6 deutſcher, 1. offensein hinterlegen, we wird. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: der Bücher auf N pfangnahme un Rückgabe der Bücher pang bis Abends 8 hr i 6. Schadenersatz. 1 2 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, be lorene oder defecte Buch ein Theil eines der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſigeſ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cnnard Oltmünn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und eſebedingungen. der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ eden Tag von Morgens offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit e den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entge ennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelbell entn ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ . e tſprchende Summe lche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: W 1 Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ ind Zurickſendun ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſgen Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſchmutzte, ver⸗ größeren Werkes, ſo iſt etzt und wird eiterverleihen welche die⸗ ————— — Leihbiblivthet᷑ 1 Julia Severa oder das Jahr Vierhundert und zwei und neunzig. —— Nach dem Franzoͤſiſchen des Simonde de Sismondi, Verfaſſers der Geſchichte der Franzoſen, der italiä⸗ niſchen Freiſtaaten des Mittelalters u. g. von K. L. Methuſalem Muͤller. Steitenſtuͤck zu den Romanen von Walter Scott. Sweitzr Theil. Leipzig, bei C. H. F. Hartmann⸗ 1822. Julia Severa o der das Jahr Vierhundert und zwei und neunzig. — Ceſtes Kap itei Trennung. tali quae nunc ut cernig, hiatu Suppliciis inclusa teror... Quod si non omnem pepulisti pectore matrem his oro miseram defende carernis Inque superna refer. (In einem ſolchen Abgrunde werde ich, wie Du ſiehſt, von Schmerzen aufgerieben... O! wenn Du nicht alles Muttergefüͤhl aus Deiner Seele verbannt haſt, ſo rette die ungluͤckliche aus dieſen Schluͤnden und gieb ſie der Oberwelt zurück.) Glaudian. de Raptu Proserpinae. Libr. III. p. 7o. De⸗ zaͤrtliche Geſtaͤndniß der Liebe, welches Julien durch die Empfindung des gemeinſamen Schmerzes entriſſen worden war, dieſer erſte in einem Anfalle von Verzweiflung freiwillig gegebene Kuß aͤnderte Nichts, weder in den Verhältniſſen der Liebenden, noch in ihrer Ausſicht in die Zu⸗ kunft. Sylvia hatte ſich ihnen genähert, indeß A 2 ſte den Eudorius mit irgend einem Auftrage zu den Schiffern geſandt hatte. Sie verſuchte nun ihrer. Seits entweder ihre Hoffnung von Neuem zu be⸗ leben, oder ihnen einigen Troſt zu ſpenden. Felir und Julia hatten ihre Herzen ohne Ruͤckhalt ihr aufgeſchloſſen; es blieb kein verſtohlner Gedanke, kein geheimes Gefuͤhl, keine Befurchtung mehr übrig, welche nicht allen Dreien gleich bekannt geweſen, ſo wie keines von ihnen einen Wunſch hegte, der nicht den beiden Andern ſogleich mitge⸗ theilt worden waͤre. Sylvia, welche jetzt auf die verſchiedenen Pläne ihres Sohnes und derjenigen zuruͤckkam, die ſie ſo gern ihre Tochter genannt haͤtte, verſuchte ihrer Unterredung eine ruhigere Geſtalt zu geben, jede Uebertreibung aus ihren Befuͤrchtungen und Hoff⸗ nungen zu verbannen, und ſie davor zu warnen, daß ſie ſich einer Seits nicht zu ſtrenge Pflichten auferlegten, noch anderer Seits diejenigen ver⸗ letzten, die ſie in der That achten und heilig hal⸗ ten mußten. Allein je mehr ſie ihre Lage zu uͤber⸗ ſchauen ſuchten, um ſo großere Schwierigkeiten fanden ſie auch in derfelben, und um ſo mehr — — fanden ſie, daß das Ungluͤck des Vaterlandes dem perſoͤnlichen Ungluͤcke einen neuen hoͤhern Grad von Bitterkeit gebe. Eine ſchnelle Vermaͤhlung zwiſchen Felir und Julien und eine gemeinſchaftliche Flucht, um ſich der väterlichen Macht des Julius Severus und der Rache Chlodowichs zu entziehen, ſchien bald allen Dreien nicht mit ihren Pflichten und mit der Klugheit ſelbſt uͤberein zu ſtimmen. Allein blieb denn kein Mittel uͤbrig, Zeit zu gewinnen? und konnte man nicht hoffen, daß, wenn man die indirekten Hinderniſſe gegen dieſe gefüuͤrchtete Ver⸗ bindung vermehrte, man vielleicht durch ungeah⸗ nete Begebenheiten, durch die Unbeſtaͤndigkeit des Chlodowich ſelbſt, oder durch die gluͤcklichen Be⸗ ſtrebungen einer der Partheien unterſtutzt werden wuͤrde, welche dem Könige eine andere Gemahlin beſtimmten? Sylvia that Julien den Vorſchlag, ſich auf einige Zeit in ein Kloſter zu begeben, ein Geluͤbde, eine Pilgerfahrt oder ſonſt einen jener zahlreichen Bewegungsgrunde der Andacht vorzuſchuͤtzen, de⸗ nen damals jede andere Ruͤckſicht weichen mußte, womit man ſtets noch weltlichere Abſichten bedeckt hat, und welche auch die Mächtigſten wegen des Einfluſſes der ganzen Gemeinde der Kirche zu eh⸗ ren ſich gezwungen ſahen. Julia dachte jedoch nicht, ohne zu ſchaudern, an jenes Buͤßerkleid, das man ihr in ihrer Traumerſcheinung vorgehalten hatte, und welches für ſie die Bedeutung einer ewigen Verpflichtung zu haben ſchien. Allein ſie hatte auch einen andern Grund, warum ſie auf dieſes Auskunftsmittel kein großes Vertrauen ſetzte. Weder Severus noch Chlodowich waren Chriſten, und es war nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ſie in einer fremden Religion eine ihren Abſichten und Wuͤnſchen ſo widerſtrebende Verpflichtung achten wuͤrden. Ja, ſie konnten ſie vielleicht mit Ge⸗ walt dem Floſter entreißen laſſen, welches ſie zum Aſyl erkohren haben würde, und dann hätte ſich nur ein aͤrgerlicher Auftritt mit der Gefahr verei⸗ nigt. Leichter mochte es wohl ſeyn, eine Krankheit, oder einen Zufall vorzuſchuͤtzen, der ſie noch einige Zeit zu Noviliacum feſthalte, und Julia betrach⸗ tete die ſie umgebenden Ruinen nicht, ohne daß —— ₰ 2 — 3 Herzen fanden und der Liebe„der Jugend und dem ſie gewiſſermaaßen hätte wuͤnſchen ſollen, ſie moͤchten uͤber ihr zuſammenſtuͤrzen. Wie gern wuͤrde ſie nicht, ſelbſt auf Koſten eines bedeuten⸗ dern Unfalls, die Gewißheit erkauft haben, noch einige Zeit mit Felir unter einem Dache verweilen zu koͤnnen. Mit welch' neidiſchen Blicken ſchaute ſie nicht, wenn ſie am Rande der Platteforme hinging, in die Tiefe zu ihren Fuͤßen! Mit wel⸗ cher Unerſchrockenheit waͤhlte ſie nicht immer den gefaͤhrlichſten Fußpfad, in der geheimen Hoffnung, ſie moͤchte einen Fehltritt thun, und könnte dann, ohne ihr Gewiſſen zu verletzen und ohne ſich ver⸗ ſtellen zu muͤſſen, den Befehlen ihres Vaters den Gehorſam verſagen. Bei dem Plane, eine Unpaͤßlichkeit vorzu⸗ ſchuͤtzen und ſo wenigſtens einige Tage zu gewin⸗ nen, blieben indeß die Liebenden ſtehen. In dieſer Zwiſchenzeit, ſchmeichelten ſie ſich, koͤnnte ſich wohl Etwas Neues, Unverhofftes zutragenz ſie rechneten auf den Zufall, auf alle Moͤglichkeiten der Zukunft, ſie bauten auf das Gefuͤhl einer un⸗ beſtimmten Hoffnung, das ſie im Innern ihrer Gluck verdankten, ſich nach einer Abweſenheit, die ihnen ſo lange vorkam, wieder zu ſehen. Man hatte von Noviliacum kalte Speiſen und Wein herbei gebracht, und Eudorius ſorgte nun dafuͤr, daß das Mahl bereitet und auf der Platte⸗ forme aufgetragen wuͤrde, wo ſie ſich zuerſt wieder getroffen hatten, und von der man einer ungemein weiten Ausſicht genoß. Julia weigerte ſich nun nicht laͤnger, die Schoͤnheit der Gegend zu bewun⸗ dern, die entfernteſten Punkte, die man ihr an⸗ gab, mit den Augen aufzuſuchen, und den Ab⸗ hendlungen oder Geſchichten, welche Eudopius vortrug, ein geneigtes Gehör zu ſchenken. Alles, ₰ was ſie ſahe, ſahe ja Felix auch; Alles, was ihr Gefuhl erregte, weckte ein entſprechendes auch in Felir Herzen. Dieſer wurde befragt uber das, was er zu Soiſſons geſehen und vollbracht hatte; ſeine Mutter und ſeine Freundin erzählten abwech⸗ ſelnd die Geſchichte ihrer Einſamkeit, ihrer Par⸗ thie nach den Ufern des Cher, ihrer Schreckniſſe in dem Schloſſe des Rutilianus, und Julia be⸗ b ſonders gedachte umſtändlich des nächtlichen Ge⸗ ſichts, welches ſich ihr gezeigt hatte. Als ſie ſo ſprach, ſchien Felir die leiſeſten Worte und Töne von ihren Lippen verſchlingen zu wollen, er war boͤſe auf den Hauch des Windes, auf das Sum⸗ men eines Inſektes, auf das geringſte Geräuſch, wodurch ihm auch nur eine Modulation ihrer Stimme entzogen werden konnte. Ein glůckliches Vertrauen, eine Seſ wovon ſie ſich ſelbſt den Grund nicht klar machen konnten, hatte ſich von Neuem in Beider Herzen erhoben. Der Tag, vor welchem ihnen jede Zu⸗ kunft verſchwand, war ihnen als ein gluͤcklicher dahin geflohen, und ob ſie gleich keinen einzigen recht vernuͤnftigen Plan gefaßt hatten, konnten ſie doch nicht glauben, daß ein ſo inniger Genuß nicht durch ſich ſelbſt ſeine Dauer verbuͤrgen ſonte. Die Sonne, welche ſich ihrem Untergange näher⸗ te, mahnte ſie indeſſen auf die Ruͤckkehr zu denkenz die Schiffer riefen ſie ins Boot, und Diocles hielt das Pferd fur Felix bereit, der zu Lande zurückkehren ſollte, um nicht Sulpitiens Verdacht zu erregen, denn ſie erwarteten ſie bei ih⸗ rer Ruͤckkehr ſchon in Noviliacum anzutreffen. Jetzt mußte man von den Truͤmmern des alten Heſodu⸗ — 1— num ſcheiden, und mit einem von Kummer ge⸗ preßten Herzen ſtiegen beide Liebende von der Platteforme herab. Auf der Seite der Loire ſtand die Citadelle mit der unterhalb derſelben erbauten Stadt in Verbin⸗ dung, vermittelſt eines in den Felſen gehauenen unterirrdiſchen Ganges. Es war ein Werk, das ſchon vor der Zeit der Roͤmer vollendet worden war und noch zu der alten eeltiſchen Veſte gehoͤrte, an deren Stelle die Thuͤrme Auguſts getreten wa⸗ ren. Eine große Treppe führte im Mittelpunkte des großen Thurmes abwaͤrts und endigte ſich an dem einen Ende des Souterrains. Dieſes, wel⸗ ches unter den Truͤmmern eines Theils der Stadt hinlief, hatte ſeine andern Oeffnungen nicht weit oberhalb des Hafens, wo ihr Fahrzeug ſie erwar⸗ tete. Durch dieſes Gewölbe nun, ein merkwuͤr⸗ ges Denkmal der Macht und Beharrlichkeit der alten Carnuten, wollten unſere Reiſenden den Fluß wieder erreichen. Sylvia gab dem Eudopius den Arm, Julia ſchritt langſam mit Felix hinter⸗ drein. Beide nährten die geheime Ahnung, daß es vielleicht das lette Mal ſeyn möchte, wo ſie ſo allein zuſammen ſeyn koͤnnten, daß man ſie bald beobachten und mißtrauiſch bewachen, ja, wohl gar fuͤr immer trennen werde. Unwillkuͤhrlich blieben ſie ſtehen, ſie ſchienen ſich immer noch lan⸗ ge nicht Alles geſagt zu haben, was ſie ſich zu ſagen hatten, und gewaltſam ſuchten ſie die letzen Au⸗ genblicke des Gluͤckes feſthalten zu wollen, das ihnen zu entſchluͤpfen drohte. Obgleich Sylvia langſam ging, hatte ſie doch einen ziemlichen Vorſprung vor ihnen gewonnen; mehrere Male hatte ſie ſich umgeſehen, um ſie zum ſchnellern Vorſchreiten zu ermahnen, und als ſie nun an der Oeffnung des Souterrains noch einmal ſich um⸗ kehrte, um ſie zu rufen, wie groß war da ihr Erſtaunen und ihr Schreck, als ſie die lange, lange Hoͤhle hinter ſich verſchloſſen ſahe!.... Schnell eilte ſie nun mit dem Eudorius hin zu dem Hinderniſſe, welches ihr die Ausſicht benahm, aber es war keine Thuͤr, ſondern ein ungeheures Felſenſtuͤck, welches, auf einer Art von Angel ſich drehend, vermittelſt unſichtbarer Einrichtungen die Hoͤhle verſchloß oder oͤffnete, je nachdem es ſich von dieſer oder der andern Seite drehete, und das — 1 ſo genau in die Oeffnung, für die es beſtimmt war, einpaßte, daß man es mit dem Auge nicht mehr von der unerſchuͤtterlichen Maſſe unterſchei⸗ den konnte, wovon es einen Theil ausmachte. Dieſes Felſenſtuͤck konnte durch die, welche die ge⸗ heime Einrichtung kannten, ſo leicht in Bewe⸗ gung geſetzt werden, daß Sylvia das Geraͤuſch des Verſchließens gar nicht vernommen hatte. Allein ſeit den Zeiten der Celten beſtimmt, die Feſtung zu verſchließen, ſtellte es denen, welche es wieder an die erſte Stelle zuruͤckſchieben woll⸗ ten, einen unuͤberwindlichen Widerſtand entgegen, ſo daß bei den verſchiedenen Belagerungen, wel⸗ che Heſodunum ausgehalten hatte, keine Anſtren⸗ gung des Feindes es hatte erbrechen können. Sylvia und Eudorius riefen aus allen Kräf⸗ ten, um von Felir Aufklärung des ſeltſamen Vor⸗ falles zu erhalten und zu erfahren, wie ſie ihnen Huͤlfe zu leiſten vermoͤchten; allein kein Ton ver⸗ mochte durch die Dicke des Felſens zu dringen, und ſie konnten keine Antwort vernehmen. In⸗ deſſen vermutheten ſie, daß Felix und Julia, wenn ſie das Souterrain verſchloſſen ſaͤhen, auf der —— Stelle umkehren und baher bald an der obern Thuͤre des Schloſſes erſcheinen wuͤrden. Die Schiffer, welche auf Sylviens Geſchrei herbeige⸗ kommen waren, machten ſich auch ſogleich nach dieſer Thuͤr auf den Weg, um ihnen zu begegnenz mit einer unbeſtimmten Unruhe beſchleunigten ſie ihre Schritte, indeß Sylvia die Stelle nicht ver⸗ laſſen wollte, wo ſie ihre Kinder hatte verſchwin⸗ den ſehen und wo ſie ſich ſchmeichelte, ihre Stimme wieder zu hören und von ihnen zu vernehmen, was ſie zu ihrer Rettung thun ſollte. Die Schiffer hatten ſich wirklich der größten Eile befleißigt, und doch duͤnkte es Sylvien eine Cwigkeit, ehe ſie zuruͤck kamenz ſie legte das Ohr an den Felſen, dann ging ſie bis zum Ende des Weges, wo ſie die Thuͤr des Schloſſes ſehen konn⸗ te; allein unterdeſſen mußte Eudoxius horchen, damit nicht das geringſte Geräuſch, der teiſeſte Ton, der aus dem Innern der Höhle käme, ihnen entgehen moͤchte. Endlich erſchienen die Schiffer wieder, ſie ſprachen lebhaft mit Dumnorir und Diocles, welche mit ihnen zuruͤckkehrten. Die Bläſſe derſelben und der Schreck, der ſich in ihrem Benehmen offenbarte, verkuͤndigten Sylvien zum Voraus, daß keine der Befuͤrchtungen, ſie— uͤbertrieben war. Die obere Thuͤr des Souterrains iſt ebenfalls verſchloſſen, ſagte Diocles, und weder Felir noch Julia haben ſich ſehen laſſen. Er trat zugleich dicht zu dem Feiſen hin, un⸗ terſuchte ihn ganz genau, nahm eine Fackel in die Hand, welche einer der Schiffer angezuͤndet hatte, und beleuchtete damit alle Fugen zwiſchen dem Felſen und der Hoͤhle, dann ließ er ſie ſinken und ſchuͤttelte das Haupt. Ach! ſagte er, da iſt auch nicht eine Fuge oder Oeffnung, wo man einen Hebel einſetzen könnte; eher wuͤrde man das Geburge umſturzen, als dieſen Felſen erſchuͤt⸗ tern koͤnnen⸗ und die Thuͤr oben? entgegnete SW mit ſteigender Angſt. Da iſt ebenfalls ein Felſenſtuͤck, das ſie von innen verſchließt. Ich ſehe die Thüren der Druiden * nicht zum erſten Male. Bei der Belagerung von Autun geiffen wir eine Parthei an, welche ſich in ein aͤhnliches unterirrdiſches Gewölbe gefluͤchtet hatte. Die Ungluͤcklichen hatten nicht oͤffnen wol⸗ len, oder vielmehr, ſie hatten es nicht gekonnt, als ſie wollten, ſie gaben ſich lieber dem Hunger Preiß, als daß ſie ſich uͤbergeben hätten. Als nach Verfluß von acht Tagen unſere Schanzgrä⸗ ber in die Gewoͤlbe eindrangen, fanden ſie ſie Alle— todt! Großer Gott! rief Sylvia voll Entſetzen,— haben ſich denn die Thuͤren durch einen Zufall ſchließen können? 6 3 i Das glaube ich nicht, wenigſtens nicht beibe zu gleicher Zeit. Wer aber hat ſie denn ſonſt verſchloſſen? Ganz gewiß Jemand, der Euch in den Ga⸗ maͤchern der Wache, welche uͤber dieſen unglüͤchli⸗ chen Thuͤren in den Felſen gehauen ſeyn muͤſſen, belauſcht hat. WMan forſchte nun ſogleich nach irgend einer Spur dieſes vermeintlichen Hinterhaltes; man beſragte das ganze Gefolge der Reiſenden, acht 7 Schiffer und vier bis fuͤnf Diener. Diocles und Dumnorix hatten faſt den ganzen Tag in den Ruinen von Heſodunum zugebracht, und keiner von ihnen hatte daſelbſt ein lebendiges Weſen an⸗ getroffen, keiner von ihnen hatte auch nur neuere Spuren eines Menſchen entdeckt. Allein Dumnorir hatte ehedem ſeine Heerden in die Nachbarſchaft dieſer Ruinen getriebenz mehr als einmal hatte er ſich in dieſe unterirrdi⸗ ſchen Gewölbe gefluͤchtet, um waͤhrend der Hitze des Tages daſelbſt auszuruhen. Er erinnerte ſich, wie er ſagte, noch ganz deutlich, daß dieſe Ge⸗ wölbe nicht blos aus einem einzigen gerade fort⸗ laufenden Gange beſtaͤnden, ſondern daß ſie meh⸗ rere Verzweigungen haͤtten, welche eine Art von Labyrinth bildeten. Er verſicherte ferner, daß er ſie bald offen, bald geſchloſſen geſehen habe, und daß an derſelben Stelle, wo man vor Kurzen nur einen dichten Felſen erblickt, bald nachher eine Oeffnung ſichtbar geworden ſey, welche in weite Entfernungen, bisweilen bis zum Ufer der Loire gefuhrt habe, Dieſe unterirrdiſchen Gewolbe, ſagte er, ſind der einzige Tempel, der unſern alten Gottheiten geweiht bleibt, und ſeitdem die romiſchen Geſetze den Druiden nicht mehr erlauben, bei den Höhlen des Heſus und Tanares Wache zu halten, haben die Götter ohne Zweifel nach ihrem Belieben die Thuͤren ſelbſt geoffnet und verſchloſſen. Oder vielmehr, verſetzte Diocles, es ſind Menſchen geweſen, welche die Furcht zu benutzen wiſſen, die der Name der Druiden noch jetzt zu erregen pflegt. Ums Himmels willen, rief Sylvia, in wel⸗ cher Menſchen Haͤnde iſt mein Sohn gefallen? Dieſe Höhlen, erwiederte Diocles, ſind wahr⸗ ſcheinlich der Aufenthalt entweder von Bagauden (Räubern), oder von entflohenen Sclaven. Was können die von meinem Sohne wollen t Rache oder Loſegeld!. Das Erſtere von dieſen Beiden war das Schreck⸗ lichſte; man befragte ſogleich die Fährleute und diejenigen, welche Sylvien begleitet hatten, um zu erfahren, ob auch nur ein Sclave fehle in den verſchiedenen Wirthſchaften von Interamnes, ob 2r Bb. B i einer etwa Haß gegen Felix habe merken laſſen und ob man von ihm eine grauſame Rache zu fuͤrchten habe. Alle Antworten waren beruhigend, alle ſtimmten darin uͤberein, daß die Selaven die Menſchlichkeit und Milde ihres Herrn bis zum Himmel erhuͤben und die innigſte Ergebenheit ge⸗ gen ihn an den Tag legten. Dieſe Erklaͤrungen, welche ungeheuchelt ſchienen, entfernten wenigſtens von Sylviens Herzen die beiden ſchrecklichſten Vermuthungen, denen ſie ſich uͤberlaſſen konnte: die naͤmlich, daß die Thuͤren ſich ſelbſt verſchloſſen hatten, und daß die beiden Liebenden ſo in Gefahr ſchwebten, vor Hunger und Elend in dieſen Ge⸗ woͤlben umzukommen, und die, daß ſie vielleicht ihren erbittertſten Feinden in die Hände gefallen ſeyn moͤchten, welche ſich nun in ihrem Blute ba⸗ deten. Wären ſie durch Räuber entfuͤhrt wor⸗ den, ſo konnte man doch glauben, daß dieſe ein großes Löſegeld fordern und deshalb ſchon ihrer ſchonen und fur ſie ſorgen wurden. 6 Sylvia zerſtreute nun von Neuem die Fähr⸗ leute und die Sclaven mit dem Befehle, die Rui⸗ nen genau zu durchſtreifen und überall entweder nach einem andern Ausgange der Höhle, oder nach einem Luftloche zu forſchen, deren es doch gewiß geben muͤſſe, damit Luft und Licht in die Tiefe dringen könne. Sie befahl ihnen, wenn ſie das Gluͤck haben ſollten, auf einen der Raͤuber zu ſto⸗ ßen, welche ſie im Verdachte dieſes Menſchenraubes hatte, keine Gewalt gegen ihn zu brauchen, auch keine Drohungen ſich zu erlauben, ſondern ſchnell ihm zu ſagen, daß Sylvia bereit ſey, ſeinen Ge⸗ fährten das Löſegeld für ihren Sohn zu zahlen und ſie keiner weitern Verfolgung auszuſetzen; daß es daher ihr eigener Vortheil ſey, die Gefangenen aufs ſchleunigſte wieder in Freiheit zu ſetzen. Syl⸗ viens Boten ſollten ihre Verſprechungen auch in die Höhle hinab erſchallen laſſen, wenn ſie nur irgendwo eine Oeffnung faͤnden, welche mit den Catacomben in Verbindung zu ſtehen ſchien. Sylvia und Eudoxius blieben nun wieder allein am Eingange der Höhle. Sylvia ſetzte ſich auf ein Felſenſtuͤck, das Haupt aufs Knie geſtutzt, und verſank in duͤſteres Schweigen; bisweilen erhob ſie die Blicke, welche faſt wild geworden waren, und richtete ſie bald auf die Hohle, bald auf das B2 — Boot, bald auf die Loire, dann ließ ſie den Kopf wieder ſinken und man horte lautes Geſtöhn aus ihrem Munde; bisweilen bebte ihr ganzer Körper, und den Augenblick darauf ſtanden dicke Schweiß⸗ tropfen auf ihrer Stirne; allein ſie antwortete dem Eudorius nie ein Wort, ſo oft er ſich auch bemühte, ſie entweder zu tröſten, oder ihre Hoff⸗ nung zu beleben, oder ſie zu uͤberreden, daß ſie ſich von einem ſo Orte. moͤchte. 5 1 Koͤnnen denn, ſagte er, die Bagauden nicht bemerken, daß wir hier allein ſind, können ſie ſich dann nicht unſerer bemächtigen und uns ebenfalls davon fuͤhren; wer ſollte uns dann aus ihren Haͤnden befreien, wer dann das Loͤſegeld Eu⸗ ren Sohn zahlen? Nach langer, langer Rachforſchung meldete endlich Dumnorir, daß er glaube, zwei andere Thuͤren der Hoͤhle entdeckt zu haben; allein ſie waͤren gleichfalls verſchloſſen, und nach den Ran⸗ kengewaͤchſen zu urtheilen, welche den Eingang verſperrten, habe man Urſache zu glauben, daß ſie ſeit langer Beit nicht geoffnet worden ſeyn moͤchten. Die Andern hatten einige Luftlöcher gefunden, welche mit dem Innern des Gebirges zuſammen⸗ hingen und wahrſcheinlich zu einiger Erhellung dieſes dunkeln Aufenthaltes dienen mochten; allein ſie waren alle ſo angelegt, daß es unmoͤglich war, hindurch zu kommen, Umſonſt hatten ſie gerufen und das Ohr daran gehalten; kein Laut hatte ſich von Innen heraus horen laſſen. Endlich hatte Diocles eine Oeffnung entdeckt, die ihm, der Lage nach, zu dem Wachzimmer uͤber der innern Thuͤre zu fuhren ſchien, oder zu der Stelle, wo man das Felfenſtück in Bewegung geſetzt hatte, um die Verbindung zwiſchen dem Souterrain und dem großen Thurme abzuſchnei⸗ den. Geräuſchlos hatte er ſich derſelben genaͤhert und einige Zeit gelauſcht. Er glaubte gewiß zu ſeyn, Menſchenſtimmen gehoͤrt zu haben; ja, es duͤnkte ihm ſogar, man habe lateiniſch und keine der in Gallien gewoöhnlichen barbariſchen Sprachen geſprochen. Aber als er endlich gerufen und Syl⸗ viens Anerbietungen deutlich ausgeſprochen hatte, war eine tiefe Stille in der Höhle entſtanden und — 22— man hatte auch nicht die allermindeſte x darauf vernehmen laſſen. Nachdem ſie ihn angehoͤrt hatte, ſtand S. via auf und ſagte: Laßt ſogleich aus dem Lager der Legionarier alle Arbeiter herbeikommen, die man zuſammen⸗ bringen kann. Sie muͤſſen die nöthigen Werk⸗ zeuge mitbringen, um eine Mine zu oͤffnen! Von da ſende man einen epreſſen Boten nach Novilia⸗ cum, um auch von daher alle Arbeiter kommen zu laſſen, uͤber welche man nur verfuͤgen kann. Ich fur meine Perſon werde um Alles in der Welt nicht von dieſer Stelle weichen; ich bringe hier die Nacht und den morgenden Tag zu; ich verliere dieſen Felſen nicht aus dem Geſichte, bis die Hacke und der Spaten einen Eingang gemacht haben und ich ſelbſt in dieſe unterirrdiſchen Gewölbe dringen kann. So ſtellte ſie ſich ieveb an den vorigen xu und bedeckte ſich das Geſicht mit dem Schleier. Da es nun nicht moͤglich war, ferner ein Wort aus ihr zu bringen, ſo unterzog ſich Diocles der Vollziehung ihrer Befehle und ließ Boten abgehen — 23 mit einem auf Blätter aus des Eudorius Schreib⸗ tafel geſchriebenen Briefe, theils nach dem Lager der Legionarier, theils nach Noviliacum. 3 weites Kapitel⸗ Fruchtloſe Nachforſchungen. „Dieſer Ort war ſo geheim und abgelegen, daß kei⸗ „ne Einſiedelei ſo einſam ſeyn konntez denn auf „der einen Seite war er umgeben von den ſteilen „Felſen eines hohen Gebirges, auf der andern „von der Loire, welche ſich um dieſe kleine Ebene „zog. Man konnte blos auf einem einzigen ſehr „ſchmalen und beſchwerlichen Pfade dahin gelan⸗ „gen. Die meiſten Moͤnche hatten ihre Zellen in „den Höhlungen des Geſteines dieſes Gebirges.“ Sulpicius Severus in dem Leben des heil. Martin. Kap. 7. S. 574. Syia hatte kein Wort mehr geſagt, keine Be⸗ wegung weiter gemacht. Der Schleier bedeckte ihr das Geſicht, entweder weil ſie die Unruhe ihres * —— Herzens durch das Gebet ſtillen wollte, oder weil ſie in ihrer Phantaſie alle jene furchtbaren Mög⸗ lichkeiten ſich ausmalte, welche das ſeltſame Ereigniß erklaͤren konnten, dem ſie erlag; ſie ſchien durchaus aller Verbindung mit den Dingen außer ihr entſagt zu haben. Eudorius liebte Sylvien und Felir aufrichtig, ſo viel er nur irgend Jemand außer ſeinem Ich uͤberhaupt zu lieben vermochte. Er war daher allerdings ſehr betruͤbt und ſehr erſchrocken; allein der Schmerz um Jemand Anders vermochte doch nicht ihm ſeine eigene Bequemlichkeit und ſeinen Vortheil aus dem Geſichte zu rͤcken, und ſo ſehr er ſich üͤber die Gefahr ängſtigte, worin ſein Herr zu ſchweben ſchien, ſo war es ihm doch noch ſchmerzlicher, daß Sylviens Entſchluß ihn nöthi⸗ gen wuͤrde, fuͤr dieſe Nacht dem Abendeſſen und dem Bette zu entſagen; denn das ſahe er wohl ein, daß ſeine Pflicht es erheiſche bei ihr zu wachen. Er hatte auch wirklich neben ihr Platz genommen, und indeß ſie ſtets unbeweglich, verſchleiert und ſtumm blieb, recitirte er ihr, ohne den Muth zu verlieren, die ſchoͤnſten Stellen aus dem Seneca uͤber den Troſt, und aus dem Marc Aurel üher die Seelenſtärke, welche er nur in ſeinem Ge⸗ daͤchtniſſe auffinden konnte; allein als endlich der Tag ſich zu neigen begann und er eine feuchte Luft um ſeine Ohren wehen fuͤhlte, ließ ihn die Be⸗ ſorgniß fuͤr ſich ſelbſt wegen der Schmerzen des Rheumatismus, Denen er ſich ausſetzen wuͤrde, wegen der Kälte der Nacht, der Entbehrung des Schlafs, der Unbequemlichkeit, die er in jeder Hinſicht empfand, die claſſiſchen Troͤſtungen ver⸗ geſſen und dem Strome ſeiner Beredſamkeit Ein⸗ halt thun. Er verſuchte vergebens Sylvien zu uͤberreden, daß ſie doch fuͤr die Nacht einen andern Aufenthalt ſuchen möchte, und da er keine Ant⸗ wort von ihr erhalten konnte, ſo wandte er ſich an Diocles, an Dumnorix, an die Schiffer, an die Sclaven, und erklaͤrte dieſen Alles, was er von einer ſo im Freien zugebrachten Nacht fuͤr Sylvien fuͤrchte; allein Diocles und Dumnorix, welche ſelbſt in duͤſteres Nachſinnen verloren wa⸗ ren, antworteten ihm nur durch einſylbige Aeußerun⸗ gen, und Sylvia ſchien gegen dieſen indirekten Angriff eben ſo unempfindlich zu ſeyn, als ſie es — 26— gegen die fruͤhern Verſuche der ge⸗ weſen war. Da er endlich ſahe, daß er ſich wohl entſchlie⸗ ßen muͤſſe, die Nacht an der Thure der Höhle zu⸗ zubringen, ſtand er ſeufzend auf und fing an Befehle zu ertheilen, um ſich wenigſtens dieſes Campiren unter freien Himmel ertraͤglicher zu ma⸗ chen. Der Felſen, der das unterirrdiſche Gewoͤlbe verſchloß, war wenigſtens funfzehn Fuß von ſei⸗ nem Eingange entfernt, ſo daß ſie unter dieſer Art von Portikus ein ſchuͤtzendes Obdach bereitet ſahen. Das Fahrzeug, worin ſie angekommen waren, war reichlich mit Kiſſen, Decken, Teppichen und dergleichen verſehen; Eudor ließ das Alles herbei⸗ ſchaffen, ſo wie auch die Saͤttel von drei Pfer⸗ den, welche man in den Straßen der verodeten Stadt frei hatte weiden laſſen. Nachdem er Syl⸗ vien,— welche darauf kaum zu achten ſchien,— in Decken und Maͤntel eingehuͤllt hatte, bereitete er ſich ſelbſt eine Art von Bette, wo er, den Kopf auf den Sattel eines Pferdes gelegt und den Leib mit den Seegeln des Schiffes bedeckt, ſich nicht nur vor der Kaͤlte und Feuchtigkeit ſchuͤtzen, ſondern — auch hoffen konnte, nicht bemerkt zu werden, wenn etwa die Bagauden plotzlich uͤber ſie herfallen ſollten. Eins fehlte indeſſen dieſer Einrichtung fuͤr die Nacht noch, Niemand hatte fuͤr das Abendeſſen geſorgt. Gluͤcklicherweiſe fanden ſich noch Lebens⸗ mittel genug in dem Fahrzeuge. Eudorius ließ ſie ſogleich herbeibringen. Die Schiffer, die Selaven, Diocles und Dumnorix mußten ſich nun um ein großes Feuer bei dem Eingange der Höhle ſetzen und durften ſich auch nicht einen Augenblick entfernen; er munterte ſie zum Eſſen und Trin⸗ ken auf, damit ſie nicht kraftlos wären, wenn ſie angegriffen wuͤrden, und Kopf und Arme aus der Menge von Schleiern, Decken und Maͤnteln, womit er bedeckt war, hervorſtreckend, war er der Erſte, der nach der Schuͤſſel griff und ihnen mit einem tiefen Seufzer das Beiſpiel gab, die er⸗ ſchoͤpften Kraͤfte wieder herzuſtellen. Es war eine ſehr dunkele Nacht. Man konnte von den weitlaͤuftigen Ruinen Heſodunums nichts erkennen, als die großen Thuͤrme und einige Mauerſpitzen, welche ſich auf dem Horizonte ab⸗ —— zeichneten. Alles uͤbrige war mit dichter Finſterniß bedeckt. Bisweilen nur ließ der Meeradler ſein durchdringendes Geſchrei vernehmen, der auf dem einen Thurme ſein Neſt gebaut hatte. Von allen Tönen, welche das Ohr der Reiſenden erreichten, war dies der einzige, der dem Leben angehoͤrte; allein das Wehen des Windes, das Geraͤuſch der Blätter und Zweige, welche jener bewegte, das Murmeln der Wellen aus dem Strome ſchlugen dann und wann an ihr Ohr und klangen nicht ſelten wie klagende Stimmen, die aus der Tiefe der Gewoͤlbe zu kommen ſchienen. Die Schiffer, welche nur ganz leiſe zuſammen ſprachen und ſich wechſelſeitig ſeltſame Raͤubereien und Entfuͤhrun⸗ gen, die die Bagauden unternommen, ſchreckliche Zuͤge der Rache von den entlaufenen Sclaven, oder noch furchtbarere Abentheuer erzählten, worin⸗ nen die Geiſter der Unterwelt, die Götter des Heiben⸗ thums, ſo wie die der Druiden, oder die Heiligen der neuen Religion die Hauptrollen ſpielten, ſchwie⸗ gen dann plotzlich ſtill; ſie horchten unruhig aufz ſie ſuchten den Ton zu verfolgen, den ſie vernom⸗ men hatten, um den Urſprung davon zu erfahren, und ſelbſt wenn ſie ihn erfahren hatten, ſetzten ſie ihre Unterhaltungen nur mit noch leiſerer und beben⸗ der Stimme fort. Eudorius, der durchaus nicht ſchlafen konnte, hoͤrte mit Zittern und Grauſen dieſe verſchiedenen Erzaͤhlungen an. Faſt auf die Erde geduckt, kroch er, den Kopf wunderlich mit Tuͤchern umhuͤllt, bis in den Kreiß, den die Schif⸗ fer um das Feuer bildeten; allein bei dem gering⸗ ſten Geraͤuſch zog er ſich ſchnell zuruͤck, wie eine Schildkröte ſich erſchrocken in ihre Schalen zuruͤck⸗ zieht, und dann verſchwand er unter dem Haufen von Schlyiern und Kiſſen, womit er ſich uͤber⸗ deckte. Dumnorir und Diocles, der Eine gewohnt, immer im Freien zu leben und ſeinen Heerden zu folgen, der Andere unter ernſtern Gefahren bei den Heeren, waren bei weitem weniger der Furcht zu⸗ gaͤnglich, deren Gegenſtand nur ſie ſelbſt waren; allein dafuͤr nahmen ſie um ſo innigern Antheil an dem Ereigniſſe, welches ſie eben an dieſer Stelle feſthielt. Die Liebe des Diocles zu ſeinem Herrn, des Dumnorir zu ſeiner Herrin, waren bei Einem wie bei dem Andern das ſtaͤrkſte und tiefſte ihrer Gefuhle. Je erfahrner ſie waren, deſto mehr er⸗ kannten ſie die Größe der Gefahr, und wenn ſie gleich nicht wußten, wo ſie ihre Vermuthungen ſollten verweilen laſſen, ſo fuhlten ſie doch wohl, daß ſich eine ſo ſeltſame Begebenheit nur durch Etwas Schreckliches erklaͤren laſſe. Ein guter Theil der Nacht war ſchon verſtri⸗ chen, als das Boot aus dem Lager der Legionairs ohngefuhr zwanzig Arbeiter, Soldaten, oder Soͤhne von Soldaten, mit Hacken, Haͤmmern, Meiſeln und andern zum Oeffnen eines unterirrdiſchen Ganges dienlichen Inſtrumenten verſehen, her⸗ beibrachte. Bei ihrem Anblicke fuhlte ſich Sylvia von Neuem belebt; ſie uͤberließ ihnen die Stelle, welche ſie bisher eingenommen hatte, und Diocles ſtellte ſie hier ſogleich an die Arbeit; ſie ſelbſt er⸗ munterte ſie durch die ruͤhrendſten Bitten, durch die glänzendſten Verſprechungen. Allein in dieſ em engen Gange konnten durchaus nicht mehr als vier Arbeiter auf einmal thätig ſeyn, und die außer⸗ ordentliche Häͤrte des Geſteins, von dem ſich nur mit vieler Muhe kleine Stücke losbrechen ließen, machte es wahrſcheinlich, daß man wohl mehrere — 31— Tage beduͤrfen wurde, ehe man ſich einen Ein⸗ gang in die Gewoͤlbe öffnen könnte. Indeſſen war es denn doch ſchon Etwas, daß man zu arbeiten angefangen hatte; die Hammer⸗ ſchlage ſchienen Sylviens Muth von Neuem zu beleben; die Stärke ihres Charakters unterſtuͤtzte ſie, ſo lange ſie noch Etwas zu thun ſahe; ſie war aus ihrer Unbeweglichkeit und ihrem Schwei⸗ gen erwacht, und ſie ertheilte mit ihrer gewoöhnli⸗ chen Geiſtesgegenwart Befehle, daß die angefan⸗ gene Arbeit ohne Unterbrechung durch Abtheilun⸗ gen von Arbeitern, welche ſich Tag und Nacht abloſen ſollten, fortgeſetzt wuͤrde, und daß ſie ſelbſt nebſt allen den Ihrigen bis zu Beendigung derſel⸗ ben zu Heſodunum verweilen koͤnnte. Eudoxius, der ſeine Stelle ebenfalls den Arbeitern hatte uͤber⸗ laſſen muͤſſen, und der in mehrere Mäntel, einen uber den andern, gehuͤllt, ſich an den Eingang der Hohle gelehnt hatte, fuhlte ſich durch das Ein⸗ treffen dieſer Arbeiter nicht minder beruhigt und ertheilte ſeiner Seits guten Rath uͤber die Art und Weiſe, wie man in einem der benachbatten Häu⸗ ſer fuͤr den folgenden Tag und die folgende Nacht ein erträglicheres Unterkommen finden könnte. Kaum graute der Tag, als ein anderes Fahr⸗ zeug die Leire herabſchwamm und in dem Hafen von Heſodunum landete; der Erſte, welcher aus demſelben ans Ufer ſtieg, war der Graſ Julius Severus. Unruhig uͤber Sulpitiens Zögerung, deren Garderobe noch nicht in Stand geſetzt war, uber die Umtriebe derer, welche Klotilden dem Chlodowich zur Gemahlin beſtimmten, und denen es auch gelungen war, die Empfindlichkeit des Koͤnigs der Franken gegen ihn zu erregen, weil er ſeine Tochter nicht eher hatte eintreffen laſſen, Juliens Zuſammentreffen mit Felix fuͤrchtend, und in einem Briefe von dieſer, der in ſeine Hände gekommen war, Ausdrucke findend, welche ihm den erſten Verdacht einer gegenſeitigen Neigung beigebracht hatten, war er ſchleunig ſelbſt von Soiſſons aufgebrochen, um ſeine Tochter zu ho⸗ len, und ſo kam er mitten in der Nacht zu No⸗ viliacum an. Juliens Abweſenheit und die von Felix, den er unterwegs nicht eingeholt hatte, und der doch —— gleichwohl nicht zu Hauſe eingetroffen war, er⸗ regte ſchon ſeine Unruhe und Unzufriedenheit. Er ſchloß daraus, daß die beiden jungen Leute ſich zu Heſodunum getroffen hätten, und ſelbſt in dieſem Falle konnte er nicht begreifen, war⸗ um ſie noch nicht zuruͤck wären, da kam eben der von Sylvien abgeſandte Bote an und ver⸗ ſenkte ihn in die troſtloſeſte Bekuͤmmerniß. Er konnte die Begebenheit, die ihm erzählt wurde, ſich gar nicht deutlich machen; er wußte nicht, war ſeine Tochter mitten in den Ruinen in ei⸗ nen Abgrund gefallen, oder hatte ſie ſich in den unterirrdiſchen Labyrinthen verirrt, oder war ſie von Raͤubern entfuͤhrt worden? Das ſahe er aber klar, daß die Gefahr ſehr groß ſey, und ſobald die Arbeiter, welche Sylvia aus Novi⸗ liacum kommen ließ, fertig waren, reiſete er mit ihnen ab. Die Erklärung zwiſchen Severus und Syl⸗ via war ſehr lakoniſch. Beide waren, verſenkt in ihren Schmerz, ziemlich wortkarg. Allein ſobald der Graf von Chartres das Ereigniß ge⸗ horig gefaßt hatte, wollte er alle Oeffnungen 2r Bd. C — 34— der unterirrdiſchen Gewoͤlbe ſehen. Dumnorip diente ihm zum Füͤhrer, und er nahm alle mit ihm angekommene Arbeiter, die man, wegen Mangel an Raum, nicht anſtellen konnte, mit ſich. Die Oeffnung, welche mit dem großen Thurme zuſammenhing, und die andere, die aufs freie Feld ging, waren noch immer ver⸗ ſchloſſen; allein als Dumnorir zur vierten kam, welche er unterhalb Heſodunum entdeckt hatte, ganz nahe an den Ufern der Loire, erſtaunte er nicht wenig, dieſe offen zu finden. Zu glei⸗ cher Zeit bemerkte er und ließ dies auch den Grafen bemerken,— auf dem Sande des Fluſſes die Spuren mehrerer Fußtritte und tie⸗ fere Einſchnitte an dem Ufer, ſo wie ſie nur ein Fahrzeug hätte machen koönnen, wenn man damit haͤtte landen wollen. Dieſe Spuren konnten wohl auf die Ver⸗ muthung fuͤhren, daß ſich hier Raͤuber mit ihrer Beute zuruͤckgezogen hatten; allein ſie konnten auch anzeigen, daß ihnen in der Nacht Verſtaͤrkung zugekommen und ein anderer Theil ihrer Bande zu ihnen geſtoßen ſey; daher hielt —— es denn Severus ſelbſt fuͤr nothig, nur mit der größten Vorſicht und ſo, als begäbe man ſich zu einer militairiſchen Expedition, ſich in die Gewölbe hinab zu wagen. Ein jeder von den Legionairs beſonders fuhlte die Nothwendigkeit, nur einem Anfuͤhrer zu gehorchen, und da jeder des Diocles Ueberlegenheit in Hinſicht auf Er⸗ fahrung, Verſtand und Kaltbluͤtigkeit kannte, ſo wurde auch ſeine Gewalt ſogleich von dem ganzen Haufen anerkannt, der jetzt zuſammen faſt funfzig Perſonen ſtark war. Der Senator, Eudorius und Sylvia verſprachen gleichfalls ſich ihm zu unterwerfen, und er mußte ſich dieſes Anſehens ſogleich bedienen, um Sylvien zu hin⸗ dern, daß ſie ſich nicht zu ſchnell in die Hoͤhle hinabwagte. Vor allen Dingen hatte Diocles das Felſen⸗ ſtuͤck, welches dem unterirrdiſchen Gewolbe zur Thuͤre diente, mit Keilen feſthalten laſſen, dann hatte er ſich von dem Mechanismus unterrich⸗ tet, durch den es zum Schließen oder Oeffnen bewegt wurde. Er hatte auch den engen Weg unterſucht, wo man auf hervorſtehenden Steinen 6C 2 — 35 bis zu der kleinen Aushoͤhlung gelangte, welche er Anfangs gleich die Wachſtube genannt hatte, und ſich die Gewißheit verſchafft, daß er von innen und mit Licht keine Schwierigkeit finden wuͤrde, dieſe furchtbaren druidiſchen Thore zu öffnen, oder zu ſchließen, denn er hatte an dem Schwerpunkte derſelben ſchon zuvor Hebel an⸗ legen laſſen, um ſie in Umſchwung zu bringen⸗ Nachdem er eine Wache an dieſer erſten Thuͤre zuruͤckgelaſſen hatte, ſetzte er ſeine Nach⸗ forſchungen im Innern der Gewoͤlbe fort, in⸗ dem er allemal da verweilte, wo er einen Sei⸗ tengang fand; auch verſicherte er ſich aller in⸗ nern Thuͤren und ließ bei jeder eine Wache zu⸗ ruͤck. Hierauf ſetzte er ſeine Nachforſchungen bis zum aͤußerſten Ende jedes Ganges fort, und als er die Thuͤre gesffnet und die Catacomben ſämmtlich von einem Endpunkte bis zum andern durchſtrichen hatte, duͤnkten ſie ihm bei weitem nicht ſo groß und verworren, als ſie ihm die Phantaſie und die Furcht Anfangs hatte er⸗ ſcheinen laſſen. Schichten von einem ſehr har⸗ ten Felſen wurden durch Schichten von einer Thonart getrennt, und in dieſer hatten die cel⸗ tiſchen Schanzgräber groͤßtentheils ihre Höhlen angebracht. Der ganze Umfang derſelben be⸗ ſtand aus fuͤnf engen und niedrigen Gängen und drei großen Saͤlen. In einem der letztern bemerkte Diorles Strohbuͤndel, worauf erſt kuͤrz⸗ lich Menſchen gelegen hatten; man ſahe hier auch noch die Ueberreſte ihres Mahls, ihres Feuers, ihres Lichtes, aber nirgends ein Menſch! Nach fuͤnfſtundiger Muͤhe waren die Catacom⸗ ben in ihrem ganzen Umfange durchſtrichen, alle Schlupfwinkel genau durchſucht, alle Zugaͤnge geöffnet, und es blieb kein Zweifel uͤbrig, daß Julia, Felix und ihre Raͤuber ich ſchon ent⸗ fernt haben moͤchten. Severus, Sylvia, Eudoxius, Diocles. Dum⸗ norir und die verſtändigſten unter denen, die ſie unterſtutzt hatten, bildeten, nachdem ihre Nach⸗ forſchungen beendigt waren, eine Art von Kriegs⸗ rath, um ſich uͤber das, was ſie gefunden, ge⸗ genſeitig aufzuklären. So viel ſchien gewiß, daß die Gefangenen während der Nacht in dem Fahrzeuge, deſſen Spuren man auf dem Sande — des Ufers erkannt hatte, fortgefuͤhrt worden waren. Allein waren die Räuber nur über den Fluß geſetzt, um ſich dann in den Waldungen zu verbergen, welche das andere Ufer bedeckten? Oder ſollten ſie es gewagt haben, ihre Fahrt auf dem Fluſſe fortzuſetzen und ſich Tours zu näͤhern, wo ſie der Gefahr ausgeſetzt geweſen wären, von dem einen oder dem andern ufer aus, die in der Nähe dieſer Stadt etwas mehr bevoͤlkert waren, beobachtet zu werden? Davon aber konnte man nicht anders ſichere Kunde er⸗ halten, als durch die bis ins Kleinſte gehenden Nachforſchungen an allen Landungsplätzen auf beiden Ufern des Stromes. Alle fuͤhlten ſich am Ende durch ihre eigenen Vermuthungen eben ſowohl, als durch die der Soldaten, die ihnen in ihren Nachforſchungen beigeſtanden hatten, gleich verwirrt; ſie konnten auf Nichts bauen, ſie verloren ſich in einen Zuſtand unbeſtimmten Machſinnens; allein ob ſie gleich nunmehr ge⸗ wiß wußten, daß die Gegenſtände ihrer Liebe und Zuneigung entfernter von ihnen waren, als ſie es Anfangs gefurchtet hatten, ſo fuͤhlten ſie doch einigen Troſt in der Gewißheit, daß ſie aus dieſem Grabe gerettet waren. Ein längerer Aufenthalt zu Heſodunum wuͤrde ſie dem Ziele ihrer Nachforſchungen nicht naͤher gebracht haben. Mit herzzerreißendem Schmerze ließ ſich daher Sylvia bewegen, das Fahrzeug zu beſteigen, um, ohne ihren Sohn und ihre junge Freundin, den Weg nach No⸗ viliacum zuruͤck zu machen. Ehe ſie jedoch das ufer verließ, wurden die beſten Anſtalten ge⸗ troffen, um die begonnenen Nachforſchungen mit Thätigkeit fortzuſetzen. Ein Poſten von Legio⸗ nariern wurde zu Heſodunum zuruͤckgelaſſen, um die Raͤuber zu uͤberfallen, im Fall ſich vielleicht einige von ihnen wieder bei den unterirrdiſchen Gängen ſehen laſſen ſollten; zwei Truppe von denſelben Soldaten ſchifften unter den Befehlen des Diocles an beiden ufern der Loire herab und beobachteten auf das genaueſte den Sand an denſelben, um vielleicht die Spuren einer Landung zu entdecken. Boten waren nach allen Richtungen ausgeſandt, Nachrichten auf allen Doͤrfern eingezogen und bedeutende Belohnungen Jedem zugeſichert worden, der irgend eine Spur der Vermißten anzugeben im Stande wäre. Dumnorix ſeiner Seits hatte die Hirten der Nachbarſchaft aufgeſucht, und ſollte ſich ein Theil der Bagauden bis zur Loire vorgewagt haben, ſo war er uͤberzeugt, dieſe Hirten wuͤr⸗ den Kenntniß davon erhalten haben, denn ſie mußten ſie in den Wäldern treffen, und ſehr oft fuͤhrten ſie ihnen ſelbſt Lebensmittel zu. Nachdem man alle dieſe Maaßregeln und An⸗ ſtalten getroffen hatte, ſchifften ſich Julius Se⸗ verus, Sylvig und Eudoxius nach Noviliacum ein, mit tiefem Schmerze zwar und mit nagen⸗ der Unruhe und Beſorgniß; allein dieſe ließ ſich doch nicht mit der furchtbaren Angſt vergleichen, worin ſich Sylvia befunden hatte, als ſie er⸗ fuhr, daß alle Ausgänge des unterirrdiſchen Ge⸗ woͤlbes verſchloſſen ſeyen. Die Entfuͤhrung eines Gutsbeſitzers, eines Reiſenden, einer obrigkeitlichen Perſon bald durch eine jener barbariſchen Banden, welche alle Theile des Reichs verwuͤſteten, bald durch die aufruͤhreriſchen und in die Waldungen ge⸗ * fluͤchteten Landleute, welche man Bagäuden nannte, war damals ein ſo haͤufig vorkommen⸗ des Ereigniß, daß, ſo ſchrecklich auch immer die Folgen davon ſeyn mochten, die Einbildungs⸗ kraft ſich doch daran gewoöhnt hatte, und der Schmerz uͤber eine große Cataſtrophe ſteht immer mehr noch mit dem Erſtaunen, als mit dem Ungluͤck, das ſie verurſacht, im Verhältniſſe Indem ſich der Geiſt mit der Idee dieſes Un⸗ gluͤcks vertraut gemacht hatte, bereitete er ſich auch auf die Huͤlfsquellen vor, zu denen man dann ſeine Zuflucht nehmen mußte, Man wußte, daß dergleichen Entfuͤhrungen gemeiniglich keinen andern Zweck hatten, als den, von den Gefan⸗ genen ein bedeutendes Löſegeld zu erpreſſen; man wußte, daß es den Räubern ſelbſt daran liegen mußte, anzuzeigen, wie man die Gefangenen wieder erhalten und wo man die Summen füt ihre Befreiung hinterlegen konnte. Daher ſchmei⸗ chelten ſich denn Severus und Sylvia auch, daß ſie vor Ende des Tages Nachricht von ih⸗ ren Kindern erhalten wuͤrden. — 6— Der Tag verſtrich und man ſahe blos die Boten, die man nach allen Richtungen ausge⸗ ſandt hatte, einen nach dem andern nach No⸗ viliacum zuruͤckkehren. Jeder brachte Verſiche⸗ rungen des Eifers und der Wachſamkeit von Seiten derer mit, zu denen er geſchickt worden „warz allein jeder kam zuruͤck, ohne Etwas ge⸗ ſehen, ohne Etwas Beſtimmtes erfahren zu ha⸗ ben. Die Hirten hatten nichts von der Annä⸗ herung einer Parthei der Bagauden vernommen, die Legionarier hatten auf dem Sande keine Spur von Anlanden veme kt, die Uferbewohner der Loire hatten keine Fahrzeuge voruͤbergehen ſehen. Der Tag verſtrich zu Noviliacum in Niedergeſchlagenheit und Traurigkeit. Sylvia, von den Quaalen ihrer Angſt aufs Aeußerſte angegriffen, hatte ſich zu Bett gelegt, und ein Anfall von Fieber, mit Geiſtesabweſenheit ver⸗ bunden, hinderte ſie, daß ſie Niemand ſehen und ſprechen konnte. Julius Severus ſchritt, von ſeinen Beſorgniſſen und Schmerzen gefoltert, ſchweigend in den großen Saͤlen des Schloſſes umher. Eudoxius druͤckte bald ſeine Verzweif⸗ — 43— lung uͤber die Gefahr aus, worin ſich ſein Herr befand, bald uͤber die eines neuen Anfalls von Rheumatism, der er ſich ſelbſt ausgeſetzt hatte. Der Prieſter Martin war duͤſter und verſchloſ⸗ ſen, bisweilen warf er unwillige Blicke auf den Julius Severus, und man hoͤrte, wie er halb⸗ laut wuͤnſchte und flehte, daß die Strafe, die den Gottloſen treffen muͤßte, nicht auch den Unſchuldigen mit zu Grunde richtete. Nachdem der letzte Bote, auf deſſen Rück⸗ kehr man mit der meiſten Sehnſucht gewartet hatte und der vom Diocles abgeſchickt worden war, die Nachricht gebracht, daß alle an den Ufern der Loire angeſtellten Nachforſchungen fruchtlos geweſen waͤren, verlangte Julius Se⸗ verus einen Fuͤhrer und Pferde, und nachdem er ſich einige Stunden aufs Bett geworfen, wo er jedoch den Schlaf nicht fand, zog er noch vor Tages Anbruch nach den Trümmern des Panstempels. Die Römer, welche Anhaͤnger der ehemaligen Religion geblieben waren, hatten durch den Oppoſitionsgeiſt ſchon mehr Religio⸗ ſität bekommen, ihre Philoſophen hatten den — 4— rohen Fabeln des Heidenthums, welche vorher die Geiſter empoͤrten, myſtiſche Deutungen ge⸗ geben; ewige Wahrheiten ſchienen verſchleiert unter Allegorieen, welche ihr Alterthum ehrwuͤr⸗ dig machte; mehrere Weltweiſe, die Zierden der Schulen von Athen und Alexandrien, deren Geiſt in Erforſchung der Wahrheit unermuͤdlich ſchien, waren nicht allein noch immer Heiden, ſondern huldigten ſelbſt dem Aberglauben im Heiden⸗ thume, und machten ſich ſelbſt daraus eine Ehre; der Kaiſer Julian ſelbſt, gegen den die Familie des Julius Severus eine mit Dank⸗ varkeit vermiſchte Bewunderung hegte, wegen der Wohlthaten, die ſie von ihm empfangen hatte, war gluͤhender in ſeinem religiöſen Eifer geworden, als es nur irgend ein Zeitgenoſſe Auguſts haͤtte ſeyn können. Julius Severus glaubte zuverſichtlich, daß Lamia durch uͤberna⸗ türliche Mittel wiſſen könne, wo ſich jetzt Julia befaände und welches Loos ihr aufbehalten ſey⸗ Ueberdies hatte er Urſache, zu vermuthen, daß Lamia mit allen im Lande umherziehenden Ba⸗ gauden in Verbindung ſtehe, daß ſie Opfer und Gaben von ihnen empfange, und daß ſie ihm auf dieſe Art leicht als Mittelsperſon dienen könne, um Julien aus ihrer Gewalt zu befreien. In der letztern Vermuthung taͤuſchte ſich Julius Severus nicht. Lamia hatte in der That die Opfergaben und Libationen von einem zahlreichen Haufen von Bagauden erhalten, der, mehrere Monate zuvor, auf einige Zeit einen Zufluchtsort in den Ruinen von Heſodunum gefunden hatte. Es waren die naͤmlichen, deren Trupp ſeitdem allerlei Räubereien auf dem Ge⸗ biete von Orleans begangen hatte. Mehrere davon waren, nachdem ſie in den Gefaͤngniſſen dieſer Stadt geſchmachtet hatten, bei den Feſten umgekommen, die Numerianus feierte, die an⸗ dern, die man von einem Schlupfwinkel zum andern verfolgte, hatten ſich den Henkern nur durch den Schutz heiliger Orte entziehen moͤgen. Sie hatten ſich in das Grab des heil. Martin, in die Einſiedelei des heil. Euſiths, in die Ka⸗ thedrale von Bourges gefluͤchtet, und der Eifer, den ſie fuͤr eine Religion gezeigt hatten, von der ſie faſt ganz und gar nichts wußten, hatte — 46— ihnen das Zutrauen der Moͤnche gewonnen. Lamia, die ſie als Ueberlaͤufer ihrer Altäre be⸗ trachtete, war ſehr geneigt, ſie ſelbſt eben ſo⸗ wohl, als die Prieſter anzuklagen, welche ihnen den Aufenthalt bei ſich geſtattet hatten⸗ Lamia hatte den roͤmiſchen Senator mit ei⸗ ner Wuͤrde empfangen, welche ſie gegen den Felir Florentius nicht anzunehmen gewagt hatte. Indem ſie ſich gegen ſeinen Schmerz und ſeine Angſt theilnehmend bezeigte, billigte ſie es gar ſehr, daß er damit begonnen habe, ſich die Goͤtter geneigt zu machen. Ein Geſetz, das beinahe ſeit einem Jahrhunderte beſtand, drohte demjenigen als einem Hochverräther den Tod, der den alten Goͤttern noch Opfer bringen wuͤrde; allein dieſes in den Staͤdten ſtreng beobachtete Geſetz konnte auf dem Lande kaum in Anwen⸗ dung gebracht werden, wo man keine buͤrgerli⸗ che Gewalt anerkannte; die Prieſter mußten von dem Altare leben, und der Ankauf von Opfer⸗ thieren, welche dann dem Opferer verblieben, gab dem, der das Orakel befragte, das Mittel an die Hand, den Dienern der Gottheit ſeine —— Dankbarkeit zu bezeugen. Lamia ließ ſich dieſe Gelegenheit nicht entgehen, auf den Altären des Pan das Blut fließen zu laſſen, womit ſie ſo lange nicht benetzt worden waren. Allein indeß ſie ihren Sohn mit dem Gelde des Severus ausſandte, um bei den Hirten in der Nähe eine junge weiße Kuh zu kaufen, veranlaßte ſie den Grafen von Chartres, ihr Alles umſtaͤnd⸗ lich zu erzaͤhlen, was er zu Heſodunum geſehen, was er von dem Eudoxius nicht nur uͤber das lette Abentheuer, ſondern über Juliens ganzen Aufenthalt zu Noviligcum, ferner über die Aus⸗ fluͤge, die ſie ſchon vorher unternommen, uͤber die Viſion, die ſie in dem Schloſſe des Rutilia⸗ nus gehabt, woruͤber Lamia ungemein erſtaunt und betroffen ſchien, desgleichen uͤber das Be⸗ nehmen des Prieſters Martin, ſowohl bei der erſten Ankunft von Severus zu Noviliacum, als bei deſſen Ruͤckkehr mit Sylvien nach der Ca⸗ taſtrophe— erfahren hatte. Der Graf von Chartres konnte ſich nicht enthalten, ſeine Ver⸗ wunderung uͤber die Einſicht zu zeigen, welche Lamia in allen dieſen Fragen an den Tag legte, — 46— ob ſie ſich gleich huͤtete, irgend eine Meinung ſelbſt auszuſprechen, ſo wie auch uͤber die Be⸗ deutung⸗ die ſie Umſtaͤnden beizulegen ſchien, welche er fuͤr wenig beachtenswerth gehalten — Das Opferthier kam, von dem Sohne der Lamia gefuͤhrt, in dem Tempel des Pan anz das Opfer wurde nach den alten Gebraͤuchen vollzogen, die Libationen wurden geſpendet, nicht nur zu Ehren des Gottes, dem der Tempel ge⸗ weiht war, ſondern zu Ehren aller Goͤtter des Olymps. Die Hoͤrner, die Haut, die Einge⸗ weide des Thieres wurden auf dem Altare ver⸗ prannt, und Lamia, welche hierauf in die Ge⸗ wölbe hinabging, wozu ſie dem Felix den Zugang verſagt hatte, nahm hier auf einem Dreifuße Plas, der uͤber der Oeffnung eines Schlundes ſtand, aus dem von Zeit zu Zeit ein betaͤuben⸗ der Dampf aufſtieg. Hier hatte ſie ſchon eini⸗ ge Augenblicke verweilt, als ſie ihrem Sohne ein Zeichen gab, den Severus bei ihr einzu⸗ fuͤhren.. —— — 49— In dem Augenblicke, wo der Graf von Char⸗ tres in die Hoͤhle trat, ſchien ihm die alte Prieſte⸗ rin mit dem Gotte zu kämpfen, der ſich ihrer ſchon ganz bemaͤchtigt hatte. Ihre Augen glühten in wildem Feuer, ihre weißen Haare ſtiegen ihr auf dem Haupte empor, ſie ſtoͤhnte, als wenn ſie nur mit vieler Muͤhe athmen koͤnnte; ſie rang die Hände und ſchien auf dem Sitze zu wanken, wahr⸗ ſcheinlich wurde ſie auch von dieſem herabgefallen ſeyn, wenn ihr Sohn nicht herzugetreten ware, um ſie zu unterſtuͤtzen. Wuͤrdiger Nachfolger des erhabenen Julian! rief ſie dem Severus zu, als ſie ihn erblickte, traue nicht den Prieſtern des neuen Gottes. Traue nicht jenen Hunden, die uns wuͤthend verfolgen, und die ſich Moͤnche nennen! Deine Tochter iſt in ihren Händen, ſie ſchmachtet in einem ihrer füͤrchterlichen Gefängniſſe, ſie befindet ſich in der Gewalt desjenigen Deiner Feinde, der Dich am meiſten haßt und fuͤrchtet. Huͤte Dich, daß er ſie nicht, um ſie Deinen Nachforſchungen zu ent⸗ ziehen, in dem Grabe verberge! Ich kann nicht mehr! Es iſt genug!