Was in den Dünen vorgeht. Si kommen in das Dorf zurück, eine ganze Ge⸗ ſellſchaft mit verdrießlichen Geſichtern. Alle unbe⸗ friedigt, erſchöpft. Von der Düne herab kommen ſie, dem todten Sandrücken, der zwiſchen See und Land ſich ausdehnt, und haben umſonſt nach dem Leben auf und in ihr geforſcht. Darum ſind ſie verſtimmt und kehren heim zu ihrem grünen, ſonnigen Wald. 3 bekrele den ſchmalen Weg, der von dem letzten Hauſe des Dorfes dem Strande zuführt. Er ſchlängelt ſich durch ein mageres Kornfeld, bis er ſich in ein Labyrinth von Weiden verliert, die als ein ſchützender Wall gegen die See gränzen. Die erſten Bäume ſind ſtark und kräftig mit reichem Ge⸗ weig; allmählich ſchrumpfen ſie zuſammen, bis ſie endlich ſich ſammt der Wurzel im Sande verlieren. Dort wagen ſich nur noch einzelne Binſen her⸗ vor. Zwiſchen ihnen liegen verſtreute Haufen See⸗ tung, von den Wellen zum Trocknen dahin geworfen. 3 1 — 2 Hier ein abgewracktes Boot, dort eine zerbrochene Buhne, ein zerfetztes Tauende, ein Splitter Holz, nicht groß genug, zum Wegſchleppen anzureizen. Und zwiſchen all dieſen Armſeligkeiten leuchtende Kie⸗ ſel, gelbe, rothe und blaue Muſcheln, vielfarbige Steine, in denen ſich die Sonne abſpiegelt. Der Weg hat längſt aufgehört. Im tiefen Sande bergauf die Düne, watet es ſich ungemüthlich weiter. Nichts als todter Flugſand, ſo weit das Auge reicht. Der Gipfel iſt endlich erklommen und man ſieht vor ſich einen zweiten, öder und unzu⸗ gänglicher als der erſte. Aber wenn Alles vom Strande verſchwunden iſt; wenn der Flugſand noch weiter binnenwärts weht und die Düne Jahr Eines bleibt: die Schenke. Ein luftiges Bretterzelt, geſchützt von hohen Sandwällen, dehnt ſich an der Stelle aus, wo es nach der Seeſeite zu allgemach hinabgeht in die wallende Fluth. Die Wände haben fingerbreite Spalten. Wind und Regen erhalten frei Quartiet. Nur an der öſtlichen Wand, wo auf einer Unterlage von Steinen das Feuer brennt, iſt für eine feſtere Bedachung geſorgt. Dort ſteht auch der Schenkiſch mit den blinkenden Flaſchen und hinter demſelben, 3 nur dem Eingeweihten bekannt, führt ein ſchmaler Gang in eine geräumige Höhle, worin der liſtige Wirth alles verbirgt, was ſeine Gäſte nicht wiſſen ſollen. Will ein Wirth ſeine Gäſte ſicher beherrſchen, muß er ihr bereitwilligſter Diener ſcheinen. Ein Wirth zwiſchen den Sanddünen muß das mehr als jeder andere; denn es kommt gar wunderliches Volk in ſein luftiges Sommerſchloß. Ein junger Burſche keucht die Düne entlang, ſinkt ermüdet auf einen halbzerbrochenen Schemel und ſchreit nach Bier. Der Wirth fommt mit einem Kruge und ſagt gleichmüthig: „Peter Chriſtian, Du biſt ein loſer Geſell. Schuldeſt mir ſeit langer Zeit über zwanzig Schil⸗ linge und denkſt nicht daran, nur einen Pfennig zu bezahlen. Aber ich bin ein gutmüthiger Kerl, darum bringe ich Dir dieſen Krug und ſchreibe den einund⸗ zwanzigſten Schilling an.“ Der Strandläufer trinkt den Krug in einem Zuge aus und ſagt: „Gieb mir noch einen und ich verkaufe Dir die Beute, die ich heute gemacht.“ Der Wirth ſieht ihn fragend an. Peter Chriſtian zieht eine alte lederne Brieſtaſche hervor. Sie wird von allen Seiten betrachtet; es finden ſich nur ſchriebene Blätter darin. Der Burſche verlangt e Angebot und der Wirth ſagt: „Wenn Du leſen könnteſt, würdeſt Du wiſſen, daß auf dem Papiere nichts ſteht, wofür der Jude auch nur einen Pfennig giebt. Weil ich aber ſchon lange ſo ein Ding haben wollte, um die Steuern und Abgaben darin wegzutragen, will ich Deine Bierſchuld löſchen und Dir noch einen vollen Krug obendrein geben, Du mußt mir aber bei beſſerer Ge⸗ legenheit die Kundſchaft nicht wegtragen.“ Die Rechnung wird getilgt und Peter Chriſtian zieht wieder auf Beute aus. Der Wirth birgt die Brieftaſche in ſeine Höhle und ſagt, ſich die Hände reibend: „Gehört dem Steuerreiter und ſtehen gar er⸗ bauliche Dinge darin. Er muß gut blechen, ſonſt kommt ſie in die Hände des Steuerraths und nicht in ſeine.“ Als er wieder an das Tageslicht kommt, ſteht ein alter Fiſcher vor ihm, fluchend, ſcheltend und vor Ingrimm mit den Zähnen knirſchend. „Was giebt's, Vater Nanning?“ fragt der Wirth beſorgt und ſchiebt ihm ein umgeſtürztes Faß zum Sitzen unter. Der Fiſcher aber flucht alle 5 Teufel auf den Dieb herab, der ſeine ausgeworfenen Netze vor Tagesanbruch gehoben und die Fiſche dar⸗ aus geſtohlen hat. „Sollte man es denken, daß es ſolch boshaftes Volk geben kann?“ ſagte der Wirth, die Hände faltend.„Aber das glaubt mir, bringe ich den Kerl heraus, der es gethan, ſoll er kriegen, was ihm ge⸗ bührt und noch etwas darüber, darauf verlaßt Euch. Wollt Ihr nicht'n Gläschen für's Nüchtere? Das heißt, als Freund. Kein Geld, Mann. Ihr könnt Eure Dreilinge beſſer brauchen und ich müßte mich ja der Sünde ſchämen.“ Vater Nanning trinkt ſeinen Rum, ſchüttelt dem gaſtfreien Wirthe die Hand und klettert hinab, um ſeine Netze an einer geſegneteren Stelle auszuwerfen. Der Wirth geht pfeifend vor ſeiner Bude auf und ab, wie ein Matroſe, der den Wind lockt, bis ein Paar wählige Jungen auf ihn zugeſprungen kamen. Endlich können wir uns ſehen laſſen. Der alte Namning ging quer über den Weg, da mußten wir uns eine Weile verſtecken. Die Fiſche, die wir ſeit einigen Nächten nach Binnen transportirt haben, ſind alle verkauft und der Häringsjude ſchickt Euch drei Thaler als Euren Antheil. Nun müßt Ihr Euch aber mit uns abfinden.“ 6 „Ich glaube, der Häringsjude betrügt Euch und Ihr habt mit mir ein Gleiches vor. Wenn ich an all das liebe Gut denke, was Ihr bei mir ver⸗ ſchlungen habt, gehen Eure Schulden und die mei⸗ nigen gerade auf. Der alte Nanning hat ſein ſaures Tagewerk wieder begonnen und Ihr könnt auch etwas Beſſeres thun, als hier herumlungern. Aber das muß ich Euch ſagen, wenn Ihr wieder auf den Fiſchfang ausgeht, nehmt des Mannes Netze beſſer in Acht und reißt nicht ſo unbarmherzig große Löcher hinein. Man muß fremdes Eigenthum achten und ehrlich währt am längſten.“ Es war wieder leer in der Schenke und der Wirth konnte ungeſtört in ſeine unterirdiſche Höhle kriechen. Erſt gegen Abend ward er wieder ſichtbar, und brachte nicht ohne Mühe mit feuchtem Wrack⸗ holz und aufgerebbelten Tauenden ein Feuer zu Stande. Er hing einen Keſſel an dem eiſernen Haken darüber und bald begann die Suppe einen kräftigen Duft auszuſtrömen. Mit einer großen Gabel haſchte er nach den darin ſchwimmenden Fleiſchſtücken und brummte vor ſich hin: „Müſſen bald hier ſein. War mir ſchon vor⸗ hin, als ob ich fernen Ruderſchlag hörte. Gott ſegne die wackeren Jungen n 5 Und kaum war das Wort über ſeine Lippen, als es über die Düne heranzog, acht bis zehn Mann. Einer hinter dem Andern, Jeder mit einem ſchweren Packen auf dem Kopfe. Sie nahten ſich dem Ein⸗ gang der Schenke. Der Wirth nahm Jedem ſeine Laſt ab und trug dieſe in ſein ſtilles Heiligthum. Dann kehrte er zu ſeinem Suppenkeſſel zurückund 4 that, als ob nichts vorgefallen wäre. Die Männer ſaßen mitſammen am Tiſche. Der Wirth mußte aufſchüſſeln und vollzapfen. Alle waren guter Dinge. Der Branntwein, mit heißem Waſſer gemiſcht, that ſeine Schuldigkeit und die Zungen wurden locker. „Solcher Paſch iſt uns lange nicht geglückt,“ ſagte der Erſte in der Reihe und ſtrich ſich den Bart. „Wenn wir nur hier ſicher ſind. „Sicher, wie in Abrahams Schooß!“ betheuerte der Wirth.„Euere Kundſchafter werden Euch die Spione ſchon fern halten und Ihr habt nichts an⸗ deres zu thun, als gut zu eſſen und zu trinken. Iſt dann mit dem neuen Tage die Luft rein, bringt Ihr Alles an den bewußten Ort. Ich denke, Ihr wer⸗ det bei dieſer Gelegenheit auch meiner guten Dienſte eingedenk ſein.“ „Als wenn der Dieb nicht ſchon ſeinen Vortheil 8 vorweg nähme!“ ſchrie ein Anderer.„Bezwinge Dein Gelüſte nach fremdem Gute, und ſieh nach meinem Glaſe, worin ſich kein Tropfen mehr befindet. Hier habe ich ein Paar Flaſchen alten Cognac mit⸗ gebracht, wie kein Fregattencapitain ihn brauner in ſeiner Kajüte hat. Wer hält mit?“ „Bald dampfte die kräftige Bowle auf der Tafel. Der Wirth ſaß mitten unter ſeinen Gäſten und die Luſt wurde allgemein. Sie lachten und ſangen, erzählten tolle Schwänke von geprellten Steuerreitern und ließen die Dirnen hoch leben. Die See rauſchte draußen auf und mahnte die Säumigen. Aber dieſe hörten nicht. Der Wirth hatte ſeinen Platz am Tiſche wieder verlaſſen und ging vor der Hütte auf und ab. Im nächſten Dorfe ſchlug es Mitternacht. Der laue Nachtwind trug die Töne zu ihm herüber. „Nun gehe ich an mein Werk!“ ſagte er leiſe vor ſich hin. Er entfernte ſich mehrere Schritte vom Hauſe, nahm vann einen mächtigen Anlauf und ſtürzte mit allen Zeichen der Angſt mitten unter die Zecher: „Die Zoll⸗Gensdarmen kommen!“ Bei dieſem Schreckensrufe erſtarrte das Blut zu Eis. Die Schmuggler ſprangen auf und ſuchten 9 ihre Kappen und Wämſer zuſammen, die ſie während des Trinkgelages von ſich warfen. Der Wirth war wieder hinausgelaufen, kam bald darauf zurück und ſagte: „Satanskerl von einem Steuerreiter! Er auf der Krähendüne und hält die Hand übe Augen. Gewiß hat Euch Jemand ihm verrat und er wittert Euere Fährte. Zum Glück ſteht der Mond hinter einer Wolke. Nicht durch die Thür, Leute. Habe hinter meinem Schen ei loſe Bretter in der Wand. Kriecht hin ſo Ihr könnt; aber nur Einer zur Zeit. Ei, das ging raſch, Hans Peter! He? Euch wird's wohl ſauer, Matthes? Ja! Ja! Ihr ſeid'n Bischen fett. So! Nun ſind ſie draußen. Jetzt ſperre ich das Loch zu, und dann will ich mir auch'ne Güte thun. Er füllte ſich ſeinen Zinnkrug, nahm eine hell⸗ brennende Laterne und ſtieg in die geheime Höhle hinab, wo die Packete auf⸗ und nebeneinander lagen, welche die Schmuggler ſeiner Obhut anvertrauten. Er muſterte ſie ſorgfältig und wog ſie mit der Hand: „Das iſt nichts für mich. Taback, meine ich! Pah! Rauche ohnedies vom beſten. Caffe! Habe noch Vorrath, bis meine weſtindiſchen Kunden wie⸗ 10 derkommen. Was da? Hei! Das wäre ſo etwas für die Dore⸗Marie, muthmaße ich. Laßt'n mal ſehen.“ Er nahm ein Meſſer und trennte den Ballen behutſam auf. Schöne Seidentücher in bunten, glänzenden Farben leuchteten ihm entgegen: „Das mag ich leiden. Sieht in dem Packen aus, wie in des Herrn Paſtors Garten, wenn der Mohn blüht. Thue ich der Dirne das um den a wird alles Weibsvolk im Dorfe aſchgrau vor Aerg ich habe einen doppelten Spaß. Drei Stücke werden es thun.“ Er legte ſeinen Raub beiſeite, nähte den Ballen ſorgfältig wieder zu und machte einen zweiten auf Ueberall fand er etwas, das ihm wohlgefiel und rund um ihn her ſah es aus, wie in einer Kram⸗ bude auf der Kirmes. Wohlgefällig trank er ſeine Kanne leer und rieb ſich ſchmunzelnd die Hände. Da kam es ihm vor, als huſche es, wie ein Schat⸗ ten, an der Laterne vorüber. Erſchreckt ſprang er auf und blieb mit offenem Munde ſtehen. Der Fuchs wurde von einem ſchlaueren Fuchſe überliſtet. Der Steuerreiter war eben in die Höhle getreten und ſah ihn höhniſch lächelnd an. „Ihr habt Euere Thür ſchlecht verwahrt, Mann!“ 11 ſagte er, nachdem er ſich an der Angſt des Wirthes genug geweidet.„Wer ſolche Dinge treibt, wie Ihr, niß doppelte Schlöſer und dreijache Riegel haben“4 „Warum ſoll ich mein Haus zuſperren?“ ent⸗ gegnete der Wirth ſtotternd.„Wenn anders die paar Bretter, die mich vor Wind und Wetter ſchützen, ein Haus heißen können. Bei mir hat Jeder und alle Zeit Zutritt. Diebe ſind hier nicht, und was könn⸗ ten ſie auch einem armen Teufel nehmen, wie ich bin.“ „Ein armer Teufel mit einem reichen Magazin von Sammt und Seide und Goldbrocat“ lachte der Steuerreiter.„Und dabei geht Ihr Tölpel mit dem koſtbaren Gute ſo fahrläſſig um, als ob es zu ſchlecht wäre, um ein verwittertes Bootſegel damit zu flicken. Iſ mir lieb, daß ich Euch endlich einmal gefangen. Hat lange gedauert, denn Ihr ſeid ſchlaues Geſin⸗ del alle miteinander. Aber nun halte ich Euch wiſchen den Fingern und Ihr ſollt mir nicht ent⸗ ſchlüpfen.“ Der Wirth fuhr mit der Hand über die Stirn und athmete tief, als erwache er ſoeben aus dem Schlafe. Er ſah den Steuerreiter mit einem Schafs⸗ geſicht an und ſprach: „Mit Gunſt, lieber Herr. Ich war ein wenig 12 in Gedanken und habe nicht Alles verſtanden, was Ihr vorhin ſagtet.“ „Ich ſagte, daß Ihr und Euer ganzer Anhang in die Falle gegangen ſeid und daß ich Euch zu meiner Luſt zappeln laſſe, bis der Herr Amtmann Euch die Schlinge um den Hals legt!“ entgegnete barſch der Steuerreiter. „Meint Ihr?“ fragte der Wirth und ließ die gefaltenen Hände in den Schooß ſinken.„Nun, wie Gott will. Ein Chriſt ergiebt ſich in Geduld. Was hättet Ihr denn ſo über mich beſchloſſen?“ „Euch mitzunehmen, Ihr Gauner, und Euch ſtehenden Fußes dem Herrn Amtmann auszuliefern, der Euch ſchon die Hölle heiß machen wird.“ „Ach ja, das thut. Habe den Herrn Amtmann lange nicht geſehen und will bei dieſer Gelegenheit mein Herz recht vor ihm ausſchütten.“ „Aha! Schlägt das Gewiſſen?“ „Es beißt ſogar und das mit eiſernen Zähnen. Darum will ich es auch kurz machen und ihm ſa⸗ gen:„Herr Amtmann, da bringe ich Euch den Steuerreiter. Nicht doch, der Steuerreiter bringt mich vielmehr zu Euch daher, damit ich Euch ſagen ſoll, was er ſelbſt ſich nicht zu ſagen getraut.“ Und was wäre denn das?“ 13 „Daß er aus Unachtſamkeit ſeine lederne Byi taſche verloren hat.“ „Was war das?“ ſtotterte Jener erbleichend „Eine Brieftaſche, wertheſter Herr Amtman 8 2 worin ich allerlei Papiere geſehen habe, die einen ſonſt ganz unſchuldigen Mann in das Zuchthaus— bringen können, wenn ich ſo ſchlecht ſein wollte und ihn angeben, Herr Amtmann. Und ich habe ſie vovn einem dummen Burſchen für ſchweres Geld an mich gebracht, damit nur der arme Mann nicht heur kommen ſoll, außer es ſelbſt nicht beſſer haben.“ ₰ 7 „Her mit der Brieftaſche!“ „Daß ich ein Narr wäre, Gevatter. Wenn nan ſolche gefährliche Papiere bei ſich trägt, muß man die Taſchen mit doppeltem Zwirn zunähen. Meine Beute gebe ich nicht heraus, aber ich will ſie für mich allein behalten. Kein Menſch ſoll et⸗ 6 was davon erfahren, wenn Ihr es nicht ſelbſt an⸗ 5 ders wollt.“ Der Steuerreiter preßte die Lippen zuſammen. Der Schurke ſtand vor einem andern Schurken, der ihm die Larve abriß. Er wurde blaß und roth. Seine Kniee zitterten. Der Wirth weidete ſich einen Augenblick an ſeiner Angſt und ſagte dann: 14 Ihr habt das Fieber. Das macht der ſchwete Ihr nehmt die Sache auch gar zu ernſt. Folgt meinem Rathe, trinkt einen tüchtigen Schluck, geht damit nach Hauſe und deckt Euch warm zu, dann ſeid Ihr morgen wieder flink wie 'ne Wachtel.“ Der Steuerreiter ging ohne Schluck und ohne gute Nacht. Der Wirth klinkte die Thür ein, ſchlug in Lager unter dem Schenktiſche auf und wünſchte ich morgen ein eben ſo glücklichen Tag. Es däm Die weiße Sanddüne grenzte ab gegen die tiefblaue See, die eine Welle nach der andern wie ein faltiges Gewand um ſe her legte. Die letzten Sterne erbleichten. Die Mor⸗ genröthe wagte ſich endlich verſtohlen aus dem Schooße der See und warf ihren Purpur in die Segel der am fernen Horizont vorüberſteuernden Schiffe. Und abermals ward das anſcheinend Todte lebendig. Der erſte Lichtſtrahl brach ſich an dem Scheitel der Düne und aus hundert Ritzen und Spalten ſchoß es hewor und ſchwang ſich in die blaue Luft, die kreiſchende Möwe, die ſchnatternde Bergente und die Eidergans im ſtattlichen Daunenſchmuck. Dahin zog die ge⸗ fiederte Schaar, die Gänſe landeinwärts, die Mö⸗ 15 wen auf die offene See hinaus, in das Kielwaſſer der Fiſcher, die ihre Netze aufzogen. Leichtfüßig wie ein flüchtiges Reh kam ein jun⸗ ges Mädchen in ländlicher Tracht des Weges. Sie ſah ſich mehrere Male um, als ſuche ſie Jemand, und als ſich zuletzt keiner zeigte, ſagte ſie ärgerlich: „Der hat mich auch genarrt!“ und ſetzte verdroſſen, oft um ſich ſchauend, den Weg zur Dünenſchenke fort.— Schon ſeit einer Stunde lärmte der Wirth. Die Schmuggler hatten ihre Packete abgeholt und der Steuerreiter vertrat ihnen nicht den Weg. Jetzt ſtand er, ungeduldig hin und her laufend, denn er konnte es nicht erwarten, die Dore⸗Marie mit der ſchönen Beute zu ſchmücken, die er in der vergange⸗ nen Nacht gemacht. „Sieh nur, Dore⸗Marie!“ rief er, indem er die reichen Gaben vor der Dirne ausbreitete;„das Alles kannſt Du haben und noch mehr dazu, wenn Du ein verſtändiges Kind biſt. Weißt ja, daß ich Dir gut bin und Dich zum Weibe nehmen will. Aber Du biſt ein ſchnippiſch Ding und ſchiltſt mich einen alten häßlichen Kerl, der ein eben ſo häßliches Weib zum Hausdrachen haben müſſe. Denke daran, Dore⸗Marie, daß Du von Hauſe aus nichts haſt 16 und an ein müſſiges Wohlleben gewöhnt biſt. Denke daran und betrachte dieſe Herrlichkeiten, die ich für Dich ausgeſucht.“ Und Dore⸗Marie war ein kluges Kind, wel⸗ ches die reichen Gaben wohl zu würdigen wußte, die der Alte vor ihr ausbreitete. Sie lobte Alles über die Maßen, ſie ſtreichelte dem guten Gevatter die Backen, ſie ließ ſich von ihm küſſen und ſchmei⸗ chelte ihm ein Stück nach dem andern ab. Dann aber wurde ſie auf einmal kühl und ſagte ſchnell: „Habe mich wirklich über die Gebühr aufgehal⸗ ten und kriege Schelte, wenn ich heimkomme. Habt ſchönen Dank und laßt Euch die Zeit nicht lang währen. Wenn wieder etwas vorfällt, laßts mich nur wiſſen.“ Wie ein Vogel war ſie auf und davon. Der Wirth ſah ihr mit offenem Maule nach. Bald aber kehrte ihm die angeborene Pfiffigkeit zurück und er ſagte: „Dahinter ſteckt etwas. Die Dirne betrügt mich; darauf lege ich die Hand in's Feuer. Ich will bald klar ſehen.“ Und ſo ſchnell er konnte, keuchte er dünenauf⸗ wärts hinterdrein. Die Sonne ſchien hell gegen die weiße Dünen⸗ 17 wand, als auf einem Vorſprunge derſelben ein luſti⸗ ger Wanderer erſchien. Der kurze Sammtrock ſchloß ſich eng an den ſchlanken Leib, das Barett wiegte ſich ſchräge auf den dunklen Locken, der Stab in der Hand diente ihm mehr zum Spiel als zur Stütze. Er blickte auf die offene See, die ihm entgegenrauſchte, und ſeine Wangen glühten. Da hörte er in ſeiner Nähe leiſe kichern, und ſich umſchauend, rief er: „Iſt das nicht das niedliche Mädchen, mit der ich geſtern in der Schenke tanzte? Guten Morgen, und gieb mir jetzt den Kuß, den Du mir geſtern verſprachſt, aber nicht gegeben haſt.“ „Laßt Euch hübſch Zeit,“ ſagte ſie ſchnippiſch. „Der Tag iſt lang und man braucht jede Stunde etwas Anderes. Wenn es Euch ſo ſehr um einen Kuß zu thun war, würdet Ihr daran gedacht haben, daß ich Euch den Platz zeigen ſollte, von welchem aus Ihr die Sonne am beſten konntet aufgehen ſehen. Nun, ich war zur rechten Zeit da, und die Sonne auch; aber Ihr nicht und darum könnt Ihr auch wieder hingehen, wo Ihr ſo lange geweſen ſeid.“ Sie wollte fort, aber er vertrat ihr lachend den Weg: „Habe ich Dich auch auf dieſen Straßen ohne Spur nicht finden können, bin ich doch im Gedanken I. 2 18 nahe bei Dir geweſen, das will ich Dir beweiſen.“ — Er hielt ihr ein Blatt hin und ſprach:„Sage mir ſchnell, was es iſt?“ Dore⸗Marie ſchlug verwundert in die Hände: „Herr des Lebens, das iſt gerade ſo eine Dirne wie ich. Und am Ende bin ich es wohl ſelbſt ganz und gar. Hände, Füße und Geſicht. Nein, ſo etwas lebt nicht. Und das habt Ihr Alles da aufge⸗ ſchrieben?“ „Aus dem Gedächtniß, ohne Dich leibhaftig zu ſehen. Das iſt doch wohl den verſprochenen Kuß werth?“ Dore⸗Marie küßte gern und darum litt ſie, daß der Sammtrock ſie an ſich drückte. Als ſie ſich dann aber ſeinen Arm entwand, ſtieß ſie einen Schrei der Ueberraſchung aus und zu gleicher Zeit brach der junge Mann in ein lautes Gelächter aus: „Dore⸗Marie, was iſt das für eine Mißgeburt, die Dich ſo grimmig anglotzt? Iſt es vielleicht der alte verliebte Gevatter, von dem Du mir ſagteſt, daß er Dich mit aller Gewalt zu ſeiner ehrſamen Hausfrau machen will? Nun, ich denke chriſtlich und will ſeinem Glücke nicht im Wege ſein. Er ſoll Dir zur Seite ſtehn, Dore⸗Marie; hier im Bilde wenigſtens.“ ———— 49 Er zeichnete eifrig und rief zwiſchendurch:„Steht ſill, Mann, und ich verſpreche, einen Steckbrief von Euch zu entwerfen, daß jeder Zoll⸗Gensdarm Euch auf hundert Schritt erkennen ſoll. Steht ſtill, ſage ich, oder ich mache Euch drei Mal häßlicher, als Ihr ohnehin ſeid und klebe dann Euer Conterfei an den Meilenſtein, der mitten im Dorfe ſteht. Trampelt nicht ſo ungebehrdich mit den Füßen und neigt den Kopf ein wenig auf die linke Schulter. Das giebt Cuch ein ſchmachtendes Anſehn. Ha! Ha! Ha! Dore⸗Marie, laufe nicht ſo ſchnell. Dein alter Seladon kann nicht gleichen Schritt mit Dir halten.“ Er lehnte ſich leicht auf ſeinen Stab und ſah ihnen lachend nach. Dann ſchritt er weiter und warf einen langen Blick auf die wogende Fläche. Sein Geſicht glühte. Ihm war es, als müſſe er aufjauchzen bei dieſem nie gehabten Anblick. Aber nach und nach wurden ſeine Züge ernſt und er ſrach unwillkührlich vor ſich hin: „Und mitten in der Luſt kommt ihm ein Schauer an, Im Unermeflichen ſich ſelbſt ſo klein zu ſehen.“ Die Sonne ſteht im Zenith und Alles ſengt und glüht. Der Dünenwirth iſt von der vergeblichen Jagd zurückgekehrt und verſchläft den Aerger an der Schattenſeite ſeiner Bretterhütte. Er ſchläft und ſieht 2⸗ 20 nicht, daß es über See aufbraut, daß ſich der blaue Himmel in ein dunkles Grau kleidet und daß mit der klaren Luft auch die letzte Briſe ſchwindet. Er ſieht nicht, daß ſich der Nebel tiefer ſenkt, daß ſich von dem dunklen Schleier einige Tropfen löſen, die auf den brennenden Sand herabrieſeln. Er ſieht nicht, wie die einzelnen Tropfen ſich allmählich zu einem allgemeinen Landregen verdichten, der in aller Gemüthlichkeit herab und ihm in den offenen Mund rieſelt. „Mehr! Mehr!“ ſtöhnt die allzeit durſtige Kehle und ſchnalzt mit der Zunge. Dann aber weicht der Schlaf von ihm. Er reißt die Augen auf, blickt verſtört um ſich, und flüchtet ſich fluchend in ſeine Höhle. Ein Menſch, niedergebeugt von der Laſt der Jahre, mit einem Geſicht, auf welchem Kummer und Sorge ihre unverkennbaren Züge geſchrieben, tritt ihm entgegen: „Nehmt es nicht übel, daß ich hier einen Augen⸗ blick ruhte. Es war Niemand da, den ich um ein Obdach bitten konnte, und ich war der Ohnmacht nahe.“ „Wer ſeid Ihr?“ ſchrie ihn der Wirth an 24 „Was wollt Ihr hier? Es läuft viel Spitzbuben⸗ Geſindel in der Welt herum.“ „Verſündigt Euch nicht!“ ſagte der Alte ernſt. „Ich habe Euch nichts genommen und der Dank, den ich Euch für die kurze Raſt ſchulde, habt Ihr mit Euern harten Worten getilgt“ Der Wirth ſah dem ſcheidenden Alten nach und ſagte von der Seite ſchielend: „Das iſt der tolle Flaggentroſt! Wo der ſich ſehen läßt, bringt er Unglück.“ Der Alte keuchte mühſam den Weg entlang, der zu dem Vorſprung führt, der ſcharf abfällt in die See hinein. Dort blieb er ſtehen. Das Wetter hatte ſich aufgeklärt. Die Sonne war in einen Kranz von Wolken untergegangen; oben aber ward es klar und einzelne Sterne blickten neugierig dem ſcheiden⸗ den Tage nach. „Ich bin am Ende,“ ſprach der Alte.„Meine letzte Hoffnung iſt begraben. Was ſoll ich hier?“ Die See rauſchte auf. Der Alte hörte ſie und ſagte: „Du ſollſt mich aufnehmen zur letzten Raſt. Auf Dich bin ich geboren. Deine Wellen waren meine Spielgenoſſen. Auf dem Lande habe ich keine Heimath, wo ich mein müdes Haupt niederlegen 22 kann. Du warſt meine Wiege, Du ſollſt auch mein Grab ſein. Ein leiſer Hauch, der von binnenwärts über die Dünen hinwehte, trug das Abendläuten dem Meere zu. Er hörte es: „Locke mich nicht, Du falſches Land. Du zeig⸗ teſt mir grüne Wälder und blühende Gärten; aber wenn ich zugriff, waren die Bäume morſch und ſtatt der Blüthen faßte ich in Dornen. Ich kam als ein Heimathloſer, und ſie ſagten: Hier biſt Du heim. Aber ich konnte mich in ihre Weiſe nicht finden, und ſie haben mich nicht verſtehen wollen. Ich baute mir den eignen Heerd. Die See ſpühlte ihn weg, denn ich gehöre ihr. Ich nahm ein Weib, die meine Weiſe nicht mochte, und am gebrochenen Herzen ſtarb. Sie ließ eine Tochter zurück, die zu aller Freude heranwuchs, ſchön und lieblich wie keine. Ich muß hinab! Hinab! Die See rauſchte ſtärker. Er breitete ihr die Arme entgegen, und hätte ſich hinabgeſtürzt, aber ihm mangelte die Kraft. Da erſcholl von femher eine kräftige Stimme: Mit ihrem dunklen Flügel Schwebt über See und Hügel Jetzt feierlich die Nacht; 23 In unermeßner Ferne Sind ihre milden Sterne Rings angethan mit Königspracht.