.———— N——. S————4 7„ 5 6— Leihbiblivthet † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 4 2 3 3„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene ober vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S— Deutſche Nuthultungs itliulhtu. —— 5 Erſte Serie92. Zweiter Band: Glöckchen und Hchellen. ——— Zerlin, 1860. Vehe dn Otto Fane. Glöckchen und Schellen. Heitere Frzählungen von Heinrich Smidt. ————— Zerlin, 1860. Verlag von Otto Janke. Königin Eliſabeth und ihr Hof. oder: Es bleibt Alles bei'm Alten. Das Geſellſchaftszimmer der ehrſamen Jungfrau Emerentia Grubenmeyer war behaglich eingerichtet und harrte der geladenen Gäſte. Sie ſelbſt verweilte noch hei der Toilette, aber ihre Nichte, die liebreizende Loniſe, welche in ihrem Hauſe als Geſellſchafterin, Garderobenjungfer und höhere Magd fungirte, vereinte dieſe ſich widerſtre⸗ benden einzelnen Theile zu einem harmoniſchen Ganzen. Sie führte daſſelbe beneidenswerthe Daſein, welches alle armen Nichten führen, die bei einer eingebildeten, unver⸗ heiratheten Tante ein Aſyl für das Leben gefunden haben. Nach dem Tode des alten Anſelm Grubenmeyer, der einen anſehnlichen Handel mit ſogenannten kurzen Waaren ſehr lange betrieben hatte, ſetzten ſich ſeine Kinder, die nie ſonderlich einig waren, in aller Gemüthlichkeit auseinander. Emerentia, die Erhaltende, Fördernde, die ſchon damals den Orden der Sparſamkeit zweiter Klaſſe mit Tauſend⸗ Güldenkraut zehn Mal verdient hatte, erſtritt ſich die lie⸗ Smidt, Glöckchen. 1 — genden Gründe, das Waarenlager, das Wohnhaus und die Gärten cum pertinentiis auf eine faſt impertinente Weiſe. Sebaſtian, ihr jüngerer Bruder, der die Goldſtücke nur darum liebte, weil ſie ebenſo rein und harmoniſch klangen, als ſeine Verſe, ließ ſich mit einer anſehnlichen Baar⸗ ſumme abfinden und pilgerte, ſich reicher dünkend, als König Renée, mit einem Strauße am Hute, fröhlich ſingend aus der Philiſterſtadt, ſchüttelte den Staub von ſeinen Füßen und wanderte ſehnſüchtig in den blühenden Lenz hinaus. Aber er vermochte nur, den Lenz zu beſingen, nicht ihn zu feſſeln. Als er einem Leben voll Täuſchungen und Kümmerniſſen das früh ergraute Haupt zur Ruhe ſenkte, blieb ihm nichts, als das Kind ſeines Herzens, die einzige Blüthe eines kurzdauernden Lie⸗ beslebens. Und dies Kind des Dichters war die reizende Louiſe, die in Tante Emerentia's Geſellſchaftszimmer das Kamin⸗ feuer ſchürte, die Falten in den rothſeidenen Gardinen möglichſt gerade ſtrich und die um den Zuckerkorb ſummende Fliege mit unermüdlicher Geduld 6 von Neuem zu verſcheuchen ſtrebte. „Ich helfe Ihnen, Couſine,“ rief lachend ein junger Mann, der den kriegeriſchen Namen Hektor führte und bei dem heimiſchen Stadtgericht das friedliche Amt eines Actuars verſah. Er gehörte im dritten oder vierten Grade zu der Sippſchaft der Grubenmeyer und hatte daher die Erlaubniß, an den Geſellſchaftstagen der Tante ſeine Aufwartung zu machen. „Gefangen!“ rief Hektor und ſah Louiſe an, die ver⸗ legen lächelte.„Sie denken wohl, ich werde jetzt als * — Actuar ein hochnothpeinliches Halsgericht über das arme Thier verhängen? Fehlgeſchoſſen! Ich will es machen, wie Onkel Tobias in Triſtram Shandy.“ Eröffnete raſch einen Fenſterflügel und ſagte pathetiſch: „Fliege hin, Du armes, geängſtigtes Thier, die Welt hat Raum genug für uns Beide.“ Aber der rauhe Herbſtwind brach von Außen herein, warf ſich auf das Kaminfeuer, das kniſternd umherſprühte, brachte die Lampen dem Verlöſchen nahe und veranlaßte ein ſehr bedenkliches Knurren des Mopſes, der aus ſeinen harmloſen Träumen, die von Zwieback und füßer Sahne vhandelten, unerwartet aufgeſcheucht wurde. In dieſem kritiſchen Moment trat Tante Emerentia Grubenmeyer in das Zimmer. „Mon Pieu, was geht hier vor? fragte die Dame, nicht ſonderlich von dem erbaut, was ſie gewahrte.“ Hektor eilte herbei, ihr die Hand zu küſſen und ent⸗ gegnete: 6 „Nichts, als daß ich verſuchte, dem guten alten On⸗ kel Tobias nachzuahmen, ſo viel dies in meinen Kräften ſteht.“ „Wir haben in der Familie nie einen Onkel Tobias gehabt, ſondern nur einen Onkel Sebaſtian und Dieſem nachzuahmen, iſt nicht beſonders empfehlenswerth.“ „Liebe Tante....!“ ſagte Louiſe und ſtreckte flehend die Hände nach ihr aus. „Schon gut. Ich beobachte ſtets die Egards, ſelbſt wenn ſie nicht an ihrer Stelle ſind. Aber, wenn man mit Gewalt an Dinge erinnert wird, die man nur zu gern mit dem Mantel der Vergeſſenheit deckte, muß wohl das allzu volle Herz überlaufen. Wie ſtändeſt Du jetzt da in der Welt, wenn Dein Vater bei Haus und Hof ge⸗ blieben wäre? Geachtet und geehrt..... 2 „Der äußern Ehre kann ich entbehren,“ ſagte Louiſe aufwallend. Und nie habe ich etwas gethan, das mich der allgemeinen Achtung unwerth machen könnte.“ Das Geſicht der Tante zog ſich bedenklich in die Länge. Aber Hektor ſtand, als pünktlichſter Schutzgeiſt bereit, den drohenden Blick abzuleiten, indem er dem knurrenden Mops einen ſo kräftigen Naſenſtüber gab, daß dieſer heulend vom Sopha ſprang. „Bon Dieu!“ ſchrie die Tante, dem armen i zu Hülfe eilend.„Was iſt geſchehen?“ „Der Mops hat mich auf den Fuß getreten! entgegnete Hektor, auf einem Beine im Zimmer umhertanzend.„Ich hätte nie geglaubt, daß ein ſo kleines Thier eine ſo große Kraft beſäße.“ „Verläumdung! ſchrie die Tante.„Mein ſchuldloſes Thier thut Keinem etwas. Hier, Du armes Geſchöpf, ein Stückchen Zucker. Wenn irgend Jemand getreten iſt, warſt Du es. Louiſe, wo haſt Du Ange und Ohr, daß Du nicht nach der Wunde des armen Thieres ſiehſt?“ „Es iſt ganz unverletzt, Tantchen!“ rief der Actuar. „Und auch meine Schmerzen fangen an, ſich zu verlieren. Allgemeine Amneſtie für mich und alle übrigen bekannten und unbekannten Sünder. Ich will dafür auch den gan⸗ zen Abend ausnehmend artig ſein.“ „Das wird der Geſellſchaft, in welcher Sie ſich be⸗ finden, ſehr angenehm ſein,“ entgegnete Tante Emerentia ſpitz.„Hier können Sie dieſe Probe Ihrer Beſſerung nicht ablegen, da heute ausſchließlich Damenzirkel iſt, was Sie billig von ſelber wiſſen ſollten.“ „Das bedaure ich auf das Schmerzlichſte. Aber an Gehorſam gewöhnt, trage ich mein herbes Leid mit Ge⸗ duld und bitte ehrerbietig um Urlaub.“ „Er iſt Ihnen in der ausgedehnteſten Weiſe gewährt,“ entgegnete die Tante,„und ich hoffe, daß Sie von meinem Geſchenke nicht das Geringſte unbenutzt laſſen, Couſin.“ „Ich bin von dieſer neuen Tugend, die ich an Ihnen ent⸗ decke, im erhöhten Grade bezaubert, gnädige Tante. Auch die Freigiebigkeit ſoll fortan nicht fehlen in dem Hauſe der Fiesker.“ Er empfahl ſich der Tante, die ſich unwillig den Hand⸗ kuß verbat und flüſterte im Hinausgehen Louiſen zu: „Von Ihnen habe ich weder Urlaub erhalten, noch ge⸗ nommen. Ich ſehe Sie bald wieder.“ „Gott gebe es!“ dachte Louiſe und Tante machte ſich bereit, dem armen Mädchen eine lange Vor⸗ leſung über die Verderbtheit der Männer im Allgemeinen und über die des Actuars in's Beſondere zu halten, als es zum Glücke klingelte und Louiſe hinauseilte, um die Gäſte zu empfangen. Und ſie kamen, Eine nach der Andern, die hohen Mitglieder des Kränzchens, die Elite der Damenwelt von Hüttenau. Zuerſt Jungfrau Seraphine Weſthauch, die jugendliche Sylphide, vor ungefähr zwanzig Jahren aus dem hochfürſtlichen Balletcorps mit Penſion entlaſſen und jetzt nominel vortanzende Amorette bei den Ballfeſten der Reſſourge. Ferner das Fräulein Johanna Bogen⸗ ſenner, die zwei Urſachen zu ihrem hatte, näm⸗ — 653— lich ihre Namensähnlichkeit mit der Jungfrau von Orleans und ihren Oheim, den penſionirten Schützen⸗Major, der in irgend einer Schlacht, deren Namen ihr ſtets entfallen iſt, dem jüngſten Prinzen des Hauſes das Leben rettete, während Sich Seine Durchlaucht damals noch in einem ſo zarten Alter zu befinden geruhten, daß Sie keinen andern Krieg führten, als mit dem Hofgärtner, der die Pfirſiche an den Spalieren mit der größten Hartnäckigkeit vertheidigte. Gleich nach ihnen kam Magiſters Lottchen, die an je⸗ dem Geſellſchaftstage, deren ſie wöchentlich ſieben hatte, mit ſtets lachendem Munde irgend einem unglücklichen Opfer von ihrem Vormunde erzählte, der ein geladenes Piſtol in der Taſche trage, um damit denjenigen, der noch dummer ſei, als er, niederzuſchießen. Die ebenfalls an⸗ weſende Honorie Schulzenberger, Lottchens ſtete Beglei⸗ terin, ermangelte bei dieſer Gelegenheit nie, ihrer Nach⸗ barſchaft zuzuflüſtern, wie ihr Vater, welcher in der ſtäd⸗ tiſchen Regiſtratur für die Conſervirung des Actenſtaubes redlich gewirkt, mit gefaltenen Händen ausgerufen habe: „Herr Gott, da iſt man ja ſeines Lebens nicht ſicher.“ Jungfrau Emerentia Grubenmeyer hatte nichts An⸗ gelegentlicheres zu thun, als dieſe und die übrigen ein⸗ tretenden Damen mit den ſüßeſten Redensarten zu em⸗ pfangen und Loniſe zu ermahnen, die erfrornen Gäſte mit eben ſo ſüßen Thee zu erquicken. Aber die Damen woll⸗ ten das liebe Kind nicht beläſtigen, da ſie ſelber ihr Maaß an Zucker und Sahne am beſten kannten. Sie knixten ſich allmählig zur Theekanne heran, und Manche benutzten die Gelegenheit, um, von ihrem eigenen Schlag⸗ ſchatten gedeckt, einige Tropfen belebenden Marasquin oder Arrac mehr, als ſonſt üblich, in 8 ſelbſt Krite Taſſe fließen zu laſſen. Endlich waren Alle verſorgt. Die Strickſtrüm 3 die Filetnadeln und die Zungen wurden in Bewegung geſetzt und die Maſchen fielen mit dem lieben Nächſten um die Wette,— die Erſteren, um wieder aufgenommen zu wer⸗ den, die Letzteren, um liegen zu bleiben. „Aber, wo bleibt denn unſere Lätitia Graspelmann?“ fragte die Dame des Hauſes und plötzlich bemerkten Alle, daß die Krone des Zirkels fehle, während ſie im Stillen dachten, es ſchade gar nichts, denn mitunter ſei das im⸗ merwährende Schnattern dieſer alten Gans unerträglich. Da riß Jemand draußen an der Klingel, ſo lange und ſcharf, daß der Ton derjelben ſchrillend durch das Zimmer flog. „Das iſt die Graspelmann!“ rief Tante Emerentia ahnungsvoll.„Gott gebe es gnädig!“ „Die Graspelmann! Die Graspelmann!“ ſtimmten die Damen ein und erhoben ſich unwillkührlich von den Stüh⸗ len. Louiſe eilte nach der Thür, um den ſpäten Gaſt zu empfangen. Aber ſchon auf der Schwelle trat ihr Lätitia Graspelmann entgegen. Mit Mantel, Hut und Muffe beſchwert, wankte ſie bis in die Mitte des Zimmers und ſagte mit matter Stimme: „Einen Seſſel! Entmufft mich!“ Louiſe rollte ihr einen Lehnſtuhl hin und löſte das Hut⸗ band. Eine andere Dame nahm die Muffe, eine Dritte den Mantel. Eine Vierte brachte den Thee und die Wir⸗ thin reichte mit einem ſüßen:„Hier, liebe Graspelmann“ das mit fleurs d'orange geflüllte Flacon. Nach dieſer aufregenden Scene geſchah das Unerhörte. Es herrſchte in dem Zimmer, wo mehr als zwölf Damen anweſend waren, eine minutenlange Todtenſtille. Aber wie nach einer kurzen Erſchöpfung der Nord⸗ weſtſturm ſich deſto wilder auf die verdutzte See wirft, kehrte auch das Leben mit verdoppelter Kraft in dieſe Ver⸗ ſammlung zurück und die Beredſamkeit ergoß ſich in ei⸗ nen breiten, unaufhaltſamen Strom, der nicht enden zu wollen ſchien. „Um Gotteswillen, beſte Graspelmann!“ „Ich bin bis zum Tode erſchrocken, theure Lätitia!“ „Sammeln Sie ſich doch, verehrtes Fräulein!“ „Was iſt Ihnen geſchehen?“ „Sie hatten doch keinen Verdruß mit Ihrem Ver⸗ walter? Warum vertrauen Sie auch einem jungen Men⸗ ſchen ſolchen wichtigen Poſten an?“ „Sie ſpannen uns auf die Folter!“ „Reden Sie doch, Verehrteſte!“ „Sollte der Schreck ihr die Sprache geraubt haben?“ „Könnte ein ſolcher Verluſt bei ihr möglich ſein?“ „Ich ſterbe ſchon bei dem Gedanken daran.“ „Trinken Sie noch einen Tropfen Thee.“ „Meine Furcht wächſt mit der Minute.“ „Sie ſieht, daß wir vor Angſt vergehen und die Grau⸗ ſame ſchweigt noch immer.“ „Die Aermſte! Sie hat gewiß den S wie Don Gaspard im Titan.“ „Reden Sie! Reden Sie!“ „Ja, ich will reden!“ ſagte Lätitia Graspelmann, ſich plötzlich erhebend und Alle fuhren vor dieſer unerwarte⸗ ten Bewegung zurück.„Setzt Euch und hört mich an. Aber das ſage ich Euch im Voraus: Es wird ſich Euch das Haar auf dem Kopfe ſträuben.“ Und dabei legte ſie den Arm auf die Lehne des Stuhls und nahm eine Haltung an, wie Moritz Rott im Wallenſtein, wenn er dem Terzky und dem Illo ſeinen Traum erzählte. Mit einem Ausrufe des Entſetzens flogen Alle an ihre Plätze und blickten voll Furcht auf die Sprecherin. Nur die Namensſchweſter der Jungfrau von Orleans bewährte auch hier den angebornen Familienmuth und lächelte in ſtiller Todesverachtung. Sie wußte nur zu gut, daß ſich ihr Haar nicht ſträuben werde, denn ſie trug eine Tour. „Hier iſt ein Brief,“ ſagte Lätitia Graspelmann mit einer gemeſſenen Feierlichkeit und entfaltete denſelben mit Würde.„Er kommt von meiner Schweſter, der Amtsrä⸗ thin, die, wie Sie wiſſen, in Finſterburg anſäſſig iſt. Un⸗ erhörtes hat ſich dort begeben. Eine Verſchwörung iſt entdeckt. Man beabſichtigt nichts Geringeres, als den Untergang des ganzen weiblichen Geſchlechts.“ „Horrible!“ rief Emerentia Grubenmeyer. „Horrible“ ſecundirten die Uebrigen und Johanna Bogenſenner ſchwang die Filetnadel, als ſei ſie das zu⸗ rückgeſchickte Schwerdt des Connetable, durch welches ihre Namensſchweſter nicht ſiegen ſollte. Jene fuhr fort: „Das Handelshaus Rohrmark und Dornbein— o, nur in einer Krämerſeele konnte ein ſo teufliſcher Gedanke wuchern!— ſteht an der Spitze eines Vereins, der ſich den Klubb der freien Männer nennt, und nichts Gerin⸗ geres beabſichtigt, als die wenigen Rechte, die wir armen Geſchöpfe noch haben, zu vernichten und uns den Män⸗ nern als willenloſe Sclaven unterzuordnen. Bei Tiſche ißt die Fran nicht eher, als bis ſie den Mann bedient hat. Sie muß kochen, was ihm ſchmeckt. Auf der Pro⸗ menade geht ſie ihm zur Linken, oder er rennt drei Schritte voran. Will die Frau eine Kaffeegeſellſchaſt bei ſich ſe⸗ hen, iſt der Mann erſt um Erlaubniß zu fragen. Haus⸗ e Wirthſchaftsmamſells und dergleichen Char⸗ gen giebt es nicht mehr, ſondern nur Köchinnen und Mädchen für Alles. Junge Verwandte des Hauſes, Cou⸗ ſins, oder welchen Grades ſonſt, erhalten keinen unbe⸗ dingten Zutritt mehr. Das Amt eines Hausfreundes fällt ausſchließlich dem Manne zu und legt ſich in dieſer Eigenſchaft derſelbe den Titel eines Haustyrannen bei.“ Bis dahin hatte der ehrſame Zirkel den gerechten Unwillen, wenn auch nur mit Widerſtreben, zurückge⸗ halten. Aber nun durchbrach er alle Schranken und er⸗ goß ſich in entſetzliche Verwünſchungen; ein breiter, reißender Strom, der alle ſchützende Dämme wie Maul⸗ wurfshaufen niederwarf. „Nein! Es iſt nicht möglich!“ lispelte Seraphine, die unwiderſtehliche Sylphide.„Das ſollten Männer thun? Männer, die— o, eine ſchüchterne Jungfrau ſollte nicht mit ſo zarten Dingen prahlen!— Aber das können nicht Männer thun, die zu meinen Füßen ſchmachteten, und mit unermüdlicher Geduld an meinem Triumph⸗ wagen ziehen.“ Schon, lange nicht mehr!„flüſterte Magiſters Lottchen und ihre Nachbarin, Honorie Schulzenberger entgegnete: „Wer das glaubte, verdient wirklich von Ihrem Vor⸗ mund erſchoſſen zu werden.“ — „Nehmen Sie es ernſthaft, Mesdames. Es iſt hier keine Zeit zum Scherzen!“ ermahnte Lätitia Graspelmann und warf einen ſtrafenden Blick auf die ihrer fernſten Vergangenheit denkenden Sylphide. Unſere Schweſtern ſind unterdrückt. Sie ſchmachten unter der Willkühr ihrer Tyrannen. Dürfen wir das zugeben?“ „Nein! nein!“ riefen Alle, wie aus einem Munde und Johanna Bogenſenner ſagte pathetiſch: „Wir wollen ihnen zu Hülfe eilen. Wir rüſten uns zu einem Zuge nach Finſterburg, wie vor Jahren die Berliner nach Wien. O, meine theuern Schweſtern, laſſen wir in Finſterburg unſer Licht leuchten.“ „Und unterdeſſen daheim Alles zu Grunde gehen?“ fuhr Lätitia Graspelmann zu der aufhorchenden Geſellſchaft fort.„Räumen wir beiuns ſelber auf. Es iſt hohe Zeit.“ Ein electriſcher Schlag durchzuckte die Verſammlung. Die Rednerin ſprach weiter. „Iſt der böſe Geiſt der Neuerung nicht auch ſchon in unſere Stadt gedrungen? Hat mir mein Bruder nicht heute früh mit dem Kaffee zugleich die Nachricht ſervirt, daß die Finſterburger ganz geſcheute Leute wären und daß die Hüttenauer daran ein Beiſpiel nehmen müßten? Iſt das deutlich genug? Mein Bruder iſt ein unerträg⸗ licher Schwätzer, aber uns hat er einen weſentlichen Dienſt geleiſtet, denn er hat uns das ſchwarze Vorhaben der Männer im Voraus verrathen. Jetzt können wir uns vorbereiten.