— 2r Bd. D In der That nahm ſe auch der Sohn von dem Dreyfuße herab, und trug ſie auf ſeinen Ar⸗ men an die freie Luft. Der Schaum ſtand ihr vor dem Munde, ihre Augen waren noch geſchloſ⸗ ſen, und es verſtrich einige Zeit, ehe ſie wieder zu ſich kam. Dann aber ließ ſie ſich, zu ſchwach, um auf Etwas Anderes als ſich ſelbſt zu achten, aufs Bett legen, und Severus reiſte nach Novi⸗ liacum zuruͤck. Durch dieſes Orakel huten die Vemuthungen und der Verdacht des Jutius Severus eine neue Richtung erhalten. Der Haß, den Lamia gegen die Prieſter des neuen Kultus hegte, konnte frei⸗ lich wohl wider ihr Wiſſen einen Einfluß auf ihre Srakelſpruͤche äußern; allein hatten denn dieſe Prieſter vei der Entfuͤhrung ſeiner Tochter nicht ein direkteres Intereſſe als die Bagauden? Dieſe dachten nur immer darauf zu entfliehen, jene dar⸗ auf, zu herrſchen! Die Bagauden beſaßen kaum einen Ort, wo ſie ihr eigenes Haupt in Sicher⸗ heit zu bringen vermochten, die Monche hatten in allen Gegenden Galliens undurchdringliche Schlupfwinkel alle waren durch daſſelbe Intereſſe veteinigt⸗ uib die Intriguen, welchs Severus zu Spoiſſons entbect hatte, um den Chlodowich zu hindetn, daß er ſich mit ſeiner Tochter vermähle, konnten in Votbinbung ſtehen mit der Entfüh⸗ ing, welche an den ufern der Leite ſtatt efun⸗ vin hatte. Bei ſeiret Ankunft zu Noviliacum vermehrte ein Brief des Biſchofs Voluſianus an Sylvien, den man ihm mittheilte, den Verdacht, den er ſchon naͤhrte, noch mehr, anſtatt ihn zu zerſtreuen. Er lautete folgendermaaßen: 8 Voluſianns, der Diener Gottes, an die fromme Dame, Sylvia Nunehtiu „Wir ſind durch Euren Boten von dem plotz⸗ „lichen Verſchwinden Eures Sohnes unterrichtet „worden, und haben mit Thränen der Liebe und „des Mitleibs den Schmerz beklagt, worein Ihr „dadurch verſenkt worden ſeyd. Wir haben gleich⸗ „falls erſehen, daß Ihr ſeine Entfuͤhrung Bagau⸗ „den oder anbern Raͤubern zuſchreibt, die ſich in „den Ruinen von Heſodunum verbergen, an dem „Gott den Götzendienſt ſo hart beſtraft hat. Wir . haben demnach Befehl gegeben, daß, wenn Men⸗ D 2 — — 52— „ſchen dieſer Art in dem Umkreiß unſerer heil. „Stadt Tours ſich blicken laſſen, ſie ſogleich ver⸗ „haftet und, wenn's nothig, ſelbſt auf der Folter „verhoͤrt werden ſollen, um zu erfahren, an wel⸗ „chem Orte ſich gegenwärtig der erlauchte Felir „Florentius beſindet. Moͤge ſich daher Euer Herz „dem Troſte öffnen, und Eure Hoffnung ſich neu „beleben! Bedenket nur immer, daß geſchrieben „ſteht: Du ſollſt dich nicht geſellen zu „den Gottloſen! Der Götzendienſt zieht die „Zerſtörung und das Verderben nicht allein auf „ſich ſelbſt herbei, ſondern auch auf das Haus, „in das er eingedrungen. Wit wollen zu Gott „„und dem glorwuͤrdigen Bekenner, dem heil. Martin „beten, daß Euer Sohn nicht mit verflochten werde „in das Urtheil, das der Himmel gegen diejenigen „ausgeſprochen hat, welche die Verehrung heidni⸗ „ſcher Goͤtzen begunſtigen, und ſo wie wir uns „Eurer und ſeiner in unſerm Gebet erinnern wer⸗ „den, ſo erinnert auch Ihr Euch der geweihten „Kerzen, welche Tag und Nacht vor dem Grabe „des heil. Bekenners brennen, denn das den Prie⸗ 6. des Herrn und den Dienern ſeines S — „thums gegebene Allmoſen vertilgt eine Menge „von Suͤnden! Die Gefangenen. atebrosa vagis rimatur habenis Devia, fraternum cupiens exire suh orbem Janua nulla patet. Prohibebant undique rupes Oppositae; duraque Peum compage tenebant. Claudiani de Raptu Proserpinae libr. II. p. 44. Er durchſtreift dieſe finſtern Hoͤhlen und wuͤnſcht im⸗ mer an die bruͤderliche Welt hervorzudringen; allein keine Thuͤr iſt ihm offen; uͤberall ſtellen ſich ihm hinbernde Felſen entgegen und halten den Gott in harten Banden. Wi haben die verlaffen, wie ſie zuſammen in den unterirrdiſchen Gewoͤlben von Heſodunum dahin ſchritten. Julia wiederholte ihrem Felir wohl zum zehnten Male, aber immer mit lebhafterm Ausdrucke der Stimme und des Blicks, daß der kriegeriſche Ruhm Chlodowichs ihr nur Abſcheu einfloͤße, daß ſeine⸗Macht ſie nur an die Unterdruͤckung ihres Vaterlandes erinnere, daß die Geſtalt dieſes Eroberers, von der man ihr ein ſo vortheilhaftes Bild entworfen habe, ihren Wi⸗ derwillen nicht im Geringſten aͤndern werde; da mit einem Male verſchwand ihren Augen das Licht, welches durch die Oeffnung des Gewolbes herein⸗ fiel, auf die eben Beide zugingen, zu gleicher Zeit verloſch auch der ſchwache Schimmer, den ſie hinter ſich gelaſſenchatten; und der von der Treppe kam, auf der ſie herabgeſtiegen waren. Kein Lichtſtral fiel mehr in das Gewölbe, ſo daß die Lie⸗ benden nicht mehr wußten, nach welcher Richtung ſie ihre Schritte lenken ſollten. Felix glaubte Anfangs, die Sclaven ein Spiel unter einander, und weil ſie geglaubt, ihre Berrſchaft habe die Gewolbe ſchon verlaſſen, die Thüren verſchloſſen, um ſie zu furchten zu machen. Er erhob daher die Stimme, um ihnen zu befeh⸗ len, wieder zu oͤffnen, und ihnen zu zeigen, daß er noch zugegen ſey; allein er erhielt keine Antwort. „Nun rief er noch ſtarker, doch immer umſonſt. — 55— Die Schurken, ſagte er, ſie hoͤren uns nicht! Wir muͤſſen uns die Thure am Ende ſelbſt öffnen, wenn wir nicht gar warten muͤſſen, bis die Mutter, unſere Abweſenheit bemerkend, uns offnen läßt. Julie fuͤrchtete ſich ſo leicht nicht, am wenig⸗ ſten war ſie zur Unruhe und Beſorgniß geneigt, wenn ihr Felix den Arm bot. Beide gingen nun auf den Zehen und lachend durch die dicke Finſter⸗ niß hin, ſie hielten ſich dicht an der Wand der Fel⸗ ſen, deren Unebenheiten ſie aber bisweilen von dem geraden Wege abkommen ließen, ſo daß ſie nicht wußten, ob ſie ſich nicht verirrten. Endlich ge⸗ langten ſie zum Ende des Gewoͤlbes, wo ſie eine Thuͤr zu finden hofften, allein wie groß war ihr N Erſtaunen, als ſie gerade vor ſich einen Felſen fanden, der ihnen den Weg verſperrte; vergebens ſuchten ſie mit den Haͤnden irgend eine holzerne Vorrichtung, die ſie fur beweglich halten konnten, ſie fanden auf allen Seiten nichts als Stein, der ſich rings um ſie als eine unerſchuͤtterliche Mauer echob. Ganz gewiß, ſagte Felix, werden wir, ſtatt gerade nach der Thuͤre zuzugehen, in eine Vertie⸗ fung des Felſens abſeits, in einen Gang ohne Aus⸗ gang gekommen ſeyn; wir muͤſſen alſo umkehren, wo wir her kamen. Wir gingen an der Wand zur Linken hin, wir wollen uns hier fort halten, und bald, denk' ich, ſoll uns ein Tagesſtrahl den Weg erhellen. Sie kehrten auch wirklich um, mit den Haͤn⸗ den ſich immer an den Felſen haltend, und ſich bemuͤhend zu erforſchen, ob ſie wirklich ſtets die ge⸗ rade Linie hielten. Felip verſicherte Julien immer fort, daß er keinen Grund zur Furcht fur ſie ſaͤhe, denn wenn ſeine Mutter ſie nicht wieder erſcheinen ſaͤhe, wuͤrde ſie nicht ſaͤumen, die unterirvdiſchen Gänge öffnen, und ſie mit Fackeln ſuchen zu laſe ſen. Allein bei ſich ſelbſt wunderte er ſich doch, daß ſie es nicht ſchon lange gethan habe. Er war unruhig, ohne daß er gerade ſich fuͤrchtete; es war ihm bloß um Julien zu thun, ſo wurden ſeine Re⸗ der immer kuͤrzer, ſeine Stimme immer ſchwaͤcher. Julia ihrer Seits verſank in Sinnen, und ant⸗ wortete endlich nur durch einſylbige Laute. Sie ſchritten indeſſen immer weiter vorwärts, ndem ſie ſich an den Haͤnden hielten, und ſtets an „ 57 der Wand hin taſteten; allein bei dieſem Vor⸗ waͤrtsſchreiten entfernten ſie ſich immer von der Oeffnung der Hoͤhle. Mloͤtzlich fuͤhlte ſich Julia am Arme ergriffen, und zwar mit ſolcher Gewalt, daß ſie ſahe, man wolle ſie ihrem Begleiter ent⸗ reißen und fortziehen. Sie ſchrie laut auf. Felix, durch dieſen Schrei heftig erſchreckt, ſo wie durch die Anſtrengung, womit ſie ſich nun an ihm feſt⸗ zuhalten ſuchte, ſprang auf jene Seite, wo er fuͤhlte, daß man ſie fortziehen wollte. Seine Haͤnde faßten einen Mann, er ergriff ihn, hob ihn in die Höhe, warf ihn zu Boden, und ſich auf ihn. Sein Gegner war aber ſtark und ſie rangen noch auf dem Boden, als ein neuer Schrei von Julien ihm ſagte, daß andere Feinde ſich ihrer bemächtigt hätten, und ſie fortzufuͤhren ſuchten. Wer Du auch ſeyn magſt, ſagte Felix zu ſei⸗ nem Gegner, indem er ihn feſt am Halſe faßte, Du biſt des Todes, wenn Du Deinen Spießge⸗ ſellen nicht ſogleich befiehlſt einzuhalten, und das Weib gehen zu laſſen! Buße! mein Sohn! Buße! und Unterwerfung unter den Willen Gottes! oder Du wirſt mit den Gottloſen umkommen! ſfagte der Unbekannte, als ihm Felix den Hals einen Augenblick frei ließ. Du biſt zuerſt des Todes, elender Heuchler, verſetzte Felix, indem er ihn ſtaͤrker wuͤrgte, oder du mußt thun, was ich Dir befehle! Halt! Halt! meine Bruͤder, rief endlich der Unbekannte, und die, welche Julien gefaßt hatten, gehorchten ihm. Allein, junger Mann, fuhr er fort, Du ſturzeſt Dich ſelbſt ins Verderben. Deine Gefährtin iſt ſchon unwiderruflich in den Banden der Suͤnde verſtrickt; fur ſie iſt kein Heil mehr, wenn ſie nicht Buße thut in dem Hauſe des Herrn. Du aber, Du ſollteſt noch Heute das Licht des Tages frohlich wiederſehen; allein Du haſt Dich ſelbſt ungluͤcklich gemacht dadurch, daß Du mich miß⸗ handelſt, mich, den unwuͤrdigen Prieſter des le⸗ bendigen Gottes. Auf dieſe Art haſt Du Dir auch die Erkommunikation zugezogen, ſetzte er mit noch lauterer Stimme und beſonderm Nachdrucke hinzu— es iſt billig, daß der, der im Himmel ge⸗ bunden iſt, es auch auf Erden ſey. Dieſe indirekt an die Gefährten des Prie⸗ ſters gerichteten Worte zeigten ihnen vermuthlich an, was ſie zu thun hättenz denn kaum hatte er ſie ausgeſprochen, als zwei andere Maͤnner, die ſich gerauſchlos Felix genähert hatten, ihn heftig zbei den Armen ergriffen, den Prieſter unter ihm hervorzogen und ihm ſelbſt in dem nemlichen Augenblicke die Arme auf den Ruͤcken banden. Der Prieſter forderte, ſo wie er ſich aufgerichtet hatte, Licht; ſogleich erſchien ein Mann mit einer Fackel, der aus einer uͤber der Thuͤre angebrachten Hoͤhlung hervortrat, und auf Stufen herabſtieg, welche ganz grob nur in den Felſen gehauen wa⸗ ren. Die Fackel, die er trug, beleuchtete nun die fremden Menſchen, in deren Haͤnden ſich Felir und Julia jetzt befanden. 9 Der Prieſter, der von Felir zu Boden gewor⸗ fen worden war, und der den andern zu befehlen ſchien, zeigte in ſeinem Geſichte weder jene rohe Dummheit noch jenen blinden Fanatismus, den Felir bei dem Vollſtrecker eines ſo gewaltſamen Angriffs zu finden erwartete. Seine Geſtalt war edel, ſie trug zwar den Ausdruck von Heftigkeit, mit Strenge verbunden, allein doch nicht ohne eine Beimiſchung von Mitleid. Er ſchien ohnge⸗ fähr funfzig Jahr alt zu ſeyn; er trug einen lan⸗ gen Bart, und die Kappe der Buͤßenden uͤber die Schultern, allein ſein Kopf war mit keinem Ka⸗ puchon bedeckt. Zwei Maͤnner, mit derſelben Kappe bekleidet, doch den Kopf bedeckt, hielten Julien, zwei andere hatten Felir an den Armen angefaßt. Außer dieſen und dem Fackeltraͤger ſahe man noch Andere von andern Enden der Höhlen herzukommen. Alle, mit Ausſchluß des erſten, hatten das Geſicht mit ihrem Kapuchon ver⸗ huͤllt. Dieſer ſchwieg einige Augenblicke, gleich als hätte er ſeinen Gefangenen Zeit laſſen wollen ſich zu beſinnen, ihn ſelbſt genau zu betrachten, und zu ſehen, in weſſen Haͤnde ſie gefallen wären, um ſich ſo zu überzeugen, daß jeder Widerſtand unmoglich ſey. Er nahm hierauf folgendermaa⸗ ßen das Wort: „Ihr habt das ungluck gehabt, Felir, einen „Yrieſter zu ſchlagen, allein Ihr kanntet ihn nicht; „Ihr wart uͤberraſcht, Ihr dachtet Euch blos zu „vertheidigen; ich hoffe, daß dieſe ſchreckliche Sunde —, „Euch vergeben werden ſoll, wie ich ſie Euch ver⸗ „gebe. Bedenkt nur, daß Ihr unter dem Kir⸗ „chenbanne ſteht und daß es Eure erſte Sorge ſeyn „muß, die Abſolution zu erhalten. Der Himmel „hat Euch ſchon genug beſtraft, als er Euch das „Uebergewicht in jenem Kampfe gabz; es ware „Euch viel beſſer geweſen, wenn Ihr unterlegen „haͤttet. Ihr wuͤrdet dann dem peinlichen Kampfs „entgangen ſeyn, wozu man Euch jetzt ruft. Man „würde Euch die Tochter des Götzendieners ent⸗ „riſſen haben, ohne daß man von Euch Verpflich⸗ „tungen gefordert haͤtte, die, wie ich wohl weiß, „Euren weltlichen Vorurtheilen widerſtreben. Eure „Gewaltthaͤtigkeit hat dies nicht erlaubt; uͤbher⸗ „dies laſſen mir die Befehle, die ich erhalten „habe, keine Wahl, Ihr ſollt eben ſo wie ſie „in ein religiöſes Aſyl gebracht werden, bis Ihr „Euch durch einen feierlichen Eid verpflichtet habt, „nie und Niemandem zu entdecken, was aus ihr „geworden iſt.“ Fiuch dem, rief Felir, der einen ſo abſcheu⸗ lichen Eid leiſten könnte! Der Prieſter warf einen mitleidsvollen Blick af ihn, er— ihm nicht. 2 M 4 Und Ihr, Snhin des Severus, he er, zu Inien gewendet, fort, Ihr ſeyd in die Haͤnde der Diener desjenigen Gottes gefallen, gegen den Ihr Euch empört habt, derjenigen Diener, zu deren Ver⸗ folgung Ihr Euch bereitet habt, indem Ihr die Altäre des Heidenthums wieder aufzutichten ſtreb⸗ tet. Faßt indeſſen Muth, meine Tochter, dieſe Diener ſind nachſichtiger, als Ihr glaubt; ſie wer⸗ den Eure Augen der Wahrheit offnen, ſie werden Eure Seele zu den Freuden der Ewigkeit rufen. Der Augenblick wird kommen, wo Ihr mir dan⸗ ken werdet, daß ich Euch einer verbrecheriſchen Ho⸗ heit entzogen, Euch gehindert habe eine Krone Euch ums Haupt zu winden, womit blutig Euch“ — wollten. 18 Ich weiß nicht, verſetzte Julie, wer Euch das Recht geben kann mein Gewiſſen zu befragen, oder meiner Freiheit Gewalt anzuthun; aber, wenn ich Euren Worten trauen darf, ſo ſwyd Ihr mei⸗ netwegen in einem großen Jrrthume Ich bin Chriſtin ſo gut wie Ihr! Ihr Chriſtin? verſetzte der Prieſter im Tone des Mißtrauens, Eures Gleichen haben ſich nie fur verpflichtet gehalten den Irrthum zu beken⸗ nen, wie unſere Heiligen die Wahrheit bekennen. Wir haben ſie nur zu gut kennen gelernt jene Goͤtzendiener im Herzen, welche nur Chriſten ſind mit der Zunge. Uebrigens wuͤnſche ich Euch eine profane Luge zu erſparen. Nicht mir ſollt Ihr Euer Gewiſſen oͤffnen. Ich habe keinen andern Auftrag als den, Euch am Rande des Abgrunds, in den Ihr zu verſinken im Begriff ſteht, aufzu⸗ halten, und Euch den Haͤnden eines wuͤrdigern und aufgeklarteren Praͤlaten zu uͤbergeben, als ich bin. Er wird Sorge tragen für Eure Seele. Jett habe ich blos dafuͤr zu ſorgen, daß Ihr auf eine anſtaͤndige und paſſende Art nach dem Kloſter gebracht werdet, das fuͤr Euch beſtimmt iſt. Ich bedaure nur, daß Ihr Euch als Weib allein unter Männern beſindet. Es war ohnmoͤglich es an⸗ ders einzurichten, allein ich werde wenigſtens Alles thun, damit dieſes fur Euch unangenehme Ver⸗ hältniß nicht fortdaure. Folgt mir und nehmt einige Nahrung zu Euch, damit Ihr Euch zu den Beſchwerden der Reiſe ſtaͤrket. Felix und Julia hatten die Wahl nicht, ob ſie dieſe Einladung annehmen oder ausſchlagen woll⸗ ten. Sie folgten ihren Waͤchtern in einen der unterirrdiſchen Saͤle, wo ein großes Feuer ange⸗ zuͤndet war, und eine Tafel ſich darbot, frugal be⸗ ſetzt mit Brodt, Milch, trockenen Fruͤchten und geſalzenen Fiſchen. 2 12 Ihr muͤßt Euch nun uberzeugt haben, ſagte der Prieſter zu den Gefangenen, daß aller Wi⸗ derſtand unntz ſeyn wuͤrde. Wollt Ihr nun frey⸗ willig verſprechen demſelben zu entſagen, ſo will ich Euch ſogleich die Hände wieder frei geben. Felir und Julia fuͤhlten Beide gleicher Weiſe, daß ſie keinen andern Entſchluß faſſen konnten. Sie verſprachen Nichts zu thun, um ſich zu ver⸗ theidigen oder zu entfliehen, bis ſie außerhalb der unterirrdiſchen Gewolbe ſeyn wuͤrden, und der Prieſter ließ ſie hierauf beide losbinden. So ſehr auch die ſtrafbare Gewaltthätigkeit, womit man Julien und Felir der Freiheit beraubt hatte, ihren Zorn und Unwillen erttgen mußte, 65 ſo konnten ſie ſich doch nicht enthalten, an dem ganzen Benehmen ihres Wäͤchters zu bemerken, daß er ein inniges Mitleid mit ſeinem Dienſteifer verbinde, und daß er ein gewiſſenhaftes menſch⸗ liches Pflichtgefuͤhl in dem Augenblicke beibehal⸗ ten habe, wo er ſich durch das abgelegte Geluͤbde des Gehorſams fur verbunden hielt, eine beleidi⸗ gende Gewaltthätigkeit gegen ſie auszuuͤben. Beide fuhlten, daß der Menſch, der ihnen ihre Freiheit entriſſen hatte, der uͤber ihr Schickſal entſcheiden wollte, gleich als wären ſie ihm recht⸗ lich unterworfen geweſen, doch eigentlich nicht ihr Feind war; Beide ſahen ein, daß ſie von ihm nichts weiter zu furchten hatten, als was er ihnen ſo eben ankuͤndigte, und in dem Augenblicke, wo er ſie ganz ungeſetzlich zu Gefangenen gemacht hatte, faßten ſie ein gewiſſes Vertrauen zu ihm. Sie ſahen wohl ein, daß ſie auf eine gewiſſe Zeit in einem Floſter wurden gefangen gehalten wer⸗ den, allein ſie waren auch uͤberzeugt, daß, wenn ſie ſich entſchloſſen weigerten, ſich auf ewig durch Geluͤbde zu binden, dieſe Gefangenſchaft doch ein Ende haben werde, Bei dem Range, den ſie in 2r Bd. E — 66— der Geſellſchaft einnahmen, und der Macht ihrer Familien ſchien es ihnen unmöglich, daß dieſer Zu⸗ ſtand fur ſie von langer Dauer ſeyn koͤnnte; und in dem gegenwaͤrtigen Augenblicke war ihnen die Gewalt, die ſie erlitten, ſogar nuͤtzlich, um Julien den Nachſtellungen Chlodowichs zu entziehen, welches vielleicht keines der Mittel wuͤrde haben bewirken koͤnnen, zu denen ſie ihre Zuflucht neh⸗ men wollten. Sie uͤberließen ſich daher wieder einer gewiſſen Heiterkeit, und weigerten ſich nicht laͤnger an dem Mahle Theil zu nehmen, das fuͤr ſie zubereitet worden war. Ihr verſichert, mein Vater, ſagte Julia zu dem Prieſter, daß Ihr keinen Groll gegen uns hegt, und ich will Euch das glauben. Ich ſehne mich keinesweges nach der Krone, welche Ihr von meinem Haupte entfernen wollt, und die Gewalt⸗ thätigkeit, die wir erlitten haben, erſpart mir das Entſetzen, dem Feinde meines Vaterlandes die Hand zu reichen, und ſo muß ich Euch vielleicht danken fuͤr eine Entfuͤhrung, welche ich Euern Gewiſſen zu beurtheilen uͤberlaſſen muß; allein wenn es wahr iſt, daß Ihr keinen Haß gegen uns hegt, ſo werdet Ihr auch keine fuͤr Euren Zweck unnuͤtze Strenge gegen uns anwenden. Wohin fuͤhrt Ihr uns? Nach Tours! Weſſen Häͤnden ſollen wir uͤberliefert werden? Ihr den Nonnen, Felix den Moͤnchen des heil. Martin! Es giebt alſo kein Mittel uns wiederzuſehen? ſagte Felix. Mein! Keines! 2 Konnen wir denn nicht wenigſtens unſere Fa⸗ milien uͤber unſer Verſ chwinden beruhigen? fragte Julia. Nein! das wuͤrde ſie auf Eure Spur bringen. Ich zittre, ſagte Felir, wegen der Angſt, die meine Mutter empfindet. Ganz gewiß ſucht ſie uns überall vergebens! Verbergt Ihr ihr auch, was Ihr mit uns vornehmt, ſo zeigt uns doch wenigſtens ein Mittel, ſie uber unſer Schickſal zu beruhigen. Ich ſehe keins! Man könnte ihr doch einen Brief zuſtellen oder zuruͤcklaſſen. E 2 Mein Befehl geht ganz beſtimmt dahin, Euch mit Niemanden auf der Welt Etwas verhandeln zu laſſen. Das Schickſal der galliſchen Kirche haͤngt vielleicht daran, daß kein Menſch den Auf⸗ enthalt der Tochter des Severus vermuthe. Eure Mutter beruhigen, hieße ihr zu verſtehen geben, daß Ihr nicht in den Händen von Raͤubern ſeyd, hieße ſie etrathen laſſen, daß Ihr die unſern ſeyd! Ich mache Euch, rief Felir aufſtehend, vor dieſem Gotte, dem Ihr dient, fuͤr das Leben mei⸗ ner Mutrer verantwortlich! Waͤre es nicht beſſer ihr einen Dolch ins Herz zu ſtoßen, als ſie lang⸗ ſam vor Schmerz und Unruhe umkommen zu laſſen? Der Prieſter ſchien bewegt; er deckte ſich die Stirn mit der Hand, ja, es ſchien, als ob er eine Thräne ſich abtrockne. Indeſſen nahm er bald wieder die ganze Strenge ſeines Geſichts und ſeiner Stimme an, und ſagte: Ich erfulle meine Pflicht, und ich brauche mich dabei nicht um die Folgen zu kuͤmmern. Felir ſank auf ſeinen Sitz urc, verwirrt durch dieſe Miſchung von Mitleid und Unbeug⸗ „ S 5— ſamkeit, welche ihm ſo ganz und gar keine Hoff⸗ nung ließ. Wie? eine ungluckliche Mutter ſollte ſich vor⸗ ſtellen muͤſſen, daß wir in dieſen Gewoͤlben um⸗ gekommen ſind? ſagte er endlich mit dem Tone der Verzweiflung. Nein! Wenn wir weggehen, laſſen wir dieſe Hoͤhlen offen, ſagte der Prieſter, und ſie wird ſich dann uͤberzeugen koͤnnen, daß ihr nicht mehr hier ſeyd. Ueberdies, ſetzte er mit dem Tone noch tie⸗ fern Gefuhls hinzu, wodurch Felir's Poffnung von neuem belebt wurde— was ich nicht das Recht habe zu thun, wird mein Oberer ganz gewiß thun. Er wird fuͤr das Leben Eurer Mutter nicht vor Gott verantwortlich ſeyn wollen. Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ſtand der Prieſter vom Liſche auf, und ging einige Male in dem Gewoͤlbe auf und ab, und zwar, wie es ſchien, in heftiger Bewegung; er ließ ſich endlich aufs Knie nieder, indem er ſich vermuthlich durch Gebet zur Ausfuͤhrung deſſen zu ſtaͤrken was er als ſeine Pflicht anſahe. 2 Felir wandte ſich wieder zu Julien, und begann mit leiſ er Stimme eine Unterhaltung mit ihr, wel⸗ che weder der Prieſter noch Einer der Umſtehenden zu belauſchen oder zu unterbrechen ſuchte. Beide ſahen mit Schmerz den Augenblic ſich nahen, wo ſie getrennt werden ſollten, allein Beide wieder⸗ holten auch Eines dem Andern, daß die gegen⸗ wärtige Pruͤfung nur momentan ſeyn könne, und daß ſie dadurch vielleicht einem endloſen Elende entzogen wuͤrden. Auch ſuchten ſie ſich gegen die Gefahren zu verwahren, denen ſie getrennt ausge⸗ ſetzt ſeyn könnten, beſonders gegen die falſchen Be⸗ richte, welche man ihnen, Einem uͤber das Andere zubringen möchte. Sie verſprachen ſich, daß Kei⸗ nes je von dem Andern glauben wollte— es möchte es geſagt haben, wer da wollte— daß ſie eine ewige Verbindlichkeit eingegangen waͤren, wo⸗ durch Eines dem Andern entſagt habe. Sie ſchwu⸗ ren, daß ſie in den Klöſtern, wo man ſie einſperren wuͤrde, nie ein Gelubde ablegen wollten; daß ſie nie aufhoͤren wuͤrden ſich zu lieben, und nie die Hoffnung aufgäben ſich wieder zu vereinigen. Sie hatten zwar gehoͤrt, daß ſie der Hoffnung entſagen mußten, ſo lange ſie in der Gewalt der Geiſtlichen waͤren, ſich zu ſehen, allein ſie hofften doch, daß man ihnen vielleicht einen Briefwechſel geſtatten, oder wenigſtens erlauben wuͤrde, daß ſie einander Geſchenke oder ſymboliſche Botſchaften zuſchickten, mit denen ſie einen gewiſſen Sinn zu S jetzt ſchon verabredeten. Die Zeit verſtrich fuͤr ſie viel ſchneller als für die unglückliche Sylvia, und ſie befanden ſich ſchon mehrere Stunden in der Höhle, als einer der Waͤch⸗ ter, der ſich einige Zeit entfernt gehabt hatte, dem Prieſter ſich naͤherte, und ihm einige Worte leiſe zufluſterte. Der Augenblick iſt gekommen, ſagte dieſer nun zu ſeinen Gefangenen, laßt uns aufbrechen, Felir! es iſt beſſer fuͤr Euch und fuͤr mich, daß ich Euch das Wort zuruͤckgebe, das ihr mir gegeben habt, und daß Ihr nur der Gewalt weicht. Ihr koͤnn⸗ tet Euch vielleicht beim Austritt aus den Gewoͤl⸗ ben einbilden, daß es nur der Kuͤhnheit und der Geſchicklichkeit auf einen Augenblick bedürfe, um Eure Freyheit wieder zu erlangen. Ich will Euch einer ſolchen Verſuchung nicht ausſetzen, welche nur Eure Leiden vermehren wuͤrde. Man binde die Gefangenen wieder! Und als ſie gebunden wa⸗ ren, fuhr er fort: Man bedecke Ihnen den Mund mit einer Binde, lege Ihnen unſere Ordensklei⸗ dung an, und laſſe den Kapuchon ihnen uͤbers Geſicht fallen! Nun fort! Als Julien das Gewand dargereicht wurde, ergriff ſie ein Schauder durch den ganzen Körper; es war ein Gewand ganz dem gleich, welches ihr in jener Erſcheinung gereicht worden war, die einen ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht hatte. Dieſer prophetiſche Traum ſchien jetzt in Erfuͤllung zu gehen; ſie bekleidete ſich mit dem Bußgewande, ſie folgte den Männern, welche die Zeichen des heil. Martin von Tours trugen; ſie entſagte der eitlen Pracht der Welt. Allein wußte ſie denn, ob dieſe Entſagung allein hinreichen wuͤrde, zu Er⸗ fullung der Verbindlichkeit, die man ihr auflegen wollte, ob jene thörichten Hoffnungen, deren Er⸗ ſtickung man von ihr gefordert hatte, nicht eben die waren, die ſie auf eine Verbindung mit Felix gruͤn⸗ dete? Alles Vertrauen, das ſich von Neuem in ihrem Herzen belebt hatte, die Ruhe und Zufrie⸗ „ denheit, womit ſie ein Hinderniß ſich hatte erheben ſehen, maͤchtiger als das, das ſie ſelbſt dem Wil⸗ len ihres Vaters entgegenſtellen konnte— ver⸗ ſchwand in einem Augenblicke. Thraͤnen began⸗ nen ihre Wangen zu benetzen, allein ihr Mund war durch ein leinenes Tuch verſchloſſen, ein Ka⸗ puchon bedeckte ihr das Geſicht, ſie konnte weder geſehen werden, noch ſich vernehmen laſſen, und ob ſie ſich gleich an Felix Seite befand, hatte doch jede Gemeinſchaft unter ihnen aufgehoͤrt. Zwei Man⸗ ner hatten ihre beiden Arme gefaßt und fuͤhrten ſie ſchweigend fort, zwei andere fuhrten Felir. Der Mann mit der Fackel, deren Schein ſie durch ihre Kapuchons kaum bemerken konnten, ſchritt vor ihnen her. Nachdem ſie noch einige Zeit in den unterirrdiſchen Gewoͤlben hingegangen waren, hoͤr⸗ ten ſie ein Geräuſch, wie das einer Thur, die ſich auf ihren Angeln dreht. Bald fuhlten ſie, daß ein friſcher Wind durch ihre Kleider wehe. Sie wa⸗ ren nun außerhalb der Hoͤhlen. Beide bemuͤhten ſich zu gleicher Zeit zu ſchreien, allein obgleich ihre Stimme durch die Binde, welche den Mund bedeckte, nicht ganz zuruͤckgehalten werden konnte, — 74— achteten doch ihre Führer nicht darauf. Auf ein⸗ mal hoben ſie Beide bei den Armen in die Höhe und ſtellten ſie neben einander in ein Fahrzeug. Bald erkannten ſie nach dem Geräuſch des Waſ⸗ ſers und der Ruder, daß ſie die Loire hinunter ſchifften. Viertes Kapitel. Der Beſeſſene. — Alsbalb wurden die urheber dieſer Verbrechen von einem unreinen Geiſte ergriffen; ſie biſſen und zer⸗ fleiſchten ſich mit ihren eigenen Zähnen, indem ſie laut ausriefen: O heiliger Märtyr, wa⸗ rum quaälſt Du uns ſo? Gregor von LTours Geſchichte, III. B. 128 Kap⸗ De Schiffahrt dauerte mehrere Stunden; der Wind war kalt, die Luft feucht; den beiden Lie⸗ benden waren die Haͤnde noch immer gebunden; ſie konnten auch weder einander ſelbſt, noch Etwas — — 7 außer ſich ſehen. Die Binde, welche man ihnen um den Mund gelegt hatte, damit ſie nicht um Huͤlfe rufen ſollten, wenn ſie bei einem Dorfe oder einem Schiffe voruͤber kaͤmen, war ihnen zwar noch nicht abgenommen worden, allein die Bewe⸗ gungen des Kopfs hatten ſie ein wenig locker ge⸗ macht, und da ſie dies nur benutzten, um mit ein⸗ ander zu ſprechen, hatten ſie ihre W nicht feſter zuſammengezogen. Sitzend auf einer Bank und ſich an einander anlehnend, weil die Bewegungen des Fahrzeugs ſie oft das Gleichgewicht verlieren ließen, knuͤpften die Liebenden eine Unterredung mit leiſer Stimme an, welche auch nicht unterbrochen wurde; allein da ſie Urſache hatten zu glauben, daß man ſie beob⸗ achte und vielleicht verſtehe, ſo ſprachen ſie mit der aͤußerſten Behutſamkeit. In der That ſaß auch der Prieſter, der ſie fuͤhrte, hinter ihnen, er hoͤrte ihnen zu, und erſah mit Erſtaunen aus ihrem Geſpraͤche, daß diejenige, welche man ihm als Chlodowichs Braut geſchildert hatte, eine ganz andere Neigung habe, daß ſie die Verbindung mit dem Könige der Franken mehr fuͤrchte als die Ge⸗ 5— fangenſchaft, der ſie entgegenging; daß die, welche man ihm ſo dargeſtellt hatte, als hege ſie keinen andern Gedanken und kein anderes Verlangen, als den Goͤtzendienſt wieder einzufuͤhren und die Kirche zu verfolgen, mit Achtung von ihren Prieſtern ſprach und ſich vertrauensvoll unter den Schutz der Reli⸗ gion ſelbſt begab, in deren Namen man ſie der Freiheit beraubt hatte.* In ihrer Gefangenſchaft ſelbſt fanden beide Liebende noch einen Genuß darin, daß ſie mit ein⸗ ander ſprechen und ſich vertraulich naͤhern konn⸗ ten. In unſchuldiger körperlicher Beruͤhrung ſchien man eine unmittelbare Berührung der Seele zu empfinden. Käaͤlte, Ermüdung, und die Noth⸗ wendigkeit, auf einem ſchmalen Sitze auf das dichte⸗ ſte ſi ſich an einander zu ſchmiegen, zumal da das ſtete Schwanken des Fahrzeugs ſie bei dem Nichtge⸗ brauch der Haͤnde leicht das Gleichgewicht verlie⸗ ren ließ, machten, daß ſie in ſteter inniger Beruͤh⸗ rung blieben. So fuͤhlten ſie gegenſeitig das Schlagen ihrer Herzen, ohne daß die ſtrengſte Züchtigkeit ſich deshalb einen Vorwurf machen durfte. Dieſes Herzklopfen war denn auch eine ſo ausdrucksvolle Sprache fuͤr ſie, als es die des Mundes kaum zu ſeyn vermocht haͤtte, und es ſchien, als verſtuͤnden ſie ſich erſt recht, da ſie der Worte, ſich verſtändlich zu machen, ſich enthielten. So hatten die Umſtaͤnde fur ſie ſchon jenes un⸗ auflöstiche Band geknůyft, worauf ſich ihre Hoff⸗ nungen richteten. Nie hatten ſie ſich zärtlicher ge⸗ Uebt, nie hatte die Leidenſchaft ſchnellere Fort⸗ ſchritte in ihren Herzen gemacht. Sie trafen endlich zu Tours ein, als der Tag kaum zu dämmern begann. Noch bemerkte man keine Bewegung auf den Straßen der Stadt. Die ſchweren Thore von Sanct⸗Martin öffneten ſich ihnen, ſie gingen hindurch, und jetzt nahm man zum erſten Male den Kapuchon ab, der ihre Ge⸗ ſichter bedeckte, jetzt band man ihnen die Haͤnde los, und nahm ihnen die Binde vom Munde. Felir und Julia ſahen ſich nun in einem vier⸗ eckigen Hofe, den ſehr hohe Gebäude von drei Seiten umgaben, indeß er auf der vierten durch eine Mauer geſchloſſen wurde, welche ſo hoch war, als die hoͤchſten Gebaͤude ſelbſt. Dieſer Mauer gegenuͤber erkannte man an ihrer Bauart die Sei⸗ tenmauern ver Kathedralkirche; auf den beiden andern Seiten ſtanden zwei viereckige Gebaͤude, die man an ihren vergitterten Fenſtern und an ihren dicken Mauern ſogleich fuͤr Kloſtergebäude halten mußte, einander gegenuͤber. Das eine war das Kloſter der Nonnen der heil. Jungfrauen zum Schrein, daſſelbe, welches Ingeltrude, die Toch⸗ ter Ctotar I., ein Jahrhundert ſpäter wieder auf⸗ bauen ließ und reich ausſtattete, das andere, wo ſich Moͤnche von verſchiedener Regel⸗ Kleidung und Diſciplin verſammelt befanden, die ſich ab⸗ lößten, um immerfort in der Kirche Pſalmen ab⸗ zuſingen, war das beruͤhmte Kloſter des heil. Mar⸗ tin von Tours, in ganz Gallien ausgezeichnet durch die Strenge ſeiner Obſervanzen und ſeinen Reichthum. 60 In dem Momente, wo Julia und Felix den Gebrauch ihrer Augen wieder erhielten, maßen ſie mit ihren Blicken dieſe hohen Mauern, welche die Feuchtigkeit geſchwärzt hatte, die ſchmalen Fenſter, wodurch ſo wenig Licht in die Zellen der ungluͤckli⸗ chen Eingeſchloſſenen fiel, dieſe Gitter, dieſe Rie⸗ gel, welche man als Vorſichtsmaßregeln betrachten konnte gegen die Reue derer, die ſich freiwillig einer ewigen Gefangenſchaft geweiht hatten, ſo wie ge⸗ gen ihre Verſuche zu entkommen. Dieſes Schwei⸗ gen, dieſe Regungsloſigkeit an einem Orte, wo ſo viel lebende Weſen eingeſchloſſen waren, dieſen Raſen und dieſes Moos, das das Pflaſter auf dem Hofe bedeckte, und nur zu deutlich zeigte, wie ſel⸗ ten hier ein Menſch hin und wieder ging— alle dieſe Gegenſtände erfullten Juliens und Felix Herz mit tiefer Traurigkeit, ſie richteten gegenſeitig die Blicke auf einander, um die Beſtaͤtigung des Ver⸗ ſprechens der Beſtandigkeit und Liebe darin zu le⸗ ſen, das ſie die Nacht zuvor abgelegt hatten; al⸗ lein Felir ſahe Thränen in Juliens Augen glaͤn⸗ zen, und er fuͤhlte daß die Kraft des Willens wohl kraftlos ſeyn könnte vor der Kraft des monchiſchen Deſpotismus, dem jetzt Beide dahingegeben waren. Nachdem der Prieſter, welcher ſie geleitete, ihnen einige Augenblicke der Beſinnung und Faſ⸗ ſung geſtattet hatte, ſagte er zu ihnen: Meine Kinder, ich habe eine heilige Pflicht gegen Euch erfuͤllt; ich habe Euch vielleicht viel leiden laſſen, indem ich füͤr Euer ewiges Heil ſowoht, als fur das Beſte der Kirche gearbeitet habe, allein es reut mich nicht. Darf ich, ich ſchwacher Wurm mir anmaßen, die Befehle von Oben zu beurtheilen? Darf meine ſtolze Vernunft das ergruͤnden wollen⸗ was die ewige Weisheit beſchloſſen, oder duvch ihre Organe auf Erden verkundiget hat? Allein der alte Menſch iſt doch noch nicht ganz in mir zum Schweigen gebracht, ich kann Schmers empfinden, auch wenn ich keine Reue fuͤhle, und es wuͤrde mir angenehmer geweſen ſeyn, wenn der heil. Erz⸗ biſchof mir den Auftrag erſpart hätte, den ich ſo eben vollzogen habe. So wie ich Euch Uebles ge⸗ than hube aus Gehorſam, ſo möchte ich Euch Gu⸗ tos thun aus Neigung. Zeigt ſich eine Gelegen⸗ heit, wo ich Euch nützen kann, ſo erinnert Euch des Pater Andréas. Nährt Ihr noch einigen Haß gegen mich, ſo opfert ihm Gott, nicht aus Liebe zu mir, ſondern aus Liebe zu Euch ſelbſt. Seyd endlich gewiß verſichert, daß ich Eure Bitte nicht vergeſſen habe, Sylvia Numantia aus der Angſt zu reißen, worin ſie ſich befindet. Giebt es ein Mittel dazu, ohne das mir anvertraute Ge⸗ heimniß zu verletzen, ſo werde ich es ergreifen. * — 4— Die beiden Gefangenen ſahen einander an; es war vielleicht das letzte Mal, daß ihre Blicke ſich begegneten; ihre Herzen waren zu voll von Zärt⸗ lichkeit und Schmerz, als daß ſie noch fuͤr Haß oder Rache haͤtten Raum haben ſollen. Beide verſicherten daher den Pater Andreas, daß ſie ihn verziehen und im Nothfall von ſeiner guten Stim⸗ mung in Hinſicht ihrer Gebrauch machen wollten. Der Pater Andréas ſtockte hier— es ſchien ihm noch Etwas auf dem Herzen zu liegen, gleich⸗ wohl aber mochte ihn doch auch eine Bedenklichkeit hindern ſich frei auszuſprechen. Endlich ſagte er zu ihnen: Ihr werdet von nun an unter heil. Man⸗ nern und heil. Jungfrauen leben. Ihr wer⸗ det bei ihnen ohne Zweifel nur Muſter der Tu⸗ gend, der Heiligkeit und des Gehorſams finden; ahmt dieſe nach, allein ahmt ihnen auch in ihrem Schweigen nach. Es wird gewiß eine Zeit kommen, wo Ihr Eure Herzen freiwillig einem heil. Manne oͤffnen werdet durch eine allgemeine Beichte, nur bei dieſer Gelegenheit thut es nicht, weil Alles, was Ihr ſagen moch⸗ 2r Bd. F tet, dem Erzbiſchof hinterbracht werden wird. Er vernehme das lieber aus Eurem Munde ſelbſt, als durch den Bericht Eurer Vertrauten, denn in einem Kloſter, wie in der Welt, iſt es ſicherer; Etwas zu wn⸗ als Jemand zu nc ertrauen⸗ Nachdem der vater Innnts ſeinen Gefun⸗ genen dieſen Rath gegeben hatte, klopfte er an⸗ die Pforte der beiden Kloͤſter. Ein Buͤßender! Eine Buͤßende! ſagte er zu dem Thorhuͤter— auf Befehl des heil⸗ Biſchofs Voluſianus! Beide Liebende druckten die Hand und ſagten ſich Lebewohl! Sie ſchritten jedes in ſein Kloſter hinein, und hoͤrten die ſchweren Sb und Riegel hinter ſich zuſchlagen. Der Thuͤrſteher, der Felix in das Mönchskto⸗ ſter gebracht hatte, fuͤhrte ihn, ohne ein Wort zu ſprechen, in einen langen Saal, den jener fuͤr das Refektorium der Moͤnche hielt, und hier ließ er ihn allein. Als Felix ihn ſich entfernen ſahe, rief er ihn zuruͤck, um ihn ber Einiges zu befragenz allein der Thurſteher wuͤrdigte ihn keiner Antwort. — — 853— weiter, nicher er ihm geſagt, daß er die S des Abts erwarten můſſ e. Nach Verfluß von beinahe zwei Stiuiben traten ohngefehr zwanzig Monche Paarweiſe in den Saal. Sie hatten die Augen niedergeſchla⸗ gen, die Haͤnde uͤber die Bruſt gekreuzt, und mur⸗ melten Gebete. Felix näherte ſich nach und nach mehreren von ihnen, um ſie zu fragen, was er zu thun oder zu erwarten habe. Jeder ſtieß ihn aber mit einer Gebehrde des Unwillens zuruͤck, indem er ihn merken ließ, daß er nicht unterbrochen ſeyn wollte. Nachdem das Gebet zu Ende war, geru⸗ hete doch der Moͤnch, der die andern angefuͤhrt hatte und den man den Primicier nannte, von Fe⸗ lir Anweſenheit Kenntniß zu nehmen. Seid Ihr Felix Florentius? fragte er 56 Ja! der bin ich! Setzt Euch! In dem Angenblicke ndhmen alle Moͤnche an der Tafel Platz, mit Ausnahme eines einzigen, der eine Art von Kanzel beſtieg und das Evan⸗ gelium zu leſen begann. Das Officium hatte begonnen, und eine Menge Layenbruͤder traten 5 2 — 86— mit einer r Art von geiſtlicher Gravität herein und trugen Schuſſeln in den Haͤnden. Bald war der Tiſch reichlich mit wohl zubereiteten Speiſen beſetzt. Allein jeder Monch und Felir ſelbſt be⸗ kam eine boſondere Portion fuͤr ſich, ſein Brodt, ſeinen Wein und alle das nemliche Maaß von Speiſen. Es ſchien, als habe man verhuͤten wollen, daß kein Moͤnch jemahls ſeinen Nachbar um das Getingſte zu bitten haben ſollte, daß alle die kleinen Dienſte, die ſonſt Zuſammenſpeiſende einander über Tiſche zu leiſten pflegen, vermieden wuͤrden, und daß mie einer Gefahr laufen möchte, des ihm zukommenden Theils der Mahlzeit durch den zu ſtarken Appetit eines ſeiner Brůder beraubt zu werden. Uebrigens waren die Portionen ſo reich⸗ lich, daß ſie ſelbſt den unmäßigſten Appetit hät⸗ ten befriedigen muͤſſen; allein Felir bemerkte doch, daß ſie aͤußerſt ſchnell von dem Teller jedes Gaſtes verſchwanden,— er die kaum — Das Vorleſen wurde immer ſoutft allein die Mönche, mit ihrer Mahlzeit aͤußerſt beſchäf⸗ tigt, ſchienen darauf wenig Achtung zu geben. „ Ihre Augen hafteten unverruckt auf den Tellern; kein Blick der Liebe, der Gefälligkeit, des freund⸗ ſchaftlichen Verſtaͤndniſſes wurde unter ihnen ge⸗ wechſelt. Verdammt ihr Leben zuſammen zuzubrin⸗ gen, waren ſie einander ſo fremd, als wenn ſie ſich nie geſehen haͤtten. Die Neugier hatte eben ſo we⸗ nig Einfluß auf ihren Geiſt, als die Zuneigung auf ihr Herz. Als ihr Anfuͤhrer oder Primicier Fe⸗ lir Florentius mit lauter Stimme genannt hatte, richteten ſich Aller Augen mechaniſch auf ihn, allein ſie verweilten nicht auf ihm, und nichts vermochte ihnen in der Folge dieſe Richtung wie⸗ der zu geben. Sein Erſcheinen mitten im Ka⸗ pitel hatte auch nicht eine Frage erzeugt, er hatte nicht bemerkt, daß in der ganzen Verſamm⸗ lung zwei Moͤnche auch nur einige leiſe Worte bei ſeinem Anblicke mit einander gewechſelt haͤtten. Indeſſen glaubte Felix doch, daß, wenn er ſelbſt eine Anſpielung auf dieſe ſeltſamen Abentheuer wagte, er dieſe erſtarrte Neugier von neuem wuͤrde beleben und ſo in einige Gemeinſchaft mit einem oder dem andern treten können. Als ich dieſe Nacht entfuͤhrt wurde, ſagte e er zu ue mit halblauter Stimme„ in den Hoͤhlen von Heſodunum St! verſetzte der Monch, indem er auf den Vorleſer zeigte, auf den er jedoch bis itst nicht im geachtet hatte. 6 vim Felir glaubte, daß er wenigſtens einen Keim vor Neugiet in ſeinem Nachbar zuruͤckgelaſſen habe, und daß, wenn das Vorleſen unterbrochen werden wurde, der Moͤnch dieſe Unterhaltung von ſelbſt wieber anknupfen werde. Allein das Mahl ging zu Ende, der Vorleſer ſchwieg, um auch ſeine Por⸗ tion zu ſich zu nehmen, und der Moͤnch an Felix's Seite faltete die Haͤnde uͤber den Magen, drehte die Daumen um einanber, ſchwieg und bewegte auch nicht einmal den Kopf nach der Seite hin, wo Felix ſaß. Nachdem ihn dieſer einige Augen⸗ blicke beobachtet hatte, ſahe er die andern an, und ſiehe! er fand ſie Alle in derſelben Stellung der Ruhe. Voller Ungeduld erhob er nun die Stim⸗ me, und wandte ſich an den Primicier ſelbſt, in⸗ dem er ihn fragte: Was man denn mit ihm vorhabe? — 87— St.! verſetzte dieſer, auf ſeine Moͤnche zeigend, ſtört ſie nicht in ihren frommen Betrachtungen!— Felix ſchwieg; die Betrachtungen dauerten eine halbe Stunde, und Felix, der die geſchloſſenen Au⸗ gen ſeiner Nachbarn, und des Primicier ſelbſt, ſo wie die lauten Athemzuͤge derſelben beobachtete, hielt ſich fur berechtigt zu ſchließen, daß das, was man in einem Kloſter fromme Betrachtung nenne, in der Weltſprache nichts anders als— Schlaf bedeute. Endlich ertönte eine Glocke, alle ſůt telten ſich, und wie noch halb im Schlafe fingen ſie an einen Geſang anzuſtimmen, indeß ſie ſich da⸗ bei von ihren Sitzen erhoben; dann ſtellten ſie ſich nun Paarweiſe, um das Refektorium zu ver⸗ laſſen, ganz in derſelben Ordnung, in der ſie ein⸗ getreten waren⸗ 3 Hierauf wandte ſich der primicier an eli und ſagte zu ihm: Folgt uns ins Chor!— Fe⸗ lix folgte ihnen. Er befand ſich jetzt zwiſchen den beiden Reihen der Moͤnche, welche mit lauter Stimme ſangen. So zogen ſie durch die innern Gäͤnge, welche das Kloſtergebaͤude mit der Kirche — verbanden, worin ſie hinter dem großen Altare hervortraten. Ein anderes Chor von Mönchen ſang bereits ſeit drei Stunden in der Kirche. Dieſe aber trugen nicht dieſelbe Kleidung, waren auch nicht derſelben Regel unterworfen, ob ſie gleich in demſelben Kloſter lebten. Sie verließen die Baͤnke die ſie eingenommen hatten, um den Eintretenden Platz zu machen, ohne ihren Geſang zu unterbre⸗ chen, dann verließen ſie in Prozeſſion die Kirche. Felix befand ſich in derſelben Kirche, wo er wenige Wochen zuvor den Voluſianus geſehen hatte, als er mit dieſem Prälaten eine Conferenz hielt, worin dieſer ihm ſein volles Vertrauen zu ſchenken ſchien. Damals war er von ihm, Na⸗ mens aller Stadte Galliens, mit einer ehrenvollen Sendung beauftragt worden; er hatte ſich auch der Unterhandlung, die ihm uͤbertragen wurde, mit Gluͤck entledigt; kaum kehrte er aber davon zuruck, und noch hatte er nicht ſo viel Zeit gehabt, ſeinen Committenten Bericht zu erſtatten, da ſahe er ſich zum Gefangenen und Buͤßenden, zum Moͤnche gemacht, im Chor derſelben Kathedrale, woraus man ihm, wie er nicht ohne Grund vermuthete, — 35— nicht erlauben wuͤrde ſich zu entfernen. An derſel⸗ ben Stelle, wo man ihn hatte eintreten laſſen, fuhlte er nun im Angeſichte der ganzen Volks⸗ menge, daß er ein Gefangener ſey. Er befand ſich auf der zweiten Bank, an die Wand ſich lehnend. Zur Linken, zur Rechten und auf der Bank vor ihm ſaßen andere Moͤnche, die ihn ganz umga⸗ ben und den Augen der Glaͤubigen faſt ent⸗ zogen. Ueberdieß waren dieſe auch, durch eine hohe Baluſtrade von dem Chore getrennt, ſehr entfernt. Indeſſen hatte Felir doch die Abſicht, den Voluſianus, wenn ſich dieſer ihm nahern ſollte, mit lauter Stimme um Gerechtigkeit an⸗ zurufen, und ſollte ſich dieſe Gelegenheit nicht zeigen, ſo war er noch unentſchieden, ob er nicht den Augenblick, wo die Kirche noch voll Men⸗ ſchen wäre, ergreifen ſollte, um ſich zu nennen, ſich uber Gewaltthätigkeiten zu beſchweren, und ſeine Freiheit wieder zu fordern. Indeſſen ſahe er doch bald ein, daß dieſes nur ein verzweifelter Verſuch ſey, und daß er da⸗ mit ſich nicht uͤbereilen duͤrfe, da horte er, wie der Primicier zu den Huiſſiers und den Mönchen —— ſuges: der Heiligſte Apoſtbliſche befichlt, daß⸗ wonn der Buͤßende unſere heiligen Verrichtungen ſtören, oder einen Verſuch machen ſollte, ſich zu entfernen, er ſogleich in das Gefängniß unter dem Glockenthurme geworfen werde. Man beantwortete dieſen Befehl durch eine Verbeugung zum Zeichen des Gehorſams. eTrotz dieſer Drohung, welche man Felir ab⸗ ſichtlich hatte horen laſſen, berechnete dieſer doch, ob, wenn er ſich nur einige Augenblicke gegen die Monche vertheidigen koͤnnte, der Tumult, den er auf dieſe Art in der Kirche erregen muͤßte, ihm nicht Vertheibiger erwecken würde; allein dann wuͤrden ſein und Juliens Aufenthalt be⸗ kannt werden, und ſelbſt die Macht des Vo⸗ luſianus duͤrfte dann ſchwerlich hinreichend ſeyn⸗ um Letztere zuruͤckzuhalten, wenn Chlodowich An⸗ ſprüche auf ſie machte. Er hielt es daher fuͤr beſſer, ſich einer Gefangenſchaft zu unterwerfen, die, wie er meinte, nicht lange dauern konnte. Uebrigens bot ſich auch keine Gelegenheit zu dem Verſuche dar, ſich in Freiheit zu ſetzen⸗ Weder Voluſianus, noch eines der Oberhaͤupter der Geiſtlichkeit, welche Felix bei ſeiner frühern Reiſe neben jenem geſehen hatte, erſchienen in der Ka⸗ thedrale. Es war die Zeit, wo die Einwohner van Tours ihre täglichen Geſchaͤfte begonnen hatten, und ſich deshalb nicht haͤufig in der Kirche einfanden. Er erblickte blos einige alte Weiber im Gebete am Fuße der Altare, oder in der Ferne Pilger, die ſich auf den Knieen um das Grab des heil. Martin bewegten, von Zeit zu Zeit wohl auch einige jener wilden Mörder⸗und Räubergeſtalten, welche einen Zufluchtsort in dem Tempet gefunden hatten. Dieſe ließen ihre Blicke mit Erſtaunen und Habgier auf den Koſt⸗ barkeiten verweilen, die hier ihre Augen reizten, allein ſie wagten es doch nicht ſich zu nähern, weil ſie uͤberzeugt waren, daß ein plötzlicher Tod faſt immer die Kirchenrauber ſtrafe. Der Geſang der Monche hatte indeß immer fortgedauert, und die einſchläfernde Eintönigkeit deſſelben ſtimmte bewundernswuͤrdig mit Felir Ermüdung, der ſeit ſeiner Abreiſe von Soiſſons keiner Ruhe genoſſen hatte, der zu Pferde bis an die ufer der Loire gekommen und ſo lange er bei Julien, oder in den Ruinen von Heſodu⸗ num, oder in dem Fahrzeuge geweſen war, wo man ihn nebſt ihr gefangen fortgefuͤhrt hatte⸗ auch eben keine Neigung zum Schlafe verſpurt haben mochte. Trotz ſeiner Unruhe und der ſeltſamen Erinnerungen, ſo wie der nicht weni⸗ ger ſeltſamen Befuͤrchtungen, die ſeine Einbil⸗ dungskraft beſchaͤftigten, ſchloſſen ſich doch, ſeit er in der Kirche war, ſeine ſchweren Augenlieder von Zeit zu Zeit; allein die Kirchendiener beob⸗ achteten ihn unaufhörlich, und in dem Augen⸗ blicke, wo ſie ihn entſchlummern ſahen, ſtießen ſie ihn mit ihren langen Stäben an, und dieſer peinliche Kampf dauerte drei Stunden, ſo lange als der Geſang der Mönche anhielt. Es kam ihm vor, als wenn er weder geſchlafen noch ge⸗ wacht haͤtte, ſondern nur in einem langen Traume verſunken geweſen wäre. Endlich vernahm er in der Ferne die ann⸗ herung eines andern Chors von Moͤnchen, welche ſingend in derſelben Ordnung daherzogen, um diejenigen abzuloſen, bei denen ſich Felir befand. Er bemerkte, daß man zwiſchen den beiden Rei⸗ —— 2 ————— hen der Kommenden einen Buͤßenden gehen ließ, bekleidet mit einem Gewande, demjenigen aͤhnlich, das man ihm zu Heſodunum uͤber die Schultern geworfen, und noch immer nicht wieder abzulegen erlaubt hatte. Dieſer Buͤßende war kein Moͤnch, er ſang nicht, ſor dern ſchien ſich nur mit Wider⸗ willen zu nahern und den Mönchen, welche ihn mit ſich fortzogen, Widerſtand zu leiſten. Plotz⸗ lich erhob er die Stimme und rief: Helft mir, ihr Buͤrger von Tours! befreit mich von einer unwuͤr⸗ digen Gewalt! ich bin. Hier wurde ſeine Stimme von der der Mönche uͤberſchrieen, welche mit voller Kraft der Lunge ihre Pſalmen abzuſingen oder vielmehr herzuſchreien begannen, indem ſie zugleich den Ungluͤcklichen, der mit ihnen kämpfte, mit Schlägen zut Ruhe zu bringen verſuchten. Eine lärmende Muſik, die von dem Orcheſter der Kirche her ertoͤnte, er⸗ ſtickte vollends das Geſchrei des Buͤßenden, indeß die Weiber, in dem Tempel auf den Knieen liegend, ausriefen: Ein Beſeſſener! Ein Beſeſſener! Da⸗ bei ſchlugen ſie die Augen nieder und fuhren nur deſto eifriger in ihren Gebeten fort. — 24— Obgleich die Stimme des vermeintlichen Be⸗ ſefenen unſerm Felix gaͤnzlich unbekannt war, ſo ſtand er doch ſchnell auf, als wollte er ihm Huͤlfe leiſten, allein die Mönche ihm zur Seite faßten ihn am Arme und zwangen ihn ſich niederzuſetzen⸗ Auch der Beſeſſene unterwarf ſich der Gewalt; das neue Chor von Mönchen trat an die Stelle des vorigen. Dieſes zog mit Geſang aus der Kirche; wo es eingetreten war, und Felir⸗ in der Mitte gehend kehrte in die Gänge des Floſters zuruck. Sier ging die Prozeſſion aus einander, und je⸗ der Moͤnch begab ſich in eine Zelle. Der Primi⸗ cier keigte Felir eine offene Thur und ſagte zu ihm Das iſt Eure Zelle! Zu Mittag Euch auf die Uebungen gefaßt! Wache uebungen? fragte Felir voller Erſtau⸗ nen— was verlangt man noch von mir? Daß Ihr im Chor ſingt, oder wenigſtens bem Geſange beiwohnt, und zwar des Morgens von acht Uhr bis eilf, des Abends aber von vier Uhr bis ſieben/ und des Nachts blos von Mitternacht bis um zwei Uhr; dann auch, daß Ihr Euch mit: —————— unſern Gebeten um Mittag und um a6 uhr ver⸗ einiget. Welchen 3nec könnt Ihr aber babei haben, daß Ihr mich ſo qualt? Ich bin doch kein Moͤnch, und habe auch Luſt einer zu werden? Mit welchem Rechte Das iſt ſo die din des Häuſes. Alte Unglůͤckliche i in Eurem— wiſſ ſich w ben untetwerfen. In meinem Zuſtande ſaht was iſt denn das fuͤr ein Zuſtand? Wenn ich Euch das ſagte, wuͤrde ich vielleicht dem unteinen Geiſte Gelegenheit geben, auf Euch herabzukommen. Empfehlt Euch lieber der Barm⸗ herzigkeit Gottes und unterwerft Euch!