“ „Mein Lied!“ ſagte der Alte aufhorchend.„Wer bringt meinem Gedächtniß dieſe halbvergeſſenen Töne zurück? Ich lernte ſie als Knabe von unſerm Steuermann, der mich wie ein Vater liebte. Wie lang die Zeit.“ Die Stimme kam näher: „Mein Gott, der meine Tage, Des Lebens Glück und Plage, Mit Gnad' und Liebe lenkt; Von dem ich Alles habe, Dank Dir für jede Gabe Die Du auch heute mir geſchenkt.“ „Ich hatte das vergeſſen!“ ſagte der Alte vor ſich hin.„Ich dankte ihm nicht, ſondern wollte mich in die See ſtürzen, um den neuen Tag nicht wieder zu ſehen. O, daß es weiter ſänge!“ Und mit bebender Stimme ſang der Alte vor ſich hin: „Dank Dir für jede Gabe, Die Du auch heute mir geſchenkt.“ „Guten Abend!“ rief eine helle Stimme und ein junger Seemann trat aus der Dämmerung.„Hat mein Lied das Euere geweckt? Oft ſinge ich es, 24 wenn ich in ſturmvollen Nächten auf offener See bin, und ſtets hat es mich in eine friedliche Stim⸗ mung verſetzt. Ich kam hierher, um zu ſehen, ob ich mein Schiff, das unfern von Eurer Düne an⸗ kam, gewahren und ihm vielleicht ein Signal machen kann.“ „Und ich kam....,“ ſagte der Alte und ſtockte.„Wie weit kann ſich der menſchliche Geiſt verirren.“ Er ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken. Der junge Seemann hatte Feuer gemacht und ließ eine Rakete hoch in die Luft ſteigen. Nach wenigen Se⸗ cunden ward das Signal von der See her in glei⸗ cher Weiſe beantwortet. „Alles in Ordnung am Bord!“ ſagte der Ser⸗ mann zufrieden und wandte ſich dann an den Alten: „Was habt Ihr nur? Mich freut's, daß ich hier auf meinem Poſten Jemand finde, denn zu Zweien wacht es ſich beſſer. Ihr ſeid hier aus der Gegend, denke ich, und auch bei Jahren; ſo reicht wohl Euer Gedächtniß weit hinauf. Kann nicht ſagen, wie es kommt, daß ich Euch kaum geſehen und doch gern habe. Ich glaube, weil Ihr mit mir daſſelbe Lied ſanget und weil es mit dem Liede ſelbſt eine eigene Bewandniß hat, ſeid Ihr mir kein Frem⸗ 25 der. Komme auf Kundſchaft. Es ſoll hier herum ein fabelhafter Mann gelebt haben, der keine Hei⸗ math auf dem feſten Lande hatte, und den man, weil er auf der See geboren und getauft wurde, Steuer⸗ mann Flaggentroſt nannte.“ „Ich glaube wohl, ich kannte einen ſolchen Mann,“ ſagte der Alte. „Er hatte ſchlimme Tage,“ fuhr der junge See⸗ mann fort,„denn er konnte ſich unter den gewöhn⸗ lichen Menſchen nicht zurecht finden. Sie meinten, es ſei mit ihm im Kopfe nicht recht richtig. Aber ich weiß es beſſer. „Ihr? Was wißt Ihr?“ „Die Köpfe der Menſchen, die das ſagten, waren hohl, wie ein leerer Topf. Sie erkannten nicht, daß ihm eine wunderſame Gabe verliehen war, und mochten nicht glauben, daß ein Dichter in ihm ſteckte, weil er nur Lieder dichtete, die ſie nicht ver⸗ ſtanden.“ „Sie verſtanden ſie nicht,“ ſprach der Alte, wie abweſend, vor ſich hin. „Es war dummes Volk,“ ſagte der Seemann. „Nur Einer war in der Menge, eine ſchmucke Dirne, die dachte anders. Sie ſah dem Flaggentroſt in die 26 treuen Augen und legte ihre zitternde Hand in die ſeine. Aber es dauerte nicht lange.“ „Kaum ein Jahr!“ fuhr der Alte fort. „Wie Ihr das genau wißt. So habt Ihr auch wohl weitere Kunde von dem Manne, und könnt mir ſagen, wo ich ihn finden kann?“ „Und wenn ich es weiß? Wer bürgt mir, daß Ihr Gutes im Sinne habt? Es iſt dem armen Flaggentroſt vieles Unrecht geſchehen. Mehr kann er nicht tragen. Es wurde ihm ſchon die jetzige Laſt vor einer Stunde zu ſchwer.“ „Ihr ſollt mein Vertrauter ſein und dann ent⸗ ſcheiden, ob er es erfahren darf. Sein Weib hinter⸗ ließ ihm eine Tochter, ein harmloſes, heiteres Ge⸗ ſchöpf; ein wahrhaftes Poetenkind. Da kam ein Menſch daher, jung und feurig. Sie gefielen ein⸗ ander und glaubten, ſie gehörten einander für das Leben. Aber Flaggentroſt, der ſonſt nicht viel von den Dingen dieſer Welt verſtand, verſtand doch ſein ſorgloſes Töchterlein und wollte ſie dem Fremden nicht geben. Da gingen Beide heimlich miteinander fort und bald waren ſie ſich gegenſeitig eine Laſt. Das arme Weib wurde von ihrem wüſten Gatten verlaſſen, der im Innern Indiens ein anderes Glück ſuchte und dort verkommen iſt. Sie aber zog mit 27 ihrem Söhnlein in eine ferne Hafenſtadt und hat ihn mit ihrer Hände Arbeit erhalten, bis er zum kräftigen Burſchen heran wuchs und Gleiches mit Gleichem vergalt. Des Flaggentroſt Tochter iſt nie ihres Grames Herr geworden; er nagte fortdauernd an ihrem Herzen und als ſie ſterbend in des Soh⸗ nes Armen lag, vertraute ſie dieſem, was er noch nicht wußte, und ſagte dann:„Mir ſagt's mein Herz, daß der Vater noch lebt. Suche ihn auf, mein Kind, ſage ihm, wie ich gelitten habe und geſtorben bin, und wie tief ich es bereue, ihn ſo ſchwer ge⸗ kränkt zu haben. Da machte der Sohn ſich auf und Ihr ſollt nun entſcheiden, ob ich das Alles dem Flaggentroſt ſagen darf?“ Der Alte ſchluchzte und bedeckte das Geſicht mit den Händen: „Sage es ihm nicht noch ein Mal, mein Sohn. Er hat es ſchon gehört und denkt der Geſtorbenen in Frieden.“ „Und Frieden bringe ich Dir,“ ſagte der junge Seemann weich.„Ich bringe Dich an Bord mei⸗ nes Schiffes und das Schiff trägt uns zu der grü⸗ nen Bai, wo ich meinen Heerd aufgerichtet. Dort wohnen Menſchen, die Deine Lieder verſtehen, und die Dich lieben, ohne Dich je geſehen zu haben. Du 28 armer, verkannter Dichter; dort rauſcht der Blü⸗ thenbaum, in deſſen Schatten Dir die Stätte berei⸗ tet iſt.“ Sie ſprachen nichts weiter. Aber ſie hielten ſich ſtill umſchloſſen und hörten ſelbſt nicht das leiſe Murmeln der See, die im Nachtwind fröſtelnd zu⸗ ſammerſchauerte. Am andern Morgen war vom Dorfe her aller⸗ lei Volks im Anzuge. Einige ſagten, der Steuet⸗ reiter ſei in's Unglück gelommen nnd darum wim⸗ mele es in den Dünen von Zoll⸗Gensdarmen. An⸗ dere hörten der Dore⸗Marie zu, die von einem Sammtrocke erzählte, der ihr anfänglich ſchön ge⸗ than, ſie aber nachher mit dem Dünenwirth zuſam⸗ men abkonterfeit und das Bild an den Meilenſtein im Dorfe geklebt habe. Als die Menge, laut mit⸗ ſammen ſchwatzend, an die Stelle kam, wo das Bin⸗ ſengras am Abhange der Düne im Sande ſtirbt, ſahen ſie den luſtigen Maler mit einem luſtigen Liede fröhlich dahin wandern. Von der andern Seite er⸗ ſchienen dagegen ein Dutzend Zoll⸗Gensdarmen. Sie hatten den Wirth in ihrer Mitte, um ihn mit dem Steuerreiter zu torquiren, denn ein Spitzbube ver⸗ räth ſtets den Andern. Seewärts aber kreuzte eine ſchmucke Brigg im Bereich der Düne, und die Scha⸗ 29 luppe derſelben verließ den Strand, den alten Flag⸗ gentroſt und ſeinen jugendlichen Enkel am Bord. Die Tage kommen und gehen. Die alten Be⸗ wohner der Düne ſind dahin und neue erſcheinen. Freud' und Leid, Herz, Scherz und Schmerz ziehen in wechſelnden Geſtalten über ihre Gipfel, durch ihre Klüfte und Schluchten. Sie aber liegt unwandel⸗ bar, ein mächtiges Bollwerk, zwiſchen See und Land, ein ſchützender Hort. Vom Stapel. Dor iſt die Pforte zum Werft, und die Jahres⸗ zahl 1740 ſteht darüber. Der Werft heißt„zum ſilbernen Neptun“ und es iſt mancher Kiel darauf gelegt, der unter dem Schutze des Meergottes mit dem Dreizack die See glücklich befahren und die goldenen Schätze fremder Zonen heimgebracht hat. Ein hohes, luftiges Holzgitter ſcheidet den Werſt von der öffentlichen Straße. Auf demſelben erhebt ſich in Form eines Galions ein kunſtreich geſchnitztes und mit einem ſchwätzlichen Silbergrau bemaltes Bild des Neptun. Er hält einen natürlichen Drei⸗ zack in der Hand, den er ganz ernſthaft ſchultert und ſo grimmig darein ſchaut, wie ein Grenadier der alten Potsdamer Garde. An beiden Seiten des Einganges erheben ſich ein Paar ſchattige Linden, 31¹ zu einem dichten Laubdache in einander verwachſen; ein freundlich⸗bewegliches Bild in dieſer ſtaren Welt von Holz und Eiſen. Links vom Eingange ſteht das Haus des Zim⸗ merbaaſes. Rein und glänzend, wie ein niederländi⸗ ſches Küchenſtück, woran die Weinreben ſich feſt ranken, und welches ſich mit bunten Blumenbeeten umgeben hat. Ein Stück duftender Poeſie in der lärmenden, toſenden Welt der Proſa. Dem Hauſe gegenüber, hart an der Straßenfront, ſteht ein be⸗ dachter Balkon mit einer Flaggenſtange an jeder Seite. Es iſt der Ehrenplatz für die Kaufherren und Capitaine, welche hier bauen laſſen, und die Zuflucht der Damen bei allen feſtlichen Gelegenhei⸗ ten. Aber damit auf dieſem praktiſchen Raume nichts verloren gehe für bloßen Tand, ſteht der Balkon auf dem platten Dache eines Schuppens, in welchem der ſorgſame Baas koſtbare Werkzeuge und Geräthſchaf⸗ ten aufbewahrt. Rings umher längs den abgränzenden Zäunen echeben ſich große Bretterſchauer, worin ein endloſes Scharwerken iſt von früh bis ſpät. Drei mächtige Gangſpille ſtehen in einer Reihe neben einander. Nit dieſen werden die Schiffe aus dem Waſſer und die Helgen hinaufgewunden, wenn ſie beſchädigt aus 32 See kommen und einer gründlichen Ausbeſſerung be⸗ dürfen. An beiden Seiten dieſes Werftes liegen ein Paar ſolcher Geſellen; verſtürmt und verwittert. Einer von ihnen iſt ein Mittelding von einer Barke und einem Vollſchiff, eine der räthſelhaften, jetzt ziem⸗ lich verſchollenen Zimmerplatz⸗Ideen, welche drei ver⸗ ſchiedene Bauſthle zu einem verarbeiten, und denen das Genie des Meiſters die Nachtheile eines Jeden angeeignet und deren Vortheile ſorglich unterdrückt hat. Das Zweite iſt ein altes nordiſches Fahrzeug, halb Galeas, halb Jacht, gut genug für eine Ladung Klippfiſch und Leberthran. Es hat ſich an einer der vaterländiſchen Skären die Spiekerhout ge⸗ ſchrammt und ſucht die empfangene Wunde hier nach Kräften vernarben zu laſſen. Aber zwiſchen dieſen beiden Geſchöpfen, e halb Ungeheuer, halb Mißgeburt, zwiſchen Himnel und Waſſer herumſchwimmen, prangt die Krone des Werftes. Es iſt das Meiſterſtück ihres Schöpfers. Eine Muſterfregatte, vom erſten Kielholz neu aufge⸗ zimmert; die Augenweide aller vorübergehenden Ken⸗ ner; die ſtille Sehnſucht mäßig bedachten Capitains. Der Baas, der dieſen Bau erſonnen und ins Leben gerufen hat, geht umher und läßt ſein prüfen⸗ 33 des Auge über den ſchlanken Bau hingleiten. Ihm zur Seite hält ſich ſein Werftmeiſter. Er hört auf die Anordnungen des wohlunterrichteten Herrn und giebt an ſchicklichen Stellen ſein Wort dazu. Dieſen Beiden folgen die Meiſter der verſchiedenen Gewerke, die bei dem Bau beſchäftigt ſind. Eine ſtattliche Zahl, denn welches Gewerk fehlte bei dem Schiffs⸗ bau, von dem Maurer, der unter dem Stapel, der eine Fregatte tragen ſoll, das Mauerwerk fertigt⸗ bis zu dem Tapezier, der mit ſeinen phantaſtiſchen Draperieen von Sammt und Seide die Damenkajüte in einen Feenpalaſt verwandelt. Da öffnet ſich die äußere Werftpforte und her⸗ ein ſchreitet ein ſtattlicher Herr, einfach und etwas nach altem Schnitte gekleidet. Aber die Stoffe ſind koſtbar und die Knöpfe an der Brocatweſte von ge⸗ diegenem Golde. Der Werft- und die Handwerks⸗ meiſter treten zurück und der Zimmerbaas geht mit dem Hute in der Hand ſeinem vornehmen Beſuche entgegen. Herr Ehrenftied Möller, achtbarer Handelsherr und Schiffsrheder dieſer geſegneten Stadt und allei⸗ niger Eigenthümer der vor ihm auf dem Stapel lie⸗ genden neuen Feegatte, nimmt die dargebrachten Huldigungen wie einen ſchuldigen Tribut entgegen, I. 3 — 34 ndem er nachläſſig den Hut lüftet, und dann zu dem Balkon hinaufſteigt, wo er ſich behaglich nieder⸗ läßt, gefolgt von dem Werſtherrn, der nach den Be⸗ fehlen ſeines verehrten Gönners fragt. „Laſſe Er ſich nicht ſtören, Baas. Komme nur, um ein wenig zuzuſehen, wie es hier geht, und zu hören, ob ich bald daran denken kann, die Fregatte ſchwimmen zu ſehen?“ ü vierzehn Tagen, Herr Möller, wie ich eben nach einer Beſprechung mit den übrigen Meiſtern herauskalkulirt habe. In vierzehn Tagen kann es angehen.“ „Beſinne Er ſich wohl. Ich laſſe jedem Mann vollkommen Zeit, ſich auszuſprechen. Aber wenn das Wort einmal geſprochen iſt, muß es auch ſtrickte ge⸗ halten werden. Er ſagt alſo?“ „In vierzehn Tagen gewiß, Herr Möller, wenn uns Gott anders vor Sturmfluth oder ſonſtigem Un⸗ glück bewahrt.“ 5 „Spreche Er nicht ſo gottesläſterlich. Das macht der Heidenkerl, den Er über Seiner Empfangspforte ſtehen hat. Sollte ihn mit ſeiner Harpune nach Grönland ſchicken; da hat er Arbeit. Sonſt aber iſt Er ein fleißiger Mann, wie junge Anfänger ſein ſollen, aber leider Gottes nur ſelten ſind. Fällt 35 unſer erſtes Geſchäft gut aus, wie ich wünſche und hoffe, bin ich nicht abgeneigt für ein zweites, denn tüchtigen und fleißigen Leuten muß man die Hand bieten.“ „Ich werde dieſe Güte durch reelles Handeln zu verdienen ſuchen.“ „Thue Er das. Und ſomit guten Morgen. Oder— will Er noch etwas ſagen?“ „Ich erlaube mir nur, zu fragen, ob Herr Möl⸗ ler vielleicht ſchon an einen Capitain für das neue Schiff gedacht hat? Wo nicht....“ „Sonſt möchte Er mir einen von Seiner Freund⸗ ſchaft vorſchlagen? Weiß Er, was ein kluger Schu⸗ ſter einmal gethan hat?“ „Ich verſtehe nicht ganz, Herr Möller.“ „Der blieb bei ſeinem Leiſten und das thue Er auch. Zweierlei Handwerk und ein Meiſter giebt eine Pfuſcherwerſſtatt. Alſo in vierzehn Tagen. Halte Er ſich daran.“ Herr Ehrenfried Möller entfernt ſich raſch und der Zimmerbaas tritt in das Haus, um den Aerger fir ſich in ſeiner Schreibſtube zu überwinden. Noch eine Stunde raſtloſer Thätigkeit. Ein ununterbrochenes Klettern auf den Gerüſten, ein Pochen und Hämmern, unten und oben. Die glü⸗ 3* 36 henden Pechkeſſel dampfen und die feurige Lohe unter denſelben ſchlägt hoch empor. Da ſpringt einer der Lehrlinge nach dem Hauſe und zieht an den, längs der Mauer herabhängenden Gbockenſtrang, daß es lange und hell über Werft und Strom klingt. Das Meiſeln und Calfatern, bis vor einer Secunde noch eine ununterbrochene, lärmende Muſik, verſtummt plötzlich. Von allen Leitern und Gerüſten klettern ſie herab und gehen lachend, ſcherzend und ſingend der Ausgangspforte zu. Manche, zu bequem, um einige Straßen entlang nach ihrer Suppe zu laufen, warfen ſich in dem Schatten der Zäune neben ein⸗ ander hin und warten geduldig, bis ihre Haus⸗ frauen mit dem ſorgſam umhüllten Speiſekorb an⸗ langen.. Mittag! Der Werft iſt leer und der Baas geht ver⸗ drießlich hin und her. Der Aerger iſt noch nicht ganz überwunden. Ein junger Seemann, friſch und kräftig anzu⸗ ſchauen, wie das Element, dem er dient, landet an dem Werft und ſagt ärgerlich zu dem Werftherrn: „Alles vorbei. Ich thue am beſten, nach Eng⸗ land zu gehen und auf einen Oſtindier überzutreten“ „Biſt Du toll, Ehlert Janſen. Von hier aus, 37 wo Dir ſo manche Hoffnung lacht, willſt Du nach Oſtindien in die Javaſümpfe, oder in den Bombah⸗ nebel ſteigen? Ja, wenn es am Bord eines eigenen Schiffes„ Er ſchwieg plötzlich ſtill, denn er erinnerte ſich, daß er dieſen ſeinen Jugendfreund zu der neuen Fregatte als Capitain hatte vorſchlagen wollen, und welche Antwort er bekam, noch ehe er ſein Geſuch eigentlich angebracht hatte. „Spare Dir jede Mühe. Ich weiß, was ich weiß. War ein guter Platz die Oberſteuermannſchaft auf der Alma.“ „So meinte ich.“ „Ich habe ſie nicht mehr. Und darum komme ich eben mit Sack und Pack zu Dir. Der Capitain hat mir ſo eben den Abſchied gegeben. Er ſagt, es geſchehe ſeinerſeits mit großem Bedauern; aber Herr Ehrenfried Möller, als Eigner der„Alma“, habe es verlangt, weil er Schiffsoffiziere, die ſich mit Waſſer⸗ parthieen ergötzten, nicht brauchen könne.“ „Was bedeutet das? „Das bedeutet, daß ich ein Narr war und es noch bin. Vor längerer Zeit lag die„Alma“, da ſie aus See kam, eine Meile ſtromab, wo unſere reiche Kaufmannſchaft ſich die ſchönen Landſitze er⸗ 38 baut hat. Mehrere junge Mädchen waren am Strande und bekamen Luſt zu einer Waſſerfahrt⸗ Die„Alma“ wurde auch beſchickt und um die Scha⸗ luppe gebeten. Da ich ſelbſt nicht von Bord konnte, ſchickte ich den Unterſteuermann mit dem Fahrzeuge ab. Der Zufall wollte, daß die Tochter unſeres Patrons, die ſchöne Chriſtine, wie die ganze Stadt ſie nennt, in die Schaluppe der„Alma“ kam, dieſe über Alles lobte und mit dem Offizier derſelben ſehr freundlich ſprach. Das muß den Mann verwirt haben, denn er ſah mehr auf die Dame, als auf ſein Steuer, und da der Wind eben etwas ſcharf in die Segel ſetzte, legte ſich die Schaluppe ſeitwärts und ſchöpfte Waſſer. Alle ſchrieen und fielen über ein⸗ ander nach Lee, wodurch das Uebel nur noch ärger wurde. Da beſann ich mich nicht lange, ſprang über Bord und es gelang mir, die Mamſell Möller wohlbehalten an's Land zu bringen. Zum Dank dafür werde ich verabſchiedet und der Unterſteuer⸗ mann, der das Alles verſchuldete, bleibt ruhig am Bord.“ „Von dem Allen habe ich nichts gewußt. Höre, Ehlert Janſen, damit kommt es mir nicht richtig vor. Herr Ehrenfried Möller iſt hart und ſtrenge, und nicht mit ihm zu ſpaßeh Aber einen 39 Mann, der ihm ſein Kind vor dem Ertrinken be⸗ wahrt, aus dem Dienſt entlaſſen, das thut er nicht. Ich glaube, Du ſagſt mir nicht die ganze Wahrheit. Es ſteckt noch etwas dahinter. „Was ſoll dahinter ſtecken?“ entgegnete Jener erröthend.„Ich will nicht davon ſprechen, daß ich auf der letzten Reiſe durch meine Entſchloſſenheit bei ſchwerem Wetter die„Alma“ ſammt Ladung und Mannſchaft erhalten habe, denn das war meine Schuldigkeit. Herr Ehrenfried Möller weiß es, und hat nicht einmal ſchönen Dank geſagt. Und nun entläßt er mich? Kann ich dafür, daß die Mamſell, als ſie wieder zur Beſinnung kam, ſich tauſend und wieder tauſend Mal bei mir bedankte, und viel mehr Aufhebens von der Sache machte, als ſie werth war? Sie ſchenkte mir eine prächtige Uhr, die ſie an einer Kette um den Hals trug; und hat auch ein ſauberes Tuch nicht zurückgefor⸗ dert, das ſie verlor, und das ich aus dem Waſſer iſchte.“ „Höre Du,“ ſagte der Werftherr.„Das iſt eine ernſthafte Geſchichte. Herr Ehrenfried Möller hat nur ein Kind und eine Million. Sie ſprechen von einem Handelshauſe in Bremen oder Hamburg, wo es gerade kben ſo iſt. Die beiden Kinder und 40 die beiden Millionen ſollen ein Paar werden. Der Ehrenfried Möller iſt beſonders darauf aus. Siehe zu, was Du thuſt. Und wie gefährlich es auch in Bombay, oder auf Java iſt, möchte ich ſelbſt doch dazu lieber, als zu einem Kreuzzuge in der Nähe herum rathen.“ „Ich glaube, Du haſt Recht und ich will Dei⸗ nem Rathe folgen. Mit dem nächſten Packetſchiffe gehe ich nach England. Was habe ich nöthig, mir dumme Dinge in den Kopf zu ſetzen.“ Der Capitain der„Alma“ kam den Werft her⸗ auf und ſagte zu ſeinem ehemaligen Offizier: „Es iſt mir noch eine beſondere Order für Euch zugegangen. Ihr ſeid aus dem Dienſt der„Alma“ entlaſſen, aber nicht aus dem Dienſt des Hauſes, bis die Verklarung belegt iſt, welches längere Zeit dauern kann, da die Aſſekuranz Schwierigkeiten macht. Herr Ehrenfried Möller hat angeordnet, daß Euere Gage unverkürzt fortläuft, und läßt Euch wiſſen, daß Ihr weiterer Anweiſung zu gewärtigen habt.“ „Und wenn ich das nicht will? Wie kann mir Jemand noch Befehle ertheilen, nachdem er mich ent⸗ laſſen hat?“ „Darüber ſtreite ich nicht mit Euch. Nicht von dem, was er darf, ſondern von dem, was Ihr thun 4¹ müßt, iſt dem erzürnten Manne gegenüber die Rede. Ihr habt ſein Kind aus dem Waſſer gezogen und ihr nachher alberne Dinge geſagt. Das war un⸗ klug von Euch. In dem Hauſe war bisher nur Luſt und Fröhlichkeit, jetzt herrſchen Verdruß und üble Laune in allen Ecken. Das kommt von Euern Waſſerkünſten, die ſich für einen ordentlichen Schiffs⸗ offizier wenig paſſen.“ Soll ich einen Menſchen vor meinen ſichtlichen ten ertrinken laſſen?“ „Ein ordentlicher Steuermann hält die Augen auf ſein Schiff. Es wäre keiner in Gefahr gekom⸗ men zu ertrinken, wenn Ihr nicht die Schaluppe verborgtet. Uebrigens habe ich nur den Auftrag unſeres Patrons ausgerichtet und alles Andere geht mich nichts an.“ Der Capitain entfernte ſich, anſcheinend ſehr verdrießlich. Der Werftherr, der ſich ſeinem Freunde gegenüber in einiger Verlegenheit befand, machte die⸗ ſer dadurch ein Ende, daß er denſelben in ſein Haus führte und Ehlert Janſen betrat das Zimmer, das ihm für einige Zeit zur Wohnung dienen ſollte. Mehrere Tage vergingen und der Bau der Fre⸗ gatte ging der Vollendung entgegen. Die Leute auf dem Werft waren guter Dinge, denn ſie wußten, daß die Bauherren bei ſolcher Gelegenheit ein Uebri⸗ ges thun. Daneben flüſterte man ſich zu, daß zu der beſtimmten Zeit das Bremer Kind mit der Bremer Million eintreffen und Herr Ehrenfried Möller das neue Schiff zu Ehren ſeines künftigen Schwieger⸗ ſohnes Johannes taufen werde. Bei der Taufe aber, namlich bei der eines Schiffes, geht es naß her und es dauert manchmal drei Tage, ehe eine geübte Kehle ſich wieder gehörig trocken legt. Ehlert Janſen ging trübſelig umher und nahm an der allgemeinen Luſt wenig Theil. Nur gegen Abend verließ er zeitweiſe den Werft. Der Freund ahnte wohl, wohin die geheimen Gänge führten, aber er ſtellte ſich, als merke er nichts, denn es iſt eine mißliche Sache, davon zu reden, daß ein junger Mann hinter dem Rücken des Vaters die Tochter, wenn auch nur von Weitem zu ſehen ſucht, und un⸗ bedacht eine Leidenſchaft nährt, die nie an ein glück⸗ liches Ziel führen kann. Da kamen plötzlich raſch auf einander mehrere Briefe für Herrn Ehrenfried Möller perſönlich und wurden in derſelben Stunde noch beantwortet. Der alte Herr war ungewöhnlich geſchäftig und zugleich ſehr einſilbig. Niemand, der nicht mußte, kam in ſeine Nähe, ſelbſt die Tochter nicht, die doch ſonſt 43 des Vaters Liebling war und Alles bei ihm aus⸗ richten konnte. Die vierzehn Tage waren vorüber und die Fre⸗ gatte fertig. Der letzte Nagel ward eingeſchlagen, Alles wurde vorbereitetet, um das neue Schiff am andern Morgen mit höchſter Fluth vom Stapel zu laſſen. Der Zimmerbaas hatte alle Hände voll zu thun, und bat ſeinen Freund, ihn nur doch heute nicht zu verlaſſen, was dieſer mit Widerſtreben zuſagte Der erwartete Morgen brach an, und ſtrahlte im ſonnigſten Blau. Das Haupt des ſilbernen Nep⸗ tuns am Eingange des Werftes ward mit einer gro⸗ ßen Blumenkrone geſchmückt. Von dieſer hingen grüne Feſtons herab, die ſich kreuzförmig von Stab zu Stab um das ganze Gitter ſchlangen. Das Haus war blank und hell. Vor Allem aber hatte ſich der ge⸗ genüber liegende Balkon aufgeſchmückt. Er war der Sammelplatz für alle Damen, die nicht Muth genug hatten, dem Ablaufen am Bord ſelbſt beizuwohnen. Das Schiff ſelbſt war der bewunderte Gegen⸗ ſtand für alle Welt. Der Kupferboden glänzte hell und der übrige Theil des Rumpfes bis zum Bregang war lackſchwarz, der Bregang ſelbſt aber, mit Har⸗ peuſe überſtrichen, von ſchmalen weißen Linien einge⸗ faßt. Die drei Maſte des Schiſſes waren einge⸗ 44 ſetzt, aber ohne Stengen und Takelwerk. Sie en⸗ deten mit den Marſen und dieſe hatten ſich mit Laubgewinden geſchmückt. Flaggenleinen hingen zu beiden Seiten der Maſte herab und auf ein gege⸗ benes Zeichen bedeckte ſich der ganze Bau von oben bis unten mit einem wallenden Flaggenmeer in den ſtrahlendſten Farben. Ueber die Galerie weg wehte die Landesflagge und von dieſer ausgehend, liefen rechts und links bis über den Beſanmaſt hinaus die Plätze für die Pathen, welche der Taufe beiwohnen ſollten. Schon mit dem Früheſten war es rings umher lebendig. Auf den Schiffen, die in der Nähe des Werftes lagen, fanden ſich Neugierige ein, um von dieſem günſtigen Standpunkte aus das Schauſpiel zu betrachten. Der Hafenmeiſter erſchien in ſeinem Boote, um nachzuſehen, ob irgend etwas im Wege ſei, was beim Ablaufen des Schiffs hinderlich ſein könnte. Sein Geſicht war voller Sonnenſchein und er hatte die Staats⸗Uniform angelegt, denn er wußte wohl, daß er nachher an Bord geladen werde, um dem Taufſchmauſe beizuwohnen. Je näher die Stunde heranrückte, je dichter wurde das Gedränge der Böte, meiſtens mit jungem, übermüthigen Volke gefüllt, welches ſich vorerſt die Langeweile mit Wettrudern 45 und anderer Kurzweil vertrieb. Alle Schiffe im Hafen hatten ihre Staatsflaggen aufgezogen. Es war Sonntag ſo weit das Auge reichte, denn es lief eine neue Fregatte vom Stapel und der reichſte Rheder war ihr Bauherr. Eine Stunde vor der höchſten Fluth erſchienen die eingeladenen Gäſte, geführt von Herrn Ehren⸗ fried Möller und deſſen ſchöner Tochter. Die Her⸗ ren ſtiegen auf Leitern mit breiten Stiegen zu Deck; die Damen fanden einen bequemen Lehnſtuhl, worauf ſie Platz nahmen und von einer leichten Winde in die Höhe getragen wurden. Der Baumeiſter des Schiffes ſtand auf dem Fallreep zum Empfange der Gäſte bereit und das Muſikcorps, welches ſich um den großen Maſt geſchaart hatte, begrüßte ſie mit ſchmetternder Fanfare. Der Letzte am Bord war Herr Ehrenfried Möl⸗ ler. Ehe er den Fuß auf die Leiter ſetzte, ſah er ſich im Kreiſe um und gewahrte den ehemaligen Oberſteuermann der„Alma“ mitten im Gedränge. Er winkte dieſem herbei und ſagte:„Komm Er mit an Bord; ich habe noch Etwas mit Ihm abzumachen.