie inmitten des Atlanti⸗ ſchen Oceans unter den Breiten des nördlichen Wendekreiſes. Nach langen trüben Tagen ein ſonnenklarer, blauer Himmel und eine ruhige Ser. Die bleichen Geſtalten ſchwanken die Leitern hin⸗ auf, ſich im Lichtglanz zu baden und die friſche Seeluft einzuathmen. Alle ſind heiter, nur nicht der Capitain, der ſeinem beweglichen Stückgut ſelbſt das nicht gönnt, was ihn nichts koſtet. Dieſe friſche Luft ſchärft die Eßluſt und er will, daß man bei ihm am Bord das Eſſen allmählich ver⸗ lerne. Es war ein unheimlicher Geiſt, der in den letzten Nächten von Koje zu Koje ſchlich und die Schläfer mit brennendem Finger anrührte. Ein Kranker, der in ſeinem Fieberdurſt nach einem Tropfen Waſſer umherirrte, ſah es aufblitzen, bald 171 hier, bald da; er hörte das unheimliche Klopfen, das angſtvolle Flüſtern. Die Schlummernden fuhren jach auf aus wir⸗ rem Traume. Und es klang, als ob es zu ihnen ſpräche und als ob ſie es hörten: „Wache auf, alter Mann, dann wirſt du ſe⸗ hen, wie ein diebiſcher Deckläufer ſeine Hand unter Dein Kopfkiſſen ſteckt, und der Stelle nahe iſt, wo Du Dein Geld verwahrſt.“ „Nimm Dein Meſſer, Jungkerl und laufe nach der Koje, in welcher Dein Mädchen ſchläft. Du findeſt einen betrunkenen Toppgaſten, der ihr nachſtellt.“ „Wacht auf, Ihr da! Sie haben die Trage⸗ leiſten Euerer Koje durchgeſägt. Wenn Ihr Euch nochmals umwendet, brecht Ihr mit all Euern Habſeligkeiten zuſammen und das ſchadenfrohe Volk lacht Euch aus.“ Und die Schläfer fahren in die Höhe. In demſelben Augenblicke krachen die durchſägten Plan⸗ ken zuſammen und ein wieherndes Gelächter er⸗ ſchallt; der junge Mann ſchleicht mit dem Meſſer vorwärts„ d ſtößt es in die Schulter des Topp⸗ gaſten, als dieſer mit dem vor Schreck halb be⸗ 172 wußtloſen Mädchen ringt. Und der Alte greift neben ſich und faßt die Hand eines Knaben, der einen furchtbaren Lärmen macht und um ſich ſchlägt, bis er ſich losgeriſſen. Das ganze Zwiſchendeck iſt im Aufruhr. Aus allen Kojen klingt es in den verſchiedenartigſten Lauten. Sie wüthen gegen Offiziere und Schiffs⸗ volk; ſie wüthen auch gegen die Ihrigen und ſtehen ſich zornglühend Auge in Auge gegenüber. Sie wollen im Grunde daſſelbe, aber ſie können ſich nicht verſtehen. Ein Mecklenburger dreht ei⸗ nem Schwaben faſt die Hand aus dem Gelenke, weil er ihn gegen die Rohheit eines Wachtman⸗ nes ſchützen wollte, und der Schwabe verſtand, der Mecklenburger wollte dem Matroſen beiſte hen. Und als ſie Alle durcheinander toben; als Mehrere von der Beſatzung ſich aus dem Ge⸗ dränge entfernen, um an einem andern Theile des Zwiſchendeckes deſto ärger zu lärmen und das Wirrſal zu mehren, erſcheint der Capitain mit ſeinen Steuerleuten und erzwingt die Ruhe mit Gewalt. Den Matroſen, der einen Angriff auf das junge Mädchen machte, ſchickt er mit einem Verweiſe in des Doktors Kammer, um ſich ver⸗ binden zu laſſen. Den jungen Mann, der die 173 Ehre ſeiner Geliebten vertheidigte, läßt er als vorſätzlichen Mörder in Ketten legen. Und wie das Raſſeln derſelben im tiefunterſten Raum ver⸗ hallt, ruft der Capitain mit donnernder Stimme: „So geht es Jedem, der es wagen ſollte, die Ordnung am Bord zu ſtören. Hinein in Euere Kojen und Wehe Allen, die ſich aus der⸗ ſelben rühren, bevor es Tag geworden.