“ „Und den Angriff zurückſchlagen!“ ſagte Johanna mit Feuer. „Dann fangen Sie nur bei ſich zu Hauſe an,“ er⸗ wiederte die Graspelmann ſpitzig:„Ihr Oheim, der Schützen⸗Major, der backenbartfärbende Prinzenretter, iſt eben das Haupt der Rebellen und auf dem Rathhauſe wird das Complott geſchmiedet. Darum müſſen wir vorbeugen, Mesdames, wirkſam vprbengen und ich er⸗ mahne Sie, mit Ihren Rathſchlägen nicht zurückzuhalten.“ Und ſie thaten es auch nicht. Es kamen ſo viele Rache⸗ und andere Pläne zum Vorſchein, daß es einer Legion Frauen und einer Mandel Jahre bedurft hätte, um ſie zur Ausführung zu bringen. Nur die alte Wirthin des Hauſes ſchwieg. Sie ſaß in ihrem Seſſel, das Haupt auf die Seite geneigt, nachläſſig mit der Schnupftabacks⸗ doſe ſpielend, anſcheinend gedankenvoll und doch gedan⸗ kenlos, allmählich die verführeriſche Stellung einnehmeud, in welche man ſich kurz vor dem Beginne des Mittags⸗ ſchläfchens befindet. Als endlich die Damen, nicht aus Ueberzeugung, genug geſprochen zu haben, ſondern aus Erſchöpfung, ſchwiegen, erhob ſie ſich, wie von einem magne⸗ tiſchen Traume inſpirirt, und deutete mit einer Handbe⸗ wegung an, daß ſie zu ſprechen begehre. Alle horchten auf. „Nicht mit Gewalt,“ ſagte die edle Herrin des Hau⸗ ſes,„ziemt es uns, den Feind zu beſiegen. Gewalt iſt Rohheit und dieſe beleidigt das zarte, leichtverletzliche Ge⸗ ſchlecht. Wir greifen zur Liſt und wir ſiegen.“ Alle, außer Johanna Bogenſenner, die ſchon einen Plan zur Bekämpfung ihres Oheims, des Schützenmajors gemacht hatte, klatſchten Beifall und Emerentia Gruben⸗ meyer fuhr fort: „In demſelben Augenblicke, wo Jene damit umgehen, uns zu unterwerfen, müſſen wir ſie zwingen, ſich zu — S— unſern Füßen zu ſchmiegen und das kann nur ge⸗ ſchehen, wenn...“ Sie brach plötzlich ab und fragte mit einiger Haſt querfeldein:“ „Haben die Damen den Kenilworth geleſen?“ „Ja!“ „Haben Sie die Maria Stuart geſehen?“ „Ja!“ „Dann wiſſen Sie Beſcheid.“ Verneinendes Murren. „Kenilworth und Maria Stuart!“ fuhr die Rednerin fort.„Frauenzimmer in höchſter Potenz. Ahmen mir ihnen nach.“ Ein Ruf des Staunens erhob ſich in der Verſammlung. Emerentia Grubenmeyer zuckte mitleidig mit den Achſeln ob der Einfalt ihrer Gäſte, die nicht einmal im Stande waren, ihre Gedanken zu errathen, geſchweige, ſie zu bewundern, und ſagte: „Iſt es nicht Sitte, ſo lange es in Hüttenau eine Reſſourge giebt, daß die Männer auf allen Bällen, und bei ſonſtigen Feſtlichkeiten uns die Honneurs machen? Und iſt es nicht ferner Gebrauch, daß die Damen all⸗ jährlich ein Feſt geben, wobei wir das Amt der Wirthinnen übernehmen, und Alle, die unſere Wirthe waren, als unſere Gäſte empfangen und bedienen? Wohl! Unſer dies⸗ jähriges Feſt, das wir beliebig anberaumen können, ſei der Moment einer entſcheidenden Demonſtration. Eine Unabhängigkeits⸗Erklärung! Eine Emancipations⸗Bill! Wir bringen Walter Scott und Friedrich von Schiller zu Ehren, indem wir die Figuren ihrer Dichtungen zu einem Maskenfeſt benutzen, welches wir„Königin Eliſabeth und ihr Hof“ nennen.“ Ein anhaltendes Applaudiren ertönte und verſchlang die Stimmen der Hausmagd, welche durch die Thüre wisperte: „Mamſell Louiſe, der Conditor iſt da, mit den Baiſers.“ Aber Louiſe hatte den Ruf doch vernommen. Sie ging hinaus und ſah, wie der Conditorburſche die Schüſſel mit den Baiſers ſorglich aus dem verhüllenden Korbe nahm und auf den Anrichtetiſch ſetzte. Sie wollte Ein⸗ wendungen machen, weil die Tante dergleichen nicht be⸗ ſtellt habe und hier nothwendig ein Irrthum ſtattfinden müßte. Aber ehe ſie Worte fand, fiel ihr der Conditor um den Hals und ſagte fröhlich: „Herzensmädchen, da bin ich!“ „Hektor!“ rief ſie.„Welche Verwegenheit.“ „Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich von Dir weder Urlaub verlangte noch erhielt! Ich wollte Dich ſehen, um Dir für heute eine gute Nacht, und für morgen einen fröhlichen Tag zu wünſchen. Aber warum ward denn eben ſo furchtbar applaudirt?“ Louiſe erzählte ihm Alles, was vorgefallen war und Hektor entgegnete ihr lachend: „Herrlich! Ich ſpiele mit!“ „Als Spion?“ „Nein. Als Servant of the queens revels. Weiß mein holdes Louischen nicht, daß William Shakeſpeare ein ſolcher Servant, einer der Hofſchauſpieler der jungfräu⸗ lichen Königin war? Und darf der Exzſchelm fehlen, wo Eliſabeth weilt? Shakeſpeare und Eliſabeth! Altenglands zwiefache Unſterblichkeit.“ — 15— Da erſchallte die Glocke im Geſellſchaftszimmer und Louiſe rief erſchrocken: „Mache, daß Du fortkommſt, ehe die Tante Dich hier in der Küche findet.“ Ein flüchtiger Händedruck, ein noch flüchtigerer Kuß und Hektor war zur Thür hinaus. Louiſe aber nahm be⸗ klommenen Herzens die Schüſſel und ging hinein, von der Tante wegen ihrer Saumſeligkeit hart angelaſſen. „Ich habe nur den Conditor abgefertigt, der die Baiſers brachte, liebe Tante,“ entgegnete ſie ſchüchtern und ſetzte die verführeriſche Schüſſel mitten auf die Tafel. „Baiſers? Woher kommen ſie?“ „Ich weiß es nicht, liebe Tante. Der Burſche, welcher ſie brachte, ſagte, daß die Dame, welche ſie beſtellte und bezahlte, befohlen habe, ſie präciſe neun Uhr hier abzu⸗ geben, dann wäre Alles richtig und die Herrſchaften möchten ſich nur den Kopf nicht zerbrechen.“ Ein ſtilles Staunen herrſchte in der Verſammlung. Eine ſah auf die Andere, denn Keine hielt Eine ſolcher verſchwenderiſchen Großmuth fähig. Endlich erhob ſich die Wirthin und ſagte lächelnd: „Das iſt der zarte Sinn, der uns Frauen beſeelt. Eine unſerer Genoſſinnen hat uns dieſe kleine Ueberra⸗ ſchung bereitet; aber ſie iſt viel zu discret, es gerade her⸗ aus zu ſagen. O, daß ſie ſich doch errathen ließe.“ Alle blieben ſtill; aber jede Einzelne gab ſich die er⸗ denklichſte Mühe, in ihre Mienen den Ausdruck zu legen, daß ſie es ſei, der man dieſe ſüße Spende verdanke. „Sei es denn!“ entſchied Emerentia Grubenmeyer und ergriff den ſchönſten der Baiſers.„Bleibe ſie in ———— — 16 ihrem Incognito, doppelt ſchön durch ihre Beſcheidenheit. Aber ein Anerkenntniß ſoll ihr doch nicht fehlen. Folgen Sie meinem Beiſpiel, Mesdames. Ich eſſe dies auf ihr Wohl.“ „Wir eſſen mit!“ antworteten Alle, raſch zugreifend, womit der Inhalt der Schüſſel und die Feier des Abends zugleich erſchöpft waren. Das von Finſterburg aus ſtrahlende Licht des freien Männerthums verbreitete ſeinen zündenden Strahl und warf auf die ritterlichen Helden von Hüttenau einen hellen Schein. Jeder von ihnen, ob Ehemann oder Jung⸗ geſelle, hatte etwas von einem Seil geſpürt, das, ähnlich dem des Groß⸗Inquiſitors, lang, doch unzerreißbar ſei. Wenn er es auch nicht ſah, fühlte er doch ab und zu deſſen feſſelnde Gewalt. Und nun galt es, ſich dieſer Laſt zu entledigen. An der Spitze der Verſchwörer ſtand der Schützen⸗ Major, mit dem Beinamen der Prinzenretter, der verwe⸗ gene Bogenſenner mit dem gewichsten Schnauzbart auf der Oberlippe. Ihm folgte der klapperdürre Leipziger Magiſter Wendle, welcher als Rektor des Gymnaſinms der Hüttenauer Jugend das Typto einbläuete, wenn ſie ſich ungebührlich an das Amo wagten. „Herrjes, Majorchen, da könnte ich bei der Gelegen⸗ heit recht ſcheen meine Baſe loswerden, was mer ganz recht wäre,“ fagte der Rektor, indem er ſich dem Freunde gegenüber an den Tiſch niederließ.„Das kleene ſakkra⸗ mentiſche Ding lacht immer, wie der pausbackige Poſau⸗ nenengel über der Orgel, aber eegentlich hat ſie doch nen Schelm im Nacken.“ ———— ——— ——— — 17— „Jagt mich den Schelm fort!“ ſagte der Kriegsmann und leerte ſein Glas in einem Zuge. Gott verdamme mir, wenn ich es mich gefallen laſſe. Heda! Noch'nen Schoppen. Meine Nichte darf mich ſolche Sperencien nicht vormachen. Courage hat die Dirne mehr, als ſo'n Weibsbild braucht, aber das Gnurren und Mukſchen hilft ſie doch nichts.“ „Ja, ja, Majorchen, ſchmunzelte der Rektor.“ Jeder⸗ mann auf der Nachbarſchaft, zehn Häuſer rechts und links, weiß, was bei Ihnen die Glocke geſchlagen hat, wofür Sie ja auch die gute Penſion beziehen. Und dar dermit gut, wie wir zu Hauſe zu ſagen pflegen. Der Wirth des Rathskellers, ein gutmüthiges, kugel⸗ rundes Männchen, brachte den befohlenen Wein: „Hier iſcht das Schöpple! Und drauße im rothe Zimmer gehts alleweile luſchtig her.“ „Rapportire Er mir!“ ſagte der Major.„Richtet Euch! Wird's bald?“ „Das Actuarle iſcht kumme! der ſpaßhafte junge Menſch, der immer ſo viele Narrenspoßle treiben thut.“ „Die ich mich verbitte!“ ſagte der Major mit einem grimmigen Blick. „Er verbittet ſie ſich erſcht recht, aber die Weiber thunſch doch!“ lachte der Wirth. „Was thut das Weibervolk, zum Donnerwetter?“ fluchte ungeduldig der Major. „Sie wolle unſch das Schürzle umbinde!“ ſagte komiſch ſeufzend der Wirth.* „Hannibal ante portas!“ rief der Actuar, die Thür aufreißend. Smidt, Glöckchen. 2 ———— „Der Hannibal!“ ſchrie der Rektor vom Stuhl auf⸗ ſpringend.„Wie kommt denn der alleweile nach Hüt⸗ tenau? Das iſt ja ein wahrer Teufel.“ „Ja wohl ein Teufel!“ fuhr Jener fort.„Aber, Rektor, dieſer Teufel hat den Fauſt geleſen und erſcheint in der Geſtalt einer verführeriſchen Helena. Männer von Hüttenau, unſer letztes Stündlein hat geſchlagen, wenn wir nicht heldenmüthig für unſere Freiheit kämpfen. Der Tag des Damenkränzchens rückt heran und dieſer Tag ſoll unſere Bartholomäusnacht werden.“ „Aber mer ſind ja keene Hugenotten!“ ſchrie der Rektor. „Verfluchtes Complott!“ brummte der Schützen⸗Major. „Man erzähle mich, was man noch weiß.“ „Ein großes Maskenfeſt wird veranſtaltet, worin alle Perſonen vorkommen, die zur Zeit der großen Kö⸗ nigin Eliſabeth gelebt haben. Die Damen erſcheinen im vollen Coſtüm und Jede von ihnen wählt ſich im Voraus einen Cavalier, der ebenfalls im Coſtüme der Zeit er⸗ ſcheinen muß. Schon werden die Rollen vertheilt. Herr Rektor, haben Sie nicht hinter Ihrem Garten einen kleinen Kahn?“ „Den eenzigſten in ganz Hüttenau,“ entgegnete dieſer. „Aber er ſchwimmt nicht immer, voraus wenn die Mühlen geſchützt ſind.“ „Da gehts Waſſerle aus!“ lachte der Wirth. „Dafür,“ ſagte der Actuar,„erſcheint der Herr Rektor als der Lord⸗Großadmiral Lord Howard, der des Reiches Flotten führt. Sie, Herr Major ſind ein ſo tapferer Mann, daß man Sie zum Grafen Eſſex ernannt hat. Derſelbe Eſſer, wiſſen Sie, dem der Kopf abgeſchlagen wird.“ ————— „Das verbitte ich mich!“ ſchrie der Schützen⸗Major und griff nach ſeinem Schädel. „Noch ſitzt er feſt,“ beruhigte ihn der Actuar.„Und damit er, ſammt den unſern feſt bleibe, müſſen wir uns zuſammen nehmen. Hört mich, Männer. Wie die Damen als Herzoginnen und Gräfinnen uns bei dem Feſte behandeln, ſo wollen ſie uns von jetzt ab ſtets behandeln. Das iſt die endliche Pointe des feinen Complotts. Sie bemerkten, daß die Damen etwas von unſerm Vorhaben merkten. Nehmen wir das als ein Merkzeichen für unſer künftiges Handeln und ſeien wir aufmerkſam.“ „Machen Sie doch nicht ſo ſchanderöſe Wortwitze!“ ſchalt der Rektor.„Das iſt ja ein abgebleichter Saphir.“ „Und doch leuchtet es oft wie Rubinen!“ ſagte der Actuar lachend und fixirte die Naſe des Rektors. Ernſt⸗ haft, Ihr Herren. Es geht uns an den Hals. Wir müſſen uns unſerer Haut wehren, ſo gut wir können. Das begriffen ſie, und als die Geſellſchaft ſpät aus⸗ einander ging, feſt entſchloſſen, nicht einen Zoll breit von der geraden Linie zu weichen, gab es Viele unter ihnen, die ſich auffallende Schwankungen zu ſchulden kommen ließen. Das Feſtprogramm war erſchienen und die Kritik trat in ihre Rechte. Zwölf Damen hatten um die Eliſabeth gelooſt und eilf davon waren vor Wuth außer ſich, weil die zwölfte die höchſte Nummer zog. Emerentia Gruben⸗ meyer war die Glückliche, die von einer jungfräulichen Fabrikbeſitzerin zur jungfräulichen Königin eines Fabrik⸗ landes erhoben wurde. Die Dame, welche nie gezittert, wußte ſich auch jetzt —— ———,—— — 2 zu faſſen und ernannte die Großen ihres Reiches, ſo Damen als Herren, um dadurch ihre Herrſchaft dauernd zu befeſtigen, denn ſie hatte den erhabenen Zeitgedanken begriffen, daß die Monarchie nur ſicher auf den Säulen einer ſtarken Ariſtokratie ruht. Bald gab es in ganz Hüttenau keine Beamten, Fabrikanten und Handwerker mehr, ſondern nichts als Herzöge, Viscounts, Marquis und Peers ſtolzirten in den Straßen auf und ab. Ver⸗ ſchwunden waren die Meyers und Schmidts, die Müller's und Schulzens, die Lehmänner, Naumänner und alle an⸗ dern Männer. Sie zogen ſich zurück vor den Leiceſter's, Burleigh's, Suſſex, Eſſer und andern Ecken und Kanten der höchſten Geſellſchaft. Aber ein Anblick der ſeltenſten Art bot ſich dar, als am Abend vor dem großen Feſte die Gräfinnen von Norfolk und Nottingham, die Vis⸗ countes Weſtmoreland, die Herzogin von Gloſter und die Marquiſe von Bedford auf dem Wochenmarkte erſchienen und ſich von ihren zu Kammerdamen avancirten Haus⸗ mägden begleiten ließen. Nur zwei reſſourcenfähige Menſchenkinder gab es in ganz Hüttenau, die von dem Feſte gänzlich ausgeſchloſſen wurden. Die Eine war Louiſe. Dieſe ſollte eigentlich als jüngſte Ehrendame einrangirt werden, um die Schleppe und die Launen der ſtrengen Gebieterin zu tragen und zu ertragen. Als ſie aber zur Probe das ihr beſtimmte Coſtüm anlegte und von dem zarten Madonnenköpfchen die blonden Locken auf die blaßrothe, ſilbergeſtickte Sam⸗ metrobe herabringelten, ſagte Tantchen nach einer Pauſe ernſten Nachdenkens mit jenem königlichen Air, das ſie ſich ſeit der Wahl aneignete: — 1 „Dumme Gans! Keine Tournüre, keine Haltung! Blamiren will ich mich nicht! Du bleibſt zu Hauſe.“ Eine Entſcheidung, die alle andern Mädchen zur Ver⸗ zweiflung gebracht haben würde, ließ Louiſe ziemlich gleich⸗ gültig, denn auch Hektor war von der Tante mit keiner Stelle bedacht worden und es winkte ihr ein Abend, den ſie ungeſtört mit dem lieben Jugendfreunde zubringen konnte. Hektor lachte:„Wir werden gewiß beiſammen ſein, wenn auch nicht in der Art, wie Du es Dir denkſt. An Alles haben die Leute gedacht, und doch haben ſie, wie es ſo unpoetiſchem Volke wohl zu gehen pflegt, die Poeſie vergeſſen. Was iſt Eliſabeth, was ihr ganzer Hof, ohne Shakeſpeare? Ich werde dieſer Shakeſpaere ſein.“ „Du?“ fragte Luiſe ungläubig. „Habe ich es Dir nicht ſchon geſagt? Servant of the Queens revels. Und Du wirſt mich begleiten.“ „Aber als was denn?“ „Ich rufe den Meiſter Zauberer, den Ludwig Tiek, der mich für Deutſchland wiedergeboren hat. Durch ſein geniales„Dichterleben“ ſchlingt ſich, wie ein goldener Faden, der ſchöne, mädchenſcheue und doch liebesmuthige Ingeram, das Muſterbild unſchuldiger Kindlichkeit und reizenden Uebermuthes. Das biſt Du. Wir wollen ver⸗ eint der Tante einen Poſſen ſpielen. Welchen, weiß ich zwar noch nicht, aber der Spuck ſoll ihr die Krone auf einige Zeit verleiden. Muth, Lieschen. Ich bin ſchon lang in Shakeſpeare aufgegangen und nicht umfonſt iſt das Feſt am„heiligen Dreikönigsabend,“ den ich ſo mei⸗ ſterhaft gedichtet. Die Tante macht zwar„Viel Lärmen um nichts“ und meint, indem ſie uns bei Seite ſchiebt: „Der Liebe Mühe iſt umſonſt.“ Ich aber denke„Wie es Euch gefällt“ errege einen furchtbaren„Sturm,“ der alles auseinanderſprengt und bereite uns Beiden einen blüthenduftenden, mondbeglänzten„Sommernachtstraum.“ Was ſagſt Du dazu?“ „Was Ihr wollt!“ entgegnete Luiſe lachend, in ſei⸗ nem Sinne fortfahrend und Hector drückte ſie mit einem „Ende gut, Alles gut“ an ſeine Bruſt. Darauf rannte er fröhlichen Herzens in die Seſſion, gab ein Aergerniß al⸗ len ehrſamen Räthen, die ſich nicht genug über den queck⸗ ſilbernen Actuar wundern konnten, der bei den ernſteſten Verhandlungen ſtets vor ſich hin lachte und vor Unge⸗ geduld auf dem Stuhl hin und her rutſchte. Die Sitzung war ſchon ſeit einer geraumen Zeit ge⸗ ſchloſſen, aber der Actuar hatte das Rathhaus noch im⸗ mer nicht verlaſſen. Der ruheloſe Springinsfeld war plötzlich ein beſonnener, ſeßhafter Mann geworden. Er war in das Archiv getreten, um nach einem alten Schriftſtück zu ſuchen, das nirgends zu finden war. In der wachſenden Ungeduld durchwühlte er den ganzen papiernen Wuſt von unterſt zu oberſt. Endlich fiel das erſehnte Actenſtück in ſeine Hände und aus demſelben ſchaute ein Dokument hervor, das er zwar nicht ſuchte, das aber bei näherer Prüfung ein brennendes Roth auf ſeine Wan⸗ gen jagte: 3 „Ich habe es Dank Dir, William!