. 5 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur von 5 6 Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SCeih und Jeſebebingungen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Skter welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Me. 50 Pf. 2 W.— Pf. „3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. 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Aber auch nach außen hin war ſein Einfluß nicht geringe; die Staatsmänner hatten große Hochach⸗ tung vor ſeiner Einſicht; nicht ſelten wurde er in wich⸗ tigen Angelegenheiten um Rath gefragt, und hatte die Genugthuung, dieſen oftmals befolgt zu ſehen. Außer⸗ dem nahm er durch ſeine nahe Verwandtſchaft mit dem deutſchen Konigshauſe von**s eine Achtung gebietende Stellung ein. Dieſe Stellung ſollte jetzt noch günſtiger ſich geſtal⸗ ten. Sein einziger Sohn, der künftige Erbe des Landes, der ſchöne, ritterliche Prinz Heinrich, ſollte ſich mit der jüngſten Tochter des Großherzogs verbinden. Man knüpfte an dieſes Bündniß die ſchoͤnſten Hoffnungen für die Zukunft, und das ganze Land wünſchte mit Sehn⸗ 1* ſucht die Rückkehr des Prinzen herbei, der ſich im Aus⸗ lande auf Reiſen befand. Mehrere Male und ſtets dringender war die Mah⸗ nung des Vaters an den Sohn ergangen, endlich heim⸗ zukehren, und die Hoffnung zu erfüllen, die er und ſeine Unterthanen hegten; aber ſtets hatte der Sohn neue Ausflüchte, ſtets blieb noch Eins oder das Andere un⸗ geſehen, was ihm nicht unbekannt bleiben durfte; der Termin der Heimkehr ward von einem Monat zum andern verſchoben. Schon wurde der Fürſt ungeduldig und wollte ſeinem Sohne den ſtrengen Befehl zuſchicken, ſogleich heimzureiſen und ſich an dem Hofe des Groß⸗ herzogs vorzuſtellen, als von dem Prinzen Heinrich ein Brief ankam, worin er ſeinem Vater anzeigte, daß er im Begriffe ſei, ſich von Alt-Holland nach England einzuſchiffen und im ſtrengſten Incognito eine Reiſe in das ſchottiſche Hochland zu unternehmen. Dieſe unwillkommene Neuigkeit ſtimmte den Fürſten ſehr verdrießlich, und er befand ſich gerade nicht in der beſten aller möglichen Launen, als der Kammerdiener Sir Algenor Effingham, Admiral Seiner Großbritan⸗ niſchen Majeſtät, meldete, der die Gnade haben wollte, ſich dem Fürſten vor ſeiner Abreiſe nach England zu empfehlen. Der Admiral trat ein. Eine hohe, wettergebräunte Geſtalt, der man es anſah, daß ſie auf dem wandel⸗ barſten aller Elemente in ihrer eigentlichen Heimath ſei. Und doch zeigte er wieder ſoviel Geiſt, ſoviel Takt, und war ſo gewandt in ſeinem Benehmen, wie nur ein Höfling es ſein kann, der ſich nie von der Umgebung ſeines mächtigen Gebieters entfernt hat. „Ew. Durchlaucht verzeihen mir meine Zudringlich⸗ keit. Aber ich konnte unmöglich ein Land verlaſſen, deſſen Regent mir eine ſo unbedingte Hochachtung und Bewunderung eingeflößt hat, ohne demſelben noch ein⸗ mal meine Ehrfurcht zu bezeugen.“ „Sie ſind willkommen, Herr Admiral!“ entgegnete der Fürſt mit jenem herzgewinnenden Tone, der allen Standesunterſchied vergeſſen machte, und ihn vor allen Zeitgenoſſen ſo rühmlich auszeichnete, bei denen ſich das Zopf- und Perücken-Syſtem im vollſten Maaße geltend machte.„Wäre mir in Ihrem jetzigen Erſcheinen Etwas unangenehm, ſo wäre es nur dies, daß es das letzte ſein ſoll.“ „Gnädigſter Herr,“ antwortete der Admiral mit fei⸗ nem Lächeln,„Sie verkennen mich, und ich verdiene dieſe Jronie nicht. Während meiner Seeſtreifzüge habe ich mir immer gewünſcht, das herrliche Deutſchland kennen zu lernen. Dieſen Wunſch habe ich befriedigt, meine Stellung machte es mir möglich, dies mit dem glänzendſten Erfolge zu thun. Unter allen Beherrſchern dieſes einen Landes habe ich keinen gefunden, der es ſo gut verſteht, ſeinem Volke zugleich Fürſt und Vater zu ſein.“ „Ich erlebe ein Wunder!“ ſagte der Fürſt gut gelaunt.„Ein mächtiger Pair, ein Mitglied des gewal⸗ tigen Oberhauſes, ein freier Sohn Albions findet ein ſtreng ſouveraines Regiment würdig, als Muſter auf⸗ geſtellt zu werden.“ „Mißkennen mich Ew. Durchlaucht nicht,“ ſprach der Seemann. Scht einen Vergleich zwiſchen England und Deutſchland ninch wollen und darf es auch nicht. Die Stellung dieſer Fhn großen Nationen, obgleich ſie Vieles mit einander gemein haben, wie gute Freunde und Bekannte, iſt doch himmelweit verſchieden. Das engliſche Volk iſt längſt zu einenr politiſchen Bewußt⸗ ſein erwacht, das deutſche nicht. Großbritanniens Ver⸗ faſſung hierher verpflanzen wollen, wäre ein Unding. Dieſes Volk bedarf des monarchiſchen Syſtems; ohne dieſes würde es nicht glücklich ſein. Auf wie lange Zeit es dieſes Syſtems noch bevaxf, bi lange es deſſen noch bedürfen muß, dies zu vethn. iſt nicht unſere Auf⸗ gabe. Wenn nun eine abſolute Gewalt...“ „Wie, Herr Admiral!“ „Ew. Durchlaucht, ich bin ein Brite. Auch wollte — — ich nur ſagen, daß eine ſouveraine Herrſchaft, wie ſie hier geführt wird, mir als Ideal erſcheint, und Deutſch⸗ land würde nie eines andern Glückes bedürfen, wenn ſeine Fürſten alle und zu jeder Zeit in dieſem Sinne regieren möchten. Aber, wo gerathe ich hin? Ew. Durch⸗ laucht wollen mir dieſe Unziemlichkeit zu Gute halten. Meine Zeit ruft mich von hinnen. Herzlich bedaure ich es, daß es mir nicht vergönnt iſt, dem Prinzen Heinrich meine Hochachtung zu bezeugen.“ „Ja, lieber Admiral, dieſem Wildfang gefällt es noch immer, ſich in der Ferne umher zu tummeln.“ „Laſſen ihn Ew. Durchlaucht ungeſtört ſammeln. Er verſteht ſich darauf, und das Erworbene wird einſt ſei⸗ nem Lande zu Gute kommen.“ „Sie kennen ihn genauer, wie es ſcheint.“ „Mir ward in Wien die Ehre ſeiner Bekanntſchaft, und er würdigte mich ſeines Vertrauens. Seine Pläne ſetzten mich in Erſtaunen. Er kennt die Kräfte ſeines Landes genau und weiß, was Noth thut, um ſie aus ihrem Schlummer zu wecken.„„Wir gränzen mit der ee,““ ſagte er einſt.„„Es bedarf nur einiger Sandels⸗ Verträge mit fremden Nationen, und die Bahn iſt gebrochen. Die Flagge meines Landes wird nc einſt in fernen Welttheilen wehen.““ „Ich begreife,“ ſagte der Fürſt mit ironiſchem Lä⸗ cheln,„daß Aeußerungen ſolcher Art im Stande waren, ſelbſt die Phantaſie eines Briten zu entflammen. Viel⸗ leicht, Herr Admiral, iſt mein Sohn ſo eben damit beſchäftigt, die nöthigen Vorſtudien zu dieſen Unter⸗ nehmungen zu machen; denn mir ging heute die Nach⸗ richt zu, daß der Prinz ſich nach England eingeſchifft hat. Nur zweifle ich, daß das ſchottiſche Hochland der geeignete Ort iſt, um vortheilhafte Handelsverträge zum Abſchluß zu bringen!“ Der Admiral, welcher die Mißſtimmung des Fürſten wohl erkannte, hielt es für das Geeignetſte, ſich zu entfernen, und empfahl ſich:„Leben Sie wohl, gnä⸗ digſter Herr; möge es mir vergönnt ſein, in meinem Vaterlande dem jungen ritterlichen Herrn zu begegnen, und mit Freuden werde ich ihm meine Dienſte widmen.“ „Das wird Ihnen ſchwer werden,“ ſprach der Fürſt ſchnell;„denn der Prinz denkt auf dieſer Reiſe ein ſehr ſtrenges Incognito zu bewahren.“ „Ich werde mich beſtreben, es zu durchſchauen; in jedem Falle aber kann der Fürſt auf mich rechnen.“ Er entfernte ſich mit einer ehrerbietigen Begrüßung, ohne zu ahnen, wann und wie er an dies Verſprechen gemahnt werden würde. Der Fürſt blieb nachdenkend zurück und ließ ſeinen. Kanzler zu ſich entbieten. „½ ——— — — — Der Inhalt der prinzlichen Depeſche war übrigens, wie alle Hofgeheimniſſe, in den Vorzimmern des Für⸗ ſten der Gegenſtand der lebhafteſten Erörterung, und verbreitete ſich von da über Stadt und Land. Der Hofmarſchall, von der Ankunft des Couriers in Kenntniß geſetzt, war ſogleich erſchienen und machte Jagd auf den erſten Kammerdiener. Er nahm dieſen mit freundlichem Nicken bei der Hand und ſagte in dem vertraulichen Tone, der ihm alle die Herzen gewann, die er brauchte:„Nun, mein lieber Herr Bernhard, was haben Sie erfahren? Was brachte jener Courier?“ „O, Ew. Exellenz!“ entgegnete der Kammerdiener, der ganz die Ehre zu würdigen wußte, unter vier Augen der Vertraute des Hofmarſchalls zu ſein,„der Courier kam aus Amſterdam.“ „Aus Amſterdam? Wahrſcheinlich von unſerm jun⸗ gen Herrn? Nicht wahr, lieber Freund? Ja? Dachte ich es doch gleich! Geſchwind, was gibt es?“ „Der Prinz hat ſeinen Entſchluß kund gethan, ſich ſtehenden Fußes nach England einzuſchiffen. Als Grund gibt er eine Sehnſucht nach dem ſchottiſchen Hoch⸗ ide in „Schottiſches Hochkland? Was da?“ „Weiß nicht, Ercellenz! Muß auch wohl eine andere Urſache vorhanden ſein.“ 1** i5 „Und welche, Theuerſter? Haben Sie Ahnungen? Vermuthungen? Vertrauen Sie ſich mir.“ Der Kammerdiener legte den Finger auf den Mund, deutete auf das Herz, verbeugte ſich und ging. Dies Schweigen galt dem Hofmarſchall mehr, als der beredteſte Vortrag; er ging durch die Galerie.„Frei⸗ lich! Ich dachte es mir gleich. Wie konnte es auch anders kommen! Ich möͤchte nicht Geſandter an dem Hofe des Großherzogs ſein.“ Am Ende der Galerie begegnete er dem Hofiäger⸗ meiſter:„Nun, mein wackrer Nimrod, wohin? Was bringen Sie uns Neues von Ihrem Jagdſchloſſe?“ „Neues denke ich hier zu erfahren. Ein Courier iſt angekommen und Sie wiſſen vermuthlich ſchon...“ „Alles weiß ich,“ ſagte der Hofmarſchall wichtig. „Im Vertrauen, lieber Baron, der Prinz iſt— ich rechne aber auf Ihre unbedingte Verſchwiegenheit.“ Der Hofjägermeiſter legte die Hand auf's Herz, und der Hofmarſchall fuhr fort:„Der Prinz iſt nach Eng⸗ land, ohne Zuſtimmung des Fürſten. Durchlaucht ſind ſehr verdrießlich darüber; denn unſer Verhältniß zu England iſt nicht von der Art, daß man dort die An⸗ weſenheit unſeres Prinzen jetzt wünſchen könnte. Den Vorwand zu dieſer etwas abenteuerlichen Reiſe gibt die — Lieblingsidee unſeres Prinzen: Ausdehnung des deutſchen Seehandels. Es ſoll aber noch...“ „Was denn, theuerſter Graf?“ „Eine zarte Angelegenheit, eine allaire du coeur. „Wie? Sie ſagten?“ „Ich ſagte nichts!“ antwortete, ſich entfernend, der Hofmarſchall. Der Hofjägermeiſter erinnerte ſich, daß bei dem Eintritt in das Schloß der Hauptmann der Schloß⸗ wache ihn zu einer Flaſche Ungar eingeladen habe. Dahin begab er ſich jetzt. Bei dem zweiten Glaſe ſagte er:„Unſer Erbprinz iſt nach England. Ich erfuhr es ſo eben aus der ſicherſten Quelle. Er ſoll dort eine Liebſchaft haben, weit unter ſeinem Stande zwar, aber doch vornehm. Hochwild, wie wir Jäger ſagen. Nun, Adieu, lieber Hauptmann, haben Sie die Güte und behalten das Geſagte für ſich.“ Der Hauptmann mußte wohl, aber nicht lange; denn die Ablöſung kam und geſtattete ihm, von der Wache in das Kaffehaus zu gehen. Hier traf er meh⸗ rere Kameraden, und ſetzte ſich zu ihnen. „Unſer Wildberg kommt vom Schloſſe,“ ſagte Einer, „der bringt uns etwas Neues mit.“ „In der That, meine Herren! etwas Neues und Seltſames zugleich,“ antwortete der Hauptmann.„Bitte, rücken Sie mir näher, damit kein Fremder uns hoͤre.“ Es geſchah ſo. Die bewaffnete Macht ſteckte die Köpfe zuſammen und der Hauptmann ſagte flüſternd: „Unſer Erbprinz hat auf ſeiner Reiſe die Bekanntſchaft einer engliſchen Dame von Stande gemacht, und iſt von ihren Reizen ſo bezaubert, daß er ihr ſeine Hand angetragen hat. Da nun die Trauung in Deutſchland geradezu unmöglich iſt, ſo haben ſie ſich nach England eingeſchifft, um in Gretna-Green dieſen Actus zu vollziehen.“ Dieſe wichtige Angelegenheit hielt die Officiere ſo lange bei ihrem Frühſtücke feſt, daß die Börſenzeit herankam. In jenem Gebäude, wo die Ariſtokratie des Handels Geſetze gibt und umſtößt, heute Gold und morgen Papier auf den Thron erhebt, war heute überaus geſchäftige Bewegung. „Herr Abendſur!“ wurde gerufen, und dieſer, der mit großem Selbſtvertrauen einherging, ſah ſich um: „Was gibt's, lieber Bendir?“ „Was es gibt?“ fragte Bendix.„Im Vertrauen. Haben Sie niederländiſche Integrale? Oder franzöſiſche Renten?“ „Und was dann?“ „Geben Sie ſie weg. Laſſen Sie ſich warnen!“ Herr Abendſur ſchwieg. „Sie wollen nicht. Gut. Ich habe Sie gewarnt. Die Reiſe unſers Prinzen nach England hat etwas zu bedeuten. Ich habe es immer geſagt, Großbritannien iſt unſer natürlicher Verbündeter; jetzt werden wir es er⸗ leben. Weg mit den General⸗Staaten und Frankreich! Old England for ever! Die Bevollmächtigten Englands ſollen mit dem Handelstraktat ſchon unterwegs, und unſer Kabinet durchaus geneigt ſein, darauf einzugehen. Es ſind freilich nur noch Gerüchte, aber ich weiß, was ich weiß. Darum habe ich meine Papiere alle weg⸗ gegeben, und will engliſche Conſols kaufen.“ Herr Abendſur richtete ſich gravitätiſch auf und ſagte im Weggehen:„Sie werden keine mehr bekommen, Alles, was in dieſer Art auf hieſigem Platze habe ich bereits aufgekauft.“ Herr Abendſur verſchwand im Gedränge, Herr Bendir ſtand wie vom Donner gerührt, und Herr Claudius ſuchte ihn mit der Frage zu wecken:„Sie ſind auch er⸗ ſchrocken über die engliſche Neuigkeit? Es wird noch beſſer kommen. Unſer Erbprinz hat ſich im Auslande vermählt. Am Hofe iſt Alles in der äußerſten Ver⸗ wirrung. Der Geſandte des Großherzogs ſoll mit der größten Entrüſtung ſeine Päſſe gefordert haben. Ge⸗ ben Sie Acht, unſere Kammerbriefe gehen um 2 Pro⸗ eent zurück.“ So hatten Abendſur, ſo Bendir, ſo Claudius und ſo A. B. C. geſprochen. Es ging in dieſer Weiſe weiter, das ganze Alphabet hindurch, und als die Börſe beendet war, trug es die Poſt ſchwarz auf weiß und in der wech⸗ ſelndſten Form in alle Lande. Als ein Pröbchen dient folgendes Schreiben, welches ſich nach einigen Tagen in dem Hamburger unparteiiſchen Correſpondenten befand. * Den 12. Mai. Sier iſt Alles in der größten Aufregung. Unſer Erbprinz, der ſich ſeit längerer Zeit im Auslande aufhält, hat den Befehl erhalten, ſich ſchleunigſt hierher zu begeben, um ſich mit der Prin⸗ zeſſin Juliane, Tochter des Großherzogs, zu vermählen. Der Prinz zögert. Ein aus den Niederlanden einge⸗ troffener Courier ſoll den Grund dieſer Zögerung hier⸗ her gebracht haben. Ueber den Inhalt der eingegange⸗ nen Depeſchen verlautet nichts Beſtimmtes, aber Ge⸗ rüchte mancherlei Art find im Umlauf. Der Prinz hat die Bekanntſchaft einer Britin von Stande gemacht, und iſt ihr nach England gefolgt, wahrſcheinlich, um ſich mit ihr zu vermählen. Der großherzogliche Ge⸗ ſandte iſt hierüber ſehr entrüſtet und hat an unſer Ka⸗ binet eine energiſche Note gerichtet.— Von anderer Seite her wird dieſes Gerücht für durchaus nichtig er⸗ — — — klärt, und man legt der Reiſe des Prinzen ganz andre Motive unter. Es ſoll von einem ausgedehnten Han⸗ delstraktat die Rede ſein, der uns in engliſchen Häfen die den begünſtigteſten Nationen zuſtehenden Rechte ſichert, und England auf unſern Seeplätzen ein gleiches Recht einräumt. Die Conferenzen, welche der engliſche Ge⸗ ſandte ſeit einiger Zeit mit unſerm Kanzler gehabt hat, ſprechen dafür. In dem franzöſiſchen und dem hol⸗ ländiſchen Gefandtſchaftshotel ſoll eine große Aufre⸗ gung herrſchen, und in der That würde das Intereſſe jener Länder durch unſere Allianz mit England beden⸗ tend geſchwächt werden. Die genannten Botſchafter ha⸗ ben Depeſchen an ihre Höfe geſandt und um nähere Inſtructionen gebeten. Man glaubt, ſie würden abbe⸗ rufen werden. Der engliſche Geſandte ſpeiſte heute bei Sr. Durchlaucht. Zweites Kapitel. Die letzten Strahlen der Sonne drangen durch die grünen Buchenkronen in Effingham⸗Park und ſtreu⸗ ten ihr flüſſiges Gold auf Blatt und Blüte. Das ſchüchterne Wild ruhte ſorglos auf den weiten Bowling⸗ greens, der Käfer umkreiſte die halberſchloſſene Blume, in den dichten Laubgewölben erwachte die Nachtigall zum i abendlichen Geſang. Rings umher war tiefe, feier⸗ liche Stille. An dem einen Ende einer langen Allee erſchien ein junges Mädchen; ſie ſchritt langſam vor und blickte ſpähend nach allen Seiten; oft ſtand ſie ſtill und beugte den Kopf horchend vorüber. Bald darauf erſchien an dem andern Ende ein junger Mann in einfacher Tracht; er war augenſcheinlich ſehr gelaufen und trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn. Als Beide ſich gewahrten, machten ſie ſich Zeichen und kehrten dann in größter Haſt des Weges zurück, den ſie gekommen. Eine Viertelſtunde ſpäter luſtwandelte in der Allee eine überaus ſchöne Dame. Ihr ſittiges Errbthen zeigte, daß ihr Zartgefühl dieſen Spazirgang nicht billige, aber die Empfindungen ihres Herzens waren ſo innig, daß ſie zu ſchwach war, ſich denſelben zu verſagen. Je weiter ſie vordrang, deſto langſamer wurde ihr Schritt, und als nun gar nach einer Weile eine hohe männliche Geſtalt ihr gegenüber erſchien, machte ſie Miene, wieder umzukehren. Der Fremde war ihr ſchnell zur Seite: „Wie danke ich Ihnen würdig für dieſen Beweis Ihres Wohlwollens, Miß Sara? Alle meine Gedanken, meine Empfindungen, meine Gefühle ſind Ihnen ſchon geweiht. Ich habe nichts mehr Ihnen zu geben.“ „Ihre Gaben, Sir, ſind ſo groß, daß ich mich —— ſcheuen muß, ſie anzunehmen!“ ſagte die Dame zögernd. „Wie Miß? Sie weiſen mich zurück? Gereut es Sie bereits, einen Augenblick lang Ihre unſchätzbare Gunſt Ihrem glühendſten Verehrer zugewendet zu haben?“ Die Dame neigte verneinend das Haupt. „Unſere Bekanntſchaft iſt noch neu, würden die Weltmenſchen ſagen; aber Sie und ich, theure Sara, ſind von höheren Empfindungen beſeelt. Als ich das Glück hatte, in Wien auf jenem glänzenden Ball mit Ihnen zum erſten Male zuſammenzutreffen...“ „Ew. Durchlaucht erinnern mich an meine Schwäche.“ „O ſtill, Sara, ſtill!“ entgegnete der Fremde, der Niemand anders war, als derſelbe Prinz Heinrich, der in ſeiner Heimat Stoff zu ſo vielen Vermuthungen gegeben hatte.„Das iſt wider die Abrede. Wir ſahen und liebten uns! Unſere Herzen flogen ſich in dem⸗ ſelben Augenblicke entgegen. Sie haben mir es ſelbſt geſtanden.“ „Und mir dies Geſtändniß nie vergeben.“ „Hätte ich ahnen können, daß mein Glück ſobald ein Ende nehmen ſollte? Ihr Vater blieb in Deutſch⸗ land zurück; Sie reiſten mit Ihrer Tante den nächſten Weg in die Heimat; reiſten, ohne mir vorher irgend Etwas davon zu ſagen, und mir nichts zurückzulaſſen, — 18— als einige mit der Feder hingeworfene kalte Abſchieds⸗ worte.“ „Ich wollte mich ſelbſt ſtrafen.“ „Und haben mich tief betrübt. Sie waren fort, und mit Ihnen aller Reiz verſchwunden, den Wien für mich hatte. Wohin hatten Sie ſich gewendet? Ich verließ den Kaiſerhof, um Ihre Spur außzuſuchen, die Sie mir ſorgfältig verborgen hielten. Aber, was wäre der Liebe unmöglich? Ich fand Sie, Sara, fand Sie hier, im väterlichen Hauſe, einſam, ſchweigend. 6 „Hören Sie auf, Prinz! Nichts 6 ich bitte Sie.“ Aber der junge, feurige Fürſt achtete nicht auf dieſe Bitte; er hatte der Dame den Arm geboten, und wäh⸗ rend Beide in der Allee auf- und abgingen, ſprach der Prinz mit einem Feuer und einer Beredſamkeit, worauf die Dame immer weniger zu entgegnen wußte, und endlich hoch erröthend, mit Thränen in den Augen, ausrief:„O, Heinrich, was machen Sie aus mir? Es ſei, ſo wie Sie ſagen.“ „Triumph!“ rief der Prinz und ſchloß das ſchöne Weib in ſeine Arme. Noch ein Wort der Liebe, noch einen Kuß, dann trennten ſie ſich. Die Zofe eilte zur Dame, der Diener zu ſeinem Herrn. Einige Stunden ſpäter, als tiefe Nacht auf der Gegend ruhte, trafen Zofe und Diener in derſelben Allee wieder zuſammen; ſie wechſelten flüſternd einige Worte, worauf ihre Gebieter erſchienen, und alle Vier dem Ausgang des Parkes zuſchritten. Bald darauf hörte man das Rollen eines Wagens. Sir Algenor Effingham hatte unterdeſſen ſeinen Aufenthalt in Deutſchland ſehr abgekürzt. Als er wäh⸗ rend der Abſchiedsaudienz bei dem Fürſten Felir die Nachricht erhielt, daß Prinz Heinrich ſich nach Eng⸗ land eingeſchifft habe, wußte er ſich zwar zu beherr⸗ ſchen, aber ſie war ihm ein Stich in's Herz. Er hatte zu Wien die Annäherung des Prinzen an ſeine Toch⸗ ter wohl bemerkt, es auch nicht verhindern können, daß ſie ſich, wenn gleich ſtets nur auf kurze Zeit, ohne Zeugen ſprachen. Auf ſeine Veranſtaltung war es hauptſächlich geſchehen, daß Sara mit ihrer Tante unvorbereitet nach England abreiſte. Er wußte dieſer Reiſe einen wahrſcheinlichen Grund zu verleihen, und vermied es daher, mit ſeiner Tochter über ihr Ver⸗ hältniß zu dem Prinzen zu ſprechen. Daß zwiſchen Beiden bereits Geſtändniſſe und Gelöbniſſe gewechſelt waren, ahnte er freilich nicht. Als der Admiral erfuhr, daß der Prinz ſich nach England eingeſchifft habe, war ihm die Urſache dieſer Reiſe ſogleich klar. Er beſchleunigte ſeine Abreiſe ſo 2 ſehr er nur konnte, und langte gerade zwei Tage nach der Unterredung an, die ſeine Tochter mit dem Prin⸗ zen in Effingham⸗Park gehabt hatte. Miß Sara war nicht zurückgekehrt. Effingham⸗ Houſe war leer. Die wenigen anweſenden Diener be⸗ theuerten, nichts zu wiſſen; die einzige Zofe, die ge⸗ naue Auskunft hätte geben können, war ebenfalls nicht zurückgekehrt. In dem erſten Augenblicke ſchäumte Sir Algenor vor Zorn. Daß ſeiner Familie ein ſolcher Schimpf zugefügt worden, verletzte ihn tief; er war gegen den Urheber dieſer Beſchimpfung äußerſt aufge⸗ bracht, und wäre der Prinz ihm entgegengetreten, es würde zu ſehr erſchütternden Auſtritten gekommen ſein. Aber Heinrich hütete ſich wohl eine ſolche Zuſammen⸗ kunft zu veranlaſſen, und der Admiral behielt Zeit ge⸗ nug, ſich zu ſammeln, und zu überlegen, welche Maß⸗ regeln er zur Aufrechthaltung ſeiner Ehre zu nehmen hätte. Andern Tags lief ein Billet für ihn ein. Es lautete: „Weiß ich doch kaum, wie ich Sie anreden, wie ich mich bei Ihnen entſchuldigen ſoll. Dürfte ich Sie Vater nennen, dann wäre ich dieſer Entſchuldigung überhoben. Aber dieſes Vorrechts, wonach ich geize, habe ich mich leichtſinnig begeben, als ich Sie in Ihren heiligſten Intereſſen beleidigte. Sara und ich machen uns die bitterſten Vorwürfe, daß wir nicht ein offenes Bekenntniß wagten und von Ihrer Liebe empfingen, was wir ertrotzen zu müſſen glaubten. Verzeihung uns, theurer, innig verehrter Mann. Und wenn Sie glau⸗ ben, mir, dem Beleidiger, dieſe heißerſehnte Verzeihung weigern zu müſſen, ſo denken Sie Ihres ſchuldloſen Kindes, empfangen Sie Saxa ohne Groll und erthei⸗ len Sie ihr den väterlichen Segen, ohne welchen ſie nicht glücklich ſein kann. Hören Sie ihr jammerndes Leid, das Sie um Erbarmen anfleht. Heinrich.“ Der Admiral hatte dieſe Zeilen kaum geleſen, als er ſogleich folgende Antwort erließ: „Wie kann Jemand Erbarmen von mir fordern, der keines mit mir hatte? Aber ich bin kein Tyrann, kein Henker. Ich bin als Cavalier in meinem heiligſten Intereſſe gekränkt; man iſt mir Genugthuung ſchuldig und ich würde ſie ohne Bedenken nehmen, wenn nicht der Mann, von dem ich ſie zu fordern hätte, der Gatte meines einzigen Kindes wäre. Gott vergebe Ihnen, was Sie mir gethan haben, ich bin es nicht im Stande, denn Sie haben grauſam jede Hoffnung meines Lebens zerſtört. Sie werden das einſt bitter bereuen, das ſei Ihre Strafe.— Meine Tochter hat ſich ſelbſt meiner — —— ——— —— —— Sorge um ſie enthoben. Ich haſſe ſie nicht, ich fluche ihr nicht; ich wünſche ſogar, daß ſie glücklich ſein möge; aber mein blutendes Herz ſagt mir, ſie kann es nicht ſein. Ich will ſie nicht wiederſehen. Sie wird nichts einbüßen; was ihr gehörte, was einſt das ihrige werden ſollte, wird ihr ſeiner Zeit gewiſſenhaft verabfolgt wer⸗ den. Meinen Anblick hat ſie verſcherzt. Sagen Sie ihr das, und bringen Sie ihr mein letztes Lebewohl. Ich gehe jetzt, um die unerläßliche Pflicht des Ed⸗ mannes und Officiers zu erfüllen, und dann mein Leben in tiefſter Einſamkeit zu beſchließen. Alle Träume, alle Pläne, die ich noch vor Kurzem hegte, ſind durch dieſes Ereigniß für immer aus meinem Gedächtniß vertilgt. Algenor.“ Dieſer Brief wurde mit dem Boten des Prinzen zurückgeſendet; er war nicht geeignet, den Empfängern Freude und Glück zu bereiten. Sir Algenor fand ſich zunächſt veranlaßt, an den Fürſten Felir zu ſchreiben. Er beſchwor ihn, zu glau⸗ ben, daß nicht er Veranlaſſung zu dieſem unſeligen Vorfall gegeben, der die Ehre beider Häuſer für immer compromittirt habe. Mit Ruhe und Klarheit ſetzte er dem Fürſten Alles auseinander, und ſchloß mit der Verſicherung, auf dieſe Vermählung durchaus keine Rückſicht zu nehmen, ſo wie Alles gut zu heißen, was — der Fürſt in dieſer Beziehung irgend zu thun für recht befinden möchte, ſobald es im Angeſichte der Ehre ſtehe und nicht ſein Kind verletze, das er zwar nicht wieder⸗ ſehen, doch auch nicht gekränkt wiſſen wolle. Dies war ungefähr der Inhalt des Schreibens Sir Algenor's an den Fürſten Felix, das, ſoviel man erfah⸗ ren hat, nicht beantwortet worden iſt. Nachdem dieſer Schritt gethan war, reichte Sir Al⸗ Wenor bei der hohen Admiralität ſeine Entlaſſung ein, und zog ſich dann nach Effingham-Houſe zurück. Hier lebte er in tiefſter Zurückgezogenheit. Kein Fremder durfte gemeldet, kein Brief angenommen werden. Sir Algenor hatte mit der Welt abgeſchloſſen. Auch Heinrich und Sara verſchwanden aus dem Verkehr der Welt. Nicht lange, nachdem ſie den Brief des erzürnten Vaters empfangen, ſah man ſie in einem kleinen Küſtenhafen erſcheinen, wo eine Brigg ſegelfertig lag, die ſie wahrſcheinlich erwartete. Man begab ſich an Bord, alſobald wurde der Anker gelichtet und die Brigg ſteuerte ſeewärts. Sie ſetzte ihren Cours nach dem Atlantiſchen Ocean und entſchwand ſchnell aus den Blicken der wenigen Neugierigen, die bei ihrer Abfahrt zufällig am Strande verſammelt waren. Drittes Kapitel. An der würzig duftenden Küſte des ſüdlichen Frank⸗ reichs lag, fern von dem lautem Treiben der Städte, eine ſtattliche Villa, umgeben von blühenden Gärten und anmuthigen Hainen. An jener Stelle, wo der reiche Blumenflor endete und das künſtlich angelegte Wildgehege begann, war ein ſtilles, heimliches Plätz⸗ chen, von welchem man eine herrliche Ausſicht auf das prächtig dahin wogende blaue Meer hatte. Ein kleiner Pavillon erhob ſich hier unter hochragenden Bäumen, umrankt von vielzweigigem Epheu, und bot dem bis⸗ hierher gelangten Wanderer ein willkommenes Ruhe⸗ plätzchen dar. Hier ſaß auf einer weichen Moosbank eine edle Dame von hoher Schönheit und ſah mit inniger Theil⸗ nahme dem ſchuldloſen Spiele eines kaum zweijährigen Knaben zu, der nach bunten Schmetterlingen haſchte, und mit Blumen nach ihnen warf. Mitten in dieſer rührenden Empfindung des Mutterglücks mochte die edle Dame plötzlich von einer trüben Erinnerung bewäl⸗ tigt werden; denn ſie ſenkte die ſchönen Augen, eine trübe Wolke des Unmuths deckte ihre Stirn und eine Thräne perlte die Wange herab. Ganz in ihren Ge⸗ — danken verſenkt, hatte ſie die Ankunft ihres Gatten nicht vernommen, der ſie einen Augenblick lang mit der innigſten Liebe betrachtete, und ſich dann zu ihr herab⸗ beugend ſprach:„Geliebteſte! Laß mich dieſe bittere Thräne von Deinem Antlitze küſſen.“ Ein Strahl der Freude flog über das Geſicht der Dame, dann warf ſie ſich mit überſtroöͤmenden Augen an ſeine Bruſt und rief bebenden Tones:„Heinrich!“ „Was iſt Dir, theure Sara!“ entgegnete beſorgt der Gatte.„Was iſt vorgefallen? Deine Aufregung iſt ungewöhnlicher Art. Sprich, ich bitte Dich, was haſt Du?“ „Es iſt heute meines Vaters Geburtstag!“ antwor⸗ tete Sara traurig.„Dieſer Tag war ſonſt ein Tag des Glückes für ihn, für mich, für Alle, die auch nur ent⸗ fernt ihm angehörten. Ich bin von ihm gegangen, er hat meinen Ausgang nicht geſegnet; er hat unſern Kna⸗ ben nicht geſegnet; er weiß nicht einmal, daß er in der Welt iſt; denn unſer Brief kam uneröffnet zurück. O, es iſt ſchrecklich, von der Schwelle des Vaterhauſes ver⸗ bannt zu ſein!“ „Sara!“ rief erſchüttert der Gatte. „Vergebung, mein theurer Freund, Vergebung! Dir gehöre ich an mit allen meinen Empfindungen und Ge⸗ danken; Du allein herrſcheſt in meinen Herzen. Ich II. 2 — bin eine Thörin, die nicht weiß, was ſie will! Du biſt meine Wahl, Dir folge ich bis an das Ende der Welt. Es iſt das letzte Mal, daß Du mich ſo triffſt; dieſer Tag, ſeine Bedeutung, die Gewalt der Erinnerung riſſen mich hin.“ Statt aller Antwort ſchloß Heinrich das geliebte Weib in ſeine Arme. „Wie ziemte es mir auch,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort und verſuchte zu lächeln,„Dir gegenüber von dem zu reden, was ich verlor. Dir gegenüber, der mir Alles opferte, was groß, ſchön und herrlich iſt! Gabſt Du nicht freudig hin, was die Menſchheit bewundert und preiſt, ſtiegſt Du nicht herab von den Höhen des Lebens„ „Nicht weiter, Sara!“ ſprach der Gatte mild und ernſt.„Wie wachen alle dieſe Träume in Deiner Erin⸗ nerung auf? Haben wir uns nicht gelobt, daß von unſerer Vergangenheit nicht mehr die Rede ſein ſoll? Hin iſt hin; verloren iſt verloren! Wir leben in einer glücklichen Gegenwart. Was bedarf es mehr?“ Er reichte ihr lächelnd die Hand, die ſie dankbar an ihr Herz drückte; dann riefen ſie den Knaben herbei, und freundlich mit ihm tändelnd vergaßen ſie alle Sorge und Bekümmerniß. Bald darauf kam ein Diener und brachte ein Schrei⸗ —— ben. Es war von nicht geringem Umfange und wies ein ſtattliches Siegel. Heinrich hatte es nicht ſobald erblickt, als er erbleichte; Sara folgte allen ſeinen Bewegungen. „Wir ſind entdeckt!“ ſprach Heinrich dumpf. „Unmöglich!“ rief Sara. Betrachte dies Siegel; der Brief kommt aus dem Kabinete meines Vaters!“ Heinrich verſank in tiefes Nachſinnen und Sara ſprach vor ſich hin:„Das war es! Nun erfüllt ſich meine trübe Ahnung. Die Tage des Glückes und der „Freude ſind vorüber.“ Unterdeſſen hatte Heinrich das väterliche Schreiben eröffnet und fand ſich durch den Inhalt deſſelben getäuſcht, bewegt, erſchüttert. Keine Vorwürfe, keine Aeußerung des Zornes; nur väterliche Liebe, unbegränztes Wohl⸗ wollen.„Ich habe,“ ſchrieb der Fürſt unter andern, „eine lange, glückliche Zeit verlebt; ich beſaß, was ſelten ein Fürſt beſitzt, die unwandelbare, ungeheuchelte Liebe meines Volkes. Ich ſcheide von ihm mit dem Bewußt⸗ ſein, es glücklich gemacht zu haben. Ja, mein einziger Sohn, ich ſcheide. Nur noch wenige Tage ſind mir zugemeſſen. Eine ſchmerzhafte Krankheit hat mich auf das Siechbette geworfen, und ich täuſche mich nicht, ich werde nicht wieder von demſelben erſtehen. Nun aber, 2* mein theurer Heinrich, habe ich noch einen Wunſch, noch einen, ohne deſſen Erfüllung mir der Abſchied von dem Leben ſehr ſchwer werden würde: ich möchte Dich noch einmal ſehen, Dich noch einmal an mein Herz ſchließen, Dich ſegnen. Soll mir dieſer Wunſch erfüllt werden? Dann aber muß es bald ſein; ich fühle es, wie meine Kräfte ſchwinden, und ich habe nicht viele Stunden mehr zu verlieren. Dies habe ich Dir, gelieb⸗ ter Sohn, ſagen wollen. Handle nun nach Deiner Einſicht. Wenn Dein Herz Dich nicht zu mir führt, meine Worte müſſen es nicht.“ Heinrich hatte ſeiner Gattin in tiefſter Bewegung dieſen Brief des Vaters vorgeleſen. Als er geendet hatte, rief ſie leidenſchaftlich:„Eile, mein Freund! Eile! fliege! um die theure Stätte zu erreichen, ehe es zu ſpät iſt! Dich ruft ein Vater! Hoͤrſt Du es, Du Glück⸗ licher? Ein Vater ruft Dich! Du wirſt an ſeinem Her⸗ zen ruhen, wirſt ſeine Hand mit Deinen Küſſen bedecken, und dieſe Hand wird ſegnend auf Deinem Haupte ruhen. Eile, und bringe dieſen Vaterſegen Deinem Weibe und Deinem Sohne! Eile, eile, mein Geliebter!“ Sara war ſo heftig erſchüttert, daß Heinrich es für dringend erkannte, ſeine eigene Bewegung zu bemeiſtern und Sara in das Haus zurückzuführen. Hier überließ er ſie der Sorge ihrer Kammerfrau und ging dann ernſtlich mit ſich ſelbſt zu Rathe. Als Sara ſich erholt hatte, kehrte ſie zu ihrem Gatten zurück, und ſie berie⸗ then gemeinſchaftlich, was jetzt zu thun ſei. Das Re⸗ ſultat ihrer Unterredung war, daß Heinrich reiſen ſolle, und da man nicht wiſſen konne, wie ſchnell es mit dem alten Fürſten zu Ende ginge, wurde bereits der nächſte Morgen zur Abreiſe feſtgeſetzt. Alle Anſtalten wurden ſchleunig getroffen, und mit dem anbrechenden Morgen fuhr Heinrich aus der neuen Heimat, um der alten zuzueilen, die er nicht gehofft hatte, wiederzuſehen. Einige Tage nach Heinrich's Abreiſe, als Sara ein⸗ ſam in dem nahe gelegenen Geholz luſtwandelte und ihrem Lieblingsplatze ſich näherte, wohin die Wärterin bereits mit dem Knaben gegangen war, trat ihr ein Fremder entgegen, der ſich mit dem feinſten Anſtande vor ihr verneigte. Es war ein hoher, ernſter Mann, bereits dem Greiſenalter nahe; aber mit einem Angeſicht voll Liebe und Milde, mit einem Auge, das tief in das Innere der Herzen drang und alle Gemüther für ſich zu gewinnen wußte. „Verzeihung, gnädige Frau!“ ſprach der Fremde; „aber ich glaube nicht zu irren, wenn ich in Ihnen die Gräfin Althing zu erblicken glaube.“ Sie bejahte. Unter dem Namen eines Grafen Althing hatte ſich Heinrich in Südfrankreich angekauft. — 6 „Mein Erſcheinen darf Sie nicht befremden, Frau Gräfin,“ fuhr der Fremde fort.„Mein Name iſt Reinhold, ich bin ein Deutſcher und meinem Stande nach ein Geiſtlicher. Ich hatte vor Jahren die Ehre, Ihren Herrn Gemahl ziemlich genau zu kennen..“ Sara bewegte ungläubig das Haupt, der Fremde ſchien nicht darauf zu achten und ſprach weiter:„Da mir nun durch Zufall ſein hieſiger Aufenthalt bekannt wurde, wollte ich mich ihm vorſtellen— erfahre aber zu meinem Bedauern, daß er ſeit einigen Tagen verreiſt iſt und vielleicht erſt wiederkommen wird, wenn ich bereits abgereiſt bin.“ „In der That,“ entgegnete Sara,„vermag ich Ihnen über die Ruckkehr meines Gatten nichts Beſtimmtes zu ſagen.“ „Ich weiß, Frau Gräfin, er eilt zu dem Sterbebette ſeines Vaters!“ Sara wich erbleichend zurück; jener fuhr fort: „Möge nur Gott geben, daß er ihn am Leben trifft; der Vater hat ſich ſo herzlich nach ſeinem Kinde geſehnt. Mein Gebet begleitet ihn.“— Der Fremde hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er fort:„Ich wünſche nicht, vurch ein geheimnißvolles Auftreten zu imponiren. Ihr Incognito iſt mir nicht unbekannt; ich war der Jugend⸗ lehrer des Prinzen Heinrich und alle ſeine Intereſſen — ſind auch die meinigen. Freilich— ich verhehle Ihnen das nicht,— ſind die Unterthanen unſeres Fürſten⸗ thums von tiefem Schmerz ergriffen, daß der Sohn des Fürſtenhauſes, auf den ſie alle ihre Hoffnungen ſetzten, ſich von ihnen gewendet hat und ſein Vaterland mit dem Rücken anſchaut, mit Beharrlichkeit alle Hoffnungen, alle Erwartungen, ja, ich darf wohl ſagen, alles Glück veſſelben zertrümmert.“ „Nein, nein!“ rief Sara angſterfüllt. „Es iſt, wie ich ſage,“ fuhr der Geiſtliche fort. „Gewiß hat Ihr Gemahl Ihnen die eigentliche Lage der Dinge verhehlt. Es ſieht ihm ähnlich. Von jeher war er bereit, Opfer zu bringen; aber er wußte dem Empfünger ſtets zu verbergen, was ſie ihm koſteten. So ſei es denn mir vergönnt, Ihnen einen kurzen Ab⸗ riß von den obwaltenden Verhältniſſen zu geben.