“ Er entfernte ſich mit ſtolzen Schritten. Ein⸗ geſchüchtert folgten die Paſſagiere dem ſtrengen Befehl. Aber nicht Alle. Einige Männer, die Ehre im Leibe hatten und die Rohheit des Capi⸗ tains, der ſich ärger gebehrdete, wie ein Plan⸗ tagen⸗Aufſeher zwiſchen ſeinen Schwarzen, nicht länger tragen wollten, blieben zuſammen. Sie wechſelten inhaltreiche Worte, und drückten ſich ſtill die Hand. Sie wußten, was ſie wollten und ihr Wille ſollte zur That werden. Aber nun ſtrahlt der Himmel ſo blau und die See iſt ſo mild. Die Kranken und Halb⸗ geneſenen baden ſich in Sonnengluth; die Alten und Schwachen zittern nicht mehr vor Kälte, ſon⸗ dern vor Freude. Wer denkt in dieſem Augen⸗ blicke an Aufruhr und Empörung? Da zieht ein muſikkundiger Schwarzwälder 174 eine Geige hervor und ſpielt eine feierliche Me⸗ lodie. Ein alter Schulmeiſter, der ſeine Gemeinde auf der Wanderung von der alten zur neuen Welt nicht verlaſſen hat, tritt in den Kreis derſelben und ſtimmt aus voller Bruſt an: „Nun danket Alle Gott, Mit Herzen, Mund und Händen!“ Alle fallen ein und die leiſe Briſe trägt die feier⸗ lichen Klänge von Welle zu Welle. Aergerlich geht der Capitain auf und ab. Er möchte irgend ein Donnerwetter dazwiſchen werfen, aber ein unwillkührlicher Schauer hält ihn ab und er zerdrückt den Fluch zwiſchen den Zähnen. Seine Matroſen ſind nicht ſo furchtſam. Sie närren und lachen, ſie ſchimpfen und ſtoßen. Als aber nichts die Andacht der kleinen Gemeinde zu ſtören vermag, ſchleppen ſie den Geigenſpieler mit ſich vor den Fockmaſt und quälen ihn ſo lange, bis er ihrem Drängen nachgiebt, und einen wilden Tanz aufſpielt. „Hurrah!“ brüllt der tolle Haufen und ſün blind in das Gedränge. Jeder ergreift eine Dirne und dieſe mögen wollen oder nicht, ſie müſſen 175 tanzen, und wieder tanzen, Deck auf, Deck ab. Der Capitain ſieht es und lacht. Die Steuer⸗ leute halten ſich faſt die Seiten und die Deckoffi⸗ ziere machen mit den Matroſen gemeinſchaftliche Sache.. Und während dieſes tollen Jubels bringen ſie eine Leiche aus dem Zwiſchendeck herauf, die, nach der Anordnuug des letzten Abends um die Mittagsſtunde verſenkt werden ſollte. Die Offiziere haben es vergeſſen und nichts iſt vorbereitet. Die Flaggen wehen nicht auf halbem Maſt; die Senk⸗ taue liegen nicht bereit; der Eiſenblock, den man an die Füße des Todten befeſtigt, damit er ſchnell hinabfahre in die Tiefe, iſt nicht zu finden. Die Träger der Leiche legen dieſe an den gewohnten Platz am Backbord des Fallreeps. Die Tänzer ſpringen erſchrocken zurück, und ſehen mit bleichen Geſichtern auf das unerwartete Schauſpiel. „Was giebt's da!“ ruft der Capitain und der Oberſteuermann antwortet: „Die Leiche, Herr; wißt Ihr. Es iſt die Stunde, da ſie verſenkt werden ſollte und wir ha⸗ ben es vergeſſen.“ „So verſenkt ſie! Ueber Bord damit, und raſch, wenn es beliebt.“ 176 „Erlaubt, Herr. Es weht noch keine Flagge von der Gaffel ab, und das Gebetbuch iſt nicht zur Hand, wie es das Geſetz vorſchreibt.“ „Zum Teufel mit Euerem Geſetz!