— Nein! Nein! Redet, was iſt mein Suſtand? Weil Ihr es denn durchaus wiſſen wolſt Ihr ſeyd ein Beſeſſener! Wunderliches Geſchwaͤtz! ich, Felir Surni ein Beſeſſener! ich, dem Euer Biſchof ſelbſt den Auftrag gegeben hat, ihn bei Chlodowich zu reprd⸗ ſentiren, ich, der ſo eben von einer Geſandſchaft, X — 96— zuruͤckkehrt, wo ich die Rechte Eurer Kirche geſichert habe. Ja, ja, Ihr, Felir Florentius, der in der letz⸗ ten Nacht einen Prieſter geſchlagen, und durch dieſes abſcheuliche Verbrechen ſich den Mächten der Hölle Preiß gegeben hat.. Ihr, Felix Floren⸗ tius der in die Ruinen von Heſodunum hinabge⸗ ſtiegen iſt, um den unreinen Geiſtern zu opfern, der dort einen Stellvertreter des Beelzebub getroffen hat, der Euch unter der Geſtalt eines Weibes er⸗ ſchien, und der durch ihre Reize dergeſtalt bezau⸗ vert wurde, daß er ihr ſ eine unſterbliche Seele ver⸗ kaufen wollte, der dann plötzlich von den boͤſen Geiſtern ergriffen, in dunkle Nacht verſenkt, und nachdem er durch eine Menge Taͤuſchungen geaͤfft worden, ſchnell in die Abgruͤnde der Holle hinab⸗ geriſſen werden ſollte, als ein heiliger Mann dieſes Kloſters, der eben vor dem Grabe des heil. Martin im Gebete lag, Eure Gefahr erfuhr und Euch durch ſeine Gebete, wunderbarer Weiſe, vielleicht zum Lohne fur den Dienſt, den Ihr der Kirche ge⸗ leiſtet habt, daraus befreite. Die böſen Geiſter ſind gezwungen worden Euch dieſen Morgen an der Pforte unſers Kloſters niederzulegen. Ihr ſeht, Felir Frſius daß ich Eure Geſchichte ganz kenne!— Wie? ſo wagt man es, eine ſchaͤnbliche Ent⸗ führung zu erzählen? Wagt? Wagte Ihr muͤßt wiſſen, daß in unſern Augen Eure vorige Große nur wie eine Blume erſcheint, welche ſchnell verwelkt, oder wie der Staub, den der Wind zerſtreut. Hier ſeyd Ihr nur ein Menſch, und ſo lange der böſe Geiſt ſeine Gewalt uͤber Euch behält, we⸗ niger als ein Menſch. Hier wagt man es, die Wahrheit zu ſagen, und man wird es im Nothfall auch wagen, Cuch der Regel zu un⸗ terwerfen. Mehr als einmal ſchon haben wir Gewalt gebraucht, um die Beſeſſenen zu zwin⸗ gen dem Gottesdienſte beizuwohnen; allein nach Verfluß einiger Wochen weicht der unreine Geiſt immer unſern Anſtrengungen, die Anfälle wer⸗ den ſeltener, die ruhigen Zwiſchenräume, wie der, worin Ihr Euch eben befindet, verlängern ſich, und der, den man binden mußte, um ihn 2r Bd. G in die Kirche zu bringen, begiebt endlich mit Vergnuͤgen dahin. Iſt's denn möglich, daß ein geſetzter Mann in ſolche Wunderlichkeiten keinen Zweifel ſetzt? Ihr erzählt das Alles, ohne Euch im Wn zu verwundern? Ein Diener des heil. Martin hoͤrt bald auf ſich zu verwundern. In dieſem Hauſe iſt Alles Wunder! Wir ſind hier weit mehr an Wunder gewoͤhnt, als an den naturlichen Gang der Be⸗ gebenheiten. Wenn man jeden Tag ſieht, wie Kranke ihre Geſundheit, die Todten ſelbſt das Leben wiederbekommen, wenn man ſieht, wie Schaͤnder des Heiligthums am Fuße der Altäre in dem Augenblicke, wie vom Blitze getroffen, umkommen, oder in ihrem Blute ſchwimmen, oder ſich wuͤthend auf dem Boden waͤlzen, weil ſie ihre unheiligen Haͤnde an Dinge gelegt hat⸗ ten, welche dem heil. Martin geweiht waren, dann hat man keine Urſache ſich uͤber ſo ge⸗ wöhnliche Ereigniſſe, wie die Eurigen, zu ver⸗ wundern. — 99— Und ſind denn dieſe ſo gewöhnlichen Bege⸗ benheiten dem ganzen Kloſter bekannt? Allerdings! Indeſſen habt Ihr auch bemerken koͤnnen, daß ſie eben ſo wenig Erſtaunen als Neugier unter unſern Bruͤdern erzeugt haben. Felir hatte während dieſer Unterredung Zeit gehabt ſich zu faſſen; er ſahe wohl ein, daß Wi⸗ derſtand hier ganz vergebens ſeyn werde, daß man auf alle ſeine Betheurungen nicht achten, und daß die Ungeduld, welche er merken laſſe, als ein neuer Beweiß ſeines Beſeſſenſeyns an⸗ geſehen werden wuͤrde; er bedachte uͤberdies, daß es ihm ſehr nuͤtzlich ſeyn muͤßte, den Plan de⸗ rer, in deren Händen er ſich befand, vollſtändig kennen zu lernen, und ihnen Zeit zu laſſen, ihre Abſichten ganz zu enthuͤllen, damit er dann ſeiner Seits ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen ver⸗ moͤchte. Der Primicier ſchien ihm indeſſen, wenn er gleich eine unbeſchraͤnkte Gewalt uͤber ihn ausübte, keine Hauptperſon in dieſer Sache. Er glaubte nicht, daß er das volle Vertrauen des Voluſianus beſitze, und daß er ſelbſt von Allem 6 2 dem uͤberzeugt ſey, was er ihm geſagt habe. Felir konnte auf ſeinem Geſichte keine Spuren irgend einer gehaͤſſigen Leidenſchaft entdecken; er hielt es ſogar nicht fuͤr unmoͤglich mit ein we⸗ nig Geſchicklichkeit und Zeit ſein Wohlwollen zu gewinnen. Er ſetzte daher den Streit mit ihm nicht fort, ſondern begab ſich in die ihm ange⸗ wieſene Zelle, und indem er ſich aufs Bette warf, um der Ruhe zu genießen, vernahm er, daß die Thuͤre doppelt hinter ihm verſchloſſen wurde. 3 . Fuͤnftes Kapitel. Ein Beſchuͤtzer. Wenn Du mir den Sieg uͤber dieſe Feinde verleihſt, rief Chlodowich, wenn ich die Macht ſpuͤre, welche die Voͤlker Dir beilegen, dann wilt ich an Dich glauben, und mich taufen laſſen auf Deinem Na⸗ men. Denn ich habe bereits meine Goͤtter ange⸗ rufen, und ich fuͤhle wohl, daß ſie ſich entfernt ha⸗ ben, ohne mir beizuſtehen. Vita sancti Remigii. P 375. Schon waren mehrere Tage verfloſſen, ſeitbem Felir und Julia verſchwunden waren; Severus hatte ſie zwiſchen Noviliacum und Chartres in ſteter Anſtrengung zugebracht, um von ſeiner Tochter Nachrichten zu erhalten. Er hatte nach allen Seiten Leute zur Nachforſchung ausgeſandt; er hatte durch Vermittelung der Pansprieſterin, Lamia, den Bagauden, welche an dieſem Raube vielleicht Antheil haben mochten, ein Aſyl, Ver⸗ zeihung und Belohnungen fuͤr eine offene Ent⸗ deckung anbieten laſſen; er hatte an alle ſeine Freunde geſchrieben, hatte um die Unterſtuͤtzung Aller derer gebeten, deren Einfluß und Macht ihm bedeutend genug ſchienen, und von Allen hatte er zwar Verſprechungen, aber keine neue Aufklaͤ⸗ rung erhalten. Sylvia ließ es zu gleicher Zeit ihrer Seits ebenfalls nicht an Thätigkeit bei ihren Nachfor⸗ ſchungen fehlen. Der heftige Fieberanfall, der der Anfang einer bedeuternden Krankheit zu ſeyn ſchien, hatte glucklicherweiſe keine Folgen gehabt. Ich habe nicht Zeit, krank zu werden, hatte ſie geäußert, ſo lange die Freiheit, ja vielleicht das Leben meines Sohnes von den Anſtrengun⸗ gen abhaͤngt, deren ich mich fuͤr ihn unterziehe. In der That hatte auch die Kraft ihres Willens uber die Schwaͤche ihres Koͤrpers geſiegt, und die Erſchuͤtterung uͤberwunden, welche der letztere erlitten hatte. Zwei Mal hatte ſie geglaubt einen Faden zu bekommen, der ſie zur Wahrheit fuhren könnte. Bettler aus Limoges hatten ausgeſagt, daß ſie unterweges einem Trupp Weſtgothiſcher Solda⸗ ten begegnet waären, welche zwei Gefangene von Wichtigkeit nach Toulouſe gebracht hätten. Sie ſetzten noch hinzu, daß einer dieſer Gefangenen beſchuldigt worden ſey, mit den Franken ſich in Unterhandlungen eingelaſſen zu haben, welche Alarich H. nachtheilig geſchienen haͤtten. Die Erzählung war nicht unwahrſcheinlich, und in⸗ dem ſie Sylviens Beſorgniſſen eine neue Rich⸗ tung gab, vermehrte ſie zugleich ihre Angſt. Sie wollte die Bettler ſehen, ſie befragte ſie auf das ſorgfältigſte, machte ihnen Geſchenke, und erbot ſich zu den anſehnlichſten Belohnungen, wenn ſie ihr zur Entdeckung ihres Sohnes behuͤlflich wären; allein ihre Antworten wurden immer ver⸗ wirrter, und bald uͤberzeugte ſie ſich, daß ihre Erzählung völlig erbichtet ſeyo. Es wurde ihr nur nicht ſo leicht zu beſtimmen, ob dieſe Bett⸗ ler aus eigenem Antriebe auf ihre Unruhe ſpecu⸗ lirt haͤtten, oder ob ſie nur das Werkzeug einer verſteckten, geſchickteren Hand wären. Kaum hatte ſie ſich uͤberzeugt, daß die Erzählung jener Leute 0 — 104— eine Luge ſey, als man ihr Bericht erſtattete von dem Zuge eines Trupps fraͤnkiſcher Sol⸗ daten, welche, wie man ſagte, bis nach Chartres vorgedrungen und, ohne daß man eine Veran⸗ laſſung dazu errathen koͤnnen, zwei Tage nach⸗ dem Felir und Julia verſchwunden, plötzlich wie⸗ der zuräckgegangen wären. Der Pater Martin⸗ dem dieſe Nachricht zuerſt zugekommen war, fugte hinzu, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach Clodowich ſelbſt die ihm angebotene Gemahlin habe ſehen wollen, und daß er die Entführung deshalb veranſtaltet habe, weil der Vater zu lange gezögert, ſie ihm zuzufuͤhren. Er ſetzte hinzu, daß dieſe Vermuthung dadurch noch wahr⸗ ſcheinlicher werde, daß man in den Waldungen von Chartres einen Trupp Bagauden, welche ge⸗ wiß in die Entfuͤhrung verwickelt geweſen, ge⸗ rade den Tag, an dem die fränkiſchen Truppen abgezogen ſeyen, habe erſcheinen ſehen⸗ Sylvia überſandte dieſe Nachricht ſogleich dem Julius Severus, der ſich damals zu Char⸗ tres befand, und der dort eher im Stande war dieſelbe zu unterſuchen. Martin wartete ſeine „ — — 105— Ruͤckkehr nach Noviliacum nicht ab; er war ſeit der Entfuͤhrung von Felir duͤſter und nach⸗ denkend geworden, er ließ unverhohlner ſeinen Haß gegen den Senator von Chartres und deſ⸗ ſen Tochter merken, deren ungluͤckliche Freund⸗ ſchaft, wie er ſagte, ſeinen ehemaligen Zögling ins Verderben geſtuͤrzt habe. Er beſchuldigte alle Welt, tadelte alle Welt mit einer Bitterkeit, welche weit heftiger war, als die, die man ge⸗ wöhnlich an ihm bemerkte. Endlich reiſ'te er nach Tours, und zwar, wie er ſagte, zu Folge eines ausdruͤcklichen, von ſeinem Biſchof Volu⸗ ſianus erhaltenen Befehles. Julius Severus ſagte bei ſeiner Ruckkehr nach Noviliacum zu Sylvien, die Franken, welche man zu Chartres geſehen habe, ſeyen dazu be⸗ ſtimmt geweſen, ihm zur Eſcorte zu dienen; die fluͤchtigen Landleute, welche man in den Waäldern geſehen habe, kaͤmen aus dem Norden und nicht von Suͤden. Dieſe falſchen Nachrichten, womit man uns gern täuſchen möchte, fuhr er fort, laſſen mir keinen weitern Zweifel uprig. Unſere Kinder . — 106— befinden ſich nicht in den Händen gewohnlicher Raͤnber; dieſe wuͤrden nicht ſo geſchickt ſich zei⸗ gen. Sie ſind auch nicht in der Gewalt eines barbariſchen Fürſten oder eines Feindes, mäch⸗ tig genug, um unſerm Zorne zu trotzen, denn dieſer wuͤrde ſich nicht ſo viel Muͤhe geben. Nur ein Oberhaupt der Kirche iſt im Stande Liſt ſo mit Gewalt zu paaren, und wenn meine Ver⸗ muthungen gegrändet ſind, wenn ich mich auf einige Anzeigen verlaſſen darf, welche ich ge⸗ ſammelt habe, ſo muͤſſen wir die Vermißten zu Tours bei dem Voluſianus ſuchen. Es wäre vielleicht beſſer, ſie befaͤnden ſich in den Schlupf⸗ winkeln der Raͤuber. Jetzt mißhandelt man ſie zwar noch nicht, allein ich furchte fuͤr den Au⸗ genblick, wo unſere Bemuͤhungen zu ihrer Be⸗ freiung die Beſorgniſſe des Prälaten erregen werden; Voluſianus iſt zu Allem fähig, um ſie unſern Nachforſchungen zu entziehen. Huͤten wir uns alſo an die Kloſterpforte zu klopfen, welche ſie ohnſtreitig birgt, wenn wir nicht ganz ſicher ſind, daß wir ſie werden öffnen können. 3 — — — — 107— Gern hätte Sylvia auf beſtimmtere Weiſe erfahren, welches die Anzeigen waͤren, die ſich Severus zu verſchaffen gewußt hatte; allein da ſie mit ſeinen Unterredungen mit der Lamia zu⸗ ſammenhingen, da er ſelbſt nicht deutlich unter⸗ ſchied, was er bei ſeinen Entdeckungen den pro⸗ phetiſchen Einſichten der Prieſterin des Pan und den Erkundigungen verdankte, welche die Ver⸗ traute der Raͤuber eingezogen haben konnte, ſo ſagte er Sylvien auch nicht Alles, was er wußte; ſo gelang es ihm auch nicht ihr die Gefangen⸗ ſchaft ihrer Kinder aus demſelben Geſichtspunkte betrachten zu laſſen. Während ihrer Unterhal⸗ tung uͤbergab ein Bote Sylvien einen offenen Brief, in dem ſie augenblicklich die Handſchrift ihres Sohnes erkannte. Sie fand darin blos folgende Worte: „Ich bin geſund und in Sicherheit, aber ge⸗ „fangen und von Julien getrennt. Mein „groͤßter Schmerz iſt der, den mir die Angſt „verurſacht, worein unſer Verſchwinden Euch „hat verſetzen muͤſſen. Diejenigen, in deren „Haͤnden ich mich befinde, erlauben mir Eure * Angſt zu beruhigen, unter der Bedingung, daß „ich Euch kein Anzeichen gebe von dem Orte, „wohin man uns gebracht hat, und daß ich Euch „bitte keine Nachforſchungen unſertwegen an⸗ „zuſtellen, denn alle Eure Schritte wuͤrden „keinen andern Erfolg haben, als den, unſere „Lage zu verſchlimmern.“ Der Bote, welcher dieſes Schreiben uͤber⸗ brachte, ſagte, daß er es von einem Prieſter erhal⸗ ten habe, den er nicht kenne, und der ihn in einem benachbarten Dorfe aufgeſucht habe. Eine an⸗ dere Auskunft ließ ſich von ihm durchaus nicht er⸗ halten. Indeſſen beſtätigten das Schreiben, und die Perſon deſſen, der es abgegeben hatte, den Verdacht des Julius Severus. Es beruhigte je⸗ doch Sylvien einigermaaßen, und machte, daß ſie zu den Maaßregeln mitwirkte, welche Severus zu treffen fuͤr gut fand. Der Erzbiſchof, oder, wie man ihn gemeinig⸗ lich nannte, der Metropolitan⸗Biſchof von Tours erkannte keinen Hoͤhern auf Erden uͤber ſich. Es gab keine Regierung, an welche man gegen ſeine Beſchluſſe hätte appelliren können. Die Weſtgo⸗ „——— — 109— chen von Toulouſe hatten zwar, eine kurze Zeit hindurch, ihre Gewalt bis zur Loire ausgedehnt, allein ſeit den ſechs Jahren nach dem Tobe Eu⸗ richs hatte man keine Weſtgothen in dieſen Theil Aquitaniens vordringen ſehen. Die Anſpruͤche, welche Alarich II. machen konnte, wurden daſelbſt durchaus nicht anerkannt, und geſetzt, er haͤtte auch ſie ganz zu behaupten vermocht, ſo konnte ein Ari⸗ aner doch nur mit großem Mißtrauen ſich in die Angelegenheiten der Kirche miſchen, oder ſich mit dem Volksaberglauben in einen Kampf einlaſſen. Wollte man den Beiſtand eines Conciliums oder des Biſchofs von Rom anrufen, ſo konnte man vielleicht Jahre kang auf eine Abhuͤlfe war⸗ ten, welche am Ende denn doch verſagt wurde, ſich durch eigene Kraͤfte zu helfen, war jedoch un⸗ moglich. Die Roͤmer in den Provinzen, welche nicht einmal Soldaten zu ihrer eigenen Vertheidi⸗ gung zuſammenbringen konnten, waren aber nicht ſehr geneigt ſich wegen einer Privatſtreitigkeit, be⸗ ſonders gegen die Kirche, zu bewaffnen. In das Kloſter ſelbſt durch irgend eine Liſt oder durch Ue⸗ berfall zu dringen, um die Schlachtopfer der prie⸗ — 110— ſterlichen Gewalt daraus zu befreien, war ein Un⸗ ternehmen von ſolcher Schwierigkeit, daß man kaum ein Beiſpiel des Gelingens anfuͤhren konnte; indeſſen war Severus doch nicht unent⸗ ſchloſſen es zu verſuchen, wenn alles Andere— ſchlagen ſollte. Allein ehe er zu ſolchen verzweifelten Schuunen ſeine Zuflucht naͤhme, wollte Severus ſich an Chlo⸗ dowich wenden, um durch ihn die Befreiung von Felir und ſeiner Tochter zu erhalten. Er ſahe recht wohl ein, daß man die letztere bloß entfuͤhrt hatte, um ihrer Verbindung mit dem Koͤnige der Franken Hinderniſſe in den Weg zu legen; allein er dachte doch auch, daß der Prälat, der auf Chlo⸗ dowichs Bekehrung die ganze Hoffnung gegruͤndet hatte, die orthodoxe Kirche triumphiren zu ſehen, vor Allen fuͤrchten wurde, den zu beleidigen, um deſſen Schutz er ſich ſo ſehr bemuͤhte, und daß er dem Könige der Franken wohl eine Nachgie⸗ bigkeit beweiſen wuͤrde, die er jedem Andern ver⸗ ſagen mochte. Severus beſchloß daher, ſogleich nach 60 ſons zu reiſen, dem Chlodowich die Gewaltthätig⸗ — — 11— keit mitzutheilen, deren Beute ſeine Tochter ge⸗ worden ſey, ihm dieſes Attentat der geiſtlichen Ge⸗ walt ſo darzuſtellen, als ſey es gegen ſeine eigene konigliche Perſon gerichtet, und wenn er dann ſo ſei⸗ nenZorn erregt haben wurde, ihn zu veranlaſſen, daß er beſtimmt verlangen ſollte, die Klöſter von Tours durch königliche Abgeordnete durchſuchen zu laſſen, um ſich zu verſichern, daß Julia und Felix nicht darin feſtgehalten wuͤrden, und ſie ſo in Frei⸗ heit zu ſetzen. Allein bei ſeiner Ankunft zu Soiſſons bemerkte Severus gar bald, daß ſein Anſehen in der Zeit ſeiner kurzen Abweſenheit gar ſehr vermindert wor⸗ den ſey. Es war einer jener kritiſchen Momente fur die Hoöflinge, wo der König, ſchwankend zwi⸗ ſchen den ſich bekämpfenden Faktionen, von dem, der ſeine Gunſt ſich erhalten wollte, unaufhoͤrlich bewacht werden mußte. Nie war der Einfluß des Julius Severus auf den König der Franken groͤßer geweſen, als in den Wochen, welche unmittelbar vor ſeiner Abreiſe vorhergegangen waren; denn in dieſem Augenblicke leitete er für ihn die allerwich⸗ tigſte Unterhandlung, nemlich die, welche durch —— n der Franken mit den Armorikern aus Beiden ein einziges Volk gemacht hatte, be⸗ ſtimmt bald ganz Gallien ſich zu unterwerfen. Allein nachdem der Traktat einmal unterzeichnet ar, hatte Chlodowich gegen den Severus jene Eiferſucht gefaßt, welche Fuͤrſten ſo naturlich ge⸗ gen diejenigen aufreizt, die zu Gruͤndung ihrer Groͤße beigetragen haben. Seine Abreiſe von Soiſſons hatte den König von den Ruͤckſichten be⸗ freit, welche ihn druͤckten. Die Feinde des Gra⸗ fen von Chartres, welche ihn ſogleich umgeben hatten, benutzten die Abweſenheit des Senators, um dem Chlobowich bemerklich zu machen, wie klein die Anzahl der Heiden ſey, welche Gallien noch bewohnten, und wie wenig man ihren Ein⸗ fluß auf die offentlichen Angelegenheiten zu fuͤrch⸗ ten habe; Chlodowich ſchloß daraus mit Freuden, daß er diejenigen, welche er bisher geſchont hatte, nunmehr ohne alle Furcht unterdruͤcken könne. Auf der andern Seite war die Unterhandlung, deren ſich der Erzbiſchof von Vienne unterzogen hatte, um dem Könige der Franken Clotilden, die Nichte des Königs der Burgunder, als Gemahlin — 118 zuzufuͤhren, in dem gluͤcklichſten Gange. Die fraͤnkiſchen Krieger hatten ſich laut darüber ausge⸗ ſprochen, wie fehr ihnen die Vermaͤhlung eines Abköͤmmlings aus dem erlauchten Blute des Me⸗ roveus mit einer jener Römerinnen mißfalle, die ſie ſchon als ihre Sklavinnen anſahen, da ſie hin⸗ gegen ſeine Verbindung mit dem burgundiſchen Königsgeſchlechte ſehr gern ſahen. Der König Gundebald, der den Vater der Clotilde umge⸗ bracht, und ihre Mutter, mit einem Steine am Halſe, in einen Fluß hatte werfen laſſen, der ihre beiden Brüder erdolcht hatte, vergaß jetzt ſeines eigenen Grimmes, und dachte nicht an den Haß, den ſeine Nichte gegen ihn hegen mußte; er glaubte, daß er durch ſie in eine engere Verbindung mit dem Könige der Franken kommen könnte; er nahm daher die erſten Eroffnungen, die ihm ge⸗ macht wurden, mit Freuden auf, und ſuchte eine Ehe zu beſchleunigen, die den Untergang ſeines Hauſes und ſeiner Monarchie ſchnell herbeifuͤhren ſollte. Chlodowich, von Gundebalds guͤnſtiger Stimmung unterrichtet, hatte ſchon den Aurelia⸗ nus, ſeinen lateiniſchen Rath, an jenen abgeſandt, 2r Bd. 5 — und förmlich um Ciutitens Sunner laſſen. An Julia Settn dachte er ganz und gar nicht mehr. Mit wilcher Stirn wagt Ihr es vor zu tteten, ſagte er zu Severus, nachdem Ihr mich uͤber das Verhaltniß Eurer Tochter habt täuſchen wol⸗ len? Sagtet Ihr mir nicht, ſie ſey noch frey? und doch hore ich, daß ſie mir nicht angehoren konnte, ſie war ſchon mit den verſprochen, ſie ent⸗ — hat. Derjenige, der be en König täuſcht, verſetzte Severus, verdient alterdings eine harte Strafe, allein ich habe Euch nicht getäuſcht; meine Feinde chun das, wenn ſie ſagen⸗ meine Tochter ſey nicht mehr frey, oder durch Felir entfuͤhrt worden. Nicht von Felir hat der Erʒiſchof von Ryeins geſprochen; der ehrwuͤrdige Prieſter iſt nicht ge⸗ wohnt zu lügen; er ſagt blos, Eure Tochter ſey Lerſchwunden in den Eingeweiden der Erde; iſt wahr? Auerdings iſt ſie in den unterirrdiſchen ou. gen von Heſodunum verſchwunden. ————,——— —— Er ſagt, ſie habe ſich zuvor ſchon einem Gotte ergeben? Was iſt das fuͤr ein Gott der Chriſten, dem ſie keine Altaͤre errichten, den ſie im Gegen⸗ theile haſſen und fürchten, wie wir die furchtbaren Walkyren? Eure Herrlichkeit meint den urife. den Konig der boſen Geiſter, ſagte ein Prieſter, der ſich ge⸗ genwaͤrtig befand, allein fern ſey von uns die Lä⸗ ſterung dieſem den Namen Goites beizulegen⸗ Nun dann, dieſer Lucifer, den ſi ſie nicht Gott nennen, ob er gleich über die Hölle und die Hälfte der Erde herrſchen ſoll, hat der nicht Eure Toch⸗ ter entfuͤhrt? Iſt es nicht wahr, daß ſie ſich ihm ſchon vorher verſprochen hatte? und daß er in den Ruinen erſchienen iſt, von denen Ihr ſprecht, um ſie an der Erfuͤlung ihres Verſprechens zu mahten? Eure Herrlichkeit, entgegnete Severus, ſollte den Prieſtern einer Religion, die der Ihrigen feind⸗ lich ſich zeigt, keinen Glauben beimeſſen! Das Werk der Finſterniß, welches ſie erzuͤhlen, das haben ſie ſelbſt veruͤbt!— 82 — 116— Iht ſolltet vielmehr ſagen: Wehe den Koͤni⸗ gen, welche nicht die Prieſter von jeder Religion achten! denn nur durch ſie wird unſere Gewalt befeſtigt. Nein! Durch ſie wird unſere Freiheit vernich⸗ tet! rief der Franke Theuderich—— Gallier, ſprich, wer iſt der Prieſter, der Deine Tochter beleidigt hat? Ich will dir Recht ſchaffen gegen ihn!— Und wer biſt denn Du, rief Chlodowich im Zorn, der ſich anmaaßt einen Streit zu unterhalten, wo⸗ rein ſich Dein König nicht einlaſſen will? Ein Franke! Ein Antruſthion!(Dies war die Benennung, welche die Franken ihren Anfuͤhrern oder den Oberhaͤuptern der kleinen Geſellſchaften gaben, die ſie bildeten, um ſich zum Kriege vorzu⸗ bereiten.) Weder ich, noch die Meinigen haben je von einem Koͤnige den Befehl erwartet, die Streitart zu erheben oder wegzulegen. Ihr habt mich erwaͤhlt, ſagte Chlodowich, ſich mäßigend, um Euch zum Kampfe zu fuͤhren, wa⸗ rum wollt Ihr jetzt ohne mich in denſelben ziehen? Ihr mögt Euch, erwiederte Theuderich, von Eurem Freunde wenden, wann er eurer bedarf, ich ———ꝛ. — 117— fuͤr meine Perſon werde ihn nicht in der Noth ver⸗ laſſen! Theuderich hat Recht, riefen auf einmal meh⸗ rere Franken, wer will freie Maͤnner hindern ihr Schwerdt zu ziehen, fuͤr wen und wann ſie wollen? Edle Franken, verſetzte Chlodowich, fern ſey es von mir Eure Freiheiten beſchränken zu wollen, allein Ihr habt eben den Schwur der Treue von den roͤmiſchen Städten empfangen, welche Euch den Tribut verſprochen haben. Tauſcht dieſen Schwur nicht, oder fangt nicht wieder Krieg mit ihnen an, denn die große Verſammlung unſeres Volkes wuͤrde Euch das nicht verzeihen. Das iſt ein Privatſtreit, verſetzte ein Franke, und wenn ein Franke beleidigt iſt, entweder in ſei⸗ ner Perſon oder in der ſeiner Freunde, was kann ihm Recht verſchaffen, wenn nicht ſein Schwerdte Mag es ihm das Schwerdt verſchaffen! ent⸗ gegnete Chlodowich, aber wollt Ihr es denn jetzt gegen unſichtbare Mächte ziehen? Haben wir nicht geſehen, daß unſere Soldaten in den Wäl⸗ dern von Tongrien durch den Hauch des Geiſtes des Gebirges mit Entſetzen erfüͤllt wurden? Iſt —— das Schwerdt Hermanſul's nicht auf die Frieſen herabgekommen, und hat viele hunderte in dem Angenblice erſchlagen, wo ſich der Sieg ſchon ganz fuͤr ſie erklaͤrt hatte Sind nicht die Erſtge⸗ vornen der Allemannen von der Peſt hingerafft worden, weil ſie die Götter der Gepiden beleidigt hatten? Man ſagt, der Gott der Chriſten iſt mäch⸗ tiger noch als ſi ſie Alle, iſt weit furchtbarer in den Schlachten, achtet, ſcheut ihn, wenn ihr Rache entgehen wollt! Ich achte, ich ſcheue die Giue antehet. berich, aber nicht die Menſchen, und die Prieſter ſind nichts als Menſchen, und zwar ehrgeizige, habgierige, falſche Menſchen. Gallier! ich wie⸗ derhohle es, willſt Du, daß ich mit meinen Tapfern Deinem Prieſter die Wahrheit ſagen lehre? Die⸗ ſor Friede macht mir Langeweile, es wird mich ſehr freuon, auch die Länder kennen zu lernen, welche auf dem linken Ufer der Seine liegen. Auf das linke Ufer der Loire ſogar mußte ich Euch fuhren, orwiederte Severus; allein ehe ich Eure großmüthige Unterſtüzung annehme, muß ſch zuvor um die Zuſtimmung des erlauchten Chlo⸗ —,— — 110— dowich bitten. Er hat nicht weniger als ich Ur⸗ ſache das freche Unterfangen des Biſchofs von Tours zu ruͤgen. Damit er ſie nicht zu ſeiner Ge⸗ mahlin machen ſollte, iſt mir meine Tochter ge⸗ raubt worden. Eure Herrlichkeit moge ja auf Ih⸗ rer Hut ſeyn, wenn ſie nicht in die nemliche Ab⸗ haͤngigkeit von den Prieſtern gerathen will, worein wir die Majeſtät der romiſchen Kaiſer fallen ſehen. Beſtrafe ſie daher ſchnell dieſen erſten Verſuch, ſie durch Wunder zu tauſchen, oder Ihr Geſetze vor⸗ zuſchreiben, denn in der Folge durfte es ihr nicht ſo leicht werden, dieſe Feſſeln zu zerbrechen. Römer! verſetzte Chlodowich, bemuͤhe Dich nicht mein Intereſſe mit dem Deinigen, oder Deine Beleidigung mit der meinigen zu verwechſeln. Wer es auch ſeyn mag, der Dir Deine Tochter entführt hat, Lucifer oder Voluſianus, fuͤr mich iſt ſie nicht mehr!— Bilde Dir nicht ein, daß ich eine Frau aus den Händen ihres Räubers wie⸗ der fordern werde, oder daß ich dem Gotte der Chriſten den Krieg ankuͤndigen, oder ſeine Pris⸗ ſter kränken möchte, weil eine Römerin den Maͤch⸗ ten des Himmels oder der Hölle ſich unterworfen —— hat, oder weil ſie etwa in ben Schlund dieſet Rui⸗ nen hinabgeſturzt iſt. Von mir haſt Du keinen Beiſtand zu erwarten. Allein die Franken ſind frei; wenn Theuderich Dich unterſtuͤtzen will, ſo wird er ſchon Maͤnner genug finden, die bereit ſind die Streitart zu erheben, und ihm zu folgen. Moͤ⸗ gen ſie nur zugleich bedenken, daß, wenn der Gott der Chriſten ſie mit ſeinem Hauche zerſtreuen ſollte, Chlobowich ſie es nicht mit ihm Ahe zunehmen. Dieſe dem Chlodowich wider Willen entriſſene Einwilligung genuͤgte dem Julius Severus nur ſehr unvollkommen; er ſahe wohl, daß es der Koͤnig nicht gern ſah, wenn ſich die Franken unter einer andern Fahne als der ſeinigen zum Kampfe ſtell⸗ ten; er wußte, daß wenn er gleich ſeine Soldaten ſchonen und ihren Launen immer nachgeben mußte, er doch dieſe Kränkung nicht verſchmerzen konnte, und immer fruͤher oder ſpäter ein Mittel fand, die Beleidigung, die er im Stillen getragen hatte, auf das grauſamſte zu raͤchen. Waͤre es dem Seve⸗ tus nut darum zu thun geweſen, einen Theil nes Beſitzthums wieder zu erlangen, ſo wuͤrde er wahrſcheinlich zu ſehr Hofmann geweſen ſeyn, um Theuderichs Anerbieten anzunehmen; er wuͤrde ſich ſelbſt einen beträchtlichen Verluſt habe gefal⸗ len laſſen, und von der koͤniglichen Gunſt eine Ent⸗ ſchaͤdigung erwartet haben, welche vielleicht nie Statt gefunden haͤtte. Aber ſeine einzige Tochter war gefangen und in den Haͤnden ſeiner toͤdlich⸗ ſten Feinde. Jedes andere Mittel, ſie in Freiheit zu ſetzen, ſchien ihm verſagt. Seine Freunde zu Soiſſons hatten ihn ſchon von den Fortſchritten der Unterhandlung, wegen der Vermaͤhlung des Koͤnigs mit Clotilden, ſo wie von dem Einfluſſe unterrichtet, den der heil. Remi, nebſt der ganzen geiſtlichen Parthei gewonnen hatte, und der Em⸗ pfang, den er bei Chlodowich gefunden, hatte ihn vollends uͤberzeugt, daß er von der Freundſchaft deſſelben nichts zu erwarten haben, und daß alle Dienſte, die er ihm geleiſtet hatte, ſtatt ſeine Dankbarkeit zu erwecken, in ſeinen Augen außerſt vetdienſtlos wurden. Er nahm daher Theuderichs Anerbieten an, und bat ihn um eine Zuſammen⸗ kunft, um ſich mit ihm uͤber die zu unternehmende Erpedition umſtändlicher zu beſprechen. Julius Severus wollte eben ſo wenig als Chlo⸗ dowich die Feindſeligkeiten zwiſchen den Franken und Römern aufs Neue anfachen. Er wuͤnſchte blos vor Tours mit einer hinreichenden Macht zu erſcheinen, um dem Prälaten Furcht einzujagen und zu Erfuͤllung ſeines Verlangens zu bewegen, allein er wuͤnſchte auch, daß ſich dann die Fran⸗ ken zuruckziehen könnten, ohne Gelegenheit zu ha⸗ ven, das Schwerdt zu ziechen. Die Schwaͤche der galliſchen Provinzen war ſo groß und die Stadt Tours ſo aller Vertheidigungsmittel entbloͤßt, daß er ein Corps von drei hunbert fränkiſchen Krie⸗ gern für mehr als hinreichend hielt, um ſich auf ſechzig Stunden weit von ihren letzten Niederlaſ⸗ ſüngen voraus zu wagen, und einer, Stadt — vorzuſchreiben Er wuͤnſchte nicht noͤthig zu haben ie ehat⸗ ſ einer groͤßern Anzahl von Soldaten zu be⸗ friedigen, als ihm gerade ganz nothwendig ſchien; denn er hatte beſchloſſen ſie durch das Land der Carnuten, fo wis durch ſeine eigenen Beſitungen zu führen, und et war ſehr darauf gefaßt, in den barbariſchen Truppen ſehr unbequeme Gůſte zu ſin⸗ ————„ — 123— den, auch wenn ſie ſich als Freunde näherten. Er rechnete darauf, ſie mit Huͤlfe der Sylvia Numantia bei Noviliatum über die Loire ſetzen zu laſſen, und ſo den Voluſianus im eigentlichen Sinne zu uͤberfallen, da er ſich hinter dieſem gro⸗ ßen Fluſſe fuͤr völlig ſicher hielt. Theuderich leiſtete indeſfen den ebelmuthigen Beiſtand, den er dem Severus zugeſagt hatte, nicht umſonſt. Die Franken liebten den Krieg, allein die Beute lockte ſie eben ſo ſehr als die Ge⸗ fahr. Theuderich begehrte mit ſeinen fämmtli⸗ chen Truppen waͤhrend dieſes Zuges frei unterhal⸗ ten zu werden, und nach Beendigung deſſelben ſollte Severus jedem Einzelnen zwei Beſantsd'or, oder beinahe vier undzwanzig Franken, reichen laſ⸗ ſon; Anfuͤhrer und Soldaten rechneten uͤberdies noch auf ein Geſchenk, welches die Monche des heil. Martin den Kriegern, die ſie mit ihrem Be⸗ ſuche beehrten, zu machen ſich nicht entbrechen würden. Alle dieſe Beſtimmungen wurden zwi⸗ ſchen den Partheien im Voraus verabredet, und dann lud Theuderich ſeine Freunde zu einem gro⸗ ßen Mahle ein, das er in dem Pallaſte des Gra⸗ — 124— ſen Julius Serevus zu Soiſſons veranſtaltet hatte. 4 6 t Römiſche Eleganz hatte bei dieſem Feſte nicht den Vorſitz gefuͤhrt. Ueberfluß an Speißen, nicht Mannichfaltigkeit und Feinheit derſelben machte es ausgezeichnet. Funfzehn Tafeln waren in den verſchiedenen Sälen zubereitet, und auf jeder ſahe man einen Ochſen, ein wildes Schwein, einen Hirſch, oder ein anderes wildes oder zah⸗ mes Thier ganz gebraten, und der Gefräßigkeit der Gäſte Preiß gegeben. Severus, Theuderich⸗ und dreizehn Antruſthions oder fränkiſche Gro⸗ ße, Freunde des letztern, ſaßen jeder an einer Tafel oben an. Jeder war hier umgeben von ohngefehr zwanzig tapfern Kriegern, welche man ſeine leudes oder Waoffengefährten nannte, und denen er die Honneurs bei Tiſche machte⸗ Dieſe hatten ſich freiwillig demienigen angeſchloſſen, a uf den ſie ihr Vertrauen ſetten⸗ Dies war die Bedeutung des Titels eines Antruſthion, und ſie machten ſich eine Ehre daraus⸗ ihn im Kriege und Frieden auf gleiche Art zu unterſtutzen ⸗ Wein und Bier wurde reichlich an allen Tafeln ge⸗ ſpendet, und mehrere Krieger hatten, ſtatt der Trink⸗ ſchale, den Schädel irgend eines unter ihren Strei⸗ chen gefallenen Feindes mitgebracht, den ſie ſehr ſinnreich in Silber hatten faſſen laſſen, als ein Denk⸗ mal ihres Sieges. Deutſche Dichter und Saͤn⸗ ger feierten die ehemaligen Thaten der verſchiede⸗ nen Staͤmme, welche ſich unter der Benennung: Franken vereinigt hatten, und der Pallaſt des Se⸗ verus ertonte an allen Orten von Freudengeſchrei. Als die Lebensgeiſter ziemlich aufgeregt waren, doch ehe das Mahl in eine wilde Orgie ausartete, betief Theuderich die Antruſthionen in den Haupt⸗ ſaal. Jeder erſchien hier in Begleitung aller leu- des, welche mit ihm an einer Tafel geſeſſen hatten. Edle Franken! ſagte Theuderich hier zu ihnen, unſer Wirth, der Senator Julius Severus, mein Freund u. der Freund unſers Volkes, hat von einem Prieſter des Gottes der Chriſten eine tödtliche Be⸗ leidigung empfangen. Seine einzige Tochter, die Stütze ſeines Hauſes und der Troſt ſeines Alters, iſt ihm durch Verraͤtherei geraubt worden; ſie ſchmach⸗ tet jetz in einem der Gefaͤngniſſe, die ſie Kloſter nen⸗ nen. Wollen wir es dulden, daß ein Freund der Franken durch einen Prieſter beleidigt werde? Wir wollen ihm Gerechtigkeit verſchaffen; wir wollen den Wein von den Ufern der Loire koſten, wir wollen den Moͤnchen von Tous den Vorſchlag thun, ihre Schätze mit uns zu theilen. Wer uns zu berit——— 1— einige u enieu, daß ſie mit den Prieſtern nichts zu ſchaffen haben wollten, und entſchloſſen wären, den Zorn des Gottes der Chri⸗ ſten nicht gegen ſich zu reizen. Dieſe ſetten ſich wieder zum Mahle und entfernten ſich kurz darauf; allein die großere Zahl antwortete dem Theuderich mit dem Rufe: nach Tours! nach Tours! ſie ſchlugen dabei ihre Streitaͤrte in der Luft zu⸗ ſammen und verpflichteten ſich ſo zu dem beſchloſ⸗ ſenen Zuge. Ihre Anfuͤhrer thaten ihnen hierauf kund, daß ſie ſich den folgenden Morgen zum Auf⸗ bruche fertig halten ſollten. Manzihttediejenigen, welche dieſe freiwillige Verpflichtung eingegangen waren, und es fanden ſi ſich zwei Hundert und drei und Neunzig. Alles kehrte hierauf zu den Tiſchen ———,— — 127— zuruck, und das Feſt dauerte nun bis ſpät in die Nacht. Sechst es Kapitel. Oeffentliches Verhoͤr. „Alle biejenigen, welche in der Nachbarſchaft wohn⸗ „ten, die Monche, die Männer, die Frauen, von „großer Andacht ergriffen, verſammelten ſich da⸗ „„ſelbſt um die Wette. Die Meiſten unter ihnen, wunderbar geheilt von verſchiedenen Uebeln, er⸗ „hoͤhten und prieſen ſein Lob mit Freuden, indeß „die Menge ſang und weinte zu gleicher Zeit „bei dem Leichname des heil. Märtyrers. Le⸗ „bendes heil. Leodegar, des Biſchofs. „Kap. 17. Einformigkeit hingefloſſen, welche ihn faſt zur Ver⸗ zweiflung gebracht hatte. Man hatte ihn, wie man ihm angekuͤndigt hatte, drei Stunden des Morgens, drei Stunden des Abends, und zwei, Ben Felir Florentius waren die Tage in einer — 128— Stunden der Nacht, im Chore in der Kirche zu⸗ bringen laſſen, dann hatte er drei Mal des Ta⸗ ges eine Stunde im Refektorium beim Eſſen zu⸗ bringen muͤſſen, wo ſtets Etwas vorgeleſen wurde, hierauf mußte er noch eine halbe Stunde bei dem aushalten, was die Moͤnche ihre Meditation nann⸗ ten, und endlich zweimal des Tages eine Stunde beim Herſagen der Litaneyen oder dem Offizium der Kirche verweilen. In den Zwiſchenraͤumen, welche dieſe frommen Uebungen von einander ſchie⸗ den, war ihm allein die nöthige Ruhe vergönnt, und er empfand die Wirkungen der Regel, der man ihn unterworfen hatte, eben ſo, wie die Mönche, deren Lebensweiſe er theilen mußte. Seine Aufmerkſamkeit wurde immerwährend wach erhalten, ohne daß ſein Nachdenken geweckt ward; er mußte immerwährend thaͤtig ſeyn, ohne daß er aus dem Zuſtande des Muͤßigganges herauskam; er vernahm immerwaͤhrend Toͤne vor ſeinen Ohren vorüber ſchweben, indeß ſein Herz und ſein Geiſt abweſend waren.— Alles dieſes hatte ſeine Gei⸗ ſteskräfte in eine Art von dumpfer Erſtarrung ver⸗ ſetzt, die, wie er wohl fuͤhlte, ſtets zunahm, ohne — 129— daß er ſich doch davon zu befreien vermochte. Die Langeweile wurde fur ihn eine noch peinlichere Stra⸗ fe, als es die Untuhe geweſen wat, und er fing an die Augenblicke quaͤlender Angſt zurückzuwuͤnſchen, wo er ſo viel, ſowohl fur ſich ſelbſt als fuͤr das, was er unter Allem am meiſten liebte, zu furchten hatte, allein wo er denn doch fuhlte, daß er lebe, indeß er jetzt einer immerwährenden Vetubung und Erſtarrung zur Beute wurde. In der That, ſo unangenehm auch ſeine und ſeiner Freundin gegenwaͤrtige Lage war, konnte ſich Felir doch nicht uͤberreden, daß Eines von ihnen Beiden einer bedeutenden Gefahr ausgeſetzt ſeyn koͤnnte. Er ſahe ſich mitten unter einer zahl⸗ reichen Geſellſchaft von Menſchen, die ſich der Re⸗ ligion geweiht hatten, und welche ihm von einem aufrichtigen, unerkuͤnſtelten Eifer beſeelt ſchienen. Auf keinem der ihn umgebenden Geſichter bemerkte er Spuren wilder Leidenſchaften. Die Moͤnche kamen ihm vor wie Weſen, deren Seelenkrafte, eingeſchläfert durch die außerordentliche Einformig⸗ keit ihrer Epiſtenz, ſich durchaus nicht über die Re⸗ gel erhoben, der ſie unterworfen waren, wie We 2r Bd. J — 130— ſen, welche, durch achtſtüͤndigen Geſang und zwei⸗ ſtündiges Gebet erſchopft, den Reſt ihrer Zeit füg⸗ lich durch Schlaf, Ruhe und Eſſen ausfullen zu können meinten, welche unbedenklich die Kraft ihrer Arme dazu verwenden wuͤrden, die Disciplin ihres Kloſters aufrecht zu erhalten, welche dagegen — aber auch aller Wahrſcheinlichkeit nach an keiner ſchlechten Handlung oder ſonſt einer Grauſamkeit Theil nehmen wurden, und welche gegen Alles außer ihnen ſelbſt dergeſtalt gleichguͤltig geworden waäͤren, daß es Felir für eben ſo unmoͤglich hielt ihren Haß oder ihren Zorn zu erregen, als es ihm unmoglich geweſen war ihre Neugier zu erwecken. Felix hatte keine Gelegenheit gehabt die Klug⸗ heit in Anwendung zu bringen, welche ihm der Pater Andréas empfohlen hatte, jeder Vertraulich⸗ keit ſorgfaͤltig auszuweichen. Niemand hatte die ſeinige geſucht, Niemand hatte ihm jenes Intereſſe gezeigt, wovor ihn ſein Fuͤhrer gewarnt hatte. Er bedauerte es beinahe, daß man keinen erſuch gemacht hatte, ſeine Gedanken zu erforſchen; denn es wuͤrde ihn weniger geſchmerzt haben durch ein geheucheltes Mitleid getäuſcht zu werden, als ſich ſo gaͤnzlich verlaſſen zu ſehen. Statt der volligen Abgeſchirdenheit des Grabes wünſchte er ſich lieber eine der Taͤuſchungen des Lebens. Allein alle ſeine Bemuͤhungen, ſich an einen der Menſchen inniger anzuſchließen, mit denen er faſt zu allen Stunden des Tages, und ſelbſt einen Theil der Nacht zuſammen war, blieben fruchtlos, alle Ver⸗ ſuche ſeine Geſchichte zu erzählen, um nur einigen Antheil an ſeiner Perſon zu erwecken, waren mit kalter, dummer Gleichgultigkeit zuruͤckgewieſen worden, auf alle ſeine Fragen hatte er nur unbe⸗ deutende einſylbige Antworten erhalten, und alle ſeine Bitten, entweder den Voluſianus, oder einen andern vornehmen Geiſtlichen oder den Pater An⸗ dréas zu ſprechen, waren mit dem einzigen Worte: Unmoͤglich! zuruͤckgewieſen worden. Er empfand daher eine lebhafte Freube, als er am fuͤnften oder ſechſten Tage ſeiner Gefangen⸗ ſchaft beim Zuruͤckkehren auf ſeine Zelle, auf dem Lager, wo er ſich der Ruhe überlaſſen wollte, einen Brief folgendes Inhalts fand: „Mein Sohn! Ich ee nicht aufgehort an die Gefahr zu denken, in welcher, wie Ihr glaubt, e 2 — 15— Eure Mutter in Anſehung ihrer Geſundheit oder ihres Lebens ſchweben möchte, wenn ſie in der peinlichen ungewißheit uͤber Euer Schickſal blei⸗ ven ſollte. Ich bin zwar durch feierliche Geluͤbde, ſo wie durch die Pflichten meines Standes und durch alle Vorſchriften des Evangeliums zum Ge⸗ horſam und zur Verſchwiegenheit verpflichtet; al⸗ lein das Verlangen Eure Mutter zu retten, das Ihr mit goußert⸗ dunkte mir denn doch fromm und gerecht. Gezwungen zwiſchen Pflichten zu wählen die ſich zu widerſprechen ſchienen, habe ich Gott um Erleuchtung gebeten. Endlich habe ich einen Entſchluß gefaßt, und möge es Gott gefallen, daß es nach ſeiner Offenbarung geſchehen ſey, und daß mein Entſchluß die Unruhe beſaͤnftige, welche ich uͤber das empfinde, was ich bereits gethan habe. Schreibt an Eure Mutter, beruhigt ſie uͤber Eure Geſundheit und Eure Sicherheit, allein meldet ihr zugleich, daß in dieſem Augenblick alle ihre An⸗ ſtrengungen, Euch zu befreien, nur zu Eurem Ver⸗ derben ausſchlagen wuͤrden. Huͤtet Euch vorzuͤg⸗ lich auf keine Art den Ort anzudeuten, wo Ihr gefangen ſeyb; Euer Brief ſey kurz und ungekuͤn⸗ —— ſtelt; laßt ihn an der Stelle, wo Ihr dieſen ge⸗ funden habt, und er ſoll richtig beſtellt werden!“ Otgleich dieſer Brief ohne Unterſchrift war, erkannte Felix doch ohne Muͤhe den Pater Andréas darin. Er ſah daraus, daß ſich ein ganz neuer Zweifel in dem Herzen des edlen Geiſtlichen zu er⸗ heben ſchien; dieſer ſchwankte nemlich in der Ue⸗ berzeugung, wie weit ſich der Gehorſam erſtrecke, den ein Prieſter ſeinem Biſchofe ſchuldig ſey⸗ Vielleicht erfullte den Pater Andréas, der um die Wahrheit wußte, der falſche Schein, den Voluſia⸗ nus ſeiner Entfuͤhrung zu geben ſuchte, mit Um⸗ willen. Feliꝝ freute ſich indeſſen in ſeiner Gefan⸗ genſchaft einen unſichtbaren Freund zu beſitzen, und einen um ſo ſicheren, je mehr ihm derfelbe durch eine Regung des Gewiſſens dieſes Freundes zugefuͤhrt worden war. Es kam ihm auch gar nicht wunderbar vor, daß der Pater Andreas wäh⸗ rend der Zeit, die er ſelbſt hatte im Chor zubrin⸗ gen muͤſſen, in ſeine Zelle hatte gelangen konnen, und er ſchrieb den Brief, der ſeiner Mutter auch richtig zugeſtellt wurde. Er legte dazu noch einen. andern fuͤr den Pater Andréas ſelbſt beſtimmten, — 134— jedoch ohne Abdreſſe, worin er ihn erſuchte, er möchte ihn doch einiges Licht geben uͤber das Schickſal, welches ihm beſtimmt ſey, ſo wie uͤber das von Julien, ihn mit ſeinem Rathe zu unter⸗ ſtuͤtzen in Anſehung des Benehmens, das er zu beobachten habe, und ihm endlich den Troſt ſeines Beſuches zu gewäͤhren, damit er doch ein menſch⸗ liches Weſen ſähe, welches ihn anhoͤrte, ihn ver⸗ ſtunde, und empfaͤnde wie er— allein dieſer zwei⸗ te Brief blieb ohne Antwort. Felix aͤngſtliche Beſorgniß in Hinſicht des Schickſals von Julien wurde für ihn eine faſt un⸗ erträgliche Quaal. Seitdem er ſich in dem Klo⸗ ſter befand, war der Name ſeiner Freundin in ſei⸗ ner Gegenwart nicht ausgeſprochen worden. Kei⸗ nes der Mittel, woran die Liebenden vorher ge⸗ dacht hatten, um ſich gegenſeitig Nachricht von einander zukommen zu laſſen, hat ausgefuͤhrt wer⸗ den können, Sie hatten darauf gerechnet, in ihrer Gefangenſchaft von niedern Dienern, Sclaven oder Leuten umgeben zu ſeyn, uͤber welche das Geld einige Herrſchaft behauptete; allein Felix fand um ſich her nur Menſchen, welche ſich, wenigſtens an — 135— Heiligkeit, weit uͤber ihn erhaben duͤnkten, welche fuͤr ihn gar keine Achtung hegten, oder ein Inte⸗ reſſe hatten, ihm zu gefallen, und denen er nie weder Etwas Gutes noch Boͤſes erweiſen konnte. Wie ſollte er dieſe gefuhlloſen Menſchen vermoͤgen, ihm irgend einen Dienſt zu leiſten? wie von ihnen begehren, daß ſie ſich von einer moͤnchiſchen Regel entfernten, welche ihnen der Ausdruck der höchſten Weisheit und Tugend zu ſeyn ſchien? Die Verſuche, welche Felix haͤtte machen koͤn⸗ nen, um, ohne den Beiſtand ſeiner Tiſchgenoſſen, mit Julien in Verbindung zu treten, ließen auch nicht die mindeſte Hoffnung des Gelingens zu. Obgleich die beiden Kloſter die beiden Seiten eines und deſſelben Hofes einnahmen, ſo hatte doch keine der Zellen, weder der Maͤnner noch der Weiber ihr Fenſter auf dieſe Seite. Sie war ganz für die großen Säle, das Refektorium, die Kuͤchen, die Gaͤnge beſtimmt, deren Fenſter zu hoch waren, als daß man aus dem Innern nach Auſſen hätte ſchauen können. Der Raum, in dem ſich Felix innerhalb ſeines Gefüngniſſes ergehen konnte, war ſehr beſchränkt. Wohl begab er ſich deei Mal des Tages mit der Prozeſſion der Mönche bis zum Chor der Kathedralkirche, mit dem das Klo⸗ ſter durch innere Gaͤnge zuſammenhing; allein außerdem, daß das Chor von dem uͤbrigen Raume der Kirche durch eine hohe Valuſtrade getrennt war, war es ihm auch nie erlaubt allein dahin zu ge⸗ hen. Ueberall innerhalb des Kloſters ſtieß er auf verriegelte Thuͤren und Gitter, und wenn er, wäh⸗ renb der Stunden der Ruhe, es verſuchte in dem eleinen Theile der Gaͤnge, der ihm zugänglich war, umherzugehen, ſah er doch hier nie Etwas Anders, als die nackten Mauern des Kloſters, er begegnete nie einem lebenden Weſen, hoͤrte nie einen Ton, außer aller drei Stunden in der Ferne den eintöni⸗ gen Geſang der Prozeſſionen, welche ſich in die Kirche begaben oder aus derſelben kamen. Felix wuͤnſchte nicht allein von ſeiner Familie Nachrichten zu erhalten, ſondern eben ſo ſehr auch zu erfahren, was in Gallien vorging. Er hätte gar zu gern erfahren, wie der fraͤnkiſche Koͤnig von ihrer Gefangenſchaft benachrichtigt worden, und ob er noch den Plan hege, ſich mit der Tochter des Severus zu vermaͤhlen; ob dieſer ihn vermocht — 137— habe, an ihrer Befreiung zu arbeiten, und ob et einigen Verdacht hege, mit welchem Charakter die Raͤuber bekleidet wäͤren. Eben ſo wichtig war es ihm zu erfahren, welche Fortſchritte die entgegen⸗ geſetzten Intriguen an dem Hofe zu Soiſſons ge⸗ macht hätten, und ob es den Nebenbuhlern des Severus gelungen ſey, Chlodowichs Abſichten nach einer andern Seite zu lenken. So unans genehm ihm auch ſeine und Juliens Gofangen⸗ ſchaft war, ſo fuhlte er doch, daß ſi ſie dem Unglůͤck entziehe, welches ihnen, auf ihre Kraͤfte allein geſtützt, faſt unvermeidlich geſchienen hatte, der Vermählung Juliens mit Chlodowich nem⸗ lich. Daher wollte er denn auch lieber ſtill und verborgen bleiben, und keine Anſtrengung zu Wie⸗ dererlangung ſeiner Freiheit oder zu Entdeckung ſeines Aufenthaltes machen, bis es gewiß waͤre, daß Chlodowich eine andere Wahl getroffen habt. Allein auf der andern Seite fuͤhlte er auch, daß, ſobald dieſe Gefahr vorüber waͤre, er mit Eifer daran arbeiten müſſe, aus ſeinem Gefängniſſe zu kömmen, denn er hatte wohl Urſache zu fürch⸗ ten, daß Voluſtanus die Abſicht habe, ihre Ge⸗ — 138— fangenſchaft auf Lebenszeit zu verlängern. Seine ganze Politik ſtrebte dahin die Zuneigung und den Schutz des Koͤnigs der Franken zu gewinnen, allein er meinte, wenn Chlodowich erfuͤhre, durch welche Gewaltthätigkeit er die Erfuͤllung ſeiner. Wuͤnſche verhindert habe, ſo wurde er gewiß einen unverſoͤhnlichen Haß gegen ihn faſſen. Das ewige Einſperren der beiden Gefangenen oder ihr Tod konnten ihn allein vor ihren Entdeckungen in Sicherheit ſetzen. Allein, ſo groß auch Felir Verlangen war, zu erfahren, was ſowohl an der Loire, als an der Seine und Hiſe vorging, ſo war es ihm doch unmöglich von den Moͤnchen auch nur die geringſte Auskunft zu erhalten. Indeſſen war es weniger ihre Verſchloſſenheit als ihre Unwiſ— ſenheit, die ſie hinderte ſeine Neugier zu befrie⸗ digen. Gleichguͤltig gegen alle Angelegenheiten der Welt, nichts von der Politik verſtehend, und nichts davon verſtehen wollend, hatten ſie höͤch⸗ ſtens die Namen einiger der barbariſchen An⸗ führer gehört, welche die Staͤdte einäſcherten, und die Geſilde ihres Vaterlands verwüͤſteten, und wenn ſie einmal in die Chronik ihres Klo⸗ ſters eine Notiz uͤber jene Kriegszuͤge eingeruͤckt hatten, welche nie mehr als hoͤchſtens zwei Zeilen betrug, ſo glaubten ſie wirklich die Geſchichte des ganzen Jahres darin aufgezeichnet zu haben. Dies war denn auch Alles, was ſie von den öf⸗ fentlichen Ereigniſſen erfuhren, Alles, was ſie je⸗ mals davon hatten erfahren wollen. Mehr als einmal hatte ſie Felir bei Tiſche, im Chor, in dem Augenblicke, wo ſie ſich in ihre Zellen zuruͤckgezogen hatten, einige Worte mit einander wechſeln hören, und ſeitdem er darauf verzichtet hatte, von ihrem Vertrauen irgend eine Nachricht oder Auskunft zu erhalten, hatte er ſeine Aufmerkſamkeit verdoppelt, um im Voru⸗ bergehen jene abgebrochenen Worte aufzufangen, welche ihm, wie er meinte, vielleicht einen Auf⸗ ſchluß geben könnten uͤber das, was er ſo gern gewußt hätte; allein nie hatte er ſie von Etwas Andern ſprechen hören, als die Art und Weiſe, wrie ihre letzte Mahlzeit zubereitet geweſen ſey, oder von den Befehlen, welche der Obere fur die Diſciplin des Haußes ertheilt habe. Mit — 140— dem höchſten Erſtaunen bemerkte er dahet eines Tages im Anfange des Dezembers, wie er eben im Chor war, die außerordentliche Bewegung der Glaͤubigen in dem übrigen Raume der Kirche, welche endlich alle nach der Thuͤr zu ſtürzten, indeß er zu gleicher Zeit den Schall einer krie⸗ geriſchen Muſik vernahm, welche er bald fur die der Franken erkannte.