Leihvibliothek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 6dnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zud Em⸗ ₰ ——— ₰ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſiteeen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und t beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlörene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ rene oder efeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben.. . —„ E —„ 1 8——— — — ——— Fulia S oder das Jahr Vierhundert und zwei und neunzig. Nach dem Fnlſcen des Simghe de Sis mondi, Verfaſſers der Geſchichte der Franzoſen, der italiã⸗ niſchen Freiſtaaten des Mittelalters u. a. von K. L. Methuſalem Muͤller. Seitenſtuͤck zu den Romanen von Walter Stot. Erſter Theil. Leipzig⸗ Sei 6. H.§. Hartmann., 18 22. Vorwort des Ueberſetzers. Aus einer Stelle der Vorrede zu dem hier in der Verdeutſchung gelieferten Originale erſieht man, daß der bekannte und mit Recht als Geſchichtſchreiber ſo geſchätzte Verfaſſer zu die⸗ ſer Arbeit zunaͤchſt durch die Lektüre der, nun auch in Deutſchland allgemein verbreiteten ro⸗ mantiſchen Darſtellungen von Walter Scott veranlaßt wurde, weshalb denn auch die Bezeichnung auf dem Titel dieſer Ueberſetzung gerechtfertigt ſcheint. Hier, wie in den Werken des Britten, hebt ſich auf einem hiſtoriſchen Hintergrunde ein anziehendes Fa⸗ miliengemaͤlde hervor, welches um ſo intereſſan⸗ ter erſcheint, je duͤſterer und drohender jener 11 Hintergrund ſich zeigt, und je lieber das Herz zu den Freuden und Leiden menſchlicher Her⸗ zen ſich wendet, welche durch die zarten Bande edler Liebe oder treuer Anhaͤnglichkeit vereinigt ſind, wann der Schauplatz des öffentlichen Lebens überall Unruhe und Verwirrung, ſo wie den Kampf feindſeliger Leidenſchaſtn dar⸗ ſtellt. „Dieſer Roman, ſagt der Verf., iſt be⸗ „ſtimmt, den Zuſtand Galliens zur Zeit des „Einbruchs der Franken unter Chlodowich zu „ſchildern.... Die Sitten und Anſichten, „wie ich ſie hier geſchildert habe, ſind ſo, wie „der Alterthumskenner ſie in jener Zeit durch⸗ „aus finden wird. Es herrſcht in der Zeich⸗ „nung der Charaktere nirgends die Abſicht, „einen Stand der Gefellſchaft mit gehäſſigern „Farben zu ſchildern, als einen andern, oder „ein der oder der Politit J1 „vor dem andern zu preißen oder zu ver⸗ „ſchreien. „Die Ueberſchriften der Kapitel ſollen an⸗ „deuten, wie ſehr die Scenen, die meine Ein⸗ „bildungskraft erſchaffen, ſich der Wahrheit „der Zeiterſcheinungen naͤhern.“ „Die Helden des Romans, eri „Julia, Severu s, ſind reine Er⸗ „findung; die Handlung des Voluſianus, „welche gewiſſermaaßen den Knoten des gan⸗ „zen Drama ſchuͤrzt, und Theuderichs Unter⸗ „nehmen ſind gleichfalls erfunden. Es ſind 5 Dinge, die geſchehen konnten, doch wiſſen „wir nicht, ob ſie geſchehen ſind. Die uͤbri⸗ „gen Begebenheiten ſind im Ganzen ae auf „die Geſchichte gegrundet u. ſ. w.“ Moͤchte den deutſchen Leſern dieſes Buch nur eben ſo viel Vergnuͤgen und unterhaltung gewähren, als es dem Ueberſetzer waͤhrend des Leſens und der Nachbildung gewaͤhrt hat. Julia Severa o deer das Jahr Vierhundert und zwey⸗ und neunzig. 1r Bd⸗ — Erſtes Kapitel. Beſitzthum eines galliſchen Senators am Ende des fuͤnften Jahrhunderts. „Und er gab ihm, in derſelben Waldgegend, zwölf Stunden Landes in der Breite und in der Län⸗ „ge, mit dem Verſprechen, daß weder er noch „einer ſeiner Nachfolger ihm jemals den Be⸗ „ſitz davon ſtreitig machen ſollte.“ Leben des heil. Siegebert, Koͤnigs von Auſtraſien. Kap. V. — p. 601. dem Conſulate des Anaſtaſius und Rufus im Jahre Roms 1245 oder 492. der chriſtlichen Zeitrechnung nahm ein reicher und vornehmer Gallier, Felir Florentius, bei der Ruͤck⸗ kehr von einer Reiſe, die er nach Conſtantinopel gemacht hatte, Beſitz von einem großen Eigenthu⸗ me, welches der edle Kayſer Majorian, der Oheim ſeiner Mutter, waͤhrend ſeiner kurzen und glän⸗ A 2 zenden Regierung ſeiner Familie geſchenkt batte. Das Beſitzthum eines bloßen Privatmannes be⸗ deckte zu jener Zeit oft eine ganze Provinz, und das des Felir Florentius, auf dem linken Ufer der Loire, zwiſchen dieſem Fluſſe und dem Cher gele⸗ gen, umſchloß einen ſehr großen Flächenraum des fruchtbarſten Landes; allein ſeine ehemalige Bevöl⸗ kerung war gänzlich berſchwunden; alle Einwohner waren entweder durch das Elend, die Folge eines algemeinen Druckes, oder durch das Schwerdt der Barbaren umgekommen. Majorian hatte daher von ſeiner Verwandtin, der Sylvia Nu⸗ mantia, als er ihr dieſen Diſtrikt ſchenkte, ver⸗ langt, daß ſie ihn mit neuen Bewohnern et⸗ fuͤllte.— Das verlaſſene Haus eines der ehemaligen Beſitzer war, um die Wohnung der neuen Herren zu werden, auf Sylviens Befehl ausgebeſſert und vergrößert worden. Es lag auf einer die Loire behetrſchenden Anhöhe. Die Vandalen hatten es bey ihrem letzten Uebergange angezuͤndet, al⸗ lein zur rechten Zeit war dem Feuer Einhalt ge⸗ than und jede Spur davon ſpäterhin ſorgſam verloͤſcht worden. Das Haus, oder die villa, im Lande unter dem Nahmen: Noviliaeum bekannt, welche wir heut zu Tage das Schloß nennen wuͤr⸗ den, war ziemlich groß und bequem, doch war man noch nicht darauf bedacht geweſen, die Woh⸗ nungen von Privatperſonen in Vertheidigungsſtand zu ſetzen; die Mauern hatten keine Thuͤrme und waren nicht ſehr dick, und die terraſſirten Dä⸗ cher, welche nicht nur uͤber das Hauptgebäude, ſondern auch uͤber die niedern Nebengebaͤude, wo die Sclaven wohnten, hinliefen, waren nicht mit Zinnen verſehen. Von nicht großem Um⸗ fange, ſtanden ſie doch zum Spatzierengehen frey, und man hatte hier die reichſten und mannich⸗ faltigſten Ausſichten. Der Geſchmack der beſten Kuͤnſtler aus Griechenland und Rom war bei Vertheilung und Verzierung der Gemaͤcher zu Ra⸗ the gezogen worden und Noviliacum ſchien noch dem Zeitalter Auguſts anzugehoͤren, indeß meh⸗ rere Stunden in der Runde keine Wohnung zu finden war, welche nicht Spuren der Verwuͤ⸗ ſtung von den Vandalen, Sueven, Silingen und Hunnen an ſich getragen hätte. Die lachenden Gärten und Luſtgehege von Noviliacum waren von Neuem durch Menſchen⸗ haͤnde bluͤhend geworden; die Fruchtbäume, de⸗ ren Erzeugniſſe zehn Jahre lang auf dem Stiele vertrocknet waren, ohne daß ein lebendes Weſen ſie hätte genießen können, hatten, ſeitdem ihnen Sylvias Gaͤrtner eine lang entbehrte Pflege wid⸗ meten, eine neue Kraft bekommen, und junge Pflanzungen ſchloſſen ſich endlich an die alten an, und vervollſtändigten oder verbeſſerten die Plane des erſten Beſitzers. Allein, wenn man dieſe Gaͤrten durchſtrich, mußte man bemerken, daß die Generationen der Pflanzen eben ſo unterbro⸗ chen worden waren, wie die der Menſchen. Al⸗ le Bäume, welche der Pflege bedurften, waren entweder ſehr alt oder ſehr jung, denn lange Zeit hatte der Beſitzer nichts fuͤr das Landgut gethan. Selbſt vor der letzten Verwuͤſtung deſſelben hatte er mitten unter dem Reichthume der Natur im Elende geſchmachtet, hatte er lange ſchon das Werk ſeiner Vorfahren zerſtort ohne Etwas beſ⸗ ſer machen zu können, und erſt nachdem er viel erlitten und Andere viel hatte leiden laſſen, war er erlegen unter der Laſt des Elends, welches Gallien durch die Thorheit und Laſterhaftigkeit der Imperatoren zugefuͤgt worden war. So wie man aus den Gaͤrten von Novilia⸗ cum heraustrat, ſah man die wilde Natur ihre Macht wieder uͤber die Gefilde ausbreiten, wel⸗ che ehedem die Induſtrie des Menſchen bereichert hatte. Waldungen hatten alle Anhoͤhen einge⸗ nommen, ſie liefen von den Bergen herab und dehnten ſich uͤber die Hugel hin, welche man in gluͤcklichern Zeiten mit ſchoͤnen Weinpflanzungen bedeckt geſehen hatte. Die niedrigſten Ebenen, die, ſo lange die Gallier des Friedens und der Wohlhabenheit ſich freuten, ſorgfaͤltig geebnet und in fruchtbare Wieſen verwandelt worden wa⸗ ren und wohin man mit großen Koſten das Waſ⸗ F. ſer von fernher geleitet hatte, wodurch ſie be⸗ fruchtet wurden, dieſe uberzogen ſich mit Schilf und Geſtruͤppe, das durch die nun ſtehend gewor⸗ denen Gewäſſer genaͤhrt wurde. Auf den höher grlegenen Ebenen erkannte man zwar noch die Spuren des Pfluges, allein der Genſt und aͤhn⸗ liche Gewächſe entfalteten doch daſelbſt ihre ro⸗ — then und gelben Bluͤten, und einige Heerden ſuchten zwiſchen den Dornen das ſparſame Gras, das an der Stelle ehemaliger Erndten wuchs. Sylvia hatte indeſſen die Bedingungen erfuͤllt, womit der erlauchte Majorian die Schenkung die⸗ ſes großen Eigenthums verbunden hatte; ſie hat⸗ te ſich bemuͤht einige Bevölkerung in dieſe Wuͤ⸗ ſten zuruͤckzufuͤhren, und den fleißigen Menſchen, welche ſie dahin rief, Lebensmittel zu verſchaffen. Allein das ganze Land, ehedem bekannt unter dem Nahmen Inter amnes Gwiſchen den Fluͤſ⸗ ſen), welches ſich von der Loire bis zum Cher er⸗ ſtreckte, und die Einöden der Sologne, in der Mähe von Tours, befanden ſich mit in jener Schen⸗ kung eingeſchloſſen. Dieſe kleine Provinz ent⸗ hielt vier bis fuͤnf Stunden von Norden nach Suͤden und acht bis zehn vom Morgen bis Abend; zu der Zeit, wo Gallien frey war, hatte ſie mehr als ſechstauſend Mann unter die Waffen geſtellt, aber alle Anſtrengungen eines der reichſten Häu⸗ ſer des Reiches hatten kaum vermocht ſechshun⸗ dert Familien von Landbauern dahin zurückzufüh⸗ ren. Um nun dieſen Diſtrikt aufs neue zu be⸗ —— völkern, hatte Sylvia ihre in Gallien weit zer⸗ ſtreuten Beſitzungen veräußert. Sie hatte einen Pallaſt verkauft, den ſie zu Arles beſaß, hatte aus den Haͤnden der Kaufleute die Kapitalien zuruckgenommen, welche ſie zu Trier fuͤr ſie angelegt hatten; dieſe beiden Hauptſtädte, eine von den ſiebzehn Provinzen, die andere von der Praͤfektur von Gallien, waren diejenigen Städte des Weſtens, wo man noch das meiſte Geld fand, und doch hatte ſie nur vermittelſt ungeheurer Auf⸗ opferungen in dieſen Zeiten des allgemeinen Elends ihr Vermögen daſelbſt realiſiren können. Allein gerade auch durch Huͤlfe dieſes allge⸗ meinen Elends verſchaffte man dem Lande neue Anbauer; man mußte ſie nemlich auf den Ment ſchenmaͤrkten kaufen, wie man das Vieh zu kaufen pflegt, und wirklich hatte ſie auch aus den Haͤnden der Weſtgothen, welche zu jener Zeit den groößten Theil von Aquitanien beherrſchten, mehr als drei Hundert Sclaven kaufen laſſen. Viele wa⸗ ren ungluͤckliche Gallier, welche, von den Bor⸗ baren ihrer Heimath entriſſen, abermals zurtck⸗ kehrten mit gefeſſelten Händen, den Boden ihres — 10— Vaterlanbes zu bebauen. Sylvia, menſchlicher und klüger zugleich als die meiſten vornehmen Roͤmer, hatte alle diejenigen von dieſen Gefan⸗ genen, welche galliſcher Abkunft waren, faſt ganz in das Verhaltniß ihrer Väter eintreten laſſen; ſie hatte ihnen zum Anbau Laͤndereyen angewieſen, deren Aernten ſie mit ihnen theilte. Andere Sclaven waren Deutſche, welche im Kriege zu Gefangenen gemacht worden waren. Die Weſtgothen, die Vandalen, die Franken, die Allemannen, die Burgunder hatten mehr als einmahl ihre Waffen gegen einander gekehrt; gleich nach den Gefechten eilten die römiſchen Sclaven⸗ händler herzu, um ſich der Gefangenen zu ver⸗ ſichern, welche nicht ermordet worden waren, und ſie dann wieder an die Landeigenthuͤmer zu ver⸗ handeln; allein dieſe Gefangenen, welche die Römer verachteten, denen ſie gehorchen mußten, dienten nur mit innerm Grimm da, wo ihre Waf⸗ fenbruͤder als Herren befahlen; ſie dachten daher unaufhoͤrlich auf Nittel zu entfliehen, ſie uͤber⸗ tießen ſich allen Ausbrüchen der Wuth, und konn⸗ ten nur in Zaum gehalten werden durch fuͤrchter⸗ liche Strafen, womit man ſie bedrohte, oder durch Ketten, die ſie unausgeſetzt tragen mußten, oder durch Gefangniſſe, ergastula genannt, wor⸗ innen man ſie jeden Abend einſchloß. Sylvia hatte ſich gleichfalls Sclaven ange⸗ ſchafft, abſtammend aus den Scythiſchen Vol⸗ kern, welche vierzig Jahre zuvor in Attila's Ge⸗ folge Gallien uͤberſchwemmt hatten. Dieſe nun, welche ſich nicht an die Feldarbeit gewoͤhnen konnten, hatten angefangen, in den Einoden der Sologne das umherſtreifende Leben zu fuͤhren, welches ihnen in den Steppenlaͤndern des nörd⸗ lichen Aſiens eigen geweſen war. Sylvia hatte ihnen die Sorge fuͤr ihre unermeßlichen Heerden anvertraut; ſie folgten dieſer zu Pferde, die Lan⸗ ze in der Hand, mitten durch die Wäl⸗ der; ſie vertheidigten ſie mit gleichem Muthe ge⸗ gen die Wölfe, wie gegen die Räuber; ſie legten zwey Mahi des Jahres treulich Rechenſchaft dar⸗ über ab, und da ſie nie menſchliche Wohnungen betraten, keine⸗ Frucht des civiliſirten Lebens genoſ⸗ fen, ja faſt keine Gemeinſchaft mit andern Men⸗ — 12— ſchen unterhielten, ſo glaubten ſie ſich noch frey, und fuhlten ſich nicht ungluͤcklich. Die Geſetze verſtatteten keinem Gutsbeſitzer, der ſeine Bauern mit Menſchlichkeit behandelte, auf ſeinem Grunde und Boden diejenigen Fluͤcht⸗ linge aufzunehmen, welche, durch die Qualereyen ihrer Herren oder des Fiscus gedruͤckt, ihre Woh⸗ nungen, Felder und ganzes kleines Eigenthum Preiß geben wollten, um wenigſtens ſich fuͤr ihre Perſon der Strafe und Zuͤchtigung zu entziehen. Auch die Coloni, welche jedoch keine Sclaven waren, konnten, einem Geſetze des Honorius zu folge, von ihren erſten Herrn zuruckgefordert, und denen, welche ihnen eine Zuflucht geſtattet hatten, ohne gerichtliche Formalitaͤten entriſſen werden. Sylvia hatte indeſſen die allgemeine Anarchie benutzt, um eine ziemliche Anzahl her⸗ umirrender Familien aufzunehmen, welche oh⸗ ne ihre Unterſtuͤtzung ganz gewiß in den Wäl⸗ dern umgekommen ſeyn wuͤrden. Es waren alte Gallier, welche die celtiſche Sprache redeten, die langen Haare glatt herabhaͤngend trugen und mit Ermelweſten, und weiten Beinkleiden, die ſchon — zu Cäſars Zeiten gewoͤhnlich geweſen, angethan waren. Sie waren fuͤgſam, fleißig und treu, ullein während einer vierhundertjaͤhrigen Un⸗ terdruͤckung hatten ſie ganz die Kraft und den Muth ihrer Vorfahren, ja ſelbſt die Erinne⸗ rung an ihre Freyheit verloren. Endlich gehoͤrten noch zu Sylvias Einrich⸗ tung zwey kleine Militaircolonien in dem Diſtrikte von Inter amnes, welche uͤber die Si⸗ cherheit des ganzen Cantons wachten. Es waren Veteranen oder ausgediente Soldaten, denen die letzten Kaiſer Landvertheilungen verſprochen hat⸗ ten; allein da in der Folge das Geld fehlte, um ihnen Wohnungen zu bauen, einiges Vieh vorzuſchießen und Aeckergerthe anzuſchaffen, ohne welches ihnen die vermeintliche Mildthaͤtig⸗ keit ihrer Fürſten nichts geholfen haben wuͤrder ſo hatte der Senator Fulvius Florentius, der Vater von Felix, das erſetzt, was der Staat nicht zu leiſten vermocht hatte. Er hatte ein ſoge⸗ nanntes manipulum, oder eine Compagnie al⸗ ter Soldaten, an dem Uebergangspunkte der Loire, und ein anderes an dem das Cher aufgeſtellt. Das erſtete beſtund aus alten Legionarien (Maͤnnern, die unter den roͤmiſchen Legionen ge⸗ dient hatten), welche in den verſchiedenen Pro⸗ vinzen des roͤmiſchen Reichs angeworben wurden. Man ſah hier zuſammen Italiener, Griechen, Ilyrier, Mauren und Britten, welche, lange Zeit unter denſelben Fahnen vereint, das Kriegs⸗ lager ſich zum Vaterlande gemacht hatten. Ihre Weiber, die ihnen zu dem Heere gefolgt waren, hatten ſich wie ſie fur Strapatzen abgehärtet, und verachteten die Gefahr wie ſie. An den Grenzen des Alters angelangt und nicht mehr Kraft genug zu Ertragung der Anſtrengungen des Krie⸗ ges beſitzend, waren ſie uͤberzeugt, noch die des Ackerbaues uͤbernehmen zu koͤnnen; und in der That hatten auch ihre Arme noch viele Stirke, und wenn ſie eine neue Arbeit begannen, ſo lie⸗ ßen ſie meiſtens die andern Landleute, welche ſie mit ihnen verrichten ſollten, weit hinter ſich zu⸗ ruͤck. Allein Ausdauer und Geduld gehoͤrten nicht unter die Eigenſchaften, wozu ſie ihr krie⸗ geriſches Leben gebildet hatte Man hatte ihr Dorf das Lager der Legionarien gennnt; ihre Häuſer waren großer, bequemer, geſchmůͤckter als die der andern Landbauer; allein, wenn man ſich ihnen naͤherte,erkannte man bald an vielen Spu⸗ ren die Indolenz undNachläſſigkeit ihrer Bewohner. Fuͤnf bis ſechs Stunden davon entfernt hat⸗ te der Senator Florentius an dem Ufer des Cher das Lager der Federirten*) erbauen laſſen. In den letzten Jahren des Reichs hatte man mit dieſem Nahmen die Barbaren(rohere Völker) benannt;welche ohne ihrer Sprache, ihrer Bewaff⸗ nung und ihren nationellen Fuͤhrern zu entſagen, unter Roms Adlern dienten. In ihren Reihen ſahe man Oſt⸗ und Weſtgothen, Burgunder, Franken und Vandalenz faſt alle hatten die Waf⸗ fen gegen das Reich geführt, ehe ſie ſich in Sold der Kaiſer begaben. Sie hatten mehrere der letzten Monarchen des Oecidents auf den Thron erhoben und wieder herabgeſtuͤrzt. Sie hatten endlich auch dem Odoaker die Krone von Italien *) Pederés, eigentlich Verbuͤndete, weil die Völter, aus denen dieſe Leute genommen waren, den Roͤmern freywillig dienten. D. heberſ. „ — 16— gegeben und von ihm dafur anſehnliche Land⸗ vertheilungen gefordert. ueberall, wo ſich dieſe Veteranen feſtſetzten, um der Ruhe zu genießen⸗ wollten ſie in ihrem neuen Vaterlande ein Bild der germaniſchen Waͤlder wiederfinden, aus denen ſie hervorgegangen waren. Ihre Wohnungen ſtießen nicht zuſammen, keine umzäunung, kei⸗ ne Mauer wehrte die Annäherung; Stäͤdte und Feſtungen ſchienen den Deutſchen Gefängniſſe, wo ſie nicht wohnen könnten, ohne ihrer Freiheit zu entſagen⸗ Daher hatte ſich auch der Senator Florentius, der doch ſeinen Militaircolonien eini⸗ ge Vertheidigungsmittel verſchaffen wolite, ſtatt daß er das Lager der Legionarien ordentlich be⸗ feſtigen ließ, damit begnuͤgt, fur das der Federirten bloß eine ſteile Anhoͤhe auszuſuchen, ſo daß es ſeine Stärke nun der Natur aleitk verdankte. Sylvia Numantia hatdẽ durch langwierige Anſtrengungen, durch ihre Beharrlichkeit und Weisheit dieſe verſchiedenen Anſtalten und Ein⸗ lein begruͤndet, die in einer zur Eins⸗ richtungen a wie eine neue Colonie, de gewordenen Provinz, zu betrachten waren. Ihr Gemahl und ihr Sohn —— hatten ſich auf dieſem Beſitzthume immer nur ſelten und kurze Zeit uͤber aufhalten koͤnnen. Der erſtere, der Senator Fulvius Florentius, war zu Majorian's Zeiten nach Rom berufen worden. Dieſer tugendhafte Kaiſer, den man mit vollem Rechte den letzten Römer nennen könnte, hatte den Florentius bald im Rathe bald im Felde ge⸗ braucht, er heiligte in ſeinen Augen die Sache des Vaterlandes, und als er ermordet wurde, fuhr Florentius fort die ünabhaͤngigkeit Roms zu ver⸗ theidigen, ohne ſich darum zu kuͤmmern, wer der Monarch war, in deſſen Nahmen die Befehle gegeben wurden. Damals war es achtzehn Jah⸗ re, daß er dem Kaiſer Julius Nepos nach Dal⸗ matien folgte, und da er den Fall des Reichs vorausſahe, der auch nur noch um zwey Jahre verſchoben wurde, hatte er ſeine Gemahlin und ſei⸗ nen einzigen, erſt acht Jahr alten, Sohn nach Gallien zuruckgeſchickt, indeß er ſich ſeloſt nach Conſtantinopel begab, um den Kaiſer Zeno zu bitten die Vertheidigung des Oecidents zu uͤber⸗ nehmen. X — 48— Ein Grammatiker*) und ein Prieſter wa⸗ ren von dem Senator Florentius ausgewählt wor⸗ den, um Sylvien in ihre Einſamkeit an der Loire zu begleiten, und mit ihr gemeinſchaftlich die Er⸗ ziehung eines Sohnes zu beſorgen, den ſie erſt in vorgeruͤckten Jahren erhalten hatte, und auf dem die Hoffnung ihres Hauſes beruhte. Indem der Senator ſolche Lehrer anſtellte, um den Sohn in geiſtlichen und weltlichen Wiſſenſchaften ein⸗ weihen zu laſſen, hatte er ſich nach der dama⸗ ligen Sitte aller vornehmen Familien bequemtz allein er forderte auch von Sylvien, daß ſie ſich in Anſehung der Vollendung ſeiner Erziehung nicht auf jene Lehrer allein verlaſſen ſollte. Er hatte ihr deshalb empfohlen ihren Sohn Felix bei Zeiten in eine große Stadt zu bringen⸗ „Der Umgang mit ſeines Gleichen nur bildet den Menſchen“ hatte er ihr geſagt,„und von Or⸗ Grammatiker waren Gelehrte, deren man ſih in jener Zeit vorzuͤglich zum unterrichte der Jugend bediente. Das Sprachſtudium iſt von jeher fuͤr einen Hauptgegenſtand jugendlicher Bildung gehalten worden. D. Ueberſ. — 19— leans bis nach Tours würde er nur Untergebene oder liſtige Sclaven finden. Wer in Novlliacum wuͤrde es wagen, ihm dreiſt ins Angeſicht zu ſchauen, oder eine andre Meinung zu aͤußern als er, wer wuͤrde ſich ihm widerſetzen, oder ihm einen Zweifel an ſeiner eigenen Geſchicktichkeit oder Bedeutſamkeit beibringen wollen? Welches Beduͤrfniß wuͤrde er fuͤhlen zu überzeugen, wo es ihm nur ein Wort koſtet, um jedermann zum Gehorſam gegen ſich zu vermögen? welches Be⸗ duͤrfniß Recht zu haben, wenn ihn Niemand em⸗ pfinden laſſen wuͤrde, daß er Unrecht hat? Ich kenne zwar die Laſter und die Verderbniß der Stadte wohl, allein ſollten ſie der Verderbniß gleich kommen, welche die Sclaverey nährt? Ich weiß, er wird in großen Staͤdten Ränkemacher und Schmeichter finden, welche ſich beſtreben werden ſeinen unedlen Neigungen zu fröhnen, er wird ſchamloſe Weiber finden, die ihm alle Arten von Lockungen zur Ausſchweifung vorhalten wer⸗ den; allein wird es denn an Schmeichlern, Raͤn⸗ kemachern und Weibern fehlen, die bereit ſind ihn zu verfuͤhren, wenn er blos von ſeinen Sclaven S 2 umgeben bleibt? Wird er im Gegentheile unter dieſen einen einzigen finden, der nicht ſchon auf die erſte Regung eines verderbten Geſchmackes an ſeinem jungen Herrn lauerte, um dieſen ſchnell in eine Leidenſchaft zu verwandeln, oder auf die erſten Spuren einer Schwachheit, um ſie zum La⸗ ſter zu verſtärken? Sind wir denn in dem Schoo⸗ ſe unſerer Familien nicht von eben ſo viel Ver⸗ fuͤhrern und Verderbern umgeben, als die weich⸗ lichen Fuͤrſten Aſiens? Wuͤrde ein, mitten unter ſeinen Selaven zur Tugend erzogener junger Ge⸗ bieter nicht eine eben ſo ſeltene Erſcheinung ſeyn, als der Sohn eines Deſpoten, deſſen Herz rein, deſſen Gemuͤth gefuͤhlvoll geblieben waͤre? Wehe uns! Wehe unſerer Zeit, wo freye Menſchen faſt ganz von der Erde verſchwunden ſind. Wehe unſrer Zeit, wo der Herr von Noviliacum mehr als zehn Stunden Weges zu machen hat, ehe er ſeines Gleichen findet! Dies, dies ſind die Urſachen des Sturzes des roͤmiſchen Reichs, nicht die Zwiſtigkeit zwiſchen Glycerius und Ne⸗ pos, oder die um ſich greifende Ehrſucht des Pa⸗ triziers Oreſtes. Weil man keine wahren Italie⸗ —— ner in Italien, keine wahren Gallier in Gallien mohr findet, können unſere Heere uns nicht mehr vertheidigen, ſchreiben uns die Federirten Geſetze vor.. vntuti Sobald Felit ſein vierzehntes Jahr erreicht hatte, nahm ihn Sylvia von Noviliacum weg, wo ſie bisher, abwechſelnd mit den benachbarten Staͤdten, Tours und Orleans, gewohnt hatte, um ihn nach Arles zu fuͤhren, das man immer noch als die Hauptſtadt des römiſchen Galliens, ſelbſt nach dem Falle des abendländiſchen Reichs, betrachtete und wo ſich mehrere der angeſehenſten Großen aus der Provinz verſammelt hatten. In dieſer Geſellſchaft römiſcher Edlen ſollte er ſich jene feinere Bildung der Sitten erwerben, welche ei⸗ nem Manne in öffentlichen Verhältniſſen ge⸗ ziemte. Durch das Beiſpiel mehrerer unter ih⸗ nen konnte er ſich in der Politik und Beredſam⸗ keit vervollkommnen, allein in Anſehung der Kunſte des Krieges, ſo wie der Entwickelung der⸗ jenigen Eigenſchaften des Korpers und Charak⸗ ters, welche nur durch ein thätiges Leben moͤglich wird, konnte er von den zu Arles verſammel⸗ ten Vornehmen keinen Vortheil ziehen. Daher wuͤnſchte Sylvia, daß ihr Sohn, ſobald er den Degen fuͤhren koönnte, ſich mit den Barbaren in Verbindung ſetzen, und jenes Gefuͤhl von Wuͤrde und Kraft dadurch erwerben ſollte, welches die jungen Romer durch eine verweichlichte Erzieh⸗ ung verloren hatten. Sie ſtellte ihn daher dem Koͤnig der Weſtgothen, Erich, vor, der ſeinen Hof zu Toulouſe hielt, dann dem Gundebald, König der Burgunder, der Vienne in der Dau⸗ phinè zu ſeiner Hauptſtadt gemacht hatte. Die Roͤmer verachteten und haßten eigentlich die Barbaren, allein ſie fuͤrchteten ſie auch; die Senatoren der Gallier— und man gab dieſen Nahmen allen denen, die durch ihren Einfluß und ihre Reichthuͤmer verdient haben wuͤrden in den Senat der letzten Kaiſer aufgenommen zu werden— hieiten ſich wenisſtens fuͤr eben ſo vornehm als die Koͤnige dieſer erobernden Staͤm⸗ me, welche ſich oft, wie ſie geſehen hatten, mit Ei⸗ fer um roͤmiſche Staatswuͤrden bemuͤhten; ja, ſie gaben ſelbſt di Hoffnung nicht auf ihnen noch einmal gebieten zu koͤnnen, ſobald der Adler des — 6„— Reichs, der ihrer Anſicht nach nur ſchlummerte, von neuem ſeine Schwingen entfalten wurde. Al⸗ kein ſie verſtanden ſich beſſer, als irgend ein Hof⸗ mann, auf die Achtung, welche man der Kraft zollen muß; vier Jahrhunderte der Knechtſchaft hatten in ihnen alle Kuͤnſte der Schmeichelei ent⸗ wickelt, und der ſtolzeſte Gallier beſaß die Kunſt und fand es nicht unter ſeiner Wuͤrde, biegſam, achtungsvoll und ſchmeichelnd mit jenen wilden Eroberern umzugehen, unter denen ſich vielleicht nicht einer fand, der ſich nicht mit dem Blute der Bruder oder naͤchſten Verwandten von ienen befleckt gehabt hätte. WMit einem ſolchen Charakter aber zeigte ſich Felir Florentius nicht an den Höfen von Toulou⸗ ſe und Vienne. Sein natuͤrlicher Muth war durch jugendliche uebungen und durch das Be⸗ ſtehen von Gefahren entwickelt worden, er wußte daher beſſer als ſeine Landsleute zu beſtimmen, was zur Tapferkeit gehoͤre, und ſchaͤtzte ſie nach ihrem wahren Werthe. Erich's Siege, welche den Weſtgothen faſt ganz Aquitanien unterworfen hatten, ließen ihn nicht vergeſſen, daß derſelbe — Menſch ſeinen Bruder, Theoderich, ermorbet ha⸗ be, und Gundebald erſchien ihm, trotz ſeiner glaͤnzenden Tapferkeit, doch ſtets als der Mörder Chilperichs, ſeines Bruders, ſeiner Gattin und ſeiner Kinder. Felir machte ſich in dem Lager, wie an dem Hofe der Barbaren als einen Mann goachtet, der ein eben ſo guter Krieger war, als ſie, und ein beſſerer Buͤrger dazu. Felir Florentius hatte in den Schulen, in den Verſammlungen vornehmer Roͤmer, an den Hofen der barbariſchen Fuͤrſten eben ſo viel Men⸗ ſchen⸗, als Geſchäftsbenntniß erworben und ver⸗ einigte dieſe nun mit einer edlen Geſinnung und einer erhabenen Denkart. Seine Geſtalt zeigte, wenn auch eben nicht Schönheit, doch etwas ſehr Einnehmendes. Er war zu der Zeit, wo unſere Erzählung beginnt, erſt in ſein ſechs und zwan⸗ . zigſtes Jahr getreten, allein Jedermann mußte ihn fuͤr alter halten. Etwas Ernſtes in ſeiner Haltung, Etwas Langſames und Abgemeſſenes in ſeinen Bewegungen erinnerte daran, daß er unter romiſchen Senatoren gelebt hatte; allein die Kraft ſeiner breiten Schultern, das ſchoͤne Verhaͤltniß ſeines Wuchſes, der nur ein wenig unter dem mittlern ſtand, ſo wie ſein feſter Gang, bewieſen deutlich, daß er nicht ohne Vortheil die Leibesuͤbungen der Barbaren getheilt hatte Schwarze, lebhafte, glaͤnzende Augen belebten ein etwas blaſſes Geſicht und haben ſeiner Phy⸗ ſiognomie einen verſchiedenen Ausdruck nach Maß⸗ gäbe der eben ſein Gemuͤth bewegenden Eimpfin⸗ dungen. In bemſelben Jahre war Felip nach dem Oriente gerufen worden, und zwar durch den Tod ſeines Vaters, der kurz nach der Krö⸗ nung des Kaiſers Anaſtaſius daſebſt erfolgt war. Auf ſeiner Ruͤckkehr hatte er Italien durchreiſt, um deſſen Beſitz ſich eben der große Theoderich nebſt ſeinen tapfern Oſtgothen mit Odoaker ſtritt. Derjenige Theil von Gallien, den die Barbaren noch nicht uͤberſchwemmt hatten, gehorchte na⸗ mentlich den Kaiſern des Orients und erkannte immer jenes roͤmiſche Reich an, deſſen Oberhaupt zu Conſtantinopel ſich befand; allein in dieſer Regierung wohnte keine wohlthätige und ſchützen⸗ de Macht mehr. Daher eilte der nach Gallien zuruͤckgekehrte Felix Florentius, um ſich ſogleich nach Noviliacum zu begeben. In einem der Anarchie preißgegebenen Lande, wo die Geſetze keine Kraft mehr hatten, wo die Macht der Geſellſchaft ſich nirgends mehr verſpuͤren ließ, ſchien es ihm Pflicht zu werden fur die großen Gutsbeſitzer, mehr die Laſten als die Vortheile der Souverainetãt auf ſich zu nehmen, den Land⸗ leuten, welche auf ihren Beſitzungen lebten, ra⸗ thend, ermunternd und ſchuͤtzend beizuſtehen, und ihnen durch Beiſpiel und Huͤlfe zu nuͤtzen vei dem Elende, welches eben den ganzen We⸗ ſten Europas ſo furchthar druͤckte. . Die Flüchtlinge. 3 Fuliun hatte das Militairweſen in Galtien ganz in Verfall gefunden, die Barbaren gingen un⸗ geſtoͤrt uber den Rhein und erſtreckten ihre Ver⸗ wüſtungen bis an die Stäbre an den ufern des Meeres, indeß aut Einwohner bei ihrem blot ßen Nahmen zitterten, und der Kaiſer Con⸗ ſtantius ihm nur dreyhundert Mann zu Ver⸗ ſtaͤrkung ſeines Heeres gegeben hatte. Zoſi⸗ mus Geſchichte⸗ 3. B. p. 703. E⸗ waren erſt wenig Monate vergangen, ſeit Felir Florentius Noviliacum bewohnte, als eines Tages, indem er eben ſeine Blicke auf das ent⸗ gegengeſetzte Ufer der Loire warf, er daſelbſt mit Verwunderung eine ungewoͤhnliche Bewegung K* Hirten trieben in Eil zahlreiche Heer⸗ den nach dem Fluſſe zu„Pferde und Maulthiere kamen in langem Zuge daher, beladen mit allerlei Hausgeräth, Maͤnner zu Pferde, mit Lanzen be⸗ waffnet, und andere, in groͤßerer Anzahl, ihre mancherley Acker⸗und Arbeiteinſtrumente tragend, gruppirten ſich nach und nach am Ufer, endlich erſchienen auch Weiber, von Kindern umgeben und einige auf den Armen haltend; alle bewegten ſich ganz langſam, und wie von großer Anſtren⸗ gung erſchoͤpft; allein augenblicklich ſahe man den ganzen Haufen die Schritte boſchleunigen, ſich dem Ufer zu ſtuͤrzen, und dann wieder Halt machen, wenn ſie bemerkten, daß e vich verfot wuͤrden. unterdeſſen trieben einige Reuter von Zeit zu Zeit ihre Pferde in den Fluß; mit ihren Lanzen unterſuchten ſie ſeine Tiefe, dann kehrten ſie zu⸗ ruͤck, wie entmuthigt durch das was ſie gefunden. Sie machten denſelben Verſuch weiter oben und wei⸗ ter unten, dort, wo das Aufſchaͤumen des Waſſers ei⸗ nen erhöhtern Grund anzudeuten ſchien, worauf ſie ihre Pferde koͤnnten Athem ſchopfen laſſen, und hier, wo das Gewäſſer eine gleichere Oberflaͤche und einen minder reißenden Lauf ankuͤndigte. — 2— jedem fruchtloſen Verſuche ſahe man ſie zuſam⸗ men Rath halten. Zu gleicher Zeit hieben Einige Bäume um und arbeiteten an ihrer Zuſammenfu⸗ gung, um ein Floß zu Stande zu bringen, Andere bemuͤhten ſich dasjenige Hausthier, welches unter allen das geſchickteſte im Schwimmen iſt, das Schwein, in den Fluß gehen zu laſſen, gleich als ſollte es erſt die verzweifelte Unternehmung verſu⸗ chen, worein ſich die Reuter zu ſtuͤrzen im Begriff ſtanden; dann folgten ſie dieſen Thieren mit den Augen, und verriethen die tödlichſte Angſt, wenn ſie ſahen, daß jene durch den Strom mit fort eriſ⸗ ſen wurden. Als ſie aber endlich auf den Terraſ⸗ ſen von Noviliacum Zuſchauer wahrnahmen, welche auf ihre Bewegungen achteten, ſtreckten ſie ihnen flehend die Haͤnde entgegen. Die Gewäſſer der Loire wurden zu jener Zeit ſelten von Fahrzeugen durchfurcht. Der Handel zwiſchen den verſchiedenen, an ihren Ufern gele⸗ genen Staͤdten war ſehr im Stocken; der Acker⸗ bau jedes Bezirkes reichte fuͤr denſelben hin, und ſo entſtand kein Austauſch der Produkte mit den chbarn. So oft die Provinzen durch die An⸗ näherung eines feindlichen Corps, oder durch eine Streifparthie der Barbaren aufgeſchreckt wurden, ſießen diejenigen, welche hofften, ihr Eigenthum durch einen Fluß geſchuͤtzt zu ſehen, in der Eil an den ufern deſſelben alle Nachen und Kähne ver⸗ nichten, deren ſich jene furchtbaren Raͤuber zu Erreichung ihrer Abſichten leicht bedienen konnten. Bloß der Herr eines großen Eigenthums behielt ſich eine gewiſſe Anzahl von Kaͤhnen vor, um ſeine Vorräthe in die nachſte große Stadt zu bringen; allein, wenn er ſich derſelben nicht be⸗ diente, ſo ſchloß er ſie in einem geſchuͤtzten und gedeckten Hafen ein und an Ketten, wo er ſie dann ſorgfaͤltig als ſein weſentlichſtes und gefaͤhr⸗ lichſtes Eigenthum huͤtete. In der That konnten auch zur Zeit des Krieges oder eines feindlichen Einbruchs(und wann hatte denn, ſeit zwey Jahr⸗ hunderten⸗ der Krieg aufgehoͤrt ²) dieſe Fahrzeuge ſeine furchtbarſten Feinde bis an ſeine Thore fuͤh⸗ ren, ſo wie ſie ihm im Gegentheile eine Zuflucht gewähren mochten, wenn jedes andere Mittel ſich in Sicherheit zu bringen ihm benommen 3 Selbſt wenn der Feind nicht in der Nähe w r „ mußte man die Fahrzeuge gegen die Sclaven in Sicherheit bringen, denn dieſe waren ſtets be⸗ muͤht ſich in Freiheit zu ſetzen und die Beſitzungen ihrer Herren zu pluͤndern. Unterhalb Noviliacum hatte man in dem Fel⸗ ſen, worauf das Schloß ſtand, eine tiefe Aus⸗ höhlung angebracht, und hier eine Art von Hafen gebildet, der mit dem Fluſſe vermittelſt eines Kanals in Verbindung geſetzt war. Seine Oeff⸗ nung war ſtets durch ſchwere eichene Thuͤren und durch gewichtige eiſerne Riegel verſchloſſen; ſie war dabei dergeſtalt verſteckt, daß man ſie von weitem gar nicht gewahr werden konnte; denn es war faſt eben ſo nothwendig ſolche Fahrzeuge zu beſitzen, als es ſich nicht merken zu laſſen, daß man ſie beſitze. Dieſer Hafen enthielt uͤbrigens zwey große Kaͤhne und zwey andere kleinere; allein Felix hatte zu Noviliacum nicht mehr als drey Fuͤhrer dazu; die andern wohnten in dem Lager der Legionarier, ohngefähr eine Stunde davon entfernt. Demohngeachtet ließ er einen Kahn ½ Waſſer ſotzen, der an zwanzig Perſonen faſſen konnte, und nachdem er Befehl gegebem — ſogleich die nöthigen Fährleute zuſammen zu brin⸗ gen, um groͤßere Fahrzeuge zu bemannen, auch ſein Wehrgehänge nebſt dem Schwerdte umge⸗ hangen hatte, ſtieg er ſelbſt in den Kahn, und ließ nach dem andern Ufer zu ſteuern. Als er ſich demſelben näherte, konnte er die Bewegungen, Ungeduld und Unruhe des Haufens deutlich bemerken, der ihn auf dem nördlichen ufer der Loire erwartete. Mehrere Frauen, die den Guͤrtel ins Waſſer, gleich als wollten ſie zu⸗ erſt in den Kahnz andere kämpften mit denen, die ſich nach dem Ufer draͤngten, um ſich in den erſten Reihen zu erhalten noch andere bildeten Grup⸗ pen mit ihren Familien und ihrem Gepaͤcke, und ſchienen ſich das Wort gegeben zu haben, ſich nicht zu trennen⸗ 45 1 3 Felir ſahe wohl, daß er nicht ohne Gefahr nmitten unter dieſem Haufen landen wuͤrde, der, wenn er ſich mit einem Male in den Nachen ſtuͤrzte, ihn ſinken machen könnte. Als er ſo weit gekommen war, daß man ſeine Stimme vom Ufer aus vernehmen konnte, befahl er ſeinen Ruderern, Kinder auf den Armen tragend, ſchritten bis an ſich auf die Ruder zu lehnen, indeß er die Flucht⸗ linge fragte, woher ſie kaͤmen, und was ſie be⸗ gehrten. Tauſend Stimmen antworteten zugleich, allein in der Verwirrung dieſer Stimmen unter⸗ ſchied man doch deutlich die Worte: Mord, Feuersbruͤnſte, Barbaren, Franken! Uebrigens waren auch dieſe Worte hinreichend, Alles zu erklären: Seit ſechs Jahren hatte Chlodowich, König eines kleinen fraͤnkiſchen Stam⸗ mes, nachdem er den Syagrius beſiegt, ſich Soiſſons bemächtigt, und von dieſer Zeit an hat⸗ ten die furchtbaren Abenteurer, die ſeinen Fah⸗ nen folgten, oder diejenigen, welche, ohne ihn als ihren Koͤnig anzuerkennen, ihn doch als den ge⸗ ſchickteſten und gluͤcklichſten Peerfuͤhrer ihrer Nation betrachteten, jedes Jahr einige Gegenden der Nachbarſchaft mit Schrecken und Verheerung heimgeſucht. Ich kann nicht mehr als zwanzig Per⸗ ſonen in das Boot aufnehmen, ſagte Felir, allein auf dem andern Ufer des Fluſſes habe ich groͤßere. Giebt es wohl unter Euch gute Schiffer, welche ſich im Stande fuͤhlen ſie zu leiten? 1r Bd. C Fch! ich! riefen ſogleich hundert Stimmen auf einmal. 1 Dieſer Eifer ſchien Felir me die Furcht als die Geſchicklichkeit derjenigen anzuzeigen, welche ſo ſchrieen. Er wiederholte ſeine Frage: Es muͤſſen ſich doch unter Euch einige Seineſchiffer finden; welche ſind die, die Schiffe Sf die Seint gefuͤhrt haben? Ich! ich! riefen abermals ie— Stimmen, und zugleich warfen ſich einige Män⸗ ner ins Waſſer, um deſto eher zu dem Boote zu gelangen. Felir mußte nun zum Degen greifen und erklaͤren, daß er Niemanden zulaſſen wuͤrde, außer wen er ſelbſt ausgewählt haben werde. Allein in dieſem Augenblicke naͤherten ſich dem Boote, gegen uͤber dem Ufer, acht bis zehn Reiter, welche man an ihren Schaafpelzen und ihren lan⸗ gen Lanzen ſogleich fuͤr Hirten halten mußte, und trieben den entwaffneten Haufen von dort zuruͤck. Mitten in dieſer Gruppe befand ſich auch ein Weib; die Fremde war verſchleiert und in einen ſchlechten Mantel gehuͤllt, ſo daß die Aufmerkſam⸗ keit von Felix noch durch Nichts auf ſie gerichtet . worden war. Es ſchien ihm jetzt, als ob ſie einem der Hirten einen Befehl ertheile, und dieſer eilte ſogleich durch den Haufen hin, und kehrte bald mit ungefähr funfzehn Maͤnnern zuruͤck. Hier, ſagte nun die Fremde, welche ſich an Felir wandte, hier ind die einzigen unter uns, welche wirklich im Stanbe ſeyn möchten, Fahr⸗ zeuge auf dem Strome zu fuͤhren. Bringt ſie ſchleunigſt auf das andere Ufer, denn es iſt gerade Zeit, die Franken ſind ahrſcheinlich nicht mehr weit. Man braucht doch wenigſtens eine Stunde, um an das andere üfer zu gelangen und wieder zuruͤckzukehren, und vielleicht iſt in einer halben Stunde keiner dieſer Ungluͤcklichen, die nur Mitleiden anflehen, mehr uͤbrig, der nicht in ſeinem Blute läge! In demſelben Augenblicke hatte bas Fahrzeug das Land beruͤhrt, und die Schiffer traten herzu, Platz darin zu nehmen. Und Ihr ſelbſt? ſagte Felir zu der Fremden, die mit ihm geſprochen hatte, indem er ihr die Pand reich, um ſie gleichfalls einſteigen zu laſſen. 6 2 — 56— Ich— ich werde Eure Ruͤckkehr erwarten! ſagte ie, ich verlange keine Rettung, wenn ich ſie nicht mit denen ge kann, die mich beſchuͤtzt haben. Nun! ſo werde ich auch hier warten! ver⸗ ſetzte— indem er zu ihr aus dem Boote ſprang. Geh! Dioeles! ſagte er dann zu einem alten Krieger, der das Steuerruder hielt, veſorge Alles, daß man uns nicht lange mehr auf dieſem Ufer laͤßt.— Diocles neigte, zum Zeichen des Gehorſams, das Haupt; das Fahrzeug entfernte ſich, und da einige der Schiffer im Vorbeigehen diejenigen Ackerinſtrumente aufgegriffen hatten, welche am veſten die Stelle der Ruder vertreten konnten, ſo machten ſich alle ans Werk, und der Kahn durch⸗ ſchnitt mit reißender Schnelligkeit die Wellen⸗ Felir naͤherte ſich nun der Fremden, welche ihm geſprochen hatte, und welche einer der Fluchtlinge als Julia, die Tochter des Julius Severus, Senators und Grafen von Chartres vezeichnete. Ihre Geſtalt wurde zwar voh einem Schleier bedeckt, allein an ihrer Stimme und ihren Bewegungen erkannte man deutlich ihre Jugend; ſie war von feinem Wuchs, und alle ihre Geſten zeigten Anmuth.— Ich habe Pflichten gegen dieſe Ungluͤcklichen zu erfuͤllen, ſagte ſie zu Felir, allein Ihr...— Felix konnte in der That kaum angeben, wie er hoffte ihnen nützlich zu werden, indem er ihre Gefahren theilte; allein es wäre ihm durchaus unmoͤglich geweſen, ſicher in ſeinem Fahrzeuge zu bleiben, indeß ein Weib ſich freiwillig der Gefahr Preiß gab. Laßt uns bedacht ſeyn, nur eine Stunde uns zu vertheidi⸗ gen, ſagte er, mehr braucht es nicht zu unſerer Rettung. Wohl! verſetzte Julia, verſucht es; allein ſie ſind zwey Tage lang vor einer Hand voll Menſchen geflohen— ſetzte ſie hinzu, auf die ſie umringende Menge deutend; wir kommen aus der Gegend von Chartres; die Franken haben dieſe Stadt durch Feuer zerſtört und ſich dort im Blut ge⸗ badet. Diejenigen, welche unter ihrem Schwerdte gefallen ſind, liebten gewiß das Leben nicht minder als dieſe Fluͤchtlinge, und doch haben ſie es vertheidigt. Seyb ihr verfolgt worden? „Unſer Haufe iſt ſo oft von einem M Schrecken ergriffen worden, er hat ſo oft die Flucht ergriffen, ohne ſich umzuſehen, daß ich nicht weiß, wie weit wir eigentlich verfolgt worden ſind. Hat der Feind Pferde? Die Franken ſind zu Fuß, und ſtreiten nur mit ihrer Streitart, allein es haben ſich einige ſarmatiſche Reuter an ſie angeſchloſſen; dieſe waren es, die zuerſt in Chartres eindrangen, dieſe gewiß auch, welche man uns auf den Ferſen zu ſehen geglaubt hat, und die uns, noch vor wenig Stunden, in und Furcht wſeb haben. Felir durchlief mit den t den am ufer d der Loire verſammelten Haufen, um Männer unter demſelben aufzufinden, welche im Stande wären ihn zu unterſtutzen. Mit Ausnahme einiger Hirten, welche gewohnt waren die Lanze zu fuͤh⸗ ren, um ihre Heerden zu leiten und ſie gegen die Woͤlfe zu vertheidigen, ſahe er nirgends eine Hal⸗ tung oder einen Ausdruck, welcher Muth verkuͤn⸗ digte, oder nur jenen Grad von enſchſuhei, der zur Vertheidigung des Lebens in der äußerſten Gefahr erforderlich iſt. Furcht und niedrige Pfif⸗ figkeit war das Einzige, was ſich auf den Geſich⸗ tern dieſer an die entehrendſte Behandlung ge⸗ wohnten Selaven, dieſer durch ihre Herren eben ſo ſehr als deren Diener niedergedruͤckten Land⸗ bauern erkennen ließ. Felir ſetzte daher eine Nachforſchung nicht weiter fort, welche ſeinen eigenen Muth erſchuͤtterte. Freunde! ſagte er zu ihnen, ich verlange von euch nur eine, nur eine einzige Anſtrengung; ſie wird genug ſeyn, um euer Leben, ſo wie das Leben derjenigen zu retten, welche euch am meiſten am Herzen liegen. Wie? wenn ihr nun noch ver⸗ folgt werdet,— wenn wir auf dieſen letzten Punkt angegriffen werden, ehe uns der Ruͤckzug moöglich iſt, wollt ihr dann nicht lieber als muthige, herzhafte Maͤnner, in der Vertheidigung eurer Weiber und Kinder fallen, als wie Schaafe hinwuͤrgen laſſen? Indem Felir ſprach, bemerkte er, daß die Männer, welche neben ihm in den erſten Reihen ſtanden, wie durch eine unwillkuͤhrliche Bewegung — 40— zuruͤckwichen, und die Weiber an ihre Stelle traten. Bald ſahe er ſich nur noch von dieſen allein um⸗ geben. Sie beantworteten ſeine Ermahnungen mit einer Art von Energie; ſie verſuchten ſelbſt, die Maͤnner unter dem Haufen zum Gefechte auf⸗ zumuntern. Was haben ſie denn vor euch vor⸗ aus, jene Tapfern, ſagten ſie, vor denen ihr zittert? Sind denn ihre Leiber abgehärteter fuͤr Beſchwerden, ihre Schwerdter ſchaͤrfer als die eurigen? Aber ſie haben ein Herz, dieſe Lu und das habt ihr Mcht!