— 90) ſoll nicht mit⸗ ſpielen, gnädige Tante? Nun will ich erſt recht dabei ſein und „das Schauſpiel ſei die Schlinge In die der König ſein Gewiſſen fängt!“ Theurer Hamlet! Was Dir bei Deinem König„Oheim“ gelang, ſoll mir bei meiner Königin Tante nicht mißlin⸗ gen. Ich bin mit mir zufrieden.“ Und triumphirend kehrte der Actuar in ſeine Woh⸗ nung zurück. Endlich kam der langerſehnte und lange gefürchtete Tag heran. Erſehnt von den Weibern, die nicht frü genug die ſonverainen Gelüſte, die in ihnen ſchlummerten, befriedigen konnten; gefürchtet von den Männern, denen das Herz ſtatt in der Bruſt, am Rockſchoß hin und her zit⸗ terte, wie ein Kammerherrenſchlüſſel und die ſchon damals keinen eigenen Willen mehr hatten, als noch der Wille ihrer Frauen ihnen unterthänig war. Die Abenddämmerung brach herein. Wie durch eine ſtille Verabredung brannten auf jedem Heerde und in je⸗ dem Kamine mächtige Kohlenfeuer, um der Stadt eine engliſche Atmoſpäre zu geben. Und als hätte der Himmel ſein höchſtes Wohlgefallen an dieſem Scandal, ſenkte ſich mit der untergehenden Sonne ein dichter Nebel auf die Gegend herab, ſo daß man nicht zehn Schtitte weit vor ſich hinſehen konnte. In der Küche der Reſſource ſchmorten einige umfangreiche Roſtbeefs, wie ſolche dem goldenen Zeitalter des luſtigen Englands würdig waren. In den Krügen ſchäumten Porter und Ale. Die Küfer fluchten nur God' dam und die Kellner ſagten Ves. Genug, ganz Hüttenau war Altengland. Es ſchlug ſieben Uhr. Die Flügelthüren des Saales öffüeten ſich und die auf den Tribünen und Gallerien befindlichen Zuſchauer brachen in ein bewunderndes Ah! aus, als die ihnen wohlbekannten Stadtpfeiffer, mit — großen Schnautzbärten verſehen und in purpurne Wänſer geſteckt, eine ſchmetternde Fanfare blaſend, eintraten urnd ſich zu beiden Seiten des Thrones aufſtellten, über deſſen vergoldeten Seſſel ſich ein himmelblauer Baldachin wölbte. Nachdem ein bunter Schwarm von Hofherren und Damen von allen Seiten eintraf und Herolde die Ankunft der glorreichen Majeſtät verkündeten, erſchien Emerentia Grubenmeyer als Königin Eliſabeth mit der Krone auf dem Haupte, gefolgt von dem Schützen⸗Major, der ſich in den Grafen Eſſex, genannt das Schwerdt von England, umgewandelt hatte. Unmittelbar auf Ihre Majeſtät folgte die emeritirte Tänzerin, Fräulein Seraphine Weſt⸗ hauch, als jugendliche ſchöne Rutland, geführt von dem achtbaren Magiſter der Univerſität an der Pleiſſe, der ſeine Würde als Reichsadmiral dadurch verfinnlichte, daß er ein aus Pappe und Goldſchaum zierlich gebildetes Miniatur⸗Galion als Trophäe an ſein Barret befeſtigt hatte. Johanna Bogenſenner, die kühne Hirtenjungfrau, erſchien als ſtolze und intriguante Gräfin Nottingham und warf zerſchmetternde Blicke auf ihren Cavalier, den der in Zahlen ergraute zaghafte Stadtkaſſenſchreiber Pfingſtmüller, in der Perſon des gewandten, ſchlauen, ritterlichen, kühnen Sir Walter Raleigh repräſentirte. Rectors Lottchen, die ſtets zungenfertige Repräſentantin dreißigjähriger Backfiſch-Naivetät verſinnlichte die mar⸗ morkalte, junoniſch⸗prächtige Gräfin von Norfolk und ihr Großoheim, der kleine Böttchermeiſter Deiſſel, jetzt Ren⸗ tier, begleitete ſie in der Maske Robert Leiceſters, der der entſchiedene Günſtling zweier Königinnen war. Ihr folgte, als unzertrennliche Gefährtin und ſtetes Echo, — — 25— Honorie Schulzenberger, die eigenwillige, unerſchütterliche Lady Ellen Warwick, die Großnichte des ſchwarzen Douglas. Ihr jüngerer Bruder, der ſich in einer ſchwachen Stunde des weinfrühſtückenden Rectors von Secunda nach Prima geſchmuggelt hatte, begleitete ſie als William Cecil, Baron von Burleigy. Den Schluß dieſes fürſtlichen Hofſtaates bildete die Herzogin von Clarence, welche die Dichter als den lauſchenden Abendſtern in der wonnereichſten Mainacht prieſen, was Lätitia Graſpelmann dadurch zu ermöglichen ſuchte, daß ſie ihr Embonpoint mittelſt der Schnürbruſt möglichſt verſchwinden machte, dagegen ihren ſpindeldürren Vetter, den Hofchirurgen Beckenſchläger, durch zahlreiche Watten das würdige Anſehen des Herrn Großſiegelbe⸗ wahrers verlieh. Das waren die ſechs großen Schaugerichte auf der Tafel des heutigen Feſtes, um welches ſich die Beieſſen und Compotnäpfchen, in der Geſtalt von kleinen Peers und Lords mit ihren Ladies ſchaarten. Als Ihre Ma⸗ jeſtäten den Thron beſtiegen, verkündete das Schwerdt von England mit ſchneidendem Tone, daß der Geheim⸗ ſeeretair Ihrer glorwürdigen Majeſtät, der ehrenwerthe Baron von Burleigh, die neue Habeas⸗Corpus⸗Acte vor⸗ leſen werde, wonach keiner der anweſenden Männer mehr ſeines Willens Herr ſei. Letzteres ſagte er nur heimlich. Lord Burleigh, mit der erſchwindelten Primaner⸗ Vocation in der Taſche, entfaltete eine umfangreiche Per⸗ gamentrolle und verkündete, wie es in dem hohen Rathe der Damen ausgemacht ſei, daß die Herrſchaft Ihrer Majeſtät nicht mit dem heutigen Tage ende, ſondern auch ohne Coſtüm, Transparente, Pauken und Trompeten, im ———— — 26 gewöhnlichen bürgerlichen Leben vorläufig ein Jahr lang fortdauern werde und daß für dieſe Zeit die nachfolgen⸗ den Paragraphen bindende Kraft hätten. Hiernach vertraute Ihro Mafeſtät das Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten der Gräfin Rutland, indem ihre Schönheit wohl geeignet ſei, alle fremden Mächte mit dem Zanber der Armide zu umſtricken, was durchaus nöthig wäre, denn eine auswärtige Macht ſei ſtets eine feindliche. Der guten Nottingham wurde das Porte⸗ feuille des Krieges vertraut, da ſie ſelbſt einen kriege⸗ riſchen Geiſt beſitze und ihren Oheim zum Kronfeldherrn heranziehen könne. Die naive Norfolk ſollte die Juſtiz verwalten, denn da die Juſtiz nun einmal Geſetze geben müſſe, die alle genirten, welche ſie hielten und nicht hielten, ſei es am beſten, wenn es mit lachendem Munde geſchehe. Die Gräfin Warmick ſollte das Doppelminiſterium der Marine und des Cultus verwalten und lebe das Land in der gegründeten Hoffnung weiter, daß, wenn der Cultus mit der Marine in die Luft gehen ſollte, die Marine den Cultus dafür zu Waſſer werden laſſe. Wären die genannten Staatsämter auf dieſe würdige Weiſe ver⸗ waltet, ſo würde die ehrenwerthe Herzogin von Clarence als Miniſter des Innern und der Polizei ſchon dafür ſorgen, daß ſonſt im Lande Alles darunter und darüber ginge, ſo toll es nur immer wollte. Mit dieſem Miniſterium gedenke Ihro Majeſtät für die Dauer ihrer Monarchie unumſchränkt und allbewun⸗ dert zu regieren und das Nachſtehende ſei die Charta des neuen Brittaniens. §. 1. Kein Mann ſoll die Vergnügungen der Damen ſtören, noch weniger ſich zum Theilnehmer derſelben auf⸗ drängen, ſondern beſcheiden die desfalſige Aufforderung abwarten. Bei'm Abholen aus dem Kränzchen ſollen die Herren nicht zudringlich zum Aufbruch mahnen und beim Zuhausgehen ſelbſt drei Schritte rückwärts zur Linken ſich halten. An dunklen Abenden iſt geſtattet, mit der Laterne vorzuleuchten. §. 2. Kein junger Arzt, kein ſchüchterner Candidat, kein Auskultator ſoll von alten Sanitätsräthen, ſteifen Rek⸗ toren und Gerichtsräthen über die Achſeln angeſehen werden. Doch darf man dergleichen jungen Männern auch nicht eher die Praxis anvertrauen, bis die Damen dazu den Conſens ertheilten, der nur durch blinde Unter⸗ werfung und aufrichtige Treue im perſönlichen Dienſt erworben werde. §. 3. Den Männern ſoll verſtattet ſein, wenn ſie die Geſchäfte des Tages mit Fleiß und Unſicht beendet haben, in den Kaffeehänſern ein Stündchen auf ihre Erholung zu verwenden. Es wird jedoch ausdrücklich bemerkt, daß daſelbſt Beſpitzungen nicht vorfallen dürfen. Geſchieht es dennoch, ſo hat die zu einem Hausverbande gehörige Mannsperſon ſich derjenigen Strafe unverweigerlich zu geſtellen, welche ihm die regierende Herrin des Hauſes auferlegt. §. 4. Es wird den Männern ſtrenge unterſagt, an den Orten, wo ſie ſich zur gemeinſamen Ergötzung zu ver⸗ ſammeln haben, anders als in den Ausdrücken höchſter Achtung von dem weiblichen Geſchlechte überhaupt und von ihren Frauen insbeſondere zu ſprechen. Namentlich haben ſie ſich über die von denſelben vorzunehmenden Regierungsmaßregeln ſelbſt dann mit allen möglichen Egards zu äußern, wenn dieſe ihnen auch im höchſten 1 Grade läſtig wären. Endlich §. 5. Alle in den vorſtehenden Paragraphen nicht vorgeſehenen Beſchränkungen treten ebenfalls ein. Nachſchrift. Denjenigen Männern, welche ſich den Geſetzen beſonders gehorſam zeigen und nie Anlaß zu 1 einer Klage geben, wird gnädigſt geſtattet, das Hau⸗ benband der Treue im rechten Knopfloch zu tragen. Die Pergamentrolle entſank den Händen Seiner Herr⸗ lichkeit. Ihre Majeſtät nickte mit dem Kopfe, zum Zei⸗ chen der Beſtätigung. Die Mitglieder des Kabinets applau⸗ 1 dirten wie toll und die Männer ſahen ſich mit einem ver⸗ legenen Lächeln an. Was war Ernſt? Was war Scherz? Sollte das ganze Jahr hindurch ein Carneval ſein? Oder was ſich hier im Saal gleich einer Fata morgana entfaltete, ſollte es ſich in jedem Haushalte dauernd ein⸗ niſten? Die Herren konnten ſich aus dieſem Labyrinth nicht finden. Es blendete ſie der Schein und ſie wollten 3 ſich auch nicht gerne blamiren. Da kam der Helfer in der Noth. Ein Haufen jun⸗ ges Volk drang in den Saal. Mädchen und Knaben, bunt⸗phantaſtiſch gekleidet, tanzend und ſpringend, ange⸗ führt von einem Jüngling in Pagentracht, der ein Bild der vollendetſten Anmuth war. Sein Anblick entlockte den Damen einen verſtohlenen Seufzer, der mit dem Alter derſelben an ſehnfüchtiger Liebe zunahm. Die rei⸗ zende Gruppe ordnete ſich zu einem Tanze und am Schluſſe deſſelben trat ein junger Mann in kleidſamer ſchwarzer . Tracht qus derſelben hervor. Es war der Schwan von Avon mit der hohen, gedankenreichen Stirn, der Schöpfer des tiefſinnigen Hamlet, und des prahlenden Falſtaff. Er näherte ſich dem Throne und ehrfürchtig niederknieend, ſagte er: „Glück und Ruhm ziehen vor Euer Majeſtät her und Volkesſegen und Volkesdank ſproſſen in verſchwenderiſcher Fülle, wo Ihre Füße wandeln. Hier knieet Euer Maje⸗ ſtät unterthänigſter Erzſchelm und bittet um die Gnade, ein kleines Schauſpiel zur Darſtellung bringen zu dürfen, wie es in einer glücklichen Stunde ſeiner Phantaſie entſprang. Es iſt nach dem gewöhnlichen Zuſchnitt von fünf Akten gemacht, denen fünf lebende Bilder vorangehen, hat dank⸗ bare Rollen, die von bekannten Unbekannten dargeſtellt werden, braucht keine beſondere Ausſtattung und das Manuſeript wird gratis verabreicht, welches den Direk⸗ toren hoffentlich ein Sporen iſt, dem armen Stücke bei ſeinem Fortkommen auf der Bühne nicht mehr als die üblichen Hinderniſſe in den Weg zu legen.“ „Steht auf, Sir!“ ſagte Ihro Majeſtät, die in dem Dichter recht gut ihren Neffen Hektor erkannte und ihren Verdruß über ſein unerwartetes Erſcheinen kaum verheh⸗ len konnte: „Und wenn Wir Euch nun die Gunſt verſagen, dies Schauſpiel vor Uns aufzuführen?“ „Ich wage, das zu bezweifeln⸗“ „Und warum, wenn es beliebt?“ Hektor verbeugte ſich und ſagte mit höflichem Achſel⸗ zucken: „Es bleibt Alles beim Alten.“ „Was meint Ihr damit, Sir?“ 4 „Es iſt der Titel meines Stückes, Euer Majeſtät,“ entgegnete Hektor.„Es bleibt alſo Alles bei'm Alten?“ „Das wollen wir doch ſehen!“ ſagte die Königin ſehr erregt und erhob ſich.„Jetzt wird geſpielt!“ „Ich wußte es!“ lachte Hektor in ſich hinein. „Was ſagtet Ihr?“ fragte die Königin ſtirnrunzelnd. „Daß binnen einer Stunde der Vorhang in die Höhe geht!“ antwortete der Dichter mit einer Verbeugung und gab ſeiner Geſellſchaft einen Wink.„Geruhen Eure Ma⸗ jeſtät unterdeſſen zu befehlen, daß in ihrem ganzen Kreiſe der Thee einzunehmen ſei.“ Der Thee wurde gebracht. Die Damen waren ſo freundlich, während deſſelben die ſtrenge Etiquette fallen zu laſſen und die Herren bemühten ſich ihrerſeits, der ihnen octroyirten Magna charta jede mögliche Ehre zu machen, ſo daß ſich ein ziemlich leidliches Verhältniß herausgeſtellt hatte, als die Trompeten das Zeichen zum Beginn des Schauſpiels gaben und man ſich der Bühne gegenüber rangirte. Der admirable Rector⸗Admiral, Lord Howard, welcher zugleich die Charge eines Schauſpiel⸗ Intendanten hatte, nahte ſich mit einer ſteifen Verbeu⸗ gung und ſagte: „Alleweile können Euer Majeſtät immer befehlen, daß der Tanz losgehen ſoll. Die Comödianten ſind fertig.“ Auf einen gnädigen Wink der Monarchin ging der Vorhang in die Höhe. Der Dichter ſtand, von Blumen umgeben, mitten auf der Bühne und begann, ſich ver⸗ neigend, folgenden Prolog: Als Prologus verkünde ich: Bevor das Drama ſelbſt beginnt, —— Zeigt jeder Act als Bildwerk ſich. Betrachtet es und ernſtlich ſinnt, Was wohl das Bild der Welt erzählte, Wenn es die rechten Worte wählte. Der Dichter trat ab und das Drama begann.— Erſter Act. Die Blumenwände ſchieben ſich in die Couliſſen und ein großer rother Vorhang rauſcht auseinander. Die Scene ſtelit das Zimmer einer Tänzerin dar. Eine junge Dame, als Sylphide gekleidet und bereit, nach der Oper zu gehen, wird von einem alten Herrn aufgehalten, der ſie ermahnt, auf dieſem gefährlichen Pfade, den ſie ſich als Lebensberuf gewählt, mit Ehren fortzuſchreiten, und dem Verſucher zu widerſtehen, worauf er ihr einen moraliſchen Spruch in ihr Stammbuch ſchreibt und ſich ent⸗ fernt. Sie küßt ihm zum Abſchiede die Hand und ſchielt dabei nach dem Tiſche, der mit einer Draperie bedeckt iſt. Der Tiſch beginnt, ſich ohne galvaniſche Kette zu bewegen, die Decke ſchiebt ſich auseinander und ein jun⸗ ger Mann wird ſichtbar, der ſie feurig umarmt. Da ertönt ein bedeutungsvolles Huſten und im Hintergrunde erſcheint eine jener unbeſtimmten Geſtalten im hellfarbi⸗ gen Oberrock und ſchwarzen Unterkleidern, welche durch Uhrketten, Brillantringe und orientaliſche Phyſiogn omien ſich auszeichnen und als die Protectoren der höheren Tanzkunſt angeſehen werden. Der Lieutenant räumt leiſe das Feld, die unbeſtimmte Geſtalt verſchwimmt im Hin⸗ tergrunde und die Sylphide läßt die Flügel hängen, wo⸗ mit das Ende gemacht wird. Ein leiſer Schrei wurde im Zuſchauerraum vernom⸗ 1 — 32— men und die arme Gräfin Rutland lag, ſammt dem Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten, ohnmächtig in Shakeſpeares Armen, der ſich in ihrer Nähe befand. „Weh mir!“ ſeufzte ſie, ſich erhebend.„Was ſah ich?“ „Einen Scandal,“ entgegnete er,„den ich unter der Bedingung unterdrücken will, daß ſie mir blindlings folgen.“ „Blindlings!“ lispelte ſie. Zweiter Act. Ein einfaches Zimmer. Mehrere junge Damen ſind an⸗ weſend. Eine derſelben iſt angethan mit Helm und Har⸗ niſch, wie Jeanne d'Arc. In der Hand hält ſie ein kurzes Schwerdt. Sie ſcheint Alle zu ermahnen, ihrem Beiſpiel zu folgen, und ſich dem edlen Heldenwerk zu widmen. Sie ſtellt ein Amazonenreich in Ausſicht. Die Damen wollen es nicht. Eine alte Wärterin ſchüttelt mit dem Kopf und geht ab. Die junge Heldin entfernt ihre Geſpie⸗ linnen. Draußen beginnt es zu donnern und blitzen. Die Sonne verfinſtert ſich. Es raſchelt am Boden. Mäuſe rennen hinter der Amazone her, die zitternd auf Tiſche und Bänke ſpringt. Da ſchlägt es Mitternacht. Eine weiße Geſtalt tritt durch die Thür. Die Heldin wirft Wehr und Waffen von ſich, fällt in die Kniee und ruft zitternd:„Alle guten Geiſter!“ Da treten plötzlich die vorhin verjagten Geſpielinnen, Jede mit einer bren⸗ nenden Kerze ein. Die weiße Geſtalt verwandelt ſich in die alte Wärterin und Alle ſingen den Lachchor aus dem Freiſchütz. Die Gardine fällt und mit ihr die Kriegs⸗ miniſterin, die tapfre Nottingham, nicht nur aus allen ihren Himmeln, ſondern auch dem Dichter in die Arme. — 33— „Wer hat mir das gethan?“ fragte ſie, bebend vor Furcht und Zorn. „Ich!“ ſagte Hector.„Es wiederholt ſich daſſelbe, mit pikanten Dialogen ausgeſchmückt, oder Sie ſtrecken das Gewehr.“ „Für immer!“ ſeufzte ſie und verhüllte ihr Haupt, wie die trauernden Inden vor Babylon. Dritter Act. Eine Comptoirſtube. Ein ehrbarer Vormund ſitzt da⸗ ſelbſt, um ſeine Rechnungen zu revidiren, und die eiſen⸗ beſchlagene Kiſte zu hüten, worin ſich das Vermögen aller ſeiner Mündel befindet. Zu dem Ende trägt er ein ge⸗ ladenes Piſtol in der Taſche. Endlich, von vielen Ar⸗ beiten ermüdet, ſchläft der alte Herr ein. Eine dieſer Mündel, in der Geſtalt eines kleinen vorwitzigen Back⸗ fiſches, tritt ein. Sie zieht dem alten Herrn das Piſtol aus der Taſche, und ſchreibt auf einer Menge kleiner Zettel die Worte:„Mit dieſem Piſtol ſchießt mein Vor⸗ mund alle Leute todt, die dümmer ſind, als er.