„ Sylvin Numantia und Julius Severus, welche mit dem kleinen Corps Franken unter Theuderichs Anfuͤhrung eben zu Tours einzogen, waren uͤber Felir Schickſal nicht durchaus in Unwiſſenheit geblieben; denſelben Tag, wo Se⸗ verus Noviliacum gegenuͤber uͤber die Loire ge⸗ gangen war, erhielt Sylvia, welche ihm den Ue⸗ vergang erleichtert und die fraͤnkiſchen Krieger wie Befreier bewirthet hatte, ein Schreiben vom Voluſianus. Es trug ein ziemlich altes Datum. Da man indeſſen keinen Grund der Verzögerung ſeiner Abgabe einſahe, ſo zweifelte Severus nicht, daß es der Pralat von Tours erſt moͤge ge⸗ ſchrieben haben, als er, benachtichtigt von der nahen Ankunft der Franken, nicht mehr hoffte — 141— Felir laͤnger ihren We entziehen zu koͤnnen. Der Brief ſelbſt war folgenden Inhalts⸗ „Der apoſtoliſche Voluſianus an die Dame Sylvia Numantia.“ „Gruß und Heil! ſie. „Durch das Schreibem, welches wir vor eini⸗ „gen Tagen an Euch ergehen laſſen, haben wir „Euch in Euren Schmerzen Troſt zu bringen „heſucht. Die Zeit aber iſt gekommen, wo wir „uns wider Willen genöthigt ſehen, ſie noch „herber zu machen. Ihr weintet damals um „den Sohn, den Ihr verloren hattet, allein „alle Eure Sorge und Furcht beſchränkte ſich „damals auf dieſes irrdiſche Leben, welches die „Frommen mit Freuden aufgeben können. Ver⸗ „nehmt jetzt, daß ſich ſeine unſterbliche Seele „in einer noch viel größern Gefahr befindet. Er „iſt von einem unreinen Geiſte beſeſſen, und . „ohne das Gebet eines in unſern Mauern be⸗ „finblichen Geiſtlichen, der ihn den Klauen des „Fürſten der Finſterniß entriſſen hat, wuͤrde er „ſchon in den Pfuhl der Hoͤlle verſunken ſeyn. „Es ſind ſchon Befehle gegeben worden, um „ſeiner Seele das einzige Heilmittel angedeihen „zu laſſen, welches für ſie paßt. Euer Sohn „folgt jetzt der Regel unſerer Bruͤder, die um „der Dienſte willen, die er uns geleiſtet hat, „ihn gern in ihr Kloſter aufgenommen haben. „Er wohnt unſern heiligen Uebungen, dem im⸗ „merwährenden Psallentium— einer beſondern „ehrenden Zier der Kirche zu Tours— ſo wie „den Litaneyen und Gebeten bey⸗ Der unreine „Geiſt, furchtend die Gemeinſchaft ſo viel from⸗ „mer Menſchen, ſcheint ihm auch einige Ruhe zu „in Convulſionen, oder in Anfaͤlle von Zorn verfal⸗ „len. Allein wann er ſpricht beruͤhrter bloß die Täu⸗ „ſchungen ſeines kranken Gehirns. Wie koͤnnte „man da ſeinen Worten glauben? Werden ſie „ihm nicht von demjenigen eingegeben, der von „Anbeginn der Vater der Lügen war? Gewiß „hatte ihn die ungluͤckliche Tochter des Apoſta⸗ „ten durch ihre Unheiligkeit verfuͤhrt: bald ver⸗ „laſſen. Er iſt ſtill, und nur ſelten ſieht man ihn „langt er ſie zurück, bald erzählt er ſeine ver⸗ d — 445— „meintliche Reiſe mit ihr; allein unſere Bruͤder „enthalten ſich ganz ihn anzuhören oder ihm zu „antworten, denn die Neden des Geiſtes der Fin⸗ „ſterniß verderben die Ohren deſſen, der ſie an⸗ „hört. Was die Ungluͤckliche ſelbſt anbetrifft, „die er geſehen zu haben glaubt, ſo haben wir „uͤber ſie gar keine Nachricht erhalten; wir ver⸗ „muthen, daß ſie ſich ſchon an dem ſchrecklichen „Orte der Klagen und des Zähneknirſchens be⸗ „findet, wohin ihr ihr Vater wohl bald folgen „wird. Was Euern Sohn betrifft, ſo verſucht es nicht eher ihn zu ſehen, als bis die Gnade „des heil. Martin auf ihn gewirkt, und, nebſt „den Anfällen der Wuth, aus ſeinem Geiſte auch ſeine eitlen Tauſchungen, ſeine trugeriſchen „Erinnerungen verbannt hat! Obgleich Sylvia eigentlich ſehr geneigt war, einem Prieſter der Kirche und beſonders dem Vo⸗ luſianus ein großes Zutrauen zu ſchenken, konnte ſie ſich doch nicht enthalten ſehr betroffen zu wer⸗ den uͤber den Ausdruck von Heuchelei und Ver⸗ ſtehung, den ihr Severus in dieſem Briefe be⸗ — 44— klich machte. Sie gab es daher nicht auf, 6 Sohn wieder zu ſehen, und ihn aus dem Floſter zu befreien. Julius Severus beſtärkte ſie auf alle Weiſe in dieſer Stimmung, und unterhielt in ihr das Mißtrauen in Hinſicht des frommen Betrugs, den ſich die Prieſter zur da⸗ maligen Zeit wohl erlauben konnten. Er ſelbſt hatte nicht ohne Schauder geleſen, was det Bi⸗ ſchof von Tours in Hinſicht des Schickſals ſeiner Tochter zu verſtehen gab. Indeſſen konnte er ſich nicht vorſtellen, daß ſeine Feinde ſo grauſam ge⸗ weſen ſeyn wuͤrden, ſie zu toͤdten, ihre Gefangen⸗ ſchaft mußte ja ſchon ihre Wuͤnſche befriedigen, und ſelbſt die grauſamſten Menſchen bedenken ſich ein ſolches Verbrechen ohne allen Beweggrund zu begehen. Es war ihm gewiß, daß Julia in einem der dunkeln Gefängniſſe aufbewahrt werde, welche Kloſter gehoͤrten, daß Voluſianus ihrer blos erwähne, um ihn zu ſchrecken und von der Fort⸗ ſetzung ſeiner Nachforſchungen abzuhalten; allein das machte auf ihn gerade die entgegengeſetzte Wirkung; er glaubte, nun ſey der Augenblick da, wo er Alles wagen müſſe, um ſie aus der Gewalt — 145— der Prieſter zu befreien. Da er jetzt gewiß war, den Felix Florentius zu Tours anzutreffen, ſo hoffte er von ihm doch einige Aufklaͤrung zu er⸗ halten, und er rechnete darauf, daß ſich der Ei⸗ fer eines Liebhabers mit dem eines Vaters ver⸗ binden, und es ihm um ſo leichter werden würde uͤber Pfaffentrug und Liſt zu ſiegen; denn da er nun den Gedanken einer Verbindung ſeiner Toch⸗ ter mit Chlodowich aufgeben mußte, ſchien ihm die Verwandſchaft mit Felix Florentius von Neuem eben ſo ehrenvoll als vortheilhaft. Julius Severus vermochte daher Sylbien die kleine Armee der Franken nach Tours zu begleiten, und zu verlangen, daß ihr ihr Sohn ſogleich herausgegeben werde. Die Einwohner von Tours wagten es nicht Widerſtand zu lei⸗ ſten; die Thore wurden daher dem Theuderich geoffnet, ſo wie Voluſtanus vor denſelben ſich zeigte. Voluſianus ging jenem, von ſeinen Prieſtern umgeben, entgegen, indem er Reliquien und angezuͤndete Kerzen und Weihrauch vor ſich hertragen ließ. Obgleich alle Franken, welche an dieſem Zuge Theil genommen hatten, Hil⸗ 2r Bd. K 1 — 146— den waren, ſo flößte ihnen doch der Anblick dieſer ehrwuͤrdigen Alten, welche in Prozeſſion gegen ſie daher ſchritten, ihre langen Baͤrte, die Pracht ihrer Amtskleidung, ihre ganze friedliche Zuruͤ⸗ ſtung, ſo wie das Zutrauen, mit dem ſie den Kriegern entgegen kamen, eine unwillkuͤhrliche Achtung ein. Sie ließen ihre Schilde herab, ſtuͤtz⸗ ten ſich auf ihre kurzen Lanzen und betrachteten mit Erſtaunen, aber ohne Zorn den feierlichen Zug, der, um ſie zu bekaͤmpfen, ihnen nur Ge⸗ ſänge und den Rauch geweihter Kerzen entgegen ſetzte. Zu gleicher Zeit traten Julius Severus, Sylyia und Theuderich aus ihren Reihen hervor, um mit dem Voluſianus ſich zu beſprechen. So beleidigt auch immer Julius Severus ſeyn mochte, und ſo ſtark auch der Groll war, den er in ſeinem Herzen naͤhrte, ſo beſuß er doch zu ſehr die Sitten und das ganze Weſen eines Hofmannes, um ſeinen ganzen Haß an den Tag zu legen, als er von dem Biſchofe von Tours die augenblickliche Befreiung ſeiner Tochter und ſeines Freundes begehrte. Theuderich und Sylvia be⸗ ſtanden auf derſelben Forderung. Voluſianus — — 147— wandte ſich mit ſeiner Antwort beſonders an Theu⸗ derich. Er verſicherte dieſem ſeine Anhänglichkeit an die fränkiſche Nation, ſeine Achtung gegen ihren Koͤnig, ſeinen Wunſch, von dieſem erſten Beſuche an zwiſchen ihnen und den Einwohnern von Tours Bande der Gaſtfreundſchaft zu knü⸗ pfen, welche ewig dauern könnten, und ſich allen ihren Wuͤnſchen zu fuͤgen, wenn ſie nur mit ſei⸗ nen Pſlichten uͤbereinſtimmten; zugleich aber bat er auch, die edlen Franken mochten ſichs, den Ge⸗ ſetzen der Gaſtfreundſchaft zu Folge, erſt an ſeiner Tafel gefallen laſſen, ehe man von Geſchaften ſpraͤche, und wirklich ließ er auch in den Auſſen⸗ gebäuden des Kloſters ein reichliches Mahl auftra⸗ gen, wozu ſich die Franken ſogleich niederließen, ohne die Erlaubniß ihres Anfuͤhrers dazu warten. Waͤhrend dieſer Zeit riefen die Glocken der Kirche die Einwohner von Tours zur Verſamm⸗ lung in der Kathedrale. Die Ankunft der Fran⸗ ken hatte unter dem Volke große Beſorgniſſe er⸗ regt, und daher auch ihren frommen Eifer ver⸗ ſtärktz die Verſammlung war bald beiſammen; 2 — 148— ſie war zahlreich, allein man zählte bei weitem mehr Frauen als Männer. Die Leute waren ſämmt⸗ lich voll Begeiſterung, ſo wie voll Glauben, Zu⸗ trauen und Dankbarkeit gegen ihren geiſtlichen Hirten; Moͤnche, welche ſich hie und da in der Kirche zerſtreut befanden, trugen noch durch ihre Reden und ihr Beiſpiel dazu bei, ihren an ſich ſchon glühenden Eifer noch mehr zu beleben und zu leiten. Ein Moͤnch beſtieg die Kanzel. Er nahm zum ſeiner Predigt die Worte aus der erſten Epi⸗ ſtel Johannis:„Daran wird man erkennen, ob ihr Gottes Kinder, oder Kinder des Teufels ſeyd!“ und nun verkuͤndigte er den Glaͤubigen, daß ein neues Wunder die Macht und Guͤte ihres Pa⸗ trons, des heil. Martin, verherrlicht habe. Die⸗ ſes Wunder ſollte um ſo größern Glanz verbreiten, je mehr die Heiden ſelbſt die Wirkungen davon verſpuͤren wuͤrden, allein anderer Seits forderte er auch das glaͤubige Volk auf, im Beiſeyn der Franken Gott die Ehre zu geben, wenn ſeine Werke offenbar werden wuͤrden. Er erzählte nun, auf welche Art Felir Florentius, verfuͤhrt ———————— .— 149— durch die Tochter eines Goͤtzendieners, dem Zwei⸗ fel geſtattet habe in ſeinem Herzen Wurzel zu faſſen. 5 Sobald ſein Glaube erſchuͤttert war, ſagte der Mönch, befand ſich auch der Unglückliche unter der Macht des boͤſen Geiſtes. Dieſer füͤhrte ihn am hellen Tage davon, in Gegenwart ſeiner Mut⸗ ter, ſeines ehemaligen Lehrers, eines halb unglaͤu⸗ bigen Mannes, der in ſeinem Herzen ſich vielleicht noch nach dem Heidenthume zuruckſehnt, in Ge⸗ genwart endlich einer zahlreichen Dienerſchaft, welche nicht im Stande geweſen iſt, ihn zu ſchuͤ⸗ ben, ſo hat ſich die Schwäche des Menſchen, ſo⸗ bald er einmal von den heiligen Lehren der Kirche gewichen iſt, ſo groß er auch ſey in weltlichen Dingen, geoffenbart.— Alle haben ſehen koͤnnen, fugte der Monch hinzu, wie ſich die Felſen von Heſodunum von ſelbſt bewegten, um ihm den Durchgang zu verſchließen und ihn aufzuhalten mit derjenigen, welche ihn in den den falſchen Göttern geweihten Ruinen zu Grunde richten wollte. Schon waͤlzte er ſich in den Schluͤnden der Höͤlle, ſchon näherte ſich ſeine Seele den bren⸗ — 160— nenden Pech⸗ und Schwefelfluͤſſen, als ein ehr⸗ wuͤrdiges Mitglied unſers Kloſters, der Pater An⸗ dréas, wie er eben am Grabe des heil. Martin im Gebete lag, von dem Werke des boͤſen Geiſtes Kenntniß erhielt. Durch die Kraft ſeines Gebe⸗ tes hat er die gefangene Seele in dem Augenblicke erlsſt, wo er in dem Heiligthume knieete; ſein Bild iſt dem ungluͤcklichen Felix erſchienen, um ihn dem Feinde zu entreißen. Allein Andréas, in ſeiner heiligen Beſcheidenheit, will das Wun⸗ der nicht eingeſtehen; er ſchlägt die Ehre aus, die man ihmn erweiſen will, und überläßt ſie allein Gott! Felir iſt indeſſen an der Thuͤr unſers Klo⸗ ſters niedergelegt worden, die Franken kommen ihn zuruͤckzufordern, und er ſoll ihnen uͤberge⸗ ben werden. Ihr ſollt ihn ſehen, meine Bruͤ⸗ der, ihr ſollt ihn ſelbſt hören, denn der apoſtoliſche Voluſianus wuͤnſcht, um Gott die Ehre zu geben, daß die ganze Verhandlung öffentlich ſey. Ihr werdet ebenfalls vernehmen, wie der Geiſt der Lüge, der von nun an aus Felir Munde ſpricht, uns durch Liſt zu berucken ſucht, da es ihm durch Gewalt nun nicht mehr gelingen will. Ihr werdet —,——————————— es ſelbſt vernehmen, wie der boͤſe Geiſt alle Be⸗ gebenheiten in falſchem Lichte darzuſtellen ſucht. Es iſt nun an Euch, meine Bruder, ihm Still⸗ ſchweigen aufzulegen. Die Stimme des Volkes iſt Gottes Stimme. Die Stimme des Volkes moͤge daher auch uͤber die Stimme des Boͤſen ſiegen. Kaum hatte der Redner geendet, ſo trat Vo⸗ iuſianus an der Spitze ſeines Clerus durch eine Seitenthure in die Kirche, indeß Theuderich durch eine andere an der Spitze der Franken eintrat, welche er angefuͤhrt hatte, und die ſich nun im Hintergrunde der Kirche in Reihen aufſtellten. Julius Severus blieb mitten unter ihnen. Vo⸗ luſianus hatte der Sylvia einen ausgezeichneten Platz unter den Frauen angewieſen. Obgleich die Franken ſchon die Pracht der Kirchen zu Soiſſons, Paris und Rheims geſehen hatten, betrachteten ſie doch mit Erſtaunen glle die vor ihren Augen ausgebreiteten Schaͤtze, das glaͤn⸗ zende Licht der Kerzen, die Weihrauchwolken, die ſich zu den Gewölben des Tempels erhoben, ſo wie die anſehnliche Menge von Prieſtern, — 6— welche in der vollen Pracht ihrer Amtskleidung er⸗ ſchienen. Indeß nun ſo die Barbaren auf den Schätzen des Heiligthums ihre Augen mit Verwunderung, vielleicht auch mit Habgier verweilen ließen, trat aus ihren Reihen ploͤtzlich ein Menſch her⸗ vor, der, ſeiner Kleidung und ſeinen Waffen nach, wohl ein Franke zu ſeyn ſchien, obgleich Theu⸗ derich ſo wenig als einer aus ſeinem Gefolge ihn kannte, ging kuͤhn auf den nächſten Altar zu, ergriff einen daſelbſt ſtehenden ſilbernen Leuch⸗ ter, und hob ihn auf, als wollte er ihn mit fort⸗ nehmen, allein in demſelben Augenblicke ließ er ihn mit einem furchtbaren Schrei fallen, ſank ſelbſt zu Boden, und waͤlzte ſich bis zu den Stu⸗ fen des Altars, wo er einige Zeit noch in den ſchrecklichſten Zuckungen blieb, indem er dabei bald halbverſtändliche Worte hören ließ, bald aber die Kirche mit ſeinem Geheul erfullte. Endlich naheten ſich ihm die Prieſter, ſie bedeck⸗ ten ihn mit einem Mantel, damit er nicht er⸗ kannt wuͤrde, und nachdem der Leuchter wieder auf den Altar geſetzt worden, hoben ſie den in 7 —— guckungen ſich Windenben auf, und brachten ihn in das Krankenhaus des Kloſters, indeß das Volk die Gewölbe der Kirche mit dem Geſchrei: Wun⸗ der! Wunder! und dem Rufe: Ehre dem Gebenedeiten heil. Martin erfullte. Kaum fingen ſich die Schreier an zu beru⸗ higen, als Voluſianus den Glaubigen kund that, daß ein in der Kirche bemerkter Vorfall, den ſie mehrere Male des Jahres mit anſehen koͤnnten, ſie nicht laͤnger von einer weit wundervollern Be⸗ gebenheit abziehen ſolle, um derentwillen ſie ei⸗ gentlich jetzt zur Kirche berufen worden. Tritt näher, Sohn des Senators Florentius, ſagte er zu Felir, den die Mönche fuͤhrten, und der von dem Augenblicke an, wo er die Muſik der Franken vernommen hatte, in ſeine Zelle zuruͤckgebracht worden war, wo er Nichts von Allem, was vorging, erfahren hatte,— tritt naͤ⸗ her, und gieb der Wahrheit vor allem Volk die Ehre! Welches Weib haſt Du getroffen in den Ruinen von Heſodunum, welches Weib hat⸗ teſt Du am Arme gefaßt, als Du aus der alten Feſtung heraustrateſt? — 154— Julien, verſetzte Felir, die Tochter des Se⸗ nators und Grafen von⸗ Chartres, Julius Se⸗ verus!—. Die Tochter des Gottloſen, des Abtruͤnni⸗ gen, des Götzendieners! ſchrien hierauf ſogleich Tauſende von Stimmen in allen der Kirche. Fandet Ihr Euch niht plötzlich in dicke Fin⸗ ſterniß verſenkt, in einer Hoͤhle ohne Ausgang, wo die Felſen Euch den Durchgang verſchloſſen? Allerdings! die ſteinernen Thuͤren des unter⸗ irrdiſchen Gewoͤlbes wurden und wir befanden uns in tiefer Dunkelheit. Wunder! Wunder! rief die eeahe ſuchtet die Finſterniß mit dem Götzendienſte, Ihr habt die Finſterniß auch gefunden. Bliebt Ihr allein in dieſer Dunkelheit, oder nahte ſich Euch irgend Jemand? Gewaltthaͤtige Hände ergriffen meine Gefaͤhr⸗ tin in der Dunkelheit, und wollten ſie mir ent⸗ tilßen Wunder! wiederholte die Menge, der Fuͤrſt der Finſterniß wollte ſeine Beute mit ſich nehmen⸗ —— Als Euch das Licht wiedergegeben war, wie hieß der Geiſtliche, den Ihr bei Euch zu ſehen glaubtet? Er nannte ſich gegen mich den Pater An⸗ dreas! O! gebenedeiter Pater Andréas, mächtiger Vermittler Pater Andréas, rief das Volk, be⸗ ſchuͤtze uns! befreie uns von allem Böſen! Waret Ihr nicht mit Banden belaſtet, und hat dieſe der Pater Andréas nicht von Euren Haͤnden genommen? Er hat mir die Bande abnehmen laſſen, die er mir erſt ſelbſt anlegen ließ. n20 Hoͤrt Ihr's? Der Undankbare! rief das Volk, er klagt ſeinen Wohlthäter, ſeinen Be⸗ freier an. Buͤrger von Tours, rief Felix, ich war fuͤr Euer Beſtes thätig, fur Euch, für Euch habe ich mich den Barbaren anvertraut, habe ich zu Soiſſons mit Chlodowich unterhandelt; ich habe es endlich dahin gebracht, daß er Euch unter ſei⸗ nen Schutz genommen hat, und daß Ihr dadurch den Anfällen der Franken entgangen ſeyd. Eben — m— hatte ich Eure Sache betrieben, als ich ungekech⸗ ter Weiſe verhaftet, mit Banden belaben und in dieſes Kloſter geſchleppt wurde, wo man mich nun als Gefangener behandelt. Die Franken befinden ſich ſelbſt in dieſenm Tempel, erwiederte Voluſianus, ſie ſind Euret⸗ wegen hier! So habt Ihr uns von ihnen be⸗ freit; aber fahrt nur fort: Ließ Euch der Pater Andreas nicht eſſen von dem Brote des Herrn und trinken von ſeinem Weine? Ja, er ließ uns ein kleines Mahl in den Ru⸗ nen von Heſodunum auftragen. Es war das Brodt des Lebens, es war die Schaale der Erloſung! rief das Volk. Sahet Ihr, wie Euch der Pater Andréas an die Thuͤr unſers Kloſters brachte? Nein! meine Augen waren bedeckt mit dieſer Kappe, die man mir anlegte, ſo wie meine Haͤnde gebunden waren. Aber empfandet ihr denn die unfanfte Bewe⸗ gung der Pferde und Wagen? Nein! es ſchien mir im Gegentheil, als fuͤhre ich in einem Fahrzenge die Lvire hinab⸗ — 167— Welche Vewegung iſt ſanfter als bie auf den Fluͤgeln der Engel? rief das Volk, dem die in den verſchiedenen Theilen der Kirche verbreiteten Moͤnche oft die Bemerkungen zufluͤſterten, welche es dann laut werden ließ. Verwünſcht ſeyen die vermeintlichen Engel, welche mich entführten, rief Felir mit äußerſter Ungeduld, ich habe einen davon in den unterirrdi⸗ ſchen Gängen von Heſodunum zu Boden geſchla⸗ gen; mit dieſen Händen habe ich ihm die Kehle zuſammengedrückt; und es waͤre recht gut gewe⸗ ſen, wenn ich ihn nur erdroſſelt hätte. Der Beſeſſene geraͤth in Wuth, ber unreins Geiſt kommt uber ihn, riefen die Umſtehenden. Sogleich fingen die Prieſter an Litaneien anzuſtim⸗ men, zu Befreiung der Beſeſſenen beſtimmt, und Felir mit geweihtem Waſſer zu beſprengen. Die⸗ ſer ſahe wohl ein, daß ſein Zorn hier nur fuͤr ihn das Uebel aͤrger machen muͤſſe, daher unterdruͤckte er ſeine innere Bewegung, und nahm äußerlich eine ruhige Haltung an, dann wandte er ſich zum Voiuſianus und bat ihn fortzufahren. — 158— Was glaubt Ihr, fuhr dieſer fort, daß aus der ungluͤcklichen Tochter des Julius Severus ge⸗ worden iſt? hr Wir ſind zuſammen in dem Hofe dieſes Ge⸗ väudes angekommen, und indeß ich in das Män⸗ nerkloſter eingetreten bin, iſt ſie in das Frauenklo⸗ ſter gegangen. Ich wuͤnſchte, meine Bruͤder, ſagte Voluſia⸗ nus, daß Ihr nach dieſer einzigen alle die zahllo⸗ ſen Täuſchungen beurtheilen möget, denen dieſer Ungluckliche unterworfen iſt. Seitdem er in dem Uebermaaße ſeiner Verirrungen ſeine Haͤnde an einen Geſalbten des Herrn gelegt hat, hatte das, was er zu ſehen glaubte, keine Geſtalt, und was er zu hoͤren meinte, keinen Ton mehr, und was er zu fuͤhlen ſich einbildete, keine Subſtanz mehr. Er hat ſich eingebildet, die Tochter des Unglaͤubi⸗ gen ſey in unſerm geheiligten Bezirk eingetreten⸗ Ihr wißt, unter welcher ſtrengen Regel die heil. Jungftauen leben, welche ſich unter den Schutz des heil. Martin begeben haben. Wie waͤre denn Julia dort hin gekommen ohne meinen Befehl⸗ — 159— wie haͤtte ſie wieber herauskommen mögen ohne meine Erlaubniß? Ihr koͤnnt Euch aber ſelbſt uͤberzeugen, daß ſie nicht in dem Kloſter iſt. Ei⸗ gentlich duͤrfen freilich die Augen der Männer dieſe heiligen Mauern nicht entweihen, allein zu Gun⸗ ſten dieſer Franken, welche durch den Glauben noch nicht erleuchtet ſind, und um der Wahrheit einen deſto glänzendern Sieg zu bereiten, bewillige ich der frommen Dame Sylvia Numantia und den Frauen, die ſie erwählen wird, einen Diſpenz der Kloſterſtrenge. Sie mogen in das Kloſter ſich begeben, es von einem Ende zum andern durch⸗ ſuchen, und uns dann ſagen, ob ſich Julia Se⸗ vera darin befindet, oder ob ſie nur eine Spur bemerkt, daß ſie ſich jemals darin befunden.— Man fuͤhre Sylvien ſogleich ins Kloſter! befahl er nun einem ſeiner Diener. Sylvia trat, von ohngefehr zwölf Damen aus Tours umgeben, in das Kloſter ein. Sie durch⸗ ging alle Säle, alle Sellen, bis auf die geheimſten verborgenſten Orte. Man ließ ſie ſelbſt mit an⸗ ſcheinender Gleichguͤltigkeit bis in die unterirtdiſchen Seflnzuſ hiniſtigen, terzi feuchte Muutin und dicke Finſterniß ſi ſie nicht ohne Schaudern be⸗ trachten konnte. Man öffnete ihr die Fallthuͤren, welche in noch tiefere Kellergewölbe fuͤhrten, die viclleicht beſtimt ſehn mochten, die Opfer des moͤnchiſchen Deſpotismus fuͤr immer zu verbergen. Man ließ ſie ſogar die Begräbniſſe durchwandern, und ohne den Grdanken zu nennen, auf den man ihr ſo die Antwort geben zu wollen ſchien, ſuchte man ſie zu uͤberzeugen, daß kein lebendes Weſen unter den Todten eingeſperrt, auch kein Leichnam neuerlich in der Gruft beigeſetzt worden ſep⸗ MNach einer mit der größten Sorgfalt vorge⸗ nommenen Nachforſchung kehrte Sylvia, von der tiefſſten Traurigkeit ergriffen, zu Julius Seve⸗ rus zuruͤck, um ihm, ihrem Sohne und der ganzen Verſammlung anzuzeigen, daß die Freundin, welche ſie ſuche, ſich nicht in dem Floſter befinde. Dieſe Nachricht, welche Severus und Felir mit der tödtlichſten Angſt und Beſtürzung empfingen, wurde dagegen von dem Volke mit allen Aeuße⸗ n der Freue und des Sieges aufgenommen⸗ gieich aise ob ſie nun gar keinen S an bin —— Wunder mehr uͤbrig laſſe. Die Prieſter ſtimmten einen Geſang zur Dankſagung an, und die Menge zerſtreute ſich, indem ſie ihn wiederholte. Siebentes Kapitel. Der Pater Andréas. „Denn man kann ohne Ketzerei nicht behaupten, daß „man ſich bei Angelegenheiten der Kirche von dem „Gehorſame gegen den Prieſter des Herrn, den „Biſchof, dem er ſeine Schaafe zur Weide uͤber⸗ „geben hat, freiſprechen koͤnnez daß man ſich einer „Gewalt ſelbſt anmaaßen duͤrfe, welche weder „Gott noch Menſchen uns anvertraut haben. Gre⸗ „gor von Tours. Buch 1. Kap. 23. No dem Triumphe, den Voluſianus davon getragen hatte, war es für ihn von keinem be⸗ ſondern Vortheile den Felir zu Tours zuruckzu⸗ halten. Der Glaube, daß er auf eine wunder⸗ bare Weiſe in das Kloſter des heil. Martin ge⸗ 2r Bd. 4 bracht worden, war nun feſt begründet; die An⸗ weſenden bildeten ſich ein, die Verſicherung da⸗ von aus ſeinem eigenen Bekenntniſſe erhalten zu haben. Alle Erklaͤrungen, welche Felir in der Folge geben, alle Umſtaͤnde, die er von ſeiner Gefangenſchaft erzaͤhlen mochte, waren nicht mehr hinreichend jenen allgemeinen Eindruck zu ſchwa⸗ chen, oder gar zu vernichten. Die Franken, welche ohne das Mindeſte von dem, was in ihrer Gegen⸗ wart geſagt worden war, zu verſtehen, Zeugen geweſen waren von Felix's Verhoͤr, und von der Wirkung, die es auf das Volk gemacht hatte, waren geneigter, eine wunderbare Erzaͤhlung zu beſtaͤtigen, als ſie zu widerlegen. Sie wuͤrden, meinte man nicht mit Unrecht, diejenige unter⸗ ſtützen, welche der heil. Remi dem Chlodowich von der Entfuͤhrung aus Heſodunum mitgetheilt hatte, und dieſer Fuͤrſt, der ſchon Beweiſe ge⸗ geben von ſeiner Neigung Alles zu glauben und Nichts zu furchten, wuͤrde leicht zu der An⸗ nahme gebracht werden können, daß ihm ſeine Braut durch die Macht boͤſer Geiſter entriſſen worben, wenn nur Julia ſelbſt nicht auftreten — 468— könnte, um den Bericht der beiden Prätaten, der Bewohner von Tours und der Soldaten des Theuderich Lugen zu ſtrafen. In der That widerſetzten ſich die Monche, welche Felix umgaben, deſſen Verſuche gar nicht ſich ſeiner Mutter in dem Augenblicke, wo ſie in das Kloſter eintrat, zu nähern, um ſie zu umarmen; auch ließen ſie es geſchehen; daß er dem Julius Severus und den Franken zur Seite blieb, und mit dieſen die Kirche verließ, als Sylvia die Fruchtloſigkeit ihrer— gen kund gethan hatte. Allein in dieſem Augenblicke dachte Felir wenig an die Freiheit, die er wieder erhalten hatte; er war in Beſturzung verſunken, und in⸗ deß er ſich bemuͤhte den Julius Severus zu troͤ⸗ ſten, und ihn wiederholend verſicherte, daß, nach Allem, was er habe bemerken koͤnnen, die Prie⸗ ſter und Mönche, in deren Haͤnde er gefallen ſey, eines ſchauderhaften Verbrechens nicht fähig wären, trug ſich ſeine Phantaſie doch mit den däſterſten Ahnungen. Bald ſtellte er ſich Julien vor, eingeſchloſſen in ein unterirrdiſches Gefaͤng⸗ L 2 —— niß und jeder Gemeinſchaft mit menſchlichen Weſen beraubt, damit ihre Exiſtenz Niemanden verrathen werden könnte; bald bebte er vor dem Gedanken, daß ſie vielleicht ſchon als ein Opfer des Fanatismus und der Politik derer gefallen ſey, die, wenn ſie ihrer erwaͤhnten, immer die Aeußerung hinzufuͤgten, daß ſie des Todes wbh hielten.. Die Nachforſchungen, Sin in dem . anſtellte, hatten ſie zugleich Alles das Schreckliche kennen gelehrt, was das Schickſal einer Gefangenen in den Händen der Nonnen hier haben konnte; einige der Gefäͤngniſſe, die ſie beſucht, hatten einen unvertilgbaren Eindruck von Schauder in ihr zuruͤckgelaſſen, den wider Willen merken ließ. in Julius Severus vermehrte noch ſeiner Seitz S. Schrecken und die Angſt von Felir und deſ⸗ ſen Mutter, indem er ihnen die Maaßregeln mittheilte, die er ſchon genommen habe, und welche ohne Erfolg geblieben waͤren; denn da er vorausgeſehen, daß Voluſianus bei ſeiner An⸗ nͤhetung wohl verſucht werden konnte, ſeine — — 465— Gefangene noch weiter fortzuſchicken, ſo habe er ſchon im Voraus, auf alle Straßen um Tours, zuverlaͤſſige Menſchen ausgeſandt, um die Rei⸗ ſenden zu beobachten, und ſie im Nothfall mit Gewalt zu entfuͤhren; er habe Spione gedungen, ſelbſt bis in den Tempel, und Lamia habe ihm den Beiſtand von zwei jener fluͤchtigen Bagau⸗ den verſchafft, welche bei der Verhaftung von Felix und Julien thaͤtig geweſen, und ſie nach Tours gebracht haͤtten, welche die beſtimmteſte Auskunft gaͤben, über Alles, was ſich dabei zu⸗ getragen, welche aber ſeitdem von Julien Nichts weiter gehort haͤtten, und auch nicht vermuthen könnten, was wohl aus ihr geworden ſeyn moͤchte. Severus hatte, um ſeine Tochter wieder zu er⸗ halten, auf ſie noch mehr gerechnet als auf die Franken. Er hatte ſich geſchmeichelt jene Ba⸗ gauden wuͤrden von der Zeit unterrichtet ſeyn, wenn Voluſianus ſie abreiſen laſſen wuͤrde, und dem Dumnorix davon Nachricht geben, der ſich mit einer Anzahl von Hirten in den Waͤl⸗ dern bei Tours verſteckt halte, und dieſer moͤchte dann Julien aus den Haͤnden ihrer Räuber wöhl befreien können. Alle dleſe Maaßregeln aber waren umſonſt getroffen worden, denn die Spione hatten nichts erfahren, Dumnorir hatte nichts entdeckt, die andern Agenten des Severus, welche auf den verſchiedenen Straßen vertheilt waren, hatten keine Reiſenden ziehen ſehen. Es bleibt mir nur noch ein einziges Mittel uͤbrig, ſagte er, nemlich den Voluſianus zu ent⸗ fuͤhren, und ihn mit ſeinem Leben meine Toch⸗ ter buͤrgen zu laſſen. 55% Ich zweifle, erwiederte Sylvia, daß ein Mann ſeiner Art ſein Geheimniß und ſeine Schande ver⸗ rathen wird, um ſein Leben zu retten. Und ich, verſetzte Theuderich, ich zweifle, daß meine Franken werden Hand an ihn legen wollen. Dieſer Prieſter ſcheint ihnen mehr als ein Menſch, beſonders ſeitdem ſie jenen vermeintlichen Fran⸗ ken haben niederſtuͤrzen ſehen, der den Leuchter von dem Altare genommen hatte. 6 Ich hoffe noch immer, ſagte Sylvia, dſes ganze Schauſpiel iſt bloß beſtimmt der Menge Ehrfurcht einzufloßen. Voluſianus kann im Ernſte gar nicht verlangen, daß wir an die Wunder — 167— Blauben ſollen, die er erzaͤhlt, und zwar im Wi⸗ derſpruche mit dem Zeugniſſe unſerer Ruinen, da ich mit eigenen Augen Felir Entfuͤhrung geſehen habe, da dieſer ſelbſt gegenwärtig iſt, und die Stelle angiebt, wo er von Julien getrennt wor⸗ den. Laßt uns ihn von Neuem angehen, nur ohne Zeugen, er wird uns gewiß eine befriedigendere, vernünftigere Antwort geben. Voluſianus hat für das Volk geſprochen, ent⸗ gegnete Severus, weil es ihm allein wichtig iſt die Meinung des Volkes zu gewinnen oder zu er⸗ halten. Mit uns hingegen ſpricht er wie mit Kin⸗ dern in dem Augenblicke, wo er uns als Menſchen hohnt und beleidigt. Laßt mich mit dem Prieſter ſprechen, ſagte Theuderich, denn ich ſehe wohl, daß das Gefaͤng⸗ niß der Vermißten nicht durch eure milden Worte, ſondern allein durch die Streitaxt zu öffnen iſt. In der That begaben ſich auch Felir, Severus, Theuderich und Sylvia nach dem biſchoͤflichen Pallaſte, und baten den Voluſianus um eine be⸗ ſondere Audienz. Sie erhielten dieſe ohne Schwie⸗ rigkeit. Den Prälaten ſchien ihre Ankunft oben — 168— nicht in Verlegenheit zu ſetzen, er fuͤrchtete ſich keinesweges davor von Neuem den Gegenſtand der vorhergehenden Verhandlung zu beruͤhren; al⸗ lein er ſetzte ihrem dringenden Anliegen einen Ton von Eifer, Ueberzeugung und väterlicher Theil⸗ nahme entgegen, der ſie verlegen machte, und ih⸗ nen nicht einmal die grſuchte Gelegenheit ließ, ihm zu drohen. Ihm, line er, es nſtn zu, Gottes Wege zu erklaͤren, oder von ſeinen Wundern durch menſchliche Mittel Rechenſchaft zu geben; allein Felir ſey auf eine wundervolle Art in ſeine Hände gerathen. Felir haͤtte, um ſeines eigenen Heiles willen, in dem Tempel die begonnenen Uebungen fortſetzen ſollen; allein er ſey frei oder trage wenig⸗ ſtens keine andern Bande als die der Suͤnde. Ju⸗ lia, welche wahrſcheinlich doppelt damit behaftet ſey, wuͤrde durch ihn gleichfalls freigelaſſen wor⸗ den ſeyn, wenn ſie an den nemlichen Ott ge⸗ bracht worden wäre. Er koͤnne ſich die ſchreckliche Angſt eines Vaters wohl vorſtellen, ſo wie auch die eines Liebhabers und einer Freundin, allein er koͤnne ihnen doch keine andere Huͤlfe leiſten, als — 469— burch ſein Gebet, wenigſtens ſey dieſis oben ſo⸗ innig als aufrichtig, und er erlaube ſich nie den beleidigenden Verdacht, die beſchimpfenden Aus⸗ druͤcke, welche ihnen ihre furchtbare Lage abge⸗ preßt habe, und einen Irrthum, den ſie nicht aufkläͤren könnten, als eine wahre Beleidigung ſcheg. n n6 In der That verlaͤugnete ſich ſeine Sanft⸗ muth und Milde keinen Augenblick ſo beſtimmt auch die Anklagen, ſo heftig auch die Drohun⸗ gen ſeyn mochten, welche die Verzweiflung dem Seberus und Felir eingab. Immer ſchien er uͤber jede Beleidigung erhaben, und indem er ſie wirkungslos an ſich abgleiten ließ, wurde er ſelbſt in den Augen ſeiner Ankläger nur um ſo größer. Euer Leben haftet mir für das Ihrige rief Felir mit dem Ausdruck des heftigſten Schmerzes. Für Dein ewiges Leben, mein Sohn, muß ich Gott haften, erwiederte er mit Freundlichkeit, und ich wuͤrde, um dieſes zu retten, mit Freu⸗ den dieſes ſterbliche Leben hingeben; und in der — 170— Gewaltthätigkeit, womit Du mich bedroheſt, ſehe n nur die Gefahr Deine Seele zu verderben! Wenn Ihr Mitleid mit der Angſt eines Va⸗ ters habt, ſagte Severus zu ihm, ſchämt Euch doch, eine Sprache gegen mich zu fuͤhren, welche nur Kinder oder einen unwiſſenden Pobel tau⸗ ſchen mag. Ihr ſeht Senatoren und Soldaten vor Euch, ſo ſprecht vnien zu ihnen, als zu Maͤnnern. Ich weiß zwar wohl, Voluſianus, daß die Wahrheit des Glaubens fuͤr den Ungläu⸗ bigen eine Thorheit iſt; indeſſen wuͤrde ich mich doch ſchämen, ſie um menſchlicher Ruͤckſichten willen zu verhehlen, oder meine Reden der Wuͤrde derer gemäß einzurichten, welche mich hoͤren. Alter! ſagte endlich Theuderich, ich bin mit meinen Franken hierher gekommen, nicht um Worte zu hoͤren, ſondern um Thaten zu ſehen; gieb dieſem Gallier, den der Franke ehrt, ſeine Tochter Deine Gefangene zuruͤck, oder mit dieſer Hand, die ich uͤber Dir aufhebe, will ich Dei⸗ uen Bart an den Schweif meines Roſſes bin⸗ —,———— ben und bich ſo in die Waͤlder von Torandrien ſchleppen. 6 Moge mir nur dann, verſetzte Voluſianus, Kraft genug übrig bleiben, wenn ich dort ange⸗ kommen bin, die Franken zu ſegnen. Mit Freu⸗ den werde ich dann das Werk des Herrn beginnen, welches gluͤcklichere Apoſtel nach mir dereinſt vol⸗ tenden werden. Du ſollſt mich eben ſo bereit zur Verkuͤndigung des Wortes unter Euch finden, als zu Erduldung des Märtirertodes! Eein Franke konnte nie mit Gleichguͤltigkeit die Sptache des Muthes vernehmen. Theuderich trat, von unwillkuͤhrlicher Achtung gegen den grei⸗ ſen Prälaten erfuͤllt, zurück. 34 Felir hätte ſich gern uͤberredet, daß Voluſia⸗ nus ſelbſt im Irrthume und jene unerſchuͤtterliche Feſtigkeit Tugend ſey. Er wuͤnſchte den Pater Andröas zu ſehen, und ihn ſelbſt ſeine Sendung nach Heſodunum erklaͤren zu hoͤren; allein der Pa⸗ ter Andréas hatte, wie Voluſianus ihm ſagte, ſeit länger als einer Woche ſchon Tours verlaſſen; er befand ſich auf einer Sendung in Angelegenheiten der Kirche, und da er eine lange Wanderung vor ſich hatte, ſo war es dem Prälaten nicht mög⸗ lich zu beſtimmen, an welchem Orte er tig anzutreffen ſeyn moͤchte. Julius Severus kannte noch andere 3ee Mithelfer bei der Entfuͤhrung ſeiner Toch⸗ ter: die beiden Bagauden, welche den Pater An⸗ dréas in die Ruinen von Heſodunum gefuͤhrt hatten, und die durch die Lamia gewonnen dem Se⸗ verus in dem Tempel als Spione dienten, allein dieſe beiden Ungluͤcklichen hatten eine zu lebhafte Vorſtellung von der Gefahr, der ſie ſich durch Be⸗ leidigung des Biſchofs und der Geiſtlichkeit zu Tours ausſetzen wuͤrden, als daß man ſie zum Re⸗ den hätte bewegen koͤnnen. So ſchien denn die Unterredung zu keinem Reſultate zu fuͤhren, und Severus zog ſich mit ſeinen Freunden zuruͤck jedoch mit der Erklaͤrung, daß er zu Tours bleiben wer⸗ den, um hier ſeine Nachforſchungen 0 bh zuſetzen. 2b Des Severus erſter Gedante war, den ſhftichen Pallſt waͤhrend der Nacht anzugrei⸗ fen, den Voluſianus, die Superiorin des Kloſter zur heiligen Jungfrau und andere Geißeln zu —————— — 1— eutfůͤhren und ſie nach Churtres zu bringen, allein die Anfuͤhrer der Franken, oder Autruſthionen, weigerten ſich, als man ſie deshalb befragte, be⸗ ſtimmt dieſen Auftrag auszufuͤhren. Sie erklaͤr⸗ ten, daß ſie und ihre Truppen ſchon von dem Brodte des Voluſtanus gegeſſen, daß ſie an ſeinem Tiſche geſeſſen hätten, und deshalb ſich keine Gewalt gegen ihn erlauben wuͤrden. Dieſe Achtung gegen die Geſetze der Gaſtfteundſchaft hatte zwar nicht immer eine ſolche Macht uͤber ſie, allein der Prälat von Tours war ihnen wie ein faſt uͤberirrdiſches Weſen erſchienen; ſie hoben nur furchtſam die Augen zu ihm auf, und es war von ihnen nichts gegen denſelben zu erwarten. Severus befragte die beiden Bagauden, welche Lamia zu ſeinem Vortheile gewonnen hatte. Er ſchmeichelte ſich durch ſie irgend einen andern Mit⸗ genoſſen der Entfuͤhrung zu erfahren. Allein Al⸗ les, was er erfuhr, war das, daß der Pater An⸗ dréas nach Poitiers geſandt worden, und daß ſeine Abreiſe in das tiefſte Geheimniß gehuͤllt ſey. Dieſe Abreiſe des Pater Andréas nach Pol⸗ tier dunkte Felir ein erhellender Lichtſtrahl. Wat 3 es denn nicht wahrſcheinlich, daß, da man den Pa⸗ ter gewaͤhlt hatte, die Geraubten nach Tours zu bringen, man ihn auch gewählt haben wuͤrde Iu⸗ lien zu begleiten, wenn man es paſſend gefunden haben ſollte, ſie noch weiter zu entfernen? Ohne Zweifel wuͤrde er ſie in ein Kloſter zu Poitiers ge⸗ bracht, oder doch wenigſtens beim Durchzug durch dieſe Stadt, wo er nicht glauben durfte verfolgt zu werden, die Spuren ſeiner Reiſe nicht ſo ſorg⸗ fättig dem forſchenden Blicke zu entziehen geſucht haben. Ueberdies war, ſeitdem ſich Felir in den Haͤnden der Prieſter befand, der Pater Andréas der einzige, der ihm die Wahrheit ohne Beimi⸗ ſchung liſtiger Verſtellung geſagt hatte, der ein⸗ zige, der, indem er den Befehlen ſeiner Obern ge⸗ horchte, ihm ein wahres Mitleid mit dem Lei⸗ den bewieſen hatte, das er ihm verurſachen mußte, ſo wie ein aufrichtiges Verlangen ihm zu dienen. Felix ſchmeichelte ſich zwar nicht, daß Andréas ſeinetwegen auch nur von einem einzigen der er⸗ haltenen Befehle abweichen werde, allein er glaubte doch, daß ihn dieſer Prieſter nicht tau⸗ ſchen, und wenn es von ihm abhinge⸗ irgend eine —— — 176— Aufklarung, einen Troſt, eine Hoffnung zu geben, er ſich deſſen nicht weigern wurde. Er beſchloß daher auf der Stelle nach Poitiers zu reiſen, in⸗ deß Severus und ſeine Mutter mit den Franken und Theuderich zu Tours bleiben, und wechſels⸗ weiſe Verſprechungen und Drohungen bei allen untern Angeſtellten der Kirche, und uͤberhaupt Al⸗ len denen, welche man verfuͤhren könnte, oder welche durch die Furcht vor Strafen erſchreckt wer⸗ den moͤchten, anwenden ſollten, um ſich irgend einiges Licht uͤber Juliens Schickſal zu verſchaffen. Severus und Sylvia, welche ihre Hoffnungen Etwas vom Voluſianus zu erhalten, durch die Furcht der Franken verſchwinden ſahen, billigten Felirs Reiſe. Diocles, der Sylvien mit den Pfer⸗ den und Effecten ſeines Herrn begleitet hatte, den er von Tours zurückzufuhren dachte, erhielt den Auftrag ſie zur Abreiſe bereit zu halten. Seve⸗ tus ſchrieb an den Grafen Romanus Gallus, der zu Poitiers befehligte, und an den Gothen, Or⸗ gila, der daſelbſt ein kleines Corps Soldaten von Alarich II. unter ſeinem Befehle hatte, um ihnen ſeinen Freund und kuͤnftigen Eidam bei den Nach⸗ — 116— forſchungen nach ſeiner Tochter zu empfehlen. Er war dieſen beiden Offiziern ebenfalls bekannt und hatte einigen Einfluß auf ihre Entſchluͤſſe. Felir Florentius hatte Gelegenheit gehabt ſ elbſt mit dem Biſchofe von Poitiers, Adolfius, der nicht weni⸗ ger als Voluſianus ein geheimer Feind der Weſtgo⸗ then und Anhaͤnger der Franken war, in Brief⸗ wechſel zu kommen; allein dieſer Praͤlat hatte kei⸗ nesweges in Poitiers ein ſolches Anſehen, wie der Biſchof von Tours; ſeine Macht wurde ſehr be⸗ ſchränkt durch die des Grafen Romanus und des Weſtgothiſchen Commendanten, und ſo verſtimmt jener auch ſeyn möchte, ſo hatte Felir doch Grund ſich zu ſchmeicheln, daß, wenn ſich Julia in Poi⸗ tiers befinden ſollte, es ihm gelingen wuͤrde, ſie wieder in Freiheit zu ſetzen⸗. Der andere Tag nach ſeiner Abreiſe von Tours brachte Felix nach Poitiers, und vermittelſt der Nachweiſungen, welche Diocles erhalten hatte, entdeckte er bald die Wohnung des Pater Andréas, und ging zu ihm; allein ſogleich beim erſten An⸗ plick war er erſtaunt uͤber die Veraͤnderung, die er auf dem Geſichte dieſes Geiſtlichen bemerkte. ——— — 5— Seine Wangen waren hohler, ſeine Augen matter geworden, und eine tiefe Traurigkeit ſchien Furchen in ſeine Stirn gezogen zu ha⸗ ben. Sie war an die Stelle jenes milden Selbſtvertrauens, jener Ruhe eines guten Ge⸗ wiſſens getreten, welche zuvor ſein ganzes Aeu⸗ ßere ausgezeichnet hatten. Als Andréas aber Felir! in ſeine Zelle treten ſahe, glänzte ein Strahl der Freude auf ſeinem Geſichte.