“ Ehlert Janſen folgte mit ſchwerem Herzen. Alle waren verſammelt, und der Geiſtliche er⸗ ſchien, um den neuen Bau einzuſegnen. Alle hörten 46 andächtig auf die eindringlichen Worte, am meiſten aber Herr Ehrenfried Möller ſelbſt, der ein rechter Mann aus der alten Schule noch voll des Glau⸗ bens war, daß ein noch ſo tüchtiges Menſchenwerk nur dann erſt recht gelingen könne, wenn es im Namen Gottes begonnen werde. Darum, als der Geiſtliche endete, ſagte Herr Ehrenfried Möller aus voller Bruſt„Amen!“ und„Amen!“ wiederholten die Anweſenden mit feierlichem Ernſte. Nun erſchien der Zimmerbaas ſammt den Mei⸗ ſtern der Gewerke, die Theil gehabt am Bau und reichte der Tochter des Rheders einen ſilbernen Becher, gefüllt mit edlem deutſchen Weine. Sie trat an den Rand des Steuers und ſagte zögernd: „Nach dem Willen meines Vaters taufe ich dies gute Schiff, indem ich ſein Steuer mit dieſem guten Weine netze. Ich thue es im Namen Gottes, und nenne Dich, wie Du fortan heißen ſollſt, Jo⸗ hannes. Heiße Johannes von dieſer Stunde an, bis noch eine Deiner Planken mit der andern zu⸗ ſammenhängt. Und überall, wo Dein geſegneter Kiel landet, bringe und empfange er Freude und Heil. Es lebe der Johannes!“ Flinke Burſche hatten volle Gläſer herumgereicht und:„Der Johannes lebe hoch! Und dreimal hoch!“ 47 erklang es, übertönt von ſchmetternden Trompeten und von dem Jubel des Volkes am Strande und auf dem Strom, der ſich fortwälzte von Gruppe zu Gruppe, von Deck zu Deck und nur erſt allmählig verhallte. Endlich beruhigte man ſich. Der Baas fragte den Kaufherrn, ob es ihm jetzt genehm wäre? Nach erhaltener Erlaubniß eilte er nach unten und traf ſeine Anordnungen. Das ganze Werftcorps, bewaff⸗ net mit mächtigen Aexten, umzingelte den Bau, um die Stützen wegzuſchlagen, die das Schiff auf dem Helgen feſthielten. Alle Augen richteten ſich auf den Baumeiſter. Dieſer ließ den letzten, prüfenden Blick über den ganzen Rumpf hingleiten und rief laut: „In Gottes Namen! An das Werk alle Mann!“ Dumpf fallen die Schläge in regelmäßiger Folge. „Ho! Hi! Ho!“ Eine Stütze finkt nach der andern. Es iſt, als ob ein leiſes Zittern durch den Rumpf ſiegt, der ſichtbar jedem Auge bisher regungslos lag. Eine Todtenſtille iſt überall auf Waſſer und Land. Sie halten den Athem an ſich. Die Furcht⸗ ſanſten wechſeln die Farbe und blicken ſeitwärts, denn es bedarf einer geringen, nicht zu berechnenden Kleinigkeit und das furchtbarſte Unglück....“ 48 Jetzt! „Die letzten Stützen!“ ſpricht der Meiſter laut und vernehmlich. Noch drei Schläge und abwärts vom Helgen ſauſt das Schiff zwiſchen den Schmerbalken; erſt zögernd, langſam; als fürchte es das feuchte Wellen⸗ bad, das ihm luſtig entgegen rauſcht, dann ſchneller und ſchneller, bis es den Waſſerſpiegel berührt, und die Fluthen zertheilt, die erſchrocken zurückweichen vor dem ungeſtümen Gaſt, der ſich tief hinabtaucht in das Element, dem er von jetzt ab unwandelbar an⸗ gehört. Eine geſchickte Leitung des Steuers läßt das noch im vollen Gange befindliche Schiff einen leich⸗ ten Bogen machen und als es die gehörige Lage hat, fällt zum erſten Male der Anker vom Buge und die aufgerollte Kette raſſelt klirrend in die Tiefe. Es iſt geſchehen. Eine Minute herrſcht noch tiefe Ruhe am Bord, denn erſt will Jeder ſich über⸗ zeugen, ob es Wirklichkeit iſt, was blitzſchnell an ihm vorüberflog. Dann aber ruft das Werftcorps ihm ein dreifaches Hurrah nach, das vom Bord aus be⸗ antwortet wird und ſich fortpflanzt, ſtromauf und ſtromab, wo noch eine Menſchenkehle zu finden iſt. Feſt liegt der ſtattliche„Johannes“ vor ſeinen 49 Anker und der geprieſene Beſitzer nimmt die Glück⸗ wünſche aller Perſonen entgegen, die am Bord ver⸗ ſammelt ſind. Der ganze Bau iſt von Fahrzeugen umringt. Einige bringen geladene Gäſte, Andere warten geduldig, ob nicht ſie ebenfalls die Reihe trifft, wenn auch nicht von der Kajüte, ſo doch vom Fockmaſt aus, denn dieſe Jollenführer, Schuten⸗ knechte und andere kleine Hafenpiraten haben eine ſtets trockene Gurgel und ein ſtets leeres Glas. Herr Ehrenfried Möller hat mit Anſtand ge⸗ hört und erwiedert. Jetzt aber macht er mit einem Male den Ceremonieen ein Ende, indem er ruft: „Danke, meine Damen! Danke, meine Herren! Ganz von mir ſo empfangen, wie von Ihnen gemeint. Es bleibt unter uns Alles beim Alten. Nun aber wird es wohl Zeit ſein, ein wenig an unſere Behag⸗ lichkeit zu denken und ich bitte allerſeits, mir zu fol⸗ gen und vorlieb zu nehmen.“ Mit dieſen Worten ſteigt Herr Ehrenfried Möl⸗ ler die Treppe zur Staatskajüte hinab, wo ein feſt⸗ liches Mahl für die Taufpathen hergerichtet ward. Der ehemalige Oberſteuermann der„Alma“ war nicht wenig erſtaunt, als ſein früherer Capitain ihn in das Zwiſchendeck führte, um ihm einige dort ge⸗ toffene Einrichtungen zu zeigen, wie er ſagte, und II. 4 50 dann plötzlich mit ihm in die Staatskajüte trat, wo ſie an dem unterſten Ende der Feſttafel ihren Platz fanden. Ehlert Janſen ſaß ſo, daß er ſich dem Kaufherrn gerade gegenüber befand. Dieſer blitzte ihn mit ſeinen durchdringenden Augen an und ſprach dann ruhig mit ſeinem Nachbar weiter von den gleich⸗ gültigſten Dingen. Die Feſtfreude war im Wachſen. Die Meiſter, welche bei dem Bau des Schiffes thätig geweſen, ſtanden der Reihe nach auf und gaben ihre Sprüche zum Beſten. Zunächſt der Baumeiſter, dann der Segelmacher, der Ankerſchmied und die Uebrigen, je nach Stand und Würden. Zuletzt erhob ſich ein ſtattlicher Herr und ſagte: „Iſt es recht, daß wir hier an einer wohlbeſetz⸗ ten Tafel ſitzen, und es uns wohl ſein laſſen, ohne daß wir des Täuflings gedenken, der uns allein zu dieſem Feſte verholfen hat. Chriſtliche Taufpathen ſind verbunden, für den Neugebornen nach Kräften zu ſorgen, und ſomit verlange ich, daß Jeder von uns dem„Johannes“ ein Andenken mitgebe auf ſeine erſte Reiſe, woran der Geber ſeine beſten Wünſche kuüpfe; daraus wird ein Talisman werden, der es ſicher durch Stürme und Unwetter trägt bis in die ſpäteſten Zeiten.“ Das waren Worte, die den lauteſten Anklang fanden und Einer überbot den Andern, indem er dies oder jenes werthvolle Stück als Pathengeſchenk an⸗ bot. Einer verſprach zum Kajütenſchmuck ein köſt⸗ liches Bild, das den heiligen Johannes vorſtellte; ein Anderer weihte zum würdigen Feſtgeräth einen köſtlichen ſilbernen Pokal von eines alten berühmten Meiſters Hand gefertigt. Es häufte ſich eine wahr⸗ hafte Schatzkammer voll Verſprechungen. Die Damen verbanden ſich, für eine Staatsflagge und für die neuen Decken der Staatsſchaluppe zu ſorgen. Als Alle fertig waren, ſagte der Herr, von dem die Auf⸗ forderung ausgegangen war: „Freut mich, daß meine Anſprache einen ſo leb⸗ haften Anklang gefunden hat, und ſo will ich denn auch keinen Augenblick auf mein Geſchenk warten laſſen, damit dem Worte die That folge.“ Auf ſeinen Wink ſetzte einer der Diener einen“ ſchmalen Kaſten von hellpolirtem Holze mit ſilbernen Griffen vor ihm auf die Tafel. Mit einer gewiſſen Feierlichkeit nahm er er ein ſtattliches Fernrohr aus demſelben und ſagte: „Mit dieſem Fernrohr beſchenke ich den„Jo⸗ hannes“. Möge es ein ſteter Schmuck ſeiner Ka⸗ jüte ſein und möge der Capitain, wenn er durch 3* 52 daſſelbe ſchaut, ſtets nur etwas gewahren, was ſeinem Schiffe heilbringend iſt. Mit dieſem Wunſche reiche ich mein Geſchenk dar und da hier am Bord bis jetzt noch kein Capitain vorhanden, ſo lege ich daſ⸗ ſelbe einſtweilen in die Hände des wackern Bauherrn nieder.“ Dieſer dankte allen Anweſenden für ihre freund⸗ lichen Verheißungen, rühmte das dargebrachte Ge⸗ ſchenk und ſagte dann: „Mein Freund hat recht. Es iſt gegen die Ordnung, ein Schiff vom Stapel zu laſſen, ohne einen Capitain für daſſelbe zu haben. Ich wartete auch nur aus gewiſſen Gründen, die Geſellſchaft mit meiner Wahl bekannt zu machen. Jetzt eben ſollte es geſchehen. Steuermann Ehlert Janſen, komme Er einmal zu mir her.“ Der Steuermann wußte nicht, ob er wache odet träume. Sein ehemaliger Capitain mußte ihn ein⸗ dringlich mahnen, dem erhaltenen Befehle Folge zu leiſten. Er ſtand vor dem Kaufherrn, ohne zu wiſ⸗ ſen, wie er dahin gelangt war, und hörte, wie dieſer ſagte: „Ich habe Ihn neulich von der„Alma“ wegge⸗ nommen, obgleich es mir wohlbekannt iſt, daß er ſie auf der letzten Reiſe vor dem Stranden bewahrt, 53 und mir ſo einen Theil meines Vermögens gerettet hat. Es iſt dies geſchehen, um Ihn näher kennen zu lernen, und zu erfahren, ob ſich etwas aus ihm machen läßt. Er hat alle Eigenſchaften, die zu einem guten Seemann gehören, und darum mache ich Ihn zum Capitain des„Johannes“. Gebe Er mir den Handſchlag, daß Er ſich ſtets des Werkes annimmt, das ich jetzt in Seine Hand lege, und daß Er ſich für des Schiffes Beſtes unabläſig bemühen will.“ Dem ehrlichen Burſchen flimmerte es vor den Augen. Eine glühende Röthe deckte ſein Geſicht und die Thränen traten ihm in die Augen. Der Kaufherr wartete einen Augenblick; dann ſagte er komiſch zürnend: „Es ſcheint mir, als ob Ihm mein Anerbieten nicht recht iſt, dann thut es mir leid, Ihn inkommo⸗ dirt zu haben.“ Da faßte ſich Ehlert Janſen. Er drückte die Hand ſeines Wohlthäters an ſein Herz und rief aus voller Bruſt: „Im Leben und im Tode der Ihrige, ſo wahr mir Gott helfe.“ „Nun, das iſt ein Wort. Meine Damen und 54 Herren, dies iſt der Capitain des„Johannes“ und ihm fließen zunächſt alle Gaben zu, welche von Ihnen dem Schiffe zugedacht ſind. Capitain Janſen, nehme Er ſich gefälligſt zuſammen und mache Er den Herrſchaften, die hier verſammelt ſind, das Compli⸗ ment, denn von dieſer Stunde an ſind wir bei Ihm zu Gaſte.“ K Der neue Capitain flog von einem Arm in den andern. Bis vor wenigen Augenblicken hatte Nie⸗ mand auf den ſtillen, jungen Mann geachtet, ja ſei⸗ nen höflichen Gruß wohl kaum erwiedert. Jetzt war er der Stern des Tages, der alleinige Mittelpunkt, um den ſich Alles drehte. Die ſtürmiſche Erregung ſänftigte ſich allgemach. Die Geſellſchaft zerſtreute ſich durch das Zwiſchendeck, das ebenfalls feſtlich aufgeſchmückt war. Ehlert Jan⸗ ſen, der nach wie vor im wachen Traume umherging, ſtand unerwartet der Tochter ſeines Wohlthäters ge⸗ genüber. Der junge Capitain wagte es, ihr einige Worte zu ſagen und erſchrack faſt, als er plötzlich die Stimme Ehrenfried Möllers ganz in der Nähe ver⸗ nahm. „Sammle Er ſich, Capitain. Unvermuthet Glück oder Unglück, iſt wie eine unvorhergeſehene Sturm⸗ boe, worauf ein ordentlicher Seemann ſtets gefaßt 55 ſein muß. Meint Er denn, ich hätte vergeſſen, für welche That ich Ihm verſchuldet bin? Er hat mir die„Alma“ erhalten; er hat mir mein Kind gerettet, und ich habe Beides wett gemacht, ſo gut ich konnte. Nun ſchulde ich Ihm noch eines...“ Ehrenfried Möller hielt inne. Die Tochter warf ſich ſtillſchweigend in die Arme des Vaters. Der junge Capitain ſchlug die Augen zu Boden. Er rettete mein Kind, 1 d ich hätte ſie doch bald verloren. Meint Er, ich ſah es nicht, welche alberne Dinge Er ſich in den Kopf ſetzte? Als Ihr Beide aber neulich Abends glaubtet, ganz unbeachtet miteinander zu ſchwatzen... weiß Er noch, was Er der Chriſtine geſagt hat?“ Der junge Capitain war nicht im Stande ein Wort zu ſprechen. „Ich habe eingeſehen,“ ſagte Er,„daß ich Un⸗ recht hatte, einer Tochter hinter dem Rücken des Vaters nachzugehen. Verzeihen Sie mir, und folgen Sie dem Manne, den der Vater Ihnen beſtimmte. Ich verlaſſe die Stadt noch in dieſen Tagen und Sie werden mich bald vergeſſen.“ Dieſe Worte habe ich behalten; darum iſt er von der„Alma“ entlaſſen, darum iſt Er Capitain des„Johannes“, und wenn Er mir denſelben wohlbehalten von Braſtlien heim⸗ 56 bringt, wohin Er nächſtens verſegeln ſoll, ſprechen wir weiter über dieſe Geſchichte.“ Unterdeſſen ließ ſich die Ungeduld der jungen Damen und Herren nicht länger bezähmen. Das ganze Oberdeck war geklart, und nichts hinderte den Beginn des Balles. Man kam von allen Seiten herbei, um mit der jungen Herrin des Schiffes den Reigen zu eröffnen. „Das erſte Paar beſtimme ich!“ rief Herr Ehren⸗ fried Möller laut.„Capitain Janſen, gebe Er mei⸗ ner Tochter den Arm. Erſtaunt ſahen ſich Alle an. Eine ſolche Ver⸗ traulichkeit war noch keinem der Capitaine des ſtren⸗ gen Rheders geſtattet worden. Das junge Paar aber flog die Treppe hinan, emgfangen von ſchmet⸗ ternden Trompeten und freudigen Winken und Grüßen. Ein Sünen chiff. De⸗ iſt die Rhede der Volta, jenes ſandreichen Stromes, der ſeine trüben Wellen durch die niedrig gelegenen ſumpfigen Küſtenſtrecken von Oberguinea dem Atlantiſchen Oceane zuwälzt. Die Küſte iſt leer diesſeits und jenſeits des Stromes. So weit das Auge reicht, weißſchimmernder Sand mit Stei⸗ nen und Muſcheln beſäet, unterbrochen durch grau⸗ grünes Stachelgebüſch. Einzelne Sumfflachen hin⸗ ter denſelben, und vor dieſen ein halb verwitterter Schuppen, durch welchen Sonne, Regen und Wind ungeſtört aus⸗ und einziehen. Ein Trupp bewaffneter Seeleute ſchreitet, vom langen Streifzuge ſichtlich ermüdet, läſſig dem Strome zu. Ein zweiter Trupp kommt von der entgegen⸗ geſetzten Richtung her:. „Nichts gefunden?“ 58 „Nichts, Sir! So weit wir vordringen konnten kein lebendiges Geſchöpf. Alles todt.“ „Ein Gleiches habe ich zu melden. Dachte gleich, daß es eine vergebliche Arbeit ſein würde. Wenn wir Nachricht erhalten, daß dieſe Ebenholzhändler ſich da oder dort befinden, ſind ſie gewiß mit ihren Leuten längſt auf und davon. Gebt Acht! Sie lie⸗ gen jetzt in guter Ruh weit hinauf nach Beni, und nehmen gemächlich ihre Ladung an Bord.“ „So thun ſie. Wäre etwas Wahres an der Geſchichte geweſen, der John würde es uns geſagt haben. Ein Blitzjunge, dieſer John.“ „Das iſt er. Ein Engländer, wie er ſein ſoll. Noch jung an Jahren und doch ſchon ein Mann. Gott ſegne ihn; ſein Vater war'n wackerer See⸗ mann.“ „Und der Sohn wird es werden. Iſt es Euch genehm, Quartiermeiſter, ſo machen wir unſere Mel⸗ dung an Bord, und holen weitere Ordre. Boot ahoi!“ Die kurz vor der knappen Brandung auf ihren Rudern harrenden Schaluppen näherten ſich und fuhren mit ihren Genoſſen zu der auf der Rhede ankernden Corvette Seiner Großbritaniſchen Maje⸗ ſtät:„Vultur.“ Eine Stunde ſpäter lichtete dieſe 59 ihre Anker und ſegelte mit einer friſchen Briſe den Cours nach Cap Palmas. Eine Meile weiter ließ ſie den Kutter bemannen. Dieſer rollte ſeine Segel auf und begab ſich dicht unter Land. Es wird Nacht. Sie bricht nicht allmählig herein. Nicht wie im Norden, angekündigt durch eine langſam wachſende Dämmerung. Raſch, wie der Blitz die Wolken theilt, iſt ſie da. Und mit ihr erwacht, was ſich vor dem Sonnenlichte barg. Es bricht aus tauſend Ritzen und Spalten; es klimmt am Strauchwerk empor, es reckt ſich über den Boden hin, es ſummt durch die Luſt. Das Waſſer regt ſich und der ſchwarze Wallfiſch taucht aus der See und ſpritzt den dampfenden Giſcht himmelan. Ueber den Sumpf hin hüpft das Irrlicht. Das Irrlicht, oder Es iſt ein Feuer! Allmählig praſſelt es auf. Wer hat es entzündet? Weiter binnenwärts leuchtet ein zweites. Rechts ab, wo die verkrüppelte Palme ihr Haupt dem Bo⸗ den ſo tief zuneigt, daß ihre Blätter der Eidechſe als Leiter dienen, flammt ein drittes. Das ſind ver⸗ abredete Zeichen. Von der Mitternachtsſtunde leuch⸗ ten ſie bis gegen den Tag auf die See hinaus, um vor der Gluth der Sonne zu erbleichen. Am vor⸗ 60 derſten Ende hockte ein ſchwärzlicher Gegenſtand; re⸗ gungslos, wie ein verwitterter Stein; krumm wie ein geknickter Baumſtamm. Als eine große Fledermaus ſcheu in das Feuer hinein ſchwirrt, regt es ſich. Ein ſchwarzes Geſicht wendet ſich der See zu und uuft: „Kommen!“ Eine halbe Meile von der Küſte ſchwimmt un⸗ ter einer lichten Wolke der Rumpf eines Schiffes hin. Von ſeinem Deck aus werden die drei Feuer geſehen und drei Raketen ſteigen in demſelben Au⸗ genblicke leuchtend auf. Der Neger am Feuer ſtößt einen heiſern Schrei aus und rennt dem unfernen Walde zu. Im Oſten blitzt es auf. Die Sonne ſteigt em⸗ por. Sie wirft ihr glühendes Licht auf die Wellen und auf den Strand, der ſich alsbald in feuchte Dünſte hüllte. Das wirre Inſektenleben, das durch die Nacht ſchwirrte und ſummte, ſchlüpft in die Spal⸗ ten und Ritzen zurück und lauert mit giftigem Stachel unter der trügeriſchen Hülle. Die See blitzt, wie von Millionen Perlen und farbigen Edelſteinen beſäet. Alle Rieſenſchätze des Meer⸗ königs ſcheinen auf dieſen einen Punkt gehäuft. Inmit⸗ ten dieſes fluthenden Feenreiches wiegt ſich ein drei⸗ gemaſtetes Schoonerſchiff mit hinten überhängenden 61 Maſten vor ſeinen Ankern. Der ganze Rumpf von der Waſſerlinie bis zum Hüttendeck iſt ſchwarz. Alles Rundholz trägt dieſelbe Farbe. Nur am Spiegel zeigt ſich zwiſchen den Kajütsfenſtern ein ſchmales, weißes Kreuz; ein gleiches leuchtet am Galion. Die Zeichen der Chriſtlichkeit, wie höhnend, am Anfange und am Ende des Schiffes, das dem Werke des Teufels geweiht iſt, und das durch keinen Flaggenfetzen ver⸗ räth, welcher Heimath er zum Fluche gereicht. Auf dem Verdeck iſt die Bewegung, die auf allen Schiffen herrſcht, welche ſo eben vor Anker gehen. Die loſen Segel, die im Morgenwinde flat⸗ tern, werden beſchlagen. Ueber das Deck hin ſpannt ſich das ſchützende Sonnenzelt. Die große Barcaſſe wird mit ſchweren Fäſſern beladen und ſchwimmt dem Lande zu, um nach friſchen Waſſer zu forſchen. Ein Mann, in leichten Stoffen, nachläſſig gekleidet und einen Strohhut auf dem wirren Haarwuſſt, ſchaut durch ein Fernrohr und ſpricht rückgewendet mit einem Manne von ähnlichem Anſehen, der auf der Bank neben der Kajütskappe hingeſtreckt, den Rauch einer ächten Havannah von ſich bläſt. .„Sie ſind da, Senhor.“ Wißt Ihr's gewiß?“ „Eine Stange, woran ein rothes Tuch be⸗ 62 feſtigt iſt, wird ſoeben aus dem Dache des Block⸗ hauſes geſteckt.“ „Dann laßt mich im Staat kommen, und heißt die Schaluppe klar machen,“ ſagte er, ſich nochmals behaglich ſtreckend. ⁰ Der Mann mit dem Fernrohr, erſter Offizier an Bord dieſes Sklavenſchiffes pfeift auf dem Fin⸗ ger und ein Junge von ſechszehn Jahren, in kleid⸗ ſamer Matroſentracht ſpringt die Kajütstreppe hinab, dem Kommandanten, der ihm langſam folgt, die Thür öffnend: „Uniform, Senhor?“ „Freilich, Du Teufelsbraten und ſchnell einen Trunk. Nüchtern kann man mit dieſen Gurgelab⸗ ſchneidern nicht verkehren.“ Der Sklavenhändler brüſtet ſich in der ſtatt⸗ lichen Uniform eines Engliſchen Marineofficiers. Der Wein im Glaſe funkelt. Er ſchlürft den letzteren mit durſtiger Gier und ſagt: „Wenn Seine Großbritaniſche Majeſtät wüßte, daß ich die Uniform eines ſeiner Officiere dazu ge⸗ brauche, um das Ebenholz, was mir dieſer John Bull ſo gern abjagen möchte, für den halben Preis an mich zu bringen, es wäre drei Tage lang Auf⸗ 63 ruhr unter allen Freunden der Sklavenbill von Eng⸗ land. He, John!“ Der Burſche, dem der Ruf galt, antwortete nicht. Der Capitain rief nochmals. Er blieb gleich⸗ gültig an derſelben Stelle.„John!“ rief der Ca⸗ pitain zum dritten Male, mit dem Fuße ſtampfend: „Warum kommſt Du nicht?“ „Juan heiße ich!“ antwortete er und eine flie⸗ gende Röthe deckte ſein Geſicht.„Will den engli⸗ ſchen Namen nicht hören! Will vergeſſen, daß ich jemals ein Engländer war.“ 3 „Seltſamer Burſche!— Schenke ein, Juan!— Alſo weil Dein Vater ein gleiches Geſchäft hatte, wie ich, weil die Engländer ihn aufbrachten und ihm den Prozeß machten, weil er ſterben mußte, ob aus Gram, oder aus Mangel an Luft...“ Der Knabe zuckte. „Denke mir, es war ſo etwas von einer han⸗ fenen Schnur dabei. Männer wie wir, ſterben nicht aus Gram. Aus all dieſen Urſachen, Juan, biſt Du an Bord dieſes Schiffes gekommen und willſt Deines Vaters Gewerbe von mir lernen, um Dich an ſeinen Mörder zu rächen?“ „So will ich!“ ſagte der Knabe.„Darum bin ich Portugieſe geworden und heiße Juan Perez. 64 Darum will ich Euch treu ſein und keine Ruhe haben hier oder dort, bis der Mann eines ſchimpf⸗ lichen Todes geſtorben iſt, der meinen Vater würgte.“ „Und dieſer Mann?“ „Ich ſuche ihn noch.“ Der Capitain des Sklavenſchiffes ſtieg zu Deck. Juan Perez war ihm voran und der Erſte in der Schaluppe. Ehe der Capitain folgte, zog ihn ſein erſter Offizier ſeitwärts und ſagte: „Ihr nehmt den Burſchen wieder mit?“ „So thue ich. Mit dieſem Stücke Elfenbein fange ich die beſten Ebenholzblöcke.“ „Nehmt Euch mit ihm in Acht. Ich traue dem Jungen nicht vom großen Maſt bis zum Fallreep.“ „Aber ich thue es. Macht im Raume Alles klar. Iſt das Nöthige in meiner Schaluppe?“ „Der Elfenbeinerne hat es beſorgt.“ „Dann iſt es auch darin.“ „Ich traue nicht, Senhor. Sind engliſche Kreu⸗ zer in der Nähe. Gebt Acht, was Ihr thut.“ „Zum Satan mit dem Geſchwätz. Schaluppe ahvi! Friſch zu Land! Habt unterdeſſen auf Alles wohl Acht am Bord und ſeht zu, daß die neuen Gäſte gut empfangen werden.“ Der Capitain lachte und der Officier ließ, wie 65 zufällig eine mehrgeſträhnte kurze Peitſche, die in ſeinem Gürtel hing, durch die Finger laufen. Die voraufgegangene Barcaſſe ſteuerte einem Winkel der Bucht zu, wo aus verwittertem, bröckeln⸗ den Geſtein das Waſſer an mehreren Stellen her⸗ vorſiekerte. Die Schaluppe flog unter langen Ru⸗ derſchlägen dem Ufer zu. Gefolgt von einem Theile der mitgenommenen Mannſchaft, ging der Capitain dem Blockhauſe zu, auf welchem das rothe Tuch an einer Stange befeſtigt war. Ein kleiner, zuſammengetrockneter Kerl, deſſen verbranntes Geſicht nichts mehr von einem Europäer erkennen ließ, kam dem Sklavenhändler entgegen, und ſagte mit ſchmeichleriſcher Unterwürfigkeit: „Viele Ehre, Euer Gnaden im beſten Wohlſein begrüßen zu können. Die heilige Jungfrau behüte Euer Gnaden koſtbares Leben auch fernerhin. Wollte nur, ich wäre im Stande, Euch nach Gebühr auf⸗ zunehmen. Aber ein armer Faktoriſt, mit einem ſol⸗ chen Palaſt...“ Er deutete achſelzuckend auf das Blockhaus. Der Capitain unterbrach ihn: „Quält uns und Euch nicht mit dem alten Singſang, und gebt Euch die Mühe, endlich eine I. 5 66 neue Melodie zu pfeifen, dann ſollt Ihr auch das nöthige Futter finden.“ Er winkte und alsbald ſchleppten ſeine Leute einen Tiſch herbei, den ſie mit Wein beſetzten, und eine Kiſte Cigarren daneben ſtellten. Der alte Fak⸗ toriſt bediente ſich ohne weitere Aufforderung: „Köſtlicher Wein! Köſtliche Cigarren! Wür⸗ dig, von Seiner Hoheit, dem Herrn Virey in meiner Gottgeliebten Vaterſtadt Mexiko genoſſen zu werden. Man lebt bei Euch, wie im Himmel, Senhor.“ „Ihr denkt wohl, daß ich Euch das ſchenke?“ lachte der Capitain.„Was Ihr jetzt hinunter ſpühlt, Ihr alter Geizhals, ſollt Ihr dreifach bezahlen. Was für Waare am Platz?“ „Wenig oder nichts, das Euch anſtändig ſein wird,“ huſtete der Alte.„Habe auf dieſem Küſten⸗ ſtrich einen böſen Concurrenten bekommen, der mir jeden fetten Biſſen vor der Naſe wegſchnappt.