deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on v. Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— ceih- und Leſebedingungen. pfangnahme der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat; 1 Nr Pf. 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene beſchinutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſre Erſatz des Ganzen verpflichtet. eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen r nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ — 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ . . — livthek † ————— ,— Das Loggbuch. Scherz und Ernſt zur See. Von Heinrich Smidt. Erſter Theil. Frankfurt am Main. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer. 1844. Hexen⸗Bootsmann. „Allen meinen Glauben ſetze ich auf Gott und alle meine Liebe ſchöpfte ich aus Ihm. Er ſpricht zu mir in dem Brauſen der Wellen und in dem Heulen des Sturmes; ich falte ver⸗ trauensvoll die Hände, denn Er hat mich noch nie verlaſſen.“ Mit dieſem frommen Spruche, den ich in mancher Stunde des Leidens und der Gefahr gebetet habe, will ich auch dieſes Loggbuch beginnen. Er ſoll ſeine Schutz⸗ macht ſein und es vor unreinen Gedanken bewahren. Wie ich ſo ſitze in der Einſamkeit, iſt mir wohl ums Herz, und die Thränen, die mir über die Backen rinnen, machen mir das Gewiſſen nicht ſchwer; ſie ſind den Er⸗ innerungen meines vielfach bewegten Lebens geweiht. Dieſe Erinnerungen will ich dieſen Blättern anvertrauen; es ſoll meine letzte Arbeit ſein, nach ſo vielen Erfah⸗ rungen, ſo vielen Leiden und Kämpfen während eines langen und ruheloſen Lebens. Sie ſind ja Alle nicht mehr, mit denen ich einſt Freude und Leid getheilt; ſo rufe ich ſie denn in mein Gedächtniß zurück, und wenn ich ſie noch ein Mal geſehen, vertraue ich auf den himm⸗ liſchen Vater, der mir ſo oft geholfen, daß er meine müden Augen ſchließen und mich eingehen laſſen wird zu ſeiner Herrlichkeit. 1* 6 Als ich noch jung war, faſt noch zu jung, um durch das Soldatenloch in den Maſtkorb zu kriechen, nannten ſie mich Emanuel, als ich ſpäter Bootsmann wurde und zu den Officieren des Vordermaſtes gehörte, hieß ich Meiſter Emanuel. Das iſt Alles, was ich von meiner Herkunft weiß; denn in welchem Lande, und von welchen Aeltern ich geboren worden bin, weiß ich nicht zu ſagen. Ein alter Fiſcher fand mich eines Morgens vor ſeiner Hütte liegen, und er und ſeine Frau beſchloſſen ſich meiner anzunehmen und mich chriſtlich, in der Furcht Gottes zu erziehen. Dieſe Erziehung in der Furcht Gottes beſtand darin, daß ich von dem erſten Tage an, wo ich im Stande war einige Arbeit zu thun, das früher gegeſſene Brod durch fleißiges Tagewerk abverdienen mußte, und arg geſcholten ward, wenn ich mich verſäumte oder zu wenig that. Saß ich dann ſo am Strande mit den Netzen, den Bojen oder den Angeln beſchäftigt, und die großen Schiffe zogen an mir vorüber der unfernen See zu, wurden mir die Augen naß und ich mußte oft bitterlich weinen. Und ich hätte ſo gerne gelacht, denn von Hauſe aus war mein Gemüth offen und mein Herz fröhlich. Aber die andern Kinder duldeten mich nur ſelten unter ſich, und wenn ſie es thaten, ſo geſchah es, um mich zu —— — necken und zu ſchlagen. Ich war ein Findelkind, und nach der Meinung der Menſchen dürfe man einem ſolchen unglücklichen Weſen jede Schmach bereiten; denn wenn die böſen Buben mich neckten, lachten die Alten aus vollem Halſe. Ich hatte auch noch einen Fehler an mir, der mir viele Ungunſt zuzog und den ich erſt ſpäter ent⸗ deckte. Ich konnte ihn leider nicht ablegen. Einſtmals war das Dorf in großer Bewegung. Eine vornehme Dame hatte bei dem Bauernvoigt ihre Woh⸗ nung genommen, weil ſie kränklich war und die Aerzte ihr geſagt hatten, die friſche Luft würde ihr heilſam ſein. Die Dame mußte wohl ſehr angeſehen ſein und viele vornehme Bekanntſchaften haben; denn täglich kamen neue Beſuchende zu Wagen und zu Pferde, die ſtunden⸗ lang verweilten und ſich viele Mühe gaben, der armen Frau die Langeweile zu vertreiben. Faſt ſchien es aber, als ſei der Dame nur wenig um alle dieſe Beſuche zu thun; denn ſie ſchien froh und glücklich zu ſein, wenn ſie allein im Garten ſaß und ſich mit ihrem Knaben beſchäftigte, der ungefähr fünf Jahre alt war. Dieſer Knabe wurde bald ein Gegenſtand der Auf⸗ merkſamkeit für das ganze Dorf. Noch nie ſolle man ein ſo ſchönes Kind geſehen, und wer ſeine glänzenden Locken ſah, wer einen Blick aus ſeinen ſanften blauen Augen erhielt, wen es anlächelte, der fühlte ſich ſo g lich, als ob ihm irgend etwas Beſonderes begegnet ſei. Auch ich freute mich über das ſchoͤne Kind, und ſuchte mich ihm zu nähern, ſo viel ich konnte. Aber es gelang mir ſchlecht; denn ſobald das Kind mich ſah, fing es an zu weinen, winkte mit der Hand, daß ich gehen ſollte, und barg das Geſicht in dem Schooße der Mutter. „Was hat Dir denn der arme Knabe gethan?“ fragte die Mutter beſchwichtigend. Aber keine Antwort erfolgte, und ſollte ſich das Kind beruhigen, mußte ich fort. Ich ging mit Betrübniß, denn ich hatte mich zu dem Kinde hingezogen gefühlt und liebte es von ganzem Herzen. Da geſchah es eines Tages, daß der ſchöne Knabe im Garten mit mehreren Dorfkindern gleichen Alters ſpielte, und ſich von dieſen verlocken ließ, bis zu den äußerſten Bollwerken zu gehen, an deren Fuß der Strom vor⸗ überbrauſete. Unfern davon lag ich mit meinem Boote, um die Angelſchnüre in Ordnung zu bringen, als ich plötzlich den Knaben mit ſeinen Spielgefährten auf der Höhe des Bollwerks erſcheinen ſah. Das Haar ſträubte ſich mir, und ich rief ihnen zu, ſo laut ich es nur ver⸗ mochte, daß ſie ſogleich herabſteigen ſollten. Allein ſie hörten nicht, und ehe man es ſich dachte, war das Un⸗ glück g chehen, der ſchöne Knabe ſtürzte kopfüber in die nach allen Seiten auseinander; ich ſtand wie ine Gefährten erhoben ein großes Geſchrei ——— —— vom Schlage getroffen, einer vernünftigen Ueberlegung war ich nicht fähig, aber ein dumpfes Gefühl regte ſich, und ich ſprang dem Kinde beſinnungslos nach. Gott, der die Unſchuld ſchützt, war mit mir, und als von allen Seiten Männer herbei kamen, um zu helfen, tauchte ich aus den Wellen auf, den Knaben mit einem Arm feſt umſchloſſen. Ich hörte noch, wie ich mit lautem Freudenrufe begrüßt wurde; dann aber ſchwand mir die Beſinnung. Die Dankbarkeit der Mutter war groß; ſie ſagte mir ſelbſt, daß ich ihr mit ihrem Kinde die einzige Freude ihres Lebens erhalten habe. Doch blieb ſie ſehr traurig und niedergeſchlagen; ihr kleiner Knabe hatte vor Schrecken die Sprache verloren und konnte keinen Laut hervor⸗ bringen; ſie ſollte ſeine ſüße Stimme nicht mehr hören, er konnte nicht mehr zu ihr ſagen:„Mutter! liebe Mutter!“ Die arme Frau weinte faſt immer über das Geſchick ihres ſtummen Lieblings. Mir aber ſchien dieſer plötzlich ſeine ganze Neigung zugewendet zu haben; ſo⸗ bald er mich ſah, eilte er mir entgegen, ſchlang den Arm um meinen Nacken und machte mir Zeichen, daſſelbe zu thun, als ſollte ich ihn aus dem Waſſer tragen; dann war er zufrieden, ſtrich ſich die hellen Locken aus dem Geſichte und winkte der Mutter. Da kam eines Tages wieder Geſellſchaft, als ich mit dem Kinde ſpielte, und ein kleiner, widerwärtiger Menſch, der vorausging, ward uns zuerſt gewahr. „Nein,“ rief er aus.„Habe ich all mein Lebstage ſo etwas geſehen! Hier ſpielen Nacht und Tag mit ein⸗ ander! Kommt, Ihr Herren, kommt geſchwinde!“ Die Gäſte kamen und ſtimmten ein lautes Gelächter an.— Mir war die Bruſt mächtig bewegt, ich ſchlug die Augen nieder, aber die Hände ballten ſich mir krampf⸗ haft zuſammen, denn ich fühlte, daß das laute Gelächter mir galt; der Knabe aber ſchmiegte ſich furchtſam an mich. „Das iſt ein Raphael und ein Hoͤllenbreughel!“ rief der kleine widerwärtige Kerl noch ein Mal, und ob ich gleich nicht wußte, was es bedeuten ſollte, ſo fühlte ich doch, daß es mir zum Hohne und Schimpf geſagt ſei. Gewiß wäre ich aufgeſprungen und hätte ihn zur Rede geſtellt, aber das Kind klammerte ſich feſt an mich, und ſah bittend zu mir auf. Ich bezwang mich und bittere Thränen rannen über meine Wangen. Der kleine Kerl ſah mich nicht ſobald weinen, als er auch ein helles Gelächter aufſchlug und laut rief:„Jetzt ſieht der Wechſelbalg aus wie ein Hexenbild, wie ein wahrhaftes Hexenbild!“ Er lief wie ein Blitz davon in das nahegelegene Luſthaus und kam mit einem Spiegel zurück, den er mir vorhielt und dabei ausrief:„Da ſchau hinein, und ſage mir in Wahrheit, ob's ein altes Hexenweib in Eurem Dorfe gibt, die ſo toll ausſieht, wie Du?“ Ich fuhr faſt vor dem Anblick zurück, der ſich mir varbot. Früher hatte ich mich um mein Ausſehen durch⸗ aus nicht gekümmert; aber wie ich mich daſitzen ſah, neben dem ſchönen Kinde, das gerade ſo ausſah wie die lieben Engel auf dem großen Altonaer Kirchenbilde, da ergriff mich eine tiefe und unendliche Wehmuth; ich fühlte, daß dieſe Häßlichkeit, welche die Vorſehung mir aufgebürdet, mir jedes Glück verkümmern und ich keine frohe Stunde haben würde, die nicht durch dieſe trau⸗ rige Erinnerung verleidet werden müßte. Unfähig, mich länger zu halten, riß ich mich von dem Kinde los und ſchlug, bitterlich weinend, die Hände vor das Geſicht. „Herxenkerl! Hexenkerl!“ ſchrie jener widerwärtige Menſch abermals, und reizte die Uebrigen auf, mich zu höhnen, aber mein tiefer Schmerz mochte ihnen doch zu Gemüthe gegangen ſein; es blieb Alles ſtill. Da erſchien die Dame, deren Kind ich das Leben ge⸗ rettet, und mit ihr ein Herr von gar ſtattlichem Anſehn. Sie hatte die letzten Ausrufungen meines Feindes ge⸗ hört, und als ſie mich ſo heftig weinen ſah, fragte ſie ſehr ernſt:„Wer war mit dem Ausrufe gemeint?“ . Der junge Böſewicht deutete auf mich und wollte 1** — Einiges zu ſeiner Entſchuldigung anführen, aber ſie gab es nicht zu, ſondern ſagte:„Dieſem Knaben verdanke ich die Erhaltung deſſen, was für mich auf der Welt einzig und allein noch Werth hat; ich hoffe, daß Keiner, der mein Haus beſucht und dem meine Achtung noch irgend etwas gilt, dies jemals vergeſſen wird.“ Dieſe Worte brachten auf einmal eine ganz andere Wirkung hervor, und ich ward der Gegenſtand vieler Lobeserhebungen und Liebkoſungen; es war Niemand, der meine That nicht rühmte oder mir irgend etwas Angenehmes erweiſen wollte. Nur der junge Menſch, der ſo bitteren Spott über mich ausgegoſſen hatte, ſtand ſeitwärts und maulte. Er ſah mich mit einem vernich⸗ tenden Blicke an, und ſein flammendes Auge ſchien ſagen zu wollen:„Das gedenke ich Dir!“ Die Dame hatte unterdeſſen mit ihrem vornehmen Begleiter geſprochen und dieſer kam jetzt zu mir:„Wir wollen etwas für Dich thun,“ ſagte er mit einer ſtarken, wohltönenden Stimme,„um Dich für Deine That zu belohnen. Denke nach, was Du in der Welt werden willſt, und wir wollen Dir beiſtehen, es zu erreichen. Oder hätteſt Du ſchon daran gedacht? Sprich!“ Bei dieſer Aufforderung wurde mir ſonderbar zu Muthe. Als mich der Fremde mit ſeinen klaren Augen feſt an⸗ blickte und ſeine kräftige Stimme erklang, fühlte — ich keinerlei Furcht, aber ein mächtiges Gefühl ergriff mich, ich begriff, daß dieſer Augenblick für mein ganzes Leben entſcheidend ſei. Mein Blick fiel zufällig auf das Kind, das mir die Erhaltung ſeines Lebens verdankte; das führte mich auf den Strom, und von dem Strome auf die großen Schiffe, die ihn befuhren und die ſo oft der Gegenſtand meiner Sehnſucht waren. Und wenn ich ſie an mir vorüber ziehen ſah und erblickte auf dem Vorderdeck den Bootsmann, wie er Alles anordnete, Be⸗ fehle ertheilte und ſelbſt Hand anlegte, während der Capitain und ſeine Officiere müßig auf dem Halbdeck ſtanden, dann empfand ich einen großen Reſpekt vor einem ſolchen Meiſter des Kabelgats, und mein kühnſter Traum war es, auch einmal eine ſolche Stelle einzu⸗ nehmen. Dies Alles fiel mir jetzt ein, und ich antwor⸗ tete mit lauter Stimme:„Bootsmann will ich werden!“ Der Fremde lächelte:„Das geht ſo ſchnell nicht, mein Sohn; wer Officier des Kabelgats ſein will, muß erſt lange als Kajütenjunge und Halbmatroſe dienen; aber wenn Du Luſt haſt, Seemann zu werden, ſo glaube ich wohl, daß ich Dir dazu behülflich ſein kann. Wie heißeſt Du?“ „Am Tage Emanuel lag ich auf des alten Hiob's Schwelle,“ antwortete ich,„darum heiße ich Emanuel.“ „Es iſt ein Findling, ein unglückliches, ausgeſetztes — Kind!“ ſagte die Dame zu ihrem Begleiter.„Er iſt ganz verlaſſen und rettete meinen Edmund; er hat alſo doppelten Anſpruch auf meine Dankbarkeit.“ „Wir werden Alles thun, um Sie zufrieden zu ſtellen,“ ſagte der vornehme Herr, indem er der Dame den Arm bot und ſich gegen die übrige Geſellſchaft verneigte; dann ſich zu mir wendend, rief er lachend:„Adieu, kleiner Bootsmann, und hier etwas zum Ankauf der ſilbernen Kette und der Pfeife.“ Er warf mir eine Börſe zu, worin ich zu meinem Erſtaunen mehrere Goldſtücke erblickte, und entfernte ſich mit allen Uebrigen. Ich war ſehr bewegt zurückgeblieben und verſank in ein tiefes Nachdenken, aus welchem ich erſt nach einer Pauſe durch ein Geräuſch aufgeſchreckt wurde. Ich blickte auf und ſah den albernen Kerl vor mir, dem ich ſchon ſo vielen Verdruß verdankte. Unwillkührlich fuhr ich vor ihm zurück und lachend rief er aus:„Kleiner Hexen⸗ kerl! Bvotsmann willſt Du alſo werden? Weißt Du, wie Du in Zukunft heißen ſollſt? Hexenbootsmann! Hexenbootsmann!“ Außer mir vor Wuth griff ich nach einem ſchweren Steine, der vor mir am Boden lag. Mein Arm war bereits ſtark und ich war auf Werfen eingeübt. Ob⸗ gleich ich zitterte, fehlte ich doch des Zieles nicht, und der Stein flog ſo geſchickt, daß er die Bruſt des Geg⸗ — ners traf und dieſer heftig zurücktaumelte. Ich war viel zu erregt, um die Folgen zu überdenken, ſondern griff vielmehr nach einem zweiten Steine, um mein Rachewerk fortzuſetzen, aber der Getroffene, der meine Abſicht merken mochte, lief davon und rief mit kreiſchender Stimme: „Hexenbvotsmann! das gedenke ich Dir!“ Als ich nach einiger Zeit, die ich einſam im Garten zubrachte, von Edmund's Mutter Abſchied nahm und ihr den Vorfall erzählte, antwortete ſie ernſt:„Ihm wider⸗ fuhr ſein Recht; aber ich wollte, es wäre nicht geſchehen. Du haſt Dir den Sohn eines mächtigen Mannes zum Feinde gemacht und es kann von üblen Folgen für Dich ſein. Rechne aber ſtets auf mich und auf den Beiſtand des Herrn, der vorhin mit Dir geſprochen hat.“ Als ich ſpäter nach dem Dorfe zurückkehrte, ging ſchon ein Theil dieſer Vorherſagung in Erfüllung; denn als ich mich ſehen ließ, erfuhr ich ſogleich, daß mein Feind ſchon hier geweſen war und Unkraut geſäet hatte. Mit voller Hand theilte er Schillinge aus an die Jungen, die eben aus der Schule kamen, und lehrte ſie, was ſie dafür zu thun hätten. Sie jauchzten laut auf, denn es galt ja dem widerwärtigen Emanuel ein Bein zu ſtellen. Als ich erſchien, wurde ich von allen Seiten umringt und der Ruf:„Hexenbootsmann! Herenbvotsmann!“ ſchallte mir entgegen; ich war wehr⸗ los gegen die Menge und mußte ihren Hohn dulden. So ging es fort bis nach Hauſe. Mein Pflegevater glaubte, ich hätte den Aufruhr angezettelt, und wollte mich züchtigen. Er gab ſich erſt zufrieden, als ich ihm meine Goldſtücke zeigte und ſie mit ihm theilte. Aber ſobald ich mich auf der Straße ſehen ließ, hörte ich den mir ſo widerwärtigen Ruf, und da ich nicht im Stande war, meine bittere Empfindlichkeit zu unterdrücken, reizte ich die Jungen noch immer mehr gegen mich auf. Einige Male machte ich von der Stärke meines Armes Gebrauch, und die Gemißhandelten liefen heulend und ſchreiend nach Hauſe. Dadurch nahm ich auch die Erwachſenen gegen mich ein und es währte nicht lange, daß Jedermann mir im Orte feindlich ge⸗ ſinnt war und die alten Weiber bei meinem Anblick ein Kreuz ſchlugen, als ob ich der leibhaftige Gott ſei bei uns geweſen wäre. Da kam zur rechten Zeit ein Bote, der mir den Beſcheid ertheilte, daß ich mich an Bord des Hambur⸗ ger Schiffes„Roſenbaum“ begeben ſollte, das von dem Capitain Falk kommandirt wurde. Ich nahm ſchnellen Abſchied von meinen Pflegeältern, und ging dann zu der Dame und ihrem kleinen Edmund, der mich gar nicht von ſich laſſen wollte. Meine Wohlthäterin ſagte, ſie habe für meine Ausſtattug geſorgt und ich würde — Alles am Bord vorfinden. Als ich zum Dorfe hinaus⸗ ſchritt, riefen mir die muthwilligen Buben noch ihr „Herenbvotsmann“ nach. Ich habe dieſen Schimpf⸗ namen während meines ganzen Lebens tragen müſſen. Die Kajüte. Meiſter Emanuel ſchreibt weiter: Die erſten Seiten meines Loggbuchs handeln von den früheſten Ereigniſſen meines Lebens bis zu dem Beginn meiner Abenteuer und Seefahrten; das gegen⸗ wärtige Blatt ſoll erzählen, wie und wo ich mir, nach Beendigung derſelben, eine Heimath ſuchte und fand. Mit Thränen in den Augen verließ ich das Schiff, mit welchem ich zuletzt aus tropiſchen Ländern heimge⸗ kehrt war. Ich ſetzte meinen Fuß in das Dorf, wo ich die erſte Spur meines Daſeins auffinde, und wollte hier meine Tage beſchließen. Warum iſt doch dies Neumühlen, das ſich ſo lieblich am Fuße des Berges ausdehnt, ſo ſchön, und hatte doch für mich nicht eine frohe Stunde? Ich ging von einem Hauſe zum andern; überall fremde Geſichter, unbekannte Leute. In dem Garten, wo die ſchöne Dame mit dem ſtummen Edmund gewohnt hatte, war es nun wüſte und leer. Der Eigen⸗ thümer war geſtorben und es hatte Niemand im Dorfe Luſt, ein Hausweſen zu erſtehen, das nur zum Prunk da war und keine Einkünfte abwarf. Zuletzt ging ich in den Krug. Der Wirth, mit mir von gleichem Alter und in der Jugend mein größter Gegner, ſah mich an und ein ſpöttiſches Lächeln flog über ſein Geſicht:„He! He! He! Iſt Er nicht der Hexenbvotsmann? Wo kommt Er denn her? Setze Er ſich, Hexrenbootsmann! He, he, he! Womit kann man dienen?“ Mit einem innern Schauer wandte ich dieſem bos⸗ haften Geſellen den Rücken und pilgerte weiter längs dem Strande nach Altona. Es war trübes Wetter, der Wind hatte die Elbe mächtig aufgeregt und ein feiner Sprühregen ſchlug mir in's Geſicht. Es ſtimmte vollkommen mit meiner trüben Sinnesart überein. Ich erreichte die Stadt. Gleich bei'm Eintritt in dieſelbe gelangte ich an ein wüſtes und unheimliches Werft, auf welchem ein halbverwitterter, hölzerner Schuppen ſtand, der kaum ein dürftiges Obdach und einen ſehr unvollkommenen Schutz gegen die empörten Elemente darbot. Aus der vorbeifließenden Elbe ſchoß ein hoch⸗ gelegener Helgen bis an die Mitte des Werftes hinauf, aber der Umſtand, daß er am obern Ende dicht mit Moos bewachſen war, bewies deutlich, daß manches geſegnete Jahr vergangen, ſeit der Kiel eines Schiffes * 6 auf demſelben ruhte. An manchen Stellen keimten einige Grashälmchen aus dem ſandigen Boden hervor; ein neuer Beweis, daß hier ſchon ſeit langen Tagen jede heitere Werkthätigkeit verſchwunden war. Neben dieſem Werfte lag ein altes dreimaſtiges Schiff, das aber ſeine Zeit zur See längſt ausgedient hatte und ein vollkommenes Wrack war. Der Rumpf war mit einer dicken Kruſte von Pech und Theer überzogen, die Ballaſtpforten ſtanden weit auf, und Wind und Regen ſchlugen ungehindert in den Raum. Die wenige Takelage, die noch an den Maſtſtumpfen hing, war verwittert und hing in Fetzen herab. Alle Farbe war weggewaſchen und das blanke Holz von der Sonnen⸗ hitze vielfach aufgeriſſen worden. Dies troſtloſe Bild der Vernichtung paßte vortrefflich zu meiner Gemüthsſtimmung, und als ich eine nahe ge⸗ legene Schenke betrat, erkundigte ich mich genau, welche Bewandtniß es mit dieſem einſamen Werfte habe. Ich erfuhr, daß derſelbe, ſammt dem daneben liegenden Wracke, zu dem Nachlaſſe eines längſt verſtorbenen Schiff⸗ bauers gehöre, daß aber Niemand Luſt habe, ſich mit demſelben zu befaſſen. Mein Plan war bald gemacht. Nach acht Tagen war ich in dem Beſitz des Werfts; der vereinſamte Helgen ward von ſeiner Mooshülle befreit und alle Anſtalten getroffen, das vergeſſene Wrack auf den Stapel zu bringen. Wenig kümmerte ich mich um das Kopfſchütteln und Flüſtern der Leute, und fuhr fort meinen Plan ſo auszuführen, wie ich ihn entworfen hatte und wie er mir täglich lieber wurde. Als das Schiff an der Stelle ſtand, wo ich es haben wollte, ließ ich Leute kommen, die es von außen und innen reinigen und wohnlich einrichten mußten. In den unteren Räumen ſollten die Vorräthe aufbewahrt und die Kajüte des Capitains ſollte mein Aufent⸗ haltsort werden, wo ich meine letzten Lebenstage zu⸗ bringen und von vielen Mühſeligkeiten ausruhen wollte. Das Zwiſchendeck betreffend, hatte ich einen eigenen Plan gemacht. Es gehen gewiß viele Seeleute herum, ſagte ich zu mir ſelbſt, die, gleich dir, beſchwerten Herzöns ſind und von dem Treiben der Menſchen nichts hören und ſehen mögen; aber es bleibt ihnen keine Wahl, denn ſie ſind arm und konnen ſich kein ein⸗ ſames Aſyl ſchaffen. Dich aber, Emanuel, hat Gott mit großer Wohlhabenheit geſegnet; ſo ſei denn dieſen alten Salzwaſſer-Gefährten ein Stab und eine Stütze. Dies ſagte ich zu mir ſelbſt und ließ nun das Zwiſchen⸗ deck der Länge nach in zwei Theile theilen. Zu beiden Seiten wurde eine Reihe kleiner Kajüten gebaut und mit Allem verſehen, was ein nicht verwöhnter Seemann braucht, um ſich am Bord behaglich zu fühlen. Zwiſchen dieſen Kajüten ging ein breiter Gang, der von oben herab durch Patentgläſer ſein Licht empfing und bei ſchlechtem Wetter zum Spaziergang dienen ſollte. Als dieſe Arbeit beendet war, wandte ich mein Augenmerk dem Kabelgat zu, wo ich am Bord der verſchiedenſten Schiffe meine Lebenszeit zugebracht hatte. Dies ſollte eine allgemeine Verſammlungs-Kajüte vorſtellen; zu dem Ende ward in der Mitte deſſelben ein großer Tiſch angebracht und die Stühle um denſelben gereiht. Ja, ich ging in meinem Eifer ſo weit, dieſen Tiſch mit Pfeifen zu belegen und auf jeden Platz einen ſchim⸗ mernden Zinnkrug zu ſtellen, damit er bei dem nöthigen Abendtrunke nicht fehle. In einer Ecke dieſer allge⸗ meinen Kajüte wurde ein Tiſchchen geſtellt und auf denſelben gegenwärtiges Loggbuch gelegt, um darin alle die Begebenheiten aufzuzeichnen, welche die alten See⸗ leute ſich erzählen würden; es ſollte das Leben und die Schickſale alter Matroſen enthalten, die, von der Welt mißachtet, an Bord dieſes Wracks ihre Tage zu beſchließen gedachten, und eine Chronik werden, die das Leben zur See in ſeiner vielfachſten Geſtaltung zeigt. So war denn das Schiff mit ſeinen gaſtlichen Kajüten fertig und harrte der Bewohner. Jan Hellwig. Ich konnte es nicht vermeiden, in der erſten Zeit meines Aufenthalts oft unter Menſchen zu erſcheinen. Der An⸗ kauf des Werfts und der Ausbau des aufgelegten Schiffes hatte in den unteren Theilen der Stadt großes Aufſehen erregt und, mir zum Verdruß, die Aufmerkſamkeit auf mich gezogen. Als ich eines Morgens, bei ſehr trübem Wetter, nach der Elbbrücke ging, landete ein Schiffsvolk, das ſo eben abgemunſtert hatte und in voller Aufregung war. Mit lautem Geſchrei umringten ſie einen hochaufgeſchoſſenen Jungen, der eine blaue Seemannsjacke trug, ſonft aber wenig das Anſehen eines Burſchen hatte, der jenſeit der rothen Tonne eine Zeit lang umhergeſchwommen. Er ſchrie laut, denn die Matroſen höhnten ihn nicht nur und gaben ihm entſetzliche Schimpfnamen, ſie ſtießen ihn auch von einer Seite zur andern und mißhandelten ihn auf alle Weiſe. „Verdammt iſt der Junge!“ ſchrie Einer.„Der Burſche hat während der ganzen Reiſe nichts gethan, als uns im Wege ſtehen, und dafür, daß wir ſeine Arheit thun mußten, hat er die Monatsgage eingeſtrichen.“ „Er hat ſie eingeſackt, aber er ſoll ſie nicht behalten! Ich bin verdammt, wenn er es ſoll!“ ſchrie ein Anderer. „Heraus mit den Speciesthalern, die Du Blutdieb er⸗ halten, damit wir ſie kriegen, denn es iſt unſer recht⸗ mäßiger Lohn!“ Der Junge brüllte laut und ſtellte ſich mit allen Kräften zur Wehre; aber was vermochte er gegen die Menge. Man entriß ihm das Geld und theilte es ju⸗ belnd aus, während man fortfuhr, ihn zu ſchlagen und zu ſtoßen. „Meine Mutter! Meine arme Mutter!“ wimmerte der Junge vor Schmerz und Angſt. „Halte das Maul von Deiner Mutter!“ ſchrie ein bärtiger Kerl mit glühendrothem Geſicht.„Das Weib iſt eine Vettel und ſitzt im Zuchthauſe, während ſie an den Galgen gehbrte. Gleich mache Dein Schandmaul auf und ſage, daß Deine Mutter zu baumeln verdient, weil ſie meiner Schweſter Leinen geſtohlen hat. Willſt Du nicht? So nimm das!“ Er gab dem Knaben mit der geballten Fauſt einen ſo heftigen Schlag, daß dieſer wimmernd zu Boden ſank. Länger hielt ich mich nicht zurück; ich vergaß mein Alter und meinen von Wunden geſchwächten Arm, brach durch die müßigen Zuſchauer und riß den Gemißhandelten vom Boden auf:„Schämt Euch, einen Wehrloſen ſo zu behandeln! das iſt kein Seemanns⸗, ſondern Tollmanns⸗ — Werk! Ein läſſiger Bootsmann muß ſeiner Zeit das Tauende über Euch geſchwungen haben.“ Mein entſchloſſenes Benehmen ſchien ſie Anfangs ein⸗ zuſchüchtern, denn ſie ſahen mich mit ſtarren Augen an; aber Einer aus der Menge erkannte mich, und die Grog⸗ flaſche, aus welcher er ſo eben noch einen herzhaften Schluck gethan, mir nach dem Kopfe werfend, ſchrie er laut:„Hexenbvotsmann! Verdammter Hexenbootsmann! Schlagt den Matroſenquäler todt!“ Wie ein Sturmwind flogen ſie auf mich zu, und un⸗ fehlbar würden ſie ihren Vorſatz ausgeführt haben, wenn nicht die Polizei⸗Soldaten herbeigekommen wären und die Ruheſtörer verjagt hätten, mit ihnen flohen auch die Zuſchauer und ich blieb allein am Boden liegen. Mühſam raffte ich mich auf und der Junge, der noch immer vor Schmerz weinte, ſuchte mir nach Kräften zu helfen. Ihn ſchüttelte ein Fieberfroſt, ſeine Thränen floſſen unaufhaltſam, und abwechſelnd ſtieß er die Worte aus:„Meine Mutter! Mein Geld!“ Ich war ſelbſt der Hülfe bedürftig, aber der Anblick des Unglücklichen rührte mich; ich griff nach ſeinem Arm und uns gegenſeitig ſtützend, langten wir auf meinem Werfte an. Ein helles Feuer, das ich im Kamine an⸗ zündete, lockte meinem Unglücksgefährten ein freundliches Lächeln ab, begierig trank er aus dem dargereichten — Kruge, dann aber ſank er auf die Kiſte zurück, die ihm zum Sitze diente, und fiel in einen tiefen Schlaf. Am Abend, als wir uns Beide erholt hatten und ganz allein neben einander ſaßen, ſuchte ich ihn zutrau⸗ lich zu machen und zum Reden zu bewegen. Es gelang mühſam.„Jan Hellwig heiße ich,“ ſprach er,„und all' mein Lebstage habe ich nicht zur See wollen, ſondern lieber in der Fabrik arbeiten. Aber ſie ſagten Alle, ich könne zur See weit mehr verdienen und meine Mutter erlöſen, darum that ich es, damit ſie aus dem finſtern Loche herauskäme. Aber ſie haben mich von dem erſten Tage bis zum letzten gemißhandelt und mich einen Diebs⸗ jungen genannt, ob ſie mir gleich ſelbſt Alles genom⸗ men! Meine Mutter! Mein Geld!“ „Und was hat Deine Mutter gethan?“ fragte ich. „Weshalb muß ſie im Loche ſitzen?“ „Sie hat geſtohlen,“ antwortete Jan Hellwig leiſe; „ſie hat des David Raßmuß' Schweſter das Leinen ge⸗ ſtohlen und die Nachbarn haben es geſehen.“ Ich wandte mich unwillkürlich ab. Sollte mein erſter Gefährte am Bord der Sohn einer Diebin, vielleicht ſelbſt ein Dieb ſein? Schon wollte ich ihn fortſchicken, aber ein Blick auf ſeine Leidensgeſtalt weckte mein Mitleid auf's Neue und mit ernſter Stimme fragte ich:„Weißt Du auch, mein Junge, weſſen Du Deine Mutter beſchuldigſt?“ —2 Er nickte mit dem Kopfe und fuhr mit dem frühern Flüſtern fort: „Dem Vater und der Mutter iſt es unglücklich ge⸗ gangen ihr Lebenlang. Sie war eines feinen Mannes Tochter und hätte hoch hinaus können, aber ſie liebte meinen Vater, der nur ein armer Schreiber war. Sie heiratete ihn heimlich, und von dem Tage ab wurde ſie aus dem Aelternhauſe verjagt. Sie durfte meinem Groß⸗ vater nie vor Augen kommen, und dieſer alte, böſe Mann wufßte es dahin zu bringen, daß Jedermann meinen armen Vater ſcheel anſah, der dadurch immer mehr in unverdientes Elend gerieth. Da wurde die Mutter mit jedem Tage trauriger, der Vater aber wurde rauh und wild; griff nach der Branntweinflaſche, und wenn er trunken war, ſchlug und ſtieß er nach uns. So dauerte es lange Zeit fort bis mein Vater ſtarb. Bleich und kalt lag er da, aber wir waren ſo arm, daß wir nicht ein Hemd hatten, um es ihm anzuziehn. Da faßte ſich die Mutter ein Herz; laut weinend ging ſie hinaus nach Ottenſen, wo der Großvater auf ſeinem ſchönen Land⸗ ſitze wohnte; ſie warf ſich ihm zu Füßen, aber er ſtieß ſie von ſich und gerieth in einen ſo heftigen Zorn, daß er vom Schlage getroffen zu Boden ſank. Die Ver⸗ wandten, welche bei ihm lebten, kamen herbei, erzürn⸗ ten ſich ſehr über die Mutter, maßen ihr die Schuld . S Verbrechen begangen hätte, von denen ich doch nur hörte, und fiel ohnmächtig hin. Als ich wieder erwachte, ſah ich den Bootsmann vor meiner Koje ſtehn.„Nun endlich,“ rief er,„das hat drei Tage und drei Nächte gedauert, und Ihr habt im argen Fieber gelegen. Und was Ihr für tolles Zeug geſchwatzt habt, die ganze Zeit hindurch, von Mord und Todſchlag und Krieg und Peſtilenz! Gott ſei mir gnädig, aber es war mir, als ob Ihr Euer bischen Verſtand nicht wiederfinden würdet. Und ver⸗ dächtig war's, daß Ihr juſt gerade bei einer Gebetſtelle umfielt, wo es heißt, daß Gott geleſen hat, was in unſerm Herzen verzeichnet ſteht. Hort, guter Freund, Ihr habt doch ein reines Gewiſſen?“ Ich konnte nichts, als einen tiefen Athemzug thun; langſam erholte ich mich, und ſagte, als ich mich mit einem Trunk Waſſer erquickt hatte:„Mit meinem Ge⸗ wiſſen bin ich wohl in Ordnung; aber es ſteht mit dem Gewiſſen anderer Leute im Schiffe ſchlecht, und es quält mich, daß ich das weiß.“ Mehr konnte ich nicht ſprechen. Er brachte mich auf das Verdeck, damit ich friſche Luft ſchöpfen ſollte, und des andern Tages fühlte ich mich wieder hergeſtellt. Den Bootsmann aber machte ich zu meinem Vertrauten und erzählte ihm Alles, was ich in jener Nacht gehört hatte. I. 3 „Das iſt eine ſchlimme Geſchichte,“ antwortete er mir,„und ich wollte lieber zehn Jahre Zuckerrohr in den Plantagen ſchneiden, oder den Rumkeſſel feuern, als daß ich hier an Bord gekommen wäre. Aber wir ſind nun einmal da, und müſſen Alles thun, um uns unſerer Haut zu wehren. Zuerſt wollen wir ſchweigen, denn es iſt nicht gut, daß Viele dies Geheimniß wiſſen; die Rebellion bliebe ſonſt nicht eine Stunde aus. Aber wir wollen fleißig nachdenken, wie wir dem kommenden Uebel ſteuern. Wem zuerſt etwas einfüllt, der ſoll es dem Andern mittheilen.“ Dies war ich zufrieden, und wir gingen ausein⸗ ander, Jeder an ſein Geſchäft. Während dies Alles vorgefallen war und mein Herz ſchwer beklemmte, hatten wir fortdauernd einen ſchönen, ſonnenklaren Himmel über uns, und eine friſche Kühlte trieb das Schiff luſtig dahin. Unſere Paſſagiere machten ſich dies zu Nutze und waren den ganzen Tag und einen großen Theil der Abende auf dem Verdecke anzutreffen. Es ſah gar rührend aus, wenn ſie Alle ſo zuſam⸗ men waren, und das Herz tanzte vor Luſt. Das ehr⸗ würdige Haupt des Vaters war mit ſilberweißen Locken gekränzt und in ſeinem Geſichte lag Etwas, das zugleich ausſah wie Vornehmheit und Milde. Neben ihm ſaß ſeine Frau, eine ältliche Dame mit einem blaſſen Lei⸗ densgeſicht, aber mit gar frommen Augen und auf der Stirn wohnten Geduld und Barmherzigkeit neben ein⸗ ander. Beide ſaßen immer Hand in Hand zuſammen; ſie ſprachen nur ſelten, aber wenn es geſchah, ſo waren es Worte der Liebe und der Güte. Neben der Mutter ſtand der Sohn, ein blühend ſchöner Junge, der hatte den Arm um den Nacken der Mutter geſchlungen, als wollte er ſagen:„Fürchte dich nicht, mein Arm iſt ſtark genug, dich zu halten!“ Und ſie ſah zu ihm auf; ſie ſchien ſeine Gedanken zu errathen, und ihr Auge ſagte:„Ich weiß es, mein Sohn, und bin ruhig!“ Zu den Füßen des Vaters ſaß auf einem Schemel die Tochter. Ach, das war ein gar zu reizendes Kind! Es ſind nun viele, viele Jahre ſeitdem vergangen, und ich könnte ſie doch Zug für Zug beſchreiben. Sie hatte es uns auch Allen am Bord angethan, und ich glaube, wenn ſie uns mit ihren großen blauen Augen ange⸗ ſchaut, und mit der Hand nach der See zugewinkt hätte, wo der goldene Crocus auf dem dunkelblauen Waſſer ſchwamm, wir wären geſprungen, um ihn aufzufiſchen. Aber ihr kamen ſolche Dinge nicht in den Sinn, denn ſte war fromm und demüthig; ſie hatte den Arm auf das Knie des Vaters geſtützt und ſah voll Liebe und Freundlichkeit zu ihm auf. 3* 5 Zwei Stunden lang hatte ich die Steuertaille regiert, und mehr auf die Paſſagiere, als auf den Compas ge⸗ ſehen, weßwegen das Schiff auch oft vom rechten Cours abgierte. Jetzt wurde ich abgelbſt, und ich ging an den Paſſagieren vorüber, nicht ohne einen freundlichen Gruß von Allen zu empfangen. Der Steuermann fragte mich höhniſch, wo ich es gelernt hätte, ſo allerliebſt zu katzenbuckeln; aber ich antwortete ihm nicht, ſondern ſagte zu mir ſelbſt:„Und dieſe braven Menſchen, die ſo gut und lieb neben einander ſtehen, und ihr Lebe⸗ lang gewiß nicht das geringſte Böſe gethan haben, ſollen gemordet werden, und wir vielleicht Alle mit, um der boshaften Habſucht zweier Verbrecher willen, die ſo böſe Dinge gethan haben, daß ſich das Haar ſträubt, und das Blut zu Eis gerinnt? Nein, das kann Gott nicht zugeben, er wird es zu hindern wiſſen. Und wenn es wäre, daß er mich zu ſeinem Werk⸗ zeuge erſehen hätte, darum, weil er es fügte, daß ich Alles mit anhören mußte, ſo will ich ſein Gebot er⸗ füllen, und mich nicht abſchrecken laſſen.