„Gott ſei Dank! rief er, ſo iſt wenigſtens eines der beiden Schlachtopfet meines unglůͤcklichen Ge⸗ horſams in Freiheit, aber wo mag das Andere ſeyn? Werde ich nicht dereinſt vor Gottes Rich⸗ terſtuhl Rechenſchaft von ſeinem Leben geben Euch! Euch ſelbſt, verſetzte Felir, uͤber dieſe Ausrufung äußerſt beſtuͤrzt,— Euch wollte ich eben um Auskunft daruber bitten. Solltet ihr denn wirklich nicht wiſſen, was aus Julien gewor⸗ Voluſianus hat ſich wohl gehutet mir ein Geheimniß zu vertrauen, welches ich ſchwerlich bewahrt haben duͤrfte. Wehe mir! daß ich der 2r Bd. M — 178— Stimme eines Menſchen mehr gehorcht habe als der Stimme Gottes! daß ich geglaubt habe, mein canoniſcher Gehorſam entbinde mich der Pflicht, mein eigenes Urtheil zu Rathe zu zie⸗ hen! Indem ich die Befehle meines Biſchofs erfullte, dachte ich Gallien vor einer gefaͤhrli⸗ chen Apoſtaſie zu ſchuͤtzen. Ich glaubte blos eine ſtrenge Gerechtigkeit gegen diejenigen aus⸗ zuuͤben, welche ſchon durch die canoniſchen Ge⸗ ſetze verdammt waͤren. Er hat mich getaͤuſcht in Hinſicht auf Juliens Glauben, auf ſeine eigenen Pläne und auf die Gefahren, wovon ſie, wie er ſagte, bedroht wären. Er hat das VPVolk getauſcht in Hinſicht der Mittel, deren man ſich bebiente, ſeine Abſichten auszufuͤhren; hat den Engeln des Himmels zugeſchrieben, was doch nur das Werk ſeiner ſuͤndigen Haͤnde war; er hat falſche Wunder verkuͤndigt; er hat orgegeben, ich habe den Daͤmonen und En⸗ geln befohlen, indeß ich ungluͤcklicher, unwuͤr⸗ i iger Suͤnder die Handlung beweine, zu der er voleitet — — 79— Alle Hoffnungen von Felix Florentius wa⸗ ren zerſtort worden, als er vernommen hatte, daß Andréas ſelbſt ihn ihn um Nachrichten von Julien bat. Schon machte er ſich zum Vorwurfe nach Poitiers gekommen zu ſeyn und ſich von Tours entfernt zu haben, wo ſie jetzt noch ohne Zweifel verborgen gehalten wurde. In⸗ deſſen machte der Antheil, den Andréas an ihm nahm, ſo wie die aufrichtige Reue, die er bli⸗ cken ließ, und die Spuren von Schmerz und Unruhe, die er auf ſeinem Geſichte trug, einen tiefen Eindruck auf ihn. Er befragte ihn uͤber die Vexaͤnderung, die er in ſeinen Anſichten und Grundſätzen darzulegen ſchien. Andréas antwortete mit der größten Freimüthigkeit. In einem Kloſter erzogen, die Menſchen nur aus VBuͤchern der Kirche kennend, und die Politik nur in ihren Beziehungen auf den Sieg der Religion betrachtend, hatte er ſeinen geiſtlichen Obern ſtets ein unbedingtes Zutrauen hewieſen. Er hatte nie auch nur einen Schatten von Zwei⸗ fel genährt, weder über die Wahrheit ihrer Reden, noch uͤber das Schickliche ihrer Be⸗ — 160— fehle, noch über die Aechtheit der Wunder, die er ſie bezeugen hoͤrte. Begabt mit geſundem richtigem Verſtande, einer gepruften Klugheit und Diſcretion, hatte er ſich dem Biſchofe von Tours empfohlen, dieſer hatte ihn dann mehrere ge⸗ faͤhrliche Sendungen aufgetragen, und er hatte ſich derſelben immer glůͤcklich entledigt. Er hatte die Lager faſt aller Barbaren beſucht, ſo⸗ wohl um Gefangene los zu kaufen, als um die Reliquienkäſten der Heiligen wieder zu fordern, die ſie mitgenommen hatten, oder auch um ih⸗ nen das Evangelium zu predigen. Die Auf⸗ richtigkeit ſeines Charakters hatte ihm überall Achtung erworben, er war von denen geehrt worden, die er nicht uͤberzeugen konnte, und er glaubte ſo feſt ſelbſt an das Wort, das er ver⸗ kundigte, daß diejenigen, welche von ſeinen Gruͤnden nicht uberzeugt wurden, ſich oft durch ihr Vertrauen zu dem Glauben eines redlichen Mannes hinreißen ließen. Als auf die Nachricht von der nahen Vn⸗ mählung Chlodowichs Voluſianus in Ueberein⸗ ſtimmung mit dem heiligen Remi beſchloſſen führen, keiner Verſuc — 181 — hatte, die Gemahlin verhaften zu laſſen, welche der Geiſtlichkeit ein ſo außerordentliches Miß⸗ trauen einflößte, hatte er den Pater Andréas erleſen, um ihn mit dieſem Unternehmen zu be⸗ auftragen. Er bedurfte eines Mannes von Kopf, der im Stande war, allein zu hanbeln, und von den Verhaͤltniſſen und Umſtänden ſich rathen zu laſſen; eines Mannes von Muth, der eine Nacht, ja wohl mehrere Nächte in unterirrdiſchen Gewölben zuzubringen vermöchte, wohin die furchtſame Heerde der Moͤnche nie hinab zu ſteigen gewagt haben wüͤrde; der ſich unbedenklich den fluͤchtigen Bagauden anſchloͤſſe, welche Voluſtanus gebrauchen mußte, weil ſie allein die celtiſchen Ruinen genau kannten und der ſie durch die Hoheit ſeines Charakters doch dergeſtalt beherrſchte, daß man ohne Furcht wegen der Art und Weiſe bleiben konnte, wie ſie ihre Sendung vollziehen wuͤrden. Allein Vo⸗ luſianus bedurfte auch eines tugendhaften Man⸗ der bei dem Auftrage, ein junges, durch ſeine Schönheit ausgezeichnetes Mädchen zu ent⸗ hung und keinem Gedan⸗ nes, — 182— ken ausgeſetzt wäre, der ſich mit der Ehre der⸗ jenigen nicht vertrüge, weiche ohne andern Schutz in ſeine Haͤnde kommen ſollte. Selbſt in dem Tugenblic, wo Voluſianus Julien dem allge⸗ meinen Beſten der Kirche aufopferte, wuͤrde er vor dem Gedanken, ſie einer Befleckung auszu⸗ fetzen, zurüͤckgebebt ſeyn. Ueberdies machte es ihm ſchon das Intereſſe des Prieſterthums zur Pflicht, für die Vertheidigung ihrer Reinheit beſorgt zu ſeyn. Das Publikum verzeiht den Prieſtern eher treuloſe und grauſame Handlun⸗ gen, als laſterhafte; es iſt weniger gefährlich für ſie, uͤberwieſen zu werden, daß ſie Weiber und Kinder in den Flammen haben umkommen laſſen, als wenn ſie in den L ter Sitten kommen. Nur ſehr wenig Prieſter beſaßen die ver⸗ ſchiedenen Eigenſchaften, welche Voluſianus zu⸗ ſammen vereinigt finden mußte bei der Sen⸗ dung, womit er den Pater Andréas beauftrag⸗ te Er eß ſich daher, als ſeine Wahl auf ihn gefalen war, auch durch ſeine anfaͤnglichen Be⸗ denklichkeiten nicht abſchrecken, und trieb, um —— dieſe zu— die Nasſicht ſo welt, baß er ihm den ganzen Briefwechſel des heil. Remi und alle die Aufklaͤrungen mittheilte, welche der eine und der andere uͤber den Charakter und die Plaͤne des Severus erhalten hatte. Der Pater Andrsas war ganz erſtaunt, es war das erſte Mal, daß die Befehle, die er von ſeinem Obern erhielt, im Widerſpruche ſtanden mit de⸗ nen, welche ihm ſein Gewiſſen ertheilte Er ſchwankte, und Voluſianus konnte es bemerken. Pingeriſſen indeſſen von der Gewohnheit der Achtung und des Vertrauens, von einem tiefen Gefuͤhle der Demuth, und dem Glauben, daß er nicht irren koͤnne, wenn er dem gehorche, der das Recht habe ihm zu befehlen, verſprach er ſeine Befehle zu vollziehen, und einmal mit dem Auftrage belaſtet, fuͤhrte er ihn gewiſſenbaft aus bis ans Ende. Sein Erſtaunen war jetoch Jeſr als er unterwegs Geiegenheit hatte ſich zu über⸗ zeugen, daß Voluſianus uͤbel unterrichtet, daß Julia Severa eine Chriſtin ſey, daß ſie durch⸗ aus keine der Kirche gefährliche Abſicht nhre vuß ſi weit entfernt zu wuͤnſchen, Chlodowich möchte ſie zu ſeiner Gemahlin wählen, viel⸗ mehr eine ſolche Verbindung fuͤrchte, und ihr Herz bereits durch eine andere Neigung gefeſſelt ſey. Andréas hatte die beiden ſeiner Obhut anvertrauten jungen Leute nicht ſehen koͤnnen, ohne ein Intereſſe an ihnen zu nehmen; er wurde geruͤhrt von der Verzeihung, die ſie ihm ſo leicht hatten angedeihen laſſen, und von die⸗ ſem Augenblicke an hatte er zu zweifeln begon⸗ nen, ob er auch ſich felbſt verzeihen konne; er hatte ſich nun ſogleich zum Voluſianus begeben, allein nicht ſowohl um ihm von dem Ausgange des Unternehmens Bericht zu erſtatten, als ihm die neuen Aufklärungen mitzutheilen, die er er⸗ haiten hatte. Allein die Gleichgultigkeit des Pralaten bei Umſtänden, die ihm ſo wichtig ſchie⸗ nen, hatte ihn in Verwirrung geſetzt. Nicht minder war er beſtuͤrzt geworden durch die Un⸗ empfindlichkeit deſſelben gegen die Leiden der bei⸗ den Gefangenen und die Angſt, der ihre Eltern immerfort ausgeſetzt blieben, durch ſein mit Drohungen verbundenes, wiederhohltes Verbot, ———,— — 163— Sywia keine Aufklärung uͤbet das Schickſal ihres Sohnes zu geben, über ſeine kalte Ent⸗ ſchloſſenheit, lieber fur immer die beiden Gefan⸗ genen dem Lichte des Tages zu entziehen, und ſie in einem Gefaͤngniſſe umkommen zu laſſen, wenn ſie ſich nicht durch ewige Geluͤbbe woll⸗ ten binden, als ſich der Gefahr auszuſetzen, ben Chlodowich durch ihre Entdeckungen von der Kirche abwendig zu machen, deren Veſchutzer er ſeyn ſollte. Uneinpfindlich gegen ſeine Dro⸗ hungen, hatte Andreäs indeſſen den Brief von Felir Sylvia zukommen laſſen. Es war das erſte Mal in ſeinem Leben, daß er ſeinem Biſchofe nicht gehorchte, das erſte Mal, daß er das Licht ſeiner Vernunft mehr zu Rathe zog, als das, was man ihn als die Pflichten ſeines Standes zu betrachten gelehrt hatte, das erſte Mal, daß, als er eine Laſt auf ſeinem Gewiſ⸗ ſen gefüͤhlt, er der Verpflichtung ſich entzogen hatte, ſeinem geiſtlichen Obern zu beichten. Eine erſte Verletzung des Gehorſams zog mehrere andere nach ſich, und die Kette, womit ſein — 186— Leben bisher gefeſſelt war, war zerriſſen, ohne daß er doch ſeiner Freiheit genießen konnte. WVon dem Augenblicke an, wo er ſich in dem Hofe des erzbiſchoͤflichen Pallaſtes von Julia Severa getrennt, hatte er keine Ge⸗ meinſchaft mehr mit ihr gehabt, und nie hatte er erfahren können, was aus ihr geworden ſei⸗ Er vermuthete indeſſen, daß ſie in dem Kloſter des heil. Martin geblieben ſei, bis zu dem Augenblicke, wo Voluſianus die Nachricht von Theuderichs Unternehmen zu ihrer Befreiung erhalten hatte, dann hatte der Praͤlat ohne Zweifel darauf gedacht ſie zu entfernen. Viel⸗ leicht hatte er ſie in ein anderes Kloſter ge⸗ ſandt; indeß waren der geiſtlichen Haͤuſer fuͤr Frauen damals noch nicht viele in Gallien, und diejenigen, welche in andern Diöceſen la⸗ gen, ſtanden nicht mehr unter der unmittelbaren Gewalt des Voluſianus und Andréas war nicht der Meinung, daß er eine Gefangene, deren Befreiung ſeine Ehre hätte in Verlegenheit bringen können, der Aufſicht von irgend Jemand Anders hätte anvertrauen ſollenz er vermuthete „ — 137— daher, daß man ſie entweder unter m kleinen Congregationen, welche ſich in der Disces von Tours gebildet hatten, und die noch nicht zu Klöſtern erhoben worden waren, oder in irgend einem der. der Kirche zuge— i auf⸗ ſuchen muſſe. Das Schickſal von Felix war nicht in ſo großes Dunkel gehuͤllt geweſen. Andréas hatte bei guter Zeit erfahren, daß er in dem Kloſter des heil. Martin als ein Beſeſſener angekun⸗ digt, daß er allen den Uebungen unterworfen worden war, welche man als vorbereitend für die Austreibung der böſen Geiſter betrachtete; daß man ſeine Ankunft in dem Kloſter als durch ein Wunder bewirkt vorgeſtellt, und daß man ſeinen Gebeten und ihm ſelbſt das Werk zugeſchrieben hatte, das er nur durch die Stärke der von ihm geleiteten Arme ausfuͤhren konnte. Es war das erſte Mal, daß die Wunderge⸗ ſchichten, womit man die gläubigen Frommen unterhielt, in ſeinen Augen als völlig falſch er⸗ ſchienen. Bei einem zu aufrichtigen Herzen und einer zu reinen Seele, um dieſe frommen Taͤuſchungen faſſen zu koͤnnen, zu denen ſich in jener Zeit ſo viel ausgezeichnete Perſonen der Kirche unbedenklich herabließen, hatte er immer geglaubt, Religion und Wahrheit muͤßten eine und dieſelbe Sache ſeyn, und es kam ihm vor, als mache er ſich der Gotteslaͤ⸗ ſterung und des Kirchenraubes ſchuldig, wenn er ſich eine Wunderkraft beilegen ließe, die er, wie er gewiß wußte, keinesweges beſaß. Dieſe Entdeckung hatte in ſeiner Seele einen furcht⸗ baren Zweifel erweckt, ſein ganzer Glaube war erſchuͤttert worden, und da der Zweifel allein ſchon in ſeinen Augen eine Todſuͤnde war, ſo hatte der Schmerz und die Muthloſigkeit die Stelle jener troͤſtenden, frommen Ergebenheit eingenommen, wovon er bisher belebt geweſen war. Er fand weder in ſeinem Herzen, noch in ſeiner Religion einen ſichern Troſt mehr, Moral und Glaube ſchienen einander, ſtatt ſich gegenſeitig zur Stuͤtze zu dienen, zu bekämpfen, ſeine Thaten und Gedanken waren ihm Ge⸗ genſtände von Gewiſſensbiſſen geworden, die Un⸗ ruhe ſeines Gemuͤths hatte die Geſundheit ſei⸗ nes Körpers augegriffen und der eiſernen Hand der Reue ſchrieb er jene Veränderung in ſel⸗ nem Aeußern zu, welche unſerm Felix ſo⸗ auf⸗ gefallen war. Der Pater Anbréas hatte den Voluſianis von Neuem Vorſtellungen gemacht, um ihn aufzufordern, daß er einer Fabel widerſprechen ſollte, die er doch, ohne ſich einer Sände ſchul⸗ dig zu machen, nicht in Umlauf kommen laſſen koͤnnte. Allein der Prälat hatte ihm geantwot⸗ tet, daß er den Glauben der Schwachen nicht dadurch erſchuͤttern duͤrfe, daß er ſie gewöhnte an den Wundern der Religion zu zweifeln; daß es vernünftiger ſel, von einem Glauben Vor⸗ theil zu ziehen, der, wenn er auch in ſich nicht begruͤndet ſei, der Wahrheit doch zur Stuͤge diente, daß man ſich aus einem Truge, wo⸗ durch Seelen Gott gewonnen wuͤrden, und wor⸗ uͤber ſich der Teufel allein zu beſchweren habe, keine große Vedenklichkeit machen duͤrfe, unb daß man vor Allem das Beſte Gottes und der Kirche ſuchen muͤſſe, auf welchem Wege man auch dazu gelangen moͤge. Dieſe Bewegungsgruͤndt — 190— ſchienen dem Pater Andréas ſehr nach weltli⸗ cher Politik zu ſchmecken, die er ſeinem Obern bisher gar nicht zugetraut hatte. Er hatte nun noch dringendere Vorſtellungen gemacht, allein nun hatte Voluſianus den Ton geaͤndert und hatte ihm befohlen, ſich ſogleich und geheim nach Poitiers zu verfuͤgen, und nur dann erſt zuruͤck zu kommen, wann er gerufen werde. Ich gehorchte, ſagte er endlich, allein zum zweiten Male war mein Gehorſam ein Feh⸗ ler. Das Nachdenken, die Einſamkeit haben mich meine Pflichten beſſer kennen gelehrt. Ich zenne die Wahrheit, ich muß ſie ſagen, ich muß ihr den Sieg verſchaffen. Ich habe mich gegen Euch und gegen Julia Severa eines großen Vergehens ſchuldig gemacht, ich bin Gott und der Welt ein öffentliches Bekenntniß daruber ſchuldig. Ich wuͤrde ſchon nach Tours zurückgekehrt ſeyn, um es abzulegen und mit meinem Leben zu beſiegeln, denn ich weiß wohl, daß dies die Folge davon fuͤr mich ſeyn wurde, allein der Biſchof von Poitiers hält mich hier in einer Art von Gefangenſchaft. Vermögt —.—— 1 Ihr es, ſo befreit mich von dieſen Banden, und Gott, der meine Reue angenommen hat, wird mir auch die Gnade verleihen, Alles wie⸗ der gut zu machen. Ich bin es, der Euch die Gattin entriſſen hat, die Euer Herz gewähit hatte, ich bin es, der dem Julius Severus ſeine Tochter entfuͤhrt hat, ich will ſie Euch daher auch wieder verſchaffen. eayrest 3 Die Landleute. Hat man ſich denn nicht ſo benommen, daß die den Räu⸗ bereien der Richter, den Strafen und dem Tode aus⸗ geſetzten Menſchen angefangen haben, Barbaren zu werden, weil man ihnen nicht mehr erlaubte Ro⸗ mer zu ſeyn? Sie hatten ihre Freiheit ganz und gar verloren, man hat ſie nun auch gezwungen ihr Leben zu vertheidigen. Was thut man denn jetzt anders, als man zuvor gethan hat? 3wingt man denn nicht diejenigen Bagauden zu werden, die es bisher noch nicht geweſen?— Salviani de Su; bpernatione Dei. Hih. V. p. 1004. F elir hatte ſeiner Seits dem Pater Andréas erzählt, auf welche Art er ſeine Freiheit wieder erhalten hatte, und welches Schutzes er durch die Anweſenheit eines fränkiſch ruppeneorys zu Tours genöſſe. Er hatte ihm erzaͤhlt, wie Voluſianus, jeden Beweiß verſchmaͤhend und — 193— das Zeugniß ſeiner Zuhoͤret, wie das des geſun⸗ den Menſchenverſtandes, verachtend, behaupte, daß er keinen Antheil an den Entfuhrungen zu Heſo⸗ dunum gehabt habe, daß Felir ihm durch uͤberna⸗ türliche Mittel ſey überantwortet worden, daß Ju⸗ lia endlich verſchwunden ſeyz er hatte ihm zuletzt auch geſagt, wie Voluſianus die Volksmenge irre⸗ gefuͤhrt habe, und wie die ſo feſt an das Wunder glaube, bas gewiſſermaaßen vor ihren Augen be⸗ ſtätigt worden ſey. Andréas, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, dachte uͤber dieſe ſeltſame Situation nach, und ſuchte Mittel ausfindig zu machen, um zu gleicher Zeit das Zeugniß eines allgemein verehrten Pra⸗ laten, die Macht der Geiſtlichkeit, auf welche er ſich ſtutzte, und den aberglaͤubigen Fanatismus der Menge zu bekaͤmpfen. Wenn wir es vermoͤgen, ſagte er endlich, ohne Aufſehen den Voluſianus von ſeinem Irrthume abzubringen, und ihn durch die bloße Furcht vor einem Aergerniſſe dahin zu bringen, daß er Julien in Freiheit ſetzt ſo muͤſſen wir das thun aus Men⸗ ſchenliebe und aus Klugheit. Er kennt mich, er 2r Bd. N — 194— weiß, daß keine Furcht mich je vom rechten Wege ablenken wird; er weiß, daß ich nicht ohne Einfluß auf eben dieſe Menge bin, die er verfuͤhrte, und daß die Fabel, welcher er Glauben zu verſchaffen gewußt, meinen Credit noch vermehrt hat. Viel⸗ leicht wird er einen Kampf vermeiden, der ſich nicht zu ſeiner Ehre endigen moͤchte, und die Be⸗ dingungen annehmen, die Ihr ihm vorſchlagen ſollt. Schlägt er ſie aber doch aus, dann werde ich, Angeſichts dieſer verirrten Volksmenge, die Kanzel beſteigen, und den Beweis aufſtellen, daß er ſie durch einen unheiligen Trug getäͤuſcht hat. Die Wahrheit iſt mächtiger als die Luͤge. Ich werde ſeine heiligen Worte wiederholen, werde die Briefe vorzeigen, welche er mir mitgetheilt hat, die Agenten angeben, die er gebraucht hat, ſo wie die, denen ich ſelbſt ſeine Befehle uͤberbrachte, und die, denen ich Euch Beide bei meiner Ruckkehr übergab. Ich werde auch das angeben, was ich durch die Spione, die Euch ſchon zuvor umgaben⸗ wider meinen Willen erfahren; denn zu derſelben Zeit, wo ich den Zweck, den man mir vorhielt, billigte, betrachtete ich ihre Handlung nichts deſto — — — 1956— weniger als ſchlecht, treulos, und den edlen Cha⸗ rakter, womit ſie bekleidet waren, entweihend. Dieſe Worte erregten in Felix eine ſchmerz⸗ liche Bewegung. Wäre es möglich, rief er, daß Martin, der mich erzogen hat, Martin, den wir mit ſo viel Wohlthaten uͤberhaͤuft haben Ich glaube, und will es gern glauben, ver⸗ ſette Andréas, daß er nicht nur keinen Plan gegen Euch gebildet hat, ſondern daß er ſelbſt nicht wußte, welchen Gebrauch man von ſeinen Ent⸗ deckungen gegen Julien machen wuͤrde. Indeſſen bin ich verſichert, daß man durch ihn in dem erz⸗ biſchoflichen Pallaſte die Schritte und Pläne Eu⸗ rer Mutter erfahren hat, daß man daſelbſt lange zuvor von der beabſichtigten Reiſe nach Heſodu⸗ num unterrichtet war, daß er ſelbſt zum Aufſchub derſelben ſo lange, bis wir fertig waͤren, beigetra⸗ gen, und einen andern Entfüͤhrungsplan angege⸗ ben hatte, an dem ich keinen Theil genommen und der fehlgeſchlagen iſt. Er hat den Gedanken, Euch wieder zu ſehen, nicht ertragen können, des⸗ halb hat er Noviliacum verlaſſen, wo ihr ihn nicht wieder finden werdet, und zu Belohnung ſei⸗ N 2 — 196— ner Dienſte hat er eine anſehnliche Pfruͤnde be⸗ kommen. Dieſes ſchändliche Spioniren hatte ich eben im Sinne, als ich Euch warnete gegen zu großes Vertrauen auf Eurer Hut zu ſeyn; allein es ſcheint, als habe Voluſianus ſchon nicht mehr nöthig gehabt von Euren— Gedanken un⸗ terrichtet zu werden. Die Feſtigkeit des Pater Andréas, ſein uner⸗ ſchutterlicher Entſchluß das Uebel, das er angerich⸗ tet, wieder gut zu machen, belebte Felir Hoffnun⸗ gen von Neuem ⸗ Wenn Julia noch lebte, ſo glaubte er ſich faſt verſichert, die Thuͤren ihres Ge⸗ fängniſſes öffnen zu können; allein konnte es denn nicht ſchon zu ſpät ſeyn? Er wagte es gar nicht, alle ſeine Befuͤrchtungen laut werden zu laſſen, doch verſtand ihn Pater Andréas. Sein Geſicht wurde finſterer, ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤ⸗ nen, allein er weigerte ſich nicht, zu antworten. Voluſianus, ſagte er, wuͤnſcht vielleicht den Tod ſeiner Gefangenen, vielleicht wird er ſie auch unbedenklich einem Zuſtande von Leiden hingeben, der, verlängert, ihr Leben wohl in Gefahr brin⸗ gen könnte, allein nie wird er einen Meuchelmord —— — 297— befehlen, und ich glaube und wage es zu verbür⸗ gen, ſelbſt auf die Folter wuͤrde er ſie nur mit dem höchſten Widerwillen bringen laſſen. Es ſind nun hundert und zehn Jahre, ſeit zum erſten Male in Gallien Blut floß, unter dem Vorwande, die Irrthuͤmer des Glaubens zu beſtrafen, und daß eine Dame aus Bourdeaur zum Tode geſandt wurde, weil ſie ſich von dem rechten Glauben ent⸗ fernt hatte; allein der glorreiche Vorfahre von Vo⸗ luſianus, der heil. Martin ſelbſt, bezeugte ſeinen Abſcheu gegen eine ſo grauſame Handlung. Vo⸗ luſianus wird ein ſo großes Beiſpiel nicht vergeſſen. Indeſſen muß ich geſtehen, ich zittere bei dem Ge⸗ danken an die Schlingen, womit man Julien um⸗ geben, und an die furchtbaren Strafen, die man ihr aufzulegen ſich fuͤr berechtigt halten wird, wenn ihr Glaube nicht rein erfunden werden ſollte. Dieſe Furcht ſchärft die Gewiſſensbiſſe, welche ich uͤber das empfinde, was ich ſchon gethan habe. Felix, erſtarrt von Schreck und Schauder, legte ſich die Hand auf die Augen, und verweilte einige Zeit in unbeweglicher Stellung, indeß in ſeinem Herzen die zerreißendſte Angſt wuͤthete. Andrcas, — 198— ver nicht weniger niedergeſchlagen war, fuhr indeſ⸗ fen fort,— eine— Ableitung .— Weil Ihr denn eſinnt hier ſeyd, ſo iſt es vielleicht der Klugheit gemäß, ſagte er, in den Klöſtern von Poitiers Nachforſchungen anzuſtel⸗ len; indeſſen glaube ich nicht, daß Julia ſo weit gebracht worden. Sie iſt gewiß noch zu Tours in einem der geheimen Aufenthaltsorte, welche zu vem etzbiſchoftichen Sitze gehören, oder ſie iſt auch wohl noch wahrſcheinlicher in einer jener kleinen Congregationen aufzuſuchen, die ſich innerhalb ſei⸗ — Disces gebildet haben. Alle Ruinen, alle unterirdiſche Gewölbe, alle einſame Orte, welche während der Zeit der Verfolgungen irgend einem Frommen zum Aufenthalte gedient haben, und welche heut zu Tage durch die Wunder beruͤhmt geworden ſind, die ihre Reliquien daſelbſt verrich⸗ tet, ſind gegenwärtig in Heiligthuͤmer verwandelt, geziert mit Kapellen, und das Eigenthum der Kirche geworden. Ich kenne alle dieſe heiligen Orte, die mißen ihrer Huͤterinnen ſetzen ein großes Ver⸗ trauen auf mich, oder find gewohnt den Befehlen — — zu gehorchen, die ich ihnen ſonſt zukommen laſſen mußte. Wir wollen einige davon beſuchen, die nicht weit von unſerm Wege abliegen, ehe wir nach Tours zuruͤckkommen, und Gott, der uns dieſe Pruͤfungen auferlegt hat, der aber barmher⸗ zig iſt gegen den Reuigen, wird vielleicht geſtatten, daß ich Euch, ehe der morgende Tag zu Ende geht, diejenigen zuruͤckgeben kann, die ich Euch auf keine Art zu entreißen ein Recht hatte Durch dieſe Hoffnung belebt, beſchloß Felip keinen Augenblick zu verlieren, um ſeine Nach⸗ forſchungen fortzuſetzen. Er ſtellte ſich dem roͤmi⸗ ſchen Grafen Gallus und dem Gothen Orgila vor, die damals in Poitiers befehligten, und wurde von ihnen mit Auszeichnung aufgenommen. Or⸗ gila war ein Arianer, Gallus aber hielt es mehr mit der Politik als mit der Religion. Beide wa⸗ ren entſchieden, ſich den Anmaaßungen der Geiſt⸗ lichkeit zu widerſetzen. Beide beobachteten den Biſchof von Poitiers mit Mißtrauen. Sie gaben mit Freuden die nöthigen Befehle, daß der Pater Andréas in voller Freiheit Pritiers verlaſſen und nach Tours zuruͤckkehren konnte. Zu gleicher Zeit — 200— ließen fie in allen Klöſtern und geiſtlichen Anſtal⸗ ten ihrer Dioces die ſorgfättigſten Nachſuchungen anſtellen, und verbuͤrgten dem Felix, daß Julia Se⸗ vera nicht dahin gebracht worden ſey. Am folgenden Morgen reiſ'ten Felir Floren⸗ tius und der Pater Andréas zu Pferde von Poi⸗ tiers ab. Sie wurden begleitet vom Diocles, nebſt zwei Sclaven und zwei Saumthieren, welche das Gepaͤcke und die Lebensmittel trugen. In den großen Städten konnte man in einer Art von Gaſi⸗ haͤuſern wohnen, welche damals unter dem Na⸗ men: diversorium bekannt waren; allein in klei⸗ nen Staͤdten und in Doͤrfern mußten die Reiſen⸗ den durchaus ſelbſt fur ihre Bequemlichkeiten ſor⸗ genz bloß die Rechte der Gaſtfreundſchaft ſtanden unter dem Schutze der Geſetze, und der Reiſende, welcher an die Thuͤre einer Huͤtte vom beſten An⸗ ſehen klopfte, ließ ſich von dem Herrn der Woh⸗ nung bedienen, und richtete ſich ſelbſt da ein. So kehrte die kleine Karavane den erſten Tag nach Iciodorum, oder Iſeurre an der Creuſe ein. Dieſes Dorf, dem der heil. Kreis⸗Biſchof von Tours kuͤrzlich erſt eine Kirche gegeben hatte, wurde damals von ohngefaͤhr zwanzig Familien ſolcher Landleute oder Bauern bewohnt, die man Fissa- lios nannte, weil ſie dem Fiscus und nicht Pri⸗ vatleuten zugehoͤrten. Dieſe waren das Eigen⸗ thum der Stadt Tours und theilten mit der Curie die Erzeugniſſe ihres Ackerbaues. Derjenige, deſ⸗ ſen Gaſtfreundſchaft Felir in Anſpruch nahm, hatte mit dem Ertrag ſeiner Felder einen kleinen Handel verbunden, ſo daß, dem äußern Anſehen nach, ſein Haus mehr Wohlſtand verrieth, als die Haͤuſer der Uebrigen. Die Thuͤre war neu, die Laden, welche die Fenſter verſchloſſen, waren nicht zerbrochen; ein großer Duͤngerhaufe auf der einen Seite der Thuͤr deutete den Beſitzer eines zahlreichen Viehſtandes an, und ein noch anſehn⸗ licherer Haufen Holz auf der entgegengeſetzten Seite bewies, daß der Eigenthuͤmer ſich vorberei⸗ tet habe der Strenge des Winters Trotz zu bieten. Die Groͤße der Gebaͤude konnte indeß nicht als ein ſicheres Zeichen des Vermoͤgens ihrer Bewohner gelten; denn Iſeurre war von einer Bevölkerung erbaut worden, die weit zahlreicher war als die, welche jetzt noch darin lebte. Die Stadt, gegen den Huͤgel ſich n und von Stein erbaut, zeigte ſich auf der Seite des Fluſſes als einen wohlhabenden und regelmaͤßigen Ort; die Haͤuſer hatten drei bis vier Stockwerke, ob man gleich auf der entgegengeſetzten Seite durch das oberſte Stock⸗ werk hineinging: ſie waren groß und luftig: allein der größte Theil derſelben war nicht bewohnt, und kaum zwanzig mochten Bewohner enthalten. Als Diokles an die Thuͤre klopfte, die ſein Herr ausgeſucht hatte, ſagte er zu dem Bauer, welcher öffnete: Der römiſche Senator gelr Florentius bittet Euch fur eine Nacht um gaſtfreundliche Aufnahme. Er wird ſich des Rechtes nicht bedienen, welches ihm die Geſetze der Barbaren geben, und ſich ſo beneh⸗ men, daß es Euch nicht gereuen ſoll ihm Eure Thuͤr gesffnet zu haben. Der Landmann, durch dieſes Verſprechen be⸗ ruhigt, rief ſeine Kinder zuruͤck, von denen einige beſchäftigt waren, durch eine Hinterthuͤre das Vieh aus den Ställen zu laſſen, andere aber Alles fort zu tragen oder zu verbergen, was die Kuͤche, wo der Fremde empfangen werden ſollte, an Ge⸗ —— genſtänden von einigem Werthe enthielt. Das Geſetz der Burgunder, welches in der Folge in die andern barbariſchen Geſetze uͤbergegangen iſt, ſtrafte den Landmann um ſechs Sous an Geide, der ſich weigern wuͤrde einen fremden Gaſt in ſein Haus aufzunehmen, und der, wenn dieſer von hohem Range war, ihm nicht geſtatten wollte ein Schwein oder ein Schaaf aus den Ställen zu ſei⸗ nem Abendeſſen, und Heu und Stroh fuͤr ſeine Saumthiere zu nehmen. Der Arme indeſſen, der dem Reichen eine ſeine Kräfte oft ſo weit uͤber⸗ ſteigende Gaſtfreundſchaft beweiſen mußte, wurde dafur keinesweges etwa entſchaͤdigt, ſondern oft noch von den Sclaven ſeines Gaſtes ſeiner beſten Habſeligkeiten beraubt. Kih So reiſ'te Felix aber nicht. Er wohnte frei⸗ lich auch bei dem Landmann oder Buͤrger, deſſen Haus ihm die meiſte Bequemlichkeit verſprach, weil dies damals die einzige Art war ein Unterkommen zu finden, allein er erfullte die Beſchwerden dieſer erzwungenen Gaſtfreundſchaft durch Geſchenke, und lud den, unter deſſen Dache er verweilte, ein, das Mahl mit ihm zu thrilen, welches ſeine Scla⸗ ven für ihn bereiteten. Das Wohlwollen, das ſich auf ſeinem Geſichte malte, der Antheil, den er an den Verhaͤltniſſen eines Jeden nahm, die Liebkoſungen, die er den Kindern ſpendete, hatten ihm bald alle Glieder der Familie gewonnen, wo er fuͤr den Augenblick ſich aufhielt, und die Gaſt⸗ freundſchaft, die er im Namen des Geſetzes erhal⸗ ten hatte, wurde fuͤr ihn zu einem Bande der Liebe und des Vertrauens. Der Pater Andréas kannte zu Iſeurre eine heil. Jungfrau, welche Gott und dem Dienſte der Armen ihr ganzes kleines Vermögen geweiht, und die, weil ſie nicht reich genug war, ein Klo⸗ ſter zu grunden, bloß zwei bis drei junge Maͤdchen bei ſich als Theilnehmerinnen ihrer Gebete aufge⸗ nommen hatte, mit denen ſie ihre geringen Ein⸗ kuͤnfte theilte. Ihre Wohnung, in einiger Entfer⸗ nung von der Stadt, war, wie man ſagte, dadurch geheiligt worden, daß ſie einigen zur Zeit des Heidenthums verfolgten Chriſten zum Aufenthalte gedient hatte. Andréas hielt es nicht fuͤr unmog⸗ lich, daß Julia Severa ihrer Hut anvertraut wor⸗ den ſey. Er erkundigte ſich nach ihr; allein man — antwortete ihm, daß die Bagauden ihr Haus ge⸗ pluͤndert und ſie ſelbſt gefangen mit fortgeführt hätten. Seit einigen Wochen wußte man nicht, was aus ihr geworden ſey. Es giebt alſo doch, ſagte Felix, herumſtreifende Bagauden in dieſen Gegenden? Wir ſind von ihnen umgeben! erwiederte der Landmann,— jeden Tag verlaͤßt eine Familie der alten und fleißigen Ackerleute ihr Haus, ihre Felder, ihre Geräthſchaften, zieht ſich in die Waͤl⸗ der, und ergiebt ſich dem Raube und der Pluͤn⸗ derung. 12*5 Wie? verſetzte Felir, Menſchen, welche den Schutz der Geſetze genoſſen haben, welche die An⸗ nehmlichkeiten eines civiliſirten Lebens kennen, ſollten freiwillig in den Zuſtand der Wildheit zu⸗ ruͤckkehren, ihrer Wohnung, ihrem Eigenthume, ihrer Ruhe entſagen, um mit dem ganzen Men⸗ ſchengeſchlechte im Kriege zu leben? Senator, Ihr kennt gewiß die Lage der galli⸗ ſchen Landleute nicht, wenn Ihr von Geſetzen ſprecht, die uns ſchutzen ſollen. Was ſind denn das fuͤr Annehmlichkeiten, die uns geſichert ſind, was iſt das fur eine Ruhe, deren wir genießen koͤnnen, welches— duͤrfen wir denn un⸗ ſer nennen?— Sn 8 5 Dieſes Haus, wo Ihr mich habt, ſchutzt Euch. gegen den Einfluß der Witterung. Dieſes Haus ſetzt mich groͤßern Qudlereien aus, als eine Laubhuͤtte. Da es das anſehn⸗ lichſte im Dorfe iſt, ſd nehmen auch beſtändig alle Grafen und andere Beamten, oder die Geiſtli⸗ chen und Militairperſonen ihre Wohnung darin. Mir gehört es nur, wenn es keinem maͤchtigern, als ich bin, eben anſteht; allein wie oft bin ich nicht mit Weib und Kindern herausgeworfen worden, um mir anderswo ein Unterkommen zu ſuchen, indeß die Erde mit tiefem S be⸗ deckt war! Aber Ihr habt doch Vieh 6 Euren Ställen, Getreide auf Euren Speichern, Wein in Euren Kellern, und Ihr kennt den Hunger nicht!— Mit gutem Grunde aber habt Ihr nicht hinzugefügt: Geld in Euren Schränken! Aber Geld iſt es gerade, was der Fiscus und der — 207— Graf von Tours unaufhoͤrlich von mir fordern Die Erndten, von denen Ihr ſprecht, die hab' ich nur, um ſie zu verkaufen, nicht um ſie zu genießen. Ich muß ſie ins Geld umſetzen, auch wenn mir Niemand Geld zum Umtauſche bietet. Mein Geſchirr gehört mir eben ſo wenig; denn jeden Tag muß ich es arbeiten laſſen, meine eigenen Erndten in die öffentlichen Speicher zu fuhren; oder dasjenige fortzuſchaffen, was die Regierung fortgebracht haben will, um jede Art von Frohndienſt voll zu machen; und wenn meine Ochſen oder Pferde, oder ich und meine Finder der Anſtrengung faſt erliegen, ſo bekommen wir noch Peitſchenhiebe nach Willkuͤhr eines rohen Aufſehers. Lange hat die Geſellſchaft uns den Krieg gemacht, darf man ſich wundern, wenn wir nun auch der Geſellſchaft den Krieg ma⸗ chen?— Eure Perſon iſt aber doch wenigſtens in Sicherheit, indeß die Bagauden, in die Wälder fliehend und von Schlupfwinkel zu Schlupfwin⸗ kel verfolgt, in ihren Höhlen wie wilde Thiere getödtet werden, oder wenn man ſie ja in die — 208— Städte bringt, ſo geſchieht es nur, damit ſie auf dem Blutgeruͤſte umkommen. Meine Perſon iſt in Sicherheit? Wer ſchuͤtzt mich denn gegen die Soldaten? Wer ſchutzt mich gegen die Barbaren? Wer gegen die Raͤuber? Für den galliſchen Bauer giebt es keinen Augen⸗ blick Sicherheit, keinen Augenblick Genuß, kei⸗ nen Augenblick Wohlſeyn! Ihr ſeht ja auch, was aus unſerm Geſchlechte geworden iſt, wie verlaſſen unſere Dörfer ſind! Mein Urgroßvater ſagte zu meinem Vater, daß er hier fuͤnf Hun⸗ dert Feuerſtätten geſehen habe, mein Vater be⸗ klagte ſich uͤber die elenden Zeiten, weil nur noch Hundert vorhanden waren. Jetzt werdet Ihr nicht zwanzig zählen; allein mein Vater dachte auch nicht, daß einer ſeiner Sohne Bagaude werden, und der andere ſich bedenken wuͤrde, ob er nicht auch dieſe Parthie ergreifen ſolle. Was? Ihr hubt einen Bruder unter den Bagauden? Der Ungluckliche! Er war nicht zu dem Leben geboren! allein ſeine unertraͤglichen Leiden ermuͤ⸗ deten endlich ſeine Geduld. Sein Haus war das dritte links, wenn man aus dieſem tritt, ein recht huͤbſches Hauß, gut gebaut, und groößer als dieſes. Es iſt jetzt verlaſſen. Seine Felder liegen unbebaut. Die Helfershelfer des Fiſcus, welche ſeine Erndten in Beſchlag nahmen, ſein Vieh davon trieben, welche Alles, was er an Werth beſaß, verkauften, ohne Ruͤckſicht zu neh⸗ men auf die Verluſte, die er durch außerordent⸗ liche Frohnen gehabt hatte, und auf die lange Krankheit eines ſeiner Söhné, ließen dieſen in voͤlliger Entbloßung hinſterben. Procer Nunni⸗ anus hatte nicht ſobald die Augen geſchloſſen, als ſich der Vater, Wuth im Herzen, mit ſeinem Weibe und dem Reſte ſeiner Familie in die Wälder warf. Der Fiſcus iſt dadurch, daß er ihn zu Grunde gerichtet hat, nicht reicher ge⸗ worden, er hat nur einen rechtſchaffenen Mann weniger in Iſeurre. Der Pater Andréas hatte den entem der ſie gaſtfreundlich aufgenommen, bis jetzt, ohne ihn zu unterbrechen, angehört; allein nunmehr nahm er das Wort, um ihn zu ermuthigen, zu troͤſten, ſeinen Zorn zu beſaͤnftigen, und dabei 2r Bd. O — 210— zeigte er ſo viel Salbung, ſo viel Gefuͤhl, ſo viel Mitleid mit den Armen und ein Vertrauen zu der ihm in einer andern Welt bereiteten Ver⸗ geltung, daß Felir dadurch eben ſo überraſcht und geruͤhrt wurde, als derjenige, an dem die Worte des Geiſtlichen ſelbſt gerichtet waren. Er ſelbſt war durch das Gemälde des Elendes ſei⸗ nes Vaterlandes äußerſt niedergeſchlagen worden, und er fuhlte das ſeinige nun doppelt. Wenn es hier ſo viel Unglückliche gab, wenn weder Klugheit, noch Rechtſchaffenheit, noch Fleiß vor Kummer und Leiden ſchützte, wie konnte er ſich ſchmeicheln, daß ſein Schickſal allein glůcklicher ſeyn werde? Welche Buͤrgſchaft konnte er in ſeinem Herzen finden gegen die Furcht Julien fuͤr immer zu verlieren, gegen den ſchrecklichen Gedanken, daß ſie vielleicht in einem Gefäng⸗ niſſe ſchmachten moͤge? Das Vertrauen des Pa⸗ ter Andréas auf den Schutz der Vorſehung er⸗ hob ſeinen Muth. Das gegenwartige Ungluͤck blieb zwar das nemliche, die Wahrſcheinlichkeit der Vernichtung aller ſeiner Hoffnungen hatte ſich nicht vermindert, allein der edle Geiſtliche — 211— hatte Felix Blicke, ſtatt ſie auf dem Gegenwär⸗ tigen verweilen zu laſſen, nach jenſeits erhoben, er hatte ihm lebhaft empfinden laſſen, daß ganz andere Hoffnungen da beginnen koͤnnen, wo die je⸗ tzigen aufhoͤren, und er hatte dabei ein ſo tiefes Mitleid mit den Schmerzen der Erde, und eine ſo feſte Ueberzeugung einer ewigen Seeligkeit verra⸗ then, daß er auch in ſeine Zuhoͤrer dieſe Anſichten und Empſfindungen uͤbergetragen hatte. Er hatte ſich ihnen erſt vollkommen weut. dann aber ſie mit ſich erhoben. Guter Vater! ſagte der Landmann zu Ihr ſollt nicht umſonſt geredet haben. Nie, nie wird Nunnianus ein Bagaude werden, ge⸗ vuldig wird er ſich den Leiden der Erde unter⸗ werfen und an das denken, was er in einer andern Welt zu erwarten hat. Gern mochte ich Euch fuͤr das Gute, ſo ihr mir erwieſen habt, auch einen Dienſt erweiſen, allein hier in meinem Hauſe, mitten unter meinen Nach⸗ barn, im Schoos der Geſellſchaft, welche der Satan civiliſirt nennt, kann ich mich weder ſchuͤtzen, noch einem meiner Freunde oder — 212— Gaͤſte nuͤtzlich werden. Mein Bruder, der ſich in den Wäldern, ohne Obdach, ohne Speicher, ohne Heerden und ohne Eigenthum irgend ei⸗ ner Art befindet, und nicht unter dem Schutze der Geſetze ſteht, iſt weit maͤchtiger als ich. Fallt ihr jemals in ſeine Hände, ſo ruft ihm nur den Namen Nunnianus zu, und zeigt ihm dieſes Stuͤck von dem Mantel unſers Vaters, und er wird es erkennen, und ſeine Gaſtfreund⸗ ſchaft wird Euch vielleicht nihe als die meinige!„ 1n 3 an n Mit dieſen Worterſchnit der Landmann von einem alten Mantel aus grobem Zeuge, der aber mehrfarbige Streifen hatte, ein Stuͤck ab, und uͤbergab dieſes dem Pater Andréas. Dieſer nahm das Stuͤck alten Stoffes mit dem Ausdrucke der Dankbarkeit, und ſteckte es in ſeine Taſche, ohne jedoch einen großen Werth auf dieſen ſymboliſchen Empfehlungsbrief zu legen. unterdeſſen waren Lagerſtätten von Moos und Stroh von den Töchtern des Nunnianus in den vier Ecken des Saales, wo er mit ſei⸗ nen Gaͤſten das Abendeſſen eingenommen hatte, —— fuͤr dieſe zubereitet worden. Hier ſollten ſie der Nachtruhe genießen, indeß er ſelbſt ſich mit ſeiner Familie in den Stall und in die Keller begab, welche den uͤbrigen Theil des Hauſes ein⸗ nahmen. Den andern Tag ſetzten die Reiſen⸗ den ihre Wanberung fort, nachdem Felir dem Nunnianus ein Geſchenk zuruͤckgelaſſen hatte, das deſſen Dankbarkeit eben ſo ſehr in Anſpruch nahm als die troͤſtenden— des ter Andréas. 1 5 Die Abſicht des letztern war zu das Heiligthum des heil. Senoch zu beſuchen, der ſeit wenigen Jahren ſich dahin zuruͤckgezogen hatte, um in Buße ſein Leben zuzubringen“ Man entfernte ſich dadurch freilich von dem ge⸗ raden Wege, allein der heil. Senoch hatte, als er mitten unter den Ruinen des alten Thur⸗ mes von Loches am Indre ſeine Einſiedelei ſich erbaute, andere fromme Perſonen um ſich ver⸗ ſammelt, welche ſich ſeiner Leitung anvertraus hatten, um von ihm den rochten Weg zum Heile kennen zu lernen. So bildete ſich ſpä⸗ terhin das Kloſter von Loches; allein bis jetzt „ folgten die Buͤßenden beiderlei Geſchlechts kei⸗ ner gemeinſchaftlichen Regel, und unter den Frauen, deren Beichtvater der heil. Senoch war, und die, ohne Nonnen zu ſeyn, doch un⸗ ter gaͤnzlicher Abhaͤngigkeit von der geiſtlichen Gewalt lebten, hielt es der Pater Andréas nicht fuͤr unmöglich die Julia Severa aufzu⸗ finden. Er hatte freilich, um dieſen Weg einzuſchla⸗ gen, noch einen andern Bewegungsgrund, der auf Felir Gemuͤth nicht ſo bedeutend wirken mochte, als auf das ſeinige. Keine weltliche Angelegenheit, ſagte er, bleibt den Augen des heil. Senoch verborgen. Indem er ſich der Eitelkeit der Welt entzog, richteten ſich ſeine Augen einzig auf das himmliſche Licht, und vermittelſt deſſen ſieht er Alles, was iſt. Er wird es nicht geſtatten, daß der Bi⸗ ſchof von Tours ſeine Kirche entehre. Er wird uns anzeigen, wo ſeine— er wird 6 uns wiedergeben. Felir war geneigt einen jeden zu achten, der einem ſo rechtlichen Manne, wie dem Pater An⸗ — — debas, Achtung einflößte. Indeſſen ſchien ihm die Auftichtigkeit des Charakters deſſelben nicht immer ein hinreichender Buͤrge fuͤr die Richtig⸗ keit ſeines Urtheils. Er bemerkte, daß ſein blinder Glaube, womit er alle erhaltene Nach⸗ richten aufgenommen hatte, bisweilen einen ſelt⸗ ſamen Contraſt bildete mit der Schaͤrfe ſeines natürlichen Verſtandes, daß, wenn er auch in Hinſicht des Voluſianus enttauſcht worden war, er es doch nicht war in Beziehung irgend ei⸗ ner andern der geiſtlichen Behoͤrden; daß er al⸗ len Prieſtern, allen Heiligen dieſelbe Aufrich⸗ tigkeit der Geſinnungen zutraute, die ihm ſelbſt eigen war, und daß der Eifer, womit er die Verguͤtung der Ungerechtigkeit, zu deren Bege⸗ hung er mitgewirkt hatte, betrieb, faſt eben ſo ſehr ſeinen Grund fand in ſeinem Beſtreben, den Glanz der durch einen ſchlechten Bruder beſchimpften Ehre der Geiſtlichkeit wieder herzu⸗ ſtellen, als in ſeiner Reue. Indem ihn aber Felir auf ihrem gemeinſchaftlichen Wege nach Loches nach den genauern Verhältniſſen des heil. Senoch befragte, nahm er zugleich ih⸗ — 216— ſchweigend ſelbſt die Wunderkraft an, womit denſelben ſein Gefährte ausruſtete. Saint Senoch, ſagte der Pater Andréas, iſt von Herkunft ein Tayphale; er gehoͤrt dem barbariſchen Volke an, welches von den äu⸗ ßerſten Enden Aſiens, und den Grenzen eines Reiches, welches eben ſo eiviliſirt ſeyn ſoll, wie die Roͤmer, den Hunnen gefolgt iſt durch Scy⸗ thien, mit ihnen Deutſchland durchſtreift, das ſie verwuͤſteten, und ſich endlich in unſerm Aqui⸗ tanien zwiſchen Poitiers und dem Meere nie⸗ dergelaſſen hat. Man erkennt ſehr leicht die unfoͤrmliche Bildung der orientaliſchen Scythen, welche mit keiner der andern Stämme, die Gal⸗ tien bewohnen, zu verwechſeln iſt; ihr Kopf iſt von ungemeſſener Groͤße, ihre Augen ſind klein und tiefliegend, ihre Naſe iſt platt, und ſtatt des Bartes wird ihr Kinn blos mit einigen gelblichen Haaren bedeckt. Ihre Race ſcheint ſich in allem mehr dem Thiere als dem Men⸗ ſchen zu nähern. Ihr wißt, daß ſie nie in Haͤuſern ſich aufhalten, daß ſie einen Abſcheu hegen gegen jede Art von Zwang, daß ſie, ihr — 21— Leben theilend zwiſchen der Bewachung ihrer Heerden und der Jagd, das Daſeyn nur ſchä⸗ tzen im Verhältniſſe einer immerwährenden Tha⸗ tigkeit. Uebrigens haben ſie, fremd dem Mit⸗ leid, gleich als gehoͤrten ſie nicht zu unſerer Natur, und unbekannt mit den zärtern Gefuͤhlen des Herzens, ihre Schritte uͤberall mit den ab⸗ ſcheulichſten Grauſamkeiten bezeichnet. Ihre Sit⸗ ten ſind eben⸗ ſo abſtoßend und widerwaͤrtig, als ihre Empfindungsart roh iſt; und doch iſt aus dieſem dem uͤbrigen Menſchengeſchlechte verhaß⸗ ten Stamme Senoch auserwaͤhlt und berufen worden. Er hat nicht nur den blutheiſchenden Vergnuͤgungen und den Laſtern ſeiner Mitbruͤ⸗ der entſagt, ſondern ſich auch noch der ihnen allen ſo theuern Freiheit beraubt; dieſe hat er aufgeopfert bis auf den Grad, deſſen ſonſt die allerelendeſten Bewohner der Erde ſich erfreuen, bis auf den Grad, den ſelbſt die ſtrengſte Klo⸗ ſterregel nicht verweigert, den die Tyrannei nie den Schlachtopfern entzogen hat, die ſie in ihre Gefaͤngniſſe ſperrt; er hat ſich nemlich in die Ruinen des Thurmes von Loches einen Raum — 218— ausgewählt, kaum groß genug, um ſeinen eige⸗ nen Körper hinein zu zwängen. Hier hat er ſich einmauern laſſen in einer ſolchen Stellung, wo er ſich weder ſetzen noch legen, weder kräm⸗ men, noch mit den Haͤnden einen Theil ſeines Körpers beruͤhren kann. Auf immer eingeſchloſ⸗ ſen in eine Art Kapſel von gehauenem Steine, aus der er nicht heraus kann, muß er hier ſtek⸗ ken ohne alle Bewegung, ohne Vertheidigung ſeiner ſelbſt, in der äußerſten Abhaͤngigkeit nicht nur von menſchlichen Weſen, welche ihn aus Menſchlichkeit mit Nahrung verſehen, und ſie ihm auch ſelbſt in den Mund ſtecken muͤſſen, ſondern ſelbſt von der Fliege, die ſich, auf ſein Geſicht ſetzt und die er nicht verſcheuchen kann, von dem Wurme, der ſich zwiſchen ſeinem Kör⸗ per und den Stein ſchleicht, von der Ratte, welche zuweilen ſeine Fuͤße zu benagen verſucht. In dieſem Augenblicke wurde die Rede des Pater Andréas plötzlich durch den Ruf: Halt! unterbrochen, der um ſie her aus der Mitte des Waldes, den ſie durchzogen, ertönte. Felir wandte ſeine Augen auf den Diocles, um ihn zu fragen, was dieſer Ruf bedeute. Ohne die mindeſte Unruhe merken zu laſſen, antwortete der alte Krieger blos mit dem Worte: Bagauden! NWeunte g pite Der Hinterhalt. Zu dieſer Zeit wurde ein großer Theil der Reiſenden in Gallien das Opfer der Wuth der Räuber, dieſe legten ſich längſt den Hauptſtraßen in Hinterhalte, und fuͤhrten jeden fort, von dem ſie hoffen konnten, daß er ihnen ein Loſegeld zahlen koͤnnte. Der Tri⸗ bun Conſtantianus, ein naher Verwandter des Kai⸗ ſer Valentinian und Cerealis der Bruder der Kai⸗ ſerin, fielen in ihre Schlingen. Ammianus Mar- cellinus Libr. XXVIII. Cap. 2. Di Reiſenden hatten noch ohngefehr zwei Stunden zuruͤckzulegen, um an das Uufer des Indre zu gelangen. Das Land, durch wel⸗ ches ſie zogen, war gebirgig, mit Geholz und Geſtrupp bedeckt und von kleinen Fluͤſſen durch⸗ ſchnitten, von denen einige in den Indre, die — 220— andern in die Creuſe fielen. Sie folgten mit⸗ ten in dieſen Einöden einem gekruͤmmten, be⸗ ſchwerlichen und durch die Herbſtregen ſehr ver⸗ dorbenen Pfade. Bisweilen hatte man von dieſem Wege eine weite Ausſicht uͤber das Land, öfte⸗ rer aber, beſonders am Abhange der Huͤgel oder in der Nähe von Fluͤſſen, war er ausgehoͤhlt, wie ein Bach, um die Steile des Abhanges oder die Unebenheit des Bodens weniger bemerk⸗ lich zu machen; dann aber war der Grund mei⸗ ſtens auch mit Steingerslle, wie das Bette ei⸗ nes Bergſtromes, angefullt, indeß ſich rechts und links ſteile Wände erhoben, auf deren Gipfel Gras, Dornen und anders Geſtruͤppe in großer Menge wuchſen. In der That wurden die Reiſenden auch in der Naͤhe eines Fluſſes und am Abhange eines Huͤgels angehalten. Hinter ihnen befand ſich ein alter Eichenwald, der den Kamm der Hügel bedeckte, und vor ihnen floß der Strom in der Tiefe eines Thales, ohngefehr eine halbe Stunde von ihnen entfernt, allein ſie hatten denſelben aus dem Geſichte verloren, ſeitdem ſie in den — 221— Hohlweg hinabgeſtiegen waren. Dieſer Weg hatte kaum acht Fuß Breite und zwei Wände von einer gelblichen und unfruchtbaren Erdart, welche ſich zur Rechten und Linken perpendicular erhoben, und auf dem Gipfel mit Gebuͤſch be⸗ deckt waren, entzogen ihnen gaͤnzlich den An⸗ blick jedes andern Gegenſtandes, und ſchloſſen ſie eben ſo ein, wie es eine hohe Mauer ver⸗ mocht hätte. Ein Baum mit allen ſeinen Zweigen war von den Bagauden in den Hohlweg, den die Reiſenden paſſiren mußten, geworfen worden, und vadurch hielten ſie dieſe an dem Orte auf, der am beſten zu einem Angriffe auf dieſelben geſchickt ſchien. Indeſſen hatten ſie ſich ſelbſt keinesweges hinter dieſe Art von Bollwerk pla⸗ cirt; ſie waren vielmehr im Beſitz der beiden hohen Seiten des Weges geblieben, aber auſ⸗ ſerhalb Schuſſesweite. Bisweilen ſteckten ſie wohl ihre Köpfe drohend durch das Geſtrauch, und dieſe Art von Recognoſcirung war meiſtens mit einem Steinregen begleitet, allein ſie ließen ſich nur auf einen Augenblick ſehen, indeß ihre — 222— drohenden Stimmen durch den Wald ſchallten in dem Rufe Halt! Ergebt euch! der an die Rei⸗ ſenden gerichtet war. Dieſe Art des Angriffs gab zu er⸗ Lennen, daß es den Bagauden entweder an Waffen oder an Muth fehle. Es war unmoͤg⸗ lich ſie zu erreichen und Mann gegen Mann mit ihnen zu fechten. Sie hielten ſich ſtets außer Schußweite, ja ſie ließen ſich nicht ein⸗ mal recht ſehen, und ſchienen wohl mehr ſchrecken als ſchaden zu wollen. Unter den Köpfen, welche aus dem Geſtraͤuche hervorſahen, be⸗ merkte man eben ſo viel Weiber als Männer, ſelbſt viele Kinderſtimmen ließen ſich bei dem vrohenden Geſchrei vernehmen. Die Bagauden ſchienen an beiden Seiten des Weges hinzulau⸗ fen, um ihr Geſchrei bald vorn bald hinten er⸗ tönen zu laſſen, und man konnte meinen, ſie wollten dadurch zahlreicher ſcheinen, als ſie in der That waren. Sie warfen zwar viel Steine, allein ſie zielten nicht ordentlich, faſt alle fielen entweder vor oder hinter den Reiſenden zu Bo⸗ den und keiner hatte ſie noch verwundet. Dieſe drohenden Demonſtrationen hatten ſchon meh⸗ rere Minuten gedauert, ohne daß es zum Ge⸗ fecht gekommen war. Der in Gallien herrſchende Zuſtand von Anarchie erlaubte den Römern nicht mehr ohne Waffen zu reiſen, wie dies denn auch ſchon die Sitte ihrer Vorfahren geweſen war. Felir und Dumnorix trugen jeder, an dem Sattel ihrer Roſſe hangend, einen Bogen, ſo wie die Alanen zu fuͤhren pflegten, einen guten romiſchen De⸗ gen und einen Dolch im Guͤrtel. Die beiden Sclaven fuͤhrten jeder eine Streitaxt, welche an dem Gepaͤcke ihrer Saumthiere hing; blos der Pater Andréas war mit Nichts weiter net als mit ſeinem Stabe. Nachdem ſie einen Augenblick theils den Gegenſtand, der ſie aufhielt, theils die Geſtalt und die Stellung der Angreifenden betrachtet hatten, rief Diocles: Es iſt ſchimpflich, wenn wir uns von dieſen Elenden wollen Geſetze ge⸗ ben laſſen! Wir greifen ſie an!— Zu gleicher Zeit ergriff er ſeinen Bogen und Felir that das Nemliche, und zwar in der Ab⸗ — 224— ſicht, viefenigen zu zerſtreuen, welche das Boll⸗ werk beherrſchten, und die Sclaven ſollten ihnen dann mit den Aexten Bahn hindurch machen. Halt! rief der Pater Andréas, man ſoll nicht ſagen, daß wir einiger elenden Goldſtuͤcke wegen unſern Nebenmenſchen das Leben raub⸗ ten, ober daß wir uns ohne Vorbereitung vor den Richterſtuhl Gottes drängten. Was wollt Ihr von uns? rief er nun den Bagauden zu, und dabei ſchritt er ganz allein und unbewaffnet zu dem Verhaue, indem er ſei⸗ nen Gefaäͤhrten ein S gab ihm nicht zu folgen⸗ Jetzt trat ein Weib, welches mit einer Axt das Geſträuch abhieb, das den Weg einfaßte, bis zu dem Rande der ſteilen Wand uͤber ihn hervor. Sie war von hoher Geſtalt und ſchien ohngefähr funfzig Jahr alt zu ſeyn. Ihr Haar war in Unordnung, und floß unter einer Pelz⸗ muͤtze hervor, ihre Arme waren nackt, und auf den Schultern trug ſie ein Schaaffell mit der Wolle, ihre kurze Tunika, welche ſowohl einem Manne als einem Weibe zu können ſchien, gab ihrem Anſehen Etwas Wildes und Furchtbares. Die Haͤrte ihres Geſichts und die gebieteriſche Rauheit der Stimme erhoͤhten den Eindruc der Geſtalt noch um ein Großes. Ergebt Euch! ſagte ſie zu dem Pater An⸗ dréas, was braucht's hier weiterer Reden? Weib, verſetzte der Prieſter mit Entſchloſ⸗ ſenheit, wir werden uns nicht ergeben! denn es mangelt uns weder an Staͤrke noch an Muth, um unſere Perſonen zu vertheidigen; allein ich mochte doch um einiger Goldſtuͤcke willen nicht gern weder dein Blut, noch das unſere vergoſ⸗ ſen ſehen. Was verlangſt Du, um uns tj Durchzug zu laſſen? Wir werden unſer Leben ſchon zu verthei⸗ digen wiſſen, verſetzte das Weib, Dein Blut komme uͤber dich ſelbſt, wenn Du es vergießen läßt.