“ „So will ich dieſen Concurrenten aufſuchen,“ ſagte der Capitain aufſtehend und rief den Leuten zu, die Tafel abzuräumen. Der Faktoriſt ergrif ſeine Hand und hielt ſie krampfhaft feſt: „Was eilt Ihr doch nur? Habe keinen ſo be⸗ deutenden Vorrath, wie Ihr ihn wünſcht. Aber für einen ſo achtbaren Kunden giebt man ſich ſchon 67 einige Mühe. Ein Paar Dutzend Blöcke, ſchwarz und glänzend, daß man ſich darin ſpiegeln kann, ſind wohl zu haben; aber wie ſich von ſelbſt verſteht, theuer! Sehr theuer.“ „Wie viel pro Stück? Sagt es kurz.“ „Durch die Bank, Weiber und Männer, fünf⸗ hundert Piaſter jedes.“ „Pah!“ ſagte der Capitain,„federleicht!“ „Meint Ihr?“ rief der Faktoriſt haſtig und ſeine Augen ſchauten voll Beſorgniß auf den Capi⸗ tain.„Erlaubt mir, mein Glas zu füllen. Troſt⸗ reicher Madeira das, der ein ſchwach gewordenes Gedächtniß ſtärkt. Wie ſagte ich? Fünfhundert Piaſter? Ihr glaubt es ſelbſt nicht. Sehe Euch an, daß Ihr es nicht glaubt. Könnt es nicht. Ich werde alt, die Hitze benimmt mich. Prachtvolles Blatt, dieſe Cigarre. Senhor iſt Kenner. Ihr meint alſo, daß wir mit ſechshundert Piaſter für den Kopf abſchließen?“ „O, Ihr vortrefflichſter Schurke aller Schur⸗ ken!“ lachte der Capitain.„Alſo das iſt die neue Taktik, womit Ihr das Geſchäft betreibt? Mir macht Ihr keinen Wind vor, mit dem ich ſegeln möchte, und darum ſage ich Euch, daß ich für jeden Neger d⸗ 68 der mir anſtändig iſt, zwei hundert Piaſter aufzähle; keinen Vintem darüber oder darunter.“ „Die heilige Mutter ſchütze in Gnaden vor zwei hundert. Ich müßte Morgen bankerot machen.“ „Das ſchiert mich nicht. Ihr nehmt alsbald mein Gebot an, oder ich lichte in der nächſten Stunde die Anker und ſegle weiter. Ihr wißt wohl, wohin. Aber nun laßt Euere Herrlichkeiten ſehen.“ „Beliebt näher zu treten, edler Senhor und Ihr werdet anderes Sinnes werden!“ ſagte der Faktoriſt und deutete auf das Blockhaus. „Nichts da! Schwarze Waare im dunklen Raum kaufen, heißt eines Narren Narr ſein. Her⸗ vor damit an das Sonnenlicht. Schlagt an die Tantams, damit ſie tanzen, und wenn ſie zu faul ſind, ſchmiert ihnen die Fußgelenke ein.“ Der Sklavenhändler befahl es und ſeine Leute gehorchten. Die Tantams klangen, die Peitſchen ſchwirrten und die Neger wurden aus dem Block⸗ hauſe getrieben. Sie ſprangen in ſcheuer Wildheit durcheinander: ſchrieen vor Schmerz und ſangen dazu mit heiſeren Tönen ihre heimiſchen Geſänge. Sie warfen ſich vor dem geſtrengen Gebieter zu Boden, der durch die verworrenen Reihen hinſchritt. „Das iſt en tüchtiger Kerl, Senhor. Feſt wie 69 Eiſen das Fleiſch. Und was für'ne Bruſt. Schlagt mal dagegen mit der Fauſt. Es dröhnt ordentlich. Bekommt dafür auf dem Markte zu Havannah Eure achthundert Piaſter.“ Scheint mir ſteif auf den Füßen. Wippt ihm ein Paar Mal um die Waden, damit ich ſehe, ob er ſpringen kann.“ Die Peitſche flog um die nackten Beine des Negers und dieſer ſprang, heulend vor Schmerz, hoch in die Höhe. Der Sklavenhändler lachte: „Der Burſche kann nach Havannah in das Theater Seiner Excellenz des Herrn Gouverneurs kommen, und den durchlauchtigſten Condeſſa's ſeine Balletſprünge vormachen. Weiter. Bringt mir das Weib daher.“ Schmuckes Geſchöpf, Senhor!“ ſagte eifrig der Faktor, der die Blicke des Capitains bewachte.„Wenn Ihr ſie ein wenig herausputzt, und eine Art Dreſſur mit Ihr vornehmt, kann ſie in einem vornehmen Hauſe etwas Abſonderliches vorſtellen.“ „Oder noch beſſer,“ unterbrach ihn der Führer des Sklavenſchiffes,“ man koppelt ſie mit einem ge⸗ ſunden Burſchen ihres Gleichen zuſammen, ſo hat man die ganze Nachkommenſchaft umſonſt.“ „Eine Sklavenhecke!“ rief der Faktoriſt, ſich 5. 70 die Hände reibend.„Ihr ſeid auf das Geſchäft zu⸗ geſtutzt. Wenn wir Handels eins werden, nehmt Ihr die Waare ſogleich an Bord, damit ich nicht noch mehr Unkoſten davon habe. Sollen wir die Muſterung fortſetzen? Ihr behaltet das Weib?“ „Bringt ſie her und heißt ſie das Maul auf⸗ ſperren. Die Zähne ſind gut und die Augen hell.“ Die ſeinen ruhten einen Augenblick lüſtern auf der vollen Geſtalt der ſchwarzen Dirne. Dann ſagte er zu einem ſeiner Leute: „Bindet ihr ein gelbes Band um den Hals, damit ſie am Bord wiſſen, wohin ſie quartirt wird. Willſt gehorchen, Weib?“ Die Negerin verſtand kein Wort. Aber in den Mienen des Gebieters mochte ſie deſſen Abſicht leſen. Sie ſank, die Arme über die Bruſt gekreuzt, zitternd vor ihm nieder. Lachend ſchritt er weiter von dem Erſten, bis zum Letzten und rief zwiſchendurch nach Juan, der ihm ein Glas Wein oder eine Cigarre bringen ſollte. Aber Juan war nicht zu errufen. Als die Un⸗ terſuchung begann, zog er ſich vorſichtig von ſeinen Genoſſen zurück und verſchwand dann hinter einem Cactusgebüſch, das über den ſandigen Boden hin⸗ ——— 71 wucherte. Er gerieth in die Furth eines ausgetrock⸗ neten Baches, und dieſer folgend, wurde er von einer vorſpringenden Anhöhe gedeckt. Er war leicht geſchürzt und trug einen breitkrämpigen Strohhut zum Schutze gegen die Sonne bei der mühſeligen Wanderung. Nachdem er faſt eine Stunde ſcharf gegangen war, ſah er ſich athemlos um. Eine friſche See⸗ briſe wehte über den Strand und plötzlich ſchob ſich der Kutter der Corvette, bislang von einer Baum⸗ gruppe verdeckt, in Sicht. Wie ein Blitz war Juan an dem Rand der See und bald darauf bei den Landsleuten am Bord. Die Matroſen jubelten. Er war der Sohn eines ihrer liebſten Offiziere; der muntere John, den ſie ſeiner weißen Farbe wegen John Elfenbein nannten. Kurze Zeit war er von den Seinen getrennt und doch ſchien es den alten Theerjacken, als ob einige Jahre dazwiſchen lägen. Er ſah kräftiger aus, männlicher. Ein milder Ernſt blickte aus ſeinen Zügen. „Bringe Nachricht für die Cowette,“ ſagte er. „Müßt ſie ſogleich aufſuchen und hierher beordern. Auf dieſem Papier findet der Segelmeiſter genau die Courſe verzeichnet, welche die portugiſiſche Beſtie 72 nach einander ſteuern laſſen wird. Morgen früh brechen wir auf. Jetzt muß ich zurück.“ Billy, ein Midſhipman und Befehlshaber des Kutters, dem John an Jahren, wie an Geſinnung gleich, ſprang mit ihm an's Land und ſagte: „Muß Euch eine Strecke weit begleiten. Ihr waret mein liebſter Kamerad, und ich muß Euch noch ganz beſonders ſagen, mich bekümmert es, John El⸗ fenbein, daß Ihr ſtets ſo trübe darein ſchaut.“ „Ich thue es ſeit jenem Tage, da mein Vater im Gefecht mit den Sklavenhändlern fiel.“ „Weiß es,“ ſagte Billy.„Unſere Leute hatten ſich beim Waſſerholen verſpätet und Euer Vater trieb zur Eile. Da kamen jene portugiſiſchen Hunde auch zu den Quellen herabgeſtiegen. Sie waren dreimal ſtärker als wir und ſchwer bewaffnet. Mit wüſtem Geſchrei warfen ſie ſich auf uns und ſagten, wir ſollten ſterben, weil wir ihnen ihr Gewerbe ſtörten. So ging es an ein Metzeln und nur einer kam da⸗ von, um Kunde zu bringen, was an jenen Quellen geſchehen war.“ „Und von dieſem Einen weiß ich,“ fuhr John fort,„wer der Führer jener Mörder war. Es war der Capitain des doppelt bekreuzten portugiſiſchen Schooners. Er ſtieß meinem armen Vater den Dolch 73 in die Bruſt und ſagte dem Sterbenden, er wolle ihm zum Hohn jedesmal ſeine Uniform tragen, wenn er Ebenholz einhandle. Damit riß er ihm des Königs Rock vom Leibe und zog ihn ſich an. Habe das von dem braunen Rob, der ganz allein davon ge⸗ kommen. Und Rob ſagte mir auch, daß mein Vater mit dem letzten Athemzuge ſeine Hand gegen den Sklavenhändler aufgehoben und den Mund geöffnet habe, als wollte er ſagen: Es wird gerächt werden.“ „Der arme Vater,“ ſagte Billy.„Kann ſein Wort nicht wahr machen.“ „Aber ich,“ fiel John lebhaft ein.„Darum ging ich ſofort vom Schiff und es iſt mir durch Liſt und Trug gelungen, mich bei ihm an Bord und in ſein Vertrauen zu ſchleichen. Hätte ihn ſchon hundert Mal heimlich würgen, oder den Saft einer giftigen Frucht in den Wein miſchen können. Aber das will ich nicht. Er ſoll öffentlich den Tod eines ehrloſen Hundes ſterben, mit der Hanſſchnur um die Gurgel. Springt an Bord des Kutters, Billy, und kreuzt die Corvette auf. Ich fürchte ſonſt, daß einer der por⸗ tugiſiſchen Hunde vor der Zeit Witterung kriegt und dann iſt Alles verloren.“ Billy ſprang fort und John lienbein kehrte auf demſelben Wege zurück, den er gekommen, nitten 7⁴ in das dichte Gewühl von Weißen und Schwarzen hinein. Die Erſtern waren daran, die gekauften Blöcke in die Böte zu treiben und Alle fuhren lachend und ſingend, heulend und ſchreiend, dem doppelt be⸗ kreuzten Schooner zu, der auf den Empfang zahlrei⸗ cher Gäſte vollſtändig eingerichtet war. Nach dreien Tagen war eine volle Ladung Eben⸗ holz an Bord. John Elfenbein hatte eine ſorgfültige Liſte darüber geführt und wußte genau, wie die ein⸗ zelnen Collis im Zwiſchendeck nach Alter und Ge⸗ ſchlecht vertheilt waren. Mit dem erſten Officier, der ihn ſtets mit argwöhniſchen Augen betrachtete, neckte er ſich fortwährend. Der Capitain, der es bemerkte, lachte jedesmal laut auf und nahm ſeinen Liebling gegen jede Gewaltthätigkeit des Officiers in Schutz. Die Nacht brach herein. Die tropiſche Nacht mit ihrem goldenen Sterngefunkel, ihrer lauen Briſe und den leuchtenden Wellen, die in der Fülle von Perlen und Brillanten auf⸗ und abtauchen. Es iſt die zweite Nacht ſeit dem Aufbruch von der Küſte. An Bord eines Sklavenſchiffes iſt nur ſo viel Ge⸗ horſam, als zur allgemeinen Wohlfahrt nöthig iſt. Wenn die Waare gut verpackt wurde, und weder Schaden thun, noch nehmen kann; wenn Steuer und Segel beſorgt ſind, thut Jeder ſo ziemlich, was er will. Piraten, Sklavenhändler und Schmugler, das iſt die revolutionaire Dreieinigkeit auf See; alles andere Marineweſen iſt die Legitimität in ihrer vollen ſouverainen Würde. In der Kajüte des Sklavenhändlers bereitet ſich ein widerlich⸗lüſternes Schauſpiel vor. Sie iſt zelt⸗ artig drappirt mit Stoffen, die in ſchreiend rothen, grünen, gelben und blauen Farben prunken. Auf der Tafel ſtehen Weine, Früchte und Leckerbiſſen in Ueberfluß. Die blanken Geſchirre funkeln im Kerzen⸗ licht und werfen einen grellen Schein. Vor derſelben iſt ein erhöhter Sitz mit einer rothen Decke über⸗ zogen, reich mit goldenen und ſilbernen Franzen und Troddeln verziert. Auf dieſem Sitze ſchaukelt ſich die am Lande mit einer gelben Halsſchnur bezeichnete Negerin und zupft und zerrt an ihrem weißen Ge⸗ wande, worin große Blumen von bunten Farben ge⸗ wirkt ſind. Einen ſchimmernden Kopfputz hat ſie ſich um die Stirn gewunden; um die Arme trägt ſie Ringe mit klingenden Schellen und Glöckchen. Manch⸗ mal hebt ſie leiſe die Hände und wenn die Schellen klingen, fährt ſie damit erſchroten an den Leib her⸗ ab. Dann ſieht ſie mit mwerhehlter Lüſternheit auf die beſetzte Tafel und verſchlingt Speiſe und Trank 76 mit den Augen. Dann wieder fällt ihr Blick voll Furcht und Angſt auf den ſtolzen Gebieter, den dies Schauſpiel weidlich ergötzt. „Friſch, Juan,“ ruft er ſeinem Lieblingsdiener zu.„Schenke der Dirne von dem rothen ſüßen Wein, und laſſe ſie ihn tropfenweiſe einſchlürfen. Nichts luſtiger, als wenn ſo eine Schwarze zum erſten Male den Wein im Kopfe ſpührt und ihre wilden Sprünge beginnt. Iſt das Einzige, was mich noch reizen kann; das, und wenn ich ihr den Kitzel wieder ver⸗ treibe, indem ich ihr mit der Peitſche den Rücken roth färbe. Stehe nicht ſo einfältig da, Junge! Als ich jung war, wie Du... Iſt zu viel Fiſchblut in Euch Engländer. Friſch hinein mit Dir in das Zwiſchendeck und mache es wie die Andern, das drückt die Waare nicht im Preiſe herab.“ Juan entfernte ſich. Der Capitain winkte der Schwarzen und mit ſchüchterner Unterwerfung nahte ſie ſich ihm.„Tanze!“ befahl er und in phantaſt⸗ ſchen Sprüngen raſte ſie die Kajüte auf und cb. „Trinke!“ rief er und ſie goß den Becher, den er ihr zuſchob, in vollen Zügen hinunter.„Zu mir!“ herrſchte er und mit lachendem Grinſen warf ſie ſich in die ihr entgegen gebreiteten Arme. Vom Zwi⸗ 77 ſchendeck her, wo die Mannſchaft ihr Bachanal hielt, erſcholl ein wildes Lied. „Recht ſo!“ lachte der Capitain und rückte näher an den Tiſch.„Geſang iſt die beſte Würze des Feſtes. Geſang und Tanz! Tanze, Dirne!“ Sie gehorchte. Wein, Angſt, Furcht und erregte Leidenſchaft ſtritten ſich in ihr. Sie fand die Sprünge nicht heraus, die das Behagen ihres Ge⸗ bieters waren, und ergrimmt ſprang dieſer auf. „Tanze!“ rief er und ließ die Peitſche auf ihren Rücken fallen, daß ſie ſchreiend zu Boden ſtürzte. „Biſt in den drei Tagen, da ich Dir meine Gunſt zuwandte, ſo übermüthig geworden, daß Du nicht mehr gehorchen willſt? Tanze!“ Und von Todesangſt gepeinigt, den Schmer⸗ zensſchrei gewaltſam hinunter würgend, raffte ſie ſich auf und tanzte mit ſchwindelnder Eile um den Capi⸗ tain, daß dieſer, vor Luſt aufjauchzend, einen Becher nach dem andern hinunter ſtürzte: „So recht! Ha! Ha! Ha!— Wie ſie die Beine wirft!— Bei dem Teufel und ſeiner Groß⸗ mutter ſei es geſchworen, Du ſollſt mir nicht unter achthundert Piaſter vom Bord.— He, Juan! Juan! Wo ſteckt er! Wird ſich meine Lehre zu Herzen genommen haben.— Der Junge läßt ſich gut an. 78 — Pah! Der Wein iſt matt. Will enen nordiſchen Toddy brauen!— Das iſt ein guter Stoff!— Trink, Dirne! Trink!“ Er wollte ihr lallend den Becher reichen. Aber ſeine Kraft war hin. Betäubt fiel er auf die breite Bank zurück und ſank in einen todtenähnlichen Schlaf. Die Negerin ſtand ſlill und ſah, halb fürchtend, halb neugierig auf den Gebieter, der ohnmächtig vor ihr lag. Da öffnete ſich leiſe die Thür. Juan trat ein und berührte ihre Schulter. Sie ſtanden ſich gegenüber; Auge in Auge. Er, jungfräulich, blen⸗ dend weiß, wie ein elfenbeinern Bild; ſie, dunkel glänzend, wie eine Statue aus Ebenholz geſchnitz. Mit ihren kohlſchwarzen Augen blitzte ſie ihn an. Sie kennen ſich erſt wenige Stunden; ſie haben keine gemeinſame Sprache und ſie verſtehen ſich doch. Es iſt ein Funken des Geiſtes in dem Hirn dieſer Nege⸗ rin, den ihre Leidensgenoſſen entbehren. Sie blickte den ſchlafenden Tyrannen, ſie blickte den Jüngling an, und es wurde Tag vor ihr. Die Leidenſchaft erfindet ſich Zeichen, die das mangelnde Wort er⸗ ſetzen. Beide redeten mitſammen und Juan's Antlitz glühte, während ſie ſich demüthig, die Arme kreuzend, vor ihm neigte. Er faßte ihre Hand und führte ſie 79 hinaus. Am Ende des Kajütenganges öffnete er die geheime Thür, durch welche nur der Capitain geht, wenn er ungeſtört die Waare im Zwiſchendeck be⸗ trachten, oder quälen will. Sie ſchlüpfte hinein und Juan kehrte zum Eingange der Kajüte zurück, wo der Capitain ſich in fieberhaften Träumen auf ſeinem Lager wälzte. Der erſte Officier des Schiffes kam die Treppe herab und ſah den Jüngling ſtehen. Sein ſteigender Argwohn brach in demſelben Augenblicke los und nach dem Fangmeſſer greifend, das an ſeiner Seite hing, ſagte er ingrimmig: „Ich thue ein gutes Werk für mich und für Alle am Bord, wenn ich Dich umbringe, du ver⸗ rätheriſcher Hund.“ Juan riß eine der über ſeinem Haupte am Pfeiler hängenden Piſtolen herab, und ſagte kalt: „Ehe Ihr es könnt, ſchieße ich Euch nieder, wie nen Schwarzen. Ich kenne Euere Wuth auf mich, aber Ihr ſeht, daß ich auf meiner Huth bin.“ Als der Officier die Mündung des Gewehrs ſah, ließ er die Hand vom Meſſergriff ſinken und ſagte im Vorübergehen: „Wir rechnen bald miteinander ab!“ „Seid gewiß, wir thun es!“ rief Juan ihm nach 80⁰ und ging in die Kajüte. Nach einer Stunde kehrte die Negerin zurück, leiſe, wie ſie geſchieden. Beide tauſchten einen vielſagenden Blick. Dann ſetzte ſie ich zu den Füßen des noch immer ſchlafenden Ge⸗ bieters und Juan verlor ſich in dem dunklen Winkel, wo er ſeine Hängematte aufgeſchlagen. Auf freier See kreuzte eine Corvette. In dem Wimpel am großen Topp zeigte ſich das königliche Wappen von Großbritanien. Es war der„Vultur“ Sechszehn Feuerſchlünde ragten über den Bord hin⸗ aus. Der Officier vom Dienſt ging auf dem Quar⸗ terdeck hin und her und ſprach mit dem Cadetten ſeiner Wacht. „Es iſt alſo genau, wie Ihr ſagtet, Billy?“ „Genau ſo, Sir. John hat mir Alles mitge⸗ theilt. Die Küſtenpunkte, welche der Sklavenhändler beſuchen will, ſind auf dem Papier verzeichnet, das ich dem Capitain brachte. Wäre die Corvette nicht ſo weit leewärts gegangen, bevor ich mit dem Kut⸗ ter an Bord kam, mußten wir ihn ſchon geſtern in Sicht haben. Aber wir fangen ihn heute gewiß.“ „Gut, Billy. Der John iſt ein braver Junge.“ „Iſt mein Freund, Sir!“ ſagte Billy ſtolz und ging in die Vormars hinauf, um nach dem Sklaven⸗ händler auszulugen. „ 81 Der Punkt war nahe, wo die Courſe der an⸗ dern Schiffe ſich kreuzen mußten. Die Corvette war noch keine Stunde in der Richtung, die ſie hielt, fort⸗ geſteuert, als Billy zu Deck rief: „Segler in Sicht! Krahnbalksweiſe in Lee!“ Und faſt zu derſelben Sekunde, von derſelben Stelle am Bord des Sklavenhändlers, rief die helle Stimme Johns zu Deck: „Segler in Sicht! Krahnballsweiſe im Luf!“ Alles rührt ſich am Bord. Der Segler im Luf iann ungehindert ſeinen Cours ſteuern. Aber nicht umgekehrt. Aller Augen am Bord des Sklaven⸗ händlers ſind nach dem Luf gerichtet, um zu ent⸗ decken, was für eine Art Schiff es iſt, das ihre Straße kreuzt. „Auf alle Fälle,“ ſagt der Capitain zu ſeinem Ofſicier,„muß man ihm eine unverdächtige Flagge zeigen. Vor den Herren vom Orlog muß man nie feige fortlaufen. Das macht die hellſehenden Weiſen wieder blind und man dreht ihnen eine Naſe.“ Dann will ich,“ ſagte John, der hinter dem Capitain ſtand,„mit Euerm Wohlnehmen die däni⸗ ſche Flagge hiſſen. Die Engländer ſind ſo hochmüthig, daß ſie eine ſo kleine Flagge nicht weiter beachten, I. 8 6 82 weil ſie glauben, es werde ihr Keiner die Ehre er⸗ weiſen, ſich hinter ihr zu verſtecken.“ Thue das, mein Junge!“ ſagte der Capitain und fuhr zu ſeinem erſten Officier fort:„Der Junge iſt hundert Schwarze werth.“- Der erſte Officier zog ein finſteres Geſicht und John, der zur Flaggenleine ging, ſprach vor ſich hin: „Billy weiß, wenn er ein Schiff mit der däni⸗ ſchen Flagge an der Gaffel ſieht, daß es der Skla⸗ venhändler iſt.“ Der Danebrog ging hoch und flatterte frei aus im Winde. Am Bord der Corvette ward es geſehen. Billy eilte nach dem Quarterdeck:„Entſchuldigt, Sir. Ich kenne das Schiff. Iſt der Sklavenhändler, den wir ſo lange ſuchen. Die däniſche Flagge an der Gaffel iſt das mit John verabredete Zeichen.“ „Der Segelmeiſter ſoll einen Strich abfallen laſſen. Wir wollen ihm gerade zu Leibe gehen.“ Die Corvette nahm den volleren Lauf. Das Sklavenſchiff blieb in ſeinem Fahrwaſſer und der Capitain ſagte: „Iſt kein Zweifel; wir haben es mit einem Hr⸗ logsmann zu thun. Sind die nöthigen Maßregeln getroffen? Können wir mit Ruhe einen Beſuch die⸗ ſer Blaujacken erwarten? 8³ „Können es in alle Wege.“ „Laßt mich ſelbſt ſehen.“ Die ſämmtlichen Luken wurden abgehoben. Man erblickte eine Lage von Kiſten und Fäſſern, die dicht unter denſelben angebracht waren. Dadurch erhielt das Schiff das Anſehen, als ſei es mit voller Ladung ausgerüſtet. Zur ſelben Zeit ward ein Theil der Mann⸗ ſchaft unter Deck geſchickt, welche durch ihre Gegen⸗ wart die Schwarzen in Furcht erhielten, und jede laute Bewegung hinderten. „Gut das. Ihr habt Euere großen Verdienſte um das Schiff und ich will es Euch bei der Ankunft in der Havannah gedenken!“ ſagte der Capitain zu ſeinem Officier. „Wenn wir nur erſt dort ſind!“ antwortete die⸗ ſer.„Was rührt ſich unter uns?“ „Sind die Schwarzen. Gehe noch Einer hin⸗ unter. Ich laſſe der Wache befehlen, ſich Gehorſam zu erzwingen. Und müßtet Ihr Einen todtſchlagen, den Andern zum erſchreckenden Exempel. Jetzt gilt es.“ Ein rüſtiger Burſche tauchte unter. Gleich da⸗ rauf fing der Lärm an, ſich zu verdoppeln. Der Burſche kehrte nicht zurück. „Verdammt, die Negerbrut. Ich laſſe ſie blutig 6⸗ ——— 8⁴ peitſchen Hei! Ein Schuß! Da haben wir den Morgengruß dieſer britiſchen Beſtien. Laßt ihn die Antwort hören. Feuer!— Carvas! Ihr ſeid'n entſchloſſener Kerl. Geht hinunter und bringt ſie zur Ruhe.“ Carvas ſtieg hinab. Die gom gab das Zeichen zum Beidrehen. Mit ſtillem Ingrimm befahl der Capitain, die Segel back zu braſſen und die Mannſchaft gehorchte ihm nur zögernd. Die Breit⸗ ſeite eines Orlogs gegenüber dem Sklavenhändler iſt der Wegweiſer zum Galgen. Mit jeder Sekunde nahm die Entfernung zwiſchen den beiden Schiffen ab; mit jeder Sekunde wuchs der Lärmen im Raum. Der Capitain ſtampfte mit dem Fuße: „Sind meine Leute ſämmtlich vom Teufel be⸗ ſeſſen, daß ſie nicht Ruhe ſchaffen können?“ „Ich will hinabgehen, Capitain!“ rief John. „Gleich ſollt Ihr wiſſen, wie es ſteht. „Thu das, Burſch. Der Junge iſt mehr werth, als Ihr Alle mit einander. Die Corvette legt auch bei und bringt ihre Schaluppe über Bord. Nun werden wir bald dieſe Negerriecher bei uns ſehen.“ Da ſtürzte John, todtenbleich mit allen Zeichen der Angſt auf das Deck und rif: 85 „Aufruhr! Empörung!“ „Biſt Du verrückt geworden?“ 5 5 „Die Sklaven ſind frei. Der Cawas und die Andern, welche Ihr ſandtet, ſind von ihnen er⸗ droſſelt.“ „„Schießt ſie zuſammen!“ rief der Capitain, ſchäumend vor Wuth.„Hinunter in den Kajütsgang, wo die Flinten und Piſtolen hängen.“ In großer Verwirrung eilten die Matroſen die Treppe hinab. Sie griffen nach den Waffen. Neues Entſetzen. Aus jedem Hahn war der Stein ſorg⸗ fältig entfernt. Sie hatten eine Waffe in Händen und konnten nicht ſchießen. „Tod und Teufel!“ ſchrie der Capitain erblei⸗ chend und ſtürzte in ſeine Kammer, um ſeine eigenen Waffen zu holen. Sie waren in einem ähnlichen Zuſtande: „Wer hat das gethan?“ „Der John, ſage ich!“ ſchrie der erſte Officier. „Der John, der alle Teufeleien hier am Bord aus⸗ heckte, was Ihr nie glauben wolltet. Wer kommt denn in Euere Kammer, als Ihr und er? Ihm danken wir's.“ „Wo iſt der Junge? Ich zerreiße ihn mit mei⸗ nen Händen. Wo iſt er? 86 Die geheime Thür, die von dem Kajütsgange in das Zwiſchendeck führte, öffnete ſich von innen, und aus dem dichteſten Negerhaufen die Stimme des Jünglings: „Hier bin ich und beginne einen Theil der Schuld einzuziehen, die ich von Euch zu fordern habe.“ Der Capitain ſtand ſtarr vor Schreck. Er ver⸗ mochte keinen Laut hervorzubringen. Der Officier wollte ſich dem Negerhaufen entgegen werfen. Aber in demſelben Augenblicke legte die Schaluppe der Corvette an den Fallreep und die Führer des Skla⸗ venſchiffes mußten zu Deck, um nicht auf dem eigent⸗ lichſten Schauplatz des Verbrechens betroffen zu werden. Der zweite Lieutenant des„Vultur“ beſchritt mit einer Anzahl bewaffneter Matroſen den Fallreep. „Ihr entſchuldigt unſern Beſuch, Herr, der Euch vielleicht beläſtigt. Aber die ſtrenge Ordre, die wir haben, rechtfertigt alle Zudringlichkeit. Bitte um die Vorlage Eurer Schiffspapiere.“ „Mit welchem Rechte, Herr?“ „Mit dem Rechte,“ entgegnete der Lieutenant lächelnd,„das von einer Reihe wohlgezielter Kano⸗ 87 nen unterſtützt wird. Wir kreuzen auf Sklaven⸗ ſchiffe.“ „Haltet Ihr dies Fahrzeug für ein pches⸗ „Ich habe hier gar keine Meinung, ſondern nur den Befehl, die Vorlage der Schiffspapiere zu fordern.“ „So mögt Ihr mir in des Teufels Namen folgen!“ ſagte der Sklavenhändler mit zuſammen ge⸗ kniffenen Lippen und ging voran. Das Sklavenſchiff hatte eine Hütte auf dem Deck. Dahin führte er den Officier und legte ihm die Papiere vor. Der Lieutenant ſah ſie ſorgfältig durch. Wohl, Herr! Liſſaboner Schiff und Cargv. Alles wohl klarirt und nichts dagegen einzuwenden. Dachte nicht, daß ich am Bord Alles ſo gut in Oidnung finden würde. „Hättet alſo uns Beiden den Aerger ſparen mögen. Nehmt Ihr ein Glas Wein, Herr?“ „Ich danke.“ 6 „Iſt nur, um den Verdruß weg zu ſpülen⸗ wegen des vergeblichen Seemoleſtes.“ „Ob der Aerger Eurerſeits oder Meinerſeits iſt, wird ſich erſt entſcheiden, wenn Ihr mir beantwortet, 5 88 wie zu dieſen portugieſiſchen Papieren die däniſche Flagge an Eurer Gaffel ſtimmt?“ Der Capitain erbleichte. Die Flagge, die ſeine Retterin werden ſollte, wurde ſeine ſchlimmſte An⸗ klägerin im entſcheidenden Augenblick. Der erſte Officier hatte ſeine Geiſtesgegenwart bewahrt und ſagte:* „Das geſchah durch ein Verſehen. Die portu⸗ gieſiſche Flagge liegt in der Segelkammer.“ „So thut ſie!“ ſagte der engliſche Schaluppen⸗ meiſter.