“ Piſtol und Zettel wirft ſie aus dem Fenſter und will davon laufen. Aber es erhebt ſich plötzlich ein Tumult und ſie flüchtet hinter den Ofen. Eine Menge Leute treten ein, Jeder mit einem Zettel in der Hand. Ihr Anführer trägt das Piſtol. Der Vormund fährt erſchrocken aus dem Schlafe und fragt, was ſie wollen? Der Chor ſchreit ihn an, ob er wirklich ſo dumm ſei, Alle todtſchießen zu wollen, die dümmer wären, als er?— Der Vormund ſchüttelt unwillig mit dem Kopfe und meint, da müſſe er nichts Beſſeres zu thun haben. Aber Backfiſchchen hinter dem Ofen kichert:„Ja!“—„Herr Gott, da iſt man ja Smivt, Glöcchen. 3 3 ſeines Lebens nicht ſicher!“ brüllt der Chor und zieht ſich furchtſam in die Couliſſen zurück. Der Vormund ge⸗ wahrt Backfiſchchen im Verſteck und verſucht, ihm a priori zu beweiſen, was eine Ruthe a posteriori für eine heil⸗ ſame Wirkung hervorbringe. Backfiſchchen ſchreit laut auf, der Vorhang fällt und der Miniſter der Juſtiz liegt, ſammt dem Geſetzentwurf, die Abſchaffung der Prügel⸗ ſtrafe betreffend, in den Armen der theilnehmenden Ho⸗ norie Schulzenberger. „Was halten Sie von dem Scandal?“ flüſterte Hec⸗ tor, der in der Nähe war. „Ich darf in keine Geſellſchaft mehr kommen, wenn das verlautbart wird,“ ſtöhnte ſie. „Ich auch nicht,“ wimmerte ihr Echv. „So laſſen Sie Ihre Portefeuilles fahren?“ „In Ewigkeit!“ „Amen!“ ſagte Hector und es begann der Vierte Act. Die Scene ſtellt eine Stube vor, die ein Wohn⸗ und Betzimmer zu ſein ſcheint, aber eigentlich eine Verſatzſtube iſt. Eine Dame mit ſtrengen Zügen und habgierigen Augen ſitzt hinter dem Comptvirtiſch. Viele Bedürftige treten ein und nehmen für ſchwere Pfänder leichtes Geld mit ſich hinweg. Eine Freundin der Pfandleiherin er⸗ ſcheint und ſchließt die Thür hinter ſich ab. Beide Da⸗ men berathen ſich über den Inhalt eines Dokumentes, welches den unumſtößlichen Beweis liefert, daß die In⸗ haberin bei einer Erbſchaftstheilung ihrem Bruder nur die Hälfte deſſen gegeben hat, was ihm zukommt. Wäh⸗ rend der Zeit fliegt eine gezähmte Elſter durch das offene Fenſter, nimmt das ſeitwärts geſchobene Dokument in den Schnabel und fliegt damit hinaus, wo ſie es bald fallen läßt und ein vorübergehender Rathsdiener es fin⸗ det, der ſelbiges in ein Actenſtück ſteckt. Dies erhält in der Regiſtratur ein ruhiges Begräbniß, damit der Actuar es dort nach einigen Jahren finden kann. Die Damen gerathen während deſſen in Streit. Das Dokument ſoll den Ausſchlag geben. Es iſt nicht da. Die Elſter kehrt zurück, ſetzt ſich auf das Fenſterbrett, thut, als ob nichts vorgefallen wäre und moquirt ſich über die Elſter des Herrn von Platen, die bei einer ähnlichen Gelegenheit in Wahnſinn fällt. Allgemeine Verwirrung, während wel⸗ cher der Vorhang niederrauſcht. „Welche Abſcheulichkeit!“ ſagte ingrimmig die Herzogin von Clarence und fühlte das Portefeuille des Innern ſchwer laſten. „Es kommt noch ärger, liebe Graspelmann! Wir fügen zu dem Departement des Innern die Polizei, die ausübende Polizei, die das Dokument bereits in Händen hat,“ entgegnete Hector. „Eher ſterbe ich!“ „Thun Sie das! Wenigſtens als Miniſterin und es bleibt Alles bei'm Alten.“ „Gott verdamme mir! ſagte das Schwerdt von Eng⸗ land.“ Hole der Deibel den Wiſchiwaſchi! Und nicht mal'nen Tropfen zu drinken.“ „Mir wäre auch ein Schoppen Eilfer lieber!“ meinte der Rektor.“ Aber wir müſſen uns doch ſchon zuſam⸗ men nehmen von wegen der Kunſt, obgleich ich das Weſen, als Kunſtwerk betrachtet, nicht recht begreifen kann.“ 5 36 Während dieſes Zwiſchenſpiel unbeachtet vorüber⸗ rauſchte, drängten ſich Alle um die Königliche Majeſtät von England, welche im höchſten Grade aufgeregt war. „Ha!“ rief die Königin und warf Hector, der ihr ſchweigend gegenüber trat, einen grimmigen Blick zu. „Ich will wiſſen, was das Alles bedeutet.“ „Zu Euer Majeſtät Allergnädigſten Befehl!“ ſagte dieſer und deutete auf die fünf Damen, denen die Laſt der Regierung aufgebürdet war, und welche jetzt er⸗ ſchienen, um die Portefeuille's in die Hände Ihrer Ma⸗ jeſtät zurück zu geben, weil ſie mit einer Magna charta, wie die verliehene, nicht zu regieren vermöchten. „Eigentlich iſt es doch ein guter Witz! flüſterte der Rector dem Major zu und blickte n auf die Königin, als dieſe ausrief: „Bekenne Er, Neffe! Was ſoll der Teufelsſpuk bedeuten?“ „Wie bereits die Ehre hatte, Euer Majeſtät zu verſichern. Es bleibt Alles bei'm Alten.“ „Nimmermehr.“ „Wie ſich zeigen wird,“ fuhr er, ohne ſich ſtören zu laſſen, fort,„wenn Euer Majeſtät geruhen wollen, dieſe Schrift aus den Händen Ihres Pagen entgegen zu nehmen.“ Luiſe näherte ſich in der reizenden Tracht eines der Pagen der Königin, ein Spiegelbild des poetiſchen In⸗ geram und überreichte knieend, auf einem S Seidenkiſſen, ein beſchriebenes Blatt. Während dieſer Scene gab Hec⸗ tor der Verſammlung einen Wink, die ſich zurückzog. Die Dreie waren unter ſich. Emerentia Grubenmeyer, die in dieſem Angenblicke nichts Königliches an ſich hatte, ſchoß wüthende Blicke auf die kleine Luiſe und ergriff das Papier. Kaum hatte ſie es oberflächlich angeſehen, als ſie es zerreißen wollte. „Nach Gefallen!“ ſagte Hector.„Es iſt nur die Copie. Das Original ruht hier.“ Er legte die Hand auf das Herz und verneigte ſich. „Her mit dem Original!“ herrſchte die Königin. „Unter der Bedingung, daß Sie die Hälfte der darin benannten Summe an Ihre Nichte zahlen und ſie mit mir verloben.“ „Unverſchämter!“ „Sonſt ſteige ich auf das Theater und leſe das Ori⸗ ginal mit lauter Stimme vor.“ „Das gedenke ich Ihm!“ „Denken Sie ganz nach Ihrem Belieben; aber handeln müſſen ſie nach dem meinigen. Retten Sie die Dehors, Tante! Es geht nun einmal nicht anders.“ Emerentia Grubenmeyer durchlebte einen Augenblick ſchmerzlicher Täuſchung, dann ermannte ſich die gefallene Größe und winkte der lauſchenden Geſellſchaft: „Ein Scherz, wie picant er ſei, verliert an Intereſſe, wenn er zu weit getrieben wird,“ ſagte die Dame mit einigem Zögern.„Darum hebe ich den abſoluten Staat auf und hoffe, daß wir uns, Damen wie Herren, an der Abendtafel harmlos ergötzen werden. Um meiner⸗ ſeits zur allgemeinen Heiterkeit beizutragen, willige ich darein, daß meine Nichte Luiſe und mein Neffe Hector ſich ihnen als Brautleute vorſtellen.“ Sie ſchielte bei dieſen Worten nach Hectors Bruſttaſche. Dieſer zog das Papier halb hervor und ſprach: „Vollenden Sie unſer Glück!“ „Sei es denn! fuhr jene mit dem Tone bitterer Ent⸗ ſagung fort. Tretet näher und fügt Euere Hände in⸗ einander. Und damit Ihr jeder Sorge überhoben ſeid, ſtatte ich Luiſe mit zwanzig tauſend baaren Gulden aus.“ Luiſe, die von dem Allem keine Ahnung hatte, ſchrie laut auf und alle anweſenden Hüttenauer ſchrieen mit. Hec⸗ tor aber überreichte das verhängnißvolle Document und ſagte: „Das iſt der Text zur Pantomime. Er iſt ſeine zwanzig tauſend unter Brüdern werth.“ „Das Eſſen iſt fertig!“ rief der Rathskellermeiſter, der Reſſourcenwirth war. Alle Hungrigen jauchzten auf. Luiſe aber flüſterte dem Geliebten zu: „Was bedeutet das?“ „Es bedeutet,“ ſagte dieſer, ſein Bräutchen umarmend, daß Tantchen Morgen ihre gewöhnliche Migräne hat. Es bleibt Alles bei'm Alten.“ der Fremde im grünen Banm. Der Wirth zum„grünen Baum“ trat an den Schlag eines Reiſewagens, der vor ſeiner Thür hielt, und ſprach den Herrſchaften, die darin ſaßen, ſein Bedauern aus, daß er ſie nicht bei ſich aufnehmen könne. In ſeinem Hauſe ſei auch die kleinſte Kammer beſetzt und er ſelbſt habe ſeine eigene Stube vor wenigen Stunden einem Fremden abgetreten. Er rathe alſo, wie leid es ihm auch thue, verehrte Gäſte abzuweiſen, den letzten Reſt von Tageshelle zu benutzen, um die nächſte Station zu er⸗ reichen, da hier am Orte an ein weiteres Unterkommen nicht zu denken ſei. Der junge Actuar Rechtler, der gerade des Weges kam und die letzten Worte des Wirthes hörte, ſagte laut: „Wie können Sie denn die Fremden ſo belügen, Sie alter Neithardt? Wenn auch bei Ihnen Alles beſetzt iſt, ſtehen doch die Thorflügel des„Wallfiſches“ weit auf⸗ Wollen die Herrſchaften quer über den Markt fahren und dann links einbiegen, ſo erblicken ſie den Gaſthof 3% „Wallfiſch,“ wo Sie erwünſchte Aufnahme finden werden.“ Die Fremden fuhren niten davon. Der Baumwirth ſah den Actuar grimmig an und machte ihm eine Fauſt, aber nur in der Taſche, denn der Actuar gehörte zur Polizei und mehrfache Erfahrungen Straße hinaus, und ließ ſich eine Flaſche Wein und zwei — 40— hatten den Wirth belehrt, daß mit derſelben nicht zu ſpaßen ſei. Rechtler lachte und ſagte: „Ihr Brodneid geht doch ein wenig allzuweit. Weil in dem Schatten Ihres grünen Baumes kein Platz mehr iſt, ſchicken Sie ermüdete Reiſende unbarmherzig weiter, um nur dem Wallfiſch nicht ſein beſcheidenes Futter zu gönnen. „Der Kerl gönnt mir auch nichts!“ platzte der Wirth heraus. Kommt etwas rechtes an, hat er ſeine Finger dazwiſchen; ſonſt aber zieht er ſich ſchlau zurück und den geheimnißvollen Fremden hat er mir auch auf den Hals geſchickt.“ „Geheimnißvoller Fremder? fragte der Actuar.„Und davon wiſſen wir nichts? Warum iſt er nicht gemeldet worden?“ „Habe ich es denn vermocht?“ fragte der Baumwirth wie entſchuldigend.„Aber wollen der Herr Actuar nicht nͤher treten und ein Gläschen Wein trinken? Veritablen Nierſteiner.“ Der Actuar entgegnete raſch: „Sie bieten mir Wein an? Gewiß haben Sie einen dummen Streich gemacht. Bekennen Sie nur.“ „Nichts habe ich gemacht!“ betheuerte der Wirth. Vor vier Tagen kommt im Zwielicht ein Herr in einem Wagen vorgefahren. Derſelbe war bis an das Kinn in den Mantel gewickelt und hatte die Mütze tief in die Stirn gezogen. Ich ſah nur zwei ſtechende Angen und einen Schnauzbart. Er verlangte ein Zimmer nach der —— — Lichter bringen. Darauf befahl er, ihn nicht zu ſtören und verſchloß die Thür. Nun denn, Herr Actuar, die Thür blieb verſchloſſen. Der Herr hat nichts zu eſſen verlangt, woraus ich ſchließe, daß er ſeinen Proviant im Koffer bei ſich führt, denn von einer Flaſche Wein und zwei Wachslichtern kann kein Menſch vierundzwanzig Stunden leben. Uebrigens verhielt er ſich über Nacht ruhig. Am andern Morgen hat er nur ein paar Mal aus dem Fenſter geſehen, und wie mein Kellner bemerkt haben will, mit einem Vorübergehenden höfliche Grüße gewechſelt. Nachmittags poltert es plötzlich auf der Treppe. Im nächſten Augenblicke ſteht der Fremde, eben ſo ver⸗ mummt, wie bei der Ankunft, vor mir und ſagt: „Herr Wirth, ich gehe fort. Das Zimmer behalte ich und nehme den Schlüſſel mit. Meine Sachen laſſe ich hier. Daß ſich Niemand unterſteht, etwa mit Hülfe des Hauptſchlüſſels hinein zu gehen und etwas anzurühren Es käme ihm theuer zu ſtehen und Sie ſind mir für Alles verantwortlich.“ „Mit den Worten,“ ſchloß der Wirth,„war er zur Thür hinaus. Drei Tage ſind ſeitdem vergangen und wir haben von dem Kerl nichts gehört, noch geſehen.“ „Und das Alles verſchwiegen Sie?“ fragte der Actuar ſtaunend. Sie machten davon keine Meldung? Baum⸗ wirth! Ich fürchte, das geht wieder hart an den Geld⸗ beutel, wenn nicht gar an die Conceſſion.“ Damit ging der Actuar, diesmal ohne zu lachen und ließ den Wirth in großer Bekümmerniß zurück. Und als ſollte er heute nicht mehr aus der Aufregung herauskom⸗ men ſtand der Fremde plötzlich vor ihm und ſagte kurzab: — „Herr Wirth! ich hoffe, daß ich Alles ſo wiederfinde, wie ich es verlaſſen habe. Schicken Sie mir ſogleich eine Flaſche Wein und zwei Lichter.“ Die letzten Worte ſprach der Fremde ſchon auf der Treppe. Der Wirth aber brummte vor ſich hin: „Nun wird er ſich wieder vierundzwanzig Stunden einſperren und ich hetze mir im Ernſte die Polizei auf den Hals. Aber dieſes Mal laſſe ich ihn nicht ohne Examen zum Hauſe hinaus.“ Er erſchrack ordentlich, als in dieſem Augenblicke in dem Zimmer des Fremden die Schelle gezogen wurde und eilte ſelbſt hinauf. Der unbekannte Herr ging in großer Erregung auf und ab und rief dem Eintretenden zu: „Ich habe, wie ich erſt eben bemerkte, das große Malheur gehabt, auf dem Wege hierher etwas Wichtiges zu verlieren.“ „Dero Börſe etwa?“ fragte der Wirth, in einer leiſen Anwandlung von Furcht wegen der Zimmermiethe, der zwei Flaſchen Wein und der vier Wachslichte. „Dummes Zeug!“ ſchalt der Freinde und warf ſeine volle Börſe auf den Tiſch. Kurz vor der Stadt brach die Achſe des Wagens und ich mußte zu Fuß hinein gehen. Da wird es geſchehen ſein. Es war ein Käſtchen, worin ſich wichtige Papiere und ein koſtbarer Schmuck, ein Familien⸗Erbſtück, befanden. Beim Ausſteigen er⸗ innere ich mich deutlich, es noch gehabt zu haben.“ „Dann ſind Euer Gnaden vielleicht von einem Taſchen⸗ viebe Der Wirth hielt inne, denn der Gaſt ſah ihn mit einem ſeltſamen Blick an und ſagte: — „Mich rührt kein Taſchendieb an. Aber das Käſtchen muß ich unter allen Umſtänden wieder haben. Hier habe ich eine kleine Beſchreibung deſſelben aufgeſetzt und dem ehrlichen Finder eine reiche Belohnung verſprochen. Laſſen Sie dieſe Anzeige ſogleich mit den größten Buchſtaben drucken und an allen Ecken anſchlagen. Geſchwind, Herr! Tummeln Sie ſich.“ Der Wirth flog die Treppe hinunter und eilte in die Druckerei, um den Auftrag des Fremden zu erfüllen. Während dieſer Zeit hatte der Actuar ſeinen Weg fortgeſetzt und trat in ein kleines Haus der Vorſtadt, deſſen Bewohnerin ihm freundlich entgegentrat. „Wie ſchön, lieber Nachbar, daß Sie da ſind. Es iſt ſchon ſo ſpät, daß wir fürchteten, Sie würden nicht mehr kommen und Minna hat Ihnen gerade heute etwas Beſonderes mitzutheilen.“ „Und ich Ihnen, Mama!“ ſagte der Actuar, in das behagliche Stübchen tretend.„Wo iſt Minna?“ „Neben an, bei der kranken Wittwe. Sie muß aber jeden Augenblick wiederkommen. Nun, was haben Sie denn auf dem Herzen, lieber Sohn?“ „Es gehört für Euch Beide,“ ſagte der Actuar und eilte dann Minna entgegen, die ſo eben in der Thür erſchien. Bald ſaßen ſie um den traulichen Tiſch und der Actnar ſagte: „Endlich iſt die Hoffnung auf eine ſichere Anſtellung vorhanden. In Frankenfelde iſt das Amt eines Kämme⸗ rers erledigt und wenn ich will, habe ich das Patent in der Taſche.“ Minna's Augen glänzten vor S und die Mut⸗ ter ſagte: „Gott ſei Dank. So erfüllt ſich endlich mein ſehn⸗ lichſter Wunſch, und Ihr Beide werdet ein Paar.“ „Ja, liebe Mama, wenn nur nicht vorher noch ein Stein des Anſtoßes aus dem Wege zu räumen wäre. Die Hauptpflicht eines Kämmerers iſt die Verwaltung der ſtädtiſchen Kaſſe, und daher muß ich eine baare Cau⸗ tion von fünfzehnhundert Thalern ſtellen. Woher dieſe nehmen, wenn mein geiziger Se ſie verweigert?“ Die Mutter ſchwieg betreten, aber Minna ſchaute den tihn lächelnd an und ſagte: „Da könnte ich dem Herrn Kämmerer vielleicht aus⸗ helfen. Was meinſt Du, liebe Mutter?“ „Scherze nicht zur Unzeit,“ entgegnete dieſe verweiſend. Minna aber fuhr fort: „Wer weiß. Haſt Du denn das Käſtchen vergeſſen, das ich vorhin zu Hauſe brachte?“ „Ja ſo, das Käſtchen!“ rief die Mutter, und das junge Mädchen ſagte: „Denke Dir, Ernſt. Meine Freundin, die auf dem nahen Amtshofe die Wirthſchaft lernt, war heute Nach⸗ mittag hier, und ich begleitete ſie eine Strecke vor die Stadt hinaus. Auf dem Rückwege fiel es mir ein, durch das Birkenwäldchen zu gehen. Es dämmerte ſchon unter den Bäumen und ich erſchrak ordentlich, als ich mit dem Fuße an etwas ſtieß. Es blitzte im Graſe, und ich hielt ein Käſtchen in der Hand, das mit Silber und Elfenbein ausgelegt und recht ſchwer war. Da iſt es.“ Sie holte es aus dem Tiſchkaſten und ſtellte es vor „ den Bräutigam hin. Dieſer betrachtete es mit großer Aufmerkſamkeit. Es war ſehr zierlich geſchnitzt und konnte in ſeiner Art für ein Kunſtwerk gelten. „Wenn das Innere dem Aeußern entſpricht,“ ſagte er,„ſo haſt Du einen Schatz gehoben, liebe Minna. Haſt Du noch nicht verſucht, Dich von dem Inhalt dieſes Käſtchens zu überzeugen?“ „Mühe genug habe ich mir gegeben, es zu öffnen,“ antwortete ſie.„Aber es wollte mir nicht gelingen. Vielleicht biſt Du glücklicher.