“ Der Geiſtliche ſprach nun mit hinreißender Bered⸗ ſamkeit von dem Glücke, der Beherrſcher von Tauſen⸗ den zu ſein, und wie Heinrich durch ſein Bündniß dies auf immer verſcherzt habe:„Doch dies möchte ſein, verlöre Niemand dabei, als er ſelbſt. Hier aber wal⸗ ten andere Verhältniſſe ob. Heinrich iſt der einzige Sohn des Fürſten Felir, kein direkter Erbe iſt da. Be⸗ freundete deutſche Fürſten machen Anſpruch auf den Staat; es melden ſich mehrere Prätendenten. Jeder — von ihnen iſt, nach ſeiner Meinung, mit den glaubwür⸗ digſten Zeugniſſen verſehen, Jeder glaubt, die unabweis⸗ lichſten Anſprüche zu haben, Jeder iſt entſchloſſen, ſein Recht bis zum Aeußerſten geltend zu machen. Kaum hat der alte Fürſt ſein Auge geſchloſſen, ſo werden ſie ſich von allen Seiten erheben, und noch ruht die Leiche nicht in dem Grabgewölbe der Väter, als auch ſchon der Parteikampf beginnt. Der Friede weicht aus dem ſonſt ſo glücklichen Lande, und der Boden deſſelben fürbt ſich vielleicht mit Bürgerblut, weil der rechtmä⸗ ßige Gebieter ſeinem Volke den Rücken kehrte.“ „Halten Sie ein!“ rief Sara zitternd.„Wer gibt Ihnen das Recht, in dieſem Tone mit mir zu ſprechen?“ „Mein Vaterland!“ antwortete der Geiſtliche uner⸗ ſchrocken;„das unglückliche Schickſal, das demſelben muthmaßlich bevorſteht, und die Hoffnung, es retten zu können; denn ich baue auf ihr großes, edelmüthiges Herz, das ſich den Bitten eines ganzen Volkes nicht verſchließen wird, als deſſen Wortführer ich hier erſcheine.“ Es herrſchte einen Augenblick lang tiefe Stille zwi⸗ ſchen Beiden; dann aber nahm der Geiſtliche wieder das Wort und ſchilderte mit den glühendſten Farben das Geſchick ſeines Vaterlandes. Was er vorhin nur mit wenigen Worten angedeutet hatte, das malte er bis in das geringſte Detail aus, und regte das unglück⸗ liche Weib ſo ſehr auf, daß Sie mit überſtrömenden Augen rief:„Halten Sie ein! Um Gotteswillen, hal⸗ ten Sie ein! Was kann, was muß geſchehen, um die⸗ ſem Unheil vorzubeugen?“ „Es gibt nur ein Mittel!“ antwortete der Geiſt⸗ liche.„Prinz Heinrich muß ſeiner Einſamkeit entſa⸗ gen, er muß die Regierung antreten und eine ſtandes⸗ mäßige Ehe eingehen.“ „Mein Herr, ich bin ſeine Gattin!“ „Ich weiß es. Aber eine Gattin, die ihren Gat⸗ ten über Alles liebt und bereit iſt, jedes Opfer zu brin⸗ gen, um ihn zu beglücken.“ „Und was müßte ich thun?“ fragte ſie zitternd, denn ſie wußte es wohl. „Sich von ihm trennen.“ „Er wird es nicht zugeben.“ „Nein, er wird es nicht!“ entgegnete der Geiſtliche, „darauf kenne ich ihn, und darum müſſen Sie für ihn thätig ſein. Aber jetzt nicht weiter; Sie ſind erſchöpft und bedürfen der Erholung. Begeben Sie ſich in Ihre Zimmer; überlegen Sie, was Sie von mir erfahren haben, und dann handeln Sie. Nehmen Sie mein hei⸗ liges Wort, das Wort des Ehrenmannes und Prieſters, daß man nichts Unehrenhaftes von Ihnen fordern wird, 2** — 831— daß man auch nicht geſonnen iſt, Sie zu etwas zu zwin⸗ gen. Alles muß Ihr reiner, freier Entſchluß ſein. Aber was Sie uns geben, das wollen wir, Sie ſeg⸗ nend, mit dankbarem Herzen empfangen. Wollen Sie mir geſtatten, Sie Morgen in Ihrer Behauſung auf⸗ zuſuchen?“ Sara bejahte ſchweigend, den Tod im Herzen, und der Geiſtliche entfernte ſich, ehrerbietig grüßend. Am andern Tage ſtellte ſich derſelbe zur ſchick⸗ lichen Stunde ein und wurde von Sara empfangen. Beide hielten eine lange Unterredung mit einander, die nur Gott zum Zeugen hatte. Als ſie geendet war, ſprach der Geiſtliche: „Bis hierher hat uns Gott geholfen, nach ſeiner ewigen Barmherzigkeit! Sein Name ſei geprieſen! Knieen Sie nieder, meine Tochter, und empfanger Sie ſeinen Segen, durch mich, den geweihten Diener.“ Sara kniete nieder, bleich und kalt, wie ein Mar⸗ morbild. Der Prieſter ſegnete ſie mit bewegter Stimme: dann ſagte er:„Sie überlaſſen es mir, Alles anzuordnen?“ „Da ich ihn aufgegeben habe,“ ſprach ſie tonlos, „iſt mir alles Andere gleichgültig. Wenn Ihre Vor⸗ bereitungen beendet ſind, geben Sie mir Nachricht, und ich werde der eiſernen Nothwendigkeit gehorchen.“ Sie ging in ihr Kabinet zurück. Der Geiſtliche blieb 1 allein. Er blickte ihr mit einiger Theilnahme nach und ſprach mit Rührung:„Sie bekümmert mich tief, und mit blutendem Herzen habe ich meine Pflicht gethan.“ Er ſetzte ſich und ſchrieb: „Alles iſt gelungen und das*sſche Land behält einen Fürſten, der unſerer Kirche zugethan iſt. Die Intriguen unſerer Feinde ſind unſchädlich gemacht. Alle ihre künſtlichen Projekte wurden zu Schanden durch den hohen Muth eines tugendhaften Frauenherzens. In frühern Jahrhunderten würde man vielleicht mit großem Prunke ein ſolches Weib kanoniſirt haben; wir wollen uns in dieſer aufgeklärten Zeit darauf beſchränken, ihr Erden⸗ loos ſo angenehm als möglich zu machen.“ Viertes Kapitel. Die Krankheit des Fürſten zog ſich in die Länge. Heinrich, von ihm mit der innigſten Liebe, ohne den geringſten Vorwurf empfangen, verließ ihn nur ſelten, das Schloß aber gar nicht. Die Zeit ſeiner Muße wandte er dazu an, lange Briefe an ſeine Sara zu ſchreiben, ſie über ſeine Abweſenheit, die er nothge⸗ drungen verlängern müſſe, zu troſten, und ihr das ein⸗ ſtige Wiederſehen mit den lebhafteſten Farben auszu⸗ — malen. Er ſchickte dieſe Briefe, begleitet von heißen Segenswünſchen ab, und ahnte nicht, daß keiner der⸗ ſelben ſeine Beſtimmung erreichen würde. Seine Unruhe wuchs von Tage zu Tage; er hatte mit Sara auf das Genaueſte eine Correſpondenz und den Gang derſelben verabredet; aber keine Zeile von der Hand der Ge⸗ liebten ging ein. Er war verdrießlich, einſilbig, und ſchwebte in ſteter Angſt. Seine Phantaſie malte mit der treuſten Beharrlichkeit tauſend Schreckbilder aus, er dachte ſich das Abenteuerlichſte, das Seltſamſte, und hatte keine andere Sehnſucht, keinen andern Ge⸗ danken, als fort und hin zu ihr. Aber je größer ſeine Sehnſucht war, deſto unüber⸗ ſteiglicher wurden die Hinderniſſe. Der Fürſt wurde ſichtbar ſchwächer, und es gehörte kein großer Prophe⸗ tengeiſt dazu, die Stunde ſeines Todes vorher zu ſa⸗ gen; ſie war nicht auf lange hinausgeſchoben. Heinrich hielt treu bei dem Vater aus, der die Hand des Soh⸗ nes feſt umklammert hielt und ihn mit einem un⸗ ausſprechlichen Blicke anſah:„Ich hinterlaſſe Dir einen koſtbaren Schatz, Heinrich,“ ſprach er mit hin⸗ ſterbendem Tone,„Du biſt ſein einziger Erbe; ver⸗ ſchleudere ihn nicht. Es iſt die unbegränzte Liebe eines Volkes, die ich Dir hinterlaſſe. Es wird mich bewei⸗ nen, aber auf Dich zählen. Täuſche es nicht, betrüge es nicht; Du biſt der Wächter und Schützer ſeines Heils!“ Heinrich war in großer Aufregung und betheuerte, alle Gebote des Vaters heilig zu erfüllen. Was hätte er nicht in dieſem Augenblicke verſprochen! „Man hat mir,“ fuhr der Vater langſam fort, „verſichern wollen, Du habeſt Dich im Auslande ver⸗ mählt.— Ruhig, mein Sohn! Vertheidige Dich nicht. Ich habe nie daran glauben wollen, will nicht daran glauben, und haſſe Jeden, der mir davon ſpricht. Ich kenne Dich beſſer, Du brauchſt mir Deine Unſchuld nicht zu betheuern!“ Der Prinz war außer ſich; gewaltſam drängte es ihn zu reden; aber Furcht, das nahe Ende des Vaters noch zu beſchleunigen, verſchloß ihm den Mund. Er ſchwieg. „Noch bleibt mir einige Kraft!“ fuhr der Fürſt mit zunehmender Schwäche fort.„Ich brauche ſie dazu, um Dich zu beſchwören, endlich Deinen unſtäten Wan⸗ derungen ein Ziel zu ſetzen und Dich Deinem Vater⸗ lande wiederzuſchenken. Verlaſſe es nicht wieder, mein Heinrich.“ Stumm beugte der Sohn das Haupt. „Ich danke Dir, geliebtes Kind. Meine heißeſten Wünſche für Dich hat Gott vernommen; mein Segen — wird ſtets auf Deinem Haupte ruhen. Mein letztes Wort, meine letzte Bitte ſei Dir heilig. Vermähle Dich ſtandesmäßig und ſchenke Deinem Reiche den erſehn⸗ ten Erben!“ Er drückte noch ein Mal dem Sohne krampfhaft die Hand, noch einmal blickte er ihn feſt an; die Lippen bewegten ſich, aber er vermochte nicht mehr ſie zu öffnen; ermattet, den Todesſchweiß auf der Stirn, ſank er zurück. Die Aerzte, welche in dem Vorzimmer ängſtlich auf den Ausgang der Unterredung gewartet hatten, eilten jetzt herbei und drängten ſich um das Bett des Fürſten. Aber ſie vermochten es nicht, den entfliehenden Geiſt aufzuhalten. Nach einer Stunde verkündete das Ge⸗ läut der Glocken und das Abfeuern der Trauerſalven der Reſidenz das Unglück, welches das Land betroffen hatte. Tiefe Beſtürzung herrſchte rings umher. Die Gewerke feierten, die Läven wurden geſchloſſen, die öffentlichen Orte waren wie ausgeſtorben; kein frohes Lachen, kein lautes Wort erſcholl; auf der Straße gingen die Leute ſtumm an einander vorüber, und nur ein bedeutſamer Blick ſchien zu ſagen:„Was haben wir verloren! Was wird unſer Loos ſein?“ Die Edelſten des Landes ſammelten ſich ſofort um den Prinzen; ſie bezeugten ihm ihr tiefes Beileid und brachten ihm ihre Huldigungen dar. Er hörte ſie an, er erwiederte, aber er wußte nicht, was. Zu gewaltig waren die Empfindungen, die ihn durchbrauſten, ſein ganzes Weſen war durch und durch erſchüttert. Als der Kanzler ſeine ergreifende Anrede geendigt hatte, ſchwankte der Prinz und fiel ohnmächtig in die Arme der herzutretenden Adjutanten. V Wir laſſen den Vorhang fallen und heben ihn erſt wieder, wenn alle die traurigen Begebenheiten vorüber ſind, die nun folgen müſſen. Fürſt Felir iſt in der Gruft ſeiner Väter beigeſetzt und Alles kehrt in das alte Geleiſe zurück. Die Verſicherungen für die Fort⸗ dauer eines ungetrübteu Glückes ſind gegeben, das Volk hat die geſtellten Bürgſchaften für vollgültig erkannt und ſehnte ſich darnach, dieſe auch für die Zukunft ſich erhalten zu ſehen. Lauter und dringender wurden die Anforderungen an den jungen Fürſten, ſich zu vermäh⸗ len und das Heil ſeines Landes nicht länger Preis zu geben; ſchon war er im Begriff dem treuen Kanzler Alles zu offenbaren, als Reinhold zu ihm in das Ka⸗ binet trat. Der Fürſt warf ſich in ſeine Arme und ſchloß ihn bewegt an ſein Herz.„Es iſt viel geſchehen, ſeit wir uns nicht ſahen.“ „Ich weiß Alles, mein Fürſt!“ entgegnete der Geiſt⸗ liche ſanft.„Schonen Sie ſich, indem Sie jede Mit⸗ theilung unterlaſſen. Nehmen Sie zu dem Danke des Volkes, der Ihnen im vollſten Maaße geworden iſt, auch den meinigen für die würdige Faſſung, welche Sie bewieſen haben. Alles iſt gut— bis auf Eines!“ „Das iſt der Mann, den ich brauche; ihm will ich vertrauen!“ ſprach der Fürſt.„Reinhold, Sie ſind mein Lehrer, mein Freund, mein Beichtiger! Was ſoll ich thun? Man drängt von allen Seiten in mich, daß ich mich vermählen ſoll. Kann ich...“ „Nein!“ unterbrach ihn Reinhold entſchieden.„Das fonnen ſie nicht, denn Sie ſind bereits vermählt.“ Erſchrocken trat der Fürſt zurück:„Sie wiſſen?“ „Auf Befehl Ihres Vaters,“ fuhr Reinhold eifrig fort,„habe ich Ihr Geheimniß ergründet; ich habe die Bekanntſchaft Ihrer Gattin gemacht und ſtrenge nach der mir getheilten Vollmacht gehandelt. Dieſe Frau war es werth, Sie zu beſitzen; ſie iſt ein vollkommenes Muſter eines Weibes.“ „Dank Ihnen für dies warme Lob!“ „Wäre Sie aus königlichem Blute, ſie würde den erſten Thron der Welt zieren. Jetzt iſt ſie es nicht, und Ihre Pjlicht, mein Fürſt, iſt es, zu lernen, ohne dieſen Engel zu leben!“ „Sie wagen es, mir das zu ſagen!“ „Ich wage es, im Bewußtſein der Heiligkeit meiner Miſſion; ich wage es, im vollen Vertrauen auf Ihr Herz, das ich kenne, und wiederhole was ich geſagt.“ „Wer kann mich zwingen? Mein Wille....“ „Der Wille der Fürſten iſt durch die Pflicht beſchränkt!“ „Ich kann nicht, Reinhold, ich kann nicht!“ „Iſt das die Sprache eines Mannes? Was wäre dem wahren Manne unmöglich? Und zu einem ſolchen glaube ich Sie erzogen zu haben. Soll ein Weib Sie beſchämen?“ „Sie hat die Lage der Dinge ſogleich begriffen und einen Entſchluß gefaßt. Sie ſieht ein, daß Sie die Verbindung mit ihr aufgeben müſſen, daß es Ihre Pflicht iſt, ſich ſtandesmäßig zu vermählen. Sie erkannte, daß eine Trennung nothwendig war, und weil ſie wußte, daß Sie dazu niemals die Hand bieten würden...“ „Nein, nimmermehr!“ „So hat ſie ſelbſt den erſten Schritt gethan und ihre Zuſtimmung zur Scheidung gegeben!“ „Ha, unerhört!“ „Mit Wiſſen und auf Befehl Ihres Vaters iſt Alles geſchehen. Ihn klagen Sie an, wenn Sie dazu den — Muth haben! Die nöthigen Formalitäten ſind vollzogen, Miß Sara Effingham iſt Ihre Gattin nicht mehr!“ „Das konnte Sara? Nein! Sie vermochte es nicht! Ihr täuſcht mich! Ihr wollt mich hintergehen! Aber ich will hin zu ihr...“ „Sie werden ſie nicht finden. An ihrem früheren Wohnort iſt ſie nicht mehr. Ihr jetziger Aufenthalt bleibt Ihnen ein Geheimniß!“ „Menſch!“ rief der Fürſt in hoͤchſter Aufregung, „Du ſpielſt fürchterlich mit mir! Geh, verlaß mich, laß Dich nie wieder vor meinen Augen ſehen! Bei meiner hochſten Ungnade, weiche aus den Gränzen meines Reiches!“ „Ich gehorche!“ ſagte der Geiſtliche und ging lang⸗ ſam hinaus. Der Fürſt folgte ihm einen Moment mit den Augen, dann eilte er ihm nach und faßte ſeine Hand:„Halt! Sieh mir in's Auge! Dieſe Scheidung iſt ungültig; wer weiß, wie ihr das arme Weib gequält und geäng⸗ ſtigt habt. Oder ob ſie gar etwas von dieſem Doku⸗ mente weiß; ob es nicht unächt....“ „Dieſen Vorwurf verzeihe ich Ihnen!“ ſagte der Geiſtliche tief gekränkt.„Wie ſchlecht haben Sie Ihre Gattin gekannt, daß Sie eine ſolche Täuſchung für nöthig hielten. Freiwillig hat ſie den großen Schritt gethan. Empfangen Sie den Beweis dafür in dieſen Zeilen.“ Er überreichte dem Fürſten ein verſiegeltes Billet und entfernte ſich ſchweigend. Heinrich öffnete es und las: „Es muß! Ich habe lange Zeit bedurft, ehe ich mich davon überzeugte, dann aber habe ich das Doku⸗ ment, das uns für immer von einander ſcheidet, mit feſter Hand unterzeichnet. Lebe wohl, Geliebter, lebe wohl für immer, für immer!— Ihre Gattin ſchied von Ihnen, mein Fürſt, Ihre Freundin bleibt Ihnen ewig. Täglich will ich für Ihr Glück beten, will beten, daß Sie es an der Hand einer tugendhaften Gattin finden, die Ihres Herzens Freundin und Ihres Landes Mutter iſt. Ihren Sohn will ich mit der treueſten Sorgfalt erziehen; er ſoll aufwachſen in der Liebe zu Gott und zu ſeinem Vater. Erfüllen Sie mir meine letzte Bitte: forſchen Sie nicht nach mir; dringen Sie nicht darauf, meinen Aufent⸗ haltsort zu erfahren, es würde Ihnen unmöglich ſein. Gönnen ſie mir die Einſamkeit, in der ich lebe, und die ich bedarf, um mich in ein Lvos zu finden, daß ich mir ſelbſt erwählte. Aber einſt, wenn Sie ſich ver⸗ mählt haben, wenn Ihre Gattin dem hoffenden Lande den erſehnten Erben ſchenkte, dann will ich Ihnen frei⸗ — A— willig meinen Aufenthalt nennen, und nicht zittern, wenn ich Sie bei mir erſcheinen ſehe. Möge des Him⸗ mels reichſter Segen ſtets mit Ihnen ſein. Sara.“ Bleich, ſtumm, mit thränenloſem Auge unterzeich⸗ nete der Fürſt die ihm überreichte Aete und ſandte ſie an Reinhold. Ein halbes Jahr darauf reiſte der Fürſt an den Hof des Großherzogs, um ſich mit der jüngſten Tochter deſſelben zu vermählen. Zwölf Monate ſpäter verkündete der Donner der Kanonen und das Feſtgeläute der Glocken der freudigen Reſidenz die Geburt eines Erb⸗ prinzen. Fünftes Kapitel. Am zweiten Sonntage nach Trinitatis, vereinigte Herr Johannes Wellenberger, ehrbarer Oberalter zu St. Nicolai in Hamburg, eine Geſellſchaft von erleſenen Frauen um ſeine gaſtliche Tafel. Der gute Wein, den der freigebige Wirth in nicht geringem Maaße auftra⸗ gen ließ, hatte die Gemüther erheitert, und das Ge⸗ ſpräch flog nach allen Richtungen in den mannigfach⸗ ſten Wendungen hin. Wie ſich in einer mächtigen See⸗ und Handelsſtadt Fremde aus allen Ländern zuſammen⸗ — finden, ſo ſah man auch hier Niederländer und Ruſſen, Franzoſen, Spanier und Portugieſen, Dänen und Schwe⸗ den, Alles Handelsherren und mit dem Wirth des Hauſes in Geſchäftsverkehr ſtehend, bunt durch einan⸗ der. Die Unterhaltung wurde in mancherlei Sprachen geführt; gar oft brauchte man des Dolmetſchers, und es gab nicht ſelten ein lautes Gelächter, wenn dieſer etwas unrecht verſtand, und dann eine verkehrte Ant⸗ wort zurückbrachte. Alles aber ging in Friede und Freundlichkeit zu, bis endlich ein Meinungsſtreit zwi⸗ ſchen einem ſchwediſchen Herrn aus Gothenburg und einem däniſchen Herrn aus Kopenhagen über die Grän⸗ zen des geſellſchaftlichen Anſtandes hinauszuſchweifen drohte. „Ich weiß nicht,“ ſagte der Däne eifrig,„warum ich von ſo außerordentlicher Ehrfurcht vor Seiner ſchwediſchen Majeſtät, Karl XII. erfüllt ſein ſoll. Es iſt nichts Rühmenswerthes dabei, dem Lande ſein letztes Mark auszuſaugen und es um des eitlen Ruh⸗ mes willen zu verpuffen, um ſo mehr, als man mit geſunden Sinnen einſehen muß, daß nichts zu gewinnen iſt, und fortdauernder Verluſt an allen Ecken ſich zeigt.“ „Euch macht das National-Vorurtheil blind!“ ſagte mühſam an ſich haltend der Schwede.„Es iſt wun⸗ derbar, daß Ihr allein die Kriegsthaten des großen — Karl's herabzuſetzen Euch bemüht, während die ganze Welt von einem Pole zum andern ſeines Ruhmes voll iſt. Er iſt der Mann, der Schweden unſterblich machte!“ „Es iſt gut, daß die Unſterblichkeit Euch auf dieſe Weiſe geſichert iſt,“ entgegnete der Däne;„denn mein lieber Rönnquiſt, die Sterblichkeit nimmt bei Euch er⸗ ſchreckend überhand, und wenn die letzten Schweden bei der weiſen Staatswirthſchaft Eures Koͤnigs verhungert ſein werden..“ „Herr Groſſirer Lundblad!“ rief der Schwede vor Zorn glühend, und ſtieß ſein Glas, das der Wirth ihm ſo eben mit edlem ſpaniſchen Wein gefüllt hatte, ſo heftig auf den Tiſch, daß es in hundert Splitter zerſprang.„Ihr mißbraucht das Recht der Geſellig⸗ keit. Wenn ich Euch für Eure ungerechten Beſchuldi⸗ gungen mit gleicher Münze bezahlen und Wahrheit ge⸗ ben wollte für Eure Lüge, ſo dürfte ich nur ſagen, es ſei Schade, daß die regierenden Herren ihre Streitig⸗ keiten nicht unter einander ſchlichten, wo dann der Streit zwiſchen Dänemark und Schweden bald beendet ſein möchte; denn mein ritterlicher Herr würde Euren verzärtelten und verwöhnten Oldenburgiſchen Friedrich mit Haut und Haar in ſeine Taſche ſtecken und, mit einem Sprunge über den Sund, ihn nach Schweden ent⸗ führen. Hoch auf den Felſen, die unſre Gothenburg — umſchließen, ſollte Seine Däniſche Majeſtät ſtehen, und die Schweden würden von allen Seiten herbeiſtrö⸗ men, 1git „Um ſich unter den Trümmern von Nya⸗Elfsborg vor Scham erröthend zu verkriechen!“ lachte höhniſch der Däne.„Ihr ſeid nicht glücklich in Euren Beiſpie⸗ len, Herr Rönnquiſt. Gothenburg iſt ein matter Brillant in der funkelnden Krone Eures Abenteurer⸗ Königs, ſeit Tordenſtiold's Kanonen es bis in ſeine Grundfeſten erzittern machten.“ „Das brutale Mark eines norwegiſchen Empor⸗ kömmlings!“ ſchalt der Schwede.„Dänemark iſt ſeit jener ſchmachvollen Hinterliſt ſeines geprieſenen See⸗ helden, der in eine Fiſcherjacke kroch und das Spio⸗ nirhandwerk trieb, ſtatt ehrlichen Kampf zu bieten auf Leben und Tod, ſchmachvoll beſchimpft. Es wird dieſen Flecken nicht von ſich abwaſchen, und wenn die edelſten Söhne des Landes freudig ihr Blut dahingeben. Ihr ſeid am Ende! Eure Ehre ſtarb vor Gothenburg un⸗ ter dem Feuer Eurer eigenen Geſchütze!“ „Dänemark ehrlos!“ ſchrie Lundblad und ſprang auf, indem er Miene machte, ſich auf ſeinen Gegner zu werfen.„Das habt Ihr nicht umſonſt geſagt!“ Ohne Zweifel hätte das glänzende Banket des Herrn Johannes Wellenberger ein betrübtees Ende — genommen, wenn nicht die Uebrigen ſich in's Mittel gelegt, und namentlich der umſichtige Wirth Alles aufgebo⸗ ten hätte, die aufgeregten Gemüther zu beſchwichtigen; be⸗ ſonders aber den Schweden und den Dänen von einan⸗ der zu trennen, zu ſpät die alte Wahrheit erkennend, daß niemals die Söhne der rothen und der blauen Spietflagge neben einander ſitzen können, ohne das Banner des Nationalhaſſes zwiſchen ſich aufzupflanzen. Ein ruſſiſcher Herr mit kleinen zwickernden Augen und einem mächtigen Bart ſtrich ſich wohlgefällig das runde Bäuchlein und ſprach zu ſeinem Nachbar, aber laut genug, daß es an der ganzen Tafel gehhrt werden konnte:„Die armen Leute ſtreiten ſich mit einander um das bischen Waſſer, Kattegat genannt, und um die Paar Häuflein Sand und Steine, die zu beiden Seiten deſſelben liegen. Wenn es meinem großmächtigen Herrn, dem Zaaren, gefallen ſollte, dies Waſſer und dies Land, ſo ſie Schweden und Dänemark heißen, zu einem Teige zuſammenzukneten, ſo würde ein Hügel⸗ chen daraus werden, groß genug, um als Inſelchen in einer von Rußlands mächtigen Seen zu figuriren!“ „Ganz recht Gospodin Werefkin!“ rief der Schwede zu ihm herüber,„und den geſegneten Anfang mit die⸗ ſem Bäckergeſchäft hat Euer mächtiger Zaar bei Pul⸗ tawa gemacht!“ —— Alle lachten laut auf und der Ruſſe, bleich vor Zorn, ſtreckte die geballte Fauſt in die Luft:„Lacht Ihr nur; es iſt doch das Lachen der Ohnmacht! In unſern Wäldern wachſen ſo viele Eichen und Fichten, daß wir auf unſern ſtolzen Stroͤmen endloſe Flöße bis zum Meere befördern koͤnnen. Und der Zimmermann von Sardam iſt Mannes genug, eine Flotte daraus zu zimmern, hinlänglich groß, um ihn auf immer zum Herrn der nordiſchen Meere zu machen. Rußlands Adler hat ſeinen Flug kaum begonnen, und doch iſt er bereits hoch über den Wolken, und ſeid gewiß, er wird ſich nicht einen Augenblick Raſt gönnen, bis im Norden kein Herrſcher iſt, außer ihm, zu Lande und zur See!“ Bei dieſer Verſicherung erhob ſich ein lautes Ge⸗ ſchrei; die anweſenden nordiſchen Gäſte wollten von dieſer ruſſiſchen Prahlerei nichts wiſſen und ſtürmten mit Ernſt und Eifer auf den Ruſſen ein. Ein ſtolzer Mynher, der in den Kanälen von Rotterdam manchen gewichtigen Kauffahrer liegen hatte, vertheidigte mit weniger Geſchick, als lautem Geſchrei, die Ehre der See⸗ macht des Hauſes Oranien, und der Schwede und Däne, den Spott und Hohn vergeſſend, womit ſie ſich ſo reich⸗ lich bedacht, ſchloſſen plötzlich Frieden, um gegen den gemeinſchaftlichen Feind zu Felde zu ziehen, der mit Bann und Ketten drohte. II. 3 — Während dieſes langen Streites, der alle Behag⸗ lichkeit verſcheuchte und dem Wirthe des Hauſes ſehr un⸗ angenehm zu ſein ſchien, hatte ein junger engliſcher Schiffscapitain, der in der Mitte der Tafel ſeinen Platz hatte, kein Wort geſprochen. Jetzt aber erhob er ſich, und ſagte mit lauter Stimme:„ Merkt auf, Ihr Her⸗ ren! Wir ſind hier zum frohen Mahle verſammelt, nicht aber zu Zank und Streit. Wir alle gehören dem Handelsſtande an, und gedeihen allein im Handel und durch ihn. Derſelbe aber iſt nur im Frieden möglich, und darum ſollen wir Alles thun, um ihn auf⸗ recht zu erhalten und zu befeſtigen, nicht aber, um den alten Kampf neu zu entzünden und kaum vernarbte Wunden wieder aufzureißen. Gebt einen Streit auf, der gefährlich iſt und lächerlich zugleich. Was zankt Ihr Euch, Rußland, Dänemark und Schweden, um eine Waſſerfläche, die rings von Felſen eng eingeſchloſſen iſt, und der ihr nur durch die ſchmale Furth des Sun⸗ des entrinnen könnt? Schwimmt ruhig darin herum, ohne Euch zu zerren und zu kneipen, zufrieden damit, daß Euch die Andern in Ruhe laſſen, die auf den Mee⸗ ren herrſchen und gebieten! Alt⸗England für immer und über Alle, wo Flaggen wehen von dem Maſt eines Schiffes! Unſere Inſel wird auf jeder Seite von einem andern Meere umwogt, nach allen vier Himmelsgegen⸗ den dehnt ſich unſere Macht! Wir reichen bis zur äußerſten Thule, wir ſtrecken unſern Arm über das Meer bis nach Indien. Wer wäre tollkühn genug, ſich in einen Kampf mit uns einzulaſſen? Aber weiſe iſt, der unſere Hand ergreift, die wir zum Frieden bieten! Ich biete ſie Euch! Nehmt ſie an, und keinen Streit mehr, ſo lange wir hier bei einander ſind! Laßt uns vielmehr den edlen Weinen unſeres Wirthes die ge⸗ bührende Ehre erzeigen, und trinken auf das Wohl und Gedeihen aller ſeebefahrnen Nationen in Süd und Nord, in Oſt und Weſt!“ Mit großer Bereitwilligkeit ward dieſer Toaſt von allen Anweſenden getrunken, und die Einigkeit war auf eine bewundernswürdige Weiſe wieder hergeſtellt. Alles ſchaarte ſich nun um den Engländer, der das kühne Zauberwort geſprochen, und Jedermann ſuchte ihm ir⸗ gend ein freundliches Wort zu ſagen. Ohne Murren erkannte Jeder Englands Uebermacht zur See an, und einzelne Namen wurden genannt, die ſich in der Marine jenes Landes ausgezeichnet; ihre Großthaten wurden erzählt und mit gebührendem Lobe gedacht. „Ja,“ ſagte der Brite, und lehnte ſich behaglich in ſeinen Seſſel zurück, willig den Tribut der Huldi⸗ gung empfangend, den man dem Uebergewicht ſeines Volkes zur See darbrachte,„ja, es iſt wahr, England 3* zählt Helden, die Ruhmvolles geleiſtet; aber keiner iſt unter Allen, der mit Sir Algenor Effingham in die Schranken treten könnte!“ „Er hat recht!— Ein tüchtiger Seeheld!— Sir Algenor!“— riefen die Gäſte durch einander.„ Ein würdiger Officier! Ein braver Soldat!“ „Ein Hoch für Sir Algenor!“ rief eine Stimme. „Friſch, Ihr Herren, füllt Eure Gläſer!“ „Hoch, Sir Algenor!“ riefen Alle, die Gläſer lee⸗ rend, und das Geſpräch wurde mit erneuertem Eifer, aber friedlich fortgeſetzt. Der Wirth umkreiſte während deſſen die Tafel, zu⸗ frieden, unter ſeinen leichterregten Gäſten die Einigkeit wieder hergeſtellt zu ſehen, und ermunterte zum Trunk und zur Fröhlichkeit. Da fühlte er ſeine Schulter leicht berührt, und als er ſich umwandte, ſtand ein junger Mann vor ihm, der auch zur Geſellſchaft gehörte, bis⸗ her aber am Geſpräch, wie am Trunk wenig Theil genommen hatte. Herr Johannes Wellenberger ſah ſeinen Gaſt vor ſich ſtehen, den Hut in der Hand, und ſagte gutmüthig:„Ei, mein werther Herr van Kraag, was bedeutet denn das? Ihr wollt mir doch nicht das Leid anthun, und meine Mahlzeit verlaſſen, noch ehe ſie beendet iſt?“ „Mit nichten, lieber Herr Wellenberger,“ ſet der junge Mann, der nichts weniger, als der Sohn des holländiſchen Reſidenten war.„Ich bin vielmehr einige Augenblicke draußen geweſen in Eurem Gärtlein, um friſche Luft zu ſchöpfen, und trat gerade ein, als Eure Gäſte die Geſundheit des Sir Algenor Effingham tranken. Das muß Euch doch ſehr unangenehm ge⸗ weſen ſein.“ „Das ich nicht wüßte, Herr van Kraag!“ ſagte Johannes gelaſſen.„Beim fröhlichen Trunk geht Man⸗ ches drein, wofür ein kluger Wirth keine Ohren hat, und dann iſt Sir Algenor ein Ehrenmann.“ „Aber ein Feind der General-Staaten und ich bin Euer Gaſt!“ „Ich habe den Toaſt nicht ausgebracht!“ ſagte Jo⸗ hannes kalt,„ſtehe Euch aber gleich zu Befehl, wenn Ihr auf das Gedächtniß de Ruhter's oder Tromp's ein Glas leeren wollt.“ „Darnach gelüſtet mich gerade nicht!“ entgegnete der junge Niederländer ſtörriſch. Dieſe Antwort ſchien Herrn Johannes zu verdrie⸗ ßen, doch ſeiner Pflicht als Wirth eingedenk, fragte er:„Steht denn ſonſt etwas zu Eurem Befehl?“ „Nun wer weiß! Sört, Herr Johannes, Eure Gäſte plaudern luſtig mit einander und bedürfen Eurer ge⸗ genwärtig nicht, ſo gönnt mir denn eine kurze Unter⸗ — redung, und laßt uns etwas abſeits gehen, um jene Herren nicht zu ſtören oder von ihnen geſtört zu werden.“ Man ſah es Herrn Johannes an, daß er nicht be⸗ ſondere Luſt zu einem ſolchen Zwiegeſpräch hatte, doch mochte er dem verzogenen Söhnlein eines mächtigen Mannes nicht ohne Noth etwas abſchlagen und führte ihn in ein nahe gelegenes Zimmer. „Ich wollte Euch nur fragen,“ ſprach Adrian van Kraag lauernd,„ob Ihr, ſobald Ihr Euch wieder nach Neumühlen begebt, mich nicht mit Euch nehmen wollt? Ich habe viel Schönes von dieſem Dörflein gehört, und möchte es wohl durch Euch kennen lernen; denn da Ihr ſo häufig draußen ſeid, müßt Ihr dort ſehr zu Hauſe ſein.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Johannes, nicht ohne Verlegenheit. „Nun, Herr,“ entgegnete der Holländer,„All⸗ männiglich weiß es, daß Ihr wöchentlich mindeſtens zwei⸗ mal herauswandert, und allda einer wunderſchönen Dame einen Beſuch abſtattet....“ „Ihr habt den Spion gemacht?“ fragte Johannes verächtlich. „Zu derlei Geſchäft habe ich mich niemals herge⸗ geben!“ ſprach Adrian van Kraag ſtolz.„Aber ich L kann nichts dafür, daß mein Diener es zufällig erkund⸗ ſchaftet und mir hinterbracht hat. Erſt habe ich ihn wegen ſeiner unzeitigen Neugier hart angelaſſen, und war nahe daran, ihn aus dem Dienſte zu thun. „Daran würdet Ihr ausnehmend wohl gethan haben.“ „Dann aber kam es mir wieder abſonderlich luſtig vor, daß ein alter ehrſamer Bürgersmann, wie Ihr, einflußreicher Börſenherr und ehrbarer Oberalter des älteſten Kirchſpiels der Stadt, ſo häufige Beſuche bei einer jungen und ſchöͤnen Dame abzuſtatten hat, und ich beſchloß, da auch ich den edlen Frauen nicht abhold bin, Euch zu erſuchen, mich bei Eurer Freundin ein⸗ zuführen, wenn Ihr das nächſte Mal wieder da⸗ hin geht.“ „Das Haus jener Dame iſt kein Haus für junge Herren Eures Gleichen!“ platzte Herr Johannes heraus, der ſich nicht länger zu bemeiſtern vermochte. Herr Adrian trat, bleich vor Zorn, einen Schritt zurück, doch bezwang er ſich und ſagte mit kaltem Spott: „Ihr wollt nicht? Nun, ich verdenke es Euch nicht. Niemand läßt ſich gerne in's Gehäge gehen, und am wenigſten, wenn der Unterſchied ſo groß iſt, wie zwi⸗ ſchen Euch und mir!“ „Unverſchämter!“ murmelte Herr Johannes vor ſich — hin, Jener aber fuhr fort, als ob er nichts gehört hätte:„Nun müßt Ihr es mir nicht verübeln, mein beſter Herr, wenn ich auf eigne Hand zu erhalten ſuche, was Ihr mir zu geben weigert. Der Weg nach Neu⸗ mühlen iſt keine unbekannte Heerſtraße, und ihn aufzu⸗ finden ſoll mir gar wohl gelingen. Dann aber, mein Herr Johannes, dann nehmt Euch in Acht! Ich müßte nicht der erfahrne Frauenkenner ſein, der ich bin, wenn mir mein Wageſtück mißlänge, und ich will Euch Eure Geliebte abſpenſtig machen, wenn Ihr auch noch zehn⸗ mal näher wärt, als Ihr wirklich ſeid.“ „Euer Benehmen überſchreitet alles Maaß!“ ſprach Herr Johannes voll edlen Zornes.„Ich vermahne Euch, mit mehr Achtung von einer Dame zu ſprechen, welche die Hochachtung der ganzen Welt verdient, wenn Ihr mich nicht zu vergeſſen zwingen wollt, daß Ihr mein Gaſt ſeid!“ „Das iſt luſtig und toll zur ſelben Zeit, Herr,“ ſagte Adrian van Kraag.„Ihr werdet zornig und grob zugleich, um mich auf andre Gedanken zu bringen, aber das gelingt Euch nicht; denn gerade heraus, mich treibt der Kitzel bei Eurem Liebchen Euch aus dem Sattel zu heben, und dies ſo ſchnell als möglich.“ „Ihr habt's erreicht, Herr!“ entgegnete Johannes voll tiefer Verachtung.„Ja, Ihr ſollt bei jener Dame eingeführt werden. Meine Ehre, und noch mehr die Ehre jener Frau fordern es dringend von mir, daß Ihr Euch eines Andern überzeugt. Morgen, wenn es Euch genehm iſt, wollen wir um zehn Uhr Vormittags uns am Millernthore treffen.“ „Ich werde pünktlich dort ſein,“ war die Antwort. „Aber ſoll ich Euch nicht lieber in Eurer Behauſung treffen? Meine Kutſche....“ „Ich möchte Euch nicht gerne in einer Angelegen⸗ heit, die für Euch nur Unangenehmes zur Folge haben wird, ſo viele Mühe machen,“ ſprach Herr Johannes ernſt.„Laßt es daher bei meiner Anordnung bewen⸗ den. Alſo Morgen um zehn Uhr, und ich muß jetzt, um meiner Ehre willen, darauf beſtehen, daß Ihr nicht ausbleibt. Nun aber, entſchuldigt mich; ich habe der Gaftfreundſchaft genug gethan, indem ich, um dieſer unerfreulichen Zwieſprach willen, ſo lange Zeit meinen andern Gäſten mich entzogen habe. Iſt Euch noch ge⸗ fällig, die Mahlzeit fortzuſetzen?“ Herr Adrian van Kraag dankte kurz und ging aus dem Zimmer, Herr Johannes Wellenberger aber kehrte zu ſeinen Gäſten zurück, die noch immer auf ſtolzer Flut umherſchifften, und die gegenſeitig befreundeten Flaggen unermüdet hoch leben ließen.— 3** Sechstes Kapitel. Am andern Morgen ſah man die Herren Adrian van Kraag und Johannes Wellenberger Altona durch⸗ ſchreiten und den Weg nach Neumühlen einſchlagen. „Wollt Ihr nicht,“ ſprach Herr Adrian ſeinen Ge⸗ führten an, mit dem er bis jetzt nur wenige Worte gewechſelt hatte,„wollt Ihr nicht die Güte haben, werther Herr, und mir einige Auskunft über die Dame ertheilen, der wir nun ſogleich unſere Aufwartung machen werden. Die Unterhaltung geht leichter und raſcher von Statten, wenn die Perſonen ſich genau kennen, und Ihr ſelbſt ſeid gewiß am beſten überzeugt, daß ich von Eurer Schutzbefohlenen nicht das Geringſte weiß.“ „Mir ſind die Verhältniſſe der Dame ſelbſt unbe⸗ kannt,“ ſagte Johannes kurz.„Ich beſorge nur auf Verlangen eines auswärtigen Hauſes ihre Geldgeſchäfte, und habe mich um ihre Famkliengeſchichten nicht bekümmert.“ „Nicht?“ entgegnete Adrian boshaft.„Nun, mein werther Herr, ſo ſollt Ihr ſehen, daß ich nicht gewilligt bin, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und gern theile ich Euch mit, was ich über jene geheimnißvolle Dame erfahren habe, die nicht, wie der Name Fulkenberg, den ſie führt, zu beſagen ſcheint, eine Deutſche, viel⸗ mehr eine Tochter des Auslandes iſt.“ Johannes Wellenberger ſchwieg und kniff die Lippen zuſammen. „Sie iſt nämlich eine Engländerin, und zwar die Tochter eines berühmten Seeofficiers, mit einem Worte, die ſchöne Tochter Sir Algenor's Effingham.“ „Herr van Kraag!“ „Bitte Euch, guter Herr, verhaltet Euch ruhig. Warum wechſelt Ihr die Farbe? Ein Mann, wie Ihr, iſt doch wohl ſeines Spieles ſicher? Dieſe Dame nun, die Wittwe Falkenberg, wie ſie in Eurem Hauptbuche aufgeführt iſt, war natürlich einmal verheirathet. Ihr könnt mir nicht ſagen, mit wem?“ „Nein!“ „Ihr zwingt mich alſo, ferner Eure Geheimniſſe auszuplaudern,“ fuhr Herr van Kraag mit kaltem Gleichmuthe fort.„Der Gemahl dieſer geſchiedenen Dame — ich ſage geſchiedek, Herr Wellenberger, denn eine geſchiedene oder eine verwittwete Dame gilt in dieſem Falle gleich— jener frühere Gemahl alſo war, wenn ich nicht ſehr irte, der Erbprinz von**8.. „Nicht weiter, Herr Adrian van Kraag!“ rief Johannes heftig. „Und warum nicht?“ entgegnete Jener.„Ihr ſeid — 66 ein alter Mann und ſolltet Ruhe und Beſonnenheit vor mir voraus haben. Leicht ſeht Ihr nun, daß ich Alles weiß, und ich will Euch nicht den Schluß verwei⸗ gern. Man erwartet hier Beſuch; der Furſt von**, der ehemalige Gatte jener Dame wird kommen, und ſeiner Liebe von ehedem, ſo wie dem Sprößling ſeiner Zärtlichkeit einen Beſuch abſtatten. Begreift Ihr nun, weshalb ich um jeden Preis bei der Dame eingeführt ſein wollte?“ „Durchaus nicht!“ ſagte Herr Johannes kurz. „In der That, Ihr ſeid eigenſinnig zum Exceß!“ fuhr Adrian fort.„Aber ich bitte Euch, hört mich geduldig an.“ Er ſprach nun angelegentlich zu dem alten Kaufherrn, der zwar den Worten des jungen Niederländers ein aufmerkſames Ohr lieh, dem man es aber anſah, daß alle Pfeile, die dieſer vom Bogen ſchnellte, von ſeiner ehernen Bruſt machtlos abprallten. Adrian war ſeines Gegenſtandes ſo voll, daß er gar nicht auf die Gleichgültigkeit ſeines Gefährten achtete, ſondern mit dieſen Worten ſchloß:„Ihr ſeht alſo ein, daß wenn jenes Fürſtenthum ſeine überſeeiſchen Ver⸗ bindungen ausdehnt und Verträge mit England ſchließt, wir dadurch große Verluſte erleiden müſſen. Mein Vater hält es aber für ein Leichtes, dieſem vorzubeugen, wenn es ihm nur gelänge, mit dem Fürſten zu reden, — ohne daß ein Anderer von dieſer Unterredung Kennt⸗ niß hätte. Dieſe hofft mein Vater, bei der ſtündlich zu erwartenden Ankunſt jenes Herrn, durch Eure gütige Vermittlung zu erhalten.“ „Ich kann nichts thun!