— Ergieb Dich! Weib, erwiederte der Pnter Andréas, Du treibſt ein Gott und Menſchen verhaßtes Hand⸗ werk. Setze Dich nicht in Gefahr, daß Dich das Gefecht, welches Du erregen willſt, fruͤher als Du es erwarteſt, vor den höchſten Richeer⸗ 2r Bd. P — 226— ſtuhl ſtellt, wo Du Rechenſchaft geben mußt von allen Deinen Handlungen. Pater, entgegnete das Weib mit Ungeduld, ſpare Deine Reden fuͤr andere Zuhörer als die Bagauden, und ſage lieber Deinen Gefährten, daß jeber Widerſtand unnätz iſt. Ich habe bis dieſen Augenblick Eures Lebens geſchont, denn Ihr muͤßt doch wohl ſehen, daß es in meine Hand gegeben iſt, und dieſes Leben ſoll mir für das meines Mannes buͤrgen, den man ge⸗ ſtern in die Gefängniſſe von Bourges gebracht hat. Du kannſt alſo denken, ob ich es mir gefallen taſſen werde, von Euch ein Löſegeld anzunehmen. Eure Perſonen ſind es und nicht Eure Schätze, um die es mir jetzt zu thun iſt. Aber Ihr muͤßt Euch den Augenblick ergeben, denn die Ge⸗ duld eines Bagauden iſt leicht erſchöpft. Der Pater Andtéas kehrte zu Felir zuruͤck, um ihn von dieſem Geſpraͤch Nachricht zu geben. Julia Severa iſt gefangen, rief Felir, ſie ſeufzt vielleicht in einem Gefängniſſe, ſie er⸗ wartet von mir ihre Befreiung; nie war mir alſo die Freiheit nothwenbiger. Nein! Nein 6 werde mich durchaus nicht ergeben. Zu gleicher Zeit legten Felir und Dumnorir einen Pfeil auf den Bogen und ſchoſſen ihn uͤber dem Kopf des Weibes hin, welches mit dem Pater Andréas geſprochen hatte, und das ſich nun ſo⸗ gleich in das Gebuͤſche zuruͤckzog. Indeß ſie ſich bereit hielten auf den erſten Bagauden zu zielen, der auf der einen oder der andern Seite des Hohl⸗ weges erſcheinen wuͤrde, befahlen ſie den beiden Sclaven ſich mit ihren Aexten vorwärts zu bege⸗ ben, und einen Durchweg durch den Verhau zu oͤffnen. In demſelben Augenblicke ließen auch die Bagauden mit furchtbarem Geſchrei einen Hagel von Steinen auf den Weg regnen. Sogleich war⸗ fen die beiden Sclaven ihre Aexte hin, und duck⸗ ten ſich auf den Boden. Es war unmöglich ſie zu einer Dienſtleiſtung weiter zu vermögen. Der Pater Andréas ſtieg hierauf vom Pferde, ergriff eine der Nerte, und ging entſchloſſen auf den Ver⸗ hau los. Felix folgte ſeinem Beiſpiele, indeß Dio⸗ cles mit einer von ſeinen Gefährten unerreichten Geſchichlichteit und Schnelligkeit ſeine Pfeile mit P 2 228— ſolcher Genauigkeit nach dem Orte abſchoß, aus dem der Steinregen kam, daß nach jedem Schuſſe faſt ein Schrei ihm ankuͤndigte, daß irgend einer von ſeinen unſichtbaren Gegnern dadurch getroffen und verwundet worden ſey. Indeſſen fuhren der Pater Andréas und Fe⸗ lir fort, unter einem Steinregen daran zu ar⸗ beiten, den Verhau im Wege zu durchbrechen. Schon waren unter den Hieben ihrer Aexte meh⸗ rere der dickſten Zweige des Baumes gefallen, der ihnen den Durchgang verſperrte, und ſieſahen be⸗ reits die Moͤglichkeit, ihre Pferde durch die Oeff⸗ nung zu bringen, allein dieſe, erſchreckt durch das Geſchrei, getroffen von den Steinwuͤrfen, wieher⸗ ten, baͤumten ſich und waren ganz wild gewor⸗ den. Diocles konnte ſie kaum halten, indeß er fortfuhr gegen die Feinde zu kämpfen. Die Bagauden, welche ſahen, daß ihnen ihre Beute nun bald entgehen werde, brachen nun mit weniger Schonung ihrer Selbſt hervor. Erſt in der Naͤhe warfen ſie ſchwerere Steine, und zielten heſſer. Einer davon traf den Pater An⸗ dréas am rechten Arme, und machte, daß er die — 220— Art ſinken ließ. Er ſprach kein Wort, ſondern buͤckte ſich, nahm die Axt mit der linken Hand auf, und fuhr fort mit dieſem Arme zu arbeiten, indeß der rechte an ihm herabhing, gleich als koͤnnte er ihn gar nicht mehr brauchen. Ein anderer, noch ſchwererer Stein traf den Felix am Halſe, als er ſich eben buͤckte, um einen Zweig, den er abgehauen hatte, aus dem Wege zu raͤumen, und ſtreckte ihn ohne Bewußtſeyn zu Boden. Die Bagauden er⸗ muthigten ſich unter einander durch Siegesge⸗ ſchrei, und vereinigten alle ihre Kräfte gegen Dio⸗ cles. Dieſer wurde nun auf einmal von ſo viel großen und heftig geworfenen Steinen getroffen, daß er vom Pferde ſank. Dieſes Pferd aber, das mit denen des Pater Andréas und Felix und den Maulthieren in einen ſehr engen Raum ge⸗ preßt war, ſchaͤumte vor Wuth und brach end⸗ lich wie ein Pfeil nach dem halb niedergehauenen Bollwerke vor. Mit einem gewaltigen Satze uberſprang es daſſelbe, allein zu gleicher Zeit warf es auch den Pater Andréas herunter, der, ſeines rechten Armes beraubt, ſich nicht mehr ſchutzen konnte; die beiden andern Pferde gingen gleich⸗ —„— falls uͤber ihn weg, allein eins der Maulthiere, welches das Gepaͤcke trug, und das den Pferden folgen wollte, aber nicht mit einem Satze uͤber das Bollwerk kam, fiel ruͤckwaͤrts auf den ungluͤck⸗ lichen Pater Andréas. Alle Reiſende waren nun zu Boden geworfen, und die Bagauden, von allen Seiten in den Hohl⸗ weg herabſpringend, warfen ſich auf ſie, um ſie zu entwaffnen, und zu hindern, daß ſie ſich nicht wie⸗ der erheben könnten. Der Sieg war unter dieſen Umſtänden nicht zweifelhaft. Felix, der von ſei⸗ ner Betaͤubung noch nicht wieder zu ſich gekom⸗ men war, wurde von zwei Bagauden halb fortge⸗ zogen, halb fortgetragen und in Banden geſchla⸗ gen, ehe er ſich beſinnen konnte. Diocles, der mehrere Quetſchungen erhalten hatte, wurde gleichfalls von der Menge uͤberwältigt und mit Banden belaſtet; allein der Pater Andréas, dem man aufhelfen wollte, konnte nicht aufſtehen. Sein Arm war nicht nur durch einen Steinwurf zerſchmettert, ſein Schenkel war gleichfalls gebro⸗ chen worden durch den Fall des mit Gepaͤck bela⸗ denen Maulthieres auf ihn. Seine Bruſt hatte ſchrecklich gelitten, und ein Erbrechen von ſchwat⸗ zen, dicken Blute, welches auf ſeine erſten An⸗ ſtrengungen folgte, gab deutlich zu erkennen, daß ſelbſt die edelſten Organe des Lebens angegriffen waren. Dieſer da, ſagte ein Bagaude, der ihn hatte aufheben wollen, hat kaum noch zwei Stunden zu leben. Es iſt beſſer ihn hier auszuziehen und ihn in Ruhe ſterben zu laſſen. So tragt ihn wenigſtens aus dem Hohlwege, ſagte das Weib, das über die andern eine Art von Gewalt auszuuben ſchien, welches von ihren Ge⸗ noſſen: Armentaria genannt wurde— ig wünſche nicht, daß an dieſem Orte Etwas die Aufmerkſamkeit der Voruberziehenden auf ſich lenke. gen Zwei Bagauden ergriffen nun ſogleich den Pa⸗ ter Andreas an den Armen und an den Beinen, und trugen ihn den Gefangenen nach. Andere hatten ſich indeſſen der Sclaven und der Pferde bemächtigt, noch andere laſen die Pfeile auf, und ſuchten jede Spur des Grfechtes zu verlöſchen. Hierauf begab ſich die kleine Karavane aus dem — 2— Hohlwege etwas weiter unten als an der Stelle, wo das Gefecht Statt gefunden hatte, und ver⸗ barg ſich im Walde. Felir hatte den Zuſtand gar nicht bemerkt, in ben ſein Reiſegefaͤhrte verſetzt worden war. Als er zu ſich gekommen war, hatte er ſich gefangen geſehen, und man hatte ihn unter Drohungen und feſtgebunden nach dem Walde gefuͤhrt. Er ging einher mit niedergeſchlagenen Blicken, be⸗ ſchaͤmt, daß er durch ſo ungleiche Waffen beſiegt worden war, beklagend ſein Geſchick, welches ihn in ſo wenig Tagen aus einer Gefangenſchaft in die andere uͤbergehen ließ, und von dem nagend⸗ ſten Schmerze beſonders deshalb gequält, weil ihm die Freiheit in dem Augenblicke entriſſen worden war, wo es ſeiner ganzen Thaͤtigkeit bedurfte, um Julien aus den Haͤnden ihrer Raͤuber zu befreien. Nachdem diejenigen, welche Feli fuͤhrten, ohn⸗ gefaͤhr fuͤnfhundert Schritte zuruckgelegt hatten, hielten ſie ſtill. Er blickte auf, und ſchaute ſich um. Der Huͤgel, den er hinabzuſteigen gemeint hatte, um zu dem Fluſſe zu gelangen, zeigte an dieſer Stelle ſehr ſteile Abhaͤnge. Die Bagau⸗ den hatten ihn auf eine kleine Terraſſe geführt, welche ſich in mäßiger Hoͤhe vor dem Fluſſe be⸗ fand Oberhalb zeigte der kahle Felſen, der aus lockerm Geſtein beſtand, das durch den Sand nur ſchwach zuſammengehalten wurde, ſtatt einer ſtei⸗ len Wand, vielmehr eine Art von bedeutender Vertiefung. Die untern Erdlager waren durch die Gewalt des Waſſers und der Zeit weggeſpuͤlt worden, indeß die obern mehr Feſtigkeit beſaßen. Zwanzig bis dreißig Menſchen konnten ziemlich bequem unter dem hervorſtehenden Felſendache Schutz vor Sonne, Regen und Wind finden. Mit⸗ ten auf der kleinen Terraſſe, wo ſie angelangt wa⸗ ren, wuchſen zwei wilde Kirſchbaͤume kräftig em⸗ por, und unter ihnen ſchlangen ſich Rankenge⸗ wächſe in wilder Unordnung um den Felſen, welche dem Auge den Anblick des Weges ganz entzogen, und die, von der entgegengeſetzten Seite des Fluſ⸗ ſes betrachtet, ihr Gruͤn mit dem der Gebuͤſche vermiſchten, welche oberhalb des nemlichen We⸗ ges Wurzel gefaßt hatten, und die den Huͤgel bis zum Gipfel auf eine unregelmäßige Art bekleide⸗ ten. Durch die Zweige konnte man von weitem — 26— den Lauf des Fluſſes und die Wege erkennen, welche an den benachbarten Huͤgeln ſich hinaufzogen; vald enthuͤllten ſie ſich, bald verſteckten ſie ſich wieder in den Wäldern. Die Stelle war ſehr gluͤcklich gewaͤhlt, ſowohl zur Beobachtung als zum Verſtecke. Da dieſer Huͤgel hoͤher war, als alle in der Nachbarſchaft, ſo entdeckte man ſchon von weitem, wenigſtens in der Entfernung von einer halben Stunde, die Reiſenden, oder die Fein⸗ ve, welche ſich nähern konnten, indeß man zu⸗ gleich ihren Blicken ganz entzogen war. Der ſteile Abhang des Felſens machte es durchaus unmoͤg⸗ lich, von der Hoͤhe des Hugels hinab zu ſteigen, oder von dem Fluſſe, der noch fuͤnf Hundert Schritte tiefer floß, herauf zu kommen. Man konnte ein⸗ zig auf einem ſehr ſchmalen Fußpfade dahin gelan⸗ gen, der ſich um die ſteile Hohe wand, und der durch eine Art von Breſche unterbrochen wurde, uber welche die Bagauden ein Bret geworfen hat⸗ ten. Sobald die Gefangenen und die Sieger die⸗ ſes uͤberſchritten hatten, wurde das Brett zuruͤck⸗ gezogen, und alle waren nun in ihrer Feſtung ein⸗ geſchloſſen. — 6—— Allein in dieſem Augenblicke war Felir ganze Aufmerkſamkeit auf den Pater Andréas gerichtet. Die Bagauden, welche ihn gebracht hatten, hat⸗ ten ihn auf ein Lager von Moos unter dem Ge⸗ woͤlbe gelegt. Er war ganz ohne Bewegung, die Augen geſchloſſen, der Mund offen, Todesbläſſe auf Wangen und Stirn, die Kleider mit Blut be⸗ fleckt, Arm und Bein gekruͤmmt an der Stelle des Bruches. Felix hielt ihn fur todt. Indeſſen bat er doch die beiden Maͤnner, die ihn hielten, daß ſie ihm erlauben moͤchten, ſich ſeinem Reiſe⸗ gefährten zu nähern, und zu verſuchen, ob er ihm noch einige Huͤlfe leiſten könne. Wollt Ihr ihm gegen den Tod helfen? ver⸗ ſetzte rauh einer ber beiden Bagauden, er hats uͤberſtanden, denkt lieber auf Euch ſelbſt, denn die Reihe kommt nun an Euch!— Felir ſahe den Mann an, der ſo mit ihm redete; er war von Dioeles verwundet worden, und das Blut, welches an ihm herabfloß, er⸗ klärte ſeinen Zorn. Seine rauhe, wilde Geſtalt war noch ſchreckbarer geworden durch ſeinen An⸗ zug. Sein langes Haar, und ſein ſtruppiger — 236— Bart hatten feit langer Zeit weder Kamm noch Scheermeſſer geſehen. Sein Kopf war entblößt, ſeine Beine, ja der ganze untere Theil ſeines Koͤrpers war mit der Nationaltracht der Gallier, den langen, weiten Hoſen, bekleidet; allein dieſe waren ziemlich roh aus einem Stuͤck Stoffes verfertigt, der eine Bettdecke geweſen zu ſeyn ſchien, eine Art Mantel von einem Schaaffelle hing ihm um die Schultern, und konnte ihn gelegentlich wohl auch Arm und Bruſt bedecken, welche eigentlich faſt ganz nackt waren. In der Hand hielt er einen Knotenſtock und ein großes Meſſer hing an ſeinem Guͤrtel. Andere Waffen hatte er nicht; uͤberhaupt fuhrte der ganze Haufe der Bagauden, unter deren Haͤnde Felix gefal⸗ len war, und der aus ohngefähr funfzehn Maͤn⸗ nern und eben ſo viel Weibern beſtehen mochte, fuͤnf bis ſechs Kinder von zehn bis funfzehn Jahren nicht mitgerechnet, keine andern Waffen als Aexte und Meſſer. WMan nothigte Felir und Diocles ſich zu ſetzen. Beiden waren die Haͤnde auf den Ruk⸗ ken gebunden. Sie mußten ſich einer gegen den andern anlehnen, und man band ſie mit ei⸗ nem Stricke noch uͤber der Bruſt zuſammen. Auch die beiden Sclaven wurden feſt gebunden, ob die Bagauden gleich aus ihrer Feigheit waͤh⸗ rend des Gefechtes geſehen hatten, daß man von ihnen Nichts zu fuͤrchten habe. Sie fingen hierauf an ihre Beute vor Armentaria, der Frau, welche zuerſt mit dem Pater Andréas geſprochen hatte, auszulegen, denn ſie ſchien uber den Hau⸗ fen eine Art von Gewalt auszuuͤben. Das Gepäcke der beiden Maulthiere wh ihnen nun vor allen Dingen abgenommen. Das eine derſelben trug außer dem Koffer von Felir und dem des Pater Andréas auch eine Art von Feldbette, das andere einiges Kuͤchengeräthe und Lebensmittel. Dieſe Beute machte die Raͤuber ungemein vergnuͤgt. Einer bekleidete ſich mit Felir Toga, ein anderer mit dem geiſtlichen Ge⸗ wande des Pater Andréas, ein dritter huͤllte ſich in eine Bettdecke, und meinte, es ſey doch nun einmal Zeit, daß die Menſchen in den Wäldern eben ſo gute Lagerſtätten bekaͤmen, als die in den Staͤdten, daß Felix recht wohl thun wuͤrde ihnen Allen ſo bequeme Betten zu ſenden, und baß er dafuͤr ihr Moos und Stroh nehmen koͤnnte, um es in ſeinengoldenen Pallaſt zu ſtreun. Die Frauen packten den Eſel ab, der das Kuͤchen⸗ geräthe trug; ſie befragten die Sclaven über ben Nutzen jedes dieſer kleinen Geräthe, welche recht für ihr herumirrendes Leben zu paſſen ſchie⸗ nen, ſo wie fuͤr eine Kuͤche, welche ſie in der Ecke des Felſen angelegt hatten. Der Wein⸗ ſchlauch, den der nemliche Eſel getragen hatte, ging von Mund zu Munde, und er war voͤllig geleert, als er zu den Fuͤßen der Armentaria nie⸗ dergelegt ward. Die Bagauden durchwuͤhlten hierauf auch die Taſchen der Reiſenden, und ſie uͤberließen ſich aufs Neue den Ausbruͤchen der Freude, als ſie aus Felir Taſche einen Beutel mit Goldſtuͤcken hervorzogen. Die Taſche des Pater Andréas war nicht ſo gut verſehen, indeſſen öffneten ſie ſie auch, und zogen ein Stuͤck groben Zeuges hervor. Was iſt das fuͤr ein Lappen? ſagte der eine, indem er ihn dem Felix vorhielt. 239 Es iſt ein Symbol, das uns unſer Wirth zu Iſeurre gegeben hat, mit dem Geheiß es den Bagauden zu zeigen, wenn wir deren auf unſe⸗ rem Wege antreffen ſollten. Wie hieß dieſer Wirth? Nunnianus! Armentaria! ſagte der Bagaude zu der Frau, welche ſie anfuͤhrte, dieſer Mann trug ein Zei⸗ chen von dem Bruder Eures Mannes bei ſich!— 6 Armentaria nahm es in die Hand und präfte es, dann ſagte ſie: es iſt wirklich ein Stück von dem Mantel ſeines Vaters; ich habe geſehen, daß er oft ſchon dergleichen erhalten hat. Wa⸗ rum habt Ihr es denn nicht fruͤher gezeigt? Ihr hättet dadurch viel Blut erſpart, und der, der ſchon ins Gras gebiſſen hat, lebte auch noch. Ihr habt uns ja nicht Zeit gelaſſen weder zu reden, noch auch uns Euch zu naähern. Troöſtet Euch nur! verſetzte Armentaria, was geſchah, mußte geſchehen! Wäre mein Mann frei geweſen, ſo wuͤrde er Euch auch frei gelaſſen — 46— haben, allein er iſt in Feſſeln, und ich muß ein Pfand haben ihn wieder zu erhalten. So laßt mich wenigſtens aus Achtung gegen die Empfehlung des Nunnianus, erwiederte Felir, meinem unglucklichen Freunde mich naͤhern, dem er es eigentlich gegeben hatte, und verſuchen, ob es nicht möglich iſt, ihm noch einige Huͤlfe zu lei⸗ ſten. Wenn Ihr mir dieſe Bande abnehmen lafßt, ſo will ich mich durch einen Eid verpflichten keinen Verſuch zu machen, mich in Freiheit zu ſetzen. Armentaria hob nun aus dem Haufeh der Beute, welcher vor ihr lag, ein Buch auf, das ſie für ein Evangelium hielt, das aber eigentlich ein Horaz war, hielt dieſes den Gefangenen hin, und tieß ſie darauf ſchwören, daß ſie die Abnahme ih⸗ rer Feſſeln nicht dazu benutzen wollten, ſich in Freiheit zu ſetzen. Hierauf gab ſie einem der Ba⸗ gauden ein Zeichen, ſie los zu binden. Diocles, der bisher ein duͤſteres Stillſchwei⸗ gen beobachtet hatte, ergriff, ſo wie er ſeine Haͤnde wider frei fuͤhlte, einen Stock, der ihm zur Seite tag, zerbrach ihn voller Wuth⸗ und warf die Stuͤcke — 241— davon zur Erde. Er maß mit den Augen den ganzen waffenloſen Trupp, der ihn doch beſiegt hatte, ſchlug ſich dann vor die Stirn, und kaͤmpfte ſichtbar mit ſich ſelbſt, um ſich zu halten; dann nahm er ſein feſtes, ſtrenges Geſicht wieder an, naͤherte ſich dem Koͤrper des Pater Andréas, ohne jedoch ein Wort zu ſprechen. Er unterſuchte ihn mit Aufmerkſamkeit, dann wandte er ſich an Felir und ſagte zu ihm: Er lebt noch 2r Bd. Q Die Bagauden. Von den Bagauden will ich jetzt ſprechen, von ihnen, welche von grauſamen, blutgierigen Richtern be⸗ raubt, gefoltert, dem Tode hingegeben, erſt die Rechte der roͤmiſchen Freiheit, dann aber auch den Ramen der Roͤmer verloren haben.... Wir nennen ſie Rebellen, wir nennen ſie Verbrecher, indeß wir es ſelbſt ſind, die ſie gezwungen haben Verbrecher zu werden, denn was hat ſie anders zu Bagauden gemacht als unſere Ungerechtigkeit, die Verderbtheit unſerer Richter, ihre Proſeriptio⸗ nen, ihre Raͤubereien, die ſchaͤndliche unterſchlagung oͤffentlicher Einkuͤnfte und Abgaben, welche ſie wie ihr Eigenthum behandelt haben. Salvianus de Gubernatione Dei. Libr. V. pag. 104. Fei hatte ſich neben dem Pater Andréas nie⸗ dergeſetzt und ſeinen Kopf auf den Schoos ge⸗ nommen, er rieb ihm die Schlaͤfe, und nachdem er ſich von der Armentaria eine Phiole mit Weineſſig hatte zuruͤckgeben laſſen, die ſich unter ſeinem Gepaͤcke befand, ließ er ihn einige Tropfen davon einnehmen. Nachdem er dieſe Bemuͤhun⸗ gen einige Zeit fortgeſetzt hatte, wurde der Athem des Pater Andréas wieder freier; er ſchlug die Augen auf, ſchaute um ſich, und betrachtete mit Erſtaunen die wilden Geſichter der Bagauden, den Felix und Diocles, von denen ihm einer den Kopf, der andere die Hände hielt. Er machte einige Anſtrengung ſeinen zerbrochenen Arm und Fuß in eine minder ſchmerzhafte Lage zu bringen, allein es gelang ihm nicht, er ſchloß die Augen von Meuem, und ſeine Stirn bedeckte ſich mit kaltem Schweiße. Die Bewegungen, welche er gemacht hatte, zogen die Aufmerkſamkeit von Felir und Dioeles auf ſeine zerbrochenen Glieder; allein nachdem ſie dieſelben unterſucht und die Bruſt betaſtet hatten, deren eine Seite eingedruͤckt ſchien, gab Diocles dem Felir ein geichen, daß hier nichts mehr zu hoffen ſey, und daß dem Patienten wohl nichts Beſſeres erzeigt werden koͤnne, als wenn man die Q 2 — 244— Ruhe nicht weiter ſtöre, welche ihm die Natur zu gewaͤhren ſcheine, und keine Anſtalten zu Huͤlfs⸗ leiſtungen mache, welche den Todeskampf nur verlängern muͤßten. Indeſſen ſchien der Pater Andréas ſich doch von Neuem zu beleben, man ſahe, daß er die Lip⸗ pen bewegte, gleich als ſtammele er Worte. Bald wurden dieſe verſtaͤndlicher und Felir erkannte, daß er die Gebete der Sterbenden herſages er ſchien hierauf die Communion zu begehren, und ſeine umhergreifenden Finger ſchienen Etwas zu ſuchen. Ehe man ihn recht verſtehen konnte, reichte man ihm einige Gegenſtaͤnde dar, die er aber zuruͤckſtieß. Endlich legte Felir ein Stuͤck Brodt ihm in die Hand; dieſes brach et ſogleich, ſprach die Worte der Einſetzung daruͤber, und endlich gelang es ihm, nach langer Anſtrengung es zum Munde zu fuh⸗ ren, und einen Theil davon zu genießen, ſeine Au⸗ gen blieben immer noch geſchloſſen. Nach dieſer letzten Anſtrengung wurde ſein Körper abermals unbeweglich, ſein Athemhohlen beſchwerlich, und ſchon konnte man das Rocheln des herannahen⸗ —— den Todes vernehmen. Diocles erklaͤrte auch, daß er nun nicht wieder zu ſich kommen werde. Indeſſen hielt Felix ſeine thränenfeuchten Au⸗ gen immerwaͤhrend auf das Geſicht des Pater An⸗ dreas geheftet. Nach langem, langen Harren glaubte er endlich eine Veraͤnderung darauf wahrzuneh⸗ men. Seine durch den Schmerz zuſammengezo⸗ genen Zuͤge ſchienen ſich wieder zu entfalten, ſeine Wangen erhielten ihre gewoͤhnliche Rundung wie⸗ der, die ganze Phyſiognomie ſchien die Ruhe wie⸗ der zu gewinnen, welche vorher darauf geherrſcht hatte. Endlich ſchlug er die Augen auf, und zwar heller und klarer als das erſte Mal. Fe⸗ lir, mein Sohn, wo biſt Du? ſagte er, ein wenig das Haupt erhebend; als er ihn aber erkannt hatte, fuhr er fort: Mein Sohn, ich habe Dir viel Uebles zugefügt, Du haſt mir zwar ſchon geſagt, daß Du mir das verzeiheſt, aber ich bitte Dich, wiederhole es jetzt, damit ich dieſe Verſicherung mit ins Grab nehme!— O! von ganzem Hetzen, aus voller Stele verzeih ich Euch! Ihr wart im Irrthume, als Ihr mit Böſes erwieſet, jetzt habt Ihr bei dem vollen — 246— Beſitz Eures Verſtandes und bei unbefangener Geſinnung blos darauf gedacht, mir Gutes zu er⸗ weiſen. Du verzeiheſt mir! O! moͤchte doch die Un⸗ glückliche mir auch verzeihen, welche mit Dir das Opfer meiner Thorheit war! Meiner Seits hab' ich auch verziehen, und verzeihe noch jetzt dem ein⸗ zigen Feinde, den ich jemals hatte, dem, der mich der Ruhe eines guten Gewiſſens beraubt hat. Ich verzeihe dem Voluſianus! mein Sohn verzeihe Du ihm auch! Felir ſchwieg. Mein Sohn, verzeihe ihm. Weil Du jetzt leideſt, iſt Deine Verzeihung Gott— und des Chriſten wuͤrdiger. Ich verzeihe ihm!— Du wirſt alſo bloß darauf denken Deiner Freundin die Freiheit wieder zu verſchaffen, nicht aber denjenigen zu ſtrafen, der ſie Ihr geraubt hat; Du wirſt die Ehre des Prälaten, die Ehre der Kirche achten und ſchonen, und doch den er⸗ ſtern fernerhin hindern ſeine Gewalt zu mißbrau⸗ chen; und wird Julia Severa ihrem Vater und — 247— Dir wieder gegeben, und ſie wird es werden, dann ſey Dein erſter Gedanke, ſie wirklich zur Chriſtin zu machen, und ſie zu veranlaſſen, dieſes dadurch zu beweiſen, daß ſie dem—— vollkommen verzeiht! Ich will es thun! Dieſe armen Leute hier,„tch durch das Elend zu Verbrechen getrieben werden, hatten keinen Haß gegen mich, mir wollten ſie nichts Böſes zufuͤgen, mir haben ſie auch nichts zuge⸗ fügt, denn ſie haben mich keine Gewiſſensbiſſe fuhlen laſſen, ihnen zu vergeben iſt nicht ſchwer. Tretet naͤher! ſagte er zu ihnen, und hoͤrt, daß der Pater Andréas Euch ſeinen Tod verzeiht! Meine Kinder, ſagte der Sterbende mit ver⸗ ſtäͤrkter Stimme zu ihnen, ich vergebe Euch! mögt Ihr auch ſo Vergebung im Himmel exlan⸗ gen. Möge dieſe Gewaltthaͤtigkeit, wie alle vor⸗ hergehenden, auf immer vergeſſen ſeyn. Wenn Gott, um das Maaß ſeiner Barmherzigkeit voll zu machen, auch Eure Herzen ruͤhrte, wenn die Stimme eines Sterbenden Euch von dem unglück⸗ lichen Pfade, auf dem Ihr wandelt, abfuhren — 243—— könnte, ſo wuͤnſchte ich ſo wurde ich im Na⸗ men des Senators Felir Florentius, im Namen des Grafen Julius Severus. Die Anſtrengung, welche ſich der Pater zumu⸗ thete, war zu groß fuͤr ſeine abnehmenden Kräfte, ſeine Gedanken fingen an ſich zu verwirren, ſeine Worte hatten keinen Zuſammenhang mehr, und man konnte ſie nicht mehr recht genau verſtehen; ſein Kopf war auf das Mooslager zuruͤckgeſunken, ſeine Augen ſchloſſen ſich; er ſprach zwar noch, al⸗ lein er ſtammelte nur. Lange noch ſahe man ihn die Lippen bewegen, vernahm auch bisweilen einen ganz ſchwachen Laut, allein endlich hoͤrte auch dieſe Bewegung auf, ſeine Glieder erſtarrten— er war todt! Felir hatte die letzten Seufzer ſeines edlen Freundes belauſcht, war aufmerkſam auf alle ſeine Worte, alle ſeine Bewegungen geweſen, in der Hoffnung, ihm irgend eine Linderung ſchaffen zu koͤnnen; immer mit ihm beſchaͤftigt von dem Au⸗ genblicke der Gefangenſchaft an, hatte er immer nur in der Gegenwart gelebt, ohne ſeine Gedanken auf die Vergangenheit oder Zukunft zu richten⸗ —— Daher hatte er denn auch, ſo lange der Pater An⸗ dréas noch lebte, das Schreckliche ſeiner eigenen Lage nicht ganz empfunden; allein die ſchrecklichſten Vorſtellungen bemächtigten ſich ſeines Geiſtes in dem Augenblicke, wo jener den letzten Odem ausge⸗ haucht hatte. Julia war gefangen, und waͤhrend man ſie allen ſeinen Nachforſchungen entzog, wurde ihm der Einzige, der um das Geheimniß ihrer Exiſtenz wußte, der, von dem er allein ein Mittel zu ihrer Befreiung erwarten konnte, durch den Tod entriſſen. Er ſelbſt ſahe ſich in dem Augenblicke, wo ſein Freund und ſeine Mut⸗ ter ihn erwarteten, die Mutter, die durch ſeine Abweſenheit ſo ſehr betruͤbt worden war, der Freund, der nur auf ihn hoffte, um ſeine Toch⸗ ter wieder zu erhalten, von Raͤubern feſtgehal⸗ ten und kein Ende ſeiner Gefangenſchaft. Er war nicht frei von Gewiſſensbiſſen, er machte ſich es zum Vorwurf ein Gefecht, das er nicht im Stande war fortzuſetzen, angenommen und dadurch den Tod des Pater Andréas veranlaßt zu haben. Er wiederholte ſich in ſeinem Ge⸗ daͤchtniſſe die ruͤhrenden Ermahnungen dieſes — 250— wuͤrdigen Geiſtlichen, ſo wie die Beweiſe von Geduld, Muth und Wohlwollen, die er ſo oft ge⸗ geben hatte; und indeß ſeine Augen feſt auf das Geſicht des Todten geheftet waren, rannen ihm die Thränen ſtumm uͤber die Wangen. Die Bagauden enthielten ſich lange ſeinen Schmerz zu ſtören. Der Todeskampf des Pater Andréas hatte mehrere Stunden gewährt, und noch einige Stunden blieb Felir ſchweigend mit gefalteten Haͤnden neben ihm. Während dieſer Zeit hatten mehrere Bagauden das Lager verlaſſen, waren dann zuruͤckgekehrt, und hatten bald Le⸗ bensmittel, bald aber auch, wie es ſchien, Nach⸗ richten fuͤr Armentaria mitgebracht. Der Tag ging ſchon zu Ruͤſte und die Bagau⸗ den bereiteten, um ein großes Feuer verſammelt, ihr Abendeſſen. Einer von ihnen hatte ein Schaaf herbeigebracht, es wurde auf der Stelle geſchlach⸗ tet und gehaͤutet, dann ein Theil davon in Toͤpfe zum Kochen gethan, und ein anderer an Spießen zum Braten geſteckt, zu gleicher Zeit machten Ei⸗ nige große runde ſteinerne Scheiben zwiſchen den Kohlen gluͤhend, bedeckten ſie dann mit halbtro⸗ — 21— ckenen Kaſtanienblaͤttern, worauf ſie einen lockeren Teig legten, ſchichteten dieſe gluͤhenden Scheiben uͤber einander, indeß immer Teig dazwiſchen lag, und buken ſo ohne Sauerteig ihre Brodte, auf denen dann die Spuren der Blätter noch ſichtbar waren, worauf ſie gelegen hatten. Bald war das Mahl bereitet, da trat Armen⸗ taria zu Felir und ſagte zu ihm: Ihr habt dem Sterbenden alle Huͤlfe geleiſtet, die Euch möglich war; jetzt denkt auf die Beſtattung des Todten, ehe Ihr Euch mit den Lebenden zu Tiſche ſetzt. Die Bguden können nicht lange an einem Orte blei⸗ ben, ſo lange ſo viel wuͤthende Hunde ſie heiß⸗ hungrig verfolgen. Wir brechen daher noch dieſe Nacht auf und der Leichnam des Paters darf nicht hier liegen bleiben, um gegen uns zu zeigen. Be⸗ ſtattet ihn zur Erde dort bei dem Fluſſe. Felix bedauerte ſehr, daß er ſeinem Freunde die letzten Pflichten nicht nach den Gebraͤuchen der Kirche leiſten konnte. Er machte einige Einwen⸗ dungen. Das Geſicht der Armentaria, das, in⸗ dem ſie ſich an ihn wandte, ſanfter geworden war, nahm jetzt ſeine ganze Strenge wieder an. Sie ſagte ihm blos voller Ungeduld: Mache ſchnell.— Wir ſind Gefangene, ſagte Diocles, wir muͤſ⸗ ſen gehorchen! Zu gleicher Zeit rief er die beiden Sclaven zu ſich, die den Leichnam des Pater An⸗ dréas aufhoben, und nun erklärte er ſich bereit den Bagauden zu folgen, wohin ſie ihn fuͤhren wollten. Man ließ ſie auch wirklich auf einem veſchwerlichen Pfade bis zu dem Ufer des Fluſſes hinabſteigen. Dann drang man durch niederes Ge⸗ ſtruͤppe bis zu einer Stelle des Abhangs, wo der Sand und die lockere Erde leicht aufzugraben wa⸗ ren. Hier machten die Bagauden mit Hülfe der Sclaven eine nicht ſehr tiefe Grube, worein Fe⸗ lir und Diocles den treuen Freund legten. Nach⸗ dem ſie mit Thränen Abſchied von ſeinen ſterbli⸗ chen Ueberreſten genommen, ſtiegen ſie wieder hin⸗ auf ins Lager, wo nun Alles zum Mahle berei⸗ tet war⸗ Felir Florentius, ſagte Armentaria nach ſei⸗ ner Ruͤckkehr zu ihm, ich habe Euren Namen und Euren Stand von Euren Sclaven erfahren, — 258— ich ſehe nun, daß ich mich in der Vorausſetung nicht getäuſcht habe, daß es von Euch abhinge, mir meinen Mann wiedergeben zu laſſen. Ihr werdet Euch nun entſchließen ſo lange als Geißel hier zu bleiben, bis ich ihn wieder erhalte. Es liegt uns in unſerer elenden Lage nichts daran, unnütze Maͤuler zu ernaͤhren, oder Gefangene zu bewachen, der da unten dauert mich; waͤre er noch bei uns, ſo wuͤrde ich ihn jetzt in Freiheit ſetzen aus Achtung gegen die Empfehlung des Nun⸗ nianus, der uns in unſerm Elende ſo oft geſpeiſet hat. Allein der Wille deſſen, dem er diente, iſt maͤchtiger als der unſere. Genng alſo davon! Die⸗ ſer Soldat, ſetzte ſie auf Diocles deutend hinzu, mag ſich nach Bourges begeben, und dem Grafen dieſer Stadt andeuten, daß, wenn binnen fuͤnf Tagen mein Mann, Procer Nunnianus, nicht wieder unter uns erſcheint, ich Euch in vier Stuͤcken zerreißen und Euren Kopf vor ſeine Thuͤre le⸗ gen laſſen werde. Habt Ihr eifrige Freunde, ſo ſendet Eure beiden Sclaven zu ihnen, damit ſie ſich zu Eurer Rettung aufmachen. Ich wunſche eben ſo ſehr als Ihr ſelbſt, daß es ihnen gelinge, 254— denn bei dem lehendigen Gotte, der uns hört, ge⸗ lingt es ihnen nicht, dann vollzieht Armentaria beſtimmt ihre Drohung. Jetzt eſſet, um Eure Kraͤfte zu ſtärken, denn Ihr habt einen eben ſo langen Weg zu machen, als jene. Ihr werdet Euch nicht wundern, verſetzte Fe⸗ lir, wenn die traurige Pflicht, die ich gegen mei⸗ nen Freund erfullt habe, und das Schickſal, wo⸗ mit Ihr mich bedroht, mir eben nicht viel Luſt machen mich mit zu Tiſche zu ſeßen. Uns ſchmeckt es gut, ſagte ein Bagaude, wenn wir auch gleich morgen ſchon den wilden Thieren vorgeworfen, oder auf dem Blutgerüſte gemartert werden. Ich werde auch eſſen, antwortete Felir, und welches Schickſal mir auch beſtimmt ſeyn moͤge, ich werde es als Mann und Roͤmer zu ertragen wiſſen. Allein weil denn mein Leben mit dem Leben Eures Mannes ſo genau verbunden iſt, und ihr ihm ſo wenig Zeit laſſet Euch wieder aufzu⸗ ſuchen, ſo muͤßt Ihr ihm doch einen Puſammen⸗ kunftsort angeben, allein Ihr geht von hier weg⸗ S ohne dem Diocles zu ſagen, mehin S6 be⸗ gebt!— Ich ſoll doch— dem Grafen von Bourges nicht ſagen laſſen, an welchem Orte er uns finden koͤnnte, um uns hinzuopfern. Wenn er nur ſoviel weiß, daß wir uns Euren Beſitzungen nähern wer⸗ den. Er laſſe meinen Mann in Freiheit auf dem Schloſſe des Rutilianus an dem Cher, das Euch gehoͤrt, dann wird mein Mam uns ſchon ſelbſt aufzufinden ſuchen. Mehr als ein Anfuͤhrer der Vaieche war ſchon auf dieſe Art losgekauft worden, daher zwei⸗ felten Felix und Divcles auch nicht an dem Gelin⸗ gen ihrer Unterhandlung, wenn nur der letztere ohne Unfall nach Bourges kommen konnte, und das Schickſal des Procer Nunnianus ſich nicht ſchon auf eine gewaltſame Art entſchieden hatte. Feli ließ ſich ſeine Schreibtafel wiedergeben, und ſchrieb nun an den Grafen von Bourges und ſeine Mutter, an Julius Severus, indem er ihnen an⸗ deutete, was ſie zu ſeiner Sicherheit zu thun haͤt⸗ ten. Er ber higte zugleich ſeine Mutter uͤber ſein Schickſal, und empfahl ſeinem Selaven, ſie nicht durch zu ausführliche Berichte zu beunruhigen. Er unterwarf ſich endlich ſeinem Schickſale und ſetzte ſich neben den Näubern nieder, um ihre Mahlzeit mit ihnen zu theilen, dann beſchloß er ſeine Lage zu benutzen und die menſchliche Natur in dieſen ihm ſo ganz neuen Verhaͤltniſſen zu be⸗ obachten. Das Mahl bot ihm indeſſen wenig Gegen⸗ ſtände der Brobachtung dar. Die Bagauden wa⸗ ren nicht etwa eine Geſellſchaft von feurigen, un⸗ ruhigen Geiſtern, welche ſelbſt in ihrer Ausartung noch Spurtn ihres urſpruͤnglichen Adels beibehal⸗ ten hatten. Im Gegentheil, faſt alle waren Bauern oder Sclaven, die durch lange Arbeit und lange Abhaͤngigkeit ganz verwildert waren. Lange hatten ſie ſich jeder Art von Unterdruͤckung und Entwuͤrdigung hingegeben, ſo lange ſie nur um dieſen Preiß die Erlaubniß zu leben erkaufen konn⸗ ten, allein endlich hatte ſie der zu große Druck in die Wälder getrieben. Ihre fruͤhern Anſtrengun⸗ gen und ihr herumſtreifendes Leben hatten ihnen die Gewandheit des Körpers eigen gemacht, und ſie bis auf einen gewiſſen Grad zur Schlauheit und Geſchicklichkeit gebildet, allein eigentlichen Muth und Selbſtachtung hatten ſie nicht gewin⸗ nen koͤnnen. Die Freiheit ihrer Waͤlder hatte ihnen die menſchliche Wuͤrde nicht wieder zu ge⸗ ben vermocht, und Felix Florentius erkannte an ihrer Rohheit und ihrem knechtiſchen Sinne doch immer die Sclaven, welche ſich gegen ihre Herren empoͤrt hatten. Armentaria ſchien zwar nicht zu derſelben Menſchenclaſſe zu gehören. Es war, als habe ſie, ſo wie ihr Schwager Nunnianus, und Procer ihr Mann, durch das Uebermaaß des auf ihnen laſtenden Druckes ein Gefuͤhl der ſo lange gekraͤnkten Menſchenrechte wieder erhalten. Sie beſchraͤnkte ihre Blicke nicht, wie ihre Un⸗ glucksgefaͤhrten, auf die Lebenslage, aus der ſie ge⸗ waltſam gedraäͤngt worden warz nicht blos die Knechtſchaft der Fiſcalbauern war es, welche ſie fur unerträglich hielt, ſondern die jedes Menſchen, der in Gallien von ſeiner Arbeit leben mußte. Alle, Alle, ſagte ſie, waren der ſchimpflich⸗ ſten Behandlung, dem Hunger und der Folter Preiß gegeben; dieſem hier, und damit zeigte ſie dem Felix einen ihrer Gefaͤhrten, iſt erſt von den 2e Bd. R — 258— Burgundern die Hand abgebrannt, dann ſein Vieh erwuͤrgt, dann ſind ihm ſeine Erndten zerſtreut worden, und er ſelbſt hat noch jeden Tag funfzig Peitſchenhiebe erdulden muͤſſen, bis er endlich ſei⸗ nen jaͤhrlichen Pachtzins abgetragen hatte; jener Andere, der mitten im Winter von einem Truppe roͤmiſcher Soldaten aus ſeinem Hauſe vertrioben worden, hat ſeine auf Eis und Schnee in den Waͤldern entbundene Gattin dort huͤlflos umkom⸗ men ſehen. Jener Dritte dort hat zwei Kinder durch Hunger verloren, in demſelben Jahre, wo ſeine Scheunen von der reichlichſten Erndte ge⸗ fult worden waren, allein ſein ganzes Beſitzthum wurde ihm weggenommen, um die Schulden der Eigenthuͤmer zu bezahlen, deren Guter er bewirth⸗ ſchaftete. Mehrere tragen an ihren Koͤrpern die Spuren unverdienter Zuͤchtigungen, alle aber, ohne Ausnahme, wuͤrden doch lieber ihr Leben unter Quaalen und Leiden fortgeſetzt, als ſich dem elen⸗ den Daſeyn hingegeben haben, zu dem wir ver⸗ dammt ſind, wenn der ganz unleidliche Druck ſie nicht endlich in die Waͤlder getrieben haͤtte. Da⸗ her haben denn auch, ſeit den zwei Hundert Jah⸗ S — 259— ren, wo man uns bekriegt, weder das Schwerdt der Krieger, noch das der Barbaren, noch das Beil des Henkers, noch der Hunger, der uns in unſern Schlupfwinkeln verfolgt, unſere Anzahl vermin⸗ dern koͤnnen. Tauſende von uns ſterben zwar jhrlich auf Euren Blutgeruſten, allein dafur ſtro⸗ men uns jedes Jahr auch Tauſende von Fluͤchti⸗ gen aus Euren Beſitzungen zu, und ſo wird endlich Galliens ganze Bevölkerung in den Waldern bei uns umkommen. Die andern Gäſte miſchten ſich nicht ſehr in die Unterhaltung, denn die Art, wie ſie ihr Mahl einnahmen, hatte ſie genoöthigt ſich in lauter kleine Gruppen abzutheilen. Sie hatten ſich geſetzt oder gelegt, das Eſſen vor ſich auf der Erde, und ſo ſchienen ſie mehr ein dringendes Beduͤrfniß zu be⸗ friedigen, als ein Vergnuͤgen zu genießen. Bei einigen dieſer Gruppen bemerkte man, daß die Weiber und die Kinder beſonders aßen, als ob ſie lange Zeit gehungert haͤtten, auch beſtätigte ihre Bläſſe und Magerkeit dieſes eben ſo ſehr als ihre Gefräßigkeit. Das Mehl, aus dem ſie ihre R 2 260—— Brodte bereitet hatten, war von ihrem kleinen Vorrathe genommen worden. Das Schaaf hatte man geraubt oder vielleicht auch von einem Hir⸗ ten zum Geſchenke erhalten, kurz zuvor ehe Felir pei der Geſellſchaft eingetroffen war. Der Wein⸗ ſchlauch, der zu ſeinem Gepaͤcke gehorte, war in demſelben Augenblicke geleert, und während des Eſſens ſelbſt blieb Waſſer das einzige Getränk, auch waren die Gäſte nach dem Mahl weder be⸗ lebter noch erhitzter als beim Anfange. Als ſie aufſtanden, ſuchten ſie ſorgfaͤltig jede Sypur ihres Mahles und Aufenthaltes an dem Orte zu ver⸗ löſchen; was ſie nicht brauchen konnten, warfen ſie in einen Abgrund, was ihnen aber ſpäter noch dienen konnte, ſie aber auf dem Zuge beläſtigte, verſteckten ſie unter dem Felſen in einer Höhle, wo ſie es mit Erde und trockenen Blaͤttern bedeck⸗ ten. Dies geſchahe aber nicht eher, als bis die Sclaven und Diocles, denen man den kuͤrzeſten Weg, jenen nach Tours, dieſem nach Bourges, gezeigt hatten, fort waren, und Felir allein mitten unter den Bagauden gelaſſen hatten. Dieſer mußte nun mit anſehen, wie auch der großte Theil — 251 2 ſeines eigenen Gepackes in jener Vten aufbewahrt wurde. Selbſt die Spuren des Feuers waren ver⸗ ſchwunden und nichts auf der kleinen Terraſſe, wo ſie verſammelt geweſen waren, deutete 2 menſchliche Bewohnung. Laßt uns nun aufbrechen! ſagte Armentaria, Felix Florentius, es iſt gut, wenn Ihr immer be⸗ denkt, daß die beiden Männer, welche für Eure Perſon haften muͤſſen, einer hinter, der andere vor Euch gehen werden, und daß ſie den Befehl haben, Euch ſogleich das Meſſer in den Leib zu ſtoßen, wenn Ihr Euch von dem Wege entfernen oder um Hülfe rufen wolltet. Still alſo, und fort! Das Gebot des Stillſchweigens wurde auf dem ganzen Wege ſtreng beobachtet. Die Pferde und Maulthiere von Felir waren gar nicht auf die Bergebene gebracht worden, wo er den groß⸗ ten Theil des Tages zugebracht hatte. Sie ka⸗ men nicht wieder zum Vorſchein. Gewiß hatte einer von der Bande den Befehl erhalten, ſie auf irgend einem fremden Markte zu verkaufen. Alle — 262— Bagauden zogen in einer Reihe hinter einander, einer von dem andern ohngefähr funfzehn oder zwanzig Schritte entfernt, mit Ausnahme der Beiden, welche Felir begleiteten, und ihn nicht aus den Augen verloren. Da die meiſten bar⸗ fuß gingen, oder hoͤchſtens Sandalen von unge⸗ getbtem Leder trugen, ſo erregten ſie durch ihr Gehen nicht das mindeſte Geräuſch. Der Ue⸗ berfall ihres Anfuͤhrers von Vorgeſtern, und die Anſtalten, welche, wie ſie wohl wußten, man gerade jetzt auf dem Lande machte, um ſich ihrer zu bemächtigen, hatten ſie zu Verdoppelung ihrer Vorſichtsmaaßregeln gezwungen. Sie folgten der Heerſtraße nie, ſondern ſchlugen bald einen kaum gebahnten Pfad ein, bald gingen ſie auch nur durch die lichtern Stellen der Wälder hin, oft kamen ſie jedoch den Wohnungen ſo nahe, daß ſie die Lichter erkannten und das Gebell der Hunde vernehmen konnten; wenn der An⸗ fuhrer des Zuges horchte, blieben ſie alle ſtehen, und beobachteten das ſtrengſte Stillſchweigen, ſchritt aber jener wieder fort, dann folgten ſie ihm wie zuvor. Die Nacht war ſchon weit vorgeruckt, — 2638— allein der Mond beleuchtete die Gegend, und ob er gleich im Abnehmen ſich befand, war er doch hinreichend, um die Gegenſtände unterſchei⸗ den zu können. Der Zug dauerte lang, beſon⸗ ders wegen der Vorſichtsmaaßregeln, welche man nahm, und des oftern Ausruhens der Reiſenden; endlich aber erkannte Felir vor ſich einen hohen, halb zerſtoͤrten Thurm, bei deſſen Gipfel er ein eleines Licht ſchimmern ſahe. Nicht weit davon lag ein anſehnlicher Flecken, der ſich von dieſem Thurme an bis zu den Ufern eines groß en Fluſ⸗ ſes erſtreckte. Dies war das Ziel ihrer Reiſe, und die Bagauden, welche bisher in einiger Ent⸗ fernung von einander fortgezogen waren, ſchloſ⸗ ſen ſich nun mehr an einander an, und ſtellten ſich unter demjenigen Theile des Thurmes auf, der eben im Schatten ſtand. Allein um hinter den Thurm zu gelangen, mußte man uͤber einen kleinen freien Platz, der von dem Monde hell beſchienen wurde. Sie waren uͤber denſelben eben ſo gezogen, wie ſie auf dem Wege gethan hatten, nemlich einer hinter dem andern; allein ſo wie einer ſchnell daruͤber hineilte, hoͤrte man — 264— den Schall eines Glockchens, und einzelne abge⸗ brochene Worte eines Gebetes gegen boͤſe Gei⸗ ſter. Die Worte kamen von dem Orte her, wo ſie das Licht erblickten. ⸗ Der Pater Senoch wacht noch, ſagte einer der Bagauden mit leiſer Stimme zu ſeinem Gefährten, und mit ſeinem Gloͤckchen glaubt er uns in die tiefſte Hoͤlle zu bannen, denn er halt uns fur böſe Geiſter. Seine Furcht rettet uns. Hielte er uns nicht fur böſe Geiſter, ſo waͤre keine Rettung fuͤr uns. Was macht er denn aber dort oben? fragte einer der Bagauden, der die Gegend noch nicht recht kannte⸗ Es ſind nun fuͤnf Jahre, verſetzte der An⸗ dere, ſeit er ſich oben an dem Thurme ſelbſt angenagelt hat, wie einen Sonnenweiſer. Sein Kopf guckt aus der Mauer unterhalb des Lich⸗ tes hervor, welches die guten Frauen aus Loches alle Tage fuͤr ihn anzuͤnden, wenn ſie ihm zu eſſen bringen, denn mit ſeinen Händen kann er nichts weites thun als das Glöckchen laͤuten. — 265— Felir erkannte an dieſen Reden, daß er ſich vor der Einſiedelei des nemlichen Heiligen be⸗ fande, fuͤr den der Pater Andréas ſo viel Ehr⸗ furcht geäußert hatte, und der ihm doch an Tugenden, wie an Verſtande dem verlornen Freunde ſo wenig aͤhnlich zu ſeyn ſchien. Er ſahe ebenfalls mit Erſtaunen, daß die Bagau⸗ den ihn an den Ort gefuͤhrt hatten, wohin er eben ſelbſt hatte gehen wollen. Das war der Thurm von Loches, wo, nach Andréas Vermu⸗ thung, Julia gefangen ſaß; und er ſelbſt, gefan⸗ gen wie ſie, mußte an dem Fuße dieſer Mauern hingehen, ohne ſich uͤber jene Vermuthung Licht verſchaffen, oder ſeiner Freundin grringſte viß leiſten zu koͤnnen. In der That mußten ſich die Bagauden auch beeilen uͤber den Indre zu gehen, und ſich von Loches zu entfernen, wo ſich ein kleines Corps von Truppen befand, welche zu ihrer Verfolgung beſtimmt waten. Einige von ihnen waren jedoch in die Gewoͤlbe hinabgeſtiegen, uͤber denen der Thurm erbauet war. — 266— Der Pater Senoch, ſagten ſie, als ſie wie⸗ der herauf kamen, hat unſern Kahn gut aufge⸗ hoben. Die böſen Geiſter, die ihn, wie er be⸗ hauptet, unaufhörlich umgeben, ſind die Schutz⸗ wache der Bagauden. Niemand wagt ſich in dieſe unterirdiſchen Gewolbe, daher iſt denn auch Nichts von Allem, was wir vor vierzehn Tagen hier gelaſſen, angeruͤhrt worden. Sie brachten nun aus dem Thurme einen aus Weidenholz verfertigten Kahn, der ſo leicht war, daß er von einem Menſchen mehrere Stun⸗ den weit ohne alle Beſchwerde getragen werden konnte. Sie hatten uͤberdies noch Ochſenhäute hineingelegt, welche, wohl zuſammengenaht, das eindringende Waſſer abzuhalten vermochten, wenn das Fahrzeug ja irgendwo ſchadhaft werden ſollte. Sie trugen den Kahn bis ans Ufer des Indre, und nachdem ſie ihn ins Waſſer geſetzt, ſchifften ſie alle, zu verſchiedenen Malen, uͤber den Strom. Se Das Hlo ſter Als die Königin Theudechilde ſich anſchickte das Klo⸗ ſter zu verlaſſen, ſahe die Aebtiſſin ihren Plan vor⸗ aus, und ſperrte ſie, nachdem ſie ſie ſchrecklich hatte geißeln laſſen, in ein Gefaͤngniß ein, wo ſie den furchtbarſten Leiden Preiß gegeben, bis ans Ende ihres Lebens bleiben mußte. Gregor von Tours. Buch IV. Kap. 26. In dem Augenblicke, wo Julia Severa von Felix getrennt worden war, um in das Frauenklo⸗ ſter einzutreten, ſchloſſen ſich die ſchweren Thuͤ⸗ ren deſſelben hinter ihr, und ſie fand ſich als Gefangene in einem dunklen, engen und feuchten Vorhofe, wo man ihr zu warten befahl. Bald durchdrang ihren ganzen Koͤrper ein ſchauerliches Fröſteln. Getrennt von Allem, was ſie auf Er⸗ — 268— den liebte, mächtigen, und wie ſie glauben mußte, feindlichen Händen Preiß gegeben, blieb ihr kein Schutz, zu dem ſie ihre Zuflucht hätte nehmen koͤn⸗ nen, keine Gemeinſchaft mit irgend einem leben⸗ den Weſen, das ſich nicht unter der Zahl ihrer Verfolger befunden hatte, keine Hoffnung, daß Jemand von denen, welche Antheil an ihr nah⸗ men, ihren Aufenthalt entdecken moͤchte. Sie ſetzte ſich demnach auf die unterſten Stufen einer Treppe, die Häͤnde vor die Augen haltend und die Ellbogen auf die Kniee geſtuͤtzt; ſo blieb ſie zwei Stunden ſitzen, verſenkt in trauriges Nach⸗ denken, ehe auch nür eine der Bewohnerinnen des Kloſters Notiz von ihr nahm. Alle dieſe ſchmerzlichen Empfindungen fan⸗ den indeß keine Erleichterung, als endlich die Su⸗ periorin, von einer andern Nonne begleitet, zu ihr trat. Stolz, Härte und Mißtrauen mahlte ſich auf ihrer Stirne. Aus einer vornehmen galli⸗ ſchen Familie entſproſſen und Anverwandte des Voluſianus, übte ſie in dem Umkreiſe ihres Klo⸗ ſters eine eben ſo unbeſchraͤnkte Gewalt, als der Kaiſer von Byzanz kauf ſeinem Throne, und ſie betrachtete jede Widerſetzlichkeit gegen ihren Willen als eine Verletzung aller goͤttlichen und menſchlichen Geſetze. Sie glaubte feſt an ihre eigene Heiligkeit, an die Untrüglichkeit ihrer Ein⸗ ſicht, und ihr Deſpotismus war um ſo haͤrter, je mehr ſie dadurch, daß ſie ihn uͤber ihre Nonnen ausuͤbte, ihre Pflicht zu erfullen meinte. Tochter des Severus, ſagte ſie zu Julien, ein Befehl des Erzbiſchofs von Tours hat Euch der Welt entruͤckt, und Euch verurtheilt in dieſem Kloſter die Erleuchtung von oben zu erwarten, wodurch Ihr bekehrt werden koͤnnt, oder die Rache des erzuͤrnten Gottes, der den Stolz der Götzendiener gedemuͤthigt hat. Dieſes Kloſter, welches bisher nur heilige Jungftauen in ſich ſchloß, muß ſich nun alſo auch fuͤr Euch oͤffnen. Indeſſen ſehen wir Euch nur ungern in Eurem jetzigen Zuſtande der Verderbniß hier eintreten. Bedenkt Euch, ob Ihr dem Satan und ſeiner Herrlichkeit entſagen, ob Ihr Euch vom Grunde des Herzens zu dem Glauben bekennen wollt, den Ihr blos auf den Lippen gehabt. Ihr koͤnnt dann einen Beweiß davon ablegen, wenn Ihr — 270— Euch durch ein ewiges Geluͤbde unſerer heiligen Re⸗ gel anſchließt; in dieſem Falle werden wir, un⸗ ſerer Seits, vergeſſen und vergeben, und Euch als eine gehorſame Tochter in unſerer Mitte auf⸗ nehmen. Ich brauche, erwiderte Julia, indem ſie ſich mit edlem Stolze erhob, keinen Menſchen auf Erden, um Vergeſſen oder Vergeben irgend einer Beleidigung zu bitten. Niemand hatte das Recht, eine Gewaltthätigkeit an mir auszuuͤben, welche mich an dieſen Ort gefuͤhrt hat. Nach⸗ dem ich aber mit Gewalt hierher gebracht worden bin, wundere ich mich zu hoͤren, daß man mich mit Widerwillen aufnimmt. Weniger Stolz! Severa, ſagte die Superiorin, er ziemt ſich nicht in unſerer Gegenwart. Ihr ſeyd nicht mehr unter den feigen Schmeichlern eines den Goͤtzen opfernden Senators; Ihr ſteht vor derjenigen, welche von Gott, von dem apoſtoli⸗ ſchen Nachfolger des heil. Martin, eine abſolute Gewalt uber Eure Freiheit und Euer Leben er⸗ halten hat. Ich wuͤrde weniger Stolz zeigen, verſetzte Julia, wenn ich weniger gekraͤnkt worden wäͤre. Was wollt Ihr von mir? Wollt Ihr Eure Irrthuͤmer feierlich abſchwo⸗ ren und Euch durch ein ewiges Geluͤbde zu Be⸗ folgung unſerer Regel verpflichten? Wenn man mich von einem Irrthume in mei⸗ nem Glauben uͤberzeugt, ſo werde ich bereit ſeyn, dieſem zu entſagen, allein eher nicht! Da mir kein Mittel des Widerſtandes bleibt, muß ich mich freilich meiner Gefangenſchaft hingeben, allein nie werde ich ſie durch ein Geluͤbde noch rechtfertigen. MNun, ſo wundert Euch auch nicht, wenn Ihr von der Geſellſchaft der heiligen Jungfrauen ausge⸗ ſchloſſen bleibt, unter deren Dache Ihr leben ſollt. Die Goͤtzendienerin bleibe allein mit ihren böſen Gedanken! ſagte nun die Superiorin zu der Nonne, welche ſie begleitete— Keine von unſern Schweſtern nahe ſich ihr! Man bereite ihr eine Wohnung am aͤußerſten Ende des rechten Fluͤgels. Diejenige, die vielleicht noch eine Gemeinſchaft mit Satanas unterhaͤlt, darf nicht in der Nähe ſolcher Jungfrauen wohnen, welche ſich ganz Gott —— geweiht haben. Geht, Schweſter Maria, und ſorgt fur ihre dringendſten Beduͤrfniſſe. Ihre Kleidung ſey beſcheiden, einfach, ihre Koſt frugal, und ſo erwarte ſie ſchweigend unſere weiteren Befehle. Bei dieſen Worten warf die Aebtiſſin auf Ju⸗ lien einen Blick der Verachtung, dann entfernte ſie ſich, ohne ihr weiter ein Wort zu vergönnen. Schweſter Maria foigte einige Zeit der Su⸗ periorin mit den Augen, gleich als wollte ſie ſich verſichern, daß jene nicht ſaͤhe, wie ſie die Vor⸗ ſchrift zu ſchweigen verletzte, welche ſie ſo eben von der Aebtiſſin erhalten hatte. Hierauf wandte ſie ihre Blicke mit einer Miſchung von Mitleiden und Neugier auf Julien; Armes Mädchen! ſagte ſie zu ihr, fuͤrchteſt Du Dich denn nicht, ſo ſtolz mit unſerer Aebtiſſin zu ſprechen? Ich habe an allen Gliedern gezittert, als ich Dich horte ſo ihre Größe herausfordern! Ich habe blos eine unverdiente— zuruͤckgewieſen, verſetzte Julia; eine Beleidigung habe ich ihr nicht ſagen wollen, allein ich furchte mich auch nicht vor ihr! — 273— Ach! diejenige, deren Gemach Du erhalten ſollſt, hat auch nicht wohl gethan der Superiorin mit Stolz zu antworten. Sie hat es mit ihrem Leben bezahlen muͤſſen, die gute Schweſter Anna, und doch war ſie nicht, wie Du, ganz weltlich; ſie war ſchon in unſern—— bereits ihre Geluͤbde abgelegt. Wie? Die Superiorin e laſſen? Gott itet Die Prieſtr des Sun ßen kein Blut, eine ſolche Abſcheulichkeit iſt nie in unſern heiligen Mauern vorgekommen. Allein die Aebtiſſin des Kloſters der heiligen Maria zum Schrein zu Tours iſt wie ein Praͤlat der Kirche, ſie hat alle Rechte und Gerechtigkeiten deſſelben; ſie allein uͤbt uͤber alle Bewohner des Kloſters eine ganz unumſchraͤnkte Jurisdiction aus. Unſere Mutter, die Aebtiſſin, ließ auch wirklich die Schweſter Anna in das dunkle Gefaͤngniß zur Seite der Eiſterne bringen, welches wir das di- mittis in pace nennen. Nie leben die, welche da eingeſperrt werden, laͤnger als drei Wochen.— Aber komm in Deine Zelle! Du wirſt hier noch 2r Bd. S 2 die Kleider und Wäſche der armen Schweſier Anna finden. Sie koͤnnen Dir nuͤtzlich ſeyn!— Julia Severa folgte mit geſenktem Haupte der Nonne, die beauftragt war, ihr ihre Woh⸗ nung anzuweiſen. Neue Schrecken hatten ſie er⸗ griffen, und dieſe muthige Seele, gewohnt den Gefahren zu trotzen, unterlag den wiederholten Angriffen, denen ſie ſich ſeit dem Beſuche im Schloſſe des Rutilianus ausgeſetzt ſahe. Der Weg, den ſie durch das Kloſter zu machen hatte, war lang; man fuͤhrte ſie in das dritte Stockwerk; und da die Treppen ſich nicht uͤber einander be⸗ fanden, ſo mußte ſie durch alle Gaͤnge der un⸗ tern Etagen gehen. Der, an deſſen Ende ihre Wohnung ſeyn ſollte, war nicht wie die andern mit Zellen umgeben; die Vorräthe des Kloſters, die Holzkammern, große, offene Raͤume, jedoch dunkel von der Maſſe der Däͤcher, bezeichneten dieſen Theil des Hauſes als unbewohnt. Ehe ſie hier anlangte, fing Julia ihrer Seits an die Nonne zu befragen. Ihr ſagtet, daß die Gefangenen in dieſem Gefaͤngniß niemals uͤber drei Wochen lebten. Ihr habt alſo ehns ſehen.. — Nein! Ich kann—. 