“ „Wollen ſehen,“ entgegnete er und betrachtete den Fund von allen Seiten. Er entdeckte eine ſilberne Platte, die ſich verſchieben ließ und hinter derſelben ward ein Schlüſſel⸗ loch ſichtbar. Der Anfang war gemacht. Zetzt holte er ſein Schlüſſelbund hervor und es fand ſich unter den mancherlei Schlüſſeln einer, welcher paßte. „Jetzt, Seſam, thu Dich auf!“ ſagte der Actuar, indem er den Deckel zurückſchlug, und alle Drei ſchrieen vor Erſtaunen laut auf. „Das iſt ja ein wahrhaftes Dresdner Gewölbe en miniature,“ ſagte Ernſt Rechtler nach einer Pauſe.„Eine Aladinſche Höhle! Ein ganzes Golkonda. Mädchen, das iſt ein Schatz, der viele Tauſende werth ſein mag.“ Sie beruhigten ſich allmälig und beſahen die koſtbaren Schmuckſachen in ſchwerer antiker Faſſung, die wohlge⸗ ordnet neben einander lagen. Reiche Perlenſchnüre, Arm⸗ bänder, Ringe und andere Gegenſtände mit den edelſten Steinen beſetzt. Alle ſelten und koſtbar, in Form und Faſſung auf einen ſeit mehreren Generationen vererbten Familienſchmuck deutend. Vor Allem zog ein ſchwerer Siegelring die Aufmerkſamkeit des Actuars auf ſich. Auf demſelben befand ſich zwiſchen zwei großen Diamanten eine goldene Platte mit einem kunſtreich geſtochenen Wappen geziert. Er drehte den Ring nach allen Seiten, als hoffe er irgendwo ein Zeichen zu finden, das auf den recht⸗ mäßigen Beſitzer ſchließen laſſe. Plötzlich gab einer der Diamanten dem Drucke des Fingers nach. Sofort ſchob ſich die goldene Platte zurück und unter derſelben ward ein verſchlungener Namenszug mit einer Grafenkrone dar⸗ über ſichtbar. „Das wird uns zum Ziele führen,“ ſagte Ernſt Recht⸗ ler und zeigte den Damen die gemachte Entdeckung. Sie vertieften ſich ſo ſehr in allerlei Vermuthungen, daß der Bräutigam weit über die gewöhnliche Zeit blieb und Alle erſchraken, als draußen der Wächter die eilfte Stunde abrief. Alles wurde ſorglich eingepackt, und beim Schei⸗ den empfahl Ernſt Rechtler ſeiner Braut die treueſte Hü⸗ tung des ſeltenen Schatzes. Der Actuar erfreute ſich ſonſt eines ziemlich geſunden Schlafes. In dieſer Nacht aber beſchäftigte ihn das an⸗ ziehende Abentener ſehr. Erſt mit dem Grauen des Ta⸗ ges ſchlief er wirklich ein. Am andern Morgen war Ernſt Rechtler der letzte in der Schreibſtube. Er ſetzte ſich, ohne zu ſprechen, an ſei⸗ nen Platz, wo er ſein Arbeitspenſum bereits fand. Der Polizeirath, der im Nebenzimmer von ſeinem Bu⸗ reau aus das ſpäte Kommen bemerkte, brummte vor ſich hin: „Nun fängt der auch an, nachläſſig im Dienſt zu werden. Bis jetzt war er der Einzige, auf den ich mich verlaſſen konnte.“ — Laut aber ſetzte er hinzu: „Herr Aktuar Rechtler, wenn Sie die Ihnen zuge⸗ ſchriebenen Sachen durchgeſehen haben, erſtatten Sie mir ſogleich Bericht.“ Der Actuar verbeugte ſich und machte ſich an die Ar⸗ beit. Unter den vor ihm liegenden Papieren befand ſich auch eines, das der Polizeirath noch nicht geſehen hatte. Es war das ein vertraulicher Brief an das Polizeiamt, worin daſſelbe erſucht ward, über die darin beregte An⸗ gelegenheit insgeheim die ſorgfältigſten Nachrichten anzu⸗ ſtellen. Man werde dies um ſo eher können, da eine freilich nur unſichere Spur nach jenem Theil der Provinz hinweiſe. Plötzlich ſprang Rechtler auf und konnte einen Ruf des Staunens nicht unterdrücken. „Was haben Sied“ fragte der Polizeirath, der eben in die große Schreibſtube trat. „Ich habe eine ſchlechte Nacht gehabt, und möchte ein wenig ins Freie gehen,“ ſagte Rechtler. Mit dieſen Worten war der Aectuar aus dem Dienſtlokal. Der Polizeirath verwunderte ſich. Er nahm ſämmt⸗ liche Papiere, die auf dem Pult des Actuars lagen, mit ſich in ſeine Stube. Ernſt Rechtler war unterdeſſen im Sturmſchritt zu ſeiner Braut geeilt, ohne einen Blick auf die Annonce zu werfen, die an allen Straßenecken und Brunnen klebte und mit den Worten anfing: „Zweihundert Thaler dem ehrlichen Finder.“ Mit großer Verwunderung ſahen die Frauen ihn ein⸗ treten, denn ein Beſuch zu dieſer ungewohnten Stunde hatte während der ganzen Dauer ihrer Bekanntſchaft nicht 5 ſtattgefunden. Noch mehr aber ſtaunte die Braut, als der Bräutigam ohne weite Einleitung ihr zurief: „Geſchwind, liebe Minna, hole mir doch das Käſtchen, das Du geſtern Abend gefunden haſt. Eile ſehr, ich bitte Dich.“ Minna gehorchte, und die Mutter ſuchte zu erfahren, was ihren künftigen Schwiegerſohn in eine ſolche Aufre⸗ gung verſetzte. Der aber hörte kaum hin und ſagte nur: „Ich habe eine Vermuthung! Eine recht ſeltſame Ver⸗ muthung.“ Er nahm der eintretenden Minna das Käſtchen ab, öffnete es, ſchlug den Deckel zurück und rief: „Es iſt ganz richtig.“ „Was iſt denn richtig?“ fragte Minna halb ſchmollend, halb ängſtlich.„Werde ich nun bald erfahren, was vorgeht.“ „Verzeihe, mein Kind, wenn ich es Dir nicht ſage,“ entgegnete Ernſt Rechtler bittend.„Es iſt eine delicate Angelegenheit und es könnte ſein, daß ich mich irrte, ſo gewiß ich meiner Sache auch zu ſein glaube. Was aber das Käſtchen betrifft, werde ich es, mit Deiner Erlaubniß, mit mir nehmen.“ „Wie? Kaum, daß ich alle dieſe Herrlichkeiten flüch⸗ tig geſehen habe, ſoll ich ſie auch ſchon wieder miſſen?“ „Daß dies über kurz oder lang geſchehen mußte, haſt Du Dir ſelbſt bei dem erſten Anblick dieſes Schatzes ge⸗ ſagt. Und im Grunde iſt man froh, ſolche Koſtbarkeiten, an die man doch kein Recht hat, mit Ehren wieder los zu ſein. Dein Finderlohn ſoll Dir unverkürzt werden.“ Hierauf empfahl er ſich mit dem Verſprechen eines baldigen Wiederſehens. 0— Der Wirth zum grünen Baum, der ſich von dem Aerger des geſtrigen Tages kaum erholt hatte, befand ſich ſchon wieder in gleicher Aufregung. Ernſthaft verdroß es ihn, daß der geheimnißvolle Fremde, der ſich das erſte Mal gar nicht um ihn kümmerte, ihn jetzt bereits mehrere Male rief und mit ſteigender Ungeduld fragte, ob ſich noch Niemand gefunden habe, der die zweihundert Thaler durch Ablieferung des verlornen Käſtchens verdienen wolle. Erſt vor wenigen Minuten war der Wirth aus dem Zimmer des Fremden gekommen, als der Actuar eintrat, ihn bei der Hand in die entfernteſte Ecke der Gaſtſtube zog und mit gedämpfter Stimme fragte: „Iſt der geheimnißvolle, unangemeldete Fremde noch hier?“ „Ja,“ antwortete der Wirth, eben ſo geheimnißvoll. „So ſorgen Sie zuvörderſt für einige handfeſte Leute, die ſo aufgeſtellt werden, daß ſie jede Flucht des Fremden hindern. Dann gehen Sie hinauf und ſagen buchſtäblich Folgendes: Es iſt ein Mann da, der über das Verlorne Auskunft geben kann und deshalb ſeine Aufwartung zu machen wünſcht.“ Die Leute wurden beſorgt, und ihnen ihre Poſten an⸗ gewieſen. Der Wirth eilte hinauf und der Actuar folgte ihm. Der Fremde kam dem Letzteren mit großer Höflich⸗ keit entgegen und fragte, womit er dienen könne? „Ich wünſche Ihnen zu dienen,“entgegnete der Actuar mit einer Verbeugung,„vorausgeſetzt, daß ich es im Stande bin. Sie haben, wie ich aus der öffentlichen Bekanntmachung erſehen, ein Käſtchen verloren?“ „Ja, mein Herr.“ Smidt, Glöcchen. — „Es war Ihr Eigenthum?“ „Ja, mein Herr, und ich bitte...“ „Erlauben Sie! Wenn Sie der Eigenthümer ſind, können Sie es auch beſchreiben.“ Der Fremde that es und der Actuar ſagte:„Ganz recht. Ich habe alſo die Ehre, mit dem Herrn Grafen von Vertpré zu ſprechen, denn ihm gehört das Wappen, welches den Deckel ſchmückt.“ Der Fremde verbeugte ſich zuſtimmend. „Die Sache iſt ſonach außer allem Zweifel und ich werde das Vergnügen haben, dem Herrn Grafen zu ſei⸗ nem Eigenthum zu verhelfen. Nur um der Form willen bitte ich, der Herr Graf möchten ſo gütig ſein, mir die einzelnen Stücke zu bezeichnen, welche das Käſtchen ent⸗ hielt, damit wir uns Beide überzeugen, daß Sie der recht⸗ mäßige Beſitzer ſind. Darf ich bitten?“ Der Graf erfüllte den Wunſch des Actuars. Als er endete, fragte Letzterer: „Iſt das Alles?“ „Ja. Doch nein; ich irre mich. Auch ein Siegelring iſt dabei. Auf einer großen Goldplatte iſt mein Wappen zwiſchen zwei Diamanten angebracht.“ „Mit dieſer Angabe ſind alle Zweifel gehoben und ich bitte Sie, mir mein Mißtrauen nicht übel zu deuten. Sie wiſſen auch zuverläſſig, was es mit den Diamanten für eine Bewandniß hat?“ „Eine Bewandtniß? Mit den Diamanten?“ fragte der Graf und wechſelte die Farbe.„Die Diamanten ſind eben Diamanten und weiter nichts.“ „Beſinnen Sie ſich, Herr Graf,“ ſagte der Actuar. „Sollten Sie nicht wiſſen, daß die Diamanten verſchieb⸗ bar ſind?“ „Ganz recht! Verſchiebbar.“ „Und daß, wenn man ſie verſchiebt, plötzlich... Nun, Herr Graf, was geſchieht dann?“ „Es geſchieht nichts;“ entgegnete der Graf und ſetzte trotzig hinzu:„Faſt gewinnt es den Anſchein, als ob ich hier auf der Anklagebank ſäße.“ „Allerdings kann aus dem Fauteuil, den Sie einneh⸗ men, eine Anklagebank werden,“ ſagte der Actuar, gleich⸗ falls ſehr ernſt.„Ihre Beſchreibung der genannten Koſt⸗ barkeiten iſt ſo mangelhaft, daß Sie unmöglich der Beſitzer derſelben ſein können, und es iſt zu erweiſen, wie dieſelben in Ihre Hände gekommen ſind. Bis das geſchehen iſt, werden Sie dieſes Zimmer nicht verlaſſen. Ich bin der Polizei⸗Actuar Rechtler.“ Der Fremde erbleichte und ſank ſtumm in ſeinen Seſſel zurück. Der Actuar ging hinaus und zwei handfeſte Männer nahmen vor der Thür des Zimmers Platz. Der Wirth zum Wallfiſch, von dem der grüne Baum verſchlungen zu werden fürchtete, rieb ſich indeſſen ver⸗ gnügt die Hände, denn ein vornehmer Herr war nebſt ſeinem Gefolge in zwei Vierſpännern vorgefahren, hatte mehrere Zimmer belegt und ſich dann ſofort auf das Po⸗ lizeiamt begeben. Der Polizeirath ging dem vornehmen Beſuch entgegen und erkundigte ſich nach ſeinem Begehr. Der Fremde er⸗ wiederte: „Ich bin der Graf Alois de Vertpré, gehöre zu den neuerdings Emigrirten und habe, wie Ihnen vielleicht be⸗ kannt ſein wird, mich in einem Theile dieſer Provinz an⸗ gekauft. Vor Kurzem iſt bei mir ein Diebſtahl begangen, der mir nicht nur einen großen Verluſt an Gold und Ju⸗ welen zufügte, ſondern mir wegen einiger unſchätzbaren Familien⸗Kleinode noch weit empfindlicher iſt. Ich habe deshalb....“ Der Rath ſuchte begierig eine Gelegenheit, den Grafen zu unterbrechen, und zeigte einen Brief vor: „Wir ſind bereits von dem abſcheulichen Attentat auf Ihr Vermögen in Kenntniß geſetzt und werden alle An⸗ ſtalten treffen, die Verbrecher zu entdecken.“ „Es ſind aber während der Zeit neue Indicien hin⸗ zugetreten, welche den Stand der Sache verändern,“ ſagte der Graf.„Deshalb habe ich mich ſelbſt für einige Zeit hierher begeben. Der Diebſtahl kann nur von Leuten be⸗ gangen ſein, die mit der Lokalität vollkommen bekannt ſind, und ich will Ihnen im Vertrauen mittheilen, daß ich fürchte, mein Haushofmeiſter, den ich kürzlich in einer ſehr wichtigen Angelegenheit verſchickte, und der noch nicht zurückkehrte, ſei bei dem Verbrechen betheiligt. Obgleich ich von dem Orte ſeiner Beſtimmung einen Brief von ihm empfing, weiß ich doch gewiß, daß er dort nicht ein⸗ getroffen iſt.“ „Das wiſſen ſolche Spitzbuben ſchon in die Wege zu leiten,“ ſagte der Rath etwas voreilig.„Wenn der Herr Graf die Gnade haben wollen, mir in Bezug auf den verdächtigen Haushofmeiſter einige nähere Mittheilungen zu machen, werde ich bald im Stande ſein, die richtige Spur zu finden, die unfehlbar zur Ergreifung des Ver⸗ brechers führt.“ 3 „Und ich habe ihn bereits ergriffen,“ ſagte der ein⸗ tretende Actuar, ſich vor dem Grafen verbeugend. „Wie iſt das? Was ſagt man?“ fuhr der Rath auf; der Graf aber ſprach: „Reden Sie die Wahrheit, junger Mann, und er⸗ halte ich mieder, was ich ſchmerzlich vermiſſe, ſo rechnen Sie auf meine unbegrenzte Dankbarkeit.“ „Vielleicht bin ich ſo glücklich, Ihren Wunſch gleich erfüllen zu können,“ entgegnete der Actuar und überreichte dem Grafen das Käſtchen, welches ſeine Minna am Abend vorher gefunden hatte. Der Graf begrüßte das vermißte Kleinod mit dem höchſten Entzücken und ſagte: „Ich wiederhole es Ihnen: Sie können auf meine ganze Dankbarkeit rechnen. Fordern Sie, was Sie wol⸗ len, und es iſt Ihnen gewährt. Aber erzählen Sie mir, wie Alles zuging.“ 4 Das ganze Bureau drängte ſich herbei. Der Rath verſteckte den Aerger, daß er durch den Actuar um den fetten Fang gebracht ſei, hinter einem vornehmen Achſel⸗ zucken und meinte, das hätte Jeder gekonnt. Ernſt Rechts— ler erzählte den Hergang und ſagte dann:„Nun folgen Sie mir zum grünen Baum und ſagen Sie mir, ob der Gefangene wirklich der trenloſe Haushofmeiſter iſt?“ Er war es in der That. In wenigen Augenblicken war das Geſtändniß abgelegt und der Dieb in Gewahr⸗ ſam gebracht. Der Graf lud in der Freude ſeines Her⸗ zens die ſämmtlichen Beamten zu einem ſolennen Diner ein, und der Baumwirth hatte den Schmerz, zu ſehen, wie der Walffiſch ihm auch dieſen koſtbaren Biſſen weg⸗ ſchnappte. Hiermit ſchließt die Geſchichte von dem gefundenen und geſtohlenen Käſtchen. Ich kann aber noch mittheilen, daß ich auf meiner neulichen Sommerreiſe, in einem der thüringiſchen Bäder die Bekanntſchaft des Juſtizamt⸗ mannes Rechtler machte, der jetzt eine angenehme Stel⸗ lung auf den weitläufigen Beſitzungen der Grafen Alvis de Vertpré gefunden hat, und daß die Frau Juſtizamt⸗ männin eine der liebenswürdigſten Frauen iſt, die mir dort begegneten. Der Club der freien Männer. „Gratulire!“ ſagte Herr Rohrmark mit einer leichten Verbeugung, und da er allein im Zimmer war, konnte er Niemand meinen, als ſich ſelbſt. Er hielt einen vollgeſchriebenen Bogen vor ſich hin und las ſich mit vielem Wohlbehagen zum dritten Male den Entwurf einer Rede vor, die er heute in dem von ihm geſtifteten Club der freien Männer halten wollte. Es war eigentlich eine Dankadreſſe an den Club, der ihn in der öffentlichen Sitzung zum beſtändigen Präſidenten mit dem Beinamen„der Perennirende“ gewählt hatte. „Ich werde Furore machen“, ſagte er zu ſich ſelbſt. „Ich muß Furore machen, denn ich bin das meiner Würde als Mann ſowohl, als meiner amtlichen Stellung ſchuldig. Keiner von Allen hat die Macht der Rede ſo ſehr in der Gewalt als ich. Keiner hat ſo genau den Geiſt erkannt, — der unſern Verein belebt. Beleben ſollte, muß ich lei⸗ der ab und zu ſagen, denn es giebt noch viele läſſige Streiter in Israel. Ich ſelbſt bin eigentlich der rechte Einzige, der berufen iſt, dem ſchwerfälligen Körper das rechte Leben einzuhauchen.“ Herr Rohrmark ward zu ſeinem innigen Bedauern in ſeinen Betrachtungen unterbrochen. Sein Buchhalter, ein freundlicher, junger Mann, trat mit Papieren und Brief⸗ ſchaften ein. Herr Rohrmark that ſehr einſilbig, unter⸗ ſchrieb das Nöthige und ſagte dann ſtirnrunzelnd: „Wo waren Sie geſtern, Herr Guthals?“ „Auf meinem gewöhnlichen Platz im Comptvir. Nach⸗ mittags auf der Straße.“ „Nach beendigtem Geſchäft, meine ich. Meine Augen ſuchten Sie im Saale überall vergebens.“ „Ein Zufall verhinderte mich.“ „Laſſen Sie den Zufall aus dem Spiel. Das iſt die undurchdringliche Nebelwand, wohinter ſich Jeder ver⸗ kriecht, der die Wahrheit des vorurtheilsloſen Blickes ſcheut.“ „Erlauben Sie mir...“ „Hatte es gut mit Ihnen im Sinne,“ fuhr Jener fort, ſich allmälig zur Heftigkeit ſteigernd.„Wollte Sie hente zum beſtändigen Secretair des Clubs vorſchlagen. Es iſt ein Ehrenpoſten. Der Dritte von oben herunter. Aber, wenn man es nicht einmal der Mühe werth hält, zu kommen...“ „Ich will verſuchen, heute meinen Fehler gut zu machen.“ „Verſuchen? Herr! Sind Sie des Tenfels? Das ſagen Sie einem Manne gerade in das Geſicht, der Ihr Prinzipal und Ihr Präſident zugleich iſt? Sie ſind ein läſſiges Werkzeug bei dem Aufbau des freien Männer⸗ thums. Es ſollte mir, um Ihrer übrigens guten Eigen⸗ ſchaften willen, leid thun, wenn ich Sie aus meinem Comptoir entlaſſen müßte.“ „Aber, Herr Rohrmark!“ „Aufrichtig, ſehr leid. Aber es widerſtrebt meiner Stellung zum Vereine, mich in meinen Privat⸗Verhältniſſen mit Männern zu umgeben, die entgegengeſetzten Grund⸗ ſätzen huldigen. Es iſt Geſetz, nur Gleichgeſinnte zu ſeinen Mitarbeitern zu wählen. Dem Präſidenten liegt es ob, für die Aufrechthaltung der Geſetze zu ſorgen. Mit mir ſorgt und ſchafft gemeinſchaftlich mein treueſter Freund und Geſchäftsgenoſſe, der heute in ſein Amt als Vice⸗Präſident eingeführt werden ſoll.“ „Ich zweifle, daß dies wird geſchehen können,“ ſagte Herr Guthals.„Herr Dornbein iſt, ſo viel ich weiß, geſtern Abend mit der Eiſenbahn abgereiſt und noch nicht wieder zurück.