— 3. Felir, von der Wahrheit dies— — ſo wie von der Unmoͤglichkeit, mit ſol⸗ chem Volke einer furchtbaren Metzelei zu ent⸗ gehen, wenn die Franken vor der Ankunft der erwarteten Fahrzeuge bis zu ihnen gelangen ſollten, erblaſſte vor Unwillen; da bemerkte er, daß die Hirten, welche Julien begleitet hatten, knirſchend vor Zorn ihre Lanzen ſchwenkten. In dem Augen⸗ blicke zog er ſein Schwerdt, und rief: Folgt mir! Gluͤcklicher Weiſe war gerade die Gegend, wo ſich die Fluͤchtlinge verſammelt befanden, einer ſchwachen Vertheidigung fähig. Es war eine —— Ebene, gebildet durch das, was der Fluß nach unb nach hier angeſpult und abgeſetzt hatte, allein in einer Entfernung von vier bis fuͤnfhundert Schrit⸗ ten erhoben ſich amphitheatraliſch die Huͤgel, an deren Fuß ehedem die Loire ihren Lauf gehabt hatte. Sie waren ſteil; an mehr als einer Stelle trat der nackte Fels hervor, an andern war der ſteile Abhang mit Dornen und andern ſich ver⸗ ſchlingenden Geſtraͤuch bedeckt, wodurch der Weg daruͤber durchaus verſperrt wurde. Zwey bis drep, Fußpfade ſchlaͤngelten ſich blocon der Ebene des Fluſſes aufwärts und vereinigten ſich auf dem Gipfel des Huͤgels. Sonſt uberall war der Zu⸗ Fang ganz unmöglich, beſonders fuͤr Reuter. Nachdem Felir mit den Hirten bis auf den Gipfel geklimmt war, und ſich verſichert hatte, daß kein Feind im Geſichte fey, rief er die Landleute zu ſich, denen dieſe Nachricht wieder einiges Ver⸗ trauen eingeſloͤßt hatte; er befahl ihnen Baume zu fällen, die er queer uͤber die Fußſteige werfen tieß, und Graͤben zu ſtechen, wodurch jede Be⸗ nutzung von jenen unmoͤglich gemacht wurde. Dieſe Arbeit war auch keinesweges vergeblich, — 42— denn, indem ſich Felir noch auf dem Kamme der Anhoͤhe befand, machte ihm ein Hirt auf unge⸗ fähr zwanzig Reuter aufmerkſam, welche ſich im vollen Roſſeslauf näherten. Sie ritten kleine barbariſche Pferde, ein Bogen hing uͤber ihre Schultern, und ein langer Degen an ihrer Seites ihr kurzer Leibrock war durchaus mit hornernen Schuppen beſetzt, welche ſich in einander verſchlun⸗ gen bedeckten, und deren Geklapper ſich während der Bewegung des Reitens deutlich vernehmen ließ. In dem Augenblick, wo die Grabenden, welche ſich bei Felir befanden, derſelben anſichtig wurden, ſtießen ſie ein furchtbares Geſchrei aus, und ſtürzten ſich, ihre Arbeit verlaſſend, alle dem Fluſſe zu. Ihre Ankunft verbreitete unter dem am ufer befindlichen Haufen Schrecken und Un⸗ ordnung. Die Weiber und die Kinder liefen gans außer ſich umher, und weinten und klagten, ſo, daß ihr Geſchrey von dem Echo der Gebirge wie⸗ derholt wurde. Unterdeſſen waren die von Novi⸗ tiacum abgeſandten Fahrzeuge angekommen, und die Tochter des Senators Julius Severus nahm unter den Fluͤchtlingen von Neuem jenes Anſehen — 43 in Anſpruch, welches Characterſtaͤrke uͤber diejeni⸗ gen verleiht, die in ſich ſelbſt nur Schwäche fuͤh⸗ len. Felir ſahe von weitem, wie ſie die Einſchif⸗ fung ordnete, zuerſt die Weiber und Kinder auf den beiden größten Kähnen unterbrachte, hierauf das Vieh, als den Hauptreichthum, der den Flüchtlingen geblieben war, ſo wie die verſchiede⸗ nen Effecten, die ſie aus der Pluͤnderung gerettet hatten; endlich, und nachdem Alles, was ſich fortſchaffen ließ, in Sicherheit gebracht worden war, durften auch die Männer darauf Platz nehmen. Unterdeſſen waren die Sarmaten bis zum Kamme der Anhöhen jenſeits vorgedrungen, allein hier wurden ſie durch den Verhau aufgehalten, womit Felir die Fußpfade hatte verſperren laſſen Da ſie aber von hier aus die beladenen Fahrzeuge auf dem Fluſſe erblickten, ſahen ſie wohl ein, daß, bevor ſie das ſie aufhaltende Hinderniß uͤberſtiegen haben wuͤrden, die Fluͤchtlinge nebſt der mitge⸗ nommenen Beute außer ihrem Bereich ſich befinden mochten. Sie ſchoſſen daher noch eine Wolke von Pfeilen auf Felir ab, der ſich nun mit den — 44— Hirten langſam zurlckzog, und dann kehrten ſie um. Als Felir mit ſeinem kleinen Häuflein an das Ufer kam, fand er das ihn erwartende Fahr⸗ zeug, und er ſchiffte nun uber den Fluß g etn und ohne un 6 Drittes Kapitel. Ein— in Noviliacum. „Sei dem fulſchen Gerüchte, daß der Tod ben Lebensfaden ihrer Herren zerriſſen⸗ ſieht man Sclaven ihre Ketten brechen, ihr Joch abſchuͤt⸗ teln, von dem Tiſche zum Tanze, von dem Tanze zur Trunkenheit eilen, und aus dem verlaſſenen Aufenthalte den Schauplatz ihrer zuͤgelloſen Aus⸗ ſchweifungen machen.“ C laudian vom Getiſchen Kriege II. B. S. 144. Orgreich Felir's Barke von dem rechten Ufer der Loire ſpäter abgeſtoßen war als die großen Käͤhne, ſo kam ſie doch, da ſie ſchneller und mehr in gerader Richtung die Wellen durchſchnitt, eher an dem andern Ufer an. Sylvia Numantia, unterſtuͤtzt von Eudorius, dem Grammatiker, der die Erziehung unſers Helden begonnen hatte, und begleitet von zwey Matronen und vier jungen Mädchen, ihren Selavinnen, erwartete ihn am ufer. A 2 Theurer Felir, ſagte ſie zu ihm, indem ſie ihn an ihr Herz druckte, heute habe ich in dir das Blut des Majorian erkannt. Ich war ſehr be⸗ kümmert, als ich den Diocles ohne dich zuruͤck⸗ kommen ſahe, ſehr bekuͤmmert, als man mich auf der Höhe des Huͤgels die feindlichen Reuter bemerken ließ; allein mitten in meiner Unruhe war ich ſtolz darauf, einen Sohn zu haben, der ſich meines Kaiſers und meines Gemahls wuͤrdig zeigte. Wie viel fruchtloſe Anſtrengungen habe ich nicht verſucht, lieber Felix, um Eure cdle Mutter zu beruhigen, ſagte Eudopius. Umſonſt hab' ich ihr vorgeſtellt, daß Ihr gewiß nicht auf dem andern Ufer geblieben ſeyn wuͤrdet, wenn es Gefahr ge⸗ habt hätte; daß es doch nicht wahrſcheinlich ſey, Ihr wuͤrdet, um das elende Leben einiger Bauern zu retten, das ſo koſtbare Leben eines Senators — 46— aufs Spiel ſetzen, und daß Ihr wohl keinen andern Zweck haben mochtet, als den, durch jene höhere Klugheit und Einſicht ihre Anſtalten zu leiten.— Sie wuͤrdigte mich kaum einiger Aufmerkſamkeit. Allein ſo iſt eine beſorgte Mutter, oder, wie unſer göttlicher Claudian, von dem ich mich gewiſſer⸗ maaßen ruͤhmen darf, in meiner Kindheit ſelbſt Unterricht genoſſen zu haben, ſo trefflich ſingt: uu i estüat es Ouae teneros humili fetus commiserit orno. ———— ſ% flattert änhſtlich der Vogel, der dem niederen Strauche die zarten Jungen vertraut hat. Felir wußte recht gut, daß die großen Worte des Grammatikers ſich nie mit großen Gedanken vereinigten, und daß ſeine Citate mehr der Zweck, als die Zierde ſeiner Reden waren; deßhalb fuͤhlte er ſich verpflichtet ihm zu antworten. Er druͤckte ſeiner Mutter die Hand mit zärtlichem Blicke, und ſagte: Sie kommen, liebe Mutter, was wol⸗ len wir füͤr ſie thun?— Wirklich waren auch —— die großen Kaͤhne über die Loire geſteuert, allein der Strom der Wellen hatte ſie weiter abwaͤrts gefuͤhrt, und ein Theil der darauf Befindlichen zog ſie nun mit Muhe den Fluß aufwaͤrts, um ſie wieder Noviliacum gegenuͤber zu bringen. Nichts ſoll geſpart werden, ſagte Sylvia, um denen, fur die mein Sohn ſein Leben ge⸗ wagt hat, Gaſtfreundſchaft zu beweiſen. Iſt es uͤberdieß wahr, daß ſich auch Julia Severa unter den Fluͤchtlingen befindet, ſo darf ſie ſich, als die Tochter eines Freundes deines Vaters, nicht fremd in unſerm Hauſe finden. In dieſem Augenblicke kam eines der gro⸗ ßen Fahrzeuge am Fuße der zum Anlanden be⸗ ſtimmten Stufen an. Julia ſtieg zuerſt aus, und näͤherte ſich Sylvien mit einem Benehmen voll Wuͤrde und beſcheidener Achtung. ungluͤckliche Römer, ſagte ſie zu ihr, flehen eine roͤmiſche Buͤrgerin, Gallier eine Gallie⸗ rin um gaſtfreundliche Aufnahme. Das Unglück, welches ſchon ſo lange alle unſere Landsleute be⸗ droht, hat uns zuerſt getroffen; allein gewiß will uns das Schickſal neues Elend erſparen, weil es uns zu Euch gefuͤhrt hat. — 48— Kommt, Tochter des Severus, verſeste Syl⸗ via, das Hauß des Florentius ſoll Euch ein zweites Vaterhaus werden! Julia hob ihren Schleier auf, u die— wuͤrdige Frau zu umarmen, welche ſie ſo zuvor⸗ Lommend aufgenommen hatte, und Felir konnte die Zuge betrachten und bewundern, welche ihm bisher verborgen geblieben waren. Julia hatte noch nicht das zwanzigſte Jahr erreicht, ihre Haare waren ſchwarz, ihre Augen ebenfalls, al⸗ lein eine außerordentliche Sanftmuth und Milde vereinigte ſich in ihrem Blicke mit Lebhaftigkeit und Stolz. Die Weiße und Reinheit ihrer Haut wurde durch den Contraſt mit der Schwärze ih⸗ res Haares noch mehr erhoben. Die Unruhe des Tages, die mancherlei Gemuͤthsbewegungen, un⸗ ter denen ſie ihn verlebt hatte, gaben ihren Wan⸗ gen ein hoöheres Roth, welches ſich, ſo wie ſie ſprach, bald ſtärker belebte, bald erbleichte. Ihr Wuchs uͤberſtieg nicht viel die mittlere Große, al⸗ lein die Art, wie ſie das Haupt trug, gab ihrer Geſtalt eine gewiſſe Wuͤrde, ſelbſt in dem Au⸗ genblicke, wo ſie der Wittwe des Senator Flo⸗ rentius ihre ganze Hochachtung bezeigen wollte. Felir konnte ſeine Blicke gar nicht von ihr wen⸗ den; denn der edle und gefuͤhlvolle Ausdruck des ſchoͤnen Geſichts ſtimmte ſo wohl zu dem erſten Eindrucke; den ihr edelmuͤthiges Betragen auf dem andern Ufer der Loire auf ihn gemacht hatte, ſo wie zu dem Bilde, das ſchon durch den Ton ih⸗ ver Stimme in ſeiner Phantaſie erweckt worden war. Er fuͤhlte wohl, daß, wenn er ſie damals ganz geſehen hätte, es gar kein Verdienſt fur ihn geweſen ſeyn wuͤrde da bleiben zu wollen, wo ſie verweilte; ein Schickſal mit ihr zu theilen ſchien ihm nun ſchon ein würdiger Gegenſtand des hei⸗ ßeſten Wunſches, kein Opfer. Eudoxius, der ſie ebenfalls mit Augen betrachtete, welche fuͤr weibliche Schoͤnheit nicht unempfindlich zu ſeyn ſchienen, wiederholte einige Verſe aus dem Ho⸗ raz, welche er ziemlich paſſend hier anzuwenden wußte. Julia erröthete, allein ſie antwortete ſogleich durch andere Verſe des nämlichen Dich⸗ ters auf die heiligen Bande der Gaſtfreundſchaft. Das Ausſchiffen wurde unterdeſſen fortgeſetzt, und die Ungluͤcklichen, welche anfangs nur auf rr Bd. D die Rettung ih res Lebens bedacht geweſen waren, riefen nun, da ſie ſich am friedlichen Ufer abge⸗ ſetzt ſahen, das Andenken an ihre verlornen Beſitzthuͤmer, und vielleicht an verlorne Freunde und Geliebte zuruͤck. An die Stelle der Furcht war eine duͤſtere Niedergeſchlagenheit getreten. Jede Familie gruppirte ſich um die wenigen, elenden Ueberreſte ihres Eigenthums. Die Wei⸗ ber hatten ſich auf Steine oder Baumſtämme geſetzt, und ſtutzten den Kopf auf die Arme, indeß ihre Kinder ſie weinend umarmten, die Männer hielten am Zuͤgel ein Pferd oder einen Eſel, bela⸗ den mit den Ueberbleibſeln der Haushaltung, manchmal auch eine Kuh oder zwey, und betrach⸗ teten jene ſchweigend. Alle ſchienen jetzt zum erſten Male einen Blick in die Zukunft zu wer⸗ fen, in die Zukunft, die ſich nun auf einem frem⸗ den Boden fur ſie offnen ſollte, und von der ſie nicht wußten, ob ſie ſie ſich ſelbſt durch die peinlich⸗ ſten Anſtrengungen wuͤrden erträglich machen können. Der groͤßte der Fuüching⸗ zie auf ene qualvolle Weiſe das Bedürfniß der Nah⸗ rung. Die Ungluͤcklichen waren, ſeitdem ſie ihre Wohnungen verlaſſen hatten, blos auf diejenigen Nahrungsmittel beſchraͤnkt geweſen, die ſie auf ihrer Flucht hatten mitnehmen können, und ſo gern ſie ſich auch mit den grobſten Lebensmitteln begnüͤgt hätten, war es doch nicht leicht, ſogleich den Hunger von faſt dreihundert Perſonen zu ſtillen. Felix war indeß eifrig dafuͤr beſorgt ihre Beduͤrfniſſe zu befriedigen. Er ließ ihnen Brot, Gemuͤße und Salzfleiſch austheilen, und ſobald ſie ihr leichtes Mahl genoſſen hatten, wieß er ih⸗ nen ihre weitere Beſtimmung an, indem er dte Sclaven zu den Sclaven, die Hirten zu den Pir⸗ ten, die Landbauer zu den Landbauern in Woh⸗ nung brachte. Jeder mußte mit den Fremden ſeine enge Wohnung und ſeine Vorräthe theilen. Die Gaſtfreundſchaft, welche der Herr gewährte, ſollte auch im Einzelnen von allen denen geuͤbt werden, welche ihm untergeben waren. So hat⸗ te bald jede Familie ihre Beſtimmung erhalten, und die Hoͤfe des Schloſſes, oder die Raſenplätze, die es umgaben, waren von den Haufen v Fluͤchtigen gaͤnzlich gereinigt. D 2 ben zu koͤnnen, hatte Felir die Julia Severa ſei⸗ ner Mutter und dem Eudorius überlaſſen. Als er jetzt zu ihnen ins Zimmer trat, enthuͤllte ihm ein Blick aus Julias Augen ihre volle Dankbar⸗ keit. Er hatte durch die Sorge fuͤr ihre Un⸗ glucksgefährten mehr fur ſie gethan, als wenn er ſie ſelbſt keinen Augenblick verlaſſen haͤtte. unterdeſſen war Julia nebſt ihrer Amme, der einzigen ihrer Frauen, die ſich unter der Zahl der Fluͤchtlinge befand„in ihrem Gemache einge⸗ wieſen und eingerichtet worden. Der ganze rech⸗ te Flugel der Villa oder des Schloſſes Novilia⸗ cum waren zum Gynäceum: oder den Frauen⸗ gemächern, beſtimmt. Ein langer Schlafſaal, in mehrere Kammern oder Zellen getheilt, nahm die hintere Fagade des Gebaͤudes ein, welche nach Morgen zn ging und auf der Seite des freien Feldes ſich befand. Jede Zelle enthielt nur ein Bett, und wurde blos während der Zeit des Schlafes bewohnt; die ganze vordere Fagade aber, gegen Abend gehend und mit der Ausſicht auf die Loire, war abgetheilt in geſchmackvoll ver⸗ — 53— zierte Säle oder Zimmer, welche mit den Zellen in Verbindung ſtanden. Die Waͤnde derſelben waren bedeckt mit reichen Stoffen aus Vienne oder Lyon, mit perſiſchen Teppichen, welche die Marſeiller Kaufleute in Gallien einführten, oder mit vergoldetem Leder. Dieſelben Materialien bekleideten die Sophas oder Ruhebetten, welche laͤngſt den Waͤnden himliefen; uͤber den Fen⸗ ſtern prangten reiche Behaͤnge, Bildſäͤulen und Porphyr⸗Vaſen ſtanden in den Ecken der Gemä⸗ cher, und einige Malereien von den beſten Ma⸗ lern Roms zur Zeit des Kaiſer Adrians waren uͤber den Thüren angebracht. Die Augen der ſchönen Fremden wandten ſi ſ bald von der Betrachtung dieſer reichen Zimmer⸗ verzierungen zu dem noch ſchonern und reichern Gemälde, welches ſich unter ihren Fenſtern entfaltete. Unter einigen Gruppen alter Bäume, welche den Huͤgel kroͤnten, auf dem Noviliacum erbaut war, ſahe man ſich die Loire in ihrem breiten Bette hinſchlängeln; der Ueberfluß ihrer Gewäſſer gab der Landſchaft abwechſelnd die Zier⸗ den eines ſchoͤnen Seees oder eines reichen Fluſſes. Oberhalb des Schloſſes, wo die Krümmungen des Stromes einen Theil ſeines Lauſes dem Blicke entziehen, glaubte man ein großes Becken ſteh⸗ enden Waſſers zu ſehen„ welches die Gegen⸗ ſtaͤnde ſeiner Umgebung abſpiegelte; unterhalb deſſelben hingegen folgte man der langen Ausdeh⸗ nung des Fluſſes, der ſich endlich wie ein ſilbernes Band an den Grenzen des Porizontes verlor. An beiden Ufern erhoben ſich lachende Huͤgel einer uͤber dem andern; die entfernteſten waren mit alten Waͤldern bekleidet, andere aber mit Wein⸗ pflanzungen bedeckt, faſt auf allen entdeckte man alte celtiſche Gebaͤude, die ſchon ſeit langer Zeit in Truͤmmern lagen; die einen erinnerten an den entſchwundenen Ruhm der Bituriger und der Carnuten*), welche ſich auf dieſen Grenzen bekämpft hatten, die andern an den finſtern Aberglauben der Druiden, welche ihren Göttern, um ſie zu verſöhnen, Menſchenblut opferten, und ihre Opfergebräuche wahrſcheinlich in den benachbarten Wäldern verrichtet hatten. Die *) Die Voͤlkerſchaften von Bourges und Chartres. Sonne erleuchtete noch bei ihrem Untergange die hoͤchſten Gipfel, und ſo glänzten ſie in dem ſchö⸗ nen Lichte eines Herbſtabends, wie bezauberte Inſeln, in einem Ozean von Duͤnſten. Die Gemächer der Frauen öffneten ſich auf die lange Terraſſe des rechten Flugels, der aus⸗ ſchließend fuͤr ſie beſtimmt war. Unterhalb die⸗ ſer Terraſſe waren die kleinen Zellen ihrer Sela⸗ ven und die großen Säle angebracht, wo ſie zuſammenkamen, um zu naͤhen und die Stof⸗ fe zu weben, welche faſt alle im Innern von Pri⸗ vathäuſern verfertigt wurden. Zwiſchen den Ge⸗ maͤchern der Herrſchaft und denen der Sclaven waren mehrere Verbindungen angebracht, allein dieſe wurden jeden Abend ſorgfältig mit ſtarken eiſernen Riegeln verſchloſſen, die ſich an jeder Thuͤre befanden. Die unvermeidliche Folge un⸗ umſchränkter Gewalt in der Familie wie im Staate iſt das Mißtrauen. Ein Herr mußte un⸗ aufhörlich die Rache dieſer entwuͤrdigten Geſchoͤ⸗ pfe furchten, mit denen er ſich umgab, und deren Verhältniß ſchon ein Schimpf war, oft noch durch ungerechte oder grauſame Strafen ver⸗ — 66— ſtaͤrkt. Der Haß und die Rache der Frauen war nicht ſelten eben ſo ſehr zu fuͤrchten als die der Maͤnner, und eine vornehme Dame ſetzte ſich ge⸗ wiß nicht der Gefahr aus, während ihres Schla⸗ fes von einer jener Ungluͤcklichen uͤberraſcht zu werden, fuͤr welche ihr Tod das Zeichen eines Fe⸗ ſtes geweſen ſeyn wuͤrde. Sie nahm von den Vorſichtsmaasregeln gegen ihre Sclavinnen keine aus, als ihre Amme; denn ein Gefuͤhl, das ſich faſt mit dem einer Mutter verſchmilzt, verbuͤrgte die Treue von dieſer: ſie war die einzige, gegen die man ſich nicht im Voraus durch Se und Gitter ſicher zu ſtellen ſuchte. Die Eintheilung des rechten, den Männern an⸗ gewieſenen Fluͤgels war faſt ganz die naͤmliche. Beide Fluͤgel aber wurden von einander getrennt durch einen ſehr großen, von oben bis unten of⸗ fenen Saal des Hauſes, der zu dem Gottesdien⸗ ſte beſtimmt war. Die Herrſchaft wohnte dem⸗ ſelben bei von den Gallerien, welche auf der einen Seite mit den Gemaͤchern der Männer, auf der andern mit denen der Frauen in Verbindung ſtan⸗ den, und nie miſchten ſie ſich unter die Sclaven, oder das Volk, welches ſich unten verſammelte. — 3— Julia beſuchte, nachdem ſie ſich durch ein Bab geſtaͤrkt und ſtatt des großen Mantels, den ſie auf der Flucht getragen, andere ihrem Stande an⸗ gemeſſene Kleider angelegt hatte, Sylvien auf ih⸗ rem Zimmer. Hier war die Hauptmahlzeit, das Abendeſſen, um die Stunde des Sonnenun⸗ tergangs, zubereitet, und hier fand ſich auch Fe⸗ lir wieder bei den Frauen ein. Nach römiſcher Sitte ſtanden um den Tiſch drey kleine Sopha's; Sylvia hatte auf dem ihrigen der Fremden den Matz angewieſen, der Grammatiker Eudoxius, und der Prieſter Martin, Kapellan auf Novilia⸗ cum, nahmen das zweyte ein, und Felix ſaß allein auf dem dritten. Während des Mahles, wobei die Sclaven aufwarteten, hatte die Gegenwart derſelben die Speiſenden genöthigt, in ihrer Unterhaltung den Gegenſtand unberuͤhrt zu laſſen, der die Gemuͤther am meiſten beſchaͤftigte, die Begebenheiten des Tages nämlich und die Gefahren, welche allen Römern drohten. Die beiden Frauen ſchwiegen, Felir hatte nur Augen fur die Fremde, indeß Eudo⸗ rius und Martin ſich allein der Unterhaltung be⸗ mächtigten. Dieſe beiden Menſchen, gleich be⸗ ſchaͤftigt mit der guten Malzeit, gleich theil⸗ nahmlos an Allem, was die uͤbrigen bekuͤmmerte, gleich uͤberzeugt, der eine, daß ſeine große Ge⸗ lehrſamkeit, der andere, daß ſeine Heiligkeit ſie uͤberall zu erwuͤnſchten Gäſten machen und ih⸗ nen auch in dem Hauſe eines Andern den Genuß der Guͤter verſchaffen wuͤrden, die ſie nicht von ihren Vorfahren ererbt hatten, beide gleich gewiß, daß weder Franken, noch Burgunder, noch Weſt⸗ gothen ihre Beſitzungen pluͤndern möchten, fan⸗ den gerade nicht, daß das Jahrhundert, worin ſie lebten, ſo ganz jammervoll ſey, wie man be⸗ haupten wollte. Der Grammatiker Eudopius hatte keineswe⸗ ges vergeſſen, daß gerade vor hundert Jahren der Grammatiker Eugenius, der, wie er, in einem un⸗ tergeordneten Lebensverhältniſſe erzogen worden war, den kaiſerlichen Purpur getragen hatte. Je⸗ de große Familie unter den romiſchen Senatoren, ſo wie auch unter den barbariſchen Furſten, unter⸗ hielt einen Grammatiker, der wechſelsweiſe die Geſchaͤfte eines Sekretairs und eines Erziehers verwalten mußte. Allein in den Augen des Eu⸗ doxius kam das Verdienſt Keines dieſer Literato⸗ ren dem ſeinigen gleich Er wußte oder glaubte zu wiſſen Alles, was man in den Schulen von Athen, Alexandrien und Rom gelehrt hatte, und zweifel⸗ te keinen Augenblick daran, daß alle Wiſſenſchaf⸗ ten in den Schriften der Alten enthalten ſeyen, Die Rhetorik, Poeſie und Dialektik ſchienen ihm die einzigen dem menſchlichen Verſtande eröf⸗ neten Bahnen zu ſeyn, nur ſie ehrte er als wuͤrdige Uebungen des Denkens, während er mit tiefer Verachtung auf die Beſchäftigung mit dem herabſahe, was nur die gemeinern Inter⸗ eſſen der Menſchheit in Anſpruch nahm, geſetzt auch, man haͤtte dieſes uneigentlich mit dem Na⸗ men der Wiſſenſchaft belegt, wie z. B. die Geſetz⸗ gebung, das Finanzweſen, die Kriegskunſt oder der Ackerbau. Ob er gleich immer gegen Gewalt und Rang die tiefſte Verehrung dußerte, betrach⸗ tete er doch diejenigen, welche ausgezeichnete Stellen in der Geſellſchaft bekleideten, nur ſo, als ſey es ihre höchſte Aufgabe fuͤr die Genuͤſſe der Gelehrten zu ſorgen, und er beurtheilte das Ver⸗ —,— dienſtvolle dieſer in oͤffentlichen Aemtern ſtehenden Manner einzig nur nach der großen oder geringen Gunſt, welche ſie den Wiſſenſchaften erwießen. Er ſchmeichelte zwar auf eine niedrige Art den Großen, deren er bedurfte; allein demohngeachtet wollte es ihm nicht immer gelingen eine ihnen ganz angenehme Sprache zu fuͤhren; denn er ver⸗ ſtand ſich weder auf Erhabenheit des Charakters, noch auf die Ehre, und konnte ſich mit den ed⸗ lern Gefühlen und Regungen nicht befrounden, die er nicht in ſeinem eigenen Herzen fand. Der Prieſter Martin, hochmuͤthiger, verſchloſ⸗ ſener und rrockener, aber auch gelehrter, dehnte ſeine Verachtung auf Alles aus, was Eudoxius noch bewunderte, ob er gleich beinahe in derſel⸗ ben Schule ſtudirt hatte. Er nahm einzig und allein die Dialektik aus; alles Uebrige ſchien ihm eine leere und vom Heidenthume befleckte Wiſſenſchaft. Sein Verdacht erſtreckte ſich zuwei⸗ len ſelbſt auf Eudorius, und wenn er dieſen die ſchoͤnſten Verſe klaſſiſcher Dichter erklären und mit einer tiefen Kenntniß der Sitten und Gebrau⸗ che der alten Griechen und Roͤmer erläutern hörte, — 61— entfernte er ſich oft von ihm mit dem Ausdrucke des Abſcheus, als wenn er in ihm einen Anhän⸗ ger des falſchen Götzendienſtes erkannt hätte. Des Eudoxius Ehrſucht war nichts als ein glaͤn⸗ zender Traum, ein luftiges Phantom, nach dem er nut von weitem biswellen ſeine Blicke kehrte; die des Pater Martin aber wat ſchon thäͤtiger, beharr⸗ licher, auf ein näheres Ziel gerichtet und auf wahrſcheinlichere Ereigniſſe gegrͤndet. Die Herrſchaft des Reichs war bereits von dem Schwerdte der Krieger zum Kreuz der Geiſtlich⸗ keit uͤbergegangen; bei der Vernichtung der welt⸗ lichen Macht hatten ſich die Biſchofe der oberſten Leitung der Angelegenheiten faſt aller Städte be⸗ mächtigt. Verehrt von dem Volke, geachtet von den roͤmiſchen Großen, gefuͤrchtet von den Kaiſern hatten ſie nichts von ihrem Anſehen verloren, ſelbſt als ſie unter das Joch der Barbaren geri⸗ then. Sie machten nun diejenigen vor ſich zit⸗ tern, vor denen die Erde gezittert hatte; ſie ga⸗ 1 ben Drakel, denen die Eroberer ſich in Demuth unterwarfen; ſie behaupteten den erſten Rang in den Rathsverſamntlungen der burgundiſchen Ks⸗ nige, welche bei ihrem erſten Einbruch in Galli⸗ en den orthodoren Glauben mit der Heftigkeit al⸗ ler Neubekehrten ergriffen hatten; ſie wurden auf gleiche Weiſe von Gundebald zu Rathe gezogen. ob dieſer gleich zum Arianismus ſich gewendet hatte; ja ſelbſt an dem Hofe zu Toulouſe, der im Bekenntniß derſelben Lehre noch weit eifriger war, wurden ſie von den Weſtgothen mit vieler Achtung behanbelt und Mattin war feſt uberzeugt, daß, wegen der Strenge ſeiner Grundſaͤtze, des umfangs ſeiner Kenntniſſe im theologiſchen Fa⸗ che, ſo wie ſeines gluͤhenden Eifers, kein Prieſter Aquitaniens die Wuͤrde eines Biſchofs mehr ver⸗ diene als er. 3 nn Eudorius war zu Tiſche gekommen mit ei⸗ nem Bruchſtuͤcke des Claudian, das Lob des Sti⸗ lico enthaltend, worin der Dichter die reißende Schnelligkeit ſeines Helden ruͤhmt, wie et die ufer des Rheins durchſtreifend, dieſen Strom den Einfällen der Deutſchen als Wall entgegen ſtellt, die Franken zwingt von neuem den roͤmi⸗ ſchen Fahnen zu folgen, und Gallien gegen neue Verherungen ſichert. Ich habe dieſe Verſe dieſen Morgen geleſen, ſagte er, als wir kaum die Ufer der Loire verlaſſen hatten; hätte man wohl Et⸗ was finden koͤnnen, was beſſer auf die Umſtände paſſte? und wenn der Dichttr ſagt: daß die Schnelligkeit des Heerfuͤhrers uͤber die Schnelligkeit des Waſſers ſiege, ſcheint es nicht, als habe er meinen verehrten Gönner, den Felir Florentius, im Sinne gehabt? Wenn er ſagt, daß der Friede entſprungen ſey aus der Quelle des Stromes, und daß er mit dem Laufe ſeiner Gewäſ⸗ ſer wachſe, ſcheint er nicht jene gluͤckliche Ruhe bezeichnen zu wollen, deren wir hier ſuͤdlich von der Loire genießen, indem wir, ohne unſere Feſte unterbrechen zu duͤrfen, das Elend unſrer Nachbarn betrachten?— 1 Felip, Julia und Sylvia hatten, wenn ſie auch eben von der Richtigkeit dieſer Anwendungen nicht ſehr uͤberzeugt waren, doch den Grammatiker durch einzelne Laute wegen ſeiner bekannten Vor⸗ liebe fuͤr den neueſten Dichter Roms ihren Bei⸗ fall zu erkennen gegeben; allein der naive Egois⸗ mus ſeiner letzten Bemerkung erregte das Mißfal⸗ —— 64— len ſeiner beiden Gönner. Ohne jedoch recht deutlich zu faſſen, wodurch er ihnen eigentlich hät⸗ te mißfallen können, ſahe er doch wohl, daß er das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand lenken muͤſſe; deshalb wandte er ſich an Martin mit der Frage, woher denn wohl die Benennung Absis kommen möchte, welche die Prieſter einem Theile der Kipche beizulegen pſlegten. Ohne ſich durch den veraͤchtlichen Blick niederſchlagen zu laſſen, womit Martin ſeine Unwiſſenheit in allen geiſtli⸗ chen Dingen zuchtigen zu wollen ſchien, war er bemuͤht, ſogleich ſeine eigene Erklaͤrung beizubrin⸗ gen, denn er hatte die Frage eigentlich auch nur in der Abſicht gethan, um antworten zu koͤnnen; denn wenn er einmal auf das Kapitel von Etymo⸗ rogieen, welche einen Lieblingsgegenſtand ſeiner Studien ausmachten, gerathen war, konnte ihn ſo leicht Nichts in dem Fluſſe ſeiner Rede aufhal⸗ ten; er ſprach nun zu ſeiner Unterhaltung, ohne ſich um die Zuhorer zu kuͤmmern, er bedurfte auch keines Antwortenden, und ſeine Blicke rich⸗ teten ſich nur von ſeinem Teller auf die Schuͤſſeln, welche aufgetragen wurden; nie ließ er ſie auf dem Geſichte eines der Gäſte verweilen und man hätte wohl ſagen moͤgen, er fuͤrchte hier das Mißfallen oder die Langweile zu finden, die er ihnen durch ſeine weitſchweifigen Reden erwecken mußte. Viertes Kapitel. Ein Einfall der Franken. Die ganze Provinz, welche Armorica nennt, folgte dem Beiſpiele der Bretagner, ſie ſetzte ſich auf dieſelbe Art in Freiheit, vertrieb die ro⸗ miſchen Magiſtratsperſonen, und gruͤndete eine Art von Republik. Zoſimus in ſ. Geſchichte VI. B. S. 326. At die Sclaven ſich entfernt hatten, erwartete Sylvia, in der Poffnung, daß Eudoxius von ſelbſt ſchweigen wurde, die erſte Pauſe ſeiner Redez al⸗ lein er gerieth immer von einer Etymologie in die andere, und dann wieder in eine andere und ſo u. E — 66— fort; da ſagte ſie denn endlich zu ihm: Laßt doch Eure Etymologien jetzt ruhen, lieber Eudoius, und uns lieber an das Schickſal unſerer Gäſte, unſerer Freunde und an unſer eigenes denken. Seht Ihr denn nicht, daß das Ungluͤck, deſſen Schlaͤgen ſie erliegen, auch ſchon an unſere Thuͤre pocht? Julia Severa hat zwar unſere erſten Fra⸗ gen uͤber dieſen unerwarteten Angriff beantwortet, allein alle dieſe Begebenheiten ſind fuͤr uns noch ſo verworren, daß ſie wohl die Guͤte haben wird, ihre Erzaͤhlung jetzt nochmals zu beginnen und uns den Zuſammenhang ihres Ungluͤcks und Lei⸗ dens, ſo wie das, was auf den erſten Anblick wi⸗ derſprechend ſcheint, aufzuklären. Schoͤne Julia, wo befindet ſich Euer 6e Mein Vater iſt zu Soiſſons bei dem naͤmli⸗ chen Chlodowich, den man als den unternehmend⸗ ſten und kuͤhnſten unter den fränkiſchen Koͤnigen betrachtet. 2 Wie alſo wohl Gefangener? rief Felix. Mein! Wenn die Barbaren nur eine Idee von Treue und wenn ſie nur einigermaßen das Voͤlkerrecht ach ſo muß er — 67— in Sicherheit ſeyn, denn er hatte ſich zu ihnen begeben, um uͤber den Frieden zu unterhandeln. Den Frieden! Unter welcher Bedingung wer⸗ den wir ihn von ihnen zu hoffen haben? ſagte Sylvia; die Franken, die ſo lange Zeit unſere Bundesgenoſſen und Soldaten geweſen ſind, ha⸗ ben unſere burgerlichen Kriege, die Unfälle Ita⸗ liens und den Zuſtand von Huͤlfloſigkeit, worin die Herrſcher Conſtantinopels Gallien laſſen, benutzt, um ihre Waffen gegen uns zu kehren, und ſeit der Niederlage des Grafen von Soiſſons, Syagrius, iſt es leicht vorauszuſehen, daß wir erſt Friede mit ihnen haben werden, wann ſie uns gaͤnzlich ausgeplundert haben. Zu meinem ſagte Martin, habe ich ſelbſt davon urtheilen koͤnnen, denn in dem Mo⸗ mente des Einbruchs befand ich mich gerade zu Rheims bei dem heil. Erzbiſchof Remi. Drey⸗ tauſend Krieger blos waren unter Chlodowichs Befehlen, die Streitart auf der Schulter, von Cam⸗ brch ausgegangen,. zerſtreuten oder todte⸗ ten Alles, was der f Syagrius an Legionarien oder Federirten in dem zweyten Belgien, derjenigen E 2 4* — 68— Provinz Galliens, wo wir die meiſten Soldaten hatten, zuſammenbringen konnte. In der That, verſetzte Julia, haben auch von dieſer Zeit an keine Gefechte mehr Statt gefun⸗ den, worinnen die romiſchen Adler geſehen wor⸗ den waͤren, man dachte an keinen Widerſtand mehr; bei jedem Feldzuge aber ſind die Franken weiter vorgedrungen mitten unter Stäͤdten ohne Vertheidigung. In dieſen ſechs Jahren haben ſie nach und nach Rheims, Senlis, Noyon, Beau⸗ vais, Meaur, und enblich auch Paris, die net⸗ te kleine Stadt, die dem ruhmwuͤrdigen Julian ſo theuer war, und woraus er oft, vor noch kei⸗ nem Jahrhunderte, aufgebrochen war, um ſeine ſiegreichen Legionen gegen die Barbaren zu fuͤhren, eingenommen. Der glorreiche Julian, ſut Ihre unterbrach e Martin, ſagt lieber der ſchaͤndliche Apoſtat! Der Schmutz der Götzenbilder, die er wieder her⸗ goſtellt hat, und wovon Gallien noch nicht gerei⸗ nigt worden, iſt es, der den Zorn des Him⸗ mels zugezogen hat, und wir leiden jetzt die Strafe ſeiner Verbrechen, wie ſeiner Siege. — E 6 Wir verdanken, erwiederte Julia, den Wohl⸗ thaten, welche Julian meinem Aeltervater erwie⸗ ſen, unſer Vermögen, unſern Rang und ſelbſt unſern Namen. Ueberdieß ſind bie Franken um nichts chriſtlicher, als es Julian war, und wollte der Himmel, ſie waͤren eben ſo tolerant, dann wuͤrden die Kirchen nicht beraubt, die Prieſter nicht in Gefangenſchaft gefuͤhrt und das Blut von vielen nicht auf den Altären vergoſſen worden ſeyn. Mein Vater, welcher das Amt eines Gra⸗ fen von Chartres verwaltete, nicht durch Verlei⸗ hung des Kaiſers Anaſtaſius, der uns ganz ver⸗ geſſen zu haben ſcheint, ſondern durch Ver⸗ trauen ſeiner Mitbuͤrger.. Jedermann weiß, ſie Eudoxius, daß der ruhmwuͤrdige Senator Julius Severus angeſehener maͤchtiger und reicher fuͤr ſich allein iſt, als alle üͤbrige Einwohner von Chartres zu⸗ ſammengenommen. Wem hätten ſie ſich alſo mit mehrerem Rechte anvertrauen ſollen, als dem, der Mein Vater, erwiderte Julia, ſuchte einige Buͤrgſchaft gegen die Gefahr, welche uns drohte in dieſer Abſicht begab er ſich zu Chlobowich, und weil einmal Widerſtand unmöglich iſt, ſo wollte er uns wenigſtens die Schreckniſſe einer — erſparen. Man ſieht nun, rief Felix, wie diſe Barbe⸗ ren das Entgegenkommen eines roͤmiſchen Sena⸗ tors aufnehmen. Sie haben euch uͤberfallen, gepluͤndert, indeß ihr um den Frieden unterhan⸗ deltet! o, lieber ſterben mit den Mu in der Hand! Mein Vater hat gedacht wie Ihr Nichts hat er unverſucht gelaſſen zur Vertheidigung unſets ungluͤcklichen Vaterlandes, allein ſein erſter Plan iſt geſcheitert. Schon ſind es achtzig Jahre, daß die Staͤdte Armorica's in ihrer Confoͤderation gegen die Angriffe der Barbaren jene Sicherheit gefunden haben, welche wir vergebens ſuchen. Rouen, Bayeux, Evreur, Nantes, Rennes und Vannes haben, ohne den den Caͤſaren ſchuldigen Gehorſam zu verletzen, durch ihre eigenen Kräfte fuͤr ihre Vertheidigung zu ſorgen gewußt. Kein Bar⸗ bar hat noch bis jetzt, nicht allein in ihre Mau⸗ „ — 71— ern, ſondern auch nicht einmal in das von ih⸗ nen abhaͤngige Gebiet eindringen können, und doch ſind es weder Legionarier, noch Federirte, welche ſie vertheidigen, ſondern ihre eigenen Mili⸗ zen. Mit dieſen Städten unterhandelte mein Vater wegen eines Buͤndniſſes, er wollte Char⸗ tres gern in den Bund Armoricas aufgenommen ſehen, und wenn der Senator Felir Florentius lange genug in dieſem Lande gewohnt hätte, ſo wuͤrde ihm gewiß auch bekannt geworden ſeyn, daß der Plan meines Vaters noch ausgedehnter war, daß er Tours und Orleans und Alles, was noch frei und römiſch in Gallien iſt, umfaſſen ſollte. Felix erklärte, daß er allerdings einige Kenntniß von dieſem Plane gehabt habe. Sylvia war in⸗ deß beſſer davon unterrichtet, denn unter den Kai⸗ ſern hatten die Frauen ſich gewöhnt, auch in die Politik ſich zu miſchen, welche oft wie Boudoir⸗ intriguen behandelt wurde, und ſich mit der Galanterie oder den Laſtern der Herren der Welt vereinigte. Ohne den Namen von Kaiſerinnen öu fuͤhren, hatten ſchon mehrere Frauen die Rö⸗ mer beherrſcht; Placidia, Honoria, Eudopia hatten nur zu viel Einfluß auf die letzte Periode des weſtlichen Reiches gehabt, und es war nichts Seltenes, in den hoͤhern Staͤnden Frauen zu ſehen, welche die Geheimniſſe des Staates aus dem Grunde kannten, als Männer, welche ent⸗ ſchloſſen waren, nie um die Urſachen jener Re⸗ volutionen ſich zu bekuͤmmern, deren 5 gen ſie erfuhren. Die Plaͤne meines Vaters, fuhr Julia fort, ſind ohne Erfolg geblieben, ob er ſie gleich mehrere Jahre mit Eifer verfolgte. Die Urſache des Nicht⸗ gelingens aber iſt gerade jener Reichthum an Län⸗ dereien, wozu mir der gelehrte Eudorius eben Gluͤck wuͤnſchte. Glaubt mir nur, der Augen⸗ genblick iſt gekommen, wo wir den Umfang jener Beſitzungen beklagen muͤſſen, welche unſere Vor⸗ fahren mit ſo viel Anſtrengungen zuſammen zu bringen ſuchten. Wir haben aus unſerm Vater⸗ lande jene freie Bervoͤlkerung vertrieben, welche den Ruhm deſſelben ausmachte, und die jetzt unſere Vertheidigung ſeyn wuͤrde. Was haben uns geſtern und vorgeſtern jene grenzenloſen Beſitz⸗ ungen geholfen, wo ſich auch nicht ein Soldat S— befindet? Welchen Nutzen hat die Stadt Chartres von ihren Reichthuͤmern gehabt, wenn ſie nicht ei⸗ nen Buͤrger in ihren Mauern zählt? Die Städte Armorica's beſitzen ſolchen Wohlſtand nicht allein ſie haben mehr Menſchen und dieſe Menſchen ſind frei. Ihre Bevölkerung iſt noch galliſch, nicht römiſch, die Felder ſind hier noch das Eigenthum des Landmanns, der ſie baut, und wenn dieſer auch irgend einen reichern Buͤrger eine Abgabe entrichtet ſo thut er es, weil er ihn als das Oberhaupt ſeiner eige⸗ nen Familie betrachtet, und ſich durch Ehre, Pflicht und erbliche Zuneigung aufgefordert fuhlt, ihn mehr noch zu ſchuͤtzen als ihm zu dienen. Das ſind gewiß die Ambacti, ſagte Eudo⸗ rius, deren Cäſar in ſeinen Commentarien ge⸗ denkt.