“ Solche gute Vorſätze faßte ich jenes Tages. Eine lange Zeit verging nun, ohne daß ſich etwas Beſonderes ereignete. Die Leute hatten die Sandfäſſer und Steinkiſten längſt vergeſſen, oder ſie ſprachen doch nicht mehr davon; die Matroſen ſind leichtſinniges Volk und wenn es gegen das Ende der Reiſe geht, denken ſie nur daran, wie ſie bald an's Land kommen und ihre Heuer vergeſſen wollen. Aber der Bootsmann und ich behielten Alles wohl im Herzen und gedachten zu ſeiner Zeit genau Acht zu haben. Dazu war es nun an der Zeit, denn alle Anzeichen waren vorhanden, daß wir in der Nähe des Canals waren, und Cap Lezart ſich nicht fern von uns befinde.„Dann wirſt du ſehen,“ ſagte der Bootsmann,„daß wir nicht hin⸗ über ſteuern, nach der franzöſiſchen Küſte zu, ſondern es wird nordwärts gehalten, und dann ſei Gott unſerer armen Seele gnädig, wenn wir es nicht hindern können, oder, um es zu hindern, Mord und Todſchlag begehen müſſen.“ „Und wenn wir es müſſen,“ antwortete ich raſch, „ſo wird Gott die Sünde von uns nehmen, denn es handelt ſich hier um Leib und Leben; wer mich todt⸗ ſchlagen will, dem ſtoße ich ein Meſſer in das Herz.“ So hatte ich kaum geſprochen, als der Capitain vom Halbdeck her meinen Namen rief. Ich lief zu ihm und er ſagte:„Höre, mein Mann, ich habe noch nicht mit Dir davon geſprochen, aber es war doch ſonderbar, daß Du wie todt hinfielſt, als ich aus dem Gebetbuche las, daß Gott aus dem Herzen des Menſchen ihre Miſſethat herausleſen könne. Ich denke, Robert, es muß zu jener Stunde etwas Gefährliches in Deinem Herzen aufgewacht ſein.“ Da kam mir zur rechten Stunde der Gedanke, dies ſei Gottes Finger, und ich beſchloß, mich fügſam zu zeigen, um mir ſein Vertrauen zu erwerben, und dann ſeine Plane vereiteln zu können. Ich ſagte alſo:„Je nun, Capitain, es fehlt manches in einem Loggbuche, was nicht Jedermann leſen ſoll, und ich denke, ein Matroſe, der ſonſt ſeine Pflicht thut, hat nicht nöthig, zu offenbaren, was auf frühern Reiſen geſchehen ift.“ „Nein, Junge!“ entgegnete er raſch.„Dies Alles geht mich gar nichts an. Deine Geheimniſſe kümmern mich nicht, aber Du biſt muthmaßlich ein ſchlauer Burſche und das käme mir gelegen. Du weißt, der Steuermann Joſias liegt nun ſchon ein Paar Tage lang in ſeiner Koje und kann nicht leben noch ſterben. Niemand iſt bei mir, der mir zur Hand geht, und ich brauche doch einen Gehülfen. Da wollte ich Dich zu mir in die Kajüte nehmen, Du ſollteſt von meinem Tiſche eſſen, von meinem Wein trinken, und wenn Du klug biſt, wenn Du Dich zu nehmen weißt, läßt ſich auch noch eine Hand voll ſpaniſche Thaler verdienen.“ Da bat ich ſchnell Gott in meinem Herzen um Muth und Stärke, und ſagte dann ſehr erfreut, daß er über mich gebieten ſolle, ich würde gehorchen, ohne viel zu fragen, und wenn ich mich mit dem Gott ſei bei uns! ſelbſt herum zauſen müßte. Da lachte er hell auf, und das Erſte, was er mir befahl, beſtand darin, daß ich mit ihm in die Kajüte hinuntergehen ſollte, um eine Pfeife zu rauchen und eine Flaſche Wein zu trinken. Wie wir nun miteinander zechten, und er bald einen Rauſch davon trug, denn er trank viel und haſtig, ſagte er mir alle ſeine Teufeleien, und daß ich ihm behülflich ſein müſſe, ſie auszuführen. Er traue dem Joſias nicht über den Weg, und es ſei ihm ganz recht, daß er vyn ſeiner Krankheit nicht wieder geneſen werde. Als ich ihn fragte, wie er deſſen ſo gewiß ſein könne, lachte er und meinte, das käme vielleicht daher, weil derſelbe aus einer verkehrten Flaſche der Lappdoſe (Schiffsapotheke) einige Tropfen erhalten habe. Er hatte dies ſo laut geſprochen, daß Joſias, der ſich in der nahen Steuermanns⸗Kammer vor Schmerzen krümmte, es gehört hatte. Trotz der Leiden, die er erduldete, ſchlug er eine ſchreckliche Lache auf, dann raffte er alle ſeine Kräfte zuſammen, ſprang von ſeinem Lager auf und kreiſchte:„Giftmiſcher! Du ſollſt mit mir! Alle ſollen es wiſſen!“ Und mit größter Eile lief er die Treppe hinauf, vor Wuth heulend:„Er hat mich vergiftet! Der Hund, der Euch Allen an's Leben will, hat mich vergiftet!“ Die Mannſchaft rottete ſich zu⸗ — 6 ſammen, und Joſias begann wieder:„Er hat...“ Aber der Capitain, der ihm nachgeeilt war, faßte ihn mit der Hand an der Kehle und würgte ihn. Nun rangen ſie miteinander, und die Matroſen ſtanden müßig da, um zu ſehen, wie ihre beiden Kajüts⸗Officiere ſich balgten. Die Paſſagiere aber, die noch auf dem Verdecke waren, ſchrien laut auf; der Sohn wollte die Kämpfenden auseinander bringen, aber die ſchöne Schweſter gab es nicht zu und ſank ohnmächtig hin, welches Ereigniß einen Augenblick die Aufmerkſamkeit von den Kämpfenden abgelenkt hatte; dieſe waren dem Reiling nahe gekommen; plötzlich kreiſchte Joſias laut auf, dann hörte man einen dumpfen Fall. Entſetzt ſchrie Alles auf; Joſias war verſchwunden, und der Capitain ſtand bleich wie der Tod mit ausgeſtreckten Armen, als wollte er irgend etwas ergreifen; das dauerte etliche Secunden, dann ſchrie er:„Mann über Bord!“ Und als er dies geſagt hatte, ſchwankte er nach dem Eingange der Kajüte. „Er hat den Joſias, er hat den Steuermann über Bord geworfen!“ murmelten ſie unter einander, und wir lehnten uns über die Galerie, um irgend etwas zu erfahren. Während deſſen lief das Schiff mit einer Schnelle von neun Knoten Fahrt. Der Abend brach ſchon mächtig herein und die Dämmerung lagerte bereits auf den Wellen. Die Paſſagiere waren vom Verdecke verſchwunden, überall bildeten ſich Gruppen; ich ſprach mit dem Bootsmann; er erfuhr, welche Anerbietungen der Capitain mir gemacht und was ich von dem Be⸗ rauſchten noch Alles erfahren haben würde, wäre nicht der Joſias gekommen. Trübe Gedanken überkamen uns, wir wußten nicht, was wir beginnen ſollten, und äußerten unſere Zweifel, ob wir nicht ſchon wirklich bei Norden von England wären, für welchen Fall wir einen ganz falſchen Cours ſteuerten. Da trat der junge Paſſagier zu uns heran und ſagte:„Was geht hier vor? Redet! Sind wir bei ehrlichen Leuten, oder bei Banditen? Was habt Ihr im Sinne?“ Als wir hierauf nicht gleich zu antworten wußten, fuhr er dringender fort:„Sprecht, meine Männer! Seid Ihr Piraten? Für das Leben meiner Aeltern und meine Schweſter iſt mir nichts zu theuer; Ihr ſollt Alles haben, was wir beſitzen, nur thut ihnen kein Leides und ſetzt uns an einem einſamen Küſtenſtrand aus! Schont nur ſie. Und wenn Ihr es nicht wollt, ſo ſagt es, und Ihr ſollt ſehen, daß ich keine Memme bin; bis zum letzten Blutstropfen will ich ſie ver⸗ theidigen.“ „Herr, wir ſind keine Piraten!“ war Alles, was ich ſprechen konnte. 3** — „Wenn Ihr wahrhaft ehrliche Männer ſeid,“ ſagte er,„und Eure Geſichter bezeugen's, ſo ſagt mir, was geht hier vor am Bord, und was war das ſo eben für ein fürchterliches Schauſpiel?“ „Herr, es iſt eine ſchwere Zeit!“ ſprach ich lang⸗ ſam, der Bootsmann aber fiel mir in's Wort:„Robert, das iſt ein feiner, junger Mann und mit geiſtigen Gaben geſegnet. Leicht weiß er einen Rath, wo wir nichts ergründen köͤnnen. Ich dächte, wir ſagten ihm Alles!“ Ich war es zufrieden, und es blieb ihm nichts ver⸗ borgen von dem, wäs wir wußten. Bleich und athem⸗ los hörte er es an und murmelte dann vor ſich hin: „Das iſt ſchrecklich!“ Während deſſen hatte ſich um uns her Alles merk⸗ würdig verändert; es war völlig Abend geworden, dichte Wolkenmaſſen zogen herauf und verkündeten den nahen Ausbruch eines Sturmes. Mächtig rauſchten die Sturz⸗ ſeen ſchon heran, und kein Officier war auf dem Ver⸗ deck, um das Beſte des Schiffes wahrzunehmen. Nach gemeinſchaftlichem Beſchluſſe ging ich in die Kajüte, um zu ſehen, ob ich von dem Capitain irgend etwas über die Lage des Schiffes erfahren konne. Ich fand ihn hinter einer Flaſche Madeira und berichtete, welches Wetter im Anzuge ſei, und wie wir Gefahr liefen alle Maſten zu brechen, oder gar zu kentern. „Deſto beſſer, mein Junge,“ lallte er mit ſchwerer Zunge;„wir laufen um ſo raſcher auf; denn hier bei Norden Englands, im St. George's Canal...“ „Wir ſind alſo wirklich in dieſem ſteinernen Hals⸗ band gefangen?“ „Gefangen, Jüngelchen! Ganz gefangen! Und wenn der Morgen graut, liegen unſere Sandfäſſer und unſere Steinkiſten tief unten im Meeresgrund! Dann gehen wir an's Land und ich nehme die Aſſecuranz und die Franzoſendirne!“ „Wen nimmſt Du,“ donnerte eine klare Stimme, und ich ſah den jungen Mann auf der Schwelle ſtehen. „Die Franzoſendirne! Dein ſchoͤnes Schweſterchen, mein guter Monſieur!“ lallte unſer Capitain; der ſich bereits ganz um den Verſtand getrunken hatte. Mit' der Wuth eines Tigers ſtürzte der junge Mann ſich auf den Capitain, und würde ihn erwürgt haben, wenn ich ihn nicht zurückgedrängt hätte. Der Betrun⸗ kene war zu Boden geſunken, den jungen Mann aber zog ich mit mir fort auf das Verdeck, und hier, den gefahrdrohenden Himmel ſehend, der mit jeder Secunde alle Schrecken eines fliegenden Sturmes auf uns herab⸗ zuſtürzen drohte, rief ich den Leuten zu:„der Steuer⸗ mann iſt über Bord und der Capitain liegt betrunken in der Kajüte, darum legt Hand an und bergt Segel, ——————— ————— eeeeeAte — ——————— 66 wenn Ihr nicht jämmerlich umkommen wollt!“ Zugleich legte ich Hand an's Werk, warf die Falle los, daß die Raaen von oben herabfielen und ſtach die Schooten auf. Mit Eifer fielen Alle darüber her, in jedem Mars wimmelte es von flinken Matroſen; die Segel wurden aufgebaucht und mit dem Beſchlagsſeiſings feſt geſurrt. Aber noch waren die Letzten nicht wieder auf das Verdeck zurückgekehrt, als der Sturm ausbrach und ſich mit ſolcher Heftigkeit gegen den Backbord des Schiffes warf, daß es ſtark ſteuerbord überholte. Während wir in dieſer Weiſe für die Sicherheit des Schiffes ſorgten, war der junge Franzoſe in die Kajüte hinabgeſprungen. Er wollte den Capitain an⸗ fangs ermorden; aber es dnkte ihn grauſamer, wenn er ihn der vollen Rache der Mannſchaft preisgäbe. Darum faßte er ihn ſcharf an, trug ihn mit über⸗ menſchlicher Anſtrengung auf das Verdeck und brachte ihn zu ſich, indem er ihm ohne Aufhören Maſſen von Seewaſſer über den Kopf ſtürzte. Die Matroſen ſam⸗ melten ſich neugierig um ihn; aber ſo groß war der Abſcheu, den die Leute vor ihrem Führer hatten, daß kein einziger Miene machte, dem Treiben des jungen Franzoſen Einhalt zu thun. Dieſer aber winkte Alle herbei und offenbarte ihnen ſämmtliche Greuel, die bereits am Bord begangen wären, und noch begangen werden — ſollten, ehe das neue Tageslicht anbreche. Da fielen den Leuten die Sandfäſſer und Steinkiſten bei, die ihnen einen ſo böſen Schrecken verurſachten und Alle brachen in ein lautes Wuthgeheul aus. Aber durch das Brüllen der Matroſen und des Sturmes tönte laut die Stimme des Bvotsmanns von der Back her:„Brandung! Bran⸗ dung!“ und„Brandung!“ ſchrie auch der Mann am Steuer, der mit dieſem Rufe die Steuertaille fahren ließ und unwillkührlich in die Kniee ſank. Dieſer Ruf lähmte plötzlich jede Kraft; Alle ſtanden, wie vom Blitz getroffen, kein Laut wurde vernommen. Sturm und Strömung trieben uns unaufhaltſam der Brandung entgegen, die von Seecunde zu Seeunde heller auftauchte, ſich immer weiter ausdehnte und uns zuletzt faſt ganz einſchloß. Rath- und hülflos, faſt blödſinnig ſtarrten ſich die Leute einander an, es war Niemand da, deſſen ſchallendes Commandowort, Leben und Be⸗ wegung in dieſe todte Maſſe zu bringen verſtand. Ein⸗ mal verſuchten es der Bootsmann und ich, mit Hülfe aller Hände, die Wendung des Schiffes zu verſuchen; eine Zeitlang arbeiteten ſie mit großem Eifer; als aber die Brandung auch vom Spiegel des Schiffes aus ſicht⸗ bar wurde, entſank ihnen der Muth und die Arme fielen ſchlaff herab. Alles war nun rettungslos verloren, und alle Wuth 62— kehrte ſich gegen den Capitain. Sie warfen ſich über ihn her, er ward vollſtändig zerriſſen und auf das Jammervollſte verſtümmelt in die See geſtürzt. Sein letztes Wimmern war herzzerſchneidend; es durchfuhr jede Bruſt wie glühendes Eiſen. Der junge Franzoſe hatte dieſen Mord mit über⸗ einander geſchlagenen Armen betrachtet und ſagte vor ſich hin:„Du biſt gerächt, meine Schweſter!“ dann aber wandte er ſich an die Mannſchaft und rief ihr zu: „Wenn Ihr das Schiff erhaltet, ſo daß wir irgendwo landen können, zahle ich Jedem von Euch tauſend Dollars; die Hälfte ſollt Ihr gleich empfangen!“ Er fand taube Ohren. Was fragten die Matroſen, die ſo eben ihren Capitain ermordet hatten, nach tau⸗ ſend Dollars? Brächten ſie das Schiff wohlbehalten nach einem engliſchen Hafen, ſo fände ſich dort auch ein Kriegsſchiff mit einem Kriegsgericht und eine Schlinge an der Fockraa. Das lief ihnen durch den Sinn und um es zu vergeſſen, brachen ſie die Bullerei auf, um ſich mit Branntwein zu betäuben. Der junge Franzoſe aber, der rathlos auf dem Verdeck hin und her irrte, ward von einer heftigen Sturzſee ergriffen und über Bord geriſſen. „Gott, die unglücklichen Aeltern!“ rief ich aus, und eilte nach der Paſſagier-Kajüte. Da lagen die 63 beiden Alten, am Boden ausgeſtreckt und waren zum Tode erſchöpft; zwiſchen ihnen aber kniete die ſchone Tochter bleich und unbeweglich, wie eine Marmorfigur anzuſchauen; ſie war ſelbſt hülflos und bemühte ſich vergebens, den Aeltern Hülfe zu bringen. Als ſie mich erblickte, ſprang ſie auf; aber die Er⸗ ſchütterung des Schiffes war ſo heftig, daß ich zu ihrer Unterſtützung herbeikam, und das in meinen Armen hielt, was mir als das Köſtlichſte auf Erden erſchien. „Wo iſt mein Bruder?“ ſtammelte ſie. Ich war nicht im Stande, ihr etwas zu antworten; um keinen Preis hätte ich dem lieblichen Kinde ſagen können, was geſchehen war. Ihre Augen hingen an meinem Mund und als ich nicht ſprach, fragte ſie dringender:„Wo iſt mein Bruder?“ Als ich auch nun nicht antwortete, wurde ſie noch bleicher als zuvor; ſie klammerte ſich feſt an mich an und ſchrie:„Er iſt todt! Sage mir, Mann, daß er todt iſt, und daß jener Böſewicht ihn gemordet hat.“ Als ich dies horte, hielt ich mich verbunden, die Wahrheit zu ſprechen und ſagte, daß ihn die See über Bord geriſſen habe. Die Alten, obgleich ſie unbeweg⸗ lich lagen, hatten doch Alles verſtanden und ich ver⸗ nahm ein herzzerſchneidendes Wimmern. „Mein Bruder!“ rief das Mädchen, und ein Strom von Thränen drang aus ihren ſchönen Augen hervor. In dieſem Augenblicke holte das Schiff ſtark über; vom Verdeck her vernahm man ein verworrenes Rufen; ein entſetzlicher Stoß, der Alles zu Boden riß, traf den Bug; die gewaltigen Sturzſeen warfen ſich über das Schiff hin; ſie riſſen die Kajütspforten auseinander, und in einem Augenblicke ſtand die Kajüte unter Waſſer. Sie lag beſinnungslos in meinen Armen; auch ich hatte nicht die geringſte Kraft, irgend etwas zu über⸗ legen, und handelte ohne Bewußtſein. Oben dachte ich mir Alles beſſer, und das halbtodte Mädchen im Arm, begann ich, ohne der beiden Alten zu gedenken, die Kajütstreppe hinaufzuklettern, ſtets von den ſtark einſtrömenden Waſſern wieder zurückgeworfen. Endlich war ich oben. Ich ſchwankte mit meiner⸗ Laſt, die ohnmächtig in meinen Armen hing, nach dem Gangſpill zu, aber ehe ich es noch erreichen konnte, ward es von den Wellen weggeriſſen. Alles, was aus dem Verdecke hervorragte, war, die drei kahlen Maſte abgerechnet, fortgewaſchen und die Schaluppe, wie das Jollboot von der Brandung zertrümmert. Nur die Barcaſſe war übrig geblieben; mit mehr als menſch⸗ licher Kraft hatten die Leute ſie über Bord gebracht und dieſelbe beſtiegen; ſie arbeiteten mit großer An⸗ ſtrengung, um von dem Schiffe loszukommen. Der Bootsmann gewahrte mich, und rief mir zu, ich ſollte eilen; er würde uns mitnehmen. Ich that, was ich konnte, gelangte aber nur langſam vorwärts. Die junge Dame, in der freien Luft aus ihrer Betäubung erwacht, hatte die Aufforderung gehört, ſie ſchlang die Arme feſt um meinen Nacken, als ob ſie mich zurückhalten wollte und wimmerte:„Nein! Nein!“ „Wir müſſen,“ ſagte ich.„Wenn wir uns retten wollen, iſt keine Minute zu verlieren.“ „So geh!“ rief ſie.„Ich aber bleibe bei den Aeltern. Sie bog ſich zurück und ihre Arme fielen ſchlaff herab. „Hollah, Robert!“ ſcholl es vom Boot her. Noch ein Mal ſuchte ich ſie mit mir fortzuführen, aber vergebens; ſie widerſtand mir lebhaft und ergriff meine Hand:„Führe mich wieder zu den Aeltern!“ rief ſie mit dem Tone der Verzweiflung,„und ich will Alles für Dich thun, was Du nur forderſt; ich will Deine Magd, Deine Dienerin ſein; ja, die Tochter eines Marquis ſoll die Gattin eines armen Matroſen werden.“ „Zum Teufel mit Robert!“ tönte es abermals vom Boot her und dies entfernte ſich vom Schiffe. Bald war es von dem Dunkel der Nacht verſchlungen, und nur die Brandung breitete ſich wie ein weißes Leichen⸗ tuch über unſer Wrack hin. Der große Maſt ſchwankte — 66 das Bugſpriet war gebrochen, der Kiel löſte ſich ab, und die Salzfluth ſtürzte von allen Seiten ungehindert in das Schiff⸗ „Zum Vater! Zur Mutter!“ wimmerte ſie. „Nun, ſo kommt!“ ſagte ich.„Ich habe Euch Euern Willen gethan und meine Rettung um Euret⸗ willen aufgegeben. Laßt es aber gut ſein, es iſt einer⸗ lei, ob ich hier ertrinke, oder dort. Haltet mich nur feſt, ſonſt ſeid Ihr verloren.“ Auf Händen und Füßen kriechend kamen wir all⸗ mählig der Kajüte näher, aber dieſe war bereits ſo voll Waſſer, daß man nicht mehr in dieſelbe gelangen konnte. Nie erblickte ich ein betrübenderes Schauſpiel, als nun die Wellen den Leichnam des alten Mannes faßten und nach dem Eingange der Kajüte ſchlenderten. Die Tochter gewahrte ihn und ſtieß ein furchtbares Angſtgeſchrei aus:„Meine Aeltern!“ dann ſchloß ſie die Augen und lag regungslos neben mir. Als der Tag anbrach, bot ſich mir ein trauriger Anblick dar. Der Himmel war klar, aber einzelne Wolken flogen noch immer mit der Schnelligkeit des Sturmes vorüber. Rings umher ſtarrten hohe Klippen aus dem Waſſer, und darüber hin rauſchte die Bran⸗ dung der unfernen Küſte zu. Der Wind ließ nach un) gewährte uns eine kurze Ruhe. Einige Sonnenblicke ſurn — 65 herab und thaten dem armen Mädchen wohl, das die Augen öffnete, wie nach einem ſchweren Traume. Rings umher trieb allerlei Schiffsgut, Balken, Bretter und Rundhölzer auf der Fluth, und wenn es gegen das Schiff geſchleudert wurde, zitterte dies von oben nach unten. Jeder Augenblick konnte es zerreißen. Ich mußte für uns ſorgen. Um es ungehinderter zu können, ſagte ich dem lieben Kinde, was ich zu thun vorhabe. Sie ließ Alles ruhig mit ſich geſchehen. Einiges Tauwerk hatte ich gefunden, damit band ich ſie an die Trümmer des großen Maſtes, damit die See ſie nicht wegwaſchen könne, wenn ſie allein blieb. Nun tauchte ich in die Kajüte hinab, um, nach ihrem Wunſche, die Leichen ihrer Aeltern zu bergen. Es gelang mir, ſie auf das Verdeck zu bringen; ich be⸗ feſtigte ſie dort wohl, und tauchte dann aufs neue hinab, um zu ſehen, ob ich nicht irgendwo einige Lebensmittel fände. Auch dies gelang. Sie wieß mich zurück, aber ich zwang ſie, etwas Zwieback zu genießen, den ich mit feurigem ſpaniſchen Wein erweichte. Als ſie meinen Willen befolgt hatte, und ich ihr ſagte, es ſei leicht möglich, daß uns ein Fiſcher entdecke, gab ſie zur Antwort, nur mit den Leichen ihrer Aeltern oder nie werde ſie die Trümmer des Schiffes verlaſſen. Acht und vierzig Stunden verharrten wir in dieſer — traurigen Lage. Die See beruhigte ſich mit jeder Stunde mehr, die Brandung trat zurück, das Wrack ſtieg immer höher aus dem Waſſer, aber es war zugleich hinfälliger geworden und drohte zuſammen zu ſtürzen. Meine Unglücksgefährtin war mehr todt als lebendig; ſie ſprach nicht mehr. Selbſt als ich ihr die freudige Nachricht brachte, daß ſich ein Fiſcherboot nahe, ſchlug ſie kaum die Augen auf und flüſterte nur:„Mit den Aeltern!“ Ich war indeſſen, ſobald die Kajüte wieder zugäng⸗ lich geworden, nicht müßig geweſen und fand dort ein eiſernes Kiſtchen mit Papieren und einen Beutel mit Goldſtücken, welche Gegenſtände ich für die Dame ſo⸗ gleich in Beſchlag nahim. Auch Kleidungsſtücke fand ich, zwar durchnäßt, aber uns in unſerm Zuſtande ſehr willkommen. Das Boot kam und bald war ich mit den Fiſchern einig. Sie brachten uns nach einer nahen Hafenſtapt, wo ſich ein franzöſiſcher Conſul befand. Ich erzählte dieſem Alles und übergab ihm dann die Papiere, nebſt —— ug. dem größten Theil des Goldes. Weniges nur behielt ich für mich, um mein Leben zu friſten. Dieſer Herr, der den Namen der Dame aus den Papieren erſehen hatte, und ihre Familie wohl kannte, ſorgte für Alles; er nahm die junge Dame in ſein Haus und ordnete — die Beerdigung der alten Leute an. Nach unſerer Bar⸗ kaſſe wurde geforſcht; ſie war nicht an das Land gekom⸗ men; wir waren die einzigen Geretteten. Nach acht Tagen ſchickte der Conſul nach mir. Ich kam und fand die junge Dame blaß und angegriffen auf einem Ruhebette. Man ließ uns allein. „Robert!“ ſagte ſie mit matter Stimme.„Sie haben mir Ihr Wort ſchön gehalten. Ohne Sie hätten meine Aeltern kein Grab in kühler Erde erhalten; ohne Sie.... aber genug, Sie wiſſen ſelbſt, was Sie gethan haben. Ihre Belohnung....“ „Ach!“ rief ich, über und über roth werdend,„davon ſprechen Sie nicht!“ Sie fuhr fort:„Ich war matt und krank, und in jenen fürchterlichen Augenblicken meiner Sinne nicht mächtig. Dennoch weiß ich, was ich Ihnen verſprochen habe. Wenn Sie es verlangen, will ich es Ihnen halten; fordern Sie und hier iſt meine Hand.“ Ich zitterte heftig. Ich ſollte alſo ihr Mann ſein? Der Mann einer ſo ſchönen, vornehmen Dame? Zuerſt wurde mir zwar freudig zu Sinn, und es war mir, als müſſe ich mit beiden Händen zugreifen; dann aber fühlte ich wohl, nachdem ich ſie noch einmal feſt ange⸗ blickt, es könne nicht ſein. Angſt und Furcht ſtanden auf ihrer Stirn und nicht aus freiem Antriebe, ſondern nur, weil ihr edles Herz keinen Betrug dulden konnte, hatte ſie ſich ſelbſt an ihr Verſprechen gemahnt. So that ich denn einen tiefen Athemzug, blickte ihr treu⸗ herzig in die Augen und ſagte: „Mit nichten, meine ſchöne Dame, gedenke ich von einem Verſprechen Gebrauch zu machen, was Ihr unauf⸗ gefordert und ſehr übereilt ausgeſprochen habt. Ihr ſeid mir nichts, gar nichts ſchuldig, und da ich Euch jetzt in guten Händen weiß, ſo will ich Euch verlaſſen, und für mein weiteres Unterkommen Sorge tragen. Wenn Ihr mir aber etwas zu Liebe thun wollt, ſo geht mir die Hand, und ſagt mir, daß ich als ein braver Seemann meine Schuldigkeit gethan habe.“ Der Conſul war in dieſem Augenblicke wieder ein⸗ getreten. Sie rief ihm entgegen:„Chevalier! Noch nie ſchlug unter einer ſo unſcheinbaren Hülle ein ſo edles Herz. Sie werden Alles thun, was ich nur irgend ſagen kann, und mehr, weit mehr als das: Disponiren Sie über alle meine Mittel!— Und Dir, Robert,“ ſagte ſie plotzlich, leuchtenden Blickes zu mir gewendet,„Dir, edler Menſch, ſage ich jetzt, daß Du treu wie ein Bruder gehandelt haſt, und wie eine Schweſter dem Bruder will ich Dir danken.“ Sie ſchlang ihre Arme um mich, drückte mich feſt an ihre Bruſt und küßte mich innig. „Und nun ziehe hin in Frieden, und ſei glücklich auf Erden. Ich gehe in ein Kloſter, der einzige Ort, der mir noch Frieden bieten kann, nach allem Kummer und allem Elend, das ich auf Erden erfahren habe.“ Sie ging langſam hinaus, gefolgt von dem Conſul, der mir zurief, ich mochte auf ihn warten, er wolle mir noch Vieles ſagen. Ach, ich wollte nichts hören, ſondern eilte fortzukommen und begab mich nach dem Hafen, voll des Vorſatzes, ſobald als möglich dieſen Ort zu verlaſſen. Mittelſt der Goldſtücke, die ich mir mit gutem Gewiſſen angeeignet hatte, ſchaffte ich mir bald eine neue Equipirung, und erfuhr während des Einkaufens, daß am andern Morgen ein Schiff nach Hamburg abſegeln ſollte. Ich eilte zu dem Capitain, und da die Beſatzung ſeines Schiffes vollzählig war, erhielt ich es von ihm, daß er mich für ein Geringes als Zwiſchendecks-Paſſagier mitnahm. Er erhielt mein vorletztes Goldſtück, und als ich ein Paar Tage in Hamburg geweſen war und eine Heuer fand, hatte ich nur noch wenige Schillinge in der Taſche. Ich war ſo ſchnell und ſo heimlich abgereiſt, hatte nur meinen Vornamen kundgegeben und alle meine Verhältniſſe ſorglich verſchwiegen, damit man mir nicht nachforſchen ſollte. Und ſo war es auch beſſer, denn ſie ſelbſt durfte ich nicht als die Meinige betrachten, —— es würde ſie getbdtet haben; mit ihrem Golde aber wollte ich mir mein zerriſſenes Herz nicht bezahlen laſſen. Ich hörte nie wieder etwas von ihr. Aber jetzt noch, nach vierzig Leidensjahren, nach ſo vielen Kämpfen und Schickſalen, ſteht ihr Bild ſo klar und rein vor mir, wie es in jenen verhängniß⸗ vollen Tagen vor mir ſtand. Und wenn es einmal allzuviel wird, und es bricht gewaltig hervor, wenn die Unruhe im Gemüthe wächſt, dann denke ich an ſie und die Stunde des Leidens zieht ſtill vorüber.“ Neue Geſellen. Wenn es manchmal ſtürmte, wenn die Wellen der Elbe lautſchäumend über einander ſich ſtürzten, und die⸗ ſer Aufruhr der Elemente mit meinem unruhigen Gemüthe harmonirte; oder wenn kein Lüftchen ſich regte und der Strom, glatt wie ein Spiegel, vor mir lag, und ich durch dieſe Ruhe der Natur ſelbſt beruhigt, ja zur Freudigkeit geſtimmt ward, dann pflegte ich wohl mein „Waſſerhaus auf feſtem Land“ zu verlaſſen, und das Boot zu beſteigen, was an dem — Fuße des Helgens lag. Immer ſtromab fuhr ich eine weite Strecke, und während Jan Helwig des Schiffes und ſeines Gaſtes wartete, ſuchte ich— kaum weiß ich was,— allein ich war entſchloſſen, vor nichts zurück⸗ zuſchrecken, wäre es auch noch ſo ſeltſam und wunder⸗ bar. Aber, wo kommen auf einem mit feindlichen Handelsſchiffen bedeckten Strome die Abenteuer her? Ich traf ſelten etwas Anderes, als gute, gewöhnliche Leute, die ihrer täglichen Nahrung nachgingen und brachte nichts mit, als vom Rudern ermüdete Arme. So kam ich eines Nachmittags unter dem hohen Elbdeich, den die freundlichen Häuſer von Finkenwerder überragten. Das ganze Dörfchen lag im hellen Son⸗ nenſchein vor mir, und ſeine Bewohner hatten die Sonntagsjacken an. Es war Jahrmarkt. Die Männer jauchzten und ſprangen; die älteren Weiber rauchten ihre Pfeife und tranken mit Zucker verſüßten Wein. Bald befand ich mich im dichteſten Gedränge, auf der großen Diehle des ſtattlichſten Wirthshauſes, wo die Leute, Kopf an Kopf, ſich um eine Gruppe Tänzer drängten, die die ſeltſamſten Verſchlingungen und Touren verſuch⸗ ten, während ihnen der Schweiß ſtromweiſe von der Stirne rann. Nicht lange litt es mich in dieſem Gedränge und ich trat wieder hinaus vor die Thüre, wo ich eine neue . 4 — Gruppe fand, die meine Aufmerkſamkeit erregte. Es waren zwei Männer von ziemlich gleichem Alter, in Seemannsjacken und mit weißen Haaren, die zu ſagen ſchienen, daß ſchon mancher Sturm darüber hingefahren ſei. Sie waren ſehr von einander verſchieden. Der Aelteſte, ein kleines kugelrundes Kerlchen, mit rothem Geſicht und hellen Augen, ſchien ſein Lebelang nichts Anderes gethan zu haben, als Lachen; während ſein Gefährte, bleich und hager, den Kopf vorüber gebeugt, ſich in einer traurigen Stimmung befand. Er war blind. Mit eintöniger Stimme ſang er ein luſtiges Seemanns⸗ lied, das in ſeinem Munde zu einem grauſamen Spotte ward. Das umſtehende Volk ergötzte ſich weidlich daran, und der luſtige Gefährte des Blinden benutzte dieſe günſtige Stimmung, einige Gaben einzuſammeln, die ſparſam genug ausfielen. Als er ſich mir mit demüthig abgezogenem Hute näherte, und mir einen zinnernen Teller vorhielt, auf welchem einige Kupfermünze lagen, warf ich ein anſehn⸗ liches Silberſtück auf, und ſagte:, Es will mich bedün⸗ ken, Schiffsmaat, als ſei dies nicht immer Eure Beſchäf⸗ tigung geweſen?“ „Wahrhaftig, Herr,“ begann er, ſehr erfreut über die reichliche Gabe,„ſo iſt es, und Ihr glaubt nicht, wie wohl es mir thut, durch Euer Geld in den Stand geſetzt zu ſein, daß wir heute nicht mehr die Affen die⸗ ſer Bauernkerle zu ſein brauchen. Euch hat ein guter Geiſt zur rechten Zeit hierher geführt, und ich will nur gleich zu meinem armen Blinden gehen, ihm dies zu verkünden.“ Die Zuſchauer hatten ſich indeſſen verlaufen und wir Drei blieben allein auf dem Platze. Ich ſah, wie der Lacher dem Blinden etwas erzählte und dieſer die Hände dankend aufhob.„Zwei Tage können wir damit auskommen,“ ſagte der Erſte,„und wir brauchen uns für dieſe Zeit nicht zum Gelächter herzugeben.“ Da dieſe beiden Leute meine ganze Theilnahme erreg⸗ ten, ging ich zu ihnen. Der Dicke bewillkommte mich mit einem Kratzfuße und ſagte ſeinem Gefährten, wer ich ſei. Dieſer griff nach meiner Hand und wollte ſie an ſeine Lippen drücken, ich aber gab es nicht zu, ſon⸗ dern ſagte:„Schiffsmaate, Euch muß es wunderlich gegangen ſein, daß Ihr zuletzt auf dieſen Strand gerathen konntet. Wollt Ihr, ſo trinken wir eine Flaſche Wein mitſammen, und es könnte kommen, daß wenn wir näher mit einander bekannt würden, ich Euch einen Vorſchlag thäte, den Ihr nicht zurückwieſet.“ Es war ein wunderlich Stück Lebensgeſchichte, das dieſe beiden, in Sturm und Wellen ergrauten Männer vorbrachten. Im gleichen Alter und Freunde von der 4* — 5 erſten Jugend an, hatten ſie den Dienſt zur See mit⸗ ſammen begonnen. Der Lacher hieß Niklas, ſein blin⸗ der Freund Herrmann. Letzterer ſollte des Niklas Schweſter heirathen, und dieſer hatte gleiche Abſicht auf die Schweſter des Freundes. Die Häuſer der Ael⸗ tern lagen nahe bei einander, und die Felder, die dazu gehörten, waren ſo wenig abgegränzt, daß man nicht ſagen konnte, wo das eine aufhörte und das andere anfing. Da wollten ſie, wenn das Alter ſich einſtellte und ſie dem herrlichen Seeleben den Rücken zukehren müßten, in Ruhe und Eintracht bei einander ſein und in ihren Erinnerungen leben. Aber, der Menſch denkt und Gott lenkt! Eine ſchwere Krankheit zog in's Land; es waren die ſchwarzen Blattern; die beiden ſchönen Bräute wurden zu gleicher Zeit davon befallen, und während Niklas nach Hamburg eilte, eine Heuer rückgängig zu machen, die er mit dem Freunde eingegangen war, um bei den hülfloſen Mädchen zu bleiben, ſaß Herrmann daheim, und ging von einem Häuschen zum andern, um zu tröſten und zu lindern. Da verhängt's der gnädige Gott, daß des Niklas Braut zuerſt ſtirbt. Er drückt der Schweſter mit gepreßtem Herzen die Augen zu und geht zu ſeiner Braut, um hier— wenige Stunden ſpäter— dieſelbe traurige Pflicht zu erfüllen. In dumpfer Verzweiflung ſitzt er neben — der Leiche, bleich, regungslos und ſingt, ſich ſelbſt unbe⸗ wußt, ein geiſtliches Lied vor ſich hin. Wie lange er ſo geſeſſen: er weiß es nicht. Ein heftiger Donnerſchlag weckt ihn aus ſeiner Betäubung, ein Blitzſtrahl folgt; die dunkle Nacht iſt plötzlich taghell, Flammenſchein erleuchtet die Stube. Herrmann eilt hinaus. Das benachbarte Haus ſteht in Flammen.„Niklas Braut! meine Schweſter!“ ruft Herrmann voll Verzweiflung. „Ich kann den armen Leichnam nicht verbrennen laſſen!“ Er ſtürzt hinein und erreicht, durch Rauch und ſprühende Funken nicht zurückgeſchreckt, die Stube. Beſchwert mit der theuern Laſt macht er ſich auf den Rückweg; hinter ihm ſtürzen Balken und Bretter; vor ihm füllt ein Haufen brennendes Stroh vom Boden herab; er eilt durch die Flammen, erreicht die Thür; ſchon naht ihm die eiſig⸗kalte Nachtluft erquickend entgegen, da ziſcht ein glühender Blitzſtrahl aus den Wolken herab, fährt dicht vor dem Unglücklichen in die Erde, und verſenkt ihm das Geſicht. Herrmann ſteht betäubt, dann aber ſchreit er verzweiflungsvoll auf:„Ich bin blind! Allbarm⸗ herziger Gott! Ich bin blind! Als Niklas von ſeiner Reiſe nach ein paar Tagen zurückkehrte, war ſein Haus verloren, ſeine Braut und ſeine Schweſter waren begraben und ſein Freund ruhte erblindet auf fremdem Stroh. Ach, wie haben ſie ſich —— ſo feſt und innig umſchloſſen, wie haben ſie zuſammen ſo ſchmerzliche Thränen des Kummers geweint. „Nun ſteht es feſt!“ ſagte Niklas, den Freund mit tiefer Rührung betrachtend, und ihn an ſeine Bruſt drückend,„nun ſteht es feſt, daß ich nicht wieder jen⸗ ſeits der rothen Tonne gehe. Von Allem, was ich liebte, biſt Du allein übrig geblieben, und Du biſt hülf⸗ los, wie ein neugebornes Kind. Ich bin reich gegen Dich, denn ich habe meine beiden geſunden Augen und Du biſt blind; fortan werde ich Dein Stab und Deine Stütze ſein.