“ „Und was ſoll ich mit Euerer Genehmhaltung in das Rapportbuch ſchreiben?“ Der Capitain ſah ſeinen Offizier an, als wollte er ihn durchbohren, dann aber ſagte er grollend: „Thut, was Ihr wollt; nur macht raſch, damit klar Deck wird. Ich will nichts mit dem Alten zu thun haben.“ Er ging hinunter. Die Flaggen wurden auf⸗ gezogen und das Schiff beigelegt. Der Oberſteuer⸗ mann trat zu der Leiche und las aus dem Buche, das der Kajütenwächter ihm brachte, gedankenlos ein beliebiges Gebet. Zwei Matroſen ſtanden rechts und links von der Leiche, um ſie hinaus zu lant⸗ ſchen. Der Eine gähnte, der Andere ſteckte gleich⸗ gültig ein Stück Tabak in den Mund. Als der Offizier das Buch zuſchlug, winkte er mit der Hand, und die Leiche flog über Bord. Es war ein hei— mathloſer Burſche, der an Bord gekommen war, um eing Heimath jenſeits des Oceans zu finden Er fand ſie auf demſelben. „Braßt voll!“ rief der Offizier. Die Segel 177 fielen vor dem Winde, und das Schiff ſteuerte den gewöhnlichen Cours. „Sind ſchlimm geſtört worden, Vim!“ ſagte ein Matroſe. „Wohl, Rob. Können wieder beginnen. Hei! Du Muſikant. Spiele auf, und laſſe es etwas Luſtiges ſein.“ „Ach, lieber Herr Schiffsmann, ich fürchte mich der Sünde!“ ſagte dieſer abwehrend.„Hatten erſt eben einen Todten.“ „Was ſchiert uns der Todte? Sollſt ſpielen, habe ich geſagt, oder wir ſpielen mit Tauenden auf Deinem Rücken. So iſt's recht! Hierher, alle Mann! Was zetern die Weiber? Packt ſie an.“ Und der Tanz beginnt von Neuem. Die Wei⸗ ber weichen der Gewalt und tanzen mit Thränen in den Augen. Die Alten ſitzen umher und ver⸗ wünſchen dies amerikaniſche Heidenvolk, weil es nicht leidet, daß ſich die See über den Todten ruhig ſchließen darf. Die Männer aber, welche ſich in der tollen Nacht im Zwiſchendeck ſtill die Hand reichten, finden ſich jetzt wieder zuſammen und be⸗ geben ſich ihrer Drei auf das Halbdeck. Der Ober⸗ ſeuermann tritt ihnen entgegen: „Was wollt Ihr hier?“ . „Wir müſſen mit dem Capitain ſprechen.“ „Was Ihr zu ſagen habt, ſagt Ihr mir. Die Mützen herunter! Wißt Ihr, wo Ihr ſeid?“ „Wiſſen es. Und wir würden Euch ehren, nach Verdienſt, wenn man uns nur den vierten Theil von dem hielte, was man uns vor unſerer Abreiſe gelobte. Dies unſer Recht zu fordern, ſind wir da, und das kann uns nur der Capitain geben, darum müſſen wir ihn ſelbſt ſprechen.“ „Nun bei allen Sturmböen, die jemals über den Ocean gezogen ſind, das iſt eine Tollheit, wie ſie an Bord eines Schiffes noch nicht erhört wurde!“ rief der Oberſteuermann voll Staunen.„Da kommt gerade der Capitain ſelbſt die Kajütstreppe herauf. Erlaubt, Herr; hier iſt aufſäſſiges Volk, das nur mit Euch allein unterhandeln will. Kehren ſich nicht daran, daß ich der Offizier vom Dienſt bin“ „Herunter vom Halbdeck!“ befahl der Capitain. „Nicht eher, als bis wir Euch geſprochen, wer⸗ den wir gutwillig gehen,“ ſagte der Aelteſte von ihnen.„Jede Beſchwerde der Paſſagiere iſt bei dem Capitain anzubringen, ſagt unſer Vertrag, und wir haben der Beſchwerden vollauf. Es iſt uns gelobt, daß Jedermann während der Ueberfahrt eine freund⸗ liche Behandlung erfahren, ausreichend und gut beköſtigt und in Krankheiten wohl gepflegt werden ſoll.