§ Nach Verlauf von fuͤnf Jahrhunderten, er⸗ wiederte Julia, iſt Armorica faſt noch in derſele ben Verfaſſung, in der es Julius Cäſar geſehen hatte. Ihr könnt den ganzen weſtlichen Theil deſſelben durchreiſen, ohne auf einen Menſchen zu ſtoßen, der Lateiniſch verſtände. Ja, der Landbe⸗ wohner antwortet mit einer Art von Stolz auf al⸗ —— le Fragen, die wir an ihn richten, er ver ſtehe nicht roͤmiſch, als ob dieſe Antwort hinreichte uns zu verſtehen zu geben, daß er weder die Sclaverei noch die Gm⸗ noch die Suor kenne. Nachdem ich habe, daß der—— ein Uebel iſt, ſagte Eudorius, wundere ich mich nicht zu vernehmen, daß man die Civiliſation fur ei⸗ ne Urſache der Selaverei haͤlt, oder daß man den barbariſchen Jargon der Celten der reichen und harmoniſchen Sprache vorzuziehen geneigt iſt, welche ſo viele Wunder der Beredſamkeit und Poe⸗ ſie unſterblich gemacht haben. Auf dieſelbe Art pflegten die Alten ſehr weislich ihre Mahlzeiten durch Verhandlungen ähnlicher Paradoxen zu be⸗ leben, und ohne Zweifel iſt eine ſolche Geiſtes⸗ üͤbung der Erheiterung eines Feſtes förderlicher als jene finſtern Meditationen uͤber Politik; wel⸗ che, zu einer ſolchen Zeit angeſtellt, der Geſundheit nur ſchaden koͤnnen. Allein weil wir denn nun einmal in mein Gebiet sun ſind, ſo moͤchte ich die ſchoͤne Julia fragen. Um Vergebung, mein—— unter⸗ . brach ihn Felir, wir können ſpäterhin auf die Vorzuglichkeit einer Sprache vor der andern zu⸗ ruͤckkommen, allein vor allen Dingen moͤchte ich wiſſen, wie ein Plan vereitelt worden iſt, der mir das Herz erhob, indem er mir eine neue Hoff⸗ nung zeigte. Die Bewohner Armorica's, verſetzte Julia, verlangten eine Ueberſicht der Streitkraͤfte von Chartres, und als mein Vater ihnen dieſelbe zugeſtellt hatte, ſchlugen ſie unſeren Bund aus, in⸗ dem ſie erklaͤrten, wir waͤren zu ſchwach, und koͤnnten ihnen zu keiner Zeit von irgend einigem Nutzen ſeyn; wir dagegen wuͤrden, als die einem feindlichen Einbruche zuerſt Ausgeſetzten, un⸗ aufhörlich ihre Unterſtützung in Anſpruch neh⸗ men. Um uns zu vertheidigen, fugten ſie hinzu, wuͤrden ſie genöthigt ſeyn, ihre Truppen in eine große Entfernung von ihrem eigenen Lande vor⸗ ruͤcken zu laſſen, dadurch aber wuͤrden ſie den Ei⸗ fer ihrer Krieger erkälten, welche nur im Ange⸗ ſichte ihres Heerdes mit Muth zu fechten pflegten, auch wurden ſie in Gefahr gerathen von unſeren Stlaven verrathen zu werden. Die letzte Ant⸗ wort des Senats der Städte Armorica's iſt mei⸗ nem Vater zugleich mit der Nachricht von dem Einzuge der Franken in Paris zugekommen. Mei⸗ ſter eines der Uebergangspunkte uͤber die Seine, find ſie nunmehr unſere unmittelbaren Nachbarn ge⸗ worden. Es blieb uns kein Mittel des Wider⸗ ſtandes mehr uͤbrig, und wir hatten blos die Wahl, entweder uns zu unterwerfen, oder unter ihrer Streitart zu fallen. Mein Vater hat ſich in das Schickſal der Unterwerfung ergeben, obgleich dieſe Demüthigung die erſchrecklichſte iſt, zu der ein roͤmiſcher Senator herabſteigen kann. Durch einen Waffenherold hat er den Chlodowich um ei⸗ ne Unterredung bitten laſſen und ſch deshalb nach Soiſſons begeben. Das iſt auch unſere einzige Huͤlfe, der Prieſter Martin, ja, unſere einzige Hoffnung; und weil der Augenblick gekommen iſt, wo Gallien un⸗ tter die Herrſchaft der Barbaren kommen ſoll, ſo muͤſſen wir unſere Blicke allein auf die Franken richten. Sie wenigſtens ſind noch von keiner Kez⸗ tzerei angeſteckt, und wenn der geſegnete Remi das Licht des Chriſtenthums fuͤr ſie leuchten läßt, — ſo werden ſie es von ihm in ſeiner ganzen Rein⸗ heit empfangen, dahingegen die Weſtgothen, wel⸗ che vor ſechs Jahren bis an die Loire vordrangen, und die Veranlaſſung meiner Reiſe nach Rheims wurden, alle Irrthuͤmer des Arianismus uns zuge⸗ bracht haben wuͤrden. Allein wie haben denn die Franken euch angreifen können, indeß euer Va⸗ ter ihnen den Frieden und Unterwerfung anbot? Chlodowich, verſetzte Julia, beherrſcht nur die Saliſchen Franken; diejenigen Franken aber, die uns zu Chartres uͤberfallen haben, ſind die Ripuariſchen. Sie wurden von dem treuloſen Chloderit, Siegebert's Sohne, angefuͤhrt. Dieſer hat ohne Zweifel dem Vertrage, den mein Vater unterhandelte, ein Hinderniß entgegenſetzen wol⸗ len; denn er fuͤrchtete Chlodowichs Politik mochte ihm die Schätze entziehen, welche ihm ſo wenig zu erwerben koſten. Ueber Euch ſelbſt, ſagte Felir, möchte ich nun gern Etwas von Euch vernehmen, über Euch, die Ihr in Eurer Erzählung ganz vergeſſen habt.. Nein! verſetzte ſie, ich bin nicht genug Rö⸗ merin/ um der Gefahren zu vergeſſen, worinnen ich — 768— geſchwebt habe. Ich brauche nicht zu ſagen, daß die Erinnerung daran ſich in mir mit der Dank⸗ barkeit gegen diejenigen verknuͤpft, die mich dar⸗ aus befreit haben. Wie ſollte jemals die ſchreck⸗ liche Nacht des Bten der Idus des Septembers*¹) aus meinem Gedächtniſſe ſchwinden? Ihr wiſſt, daß das Haus meines Vaters an den Ufern der Eure kaum eine halbe Stunde von Chartres ent⸗ fernt iſt. Acht Tage zuvor hatte er mich daſelbſt in vollkommener Sicherheit verlaſſen, vertrauend auf die mit den Franken angeknüpften Unterhand⸗ lungen und auf Chlodowichs Wort. Vorgeſtern Abends hatte ſich Jedermann in ſein Gemach zuruckgezogen und ſchon der Ruhe überlaſſenz *) Die Römer bezeichneten die Monatstage anders als wir. Der erſte jedes Monats hieß Ca- lendae, der fünfte Monae, und der drey⸗ zehnte Idus, außer in den Monaten Merz, May, Juli und Sktober, wo die Nonae auf den 7. und die ldus auf den I5ten fielen. Die uͤbrigen Tage zaͤhlte man ruͤckwaͤrts von dieſen mit de⸗ ren Einſchluß. Die Tage nach den Idus wur⸗ den daher auch zuruͤck von den Calendis des folgenden Monats gezaͤhlt. D. ueberſ. — —— 7 9—— ich wachte noch, und genoß von der Terraſſe der Kuhle einer ſchönen Nacht, als auf einmal mein Ohr ein dumpfes Geräuſch vernahm, welches von der Seite nach Chartres zu herkam. Zu gleicher Zeit glaubte ich den Klang kriegeriſcher Inſtrumente und Geſchrei zu hoͤren. Bald wur⸗ de dieſes Geräuſch uͤbertäubt durch das Geheul der Wachthunde, die, aus den Wirthſchaftshö⸗ fen und benachbarten Dorfern ſich antwortend, an⸗ zukuͤndigen ſchienen, daß die Gefahr auch uns naͤher komme. Zu gleicher Zeit erhoben ſich auch auf der Seite nach Chartres zu Feuerſaͤulen, wel⸗ che mein Enutſetzen vermehrten; mehrere Gebaube dieſer Stadt waren ganz gewiß ein Raub der Flammen geworden. Ich weckte meine Amme; bald war das ganze Haus auf den Fuͤßen. Auf der Terraſſe verſammelt, ſuchten wir uns das fuͤrchterliche Schauſpiel zu erklaͤren, wir horchten, wir erſchöpften uns in Muthmaßungen, da wur⸗ de unſere Aufmerkſamkeit ploͤtzlich abgelenkt durch das wuthende Geſchrei, das aus dem ergastulum der Sclaven hervordrang Dieſe Ungluͤcklichen, wovon die meiſten Vandalen„Heruler, Gepiden — 80— und Bulgunber waren, hatten wirktich ſchon in Voraus von der Annäherung ihrer Befreier Nach⸗ richt erhalten, vielleicht war aber auch der bloße Lerm in Hauſe hinreichend geweſen, ſie dieſe ver⸗ muthen zu laſſen; denn ihren Wünſchen kommt jeder Unfall, der uns trifft, immer genehm. Sie hatten ſich empört. Einige unter ihnen hatten ihre Ktten zerbrochen, und verſuchten mit vereinten Kräften die Thüre ihres Gefüng⸗ niſſes zu ſprengen. Gewiß glaubten ſie auch durch ihr Geſchrei ihre Wächter zu erſchrecken, und zuhleich wollten ſie damit einnber Nuch ein⸗ ſzen WMein Vatet hatte ſich nie unmenſchlich gegen ſeine Sclaben bewieſen, nie hatte er das Unge⸗ mach, das von ihrem Zuſtande unzertrennlich iſt, zu vermehren geſucht: allein ihr wiſſt, wie ſehr ihr Schickſal von jenen Aufſehern abhängt, wel⸗ ch villici heißen, und Sclaven ſind, wie ſie. Dieſe fuͤhren ſie zur Arbeit, und mißbrauchen oft ihre entlehnte Gewalt, um ihre Ungluͤcksgefähr⸗ ten den härteſten Zächtigungen zu unterwerfen. Die unſern waren unſern Selaven ein Abſcheuz — 81— wenn das ergastulum erbrochen wurde, durften wir erwarten, daß die Rache der Gefangenen ſchrecklich ſeyn wurde, und daß wir Alle darein verwickelt wer⸗ den durften. Wir vereinten daher Alles, was wir an Kräften beſaßen, um alle Zugange zu verſchließen, um alle Thuͤren zu befeſtigen, und um jene Feinde in Zaum zu halten, welche, noch furchtbarer als die Franken, ſich ſchon bei uns feſtgeſetzt hatten. Un⸗ terbeſſen verſtaͤrkte ſich das Geheul, welches ſchon aus dem ergastulum hervordrang, mit jedem Au⸗ genblicke, die Ketten, welche ſich die Gefangenen von den Haͤnden geriſſen hatten, dienten ihnen als Inſtrumente die Mauern einzubrechen, wir hoͤrten ſie mit verdoppelten Schlagen daran arbei⸗ ten, und zitterten ſie jeden Augenblick ſich einen Ausgang öffnen zu ſehen, als die Hirten, welche ihr um mich geſehen habt, in vollem Roſſeslauf in den Hof ſtuͤrzten. Sie beſtätigten uns, was wir bis jetzt blos vermuthet hatten, daß nemlich Chloberich mit den Franken in Chartres einge⸗ drungen ſey, und die Stadt der Plunderung Preiß gegeben habe, daß ein Theil der ſarmati⸗ ſchen Reuter ſich an ihn angeſchloſſen, und einige 1r Bd. F von dieſen unſer Haus auszuſpähen ſuchten. Einem der Hirten, dem Sohne meiner Amme, war es gelungen ſie durch ſeine Geſchicklichkeit und Geiſtesgegenwart auf eine falſche Spur zu brin⸗ gen. Ehe ſie den Weg wiederfanden, konnten wir uns vielleicht in Sicherheit ſetzen, allein es war, wenn wir fliehen ſlen⸗ ein Lugenög. zu verlieren⸗ Kaum hatte 6 dieſen Bericht vernommen, ahicenic mit dieſem Hirten und ſeiner Mut⸗ ter in dem Hauſe meines Vaters allein ſahe. Alle unſere Tiſchgenoſſen, furchtend, daß die Sar⸗ maten jeden Augenblick den empoͤrten Sclaven die Hand reichen moͤchten, waren auf nichts bedacht geweſen, als in allen Richtungen zu entfliehen. Zwei Secretaire meines Vaters, der Oekonom, der Regiſſeur und die Freigelaſſenen, die Haus⸗ ſclaven, auf die wir das meiſte Verrguen ſetzten, Aue waren verſchwunden. Der Hirt Duͤmnorix, der Sohn meiner am. me, konnte kaum noch in unſern Ställen ein Pferd fuͤr mich finden, alle uͤbrigen waren geraubt wor⸗ 5—.„„ den. Indeß er es fuͤr mich ſattelte, durchliefe ich — 88— die Gemächer, um einige Juwelen mitzunehmen. Allein kaum konnte ich meinen Augen trauen, als ich das Haus ſo gaͤnzlich verlaſſen ſahe, ich rufte, ich ſuchte, umſonſt! Niemand von Allen, welche ich ſonſt beſtaͤndig um mich zu haben gewohnt war, zeigte ſich meinen Blicken, um mir auch nur den geringſten Dienſt zu leiſten. Endlich machte ich mich mit acht bewaffneten Hirten und meiner Amme auf den Weg, und da ich ſelbſt in dieſem Augenblicke den Gewohnheiten eines civi⸗ liſirten Lebens nicht entſagen konnte, belud ich mich zwar mit Gold genug, was mir jedoch un⸗ terwegs ganz unnuͤtz ſeyn mußte, vergaß dagegen aber Brot mitzunehmen. In vollem Lauf entfern⸗ ten wir uns von dem Hauſe meines Vaters, allein noch waren wir nicht aus dem Bereich des Schalles der Stimmen, als das Geheul der Sclaven, wel⸗ ches gar nicht aufgehoͤrt hatte, ſich ploͤtzlich in ein Freudengeſchrei verwandelte. Sie hatten wahr⸗ ſcheinlich entweder die Thuͤr erbrochen, oder ein Loch in die Mauer ihres Gefangniſſes gemacht. Sie waren frei. Wir hatten den Weg nach der Loire einge⸗ 5 2 34 ſchlagen; bald erreichten wir Haufen von Flůcht⸗ lingen, welche nach Aquitanien unterwegs waren, um dort Sicherheit zu ſuchen. Einige kamen von Chartres, und machten eine furchtbare Schil⸗ derung von der Ueberrumpelung der Stadt und von der Grauſamkeit, welche die Franken daſelbſt begangen hatten. Anbere waren ſchon längere Zeit vor den nemlichen Franken auf der Flucht; ſie kamen von den Ufern der Seine und aus der Naͤhe von Paris. Ihr habt einige davon geſe⸗ hen, welche ich euch als geſchickte Fährleute be⸗ zeichnet habe. In den zwey Tagen unſers ge⸗ meinſchaftlichen Leidens unterweges hatte Duͤmno⸗ rir Zeit gehabt, mit allen unſern Ungluͤcksgefähr⸗ ten Bekanntſchaft zu machen. Unſere Truppe wuchs im Wandern durch alle Einwohner von Doͤrfern, welche wir durchſtrichen. Der Schrek⸗ ken hatte das ganze Land der Carnuten ergriffen. Die Fluͤchtlinge vermehrten ihn unaufhoͤrlich, in⸗ dem ſie Allen deren Huͤlfe ſie im Voruͤberziehen an⸗ flehten, von den ſchrecklichen Grauſamkeiten er⸗ zäbten, womit die Franken ihre Fußtapfen be⸗ zeichneten. Die kleine Truppe der Sarmaten, — 85— welche uns bis an di⸗ Ufer der Loire verfolgt hat⸗ te, beraubte die Nachzugler und pluͤnderte die Kir⸗ chen und die preißgegebenen Dörfer; ſie drängte uns, unſere Flucht zu beſchleunigen, und zwang uns, uns zuſammen zu halten, denn wir flößten ihnen vermuthlich durch unſere Anzahl einige Ach⸗ tung ein, ob wir gleich ſo wenig im Stunde wa⸗ ren uns gegen ſie zu vertheidigen. Die Anſtrengung und Erſchuͤtterung dieſer beiden Schreckensnaͤchte und dieſer beiden Lei⸗ denstage vermiſchen in meinem Gedächtniſſe al⸗ le einzelnen Uniſtände unſerer Flucht. Wir ruh⸗ ten nie, als wenn unſere Pferde dor Erſchöpfung faſt umfanken. Dann blieben wir in den Waͤl⸗ dern, der Raſen war unſer Lager, und des Ta⸗ ges wie des Nachts bemächtigte ſich meiner der Schlaf. Dummorix hatte wegen ſeines Muthes und Verſtandes, und vielleicht auch wegen ſeiner Anhänglichkeit an mich eine Art von Herrſchaft uͤber den Hayfen erhalten. Er leitete unſern Zug, ordnete unſere Mahlzeiten; er hatte die Lebensmittel zuſammenthun laſſen, und wachte üͤber ihre Vertheilung auf eine ſolche Art, daß wir bis zur ir w aesreiche t Allein, eb am Ziele unſerer Wanderung angekom⸗ ni⸗ waren, war ihm dieſes Anſehen, das er durch ein gemeinſames Beduͤrfniß erhalten hatte, wieder verſchwunden. Indeſſen verdanke ich ihm das Lebens er hat mich zur Flucht beſtimmt, er hat meine Schritte geleitet, er hat uͤber mich gewacht er hat mich ernährt, und endlich bis zu Su racht; ſeine Treue, ſeine Sorge, ſeine Crzꝛbenheſt; ja ſelbſt ſein——„. n einen Augenblick verläugnet. Bei det Erzaͤhlung ſo vieler n gi⸗ te Sylbia, wie ſehr die Fremde der Ruhe beduͤr⸗ fen müſſe. Sie rief daher ſogleich einen Scla⸗ ven, ließ ihn zwey brennende Kerzen vortragen, und fuͤhrte ſie auf ihr Zimmer. Als ſie ſich zu⸗ ruckzog, aͤußerten Martin und Eudor, beide mit gleicher Lebhaftigkeit, wie groß der Eindruck ſey, den ſie durch die Schönheit und Anmuth ihrer Geſtalt, durch die Annehmlichkeiten ihres Geiſtes, und durch den Zauber ihrer Unterhaltung auf ſie gemacht habe. Da ſie aber nicht ſehr an Aus⸗ ſpendihng von Lob gewöhnt waren, ſo nahmen 3 —— 37— ihre Bemerkungen, gleich als wollten ſie ſich nun fur die Gewalt, die ſie ſich angethan, entſchädigen, bald den Charakter bitterer, beißender Anmer⸗ kungen uͤber andere Frauen an, welche ſie mit ihr verglichen. Felir hingegen, nicht minder als als ſie von Julia's Schoͤnheit ergriffen, ſo wie von dem, was er von ihrem Geiſt und Charak⸗ ter wahrzunehmen Gelegenheit gehabt hatte, ſchwieg. Er wiederholte in ſeinem Gedaͤchtniſſe Alles, was er ſo eben aus ihrem Munde gehoͤrt hatte. Er glaubte nachzudenken uͤber die Plane des Julius Seberus, er bemuͤhte ſich zu erfor⸗ ſchen, ob es jetzt nicht die Zeit fuͤr jeden römiſchen Buͤrger ſey ihn zu unterſtutzen. Er dachte wirklich ſchon auf Mittel in Uebereinſtimmung mit ihm zu handeln und den Unterhandlungen, welche Severus bereits angeknuͤpft hatte, mehr Gewicht zu geben. Es war, ſchien es ihm, das einzige Mittel ſeine Familie ſowohl als die römi⸗ ſchen Staͤdte in der Nachbarſchaft vor aͤhnlichen Schreckniſſen in Sicherheit zu ſetzen. Allein in dem Augenblicke, wo er nur mit den öffentlichen Angelegenheiten beſchaͤftigt ſchien, irrten ſeine Gedanken unaufhörlich um die reizende Julia Severa. Ihrem Vater wuͤrde er ſo einen wich⸗ rigen Dienſt leiſten, und den Franken zeigen, wie alle Gallier mit dem Grafen von Charttes durch daſſelbe Intereſſ⸗ vereinigt ſeyen; er wuͤrde ihm ſeinen Rang behaupten, und ſein Vermögen wieder erlangen helfen, und wenn er nun in Ge⸗ meinſchaft mit ihm einige Garantie fuͤr die rö⸗ miſche Provinz Galliens erhalten haben wuͤrde, durfte er dann nicht auch von ihm einige Burg⸗ ſchaft fuͤr ſein eigenes Glück verlangen? Mußte ſeine Vermaͤhlung mit Julia Sebera nicht die Ehrſucht des Grafen von Chartres ſo wie ſeiner Mutter befriedigen, und allen Wuͤnſchen ent⸗ ſprechen, die er ſelbſt nur immer hegen konnte? u'n ftes Kapitel ein römiſcher Graf in Gallien. 5 Sind in allen Städten Galliens nicht faſt alle Votehme durch ihr Elend noch laſterhafter ge⸗ worden Hat ihre Genußwuth nicht den Grad reicht, daß die Furſten der Städte ſelbſt kaum von ihren Feſten aufſtanden, indeß der Feind in ihre Mauern einzog? Sa otan de Lubernatione Dei lihro V. p. 139— 40. * 1 Endor und der Prieſter Martin entfernten ſich kurz nach Julien, allein Felix erwartete die Ruck⸗ kehr ſeiner Mutter, und er hatte noch denſelben Abend eine lange Unterredung mit ihr uͤber das, was nun wohl zu thun ſey. Die Loire ſchien ih⸗ nen im gegenwärtigen Augenblicke wohl eine hin⸗ laͤngliche Bruſtwehr gegen die Einfälle der Fran⸗ ken, allein die Gefahr kam naͤher, und mußte * ſie endlich doch auch erreichen. Keine der romi⸗ ſchen, Provinzen, Armorica allein ausgenommen, hatte fuͤr ſich hinreichende Widerſtandsmittel, und es blieb ihnen nicht einmal die Wahl unter den verſchiedenen alten Vötkerſchaften, denen ſi ſie ſich unterwerfen mochten. Die Franken drangen in ihren Eroberungen mit reißender Schnelligkeit vor, die Weſtgothen wichen im Gegentheil zu⸗ ruͤck, Alarichs II. Minderjährigkeit ſchien ſie au⸗ ßer Stand zu ſetzen ſi ſi h gehörig zu ritheidigen, und angenommen auch, die Römer zögen die Oberherrſchaft derſelben der der Franken vor, ſo konnte man doch von ihnen keinen Schutz erwar⸗ ten, da ihr Reich eben von innern Unruhen zer⸗ riſſen wurde. Sylvien ſo wie Felir ſchien es daher weniger dringend Vertheidigungsmaasregeln zu nehmen, als ſich mit den Befehlshabern der benachbarten Städte zu berathen, um die von Julius Severus angeknupften unterhandlungen fortzuſetzen, und den Franken Gehorſam und Tribut nur unter der Vedingung zu verſprechen, daß das Eigenthum 2 und die Perſonen der Roͤmer geſchützt wuͤrden, um gegen den letzten Einbruch Vorſtellungen zu machen, und um die zu Chartres gemachten Ge⸗ fangenen nebſt der Beute zuruͤckzufordern, deren Herausgabe dann als ein Pfand der neuen Freundſchaft betrachtet werden ſollte, welche man zwiſchen beiden Nationen begruͤnden wollte. Die großen Beſitzungen des Felir Florentius, welche ziemlich in gleicher Entfernung von den Städten Orleans und Tours lagen, veranlaßten ihn ſich vor Allem mit den Befehlshabern dieſer beiden Städte zu beſprechen, denn die Stadt Blois epiſtirte damals noch nicht, oder war wenig⸗ ſtens ein bloßes Dorf. Felir fand es fuͤr noth⸗ wendig, ſobald als moglich eine Unterredung mit dem einen und dem andern zu halten. Sylvia verhehlte es ihrem Sohne zwar nicht, daß ſie auf die Talente und den Character dieſer beiden Menſchen wenig Vertrauen ſetzen koͤnne. Der Eine, Numerianus, verdankte die Stelle eines Grafen oder Statthalters von Orleans der Gunſt eines der letzten Kaiſer, der Andere, Volu ſianus, Erzbiſchof von Tours, hatte durch den Einfluß der Prieſter es dahin gebracht, daß er die Stelle eines Grafen dieſer Stadt mit dem erzbiſchöfli⸗ chen Sitze vereinigen konnte. Allein je weniger ſie an die Geſchicklichkeit des Einen, oder an die Aufrichtigkeit des Andern glaubte, um ſo noth⸗ wendiger ſchien es ihr die Umſtände zu benutzen, um ſie zu einem Entſchluſſe zu bringen, indem das Ungluͤck von Chartres ihre ee— mit Angſt und Furcht erfullte. ueberdieß waren Felir und ſeine Mutter kei⸗ nesweges unbeſorgt uͤber das Schickſal des Julius Severus. So jung auch Chlodowich noch war, hatte er ſeinen Charakter doch ſchon deutlich zut erkennen gegeben. Man wußte, daß er eine gren⸗ zenloſe Ehrſucht mit der Tapferkeit eines Barba⸗ renfeldherrn, und mit dem Talente vereinige, den Geiſt der Truppen zu beherrſchen, und daß er mit kecker Frechheit ſeines gegebenen Wortes und ſeiner Eide zu ſpotten pflege. So lange Ju⸗ lius Severus als Repraͤſentant der Carnuten ſich ſich bei ihm befand, zweifelte man nicht, daß er das Völkerrecht gegen ihn achten werdez allein ſeitdem Chartres gepluͤndert und ſeine Bevol⸗ kerung vernichtet war, konnte Chlodowich leicht — in dem Severus nur einen gemeinen Gefangenen erblicken, deſſen er ſich zu entledigen wohl für rathſam halten möchte, weil ſeine Gegenwart in dem Lager der Franken doch nur ein Vorwurf fuͤr ſie war, ihr Wort verletzt zu haben. Wenn Se⸗ verus dem Chlodowich nur der Stadt Chartres an⸗ zugehoren ſchien, ſo war er verloren, nur wenn man aus ihm den Repräſentanten von ganz Gal⸗ lien machte, wenn man dem Koͤnige der Franken zu rechter Zeit noch zeigte, daß die römiſchen Städte ſich fur ihn lebhaft intereſſirten, konnte man hoffen der verdächtigen Treue des Barbaren in ſeiner Politik eine Stuͤtze zu geben. Felir kam daher mit ſeiner Mutter uberein, daß er den andern Tag mit der erſten Morgen⸗ daͤmmerung nach Orleans abreiſen wollte; und ſein treuer Diocles fertigte auf die Nachricht, daß er ſeinen Herrn dahin begleiten ſolte, ſogleich ei⸗ nen Sclaven mit zwey Relaispferden ab, welche ihn auf der Haͤlfte des Weges an einer Stelle erwarten ſollten, die man die Pan's⸗Truͤm⸗ mern nannte. Zu gleicher Zeit wurden Boten nach dem Lager der Legionarier und der Federirten — 2— at um eine Anzahl alter Solda⸗ ten daher zu berufen, welche im Nothfalle Novi⸗ liacum und den Uebergang uͤber die Loire gegen Anlauf des Feindes zu vertheidigen vermoͤch⸗ Hierauf trennten ſich Felir und Suu um 6. Ruhe zu genießen. Am andern Tage war Feli ſchon zwey— — vor Sonnenaufgang mit dem Diveles zu Pfer⸗ de, und da er an den Truͤmmern des Pan die friſchen Pferde gefunden hatte, langte er zu Orle⸗ ans an der Thuͤre des Pallaſtes des Numerianus an, ehe dieſer noch eine Audienz gegeben hatte. Er wurde indeſſen auf ſein ſogeich vorgelaſſen. „Dieſer Tag, ſagte Numerianus zu„i in⸗ „dem er ihm die Hand reichte, war ſchon dazu „beſtimmt ein gluͤcklicher und froher Tag für die „Stadt Orleans zu werden, allein er wird es zwie⸗ „fach ſeyn, da wir heute in unſern Mauern ei⸗ „nen ſo anſehnlichen Gaſt bewirthen. Ihr „kommt recht zu gelegener Zeit, Felir Floren⸗ 5 tius, um an den Feſtlichkeiten Antheii zu neh⸗ „men, durch welche dieſes Volk meinen Ge⸗ — 5— „burtstag feiern ſoll. Die ganze Stadt, muͤßt Ihe „wiſſen, iſt voller Freude. Ich habe befohlen, „daß man dieſen Abend dem Volke Brot und „Wein auf den oͤffentlichen Plaͤtzen austheilez „Ich trage die Helfte der Koſten, ob ich gleich recht „wohl weiß, daß ich nicht dazu verpflichtet bin, „und daß die Curia*), welche die andere Helfte „giebt, eigentlich das Ganze haͤtte tragen ſollen. „Indeſſen, Felir, Ihr wißt ja, Maͤnner wie „ich und Ihr, müſſen ſich immer durch eine ge⸗ „wiſſe Freigebigkeit auszeichnen. Der Circus iſt „zu einem Thiergefechte eingerichtet, und Ihr „werdet dieſen Abend einen Baͤren aus den Py⸗ „renaͤen mit moloſſiſchen Hunden von der ſtärk⸗ „ſten Art kaͤmpfen ſehen. Nach dieſen Gefech⸗ „ten wird eine Truppe Hiſtrionen eine kleine Ko⸗ „moödie auffuͤhren; es iſt ein Gelegenheitsſtuͤck „von dem beruͤhmten Prudentius, den ich als „meinen Grammatiker in Dienſte genommen ha⸗ *) Curia war die Municipalität der Städte und decuriones nannte man die Rathsherrn kleine⸗ Orte. den Romern. D. ueberſ. „be Gern hätte ich auch, der alten Sitte ge⸗ „maß, dem Publikum einen Gladiatorenkampf gegeben, allein Ihr wiſſt wohl, daß die Be⸗ „„dentlichkeiten unſerer Biſchöſe uns das nicht „geſtatten wollen; wenigſtens dachte ich, das „Volk wurde an einem Tage, wie der heutige iſt, 65 die Hinrichtung einiger jener aufruhreriſchen „Landleute, jener Bagauden⸗ welche unſere „Gefilde verheeren, mit Vergnügen ſehen. Gemeine „Seelen brauchen ſtarke Erſchütterungen, und „wir Staatsmänner, wir ſind ja gezwungen⸗ „uns nach dem Geſchmacke der Menge zu rich⸗ Felir hatte dieſer langen Rede zugehört, ohne daß er auch ein Wort hatte dazu ſagen koͤnnen; uͤberdieß wußte er auch nicht, wie er ſich nehmen ſollte, um die Freude ſeines Wirthes durch ſeine unruhe und traurigen Ahnungen nicht zu ſtören. Und⸗ obgleich et ſich erinnerte, daß es noch gar nicht . ange her ſey, als die Einwohner von Trier, der Hauptſtadt Galliens, eben da ſie den Spielen im Eircus beiwohnten, von den nemlichen Franken uͤberfallen und gemordet worden waren, trug er doch Bedenken einem alten Senator Klugheitsre⸗ geln zu geben, welche uͤbel aufgenommen werden konnten. Er wuͤnſchte ihm daher zur Ruͤckkehr ſeines Geburtstages Gluͤck, ſo wie dazu, daß ſeine Mitbuͤrger an dem, was ihn betraͤfe, ſo viel An⸗ theil zu nehmen ſchienen, allein fuͤr ſich ſelbſt bat er um Entſchuldigung, daß er wegen eines wich⸗ tigen Geſchäftes, uͤber welches ſich mit ihm zu beſprechen er eigentlich hieher gekommen ſey, nicht daran Theil nehmen koͤnne. Eines Geſchaͤftes ſagt ihr? verſetzte Numeri⸗ anus, o! Ihr fuͤhlt wohl ſelbſt, daß man an einem Tage, wie dem heutigen, nicht gut von Ge⸗ ſchaͤften ſprechen kann. Ich muß Euch ſogar ſagen— und da Euch Eure Geburt einſt eine Stelle in der Regierung verſchaffen wird, ſo kann Euch mein Beiſpiel von Nutzen ſeyn— ich muß Euch ſagen, daß ich mir zum Geſetz ge⸗ macht habe nie von Geſchäften zu ſprechen, außer an den erſten beiden Tagen jeder Woche. Glaubt der Erfahrung eines alten Staatsmannes, eines Mannes, den der Kaiſer Flavius Glycerius aus 1r Bd⸗ 6G — 98— eigener Wahl zum Oberbefehlshaber in Orleans ernannte, und der, ich darf es wohl behaupten, ſeinen Poſten neunzehn Jahre lang mit einigem Ruhm verwaltet hat: Nie, nie habe ich ein Ge⸗ ſchaͤft gefunden, welches nicht haͤtte warten koͤnnen! Es ſcheint mir indeſſen doch, daß die Plun⸗ derung von Chartres... Was ſagt Ihr von der Plünderung von Char⸗ Wie? So wiſſt Ihr nicht, daß die Stadt Char⸗ tres den 8. Idus dieſes Monats von Chlodowich mit den ripuariſchen Franken uberfallen, geplun⸗ dert, und zum Theil eingeaͤſchert worden iſt und daß ſich der großte Theil der Einwohner auf der Flucht befindet? 6 Dieſe Nachricht ſchien denn doch die tiefe Ruhe und Zufriedenheit des Numerianus ein we⸗ nig zu ſtören. Er rief einen Sclaven, und be⸗ fahl ihm Augenblicks zum Vorſitzenden der Curie zu gehen und ihn zu ſich einzuladen. Dieſe Curialen, ſagte er zu Felir, welche größtentheils Kraͤmer, Juͤnſtler, Handwerker, — 99— turz, Leute ohne alle Bedeutung ſind, bilden ſich Etwas ein, ſobald ſie in den Rath berufen wer⸗ den, den ſie ſehr hochtonend den Municipalſenat zu nennen pflegen, und dann laſſen ſie ſichs wohl auch einfallen einen eigenen Willen zu haben. Allein ich weiß ſie ſchon in Reſpekt zu halten, und ich verſichere Euch, daß der Rath von Or⸗ leans mir ſtets den puͤnktlichſten Gehorſam bewie⸗ ſenhät. Es war mein Großoheim, verſetzte Felix lä⸗ chelnd, der glorreiche Kaiſer Majorian, der zu⸗ erſt in ſeinen Geſetzen die Curien einen Munici⸗ palſenat nennt; es ſcheint eine der wichtigſten Angelegenheiten ſeiner Regierung geweſen zu ſeyn, ihre Wuͤrde zu heben und allen Buͤrgern das Ge⸗ fühl ihrer Bedeutſamkeit im Vaterlande einzuflö⸗ ßen. 1 Ey was! Majorian war einer jener Theorie⸗ menſchen, jener Menſchen, die nie mit dem gegenwärtigen Zuſtande der Dinge zufrieden ſind, jener Menſchen, welche an Vervollkommnung glau⸗ ben, gleich als ob man nicht ſähe daß Alles ab⸗ wärts geht, Alles ſtirbt in der Natur, und als G 2 ob wir eine Ausnahme von der allgemeinen Regel machen könnten. Majorian war ein Neuerungs⸗ ſüchtiger! Dieſe Leute blenden wohl zuweilen durch ihre Reden, allein den wahren Staatsmann er⸗ kennt man an der Anwendung, an der Praktik. Majorian hat nie zu Geſchaͤften getaugt, Ihr ſeht daher auch, wie er geendigt hat!“— Felix hatte nicht Luſt mit dem Numerianus zu ſtreiten, ob die Theorie vor der Praxis oder dieſe vor jener den Vorzug verdiene; er brachte deshalb das Geſpräch wieder auf die Pluͤnderung von Chartres und die Sendung des Julius Se⸗ verus zum Chlodowich. Der Graf von Orleans hoͤrte zwar mit offenbaren Zeichen der Ungeduld zu, allein er hörte doch zu. Felir beſtand auf der Nothwendigkeit mit Chlodowich zu unterhan⸗ deln und zwar im Namen aller freien Städte Galliens, beſonders aber Maasregeln fur die Si⸗ cherheit von Orleans, als der wichtigſten von allen, iu ergreifen, weil ſie den Gefahren am meiſten ausgeſetzt fey, und, den Uebergang uͤber die Loire beherrſchend, alle andere in— verwickeln müſſe. — 6101— Das ſind Maasregeln der hohen Politik, ſagte Rumerianus, wozu man ſich nur nach reiflichem Nachdenken entſchließen kannz Jeder⸗ mann hält ſich fuͤr fähig Rathſchlaͤge zu ertheiten, Plaͤne zu machen, allein nur denenjenigen, wel⸗ che lange Zeit in Staatsgeſchäften geuͤbt ſind, kommt es zu ſie reifen zu laſſen, und dann in Ausfuͤhrung zu bringen. Wenn ich mich nun ſelbſt aber zum Chlobo⸗ wich begeben wollte, um im Namen der Städte der Loire zu unterhandeln, wuͤrdet Ihr mir Voll⸗ macht geben, auch das Intereſſe Orleans zu ver⸗ treten? Iht! Ihr wolit zum Chlodowich Euch bege⸗ ben? Seht Ihr denn nicht, was dem Julius Se⸗ verus begegnet iſt? Eben weil ich das ſe. und denke, daß es Zeit iſt, auf unſerer Huth zu ſeyn. Wollt Ihr mich mit einigen Inſtruktionen verſehen? Ah! da kommt ja eben das Oberhaupt der Curialen, das ich erwartetete, rief Nume⸗ rianus, froh, daß er nun einer unangenehmen Berathſchlagung ſich entziehen konnte,— Tre⸗ — 402 tet naͤher, Lieinius, hört mich an! Laßt das Thor ſchließen, welches nach Chartres fuͤhrt, und erlaubt durchaus keinem Menſchen, der aus dem Lande der Carnuten kommt, den Zutritt in die Stadt. Ueberdieß, ſollte ein Feind der öf⸗ fentlichen Ruhe beunruhigende Geruͤchte in der Stadt verbreiten, von dem, was auf jener Seite vorgeht, ſo laßt ihn— verhaften! Aber, Herr Sengtor, verſette der Ruthsher, ich kann wohl allenfals für das Thor ſtehen, al⸗ ien Ihr wißt ja, daß die Einnehmer der Abga⸗ ben ſich ſchon laͤngſt beſchwert haben, daß man auf allen Seiten durch Loͤcher in den Mauern in die Stadt kommen könne. und dann, wie ſoll man s denn hindern, daß nicht abermals Carnu⸗ ten nach Orleans kommen, nachdem ſich ſchon ſo viele Hundert von ihnen ſeit ihrem ungluͤck hereingeflüchtet haben? 2 Ihrem Ungluͤcke ſagt ihr? auch Euch ſe man alſo von einem Ungluͤcke erzaͤhlt, welches die Stadt Chartres betroffen? b Die Einnahme dieſer Stadt und ihre Plun⸗ derung durch die Franken ſind kannt. in t Und was pricht man denn von dieſer S benheit in Orleans? Man beklagt die Carnuten, hein man meint auch, daß ſie ſich ihr Ungluͤck gewiß durch irgend eine Unvorſichtigkeit zugezogen haben moͤgen. Sind die Anſtalten in dem Circus vollendet? Man erwartet Eure Gegenwart, um die letz⸗ te Hand daran zu legen. Habt Ihr auch Lorbeerzweige genug zu den Triumphbogen? Es ſind bereits ſechs Pezen voll ingetrof⸗ fen und ich denke, die ſollen hinreichen. Allein zu dem Triumphzuge Eurer Epcellenz wäre es doch paſſend geweſen, Soldaten zu haben, und das letzte Manipel, das wir noch beſaßen, hat auf die Nachricht von der Einnahme von Char⸗ tres dieſe Nacht die Flucht ergriffen. Die Elenden! Immer fehlen ſie, wenn man ſie braucht! Nun, ſo muß man den Stadtdie⸗ nern ihre Ruͤſtungen anlegen; ohne Soldaten kann ich doch heute nicht ſeyn, das ſeht Ihr ein⸗ Aber das Geld zu dem Donative, iſt das endlich eingegangen? Verzeihung, lieber Felir, aber Ihr ſeht ja, wie mich die Umſtände drängen! Ich habe es fuͤr gut gehalten heute dem Volke das zu gewähren, was wir ein Donativ nennen; al⸗ lein da das einzig und allein in der Abſicht ge⸗ ſchieht daſſelbe mehr an die Regierung zu knü⸗ pfen, und es getreuer zu machen, ſo ſeht Ihr ein, daß das auf Koſten der Gemeinde geſchehen Der Jube Priſcus, verſette der Rechsherr, wollte den Betrag der nächſten Abgabe nicht an⸗ ders als gegen driyſſis Fril vor⸗ ſchießen. 5ch ſehe wohl, von. muß man ſi aus gefalen laſſen. Jetzt in den Eircus. Adieu, Felir, an einem Tag wie dem heutigen muß ich ganz den Geſchaften meines Amtes leben; im Eir⸗ cus ſehen wir uns wicder! * Wie? ſagte Felir⸗ alſo wolt 8hr teine Vor⸗ neeen gegen die der treffen? Die Franken? ach, die wagen's d leans iſt eine zu feſte Stadt! MNumerianus hatte ſich entfernt, und Felir er⸗ ſtaunte uͤber ſolche Unfähigkeit zu einem ſolchen Amte, und ſich ſchämend einen ſo langen Weg gemacht zu haben, um einen ſolchen Menſchen aufzuſuchen, blieb er einige Augenblicke unbe⸗ lich ſtehen. Endlich entfernte er ſich eben⸗ ₰ falls, und fand an der Thuͤre den Diocles, der auf ihn wartete. Dieſer alte illyriſche Soldat war lange Zeit im Dienſte ſeines Vaters geweſen. Zur Belohnung dafuͤr hatte er von Sylvien ein Haus in dem Lager der Legionarier und ein Stuͤck Land erhalten; allein er lebte meiſtens zu Novi⸗ liacum, wo er wie ein niederes Glied der Familie betrachtet wurde. Selten verließ er ſeinen jungen Herrn„beſonders aber folgte er ihm ſtets uͤberall hin, wo es nur einen Anſchein von Gefahr für ihn gab. Diocles ſprach wenig, aber redete er ſelten Felix zuerſt an. Als ſie aber jetzt unter den Laubbogen und Blumengewinden hingingen, womit der Pallaſt des Numerianus, ſo wie die 8 . — 406— Sne dahin führende Straße geziert war, konnte er ſich nicht enthalten, auf einmal in die Worte auszubrechen: Einige Steine an den Mauern von Orleans würen doch wohl beſſer geweſen, als dieſe Blumen. Allein man hat ganz Recht, wenn man ſagt, die Feigen haͤtten bisweilen mehr Muth als die Herzhaften. Die Gans der Loire hat ih⸗ ren Kopf unter die Fluͤgel geſteckt, um zu ſchlafen. in dem Augenblicke„ wo ber Adler wuͤrde. Ich fuͤrchte allerdings auch, ſagte Felip, daß dieſe Ungluͤcklichen das W 6 tollen Sorglo⸗ ſigkeit werden. Nein! Die Franken ſi jetzt buen„ ſchlafen! den Rauſch aus. Ja! allein ſie können Morgen, in zwei Ta⸗ gen, in vier Tagen kommen, ihr S wird nicht immer dauern. Wenigſtens wird er lang ſeyn, und eine halbe Kohorte aͤchter Soldaten wuͤrde mit Allem, was nach Chartres gekommen iſt, leichtes Spiel haben⸗ aber Soldaten.. ja wo findet man die zu Tage? 7 . Haſt Du Etwas über die— in— gehoͤrt? Orleans iſt voll von ſuchegen Carnuten, und es kommen jede Stunde von Neuem welche an. Es iſt alſo wirklich noch Gefahr? Im Gegentheil! Die Schaafe fangen nicht eher an davon zu laufen, als bis der Wolf eins fortgeſchleppt hat. Auf ſeiner Huth muß man ſeyn, wenn die Furchtſamen ruhig ſind; aber wenn der Schreck ſie ergreift, vann füſt immer die Gefahr voruͤber. Aber endlich, wenn ſich die ettti in Char⸗ tres genugſam verweilt ſ doch von Neuem vordringen. Nein! Sie werden eher zuruͤckgehen, um ihre Gefangenen fortzuſchleppen und ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Wenn Jemand die Erſtern loskaufen wollte, ſo muͤßte er ihnen jetzt folgen. Haͤrte ich bei dem Numerianus nur Etwas Klugheit gefunden, ſo haͤtte ich ihm wohl den Vorſchlag gethan, eine Deputttion an den der Franken zu ſenden. Und haͤtte ich vermuthen können, daß Syt Klugheit bei dem Numerianus ſuchen wuͤrdet, ſo hätte ich Euch die Muͤhe der Reiſe erſpart. Was Ihr thun wollt, das thut fuͤr Euch allein, und erwartet ſonſt von Niemanden Unterſtuͤtzung. Aber ſollte es denn nicht nöthig ſeyn, daß det Graf von Orleans die Franken um Sicherheit fur mich bitten b ehe* n in 6 wagen darf? 2 Ich vil mich ſelbſt—— Wiet ohne eine öffentliche Sendung, ohne eine Burgſchaft gegen ihre Gewalte Ich nehme den bei ihnen gewoͤhnlichen, gehei⸗ ligten Stab in die Hand. Der Franke tödtet ſeinen Bruder, um an ſeiner Stelle zu herrſchen, er beraubt ſeinen Gaſt, er ſchwoͤrt, um deſto beſſer zu betruͤgen, und beluͤgt Gott und Men⸗ ſchen; allein er achtet die Abgeſandten, und es iſt. ohne Beiſpiel, daß der, welcher den geheiligten Stab getragen, beleidigt worden waͤre. Felir gab der Rede des Diocles Beifall. Er ſchrieb an den Julius Severus, um ihm Nach⸗ richt von ſeiner Tochter zu geben, und ihm vor⸗ läufig zu melden, daß er ihn bald in Soiſſons zu — 108— treffen gedaͤchte, wo er mit ihm gemeinſchaftlich bei Chlodowich wegen der Sicherheit der galliſchen Staͤdte unterhandeln wolle. Er bat ihn, bei dem Koͤnige der Franken einen Geleits⸗Brief fuͤr ihn auszuwirken, dann genoß er ein leichtes Mahl, indeß die Pferde ausruhten, worauf er nach No⸗ viliacum ſich auf den Weg begab, indeß Dioeles, einen mit ſymboliſchen Figuren verzierten Stab etgreifend, nach den Ufern der Seine abging⸗ S6** Sapitet. Die prieſterin des Pan. d. J. 550) getreten war, fand ich auf dieſem Gebirge ein Goͤtzenbild der Diana, weicher dieſe ungläubigen Volker goͤrtliche Ehre erwieſen⸗ Nachdem aber der Herr ihre rohen Gemuͤther mir dieſes coloſſale Gotzenbild umſtuͤrzen, wel⸗ * ſchuttern können, ob ich gleich ſchon alle andere zerſtört hatte. Vulfilaic, citirt 6 Gregor von Tours, VIII. V. Kap. 15. 3. * Noviliacum befand, fuhlte er nicht nur ſchmerz⸗ von ihr getrennt hatte, zu einer Zeit, wo ſie ſich Als ich hierauf in das Gebiet von Trier Srhi durch meine Predigten geruͤhrt hatte, halfen ſie ches meine ſchwachen Haͤnde nicht hatten er⸗ A ſich Felir nun wieder auf dem Wege nc lich, daß er einen vergeblichen Weg gemacht hatte, ſondern er war auch verlegen und gedemuͤthiget, daß er der Julia Severa Nichts Angenehmes mit⸗ theilen konnte, und daß er ſich einen ganzen Tag unter ſeinen Schutz begeben, und wo ſie ſeines ——————— — 111— Rathes, ſeines Troſtes und ſeiner Ermunterung gerade am meiſten bedurfte. Er hatte auch gar nichts zu ihrem Vortheile verrichten eönnen. Alles, was er von der Geſtalt, den Sitten, dem Geiſte und Charakter der Julia Severa ge⸗ ſehen hatte, gefiel ihm; ſeine Mutter wuͤnſchte ſehnlichſt, daß er ſich vermählen möchte, und er ſelbſt hatte verſprochen, auf ſeine haͤußliche Ein⸗ richtung Bedacht zu nehmen; er war ſechs und zwanzig Jahr alt, Julia mußte ſich dem zwanzig⸗ ſten naͤhern, ihre Herkunft und ihre Vermögens⸗ umſtaͤnde waren ſich gleich, und von Seiten des Julius Severus ſchien ſich kein Widerſpruch gegen ihre Verbindung erwarten zu laſſen, da er ein al⸗ ter Freund der Familie war, und in der bedenkli⸗ chen Lage, worin er ſich befand, ſehr froh ſeyn mußte, eine neue Stutze zu finden. Vermäh⸗ lungsplane hatten ſich daher ſchon oft in Felir Phantaſie gebildet, und er hatte nicht geglaubt, bei Ausfuͤhrung derſelben auf eine andere Schwie⸗ rigkeit zu ſtoßen, als die, ſeinen Willen feſt zu beſtimmen. Es war ja in ſeinen Augen kaum denkbar, daß Julia ſchon verſprochen ſeyn ſollte; denn in den letzten Zeiten des tömiſchen Reichs hatte man die meiſten alten Familien erlöſchen ſehen, weil ihre Haͤupter, deren Egoismus den Laſten und Sorgen der Vaterſchaft widerſtrebte, ſich entweder erſt ſpät vermählten, oder ganz un⸗ * verheirathet blieben. Die Zahl derer alſo, welche auf die Hand der Tochter des Severus Anſpruch machen konnten, war ſehr gering, und die Um⸗ ſtände ſchienen nicht günſtig geweſen zu ſeyn, dieſe ihr näher zu 3 . Daher denn auch Felir, ohne an Hinderniſſe zu denken, welche ihm von Außen kommen könn⸗ ten, ſeinen Entſchluß bald gefaßt hatte, und ſeiner Neigung keine weitern Schranken ſetzte. Er nahm ſich bloß vor, Julien zu beobachten, alle Gelegen⸗ heiten aufzuſuchen, welche ihren Charakter und ihre Grundſaͤtze enthuͤllen konnten, allein fur jetzt noch nichts zu äußerh, was ihm eine Verbindlich⸗ keit auflegen könnte. Ueberdieß ſchien es ihm auch bei dem jetzigen Zuſtande ſeines Vaterlandes, bei den vielen Gefahren fuͤr diejenigen/ die den Namen Römer trugen, ſo wie fuͤr Alles das, was ihnen noch von alten, ihrem Andenken heili⸗ — — 113— gen Einrichtungen uͤbrig geblieben war, nicht min⸗ der fuͤr ſeine Familie und ſich ſelbſt, daß es eine Art von Leichtſinn verrathe, deſſen er ſich ſchä⸗ men muͤſſe, wenn er ſich jetzt mit der Liebe be⸗ ſchaͤftigen wollte. Er ſuchte daher Juliens Bild aus ſeiner Seele zu verdraͤngen, um blos an die beſten zu nehmenden Maasregeln, an die Unter⸗ redung, die er mit dem Biſchofe von Tours zu halten, an die Audienz, die er bei Chlodowich zu erhalten wuͤnſchte, und an die Vorſchläge zu den⸗ ken, die er den Barbaren zu machen gedachte, um ihre Ehr⸗ und Habſucht zu befriedigen, ohne deshalb die Freiheit ganz aufzuopfern, deren die Einwohner der roͤmiſchen Provinzen annoch zu ge⸗ nießen meinten. Er erſtaunte nur und zuͤrnte faſt daruͤber, daß er Juliens Bild ſich mit allen ſeinen Gedanken verbinden ſahe, und daß er es ſtets vor ſich fand, ſeine Einbildungskraft mochte ihn nun in das Lager des Chlodowich oder in die Kathedrale des heiligen Martin zu Tours fuͤhren. Felir hatte ſich vorgenommen, den Weg von Noviliacum nach Orleans und von da zuruͤck an demſelben Tage zu machen; allein die Entfernung Ir Bd. H ſchien ihm eben ſo leicht zu ſeyn, den Weg des betrug wenigſtens zwolf Stunden, und wenn er auch gleich auf dem halben Wege ein Relais ge⸗ ſtellt hatte, waren ſeine Pferde doch von dem Laufe henſehr ermuͤdet, und ſie ſchritten daher jetzt ziemlich langſam einher. Die Sonne war ſchon dem Untergange nahe, als Felix, von einem einzigen Sclaven begleitet, bei den Truͤm⸗ mern des Panstempels ankam, wo er fruh ſeine Pferde gelaſſen hatte. Dieſe ſchienen, während ſeiner Abweſenheit, wohl gepflegt worden zu ſeyn; allein der Sclave, der den Abend vorher auf dieſe Stelle geſandt worden war, und der mit den aus⸗ geruhten Pferden ſeinen Herrn nach Noviliacum zuruͤckbringen ſollte, hatte ſich dergeſtalt betrunken, daß er durchaus auf keine Art zu brauchen war. Als ihn Felir in dieſem Zuſtande fand, dachte er zum erſten Male daran, daß er in den ſechs Stunden, die er noch zuruͤckzulegen hatte, ſeinen Diocles wohl vermiſſen duͤrfte. Dieſer kannte alle Pfade der Wälder, wußte uͤberall den eurz⸗ ſten und ſicherſten Weg; ſein Inſtinkt war faſt eben ſo zuverläſſig, als ſein Gedächtniß, und es — 115— Nachts als am Tage wieder zu finden. Der Sclave, der Felir begleitete, und den er bis nach Noviliacum mitnehmen mußte, weil ſich ſein Ge⸗ fährte betrunken hatte, verſprach ſeinem Anſehen nach nicht ſo viel Verſtand, und als Felir ihn fragte, ob er glaube, den rechten Weg in der Dunkelheit wieder zu finden, antwortete er blos, die Pferde wůrden ihn wieder ſuchen. Felix hätte ſich freilich nicht gern auf den Verſtand der vierfuͤßigen Begleiter verlaſſen. Dieſe verzehrten ihr Futter, das man ihnen auf die Stufen eines alten Panstempels geſtreut hatte, der vor ohngefähr funfzig Jahren durch die Be⸗ muͤhungen eines Biſchofs von Orleans umgeſturzt worden war; einige Saͤulen lagen um die Stufen her am Boden; der Sclav, der auf der Erde ſaß, den Ruͤcken an eine dieſer Säulen gelehnt, blickte ſeinen Herrn mit einer Miſchung von Achtung und Furcht an, und machte einige vergebliche Verſuche, aufzuſtehen; allein auf die Fragen, welche ihm Felir in Betreff des Weges vorlegte, den ſie ein⸗ zuſchlagen hätten, antwortete er nur auf eine H 2 N — 116— unverſtändliche Weiſe. Der andere Sclav war abgeſchickt worden, um einen Fuͤhrer zu ſuchenz er kam zuruͤck und meldete Felir, daß er in der umgebung Niemand als eine alte Frau gefunden habe, die ſich eine elende Wohnung unter den Tempeltruͤmmern gemacht zu haben ſcheine, wel⸗ che aber nicht Kraft genug habe, die Reiſenden in begleiten. Ein wenig daß ſ ie ihm nicht entgegenkomme, ließ ſich Felir zu ihr fuͤhren. Die Fagade des Tempels war ganz zerſtrt, das Innere mit Truͤmmern bedeckt, aus denen hohe Stengel von Schierlingskraut emporwuchſen, in⸗ deß der Epheu ſich an den Seitenwaͤnden auf⸗ rankte; allein die Grundmauer ſtand noch, ſie diente einer Art von Schuppen; um Stůtzpunkte, der dahinter gebaut war, und wo Bruchſtücke von Säulen, Architraven und ſehr ſchoͤn bearbeiteten Marmorſtücken ein Strohdach zu unterſtützen ſchienen. Hier lebte Lamia, welche Felix ſitzend vor ihrer Thuͤr fand, die aber, wie er ſich naͤherte, mit einer Art von Achtung aufſtand, welche nicht ohne Würde war. — 117— Lamia war zwar ſchon durch das Alter ge⸗ beugt, allein die ſtark hervortretenden Zuge ihres Geſichts deuteten keinesweges auf Schwäche; ihre Wangen waren hohl, ihre Augen eingefallen, ihre Haut trocken und gelb, und ihre außerordentliche Magerheit hatte etwas Schauderhaftes. In⸗ deſſen vermochte die bloße Bewegung ihres Geſichts die Aufmerkſamkeit zu erregen; ihre Augen beka⸗ men Leben und Feuer, wenn ſie ſprach, es war dann eine Art von Begeiſterung in ihren Blicken, ſo wie eine Zuverſicht in dem Ton ihrer Stimme, und ein Nachdruck in der Rede, der mit ihrem Elende einen ſeltſamen Contraſt bildete. Ihre Kleider hatten gleichfalls etwas Fremdartiges, Seltſames, glänzende Farben, ksſtliche Stoffe fand man mit Lumpen untermiſcht, und Felir glaubte einige Theile derjenigen Kleidung zu er⸗ kennen, welche auf alten Gemälden an den Prie⸗ ſterinnen der Tempel bemerkt werden. Gute Mutter! ſagte Felix, indem er auf ſie zutrat, die Dunkelheit bricht herein und ich brau⸗ che einen Fuͤhrer. Die Dunkelheit iſt ſchon