“ ſprach Herr Johannes mit beharrlichem Eigenſinn. „Bitte Euch, Herr, beſſert Eure Rede. Verkennt Euren eignen Vortheil nicht. Eine Angelegenheit, die für unſere Familie ſowohl, als für unſer ganzes Vater⸗ land von ſo überwiegendem Nutzen werden kann, muß auch Euch glänzende Vortheile ſichern. Ihr treibt gro⸗ ßen Handel mit den Niederlanden, und braucht öfter die Vermittlung meines Vaters. Er hat ſie Euch nie verſagt. Jetzt zeigt es ſich, daß mein Vater Eurer bedarf, und Ihr werdet ihm gewiß wieder gefällig ſein; Ihr werdet es, in Erwägung der großen Spekulation, die Ihr in Rotterdam begonnen..... Herr Adrian brach mitten in der Rede ab; er ſchwieg, und überzeugt, daß er jetzt den entſcheidenden Sieg erkämpft habe, ging er, ohne ein Wort zu ſagen, neben dem Kaufmanne her. Dieſer verhielt ſich ebenfalls ſchweigend; aber die Gewalt der Gründe, die ihm von Adrian mitgetheilt wurden, der Umſtand, daß ſeine Unternehmungen auf Rotterdam, in Folge von Intri⸗ guen, möglicherweiſe ſcheitern könnten, wenn er fortfahre, — 6 in ſeinem Eigenſinne zu beharren, löſten ihm die Zunge, und ehe ſie das Dorf betraten, ſagte er, halb zu ſeinem Gefährten gewendet:„Ich werde mich bedenken, was in dieſer Angelegenheit zu thun iſt.“ Mit dieſer Erklärung war Herr Adrian van Kraag zufrieden. Die Einführung dieſes jungen Herrn bei der ſchönen, fremden Dame ging ohne Störung von Statten. Sie hatte bereits mehrere Bekanntſchaften machen müſſen, und empfing oͤfter Beſuche. Ihr Incognito glaubte ſie dabei nicht geführdet. Herr Adrian van Kraag begnügte ſich, nachdem er der Dame mit all ſeinen Namen und Titeln vorgeſtellt worden war, derſelben einige Höflich⸗ keiten zu ſagen, und beim Abſchiede um die Erlaubniß zu bitten, die Bekanntſchaft fortſetzen zu dürfen, wobei er nicht unterließ, der Dame ſeine einflußreichen Dienſte anzubieten, falls ſie geneigt ſein ſollte, davon Gebrauch zu machen. „Ihr hättet mich dieſer neuen Bekanntſchaft wohl entheben können, mein lieber Herr Wellenberger,“ ſprach die Dame, die von der Liebenswürdigkeit, die Herr Adrian entwickelt zu haben glaubte, nicht beſonders erlabt ſchien.„In meiner Lage will mir Einſamkeit am meiſten geziemen.“ „Es war auch durchaus nicht meine Abſicht,“ ent⸗ gegnete Herr Johannes,„jenen Herrn von Eurer An⸗ — 6 weſenheit allhier in Kenntniß zu ſetzen, noch weniger aber, denſelben bei Euch einzuführen. Aber er hat es ſelbſt ausgekundſchaftet, daß Ihr hier ſeid, weiß ich gleich nicht auf welche Weiſe; dann aber mir ſolche Dinge kundgegeben, die es rathſam erſcheinen ließen, ihm den Zutritt zu vergönnen, ehe und bevor er ſich denſelben auf eine andere Weiſe zu verſchaffen gewußt hätte.“ Die Dame ſah ihn fragend an. „Ich weiß wohl, daß eine Dame, wie Ihr, ſich nicht ſonderlich mit der Politica und dem Commerzio befaſſet, und Ihr daher nicht wohl einzuſehen vermöget, was dem jungen Herrn für Mittel und Wege in beſagter Ange⸗ legenheit zu Gebote ſtehen, die er betreten kann, wenn ſie auch mühſam ſind, ſintemal die Conjunetur für ihn von großer Wichtigkeit iſt. Erlaubt mir aber, Euch in dieſer Angelegenheit den nöthigen Aufſchluß zu ertheilen.“ Herr Johannes ſagte der Dame zur Aufklärung die⸗ ſes Verhältniſſes ſo viel, als ihr zu wiſſen dienlich ſchien, und ſchloß dann:„Mag dies Alles ruhen, bis der durchlauchtigſte Herr kommt! Wir wollen es ſeiner Weisheit anheim geben, was er in dieſer Sache beſchlie⸗ ßen mag, ob ich gleich nicht einſehe, daß es irgend etwas ſchadet, wenn er eine Conferenz mit dem Herrn Miniſterreſidenten des Erbſtatthalters habe.“ Dieſer Anſicht war Herr Johannes Wellenberger vor — acht und vierzig Stunden noch nicht geweſen, als er im ganz entgegengeſetzten Sinne zwei lange Briefe nach England abgehen ließ. Damals war es ihm aber auch noch unbekannt, daß Herr Adrian van Kraag von ſei⸗ nen Rotterdamer Speculationen etwas wußte. Die Dame hoͤrte nur halb auf dieſe Erörterungen; denn ihre Phantaſie wurde von ganz andern Angelegen⸗ heiten bewegt, und als ſie eine ſchickliche Gelegenheit fand, den Kaufmann zu unterbrechen, ſagte ſie haſtig: „Ihr habt doch gewiß gehört, wie unglücklich ich in der Zeit, da wir uns nicht geſehen haben, hätte werden können?“ „Mit großer Bekümmerniß habe ich von dem Un⸗ falle gehört!“ entgegnete Herr Johannes.„Euer lieb⸗ liches Kind iſt bei heftigem Stromgange in die Elbe gefallen und wäre faſt ertrunken.“ „Schrecklich! Schrecklich!“ „Und wurde dieſer Gefahr durch den Muth eines jungen Fiſcherknaben entriſſen. So habt Ihr denn durch Gottes Fürſorge Euer theuerſtes Kleinod wieder empfangen, und habt alle Urſache ſeine Güte zu preiſen.“ „Ich dankte ihm aus der Fülle meines Herzens!“ ſagte die Dame,„aber doch miſchte ſich der freudigen Empfindung ein bittrer Wermuthstropfen bei. Ihr wißt noch nicht, daß jenes Ereigniß ein Unglück anderer Art herbeiführte. Mein Edmund hat vor Schreck die Sprache verloren.“ „Was ſagt Ihr mir da?“ „Anfangs glaubte ich, es würde nur vorübergehend ſein, aber er bleibt ſtumm. Seit jenem fürchterlichen Fall verſagt ihm die Zunge den Dienſt. Der berühmte Arzt, den Ihr die Güte hattet, mir zu empfehlen, war bereits mehrere Male hier und hat erklärt, der Knabe hätte ſeine Sprache in Folge eines großen Schreckens verloren. Durch künſtliche Mittel könnte hier keine Wiederherſtellung herbeigeführt werden. Aber es ſei wohl möglich, daß bei einer großen und beſonderen Veranlaſſung ſich die Sprache wieder fände. Dies könne aber nur in Folge einer leidenſchaftlichen Aufregung geſchehen.“ „Das iſt allerdings ein höchſt betrübendes Ereigniß und mir bisher unbekannt geblieben, ſintemal es mir in der letztverwichenen Woche unmöglich war, Euch meine Aufwartung zu machen. Ich ſtatte Euch darüber mein innigſtes Beileid ab, verhoffe aber, es werde ſich die göttliche Allmacht Eurer und des lieblichen Kindes erbarmen, und ihm die verlorne Gabe der Sprache wiederſchenken.“ Nachdem der Kaufmann ſolchergeſtalt die bekümmerte Mutter ſattſam getröſtet zu haben glaubte, auch ſich erkundigt —— hatte, ob die Dame ihm einige Befehle ertheilen wolle, entfernte er ſich mit dem Verſprechen, bald zurückzukehren. Sara blieb allein. Sie ſaß ſinnend da und ſchaute durch die offne Thür des Zimmers in den angränzenden Garten. Ihre Gedanken weilten bei dem Manne, dem ihr Herz von dem erſten Augenblicke gehörte, da ſie ihn geſehen, und um deſſentwillen ſie jedes Opfer gebracht hatte.„Es geſchah ſeines Glückes wegen,“ ſprach ſie vor ſich hin,„möchte es nur zu ſeinem Glücke aus⸗ geſchlagen ſein. Wird ſie, die auf einem Thron zum Thron geboren wurde, ein Herz haben für die Freuden und Leiden meines Lieblings? Und wenn er Alles fand, Alles ihm wurde, was er mit mir verlor? Wenn ſie nicht blos Fürſtin, ſondern auch liebende Gattin iſt? Dann Heil und Segen mit ihm und mit ihr! Dann ſind die heißeſten Gebete meines Herzens erhört worden. Mir aber! mir....“ Ihre Rede ſtockte und ihr Auge ſchweifte umher, als ſuche ſie nach einem Gegen⸗ ſtande, der ihr Erſatz bieten könne, für den erduldeten Verluſt. Da ſchwebte ein leichter Schatten über den ſonnenhellen Platz vor der Thür, und auf der Schwelle derſelben erſchien ein bildſchoner Knabe. „Edmund!“ rief die Dame, und der Knabe eilte zu der Mutter, den Lockenkopf in ihrem Schooß verbergend⸗ „Mein Edmund! Mein theures Kind!“ ſprach die Mutter liebkoſend.„Du meines Heinrich's Sohn und meines Herzens Freude! Wo warſt du während der Dauer von zwei langen Stunden? Verzeihe mir, mein Herr und Gott! daß ich in meinem Schmerze mich arm und verlaſſen nannte; ich bin ja reich, ſehr reich, ich habe mein Kind, mein liebes Kind! Sein Kind!“ Edmund ſah zu der Mutter auf. Er kletterte auf ihren Schooß, ſah ſie mit ſeinen klaren Augen an und bewegte die Lippen, als ob er ſprechen wollte; dann aber ſchlang er die kleinen Arme um ihren Nacken, und ſie preßte ihn an ſich, ſo feſt, als wäre Jemand da, der ihn ihr entreißen wollte. Sie drückte ihn an ſich mit einem überſtroͤmenden Gefühl von Wehmuth und Freude zu gleicher Zeit. „Wo warſt du, böſes Kind?“ fragte ſie nach einer Pauſe, während ſie ihn mit dem ſanften Blick der innigſten Mutterliebe betrachtete.„Und wo haſt du deinen Emanuel?“ Raſch deutete Edmund mit der Hand nach dem Ein⸗ gange, wo ein Fiſcherknabe blöde, geſenkten Hauptes, den Hut in der Hand drehend, unbeweglich ſtand. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob es je einen Knaben gab, der häßlicher geweſen wäre, als dieſer, der Ema⸗ nuel hieß, und Edmund's Retter war. Keines ſeiner Gliedmaßen paßte zu dem andern, die größten Gegen⸗ — 68— ſätze waren in ſeiner Geſtalt bemerkbar, und wenn man in ſein abſchreckend häßliches Geſicht blickte, ſah man ein menſchliches Weſen vor ſich, das Lachen und Furcht zu⸗ gleich erregte. Aber wie unbeholfen auch die einzelnen Körpertheile Emanuel's ſein mochten, er war knochig und ſtark, und wer mit ihm im Böſen anfing, konnte ſicher auf eine Niederlage rechnen. Unter zwei buſchigen Augen⸗ brauen blitzten zwei große Augen hervor, und durch dieſe that man einen Blick in das Innere des Fiſcherknaben; es ſtrömte eine Welt von Gutmüthigkeit daraus hervor. „Komm näher, Emanuel!“ ſprach die Dame.„Pfui, du mußt nicht ſo blöde thun!— Komm, und ſage, ob du mei⸗ nen Edmund recht lieb haſt, und ihm beiſtehen willſt, wenn er größer wird und des Beiſtandes vielleicht bedarf?“ „Das will ich gewiß und wahrhaftig!“ betheuerte Emanuel, und legte die Hand auf das Herz. „Und du, Edmund! wirſt du deinen Retter ſtets lieben und ihm dankbar ſein für ſeine Treue?“ Mit einem frohen Blicke ſah der Knabe die Mut⸗ ter an, und warf ſich dann an die Bruſt Emanuels, ihn herzlich umarmend und küſſend. „Gott ſegne Euren Bund!“ ſagte die Mutter gerührt, und legte ihre Hände auf das Haupt des Schoͤnen und des Häßlichen. Siebentes Kapitel. „So ſehen wir uns wieder!“ Und ihr Geſicht ruhte an der Bruſt des ihr nun entriſſenen Freundes. Mit männlicher Rührung ſtand Heinrich der von ihm geſchiedenen Gattin gegenüber. In dieſem Augen⸗ blicke erwachte die Erinnerung an dasjenige, was er mit ihr beſeſſen und mit ihr verloren hatte, allmächtig in ihm, und ſein Herz bebte. Sara betrachtete ihn mit inniger, reiner Liebe, ihr edles, großes Herz hatte längſt das Opfer gebracht, und die Größe deſſelben vergeſſen. Freudig hatte ſie ihr Glück dahingegeben, um dasjenige des geliebten Mannes zu erſchaffen; ſie hatte dem Bunde mit ihm entſagt, um ihn ſeiner Pflicht, ſeinem Volke, ſeinem Vaterlande zurückzugeben. Ihr Zweck war erreicht; das Land des Geliebten war glücklich durch eine weiſe Re⸗ gierung, ein Erbe ſicherte die Zukunft deſſelben, und ſie durfte ſich geſtehen, es ſei großentheils ihr Werk. Dies Bewußtſein ließ ſie nicht allein das dargebrachte Opfer verſchmerzen, es freute ſie ſogar. Sie zeigte daher bei dieſem erſten peinlichen Zuſammentreffen weit mehr Muth und Beſonnenheit, als er, und als der erſte bittere Moment vorüber war, der ihr die ganze Größe ihres frühern Beſitzthumes und ihres jetzigen unwiederbringlichen Verluſtes zeigte, nahm ſie die Hand des Freundes und führte ihn zu einem Seſſel. „Nehmen Sie hier, mir gegenüber, Platz, mein Freund,“ bat ſie mit ſuͤßer Stimme.„Suchen Sie Ruhe und Faſſung zu gewinnen, lieber Heinrich. Sie geſtatten es mir doch, Sie ſo zu nennen? Sprechen Sie zu mir von ſich, von Ihrer Gattin, Ihrem Sohne, Ihrem zweiten Sohne.“ „Edmund! Mein Edmund!“ rief Heinrich lebhaft erregt aus,„mein theures, geliebtes Kind! das ſüße Pfand eines unermeßlichen, für immer verlorenen Glückes! Wo iſt der theure Knabe?“ „Sie werden ihn ſehen, mein Freund; nachher! Sprechen wir zuerſt von uns. Dieſe Zuſammenkunft war Ihr Wunſch, Heinrich. Nach meiner Anſicht hätte ſie nicht ſtattfinden ſollen, aber Ihr Wille iſt mir auch jetzt noch heilig. Gehen wir denn über die Vergangen⸗ heit hinweg, ſie kann uns nur ſchmerzlich aufregen, und erzählen Sie mir von ſich, was ich nur unvollkom⸗ men weiß.“ „Was kann ich Ihnen ſagen, theure Sara? Ich ver⸗ ließ Sie mit ſchwerem Herzen, mit einer trüben Ahnung, die nur zu ſehr erfüllt werden ſollte. Ich befand mich an dem Sterbebette eines milden, gütigen Vaters und verſprach,— was hätte ich ihm nicht verſprochen!— verſprach ihm, das reinſte, edelſte Erdenglück hinzuwer⸗ fen, um den blendenden Schimmer einer Krone. Aber man verlangte noch mehr von mir, man verlangte die Trennung von Ihnen. Das hätte ich nicht vermocht; dieſes Opfer hätte die Beredſamkeit der ganzen Welt nicht von mir zu erhalten vermocht.“ „Das weiß ich!“ antwortete Sara.„Und doch mußte es gebracht werden; der Lehrer Ihrer Jugend, der würdige, fromme Prieſter, ſetzte es mir auseinan⸗ der; ich erkannte die Nothwendigkeit des Entſchluſſes an, und es geſchah, was mußte. Mein innigſtes, heißes Gebet war nur, daß es zu Ihrem Frieden gereichen möge. Und nun, mein Freund, erzählen Sie mir von Ihrem Leben, von Ihrem Wirken für Menſchenwohl und Menſchenheil. Sagen Sie mir Alles; auch das Geringſte erweckt meine Theilnahme.“ Heinrich that es. Sein Herz wallte über und der Fluß der Rede drang in ſeiner klaren und feſſelnden Weiſe über ſeine Lippen. Er theilte der Geliebten die geheimſten Gedanken ſeines Herzens mit; er legte ihr ſeine Pläne und Entwürfe vor; ja, manche, die nur noch in dem erſten ſchwachen Umriſſe vor ihm lagen, gewannen in dieſer ſchoͤnen Stunde Leben; er — wurde ſich ihrer deutlich bewußt, zum Glücke aller Derer, die ihre Zukunft davon erwarten ſollten. Heinrich bemerkte es ſelbſt und lächelte:„Ich wußte es wohl, daß ich an Ihrer Seite beſſer, vollkommener ſein würde, und deswegen drängte es mich, dieſe Zuſammenkunft mit Ihnen zu veranſtalten.“ „Und nur von Ihrer Gattin haben Sie noch nicht zu mir geſprochen, Heinrich. Sie haben mir nicht den Hausvater in dem Kreiſe der Seinigen geſchildert, ſon⸗ dern immer nur den Fürſten. Geben Sie mir ein freundliches Bild Ihrer Häuslichkeit, Ihres Familien⸗ lebens.“ „Habe ich eine Häuslichkeit? Kenne ich die Wonne des Familienlebens, ſeit ich von Ihrer Seite geriſſen bin? Prinzeſſin Juliane iſt eine edle, hochherzige, aber ſehr ſtolze Dame. Sie iſt durch Convenienz mit mir verbunden; es ſchmeichelte ihr, durch das Bündniß mit mir eine ſouveraine Fürſtin zu werden. Geliebt hat ſie wohl nie. Ob ſie weiß, daß ich vermählt war, iſt mir unbekannt. Nach der Art und Weiſe zu ſchließen, wie man die Geheimniſſe der Fürſten bewahrt, muß ich es glauben, doch hat ſie ſich nie, auch nur im Entfernte⸗ ſten, eine Anſpielung erlaubt, die mir Gewißheit dar⸗ über hätte geben können. Ihre Erziehung ward. nach der ſtrengſten Etiquette begonnen und vollendet, wie ſie an dem Hofe ihres Vaters herrſchte. Dieſes ganze beläſtigende Formenweſen hat ſie auch bei uns nach und nach einzuführen gewußt, und wir ſind beide die erſten Selaven deſſelben. Mein Sohn wird nach dem⸗ ſelben Syſtem erzogen; ich ſehe ihn nur bei beſonderen Gelegenheiten, weil das Geſetz der Etiquette, wie es an dem Hofhalt meiner Gemahlin beſteht, einen zwanglo⸗ ſen Umgang zwiſchen Eltern und Kindern für unzuläſſig erklärt. Das iſt die Geſchichte meines irdiſchen Daſeins, ermeſſen Sie daraus, wie glücklich und wie unglücklich ich bin.“ Bewegt hielt der junge Fürſt inne, und fragte nach einer Pauſe wiederholt nach Edmund. Sara entgegnete, daß der Knabe ſchlafe, daß ſie aber den Vater alſo⸗ bald zu ihm führen werde:„Für mich, mein lieber Heinrich, habe ich durchaus nichts von Ihnen zu er— bitten,“ ſprach Sara ernſt.„Sie haben mir, ehe ich um etwas bat, Alles ſo reichlich gewährt, daß ich Sie bitten möchte, einen großen Theil deſſelben wieder zu⸗ rückzunehmen, weil es mir überflüſſig iſt. Aber Ihren Sohn lege ich Ihnen an's Herz; ihm müſſen Sie einen Theil Ihrer Sorge widmen. Es iſt ein Mann, der der Welt und dem Leben angehoͤrt; wäre es ein Mäd⸗ chen, ich dürfte Sie nicht beläſtigen. Aber ein Knabe muß eine männliche Erziehung genießen, er bedarf bei M. 4 —— ſeinem erſten Eintritt in das Leben eines krüftigen Füh⸗ rers. Sie können ihm dieſer nicht ſein, aber Sie wer⸗ den ihm einen ſolchen ſenden. Ihnen vertraue ich, daß Sie für unſern Edmund ſorgen, den das Schickſal hart prüfte, als es ihm bei jenem verhüngnißvollen Ereigniß die Sprache nahm.“ „Es bedarf der Zuſicherungen nicht, meine theure Sara,“ entgegnete Heinrich.„Wenn Sie dieſe Schrift durchſehen wollen, werden Sie erkennen, was ich für unſer Kind zu thun willens bin, und wie ich deſſen Zu⸗ kunft zu ſichern denke. Er übergab ihr das Papier und ſie las es auf⸗ merkſam durch, während der Fürſt mit den Blicken der innigſten Sehnſucht auf der Geſtalt des ſchönen Wei⸗ bes ruhte, die einſt ſeine Gattin geweſen war. Thrä⸗ nen glänzten in ihren Augen, und mit bewegter Stimme ſprach ſie:„Ich danke Ihnen, Heinrich, mehr vermag ich Ihnen nicht zu ſagen; aber Sie kennen mich noch genug, um zu wiſſen, was in meinem Herzen vorgeht.“ Sie reichte ihm dann in tiefer Bewegung die Hand und ſagte„Kommen Sie, wir wollen zu Ihrem Sohne gehen.“ Hand in Hand begaben ſie ſich in ein anderes Zim⸗ mer, wo Edmund, ſanft ſchlummernd, auf einem Ruhe⸗ bette lag. Heinrich trat heran, kniete nieder und hauchte einen Kuß auf die Stirn des Lieblings. Der Knabe erwachte und ſah den fremden Mann fragend und mit großen Augen an; dann winkte er der Mutter. Dieſe kam herbei; Edmund faßte ihre Hand, ſeine Lippen bewegten ſich, er ſchien zu fragen:„Wer iſt der Mann?“ Sara nahm ſchnell das Wort und ſagte:„Dieſen Mann mußt Du ſtets achten und lieben; er iſt der Freund Deiner Mutter; er wird auch Dein Freund und Wohlthäter ſein, mein Edmund.“ Der Kleine lächelte und ſchlang ſeinen Arm um den Nacken des Fürſten. Er küßte ihn und drückte ihn an ſich; dann ließ er ihn los und betrachtete ihn un⸗ verwandt mit der größten Aufmerkſamkeit, als wollte er ſich ſein Bild tief in Herz und Gemüth einprägen; darauf winkte er der Mutter fröhlich zu, als wollte er ſagen:„Verlaß Dich darauf, ich werde ihn jetzt nie⸗ mals vergeſſen!“ „Und ſoll das Kind heranwachſen, ohne zu wiſſen, daß jemals ein Vaterauge auf ihm ruhte?“ fragte Hein⸗ rich.„Soll er nicht wiſſen, daß ich es bin, dem er ſein Leben dankt? Und wenn Sie ihm einſt, wenn er herangewachſen iſt, das Schickſal ſeiner Aeltern erzäh⸗ len, ſoll ihm dann nicht die Erinnerung mein Bild zu⸗ rückrufen und er ſich ſagen können: Das war mein 4* Vater? Nein, Sara, nein! Sie fordern zu viel von mir! Ich kann Ihnen nicht gehorchen! Edmund! Mein Knabe! Mein ſüßes, goldgelocktes Kind! Höre mich! Ich bin es, Dein Vater! Dein armer Vater, der unglücklich genug iſt, von Dir ſtets getrennt leben zu müſſen! Verſtehſt Du mich, Edmund! Ich bin Dein Vater, der Dich über Alles liebt!“ Der Knabe ſah den Fürſten mit klugen Augen an, noch einmal ruhte ſein Blick, wie forſchend, auf dem Mann, der in ſo leidenſchaftlichen Worten zu ihm ge⸗ ſprochen hatte; dann aber warf er ſich an die Bruſt des Fürſten, riß ſich wieder los, zog die Mutter her⸗ bei, und ſchlang ſeinen kleinen Arm um Beide. „Sara!“ rief der Fürſt leidenſchaftlich.„Der Knabe vereinigt uns; er führt uns wieder zuſammen, nachdem die eiſerne Hand des Schickſals uns trennte. Ach, daß es nur für Augenblicke und nicht für die Dauer des Lebens iſt. Sara! Edmund! Bei Euch iſt mein Glück, meine Freude, meine Seligkeit! Außer Eurem Bereiche iſt trübe, finſtre Nacht!“ Der Gewalt des Augenblickes vermochte die Mutter nicht zu widerſtehen, in dieſer Minute vergaß ſie Ver⸗ gangenes und Künftiges, nur die Gegenwart ſtand mit lebhaftem Entzücken vor ihr.„Heinrich!“ jauchzte ſie laut,„Heinrich! Edmund! Meine Welt!“ Und in in⸗ niger Umarmung hielten ſie ſich umſchlungen. Eine Stunde und mehr war verſtrichen. In ruhi⸗ gem Geſpräche ſaßen Heinrich und Sara neben einan⸗ der; der Knabe war auf dem Schvoße des Vaters ein⸗ geſchlafen. Noch einmal war Vergangenes und Künf⸗ tiges beſprochen, noch einmal gedachte man der ſeligen Gegenwart, dann erhob ſich Sara zuerſt und ſagte: „Und nun zum Scheiden! Ich bin vollkommen gefaßt und bereit! Lebe wohl, mein theurer Freund! Wir ſcheiden für immer. Nimm das Gedächtniß an dieſe Stunde mit Dir, und Du wirſt nie ganz unglück⸗ lich ſein.“ Heinrich reichte ihr die Hand:„Gott mit uns! Wenn Du den Lauf der Geſchicke verfolgſt und ver⸗ nimmſt, wie die Welt ſich geſtaltet, und welchen Theil die Herren der Erde an dem Geſchick der Völker neh⸗ men, ſo hoffe ich, Deiner nicht unwerth zu ſein. Du ſollſt mit Zufriedenheit an den Mann Deiner Liebe zu⸗ rückdenken können.“ Draußen ward ein Geräuſch vernehmbar; der Fürſt ging ſelbſt hin, um die Thür zu öffnen, und der ehr⸗ bare Oberalte von St. Nicolai, Herr Johannes Wel⸗ lenberger, trat ein:„Eure Durchlaucht wollen zu hohen Gnaden halten!“ ſagte der ehrſame Bürgersmann;„aber es däucht mir an der Zeit zu ſein, aufzubrechen, wenn wir eben ſo unbemerkt uns entfernen wollen, als wir —— hier angelangt ſind. Der Anbruch des Tages iſt nicht mehr fern.“ „Ihr habt ganz recht, mein wackrer Freund!“ ſprach der Fürſt,„und Ihr ſeht mich bereit zu folgen. Ehe ich aber gehe, wiederhole ich Euch in dieſer Dame Ge⸗ genwart meinen Dank für alle Sorgfalt, welche Ihr derſelben gewidmet, und ich bitte Euch dringend, auch fernerhin ſo edel und rechtſchaffen, wie bisher, zu ſorgen.“ „Eure Durchlaucht möge ſich hierauf feſtiglich ver⸗ laſſen, wie auf die Wahrheit des Evangeliums. Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber die Solidität meines Hauſes iſt erprobt auf den Handelsplätzen der bekannten Welt. Es mag Eure Durchlaucht nicht be⸗ fremden, daß ich dieſe Angelegenheit, nach den Anſich⸗ ten meines Standes, mehr wie ein Geſchäft behandle, ſie ruht doch in guter Hand. Zum Schluß aber, da ich Ew. Durchlaucht nicht wieder ſprechen könnte, da Sie Dero Reiſe ſogleich antreten wollen, möchte ich in dem Intereſſe eines andern Committenten gehorſamſt fragen, was Sie in Betreff der Anfrage des nieder⸗ ländiſchen Geſandten beſchließen?“ Der Fürſt ſtand einen Augenblick nachdenkend, dann aber ſagte er raſch:„Nichts davon! Meines Vater⸗ landes Heil ruht nicht in einem Bündniſſe mit den Ge⸗ neral-Staaten. Ich weiſe die lockendſten Verſprechungen zurück, denn ſie ſind nur da, uns zu täuſchen. Sagen Sie das mit andern Worten dem Herrn van Kraag und geben Sie ihm zu verſtehen, daß ich die Einlei⸗ tung officieller Unterhandlungen nicht gerne ſehen würde.“ „Dies ſoll mit all' der Genauigkeit beſtellt werden, die die Wichtigkeit des Gegenſtandes erheiſcht, und nun werde ich mit Ew. Durchlaucht Genehmhaltung den Reiſewagen beordern.“ Der Kaufmann ging. Noch ein kurzer, aber herz⸗ erſchütternder Abſchied fand ſtatt, dann folgte die Tren⸗ nung für's Leben. Der Fürſt ſchwankte aus dem Zim⸗ mer. Als Sara einige Augenblicke nachher den fort⸗ rollenden Wagen hörte, ſank ſie auf die Kniee und hob die gefaltenen Hände empor:„Herr! Sei mit ihm auf allen ſeinen Wegen, jetzt und immerdar!“ Edmund weinte ſtill. Achtes Kapitel. Es war der Geburtstag der Fürſtin Juliane. Auf dem platten Lande, wie in den Städten war dieſer Tag ein allgemeines Feſt. Wettrennen, Tänze im Freien, Stangenklettern, kurz, alle Luſtbarkeiten, die das Herz des Volkes zu erfreuen vermögen, fanden in jedem Dorfe ſtatt. In den Häfen flaggten alle Schiffe, die Kanonen donnerten ihren Gruß über das Meer hin, die Matroſen ſangen und tranken. Reich⸗ verzierte Böte ſchwammen, von leichten Rudern getrie⸗ ben, auf der kryſtallenen Fluth, luſtige Mufik erſcholl aus den bewimpelten Gondeln und fröhliche Lieder er⸗ höhten die allgemeine Luſt. Als es Abend ward, ent⸗ zündete ſich Fackel an Fackel, von den höchſten Maſten⸗ ſpitzen der Schiffe erglänzten ſtrahlende Laternen und bunte Lampen; die See glühte im Feuerglanz auf. Auch in der Reſidenz ſelbſt fanden Feſtlichkeiten ſtatt; rauſchendere, prächtigere ſogar, als in den Land⸗ ſtädten, aber die Freude wollte nicht recht zum Durch⸗ bruch kommen. Der Fürſt Heinrich, der eine kurze Reiſe nach einem benachbarten Staat angetreten hatte, war nicht, wie es allgemein geheißen, zu dem heutigen Feſte zurückgekehrt. Dieſem Ausbleiben wurden die — verſchiedenartigſten Motive unterlegt; es verbreiteten ſich Gerüchte, die ſich einander widerſprachen. Einer⸗ ſeits ſagte man, dieſes Ausbleiben des Fürſten ſei ein abſichtliches; er ſei mit der Fürſtin geſpannt, habe dieſe Reiſe als einen Vorwand gebraucht, um des Beiſam⸗ menlebens mit ihr überhoben zu ſein, und werde wohl ſobald nicht wiederkehren. Dieſe Anſicht war die all⸗ gemeinere, und da der Fürſt von dem größten Theile ſeiner Unterthanen herzlich geliebt wurde, ſo ſprach ſich für ihn das lebhafteſte Bedauern aus, und die Aeuße⸗ rungen, welche gegen die Fürſtin laut wurden, zeugten nicht immer von den Sympathieen des Volkes gegen die Landesmutter. Zwar verſuchten die Anhänger der Fürſtin die Sache aus einem andern Geſichtspunkte dar⸗ zuſtellen und alle Schuld auf den Fürſten zu ſchieben; aber der raſtloſeſten Bemühung wollte es nicht gelin⸗ gen, irgend ein günſtiges Reſultat zu erzielen. Glänzende Equipagen rollten von allen Seiten heran und fuhren im Schloßhofe vor. Es war Cour ange⸗ ſagt, und die Würdenträger des Staates, die Geſandten fremder Mächte, der hohe Adel, das Militair, die No⸗ tabilitäten der Kunſt und der Wiſſenſchaft, kurz Jeder, dem es vermoͤge Rang oder Geburt geſtattet war, ſich in dem Glanze des Thrones zu ſonnen, drängte ſich in die goldnen Säle, um von der hohen Gebieterin des 4** — Landes einen Blick der Gnade, ein Wort der Gunſt zu empfangen. Aber dieſer Stern, zu dem ſo viele Augen gläubig emporſchauten, wollte nicht leuchten; eine Wolke des Unmuths ruhte auf der hohen, weißen Stirn. Das Ausbleiben des Fürſten war der gewichtige Grund. Fühlte ſie ſich auch nicht von Liebe zu ihm hingezogen, kränkte es ſie doch, ſich vernachläſſigt zu ſehen, und verletzter Stolz machte ſie bitter. Die feſtliche Cour ward daher auch ſchneller beendet, als es ſonſt der Fall geweſen ſein würde, und bald ſtanden die ſtolzen Räume des Schloſſes wieder leer. Sie blieben es auch für die fernere Dauer des Tages; denn der angekündigte, lange erſehnte Hofball ward, wegen eines plotzlichen Unwohl⸗ ſeins der hohen Herrin, unerwartet abbeſtellt. Als am Abend die ganze Reſidenz in einem Lichtmeer ſchwamm, bildete das hohe, düſtre Schloß mit dem Glanze von außen einen traurigen Contraſt, und bot dem Aber⸗ glauben oder der frommen Speeculation willkommene Gelegenheit, nahe bevorſtehendes Unheil zu prophe⸗ zeihen. In ihrem geheimen Kabinete befand ſich die Fürſtin Juliane und unterhielt ſich angelegentlich mit einem jungen Cavalier, der in ehrerbietiger Haltung vor ihr ſtand. — „Sie berichten mir Unglaubliches, Baron!“ ſprach die Fürſtin, als jener ſeinen Vortrag geendet hatte. „Ich kann demſelben unmöglich Glauben ſchenken.“ Der Cavalier, dem dieſe Entgegnung galt, war bei der Verheirathung der Fürſtin aus dem Großherzog⸗ thum mit herüber gekommen und gehörte zu ihrer nächſten Umgebung. Ohne mit einem beſondern Amte bekleidet zu ſein, fanden ſich für den Vertrauten aus der Heimath Geſchäfte der mannigfachſten Art, und erſt am heutigen Tage war er von einer geheimen Reiſe zurückgekehrt, deren Ergebniſſe er ſo eben vorgetragen hatte. Als ſeine Herrin ihre Ungläubigkeit äußerte, zuckte er leicht die Achſeln und antwortete:„Ich muß, ſo leid es mir thut, Ew. Hoheit widerſprechen. Was ich Ihnen mitgetheilt habe, iſt die ſtrengſte Wahrheit.“ „Mein Gemahl war alſo wirklich vermählt?“ „Er war es. Und die Frucht dieſer ſentimentalen Ehe iſt ein ſtummer Knabe. Indeſſen iſt die Ehe des Fürſten vor ſeiner Vermählung mit Ew. Durchlaucht in aller Form getrennt worden, und trifft den Fürſten von dieſer Seite her kein Vorwurf.“ „Aber er ſteht fortwährend mit der Geſchiedenen in Verbindung, ſagte man mir. Ich hörte es von mehreren Seiten. Sie ſelbſt ſagen mir, daß er eben jetzt die Reiſe zu ihr antrat, während ich, und mit — 6— mir das ganze Land, ihn im Intereſſe einer wichtigen Staatsangelegenheit entfernt glauben.“ „Ich kann Ew. Duchlaucht das Unangenehme, was meine Ausſage herbeiführt, nicht ſparen. Es iſt mir gelungen, den Aufenthaltsort jener Dame zu erforſchen, ich habe ſie geſehen, ſie und den Knaben. Hieße es nicht, die Gunſt der angebeteten Fürſtin auf's Spiel ſetzen, ich würde ſagen, ſie muß eines ſolchen Gatten würdig geweſen ſein. Kaum hatte ich mich zurückge⸗ zogen, als der Fürſt kam. Es war bereits Abend; er blieb bis zum anbrechenden Morgen. Dann beſtieg er den bereitſtehenden Reiſewagen. Nichts Fürſtliches war daran zu ſehen, der unbedeutendſte Privatmann kann nicht einfacher reiſen. Uebrigens hatte ich ziemlich ſicher vernommen, daß die Reiſe direkt hier gehen würde, und ich kann nicht begreifen, wodurch die Ankunft des Herrn verhindert ſein kann.“ „Und von ihr ſprechen Sie nicht weiter?“ fragte die Fürſtin, welche die letzte Mittheilung ihres Cava⸗ liers kaum beachtet hatte. War auch in ihrem Herzen keine Liebe für ihren Gemahl vorhanden, ſo war ſie doch Weib genug, um ſich über die Neigung zu ärgern, die er einer Andern zuwandte, und die Fürſtin Juliane ward in dieſem Augenblicke die unverſöhnlichſte Feindin der unglücklichen Sara. „Durchlaucht, jene Dame iſt Ihnen am Ende wenig gefährlich....“ „Herr Baron!“ ſagte die Fürſtin erglühend, und der junge Mann erſchrak heftig vor ſeiner unvorſichti⸗ gen Aeußerung. Er ſah ein, daß die Fürſtin ſich ver⸗ letzt fühlen mußte, da ſie mit jener Frau auf eine Stufe geſtellt ward. Auch ſollte er ſogleich die Folgen ſeiner Unbeſonnenheit empfinden, denn die Fürſtin ſagte mit eiſiger Strenge:„Ich denke, Sie überſchreiten die Ihnen ertheilte Vollmacht, indem Sie Angelegenheiten zu be⸗ rühren wagen, deren Vermittlung Ihnen nicht im Ent⸗ fernteſten aufgetragen war. Sie ſind entlaſſen.“ Der junge Mann entfernte ſich, äußerſt beſtürzt über den Zorn ſeiner Gebieterin, die ihm bisher nur freund⸗ liches Wohlwollen gezeigt hatte, und ließ dieſe in einer ſehr unangenehmen Stimmung zurück, die noch anhielt, als ihr der niederländiſche Geſandte gemeldet wurde, den ſie auf der Stelle annahm. Um dieſe Gunſt erklärlich zu finden, iſt zu ſagen, daß an dem großherzoglichen Hofe das innigſte Bünd⸗ niß mit den General⸗Staaten beſtand, und daß der Groß⸗ herzog ſeine Tochter daher angewieſen hatte, all' ihren Einfluß bei ihrem fürſtlichen Gemahl anzuwenden, um deſſen Sympathieen ebenfalls für jenes Land zu wecken, indem man durch dieſe Tripel-Allianz einer andern —— Macht des Nordens einen feſten Damm entgegenzuſetzen hoffte. Dieſes Vorhaben, mit welchem die Fürſtin in⸗ deſſen nicht ſonderlich vorgeſchritten ſchien, machte na⸗ türlich eine ſtete, geheime Verbindung zwiſchen ihr und dem niederländiſchen Botſchafter nothwendig, der eben jetzt in dem Kabinete der Fürſtin erſchien. „Ew. Durchlaucht wollen verzeihen, daß ich Sie heute zu ſtören wage, wo Sie ſich, Ihres leidenden Zuſtandes wegen, in die Einſamkeit Ihres Kabinetes zurückgezogen haben,“ ſagte der Diplomat.„Indeſſen ſind die Umſtände dringend, und haben jedes kleinliche Bedenken bei mir unterdrückt.“ „Reden Sie, Herr Miniſter!“ entgegnete die Fürſtin raſch.„Welche Botſchaft bringen Sie? Haben Sie Nachrichten von meinem Herrn Vater?“ „Ja, Ew. Durchlaucht!“ ſprach der Diplomat,„und mit dieſen erhielt ich auch Nachrichten von unſerm Ka⸗ binete, ſo wie von meinem vertrauten Agenten in Lon⸗ don. Unſere Angelegenheit ſteht ſchlecht. Es iſt nur wenige Hoffnung vorhanden, den gewünſchten Traktat zwiſchen unſern drei Ländern zu Stande zu bringen, und mit dieſer Hoffnung ſinken zugleich die herrlichſten Pläne und Entwürfe in den Staub. Es bleibt nur noch ein ein⸗ ziges Mittel.... „Und dieſes Mittel?“ — * „Sind einzig und allein Ew. Durchlaucht.“ Die Fürſtin ſchwieg und der Diplomat fuhr fort: „England geht langſam, aber ſicher, und die Vorliebe Ihres Gemahls für jenes Land iſt bekannt.“ Die Dame errbthete, denn ſie wußte wohl, daß die frühere Gattin ihres Gemahls aus jenem Lande ſtammte. Sie fühlte den Stich des Diplomaten und„trug ihn in das Schuldbuch Sara's. Jener aber fuhr fort, als ſei nicht das Geringſte vorgefallen:„Die Haupttriebfe⸗ der dieſer ganzen Intrigue iſt,— man ſollte es kaum für moͤglich erachten, aber meine Nachrichten ſind zu beſtimmt,— iſt ein ſimpler Hamburger Kaufmann, ein Herr Johannes Wellenberger, welcher der Vermittler der ganzen Angelegenheit geweſen iſt. Ja, Ew. Durch⸗ laucht, wenn wir nicht die Frucht eines jahrelangen Strebens verlieren ſollen, ſo müſſen Sie uns Ihren kräftigſten Beiſtand leiſten. Sie müſſen den Fürſten für dieſe Idee gewinnen, und wenn Sie es ernſthaft wollen, wird es gewiß gelingen. In Ihrer Hand liegt jetzt viel.“ „Ich vermag nichts über meinen Gemahl!“ entgeg⸗ nete die Fürſtin ſchnell, dann aber verſtummte ſie, das raſchgeſprochene Wort bereuend. Vergebens ſuchte ſie nach einem Ausweg, um eine Aeußerung zu mildern, die für ihren Stolz zu demüthigend war, und ſtarrte vor ſich hin. Der Miniſter entgegnete achſelzuckend: „Dann freilich ſind alle unſere Hoffnungen dahin, und was wir ſo ſchön, ſo freundlich uns ausmalten, erbleicht vor unſern ſichtlichen Augen. Faſſen Eure Durchlaucht aber Muth. Der Fürſt wird nicht ſäumen heimzukehren. Schon die nächſte Stunde kann ihn bringen. Die Agenten unſerer Gegner werden nicht ermangeln, ihm zu folgen, und wenige Tage dauert es nur, daß man uns das Schauſpiel einer feierlichen Unterzeichnung des engliſchen Traktates gibt. Hier gilt es, raſch zu handeln; gelingt es auch nicht ſo ſchnell, den Fürſten für unſern Plan zu gewinnen, ſuchen wir mindeſtens Mißtrauen gegen England in ihm zu erwecken; der Abſchluß verzögert ſich und wir gewinnen Zeit.“ Die Fürſtin erhob ſich:„Wir empfinden die ganze Wichtigkeit der uns gemachten Mittheilung und werden nicht ermangeln, den beſten Gebrauch davon zu machen. Halten Sie ſich überzeugt, daß Wir uns als eine treue Verbündete Ihres Landes anſehen, und aus allen Krüf⸗ ten dahin wirken werden, dieſe Sympathieen, welche zwiſchen den Fürſtenhäuſern beſteht, auch den beiderſei⸗ tigen Unterthanen einzuflößen.“ Sie reichte dem Miniſter die Hand zum Kuſſe und dieſer entfernte ſich nach einer tiefen Verbeugung, aber mit einem ſtillen Lächeln; denn er wußte es bereits aus langer Erfahrung von dem Hofe des Großherzogs, —— — daß die Prinzeſſin ſtets einen beſondern Ausdruck von Hoheit annahm, wenn ſie gerade ſich am meiſten rath⸗ und hülflos fühlte. Er ſagte ſich alſo mit ziem⸗ licher Beſtimmtheit, daß von dieſer Seite her wenig für ſeine Pläne zu hoffen war, und daß er eilen müſſe, andere Anknüpfungspunkte aufzuſuchen. Die Fürſtin Juliane blieb in der That rathlos zu⸗ rück, und Thränen netzten ihre Wangen. Noch nie hatte ſie einen Geburtstag ſo einſam, ſo freudenlos zugebracht, und ihr Zorn kehrte ſich gegen das unglück⸗ liche Weib, das ſie für die Urſache ihres Ungemaches hielt. Wäre dieſe Sara nicht geweſen, ſo würde ſie ihren Gemahl ungetheilt beſeſſen und ihn durch ihre Schlauheit beſiegt haben, während jetzt das Herz über die feinſten, berechnetſten Combinationen den Sieg davon tragen mußte. „Wenn ich ſie einſt mir gegenüber ſähe, dieſe Ver⸗ haßte, die mir ſolches Weh bereitet!