“ Herrmann nahm dieſen Liebesdienſt mit ſehr bewegtem Gemüthe an und Beide wohnten jetzt in einem Hauſe. Herrmann ſaß ruhig in ſeiner Kammer, während Niklas fleißig im Garten und auf dem Felde arbeitete. Aber das Glück war nicht mit ihnen; es kam eine große Theuerung in's Land, Hagel und Mißwachs traten ein, zuletzt wurde Krieg. Niklas mußte ſein und ſeines Freundes Eigenthum den Gläubigern überlaſſen, und Beide wurden mit einer magern Summe abgefunden. Bald war auch dieſe verzehrt, und Niklas mußte für den blinden Freund betteln. Und wunderbar! Während Herrmann bei dieſen Unglücksfällen immer trauriger und ſchwermüthiger wurde, ging des Niklas frohe Laune, womit ihn der Himmel reichlich ausgeſtattet, in — Ausgelaſſenheit über, ſo daß ſelbſt Herrmann davon angeſteckt ward und ſich beſtrebte, heiter zu ſein.— Ich, meines Theils, glaube, daß dieſe Luſtigkeit nur eine verſtellte war, um die Leiden des blinden Freun⸗ des nicht noch zu vergrößern, und die Aufmerkſamkeit Derer auf ſich zu ziehen, von Denen er eine etwas reichlichere Gabe erwarten konnte. Er machte ſich zum Narren der Menge, um ſeinen Freund vor Hunger zu bewahren. „Nun, Schiffsmaaten!“ ſagte ich;„ſo nenne ich Euch, wenn Ihr auch gezwungen worden ſeid, von der See auszuſcheiden.„Was Ihr mir da erzählt, klingt wunderbar genug, und es iſt ſo viel Unglück und Trübſal darin, daß ein ſchwaches Menſchenherz es kaum zu faſſen vermag. Sagt mir, würdet Ihr eine Hand von Euch ſtoßen, wenn ſie ſich ausſtreckte, um Euch aus dieſem Elende heraus zu reißen, und an einen Ort zu führen, wo Ihr fortan in Ruhe und Frieden leben könntet?“ Sie ſahen mich an, als ſei das, was ich ihnen verkündete, eine unwahre Geſchichte, denn ſo ſehr waren ſie bereits in Elend verſunken, daß ſie nicht mehr an irgend etwas Gutes für ſich zu denken wagten. Ich bemühte mich nun, ihnen eine Beſchreibung meiner Wohnung zu geben; ſagte ihnen, daß Alles — S bereitet ſei, und daß nur auf die Bewohner meiner Kajüten gewartet werde. Stände es ihnen an, ſo ſollten ſie unbekümmert folgen, ich würde ihnen einen guten Ankerplatz bereiten. Da gab es eine Veränderung mit den Beiden, von der ſie eine Stunde vorher noch keine Ahnung gehabt hatten. Niklas weinte, daß ihm die Thränen über die Backen liefen, aber er lachte zu gleicher Zeit aus vollem Halſe, machte allerlei ſeltſame Capriolen und warf ſeinen getheerten Hut einmal über das andere hoch in die Luft. Herrmann blieb ſtill; ein Freudenſtrahl zuckte über ſein blaſſes Antlitz, er ſank in die Kniee und die Hände emporſtreckend, ſang er mit heller Stimme: Allein Gott in der Höh' ſei Ehr, Und Dank für ſeine Gnade! Wir aber fuhren nach einer Stunde ab, und als ich meinen alten Backsgenoſſen die neuen Ankömmlinge vorſtellte, ſagte ich:„Weiter nichts verlange ich, als daß Ihr Euch gegenſeitig in Liebe und Freundlichkeit begegnet und brüderlich unter einander lebt. Es ſoll dies ein Hafen der Ruhe und des Friedens ſein, worin lebensmüde Seeleute vor Anker gehen können. Trach⸗ tet nun darnach, daß Ihr es nicht zu einem Hafen der Unruhe und Zwietracht machet.“ Dies gelobten ſie mir mit einem ſchallenden Hand⸗ ſchlage. Und ſie haben es ſchön gehalten. Kein Streit fiel vor, ſeit ſie beiſammen waren, und manches verwickelte Geſpinnſt haben ſie aufgewunden, wie es auf den Blät⸗ tern dieſes Loggbuchs verzeichnet ſteht. Eines Abends aber ſagte Niklas:„Hoͤrt, Schiffsmaaten! Es iſt nun ſeit langer Zeit nichts vorgekommen, als traurige Ge⸗ ſchichten, die uns das Herz zerſprengen und das Salz⸗ waſſer aus den Augen pumpen. So laßt uns es denn einmal mit etwas Luſtigem verſuchen, und ſehen, ob nicht Einer von uns die Andern zu einem ergötzlichen Lachen bringen kann.“ Das waren wir gar wohl zufrieden und forderten Niklas auf, ſein Beſtes zu thun. Dieſer aber ſchnalzte mit den Fingern, und nachdem er ſeine Pfeife nochmals angebrannt hatte, begann er ſeine Erzählung. 4** — 38— Die ſeefahrenden Brüder. War einmal ein luſtiges, ehrliches Blut, ein Matroſe von der langen Reiſe, der hieß Yark und war von einer der Nordſee-Inſeln gebürtig, ich weiß nicht mehr, ob von Föhr oder Sylt. Der war frohlich und guter Dinge; ein Burſch, der über den geringſten Spaß eine große Freude hatte, und dem ein großes Leid nicht ſonderlich viel Herzweh machte. Seine Aeltern waren bald nach ſeiner Geburt geſtorben, Verwandte hatte er nicht, oder ſie bekümmerten ſich nicht um ihn, ein fremder Schiffer nahm den ſo eben eingeſegneten Jungen in ſeinem Schiffe auf, und ſo ward die ganze Welt ſein Vaterland. YPark kam nach England und ſah Sally. Das war ein Mädchen wie Milch und Blut, und dabei eben ſo ausgelaſſen und luſtig, wie er ſelber. Die gefiel ihm über die Maßen, und da er ein ſchmucker Burſche war, der etwas auf ſich hielt, ſtets den weißeſten Strohhut und die ſauberſte Jacke trug, ſo gefiel er der Sally nicht minder. Als er daher eines ſchönen Tages an's Land kam, und zwar in der geſegneten Stadt Falmouth, wo Sally in einem Sailors⸗Porterhouſe Schenkmädchen war, reichte er ihr ſeine Hand und fragte nichts weiter 8 — 5 als:„Willſt Du?“— Wenn's auch nur wenige Worte geweſen, die der Seemann geſprochen, ſo hatte das Mädchen ihn doch recht gut verſtanden. Sie ſchlug lachend in die Hand des Lachenden, und es dauerte nicht lange, da mußte ſie the reverend Sim Whyler zuſam⸗ men geben. Einige Wochen ging's gut, und es gab keine glücklicheren Leute, als Yark und ſeine Sally. Aber bald ward dem Einen die Luſtigkeit des Andern zu⸗ wider; ſie lachten nun nicht mehr zuſammen, ſondern ſie lachten einander aus. Da gab es Verdrießlichkeiten über Verdrießlichkeiten;denn ſo zwei laute Glocken zur ſelben Minute ſchlagen, kaun man vor lauter Lär⸗ men die Stunde nicht heraushören. Da kam es dem Yark recht gelegen, daß der Winter ein Ende nahm und das Eis aus dem Fahrwaſſer wich. Yark nahm flüchtig Abſchied von Sally, die mit dieſer Trennung anſcheinend wohl zufrieden war, und ging an Bord ſeines Schiffes, um einen Streifzug nach den Antillen zu machen, der über Jahr und Tag dauern ſollte. Das iſt zwar eine lange Zeit, aber ſie erreicht auch ihr Ende, und als Yark wieder in der Nähe von Fallmouth war, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Soll mich doch wundern, was die Sally macht und was ſich ſonſt verändert hat zu Hauſe.“ Aber die Sally ſagte und that nichts mehr, ſondern ſie war ſelig in dem Herrn entſchlafen und hatte ihrem Eheherrn einen Knaben hinterlaſſen, der Harry geheißen worden und ſeinem Vater tüchtig entgegen blöckte. Anfangs war dem luſtigen Yark doch etwas wunderlich zu Sinne aber weil er eben der luſtige Yark war, ſo vergaß er bald das erlittene Ungemach und der Verluſt war für ihn kein Verluſt. Er nahm das Kind, gab es zu guten Leuten in's Haus und ging dann, von allen Feſſeln befreit, wieder auf die hohe See hinaus. Eines andern Winters befand ſich Mark in Frank⸗ reich, und zwar in der abſonderlich ſchönen und muntern Stadt Marſeille, wo die Leute des Tages im Geſchäft ſo eilig ſind, daß ſie faſt über einander ſtürzen und ſich dann dafür die Nacht bei Geſang und Tanz erholen. Hier wurde nun zwar das Schiff nicht vom Eiſe zurück⸗ gehalten, aber es waren andere Dinge im Wege, die ſeine Weiterfahrt verhinderten, und YPark hatte vollauf Zeit, an's Land zu gehen, um ſich zu amuſiren. Das that er denn auch von früh Morgens bis ſpät Abends, und wenn der Tag dämmerte, ſchien es ihm noch immer zu früh, in ſeine Hängematte zurückzukehren. Auch für die ſchönen Mädchen hatte er ein Auge, aber er hütete ſich wohl, mit ihnen ein ernſtes Wort zu wech⸗ ſeln; denn ſie waren alle ſehr luſtig und ausgelaſſen, ſo daß es nicht fehlen konnte, er mußte dabei ſtets — an die luſtige Sally denken, die doch eigentlich ein kleiner Eheteufel geweſen war. Da fügte es ſich eines Tages, daß er in das Haus eines ehrlichen Fiſchers trat, der hatte eine Tochter mit Namen Juliette, die zeichnete ſich vor allen andern Mädchen ihres Standes dadurch aus, daß ſie viel ſchöner war, und dabei ein ſo ernſtes und geſetztes Weſen hatte, wie man ſelten bei einem jungen Mädchen zu finden gewöhnt ſein mag. Das war eine Erſcheinung, die auf Park einigen Eindruck machte, und indem er ſich mehr mit ihr be⸗ ſchäftigte, ſah er ebenfalls, daß ihr der friſche nordiſche Burſch nicht unangenehm war. Da es dem Wark nun außerordentlichen Spaß machte, irgend etwas zu thun, was ſeiner Natur ganz entgegen geſetzt war, ſo bewarb er ſich mit großer Ernſthaftigkeit um die ſchöne Juliette, und wußte dabei ſich ſo bedachtſam und ſo überlegt zu benehmen, daß das junge Mädchen glaubte, ſie kriegte ein Wunder von einem vernünftigen Mann. So begab es ſich denn, daß Beide nach kurzer Zeit ſelbander vor dem geiſtlichen Herrn ſtanden, der ſie mit großer Salbung zuſammen gab. Yark hielt tapfer aus, und machte ein Geſicht dazu, eiskalt wie Spitz⸗ bergen; als aber der Prieſter Amen geſagt hatte, ſchlug er, zum Erſtaunen der Anweſenden, und namentlich ſeiner jungen Frau, ein lautes Gelächter auf und ſagte: — „Nun iſt's genug mit dieſem Ernſthaftthun, auch halte ich es nicht länger aus. Juliette, mein ſchmuckes Weibchen, gieb mir einen Kuß und laß uns Beide ein⸗ mal aus vollem Herzen lachen.“ „Wie? Lachen?“ fragte beſtürzt die Braut,„und noch obenein an heiliger Stätte?“ Sie wandte ſich mit finſteren Mienen von ihrem luſtigen Herrn Gemahl weg, und die anweſenden Zeugen thaten daſſelbe. „Oho!“ dachte der junge Ehemann,„kommſt du mir ſo, komme ich dir ſo!“ und ging mürriſch an ihrer Seite nach Hauſe. Zu Hauſe ſelbſt kam nun wohl eine flüchtige Ver⸗ ſbhnung zu Stande; das Hochzeitsmahl wurde verzehrt, aber kein Hochzeitsgaſt, ja, nicht einmal der Brautvater, trug einen Rauſch davon; es wurde auch zum Tanz aufgeſpielt, aber die Tänzer hatten bleierne Sohlen; auch ward dem harrenden Ehemann der Eintritt in die hochzeitliche Kammer nicht verwehrt, aber nachdem ſie von innen verriegelt worden, hat man auch nicht ein einziges Gelächter vernommen. Nach der Hochzeit ward es mit jedem Tage trüb⸗ ſeliger, und als das Schlimmſte ſtand zu befürchten, daß Yark bei dieſer ſchweigſamen, ernſthaften Frau ſelbſt das Lachen verlernen würde. Als er dieſen Ge⸗ danken zum erſten Male faßte, wurde ihm brühſiedend —— —— heiß, und er lief zum Hauſe hinaus, ohne dahin zurück⸗ zukehren, ſondern ſteuerte andern Tages ſchon wie⸗ der auf die hohe See, dem fernen Indien zu.„Im Heiraten habe ich kein Glück!“ dachte er,„und es wird für meine Frau und für mich gleich heilſam ſein, wenn wir es Jedes für uns treiben, ſo gut es geht.“ Und von der Zeit dachte er an„die Stumme von Mar⸗ ſeille“ wie er ſie nannte, mit keiner Silbe mehr. Zwei Jahre gingen in's Land, da kehrte das Schiff nach Marſeille zurück und er erfuhr, daß ſeine ernſte, ſchweigſame Frau noch ernſter und ſchweigſamer gewor⸗ den ſei: ſie lag auf dem Kirchhofe. Ein Sohn aber war zurückgeblieben, der hieß Jean, und ſchien alle Neigungen der Mutter geerbt zu haben, was nun gerade nicht geeignet war, ihm die Gunſt des Vaters zu er⸗ werben. Er hatte auch mit großer Eile den Knaben irgendwo untergebracht und verließ dann Marſeille, wahrſcheinlich in der Abſicht, nie wieder dahin zurück⸗ zukehren. Und wieder eines andern geſegneten Winters befand er ſich zu Amſterdam. Es fror ſtark, und da bekannt⸗ lich Schiffe durch anderthalb Fuß dickes Eis nicht ſegeln, ſo hielt er ſich nothgedrungen am Lande auf. „Das nimmt kein gutes Ende!“ ſagte Yark, trüber Ahnung voll, vor ſich hin, als er eine Kammer in dem Hauſe eines Schlafbaas bezog, und es währte nicht acht Tage, als er erkundſchaftet hatte, ſeiner Wohnung gegenüber in dem„Geneverhuis“ befinde ſich ein Schenk⸗ meisje, die er für das ſchoͤnſte Mädchen von Anſter⸗ dam erklärte. Einen Tag ſpäter wußte er, daß ſie Katrine hieß, und am folgenden Morgen war er ſterb⸗ lich in ſie verliebt, am Ende der Woche war er ihr erklärter Bräutigam und gegen das Ende des Monats wurden ſie getraut. Nun traue Einer noch den Schwü⸗ ren eines Seemanns. Park fand auch bald Urſache, ſeinen übereilten Schritt zu bereuen; er war mit ſeiner dritten Frau nichts weniger als zufrieden. Sally hatte nur gelacht, Juliette nur finſter drein geſchaut, Katrine that beides, ja noch ein drittes, aber immer nur erſt dann, wenn es ihr geheißen wurde. Sagte der Mann „Katrine lache ein Mal!“ ſo antworte ſie:„Ja, lieber Mann!“ und lachte ſo lange, bis er es wieder verbot, bei jeder Gelegenheit, es mochte dahin paſſen oder nicht. — Wenn aber Mark ſagte:„Du, heute iſt es mir nicht beſonders gut gegangen, da kannſt Du Deine Flagge einmal auf halbe Stange hiſſen!“ antwortete ſie mit weinerlicher Stimme:„Ja, lieber Mann!“ und dann war auch nicht eher Ruhe von aller Noth und Trübſal, bis er einige tauſend Teufel heraufbeſchwor, um einen Damm gegen die Thränenfluth ſeiner Frau zu errichten, damit er nicht weggeſchwemmt werde, und dann als ein ächter Polterer ſagte:„Ich will zum Satan nicht, daß Du lachen oder weinen ſollſt! Es geht Dich Alles gar nichts an, und Du kannſt, bei der Peſtilenz, für Dich bleiben!“ Dabei ſchlug er mit der Hand auf den Tiſch, daß die Gläſer zitterten und die Pfeifen zer⸗ brachen. Katrinchen aber, dies Muſterbild eines gehor⸗ ſamen Weibes, ſagte abermals:„Ja, lieber Mann!“ und von dem Augenblicke an ließ ſie ihn links liegen, und bekümmerte ſich weder um ſeine guten, noch um ſeine böſen Tage.— Nun wird es wohl kein Menſch dem armen Yark übel nehmen, wenn er damit heraus⸗ platzte, dergleichen blinden Gehorſam könne er nicht aushalten und ſei ſelbſt nicht an Bord eines Linien⸗ ſchiffes zu Hauſe. Darum kam ihm das Thauwetter gelegen, das die Eisdecke brach und die Wogen des Zuyderſee's ſich wieder frei bewegen ließ. Dauerte auch nicht gar lange, ſo ſaß er in dem Kabelgat eines gut gezimmerten Schiffes, das ſeinen Cours nach Batavia richtete und dachte ſobald nicht wieder nach Amſterdam zurückzukehren. Aber endlich mußte es doch geſchehen und vier Jahre nach ſeiner Abreiſe ankerte er zu Hel⸗ voetſtuis. Auf dem Wege nach Anmſterdam dachte er daran, ob ſeine Katrine wohl noch immer lache, weil er ihr kurz vor ſeiner Abreiſe geſagt hatte:„Katrinchen, — 96 lache einmal!“ Aber dieſen Befehl hatte ſie nicht be⸗ folgt, ſondern hatte ſich zur ewigen Ruhe verfügt, doch nicht ohne ihrem Gemahl eine Erinnerung an ſeinen dritten Eheſtand zu hinterlaſſen, in einem drallen Jungen beſtehend, der Hans geheißen war. Park hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als auch dieſen Jungen ſo gut als thunlich unterzubringen, und dann Amſter⸗ dam wieder zu verlaſſen, wo er keine gehorſame Katrine mehr finden ſollte. Eigen war's, daß keine zwei Jahre in's Land gingen, als es ſich ſchon ereignete, daß Yark wiederum einen Winter fern von der See zubringen mußte; diesmal in Kopenhagen. Aber er hütete ſich wohl, ſeine Augen auf die ſchmucken Mädchen der, Stadt zu werfen; er meinte, wer drei Mal in den heiligen Eheſtand getreten, habe ſeine Pflichten für Stadt und Land erfüllt, und wen Gott drei Mal von der mühſeligen Feſſel erlöſt, die zu tragen ein Seemann am wenigſten berufen ſei, der müſſe zum vierten Male geſcheuter ſein, widrigen⸗ falls er verdiene, daß ſeine Plage ewig dauere. Nach und nach zog er ſich ſogar ganz von dem Leben zur See zurück. Er hatte das Glück gehabt, ein Schiff zu bekommen und zwar zu einer guten Zeit, ſo daß er ziemlich viel Geld und Gut erwarb, und dies durch kluge Speculationen anſehnlich vermehrte. Nun — zog er ſich nach ſeiner heimathlichen Inſel zurück, und weil dort ein Thaler immer ſo viel gilt, als ob es ein vierfacher wäre, ſo galt Yark daſelbſt für einen ſehr reichen Mann und hatte einen großen Vaſallentroß um ſich her. Aber ſein Wohlleben konnte doch nicht ver⸗ hindern, daß mitunter trübe Tage kamen, und für alles Geld konnte er das nicht kaufen, was ihm immer mehr zu fehlen begann, nämlich Geſundheit. Da dachte er dann:„Wenn nur Sally einmal da wäre, und lachte tüchtig mit mir, ich meine, es wäre beſſer; oder wenn Juliette ſo ernſt drein ſchaute mit ihren ſchoͤnen Augen, das müßte meinem Herzen wohlthun; oder wenn Ka⸗ trinchen käme und Alles ohne Widerſpruch thäte, was ich ihr heißen würde, es ſtände drum nicht ſchlechter mit mir!“ Nun, die todten Weiber kamen zwar nicht, aber dabei fiel ihm ein, welche Pfänder der Erinnerung ihm dieſe hinterlaſſen, und daß er eigentlich drei Söhne beſitze, vorausgeſetzt, daß dieſe nicht etwa ihren Müttern nachgefolgt wären. Wie es nun mit dem armen Yark immer ſchlimmer wurde, wandte er ſich an einen Rechtsgelehrten. Dieſer beeilte ſich, alsbald die nöthigen Schritte zu thun; und die Erkundigungen ergaben, daß alle drei Jungen friſch und geſund, aber arm wie die Ratten in einem aufge⸗ legten Schiffe wären. Nun bat Yark, man möge ſie — hierher ſchaffen, ehe er ſterbe, damit er ſich an ihrem Anblicke ergötze und ſein Hab und Gut an ſie vertheile. Auch dieſer ſein Wille geſchah, und es dauerte gar nicht lange, da kamen die Burſche alle drei, und Harry, Jean und Hans wurden zu ihrem Vater geführt, der ſie in ſeiner Hängematte empfing. Er betrachtete ſie, nicht ohne einiges Salzwaſſer in den Augen, und ſagte mit zitternder Stimme: „Stellt euch dorthin, Jungens! Einer neben den Andern, und ich will ſehen, ob ihr ſo viel Aehnlich⸗ keit mit euern Müttern habt, daß ich euch erkenne. He, du da mit den ſchelmiſchen Augen, und der bleichen Stirn, biſt du nicht der Harry aus Falmouth?“ „Ves, Sir!“ ſagte Harry. „Und du dort, mit dem braunen Geſichte, den dunklen Augen und den Falten auf der Stirn, biſt du nicht der Jean aus Marſeille?“ „Oui, Monsieur!“ entgegnete Jean. „Und du dort, mit den blonden Haaren, und dem breiten, vollen Geſichte, worauf nichts zu leſen ſteht, biſt du nicht Hans von Amſterdam?“ „Ja well, Mynheer!“ antwortete Hans. Park freute ſich nicht wenig, daß er Alles richtig gerathen habe und ſeine Meinung, daß er ein tüchtiger Menſchenkenner ſei, vergrößerte ſich um ein Bedeuten⸗ „ des. Er ließ ſeine Augen mit großem Wohlgefallen über die drei ſchmucken Burſche hingleiten, und fragte dann:„Ich will wiſſen, was ihr in der Welt anſtellt, und was aus euch geworden iſt. Antwortet mir raſch, Einer nach dem Andern.“ Der Engländer, der die Gewohnheit hatte, wie alle ſeine Landsleute, immer der Erſte in der Schüſſel zu ſein, antwortete raſch:„I am Sailor, Sir!“ Der Franzoſe, ſtets eiferſüchtig auf den Briten und nie geneigt, ihm die Vorhand zu laſſen, fiel raſch ein:„Marinier, Monsieur!“ Hans aber, der, wie alle Holländer, immer Zeit genug hatte, ſagte ganz bedachtſam:„Matros, Mynheer!“ Das war nach Mark's Sinn, und er ſagte ſchmun— zelnd:„Very good! Bon! Dat s' well!“ mit diplomati⸗ ſcher Gewandheit Jedem in ſeiner Landesſprache ant⸗ wortend. Wenn ſich vielleicht Jemand wundert, daß die drei Jungen, dem Vater gegenüber, ſich ſo ſteif hielten, ſo ſei ihm geſagt, daß ſie von Mark's Vaterſchaft nicht das Geringſte ahnten, ſondern in ihm einen Mann ſahen, zu dem ſie, Jeder für ſich, berufen waren, weil er die Abſicht hatte, ihnen Gutes zu thun. Als er nun mit ſich im Reinen war, kroch er aus ſeiner Hängematte und ſchleppte ſich mittelſt eines Stockes — zu einem großen Stuhl, worin er Platz nahm, und ſeine Jungen fragte, ob ſie auch ein Glas Grog trän⸗ ken? Als dieſe Frage bejaht wurde, ſchaffte man die nöthigen Flaſchen und Gläſer herbei, worauf ſich Jeder ſeinen Grog miſchte, Yark nicht ausgenommen, ob es ihm gleich der Arzt verboten hatte. Er hielt auch nicht viel von den Aerzten. Wie nun die Vier beim Glaſe zutraulich wurden und der Alte, nach einem Zuge von ſechs Knoten Fahrt mit angenehmer Backstagsbriſe, ſein Glas niederſetzte, ſagte er:„Nun, Jungens, ich will's Cuch nicht länger verhehlen, ihr ſeid alle Drei Brüder!“ Die Jungen ſchüttelten mit dem Kopfe. ſi rief Park betheuernd.„Jeder von Euch hat ſeine beſondere Mutter, aber den Vater habt ihr gemeinſchaftlich.“ Die Jungen ſchüttelten mit dem Kopfe. „Sage euch, ihr habt alle Drei nur einen Vater,“— hier ward YPark roth, ob aus Schamgefühl, oder vom Grog, iſt nicht wohl zu ermitteln,—„der ſich frei⸗ lich bisher nicht ſonderlich um euch bekümmert hat, der aber den Vorſatz faßte, ſo viel als möglich wieder gut zu machen, und kurzum, dieſer Vater bin ich.“ Die Jungen ſchüttelten mit dem Kopfe. „Sage euch aber, daß ich es bin, und wenn ihr — 5 das Glas wieder gefüllt habt, will ich euch erzählen, wie es zuſammenhängt.“ Alle Drei begannen nun das Geſchäft des Grog⸗ brauens und zeigten darin eine ſeltene Geſchicklichkeit. Yark aber begann ihnen die Geſchichte ſeines drei⸗ fachen Eheſtandes zu erzählen, und als er ſie beendet hatte, ſprach er:„Nun geht's mit mir zu Ende; darum iſt mein Wille, daß Ihr bei mir bleibt bis zum letzten Athemzuge. Habt ihr mich dann begraben und ihr wollt in brüderlicher Gemeinſchaft mit einander leben, ſo iſt es mir recht; zieht euch aber nicht das Herz zu einander, ſo wird's mein Befehl auch nicht thun; darum legt euch keinen Zwang an, ſondern geht, wohin ihr wollt, nachdem ihr vorher mein Hab und Gut unter euch vertheilt habt.“ Aber dies letzte Stündlein ließ lange auf ſich war⸗ ten; Yark fand ſich durch die Gegenwart ſeiner Söhne verjüngt, ſeine Krankheit verſchwand nach und nach, er ſaß zuletzt kerngeſund und aufrecht unter ihnen. Das ſtand eine Weile ſo an, dann aber ſammelte er ſeine Söhne um ſich und ſagte:„Hört, Jungens! ich hieß euch hier bleiben, weil ich jeden Augenblick zu ſterben vermeinte, und dann nicht allein ſein wollte. Aber diesmal iſt es nichts damit, und es taugt nicht, daß junges Volk lange auf der Bärenhaut liegt. Seit ihr — 6 hier ſeid, habt ihr euch zwar manierlich gegen einan⸗ der betragen, aber von brüderlicher Liebe iſt nicht ſon⸗ derlich viel zu ſpüren geweſen. Vielleicht kommt es ſpäter zum Durchbruch. Jetzt müßt ihr wieder in die Welt hinaus, um euch etwas zu verſuchen; aber ich mache es mir zur Bedingung, daß ihr oft ſchreibt,— oder ſchreiben laßt, wenn ihr es nicht etwa ſelbſt gelernt habt,— damit ich euch finden kann. Da ich nun noch friſch und geſund herumwandle, ſo könnt' ihr mich auch nicht beerben, aber ich kann ein Uebriges thun, und euch einen Zehrpfennig in die Hand drücken, damit ihr etwas unternehmen möget.“ Damit händigte er ihnen eine anſehnliche Summe Geldes ein und trieb ſie zur Abreiſe an, den Einen hier, den Andern dort⸗ hin; denn er wollte nicht, daß ſie dieſelbe Richtung wählen ſollten. Die Brüder trennten ſich mit einem kühlen Handſchlage und gingen ihrer Beſtimmung nach. Als die Jungens fort waren, hatte Yark häufige Unterredungen mit ſeinem Freunde, dem Rechtsgelehr⸗ ten. Beide ſchmunzelten und lachten, als ob ſie etwas Beſonderes erdacht; dann kehrte der Rechtsgelehrte zu ſeinem Schreibtiſch, der Seemann zu ſeiner Hänge⸗ matte zurück, und es blieb ruhig und ſtill in ihren Umgebungen. Jahr und Tag waren auf dieſe Weiſe vergangen, an des Vaters Tod bei, und trieben ſie zum Hauſe hinaus. Unterdeſſen war es Abend geworden. Die Nacht machte Alles noch unheimlicher und verwirrte der armen Mutter, die ſchon ſo Vieles hatte erdulden müſſen, den Verſtand vollends. Sie dachte an den todten Vater, von dem man ſie verjagt hatte, und an den todten Mann, den ſie begraben ſollte und für den ſie nicht einmal ein Todtenkleid hatte. Da kam es, daß ſie an dem Bleich⸗ platz der Suſanne Raßmuß vorüberging; dort lagen mehrere Stücke ſchönes Leinen ausgeſpannt, das im Mondſchein glänzte, wie fallender Schnee. Gott, dachte die Mutter, wenn du nur das kleinſte dieſer Stücke hätteſt, ſo wäre es genug! Und als ihr der böſe Geiſt dieſen Gedanken eingegeben hatte, nahm ſie das Leinen auf und wollte damit entfliehen. Aber ſie war geſehen wor⸗ den,— ach, nun wißt Ihr wohl— ſie kam in's Zucht⸗ haus. Ich aber habe frohen Muthes auf der Reiſe Alles erduldet, weil ich immer an das Geld dachte, das ich der Suſanna Raßmuß bringen wollte, um meine Mutter auszulöſen. Nun aber iſt es mir genommen, und ich kann nichts thun, als weinen. Mein Geld, mein ſchönes Geld!“ Er blieb auf der Kiſte ſitzen und ſah vor ſich hin; mein Plan war aber ſogleich gefaßt. Ich behielt den unglücklichen Knaben bei mir und gedachte andern Tages 2 ſeine Mutter frei zu machen. Es war zu ſpät; die Frau hatte ihre Schande nicht überlebt, ſie war lange be⸗ graben. Ich kehrte an Bord zurück, und theilte es, ſo ſchonend ich nur konnte, dem Sohne mit. Er war ganz außer ſich mit Heulen und Schreien; ich ließ ihn eine Weile gewähren, dann aber ſagte ich ihm ſehr ernſt: „Jan Hellwig, es iſt wohl gut, daß Du Deine Mutter beklagſt und um ſie weinſt; aber wenn Du jemals einen chriſtlichen Unterricht genoſſen haſt, ſo ſollteſt Du viel⸗ mehr Gott preiſen, daß er es ſo gefügt hat. Wäre Deine Mutter am Leben geblieben, und ihre Beſinnung wäre zurückgekehrt, konnte ſie nur unglücklich ſein. Die Leute hätten mit Fingern auf ſie gewieſen und niemals hätte ſie einen frohen Augenblick gehabt. So hat denn Gott in ſeiner Weisheit es gefügt, daß ſie hat ſterben müſſen, um aller Trübſal ein Ende zu machen, und um dort oben wieder zu finden, was ſie hier unten ent⸗ behren mußte.“ Es gelang mir nach und nach den Knaben zu be⸗ ruhigen und ihn zu einem ordentlichen Burſchen zu machen, der im Stande war, etwas Vernünftiges zu thun; es vergingen keine zwei Monate, und er verſtand ſchon Alles, was ein rechtſchaffener Kajüts⸗Wächter ver⸗ ſtehen muß, der am Bord ohne Schlag und Stoß ge⸗ duldet werden will. Und weil der Burſch ſich immer mehr an mich anſchloß, für jedes erwieſene Gute ſich dankbar bezeigte, und mehrmals Proben ſeiner Ehrlich⸗ keit und Treue ablegte, beſchloß ich ihn für immer zu behalten und ſagte es ihm. Beinahe aber hätte mich die ſchnelle Kundmachung gereut, denn er ſtürzte halb ohnmächtig zu meinen Füßen, und wäre faſt krank ge⸗ worden. So ward nun Jan Hellwig der erſte Koſtgänger auf dem Schiffe, und ich erzog in ihm einen treuen und ſorg⸗ fültigen Diener für die künftigen ergrauten Backsmaaten. Der erſte Backsmaat. Seit jener Auftritt zwiſchen den betrunkenen Matroſen und mir auf der Elbbrücke vor ſich ging, verlor ich faſt den Muth, bei Tage auf den Straßen zu erſcheinen, um fernerhin den Angriffen boshafter Menſchen nicht mehr preisgegeben zu werden. Es hatte ſich meiner ein ſchmerzliches Gefühl bemächtigt, das ich nicht zu nennen weiß; oft war es mir, als müſſe ich weinen und das Herz werde mir vor Wehmuth in der Bruſt zerſpringen, oft auch befiel mich eine verzehrende Wuth, die ſich durch irgend etwas Auffallendes kund gab; wenig fehlte, 2* — ſo hätte ich mein ganzes Projekt aufgegeben und mich mit meinem Menſchenhaſſe in die weiteſte Ferne zurück⸗ gezogen. Aber zum Glücke hielten dieſe finſtern Ge⸗ danken nicht lange Stand; ich ſah auf Jan Hellwig, der ganz und gar an mich gewieſen war, und Alles zu thun ſich beſtrebte, was mir angenehm ſein konnte. Er hörte aufmerkſam zu, wenn ich ihm etwas ſagte, und bemühte ſich, die vorgemachten Handgriffe nachzu⸗ ahmen. Gelang es ihm nicht gleich, ſo ging er in den fernſten Winkel, und übte dort ſtundenlang, bis er ſeiner Sache gewiß ſein konnte. Dann kam er jubelnd zu mir geſprungen, um mir zu zeigen, daß er Alles wohl verſtanden habe und mein Gebot zu erfüllen ver⸗ möge. Dies rührte mich tief; es war der erſte Menſch, der ſeit jenem ſchönen Kinde, wieder einige Anhäng⸗ lichkeit für mich zeigte, und ich beſchloß feſt bei mir, dieſe Liebe dadurch zu vergelten, daß ich mich nie von ihm trennte, und Alles ſo ausführte, wie ich es von Anfang an mir vorgenommen hatte. Um allen Unannehmlichkeiten zu entgehen, die mich bei Tage treffen konnten, beſchloß ich, zu meinen Aus⸗ flügen die Abendſtunden zu wählen, und nicht an ſolche Orte zu gehen, wo ich gewiß ſein mußte, vielen Menſchen zu begegnen. Was iſt doch, fragte ich mich ſelbſt, die Aufgabe, die du dir geſtellt haſt? Du — willſt das Unglück aufſuchen in allen Geſtalten. Aber der wahrhaft Unglückliche rennt nicht toll und blind in den großen Haufen hinein und ſtellt ſich mit ſeinen Leiden zur Schau. Alle, die das thun, ſind nicht wahrhaft unglücklich, ſie wollen nur ſo ſcheinen, und aus dieſen ſcheinbaren Bekümmerniſſen irgend einen Vortheil ziehen. Mit Geſchöpfen ſolcher Art haſt du nichts zu thun. Ich weiß es ja nur zu gut, daß der Mann, der ſich wirklich unglücklich fühlt, die größte Einſamkeit aufſucht, um ſich mit ſeinem Schmerze darin zu verbergen; denn jeder Blick der Neugier, jedes Wort des Mitleids, welches ihm zugeworfen wird, macht ſeine Bekümmerniß größer und ſteigert ſeine Bitterkeit. In einem alten Buche las ich einſt von einem be⸗ rühmten türkiſchen Fürſten, der des Nachts in unbe⸗ kannter Kleidung durch die Städte ſeines Reiches wan⸗ derte, um das Treiben ſeiner Unterthanen zu erſpähen, die Verbrechen, die im Verborgenen ausgebrütet wur⸗ den, zu verhindern, und um dem Unglück eine hülfreiche Hand zu leihen. Dieſer Fürſt hatte mir ſtets wohlge⸗ fallen, und es war mir oft der Gedanke in den Sinn gekommen: Wenn du es ihm doch irgendwie nachmachen könnteſt!— Als ich nun ſo durch die einſamen Straßen ging, fiel mir dies unwillkührlich bei, und ich mußte lachen. Befand ſich zufällig irgend Jemand in einer — Straße, und er begann bei meiner Annäherung raſcher zu gehen, ſo wollte mir der Gedanke nicht aus dem Kopfe, es ſei ein Böſewicht, den ich von der Aus⸗ führung eines Verbrechens abgehalten habe. Sah ich in einem niedrigen Hauſe noch ein mattes Licht, und es ward mir ein Blick durch die Fenſter auf irgend ein Bild des menſchlichen Elends vergönnt, ſo legte ich Geld auf den Sims und entfernte mich ſchnell, gar nicht daran denkend, daß die Gabe weit leichter in andere Hände kommen könne, als in die, denen ſie zugedacht war. So kam ich, nach einer mühſeligen Wanderung durch einen Theil von Altona und der Hamburger Vorſtadt St. Paul, in eine abgelegene Straße der letztern, wo ſich eine kleine Schenke befand, deren Thüre noch nicht geſchloſſen war. Ich trat ein, nahm einen Platz am Ofen ein, um mich zu erwärmen, denn es war empfind⸗ lich kalt und ein feuchter Nebel ballte ſich in den Straßen zuſammen. Während der Wirth, der ſich bei meinem Eintritt ſchläfrig erhoben hatte, mir den beſtell⸗ ten Grog bereitete, gewahrte ich einen Mann in der runden Jacke, der an dem andern Ende der Stube ſaß. Er war lang und hager, ſein ſchmales Geſicht hatte tiefe Falten, und nur wenige ſilberweiße Haare hingen um den kahlen Scheitel herum. Es ſtand ein leergetrunkenes Glas vor ihm, und wenn er ja einmal aus ſeinem Nachſinnen aufſchreckte, ſo warf er einen Blick auf das leere Glas, der kundgab, wie ungern er eine Erquickung entbehre, die er ſo ſehr zu bedürfen ſchien. Es war in dem ganzen Weſen des Mannes irgend Etwas, das mich anzog, und ich war nicht im Stande, meine Augen von ihm abzuwenden. Der Wirth erzählte mir, daß er dieſen Mann, der augenſcheinlich ohne Obdach ſei, ſchon bfter bei ſich aufgenommen habe. Er ſitze dann die ganze Nacht im warmen Gaſtzimmer und gehe bei dem erſten Schimmer des Tages ſchwei⸗ gend hinaus. Wenn er zufällig einige Schillinge beſitze, trinke er ſeinen Grog; wo nicht, bleibe er auf ſeinem Stuhl, ohne das Geringſte zu ſich zu nehmen; es ſei denn, daß der Wirth ihm aus Mitleid einen Tropfen reiche, wie dies heute Abend geſchehen ſei.„Ich weiß nicht, wie es zugeht,“ ſagte der Mann,„wir haben miteinander noch nicht zwanzig Worte geſprochen, und doch könnte ich um keinen Preis dieſen Mann von ſei⸗ nem nächtlichen Platze verjagen, was unter keinerlei Umſtänden jemals ein anderer Gaſt von mir erlangen ſollte. Er muß mich behert haben, ſonſt weiß ich nicht was es iſt; jedenfalls hat ers im Auge.“ Ich nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß ich derſelben Meinung ſei, und voll von dem Gedanken, — daß dies einer von den Leuten wäre, der von dem Tabak in meinem Kabelgat rauchen müſſe, deutete ich dem Wirth an, das Glas des Fremden nebſt dem meinigen noch einmal zu füllen, und ging dann auf ihn zu, ihm einen guten Abend zu wünſchen und ihn zum Trunk mit mir aufzufordern. Er ſah mich mit ſeinen hellen blauen Augen an, und indem ein freudiges Lächeln über ſein bleiches, gramentſtelltes Geſicht hinflog, trank er einige Tropfen, indem er mit klarer Stimme ſagte: „Vergelt es Gott dem Manne, der mich in einer trüben Leidensſtunde erquickt.“ Wir ſaßen uns gegenüber, und der Fremde war bemüht, ſich eine Pfeife zu ſtopfen, die ich ihm hatte reichen laſſen. Das warme, kräftige Getränk röthete ſein Geſicht und die ganze Geſtalt erhielt Leben. Mit ſtillem Wohlgefallen blies er den Dampf von ſich und gerieth in einen Zuſtand der Behaglichkeit, worin er ſich gewiß ſeit langer Zeit nicht befunden hatte. Mir ſchien dies der rechte Augenblick zu ſein, und mit zu⸗ traulichen Worten fragte ich, ob es ihm nicht wünſchens⸗ werth ſei, eine Heimat zu finden, wo er ſeine Tage ungeſtört in Frieden verbringen und Troſt im Umgange mit andern guten Menſchen finden könne? Er ſah mich eine lange Zeit an, ohne etwas zu ſprechen; er legte ſeine Pfeife hin und ſchien überhaupt wieder in ſein tiefes Sinnen zu verſinken. Der Wirth hatte unterdeſſen ſein Haus geſchloſſen, kroch in ſein Bett und ließ uns gewähren. Ich wiederholte meine Frage. „Gibts eine ſolche Heimat?