hereingebrochen, ver — ſetzte Lamia, indem ſie ihre durchdringenden Blicke auf ihm ruhen ließ, und ich habe ſchon Mehrere von denen, die ſich verirrt W zum— Lichte zurückgeführt. Ich fürchtete, Ihr wuͤrdet in Eurem Alter nicht mehr Kraft genug beſitzen, um mich Noviliacum zurůckzubringen. Lamia hatte Anfangs vermuthet, die eiſen Reden von Felix mochten nur figuͤrlich ſeyn, und er habe vielleicht, um Etwas durch die Geſetze Verbotenes zu verlangen, einer zweideutigen Spra⸗ che ſich bedient, die er im Nothfal zuricknehmen konnte; allein da ſie ſahe, daß er wirklich einen Wegweiſer beduͤrfe und wuͤnſche, ſo erwiederte ſie ihm mit Gleichguͤttigkeit: Ich ſpreche von ver⸗ gangenen Beiten, jetzt ſeht Ihr wohl, darf ich nicht daran denken, mich von meiner Wohnung zu entfernen. Ihr lebt aber wohl nicht alein hier, eonnt Ihr mir denn nicht Jemanden mitgeben, der mich fuͤhrte? Ich bin allein! Kein Menſch theilt mit mir die Wohnung in vnism darf ſie auch nicht theilen. Aber koͤnnt Ihr denn in Eurem Aue und in einer Wuͤſte alle Eure Beduͤrfniſſe befriedigen? Man bedarf meiner mehr, als ich Anderer be⸗ darf. Wer mich braucht, muß fuͤr mich ſorgen⸗ ueberdies huͤtet auch mein Sohn in dieſen Einoden die Heerden der Sylvia Numantia, Eurer Mut⸗ ter, zugleich mit dem S und der beſucht mich jeden Abend. Dieſes einſame Leben und dieſe Antworten erregten Felir's Neugier; er betrachtete Lamien mit groͤßerer Aufmerkſamkeit, auch warf er ſeine Blicke auf die armſelige Wohnung, deren Thuͤr offen ſtand. Er glaubte darin den Altar des Tempels, das Bildniß des Gottes, der hier ver⸗ ehrt worden, und auf dem Altar ſogar noch die Libationsſchaale und das Opferbeil zu bemerken · Aufmerkſam gemacht durch dieſe Spuren des heidniſchen Alterthums, welche ſich noch mit dem taͤglichen Leben zu vermiſchen ſchienen, trat Felir unter das Strohdach, um alle dieſe Gegenſtände genauer zu unterſuchen. Er entdeckte nun auch — 120— den Eingang zu einer Treppe, welche unter dem zertruͤmmerten Tempel hinzufuͤhren ſchien, und woraus der ſchwache Schimmer einer Lampe her⸗ vorbrach. Neugierig, auch dieſen Theil der Truͤm⸗ mern kennen zu lernen, wollte er eben hinabſteigen, gllein Lamia hielt ihn zuruͤck. Unglaͤubiger! ſagte ſie zu ihm, entweihet nicht den letzten Aufenthalt der Götter, die Ihr aus ihren Tempeln vertrieben habt, verſucht es nicht, Euch in Geheimniſſe ein⸗ zudraͤngen, die Ihr nicht mehr verehrt, fuͤrchtet die Rache dieſes Pan, der die Eurer Vaͤter zerſtreute. Dieſe Anrede ſchien den wSenn der Felip folgte, mit Schauder und Entſetzen zu erfullenz da ſie aber auf den Herrn keinen Eindruck machte, fuhr Lamia alſo fort: Die Geſetze des Theodoſius haben diejenigen, welche den Göttern unſerer Väter opferten, fur Schuldige des Hochverraths erklaͤrt und zum Tode verurtheilt; allein die Geſetze der Ehre brand⸗ marken den mit ewiger Schande, der das elende Gewerbe des Angebers treibt. Ihr wollt gewiß einer alten Frau nicht ans Leben, gewiß habt Ihr — 1— in Griechenland, in der Schule zu Athen, wo unſere Religion noch von Allen, die zu den be⸗ ruͤhmteſten Philoſophen und Literatoren gezählt werden, laut bekannt wird, nicht gelernt, die Anbeter der alten Götter auszuforſchen, um ſie zu verderben; allein warum wollt Ihr Euch zum Mitſchuldigen einer Handlung machen, welche fuͤr Euch ein Verbrechen, fuͤr uns eine Tugend Felir blieb ſtehen. Ihr ſollt Eure Geheim⸗ niſſe immer behalten, gute Mutter, ſagte er, ich verdanke ja Eurer Gaſtlichkeit blos die Kenntniß davon, allein ſie ſetzen mich eben ſo ſehr in Er⸗ ſtaunen, als ſie meine Neugier erregen. Wie? alſo hat der Gott Pan noch Anbeter in dieſem Lande? Ich trage keinen Haß im Herzen gegen diejenigen, deren Glaube nicht der meinige iſt; allein ich glaubte nicht, daß ſich unter den alten Bewohnern Galliens einer fände, der nicht Chriſt ware. Ihr Großen, verſetzte Lamia, Ihr bemerkt kaum das Daſeyn des Armen, wie ſolltet Ihr Euch denn um ſeine Meinungen bekuͤmmern? — 122 Freilich giebt es unter uns ℳ. der at⸗ ten Goͤtter Roms, es giebt ihrer auch von den Göͤttern der Druiden, und noch dieſes Jahr hat man in Euren Waͤldern die Eichelmiſtel geſucht. Allein das alte Geſchlecht verſchwindet aus dem ode gewordenen Gallien. Wo ſind jetzt die Dörfer, aus denen ſonſt die fröhlichen Prozeſſionen der Lupercalien hervorgingen? Sie ſind zerſtört, wie dieſer Tempel, der mich mit ſinen Truͤmmern bedeckt. Nach der Verödung dieſer Se bleibt Ihr alſo in dieſem Bezirke Eurem alten Gottesdienſte ergeben Ein Gottesdienſt, der keine Anhinger hätte, beduͤrfte auch keiner Prieſterin. Ihr ſeyd alſo Prieſterin? Ich bin es! Und es iſt noch nicht lange her, daß ein Mann, an Stand Euch völlig gleich, ein Senator, ein Graf, ebenfalls in dieſen Ruinen erſchienen iſt, um vor der Bildſaͤule des Gottes Weihrauch anzuzuͤnden, und das Orakel zu be⸗ fragen. Kennt Ihr den Julius Severus? Wie s Julius Severus iſt ein Heide? Er wagt es nicht, ſich oͤffentlich dafuͤr zu be⸗ kennen. Er iſt hauptſächlich der Religien der Gewalt zugethan, und wenn er in Geheim die Götter des alten Roms verehrt, ſo verſchmaͤht er es doch auch nicht, den öffentlichen Ceremonieen Eurer Kirche beizuwohnen. Aber warum ſollte er unfere Erleuchtung theiten„ ohne ſich unſern Ge⸗ fahren auszuſetzen? Warum ſollte uns ſein Name nicht zur Vertheidigung dienen, uns, die wir durch goͤttliche Eingebung ſein Betragen leiten? Giebt es viel Leute, welche ſeine gen kennen? Alle diejenigen, welche in Gallien die Nau⸗ gion Roms bekennen. Wir betrachten ihn Alle als unſer Oberhaupt und unſern Beſchuͤtzer, allein er traut Euren chriſtlichen Prieſtern nicht, er ver⸗ birgt ſich vor ihnen, und wenn er je zur Herr⸗ ſchaft gelangen ſollte, ſo wuͤrden wir gewiß auf unſern Alkaären weit mehr Weihrauch dampfen ſehen, als auf den Eurigen. Felix haͤtte gar zu gern erfahren, ob Severus auch ſeine Tochter in ſeinem Glauben erzogen hätte; allein Lamia wußte davon nichts, oder — 124— wollte es nicht ſagen. Die andern Fragen, die er ihr vorlegte, verſchafften ihm gleichfalls keine weitere Aufklärung, uͤberdies drängte die Zeit, und weil er nicht hoffen durfte, einen Führer zu erhalten, war es rathſam, ſich nicht länger auf⸗ zuhalten, und wenigſtens die Daͤmmerung zu be⸗ nutzen, um ſich nicht zu lange auf den Inſünkt ſeiner Pferde verlaſſen zu muͤſſen. Die letzten Schimmer des Tages waren fuͤr unſere Reiſenden ohngefähr eine Stunde noch hin⸗ reichend, um den Weg zu erkennen. Das Land, welches Felir zu durchwandern hatte, war ſehr wild, die Huͤgel, die immer dicht an einander an⸗ ſtießen, waren aller großen Baͤume beraubt, allein Rankengewachſe und anderes Geſtruͤppe hatte den Boden bedeckt, und dieſes bildete ein Gehege, das faſt bis zur Hoͤhe eines Mannes aufſtieg, und den Weg beſchwerlich, jedoch nicht unmoͤglich machte Ueberdies zog ſich ein einziger Fußſteig, der, den Felir verfolgte, durch dieſe Einoͤde, ſo daß man doch der Gefahr, ſich zu verirren, nicht eben ausgeſetzt war. Auch war der Sclav mit einer Fackel und dem Geräthe verſehen, ſie anzu⸗ — 125— zuͤnden, ſobald die Dunkelheit ihn dazu nothigen wuͤrde. Felir folgte dieſem Pfade, den Geiſt von dem erfollt, was er von Lamien gehört und bei ihr geſehen hatte. Er war Chriſt ohne Abgötterei, ohne Intoleranz, allein er war doch Chriſt, und die Furcht, in Julia Severa eine Heidin zu fin⸗ den, ſtorte ſeine Plane, und alle ſuͤßen Träume, denen er ſich den Tag uͤber hingegeben hatte. Er fuͤhlte keinen Widerwillen, mit ihrem Vater uͤber Geſchaͤfte zu unterhandeln, oder auch Bande der Freundſchaft und des Vortheils mit ihm anzu⸗ knuͤpfen, weil er ein Heide war; allein durfte, konnte er eine Verſchiedenheit der Religion in der zarteſten und innigſten aller Verbindungen ſtatt finden laſſen? Wuͤrde dieſe Verſchiedenheit nicht eine Scheidewand zwiſchen beiden Gatten in allen Ergießungen des Herzens erheben? Giebt es in der Moral, der Philoſophie oder Politik eine Frage, die nicht in einiger Hinſicht mit der Religion zu⸗ ſammenhinge? Wie konnte er ſeiner Gattin die Erziehung ihrer Kinder anvertrauen, wenn ſie uͤber dieſes Grundprinzip nicht mit einander uͤber⸗ — 126— einſtimmten? Was mufßte er nicht beſonders fuͤr den Zeitpunkt furchten, wo das vorgeruͤckte Alter allen aberglaubigen Religionsanſichten noch mehr Stärke verleiht? Wurde ſich ſeine Frau nicht gerade dann von ihm entfernen, wenn der Reiz der Jugend abnimmt, und die Gatten ſich mehr durch Herz, Geiſt und Vernunft vereinigen muͤſſen? Wuͤrden dann die Prieſter eines andern Cultus nicht einen Einfluß uber ſie gewinnen, der dem häußlichen Frieden um ſo gefaͤhrlicher ſeyn moͤchte, je geheimnißvoller er waͤre? Indeß Felir ſich in dieſe und aͤhnliche Gedan⸗ Len verſenkt hatte, war die Nacht immer dunkler geworden, der Sclav hatte ſeine Fackel angezun⸗ det, und beide verfolgten ſchnell den Pfad, der ſich vor ihnen hinzog, bis ſie endlich zu einem kleinen Gehölze gelangten, wo dieſer Pfad ſich heilte. Felir glaubte ſich rechts halten zu muͤſſen, allein der Sclav behauptete, der Weg gehe links, die Baume uͤber ihnen verhinderten ſie, die Berge in der Ferne zu erblicken, oder ſonſt etwas, was in einer finſtern Nacht bisweilen hinreicht, um die Gegend zu unterſcheiden. Der Sclay ſenkte —— die Fackel, um nach den Fußtapfen der Pferde zu forſchen; da fand ſich's denn, daß die meiſten auf dem Wege zur Linken zu ſehen waren, und da⸗ durch wahrſcheinlich beſtimmt, ſchlugen denn auch die Pferde, als man ihnen den Zügel ließ, dieſen Weg ſogleich ein. Allein nach einer halben Stun⸗ de ohngefaͤhr füͤhrte ſie dieſer Weg an das ufer eines kleinen Fluſſes, den ſich der Sclav und Felir nicht erinnerten, auf dem Hinwege geſehen zu haben. Die halbwilden Pferde, welche ſich dahin zum Trinken begaben, hatten dem Boden die Spuren eingedruͤckt, wodurch ſie getäuſcht wor⸗ den waren. Man mußte umkehren, um den andern Pfad aufzuſuchen, und die beiden Reiſenden wollten dies eben thun, als das Gebell eines Hundes aus der Ferne ihnen die Hoffnung gab, daß, wenn ſie dem Fluſſe folgten, ſie eine menſchliche Wohnung finden wuͤrden. Nachdem ſie einige Hundert Schritte gegangen waren, und um ein Gehoͤlz bo⸗ gen, welches den Horizont begranzte, ſahen ſie auf dem andern Ufer des Fluſſes mitten auf einer großen Wieſe ein Feuer angezuͤndet, um welches einige Maͤnner mit Hunden Wache hielten, indeß andere auf trockenen Blättern ſchliefen. Felir rufte, der Sclav ſchwang ſeine Fackel, und einer von den Maͤnnern, der eben auf dem Poſten ſtand⸗ Fam, von den Hunden geleitet, bis zum entgegen⸗ geſetzten Ufer des Fluſſes, ſo daß er auſ die an ihn gerichteten Fragen antworten konnte. Es wat Dumnorip, Julia's Milchbruder. Nach⸗ dem er Felit an dem Tone der Stimme erkannt hatte, waßte er ſich ſogleich in das Flußbette, welches an dieſer Stelle zu ſteil war, als daß die pferde hůtten hinabklimmen koͤnnen. Er fuͤhrte ſie zu einem wegſamern Fuhrte, und brachte ſie gluͤcklich auf die Wieſe, wo der Alan Sangiban vor der Hand ſein Lager aufgeſchlagen hatte. Sangiban, den fünf bis ſechs Hirten, denen mit ihm die Bewachung der Heerden von Felix an⸗ vertraut war, als ihr Oberhaupt anerkannten, hatte ſeinen Trupp vadurch verdoppelt, daß er ihm die ſlüchtigen Hirten zugeſellte, welche Julien vegleitet hatten⸗ Allein die Gaſtfreundſchaft, die er ihnen bewilligte, ſette ihn in gar keine Verle⸗ genheit, denn er halle ihnen blos unter Gottes — 420— freiem Himmel neben ſich eine Stelle zur Ruhe vergönnt. Sangiban, aus Scythiens Wuͤſten gebuͤrtig, hatte in Gallien alle Sitten ſeines Va⸗ terlandes beibehalten. Drei mit Thierhäuten, oder mit grobem wollenem Zeuge bedeckte Wagen fuhrten die Frauen und Kinder der Hirten. Dieſe waren auch zugleich das Heiligthum, die Schlaf⸗ ſtelle und der Schatz der wandernden Familie. Alles, was dieſelbe an Koſtbarkeiten beſaß, war auf ihnen befindlich. Niemand, außer den Gat⸗ ten, wagte die Blicke darauf zu richten. Die Frauen, deren einziger Aufenthalt es war, ver⸗ ließen ſie niemals, ohne ſich das Geſicht auf das ſorgfältigſte zu verhuͤllen. Große Hunde hielten um dieſe Wagen beſtandig eine treue Wache. Die Pferde, die Ochſen, die Schaafe, die Ziegen be⸗ gaben ſich zwei Mal des Tages von ſelbſt dahin, um etwas Salz zu erhalten; dies war der Augen⸗ blick, wo die Kuͤhe und Ziegen gemolken wurden; hierauf hingen die Hirten ihren Keſſel an einem Baumzweige auf, den ſie queer uber zwei in die Erde geſchlagene Pfähle legten, und hier bereite⸗ ten ſie ihren Kaͤſe unter freiem Himmel. Am Tage 1r Bd. J — 2— durchſtreiften ſie zu Pferde, mit der Lanze in der Hand, die Geſilde, um die Wölfe zu verjagen, und das Vieh, welches ſich vielleicht verirrt hatte, zuruͤckzubringen; des Nachts bereiteten ſie ſich unter ihren Wagen ein Lager von Heu und ge⸗ dorrten Blättern, und darauf ſchliefen ſie, bedeckt mit ihren Pelzmaͤnteln, die Fuͤße gegen ein Feuer gekehrt, welches einige von ihnen nach der Reihe unterhalten mußten. nt kön Als Sangiban ſeinen Herrn erkannte, ver⸗ beugte er ſich achtungsvoll vor ihm⸗ Er erbot ſich, ihn ſelbſt zu begleiten, oder ihm zwei juͤn⸗ gere Hirten mitzugeben, die ihm zu Fuͤhrern bis nach Noviliacum dienen ſollten. zi Es iſt nicht ohne Gefahr, ſagte er, allein in dieſen Einoͤden zu reiſen, wo ſo viel ungluͤckliche Landleute, von ihrem Eigenthum vertrieben, keine andere Huͤlfsquelle haben, als Raub und Plün⸗ derung. Das Elend iſt es allein, welches die Raͤuber(bagaudes) vermehrt; jedoch ſie räͤchen ſich auch zuweilen an denen, welche allein, wie ſie glauben, alle ihre Schaͤtze behalten haben. alls die beiden ausgewählten Hirten bereit — 131— waren, erklaͤrte Dumnorix, daß er ſich ebenfalls an ſie anſchließen wolle, und daß er ſich gluͤck⸗ lich ſchaͤtze, auf dieſe Art dem, der ſie alle ge⸗ rettet und der ſo edelmuͤthig die Gefahren ſeiner jungen und ſanften Gebieterin zu theilen ſich entſchloſſen habe, einen kleinen Dienſt erweiſen zu koͤnnen. Felir, der ſo gern jede Gelegenheit ergriff, um mehr uͤber Julia Severa zu ver⸗ nehmen, nahm ſein Anerbieten mit Freuden Dumnorix fuͤhlte ſich eben ſo glůͤcklich, von ſeiner Gebieterin ſprechen zu können, als Felir gern von ihr ſich erzaͤhlen ließ. Seine Rede belebte ſich, er zeigte eine hälbwilde Beredſam⸗ keit, wenn er, celtiſche Worte mit den lateini⸗ ſchen vermiſchend, ſich beſtrebte, dem Horchen⸗ den einen Begriff zu geben von ihrem Edel⸗ muthe, ihrer Milde, ihrem Mitgefuͤhl mit jedem Leidenden, ihrer Thätigkeit und Bereitwilligkeit, dem alten Soldaten, dem ungluͤcklichen Reiſen⸗ den, dem unterdruͤckten, oft ungerechter Weiſe gezuͤchtigten Sclaven, ja ſogar den Thieren des Feldes, welche ihre Guͤte zu kennen und ſich —— mit Vertrauen unter ihren Schutz zu begeben ſchienen, Huͤlfe und Beiſtand zu leiſten. Dum⸗ norir wußte eine Menge kleiner Anekdoten von Julien zu erzählen, und jede ſtellte ſie dem Felir Florentius in einem reizendern Lichte dar, und vermehrte die Neigung, die er ſchon vorher zu ihr in ſeinem Herzen gehegt hatte. Allein nachdem er lange Zeit vergebens in den Erzählungen des Dumnorir Etwas aufge⸗ ſucht hatte, das ihn uͤber den Zweifel, den La⸗ mia in ihm erweckt, aufzuklaͤren vermochte, ver⸗ ſuchte er es, ihn durch eine direkte Frage zu Iſt Julia Chriſtin? fragte er. Dumnorir ſchien daruͤber verwundert. Wie, ſagte er, bekennen ſich denn nicht alle Große zu der Religion, welche in Rom die mächtigſte iſt? und ſind denn, ſeitdem der Kaiſer ein Chriſt iſt, alle Senatoren es nicht ebenfalls? „†ch habe Urſache, zu glauben, verſetzte Felir, daß Julius Severus wenigſtens noch eine ge⸗ heime Neigung zur alten Religion hegt, und daß er noch ganz kuͤrzlich bei einer Gelegenheit an dem heidniſchen Theil genom⸗ men hat. Der muͤßte mehr als ein Nenſch ſe ſeyn, er⸗ widerte Dumnorix, dem es gelingen ſollte zu erforſchen, was der herrliche Julius Severus in ſeinem Geiſte verbirgt. Uebrigens aber, warum wollen wir uͤberhaupt in das Geheimniß der verſchiedenen Religionen eindringen? Um das Feuer, welches wir verlaſſen haben, ſaßen Leute, von denen jeder ſeine beſondere Religion, ſo wie ſeine beſondere Sprache hatte. Ich bin in Armorica geboren, meine Mutterſprache iſt die celtiſche, meine Religion die der alten Gallier, ich nenne meine Goͤtter Heſus, Teranes, Camu⸗ lus; der Sohn der Lamia, den Ihr unter den Wagen habt liegen ſehen, behauptet, ich ſoute ſie Mercur, Jupiter und Mars nennen; er iſt ein Lateiner, er folgt ſeiner Religion, wie er die Sprache ſeiner Vaͤter ſpricht. Der Franke Dietrich verehrt den Theutates und Hermanſul;z der Alan Sangiban betet den Säbel an, wie es ſeine Vorfahren in den ſeythiſchen Waͤldern — 134— thaten; der Gothe utphilas iſt ein Arianer*)3 der Grieche Philipp iſt ein Chriſt. Als wir unſere Mutterſprache aufgaben, und verſuchten uns in dem römiſchen Dialekte zu unterhalten⸗ welchen jeder in Gallien lernen muß⸗ haben wir gefunden, daß wir durch verſchiedene Klaͤnge und Namen am Ende die nämlichen Sachen be⸗ zeichneten. Warum ſollten wir nicht hoffen, daß es mit unſern Religionen eben ſo iſt? So weit waren die Reiſenden in ihrem Ge⸗ ſpräch gekommen, als ſie die Lichter von Novi⸗ liacum vor ſich glaͤnzen ſahen, und bald traten ſie in den Schloßhof ein, wo das Ende ihrer Wanderung war. 6 *) Das klingt, als ob ein Arianer kein Chriſt wä⸗ re, da er doch nur anders, als andere Chriſten, on der Gottheit Feſu dachte. Allein dem Dum⸗ norix iſt dies zu verzeihen. D. ueberſ. Siebentes Kapitel. Der Biſchof von Tours. Der ſiebente war Voluſianus, ein Mann aus ſenato⸗ riſchem Geſchlechte, ſehr fromm, ſehr reich, ein naher Anverwandter des Biſchofs Perpetuus, ſei⸗ nes Vorgaͤngers. Zu ſeiner Zeit herrſchte Chledo⸗ wich ſchon in einigen Staͤdten Galliens, und ſei⸗ netwegen wurde dieſer Prieſter den Gothen ver⸗ daͤchtig, weil er ſeine Provinz der Herrſchaft der Franken unterwerfen wollte. Greg.⸗ Turon. Buch K. Kap. 15.— E⸗ war ſchon uͤber Mitternacht, als Felir zu Noviliacum mit ſeinen Fuͤhrern eintraf; allein ſeine Mutter und Julia erwarteten ihn gemeinſchaftlich. Sein laͤngeres Auſſenbleiben hatte bei Beiden gleiche Beſorglichkeit erregt, und wenn Sylvia ihre Freude, als ſie ihn wie⸗ derſahe und in ihre Arme ſchloß, laut ausbre⸗ chen ließ, erkannte man bei Julien blos an der ubhaftern Röthe ihrer Wangen, daß ſie gegen die Aengſtlichkeit ihrer Wirthin nicht unempfind⸗ lich geblieben war. Ihre Bewegung entging Feur s Beobachtung keinesweges, er fuͤhlte, daß, auch ohne daß ſie ſich ſpraͤchen, eine ſuͤße Mit⸗ theilung unter ihnen ſtatt finde. Felix erzaͤhlte nun, wie er von Numeria⸗ nus aufgenommen worden, wie es ihm unmög⸗ lich geweſen ſey, die Aufmerkſamkeit deſſelben zu feſſeln, und wie ſie ſich endlich getrennt haͤt⸗ ten, ohne daß Etwas beſchloſſen worden. Es ſchien ihm, als bedurfe er der Entſchuldigung, weil ihm ſein Vorſatz nicht gelungen warz allein er fand im Gegentheile, daß ſeine fruchtloſen Anſtrengungen die lebhafteſte Dankbarkeit erregt hatten. Jeder Uumſtand in ſeiner Erzählung ſchien auf Julien, deren Blicke immer feſt auf ihn gerichtet blieben, einen tiefen Eindruck zu machen; ſie erröthete und erbleichte abwech⸗ ſelnd, und ihre Augen mehr noch als ihre Worte ſchienen mit dem Ausdrucke Alles deſſen, was ſie Felir ſchuldig zu ſeyn glaubte, die Bitte um ſeinen nrunn. Wr zu ver⸗ einigen. Felir erzaͤhlte hierauf, wie er den Diocles nach dem Lager des Chlodowich abgeſandt, und ihm einen Brief an Julius Severus, nebſt der Bitte um ſicheres Geleit, mitgegeben habe. Sylvia erſchrak heftig, bei dem Gedanken, daß ſich ihr Sohn der Gewalt der Barbaren hinge⸗ ben wolle, und Julia fand darin einen neuen Grund der Dankbarkeit. Fur ihren Vater und fur ſie ſelbſt wollte ſich ja ihr Retter abermals der Gefahr ausſetzen. Mein Vater, ſagte ſie zu ihm, iſt bei dem Könige der Barbaren nicht ohne Einfluß. In dieſem Augenblicke bedarf er Eurer Huͤlfe, allein Ihr werdet auch finden, daß ſeine Menſchenkenntniß, ſein Eifer und ſeine Dankbarkeit Euch auf dieſer neuen Lauf⸗ bahn ſehr nuͤtzlich ſeyn werden. Gewiß liebt mein Vater den ſchon vom p der ſeine Tochter rettete. Dieſer Ausdruck ihrer eigenen Dankbarkeit war höchſt natuͤrlich. Allein in gewiſſen Seelen⸗ ſtimmungen findet man in den Worten faſt jeden — 138— Sinn, den ſie nur haben können; ſie ergreifen uns oft wie unerwartete Offenbarungen deſſen, was man wünſchet. Ein Blick von Felir ſchien ſelbſt in Julia's Herzen zu forſchen, ob das, was er fuͤr ſie gethan habe, hinreiche, um ſich ihrer Liebe verſichert zu halten. Dieſer Blick war ſo zaͤrtlich, ſo gefuͤhlvoll, daß Julia lebhaft erröthete, gleich als ob ſie mehr geſagt habe, als ſie haͤtte ſagen wollen. 1 Die Freundſchaft des Julius Severus, ver⸗ ſetzte er, könnte wohl, wenn es mir gelänge, ſie zu erwerben, uͤber die Gluͤckſeligkeit meines Lebens entſcheiden! 63 Julia ſuchte ihrer Seits in dieſen Worten auch mehr, als ſie auszudrucken ſchienen, und errothete von Neuem. Der Verdacht, den Lamia erregt hatte, trat in dieſem Augenblicke wieder vor Felix Seele, und er fuhlte ſein Herz beklommen. Vielleicht hätte er ſich ſogleich Aufklärung verſchaffen können, wenn er ſeine Erzaͤhlung vollendet und eines Zuſammentreffens mit der Prieſterin des Pan gedacht haͤtte; allein dazu hatte er — 169— nicht den Muth. Sollte er entdecken, daß Julia eine Heidin ſey, ſo wollte er doch ſeine Mutter nicht zum Zeugen dieſer Entdeckung machen. Er glaubte fuͤr ſich allein Kraft ge⸗ nug zu haben, wenn es ſeyn muͤßte, ſich von dem los zu machen, was fuͤr ihn nur erſt ein ſchöner Traum war, allein Rathſchläge und Ermahnungen eines Andern, ſelbſt ſeiner Mut⸗ ter, wuͤrden ihn verletzt und unangenehm auf⸗ geregt haben. Das wollte er doch nicht wa⸗ gem Er ſchloß alſo ſeine Etzahlung mit ſeiner Ankunft in Sangibans Lager, und dem Eifer, den Dumnorix bewieſen hatte, ihn zu begleiten und ihm zu dienen. Er hat viel von Euch geſprochen, ſagte er zu Julien, und die Stunden ſind mir auf das ſchnellſte entflohen. Freilich hat er mir Nichts weiter mitgetheilt, als was ich ſchon ahnete, in⸗ deſſen konnte ich doch nicht muͤde werden, ihn anzuhoren. Ich hätte mir es nicht träumen laſſen, daß wir ſo lange unterwegs geweſen wä⸗ —— ren, oder daß ich meiner Mutter irgend eine Veranlaſſung zur Beſorgniß gegeben hätte. Es iſt wirklich ſpaͤter, als Ihr glaubt, ſagte Sylvia, laßt uns die Ruhe ſuchen, deren wir ſo ſehr beduͤrfen. Morgen wollen wir be⸗ denken, was uns bei dem— u verſuchen uͤbrig bleibt. Wenn uns nur, h Julia, die Ge⸗ ſchicklichkeit dieſes vornehmen Prieſters nicht eben ſo verderblich wird, als die Dummheit und Unfähigkeit des Numerianus. Er liebt uns nicht, und mein Vater hält ihn fuͤr einen jener ehrſuͤchtigen und fanatiſchen Prieſter, welche im Nahmen der Religion den Menſchen ein eiſer⸗ nes Joch aufzulegen ſuchen, und die, um zu ihrem Zwecke zu gelangen, nie bedenken,— Ungluͤck ſie dadurch ſtiften. Dieſe Worte, nach welchen ſie ſich— erregten einen Sturm in Felir Innern. Volu⸗ ſianus konnte wohl dem Bilde gleichen, das Julia von ihm entwarf; allein ſie ſprach nur ihrem Vater nach, nur ihrem Vater folgte ſie in dem Urtheile, das ſie uͤber einen der hochſten — 141— Geiſtlichen der gallikaniſchen Kirche ausſprach⸗ Die Vorurtheile uͤber Menſchen, die ſie von ihm erhielt, hätten ſich dieſe nicht auch auf die Lehren erſtrecken zu denen ſie ſich kannten? Am folgenden eei traf Felir zuerſt ſeine Mutter und Julien in der Kirches ſie wohnten den taͤglichen Gebeten bei, welche der Pater Martin hielt. Seine Blicke waren immerwäh⸗ rend auf ſie geheftet; es ſchien ihm, als wenn ſie an dem Gottesdienſte, ohne Affectation, ſo wie ohne Oſtentation, als eine Perſon Theil naͤhme, welche gewohnt ſey, demſelben beizu⸗ wohnen. Dieſe Beobachtungen waren indeſſen nicht hinreichend, ſeinen Verdacht zu zerſtreuen; die Heiden glaubten ihre Goͤtter keinesweges zu beleidigen, wenn ſie an den chriſtlichen Gebraͤu⸗ chen Antheil nähmen, und die Meiſten von ihnen bequemten ſich gelegentlich zu den kirchli⸗ chen Ceremonien derer, mit denen ſie lebten. Nach dem Gebete begab ſich Felir in den Saal ſeinet Mutter, wo das Fruͤhſtuͤck bereit ſtand. Julia erſchien in ihrer Morgenkleidung, erquickt durch den Schlaf und die Ruhe der Nacht, unſerm Felix ſchöner und reizender, als er ſie jemals geſehen hatte. Sie ſchien ſi ch ſchon in Noviliacum eingewöhnt zu haben⸗ Ihre Blicke druͤckten Vertrauen und Dankbar⸗ keit aus, ihr Benehmen gegen Sylvia zeigte, daß ſie der Tag, den ſie mit einander verlebt hatten, um Vieles naͤher gebracht und daß ſchon eine gewiſſe gegenſeitige Zuneigung in Her⸗ zen Wurzel gefaßt habe. Felir beſprach ſich nun mit den Seinigen daruͤber, ob er ſich noch denſelben Tag nach Tours begeben, oder bis Morgen warten ſe Ihr werdet den apoſtoliſchen Voluſianus nicht zu Hauſe finden, ſagte der Pater Martin, er hat ſich nach Angouleme begeben, zu einer Conferenz, wozu ihn Cyprianus und Tetradius, die Erzbiſchöfe von Vordeaur und Bourges, ein⸗ geladen haben, um ſich uber das Schickſal der Provinz Aquitanien zu berathen; allein, wenn er die Nachricht von dem Einfalle der Franken — 143— in ſeiner Nachbarſchaft erhalten wird, ſo wird er gewiß unverzüglich zuruͤckkehren. Felir wußte, daß die vornehmen Geiſtlichen in Gallien eine ſehr lebhafte Correſpondenz ver⸗ mittelſt der Pilger, Mönche und Bettler unter⸗ hielten, welche unaufhorlich von Stadt zu Stadt zogen, und daß der Pater Martin, der ſie zu Noviliacum auf Koſten ſeines Herrn bewirthete, ein thaͤtiger Beforderer dieſes Briefwechſels ſey⸗ Er konnte daher an der Nachricht, die er von ihm erhielt, nicht zweifeln, und nachdem er mit Martin und Eudorius die Zeit berechnet hatte, binnen welcher Voluſtanus zu Angouleme von dem Einfalle der Franken habe Nachricht erhal⸗ ten und zuruͤckkommen konnen, glaubte er, daß er, ohne Etwas zu verſäumen, vier Tage bei Julien wohl zubringen koͤnne, und ſich den fuͤnften erſt nach Tours zu begeben brauche. Dieſer erzwungene Aufſchub ſtörte einen Plan, auf deſſen Ausfuͤhrung Alle ein ſehr großes Ge⸗ u legten; doch läßt ſich beſimmen, in wie weit jeder der dabei Intereſſirten ſich demſelben geduldig zu unterwerfen ſchien. nct Die vier Tage, welche Felir und Julia zu⸗ ſammen verlebten, vermehrten gar ſehr die Zu⸗ neigung, welche Eins gegen das Andere gefaßt hatte. Sie plauderten mit einander, und ihre Meinungen und Anſichten, ihr Geſchmack und ihre Gemuͤthsrichtung traf faſt in allen Punkten zuſammen- Sie betrachteten gemeinſchaftlich in ver Gallerie Gemälde und Statuen, auf der Ter⸗ raſſe die Ausſichten und das Spiel der Wolken und Sonnenſtrahlen, und fuhlten ſich zugleich von denſelben Schönheiten ergriffen und geruͤhrt. Sie laſen zuſammen die beruͤhmteſten Dichter⸗ werke aus dem Zeitalter des Auguſtus und Peric⸗ les, und bei Felip's Stimme floſſen Julien ſuͤße Thranen uͤber die Wangen. Sylvia, welche bei ihren Unterhaltungen faſt immer zugegen war, ſchien mit Freuden das allmählige Wachſen ihrer. gegenſeitigen Neigung zu bemerken, und ſich der Hoffnung zu freuen, daß ihr Sohn eine ſeiner wuͤrdige Lebensgefährtin gefunden habe. Ohne Mißtrauen uͤberließ ſich Julia dem Gefuͤhl, das — 145— ſie beherrſchte; es ſchien ihr die Frucht gerechter Dankbarkeit zu ſeyn, und Liebe war ihr immer nur eine Tugend und nie ein Verbrechen geweſen. Endlich erſchien der zur Abreiſe beſtimmte 26 und Felix nahm Abſchied; allein unterwegs war er jetzt mit Julien weit mehr beſchäftigt, als er es bei ſeiner Reiſe nach Orleans geweſen war. Er wiederholte in ſeinem Gedaͤchtniſſe alle Worte, die er von ihr gehoͤrt hatte, alle ihre Blicke, alle jene plötzlich aufſteigenden Regungen, die, weni⸗ ger der Herrſchaft des Geiſtes unterworfen, deſto mehr nur die geheimſte Stimmung der Seele ver⸗ rathen. Das Bild ihrer Augen, entweder nieder⸗ geſchlagen, oder ſanft erhoben und auf ihm ver⸗ weilend, oder glaͤnzend vor Freude, oder ſchwim⸗ mend in Thraͤnen, vereinigte ſich in einer Phantaſie mit jedem Gegenſtande, den ſie zuſam⸗ men betrachtet hatten; er dachte an ihre Spazier⸗ gaͤnge, er verband mit jedem Baume, mit jeder Bank, auf der ſie ausgeruht, mit jeder Ausſicht, die ſie zuſammen bewundert hatten, die Erinne⸗ rung an die mannichfachen Abſtufungen ihres Tons, der ſein Herz von neuem in ſuße Bewe⸗ 1r Bd. K — 146— gungen verſetzte. Wenn ſeine Gedanken ſich vor⸗ waͤrts richteten auf das, was er zu Tours vor⸗ hatte, oder auf ſeine nahe bevorſtehende Reiſe nach Soiſſons, ſo geſchahe es nur, um des Au⸗ genblicks ſich im Voraus zu freuen, wo er ſich dem Julius Severus vorzuſtelen und um die Hand ſeiner Tochter zu werben gedachte. Als Felix zu Tours ankam, erſtaunte er uͤber den Anblick einer Stadt, welche ganz mit Reli⸗ gionsubungen beſchaͤftigt zu ſeyn ſchien. Es wa⸗ ren zwar einige Soldaten am Thore aufgeſtelltz allein nicht auf ſie rechneten die Buͤrger in Hin⸗ ſicht des Schutzes, ſondern auf eine der Wache gegenuͤber befindliche Kapelle. Eine zahlloſe Menge von Kerzen brannte vor dem Bilde, das man fuͤr wunderthaͤtig hielt; Prieſter dienten am Altare, und in dem Augenblicke, wo Felir durch das Thor ſchritt, lagen alle Krieger auf den Knieen. In den meiſten Kramlaͤden, welche auf die Straße zu offen waren, erblickte man nichts, als agnus Dei, Crurifie, Kreuze Bilder des geiligen Martin, beſtimmt, auf ſeinem Attate geweiht zu werden, Prieſterkleidungen, Rirchen⸗ — 147— verzierungen und Andachtsbcher. Auf jedbet Straße ſahe man Kirchen, Kapellen und Bet⸗ ſtuͤhle, von allin Seiten ertönte der Geſang dir Prieſter, welche Litaneien recitirten. Endlich, als ſich Felir nach der Suttieche begab, wo ſich das Grab des heiligen Martin be⸗ findet, traf er den Voluſtänus, den Nachfolger jenes Erzbiſchofs, in aller Pracht der prieſterlichen Kleidung, unter Vortragung des Kreuzes, wun⸗ derthaͤtiger Bilder, Fahnen, und dem Vortritt von Muſikern, umgeben von ſingenden Prieſtern, gefolgt von vielen Tauſend Menſchen, Maͤnnern, Frauen und Kindern, welche Wachskerzen trugen, Paarweiſe einhergehend und kirchliche Gebete wie⸗ decholend. Felir trat in die Kirche, weil er glaubte, daß er hier am erſten erfahren wuͤrbe, wenn die heiligen Gebraͤuche beendigt waͤren, uns er eine Audienz bei dem Voluſianus erhalten könnte. Die Abweſenheit aller Prieſter, welche der Pro⸗ zeſſion folgten, ließ ſich in der Kathedrale kaum bemerken. Der immerwährende Geſang, den man Psallentium nannte, und der Tag und Nucht von Cyöten von Monchen fortgeſetk wer⸗ K 2 — 148— ben mußle, welche ſich gegenſeitig ablößten, war auch nicht einen Augenblick unterbrochen worden. Der heil. Martin, Metropolitan⸗ Biſchof von Tours, welcher vor neunzig Jahren geſtor⸗ ben war, wurde als der Apoſtel Galliens betrach⸗ tet, und ſein Sitz als der Hauptpunkt der catho⸗ iſchen Religion in dieſer Provinz. Sein Grab war mit frommen Oyfergaben geſchmůckt, welchs täglich von den Gläubigen dargebracht wurden, und die große Kathedrale war, wie ein unverletzli⸗ ches Aſyl, erfüllt mit Schlachtopfern der Tyran⸗ nüi, flüchtigen Sclaven oder Ubelthätern, die ſich eitweder dem Druche des Despotismus oder der Aufſicht und Wachſamkeit der Juſtiz zu entziehen ſuchten. Indeſſen war dieſe religiöſe Bewegung, welche gelir auf den Straßen wie in der Kirche bemerkt hatte, keinesweges gewöhnlich; er erfuhr bald, daß die mehrtägigen öffentlichen Gebete auf Befehl bes Votuſianus bei ſeiner Ruͤckkehr, wegen des letzten Einfalls der Franken zu Chartres, als eine Vorſichtsmaaßregel gegen einen Angriff auf die ſublichen Loiregegenden angeordnet worden, und — 149— eben ſo erfuhr er auch, daß die Prozeſſion iin Begriff ſey, zuruͤckzukehren, und daß er binnen zwei Stunden ohngefähr, beſtimmt eine b beim Voluſianus erhalten werde. Voluſianus war ein Mann von ehrwürdigem Anſehen, allein ev flößte wenigſtens eben ſo viel Furcht als Achtung ein. Er war von hohem Wuchs, und ſeinen Koͤrper, wenn auch von Faſten und Wachen erſchoͤpft, hielt er aufrechs, und wie unbeugſam. Er hatte eine gelbliche Hautfarbe und eingefallene Wangen, und ſein Haupt war von einer großen Menge ſchwarzer, kurzer Haare beſchattet; das Alter, welches ſeine Spuren der ganzen uͤbrigen Geſtalt aufgedruckt hatte, ver⸗ mochte ſie nicht zu bleichen, und dieſer Contraſt gab ſeiner Phyſiognomie eine ganz beſondere Haͤrte. Seine durchdringenden Blicke kuͤndigten in dem Nachfolger des heil. Martin mehr einen Richter der Reuigen, als einen Vater, und einen unerſchuͤtterlichen Verfechter ſeines Anſehens gegen die Ungläubigen, ſo wie einen furchtbaren Verfolger der Heiden und Ketzer: kurz, einen Mann an, der alle Hülfswittel der ltlichen — 160— Politik zu benutzen wiſſe, um das zu befördern, was er als die Sache des Himmels betrachtete. Felir ſtellte ihm nun die Abſicht ſeines Beſuchs⸗ ſo wie ſein Verlangen vor, ſich mit ihm uͤber die Vertheidigungsmittel zu beſprechen, welche die Bewohner der auf der Suͤdſeite der Loire gelege⸗ nen Länder aufbringen koͤnnten, um ſich gegen die Angriffe der Franken zu ſichern, oder auch uͤber die Unterhandlungen, wodurch man vielleicht ih⸗ ren Angriffen zuvorkommen moͤchte. Felir aͤußerte gleichfalls, daß er dem Chlodowich ſchon um ſiche⸗ res Geleit habe bitten laſſen; daß er jedoch, ehe er ſich zu dem Könige der Franken begäbe, von dem heiligen Biſchofe von Tours Rath und — erhalten gewuͤnſcht babe. 4 Ihr habt es ſchon ſelbſt bemerken Gmn jun⸗ ger Mann, ſagte Voluſianus, daß uns große Sorgen beſchäftigen; allein wir haben unſere Kir⸗ che und die uns anvertraute Heerde unter einen ſicherern und mächtigern Schutz geſtellt, als der iſt, den die weltliche Politik zu gewähren vermag. Indeſſen muß man die Unterhandlungen mit Chlo⸗ dowich nicht vernachläͤſſigen, Ihr werdet ihn ſchon — 1651— geſtimmt finden, Euch Gehoͤr zu geben; unſere Bruͤder in Gott ſind nicht ohne Einſluß auf den Geiſt dieſes Barbaren und der Name des S ia⸗ nus iſt ihm nicht unbekannt. Die Verſicherung, welche mir Eure— keit geben(denn dieſen Titel pflegte man zu jener Seit allen Biſchoͤfen beizulegen), erfullt mich mit Hoffnung, erwiderte Felir; wir werden alſo dem ungluͤcklichen Julius Severus. An den duͤrfen wir nicht denken, unter⸗ brach ihn der Greis; die Gerechtigkeit Gottes iſt endlich an die Stelle ſeiner Milde und Langmuth getreten. Die Zuͤchtigung ſeines kuͤhnen Feindes beginnt erſt, ſie wird lang und furchtbar ſeyn, möge ſie wenigſtens die Goͤtzendiener aufklaͤren und er⸗ ſchuttern, ſo wie alle jene falſchen Chriſten, welche ſich zwar, wie er, dem aͤußern Geſetze der Kirche unterwerfen, aber ihr Vertrauen denn doch auf die eitlen Bilder truͤgeriſcher Goͤtter ſetzen. Ich kenne weder die religioſen Anſichten des Julius Severus, noch ſein Benehmen gegen die Kirche, ich habe bloß ſein Ungluͤck, die Plünde⸗ rung ſeines Hauſes, den Verluſt ſeiner Haabe vnnz— die— von — u 1 urn Sie tewienen eben ſo wenig Mitleid als Zben ſie nicht unter ſich die heidniſchen Greuel weit länger, als andere Bewohner Galliens ge⸗ duldet und gehegt? Verſammelte ſich in dem Lande der Carnuten nicht der jährliche hohe Rath der Druiden, wählten ſie hier nicht ihre Ober⸗ haͤupter, theilten ſie ſich nicht gegenſeitig ihre ſchaͤndliche Wiſſenſchaft mit, verehrten ſie nicht hier ihre Gotzen, welche ſie für Götter hielten? Freuen muͤſſen wir uns„daß nun endlich das Werk der Gerechtigkeit erfullet worden, denn die Suͤnde der Väter ſoll heimgeſucht. an den — bis ins dritte und vierte Glied⸗. Aber, erwiderte Sunr der ſich in keine weit⸗ täuftigen Streitigkeiten einlaſſen wollte, was muͤſſen wir denn thun, wenn auch nicht eben für die Carnuten, ſondern fuͤr uns? Wollen wir warten, bis die Franken die Loire uͤberſchritten haben, wie die Seine, und das— des e Martin beraubt worden iſt? Kleinglaͤubiger Menſch! der heilige Martin bedarf deiner Huͤlfe nicht, er wird ſein Volk ſchuͤ⸗ tzen, wenn es Zeit iſt. Allein nicht an uns ſelbſt, an Tours allein muͤſſen wir denken, ſondern an ganz Gallien, an die Nachwelt ſelbſt! Wir gehen zum Chlodowich, bieten ihm unſere Arme, unſere Schätze, unſere Feſtungen anz wir zeigen ihm das Heer der Heiligen, bereit fur ihn zu ſtreiten) wir ſagen ihm: Sey unſer Koͤnig! ſey der älteſte Sohn der Kirche! und wir wollen Dich zu dem glorreichſten Monarchen des Occidents machenz wir wollen Dir gehorchen, wie wir den Cäſaren Noms gehorchten, und wir wollen auch die Fran⸗ ken lehren, Dir zu gehorchen! 2 Wie? dem Goͤtzendiener Chlodowich? Chlodo⸗ wich, dem Anhaͤnger von Theutates und— manſul? Dem Chlodowich, der ſich durch ueih Ketzerei befleckt hat, der keinen Theil hat an den Greueln der Arianer, wie der Weſtgothe Eurich, deſſen Joch wir einige Zeit haben tragen muͤſſen, oder wie ſein Sohn Marich II., der ſich vielleicht noch fuͤr unſern Herrn haͤlt; dem Chlodowich, der die Wahrheit nicht für den Irtthum hingegeben — 166— hat, wie es neuerlich erſt der König der Burzun⸗ der that, der auch nicht einmal den Namen des verabſcheuungswerthen Henoticons kennt, womit uns der Kaiſer Anaſtaſius bedroht. Chlodowich glaubt und gehorcht. Wenn gleich ſein Geiſt noch nicht ganz erleuchtet iſt, ſo liebt er doch die Prie⸗ ſter des Herrn, und läͤßt ihnen Gerechtigkeit wiederfahren. Er iſt zwar ein Goͤtzendiener, allein der heil. Remi, der Metropolitan⸗Biſchof von Rheims, iſt ſein Rathgeber und Orakel; die⸗ ſer heilige Mann ſchreibt mir ſelbſt, daß er die Hoffnung nicht aufgebe, Chlodowich bald in den Schooß der Kirche zu fuͤhren. Unterdeſſen muß man mit den Kindern des Fleiſches fleiſchlich re⸗ den: man muß ſie die Ehre, die Reichthuͤmer, die unbeſchränkte Gewalt erblicken laſſen, welche ſie erwartet, und ſo wird Chlodowich ein Chriſt werden. Ich furchte nur dieſen Julius Severus, er iſt gewiß mit ſeiner Tochter zu Soiſſons? Nein! ſeine Tochter iſt zu Noviliacum, bei meiner Mutter. i Zu Noviliacum? Iſt ſie denn ſchoͤn, ausge⸗ zeichnet ſchonk Dieſe ganz unvermuthete Frage eines ſo ern⸗ ſten Mannes mitten in einem Geſpräch uͤber die wichtigſten Angelegenheiten der Religion und Politik brachten Felir ganz außer Faſſung. Er erroͤthete, ſtotterte, und verſetzte endlich: W ausgezeichnet ſchoͤn!