„Und daneben eine franzöſiſche, eine hol⸗ ländiſche, eine ſpaniſche und was weiß ich.“ „Ihr ſeid für alle Fälle gerüſtet, wie es ſcheint,“ ſprach der Lieutenant.„Euer Capitain iſt dafür deſto wortkarger. Hier wollen wir näher unterſuchen. Oeffnet die Luken.. Es geſchah. Der Officier ging von Einer zur Andern: „Vortrefflich. Volles Cargo. Man hat Euch den Rumpf übewoll geſtaut. Genau dieſelben Mar⸗ ken, wie wir ſie neulich an Bord eines Sklaven⸗ ſchiffes fanden, das wit aufbrachten. Sagtet Ihr etwas?“ Die Kajütskappe wurde zurückgeſchoben, und John erſchien, der zu dem Officier eilte: 89 „Lieutenant Marſon; ich ſtelle unter Euern Schutz.“ „Gewiß, mein wackerer Lurſch Nun, Mann, Euer Leugnen hat ein Ende und Ihr thut am beſten, Euch freiwillig zu dem ſchändlichen Gewerbe, das Ihr betreibt, zu bekennen.“ „Laßt mich dieſen Verräther würgen!⸗ brüllte der Capitain.„Laßt mich ihn würgen, und dann macht mit mir, was Ihr wollt.“ Die Engländer traten vor und nahmen den jungen Mann zwiſchen ſich. Lieutenant Marſon ſagte: „Ich nehme Euch gefangen, ſammt Eurer Mann⸗ ſchaft, und erkläre das Schiff, mit Allem, was darin iſt, für eine gute Priſe. Widerſetzlichkeit macht Eure Sache nur noch ärger.“ Und der Capitain des Sklavenſchiffes ſtand wie gelähmt von dem furchtbaren Schlage. Er ſank mit einem dumpfen Schrei zu Boden. Nach einer Stunde war die ganze Beſatzung des Sklavenſchiffes am Bord der Corvette und da⸗ ſelbſt im ſichern Gewahrſam. In ihrem Kielwaſſer ſteuerte das doppelt gekreuzte Schiff, das mit engli⸗ ſcher Mannſchaft beſetzt war. Der Capitain der Cor⸗ vette hatte John befehlen laſſen, die Uniform eines Midſhipman wieder anzulegen und beorderte ihn dann ——— 90 in die Staatskajüte, wo er ihn mit den größten Lob⸗ ſprüchen überhäufte. „Ich verdiene das nicht, Sir, denn ich that nur meine Schuldigkeit; ich that weniger als dieſe, denn ich leiſtete mir ſelbſt einen Dienſt, indem ich einen heiligen Schwur erfüllte.“ Er entfernte ſich und ging auf dem Verdeck zwiſchen ſeinen jungen Kameraden umher, die ihn als etwas Außergewöhnliches betrachteten und in halb ſcheuer, halb traulicher Weiſe zu ihm redeten. Als es Abend ward, ſtieg er hinab in die Räume des Zwiſchendecks. An der Thür einer der kleinen Kammern ſtand er ſtill. Er gab das Wort und die Wache vor derſelben öffnete. Im Hintergrunde lag der Sklavenhändler, ſtark gefeſſelt, auf einer hölzer⸗ nen Bank. Er erhob ſich, grimmig fluchend, und faßte krampfhaft die Kette, als wollte er das Haupt des jungen Mannes damit zerſchmettern. „Ich verachtete, ich haßte Alle!“ kreiſchte er auf.„Ich trat ſie mit Füßen und lachte ihres Jam⸗ mers. Dich allein habe ich lieb gehabt und Du haſt mich verrathen. Sei verdammt dafür.“ „Und ich liebte die ganze Welt,“ ſagte John, „und öffnete ihr mein Herz. Du haſt mich den Haß gelehrt, indem Du die blutige Saat ſäeteſt, die mir 91 dieſes Gift eingeimpft hat. Darum haſſe ich Dich, wie meinen Todfeind.“ Der Sklavenhändler raſſelte mit der Kette und brüllte laut auf. „Raſſle, wie Du willſt und brülle Deine ohn⸗ mächtige Wuth aus. Du mußt mich doch hören. Weißt Du den Quell der Wüſte, wo Freund und Feind ſich in Frieden ſehen und ſich ſtärken? Dort ſtand mein Vater mit wenigen Leuten, faſt ohne alle Waffen. Du ſtürzteſt Dich mit den Deinen auf ihn, und ließeſt ſie hinwürgen; weil ſie Dein verfluchtes Gewerbe ſtörten und den Handel mit Menſchenſeelen nicht leiden wollten. Du ſelbſt bohrteſt den Dolch in meines Vaters Bruſt und riefſt höhnend, jedes⸗ mal wenn Du Ebenholz kaufen gingeſt, wollteſt Du ſeine Uniform anziehen und ſo ſein Andenken feiern. Das haſt Du meinem Vater gethan, Du Scheuſal, und ich übe die Vergeltung. Darum ſtahl ich mich in Dein Vertrauen und ſuchte Deine Liebe zu ge⸗ winnen, damit Du lernen ſollteſt, wie tief es ſchmerzt, zu verlieren, was wir lieben; und wie viel heftiger der Schmerz iſt, der uns von denen bereitet wird, welche wir lieben. Darum ſtieß ich Dir nicht raſch ein Meſſer in's Herz, wenn Du ſchliefeſt; darum warf ich kein Gift in Deinen Wein, wenn Du Dich 92 berauſchteſt. Ich ſparte mir die Rache bis zu die⸗ ſer Stunde auf, um ſie ganz zu genießen. Mein Werk iſt gethan.“ Er ging hinaus. Die Kette raſſelte und die Flüche des Sklavenhändlers hallten hinter ihm her. Die weite Fläche des Oceans glänzte im Mon⸗ denlicht, auf welche der„Vultur“ mit ausgebreiteten Flügeln hinſegelte. Der Zollüutter. Aus der wilden Waldſchlucht ſtürzt ſich der Bach nit eilender Haſt über Steingerölle zu Thale. Ouelle auf Quelle fließt ihm zu. Teich und See in ſeine liebende Umarmung ziehend, rauſcht der Bach, zum mächtigen Strome anſchwellend, durch blühende Fel⸗ der, bei lachenden Städten vorüber, wachſend und immer wachſend, die ſtolze Fregatte mit derſelben Leichtigkeit ſchaukelnd, wie vorher den ſchwankenden Kahn, bis er ſich mit ſeiner koſtbaren Laſt, des eig⸗ nen Herrſchens müde, freiwillig der Tyrannei des Meeres unterwirft. Meilenweit nordwärts wiederholt ſich daſſelbe Schauſpiel. Aber zwiſchen beiden Strommündungen erſtreckt ſich ein langer, wilder Strand. Bald ſandige Hü⸗ gel, neben⸗ und hintereinander; zwiſchen je zwei 94 derſelben eine mit vertrockneten Gräſern verwachſene Schlucht. Hier und dort ſchiebt ſich ein halb ver⸗ wittertes, rothgelbes Geſtein in die See und von der ſteten Näſſe erweicht, zerbröckelt es, Körnlein um Körnlein in ſdie Tiefe rollend. Bald buchtet die See zickzack in das Land hinein, bald reckt eine Land⸗ zunge, mit Muſcheln und glatt gewaſchenen Steinen beſäet, ſich in die See hinaus. Aber von allen Win⸗ keln, die ſich hier bilden, iſt kaum Einer, worin ſich ein Schiff vor Anker bringen, und in Ruhe dem fiegenden Sturme Trotz bieten kann. Nur durch⸗ wettertes, verwegenes Volk, das alles Glaubens bar iſt und jede Hoffnung durch die Kehle gejagt hat, wagt ſich klopfenden Herzens auf zitterndem Kiel in dieſen ununterbrochenen Bann meilenlanger Brandung. Am Strande ſelbſt iſt ſcheinbar alles todt. Keine menſchliche Spur zu ſehen. Auf der Höhe verweht der Wind den Fußtritt des flüchtigen Strandläufers; in der Tiefe wäſcht die Welle ihn fort. Darm darf es nicht Wunder nehmen, daß ein Mann, der, halb bedeckt mit zuſammengeſchartten Seetang und Hängekraut, ruhig weiter ſchläft, als ein zottiger Bund ihn ſchnuppernd umkreiſt, und ein flinker Burſche mit Büchſe und Jagdtaſche ſich ihm nähert und kopf⸗ 95 ſchüttelnd betrachtet:„Wie feſt ſo ein alter Seewolf ſchläft, wenn er ſich auf ſicherm Boden ausſtreckt. Hier geht ihn Alles nichts an. An Bord reißt er die Augen bei der leiſeſten Gierung auf, wenn er auch drei Tage nicht in die Hängematte gekommen iſt. He! Jakobmaat! Deine Wacht zur Koje hat ein Ende, und Du mußt allert ſein. Der Zollkutter nit der geſchlitzten Kreuzflagge iſt in Sicht.“ Jakobmaat ſtreckte die Glieder und ſagte, indem er gähnend den Kopf auf die Hand ſtützte: „Habe den Teufel etwas vom Zollkutter. Will nichts von ihm.“ „Aber er von Dir. Sieh zu, daß Du fort⸗ tommſt mit Deiner Yacht, ehe er Wind kriegt. Haſt nur wenig vom Luf voraus.“ „Schiert mich nicht.“ „Mich auch nicht. Sollte Dich warnen und das habe ich gethan. Hier iſt das Gold, das ich abliefern ſoll. Ein Heidengeld, das Du Jahraus, Jahrein ſchluckſt. Proviant liegt an der bekannten Stelle. Du und Dein Volk, Ihr werdet gemäſtet, wie Pfaffen im Kloſter. Nach drei Wochen erwar⸗ ten wir Dich wieder. Kommſt Du früher, kennſt Du das Signal, das uns herbeiruft. Habe wohl Acht, daß Du gut durchkommſt und bringe eine E 96 dung heim, wie die letzte war, dann wird das Ge⸗ ſchäft floriren. Behaltene Reiſe.“ Der junge Burſch ging pfeifend davon, ohne ſich um Jakobmaat weiter zu bekümmern. Dieſer hatte ſich brummend erhoben, wog das Gold mit der Hand und ſagte grimmig: „Dieſe Handvoll Münzen für alle Auslagen und wochenlange Strapatzen. Und das nennen ſie ein gutes Geſchäft. Ja, in ihrem Säckel mag es klingen. Aber ich will dem Dinge ein Ende machen. Will es wahrhaftig.“ Er pfiff auf dem Finger, daß es laut durch die Schlucht ſchrillte. Nach einer Pauſe antwortete es in gleicher Weiſe von unten herauf. Man mußte ſcharf in die Tiefe hinabſehen, um zu gewahren, daß ſie mit Waſſer gefüllt war, deſſen ruheloſes Schwanken bekundete, es ſtehe draußen mit der See in Verbindung. Auf dieſem Waſſer lag eine Yacht mit niedergelegtem Maſt und halb geſchloſſenem Ver⸗ deck. Drei verſtürmte Geſichter tauchten aus dem Raume auf. Jakobmaat kletterte zu ihnen herunter, zog ein Drittheil des empfangenen Geldes hervor und ſagte: „Das iſt Euer Antheil. Ihr ſeht, wie die Hunde uns betrügen. Den nächſten Zug machen 97 wir für eigene Rechnung und ich denke, wir werden uns beſſer dabei ſtehen. Netze in Ordnung?“ „In der beſten, Jakobmaat.“ „Dann macht uns los und holt aus, ehe die Nacht uns mitten in der Brandung über den Hals kommt. Wir haben den Zöllner noch in Lee. So können wir gemächlich von ihm wegkommen und ausführen was ich im Sinne habe.“ Verdrießlich machten ſich die Leute an die Ar⸗ beit. Sie empfingen nur ſparſamen Lohn und hat⸗ ten nicht einmal Zeit, ihn mit Jubel todtzuſchlagen. Zwieback und Salzfleiſch, der erſtere halb mit See⸗ waſſer überlaufen, war Alles, was ſie diesmal an der Stelle fanden, wo der Proviant für ſie aufge⸗ ſchichtet lag und der Grog mit dem kärglichſten Maaße gemeſſen war. Die Yacht war fertig; der Maſt aufgerichtet, die Segel klar zum hiſſen. Langſam und mit An⸗ ſtrengung wand ſie ſich durch die brandenden Wellen, peilend und lothend. Und wie ſie um den Fuß der letten Bank wendet, und ihr Steuer ſich hebt, fallen die Segel voll und ſie fliegt wie ein Pfeil in die erregte Fluth. Die Seewölfe jauchzen auf. Ver⸗ geſſen iſt der Betrug der Landſchmuggler, vergeſſen die ihnen auferlegten Mühen und Entbehrungen; ſie U. 7 98 ſind wieder auf ihrem Elemente. Die Yacht breitet ihre Flügel aus, und verſchwimmt, wie ein unſchein⸗ barer Punkt, in der leuchtenden Ferne. Weit abwärts im Lee kreuzt der Zollkutter der Station, mit dem Königlichen Wimpel am Topp. Ein flüchtiger Blick auf dieſen Kutter lehrt, daß er auf einem vornehmen Werft gebaut iſt. Er zählt zur Königlichen Marine. Der zierlich geformte Rumpf, der ſcharfe Bug, der breite Spiegel ſind drei Zeugen ſeiner beflügelten Eile. Von Außen iſt er mit ſchwar⸗ zem Glanzlack überſtrichen, deſſen Fläche nur von einer ſchmalen weißen Linie durchſchnitten wird. In⸗ nenbords zeigt Alles, nach Orlogsweiſe, ein mattes Sandgelb, und jedes laufende Tau, alles ſtehende Takelwerk erinnert durch doppelte Zierlichkeit an ſeine vornehme Herkunft. Die Segel leuchten blen⸗ dend weiß. Die Glocke über der Ankerwinde, die beiden Geſchütze auf Back und Schanze und die Bouſſole am Steuer glänzen wie Gold. Der Offizier, der den Kutter befehligt, unter⸗ hielt ſich lebhaft mit dem Steuermanne. Die Zoll⸗ kreuzer ahmen die ſtrenge Etiquette der Orlogsſchiffe nicht nach. „Kann es nicht verbürgen, Herr Lieutenant,“ ſagt der Mann mit der Steuerpinne in der Hand. 99 „Habe wohl den alten Seewolf, ich glaube, Ja⸗ kobmaat nennen ſie ihn, hier und da geſehen, aber ich bin meiner Sache doch nicht gewiß. Wenn wir ihn nicht mit voller Ladung aufbringen, ſoll es ſchwer halten, Hand an ihn zu legen. Hätten wir nur Chriſten Peters am Bord behalten.“ „Es konnte nichts Schlimmeres begegnen, als daß wir Den zurücklaſſen mußten. Verdammt der Gienblock, der im Herabſtürzen ihm den Kopf halb auseinanderſchlug. Der Burſche war mit allen Hun⸗ den gehetzt und kannte die Yacht und ihren Führer auf ein Haar.“ „Sollten aber wirklich mehr anlufen, Herr Lieu⸗ tenant, wenn wir ihn aufkreuzen wollen. Jakobmaat hält ſich oberwärts und ehe wir es uns verſehen, ſteuert er an unſerm Bug vorüber und giebt uns aus Bosheit noch einen Salut. Befehlt Ihr noch zwei Striche höher?“ „Das würde uns zu ſehr von dem Courſe nach Schwarz⸗Eiland abbringen, woſelbſt ich, wie Ihr wißt, ein koſtbares Stückgut abliefern ſoll,“ ſagte der Lieu⸗ tenant und ſah in die See. „Ja, ja! Wir rüſten uns eigentlich auch zu einer Schmugglerfahrt, da dergleichen Gut unter Königlicher Zollflagge nicht paſſiren darf. Ein Weib, 7* 100 und noch dazu ein junges und ſchönes, iſt ein trü⸗ geriſches Colli. Ein altes Sprüchwort ſagt:„Un⸗ terrock in der Kajüte wird Nothflagge am Topp.“ „Konnte es nicht ändern, Mann. Sie iſt die Wittwe eines Kameraden, mit dem ſie kaum ein Jahr verheirathet war. Ihre Verwandten wohnen auf Schwarz⸗Eiland, und dahin will ſie. Schenkte mir das Vertrauen, ihr in der Noth beizuſtehen.“ „Und Ihr habt als Offizier und Ehrenmann Eure Schuldigkeit gethan!“ ſagte der Steuermann mit einem vieldeutigen Lächeln, was der Lieutenant nicht gewahrte, da er noch immer in die See ſchaute. „Habe das ſchon an Euerm Vater bewundert, der ein tüchtiger Zollofficier war. Auch ein recht ritter⸗ licher Herr, der aber nicht darauf beſtand, den Cours nach Schwarz⸗Eiland zu halten, wenn der Wind ſchralte.“ Da in dieſem Augenblicke die Segel killten und der Steuermann den Kutter abfallen laſſen mußte, wurde das Geſpräch unterbrochen. Als die Segel wieder vollfielen, ſagte der Officier: „Auf dieſen Cours werden wir heute unſer Ziel nicht erreichen. Indeſſen möchte nicht zu rathen ſein, eine Dame während einer Nacht in dieſem halboffe⸗ nen Fahrzeug ohne große Noth zu herbergen; nicht zu 101 gedenken, daß die Yacht unſern Cours kreuzt und wir mit ihr in ein Gefecht gerathen können. Was meint Ihr, Steuermann Maaßen?“ Der Mann ſah nach Segel und Wimpel: „Der Wind ſchralt noch weiter und geht zuletzt ganz Süden. Wenn ich zu befehlen hätte, würde ich durch den Wind legen und nach Baumſand ab⸗ halten. Mit dieſer Kühlte können wir es gegen Abend reichen. Und das wäre das Beſte, denn es beginnt ſich im Norden eine Bank zu ſetzen, mit der zur Nachtzeit nicht zu ſpaßen iſt.“ „Ihr habt recht, mein wackerer Steuermann. Will nach Euerm Rathe thun. Ruder in Lee!“ Die Commando's flogen und wurden raſch aus⸗ geführt. Der Kutter legte durch den Wind und ſchoß vor raumen Schvoten durch die Wellen. „Auf Baumſand kann die Dame herbergen,“ ſagte der Steuermann, die Friesjacke feſter ziehend, denn es briſete eben friſcher auf.„Im Wirthshauſe zur Robbe iſt gut Quartier. Und von dort aus findet ſich bald Gelegenheit, ſie weiter nach Schwarz⸗ Eiland zu ſchicken. Iſt eine Dampfer⸗Station und Ihr ſeid aller ferneren Mühe überhoben.“ Die Dame kam in dieſem Angenblicke aus der Kajüte herauf und die Art und Weiſe, womit der 102 Officier ſte empfing und ſich mit ihr unterhielt, ſpra⸗ chen es aus, daß er die übernommene Mühe ungern von ſich weiſen würde. Der Steuermann zwickerte mit den Augen und ſtreifte mitunter den Lufhori⸗ zont, als müſſe er den Schmuggler, den ſie jagten, erblicken und dann die Luſtfahrt nach Baumſand in eine Kreuzfahrt in's Blaue verwandeln. Aber der Horizont blieb rein. Der abfallende Wind, der den Zollkreuzer nöthigte, eine andere Rich⸗ tung zu nehmen, war der Yacht noch weit nachthei⸗ liger auf ihrem Cours geweſen und ſie trieb aus ihrem eigentlichen Fahrwaſſer. Jakobmaat war des⸗ halb drei Mal verdrießlicher als ſonſt und er ſagte zu dem Manne am Steuer: „Loddere nicht ſo, Kerl, oder ich ſurre Deine Hand an der Steuerpinne feſt und Du ſollſt die ganze Nacht daran ſitzen. Zu all dem Ungemach, daß ich hatte, kommt auch noch dieſer verdammte Wind. In zwei Tagen decken wir den Verluſt nicht, und es iſt nur noch für einen Tag Proviant am Bord. Verdammt die Hungerleider, die uns darben laſſen.“ „Nicht mal ſoviel!“ ſagte der Junge, der das Kochweſen unter ſich hatte.„Wenn ich zu Mittag abgekocht habe, bleibt wenig übrig, woraus ich heute Abend etwas bereiten könnte. An Morgen 103 mag ich gar nicht denken. Müſſen irgendwo bin⸗ nen laufen.“ „Binnen laufen?“ rief Jakobmaat und hob die Hand, um den Burſchen, der ihm dergleichen zumu⸗ thete, zu züchtigen, aber er ließ ſie wieder finken und ſagte: „Hat eigentlich recht, der Junge. Und wenn ich es mir überlege... Baumſand iſt nicht weit. Der Robbenwirth iſt mein guter Freund, der mir ſchon zu manchem ſchönen Fange verholfen. We weiß, was diesmal geſchieht. Halloh am Steuer! Einen Strich abfallen nach Lee, damit die Yacht mehr Fahrt kriegt. Können ja wieder auf den Fiſch⸗ handel gehen. Iſt auch ein erträgliches Geſchäft. In dieſer Richtung müſſen wir bald auf die Fiſcher⸗ barken ſtoßen.“ „In einer Stunde, Jakobmaat,“ ſagte der Mann am Steuer.„Weiß, was es geben ſoll und freue mich darauf.“ Die Stunde war vorüber und die Yacht be⸗ fand ſich mitten zwiſchen einzelnen Netzbojen, die ſich auf der Fluth ſchaukelten. Sie zogen ein Paar der⸗ ſelben auf, nahmen den Fang heraus und ſenkten ſie dann wieder in den Grund. Als Alles vorüber war, ſagte Jakobmaat: 104 „Es iſt nur, um ihnen Sand in die Augen zu ſtreuen; müſſen den Fiſchern doch etwas übrig laſſen. Da blitzt ſchon eines ihres dreizackigen Segel auf und es iſt Zeit, daß wir wegkommen. Noch mehr abfallen. Dahin liegt Baumſand. Und nun werft unſere Netze aus, damit ſie weichen und kurz vor dem Landen hängt ſie zum Trocknen auf, daß es Art und Schick hat.“ Die Schmuggler⸗Yacht und der Zollkutter brauften von zwei verſchiedenen Richtungen heran und kamen ſich näher, ohne daß ſie eine Ahndung davon hatten. Der Letztere aber hatte einen weiten Vorſprung und v längſt in einer ſchützenden Bucht vor Anker, als die Yacht noch im Anſegeln begriffen war. Der Lieutenant hatte ſeine Dame bei dem Rob⸗ benwirth untergebracht, der ſich hoch und theuer ver⸗ maß, beſtens für Alles zu ſorgen. Mit ſchwerem Herzen trennte ſich der Lieutenant, um ſeiner Pflicht zu genügen. Er ließ den Anker lichten und begann ſeine Kreuzfahrt von Neuem in ſüdweſtlicher Rich⸗ tung, während von Nordoſten her die Yacht Baum⸗ ſand andiente. Sie erblickte auf dem Dache des Wirthshauſes einen breiten weißen Wimpel und wußte nun, daß ſie von dem Kreuzer nichts zu be⸗ fürchten habe. 105 Bald darauf trat Jakobmaat in die Gaſtſtube des Robbenwirthes. Nach dem erſten Glaſe ſagte dieſer vertraulich: „Kommſt zur guten Stunde.“ „Haſt'nen fetten Biſſen?“ Der Wirth nickte. „Sind die Holländer wieder da? Mit den Ker⸗ len läßt ſich ein gutes Geſchäft machen.“ „Weiß etwas Beſſeres.“ „Noch beſſer?“ fragte er ungläubig.„Hat ſch etwa ein Oſtindienfahrer in dem Ententeich hinter Deinem Hauſe gefangen, den wir in aller Ruhe wie eine Citrone auspreſſen können? Giebt's deutlich von Dir, oder ſchweige ganz und gar, denn ich habe keine Luſt, mich aufs Rathen zu legen.“ Der Robbenwirth zeigte mit der Hand nach dem Fenſter. Jakobmaat ſah heraus. Eine Dame im ſchwarzen Mantel und im ſchwarzen trat aus dem Hauſe und ging dem Strande zu: „Was ſoll das? Kann ich mit Nenſchenſtiſch ſchachern?“ „Was ſteht im Seerecht?“ fragte der Robben⸗ wirth mit ſchlauem Lächeln.„Die Flagge deckt die Ladung. Das da iſt eine neutrale Flagge. Wo ſie weht, hält ſich der Zollkutter fern.“ 106 „Aus dem Unſinn wird ein Anderer klug,“ ſagte Jakobmaat ärgerlich.„Nochmals rathe ich Dir, frei und offen zu reden, oder ganz den Mund zu halten. Was ſoll's mit dem Weiberkram?“ „Der Lieutenant vom Zollkutter hat ſie hierher gebracht und mir auf die Seele gebunden. Scheint etwas Liebes von ihm zu ſein. Bei'm Abſchied war er feuerroth und ſie weinte. Morgen früh ſoll ſie it dem Dampfer nach Schwarz⸗Eiland.“ „Noch immer verſtehe ich nichts.“ „Flagge deckt Ladung, Mann, habe ich geſagt. Aber Du biſt ſo einfältig, daß Du den Sonnen⸗ ſchein nicht ohne Laterne findeſt. Meinſt Du nicht, daß eine Elle Flor, wie er von ihrem Kopfe ab⸗ weht, groß genug iſt, um alles Schmugglergut der Welt vor dem Blick eines verliebten Zolllieutenants zu verbergen.“ Jakobmaat ſtarrte den Wirth mit weitaufgeriſe⸗ nen Augen an. Es fing an, in ſeinem wüſten Kopfe zu dämmern: „Das iſt ein Streich! Robbenwirth! Für den Einfall könnte ich Dich eine Stunde lang durch⸗ wammſen. Frei ſegeln müßte er mich laſſen, was für Gut ich auch an Vord hätte, und dürfte mir kein Haar krümmen.“ 107 „Du ſiehſt nun, daß ich ſtets für Dich denken muß!“ ſagte der Wirth ſelbſtzufrieden und ſtellte ſich breitbeinig vor dem Schmuggler auf. „Schweigen müßte er, und den Hut vor mir ziehen und mir den Salut geben, wenn ich es ver⸗ langte!“ rief Jener. „Gewiß!“ ſagte der Wirth.„Nur verſteht ſich's, daß ich dabei nicht zu kurz komme.“ „Nein, Herzensjunge, das ſollſt Du nicht. Ein ehrliches Drittel, wie es Brauch. Aber wie fangen wir es an?“ „So gieb Acht!“ ſagte der Wirth, und zog ihn vertraulich in eine Ecke. Jakobmaat hörte ihn mit großer Aufmerkſamkeit an und ſprach darauf: „Das haſt Du gut erdacht. Wir wollen gleich Hand an's Werk legen.“ Als die Dame bald nachher von ihrem Spazier⸗ gange zurück kam, ging ihr der Wirth verlegen ent⸗ gegen: „Ich habe wider meinen Willen vorher die Un⸗ wahrheit geſagt. Der Dampfer legt nur jede zweite Reiſe hier an. Diesmal geht er oſtwärts herum. Wenn Ihr dort aufſteigen wollt, kann ich Euch eine Gelegenheit nachweiſen, aber dann habt Ihr keinen Augenblick zu verlieren. Für dieſen Fall habe ich 108 hier einen Fiſchersmann von meiner Bekanntſchaft— Ihr könnt ihn ſehen, wie er da eben ſeine Netze zum Trocknen aufhängt.— Er verſpricht, Euch rechtzeitig auf die Station zu bringen. Der Mann iſt zuver⸗ läſſig und billig. Wollt Ihr das nicht, ſeid Ihr ge⸗ zwungen, fünf Tage lang in meinem Hauſe zu be⸗ herbergen, denn eher iſt keine Gelegenheit und auf eine baldige Rückkehr des Zollkutters könnt Ihr auch nicht rechnen.“ Die Dame befand ſich in großer Verlegenheit. Sie glaubte den Verſicherungen des Wirthes und überließ ſich endlich ſeiner Leitung. Jakobmaat ward herbei geholt und verſprach in der treuherzigſten Weiſe, ſie vor Tagesanbruch an Bord des Dampfers abzuſetzen. Die Yacht ward zur Abfahrt bereitet und nach einer halben Stunde war er mit ſeiner koſtbaren Fracht unter Segel, genau die Richtung haltend, von welcher her der Dampfer kommen mußte. Der Morgen brach an. Der Dampfer war längſt an Baumſand vorüber. Sein Rauch lag wie eine lange ſchwarze Linie über dem Horizont. Die Yacht kreuzte gegen den Wind auf. Jakobmaat ſaß am großen Maſt. Er war eingenickt und ſchrak faſt zuſammen, als der Steuernde rief: „Der Zollkutter!“ 109 Das Fahrzeug war den Schmugglern ſo uner⸗ wartet ſchnell über den Hals gekommen, daß ſie nicht mehr entrinnen konnten, wenn ſie es auch gewollt hätten. Jakobmaat ſchüttelte den Schlaf vollends ab und ſagte: „Der Hert Lieutenant wird auf ein Gericht Fiſche verſteuert ſein; wir wollen ihm die beſten Stücke geben, die wir geſtern gefangen haben. Seid nur recht manierlich, Jungens.“ Es dauerte nicht lange, ſo lagen die beiden Fahrzeuge ſich zur Seite. Der Lieutenant konnte ſeine Freude nicht verbergen, endlich den gefährlichen Schmuggler gefangen zu haben und rief, er werde gleich an Bord ſein. „Seid mir willkommen, Herr Lieutenant. Was ein armer Fiſcher thun kann, Euch zufrieden zu ſtel⸗ len, ſoll geſchehen,“ ſagte der Schmuggler, die Mütze in der Hand.„He! Matſen! Jochim! Bringt die Fiſche zu Deck.“ „Zum Teufel mit den Fiſchen!“ „Spaßt nicht, Herr! Prächtiger Fang geſtern. Die Netze ſind noch ganz feucht. Sie trocknen ſich ſchwer.“ „Ihr thätet beſſer, Euere Poſſen zu laſſen.“ „Nun kommt Ihr endlich, Ihr Schnecken! Seht 110 dieſen Hellflunder! Wiegt ſeine zwölf Pfund. Und dieſer Kabilau! Was meint Ihr zu den beiden?“ „Ich will keine Fiſche. Nehmt Euch in Acht, Ihr hartgeſottener Sünder. Jetzt ſeid Ihr in die Falle gegangen und ſollt ſobald nicht wieder los⸗ kommen.“ „Iſt der Fiſchfang ein verbotenes Gewerbe?“ fragte Jakobmaat mit einem dummen Geſichte. „Auf den Fiſchfang, den Ihr treibt, ſteht der Galgen,“ ſagte der Lieutenant.„Euch muß man auf friſcher That ertappen. Die Yacht wird auf das Genaueſte unterſucht.“ „Kann ich's wehren?“ ſagte der Schmuggler achſelzuckend.„Ihr habt zwei Kanonen an Bord und ich höchſtens zwei Pfeifenröhre. Das iſt ein ungleicher Kampf. 