“ fragte er langſam, „und wenn es eine ſolche gibt, kann ich einen Platz darin erhalten?“ „Es gibt in Wahrheit eine ſolche Heimat,“ war die Antwort,„und ich ſollte wohl glauben, daß es nicht ſchwer hielte, darin einen Platz für Euch zu finden.“ „Unmöglich,“ ſprach er kopfſchüttelnd.„Soll ich unter Stürmen und Kämpfen alt und grau geworden ſein, ohne jeden andern Wechſel, als den einen: den menſchlichen Undank und die menſchliche Bosheit ſich bald ſo, bald anders darſtellen zu ſehen, und ſoll ich nun plötzlich an Barmherzigkeit und Milde glauben?“ „Ihr würdet mich erfreuen, wenn Ihr es thätet,“ entgegnete ich.„Es iſt etwas in Eurem Geſicht, das mir wohlgefällt, und ich kann nicht anders, ich muß Euch lieb haben, weiß ich auch nicht, wie es zugeht. So hört mich denn einen Augenblick ruhig an, wenn es Euch gefällig iſt.“ Und hieran fügte ich nun eine Erzählung deſſen, was ich ſeit meiner Ankunft in Altona gethan, und was meine fernere Abſicht ſei, ſchloß aber 2** — damit, daß ich ihm eine dieſer Kajüten und einen Platz an meiner Back aus vollem Herzen anbot. „Und was müßte ich dafür thun?“ fragte der Fremde;„welche Verpflichtungen müßte ich übernehmen?“ „Ihr müßtet Euch gegen mich verpflichten,“ antwor⸗ tete ich,„ein ruhiges und mäßiges Leben zu führen, und jeden Zank mit Euern jetzigen oder künftigen Backs⸗ maaten zu vermeiden. Dann müßtet Ihr verſprechen, Euern Kummer und Eure Sorge, womit der Himmel Euch reichlich bedacht zu haben ſcheint, ſoviel als möglich zu vergeſſen und einen heitern Sinn zu zeigen, der die Tage des Menſchen verlängert. Im Uebrigen aber müßt Ihr Euer Geheimniß für Euch behalten; denn ich bin nicht gewilligt, in das Vertrauen meiner Leidens⸗ gefährten zu dringen, ſondern es wird mir genug ſein, ſie nicht mehr unglücklich zu wiſſen. Stehen Euch nun dieſe Bedingungen an, ſo ſchlagt ein, und ſagt mir irgend einen Namen, bei welchem Ihr fortan genannt ſein wollt, und ich führe Euch ſogleich nach Eurer neuen Wohnung.“ 6 Die Bruſt des Fremden arbeitete heftig; man ſah, er gehe eifrig mit ſich zu Rathe, und wiſſe nicht, was er thun ſolle. Ich wollte ihn nicht ſtören und ging eine Zeitlang an das andere Ende der Stube. Als ich dachte, er könne nun wohl mit ſich im Reinen ſein, — 5— kehrte ich zu ihm zurück und fragte mit lauter Stimme, ob er meinen Vorſchlag überlegt habe, und was er davon denke? Meine Zeit ſei um, ich müſſe an Bord und wolle gern wiſſen, wyran ich wäre. „Iſt Alles ſo, wie Ihr geſage?“ fragte Jener feier⸗ lich.„Könnt Ihr es beſchwören?“ „Ich kann es beſchwören, und wiederhole mein Er⸗ bieten nochmals aus vollem Herzen.“ „Bis hierher hat Gott geholfen!“ rief er mit ſtarker Rührung.„Morgen komme ich zu Euch, und gebe Gott, daß Ihr es nie bereut, einem Unglücklichen, wie ich, einen Platz in Euerm Barmherzigkeits⸗Schiffe angewieſen zu haben. Nennt mich Robert, wenn es Euch gefällt, das iſt mein Name, den ich in glücklicheren Zeiten führte, und ich werde mich wieder an ihn ge⸗ wöhnen. Sind wir einſt längere Zeit beiſammen und Ihr habt die Geſchichte meiner Tage erfahren, ſagt Ihr vielleicht, daß Euer Herz Euch recht geleitet hat, als es Euch zu mir zeigte. Aber geht nun zu Rüſt, denn es iſt weit über Mitternacht hinaus! Gute Nacht!“ Wir ſchieden nun, und am andern Tage gegen die Mittagsſtunde konnte ich meinen neuen Backsmaaten am Bord meines Schiffes willkommen heißen. Nach⸗ dem ich ihn in meine Kajüte geführt und mit einem Mundvoll des„Erquicklichen“ geſtärkt hatte, führte ich — hin in ſein Kabinet, das ihm ſehr woht geſiel und worin er ſeine wenigen Habſeligkeiten bald untergebracht hatte. Darauf zeigte ich ihm die übrigen Räumlich⸗ keiten des Schiffes, und wozu ſie beſtimmt wären, beſchrieb die Ordnung, die ich einzuführen gedenke, und welche Geſchüfte jeder Einzelne übernebmen müſſe, damit fortdauernd Alles ſeinen geregelten Gang gehe. Er war mit Allem einverſtanden und drückte mir dank⸗ bar die Hand. Mittlerweile kam Jan Hellwig und zeigte an, daß die Mahlzeit bereitet wäre; ich machte die beiden neuen Schiffsgenoſſen mit einander bekannt, und wir verzehrten unſern Pudding, nicht ohne uns die Zeit mit kurzweiligen Geſprächen zu vertreiben. Unſer Leben nahm bald einen geregelten Gang, und wir wurden allſeitig gut miteinander fertig. Als wir am erſten Tage nach Robert's Ankunft am Vord meines Schiffes in dem Kabelgat neben einander ſaßen und das gute Elmshörner Bier in den blanken Krügen ſchäumte, ſagte er mit einem Anflug von Laune:„Seid verſichert, Backsmaat, ich komme mir vor, wie der Rolf Krake in unſerm Seemannsmärchen, der plötzlich vom öden Strand in die gaſtliche Schneeklippe verſetzt wurde. Aber ich werde wenigſtens vernünftiger ſein, als er, und ſie nicht verlaſſen, um einem ungewiſſen größern Glücke nachzujagen.“ „Recht, Backsmaat!“ entgegnete ich;„laß uns hier ruhig bei einander ſitzen, ſo lange unſere Tage dauern, und dann ſchnellen Abſchied von einander nehmen. Aber bis dahin iſt wohl noch manche gute Abendſtunde unſer und wir thäten beſſer, ſtatt ſie mit unnützen Grübeleien hinzubringen, uns Geſchichten zu erzählen, wie ſie der Seemann erlebt, und wie ſie ſich hier und da nicht allzuoft ereignen; denn es bleibt ewig wahr, daß nur der Matroſe, der immer auf der See lebt und von einer Küſte zur andern ſchwimmt, ſo krauſe Aben⸗ teuer erlebt, daß man niemals glauben könnte, ſie wären in der Wirklichkeit geſchehen.“ „Das iſt ganz wahr, Backsmaat!“ entgegnete Robert, „und habe ich es nur zu oft erfahren in meinem Leben. So will ich denn der Erſte ſein, der in ſeinen Hirn⸗ kaſten greift, und Dir ein Geſpinnſt abwickeln, von dem ich glaube, daß es Dir einigermaßen Spaß machen ſoll. Es war aber ſo: — Ein Schiffbruch. Vor Portorico lag ein ſtattlicher Dreimaſter, der unter engliſcher Flagge fuhr. Trug es ſich zu, daß das Schiff, zu welchem ich gehörte, in der Nähe des Hafens geſcheitert war, und ich von der ganzen Mann⸗ ſchaft allein davon kam. Ich hatte aber auch nur das nackte Leben gerettet, und es war mir daher lieb, daß am Bord des großen Dreimaſters noch Leute gebraucht wurden, weil ich ſonſt leicht in große Noth gerathen wäre. So nahm ich denn dort ein Heuer an, ob mir es gleich wenig am Bord geſiel. Der Steuermann, der ſtets am Bord blieb, war ein kleiner Kerl mit rothem Haar und ſtechenden Augen, der ſtets auf ein Mittel ſann, die Leute, die unter ſeinen Befehlen ſtanden, auf eine ausgeſuchte Weiſe zu quälen; der Capitain dagegen erſchien nur ſelten; befand er ſich aber auf dem Deck, ſo war des Fluchens und Scheltens kein Ende, und wir erhielten die Ueberzeugung, daß wenn der Mann, der ſtark und robuſt war, erſt für immer an Bord wäre, unſere Lage gewiß nicht die angenehmſte ſein würde. Es verlautete aber, wir ſollten nach Frankreich und eine koſtbare Ladung daſelbſt hinbringen. Dieſelbe — gehöre zum großen Theil unſerm Capitain und deſſen Bruder, der Kaufmann war und ſich bereits in Frank⸗ reich befand, um die zu erwartenden Güter, ſo gut es thunlich, unterzubringen. Es mußten demnach reiche Hanſen ſein. Der Steuermann trieb uns mächtig zur Arbeit an und verkündete uns eines Abends, daß wir mit Tagesanbruch an's Land zu fahren hätten, um die erſten Stücke der Ladung an Bord zu bringen. Dies geſchah auch, und die große Barkaſſe, ſo wie das Lang⸗ bvot legten an den uns bezeichneten Werft. Hier befand ſich der Capitain und zeigte uns die Kiſten und Fäſſer, die wir in unſere Böte bringen und nach dem Schiffe rudern ſollten. Er hatte dabei ſo Eile, und trieb ſo ſehr, daß uns aller Muth entſank und wir Gott dankten, als wir von dem Werfte abſtießen und aus ſeinem Bereiche kamen. Wir trieben es von jetzt ab alle Tage ſo fort, früh Morgens und ſpät Abends, ſo daß der Platz im Raum immer enger ward und wir unſere Ladung bald vollzählig hatten. Da kam eines Tages der Capitain in einem Neger⸗ canot an Bord und mit ihm ein ältlicher Herr und eine Dame, welche die Reiſe als Paſſagiere mitmachen und das Schiff vorher beſehen wollten. Zwar mochte es ihnen nicht beſonders zuſagen, denn es war düſter und unheimlich bei uns; aber da ſich gerade keine andere — 40— Gelegenheit fand, ſie auch ihre Abreiſe nicht länger verſchieben konnten, ſo entſchloſſen ſie ſich, die Reiſe mit uns zu machen. Sie wurden mit dem Capitain Handels eins, daß er ſie und ihre beiden Kinder, ſammt ihren Sachen für die Summe von tauſend ſpaniſchen Thalern nach Frankreich bringen müſſe. Die Zeit der Abfahrt war herangekommen; wir ſollten ſo ſegeln, daß noch vor Sonnenuntergang die offene See erreicht werden konnte. Kurz vor der Ab⸗ fahrt langten auch die Paſſagiere an. Als der Capi⸗ tain ſie am Fallreep empfing und die Kinder der beiden alten Leute erblickte, verlor ſich ſein finſteres Ausſehen; er wurde freundlich und geſprächig. Das konnte aber Niemand Wunder nehmen; denn in der That hatte man nicht ſobald etwas Freundlicheres und Lieblicheres geſehen, als dieſe junge Dame und ihren Bruder, die ihre Aeltern nach Frankreich begleiten wollten. Sie war eine liebliche Schönheit, und wenn man ſie einen Augenblick lang anſah, war es nicht anders, als lächle einer der Engel, die über den Sternen am Himmel wandern. Ihr Bruder war eben ſo ſchön, nur daß er ernſter und männlicher war, und leicht erkannte, was für ein Benehmen ihn am beſten kleide, während das junge Mädchen dies nicht wußte, und ſich ſo gab, wie es ihr um's Herz war, ohne daran zu denken, daß dies ſie gerade ſo ſchön mache. Der Capitain war auch während der erſten Tage der Fahrt ſchwermüthig und nachdenkend, man ſah wohl in ſeinem ganzen Beneh⸗ men, wie ihm zu Sinne war, und wie er das junge Mädchen im Herzen trage; ohne zu wiſſen, wie ſie dahin gekommen, und ohne daran zu denken, daß er eine große Sünde begehe, da er ſelbſt Weib und Kind zu Hauſe habe. Der Steuermann aber, der ihn ſcharf beobachtete und allen ſeinen Bewegungen folgte, ſagte dazu kein Wort, ſondern lachte nur hämiſch in ſich hinein, rollte die blinzenden Augen und rieb ſich ver⸗ gnügt die Hände, wie ein Teufel thun würde, wenn er die Seele eines armen Sünders mit ſeinen Krallen gepackt hat. Eines Nachts, bald nach unſerer Abfahrt, begab es ſich, daß ein Paar von unſern Leuten in dem Raum ſchliefen, um nach unſerm Seemannsgebrauche von den Aepfeln zu eſſen, die ſie fuhren; denn ein rechter Matroſe, der ſich ſchämen würde, auch nur ein Quent⸗ lein von der Ladung zu entwenden, um es zu ſeinem Nutzen zu verkaufen, beſinnt ſich keinen Augenblick von dem in dem Schiffe lagernden Wein und Tabak wäh⸗ rend der Reiſe ſoviel zu trinken und zu rauchen, als ihm beliebt. Darum wurde es auch den Backsmaaten gar nicht verdacht, als ſie hinabgingen, um ſo viel — Zucker herauf zu holen, als nöthig war, den Kaffe und den Grog zu ſüßen, obgleich es uns bei dem Beginn der Reiſe ſtrenge anbefohlen war, eine reine Hand zu halten. Aber voll Erſtaunen, mit bleichen Geſichtern kamen ſie wieder zurück. Sie hatten ein großes Faß angebohrt, aber anſtatt aus demſelben Zucker heraus⸗ fallen zu ſehen, fanden ſie nur Sand; kopſchüttelnd gingen ſie zu einem zweiten und dritten Faſſe, aber überall derſelbe Erfolg. Nun ward ihnen bange, und ſie wußten nicht, was ſie dazu ſagen ſollten. Da begab es ſich, daß eine Kiſte mit Metallplatten, die bei dieſem Rumoren aus der gewöhnlichen Lage gekommen war, von den Fäſſern herabfiel. Das Geräuſch war ſo groß, daß ſie fürchteten, der Steuermann habe es auf dem Verdecke gehört und werde jetzt herabkommen; es blieb aber Alles ruhig. Als ſie ſich nun der Kiſte bemäch⸗ tigen wollten, um ſie an ihren frühern Platz zu ſtellen, überfiel Alle ein Grauſen; die Seitenwände derſelben waren auseinander gewichen, und anſtatt der Stahl⸗ oder Kupferplatten, die man zu ſehen erwartet hatte, rollten einige große Steine auf den Boden. Das Haar ſträubte ſich ihnen zu Berge und ſie kamen zu unſerer Back zurück, bleich und an allen Gliedern zitternd, als hätten ſie ein Geſpenſt geſehen oder der Klabauter⸗ mann ſei ihnen im Raum begegnet. Endlich begannen — ſie zu erzählen, und es war Keiner, der nicht bei dieſer Geſchichte in große Angſt gerieth. Zuerſt war es der Bvotsmann, der einigen Muth gewann und fragte, was wohl bei einer ſo außerordentlichen Gelegenheit zu thun ſein möchte? Da wurde nun Vieles berathſchlagt, und Anfangs war Jeder der Meinung, wir müßten unſere Entdeckung dem Capitain mittheilen; hatten wir ſie auch auf unrechtlichem Wege gemacht, ſo würde dies leicht überſehen werden, weil etwas ſo Wichtiges da⸗ durch an den Tag gekommen war; denn wir glaubten natürlich, daß unſer Capitain von den Leuten, mit denen er Handel getrieben, auf dieſe ſchändliche Weiſe getäuſcht worden ſei. Aber bald genug ſahen wir die Unmöglichkeit ein; denn welcher Menſch würde wohl einen ſolchen Kauf machen, ohne ſich von der Güte der Waaren ſelbſt zu überzeugen, und gewiß zu ſein, daß er nicht Sand ſtatt Zucker, und Steine ſtatt Metall erhielte? So blieb uns denn nichts anderes übrig, als zu glauben, daß ſowohl der Capitain, als der Steuer⸗ mann hiervon etwas wüßten, und wenn man ihr Benehmen überdachte bei dem Einſchiffen der Ladung, die Haſt, mit welcher die Güter an Bord gebracht wurden, und die Schärfe des Verbots, etwas von der Ladung anzurühren, dann wurde dieſe Muthmaßung immer wahrſcheinlicher; man konnte keinen Augenblick — zweifeln, und es ward uns Allen trübſelig zu Sinn, wir wußten uns nicht zu rathen noch zu helfen; jeden⸗ falls waren wir jetzt auf offener See, wo uns nichts geſchehen konnte, und wir beſchloſſen, Alles mit Still⸗ ſchweigen zu übergehen, bis die rechte Stunde gekom⸗ men ſei. Es waren aber ſehr heiße Tage, und wenn die Sonne von früh Morgens bis ſpät Abends auf das Verdeck geſchienen hatte, war es nicht möglich, während der wenigen Nachtſtunden einzuſchlafen. Da erhob ich mich eines Nachts, in Schweiß gebadet, von meinem Lager und ſtieg vorſichtig das Verdeck hinan; denn es war befohlen, daß nur diejenigen Leute, die zum Wachts⸗ volk gehörten oben ſein ſollten. Ich ſchlich mich in die Nähe des Langbvots und gelangte glücklich in den Lee deſſelben, wo ich, erquickt von der friſchen, klaren Luft, ſogleich einſchlief. Aber ich erwachte bald, und ſah nicht weit von mir den Capitain und den Steuer⸗ mann, die das Wachtsvolk an verſchiedenen Punkten beſchäftigt hatten und von ſich entfernt hielten, an einen Horcher aber nicht dachten. Sie ſprachen angelegentlich miteinander, und da es nicht möglich war, mich zu erkennen zu geben, ohne in Gefahr zu gerathen, mußt ich Zeuge ihres Geſpräches werden. „Und ich ſage,“ antwortete der Capitain auf eine — 45— Rede des Steuermanns, die ich nicht gehört hatte,„daß wir ein gewagtes Spiel treiben, und beſſer wäre es, wir hätten die Hände davon gelaſſen.“ „Was?“ rief der Steuermann mit Hohnlachen; „ietzt, wo Alles zu ſpät iſt, kommt Euch die Reue? Das hätte Euch früher durch den Sinn fahren ſollen, mein guter Freund. Wolltet Ihr jetzt zurücktreten, ſo behieltet Ihr Sand und Steine für Euch, das Geld, das uns dieſe Scheinladung koſtet, und unſer ganzes Vermögen ausmacht, wäre verloren, und Ehre und Reputation wären hin. Wenn aber in einer dunklen Nacht, bei Schneegeſtöber oder Hagelſchlag, das Schiff, ſtatt in den Canal, nordwärts von England läuft und wir ſtoßen, wie zufällig, an die dort häufigen Klippen, und wir ſinken, und die Steine und der Sand ſinken mit, nun, ſo iſt das Gottes Schickung; wir belegen unſere Verklarung und die Aſſecuranz zahlt uns die Verſicherung aus, vierzigtauſend Pfund Sterling; merkt wohl auf, vierzig tauſend Pfund, zwanzig tauſend für Euch und zwanzig tauſend für mich. Habt Ihr jemals etwas von einem beſſern Geſchäft gehört?“ „Und ich will es doch von der Hand weiſen!“ ſprach der Capitain. „Ihr werdet's nicht!“ rief der Steuermann mit ge⸗ preßter Stimme.„Was iſt das für eine nagelneue Art von Gewiſſen? Als Ihr das Schiff mit Ebenholz⸗ blöcken beladen hattet, und von zwei Kreuzern verfolgt, die armen Geſchöpfe erdroſſeltet und über Bord warft, damit Ihr nicht bei dieſem ſchönen Handel ertappt würdet, hattet Ihr damals kein Gewiſſen? Oder, als Ihr das Käſtchen öffnetet, worin Euer Paſſagier ſeine Banknoten hatte, und Ihr legtet Feuer in daſſelbe, nachdem Ihr die Papiere herausgenommen hattet: was meint Ihr, ſagte damals Euer zartes Gewiſſen nichts? That es Euch nicht leid, daß jener Mann ein Bettler geworden war und Ihr das ſchöne Geld in drei Jahren verpraßtet? Gewiſſen! Seht doch! Wie kommt Ihr zu einem ſo unnützen Colli in Euerm Lagerraum?“ „Es kann nicht ſein!“ entgegnete Jener. „Oho, mein ſchmucker Burſche!“ lachte der Steuer⸗ mann.„Soll man nicht die Urſache dieſer zarten Ge⸗ wiſſensregung wiſſen? Wie? Nicht? Nun, ſo müßt Ihr mir ſchon gönnen, daß ich Euere Gedanken errathe. Euch iſt die junge Franzoſendirne an's Herz gewachſen; ſie hat Euch kirre gemacht und Ihr möchtet einen Lieb⸗ haber vorſtellen, der ſich wie ein Cavalier zeigt und großthut mit edlen Thaten! Ha, ha, ha! „Wer ſagt Euch...2 „Bitte Euch, Herr! Incommodirt mich nicht durch verlei Einreden. Wollt Ihr den Steuermann Joſias blind machen? Hört, Ihr ſeid einfältig, ſonſt müßtet Ihr einſehen, daß ein ſolcher Schiffbruch Eurer Liebe gewaltig in die Hand arbeitet. Das Schiff ſinkt, die Brandung geht hoch darüber hin; das zarte Püppchen ſchreit, oder vielmehr es ſchreit nicht, denn es hat das Maul voll Seewaſſer. Nun kommt Ihr herbei, Ihr umſchlingt ſie, Ihr drückt ſie an Euch und ſchwimmt mit Ihr durch die Brandung der ſichern Küſte zu. Dort ſeid Ihr geborgen und habt Euer Mädel nebſt zwanzig⸗ tauſend Pfund; im andern Falle habt Ihr nichts und das Brandmaal auf der Stirn, dem die Schandſäule im Hafen folgt, wenn ſie Euch nicht ein enges Hals⸗ tuch umknüpfen!“ „Ihr ſeid der lebendige Teufel!“ „Das ſagte meine Mutter ſchon!“ lachte der rohe Kerl;„denn ich biß ſie ſchon nach meiner Geburt in den Finger, weil ich mit Zähnen zur Welt gekommen war. Und das merkt Euch, ich habe die Zähne noch und beiße ganz perfekt; ſeht zu, daß Ihr es nicht empfinden müßt; es ſollte mir leid ſein, um der alten Kameradſchaft willen.“ Er ging, ein Lied pfeifend, nach dem Bratſpill, wo er ſich hinwarf, und der Capitain kehrte mit überein⸗ andergeſchlagenen Armen nach dem Halbdeck zurück. Welch ein zweites und noch geführlicheres Geheim⸗ N niß hatte ich erfahren! Was war über uns verhängt, und wie konnte ich es abwenden? Sollte ich es offen⸗ kundig machen und Urſache werden, daß eine Ver⸗ ſchwörung ausbrach, der Capitain und der Steuermann abgeſetzt oder gar über Bord geworfen wurden? Ach Gott, wer nimmt von einem Matroſen die Sünde, wenn er die Hand gegen ſeine Officiere erhoben! Oder ſollte ich Alles verſchweigen und ungewarnt die unſchuldigen Menſchen umkommen laſſen? Das wäre eine noch größere Sünde, als die erſte. Mein Kopf brannte und ich wußte mir nicht zu rathen. O, wie ver⸗ wünſchte ich doch meine Schlafloſigkeit, die mich aus meiner Koje vertrieb und zum Mitwiſſer eines ſo ge⸗ führlichen Geheimniſſes machte. Ein tiefer Abſcheu aber bemächtigte ſich meiner, als nun am andern Morgen zur gewöhnlichen Zeit zum Gebet geläutet wurde, und der Capitain das heilige Buch aufſchlug, um das Gebet zu leſen. Ich dachte, jeden Augenblick müſſe das Buch zu brennen anfangen und die Flamme ihn verzehren, aber er las ruhig, ohne Anſtoß. Als er nun an eine Stelle kam, wo es hieß: „Ich aber will fortan deine Wege wandeln, denn Du haſt mich belauſcht in der Finſterniß und geleſen, was in meinem Herzen verzeichnet ſteht!“ da wurde mir trübſelig zu Sinn; es war mir, als ob ich ſelbſt die * Dieſer ſah den Kopfe nickte, und Mar Jungens! Sieh, da bin ich„ was ſie ſchreiben! Sage Euch, Mann, das Herz beginnt mir im Leibe zu hüpfen, es bleibt nicht länger ruhig vor ſeinem Anker, und die Augenklüſen ſtehen unter Waſſer. Das iſt eine Schande für einen alten Seemann, und Ihr ſollt als Advoeat ein Einſehen haben, damit Ihr nicht Euch ſelbſt anklagen müßtet, mir eine ſolche Schmach zugefügt zu haben. Donner, Herr, gebt Ant⸗ wort! Was ſteht in den Briefen, und was wollen die drei Rangen?“ „Item,“ ſagte der Advocat, indem er es ſich in dem großen Stuhl des Seemannes bequem machte, und eine Pfeife anbrannte,„iſt hier zunächſt ein Brief von Harry, den ich Euch vorleſen will.“ „Sally's Junge!“ ſprach Yark.„Nun, was iſt mit ihm? Schnell!“ „Gemach, mein Alter!“ antwortete der Advocat. „Ihr habt mir aufgetragen, nachzuſuchen, ob es mög⸗ lich ſei, einige Bruderliebe bei Euren Jungen zu erwecken; denn nach Eurer Anſicht waren ſie etwas mehr als gleichgültig gegen einander. Das meine ich, I. 5 kamen, Das iſt es, mein Menſchen zu einander geweckt wer ſie ſich allſeitig in ihrer Hülf⸗ loſigkeit ſehen, und ſie können ſich dann beiſpringen, und ihr Elend ſich erleichtern, oder es gar in Freude und Luſt verwandeln, dann öffnen ſich auch die Herzen, und die Liebe, die bis dahin fehlte, hält ihren Einzug. So iſts geweſen von Ewigkeit her, ſo wird es künftig ſein, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es mit den Jungen anders wäre. Ich habe mich nun an ſie ſchriftlich gewendet, und die Antworten, welche hier vor uns liegen, werden uns bald Auskunft geben, ob ich etwas Recht habe, oder nicht. Wollen wir ſie nun leſen?“ „Freilich, Mann, freilich!“ rief Yark ungeduldig, „und wir könnten nun ſchon wiſſen, was in allen dreien ſteht, wenn Ihr nicht, wie alle Leute Eures Standes, die meiſte Zeit mit Schwatzen hinbrächtet. Der Advocat fand nicht für gut, hierauf etwas zu erwiedern, und las Harry's Schreiben. „Was ich durch Euch von meinen Brüdern erfahre, hat mir ſehr leid gethan. Wir kennen uns freilich einander nicht ſonderlich, aber es ſind doch meines * Vaters Söhne, und es muß dem alten Manne nahe gegangen ſein, daß zwei ſeiner Söhne das ihnen über⸗ gebene Vermögen verloren haben.“ „Habe ich denn das erfahren?“ unterbrach Yark den Vorleſer. Der Advocat winkte ihm zu ſchweigen und fuhr fort: „Aber keinenfalls darf der Vater wieder in ſeine Taſche greifen, um ihnen aufzuhelfen; es könnte über ſein Letztes hergehen und der Mangel ihn antreten. Da Ihr mir ſchreibt, daß meine Brüder zu einer beſtimmten Zeit in dem Hauſe des Vaters anweſend ſein werden, ſo will ich auch dahin kommen. Ich habe mir ein Part in einem Schiffe gekauft und mich auch bei deſſen Ladung betheiligt. Die Ausſichten ſind ſo gut, daß ich mein Geld leicht herausziehen kann; das bringe ich mit und die Brüder mögen es unter ſich theilen. Aber das bitte ich mir aus, daß Niemand mir etwas vorfaſelt von britiſcher Großmuth und Güte und Wohlwollen, ſondern daß es mir freiſtehen muß, ſobald das kleine Geſchäft in Ordnung gebracht iſt, wieder abzureiſen. Beſſer noch wäre es, wenn Ihr es vom Vater erlangen könntet, daß ich gar nicht zu kom⸗ men brauchte, und ich ſchickte das Geld an Euch ein. Um meinetwillen braucht aber Niemand in Sorgen zu ſein; ein ichtes engliſches Blut verdirbt nicht und Ihr 5* 6 — konnt glauben, daß ich eben ſo tüchtig durch die Welt kommen werde, als zu der Zeit, da ich noch nicht ahnte, daß ich einen Vater und Anſpruch auf deſſen Vermögen habe.“ „Das ſchreibt Euer Sohn Harry!“ ſchloß der Advocat. „Brav gedacht und geſchrieben,“ ſprach Yark.„Habe es mir immer vorgeſtellt, daß Harry der tüchtigſte ſei von allen Dreien. Will ihn auch beſonders bedenken.“ „Wir kommen nun zu dem zweiten Briefe,“ fuhr der Advoeat fort,„und wenn Ihr ihn anhört, müßt Ihr nur daran denken, daß es ein Franzoſe iſt, der ihn geſchrieben, ſonſt könnte es Euch leicht ſcheinen, als ginge es ein wenig bunt über Eck darin her.“ „Das will ich!“ ſagte Yark, den Sctosman auf ein Ohr ſchiebend und den Südweſter enger zuſammen ſchlagend,„fangt nur an!“ Der Advocat las: „Donner, Herr! Das iſt eine tolle Geſchichte, die Ihr mir da erzählt. Bin zwar aus Eurem gelehrten Krimskrams nicht recht klug geworden, indeſſen glaube ich doch die rechte Giſſung zu haben, und brauche mich vor der Mißweiſung meines Compaſſes nicht zu fürchten. Ihr zeigt mir zwei Sandbänke in einem breiten Fahr⸗ waſſer, worin viele Schiffe hin und her kreuzen und — 301— alle gut davon kommen. Zuletzt aber zeigen ſich zwei ſchmucke Kreuzer mit Oberbram- und Bramleeſegel, die ſchwimmen luſtig heran mit der Flagge von der Gaffel und dem Wimpel vom großen Topp. Aber die Jungens, deren Einer ein Engländer, der Andere ein Holländer iſt, haben das ferne Ufer im Sinne; ſie denken an nichts, als wie ſie es recht bald erreichen wollen, und ehe wir es uns verſehen, ſitzen ſie auf den beiden Sandbänken, Holland rechts und England links. Ruhm mit Frankreichs Flagge! ſie ſegelt ungehindert zwiſchen durch und zeigt von der Galerie ein Tauende.“ „Das iſt ſchlecht!“ rief Mark dazwiſchen.„Das kommt von dem ſüßſauern Geſicht ſeiner Mutter. Hinter einer traurigen Fratze ſchläft ein böſes Gemüth.“ Der Advorat legte die Hand auf den Arm des eifernden Seemannes und ſagte:„Beſſer wäre es, um mich Eurer Sprachweiſe zu bedienen, Ihr brächtet Eure Zunge vor Anker und legtet ein Reff in Eure Gedanken, die aus den Lieken zu fliegen drohen. Legt bei, Herr, und laßt es abſtürmen; das iſt in alle Wege beſſer für Euch.“ Der Seemann ſah den Mann des Gerichts nach dieſer Mittheilung beſonders reſpectvoll an und war mäuschenſtille, als dieſer weiter las;„Donner, Herr, ich hätte verdient, von den beiden Schiffen in den Grund — 102— gebohrt zu werden, wenn ich mit Hohn zwiſchen ihnen durchgefahren wäre. Aber ich kann auch nicht von Einem zum Andern kreuzen, ohne in die Gefahr zu gerathen, ſelbſt zu ſtranden. Darum will ich zuerſt meine Planken in Sicherheit bringen, und darnach meine Schaluppen hinausſenden, damit wir bergen, was zu bergen iſt. Was aber etwa über Bord gegangen wäre, das wollen wir aus der Bullerei und dem Kabelgat wieder herbeiſchaffen, ſobald die Rümpfe erſt wieder flott geworden ſind.“ „Ho! Ho!“ lachte Yark vor ſich hin.„Steuert teufelsmäßig guten Cours der Junge! Sagte es immer, ſeine Mutter war ein tüchtiges Weib und ich hatte ſehr Unrecht, mich ſo wenig um ſie zu bekümmern. Bringt es zu Ende, Herr, der Anker muß fallen!“ „Er liegt ſchon im Grunde!“ ſagte des Rechtsge⸗ lehrte, der nun das Ende des Briefes las, worin nichts weiter enthalten, als daß Jean Alles was er beſaß, zu Gelde machen und damit nach Hauſe kommen wolle, um es an ſeine Brüder zu vertheilen. Park lachte und weinte durcheinander, und ſagte: „Teufelskerle ſeid Ihr Advvecaten! Sehe nun ein, wie Ihr es zu Ende bringen wollt. Jedem von den Dreien macht Ihr weiß, daß ſeine Brüder in's Elend gerathen — 103— ſind und von ihm Hülfe erwarten. Verdammt ſchlau! Aber ſowohl bei dem Franzoſen, als bei dem Eng⸗ länder ſeid Ihr auf einen guten Ankergrund gerathen. Laßt uns nun ſehen, wie der Wind vom Texel herüber weht und was unſer Haus von Amſterdam für eine Signalflagge gehißt hat.“ Alſobald öffnete der Advocat den dritten Brief und las ihn dem ungeduldig harrenden Seemann vor: „Gott zum Gruß, Mynheer, und ich zeige Euch an, daß ich Euer Schreiben zu ſeiner Zeit wohl empfan⸗ gen habe und mich an ſelbigem Tage bei guter Geſund⸗ heit befand; wenn es mit Euch gleicherweiſe beſchaffen iſt, wann dieſer Brief in Eure Hände geräth, ſoll es mir lieb ſein, was maßen die Geſundheit das einzige Kapital iſt, worauf ſich der Menſch etwas zu Gute thun kann, wenn er es gehörig in Acht nimmt. Iſt dies nicht der Fall, ſo geht ſie mit einer ſachten Back⸗ ſtagspriſe ab, und iſt von einem ſchwachen Körper, der ein mürber Kreuzer iſt, nicht wieder einzuholen. Solche lahme Kreuzer ſind meine beiden Brüder geworden, die das Geld, das der Vater in ihre Hände gelegt hat, nicht feſt zu halten wußten, und nun liegen ſie da mit raſirtem Deck und wackligem Kiel. Ihr aber nehmt jetzt den Rufer zur Hand und preiet mich an, daß ich vor den Beiden anfbraſſen und ihnen die glatte Lage des Gluückes und der Fülle geben ſoll. Solches iſt Eure Meinung! Aber wenn Ihr nur ein wenig nach⸗ gedacht hättet, ſo würde es Euch klar geworden ſein, daß ſolches zuviel von mir gefordert ſei, denn es iſt Euch ſehr wohl bekannt, daß ich von Kindesbeinen an ſo arm war, wie der Roof eines ſeit drei Jahren back⸗ liegenden Schmackmannes, und daß ich außer dem, was ich zum täglichen Lebensunterhalt bedarf, nicht eines Stübers Herr bin.“ „Potz Krahnbalken! Hat der Junge im Ernſte Alles durchgebracht, was ich ihm gegeben habe?“ polterte Yark; aber ohne ſich ſthren zu laſſen, fuhr der Advo⸗ cat fort: „Nun könnt Ihr freilich ſagen, der Vater habe mir bei'm Abſchiede eine große Summe Geldes gegeben, eine eben ſolche, als meine Brüder verloren haben. Allein ich muß Euch nur ſagen, wie es damit ſteht. Als ich allein war und das Geld zählte, machte ich allerlei Pläne, was wohl damit anzufangen ſei; aber dann dachte ich wieder: Halt! du haſt dein Lebstage nichts gehabt, und verſtehſt mit ſo vielem Gelde nicht umzugehen: deines Vaters Schweiß und Blut klebt daran, und es wäre Sünde, wollteſt du es auf eine unbedachtſame Weiſe verſchleudern. Darum gehe hin und lerne erſt, wie das Geld auf eine vernünftige Art zu benutzen ſei; bis dahin aber bringe es bei guten Leuten unter und betrachte es als deines Vaters Eigen⸗ thum. Dies habe ich gethan, und das, was meinem Vater gehört, habe ich vollſtändig beiſammen; es iſt zwar nicht mehr geworden, aber es fehlt auch kein Stüber daran. Da ich nun von Euch vernommen habe, wie die Sachen ſtehen, ſo werde ich mit dem mir anvertrauten Gelde in des Vaters Heimath kommen, damit er beſchließe, ob ich es ihm ſelbſt, oder den hülfloſen Brüdern auszahlen ſoll. Was mich betrift, ſo bin ich nicht hülflos, ſo lange ich meine Arme habe, und ſo lange in irgend einem Hafen Schiffszwie back gebacken wird. Den Brüdern gönne ich's gerne; ſie haben nach ihrer Weiſe etwas Vornehmes in ſich, das ſich in der Welt zeigen will. Mich anlangend, ſo bin ich ein einfältiger Matroſe, der nichts braucht, als einen Platz in dem Vortopp eines wohlgetakelten Schiffes.“ „Da habt Ihr,“ ſchloß der Advocat,„die drei Briefe Eurer Söhne, die ich Euch, ſo buchſtäblich als möglich, in unſere Landesſprache überſetzt, auch hier und da im Styl etwas nachgeholfen habe.“ „Teufelsmäßig gute Jungens ſind es,“ brummte Yark vor ſich hin,„und es mag einen guten Ulk geben, wenn ſie nach dieſen Briefen auf der Rhede meines 5 4 4 — 106— Hauſes vor Anker gehen, wobei ich dann meinerſeits zu ſorgen habe, daß ſie einen ſichern Ankerplatz finden.“ Nach einigem Harren brach endlich der geſegnete Tag an, der die drei jungen Seeleute von verſchiedenen Himmelsſtrichen der Inſel zuführte, wo der Vater ſich in die Winterdocks gelegt hatte. Der Alte empfing ſie, Jeden allein, und lobte ihn wegen ſeines Benehmens; wollte übrigens das geſchenkte Geld nicht von ſeinen Söhnen zurücknehmen, ſondern wer ſeinen Bruder zu unterſtützen gedenke, der ſolle es ſelbſt geben und dabei dem Bedürftigen einige brüderliche Worte des Troſtes ſagen. Auf dieſe Weiſe empfangen und entlaſſen, fan⸗ den ſich die Brüder in einem geräumigen Zimmer zuſammen, in deſſen Mitte ein runder Tiſch ſtand, der mit allen zum Trinken und Rauchen nöthigen Hülfs⸗ mitteln gaſtfrei beſetzt war. In der Nebenſtube aber befand ſich, ohne daß die Drei es wußten, der Vater und ſein rechtsgelehrter Freund, die beide neugierig waren, wie dieſe Zuſammenkunft der Brüder beginnen und enden würde. Der Anfang verſprach nicht viel. Harry ſtand am Fenſter und trommelte die Melodie des rule Brilannia! bis eine der Scheiben brach; Jean betrachtete eine an der Wand hängende Anſicht von Marſeille, die ihm nicht ſonderlich zu behagen ſchien, und Hans ordnete — 101— den Kautabak in ſeiner Doſe; aber keiner von allen Dreien ſprach ein Wort. Die drei Nationalitäten hatten ſcharf vor einander aufgebraßt, Keiner wollte der Würde ſeiner Flagge etwas vergeben, und meinte Jeder von ihnen:„Wenn ſie auf dem Grund ſitzen, und nicht in's freie Fahr⸗ waſſer kommen können, ſo ſollen ſie es ſagen, daß ſie Hülfe brauchen. Das iſt doch nicht zu viel verlangt.“ Endlich dauerte es dem Engländer zu lange, er preiete die Brüder mit einem lauten„Ahoi!“ und als ſie mit dem freundlichſten Geſichte zu ihm aufſahen, fuhr er ſort:„Denke, die Kajüte iſt ſo ſchön aufge⸗ putzt, und die Back vor uns ſo reichlich ausgeſtattet, daß wir nach des Vaters Willen hier Ankergrund zu bekommen ſuchen ſollen. Rückt alſo heran, Leute, und laßt uns dieſen Gottesgaben die ihnen gebührende Ehre anthun.“ Dieſe Aufforderung war nicht vergebens; die drei ſeefahrenden Brüder begannen, den Schüſſeln mit Ernſt und Eifer zuzuſprechen. Als das erſte, wohlgemiſchte Glas Grog die Gemüther erwärmt und die Herzen zutraulicher gemacht hatte, rückten die Brüder näher zuſammen, und der Franzoſe ſagte: „Iſt es doch wahr, daß wir Brüder ſind, und eine Familie ausmachen; darum gebührt es ſich auch, daß — 108— wir kein getrenntes Eigenthum beſitzen, ſondern was dem Einen von uns gehört, das gehört auch dem Andern.