— önh Ihr liebt ſie? ſagte Voluſtan n und ieß ſine durchdringenden Blicke auf ihm ruhen,— Ihr liebt ſie! nehmt Euch in Acht, daß ſie ric des Chlodowich Gemahlin werde. Wie? des Chlodowich Gemahlin? Wem — das eingefallen? Ihrem Vater! Chlodowich iſt jung, er ſteht unter der Herrſchaft der Sinnlichkeit. Seine Gattin wird uͤber ſeine Politik und ſeinen Glau⸗ ben entſcheiden. Fordert er eine Gemahlin von den Königen der Weſtgothen, Oſtgothen oder Vandalen, ſo verfaͤllt er mit ihnen in die unſeeli⸗ ge Ketzerei der Arianer. Verfuͤhrt ihn Julius Severus, ſo wird er das Prieſterthum unterdrük⸗ ken, und vielleicht das Heidenthum wieder her⸗ ſtellenz gelingen aber dem heil. Remi ſeine V ſo iſt Chlodowich unſer. Aber Chlodowich iſt ja— er— einen Sohn— Chlodowich hat ſich n dem Geſetze der Franken vermaͤhlt, allein hat er auch den Seegen der Kirche erhalten? Was iſt denn die Ehe der Unglaͤubigen anders als ein ſchimpfliches Concubi⸗ nat? Chlodowich fängt nun an, es einzuſehen⸗ und wenn nur Thierry nicht fuͤr einen Baſtard gehalten wird, ſo wird er ſich nicht— eine andere Gattin zu nehmen. Felir erſchrak, eine neue Furcht ſuu⸗— ſhn Augen dar. Julia, die er liebte, ohne es ſich ſelbſt geſtanben zu haben, Julia, mit der er zwar nie von Liebe geſprochen, gegen die er keine Verpflichtung uͤbernommen hatte, die er aber in ſeiner Seele täglich mehr mit ſeiner Zukunft verband, und auf die er unwillkuͤhrlich alle ſeine Handlungen, ſo wie alle ſeine Wuͤn⸗ ſche bezog, Julia konnte mit einem Andern“ verlobt werden, ihr Vater konnte, ſtatt mit Freuden in ſein Verlangen zu willigen, wie er⸗ erwartet hatte; Plaͤne nähren, welche ſeinen Wuͤnſchen ganz entgegenſtanden. Seine Wan⸗ — 161— gen erbleichten und er fuͤhlte ſein Herz von ei⸗ ner Eiſeskaͤlte durchdrungen, er fuͤrchtete zu ſprechen, damit ſeine Stimme nicht die Ver⸗ wirrung offenbaren mochte, in der er ſich au⸗ genſcheinlich befand. Indeſſen hielt er ſich doch und ſetzte die Unterhaltung fort, ſo daß, wie er meinte, Niemand vermuthen konnte, daß ihn jetzt etwas Anderes, als Politik, beſchaͤftige⸗ Seine innere Bewegung war aber doch dem Voluſianus nicht ganz entgangen; allein dieſer hielt es nicht fur gut, es ſich merken zu laſſen. Es ſchien ihm zwar nothwendig, Juliens Ver⸗ maͤhlung mit Chlodowich zu hindern, und die Wachſamkeit eines Liebhabers konnte ihm dazu nuͤtzlich ſeyn; allein er ging keineswegs in den Plan ein, eine Verbindung zwiſchen ihr und Felix zu beguͤnſtigen, und ſich ſo der Gefahr auszuſetzen, daß die Macht und die Geſchicklich⸗ keit des Julius Severus durch das Anſehen und den Reichthum des Senators Felix Flo⸗ rentius unterſtuͤtzt wuͤrde. Die Aeußerungen des Voluſianus hatten Fe⸗ lir einen eben ſo großen Widerwillen gegen ſeinen — 158— religisſen Fanatismus, als gegen ſeine Politik eingeſlößt; allein auf der andern Seite fand er ihn vollkommen geneigt, ihm bei der Ausfuͤhrung des Planes behuͤflich zu ſeyn, wegen deſſen er nach Tours gekommen war. Mit Freuden ergriff Voluſianus die Gelegenheit, einen Unterhändler von erlauchtem Namen nach dem Läher des Chlo⸗ vowich zu ſenden; er theilte ihm ſeinen Brief⸗ wechſel mit den Grafen von Mans, Angers, Poitiers, Bourges und Limoges mit; desgleichen auch das Reſultat der Conferenz, welche er zu An⸗ gouleme mit den Metropolitun/Biſchöfen von Bourges und Bourdeaur gehabt hatte, ſo wie die letzten Nachrichten, die ihm von dem Hofe Ala⸗ richs II. zugekommen waren; er enthuͤllte ihm Alles, was dabei von den Weßgothen fuͤr Aquitanien zu erwarten ober zu furchten ſeyn mochte; mit einem Worte, er weihte ihn gänzlich in die politiſchen Verhaͤltniſſe dieſes Mittelpunktes von Gallien ein, wo der Mangel an Kraft den Gang der In⸗ trigue befoͤrdert hatte. Die Entwuͤrfe der Ober⸗ haupter der verſchiedenen Städte, ihre Anerbie⸗ tungen, ihre Forderungen, ihre gegenſeitige Ei⸗ — 169— ferſucht: Alles wurde Felir von dem Manne beut⸗ lich auseinander geſetzt, der den beſten Schluͤſſel dazu beſaß. Nach einer Unterredung, welche ſich bis tief in die Nacht verlaͤngerte, nahm Felir von dem Voluſianus Abſchied, mit der Abrede, daß der Prälat ihm Vollmachten im Namen aller Staͤdte, die der Loire am naͤchſten lagen, nach Novilia⸗ cum ſenden ſollte, und daß er nach Soiſſons ab⸗ reiſen wollte, ſobald er nur einen Geleitsbrief erhalten haben wuͤrde. Waͤhrend ſeiner Ruͤckreiſe nach Noviliacum war er unaufhoͤrlich mit der Furcht beſchäftigt, welche der Biſchof von Tours ſo eben in ihm erregt hatte, und er dachte nur auf Mittel, üͤber die Plaͤne des Julius Severus, ſo wie üͤber die Geſinnung ſeiner Tochter ſich Licht zu verſchaffen; er hätte ſo gern zuverlaͤſſig gewußt, ob ihr Herz noch frei, und ſie ſeiner Liebe werth ſey, ob er eine Neigung nähren oder unterdruͤcken ſollte, die, wie er wohl fuͤhlte, mit jedem Tage zärtlicher und inniger wurde. Er beſchloß endlich, die Are von Vertraulichkeit, die durch das, was er ſchon für ſie gethan hatte; unter ihnen entſtanden warh zu benutzen, um ihr von ſeinen Verhandlungen mit dem Voluſianus Nachricht zu geben, und da⸗ vei zu beobachten, wie ſie das aufnehmen moͤchte, was man von den Plaͤnen— welche Bn Vater zugeſchrieben wurden. 6 Fn den gimmern ſeiner h ſprach er blos von dem, has er uber die Politik der Partheyen und Aber die Intriguen etfahren hatte, zu denen ihm Voluſianus den Schlüſſet gab, ſo wie uͤber die mit Chlodowich angeknuͤpften Unterhandlun⸗ gen. Allein als er von Julien eine Untetredung ohne Zeugen erhalten hatte, ſagte er mit einer verhaltenen Rührung zu ihr: Wenn er dem Biſchofe von Tours glauben ſolle, ſo ſey ſie ſelbſt bei den von ihrem Vater angeknüpften Unterhandlungen mehr intereſſirt, als et anfangs vermuthet habe, weil ihre Hand wohl das un terpfand der Ausſöhnung zwiſchen den Franken und Roͤmern in Gallien werden könnte!— Indem er ſprach, beobachtete er ſie aufmerlſam es wurde ihm nicht ſchwer zu erkennen, daß ſie ſchon längſt von den Pänen ihres Vaters un⸗ terrichtet ſey, obgleich die Todtenblaͤſſe auf ih⸗ ren Wangen und die Thränen in ihren Augen ihn zu der Vermuthung berechtigten, daß ſie nicht wuͤnſche, ſie in Erfuͤllung gehen zu ſehen. Da Julia ſich mit der Antwort gerade nicht ſo fuhr Felir alſo fort: Wenn Julius Severus wirklich darauf denkt, ſeine Tochter dem Koͤnige der Barbaren zu geben, ſo wird er wenigſtens einen Mann ſinden, der — wird, dieſes zu hinderu. Sulia ließ ihre Augen mit dem— — Zärtlichkeit und Dankbarkeit auf ihm ru⸗ hen; ſie ſchlug ſie aber wieder zu Boden, als Felir mit einem unſichern Tone der Stimme alſo fortfuhr: 8 Dieſer Mann iſt Voluſtanus, der die Red⸗ lichkeit Eures Vaters in Zweifel zieht, und ſeiner Kirche wegen die Macht fuͤrchtet, womit Ihr bekleidet werden konntet. Ol ſagte ſie, nicht dem Haſſe glaubte 6 einen Vertheidiger verdanken zu muͤſſen. Ach! ſo verdankt ihn der Liebe! rief Felix. indem er ſich ihr zu Fuͤßen warf. Indeß er ihre 1r Bb. L — 162— Kuie umfaßte und mit Leibenſchaft ihre Hand an ſeine Lippen druͤckte,. Srn Stimme. Ja! ſagte ſie endlich, ſie ſich plotzlich beherrſchte, und ihn aufzuſtehen nöthigte,— ja! ich nehme den edlen Vertheidiger an, den mir Freundſchaft und Gaſtlichkeit und alle edelmuͤthige Empfindungen Heut anbieten, ich nehme ihn an⸗ um mich nicht nur gegen Feinde, ſondern auch gegen diejenigen zu ſchuͤtzen, welche mich lieben, und das begehren, was ſie meine Groͤße nennen. Ich verletze vielleicht die Pflicht des kindlichen Gehorſams, allein ich verabſcheue es, die Ge⸗ mahlin eines Barbaren, eines Feindes unſers Va⸗ terlandes, unſerer Geſetze, unſerer Religion und „Alles deſſen zu werden, was uns heilig iſt, eines Mannes, der von ſeiner Jugend an gezeigt hat, vaß er an Boßheit und Grauſamkeit den Schaͤnd⸗ lichſten ſeines Geſchlechts nicht nachſtehen wuͤrde. O! rettet mich vor ihm! Rettet mich vor meinem Schickſale, wenn es wahr iſt, daß die Goͤtter und Dämonen verkuͤndigt haben, daß ich ihm ange⸗ gehören ſoll. — 163— Dieſe letzten Worte erregten Felir Verwun⸗ berung; er bat um Erklärung derſelben, und Julia nahm keinen Anſtand, ſie ihm zu geben; wie gern hatte ſie Jemand Anders, als ihren Va⸗ tet, eines Planes beſchuldigen mögen, der ihr verhaßt war. Ich weiß nicht, ſagte ſie, ob mein Vater in Geheim noch einem Glauben huldigt, worin er mich nicht erzogen hat; ob er, erfuͤllt von den Erinnerungen Roms, in ſeinem Herzen die Gotter der ewigen Stadt mit ihren Triumphen verei⸗ nigtz ob er es für beſſer hält, die alten Tugenden, die von der Erde verſchwunden ſind, ſo wie die Religion der Decius und der Scipionen wieder aufleben zu laſſen, oder die der Conſtantine und des Theodoſius. Wenigſtens ſcheint er uͤberzeugt zu ſeyn, daß die Prieſter der alten Goͤtter durch einen uͤbernaturlichen Einfluß Kenntniß von der Zukunft erhalten; die chriſtlichen Prieſter beſtaͤrken ſie in diefer Ueberzeugung, weil ſie die Offenba⸗ rungen der Orakel den Damonen(boͤſen Geiſtern) zuſchreiben. Ich weiß, daß in einem nicht weit von hier gelegenen Tempel eine alte Prieſterin in L 2 feiner Gegenwart auf den heil. Dreifuß ſich geſeßt hat, der noch innerhalb der Ruinen ſteht⸗ und daß ſie in ihrer geheimnißvollen Sprache mich als die Gemalin des kuͤnftigen Eroberers von Gallien ℳ genannt hat.—— An dieſer Beſchreibung erkannte Felix Lamien und den zerſtorten Panstempei, wohin ihn der Zufall einige Nächte vorher gefuͤhrt hatte. Er ſahe auch mit Freuden, daß Julia keine Heidin war, ob ſie gleich ohne Bitterkeit von einer Reli⸗ ſprach die noch kurz zuvor die herrſchendé m ganzen Reiche geweſen war, und zu der ſich Vater noch in Geheim bekannte. Der einzige Bewegungsgrund, der ihm ihre Verbindung hůͤtte können zum Gegenſtande der Furcht machen, war nun hinweggeraumt. Pinderniſſe, welche er nicht vorausgeſehen hatte, ſchienen ihn freilich von Sti⸗ ten des Julius Severus in erwarten; allein er war doch mit ihr einwerſtanden, er war doch ſichtt, geliebt zu werden, ob er gleich kein Geſtndniß dieſerhalb von ihr erhalten hatte; nie hatte ihm daher ein Tag ſo viel Gluͤck gebracht, nie hatts — 165— er ber—— Vertrauen ontgegen⸗ — m . 3„ 7 init i 1½ Ntr. nnp un 1 es 6 Zu der Zeit, wo paris fuͤnf Sehe—„ wie enan verſichert, den Angriffen der Franken ausgeſetzt war, herrſchte in den Vorſtädten eine ſo außer⸗ ordentliche Hungersnoth, daß mehrere Menſchen daſelbſt Hungers ſtarben. S. Leben der heiligen „nt. Kap. 7. 8. 370. N ſiner Rückehr von Touts ui dan nch einige wenige Tage mit Julien zu Movilia⸗ cum zu, und dieſe waren hinreichend⸗ Vertrau⸗ tichteit und Vertrauen unter ihnen zu begruͤnden. Er witberhotte zwar das Wort Liebe nicht, das er erſt einmal; zu ihren Füßen ausgeſprochen hatte, und in ihrit Antwort hatto ſie felbſt nur von —— 166— Freundſchaft geredet, allein Nichts von dem Alen⸗ woruͤber ſie bei dieſem erſten Male ſich einverſtan⸗ den hatten, ging verlohren und wurde vergeſſen⸗ So lange ſie unter ſeinem Dache lebte, wuͤrde er geglaubt haben, ihr Zartgefühl zu beleidigen, und die Geſetze der Gaſtfreundſchaft zu verletzen, wenn er Alles, was er von Leidenſchaft in ſeinem Herzen fuͤhlte, hätte ausdruͤcken wollen. Er wuͤnſchte nicht, daß ſie in der Freiſtatt, die er ihr angewieſen hatte, irgend ein Gefüuhl von Verle⸗ genheit oder Zwang haben ſollte. Allein er glaubte auch, daß es hinreichend ſey, ſeiner Zunge Ge⸗ walt anzuthun, ſeine Blicke unterwarf er nicht demſelben Zwange, und ihre Sche blieb 5. nesweges unverſtunden. Alle die kleinen Ereigniſſe des Tages, 6en Einförmigkeit Felir oft ermuͤdet hatte, erhielten einen neuen Reiz durch Juliens Gegenwart. Der Pater Martin ſchien ihm, des Morgens, mehr Salbung in ſeine Gebete, mehr Sanftmuth und Milde in ſeine Urtheile uͤber andere Menſchen, mehr achtungsvolle Ruckſicht in ſeinen Widerſpruch und mehr Mäßigung in ſeine Verurtheilungen zu kegen. Enborius kam ihm weniger ungeſchickt in ſeiner Geiſtesthätigkeit, weniger pedantiſch in ſeiner Wiſſenſchaft, weniger ſchwerfällig in ſeinen Etymologieen vor. Auf Julia's Bitten hatte Felir den Eudorius veranlaßt, ihnen gemeinſchaft⸗ lich eine Art von Unterrichtsſtunde zu geben, und Beide hatten ihm die Wahl der Wiſſenſchaft, welche er vortragen wollte, uͤberlaſſen. Der Grammatiker, der in der That ſehr gelehrt war, hatte ſich vorgenommen, die verſchiedenen Syſteme der griechiſchen Philoſophie vorzutragen; er war entzuͤckt uͤber die Art und Weiſe, wie die beiden jungen Leute ihm zuhoͤrten, über ihr gelehriges Schweigen und uͤber die Lobſpräͤche, die ſie ſeiner Methode oder ſeinem Geiſte ertheilten; allein er bemerkte nicht, daß, indem er ſprach, ein Wort, das er geſagt hatte, eine Redensart, welche eine Anwendung auf ihre Lage oder ihre Gefuͤhle zu⸗ ließ, Beide in eine Art ſuͤßer Traumerei verſenkte; ein zwiſchen ihnen gewechſelter Blick hatte ſie fuͤhlen laſſen, daß ſie ſich gemeinſam verirrten, und dieſe Traͤumerei Eines in des Andern Gegenwart war ihnen ſuͤßer, als das Wort; ſie war ohne allen Zwang, ſie umfaßte ihre ganze Zukunft, alle ihre Wuͤnſche, alle ihre Hoffnungen, Gegenſtän⸗ de, die ſie mit gleicher Enthaltſamkeit in— Geſpräͤch zu beruͤhren vermieden⸗ Unterdeſſen kam Diocles von Soiſſons nach Noviliacum, mit dem vollſtandigſten, umfaſſend⸗ ſten Geleitsbriefe von Chlodowich fuͤr Felix Flo⸗ rentius und ſein Gefolge, ſo wie mit Briefen von Julius Severus, ebenfalls an Felir, an Sylvia Numantia und an ſeine eigene Tochter zurck. Severus druͤckte mehr mit Zierlichkeit als inniger Empfindung ſeine Dankbarkeit fur dasjenige aus, was die Beſitzer von Noviliacum fuͤr ſeins Toch⸗ ter gethan hatten, fuͤr den Schutz, den ſie ihr bewilligt, für die Gaſtfreundſchaft, die ſie allen Fluchtlingen aus ſeinen Beſitzungen hatten ange⸗ deihen laſſen. Er ſchien weder niedergeſchlagen durch den Einfall in ſeine Guͤter, noch aufgebläht durch neue Hoffnungen. Seine Briefe, an denen nicht das Geringſte zu tadeln war, gaben jedoch auch gar keine Auskunft uber ihn. Er kuͤndigte blos die Abſicht an, Sylvien die Laſt wieder ab⸗ zunehmen, welche ſie ſo edelmüthig ſich aufgebür⸗ 169 det habe, indem er ſeine Tochter, ſobald ſich nuk eine ſichere und ſchickliche Gelegenheit zur Reift finden wuͤrde, zu ſich nach Soiſſons kommen laſſen wollte. Er fuͤgte noch hinzu, daß es ihm ſchiene, die Frauen thoͤten uͤberhaupt beſſer, wenn ſie ihren Aufenthalt im Ruͤcken des Heeres der Eroberer waͤhlten, als in den Gegenden, die dieſed bald uͤberſchwemmen werde. Sollten die Bewoh⸗ ner von Noviltacum gleicher Meinung ſehn, ſo nehme er es gern uͤber ſich, fur ſie in dem neuen Reiche der Franken, unter Chlodowichs Schutz, eine Niederlaſſung auszumitteln, wo ſie die 3n kunft ruhig erwarten könnten. 3 Felir ſahe wohl ein, daß es dem Severus ganz recht geweſen ſeyn wuͤrde, wenn Sylvia Julien ſelbſt nach Soiſſons gebracht haͤtte; allein weder ſeine Mutter, noch ſeine Freundin, noch er ſelbſt glaubten ſich verpflichtet, dieſer Andeutung ſich zu fuͤgen. Die Faſſung und Ruhe des Severus ver⸗ anlaßte ſie auch zu glauben, daß er mit den Verfugungen Chlodowichs, in Hinſicht auf ihn ſelbſt, zufrieden ſey und ſich ſchmeichle, als Hoͤf⸗ ling, oder auch wohl als zukunftiger Schwieger⸗ — 170— vater des Königs der Franken dasjenige wieber zu gewinnen, was er bei der Pluͤnderung von Char⸗ tres verloren hatte. Julia und Felir waren dar⸗ uber derſelben Meinung; Beide fuͤhlten, daß dies ein Bewegungsgrund fuͤr den Letztern ſeyn müſſe, ſeine Reiſe zu beſchleunigen. Die Vollmachten und Anweiſungen der ver⸗ ſchiedenen Städte, in deren Namen Felir unter⸗ handeln ſollte, trafen faſt auch zu derſelben Zeit ein. Selbſt auf die des Grafen von Orleans, Numerianus, brauchte er nicht zu warten, und ſeine Scharfſicht genuͤgte ihm, ſogar dem Worte des Befehls ſich zu fugen, als er es vom Biſchofe von Tours erhalten hatte. Felix Florentius ſollte ſich nämlich bei Chlodo⸗ wich blos darſtellen als accreditirt von den zwiſchen der Seine und der Loire gelegenen Staͤdten, Or⸗ leans, Chartres, Le Mans und Angers; die ſüd⸗ lich von der Loire gelegenen, Tours, Poitiers, Bourges und Limoges, hatten gewiſſe Ruͤckſichten gegen Alarich den Zweiten, Koͤnig der Weſitgothen⸗ zu nehmen, deſſen Schutz ſie einmal angenommen hatten. Indeſſen ſollte Felir in ihrem Namen — 171— dieſelben Bedingungen anbieten, fuͤr den Augen⸗ blick, wo die Franken im Stande ſeyn wuͤrden, die Lvire zu paſſiren; dieſe Städte machten ſich verhindlich, den fraͤnkiſchen Königen den nämli⸗ chen Tribut zu zahlen, den ſie vorher den Caͤſaren gezahlt hatten, ihren Befehlen zu gehorchen und ſie als Souveraine unter der Bedingung anzu⸗ erkennen, daß das Privateigenthum geachtet, die von den Franken ſchon gemachte Beute zuruͤckge⸗ geben und die Geſetze ſo wie die Municipalitäts⸗ verfaſſung beibehalten wuͤrden. Felir brach den öten der Calenden des OHeto⸗ ber(den 27. September) mit einem zahlreichen, von Diocles befehligten Gefolge, mit einer Sänfte, Bagagewagen, Handpferden und einer glänzenden Equipage auf. Man hatte ihm vorgeſtellt, daß das Gefolge eines Geſandten ſeine Wuͤrde in den Augen eines barbariſchen Volkes erheben muͤſſe, da doch im Gegentheile gerade dieſes Darlegen von Reichthum die Habſucht der Franken in hohem Grade reizen mußte. Allein der Stolz ſindet immer einen Vertheidiger in dem Herzen des Menſchen, und es fehlt dem Reichen nie an ſchein⸗ —— baren Gründen, ſich zu uberreden; daß der Lurus nur eine Folge ſeiner Liebe zur Menſchheit ſey. Felir nahm ſeinen Weg durch die Stadt Chartres. Der Franke Chloderich hatte ſich mit ſeinem Haufen Ripuarier ſchon aus derſelben zu⸗ růͤckgezogenʒ ja, man ſagte ſogar, daß ihm Chlo⸗ dowich lebhafte Borwuͤrfe daruͤber gemacht, duß er einen Waffenſtillſtand verletzt habe, der im Namen dor ganzen Nation abgeſchloſſen worden ſenz demohngeachtet hatte Chloderich den Kirchen, wie den Priväthäuſern alle Gegenſtände von eini⸗ gem Werthe geraubt, und eine jahtreiche Maſſe von Gefangenen mit ſich genommen,. er zu verkaufen ließ. Mehrere Fluͤchtlinge waren ſchon nach char⸗ nes zuruͤckgekehrt; ſie durchſtrichen ihre verlaſſenen Haͤuſer, in denen alle Thuͤren und Fenſter einge⸗ ſchlagen waren; ſie ſuchten daſelbſt die Sachen von Werth, die Lebensmittel und Vorraͤthe wie⸗ der auf, welche ſie durch Vorſichtsmaasregeln allen Nachforſchungen dadurch zu entziehen ge⸗ glaubt hatten, daß ſie ſie in den Wänden, oder unter den Fußböden verbargen. Faſt immer hatte * —— 173— die Habſucht der Franken ihre Vorſicht vereitelt; dieſe hatten meiſtentheils in einer Stunde das Geheimniß entdeckt, was man glaubte, ihnen Jahre lang verhehlen zu koͤnnen. In mehrern Kirchen, mehrern Häuſern ſahe man noch die Leichname der Alten, der Kinder, der Kranken liegen, welche nicht hatten entfliehen koͤnnen, und die der Soldar kaltbluͤtig ermordet hatte, weil er kein Loͤſegeld fuͤr ſie erwarten durfte und ſie auch nicht als Sclaven verkaufen zu koͤnnen meinte. Ueberall erblickte man Spuren von Blut, Rauch und dem Aufenthalte wilder Krieger; man mußte ſich blos wundern, wie ein an ſich ſo kleiner Haufe ſolche Verwuͤſtungen hatte anrichten können. Felip eilte daher auch, ſich aus einer Stadt zu entfer⸗ nen, welche nur ſchmerzliche Se in ihm erwecken mußte. zn 9. Zu Paris war es, wo Felix zum erſten Male 7 ein Corps frankiſcher Krieger antraf. Ein unge⸗ heurer Thurm, am ſuͤdlichen Ufer des Fluſſes er⸗ baut, vertheidigte die hölzerne Bruͤcke, uͤber wel⸗ che er nach der Inſel gehen mußte, worauf damals die ganze Stadt beſchränkt war. Vor bieſem — 174— Fhurme hielten die Franken Wache. Man er⸗ Lannte ſie leicht und unterſchied ſie von allen an⸗ dern Bewohnern an ihren blauen Augen, ihren blonden, rund um den Kopf abgeſchnittenen Haa⸗ ren, ihrem hohen Wuchſe, ihren ſorgloſen Blicken, welche anzudeuten ſchienen, daß ſie nichts ihrer Neugier werth fanden, und auf einen Seelen⸗ ſchlaf ſchließen ließen, der erſt in dem Augenblicke von ihnen zu weichen pflegte, wo Krieg oder Aus⸗ ſchweifung ihre volle Energie weckte und aus ihren Tugen funkelte. Sie ſprachen laut mit einander Lnd ihre rauhe barbariſche Mundart, ein Dialekt — alten teutſchen, klang den Ohren der Rö⸗ mer hoͤchſt unangenehm; mehrere ſpielten auch mit ihren Streitärten, einer Waffe, welche im Gefechte äußerſt furchtbar war, mochten ſie ſie nun mit untruglicher Genauigkeit aus der Ferne werfen, oder damit in— — Die alten Einvohner von Pueis, die ſich. nicht an die neue Knechtſchaft gewöhnt hatten und die ſchon oft die ſchrecklichen Wirkungen des Zorns und der Rache ihrer Gäſte ſahen, ohne faſt je⸗ — 175— mals begreifen zu konnen, wodurch dieſe erregt worden, dachten nur darauf, ſi ſich ganz vergeſſen zu machen, und nichts zu ſehen, ſo wie ſelbſt nicht geſehen zu werden. Sie ſprachen leiſe mit einander, ſie blieben nicht ſtehen auf den Straßen, ſie ließen nie ihre Augen auf einem Franken ver⸗ weilenz ſie vermieden es ſogar, ſich unter einan⸗ der ſelbſt zu begegnen und Fragen an einander zu richten, welche nur ſchmerzliche Antworten her⸗ beifuͤhren konnten. Indeſſen ſchien das bürger⸗ liche Leben ſeinen alten Gang wieder angenommen zu haben; die Kramladen ſtanden offen, die Künſtler arbeiteten; allein man horchte und lauſchte immerfort, und ſobald ſich ein unge⸗ wöhnliches Geraͤuſch vernehmen ließ, verrammel⸗ ten ſie eiligſt ihre Wohnungen, ohne daß man je einen Buͤrger dem andern, der ihn um Huͤlfe fle ehte, zueilen ſahe. Soiſſons, das Ziel von Felir Reiſe, wo er den dritten Tag eintraf, gehorchte den Franken ſchon ſeit ſechs Jahren, und die Einwohner hatten mehr Zeit gehabt, als die von Paris, ſich an ihr Schickſal zu gewöhnen; uboerdies wurde hier die — 176— Polizei von Seiten der ſiegreichen Armee beſſer gehandhabt, und die Beſchwerden ließen ſich im Fall eines willkuhrlichen Drucks leichter anbringen und wurden faſt immer beruͤckſichtigt; ſo daß das Unrecht ſogleich abgeſtellt werden mußte. Die Gegenwart des Königs, ſeiner hohen Beamten und aller derer, die ſich durch den Raub der Pro⸗ vinzen bereichert hatten, ſo wie derienigen⸗ die ſich bei Zeiten der Gunſt des neuen Monarchen ver⸗ ſichern wollten, belebten den Hondel. Die Kauf⸗ leute waren zufrieden, die Straßen waren bedeckt mit Sänften, Pferden und Dienern, und ob ſich gleich in mehrern Palaͤſten die Spuren neuerlicher Plunderung nur noch zu deutlich bemerken ließen, hatten doch ſchon neue Bewohner die Stelle derer eingenommen, welche der Krieg hinweggemaͤht hatte, und ein neuer Luxus erſetzte den der zu Grunde gerichteten Familien, die aus ihren Woh⸗ nungen vertrieben worden waren. Nicht weit von dem Palaſte des Grafen Sy⸗ grius, den Chlodowich eingenommen hatte, befand ſich der, welcher dem Julius Severus von dem Könige zur Wohnung war angewieſen worden. — m— Hier wurde Felix erwartet und hier ſtieg er ab⸗ Die wahren Eigenthuͤmer waren entweder ermor⸗ det worden, oder befanden ſich auf der Flucht; niemand bekuͤmmerte ſich um ihr Schickſal, und doch nahm derjenige, der erſt vor Kurzem die Franken ſeinen eigenen Pallaſt hattepluͤndern ſehen, ohne Bedenken von denſelben Franken einen an⸗ dern Pallaſt und anderes nicht minder koſtbares Hausgeraͤth an, woruͤber die Sieger— blos nach dem vorgeblichen Rechte des Krieges verfugten. Julius Severus empfing Felir mit aller atti⸗ ſchen Anmuth, mit aller Feinheit eines geuͤbten Hofmannes. Jeder ſeiner Ausdruͤcke war volln Dankbarkeit, jede ſeiner Aeußerungen druͤckte die Freude aus, die er empfinde, einen Wohlthäter, den Sohn eines Freundes, der ihm ſo theuer ge⸗ weſen und einen ſo vornehmen Gaſt bei ſich zu ſehen⸗ Eine in ſeiner Rede ſtets vorherrſchende Eleganz, eine außerordentliche Feinheit und Be⸗ ſtimmtheit in allen ſeinen Ausdrücken, eine Kunſt, die Gedanken und Empfindungen derer zu errathen, mit denen er zu thun hatte, und ſich darnach zu richten, eine vollkommne Menſchenkenntniß, wel⸗ Ir Bb. M — 178— che ſeinen Bemerkungen eben ſo viel Neuheit als Wahrheit verlieh: dies Alles zuſammengenommen machte ſeinen Umgang ungemein angenehm⸗ Seine Geſtalt war edel, ſeine Stirne frei und offen, ſein Haar und Bart, den er lang trug, ob dies gleich nicht allgemein Sitte war, waren ſchon weiß, und doch war er eben noch nicht ſehr alt. Er trug eine Toga, und ſo konnteman wohl glau⸗ ben, in ihm einen alten romiſchen, vom Kapitol herabgeſtiegenen Senator zu erblicken. Die Offenheit, die ſich auf ſeiner ganzen Ge⸗ ſtalt abdruͤckte, die Selbſtvergeſſenheit, welche man bisweilen in dem Tone ſeiner Stimme zu entdecken meinte, ließen ihn doch nie Etwas äußern, was nicht vorher wohl bedacht und erwo⸗ gen geweſen wäre. Die Herzlichkeit diente ſeiner Feinheit blos zur Schaale, ſeine Beredſamkeit war nie durch Ueberzeugung geweckt und beſeelt. Er mußte auf dem erſten Anblick, bei der erſten Unterredung gefallen, einnehmen und vielleicht auch Andere beherrſchenz dieſe einmal errungene Herrſchaft behauptete er auch immer bei den mei⸗ ſten Menſchenz allein diejenigen, denen eine wahre —— Offenheit und Rechtlichkeit eigen war, fuͤhlten bald dunkel, daß es ihnen nicht gelingen wuͤrde, durch die Huͤlle des Hofmanns bei ihm bis den .— zu Nachdem Julius Severus die Briefe ſeiner Tochter geleſen hatte, deren Ueberbringer Felir war, ließ er ihn Alles umſtaͤndlich erzaͤhlen, was er uͤber die Flucht von Chartres erfahren und was er ſelbſt bei dem Uebergange uͤber die Loire gethan hatte. Er unterbrach ihn durch den Ausdruck ſei⸗ ner lebhaften Dankbarkeit und ſeiner Bewunderung deſſen, was er Heroismus bei Felir nannte, dann aber beſchaͤftigte er ihn von Neuem durch Fragen. Hierauf ließ er ſich in alle Umſtaͤnde der Unter⸗ redungen ein, welche Felir mit dem Numerianus und dem Voluſianus gehabt hatte. Er horte mit ſo anhaltender Aufmerkſamkeit zu, beurtheilte die Charaktere ſo richtig, kannte die Menſchen ſo aus dem Grunde, ſprach dann von ſeinen eigenen Plaͤnen, von den begonnenen Unterhandlungen, den unterhaltenen Correſpondenzen mit dem An⸗ ſcheine ſo ganzlicher vingebung, daß Feli, entzůck * M 2 „ — 180— uͤber einen ſo feinen und richtigen Verſtand, ſehr viel von ihm gelernt zu haben glaubte. Erſt als er Alles, was er gehört hatte, wie⸗ der an ſich im Geiſte voruͤbergehen ließ, bemerkte — er, daß Julius Severus ihm durchaus nichts weiter geſagt hatte, als was Felix ſchon wußte. Was ihm ſo neu vorgekommen war, das waren gar keine Thatſachen, ſondern es war Philoſophie auf die Politik angewandt. Severus beſaß das Talent, ſeine Ideen ins Allgemeine zu wenden, und indem er von den Thatſachen zu den Grund⸗ ſätzen aufſtieg, um von den letztern wieder zu den Individuen herabzuſteigen, gewährte er dem Ver⸗ ſtande eine immerwaͤhrende Uebung, ein immer reiches, ſinnvolles Ideenſpiel; allein er gab durch⸗ aus kein Licht uͤber die gegenwärtigen Umſtände, deren genauere Kenntniß er ſich allein vorbe⸗ hielt. Es war ausgemacht worden, daß Julius Severus den andern Tag Felir dem Chlodowich vorſtellen und ihm die Anerbietungen der galliſchen Städte vorlegen ſollte. Felir hatte den Auftrag, ſich mit dem Erzbiſchofe von Rheims zu verſtaͤn⸗ — 181— digen, wenn ſich bieſer zu Soiſſons aufhalten ſollte, und nur in uebereinſtimmung mit ihm zu han⸗ deln. Nach dem, was man ihm von des Seve⸗ rus religiöſen Anſichten geſagt hatte, erwartete et nichts gewiſſer, als daß ihn dieſer davon abzu⸗ bringen ſuchen würde, den Biſchof zu ſehen; er war daher ſehr angenehm uͤberraſcht, als der Se⸗ nator ihm anbot, ihn ſelbſt zu dem heil. Remi zu* fuhren; ja, er ſchien mit dem heiligen Manne auf einen ſo vertrauten Fuß umzugehen, daß man hätte glauben ſollen, ſie wären in ihren Plänen vollkommen einberſtanden. Wir bitten indeß um die Erlaubniß, der Unterhaltung dieſer bedeuten⸗ den Männer nicht beiwohnen zu durfen, wo nur Staatsangelegenheiten verhandelt wurden, die uns jetzt gůnzlich gleichgultig geworden ſind. N eu ntes Kapitel. Der Koͤnig der Franken. Wir nehmen Abſchied von Dir, o Konig; allein weil Du Deinem Neffen die Städte nicht herausgeben willſt, die ihm gehören, ſo melden wir Dir, daß das Beil noch ganz iſt, welches Deinen Bruͤdern den Kopf abgeſchlagen hat; ben Deinen wird es noch leichter vom Rumpfe trennen. Gregor von Tours. 7. Buch. 14. S. 298. D. Tag vor den Calendis des Oetobers(den Z0ſten Sept.) wurde Felir mit großet Feierlichkeit beim Chlodowich zur Audienz eingefuͤhrt. Der Pallaſt, welchen der König der Franken bewohnte, zeigte alle Eleganz, alle Groͤße der roͤmiſchen Architektur in der beſten Zeit; allein die Pracht und Delicateſſe der alten Herren der Welt ver⸗ miſchte ſich hier auf ſeltſame Weiſe mit der Roh⸗ heit und Unordnung der neuen Sieger. Ruhe⸗ betten mit perſiſchen Teppichen bedeckt, wo die —— reichſte Miſchung von Farben gläͤnzte, vertraten die Stelle der Stuͤhle und liefen rings um den innern Raum der Zimmer her; allein da ſie nicht hingereicht hatten zur Lagerſtätte der Wachen in dem Vorzimmer, welches für dieſe beſtimmt war, ſo hatte man Strohmatten auf dem Boden aus⸗ gebreitet, und mehrere Soldaten blieben hier ganz nachläſſig ſitzen oder tiegen, indeß die höchſten Staatsbeamten durch ihr Gemach ſich begaben, um in den Thronſaal zu gelangen. Die Decken waren mit trefflichen Frescogemaͤlden geziert, die man fur Werke großer Meiſter erkannte; allein, gleich als hätten ſie mit denſelben wetteifern wol⸗ len, hatten die Franken das Bild des Hermanſul auf die Waͤnde mir Kohle gemalt. Vorhänge von koſtbaren Stoffe befanden ſich an den Fenſtern, um den Glanz des eindringenden Lichtes zu mildernz allein da einer davon herabgeriſſen worden war, hatte man ihn ſogleich durch einen Soldatenman⸗ tel erſetzt. In dem Thronſaale, wo Chlodowich erwartet wurde, hätte man glauben ſollen, eine Deputation des roͤmiſchen Senats zu erblicken, ſo groß war —— die Anzahl der galliſchen, mit der Toga bekleideten Vornehmen, welche ſich den Titel von Senatoren, Patriziern und Grafen beilegten, denn dieſer letztere Titel wurde ſeit Conſtantins Regierung in dem römiſchen Reiche den Gouverneurs von Städten und ihren Bezirken beigelegt. Die Patrizier des unteriochten Reichs erſchienen, um ſich vor dem Koͤnige der Franken zu demuͤthigen, indeß ſie in ſeiner Abweſenheit von dieſer Selbſterniedrigung ſich durch den hochfahrenden Ton zu erheben ſuch⸗ ten, den ſie ſich gegen ihre Untergebenen erlaubten, ſo wie durch die ſtrenge Etiquette, nach der ſie un⸗ ter ſich ſelbſt ihre gegenſeitigen Sien⸗ gungen abzumeſſen pflegten. Mehrere vornehme Geiſtliche, der Erzbiſchof von Rheims, der Biſchof von Soiſſons, die Aebte mehrerer Kloͤſter befanden ſich gleichfalls in der Verſammlung. Jeder von ihnen war begleitet von einem Gefolge von Prieſtern oder Schreibern, jeder ſuchte ſich dadurch Achtung zu erwerben, daß er die Pracht ſeines geiſtlichen Schmuckes an die⸗ ſem heidniſchen Hofe entfaltete, wo ſich, unter⸗ miſcht mit ihnen, auch einige fraͤnkiſche deutſcher Goͤtter befanden. Mitten unter dem friedlichen Truppe der 5 leute erblickte man auch Franken mit ihren Waffen verſehen. Einige davon, die entweder ſehr hohe Poſten bekleideten, oder ſich durch die Pluͤnderung bereichert hatten, legten auf ihren Kleidern ſchon das Goib und die Seide zur Schau, welche ſie durch das Schwerdt erworben hatten; Andere da⸗ gegen trugen nur Mäntel von dem groͤbſten Stoffe, oder Schaaffelle, an denen ſich noch die Wolle befand. Aein der Unterſchied ihres Ranges oder ihres Anzugs machte keinen in dem Stolze ihrer Blicke. Alles zeigte, daß ſie gewohnt waren, Nichts zu fürchten und Nichts zu achten. Sie ſchwatzten nie unter einander, ſondern ſie ſprachen nur dann, wann ſie ſich Etwas Weſentliches oder Bedeutendes mitzutheilen hatten; allein dann war ihre Stimme laut und feſt, und indeß die Gallier nie anders als mit halblautem Tone ſich anredeten, als wenn ſie immer gefuͤrchtet haͤtten, durch ihr Geräuſch den Rath des Fuͤrſten zu ſtoͤren, ſchie⸗ nen die Franken nur an ſich ſelbſt zu denken und nie die Störung, die ſie Andern verurſachen konn⸗ ten, oder das Gerauſch zu berechnen, welches bis zu den Ohren des Koͤnigs dringen moͤchte. Chlodowich erſchien. Er war ohngefähr ſechs und zwanzig Jahr alt, ſeine Geſtalt edel und ſtolz, ſein Wuchs hoch, ſeine Zuͤge waren die ſeiner Nation, denn in den barbariſchen Stämmen iſt der Charakter der Grſichtsbildung mehr nationell als individuell; allein er unterſchied ſich von den uͤbrigen Franken durch das lange fliegende Haar, das ihm uͤber die Schultern herabſiel: dies war das Unterſcheidungszeichen der königl. Abkunft. Chlodowich trug es zugleich mit einer anſehnlichen Zahl von Anführern, welche ſämmtlich, wie er, von dem alten Meroveus abſtammten. Die Sol⸗ daten durften den Feldherrn, dem ſie folgen woll⸗ ten, aus ſich ſelbſt wählen. Derjenige, den ſie verließen, wurde gewöhnlich von ſeinem glůchti⸗ chen Mitbewerber erdolcht. Felir wurde dem Chlodowich vai und mit Wohlwollen empfangen. Sein Beglaubi⸗ gungsſchreiben wurde dem Aurelianus, dem latei⸗ —— niſchen Vertrauten des fraͤnkiſchen Königs, über⸗ geben; denn dieſen zog er bei allen wichtigen An⸗ gelegenheiten zu Rathe. Felir ſetzte nun auf eine. allgemeine Art den Zweck ſeiner Sendung aus ein⸗ ander, indem er ſich ſorgfäͤltig huͤtete, nichts zu beruͤhren, was die Bewohner des ſuͤdlichen Ufers der Loire gegen die Weſtgothen in ſeten könnte. Hierauf ſprachen mehrere roͤmiſche Senatoren, ſie freuten ſich, daß ſich die Herrſchaft Chlodo⸗ wichs täglich uͤber eine größere Anzahl von Gal⸗ liern erſtrecke, verſichert, daß ſich dann der er⸗ lauchte Chlodowich nicht allein als König der Franken, ſondern auch als ihren Conful oder Pattizier und den Repräſentanten der kaiſerlichen Majeſtaͤt in Gallien betrachten wuͤrde. Nun nahm der heil. Remi das Wort, um in Erinnetung zu bringen, daß die Religion allein Reiche gruͤnde, daß nur ſie den Chlodowich mit ſeinem Volke zu vereinigen und auf einen Thron zu erheben vermoͤge, der weit erhabener ſey, als der, der ſich durch das Schwerdt oder die Streit⸗ — 168— art erobern laſſe. Er ſprach es laut aus, daß der Gott der Ehriſten, den Chlodowich aus Torandriens Waäldern hervorgerufen habe, ihn in ſeinen Armen erwarte, daß er nichts von ihm begehre⸗ als das Opfer ſeines Herzens, und daß er ihm dafuͤr den Sieg uͤber alle ſeine Feinde zuſichere, daß er ihn in dieſem Leben mit Gluͤck und Freude uͤberſchütten wolle und in dem andern ihm die ewige Seeligkeit zum Erbtheil aufbehalten habe. Chlodowich ſchien die Hoffnungen ſeiner römi⸗ ſchen Unterthanen aufzumuntern, die achtungs⸗ vollen Ausdruͤcke dieſer vornehmen Perſonen mit Vergnuͤgen anzuhören, ihre Schmeicheleien ſich gern gefallen zu laſſen und zu fühlen, daß ihre enechtiſche Unterwerfung weit beſſer zu ſeinem Stolze paſſe, als die kecke Unabhängigkeit ſeiner Franken. Die Prophezeihungen des heil. Remi ſchienen gewiſſermaaßen die Enthuͤllung ſeiner Plaͤne; die Worte, die er zur Erwiederung an den Erzbiſchof richtete, druͤckten Ergebenheit und Ach⸗ tung aus, und ſey es nun, daß er der Ueberzeu⸗ gung folgte, oder den Berechnungen der Politik — 189— man erkannte ſehr leicht, daß er ſich ſchon zur neuen Religion hinneige. Chlodowich ſprach mit Leichtigkeit lateiniſch; die Franken, welche in der Rathsverſammlung Zutritt erhalten hatten, ſchie⸗ nen nicht ſo gut, wie er, dieſe Sprache zu ver⸗ ſtehen, daher miſchten ſie ſich auch nicht in die Unterhandlungen, ob ſie gleich zuweilen ſarcaſti⸗ ſche Bemerkungen in ihrer Sprache hoͤren ließen, welche die, die ſie verſtanden, durch lautes Ge⸗ laͤchter beantworteten. Endlich erhob der Franke Theuderich die Stimme: Ich begreife, ſagte er, die Prieſter der Be⸗ ſiegten nicht, die im Namen ihrer Goͤtter kommen, uns den Sieg anzubieten, den ſie fuͤr ſich ſelbſt nicht haben behaupten koͤnnen; eben ſo wenig die Befehlshaber der offenen Städte und vertheidi⸗ gungsloſen Provinzen, welche ſich herausnehmen, uns Bedingungen vorzuſchreiben, da ihr Degen doch kein Blut geſehen hat. Wenn ſie einen Con⸗ ſul oder Patrizier wollen, ſo mogen ſie ſich ihn aus ihren Togenmaͤnnern wählen, und einen nehmen, der nicht zu fliehen pflegt, wenn ſie an⸗ — 190— ders einen ſolchen finden können. Wenn wir uns einen König gewählt haben, ſo iſt es nicht fuͤr den Frieden, ſondern fuͤr den Krieg geſchehen. Wir haben ihn genommen, damit er ihre Guͤter unter uns vertheile, denn das Eigenthum der Feigen muß, nach allem Rechte, an die Herzhaften uͤbergehen. Und Du, Chlodowich, erinnere Dich, daß es Deine Pflicht iſt, uns zum Kampfe zu fuͤhren, nicht aber unſern Feinden Buͤrgſchaften der Sicherheit zu ſtellen. Wenn Du den Frieden dem Kriege vorziehſt, ſo gieb Deine Herrſchaft auf, es wird uns darum nicht an Fuͤhrern fehlen, der Stamm der langhaarigen Konige iſt nicht erloſchen. Bedenke aber ſtets, daß das fraͤnkiſche Beil oft das Haupt deſſen, der mit dem Feinde unterhan⸗ delte, in den Staub hat hinrellen laſſen! Dieſe Rede wurde von allen in der Verſamm⸗ lung gegenwärtigen Franken mit einem lebhaften Freudengeſchrei aufgenommen; doch nicht damit zufrieden, zogen ſie ihre Schwerdter, ſchlugen ſie in der Luft gegen einander, oder gegen ihre Schilde, und ein furchtbares Getöſe erfuͤllte mehrere Mi⸗ nuten lang den Sgal. Die Senatoren und die — 191— Prieſter hatten ſich in die Ecken deſſelben zuruͤckge⸗ zogen, hier ſtellten ſie ſich voll Angſt zuſammen, denn ſie hielten ſich nicht fur ſicher, daß die Fran⸗ ken nicht etwa von Drohungen ſchnell zu einer Erecution ſchreiten und die vornehmſten Gallier, die ſich eben in ihrer Gewalt befanden, ermorden moͤchten. S Als der Lärm ſich ein wenig zu legen begann, nahm Chlodowich das Wort; allein da er blos von den Franken verſtanden ſeyn wollte, bediente er ſich der deutſchen Sprache: Ihr habt noch nie geſehen, edle Franken, ſagte er, daß ich in einem Gefechte zuruͤckgewichen, oder durch die Beſchwerden des Krieges ermudet worden bin. Ihr habt gewiß nie geſehen, daß ich Eure Hände von der Beute zurckgehalten, oder Euch eine gleiche Theilung derſelben verweigert habe. Mir hat es ſtets genugt, mich glorreich in dem Blute unſerer Feinde zu baden und den Ra⸗ ben ein Mahl zu bereiten, indeß unſere Väter in Walhalla auf uns niederſchauen und ſich über uns freuen. Ich verlange von Euch für mich kein andres Theil, und ich überlaſſe Euch alle Reich⸗ — 192— chümer dieſer Sclaven. Allein Hermanſul ſelbſt verachtet die Klugheit nicht, wir muͤſſen unſere Feinde nur einen nach den andern, nicht alle zu⸗ gleich, bekämpfen. Es iſt erſt ein Jahr, daß Ihr die Tongrier veſiegt habt; wißt Ihr denn, ob ihre Verbuͤndeten aus Thuͤringen nicht auftreten werden, Rache zu nehmen? Die Allemannen betrachten uns mit Eiferſucht, die Burgunder, die Weſtgothen haben ſich vor uns in Gallien feſtgeſetzt. Laßt uns die Schätze bieſer Römer benutzen, um uns uͤber un⸗ ſere uͤbrigen Feinde zu erheben. Später koͤnnen ſie uns nicht entgehen⸗ Edle Franken, uͤberlaßt mir die Leitung der Politik, ich werde Euch des Kampfes genug aufbewahren, und hier werdet Ihr erkennen, ob der Anblick des rinnenden Blu⸗ tes nicht fur meine Augen ein eben ſo angenehmer Anblick iſt, als für die Eurigen. Dieſe Worte Chlodowichs ſtillten den Aufruhr der Franken, und als er ſeine Rede geendigt hatte, wurde ihm auf eine eben ſo geraͤuſchvolle Art Bei⸗ fall bezeugt, wie dem Theuderich. Unter den Romern, die in der Verſammlung gegenwaͤrtig * — 193— waren, befanden ſich mehrere, welche die deutſche Sprache verſtanden, und folglich wohl begreifen konnten, daß ſich in ihrer Gegenwart ſelbſt Chlodowich verpflichtet hatte, ſie zu betrugen; allein ſie hatten nicht den Muth, ihre wahre Lage recht ins Auge zu faſſen. Sie glaubten lieber, daß ſich Chlodowich gegen die Franken verſtelle, und daß er ſich auf eine ſchonende Art benehmen muͤſſe, um ſie ganz nach ſeinen Abſichten zu len⸗ ken, daß aber der Kampf zwiſchen beiden Natio⸗ nen am Ende doch durch die Kuͤnſte der Intrigue entſchieden werde, und daß ſie in dieſen Kuͤnſten des Sieges eben ſo gewiß ſeyn könnten, als die Barbaren in denen des Kampfes. Chlodowich wuͤnſchte nun die Verſammlung aufzuloſen, er gab daher Befehl, daß man den Abſchiedswein bringen ſollte; denn die Franken verließen das Haus des Königs nie anders als nachdem ſie einige Erfriſchungen eingenommen. Man reichte Jedem der Großen, einem nach dem 2 andern, eine Schaale dar. Als der Mundſchenk dem Theuderich die ſeinige eichte⸗ ſtieß ſie dieſer Franke mißtrauiſch uti. Chlodowich ſah Ir Bd. P ——— dies, er ergriff ſie daher ſogleich und trank zuerſt, dann reichte er ſie ihm dar. Der Franke leerte ſie nun beruhigt auf einen Zug. Von beiden Seiten wurde auch nicht ein einziges Wort gewechſelt. Dieſe ſtumme Scene entging indeſſen Felir Blicken nicht. Er ſahe, daß die ſchreckliche Kunſt der Vergiftung an dem Hofe der Franken eben ſo be⸗ kannt war, als an dem zu Conſtantinopel, daß aber der Franke ſein Mißtrauen offener darlegte und der Monarch weniger dadurch beleidigt ward. Die Franken hatten ſich ſchon entfernt, die Gallier, an einen gemeſſenern Schritt gewoͤhnt, fingen an, ſich almählig zu zerſtreuen, da hielt Chlodowich den Julius Severus, als er eben den Saal verlaſſen wollte, zuruͤck, und ſagte zu ihm: Hat dieſer galliſche Abgeſandte(auf Felir deutend) Eure Tochter mitgebracht? Erlauchter Monarch, das iſt nicht moͤglich geweſen! So ſoll ſie ſobalb als moͤglich nach Soiſſons kommen! Dieſer Befehl, den Alle, die noch im Saale waren, vernommen hatten, erregte in mehr als einem Herzen eine lebhafte Bewegung. Felit glaubte darin eine Entſcheidung von Juliens Schick⸗ ſale zu ſehen, ehe er noch Etwas fuͤr ſie hatte verſuchen können, auch erblickte er keine Moglich⸗ keit, ſie zu retten. Severus im Gegentheile ſahe ſeine Plane dem Publikum verrathen, ehe ſie noch zur Reife gediehen waren. Der heil. Remi end⸗ üich beariff wohl, daß die von den Franken darge⸗ legte Eiferſucht den Chlodowich beſtimmt habe, eine Gattin zu verſchmähen, welche ihm von den Prieſtern angeboten worden war; dieſe war eben⸗ falls eine Römerin, allein aus einer dem Epiſco⸗ pat ganz ergebenen Familie, und die ſonſt nicht das geringſte Erlauchte beſaß. Der heil. Remi nahm indeſſen zuerſt das Wort: Allervortrefflichſter Konig, wir leſen in unſern heiligen Buͤchern, daß der Konig Ahasverus in allen Provinzen ſeines Reichs Commiſſarien er⸗ nannte, welche Alles, was es daſelbſt an jungen und ſchonen Mädchen gab, zuſammenbringen und nach Suſa, der Hauptſtadt, abſenden mußten. Nachdem man ihnen den nöthigen Anzug und Schmuck gegeben hatte, vurden ſie ihm vorgeſtellt, N 2 — „ — 6— und diejenige, welche das Glück hatte, ihm zu gefallen, wurde ſogleich als Koͤnigin ausgerufen. Wenn Eure Herrlichkeit eine ſolche Wahl unter den Töchtern der Römer zu treffen fur gut finden ſollte, ſo wuͤrden ſich ihre Biſchoͤfe bemuͤhen, Euch nur ſolche Mädchen darzuſtellen, deren See⸗ lenſchonheit der ihres Koͤrpers nichts nachgeben ſollte. Iſt denn Ahasverus, ſagte Chlodowich, einer Eurer Propheten, oder ein Heiliger von der Heer⸗ ſchaar des Himmels? Nein! verſetzte der heil. Remi, er war, wie Eure Herrlichkeit, ein großer König, der, wie Ihr, das Volk Gottes beſchuͤtzte. Ahasverus herrſchte nicht uͤber Franken. Dieſe wuͤrden mich verachten, wenn ich mit dem Blute des Meroveus ein Blut vermiſchen wollte, das nicht eben ſo vornehm iſt; ſie wuͤrden mich ver⸗ werfen, wenn ſie ſähen, daß ich ein Weib aus den Haͤnden der Prieſter des Gottes der Chriſten empfinge. Ihr habt ſo eben Theuderichs Drohun⸗ gen gehoͤrt.