“ „Ihr habt mehr als das.“ „Nein, Herr. Wir bekommen kaum die Hälfte der uns gebührenden Ration. Was man uns giebt, iſt ſchlecht bereitet und zum Theil verdorben, ſo daß man von dem Genuſſe krank werden muß. Wenn wir beſcheiden unſer Recht verlangen, wer⸗ den wir geſtoßen und verhöhnt. Wenn wir den nöthigen Raum begehren, um zu gehen und zu ſtchen und unſere Arbeit zu thun, geſchieht daſſelbe. Unſere Kranken werden von einer Ecke in die an⸗ dere geſtoßen, und der Doktor bekümmert ſich nicht um ſie. Unſere Weiber und Töchter leben in To⸗ desangſt vor der Rohheit Eurer Leute; unſer thum iſt nicht ſicher vor gewiſſenloſen Diben Der Capitain hörte mit ſteigender Wuth dieſe Beſchuldigungen, welche wochenlange Marter die⸗ ſem ſonſt ſo ruhigen Mann auspreßten, und rief: „Noch ein Wort aus dieſem Munde, und ich will ihn ſchließen für alle Zeit! Haſt Du mich ver— ſtanden, Rebell?“ „Ich wiederhole, was ich geſagt, und verlange, daß Ihr thut, was das Geſetz uns zuſpricht.“ „Geſetz!“ rief Capitain und ſchlug ein 180 furchtbares Gelächter auf.„Hier bin ich das Geſetz und will es Dir deuten. Schließt dieſe Aufrührer krumm und ſperrt ſie zu dem Todtſchläger. Wi⸗ derſtreben ſie, ſo braucht Euere Fäuſte, wozu ſie gut ſind.“ „Das kommt über Euch,“ ſagte der Aclteſte. „Das und der Fluch unſerer Weiber und Kinder, die durch Euch verderben. Ihr lacht das nicht weg! Ihr wälzt es nicht von Euch. Es wird Euer Herz beſchweren, wenn Ihr gern einen freien Athemzug thätet.“ Die Matroſen fielen ihm mit lautem Gebriüll in die Rede und ſchleppten 5 ſammt ſeinen Ge⸗ noſſen fort. Eine Todtenſtille herrſchte am Bord. Die Mannſchaft hatte ſämmtliche Paſſagiere unter Deck gejagt und ſtand nun müßig umher. Die Offiziere Pielten ſich geſondert von einander; ſie wagten es nicht, zu den Uebergriffen des Capitains länger die Hand zu bieten, und hatten noch weniger den Muth, ſich ihnen zu widerſetzen. Der Capitain aber be⸗ trat ſeine Kajüte und warf ſich unruhig in einen Seſſel. Sein Herz ſchlug laut. Das Blut in den Adern kreiſte ſchneller; die Augen rollten hin und her. „Tollheit! Was ſchiert mich ihr Fluchen? He! Steward! Braut mir einen ſteifen Grog!— Ich befehle hier und kein Anderer.— Warum machſt Du ein ſo trübſeliges Geſicht, Kerl?“ „Herr!“ ſagte der Steward zitternd.„Es iſt vieles Elend im Zwiſchendeck und auch der Doktor liegt im Fieber. Er will Euch ſprechen, Herr.“ „Soll an ſeinem leeren Medizinkaſten riechen, damit ihm beſſer wird!— Dein Grog iſt gut, Ste⸗ ward! Beſſer, als das Geſicht, was Du dazu machſt. Ha! Ha! Ha!“ „Er ſieht aus, wie'n Geſpenſt,“ ſagte der Steward leiſe vor ſich hin. Der Capitain hatte es gehört und ſprang auf: „Was ſprichſt Du von Geſpenſtern! Wahre Deinen Kopf, daß ich Dir nicht das Hirn einſchlage, und Dich ſelbſt zum Geſpenſt mache.“ Der erſchrockene Steward floh vor dem In⸗ grimm des Capitains, der bis zur ſchwindelnden Höhe ſtieg: „Will ſie erwarten die Geſpenſter und die Flüche. Warum kommen ſie nicht? Ich bin allein hier, ganz allein! Aber ſie ſind feige und kommen nicht. Niemals!