“ ſprach die Für⸗ ſtin vor ſich hin. Dann ſchwieg ſie, aber ihre Gedan⸗ ken flogen nach allen Richtungen. Aufgeregt zog ſie die Klingel, und ließ den jungen Cavalier zu ſich entbieten, den ſie erſt kürzlich ſo ungnädig entlaſſen hatte. Er erſchien in ängſtlicher Beſorgniß vor einem zweiten Ausbruche des Zornes ſeiner Gebieterin. Aber ſie, die längſt die Herrſchaft — äber ſich gewonnen hatte, empfing den jungen Edelmann mit freundlichen Worten, und ertheilte ihm einen Auf⸗ trag, der ihn veranlaßte, noch vor dem anbrechenden Morgen die Reſidenz wieder zu verlaſſen. Neuntes Kapitel. Am andern Morgen hatte die Fürſtin den Erzieher ihres Gemahls, den würdigen Reinhold zu ſich beſchei⸗ den laſſen. Der Greis war verwundert über dieſe Bot⸗ ſchaft; denn noch nie hatte die Herrin von ihm die geringſte Notiz genommen, während doch der Fürſt ſei⸗ nen Erzieher, den treuen Führer der Jugend fortdauernd mit Achtung und Herzlichkeit behandelte. Er verneigte ſich tief vor der hohen Dame, die ihn mit gnädiger Herablaſſung empfing. „Ich habe mir längſt eine Unterredung mit Ihnen gewünſcht, ehrwürdiger Herr!“ redete ſie ihn an,„und ich bekenne aufrichtig, dieſes thut mir Leid, es bisher ver⸗ ſäumt zu haben, eine ſolche herbeizuführen, die doch für mich nur von dem größten Nutzen ſein konnte.“ Sie hielt einen Augenblick inne, als aber Reinhold ſtumm blieb, fuhr ſie fort:„Ich fand hier ein neues Vaterland, das ich bereits innig liebe, das mir aber noch zu wenig bekannt iſt. Es genau kennen zu lernen und ihm dann alle meine Sorge widmen zu können, iſt mein innigſter Wunſch.“ „Heil dem Lande, deſſen Fürſten ſolche Wünſche hegen,“ ſprach Reinhold.„Indem Ew. Durchlaucht einen ſo edlen Entſchluß faſſen, ahmen Sie nur dem hochherzigen Beiſpiele nach, was Fürſt Heinrich Ihnen gibt.“ Die Fürſtin ſchien ſichtbar erfreut, daß der Geiſtliche von ſelbſt die Saite anſchlug, die ſie berührt zu ſehen wünſchte. Mit einem Eifer, der ſie faſt die angenom⸗ mene Würde vergeſſen ließ, mittelſt derer ſie ſo gern imponirte, ging ſie darauf ein. Bald war ausſchließlich nur von dem Fürſten die Rede; der ehrliche Geiſtliche, der die feine Schlinge nicht bemerkte, die ihm gelegt worden, ſtrömte über von dem Lobe des Zöglings, und malte mit den lebendigſten Farben. Die Fürſtin hörte ihm nicht allein geduldig zu, ſie ermunterte ihn ſogar, ungeſcheut weiter zu ſprechen, bis er nichts mehr zu verſchweigen hatte. Als das Wort geſprochen war, ergriff ihn bittere Reue, eine Angelegenheit zur Sprache gebracht zu haben, die nach ſeiner Anſicht, der Fürſtin ein tiefes Geheimniß war. „Ich wußte das Alles längſt,“ ſprach die Fürſtin nach einer Pauſe,„und dieſes freut mich, es aus Ihrem Munde beſtätigt zu hören. Mein Gemahl war alſo vermählt? Mit einer britiſchen Edeldame vermählt?“ „Ja, gnädigſte Fürſtin! Mit einer wahrhaften Edel⸗ dame, die, wenn die Tugend allein einen Anſpruch auf hohen weltlichen Rang gäbe, dem erſten Throne der Welt zur Zierde gereicht hätte.“ „In der That! Bei dieſer ungeſchminkten Bewunde⸗ rung, die Sie für jene Dame an den Tag legen, nimmt es mich um ſo mehr Wunder, daß Sie am lebhafteſten die Trennung dieſer muſterhaften Ehe betrieben haben. Oder bin ich in dieſem Punkte falſch berichtet?“ „Es iſt ſo, wie Ew. Durchlaucht ſagt. Mein war das Werk der Scheidung. Wit blutendem Herzen habe ich dieſe Pflicht erfüllt, die ich Gott und dem Vater⸗ lande ſchuldig war.“ 5 „Ich wäre neugierig zu erfahren, was gerade Sie bewegen konnte, hier handelnd einzugreifen. Konnten Sie dieſes traurige Amt nicht einem Andern überlaſ⸗ ſen? Vermochte Ihr weiches Herz es über ſich zu gewin⸗ nen, dem geliebten Zögling einen ſolchen Kummer zu bereiten? Wahrlich, ich möchte den Beweggrund kennen, der Sie beſtimmte.“ „Meine Pflicht als Prieſter war es, die höher ſteht, als die Pflicht, welche ich gegen einen Staubgebornen habe, und ſtände er meinem Herzen am nächſten; meine — hoͤhere Liebe, die Liebe zu Gott, zu ſeiner heiligen Kirche, zu meinem reinen, unverfälſchten Glauben. Um weltlicher Ehre und Vortheile willen hätte ich niemals ein Band zerreißen können, das mir von dem Himmel ſelbſt geknüpft ſchien; aber die Kirche war in Gefahr, ihr drohte ein heftiger Schlag, und dieſen mußte ich abwen⸗ den, ſelbſt um den theuerſten Preis. Es iſt geſchehn!“ „Verſtehe ich Sie?“ „Ja, ich that es, mit tiefem Kummer, aber zugleich mit freudiger Erhebung. Wäre Heinrich mit jener Dame vermählt geblieben, er hätte ſie nie als ſeine rechtmäßige Gattin betrachten dürfen, nach dem Geſetze hätte er als unverheirathet gegolten, und ob ihm gleich ein liebes Kind geboren wurde, er wäre doch ohne Leibeserben geſtorben. Dann kam ein anderer Fürſten⸗ ſtamm an die Regierung; der deſignirte Erbe wäre der Herzog von W. geweſen, der einer andern Kirche ange⸗ hoͤrt. Zwar iſt mir wohl bekannt, daß der neue Fürſt ſich zur Landesreligion hätte bekennen müſſen, aber es wäre ein Gelübde geweſen.... Fürſtin! Oft leiſtet der Mund ein Gelübde wenn das Herz bereits ein anderes geleiſtet hat. Oeffentlich hätte jener Herrſcher ſich zu uns bekannt, heimlich hätte er ſeinem frühern Glauben jeden möglichen Vorſchub geleiſtet. Dieſen Schlag mußte ich von unſerer Kirche abwenden.“ Juliane war Fürſtin, aber ſie war auch Weib. Es ärgerte ſie, nur ein blindes Werkzeug höherer Pläne geweſen zu ſein. Zwar hatte ſie Heinrich nie geliebt, aber ſie vergab es ihm nicht, eine Andere geliebt zu haben, ja ſie noch zu lieben, denn ſie war durch ihre Spione gut unterrichtet worden. Gegen den Prieſter, der ihr offen gegenüber ſtand, ſich ſeines redlichen Wol⸗ lens wohl bewußt, regte ſich ein bitterer Groll, und in leidenſchaftlicher Erregung fragte ſie:„Und hat die Kirche, die durch Sie ſo trefflich bedient wurde, es gut geheißen, daß die Geſchiedenen nach der ihnen gebote⸗ nen Trennung den Umgang unbefangen fortſetzen? Zit⸗ tert Ihre Moral nicht bei dem Gedanken, ein Verhält⸗ niß fortbeſtehen zu ſehen, das unter den jetzigen Um⸗ ſtünden ein doppelt ſtrafbares genannt werden muß?“ „Fürſtin, ich verſtehe Sie nicht!“ entgegnete Rein⸗ hold, und er ſagte die Wahrheit; denn der Zweck der letzten Reiſe des Fürſten war ihm gänzlich unbekannt geblieben. „Sie verſtehen mich nicht! Sie wollen mich nicht verſtehen! O, nein, Sie wiſſen natürlich nicht, daß mein Gemahl, nach wie vor, mit ſeiner Britin in dem freundſchaftlichſten Verkehr ſteht, daß er ihr Beſuche abgeſtattet hat, daß er ſich in dem Augenblicke, da wir ſprechen, in ihrer Behauſung befindet....“ 95— „Unmöglich!“ „Setzen Sie Zweifel in meine Behauptung!“ rief ſie herriſch.„Wollte Gott, alle Bemühungen und Be⸗ ſtrebungen der Diener der Kirche wären ſo wahr, als die Worte, die ich zu Ihnen geſprochen. Dieſe Unter⸗ redung mit Ihnen hat mir auf's Neue bewieſen, wie meine Stellung an dieſem Hofe iſt, und daß ich ſehr auf meiner Hut ſein muß, wenn ich der Intrigue Stand halten will.“ Sie winkte dem Geiſtlichen, ſich zu entfernen, und überließ es ihm, ſich von ſeinem Staunen und Schrecken zu erholen, da er auf einen ſolchen Ausgang der nicht erbetenen Audienz wenig gefaßt geweſen war. Der mittelbare Gegenſtand ihres Zornes hatte ſich entfernt, aber dieſer ſelbſt gährte in ihrem Innern fort. Der Fürſt war ihr verhaßt, noch mehr jene ſchuldloſe Frau, die ſie nie geſehen, die ihr nie irgend ein Leid zugefügt: „Zu ihren Füßen girrt er wie ein ſchmachtender Schäfer; ſie liebkoſt ihn, und Beide lachen über mich, ſpotten meiner und fühlen ſich wohl gar weit über mich erhaben. Aber ich empfinde dieſe Beleidigung und werde ſie rächen! Mein Zorn ſoll jenes Weib vernichten, die es gewagt hat, ihre Hand nach einem Ziele auszuſtre⸗ cken, von dem ſie ſtets in ehrerbietiger Ferne bleiben — ſollte. Sie ſoll es empfinden! Und er! Stellte er ſich mir nicht immer dar, mit tiefem Ernſt, mit philo⸗ ſophiſcher Ruhe, mit prunkenden Sentenzen, ſo daß ich faſt Furcht empfand, wenn er ſich mir nahte, und kaum den Muth hatte, mich ihm gleich zu ſtellen. Und doch! Aber er komme nur, und mit der tieſſten Verachtung will ich ihn empfangen. O, es iſt unerhört, ſo ge⸗ täuſcht zu werden!“ Da brauſte, gleich nach dieſem finſtern Entſchluſſe, der Bote des Unheils heran. Auf ſchnellem Roſſe ſtürmte ein Courier durch die Straßen der Reſidenz nach dem Schloſſe. Als er vor dem hohen Portal anlangte, brach das Thier unter ihm zuſammen, er ſelbſt war faſt be⸗ wußtlos. Man nahm ſich ſeiner an und reichte ihm einen Becher Wein; die Nachricht, die er zum Dank für dieſen Labetrunk kund brachte, war zerſchmetternd, die Zuhörer ſtießen einen Schrei des Entſetzens aus. Einige eilten hier-, andere dorthin; mit Blitzesſchnelle verbreitete ſich die eingegangene Trauerpoſt nach allen Richtungen; aber Niemand wollte es wagen, ſie der Fürſtin zu überbringen. „Ich will es thun!“ ſprach Reinhold, tief erſchüt⸗ tert von dem Ereigniß, welches er ſo eben vernommen. „Ich will es thun! Gott wird mir Kraft geben, es zu vollbringen!“ —— Er ging zu den Gemächern der Fürſtin. Erſt auf wiederholtes, dringendes Mahnen und Bitten wurde er vorgelaſſen. Sie war noch in voller Erregung des Zornes, und zürnend herrſchte ſie den Greis an, den wenige Minuten ganz verwandelt hatten, und der es nicht vermochte, der Thränen ſich zu erwehren, die ſich aus ſeinen Augen hervordrängten. „Wie durften Sie, nach der kaum unter uns be⸗ endeten Unterredung es wagen, aufs Neue vor mir zu erſcheinen?“ „Gerade um dieſer Unterredung willen. Aber ehe ich es wagen darf, Ew. Durchlaucht die Urſache meines Kommens mitzutheilen, erbitte ich mir eine Gnade.“ „Sie? Von mir?“ „Ich bin mir bewußt, ſtets nach der Pflicht zu han⸗ deln und Gott vor Augen zu haben; allein ich bin auch ein ſchwacher Menſch und leicht iſt ein Fehltritt begangen. Wenn ich daher vorhin, freilich unwiſſent⸗ lich, irgend etwas gethan und geſprochen habe, was mir das Mißfallen meiner Fürſtin zugezogen hat, ſo bitte ich hiermit demüthig, es mir zu vergeben mit chriſtlicher Liebe.“ Die Fürſtin ſchwieg. „Und nun ich mich, um meiner irdiſchen Schwäche vor Ihnen gedemüthigt, flehe ich Ew. Durchlaucht an, II. 5 — die ſchwerkränkenden Worte zurückzunehmen, welche Sie gegen Ihren Herrn und Gemahl ausgeſtoßen haben. Laſſen Sie den Geiſt der Liebe und Verſöhnung in Ihrem Innern lebendig werden, und denken Sie, daß die ewige Barmherzigkeit und Milde niemals auf ſich warten läßt, wenn wir ihrer bedürfen.“ „Nein!“ ſagte die Fürſtin hart. „Sehen Sie mich zu Ihren Füßen, Fürſtin! Dieſe Kniee, die ſich bis heute nur vor Gott beugten, beugen ſich jetzt vor Ihnen. Geloben Sie ſich, um Ihrer ſelbſt willen, Vergeſſenheit, und gedenken Sie Ihres Gatten in chriſtlicher Liebe!“ „Zu kühn wird dieſes Poſſenſpiel! Soll ich mich von einem heuchleriſchen Pfaffen beherrſchen laſſen? Soll ich das Spielwerk ſeiner Launen ſein? Ja, wiſſe es, ich ſehne mich nach der Heimkehr des Fürſten; aber nur um ihn meinen Zorn, nein, meine Verachtung fühlen zu laſſen, und dann eine Rache zu nehmen, die ihn ſchwer treffen ſoll.“ Der Prieſter hatte ſich erhoben und ſagte mit er⸗ hobener Hand:„Sie werden es nicht! Ohnmächtig iſt Ihr Zorn!“ „Unerhört!“ „Fürſt Heinrich gibt bereits einem höhern Richter Rechenſchaft von ſeinem irdiſchen Wandel. Ich wollte — 661— Ihr Herz zur Milde und Verſöhnung ſtimmen, bevor ich Ihnen das Leid meldete, das dieſes Land betrof⸗ fen hat. Die Hand des Herrn trifft Sie ſchwer: Ihr Gatte iſt todt!“ „Todt!“ ſchrie die Fürſtin entſetzt.„Todt!— Ja dann!“ Sie war leichenblaß geworden, Fieberfroſt durchrieſelte ſie. Reinhold erhob betend die Hände:„Herr, der Du über Wolken thronſt, und die Geſchicke der Men⸗ ſchen foͤrderſt nach Deiner unendlichen Weisheit! Gib Kraft denen, die ihrer bedürfen; mir aber gib eine baldige Erlöſung, denn nach dieſem Schlage vermag ich nicht länger fortzuwirken zu Deiner Ehre!“ Eine tiefe Stille herrſchte zwiſchen der von dem Un⸗ erwarteten hart getroffenen Fürſtin und dem vor Schmerz gebeugten Prieſter. Da vernahm man im Vorſaal Ge⸗ räuſch; man harrte, welchen Erfolg die Botſchaft des Prieſters gehabt haben würde. „Draußen vernahm ich Tritte! Faſſen Sie ſich, Ew. Durchlaucht. Es werden die Herren des Staatsrathes ſein. Ich nehme in dieſer Trauerſtunde Abſchied von Ihnen; mit dieſer Minute hört mein Wirken in der Welt auf, ich ziehe mich in die Stille des Kloſters zu⸗ rück. Gott ſegne Sie und Ihr Kind, dem in der Wiege ſchon die Laſt einer Krone zu Theil wird. Gott er⸗ 5* — 100 leuchte Sie und gebe Ihnen Kraft. Dies iſt mein aufrichtiger Wunſch.“ Reinhold entfernte ſich, und nach einigen Augen⸗ blicken traten die Miniſter ein. Die Fürſtin empfing ſie mit ruhiger Würde und blieb mit ihnen in gehei⸗ mer Berathung zuſammen. Mit Blitzesſchnelle flog die Nachricht von dem Tode des Fürſten durch die Reſidenz. Der Eindruck war tief; denn der junge Herrſcher war von ſeinen Unter⸗ thanen, gleich ſeinem Vater, innig geliebt worden. Man fragte nach den Einzelnheiten und erfuhr nur, daß der Fürſt auf ſeiner Reiſe in die Heimath, kaum dies⸗ ſeits der Grenze, von einem Schlagfluſſe getroffen ſei. Die einzelnen Ereigniſſe weiter auszumalen, werde nicht gefor⸗ dert. Als die theure Leiche eintraf, wurde ſie mit Thrä⸗ nen empfangen und in der fürſtlichen Gruft beigeſetzt. Fürſtin Juliane handelte mit feſtem Sinne, wie die Umſtände es ihr geboten. Sie ernannte einen Regent⸗ ſchaftsrath, der bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes die Regierungsgeſchäfte leiten ſollte, und ſtellte ſich an die Spitze deſſelben. Ihre erſten Schritte zeugten von einem feſten, unbeugſamen Willen, aber auch von Liebe zur Gerechtigkeit und von dem redlichen Streben, Gutes zu fördern und zu thun. Das Land harrte und hoffte. Zehntes Kapitel. Wie ein Blitz aus heitern Höhen traf die Nachricht von dem Ableben des Fürſten die unglückliche Sara. Sie war niedergeſchmettert. Erſt noch vor wenigen Ta⸗ gen hatte ſie ihn begrüßt in Fülle der Kraft, und nun — ſie verlor den treuen, bewährten Freund, Edmund den ſorgſamen, liebenden Vater; er war nichts als eine arme, hülfloſe Waiſe, darauf angewieſen, ſich mit eignen Kräften und Mitteln, ſo gut es gehen wollte, durch die Welt zu ſchlagen. Sie hatte für ihren Liebling eine Zukunft voll Glück und Freude erſehnt, erträumt, und mußte ſich jetzt glücklich preiſen, wenn ihm das beſchei⸗ denſte Lvos im Verborgenen fiel. „Mein armer Edmund!“ ſprach ſie und ſchloß den ſchmeichelnden Knaben bewegt in ihre Arme.„Sie, die Stolze, die Herriſche, wird nichts für Dich thun, ſie wird eher, fürchte ich, Dich kränken und verfolgen. Du haſt Niemand auf der Welt, als eine unglückliche Mutter, die nichts für Dich thun kann, als weinen und beten!“ Edmund liebkoſte die Mutter, als wollte er ſie tröſten in ihrem Schmerz; ſie beugte ſich über ihn und weinte ſtill. — 102— Ein Scharren auf der Schwelle weckte ſie aus ihrem Hinbrüten; ſie ſah auf und gewahrte einen ſtämmigen Burſchen in der Matroſenjacke, der den Hut in beiden Händen haltend, ſich linkiſch verbeugte. „Ei ſpare Sie Gott geſund, meine liebe Madame!“ begann der Burſch.„Bin mit des Himmels Hülfe glücklich von Amerika wieder angelangt und wollte mich doch hier zeigen bei Ihnen und dem kleinen Edmund.“ Edmund hoͤrte nicht ſobald ſeinen Namen nennen, als er dem jungen Seemanne entgegeneilte und ihn in großer Aufregung umſchlang; der Knabe war kaum zu beruhigen. Sara trocknete ſchnell ihre Thränen und ſagte freundlich:„Willkommen, Emanuel! Sieh nur, wie der Knabe ſich freut; er hat Dich noch nicht ver⸗ geſſen.“ Bei dieſen Worten der Mutter ſah Edmund auf, er ſchüttelte mit dem Kopfe, als wollte er antworten: „Vergeſſen? Nie! Nie!“ und umarmte ſeinen Freund und Retter von Neuem. „Ich habe denn auch, meine liebe Madame, mit Ihrer Erlaubniß, für den Jungen da allerhand Klei⸗ nigkeiten mitgebracht, wie ſie der Seemann an fremden Küſten findet; denke wohl, Madame wird nichts dage⸗ gen haben, und der Edmund wird ſich freuen.“ Da⸗ mit begann er aus Hut und Taſchen eine große Anzahl — 103 glänzender Muſcheln und Steine zu holen und vor dem Knaben auf dem Tiſche in Parade aufzulegen, der vor Verwunderung die Hände zuſammenſchlug und ſeine Freude durch Hüpfen und Springen zu erkennen gab. Wie der große und der kleine Knabe ſich in ihr Spiel vertieften, beſchlich Sara ein Gefühl der Bitter⸗ keit:„Das iſt das Lvos eines Fürſtenſohnes; ſo muß er ſeine Freuden, ſo ſeine Freunde wählen, und....“ Nein, ſie dachte den Gedanken nicht zu Ende, und als wollte ſie ſich ſelbſt für ihre Ungerechtigkeit ſtrafen, trat ſie zu Emanuel, reichte ihm die Hand und ſagte mit dem herzlichſten Tone ihrer Stimme:„Ich danke Dir, mein lieber Emanuel, für die Freude, die Du meinem Edmund machſt. Es iſt ſchön von Dir, daß Du in der Ferne ſeiner gedacht haſt; er wird es Dir nie vergeſſen.“ „O, Madame, das iſt nichts, das iſt gar nichts!“ ſtotterte der junge Seemann verlegen.„Das will wenig bedeuten. Das liebe Gut liegt am Strande, und man braucht es nur in die Taſche zu ſtecken. Aber es iſt mir doch lieb, daß es Ihnen recht iſt. Und das gibt mir Courage, denn ich habe da noch....“ Er faßte in den Hut und brächte eine aus der Rinde einer Co⸗ cusnuß geformte Trinkſchale zum Vorſchein, die mit ſil⸗ berner Einfaſſung verziert war. „Sehen doch Madame das Ding einmal an: ſolche Nüſſe haben ſie dort zu Lande, wo ich geweſen bin. Der Kern iſt aber ſchon heraus. Sie brauchen ſie dort, um daraus zu trinken, ich aber dachte, man könnte ſie hierorts auch dazu gebrauchen, und es würde mir eine große Ehre ſein, wenn Madame es ab und zu auch verſuchen wollte; Sie würden dabei immer an einen armen Burſchen denken, der Ihnen ſein Fortkommen in der Welt zu danken hat, und mit nichts vergelten kann, als mit dem guten Willen.“ „Ich danke Dir für Dein Geſchenk, Emanuel, und will es Dir zum Andenken aufheben,“ ſprach Sara gütig.„Aber nun erzähle uns doch, wie es Dir er⸗ gangen iſt, und ob Du mit dem Stande zufrieden biſt, den Du Dir ſelbſt erwählt haſt.“ „Das will ich meinen!“ rief Emanuel aus.„Es mag vielerlei Art und Weiſe geben, wie man auf der Welt ſein Brod verdienen und dabei zu Ehren und Würden gelangen kann; ich aber kann mir nichts Schö⸗ neres denken, als das Leben zur See, und der beſte Stand, den ich auf Erden kenne, iſt der, auf einem ſtatt⸗ lichen Schiffe Meiſter des Kabelgats zu ſein. Dahin denke ich es denn auch noch mit Gottes Hülfe zu bringen.“ Er begann nun fröhlich zu erzählen und hatte an Sara und Edmund aufmerkſame und theilnehmende Zu⸗ hörer. Bereits ſchwamm er auf hoher See, ſah die ferne Küſte aus der blauen Flut emportauchen und wollte eben die ſeltſamen Wunder, die er geſehen, ſchil⸗ dern, als er durch den Eintritt des Herrn Johannes Wellenberger unterbrochen ward. „Bitte zu entſchuldigen, daß ich ſo gerade zu herein⸗ trete, aber ich fand keinen Dienſtboten vor und meine Zeit iſt ſehr gemeſſen; auch iſt die Rachricht, die ich bringe, von Wichtigkeit, und da wollte ich denn mit Eurem Wohlnehmen gebeten haben, mir einige Augen⸗ blicke Gehor zu ſchenken.“ „Ich bin bereit!“ antwortete Sara, nicht ohne Be⸗ fangenheit, denn ſie glaubte es dem alten Wellenberger anzuſehen, daß er nichts Erfreuliches bringe. „Wollte auch,“ fuhr Jener fort,„darauf aufmerkſam machen, daß es beſſer ſein möchte, mich ohne Zeugen anzuhbren⸗“ „Gewiß!“ fiel Sara haſtig ihm in die Rede, und hieß Emanuel ſich mit dem Knaben entfernen, ſpäter aber wiederzukommen und ſeine Erzählung zu beenden, dann ließ ſie ſich nieder und ſagte:„Redet! Gott wird mir Kraft geben, das zu tragen, was über mich ver⸗ hängt iſt.“ „Ich will nicht daran erinnern, welch ein harter Verluſt Euch betroffen hat, edle Frau, ſondern nur 5** 2 — 106— auf die Folgen aufmerkſam machen, die derſelbe für Euch herbeiführen wird, ja bereits herbeigeführt hat. Ich bin der Verwalter Eurer Angelegenheiten geweſen, und Ihr werdet mir das Zeugniß nicht verſagen kön⸗ nen, daß ich es mit Treue und Fleiß geweſen bin, und das Vertrauen Sr. Durchlaucht ſtets zu bewahren gewußt habe. Es thut mir nur über die Maaßen leid, daß ich das beſagte Amt nach dem Tode des fürſtlichen Herrn nicht länger fortſetzen kann.“ „Und weshalb nicht, werther Herr?“ „Die Umſtände verbieten es,“ fuhr der Kaufmann fort.„Ein Handelsmann muß bei ſo aufgeregten Zu⸗ ſtänden vorſichtig ſein. Was ihm zu einer Zeit Lob und Vortheil brachte, bringt ihm zu einer andern Schaden und üble Nachrede. Derentwegen bitte ich, daß mir geſtattet werde, die Verwaltung des mir anvertrau⸗ ten Vermögens niederzulegen und zu Dero Dispoſition zu ſtellen. Die nöthigen Vorkehrungen habe ich getroffen, und die Uebergabe kann morgen geſchehen, wenn die edle Frau ſich entſchließen wird, den Sachwalter, den ich ihr vorſchlage, anzunehmen. Der Mann iſt ſolide, treu wie Gold und wird, da er nicht zu dem Commerzio gehört, von den politiſchen Vorfällen des Tages weniger berührt.“ „Bleibt mir eine Wahl? Ich bin bereit, mich Eu⸗ rem Vorſchlage zu fügen.“ —,— „Das freut mich,“ ſagte der Kaufmann,„und ich bin feſtiglich überzeugt, daß Ew. Gnaden dabei nicht ſchlecht fahren werde. So trete ich denn jetzt vor der Welt von Ew. Gnaden zurück, was ich aber in der Stille zu Eurem und Eures Kindes Beſten beizutragen vermag, das ſoll redlich geſchehen. Darum habe ich auch bereits meinem Herrn Nachfolger, für den Fall, daß Ihr ihn autoriſiren würdet, erſucht, bei nächſter günſtiger Gelegenheit die däniſchen Kammerbriefe loszu⸗ ſchlagen; denn es iſt keinen Augenblick zu bezwei⸗ feln, daß dieſem Papier eine ungünſtige Conjunetur bevorſteht, von wegen der Wirrniſſe, die zwiſchen die⸗ ſem Lande und den Beherrſchern von Rußland und Schweden ausgebrochen find.“ „Ich verſtehe wenig von dieſen Dingen.“ „Um ſo nöthiger iſt alſo ein treuer Rathgeber,“ ſprach Herr Johannes,„und Ihr müßt denſelben wohl in Ehren halten. Wenn ich Euch alſo jetzt ſage“— hier hielt er einen Augenblick inne, ſich nach allen Seiten umſehend, und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort:„wenn ich Euch ſage, daß Euer fernerer Aufenthalt an dieſem Orte nicht beſonders zuverläſſig mehr iſt, ſo thue ich eigentlich mehr, als ich nach der Klugheit ſollte, aber ich thue es, um der Hochachtung willen, die ich für Euch hege.“ — 108— „Weh mir! Was iſt das?“ „Bitte die edle Frau ſehr, Ihr Staunen leiſer aus⸗ zudrücken, ſintemal ich nicht darauf ſchwören möchte, daß ein Verräther in dem Bereiche unſerer Stimme ſei. Habt Ihr nicht gehört, daß die jetzt regierende Fürſtin Juliane Kenntniß von Eurem Daſein hat, ſo erfahrt Ihr es heute durch mich. Sie hat Euch mit Spionen umgeben, die Alles erkundſchaftet. Glaubt Ihr, daß ſie einer Dame beſonders freundlich ſein wird, die ihr das Herz des Gatten entzog? Sie kennt die letzte Zuſammenkunft, welche Ihr mit Eurem frühern Gemahl hattet; meint Ihr, ſie werde Euch dafür auf Roſen betten? Alſo fort! Euer Gemahl hatte es mit dem kleinen Edmund wohl im Sinn, und wollte gleich nach ſeiner Rückkehr in die Reſidenz für deſſen Zukunft ſorgen. Er iſt aber nicht dahin zurückgekehrt und hat ſeine menſchenfreunvliche Abſicht nicht erfüllen kön⸗ nen. Ihr ſeid alſo von dieſer Seite aller Hoffnung bar, im Gegentheil von mancherlei Mißgeſchick bedroht; denn das Weib bleibt— mit Vergunſt— ein Weib, ob ſie nun eine Fürſtin oder eine Bettlerin iſt. Darum laßt Euch Gutes rathen.“ „Und wohin ſoll ich Aermſte?“ „Die Welt iſt weit!“ ſagte Herr Johannes gleich⸗ nüthig,„und es gibt auf derſelben manches ſtille Plätzchen, wo man in Ruhe wohnen kann, zumal wenn man ein Vermögen beſitzt, das volle Unabhängigkeit ſichert. Ihr ſeid eine Engländerin....“ „Nein, nicht nach England.“ „Schade, daß dies nicht ſein kann. England iſt ein ſehr reſpectables Land und gerade für Euch eine Stätte, wo Ihr ſicher wohnen könntet. Aber ich kann es Euch andererſeits nicht verdenken, daß Ihr jenes Land, das Euch geboren hat, und wo Ihr ſo viele Bekannte, ja ſelbſt Verwandte treffen müßtet, nicht als Ziel Eurer Zurückgezogenheit wählen mögt. So ſchlage ich Euch denn Spanien vor. Ein Schiff unter däniſcher Flagge geht in dieſen Tagen dahin ab, und wird vorerſt in Cadir landen. Dorthin gebe ich Euch Empfehlungs⸗ briefe an achtbare Häuſer und zweifle keinen Augenblick, daß Ihr daſelbſt in aller Ruhe und Zurückgezogenheit leben werdet, wie Ihr es Euch nur irgend wünſchen konnt.“ „So ſoll ich auch von der letzten Freiſtatt mich verbannen?.... „Weil ſie eine Freiſtatt zu ſein aufhört!“ ſagte der Kaufmann beſtimmt.„Ihr ſeid klug und weiſe, und werdet das wählen, was Ihr für das Beſte haltet. Mein Rath dabei iſt der, daß Ihr nicht unterlaßt, das pro und contra gehörig gegeneinander abzuwägen. Mor⸗ — 110— gen bei der Uebergabe des Vermögens werde ich Euch noch einmal ſehen, und dann vernehmen, ob es mir vergönnt iſt, Euch in dieſer Angelegenheit den letzten Dienſt zu leiſten.“ Der Kaufmann entfernte ſich und ließ Sara in der größten Bekümmerniß zurück. Welche ſchwere Verluſte hatte ſie nicht bereits erlitten, und welche ſtanden ihr noch bevor! Ein gränzenloſer Schmerz durchwühlte ihre Bruſt; ſie wollte ihn gewaltſam niederkämpfen, aber es gelang ihr nicht.„Heinrich! Heinrich!“ rief ſie aus. „Dahin kam es, und wohin wird es noch kommen?“ Ihre Augen ſtrömten über von bittern Leidensthränen, und ſie ſank in die Kiſſen ihres Ruhebettes, dem Gram und der Verzweiflung preisgegeben. Eine geraume Zeit war vergangen, Emanuel hatte ſich ein Paar Mal mit Edmund gezeigt, wenn er aber gewahrte, daß ſeine Gönnerin noch in ihrer troſtloſen Lage verharrte, zog er ſich ſchweigend wieder zurück. Jetzt aber vernahm man leichte Schritte im Vorſaal, ſie näherten ſich dem Ruhebette, und Sara vernahm eine bekannte Stimme, die ihr zuflüſterte:„Schlaft oder wacht Ihr, holde Schöne?“ Erſchreckt fuhr Sara auf, und ſah den jungen Herrn Adrian van Kraag vor ſich ſtehen. Sie winkte ihm mit des Hand, ſich zu entfernen. —— Adrian van Kraag blickte in das blaſſe Leidensge⸗ ſicht der Dame, die umſonſt in Gegenwart des Frem⸗ den ſich zu faſſen ſuchte, und wich zurück:„In der That, einen ſolchen Anblick vermuthete ich nicht, ſonſt würde ich es mir nicht erlaubt haben, einzutreten. Dieſe ungewöhnliche Aufregung, worin ich Euch, meine ſchone Dame, finde, gibt mir die Ueberzeugung, daß Euch irgend Etwas, beſonders Unglückliches, widerfahren ſein muß, und ich biete Euch von ganzem Herzen meine Dienſte an. Hätte es vielleicht irgend Jemand gewagt, Euch zu beleidigen, ſo ſagt es mir, und er ſoll der gebührenden Züchtigung nicht entgehen.“ „Nein, o nein!“ „Ich weiß, meine edle Frau! Ihr bedürft eines Beiſtandes, der Euch mit Rath und That zur Hand iſt, und nöthigenfalls auch den Muth hat, das Schwerdt für Euch zu ziehen. Laßt mich dieſen Ritter ſein.“ Sara erhob ſich mit Hoheit:„Welche Vorgänge berechtigen Euch zu einem ſolchen Erbieten?“ „Bitte Euch, edle Frau, verharrt auf Eurem Platze. Ihr ſprecht von Vorgängen. Aber doch wohl nur in⸗ ſofern, als Ihr Euch wundern könnt, daß ſie mir bekannt ſind. Bitte, erinnert Euch, wer mich bei Euch eingeführt hat. Wars nicht derſelbe achtbare Handels⸗ und Börſenherr, der Euch vor ungefähr einer Stunde — 112— verließ, nachdem er Euch keineswegs angenehme Eröff⸗ nungen machte? Hat nicht dieſer ehrſame Herr Wellen⸗ berger tauſend Verbindungen mit den Niederlanden, wie er Euch ſagte, und bin ich nicht niederländiſcher Seeofficier und der Sohn des Präſidenten? Hiernach muß Euch doch klar werden, daß mir nichts, was Euch betrifft, unbekannt ſein kann.“ „So war ich mit Verrath und Verräthern umge⸗ ben!“ rief Sara aus. „Das wart Ihr nicht; erlaubt mir, Euch die ganze Sache klar zu machen. Ein Zufall führte mich vor geraumer Zeit in dieſe Gegend; ein Zufall ließ mich Euch im Garten entdecken. Ich blieb erſtaunt ſtehen vor dem Unerwarteten; denn, ſagt ſelbſt, wie konnte ich in dieſem abgelegenen Fiſcherdörflein hoffen, eine ſolche ſeltene Schoͤnheitsperle zu entdecken?“ „Herr van Kraag!“ „Nochmals flehe ich Euch an, laßt mich zu Ende reden. Iſt es beleidigend, daß ich Euch ſchön finde? Ich hatte Euch geſehen, und wußte nicht, wie mir geſchah. Mein Herz gehörte Euch, meine Ruhe war unwiederbringlich verloren. Wer waret Ihr? Wer war ſo glücklich, Euch anzugehoren? Das mußte ich ergrün⸗ den, es koſte, was es wolle. Den Zufall gab ich auf und handelte beſonnen. Ich entdeckte, daß Herr Johan⸗ nes Wellenberger Euer Vertrauter ſei, und von ihm erfuhr ich das Uebrige.“ „Unmöglich!“ „Es iſt, wie ich ſage. Herr Wellenberger iſt Kauf⸗ mann, wie alle ſind. Er hat Euch nach ſeiner Weiſe ſo ehrlich behandelt, als nur immer möglich, und weiß ſich nicht wenig damit. Aber die Conjuncturen haben ſich geändert; da er Euch fernerhin nicht reel behandeln kann, und Euch nicht betrügen will, ſo ſagt er Euch das offen und zieht ſich zurück. Das iſt mehr, als Ihr von einem ſolchen Manne fordern könnt. Er wird Euch ſtatt ſeiner einen Nachfolger vorſchlagen, der Eure Gel⸗ der verwaltet, für Euch Intereſſen erhebt und die Be⸗ dürfniſſe Eures Hausweſens beſorgt. Aber das iſt nicht genug, Ihr bedürft eines Beſchützers, eines Freundes....“ „Kann nichts Euch bewegen, dieſen Auftritt zu enden?“ „Nur noch wenige Worte, dann mögt Ihr entſchei⸗ den. Ich ſah Euch und liebte Euch innig, aber ich ſchwieg; ich verbarg meine Leidenſchaft, denn ich wußte, Ihr hieltet Euch nicht für frei. Die Ehe, worin Ihr lebtet, war aufgelbſt, mit Eurer Zuſtimmung aufgeldſt. Zwar hatte der Mann Eures Herzens ſich anderweitig vermählt und lebte fern von Euch im fürſtlichen Palaſte; aber er lebte doch, und eine Schwärmerin, wie Ihr, — 114— konnte ſich noch immer gebunden glauben. Allein jetzt iſt auch der letzte Vorwand geſchwunden, der Eure Zu⸗ rückgezogenheit vor der Welt rechtfertigt, einer Welt, worin Ihr zu glänzen beſtimmt ſeid. Meine Liebe für Euch, die ich erſtorben wähnte, weil ich ſie mit Gewalt unterdrückte, iſt mit erneuerter Stärke erwacht, und ich verwag nicht länger zu ſchweigen. Ja, edle Frau, ich liebe Euch, und kenne nichts Höheres, als mich des Beſitzes Eures Herzens und Eurer Hand ſtets würdiger zu machen.“ „Dieſen Antrag mir?“ „Ja! Euch! Erſtaunt Ihr? Mag ſein, daß hundert Andere ſich in dieſem Falle bedacht haben würden; allein meine Liebe iſt zu groß, um ein kaltes Bedenken zu erregen; ich ſetze mich über alle Vorurtheile hinweg, und biete Euch meine Hand. Wie vorurtheilsfrei auch Euer Verhältniß geweſen iſt, die Welt urtheilt doch anders. Aber ich verachte jenes Urtheil und decke Alles mit dem Glanze meines Namens zu.“ „O, mein Gott, mein Gott!“ ſchluchzte Sara; aber ſie vermochte dem bittern Gefühl, das in ihr erwachte, keine Worte zu geben; ſie barg ihr Angeſicht in die Kiſſen des Ruhebettes und weinte ſtill. Adrian van Kraag deutete dieſe Thränen zu ſeinen Gunſten; er näherte ſich ihr und fragte ſchmeichelnd: — „Darf ich die Erfüllung meiner Wünſche hoffen? Wer⸗ det Ihr das erſehnte Wort ſprechen? Bedenkt es wohl, ich bitte Euch ſehr. Meine Stellung in der Welt, meine Familie, mein Vermoͤgen, ſind drei Dinge, die ſich Eurer Schönheit, Eurer Liebenswürdigkeit und Eurer Tugend wohl entgegenſetzen laſſen. Nun, ſchone Sara, darf ich bald hoffen, das beglückende Ja von Euren Lippen zu vernehmen?“ Er ergriff ihre Hand, um ſie an ſeine Lippen zu führen, aber ſie entzog ihm dieſelbe und raſch ſich erhe⸗ bend, ſprach ſie ernſt:„Ich erſuche Euch, Herr van Kraag, mich ſogleich zu verlaſſen.“ „Wie?“ „Ich bitte Euch darum! Ich verlange es, und wünſche, daß nie mehr ein ähnliches Wort an mich gerichtet werde.“ „Ihr weiſt meinen Antrag zurück?“ „Jetzt und immer!“ „Schlagt die ehrenvolle Verbindung aus, die ich Euch antrage?“ „Wie ehrenvoll dieſer Antrag Euch erſcheinen mag,“ fuhr Sara fort,„mich reizt er nicht.“ „Abgewieſen!“ rief Adrian van Kraag, und eine glühende Roͤthe bedeckte ſein Geſicht. Je weniger er in ſeiner gränzenloſen Eitelkeit eine ſolche Antwort erwar⸗ tet hatte, um ſo mehr mußte ſie ihn aufregen. Er war verſtört und wußte nicht, was er antworten ſollte. — 116— „Es thut mir leid, Euch dieſen Beſcheid ertheilen zu müſſen,“ entgegnete Sara ſanft.„Tragt Ihr Euer Schickſal, ſo gut Ihr es vermögt; es wird leichter ſein, als das meinige.“ „Ihr werdet alſo nicht meine Frau!“ ſprach Adrian, und ein boshaftes Lächeln ſpielte um ſeinen Mund. „Gut, meine theure Donna. Glaubt aber nicht, daß ich meine Anſprüche auf Eure werthe Perſon aufgebe. Die Liebe, die Eure Schoͤnheit mir eingeflößt hat, iſt zu mächtig, als daß ſie ſo ſchnell wieder verfliegen ſollte. Ich liebe Euch, Ich werde Euch ewig lieben, und Ihr müßt mein werden trotz allen Teufeln!“ „Welche Sprache erlaubt Ihr Euch in meiner Ge⸗ genwart, Herr van Kraag?“ fragte Sara entrüſtet. „Ich befehle Euch, mich ſogleich zu verlaſſen.“ „Und Ihr könnt zugleich einen körperlichen Eid darauf ablegen, daß ich dieſem Befehl keine Folge leiſten werde!“ entgegnete Jener ſcherzend.„Ei, was für ein ſchlechter Jägersmann müßte ich ſein, wenn ich ein ſo koſtbares Wild entſchlüpfen ließe, das ich mit meinen Netzen umſtellt habe.“ „Ihr wagt das Unerhörte!“ ſagte Sara verächtlich. „Glaubt Ihr, ich fürchte die rohe Gewalt?“ „Hierauf muß ich meinerſeits erwiedern: ich weiß es nicht. Aber ſeid außer aller Furcht, meine ſchöne — 117— Dame; wie kann wohl, Euch gegenüber, von roher Ge⸗ walt die Rede ſein? Bedarf es deren? Warum ſoll ich mir mit Gewalt ertrotzen, was mir ohnehin werden muß? Bitte Euch, beſte Frau, erzürnt Euch nicht auf's Neue, ſondern zwingt Euch, die Dinge für einen Au⸗ genblick zu betrachten, wie ſie wirklich ſind. Euer Lvos hat ſich ſeit kurzem ſehr verſchlimmert, es wandelte ſich, wie die Poeten ſagen, der Tag in Nacht. Euer großer Beſchützer iſt geſtorben, ohne ſeine Pflichten gegen Euch und Euer Kind in ihrem ganzen Umfange erfüllt zu haben. Es ſollte gerade geſchehen, als er ſtarb. An ſeine Stelle iſt eine mächtige Feindin getreten. Die Fürſtin Juliane, die von Euch und Eurem Verhältniß zu Ihrem Gemahl Kenntniß hat, vergibt es Euch nie, daß der Fürſt Euch liebte und ſie nicht. Ihr ſteht allein, waffenlos einem gefährlichen Feinde gegenüber. Die Lolgen dieſes Ereigniſſes zeigen ſich ſchon; Eure Freunde fallen von Euch ab, die Beſucher ſind aus Eurem Hauſe verſchwunden, und ſelbſt der ehrſame Herr Jo⸗ hannes Wellenberger, das Muſter republikaniſcher Strenge, läßt Euch fallen in Folge eines Allerhöchſten Winkes. Euer Beſitzthum iſt nicht bedeutend genug, um Euch eine anſtändige Eriſtenz, Eurem Sohne in Zukunft eine Stellung im Leben zu ſichern. Hier deutet man Euch an, daß die bisher gewährte Freiſtatt für Euch keine — mehr ſein werde, daß Ihr hier nicht bleiben könntet, ohne täglich, ſtündlich, einen Verrath fürchten zu müſſen, und Ihr werdet gezwungen ſein, den Pilgerſtab zu er⸗ greifen, um eine neue Heimath zu ſuchen.