„ Wenn Eure Herrlichkeit die Vorurtheile der Franken zu beleidigen fuͤrchtet, wenn Ihr die fromme Deuteria, die Nichte des Biſchofs von Meaux verſchmäht, welche doch ſicherlich durch ihre Reize die irrdiſche Krone verdient haͤtte, wie ſie die himmliſche durch den Glanz ihrer Tugenden erhalten wird, ſo konnt Ihr noch, o Koͤnig, unter den Roͤmern eine Gattin von erlauchter Herkunft finden, die nicht mit den Prieſtern des Herrn ver⸗ wandt iſt. Allein vergeßt nicht, daß Eure Herr⸗ ſchaft nur durch den Schutz des Allerhoͤchſten ge⸗ gruͤndet werden kann, und was menſchliche Mittel anbetrifft, durch das Vertrauen Eurer galliſchen unterthanen, die unendlich zahlreicher ſind, als Eure fraͤnkiſchen Soldaten. Nun hoͤrt, o König! die Stimme der Wahrheit; nie werdet Ihr dieſes Vertrauen erhalten, wenn Ihr eine Gattin von den barbariſchen Juͤrſten begehrt, die alle entweder Heiden, oder, was noch ſchlimmer iſt, Ketzer ſind. Möge die Gemahlin, die Ihr erwählen werdet, Eurem Herzen und Euren Wuͤnſchen ge⸗ nuͤgen; allein ſie ſey eine Chriſtin, ſie ſey ortho⸗ dor, oder Euer Thron wird bald zuſammenſtuͤrzen, — 198— wie wir den Thron des Attila haben zuſammen⸗ ſtuͤrzen ſehen. Prieſter, verſetzte der König, Ihr ſprecht von den Galliern, welche Eure Tempel beſuchen; allein es giebt noch viel Andere, welche der alten Reli⸗ gion Roms treu geblieben ſind. Dieſe ſagen mir, daß die Goͤtter der Deutſchen und die des Kapitols dieſelben ſind, ob ſie ſchon verſchiedene Namen tragen. Sie ſagen mir, daß ſie lange Zeit von Euch unterdruͤckt worden ſind, daß ſie ihrem Befreier zujauchzen werden, ſobald ihnen dieſer erlauben will, ihre Tempel von Neuem zu öffnen; daß ſie ihm mit unerſchuͤtterlicher Treue anhangen, ja, daß ſie ſelbſt ſeine Heere ergaͤnzen wollen; denn der einzige Theil von Gallien, der noch von tapfern Soldaten bevoͤlkert iſt, Armorica, wird faſt ein⸗ zig von den Anhaͤngern der alten Götter be⸗ wohnt. Severus, der bei dieſer Unterrebung zugegen war, nahm ganz und gar keinen Antheil daran; er wußte ſelbſt ſeine Blicke dergeſtalt zu beherr⸗ ſchen, daß ſie weder ein Gefuͤhl noch einen Ge⸗ danken auszudruͤcken ſchienen. Der heil. Remi hatte dieſe Gewalt nicht uͤber ſich zu behaupten gewußt; zu wiederholten Mahlen, beſonders waͤh⸗ rend der König ſprach, hatte er ſeine Augen auf den Severus gerichtet, mit einer Miſchung von Unwillen und Verachtung, gleich als ob er in der Sprache, deren ſich Chlodowich bedient hatte, die Rathſchläge deſſelben erkannt hatte. Rach einer Wauſe endlich rief er: O! Koͤnig, erinnert Euch wenigſtens des Folgenden: Fuͤr die Rechtgläu⸗ bigen giebt es einen noch verhaßtern Namen, als der eines Goͤtzendieners, ſelbſt der eines Ketzers iſt, und das iſt der eines Abtruͤn⸗ nigen! Mit dieſen Worten entfernte er ſic und ſeine Prieſter begleiteten ihn. Ich ſehe, nahm Severus wieder mit vielet Ruhe das Wort, Eure Herrlichkeit weiß den Ungeſtuͤm derer, die ſich ihr nähern, zur Be⸗ reicherung ihrer Menſchenkenntniß zu benutzen. Weder die rohe Heftigkeit des Theuderich, noch die hochfahrende Intoleranz des heil. Remi ha⸗ ben die Ruhe ihres Gemuͤths zu truͤben ver⸗ mocht. Allein indeß Ihr ihre Hitze maͤßigtet, — 200— durchſchautet ihr Beide, und mit ihnen die Menſchenclaſſen, denen ſie angehoͤren. Ein Kö⸗ nig darf ſich kaum einen Koͤnig nennen, ſo lange er von einer ungezogenen Soldateska bebroht wird, er darf es noch weniger, ſo lange er Prieſtern geſtattet, uͤber ſeine Gedanken, wie uͤber ſeine Handlungen zu richten und ihm Ge⸗ ſetze zu geben. Eure Herrlichkeit wird bei Re⸗ mi's Anblick nie vergeſſen, was Ambroſius fuͤr den Theodoſius war. Chlodowich hält das Schwerdt, verſetzte der Koͤnig, und er wird zu ſeiner Zeit und am rechten Orte es gebrauchen, um diejenigen zu treffen, welche ſich ihm widerſetzen. Kein Menſch, weder ein Roͤmer, noch ein Barbar, wird mir Furcht einjagen, oder die Vollfuͤhrung meiner Plane verzögern; das verſichert Euren Galliern. Aber ich fuͤhre nur Krieg mit Men⸗ ſchen, nicht mit den Goͤttern, ſetzte er mit einer Bewegung hinzu, welche faſt wie das Beben der Furcht und des Schreckens ausſahe,— nicht mit den Goͤttern, welche ich fuͤrchte und achte in den Wäldern Germaniens, in den zer⸗ — 201— ſtörten Jupiterstempeln, oder in den neuen Kirchen. Ihre furchtbare Gewalt umgiebt uns und drängt uns uͤberall; ihre Prieſter bringen uns ihre Befehle von oben zu, denen ſich Ko⸗ nige und Voͤlker unterwerfen muͤſſen. Warum bekriegen dieſe Prieſter ſich denn? Warum laſſen ſie uns in Zweifel? O! wenn ich ſie nur ver⸗ ſtände, meine Streitaxt ſollte dem wahren Herrn des Himmels dienen. Man ſag's mir deutlich, was ich glauben ſoll, und das Blut, das man von mir fordert, ſoll nie mehr auf ihren Altä⸗ ren mangeln!— Severus, Felir und die kleine Anzahl von Roͤmern, welche noch zugegen waren, blieben 3 einige Augenblicke in Stillſchweigen verſunken. Sie glaubten den innern Kampf dieſer rohen Seele zu ſehen, in der weder die Intriguen der Politik, noch die wilden Erſcheinungen des Kriegs, noch auch das Schwanken zwiſchen den entgegengeſetzten Glaubensformen der Fanatis⸗ mus unterdruͤckt hatte. Sie ſahen voraus, daß Chlodowich, ſobald er ſeine Wahl getroffen ha⸗ — 202— ben wuͤrde, Verfolgungen verhaͤngen eönnte, und ſie vermochten nicht zu beſtimmen, ob dieſe dann auf ſie oder auf ihre Gegner fallen moͤchten. Indeſſen bereitete ſich Severus vor, das Wort von Neuem zu nehmen, gleich als wollte er dieſem unentſchloſſenen Geiſte einen neuen Im⸗ puls geben; allein Chlodowich, der einen Au⸗ genblick in Nachdenken verſunken geſchienen hatte, ethob ſeine Augen wieder auf die Römer und gab ihnen ein Zeichen, ſich zu entfernen. 3ehntes Kapitel: Aufenthalt zu Soiſſons. Die goͤttliche Vorſehung hat in Euch den Ordner unſers Jahrhunderts gefundenz indem Ihr fuͤr Euch das gute Theil erwähltet, habt Ihr fuͤr Alle die Gerechtigkeit geſichert. Euer Glaube iſt unſer Sieg Brief des heiligen Avitus, Biſchofs von Vienne, an Chlodowich uͤber ſeine Bekehrung⸗ In Siemond. Concil. Gallic. Tom. I. p. 153. Un wollt Ihr Julia Severa wirklich nach Soiſſons kommen laſſen? ſagte Felix zum Se⸗ verus im Hinausgehen. Ihr ſeht ja wohl, entgegnete dieſer, daß mir keine Wahl bleibt; doch will ich ſuchen, Zeit zu gewinnen. Es iſt weder der Wuͤrde meiner Tochter, noch der meinigen angemeſſen, hier zu verweilen, um das Reſultat aͤhnlſcher Auftritte abzuwarten, wie derjenige war, dem wir ſo eben beigewohnt haben. Ich kann ſie in dieſem Augenblicke nicht ſelbſt hohlen, auch kann ſie weder allein, noch in Geſellſchaft eines andern Mannes reiſen. Es wird ſich ſchon Gelegenheit zeigen, dem Chlodowich dieſes be⸗ greiflich zu machen. Das Vertrauen, deſſen ſie mich gewuͤrdigt hat, und Eure Freundſchaft geben mir den Muth, ſagte Felix, von einer Sache zu ſprechen, wel⸗ che nach der Unterredung, die wir mit angehoͤrt haben, nicht länger ein Geheimniß bleiben kann. Ich erkenne den Stolz eines edlen Römers und die Zaͤrtlichkeit eines guten Vaters ſehr wohl in den Ausfluͤchten, welche Ihr dem Drängen des Chlodowich entgegenſtellt. Die Phyſiognomie des Julius Severus ver⸗ däſterte ſich, allein Felir war entſchloſſen, nicht nur ſo halb und halb ſeine Meinung errathen zu laſſen, ſondern einmal wenigſtens Alles dar⸗ zulegen, was er uͤber das Schickſal denke, w ches Julien bedrohe. Ja, verſetzte er, ich wage es, Euch zu ſa⸗ gen, als Euer Freund, Euer Gaſt und als römiſcher Senator: die öffentliche Meinung „ — 205— wuͤrde ſich unter uns ſtark ausſprechen, gegen die Vermaͤhlung einer der erlauchteſten Buͤrgerin⸗ nen Roms mit einem Barbaren. Die Geſetze, welche eine ſolche Verbindung fuͤr ſchimpflich erklaͤren, ſind, wenn auch nicht mehr in Kraft, doch nicht vergeſſen. Die Politik der Regenten hat ſie zwar bisweilen bei der Vermählung der eigenen Toͤchter dieſe Geſetze verletzen laſſen, allein kein romiſcher Senator hat je dieſes Bei⸗ ſpiel nachgeahmt. Das Reich iſt gefallen, erwiederte Severus, die Oberherrſchaft iſt auf die Barbaren uͤberge⸗ gangen, und zu allen Zeiten iſt die Ehre der Welt mit der Macht und Gewalt verbunden geweſen. Die Republik lebt noch in den Herzen aller Römer, wir muͤſſen ihr Wiederaufleben erwar⸗ ten, und es muß uns eine Ehre ſeyn, Sitten aufrecht zu erhalten, die der Toga wuͤrdig ſind. Sollte auch die Republik wieder aufleben, die Tochter des Severus kann doch kein Tadel treffen, daß ſie die Tochter des Theodoſtus nach⸗ geahmt hat. — 2056— Die gefangene Placidia heirathete freilich den Ataulph; allein ihr Beiſpiel möge jede Roͤ⸗ merin warnen, welche verſucht werden ſollte, ſich mit einem Könige der Barbaren zu vermählen. Die Ungluckliche mußte es mit anſehen, wie die ſechs Kinder ihres Gemahls vor ihren Au⸗ gen ermordet wurden, und zwoͤlf Meilen mußte ſie zu Fuße im Sumpfe dem Pferde des Moͤr⸗ ders von Ataulph vorausgehen. Iſt das Beil nicht unaufhörlich uͤber den Haͤuptern dieſer Fürſten aufgehoben? und ſtimmen die Drohun⸗ gen, die wir ſelbſt dieſen Morgen von Theude⸗ Erfahrungen überein? Wie viel burgundiſche, weſtgothiſche, ſueviſche und vandaliſche Koͤnige habe ich nicht in dem kurzen Zeitraume meines Lebens durch ihre Verwandten ermordet geſehen? Wiſſen wir nicht, daß von allen dieſen Voͤlkern die Franken die wildeſten und treuloſeſten ſind? Und muͤſſen wir nicht zittern wegen des Schick⸗ ſals der Ungluͤcklichen⸗ welche ſich mit einem ihrer Konige verbaͤndet rich vernommen haben, nicht ganz mit unſeren — 207— Ausgezeichnete Lebensverhaͤltniſſe ſind ſeich mit ausgezeichneten Gefahren verknäpft. Das Leben der Kaiſer zu Rom und Conſtantinopel iſt in derſelben Zeit nicht minder furchtbaren Gefahren ausgeſett geweſen. Das Schickfal ſelbſt der niedrigſten Büͤrger iſt Heut zu Tage nicht ruhiger. Fragt einmal die Fluͤchtlinge aus fragt die aus ihren Palaſten vertrie⸗ benen Großen, wozu es ihnen genuͤtzt hat, daß ſie allem Streben nach Hohheit entſagten?“ Das Streben nach Hohheit hat einen er⸗ Jabenen Rang zum Ziele; allein die Gewalt, weiche der Raub verleiht, befriedigt den nicht der nach Ehre ſtrebt. Eroberung und Raub ſind Namen, welche wir auf bieſelbe Sache anwenden, je nachden wir einen Sieger erheben oder herabwuͤrdigen wollen. Allein die langhaarigen Könige, welche vom Meroveus abſtammen, ſind keine Glucks⸗ ſoldaten, ihr Stamm iſt eben ſo vornehm, als 3 glaͤnzend ihre Thaten ſind. Fuͤr einen Roͤmer beginnt ihr Adel erſt an dem 6 wo der große Conſtantin ihre V Vor⸗ —— 208— fahren in dem Circus den wilden Thieren vor⸗ warf. Angeſichts eines Volkes, welches ihm Beifall zujauchzte. Moͤge ihr verbrecheriſcher Stamm enden, wie er angefangen. Nein, ihr Adel begann für die Römer mit den glänzenden Thaten von Mellobandes und Arbogaſtes, an der Spitze unſerer eigenen Heere. Fuͤr einen Franken ſteigt er weit höher hinauf, und die Geſaͤnge ihrer Dichter preißen die zahl⸗ loſen Siege, welche ſie in den deutſchen Wäl⸗ dern erfochten haben. Ich verſtehe mich wenig auf den Ruhm ei⸗ nes alten urſprungs, wenn er nur an alte Räubereien erinnert, und an die Dauer eines der Menſchheit zugefügten Schimpfes⸗ Aber ſolcher Haß gegen die Franken paßt nicht wohl zu der Sendung, womit Ihr beim Chlodowich beauftragt ſeyd. Nur mit Muͤhe erkenne ich in dieſer teidenſchaftlichen Sprache den Rath der Freundſchaft wieder, den Ihr mir guͤtig mittheiltet, uͤber ein, nach Allem zu ur⸗ theilen, nicht ſehr wahrſcheinliches Ereigniß, uͤber — 209— welches meine eigene Meinung noch keinesweges beſtimmt iſt. Felix errothete, er fuͤhlte, daß er zu weit gegangen war, und nach augenblicklicher Zoge⸗ rung ſahe er wohl ein, daß er, ſtatt zuruͤckzu⸗ treten, vielmehr noch weiter gehen muͤſſe. In der That, rief er, es war wohl ver⸗ meſſen, einen ſolchen Rath zu geben; allein dieſe Anſicht veraͤndert ſich, wenn es die Ver⸗ theidigung meiner eigenen Sache, meines hoͤch⸗ ſten Gluͤckes gilt. Ich liebe Eure Tochter, ich wollte ſie mir von Euch zur Gattin erbitten, und ich kann dieſen Barbaren, dieſen Feind meines Vaterlandes und Alles deſſen, was mir theuer iſt, nicht als Nebenbuhler dulden. Euer Begehren ehrt meine Tochter und mein Haus,— antwortete mit Wuͤrde Severus, und ich darf nicht hinzufuͤgen, daß unter andern umſtaͤnden ich es mit Freuden aufgenommen haben wuͤrde. Allein Ihr ſeht, wie meine Lage iſt. Mein ganzes Beſitzthum liegt auf der au⸗ ßerſten Grenze der von den Franken uͤber⸗ ſchwemmten Länderz mein Haus iſt geplundert, 1r Bd. O — 210— mein Vieh davongetrieben worden, meine Scla⸗ ven ſind zerſtreut, meine Bauein haben die Flucht ergriffen. Die Gunſt Chlodowichs ſcheint in dieſem Augenblicke im Begriff, mir ein Ver⸗ moͤgen wieder zu geben, das ſich gänzlich in ſeinen Haͤnden befindet. Im Gegentheile kann er aber auch durch einen einzigen Akt ſeines Willens mein Verderben vollenden. Die Poli⸗ tik läßt ihn Heut eine roͤmiſche Gemahlin wuͤn⸗ ſchen, vielleicht wuͤnſcht er aber Morgen ſich mit der Familie irgend eines jener barbariſchen Könige zu verbinden, die ſich mit ihm in unſere Provinzen theilen. Die verſchiedenen Faktionen, welche ſich an ſeinem Hofe gebildet haben, rechnen auf den Einfluß, den eine junge Ge⸗ mahlin uber dieſen fuͤr die Frauen leidenſchaft⸗ lich eingenommenen Mann gewinnen wird, und intriguiren mit aller Macht, um ſeine Wahl nach ihren Abſichten zu leiten. Ihr habt geſe⸗ hen, und ich leugne es nicht, daß eine dieſer Faktionen auf meine Tochter Ruͤckſicht nimmt. Urtheilt ſelbſt, ob ich in einer ſolchen Lage es auf mich nehmen darf, eine Verbindung unmoͤg⸗ 2¹¹ lich zu machen, welche Chladowich s in e große Ehre für meine Familie betrachten⸗ muß. Ein Anderer an meiner Stelle wuͤrde ſich viel⸗ leicht beeilt haben, Julien nach Soiſſons kom⸗ men zu laſſen, um durch ihre Blicke einen Thron in Anſpruch zu nehmen, der wahrſchein⸗ lich derjenigen zufallen wird, die am meiſten zu gefallen weiß. Ich glaubte es der Geſinnung meiner Tochter ſchuldig zu ſeyn, nicht ſo zu handeln. Ich weiß, daß ſie einen Widerwillen gegen dieſe Verbindung hegt. Im Anfange unſerer Unterredung habt Ihr mein Benehmen in dieſer Beziehung gebilligt. Es ſcheint mir, als ob die gemeinſte Klugheit mir nicht geſtatte, weiter zu gehen. Felir fuhlte ſich um eine Antwort verlegen. Die Gruͤnde, welche Julius Severus geltend gemacht hatte, waren ſo ſcheinbar uͤberzeugend, daß es ſelbſt einem Liebhaber ſchwer werden mußte, zu Etwas Anderm zu rathen. Im Innerſten ſeines Hetzens hegte er vielleicht den Verdacht, daß Julius Severus fuͤr die Ver⸗ bindung mit dem Könige mehr Neigung habe O 2 242— als er zu haben ſcheinen wolle, und daß er ſich aus den Verzögerungen, die er der Reiſe ſeiner Tochter in den Weg legte, nur in ſo fern ein Verdienſt mache, als er dadurch ein ſchickliches Mittel ausfindig zu machen hoffe, ſie kommen zu laſſen. Felir begnugte ſich indeß damit, dieſem Verzuge ſeinen Beifall zu ſchenken, weil er mit der Wuͤrde eines Weibes übereinſtimme, und trennte ſich von ſeinem Wirthe mit einem von duͤſtern Ahnungen erfuͤllten Herzen. Im Lauf der folgenden Tage hatte Felir mehrere Unterredungen mit Chlodowich, mit dem Aurelianus und mit dem heil⸗Remi. Die Un⸗ terhandlung, womit er beauftragt war, fand Schwierigkeiten verſchiedener Art. Chlodowich hatte ſeit einiger Zeit einen geheimen Brief⸗ wechſel mit dem Voluſianus, dem Avitus, Bi⸗ ſchof von Vienne, und mit den Prälaten aus dem Mittelpunkte von Gallien, welche am eif⸗ rigſten fuͤr die Rechtgläubigkeit waren, unter⸗ halten. Er hatte ſie uͤberredet, daß er auf dem Punkte ſtehe, ihre Religion anzunehmen, und ſo hatte er ſich ihre Unterſtuͤtzung fuͤr den Augenblick grſichert den. wo er es fuͤr gut finden der Weſtgothen anzugreifen. Einem ſo ehrſü tigen Plane waren aber die u Kefte Chlodowi nicht gewachſen. Obgleich der junge Alarich I., Eurichs Sohn, der zu Toulouſe herrſchte, noch nicht das Alter zum Regieren hatte, ſo waren doch die vornehmen Weſtgothen, welche ſeinen geheimen Rath bil⸗ deten, entſchloſſen, nicht zu geſtatten, daß Chlodowich ſeine Herrſchaft bis auf die Länder ſuͤdlich von der Loire erſtrecke. Chlodowich ſuchte daher Zeit zu gewinnen, eine Religions⸗ veränderung zu verzögern, welche die Franken ihm entfremden konnte, einen öffentlichen Ver⸗ trag mit dem Erzbiſchof von Tours zu vermei⸗ den, der ihm einen Krieg mit den Weſtgothen hätte zuziehen können, die heidniſchen Bewoh⸗ ner Galliens zu gewinnen, deren geheime Hoff⸗ nungen er vermittelſt des Julius Severus un⸗ terhielt; mit einem Worte, Niemand unzufrie⸗ den zu machen, indem er immer verſprach und nie etwas ins Werk richtete. — z1 Felir glaubte die Politik dieſes fränkiſchen Fuͤrſten zu durchſchauen, ſo wie die Gruͤnde der mancherlei Ruͤckſichten, die er ihn zu glei⸗ cher Zeit nehmen ſahe. Eine tiefe Verſtellung ſchien ihm das Weſen des Charakters dieſes varbariſchen Helden zu ſeyn, eine Verſtellung, uber welche Felir durch die Aufwallungen, de⸗ nen ſich Chlodowich zuweilen uͤberließ, nicht ge⸗ täuſcht wurde. Mitten unter den heftigſten Ausbruͤchen des Zorns ging„der Koönig der Franken gerade auf ſein Ziel zu, und wenn Felix ſahe, daß er dem Anſcheine nach ſo we⸗ nig Herr ſeiner ſelbſt, in der Wirklichkeit aber ſo geſchickt war, immer nur das zu ſagen und zu thun, was ihm am beſten zuſagte, ſo zwei⸗ felte er bisweilen, ob ſein Zorn nicht blos be⸗ rechnet ſey, um zu ſchrecken, um uͤber ſeine Plane zu taͤuſchen, oder um fuͤr Handlungen Verzeihung zu erhalten, welche ſeine Politik forderte, und welche zu grauſam erſchienen waͤ⸗ ren, wenn er ſie mit kaltem Blute veruͤbt hätte. Allein Felir erſtaunte vorzuglich daruͤber, daß Kunſtgriffe, welche er zu durchſchauen — 215 meinte, hinreichend waren, alte Höflinge, alte Politiker und Prälaten zu täuſchen, die in allen Kuͤnſten der Intrigue ausgelernt waren. Der Grund davon lag darin, daß er ſelbſt ohne Leidenſchaft beobachtete und pruͤfte, indeß jene durch ihr perſoͤnliches Intereſſe verblendet wurden. Remi, Voluſianus, Avitus und die andern Biſchoͤfe dachten nur auf den Triumph der Orthodorie. Sie beurtheilten alle politiſche Begebenheiten nach der Wichtigkeit, welche ſie ſelbſt den religioͤſen Angelegenheiten beilegten⸗ Anſtatt ein Mißtrauen zu faſſen gegen die ge⸗ heimen Verfuͤgungen Chlodowichs, erklarten ſie ſeine Langſamkeit und Winkelzüge durch die Um⸗ triebe der Ketzer und Götzendiener. Das Miß⸗ trauen, welches Julius Severus den hohen Geiſtlichen eingefloͤßt hatte, war geſtiegen und die Briefe des Voluſianus an den heil. Remi waren erfuͤllt von Prophezeihungen uͤber die nachtheiligen Folgen, welche man von der Ver⸗ maͤhlung des Königs der Franken mit der Tochter — 216— des unglaͤubigen Senators von Chartres zu erwar⸗ ten habe.. Eine andere zu Soiſſons gleichzeitig mit der von Felix Florentius angeknuͤpfte Unterhand⸗ lung trug noch zur Verſtärkung des Einfluſſes des Julius Severus, ſo wie des Mißtrauens des heil. Remi und ſeiner Collegen bei. Joel, der Deputirte von Armorica, war daſelbſt mit einem zahlreichen Gefolge angekommen, welches zum Theil aus wilden Oſismiern, den Bewoh⸗ nern von Cornouaille, oder dem weſtlichſten Ende der Halbinſel Armorica, zum Theil aus Fluͤcht⸗ lingen von der großen Inſel Britannien beſtand, welche die Eroberungen und Verheerungen der Sachſen gezwungen hatten, ihr altes Vaterland zu verlaſſen. Dieſe beiden Volker ſprachen die⸗ ſelbe Sprache, bekannten ſich zu demſelben Glauben und lebten nach denſelben Sitten; und die Britannier, welche mit ihren Familien eine Zuflucht in Armorica ſuchten, gaben dieſem Landſtriche den Namen Kleinbritannien(Bre⸗ tagne), den er auch beibehalten hat, — 21— Die Bewohner von Soiſſons hatten mit Erſtaunen dieſe halbwilden Menſchen betrachtet, fremd allen Annehmlichkeiten des geſelligen Le⸗ bens, unempfindlich gegen die Strenge der Witterung, ſtets bewaffnet mit ihren langen De⸗ gen und ihren Dolchen, immer bereit, davon mit einer Geſchicklichkeit Gebrauch zu machen, welche man ſelbſt bei den geubteſten Soldaten kaum gefunden haben wuͤrde. Ihr hoher Wuchs, ihre Lebhaftigkeit, ihre ungeheuere Stärke, ihre Unerſchrockenheit und Todesverachtüng ſchmei⸗ chelten zugleich den erſtaunten Galliern von Soiſſons, welche in dieſen weſtlichen Celten die Repraͤſentanten des Stammes ihrer Väter ſahen, ſo wie er in ganz Gallien geweſen war, ehe die Knechtſchaft ihn zu Entartung gebracht hatte. Mehrere Franken waren ihrer Seits mit den Britanniern aus Joels Gefolge in ihren Orgien zuſammengetroffen, und die fremden Barbaren hatten mit den einheimiſchen Barbaren Streitigkeiten bekommen, die ſich oft durch Zweikaͤmpfe endigten. Allein die uͤberlegene Geſchicklichkeit und Kraft der Armoricer hatte ihnen faſt bei jeder Gelegenheit den Vortheil errungen. Die Tapferkeit iſt die bei den Barbaren geachtetſte Eigenſchaft, und dieſe verſchiedenen Kaͤmpfe hatten den Franken Gefuͤhle von Zuneigung und Achtung gegen 8 Armoricer eingefloͤßt. Die Unterhandlungen, welche Julius Seve⸗ rus ſchon zuvor mit den Armoricern angeknuͤpft hatte, brachten ihn mit allen Oberhäuptern die⸗ ſes Landes in Verbindung. An ihn hatte ſich Joel bei ſeiner Ankunft zu Soiſſons gewendet, er war es, durch den er dem Chlodowich ſich mittheilte. Er brachte eine Confoberation zwi⸗ ſchen den Franken und Amoricetn auf den Fuß vollkommner Gleichheit in Vorſchlag, er bot dem Chlodowich die Unterſtuͤtzung eines zahl⸗ reichen und tapfern Heeres anz keine Unter⸗ handlung konnte dem fränkiſchen Monarchen wichtiger ſeyn, keine trug auch mehr, als ſie endlich ſpäter zum Abſchluſſe gedieh, zu ſeiner Größe bei. Julius Severus, der das Mißtrauen der Armoricer beſaͤnftigen, ihnen die Buͤrgſchaften, die ſie begehrten, verſchaffen und endlich die Unterhandlung zu einem gluͤcklichen Ausgange leiten ſollte, war fuͤr Chlodowich die bedeutendſte Perſon ſeines ganzen Hofes geworden, und der heil. Remi glaubte jede Hoffnung verſchwinden zu ſehen, den Monarchen zu bekehren, dem er Chlodowich hatte Deuterien, die Nichte des Biſchofs von Meaux, geſehen, und ſie hatte ihm nicht gefalen; gegen andere römiſche Ge⸗ mahlinnen, die ihm die Prieſter vorgeſtellt hatten, bezeigte er gleichfals eine Entfremdung, dagegen war ſeine Neugier durch die Abweſenheit der Julia Severa und durch die geringe Luſt, welche ihr Vater merken ließ, ſie an den Hof zu bringen, gereizt worden. Er hatte zu wie⸗ derhohlten Mahlen von ihr prchen, er hatte ſich ihr Portrait zeigen laſſen, und ſch hien ent⸗ ſchloſſen, ſie allen andern vorzuziehen. Die Beſtuͤrzung hatte ſich unter den vor⸗ nehmen orthodoren Geiſtlichen im ganzen Um⸗ fange Galliens verbreitet. Sie hatten ſich eine — 220— Zeitlang der Bekehrung Chlodowichs fuͤr gewiß gehalten, und dies war auch das einzige Ereig⸗ niß; welches ihren Glauben ſiegen machen konnte. Entging ihnen der Koͤnig der Franken, ſo durf⸗ ten ſie Nichts anders erwarten, als den Götzen⸗ dienſt der Deutſchen und einiget Gallier, oder den Arianismus der Weſtgothen und Burgunder herrſchen zu ſehen. Von dieſen Religionen wußten ſie nicht, welche ihnen am verhaßteſten warz nie hatten ſie ſich ihrem Verderben ſo nahe geſehen. Da machte der heil. Avitus, der Erzbiſchof von Vienne, dem heil. Remi, dem Erzbiſchofe von Rheims, den Vorſchlag, den Chlodowich die Tochter Chilperiks und Nichte des Königs der Burgunder, Klotilde, heirathen zu laſſen. Dieſer Letztere, mit Namen Gun⸗ debald, hatte den Vater dieſer Prinzeſſin er⸗ morden laſſen, ſo wie durch ihn auch ihre Bruͤder und Schweſtern eines gewaltſamen To⸗ des geſtorben waren. Er hielt ſie ſelbſt in Ver⸗ bannung und Armuth. Allein hier, entfernt von den Augen ihres Oheims, war ſie von den Prieſtern in dem rechten Glanben ihres Vaters — 221— erzogen worden, und ſie vereinigte den Haß gegen den Arianismus, zu dem ſich Gundebald bekannte, mit dem gluͤhenden Verlangen nach Rache an dem Unterdruͤcker ihres Hauſes⸗ Ihr einziges Ziel war der Sieg ihres Glaubens und die Ausrottung aller Unglaͤubigen. Ihr un⸗ bedingter Gehorſam gegen die Diener des Al⸗ tars, ihr brennender Religionseifer, ihr Enthu⸗ ſiasmus, die unerſchuͤtterliche Feſtigkeit ihres Charakters, der durch das Ungluͤck nicht gebeugt worden war, und der der Verfuͤhrung des Gluͤckes widerſtand; dies Alles machte ſie zu einem paſſen⸗ den Werkzeuge fuͤr die Plane der Oberhaͤupter der Kirche, denen Chlodowichs Bekehrung ſo ſehr am Herzen iag. Man verſicherte, ihre Schoͤnheit ſey hinreißend, und der junge Erobe⸗ rer, der ſtets eine ſo große Vorliebe fuͤr das weibliche Geſchlecht hatte blicken laſſen, werde ihren Blicken nicht zu widerſtehen vermogen. Sie war uͤberdies von königlicher Abkunft, und dieſer Umſtand war wichtig, um Chlodowichs Stolze zu ſchmeicheln, ſo wie den Vorurtheilen der Franken, welche die Vermaͤhlung eines Nach⸗ — 222— kommens des Meroveus mit der Tochter eines Unterthans nicht gern geſehen haben wurden. Da Chlodowich ſich zur Tochter des Julius Severus hinzuneigen ſchien, mußten die Geiſt⸗ lichen, welche eine ſolche Verbindung fuͤrchteten, ſelbſt darauf Verzicht thun, den König der Fran⸗ ken mit einer Roͤmerin zu vermählen, und ſeine eigenen Vorurtheile, wie die ſeiner Krieger, mußten ihnen helfen uber eine Neigung ſiegen, die er hatte merken laſſen. Allein Klotilde wurde damals in den Staa⸗ ten ihres Onkels Gundebald in ſtrenger Aufſicht gehalten, man betrachtete ſie faſt wie eine Ge⸗ fangene. Gundebald war mit Recht mißtrauiſch gegen ſeine Nichte, welche er ſo bitter gekränkt hatte. Er fuͤrchtete die Ehrſucht und die Ta⸗ lente Chiodowichs, daher konnte es denn auch nicht leicht ſeyn, ihn dahin zu bringen, daß er zu einer ſolchen Verheirathung derſelben die Haͤnde bot. Julius Severus im Gegentheile war gegenwärtig, man zweifelte nicht, daß er ſich auf ſeinen Vortheil verſtehen wuͤrde, wenn er gleich ſein Präne wie ſeine Handlungen mit —— n dichteſten Schleier bedeckte. Man hörte zwar von Julia Severa nicht mehr ſprechen, allein die vornehmen Geiſtlichen hofften ſie bald in Soiſſons erſcheinen zu ſehen, worauf dann, nach ihrer Meinung, auch des Chlodowich Vermählung mit ihr nicht lange verſchoben wer⸗ den duͤrfte. Endlich ſchrieb Voluſianus an den heil. Remi, daß er die Nachricht erhalten habe, Se⸗ verus habe Maaßregeln getroffen, um ſeine Tochter nach Soiſſons kommen zu laſſen; in wenigen Tagen werde eine geachtete Dame aus Chartres ſie zu Noviliacum abhohlen, um ſie dann auf der Reiſe zu begleiten. Da der Erz⸗ viſchof von Rheims ſahe, daß Severus aus der nahe bevorſtehenden Ankunft ſeiner Tochter ein Geheimniß hatte machen wollen, ſo glaubte er durch Bekanntmachung derſelben ſeinen Planen zu widerſtreben. Auf dieſe Art erfuhr ſi ſie Felip. Aue Intriguen der Prieſter waren ihm faſt eben ſo ſorgfaͤltig, als dem Severus ſelbſt, verhehlt worden. Er hatte von der Vermaͤhlung des Rnigs der Franken gar nicht mehr ſprechen — 224— hören. Er wußte, daß Julia noch immer bei ſeiner Mutter war und fing ſchon an die Hoff⸗ nung zu naͤhren, daß Severus ganz ernſtlich wuͤnſche, ſie möchte vom Chlodowich vergeſſen werden. Julius Severus entſchuldigte ſich bei Felir⸗ daß er ihm die Veranſtaltungen verborgen, die er im Betreff ſeiner Tochter getroffen habe. Er betheuerte, daß er dabei keine andere Abſicht ge⸗ habt habe, als die, ihm einen unnuͤtzen Schmerz zu erſparen, und daß nur der ausdruͤckliche Wille des Königs ſeinen Widerwillen habe uͤberwinden können. Als Felir ſeinen innigen Wunſch offenbarte, ſich von Soiſſons zu entfernen, ehe Julia zu einer ihm ſo verhaßten Verbindung daſelbſt eintreffen koͤnnte, zeigte ſich Severus ſogleich bereitwillig, ihm dazu auf alle Weiſe behuͤlflich zu ſeyn. Durch ſeinen Einfluß wußte er einige noch uͤbrige Schwierigkeiten hinwegzu⸗ räumen, und ſo brachte er die Unterhandlun⸗ gen, womit Felir beauftragt war, zu einem guͤnſtigen Ausgange. Chlodowich verſprach allen römiſchen, zwiſchen der Seine und Loire gelegenen — 225— Provinzen ſeinen Schutz, indeß er Alles, was bie ſuͤdlich von der Loire gelegenen Länder bettaf, einer beſondern Unterhandlung vorbehielt. Nachdem Felix dieſen Traktat unterzeichnet hatte, erhielt er ſeine Abſchiedsaudienz, Tag der Idus des Octobers. Den Tag darauf reiſte Feliy nach zurück, das Herz von tiefer Traurigkeit erfuͤllt. Es war ihm mit Allem gelungen, was er für ſein Vaterland verſucht hatte; allein in Allem, was er fuͤr ſich ſelbſt oder für diejenige hatte ausführen wollen, die ihm mit ſo viel Vertrauen ihr Geſchick ans Herz gelegt hatte, war er nicht gluͤcklich ge⸗ weſen. Er ſchauderte vor dem Schickſale, das auf Julien wartete, in dem Augenblicke, wo ſie ſich auf immer trennen ſollten; er ſchauderte vor jener Groͤße, die mit ſo ſchrecklichen Gefahren verbunden war, vor jener Unterwerfung unter einen barbariſchen Gatten, den er der verhaßteſten Handlungen fuͤr fähig hielt. Seine Verbindung mit Julien war freilich nur erſt wenig Tage alt, ein innigeres Verſtändniß unter ihnen hatte kaum erſt begonnen; allein dieſe erſte Annäherung ſchien 1r Bt. P für die Zukunft die zärtlichſte Zuneigung, vielleicht die leidenſchaftlichſte Liebe zu verſprechen. Es waren die Verhältniſſe, die, ſeine Ent⸗ ſchlüſſe beſchleunigend, ihn dahin gebracht hatten, vor der Zeit mit ihr von Liebe, mit ihrem Vater von der Vermählung zu ſprechen. Er wußte nicht einmal ganz gewiß, ob Julia Etwas Anderes fur ihn fuͤhle, als Erkenntlichkeit und Vertrauenz daher wuͤnſchte er denn auch ſehnlichſt, ſie zu ſe⸗ hen um ſich uber den wahren Zuſtand ihres Her⸗ zens Gewißheit zu verſchaffen. Er wollte uͤber Alles, was ihm noch zu thun uͤbrig blieb, nicht ſeine eigenen Empfindungen, ſondern Juliens Empfindungen zu Rathe ziehen. Wenn ſie Muth hatte, wenn ſie weder die Macht eines Koͤnigs, noch den Zorn eines Vaters fuͤrchtete, wenn ſie für ihn mehr als vorzügliche Achtung empfand⸗ dann ſahe er, daß ſie Beide noch frei und Herren ihres eigenen Schickſals waren. Allein indem er entſchloſſen war, Alles fuͤr ſie zu wagen, wollte er auch Alles von ihr allein entſcheiden laſſen. Eift sKapitel. Die Föderirten. Der foberirte Franke; der unter dem Schutze un⸗ ſerer Geſetze leben durfte, hat unſere Felder urbar gemacht, und alle Wuͤſten in den Gebieten von Amiens, Beauvais, Troies und Langres gruͤnen von Neuem unter den Haͤnden eines barbariſchen Bebauers. Eumenius in der Lobrede auf Conſtantin. Kap. 21. Iui Severa wagte kaum ſich ſelbſt zu geſte⸗ hen, wie ſchmerzlich ihr Felir Abreiſe von Nobi⸗ tiacum geweſen war. Sie zog ʒwar ſeinen Eifer für die Vertheidigung der Vortheile ſeines Vater⸗ landes keinesweges in Zweifel; allein ſie wußte auch, daß unter den unguͤnſtigen Verhaltniſſen, worin ſich Gallien befand, da fuͤr die Roͤmer keine Hoffnung der Rettung oder der Ehre übrig blieb, da es nur noch darauf ankam, unter mancherlei Demuthigungen zu wählen, ein Patriot ſeinem P 2 — 228— Vaterlande zwar treu, aber nicht mit Begeiſterung dienen konnte, und daß er ſeine Pflicht erfullen wuͤrde, wenn er gewiſſermaaßen auf den Schau⸗ platz geſtoßen werde; daß er aber außerhalb der natürlichen Grenzſcheide keine Gelegenheit ſuchen könne, ſich auszuzeichnen. Wenn es dem Felix Florentius durch ſeine Un⸗ terhandlung mit Chlodowich gelang, die vertheidi⸗ gungsloſen Stäͤdte Galliens der Pluͤnderung und dem Morden eines barbariſchen Heeres zu entzie⸗ hen, ſo leiſtete er ſeinen Landsleuten ohnſtreitig einen ſehr großen Dienſt; indeſſen mußte dieſe Unterhanvlung fuͤr ihn ſelbſt unendlich ſchmerzlich ſehn, und da kein anderer vornehmer Gallier eine Sendung gern uͤbernommen haben wuͤrde, welche nur Laſten und keinen Vortheil verſprach, ſo war ſein Anerbieten von dem Voluſianus um ſo lieber und dankbarer angenommen worden. Auch dachte Julia mit einigem Stolze und mit noch groͤßerer Dankbarkeit, daß ſich Felir fuͤr ſie, fuͤr ſie allein der Gefahr ausgeſetzt habe, der ſtolzen Anmaaßung eines barbariſchen Furſten zu begegnen, und ſich in Kampf mit ihm einzulaſſen. Fuͤr ſie hatte er — 229— ſich von ihr getrennt, und nachdem er, bei dem Uebergange uͤber die Loire, ihre Perſon vom Tode oder einer noch ſchrecklichern Gefangenſchaft ge⸗ rettet hatte, hatte er auch der Retter ihres Ver⸗ moͤgens und die Stuͤtze ihres Vaters werden wol⸗ len. Sie hoffte auf ihn, ſie vertraute auf ihn in Hinſicht der Erfuͤllung aller ihrer Wuͤnſche, und⸗ Felix, daran zweifelte ſie keinen Augenblick, wuͤrde ſie eben ſo wenig die Gattin als die Gefangene des Barbaren werden laſſen. Felix hatte, um ſeiner Mutter zu ſchreiben, die Eilboten benutzt, die er an ſeine Committen⸗ ten ſandte, er hatte ihr die Aufnahme berichtet, die er beim Severus gefunden, ſo wie ſeine Vorſtellung beim Chlodowich; allein er hatte ſich nicht fur befugt gehalten, auch uͤber das Schickſal mit ihr zu ſprechen, welches Julien bedrohte. Das Geheimniß gehoͤrte nur ihr allein, und er fuͤhlte ſich nicht gedrungen, es bekannt zu machen. Mit den Sitten der alten Welt wuͤrde es ſich nicht vertragen haben, wenn Felix an Julien ſelbſt ge⸗ ſchrieben haͤtte; daher hatte er kein Mittel, ſie — 230— aus der verlaͤngerten Ungewißheit zu ziehen, in der ſie ſich uͤber ihr eigenes Schicſal befand. Julia las freilich die Briefe, welche Felix an ſeine Mutter ſchrieb, und ſie ſtudirte ſie genau, um zu verſuchen, ob ſie das, was außer dem beſtimmt Ausgedruͤckten ſich nur errathen ließ, auf⸗ zufinden vermöge. Sie bemerkte in dieſen Brie⸗ fen allerdings einen Anklang von Traurigkeit und Entmuthigung, der mit dem gluͤcklichen Ausgange, deſſen ſich ſeine Unterhandlung zu erfreuen gehabt hatte, im Widerſpruche zu ſtehen ſchien. Dieſe Traurigkeit erregte wohl zuweilen ſchmerzliche Ahnungen in ihr, indeſſen warum ſollte ſie der⸗ ſelben andere Urſachen unterlegen, als die bloße Trennung? Wenn ſie ihr eigenes Herz befragte, fuhlte ſie da nicht, daß, wenn ſie ſie ſelbſt hätte ſchreiben ſollen, ſie auch in einem traurigen Tone geſchrieben haben wuͤrde, ob ſie gleich von allen Hoffnungen der Jugend belebt ward? Sylvia hatte nie mit ihr uͤber die Plaͤne ge⸗ ſprochen; die ſie wegen ihres Sohnes naͤhrte; nie hatte ſie durch eine Anſpielung, durch ein gewag⸗ es Wott ihr Zartgefühl in Verlegenheit ſeben — 23— wollen. Indeſſen ſchien doch ihre Zuneigung fuͤr die ſchne Fremde mit jedem Tage zu wachſen, ſie ſchien dafuͤr von ihrem Herzen nicht jene erzwun⸗ gene Hoͤflichkeit, die zwiſchen Gaſt und Wirth Statt findet, ſondern jenes zartliche Vertrauen, jene kindliche Zuneigung zu begehren, welche ſich nur zwiſchen der Gemahlin und der Mutter des geliebten Gemahls begruͤndet. Sylvia ſuchte in ihrer jungen Freundin die Eigenſchaften zu finden, von denen ſie dereinſt das Gluͤck ihres Sohnes er⸗ wartete. Haͤtte ſie blos an ſich denken wollen, ſo wuͤrde ſie vielleicht nicht nöthig gehabt haben, eine ſo glänzende Einbildungskraft, ein ſo tiefes Ge⸗ fuhl und eine ſo heitere Frohlichkeit zu wuͤnſchen. Das reifere Alter fordert vor Allem Ruhe, und die Vorzuͤge der Jugend werden fuͤr daſſelbe oft nur Veranlaſſung zu Beſchwerden. Allein Sylvia glaubte den Moment ſich naͤhern zu ſehen, wo die Phantaſie ihrer Adoptivtochter das Herz ihres Sohnes, von den Begebenheiten der wirklichen Welt ermuͤdet, ſanft in eine poetiſche verſetzen ſollte, oder wo ihr gefuͤhlvolles Herz die geheim⸗ ſten Schmerzen des geliebten Felix in ſich auf⸗ — 232— nehmen und ihre Heiterkeit alle duͤſtern Wolken auf ſeiner Stirn zerſtreuen moͤchte. Julia ihrer Seits, welche lange ſchon ihre Mutter verlohren hatte und die Suſſigkeit jener mit ſo viel Achtung vermiſchten kindlichen Liebe nicht kennen konnte, uͤberließ ſich derſelben jetzt mit Entzuͤcken. Sie ſuchte in Sylvien alle Zuͤge von Aehnlichkeit mit Felix auf und freute ſich un⸗ ausſprechlich, in derſelben Alles das wieder zu finden, was ſie laͤngſt ſchon, ohne es ſich ſelbſt zu geſtehen, an ihm ſo reizend gefunden hatte. Trotz der Verſchiedenheit des Alters und Geſchlechts ſchien es ihr doch, als begegne ſie in der Mutter und dem Sohne ganz derſelben Phyſiognomie; bei Beiden ließ ſich dieſelbe Wuͤrde, mit Milde ver⸗ miſcht, daſſelbe Feuer im Blicke, dieſelbe Feinheit des Ausdrucks um den Mund, beſonders aber die⸗ ſelben Biegungen des Tons der Stimme bemer⸗ ken; vertrauliche Ausdruͤcke und Redensarten, die ſie aus dem Munde von Felir und auch nur von dieſem vernommen hatte, machten, daß ſie zu⸗ weilen innerlich erbebte. — 233— Nur mit großer Schuͤchternheit befragte ſie bisweilen Sylvien uͤber deren Sohn; allein dieſe ſprach mit ſo großer Freude von ihm, Felir war ſo ſehr der Stolz ihres Alters und der Troſt ihres Herzens, daß es nicht viel Kunſt brauchte, um die Unterhaltung auf ihn zu lenken. So erfuhr denn Julia leicht Alles, was ſie zu erfahren wuͤnſchte und wornach ſie nicht geradezu zu fra⸗ gen wagte, uͤber ſeine erſte Erziehung, die Ge⸗ wohnheiten ſeiner Kindheit und die Neigungen ſeiner Jugend, oder uber die erſten Funken des Gefuͤhls, welche in ihm augenblicklich aufgeblitzt waren. Die Tage floſſen in Noviliacum fuͤr beide Freundinnen ſehr angenehm hin. Eine fand in dem Geiſte der andern immer neue Unterhaltungs⸗ quellen, und der Charakter der einen erſchien der andern immer vortheilhafter, je mehr er ſich ent⸗ wickelte. Die beiden alten Lehrer von Felir aber, Martin und Eudor, gewannen eben nicht bei ge⸗ nauerer Kenntniß. Ihre Charaktere erweckten durch ihre Aeußerungen faſt immer nur ein Ge⸗ fuhl des Widerwillens; allein ihr Geiſt bot Huͤlfs⸗ — 284— quellen genug dar, und ſie wußten der Unterhal⸗ tung immer eine gewiſſe Bewegung zu geben. Beide waren in der That ſehr gelehrt, Beide xonnte man uͤber eine große Menge von Gegen⸗ ſtänden zu Rathe ziehen, und wenn man ihrer Eigenliebe ſchmeichelte, wenn man ſie ihren Weg ruhig fortgehen ließ, anſtatt ſie in einen andern, den ſie nicht einſchlagen mochten, mit Gewalt zu draͤngen, ſo konnte man großen Vortheil von ihnen haben. Sylvia, welche ſie immer richtig beur⸗ theilt hatte, hielt ſie immer von aller Vertraulich⸗ Leit fern, und Eudor war fur ſie ein treffliches Worterbuch, ein gelehrtes, obgleich ein wenig langweiliges Werk, das man im Nothfall wohl gern nachſchlug, lieber aber freilich verſchloſſen ließ, denn ſeine wunderliche Ungeſchicklichkeit machte ihr nicht ſelten mehr Verdruß als Lange⸗ weile. Martin, der zwar lange nicht ſo gern mit ſeinem werthen Ich prahlte, der vielleicht nicht ſo viel Eitelkeit beſaß, als jener, wenn gleich mehr Stolz oder Anmaaßung,— verwundete nicht ſo, wie Eudorius, wenn er ſchmeicheln wollte, ſondern nur, wenn er zu kraͤnken ſuchte, und dieſes ge⸗ ſchahe leider nur zu oft. Martin war allein gegen den Zauber des Be⸗ tragens und des Charakters von Julien unempfind⸗ lich geblieben; ja, es ſchien ſogar, als habe er einen gewiſſen Widerwillen gegen ſie gefaßt, der, trotz aller Bemuͤhungen der Tochter des Severus, ihn zu gewinnen, nur deſto mehr zugenommen hatte. In ſeinen heftigen Ausfallen gegen die Philoſophen, als Menſchen, deren Geiſt durch weltliche Wiſſenſchaften entweiht worden ſey, ſo wie gegen die Ungläubigen und Schwerglaubenden, ſchien er nicht mehr den Eudoxius allein im Auge zu haben; ja, man hätte ſagen ſollen, er habe ſich's ausdruͤcklich vorgenommen, Julien ſelbſt zu kraͤnken, oder ſie geradezu zu verletzen. Sylvia konnte dieſe Erbitterung nicht begreifen; allein da ſie mit Julien, nachdem ſie ſie in der taglichen Vertraulichkeit des hauslichen Lebens beobachtet hatte, im beſſern Einverſtandniſſe auch über reli⸗ giöſe Gegenſtaͤnde war, als mit dem Pater Mar⸗ tin ſelbſt, ſo trug ſie dieſem auch keine Frage daruͤber vor, und begnugte ſich, blos bisweilen —— 236— vermittelnd einzutreten, um ſeinem bittern Eifer entgegen zu wirken. Julia hatte zu Noviliacum den ſchonſten Theil des Herbſtes verlebt. Mag der Menſch dem Menſchen auch noch ſo großes Elend bereiten, die Pracht der Natur erneuert ſich doch auf gleiche Art zu denſelben Jahreszeiten, und die Ufer der Loire, obgleich erſt kurzlich von den Barbaren verwuͤſtet, waren noch immer ein ſehr reizender Aufenthalt. Die Wälder erſchirnen nicht minder majeſtätiſch, das Gruͤn der Wieſen nicht minder ſanft und friſch, die Farben der Blätter, in Begriff, ſich von den Aeſten zu löſen, nicht