“ „Der iſt wie Alle von Jenſeits des Kanals!“ dachte der Engländer.„ Er macht durchaus keine Um⸗ ſtände.“ Und der Holländer brummte leiſe:„Macht keine Umſtände!“ Nun ſchien es dem Engländer an der Zeit, das Wort zu nehmen, und die Brüder durch das Glas anblinzelnd, ſagte er:„Ich habe zu uns allen Dreien vas Vertrauen, daß, wenn Einer von uns in Ungele⸗ genheiten käme, die Andern ihm mit ihrem Hab und Gut alſogleich beiſpringen würden.“ Hierauf ſagten die Brüder nichts, aber der Franzoſe und der Holländer dachten:„Der gibt es uns gut und deutlich zu verſtehen; wir können nur i den Beutel aufſchnüren.“ Jetzt entſtand wieder eine Pauſe. Es war die Zeit des zweiten Glaſes, das in glücklicher Miſchung bald lieblich duftend vor ihnen ſtand. Stillſchweigend führ⸗ ten ſie es zum Munde, und eine wohlthätige Wärme verbreitete ſich durch ihren Körper. Noch mehr als vorhin wurden die Gemüther zur Milde geſtimmt, und vieſes Mal ſprach der Engländer zuerſt:„Wenn meine Brüder in Noth wären, und wendeten ſich zuerſt an mich, würde ich mich keinen Augenblick beſinnen, ihnen helfend beizuſpringen.“ Durch dieſe Aeußerung glaubte er ſeinen Brüdern den Mund zu öffnen, aber er erreichte ſeinen Zweck nicht, denn Jene dachten:„Der Engländer iſt ſchlau; er rechnet uns vor, was er thun würde, wenn wir in Noth wären, damit wir ein Gleiches thun ſollen, weil es mit ihm ſo weit iſt. Wollen es auch, aber er ſoll es erſt näher geben.“ „Alles wohl bedacht!“ gab der Franzoſe ſeinen Gedanken Worte:„Thun iſt beſſer, als reden, und wenn mir Einer von Euch einen Wink gibt, bin ich gerne bereit, ihm zu ic wie Brüder gegen einander handeln ſollen.“ B „Jetzt kann ich nur i dachte der Eng⸗ länder,„es wird angenommen!“— Sein Bruder, der Holländer, wollte auch etwas denken; da ihm aber ein— ſiel, daß jetzt die Reihe zu reden an ihm ſei, ſo dachte er gleich laut:„Möchte wſſen, wer von uns am meiſten zu geben und zu empfanger hat; es ſoll ein Kunſtſtück ſein, mit Verſtand zu geber und ohne Bekümmerniß zu nehmen. Weiß nicht, ob vir etwas davon verſtehen, oder zu verſtehen brauchen.“ „Da könnten wir es jagleich verſuchen!“ dachten —— der Franzoſe und der Engländer, worauf wieder eine längere Pauſe eintrat. Unterdeſſen war die Zeit des dritten Glaſes gekom⸗ men; es war dunkler gefärbt, wie die beiden früheren, und mit Wohlbehagen führten ſie es zum Munde. Die beſeligenden Wirkungen blieben nicht aus; die Gemüther wurden noch zärtlicher, noch herzlicher geſtimmt, und die Thränen liefen den drei gebräunten Kerlen über die Backen. Ehe ſie es ſelbſt wußten, hatten ſie ſich bei der Hand gefaßt, und der Engländer ſagte: „Wir ſind Brüder, und mit Gottes Hülfe wollen wir auch als Brüder an einander handeln. Wir ſind mit ziemlich gleichgültigen Geſichtern auseinander geſe⸗ gelt, als wir von dem Vater mit ſeinem Segen, ſo wie mit ſeinem Geld und Gut entlaſſen wurden; aber jetzt, da Zwei von uns in Noth ſind, ſoll der Dritte ihnen mit offnem Herzen und offner Hand entgegen treten. Von mir ſoll Niemand ſagen, daß ich mich hinter dem Schuulſegel verborgen habe, wenn meine Backsmaaten in dunkler Nacht die Reffſeiings nicht finden konnten, und ich komme ihnen allſtuns zur Hülfe.“ „Ich auch! Ich auch!“ ſchrieen die beiden Andern zu gleicher Zeit, und alle Drei brachten ein ziemlich ſchweres, mit Goldſtücken efülltes Säckchen zum Vor⸗ ſchein; der Engländer hatt⸗Guineen, der Franzoſe Louis — und der Holländer Dukaten. Beſtürzt ſahen die Brüder ſich einander an; die gemüthliche Stimmung, worin ſie durch ein dreifach gerefftes Glas Grog gerathen waren, begann ſich aufzulbſen; ſie vermutheten, daß hier einige Täuſchung obwalte, und betrachteten ſich mit gegenſei⸗ tigem Mißtrauen.& Dieſen Augenblick hielt Vater Park für den geeig⸗ neten, in der Geſellſchaft ſeiner Söhne zu erſcheinen. Er kam mit einem freudig bewegten Herzen, und ſeine Augen pumpten Waſſer:„Gottes Donner, Jungens! Ihr ſeid alle Drei Burſche von ächtem Schrot und Korn, gut verplankt und gut getakelt! Komme daher, um auf eure Geſundheit ein Glas Grog zu trinken, das heißt, verſteht mich, auf jede einzelne Geſundheit ein Glas, macht drei! Friſch, Jungens! rührt euch!“ Die Brüder wußten nicht, was ſie hiervon denken ſollten, aber ſie folgten dem erhaltenen Befehl, ohne ſich ſelbſt zu vergeſſen, und ſtellten die wohlgemiſchten Gläſer in ſymmetriſcher Ordnung vor dem Vater und ſich auf. „Gut das!“ ſchmunzelte der Alte.„Holländer! Dein Grog hat ein blaſſes Anſehen, aber Dein Gemüth nicht. Komm her, Junge, ich trinke das auf Dein Wohl! Friſch, mein Freund! Solche That iſt ein gutes Kabel in Sturmesnbthen!— Franzmann! Nun kommſt Du — 112— an die Reihe! Flenne nicht, Junge, und gieße nichts über; die Negerhunde auf Jamaika haben dieſen Rum nicht gepreßt, damit Du meine Kajüte damit waſchen ſollſt. Deine Mutter war bei alledem ein tüchtiges Weib, und Du haſt ihre Augen ganz und gar.— Jetzt kommt Dein Glas und Deine Geſundheit, Engländer; nimm Dich zuſammen! Sally, Deine Mutter, war eine luſtige Frau, und wenn ſie mich jetzt hier mit euch gehen ſähe, es würde ihr altes Herz erfreuen. Ho! hi! ho! drei ſo ſchwere Bueen, wie eure Groggläſer, habe ich ſeit lange nicht in einer halben Stunde überſtanden. Bringt mich zu Anker, Jungens!“ Sie ſchleppten einen großen Lehnſtuhl herbei und von dieſem aus betrachtete Park ſeine Söhne mit freude⸗ ſtrahlenden Augen und glühenden Wangen. Mitten in dieſer ſtummen Scene erſchien plötzlich der Advocat, und Mark rief ihm entgegen:„Nun iſt's an Euch, und wir können in alle Wege von Euern Reden profitiren. Gebt Euch Mühe, Gevatter, und ſetzt den drei Jungens auseinander, was wir mit ihnen vor⸗ gehabt haben, und aus welcher Urſache es geſchehen iſt.“ „Solches wird alſobald klar werden,“ begann der Rechtsgelehrte, und erſuchte die drei jungen Seeleute, ſich zu ihm zu ſetzen. Sie thaten's, und er offenbarte ihnen, wie er ſammt dem Vater einen Schwank erſon⸗ — 113— nen, der Keinem einen Heller koſte, aber Jedem von ihnen zwei treue, brüderliche Freunde erwerbe, auf die er ſich in Freud' und Leid, in Noth und Tod verlaſſen könne. Dies ſahen die Brüder leicht ein und waren über die Maßen froh; nicht, daß ſie ihren Geldſack behielten, ſondern daß es Jedem von ihnen auch ohne dieſen wohlging. Der Vater aber freute ſich mehr als Alle; er ſetzte ſich mitten darunter, und ließ erſt die Jungens, dann den Gevatter und endlich ſeine drei Frauen mit einem gefüllten Glaſe hochleben. Als er den letzten Tpaſt getrunken hatte, ſagte er mit einem ernſten Geſichte zu ſeinen Sbhnen:„Ihr da! Gebt wohl Acht! Ich habe drei Frauen gehabt, und es iſt mir nicht beſonders wohl geworden in meiner Haut. Das kommt daher, weil ich mich nicht ſchicken wollte am Lande, und immer anderswo hin dachte, als nach dem Orte, wo meine eigne Kajüte ſtand. Das hat ſich zum großen Kummer eurer Mütter vielfach gezeigt; ich ſah es wohl ein; aber ich konnte es nicht ändern, denn es ſteckte mir im Blute, und damit haben ſich Sally, Juliette und Katrinchen tröſten müſſen. Will euch was ſagen, Jungens: bald gefreit, hat Niemand gereut; darum nehmt euch ein Weib, ſobald ihr könnt, und laßt es euch wohl ſein in eurer eignen Kajüte, die ich euch ſtattlich herausputzen will, da es mir an Geld und — 114— Gut nicht gebricht. Aber, Jungens, ihr habt auch mein Beiſpiel vor Augen, und ſollt das Ende deshalb wohl bedenken. Seid ihr ganz und gar meine Söhne, und es ſteckt euch das unruhige Weſen im Blute, wie mir, ſo laßt's Heirathen bleiben, damit ihr Niemandem trübe Tage macht und kein falſches Stückgut in euren Raum geht, worüber euch zu ſeiner Zeit das Connviſſement mangelt. Und nun ſchnell und deutlich heraus mit der Sprache: Wollt ihr ein Weib oder keines?“ „Ei nun, deutlich von der Sache zu reden!“ ſagte der Engländer,„ſo kann ich ſagen, daß ich nicht beſon⸗ ders darnach ſteuere.“ „Das iſt gut, mein Junge, das iſt ganz gut!“ ent⸗ gegnete Yark. „Und ich will auch keines haben!“ rief der Franzoſe. „Und ich auch nicht!“ ſetzte bedächtig der Holländer hinzu. „Fallenden Anker!“ rief Yark luſtig.„Was ihr jetzt nicht thut, braucht euch nachher nicht zu gereuen. Wollen demnach ein Glas auf unſere goldene Freiheit leeren, und unſer Advocat da, der bereits ſeit vielen Jahren ſein— wie er es nennt— Hauskreuz hat, ſoll den Grog brauen, ohne mitzutrinken.“ Aber ehe Vater Yark noch dazu kam, dieſen neuen Toaſt mit aller Feierlichkeit auszubringen, nahm der — 113— Engländer wieder das Wort und ſagte nicht ohne Zö⸗ gern:„Wenn ich ſagte— verſteht mich, Vater!— daß ich kein Weib haben will, ſo meine ich damit— Ihr müßt es nur recht faſſen— daß ich ſchon eins habe.“ Der Alte ſperrte vor Verwunderung den Mund auf und ſagte kein Wort; aber der Franzoſe flog ſeinem Bruder um den Hals und rief laut lachend:„Das haſt Du gut gemacht! Habe auch ein Weib genommen und hoffe, es ſoll mich all mein Lebstag nicht gereuen.“ Noch verdutzter wie vorhin ſah YPark auf ſeine Söhne hin und blieb ſtumm wie zuvor; der Holländer aber erhob ſich und ſprach langſam:„Nun, ſo brauche ich mich ja nicht zu ſchämen, daß ich mir auch eine Frau genommen.“ Jetzt ſtimmten alle Drei ein lautes Gelächter an, und als ſie bald darauf zur Stube hinausliefen, ſetzte der Rechtsgelehrte es allein fort; denn er hatte von dieſen Angelegenheiten Kenntniß gehabt; Yark aber blieb ſtumm wie zuvor, denn er wußte nicht, wie ihm geſchehen war. Bald darauf kehrten die Brüder zurück, und jeder von ihnen führte ſein ſchmuckes Weibchen am Arm; denn ſie hatten ſie mit zur Stelle gebracht und in dem Hauſe des Rechtsgelehrten einſtweilen Quartier für ſie gefunden. — 116— „Hier, Vater!“ ſagte der Engländer,„iſt mein Weib.“ „Und durch eine ſeltſame Verkettung der Umſtände heißt ſie Sally!“ fuhr der Rechtsgelehrte fort. „Hier, Vater!“ ſprach der Franzoſe,„iſt meine Frau; ächtes Marſeiller Blut, wie ich ſelber bin, und es braucht ſich Niemand ihrer zu ſchämen.“ „Wobei ich bemerken muß,“ ſchaltete der Adovcat ein,„daß ſie, allen Zufälligkeiten zum Trotz Juliette heißt.“ „Seid ſo gut, Vater,“ begann jetzt der Holländer, „auch meine Frau mit einem freundlichen Blick zu beſchenken; ſie gibt den andern beiden nichts nach, und es wird Euch nicht zuwider ſein, daß ſie, wie meine Mutter, Katrine heißt.“ „Und nun, ihr Weiber!“ rief der Advvcat mit luſtigem Tone,„da ihr in aller Form und mit der gehörigen Ceremonie vorgeſtellt ſeid; geht hin und gebt euerm Schwiegervater einen herzhaften Kuß!“ Das ließen ſich die drei ſchmucken Frauen nicht zwei Mal ſagen und flogen dem Alten um den Hals. Dieſer aber, der ſich aus ſeiner Ueberraſchung noch nicht erholt hatte, wußte kein vernünftiges Wort hervorzubringen, ſondern brummte blos einige unartikulirte Töne vor ſich hin; ließ ſich im Uebrigen aber die Küſſe und die Liebkoſungen ſeiner drei Schwiegertöchter wohlgefallen. — 117— Einige Tage nachher ging es in dem Hauſe des alten Yark luſtig zu; denn dieſer gab ein großes Feſt, um die Ankunft ſeiner Söhne und ſeiner Schwieger⸗ tochter zu begehen, und Alles, was auf der Inſel mit einem geſunden Magen, oder zwei tanzluſtigen Beinen, oder mit allen dieſen dreien verſehen war, hatte ſich dazu eingefunden. Alle waren luſtig und guter Dinge; es wurde getanzt, gegeſſen, getrunken, gejubelt. Die Einen drehten ſich mit ihren Weibern im Ringe herum, und die Andern mit ihren Bräuten; es war Keiner allein, als nur Park, dem Alle ein gutes Wort ſagten, weil er der freigebige Wirth war, der aber deſſen un⸗ geachtet im Gewühl allein blieb. Damit war er keines⸗ weges zufrieden, und er ſchlich ſchon mürriſch beiſeite; als er ein ſchmuckes Fahrzeug von inländiſcher Bauart, das will ſagen, eine kleine allerliebſte Inſulanerin, vor ſich ſtehen ſah, die ihm die Gluth in beide Backen trieb, obgleich die Stunde des Grogs noch nicht gekom⸗ men war. Er fragte kurzweg, warum ſie nicht tanze, und ſie entgegnete ſtotternd, daß die jungen Burſchen alle hübſchere und reichere Mädchen zu finden wüßten, und ſich um eine arme Dirne nicht kümmerten. Das that dem gutmüthigen Yark leid; er hieß das arme Kind ſich zu ihm ſetzen und erfuhr, nach gütlichem Zu⸗ reden, von ihr, daß ſie bereits von frühſter Jugend an — 118— nur Noth und Mangel gekannt und mehrere Jahre einen kranken Vater gepflegt habe, der vergangenen Winter geſtorben ſei. „Sieh! ſieh!“ ſagte Park, dem das ſchöne Mädchen einen Seeſpuk gemacht zu haben ſchien, zu ſich ſelbſt. „Hat ſie ſchon Jahre lang einen kranken Vater gepflegt, ſo kann ſie es ja auch mit einem alten Manne ver⸗ ſuchen, vorausgeſetzt, daß dieſer ſich fünde, und dann auch krank und der Pflege bedürftig wäre.“ Das ſagte Yark Alles zu ſich ſelbſt, aber er mußte es wohl nicht leiſe genug geſagt haben, denn das Mäd⸗ chen ward blutroth; Thränen ſtürzten ihr aus den Augen, und ſie rief ſchluchzend aus:„Wie könnt Ihr meiner ſo ſpotten?“ Yark ſchien aber nicht Luſt zu haben, hierauf etwas zu erwiedern; er hielt nur das Mädchen, als es ent⸗ fliehen wollte, bei der Hand feſt, und fuhr in ſeinem Selbſtgeſpräche fort:„Warum ſoll ich da liegen, wie ein altes Wrack, wenn ich noch wieder flott werden und einen Kreuzzug machen kann? Soll mich Niemand hindern, meine Flagge nochmals zu hiſſen, und zum Paſtor zu ſteuern, damit er mir Pratika gebe.“ Das junge Kind weinte immerfort, und Park blin— zelte ſeitwärts nach ihr, indem er fortdauernd ſeine Gedanken laut werden ließ:„Sie iſt ſtill und ernſt, — 119— und weint aus Kummer oder Mitleid; das hat ſie mit der Juliette gemein. Nun, es mag hingehen, zumal ich vorausſetzen darf, daß ſie ihr Lebenlang nicht viel Freudentage geſehen hat. Aber ich möchte wohl wiſſen, ob ſie im Stande wäre zu lachen, wenn ihr etwas Gutes geſchähe, und ob ſie es zufrieden wäre, wenn ein alter Mann ihr ein ſorgenfreies Leben böte, mit allen Annehmlichkeiten, die ſie nur verlangen konnte, und dafür weiter nichts forderte, als einen freundlichen Blick, lachende Augen und treue Pflege?“ Das junge Mädchen ſagte nichts, aber ſie trocknete ihre Thränen und lachte ſo allerliebſt, ſo allerliebſt, daß der alte Mann wegſehen mußte, und vor ſich hin⸗ brummte:„Sie machts, wie Sally, leibhaftig, wie Sally!— Geh, Kind, und hole mir den Advocaten, geh!“ Raſch, ohne ein Wort zu entgegnen, flog das junge Mädchen dahin, und Yark ſagte wohlgefällig:„Gehor⸗ ſam wie die Katrine iſt ſie auch; es wird ſchon gehen.“ Indeſſen kam der Rechtsgelehrte, geführt von dem jungen Mädchen, herbei, und die drei Söhne mit ihren Frauen, welche in der Nähe geweſen waren, folgten. „Ahvi! Da kommen Alle zugleich!“ ſprach YMark vor ſich hin. Nun, ſo kommt es raſch zum Durchbruch, und ich werde nur einmal roth, ſtatt viermal.— Hört —— mich an, ihr Alle, und Du, mein Kind, tritt hierher zu meiner Rechten. Jeder von euch hat ſein Theil, nur ich nicht; das iſt gegen die Schiffsordnung, und deshalb bin ich entſchloſſen, mich ebenfalls zu verheiraten.“ Alle machten lange Geſichter. „Verwundert euch, ſoviel ihr wollt!“ lachte Park. „Ich verheirate mich, und nehme drei Frauen ſtatt Einer.“ Die Andern ſtaunten noch mehr, wie vorhin; YMark aber kehrte ſich nicht daran, ſondern wandte ſich zu dem jungen Mädchen:„Es wäre Dir alſo Ernſt, einen alten Mann kindlich zu lieben und zu pflegen, und ihm durch liebreiches, ſanftmüthiges Thun die böſen Tage, die er nun bald erleben muß, vergeſſen zu machen?“ Sie legte die Hand aufs Herz, ſah dabei ſo ernſt und feierlich aus, daß ihr Jeder glauben mußte, der ſie anſah, und lispelte:„So mir Gott helfe!“ „Da habt ihr's!“ ſchmunzelte Yark.„Sie iſt wie meine Juliette. Franzoſe, gib ihr die Hand; ſie gleicht Deiner Mutter!“ Jean that, wie ihm geheißen war, und YPark fuhr fort:„Aber Du wirſt auch in guten Tagen luſtig und guter Dinge ſein, und mir den Frohſinn als Aus⸗ ſtattung zu Thür und Thor hineinbringen?“ Hierauf folgte keine Antwort, aber ſie lachte ſo freundlich und ſchelmiſch zugleich, daß Alle mitlachen mußten und Yark ausrief:„Das macht ſie gerade wie Sally! Engländer, gib ihr die Hand; ſie gleicht Dei⸗ ner Mutter!“ Harry gehorchte dem Vater, und dieſer ſagte:„So iſt denn nun Alles in Ordnung, und ich bin zufrieden, weil Alle es ſind. Mein Kind, gehe nun zu dem Advoeaten dort, und bitte ihn, daß er alles Nöthige zwiſchen uns in Richtigkeit bringe, ſobald als nur möglich.“ Die kleine Inſulanerin lief zu dem Advvcaten, und drückte ſeine Hand an die Lippen, ſo daß dem alten Jünger der Themis ganz abſonderlich zu Sinn ward, und er gerne Alles zu thun verſprach, was man nur von ihm verlangen werde. YPark aber ſagte:„Gehorſam iſt ſie wie Katrinchen! Holländer, gib ihr die Hand; ſie gleicht Deiner Mutter!“ Hans that, wie ihm geheißen wurde, und Yark rief aus:„Da habt ihr es nun geſehen! Sie hat allein ſo viele gute Eigenſchaften, als meine drei erſten Frauen zuſammen genommen. Alles iſt in Ordnung, und ſobald der Prieſter Amen ſagt, gehe ich an Bord, und beginne den vierten Eheſtands⸗Kreuzzug. Wer dazu ſcheel ſieht, der ſcheere ſich ſeiner Wege; wer es aber gut mit mir meint, der bringe uns ein tapferes Drei⸗ mal Drei!— Hurrah!“ I. 6 —— „Hurrah!“ rief der Rechtsgelehrte;„Hurrah!“ riefen die Sohne;„Hurrah!“ riefen auch ihre Frauen, und als zuletzt die Gäſte von dem Kenntniß erhielten, was vorgegangen war, wollte das Hurrahrufen kein Ende nehmen. Seemanns⸗Aberglauben. Es war ein wilder, ſtürmiſcher Herbſtabend; die Backsmaaten ſaßen um den Tiſch und ſahen ſich wech⸗ ſelsweiſe an, ohne zu ſprechen. Der wilde Aufruhr der Elemente, der draußen herrſchte, ſchien ſich auch der Gemüther der Freunde bemächtigt zu haben, und ließ es zu keinem geordneten Geſpräche kommen. Schnee und Regen ſchlugen gegen die Kazütsfenſter, die aufge⸗ regten Wellen des Stromes klatſchten am Spiegel des Schiffes, und von Zeit zu Zeit zerriß ein Wetterleuchten die vor dem Nordweſt dahin jagenden Wolken. Die Lampe brannte düſter, das Feuer im Kamin war ver⸗ glommen, und Keiner hatte daran gedacht, für den gewöhnlichen Abendtrunk zu ſorgen. Meiſter Emanuel erhob ſich von ſeinem Sitze zunächſt am Kamin, und indem er einige größere Kohlenſtücke — 223 in das verglimmende Feuer warf, rief er ſeinem Ste⸗ ward, Jan Helwig, daß er nach der Lampe ſehe, und einen Tropfen vom Beſten in die große Kanne zapfe. Gehorſam befolgte der ſtille Burſche den ihm ertheilten Befehl, und als das Licht hell brannte, ging er mit der Kanne nach dem entfernten Ende des Zwiſchendecks, wo das Porterfaß aufgeſchrotet lag. Unterdeſſen ſuchten die Uebrigen gewaltſam ihre Verſtimmung zu bemeiſtern, und erinnerten ſich der Pflicht der gemeinſamen Tafel⸗ runde, die Zeit durch Erzählen zu kürzen, als ſie plötz⸗ lich den armen Jan laut aufſchreien hörten, der nach einer Pauſe bleich, mit emporgeſträubtem Haar, in die Kajüte flog und mit herzzerſchneidendem Tone ausrief: „Klabautermann!“ Erſchrocken ſtarrten die Seeleute den Gefährten an; der Name dieſes ſchrecklichen, unbekannten Weſens, das allen Matroſen für das Bild des nahen Unterganges gilt, hatte ihre Kraft gelähmt; ſie umſtanden den Zit⸗ ternden, ohne ein Wort hervorbringen zu können. In dieſem Augenblicke tobte das Unwetter mehr denn je; die Ebbe rauſchte mächtig auf, der Regen ſchoß in Strömen herab, und ein Fallwind warf ſich mit ſolcher Heftigkeit auf das Schiff, daß es bis in den unterſten Kielraum erbebte. Meiſter Emanuel war der Erſte, der zum vollen 6* — 124— Bewußtſein gelangte:„Seid ihr Männer oder alte Weiber, daß ihr euch von einem ſolchen Jungen durch das Soldatenloch jagen laßt? Was hat dieſes Wrack, das längſt aus allem Verkehr mit der Welt und den Weltmenſchen getreten iſt, mit dem Klabautermann zu thun? Kommt Alle, damit wir uns ſogleich überzeugen, daß dies nur ein toller Spuk in dem Gehirn des armen Jungen iſt.“ Man zündete Laternen an und ging durch das ganze Schiff; Alles war in gewohnter Ordnung; nirgends eine Spur von einem Weſen, wie es der Knabe geſehen haben wollte. Nur wenn die Schatten, welche die Laternendeckel von ſich werfen, an den Seitenborden hinhuſchten, wie leichte Wolken vor dem Monde vor⸗ über fliegen, durchzuckte es manchen der ſeebefahrenen Männer; aber Keiner von ihnen wagte es, ſeine Furcht laut zu äußern. Man kehrte in die Kajüte zurück, wo Jan Helwig zitternd des Ausgangs harrte. Der Jammerton des unglücklichen Burſchen hatte in der Bruſt des blinden Herrmann zunächſt Anklang gefunden; er rief ihn zu ſich, und indem er ihn auf ſeinen Schvoß zog, flüſterte er:„So haſt Du ihn geſehen? Glaub's Dir, mein Burſche! Ich ſah ihn auch in einer Sturmesnacht, wie die heutige, als ich noch meine geſegneten Augen hatte. Es war im St. Georgs⸗Canal, und am Bord unſeres Schiffes war ein Capitain, der ſein Gewiſſen mit vielen Miſſethaten beſchwert hatte. An jenem Abende ſtand er auf dem Quarterdeck; die Leute waren mit dem Bergen des letzten Sturmſegels beſchäftigt, und nur ich, der ich am Steuer ſtand, konnte den Mann mit dem böſen Ge⸗ wiſſen genau ſehen. Er murmelte allerlei Flüche vor ſich hin, und bewegte heftig die Arme. Da ſah ich plötzlich etwas Schwarzes über den Gigbaum hinlaufen, es ſprang auf den Capitain, und hing ſich um deſſen Hals. Der Sturm heulte in dieſem Augenblicke hefti⸗ ger als vorhin, aber ich hörte doch deutlich, wie der Capitain vor Schmerz wimmerte:„Laß mich los! Laß mich los!“ Und das ſchwarze unheimliche Weſen mit ſchrillender Stimme antwortete:„Mußt mit! Mußt mit!“ Da zerriß plötzlich ein Blitz das dunkle Gewölk, ſo daß ich genau die vor Schmerz und Angſt verzerrten Ge⸗ ſichtszüge des Capitains und das geſpenſtige Weſen ſehen konnte, das ſich um ſeine Kehle geſchlungen hatte. Gleich darauf ſtürzte er zu Boden. Ich ſchrie laut auf; der Schrecken lähmte meine Hand, ich ließ die Steuertalje fahren, und knarrend und ſtöhnend ſchnaubte das Schiff in dem Wind. Der Sturm faßte den Steuerbord mit voller Gewalt, und warf uns ſeitwärts; die Maſten ſchwankten und fielen nach dem Lee. Aber — 6 die Takelage war von denſelben nicht geriſſen, und furchtbar ſchleuderten die hin- und herwogenden Leeen die Stumpfe der Maſten gegen den Rumpf. Wir waren in wenigen Minuten zu einem Wrack geworden. Von allen Seiten ſtürzten die Leute herbei, und ſtanden um die Leiche des Capitains; ich erzählte, was ich geſehen, und meine Mittheilung trieb den Angſtſchweiß auf die Stirne der ausgewetterten Matroſen. Allein der Schiffsdoctor, der ſich gleich bei dem Leichnam hin⸗ geworfen hatte, rief aus:„Poſſen! der Mann iſt vom Schlage getroffen!“ So wurden die Gemüther der Schiffsleute wieder beruhigt; ich aber weiß wohl, was ich geſehen habe, und Keiner ſoll es mir ausreden, daß es nicht der Klabautermann war, der den Boͤſewicht würgte, damit wir nicht Alle um dieſes Einen willen verdürben, der dem Satan ſchon verfallen war. Auch wurde am andern Tage das herrlichſte Wetter, und Lootſen, die in dem Canal umherkreuzten, retteten uns ſammt unſern Habſeligkeiten; das Schiff aber, das der Böſewicht geführt hatte, mußte ſinken, und ſein Leich⸗ nam war ſpurlos vom Verdecke verſchwunden.“ „Den hat eine Sturzſee weggeſpült!“ entgegnete Meiſter Emanuel, deſſen klares Gemüth keinem Geſpenſte Glauben zu ſchenken vermochte. „Nein! nein!“ rief der Blinde mit Heftigkeit;„das — 127— hat der Klabautermann gethan! Er hat ſein Opfer 3 gefunden und mit ſich hinweggeführt, ſonſt hätten wir Alle mit müſſen; denn ein Schiff, das Verbrecher an ſeinem Bord hat, wird von dem Klabautermann ver⸗ laſſen, und dann geht es unter. Iſt aber unter den Vielen nur ein Sünder, ſo tödtet ihn der gute Geiſt des Schiffes, damit nicht Alle verderben um des Einen willen.“ Das Geſpräch, einmal dieſem Schauerlichen zuge⸗ wendet, ward in dieſer Weiſe weiter geführt, und die Maaten ſchloſſen ſich eng an einander. „Wißt ihr's vom Blutſtrom?“ fragte Robert, und als die Andern mit dem Kopfe ſchüttelten, ſprach er weiter:„Es war ein Schiff, das fuhr im Atlantiſchen Ocean, und brachte eine koſtbare Ladung aus Indien. Vorzüglich waren es aber mehrere Kiſten mit Gold, und ein Behältniß mit reichen Edelſteinen, die der Capitain in ſeiner Kajüte aufbewahrte, und welche die Habgier der Leute anregte. Wenn ſie jene Reichthuͤmer unter ſich theilten, ward Jeder vor ihnen ein gemachter Mann, und ſie konnten fortan herrlich und in Freuden leben. Das Wetter war der Fahrt günſtig, der Weg kürzte immer mehr ab, die Habſucht der Leute wuchs, und was geſchehen ſollte, mußte bald geſchehen. Da brach es eines Abends aus, als eben der Capitain ſich — 28— mit ſeinen Offizieren zu einem fröhlichen Abendtrunk auf dem Quarterdeck verſammelt hatte. Wie wilde Un⸗ geheuer ſtürzten ſie von allen Seiten auf die harmloſen Männer und riſſen ſie zu Boden. Die Officiere, an⸗ fänglich überraſcht, erhielten ſich ihre Beſonnenheit und ſetzten ſich tapfer zur Wehre; es wurde tüchtig geſtrit⸗ ten, und es floß Blut von beiden Seiten. Nicht lange aber dauerte der ungleiche Kampf, die Wenigen mußten der Uebermacht weichen, und lagen todt auf dem Ver⸗ decke ausgeſtreckt. Unthätig ſtanden die blutbefleckten Rebellen umher; in mancher Bruſt mochte wohl die Reue erwachen; es war eine tiefe, unheimliche Stille. Da ermannte ſich Einer und rief:„Werft ſie über Bord!“ Schnell ſprangen Alle herbei, um einen ſo ſchrecklichen Anblick loszuwerden; aber ehe ſie ihr Werk noch vollführen konnten, erhob ſich der Capitain, aus einer Ohnmacht erwachend, und ſtreckte die Hand zum Himmel. Alle wichen beſtürzt zurück, und Jener, auf ſeinen zerbrochenen Degen geſtützt, ſprach mit gellender Stimme:„Es wird gerächt werden! Und wenn ihr Alle einig und kein Verräther unter Euch iſt, ſo wird das Blut, was ihr in dieſer Nacht vergoſſen habt, von dem Topp des Schiffes herabſtröͤmen und ſchon aus der Ferne euch als Mbrder anklagen.“ Dann aber ſtürzte er zuſammen und war todt. Der Mond trat in dieſem — 13— Augenblicke hinter einer Wolke hervor, und ſtrahlte auf die weißen Segel, die geſpenſtiſch leuchteten am dunkeln Nachthimmel. Ueber dieſelben ſchimmerte es blutroth bis zur Sahling und weiter zur Mars. Man hat mir zwar einreden wollen, es ſei der lange rothe Wimpel geweſen, der vom Topp in der Windſtille regungslos auf die Segel herabfiel, aber ich weiß es beſſer; es war das Blut der Erſchlagenen, das um Rache ſchrie. Welches Schiff führt auch des Nachts einen Wimpel? Die Matroſen des Indienfahrers brauchten lange Zeit, ehe ſie die Leichen über Bord warfen, und das Schiff von allen verdächtigen Zeichen klar machten; als es aber endlich geſchehen war, ſteuerten ſie, von einem günſtigen Winde getrieben, der Heimath zu, und Jeder hatte das Gold und die Edelſteine, ſo ihm bei der Theilung zugefallen waren, in ſeiner Kiſte. Es war aber die Küſte von Holland, wo ſie landen wollten. Sie hatten mit einander verabredet, das Schiff in dunkler Nacht auf den Strand zu ſetzen, und dann mit den Böten zu flüchten. Aber Gott hatte es anders beſchloſ⸗ ſen; denn als ſie dem Strande nahe kamen, wurde es windſtill, und der Strom trieb das Schiff nach einer Gegend des Ufers, die ſehr bewohnt war, und wo ſich bald eine große Zahl Neugieriger an dem Strande verſammelte. Es war unterdeſſen voller Tag geworden, — 130— und die Windſtille dauerte fort; zum Strande war das Schiff nicht zu bringen, und fliehen wollten die Mörder auch nicht, um nicht den Verdacht der Küſtenleute zu wecken. Dieſer Verdacht aber wuchs dort von Minute zu Minute, gerade um des Zögerns willen. Deutlich ſah man vom Ufer aus den langen rothen Wimpel, der vom Topp über die weißen Segel weg hing; ein alter Seemann aber, der am Strande ſaß, ſchrie laut auf:„Ein Blutſtrom! Auf dem Schiffe iſt ein ent⸗ ſetzensvoller Mord verübt, und die Mörder überliefern ſich ſelbſt dem Arm der Gerechtigkeit!“ Alle ſahen erſchreckt nach dem Schiffe, und wie ſie den Wimpel erblickten, der über die weißen Segel hinzüngelte, obgleich die Luft todtſtill war, ſah es aus wie ein Blutſtrahl, der auf das Verdeck herabfloß. Zu gleicher Zeit verließ eines der Böte das Schiff, und ſteuerte nach dem Lande. Die Leute, die darin waren, hatten ihre Kleider und andern Habſeligkeiten nicht bergen können, aber ihr Gold trugen ſie in einem großen Beutel unter dem Arm. Dies erweckte Verdacht, und ſie wurden um des rothen Wimpels willen feſtgehalten, auf daß das Wort des Capitains erfüllt werde.“ „Wie kommt es,“ fragte Jan Helwig mit furchtſa⸗ mer Stimme, als die Backsgenbſſen eine Weile geſchwie⸗ — 131— gen hatten,„daß man an einem Freitage nicht ſegeln ſoll?“ „Ein Tag iſt wie der andere,“ entgegnete Emanuel unwillig,„und man ſoll jungem Seevolk keine Albern⸗ heiten in den Kopf ſetzen.“ „Dem iſt, mit Eurer Genehmhaltung, nicht ſo!“ fiel Niklas dem Meiſter Emanuel ziemlich lebhaft in die Rede.„Am Freitage ſoll Niemand zuerſt in See gehen, denn ſolches Beginnen mag nie ohne Ungemach geſchehen.“ „Wie ſo? wie ſo?“ fragten die Andern, und Niklas ſagte:„Am Freitage wurde unſer Herr und Heiland gekreuziget, und dieſer Tag der Trauer ſoll heilig und ſtill begangen werden; ihr ſollt an demſelben weder ſpielen, trinken, noch euch balgen, ſondern nur thun, was ſchuldlos iſt. Weil aber ein Schiff nicht unter Segel und in See gebracht werden kann, ohne daß unterſchiedliche Flüche oder Donnerwetter fallen, ſo iſt es ein ſündhaft Werk und das Unheil fällt auf das Schiff. Wißt Ihr's vom Renegaten und wie'es ihm ging? Hatte einſt ein Algierſcher Seeräuber ein Chriſtenſchiff genommen, die Ladung verkauft und die Leute an die Sclavenkette gelegt. War Einer unter den Chriſten, der machte ſich bei den Türken beliebt und ſchwur, er wolle ein Heide werden wie ſie. Darüber wurden ſie — 132— froh und ließen ſeine Kette los, worauf er den Turban aufſetzte, mit den neuen Genoſſen auf Seeraub auszog und es ihnen an Bosheit und Grauſamkeit zuvorthat, ſo daß er ſich einen Namen erwarb, und ein Schrecken ward für Chriſt und Muſelman. Einſtmals nun lag das Schiff, das er befehligte, zum Auslaufen bereit; es war die Nacht vom Donnerſtag zum Freitag und gerade die Zeit, da man in chriſtlichen Landen die Feier des Oſterfeſtes vorbereitete. Nun traf ſich's, daß unſer Renegat allein auf dem Verdecke hauſete, denn ſeine Genoſſen hatten ſich im Opium berauſcht und lagen wie Todte im Schiffsraum umher. Nichts Leben⸗ des befand ſich am Bord, denn ſelbſt der große Ketten⸗ hund war in ſeine Hütte gekrochen und ſteckte den Kopf zwiſchen die Beine. Der Renegat ging mit großen Schritten auf und ab, und überlegte, wohin er morgen zuerſt ſeinen Cours ſetzen wollte, denn es befanden ſich viele Handelsſchiffe in offner See und er hoffte auf einen reichen Fang. Da fiel es ihm auch ein mit dem Freitage und wie ihm oft geſagt ſei, es bringe kein Glück, an dieſem Tage in See zu gehen, weil an einem ſolchen der Heiland gekreuziget ſei.„Pah!“ rief er vor ſich hin,„was gehts mich an! bin ich doch ein Türk!“ Und kaum hatte er dieſe läſterlichen Worte ausge⸗ ſprochen, als es in dem Kaſten lebendig wurde, worin — 133— man das Federvieh aufbewahrte, und der Hahn laut krähte. Als der Renegat das vernahm, lachte er laut auf, und ſagte:„Krähe zum Teufel, ſo viel wie du willſt, ich bin ein Türk!“ Unter der Zeit hatte das Unwetter überhand genommen, und einige ſeiner Unter⸗ gebenen kamen zitternd herbei, ihn fragend, ob er es wagen wolle, unter dieſen Umſtänden in die offene See zu gehen? Zugleich baten ſie ihn, er möge ſein Vorhahen wohl überlegen. Er vermaß ſich hoch und theuer, er werde es thun; Jedem aber, der ſich etwa unterſtehen werde, ihm das Mitgehen zu weigern, werde er mit ſeinem Damascener das Haupt vom Rumpfe trennen, ſo wahr er ein Türk ſei. Und als er dieſe, Betheuerung in der Nacht zum dritten Male ausſtieß, brach der Kaſten, der das Federvieh einſchloß, mit lautem Gekrach zuſammen, und der Hahn flog mit lautem Krähen über Bord, auf daß die Worte der Schrift erfüllet würden:„Ehe der Hahn zum andern Mal krähet, wirſt du mich drei Mal verleugnen.“ Als nun dies Schreckliche geſchehen war, flogen die Türken mit lautem Geſchrei unter Deck, der Renegat aber ver⸗ mochte es nicht und war Zeuge des Schreckens, der ſich nun ereignete. Die Ankertaue riſſen ſich los, eine ſchäumende Welle tauchte unter dem Kiel des Piraten⸗ ſchiffes auf, hob es auf ihren Rücken und warf es mit lautem Gebrüll einer zweiten zu, dieſe einer dritten und ſo immer fort, bis es in der Wüſte des Oceans vergraben war. Von den Leuten, die ſich in den Raum geflüchtet hatten, kam Keiner zum Vorſchein, und der Renegat ſtand heulend und zähnklappernd auf dem Ver⸗ deck. Wollte er in den Raum hinabſpringen, auf die Gefahr hin, unter den Säbeln ſeiner empörten Gefährten zu fallen, ſo vermochte er es nicht; und wollte er über Bord ſpringen, in den Rachen der alles verſchlingen⸗ den Wellen, ſo vermochte er es auch nicht. Denn alſo ſtrafte ihn Gott, daß er mit aller Angſt ſeines er⸗ wachenden Gewiſſens allein ſein ſollte in der Stunde der Noth und Gefahr, keinen tröſtenden Freund zur Seite und ſelbſt der Hoffnung beraubt, dieſen jammer— vollen Martern durch einen freiwilligen Tod ein Ende zu machen. Als aber der Tag anbrach, war von dem Piratenſchiffe weit und breit nicht das Geringſte zu ſehen. Gut iſt's, daß es nicht Allen ſo ſchlimm geht, die an einem Freitage ſegeln, aber Jedermann, ſo ſich ſolches unterfängt, muß dem erzürnten Meer ſeinen Tribut bringen, wäre es auch nur des Kochs rothe Mütze.