“ „Ihr malt fürchterlich wahr. Aber mein Vertrauen auf Gott iſt unendlich. Er wird mich ſchützen vor meinen Feinden.“ „Dieſer Schutz iſt Euch nahe geweſen; ich bot ihn Euch mit meiner Hand. Ihr wieſet mich ab.“ „Läßt ſich Neigung erzwingen?“ „Mag ſein, ſie offenbart ſich nur freiwillig. Aber Euch hätte die Klugheit lehren müſſen, einen geringen Zwang zu tragen, um eines gewiſſen Glückes jetzt und für die Zukunft theilhaftig zu werden. Ihr habt es nicht gethan. Ihr habt mich abgewieſen, und ich werde dieſen Schimpf nicht gleichgültig ertragen.“ „Ihr ſeid ein Edelmann!“ „Weil ich es bin! Genug der Worte. Ihr müßt Euch eines Beſſern beſinnen, Ihr werdet es. Meiner unſinnigen Liebe zu Euch dankt es, daß ich Euch noch eine Bedenkzeit von drei Tagen laſſe, ob Ihr meine Gattin werden wollt. Bedenkt wohl, was Ihr zu verlieren, was zu gewinnen habt. Ich verlaſſe Euch ietzt, um Euch Zeit zur Ueberlegung zu gönnen. Erwiedert meine heiße Liebe, ſchöne Sara, und Ihr —— ſollt es wahrlich nicht bereuen. Alſo drei Tage Be⸗ denkzeit.“ „Es bedarf dieſer Zeit nicht; es bedarf nicht einer Stunde, und gleich jetzt ſage ich es Euch, daß ich Euch nicht lieben kann, nie lieben werde, und nie die Eurige ſein will. Eure Drohungen aber, Euer kindiſches To⸗ ben, Eure ohnmächtige Wuth verachte ich.“ Adrian van Kraag erblaßte.„Ha, genug und über genug, um Euch in mir einen unverſöhnlichen Gegner zu erwecken. Jetzt ſei Euch Rache geſchworen, und ich will den Schwur in dieſer Secunde mit einem Kuſſe auf Eure ſchönen Lippen beſiegeln!“ Er eilte auf ſie zu; lautſchreiend flog ſie zur Thür. Adrian vertrat ihr den Weg:„Gebt Euch keine Mühe. Mir zu Liebe hat Eure Dienerſchaft ſich die Ohren mit Baumwolle verſtopft; ſie hört Euch nicht, Ihr mögt rufen, ſo lange Ihr wollt!“ „Barmherzigkeit des Himmels! Iſt Niemand hier, der mich vor dieſem Raſenden beſchützt?“ Ihr Blick fiel durch's Fenſter auf einen kleinen Bowlinggreen, wo Emanuel und Edmund ſpielten. Sie ftürzte nach dem Fenſter, drückte es auf und rief:„Emanuel!“ Es war ein Ruf, laut und durchdringend. Der Gerufene horchte auf; er ſah die angſtvolle Geberde ſeiner Beſchützerin, und des Knaben nicht achtend, flog er dem Hauſe zu. — 120— „Das ſoll Euch nicht gelingen, mir ungeküßt zu entwiſchen!“ rief Adrian van Kraag.„Ich erhalte von Euch dies, wie alles Andere!“ Er war ihr nahe, und ſie nicht im Stande, ihm zu ertrinnen; weinend, flehend, mit ausgeſtreckten Ar⸗ men ſank ſie auf die Kniee, und Adrian neigte ſich um ſie aufzuheben. „Berührt mich nicht!“ ſchrie ſie in Todesangſt, und zu gleicher Zeit fühlte ſich Adrian von ſtarker Hand im Genick gepackt und weit weggeſchleudert. Zwiſchen Bei⸗ den ſtand Emanuel. „Ich danke Dir, mein Freund!“ ſprach Sara er⸗ ſchopft. „Höll und Teufel!“ ſchrie Adrian ſich von ſeinem Sturze aufraffend.„Welcher Hund wagt es, ſeine Hand an mich zu legen?“ Sara war ohnmächtig auf ihr Ruhebett geſunken. Emanuel ſtellte ſich ſchützend davor und ſagte kaltblü⸗ tig zu Adrian:„Ich, Herr! Soll ich Euch Gutes ra⸗ then, ſo ſeht Euch vor! Der Hund, wie Ihr mich nennt, hat ſcharfe Zähne, und fürwahr, ich packe ernſthaft an, wenn Ihr noch einmal wagt, dieſer Dame auch nur mit einem lauten Worte zu nahe zu treten.“ Adrian van Kraag ſah ſcharf auf den vor ihm —— ſtehenden Seemann, und rief ſich denſelben in das Gedächtniß zurück. Plötzlich brach er in ein teufliſches Lachen aus:„Ha! Ha! Ha! Herenbootsmann! Der Hexenbootsmann!“ „Das iſt der Name, den ich Eurer Niederträchtig⸗ keit zu danken habe!“ entgegnete Emanuel.„Er hat ſich weit genug verbreitet, und jedes Mal, wenn ich ihn höre, denke ich an Euch. Ihr ſeid mir alſo nicht fremd geworden, und konnt ſicher darauf rechnen, daß Ihr, für den Fall Eures unziemlichen Betragens, ge⸗ rade ſo von mir behandelt werden ſollt, als da ich Euch den Stein an den Kopf warf, den ich für die Taufgebühr beſtimmt hatte.“ Adrian war in großer Aufregung. Jeden Augen⸗ blick wechſelte er die Farbe und man ſah es ihm an, wie er ſich anſtrengte, um ſeiner Leidenſchaftlichkeit Herr zu werden. Endlich gelang es ihm, ſich äußerlich einige Ruhe anzueignen; er begann einzuſehen, daß er in dieſem Augenblicke nichts ausrichten könne, da die Stärke ſeines Armes der robuſten Fauſt des Seemannes nicht gewach⸗ ſen war. Er drückte den Hut in die Stirn und ſagte mit innerm Grimme:„Zum zweiten Male weiche ich vor Dir zurück, denn ich will meinen Officiersdegen nicht mit dem Blute des Bettlers beſudeln. Aber wir werden uns zum dritten Male ſehen, und dann ſollſt II. 6 — 1— Du mich kennen lernen und meiner Rache zum Opfer ſallen.“ Er eilte hinaus, voll Zornesgluth, die er in ſeiner Bruſt hatte erſticken müſſen. Sein Blut kreiſte glühend in den Adern, ſeine Vernunft war gefangen, er kannte nur ein Gefühl: Rache! Da begegnete ihm auf der Schwelle der ſtumme Edmund, der gekommen war, um ſeinen Spielgefährten zu ſuchen, und nun furchtſam ſtehen blieb, als er den fremden Mann mit den rol⸗ lenden Augen erblickte. „Ha! Ihr Knabe! Der Abgott ihres Herzens!“ rief er aus, und verſtummte, denn ein teufliſcher Gedanke flog in dieſem Augenblicke durch ſein Gehirn.„Wenn ich.... dann wäre der Sieg ja gleich mein, und ich dürfte nicht um ihren Beſitz kämpfen, könnte viel⸗ mehr ſogleich die Bedingungen vorſchreiben, unter wel⸗ chen ich mich großmüthig finden laſſen wollte. Oho, ſchöne Sara, jetzt fällt das Spiel zu meinen Gunſten aus, ich wäre ein Thor, wenn ich die Gelegenheit nicht benutzen wollte.“ Er ſtreckte ſeine Hand nach dem Knaben aus und riß ihn an ſich. Dieſer ſträubte ſich zwar, aber was vermochte ein Kind gegen den Mann? Schreien konnte er nicht, und die unglückliche Mutter ahnte nicht, welch ein ſchreckliches Leid ihr in dieſem Augenblick bereitet werde. — 123— „Still, Burſche, ſtill!“ flüſterte Adrian dem Kna⸗ ben zu, den er auf den Arm genommen hatte, und ihn den Berg hinauf trug, der ſich hinter den Wohnhäu⸗ ſern von Neumühlen erhebt.„Schreien kannſt Du nicht, was in dieſem Augenblicke mir ſehr lieb iſt, aber hö⸗ ren kannſt Du. So höre denn: Stellſt Du Dich un⸗ gebärdig und ſtrampfſt mit den Füßen, wie eben jetzt, ſo werde ich Dich züchtigen und Du ſollſt Deine Mut⸗ ter nicht wieder ſehen. Biſt Du aber artig, ſo verſpreche ich Dir, daß Deine Mutter recht bald wieder bei Dir ſein ſoll.“ Der Knabe hatte dies wohl verſtanden und nickte mit dem Kopfe. Von dieſem Moment an war er ſtill und geduldig, und Adrian konnte ihn ohne Beſchwerde forttragen. Vor jeder Verfolgung war er ſicher, denn längſt barg ihn das hohe Gebüſch und Strauchwerk, womit der Berg bedeckt war. Als er oben anlangte, warf er ſich in den bereitſtehenden Wagen, der raſch fortrollend den Weg nach der Stadt einſchlug. 6* Elftes Kapitel. Allmählich kehrte Sara das Bewußtſein zurück, und mit demſelben zugleich der Gedanke an die Beleidigung, die ihr widerfahren, und an die Gefahr, der ſie ent⸗ gangen war.„Iſt er fort?“ „Ja, der iſt fort!“ entgegnete Emanuel, und ſetzte wohlgefällig hinzu:„Ich denke auch, er wird nicht ſo⸗ bald wiederkommen; wenigſtens habe ich ihm zu ver⸗ ſtehen gegeben, daß er nicht auf eine beſonders freund⸗ liche Aufnahme rechnen koͤnne. Er wird ſich's wohl geſagt ſein laſſen, hoffe ich.“ „Du biſt ein braver zuverläſſiger Freund!“ ſprach Sara ſchwach.„Biſt es mir und meinem Sohne. Wie leid thut es mir, Dir Deine Hülfe nicht ſo vergelten zu können, wie Du es verdienſt. Ach, der Mann, der es hätte konnen, iſt nicht mehr.“ „Davon Madame, müßt Ihr nicht ſprechen!“ ſagte Emanuel raſch.„Es wird wohl eine gute Meile Zeit haben, ehe ich Euch das Alles vergelten kann, was Ihr für mich gethan habt, Ihr und der Mann, über deſſen Tod Ihr ſo betrübt ſeid. Ich werde Euch ein dankba⸗ rer Diener ſein, und ſo lange ſich irgend ein Menſch in der Welt auf einen andern verlaſſen kann, ſo lange könnt Ihr auf mich bauen.“ — 125— „Ich rechne auch auf Dich, Emanuel! Wer weiß, wie bald ich Deiner Dienſte bendthigt ſein werde. Du biſt der Einzige, der mir geblieben iſt, ſeit die Sonne meines Glückes unterging. Aber ſprechen wir nicht mehr von den Schreckniſſen dieſes Tages. Er hat mir gezeigt, wie wenig ich mich auf meine Leute verlaſſen kann, weshalb ich gewil⸗ ligt bin ſie, noch in dieſer Stunde zu entfernen. Willſt Du Deine Wohnung in meinem Hauſe nehmen, Emanuel?“ „Mit Sack und Pack erſcheine ich, ſobald Ihr mich ruft!“ antwortete dieſer,„und wenn Ihr es erlaubt, will ich ſogleich gehen und Anſtalten treffen. Es wird bald gethan ſein,“ ſetzte er lachend hinzu:„eines See⸗ mannes Habe und Gut muß nicht großen Raum weg⸗ nehmen.“ 3 „Kehre denn bald zurück, und rufe mir vorher mei⸗ nen Sohn herein.“ „Der wird ſich wohl noch luſtig auf dem Raſen herum wälzen! Ich will ihm pfeifen, das hat er gern!“ Er trat an's Fenſter, als er aber den Knaben nicht dort erblickte, ſagte er zögernd:„Er iſt nicht mehr da „Um Gotteswillen!“ rief die Mutter.„Wo iſt das Kind?“ „Nun, die Madame muß nicht gleich ſo erſchrecken; es iſt ja nichts. Ich ſagte blos, Edmund liege nicht mehr im Graſe bei den Blumen; er wird wohl nach einer — andern Stelle gegangen ſein; ich will ihn ſogleich holen.“ Er ging raſch nach dem Garten, die Mutter folgte ihm aufgeregt. Man ſuchte den Knaben bald hier, bald dort, man rief ſeinen Namen, Emanuel pfiff fortdauernd, aber Niemand hörte ihn. Die Beſorgniß ſteigerte ſich mit jeder Minute. Bald war man aus dem Bereich des Gartens hinaus, und ging von Wohnung zu Woh⸗ nung längs dem Strande, ohne etwas zu finden. Die Leute kamen aus ihren Häuſern, um zu hören, was der armen Dame fehle, und erhuben ein lautes Klagegeſchrei, als ſie vernahmen, daß Edmund vermißt werde; denn Sara war in dem ganzen Dorfe, ihrer Wohlthätigkeit halber, nicht wenig beliebt, und den kleinen ſtummen Knaben trugen Alle auf den Händen. Wenn in Neumühlen irgend ein Kind vermißt wird, wendet ſich Alles zunächſt nach dem Strande; denn dort kann man ſich nichts Anderes denken, als daß das Kind mit den Muſcheln hat ſpielen oder ſich in einem Boote ſchaukeln wollen, und verunglückt ſei. Dahin eilte auch jetzt die Menge, aber umſonſt, nirgends war eine Spur zu entdecken, keiner der vielen dort arbeitenden Männer wollte Edmund geſehen haben. Er blieb verſchwunden. Sara ſank ohnmächtig zuſammen und ward von einigen mitleidigen Weibern nach Hauſe gebracht. Emanuel, der ſeiner Herrin auf dem Fuße folgte, ſorgte für die Sicherheit des Hauſes, und ging dann aufs Neue fort, um Nachforſchungen anzuſtellen. Zwei ehrbare Frauen, die ſich freiwillig erboten hatten, bei der Dame zu bleiben und den Dienſt des Hauſes zu übernehmen, erkannten bald, daß bei der unglücklichen Mutter eine Krankheit im Anzuge ſei, und es ward in die nahe Stadt geſchickt, um einen Arzt herbeizurufen. Sara's zarte Organiſation vermochte es nicht länger, den harten Schlägen zu widerſtehen, die ſie in der letz⸗ ten Zeit bedroht hatten; ſie fiel in ein hitziges Fieber, das ſie an den Abgrund des Grabes brachte, und von dem ſie ſich nur langſam erholte. Endlich gelang es der Kunſt des Arztes, dem ver⸗ zehrenden Uebel Einhalt zu thun. Langſam genaß ſie, aber eine trübe Schwermuth hatte ſich ihres ganzen Weſens bemächtigt, ſeit ſie ihr Kind verloren hatte. Todesmatt lag die vielgeprüfte Frau auf ihrem Ruhebette; ihr Auge prannte heiß, es hatte keine Thrä⸗ nen mehr. Sie hatte keinen Gedanken, als ihr verlor⸗ nes Kind, und die Ungewißheit über deſſen Schickſal mach⸗ ten ihr die Dauer jeder Minute zur ſtundenlangen Folter. Da trat Herr Johannes Wellenberger ein, und Sara, die nur ihres Edmund's gedachte, rief ihm entgegen: „Bringt Ihr mir Nachrichten von meinem Knaben?“ — 128— „Mitnichten, edle Frau! doch glaube ich, daß wir nicht jede Hoffnung ſchwinden laſſen dürfen; denn die Maßregeln, welche ich getroffen habe, ſind von ſo um⸗ faſſender Art, daß der Verſchwundene endlich aufgefun⸗ den werden mußz es ſei denn, er wäre, was auch nicht von der Hand zu weiſen, in dem Strome verun⸗ glückt.“ „Ich flehe um nichts Anderes zu Gott,“ ſprach Sara,„als mir dies Dunkel zu erhellen und dann mich aus dieſem Erdenjammer hinwegzunehmen. Heinrich! O, daß ich dort oben wäre bei Dir!“ „Solch' einen Wunſch müßt Ihr, edle Frau, nicht laut werden laſſen, ſondern in chriſtlicher Geduld das tragen, was der Himmel Euch auferlegt. Um Eures Kindes willen, das ja mit Gott noch am Leben iſt und das, wenn wir es wiederfinden, Eurer Hülfe und Eures Beiſtandes noch ſo ſehr bedarf, müßt Ihr dem Kummer keine ſo große Herrſchaft einräumen. Ihr müßt ſtark ſein, und Ihr werdet es nur durch Gottvertrauen.“ „Habt Geduld mit mir. Ich will Alles thun, was meinem Kinde frommt und keinen andern Gedanken faſſen. Aber mein Kopf iſt geſchwächt; mein Geiſt iſt gelähmt; dieſe ſchwere Krankheit, welche ich überſtanden, hat mich ſo lange an dieſe Stube gefeſſelt, und es iſt ſo viele Zeit ſeitdem verſtrichen, daß mein armes Kind — 129— bis an das Ende der Welt von ſeinen Räubern geſchleppt ſein kann.“ „Ueber das Alles vertrauen wir dem Herrn!“ ſprach der Kaufmann.„Ich erſcheine heute vor Euch, um Euch anzukündigen, daß während Ihr darnieder laget, die Uebergabe Eures Vermögens in aller Ordnung vor ſich gegangen iſt. Hier überliefere ich Euch die darüber ſprechenden Papiere, und kann Euch die Verſicherung geben, daß Alles in den beſten und redlichſten Händen iſt; eine Verſicherung, die mich ſehr erfreut, da die Umſtände es mir nicht mehr erlauben wollen, Euch den nöthigen Beiſtand zu gewähren.“ „Ich danke Euch ſehr, lieber Herr.“ „Dieſe Eure Krankheit hat überhaupt vieles verdor⸗ ben. Ich hatte Euch gerathen, Euch, wenigſtens für einige Zeit, nach dem Auslande zu begeben, und ſchlug Euch Spanien vor. Es hat nicht ſein ſollen. Nun iſt die Gelegenheit, dahin auf bequeme Weiſe zu gelangen, vorüber. Aber dennoch iſt Euch nicht anzurathen, hier länger zu verweilen. Während Ihr darnieder lagt, konnte man nichts gegen Euch unternehmen, aber ich zweifle nicht, daß es geſchehen wird, wenn Ihr wieder⸗ hergeſtellt ſeid.“ „Was kümmert's mich, was mit mir geſchieht, wenn mein Kind.. 6** „Edle Frau! Ich habe fernerhin Euch keinen Rath zu ertheilen,“ entgegnete Herr Wellenberger empfindlich, „und muß es Euch ganz und gar anheim ſtellen Euer Thun und Laſſen nach eigner Weisheit einzurichten; ich wünſche dann nur um Eurer Selbſt willen, daß Ihr ſtets das Rechte wählen moͤget. Nur weil ich damals, als die Uebergabe Eurer Angelegenheiten in andere Hände ſtatt⸗ fand, von Euch mich nicht beurlauben konnte, erſcheine ich jetzt um dieſer Pflicht zu genügen, um ſo mehr, als ich genöthigt bin, in wichtigen Angelegenheiten eine Reiſe nach dem Auslande zu unternehmen, die mich lange von der Heimath entfernt halten kann.“ „Ihr verreiſt?“ „Faſt gegen meinen Willen. Allein die Umſtände fordern es und ich muß mich fügen. Lebt denn wohl, edle Frau, und behaltet mich in gutem Andenken. So lange es mir vergönnt war, für Euch zu arbeiten, bin ich mir bewußt, ſolches mit Fleiß und Treue gethan zu haben. Ich habe es freilich nicht umſonſt gethan, denn jeder Arbei⸗ ter iſt ſeines Lohnes werth, aber ich war ſtets mit dem Her⸗ zen dabei. Lebt nochmals wohl, und gebe der Himmel, daß Alle Wünſche Eures Herzens erfüllt werden mogen.“ „Ich habe nur einen!“ „Aber da denke ich noch zur rechten Zeit daran, daß eine weitere Botſchaft auszurichten iſt. Ei, ei! derglei⸗ 1 — 131— chen Gevächtnißfehler, deren mir in der letzten Zeit mehrere begegnet ſind, deuten an, daß meine alten Tage nahe bevorſtehen. Geſchehe denn, wie Gott will. Dieſen Brief empfing ich heute für Euch, und beeile mich, denſelben in Eure Hände nieder zu legen. Der Abſender iſt mir unbekannt, aber eine pünktliche Ab⸗ lieferung ward mir zur Pflicht gemacht, und Ihr könnt mir bezeugen, daß ich dieſe erfüllt. Möge er für Euch Erfreuliches enthalten.“ Herr Johannes Wellenberger legte den Brief vor der Dame hin und entfernte ſich dann, unter mehrfachen Bück⸗ lingen und wiederholter Verſicherung ſeiner Ergebenheit. „ Sara blieb allein, das Auge auf den Brief geheftet. Ihr ungeſtüm klopfendes Herz ſagte ihr, daß er ihr irgend eine bedeutſame Nachricht bringe, daß ſie nur die Hand nach demſelben ausſtrecken dürfe, um zu erfah⸗ ren, was ihr bis jetzt noch ein Geheimniß ſei, und doch hatte ſie nicht den Muth, dieſen Schleier zu hehen. Tod oder Leben ſchlummert unter dem Schutze eines leichten Siegels, es wird gelöſt, und Schrecken und Grauen, Wonne und Entzücken quellen aus demſelben hervor. Endlich ermannte ſich die geängſtigte Frau, ſie riß den Brief auf, und was ſie las, verſetzte ſie in die hoͤchſte Aufregung. Hier folgt der Brief, der auf das künftige Geſchick — 32— Sara's und Derjenigen, die ihr anhingen, einen mäch⸗ tigen Einfluß ausübte. „Der Schreiber Dieſes hat ſich eines großen Fehlers zu Schulden kommen laſſen; er hat Euch bis in das Innerſte gekränkt. Aber er hat auch das Mittel in Händen, all Euer Leid in Freude zu verkehren. Leider hatte Euch der Gram auf das Krankenbett geworfen, ſonſt hättet Ihr längſt erfahren, was man Euch jetzt nicht länger vorzuenthalten geſonnen iſt. Troſtet Euch! Euer Sohn iſt nicht verunglückt; er iſt nicht in einen der Brunnen geſtürzt; er iſt nicht in dem Strome verunglückt; er lebt! Euer Edmund wurde Euch geraubt! Aber man bittet, man beſchwört Euch, bei dem Worte Raub nicht an unterirdiſche Gefängniſſe und grauſame Kerkermeiſter zu denken. Das Kind iſt wohl⸗ gehalten und Alles, was es zur Nothdurft des Lebens, ſo wie zu ſeinen Spielen gebraucht, wird ihm im reich⸗ lichen Maaße gewährt. Seid alſo ganz beruhigt. Wollt Ihr Euer Kind wiederſehen, wollt Ihr es wieder in Eure Arme ſchließen und Euch nicht mehr von ihm trennen, ſo reiſt nach Amſterdam und begebt Euch, dort angelangt, nach der„Amſterſtraat 17.“ In dieſem Hauſe wohnt ein altes Weib„Vrouw Greet“ genannt. Sucht ſie auf und fragt, ob ſie Euch nicht 0 — 133— den Weg weiſen könne zu dem Baume, der Blätter, Vlüthen und Beeren zu gleicher Zeit trägt. Ihr wer⸗ det dann ſehen, daß Ihr weitere gewünſchte Auskunft erlangt. Aber dieſe nur dann, wenn Ihr verſchwiegen ſeid und das Geheimniß dieſes Briefes nicht ausplau⸗ dert. Geſchieht das, ſo werdet Ihr in der Amſterſtraat die Vrouw Greet nicht finden, und Euer Edmund iſt Euch verloren. Blindlings müßt Ihr folgen.“ Dieſer Brief hatte die Mutter völlig umgewandelt. Der Gedanke, ihr Kind, wenn auch erſt nach langer, mühſeliger Wanderung, nach vielen, ſchweren Opfern, wiederzuſehen, hatte neues Leben in ihre Adern gegoſ⸗ ſen; belebendes Feuer durchſtrömte ſie, und mit raſchen Schritten ging ſie in ihrem Zimmer auf und ab. Es war nicht die Rede davon, ob ſie die Reiſe überhaupt antreten wolle, ſie beſann ſich nur, wie ſie am raſche⸗ ſten auszuführen ſei. Als ſie mit ſich einig war, rief ſie Emanuel herbei, der nicht lange auf ſich warten ließ. „Du haſt gehört, Emanuel,“ ſprach ſie ſchnell, und der Seemann, überraſcht von ihrer plotzlichen Verwand⸗ lung, ſah ſie verwundert an;„ Du haſt gehört, daß Herr Johannes von mir Abſchied genommen hat. Ich bin jetzt auf Dich allein gewieſen; denn jenen Mann, der mir zum Geſchäftsführer beſtellt iſt, kenne ich nicht, und habe Furcht, mich ihm zu vertrauen, jetzt wo es — 134— ſich um eine wichtige Angelegenheit handelt. Du ver⸗ ſprachſt mir Deine Dienſte zu weihen. Kann ich noch auf Dich rechnen?“ „Im Leben und Tod!“ „Du würdeſt mich überall hin begleiten?“ „Ueberall hin!“ „Nicht fragen und klügeln, ſondern das thun, was ich Dich heiße?“ „Das Denken iſt Euer; ich gehorche blindlings, wie es Seemanns Pflicht iſt.“ „So wiſſe denn, daß wir eine Reiſe nach Amſter⸗ dam antreten müſſen. Ich möchte den Weg nicht zu Lande nehmen, ſchon deshalb nicht, weil ich durch ein Land müßte, das ich unter allen Umſtänden nicht be⸗ treten kann. So eile denn, ſo ſchnell nur immer mög⸗ lich, nach dem Hafen; erkundige Dich, ob dort ein Schiff ſegelfertig nach Amſterdam liegt, ob es uns als Paſſagiere aufnehmen will, und wann wir an Bord kommen ſollen.“ „Sogleich will ich's beſorgen!“ „Treuer Burſche! Deinem guten Herzen wohlzu⸗ thun, will ich Dir ſagen, was ich ſagen darf. Ich habe eine ſchwache Spur von meinem Kinde gefunden! Mir dämmert eine entfernte Hoffnung auf, den Knaben wie⸗ derzufinden.“ „Edmund!“ rief Emanuel jauchzend.„Schnell laßt mich gehen, ich brauche nichts weiter zu wiſſen!“ Und raſch war er auf dem Wege zur Stadt. Sara begab ſich mit Eifer an das Geſchäft des Ord⸗ nens, um wo möglich, wenn die Umſtände es erfordern ſollten, bereits am nächſten Tage abreiſen zu koͤnnen. Schnell waren alle Maßregeln getroffen, und ſie hatte ſich durch dieſe ihr unangenehme Beſchäftigung ſo ſehr zerſtreut, daß ſie ihren Kummer für dieſe Zeit gans vergeſſen hatte. War es doch die Sehnſucht, die jeden ihrer Schritte beflügelte, und Alles wohlgelingen ließ. Die Zeit war ihr ſo ſchnell verſtrichen, daß ſie ein leichtes Erſtaunen nicht bergen konnte, als Emanuel, von ſeiner Sendung heimkehrend, wieder in das Haus trat und ſeine Herrin mit einem frohlichen:„Hoi, Ahoi!“ begrüßte. „Du biſt ſchon wieder da, mein wackerer Junge!“ fragte ſie, ihm entgegeneilend.„Geſchwind, was bringſt Du mir für Rachrichten?“ „Die beſten, Madame* antwortete Emanuel.„Es ſind ihrer drei bis vier Schiffe da, die in den nächſten Tagen nach Amſterdam abgehen; ſie ſind gut eingerichtet, und nehmen Alle Paſſagiere an Bord. Auch iſt noch ein fünftes da; das geht aber bereits morgen Nachmit⸗ tag mit Hochwaſſer ab.“ — 136— „Und wenn es in der nächſten Stunde ginge.“ „Ich ſprach mit dem Capitain. Er iſt wohl geneigt, Euch mitzunehmen; doch iſt ſein Schiff zur Paſſagier⸗ fahrt nicht eingerichtet und ſeine Kajüte nur klein.“ „Der ſpärlichſte Raum genügt mir.“ „Wenn Ihr mit ihm fahren wollt, will er Euch die Kajüte einräumen, und dies iſt durchaus nothwendig, ſonſt geht es nicht an. Er wohnt dann während der Ueber⸗ fahrt im Zwiſchendeck, verlangt aber, daß Ihr für dieſe Bereitwilligkeit ein höheres Paſſagiergeld zahlen ſollt.“ „Er ſoll empfangen, was er fordert. Sind wir nun am Ende, Emanuel?“ „Weiter iſt nichts zu beſtellen. Sobald Ihr geſon⸗ nen ſeid, die Bedingungen des Mannes einzugehen, läßt er Euch freie Hand, mit Sack und Pack an Bord zu kommen. So will ich denn gehen und ihm ſagen, daß Ihr nun ſeine Bedingungen annehmt, dann kehre ich zurück und wir richten Alles ſo ein, um morgen an Bord gehen zu können.“ Schnell, wie er gekommen war, eilte er nach der Stadt zurück, bewilligte dem Capitain ohne Verzug die geforderte anſehnliche Summe und zahlte die Hälfte der⸗ ſelben in blanken Dukaten auf den Tiſch; dann entfernte er ſich, indem er ſeine Gebieterin morgen um die Mit⸗ tagsſtunde ankündigte. — — 137— Das bezeichnete Schiff war eine Kuff, nach den möglichſt alten Formen, und ihr Führer bequemte ſich dem Schiffe in allen nur möglichen Verhältniſſen an. Dieſe Unterhandlungen, dieſes ſchnelle Bewilligen eines hohen Preiſes, ohne einen Handel zu verſuchen, waren ſeiner langſamen Natur, ſeinem niederländiſchen Phlegma ſo entgegen, daß er nicht einen Augenblick anſtand, der Mei⸗ nung ſeines Steuermanns zu ſein, daß hier ungewöhnliche Dinge vorgingen, und daß es durchaus nothwendig ſei, mit dem Agenten der Regierung deshalb zu ſprechen. Voll dieſer Pflicht eilte der Führer der Kuff in die Wohnung des ältern Herrn van Kraag und brachte ſein Anliegen vor, indem er die Geſchichte bis in das kleinſte Detail vortrug. „Allerdings wäre das unter allen Umſtänden ver⸗ dächtig,“ ſagte der Geſandte,„und Ihr habt wohlge⸗ than, mir dieſe Anzeige zu machen. Indeſſen iſt mir der Fall bekannt, und wenn auch ein Geheimniß ob⸗ waltet, ſo iſt doch nichts von Hochverrath dabei. Nehmt alſo die Dame getroſt an BVord auf, und denkt daran, daß mir ein Dienſt damit geſchieht, wenn Ihr ſie mit aller gebührenden Artigkeit behandelt. Seid Ihr aber in Amſterdam angelangt, ſo laßt ſie nicht eher an's Land gehen, bis ein Brief, den ich Euch an Bord be⸗ ſorgen laſſe, durch einen zuverläſſigen Boten beſtellt worden iſt. Geht nun mit Gott!“ — 238 Der Kuffſchiffer ging, nicht ohne bedächtiges Kopf⸗ ſchütteln über eine Angelegenheit, die immer verwirrter zu werden drohte. Zwölftes Kapitel. Die Kuff ſchwamm bereits auf hoher See, weſtwärts von Helgoland, und ſteuerte der Maas zu. Das Wetter war ſtill und ruhig, Alles machte ſich von ſelbſt, und doch hatten die Reiſenden, Schiffer ſowohl, als Paſſa⸗ giere, viel zu thun. Die Nordſee bot zu jener Zeit einen bunten, an Abenteuern reichen, wechſelnden Schau⸗ platz dar. Der Krieg, den die nordiſchen Mächte mit einander führten, hielt die Schiffe dieſer drei Nationen ſtets in Bewegung; die Fregatten mit den blauen und rothen Splietflaggen, ſo wie mit der Standarte des Zaars kreuzten nach allen Richtungen, und das Begeg⸗ nen war nicht immer mit einer Freudenſalve begleitet. Ein engliſches Linienſchiff bahnte ſich in ruhig-maje⸗ ſtätiſcher Haltung einen Weg durch dieſe Wirren, und am fernen Horizont kreuzten einige Briggs unter der Flagge Altniederlands, um die unſtäten Segler zu be⸗ aufſichtigen und die vaterländiſche Küſte vor irgend einem möglichen Handſtreiche zu wahren. „Nur gut, ausnehmend gut,“ ſprach der Kuffſchiffer — 139— zu ſeinem Steuermann gewendet, beide Hände in die Seite geſtemmt und bedächtig den Rauch ſeiner Pfeife von ſich blaſend, eine Lieblingsſtellung aller alter und neuer Kuffſchiffer;„nur gut, daß auch unſere Flagge ab und zu hier geſehen wird, denn ſonſt müßte man in beſtändiger Todesangſt ſchweben.“ „Darin müßte man jedenfalls ſchweben!“ meinte der noch bedächtigere Steuermann. „England, wißt Ihr, iſt auf unſere Provinzen mehr, als jede andere Nation, erpicht, und all ſein Streben geht darnach, an der Mündung der Maas und der Schelde zu befehlen,“ fuhr der Kuffſchiffer fort. „Maas und Schelde!“ ſprach der Steuermann ſei⸗ nem Führer mechaniſch nach;„es find ſchone Gewäſſer.“ „Und wenn wir nun auch mit den Engländern fer⸗ tig würden, denn, bei dem Andenken de Ruyters, die Holländer ſind brave Seeleute!“ „Das ſind wir!“ ſagte der Steuermann, indem er ſelbſtgefüllig mit der Hand auf die Steuerpinne ſchlug, und zählte ſich im Herzen jenen braven Seeleuten bei, obgleich er in dieſem Augenblicke über einen halben Strich nördlich von ſeinem eigentlichen Cours hinſteuerte, und die nicht genug angebraßte Breitfock zu killen be⸗ gann. Aber weder der Steuermann der Kuff, noch der ſchmauchende Führer hatten im Geringſten Arges daraus; 4„ 110 denn ihre Seele war zu erfüllt von den lebendigen Scenen rings umher, welche die verſchiedenen Kriegs⸗ fahrzeuge ihnen während der Reiſe darboten, und zwi⸗ ſchen welche hindurch die erſchreckten Kauffahrer ſchlüpf⸗ ten, wie der Tummler durch die aufgeregten Wogen ſchießt, oder wie der fliegende Fiſch ſich vor dem ſchnau⸗ benden Delphin rettet. „Und wenn ich nun denke,“ fuhr der Schiffer fort, „daß auch die Schweden und Dänen Arges gegen uns im Schilde führen können;....“ „Das können ſie,“ ſagte der Steuermann. Dieſe Unterbrechung nicht achtend, fuhr der Schiffer in ſeiner Phraſe fort:...„ſo wird mir angſt und bange hier auf offner See, nicht ſowohl wegen der Ladung, die wir am Bord haben, da ſie gut verſichert iſt, ſon⸗ dern vielmehr der Paſſagiere wegen, die ich in der Ka⸗ jüte habe, das bleiche Weibsbild mit dem dummen Jungen.“ Der ehrenwerthe Führer dieſes geſegneten nieder⸗ ländiſchen Schiffes, ſo wie ſein kundiger Steuermann hatten indeß, ohne daß ſie es ſelbſt wußten, einen auf⸗ merkſamen Zuhörer. In dem nahe gelegenen Stroh ſaß nämlich Emanuel und hörte die Unterhaltung bei⸗ der Männer Wort für Wort. Anfangs, als von den fremden Schiffen und deren Abſichten die Rede war, „ — 1411— horchte er mit dem Intereſſe, welches jeder Seemann empfindet, wenn von wichtigen Begebenheiten in der Marine die Rede iſt. Als aber das Geſpräch ſich auf ſeine Gebieterin wandte, und er ſich ſelbſt dabei auf eine nicht beſonders freundliche Art erwähnen hörte, horchte er mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit hin; denn eine plötzliche Ahnung ſagte ihm, er werde etwas entdecken, das ihm, beſonders aber dieſer von Nutzen ſein könne. Längſt war Emanuel von ſeiner Gebieterin in alle Verhältniſſe eingeweiht. Nicht ohne Ueberlegung hatte Sara dieſen Schritt gethan. Sie fühlte, daß ſie allein nicht genug Kraft und Energie beſitze, um im vorkom⸗ menden Falle ſo zu handeln, wie es die Nothwendig⸗ keit erheiſche; daß ſie dringend eines treuen Freundes, eines Beiſtandes bedürfe. Emanuel war der Einzige. Er hatte bereits zu verſchiedenen Malen nicht unge⸗ wöhnliche Verſtandesgaben gezeigt und war treu wie Gold. Sie theilte ihm Alles mit, was ihr in der letzten Zeit begegnet war; den ſchimpflichen Antrag des Adrian van Kraag, ſo wie den geheimnißvollen Brief, den ſie empfangen und der ſie zu dieſer Reiſe veran⸗ laßt hatte. „Das iſt nicht gut,“ ſagte der Steuermann, und Cmanuel horchte ſcharf hin;„aber wer weiß, ob Eure „ — 12 Beſorgniß nicht aus der Luft gegriffen iſt. Mir ſieht der Burſch wie ein dummes Thier aus, das nichts hat, als ſeine Fratze von Geſicht, womit er leicht kleine Kin⸗ der erſchrecken kann.“ Emanuel ballte die Fauſt, aber er ſchwieg und horchte weiter auf die Unterhaltung. „Das iſt ein Irrthum,“ ſagte der Kuffmann.„So für gewöhnlich ſieht der Burſch dumm genug aus; aber wenn Ihr ihn genau darauf angeſehen hättet, würdet Ihr finden, daß ſeine Augen manchmal aufblitzen und daß dann eine große Portion Liſt und Verſchlagenheit darin liegt. Auch iſt's mir aufgefallen, daß dieſer Emanuel, wie er ſich nennt, ſo häufig mit der Dame im geheimen Geſpräch verkehrt, und dabei ſtets die Thür der Kajüte verſchließt, als gebe es beſon⸗ dere Geheimniſſe. Ich habe darum auch, verſteht ſich, im Intereſſe des Schiffes und auf Befehl des Herrn Geſandten in Hamburg, mitunter an der Thür gehorcht, auch ohne daß ſie es bemerkten in der einen Scherwand ein Loch gebohrt, aber ich habe nichts entdecken können.“ „Was geht's den Geſandten an?“ fragte der Steuer⸗ mann, und der Schiffer ſetzte hinzu:„Mehr als Ihr denkt.“ Dann aber erzählte er ſeinem Steuermann, wie er ſich, um die Zweifel ſeines Gemüthes zu beſchwichtigen, zu dem Geſandten begeben, daß er den⸗ „* — 143— ſelben um Rath gefragt, und welchen Beſcheid er von Mynheer erhalten habe. Auch daß der Brief zur rech⸗ ten Zeit eingegangen ſei, wurde nicht verfehlt, und Beide zerbrachen ſich den Kopf darüber, was ein ſo vornehmer Mynheer mit einer Vrouw Greet in der, Amſterſtraat zu ſchaffen haben könne, wobei ſie die widerſinnigſten Vermuthungen aufſtellten, endlich aber doch darin überein kamen, daß der Brief punktlich beſtellt, auch die Dame und ihr Begleiter nicht eher von Bord entlaſſen werden müßten, bis man mit Sicherheit anneh⸗ men koͤnne, daß der Brief in der Amſterſtraat bei der Vrouw Greet angelangt ſei. Noch blieben den beiden wackern Officieren dieſer ehrenwerthen holländiſchen Kuff zwei wichtige Fragen in dieſer Angelegenheit zu erörtern übrig, und zwar erſtens, wie man es eigentlich beginnen wolle, die Paſſagiere wider ihren Willen zurückzuhalten, wenn ſie gleich bei der Ankunft landen wollten und einen der zahlreich umher rudernden Bootführer anriefen. Dem Steuermann blieb es vorbehalten hier den geeigneten Ausweg zu finden. Man wollte nämlich unter irgend einem Vorwande eine Meile vor Amſterdam zu Anker gehen und dann beim Einbruch der Nacht den Boten, von der Dunkelheit beſchirmt, fortſenden. Segle man dann am andern Tage vollends nach der Stadt, ſo konne man die Paſſagiere ohne Gefahr ſogleich ent⸗ — Lun— laſſen, denn der Brief müſſe dann längſt an Ort und Stelle ſein. Beiden kam dieſer Ausweg ſo ungemein günſtig und einfach zugleich vor, daß ſie nicht wenig erſtaunt waren, wie ihnen irgend etwas Anderes hätte eher einfallen können, als gerade dies. Glücklich mit dieſer Erörterung zu Stande gekommen, war es die zweite Frage, die ſie nicht minder ernſthaft beſchäftigte. Es handelte ſich nämlich darum, wo der zuverläſſige Bote zu finden ſei, dem der Brief zur Beſorgung übergeben werden ſolle, und hier waren gerade ſo viel getheilte Meinungen als Stimmen. Der Steuermann meinte, es müſſe ein pfiffiger, verſchlagner Burſche ſein, durch welche Meinung er nun ſchon ſich ſelbſt ganz von der Sendung ausſchloß; der Schiffer dagegen behauptete, die Botſchaft werde am beſten dem dümmſten Einfalts⸗ pinſel von der Welt übertragen; denn dieſer werde nicht erſt lange grübeln, weshalb und warum man ihn ſchicke, ſondern er werde ſein Geſchäft, ſobald als möglich und auf dem geradeſten Wege beenden, wobei der Schifſer dunkel fühlen mochte, daß er, vermöge ſeiner geiſtigen Organiſation, in vorkommenden Fällen ebenſo gehandelt haben würde. Die Gewalt der Wahrheit verlieh dem Schiffer auch eine moraliſche Gewalt über ſeinen Steuer⸗ mann, und bald ſtimmte dieſer ſeinem Oberherrn darin bei, ein ächter dummer Schlingel ſei am beſten geeignet, — 115— die Commiſſion zu beſorgen und es ſei nur zu bedauern, daß nicht Einer von ihnen den Gang wagen dürfe. Aber mit wunderbarer Uebereinſtimmung fanden ſie den Ein⸗ zigen aus der Schiffsmannſchaft heraus, der die Bot⸗ ſchaft ohne Gefahr ausrichten könne, und das war Freèrk. Dieſer Name erſcholl zu gleicher Zeit von Bei⸗ der Lippen. Frerk war an Bord eine Art Faktotum. Er beherrſchte die Combüſe; das heißt er ſorgte für die Thee- und Kaffekanne der Kajüte und für die Erbſen⸗ back der Leute. Er war der Packeſel für Jedermann, aber zu gutmüthig, um die aufgebürdete Laſt zu empfin⸗ den; er ward von Allen geneckt, gehöhnt, geſtoßen, aber zu furchtſam, ſich offen zur Wehre zu ſtellen, nahm er alle Beleidigungen geduldig hin, und weinte ſtill, wenn er ſich in die Einſamkeit ſeiner Koje zurückzog. Hatte ihn Jemand zu hart beleidigt, und er wollte dies für die Zukunft vermeiden, ſo ſann er nach, was er Jenem für einen guten Dienſt erweiſen könne, und that es dann wirklich, hoffend, ihn dadurch auf verſöhnli⸗ chere Gedanken zu bringen. Das war gewiß der größte Beweis einer unbegränzten Dummheit, und wurde auch von der Mannſchaft der Kuff als ſolcher aufgenommen; denn der arme Frerk ward nach ſolchen Liebesdienſten ärger geneckt, als vorher, ſo daß er, mitten unter allem II. 7 — 146— Schelten und Stoßen, nicht ſelten glaubte, er habe wirk⸗ lich großes Unrecht gethan, und zum Ergotzen ſeiner rohen Gefährten, dieſe obendrein um Verzeihung bat. Dieſer bedauernswerthe Burſch, deſſengleichen die frühere Kauffarthei⸗Marine, zur Schande derſelben, nicht wenige aufzuweiſen hatte, die aber bei der jetzigen humaneren Behandlung, welche dem Seemanne unteren Grades zu Theil wird, immer ſeltener zu werden beginnt, wurde zum Briefboten ernannt. Als nun das Geſpräch der beiden Offieiere der Kuff ſich von dieſem Gegenſtande ab⸗ und andern Dingen zuwandte, die für Emanuel gleichgültig waren, zog er ſich in das äußerſte Ende des Roofs zurück, wo Freèrk ohne eine Ahnung von dem zu haben, was in ſeiner Nähe vorgegangen war, am Feuer ſaß, und ſich mit den Vorbereitungen zur nahen Abendmahlzeit beſchäftigte. Emanuel war der einzige Mann an Bord, der den armen Frörk nie neckte und ſtieß; er hatte für ihn ſtets ein freundliches Wort, und mitunter einen wärmenden Tropfen aus ſeiner wohlverſehenen Kruke. Darum lächelte auch jetzt Frèrk dem Kommenden freundlich ent⸗ gegen, und reichte ihm bereitwillig eine glühende Kohle dar, weil er glaubte, Emanuel wolle ſich eine Pfeife anzünden, denn, wann näherte ſich wohl ein Holländer dem Feuer, als um dieſer Urſache willen? „Laß es gut ſein, Frerk!