“ „Eiſenbahn? Abgereiſt? Dornbein?“ fragte Herr Rohrmark, faſt außer Faſſung.„Dazu muß eine beſyn⸗ ders wichtige Veranlaſſung vorliegen.“ „Allerdings. Seine Schweſter iſt plötzlich...“ „Geſtorben?“ fragte Herr Rohrmark etwas haſtig. „Oh, nicht doch. Madame hat ſich bei dem Bruder zum Beſuch angekündigt. Und da es doch jetzt auf den Landſtraßen etwas unruhig iſt, hat ſie von ihm verlangt, daß er ſie von dem Gute ihres verſtorbenen Mannes abholen ſoll.“ „Und er leiſtet dieſem Verlangen, dieſem Soll Folge? Das thut Dornbein? Der deſignirte Vice⸗Präſident? O, Zukunft! Wie wirſt Du Dich der traurigen Gegenwart ſchämen!“ „Verzeihen Sie, Herr Rohrmark, aber die Poſt wird demnächſt abgehen...“ „Gehen Sie meinetwegen mit ihr, Guthals! Wenn ich ahne, weshalb Sie nicht im Club waren, warum Sie auch heute wahrſcheinlich nicht kommen werden; Guthals! Wenn meine Ahnungen zur Gewißheit werden, ſind wir geſchiedene Leute.“ Herr Rohrmark brach das Geſpräch ſo entſcheidend ab, daß an eine Wiederaufnahme nicht zu denken war. Der Buchhalter aber ſagte draußen zu ſich ſelbſt: „Ein ſo vernünftiger Herr; ein ſo umſichtiger, prak⸗ tiſcher Geſchäftsmann, und in dieſem einen Punkte ſo überſpannt. Schade! Schade!“ Gut war es, daß ſein Prinzipal das nicht hörte, ſonſt hätte es ein hartes Scharmützel gegeben. Aber Rohr⸗ mark war ſo vertieft in die eingegangenen Briefe, daß ihm Hören und Sehen verging. Namentlich beſchäftigte ihn ein Brief ſeiner Schweſter, die längere Zeit auf dem Gute ihres verſtorbenen Mannes lebte und ihre Rückkehr meldete. Sie ſpöttelte über den Club, welchen ihr Bru⸗ der während ihrer Abweſenheit geſtiftet hatte und ver⸗ kündigte in dem frauenüblichen Poſtſcriptum ihre bevor⸗ ſtehende Ankunft mit der nächſten Poſtkutſche. „Dann iſt ſie in drei Stunden hier!“ ſchrie Rohrmark. „Und um dieſelbe Zeit kommt auch Dornbeins Schweſter... Hm! Hm! Die kommt, Jene kommt! Beide ſind Wittwen! ſtandenen Glühhitze an ſich trug. Beide Jugendfreundinnen! Dahinter ſteckt etwas. Aber was frage ich nach Weiber⸗Intriguen? Noch iſt nichts zu ihrem Empfange angeordnet, und hier ſieht es aus...“ Er riß ſo heftig an der Klingel, daß ein Theil der Schnur in ſeinen Händen blieb. „Gott bewahre! Was iſt denn nun wieder los?“ fragte der alte mürriſche Bediente, als er nach einer geraumen Zeit langſam eintrat. „Geſchwind, Andres!“ ſagte der Herr.„Rufe Er die Haushälterin. Sie ſoll ſich ſputen, ſo ſehr ſie kann.“ „Die hat heute Nachmittag Kaffeegeſellſchaft und alſo alle Hände voll zu thun,“ ſagte Andres.„Ich glaube nicht, daß ſie abkommen kann.“ „Dann muß die Kaffeegeſellſchaft wegfallen.“ „So?“ fragte Andres gedehnt.„Na, das ſagen Sie ihr doch lieber ſelbſt. Ich will ſie herein ſchicken.“ Er ging mit derſelben Seelenruhe wieder hinaus, mit welcher er eingetreten war, und Herr Rohrmark ergriff das Concept der Rede, durch welche er ſeinem erſten Auftreten als Präſident in dem Club der freien Männer die ächte Weihe zu geben dachte. Nach einer Weile erſchien Frau Schlachtmund, die Haushälterin. Eine kleine, kugelrunde Perſon, die, wenn ſie beide Hände in die Seiten ſtemmte, genau einem Topf mit doppeltem Henkel ähnlich ſah. In der einen Hand hielt ſie noch die Ruthe, womit ſie die Sahne zu den Baiſers geſchlagen hatte, welche den heutigen Kaffeetiſch ſchmücken ſollten. In der andern Hand raſſelte ein klap⸗ perndes Waffeleiſen, das noch einige Spuren der über⸗ 5 „Staubbeſen und Brandmark!“ ſagte Andres, der ſie in die Stube des Herrn gehen ſah.„Mich ſoll verlangen, welches ihn zuerſt treffen wird.“ „Sagen Sie mir um Gotteswillen, was nun wie⸗ der los iſt?“ ſagte die Haushälterin.„Nicht einen Augenblick hat man Ruhe, um ſeine Geſchäfte zu ver⸗ richten. Wo hat denn eigentlich eine Herrſchaft ihre Gedanken? Bleibt einer armen Haushälterin den gan⸗ zen Tag über wohl Zeit, einen freien Athemzug zu thun? Muß ſie nicht von früh bis ſpät ſich ſchinden und placken? Kaum iſt man die Sorge für das Früh⸗ ſtück los, geht die Sorge um das Mittagbrod an. Und kaum ſteht dieſes endlich auf dem Tiſch, muß man ſeine Gedanken ſchon wieder auf das Abendbrod richten. Ja! lachen Sie nur. Die Herrſchaft hat gut lachen, die darf nur zulangen.. „Und das Geld geben!“ entgegnete Herr Rohrmark, um doch auch etwas zu ſagen. „Nun, das fehlte noch, daß man ſich auch darnm den Kopf zerbrechen müßte. Wird Einem ja ſo Alles knapp genug zugezählt. Von Tag zu Tag wird es theurer und das Wirthſchaftsgeld bleibt daſſelbe. Daß Sie es nur wiſſen: unter zwanzig Thaler mehr geht es vom erſten ab nicht. Aber wozu bin ich denn gerufen und verliere die koſtbare Zeit? Warum laſſen Sie mich hier Maul⸗ affen feil halten, während draußen Alles drunter und drüber geht? Was ſoll es geben? „Hier iſt ein Brief von meiner Schweſter. Sie ſelbſt kommt in drei Stunden.“ „Wasd“ rief Frau Schlachtmund.„Die Frau von Göllner? die ihren Mann begrub, nachdem ſie ihn keine drei Monate hatte, und das ſchöne Gut erbte?“ „Die Zeit der Wittwentrauer iſt vorüber. Meine gute Amalie kehrt in die Welt zurück und wird bei mir wohnen.“ „Hier? Bei uns? Ganz und gar? Das muß ich ſa⸗ gen! In unſerem Hauſe eine ſo prätentiöſe Dame, der nichts recht iſt; die ſtets etwas Anderes will, als die an⸗ dern Leute, und alle Dinge auf den Kopf ſtellt, die ſich nicht einmal auf den Füßen halten können? Das wird eine ſchöne Wirthſchaft werden! 3 will ich das Ende nicht abwarten! Da will ich. „Den Herrn ausreden laſſen!“ fuhr Herr Rohrmark aufgeregt dazwiſchen,„damit Sie erfährt, was ich eigent⸗ lich ſagen will.“ „Sie wollen noch etwas ſagen?“ fragte Frau Schlacht⸗ mund und ſ chlug vor Verwunderung beide Hände in ein⸗ ander, eine höchſt verdächtige Bewegung zwiſchen Ruthe und Waffeleiſen veranlaßte.„Sie wollen noch etwas ſagen, nachdem Sie ſchon ſo vieles Unerhörte ge⸗ ſprochen haben? Das ſoll mich doch verlangen.“ Und ſie fiel in die vorige Henkeltopfslage zurück. „Meine Schweſter wird, wie ſchon geſagt, hier woh⸗ nen!“ ſagte Herr Rohrmark, einen hohen Ton anneh⸗ mend.„Setzen Sie ſofort die Zimmer in Ordnung. Das rothe zum Wohnen, das blaue zum Viſitenzimmer, das dunkelgrüne Kabinet daneben wird einſtweilen zum Gar⸗ deroben⸗ und Schlafzimmer hergerichtet. Verſtanden? „Sie ſagen es ja laut genug!“ entgegnete mürriſch die Haushälterin und dachte bei ſich: 6 „Wo nimmt der Mann die Courage her, mir zu widerſprechen? Das hat er noch nicht riskirt, ſo lange ich bei ihm bin. Dahinter ſteckt Etwas, und ich will es in Erfahrung bringen.“ Dann aber wandte ſie ſich zu Herrn Rohrmark und fagte ſchmollend: „Es iſt gut; Dienſtboten müſſen gehorchen. Dazu ſind ſie da. Ich bin ein ſolcher armer Dienſtbote und weiß, was mir zukommt.“ „Spreche Sie nicht ſo einfältig!“ „Ich kann ſprechen, wie ich will. Das iſt noch das Einzige, was Unſereine darf. Sonſt müſſen wir ja doch Alles über uns ergehen laſſen und dürfen nicht muckſen. Ihre Frau Schweſter mag in Gottes Namen kommen. Ich will ihr nichts in den Weg legen; aber wenn ſie beide Zimmer, das rothe und das blaue bekommt, will ich nicht mehr Schlachtmund heißen.“ Das Letzte brummte ſie im Hinausgehen vor ſich hin. Draußen faßte ſie den alten Andres bei der Hand und ſchleppte ihn mit ſich fort. „Was geht hier vor?“ „Kurioſe Dinge.“ „Beichte Er!“ „Ich will nicht!“ „Andres, daß Er es weiß: wenn Er nicht thut, was ich will, ſchikanire ich Ihn.“ „Dann ſchikanire ich wieder.“ Frau Schlachtmund begriff, daß ſie andere Saiten aufziehen müſſe und lenkte ein: „Sei Er kein Narr. Wenn Er geſcheut iſt, regalire ich Ihn mit einem Glaſe Danziger.“ „Der Herr hat keinen mehr im Keller.“ „Aber ich „Doppelter Lachs?“ ſchmunzelte der Alte. „Veritabler!“ bekräftigte ſie und ging ihm voran in ihre Stube. Er liebäugelte mit dem bis zum Rande ge⸗ füllten Glaſe, ließ ſich den duftigen Inhalt ſchmecken und flüſterte, den letzten Tropfen ſchlürfend: „Der Herr wird übermüthig. Kein Auskommen mehr mit ihm. Das lernt er in dem Club der freien Män⸗ ner. Mehr kann ich nicht ſagen.“ „Dyppelt hält beſſer,“ ſagte Frau Schlachtmund freundlich und füllte ſein Glas: „Trinke Er ſich Courage.“ „Will es probiren,“ meinte Andres liſtig. Die Jung⸗ geſellen der Stadt haben ſich zuſammengethan und den Club der freien Männer geſtiftet. Sie verführen auch ſchon die Ehemänner dazu, daß ſie ſich aufnehmen laſſen und beſinnen mit denen gemeinſchaftlich auf grauſame Unthaten.“ „Welche denn zum Beiſpiel?“ fragte Frau Schlacht⸗ mund und ſchenkte zum dritten Male ein. Der Lachs war im Schwimmen. Der alte Kerl beich⸗ tete in ſeiner Seligkeit, daß die Herren geſchworen hätten, allem Weiber⸗Regimente von dem Salon bis zur Waſch⸗ bank ein Ende zu machen. Wer ſich der Herrſchaft eines Weibes beuge, ſolle in einer öffentlichen Sitzung des Clubs, mit Haube und Unterrock angethan, Abbitte thun und dann ausgeſtoßen werden. Dazu müſſe er noch jedem — 65— Richter die Hand küſſen und für gnädige Strafe danken. Haushälterinnen, Wirthſchaftsmamſells und andere weib⸗ liche Diener⸗Ariſtrokratieen werden abgeſchafft und fortan nur Köchinnen für Alles geduldet.“ „Was?“ rief Frau Schlachtmund und die Worte blieben ihr vor Schreck und Zorn im Halſe ſtecken.„An⸗ dres, ich bin in der Wuth. Helfe Er mir zu Worten.“ „Helfe Sie mir zum Lachs und finde Sie ſich in Ihr Schickſal. Köchin für Alles. Auch'ne ſchöne Gegend. Der Club iſt da, unſer Herr iſt Präſident, Herr Dorn⸗ bein, der hier im Hauſe Alles gilt— Dornbein, mit der hübſchen Schweſter, weiß Sie, auf die der Herr ein Auge hat— wird heute Vice⸗Gefreiter, oder wie ſie es nennen. Er muß für unſern Herrn den Stock halten, wenn der nicht länger ſitzen kann. Darum ſei Sie auf Ihrer Huth, Frau.“ Er ſchob ſich nach der Thür und warf noch im Vor⸗ übergehen einen Blick durch das Fenſter: „Komme Sie einmal her, Frau. Wer geht denn da mitten auf dem Damm?“ „Ach, das iſt ja der halbdumme Zulip, der Leichen⸗ bitter. Gehört der etwa auch dazu?“ „Das will ich meinen. Der ſitzt doppelt in der Wolle. Erſt bittet er zur Leiche, dann bittet er zum Club. Habe ich es nicht geſagt? Geradewegs geht er in das Haus hinein. Das hat etwas zu bedeuten. Dieſer Zulip, ſoll Sie wiſſen, iſt Clubbote und trägt als ſolcher in ſeiner Ledertaſche das Unheil von Haus zu Haus.“ „Der Kerlmuß brennen!“ ſagte Frau Schlachtmund und ſank erſchöpft auf ihr Kanapee. „Wollen Feuer zutragen,“ entgegnete Andres zuthun⸗ lich und goß ſich ein friſches Glas ein.„Es brennt ſchon.“ „Schüre Er nur tüchtig zu!“ entgegnete ſie. „Das kann geſchehen,“ antwortete Andres und ſchob die ganze Flaſche in ſeine Rocktaſche.„Da klingelt es ſchon zum dritten Male. Nun muß ich doch einmal nachſehen. Iſt ja der Herr.“ Es war Zeit, daß Andres kam, denn Herr Rohrmark wollte ausgehen und ſein Diener hätte ihn dann nicht mehr gefunden. Herr Zulip ſtand, im Gefühle ſeiner Amtswürde, in der Mitte des Zimmers. Seine dürre Geſtalt war von einem Trauermantel umwallt. Der Dreimaſter ſaß in der Quere auf dem Kopfe und an jedem der beiden En⸗ den hing ein ſchwarzer Flor zur Erde nieder. Weiße Handſchuhe zierten die Hände und dieſe falteten ſich an⸗ dächtig über einen Rosmarienzweig und einer Citrone. „Alſo um zwölf Uhr, Herr Präſident?“ ſagte er mit ſeiner hohlen Stimme. „Präciſe.“ „Ich werde nicht ermangeln, Eure Würden mit dem Glockenſchlage abzuholen und denenſelben das Geleite zu geben.“ Zulip entfernte ſich und Andres brachte einen Brief. Er war von Dornbein, welcher ſchrieb: „Meine Schweſter, welche ich von ihrem Gute abholte, ſagt mir, daß ihre Buſenfreundin, nämlich Frau von Göllner, heute ankommen wird und ladet ſich zum Thee bei ihr ein. Ich hoffe, daß Deine Freundſchaft mir ge⸗ ſtatten wird, der reizenden Frau ebenfalls meine Huldi⸗ gungen darzubringen.“ „Ein Haſenfuß, dieſer Dornbein!“ ſchalt Rohrmark. „Huldigungen darbringen und zu Füßen legen; viel⸗ leicht gar ſich daneben. Alſo gewiſſermaßen eine Art von Knierutſcher vorſtellen.“ Ein Poſthorn ſchallte luſtig darein. Ein leichter Wagen rollte heran und in wenigen Augenblicken fühlte ſich der Präſident von den Armen ſeiner liebenswürdigen Schweſter umſchlungen. „Amalie! Du hier? Ich bin überraſcht.“ „Gerade meine Abſicht. Mit der gewöhnlichen Poſt wäre ich erſt in einigen Stunden gekommen; darum ent⸗ ſchloß ich mich zur Extrapoſt. Es iſt Dir doch nicht unlieb?“ „Wie kannſt Du nur ſo fragen? Aber es wird noch nicht Alles zu Deinem Empfange bereit ſein.“ „Mache Dir deshalb keine Sorge. Eine Frau richtet ſich bald ein.“ „Auch iſt meine Geſellſchaft in dieſem Augenblicke nicht beſonders intereſſant. Ich bin gerade ſehr preſſirt.“ „Begreiflich. Dem Geſchäftsmann iſt ſeine Zeit koſt⸗ bar. Geh, wohin die Pflicht Dich ruft. Ich verſtändige mich unterdeſſen mit Deiner Haushälterin.“ „Haushälterin?“ fragte Herr Rohrmark naſerümpfend. „Wer denkt an dergleichen?“ „Oder Beſchließerin, Hausmeiſterin, Wirthſchafterin, wie Du willſt. Verſchiedene Namen für eine Sache.“ „Magd! Nichts als Magd!“ äußerte Rohrmark. „Wer wird ſich bei dergleichen untergeordneten Geſchöpfen Smidt, Glöckchen. 5 mit überflüſſigen Titulaturen aufhalten. Ein ſolches Weſen iſt pure Weib. Sonſt nichts.“ Er hätte bald mehr geſagt, aber er begriff zur rechten Zeit das Unſchickliche und ſchwieg. Amalie aber lächelte ſchelmiſch: „Ich vergaß. Verzeihen Sie der Unachtſamen, Herr Präſident, und geſtatten Sie, daß eine der unwürdigſten Evatöchter ihre Huldigungen Ihnen darbringen darf.“ „Du weißt alſo?“ „Alles und Jedes. Nicht bloß die Weiber ſchwatzen aus der Schule. Anch die Männer beſitzen zum großen Theile dieſe Schwäche. Dornbein hat gebeichtet.“ „Dornbein? Und der will Vice⸗Präſident werden?“ „Wohl noch etwas mehr. Vielleicht erſter Miniſter.“ „Abgeſchmackt.“ „Wer? Dornbein, oder das von ihm erſtrebte Mi⸗ niſterium?“ „Im Monde vielleicht.“ „Weshalb nicht auf Erden? Vielleicht bei einer mehr oder minder mächtigen Souverainin. Wir haben deren mehrere.“ „Leider!“ „Wie vordem in Portugal.“ „Leider! Leider!“ „Wie noch in England.“ „Leider! Leider! Leider!“ „Sowie in Spanien.“ „Leider! Leider! Leider! Leider!“ „Warum eigentlich dieſe Leider ohne Ende? Iſt nicht heutzutage das Conſtitutionsweſen überall an der Tages⸗ — ordnung? Und iſt nicht das erſte Grundgeſetz dieſes Völker⸗Ideals: Der Souverain herrſcht, aber er regiert nicht? Nun ſo laßt die Souveraininnen doch herrſchen, wenn auch Ihr regiert. Und wenn ab und zu die zügel⸗ führenden Regenten ſelbſt etwas gezügelt und gelenkt werden, ſo wird wohl eine billige Politik nichts dagegen haben.“ „Du biſt die Alte!“ entgegnete Rohrmark, gezwun⸗ gen ſcherzend. „Die junge Wittwe dankt für das Compliment,“ ſagte die Dame knixend.„Aber Bruder, Du ſcheinſt mir etwas verwildert. Ich bin unterwegs mit Deinem Freunde Dornbein zuſammen gekommen. Unſere Wege kreuzten ſich. Er iſt galanter, als Du. Ein recht artiger, char⸗ manter Mann, der ſeiner Schweſter mehrere Meilen auf der Eiſenbahn entgegen fährt.“ „Sage ihm doch die Artigkeiten ſelbſt. Er hat ſich bereits angemeldet.“ „O prächtig! Herrlich!“ „Vielleicht ziehſt Du es vor, gleich die Honneurs des Hauſes zu machen?“ „Laß mich immerhin die Rolle des gerne geſehenen Gaſtes mindeſtens einen Tag lang durchführen. Nun geh, lieber Bruder. Und wenn Du wieder nach Hauſe kommſt, laſſe dieſe finſteren Geſchäftsmienen draußen. Kehre mit einem lächelnden Geſichte heim, wie ſonſt wohl, als Du noch im Comptvir des Onkels arbeiteteſt und Du bei der Heimkehr die reizende Sophie. Eii, wie der Herr roth wird. Nur keine Strafpredigt. Das bitte ich mir aus— ſonſt ſchließe ich Dir den Mund.“ 5 5 Und die muthwillige kleine Frau ſchloß den mürriſchen Bruder lachend in die Arme. „Herr Präſident! Eure Würden!“ erklang eine dumpfe Grabesſtimme. Die Geſchwiſter fuhren auseinander und ſahen Herrn Zulip auf der Thürſchwelle, wie er ſich im Fieberfroſte ſchüttelte und zugleich mit den Zipfeln der herabwehenden Trauerflöre Kühlung zuwehte. „Was will Er hier?“ ſchalt Rohrmark, nicht ohne einige Verlegenheit.„Wie kann Er mich in der Begrüßung meiner Schweſter ſtören?“ „Schweſtern ſind auch Frauenzimmer!“ ſagte Herr Zulip achſelzuckend.“ Ich rufe zur Sitzung. „Ich werde erſcheinen.— Adieu, Amalie!— Voran, Herr Zulip!