6 meh⸗ rere geſehen habe; denn in der ganzen Zeit, die ich im Kloſter verlebt habe, ſchien es mir nicht, daß ich mehr als fuͤnfe ſah! Uebrigens glaube ich jetzt, man wird Euch nicht dahin ſchicken; man muß zu unſerm Orden gehoͤren, um dahin zu kommen, denn nach Allem gilt das dimittis in pace für eine Zelle, und Ihr ſeyd ja keine Nonnez man ſagt ſogar, daß Ihr keine Chriſtin ſeydl Julia fuͤhlte keinesweges eine Neigung, dieſes ſonderbare Privilegium des Chriſtenthums oder des geiſtlichen Ordens in Anſpruch zu nehmen. Was that denn dieſe Schweſter Anna, ſagte ſie, die Rache der Aebtiſſin zu verurſachen? Das wuͤrde zu erzählen ſehr lang ſeyn, er⸗ wiederte Maria, und dann, ſind das die Geheim⸗ niſſe des Ordens; jedoch muß man glauben, daß ſie ihre Strafe verdient hatte. Wie dem auch ſey, ich möchte um Vieles nicht das Zimmer be⸗ wohnen, wo ſie ſo viel litt. Doch nun ſind wir da! Zugleich nahm ſie ein Schluͤſſelbund von ih⸗ — 276— tem Gürtel und oͤffnete die abgelegene Thuͤre, welche ſich an dem aͤußerſten Ende des Ganges be⸗ fand. Das Gemach war viel großer als die Zel⸗ len der Nonnen; es hatte zwei, mit ſtarken eiſer⸗ nen Gittern verſchloſſene Fenſter, die aber Licht genug gaben; die Ausſicht erſtreckte ſich zwar nur auf einen innern Hof. An dem einen Ende lagen auf ſchlechten Dielen ein Strohſack und eine Decke. Eine Amphora, oder ein Krug ſtand daneben, eine Bank von Fichtenholz war an den Fenſtern angebracht, und ein halb offener Kaſten vollendete die Geräthſchaften. Einige Frauen⸗ Lleider lagen uͤber dem Deckel ausgebreitet, ſie hatten der ungluͤcklichen Schweſter Anna gehoͤrt; ein Gebetbuch war auf der Erde liegen geblie⸗ ben; zwei andere Buͤcher, beide offen, eines auf der Bank, das andere zu Häupten des Bettes, wa⸗ ren die Elegien des Properz und Ovids Heroiden. Die Titel dieſer Werke, denen die Schweſter Ma⸗ ria keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, ließen Julien die Urſache des Ungluͤcks der Schweſter Anna vermuthen, die man ihr nicht hatte vertrauen wollen⸗§ —— Dies iſt Euer Gemach, ſagte Schweſter Ma⸗ ria, Ihr koͤnnt es mit Muße unterfuchen, denn ich denke, Ihr werdet es nicht ſobald verlaſſen. Wir ſpeiſen zu Mittag, allein es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß die Aebtiſſin Euch erlauben wird in das Refektorium hinunter zu kommen. Man wird Euch Eure Mahlzeit ſchicken. Benutzt die Gelegenheit, um das zu erbitten, was Ihr noͤthig haben werdet, denn, dieſen Augenblick ausgenom⸗ men, werdet Ihr keine menſchliche Stimme mehr hoͤren. Damit verließ ſie das S und ver⸗ ſchloß den Eingang. 3 Ein Gefuͤhl von Stolz hatte Julien bis jett verhindert ihrem Schmerz freien Lauf zu laſſen; allein von nun an war ſie nicht mehr aufgefordert zu handeln, ſie lief nicht mehr Gefahr geſehen zu werden, ſie hatte ihrer Wuͤrde nichts mehr zu ver⸗ geben! Sie blickte von allen Seiten um ſich her⸗ und zu gleicher Zeit fuhlte ſie ihre Thraͤnen die Wangen herabrollen. O! Felir! Felir!— rief ſie, mir ſo nahe und doch ſo fern, wirſt Du mich hier vertheidigen können?— Zugleich näherte ſie ſich den Fenſtern wit einer ſchwachen Hoffnung wenigſtens dus Kloſter zu erblicken, wo Felix ein⸗ geſchloſſen war; allein ſie ſahe bald, daß ſie auf einen andern Hof gingen, als den, durch welchen ſie eingetreten war. Sich mit Gewalt bezwin⸗ gend, verſuchte ſie, um die traurigen Gedanken und dunkeln Vorgefuͤhle, welche in ihrem Herzen wogten, zu zerſtreuen, ihre Einbildungskraft mit der unglůͤcklichen zu beſchaͤftigen, die vor ihr in demſelben Gemache gelebt hatte; es ſchien ihr, als ob ſie ſo der Betrachtung ihres eigenen Schickſals entgehen könntes begierig fuchte ſie die Spuren derjenigen auf, welche vor ihr an demſelben Orte ſo viel gelitten hatte. Das Gemach enthielt ſo wenig Geräth, daß die Beſichtigung deſſelben bald beendigt war. Die Bretterwand feſſelte ihre Aufmerkſamkeit längere Zeit. An mehr als einer Stelle derſelben bemerkte ſie Fugen, welche ſie auf den Gedanken brachten, daß man wohl noch auf andere Art in ihr Zimmer kommen könnte, als durch die Thüre. Anfangs bemäch⸗ tigte ſich ihrer ein unangenehmes Gefuͤhl dabei; allein bald bedachte ſie, daß, wenn es geheime Thüren gäbe, doch dieſe für ſie forgfältig ver⸗ — 279— ſchloſſen waͤren, da man ihr überhaupt den Aus⸗ gang unmöglich machen wollte; daß dieienigen, von welchen ſie jetzt abhing, Meiſter der Haupt⸗ thuͤre waͤren und ſo, zu jeder Stunde des Tages ſo wie der Nacht, auch gegen ihren Willen zu ihr eintreten konnten, und daß in dieſem auf das ſorgfaͤltigſte bewachten Hauſe ſi⸗ keinen andern Beſuch zu furchten habe, als den der Sur und ihrer Stellvertreter. Hierauf widmete ſie den ſcachn Zn⸗ ſchriften, welche die Wände igten mehr W merkſamkeit. 3 Die Schweſter Anna ſchien e von einem Gefuͤhl der Emporung gegen die Regel, der ſie unterworfen war, beſeelt geweſen zu ſeyn. Weit entfernt, die Leidenſchaften, welche dieſe Regel ihr unterſagten, in dem tiefſten Grund ihres Her⸗ zens zu begraben, ſchien ſie dasjenige, was menſch⸗ liche Ohren nicht horen konnten, den Mauern haben anvertrauen, durch Inſchriften dem Be⸗ duͤrfniß einer Vertrauten abhelfen, und ſo den Wunſch, ihr Herz auszuſchuͤtten,— zu wollen. — 286— Alle dieſe Inſchriften waren aus beruhmten griechiſchen und römiſchen Dichtern entlehnt. Oft waren es nur kurze Stellen, Verſe, die ſich ohne Zweifel auf ihre eigene Lage bezogen, aber alle druͤckten Verzweiflung, Haß gegen Selave⸗ rei, Kummer uͤber betrogene Hoffnungen oder Liebe aus. Indem Julia ſich die Einen durch die Andern deutete, glaubte ſie ſchließen zu muͤſ⸗ ſen, daß die Ungluͤckliche, welcher ſie hier nach⸗ folgte, wider ihren Willen in dem Kloſter ein⸗ geſchloſſen geweſen war, um eine Heirath zu ver⸗ hindern, die ihre Familie nicht zugeben wollte; daß die Liebe, in der Einſamkeit zu einer heftigen Leidenſchaft geſteigert, vielleicht ihre Vernunft zer⸗ ſtört hatte, vaß ſie ihr aber zum wenigſten einen Ab⸗ ſcheu gegen den Orden, in den ſie getreten, gegen die Superiorin und das ganze Haus, ſo wie ge⸗ gen die Religion ſelbſt, welche man hier bekannte, eingefloßt habe, deſſen Spuren ſtehen zu laſſen, man nicht bedenklich gefunden hatte. Julia ſetzte ſich auf das Bett, welches die Schweſter Anna gewiß ſo oft mit ihren Thrä⸗ nen benetzt hatte; ſie ſuchte in ihrem Innern — 281— den traurigen Begebenheiten derjenigen zu folgen, an welche ſie Alles erinnerte, um ſo ihre eigenen zu vergeſſen; allein indem ſie glaubte, nur an die Schweſter Anna zu denken, lieh ſie ihr ihre eigenen Gefuhle, ihre eigenen Befuͤrchtungen, ihre eigenen Schmerzen: ſie wurde unaufhoͤrlich auf ſich ſelbſt zuruͤckgefuͤhrt durch das Gemeinſame der Empfindungen, welche ſie bei dieſer unbe⸗ kannten Heldin vorausſetzte; und dann riefen die Befurchtungen, die ſie uͤber ihr eigenes Schick⸗ ſal empfand, ihrer Einbildungskraft immer die Schweſter Anna und die traurige Cataſtrophe, weiche ihr Leben geendigt hatte, zuruͤck. Seit vier und zwanzig Stunden hatte ſich Julia nicht entkleibet; ſie wollte nun einige Sorge auf ihre Toilette verwenden, und in ihrer gezwungenen Unthätigkeit konnte dieſe Beſchäfti⸗ gung ihren truͤben Gedanken einige Zerſtreuung gewähren. Die Amphora, zu der ſ e geigkehet um ſich zu waſchen, war noch zur Häͤlfte mit Waſ⸗ ſer gefuͤllt; dieſes Waſſer war fuͤr die Schwe⸗ ſter Anna herbeigeſchafft worden; ſie mußte, aus dem Kaſten der Schweſter Anna, Wäſche und verſchiedene Kleidungsſtuͤcke nehmen, die ſie an der Stelle der ihrigen nothig hatte. Sie ſchau⸗ derte, indem ſie ſo die Verlaſſenſchaft dieſer Un⸗ bekannten annahm, es ſchien ihr, als trate ſie in ihre Fußtapfen und als muͤſſe ſie bald, wie ſie, enden. Die Stunden verfloſſen mit einer toͤdlichen Langſamkeit. Welche traurige Gedanken, welche Befuͤrchtungen und Bekuͤmmerniſſe koͤnnen nicht in einem kurzen Zeitraum auf einander folgen und der Seele ihre ganze verwundende Bitter⸗ keit empfinden laſſen, wenn dieſe Aufregung der Lebensgeiſter nicht durch die Sprache beſänftigt wird! Nach dem, was ſie empfunden und gelitten hatte, wuͤrde Julia geglaubt haben, ſchon vier und zwanzig Stunden im Kloſter zugebracht zu haben, als ſie Tritte auf dem Corridor vernahm. Es war Mittag, und dieſelbe Schweſter Maria, die ſie in ihr Gemach eingefuͤhrt hatte, brachte ietzt ihr die Mahlzeit. Ich habe es gleich vorhergeſehen, ſagte ſie zu ihr, die Superiorin will es nicht, daß Ihr ins Refektorium herunterkommt, ſie will auch nicht⸗ daß Ihr mit einer der Nonnen ſprecht, und daß Ihr eine andere als mich ſeht, ſie hat mir ſelbſt anempfohlen, nicht mit Euch zu reden, Euch nicht zu antworten; denn, ſagt ſie, die Stimme einer Einzigen der Dienerinnen des boͤfen Gei⸗ ſtes iſt hinreichend, unſere ganze Gemeinde zu verfuͤhren. Ihr můßt doch ſehr ſeltſame Dinge zu ſagen haben, und die Freuden dieſer Welt, vor denen uns Gott bewahren moge, muͤſſen doch ſehr verfuͤhreriſch, ſehr bezaubernd ſeyn, da wir ihre Beſchreibung nicht einmal ſollen anhö⸗ ren können, ohne in der Erfüllung unſerer heili⸗ gen Geſetze zu wankenz allein da ich nicht mehr jung bin und Gott meine einzige Hoffnung iſt, habe ich nichts zu befüͤrchten. Sprecht alſo⸗ meine——— Ihr zu— Ich weiß nicht, erwiederte Julia, warum die Aebtiſſin meine Worte ſo ſehr fuͤrchtet; allein ſch verſichere Euch, daß ich durchaus keine Luſt habe Eure Gemeinde zu verführen, und daß meine Abneigung, dasjenige zu hören oder aus⸗ zuſprechen, was nicht für geiſtliche Ohren gemacht iſt, gewiß ganz der ihrigen gleicht. Man ſagt, daß Ihr eine Heidin oder doch die Tochter eines Heiden ſeyd, verſetzte Maria, Ihr verehrt alſo doch die boͤſen Geiſter. Wir, die wir durch ein hoͤheres Licht erleuchtet ſind, wir ſehen ſie in ihren wahren Geſtalten: ſie ſind ſchwarz, wild, drohend, haben Hörner an der Stirne, Pferdefuͤße und einen langen Schweif⸗ Der Himmel bewahre uns vor ihren ſchrecklichen Umarmungen; aber Euch erſcheinen ſie ohne Zwei⸗ fel unter anderer Geſtalt. Als ich noch in der Welt lebte, habe ich die Statuen des Mars, des Apollo geſehen, die wohl den Augen gefallen könnten. Das ſind aber Teufel, meine Tochter; fuͤr diejenigen, welche ſie in ihrer wahren Ge⸗ ſtalt ſehen, ſind ſie häßlich, wie der, welchen der heilige Michael beſiegte; aber wie erſchienen ſie denn Euch? 8 Ich verſichere Euch, daß ſie mir niemals un⸗ ter keiner Geſtalt erſchienen ſind, daß ich keine Heidin, ſondern eine Chriſtin, wie Ihr, bin!— — CEhriſtin, wie wir? Nein! zum wenigſten ſeyd Ihr von dieſer Welt, von dieſer verderbten Well, die ein Meer von Laſtern und Ausſchweifungen, von verführeriſchen Freuden und ſtrafbarir Uep⸗ pigkeeit iſt, welcher wir entflohen, indem wir uns in dieſes heilige Haus, wie in einen ſichern Hu⸗ fen fluͤchteten. Was ſind denn das für Vergnü⸗ gungen, nach denen Ihr Euch am meiſten ſehnt? Ich ſehne mich nach der Geſellſchaft meines meiner Freunde, überhaupt— mii Ihr hattet ohne Siftun einen Geliebten? Warum ſagt Ihr nicht, daß Ihr Euch nach Eu⸗ rem Geliebten ſehnt? Man ſagt ja, daß von al⸗ len den Verfuͤhrungen, welche der Böſe anwende, um uns zu verderben, die Liebe die maͤchtigſte ſey. Etzaͤhlt mir doch ein wenig von Eurer Liebe? Eure Einbildungskraft, meine Gute, ſagte Julia lächelnd, nimmt einen ſchnellern Lauf, als die Dinge in der Welt zu nehmen pflegen. Ich weiß von alle dem Euch nichts zu erzählen. Schweſter Maria wuͤrde ſich ſobald nicht haben abweiſen laſſenz allein ſie hörte in dieſem 25— Augenblick die Glocke des Refektoriums, es war daher keine Minute zu verlieren. Sie rief eine Laienſchweſter, welche vor der Thuͤr wartete, um Julien unter ihren Augen, einige kleine Dienſte zu leiſten, und nachdem ſie ihr geſagt, daß die Lebensmittel, die ſie ihr gebracht hatte, vier und zwanzig Stunden ausreichen muͤßten, und daß ſie niemanden bis zum andern Mittag ſehen wuͤrde, entfernte ſie ſich wieder mit der Laienſchwe⸗ ſter und vrrſchloß die Thure. 2 s btftes Fapitet moeuae Lelear „In der Kirche war ein ſehr altes 4 ſehr gehei⸗ „mes unterirdiſches Gewolbe, worin ſich ein großes „Grabmal von pariſchem Marmor befand, in wel⸗ „chem der Koͤrper einer vornehmen Perſon beige⸗ „ſetzt worden war. Der Biſchof ließ dieſen Prie⸗ „ſter lebendig mit dem Todten in das Grab ein⸗ „ſchließen; der Stein des Sarcophags wurde uber „ihn hingelegt und Wachen an die Thuͤr geſtellt. Gregor von Tours. Buch IV. Kap. 12. Di geſchwätzige und unverſchaͤmte Neugier der Schweſter Maria flößte Julia Severa wenig Neigung ein, ſie zu ihrer Vertrauten zu machen. As ſie indeſſen die Thuͤre ihrer Zelle wieder ver⸗ ſchließen hoͤrte, und ſie nun bedachte, daß ſie das einzige lebende Weſen ſey, deſſen Stimme ihr in ihrer gaͤnzlichen Einſamkeit zu hoͤren vergoͤnnt — 288— wurde, daß durch Marien allein ſie einige Ge⸗ meinſchaft mit allem, was ſich außer den Klo⸗ ſtermauern befand, wuͤrde bewahren, Nachrichten uͤber Gallien, den König der Franken, ihren Va⸗ ter würde erfahren, ja vielleicht ſelbſt Felir über ihr Schickſat wuͤrde benachrichtigen können, ſo fing ſie an es zu beteuen; ſie nicht mit mehr Gefaͤlligkeit behandelt und ihre Fragen nicht ein wenig umſtändlicher beantwortet zu haben. Ue⸗ brigens hatte ſie ja, ſelbſt durch dieſe kurze Un⸗ terhaltung, die Wohlthat menſchlicher Geſell⸗ ſchaft empfunden. Die einfältigen Fragen der Schweſter Maria hatten ihren eigenen Befuͤrch⸗ tungen Zerſtreuung gewährt; ihr Geiſt war ru⸗ iger geworden; ihre Lage an ſich ſelbſt erſ ſchien ihr zwar traurig, einförmig, langweilig; allein ſie betrachtete ſie nicht mehr mit demſelben Ge⸗ fühl des Schreckens. Zwar hatte ſich nichts fuͤr ſie geändertz allein ſie hatte doch geſprochen, zu⸗ gehört, ja ſelbſt gelächelt; ſie beſchloß daher, wenn Schweſter Maria nach vier und zwanzig Stunden wiederkommen wuͤrde, ihrer Neugierde einige Nahrung zu bieten; und indem ſie ihr, — 289— ihre letzten Abentheuer erzählte, einige Theil⸗ nahme in ihr zu etwecken, und dann in der Folge dieſe zu benutzen, um ſie zu vermogen auch ihre Fragen zu beantworten. Indeſſen mußte ſie die Stunden der Einſamkeit, ſo quälend fuͤr einen thaͤtigen Geiſt, ausfuͤllen, ſie mußte ſi ch die Herrſchaft uͤber ihre Geiſteskräfte, die Staͤrke ihrer Seele bewahren. Julia fühtte, daß ſie dies ihrer eigenen Wuͤrde, ſo wie der Ruͤckſicht auf ihren Vater und Felir ſchuldig ſey. Sie fuͤhlte auch, daß die Verwirrung, die Bewegung, in welcher ſie den ganzen Morgen zugebracht hatte, ihren Geiſt erſchoͤpften, und bald ihre Vernunft zerruͤtten wuͤrden. Sie mußte eine Beſtimmung fäͤr ihre Tageszeit, eine Beſchaͤftigung fur jede Stunde auffinden, ihren unſtät umherſchweifen⸗ den Gedanken ein Ziel ſetzen, und den Lauf ihrer Ideen ordnen, damit ſie nicht dadurch in eine ſchädliche Träumerei verſänke. Und nuchi ternahm ſie es. 6 Verſchwenderiſch mit einer Zeit, deren 1 ſie druͤckte, beſtimmte ſie zu ihrer Toilette, zu ihren einſamen Mahlzeiten und ihren Andachts⸗ — 200— uͤbungen einen weit groͤßern Theil derſelben, als ſie ihnen im väterlichen Hauſe gewidmet hatte. Nicht ohne einigen Widerwillen, nahm ſie ihre Zuflucht zu den erotiſchen Dichtern, welche Schwe⸗ ſter Anna zurhcgelaſſen hatte; ſie bewunderte einige Elegien des Properz, ſie vergoß Thränen bei einigen Heroiden des Ovid, allein der allge⸗ meine Ton dieſer beiden Dichter befriedigte ihren Geſchmack nicht. Der Nachlaß der Schweſter Anna gewaͤhrte ihr noch eine Huͤlfsquelle, ſie fand darunter Schreibtafeln mit einem Griffel, ſie konnte nun doch ſchreiben, und ſie faßte den Entſchluß, einige Stunden der Aufzeichnung aller der bedeutendſten Reden, der geiſtreichſten Zuͤge aus Felir Unterhaltung zu weihen, welche ihrem Gedachtniß eingeprägt geblieben waren. Indeſſen wollte ſie dieſe Quelle nicht gänz⸗ tich erſchäpfen, da ſie wohl fuͤhlte, wie lang die Tage und Stunden ſeyn wuͤrden, wenn nichts mehr um ſie her ſich erneuerte. In einem Win⸗ el ihres Gemaches bemerkte ſie eine Rinne von Blei, die ſie losmachte, und welche ihr ſchien die Stelle einer Bleifeder vertreten zu koͤnnen. Mit dieſem unvollkommenen Inſtrument verſucht⸗ ſie nun auf zwei Felder der weißen Mauer zu zeich⸗ nen, auf dem einen Felix Portrait, auf dem an⸗ dern eine Landſchaft von Noviliacum. Dife Arbeit erheiterte ihre muͤßigen Stunden gab ihrer Seele Ruhe und Milde und verſprach ihr fuͤr lange Zeit Beſchäftigung, denn das Biei, welches ſie auf einem Stein geſtrichen hatte, um eine Bleifeder daraus zu bilden, eiguete ſich nur zum ſkizziren, und ſie rechnete darauf, ſich den andern Tag durch die Schweſter Maria Btei⸗ federn von beſſerer Art geben zu laſſen, oder wenn ſie dieſe nicht erhalten könnte, entwiber Ziegelſteine oder Kohle zu dieſem Zweck zu be⸗ nutzen. Wirklich ſchien ihr der Nachmittag weit ſchneller als der Morgen zu verfließen, und als die Dunkelheit ſie noͤthigte, ihre Zeichnung auf⸗ zugeben, denn man hatte ihr Feuet und Licht verſagt, nahi ſie eine leichte Mahlzeit von ben Reſten des Mittagseſſens ein, und legte ſich dann mit jener Heiterkeit der Seele nieder, weche in allen Lagen des Lebens Reinheit des Ge⸗ wiſſens, mit Seelenſtärke vereint, uns bewahrt. J 3 —— — 292— Allein ſchon waren die Tage des Aequinor⸗ tiums voruͤber, die Nächte waren ſehr lang; und nich Mitternacht lag Julia, trotz der An⸗ ſtrengung der vorhergehenden Nacht, in keinem ſehr tiefen Schlummer mehr, ein leichtes Ge⸗ rüuſch weches ſich ihr zu naͤhern ſchien, erweckte ſie, ſie öffnete die Augen. Die geheime Thuͤr, welche ſie in der Bretterwand vermuthet hatte, war vitktich geoffnet, ein Weib trat heraus, eine Lampe in ihrer Hand haltend. Ihre Tunika war weiß ein weißer Schleier bedeckte ihr Haupt, er war jedoch zuruͤckgeſchlagen und ließ ihr Ge⸗ ſicht unverhuͤllt ſehen. Dieſes war blaß und mager, und zeigte eine Frau von mehr als drei⸗ ßig Jhten an, welche ſchoͤn geweſen ſeyn konnte, allein viel gelitten hatte. Der Ausdruck ihres Geſichts war traurig, ſtreng und vielleicht liſtig zu nennen. Sie ging langſam und ohne Ge⸗ räuſch. Nachdem ſie einen Blick nach Juliens Bett geworfen hatte, welche ſie vielleicht fur ſchlafend hielt, ſchenkte ſie ihr keine weitere Auf⸗ merkſamkeit; allein nach und nach unterſuchte ſte alle die verſchiedenen Gegenſtände, welche in . — 296— dem Sea einige wetenen erlitten hat⸗ angefangen, die welche ſe vie 6 feln geſchrieben hatte, die verſchiedenen Efekten. welche der Schweſter Anna gehoͤrt hatten, und endlich diejenigen, welche Julia genöthigt wor⸗ den war von ihr zu entlehnen. Julia hlieb auf ihrem Lager, die Augen auf dieſe Erſcheinung geheftet; ſie wußte nicht, ſollte ſie ſie für eine Vewohnerin des Kloſters, oder für ein übernat tuͤrliches Weſen halten. Die Langſamkeit der Bewegungen der weißen Frau, ihr geräuſchloſer Gang, die Neugierde, womit ſie vor allen Din⸗ gen alles dasjenige zu betrachten ſchien. was der Schweſter Anna angehoͤrt hatte, erweckten endlich in Juliens Geiſte den Verdacht, daß ſie entweder ſelbſt dieſe Schweſter oder ihr Schat⸗ ten ſey. Ihre Augen begegneten zuweilen denen der Erſcheinung, und die weiße Frau Sonnte nun nicht mehr zweifeln, daß Julie erwacht ſey und ſie beobachtete; allein ſi ſie ſchien ſich nicht darum zu bekuͤmmern und fuhr fort jde Spche n nit Blicken zu unterſuchen, in denen man keinen an⸗ — 294— dern Ausdruck als den einer b—— unterſcheiden konnte. Juliens Bewegung vermehrte ſich von Mi⸗ nute zu Minute, ſie fuhlte ihr Herz mit Heftigkeit ſchlagen, jedoch, alle ihre Kraͤfte ſammelnd, um einer Unruhe zu entgehen, die ihr ihre Vernunft zu verwirren ſchien, oder um ſich vielleicht zu uͤberzeugen, daß ſie wirklich wache, erhob ſie die Stimme mit Gewalt und rief: Schweſter Anna! St! erwieberte die weiße Frau, den Finger auf den Mund legend, und alsbald verließ ſie das Ge⸗ mach durch dieſelbe Oeffnung, welche ſich hinter ihr ſchloß. Julia, welche ſich aufgerichtet hatte, fiel, im kalten Schweiß gebadet, auf ihr Lager zu⸗ ruͤck. Wenig Frauen hatten einen feſtern Cha⸗ rakter, einen helleren Verſtand als ſie; wenig Frauen waren unzugaͤnglicher den aberglaͤubiſchen Schreckniſſen, oder dem Glauben an übernatur⸗ liche Dingeß allein ſeit einigen Tagen war ihr Le⸗ ven ſo grauſam verſtört worden, ſie ſelbſt das Spiel ſo außerordentlicher Begebenheiten geweſen, von denen einige ihr noch vollig unerklaͤrlich ſchie⸗ nen, ferner hatte die Erſcheinung, welche ſie im — — 295— Schloſſe des Rutilianus gehabt hatte, dergeſtalt die gewoöhnlichen Granzen des Möglichen und Wahrſcheinlichen füͤr ſie erſchuͤttert, daß ihre Vernunft ſelbſt ihre gewöhnliche Richtung verlo⸗ ren hatte, und ſie nicht————— ſtuͤtzen ſollte. nt mnnis Indeſſen war alles wieder in nacht Schweigen verſunken. Mit einem Herzklopfen, welches ſie faſt zu erſticken drohte, heftete Julia ihre Augen auf die Dunkelheit, und ſtrengte ſich umſonſt an Etwas zu erblicken. Ihr Ohr lauſchte auf den geringſten Schall, und doch konnte ſie nichts vernehmen, außer von Zeit zu Zeit das Knacken des Holzes, den Flug eines Inſektes, oder das leiſe Gezirp eines Heimchens. Nachdem ſie uͤber dieſes kleine Geräuſch erſchrocken war, horchte ſie abermals, allein ſie konnte nichts vernehmen, und nun uͤberzeugte ſie ſich, daß das, was ſie zu hoͤren geglaubt hatte, Nichts geweſen ſey⸗ Bisweilen ſchloß ſie, um die Schrecken, welche ſie beſtuͤrmten, zu zerſtreuen, die Augen, und glaubte noch zu wachen, allein ihre Ermuͤdung und die Anſpannung ihrebGeiſtes machten, daß „ℳ — 236— ſie in eine Art von Fiebertraum verſank, in wel⸗ chem ihre Befurchtungen nur neue Geſtalten an⸗ nahmen, ohne ihr einen Augenblick Ruhe zu gön⸗ nen. In dieſem traumähnlichen Zuſtande offnete ſie, mehr als zwei Stunden nach der erſten Er⸗ ſcheinung, abermals die Augen, und ſahe dieſelbe weiße Geſtalt auf ihrem Bette ſitzen, indeß die Lampe auf dem Kaſten der Schweſter Anna ſtand. Julia betrachtete ſie einige Zeit ſchweigend. Die weiße Frau heftete die Augen gleichfalls auf ſie, ohne ein Wort zu ſprechen. Endlich nahm Julia all ihren Muth Wi und redete ſie an. Wer ſeyd Ihr? ſagte ſie zu ihr⸗ Eine Ungluͤckliche,— wie Ihr, und wie Ihr verfolgt! Was wollt Ihr von mir? Mitleid, Rath, vielleicht Schutz! In dem Zuſtande der Bedruͤckung, worin ich mich befinde, erwiederte Julia, deren Schreck durch dieſe Antworten zerſtreut worden war, bin ich nicht faͤhig, einen andern Ungluͤcklichen weder iu ſchuͤtzen noch zu tröſten. Mein Mitleid allein kann ich anbieten, und dieſes ſoll Euch nicht entſtehen, aber nochmals: Wer ſeyd Ihr? und wie kommt Ihr hierher? Ich befinde mich ſchon— als— in n Kloſter, verſetzte die weiße Frau, ich habe die geheimen Gaͤnge in demſelben kennen gelernt, und benutze ſie, ſobald ich ſicher— 2. alle unſere Feindinnen ruhenl 6 MNun fing ſie an ihre Geſchichte zu tben ſi war lang, und Julig vermochte nur mit Muͤhe der Erzählung zu folgen; freilich wohl. war ſie mit ihrer eigenen Lage und ihrem eigenen Ungluͤck zu ſehr beſchäftigt und dadurch zerſtreut, ſo daß ſie den Vortrag der Fremden vollkommen hätte faſſen kön⸗ nen. Sie ſahe bloß, daß dieſe ein Oyferd des Moͤnchs⸗ deſpotismus war, daß man ſie lange Zeit ver⸗ folgt hatte, und daß das Vergehen, deſſen ſie ſich am meiſten zu zeihen hatte, dasjenige, welches ſie als die Urſache aller ihrer Leiden betrachtete, kein anderes war, als daß ſie den ihr angebotenen Schleier nicht hatte nehmen wollen. Damals hatte ſie noch, wie ſie ſagte, die Schwaͤrmereien der Liebe im Herzen, und die Berauſchung der — 298— 2 Ehrfucht im Kopfe. Sie war feſt uͤberzeugt geweſen, daß das Anſehen und der Einfluß ihrer Familie, daß mächtige Freunde ſie aus einer Gefangenſchaft befreien wuͤrden, vor der ſie ſchau⸗ derte. Mit Unwillen hatte ſie die Kloſterklei⸗ dung von ſich geſtoßen, wodurch ihr Aufenthalt allein ehrenvoll und mild geworden ſeyn wuͤrde; ach! ſie wußte damals noch nicht, wie weit ſich die Gewalt der Aebtiſſin erſtreckte, und daß es unmoglich ſey, ſich ihrer Herrſchaft zu entzie⸗ hen. Sie war nun als Gefangene in dieſem Hauſe geblieben, wo ſie ſonſt auf dem Fuß der. Gleichheit behandelt worden ſeyn wuͤrde, und wo ſie ihrer Herkunft halber vielleicht dereinſt zu ven höchſten Wurden wuͤrde haben gelangen können. Bei einem andern Beſuche verſprach ſie Julien alles zu erzählen, was ſie zu dulden hatte, den Grad von Erniedrigung und Scla⸗ verei, wozu man ſie verurtheilt, und die Gefah⸗ ren, womit man ſie bedroht hatte, ſo wie die Hoffnung, welche ihr noch uͤbrig war. Ihrer Seits, meinte ſie, wuͤrde ſie ihr auch nuͤtzlich werden können; ſie kannte das Haus und den — 200— Charakter der Obern, wie der Untergebenenz ſie haͤtte auch Verſtaͤndniſſe außerhalb, und wann ſie erſt Juliens Zutrauen verdient haben wuͤrde, wenn ſie ſich zu gemeinſchaftlichen Planen ver⸗ einigen könnten, dann verſprach die Unbekannte ihr auch die Mittel zu verſchaffen, mit ihren Freunden in Verbindung zu treten. Alles, was ſie verlangte, war, daß ihre Beſuche das tiefſte Geheimniß bleiben ſolten, und daß Fulia ſie, nie weder der Schweſter Maria, noch der Su⸗ periorin entdecken moͤchte, und ſie ſchmeichelte ſich, ſie werde bald eine Freundſchaft erhalten, auf welche die Gleichheit ihrer Schickſale— 2 ein Recht zu geben ſchien. Julia hoͤrte die weiße Frau aufmerkſam ans ſie verſprach die gewuͤnſchte Geheimhaltung, ſie nahm das Anerbieten des wiederholten Beſuchs fur die folgenden Naͤchte anz allein ſie fuͤhle doch das Zutrauen nicht in ſich erwachen, worauf die Unbekannte zu rechnen ſchien. Es fand ſich zwiſchen ihren Worten und dem Ausdrucke in ihren Blicken oder um den Mund keinesweges jene Uebereinſtimmung, welche als eine Beſtä⸗ — 300— tigung der Wahrheit der erſtern betrachtet wer⸗ den kann; in dem Tone ihrer Stimme lag gar Nichts Empfindungsvolles, ſondern eine Art af⸗ fectirter Milde, Etwas geſucht Suͤßes, das Ju⸗ lien gegen ſie einnahm. Indeſſen war ſie allein, ſie hatte ſchon in dieſen wenigen Stunden alle Quaalen eines ganz einſamen Gefaͤngniſſes em⸗ pfunden, und ſie hatte alle Urſache, ſie noch fuͤr lange Zeit zu fuͤrchten. Die Geſellſchaft eines menſchlichen Weſens dunkte ihr eins der erſten Be⸗ durfniſſe des menſchlichen Lebens, und ſie war ent⸗ ſchloſſen, ſelbſt die Täuſchungen der Freundſchaft und des Vertrauens nicht von ſich zu ſtoßen. Die weiße Frau entfernte ſich kurz vor Ta⸗ gesanbruch und kuͤndigte ihre Ruͤckkehr fuͤr die folgende Nacht nach Mitternacht an⸗ Julia, deren Schlaf geſtoͤrt worden war, welche gar nicht hinreichend von ihren Anſtrengungen ausge⸗ ruht hatte, und ſich eben nicht zu beeilen brauchte, vlieb ziemlich ſpät im Bette, und hatte nicht Zeit den Morgen bis zur Ankunft der Schweſter Maria ſehr lang zu finden. Sie hatte darauf gerechnet von derſelben einige Unterſtuͤtzung zum — 801— Behuf ihrer Zeichnungen zu erhalten, und dies gelang ihr auch; ſie erhielt von ihr gleichfalls die nöthigen Werkzeuge zu einigen weiblichen Ar⸗ beiten, allein ſie hatte auch geglaubt die geſchaf⸗ tige Neugier benutzen zu können, welche dieſe Nonne gezeigt hatte, um ihr einige Theilnahme einzufloͤßen; allein in dieſer ne—. e ihren Zweck nicht. i Als ſie nun verſuchte ihr einige nähere aus⸗ kunft uͤber ihre Familie, ihren Rang und ihre Lebensweiſe zu geben, bemerkte ſie, daß Schwe⸗ ſter Maria völlig unwiſſend in Hinſicht der Welt und aller geſellſchaftlichen Auszeichnungen war, und nichts von den Vergnuͤgungen des Lurus oder des Geiſtes begriff; weshalb ſie denn auch durchaus kein Intereſſe an dem nahm, was ſie ihr von ihrem vergangenen Leben erzaͤhlte; hierauf ſprach ſie von den ſeltſamen Ereigniſſen, den ſchreck⸗ lichen Abentheuern, deren Spiel ſie noch vor kur⸗ zem geweſen war, allein die Nonne gerieth dar⸗ uͤber in kein Erſtaunen. Außerhalb ihres Klo⸗ ſters kannte ſie nur die Legende und die uͤber⸗ natuͤrliche Welt, Nichts kam ihr als unwahr⸗ ſcheinlich oder unmöglich vor, keine Begebenhes war ſonderbar genug, um denen zu gleichen welche ſie jeden Tag in den Leben der Heiligen fand, und da ſie immer an das Wunderbare gewöhnt war, hatte ſie gaͤnzlich die Neigung da⸗ fur verloren. Ihre ganze Neugierde richtete ſich auf die Laſter der Welt, welchen ſie glaubte ent⸗ gangen zu ſehn, auf die Ausſchweifungen, gegen welche, nach ihrem Glauben, ihre heilige Regel allein ihr Schutz bot, ſie unterbrach daher die Erzaͤhlung der ſchrecklichſten Abentheuer Juliens mit einer Frage uber die Galanterie, und brachte ſie endlich ſo ganz außer Faſſung mit ihren un⸗ delikaten Fragen, daß die Unterhaltung enden mußte. Zeichnen, weibliche Arbeiten, Betrach⸗ tungen und Vermuthungen uͤber die beiden ein⸗ zigen Bewohnerinnen des Kloſters, welche Julia kennen gelernt hatte, halfen ihr die Stunden des Tages hinbringen und die traurigen Gedan⸗ ken ablenken, welche ihr eigenes Schickſal erregte; aber dieſe innere Stärke, dieſer Muth, mit wel⸗ chen ſie eine drüͤckende Lage ertragen hatte, fand ſich erſchöpft, als das Licht ihr zu fehlen begann. — 8— Der Tag war duͤſter und regnicht, der Wind bließ mit Heftigkeit um das hohe Dach des Kloſters, ſchon unterſchied ſie nur unbeſtimmt die Gegenſtaͤnde in ihrem Gemache, allein Alles, was ſie hier ſah, ſprach von Leiden oder Ge⸗ fangenſchaft zu ihr, aus der Ferne vernahm ſie nur undeutliche Toͤne, allein ſie ſchienen ihr traurig und klagend. In dieſem weiten Gebaude, wo⸗ rin ſie ſich in der Gewalt ihrer und ihres Vaters Feinde befand, hier wußte ſie, daß Handlungen einer verabſcheuungswuͤrdigen Grauſamkeit begon⸗ nen worden waren, ſie wußte, daß Schlachtopfer, vielleicht auch unſchuldig und gewiß eben ſo be⸗ ſchuͤtzt wie ſie, in graͤßlichen Gefängniſſen geen⸗ det hatten. Die weiße Frau hatte ihr noch kuͤrzlich entſetzliche Geſchichten erzählt, von Le⸗ bendigen, die mit den Todten in daſſelbe Grab verſchloſſen worden waren, um ſie zu zwingen, ſich dem Willen ihrer geiſtlichen Obern zu unter⸗ werfen, von der Strafe des Hungers, des Fro⸗ ſtes, der Finſterniß und ewigen Einſamkeit, durch den Befehl der Biſchoͤfe, den Ungluͤcklichen auf⸗ erlegt, die nicht mehr als ſie dem Verdachte des Glerus ausgeſetzt geweſen waren; ſie wußte, daß ihr Vater, ein Gegenſtand des Haſſes und der Furcht der Geiſtlichen, weit entfernt ſie verthei⸗ gen zu können, nur ihre Gefahren vermehrte daß ihr Geliebter, wie ſie, gefangen, und vielleicht nicht weniger grauſamer Behandlung ausgeſetzt war. Das, was man ſchon gethan hatte, um ſich ihrer zu verſichern, diente ihr zum ſchrecklichen Maaßſtaab fuͤr das, was man noch wagen koͤnnte, und ſie zweifelte nicht, daß ihr Beider Leben eher aufgeopfert werden wuͤrde, als daß Voluſianus ſich der Gefahr ausſetzen ſollte, die Fruͤchte ſeiner Intriguen zu verlieren. Mitten in dieſen Betrachtungen kehrte die Erzaͤhlung, welche die weiße Frau von ihrer eigenen Geſchichte vorgetragen hatte, in ihr Ge⸗ dächtniß zuruͤck, ſie ſuchte ſich das Ganze derſel⸗ ben zuruͤckzurufen, um ſie beſſer zu verſtehen und einige Fragen aufzufinden, die ſie ihr vorlegen wollte, um ſich hierber Licht zu verſchaffen; aber jemehr ſie daruber nachdachte, jemehr fand ſie Widerſpruch und Dunkelheit darin. Wie hatte ſie die Freiheit im ganzen Kloſter umherzu⸗ —— gehen? Wie wurde ihr der Einit in die Zelle einer Gefangenen geſtattet, welche man Aller Au⸗ gen entziehen zu wollen ſchien? Welche Rathſchlaͤge, welche Huͤlfe konnte die Unbekannte von einer neuen Gefangenen erwarten? Welchen Rath ihr wiederum ertheilen? Hatte es nicht den Anſchein, als wenn ihre vermeintlichen vertrauten Eröffnungen den Zweck hätten, ſie ſelbſt zu veranlaſſen, ſich durch ewige Geluͤbde zu binden? Der letzte Rath, wel⸗ chen ihr der Pater Andreas in dem Augenblic gegeben hatte, als er ſie der Pförtnerin des Klo⸗ ſters uͤberlieferte, kam ihr wieder ins Gedächtniß. Es iſt weit ſicherer, hatte er geſagt, ſelbſt unter den Nonnen zu beichten, als ſich Jemanden zu vertrauen! Konnte die weiße grau nicht vlticht ein Geſchöpf der Superiorin ſeyn, konnte ſie nicht ihr Vertrauen gewinnen wollen, um ſie zu ver⸗ rathen? und im Namen der Freundſchaft und Theilnahme ihr Rathſchläge ertheilen, welche ſie in ihr Verderben fuhrten? Julia empfand einen Schauder, indem ſie dieſe Treuloſigkeit zu argwoh⸗ nen begann. Indeſſen iſt ie Sprache der Theil⸗ 2r Sd. u —— nahme ſo ſuͤß zu vernehmen, ſelbſt die Täuſchung einer falſchen Freundſchaft iſt ein Balſam fuͤr das Herz und die einſame Gefangenſchaft eine ſo ſchreckliche Quaal, welche den Geiſt ſo ſehr umduͤſtert; und da die Geſellſchaft der Schwe⸗ ſter Maria, welche ihr nur täͤglich eine Vier⸗ telſtunde vergönnt war, ihr ſo gemein erſchien, und ihre Geſinnungen ſo niedrig, ſo konnte ſie ſich nicht entſchließen den einzigen Troſt zuruͤck zu ſtoßen, der ihr geboten wurde, ſie faßte daher endlich den Entſchluß, der weißen Frau fortwah⸗ rend Theilnahme und Achtung zu zeigen, allein auf ihrer Huth gegen ſie zu ſeyn und es zu vermeiden ihr irgend eine Waffe in die Hand zu geben, welche die Unbekannte dann gegen ſie ſelbſt richten könnte. Nachdem ſie ſich nun durch ihre Betrachtungen in dieſem Entſchluß be⸗ feſtigt hatte, fing ſie an die weiße Frau faſt mit eben ſo viel Ungeduld zu erwarten, als ob ſie haͤtte hoffen koͤnnen, durch ſie ihre Befreiung zu erhalten. Die Einfoͤrmigkeit der Langenweile iſt vielleicht das unertraͤglichſte unſerer Leiden; und in einem völlig einfoͤrmigen Leben, wo uns — 307— jede Handlung, jede Bewegung, jede Uebung un⸗ terſagt iſt, giebt es kein Ereigniß, welches man nicht fuͤr eine Erleichterung anſehen ſollte. So verfloſſen mehrere Tage, waͤhrend welcher die Qual der Einſamkeit immer groͤßer und die Laſt der Unthaͤtigkeit immer druͤckender wurde⸗ Die Einfoͤrmigkeit der langen und traurigen Stunden wurde jeden Tag auf dieſelbe Art und Weiſe unterbrochen; zu Mittag durch die Ankunft der Schweſter Maria, welche immer ſchwatzend, doch nichts zu ſagen hatte, mit einer Laienſchwe⸗ ſter, welche nur einen Augenblick erſchien, ohne den Mund zu oͤffnen, und um Mitternacht durch die Ankunft der weißen Frau, welche gewoͤhnlich zwei Stunden auf dem Rand ihres Bettes ſitzend, bei ihr zubrachte. Dieſe naͤherte ſich nur mit Zuruͤckhaltung, ſie ſchien zu bemerken, daß Julie nicht ohne Mißtrauen in Hinſicht ihrer war. Jedoch wußte ſie ihrer Unterhaltung Intereſſe zu verleihen, ihr Geiſt war ſcharfſinnig, ihr Ge⸗ ſchmack gebildet genug, um ſie niemals zu ver⸗ wunden, wie Schweſter Maria es gethan hatte; ſie ſprach oft von ihrem eigenen Ungluͤcke den U 2 6 Schleier ausgeſchlagen zu haben, von ihrer Auf⸗ nahme in den Orden, als dem einzigen Mittel alle Leiden zu beendigen; allein ſie vermied es irgend eine Anſpielung auf Juliens Lage zu ma⸗ chen, oder ihr einen Rath zu ertheilen; ſie ver⸗ ſprach und leiſtete ihr einige kleine Dienſte, um ihre Zelle nach ihrer Bequemlichkeit einzurich⸗ tenz aber eines Nachts zeigte ſie ihr an, daß ſie Mittel gefunden habe, außerhalb des Kloſters zu correſpondiren, und machte ihr den Vorſchlag, ein Billet von ihr zu befordern, indem ſie ihr auch zu gleicher Zeit Mittel zu ſchreiben ver⸗ ſchaffte. Der Blick und der Ton der Stimme, welche dieſes Anerbieten begleiteten, erweckten in Julien wieder den Verdacht, ſie benutzte es indeſſen, indem ſie jedoch die äußerſte Behutſam⸗ keit in dem, was ſie ſchrieb, beobachtete, ſie ſchrieb ein Billet an ihren Vater, ein anderes an Felir, um einen ſo wie den andern uͤber ihr Schickſal zu beruhigen; allein indem ſie an Felix ſchrieb, entſchuldigte ſie ſich uͤber dieſen Schritt bei ihm, als einer Unſchicklichkeit, zu welcher ſie allein die Nothwendigkeit ihrer Lage haͤtte fuͤhren können. wei Nächte darauf brachte die weiße Frau Julien eine Antwort auf das zweite Billet. Dieſe erkannte ſogleich, daß es weder Felir Handſchrift, noch weniger ſein Styl war. Der Schreiber, welcher ſeinen Namen angenommen hatte, er⸗ zöhlte, daß et ſich, gerührt durch die Gnade Gottes und der Welt, dem Ehtgeiz und der Liebe entſagend, durch feierliche Geluͤbde Gott geweiht habe in dem Floſter des heiligen Mar⸗ tin, und ſie auflehe ein Gleiches zu thun. Nach⸗ dem Julia dieſes Billet geleſen hätte, fagte ſie kalt zu der weißen Frau, die ſich immer gewei⸗ gert hatte ihr ihren Namen zu ſagen: Dieſer Brief iſt unkergeſchoben. Dieſe erwiederte, ohne aus der Faſſung zu gerathen: Das wurde mich keinesweges überraſchen, es iſt ſehr ſchwer, daß ein Briefwechſel zwiſchen zwei Klöſtern den Obern des Einen wie des Andern verborgen bleibe, und es iſt hinreichend, daß der Eine von Beiden von Euerm Brief Kenntniß erhalten hat, um es zu verſuchen Euch zu hintergehen, um ſo mehr, da der Inhalt des Briefes ihn bewieſen haben wird⸗ — daß Ihr niemals einen Brieſwechſel mit un⸗ S habt. Dieienigen, welche es verſuchen mich zu täu⸗ ſchen, erwiederte Julia, geben ſich unnuͤtze Muͤhe; mein Entſchluß, nie den Schleier zu nehmen, iſt unerſchůttettich und keinesweges von Felir Schick⸗ fal abhangig. Ich kann den Reſt meiner Tage in Gefangenſchaft verleben durch den Mißbrauch, den Andere von ihrer Macht uͤber meine Per⸗ ſon machen werden, allein freiwillig werde ich mich nie derſelben unterwerfen. Wie freue ich mich dieſem ebdlen Muth zu begegnen, rief die weiße Frau ſie umarmend, wie freue ich mich ſo allen weltlichen Vortheil der religisſen Ueberzeugung aufopfern zu ſehen denn ich erkenne es deutlich, meine Freundin, die Meinungen und Gefuͤhle des Julius Severus teiten ſelbſt auch hier Euer Benehmen. Nun denn! ſo vernehmt ein Geheimniß, welches ſchon ſeit langer Zeit auf meinem Herzen laſtete, ver⸗ nehmt, daß wir Beide demſelben Glauben ange⸗ hören, ja! wir bekennen Beide die alte Reli⸗ gion Roms, und wenn Ihr mir in mein Ge⸗ mach folgen wollt, ſo können wit vereint daſelbſ den Göttern opfern, denen wir dienen⸗ Wäd⸗ rend daß die Unbekannte ſprach, erhob ſich Ju⸗ lia von ihrem Sitz und ſchaute ſie feſt und mit Blczn an, weiche die Wehrheit bis in den Innerſten ihres Herzens zu ſuchen ſchienen. Die weiße Frau wandte die Augen ab, und endete ihre Rede mit leiſerer und weniger feſter Stimme, als ſie ſie begonnen hatte. Es giebt einen Grad der Niedrigkeit, etwie⸗ derte Julia, einen Grad der Treuloſigkeit, wel⸗ chen ein edles Herz erſt ſpät begreifen lernt, oder fuͤr moͤglich haͤlt. Ich bedurfte des Be⸗ weiſes, um Euch kennen zu lernenz dieſer Be⸗ weiß iſt mir nun geworden. Verlaßt mich! Da ich Euch einmal durchſchaut habe, kann Su Sendung denen nicht mehr nuͤtlich ſeyn, d Euch anſtellten. Was mich anbetrifft, ſo würde das Schreckliche der Einſamkeit nicht meht hin⸗ reichend ſeyn, mich mit Eurem Anblick zu ver⸗ ſoͤhnen.— Die weiße Frau ſchlug die Augen nieder und zog ſich ohne Antwort zurück. Dreizehntes Kapitel. Die Einſiedelei des heiligen Senoch. — In dieſem Jahre wurde der gebenedeite Prieſter Se⸗ noch der Welt entzogen„ Von Geburt war er ein Theifale; zu Pours war er Geiſtlicher ge⸗ worden, und hatte ſich in eine Zelle, zwiſchen die Wände eines alten Gemäuers zuruͤckgezogen. In einer Ecke deſſelben befand ſich eine kleine Zelle, aus viereckigen Steinen gebildet, worin ein Menſch kaum aufrecht ſtehen konnte.. Hier brachte er acht Jahre und länger zu, ſich mit wenig Nah⸗ rung und Getränk begnügend, und ſeine Zeit mit Wachen und Gebet hinbringend. Allein als er in der Folge eine heftige Furcht verſpürte, fing er an zu ſchreien, daß er ſchreckliche Quaalen empfände, ſo daß er, wie ich glaube, mit Huͤlfe eines Theils von des Teufels dienſtbaren Geiſtern die viereckigen Steine auseinander ſchob, worin er eingeſchloſſen war, und ſie zu Boden warf. Gregor von Tours. Buch V. Kap. 7 u. Buch VIII. Kap. 34. Den Tag nach dieſer nächtlichen Scene wurde Julia fruͤh durch die Schweſter Maria aufgeweckt, ———— — 31— welche ſich bisher nur immer erſt zu Nittage hatte ſehen laſſen, welche heute aber, noch ehe ſie auf⸗ geſtanden war, zu ihr ins Gemach trat. Unſere Aebtiſſin wuͤnſcht Euch zu ſprechen, ſagte ſie zu ihr, kleidet Euch ſchnell an, und nohiht zugleich Alles mit Euch, was Euch an dem Orte, wohin man Euch wahrſcheinlich bringen wird, von Nutzen ſeyn koͤnnte, denn ich glaube, Iht weider nicht wieder in dies Gemach zuruckkehren. Die arme Schweſter Anna hat es gewiß in ihren ketz⸗ ten Tagen ſehr bedauert, daß ſie nicht die Vor⸗ ſicht gebraucht hat, die ich Euch angerathen habe, und ich, ich habe es ebenfalls bedauert, daß. ihr nicht denſelben Rath gegeben⸗ Ein kalter Schweiß begann bei dieſen Worten ſich auf Juliens Stirn zu zeigen; ſie fuhlte ſich unwohl, und da ſie Maria ohnmaͤchtig werden ſah, nahm ſie ſchnell zu dem ihre Zuflucht, was ſie eben in der Naͤhe fand; ſie beſprengte ihr das „Geſicht mit Waſſer, und ſo gelang es ihr end⸗ lich, ſie wieder zum Leben zu bringen. Wie Ihr zittert, armes Kind, ſagte ſie zu ihr, wie ſchwach Ihr ſeyd! Faßt nur Muth, vielleicht „ N iſt Alles nicht ſo ſchlimm, als es ſcheint. Ich habe ja nicht geſagt, daß Ihre Gnaden Euch in das dimittis in pace wollte bringen laſſen. Wie hätte ich das auch ſagen können, ich weiß ja nichts davon, und ich will Euch auch nicht beluͤgen⸗ Warum ſollte ſie Euch denn auch dorthin ſchaf⸗ fen laſſen? Freilich find wohl ſchon auch An⸗ dere dahin gebracht worden, welche nicht mehr verſchuldet hatten, als Ihr. Wer weiß, vielleicht ſind die Bilder, welche Ihr auf die Waͤnde ge⸗ malt habt, die Eurer Götter, welche Ihr auf gottloſe Weiſe verehrt. Das iſt aber nicht meine Sache! Ich habe Niemanden etwas davon geſagt, und wer koͤnnte ſie denn auch geſehen haben, außer mir und Euch? Seid daher nur ruhig! Mariens Worte vermehrten Juliens Angſt aufs Neue. Sie ſahe wohl ein, daß, weil man ſie nicht beſtimmen konnte ſich durch Ablegung des Geluͤbdes fur immer zu binden, man recht froh ſeyn wuͤrde die Anklage gegen ſie aufzubrin⸗ gen, daß ſie an einem heiligen Orte Abgotterei getrieben habe, und ſo ein urtheil gegen ſie be⸗ gründen zu können, das, wie ſie furchtete, gewiß äußerſt hart ſeyn wuͤrde. Dieſes war offenbar der Zweck der weißen Frau geweſen, als ſie ihr den Vorſchlag gethan hatte, gemeinſchaftlich den Göttern des Heidenthums ihre Verehrung zu be⸗ zeigen. Da ihr aber dieſer Plan mißlang, ſo mußte ſie ſich gekränkt und gedemuͤthigt fuͤblen, und es war daher nicht unwahrſcheinlich, daß ſie auf die Zeichnungen, womit ſich Julia in ihren mßigen Stunden unterhalten hatte, ſelbſt die genannte Anklage gegrundet habe; und bei Richtern, wie die, welche ſie zu erwarten hatte, Lonnte ihr die Wahrheit nicht viel zur Vertheidi⸗ gung helfen⸗ Indeſſen erhob ſich Juliens ͤcht roͤmiſcher Cha⸗ rakter immer in Gefahren, und zeigte ſich den umſtänden gewachſen. Ohne der Schweſter Ma⸗ ria weiter zu antworten, ſtand ſie auf und klei⸗ dete ſich ſorgfaͤltig an. Dann machte ſie ein kleines Packet aus den Kleidern der Schweſter Anna, welche ſie am beſten brauchen zu koͤnnen glaubte; ſie ſahe ſie als ihre Erbſchaft an, und dachte, eine andere Unglckliche wurde woht nun bald das nemliche Recht auf die Ihrigen erwer⸗ ben. Sie vergaß vorzüglich ihre Schreibtafel nicht mit dazu zu fuͤgen und unterſuchte genau die Spitze des Griffels, indem ſie ſich zu erin⸗ nern ſchien, daß dieſes Inſtrument von Stahl, womit man auf die mit Wachs uͤberzogenen Ta⸗ feln ſchrieb, mehr als einem Römer ſchon dazu gedient hatte, ſich auf einmal von dem Leben und der Gefangenſchaft zu befreien. Nachdem ſie das kleine Paket zurecht gemacht, und es unter den Arm genommen hatte, wandte ſie ſich zur Schweſter Maria mit den Worten: Nun bin ich fertig!* Julia wurde hierauf in das Sprechzimmer gefuͤhrt, wo ſie die Aebtiſſin erwartete. Zwei Nonnen bloß befanden ſich nebſt ihr daſelbſt. In der einen erkannte Julia die weiße Frau, welche ihr die naͤchtlichen Beſuche gemacht hatte, die andere aber war ihr bis jetzt noch nicht zu Geſichte gekommen. Fulia Severa, fagte die Aebtiſſin zu ihr, wir haben von unſern getreuen Dienerinnen er⸗ fahren, daß Ihr noch immer eine irreligiöſe Ab⸗ neigung gegen unſere heiligen Geſebe zeigt, daß Ihr die Gnade verſchmaͤht, die wir Euch da⸗ durch angedeihen laſſen wollten; daß wir Euch in dieſen ſtillen Aufenthalt der Gluͤckſeligkeit auf⸗ nahmen, und daß Ihr fortfahrt den ſuͤndlichen Neigungen Eures verderbten Herzens zu folgen⸗ Unſere Pflicht erfordert es, nichts zu unterlaſſen, damit Eure Augen von dem Lichte des Lebens erleuchtet werden. Beſonders da der Stellver⸗ treter des Allerhoͤchſten und unſers Herrn, des heiligen Martin, auf Erden beſchloſſen hat, daß Ihr nie wieder aus den Haͤuſern der Kirche ent⸗ laſſen werden ſollt. Allein es iſt auch unſere Pflicht, Alles zu thun, daß nicht ein einziges von der Anſteckung ergriffenes Schaaf die ganze Heerde verderbe. Wir ſind es unſern ehrwuͤrdi⸗ gen Schweſtern ſchuldig, ihnen jede Gemeinſchaft mit der Gottloſen zu erſparen, und Euch an einen Ort zu bringen, wo Ihr zwar das Wort des Herrn vernehmen, und ein heiliges Beiſpiel benutzen, aber keinesweges Gutes mit Boͤſem vergelten koͤnnt, wie Ihr es wohl mwöchtet. Die — s1— Schweſter Conſtanze hat, nach ihrer unerſchöpf⸗ lichen Milde, es uͤber ſich nehmen wollen, Euch an dieſen ſichern Ort zu führen, wo die Luft ſelbſt, die Ihr athmet, Euch mit der Heiligkeit derer durchdringen wird, die vor Euch hier gelit⸗ ten und Gott die Ehre gegeben haben. Geht, meine Schweſtern, moͤge unter Eurer Leitung die Tochter des Goutoſen den n zum Heile be⸗ ginnen. Wohin wollt Ihr nih denn bringen n fragte Julia. Ihe braucht das nicht zu wiſſen! verſetzte die Aebtiſſin. Es wuͤrde, meiner Meinung nach, einer ro⸗ miſchen Buͤrgerin, der Tochter eines Senators nicht geziemen, erwiederte Julia, wenn ich meine Zuſtimmung zu einer ungerechten, gewaltſamen Behandlung geben wollte; allein es wuͤrde meiner gleichfalls unwuͤrdig ſeyn einen unnutzen Kampf zu beginnen. Ich bin in Eurer Gewalt, macht mit mir, was Ihr wollt! und Gott, dem wir Beide dienen, wird die unterdruͤckte— raͤchen! — 315— Die Schweſter Maria hatte jebt das Gewand mit der Kappe herbeigebracht, worin Julia in das Kloſter gekommen war. Auf ein Zeichen der Aebtiſſin warf es jene Julien um, und be⸗ deckte ihr den Kopf mit der Kappe. Die beiden Nonnen traten hierauf zu ihr, und ohne mit ihr zu ſprechen, faßte ſie jede an einem Arme, und ſo ſchritten ſie mit ihr nach der Thuͤre zu. Ein krampfhaftes Zittern hatte Juliens ganzen Koͤr⸗ per ergriffen. Sie leiſtete indeſſen keinen Wider⸗ ſtand, und empfand ſelbſt eine Anwandlung von Freude, als ſie bemerkte, daß man ſie durch die Thore des Kloſters fuͤhrte; das Emathmen der freien Luft ſchien ihr ſchon ein Anfang der Be⸗ freiung. Eine verſchloſſene, von zwei ſtarken Maulthieren getragene Saͤnfte erwartete ſie im Hofe, dieſe war umgeben von vier Dienern des Kloſters. Man ließ ſie zuerſt hineinſteigen; Ju⸗ lia fuͤrchtete, die Schweſter Conſtanze, die man ihr genannt hatte, moͤchte dieſelbe weiße Frau ſeyn, an deren Hinterliſt ſie nun nicht mehr zweifeln konnte. Mit Vergnuͤgen aber bemerkte ſie daß es die andere Nonne war, welche ſie nicht kannte, die ſich zu ihr in die Sänfte ſetzte, und die ihr zur Fuͤhrerin dienen ſollte. Da ſie ſich von nun an gaͤnzlich von derſelben abhängig ſahe, ſo verſuchte ſie begierig in ihren Zuͤgen den Charakter zu erforſchen, den ſie bei ihr vorausſetzen könnte; allein es war ihr durchaus nicht möglich, Etwas auf dieſem Geſichte zu le⸗ ſen, denn es dräckte nur die tiefſte Demuth und Inſichgekehrtheit aus, und ein kunſtliches Be⸗ ſtreben ſchien alle Natur aus demſelben verlöſcht zu haben. Die Säaͤnfte zog indeſſen mit großen Schrit⸗ ten durch die Straßen von Tours. Sie wurde oft zum Dienſte des Kloſters benutzt unb erregte daher auch keine weitere Aufmerkſamkeit. Nachdem ſie die Stadt verlaſſen, ging ſie uͤber den Cher, und dann nahm ſie die Richtung nach Suͤdoſten.. Bis jetzt hatten die beiden Reiſenden das tiefſte Schweigen beobachtet. Als ſie ſich aber im Freien ſahen, fing die Schweſter Conſtanze an ihren Auftrag zu vollziehen, welcher in der religioſen Un⸗ terweiſung derjenigen beſtand, die ſie als eine Un⸗ eingeweihte betrachtete. In einem Odem faſt ſagte ſie ihr die vornehmſten Myſterien in der⸗ ſelben Ordnung her, wie ſie in dem Katechismus ſtanden, und ſchmuͤckte ihre Rede dabei mit Stel⸗ len aus der heiligen Schrift aus, welche ſie Ju⸗ lien als Beweiſe aufſtellte. Dieſe verſicherte nun die Schweſter Conſtanze, daß ſie ſchon von allen den Grundwahrheiten, welche ſie ihr beibringen. wollte, uͤberzeugt ſey; allein da ſie ſahe, daß dieſe Erklaͤrung auf ihre Gefährtin keinen Eindruck machte, fuhr ſie fort ihr gefuͤllig zuzuhoren, und verſuchte es ſogar, ſie durch einige Fragen dahin zu bringen, daß ſie die Grundſatze, welche ſie nur obenhin beruͤhrte, ein wenig genauer ergruͤnden möchte; allein bald machte ſie die Bemerkung, daß ſich Schweſter Conſtanze von den breitgetretenen Pfaden nicht entfernen konnte, daß ſie ohne Nach⸗ denken, ohne Pruͤfung Alles, was ſie gelernt hatte, glaubte, und ſo glaubte, wie ſie es gelernt hatte, und daß im Uebrigen in ihrem Kopfe nur Unord⸗ nung und Verwirrung herrſchte. Anſtatt ihr eine unnuͤtze Beſchwerde zu verurſachen, welche ihr vielleicht kräͤnkend werden mochte, verſuchte ſie es ihr den Unterricht zu erleichtern, den ſie von ihr 2r Bb.