“ ſagte er freundlich.„Ich mag vor dem Eſſen nicht rauchen. Aber ich will hier einen Augenblick ſitzen, mich zu wärmen, und wenn Du willſt, können wir uns etwas erzählen. Kommen wir nun doch bald nach Amſterdam, wo ich niemals geweſen bin. Du koͤnnteſt mir wohl den Gefallen thun, und mir davon irgend etwas erzählen, denn wenn ich nicht irre, biſt Du zu Amſterdam geboren. Iſt es nicht ſo, Freèrk?“ „So iſt's!“ entgegnete dieſer und verſäumte nicht, zum geringen Nutzen für die Schmackhaftigkeit des auf dem Feuer brodelnden Abendeſſens, eine glänzende Schilderung von der weltberühmten Stadt Amſterdam zu machen, die Emanuel mit großer Geduld anhörte, ob ſie gleich ſo verworren war, daß man ſich nicht aus derſelben vernehmen konnte. Als Frerk geendet hatte, erhob ſich Emanuel und ſagte:„Ich danke Dir; Dein Amſterdam muß ſchön, ſehr ſchön ſein. Wenn wir dahin kommen, ſollſt Du mir Weg und Steg zeigen, ſo oft Du vom Bord kommen kannſt, und wir wollen Beide recht vergnügt mit einander leben. Dabei hleibt es alſo.“ Ohne weitere Antwort abzuwarten, oder das Stau⸗ nen Frerk's zu beachten, der ſich gar nicht darüber beruhigen konnte, daß ein Schiffspaſſagier ſich ſo ver⸗ traulich mit ihm unterhielt, verließ Emanuel den Roof, was er mit großer Sicherheit konnte, da Schiffer und 7* — 1418— Steuermann ſich längſt von dem Eingange deſſelben zurückgezogen hatten, und ſchlüpfte in die Kajüte, um ſeiner Gebieterin Nachricht von Demjenigen zu geben, was er ſo eben erfahren hatte.„Ihr ſeht alſo wohl,“ ſchloß Emanuel,„was es mit dieſem Briefe auf ſich hat. Der holländiſche Geſandte ſteckt bei dieſer Geſchichte dazwiſchen. Was gilt's, dieſer alte Herr van Kraag, und ſein ſpitzbübiſcher Herr Sohn „Um Gotteswillen!“ rief Sara aus. „Bitte Euch, ſeid ruhig und weckt nicht die Auf⸗ merkſamkeit der Schiffsführer. So dumm ſie ſind, konnten ſie doch Verdacht ſchöpfen, wenn wir uns blos geben und uns jeden Rettungsweg abſchneiden, der uns bleibt, wenn wir uns ſelbſt nur beherrſchen. Jetzt dürft Ihr es nicht mehr bezweifeln, daß Adrian van Kraag, als er von Euch mit der ihm gebührenden Verachtung zurück⸗ gewieſen ward, den Knaben draußen fand und ihn raubte, um Euch auf dieſe Weiſe zu zwingen, ihm ſeinen Willen zu thun. Aber hort, was ich Euch mittheilen will, und wie es uns gelingen ſoll, den Schurken zu überliſten.“ Emanuel ſprach nun von dem Plan, den er erſon⸗ nen; Sara fand ihn ſo geſchickt angelegt, daß ſie keinen Augenblick an dem Gelingen deſſelben zweifelte, und mit Ungeduld den Augenblick herbeiwünſchte, da man Amſterdam erreichen würde. — 1419— Dieſer Moment ließ nicht lange auf ſich warten. Ein friſcher Wind hatte die Segel geſchwellt und raſch ging es am Terxel vorbei, durch den Zuyder-See, der altberühmten Stadt zu. Der Kuffſchiffer und ſein Steuermann hatten Alles ſo klug angefangen, daß die Sonne bereits den Horizont erreicht hatte, ehe man Amſterdam ſehen konnte, und mit der erſten Dämme⸗ rung der Anker in die Tiefe rollte. Dreizehntes Kapitel. Als man mit all der Umſtändlichkeit, die den„Kuff⸗ mann, wie er ſein ſoll,“ charakteriſirt, für die Sicher⸗ heit des Schiffes Sorge getragen hatte, war es bereits finſter geworden. Sara hatte leichthin den Wunſch ge⸗ äußert, nach der Stadt gebracht zu werden, ſtand aber ſogleich hiervon ab, als man ihr ſagte, dies ſei nicht mehr möglich. Die Mannſchaft, froh, die Strapatzen der Reiſe überſtanden zu haben, empfing befreundeten Beſuch vom Lande her, und zog ſich mit dieſem in den Roof zurück. Der Schiffer und ſein Steuermann wa⸗ ren im Zwiſchendeck, wo ſie ſich eine wohnbare Stelle eingerichtet hatten, und ertheilten dem blödſinnigen Frerk genaue Weiſung, wie er ſich bei Abgabe des — 150— Briefes verhalten ſolle. Der arme Teufel war gar nicht erbaut davon, nach einer mühſeligen Reiſe noch eine beſchwerliche Nachtwanderung antreten zu müſſen; doch wagte er nicht, dies laut zu äußern, ſondern nahm den Brief läſſig hin, und wiederholte mechaniſch die Anweiſungen, die man ihm ertheilt hatte, zum Zeichen, daß er Alles wohl gemerkt habe. Dieſer Moment ſchien Emanuel zu ſeinem Vorhaben günſtig. Auf dem Ver⸗ decke befand ſich Niemand als der Schiffshund. Dieſen lockte er mittelſt eines fetten Biſſens in den Verſchlag, damit das Thier bei Ankunft des Bootes nicht bellen ſollte, das er herbeigewinkt hatte, ſprang in daſſelbe und ließ ſich nach dem Lande rudern. Hier verbarg er ſich hinter einer vorſpringenden Mauer und harrte ge⸗ duldig, bis die Kuff ihren Mann an's Land ſenden würde. Dieſer ließ nicht lange auf ſich warten; der Steuermann ſelbſt ſetzte den erkieſeten Boten an's Land und ſchärfte ihm nochmals die genaue Abgabe des Brie⸗ fes ein. Mißmuthig ſchlenderte der Burſch nach der Stadt zu. Einige Zeit folgte ihm Emanuel ſchweigend, dann aber trat er an ihn heran und fragte gutmüthig „Dir ſcheint's auch nicht recht zu ſein, noch ſo ſpät am Abend nach der Stadt zu müſſen.“ Frerk ſchreckte aus ſeinem Hinbrüten auf; als er aber Emanuel neben ſich ſah, der ihm ſchon ſo viele — 151— Beweiſe des Wohlwollens gegeben hatte, winkte er freundlich und ſagte:„Ich muß wohl, ſonſt...“ und er machte die Pantomime des Schlagens. „Nun,“ meinte Emanuel,„dem ließe ſich wohl noch abhelfen, wenn Du geſcheut biſt. Aber dergleichen be⸗ ſpricht ſich ſchlecht auf offner Straße mit leerem Ma⸗ gen. Hier liegt nahe vor uns, wie ich ſehe, ein ſchmuckes Haus, wo man Wein und Bier ſchenkt; laß uns hin⸗ eingehen und eine Herzſtärkung zu uns nehmen.“ Arm in Arm traten ſie in das„Geneverhuis“ und Emanuel beſtellte Genever mit Zucker. Er ſchenkte ſeinem Gaſt fleißig ein, und hatte dieſen bald dahin gebracht, daß er ſich entſchloß, hier bis gegen Morgen in aller Behaglichkeit auszuſchlafen, und Emanuel den Brief zur Beſtellung zu übergeben. Wie der Wind flog Emanuel die Straße entlang, welche nach Amſterdam führte. Als er die Stadt er⸗ reicht hatte, fand er bald einen Boten, der ihn gegen guten Lohn an den gewünſchten Ort brachte. Als er vor dem Hauſe in der Amſterſtraat 17 ſtand, welches als die Woh⸗ nung der Vrouw Greet bezeichnet war, entfernte er ſeinen Begleiter, und ſchlug mit dem eiſernen Klopfer gegen die Thür. Ein Schiebfenſter oberhalb derſelben bffnete ſich, und eine keifende Weiberſtimme fragte:„Wer unterſteht ſich, zu ſo ſpäter Nachtzeit an meiner Thür zu lärmen?“ „Jemand, der dazu ein gutes Recht hat!“ ſprach Emanuel mit lauter Stimme,„vorausgeſetzt, daß ich mich nicht irre, und ich vor der Wohnung der Vrouw Greet ſtehe.“ „Ich bin Vrouw Greet und dies iſt meine Woh⸗ nung,“ war die Antwort,„ſoll ich nun erfahren, wel⸗ cher Unband ſich unterſtanden hat, meine Nachtruhe zu ſtören?“ „Freut mich ausnehmend, eine Frau gefunden zu haben, von der ich ſchon' ſo vieles Gute hörte,“ ſprach Emanuel. Die Alte ſchien Komphmenten ſolcher Art nicht be⸗ ſonders gewogen zu ſein, denn ſie brummte vor ſich hin, und ſagte verdrießlich:„Bleibt mir mit Euren Dummheiten vom Halſe und ſagt Euer Geſchäft, das ein ſehr kurzweiliges ſein muß, da es mitten in der Nacht abgethan ſein will, ſonſt ſchließe ich mein Fen⸗ ſter und gehe wieder zu Bett, Ihr mögt lärmen und toben, ſo viel Ihr wollt.“ „Nun denn, Vrouw Greet, ich bin an Euch geſen⸗ det von Mynheer Adrian van Kraag.“ „Gott ſegne Mynheer,“ unterbrach ihn die Alte. „Es iſt ein wackerer Herr. Was ſteht zu ſeinen Dienſten?“ „Er hat mir eine Botſchaft an Euch aufgetragen, Myvrouw,“ antwortete Emanuel,„doch kann ich dieſe nicht, wie Ihr ſelbſt begreift, von der Straße aus zu Euch heraufſchreien, und Ihr müßt mir daher das Haus offnen laſſen.“ „Das ſoll ſogleich geſchehen!“ rief die Alte herab, und ſchloß das Fenſter. Nicht lange nachher hörte man ihren ſchlarrenden Tritt auf der Diehle und die Haus⸗ thür that ſich langſam auf. Emanuel ſchlüpfte herein. Ein altes Weib im nicht beſonders reizenden Neglige, mit vergilbtem Teint, betrachtete ihn, die Hand vor die Lampe haltend, mit verſchlafenen Augen, ſchloß die Thür ab, und führte ihn dann in ein Zimmer des erſten Stocks, das allen Zeichen nach zu urtheilen, die Wohnung der alten Hausunke war. Sie ſetzte die Lampe auf den Tiſch, ſtachelte ſie auf, daß ſie hell brannte, ſah ihren Gaſt noch ein Mal von oben bis unten an und ſagte dann:„Nun Herr, was iſt Eure Botſchaft an mich?“ „Meine Botſchaft lautet buchſtäblich alſo,“ entgeg⸗ nete Emanuel:„Geh zur Vrouw Greet und ſage ihr, daß ſie Dich zu dem Baume führen ſoll, der Blätter, Blüthen und Beeren zu gleicher Zeit trägt.“ Die Alte ſchlug die Hände zuſammen und betrach⸗ tete ihren Gaſt mit lebhaftem Erſtaunen.„Hört, Ihr müßt in großer Gunſt bei dem Herrn van Kraag ſte⸗ 7** — 1541— hen, daß er Euch das geſagt hat; denn wer dies Wort weiß, der weiß Alles und ſchaltet nach Belieben. Sprecht alſo immer ohne Rückhalt, Herr, und nehmt mir mein barſches Weſen von vorhin nicht übel, wie konnte ich wiſſen, daß ich eine ſo wichtige Perſon vor mir hatte.“ „Nehmt Euch das nicht zu Herzen, gute Frau!“ ſagte Emanuel, ihr mit einer Art herablaſſender Ver⸗ traulichkeit die Hand reichend, und vernehmt nun wei⸗ ter, daß Ihr in längſtens zwei Tagen dem Beſuch der Dame entgegenſehen könnt. Wie wahr meine Bot⸗ ſchaft iſt, mögt Ihr daraus ſehen, daß ich hier ein Schreiben des älteren Herrn van Kraag an eine bedeu⸗ tende Perſon hieſiger Stadt bei mir führe, wie Ihr aus dem Siegel Derer van Kraag entnehmen könnt, womit jener Brief geſchloſſen iſt.“ Er zeigte ihr bei dieſen Worten die Rückſeite des Briefes, der an ſie ſelbſt gerichtet war, und die Frau, ſich unwillkührlich vor dem Siegel Desjenigen neigend, der ihr ein Ge⸗ waltiger war, ſagte unterwürfig:„Ich habe gleich erkannt, daß Ihr ein Bote meines gnädigen Herrn wäret; aber wenn noch irgend ein Zweifel hätte obwal⸗ ten koͤnnen, ſo müßte er bei dieſem Anblicke ſchwinden. Ihr ſeid ein hochbetrauter Mann, und ich werde Euren Anordnungen genaue Folge leiſten. Was nun die Dame anlangt, ſo kann ſie zu jeder Stunde kommen; es iſt Alles bereit und ſie ſoll gebührend empfangen werden.“ „Das wird Herrn van Kraag ſehr lieb zu verneh⸗ men ſein. Bereitet Euch demnach, mich zu dem ſtum⸗ men Knaben zu führen. Es iſt der Wille des Herrn, daß die Mutter denſelben hier nicht antreffen ſoll.“ „Sonderbar. Mir ſagte er doch noch geſtern...“ „Recht. Aber guter Rath kommt über Nacht, und ich kann wohl ſagen, daß ich bei dieſer neuen Anord⸗ nung unſeres Herrn nicht ganz ohne Einfluß geweſen bin. Verſteht mich nur: wenn die Mutter kommt und findet ſogleich das Kind und Alles, was das Herz wünſcht, kann man wohl erwarten, ſie werde für dieſe Wohlthaten dankbar ſein, und ſie dem Herrn vergelten, wie er es verdient? Ich meine nicht; ſie wird viel⸗ mehr ſthrriſch und eigenſinnig ſein, und Herr Adrian van Kraag wird Gelegenheit haben, ſeine Großmuth zu bereuen. Wenn aber das Kind nicht hier iſt, ſon⸗ dern nur einige untrügliche Zeichen, ſo kann ſie leicht veranlaßt werden, den verlangten Lohn im Voraus zu bezahlen. Darum muß der Knabe aus dem Hauſe und ich ſoll ihn anderweitig unterbringen.“ „Und wohin ſoll denn der arme Wurm mitten in der Nacht?“ fragte die Alte. „Wenn Ihr es wiſſen wollt, ſo fragt den Herrn — 156— ſelbſt,“ entgegnete Emanuel raſch.„Ich bin nicht be⸗ ordert, Euch das zu ſagen,“ und noch einige andere Fragen fürchtend, deren Beantwortung ihm mancherlei Verlegenheiten bereiten könnten, ſetzte er barſch hinzu: „Bringt mich nun unverweilt zu dem Knaben, denn Ihr ſollt wiſſen, daß unſer Gebieter ungeduldig meiner Rückkehr harrt.“ Die Alte griff nach der Lampe, ſchritt vor ihm her nach einem der Hinterzimmer des Hauſes und ſagte: „Aber das Kind ſchläft. Ihr müßt mir es nicht jäh⸗ lings aus dem Schlafe reißen.“ „Wo denkt Ihr hin?“ entgegnete Emanuel.„Dem Kinde ſoll kein Leides geſchehen; es ſoll vielmehr ſanft und freundlich behandelt werden! Ich habe auch am Ende der Straße einen Wagen ſtehen und ihn nur des⸗ halb nicht mitgebracht, um alles Aufſehen zu ver⸗ meiden.“ „Ihr ſeid ein ſchlauer Patron,“ ſagte die Alte ſchmunzelnd die Thür öffnend,„da liegt der kleine Prinz!“ dabei lachte ſie leiſe, als wolle ſie andeuten, daß ſie ſehr gut von allen Verhältniſſen unterrichtet ſei. Als Emanuel ſeinen kleinen Liebling ſo ruhig ſchlummernd vor ſich ſah, vermochte er kaum ſeine innere Bewegung zu unterdrücken, doch preßte er gewalt⸗ ſam die Hand auf das mächtig ſchlagende Herz, und ſagte zur Alten, die die Lichter anzündete:„Es iſt gut, Mutter Greet; ich will den Jungen mit ſo viel Säu⸗ berlichkeit wecken, als mir zu Gebote ſteht; Ihr könnt mir unterdeſſen einen großen Gefallen thun, wenn Ihr mir ein wenig Brod und Wein reicht, ich bin erſchöpft und habe einen langen Weg vor mir.“ „Ihr ſollt ſogleich bedient ſein!“ ſagte Mutter Greet und begab ſich auf den Weg zur Speiſekammer, um das Verlangte herbeizuholen. Als Emanuel ſich über⸗ zeugt hatte, daß ſie weit genug entfernt war; flog er nach dem Bette ſeines Edmund, ihn mit Küſſen und Schmeichelworten weckend. Der Knabe erwachte, ſeine Bruſt arbeitete heftig, als er den bewährten Freund ſah, ſeine Lippen bewegten ſich, aber er vermochte nicht, das Band der Zunge zu loͤſen; mit krampfhaftem Schluchzen warf er ſich in Emanuel's Arme. Dieſer drückte den Knaben feſt an ſich und flüſterte ihm zu: „Edmund! Höre auf mich! ich bin gekommen Dich zu retten!“ Der Knabe drückte ihn feſt an ſich. „Wir müſſen aber vorſichtig ſein, ſonſt mißlingt es. Gib wohl Acht, Edmund, was ich Dir ſage. Wenn jene alte Frau wiederkommt, darfſt Du Dich ja nicht merken laſſen, daß Du mich kennſt. Haſt Du mich ver⸗ ſtanden?“ — 158— Der Knabe ließ ſeinen Freund los und nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er ihn verſtehe. „Du ſollſt zu Deiner Mutter kommen, Edmund, aber Du mußt ſelbſt dazu thun, daß wir es glücklich vollbringen. Kenne mich nicht, ſondern ſtelle Dich viel— mehr verwundert und ängſtlich, daß ein fremder Mann bei Dir iſt. Wenn Du dann von mir, oder von der Alten hörſt, daß Du mit mir gehen ſollſt, ſo bedeute uns, daß Du nicht willſt, und gib in jeder Weiſe Dei⸗ nen Widerwillen gegen mich zu erkennen. Sei ja vor⸗ ſichtig, gutes Kind.“ Edmund gab durch abermaliges Kopfnicken zu ver⸗ ſtehen, daß er Alles wohl begriffen habe, und thun wolle, wie ihm geheißen werde; Emanuel aber ſagte: „darauf verlaſſe ich mich, nun aber ſei ſo gut und lege Dich ruhig wieder hin, als ob nichts geſchehen wäre; ich vermuthe, die Alte kommt zurück.“ Gehorſam legte ſich Edmund auf ſein Bette zurück und ſchloß die Augen. Emanuel trat an's Fenſter und offnete den Laden, um das Terrain etwas genauer zu erkunden, falls ihm etwas mißlänge, und er genöthigt ſein werde, ſich auf einem Schleichwege zu entfernen. Er blickte auf einen engen Hof, der bis zu einem der vielen Kanäle führte, von denen Amſterdam durch— ſchnitten wird. Da unterdeſſen der Mond hinter den * ——————————— — 159— Wolken hervorgetreten war, gewahrte er auf dem Waſ⸗ ſer ein leichtes Boot, das an einer dünnen Leine vor der Ebbe lag. Der Hof ſelbſt war von dem Fenſter aus leicht ſpringend zu erreichen, und um für den nd⸗ thigen Fall keinerlei Aufenthalt zu haben, wirbelte er das Fenſter auf. Kaum hatte er dieſe Arbeit gethan, als er Vrouw Greet zurückkommen hörte, und raſch ſprang er nach dem Bette, auf welchem Edmund, dem Anſcheine nach, im feſten Schlafe lag. Die Alte kredenzte ihrem Gaſte einen Becher mit ſüßem Weine, und ſchickte ſich dann an, den Knaben vorſichtig aufzuwecken. Sie richtete ihn liebkoſend auf und kleidete ihn raſch an, während er verwundert umherblickte. Als er Emanuel gewahrte, wehrte er dieſen mit der Hand von ſich ab. Vrouw Greet gab dem Kinde, dem ſie ihre ganze Neigung zugewendet hatte, die freundlichſten Worte, und ſagte zu ihm, daß jener Mann gekommen ſei, ihn ab⸗ zuholen, um ihn zu ſeiner Mutter zu bringen. Die Alte ſprach irgend etwas auf's Gerathewohl hin, um das Kind zu beruhigen, und ahnete nicht, daß ſie in dieſem Augenblicke die Wahrheit ſagte. Edmund ſtreifte ſeinen Freund mit klugem Auge, dieſer aber machte eine verneinende Bewegung, worauf — 160— Edmund ſich nur noch ungebehrdiger, als früher, ſtellte, und nach Emanuel ſchlug, der ſich ihm jetzt raſch näherte. „So moͤgt Ihr denn ſehen, wie Ihr mit dem kleinen Trotzkopf fertig werdet!“ ſagte Vrouw Greet und ließ den Knaben in Emanuel's Arme gleiten. In dieſem Augenblicke ſchlug der eiſerne Klopfer draußen ſo mächtig gegen die Thür, daß es durch das ganze Haus ſchallte. „Guter Gott, was iſt das?“ rief Vrouw Greet und Emanuel ſtarrte das Blut in den Adern. Sollte er ſo nahe dem Ziele ſcheitern? Der zweite Schlag machte das ganze Haus er⸗ dröhnen. „Wenn ich nicht glauben müßte, ich träume, ſo wollte ich ſagen.... aber nein! Ihr ſeid ja von dem Herrn geſandt, wie käme er denn ſelbſt? Aber dies iſt gewiß und wahrhaftig ſein Zeichen! Er iſt's!“ „Poſſen! Poſſen!“ entgegnete Emanuel, aber er entfürbte ſich und der Angſtſchweiß perlte auf ſeiner Stirn. Die Alte bemerkte es und ſchrie:„Hier iſt nicht Alles, wie es ſein ſollte! Erbarme ſich Gott! Er wußte die Loſung und trägt das Siegel bei ſich!“ Ein dritter noch heftigerer Schlag unterbrach ſie in — 161— ihrem Gedankengange:„Das iſt gewiß und wahrhaftig der Herr! Nun ſeht Euch vor, wenn Ihr ein Verräther ſeid! Er jagt Euch den Degen durch den Leib, ſo wahr ich eine ehrliche Frau bin! Gleich Gleich!“ Und mit dieſen Worten nahm ſie ihre Lampe und rannte zur Thür hinaus. Kaum war ſie fort, als Emanuel ſei⸗ nem Liebling zurief:„Nun iſt es Zeit!“ Vrouw Greet konnte nicht ſchnell genug nach der Hausthüre kommen, die Schläge wiederholten ſich, wäh⸗ rend ſie öffnete, und als der letzte Riegel zurückgeſcho⸗ ward, trat Adrian van Kraag mit lautem To⸗ ein. „Haltet mir's zur Gnade, Herr Baron!“ ſprach die Alte, aber ich konnte nicht ſo ſchnell herbeikommen, da ich eben mit Eurem Boten zu ſchaffen hatte.“ „Mein Bote?“ entgegnete Herr Adrian raſch.„Ich habe nicht daran gedacht, Euch eine Botſchaft zu ſenden. Von wem habt Ihr alte Gans Euch übertölpeln laſſen?“ „Ihr habt nicht geſchickt?“ kreiſchte Vrouw Greet. „Ja, dann war es gewißlich ein Betrüger. Ach Gott, und der Kerl wußte die Loſung und Alles! Aber noch iſt es Zeit, noch iſt nichts geſchehen; eine Viertelſtunde ſpäter und er wäre auf und davon geweſen. O, über den Satan! Ich kratze ihm die Augen aus, dem Be⸗ trüger!“ „Haltet ein mit Eurem Gewimmer! und erzählt vernünftig, was geſchehen iſt!“ ſchalt van Kraag und Vrouw Greet bemühte ſich nun, der Reihe nach deut⸗ lich zu erzählen, was ſeit der letzten Stunde im Hauſe vorgegangen war.„Und wie gut, daß Ihr kommt!“ ſchloß ſie,„ſonſt wäre er jetzt mit dem Knaben auf und davon!“ „Hier iſt Spitzbüberei im Spiel!“ ſchrie Herr Adrian, „und Dir, Alte, gnade Gott, wenn Du irgend einen Theil daran haſt. Schnell, voran! Wo haſt Du den Schurken verlaſſen?“* Keuchend und ſchreiend eilte Vrouw Greet vo. und der junge Edelmann ihr nach. Sie rüttelte an der Thür:„ſie iſt von innen verriegelt!“ Adrian ſtieß mit dem Fuße dagegen und der leichte Riegel gab nach. Die Stube war leer, das Fenſter geoffnet. „Sie ſind fort!“ ſchrie die Alte. „Du haſt ihnen fortgeholfen!“ wüthete Adrian van Kraag und knirſchte mit den Zähnen. Er hatte ſo nahe am Ziele geſtanden und befand ſich nun ſo him⸗ melweit von demſelben entfernt. Er raſte im Zimmer auf und ab. Vrouw Greet benutzte dieſen Moment der Aufregung, um ſich aus der Nähe des erzürnten Ge⸗ bieters zurückzuziehen. Kaum hatte ſie den Flur erreicht, — 163— als abermals gegen die Thür geſchlagen wurde. Dies Mal war es der vertraute Diener des Herrn Adrian van Kraag.„Iſt der Herr hier?“ „Ja, Jan Voorſt!“ ſprach die Alte,„und gebe Gott, daß Ihr etwas Gutes bringt, denn er iſt zornig über alle Maßen und bedürfte wohl ein beruhigendes Mittel.“ „Dann habe ich es ſchwerlich bei mir!“ antwortete Jan Voorſt;„denn dies hier iſt ein Schreiben der Ad⸗ miralität, welches dem Herrn ſo ſchnell als nur irgend bglich zu behändigen iſt. Was aber dieſe Herrn in File den jungen Lieutenants zu verkünden haben, n der Regel nicht beſonders nach deren Sinn. Ich muthmaße, daß wieder von irgend einem Kreuzuge die Rede iſt. Mir recht: da werden wir den jungen Unband für eine Zeitlang aus dem Hauſe los.“ Dies letzte ſagte er in flüſterndem Tone und ging dann nach der Stube, die ihm von Mutter Greet bezeichnet wurde, und wohin ſie langſam und mit ſtillem Seufzer nach⸗ folgte. Emanuel hatte ſeine Flucht raſch vollendet, aber nicht beſonnen genug, den Brief fallen laſſen, den er Frork abgenommen, und den er ſeiner Gebieterin ein⸗ händigen wollte. Adrian van Kraag fand ihn, und nachdem er voll Staunen die Handſchrift ſeines Vaters, ſo wie das Wappen des Hauſes erkannt, auch die Adreſſe — 1641— an Vrouw Greet geleſen hatte, erbrach er daſſelbe in Eile. Adrian ſchloß richtig, daß der Unbekannte, der ſich mittelſt der Parole in's Haus geſchlichen, den Kna⸗ ben geraubt hatte und dieſen Brief verlor, nothwendig von ſeinem Vater hierher geſendet und mit dieſer Ent⸗ führung beauftragt ſein müſſe. Nicht, daß der Vater von der neuen Liebſchaft ſeines Sohnes Kenntniß hatte, befremdete ihn; denn die Herren van Kraag waren in dieſer Beziehung vollkommne Männer von Welt; hatten keine Geheimniſſe ſolcher Art vor einand das Hotel der Vrouw Greet in der Amſterſtraat der verſchwiegne Zeuge aller ihrer leichtſinnigen und ſchlechten Streiche. Aber was der Vater in dieſem Fall hätte wollen, konnte er nur ergründen, wenn er das Schreiben ſo ſchnell als möglich bffnete. Es enthielt nur wenige Zeilen. Der ältere van Kraag befahl Vrouw Greet, die Dame, welche bei ihr erwartet werde, ſammt ihrem Knaben unter irgend einem wahrſcheinlichen Vor⸗ wande, ſo bald es ſich nur thun ließe, in einen Wagen zu locken und ſich mit ihr nach dem Haag zu begeben; es aber ja zu verhüten, daß ſein Sohn, für deſſen Ent⸗ fernung er Sorge tragen werde, von dieſer Angelegenheit nicht die geringſte Kenntniß erlange. Derſelbe müſſe viel⸗ mehr glauben, daß die Dame von Deutſchland noch — — 165— gar nicht eingetroffen ſei. Im Haag angelangt, ſollte ſie bei dem Baron., Geſandten des großherzoglichen Ho⸗ ſes vorfahren laſſen, die Dame und das Kind dem Haushofmeiſter deſſelben anvertrauen, und das hier bei⸗ geſchloſſene Schreiben ſogleich an Sr. Excellenz gelan⸗ gen laſſen. Weiter habe ſie bei dieſer Angelegenheit nichts zu thun und könne getroſt nach Amſterdam zu⸗ rückkehren. Die Verantwortlichkeit wäre ſein. Hätte die Alte dies Schreiben empfangen, ſie wäre zweifelsohne in die entſetzlichſte Verlegenheit gerathen. Freilich war der ältere Herr van Kraag das Haupt des Hauſes und ihr eigentlicher Gebieter; aber der junge Herr befand ſich in ihrer unmittelbaren Nähe und deſſen Befehlen ſollte ſie hiernach gerade entgegen handeln. Durch Emanuel's Unvorſichtigkeit war ſie dieſer kritiſchen Angelegenheit überhoben, und Herr Adrian van Kraag gewann dadurch ebenfalls Gelegenheit, einen Blick in die Politik ſeines Vaters zu thun. „Mynheer macht ſich alſo kein Gewiſſen daraus,“ ſagte Herr Adrian mit einem ſpbttiſchen Lächeln vor ſich hin,„einem ernſthaften Attachement ſeines Sohnes hindernd in den Weg zu treten, um ſich bei dem groß⸗ herzoglichen Hofe einzuſchmeicheln, indem er ihm die Spur einer Dame verräth, welche die Fürſtin Juliane mit ihrem Haſſe zu beehren geruht? Der nahe bevor⸗ — — 166— ſtehende Beſuch der jugendlichen Fürſtin am Haager Hofe hätte dem großherzoglichen Geſandten leicht die Gelegenheit verſchafft, der durchlauchtigſten Frau die arme Sara in einer demüthigen Lage gegenüber zu ſtellen.— Aber was kümmert mich das Alles?“ unter⸗ brach er ſich ſelbſt,„ſehe ich doch hieraus nur, daß ich voppelt hintergangen worden bin. Verdammtes Laby⸗ rinth, worein ich gerieth. War der Bote, der dieſen Brief an Vrouw Greet überbringen ſollte, ein Bote meines Vaters, warum gab er den Brief nicht ſogleich ab, und warum ſtahl er den Knaben? Wohin brachte er ihn? Das iſt Betrug! Jener Brief ward dem eigent⸗ lichen Boten entfremdet. Aber zu welchem Zweck? Höll' und Teufel! Ich gerathe immer mehr in Verwirrung, je klarer ich zu ſehen glaube!“ Jan Voorſt hatte ſchon einige Zeit auf der Thür⸗ ſchwelle geſtanden, als das Auge des Herrn ihn ſtreifte. „Was willſt Du?“ „Halten zu Gnaden!“ antwortete Jan Voorſt, die Depeſche der Admiralität hoch emporhaltend.„Ich hätte es nicht gewagt; aber es wurde ſo dringend gemacht, und dann das große Siegel....“ Mürriſch entriß Adrian ſeinem Diener das Schrei⸗ ben der hohen Admiralität und ſchlug es auseinander: „Verdammt!“ rief er nach einer Pauſe.„Das kommt — 167— mir von meinem Vater! O, verdammt! Dreimal ver⸗ dammt!“ Der junge Seeofficier knirrſchte mit den Zähnen. Es war ein Befehl der Admiralität, ſich Angeſichts dieſes nach dem Texel an Bord der Staatsbrigg„Kai⸗ man“ zu begeben und den Anker zu lichten; die beige⸗ fügte Ordre aber erſt drei Meilen ſeewärts vom Texel zu eroffnen. Dem Befehle mußte gehorcht werden. Indeſſen war auch Vrouw Greet zurückgekehrt. Adrian ergriff ſie beim Arme und befahl ihr, den Bo⸗ ten zu ſchildern, der den ſtummen Knaben entführt hatte. Die Frau that es; ſie hatte Emanuel genau be⸗ trachtet und malte Zug um Zug. Adrian hörte auf⸗ merkſam zu; je genauer ſie beſchrieb, um ſo größer ward ſeine Spannung. Als ſie geendet hatte, ſtarrte er einen Augenblick lang gedankenvoll vor ſich hin, dann kreiſchte er laut auf:„Hexenbvotsmann!“ und ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn. Vierzehntes Kapitel. Kaum hatte vorhin die alte Greet das Zimmer ver⸗ laſſen, um dem ungeduldig pochenden Herrn die Thür zu öffnen, als Emanuel, der wohl begriff, daß hier kein Augenblick zu verlieren ſei, raſch die Thür verriegelte, und dann, Edmund feſt in ſeinem Arme haltend, ſich auf die Fenſterbrüſtung ſchwang. An dem Spalier, welches von dem Hofe aus bis zum erſten Stock empor⸗ reichte, kletterte er raſch hinab, er eilte dem Bote zu, deſſen dünne Fangleine er mit ſeinem Meſſer ſchnell durch⸗ ſchnitt und griff nach den Rudern. Nur wenige Augen⸗ blicke und er ſchwamm in Sicherheit auf dem großen Kanal. Aber wohin nun weiter? Sollte er irgendwo an das Land ſteigen und den Weg bis zu dem Wirths⸗ hauſe, wo Frerk ſich befand, fortſetzen, auf die Gefahr hin, daſſelbe nicht wieder zu finden; denn bei ſeinem Eintritt in die Stadt hatte er eher auf alles Andere, als auf den Weg geachtet. Einen ſichern Boten aber jetzt zu bekommen, wo die Stadt im tiefen Schlafe lag, ſchien unmöglich, dagegen war es leicht, den Verdacht eines Wächters zu erregen, wenn er mit einem Knaben, der überaus feine Kleider trug und ſo augenſcheinlich nicht zu ihm gehorte, in den Straßen umherirrte, ohne — 165— irgend einen Ausweis, aber mit vielem Gelde verſehen. Bei einer genauern Unterſuchung würde ein Verdacht dem andern gefolgt ſein. Darum hielt Emanuel es für beſſer, auf dem Strom zu bleiben, wo er leichter und unbekannter durchzukom⸗ men hoffte. Aber auch hier boten ſich mancherlei Schwierigkeiten dar. In den Kanälen von Amſterdam liegen die verſchiedenartigſten Fahrzeuge nahe bei ein⸗ ander in ununterbrochener Reihe und die Durchfahrt iſt oft ſo ſchmal, daß man nicht vorüber fahren kann, ohne anzuſtoßen. Dann fährt der nimmer ſchlafende Hund aus ſeiner Hütte mit lautem Gebell an den Reiling, die andern der nahe gelegenen Schiffe fallen plötzlich ein; die lärmenden Hunde wecken die mürriſchen Matro⸗ ſen; nicht wiſſend, was ſich ereignet, ſtürzen dieſe auf das Verdeck und die Officiere kommen die Kajütstreppe hinauf. Wehe dem Fahrzeuge, das dann vorüberfährt und auf den erſten Anruf nicht genaue Antwort geben kann. Schlimm wäre es Emanuel gegangen, wenn er ſagen mußte, wohin er führe, und er hätte einen fal⸗ ſchen Weg angegeben, da er die Richtung nicht kannte und nicht wußte, wie er auf den freien Strom hinaus⸗ gelangen ſollte. Da fiel ihm ein, daß in dem Augen⸗ blicke, wo er das Schiff und ſeine Gebieterin verlaſſen, die Ebbe eingetreten ſei. Ein Blick auf ſeine Uhr II. 8 — 170— belehrte ihn, dieſelbe ſei noch nicht verſtrichen, und er brauchte jetzt nur ſein Boot von dem Strome forttrei⸗ ben zu laſſen. Rüſtig half er in geeigneten Augen⸗ blicken mit dem Ruder nach, immer weiter wurde das Fahrwaſſer und raſch ſah er ſich von der Stromung auf den freien Fluß hinausgetragen. Das Glück war mit ihm und nicht lange darauf befand er ſich nahe vor dem Wirthshauſe, wo er den geiſtesſchwachen Frerk zurückgelaſſen hatte. Sogleich trat er mit der Wirthin des Hauſes in Unterhandlung, und vermochte ſie, gegen gute Bezah⸗ lung, für Edmund zu ſorgen, und dem zarten Knaben, der auf Emanuel's Armen eingeſchlafen war, eine Ruhe⸗ ſtätte zu bereiten. Als er darauf das Haus genauer in Augenſchein nahm, fand er es wohl geeignet, ſeine Gebieterin für einige Zeit aufzunehmen, bis ſie ſelbſt über ihren künftigen Aufenthaltsort etwas beſtimmt habe, und miethete ſogleich ein Paar Stuben, die hin⸗ ten heraus lagen, weil daſelbſt keine Störung zu befürch⸗ ten war. Dann aber ging er in die Wirthsſtube hinab, wo Frork auf der Ofenbank ruhig ſchlief. „Gott ſegne Deinen Schlaf!“ ſagte er gutmüthig lachend, als er den blödſinnigen Burſchen mit einiger Mühe erweckt hatte.„Nun, bleibe nur ruhig ſtehen, Dein Auftrag iſt beſorgt. Der Brief iſt in die richtigen — 17— Hände gelangt, und der Empfänger ſchickt Dir als Bo⸗ tenlohn dieſe drei Gulden, wobei er ſagen läßt, der eine ſei für die Blätter, der zweite für die Blüthen, der dritte für die Beeren des geſegneten Baumes, und kei⸗ nerlei Hinderniß liege mehr im Wege. Dieſe Worte ſagſt Du genau dem Schiffer und dem Steuermann und zeigſt ihnen die Gulden. Wollen ſie Dir das Geld abnehmen, ſo gib es hin, Du ſollſt von meiner Dame anderes bekommen.“ Frerk hatte genau zugehört; er wiederholte mechaniſch die ihm vorgeſagten Worte und nickte dann freundlich mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er Alles wohl begriffen habe. Emanuel überlegte unterdeſſen, ob es nicht gut ſein würde, während der erſten Anweſenheit in Amſterdam, das ihnen Beiden gleich fremd war, irgend einen zuver⸗ läſſigen Menſchen um ſich zu haben, der in der Stadt wohl Beſcheid wiſſe. Ein ſolcher Burſche war Freèrk; hatte dieſer auch keine glänzende Verſtandesgaben, ſo war er doch treu. Emanuel fragte ihn deshalb, ob er wohl Luſt habe, den Schiffer und ſeine Kuff zu verlaſſen und bei der vornehmen Dame in Dienſte zu treten, die von Hamburg als Paſſagier mit ihnen gekommen ſei. Als Frerk ſich hiermit einverſtanden erklärt hatte, ſprach Emanuel:„Es iſt gut. Merk auf, was ich Dir ſage. Der Tag dämmert und ich kehre an Bord zurück. Du 8* 2 bleibſt noch eine Stunde hier und gehſt dann auch an Bord, um Deinen Auftrag auszurichten, genau ſo, wie ich es Dir geſagt habe. Wenn Du aber mit mir am Bord zuſammen triffſt, ſo gib weder durch Worte noch durch Winke irgendwie zu verſtehen, daß wir uns dieſe Nacht geſehen haben, oder daß Du mich kennſt.“ Der Blödſinnige nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er Alles begriffen und machte ſich dann über ein Frühſtück her, das ihm bereit geſtellt worden. Emanuel aber eilte nach dem Boote, fuhr mit demſelben ſeitlängs der Kuff und ließ es dann treiben. Noch war die Dämmerung nicht zum Durchbruch gekommen, und es gelang ihm, das Verdeck zu erreichen, ohne daß Jemand ihn gewahrte. Kaum aber hatte er des Steuermannes Kammer im Roof, die ihm zur Wohnung diente, erreicht, als der Schiffer und ſein Steuermann auf das Verdeck kamen, und wegen des langen Ausbleiben Frèrks in Sorgen geriethen. „Wenn der Tag vollends anbricht,“ ſagte der Schiffer, „haben wir keinen Grund die Paſſagiere länger zurück⸗ zuhalten, und doch lautet die Ordre, ſie am Landen zu verhindern, bis uns die Nachricht zugeht, daß der Brief an Ort und Stelle angelangt iſt.“ „Finden ſich wohl Mittel und Wege, ſie im Guten oder Böſen eine Zeitlang aufzuhalten,“ antwortete der —— Steuermann.„Dürfen nur ſagen, das Paſſagiergut ſei aus Verſehen zwiſchen den andern Waaren gepackt, und es ließe ſich nicht ſo ſchnell finden. Ohne das Gepäck aber werden ſie das Schiff von ſelbſt nicht verlaſſen wollen.“ Die beiden würdigen Befehlshaber der Kuff machten noch manche Pläne, als Frerk erſchien und genau ſo ſprach, wie es ihm Emanuel geſagt hatte. Der Schiffer nahm ſogleich die drei Gulden knEmpfang, da es ihm aber im Entfernteſten an eintn Vorwand fehlte, ſich das Geld ſeines Dieners anzueigsen, ſo ergriff er die Waffe, welche die Unverſchämtheit immer zur Hand hat, nämlich die Lüge und die Grobheit, und ſagte:„Das iſt alles verkehrt beſtellt, und kein Teufel wird klug daraus, ſonſt wäre ja auch der Botenlohn weit beſſer ausgefal⸗ len! Dich unnützen Burſchen ſoll der Teufel holen, und am beſten iſt, ich thue Dich ſogleich vom Schiffe, dann kannſt Du am Lande verhungern.“ Frerk wußte nicht nicht ſogleich, was er ſagen ſollte. Er wäre wohl gerne von dieſem tyranniſchen Schiffer befreit geweſen, auch erinnerte er ſich dunkel des An⸗ erbietens, das Emanuel ihm gemacht, aber er hatte nicht den Muth, ein lautes Wort zu ſagen, ſondern begann zu weinen. „Du weinſt, Hund?“ ſchrie der Schiffer erboſt, der eine glückliche Manier hatte, ſich um ſeiner eignen Schlechtigkeit willen, in Wuth zu verſetzen.„Den Augenblick ſei ſtill, oder ich ſtoße Dich nicht allein von Bord, ſondern auch über Bord! Pack Dich, unnützer Brodfreſſer!“ Emanuel trat zwiſchen ihn und den Blödſinnigen, ſonſt wäre dieſer abermals um Nichts gemißhandelt wor⸗ den:„Laßt doch den Jungen gehen, Herr! Zumal da Ihr ihn nicht länger an Bord haben wollt. Sagtet Ihr nicht ſo?“ „Ja, zum Teufel, ſagte ich ſo!“ entgegnete der Schiffer, der ſich nun wirklich in Zorn geſprochen hatte. „Er ſoll fort, und jetzt gerade, wo Ihr nach Eurer gewöhnlichen dummdreiſten Weiſe, Euch wieder in Dinge mengt, die Euch nichts angehen. Ich ſehe es Euch an, Ihr wollt ihn wieder anbetteln, aber gerade Euch zum Trotz ſoll er fort, noch ehe die Sonne vollends heraus iſt!“ „Wenn's ſo ſteht, armer Frerk,“ wandte ſich Ema⸗ nuel an dieſen,„ſo haſt Du nichts Eiligeres zu thun, als Dein Inventarium abzugeben und Deine Kiſte zu packen. Du kannſt dann mit uns an's Land fahren.