“ Aber ſie kamen doch. In ſtiller Nacht ſenkten ſie ſich wie ein drückender Alp auf die ſchwer ath⸗ mende Bruſt des Capitains. Sie raſ'ten in ſeinem Blute, ſie glühten in ſeinem Hirn und blickten mit dem Lächeln des wachſenden Irrſinns aus ſeinen Augen. Die Offiziere, die ſein langes Ausbleiben ängſtigte, traten in die Kajüte und fuhren erſchreckt bei ſeinem Anblick zurück. „Was giebt's?“ fuhr der Capitain auf.„Wißt Ihr nicht, daß Euch dieſe Kajüte verboten iſt?“ „Es iſt ein ſchweres Wetter im Anzuge, Herr,“ ſagte der Oberſteuermann.„Und was das Schlimmſte iſt, meine Prophezeihung geht in Erfüllung.“ „Einen Oberſteuermann brauche ich und keinen Propheten. Was ſchiert mich Euer Wahrſagen?“ „Wir hätten vor der Abreiſe kielholen ſollen und nachſehen, ob wirklich ein geringer Leck vor⸗ handen ſei, wie der Zimmermann verſicherte. Ihr wolltet es nicht. Seit geſtern haben wir einen Fuß Waſſer im Schiff, und wenn das Wetter, das uns bedroht, losbricht, haben wir das Aergſte zu befürchten.“ „Dann laſſe ich Euch an die Pumpen binden,“ rief der Capitain.„Euch und....“ Ein teufliſches Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen: „Das wäre ein gutes Geſchäft für die Ge⸗ 183 ſpenſter im Zwiſchendeck. Wo ſind die grauköpfigen Rebellen? An die Pumpen mit ihnen, und ſorgt, daß ihre Knochen gelenkig werden.“ Die Offiziere entfernten ſich. Der Sturm gab ſich auf und jagte die dichten Wolken vor ſich her. Er bauſchte die Segel, pfiff durch das Takelwerk und ſchüttelte Maſte und Stengen. Dazwiſchen klang der ſtets gleichmäßige Takt der beiden großen Schiffspumpen, die keinen Augenblick ſtill ſtehen durften. Die Paſſagiere wurden, je drei und drei, zu denſelben getrieben und daran feſtgebunden. Die Matroſen ſpornten ſie durch ſcharfe Drohungen zur äußerſten Thätigkeit an. Der Sturm war im Wachſen, und das Schiff lenzte vor ſeinen dichtgerefften Topſegeln. Der Unterſteuermann flüſterte ſeinem Collegen zu:„Habe eine Runde durch das Zwiſchendeck ge⸗ macht. Die Weiber und Kinder hocken auf den Knieen; ſie können vor Angſt keinen Laut hervor⸗ bringen. Mir kommt es vor, wie ein weites Grab. Das nimmt kein gutes Ende.“ Der Oberſteuermann antwortete nicht. Jener fuhr fort: „Das Schiff iſt verloren. Der Leck vergrößert ſich von Stunde zu Stunde.“ — —— 184 „Sollten binnen laufen.“ „Könnt Ihr genau angeben, wo ſich das Schif befindet? Von mir habt Ihr keinen Rath ange⸗ nommen. Werft einen Blick auf das Beſteck. Es iſt eine gräuliche Verwirrung darin. Das Schiff iſt ſchlecht.“ „Aber die Böte ſind gut,“ ſagte der Ober⸗ ſteuermann. „Hollah! Was meint Ihr damit?“ „Ich habe ein Weib daheim und Ihr auch, denke ich. Das iſt Meinung geng.“ „Wird es der Capitain gutheißen? Er hat hier zu befehlen.“ „Kann er's? Alſo laßt ihn gehorchen.“ „Was nützen aber drei Böte für eben ſo viel hundert Menſchen? „Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Sprecht Ihr mit Euerm Wachtsvolk; ich will's mit dem meinigen. Hollah! Mehr Hände an die Pumpen!“ Die Offiziere ſchieden. Bald waren ſie hier, bald dort und mühten ſich mit ſolchem Eifer, daß einige Paſſagiere aus ihrer tiefen Noth mit gefal⸗ tenen Händen zu ihnen aufblickten. Der Sturm verſtärkte ſich. Die Wellen ſtürzten über Deck und riſſen Alles mit ſich fort. 185 W „Helft! Helft!