minder mannichfal⸗ tig; die Gewäſſer waren nicht weniger rein, und die Wolken, die die Sonne jeden Morgen zer⸗ ſtreute, oder die jeden Abend bei ihrem Untergang an dem Himmel ſich aufzogen, zeigten ein nicht minder gläͤnzendes Gold. Die Heerden, welche uͤber die Loire zuruͤckgin⸗ gen, um ihre Weideplatze wieder aufzuſuchen, von denen ſie die Hirten bei Annaͤherung der Franken eiligſt weggetrieben hatten, ſchienen durch den — heitern Glanz der Sonne belebt; ſie dachten der Gefahren nicht mehr, worin ſie geſchwebt hatten, noch auch der, denen ſie noch ausgeſetzt werden konnten; ſie ſahen nur den gegenwaͤrtigen Augen⸗ blick und folgten der Einladung der Natur, die ſie zur Freude rief. Die Landleute beendigten eben die Weinleſe, die Erndte war ergiebig geweſen, und der neue Wein, der in dieſen erſten Tagen etwas reichlicher auf ihrem Tiſche erſchien, er⸗ traͤnkte ihren Kummer und ihre Sorgen, und machte, daß ſie ſich mehr als gewoͤhnlich der Froh⸗ lichkeit hingaben, welche die ſchoͤnen Herbſttage alle lebende Weſen empfinden laſſen. Die beiden Freundinnen beſtimmten mehrere dieſer ſchöͤnen Tage dazu, die Umgebungen von Noviliacum, die Dörfer und Wohnungen zu be⸗ ſuchen, welche in dem Bezirke von Interamnes lagen. Sylvia machte ſich's zum Vergnuͤgen, Julien mit einer Beſitzung bekannt zu machen, von der, wie ſie ſich ſchmeichelte, dieſe dereinſt die Herrſcherin werden wuͤrde. Allein haͤtte ſie auch dieſen Bewegungsgrund nicht gehabt, ſo zeig⸗ ten die Ufer der Loire doch ſo viel zauberiſche An⸗ — 238— ſichten; das große Beſitzthum von Felir umſchloß Völkerſchaften von ſo verſchiedenen Sitten und die einander ſo fremd ſchienen; mehrere Ruinen, die ſich noch in der Nachbarſchaft erhalten hatten, waren ale Denkmale ehemaliger Civiliſation und Religion der Betrachtung ſo wuͤrdig, daß es Syl⸗ via wohl als eine Pflicht der Gaſtfreundſchaft hätte anſehen konnen, ſie jeden genauer kennen zu lehren, der unter ihrem Dache lebte und ſich als einen fähigen Beobachter auswieß. Nichts zog indeſſen Juliens Aufmerkſamkeit mehr auf ſich, als die bedeutenden Ruinen von Heſodunum, welche auf dem nordlichen Ufer der Loire, zwei Stunden ohngefahr unterhalb Novi⸗ liacum, lagen. Von den Terraſſen des Schloſſes ſah man die Thuͤrme von Heſodunum auf dem Horizonte ſich abzeichnen; die eben untergehende Sonne gab jenen großen Gebaͤuden noch duͤſterere Farben, indeß der uͤbrige Himmel und die Erde rings umher ganz im Goldglanze zu ſchwimmen ſchienen. Sie wurden fuͤr das Auge immer grö⸗ ßer, je mehr der Tag ſich neigte, und endlich ſchie⸗ — 230— nen ſie ſich in aller Majeſtät vergangener Jahr⸗ hunderte zu erheben, ſo wie ſie zu der Zeit gewe⸗ ſen waren, als die Carnuten und Turonier ſich um den Beſitz derſelben ſtritten, oder zu der, wo die Druiden in den unterierdiſchen Gewölben der⸗ ſelben ihre geheimnißvollen Zuſammenkunfte ge⸗ halten hatten. Dieſe Ueberreſte einer ſehr an⸗ ſehnlichen Stadt, die auch nicht einen einzigen Einwohner mehr zählte, dieſe Denkmale ehemali⸗ ger Ereigniſſe, deren Andenken in der Provinz noch nicht ganz erloſchen war, ob ſie gleich in der allgemeinen Geſchichte Galliens ſich nicht erwähnt fanden; jener aberglaͤubiſche Schauder, der ſich unter dem Volke noch mit den Wohnungen blut⸗ durſtiger Götter verband, deren Verehrung nun ſchon ſeit langer Zeit aufgegeben worden war,— hatten ſchon oft den Gegenſtand von Juliens neu⸗ gierigen Fragen und der gelehrten Abhandlungen des Eudorius ausgemacht. Einen ganzen Tag muſite man der Beſichtigung von Heſodunum wid⸗ menz allein kleine Vorfälle in der Familie mach⸗ ten, daß dieſer lange voraus angekuͤndigte Aus⸗ flug immer aufgeſchoben wurde„und zwar faſt — 240— bis zu der Zeit, wo Sylvia die Ruͤckkehr des Felir Florentius erwarten durfte. In der Zwiſchenzeit beſuchten die beiden Freundinnen die Ufer des Cher, wie die der Loire. Sie ſetzten ihre Wanderungen ſogar bis in das Lager der Föderirten fort, welches ihnen ein ge⸗ mildertes Bild jener barbariſchen Horden darſtel⸗ len konnte, die der Mann, der ſie am meiſten intereſſirte, um dieſelbe Zeit beſuchte. Das Lager der Föderirten war urſpruͤnglich von funfzig alten barbariſchen Soldaten gebildet wor⸗ den, welche ſich in den römiſchen Heeren bereichert und civiliſirt hatten⸗ Mehrere hatten ſchon in dem Schooſe ihrer Familien den Tod gefunden, dem ſie oft im Gefechte getrotzt hatten; allein ihre Weiber und Kinder waren Beſitzer ihres Nach⸗ laſſes geworden, ihre Nachbarn hatten fuͤr ſie die Feldarbeiten verrichtet, bis die Soͤhne ihrer alten Waffengefährten endlich ſelbſt fuͤr die Unterhal⸗ tung ihrer Familie ſorgen konnten, und die Colo⸗ nie ſchien zu gedeihen. Die Frauen hätten, ohne große Ermuͤdung, nicht wohl in einem Tage von Noviliacum in das — 24— Lager der Föderirten und von da ſi ſich zuruͤck bege⸗ ben können, zumal da es ihre Abſicht war, die ufer des Cher auf den maleriſcheſten Punkten zu beſuchen und die kleine, zu Vertheidigung derſelben beſtimmte Militaircolonie in der Nähe zu ſehen. Daher ließ denn auch Sylvia Gemächer zu ihrer Aufnahme in dem alten Luſthauſe oder Schloſſe zubereiten, welches ſie dicht neben dem Lager ber Föderirten beſaß und das der Aufenthalt eines Beſitzers geweſen war, deſſen nachgelaſſenes Eigen⸗ thum ſchon langſt mit dem des Florentius verei⸗ nigt worden war. Nach dem Namen dieſes alten Eigenthuͤmers nannte man es das Schloß des Rutilianus. Seine Lage war wilder und rauher als die von Noviliacum und nicht ſo maleriſch. Es nahm auf einem ſteilen Hůgel die Ecke eines Hohlweges bei ſeiner Oeffnung in den Eher ein. Seine Mauern ruhten von zwei Seiten auf ſteilen Felſen, die durch das Gewäſſer des Fluſſes benetzt wurden. Eine in den gelſen gehauene Treppe fuhrte durch enge und dunkle Gaͤnge zu dem klei⸗ nen Hafen, wo man die Kaͤhne und Böte auf⸗ bewahrte. Auch war dies der kuͤrzeſte Weg, um Ir Bd. Q — 242— ſich in das Lager der Föderirten zu begeben, wel⸗ ches auf der andern Seite des Hohlweges, eben⸗ falls auf einem gegenuͤberſtehenden Huͤgel, erbaut war. h 3 Sn n Allein, ausgenommen am hellen Tage, wur⸗ den wohl nur wenig Menſchen ſich dieſes Verbin⸗ dungsweges haben bedienen wollen⸗ Mehr als einmal, ſagte man, habe man um Nitternacht Lichter an den Oeffnungen erſcheinen ſehen, wel⸗ che dieſe Durchgänge erhellten. Die barbariſchen Soldaten, welche den, den Romern unbekannten, nördlichen Aberglauben mit nach Gallien gebracht hatten, ſchrieben dieſe Erſcheinung uͤbernatürli⸗ chen Weſen zu. Das ganze Schloß war ihnen verdächtig, als ſey es von unheilſtiftenden Geiſtern bewohnt. Mehr als dreiſig Jahre zuvor war der ehemalige Beſitzer, Marcus Rutilianus, mit ſeiner ganzen Familie von einem Haufen Vanda⸗ len ermordet worden. Seine Seele wurde indeſſen, ſagten ſie, ruhig in ihrem Grabe geblieben ſehn, wie die ſo vieler Anderer, welche unter dem Schwerdte der Feinde gefallen waren, wenn nicht haͤusliche Treuloſigkeit Untergang verurſacht hätte. — 243— Sein Bruder Paulus, der, wie man verſicherte, in Geheim von der Gattin des Marcus, von der er geliebt worden, beguͤnſtigt worden ſey, habe, zugleich in der Hoffnung, nach dem Tode des aͤltern Bruders die Erbſchaft zu erhalten, die Vandalen herbeigerufen, welche das gegenuͤber⸗ liegende Ufer des Cher verwuͤſteten; er ſelbſt habe ſie ſogar mit den Fahrzeugen ſeines Bruders an jenem Ufer abgeholt und ihnen dann die geheime Treppe geoffnet, wodurch ſie um Mitternacht unter die ſchlafende Familie eingedrungen. Allein die Vandalen, die Verrätherei benutzend, den Verraͤther aber verabſcheuend, hätten den Paulus und die untreue Gattin eben ſo, wie die ganze ubrige Familie des Rutilianus, umgebracht. Gleichſam um dies Verbrechen zu ſuͤhnen, hatte man am Fuße des Huͤgels an der Stelle, wo Paulus den Vandalen den Eingang zum Schloſſe geoffnet hatte, eine Art von Kapelle er⸗ baut. Der Gottesdienſt in derſelben wurde von den Geiſtlichen des heil. Martin zu Tours verſehen, welche bei feierlichen Gelegenheiten daſelbſt Meſſe laſen und von ihrer Kapelle in die unterirrdiſchen Q 2 — 24— Gänge gelangen konnten, um die böſen Geiſter daraus zu vertreiben. Allein ſie beſuchten das kleine Bethaus nur ſelten, und noch ſeltener ſoll⸗ ten ſie ſich in die dunkeln Gewoͤlbe wagen. Auf der entgegengeſetzten Seite erſtreckte ſich die Fagade des Schloſſes auf einer großen Wieſe hin, an die ſich alte Waͤlder anſchloſſen, deren tiefe Einſamkeit und geheimnißvolles Dunkel Et⸗ was Duͤſteres und Impoſantes zugleich hatte. Bei Sylviens und ihrer jungen Gaſtfreundin An⸗ kunft hatten ſich die Foderirten auf dieſer Wieſe verſammelt, um ihre Wohlthäterin durch kriegeri⸗ ſche Uebungen und Feſtlichkeiten zu ehren. Syl⸗ vis Numantia und der Vater von Felir hatten nähmlich dieſen Veteranen bequeme Wohnungen erbauen laſſen; ſie hatten ihnen Vieh, Getraide und Ackerinſtrumente vorgeſchoſſen und ihnen fuͤr ihr Alter einen gewiſſen Wohlſtand geſichert. Dafür hatte ſich dann die kleine Militaircolonie verpflichtet, den Uebergang uͤber den Cher zu ver⸗ theidigen und ſo fur die Sicherheit des ganzen Bezirkes von Interamnes zu ſorgen. Dieſe alten Soldaten wollten daherihrer Beſchutzerin beweißen, daß ſie ſich in den Stand geſett haͤtten, ihre Pflicht zu erfuͤllen. Sylvia hatte fur diejenigen, welche ſich in den kriegeriſchen Uebungen auszeich⸗ nen wuͤrden, Preiße ausgeſetzt, und die Wieſe vor dem Schloſſe, auf der ſich alle Föderirte mit ihren Familien, ſo wie mehrere Hirten, Jaͤger und Landbauern aus der Nachbarſchaft verſammelt hatten, war von Mittag bis zu Sonnenuntergang der Schauplatz einer Reihe von Luſtgefechten und Kaͤmpfen mannichfacher Art. Die erſten, welche ihre Kraft zeigen wollten, waren die Söhne der Veteranen, welchen die Väter, den Geſetzen des Reichs zu Folge, die Fuͤhrung der Waffen lehren mußten. Auf ſie folgten dieſe alten Soldaten ſelbſt. Obgleich ihre grauen Haare und ihre von der Sonne gebräunte Hautfarbe von den langen Strapatzen zeugten, denen ſie Trotz geboten hat⸗ ten, und obgleich mehrere unter der Laſt des Al⸗ ters ziemlich gebeugt waren, ſo ſchienen ſie doch ihre ehemalige Kraft wieder zu erhalten, ſo wie ſie die ehemals gefuͤhrten Waffen beruͤhrten. Die durch Uebung erworbene Genauigkeit ihrer Bewe⸗ gungen erſetzte die nun erſchöpfte Kraft; ſie warfen den Wurfſpies weiter, fuhrten mit mehr Sicher⸗ heit die Streitart, als ihre Kinder und Zoglinge, und als am Schluſſe dieſer Uebungen ein wüthen⸗ der Stier mitten auf die Wieſe gelaſſen und von Hunden der ſtarkſten Art verfolgt wurde, war es ein Veteran, der ihn feſten Fußes erwartete und mit einem Streiche zu Boden ſtreckte. Auch die Weiber wollten Beweiße ihrer krie⸗ geriſchen Geſchicklichkeit ablegen. Meiſtentheils waren es Amazonen, die ihren Maͤnnern Jahre lang auf ihren Feldzugen gefolgt waren und ſich gewöhnt hatten, mit ihnen alle Gefahren und Beſchwerden zu theilen und die auch in der That mehr fuͤr ein herumirrendes, gefahrvolles Leben, als fur haͤusliche Gluͤckſeligkeit gemacht zu ſeyn ſchienen. Die Groͤße ihres Wuchſes, ihr kuͤhner Gang, die Rauhheit ihrer Bewegungen, das Harte und Unſanfte ihrer Stimme, die ſtark her⸗ vortretenden Zuͤge ihrer Geſichter konnten wohl jemand glauben machen, ſie gehoͤrten nicht zu dem Geſchlechte, deſſen Kleidung ſie trugen. Nach⸗ dem ſie bewießen hatten, daß ſie die Lanze und den Schild ihrer Gatten zu fuͤhren wußten, ſo wie die Streitart und das lange Schwerst, ubten ſie ſich im Steinwerfen. Ein etſter Preis wurde ausgeſetzt für Diejenige, welche ein zweihundert Fuß entferntes Ziel erreichen wurde; dies war der Veweiß der Geſchicklichkeit. Ein zweiter Preis war fuͤr die bloße Kraft beſtimmt. Man reichte ihnen naͤmlich eine ſteinerne Scheibe, 25 Pfund am Gewichte, dar, und Diejenige, welche dieſe am weiteſten werſen touͤrde, ſollte gekrönt wer⸗ den. Die Aufſeherin des Schloſſes, Radebode, die Wittbe eines der ausgezeichneteſten Soldaten dieſer kleinen Colonie, gewann den einen Preis ſo gut, wie den andern, und die Veteranen, wel⸗ che dieſen mancherlei Uebungen mit Beifall zu⸗ ſchauten, verſicherten ſämmtlich, daß Radebode ſich durch ihren Muth dem Tapferſten, ſo wie durch die Kraft ihres Armes dem Stärkſten an die Seite ſtellen könne. Der Tag ſchloß ſich füͤr die Föderirten mit einem Feſte in dem untern Saale des Schloſſes vom Rutilianus. Der Wein wurde reichlich an ihren Tiſchen geſpendet, und ihre alten Kriegs⸗ — 24— geſaͤnge in putſcher, lateiniſcher und der aus bei⸗ den vermiſchten Volksſprache ließen ſich einen gro⸗ ßen Theil des Abends hindurch vernehmen. Es war faſt Mitternacht, als die Meiſten von ihnen ſich erſt entfernten. Radebode aber veranlaßte eine gewiſſe Anzahl dieſer alten Krieger, die Nacht auf dem Schloſſe zu bleiben, um im Nothfalle, wie ſie zu ihnen ſagte, die zahlreiche Bedienung zu erſetzen, woran Sylvia gewöhnt ſey, und die ſie in dieſem gewöhnlich unbewohnten S B nde. Gothiſcher Aberglaube. — „Im achten Jahre ſeines biſchöflichen Amtes, als „er eines Nachts ſchlief, nachdem er ſeinen Sprens „gel und die Schloͤſſer der Kirche beſucht hatte, „erſchien ihm der heil. Tetricus mit einer drohen⸗ „den Miene und ſagte zu ihm: Was machſt Du „„hier, Pappolus? Warum verunreinigſt Du mei⸗ „nen Sitz? Warum verſchlingſt Du meine Kirche? „Warum verdirbſt Du die Schaafe, welche mir „anvertraut wurden? Weiche von Deinem Platze, „entferne Dich! Bei dieſen Worten ſchlug er „ihn heftig einem Stocke, den er in der Hand „hielt, auf die Bruſt. Pappolus wachte daruͤber „auf und fuͤhlte an dieſer Stelle einen heftigen „Schmerz. In ſeinem quaalvollen Zuſtande be⸗ „kam er einen Abſcheu vor aller Nahrung. „und am dritten Tage ſtarb er, indem er ſchwar⸗ „zes Blut aus ſeinem Munde ſpie.“ Gregor von Tours in ſ. Geſchichte, 5. Kap. S. 236. De beiden Römerinnen erſtaunten uͤber die Kraft, Geſchicklichkeit und Gewandheit der — 250— Radebode, noch mehr aber uͤber den Antheil, den ſie bei den Waffengefährten ihres Mannes zu er⸗ wecken ſchien, welche ſo lebhaft ihre hohe Mei⸗ nung von der Tapferkeit und Geſchiclichkeit die⸗ ſes ſeltenen Weibes ausgedruͤckt hatten. 3 Das iſt kein gewoͤhnliches Weib, ſagte Syl⸗ via; ſeit ich ihr in dieſem Hauſe einen vertrauten Poſten gegeben, habe ich mehrere Brweiſe ihrer Klugheit, ihres Verſtandes und auch ihrer Red⸗ lichkeit erhalten. Der Senator Florentius, der ihren Mann liebte, hatte ſeiner Seits oft Gele⸗ genheit, ihre Verdienſte kennen zu lernen. Er hatte eine wahre Freundſchaft fuͤr ſie, und Rade⸗ bode hat bei dem Verluſte, den ich erfuhr, eine ſo gefuͤhlvolle Theilnahme gezeigt, welche ich we⸗ der von ihrem aͤußern Anſehen, noch von dem Leben, d as ſie gefuͤhrt hatte, erwarten konnte.“ Dieſe Worte erregten Juliens Neugier, und da der Zweck bei dieſer ihrer kleinen Reiſe der war, dieſe barbariſche Colonie, welche unter ihrem Schutze zu einer Zeit lebte, wo Menſchen von demſelben Urſprunge und dieſelbe Sprache redend im Begriff ſtanden, ihre Herren zu werden, zu *— — 21— beobachten und genauer kennen zu lernen, ſo be⸗ riefen ſie Radeboden zu ſich und machten ſich's zum Vergnuͤgen, ſie uͤber Mancherlei zu befragen. Radebode war unter den Franken gebohren, in Torandrien, ſo wie auch ihr Mann⸗ Jetzt war ſie etwas über funfzig Jahr alt. Achtzehn ohngefaͤhr aber war ſie geweſen, als ſie ihren Gatten bei den Heeren begleitet hatte, welche der Kaiſer Majorian ausheben ließ, um damit Afrika zu bekriegen. Von nun an war ſie ihm zwanzig Jahre lang in allen Gefechten in Italien und Gallien gefolgt; in den blutigſten Schlachten war ſie nicht von ſeiner Seite gewichenz ſie hatte dem Tode znter den ſchrecklichſten Geſtalten Trotz geboten, bald den feindlichen Schwerdtern gedenüber bald in den Hoſpitälern ſe ſchmachtend, mitten unter den Verhee⸗ rungen anſteckender Fieber. Oft hatte ſie ihrer Seits den Tod gegeben, dem ſie trotzte: denn ihre Ge⸗ ſchicklichkeit in Fuͤhrung des Schwerdtes und der Streitaxt war auch an andern Orten, als wo es bloße Uebung galt, auf die Probe geſtellt worden ⸗ Richt minder ſtreitluſtig als die Soldaten, deren Beſchwerden und Gefahren ſie theilte, ſtürzte ſie — 252— mit Ungeſtuͤm auf den Feind; ſie kaͤmpfte mit einer Art von Wuth und war ſtolz auf die Zahl von Alanen, Weſtgothen und Allemanen, welche unter ihren Streichen gefallen waren. Bei mehr als einer Gelegenheit hatte ſie den Gegner ihres Mannes in dem Augenblicke niedergeſtreckt, wo dieſer ſchon zu unterliegen ſchien. Selbſt dem Fulvius Florentius hatte ſie einmal dieſen Dienſt geleiſtet, und aus Dankbarkeit gegen dieſe Rettung hatte ſie Sylvia, nachdem ihr Mann, ohngefähr zwolf Jahre zuvor, getödtet worden war, auf das Schloß des Rutilianus geſetzt und ihr die Aufſicht daruͤber, ſo wie uͤber diejenigen, welche die Wirth⸗ ſchaft hier beſorgen ſollten, aufgetragen. Nachdem die Frauen ſie üͤber ihre Feldzüge, über Alles, was ihr während ihres kriegeriſchen Lebens Merkwuͤrdiges begegnet war, befragt und eine Menge intereſſanter Anekdoten über mehrere romiſche und barbariſche Felbherren, die zu ihrer Zeit die Heere des Reichs befehligten, vernommen hatten, wuͤnſchte Julia zu wiſſen, wie ſie ſich denn mit ihrer gegenwärtigen Lage, mit ihrer Einſamkeit und Ruhe befteunden koͤnne? „ 8— Ich wuͤrde mich hier recht glüͤcklich fuhlen, er⸗ wiederte ſie, Dank der Guͤte der wohlthätigen Sylvia, wenn ich vor der Furcht zu ſchüten wuͤßte. WVor der Furcht, he die beiden Freundin⸗ nen mit Erſtaunen, wir haͤtten gemeint, dieſes Gefuͤhl mußte Euch ganz unbekannt ſeyn! Radebode fuͤrchtet nichts, was ſterblich iſt, verſetzte ſie, allein wozu nuͤtzt uns der Muth ge⸗ gen das, was ſchon todt iſt? Ich begreife noch weniger, erwiederte Julia, wie das, was tobt iſt und zu wirken aufgehort Furcht einflößen kann? Ich weiß nicht, ſagte Nubebabe, ob die Ri⸗ mer ſich einbilden, daß mit dem Tode unſere ganze Exiſtenz aufhoͤrt, oder daß die Pforten des Grabes ſich nie den unglucklichen Seelen öffnen können; allein ich weiß ſehr wohl, daß wir Deutſche oft geſehen haben, wie der Schatten des Todten aus ſeiner Gruft hervorgeht, wenn er auf Erden noch Rache fuͤr Etwas in Anſpruch nehmen darfz Wehe dem, der ihm dann begegnet! denn er lei⸗ det und will nur Anbern Leiden ſchaffen. Das * . — 254— Mitleid iſt bei ihm mit der Menſchheit erſtorben; der Schatten ſelbſt des wohlthäͤtigſten Menſchen kehrt nur in der Abſicht, zu ſchaden, auf die Erde zuruͤck; ſein bloßer Blick macht das Blut erſtarten, ſein Hauch floͤßt den Tod in Eure Adern; wenn er ſpricht, geſchieht es;, um Euch zu taͤuſchen, wenn et Euch einen——. es Eurem Verderben. nht Aber Ihr, erwiederte enim die Ihr doch ſo oft auf dem Schlachtfelde geſchlafen habt, habt Ihr je geſehen, daß die Schatten der Todten ſich erhoben, um Euch wegen des Blutes, das Ihr vergoſſen, zur Rechenſchaft zu ziehen? Mein! Die, welche mit den Waffen in der Hand fallen, leiden nicht; ſie haben keine Urſache zu klagen. Aber wenn ſie dem Verrathe erlegen ſind, einer haͤuslichen Treuloſigkeit, wie der un⸗ glůckliche Mareus Rutilianus Es iſt ja aber ſchon ſehr lange her, daß Ru⸗ tilianus umgekommen; Ihr habt weder ihn, noch die Seinigen gekannt; gegen Euch können ſie da⸗ her auch keinen Groll hegen. Der, der ihren Tod verurſachte, iſt mit ihnen geopfert worden. — 255 Er hat die Frucht ſeines Verbrechens nicht einge⸗ aͤrndtet, hat ſie nicht ſeinen Erben hinterlaſſen, warum ſollte ſich denn das Grab öffnen fur den, der für Nichts Gerechtigkeit zu fordern, keine Ent⸗ deckung zu machen hat? Ich weiß es nicht. Allein die Geiſter ſind weniger Herren ihrer Handlungen, als lebende Weſenz ſie erſcheinen nur bei der tiefſten Dunkel⸗ heit der Nacht; ſie ſind wie angekettet an dem nämlichen Ort; ſie fuͤrchten die Blicke der Neu⸗ gier, und ſo wie ſich mehrere Menſchen zeigen, ziehen ſie ſich zuruͤck. Rutilianus hat gewiß noch ein Geheimniß zu enthuͤllen, denn er läßt ſich wieder ſehen. Vielleicht erwartet er, da wir alle varbariſchen Urſprungs ſind, einen Römer, um mit ihm zu reden; vielleicht wird er dieſe Nacht Euch, Sylvia, und Euch, Julia, das mitthei⸗ len, was er der Radebode nicht ſagen wollte. War er denn nicht der Freund des Julius Severus, und erwartet er nicht vielleicht von ihm eine Ra⸗ che, die ihm bisher verſagt worden iſt? Es liegt in dem Aberglauben Etwas ſo An⸗ ſteckendes, daß, wenn gleich dieſe Vorſtellungen — 256— des Norden den Roͤmerinnen fremd waren, ſie doch Beide unwillkuͤhrlich vor dem Gedanken ſchauderten, vaß der Geiſt ſie erwarte. Aber, ſagte Sylvia, Ihr habt geaͤußert, er laſſe hier ſich ſehen, habt Ihr ihn denn geſehen? Oft habe ich geſehen; ſo wie ich Euch jetzt vor mir ſehe, daß ſein Licht die Treppe des Cher auf und ab ſtieg; auch bin ich nicht die einzige, die ihn geſehen hat; in dem ganzen Lager der Fö⸗ derirten iſt vielleicht kein einziger, der ihn nicht gleich mir geſehen hatte. Oft hab' ich ihn auch in dem Gemache gehoͤrt, wo wir jetzt ſind.(Es war das fuͤr Julien beſtimmte.) Ich konnte mich nicht täuſchen; ich ſchlafe gerade darunter und der Hirt ſchläft daruͤver; wir Beide. es zu glei⸗ cher Zeit gehört. Ein Geräuſch, ein Licht kann menſchlicher Weſen oder andern lebenden Geſchoͤpfen zugehoͤren. Habt Ihr nichts Uebernatuͤrliches geſehen? Alles iſt hier uͤbernatuͤrlich! Ueberall muß man hier erwarten, Erſcheinungen des Rutilia⸗ nus und ſeiner Familie zu begegnen. Allein am öfterſten zeigen ſich die Schatten nur in der Ferne, ſte huͤllen ſich am liebſten in halbe Dunkelheit. Seht dieſe Hand! fuhr ſie fort und zeigte dabei einen nervigen Arm, der eher einem Soldaten, als einem Weibe anzugehoͤren ſchien,— ſie hat einen Adler wiedergenommen, den uns die Gepi⸗ den entriſſen hatten, und ihn in Triumph wieder zzu unſerer Cohorte gebracht. Und doch zittert ſie, wie ein Blatt auf dem Baume, wenn ich in einer Winternacht aus dieſen Fenſtern laͤngſt des nahen Waldes ſehe, wie die Vandalen, weiß wie der Schnee, von ihren weißen Pferden abſteigen. Rutilianus mit ſeinen ſechs Kindern befindet ſich mitten unter ihnen. Er iſt ſchon verwundet, eine lange vandaliſche Lanze hat ihn durchbohrt. Doch fleht er noch nicht fur ſich, ſondern fuͤr ſeine Kin⸗ der um Gnade. Die Barbaren ſpotten ſeines Schmerzes; ſie ſtellen ſich, als wenn ſie ſich er⸗ weichen ließen, und in dem Augenblicke, wo er die Arme ausſtreckt, um ſeinen Sohn, dem man eben das Leben geſchenkt hat, zum letzten Male zu umarmen, rollt der Kopf dieſes Sohnes auf dem Schnee hin. Ein Anderer wird an die Aeſte eines Baumes gehangen, noch ein Anderer unter ir Bd. R — 258— den Hufen der Pferbe zertreten. Rutilianus deckt noch mit ſeinem Körper den letzten und jüngſten, allein wohl zehn Lanzen kehren ſich gegen ſie, und der Körper des Sohnes wird mit dem des Vaters zugleich durchbohrt. Aber wo denn, wann und wie habt Ihr dieſe ſchauderhafte Scene geſehen? Dort, antwortete Radebode, indem ſie das Fenſter öffnete und auf die Waldſpitze, welche ohngefaͤhr fuͤnfhundert Schritte entfernt war, zeigte,— dort wurde der Mord begangen, zwei Stunden nach Mitternacht, am Tage der Idus des Dezember(13ten) und dort wird nun jedes Jahr, ſeit den zwölf Jahren, daß ich hier bin, am Tage der Idus des Dezembers dieſelbe Scene von uͤbernatuͤrlichen Weſen dargeſtellt. Der Ort, den Ihr mir zeigt, iſt ziemlich weit,— bemerkte Julia, und in der Dunkelheit der Nacht hat Eure Einbildungskraft wohl mehr, als Euer Geſicht, an der Vorſtellung dieſes ſchreck⸗ lichen Trauerſpiels Antheil. Alle Mordthaten ſind nicht an ſo entfernten Orten begangen worden, fuhr Radebode fort, — 259— und in dem großen Saale, wo Ihr jetzt nur Töne der Freude vernehmt, endigten in derſelben Nacht Paulus und Damia, der Bruder und die untreue Gattin des Rutilianus, ihr ſchuldbeflecktes Leben. Mehr als einmal, wenn ich durch dieſen Saal an dem einen Ende gegangen bin, habe ich an dem andern die beiden Ungluͤcklichen an die beiden Thuͤr⸗ pfoſten, die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, feſt gemacht geſehen, wie ihnen das Blut von dem Halſe, von den Armen, von der Bruſt herabrann⸗ Sie warfen einander ihre Verraͤtherei und dieſen ſchimpflichen Tod vor, der ſie Beide unausbleib⸗ lich erwartete, ſo wie das Blut in ihren Adern erſchoͤpft ſeyn wuͤrde. 4 Sylvia, welche bemerkte, daß Julia bei die⸗ ſer Schilderung erbleichte, machte ſie darauf auf⸗ merkſam, daß das Geſims der Thuͤre, von der Radebode ſprach, von zwei Cariatyden getragen werde, denen eine aufgeregte Einbildungskraft leicht jene blutigen Spuren andichten konnte. Eudor und Martin waren bei dieſer Unterre⸗ dung nicht zugegen geweſen. Der Erſte fuͤhrte in dem großen Saale den Vorſitz an dem Tiſche der R 2 — 260— Krieger und der Andere las ſein Brevier. Als ſie hereintraten, erſtaunten ſie uͤber die Unruhe und Verlegenheit, welche ſich auf den Geſichtern der beiden roͤmiſchen Damen offenbarte. Man theilte ihnen Radebode's Erzählung mit, die dieſe auch zum Theil ſelbſt wiederholte und mit neuen Um⸗ ſtänden ergänzte. Sylvia wußte zwar recht wohl, daß ſie weder auf den Muth des Einen noch des Andern zaͤhlen konnte, wenn es eine wirkliche Ge⸗ fahr galt; allein ſie erwartete von ihrer Vernunft eine Unterſtuͤtzung, welche, wie ſie wohl fuͤhlte, die ihrige und die ihrer Freundin ſehr bedurfte. Die ſchrecklichen Thaten, von denen dieſe Mauern Zeugen geweſen waren, verurſachten ihr einen neuen Schauder; ſie traute ſich nicht Stärke ge⸗ nug zu, dem Entſetzen zu widerſtehen, das ſich eines ſo muthigen Weibes, wie Radebode war, bemächtigt hatte. Indeſſen hatte ſie bis jetzt alle Erzählungen dieſer Art wie Volksmaͤrchen ange⸗ ſehen, denen ſie kaum einige Aufmerkſamkeit ſchenkte, und ſie hoffte nun von den beiden Ge⸗ lehrten, daß ſie ihr das Falſche derſelben uͤber⸗ zeugend darlegen wuͤrden. — es1— Obgleich Eudorius in der That ſich einiger Furcht nicht erwehren konnte, als er die Erzaͤh⸗ lung der Radebode mit anhorte, ſo konnte er doch nicht glauben, daß die Seele des Rutilianus noch das Schloß deſſelben bewohne, oder daß ſie mit einer Unheil bringenden Gewalt und Abſicht auf die Erde zuruͤckkehre. Er rief ſich Alles ins Ge⸗ daͤchtniß zuruͤck, was er in den claſſiſchen Schrift⸗ ſtellern uͤber Larven und Geiſtererſcheinungen ge⸗ funden hatte, und er ſahe wohl ein, daß dieſer Glaube den Alten nicht gänzlich unbekannt gewe⸗ ſen war; allein die Spuren davon ſchienen ihm doch ſo ſelten und ſo ſchlecht mit hiſtoriſchen Be⸗ weißen verbunden, daß er ihn zu den abgeſchmack⸗ teſten Volksvorurtheilen rechnete, die bei den civi⸗ liſirten Voͤlkern blos durch die Gemeinſchaft mit ihren barbariſchen Selaven ſich eingeſchlichen haͤt⸗ ten. Daher war er denn auch weit geneigter, die Lichter und das Geraͤuſch, deren Radebode erwaͤhn⸗ te, Menſchen von Fleiſch und Bein, Menſchen, denen man böſe Abſichten zutrauen könne, zuzu⸗ ſchreiben. Er bat nun dringend, daß man fuͤr die folgende Nacht alle Sicherheitsmaaßregeln — 6 treffen moͤchte, welche Sylvien ſchutzen könnten, denn von ſich ſelbſt wagte er nicht zu ſprechen. Er erſuchte ſie, alle die alten Krieger, welche noch bei Tiſche waͤren, in dem Schloſſe zu behalten, und als Radebode verſicherte, daß man gewiß keinen darunter finden wuͤrde, der es wagen moͤchte, einer naͤchtlichen Erſcheinung ins Geſicht zu ſchauen, ſo brachte er in Vorſchlag, die furchtbaren Hunde in die Gaͤnge zu laſſen, welche dieſen Abend den wuͤthenden Stier angefallen haͤtten, und deren Muth nicht, wie der der Föderirten, in Gefahr ſey, von Geſpenſtermaͤhrchen entnervt zu werden. Martin dachte uͤber dieſe Erzählungen ganz anders. In der Geſpenſtererſcheinung erblickte er einen neuen Beweiß fur die Unſterblichkeit der Seele und die Zuͤchtigungen, die ſie in einem andern Leben erwarten. Er war unwillig uͤber die un⸗ glaͤubigkeit derer, welche dergleichen Erſcheinungen in Zweifel ziehen konnten. Ein Wunder ſchien ihm immer wahrſcheinlicher, als eine Naturbege⸗ bvenheit; die Gotter und Dämonen, die Seelen der Heiligen und die der Verdammten duͤnkten ihm ebenfalls in Verbindung mit den Menſchen zu — 263— ſtehen, und ſtatt ſich gegen die Geſpenſter des Schloſſes durch menſchliche Mittel zu vertheidigen, ſchlug er vor, ihnen Beſchwoͤrungsformeln entge⸗ gen zu ſetzen, indem er verſicherte, daß dann Niemand Etwas von ihnen zu fuͤrchten haben werde, außer die Unglaͤubigen und diejenigen, deren Gewiſſen nicht rein und fleckenlos ſey. Trotz dieſer Verſicherung aber, welche Eudor mehr als eine gegen ihn indirekt gerichtete Dro⸗ hung, denn als einen zu ſeiner Beruhigung be⸗ ſtimmten Vorſchlag betrachtete, wuchs die Be⸗ ſtuͤzung unter den Gaͤſten des Schloſſes ſichtlich⸗ Julia und Syloia waren unruhiger, als ſie ſich zu geſtehen wagten, ohne doch deutlich zu wiſſen, was ſie eigentlich fuͤrchteten. Alles, was ſie ge⸗ than hatten, um ſich zu beruhigen, jeder Rath, den ſie zu erhalten gewuͤnſcht, hatte ſie nur noch mehr in Schrecken verſett. Indeſſen beſchloſſen ſie doch alle Vorſichtsmaaßregeln zu treffen, welche ihnen Eudoxius angegeben hatte, um ſich in Ver⸗ theidigungsſtand zu ſetzen, gleich als ob ſie vovn einem unmittelbaren Angriffe bedroht wuͤrden. Vor allen Dingen haͤtten ſie gern die Verbindung — zwiſchen den Gaͤngen des Schloſſes und der Treppe des Cher geſchloſſen; allein das war ſchlechterdings unmöglich, denn die Thuͤren waren vor Alter ver⸗ fallen und man hatte ſie niemals ausgebeſſert; kein Schloß war an ſeiner Stelle geblieben, kein Pfahl und keine Stuͤtze hatte der Feuchtigkeit und der Fä iniß widerſtanden und in dreißig Jahren gaͤnzlicher Vernachläſſigung von Seiten des Be⸗ ſitzers waren dem Ganzen uͤberall die Spuren der Verödung aufgedruͤckt. Nachdem Eudorius mit Radeboden alle Orte in Augenſchein genommen, machte er den Vor⸗ ſchlag, an der Vorhalle, wo ſich der Ausgang der Treppe befand und von wo aus dieſe mit den Gaͤngen des Schloſſes in Verbindung ſtand, eine Wache aufzuſtellen. Einige alte Soldaten ver⸗ ſprachen auch wirklich, die Nacht mit Fackeln dort zuzubringen; allein ſie baten zugleich, daß ihnen der Pater Martin mit dem geweihten Waſſer dort⸗ hin vorausgehen möchte. Die Hunde wurden zu gleicher Zeit in dem untern Raume des Schloſſes losgelaſſen und die Reiſenden begaben ſich in ihre Zimmer, nachdem ſie einander verſprochen hatten⸗ immer zu lauſchen und ſich bei dem geringſten Ge⸗ räuſche zuzurufen, damit ſie einander ſogleich zu Huͤlfe kommen koͤnnten; auch erſtaunten ſie weni⸗ ger uͤber Radebode's Furcht, als uͤber den Muth, den ſie dadurch bewieß, daß ſie immerfort allein in einem Hauſe wohnte, wo ſich jene mit zwan⸗ zig Mann Wache kaum. eine Nacht ſicher glaubten. Die Einbildungskraft dieſer zwanzig Mann war freilich ſelbſt durch die Vorſichtsmaaßregeln, die ſie hatten nehmen ſehen, aufgeregt worden; man hatte ſie, Behufs der Wache, in zwei ver⸗ ſchiedene Poſten abgetheilt; eine Haͤlfte ſollte in dem großen Saale bei der Haupchuͤr unterhalb der Zimmer bleiben, die andere hatte man in der Vorhalle poſtirt, woran die Treppe des Cher ſtieß, und die Einen wie die Andern hatten verſprochen, zu allen Stunden in den Gaͤngen zu patrouilliren. Allein eben dieſe Anſtalten hatten ſie auf den Ge⸗ danken gebracht, daß fuͤr dieſe Nacht eine ganz beſondere Gefahr zu erwarten ſey. Bei ihrer Wache fingen ſie an, die Geſchichten von den Erſcheinun⸗ gen zu erzählen, wegen welcher dieſes Schloß auf — — 266— mehrere Meilen im Umkreiſe beruͤchtigt war. Dieſe Erzaͤhlungen, unterbrochen von den Blicken, die ſie voll Unruhe nach den langen Gaͤngen rich⸗ teten, welche ſich in der Vorhalle endigten und auf die ihre Fackeln von Zeit zu Zeit ein ungewiſ⸗ ſes Licht warfen, ſo wie durch ihre Aufmerkſam⸗ keit auf das dumpfe, ferne Geräuſch, welches ſich zuweilen von der Treppe des Cher her hoͤren zu laſſen ſchien, beſtärkten ſie in der Erwartung von irgend Etwas Außerordentlichem. Einer der Fö⸗ derirten von der Wache in der Vorhalle klagte dar⸗ uͤber, daß es hier ſo feucht und kalt ſey, und alle ſeine Kameraden, die ſonſt eben nicht ſo ſehr empfindlich gegen die Einwirkung der Luft zu ſeyn pflegten, traten doch ſeinem Vorſchlage bei, ſich zu ihren Freunden zu begeben, welche in dem gro⸗ ßen Saale Wache hielten. Am andern Morgen, als Sylvia in Juliens Gemach trat, um mit ihr uber die leeren Schrecken der vergangenen Nacht zu lachen, erſtaunte ſie uber die Blaͤſſe derſelben und die Unruhe in ihren Blicken. ums Himmels willen, liebe S was habt Ihr? fragte ſie Julien. Nichts, hoff' ich, verſetzte Julia, als die Anſtrengung einer ſchlechten Nacht und die Unruhe furchtbarer Traͤume. Indeſſen kann ich mich kaum uͤberzeugen, daß Nichts Wirkliches ſeyn ſollte an dem, was ich, wie mich duͤnkt, geſehen habe. Dabei ſchaute ſie ſich um und bat auch ihre Freundin ſich umzuſehen, ob denn in dem Zimmer keine Spur eines naͤchtlichen Beſuchs ſich bemerken laſſe. Beide konnten in⸗ deſſen nichts auffinden, was ihren Verdacht haͤtte beſtärken koͤnnen; ſie entfernten ſich daher und Julia fuͤhlte erſt Muth in ſich, ihren Traum zu erzaͤhlen, als ſie durch die freie Luft und die Strahlen der Sonne ſich neu belebt ſahe. Je mehr ich mich beſtrebe meine Ideen zu ſammeln, ſagte ſie, deſto mehr erſtaune ich uͤber den Contraſt zwiſchen den andern Traͤu⸗ men dieſer ſchrecklichen Nacht, worin ich weder Zuſammenhang noch Folge entdecken kann, und einer einzigen Erſcheinung, die ſie unterbrochen hat und die ich von der Wirklichkeit nicht zu unterſcheiden im Stande bin. Ich habe den — 268— Rutilianus geſehen und die Ermordung ſeiner Kinder, auch ſein Weib und ſeinen treuloſen Bruder. Ich habe die Scenen geſehen, welche Radebode beſchrieb, und noch weit furchtbarere. Ich wachte daruͤber auf, ſchlief von Neuem ein, und die nämlichen Bilder ſchwebten immerdar vor mir. Ich bemerkte blos die fieberhafte Be⸗ wegung in meinem Blute und vermochte die Träume von dem Zuſtande des Wachens durch⸗ aus nicht mehr zu unterſcheiden. Einmal kam es mir vor, als ſtehe das ganze Schloß im Feuer, ich fuͤhlte den Rauch, der mich zu er⸗ ſticken drohte, und die Flammen, welche ſchon an meinem Geſichte leckten. Ich ſchlage die Augen auf und ein Mann in dem Gewande eines Buͤßenden ſteht vor mir, eine Fackel hal⸗ tend und mir damit aufmerkſam ins Geſicht leuchtend. Sie iſt es! ſagte er zu einem an⸗ dern Manne, mit einem aͤhnlichen Gewande be⸗ deckt, der an der Thuͤre ſtehen geblieben war und ein drittes Gewand in der Hand hielt, wel⸗ ches er mitgebracht hatte. — 269— „ Fulia Severa! ſagte der Erſte wieder zu mir, im Namen aller Heiligen, welche im Himmel herrſchen, des heil. Dio⸗ nys, des heil. Germanus, des heil. Martin von Tours, ſtehe auf, verlaß die eitte Pracht dieſer Welt, entſage den thörichten Hoffnungen, bekleide Dich mit dem Gewande der Reue und folge uns! Er ſprach noch, ats ſich das Gebell der Hunde unten im Schloſſe auf eine wüthende Art hören ließ. Sein Gefaͤhrte, der aus der Thuͤr ſchaute, machte ihm ein Zeichen mit der Hand; in dem Augenbliche loͤſchte der Erſtere ſeine Fackel aus und Alles kehrte in die Dun⸗ kelheit der Nacht zuruͤck; ich hoͤrte kein Geräuſch mehr, als das der Hunde, welche die ganze Nacht hindurch durch 8 Geheul mein Schrek⸗ ken erneuten. Dreizehntes Kapitel. Briefe aus Soiſſons. „Da die Franken mit Gewalt nichts ausrichten konn⸗ „ten, ſo ſchlugen ſie ihnen ein Buͤndniß vor, wel⸗ „ches die Armoricer gern annahmen. Sie ver⸗ „ſchmolzen ſich zuſammen in eine Nation, welche „ſehr maͤchtig ward. Die in dem uͤbrigen Gallien „aufgeſtellten römiſchen Soldaten uͤberlieferten die „Provinzen, die ſie beſetzt hielten, lieber den „Franken, als daß ſie ſich den Arianern(Weſt⸗ „gothen) hätten unterwerfen ſollen.“ Procop Kap. S. 341. mannichfachſten Farbenabſtufungen, Gelb, Orange, Purpur, an die Stelle des früͤhern Gruͤn getre⸗ De ſchoͤnſte Herbſtſonne beſtrahlte die alte Wohnung des Rutilianus; die Walder, welche die Wieſe umkränzten, fingen eben erſt an, die Blätter zu verlieren; allein ſchon waren die ten. Zahlreiche Heerden waren auf den ent⸗ uͤber den gothiſchen Krieg. 1. Buch 12. —z——————— .——— —zjz— — 271— fernten Wieſen und auf dem andern Ufer des Cher zerſtreut. Die Hirten, welche zum Fruͤh⸗ ſtuͤcke der Reiſenden ihre Milch nach dem Schloſſe gebracht hatten, waren noch vor der Saͤulen⸗ halle deſſelben verſammelt; die Jäger riefen ihre Hunde, die Selaven der Sylvia zäumten zum Ruͤckwege die Maulthiere ihrer Sänfte und die Pferde fuͤr die andern Reiſenden auf. So weit das Auge nur reichte, war Alles Leben und Bewegung um ſie her. Demohngeachtet blieb Julia nachdenkend und unruhig, und ſo groß auch die Nahrung geweſen war, welche ihre Neugier in dem Lager der Föderirten, in dem Geſpraͤch mit der Radebode, in der Erzählung der letzten Begebenheiten des Rutilianus gefun⸗ den hatte, ſo verließ ſie doch in dem Augen⸗ blicke, wo das Zeichen zum Aufbruche gegeben wurde, mit Freuden die Ufer des Cher, ohne das mindeſte Verlangen zu ſpuͤren, ſie je wie⸗ der zu beſuchen. Sylvia's Sänfte hatte zwei Plätze; allein Julia uͤberließ den ihr angebotenen dem Pater Martin und zog es vor, zu Pferde zu reiſen⸗ weil ſie hoffte, daß die Bewegung und die Mannichfaltigkeit der Gegenſtände am erſten die peinlichen Erinnerungen det vergangenen Nacht zerſtreuen wuͤrden. Eudox, gleichfalls zu v ritt an ihrer Seite. Heute, ſagte er, können wir mit dem Pro⸗ perz ausrufen: Sunt aliquid Manes! Die Manen ſind in der That Etwas und der Tod hat nicht Allem ein Ende gemacht, denn der bleiche Schatten entſchluͤpft dem uͤber den er ſiegt. Ihr fangt alſo doch auch an zu ſagte Julia, daß die Schreckniſſe, welche wir geſtern wie Ausgeburten des Aberglaubens be⸗ handelten, in der That auf St Wirkliches gegrundet ſind?. In der That, verſetzte er, habe ich die achte Elegie des vierten Buches des Properz nicht als einen unwiderlegiichen Beweiß für dieſe Mei⸗ nung angeſehen. Es iſt fuͤr den Dichter nur eine poetiſche Freiheit, indem er den Schatten der Eynthia erſcheinen laͤßt, macht er nur einen — um ſo ſtarkern Eindruck auf unſere Einbilbungs⸗ kraft. Es iſt mir jetzt nicht ſowohl darum zu thun, eine lebhafte Erregung meiner Einbildungskraft zu empfinden, als vielmehr beſtimmt zu erfah⸗ ren, ob das, was ich geſehen habe, ein Traum oder Wirklichkeit geweſen? Eudoxius ſprach nun, ſtatt darauf zu ant⸗ worten, von der Pforte von Horn und Elfen⸗ bein, durch welche, nach Virgils Dichtung, die wahren und falſchen Traͤume den Sterblichen zugeſandt werden, von den Oneiropolen oder Traumdeutern und den verſchiedenen Regeln, nach denen ſie ihre Kunſt treiben, kurz, von Allem, was ihm ſeine Kenntniß des Alterthums bei Gelegenheit dieſer Frage an die Hand gab. Allein das war es nicht, was Julia begehrte, und nach einigen fruchtloſen Verſuchen, ihn auf das zuruͤckzubringen, was ſie eigentlich beunru⸗ higte, nachdem ſie auf eine Frage, die ſie un⸗ erwartet an ihn richtete, erfahren hatte, daß Eudorius die Nacht gar nicht auf ſeinem Zim⸗ mer zugebracht, ſondern ſich in den großen Saal 1r Bd.