“ Frerk nickte mit dem Kopfe und verlor ſich unter Deck, der Schiffer aber wurde kirſchbraun vor Bosheit und brummte vor ſich hin, es ſei gut, daß ein ſolches hochnaſiges Paſſagiergut von Bord komme; wenn es — 175— noch lange bleibe, werde er auf ſeine Weiſe dazwiſchen fahren. Emanuel hörte nicht auf dieſe rohe Aeußerung des Zorns, ſondern beauftragte die Matroſen, unter Zuſiche⸗ rung eines guten Trinkgeldes, das Gepäck aus dem Raum in das Boot zu befördern und ging dann zu ſeiner Gebieterin, die ihn mit Ungeduld erwartete, um ihr Bericht über die Ereigniſſe der letztverwichnen Nacht abzuſtatten. Eine halbe Stunde ſpäter erſchien die Dame mit ihrem treuen Diener auf dem Verdecke, um ſich an's Land zu begeben. Der Schiffer hatte den bedungenen Lohn und darüber bekommen, der Steuermann, ſo wie die Leute empfingen ein anſehnliches Trinkgeld. Das Gepäck lag nahe dem Fallreep durcheinander, und mit⸗ ten darunter Frerk's Kiſte. Dieſer ſtand daneben. Als der Schiffer ſah, daß es mit dem Abzuge des Burſchen Ernſt wurde, der ihm ſo wenig koſtete und ſo Vieles thun mußte, wollte er Proteſt einlegen; aber Emanuel trat vor und ſagte, er habe vor Zeugen den Jungen entlaſſen, worauf derſelbe in den Dienſt ſeiner Gebieterin übergegangen ſei. Die Mannſchaft, in eine günſtige Stimmung für Emanuel durch das reichliche Trinkgeld verſetzt, rief:„Ja! Ja!“ und der Schiffer, mit den Füßen ſtampfend, ſchrie:„Soll mich der Teufel holen, 6 wenn ich den Jungen von Bord laſſe, ehe er ſeine Schuldigkeit erfüllt hat, und wenn Ihr Euch Alle den Hals abſchreit!“ Da er ſah, daß er ſich den Jungen nicht erhalten konnte, wollte er doch ſo lange als mög⸗ lich von demſelben Nutzen ziehen:„Das halbe Küchen⸗ Inventarium iſt verſchleudert und die andere Hälfte iſt zerbrochen. Um Alles wieder anzuſchaffen, geht nicht nur darauf, was der Taugenichts an Gage zu gute hat, ſondern es bleiben wenigſtens noch zehn Gulden zu decken. Bis er dieſe bezahlt hat, ſetzt er keinen Schritt über den Fallreep.“ Frerk ſah bei dieſer Nachricht äußerſt betrübt aus. Obwohl er es ſich bewußt war, alles ihm anvertraute Gut wohl in Acht genommen zu haben, begriff er doch, daß der Schiffer ſeinen Willen durchſetzen würde. Ema⸗ nuel hatte unterdeſſen einige Blicke mit ſeiner Gebie⸗ terin gewechſelt und trat zu dem Schiffer, dem er die Hand auf die Schulter legte:„In Wahrheit, Meiſter Kuffmann! Wenn man die Habſucht und den Eigennutz recht wohl genährt vor ſich ſehen will, darf man nur die Blicke auf Euch richten. Ihr ſeid dem armen Jun⸗ gen da ein Betrüger geweſen, ſo lange er am Bord bei Euch war; bliebe mir die Zeit, es nachzurechnen, ich wollte es Euch auf Stüber und Deuten beweiſen. Aber Euren Willen ſetzt Ihr nicht durch, und um Eurer Tyrannei dieſen unglücklichen Burſchen zu entreißen, wird meine Dame gerne auch noch die ſo widerrechtlich verlangten zehn Gulden hingeben. Da nehmt das Geld und ſchämt Euch Eurer Armſeligkeit, inſofern Euch das noch möglich iſt.“ Er warf dem Schiffer die zehn Gulden in deſſen aufſtehende Jacke, und hatte gewonnen Spiel, denn alle Lacher waren auf ſeiner Seitr. Der Schiffer ging in die Kajüte, um nach längeter Zeit wieder von derſelben Beſitz zu nehmen und ſeinen Aerger in einem Becher Genever zu ertränken. Eine Stunde nach dieſem Auftritte befand ſich Sara in der ſtillen, abgelegenen Wohnung, worin ſie ihr höchſtes Erdenglück, ihren Edmund fand, den ſie an ihr lautklopfendes Herz drückte und mit ihren Thränen benetzte. Gegen Abend, als Mutter und Sohn ſich beruhigt hatten und mit ſtiller Seligkeit anſchauten, über⸗ legte man, was für die nächſte Zukunft anzufangen ſei. Es ward beſchloſſen, die gegenwärtige Wohnung bei⸗ zubehalten, und dort ſo eingezogen, wie nur immer möglich, zu leben, um jedes Aufſehen zu vermeiden. Auf die Frage der Wirthsleute hatte ſich Sara für eine Dame aus Deutſchland ausgegeben, deren Mann ſich in Batavia befinde, und mit der eheſten Gelegen⸗ 8** — 178— heit von dort zurückerwartet werde. Um ſobald als möglich mit ihrem Manne zuſammenzutreffen, habe ſie es vorgezogen, ſich hierher zu begeben, um die Schiffe, die von Java kämen, ſchneller beſuchen und ihren Mann auffinden zu können. Sara hielt es für das Beſte, nachzuforſchen, wel⸗ ches der Name des engliſchen Geſandten ſei, der im Haag reſidire, und wenn dieſer, der unſtreitig zum hohen engliſchen Adel gehöre, ein Mann wäre, dem ſie ſich anvertrauen könne, wolle ſie in ihrer höchſten Noth ihre Zuflucht zu ihm nehmen. Dieſen Namen fünde man am leichteſten ein dem Hof⸗ und Staatska⸗ lender, und Emanuel unternahm es, bei der Wirthin anzufragen, ob ſie ein ſolches Buch beſitze oder herbei⸗ ſchaffen könne. Als er ſich der Wirthsſtube näherte, ward laut in derſelben geſprochen. Ein Ton ſchlug an Emanuel's Ohr; es war eine Stimme, widerlich bekannt, die er hier plotzlich und unerwartet vernahm. Sein Blut gerann zu Eis, das Haar ſträubte ſich; er empfand einen Au⸗ genblick lang Todesangſt, nicht um ſeinet-, ſondern um ſeiner ſchon ſo vielfach geängſtigten Gebieterin willen. Er hielt ſeine Schritte ſogleich an, lehnte ſich gegen die Mauer und horchte ſcharf auf. Als die Stimme ſich wieder vernehmen ließ, zweifelte er keinen Augenblick mehr, daß es Adrian van Kraag ſei. Aus dem Ge⸗ ſpräche, welches Jener mit der Wirthin führte, entnahm er bald, daß Herr Adrian im Begriff ſei, mit einem bereits ſegelfertigen Fahrzeuge ſich nach dem Texel zu begeben, indem es ſeinen dringenden Bitten gelungen ſei, vierundzwanzig Stunden Aufſchub zu erlangen, die aber faſt nutzlos für ihn verſtrichen waren. Es ergab ſich ferner, daß die Wirthin früher in Dienſten des Hauſes van Kraag geſtanden hatte, und von der Herr⸗ ſchaft nicht mit ungünſtigen Augen angeſehen ward, wofür das hübſche Etabliſſement, welches man ihr zur Ausſteuer überwieſen, ſo wie das gegenwärtige Vertrauen des jungen Herrn ein vollgültiges Zeugniß ablegte. „Ach, mein lieber, gnädiger Herr, das beklage ich ja ſehr,“ entgegnete die Wirthin ſchelmiſch lächelnd, „daß Euch ein böſer Kobold ſolchen Streich ſpielt, und Ihr nun fort müßt, zur See, ehe es Euch gelungen iſt, das ſchöne Weib zu empfangen, das Ihr ſo liſtig in's Garn zu locken wußtet. Wie wird das arme Ding Euch nun hier ſuchen und es laut beklagen, Euch nicht zu finden.“ „Darum, Myvrouw, bin ich zu Dir gekommen, da⸗ mit Du, nebſt Deinem Schlaukopfe von Mann, die Dummheiten Deiner Baſe, der Mutter Greet, wieder — 180— in's Geleiſe bringſt. Gib wohl Acht auf Alles und laß keine Maus durchſchlüpfen.“ „Sehr wohl, mein geſtrenger Herr!“ entgegnete die Wirthin,„wir werden Alles thun, Pieter und ich, was Euch angenehm und nützlich ſein kann. Indeſſen bedarf es doch irgend eines Wegweiſers, und da Ihr wahr⸗ ſcheinlich nicht die Bildniſſe der betreffenden Perſonen bei Euch führt, ſo wäre es gut, wenn Ihr uns eine deutliche Beſchreibung derſelben geben wolltet.“ „Das ſoll geſchehen!“ entgegnete Adrian,„und die Genauigkeit, womit ich ihr Bild entwerfe, mag zum Zeugniß dienen, wie tief es mir im Herzen ſitzt. Lache nicht, Myprouw, ich bitte Dich, lache nicht! Es iſt wahr und wahrhaftig Ernſt mit meiner Liebe, und ich glaube, wenn ſie auf keine andere Weiſe zu erringen wäre, ich könnte ihr auch jetzt noch meine Hand bieten und ſie zum Altare führen.“ „Heilige Mutter von Delft!“ rief die Wirthin mit komiſchem Staunen.„Euch hat die Liebe arg mitge⸗ ſpielt, weit ärger, als zu jener Zeit, da Ihr mir auf den Knieen ſchwurt, Ihr könntet ohne einen Kuß von meinen würzigen Lippen keine Stunde mehr leben, ein Schwur, den Euer gnädiger Vater Tages vorher eben⸗ falls abgeleiſtet. Aber geſchwind, gnädigſter Herr, malt mir jene kleine Here Zug um Zug, damit ich ſie ſo⸗ gleich erkenne, wenn ſie mir von ungefähr in den Weg — laufen ſollte. Sprecht, edler Ritter, und nehmt die Be⸗ ruhigung mit Euch zur See, daß ich während Eurer Abweſenheit Alles thun werde, Euer Liebchen ausfindig zu machen und ſie bis zu Eurer Zurückkunft wohl zu bewahren.“ Adrian van Kraag gab der horchenden Wirthin eine ſo genaue Schilderung der ſchönen Sara Effingham, daß die Frau, die anfänglich nur oberflächlich hinhörte, immer aufmerkſamer ward, und endlich mit großer Leb⸗ haftigkeit ausrief:„Adrian van Kraag! Ihr ſeid ein geſchickter Maler! Was gebt Ihr mir, wenn ich Euch zu Eurem Liebchen verhelfe?“ „Wie, was ſagt Ihr?“ „Daß eine Dame, genau ausſehend, wie Ihr mir Eure Herzallerliebſte beſchreibt, in meinem Hauſe wohnt; und da es nicht möglich iſt, daß zwei Weibsperſonen ſich ſo ſehr ähnlich ſind, muß es die rechte ſein.“ „Geſchwind,“ rief Adrian erregt.„Wo? In welchem Theile des Hauſes wohnt der reizende Engel? Führe mich zu ihr, damit ich mich überzeuge, ob es die rechte iſt!“ „Sachte, ſachte, Ihr wilder Geſell! Erſt müſſen wir doch von der Dame erfahren, ob ſie geneigt iſt, zu ſo ſpäter Abendſtunde Euch zu empfangen. Und dann, Herr van Kraag, die Zeit drängt und der Schooner wartet, der Euch nach dem Texel führen ſoll.“ — 182— „Scherzet nicht. Mir bleibt noch eine Stunde Zeit; das iſt mehr als genug, um ſie zu ſehen, zu ſprechen und ihr begreiflich zu machen, daß ſie nur mit meiner Bewilligung dieſes Haus wieder verläßt, das ſie ohne dieſe betreten hat. Denn nicht wahr, My⸗ vrouw, ich darf doch auf Euren Beiſtand rechnen in dieſer Angelegenheit?“ „In dieſer ſowohl, als in jeder andern, Mynheer!“ ſprach die Wirthin mit einer Verneigung.„Aber, guter Herr, es iſt damit nicht abgethan, denn die Dame hat einen mißgeſtalteten Kerl mit abſcheulichen Fäuſten...“ Emanuel hörte nichts weiter. Das Geſpräch wurde leiſer, als fürchteten Beide, behorcht zu werden; ſie flüſterten angelegentlich zuſammen, und ein Plan wurde ſicher geſchmiedet, wie man Sara am leichteſten ver⸗ derben könne. Ueberzeugt, hier nichts weiter zu erfah⸗ ren, und daß jede Minute Zögerung zum Schaden für ſeine Herrin ausfallen könne, flog er in großer Auf⸗ regung nach dem Zimmer derſelben und erzählte das Vorgefallene. „Hier iſt keine Zeit mehr zu verlieren!“ rief er.„Wir müſſen ſogleich durch die noch offne Seiten⸗ thür das Haus verlaſſen, ſonſt ſeid Ihr in der Gewalt Eures Feindes. Laßt uns raſch den Weg nach der Stadt einſchlagen. Bitte Euch, erſchreckt nicht, zoͤgert nicht, ſonſt iſt Alles hin! Ich bin da, Euch mit meinen Hän⸗ — 168— den zu beſchützen, ſo lange noch ein Tropfen Blut in meinen Adern fließt. Das habe ich Euch verſprochen, das halte ich Euch! Geht voraus, ich gebe auf den Feind Acht und Frerk ſoll uns führen!“ Frork gab durch Zeichen ſeine Bereitwilligkeit zu erkennen und Sara, die den erſten Schrecken muthig überwindend, die Nothwendigkeit einer ſchnellen Flucht begriffen hatte, erklärte ſich bereit, das Haus ſofort zu verlaſſen. Sie raffte ihre wichtigen Papiere, ſo wie die Baarſchaften zuſammen, welche die Flüchtigen unter ſich vertheilten, und hüllte ſich in ihren Mantel. „Nur ſchnell!“ ſprach Emanuel,„ſchnell und vor Allem leiſe! Ich bitte Euch, Herrin, macht kein Ge⸗ räuſch. Es iſt ſchon ſtill im Hauſe und der leiſeſte Ton wird überall vernommen. Der Spitzbube hat noch Zeit, und man wird warten, bis man Euch eingeſchlafen wähnt, um Euch dann deſto ſicherer zu überfallen. Dieſe kurze Friſt müſſen wir benutzen!“ „Ich bin bereit!“ ſprach Sara. „Frork ſoll Euch zur Seite gehen und den Knaben auf den Arm nehmen, während ich, mit dieſer Ofen⸗ gabel bewaffnet, Euch den Rücken decke! Fort jetzt!“ Aber der Knabe war nicht zu bewegen, von dem Blödſinnigen ſich tragen zu laſſen. Er lief in eine Ecke der Stube und ſtreckte beide Hände vor ſich hin, indem ſich Todesangſt auf ſeinem Geſichte malte. Die Mutter * ſah mit Entſetzen den Zuſtand ihres Kindes und ſprach: „Ihr tödtet ihn! Er ſtirbt vor Furcht, wenn er die Berührung dieſes Menſchen dulden muß. Wer weiß, ob nicht eine Ahnung in ſeiner Bruſt erwacht und ob nicht der Verrath....“ Ihr Auge ſtreifte den unglücklichen Frerk, der mit ſeinem dummehrlichen Geſicht vor ihr ſtand, bereit dem von Emanuel ihm ertheilten Befehle zu gehorchen, und nun bei der Abneigung des Knaben, die ihm nicht ent⸗ ging, ſich ebenfalls ſcheute, dieſen zu berühren. „O, mein Gott! Was ſoll daraus werden?“ „Euer Verderben, wenn Ihr Euch noch zu irgend einer Zögerung verleiten laſſet. Geſchwind Freèrk! Eile mit der Frau voraus. Ich will den Knaben nehmen. Gebe Gott, daß uns Niemand angreift, denn ich wüßte nicht, wie ich zugleich das Kind beſchützen und uns vertheidigen ſollte.“ Man verließ das Zimmer. Draußen hielten die Flüchtlinge einen Augenblick an. Um zu der Seitenthür zu gelangen, durch welche die Flucht bewerkſtelligt wer⸗ den ſollte, mußte man einen Gang durchſchreiten, an welchem die Küche lag. Das Feuer auf dem Heerde war bereits erloſchen, nur eine Lampe warf noch einen düſtern Schein von ſich, und an der Thür ſtand eine ſchläfrige Küchenmagd, die mit Sehnſucht harrte, von ihrer Herrſchaft die Erlaubniß zu erhalten, ſich ſchlafen — zu legen. Als die Magd, aus dem Schlafe aufſehend, die Flüchtlinge plötzlich ſo nahe vor ſich ſah, ſchlug ſie die Hände in einander und wollte laut aufſchreien. Sara beſchleunigte ihre Schritte; Emanuel aber legte der Magd die Hand auf den Mund und, ſie in die Küche zurückdrängend, flüſterte er ihr zu:„Wenn Du binnen einer Stunde den Mund öffneſt, ſo ſchlage ich Dich todt!“ Die Magd ſank auf die Kniee und flehte inbrünſtig zum Himmel, daß er ſie doch vor dem leibhaftigen Sa⸗ tan bewahren möge, denn einen Geringeren glaubte ſie in der Perſon Emanuel's nicht erblickt zu haben. Die Flüchtlinge waren indeſſen auf offner Straße angelangt. Sie umgingen das Haus und befanden ſich jetzt an dem Haupteingange. Die Fenſter der Gaſtſtube glänzten hell, Emanuel warf einen flüchtigen Blick durch dieſelben und ſah, wie Adrian van Kraag dieſelbe verließ, begleitet von der Wirthin, die ihm mit einer Laterne leuchtete. „Nun iſt es die höchſte Zeit unſere Schritte zu be⸗ ſchleunigen. Wenige Augenblicke reichen hin, unſere Flucht zu entdecken, und dann haben wir die Verfolger auf der Ferſe. Schnell! Schnell!“ So ſprach Emanuel, während er den Knaben an ſich drückte und die eiſerne Waffe mit ſeiner Hand feſt umkrallte. Wie flüchtige Schatten ſchlüpften ſie längſt — 186— der Häuſerreihe hin. Ueberall herrſchte tiefe Ruhe und kein Lichtſtrahl drang durch irgend einen Fenſterſpalt. Als ſie nach einiger Zeit anhielten, um einen Augen⸗ blick auszuruhen, blieb es ſtill. „Es geht gut!“ ſprach Emanuel frohlich,„laßt uns jetzt eilen, damit wir die Stadt erreichen!“ Und ſie ſetzten ihren Weg fort, eine der ſeltſamſten Geſellſchaften, die der Zufall zuſammengebracht hatte: Eine Unglückliche, ein Mißgeſtalteter, ein Blödſinniger und ein Stummer! Fünfzehntes Kapitel. In einer der abgelegenen Straßen Amſterdams, welche in dem weſtlichen Theile derſelben belegen ſind, und wo nur Leute aus den geringſten Ständen woh⸗ nen, die ihren Unterhalt bei den Hafen⸗Arbeiten und den Schiffen finden, trifft man mehrere Wirths⸗ häuſer an, die von dieſer Klaſſe des Volkes beſucht werden, und Mehreren derſelben, in Ermangelung einer andern Wohnung, zum beſtändigen Tummelplatze dienen. An dem Ende einer düſtern, unheimlichen Straße lag das Wirthshaus„zum Javafahrer,“ größer und anſehnlicher, als ſeine Nachbarn, mit einem glänzenden Schilde über der Thür, worauf ein luſtiger Oſtindien⸗ —— mann in hellen Farben prangte, der eine gefüllte Ge⸗ neverflaſche hoch empor hielt. Dort fand ſich allabend⸗ lich eine bunte Geſellſchaft von Hafen-Arbeitern, frem⸗ den Matroſen, verunglückten und arbeitsſcheuen Schiffs⸗ handwerkern, hauſirendem Geſindel und Schenken-Aben⸗ teurern zuſammen, die ein gar ſeltſames Quodlibet bildeten. Vorzugsweiſe erſchienen mit wenigen Ausnah⸗ men täglich einer oder mehrere jener hölliſchen Agenten, die unter den verſchiedenſten Masken auftretend, mit berechneter Schlangenklugheit auf die unbefangenſte Weiſe von der Welt, junge Leute, wenn ſie einen robuſten Koͤrper zeigten, der Anſtrengung und Entbeh⸗ rung erdulden konnte, in ihr Netz zu locken ſuchten. Dies waren die ſogenannten Seeclenverkäufer, die mit Liſt oder Gewalt für den Dienſt der Holländiſch-Oſtin⸗ diſchen Compagnie warben, und denen, die in ihre Hände fielen, ein Leben voll Mühſeligkeiten und Unheil, ſo wie ein frühes Grab bereiteten. Zu der Zeit, da wir das Wirthshaus„zum Java⸗ fahrer“ betreten, ſaßen in dem großen Zimmer, worin ſich zugleich der Schenktiſch befand, zwei junge Männer an einem Tiſch, deren Verlegenheit deutlich kund gab, daß ſie ſich an dergleichen Orten noch nicht für lange Zeiten heimiſch fanden. In der That waren es ein Paar ehrliche Jungen aus Haarlem, die an Bord einer Smack dienten, und ſich heute Abend mit ihren weni⸗ — 188— gen Stübern an's Land begaben, um ſich einmal auf ihre Weiſe zu erluſtigen. Sie hatten ein beſchei⸗ denes Fläſchchen mit Genever und Zucker vor ſich ſtehen, rauchten ihre Halbſtüberspfeife und ſahen mit Sehn⸗ ſucht und Scheu zugleich auf die Matroſen der langen und kurzen Reiſe, die ſich hier gütlich thaten und in einer Stunde mehr Dukaten und Gulden verzehrten, als ſie Stüber in der Taſche hatten. „Kommt mir vor, Jan,“ ſagte der Eine flüſternd zum Andern,„als ob wir doch gegen dieſe Leute ein erbärmlich Leben führten, und uns eigentlich ſchämen müßten, daß wir mit unſern Paar Tropfen ſo knickerig da ſitzen, während hier Alles in Wohlleben ſchwelgt.“ „Haſt recht, Bruder Claas!“ entgegnete ſein Backs⸗ genoſſe langſam und that einen langen Zug aus ſeiner Pfeife,„ſollten eigentlich an dergleichen reputirliche Orte nicht hingehen, wo das Groß⸗Schiffsvolk verkehrt und der kleine Smackmann über die Schulter angeſehen wird. Donnerwetter, wir gehören in unſern Keller zum„Wapen,“ wo wir unſern Stübers-Kaffe trinken und dann einen Tropfen Feuriges zum Abſchied nehmen, um beſſer an Bord finden zu können.“ „Morgen Abend, wenn das gazewoet gethan iſt und der Schiffer nichts dagegen hat,“ ſagte Claas, „geht es zu Myprouw Trientje im„Wapen.“ Ich habe mit dieſen vornehmen Wirthshäuſern nichts zu thun. Sieh doch nur, wie der Wirth zu uns herüberſchielt, daß wir noch immer nichts Anderes bei ihm beſtellen. Er zeigt nicht ohne Abſicht auf die großen gefüllten Punſchgläſer, die vor ihm ſtehen. Wie iſt's! Haben wir denn noch ſo viel Geld, um das zu bezahlen?“ Aber Jan antwortete hierauf nicht weiter, ſondern winkte dem Wirthe, daß er ein Glas ſeines Punſches bringen möge, und warf dafür das Geld auf den Tiſch. Dann aber flüſterte er dem Kameraden zu:„Du ſprichſt das viel zu laut. Sie haben uns ſchon auf dem Strich, und ſehen uns gar verdächtig an! Darum habe ich auch den Punſch beſtellt, damit wir nur nach etwas ausſe⸗ hen. Trink nur friſch mit mir, und ſtelle Dich recht luſtig und toll, wie die Uebrigen es machen, dann werden ſie wohl anderswo hinſehen und wir können uns mit guter Manier davon machen.“ Ein ſchiefer Kerl mit einer wahrhaften Galgenphi⸗ ſiognomie, der in ihrer Nähe ſtand und, ohne das ſie es wußten, das Geſpräch mit angehört hatte, ſchrie plötzlich laut auf:„Was? Ihr wollt Euch davon machen! Seid Ihr ſolche Burſche, die erſt darauf los verzehren und ſich dann davon machen? Oho!“ Die beiden jungen Seeleute ſprangen auf und rie⸗ fen, wie aus einem Munde:„Was ſagt Ihr? Denkt doch nicht dergleichen von uns! Warum ſollten wir uns davon machen? Das war ja ganz anders gemeint!“ — 190— „Das kann nachher Jeder ſagen!“ brummte der Schiefe. „Wir ſind ja nichts ſchuldig und wollen auch nichts ſchuldig werden!“ ſagte Jan voll Angſt.„Ach Gott, warum muß ich nur in ſolchen Verdacht kommen.“ „Und ſeid doch nur ſtill, ſonſt bringt Ihr ein Paar ehrliche Kerle in Ungelegenheit!“ fiel Claas ein.„Trinkt meinetwegen unſern Punſch halb oder ganz aus, nur haltet das Maul!“ „Das laſſe ich mir gefallen!“ ſagte der Schiefe, leerte das große Henkelglas in einem Zuge und klappte dann drei Mal mit demſelben auf den Tiſch. Der Wirth kam ſogleich herbei und fragte, was gefüllig wäre? Der Schiefe ſagte raſch:„drei Gläſer Punſch für uns!“ und der Wirth lief davon. Claas und Jan wurden bleich und ſtanden wie Bildſäulen; der Schiefe betrachtete ſie, die Hände in die Seiten ſtemmend, mit höhniſchem Lachen. Der Punſch ward gebracht. Der Wirth ſtreckte die Hand aus und fragte:„wer bezahlt?“ „Nun, wer denn anders, als dieſe beiden grünen Burſche hier,“ entgegnete der Schiefe,„denen ich die Ehre meiner Geſellſchaft erweiſe, und die mich dafür mit Punſch traktiren werden, ſo lange noch ein Tropfen die Kehle hinunter läuft.“ „Da müßten ſie einen Sack voll Gulden haben, ſo — 201— groß, als das größte Henkelglas!“ lachte der Wirth und hielt noch immer die Hand ausgeſtreckt. Die beiden armen Smackfahrer waren in großer Angſt, und kaum vermochte der Muthigſte von ihnen die Worte hervorzuſtottern:„wir haben keinen Stüber mehr bei uns!“ Laut ſchrie der Wirth auf:„Was? Kein Geld wollt Punſch trinken und den großen Herrn ſpielen? Don⸗ nerwetter! daß ich Euch nicht zum Hauſe hinaus kar⸗ batſche!“ Der Schiefe unterbrach ihn, indem er mit beiden Händen die erſchrockenen Burſche bei der Schul⸗ ter packte:„Kein Geld! Und Ihr ladet einen ehrlichen Kerl zum ehrlichen Trunke ein! Ich will Euch rade⸗ brechen, ihr Lumpenpack! Heda Wirth! Sieh nur, die Kerle haben noch paſſable blaue Jacken an und der Eine trägt ſogar eine Sackuhr! Mach Dich bezahlt, Wirth!“ Dieſer ſtreckte die Hand nach der Uhr aus. Claas hielt beide Hände vor, um ſein Eigenthum zu beſchützen, Jan kam ihm zu Hülfe, und der Wirth ward zurück⸗ gedrängt, während der Schiefe auf den Rücken der beiden Smackfahrer mit ſeinen Fäuſten trommelte. Der Tumult wuchs, von allen Seiten traten Leute heran, die nicht blos müßige Zuſchauer abgaben, ſondern für den Einen oder den Andern Partei ergriffen. „Ruhig da!“ ſcholl eine kräftige Männerſtimme da⸗ — 192— zwiſchen.„Geht auseinander, oder die Mannſchaft des „van Tromp“ wird Euch den Hirnkaſten einſchlagen!“ Die Umſtehenden wichen zurück und hervor trat ein junger Matroſe von der langen Reiſe, das oſtindiſche Tuch um Hals und Arm, und ſtellte ſich ſchützend vor den beiden jungen Männern auf:„Zurück da! Was iſt das für ein Manneswerk, wenn ſo Viele über Einen kommen? Da, Geizhals von einem Wirth, haſt einen Gulden für Deinen lumpigen Punſch, und nun ſcher Dich Deiner Wege! Du aber, unſauberer Burſche, laufe ſo ſchnell Du kannſt zum Hauſe hinaus, oder ich zer⸗ ſtampfe Dich zu Cacaopulver!“ Der Wirth war längſt hinter ſeinem Schenktiſch; der Schiefe ſchlich brummend zur Thür hinaus, nicht ohne drei Guldenſtücke in die Taſche zu ſchieben, die er von dem Wirthe bekommen hatte, und der Seemann von der langen Reiſe ſetzte ſich zwiſchen den beiden Smackmännern nieder:„Wie iſt's? Ihr ſeid Binnen⸗ fahrer? Treibt Euch auf den Canälen und auf dem Zuyderſee herum, und wißt nicht, wie es zwanzig Mei⸗ len jenſeits dem Texel ausſieht? Thut nichts! Ehrlich Volk kommt überall fort. Könnt einmal mit mir trinken. Habe den Punſch bezahlt und Ihr ſollt bei mir zu Gaſte gehen!“ Der Seemann von der langen Reiſe trank den bei⸗ den Geſellen zu, und wußte ſich ihnen durch Erzählun⸗ — 193— gen aller Art, bunt und toll, wie nur ein Seemann ſie erleben und erfinden kann, ſo angenehm zu machen, daß eine Viertelſtunde nach der andern verrann, und ſie bereits das dritte Henkelglas vor ſich ſtehen hatten, ohne daran zu denken, daß es die höchſte Zeit ſei, an Bord ihrer Schiffe zurückzukehren. „Und nun iſt's gut Leute!“ ſagte der junge See⸗ mann,„wir haben uns wacker herumgetummelt und müſſen noch ein letztes Glas trinken. Laßt uns einen Toaſt heben. Es lebe die Holländiſch-Oſtindiſche Com⸗ pagnie, und Glück ihrer Flagge und ihren Leuten zu Waſ⸗ ſer und Land! Friſch, Ihr Jungens, ſprecht es mir nach!“ Die beiden Smackfahrer lachten; der Rauſch ſtand ihnen gut, ihr Geſicht glühte, ihre Augen leuchteten, und mit lauter Stimme brachten ſie die Geſundheit der holländiſch-voſtindiſchen Compagnie aus, indem ſie in langen Zügen dazu tranken. „Das iſt gut, Jungens!“ rief der Seemann von der langen Reiſe.„Nun, Ihr ſollt wiſſen, die Herren von der Javafahrt ſind keine Knicker, und thun ihren Ne⸗ benmenſchen Gutes, wie ſie koͤnnen und wiſſen. Ihr ſeid auch ein Paar arme Teufel, die es nie zu einer vollen Knipptaſche gebracht haben. Das thut unſern hochmögenden Herren leid, die es mit allen Menſchen gut meinen, und wie Ihr von ihrem Punſche mit mir II. 9 — auf ihr Wohlergehen getrunken habt, ſo ſinß ſie auch wohl im Stande, einem jeden von Euch, durch mich, eine Handvoll Gulden zu ſchenken.“ „Das wäre der Teufel!“ ſagte Claas. „Nein, Ihr thut's nicht, und die Herren würden es nicht gut heißen!“ lallte Jan, dem der Punſch am meiſten zu Kopfe geſtiegen war. „Ich thu's, und ſie werden's gut heißen!“ ſprach der junge Seemann.„Und damit Ihr ſeht, daß ich nicht blos mit dem Maule bei der Hand bin, ſo ſollt Ihr's Geld ſogleich haben.“ Er griff in die Taſche und zählte vor Jedem zehn blanke Dukaten auf den Tiſch. Das glänzende Gold übt eine faſt diaboliſche Macht über den Menſchen aus; es iſt ein Dämon, der plötz⸗ lich vor uns aus der Erde aufſteigt und uns durch ſeinen Zauber blendet. Dreifach gepanzert iſt unſere Bruſt gegen dieſen Feind, ſo lange er uns unſichtbar bleibt, aber kaum berührt die Muſik ſeines Klanges unſer Ohr, kaum blendet ſein ſonniger Schein nnſer trunkenes Auge, als auch ein Feuerſtrom unſere Adern durchrinnt, und eine unbekannte Macht den Herrſcher⸗ ſtab über uns ſchwingt. Da tauchen tauſend Zauber⸗ bilder vor unſerm bethörten Blicke auf, und weit hinaus ſchauen wir in ein ſonniges Land und Alles, was wir gewahren, iſt uns unterthan. So ſtanden nun auch dieſe beiden Burſche vor dem Tiſche, ihre Augen verſchlan⸗ — 195— gen gierig das vor ihnen aufgezählte Gold, ihre Finger ſtreckten ſich krompfhaft nach demſelben aus, und den⸗ noch wagten ſie nicht, daſſelbe zu berühren. „Nein, zum Teufel! die Dinger da gehören uns nimmermehr!“ rief der Eine. „Ja, zum Teufel! Es iſt Euer!“ ſagte der See⸗ mann. „Wir dürfen es nicht einſtecken!“ ſchrie der Andere. „Ihr dürft es! Verſucht's nur!“ ſprach der See⸗ mann mit ermunterndem Tone.„Habe ich all mein Lebtage ein Paar Burſche geſehen, die ſich ſo unbe⸗ holfen anſtellen, wenn ſie Geld nehmen ſollen.“ „Nun denn!“ rief Claas,„ſo ſagt es noch einmal laut und vernehmlich, daß es unſer iſt!“ „Und daß wir es ohne Gefahr einſacken dürfen!“ „Es iſt Euer, und Ihr dürft es ohne Gefahr ein⸗ ſacken, verſteht ſich, mit dem gebührenden Danke gegen die Herren von der Compagnie.“ „Sie ſollen geprieſen ſein, bis an das Ende aller Tage!“ rief Claas. Jan ſtimmte mit ein, und Beide be⸗ mächtigten ſich des Goldes mit zitternden Händen. „Juchhei!“ rief der Seemann und ergriff eines der auf's Neue gefüllten Henkelgläſer,„trinkt nun noch dies auf das Wohl der Compagnie und ihrer Flagge!“ Er trank ihnen zu und die beiden Betrognen jauchz⸗ 9* — 196— ten, indem ſie den Punſch bis auf den letzten Tropfen ſchlürften, und dann das Glas zu Boden warfen, daß es in tauſend Stücke zerſprang. „Gut ſo!“ ſagte der Seemann auffallend ernſt,„jetzt iſt nur noch nöthig, Euch zu zeichnen!“ Er löſte ſich raſch die leicht um ſeinen Hals und um den Arm ge⸗ ſchlungenen ſeidenen Tücher, band ſie den erſtaunten Geſellen um den rechten Oberarm, und ſagte mit ſtar⸗ ker Stimme:„So ſeid Ihr nun von mir in aller Form für den Dienſt der Compagnie geworben, und geht noch vor Sonnenaufgang an Bord!“ „Was iſt das!“ riefen Beide erbleichend.„Wir in den Dienſt der Compagnie getreten? Wir an Bord eines Oſtindienfahrers? Wir haben nicht daran gedacht, ſolche Verpflichtungen einzugehen!“ „Ob Ihr daran gedacht habt, oder nicht,“ entgeg⸗ nete der Seelenverkäufer mit eiſiger Kälte,„darauf kommt hier nichts an. Ihr habt auf Koſten und auf das Wohl der Compagnie getrunken, Ihr habt das Geld derſelben genommen, und ſeid nun, von heute an, auf ſieben Jahre ihrem Dienſte verpflichtet.“ „Wir wollen das Sündengold nicht! Wir wollen's nicht!“ riefen Beide in Todesangſt und warfen die Du⸗ katen wieder auf den Tiſch. „Das ſteht ganz in Eurem Belieben,“ entgegnete der Seelenverkäufer gleichmüthig, indem er die Dukaten — 197— ſorgſam zuſammenſuchte und einſteckte. Wenn Ihr es nicht wollt, ſo wird es mein Eigenthum, denn die Compagnie nimmt dergleichen nicht zurück. Es iſt alſo ein Geſchenk, das Ihr mir macht und wofür ich Euch danke. Aber aus dem Dienſte kommt Ihr nicht, bis ſieben Jahre in's Land gegangen ſind. Flennt nicht, Kerle! Oder ich laſſe Euch ein Tauende um die Ohren ſauſen, ehe Ihr noch vor den Fockmaſt des„van Tromp“ geſtellt ſeid. Still, Kerle, oder ich laſſe Euch katten.“ „Ich habe eine Braut auf dem Haarlemer Deiche wohnen, die ich nächſte Weihnachten heirathen ſoll, wenn ich der Maat meines Schiffers geworden bin!“ ſagte Claas mit emporgehobenen Händen. „Und ich muß eine arme alte Mutter ernähren,“ ſprach Jan mit Weinen,„die den Faden am Spinn⸗ rade mit ihren kranken Augen nicht mehr ſehen kann, und die ſich vollends blind weinen wird, wenn ſie das Unglück ihres Sohnes hört. Habt doch nur Erbarmen, lieber Herr, und laßt uns wieder los!“ „Das iſt ein ſchlechtes, armſeliges Volk, worein nicht ein Funken fürnehmen Geiſtes zu bringen iſt!“ ſagte der Seelenverkäufer ſpöttiſch.„Das liegt ſein Lebelang auf den ſchmutzigen Tjalken und Schnauen umher und hat kein Herz für das Große und Schöne, das in dem Rumpfe eines Oſtindienfahrers und in ſei⸗ nem Fluge um die Welt liegt. Wenn Ihr nun nicht — 198— gleich ſtille ſeid, ſo ſollt Ihr zweimal ſieben Jahre dienen, und zum Willkomm am Bord über die Kanone gelegt werden, dafür, daß Ihr nicht mit Freudigkeit zu dem Berufe greift, der Euch jetzt beſtimmt iſt. Hal⸗ tet mit dem Weinen ein, Ihr armſeligen Kerle, und ſeht, wer hier vor Euch ſteht!“ Die Beiden blickten ſchüchtern auf und ſahen einen ſechs Fuß hohen Mann vor ſich ſtehen, mit krauſem Bart, gekleidet in die Uniform der vſtindiſchen Com⸗ pagnie, ein langes ſpaniſches Rohr in der Hand. Das war Mynheer Halle Jantzen, Hochbootsmann des Drei⸗ maſters„van Tromp,“ der unter der geſegneten Flagge der allmächtigen oſtindiſchen Handels-Maatſchapje fuhr: „Sind das die Burſche, die Ihr heute geworben habt, Martens?“ „Ja, Mynheer!“ antwortete der Seelenverkäufer mit einer reſpectvollen Verbengung. „Dann ſchafft ſie an Bord, ſo ſchnell Ihr koͤnnt, und auch die Uebrigen, die noch an andern Orten für uns aufbewahrt werden. Ihr da, Kerls! ſollt nun nach einer andern Melodie tanzen lernen, und gnade Gott, wenn Ihr nicht ſogleich in den Takt kommt. Ihr ſcheint mir aus dem Holze geſchnitten, woraus man flinke Vor⸗ toppmänner macht, und wenn Ihr dieſe meine Vorher⸗ ſagung Lügen ſtraft, ſo ſchlage ich Euch alle Wochen drei Mal braun und blau und an den übrigen Tagen — 199 hlau und braun. Er ſchwang das ſpaniſche Rohr um ihren Kopf, daß ſie unwillkürlich in die Kniee ſanken, und ging dann gravitätiſch wieder dem Ausgange zu, gefolgt von dem Seelenverkäufer, der unter der Maske eines Seemannes von der langen Reiſe umherging, und dem er im Gehen zuflüſterte:„Alles an Bord! Wir müſſen morgen fort, und es fehlt noch an allen Ecken! Das Lumpengeſindel iſt gar nicht der Sorge werth, die man ſich um ſeinetwillen macht. Darum ſollen ſie auch bluten, ſobald ſie unter unſerer Katze ſtehen. Und nicht zu vergeſſen, daß Ihr unterweges, auf den Straßen, packt, was Ihr kriegen könnt. Greift zu! Es ſei, was es wolle, nur nicht zu wähleriſch! Für den Hai, das gelbe Fieber und den Corſar iſt es gut genug!“ Mit dieſen Worten ſchritt der Hochbvotsmann Myn⸗ heer Halle Jantzen, dem man zu beiden Seiten ehrer⸗ bietig Platz machte, zur Thür hinaus, und Meiſter Mar⸗ tens, der das Handwerk eines Werbe⸗Agenten gut ge⸗ lernt hatte, traf Anſtalten, um alle die Schlachtopfer, die während der letzten drei Tage in ſein NRetz gelau⸗ fen waren, ihrer Beſtimmung zuzuführen, die mit gel⸗ bem Fieber, Hai und Corſar bezeichnet ward. Tiefe Stille herrſchte in der Stadt, die durch nichts, als den einförmigen Ruf der Nachtrunden und ihrem Knarren unterbrochen ward. Nur durch die Straßen, welche der Preßgang durchzog, war ein wüſtes Toben. 0 Sobald ein unglücklicher Spätling, ſei es ein Arzt, der von einem Kranken heimkehrte, ſei es ein Wüſtling, der von einem ſchwelgeriſchen Gelage wegtaumelte, ſich auf der Straße blicken ließ, zogen die Menſchenräuber eine Chaine und ſtürzten ſich auf ihr Opfer, dem ſie die Hände auf den Rücken banden, während ſie mit lautem Geſange einfielen, damit man den Angſtruf der Unglücklichen nicht hören ſolle. Der Seelenverkäufer ſchritt vor dem Zuge her; er wußte genau den Weg und wie man den nächtlichen Patrouillen ausweichen müſſe, die ſich gerne dem Zuge der Seelenverkäufer in den Weg ſtellten, nicht um ihre Betrügereien und Gewaltthätigkeiten zu hindern, ſon⸗ dern ſich ihre Nachſicht mit denſelben gut bezahlen zu laſſen. Sein Auge ſchweifte rechts und links, und ſei⸗ nem Scharfblicke entging nichts. Es war keine Geſtalt ſo lang oder kurz, ſo robuſt oder gebrechlich, kein Menſch ſo vornehm oder ſo gering, ſo ehrenwerth oder bettel⸗ haft, der ihm nicht recht war, denn für jeden Kopf empfing er eine Zahlung von zehn Gulden. Alle dieſe und ähnliche Schreckensgeſchichten gelten jetzt für längſt verſchollene Sagen, und ſie ſind es auch; aber es gab eine Zeit, wo ſie eine fürchterliche Wahrheit und die nie verſiegende Quelle des jammervollſten Elends waren. „Halt!“ flüſterte der Seelenverkäufer rückwärts ge⸗ wendet zu zweien ſeiner Gefährten, die ihm auf dem — W— Fuße folgten und die unmittelbaren Vollſtrecker ſeiner Befehle waren.„Laßt ſogleich die Andern ſtille ſtehen und eine Chaine machen. Es kommt etwas die Straße herauf und ich kann nicht genau unterſcheiden, wie Viele es ſind. Nur, daß Keiner ſich rührt, und wenn die Ge⸗ fangenen ſich aufſätzig zeigen, ſo dreht die Knebel feſter.“ Er ſelbſt wich aus der Mitte der Straße und ſchlich längs den Häuſern hin, die im Schatten lagen. Vor⸗ ſichtig gelangte er bis in die Nähe der Ankommenden und erblickte zwei Männer, deren einer einen Knaben auf den Armen trug, mit einem Frauenzimmer lang⸗ ſam weiterſchreiten. Einer dieſer Männer unterſtützte die Frau, ſo viel er nur vermochte, aber dieſe ſchwankte hin und her und vermochte nicht weiter zu gehen. Sie ſtand ſtill und rief dem mit dem Knaben vorausſchrei⸗ tenden Manne zu:„Emanuel! Ich kann nicht weiter! Ich muß raſten, meine Kniee brechen.“ „Nehmt Euch noch für eine kurze Zeit zuſammen, Ma'm,“ ſagte Emanuel rückwärts gewendet.„Noch habe ich hier kein Haus geſehen, woran wir ohne Gefahr hätten pochen können. Aber weit kann ein ſolches nicht entfernt ſein, und bald muß das Gaſthaus kommen, von dem uns Frerk geſagt hat, daß es in dieſer Rich⸗ tung läge. Wie iſt es, Burſche, ſind wir nicht endlich an Ort und Stelle?