“ kreiſchte eine Weiberſtimme. „Das Waſſer ſpült meinen Mann weg.“ „Da iſt viel zu helfen!“ ſagte einer vom Schiffs⸗ volk.„Wenn Du einen Mann haben mußt, nimm mich. Hollah! Was da am Backbord?“ „Tragen Einen ſeitwärts. Fiel bei'm Pumpen und zerſchlug ſich den Kopf am eiſernen Ringbolzen.“ „So ein Binnenlandskopf kann nichts aus⸗ halten. Was befehlt Ihr, Herr?“ Der Oberſteuermann war zu ihm getreten und ſprach leiſe mit ihm. „Das war ein gutes Wort. Will's weiter geben. Platz da für den Herrn Oberſteuermann. Dies Volk lernt keine Lebensart. Vorderdeck ahoi!“ Die Drangſale des Schiffes wuchſen mit dem ſteigenden Sturm und der finſtern Nacht. Das Waſſer im Raume war nicht mehr zu bewältigen. Die Pumpenfrohnde hörte auf. Die Mannſchaft war einig, den Paſſagieren gegenüber und dieſe blicten zu den Matroſen, welche ſie während der ganzen Reiſe gequält hatten, wie zu ihren retten⸗ den Engeln auf.. „Ich vergebe Euch Alles,“ S, der alte Leh⸗ rer, der ſchon manches Glied ſeiner Gemeinde in 186 die See werfen ſah,„wenn Ihr Diejenigen rettet, die mir noch übrig ſind.“ Ein bleiches Mädchen mit verweintem Geſicht klammerte ſich an den Schaluppenmeiſter und rief ihm zu: „Haſt mich von Vater und Liebſten geriſſen und mich verderbt. Nun rette mich!“ „Hier iſt nichts zu retten. Wollen drüben Hochzeit halten. Siehſt die weißen Schäfchen auf dem Waſſer ſpringen? Das iſt Brandung, denke ich! Hollah, Halbdeck! Brandung im Lee!“ Der Schreckensruf hallte durch das ganze Schif. „Was iſt Brandung?“ fragte ein altes Müt⸗ terchen, das ſich in Todesangſt an die Pfoſten ihrer Koje klammerte. „Das iſt daſſelbe,“ ſagte ihr Sohn,„als wenn bei uns daheim die Lavine von den Bergen auf das Dorf ſtürzt.“ „Brandung! Brandung!“ Der Capitain kam zu Deck und ſah verſin um ſich: „Wer da hinter mir auf der Treppe? „Niemand, Herr!“ ſagte der Oberſteuermann. „Euere Fieberträume werden verderblich. Wir ſind nun da, wohin Ihr uns haben wolltet.“ 187 „Warum pumpen die Beſtien nicht?“ „Sieben Fuß Waſſer. Haben keine Rettung als die Brandung.“ Sollen wir darin erſaufen?“ „Wo Brandung iſt, iſt auch Land. Können wir das Schiff nicht bergen, bergen wir uns.“ Der Capitain ſah ihn an, als verſtände er ihn nicht. „Seid ja verſichert!“ ſagte der Offizier kalt, und ging ſeinen Kameraden entgegen. „Alles fertig!“ ſagte dieſer. Das Erſcheinen des Capitains erregte auf's Neue die Hoffnung der Paſſagiere. Die es konnten, krochen nach dem Halbdeck und warfen ſich ihm in den Weg: „Rettung! Rettung!“ „Fort da! Wer ſchickt mir das über den Hals? Fort! oder ich vergreife mich.“ Aber ſie wichen nicht. Sie klammerten ſich an ſeine Kniee; ſie faßten ſeine Hände. Er war ihr Gefangener. In dieſem Augenblick bäumte das Schiff hoch auf. Es gab einen Ruck, der es bis zum Kiel erſchütterte. Die Wellen ſchlugen ſchäumend dar⸗ über hin. 188 „Geſtrandet!“ ſchrie der Oberſteuermam. „Achte Jeder auf ſein Werk.“ Die Sturmſegel ſtanden vor dem Winde und trieben das Schiff noch feſter. Als die Fahrt plötz⸗ lich gehemmt ward, bebte es vom Spiegel bis zum Buge; die Maſten ſchwankten vorne über und Stengen und Raae kamen zu Deck. „Raſch an die Böte!