— hinunter begeben habe, um dort, in ſeinen Mantel gehuͤllt, unter den Föderirten zu ſchla⸗ fen, hoͤrte ſie auf, durch neue Fragen die un⸗ terhaltung fortzuſetzen und uͤberließ ſich ihrem eigenen Nachdenken. Je mehr ſie uber die Erſcheinung nachdachte, die ſie gehabt zu haben glaubte, um ſo weniger konnte ſie ſich uͤberzeugen, daß ihr VNichts Wirkliches zu Grunde liegen ſollte. Alle uͤbri⸗ gen Träume, welche ſie fortwährend beangſtigt hatten, ſtellten ſich ihrem Gedächtniſſe nur in jener Verwirrung von unmöglichen oder wider⸗ ſprechenden Umſtänden dar, welche unſere Ein⸗ bildungskraft im Schlafe ohne Widerſtreben duldet und wodurch ſie ſich eben beſtimmt von der Wirklichkeit unterſcheiden laſſen. Allein der Buͤßende, der mit ihr geſprochen, ſtellte ſich ihr ſiets auf dieſelbe Weiſe dar; der Ton ſeiner Stimme ſchien noch ihr Ohr zu treffen. Dieſe kurze Erſcheinung verband ſich mit Nichts, was ihr vorhergegangen, noch was darauf gefolgt war; ſie entſprach keiner Idee, die ſie vorher in ihrem Geiſte genährt hattez ſie gab ihr kei⸗ nen beſtimmt zu faſſenden Sinn, ſondern ſie blieb in ihrem Gedaͤchtniſſe wie eine unvertilg⸗ bare Erinnerung, welche ſich mit Nichts Unbe⸗ ſtimmten vermiſchte, welche keinen Zweifel zu⸗ ließ und welche, um verſtaͤndlich zu werden, durchaus keines noch hinzuzufuͤgenden Umſtan⸗ des bedurfte. Der Weg, um aus dem Lager der Foͤderir⸗ ten nach Noviliacum zu gelangen, fuͤhrte durch ein faſt ganz wuͤſtes Land, welches großtentheils auch ganz unfruchtbar war. Die Landſchaft verdankte alle ihre Reize blos dem reichen Far⸗ benzauber des Herbſtes; im Uebrigen zeigte ſich durchaus kein Gegenſtand, der die Aufmerkſam⸗ keit und das Intereſſe der Reiſenden hätte auf ſich ziehen koͤnnen. Man ſahe keine Dörfer, wo vielleicht einige Landbauer ſich unter einan⸗ der beizuſtehen geſchienen hätten, um die wilden Thiere zu verjagen und ſich die Bequemlichkei⸗ ten des Lebens zu ſichern, nicht einmal ein iſo⸗ lirtes Haus, wo eine einzige Familie durch Ar⸗ beit und Sparſamkeit ihre Beduͤrfniſſe allein befriedigt hätte. Man hoͤrte weder von Weitem S 2 — 276— das Gekraͤhe des Hahns, noch das Bellen der Hunde, noch das Bloken der Schaafe. Einige Spuren von Pferden oder Ochſen waren dem Sande aufgedruͤckt, allein ſie gehörten halb wil⸗ den Heerden an, welche, ohne von Hirten be⸗ gleitet zu ſeyn, in voller Freiheit umherſtreiften. In der Nähe des Cher erblickte man zwar einige Weinpflanzungen und angebautes Feld, allein je weiter man ſich entfernte, um ſo ſeltener wurden dieſe Spuren menſchlicher Betriebſam⸗ keit und endlich verſchwanden ſie ganz und gar. Indem ſie dieſe Einöden durchzogen, erreich⸗ ten die Reiſenden einen Trupp Bettler, die ſich, gleich einer kleinen Karavane, von Bourges nach Tours begaben, und kamen demſelben zu⸗ vor. Fuͤnf bis ſechs mit Korben beladene Eſel machten die Spitze des Zuges aus: in einigen befand ſich das Hausgeräth und die ganze ge⸗ ringe Bagage dieſer Bettler, in den andern ſtanden die Kinder auftecht und ſchauten uͤber die Koͤrbe hinaus, um den Weg zu betrachten. Die Väter und Muͤtter folgten ihnen, einen Stock in der Hand. Sie trugen wunderthätige — Bilder, geweihte Kreuze, Fragmente von Stof⸗ fen, die vier und zwanzig Stunden auf dem Altare des heil. Stephan zu Bourges oder des heil. Martin von Tours gelegen hatten. Dies war die Muͤnze, womit ſie die Wohlthätigkeit frommer Frauen bezahlten, wenn ſie ſich nicht in einem Zuge von einem Kloſter zum anderen begeben und blos auf die Gaſtfreundſchaft der Monche rechnen konnten. Sie ſprachen auch die Milde unſerer Reiſenden an; allein nachdem ſie einiges Almoſen empfangen hatten, hielten ſie den Sclaven, der das Gepacke begleitete, noch tange auf, um ihn nach dem Namen und Stande der beiden Römerinnen und ihres Ge⸗ folges, ſo wie nach dem Zwecke ihrer Reiſe und ihren weitern Planen zu befragen. Eudoxius, der dieſe Fragen zum Theil gehoͤrt hatte, rief den Sclaven ſchnell zu ſich. Ich hege Miß⸗ trauen gegen dieſes Volk, ſagte er zu Julien, es ſind Spione der Mönche, die ſie in ihrem Nichtsthun aufmuntern und erhalten. Durch dieſe Menſchen wird Alles, was wir in unſern Häͤuſern thun und vornehmen, in den Klöſtern bekannt. Hier wird dann Alles bis auf die Gedanken aufgeſchrieben, und die, welche eigent⸗ lich das Geluͤbde gethan haben, der Welt zu entſagen, halten jetzt die Welt ordentlich unter der Vormundſchaft. Bald ſetten die Bettler ihren Weg ei⸗ ner Art von Heerſtraße gegen Abend zu fort, indeß unſere Reiſenden, nach Norden gegen die Loire ſich wendend, die Einden der Sologne durchzogen, ohne bis zu ihrer Ankunft zu No⸗ viliacum auch nur einem lebenden Weſen zu be⸗ gegnen. Im Schloſſe erwarteten ſie einige Briefe; ſie verdunkelten die Erinnerungen ihrer Reiſe ein wenig und richteten ihre Aufmerkſamkeit von dem Vergangenen auf das Zukuͤnftige. Se⸗ verus ſchrieb an Sylvien, um ihr fuͤr die edelmuͤthige Gaſtfreundſchaft zu danken, die ſie ſeiner Tochter habe wiederfahren laſſen, und ihr zu melden, daß nun der Augenblick gekommen ſey, wo ſie ihre Guͤte nicht laͤnger werde be⸗ nutzen können, denn er wuͤnſche nun ſeine Toch⸗ ter bei ſich zu haben, und er habe deshalb eine Dame beauftragt, ſie abzuhohlen, welche unver⸗ zuͤglich in Noviliacum eintreffen wuͤrde. Ein anderer Brief des Julius Severus war an ſeine Tochter gerichtet und lautete folgender⸗ maaßen: „Der Augenblick iſt gekommen, meine „liebe Tochter, wo ich es nicht länger ver⸗ „ſchieben kann, Dich zu mir zu rufen, um „Dich an mein Vaterherz zu ſchließen. Ein verlängerter Aufenthalt bei den Gaſtfreun⸗ „den, die Dich mit einer Liebe aufgenommen „haben, fuͤr welche ich ewig dankbar bleiben „werde, möchte von nun an weder fuͤr Dich S„noch fuͤr mich paſſend ſeyn. Felir Floren⸗ „tius ſteht im Begriffe, nach Noviliacum „zuruck zu reiſen; Du kannſt jetzt nicht laͤn⸗ „ger mit Anſtand unter einem Dache mit „ihm leben, denn er naͤhrt Plaͤne zu einer „Verbindung mit unſerer Familie, die, wenn „auch an ſich ehrenvoll, doch mit unſeren „gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſen nicht wohl über⸗ einſtimmen. Nache Dich gefaßt, meine „Tochter, auf eine glorreichere Verbindung, „auf eine groͤßere Macht, auf einen bedeu⸗ „tendern Reichthum, als Dir ein roͤmiſcher „Senator je anzubieten vermag. Es war „keine Taͤuſchung, welche die Prieſterin des „Pan verfuͤhrte, als ſie, auf dem heil. Drei⸗ „fuße ſitzend, mir verkuͤndigte, daß durch „Dich die Roͤmer mit den Barbaren verſöhnt „werden und das Diadem der fraͤnkiſchen „Köͤnige ſich um Deine Stirn winden wuͤrde. „Welcher Macht auch Lamia ihre Kenntniß „der Zukunft verdanken mag, ihre Augen „erblickten wirklich Dein kuͤnftiges Schicſal, „wie die unſern das erblicken, was gegen⸗ „wärtig iſt. Es iſt des Chlodowich ausdrück⸗ „licher Befehl, der Dich nach Soiſſons be⸗ „ruft, um Dich zu ſeiner Gattin zu ma⸗ „chen. Auf Chlodowichs Befehl wird die „Dame Sulpitia den Tag der Idus des „Octobers(15ten) von Chartres abgehen, „um Dich abzuhohlen, und ein Corps frän⸗ „kiſcher Krieger wird bis zu dieſet Stabt „vorruͤcken, um fuͤr Deine Sicherheit zu wa⸗ — 281— „chen. So wie die Dame bei Dir einge⸗ „troffen ſeyn wird, ſo mache Dich ſogleich „auf den Weg zu mir. Vermeide es, wenn „Du es kannſt, ohne die Familie, bei der „Du lebſt, zu beleidigen, mit dem Felir „Florentius zuſammen zu tteffen, der um die „naͤmliche Zeit von hier aus ſich auf den „Weg machen wird. Ich weiß gewiß, daß „meine Tochter, wenn auch auf eine hoͤhere „Stufe des Anſehens erhoben, gegen die „Familie, der ſie ſo viel verdankt, es nie „an Erkenntlichkeit wird fehlen laſſen; allein „an Erkenntlichkeit, und zwar gegen ihren „eigenen Vater, wuͤrde ſie es fehlen laſſen, „wenn ſie nicht Alles, was ſie vermag, zum „Gelingen eines Planes beitragen wollte, „dem ich unbedenklich alle meine Neigungen „und alle meine Siſe zum S ge⸗ „bracht habe.“ Derſelbe Eilbote uͤberbrachte auch einen Brief des Felir Florentius an Mutter fol⸗ genden Inhalts: 1 Felir Florentius an die ſehr ruhmwuͤrdige, „erlauchte Dame Sylvia Numantia, „ſeine Mutter.“ „Ich kehre zu Euch zuruͤck, meine cheure „Mutter, mit dem noch nie ſo lebhaft em⸗ „pfundenen Bewußtſeyn, daß ich Eurer Lie⸗ „be, Eures Rathes und Eures edelmuthigen „Beiſtandes gar ſehr bedarf. Ich hatte mich „getäuſcht, als ich mich fuͤr eine öffentliche „Laufbahn geſchaffen glaubte. Ich habe hier „nur Abſcheu und Widerwillen empfunden „gegen die vermeintlichen großen Männer, „die ich nun in der Nähe geſehen habe, ſo „wie gegen die elenden und ſchmutzigen Be⸗ „wegungsgruͤnde, nach denen man das Loos „der Völker entſcheidet. Die Unterhandlung, „womit ich beauftragt war, hat einen gluck⸗ „lichen Ausgang gehabt, und das Land zwi⸗ „ſchen der Seine und Loire wird von nun „an vor den Verheerungen der Franken ge⸗ „ſchuͤtzt ſeyn, und wir im Suͤden von der „Loire werden nicht einmal nöthig haben, in „irgend eine Beziehung mit ihnen zu treten. „Allein iſt das fuͤr einen Römer ein Gluck, „wenn er die Unterwerfung der Römer unter „den Willen der Barbaren unterzeichnet hat? „Iſt es ein Gluͤck, einem ſtolzen Herrn da⸗ „hin gebracht zu haben, daß er das Opfer „unſerer Freiheit, unſerer Geſetze, ja, ſelbſt „des Namens unſerer Väter annimmt? Ich „muß mich allerdings uͤber diefe Unterhand⸗ „lung freuen, wenn ich wirklich vertheidi⸗ „gungsloſe Landsleute dem Schwerdte der „Barbaren entzogen habe; allein mein Herz „wird es immer tadeln, daß ich zur Große „der Feinde Roms, der kuͤnftigen Unter⸗ „druͤcker Galliens beitrug. Die Franken, „ſchon furchtbar genug durch ihre Grauſam⸗ „keit, werden es noch mehr werden durch „die Ausdehnung ihrer Herrſchaft. Die Ar⸗ „moricer haben ſich mit ihnen vereinigt, un⸗ „ſere eigenen Krieger ſind unter ihre Fahnen „getreten, und die, welche noch ganz kuͤrzlich „in unſern Augen als eine Handvoll Aben⸗ „theurer erſchienen, geben ſchon dem vierten 234— „Theile des alten Galliens Geſetze. Voll „Beſorgniß, meinem Vaterlande geſchadet zu „haben, indem ich ihm nuͤtzen wollte, wuͤn⸗ „ſche ich mich nicht wieder auf dem Schau⸗ „platze zu zeigen; nie wuͤnſche ich den ver⸗ „haßten Verſammlungsſaal Chlodowichs wie⸗ „der zu ſehen, nie wieder die rauhen Sprach⸗ „toͤne dieſes Barbaren zu hoͤren. Gluͤcklich, „wenn es mir gewaͤhrt wuͤrde, nie meinen „Fuß uͤber Noviliacums Grenze ſetzen zu „duͤrfen, hier alt zu werden, umſchlungen „von den Banden der Haͤuslichkeit, einzig „beſchäftigt mit der Liebe zu meiner Mutter „und einer Freundin, wie ich ſie gefunden zu „haben glaube, einer Freundin, deren Beſitz en ich Allem, Allem auf der Welt vorziehen, „von der ich Hoffnung, Troſt und Lebens⸗ „gluͤck erflehen wuͤrde. Mit ihr würde ich „leicht Alles vergeſſen koͤnnen, was ſich jen⸗ „ſeits unſerer beiden Fluͤſſe ereignet; nur ſie, „nur ſie wuͤrde fuͤr mich in der Welt ſeyn, „und von ihr wuͤrde ich jene ſuͤßen, heili⸗ „gen Gefuͤhle erwarten, welche man in 5 „unſern ungluͤcklichen Zeiten weber von dem — 265— „NRuhme, noch von dem Vaterlande hoffen „darf. Aber auch dieſes Gluͤck ſoll mir ver⸗ „ſagt bleiben. Das Schwerdt der Barbaren „hat unſere Abler gebeugt, ihre Sprache ver⸗ „dirbt die unſere, ihre Geſetze vernichten die „unſern, ihr Name ſelbſt verdraͤngt den er⸗ „habenen Namen Roms; muß nun auch ihr un⸗ „reiner Athem unſere Familien vergiften, muß er „in unſere Wohnungen dringen, um unſer „häusliches Glück zu zerſtören, muß er das, „woruͤber wir erröthen ſollten, als das Ziel „unſers Ehrgeizes aufſtellen, muß er unſere „Wuͤnſche auf das richten, was fuͤr unſere „Vorfahren ein Gegenſtand nur des Ab⸗ „ſcheu's geweſen ſeyn wuͤrde. Nein! Nein! „In der Einſamkeit will ich traurig altern, will ich den Fall Alles deſſen, was ich hoch „achtete, den Tod Alles deſſen, was ich ſo „innig liebte, mit anſehen; hier will ich oh⸗ „ne Gattin, ohne Kinder, ohne Hoffnung „der Zukunft, wie ohne Vaterland, mich * nur nach dem Tage ſehnen, der mich zu „den Meinen in die e ſüte Gruft ruft N. S.„Ich reiſe zwei Tage piter ab, „als ich Anfangs wollte; allein ich werde „ſchnell reiſen, um die Dame aus Chartres zu uberhohlen, deren Ankunft Ihnen ſchon „gemeldet worden. Suchen Sie indeſſen ums „Himmels wilen einige Stunden zu ge⸗ „winnen und es ſo einzurichten, daß Julia „nicht abreiſe, ohne daß ich ſie geſehen habe. „Machen Sie, daß die Matrone, wenn ſie .„ja vor mir eintrifft, ſie nicht zu Hauſe fin⸗ „de und ſie meinem Abſchiede nicht entziehen „ 3„koͤnne.“ Der Eilbote, welcher dieſe verſchiedenen De⸗ peſchen uͤberbracht hatte, war auch durch Char⸗ tres gegangen; er hatte Sulpitien, die Gemahlin des Praͤſidenten der Curie, geſehen, welche eben Julien auf der Reiſe begleiten ſollte, und er mel⸗ dete, daß dieſe Dame, welche ihren Beſuch zu MNoviliacum als eine erwünſchte Gelegenheit be⸗ trachtete, eine glänzende Toilette und reiche Equi⸗ —— page ſehen zu laſſen, ihre Zurüſtungen noch nicht zu Stande gebracht habe, und daher nicht ſo ſchnell, als Severus es gehofft, ſich auf den Weg habe begeben können, ſo daß ſie wohl erſt uber⸗ morgen eintreffen wuͤrde. Nach Sylvia's Berech⸗ nung war aber dieſes gerade der Tag, wo Felir ebenfalls ankommen ſollte.— Die beiden roͤmiſchen Damen laſen nun jede mit derſelben innern Bewezung die Briefe, die ihnen der von Soiſſons eingetroffene Courier uͤber⸗ bracht hatte. Julia warf ſich endlich mit zerriſſe⸗ nem Herzen, die Augen voll Thränen, in Syl⸗ via's Arme und reichte ihr den Brief ihres Vaters den ſie ſo eben erhalten, dar. Sylvia gab ihr dagegen den ihres Sohnes, und die beiden Freundin⸗ nen hatten wenigſtens in ihrem Schmerze den Troſt, kein Geheimniß vor einander zu haben. Die beiden Briefe erklärten ſich wechſelſeitig. Syl⸗ via erkannte daraus, daß, wie ſie vermuthet hatte, ihr Sohn liebte und geliebt wuͤrde; ſie ſahe auch, daß ihre junge Freundin nur mit Schauder an die vorgeſchlagene Verbindung mit dem Koͤnige der Franken denke; ſie fahe, daß, ſo — — 288— wie Felix ſie wieder zu ſehen wuͤnſchte, ehe ſie ihrem Vater gehorchte, auch ſie denſelben Wunſch hege; und ob ſie gleich nicht begriff, welche Plane ſie bilden koͤnnten, um ſich dem ſie bedrohenden Geſchicke zu entziehen, ſo bemerkte ſie doch, daß Julia die Hoffnung nicht verloren habe und nicht verlieren wolle. Sie fuͤhlte, daß ſie nun fur die beiden jungen Leute denken und handeln muͤſſe, und ſo groß auch ihr eigener Wunſch war, Beide verbunden zu ſehen, ſo achtete ſie doch auf einer Seite die vaͤterliche Gewalt des Julius Severus, und auf der andern furchtete ſie die Macht und Rache des Königs der Franken, deſſen Herrſchaft ſich ſchon bis an die Thore von Noviliacum erſtreckte, und deſſen Mittel, zu ſchaden, reißend ſchnell ſich ver⸗ mehrten. Nie wuͤrde er ſich, das wußte ſie nur zu gut, durch den Sohn eines galliſchen Senators die Gemahlin entreißen laſſen, die er gewaͤhlt hatte. Sylvia verſuchte Julien durch die zärtlichſten Liebkoſungen und durch das Verſprechen unveraͤn⸗ derlicher Freundſchaft zu beruhigen; auch machte fie ſie auf das Gute aufmerkſam, bas ſie in ihren neuen Verhältniſſen ihren Mitburgern, ihrem Vaterlande und allen Ungluͤcklichen werde erweiſen können. Chlodowich war jung, man verſicherte, daß er Alles in ſich vereinige, was den Augen ge⸗ fallen und dem Ehrgeize ſchmeicheln könne; wa⸗ rum ſollte man nicht glauben, daß ſein Herz ſich gefüͤhlvolt zeigen, daß er ſich dem ſanften Einfluſſe eines Weibes hingeben und die Wildheit des Bar⸗ baren ablegen werde, um ſich als den Landsmann derjenigen zu betrachten, deren Gemahl er wer⸗ den wollte? Hatte man denn nicht geſehen, daß Placidia Ataulphs Denkart ganz und gar gean⸗ dert und daß ſie aus dieſem Koͤnige der Weſtgothen den eifrigſten Vertheidiger der Anſpruͤche des römi⸗ ſchen Reichs gemacht hatte, das er Anfangs völlig umzuſtuͤrzen im Begriff war? Allen dieſen Aeußerungen ſetzte Julia nichts entgegen, als Thränen; ſie ſchloß Sylvien in ihre Arme, ſie bebte, wenn Chlodowichs Name ge⸗ nannt wurde, und druckte durch Gebehrden mehr noch ihren Widerwillen, als ihren Unglauben aus⸗ Endlich erhob ſie die Augen zu ihrer Freundin und 1r Bd. T ſagte: Er hat gewuͤnſcht, mich zu ſehen, ſein Wunſch werde erfullt; ich will nicht von hier ge⸗ hen, ohne ihn gehört zu haben, und ich mag die verhaßte Sulyitia nicht ehen, ehe ich ihn geſehen habe. Stun ſchwankte zwiſchen 5 n ausbrickſchen Verlangen des Severus, gegen den ſie ſich ſelbſt durch die Pflicht der Gaſtfreundſchaft verbunden glaubte, und zwiſchen dem nicht minder beſtimm⸗ ten Verlangen ihres Sohnes. Sie wollte dem Schickſale wenigſtens die Entſcheidung ͤberlaſſen, und da Felir und Sulpitia wahrſcheinlich an dem naͤmlichen Tage eintreffen mußten, ſo wollte ſie die neuen Befehle des Severus etwarten, welche dieſe ihr uͤberbringen wuͤrde. Nein! rief Julia, ſie ſoll mich nicht hier fin⸗ den. Wir wollen einen Ausflug machen in der Nachbarſchaft; wir wollen die Ruinen von Heſo⸗ dunum beſuchen, welche ſchon ſo lange der Ge⸗ genſtand unſerer Neugier geweſen ſind. Eudoxius und der Pater Martin mogen zuruͤckbleiben, um Sulpitien zu empfangen; ſie moͤgen ihr ſagen, daß wir noch den nämlichen Tag zuruͤckkehren ——— würden, daß dieſe Parthie ſchon ſeit laͤngerer Zeit verabredet worden, und ſo werden ſie doch verhin⸗ dern, daß ſie nicht daran denken kann, mich noch denſelben Abend zur Abreiſe zu beſtimmen. Sylvia ließ ſich dieſe Anordnung gern gefallen; nach ihrer Berechnung konnte Sulpitia vorUeber⸗ morgen Mittags nicht eintreffenz der morgende Tag konnte alſo der Ruhe gewidmet werden, deren Beide in gleichem Maaße bedurften, und wenn Felir ſeine Reiſe recht beſchleunigte, mochte er vielleicht noch an dieſem Tage ankommen und Sulpitien ſelbſt vorauseiten. Das aber war Juliens eigentlicher Plan nicht. Giebt es denn nicht, fragte ſie, einen geraden Weg von Chartres nach Heſodunum? Allerdings! Der Weg trennt ſich funf Stun⸗ den von hier, und von dem Orte der Trennung ſind nicht mehr als fuͤnf Stunden bis nach Heſo⸗ dunum. So koͤnnte Felir geradezu dahin gelangen und uns dort treffen, ehe er Noviliacum beruͤhrte? Gewiß, wenn er es wußte... 2 2 0 tiebe Mutter, warum wollen Sie ihm nicht Nachricht geben, daß.. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es bei mir ſelbſt verantworten kann, wenn ich den Abſichten Eures Vaters ſo entgegen handle. Und dann bedenkt doch, welche Mißgriffe durch die Sclaven geſche⸗ hen könnten! Bedenkt ihre Indiſeretion, und überlegt, was Euer Vater mit Fug und Recht würde ſagen können, wenn Jemand von Sulpi⸗ tiens Gefolge meinen Boten erkennen ſollte; wenn man erfuͤhre, daß ich dem Felix eine Nachricht hätte zukommen laſſen, die er ihr eigentlich haͤtte mittheilen ſollen. Dumnorix, mein Milchbruder, iſt noch hier, von ſeiner Seite haben wir weder eine Indiſcre⸗ tion, noch Mangel an Geſchicklichkeit zu fuͤrchten; er kann ja den Brief überbringen, aber Ihr wer⸗ det es mir auch nicht verſagen, ihn zu ſchreiben. Sylvia gab nach. Sie ſchrieb an ihren Sohn, um ihm die Stunde bekannt zu machen, wenn ſie ſich nach Heſodunum begeben wuͤrden, und ihn einzuladen, denſelben Weg zu nehmen, wenn er nicht finden ſollte, daß er noch vor ihrer Abreiſe zu Noviliacum eintreffen koͤnnte. Beide Freundinnen begaben ſich hierauf nach ihren Zimmern, um ſich der Ruhe zu uͤberlaſſen. Allein trotz der Anſtrengung der Reiſe, trotz des Wachens und der Schrecken der vergangenen Nacht, fand Julia den Schlummer nicht, deſſen ſie ſo ſehr bedurfte. Chlodowich, ihr Vater und Felir ſtellten ſich abwechſelnd ihrer Einbildungskraft dar; Chlodowich, befleckt mit Roͤmerblut, das er vergoſſen hatte, das er noch vergießen wuͤrde, Hohn ſprechend ihren Anſichten, ihren Empfin⸗ dungen, ihrem Zartgefuͤhle, Treuloſigkeit mit Grauſamkeit vereinend und ihr eben ſo viel Ab⸗ ſcheu einflößend, als ſie ihm, durch den Schwur der Ehe verpflichtet, Liebe gewaͤhren ſollte. Seve⸗ rus, als Gefangener zuruͤckgehalten an dem Hofe des Barbaren, bedroht, beſtraft zu werden fuͤr den Ungehorſam der Tochter, ſie anklagend, daß ſie einer fluͤchtigen Neigung, einer Laune die Frei⸗ heit, vielleicht gar das Leben ihres Vaters aufge⸗ opfert habe. Felix, voll Verzweiflung, ſie zu verlieren, nirgends Huͤlfe findend, keinen Plan mehr bildend und mit jener Muthloſigkeit ſich aus⸗ druͤckend, welche ihm der Brief an ſeine Mutter eingegeben hatte. Mitten unter dieſen fontard Bildern und Ideen trat die Erſcheinung, welche ſie die Nacht zuvor gehabt hatte und damals nicht begreifen konnte, auf einmal in einem prophetiſchen Lichte vor ſie hin. Zwei Moͤnche, zwei Büßende hatten ihr das Buͤßerkleid dargereicht Sie glaubte noch die Worte deſſen zu S der an ſie ge⸗ wandt hatte. Julia Severa! hatte er zu ihr geſcne⸗ im Namen aller Heiligen, welche im Himmel herr⸗ ſchen, des heil. Dionyſius, des heil. Germanus, des heil. Martin von Tours, ſtehe auf, verlaß die eitle Pracht der Welt, entſage thoͤrichten Hoff⸗ nungen, bekleide Dich mit dem Bußgewande und folge uns!— Dieſe Worte waren ihr nur zu klar. Gewiß war es der heil. Martin ſelbſt ge⸗ weſen, der zu ihr geſprochen hatte, gewiß war es ſein Kloſter, wohin er ſie einlud, um den Reſt ihrer Tage in Buße zu verleben. Verlaß die eitte Pracht der Welt! damit war Chlodo⸗ 7 — 295— wich und ſeine Krone, entſage thörichten Hoffnungen! damit war Felir und das haͤus⸗ liche Gluͤck gemeint. Stehe auf und folge uns! Mit*2 Worten war ihr ganzes Loos auf Erden entſchieden. Julia war in dem catho⸗ liſchen Glauben erzogen worden; allein unter den Augen eines Vaters, der in Geheim ein Heide geblieben warz daher hegte ſie denn auch mehr Furcht als Liebe gegen die Geiſtlichen, deren feind⸗ liche Geſinnungen ſie ſchon oft erprobt hatte; das Kloſterleben floßte ihr nur Widerwillen ein, ſie giaubte in den Kloſtern weder eine aufgeklärtere Froͤmmigkeit, als in der Welt, noch eine reinere Moral, noch ſonſt eine Befeiedigung fuͤr ihren Geiſt und ihr Herz zu finden. Das Kloſter er⸗ ſchien ihr blos unter dem Bilde eines ewigen Ge⸗ faͤngniſſes, der Strafe fuͤr die größten Verbrecher, welche ein falſcher Eifer, den man fuͤr Religion hielt, Unſchuldigen zubereitete. Das Schickfal, welches ihr bevorſtand, erfullte ſie mit Schauder und Entſetzen; allein wie konnte ſie zweifeln, daß ſie es wirklich treffen wurde? Und war denn das Kloſter nicht der einzige Zufluchtsort, der ſie den Verfolgungen Chlodowichs und dem Anſehen ihres Vaters zu entziehen vermochte? War ihr das Floſter nicht als die einzige Zuflucht von den himmliſchen Boten angezeigt worden, welche ſo bedeutungsvoll zu ihr geſprochen, ſich ihr als wirkliche Weſen zu erkennen gegeben hatten, und die ſie nicht verwechſeln konnte mit den Phanto⸗ men ihrer eigenen Einbildungskraft, welche— derſelben Nacht aͤngſtigten? Eine Beute dieſer ſchrecklichen Vorſtellungen, vermochte Julia keinen Augenblick der Ruhe zu genießen, und mit Freuden begruͤßte ſie die erſten Strahlen der Sonne, als ſie am andern Morgen die Daͤcher von Noviliacum vergoldeten. . Vierzehntes Kapi te. Die celtiſchen Ruinen. Et quibus immitis placatur sanguine diro Peutates, horrensqie feris altaribus Hesus Et Taranes Scythicas non mitior ara Pianae ⸗„„ ⸗ PEt vos parbaricos ritus, Fin sinistrum Sacrorum Pruidae positis repetistis ab armis. Ihr, welche mit Blut den grauſamen Deutates Heſus, deſſen Altäre ſo furchtbar ſind, oder den Taranes, deſſen Verehrung an Barbarei der ſcythiſchen Diana gleicht, zu verſöhnen pflegt.. Shr Shnit n athiugtei Waſfen auch die bringenden gottesdienſtlichen Gebraͤuche der Drui⸗ den wieder an Lukans Pharſalia. 1. Buch. V. 444. * Vi und zwanzig Stunden waren ſeit jener ſchlafloſen Nacht verſtrichen, und man hatte ſie in dem ſchmerzlichſten Schwanken der entgegenge⸗ ſetzteſten Zuſtande zugebracht. Bald verſank Julia — in eine duſtere Muthloſigkeit, bald erhob ſie ſich aus derſelben, um alle Regungen der Erwartung U und Hoffnung zu empfinden. Felir, der auf dem andern ufer der Loire ihr Retter geweſen war, Felix, der ſo viel Eifer gezeigt hatte, ihr zu dienen, dieſer Felir, der ſie liebte, der bei ihrem Vater um ihre Hand geworben hatte, der ſollte hier ein⸗ treffen. Obgleich ſein Herz gebrochen ſchien, ob er gleich nur ſie ſehen zu wollen ſchien, um auf ewig Abſchied zu nehmen, konnte er denn nicht doch noch Plaͤne hegen, welche füͤr ſie Beide heil⸗ — bringend werden mochten? Konnte ſie wiſſen, wel⸗ che unerwartete Hulfsquellen er ihr vielleicht ent⸗ hyuͤllen wollte? Konnte ſie an ihn denken, ohne Etwas von ihm zu erwarten? und konnte der Tag, der ihn ihr zuruͤckbrachte nicht auch ein Tag des Gluͤcks fur ſie ſeyn? Allein Felix, der den 16. Oetober von Soiſons abgereiſt war, traf den ganzen Tag des 17ten nicht zu Noviliacum ein, auch in der Nacht kam er nicht, und den 18ten fruͤh(XV. der Calenden des Novembers) ſchickten ſich Sylvia und Julia an, mit ihm zu Heſodunum zuſammen zu treffen. — 299— Dumnorix, der ihm entgegen geſandt war, ſollte ihn dorthin geleiten. Der Pater Martin hatte* den Auftrag, Sulpitien zu Noviliacum zu em⸗ pfangen, Eudorius aber begleitete die beiden Rö⸗ merinnen. Dieſer Letztere war ein trefflicher Fuͤhrer durch die Ruinen, und ſeine großen Kennt⸗ niſſe des Alterthums ſetzten ihn in den Stand, alle Fragen in Betreff dieſer Denkmale der politiſchen Macht und der Religion der Celten genuͤgend zu beantworten. Die Sonne ſtand ſchon poch am Himmel, als Sylvia und Julia ſich mit ihm auf das Fahrzeug begaben, welches ſie nach Heſodunum bringen ſoll⸗ te. Das Hinabfahren auf der Loire konnte nicht anders als leicht von Statten gehen; allein da man bei der Ruͤckkehr ſtromaufwärts fahren mußte, ſo hatte man noch acht Ruderer mitge⸗ nommen. Der Tag war außerordentlich ſchön, die Gewaͤſſer des Stroms, welche jetzt ſo rein und dabei ſo voll waren, floſſen ruhig dahin, ſo daß man kaum auf der Oberflaͤche die Schnelligkeit der Stroömung bemerken konnte. Gleich einem be⸗ weglichen Spiegel, gaben ſie uͤberall die an ihren — 300— lachenden ufern zerſtreuten Gegenſtände zurück, ſo wie die herrlichen Vorgebirge, welche das Fahrzeug von Zeit zu Zeit umſchiffte. Zerſtreute Wohnun⸗ gen erhoben ſich hie und da auf beiden Ufern des Fluſſes, und hier war der Anbau des Landes weit weniger vernachlaͤſſigt, als in dem Innern der Provinz; beſonders bemerkte man mit Vergnuͤgen die weißen und regelmäßig gebauten Häuſer des Vgers der Legionarier, welche dieſem Geſtade ei⸗ nen Anſchein von Wohlhabenheit gaben; allein die zahlreichen Ruinen, welche die Hoͤhen bedeckten, verkuͤndigten nur zu laut; daß zu einer andern, fruhern Zeit eine zahlreiche Bevölkerung auf den⸗ ſelben Orten an dem großen Feſte der Natur Theil genommen und ſich der Vorzuge erfreut habe, wel⸗ che ein aͤußerſt fruchtbarer Boden, ein gluckliches Clima und eine leichte Schiffarth den Wetweb⸗ nern zu gewaͤhren vermoͤgen. Unter allen dieſen Ruinen zeichneten ſich vor⸗ zuglich die von Heſodunum aus, theils durch ihre impoſanten Maſſen, theils durch den großen Raum, ben ſie einnahmen, ſo wie durch die Hoͤhe des ſtei⸗ len Huͤgels, den die Carnuten zur Feſtung umge⸗ — 301— ſchaffen hatten. Oft hatten ſie hinter dieſen Mauern den Angriffen der Turonen und der Ce⸗ nomanen getrotzt, oft hatten auch die Druiden in Prozeſſion um den geheiligten Umkreiß derſel⸗ ben die Menſchenopfer gefuͤhrt, deren Blut auf dem Altare des wilden Heſus, des galliſchen Got⸗ tes, von dem dieſe Stadt den Namen trug, flie⸗ ßen ſollte. Jetzt waren dieſe Mauern durch eine ſchoͤne Miſchung von Gruͤn geſchmuͤckt, welche durch die Rankengewaͤchſe erzeugt wurde, die ſich aus den Felſenſpalten draͤngten und uͤber den Ab⸗ gruͤnden oder den Baumgruppen ſchwebten, die in den antiken Wohnplaͤtzen der Menſchen prangten und bisweilen ſelbſt die in Truͤmmern zerfallenden Thuͤrme kroͤnten. Indeſſen, als ſich nun die Reiſenden immer mehr naͤherten, als ſie in dem Hafen dieſer alten Stadt ans Land ſtiegen, miſchten ſich traurigere Eindruͤcke zu dem der Bewunderung einer ſo einzig ſchoͤnen, höchſt maleriſchen Lage. Eine lange Reihe von Generationen hatte auf dieſem Boden gelebt; allein ſelbſt die letzte war hier ausgeſtorben, und ſo herrſchte jetzt der Tod allein in dieſen Ge⸗ 2 302— genden. Die Mauern, welche ſich von der Hoͤhe des Huͤgels bis zum Fluſſe herabzogen und die außerſt feſten Thurme der Eitadelle mit dem Hafen der Loire verbanden, beſtanden aus ungeheuren Felſenſtuͤcken, welche ohne Mörtel kuͤnſtlich uͤber einander gelegt waren. Durch ihre Maſſen allein hatten ſie den zahlreichen Angriffen widerſtanden, indeſſen befanden ſich an mehr als einem Orte Heffnungen darin, wodurch man auf den benach⸗ barten Gefilden die Monumente des alten Aber⸗ glaubens der Druiden entdecken konnte, deren Be⸗ ſtimmung längſt vergeſſen war. Man erblickte dort noch Rundungen von coloſſalen Steinen, welche wie Sitze von Rieſen ausſahen, die ſich zu Rathe hier verſammelt hatten, und dabei befand ſich ein etwas erhohter Stein, vielleicht fuͤr den Vorſitzenden jener Verſammlung beſtimmt; dann Altäre, wo ein ungeheures Felſenſtuͤck wagerecht über zwei andere gelegt war, mit ſo genauer Be⸗ rechnung des Gleichgewichts, daß man es mit einer Hand erſchuttern konnte, obgleich ſchon Jahrhunderte darüber hingegangen waren und es — 3038— beſtimmt ſchien, noch mehrere uͤber ſich hingehen zu ſehen. Die Eitadelle, welche alle dieſe Ruinen be⸗ herrſchte, beſtand aus fuͤnf ungeheuern Thuͤrmen, welche in Geſtalt eines griechiſchen Kreuzes ge⸗ ordnet waren, deren hoͤchſter und ſtaͤrkſter ſi ſich in der Mitte erhob und durch ſtarke Courtinen mit den uͤbrigen verbunden war. Dieſe runden Thuͤr⸗ me, um welche ſich oben eine zierliche Corniche öog und die faſt nach dem Modelle des Grabmals der Cecilia Metella unweit Rom gebaut zu ſeyn ſchienen, waren ganz und gar mit behauenen Steinen oder mit Marmor bekleidet. Sie ſtamm⸗ ten nicht von den Celten her, ſondern aus den erſten Zeiten der roͤmiſchen Herrſchaft in Gallien. Sie waren damals an die Stelle noch älterer Bau⸗ werke getreten, deren Geſtaltung ſelbſt jett ver⸗ geſſen war. Zwiſchen dieſen Thuͤrmen und dem Fluſſe war auf dem Abhange des Huͤgels die Stadt Heſodunum ſelbſt erbaut. Die ehemaligen Pa⸗ läſte der galliſchen Großen, wovon man kaum noch einige Spuren fand, hatten kleinen, niedri⸗ gen Haͤuſern Platz gemacht, die ehaden von Hand⸗ ———— — 3 4— werkern, Fiſchern und Landbauern bewohnt gewe⸗ ſen waren. Sie konnten keine Anſpruͤche auf eine zierliche Architektur machen; allein ſie waren doch nach der Reihe geſtellt, und die Straßen verrie⸗ then eine gewiſſe Reinlichkeit. Blos die Thüren waren verſchloſſen und durch einige Fenſter konnte man im Innern die Dachbalken und die der ver⸗ ſchiedenen Etagen erblicken, welche uber einander zuſammenſfielen, ſo wie die aufgehaͤuften Trüm⸗ mern und die Verödung, welche an die Stelle des ehemaligen haͤuslichen Lebens hier getreten war. Eudorius lehrte ſeine beiden Gefährtinnen die roͤmiſchen Bauwerke von den celtiſchen unterſchei⸗ den, die, welche dem Gottesdienſte der Druidrn gedient hatten, von denen, die eine politiſche oder n†litäriſche Beſtimmung gehabt haben mochten. Er erzählte ihnen, welche religibſe Gebrauche jedes Jahr die Prieſter der Carnuten nach Heſodunum gerufen hätten, welche bedeutende Begebenheiten in der Geſchichte Galliens ſich mit der Erinnerung an dieſe Veſte verknupften; allein dieſe ganze ge⸗ uhrte Abhundlung hat ſich eben ſo wenig bis auf — 305— unſere Zeiten erhalten, als die Ruinen ſelbſt, die der Gegenſtand derſelben waren, ſelbſt der Name von Heſodunum findet ſich in keinem Geſchichts⸗ buche und auf keiner Karte mehr. Julia hatte auf dieſes Auskramen von Ge⸗ lehrſamkeit nur wenig geachtet; ſie hatte unter den Trummern nur den Weg geſucht, welcher in naͤherer Richtung auf den höchſten Thurm fuͤhrte; ſie war auf die Platteform geſtiegen, die auf der Spitze deſſelben erbaut war; hier hatte ſie ſich im Schatten eines wilden Feigenbaumes niedergeſetzt, der aus der Mauer hervorgedrungen war; hier hatte ſie ſich die Straße von Chartres zeigen laſſen, und nun wandte ſie die Blicke nicht wieder davon ab, indeß Sylvia und Eudorius wechſelsweiſe ihre Aufmerkſamkeit bald auf den majeſtätiſchen Lauf der Loire, den das Auge in großer Entfernung ver⸗ folgen konnte, bald auf die blauen Gebirge zu lenken ſuchten, welche den Porizont bekraͤnzten, ſo wie auf den maleriſchen Effekt der Ruinen in ih⸗ rer Naͤhe, und auf die Beſtrebungen der Natur, durch die bloße Kraft der Vegetation die Arbeiten des Menſchen zu zerſtören. Endlich zeigte ſich 1r Bd. U nun durch lautes Schluchzen kund. — 306— der Ferne, was ſie mit ſo viel Ungeduld erwartete und was ihre Blicke mit ſo viel Sehnſucht ſuch⸗ ten; ſie erkannte auf dem Wege nach Chartres drei Reuter, welche im vollem Roſſeslauf dahereilten. Bäld glaubte ſie den Dumnorix, Diocles und Felix zu unterſcheiden. Das uͤbrige Gefolge hatte den Weg nach Noviliacum eingeſchlagen. Als Eudopius die Reuter gleichfalls erkannte, band er ein weißes Tuch an einen Stock und ließ es wie eine Fahne im Winde flattern, dadurch zog er die Aufmerkſamkeit der Reuter an, und ſie ſahen nun den Ort vor ſich, wo ſie ihre Freunde erwar⸗ teten. In kurzer Zeit traf Felir am Thore der Citadelle ein; er ſtieg hinauf und befand ſich neben ſeiner Mutter und ſeiner Freundin. Julia war eiligſt aufgeſtanden und hatte geur mit einem von Freude ſtrahlenden Blicke die Hand entgegengeſtreckt; Felir war ihr zu Füßen geſunken, er hatte in ſeinem Entzuͤcken ihre Hand mit Kuͤſſen bedeckt; allein Julia hatte ſich ſchnell in Sylviens Arme geworfen, ihr Haupt an dem Buſen der Freundin verborgen, und ihr Schmerz gab ſich —— ————— — 307— Felir hatte ihre Hand nicht fahren laſſen, er konnte die Urſache weder ihrer Freude, noch ihres Schmere mißverſtehen. Julia liebte ihn, dies hatte er keinen Augenblick ſich zu verhehlen geſuchtz ſie hatte gegen ihn auch nicht einen Kunſtgriff der Koketterie, auch nicht eine Zuruͤckhaltung der Prä⸗ derie angewandt, um ihm das Geheimniß ihres Herzens zu bergen. Sie liebte ihn; ſeine Ruͤck⸗ kehr hatte ihr eine außerordentliche Freude gemacht; allein das Gefuͤhl, daß ſie ihn verlieren ſolle, daß dieſe Zuſammenkunft die letzte ſey, hatte bald den heftigſten Schmerz an die Stelle der Freude treten laſſen, welche beim Anblicke des Geliebten ſie durchdrungen hatte⸗ 2 Sobald ſie ihr Schluchzen bezwungen hatte, ieß ſie Sylvia ſanft wieder auf ihren Sitz nieder, faßte den Eudorius am Arm und entfernte ſich mit ihm, indeß dieſer, erſtaunt uͤber das, was er ge⸗ ſehen hatte, durch Anfuͤhrung claſſiſcher Stellen zu beweißen ſuchte, daß ſich die Freude zuweilen durch Thränen und der Schmerz durch Lachen kund geben könne, ſo daß man, nach der Mei⸗ nung der größten Dichter und beſten Ausleger det⸗ u 3 muͤſſe, welche ſich bei Julien durch Zeichen der Freude und des Schmerzes zu erkennen gegeben habe. Indeß Felir die Hand, welche ſie nicht zuruͤck⸗ zog, mit Küſſen bedeckte, antwortete er ihr auf das, was ſie im Herzen trug und durch Worte nicht laut werden ließ. Er ſagte ihr, daß er ſie auf's leidenſchaftlichſte liebe, ſie liebe, wie er nie geliebt habe und wie er nie wieder lieben werde, und daß er nur durch ſie ſein Gluͤck erhalten, nur auf ſie ſeine Hoffnung bauen könnez daß ihn, auf's Neue mit ihr vereint, keine Macht der Welt wie⸗ der von ihr zu trennen vermöge, und daß er keine Furcht kenne, welche ihn beſtimmen moͤchte, einem Gluͤcke zu entſagen, das nur allein in ihre Haͤnde gegehen ſey⸗ Wir ſind Beide noch frei, ſagte er zu ihr, warum wollten wir u einem fremden Willen unterwerfen? Warum ſollte ich aller Gluͤckſelig⸗ keit entſagen? Warum alle Hoffnung des Lebens aufgeben, wenn das Opfer von meiner Seite Dein Schickſal nicht milder macht? Warum ſollte ſelben, uͤber die Empfindung unentſchieden bleiben — — ich Dich einem Barbaren uͤberlaſſen, unfähig, Deinen Werth zu ſchätzen, unfähig, Dich zu lie⸗ ben; einem Barbaren, der, wenn er Dich nicht einsmals ſeiner wilden Leidenſchaft oder ſeiner Unbeſtändigkeit aufopfert, Dich doch wenigſtens in alle Schickſalswechſel verflicht, die ſein eigenes Leben bedrohen, welches unaufhörlich entweder den Dolchen der Meuchelmoͤrder, dem Beile des Henkers ausgeſetzt iſt? Julia erhob ihre Augen von Neuem und rich⸗ tete ſie auf ihn, mit der unbeſchreiblichſten Mi⸗ ſchung von Zaͤrtlichkeit und Schmerz. Ja! ſagte ſie endlich, ich liebe Dich! Ich liebe Dich, wie Du mich liebſt! Allein demohn⸗ geachtet iſt die Quelle der Hoffnung in meinem Herzen vertrocknet. Der Tag, wo ich Dich wie⸗ derſehe, iſt auch der letzte Tag des Gluͤcks, den ich zu erleben erwarten darf; ich muß mich von nun an meinem Schicſale unterwerfen; es iſt ſtaͤrker als ich, es wird beſtimmt durch einen Wil⸗ len, der des Willens der Menſchen ſpottet und der uͤber mein Leben durch uͤbernaturliche Mittel herrſcht. Ich kann mein Schickſal eben ſo wenig begreifen, als die Art, wie ich davon unterrichtet worden binz allein um mich und vor mir ſehe ich Nichts, als Schrecken, ausgenommen bei Dir und in Deiner Naͤhe. Die Hölle hat zu meinem Vater geſprochen durch den Mund der Lamia, um mich dem Chlodowich zu vermählen, der Himmel hat mir durch einen ſeiner Heiligen befohlen, mich auf das ſchreckliche Gefängniß des Kloſters gefaßt zu machen; nun, ſage ſelbſt, Felir, bleibt mir wohl noch eine einzige Hoffnung? Ja, verſetzte er, es bleibt noch Hoffnung, es bleibt Gewißheit, wenn Du Dich auf unſere eige⸗ nen Hulfsquellen, auf unſern eigenen Muth ver⸗ laſſen willſt, anſtatt die Orakel zu horen, die uns durch ihre Widerſpruͤche ſelbſt beweißen, daß ſie trugeriſch ſind. Chlodowich iſt erſt von einem ſehr kleinen Theile Galliens Herr; hier herrſcht er noch nicht, und noch koͤnnen wir uns ſeinen Gewalt⸗ thäͤtigkeiten entziehen. Wi können den Koͤnig der Weſtgothen, den Koͤnig der Burgunder um Zu⸗ flucht anflehen, ohne deshalb unſer Vaterland verlaſſen zu duͤrfen. Wir können nach Italien gehen, wo der weiſe und tugendhafte Theodorich, — 311— W anerkannt von dem Kaſſer des Orients, im Be⸗ griff ſteht, ſich zum Herrn von Odoakers Perſon zu machen, den er eben belagert, und ſo dem Senate Roms ſeine alte Macht, unter dem Schutße der Oſtgothen, wieder zu geben. Wir koͤnnen Sicherheit und Freiheit i in den Lagunen Venedigs finden, wo die Geſetze Roms noch geachtet wer⸗ den, indeß zugleich alle willkuͤhrliche Gewalt da⸗ ſelbſt abgeſchafft iſt. Wir konnen endlich auch den Kaiſer zu Conſtantinopel um Schutz anflehen; er hat meinen Vater aufgenommen, ihn mit ſeinem Vertrauen beehrt, er wird uns nicht zuruͤckſtoßen. Die Guͤter, welche wir hier zuruͤcklaß en, machen nicht mein ganzes Vermoͤgen aus, und in be⸗ ſchraͤnktern Verhaͤltniſſen können wir, entfernt von Gallien, recht gut leben, ohne die Armuth furchten zu muͤſſen. O! nicht die Armuth, nicht den Schmerz furchte ich mit Dir verbunden! ſagte Julia,— allein iſt denn die Frage von uns allein? Wird die Entſcheidung, welche wir faſſen wollen, nicht auch das Schickſal deſſen entſcheiden, was uns das Theuerſte auf Erden iſt? Höre mich, Felir! Ich . — 312— wende mich an Deine Rechtlichkeit, Deine Ehre! Antworte mir freimuͤthig! Du haſt zu Soiſſons meinen Vater und Ehlodowich geſehen, Du weißt, auf welchem Fuß ſie mit einander ſtehen und kannſt uͤber den Charakter des Letztern urtheilen. Wagſt Du es zu behaupten, daß Julius Severus keine Gefahr fuͤr ſein Leben und ſeine Freiheit zu fuͤrchten hat, wenn Chlodowich erfährt, daß ich mich ſeinen Wuͤnſchen dadurch entzogen habe, daß ich Dir meine Hand reiche? Felir ſchwieg einige Minuten, dann antwor⸗ tete er: Ich werde einen freien Sclaven abſenden, um den Julius Severus von unſerer Flucht in Geheim zu benachrichtigen„ damit er bei Zeiten auf ſeine Sicherheit Bedacht nehmen könne. Wenn wir aber ſo unſer Schickſal nach unſern Wuͤnſchen und Leidenſchaften ordnen, haben wir das Recht, auch uͤber ein fremdes zu verfuͤgen? Darf ich meinen Vater ſeines ganzen Vermoͤgens berauben? Er iſt jetzt der Vertraute, der Diener eines maͤchtigen Fuͤrſten, darf ich, um meine ei⸗ genen Wuͤnſche zu befriedigen, einen Fluͤchtigen, Verbannten aus ihm machen? 313 Felix ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Und welches wird das Schickſal Deiner Mut⸗ ter ſeyn, wenn Du das Land verläſſeſt? Willſt Du ſie mitnehmen in unſere Verbannung, fern von ihrem Eigenthume, ihren Sitten und Ge⸗ wohnheiten entzogen, und getrennt von allen Ge⸗ genſtaͤnden ihrer Liebe und Neigung? Oder willſt Du ſie in ihrem Alter verlaſſen? Willſt Du ſie des Sohnes berauben, auf den ſie alle Hoffnun⸗ gen ihres Gluͤcks gegruͤndet hatte? Felix ſchwieg noch immer. Paſt Du keine Pflicht zu erfüllen gegen die Menſchen alle, welche auf Deinen großen Beſitzun⸗ gen leben, gegen ſiebenhundert Familien, deren einziger Beſchuͤtzer und faſt einzige Obrigkeit Du jetzt biſt? Sie genießen jetzt ihres Daſeyns, ſie ſind zufrieden, ſie breiten ſich aus. Allein ob ſie gleich an Deinen Berathungen keinen Antheil neh⸗ men, auf Deinen Entſchluß keinen Einfluß haben können, wird man ſie doch fur den Entſchluß, den Du gefaßt haſt, verantwortlich machen. Wenn Du in dem Augenblicke, wo Du mit dem Chlodo⸗ wich unterhandelt haſt, ihn tödtlich kränkſt, ſo — 314— werden ſeine Franken ganz gewiß mit Feuer und Schwerdt von der Loire nach dem Cher ziehen, alle Deine Beſitzungen verwuͤſten, ind viele hun⸗ dert Muͤtter werden uber ihre ermordeten Kinder weinen, weil wir nicht Muth und Kraft genug gehabt haben, unſer Herz zu beſiegen! Felix vermochte es nicht länger zu widerſtehen, ſein Athem ſtockte, ſeine Augen fullten ſich mit Thraͤnen, tiefe Seufzer rangen ſich endlich aus ſeinem Buſen los. Julia, welche, waͤhrend ſie ſprach, ihre Augen feſt am Boden geheftet hatte, hob ſie jetzt wieder auf unt ſchautr ihm ins Ge⸗ ſicht, uͤber welches ſich ſeine Thränen ergoſſen. Sie legte ihr Haupt ſanft auf ſeine Schulter, und indem ſie einen Arm um ſeinen Nacken ſchlang und ihn feſt an ihren Buſen druͤckte, rief ſie aus: O! Felix, ich liebe Dich, ich werde Dich ewig lieben!— Ende des erſten Theils. 7 6 1 ſnſ 8 9 12 13 14 15 16 17 18 2 8 8 y llle llll 3