“ 9** — 202— Aber Frerk ſchwieg ſtill, denn die Wahrheit zu ſagen, hatte er ſich verirrt und es fehlte ihm an Muth, dies offen zu geſtehn. „Ich hoffe, mein Junge,“ ſprach Emanuel, mit einem Anfluge von Verdacht,„daß Du uns nicht abſichtlich täuſcheſt, denn ſonſt möchte ich Dich mit einem wohlge⸗ ſchriebenen Dankzettel an Bord Eurer Kuff zurückſenden.“ Der arme Blödſinnige legte die Hand auf das Herz und beugte ſich vorüber, ohne zu ſprechen; Sara aber ſprach:„Nein, nein! Er iſt kein Betrüger, aber ich fürchte nur, daß er ſelbſt ſich verirrt hat.“ Als Frork ſo laut dasjenige ausſprechen hörte, was er ſchon lange gewußt, begann er zu heulen, und Ema⸗ nuel raſcher vorſchreitend, rief ärgerlich:„Das hätte uns noch gefehlt, einen ſolchen Wegweiſer erlangt zu haben. Da bleibt uns nun nichts Anderes übrig, als an das erſte beſte Haus zu klopfen, wo eine Einkehr möglich ſcheint!“ Nach dieſen Worten prallte er mit einem Mann zuſammen, der hinter dem Vorſprung eines Hauſes hervorgekommen war, und Jener rief:„Zum Donner, achtet auf Euern Weg und ſtört keine Leute, die friedlich ihren Geſchäften nachgehen.“ „Wer hindert Euch?“ entgegnete Emanuel barſch. „Iſt die Straße nicht breit genug? Was habt Ihr hin⸗ ter den Häuſern zu lauern, und Euch den Leuten in den Weg zu ſtellen? Macht uns Platz; Ihr ſeht, daß — 2083 ich ein ſchwaches Kind trage, und daß in meiner Be⸗ gleitung eine Dame iſt....“ „Ha! ha! ha!“ lachte der Seelenverkäufer laut auf. „Das mag mir eine ſaubre Dame ſein, die mit Dir und Deines Gleichen des Nachts in den abgelegenſten Straßen von Amſterdam umher zieht. Wir wollen uns doch dieſes ſchmucke Kind ein wenig näher anſehen! Geh aus dem Wege, Kerl, oder ich werfe Dich zu Boden.“ „Aus dem Wege Du ſelbſt!“ entgegnete Emanuel heftig,„oder ich ſchlage Dir den Schädel ein, damit Du Sitte lernſt, die Du nicht kennſt! Komm heran! Frèrk! Gib Acht auf Deine Begleiterin und ſorge für ihre Sicherheit!“ Der Seelenverkäufer warf ſich auf Emanuel, und dieſer, der Edmund mit der Linken feſt an ſich drückte, vertheidigte ſich ſo geſchickt gegen den Holländer, daß dieſer zum Weichen gezwungen wurde, als gerade ſeine Gehülfen vom Ordnen der Chaine zurückkamen, und ſich auf Emanuel warfen, der bald dieſer Uebermacht weichen mußte. „Nun habe ich Dich unter, Du Hund!“ ſagte der Seelenverkäufer, der über dieſen Widerſtand, der ihm eine tüchtige Schramme eingebracht hatte, wüthend geworden war,„und Du ſollſt mir's büßen, wenn wir Dich erſt an Bord haben; denn Du mußt wiſſen, daß drei Mal ſieben Jahre auf Oſtindien eine gute Zeit — 201— ſind, um das feiſte Blut eines Tollen abzukühlen. Hollah, einen Strick her!“ Emanuel, der nicht ſobald einſah, in welche Schlinge er gefallen war, und die Hölle, die ſeiner wartete, aus hundert übertriebenen Erzählungen kannte, preßte den Knaben feſt in ſeine Arme, und rief in Todesangſt: „Frèrk, um Gotteswillen, Frerk! bringe die Frau in Sicherheit! Hier ſind die Seelenverkäufer!“ „Daß Du berſten mögeſt, Satan!“ knirſchte Mar⸗ tens erboſt, indem er Emanuel einen Schlag verſetzte; „das Weib da ſchert uns nichts, aber der Burſche, der bei ihr ſteht, ſoll uns nicht entgehen! Friſch da, zur Hand!“ Frork hatte ſich unterdeſſen vergeblich bemüht, Sara weiter zu führen; ſie war ohnmächtig zuſammen geſun⸗ ken. Jetzt drang Emanuel's Ruf:„Die Seelenverkäu⸗ fer!“ an ſein Ohr, und ein thieriſches Geheul ſtieß er aus; es wurden Zorn, Furcht, Grauen, Wuth und alle Leidenſchaften zugleich in ihm wach, die ſich wechſelnd des⸗ jenigen bemächtigten, der mit dieſem Abſchaum der Menſchheit in Berührung kam. Aber, als ſei ihm eine höhere Eingebung geworden, ergriff er mit ſtarken Ar⸗ men Sara und flog mit der leichten Laſt die Straße ent⸗ lang, dieſelbe Richtung zurück, woher ſie gekommen waren. „Da läuft der Kerl hin, da läuft er hin!“ ſchrie der Seelenverkäufer.„Raſch, ihm nach, und wer ihn einfüngt, hat fünf Gulden extra verdient!“ Die Kerle, welche dem Herrn zur Seite geſtanden, begannen ſogleich die Verfolgung. Aber Frerk hatte einen weiten Vorſprung und Furcht beflügelte ſeine Schritte. Dazu hatte er plötzlich die vorhin verlorene Richtung wiedergefunden; er ſchlüpfte in ein Nebengäßchen, von dieſem in ein zweites, und hatte bald die Verfolger ſo irre geleitet, daß er ſich hinter einem Haufen Bauholz, das auf einem wüſten Platze lag, in aller Sicherheit niederlaſſen, und von dem anſtrengenden Laufe erholen konnte. Sara war noch immer nicht aus ihrer Betäu⸗ bung erwacht, und es fehlte dem armen Frerk an jeder Kenntniß, und an jedem Mittel, ſie zu erwecken. Er legte ſie ſäuberlich auf einige Bretter und ſetzte ſich neben ſie, den Blick nicht von ihr wendend, und nur manchmal aufhorchend, ob die Verfolger ihre Spur nicht aufgefunden hätten und ſich näherten. Aber es blieb Alles ſtill. Emanuel hatte der Uebermacht weichen müſſen und lag auf der Straße lang ausgeſtreckt, mit auf den Rücken gebundenen Händen. Man hatte den Knaben von ihm geriſſen, und ſeitwärts auf das Straßenpflaſter gewor⸗ fen, ohne ihn weiter zu beachten. Das leiſe Wimmern des hilfloſen Kindes durchſchnitt dem treuen Seemanne das Herz. Zwei Kerle traten jetzt hinzu, um den Ge⸗ fangenen durch Schläge und Stöße zum Aufſtehen zu bringen, und waren daran, ihm einen Knebel in den — 206— Mund zu preſſen. Emanuel war in Todesangſt. Macht⸗ los war er bereits, Edmund von ihm getrennt, jetzt noch ſprachlos und einen Schritt weiter, dann war das hilfloſe Kind für immer verloren. Was ſollte er thun? Der Eine hatte bereits Emanuel an der Gurgel gepackt und der Andere nahte ſich mit dem bedrohlichen Knebel, da gab ihm die Verzweiflung einen Ausweg ein und er flüſterte den Beiden zu:„Laßt doch die tauſend Gulden nicht liegen, Ihr Tölpel!“ Tauſend Gulden! Eine ſolche Summe vermag viel über das rohe Gemüth eines gewiſſenloſen Menſchen⸗ räubers; ſie ließen ſogleich von ihrem Werke ab und fragten gierig:„Wo? wo?“ „Löſt meine Bande und ich zeige ſie Euch! Sie lie⸗ gen nahe bei uns! Aber Ihr habt viel zu blöde Augen, um ſie zu ſehen. Ich habe ſie vorhin fallen laſſen, als Ihr mich bandet! Es ſind tauſend Gulden in lauter ſchönen blanken Dukaten! Nun?“ Die beiden Kerle wechſelten bedenkliche Blicke mit einander; aber ehe ſie noch einig werden konnten, ſtanden ihre Anführer ſchon mit Scheltworten ihnen zur Seite. „Nun, nun!“ entgegnete der Eine.„Nehmt doch nur Vernunft an, tauſend Gulden ſind ja keine Klei⸗ nigkeit, und dieſer Burſche behauptet, ſie verloren zu haben.“ „Und will ſie uns zeigen, wenn wir ihm die Arme löͤſen,“ ſagte der Andere,„aus dem Grunde, weil ſie nahe vor uns liegen und wir ſie nicht ſehen konnen.“ „Dummköpfe, die Ihr ſeid!“ ſchrie Mynheer Mar⸗ tens erzürnt.„Merkt Ihr nicht, daß er Euch belügt....“ „Ich lüge nicht!“ unterbrach ihn Emanuel lebhaft. „Da liegt es, das Gold! Tauſend Gulden, wohlgezählt und lauter ſchimmernde Dukaten.“ Die Habſucht war ebenfalls eine der Haupttugenden dieſes Bandenführers, darum faßte er Emanuel an dem, Arm und ſagte:„Kerl! Ich drehe Dir den Hals um, wenn Du lügſt!“ „Davon würdeſt Du wenig haben,“ entgegnete Ema⸗ nuel,„denn für einen todten Mann zahlt Dir die Compagnie nicht einen Stüber. Aber wenn Du irgend einen Begriff hätteſt von der Heiligkeit eines gegebenen Manneswortes, ſo wollte ich Dir zuſchwören, daß meine Ausſage wahrhaft iſt. Tritt näher zu mir her, greif in meine Bruſttaſche und nimm das Meſſer heraus, das Du dort findeſt. Damit löſe den Strick, womit Ihr mir die Arme zuſammengeſchnürt habt. Zugleich aber haltet mich feſt, Euer Zwei oder Drei, ſoviel Ihr wollt, und wenn ich die geringſte Miene mache, zu entfliehen, ſo ſtoßt mir die Klinge in die Rippen.“ Der Seelenverkäufer überlegte einen Augenblick, was zu thun ſei, dann ſagte er raſch:„Es iſt gut; ich will Deinen Willen thun! Aber ſei Dir Gott gnädig, wenn — 208— Du irgend im Sinn haſt, uns zu entrinnen oder ſonſt eine Bosheit auszuüben! Es würde Dir nicht gelingen und ich ließe Dich auf der Stelle zu Tode peitſchen. Das iſt Alles, was ich Dir zu ſagen habe!“ Er löſte raſch die Bande, welche Emanuel feſſelten, und dieſer fühlte nicht ſobald ſeine Arme frei, als er auf Edmund zuſtürzte und ihn vom Boden aufhob: „Hier iſt das Geld!“ rief er mit lauter Stimme. Der Seelenverkäufer hob im Zorne die geballte Fauſt: „Iſt das Dein Kunſtgriff? Steckt etwas dahinter? Weg mit der Range!“ „Rühr mich nicht an!“ rief Emanuel erregt.„Ich ſagte Dir, da liegen tauſend Gulden, und ich halte Dir mein Wort. Baar und blank zahle ich ſie Dir, aber nicht eher, als bis ich mit dem Knaben an Vord bin, ungefährdet und unverletzt!“ Einen Augenblick lang überlegte der Seelenverkäu⸗ fer, dann zog er Emanuel auf die Seite und flüſterte ihm zu:„Höre Kerl! Ich komme da auf einen eignen Gedanken. Entweder betrüge ich mich zum erſten Male auf eine ganz unerhörte Weiſe, oder Du biſt ein noch viel größerer Spitzbube, als wofür die Leute mich hal⸗ ten. Ich nehme doch nur Kerle auf offner Straße, die ihre Fauſt oft an die meinige ſetzen, und mir den Er⸗ werb ſtreitig machen, aber Du ſtiehlſt wehrloſe Kinder aus warmen Betten! He?“ — 209— Emanuel nickte. Er begriff, es ſei am vortheilhaf⸗ teſten für ihn, wenn er in die Ideen des Menſchenräu⸗ bers einging. „Tauſend Gulden iſt ein gutes Geld. Ich habe mir's wohl gedacht, daß es die Summe ſei, die Du bei dieſem Handel verdienſt. Der Knabe iſt muthmaßlich aus einer vornehmen Familie und ſteht irgend einem Erben im Wege, der Dir die Summe zahlt, wenn Du den Jungen da auf Nimmerwiederſehn.... „So iſt's!“ unterbrach ihn Emanuel haſtig.„Aber ich fürchte mich meine Hände mit Blut zu beflecken, und dann ſcheint mir's in alle Wege beſſer, den Jungen da immer bei der Hand zu haben. Er wäre zur rechten Zeit ein Brunnen, der niemals einen friſchen Trunk verſagte.“ „Du biſt ein wackerer Geſell!“ entgegnete der See⸗ lenverkäufer,„und ich könnte beinahe auf den Gedan⸗ ken kommen, Dich bei mir zu behalten. Aber ein Kerl, der ſo ausgelernt iſt, als Du, käme bald hinter meinen Kram und brächte mir mehr Schaden, als Vortheil. Zudem brauchen ſie am Vord des„van Tromp“ Leute. Du gehſt alſo dahin mitſammt Deinem Jungen, doch zahlſt Du mir die tauſend Gulden, die ich bereits in Deiner Taſche wittere, allein. Wenn Du nach ſieben Jahren Amſterdam wiederſiehſt, kannſt Du den Knaben vorzeigen und Dir abermals tauſend Gulden zahlen — 210— laſſen. Die ſollen dann für Dich ſein. Nun! Beſinnſt Du Dich?“ Emanuel hatte Sara's Goldvorrath bei ſich; die wichtigſten Papiere hatte ſie ſelbſt in Verwahrſam ge⸗ nommen. Er wußte, daß die ihm übergebene Summe mehr als das Doppelte deſſen betrug, was Jener for⸗ verte, und ſtand keinen Augenblick an, Edmund um dieſen Preis bei ſich zu behalten. War dann doch eine ſchwache Hoffnung vorhanden, ihn der Mutter einſt wie⸗ derzubringen. Aber, um nicht gleich durch eine allzu⸗ große Bereitwilligkeit den Verdacht zu wecken, machte er, in Betreff der tauſend Gulden, Schwierigkeiten und bot erſt ein Drittheil, dann die Hälfte. Indeſſen ſein Gegner war zähe und erklärte, er werde auch nicht einen Stüber nachlaſſen, ſo daß Emanuel endlich, ſchein⸗ bar gezwungen, nachgab und den geizigen Menſchen⸗ mäkler zu allen tauſend Teufeln wünſchte. Der Seelenverkäufer lachte:„Der iſt ein Narr, der die Flaſche vor dem Munde hat und ſich nicht ſatt trinkt. Aber nach Allem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, halte ich Dich für einen reſpectablen Kerl, darum will ich Dir auch nicht wieder die Arme zuſammenſchnüren, und Du ſollſt den Jungen frei zum Boote tragen. Dein etwaiges Entlaufen....“ Er ſprach' nicht zu Ende, aber er erhob die Hand, welche mit einem breiten Meſſer bewaffnet war. — Die Helfershelfer des Seelenverkäufers, oder der Preßgang, oder wie man ſonſt dieſen Abſchaum oder Fluch des vergangenen Jahrhunderts nennen will, wur⸗ den über dieſen langen Aufenthalt unwillig und gaben ihre Ungeduld durch lautes Murren zu erkennen, wel⸗ ches nur erſt verſtummte, als der Befehl zum Aufbruch erſcholl, der Zug den Ufern des Stromes zulenkte, und bald darauf die Stelle erreichte, wo die Böte des Oſtindienfah⸗ rers der auf heute Nacht zugeſagten Ankömmlinge harrten. Das Geſchäft des Einſchiffens wurde ſchnell und leiſe betrieben. Die durch Liſt oder Gewalt Geworbenen, nicht blos Matroſen, ſondern Leute, Männer und Kna⸗ ben aus allen Ständen, wurden in verſchiedene Böte vertheilt und einzeln untergebracht, ſo daß ſie ſich nicht mit einander beſprechen konnten. Emanuel erhielt ſeinen Platz in dem erſten Boot, und raſch ſaß ihm der Seelenverkäufer zur Seite:„Ich habe Dir mein Wort gehalten, jetzt halte mir das Deine!“ „Das will ich!“ ſprach Emanuel, und zog zwei Rollen mit Dukaten hervor, die er in die offne Hand ſeines Nachbars gleiten ließ. Dieſer unterſuchte ſogleich das Gold, und als er ſich von der Richtigkeit der Summe überzeugt hatte, ſprach er:„Du handelſt, hol' mich der Teufel ehrlich, ſo will ich denn noch einmal auch für Dich etwas thun. Dir laſſen ſie den Knaben nicht am Bord, ſo will ich ihn Dir hinauftragen und dem Volk — 212— weiß machen, daß ich ihn wieder mit mir nehme. Wenn ich dann an's Land fahre, werde ich ihn aus Verſehen vergeſſen. Was ſie ſpäter mit ihm machen, geht mich nichts an und iſt nicht meines Amtes, ſondern allein Deine Sorge.“ Mit ſchnelleren Ruderſchlägen war unterdeſſen das Boot auf den freien Strom hinausgetrieben und fuhr längs dem dunklen Maſtenwald, der ſich auf demſelben hinſtreckte. Da flog ſchnell ein zweites Ruderboot heran, es überholte des Oſtindiers Fahrzeug und legte ſich dem⸗ ſelben zur Seite. Es war eine mit ſechs Ruderern be⸗ mannte Kriegsſchaluppe, in deren Hintergrunde ſich ein Officier befand: „Was für ein Boot?“ fragte dieſer. Bei dem Ton dieſer Stimme fuhr Edmund zuſam⸗ men und Emanuel ſtutzte. „Oſtindienfahrer van Tromp!“ lautete die Antwort. Der Lieutenant wollte der Ausſage nicht trauen, er redete von Smuggelhandel und Smugglern, die Nachts auf dem Strome ihr Weſen trieben, und beſtand dar⸗ auf, das Boot zu unterſuchen. Schnell hatten die Orlogsmänner Fackeln angezündet, und der Lieutenant ergriff eine derſelben, womit er in das Boot des Oſtin⸗ dienfahrers hinüberleuchtete. Sein erſter Blick fiel auf Emanuel. Er ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. „Hexenbootsmann!“ Emanuel antwortete nicht. Adrian van Kraag gerieth in Wuth.„Habe ich Dich, Du Hund! Bereite Dich! Jetzt bin ich an der Reihe, und will mich bezahlt machen!“ Emanuel blieb ſtumm. Er hatte nur eine Sorge, daß Adrian van Kraag den Knaben nicht erblicken möchte, der von ſeinem Schvoße herabgeglitten war, und zitternd des Ausgangs dieſer Scene harrte. „Ich werde Mittel finden, dieſen halsſtarrigen Bö⸗ ſewicht zum Reden zu bringen. Hollah! Schleppt den Kerl hinüber in mein Boot!“ Die Orlogsmänner rüſteten ſich, dieſem Befehle ihres Officiers Folge zu leiſten; aber der Steuermann, der des Oſtindienfahrers Boot führte, ſtreckte die Hand zur Abwehr aus und ſagte ehrerbietig, jedoch ernſt: „Mit nichten, Herr Lieutenant! Dies iſt Volk von einem der Schiffe der hochanſehnlichen Compagnie, und als ſolches wohlerworbenes Eigenthum derſelben, woran ſelbſt ein Officier der Generalſtaaten-Flotte nicht Hand legen darf.“ Adrian van Kraag biß die Lippen zuſammen und murmelte:„Ihr vergeßt Euch, Herr!“ „Mit nichten, Herr!“ entgegnete der Steuermann des Oſtindienfahrers mit einer Verneigung.„Ich weiß ſehr wohl, was ich einem Officier Eures Ranges ſchul⸗ dig bin, und werde die ihm gebührende Achtung nicht aus den Augen ſetzen. Darum bitte ich Euch in aller — 211— Ehrerbietung, mein Boot nicht länger aufzuhalten und mir freie Fahrt zu geben.“ „Warte, grober Geſell! Ich gedenke Dir dieſen Auf⸗ tritt!“ knirſchte van Kraag, und gebot ſeinen Leuten, von dem Boote des Oſtindienfahrers abzulaſſen.„Wir werden in freier See ein Wort mit einander reden⸗ Fahre jetzt in des Teufels Namen zum Teufel!“ Er rief ſeinen Leuten gebieteriſch zu, und in demſelben Augenblicke flog die königliche Schaluppe mit weitausgrei⸗ fenden Ruderſchlägen über die Fläche des Stromes hin, während das Boot in gemeſſener Haltung ſeinen Weg fort⸗ ſetzte, bis es ſich dem hohen Bord ihres Dreimaſters näherte. Der Seelenverkäufer neigte ſein Ohr zu Emanuel und flüſterte ihm zu:„Wenn ich das Schiff wieder verlaſſe, dann ſuche zwiſchen den Pumpen am großen Maſte, da ſoll der Junge ſitzen. Jetzt halte Dich ſtill und ruhig und füge Dich in Dein Schickſal. Sieben Jahre ſind bald herum, dann kannſt Du um neue tau⸗ ſend Gulden ſollieitiren, haſt eben ſo viel bei der Com⸗ pagnie zu Gute, und ſollſt von mir nicht wieder ge⸗ worben werden, wenn wir auch auf verbotenen Wegen auf einander treffen. Etwas muß ich doch um der guten Kameradſchaft willen thun.“ Das Boot legte in dieſer Zeit ſich an den Backbords⸗ Fallreep des Oſtindienfahrers, und die Erſten, welche das Verdeck hinaufbeordert wurden, waren die Unglück⸗ — 215— lichen, welche man ihrer Heimath und ihrem beſchei⸗ denen Glücke entriſſen hatte, um ſieben Jahre an einem Orte zu leben, den Dante die„Stadt der Qualerkohr⸗ nen“ genannt haben würde. Ein Officier kam herbei und nahm die neuen An⸗ kömmlinge in Augenſchein. Er verſchmähte es nicht, ſie mit höhnenden Worten zu begrüßen, und manchem von ihnen als erſte Bewirthung einen Schlag zu verſetzen, wenn die geſtellten Fragen nicht ſo beantwortet wurden, wie er es ſich gedacht hatte. Der Seelenverkäufer hörte Alles mit einem ruhigen Lächeln an, hatte für die ge⸗ meine Behandlung, welche der Officier auch ihm zu Theil werden ließ, nichts als hoͤfliche Entgegnungen, und empfing mit einer tiefen Verbeugung ein Cettifi⸗ cat, worauf die Stückzahl der von ihm abgelieferten Männer verzeichnet war, um hiernach aus der Caſſe der Compagnie die ihm zuſtehenden Gebühren in Empfang zu nehmen. Kaum hatte er das für ihn ſo wichtige Do⸗ kument empfangen, ſo eilte er haſtig, als ob die Decks⸗ planken unter ſeinen Füßen brennten, den Fallreep hinab, und ließ das Boot abſtoßen, das bald in dem Dunkel der Nacht verſchwand. Gleich darauf wurden die unglücklichen Opfer der Seelenverkäuferei näher unterſucht und Jedem ſein Platz angewieſen. Sie empfingen die damalige Uniform der oſtindiſchen Compagnie, die dunkelgrüne Jacke mit dem 2 Orangekragen, ihre Hängematte und die übrigen Be⸗ dürfniſſe, die dem Seemann unumgänglich nothwendig ſind, zum Theil in ſehr mangelhaftem Zuſtande und zu ſehr hohen Preiſen berechnet. Dann wurden ſie an den Ort geführt, wo ſie ihte Habſeligkeiten aufzuſtellen und ihre Hängematten aufzuhängen hatten. Es gelang Emanuel, den Knaben zwiſchen den Pumpen am gro⸗ ßen Maſte, wo er, vor Froſt zitternd, auf dem feuch⸗ ten Deck lag, zu finden und unbemerkt in das Zwi⸗ ſchendeck zu bringen. Hier legte er ihn in ſeine Hänge⸗ matte, empfahl ihn dem Schutze Gottes, und ſprang dann wieder auf das Verdeck, um von dem Hochboots⸗ mann, Mynheer Halle Jantzen zu hören, daß er, in Anbetracht ſeiner Kenntniſſe vom Seeweſen, nebſt den beiden Smackmännern, Claas und Jan, zum Vortopp befördert ſei. Ein ebenfalls an Bord gebrachter Bar⸗ biergeſelle, wurde zur Verfügung des Schiffsdoktors ge⸗ ſtellt, und ein alter Leinweber, den man ſeinem We⸗ beſtuhle entführt hatte, wurde als Kocksmaat einrangirt, wofür der Oberkoch einen andern ſeiner rührigen Maa⸗ ten zum anderweitigen Dienſt hergeben mußte, was zwar ohne Widerſpruch geſchah, doch nicht ohne dem un⸗ ſchuldigen Leinweber einige Püffe und Stöße mehr ein⸗ zubringen, als er ſonſt am Abend ſeines erſten Dienſtes empfangen haben würde. Sechzehntes Kapitel. Zwei Tage waren ſeit jener Nachtſcene vergangen. Die Lootſen hatten den Oſtindienfahrer„van Tromp“ jenſeits des Texels verlaſſen, und dieſer ſteuerte in der Richtung nach dem engliſchen Kanal. Das Schiff ging unter ſeinen Bramſegeln mit ſechs Knoten Fahrt und machte bei klarem Himmel und ſtetigem Winde allge⸗ mach Anſtalten zum Setzen der Leeſegel; denn die See⸗ fahrer jener Tage nahmen ſich zu allen Dingen bequem Zeit und jagten nicht, wie heut' zu Tage, in„unan⸗ ſtändiger Eil'“ in einem Jahre vier tal von Europa nach Weſtindien und wieder zurück. Die Uebereilung, wie nach damaligem Seegebrauch die Schnelle genannt werden konnte, die bei der Ab⸗ fahrt des„van Tromp“ in allen Theilen des Schiffs⸗ dienſtes vorgegangen war, hatte es verabſäumen laſſen, mit der gewiſſenhafteſten Strenge nachzuſehen, ob auch von den Schiffsleuten irgend etwas an Bord gebracht worden ſei, was gegen die Privilegien der Compagnie verſtoße, oder ſonſt die Würde des Schiffes beeinträch⸗ tige. Dahin gehörten ase Gegenſtände, die nur irgend⸗ wie zum Handel verwendet werden konnten, und die ſtets, wenn ſie auch nicht den Werth eines Guldens erreichten, ſo angeſehen wurden, als ob ſie geeignet II. 10 — 218 wären, den Handel und den Flor der glorreichen „Matſchapje“ zu zerſtören, weshalb man ſie ſogleich vernichtete, und den Inhaber derſelben zur gebührenden Züchtigung verurtheilte; denn am Bord dieſer ſtolzen Handelsfahrzeuge herrſchte ein ſtrenges Gericht, und auf manchem Kriegsſchiffe, deſſen Flagge mit dem nie⸗ derländiſchen Löwen geſchmückt war, hatten die Leute mehr Freiheiten und Annehmlichkeiten, als unter dem Drucke dieſes Handels-Despotismus. Kaum hatte Eberhard tor Straaten, der Comman⸗ deur des„van Tromp,“ ſeinen Officieren den Befehl ertheilt, die bisher verſäumten Nachſuchungen zu be⸗ ginnen, als hierzu ſogleich die nöthigen Vorkehrungen getroffen wurden, und mancher Seemann, der ſich ſchul⸗ dig fühlte, die Schiffsgeſetze übertreten zu haben, ſich eines leiſen Fröſtelns nicht erwehren konnte, während Andere, in gleicher Verdammniß, im hohen Grade unbe⸗ fangen blieben, weil ſie das erlaſſene Verbot nicht kannten. Die Bootsmanns-Maaten, unter Anführung ihres Chefs, des Mynheer Halle Jantzen, begaben ſich in die Zwiſchendecksräume, während ein Dutzend Toppgaſten eine Kette von unten nach oben bildeten, um die etwa gefundenen, verbotenen Gegenſtände ſogleich auf das Ver⸗ deck zu ſpediren, wo der wachthabende Officier bereits ihrer Empfangnahme harrte. — 219— Die Unterſuchung, die mit großem Eifer und ſel⸗ tener Strenge geführt ward, lieferte mehrfache Reſul⸗ tate, und viele Colli's wurden auf das Verdeck geſchafft. Die meiſten waren Gegenſtände des Gaumens, und zwar Tabak, Genever und andere Unentbehrlichkeiten des Seemannes. Statt ſie über Bord zu werfen, zog man es vor, ſie dem Schiffszahlmeiſter zu geben, da⸗ mit er ſie während der Reiſe der Mannſchaft in kleinen Portionen, aber zu theuern Preiſen, zum Beſten des Schiffes, verkaufe. Unter den verbotenen Sachen, die man gefunden, befand ſich auch eine Rolle Leinwand. Sie gehörte dem Leinweber, det ſich ſeekrank und todes⸗ matt dem Küchendienſt widmete, und weinend ſagte, er könne nichts dafür, daß man dieſe hier finde. Er ſei im Begriff geweſen, ſie dem Herrn zu bringen, für den er arbeite, und man habe ihn ſammt der Leinwand ergriffen und in's Boot gebracht. Aber die Zeit war viel zu koſtbar, als daß man die Vertheidigung eines ſolchen Mannes anhören konnte, er ward wegen Ueber⸗ tretung der beſtehenden Geſetze zu zwanzig Hieben ver⸗ urtheilt, die Leinwand aber ſei, laut dem Buchſtaben des Artikels, über Bord zu werfen. Sie entging in⸗ deſſen dieſem Schickſal, weil ſich der Schiffszahlmeiſter, der überhaupt ein guter Rechner war, zur rechten Zeit beſann, daß das Leinen gerade ausreichen werde, um 10* — 220— ihn mit einem guten Vorrathe neuer Hemden zu ver⸗ ſehen. Damit er denſelben aber nicht zu lange entbehre, ſetzte er es bei dem Officiercorps durch, daß ein Schnei⸗ dergeſelle, den man an Bord gebracht und zur Segel⸗ kammer beordert hatte, vom Wachtdienſt bei Nacht dispenſirt wurde, um dieſe einſamen Stunden zur An⸗ fertigung jener ſo nothwendigen Bekleidungsſtücke zu verwenden. Dem Schiffsdienſt bei Tage die Arme des Schneiders zu entziehen, war der Zahlmeiſter zu loyal. Da trat an den dienſtthuenden Officier ein Boots⸗ mannsmaat heran mit der Meldung, es befände ſich in der Hängematte eines der neuen Ankömmlinge ein ſtum⸗ mer Knabe, und vor demſelben ſtehe der Mann ſelbſt, erklärend, er werde Jedem, ohne Anſehen der Perſon, der ſich dem Kinde auf eine unfreundliche Weiſe nähern wolle, den Hirnſchädel einſchlagen. Der Officier begab ſich kopfſchüttelnd auf das Quarterdeck, um dem Capi⸗ tain, der ſeinen Morgenſpaziergang hielt, hiervon Mel⸗ dung zu machen. Capitain Eberhard tor Straaten, Commandeur des „van Tromp,“ hatte gerade ſeinen guten Tag. Er hatte, während ſeines letzten Aufenthaltes in Amſterdam, irgend eine zarte Intrigue angeſponnen, die ihn anfänglich hochlich beluſtigte, ſpäter aber ihm ſehr läſtig ward, und er wäre kaum im Stande geweſen, dem Aeußerſten, nämlich einer Heirath, aus dem Wege zu gehen, wenn nicht zur rechten Zeit der Befehl zum Abſegeln einge⸗ troffen wäre. Hierdurch war er plötzlich auf ſieben Jahre vor allen Anſprüchen ſeiner Dame und deren Verandten geſchützt, und die gute Laune, die ihn am erſten Mor⸗ gen der wiedergewonnenen Freiheit beherrſchte, alſo ganz natürlich. Er hoͤrte den Officier leutſelig an, und dieſer wollte ſeinen Ohren nicht trauen, als der Capi⸗ tain gutmüthig ſagte: Er möge den Mann ſammt dem Knaben zu ihm auf das Verdeck bringen. Weit natür⸗ licher würde es der Lieutenant gefunden haben, wenn ihm der Befehl geworden wäre, den Mann, wie den Knaben, ſogleich über Bord zu werfen. Der Schiffs⸗ disciplin muß indeſſen Genüge geſchehen, und nach wenig Augenblicken ſtanden Emanuel und Edmund vor dem Manne, in deſſen Händen ihr Schickſal lag. Der Capitain blickte ſinnend auf den Knaben. Er erinnerte ſich eines Abenteuers mit eines Rajahs Toch⸗ ter und der unendlichen Liebe, welche dieſe zu ihm hegte. Sie war heimlich ſein Weib geworden, und ſtarb, als ihr Knabe ſein viertes Jahr antreten ſollte. Daſſelbe tödtliche Fieber verſchonte auch das Kind nicht. Dem Vater wollte das Herz ſpringen, und er ſteuerte mit wunder Bruſt nach Europa. Aber die Zeit lindert jeden Schmerz, und faſt vergeſſen war des Rajahs Tochter 10** — 222— von Benares und ihr goldiges Kind, als Edmund, vor dem Gewaltigen knieend, die ganze Vergangenheit in dem Gedächtniſſe des Seemannes wach rief. Es vergin⸗ gen einige Augenblicke, bis er die aufſteigende Rührung niederkämpfen und mit feſter Stimme fragen konnte: „Wer biſt Du, Mann, wer iſt dieſer Junge, und wie iſt er gegen alle Schiffsordnung an Bord gekommen?“ Emanuel verneigte ſich tief und ſagte dann uner⸗ ſchrocken:„Das letzte erzählt Euch am beſten der Mann, der mich ſammt dem Knaben auf öffentlicher Straße in Amſterdam raubte und hierher gebracht hat. Wer jener Knabe iſt, das ſollte ich wohl verſchweigen, denn es kann viel Unheil für ihn daraus entſtehen, wenn das Geheimniß ſeiner Geburt in Jedermanns Mund iſt. Allein hier, zwiſchen Himmel und Meer, wo er von allem Verkehr mit Menſchen abgeſchnitten und ihren Verfolgungen entzogen iſt, wo er aber doch umkommen muß, wenn Ihr Euch nicht ſeiner erbarmt, hier dürfte ich wohl ſeine Herkunft offenbaren. Doch weiß ich nicht, welches Unheil ich anrichten könnte, wenn ich ſonder Scheu, offen vor aller Welt, das Geheimniß löſte, das mir zufüllig bekannt geworden. Darum, Herr Comman⸗ deur, wollte ich ganz demüthig gebeten haben, mir eine Unterredung unter vier Augen gnädigſt zu ſchenken. Zwar bin ich nur ein ſchlichter, einfältiger Seemann, ohne Herkunft und ohne Aeltern. Aber wie gering mein Verſtand und meine Einſicht auch ſein mögen, ſo erkenne ich doch nur zu gut, daß Niemand anders als Ihr, dieſes Geheimniſſes theilhaftig werden darf.“ Die Officiere, welche in der Nähe ſtanden, waren über die Kühnheit dieſes deutſchen Matroſen außer ſich, und glaubten nicht anders, als der Capitain werde den⸗ ſelben ſogleich den Bootsmannsmaaten„zur Katze“ über⸗ geben; aber wie wuchs ihr Erſtaunen, als Herr Eber⸗ hard tor Straaten das Kind freundlich liebkoſend in ſeine Kajüte führte, und mit mildem Tone dem deutſchen Seemanne befahl, ihm in dieſelbe zu folgen, die ſelbſt der dienſtthuende Officier nicht ohne Erlaubniß betreten durfte. Eine Stunde war vergangen, als der Capitain aus der Kajüte zurückkehrte. Er hatte den Knaben an der Hand. Emanuel folgte ſchweigend, aber mit freudetrun⸗ kenem Geſicht, und zog ſich bis an den Reiling zurück. „Meine Herren!“ begann der Capitain zu ſeinen Officieren gewendet:„es mag ſich ſelten ereignen, daß am Bord eines Schiffes auf offner See, ein ſo eigen⸗ thümliches Abenteuer auftaucht. Indeſſen gebe ich dem Manne, der dieſes Kind an Bord brachte, darin voll⸗ kommen recht, daß es wohlgethan ſei, das Geheimniß ſoviel als möglich zu verbergen. Ich ſage Ihnen alſo — 221— nur, daß dies Kind eine unglückliche Waiſe iſt, die ich unter meinen unmittelbaren Schutz geſtellt betrachte, die ich in meine Kajüte aufnehmen werde, und Sie, meine Herren, können nichts Beſſeres thun, als meinem Beiſpiele folgen und dieſen Knaben mit Ihrem Wohl⸗ wollen erfreuen.“ Die Officiere verbeugten ſich ſtumm; aber ihr Er⸗ ſtaunen wuchs, einem ſolchen unerklärbaren Benehmen ihres Chefs gegenüber. Dieſer ſchien von den verwun⸗ derten Mienen ſeiner Officiere nicht die geringſte Notiz zu nehmen und befahl, daß man den Hochbvotsmann herbkirufen möge. Mynheer Halle-Jantzen erſchien gleich darauf an der Gränze des Quarterdecks und harrte reſpectvoll der Be⸗ fehle, die er empfangen ſollte. Der S rief Ema⸗ nuel herbei, und fragte dann: „Ihr habt dieſen Mann zum Vortoppmann gemacht?“ „Das iſt nach beſter Einſicht geſchehen,“ entgegnete der Meiſter des Kabelgats,„wenn indeſſen der Kirl „Es iſt ſchon gut!“ unterbrach der Capitain den Vorderdecks⸗Officier.„Iſt dieſer Mann dem Vortopp beigegeben, ſo mag es dabei ſein Bewenden haben. Geburt und Erziehung werden ihm nie erlauben, den Weg von dort zum Quaterdeck zu finden, ob ich gleich überzeugt bin, daß ſeine ehrenwerthe Geſinnung ihm dazu ein vollkommenes Recht gibt. So übergebe ich denn Euch, Herr Hochbvotsmann, verſteht mich wohl, ich ſelbſt übergebe Euch dieſen Mann, und hoffe, Ihr werdet ihn ſo halten, daß ich ferner Urſache haben kann, mit Euch zufrieden zu ſein. Dies iſt genug, hoffe ich, um Euch meinen Willen kund zu thun. Geh, mein wackrer Seemann,“ ſagte der Capitain zu Emanuel,„geh mit Deinem Officier und thue redlich Deine Pflicht als tüchtiger Matroſe. Bekümmere Dich um Deinen Dienſt und trage mit Ergebung, was jetzt nicht mehr zu ändern iſt. Im Uebrigen aber denke daran, daß ich Dir wohl⸗ geſinnt bin. Guten Morgen!“ Er begab ſich mit dem Knaben in die Kajüte und die Officiere gingen auseinander, nicht wiſſend, was ſie zu dieſem Unerhörten ſagen ſollten. Am meiſten aber war der Hochbvotsmann, nach Seemanns-Ausdruck, ver⸗ donnert; denn er wußte nicht, auf welche Weiſe er den Patron behandeln ſolle, der ihm zetzt beſonders empfoh⸗ len worden; ja er ſah ſich gewiſſermaßen nach ihm um, da er ihn im Grunde ſeines Herzens für einen der ver⸗ kappten Finnen hielt, die in dem Rufe ſtehen, ihre Nehenmenſchen zu Lande und zu Waſſer beliebig be⸗ heren zu können. Das Schiff ſetzte während der Zeit ſeine Fahrt, trotz des Wirrniſſes, worin ſich die Offi⸗ ciere deſſelben befanden, mit völliger Regelmäßigkeit fort. — 226— Unterdeſſen hatte faſt zu gleicher Zeit mit dem In⸗ dienfahrer die Staats-Brigg„Kaiman,“ die unter den Befehlen des Herrn Adrian van Kraag ſtand, die Anker gelichtet und befand ſich drei Meilen weſtwärts vom Texel, wo der Befehlshaber, der ihm ertheilten Weiſung gemäß, die verſiegelte Depeſche, in Gegenwart der ihm untergebenen Officiere, öffnen ſollte. Es geſchah. Der Inhalt dieſer Schrift machte den Officier erbleichen, doch gewann er es über ſich, in Gegenwart ſeiner Untergebenen ruhig zu ſcheinen:„Meine Herren!“ ſagte er anſcheinend kalt,„wir ſind beordert nach Batavia zu ſegeln und dort drei Jahre zu ſtativ⸗ niren. Bei unſerer Ankunft ſtellt ſich unſere Brigg zur Verfügung des dort kommandirenden Admirals! Auf Wiederſehn!“ Als Adrian ſich allein befand, ſchlug er mit der geballten Fauſt auf den Tiſch:„Das hat mir mein Vater gethan! Ich bin ihm, der Teufel weiß weshalb, im Wege, und er ſchickt mich auf dieſe Weiſe fort. Möchte es ſein, wenn ich nur vorher Sara in meine Gewalt bekommen hätte. Aber der Hund, den ich ſchon allen Grund habe, zu haſſen, hat ſie mir entzogen, und.... Allein, er ſoll meiner Rache nicht entgehen, und noch ehe es Abend wird, will ich ihn zu meinen Füßen niedergeworfen ſehen.“ — 227— Er zog heftig die Klingel und befahl dem eintre⸗ tenden Officier der Deckwache, auf den Oſtindienfahrer „van Tromp“ abzuhalten, der mit ihnen faſt zugleich die Anker gelichtet habe. Es geſchah, und bald lagen beide Schiffe ſo nahe bei einander, daß ſie ſich mit dem Sprachrohr bequem erreichen konnten. Beide Capitaine hatten ihren Platz auf der Galerie genommen und wech⸗ ſelten höfliche Worte. Emanuel konnte ſich eines leiſen Zitterns nicht erweh⸗ ren, als er Adrian van Kraag ſtehen ſah und die Worte vernahm, er wolle dem Herrn tor Straaten eine Bitte vortragen laſſen und hoffe, nicht abſchläglich beſchieden zu werden. Konnte doch Adrian nichts anders wollen, als ſeine Auslieferung. Gleich darauf ſtieß das Jollbvot der Orlogsbrigg ab, und legte dem Indienfahrer zur Seite. Der Cadet, der ſich darin befand, ſtellte das Geſuch um Auslieferung eines deutſchen Matroſen, Na⸗ mens Emanuel, genannt Hexenbootsmann, weil dieſer ſich gegen einen königlichen Officier vergangen habe und vor ein Kriegsgericht geſtellt werden müſſe. Eberhard tor Straaten hörte den Boten geduldig an, dann entgegnete er kalt:„Ich maße mir kein Ur⸗ theil darüber an, inwiefern ein Officier der Flotte durch das Benehmen jenes Emanuel's heleidigt ſein kann. Den genannten Mann werde ich aber nicht ausliefern, und — 228 ihn zorniger Willkühr preisgeben, weil derſelbe, nach meiner Anſicht, nur ſeine Pflicht gethan und ſo gehan⸗ delt hat, wie jeder Edelmann ſtets handeln ſollte. Der Barbarismus der niederländiſchen Marine iſt, leider mit Recht, verſchrieen genug; ich will keinen neuen Beleg zu der Geſchichte ihrer Grauſamkeiten liefern. Wenn ich dem Herrn Adrian van Kraag ſonſt irgendwie, jetzt oder während der Reiſe, dienen kann, ſoll es mit Eifer und Sorgfalt geſchehen.“ Der Commandeur verneigte ſich und der Cadet ver⸗ ließ den Oſtindienfahrer, der ſogleich wieder unter der Laſt ſeiner Segel dahir fuhr. Als die Meldung des Cadeten an den Befehlshaber der Kriegsbrigg gelangte, ſagte dieſer vor Zorn ſchnaubend:„Wer weiß, wie dumm Sie ſich bei der Ausführung meines Befehls benommen haben. Sogleich gehen Sie den Fockmaſt hinauf, um bis zum Eintritt der Hundewache auf der Bramſahling über Ihr Benehmen nachzudenken!“ Der Cadet ging, blutroth aber ſchweigend, und Avrian rief zähneknirrſchend:„In Indien werde ich ihn doch erreichen. Sei dann Gott ihm gnädig!“ ——————— —— M 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 2 8 p 8 0 MMbAMae 2 — —— —. 3 ——————