— Mache Dir es behaglich und thue ſonſt, was Dir beliebt. Wir wollen uns nicht mit überflüſſigen Höflichkeiten läſtig fallen.“ Frau von Göllner ſah dem Bruder lächelnd nach und ſuchte die Haushälterin, die ſich abſichtlich zurückhielt, in ihrer Stube auf, ſagte ihr viele Artigkeiten, fand Alles allerliebſt und traf, wie zufällig, eine ſolche Menge ent⸗ gegengeſetzter Arrangements, daß Andres, bei dem der Lachs noch im vollen Schwimmen war, das Gleichgewicht verlor und Frau Schlachtmund vor Galle zu erſticken drohte. Die gnädige Frau war eine vollkommene Diplo⸗ matin, voll Ergebenheit mit der Zunge, voll Eigenwillen mit der That. Sie ordnete hier, ſie ordnete dort, rückte dies oder das, eben ſo ſchnell als umſichtig. In einem Zeit⸗ raum, während deſſen die Rede des Präſidenten, worin die Nichtigkeit des Weibes bewieſen wurde, noch nicht zur Hälfte beendet war, hatte eine weibliche Hand in ſeinem eigenen Hauſe durch ſchlaue Gewandtheit das Unterſte zu Oberſt gekehrt und durch ihre Reformen das Beſtehende gänzlich in Frage geſtellt. Frau Schlachtmund wurde vor Aerger grün und gelb. Sie warf Tiſche und Stühle um, ſich ſelbſt auf das Kanapee und ſagte: „Die Madame will ſie hier ſpielen? Madame in einem Hauſe, wo ich viele Jahre der Morgen⸗ und Abend⸗ ſegen geweſen bin? Sie ſoll es probiren. Verſuchen Sie doch Ihr Glück, Sie ſchnippiſches Gänschen, dann ſollen Sie bald genug erfahren, was eine Frau, wie ich eine bin, vermag. So viel iſt gewiß, daß ich dem ſtrengen Herrn heute Mittag Pfeffer in den Vanille⸗Créme ſtreue und Chocoladenpulver zwiſchen den Fiſchſalat rühre. An⸗ dres! Wie kann Er ungerufen herein kommen? Was will Er hier?“ „Ich bringe blos die leere Flaſche wieder,“ lallte die⸗ ſer und ſtellte ſie auf den Tiſch.„Sie hat es hübſch warm hier.“ „Scheere Er ſich zum Teufel!“ brummte die Alte und ſchob ihn hinaus.„Ihm iſt ſchon warm genug und dem Herrn will ich noch ganz apart einheizen.“ Der Präſident des Clubs der freien Männer hatte von dieſer Drohung keine Ahnung. Er hielt ſeine Rede mit ſteigendem Enthuſiasmus vor der aufmerkſamen, hor⸗ chenden, todtſtillen Verſammlung und ſchloß mit den Worten: „Und nun, meine Freunde, nochmals die Hände zum innigen Bunde in einander geflochten. Alle mit vollem — 70— Herzen für unſere große und ſchöne Sache und feſtgehalten an unſerem Wahlſpruch: Untergang der Weiberherrſchaft für immer! Pereat dem feigen Knechte, der ſich ihnen wieder unterwirft.“ „Pereat!“ riefen Alle ſtürmiſch. „Aber auch Vivat! drei und vier Mal Vivat dem Manne, der in ſeiner Stärke ſich feſt und unerſchütter⸗ lich zeigt.“ „Vivat!“ riefen die begeiſterten Zuhörer und trugen ihren Präſidenten von der Rednerbühne herunter und im Triumphe drei Mal den Saal auf und ab. Als er in Gefahr gerieth, von ihren Schultern zu fallen, vief en „Genug, meine Freunde! Euer Enthuſiasmus rührt mich. Aber ſchreiten wir zu den Geſchäften des Tages. Ein Vice⸗Präſident iſt zu wählen. Die verſchloſſene Wahl⸗ urne ward am Eingange aufgeſtellt. Iſt das Scrutinium beendet?“ „Es iſt beendet,“ ſagten die beiden jüngſten Mitglieder. „Herr Dornbein hat die abſolute Majorität.“ „So führe man den Herrn Dornbein ein.“ Zulip entfernte ſich, auf den Fußſpitzen ſchwebend, mit wehenden Trauerflören, kehrte aber mit dem Donner⸗ worte zurück: „Er iſt nicht hier!“ „Wo iſt er denn? Wo? Wo?“ riefen alle durch⸗ einander. „Redet, Meiſter Ehrlich,“ ſagte Zulip, auf einen Mann deutend, der ſechs Fuß und darüber zählte, weshalb er auch der Einzige war, der ſeine Mitbürger überſah. Meiſter Ehrlich, der wegen der eben gerühmten Eigen⸗ —— ſchaft von dem Club das Amt eines öffentlichen Anklä⸗ gers empfangen hatte, ſagte: „Ich habe ihn eben in einem offenen Halbwagen über den Markt fahren ſehen. Zwei Damen ſaßen im Fond wie zwei Königinnen, und er ſaß mit entblößtem Haupte vor ihnen auf dem Rückſitz.“ „Schrecklich!“ ſeufzte Zulip und„Schrecklich!“ ſeufzte es im Chor. „Eine Unterſuchungs⸗Commiſſion ſoll ſogleich ernannt werden,“ entſchied der Präſident.„Ich ernenne mich ſelbſt dazu. Es muß an den Tag kommen, ob hier Wahrheit oder Verläumdung im Spiel iſt.“ „Ich verläumde niemals,“ ſagte die lange Ehrlichkeit und fuhr fort: „Ich habe noch eine Klage anzubringen.“ „Gegen wen?“. „Gegen Anguſt Wegrow, den Steinmetzen. Er hat, ich weiß es ganz gewiß, geſtern früh ſeiner Frau befohlen, ihm zu Mittag ein Gericht Erbſen und Sauerkraut zu bereiten. Auch hat er ſich ſeiner Herrſchgewalt öffentlich vor den Leuten gerühmt. Als er aber nach Hauſe gekom⸗ men iſt, hat es Carbonade und Quetſchkartoffeln geſetzt. Es iſt alſo nichts mit der Autorität in dem Hauſe dieſes Mitgliedes. „Wohlgeſprochen!“ ſagte der Präſident. Laßt den An⸗ geklagten ſogleich vortreten. Sagt, Auguſt Wegrow, iſt die Anklage begründet?“ „Es iſt allerdings wahr,“ ſagte der Steinmetz. Meine Autorität geht freilich nicht ſo weit, zu verhindern, daß meine Frau mir hinter meinem Rücken ungehorſam iſt. Ich habe ſie aber, obgleich die Carbonaden delicat rochen, dadurch beſtraft, daß ich die verpönte Speiſe nicht an⸗ rührte, ſondern nach gehöriger Tiſchpredigt mir auf dem Rathskeller einen Spitz trank. Hierdurch glaube ich die Ehre des Vereins in vollem Maaße gewahrt zu haben.“ „Bravo, Meiſter Wegrow. Euer Name ſoll acht Tage auf der Ehrentafel des Hauſes ſtehen. Der Secretair iſt mit dem Vollzug dieſer Maßregel beauftragt. Was iſt noch zu berichten?“ „Ein Mitglied unſeres Clubs iſt noch anzuklagen,“ ſagte Ehrlich pathetiſch.„Herr Guthals...“ „Mein Buchhalter?“ „Ja, Herr Präſident. Ich habe ihn geſtern getroffen, wie er mit einer Dame ſpazieren ging, Sie ſchritt ganz ſtolz zu ſeiner Rechten einher, und er, anſtatt dieſe Un⸗ gehörigkeit zurückzuweiſen, achtete nicht darauf, ſondern hielt ihr noch den Sonnenſchirm über den Kopf, und duldete, daß ſie ihm ihr Umſchlagetuch über denſelben Arm hing, der ſchon den Schirm tragen mußte.“ „Guthals, verantworten Sie ſich! Guthals, treten Sie vor!“ Aber der Name, von allen Lippen wiederholt, ver⸗ hallte umſonſt. Sein Träger kam nicht. „Ich erkläre den Buchhalter Guthals der Ehre für verluſtig, ein Mitglied unſeres Clubs zu ſein,“ ſagte der Präſident.„Das iſt hiermit beſchloſſen.“ „Es iſt ſo!“ wiederholten Alle. Die Sitzung wurde aufgehoben. Die Männer, welche zu Hauſe den grimmigen Paſcha ſpielten und doch ſo bereitwillig dem Präſidenten als Sattelpferde gedient hatten, verneigten ſich tief, und Rohrmark kehrte im ſtol⸗ zen Gefühl ſeiner Würde nach Hauſe zurück. Das Ba⸗ rometer dieſes Stolzes ſank aber beträchtlich, als ſeine Schweſter ihm mit der heiterſten Miene von der Welt verkündigte, daß Frau Schlachtmund ſich mit den von ihr eingeladenen Kaffeeſchweſtern zu einer Machbarin be⸗ geben und geſchworen habe, ſie ſetze nicht eher wieder einen Fuß in das Rohrmark'ſche Haus, bis der Prinzipal zu Kreuze gekrochen ſei und verſprochen habe, Alles beim Alten zu laſſen. „Wenn Du mich zum Erſatz für Deine Haushälterin annehmen willſt,“ ſagte das hübſche Weibchen,„will ich verſuchen, Dir und dem Club Ehre zu machen.“ Rohrmark that ſehr aufgebracht. Die Polizei ſollte einſchreiten und die widerſpenſtige Dienerin zu ihrer Pflicht zurückführen. Im Grunde aber war er froh, der Schweſter gegenüber ſich von einer Perſon befreit zu ſehen, die gar oft ein Gelüſte trug, die Herrin zu ſpielen und im Laufe der Jahre, ohne daß der Herr es merkte, ſich des Regi⸗ mentes ziemlich unumſchränkt bemächtigt hatte. Noch ging er mit großen Schritten auf und ab, als es klingelte und ſein Jugendfreund Dornbein erſchien. Rohrmark eilte ihm ſogleich entgegen, um ihn mit einer Fluth von Vorwürfen zu überſchütten. Aber das Wort erſtarb ihm auf den Lippen, als er Dornbein's Schweſter, die reizende Sophie erblickte, die dem lange nicht geſehenen Jugendfreund mit der herzlichſten Begrüßung entgegen kam. Beide Paare ſprachen angelegentlich mit einander. Endlich ermahnte Amalie mit leichtem Erröthen, ſich an den Theetiſch zu verfügen, und als ſpät am Abend Dornbein die letzte — Neige des Champagners ſchlürfte, ſagte er mit höflicher Verneigung gegen ſeine ſchöne Nachbarin: „Ihnen iſt vielleicht noch nicht bekannt, daß ich das eine Meile von hier am See belegene Waldhäuschen zum Lerchenſchlag gekauft habe. Geſtern iſt es mir vollſtändig übergeben und ich denke es morgen mit einem ländlichen Feſte einzuweihen. Dieſem Feſte würde aber der eigent⸗ liche Glanz fehlen, wenn Sie, liebe gnädige Frau, daſſelbe nicht durch Ihre Gegenwart verherrlichen wollten. Muß ich fürchten, eine Fehlbitte zu thun, wenn ich um die Er⸗ laubniß anhalte, morgen um die zehnte Stunde bei Ih⸗ nen vorfahren zu dürfen?“ „Ich kenne das Waldhäuschen noch von früheren Ta⸗ gen her,“ ſagte Amalie. Es liegt idylliſch-romantiſch. Nichts könnte mir willkommener ſein, als in dieſer lieb⸗ lichen Zeit der Blüthen und Nachtigallen einige Stunden dort zuzubringen. Ich nehme daher Ihre Einladung mit vielem Danke an, verſteht ſich, aber nur unter der Be⸗ dingung, daß mein derzeitiger Gebieter, unſer ſehr ge⸗ ſtrenger Herr Präſident, ſeiner ergebenen Magd dazu die Erlaubniß ertheilt.“ Rohrmark machte zu dieſem etwas zweideutigen Com⸗ pliment ein ſauerſüßes Geſicht. Aber ein zufälliger Blick auf ſeine Nachbarin übte den alten Zauber und er ent⸗ gegnete mit großer Artigkeit: „Dorbein iſt ſo unwiderſtehlich in dem Arrangement ſolcher ländlichen Feſte, wie Du in Deinem pikanten Muthwillen. Fahrt zu jeder beliebigen Zeit und wenn ich es irgend möglich machen kann...“ Sophie ſah ihn erwartungsvoll an nnd er ſagte raſch: — 75— „Ich bin gewiß von der Parthie, wenn es irgend möglich iſt.“ Er wußte es aber ſchon jetzt, daß es morgen ganz gewiß möglich ſein werde. „Nun, das iſt charmant,“ ſagte Dornbein.„Brechen wir alſo jetzt auf, um uns deſto zeitiger wieder zu ſehn.“ Die Damen traten in das nahe liegende Kabinet, um über ihre Toilette zu ſprechen. Rohrmark benutzte die Gelegenheit. Er ſtürzte auf Dornbein zu und flüſterte: „Welcher Skandal war heute um Deinetwillen in dem Club. Wohin dachteſt Du, als Du ausbliebſt und im Wagen mit den Damen durch die Straßen ſtolzirteſt? Vice⸗Präſident, Du haſt Dich rechtſchaffen blamirt.“ „Und Du wirſt Dich erſt noch blamiren!“ entgegnete Dornbein lachend, und reichte ſeiner Schweſter, die eben wieder in das Zimmer trat, den Arm. Die zehnte Stunde des folgenden Morgens kam und Dornbein noch etwas früher. Die Damen in ihren ſom⸗ merlichen, morgenfriſchen Toiletten waren ſo unwider⸗ ſtehlich, daß Rohrmark, der eben ſeinem jungen Buch⸗ halter den Laufpaß ſchreiben wollte, die Feder unwillkür⸗ lich aus der Hand fallen ließ und gedankenvoll ſagte: „Wir ſprechen morgen weiter von dem Geſchäft, lieber Guthals!“ worauf ſich der junge Mann, nicht ohne ei⸗ nen Blick des Staunens auf den Prinzipal zu werfen, entfernte und Amalie fagte: „Es iſt bereits mehrere Stunden Tag, und Du ſcheinſt noch immer zu träumen, lieber Bruder.“ Rohrmark begrüßte die Gäſte, die eigentlich ſeine Wirthe waren, mit Herzlichkeit, fand Sophiens Veilchen⸗ — 76— ſtrauß allerliebſt und küßte die Hand, die den Strauß hielt. Als Dornbein zum Aufbruch mahnte, reichte er Sophien den Arm. Aber in dieſem kritiſchen Angenblicke überfiel ihn der Gedanke an die ſchwere Würde— eigent⸗ lich Bürde— ſeines Amtes und er ſagte ſchnell, wie die Lüge immer iſt: „Nur bis an den Wagen iſt es mir vergönnt, Sie zu begleiten. Ein unaufſchiebbares Geſchäft hält mich min⸗ deſtens noch zwei Stunden hier zurück. Dann aber folge ich Ihnen, ſo ſchnell mein Pferd zu laufen vermag.“ Der Wagen rollte fort. Herr Zulip, der von Amts⸗ wegen zu einem feierlichen Begräbniſſe ging, ſenkte ſeine Trauerflöre auf halber Stange, und Meiſter Ehrlich, der gefürchtete Ankläger des Clubs, folgte demſelben mit lan⸗ gen Schritten. Es gelang ihm, auszuhalten. Amalie, die es bemerkte, ließ ihr Taſchentuch im Winde flattern. Ein Zettel entfiel den Falten deſſelben und tanzte à la Pepita auf dem Straßenpflaſter. Meiſter Ehrlich haſchte darnach und es gelang ihm endlich, den Flüchtling ein⸗ zuholen. Unterdeſſen war ihm der Wagen aus dem Ge⸗ ſichte gekommen. Aber das kümmerte ihn wenig; denu das Blättchen enthielt folgende inhaltsſchwere Worte: „Männer in dem Club der Freien! Euer Präſident und Vice⸗Präſident mißbrauchen Euer Vertrauen und ſin⸗ nen auf Verrath. Wollt Ihr Gewißheit, ſo folgt uns.“ Unter dieſen Zeilen war das Waldhäuschen genannt und der Weg beſchrieben. Meiſter Ehrlich wußte ſich nicht zu rathen und zu helfen. Er ſetzte ſich auf die nahe ſteinerne Bank und dachte nach. Ungewohntes lernt ſich ſchwer. Eine Stunde —— ſpäter kam der große Leichenzug vorüber, Herr Zulip an der Spitze. Ehrlich ſaß noch da. Das Leichengefolge kehrte nach beendigter Ceremonie von dem Kirchhofe zu⸗ rück; Zulip hinterdrein. Ehrlich ſaß noch da. Der Leichenbitter trat zu dem öffentlichen Ankläger und fragte: „Warum?“ „Darum!“ ſagte der öffentliche Ankläger zum Leichen⸗ bitter und reichte ihm den Zettel. Zulip las, überlegte, deutete dann mit der Hand in's Blaue und Beide folgten dieſem Fingerzeige mit eiligen Schritten. Eine Viertelſtunde, nachdem die Herrſchaften abgefah⸗ ren, verließ Herr Rohrmark ſeine Wohnung und ſchlen⸗ derte dem Thyre zu. Dort wartete ein Stallknecht mit dem Pferde. Er ſchwang ſich auf und war bereits auf Richtwegen am See angelangt, als der Wagen mit den Damen erſt auf der Höhe ſichtbar wurde. Mit fröhlichem Lachen begrüßten ſich die Freunde und gingen Arm in Arm nach dem Waldhäuschen. In der Nähe deſſelben eilten Dornbein und ſeine Schweſter voran. Rohrmark bewunderte die allerliebſte Lage des Orts und Amalie rühmte ſpöttelnd die Ge⸗ ſchicklichkeit, womit der Bruder allen Clubgenoſſen ein Schnippchen geſchlagen. Insgeheim aber dachte ſie an den Poſſen, den ſie den Männern ſpielte und freute ſich im Voraus unmäßig über den Ausgang ihrer improviſir⸗ ten Comödie. „Du kennſt doch die Comedia del arte, lieber Bru⸗ der?“ fragte ſie plötzlich querfeldein.* —— „Nicht doch!“ entgegnete er zerſtreut.„Wo wird der⸗ gleichen aufgeführt?“ „Hier und von Dir!“ ſagte ſie lachend im Weiter⸗ gehen. Eine artige Ueberraſchung wartete ihrer. Dornbein und ſeine Schweſter hatten als die Wirthe des Wald⸗ häuschens ein kleidſames ländliches Coſtüm angelegt. Sie begrüßten ihre Gäſte mit gereimten Sprüchen und trugen ſelbſt das Frühſtück auf. Selten iſt in wenigen Stunden ſo viel geſcherzt und gelacht worden. Als der blendende Tag endlich vorüber⸗ rauſchte und unter den hohen Waldbäumen die ſtille Dämmerung ſich einheimte, ſah ſich Rohrmark mit So⸗ phien allein. Sein Herz ſtrömte über und er ſagte, er wußte ſelbſt nicht was. Ob Sophie ihn verſtand? Oder verſtehen wollte? Wenigſtens erwiderte ſie keine Sylbe. Aber ein leiſer Druck ihrer Hand bezeugte, daß ſie es empfunden. „Bravo! Bravo! Bravo!“ rief eine leiſe Stimme und zwei roſige Hände klatſchten Beifall. „Das habt Ihr gut gemacht, Kinder,“ fuhr die Stimme fort.„Sehr gut.“ Rohrmark erſchrak. Es überlief ihn heiß und kalt. Er befand ſich auf den Knieen. Wie er in dieſe Lage gekommen war, begriff er nicht. Aber Sophie hatte ſich zu ihm herabgebengt und ſah ihn mit ihren ſtrahlenden Augen an. 3 „Nicht doch!“ ſagte die Schweſter, die erſchien, als er ſich erheben wollte.„Du gefällſt mir ſehr in dieſer Stellung. Biſt Du Bräutigam, bin ich Braut und kann — 5 auch mit einem Knieſtück aufwarten. Dornbein, thun Sie Ihre Schuldigkeit.“ „Mit tauſend Freuden!“ ſagte dieſer und drückte knieend Amaliens Hand an ſeine Lippen. „Um Gotteswillen, Vice⸗Präſident! Was wird das geben?“ fragte Rohrmark tragikomiſch. „Ich habe keinen Begriff davon, Euer Würden,“ ant⸗ wortete dieſer.„Vorläufig aber zwei Hochzeiten.“ „Ihr werdet es gleich ſehen!“ ſagte Amalie.„Dort naht die Rache.“ Der öffentliche Ankläger trat athemlos aus dem Ge⸗ büſche. „Wehe! Wehe! Wehe!“ In der Ferne ward der Leichenbitter ſichtbar, wie er mit doppelten Flören, die ſich wie Segel aufbauſchten, den Hügel hinabſteuerte. „Betroffen!“ rief Ehrlich und wollte hinzuſetzen: In Hagranti, aber die ungelenke Zunge ſtolperte über den lateiniſchen Brocken und den herbeieilenden Zulip am Arm ergreifend, ſagte er ſchwer aufathmend: „Ich kann's nicht. Rede Er und verſetze Er ſie. „In den Arklageſtand!“ ergänzte Jener. „Ja!“ ſagte Ehrlich, ſich ermannend.