6 nn Die Zollmatroſen durchſuchten die Yacht bis in den verborgenſten Winkel. Nirgend eine Spur von etwas Verdächtigem. Der Lieutenant mußte endlich abſtehen und auf ſeinem Kutter zurückkehrend, ſagte er mit zuſammen gekniſſenen Lippen: „Ihr ſeid ein ſchlauer Burſche. Wundert mich, daß Ihr nicht noch Beſchwerde erhebt wegen See⸗ moleſt.“ „O nicht doch, Herr Lieutenant. Ich weiß, 111 was ich einem königlichen Offizier ſchuldig bin. Aber nun werde ich doch meine Fiſche ungehindert an den Markt bringen können? Voll fallen!“ Die Segel der Yacht bauchten ſich auf und ſie flog dahin. Jakobmaat ſagte zu ſeinen Leuten: „Jetzt nehmen wir volle Ladung ein und dann gilt es. Keinen Tag dauert es, ſo haben wir dieſen Haſenfuß wieder in unſerm Kielwaſſer. Wo habt Ihr die neutrale Flagge geborgen, daß er ſie nicht geſehen hat?“ „Im Schwimmboje!“ ſagte der Junge und ſtieß dieſen mit dem Fuße vor ſich her.„Die Zollmatro⸗ ſen ſind ſo dumm, daß ſie die See vor lauter Härin⸗ gen nicht ſehen.“ Unterdeſſen ſteuerte der Zollkutter den Cours, den er gekommen, zurück, und legte auf Baumſand, vor dem Hauſe des Robbenwirthes, an. Dieſer kam ihm haſtend entgegen. „Es war nicht möglich, eher zu landen,“ ſagte der Lieutenant.„Nun iſt der Dampfer ſchon längſt fort. Ich hoffe, daß Ihr die Dame beſtens an Bord gebracht habt?“ „Der Dampfer iſt fort, Herr; aber die Dame iſt nicht mit.“ 11¹2 „Nicht?“ rief der Lieutenant und ſeine Augen leuchteten.„Sie iſt alſo hier geblieben?“ Er wollte in das Haus. Der Wirth hielt ihn auf und ſagte: „Seid doch nicht ſo ungeduldig. Die Dame konnte nicht mit dem Dampfer. Sie war ſchon frü⸗ her fort.“ „Früher fort? Wohin? Mit wem? Wollt Ihr reden?“ „Ja, Herr; wenn Ihr mich nur zu Worte kom⸗ men laßt. Kaum waret Ihr abgeſegelt, als die Dame nach dem Strande ging, um Euch nach zu ſehen. Sie iſt aber nicht wieder zurück gekehrt, und r „Was vermuthet Ihr?“ ſagte der Lieutenant, der ganz bleich geworden war. „Ich vermuthe, daß der verdammte Schmuggler, der Jakobmaat— er war gerade in der Nähe mit ſeiner Yacht— die Dame mit Liſt oder Gewalt bei ſich an Bord gelockt hat, um ein Pfand zu haben, daß Ihr ihm nichts thut. Dergleichen Kerle ſagen bei ſolcher Gelegenheit: Flagge deckt Ladung! Iſt aber Alles nur eine Vermuthung.“ „Gewißheit iſt es!“ rief der Lieutenant, knir⸗ ſchend vor Zorn.„Wenn ich den Kerl zwiſchen 113 meine Fingern kriege, würge ich ihn. Wollen gleich wieder an Bord. He! Steuermann Maaſſen! Nehmt Waſſer über und was an Proviant zu bekommen iſt. Wir müſſen gleich lichten und ich weiß nicht, ob wir ſobald zur Ruhe gelangen.“ Der Lieutenant ſprang in ſeine Kajüte und ſchloß die Thür. Er wollte ſeine Aufregung verber⸗ gen. Nach einer Stunde war der Zollkutter ſchon wieder in der Fahrt, und der Robbenwirth ſchlug ein Kreuz hinter ihm her. Mehrere Tage waren vergangen. Die Yacht hatte den entlegenen Ankerplatz aufgeſucht, wo ſie ihre Aufkäufe zu machen pflegte. Die koſtbare Ladung war am Bord und ſie nahm nun den Cours nach jenem Küſtenſtrich, zwiſchen den zwei Strommün⸗ dungen, wo ſie gewiß war, ihre Abnehmer zu finden. Der Zollkutter mit der gekreuzten Splittflagge war ihm auf gut Glück gefolgt. Vergebens hatte er ſich bisher bemüht, die Spur zu finden. Erſt ietzt tauchte der Schmuggler vor ſeinem Buge auf. Jakobmaat gewahrte ihn. Er lachte laut auf und pfiff den Jungen vom Kochfeuer weg. „Werden bald einen Schuß bekommen von dem haſtigen Burſchen. Daraus folgt, daß wir ihm wie⸗ II. 8 114 der ein Compliment machen müſſen. Bringe die neutrale Flagge zu Deck, Junge.“ „Komm ſchon!“ ſagte der Junge und ſchleppte den Windboje herbei. „Mache Alles klar!“ befahl Jakobmaat,„damit wir gleich zur Hand ſind.“ Der Junge ſchraubte den Windboje auseinander und brachte einen ſchwarzen Damenmantel und einen Schleier zum Vorſchein. „Iſt das Paſſagegeld!“ rief Jakobmaat, ſich ver⸗ gnügt die Hände reibend.„Du weißt doch, wie ſolche Flagge geſetzt werden muß?“ Der Junge band den Schleier an ſeine Mütze und wickelte ſich feſt in den Mantel ein. Der Schmuggler lachte laut auf:„Nun wird der Meiſterwurf gethan. Haben wir Unglück, kommt der Lieutenant zum zweiten Male an Bord, aber dann nicht wieder herunter.“ Der Zollkutter hielt guten Ausguck. Der Lieute⸗ nant war überall. Er war dem Schmuggler jetzt ſo nahe, daß er ihm auf das Verdeck ſchauen konnte. „Einen blinden Schuß feuert ab!“ befahl er. „Er ſoll beidrehen.“ Der Schuß hallte über See. Der Schmuggler drehte nicht bei; er ſah ſich nicht einmal um. 11⁵ „Einen zweiten! Ladet ſtärker! Die Beſtie ſtellt ſich taub; aber ich will ihn wecken. Feuer!“ Auch dieſer Schuß verhallte, ohne daß er den geringſten Erfolg hatte. Alles ſtill am Bord der Yacht. „Jagt ihm eine Kugel in den Wannſt!“ rief der Lieutenant im äußerſten Zorn. Die Kugel ſauſte dicht an den Backbord hin. Jakobmaat ſchüttelte ſich und ſagte: „Von dem Gerichte braucht es nicht viel, um uns den Apetit für alles Andere auf immer zu be⸗ nehmen. Laßt etwas in den Wind aufſchieben und bringt die Flagge nach oben.“ Er lachte in ſich hinein. Der Lieutenant des Zollkutters hatte ein ſcharfes Auge auf den Schmuggler: „Jetzt wird er beilegen. Die Vorderſegel killen ſchon. Solchem Befehl widerſteht Niemand. Was iſt das?“ Er ſtand unbeweglich und ſtarrte nach einem beſtimmten Punkt. Der Steuermann ſah die Erregt⸗ heit des Offiziers und trat beſorgt näher: „Iſt Euch nicht wohl, Herr?“ Der Offizier antwortete nicht, aber er zeigte mit der Hand nach dem Spiegel der Yacht. Dort ſtand eine weibliche Geſtalt im Mantel 8* 116 und mit wehendem Schleier. Sie machte Zeichen über Zeichen und ſtreckte die Arme voll Sehnſucht nach dem Zollkutter aus. Ein Matroſe, der dicht neben dem Lieutenant ſtand, blies die glimmende Lunte an und ſagte: „Mit Vergunſt, Herr. Jetzt könnte ihm eins auf den Pelz brennen.“ Mit feſter Hand hielt ihn der Offizier zurück. Der Steuermann, der Alles errieth, zog den Matroſen ſeitwärts und ſagte: „Siehſt nicht, was da auf dem Spiegel ſteht? Iſt ohnedies mißlich mit ſolchen Kugeln. Ehe man ſich es verſieht, ſetzt ſo ein Ding eine koſtbare Ladung in Brand und für Staub und Aſche giebt es kein Geld zum Ertragrog.“ Der Lieutenant ſammelte ſich nur mit Mühe. Als der Schmuggler merkte, daß der Zollkutter das Feuern einſtellte, holte er wieder alle Segel ſcharf an den Wind. Die Dame winkte mit ihrem weißen Tuche einen freundlichen Gruß hinüber. Die Verfolgung wurde keinen Augenblick unter⸗ brochen. Der Offizier verließ ſeinen Platz nicht. Als der Abend hereinbrach und der Nebel aus der Tiefe braute, ſagte er zu dem Steuermanne: „Wir werden ihn verlieren zur Nacht. Hängt 117 eine brennende Laterne an den Topp und feuert einen blinden Schuß ab; das wird ihn lehren, auch ein Licht zu zeigen.“ Der Steuermann ging; der Offizier aber ſagte vor ſich hin: „Es iſt eine Sünde und Schande, daß ich ſo handle und dieſen Kerl nicht längſt in Grund und Boden geſchoſſen habe. Aber....“ Er ward unterbrochen. Die Dame erſchien aus freien Stücken auf der Gallerie und winkte dem Zollfutter freundlich zu. In denſelben Augenblicke ging die Laterne nach oben und der befohlene Schuß ward abgefeuert. Die Dame auf der Gallerie der Yacht ſchwankte und fiel nieder. „Herr Gott im Himmel!“ ſchrie der Offizier. „Das war ein ſcharfer Schuß.“ „Denke nicht daran!“ ſagte der Matroſe.„Nichts als loſes Pulver, aber ein tüchtiger Pfropfen darauf. Die muß aus einem mürben Teiche geknetet ſein, daß ſie davon umfällt.“ Die Nebel verdichteten ſich ſchnell. Dem Offi⸗ zier ſchlug das Herz. Er fühlte, daß er die Flucht des Schmugglers hätte verhüten können und ſchwebte zugleich in Angſt um das Schickſal der Dame, die ſich ihm anvertraut hatte. Der Steuermann hatte 118 Mitleid mit ſeinem Zuſtande und ſuchte ihn zu zer⸗ ſtreuen; aber alle guten Worte waren in den Wind geſprochen. Noch zwei Stunden hatte die Jagd auf gut Glück gedauert, da ſagte Jakobmaat, die Steuerpinne ſelbſt in die Hand nehmend: „Nun ſind wir, wo wir ſein wollen und der Zollkutter kann uns nichts mehr anhaben. Macht das Zeichen, damit wir ſehen, ob ſie zur Hand ſind.“ Die Brandung, die den unfernen Strand peitſchte, tönte hohl herüber. Die Yacht befand ſich an der⸗ ſelben Stelle, von der ſie urſprünglich ausfuhr. Von ihrem Verdecke ſtieg eine Rakete ſteil in die Höhe. Gleich darauf zeigte ſich am Lande ein Blitzfeuer. Dieſem folgte ein zweites und drittes. Sie erloſchen in demſelben Augenblicke. „Das genügt. Hand an's Werk! Sie kommen uns auf halbem Wtge entgegen. Ehe der Tag an⸗ bricht, muß es gethan ſein.“ Die gefährliche Fahrt durch die Brandung be⸗ gann. Bald lag ein Boot vor dem Buge der Yacht mit willkommenen Helfern am Bord. Die Nacht deckte Alles mit tiefem Schweigen. Als die Sonne aufging, war der Zollkutter dicht unter der Küſte. Der Lieutenant ſignaliſirte ein un⸗ fernes Fiſcherboot herbei und ließ ſich an's Land bringen: „Hier herum iſt das Neſt meines Raubvogels. Ich komme früh genug; er kann noch nicht ausge⸗ flogen ſein.“ Der Lieutenant ging prüfend die vielfach ver⸗ ſchlungenen Wege. Bald lag in der tiefen Schlucht die Yacht vor ihm. Die Luken ſtanden alle auf. Der Maſt war platt niedergelegt. Als er unten an⸗ kam, ſah er, daß das Fahrzeug leer war. Die Beute war in Sicherheit gebracht. Jakobmaat, der ihn kommen ſah, trat jetzt hervor und ſagte: „Ich wollte eben zu Euch, Herr Lieutenant. Nun iſt's mir lieb, daß ich die Mühe ſparen kann.“ Der Lieutenant kam aus der Faſſung. Er er⸗ griff den Arm des Schmugglers und rief:„Wo iſt ſie?“ „Ihr meint die Madame? Die ſchickt mich zu Euch daher. Zu Baumſand nahm ich ſie in mein Boot und brachte ſie an Bord des Dampfers. Weil ich aber weiß, daß man für jedes gelöſchte Gut einen Ablieferungsſchein bringen muß, habe ich mir einen ſolchen geben laſſen.“ Er reichte dem Lieutenant einen Zettel, und die⸗ 120 ſer las, daß der Fiſcher Jakobmaat ſie wohlbehalten an Bord des Dampfers gebracht habe. „Und das Maskenſpiel auf Euerm Deck?“ fragte der Lieutenant merklich erleichtert. „Ihr meint dies und dies?“ antwortete der Schmuggler, den Mantel und Schleier zeigend.„Es blieb aus Verſehen im Boote liegen, und ebenſo aus Verſehen hat mir die Madame den Fährlohn nicht bezahlt. Wenn Ihr mir meine Behörniß geben wollt, könnt Ihr die Weibertakelage bekommen. Soll ich es Euch an Bord ſchicken?“ Der Lieutenant warf ihm einen Thaler hin und ging. Da erſchien der Steuermann des Zollkutters auf der Höhe und rief: „Gute Botſchaft, Herr! Die Gensdarmen haben die ganze Schmuggler⸗Sippſchaft gefangen und alles Gut iſt in ihre Hände gefallen. Keiner iſt da⸗ von gekommen.“ „Da ſteht noch Einer!“ ſagte der Lieutenant. „Nicht lange! Seine Kameraden haben ihn ver⸗ rathen und ſie ſind ſchon auf dem Wege hierher.“ „Wer iſt auf dem Wege ſagte erblei⸗ chend Jakobmaat. „Ich, mein Junge!“ entgegnete ein Knnizi Steuerreiter, der hinter dem Hügel hervortrat.„Ich 12¹ und meine beiden Kameraden. Jetzt machſt Du eine Kreuzfahrt mit uns.“ Die Küſte war um ihren gefährlichſten Schmugg⸗ ler und den Zollwächtern fiel ein Stein vom Herzen. Der Zollkutter aber ſetzte ſchon nächſten Tages den Cours nach Schwarz⸗Eiland. Revoſte. Po Schiff unter Segel iſt das Haus der Men⸗ ſchen auf See. Die Männer im Zwiſchendeck und vor dem Fockmaſt ſind die Familie und der Capitain in der Kajüte iſt ihr Oberhaupt. Es iſt ein Segen von Oben, wenn ein Band der Liebe die einzelnen Glieder der Familie umſchlingt, und an dem heimiſchen Heerde ein Friedensengel waltet. Hat aber die Zwietracht die verhängnißvolle Saat ausgeſäet, damit ſie wuchere und überwuchere, ſo kann der Gekränkte dem Heerde den Rücken wen⸗ den, und ſich draußen ſammeln und ſtärken zum neuen Kampf. Und wenn er das nicht vermag, ſchüttelt er den Staub von ſeinen Füßen und geht auf Nimmerwiederſehen. Wenn aber dieſer Dämon der Zwietracht am Bord eines Schiffes herrſcht, wo Keiner entrinnen kann, wenn Alle wiſſen, an welcher 123 Stelle und zu welcher Zeit ſie ſich ſehen und wie⸗ derſehen müſſen; bei dem gemeinſamen Mahle, bei der gemeinſamen Arbeit, im gemeinſamen Hängemat⸗ tenraum des Zwiſchendecks: da iſt die wahrhafte Hölle. Ein glühender Vulkan, der auf den Waſſern umhergeſchleudert wird, von Welle zu Welle, von Küſte zu Küſte. Da ſchimmert ſie vor Euern Augen, dieſe Hölle. Eine große Brigg mit dunklen Breitſeiten und ſchneeweiß angeſtrichenen Rundhölzern. Sie heimt an der norddeutſchen Küſte und iſt auf dem ſchön⸗ ſten Werft daſelbſt geboren. Es war ein böſer Dä⸗ mon, der den Sinn der Jungfrau am Tauftage lenkte, daß ſie, das Steuer mit Wein netzend, bie Worte ſprach:„Dies gute Schiff ſoll„die goldene Eintracht“ heißen.“ Der Führer dieſes Schiffes iſt ein ungebändig⸗ ter Charakter. In ſeiner Jugend am Bord eines Sklavenhändlers, in den langen Kriegen ein ver⸗ wegener Schmuggler, hat er etwas von der Wild⸗ heit Beider. An der Küſte Indiens hat er den erſten Glücks⸗ wurf gethan. Mit Gold beladen kehrt er von den Ufern des Ganges in die norddeutſche Heimath zu⸗ rück. Mit einem Herzen voll glühender Leidenſchaf⸗ 124 ten und mit dem leichterworbenen Golde prunkend, wirbt er um eine junge Schönheit, die ihn mit hun⸗ dert Reizen zu feſſeln weiß. Er läßt ſich eine Brigg bauen, die der Stolz des Werftes war, und von der leichtſinnigen Braut des kühnen Schmugglers„zur goldenen Eintracht“ getauft wurde. Ihr Leben an ſeiner Seite aber wurde die Hölle der Zwietracht. Als ſie ein Jahr in Thränen und Jammer hinge⸗ bracht, ſchließt ſie die lebensmüden Augen. Der Capitain ſchüttelte ab, was ihn unange⸗ nehm berührte; ging auf ſeine Brigg zurück und fuhr ſeine Straße. Hart, unbeugſam, mit eiſerner Strenge herrſchte er über ſein Schiffsvolk. Keiner machte ihm etwas recht. Keiner erhielt von ihm je ein Wort des Dankes oder einen freundlichen Blick Was er nicht geben mußte, das gab er nicht, und für den leiſten Widerſpruch hatte er ſtets eine Mil⸗ lion Flüche zur Hand. Das wurde bekannt, die Küſten auf und ab. Wer einmal eine Reiſe mit dem Schiffe gethan hatte, ging nicht auf daſſelbe zurück und„die goldene Eintracht“ hatte Mühe, ſo⸗ viel Volk zuſammen zu bringen, als nöthig war, um ihr Steuer und ihre Segel zu regieren. Wüthend über die aufſäſſige Brut, die ſich nicht unter ſeinen Fußtritten ſchmiegen wollte, ſchritt er einer jener Kneipen zu, wo nur der entartete See⸗ pöbel hauſt, und in einer ununterbrochenen Orgie die Tage hinbringt, ſo lange noch ein Groſchen in ſeiner Taſche iſt, oder der Kneipenwirth noch borgt in der Hoffnung auf eine baldige Anmunſterung. „Rother Friedel!“ ſchrie eine heiſere Stimme. „Wirf mir'mal Deinen Tabacksbeutel herüber. Will den Jungen hier lehren, manierlich eine Pfeife ſtopfen.“ Statt einer Antwort kam der Beutel über den Tiſch weg durch die Luft geflogen und ihm gerade in's Geſicht. „Hölle und Teufel, was unterſtehſt Du Dich!“ ſchrie der heiſere Rasmus, kirſchbraun vor Zorn. „Und obenein iſt kein Körnchen Taback darin.“ „Es geht damit, Hans Rasmus,“ ſagte der rothe Friedel,“ wie mit Deinem Kruge. Iſt auch leer.“ „Du kannſt ihn in der Nähe beſehen, wie ich vorhin Deinen Beutel,“ lachte Hans Rasmus und warf den ſchweren Krug nach dem Kopf des rothen Friedel, der kaum ſchnell genug ſeitwärts ſpringen konnte. Die erhitzten Geſellen ſtanden ſich kampffertig gegenüber. Die ganze Kneipe war in Bewegung. ————— 126 Sie ſtolperten über Tiſche und Schemel und ſchloſſen einen Kreis um die beiden verſtürmten Burſchen, die ihre erſte Wuth in einem Schwall von Schimpfwör⸗ tern ausſtrömten. Da trat ein Kerl mitten in die Gruppe, der ſich keck und auffordernd umſchaute. Er war klein und unterſetzt, aber von kräftigem Gliederbau. In ſeinem Geſichte lag etwas von einem Luſtigmacher und hoch auf dem borſtigen Haar ſchwebte eine roth⸗ wollene Schiffsmütze. Wenn eine Geſtalt am Bord des Schiffes auf⸗ taucht, die eine rothe Mütze trägt und deren Phy⸗ ſiognomie eine Miſchung von Schlauheit und Ein⸗ falt trägt, ſo iſt es der Koch. Er hat den Stoff zu einem Sklavenaufſeher und einem Luſtigmacher zu gleicher Zeit in ſich. Wenn ſein Geſicht ſich der Kajüte zuwendet, nimmt ſein Rücken ſtets die Ge⸗ ſtalt eines Flitzbogens an. Blickt er von der Cam⸗ buſe aus nach dem Fockmaſt, ſieht er aus, als ob er ſagen wollte: wenn ich nicht will, könnt Ihr lange warten. Im Grunde hat Jeder einen Groll auf ihn, denn Jeder glaubt ſich von ihm beeinträchtigt; aber Keiner wagt es, dieſen Groll laut werden zu laſſen, um nicht den letzten Reſt von Gunſt zu ver⸗ lieren, worin er noch zu ſtehen glaubt. 6 127 „Aus dem Wege!“ ſchrie Rasmus den Fremden an,„oder ich ſchlage zu.“ „Mache Platz, oder ich trete Dich zuerſt nieder!“ rief der rothe Friedel. „Daß ich ein Narr wäre!“ lachte Meiſter Koch. „Ihr habt nichts im Beutel und nichts im Kruge und wollt doch befehlen? Und ich, der ich Beides zwei⸗ und dreifach gefüllt habe, ſoll Euch gehor⸗ chen? Das Lumpenpack iſt eben ſo hochmüthig, als dumm.“ „Haſt'ne Handvoll Taback?“ fragte Hans Rasmus und ließ die kampfluſtigen Arme finken. „Zwei Hände voll und einen guten Schluck dazu!“ ſagte der Koch.„Aber dann müßt Ihr unter einander Frieden halten und mit mir kommen. Für einen Mann von meinen Gaben iſt es deſpectirlich mit ſolchem Geſindel zu verkehren, als ſich hier herumtreibt. Sieben Jahre lang habe ich die Erb⸗ ſenkelle eines Oſtindienfahrers geſchwungen, und mache mich nicht mit Englandsfahrern, Hollandläu⸗ fern und anderem Bettelpack gemein.“ Er zog die beiden verwegenen Raufbolde näher an ſich und ſagte im Herausgehen: „Auf der Vorderdiehle ſitzen noch ein Stück drei oder vier von Eurem Schlage. Eine Mann⸗ 128 ſchaft, wie wir ſie vorſtellen, kann nicht blos ein ordentliches Werk anfangen, ſondern auch ausführen, wenn Ihr wißt, was Courage iſt.“ „Was meinſt Du mit Courage?“ fragte Ras⸗ mus, aber Jener unterbrach ihn: „Erſt'nen Schluck!— Hollah, Ihr da! Rückt zu. Nehmt dieſen Krug zum Anfang, und nun will ich Euch ſagen, was Courage iſt. Wenn Jemand am hellen lichten Tage in einen tiefen Keller ſpringt, worin ein Rudel wilder Beſtien hauſt, ſo iſt das ein Tollmannswerk, denn er weiß vorher, daß er in wenigen Minuten zerriſſen iſt, und will es nicht beſſer haben. Aber wenn ein Mann am Bord eines Schiffes geht, in deſſen Kajüte ein Tieger hauſt, der ihn Monate lang quält; der ihn martert und durchpeitſcht mit lachendem Munde und wenn er ſich krümmt, ihn mit dem Fuße auf die Seite ſtößt: Wenn Einer das Alles weiß und doch bei dem Ge⸗ ſellen an Bord geht, der hat etwas von der rechten Courage uud die ganze Mannſchaft muß vor ihm den Hut ziehen, voraus denn, ſie hat überhaupt einen auf den Kopf.“ „Giebt's ein ſolches Ungethüm hierorts?“ fragte der rothe Friedel lauernd. „Haſt Dein Lebtage nichts gehört von der — 129 Brigg„zur goldenen Eintracht“ und ihrem tollen Capitain? Gab einen Tag vor vielen Jahren, wo ich auch nichts von ihm wußte. Ließ mich bereden, bei ihm an Bord zu gehen, um mich in Braſilien umzuſehen, wo ein Bruder von mir geſtorben ſein ſollte, was ich gar nicht glauben wollte, da ich ihn ſo lieb hatte, daß ich ihn nicht miſſen konnte. Hatte damals ein Stück von einem Herzen, daß an den Bruder hing und mit Schmerzen an die Mutter dachte, die auch ſchon dahin war. Aber dieſer Hund hat alles Menſchliche aus mir herausgeprügelt und geſtoßen und mir ſein Giſt eingeflößt, daß ich eben eine ſolche Beſtie geworden bin, als er ſelbſt. Als ich mich nun eines Abends in Rio betrunken hatte, und er mich mit einem Schlage zu Boden warf, ſtürzte ich mich auf ihn und ſchlug meine Zähne ſo feſt in ſein Fleiſch, daß er laut aufſchrie vor Schmerz. Sie ſteckten mich in ein finſteres Loch, machten mir den Prozeß als Meuterer und ich hatte von Glück zu ſagen, daß ſie mich nicht an Bord eines Kriegs⸗ ſchiffes brachten und an die Nok der Fockraa aufhin⸗ gen. Als ich meine Strafzeit abgeſeſſen, war die Brigg verſchwunden und mein Tyrann mit ihr. In der Spelunke, worin ſie mich in Rio mit Räubern, Mördern und Dieben zuſammenſperrten, habe ich I. 9 130 etwas Tüchtiges gelernt, Ihr könnt mir's glauben, und ich ſuchte nach einer Gelegenheit, es an den Mann zu bringen. Es fand ſich auch manche, aber die rechte nicht. Das Feuer in meiner Bruſt brannte fort und es brennt noch mit gleicher Stärke, obgleich unterdeſſen Jahre vergangen ſind. Ich habe„die goldene Eintracht“ geſucht auf allen zweiunddreißig Compaßſtrichen und habe ſie nicht gefunden bis vor dreien Tagen. Aber jetzt iſt der Wüthrich mein und er ſoll mir nicht wieder entgehen.“ „So hänge Dich an ihn und beiße ihn noch einmal,“ ſagte gähnend Hans Rasmus, den die ganze Geſchichte langweilte. „Er hat angelegt für eine Reiſe nach Rio und Alles iſt bereit zur Abfahrt. Nun fehlts an Leuten. Der Kerl iſt ſo verrufen bei allem Seevolk, daß Keiner mit ihm fahren will, nicht einmal Kerle un⸗ ſeres Schlages und Niemand iſt am Bord ſeiner Brigg, als ein Paar halbverhungerte, ſchwindſüchtige Süßwaſſerratten, die ſich einbilden, in Braſilien wer⸗ den ihnen neue Lungen wachſen. Ich habe ihn ge⸗ ſehen und er hat mich nicht wiedergekannt; ich habe ihm verſprochen, für hinlängliche Mannſchaft zu ſor⸗ gen und will ihm Wort halten. Darum ſitzt Ihr jetzt bei mir, denn Ihr ſeid das Volk, das 131 ich bei der„goldenen Eintracht“ an Bord ſchlep⸗ pen will.“ „Und glaubſt Du, daß wir ſo ohne Weiteres mitgehen? Sollen wir ihn auch beißen?“ „Dazu haſt Du keine Zähne mehr, rother Frie⸗ del!“ lachte der Koch.„Was zagt Ihr? Wir müſſen an Bord der Brigg. Die wilde Beſtie iſt lange genug der Quälgeiſt des armen Seevolks ge⸗ weſen; das muß ein Ende nehmen. Kam er, bis heute, wie ein Orkan über Alle, müſſen Alle auch über ihn hereinbrechen. Und darum muß er eine ſolche Backmannſchaft vor ſich haben, wie wir ſind. Denke ſchon daran, ihn zu zähmen, wie einen Decks⸗ hund, der Kapriolen macht, wenn es ihm befohlen wird, und wedelnd aus der Hand frißt, die ihn ſchlägt. Was ſagt Ihr dazu?“ „Ich gehe mit!“ ſagte Rasmus und ſchlug zur Bekräftigung deſſen mit der Fauſt auf den Tiſch. „Will ſehen, was er mit mir anfängt und ich mit ihm.“ „Und ſo thue ich!“ rief der rothe Friedel. „Haltet es mit Euch, wie Ihr wollt. Werden un⸗ ſere Luſt haben mit ihm, wie er vordem mit unſeres Gleichen. Das macht jede Rechnung wett.“ „Dann ich auch!“ rief ein vorkommender Schiffs⸗ 9* 132 zimmermann, der gerade heute ſein letztes Stück Handwerkszeug für einen Trunk hergegeben hatte. „Und ich! Und ich!“ ging es fort, rund um den Tiſch. „Das iſt gerade die Zahl, die wir brauchen,“ ſagte der Koch.„Und da kommt auch ſchon der ge⸗ bietende Herr die Straße herauf. Das Feuer brennt ihm auf den Nägeln; er kann die Zeit kaum erwar⸗ ten, daß ich ihm Nachricht bringe, es ſei Alles gut. Laßt Euch nicht mit glatten Worten fangen, ſondern bezahlt mit gleicher Münze. Ein Spitzbube betrügt dem Andern.“ Der Capitain der Brigg trat in die Schenke und rückte vornehm den Hut: „Guten Tag beiſammen. Iſt hier halbwege gutes Seevolk, das ohne Häuer iſt und Luſt hat, eine Reiſe nach Rio Janeiro zu thun, ſo will ich es annehmen. Bei mir am Bord iſt noch Platz.“ Hans Rasmus ſtand auf, und ſich ungeſchickt verneigend, ſagte er: „Ich wäre ein Solcher, der zu Dienſten ſteht. Eilf Jahre lang bin ich als befahrener Matroſe auf langen Reiſen geweſen. Welches Schiff, wenn es beliebt?“ „Das iſt der Capitain Bloom,“ ſagte der Wirth ——— 133 der Schenke, mit einem vielſagenden Blick auf Hans Rasmus, als wollte er ihn warnen.„Capitain Bloom, ſage ich.“ „Der Mann hat meinen Namen ſchon gehört!“ unterbrach dieſer grollend.„Was ſteht Ihr da und gafft mich an? Bringt dieſem Matroſen ein ſteifes Glas Grog und den andern, die bei mir an Bord gehen wollen, auch. Nun, wie iſt es mit Euch, Leute?“ Die Kerle waren aufgeſtanden und wußten ſich nicht zu entſchließen; der Koch drehte ärgerlich die rothe Mütze zwiſchen den Händen: „Offenes und ehrliches Werk allezeit!“ ſagte Capitain Bloom raſch.„Ich mag nicht betrogen ſein und will Niemanden betrügen. Arbeit verlange ich unverdroſſen früh und ſpät, wenn etwas zu ar⸗ beiten da iſt, ſonſt gönne ich Jedem ſeine Ruhe. Eſſen und Trinken, wie es ein Mann verlangen kann und die laufende Häuer, wie ſie auf jedem Schiffe von der langen Reiſe gezahlt wird. Jetzt entſchließt Euch! Wie viele Gläſer Grog ſoll ich beſtellen?