“ „Was iſt das mit des Kochs rother Mütze?“ fielen die Andern raſch bei, denn ſie waren von den grauſigen Bildern des heutigen Abends wacker zuſammen geſchüt⸗ — 135— telt, und ſehnten ſich nach etwas Erfriſchendem. An Niklas Zwickern mit den Augenwimpern aber merkten ſie, daß ein ſolches im Anzuge ſei, und waren begierig zu erfahren, was es mit dem Verluſt des Kochs auf ſich habe. „Hört, Backsmaaten!“ begann Niklas, nachdem er ſich mit einem herzhaften Trunk aus der Kanne erfriſcht hatte;„es iſt nichts als ein gewöhnlicher Matroſenſpaß, den unſer Meiſter Emanuel nicht in ſein Loggbuch tragen darf, damit die Landratten nicht ſeiner Zeit über uns lachen. War einſtmals ein Schiff, angeſtrichen mit bunten Farben, geſchmückt mit glänzenden Flaggen und blendenden Segeln, das ſtach zu einer Luftfahrt in See, und der Tag, an welchem es geſchah, war ein Freitag. Als das die Herrn und Damen erfuhren, die ſich am Bord befanden, und welche Bewandtniß es mit einer ſolchen Abreiſe am Freitage habe, wurden ſie angſt und bange, und verlangten vom Capitain, daß er alſobald umkehre!“ „Das hülfe wenig!“ entgegnete dieſer,„da es 3 einmal geſchehen und der böſe Neptunus uns finden kann, ſo lange wir noch einen Fuß Waſſer unter dem Kiel haben. Nun aber habe ich in einem alten Ge⸗ ſchichtenbuche geleſen, daß meine Collegen zur Heiden⸗ zeit, das heißt, vor vielen tauſend Jahren, wenn ſie in See gingen, dem Beherrſcher des Meeres freiwillig ein Opfer gebracht, und daß es ihnen großen Theils ge⸗ lungen ſei, ihn auf dieſe Weiſe zu verſöhnen; alſo dächte ich, wir könnten es jetzt eben ſo machen!“ Mit dieſen Worten nahm der Capitain einen Pfennig und warf ihn in die See, die dieſe Gabe ſchweigend in ihrem Schvoße begrub. Die Herren und Damen waren mit dieſem Vor⸗ ſchlage des Capitains wohl zufrieden, und Jeder ſuchte nach irgend etwas, das er entbehren und dem Meer⸗ gott zum Opfer bringen könne. Anfangs ging dieſe Ceremonie mit großer Ernſthaftigkeit vor ſich, nachge⸗ rade aber miſchte ſich der Spaß darein und endlich geſchahs mit lautem Gelächter. Als die Paſſagiere nach der Reihe ihre Gaben dargebracht hatten, kam die Reihe an die Officiere, Matroſen und Schiffsjungen, die Alle etwas zum über Bord werfen hatten; die Offi⸗ ciere die Briefe ihrer untreuen Geliebten, die Matroſen die Naſen, die ſie von ihren Vorgeſetzten empfangen, und die Schiffsjungen die Tafel, worauf verzeichnet ſtand, wie oft ſie von den Matroſen gehänſelt worden waren; denn zur See wird Jedermann gehänſelt, wie Ihr wißt: der Junge von den Matroſen, der Matroſe vom Steuermann; der Steuermann von dem Capitain; der Capitain vom Rheder; der Rehder von dem Manne mit dem Stern, und dieſer von dem Manne, dem Alle Sterne gehören und Mond und Sonne dazu. Nun war die Reihe an dem Schiffskoch, der aber weigerte ſich, indem er behauptete, er beſitze nichts, was irgend werth wäre, geopfert zu werden und er wolle ſein Bischen Armuth lieber behalten.„Iſt's wahr, Meiſter Koch! daß du ſo arm biſt?“ fragte lachend der Capi⸗ tain.„Gewiß und wahrhaftig!“ entgegnete der Schalk, aber er log, denn er war geizig und hatte die Erſpar⸗ niſſe mancher Reiſe auf dem Boden ſeiner Kiſte liegen. Da rief Einer von den Leuten:„Nun, wenn weiter nichts vorhanden iſt, ſo mag er ſeine neue rothe Mütze nehmen und ſie über Bord werfen!“ Das gefiel den Schiffsleuten, und Alle ſchrieen nach der rothen Mütze des Kochs, die ſeitwärts auf ſeinem Kopfe ſaß, als werde ſie von einer ſtraffen Backſtagskühlte überhohlt. Da ward dem armen Teufel bange, daß er die Mütze miſſen ſolle, die er zu dieſer Reiſe erſt neu angeſchafft, und ſuchte ſie irgendwo zu bergen, wo ſie Niemand holen konnte, denn er war leicht und zierlich gebaut, wog wenig mehr als die Luft und kletterte toller als eine Katze. Schnell ſtürzte er über des Zimmermanns Kiſte her, nahm einen Hammer und einen Nagel, ſteckte Beides zu ſich und flog dann die Wanten des Fock⸗ maſtes hinauf. Anfangs waren die munteren Topp⸗ — 138— gaſten mit lautem Geſchrei hinter ihm her, als es aber immer höher ging, und die Oberbramſtange ſich merk⸗ lich bog, ohne daß irgend ein Anderer dieſelbe um⸗ klammerte, als der Koch, hielten ſie mit dem Verfolgen inne, und Alle ſahen, getheilt zwiſchen Furcht, Grauſen und unterdrücktem Lachen, was der Wagehals begann. Jetzt ſaß der Burſche, während das Schiff in voller Fahrt ſich befand, auf der Raa des Oberbramſegels, das ſtraff gehißt war, riß den rothen Wimpel, der dorthin geſetzt war, die Richtung des Windes anzu⸗ geben, von dem Topp und nagelte ſeine rothe Mütze ſtatt deſſen auf demſelben feſt. Dann aber ſtieg er ge⸗ laſſen herunter und ſagte:„Wer ſie nun haben will, mag ſie holen!“ Es thats aber Keiner, weil es zu halsbrechend war. Dagegen erhob ſich zur Racht eine ſcharfe Kühlte und obgleich alle Segel zur Stelle geborgen wurden, ging es doch ohne eine kleine Havarie nicht ab, denn die Oberbramſtange des Fockmaſtes ging über Bord und mit ihr zugleich die rothe Mütze des Kochs. Und das mit Recht, denn was der See einmal angelobt iſt, das muß ihr werden.“ — 139— Seemanns⸗Schwänke. Und wieder eines andern Abends ſaßen die Maaten beiſammen in ihrer Kajüte; aber diesmal war es eine heitere, luſtige Geſellſchaft, und Scherz und Laune würzten den Trunk. Jeder wußte irgend einen Spaß zu erzählen und wenn die Uebrigen ſich ſatt gelacht hatten, fing ein Anderer einen neuen Schwank an. „Iſt ein verteufelt gutes Ding um eine Pfeife voll Tabak,“ ſagte Robert,„und der Seemann iſt nirgends zu Hauſe, wo der nicht zu haben iſt. Darum ging's uns hart an, als wir in Amſterdam lagen und hörten, es ginge mit uns nach Liſſabon. In Amſterdam, Jun⸗ gens, habt Ihr alle Sorten vollauf, und wer nicht A rauchen will, raucht„drei Mohren“ oder„Petum optimum.“ In Liſſabon aber giebts nur muffiges Zeug, und Ihr müßt es obenein mit Cruſaden aufwiegen. Da ſchien es uns denn paſſend zu ſein, ſoviel als möglich mit uns dorthin zu nehmen, aber da kam der Capitain, ſprach über den Tabak viel gelehrten Krieskram, ſagte der Tabak ſei ein portugieſiſches Kronregal, oder was weiß ich ſonſt und der Teufel ſolle Den holen, der auch nur ein Loth einzuſchmuggeln ſuchte, und dadurch das Schiff in Gefahr brächte. Da mußten wir gehorchen, alles Brummen half nichts, und wer ja ein Paket unter der Monkey⸗Jacke trug, dem nahm der Capitain es weg. Aber wir hatten es bald ausgekundſchaftet, daß er ſelbſt zu thun Luſt habe, was er uns verbot; denn es kamen eines Abends drei bis vier große Pakete an Bord, und eines derſelben, welches nicht beſonders gut zugemacht war, ließ vielfache Tabaksſiegel ſehen. Dieſes Ereigniß ging wie ein rother Faden im engliſchen Tauwerk durch das ganze Schiff und ſetzte boſes Blut bei allen rauchfähigen Matroſen. Man brummte, ſteckte die Köpfe zuſammen und wenn einer der Schiffsofficiere vorbeiging, mußte er manches an⸗ zügliche Wort hören. Aber ſie kehrten ſich nicht daran, ſondern wieſen die Vorlauten übermüthig zurecht. Kein Tau iſt aber ſo lang, Ihr findet das Ende, und wir fanden auch das Ende unſerer Reiſe von Amſterdam nach Liſſabon. In der letzten Zeit war der Kajüts⸗ Tabak in Vergeſſenheit gerathen, aber als wir nun über die Barre des Tajo wegſteuerten, fiel uns ein, was geſchehen würde, wenn wir bei dem Fort von Belum ankerten und die Viſitatoren an Bord kämen. Die Fahrt ging aber ſehr langſam; wir hatten bloß das Vormarsſegel gehißt und krochen Fuß vor Fuß den Strom herauf, als ob wir ſchwere Havarie gehabt hätten, obgleich Alles wohl im Stande war, und wir bei dem ſchönen Wetter die Maſten bis zum Bramtopp hätten in Leinwand hüllen koͤnnen. Dabei war es ſpaßhaft geweſen, zu ſehen, wie oft die Officiere heute ſich die Wanten hinaufbemüht, auf den Raaen geſeſſen und nach Nord und Süd ausgelugt hatten. Wir dachten abſonderliche Dinge dabei und wie es einen tüchtigen Spaß geben könne, wenn die Zollkerle eine geſunde Naſe hätten. Jetzt kam die Schaluppe zu uns heran⸗ gerudert und in demſelben Augenblick ſtrichen wir unſer Vormarsſegel und der Anker ging in den Grund. So⸗ gleich waren ſie an Bord und vertheilten ſich nach allen Seiten, oben und unten; ſie ſchonten nichts, guckten dem Zimmermann in die Kiſte, dem Koch in die Töpfe und rochen ſogar in die Behauſung unſerer Ferkel. Aber Alles umſonſt; es ward nirgends etwas gefunden und wir zerbrachen uns den Kopf, wo der Tabak ge⸗ blieben ſein könne, den wir ſelbſt hatten an Bord bringen ſehen. Da kam einer der Zollwächter aus der Kajüte; er war der vornehmſte und hatte einen mäch⸗ tigen Sarras an der Seite. Mit gravitätiſchen Schrit⸗ ten ging er auf dem Verdeck hin und her, ließ den Blick über die Takelage fliegen, und ein ſpitzbübiſches Lachen verzog das ganze Geſicht. Der Capitain fragte, ob die Unterſuchung nun beendet ſei, oder ob er noch etwas zu befehlen habe? und der Portugieſe rief laut: — 142— „Ja, Senhor! Ich habe noch etwas zu befehlen! Im Namen des Koͤnigs gebiete ich Euch, daß Ihr Eure Matroſen nach oben ſchickt und die Segel von den Ragen fallen laßt. Der Capitain proteſtirte aus allen Krüften und ſchrie, das Schiff werde über ſeinen Anker gehen und ihn unklar machen, wenn die eben auffriſchende Briſe ſich in die Leinwand ſetze, aber der Portugieſe kehrte ſich nicht daran, und als wir ohne des Capitains Ordre ſeiner Weiſung nicht folgen wollten, rief er ſei⸗ nen Leuten einige Worte zu, die alſobald rechts und links in die Wanten ſprangen. Der Capitain war außer ſich vor Zorn und Bosheit, er ſtampfte mit den Füßen, rief nach ſeinen Piſtolen und ſchwur, er werde die Portugieſen von den Raaen ſchießen, wie man auf dem Lande Sperlinge aus dem Kirſchbaum ſchießt. Aber die Portugieſen kehrten ſich nicht daran, ſie löſten die Beſchlagsſeiſinge, die Segel fielen Alle zugleich von den Raaen und in demſelben Augenblicke purzelten die ſchönen Tabackspakete mit den drei Mohren⸗Wappen und dem rothen G auf unſere Köpfe hageldicht herab. Da hättet Ihr ſehen ſollen, wie die Portugieſen zu⸗ griffen und den Tabak in ihre Barke ſtauten, der Capi⸗ tain aber floh kreideweis in ſeine Kajüte, denn er wußte wohl, daß nun ein Donnerwetter über ihn losbrechen werde; ich aber hatte zum erſten Male eine Tabaks⸗ Sturzſee über den Kopf bekommen.“ „Da iſt's allemal beſſer,“ ſagte Meiſter Emanuel, „wenn bei ſolchen Gelegenheiten die Kajüte und das Kabelgat einerlei Cours ſteuern, damit man dieſen Zoll⸗ kerlen eine Naſe drehe, denn nichts ſcheint mir verdrieß⸗ licher, als wenn man dieſe Burſche, die einem armen Matroſen das letzte Labſal aus der Kiſte ſchnappen, kahl ablaufen läßt und es nicht macht, wie wir mit den Zollwächtern in Portland. Es ſtanden nämlich ihrer zwei auf unſerm Verdecke Wache und am andern Morgen ſollte die Unterſuchungs-Commiſſion anlangen, denn am Abend unſerer Ankunft war es dazu ſchon zu ſpät. Daran war uns aber gar nichts gelegen, denn unter dem doppelten Boden der Kajüte hatten wir eine ſtattliche Reihe von Zigarenkiſten, die wir gerne an's Land gebracht hätten, wo ſchon Abnehmer bereit ſtan⸗ den. Da machte ſich ein ſchlauer Burſche an die bei⸗ den Wächter und hatte bald herausgebracht, daß die beiden Kerle einander ſpinnefeind waren und ſich das Weiße im Auge nicht gönnten. Der Eine war lang und mager und hieß Miſter Staff, der Andere war kurz und dick und hieß Miſter Struſſel. Einer von uns machte ſich nun an Miſter Staff und erzählte ihm, duß ſein College Miſter Struſſel von den Matroſen eine Pfundnote erhalten habe, damit er nicht hinſehen ſolle, wenn ſie über Nacht einige Gallonen franzöſiſchen — 144— Brantwein aus dem Kabelgat und durch das Galion in ein Langboot ſchmuggelten.„Es iſt gut,“ ſagte Miſter Staff,„ich werde ſchon Acht haben, dieſer Blut⸗ igel ſoll um die Pfundnote geprellt werden, und der Brantwein gehört allein mir.“— Während dieſer Un⸗ terhaltung hatte ſich ein Anderer an Miſter Struſſel gemacht und erzählte ihm dieſelbe Geſchichte von Miſter Staff. Der war außer ſich vor Freuden und meinte, es dürfe Niemand ſich unterſtehen ihn betrügen zu wol⸗ len, denn Jeder, der dies unternehme, werde mit Schanden beſtehen; den Collegen Staff aber ſoll noch obenein der Teufel holen. Der Abend brach herein, und die Officiers ſtanden unweit von dem Bratſpill, ſich gegenſeitig mit lauern⸗ den Blicken betrachtend. „Es iſt ſehr kalt heute Abend!“ ſagte Meiſter Staff. „In der That, ſehr kalt!“ antwortete Miſter Struſſel. „Wenn Miſter Struſſel vielleicht von der guten Ge⸗ legenheit profitiren, und es ſich für einige Zeit in der erwärmten Kajüte bequem machen will, ſo wird Miſter Staff ſehr gerne die Deckswache allein übernehmen.“ „Ich würde es für eine Sünde halten, Miſter Staff,“ entgegnete mit ſüßſaurer Miene Miſter Struſſel,„eine ſolche Gunſt von Miſter Staff anzunehmen; da ich weiß, daß derſelbe eine ſtarke Familie hat, und ſich zum — Nachtheil derſelben allzuſehr im Dienſt anſtrengen möchte. Ich dagegen bin ein ledig loſer Kerl, und wenn Miſter Staff mir die Deckwache überlaſſen will....“ „Keineswegs!“ ſprach dieſer ſchnell,„ich kenne meine Pflicht!“ „Und ich die meinige!“ entgegnete der College. „Mit der Schmuggelei iſt es richtig, und der Spitz⸗ bube weiß darum!“ ſagte Miſter Staff leiſe vor ſich hin. „Der Kerl hat die Pfundnote bereits in der Taſche, aber er ſoll ſie wieder herausgeben!“ brummte Miſter Struſſel in den Bart. Das Wetter hatte ſich merklich verändert, es ward empfindlich kalt, der Wind trieb die Wolken zuſammen und ein eiskalter Regen rieſelte herab. Miſter Staff zähnklapperte am Steuer- und Miſter Struſſel that daſſelbe am Backbord, endlich ſagte der erſtere:„Wenn Miſter Struſſel ſich hinunter bemühen und unſere Män⸗ tel ſuchen wollte, ſo würde ich unterdeſſen....“ „Nein! Nein!“ rief der pflichttreue Officier,„ich kann hier in der That keinen Augenblick entbehrt wer⸗ den; aber wenn Miſter Struſſel vielleicht für die ſo nothwendige Bedeckung unſeres Leibes Sorge tragen wollte, ſo ertheile ich die Verſicherung, daß während ſeiner Abweſenheit nicht das Geringſte....“ . 7 „Um Alles in der Welt nicht!“ entgegnete Jener und begann, mit ſeinem Collegen um die Wette das Verdeck auf und ab zu rennen. „Satan!“ ſchalt Miſter Staff. „Unthier!“ ſchalt Miſter Struſſel. „Tiger!“ brüllte Miſter Staff. „Crocodill!“ brüllte Miſter Struſſel. „Wie wollt Ihr, daß ich das Geſagte nehme? He! Miſter Struſſel?“ „Ihr nehmt es, wie es Euch zu Handen iſt, und werdet dabei denken, daß eine gute Hand zur guten Fauſt werden kann, und daß eine gute Fauſt einen guten Boxer macht. He! Miſter Staff?“ „Ich frage den Henker darnach, ob Ihr von mir todt gebort werdet oder nicht, aber ich will des Teufels ſein, wenn Ihr einen Tropfen von dem Cognac haben ſollt, den Eure Naſe unter dieſem Tauwerk wittert!“ Und mit dieſen gewichtigen Worten warf ſich Miſter Staff zähnklappernd auf die Luken des Kabelgats. „Ihr ſollt eben ſo wenig Eure Zunge daran ver⸗ brennen, und ich will verdammt ſein, wenn Ihr Euren Willen bekommt!“ ſagte Miſter Struſſel und warf ſich neben ihn. So lagen nun Beide neben einander und bewachten das Kabelgat, worin auch nicht ſo viel Branntwein war, — 447— daß man eine Fliege damit ertränken konnte; ſie war⸗ fen ſich gegenſeitig vernichtende Blicke zu und ſchüttel⸗ ten ſich im Fieberfroſt, bis ſie, von Zorn und Wuth übermannt, ſich bei der Bruſt packten und mit einander auf dem Verdeck umher kollerten, zum großen Verdruße des Schiffshundes, der über die zornglühenden Wächter herfiel und ſie in die Beine biß. Unterdeſſen hatten wir in aller Stille mit der Scha⸗ luppe am Spiegel angelegt und empfingen durch die Schiffskajütenfenſter eine Cigarrenkiſte nach der andern, die wir unter leiſem Kichern nach dem Lande ruderten und in einem uns wohlbekannten Porterhauſe abſetzten. Noch einige andere Geſchichten ähnlicher Art wurden erzählt, und jedes Mal mit beſonderem Wohlgefallen aufgenommen; denn der Matroſe freut ſich nicht mehr, als wenn er eine Landratte, abſonderlich aber einen Zollwächter prellen kann. Da rief Niklas luſtig da⸗ zwiſchen:„Habt Ihr ſeiner Zeit den tollen Lars Anders gekannt?“ Den Bornholmer, der nie mehr als eine Reiſe mit einem Schiffe machte und immer ſo viele Trockniß in der Kehle hatte, wie die Elbe Sand zur Ebbezeit?“ fragte ſein Nachbar. „Derſelbe! Und ich will Euch nun erzählen, wie es kam, daß er einmal ganz allein einen Elephanten von 7* — 118— Hamburg nach den Weſtindiſchen Inſeln transportirte und ihn daſelbſt für ein Paar Galonen Rum verkaufte. War ein Haus auf der Südweſtſeite des Hamburger Berges, worin Wein und Mädchen vollauf, das trug über der Thür ein großes, blaues Schild und auf demſelben war ein Elephant abgebildet, der noch oben⸗ vrein über und über vergoldet war. In dieſes Haus gingen über die Maßen viel Seeleute; dahin kam auch Lars Anders und hatte manchen ſchönen Speciesthaler dort verzehrt. Eines Morgens nun, als es bereits wieder mit ihm auf die Neige ging, und es hohe Zeit für ihn wurde, das Salzwaſſer zu ſchmecken, kam er zum Elephantenwirth und ſagte:„Höre Du! Ich bin auf dem Trocknen, alſo gib mir ein tüchtig Frühſtück, eine voppelte Portion Grog und eine Handvoll Drittel zum fröhlichen Juchhei!“ „Daß ich ein Narr wäre!“ lachte der Elephanten⸗ wirth.„Strecke Dich nach Deiner Decke. Willſt Du frühſtücken, ſo magſt Du Dir ein Stück von dieſem Roggenbrod abſchneiden, was aber den Trunk betrifft, ſo iſt die Pumpe vor dem Hauſe nicht angeſchloſſen.“ „Gut das, Du ſchäbiger Kerl,“ ſagte Lars Anders, „habe ich ſeit Jahren mein Geld bei Dir verzehrt, um ſo von Dir behandelt zu werden? Ich komme nicht wieder, außer um Dir zu ſagen, wann Deinen Ele⸗ phanten der Teufel holen ſoll, und Dich dazu.“ Bei dieſen Worten gab Lars Anders dem verdutzten Wirthe ein Paar tüchtige Maulſchellen und lief auf die Straße voll Zorn, Gift und Galle, wobei es ein Glück war, daß er nicht ein Dutzend ſeines Gleichen zur Hand hatte, denn dann wäre von der ſtattlichen Elephanten⸗Schenke wohl kaum ein Stein auf dem andern geblieben. Beſſerer Rath kommt über Nacht, pflegt man zu ſa⸗ gen, und ſo war es auch mit Lars Anders, der am nächſten Morgen ganz ruhig bei einem Weſtindienfahrer an Bord ging, mit dem er ſich verdungen hatte. Aber vergeſſen hatte er es dem Wirthe nicht, und wenn er ihm auch nicht mehr das Haus über dem Kopf anſtecken wollte, ſo gedachte er ihm doch einen empfindlichen Streich zu ſpielen, woran er eine Zeitlang denken ſollte; hierzu aber war der Abend vor ſeiner Abreiſe nach Weſtindien beſtimmt, und alle Matroſen, denen er ſein Vorhaben mittheilte, ſagten ihm lachend Hülfe zu. Der Elephantenwirth, der an nichts Arges dachte und die Drohung des tollen Lars Anders längſt vergeſ⸗ ſen hatte, rieb ſich vergnügt die Hände und freute ſich der tüchtigen Einnahme, denn der Saal war gedrängt voll und die Matroſen, die Alles baar bezahlten, ſchon⸗ ten ſein Getränk nicht. Da trat Lars Anders in's Haus, ging mit drohender Miene an dem Schenktiſch — 150— vorüber und ward alſobald von ſeinen Kameraden um⸗ ringt. Dem Wirthe fiel es ſchwer auf's Herz, als er den ſtrammen Burſchen ſah und daran dachte, wie ſchnöde er ihn behandelt, auch hatte er alle Urſache, ſich zu fürchten, denn Lars Anders hatte kaum die Freunde begrüßt und ein Glas auf ihr Wohl geleert, als er auf einen Tiſch ſprang und den ihn umdrängenden Maaten die Behandlung erzählte, die er von dem Wirthe erduldet hatte. Ein Schrei des Unwillens flog durch den Saal und der Wirth wünſchte ſich zehntauſend Mei⸗ len weit von dieſer unglücklichen Stelle weg, denn er konnte auf das Aergſte gefaßt ſein. Auch war Flucht ſein einziger Gedanke, aber umſonſt; die ſchlauen Kerle hatten den Ausgang verſperrt und er blieb hinter dem Schenktiſche mit ſchlotternden Knieen ſtehn. „Komm hierher, Du Hund!“ rief Lars Anders, und winkte dem Wirthe gebieteriſch, dem nichts Ande⸗ res übrig blieb, als zu gehorchen.„Komme hierher, Kerl, und Ihr da, meine Brüder, ſagt ihm, was er für ſeine Niederträchtigkeit verdient hat.“ „Den Tod! den Tod!“ brüllte die halbbetrunkene Schaar. Der Wirth ächzte. „Welchen Tod ſoll er ſterben, meine Brüder?“ fragte Lars Anders, und da die Matroſen hunderterlei durcheinander ſchrieen, ohne daß man deutlich verſtehen konnte, was ſie eigentlich wollten, rief Lars Anders: „Ich will's Euch ſagen; wir nehmen das Schild über der Hausthür weg und hängen ihn an deſſen Stelle. Der Kerl iſt plump und dick, wie ein Elephant, und hängt dort beſſer, als der gemalte!“ Ein lautes Gelächter des Beifalls erſcholl.„Gnade! Gnade!“ wimmerte der Wirth. Als Lars Anders ſich einige Zeit an der Todesangſt ſeines Feindes geweidet hatte, ſagte er:„Du bitteſt um Gnade! Was kannſt Du thun, ſie zu verdienen?“ „Ich will Alles thun, was Ihr befehlt!“ „So falle auf Deine Kniee und bitte mir den Schimpf ab, den Du mir zugefügt haſt; gelobe auch zu gleicher Zeit, nie mehr einem Seemanne ſolche Dinge zu ſagen; bei Strafe des Hängens.“ Der knieende Wirth bat ab und gelobte. „Ferner ſoll heute kein Menſch hier mehr einen rothen Heller bezahlen, es möge verzehrt werden, was da wolle, und Du ſollſt es ſelbſt mit freundlichen Mie⸗ nen umherreichen.“ Der Zitternde verſprach Alles. Er wollte ein Bett⸗ ler werden, aus Liebe zum Leben. „Und zuletzt, wenn Alles verjubelt iſt, hat's mit dem goldenen Elephanten ein Ende. Zum Zeichen die⸗ ſes Beſchluſſes ſollſt Du ſelbſt Dein Wirthshausſchild —— abnehmen, und was dann folgen wird, werden wir wei⸗ ter beſtimmen.“ Ein lautes Hurrah verſchlang die letzte Rede Lars Anders, und zugleich begannen hundert Kehlen nach Wein, Punſch und anderen Getränken zu rufen. Der Wirth, der bisher ſich nicht von ſeinem Schenktiſche entfernt hatte, mußte jetzt nach allen Theilen des Hau⸗ ſes eilen, um ſeinen gefürchteten Gäſten das Befohlene zu bringen; zwei luſtige Toppmänner hatten ſich ſogar auf den oberſten Boden begeben, und der Wirth mufßte mit der gefüllten Bowle die gefährliche Hühnerſteige hinan, begleitet von dem ſpottenden Lachen der tollen Matroſen. Aber endlich waren die reichen Vorräthe des Ele⸗ phantenwirthes erſchöpft und der Tag begann zu däm⸗ mern.„Es iſt genug!“ rief Lars Anders mit mächti⸗ ger Stimme,„laßt uns nun mit dem Elephanten ein Ende machen!“ Sie umringten den Wirth, der mehr todt als lebendig war, und trieben ihn mit Püffen und Stößen bis vor die Hausthür. Hier hatte man eine große Leiter an das Haus gelehnt, und gebot ihm hin⸗ aufzuſteigen und das Schild abzunehmen. Er begann ſein Werk, aber er würde es nicht vollbracht haben, wenn nicht einige mitleidige Burſche ihn unterſtützt hät⸗ ten, was man ruhig geſchehen ließ. Jetzt lag das Schild unten, der Wirth ſtand daneben, ſah ſein gold⸗ nes Ebenbild mit Thränen in den Augen an, und fragte mit zitternder Stimme, ob er ſich nun entfernen dürfe, oder ob man noch weiter etwas beſchloſſen habe?“ „Weiter iſt beſchloſſen,“ antwortete Lars Anders, „daß Du dieſes Schild auf den Rücken nimmſt und, von uns geleitet, bis nach der Elbe Dich begibſt, allwo wir dann euch beide Elephanten erſäufen werden.“ „Das iſt gegen die Abrede!“ ſchrie der Wirth, der für einen Augenblick ſeine Energie wieder gewann, da es ſich um's Leben handelte. „Still, Kerl!“ brüllte Lars Anders und warf dem Wirth das Schild auf den Racken, dann aber trieb er ihn mit Fußtritten der Elbe zu und die Andern folgten mit Lachen und Jubeln. Am Strande lag das Boot des Schiffers, zu wel⸗ chem Lars Anders gehörte und bereits der Leute war⸗ tete. Man warf das goldne Schild ſogleich in die Elbe, doch nur um den Staub davon abzuwaſchen, dann ward es in's Boot gelegt, darauf warf man auch den Ele⸗ phantenwirth in die Elbe, aber nur, um ihm einen Schrecken mehr zu den vielen einzujagen, denn ſie zogen ihn ſogleich wieder heraus und Lars Anders ſagte lachend: „Jetzt biſt Du rein gewaſchen von allen Sünden und ich habe Dir vergeben. Hüte Dich, daß Du nicht einer 7** — 151— zweiten Abwaſchung bedürftig werdeſt, denn die möchte ſchlimmer ausfallen, als die erſte. Was aber Deinen goldnen Elephanten betrifft, den ſiehſt Du nicht wieder!“ Damit ſtieß das Boot vom Strande ab und nach einer Stunde war der Weſtindienfahrer unter Segel. Der Wirth kroch fluchend und ſcheltend nach Hauſe und bekam ein Fieber. Sonſt aber blieb der Spaß ohne Folgen; der Wirth ließ ſich nach vier Wochen einen neuen Ele⸗ phanten malen, und Lars Anders verſetzte den ſeinigen in St. Thomas für zwei Galonen Rum in einer Regerſchenke. Und ich weiß einen andern Streich von ihm, der war luſtiger, denn es ging nicht lebensgefährlich dabei zu. Lars Anders hatte gute Kameradſchaft zu Kopen⸗ hagen mit den Holm-Matroſen gemacht, und weil mit dieſen Kerlen nicht ſonderlich zu ſpaßen iſt, Lars An⸗ ders auch ein tüchtiger Hitzkopf war, ſo dauerte es nicht lange, daß die guten Kameraden ſich erzürnten und ein⸗ ander zu Leibe gingen, als ſie gerade die dritte Bowle mit einander geleert hatten. Es waren aber ihrer ſechs Holm⸗Matroſen und Lars Anders war allein, er zog alſo den Kürzern, ward jämmerlich durchgebläut und trug ein Loch im Kopfe davon. Durch vieles Zureden brachten die Wirthsleute ihn dahin, daß er ſich entſchloß, zu einem Wundarzte zu gehen, um ſich verbinden zu laſ⸗ ſen. Nun aber hatten ihn die Leute zu einem gar vorneh⸗ men Doktor gebracht, der auch die Herren im Schloſſe kurirte und nur in reichen und vornehmen Häuſern ge⸗ ſehen ward. Lars Anders ſetzte ſich geduldig auf die Schwelle und harrte darauf, zu dem Doktor geführt zu werden, denn er hatte viele Schmerzen und wurde mehrere Male ohnmächtig. Aber der Doktor kam nicht; weil er vornehmen Beſuch hatte, mit dem er beim Frühſtück ſaß. Dies dauerte ſo lange, bis ein betreßter Lakai kam und ihn zu einer vornehmen Gräfin rief. Alſobald nahm der Doktor Hut und Stock, doch war er etwas ungehalten, weil man ihn beim leckern Früh⸗ ſtüͤck geſtört hatte. Als er über die Schwelle ſchreiten wollte, ſtieß er auf Lars Anders, der eben aus einer Ohnmacht erwacht war.„Was willſt Du hier, Kerl?“ rief der Doktor. „Ach, Herr! Ich bin arg zugerichtet und bitte Euch ſehr, daß Ihr meine Wunden verbinden wollt. Ihr ſollt es auch nicht umſonſt thun.“ Als der Doktor ſich den Matroſen näher anſah, der vor ihm lag, mit zerzauſtem Haar und zerriſſenen Kleidern, mit allen Spuren einer durchwachten Nacht im Geſichte, wurde er zornig, und indem er mit dem Fuße nach ihm ſtieß, ſchrie er:„Werft den gemeinen Kerl von meiner Treppe! Eher wollte ich ein ganzes Rudel kranker Hunde verbinden, bevor ich Hand legte — 156— an einen ſolchen Geſellen! Fort mit ihm, und dann waſcht die Stelle ſorgfältig ab, wo er gelegen hat, damit mein Haus nicht verunreinigt werde!“ Mit dieſen Worten ſprang der Doktor in den Wa⸗ gen und fuhr zu der vornehmen Dame. Lars Anders ballte die Fauſt und ſprach zähneknirſchend:„Kerl! das gedenke ich Dir!“ Weiter aber konnte er vor Schmerz und Mattigkeit nichts hervorbringen und war froh, daß einige Vorübergehende ihn gegen die groben Diener des groben Doktors in Schutz nahmen und zu einem ge⸗ wöhnlichen Feldſcheerer führten, der ſogleich nach beſten Kräften darauf loskurirte. Nun ging eine lange Zeit vorüber, in der man wohl mehr als eine Weſtindiſche Reiſe hätte machen können, ohne daß man etwas von Lars Anders hörte. Der Doktor aber hatte das große Glück gehabt, eini⸗ gen reichen Hanſen den verdorbenen Magen zu kuriren, und ſein Anſehn war um ſo mehr geſtiegen. Mehr als vorher verachtete er aber auch die armen Leute und wurde gegen die Reichen von Tag zu Tag demüthiger. So ſtand er nun eines Tages, feſtlich angethan, um zu einem ſeiner Kunden zu fahren, der von einer langen Krankheit geneſen war und heute ſeinem Doktor zu Ehren einen glänzenden Schmauß gab. Er trippelte hin und her und harrte des Wagens, der ihm geſchickt —— werden ſollte, als eine ſtattliche Kutſche daher rollte. Auf dem Bock ſaß ein bärtiger Kutſcher mit einem betreßten Rock und zwei eben ſolche Burſche ſtanden hinten auf.„Aha!“ dachte der Doktor bei ſich,„das iſt gewiß der Wagen, den mir mein Wirth ſchickt, und wenn ich nicht irre, bewegen ſich die Gardinen, die zugezogen ſind. Gewiß ſitzt er ſelbſt darin, um mich in ſein Haus einzuführen! Da geziemt es mir doch, ihm zuvorzukommen, ſchon um des Schmauſes und um des Ehrengeſchenkes willen, das er mir gewiß mit einer Rede überreichen wird.“ So dachte der Doktor, als er die Treppe hinabeilte, und kaum hielt der Wagen, als er nach der Thüre griff, um ſie zu öffnen. Der Schlag flog auf, und vier oder fünf ſchmutzige Hunde ſprangen laut bellend und kläf⸗ fend auf den Doktor ein, der vor Angſt laut aufſchrie, denn er glaubte, er würde zerriſſen. Da ſprang plötzlich Lars Anders hinten von der Kutſche herab, zog den bunten Rock ab, den er auf dem Leibe hatte, und rief laut lachend:„Oho, Doktor! Sagtet Ihr nicht, Ihr wolltet lieber einen ganzen Ru⸗ del kranker Hunde kuriren, bevor Ihr an einen ſolchen Geſellen, wie mich, Hand legtet? Nun, Euer Wunſch iſt erfüllt! Da habt Ihr die Hunde, und jedes der Beeſter hat die Räude und alle Peſtilenz am Halſe.“ — 158— Damit lief Lars Anders fort und der Doktor mußte ſich von ſeinen Leuten in's Haus bringen laſſen. Gleich nachher kam der rechte Wagen, der ihn zum Feſte ab⸗ holen ſollte, aber der reiche Anzug war verdorben und der Doktor ſo zum Tode erſchreckt worden, daß er zu Hauſe bleiben mußte, und die ihm zugedachte Ehre nicht annehmen konnte. „Das ſind lauter Toll- und Dummheiten,“ brummte Meiſter Emanuel,„und es lohnt ſich gar nicht der Mühe, darum ein ſo langes Geſpinnſt abzuwickeln. Der Burſche war ein Taugenichts während ſeines gan⸗ zen Matroſenſtandes, der voll Kniffe ſteckte, und wenn er nicht ein ſo tüchtiger Seemann geweſen und nachher ein ſo reſpectabler Kerl geworden wäre, hätte ich ihm kaum das Glück gönnen mögen, das er in der Welt gemacht hat.“ „Ich habe davon gehört!“ antwortete Niklas. „War einmal ein reicher Kaufmann in Rotterdam, der liebte auch einen guten Spaß und ſeine ſchöne Tochter nicht minder. Eines Tages, als mehrere Ca⸗ pitaine bei ihm zur Tafel waren, kam die Rede auf Muth und Unerſchrockenheit, ſo wie auf Gegenwart des Geiſtes, die der Seeman beſitzen müſſe, wolle er anders ſein Gewerbe mit Ehren betreiben. Das wurde von den Männern mit großer Ernſthaftigkeit behandelt, als —— — 159— auf einmal das junge Mädchen friſchweg fragte:„Ob ein Matroſe, der ſich zur See gleich zu helfen wiſſe, dies am Lande auch könne; das möchte ſie gern einmal ſehen.“ Das gab ein großes Gerede hin und her, bis plötz⸗ lich einer der Capitaine ſagte:„Von meinem Lars An⸗ ders kann ich behaupten, daß er durch nichts in Verle⸗ genheit geſetzt wird.“ Der Kaufmann, der dies mit'angehört hatte, ſagte nach einer Pauſe zu ſeinen Gäſten:„Das wollen wir verſuchen. Am Sonntage eſſen wir alle wieder zuſam⸗ men, dann, Capitain, heißt Euren Lars Anders die Sonntagsjacke anziehen und bringt ihn mit hierher. Ihr müßt ihm aber nicht ſagen, worauf es hier an⸗ kommt und was er hier ſoll.“ Dazu verpflichtete ſich der Capitain. Als der Sonntag kam und alle Gäſte beiſammen waren, trat auch jener Capitain mit ſeinem ſtattlich aufgeputzten Bootsmann, Lars Anders, ein, der auch nicht die geringſte Verlegenheit zeigte. Man achtete nicht auf ihn, und ſelbſt der Wirth, nachdem er ihm zugenickt hatte, kümmerte ſich nicht um ihn. Jetzt wurde das Eſſen aufgetragen, Jeder bekam ſeinen Platz ange⸗ wieſen, und Lars Anders erhielt ſeinen Stuhl gerade über von dem Kaufmann und ſeiner Tochter. Als die Suppe umher gegeben war und Jeder zulangte, wollte ſich Lars Anders auch über ſeinen Teller hermachen, aber ihm fehlte ein Löffel. Ohne ein Wort zu ſagen, langte er nach dem Brödchen, das vor ihm lag, ſchnitt es durch, höhlte es aus und ſchöpfte überaus ernſthaft die Suppe vom Teller, zur großen Ergötzlichkeit des Kaufmannes. Dieſer gewann dadurch eine ſo große Meinung von Lars Anders, daß er ihn in ſeinen be⸗ ſondern Schutz nahm, er ließ ihn in der Navigation unterrichten und es dauerte nicht lange, da commandirte Lars Anders eines der ſchönſten Schiffe von Rotterdam. Später hat er ſogar die Tochter ſeines Patrons gehei⸗ rathet.