“ ſchrie der Unterſteuer⸗ mann und die Mannſchaft eilte auf die vorhin verabredeten Poſten. „An die Böte!“ lautete das Wort, das blen⸗ dend wie ein Blitzſtrahl vor den Paſſagieren nie⸗ derſchlug. „Nehmt uns mit!“ riefen ſie in ihrer Todes⸗ angſt, und umringten die Matroſen in dichten Haufen. „Ruhe da!“ rief der Oberſteuermann, der ſich in das Boot geſchwungen hatte, welches auf den Luken des Mitteldecks in ſeinen Klammern ſtand. „Es ſoll alles Mögliche zu Euer Rettung geſchehen. Aber dann müßt Ihr uns freie Hand laſſen. Wenn mit dem anbrechenden Tage Land in Sicht iſt, ſtellen wir eine Verbindung mit demſelben her und bringen Alle in Sicherheit. Bis dahin Ruhe.“ Das feſte Wort des Offiziers beruhigte ſie. Die beiden Steuerleute gewannen Raum. Aber 189 der Capitain blieb ein Gefangener auf ſeinem Halb⸗ deck. Sie lagen wie ein unentwirrbarer Knäuel um ihn her. Sie hielten die Kajütstreppe beſetzt. Er konnte ihnen nicht entrinnen. Da blitzte der erſte Strahl des neuen Mor⸗ gens über die See hin. Das Schiff ſaß auf der Spitze eines hochragenden Riffs. Brandung rings umher. Jenſeits derſelben jäh aufſteigendes Land. Aber ſo weit das Auge reichte, keine bewohnte Stätte; nur zerklüftetes Geſtein und hell ſchim⸗ mernder Sand. „Langboot über Bord!“ „Schaluppe über Bord!“ Zu gleicher Zeit wippten dieſe über den Rei⸗ ling weg und je einer der Offiziere nahm mit ſeinem Wachtsvolk darin Platz. Mehrere Paſſa⸗ giere, die der Verſicherung der Offiziere nicht trau⸗ ten, ſprangen hintendrein. Einigen gelang es; Andere fielen in die See. Die Böte ſtießen ab. Der Capitain ſchäumte vor Wuth und ſchleuderte ihnen ſeinen ohnmächtigen Fluch nach. Durch die Brandung und den wachſenden Sturm gelangten die Böte zum Strande. Das Wrack auf dem Riff reißt immer weiter auseinander. Die Wellen gehen darüber hin und 190 fordern Opfer auf Opfer. Je größer die Hülf⸗ loſigkeit der Unglücklichen, je größer die Todesangſt, mit der ſie ſich an das Halbdeck und deſſen Ge⸗ bieter klammern. Der eiſige Sturm, die über ihn hinrauſchende Fluth hat ſein glühendes Blut nicht gekühlt. Sein Auge blickt ſtier; ſein Haar ſträubt ſich. „Sie haben uns betrogen!“ ruft es aus der Menge in Tönen der Verzweiflung.„Sie kommen nicht wieder.“ „Du ließeſt ſie gehen!“ ſchreien Andere.„Du! Und jetzt willſt Du hintendrein.“ „Er ſoll nicht!“ „Er bleibt bei uns! Wir luſen i ihn nicht.“ Die Menge nahm eine drohende Haltung an. Der Capitain riß ſich gewaltſam los. Er ſchwang ſich auf die Galerie, und ſtierte abwechſelnd nach Land und See. Da ſchrie er auf einmal, die Hůndt wie abwehrend von ſich ſtreckend: „Da iſt das Geſpenſt, das mich jede Nacht quälte! Nun kommt es auch bei Tage. Es ſchlägt mit dem feurigen Schweif um ſich und langt mit dem ſchwarzen Rüſſel nach mir. Lache nicht, Sa⸗ tan! Du fängſt mich nicht! Hierher!“ 194 Er wankte und die aufbrandende See riß ihn mit ſich fort. Die Paſſagiere ſtanden entſetzt vor dieſer Scene und ſahen nach der Richtung, welche der Capitain mit der Hand angedeutet. Ein hochbordiger Küſtendampfer bog um die nächſte Landſpitze, und rundete dem gefährlichen Riff zu.