“ „Acht Gläſer, Capitain!“ rief luſtig der Koch. „Acht Gläſer! Sie gehen Alle mit.“ 134 Der Grog wurde gebracht. Der Capitain nahm eines davon, leerte es zur Hälfte und ſagte: „Morgen früh um acht Uhr treffen wir uns bei dem Waſſerſchout. Dort wird gemunſtert und dann geht es an Bord. Macht Euch einen luſti⸗ gen Tag.“ Er warf zwei blanke Thaler auf den Tiſch und ging, nachläſſig grüßend, ſeines Weges. „Das Blutgeld!“ ſagte der Koch, als er hinaus war und legte die Hand auf das Geld.„Wir wol⸗ len es in flüſſiges Geld umſetzen. Viel Glück denn auf Morgen.“ Der Morgen kam und die neugeworbene Mann⸗ ſchaft ging an Bord. Mit Tagelöhnern hatte man bereits die Ladung in den Raum geſchafft und mit lautem Hurrah ging es in die See. Capitain Blvom und ſeine Matroſen kannten ſich kaum, als ſie be⸗ reits mitſammen zwiſchen Himmel und Waſſer herum⸗ kreuzten. Der Capitain hatte eine ernſte Lehre bekommen. Die Unmöglichkeit, ſich Volk zu verſchaffen, hätte ihn beinahe um die vortheilhafte Fracht gebracht. Die Eigner der Ladung gaben ihm eine ernſte Ver⸗ mahnung auf die Reiſe mit. Die gemeſſenen Worte, die er vernommen, wollten nicht verklingen. Es 135 herrſchte am Bord eine Ruhe, wie ſie dort lange nicht heimte. Aber mit jedem Etmal, welches das Schiff zu⸗ rücklegte, wurde ſein Sinn finſterer, ſein Auge brannte düſterer und die blutrothe Falte auf ſeiner Stirn zog ſich feſter zuſammen. Einzelne Blitze zuckten. Sie leuchteten von der Kajüte aus, durch das ganze Zwiſchendeck. Der Koch kehrte mit dem Fleiſchkeſſel aus der Bottleſei zurück. Er war bei weitem nicht ſo gefüllt, als es ſonſt an Fleiſchtagen der Fall geweſen. Der Steuermann hatte ihm geſagt, es werde von jetzt ab nur zwei Drittel des früheren Gewichts gegeben. Eben ſo werde es an den Speck⸗ und Fiſchtagen ſein. Vom Branntwein bekomme Jeder nur die halbe Ration. Kein Wort darauf erwiedernd, trat der Meiſter der Cambuſe an ſeinen Heerd. Als er aber zu Mittag die Glocke läuten ließ und die Mann⸗ ſchaft ſich um die Erbſenback ſammelte, ſetzte er die Fleiſchſchüſſel hin und ſagte gleichgültig: „Das iſt Nummer Eins auf der Rechnung. Drei viertel Pfund für ein ganzes. Es kommt bald beſſer.“ Dem erſten Schlag folgte der zweite. Mit innerm Behagen begann der Capitain ſeine Fühl⸗ 136 hörner auszuſtrecken und bald dieſem, bald jenem einen Schlag zu verſetzen, in einem Augenblick, wo derſelbe am wenigſtens daran dachte. Was dem Seemann auf einer langen, ermüdenden Reiſe lieb iſt, war von dieſem Deck verbannt. Kein heiteres Lied, kein luſtiges Singen nach dem Takt einer quä⸗ kenden Flöte, oder einer lahmen Geige; kein Spaß vom Halbdeck, der ſich weiter tragen ließe durch die Cambuſe zum Fockmaſt; kein kräftiger Matroſenwitz, der in der Kajüte gutmüthig belacht wurde. Der Bootsmann ſchärfte den Elger nicht, um den erſten Delphin zu fangen und der Capitain beorderte den Schiffsjungen nicht, wenn der Bootsmann die erſten glänzenden Floſſen auf das Halbdeck bringen würde, dieſe Gabe mit einer Flaſche alten Weines wett zu machen. Wenn die Glocke zu Mittag hell läutete, und der Koch die Schöpfkelle ergriff, gab es plötzlich ſo viel Schiffswerk zu verrichten, daß hundert Hände nöthig geweſen wären, um den Willen des Gebie⸗ ters zu vollziehn. Er jagte ſie unabläſſig von oben nach unten, von hinten nach vorne, bis nach einer Stunde alles wieder genau auf derſelben Stelle ſtand, und die Mannſchaft ſich ärgerlich um das kärg⸗ 137 liche Mahl lagerte, das kalt und ungenießbar ge⸗ worden war. Oder, wenn mitten in der Nacht das„Wachts⸗ volk zur Koje“ im erſten feſten Schlafe lag, ſchütterte plötzlich durch das Zwiſchendeck der betäubende Alarm⸗ ruf:„Ueberall! Ueberall!“ Hals über Kopf ſtürzten ſich die aufgeſchreckten Männer aus Koje und Hän⸗ gematte; ſprangen auf's Verdeck, um zu gewahren, wie eine vorüberfliehende Wolke ein Schralen des Windes, ein leiſes Flattern der Segel veranlaßte, welches die„Wachtmannſchaft auf Deck“ lange beſei⸗ tigt hatte, ehe die Aufgerufenen halb verſtört zu Deck taumeln konnten. Die einzelnen Blitze, die aufleuchteten, verwan⸗ delten ſich in eine blendende Gluth, welche die Köpfe erhitzte und die Fäuſte krampfhaft zuſammen ballte. Das Haupt der Kajüte wirft ſich auf ſeiner Ruhebank ungeduldig hin und her. Er brütet über irgend eine Tollheit und das Hirn brennt ihm. Aber er weiß ſie nicht recht zu geſtalten und ärger⸗ lich ſchlägt er mit der Fauſt gegen die Füllung des Wandſchrankes zu ſeinen Häupten, daß der Riegel weicht und die aufſpringende Thür hin und her ſchlägt. Der draußen auf dem Gange harrende Ka⸗ jütenwächter ſpringt herzu und klinkt die Thür wieder W 138 ein. Aber der Capitain faßt ihn beim Schopfe und, ihn derbe ſchüttelnd, ſagt er: „Wenn Du lügſt, breche ich Dir das Genick.“ „Ich ſage gar nichts;“ erwiederte der Junge weinerlich. „Das iſt es. Du biſt eben ſo— und verſchloſſen, als die Andern. Aber ich will Dir ſchon die Worte auspreſſen. Was treibt das Volk unten? Was haben ſie vor? Ich kenne ihr Spitbubenwert und will es mit einem Male zerreißen.“ „Ich weiß nichts, Herr. Thut mir nicht ſo weh.“ „Beichte!“ „Ich habe nur gehört, was Hans Rasmus ſagte.“ „Heraus damit! Was ſagte Hans Rasmus?“ „Als ich heute Euer Frühſtück aus der Cam⸗ büſe holte, ſtand der Rasmus am Fallreep und ſagte fluchend, was man ihm gegeben, ſei ein Fraß für Hunde, aber nicht für Menſchen.“ 3 „Und die Andern? Was ſagten die Andern?“ „Nichts, Herr! Wahrhaftig nicht. Sie lachten nur, denn der Koch ſchnitt dem Rasmus gottesläſter⸗ liche Geſichter, indem er ihm einen Pudding zeigte, nicht länger und dicker als ſein Daumen und dazu ſagte, das ſei das morgende Sonntags⸗Traktament.“ 139 „Sagte er das? Nun, ich will ihn zum Lügner machen. Rufe mir den Steuermann.“ Der Kajütenwächter ſprang fort, froh, für die⸗ ſes Mal den Händen ſeines Peinigers entronnen zu ſein. Der Steuermann trat nach einer Weile ein. „Laßt mich verdammt lange warten,“ herrſchte der Capitain ihn an.„Ich höre, daß der Koch groß thut mit Leckereien, die er den Leuten vorſetzen will, als ob er allein zu befehlen hätte, was er in ſeinen Töpfen ſieden will. Ich werde ihm das Handwerk legen. Es wird morgen kein Pudding gebacken.“ „Aber, mit Verlaub, Capitain, das iſt ja ein alter Brauch auf den Schiffen, und ſelbſt das von der Regierung beſtätigte Traktaments⸗Reglement ſchreibt vor, mindeſtens des Sonntags jedem Manne ein Pfund gut ausgebackenen Pudding als Mittags⸗ koſt zum Fleiſche zu verabfolgen.“ „Es ſoll nichts verabfolgt werden. Hört Ihr? Ich will es nicht haben.“ „Sie werden murren.“ „Laß ſie murren.“ „Und aus fortgeſetztem Murren wird Rebellion.“ „Das will ich haben. Sie ſollen nur anfangen zu rebelliren. Ich komme ihnen zur Hülfe. Keinen Pudding morgen, und überhaupt an keinem Sonn⸗ 6 ———————————— 140 tage mehr, ſo lange die Reiſe dauert. Das Mehl wird ſofort unter Verſchluß gelegt; den Schlüſſel will ich bei mir tragen, damit ich ſicher bin. Das iſt mein Befehl und damit Lied am Ende.“ Der Steuermann ging hinaus, um der erhalte⸗ nen Order Folge zu leiſten. Der erſchreckte Kajüts⸗ wächter hatte Alles draußen auf dem Gange mit angehört, und eilte mit der Botſchaft zitternd zur Cambuſe voran. Der Koch verzog das Maul zu einem boshaften Grinſen und als er bald nachher die Abendmahlzeit aufbackte, ſprach er: „Denkt Ihr noch an den Pudding, den ich Euch heute früh zeigte? Braucht nicht mehr darüber zu lachen. Sollt ihn nicht bekommen.“ „Das iſt Dein Glück. Wir hätten ihn Dir als Pfropfen in die Kehle gedrückt, daß Du daran er⸗ ſtickt wärſt.“ „Ich will durch den erſticken, den ich Euch bringe,“ antwortete er grinſend und ging. Als am andern Mittag die Schiffsglocke geläu⸗ tet wurde, ging Capitain Bloom am Steuerbord des Halbdecks auf und ab. Er ſah, wie das Volk ſich nach dem Eingange der Vorderkajüte drängte, um ſeine Mahlzeit zu halten und ſah, beide Hände in den Taſchen, Einen nach den Andern hinabſteigen. 141 Eine Weile blieb es ſtill, dann ward es laut und lauter. Man hörte das helle Lachen des Kochs, unterbrochen von ſchweren Flüchen. Der Capitain warf ſich in ſeine Feſtagslaune und befahl dem Steuermanne, jener Ungebühr ſofort ein Ende zu machen. Aber ehe der Offizier dieſem Befehle ge⸗ horchen konnte, kam die Backmannſchaft die Treppe herauf. Zwei derſelben trugen die Schüſſel mit der ihnen zubereiteten Speiſe. Der Steuermann kam ihnen abwehrend entgegen; ſie aber hörten nicht da⸗ rauf, ſondern ſetzten ſich gegen das Halbdeck in Be⸗ wegung. Hans Rasmus, den Hut auf dem Kopfe, trat dicht vor den Capitain hin. „Herunter damit!“ rief der Capitain und ſchlug ihm den Hut vom Kopfe. „Der Schlag iſt mein!“ ſagte er grimmig. „Es folgen ihm mehrere. Fort vom Halbdeck!“ „Wenn ich geſprochen habe, und Ihr thatet, was recht iſt. Eher nicht. Heute haben wir Sonn⸗ tag, Capitain Bloom.“ „Und Du haſt vergeſſen, den Morgenſegen zu beten,“ ſpottete der Capitain.„Ich abſolvire Dich.“ „Scheere mich nicht um den Morgenſegen. Es iſt Sonntag und wir wollen den Pudding in der Schüſſel ſehen, den das Traktament uns gut thut.“ 142 „So fordert ihn vom Traktament. Mein Wille iſt, das ihr keinen haben ſollt, und ich will ſehen, wer ſeinen Willen durchſetzt.“ „Das ſeid allemal Ihr,“ ſagte Hans Rasmus; „aber nur ſo lange, als Ihr noch einen Willen habt.“ „Was iſt das für ein freches Wort?“ „Iſt nur meine Meinung. Wenn Jemand kei⸗ nen Willen mehr hat, kann er ihn auch nicht durch⸗ ſetzen. Das wird Euch einleuchten. Statt uns unſere Behörniß zu geben, bringt der Koch uns ſein dünnes Erbſenwaſſer, worin man nach Fleiſchſtücken haſchen muß, ſo klein, daß man ſie mit bloßen Augen kaum finden kann. Her die Schüſſel, Jungens. Ihr verlangt, daß wir das eſſen ſollen. Aber wir thun es nicht.“ Der Capitain war einen Schritt näher getreten. „Bringt mir'nen Löffel! Hier, Kerl, haſt einen Löffel. Nun iß in meiner Gegenwart und danke für die geſchenkte Mahlzeit. Willſt Du das eſſen?“ „Ich thue es nicht,“ rief Rasmus,„und thue es in Ewigkeit nicht,“ „Du ſollſt eſſen, oder ich mache Dich zur Tunke!“ ſchrie der Capitain und drückte ihm den Kopf bis 143 auf den Rand der Schüſſel.„Nun friß, Du Hund, und ſage, wie es ſchmeckt.“ Mit lautem Brüllen lief das Volk vom Halbdeck ihrer Kajüte zu; der Rasmus voran. Der Koch trat zu ihm und fragte lachend: „Hat es geſchmeckt?“ Der Kerl wüthete. „Ich habe eigentlich vergeſſen, das nöthige Salz zuzuſchütten; das will ich jetzt nachholen. Er hat Dich eſſen laſſen, was Du nicht mochteſt, und Dich dann laufen laſſen. Jetzt ſchüſſele Du ihm auf, was er nicht mag, und laſſe ihn nicht los, wenn er auch den letzten Biſſen verzehrt hat.“ Rasmus ſah den Koch groß an. Der rothe Friedel ſchielte ihm über die Schulter und ſagte: „Habe lange darauf gewartet, daß es zu etwas Rechtem kommen ſoll. Warum wäre ich ſonſt an Bord gegangen? Aber etwas Großes muß es ſein.“ „So groß mindeſtens, daß Dein Hirn es nicht faſſen kann,“ entgegnete der Koch.„Als wir das Land verſegelten, ſagte ich, der Menſchenſchinder habe ſo Viele auf ſein Gewiſſen und ſchleppe ſich nicht daran zu Tode, alſo werden wir auch wohl davon kommen, wenn wir uns mit ihm belaſten. Kommt ja nur ein kleines Stück auf die einzelnen Gewiſſen.“ 144 Die Kerle verfärbten ſich. Nur ein ſo hartge⸗ ſottener Sünder als der Koch ſchob die rothe Mütze auf das eine Ohr und ſagte gleichgültig: „Ihr habt vergeſſen, was ich Euch erzählte, als wir hier an Bord gingen. Hat ſich nicht Alles er⸗ füllt, was ich Euch damals prophezeihte und noch dreimal ärger? Giebt es einen vernünftigen Mann, der das thut? Alſo iſt der Capitain verrückt und was man mit einem Verrückten macht, werdet Ihr wohl wiſſen.“ Sie ſehen ihn bedeutungsvoll an, und er ſagte mit flüſternder Stimme: „Wir haben keinen gegen uns, als den Steuer⸗ mann, und der zählt nicht. Er iſt ein gebornes Schaf und muß wollen, wie wir.“ Sie ſprachen noch eine Weile miteinander und zerſtreuten ſich. Jeder that ſein Werk und es war während des ganzen Tages tiefe Ruhe. Als gegen Abend der Steuermann ſich in der Nähe des Fock⸗ maſtes blicken ließ, um nach Segel- und Takelwerk zu ſehen, lockte man ihn unter irgend einem Vor⸗ wande in die Zwiſchendeckskajüte. Der Capitain, der ihn ſchon zwei Mal gerufen hatte, fluchte die Hölle ſammt allen Teufeln auf den ſaunſeligen Offizier herab. 145 Da trat der Koch dem Zürnenden entgegen und ſagte ſehr ernſthaft: „Der Steuermann kann nicht kommen.“ „Kann nicht? He, Du Schurke! Warum kann er nicht?“ „Weil wir es ihm verboten haben und nun ein Wort mit Euch reden wollen.“ Der Capitain ſchwieg. Ein Blick in die Augen des kecken Burſchen machte ihn ſtill. „Ihr habt ſo viel Tollmannswerk angegeben, ſeit wir in See ſind, daß man es einem vernünftigen Menſchen nicht zutraut. Ihr ſeid alſo verrückt und die Verrückten ſperrt man ein. Das wollen wir mit Euch thun.“ Der Capitain wollte lachen, aber ſeine Leute fielen mit ſolchem Ungeſtüm über ihn her, daß jeder Widerſtand nutzlos war. Sie warfen ihn in einen feſten Verſchlag des Zwiſchendecks. Der rothe Frie⸗ del ſchob ihm durch die Klappe eine Schüſſel zu und ſagte lachend: „Verhungern ſollt Ihr nicht. Da iſt die Suppe, die Ihr uns zu eſſen zwingen wolltet; verzehrt ſie nun nach Belieben ſelbſt. Guten Apetit.“ Hans Rasmus hatte unterdeſſen den Steuer⸗ II. 10 146 mann geholt. Er zeigte ihm, wie dem Capitain ge⸗ ſchehen und ſagte: „Jetzt iſt das Commando Euer. Wir werden Euch in allen Dingen gehorchen, die zur Bedienung des Schiffes gehören. Wenn Ihr Euer Leben lieb habt, fahrt Ihr redlich an unſern Beſtimmungsort und helft uns, den Verrückten abliefern. Treibt Ihr falſches Spiel, genade Euch Gott. Wir halten offene Augen. In der Kajüte mögt Ihr bleiben und für Euch den großen Herrn ſpielen. Aber die Schlüſſel zur Botlerei ſind unſer und für diesmal geht die Kajüte bei dem Zwiſchendeck zu Gaſte.“ Mit klopfendem Herzen willigte der Steuermann in Alles, was er nicht weigern konnte. „Oder noch beſſer,“ ſagte der rothe Friedel und ſchlug ihm vertraulich auf die Schulter,„Ihr macht mit uns gemeinſchaftliche Sache. Wenn wir in Rio ankommen, muß Jeder am Bord, alſo auch Ihr, ausſagen, der Capitain ſei unterweges toll gewor⸗ den. Findet der Doktor es nicht, ſo ward er unter⸗ deſſen wieder geſund. Was können wir dafür? Schwört Ihr aber nicht zu uns, ſo müſſen wir bei der Ankunft auch noch melden, daß Ihr aus Ver⸗ ſehen über Bord gefallen wäret. Nun habt Ihr das Ausſuchen.“ Der Steuermann blieb allein. Er war ein ſchwacher, unentſchloſſener Mann. Aus eigenem An⸗ triebe gleich unfähig zum Guten wie zum Böſen, war in den Händen Anderer Alles aus ihm zu machen. „Wenn ich nicht thue, was ſie haben wollen, bringen ſie mich um!“ ſprach er vor ſich.„Gebe ich nach, rette ich das Schiff und kriege wohl noch gar eine Belobigung. Warum ſoll ich nicht ſagen, daß er toll geworden iſt? Hat es ſich ja ſelbſt zu⸗ zuſchreiben, daß er ſo behandelt wird. Will ihn allen⸗ falls überwachen und ihm manchmal heimlich etwas zuſtecken.“ So ward der Steuermann der Führer„der gol⸗ denen Eintracht“ und deren rebelliſchen Mannſchaft. Dieſe hatte ſich in einem Kreiſe auf dem ſonnigen Deck gelagert. Der Koch führte den Vorſitz bei dem Gelage und wilde Reden erhitzten die vom Grog erglühten Köpfe vollends. Der Steuermann ging vor ſich auf und ab und wenn zuweilen ein verwe⸗ genes Wort ſein Ohr traf, fuhr er zuſammen. Er hatte ſchon öfters in das Zwiſchendeck gehen und dem Capitain eine Erquickung bringen wollen, aber, wie immer fehlte ihm auch jetzt der Muth dazu. Der Capitain ſaß in ſeinem Käficht. Die erſten 10* ce — Paar Tage raſete er wie ein angeſchoſſener Eber. Er ſchlug gegen die Wände, daß es dröhnte; aber die ſchweren Eichenbohlen wankten nicht. Endlich brach ſeine Kraft. Er verſank in ein dumpfes Brü⸗ ten und hatte kein Wort der Erwiderung, wenn der Koch ihm täglich den Speiſenapf durch die Oeff⸗ nung ſchob und ihn dabei höhnte, oder mit groben Schimpfworten mißhandelte. Der gefangene Tiger war gebändigt. Da ſandte ihm der Himmel in ſeiner Verlaſſen⸗ heit einen helfenden Freund. Es war der Kajüten⸗ wächter, den er ſo oft um geringer Urſache willen mißhandelte. Der Vater dieſes Knaben war ſelbſt viele Jahre Matroſe geweſen. Einſtmals ſaß er mit mehreren früheren Backsmaaten zuſammen und ſie ſprachen von böſen Capitainen, die ihren Leuten das Leben ſauer machten, und wie ſchwer es ſei, ſolchen Unglimpf gelaſſen zu ertragen. Da hatte der Vater geantwortet:„Müßt es aber doch thun. Der Capitain iſt auf ſeinem Schiffe, was der König in ſeinem Lande und der Herrgott über Alle. Wer gegen ihn ſeine Hand erhebt, macht ſich großer Sünde theilhaftig. Eine Reiſe, wie lang ſie iſt, währt nicht ewig, und man kann mit gutem Gewiſſen vom Bord gehen.“ Dieſe Worte hatte der Knabe gehört und 149 wohl behalten. Darum ſchlich er ſich zu dem Capi⸗ tain, ſprach ihm gut zu und brachte ihm, was er kriegen konnte. Zwiſchen Beiden entſpann ſich ein geheimes Einverſtändniß und der Knabe gab ihm nach und nach allerlei Werkzeug. Die wüſten Ge⸗ ſellen hätten es hören müſſen, wie es in dem Ver⸗ ſchlage bohrte und ſchnitzte in der Stille der Nacht, oder während des lärmenden Tages; aber ein Hö⸗ herer machte ſie taub und ließ ſie ſinnlos weiter tau⸗ meln. Nochmals war eine Woche verſtrichen und wie⸗ der ſaßen auf dem ſonnigen Deck die Rebellen im Kreiſe. Der Steuermann hielt ſich von ihnen nicht mehr fern. Er ſaß, einer der Luſtigſten, mitten unter ihnen, und hatte Brüderſchaft getrunken mit Allen, vom Meiſter Koch abwärts, zum verkommenen Zim⸗ mermann. Sie waren dabei, die Rollen für ihr gro⸗ ßes Drama zu vertheilen. Der Steuermann ſollte den Capitain Bloom ſpielen; den Rasmus wollten ſie zuſtutzen, daß er einen tüchtigen Officier für die Kajüte abgeben ſollte. Jeder bekam ſeine beſondere Anweiſung; nur der Kajütenwächter nicht. An ihn dachte Keiner. Es fiel Niemandem ein, nach ihm zu fragen, oder ihn zu bewachen. Sie waren mit Blindheit geſchlagen. ———— 150 So ſchwamm das Schiff ſeine Bahn und all⸗ gemach dämmerte die Küſte Braſiliens vor ihnen auf. Es ward ruhiger an Bord. Sie fühlten inſtinkt⸗ mäßig, daß ſie ihre Orgien unterbrechen und das Schiffswerk in einen geregelten Gang bringen müß⸗ ten. Konnte doch jede Stunde ein verwegener Fiſcher ſeitlängs kommen, und ſich zum Lootſen anbieten. Der Steuermann hatte ſein Sonntagskleid hervor⸗ geſucht und ſtolperte, das Fernrohr unter dem Arme, auf dem Halbdeck umher, und Hans Rasmus lun⸗ gerte auf der Bank neben der Kajütskappe, die Loggtafel in der Hand, womit er nichts anzufan⸗ gen wußte. Schon ward es lebendig auf See. Schiffe, aus den verſchiedenſten Richtungen heranſteuernd, fanden ſich hier, wo die Courſe in einander liefen, allgemach zuſammen. Küſtenfahrzeuge kreuzten die breiten Fahrwaſſer. Schaaren von Vögeln ſchwirr⸗ ten durch die Luft, die erſten Boten des fernher winkenden Landes, den Kommenden ihren Gruß ent⸗ gegen tragend. Da ſchrie der Zimmermann laut auf. Durch die Vorderluke ſtieg der Capitain zu Deck, bleich wie ein Geſpenſt. Das Haar halb ergraut; die Augen tief eingeſunken, der Leib abgemagert, die Kniee ſchlotter⸗ 15¹ ten. Er trat an die Männer heran, ohne daß Einer ſich rührte, der Schreck hielt ſie gefeſſelt. Der Steuer⸗ mann ſchleuderte das Fernrohr von ſich, und griff mit der Hand nach der Pardune des großen Maſtes, Nur Hans Rasmus rührte ſich nicht von ſeiner Bank. „Ihr kommt Alle an den Galgen!“ ſagte der Capitain mit hohler Stimme. „Kommen wir?“ rief der Koch, ſich aufrüttelnd. „Dann ſollſt Du wenigſtens vorauf und Quartier machen. Fort mit ihm!“ „Willſt'n todtſchlagen?“ rief erſchreckt der rothe Friedel. „Muß. Sonſt ſchlägt er uns. Aber nicht ich, ſondern wir Alle. Jeder ſoll ſeinen Theil daran haben. Wo iſt des Zimmermanns Art?“ „Laßt'n beten!“ ſagte der rothe Friedel. „Soll nicht! Jedermann an ſein Werk!“ rief der Koch und rannte ihm das breite Meſſer in den Leib, während des Zimmermanns Art krachend nie⸗ derſchmetterte. Eine Stunde verſtrich. Von der Leiche des Capitains keine Spur. Ströme von Waſſer waren über das Verdeck hingegoſſen. Keiner ſprach mit dem Andern; ſie wichen ſich aus, wenn ſie ſich zu⸗ 152 fällig begegneten. Auf den Gang des Schiffes ach⸗ tete Niemand. Der Mann am Steuer that wenig ſeine Schuldigkeit. Drei oder vier Küſtenbvote, die eigentlich Fiſch⸗ fang trieben auch wohl den Lootſen ſpielten und ſich nach Umſtänden mit dem Schmuggel befaßten, wa⸗ ren unweit der Brigg und hatten ihr ſeltſames Be⸗ haben bemerkt. Bald gierte ſie backbord⸗ bald ſteuer⸗ bord ab; bald lag ſie ſo ſcharf an den Wind, daß die Segel killten; bald fiel ſie ſoweit ab, daß dieſe rund aufbauchten. Bei der letzten Sturmböe waren die Bramſegel beſchlagen und in die Marsſegel ein Reff geſteckt. Jetzt war klares Wetter und eine ſchmucke Briſe, aber kein Menſch dachte daran, die Reffe auszubinden und die Bramſegel wieder zu hiſſen. Die Böte gaben ſich unter einander Zeichen. Die Führer derſelben hatten nicht übel Luſt, einen Kreuzzug gegen die Brigg zu verſuchen. Da öffneten ſich die Kajütsfenſter und aus der⸗ ſelben ward eine Stange geſteckt. An deren Spitze war eine Flagge gebunden, welche zu einem Halb⸗ knoten verſchlungen war. „Sancta Madre! Ein Nothzeichen!“ ſchrie einer der Bootführer. 153 „Und an einem Orte, wo dergleichen ſonſt nicht geſehen werden.“ „Vielleicht, weil der, der es aushängte, ſich nicht oben ſehen laſſen darf.“ „Das iſt ein böſes Ding. Die Sancta Madre ſchütze uns. Wir müſſen hin.“ Die Böte ſchoſſen heran. Zwei von ihnen nahmen die Breitſeiten, die dritte den Spiegel der Brigg zum Cours. Erſt als ſie ganz nahe waren, wurden ſie am Bord der Brigg bemerkt. Gelähmt ſtanden die Mörder, keiner That, kei⸗ nes Wortes mächtig. Im Nu waren die Böte ſeit⸗ längs und deren zahlreiche Mannſchaft zu Deck. „Was iſt hier geſchehen?“ rief ein kräftiger, unterſetzter Mann dem Steuermanne zu. Dieſer antwortete nicht. Aber der Kajütenwäch⸗ ter flog herauf, dem Fremden entgegen: „Mord! Mord! Sie haben den Capitain er⸗ ſchlagen.“ Die Kerle blieben ſtumm. Der Koch ſtand da, mit zuſammen gekniffenen Lippen, die Arme ver⸗ ſchränkt. Der rothe Friedel hängte ſich krampfhaft an den Zimmermann. Hans Rasmus ſtarrte ge⸗ dankenlos in die leere Luft. Nur der Steuermann ſank in die Kniee und rief angſtvoll:„Gnade!“ 154 Einer der Fiſcher faßte mit kräftiger Hand das Steuer. Die Andern warfen ſich auf die rebelliſchen Mörder. ** * Am Bord eines heimiſchen Kriegsſchiffes fanden ſich alle Spießgeſellen, ſtark gefeſſelt, zuſammen. In dem Lande, unter deſſen Flagge ſie ſündigten, ſollten ſie gerichtet werden. Noch heute zeigt ein Warnungs⸗ zeichen, wo die Häupter der blutigen Rebellen fielen. Die Brigg„zur goldenen Eintracht“ hat kein ehr⸗ barer Seemann wieder betreten wollen. Sie wurde in einem entlegenen Winkel des Hafens an halb⸗ morſche Pfähle gekettet und verkam, wie dieſe. So habe ich ſie geſehen. Weihnachten am Pord. Das Schiff— es hat drei ſtattliche Maſten und einen goldenen Stern am Spiegel— holt aus den Hafen und legt auf die Rhede hinaus. Nöthig iſt es, daß es dahin komme. Die feuchten Herbſtnebel verziehen ſich allgemach. Die Luft wird klar. Es weht ein friſcher Südoſt und in der ver⸗ gangenen Nacht ſind die Bäume zuerſt mit Reif überzogen. Alles Rundholz und Takelwerk ſieht aus wie kandirt. Das Kleinſte am Bord iſt in Ordnung. Die Waſſerfäſſer ſind gefüllt und feſtgeſurrt; die Luken verſchalkt; die Böte eingeſetzt. Die Paſſagiere richten ſich in ihren Kajüten wohnlich ein. Der Lootſe geht feſten Schrittes auf dem Verdeck hin und her und ſieht unruhig, bald nach dem Ufer, bald nach 156 dem Wimpel, als fürchte er, daß jeden Augenblick das Wetter ſich ändern könne und die günſtige Ge⸗ legenheit in See zu gehen, verſäumt werde. Alles am Bord, nur nicht der Capitain. Er befindet ſich noch am Lande. Sein Schiffsmakler bringt ihm die Papiere und ſtellt ſein Segelboot zur Verfügung. Der Capitain hat eine ganze Auswahl von Kiſten und Kaſten um ſich, die nun alle in jenes Boot gebracht werden. Die Flagge iſt gehißt, die Segel fallen voll.