“ Alle lachten über das große Glück, was dieſer uner⸗ müdliche Anſtifter von tollen Streichen gehabt habe, und gingen darauf in der fröhlichſten Stimmung aus⸗ einander, Jeder, um ſeine Hängematte zu ſuchen. — 261— Ein Schiffsbrand. Weithin wogt das prächtige, majeſtätiſche Meer. Der fernſte Rand deſſelben iſt mit einem langen, dunk⸗ len Streifen eingefaßt, deſſen Oberfläche roſenfarben erglänzt, das iſt die im letzten Schimmer der Abend⸗ röthe aufglühende Küſte von Biscaja. Auf den Wellen dehnt ſich der ſtolze Rumpf einer Fregatte. Von dem Topp ihres großen Maſtes weht der königliche Wimpel, von ihrer Gaffel die blutrothe Danebrogsflagge mit dem weißen Kreuze. Von dem Verdeck bis zu der hochſten Spitze der Oberbramſtengen iſt das Schiff mit ſeinen Segeln be⸗ deckt, aber eine ſchwache Briſe hält ſie kaum gefüllt und nur langſam bewegt ſich daſſelbe der fernhin winkenden Küſte entgegen. Die Seitenborde der Fregatte ſind mit einem glän⸗ zenden ſchwarzen Lack überzogen; dazwiſchen laufen zwei weiße Linien in zierlicher Wölbung von der Back bis zur Schanze; es ſind die Einfaſſungen der Kanonen⸗ pforten, die geöffnet ſind und fünfzig Feuerſchlünde zeigen, die hell aufglänzen im ſcheidenden Abendlicht. Atalante heißt die Fregatte und das Galion zeigt die Geſtalt dieſer kühnen, leichtgeſchürzten Jungfrau, die —— noch ſchneller wie das Schiff über die Wellen des Mee⸗ res dahin fliegen moͤchte. Der Spiegel leuchtet von Vergoldung und Schnitzwerk, aus den erleuchteten Fen⸗ ſtern ertönt fröhliches Geſchwätz, es ſchallt von der Tafel des Capitains her, der ſeine Officiere zu einem fröhlichen Banquet um ſich verſammelt hat. Jetzt erthnt die ſilberne Pfeife des Hochbvotsmanns und gleich darauf wird es lebendig auf dem Verdeck. Aus den Maſten, aus den Schanzen, von der Back und vom Kabelgat kommen ſie herbei und ſammeln ſich am Backbord des Mitteldecks; die Toppgaſten gehen voran, die Uebrigen folgen, doch hält ſich Back und Back zu⸗ ſammen, ſtets acht Schüſſelmaaten für eine Schüſſel, und der vordere von ihnen trägt das Gefäß. Der Zug beginnt und geht um die Combüſe; jede Back⸗Genvoſſen⸗ ſchaft erhält ihr Theil; ſie entfernt ſich mit demſelben nach ihrem angewieſenen Platze und die Abendmahlzeit wird in aller Ruhe gehalten; kaum daß die Maaten einer Back es wagen, der zunächſt liegenden irgend eine Bemerkung oder einen Einfall mitzutheilen. Eine halbe Stunde vergeht; abermals erthnt der Schall der ſilbernen Pfeifen von einem Schiffsende zum andern. Die Eßgeräthſchaften ſind längſt entfernt; lang⸗ ſam und ſchweigend begeben ſich die Matroſen auf das Mitteldeck. An dem großen Maſt haben ſich die Ma⸗ — 806— rine⸗Soldaten aufgeſtellt, ſie ſchultern das Gewehr und ſchauen gleichgültig drein. Der letzte Schimmer des Abendrothes iſt längſt verglommen, der Mond iſt auf⸗ gegangen und miſcht ſein ernſthaftes Licht in dieſe eigenthümliche Scene. Die Officiere kommen aus der Kajüte und begeben ſich nach dem Backbord des Quar⸗ terdecks, der Marine-Officier tritt zu ſeinem Soldaten die Kadetten lehnen am Gangſpill. Der Capitain betritt das Verdeck. Auf ein Zeichen des Marine-Officiers wirbeln die Trommeln und die Soldaten präſentiren das Gewehr. Der Capitain lüf⸗ tet den Hut und dankt ſchweigend. Die Glocke läutet zum Gebet. Feierlich ſammelt ſich jetzt Alles um den Schiffspre⸗ diger, der mit einthniger Stimme die üblichen Gebete ſpricht; er empfiehlt das Schiff und ſeine Beſatzung dem Schutze deſſen, der die Winde feſſelt und den verſchlin⸗ genden Wellen zuruft: Bis hierher und nicht weiter. Er erhebt die Hände zum Segen und die wettergebräun⸗ ten Seeleute beugen unwillkührlich das Haupt. Da ſtürzt athemlos, bleich, mit geſträubtem Haare ein Halbmatroſe von dem Lazareth herauf, durchdringt den Kreis der Beter, ſchreit mit herzzerſchneidendem Tone:„Feuer!“ und ſtürzt ohnmächtig zuſammen. Feuer! Ein Schrei des Entſetzens ertönt, der Pre⸗ — 161— diger iſt verſtummt und die Matroſen ſtäuben nach allen Richtungen auseinander. Auch die Soldaten ſchwanken, ihre Kniee ſchlottern, die Gewehre ſenken ſich, aber das eiſerne Commandowort feſſelt ſie und hochaufgerichtet ſtehen ſie in enggeſchloſſener Reihe. Die Officiere umringen ihren Chef, während die Kadetten den Halbmatroſen aufrichten und ihn zu er⸗ muntern ſuchen. Er ſchlägt die Augen auf und ſtam⸗ melt: Ich ſtand vor der Hängematte des alten Ralph, um ihm den Trank einzugeben, wie der Doktor befoh⸗ len hat, da verbreitete ſich plötzlich ein heller Schein. Ralph lag im Fieber und ſagte, das ſei das Schiffs⸗ geſpenſt. Erſchreckt ſchloß ich die Augen, aber ich konnte nicht anders, ich mußte ſie wieder bffnen, und da ſah ich deutlich, wie eine Flamme an der Scheerwand hin⸗ aufleckte. Da konnte ich nicht ausdauern, ich mußte es ausrufen!“ „Geſchwind, meine Herren! gehe Einer von Ihnen und ſehe, ob etwas Wahres an der Sache iſt, und die Uebrigen halten ſich bereit, ſogleich die wirkſamſten Vorkehrungen zu treffen!“ Der Capitain ſprach's und die Mannſchaft machte den Officieren Platz. Es bedurfte des Einziehens der Erkundigungen nicht; denn als der dienſtthuende Offi⸗ cier an den Eingang des Lazareths kam, drang ihm ein 265— erſtickender Rauch entgegen, das Geſtöhne der Kranken war herzzerſchneidend.„Mir nach! Mir nach!“ rief der muthvolle Officier und drang in die Räume des Unglücks ein. Einige beherzte Matroſen folgten ihm und entriſſen ihre unglücklichen Kameraden dem ſichern Feuertode. Die Kranken auf dem Rücken, erſchienen ſie oberhalb der Luken und legten dieſe ſchweigend auf dem Backbord des Quarterdecks nieder. Unterdeſſen hatten die Officiere mit großer Unſicht Anſtalten zum Löſchen getroffen; die äußeren Schiffs⸗ pumpen waren im vollen Gange und ein dichter Waſ⸗ ſerſtrahl ſchoß in die Räume des Lazareths hinab. Andere zogen mit Eimern und andern Behältern Waſ⸗ ſer herauf und netzten unaufhörlich das Verdeck von einem Ende zum andern. Zwei unerſchrockene Kadetten wurden zur Pulver⸗ kammer beordert, um genau nachzuſehen, ob jede Vor⸗ ſichtsmaßregel getroffen ſei, dieſe zu ſchützen; zwei andere begleiteten den Proviant-Meiſter hinab zu den Vorräthen, mit dem Auftrage, ſobald es nöthig werde, alle Feuer-fangenden Gegenſtände zu entfernen und wenn es ſein müſſe, ſie über Bord zu werfen. Sie drangen in die finſtern Räume ein; um irgend ſehen zu können, mufßten ſie die Thür auflaſſen, der Feuer⸗ ſchein gab ihnen hinlängliches Licht. Aber an dem ent⸗ — 166— gegengeſetzten Ende der Kammer waren die Luftklappen geöffnet; der Wind gewann einen freien Durchzug und flog zu dem Feuer herüber; wild praſſelte die Flamme auf und leckte an die Balken des Verdecks. „Ueber Bord mit dem Rum und dem Spriet!“ ſchrie der Proviantmeiſter außer ſich und rollte ein Faß vor ſich her, ohne zu wiſſen, wie es auf das Verdeck zu bringen ſei, um es über Bord zu werfen. Aber kräftige Hülfe war zur Hand, es wurde eine Takel her⸗ abgelaſſen und das Faß gehißt; die Takel war ſchwach, ſie konnte die angehängte Laſt nicht tragen und riß. Es ſtürzte herab und platzte auseinander, glühende Funken fielen in das nach allen Seiten hinſtrömende Feuerwaſſer und brennende Wellen brachen ſich an den Seitenborden des Zwiſchendecks. Die Kunde des neuen Unheils gelangte auf das Verdeck. Die Officiere wandten die erbleichenden Ge⸗ ſichter ab und eilten dann zur weitern Hülfe fort, die mit jeder Secunde ohnmächtiger ward. Der Capitain war überall und munterte mit kräftigen, entſchloſſenen Worten die Leute zu neuen Anſtrengungen auf. Längſt waren die Segel feſtgemacht und das Schiff den Wellen überlaſſen; überdies hatte der ſchwächſte Windhauch aufgehört und die Atmoſphäre war unbe⸗ weglich. Der Mond ſchien klar und hell und einzelne — Sterne blitzten freundlich auf die Unglücksſtelle herab. Aber fern im Weſten änderte ſich die Seene und eine ſchwarze Wolkenmaſſe ſtieg aus der Tiefe des Meeres. Hätten die Leute noch irgend etwas Anderes beachten können, als die Flammen, die in dem Innern ihres Schiffes wütheten, ſie würden geſehen haben, daß ſich ein zweites Element zu ihrem Untergange geſchäftig rüſtete. Zum Tode erſchöpft ließen die Matroſen die Arme hängen, die Officiere gingen von Einem zum Andern feuerten ſie durch ermuthigende Worte an und erquick⸗ ten ſie mit ſtärkendem Wein. Auf's Neue begann die Arbeit; die Verzweiflung verlieh ihnen ungewöhnliche Stärke und einen Augenblick lang dämmerte ihnen eine tügeriſche Hoffnung auf. Aber da ſprangen mit lau⸗ tem Gepraſſel die Luken des Kabelgats auseinander, die Flamme ſtieg rieſengroß empor, umarmte den Fockmaſt und ergriff die Takelage deſſelben, von der unterſten Webeleine bis zum Bramſohling mit raſender Schnelle emporſteigend. „Die Böte! die Böte! Rettet die Böte!“ lautete der allgemeine Ruf, und Alle ließen ab von den un⸗ nützen Löſcharheiten, um dieſen letzten Rettungsanker ſich zu erhalten. Kaum berührte das erſte Boot den Waſſerſpiegel — 168— und das zweite ſollte ihm folgen, als die finſtern Wol⸗ ken, die aus dem Abgrunde aufſtiegen, den höchſten Gipfel erreicht hatten: ein lauter Donner, ein ziſchender Blitz riß ſie auseinander und ein fliegender Sturm ſtürzte ſich auf das unglückliche Schiff. An den Sta⸗ gen, die von dem Fockmaſt zum großen Maſt führen, züngelte das Feuer wie eine Schlange hinauf und in einem Nu ſtand auch dieſer in Flammen, ein dichter Funkenregen fiel auf die Raaen und Stengen des Be⸗ ſanmaſtes nieder. Im Innern wüthete die Glut for und das Feuer näherte ſich mehr und mehr dem ver⸗ hängnißvollen Orte der Pulverkammer. Bis jetzt hatte das furchtbare Geſpenſt der See⸗ Subordination noch ſeine Herrſchaft behauptet; aber die eiſerne Feſſel, womit es die Genoſſenſchaft eines Schif⸗ fes umſchlingt, begann vor der Glut des Feuers zu ſchmelzen, und lautes Murren ward vernommen. Der Capitain hatte eine kurze Berathung mit ſei⸗ nen Officieren gehalten, dieſe traten auseinander und der Befehlshaber ſprach mit lauter Stimme: „Däniſche Männer! Wir weichen dem Geſchick! Das Schiff iſt nicht mehr zu retten, alſo will ich Euch ret⸗ ten! Wir beſteigen die Böte! haltet feſt zu einander und ſeid ruhig und beſonnen!“ Die Pfeifen der Bootsmannsmaaten erklangen, aber das —— Pfeifen des Sturms übertönte ſie und laut erhob ſich von allen Seiten das Geſchrei:„In die Böte! In die Böte! Rette ſich, wer kann!“ Alles ſtürzte nach den Fallreepen, wo die bereits ausgeſetzten Böte von den erregten Wellen auf und niedergeſchleudert wurden. Umſonſt verſuchten die Offi⸗ ciere ihre Anordnungen zu treffen, vergebens war ihr Befehl, kopfüber ſtürzten ſich die Matroſen in die zu⸗ nächſt liegende Barkaſſe, und als dieſe überfüllt war, ſtieß ſie vom Schiffe ab. Ein Knall! Neues Entſetzen! Die furchtbare Glut hat die Steuerbords-Kanonen des Vorderkaſtels erglü⸗ hen gemacht; ſie entladen ſich ſelbſt, der erſte Schuß hallte weithinaus in die Sturmesnacht; ihm folgt ein zweiter, ein dritter; die fliehende Barkaſſe, von den Wellen hoch empor geſchleudert, fliegt weitab vom Schiffe, die Kugeln ſauſen ziſchend durch den auf⸗ ſpritzenden Giſcht, ſie ſchlagen in die Seitenborde des überladenen Fahrzeuges, es ſinkt in die Tiefe, und herzzerſchneidend miſcht ſich mit dem übrigen verworre⸗ nen Lärmen das Angſtgeſchrei der Verſinkenden. Der Capitain benutzt dies Ereigniß, das auf die rohen Gemüther der Matroſen einen tiefen Eindruck zu machen ſcheint; er ſchwingt ſich auf eine Kanone und umſprüht von herabſtrömenden Funken, ruft er:„Das 8 — 170— iſt die Strafe des Ungehorſams! Der Arm Gottes züchtigt die Verräther, wenn es der Arm der Menſchen nicht mehr vermag! Gehorcht, oder Ihr endet wie ſie! Das Langboot vor!“ Aber ſtarr ſtanden die Männer vor dem neuen Un⸗ heil, das jetzt über ſie hereinbrach. Die Glut des Feuers ſtrahlte über die Meeresfläche hin und vergol⸗ dete die weißſchäumenden Häupter der Wellen. Der in der Tiefe ruhende Hai ſchreckte aus dem Schlum⸗ mer auf, es ſchien ihm, als ob es Tag geworden ſei, und die Morgenſonne ihr roſiges Licht auf die Meer⸗ flut werfe; ſpritzend und ſchnaubend kamen die Unge⸗ heuer des Meeres mit weitgeöffnetem Rachen an die Oberfläche und unkreiſten das brennende Schiff, hohe Waſſerſtrahlen gegen den Nachthimmel aufſpritzend, während die Kanonen des Backbords ſich löſten, und wie ferne Donner verhallten. Die Luſt zum Leben ſiegte; hier war gewiſſer Unter⸗ gang, dort eine Möglichkeit der Rettung. Die Matro⸗ ſen, jetzt der Weiſung ihrer Officiere geduldig folgend, ſtiegen in das Langbvot hinab. Da erſchallte das laute Halloi des Hochbvotsmanns und unwillkührlich wandten ſich Aller Blicke nach dem Vorderkaſtell. Mit uner⸗ ſchrockenem Muthe hatte er bis jetzt, von zwei tüchtigen Seeländern begleitet, dort ausgeharrt und Rettung zu bringen gehofft aber er ſah die Unmöglichkeit davon ein und eilte jetzt herbei, um mit den Gefährten einen Platz in den Böten zu finden. Schon nahten ſie ſich der Ankerwinde, da brach die Gluth mit ſolcher Macht aus dem Zwiſchendeck hervor, daß ein weiteres Vor⸗ dringen unmöglich wurde; die Deckslaſt gab nach, ſie brach zuſammen nnd ſtürzte in die Tiefe hinab. Ein weiter, grauer, voller Abgrund, in welchem die Flam⸗ men mit den hereinſtrömenden Wellen kämpften, dehnte ſich zwiſchen dem Vorderkaſtell und dem Quarterdeck; der Fockmaſt ſchwankte hin und her, die ganze majeſtä⸗ tiſche Maſſe, deren Raaen und Stengen wie glühende Säulen leuchteten, von dem brennenden Tauwerk wie von feurigen Schlangen umzüngelt, brach mit lautem Gekrach zuſammen und ſtürzte auf den Hochbvotsmann und ſeine Gefährten herab. „Alles vorbei!“ waren die letzten Worte, die der rieſige Meiſter des Kabelgats ausſtieß; ſeine Gefährten ſtarben mit einem halberſtickten Seufzer; mit Schauer wandten ſich die Uebriggebliebenen von dieſem ent⸗ ſetzenvollen Anblick. Das Langbvot war gefüllt und verſuchte nun, ſich von dem brennenden Schiffe frei zu machen und aus dem drohenden Bereiche derjenigen Kanonen zu kom⸗ men, die ſich noch nicht entladen hatten. Die Schaluppe 8* — 172— kam an die Reihe und die Offieiere verließen nun das Verdeck, das mit jedem Augenblick glühender ward und ein längeres Verweilen nicht mehr geſtattete. Als Alle hinunter waren, ſetzte der Capitain den Fuß auf die ſchwankende Leiter, doch plötzlich wich er zurück und rief:„Wo ſind die Kadetten, die zur Pulverkammer beordert wurden?“ Keine Antwort, nur aus der Schaluppe die unge⸗ duldige Mahnung, daß der Capitain nicht länger ſäu⸗ men möge. „Nicht von der Stelle!“ rief er aus,„bis ich über das Schickſal dieſer Unglücklichen im Klaren bin!“ Und mit dieſen Worten ſtürzte er durch Rauch und Flammen nach der Pulverkammer, der ſich die Glut vereits auf das Bedrohlichſte näherte. Dort fand er ſie. Erſchöpft von der anſtrengenden, vergeblichen Arbeit war der Jüngere bereits ohnmächtig hingeſunken, der Aeltere bemühte ſich umſonſt, ihn zu ermuntern und mit ſich fortzuziehen. Der Capitain ergriff den Ohn⸗ mächtigen mit ſtarken Armen und trug ihn unter end⸗ loſem Feuerregen auf das Verdeck; der Andere folgte. Mit lautem Freudengeſchrei wurden ſie von den Offi⸗ cieren empfangen und in die Schaluppe gebracht, die von einer mitleidigen Welle erfaßt und weit von dem Schiffe fortgeſchleudert wurde. — 173— Das Langboot und die übrigen Fahrzeuge, gefolgt von dem gierigen Hai, ſteuerten nach der Richtung hin, wo das Land lag, vorerſt nur bemüht, ſo ſchnell als möglich aus dem Bereiche des Schiffes zu kommen; wenn die Glut heller aufleuchtete, ſah man Eines oder das Andere derſelben über die dunkle Flut hinſtrei⸗ chen; wie Meteore kommend und verſchwindend. Die„Atalante“ gewährte in ihrer letzten Stunde einen majeſtätiſchen Anblick. Der Vordermaſt und das Bugſpriet waren herabgeſtürzt, der große Maſt war ausgebrannt und bereitete ſich ſchwankend zum Sturz; der Beſanmaſt ſtand in hellen Flammen, und als ob es ein Zauber geweſen, war bis jetzt die von der Gaffel wehende Flagge noch nicht entzündet, ihr weißes Kreuz leuchtete weit hinaus in die aufgeregteſte Sturmnacht. Schon waren die Böte in weiter Entfernung; da drang das Feuer bis in die Pulverkammer. Ein ein⸗ ziger, ungeheurer Knall, der das Meer bis in ſeiner Tiefe erbeben machte, eine ungeheuere Flamme, die in die Wolken hineinſtrahlte, dann ein glühender Regen von Trümmern aller Art, die hochaufgeſchleudert waren, und knitternd und knatternd herabfielen,— dann tiefe, ſchweigende Nacht. — 171— Windſtille. Der Sturm war vorüber; verzogen hatten ſich die letzten unheilſchwangern Wolken. Ein tiefblauer Him⸗ mel leuchtete auf das Verdeck herab. Der Seemann ſchöpfte Athem. Aber das Meer wogte noch kühn und gewaltig; die Wellen des Atlantiſchen Oceans, einmal aufgeregt vom wüthenden Orkan, legen ſich erſt ſpät zur Ruhe; ſie werfen das Schiff wie einen Fangball von einer Seite zur andern; denn dieſes vermag ſich, da der Wind gänzlich aufhörte, nicht durch Segelkraft zu ſtützen. Endlos iſt die Diehnung des Oeeans; ſie erhebt ſich bis zur hochſten Höhe, legt ſich nur allmählig und geht zuletzt in ein kaum merkbares Senken und Steigen über; ganz unbewegt iſt die Flut des Oceans nimmer. Nach langen Anſtrengungen in Sturmesnächten erholt ſich die Beſatzung einer engliſchen Brigg, die mitten in dem ſchweigenden Ocean treibt. Die Hälfte der Mann⸗ ſchaft ruht ſorglos in den Hängematten; die Wachtha⸗ benden ſchlendern müßig umher; Einige liegen auf dem Verdeck ausgeſtreckt, der Mann am Steuer läßt die Steuertalje nachläſſig durch ſeine Finger gleiten, denn das Schiff ſegelt keinerlei Cours. Der dienſtthuende ——— — 175— Officier ſitzt mit verſchränkten Armen bei dem Nacht⸗ hauſe, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, und es iſt ſchwer zu ſagen, ob er wacht oder träumt. Der Him⸗ mel iſt hell und klar, keine Wolke ſo weit das Auge reicht, kein Luftzug, der ſtark genug wäre, eine Feder zu bewegen, die eben aus dem Taubenhauſe auf das Verdeck niederweht. Es iſt ein Stillleben zur See. Die Frühſtücksſtunde naht heran und überall iſt Leben. Die geſammte Mannſchaft kommt auf das Ver⸗ deck. Der Capitain frühſtückt mit ſeinen Officieren, die Kajütskappe dient ſtatt des Tiſches; auf der Luke des Kabelgats trägt der Koch das Mahl für die wartenden Matroſen auf. Der Schiffsjunge kauert auf der Kajüts⸗ treppe, verſchlingt mit innerm Wohlbehagen die leckern Biſſen, die er von dem Capitainsfrühſtück beiſeite ge⸗ bracht hat, und geht dann unbefangen auf das Verdeck, um die Tauben zu füttern. Er liebkoſt die zahmen Thiere, er reicht ihnen das Futter hin, und indem er den Trinknapf füllt, ſpricht er ſchmeichelnd:„Eher wollte ich durſten, als daß ihr Noth leiden ſolltet.“ Knabe, Du lügſt! Acht Tage ſind vergangen. Es hat ſich nichts ge⸗ ändert. Dieſelbe Ruhe in der Luft, daſſelbe ſchweigende — 176 Meer. Der Capitain iſt mürriſch geworden über dieſes Hemmniß ſeiner Fahrt; ihm trat ein Feind entgegen, mit dem er nicht zu fechten vermag. Die Officiere ahmen ihm nach und zanken mit den Leuten. Die Matroſen ſind gelangweilt und pfeifen nach Wind. Die Nacht, da man nichts zu thun hat, iſt lang; aber der Tag, wo die mechaniſchen Arbeiten des Schiman⸗ nens getrieben werden, wo man Platting legt und Matten flicht, wird durch dieſe langweilige Beſchäfti⸗ gung noch länger. Die Nacht bietet doch einige Ab⸗ wechſelung dar, bald blitzt dieſer Stern lichter, bald jener, bald ſpringt ein fliegender Fiſch aus dem Waſ⸗ ſer auf und hinter ihm her ſchnaubt der Delphin; bald wirft Jemand irgend ein Stück Holz oder ein Tauende über Bord, und die See leuchtet auf wie Perlen und Demanten. Aber der Tag iſt ſo einförmig, ſo todt; nichs als eine endloſe blaue Fläche oben und unten, nichts als ein grelles Sonnenlicht und eine unerträgliche Hitze. Abermals ſind acht Tage vergangen. Die Stim⸗ mung, die zwiſchen der Kajüte und dem Vorderdeck herrſcht, wird ſtets widerwärtiger; von Harmonie iſt keine Rede mehr; man geht ſtumm an einander vorüber, oder wechſelt rauhe, verletzende Worte. Ein Ausbruch — 177— ſteht bevor. Müßig und läſſig iſt Alles; nur in der frühen Morgenſtunde, wenn die Matroſen bis zum oberſten Topp emporklettern und ſich auf die äußerſte Nock des Klüverbaums ſchwingen, um nach Champhi⸗ lung zu ſehen, iſt einiges Scheinleben an Bord. Dazu die unerträgliche Hitze, die das Pech in den Fugen auf⸗ weicht, und der ſtets wachſende Durſt. Erſt vor einer halben Stunde wurde die große Kanne mit Waſſer gefüllt. Es geſchah aus dem Faſſe, das am Steuerbord vor der Kajütstreppe liegt, und der Capitain hat es geſehen. Jetzt iſt ſie leer, aber noch lange iſt der Durſt nicht geſtillt. Wer wird ſie wieder füllen? Ein pfiffiger Burſche greift nach der Kanne und geht unbefangen zu dem Faſſe, die Hand nach der darin ſtehenden Pumpe ausſtreckend. Der Capitain weiſt ihn zurück. „Ach, Herr! die böſen Burſche haben Alles aus⸗ getrunken und mir nichts übrig gelaſſen. Ich habe keinen Tropfen bekommen.“ „So trink hier in meiner Gegenwart, aber nicht mehr als dieſes Maaß voll. Nach dem Vorderdeck kommt kein Waſſer mehr; wer trinken will, ſoll hierher kommen.“ Der Burſch gehorcht; er trinkt, wiſcht ſich die blin⸗ S** 3 — 178— kenden Tropfen aus dem Bart und ſchlendert nach dem Verdeck zurück. Dort ſtellt er die Kanne gelaſſen hin und ſagt:„Es gibt vor heute Abend kein Waſſer!“ Ein lautes Murren erhebt ſich und tönt nach dem Quarterdeck. Der Capitain ſpringt auf und ruft:„Ruhe da, vor dem Fockmaſt!“ Sie ſind gewohnt, dieſer Stimme zu gehorchen, und ſchweigen. Drei Wochen ſind es, ſeit dem letzten Sturm; das Schiff liegt noch faſt an derſelben Stelle, wo die letzte Welle es hinwarf; die aſtronomiſchen Berechnungen des Capitains bezeugen es. „Wenn wir die Zeit über nur die Hälfte des Win⸗ des gehabt hätten, der vor drei Wochen wehte, ſo hät⸗ ten wir jetzt Landsend in Sicht, und könnten bald die Porterkanne in eines Seemannes Taverne klappen hören. Gott ſegne Alt-England! Morgen kann ich es nicht mehr rufen, meine Lippen ſind vertrocknet. Hätte ich das Alefaß der Miß Bethy vor dem Munde, ich ließ es nicht wieder los, und wenn es drei Tage liefe.“ Dieſe Worte ſpricht ein bärtiger Kerl, der ſich läſ⸗ ſig von einer Seite zur andern wälzt. Sein Nachbar gibt ihm einen heftigen Stoß:„Sei verdammt für Dein Geſchwätz! Was brauchſt Du von Porter und Ale zu ſprechen? Ich bin ſo ausgetrocknet, daß mir nicht mehr wie ſonſt, dabei das Waſſer im Munde zuſammen läuft. Ich glaube, ich bekomme das Fieber, und dann kommt mir eine doppelte Ration Waſſer zu; ſo ſtehts im Dok⸗ torbuche! „Wir haben alle das Fieber!“ brüllen die Uebri⸗ gen,„der Capitain ſoll uns unterſuchen und die dop⸗ pelte Ration geben. „Er ſoll noch mehr thun, er ſoll das Schloß von dem Waſſerfaſſe nehmen!“ „Wenn er es nicht thut, ſo reißen wir es mit Ge⸗ walt herunter!“ „Das Waſſer ſoll unter unſerer Aufſicht ſtehen, und nicht unter der der Kajüte!“ „Die Officiere trinken ſich ſatt und wir darben! Aber es ſoll nicht ſo bleiben! Wir lehnen uns auf!“ „Ich ſchlage Alles mit Gewalt in tauſend Stücke, wenn ich nicht zu trinken bekomme! Ich thue es!“ „Wir Alle!“ Sie erhoben ſich mit donnerartigem Gebrüll und ſtürzen nach dem Quarterdeck. Hier tritt ihnen der Capitain mit Entſchloſſenheit entgegen; in jeder Hand hält er eine Piſtole:„Keinen Schritt weiter, oder zwei von Euch ſtürzen zu Boden!“ Die Kerle weichen einen Augenblick lang zurück, der Capitain fährt fort:„Die — 180— Hand des Herrn ruht ſchwer auf uns! Wer weiß, durch weſſen Miſſethat dies Unglück über uns verhängt iſt. Folgt dem Beiſpiel Eurer Officiere und tragt Euer Schickſal mit Ergebung! Häuft Ihr aber das Maaß Eurer Frevel, ſo ſollt Ihr Euren Mann finden! Weg die Handſpaken! Werft die Meſſer von Euch und zurück vor den Fockmaſt!“ Aber die Aufregung iſt nicht ſo leicht zu beſchwich⸗ tigen; die glühende Hitze hat das Hirn der Unglückli⸗ chen angegriffen, ſie ſind dem Thiere ähnlicher, als dem Menſchen. Ein lautes, verworrenes Geſchrei erhebt ſich, nervigte Fäuſte ſchwingen die zuſammengerafften Waffen und ein eiſerner Marlpfriem ſauſt an dem Kopfe des Capitains hart vorbei. „Das koſtet Dein Leben, O Brien ruft der Ca⸗ pitän, die Piſtolen abdrückend und der Irländer ſtürzt mit ſeinem Nachbar ſchwer verwundet zu Boden. Die beiden Steuerleute traten ſchützend zu dem Capitain. Einen Augenblick lang ſind die verwegenen Rebellen zurückgeſchreckt; ſie ſtehen ſchweigend und unſchlüſſig. Aber das tiefe Stöhnen der Verwundeten ruft ſie zur Beſinnung zurück. Mit Wuthgeheul ſtürzen ſie ſich auf die drei Officiere, die auf das Schrecklichſte gemißhan⸗ delt und an Händen und Füßen gebunden, in das Zwiſchendeck geworfen werden. „Nun haben wir das Commando!“ ruft der bärtige Rädelsführer und ſtürzt, mit einer ſchweren Eifenſtange bewaffnet, nach dem Waſſerfaſſe. Er ſprengt das Schloß, ſetzt die Pumpe hinein und trinkt in vollen Zügen. Ein Anderer ſtößt ihn zur Seite, um ſeine brennenden Lippen zu kühlen, dieſem folgt ein Dritter und Vierter. Als Alle ſich gelabt, beginnt die Runde von Neuem. Endlich iſt der brennende Durſt gelöſcht, aber das Faß iſt nun auch bis auf den letzten Tropfen geleert! Einzeln ſtahlen ſich die Matroſen von dem Faſſe weg; ſie ſprachen nicht mit einander, ſie ſahen ſich nicht an; mit der geſtillten Begier iſt das Bewußtſein zurück⸗ gekehrt, ſie fühlen die Schwere des Verbrechens, das ſie begangen haben; das Geſetz der Subordination iſt über⸗ treten. Einzeln ſtrecken ſie ſich hin, über das ganze Verdeck zerſtreut, und ſchlafen ein, oder ſcheinen doch zu ſchlafen. An die unglücklichen Gebundenen im Zwiſchendeck denkt Niemand. Der Mond ſcheint klar und hell auf das geſchändete Verdeck herab. Die Lei⸗ chen ſchwimmen in ihrem Blute. Alle find mit ſtiller Scheu ihnen aus dem Wege gegangen; keine Hand hat ſie berührt. Es iſt Morgen. Abermals ſitzt der Schiffsjunge auf der Treppe der Kajüte, aber diesmal naſcht er — 182— nicht von dem Frühſtück des Capitains. Seine Gau⸗ men ſind vertrocknet, ſeine Lippen welk; er hat die Ka⸗ jüte durchſucht, ohne einen Tropfen Waſſer zu finden, und weint nun ſalzige Thränen. Plötzlich fährt er auf: „Meine Tauben! O Gott, meine armen Tauben!“ Er rafft ſich auf und ſchwankt zum Gangſpill. Drei der niedlichen Thiere liegen ausgeſtreckt am Boden, ſie ſind verdurſtet. Die letzte hält den Kopf noch aufrecht, als ſie den Knaben erblickt, bewegt ſie matt die Flügel und verſucht zu girren.„Du ſollſt Dich nicht länger quälen, armes Thier!“ ruft er weinend und greift nach ihr. Er ſchneidet den Kopf des Thieres ab und ſaugt die hervorquellenden Blutstropfen mit wilder Gier in ſich hinein. „Aber das Alles iſt ja nichts,“ ſchluchzt er.„Soll ich denn ſo jung verdurſten? Wenn nur der Hai nicht draußen wäre, ich ſpränge über Bord. Und auch der Capitain iſt nicht da! Wo haben ſie ihn gelaſſen?“ Da kehrt dem Knaben die Beſinnung zurück; er erinnert ſich der Ereigniſſe des vergangenen Tages. Ein Schimmer von Hoffnung gibt ihm für einen Augenblick die verlornen Kräfte zurück. Er ſchleicht ſich in die Kajüte, dringt von da in das Zwiſchendeck und ſteht vor den Gebundenen. Nach einer Viertelſtunde hat ſich die Scene an die⸗ — 183— ſer Stätte geändert. Der Knabe hat die Bande ſeines Herrn gelbſt, dieſer hat ſeine Officiere befreit, alle Drei ſind feſſellos, aber unerträglich matt, bis zum Tode erſchöpft. „Wir müſſen für unſere Erhaltung ſorgen, denn nur ſo vermögen wir das Schiff zu retten!“ flüſtert der Capitain ſeinen Officieren zu. Laßt uns zu dem Waſ⸗ ſervorrath gehen.“ Es ſind nur noch zwei Fäſſer unten. Sie öffnen das eine und trinken; die Männer trinken und der Knabe; neue Kraft durchſtrömt ihre Adern. Dem Leben zurückgegeben handeln die drei Männer in wunderbarer Uebereinſtimmung, und der Knabe, ge⸗ wandt und ſchlau, ſchleicht nach allen Richtungen, um vor Ueberfall zu warnen. Das eine der Waſſerfäſſer bleibt auf ſeinem Platze liegen; es iſt den Rebellen preisgegeben; das andere wird in die Kajüte gerollt. Dann begeben ſie ſich in die Proviant-Räume und ent⸗ fernen das noch vorhandene geiſtige Getränk, damit die Rebellen ſie nicht daran berauſchen; ſie ſenken es durch die Kajütspforten in die See. Auf dem Kajütsgange häufen ſie die vorhandenen Waffen um ſich her; die Piſtolen und Gewehre werden geladen, die Säbel von der hindernden Scheide befreit und zur Hand geſtellt. Dann warten ſie ruhig darauf, was die Rebellen be⸗ ginnen werden. — 184— Die Sonne iſt ſchon hochgeſtiegen, die Männer koͤnnen das Liegen auf dem glühenden Verdeck nicht mehr ertragen. Wie auf ein gegebenes Zeichen ſprin⸗ gen ſie auf, um ſich gegenſeitig zu bewachen; denn mit dem erſten Schritt zum Verbrechen, trat ihnen das Mißtrauen als Bundesgenoſſe zur Seite. Das Erſte, was ihnen entgegenſtarrt, ſind die Leichen; ſie liegen im geronnenen Blute, die Augen weit aufge⸗ riſſen. Schauer bemächtigt ſich Aller, aber es bleibt ihnen keine Wahl. Auch ohne Worte verſtehen ſich die Genoſſen und treten zu den Todten. Bei ihnen hat keine Todtenwache geſtanden und ihren Leib mit der Schiffsflagge bedeckt. Keine ſorgende Hand legt ihnen das Sterbekleid an und befeſtigt das ſchwere Gewicht an die Füße, damit ſie hinabfahren zur Tiefe des Meeres. Als ſie begraben werden— heißt das begraben?— ſenkt ſich keine Flagge auf halber Stange und kein Trauerſchuß hallt über die Fläche des Meeres dahin. Mit dumpfem Geräuſch fallen die Lei⸗ chen ins Waſſer, gierig umkreiſt der Hai ſeine Beute und läßt den glänzenden Waſſerſtrahl ſteigen. Eben ſo ſchnell, als ſie die Todten entfernten, gießen ſie jetzt Ströme von Seewaſſer über das Verdeck hin und halten nicht inne, bis die letzte Spur des — 188— Blutes vertilgt iſt. Dann treten ſie zu einer Berathung zuſammen. „Das Beſte iſt,“ ſagt der Rädelsführer„wir denken uns, daß wir in den Bann des Seegeſpenſtes gerathen ſind und nicht wieder heraus können. Da wollen wir's ſo luſtig zu Ende bringen, als es irgend gehen will. Laßt uns vorerſt ein neues Faß Waſſer auf das Verdeck ſchroten, und dann ſeht nach dem Rum, damit wir einen erquickenden Tropfen dazu haben.“ Mit lautem Beifall wird dieſer Vorſchlag angenom⸗ men und bald hebt die Takel das erſehnte Waſſerfaß durch die Luken des Vorderdecks. Es iſt das letzte. Aber das kümmert die Rebellen nicht, iſt ihnen doch das Bedürfniß des Augenblickes befriedigt. Die Pumpe iſt hineingeſetzt, die Kanne bereit geſtellt, und man harrt nur des nach Rum ausgeſendeten Boten, um die„Mi⸗ ſchung eines ſteifen Grogs“ zu beginnen. Aber dieſer kommt voll Zorn zurück und meldet, daß aller Rum und Gin bis auf den letzten Tropfen verſchwunden iſt. Die Matroſen ſtoßen ein thieriſches Geheul des Zornes aus, und ihr Anführer ruft vor Wuth ſchäumend:„Das iſt Verrath an uns! Gebt Acht, wir haben der Kajüte die Arme zu loſe geſchnürt und ſie haben uns dieſen Streich geſpielt!“ Die Kajüte, ſagte der Rebell, er hatte nicht den Muth zu ſagen: Unſere Offieiere. — 186— Sie ſtürmen die Leiter hinab nach dem Orte, wo ſie ihre Opfer hinſchleuderten, aber ſie finden ſie nicht. Weiter dringen ſie vor, ihr Inſtinet führt ſie nach dem Kajütsgange. Der Verwegenſte von ihnen iſt voraus und erſchaut blinkende Waffen. „Zurück!“ ruft der Capitain mit donnernder Stimme und drei Feuerröhre ſtarren den Rebellen entgegen. „Wir wollen unſere Rum-Ration!“ ſchreit der Re⸗ bell,„und Ihr, der unſere Kameraden ermordet hat, dürft uns denſelben nicht vorenthalten; gebt uns den Rum!“ „Den Rum! den Rum!“ ſchrieen die Andern, und drängte Einer den Andern ſo nahe an die Verſchan⸗ zungen der Kajüte, daß ſie mit einem Satze hineinſprin⸗ gen konnten. „Rum oder Tod!“ rief der Anführer und ſtreckte den Arm aus. „Tod!“ antwortete der Capitain und feuerte. Der Anführer war gerade in's Herz getroffen und ſank ſei⸗ *— nen Kameraden in die Arme. Die Meuterer zogen ſich mit dem Todten zurück. „Das iſt Euer Aller Schickſal,“ rief ihnen der Ca⸗ pitain nach,„das, oder der Galgen!“ Der Tag verſtrich ruhig. — 187— Mit dem einbrechenden Abend veränderte ſich die Seenerie des Meeres. Rieſige Wolkenmaſſen ſtiegen von allen Seiten aus dem Schvoße der Wellen auf und wuchſen von Secunde zu Secunde höher. Die blaue Himmelsdecke wurde immer kleiner und kleiner, bis ſie zuletzt nur noch einem Fenſter glich, durch welches einige Lichtſtrahlen in das düſtere Gewölbe fielen, das ſich rings um die tückiſch-ſchlummernde See aufgebaut hatte. Endlich floſſen die Nachtwolken in Eins zuſammen, ein lange nachhallender Donner rollte vorüber, Blitze zerriſſen für Augenblicke das ſtarrende Gewölk. Der Donner machte das Schiff erzittern und ſchreckte die Bewohner der Kajüte und des Vorderdecks aus ihren Verſchanzungen auf. Wie auf ein gegebenes Sig⸗ nal eilten Alle zugleich auf das Deck; die Officiere mit Piſtolen und Säbeln, die Matroſen mit Handſpaken und Aexten. Die Nacht war bereits ſo undurchdringlich, daß man kaum eine halbe Kabellänge über das Bug⸗ ſpriet hinausſchauen konnte, und immer enger rückten die hochgethürmten Maſſen aneinander; die Blitze zuck⸗ ten und züngelten, der Donner rollte näher. Einer der Männer des Fockmaſtes fand ſich an der Gränze des Quarterdecks ein, demüthig den Hut in — 188— der Hand. Der Oberſteuermann trat ihm mit geſpann— tem Hahn entgegen. „Thut die Waffe weg, Herr! Ich habe eine leere Hand!