* 322 zu empfangen ſchien, und ihr den natuͤrlichen Ideen⸗ gang, von dem ſich die Nonne oft entfernte, an die Hand zu geben, dann, ſtatt ihrer, die Folgen auf⸗ zuſuchen, welche jene aus den angenommenen Grundſatzen nicht abzuleiten verſtand, und ſo nach und nach ihr in gehoͤriger Ordnung die Gruͤnde anzugeben, deren ſie ſich ohnſtreitig bedienen wollte, welche ſie aber vergeſſen hatte. Dies that ſie aber mit Beſcheidenheit und Diſeretion, und die Non⸗ ne, feſter nun in ihrem Vortrage und folgerechter, als ſie ſonſt zu ſeyn pflegte, bemerkte den Dienſt gar nicht, den ihr ihre Schuͤlerin leiſtete, oder ſie ſchrieb denſelben vielmehr der gottlichen Gnade die neue Klarheit zu, welche ſie in ihrem Geiſte fand. Indeſſen ſindet man an Perſonen, mit denen man eine Art geiſtiger Verwandtſchaft entdeckt, am Ende doch Geſchmack. Die Schweſter Con⸗ ſtanze, deren Blicke, als ſie in die Sänfte ſtieg, ganz ausdruckslos geweſen waren, fing jetzt an ihre Augen ein wenig gefaͤlliger auf Julien ru⸗ hen zu laſſen, und in ihre Zufriedenheit mit ſich ſelbſt ſchien ſich nun ein wenig mehr Wohlwollen — 323— zu miſchen; ſie that ihr den Vorſchlag, ſie Ge⸗ bete zu lehren, und ſchien ſehr verwundert uber die Schnelligkeit, womit die Schuͤlerin das lernte, ſie eigentlich ſchon laͤngſt wußte. Nachdem man mehr als drei Stunden in die⸗ ſen verſchiedenen religisſen Uebungen verbracht hatte, glaubte Julia, daß ſie nun auch von dem ſprechen dürfte, 1 was— am meiſten am Herzen lag. Konnt Ihr mir denn nicht ſagen, pihi 6 gebracht werde? fragte ſie die Schweſter Con⸗ ſtanze. Ich glaube, verſetzte dieſe, ich kann Euch un⸗ bedenklich eroffnen, daß wir uns nach der Einſie⸗ delei des erlauchten Bekenners, des Pater Senoch begeben. Drei bis vier fromme Frauen, die ſich ſeit mehreren Jahren der Verpflegung dieſes hei⸗ ligen Mannes annehmen, haben um Erlaubniß gebeten, eine kleine Geſellſchaft zu bilden, die mit unſerm Kloſter in Verbindung ſtehen ſoll, und ich begebe mich eben dahin auf Befehl der Aebtiſſin, um ſie in unſerer Regel zu unterweiſen. Julia, welche nie von dem Pater Senoch hatte 2 — 324— reden hoͤren, haͤtte gern erfahren, wo denn eigent⸗ lich ſeine Einſiedelei läge, allein die Kenntniſſe der Schweſter Conſtanze erſtreckten ſich nicht ſo weit. Es gab fur ſie keine andere Geographie, als die der heiligen Orte, und ihr Gedächtniß behielt nur mit Muͤhe den Namen der Stadt, welche neben einem ſolchen Heiligthume erbaut war, ſo wie des Fluſſes, der daneben floß. Julia haͤtte aber auch gern gewußt, ob ſie in dieſer kleinen Geſellſchaft bleiben ſollte, oder ob man ſie noch weiter bringen wolltez allein die zukünftige Beſtimmung ihrer Reiſe hing nicht von der Schweſter Conſtanze ab, ſondern ſollte von einem Prieſter angeordnet wer⸗ den, der mit ihnen reiſte und der Saͤnfte zu Pferde folgte. Julia hatte ihn noch gar nicht bemerkt, allein als er ſich näherte, um den Fuͤhrern der Säͤnfte einige Befehle zu ertheilen, verurſachte ihr die Stimme ein leiſes Erbeben, gleich als hatte ſie ſie ſchon gehoͤrt, und als verknuͤpfe ſich dieſe Erinnerung in ihret Setle mit irgend einem ſchrecklichen Auftritte. Nachdem ſie lange Zeit verſucht hatte, die fluchtigen Eindruͤcke in ihrem Gemuthe zu ſammeln, glaubte ſie ſie fuͤr die des — 325— Mönches zu erkennen, der ihr in dem Schloſſe des Rutilianus erſchienen war, und den ſie nun fuͤr einen wirklichen Menſchen und keinesweges fur ein bloßes Phantom hielt. So ſehr nun aber auch Julia in dem Gedan⸗ ken an ihr eigenes Schickſal verſunken war, ſo war ſie doch nicht unempfinblich gegen den Genuß ſich auf dem Lande und im Freien zu befinden, nachdem ſie mehrere Wochen in Gefangenſchaft zugebracht, und noch denſelben Morgen gefuͤrchtet hatte ihr Leben in dem ſchrecklichſten Gefaͤngniſſe beſchließen zu muͤſſen. Die Nonne, die bei ihr war, ſchien ihr eine Perſon von beſchränktem und ſchwachem Geiſte, allein ſie floßte ihr weder große Furcht noch Widerwillen ein; der Prieſter, der ſie begleitete, und den ſie Gelegenheit hatte, in der Naͤhe zu betrachten, indeß die Maulthiere aus⸗ ruhten und die reiſenden Frauen mit ihm ein klei⸗ nes Mahl einnahmen, zeigte auf ſeinem Geſichte eine Miſchung von eligioſem Eifer und Furchſam⸗ keit, die ſehr gut zu der Rolle paßte, welche er, wie ſie glaubte, im Schloſſe des Rutilianus ge⸗ ſpielt hatte. — 326— Er hakte ohne Zweifel ſie von dieſem Ort ent⸗ fuͤhren wollen, was der Pater Andréas zwei Tage ſpater zu Heſodunum wirklich ausfuͤhrte, und ge⸗ wiß hatte er es, wie dieſer, aus Gehorſam gegen die Befehle des Voluſianus verſucht; allein der Muth hatte ihm im Augenblicke der Ausfuͤhrung gefehlt, und er hatte die Flucht ergriffen bei der Annaͤherung der Hunde. Julia hatte ſeitdem die menſchliche Natur in weit gehäſſigerm Lichte kennen gelernt. Der Stolz und die Härte der Superiorin, die Treuloſigkeit der weißen Frau, die Gemeinheit der Schweſter Maria floͤßte ihr vergleichungsweiſe weit mehr Widerwillen ein, und indem ſie den Prieſter, welchen man ihr Venanz nannte, beobachtete, und in ſeiner Stimme und ſeinem Blick eine gewiſſe Milde bemerkte, wuͤnſchte ſie ihn von jeder treuloſen Abſicht frei ſprechen zu koͤnnen. Der Herbſt war jetzt ſchon vorgeruͤckt, die Waͤlder, welche ſie durchzog, hatten ihre Blätter verloren, allein obgleich man ſich zu Anfang des Dezembers befand, ſo hatte doch die Sonne wäh⸗ rend ihrer Reiſe herrlich geſchienen und ihre un⸗ — 32— tergehenden Strahlen fielen auf den Thurm von Loches, welchen die reiſenden Frauen jetzt entbeck⸗ ten. Sobald ſie ihn deutlich unterſcheiden konn⸗ ten, naͤherte ſich der Pater Venanz ihrer Sänfte und ſagte zu ihnen, indem er ihnen die Spitze des Thurmes zeigte: Hier lebt der Mann Got⸗ tes, der gluckſeelige Pater Senoch! Zu gleicher Zeit fingen die Nonne und der Pater Venanz, indem ſie ſich wechſelsweiſe antworteten, ein Ge⸗ bet herzuſagen an, um ſich der Fuͤrbitte des Hei⸗ ligen zu empfehlen, welchem ſie ſich nahten. Ju⸗ liens Augen waren auf den Gegenſtand geheftet, den man ihr gezeigt hatte, allein es hatte ihr ei⸗ nige Muͤhe gekoſtet genau zu unterſcheiden, was es wohl ſeyn könnte. Ein ſehr hoher viereckiger Thurm erhob ſich ihr gegenuber uͤber einer klei⸗ nen Stadt und dem Laufe eines Fluſſes. Die drei erſten Stockwerke des Thurmes ſchie⸗ nen ganz erhalten und das zweite ſelbſt bewohnt zu ſeyn, allein daruͤber erhob ſich faſt noch zwei Etagen hoch eine einzige Abtheilung einer Mauer, während die drei andern Seiten in Truͤmmer zerfallen waren. Faſt ganz am oberſten Ende — 328— derſelben war der Heilige, der ihr zur Bewun⸗ derung vorgeſtellt wurde, eingemauert. Sein Kopf ragte allein zwiſchen zwei behauenen Stei⸗ nen hervor unter einer Art von Kapital, und war hier ſo feſt eingeklemmt, daß er ihn weder vor noch ruͤckwaͤrts bewegen konnte. In einiger Ent⸗ fernung weiter unten war eine Oeffnung in der Mauer angebracht, wodurch er die beiden Hände ſtrecken konnte, in deren einer er ein Glockchen hielt. Der ganze übrige Koͤrper war in dem Steine eingemauert und der freie Raum um ihn her war ſo ſchmal, daß er weber die Haͤnde zum Geſichte fuͤhren, noch ſeine Stellung verandern konnte. Eine kleine an der Seite der Mauer an⸗ gebrachte Treppe fuͤhrte bis zu dem Heiligen, den man fuͤr einen freiwilligen Maͤrtyrer hielt. Frauen, welche einen kleinen Korb trugen, wa⸗ ren auf dieſer Treppe hinaufgeſtiegen, und beſchaͤf⸗ tigt dem Heiligen Nahrung zu reichen, welche ſie ihm Biſſenweiſe in den Mund ſteckten. Der Prieſter, der die Schweſter Conſtanze und Julien begleitet hatte, that ihnen den Vorſchlag, in dem Augen⸗ blicke, wo ſie aus der Sänfte geſtiegen waren, ſich ſogleich zu ihm zu begeben, um ſeinen See⸗ gen zu empfangen. Schweſter Conſtanze erklärte im frommen Eifer, daß ſie nichts angelegentlicher wuͤnſche, und daß ſie ſchon, als ſie das Angeſicht dieſes Gottes⸗Mannes geſehen, alle Ermuͤdung der Reiſe vergeſſen habe. Julia zeigte ſich bereit ihr zu folgen; ſelbſt die Fuͤhrer der W wollten ſie begleiten. E Einem Heiligen ſich zu nahen, ihm auß dieſer Erde ſeine Verehrung zu beweiſen, hieß ſich ſchon jetzt der Seegnungen verſichern, die er dafuͤr über diejenigen ausſchuͤtten wuͤrde, welche ihn, ehe ihn 6 noch der Himmel aufgenommen, verehrt hatten. Die Reiſenden ſtiegen nun erſt die innere Treppe des Thurmes, dann auch die kleinere ganz freie Treppe hinauf, die ſie bis zu einer kleinen Plattforme neben dem Heiligen fuͤhrte. Der Pater Venanz redete ihn zuerſt an. — Gebenedeiter Senoch, ſagte er zu ihm, ich komme auf Befehl des Erzbiſchofs von Tours hierher, um die heiligen Regeln des Kloſters zur heiligen Maria vom Schrein den frommen Jungfrauen mitzutheilen, welche ſich in dieſem Thurme verſammelt haben, und durch Euer Bei⸗ ſpiel belebt, ſchon ihr Herz zum Herrn erheben. „Ich werde meinen Geiſt ausgießen uͤber „alles Fleiſch,“ antwortete Senoch,„Eure „Soͤhne und Töchter werden weiſſagen, Eure „jungen Leute werden Geſichte ſehen, und. „Greiſe werden Traͤume haben.“ Gott ſey Ehre! Gott ſey Ehre! riefen die Frauen. Wie herrlich hat er nicht geantwortet! Julia ſahe ſich mit einigem Erſtaunen um; die Antwort kam ihr gar nicht ſo fromm vor, daß ſie ſo viel Bewunderung haͤtte erregen ſollen. Der Pater Venanz Gie ihren Zweifel zu ver⸗ ſtehen. Dieſer heilige Mann, ſagte er, hat ſich die Regel gemacht, von zwei Stunden vor Aufgang der Sonne bis zwei Stunden nach ihrem Un⸗ tergange kein anderes Wort zu ſprechen, als was ſich in dem Evangelium des Tages findet. Heute iſt der erſte Dezember, und man lieſt in der Kirche das zweite Kapitel der Apoſtelgeſchichte. Er hat mir mit dem 17ten Verſe dieſes Kapi⸗ tels geantwortet. — 331— Dann wandte er ſich zu Su und ihm die Schweſter Conſtanze vor. 8 Dieſe fromme Schweſter, ſagte er zu ihm, iſt von der Aebtiſſin des Kloſters zu Tours er⸗ waͤhlt worden, um das neue Haus zu ordnen, und es in der Furcht Gottes zu leiten; allein ſie iſt vor der Unermeflichkeit ihrer Aufgabe er⸗ ſchrocken, und erwartet von Euch F und§r leuchtung. 5 „Und ſie werden zu dem heiligen Petrus und „den andern Apoſteln ſagen,“ verſetzte Senoch, indem er ſich des 37ten Verſes bediente, Wei „Bruͤder, was ſollen wir thun?“ Sie hat auch dieſe junge Perſon bei ſ die Tochter eines ungluͤcklichen, dem Goͤtzendienſte ergebenen Galliers, die der apoſtoliſche Voluſia⸗ nus gern durch Euer verdienſtliches Gebet vom ewigen Verderben retten mochte. „Sie drängten ihn noch durch viel andere „Reden,“ erwiederte Senoch mit dem 40 ſten Verſe, und er ermahnte ſie, indem er ihnen ſagte:„Rettet Euch vor dieſem verderbten Ge⸗ „ſchlechte.“ —— „Sutt die Maulthierfuͤhrer, welche uns ge⸗ eitet haben,“ fuhr der Prieſter fort,„ moͤchten am Ende der Reiſe den Seegen des glorreichen Bekenners empfangen. Sie ſind zu Euch ge⸗ kommen, ehe ſie noch der Ruhe genoſſen und dieſe ihren Thieren geſtattet haben. Statt dem körperlichen Hunger und Durſte zu folgen, ſind ſie nur dem geiſtlichen gefolgt, und duͤrſten bloß nach dem Worte des Lebens.“ „Dieſe Menſchen ſind nicht trunken,“ erwie⸗ derte Senoch mit dem 15ten Verſe,„wie Ihr Euch einbildet, denn es iſt noch nicht die dritte Stunde des Tages.“ Gebenedeiter Bekenner, wir wollen nun auch in Eurem Hauſe bleiben, um uns durch Euer Beiſpiel zu heiligen. „Deshalb⸗“erwiederte Senoch mit dem aoſien Verſe,„freut ſich auch mein Herz, und meine Zunge hat Lobgeſänge erſchallen laſſen, und ſelbſt mein Fleiſch wird ruhen in der Hoffnung.“ Die Reiſenden verließen hierauf die Platte⸗ forme, und ſtiegen wieder hinab in das Innere des Thurmes, indem ſie ſich von der Geiſtesgegen⸗ wart unterhielten, womit der heilige Senoch, in⸗ dem er bloß die Worte des Evangeliums des Ta⸗ ges gebrauchte, auf alle an ihn— Staheß geantwortet hatte. Man hat einmal geſehen, ſagte der Pater Ve⸗ nanz, wie dieſ er heilige Mann duldete, ohne ſich zu beklagen, als ihm ein eckiger Stein druͤckte, der zwiſchen ſeine Schultern und die Wand gefallen war, bloß weil in dem Evangelium des Tages keine Stelle vorkam, wodurch er den Schmerz, den er erduldete, hätte bezeichnen koͤnnen, oder um die Huͤlfe bitten, deren er bedurfte. Alle ſchienen eben ſo ſehr ſeine Geduld, als die Geiſtesgegenwart zu bewundern, die ſie eine prophetiſche Inſpiration nannten. Julia allein fragte ſich bei ſich ſelbſt, ob denn durch dieſe wunderlichen Regeln der Heilige, den man ihr zum Gegenſtande der Bewunderung aufſtellen wollte, nicht ſeinen Geiſt eben ſo eingemauert habe, als ſeinen Koͤrper, ſo daß Beide nun fur die Welt ganz verloren wären. In dem zweiten Stockwerke des nemlichen Thurmes befand ſich die kleine Zelle, welche für — 334— ſie beſtimmt war, und wohin ſie die Schweſter Conſtanze brachte. Der Thurm war ſehr maſſiv, und bot in jedem Stockwerke einen ziemlich großen Raum dar. Das erſte war in eine Kapelle und einen großen Saal getheilt, wo die Nonnen ihren Tag zuſammen zubrachten, das zweite enthielt acht Zellen, welche ſehr klein waren. Julia hatte in der ihrigen kaum mehr Raum, als den, den ihr kleines Bett einnahm. Indeſſen war es ſchon ein Genuß fuͤr ſie, daß ſie aus dem Fenſter ins Freie ſehen konnte, dieſe Veraͤnde⸗ rung ihres Aufenthaltsortes war ihr ſchon eine Verbeſſerung ihrer Lage. Sie brachte hier einige Tage in einer Art von Geiſtesruhe hin, und war nicht mehr zu immerwaͤhrender Einſamkeit ver⸗ urtheilt. Jeden Tag wurde ſie mehrere Stun⸗ den zu den frommen Uebungen der Jungfrauen und Wittwen gerufen, welche ſich vereinigt hat⸗ ten, um den Senoch zu bedienen, und die Con⸗ ſtanze in der Regel des Hauſes von Tours un⸗ terrichtete; jeden Tag wohnte ſie auch den Vor⸗ leſungen und Ermahnungen bei, welche der Pa⸗ ter Venanz an dieſe fromme Verſammlung rich⸗ tete. In Allem, was ſie um ſich her ſahe, konnte ſie nur einen blinden aber auftichtigen Eifer erblicken; es ſchienen ihr keine gehaͤſſigen Leidenſchaften dabei im Spiele zu ſeyn, und wenn ſie auch in dieſer kleinen Geſellſchaft gerade nichts lernen konnte, und wenn ſie auch nichts fand, was ihr der Bewunderung oder Nachahmung werth hätte ſcheinen koͤnnen, ſo glaubte ſie doch auch hier nichts zu fuͤrchten zu haben. Die Bewohner des Thurmes von Loches waren wie von der ganzen Welt getrennt, obgleich alle Tage Pilger ſich zeigten, die den heiligen Senoch beſuchen wollten, ſo hatten dieſe doch keine Ver⸗ bindung mit den Nonnen, noch weniger aber mit Julien, und es ſchien, als ob nie eine Nach⸗ richt von dem, was in Gallien vorginge, in das kleine Kloſter dringen und bei den Bewohnern deſſelben die Neugier erregen könnte. Die Zeit verſtrich indeß ganz angenehm, als eines Abends der Pater Venanz bei Julien ein⸗ trat, bleich, zitternd, mit allen Zeichen der hef⸗ tigſten Gemuͤthsbewegung. Wir muſſen uns ſogleich zur Abreiſe anſchik⸗ ken, meine Tochter, ſagte er, wir ſind hier nicht länger in Sicherheit, und nach den Befehlen, die ich erhalten, darf ich keinen Augenblick ver⸗ lieren, Euch den Nachſtellungen derjenigen zu ent⸗ ziehen, welche Euch in den Wund des Verder⸗ bens ſtuͤrzen wollen. Wos iſt es denn, was Euch— ſagte Julia, und was für eine Gefahr kann mir denn jetzt drohen?„ Die Gefahr zum Chlodowich gfühet zu wer⸗ den, erſtſch durch die Bagauden, welche in der Nähe erſchienen ſind, um Euch zu entfuͤhrem dann durch ein Corps von Franken, welches ſchon in Tours angekommen iſt, und den Von mit ſeinem Zorne bedroht. Juliens geheime Stimmung, welche die weißt Frau die Schweſter Maria und die Nonnen aus⸗ geſpäht hatten, in deren Geſellſchaft ſie ſeit einigen Tagen lebte, war dem Pater Venanz nur zu wohl bekannt, als daß er hätte hoffen vürfen, ſie durch die Ankundigung der Nähe ihrer Befreier zu erſchrecken, und ſie ſo geneigt zu — 35— machen in die Maaßregeln einzuſtimmen, die er zu ihrer abermaligen Verbergung wuͤrde ergrei⸗ fen muͤſſen.. Schon lange, ſagte er zu ihr, wußten wir, daß die Bagauden in Bewegung geſetzt worden waren, Euch zu entfuͤhren, und zwar durch Mit⸗ wirkung einer Goͤtzenprieſterin, Namens Lamia, der Euer ungluͤcklicher Vater unbedingtes Ver⸗ trauen ſchenkt, und welche ihm Eure Vermah⸗ lung mit Chlodowich vorausgeſagt hatte. Den Tag nach Eurer Abreiſe von Tours ſind alle Straßen um dieſe Stadt von ihren umherſtrei⸗ fenden Banden beſetzt worden. Wenig Tage darauf iſt Theuderich mit ſeinen fränkiſchen Krie⸗ gern daſelbſt eingeruͤckt und hat durch ſeinen heid⸗ niſchen Trupp das Heiligthum des Herrn ent⸗ weiht. Hier haͤtten wir uns wohl fuͤr ſicher halten ſollen, allein in der letzten Nacht hat ſich ein Haufe Bagauden am Fuße dieſes Thurmes verſammelt. Der gebenedeite Senoch, der unauf⸗ hoͤrlich uͤber uns wacht, hat ſie vermuthlich da⸗ burch entfernt, daß er den Fluch der Kirche ge⸗ gen ſie ausgeſprochen, und Ihr habt ſein Glöck⸗ 21 Bd. B — 338— chen vernehmen können; allein eine Nachricht, welche ich ſo eben vernommen habe, meldet, daß ſie noch immer in der Nachbarſchaft umher⸗ ſchwäͤrmen, und ich denke Euch noch dieſe Nacht an einen verborgenen Ort zu bringen, der mir allein bekannt iſt, und wo weder ſie, noch 60 Jemand Euch ſuchen wird. Julia befand ſi ch gaͤnzlich in der Gewalt der Nonnen und des Pater Venanz; ſie bewies daher dem letztern ein gewiſſes Zutrauen, und machte ſchnell und ohne Widerſtreben die zu ihrer Abreiſe noͤthigen Anſtalten. Nachdem ſie hierauf mit ihm uͤber den Indre gegangen war, ſtieg ſie am andern Ufer in dieſelbe Saͤnfte, welche ſie hingebracht hatte, und er begleitete ſie zu Pferde. Vierzehntes Kapitel. Das Schloß des Rutilianus. Der Streiter Chriſti, der heil. Lenogiſillus fuͤhrte, als er hoͤrte, daß der Vater der heil. Agneflide ſie vermaͤhlen wollte, dieſe heilige Jungfrau, ohne ſeine Drohungen zu fuͤrchten, in ſeine eigene Zelle, und weihte ſie Gott, indem er ihr den Schleier äuflegte. Sie trug ihn auch bis ans Ende ihres Lebens und diente tapfer dem Herrn mit dieſem Gottesmanne. Vita sancti Lenogisili confesso- ris. Kap. 3. Tom. III. 55 De Prieſter Venatz vermuthete nicht, daß die Bagauden zu Loches Mittel gefunden haben wür⸗ den uͤber den Fluß zu ſetzen, daher glaubte er nicht beſſer fur ſeine Sicherheit ſorgen zu koͤnnen, als wenn er erſt den Indre, dann den Cher zwi⸗ ſchen ſich und ihnen ſähe, auch halte er alle Maaß⸗ 9 2 — 340— regeln genommen, um auf dieſem letztern Fluſſe einen Kahn zu finden. Vor Mitternacht nun ſchiffte er ſich auf demſelben mit der Tochter des Seberus ein, und nachdem er faſt eine Viertel⸗ ſtunde auf dem Strome abwaͤrts gefahren war, landete er am rechten Ufer an der Thuͤr einer kleinen Kapelle, am Fuße eines hohen Vorgebir⸗ ges, auf deſſen Gipfel Julia ein altes Gebäude zu erkennen glaubte. Der Pater Venanz hatte den Schlüſſel zu der Kapelle bä ſich. Dieſe war leer, ſchlecht gehalten, und ſchien ſeit lan⸗ ger Zeit gar nicht zum Gottesdienſte benutzt worden zu ſeyn. Venanz zuͤndete eine der Ker⸗ zen an, welche auf dem Altare ſtanden, nahm ſie in die Hand, indeß er mit der andern Ju⸗ liens Hand ergriff, und ſie durch eine kleine Thuͤre fuhrte, die ſich hinter dem Altare befand, und wozu er gleichfalls den Schluͤſſel bei ſich hatte. Hierauf gelangten ſie in einen unterirr⸗ diſchen Gang, welcher mehrere Verzweigungen hatte. Nachdem ſie hier einige Zeit fortgegan⸗ gen waren, fanden ſie eine lange Treppe, welche ſie mit Beſchwerde hinaufſtiegen. Es waren — 341— zwar einige Oeffnungen angebracht, um ſie zu erleuchten, allein Julia, welche ſich ihnen naͤherte, um zu ſehen, wo ſie ſich befinde, konnte durchaus nichts erkennen, denn der Mond war noch nicht aufgegangen und es herrſchte uͤberall die tiefſte Dunkelheit. Anſtatt den letzten Abſatz noch hin⸗ aufzuſteigen, der zu dem Haupteingange zu fuͤhren ſchien, ſchlug Venanz mit Julien einen kleinen Gang zur Linken ein, der ſie zu einer verborge⸗ nen Treppe fuͤhrte, an deren obern Ende er mit den nemlichen Schluͤſſeln ein anderes Gemach oͤffnete, in das er Julien treten ließ. Dieſes zwar kleine, aber doch ziemlich rein⸗ liche Gemach ſchien ehedem mit Eleganz meu⸗ blirt, ſeit langer Zeit aber nicht bewohnt gewe⸗ ſen zu ſeyn. Ihr könnt hier ausruhen, ſagte Venanz zu Julien„indem er ihr eine Art von Ruhebette zeigte,— nehmt dieſe Kerze, und macht Euch hier mit Allem bekannt, Ihr werdet finden, was Ihr braucht, und Euch leicht uͤberzeugen, daß Ihr hier keine Gefahr lauft. In wenig Augen⸗ blicken muß ich Euch ohne Licht zurücklaſſen. Man darf es nicht zu lange an dem nemlichen Orte ſcheinen ſehen. Seid nur ruhig, und ſchlaft. Morgen werde ich dafür ſorgen, daß Ihr ein beſſeres Lager erhaltet. Nach dieſen Worten beleuchtete er mit der Kerze die verſchiedenen Gegenſtände in dem klei⸗ nen Zimmer, gleich als wollte er Julien wegen der Dunkelheit beruhigen, worin ſie ſich bald be⸗ finden wuͤrde; dann entfernte er ſich und ver⸗ ſchloß die Thuͤre hinter ſich. Trotz der Bemuͤhungen des Pater Venanz, ſie zu beruhigen, fuhlte ſie doch ihr Herz vor hef⸗ tiger Unruhe klopfen, als ſie ſich nun ganz allein in tiefer Dunkelheit fand. Kein Geraͤuſch ließ ſich weder uͤber, noch un⸗ ter ihr in dem großen Gebaͤude vernehmen, wo⸗ rin ſie nun gefangen ſaß. Vielleicht hatte man ſie ganz allein gelaſſen, denn ſie glaubte, Venanz waͤre wieder zur Kapelle hinabgeſtiegen, um ſich mit den Schiffern, und den Fuͤhrern der Maulthiere, die ſie hergebracht hatten, über die weitere Reiſe zu beſprechen. — 3¹8— Kein Lichtſtvahl war in ihr Gemach gedrun⸗ gen bis zu dem Augenblicke, wo der ſchon abneh⸗ mende Mond aufging; da bemerkte ſie dann hi⸗ nige Spalten an dem Laden, der ihr Fenſter ver⸗ ſchloß; ſie ſuchte ihn zu offnen, allein die Haͤk⸗ chen, welche ihn feſthielten, waren entweder ver⸗ roſtet, oder ſo angebracht, daß ſie nicht im Stande war es zu bewirken. Indeſſen verſuchte ſie durch dieſe Oeffnungen zu ſchauen. Sie konnte die aͤußern Gegenſtände zwar nur unvollkommen er⸗ kennen, allein ſie erſtaunte doch uͤber die Aehn⸗ lichkeit der Wieſe, welche ſie vor ſich ſahe, und des ſie umgebenden Waldſaumes mit der, die ſich vor dem Schloſſe des Rutilianus befand. Sie wußte nicht, welches der letzte Fluß geweſen war, uͤber den ſie gegangen, allein indem ſie daruͤber nachdachte, ſchien es ihr wahrſcheinlich, daß es der Cher geweſen; und ſo ſeltſam es auch ſcheinen mochte, daß ſie durch ihre Raͤuber wieder in das Schloß zuruͤckgebracht worden, aus dem man ſie hatte entfuͤhren wollen, ſo hatte ſie doch, da ſie immer noch glaubte, daß es der Pater Venanz geweſen, der dieſen Verſuch gemacht habe, wenn 344— er dies gleich nie geſtanden hatte, Grund zu ver⸗ muthen, daß er die geheimen Zugaͤnge zu dem Schloſſe genau kenne und auch die Schluͤſſel dazu beſitze. Um ſich uͤber dieſe Vermuthung Gewißheit zu verſchaffen, hielt ſie das Auge aber⸗ mals an die Spalten des Ladens, und ſuchte einen Gegenſtand auf, den ſie ſicher erkennen koͤnnte. An dem Saume des Waldes, der das Schloß des Rutilianus umgab, war eine Stelle, die ſie nicht vergeſſen haben konnte. Es war die, welche ihr Radebode als den Ort bezeichnet hatte, wo der Beſitzer des Schloſſes nebſt allen ſeinen Kin⸗ dern umgebracht worden war, und wo jedes Jahr Geſpenſter ſich ſehen laſſen ſollten, um die furcht⸗ bare Tragodie von neuem aufzufuͤhren. Dieſe Stelle ſuchte ſie auf und erkannte ſie. Seltſam in einander geſchlungene Baumzweige, verbleichte Stämme, die ſich in ihrem Gedaͤchtniſſe mit dem Bilde vereinigten, das Radebode beſchrieben hatte, ſtellten ſich aufs Neue ihren Blicken dar. Es war der Tag der Idus des Dezembers(13te), hatte ihr Radebode geſagt, zwei Uhr nach Mitternacht, — 345— wo die Geſpenſter jedes Jahr zu erſcheinen pfleg⸗ ten. Sie befragte ihr Gedaͤchtniß. Gerade dieſe Nacht mußte die der Idus des Dezembers ſeyn, und nach dem Aufgange des Mondes zu urthei⸗ len, mußte es auch nicht weit von zwei Uhr mehr ſeyn. Umgeben von zahlreichen Bedienten, von alten Kriegern, unter dem Schutze der Beſitzerin des Hauſes, ihrer Freundin, hatte ſie hier ſchon ein tödliches Schrecken empfunden, als man ihr von jener Erſcheinung erzählte; jetzt befand ſie ſich hier zur Nachtzeit, um die Stunde, wo ſie jene erwarten mußte, aber allein, gefangen, ohne daß die Einwohner des Schloſſes ihr Daſeyn auch wohl nur ahndeten. Sie wandte indeſſen ihre Blicke keinesweges von dem Orte ab, wo ſie von einem Momente zum andern die Geſpen⸗ ſter erwarten mußte, vielmehr richtete ſie ſie da⸗ hin mit einer Art von aͤngſtlicher Neugier. Sie hielt ſelbſt den Athem an, und ihre Kniee zit⸗ terten unter ihr, als mit einem Male ihre Auf⸗ merkſamkeit durch ein Geraͤuſch ganz in ihrer Naͤhe abgelenkt ward. Mehrere Perſokten gin⸗ gen nemlich in einem Gemache umher, das von 346 dem ihrigen nur durch eine einfache Wand ge⸗ trennt zu ſeyn ſchien. Sie lauſchte, ein Weib ſprach allein; ob die Stimme gleich ſtark und männlich klang, war es doch nicht Radebode. Ja, ja! ſagte ſie, Ihr ſeyd in Eurem Ei⸗ genthume, allein deshalb doch noch in meiner Gewalt. Euer Leben burgt mir noch fuͤr das des Procer, und wenn Ihr den geringſten Ver⸗ ſuch, macht Euch in Freiheit zu ſetzen, ehe ich jenen wieder habe, ſo ſoll meine Drohung ge⸗ wiß nicht unerfuͤllt bleiben, und man wird hier nur— Euren Körper finden in vier Theile zer⸗ riſſen. Allein ich nähre beſſere Hoffnungen ſo⸗ wohl fuͤr Euch, als fuͤr mich. Einer von mei⸗ nen Leuten verſichert mich, daß Euer Soldat geſtern Morgen mit meinem Manne von Bour⸗ ges abgegangen iſt, und wenn Eure Freunde ehr⸗ lich ſind, ſo muß er bald eintreffen. Ich erwarte ihn zuverſichtlich! erwiederte eine Stimme, deren Klang Julien bis ins Junerſte des Hetzens drang, denn— es war die Stimme von Felir.. — 347— In ihrer Aufregung mußte ſie ſich alle Ge⸗ walt anthun, um ihn nicht zu rufen, um ſeinen Namen nicht zu nennen; allein die Worte, welche ſie vernommen, deuteten ihr an, daß er Gefange⸗ ner ſey, daß er ſich in einer Gefahr befinde, deren Umfang ſie nicht ermeſſen konnte, die aber vielleicht ein einziges Wort von ihr noch bedenk⸗ licher machen konnte. Sie hielt ſich alſo, und beſchloß zu warten und zu lauſchen, allein das Blut, welches wenige Augenblicke zurück aus ihren Wangen gewichen war, ſtrömte dahin nun zuruͤck. Eine belebende Wärme war an die Stelle des lähmenden Froſtes getreten. Die Ge⸗ fahr war nicht verſchwunden, die Zukunft war ihr noch unbekannt, allein ſie hatte alle Hoffnung der Jugend wieder gefunden, Felir's Stimme allein war ihr ſchon Gluͤckes genug. Und dieſer Prieſter, den ihr verhaftet habt, erwiederte Felir, was wollt Ihr mit ihm an⸗ fangen? ₰ Wenn ich wollte, wie ich ſollte, ſo wuͤrde ich ihn außer Stand ſetzen, jemals unſere Geheim⸗ niſſe zu verrathen. Aber Armentaria iſt nicht — 348— grauſam, nie hat ſie ohne Noth Blut vergoſſen. Hab' ich den Procer wieder, ſo nehme ich die Löſung an, die der Menſch mir dafuͤr bietet, daß ich ihn nach Loches zuruͤckbringen laſſen ſol. Er hat uͤbrigens einen ſolchen Schrecken gehabt, als er uns dort unten getroffen hat, daß ich gewiß glaube, er ſteigt in ſeinem Leben die Treppe des Cher nicht wieder herauf. Es ſind nun vier Tage, entgegnete Felix, daß Ihr mich das Leben der Bagauden fuͤhren laßt. Da ich aber heute ein Haus und ein Bett wiederfinde, ſo moͤchte ich auch gern allein ſeyn, um ein wenig ruhen zu koͤnnen⸗ Ich bins zufrieden, verſetzte Armentaria, denn bis zu Tages Anbruch haben wir doch gewiß nichts Neues zu erwarten. Dieſe Worte wurden begleitet von dem Ge⸗ räuſch einer Thuͤre, die man verſchloß, von Rie⸗ geln, welche vorgeſchoben wurden, und von Trit⸗ ten, die ſich zu entfernen ſchienen. Felir, der Ge⸗ fangene, war nun allein, dicht neben Julien, nur durch eine duͤnne Wand von ihr getrennt. Julien ſchlug das Herz gewaltig. Nachdem ſie abermals — 345— gelauſcht hatte, ob er auch wirklich allein ſey, rief ſie furchtſam: Felir! Wer beſchreibt die Wirkungen dieſer ſo wohl bekannten Stimme, welche er gar nicht verkennen konnte, und die Felip's Ohr mitten in der Dun⸗ kelheit, in ſeiner Gefangenſchaft, fern von all den Orten beruͤhrte, wo er hoffen bonnte Julien wie⸗ derzufinden, jetzt eben, wo er, da ſeine Nachfor⸗ ſchungen nach ihr durch das ungluͤckliche Gefecht mit den Bagauden unterbrochen worden waren, von dem Gedanken gequält wurde, ſie moͤchte viel⸗ leicht in einem ſchrecklichen Gefängniſſe, in den un⸗ terirdiſchen Gewoͤlben irgend eines Kloſters ſeufzen. Tauſend verworrene, widerſprechende Gedanken drängten ſich auf einmal in ſeinem Geiſt. Bald glaubte er, ſie ſey wieder in Freiheit geſetzt, bald, ſie rufe zu ihm um Huͤlfe aus der Tiefe eines Gefaͤngniſſes, bald war es nur ihr Schatten, der ihm ihren Tod meldete und ihn um Rache anflehte. Der Ruf: Julialo meine theu⸗ re, geliebte Julia! tönte nun von ſeinen Lippen bald mit dem Ausdrucke der lebhafteſten Freude, bald mit dem der furchtbarſten Angſt⸗ —— allein ſo ſchnell hinter einander und in ſolcher Verwirrung, daß mehrere Augenblicke vergingen, ehe die beiden Liebenden ſich ordentlich verſtän⸗ digen konnten, wo ſie ſich eigentlich befanden, welche Hinderniſſe ſie trennten und welche Ge⸗ fahren ihnen droheten. Niemand unterbrach indeſſen ihre unteyu⸗ tung durch die Wand. Der Pater Venanz war, wie er aus der Kapelle trat, von den Bagauden uͤberfallen und mit Banden belaſtet worden; dann hatte man ihn in den unterirdiſchen Gewol⸗ ben im Auge behalten. Armentaria hatte, nach⸗ dem in den benachbarten Wäldern und an den ufern des Cher Vedetten ausgeſtelt worden wa⸗ ren, ihr Quartier in dem untern Saale genom⸗ nen, wo ſie ſich auf einen Mantel gelegt hatten, umgeben von den Weibern und Kindern der Truppe, bis zu Anbruch des Tages mußten noch mehrere Stunden vergehen, allein ſie kamen we⸗ der Felir noch Julien lang vor. In einer weit gefaͤhrlichern Lage mit weit groͤßern Bedenklich⸗ keiten uͤber ihre Zukunft waren ſie eines an des andern Seite zwei Monate zuvor die Loire hin⸗ abgeſchwommen, und doch hatte ſie ſich in ihrer Einſamkeit zu wiederholten Malen das Anden⸗ ken an jene ſchreckliche Nacht unter den ſuͤßeſten Empfindungen zuruͤckgerufen. Sie waren zwar in dem gegenwaͤrtigen Augenblicke vollſtaͤndiger getrennt, allein ſie waren auch mehr allein. Alle Aufklärungen, die eins von dem andern erhielt, die ganze Geſchichte von Beiden, welche ſie ein⸗ ander gegenſeitig ergaͤnzten, brachten ſie zu dem Schluſſe, daß ihre Gefahren nun wohl voruͤber ſeyn moͤchten. Julia vernahm von Felix, daß Chlodowich im Begriff ſey ſich mit Clotilden zu vermaͤhlen, daß Severus, weil er alle Hoffnung verloren hatte, mit dem Koͤnige der Franken verwandt zu werden, ſeine Einwilligung zur Ver⸗ bindung ſeiner Tochter nicht verweigere, daß er nur zu ihrer Befreiung die Franken nach Tours habe ziehen laſſen, daß, als Felir ausgezogen ſey ſie aufzuſuchen, er ſchon gewiß geweſen ſey, ſie, wenn er ſie auffinden koͤnne, von ihrem Va⸗ ter zu erhalten, daß das Ungluͤck den Bagauden in die Haͤnde gefallen zu ſeyn, ihm nur deshalb ſo druͤckend geweſen, weil es ihn an der Fort⸗ 2r Bb. 3 —— — 352— ſetung ſeiner Nachforſchungen gehindert habe, und daß, da die nemlichen Bagauden fuͤr ihn eine Gelegenheit geworden ſie wiederzufinden, er ſich äußerſt gluͤcklich ſchaͤtze ihnen wieder begeg⸗ net zu ſeyn. Allein indem er dieſe Worte aus⸗ ſprach; gedachte er auch des Pater Andréas, und die beiden Gefangenen beweinten gemeinſchaftlich den edlen Geiſtlichen, deſſen unbedachtſamer Ei⸗ fer und blinder Gehorſam ihr Ungluͤck verurſacht hatte. Dieſe Gefangenſchaft, fuhr Felix fort, naͤ⸗ hert ſich ihrem Ende. Es lohnt ſich nicht der Muͤhe einen Verſuch zu machen, ſie fruͤher zu enden, denn nach den Berichten, welche Armen⸗ taria erhalten hat, iſt ihr Mann ſchon aus den Gefaͤngniſſen von Bourges entlaſſen und unſere Auswechſelung muß am Morgen Statt finden! In der That roͤthete auch kaum der erſte Strahl der Sonne die Gipfel der Huͤgel, als ein Freudengeſchrei in den Gaͤngen und Salen des Schloſſes des Rutilianus ertnte. Rade⸗ bode, welche in dieſer Nacht, die ihr ſo furcht⸗ bar war, mehrmals ein ihr fremdes Geräuſch —— uͤber ihrem Haupte vernommen hatte, und ber die boͤſen Geiſter nie ſo drohend etſchienen wa⸗ ren, ſprang, beruhigt durch die erſten Strahlen des Morgens, die Streitart in der Hand, aus dem kleinen Behältniſſe, welches ſie neben der großen Thuͤre inne hatte, und begab ſich auf die Wieſe vor dem Schloſſe. Hier traf ſie den Diocles und den Procer Nunnianus, die ſich zuſammen naͤherten; zugleich liefen die Bagau⸗ den, welche zur Beobachtung in die Wilder ver⸗ theilt worden waren, auf ihren Anführer los, und druͤckten ihm mit Freudengeſchrei die Haͤnde, indeß die Fenſter des Schloſſes ſich plötzlich oͤff⸗ neten und Armentaria nebſt ihren Gefährten, nachdem ſie den ruͤckkehrenden Gemahl mit Freu⸗ denruf und Schluchzen bewillkommt hatte, herab⸗. eilte, um ſich in ſeine Arme zu werfen. Radebode wandte ſich nun mit Erſtaunen bald nach dem Walde, bald nach dem Schloſſe, bald zum Diocles, und wunderte ſich ſo eine Menge Menſchen da zu ſehen, wo ſie geglaubt hatte ſich in der tiefſten Einſamkeit zu befinden. Ihr werdet bald neue Gäſte fehen, Mutter, ſagte Diotles lͤcheind zu ihr, ich vernehme von die⸗ ſen braven Leuten hier, daß unſer Herr Felir Florentius dieſe Nacht in dem Schloſſe zuge⸗ pracht hat, ohne daß Ihr Etwas davon gewußt habt, und unſere Herrin Sylvia Numantia, nebſt dem Grafen Julius Severus, befinden ſich nur fuͤnf Hundert Schritte hinter mir. Sie warten bloß um hervorzutreten, daß erſt die Aus⸗ wechſelung dieſes tapfern Anfuͤhrers gegen Felir vor ſich gehe, denn ſie fuͤrchten, wenn ſie ſich geher zeigen wollten, Eure Gaͤſte moͤchten ſich eben ſo ohne— ihehen wie e⸗ ge⸗ kommen ſind. 4 Wirklich die Sclaptn von n ßei, gee a dem Lager der Bagauden nach Tours im Augenblicke der Gefangenſchaft ihres Herrn ab⸗ gefertigt worden waren, nicht nur die Sylvia Numantia, ſondern auch den Julius Severus Sſelbſt beſtimmt, mit Felir in dem Schloſſe des Rukilianus zuſammen zu treffen. Auch war es Felix allein, auf den Severus in Hinſicht der Wiedererlangung ſeiner Tochter zaͤhlen konnte. Denn weder Unkerhandlungen, noch Drohungen, — —,——— —. noch Verſprechungen hatten den Voluſianus be⸗ ſtimmen konnen, ihm einiges Licht uͤber Juliens Schickſal zu ertheilen. Man hatte weder unter den Einwohnern von Tours, noch durch die ge⸗ heimen Agenten, welche nach den Anweiſungen der Lamia das Land durchſtreiften, die geringſte Kenntniß davon erhalten konnen. Dumnorir, Juliens Milchbruder, durch ſo viel vergebliche Anſtrengungen entmuthigt, wurde, von Schmerz uͤberwaͤltigt, laß, und da er jeden Tag neue un⸗ nutze Schritte thun ſollte, verlor er endlich auch den Muth der Hoffnung. Selbſt die Macht, woruͤber Severus An⸗ fangs hatte verfügen können, fing an ihm zu entgehen. Die Franken, welche Theuderich nach Tours gefuͤhrt hatte, hatten die Gaſtfreundſchaft der Mönche beſſer als die des Severus gefun⸗ den, und die Weine der Loire hatten ihre Ver⸗ ehrung gegen den heiligen Martin gar ſehr ver⸗ mehrt. Sie theilten ihren Tag zwiſchen dem Re⸗ fectorium des Kloſters und der Kathedrale, de⸗ ten Pracht ſie bewunderten; ſie hörten mit Andacht die Predigten, welche ihnen in eiher — 366— Sprache gehalten wurden, die ſie nicht verſtan⸗ den, und Theuderich ſagte endlich dem Severus geradezu, daß er es fuͤr kluͤger halte mit ſeinen Waoffenbrudern nach Soiſſons zuruͤckzugehn, denn er koͤnne nicht dafür ſtehen, daß, wenn Voluſia⸗ nus von den Franken begehren ſollte, den Seve⸗ rus ſelbſt zu verhaften, ſie ſich nicht bereitwillig zeigen ſollten, dieſen Dienſt demjenigen zu lei⸗ ſten, den ſie den großen Prälaten der Lateiner nannten.. WMit einem kummervollen Herzen, mit der tiefſten Muthloſigkeit wegen ſeiner fehigeſchlage⸗ nen ehrgeizigen Plane, mit der peinigendſten Aengſtlichkeit in Anſehung des Schickſals ſeiner Tochter war Julius Severus der Sylvia nach dem Schloſſe des Rutilianus gefolgt, um hier den Felix deſto eher zu ſehen, und aus ſeinem Munde alle Anweiſungen zu vernehmen, die er vielleicht von jenem Pater Andréas erhalten haben möchte, deſſen Tod dem Severus bereits bekannt war. Er begleitete zu Pferde die Sänfte, worin Sylvia mit dem Eudoxius reiſte, und da ein Bagaude an ſie abgeſandt worden war, — S— p——— —.„— —— um ihnen zu ſagen, daß ſie vorwarts gehen könn⸗ ten, ſo erſchienen ſie auf der Wieſenflaͤche voe dem Schloſſe in dem Augenblicke, wo die Son⸗ nenſcheibe eben anfing ſich uͤber dem Horizonte zu zeigen. In dem Augenblicke traten auch Fe⸗ lir und Julia, eins auf das andere geſtuͤtzt, aus der Thuͤr des Schloſſes. Diocles und Procer, Radebode und Armentaria umgaben ſie und die Wieſe fuͤllte ſich mit Bagauden und Federirten an, welche aus dem benachbarten Lager herbei⸗ kamen. F Wir wagen es nicht die Freude des Seve⸗ rus zu ſchildern, als er ſeine geliebte Tochter auf eine ſo unerwartete Art wiederfand, noch auch die der Sylvia, als ſie ihren Sohn wieder ans Herz druͤcken konnte; nicht die der beiden Lie⸗ benden, welche noch gar nicht Zeit gehabt hat⸗ ten, ihres Gluͤckes ſich recht bewußt zu werdeni der beiden Gatten, des Procer und der Armen⸗ taria, von denen der eine nur eben erſt dem Blutgeruͤſte entgangen war; nicht die des Dio⸗ cles, der Radebode und aller uͤbrigen Diener Ein allgemeines Gefuͤhl der Fröhlichkeit ſchien zu gleicher Zeit alle dieſe Gruppen zu beſeelen, welche ſich wechſelſeitig trennten und von Neuem vereinigten. Und damit Niemand in dem Schloſſe des Rutilianus dieſer Empfindung entbehre, bat Julia Armentarien den Pater Venanz auch in Freiheit ſetzen zu laſſen, den dieſes Weib erſt in Ketten geſchlagen hatte. Dieſe Gefällig⸗ keit wurde bald mehr als himlaͤnglich dadurch vergolten, daß Felir dem Procer, der Armentaria und ihrem kleinen Haufen erklaͤrte, er wolle ſie in ſeine großen Beſitzungen aufnehmen, ihnen Lände⸗ reien und Wohnungen anweiſen, damit ſie ſich von Neuem, gegen einen kleinen Zins, mit dem Ackerbaue beſchaͤftigen koͤnnten, fuͤr den ſie eigent⸗ lich geboren waren, und dem ſie nur Tirannei und Gewaltthätigkeit hatte entftemden können. Die Hochzeit von Felir und Julien wurde den Tag darauf zu Noviliacum gefeiert. Hier lebten ſie nun im Stillen, entfernt von allem Antheile an den politiſchen Stuͤrmen, welche ihr ungluͤckliches Vaterland verwuͤſteten. Sylbia trennte ſich nie von ihnen, und die Liebe ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter machten ihr — Alter fuͤßer und heiterer, als es der Fruhling ihres Lebens geweſen war. Funfzehn Jahre ſpaͤter wurde Felix ein Unterthan des Koͤnigs der Franken, ohne das Ungemach des Krieges erfah⸗ ren zu haben. Chlodowich ging im Jahr 507. mit ſeinem Heere bei Tours uͤber die Loire, um die Weſtgothen zu bekämpfen/ die er in der Ebene von Vouglé beſiegte; allein Noviliacum, welches von ſeinem Wege zur Linken kag, wurde von ſeinen Soldaten weder beruͤhrt noch gepluͤndert. Julius Severus kehrte nach der Vermaͤhlung Chlodowichs mit Clotilden, welche nur einige Wochen ſpaͤter als die ſeiner Tochter erfolgte, an den Hof des Königs der Franken zuruͤck. Dieſer empfing ihn hier mit Auszeichnung, indem er ihn immer als das Oberhaupt einer noch ſehr mächtigen Parthei unter den Roͤmern betrachtete, die nemlich der Heiden, welche der Eroberer noch zu ſchonen dachte: er beſtätigte ihn auch in dem Gouvernement der Grafſchaft Char⸗ tres. Nach dem Tode Chlodowichs hielt ſich Severus zu dem aͤlteſten Sohne deſſelben Thierry; der, weil er nicht von Elotilden geboren, ober aus einer von den Prieſtern anerkannten Ehe entſproſſen war, auch fur dieſe nicht— — hegte, wie ſeine Bruͤder. WVoluſianus ſaß noch vier Jahre lang auf dem erzbiſchoͤflichen Stuhle von Tours. Die Be⸗ kehrung Chlodowichs, die er ſo ſehnlich gewünſcht und zu der er mitgewirkt hatte, wurde ihm nach⸗ theilig. Seine Intriguen mit dem Könige der⸗ Franken, um ihn in die Gegenden ſuͤdlich von der Loire zu locken, nach der Schlacht bei Tol⸗ biac im Jahr 496 erweckten endlich die Beſorg⸗ niß des Königs der Weſtgothen. Alarich II. ließ ihn zu Tours aufheben und nach Toulouſe, ſeiner Hauptſtadt, bringen, wo man ihn ſorgfäl⸗ tig im Auge behielt. Nachdem er von Neuem Beweiſe ſeiner Verrätherei gegeben, brachten ihn die Weſtgothen an einen Ort, Namens Petroſa, in der Grafſchaft Foir, wo ihm den 15ten der Kalenden des Februar der Kopf abgeſchlagen wurde, weil er ſich des Verbrechens der beleidig⸗ ten Majeſtät ſchuldig gemacht habe. Seine Aſche wurde zwar von den Rechtgläubigen geſammelt, und in der Baſilica von Saint⸗Vaſaire zu Foir, beigeſetzt, welche von nun an die Baſilica des heil. Voluſianus hieß. Während der Religions⸗ kriege wurde ſie von den Calviniſten zerſtreut, allein das Feſt des Märkyrers wurde fernerhin zu Foir den 18ten Januar gefeiert, und wird es wahrſcheinlich auch noch jetzt. 20 b Der Pater Martin erſchien nie wieder zu Noviliacum, allein er hatte eine reiche Präbende erhalten, welche ihm die Gewiſſensbiſſe vergeſſen ließ, die ihn anfangs wegen der Entdeckungen in Hinſicht auf ſeinen Gönner, zu denen er ſich gegen ſeinen geiſtlichen Obern verpflichtet geglaubt hatte, gequaͤlt haben mochten. Dumnorix, Ju⸗ liens Milchbruder blieb in ſeinem Dienſte, und fuͤhrte nebſt Sangiban die Heerden deſſelben in den Einöden der Sologne. Eudoxius wurde alt und ſtarb zu Noviliacum bei Sylvien und Felix. Die Abentheuer des letztern ſollten ihn, wie er ſagte, beſtimmen ein wichtiges Werk uͤber die Etymologie des Namens Bagauden zu ſchreiben; allein er fuͤhrte ſeinen Plan nie aus, oder ſein Manuſcript hat ſich wenigſtens nicht bis auf unſere Zeiten erhalten, ſo daß man nicht weiß, — 362— öb er dieſen Namen von dem lateiniſchen Worte: Bachari(wie ein Wuͤthender handeln), oder dem celtiſchen: Bagad(Lerm, Tumult) ableitet. Ueber das Schickſal des Diocles, der Radebode und des Pater Venanz haben wir umſonſt Aufklärung zu finden geſucht; ſollte es uns noch gelingen, ſo wird das unſern Leſern eſe SMe Wſt P 5 Ende des ri c letzten a ———— Rachſtehende enpfehlungswerthe Bicher ſind bei dem Verleger erſchienen. Bilderſ aal, Romantiſcher, großer Erinnerun⸗ gen. Aus der Geſchichte des oͤſterreichiſchen Kaiſerſtaates. 2 Thle. gr. 8. 1819. 2 thl. Bonafont, Philippi, Originalitäten aus dem Gebiete der Wahrheit und Dichtung. 1r Thl. 8. 1 thl. 8 gr. Deſſelben Buchs 2r Thl. 8. 1820. 16 gr. Burdach, Heinr., der Sohn der Natur oder der neue Achill. Romantiſche Erzaͤhlung. 8. 1819. 18 gr. Burgveſten, die, und Ritterſchloͤſſer der oͤſter⸗ reichiſchen Monarchie. Nebſt der topographiſch⸗ pittoresken Schilderung ihrer Umgebungen, der Familienkunde ihrer ehemal. und jetzigen Be⸗ ſitzer, der Lebensweiſe und Charakteriſtik des Ritterthums, und der Geſchichten und Sagen der oͤſterreich. Vorzeit. 8 Thle. mit Kupfern. 8. 1819— 20. im Umſchl. broch. 8 thl. Carbonari, die, oder das Blutbuch. Aus dem Franz. uͤberſetzt von Dr. Gleich. 2 Theile. 8. 1821 1 thl. 16 gr. Cosmopolit, der, am Hofe. Reminiszenzen aus dem Leben eines Weltbuͤrgers. Eine Ge⸗ ſchichte unſerer Zeit. Mehr Wahrheit als Dichtung. gr. 12. 1819. 1 thl. 3 gr. Doro Caro Neueſte Novellen. 1) die Geſpen⸗ ſterſtunde; 2) die ſchwarze Frau am Waldez, 3) das Toccadeglio. 8. 1822. 2te Aufl. 1 thl. Freune, H., Melina von Corinth oder die Beweggründe zum Christenthum. Fine romahtische Geschichte aus der Zeit des Apostels Paulus. 8. br. 1821. 1 chl. 8 gr. Fouqus, Friedt., Baron de la Motte, Ritter Elidouc. Eine altbretanniſche Sage. 8 Thle. 1822. 3 thl. 8 gr. Fouqus, Carol., Baronin de la Motte, die Herzogin von Monrmorenci. Ein Roman. 3 Thle. 1822. 3 thl. 16 gr. Frohberg, Reg., Stolz und Liebe. Ein Ro⸗ man. 2 thle. m. Kupf. 8. 1820. Lthl. 8 gr. Gersdorf, Wilh. von, Ladislaus Poſthumus, Erzherzog von Ungarn und Boͤhmen. Ein hi⸗ ſtoriſch⸗romantiſches Gemaͤlde. 8. 1818. Mit Kupf. im Umſchl. br. 1 thl. 4 gr. —— der Eichwald, oder die Ruinen der Oedenburg. 2thle. mit Kupf. 8. 1819. tbthl. 20 gr. Grumbach, Karl, Violenblätter. Zuͤge und Darſtellungen aus der Gemuͤthswelt. 8. 1820. 418 gr. Guckkaſtenbilder a. d. Leben und der Phan⸗ taſie. Erzahl. u. Traͤume, Reiſeſtizzen, Bio⸗ — F graphien und hiſtoriſche Fragmente von Meiſter Konrad Späth. 8. broch. 1820. 1 thl. 12gr. Haug, Fr., Pangroma des Scherzes. 1200 Anekdoten, Witzantworten, iriſchen Bulls, Nai⸗ vitaͤten und Schwanke. 2 Bdochen. 8. broch. 1820. 3thl. Kanne, Fr. Aug⸗, humoriſtiſches Panoroma von Wien, oder der frohe Zuſchauer an der Do⸗ nau. Eine Unterhaltungsſchrift in zwangloſen Heften. 18 bis 3s. 1820. broch. 1 thl. 12 gr. Kinder, die aus den Vogeſen, oder merkwuͤr⸗ dige Geſchichte eines alten Elſaͤſſers aus den Schreckenszeiten Frankreichs. Aus dem Franz. 2 thle. 8. 1819. broch.. 20 gr. Koͤnig, Heinr., Wyatt. Tragoͤdie in 4 Auf⸗ zuͤgen. S. 1818. br. 10 gr. beſſer Pap. 12 gr. Koͤrner, S.„ 2lgnes Bernauer, Trauerfpiel in 5 Acten 8. broch. 1820. 18 gr. Kuffner, Cervantes in Algier. Schauſpiel in 5 Aufz. 8. 1820. im Umſchl. br. 18 gr. Kuffner, Ch., Erzaͤhlungen mit Zwiſchenſpie⸗ len. 2 Bde. 8. br. 2thl. Laun, Fr. die Ehe zur linken Hand. 3 Er⸗ zahlungen. 1822. 1 thl. 6 gr. —— der Traum von vier Wochen und ſo wei⸗ ter. Kleinigkeiten. 8. 1820. 1 thl. 16 gr⸗ —— die Reiſen im Bette. Kleinigkeiten. 8. 1820. 1 thl. 12 gr. —— die Thuͤrmerfamilie u. ſ. w. Kleinigkeiten 8. 1820. 4 thl. 12 gr. —— drei Tage im Weinkeller. Kleinigkeiten 8. 1821. A gr. Launen des Schickſals, ein Roman von Heinrich von Hallen. 8. 1819. 1 thl. 8 gr. Liebe und Reue. Eine wahre Geſchichte. Aus dem Franzöſiſchen uͤberſ. von Dr. Franz Rittler. 2 Thle. 8. 1817. broch. 1 thl. 8 gr. Mann, der deutſche, und der Patriot im Streit oder: das literariſch- politiſche Halsgericht. Eine dramatiſche Kunſtausſtellung fuͤr Volks⸗ freunde, oder ein Schickſalsquodlibet in verſchie⸗ denen Abtheilungen. Nach dem Span. des Don Clavijo Taxado frei bearbeitet von A. W. S. Zum erſtenmal aufgefuͤhrt auf dem Hoftheater in Klatſchfeld. Gedruckt in Phila⸗ delphia bei Thaddäus Spottvogel. 8. broch. 12 gr. Scott, Walter, die Schwaärmer. Ein ro⸗ mantiſches Gemalde, überſetzt von W. A. Lin⸗ dau. 3 Thle. 8. 1820. 3 thlr. 16 gr. Seltings, Friedr., Beſuch in Muͤnchen und deſſen Streifzüge nach Augsburg, Regensburg, Salzburg und in die merkwuͤrdigſten Gegenden Sber⸗Baierns, nebſt Bemerkungen uͤber die Wiedererrichtung der Kloͤſter, dann der defini⸗ tiven und proviſoriſchen Anſtellung der Staats⸗ diener ꝛc. 8. 1819. 20 gr. Theater der Magyaren. Uleberſetzt und her⸗ ausg. von G. v. Gaal. 1r Thl. 1820. 2 thl. Thumb, Freih. v. Die neue Schauſpieler⸗ ſchule. Luſtſpiel in 5 Aufzugen nach Dela- vingne's Comediens. 8. 1821. 18 gr. ſ 9 8 2 10 11 12 13 14 8 ſſiſ ſſſſiſ 15 16 17 1 9 8 y S £ 8 7 33 1 6 3 52 . †