„Behaltene Reiſe, Capitain Rolofs!“ ruft es heiter von Mund zu Munde, und vor raumen Schvoten fliegt das Boot des Maklers auf die Rhede hinaus. Die Mannſchaft begrüßt den Capitain mit lautem„Hurrah!“„Endlich!“ ſagt der Lootſe und kommandirt alle Hände an die Ankerwinde. Die Jungens laufen auf und machen die Bramſegel los. Die drei leinewandnen Pyra⸗ miden erbauen ſich im Nu und bald ſchwimmt eine kleine Welt mehr in der großen unermeßlichen Waſ⸗ ſerwüſte. Ein Etmal folgt dem andern. Des Dienſtes ſtets gleichgeſtellte Uhr hat für jede Stunde ein be⸗ ſonderes Geſchäft. Das Wechſeln des Wachtsvolkes; das Anſchlagen der Glaſen an die Schiffsglocken; das Verfangen des Mannes am Steuer; das Wer⸗ 6 157 fen des Loggs; das An⸗ und Aufholen der Braſſen; der Ausguck auf dem Gſelhoft des Bugſpriets und das dreimalige„Schaffen!“ des Kochs zu Morgen, Mittag und Abend ſind die unerläßlichen Begleiter des einſamen Paſſagiers, der ſich einem Segelſchiffe während einer Reiſe über See anvertraut. Es iſt nur ein Paſſagier in der Hauptkajüte dieſes Schiffes, der für alle Herrlichkeiten des See⸗ lebens kein Gefühl hat und alle ſeine Unbequemlich⸗ keiten nicht ſpührt. Sein Leben gleicht einer fort⸗ dauernd richtig gehenden Uhr, mit ſolcher Pünkt⸗ lichkeit folgen ſich zwiſchen Aufſtehen und Nieder⸗ legen die einzelnen Geſchäfte des Geſchäftsloſen. Und wenn, als der blaue Himmel der Tropen ſich über ihm wölbt, die nächſte Viertelſtunde ihm alle Wunder dieſer Welt zu zeigen verſpricht, die Zeit ſeiner Promenade iſt vorbei, und er wird keine Mi⸗ nute länger auf dem Deck bleiben, ſondern in ſeine Kammer zurückkehren. Und doch kommen Augen⸗ blicke, wo man es dieſer belebten Menſchenmaſchine anſieht, daß er einer lebhaften Erregung fähig iſt und daß es Zeiten gegeben hat, wo er voll heftiger Leidenſchaften war. Es iſt kurz, aber inhaltreich das Leben dieſes Paſſagiers. Er hieß Robert und Alle nannten ihn — 8 ihren Liebling. Sein Vermögen war geordnet. Sein Wiſſen bahnte ihm den Weg zu einer ehrenvollen Stellung im Staate, ſein poetiſcher Sinn öffnete ihm die heitere Region der Kunſt. Fröhlichen Sin⸗ nes, hülfreich und voll Theilnahme für jeden Kum⸗ mer, ſchien er Alle mit gleicher Liebe zu umfaſſen. Und doch ſchloß ſich ſein Herz nur einem Freunde auf. Seine ganze Hoffnung baute er auf Ferdinand. Aber dieſer war kein Felſen, der eine ſolche Laſt tragen konnte. So oft er von ſeinen großen Hoff⸗ nungen ſprach, die ſich leicht verwirklichen ließen, wenn er nur die nöthigen Mittel beſäße, hörte Robert ihm aufmerkſam zu. Es ſei beſſer, meinte Ferdinand, auf kleinem Erbe ſein eigner Herr zu ſein, als einem fremden Herrn zu dienen, und wäre es der mächtigſte. Wolle Robert ſich mit ihm ver⸗ binden, werde er ſchon aus Luſt am Schaffen, jede Mühe übernehmen, und Jener ſolle nur die Vor⸗ theile genießen. Als Robert ſah, daß es den Freund glücklich machen würde, willigte er ein. Er gab es auf, ſich um ein Amt zu bewerben, wies freundlich zurück, was man ihm ſchon jetzt bot, ſowie für eine nahe Zukunft in Ausſicht ſtellte, und fing nun an, mit Leib und Seele in die Pläne einzugehen, durch deren Verwirklichung Ferdinand alle induſtriellen 159 Wunder mit einem kühnen Schlage zu überflügeln verſprach. Da zog ein anderes, mächtigeres Gefühl in Roberts Herz, die Liebe. Dem Freunde vertraute er es zuerſt an. Auguſte war eine entfernte Ver⸗ wandte Ferdinands und dieſer konnte leicht zu ihr den Zutritt erlangen, den er bisher nicht geſucht. Fer⸗ dinand wollte von dieſer Liebe wenig hören; meinte es ſei Robert damit kein rechter Ernſt und fühlte ſich gekränkt, da dieſe neue Liebe ihn aus dem Her⸗ zen des Freundes verdrängen werde. Zuletzt lenkte er ein und verſprach, für den Freund zu handeln. Das waren zwei Verſprechungen, die der Freund dem Freunde gab: Eine ſorgenfreie, heitere Zukunft für ein geopfertes Vermögen, und das reichere Glück der Liebe. Er hat keines gehalten, keines halten wollen. Der größte Theil des Geldes ging mit fruchtloſen Verſuchen darauf. Durch Roberts Liebe ward Ferdinand zuerſt wieder auf Auguſte aufmerkſam. Er trat ihr näher, warb um ſie für ſich ſelbſt; raffte Alles zuſammen, was ſeine unglücklichen Verſuche übrig gelaſſen hatten und floh mit ſeinem doppelten Raube jenſeits des Oceans. Von dieſem Tage an war Robert das Gegen⸗ theil von dem, was er bis jetzt geweſen. Er wurde ——————— 160 mürriſch und faſt menſchenſcheu. Der Mangel zwang ihn, an Erwerb zu denken. Er übernahm eine Stelle, die ihn mäßig nährte und ward endlich jene Men⸗ ſchenmaſchine, die auf dem Verdeck auf⸗ und abgeht, und ſchon zwei Mal nach der Uhr ſah, ob die be⸗ ſtimmte Friſt noch nicht abgelaufen iſt. Der Capitain geſellt ſich zu ihm und ſagte: „Lieber Herr Robert, da iſt mir heute eingefallen, daß ich Ihnen vielleicht einen Dienſt leiſten kann. Mir iſt bekannt, mit welchen Auſträgen Sie nach Baltimore gehen und da ich an dieſem Orte einen zuverläſſigen, geſchäftskundigen Bekannten habe, werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Sie ihm zu empfehlen. Er kann Ihnen recht nützlich ſein und wird es.“ Robert antwortet nicht. Der Capitain bleibt kopfſchüttelnd ſtehen und fragt nach einer Pauſe: „Ich weiß nicht, Herr Robert, ob Sie mich ver⸗ ſtanden haben?“ Und Robert ſteht ſtill, ſiebt den Capitain mit einem bitteren Lächeln an, zieht die Uhr und ant⸗ wortet: „Es iſt ſchon ſechs Uhr. Da iſt meine Zeit um für dieſes Mal.“ Er geht in ſeine Kajüte und Jener iſt ſicher, 161 daß er heute nicht wiederkehrt. Der Capitain zuckt die Achſeln und ſagte: „Wie mit Eis überzogen. Wenn ich nur wüßte, an welchem Feuer ich es ſchmelzen könnte.“ Da öffnet ſich die Thür der Deckskajüte und eine Dame tritt heraus, die ſtets erſcheint, wenn der alte Herr das Verdeck verläßt. Sie eilt zu dem Capitain und drückte ihm herzlich die Hand: „Iſt es Ihnen auch heute nicht gelungen?“ Sie frägt es jedes Mal, und jedes Mal erhält ſie ein ſtummes Achſelzucken zur Antwort. Sie iſt jung und ſchön dieſe Dame. Ein Zug wehmüthiger Trauer macht ſie noch ſchöner. Sie lehnt an die Seitengalerie und ſieht träumend in die am Schiffe vorüberrauſchende kriſtallene Fluth. Und als der Abend hereindunkelt und die goldenen Sterne durch die tropiſche Nacht weithin leuchten, ſitzt ſie noch immer dort und kehrt nur nach wiederholten Mahnungen des wachthabenden Officiers in die Kajüte zurück. Aber nun beginnt ein Tag, der dem Nordländer unter dieſen Breiten im ungewohnten Feſtſchmucke erſcheint. Die Sonne brennt heiß, der Himmel iſt blau und doch iſt es Weihnachten. Alle ſind ge⸗ ſchäftig am Bord; ſie wiſſen kaum warum. Am ge⸗ 11 162 ſchäftigſten iſt der Capitain, aber er weiß es auch warum. Mit ſeinen Schiffsjungen ſcharwerkt er ſchon ſeit zwei Stunden in dem Theil des Zwiſchen⸗ deckes umher, der der Kajüte zunächſt liegt und mit derſelben durch eine Thür verbunden iſt. Von den Deckofficieren und Matroſen iſt keiner in das Ver⸗ trauen gezogen worden. Die Steuerleute ſind mit geſunden Augen und Ohren blind und taub, denn ſie wollen es ſein und die Jungen ſehen aus, wie die Sphinx in der Wüſte, wenn ſie auf Augenblicke zu Deck kommen und der Eine oder Andere ſie bei Seite zieht und leiſe fragt, was denn unten eigent⸗ lich los iſt? Auch die junge Dame in der Deckskajüte iſt nicht müßig. Zwiſchen ihr und dem Zwiſchendeck beſteht ein lebhafter Verkehr. Einer der Jungen iſt bereits drei Mal mit einem leeren Korbe die Treppe hinaufgeſtiegen und hat einen gefüllten zurückgebracht. Als die Glocke zur Zeit der vierten Stunde angezogen wird, zum Zeichen, daß die Nachmittags⸗ wache zu Ende iſt und der Plattfuß beginnt, erhebt ſich der Capitain von ſeiner gaſtlichen Tafel und ſagt: „Meine Herren, es iſt heute Weihnachtsabend und ich habe beſchloſſen, ihn mit allen Leuten, ohne Anſehen der Perſon, ſo harmlos zu verleben, wie 163 dies auf See möglich iſt. Sie werden den Fockmaſt davon in Kenntniß ſetzen. Gleich nach ſechs Uhr erwarte ich Jedermann hier, worauf Sie dann, ſobald ich ein Zeichen gebe, in das mittlere Zwiſchendeck treten. Geſegnete Mahlzeit, meine Herren!“ Die Steuerleute gehen mit der Verſicherung, daß ſie der erhaltenen Einladung mit dankbarem Herzen Folge leiſten und der Mannſchaft ſofort die Befehle des Capitains überbringen werden. Dieſer wendet ſich an ſeinen Paſſagier und ſagt freundlich: „Und Sie, Herr Robert, bleiben doch bei mir? Es iſt ja Weihnachten.“ „Weihnachten!“ entgegnete dieſer und fährt mit der Hand über die Stirn, als dämmert ein Bild vergangener Tage in ihm auf. Sein Auge blickt ſanft und ein ſtilles Lächeln ſchwebt um ſeine Lippen. Aber plötzlich fällt er wieder in ſeine trübe Stim⸗ mung zurück und er ſagt eintönig: „Es iſt wohl die Zeit zu meinem Spaziergange gekommen.“ Langſam geht Herr Robert zu Deck und der Capitain ſagt verdrießlich: „Faſt möchte man verzweifeln und ſeine Hand von dem Manne abziehen, wenn es nicht um des lieben Kindes willen wäre. Ich habe es mir nun 11* —————— 164 einmal vorgenommen, den alten Griesgram zu kuriren.“ Die Steuerleute haben ſich auf das Mitteldeck begeben und dem Bootsmanne die Einladung des Capitains gebracht. Der Bootsmann geht vor den Fockmaſt und pfeift die Leute zuſammen, die ſich neu⸗ gierig um ihn drängen. „Gebt Acht, Jungens und dann Jeder an ſein Werk. Das iſt des Capitains Befehl. Jeder von Euch ſoll ſich um ſechs Uhr in der großen Kajüte einfinden. Es iſt Weihnachten, daß Ihr's wißt und es ſoll Jeder ſeine Beſcheerung haben, was wahr⸗ ſcheinlich eine doppelte Ration Grog bedeutet. Alle ſollen hinunter, außer der Mann am Steuer und auf dem Ausguck. Dieſe Beiden aber ſollen fleißig abgelöſt werden, damit Niemand um die verſprochenen Herrlichkeiten kommt. Nun wißt Ihrs und ich rathe Euch, daß Ihr manierlich ſeid. Zieht die Sonntags⸗ jacken an und ſtopft das Maul nicht voll Taback, denn wenn man in der Kajüte herumlungern will, muß man auch Kajütsmanieren in dieſelbe hinein⸗ bringen. Da iſt's fünf Uhr. Zwei Glaſen! Verfangt den Mann am Steuer.“ Um dieſelbe Zeit ging Capitain Roloffs aus der Kajüte in das Zwiſchendeck, aber dieſes Mal allein. 165 Es war ein gemüthreicher Menſch, dieſer Capitain Roloffs. Die größte Zeit ſeines Lebens auf See allein, war doch kaum ein Mann zu finden, der ſo feſt an den häuslichen Heerd hing, als eben er. Er ſaß da mit halbgeſchloſſenen Augen, und lächelte ſtill vor ſich hin. Daheim war es nun ſchon lange ſtock⸗ finſtere Nacht. Die Mutter hatte ſorgſam den Weih⸗ nachtsbaum herausgeputzt und die Kinder hineinge⸗ führt. Da lagen alle Geſchenke neben einander, welche der Vater vor ſeiner Abreiſe ausgeſucht und mit dem Namen derer bezeichnet hatte, denen ſie be⸗ ſtimmt waren. Capitain Roloffs war mehrere hun⸗ dert Meilen von den Seinigen entfernt, aber in ſeiner Phantaſie hörte er jedes Wort; er erkannte jede Stimme und ſein Herz ſchlug immer lauter und fröh⸗ licher. Als aber das lichte Traumbild nach und nach zerrann, ſeufzte er tief auf und fuhr mit der Hand über die Augen. Das Bild auf dem Verdeck iſt wieder anders geworden. Die Schiffsglocke ſchlägt das dritte Glas des Platfuß an, das heißt es iſt halb ſechs Uhr Abends. Die Leute haben ſich allgemach geſammelt. Sie ſehen in den blauen Jacken, den blanken Hüten und den bunten Seidentüchern um den Hals aus, 6 166 als eine flotte Crew, die auf einige Stunden zu Lande zieht, um dort irgend eine Tollheit auszuüben. „Deine Weſte hat'nen Theerfleck, Hans. Krem⸗ pele den untern Rand nach innen, ſo kommt er aus dem Wege.“ „Und Du,“ ſagte Hans,„haſt aus Deiner Jacke hinten den einen Knopf verloren. Ich will Dir den anderen auch wegſchneiden, damit, wie der Boots⸗ mann ſagt, Alles vierkant iſt.“ „Halte Dich manierlich, Gottlieb,“ ermahnte der Zimmermann einen Halbmatroſen.„Man ſteigt keine Kajütstreppe hinab, wie die Webeleinen des Fockmaſtes. Und faſſe die Meſſinggeländer nicht mit Deinen Pechfingern an: das verräth eine ſchlechte Erziehung und Du biſt mein Neffe.“ „Was es nur geben wird?“ frägt ein Matroſe ſeinen Kojegaſt, einen alten Schwalker, der ſchon zwanzig Mal über den Tropikus ſegelte.„Was denkt Ihr Euch bei'm Weihnachten in des Capitains Kajüte?“ „Grog!“ ſagte dieſer und ſchiebt, einem Winke des Bootsmanns folgend, beide Hände in den Taſchen, dem Halbdeck zu. Alle Andern ziehen hintendrein. Der Mann auf dem Ausguck ſieht mehr nach ſeinem Backsmaaten, als nach der Kimmung des Horizonts 167 und der Mann am Steuerbord hält einen halben Strich mehr lufwärts als nöthig.“ In der großen Kajüte empfängt der Oberſteuer⸗ mann die Gäſte des Capitains. Dieſe ſtehen, wie die Hammel beim Regen, mit den Köpfen zuſam⸗ men gedrängt und ſehen ſich neugierig um. Aber es iſt nicht das geringſte Ungewöhnliche zu ſehen. Sie ſieht genau ſo aus die Kajüte, wie ſie aus⸗ ſah, wenn Einer von ihnen darin erſchien, um einen Verweis zu erhalten, oder um die Erlaubniß zum Landgang zu bitten, oder dort eine Arbeit zu thun, oder was ſonſt die Verrichtungen des Matroſen in der Capitainskajüte ſind. Da tritt der Capitain mit einem heitern Guten⸗ Abend ein und ſagt: „Ihr wißt's wohl, alles gute Werk fängt mit Gottes Wort an und das dürfen wir heute am we⸗ nigſten vergeſſen. Setzt Euch.“ Mit dem Gebetbuche in der Hand nimm' der Capitain ſeinen Platz ein und ſein Volk ſetzt ſich vor ihm nieder, wie es alle Morgen und alle Abende, wenn auf chriſtlichen Schiffen das Gebet geſprochen wird, der Brauch iſt. Er lieſt ihnen das heilige Cvangelium von der Geburt des Herrn, lieſt ein frommes Weihnachtslied und betet das Vaterunſer. ₰ 168 „Amen!“ wiederholen die alten Theerjacken und der Capitain, das Gebetbuch aus der Hand legend, ſagt: „Und nun wollen wir eine Stunde lang Weih⸗ nacht halten, wie es die Unſtigen thun daheim.“ Auf ſeinen Wink erſcheint der Kajütenwächter und der Tiſch wird wohl verſehen. Der Capitain nimmt ein Glas und ſtößt mit dem Nächſtſtehenden an, die Andern finden es in der Ordnung, das nachzuahmen und es entſteht ein Gläſergeläut, das harmoniſch klingen würde, brummte nicht der alte Schwalker einen halbverſtürmten Liederrefrain da⸗ zwiſchen, wie er in einer Kajüte nicht oft gehört wird. Als nun aber ein großer Lebkuchen auf der Tafel erſcheint und der Capitain auffordert, ſich ein Stück zum Anbiß für ein friſches Glas abzuſchnei⸗ den, verſtummen ſie. Endlich ergreift der Boots⸗ mann, um nicht das Beiſpiel allgemeinen Ungehor⸗ ſams zu geben, das Meſſer und ſchiebt den erbeute⸗ ten Biſſen hinter die Zähne. „Es geht!“ flüſtert er dem alten Schwalker zu, und dieſer, gewohnt, nichts halb zu thun, ſchneidet ſo, daß, wenn Alle ſich nach ihm richteten, der Leb⸗ kuchen nicht weit reichen würde. Als die Collation beendet iſt, ruft Capitain Roloffs: 169 „Das iſt gethan! Und nun zum Weihnachts⸗ baum!“ „Auf See und Baum!“ Es iſt Volk am Bord, das nur einen Klüberbaum und einen Gigbaum kannte. Die Jungen ſpringen voran und öffnen den Zugang zum Zwiſchendeck. Ein heller Lichtſchimmer ſtrahlt ihnen entgegen. Sie erblicken eine große Weihnachtspyramide von Moos und künſtlichen Blumen, mit blauen, rothen und weißen Lichtern beſteckt, und von oben bis unten mit Aepfeln, Nüſſen, Roſinen und Mandeln behängt. Die Matroſen gruppiren ſich um dieſen Baum. Iſt Mancher darunter, der keinen geſehen, ſeit er das Vaterhaus verließ, deſſen Schwelle er ſeitdem nicht wieder betrat. Es dämmert eine Welt von Erin⸗ nerungen in dieſen Köpfen, und Capitain Roloffs, der es am eifrigſten fühlt, ehrt ſie durch ſein Schweigen. Aber dies iſt nicht Alles. Zu beiden Seiten der Pyramide dehnt ſich der mit einem weißen Tuche bedeckte Tiſch aus. Er iſt mit Pfeifen, Tabacksdoſen, und andern Herrlichkeiten bedeckt, wie der Seemann . ſie liebt. Auf jedem Geſchenke liegt ein Zettel mit dem Namen deſſen, für den es beſtimmt iſt. Der 170 Capitain theilt aus, die Leute empfangen und der Kajütenwächter füllt noch einmal die Gläſer. Wein macht fröhlich. Ein Leichtmatroſe ſtreckt die Hand nach der Pyramide aus und ruht nicht, bis ein rothbäckiger Apfel in ſeine Hand rollt. Sein Maat iſt ſchon dreiſter und knackt die erbeuteten Nüſſe mit den Fingern auf. Nur kurze Zeit dauert es und die Pyramide iſt rattenkahl geworden. Alles hat ſeine Zeit, auch die Zeit der Luſt in dem Schatten, oder vielmehr in dem Glanze des Weihnachtsbaumes. Die Steuerleute geben einen Wink und der Bootsmann hält im Namen Aller eine Rede, die wegen ihrer Kürze manchen Rednern zum Muſter dienen könnte.„Vielen Dank, Capi⸗ tain!“ ſagt er, dieſem die Hand ſchüttelnd und ſteigt mit den Leuten zu Deck. Unten iſt es leer geworden, aber die Lichter brennen fort. Die Thür zu Roberts Kajüte iſt geöffnet, ohne daß dieſer, der, den Kopf in die Hand geſtützt, auf ſeinem gewöhnlichen Platze ſitzt, etwas davon ahnet. Da vernimmt er in ſeinem wachen Traume einen ſanft anſchwellenden Ton, der von der andern Seite des Zwiſchendecks herüberklingt. Es folgen mehrere, eine ganze Welt von Tönen, 171 wie nur eine Meiſterhand ſie den goldenen Saiten zu entlocken vermag. Robert ſteht auf. Muſik iſt der Genius, der ſeine Seele aus ihrem langen Schlummer weckt. Allgemach verklingt ſie und eine jugendliche Stimme ſingt eine einfach rührende Melodie. „Ihr Lied!“ ſagt Robert und richtet ſich auf. Das Lied tönt weiter. Seine Augen leuchten, ſeine Wangen röthen ſich, die Lippen beben, als ob er leiſe bete und die Hände falten ſich unwillkührlich. Es iſt das Lied vom heiligen Chriſt, der zur Erde niederſteigt, um Alle zu erquicken, die mühſeelig und beladen ſind. Er kennt das Lied. Auguſte hat es ihm oft geſungen. Er hörte es zuerſt an dem Abend, als er kurz vorher geſagt hatte: Sie oder Keine. Wenn Alles ihm gleichgültig war, dieſe Melodie brachte ihm ſtets den verlorenen Muth zurück. Aber jetzt hat er es lange nicht gehört. Vergeſſen war es mit allem Andern, was er je gehofft, erſehnt, geträumt; vergeſſen bis zu dieſem Augenblick, wo es wieder volltönend an ſein Ohr ſchlägt. Er iſt aufgeſtanden und tritt über die Schwelle. Vor ihm der helle Weihnachtsbaum und daneben Auguſte, in der Fülle der Schönheit und Jugend, ganz ſo, wie er ſie an 7 3 6 5 3 ſ 172 einem andern Weihnachtsabend ſah, da er um ihre Hand warb und ſie ihn zärtlich anblickte. Seine Augen ſtrömen über, ſeine Kniee zittern; er muß ſich ſetzen. Sein Blick iſt unflort, aber er ſieht doch daß die Jungfrau ihm näher tritt und vor ihm kniet: „Ich bitte um Deinen Segen, Vater Robert.“ „Gott ſegne Dich, Jungfrau, viel tauſend Mal.“ „Segne auch meine Mutter.“ „Deine Mutter? Wer iſt Deine Mutter?“ „Meine Mutter hat Dich einſt undankbar ver⸗ laſſen,“ flüſterte ſie kaum hörbar und Robert fuhr zuſammen. „Sie hat mit einem Leben voll Kummer und Noth gebüßt, was ſie an Dir verbrach und ſo tief bereute. Sie wollte nicht, daß Du von ihr hörteſt, ſo lange ſie lebe. Aber als ihr Auge brach, flehte ſie mich an, nach Europa zu gehen und Dir zu ſagen, wie ſie lebte und ſtarb. In ihrem Namen flehe ich Dir zu Füßen um Vergebung.“ Robert ſaß regungslos. Er hielt die Hand der Jungfrau und ſagte vor ſich hin: „Auguſte!“ Das iſt ihr Name und der meinige. Sie ent⸗ ſandte mich im Vertrauen auf Deine Großmuth. 173 Umſonſt war es, auf dem Lande, bis zu Dir zu ge⸗ langen. Hier hat ein guter Menſch mir den Weg bis zu Dir gebahnt. Willſt Du vergeben und ver⸗ geſſen?“ „Ich will es!“ ſagte Robert, ſie in ſeine Arme ſchließend.„Ich vergebe und vergeſſe, und nehme Dich auf, als ihr Vermächtniß.“ „Das iſt brav!“ ſagte Capitain Roloffs.„Gu⸗ ten Abend, Herr Robert und fröhliche Weihnachten. Nun ſind Sie doch meiner Einladung gefolgt.“ Er reichte dem Capitain die Hand und drückte ſie ſtill. Da flog, ſonſt nicht der Brauch am Bord, zur ſpäten Abendzeit, der Schall der Glocke lange und hell über Deck. Es war der Koch, der mit dieſem Geläute die Mannſchaft zum leckern Weihnachts⸗ ſchmauſe lud. Jubelnd reihte ſich die ganze Back⸗ genoſſenſchaft um die duftende Bowle und rief: „Hurrah für Weihnachten!“ „Und fröhliche Weihnacht Euch Allen, die Ihr am heiligen Abend zwiſchen Kiel und Maſt umher⸗ ſchwimmt.“ 3 3 —% Im Verlage der Allgem. Dentſchen Verlags⸗Anſtalt iſt ferner erſchienen: Altes und Uenes ans Spanien von Julius Freiherrn von Minutoli Dr. Elegant geheftet. Zwei Bände. Preis 2 ½ Thlr. Inhalt des erſten Bandes: Das Corpusfeſt in Va⸗ lencia.— Eine Gewiiternacht in Merida.— Ein Zweikampf in Puerto Santa Maria.— Der Adelantero(Vorreiter).— Ein Erclauſtrado.— Empfang des Königs Carl I. Gaiſer Carl V.).— Ein Beſuch in Eiche, dem ſpaniſchen Palmyra.— Markgraf Johann von Brandenburg, Vicekönig und General⸗ Capitain von Valencia— Der Morgen in Madrid.— Die MWilch in Spanien.— Don Juan dAuſtria's Bericht über die Schlacht bei Lepanto, den 7. October 1571.— Wirthshäuſer in Spanien.— Der Weihnachtsabend in Madrid.— Des Alvar Nunnez Cabeza de Vaca(Kuhkopf) Schiffbrüche und deſſen Bericht über ſeinen Auſenthalt in Florida in Begleitung des Statthalters Panfilo von Narvacz. Inhalt des zweiten Bandes: Der Königsmörder Merino.— Spaniſche Miniſter-Präſidenten in dem Zeitraume von 1833 bis 1853.— Teſtament des Malers Bartholomäus Murillo.(Aus dem Sevillaniſchen Stadt⸗Archive.— Das Stiergefecht.(Corrida de toros.)— Ein Ausflug in die Al⸗ morvina bei Gibraltar.— Das Hereulesgrab in Tarragona.— Misteri de Adam y Eva.— Privilegio de Capitan General en el Reino de Valencia en favor del Uustre D. Juan Mar- ques de Brandenbourg.(Archiv von Valencia.)— Schlacht⸗ ordnung bei Lepanto am 7. October 1571.— Erläuterungen des Hereulesgrabes zu Tarragona in bildlichen Darſtellungen.— c ſnnr Judas Iſcharioth Ein dramatiſches Gedicht von Eliſe Schmidt. Dies großartige Gedicht der Verfaſſerin des„Macchiavelli“ und des„Genius und die Geſellſchaft“ trägt in allen ſeinen Theilen den Stempel des echten Dichtergeiſtes in ſich.— Eleg. Min. ⸗Ausg. mit Goldſchn. geb. Preis 1 Thlr. geh. 24 Sgr. ——————— —— — Anzulitioche Pilder ms Zt. Prtersburg von Eduard Jerrmann, Königl. Hofſchauſpieler. gr. 8. eleg. geh. Preis 2 Thlr. Der Leſer hat hier im Gegenſatze zu den zahlreichen Schmäh⸗ ſchriften über Rußland, ſein Gouvernement und ſeine Hauptſtadt, ein freundliches Bild zu erwarten. Er wird in das Familien⸗ leben des Kaiſers Nikvlai, in die echt patriarchaliſchen Sitten und Gebräuche des Hofes, wie des Volkes eingeführt, deren Wohlthaten allein dies Lund vor allen Stürmen der letztver⸗ floſſenen Jahre bewahrt haben. Inhalt: Kaiſer Nikolai I.— Eintritt in Petersburg.— Geſellige Unterhaltungen.— Das Petershofer Feſt.— Eine Militair⸗Revue.— Bauten.— Das Winterpalais.— Kron⸗ gebände.— Findelhäuſer.— Curioſa.— Speiſen und Ge⸗ tränke.— Penſionen und Oekonomie-Weſen.— Polizei.— Juſtiz.— Brautſchau.— Kutſcher und Couriere.— Theater.— Henriette Sonntag.— Concerte.— Verſchwörung.— Die Kaiſerliche Familie.— Joſeph iſt todt, aber Peter lebt.— Fürſt Gagarin.— Goſtinoy⸗Pwor.— Klaſſifikation.— Herr und Knecht.— Leibeigene.— Ein Kaufmann erſter Gilde.— Ein Kaufmann zweiter Gilde.— Eine Ruſſiſche Sekte.— Ein Traum.— Statue Peters des Großen.— Der Pope.— Die Grauſamkeit der Liebe.— Samjots und Winga.— Der Mond des Gebirges.— Juſtiz und Polizei.— Ruthe und Knute.— Der Ruſſiſche Bauer.— Ein Tag in Sarskojé⸗ Selo.— Ein Wintermorgen auf dem Lande.— Cin Abend auf der Deutſchen Kolonie. edichte von Straß. Neue vielfach verm. Ausg. Eleg. Min.⸗Ausg. mit Goldſchn. geb. Preis 2 Thlr. Viele dieſer, durch reiche Abwechſelung, ſowie durch das Schleswig⸗Holſteiniſche Volkslied, das Lied vom 9. Regiment u. a. m. klaſſiſch gewordenen Dichtungen ſind von den berühm⸗ teſten Komponiſten in Muſik geſetzt worden, andere davon eignen ſich noch dazu. Alle ſind dem Beſten aus dieſem Gebiete Ge⸗ leiſteten würdig zur Seite zu ſtellen. —— 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 9 8 y 8