“ ſagte der Matroſe.„Ein Unwetter thut ſich auf; unſer Aller Leben ſteckt zwiſchen dieſen Planken. Laßt uns für das Beſte des Schiffes ſorgen und heute Nacht Waffenſtillſtand ſchließen.“ „Waffenſtillſtand!“ ſchrieen Alle. Der Steuermann beſann ſich einen Augenblick; dann trat er mit rückgewendetem Kopf und geſpanntem Hahn den Weg zum Steuer an, wo er mit ſeinen Freunden ſich berieth, während ein Donner über ihre Häupter hinrollte, der das Schiff vom Topp bis zum Kiel erbeben machte. Der Capitain richtete ſich auf; er ſagte nicht, daß er den Waffenſtillſtand annehme, oder daß er ihn ver⸗ werfe, aber er rief mit befehlendem Tone:„Los die Bramfalle, und ſtellt ſie in die Gei! Weg das große Marsſegel und die Fock!“ Mit Gedankenſchnelle wurden die Befehle befolgt. Bald waren alle Segel verſchwunden und auf den Raaen zierlich aufgerollt. Das Vormarsſegel wurde geſtrichen und doppelt gerefft; die Brigg lag ſturmfertig da, und konnte den Ausbruch des Orkans erwarten⸗ Aber er kam nicht, die Luft blieb ruhig, nur Blitz und —— —— — 189— Donner mehrten ſich, und ein endloſer tropiſcher Regen ſtrömte wie aus tauſend Giesbächen herab. Ein Ruf der Freude und des Dankes wird gehört. Eine Viertelſtunde lang ſtehen Alle, vor Wonne ſchauernd, in dieſem erquickenden Bade, dann aber greifen ſie inſtinctmäßig nach Gefäßen aller Art. Man trifft Vorkehrungen, das mit ſtets verſtärkter Gewalt herabſtrömende Waſſer aufzufangen, und die leeren Fäſſer werden ſämmtlich gefüllt. Raſch iſt die Arbeit gethan, und diejenigen, welche um einiger Waſſertropfen willen Rebellen und Mörder wurden, ſchwelgen jetzt im Ueberfluß und ſehen den erquickenden Regen gleichgültig in die ſalzige See laufen. Da erhebt ſich der Wind; er fängt ſich in dem dicht⸗ gerefften Marsſegel. Das Schiff ſchwankt, es bewegt ſich vom Steuerbord nach Backbord zum erſten Male ſeit langen Wochen, und macht eine leichte Fahrt. Der erſte Steuermann hat ſich der Ruderpinne bemäch⸗ tigt, er bewegt ſie von Bord zu Bord und ruft mit unverhaltener Freude klar und helle:„Steuerkraft im Schiff!“ „Hurrah! Hurrah! Hurrah!“ rufen die Männer des Fockmaſtes aus voller Bruſt, nicht daran denkend, daß dieſe Kühlte ſie zu der Stätte des Gerichtes führt. Die Briſe bleibt gleichmäßig; ein Segel wird nach — 190— dem andern wieder gelbſt und beigeſetzt, das Schiff macht zehn Knoten Fahrt. Der Mann am Steuer führt das dahineilende Fahrzeug mit Sorgſamkeit und Fleiß; die Erinnerung an die jüngſte Vergangenheit ſcheint aus dem Gedächtniß jedes Einzelnen verſchwunden. Aber die Freude dauert nur kurze Zeit. Gegen Tagesanbruch fährt der Wind vorüber, raſch, wie er gekommen, und die Segel hängen wieder ſchlaff am Maſte. Und wie das Schiff auf der Diehnung über⸗ holt, klatſchen die durchnäßten Segel gegen das Takelwerk. Der erſte Eindruck iſt vorüber, die Ueberraſchung verſchwunden. Die Matroſen ſind ſich ihrer Lage be⸗ wußt und ſtecken die Köpfe zuſammen. Die Offieiere haben ſich von den Ereigniſſen fortreißen laſſen und die nbthige Vorſicht verſäumt. Die verwegenen Rebellen dringen vor und beſetzen die Kajüte. Der Capitain und ſeine beiden Officiere ſind mit ihren Säbeln bis hinter den großen Maſt zurückgedrängt und haben den Mann am Steuer im Rücken. Da wird es Tag! Wie mit einem Zauberſchlage reißt vor einer leichten Morgenbriſe der Wolkenſchleier auseinander, und die Sonne ſteigt glühendroth aus der See auf. Weithin iſt die Ausſicht offen, aber die Matroſen ſtehen bleich, mit ſchlotternden Knieen; auf eine halbe Schußweite von ſich ſehen ſie den hochra⸗ genden Bord einer königlichen Fregatte von vierzig Kanonen. Die Matroſen werfen ſich aufs Deck und wimmern um Gnade. Der Capitain winkt mit der Hand, und der Unter⸗ ſteuermann zieht die Flagge auf, worin ein halber Knoten geſchlungen iſt,— das Zeichen der Noth für die Marine der ganzen Welt. David Bra ſt. Saßen ihrer Sechs oder Acht beiſammen in der Taverne„zum ſilbernen Anker,“ und ſchenkten fleißig ein. „Wein iſt ein gut Ding,“ ſagte der Segelmacher Georg, indem er das volle Glas hob;„aber man muß auch einen Spaß dabei haben, ſonſt hat man das An⸗ ſehen eines Leichenbitters bei einem Capitains-Begräb⸗ niß am Lande.“ „Georg hat recht!“ rief ein Anderer.„Ein gutes Maaß Wein und ein guter Spaß ſind gerade drei Maaß. Friſch, Georg, Du haſt immer tolle Streiche in Deinem Kopfe. Gib uns einen tüchtigen Spaß zum Beſten.“ — 192— „Wer kann mit Euch etwas anfangen, Ihr nüchternen Geſellen;“ entgegnete Georg.„Selbſt etwas anzugeben, ſeid Ihr zu dumm, und um Euch hänſeln zu laſſen, ſeid Ihr wieder zu klug. Ja, wenn noch der David Braſt hier wäre.“ „David Braſt! David Braſt!“ jubelten Alle, und eine große Heiterkeit entſtand in der Schenkſtube„zum ſilbernen Anker,“ denn David Braſt war ein Burſche, von dem man nicht recht wußte, ob ſeine Gutmüthig⸗ keit, oder ſeine Einfalt größer war, und der deßhalb von Jedermann gehänſelt ward, der im Hafen irgend eine Verrichtung hatte. David Braſt war nämlich ein Bootführer, der die Seeleute mit ihren Sachen an und von Bord brachte, und ſich außerdem zum Botenlaufen brauchen ließ, wenn die Mannſchaft eines Schiffes hier oder dort am Lande etwas zu beſtellen hatte. Er war unermüdlich und unverdroſſen, merkte es nur ſelten, wenn man ihn hänſelte, glaubte ehrlich auch der falſcheſten Verſicherung, und war zufrieden, wenn er Abends„im ſilbernen Anker“ ein Glas trinken konnte, obgleich es ihm faſt immer durch die Bosheit oder den Muthwillen Anderer vergällt wurde. Dieſer David Braſt war es, den die zechenden Matroſen mit Be⸗ dauern vermißten. Der Gegenſtand des Spottes war gefunden, und —— — 6 Jedermann unerſchöpflich im Auffinden neuer Schwä⸗ chen und Lächerlichkeiten. Keine Dummheit war ſo groß, keine Albernheit war ſo unglaublich, David Braſt mußte ſie begangen haben, und jedes Mal, wenn eine neue Widerſinnigkeit erzählt wurde, brachen Alle in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ich glaube, wenn man dem Kerl weiß macht, ſein Haus ſei nicht ſein Haus, und ſein Schiff nicht ſein Schiff, er glaubt es,“ ſagte Georg. „Er thut's! er thut's!“ ſtimmten die Uebrigen ein. „Mehr noch, Leute!“ rief ein Anderer.„Wenn ihr ihm ſagt: Du biſt nicht David Braſt! ſo glaubt er es auch.“ „Nein, er thut's nicht!— Ja, ja, er thut's!— Das wäre ein Hauptſpaß!“ riefen Alle durcheinander. „Das wollen wir verſuchen!“ entſchied Georg. „So ſei es!“ jubelten Alle. „Hoͤrt doch, ihr luſtigen Teufelskerle!“ ſchmunzelte der Wirth, indem er ein Paar neue Flaſchen auf den Tiſch ſetzte,„dort kommt euer Mann ſo eben her! Seht zu, was ihr mit ihm anfangt.“ Gleich darauf trat David Braſt in die Stube. Er ſetzte ſich beſcheiden in die Ecke, und wartete, bis der Wirth einen Augenblick für ihn übrig haben würde. Aber nicht lange dauerte es, als Georg zu ihm herüber⸗ . 9 — 91— rief:„David Braſt, warum ſitzeſt Du ſo ſtille in der Ecke? Haſt wohl einen ſchlimmen Tag gehabt und nichts verdient? Am Abend muß man ſich die Grillen aus dem Kopfe ſchlagen. Komm hierher und trinke ein Glas Wein mit uns.“ „Lieben Leute! ich bin ein armer Mann....“ ent⸗ gegnete David ſchüchtern. „Wir wiſſen es wohl, David!“ antwortete Georg mit großem Ernſt,„und kein Menſch denkt daran, daß Du Deine Paar Dreilinge vertrinken ſollſt. Wir wol⸗ len Dich tractiren. Heda, Ankerwirth! noch ein Glas für den armen David!“ Der Wirth brachte das Glas und nöthigte zugleich den Eingeladenen, ſich an dem Tiſche niederzulaſſen. Er that es mit Zittern; denn jeden Augenblick glaubte er, das Unheil würde nun über ihn hereinbrechen, aber es geſchah nichts dergleichen. Er erhielt Tabak und Wein, und dann fuhr man fort zu erzählen, als ob er gar nicht gegenwärtig ſei. Allmählig wurde er dreiſter, ſein lange verſchloſſenes Herz ging ihm auf; er lachte und ſpaßte; er ſang und ſtieß mit ſeinem Nachbar an. Jeder that ihm Beſcheid, und er mußte mit Jedem trinken. Ehe David es ſich verſah, war er betrunken und ſchlief ein. Nun, ſagte Georg, was er beabſichtige und wie ſein — 195— Plan am beſten in's Werk zu richten ſei; dann aber zerſtreuten ſie ſich nach allen Seiten, und Jedermann that, was ihm geheißen war, damit der Spaß gut gelinge und ihnen für lange Zeit etwas zu lachen gebe. Am andern Morgen, als es ſchon einige Zeit Tag war, erwachte David aus ſeinem Rauſche und rieb ſich die Augen. Sein Kopf war ihm ſchwer, denn er war es nicht gewohnt, ſo vielen und ſo ſtarken Wein zu trinken; er fühlte ſich krank und hatte, wie dies wohl nach einem ſtarken Trunke zu geſchehen pflegt, vergeſſen, was an dem Abend vorher mit ihm geſchehen war. Darum war er auch nicht wenig erſtaunt, ſich nicht auf ſeinem Strohſack in ſeinem Keller, ſondern auf einer harten Holzbank in einer Wirthsſtube zu befinden. Jach fuhr er in die Hoͤhe und wollte ſich erheben, als er mehrere Matroſen erblickte, die ſich den Früh⸗ trunk ſchmecken ließen, und ſich mit einander unter⸗ hielten. „Es iſt doch Schade,“ ſagte Einer,„daß der arme Kerl ſo früh daran glauben mußte.“ „Gewiß, Brüder! Es war freilich ein dummes Schaaf ſein Lebelang; aber er hatte doch ein gutes Gemüth, und ich konnte ihn wohl leiden.“ „Nun iſt er todt, und es kräht kein Hahn nach ihm. Aber ich kann wohl ſagen, er war ſo dumm bei 9* 96 ſeinen Lebszeiten, daß er auch jetzt noch, wenn er nur hören konnte, ſich einreden ließe, er ſei nicht todt.“ David hatte das gehört. Er war ſtets für den dummſten Menſchen auf Erden gehalten worden, er hatte ſich daran gewöhnt, es zu glauben, und nun ſollte ein Anderer ſo dumm ſein, nach ſeinem Tode ſich ein⸗ zuhilden, er ſei noch lebendig. Seine Neugier war größer, als ſeine Scheu, und ſich erhebend, fragte er langſam: „Von wem, ihr lieben Leute, ſprecht ihr da?“ „Nun, von wem anders, als von dem Bootführer David Braſt, der vor einigen Tagen geſtorben iſt.“ „Und der heute Nachmittag begraben werden ſoll.“ Der arme David ſtand erſtarrt. Endlich gewann er Worte, und ſtammelte:„Unmöglich!“ „Wollt Ihr uns ſagen, was unmöglich iſt und was nicht? Sage Euch, David Braſt wird heute begraben.“ „Nein, nein! Er lebt ja!“ „Das lügt Ihr. Die Stadt und der Hafen wiſſen's, daß er todt iſt. Sein Boot iſt abſeits gelegt, und um die Riemen ward ein ſchwarzes Band gebunden zum Zeichen der Trauer.“ „Ach geht doch! der David Braſt lebt; ich weiß es ja! Ich bin es ſelbſt, bin David!“ Die Matroſen ſchlugen ein helles Gelächter auf: „Ihr? Dann müßten wir den David nie geſehen haben. — 101— Geht; wir ſind nicht die Leute, mit denen Ihr Euch einen dummen Spaß machen könnt.“ „Ich bin, bei'm Teufel, der David!“ „Nun haltet den Mund! Wir ſind Eurer Albern⸗ heiten ſatt. Scheert Euch Eure Straße, oder wir weiſen Euch des Zimmermanns Loch.“ „Ach, mein Gott!“ entgegnete Jener weinend,„nun ſoll ich nicht einmal mehr der dumme David Braſt ſein! Fragt doch nur den Wirth, den Ankerwirth; der kennt mich und wird es euch ſagen.“ „Hollah, Wirthſchaft! Was, zum Teufel, iſt das für ein närriſcher Kerl, der ſich für einen todten Mann ausgibt? Er ſagt, Ihr kenntet ihn.“ „Nicht ein Sterbenswort weiß ich von ihm!“ ſagte der Wirth betheuernd.„Er kam geſtern Abend ſchwer betrunken hier an, trank noch ein Glas Grog und ſchlief auf der Ofenbank ein. Aus Mitleid ließ ich ihn dort liegen. Aber nun iſt es genug; er mag ſeine Zeche bezahlen und dann gehen.“ „Ankerwirth! lieber Ankerwirth!“ bat David ſchluch⸗ zend,„ſagt doch nicht ſo Schlechtes von mir. Ihr kennt mich ja, und wißt mehr als zu gut, wer ich bin. Und wenn ich auch nicht weiß, wie ich auf Eure Ofenbank kam, ſo wißt Ihr doch, daß ich der Bootführer David Braſt bin!“ — 198— „Was iſt das!“ ſchrie der Wirth.„Lieben Leute! das iſt ein Verrückter. Den David Braſt kenne ich wohl; der kam jeden Abend hierher und trank ſein Gläschen, bis zu dem Tage vor ſeinem ſeligen Ende. Aber dieſer da, der ſich den Namen jenes ehrlichen Mannes anmaßt, der mir übrigens noch achtzehn Schil⸗ linge ſchuldig iſt...“ „Ganz recht, achtzehn Schillinge!“ ſchluchzte David. „Die bin ich Euch ſchon ſeit einiger Zeit ſchuldig, und nun ſagt Ihr aus Bosheit, weil ich Euch nicht bezahlen kann, ich ſei todt. Aber Ihr ſolltet Euch der Sünde fürchten.“ „Sünde hin, Sünde her!“ rief der Wirth.„Wollt Ihr vielleicht die achtzehn Schillinge für den Todten bezahlen, ſo thut Ihr ein gutes Werk, denn ich brauche das Meinige.“ „Ach, Ihr ſeid ja reich!“ ſagte David. „So?“ entgegnete der Wirth erboſt.„Das weißt Du? Und darum haſt Du Dich auch wohl hier einge⸗ niſtet, um mich zu beſtehlen? Das ſoll Dir theuer zu ſtehen kommen. Werft ihn hinaus!“ „Werft ihn hinaus!“ brüllte der Chor, und in wenigen Augenblicken flog der arme David Braſt kopf⸗ über auf die Straße. Als David Braſt ſich nothdürftig von den empfange⸗ — 199— nen Püffen und Prügeln erholt hatte, ſchlich er, Thrä⸗ nen in den Augen, langſam weiter:„Ach, du mein guter Gott, was gibt es doch für ſchlechte Menſchen! Achtzehn Schillinge bin ich dem Manne ſchuldig, und weil ich ſie ihm nicht bezahlen kann,— denn der Ver⸗ dienſt iſt knapp,— lügt er mich todt, und da ich das nicht glauben will,— weil ich recht gut weiß, wer ich bin, und daß ich lebe,— läßt er mich mißhandeln mit Scheltworten und Schlägen. Ich weiß, daß es nichts als ein dummes Geſchwätz iſt, um mich zu ärgern und mir Herzeleid anzuthun, damit ſie wieder tüchtig über mich lachen können; aber wie ſie ſagten, ich ſei todt, war es gerade, als ſtäche mir Einer mit einem Meſſer ins Herz. Was für ein tolles Ding! Ich ſoll todt ſein! und gehe hier lebendig umher, habe Kopfweh und einen großen Durſt! Aber jetzt will ich gleich hingehen, wo mich die Leute kennen und wo ſie nichts von der Bos⸗ heit des Ankerwirths wiſſen; da werden ſie mich ſchon kennen; ich werde auch Arbeit finden und von meinem Verdienſte dem boshaften Wirthe ſeine achtzehn Schil⸗ linge bezahlen können; dann ſetze ich aber keinen Fuß mehr in ſein Haus. Laß mich nur erſt im Hafen ſein, da werde ich ſchon wieder zu mir ſelbſt kommen.“ So ſich tröſtend ſchritt er immer rüſtiger weiter und vergaß die Schmerzen, die er empfand. Als er aber — 200— auf dem Hafendamm anlangte, wo die Fahrzeuge der vereideten Bootführer neben einander in langen Reihen lagen und das ſeinige mitten darunter, rief er mit lau⸗ ter Stimme:„Gott ſei Dank! Und da ſteht auch ſchon eine Menge junges Volk, das an Vord gebracht ſein will! Da wollen wir uns gleich das Handgeld ver⸗ dienen!“ Raſch war er auf dem Damm, und wollte hinab in ſein Boot; aber zwei ſtämmige Bootführer traten ihm in den Weg und fragten:„Will Er irgendwo an Bord gebracht ſein?“ „Ei, ihr guten Leute,“ ſagte David, nicht wenig verlegen,„was iſt mir denn das? Seht mich doch an, ihr werdet mich gewiß kennen, ich kenne euch ja. Du biſt Peter Maibohm aus Moorfleth, und Du biſt Hans Steen aus Altwerder. Laßt mich doch gehen und ſtört mich nicht in meinen Verrichtungen.“ „Was für Verrichtungen kannſt Du hier haben,“ ſprach der Eine,„wenn Du nicht von uns an Bord gebracht ſein willſt? Geh' uns alſo aus dem Wege; Du nimmſt den Leuten den Platz weg, die in unſere Böte wollen. Haſt Du gehört, Kerl! gehe Deiner Wege!“ „Ich werde doch wohl in mein eigenes Boot kön⸗ nen?“ rief David erboſt. Die Bootführer ſchlugen ein lautes Gelächter auf: — 66— „Allerliebſt! Will der Burſch hier ſein eigenes Boot haben. Und welches denn, wenn wir's wiſſen dürfen?“ „Dies da!“ ſagte David und zeigte auf das ſeinige. „Kerl, Du lügſt!“ rief Hans Steen.„Dieſes Boot da gehörte dem David Braſt... „Recht!“ ſagte David.„Dieſer David Braſt bin ich ja, und es iſt recht ſchlecht von euch, daß ihr mich nicht kennen wollt, da wir doch ſchon ſo manches Jahr zuſammen handthieren.“ „Was?“ rief Peter Maibohm erboſt.„Nun wird mir's zu bunt! Du willſt David Braſt ſein, und alle Welt weiß, daß der arme Kerl vor mehreren Tagen Todes verblichen iſt, und heute begraben wird. Siehſt nicht, daß die Riemen in ſeinem Boote mit ſchwarzen Bändern umwunden ſind, zum Zeichen der Trauer? Und Du willſt Dich unterſtehen, für den ehrlichen Kerl zu gelten?“ „Ach Gott, ihr Männer!“ ſagte David weinerlich. „Ich weiß gar nicht, was das zu bedeuten hat. Glaubt mir es nur diesmal, und ich will mich ja gerne von euch nachher ſo viel ärgern und hänſeln laſſen, als ihr für gut findet. Ich kann doch einmal kein Anderer ſein, als ich bin.“ „So?“ ſagte Hans Steen gelaſſen.„Nun, es iſt ja möglich. Es ſteht in der Schrift, daß in alten Zei⸗ 9** — 202 ten Wunder geſchehen ſind; warum können ſie nicht auch heute geſchehen? Wenn es ſein muß, ſo glauben wir, daß Du wirklich David Braſt biſt, daß Du ſtarbſt und in der Nacht vor Deinem Begräbnißtage wieder lebendig wurdeſt; Dich auch während Deines Todes⸗ ſchlafes ſo verändert haſt, daß Dich kein Menſch wieder erkennt. Wenn Du es alſo wirklich biſt, ſo gehe und ſchließe Dein Boot los, nimm die Trauerbänder von den Riemen...“ „Ach!“ rief David aufgeregt,„wie kommen die Bänder dahin? Das iſt ſonſt mein Lebtage nicht Ge⸗ brauch geweſen; und warum ſoll gerade ich ein ſo unglückliches Abzeichen haben?“ „Das kommt daher,“ bedeutete Peter Maibohm, „weil wir den Verſtorbenen beſonders lieb gehabt; dar⸗ um haben wir dies ausgefunden, um ihn zu ehren. Aber Du ſagſt ja ſo eben, daß Du nicht todt biſt, und wir unſer ſchwarzes Band hätten ſparen können. Iſt's alſo Dein Boot, ſo ſchließe die Kette vom Pfahle los und ſteige unangefochten hinein! Die ſchwarzen Bänder aber mußt Du uns zurückgeben.“ „Das will ich!“ ſagte David fröhlich und griff in die Taſche; denn er wußte ganz gewiß, daß er geſtern Abend den Schlüſſel zu ſeiner Bootskette dahinein geſteckt hatte. Aber wie er ſuchte, er konnte nichts fin⸗ 203— den, denn die boshaften Geſellen hatten ihm den Schlüſſel weggenommen, als er ſchlief. „Ach Gott! Ach Gott! Was iſt das?“ ⸗ vid Braſt vor ſich hin und begann immer eifriger zu ſuchen, während der Angſtſchweiß auf ſeiner Stirn perlte. Aber wie er ſuchte, und eine Taſche nach der andern umkehrte, er fand nichts, weder ſeinen Schlüſſel, noch ſein Meſſer, noch irgend einen andern Gegenſtand, der ihn hätte kundgeben können. Er weinte laut und ſchrie:„Ich habe ihn verloren!“ „Verloren! Oho!“ riefen bie beiden Bootsführer. „Alſo ſo ſteht es? In's Boot willſt Du, und den Schlüſſel haſt Du nicht? Nun ſehn wir es ganz deut⸗ lich, daß Du ein Betrüger biſt. Jetzt ſcher Dich fort, und laß Dich nicht wieder auf dem Hafendamme ſehen, ſonſt ſchlagen wir Dir Arme und Beine entzwei.“ Damit warfen ſie David, wie einen Faugball, dem Nächſtſtehenden zu, dieſer ſpedirte ihn weiter und ehe er noch zur Beſinnung kam, war er ſchon weit über den Hafendamm hinaus, umringt von Gaſſenbuben, die ihn tobend und ſchreiend eine Strecke begleiteten. „Ich halt's nicht aus!“ ſprach David für ſich. „Hätte ich doch all mein Tage nicht geglaubt, daß ich ſo etwas erleben müßte! Wie ſoll ich das überſtehn? Bin ich nun wirklich todt, oder bin ich es nicht, und — 204— wie wird es noch mit mir werden? Mir iſt übel zu Muthe, mein Kopf brennt wie Feuer, und doch zittern mir Arme und Beine vor Kälte. Ich bin gewiß krank; ich will zu Hauſe gehen und mich in mein Bett legen.“ Das konnte nun David eigentlich nicht ſagen, und er ſtieß es wohl nur heraus, des Fiebers wegen; denn erſtens hatte er kein Haus, ſondern lag in einem feuch⸗ ten Keller bei einer alten Obſthändlerin in Schlafſtelle; dann hatte er auch kein Bett, ſondern einen dürftigen Strohſack und eine abgeſchabte Decke. Nach dieſem finſtern, freudenloſen Winkel ſehnte er ſich jetzt und ging ſo raſch, als ſeine Mattigkeit es ihm nur irgend geſtattete. Vor der Kellerwohnung, worin David ſein trauriges Aſyl gefunden hatte, ſtand ein dickes Weibsbild mit hochrothen Backen, beide Hände in die Seite geſtemmt. Sie ſah den armen Schelm die Straße entlang ſchwan⸗ ken; aber ſie ging ihm nicht helfend entgegen, ſondern lachte ſchadenfroh in ſich hinein, und ließ ihn nahe heran kommen. „Guten Tag, Frau Markwold,“ ſagte er keuchend, ſich den Schweiß von der Stirn trocknend. Wonach ſieht Sie denn aus?“ „Was geht's Ihn an?“ fragte das Weib barſch. „Mich ſo eigentlich nichts,“ antwortete David;„es iſt mir auch gar nichts daran gelegen, es zu wiſſen. — 205— Ach, Mutter Markwold, Sie iſt wohl böſe auf mich, daß ich in der letzt vergangenen Nacht nicht nach Hauſe gekommen bin? Ja, das iſt eine kurioſe Geſchichte..“ „Wie? Was iſt das?“ ſchrie Frau Markwold, die Fäuſte ballend.„Was unterſteht Er ſich?“ „Nun, nun!“ bat David. Sei Sie nur wieder gut. Ich habe gewiß und wahrhaftig nichts dafür gekonnt, und will mich auch wohl hüten, je wieder aushäuſig zu werden...“ „Was, zum Teufel, geht es mich an, was Er werden will!“ unterbrach ihn das Weib. „Sei Sie doch nur zufrieden, Frau Markwold. Morgen ſoll Sie mich ſo viel ſchelten, als Sie Luſt hat, aber jetzt bin ich krank und muß in mein Bett!“ „Wohin will Er?“ rief Frau Markwold puterroth, indem ſie ſich breit vor den Eingang ſtellte, den David durch eine ſchlaue Wendung zu erreichen ſuchte.„Will Er ſich unterſtehen, in fremder Leute Wohnung zu dringen, um ihrem guten Rufe zu ſchaden, oder ſie zu beſtehlen? Marſch mit Ihm, oder ich laſſe den Gaſſen⸗ voigt kommen!“ „Was wird das nun wieder!“ rief David außer ſich, und ſchlug vor Wuth und Schmerz die Hände ineinan⸗ der.„Will Sie mich auch nicht kennen? Habe ich mich denn wirklich ſo ſehr verändert in der einen Nacht? 206— Ach nein, nein, das habe ich nicht, und ich bin und bleibe der ehrliche David Braſt, der Ihr des Abends das Waſſer in die Küche geſchleppt und die Zeugman⸗ gel für Sie gezogen hat.“ Einen Augenblick lang ſchien es, als wollte das Mitleid bei dem alten Weibe Raum gewinnen; aber es war eine Regung, die nur wenige Seeunden anhielt, dann ſagte ſie barſch:„Jetzt hat Er Zeit, daß Er geht; noch ein Mal ſagt Er das vom David Braſt, und ich ſchlage ihm mit meiner Waſſertracht den Hirnſchädel ein. Was! Er will ſich den Tod eines guten Kerls zu Nutze machen, und ſich in deſſen Eigenthum drängen? Aber ich leide es nicht, und will einen Tanz aufſpielen, daß Alles nur ſo zittern und beben ſoll! Den Augen⸗ blick ſcher Er ſich fort, Betrüger, oder ich will Ihn karbatſchen nach meiner Weiſe!“ Sie griff nach einem Beſenſtiel, den ſie hinter ſich ſtehen hatte, ſchwang ihn um den Kopf und würde ſicherlich den Rücken des armen David's tüchtig bearbei⸗ tet haben, wenn dieſer ihr nicht ausgewichen wäre und ſich davon gemacht hätte. Matt und müde ſchlich David Braſt längs den Häu⸗ ſern hin, und hinter ihm her ſchallte das Gelächter des rohen Weibes.„Das hätte ich doch nicht gedacht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„daß es dahin mit mir kommen ſollte. An einem Tage verliere ich Alles, mein Bett, mein Brot, meine Kundſchaft und dazu meinen ehrlichen Namen! Ach, wenn das jemals meine Aeltern gedacht hätten. Aber der Vater ſagte immer, wenn die Mutter um meinetwillen mit dem Kopfe ſchüttelte:„Laß Du den David nur laufen, für den iſt mir gar nicht bange; der kommt durch ſeine Dummheit fort.“ Ach, ich bin vielmehr um Alles betrogen und dazu ſterbenskrank. Mein Kbrper iſt wie zerſchlagen und ich weiß nicht, wo ich mein Haupt niederlegen ſoll, da auch Mutter Mark⸗ wold mit den Böſewichtern unter einer Decke ſteckt und mich aus der Welt herauslügen hilft!“ Er war die Straße noch lange nicht zu Ende; aber ſeine Beine verſagten ihm den Dienſt, und er ſchlich in den Thorweg eines großen Hauſes, wo er ſich unter der Treppe hinkauerte und in einen Zuſtand zwiſchen Schlafen und Wachen verſank. Bald ging ihm das Bewußtſein ganz verloren, und er athmete bang und ſchwer. Böſe Träume folterten ihn und er vermochte nicht, ſich ihrer zu erwehren. Es kam ihm vor, als liefe er auf einer ebenen Wieſe, ringsumher, ſo weit er ſehen konnte, war nichts als grünes Gras zu ſchaueu, und je haſtiger er lief, je weiter dehnte ſich der Raum vor ihm aus. Er vermochte nicht, ſich einen Augen⸗ blick Ruhe zu vergönnen; eine innere Angſt trieb ihn — 208— fort, denn unaufhörlich keuchte es hinter ihm her:„Du Dieb! Du Dieb! ich bin der Geiſt des David Braſt und will meinen Körper und meinen ehrlichen Namen wieder haben!“— Plötzlich erreichte die Wieſe ihr Ende; er ſtand vor dem Eingange eines großen Gewöl⸗ bes und ſah die Treppe, welche in daſſelbe hinabführte. Ihn wandelte ein Grauen an, als er in die Tiefe, die ihm ſchwarz entgegen gähnte, hinabblickte; aber es blieb ihm keine Wahl; denn eben jetzt keuchte die Stimme, näher wie je, hinter ihm rufend:„Du Dieb! Du Dieb!“ und es war ihm, als ob das Geſpenſt mit einer glühenden Kralle nach ihm greifen wollte. Athemlos ſprang er die Treppe hinab, hundert Stufen und mehr; als er aber an dem Ende derſelben anlangte, ſtand er in einem engen Raume und vor ihm zeigte ſich abermals eine Treppe, die er willenlos hinabeilte. Dieſe zweite Treppe aber war weit länger als die erſte, die dritte, die dann kam, noch länger, und ſo immer fort, daß es ſchien, dieſe Treppen würden ihn bis in den Mittel⸗ punkt der Erde hinabführen. Auch wurden ſie immer enger und niedriger, ſo daß er überall anſtieß und ſtets mit vorgebeugtem Haupte gehen mußte, auch hatte er große Mühe, ſich durchzuwinden, denn zu beiden Seiten berührte er immer die feuchtkalte Mauer. Aber wider ſeinen Willen mußte er raſtlos forteilen; denn es keuchte — 6 und ſchnaubte unheimlich hinter ihm, und faſt bei jeder Stufe abwärts ſchauerte er zuſammen, weil er ſich von ſeinem unſichtbaren Verfolger erfaßt glaubte. Endlich gelangte er an das Ende ſeiner grauenhaf⸗ ten Wanderung, er that einen tiefen Fall und— erwachte. Er triefte vor Schweiß und fühlte ein Zit⸗ tern in allen ſeinen Gliedern.„Ich bin recht krank!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und wenn ich wirklich noch nicht geſtorben bin, ſo wird es jetzt geſchehen. Allein, ich glaube Alles, was die Leute ſagen; es mag ſein, daß ich der David Braſt nicht bin und daß dieſer todt iſt; aber der liebe Gott möge ſich meiner erbarmen und mir Jemanden ſchicken, der mir ſage, wer ich denn eigent⸗ lich bin und was ich fortan auf der Welt anfangen ſoll, da ich keinen Strohſack und kein Boot mehr habe.“ Er ſchwieg, denn er vernahm ein Geräuſch von der Straße her, und fuhr erſchreckt zuſammen; Alles erweckte ihm Furcht. Es war aber zufällig in der Straße ein alter Mann geſtorben, der ward eben jetzt begraben. Die Matroſen, die den David Braſt ſo ängſtigten, wollten dieſe Gelegenheit benutzen, um noch einen letzten Spaß zu haben, und überlegten mit einander, wie ſie ihn aus dem Thorwege locken möchten, wohinein ſie ihn hatten gehen ſehen. Da begann der Leichenzug, und die Cur⸗ rende, die vor dem Sarge herging, hub an zu ſingen: Begrabt den Leib in ſeine Gruft, Bis ihn des Richters Stimme ruft. Dieſer Geſang ging dem erſchütterten David Braſt zu Herzen; er ſchwankte aus dem Thorwege und ſah ſtill, mit gefaltenen Händen auf den Leichenzug, der langſam an ihm vorüber ging. Die Matroſen drängten ſich ſogleich in ſeine Nähe, aber er achtete ihrer nicht. „Wen begraben ſie denn da mit Sang und Klang?“ fragte einer der Kerle ſo laut, daß David es wohl hören mußte, und ein anderer ſchrie als Antwort:„Nun, wen anders, als den dummen David Braſt!“ Das hatte der Unglückliche gehort. Er ſchrie laut auf, ſein Haar ſträubte ſich, das Geſicht wurde todes⸗ bleich und die Augen drängten ſich aus ihren Höhlen: „Was ſagt ihr, Menſchen! Was ſagt ihr da! Wen begraben ſie?“ „Den Bootführer David Braſt!“ war die Antwort. Da kreiſchte David laut auf. Er drehte ſich wie toll im Wirbel, ſchlug mit den Armen um ſich und ſchrie:„Ich ſehe mich begraben! Ich ſehe mich begraben!“ Dann aber ſank er zuſammen und blieb als ein Todter auf dem Straßenpflaſter liegen. Die Matroſen, die den Spaß bis hierher getrieben hatten, geriethen nicht wenig in Angſt, als ſie ſahen, was vorging, und machten ſich aus dem Staube. An⸗ dere Leute aber, die von der boshaften Quälerei nichts wußten, glaubten, hier ſei Jemand plötzlich toll gewor⸗ den und in dem Moment des Tollwerdens geſtorben. Dieſe wichen aus Scheu zurück, riefen aber Polizei⸗ beamte herbei, damit ſie nach dem Rechten ſähen, und den Unglücklichen fortſchafften. Das geſchah alſobald, und als die Aerzte in dem öffentlichen Krankenhauſe ſich des David's annahmen, ſahen ſie gleich, daß er nicht geſtorben ſei, ſondern nur in einer tiefen Ohnmacht liege. Er ſchlug auch in der That nach längerer Zeit die Augen wieder auf; aber von der Tafel ſeines Gedächtniſſes war Alles ausge⸗ löſcht, was bisher mit ihm vorfiel, und kein anderes Wort ging über ſeine Lippen, als:„Ich bin begraben!“ Als man ihm begreiflich machen wollte, daß dies nicht der Fall ſei, ſagte er ernſt:„Schweigt nur ſtill; ich habe es ſelbſt geſehen. Es iſt ſehr Unrecht von Euch, daß Ihr mich in meiner Ruhe geſtört und mich wieder herausgegraben habt. Ich will auch nicht hier bleiben, ſondern wieder auf dem Kirchhofe liegen, wohin ich gehöre!“ Und als dies nicht gleich geſchah, wurde er ungebärdig, tobte und ſchlug um ſich, alſo daß man ihm die Zwangsjacke anlegen mußte, weil ſonſt die Aerzte und die Wärter nicht ihres Lebens ſicher gewe⸗ ſen wären. — 212— In der Rhede aber ſprach es ſich herum, daß in dem Krankenhauſe ſich ein armer Bootführer, Namens David Braſt, befinde, der bilde ſich ein, er ſei todt und habe ſich ſelbſt begraben ſehen. Da kamen viele Leute herbei, die Alle neugierig waren, und den lebendigen Todten ſehen wollten, der ſeinem eigenen Begräbniß zugeſehen hatte. David, der bereits ruhiger geworden war, nickte allen Leuten gutmüthigſt zu und ſagte: Iſt es nicht Unrecht, daß ſie mich wieder vom Kirchhofe wegholten und hier auf ein Bett legten, da ich doch in meinem Sarge ſo ſchön ſchlief?“ Dieſe Begebenheiten drangen auch zu den Ohren der Frau Markwold, und ſie bereute es, ſich zu einem ſolchen Spiele hergegeben zu haben. Vielleicht, dachte ſie, läßt es ſich noch wieder gut machen, und darum begab ſie ſich ebenfalls nach dem Krankenhauſe und verlangte den armen David zu ſehen. Als dieſer ſeine ehemalige Wirthin erblickte, lachte er ihr entgegen und ſprach:„Ei, ei, Mutter Markwold, wo kommt Sie denn her? Iſt Sie auch geſtorben und wieder ausge⸗ graben worden, da wir uns hier wiederſehen?“ Frau Markwold hatte aber ſchon mit den Leuten im Hauſe geſprochen, und von ihnen vernommen, daß David keinesweges toll, ſondern nur, wie ſie es nannten, von irgend einer firen Idee befallen ſei. Er brauche — 213— gar nicht im Irrenhauſe zu ſitzen, ſondern wenn ihn Jemand zu ſich nehmen und gehörig beaufſichtigen wolle, ſei das eben ſo gut, vielleicht noch beſſer. Sie hatte ſich daher vorgenommen, um das begangene Unrecht wieder gut zu machen, ihren vormaligen Miethsmann zu ſich zu nehmen, und ſagte: wenn er mit ihr gehen wolle, werde ſie ihn irgendwohin bringen, wo es ihm wohl gefallen ſolle. Darüber war er ſehr froh, und zum erſten Male, ſeit er ſich in dem Krankenhauſe befand, zeigte er einige Heiterkeit. Er ſprach freundlich mit Frau Markwold, und drang in ſie, bald mit ihm aufzubrechen. Er hing ſich unterweges an ihren Arm und ward faſt geſchwätzig. Als ſie vor der Kellerwohnung anlangten, die ſie ſeit einer geraumen Zeit gemeinſchaftlich be⸗ wohnten, ließ er ſie los, und die Treppenſchwelle be⸗ tretend, ſagte er: 2 „Gott ſei Dank! Nun habe ichs erreicht, und ich kann jetzt in die Erde hinabſteigen, wohin wir Todte gehbren. Sage Sie ſelbſt, Frau Markwold, was habe ich hier oben im hellen Sonnenſchein, unter den Leben⸗ digen zu thun? Hier unten will ich ausruhen.“ Er ſtieg langſam die Treppe hinab und ging nach dem Winkel, wo ſein Strohſack ſtets gelegen hatte: „Da ſteht auch noch mein Sarg, und es hat ſich Nie⸗ — 8— mand während meiner Abweſenheit hineingelegt! Nun will ich recht ausſchlafen.“ Er legte ſich nieder, ſchloß lächelnd die Augen und ſchlief ein. Er iſt nimmer aufgewacht. —— In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Seenovellen. Von Heinrich Smidt. Zwei Theile. Rthlr. 2. 15 Sgr. fl. 4. 30 kr. Fteuermann Johannes Smidt. Memvoiren eines Seemannes. Von Heinrich Smidt. Drei Theile. Rthlr. 4. fl. 7. Heinrich Flaggentroſt. Eine Seenovelle. Von Heinrich Smidt. 8. Geh. 26%½ Sgr. fl. 1. 30 kr. Die zwei Admirale James Fenimore Cvoper. 3 Theile. Geheftet. Rthlr. 1. fl. 1. 48 kr. (175— 1838 Bändchen der Geſammtausgabe.) Das Irrlicht vder der Kaper von James Fenimore Cooper. 2 Theile. Geheſtet. 25 Sgr. fl. 1. 30 kr. (184— 1893 Bändchen der Geſammtausgabe.) Wyandotte oder der Hütten⸗Hügel. Von James Fenimvre Cvoper. 2 Theile. Geheftet. 25 Sgr. fl. 1. 30 kr. (190— 1953 Bändchen der Geſammtausgabe.) Med Myers oder ein Vormaſt⸗Leben. Von James Fenimore Cooper. 2 Theile. Geheftet. 20%ℳ Sgr. fl. 1. 12 kr. (196— 2013 Bändchen der Geſammtausgabe.) —— ſſſiſiſſſſ 6 8 9 10 11 12 13 14 8 16 17 1 9 8 † S lllll