„Angeklagte, überführt und verurtheilt...“ „Zu Unterrock und Nachtmütze!“ fiel Zulip kräf⸗ tig ein. Dornbein und Amalie lachten unaufhörlich. Sophie ſtand mit niedergeſchlagenen Augen, in ihrer Verlegen⸗ heit zwiefach ſchön. Rohrmark war in einer nicht benei⸗ denswerthen Lage. Aber ein Blick auf Sophie beſtimmte ſein Schickſal. Er richtete ſich ſtolz auf und ief den beiden Anklägern zu: „Packt En Ihr Schelme. Hier wollen wir Euch nicht länger dulden und Morgen wird ſich Alles finden.“ „Es wird ſich nichts finden!“ rief Meiſter Ehrlich. „Kein Präſident und kein Vice⸗Präſident. Sie werden darnieder geworfen.“ „Und begraben!“ ergänzte Zulip. Die gefürchteten Diener des Clubs verloren ſich in der wachſenden Dämmerung und die beiden glücklichen Paare tanzten mit fröhlichem Behagen auf dem grünen Raſen vor dem hellerleuchteten Waldhäuschen. Am andern Morgen war die Stadt in großer Bewe⸗ gung. Viele Geſchäfte und Werkſtätten blieben geſchloſſen. Ihre Inhaber ſtrömten zu einer außerordentlichen Sitzung in den Clubſaal. Der Alters⸗Präſident ſprach bewegliche Worte und forderte die Diener des Clubs auf, ihre An⸗ klage zu erheben. Da trat Herr Guthals ein und über⸗ reichte zwei Schreiben, worin Rohrmark und Dornbein ihre ſofortige Entlaſſung einreichten. Tumultuariſch ſtürz⸗ ten Alle hinaus; ſie wollten Rache für die beleidigte Würde der Verſammlung. Die von dem Zorn ihrer Genoſſen Bedrohten ließen ſich dieſen Aufſtand nicht ſonderlich anfechten. Dornbein ſcherzte darüber in ſeiner heiteren Weiſe, als er mit der Schweſter bei dem Freunde eintrat und Rohrmark ent⸗ gegnete ihm: „Ich habe Euch geſtern Abend erfucht, heute mit uns — Si zu frühſtücken, damit Ihr ſeht, daß ich es ernſtlich mit dem Geſinnungswechſel meine.“ „Dieſen Wechſel acceptire ich für meine Freundin,“ ſagte Amalie. „Sie können es ohne Gefahr,“ entgegnete Dornbein, „denn er iſt vollkommen wechſelfähig.“ Die Frauen lachten. „In einer Stunde iſt reines Haus,“ verſicherte Rohr⸗ mark und zog die Klingel. Herr Guthals, der wohl⸗ unterrichtet ſchien, trat ein und brachte die Frau Schlacht⸗ mund und den alten Andres mit. Die Erſtere präſentirte ſich als Henkeltopf und Andres, der bei ſeinem Frühſtück geſtört ward, ſagte mürriſch: „Was ſoll ich denn hier?“ „Das wird Ihnen der Herr ſchon ſagen!“ entgegnete Jener und Rohrmark ſprach: „Hört, Ihr Beide! Sie, Frau Schlachtmund, iſt bei mir, ſo lange ich einen Haushalt führe. Ihn, Andres, habe ich ſchon vom Vater überkommen. Ich habe Euch Beide ſtets gut behandelt und nur von Euch verlangt, was billig iſt. Ihr habt wenig auf meine geringen For⸗ derungen geachtet, aber reichlich genommen, was Euch gut dünkte. Ich habe bei allen dieſen Ungehörigkeiten ein Auge zugedrückt, weil ich ein Sclave der Gewohnheit bin und hundert Uebelſtände geduldig ertrage, um einem einzigen zu entgehen. Aber Ihr habt es ſo arg getrieben, daß, wenn ich auch beide Augen zudrückte, ich es doch mit Händen greifen konnte. Jetzt Lied am Ende. Ihr müßt Beide noch heute zum Hauſe hinaus.“ „Das iſt nun der Dank für langjährige treue Dienſte,“ Smidt, Glöckchen. 6 — 82— ſagte Andres trotzig. So ſind die Herrſchaften. Aber ich laſſe es mir nicht gefallen.“ „Schweige Er und ſchnür Er Seinen Bündel. Herr Guthals wird Ihm für einen Monat Lohn und Koſtgeld zahlen. In einer Stunde iſt Er draußen. Und um mei⸗ nes Vaters willen werde ich Ihn in's Spittel bringen laſſen. Da findet Er eine Suppe, wenn auch etwas ma⸗ gerer als hier, und ſtatt des Danzigers, muß Er ſich mit Brunnenwaſſer begnügen. Aber Er hat doch zu leben. So geht es faulen Grobianen. Marſch!“ Andres ſchlich hinaus. Frau Schlachtmund machte ſich lang, indem ſie auf den Zehen balancirte, und rief: „Na, das muß ich ſagen.“ „Was Sie betrifft,“ fuhr Rohrmark fort,„ſo theilt Sie mit dem Andres gleiches Schickſal. Ich kenne genau die Geſchichte Ihrer Marktpfennige, die wohl beſſer Marktthaler hießen. Gegen das Verſprechen, daß ich die Sache nicht weiter berühren will und gegen die Ent⸗ ſchädigung eines halbjährigen Lohnes, wird Sie wohl die Gefälligkeit haben, uns nicht weiter zu incommodiren. Wenn aber nicht, ſo kann mein Advokat...“ „Undank iſt der Welt Lohn!“ ſchrie Frau Schlacht⸗ mund.„Der Herr Bräutigam geben's ja gewaltig vor⸗ nehm. Wird aber eine Zeit kommen, wo Sie ſich nach den Fleiſchtöpfen der alten Haushälterin zurückſehnen. Aber alsdann nicht rühran!“ Sie ging mit dröhnenden Schritten hinaus. „Sie, lieber Guthals,“ fuhr Jener fort,„habe ich mit zweihundert Thalern Zulage bedacht. Nächſten Sonn⸗ tag ſind wir wieder im Waldhäuschen. Kommen Sie — 83— auch dahin und bringen Ihre liebe Braut mit. Und nun ſchaffen Sie mir das Geſindel aus dem Hauſe.“ Eine ſo durchgreifende Reform in einem ſo angeſehenen Hauſe konnte nicht unbemerkt vorübergehen. Sie trug ſich von Mund zu Mund und als die Männer unver⸗ richteter Sache von der außerordentlichen Sitzung nach Hauſe kamen, wußten alle Weiber und Schweſtern, alle Mütter und Tanten, was die Glocke geſchlagen hatte. Sie griffen, je nach Stand und Würden, zu den natür⸗ lichen Waffen des Geſchlechts. Die gute Stadt hatte noch nie an einem Tage ſo viele Thränen und Ohnmachten geſehen, noch nie ſo vielfach variirte Weiberſtimmen ge⸗ hört. Die geheime Chronik ſagt, daß am Abend ſelbigen Tages die Scene vor dem Waldhäuschen als lebendes Bild in den verſchiedenſten Theilen der Stadt zur Dar⸗ ſtellung gekommen ſei. Gewiß iſt, daß der Club der freien Männer mit die⸗ ſem Tage begraben ward, und daß Ehrlich und Zulip als die letzten Ruinen deſſelben in die Zukunft des Städtchens hinein ragten. Was aber ihr endliches Schick⸗ ſal geweſen iſt, darüber hat die Chronik nichts ver⸗ öffentlicht. 6* Maler, Schanſpieler, Gaſtwirth. Eine heitere Erzählung. „Ich glaube nicht, daß es noch eine Dachſtube giebt, die jämmerlicher meublirt iſt, als die unſrige,“ ſagte Adolf, der zu Thaliens Fahne geſchworen hatte und deſſen Schuld es nicht war, daß er nicht auf dem Etat der größten Hofbühne ſtand. „Doch!“ entgegnete Friedrich, der Portraitmaler und des jugendlichen Roscius Freund.„Diejenige, welche wir beziehen werden, wenn man uns hier nicht länger ohne Miethe wohnen läßt.“ „Die Wohnung wäre erträglich genug,“ ſagte Adolf wieder, wenn nur etwas darin wäre.“ „Außer uns Beiden,“ rief Friedrich,„auch nicht eine Fliege, da ſie keine Luſt zum Verhungern hat. Aber ſchweige. Ich bin gerade daran, wie Romano, die Linie zu einem Brutuskopfe zu finden.“ „Ich wollte lieber, Du fändeſt die Linie zu einem guten Frühſtück. Und wenn ſie dünner wäre, als ein Haarſeil, ich liefe darauf entlang.“ „Materieller Menſch!“ „Du haſt gut reden. Dich hat geſtern ein alter Be⸗ kannter mit einem brillanten Abendeſſen traktirt. Du ſchwelgſt noch in der Erinnerung. Aber ich habe ſeit dem dünnen Kaffe, ſammt alter Semmel, den die keifende Mutter mir vorſetzte, als ſie hierdurch in's neue Enga⸗ gement reiſte, nichts zu mir genommen. Vier und zwan⸗ zig Stunden!“ „Horch!“ ſagte Friedrich.„Es poltert etwas auf der Treppe. Bielleicht ein Kunde, der ſich malen laſſen will. Ich werde ſeinen Wunſch nur gegen einen mäßigen Vor⸗ ſchuß erfüllen.“ „Oder ein Direktor, der mir ein Engagement anbie⸗ ten will. Ich ſchließe den Contract jedenfalls nur bei Tiſche ab.“ Aber keiner der Erwarteten trat ein, ſondern die alte Wirthin erſchien belfernd und keifend, um den rückſtän⸗ digen Miethszins mahnend, und ging noch drei Mal kei⸗ fender wieder hinaus, weil ſie nichts geſehen hatte, woran ſie ſich einigermaßen hätte pfänden können. „Das iſt ein ſehr erbärmliches Leben!“ rief der Schauſpieler. „Ein ſehr erbärmliches!“ unterbrach ihn der Maler. „So kann es nicht fortgehen. Es muß durchaus anders werden.“ „Einverſtanden! Aber wie?“ „Gut Ding will Weile haben. Laß mich es überle⸗ gen. Ich weiß einen Freund, von dem im Nothfall noch einige Groſchen zu pumpen ſind. Unterweges denke ich reiflicher über Alles nach und kehre mit Brod, Bier und vernünftigen Gedanken zurück.“ Er war an's Fenſter getreten, um an der dort hän⸗ genden Spiegelſcherbe Toilette zu machen. 5Ich finde unſere Wohnung, genau genommen, doch nicht ſo ganz übel. Sie hat mindeſtens eine hübſche Aus ſicht.“ „Auf das himmelhohe graue Haus da drüben?“ „Ja. Und insbeſondere auf die Dachkammer mit den beiden ſchönen Kindern darin.“ „Mit denen Du ſchon ein paar Mal rechtſchaffen ge⸗ liebäugelt haſt.“ „Ich ahmte darin nur Dir nach. Aber wir ſind noch nicht weiter, als an dem erſten Tage, da dieſe Liebelei begann. Es ſind honnette Mädchen, denen man nichts anhaben kann.“ „Häuslich ſind ſie und arbeitſam.“ „Und 8 wie die Engel. Höre Du! Ich hätte faſt Luſt. „Wozu haſt Du Luſt?“ fragte Adolf ernſt.„Willſt hinüber gehen und Deiner Erkornen einen Heirathsan⸗ trag machen? Das würde eine ſaubere Wirthſchaft mit Euch Beiden werden, wenn die Dirne toll genug wäre und einwilligte. Apropos! Auf welche von Beiden iſt denn Deine Wahl gefallen?“ „Auf die Blondine,“ entgegnete der Maler. „Das iſt Dein Glück! Die Brünette iſt meine Paſ⸗ ſion. Die armen Dinger nähren ſich mühſam genug von ihrer Hände Arbeit.“ „Die armſeligen Fähnchen, die ſie tragen, bezeugen es.“ „Ich habe mich im Stillen nach ihnen erkundigt,“ ſagte Adolf.„Sie ſind die Töchter einer kürzlich ver⸗ ſtorbenen Beamten⸗Wittwe, deren kümmerliche Penſion nicht hinreichte, die Kinder und ſie zu ernähren. Da iſt die alte Frau, halb vor Gram, halb vor Hunger geſtorben.“ „Beſſer überlegt, will ich mir die Geſchichte doch aus dem Sinn ſchlagen!“ ſagte Friedrich. — 67— „Daran thuſt Du geſcheut!“ entgegnete Adolf,„ob⸗ gleich noch etwas dabei iſt, worauf ein Enthuſiaſt wie Du, Fuß faſſen könnte. Die alte Frau hinterließ wohl⸗ habende Verwandte, die ſich von ihr zurückzogen, als ſie den armen Schlucker heirathete. Die ganze Familie ward ihr deshalb ſpinnefeind. Nun, der Tod verſöhnt Alles, ſagt man; vielleicht auch jene böſen Verwandten.“ „Das klingt mir zu pathetiſch,“ ſagte Friedrich, der bei der mangelhaften Auswahl von Gegenſtänden nur mühſam mit ſeiner Toilette zu Stande gekommen war. Schade um die ſchönen Kinder. Aber ich muß zu dem Freunde, auf deſſen Börſe ich einen Angriff verſuchen will, und während des Weges berathe ich mit mir über unſere Zukunft. Laß Dir die Zeit nicht lang währen.“ Er eilte die Stiege hinab und Adolf griff nach einem etwas zerfetzten Hefte. Es war eine Paraderolle, worin er jeden Augenblick aufzutreten bereit war, wenn ſich ihm eine Gelegenheit dazu darbot. Die beiden jungen Mädchen drüben, die ihre liebe Jugendzeit damit hinbrachten, einen Faden nach dem an⸗ dern einzufädeln, hatten, trotz ihres Fleißes, manchen Blick für ihre Nachbarn übrig, den ſie verſtohlen hinüber warfen und dann mit allerlei Gedanken kämpften, die ſie ſeufzend unterdrückten. Schade,“ meinte Pauline, die Blonde,„daß ſie Beide ein ſo gar unſicheres Brod, oder vielmehr gar keins haben. Einer iſt Portraitmaler.“ „Das iſt der, der Dich immer ſo freundlich grüßt,“ ſagte die brünette Caroline.„Armes Kind! Er iſt der Aermſte von den Beiden. Da geht er gerade aus der Thür. Sein Anzug iſt nichts weniger, als glänzend.“ „Immer noch beſſer, als Dein Schauſpieler,“ ent⸗ gegnete Pauline leicht erregt.„Es ſteht Dir nicht be⸗ ſonders gut, in ſolcher Weiſe mit mir zu ſprechen. Kön⸗ nen wir denn etwas dafür, daß wir ſo ſehr arm ſind. Wenn die Mutter Dich gehört hätte.“ „Ach, die Mutter!“ ſeufzte Caroline und Beide wur⸗ den ſtill. Nach einer Pauſe ſagte Pauline: „Die Mutter hat auch einen armen Mann genom⸗ men und es hat ihr nimmer leid gethan. Aller Mangel hat ſie nicht verſtimmt und ſie war nur traurig, als ſie ihn verlor. Erſt, als ihre letzte Stunde kam, war ſie wieder zufrieden, weil ſie fortan bei ihm ſein konnte. Das hat ſie geſagt, als ſie uns ihren letzten Segen gab.“ „Weißt Du, Pauline,“ ſagte die Schweſter,„wir ha⸗ ben es beſſer, als die Mutter.“ „Wie meinſt Du das?“ „Weil wir keine reichen Verwandten haben, die ſich alle Mühe geben, unſere Heirath zu hintertreiben und nachher, wenn es ihnen nicht gelingt, nicht ruhen, uns tauſend Schabernak zu ſpielen und uns in der Noth zu verſpotten.“ „Das war mehr als grauſam,“ ſprach Pauline vor ſich hin.„Von den Andern will ich indeſſen Nichts ſa⸗ gen; die ſtanden der Mutter zu fern. Aber eine leib liche Schweſter war darunter. Wenn Du jemals ſo ge⸗½ gen mich handeln könnteſt, Caroline.“ 3 „Man muß nichts verſchwören,“ ſagte dieſe neckend. „Wenn mein Courmacher von drüben einſt in der Reſi⸗ —— denz einer der erſten Schauſpieler iſt und mich heirathet, Wer weiß, welcher Hochmuthsteufel mich dann plagt.“ „Ach! Man darf auch im Scherz nicht ſolche Dinge ſprechen,“ ſagte verweiſend Pauline.„Du, als die Ael⸗ tere, ſollteſt das am erſten wiſſen. Was hätten wir bei⸗ den verlaſſenen Geſchöpfe auf der Welt, wenn wir uns nicht hätten und unſere Liebe zu einander?“ Beide Mädchen umarmten ſich innig und weinten, ohne recht zu wiſſen warum? Mädchenthränen bedeuten oft ſo wenig und oft— ach, ſo viel. Man kann nur ihre Quelle nicht jedes Mal ergründen, die ſtets in dem tiefſten Schacht des ſorgſam umſchleierten Herzens ver⸗ borgen iſt. Während die Mädchen in ſolcher Weiſe mitſammen ſchwatzten und ihre Herzen einander öffneten, rannte ihr Nachbar, der Schauſpieler, in ſeiner Kammer auf und ab. Er warf die Arme links und rechts, die Beine voraus, den Kopf in den Nacken und deklamirte ſo Wände erſchütternd, daß er, von der Allgewalt ſeiner eigenen Beredſamkeit hingeriſſen, es nicht vernahm, daß ſchon drei Mal an die Thür gepocht worden. Ein kleines Männchen mit einem ſehr abgetragenen ſeegrünen Rock, dürftiger Wäſche und mit beſtäubten Ka⸗ maſchen trat ein, als Adolf gerade eine bedeutende Kraft⸗ ſtelle ſprach und begann wüthend zu applaudiren. Adolf verneigte ſich unwillkührlich vor dem Fremden und ſagte dann: „Mit Wem habe ich die Ehre?“ „Ich heiße Blaumann,“ ſagte der Herr im ſeegrünen Rock,“ und habe das Unglück, nicht nur der Direktor — eines Theaters, ſondern auch ein Enthuſiaſt für daſſelbe zu ſein. Ich bin eigentlich zwei Perſonen, mein Herr.“ „Kaum ausreichend für Eine!“ brummte Adolf vor ſich hin, die kleine Figur des Herrn Blaumann muſternd. „Ich erlaube mir, Ihnen das dentlich zu machen, mein Herr. Wenn ich finde, daß meiner Bühne irgend etwas mangelt, halte ich es für meine Fflicht, überall ſorgfältig nachzuforſchen, wo und wie ich es in beſter Qualität und für den n geringen Preis erhal⸗ ten kann.“ „Das läßt ſich denken,“ ſagte Adolf ſpöttiſch. Blaumann entgegnete achſelzuckend:„Das Geſchäft bringt es ſo mit ſich. Sie an meiner Stelle würden es ebenſo machen und thäten ganz recht, während ich mich jedes Mal durch mein zweites Ich, den Enthuſiaſten übertölpeln laſſe, der mir ſchon manchen ſoliden Handel verdorben hat. So jetzt den mit Ihnen.“ „Mit mir, Herr Blaumann?“ „Gerade mit Ihnen. Ich brauche einen erſten Lieb⸗ haber und Helden; höre, daß Sie, ſo zu ſagen— bitte, es aber nicht übel zu nehmen— Hungerpfoten ſangen und denke, Sie billigen Kaufes mit mir hinweg zu führen. Da höre ich Sie deklamiren. Mir ſchwant ſchon Böſes und ich ſtecke deshalb beide Hände vorſichtig in die Taſche. Aber der verdammte Enthuſiaſt in mir reißt ſie mir wieder heraus und ſchlägt ſie zuſammen, als ob ich ein ganzes, großes verehrungswürdiges Publikum wäre und die Claque dazu. Nun habe ich mich ſelbſt gefangen und muß Zulage geben, ehe ich noch überhaupt ein Gebot gemacht habe. — — „Das iſt eine neue Art, Contrakte abzuſchließen,“ ſagte Adolf.„Aber wir wollen nicht viel Federleſens mit einander machen; darum bin ich eben ſo aufrichtig als Sie und ſage Ihnen, daß ich tüchtig in der Patſche ſitze und um heraus zu kommen, gern bereit bin, auf einigermaßen leidliche Bedingungen einzugehen. „Herrlicher junger Mann!“ antwortete der Direktor gerührt.„Aber ich ſtehe Ihnen an Großmuth nicht nach und werde das Mögligſte für Sie thun, wenn ich nur oberflächlich von Ihren Fähigkeiten unterrichtet bin. Wie ſteht es mit der Memorie?“ „Vortrefflich. Ich habe einmal im Nothfall den Jaromir mit Haut und Haar in drei Tagen hinein⸗ gewürgt.“ „Und das Repertoir?“ „Ich kann den Ottfried, den Struenſee, den Georg Winegg an den Fingern herſagen.“ „Erlanben Sie!“ unterbrach Jener.„Nur keine Gutzkow's, keine Freitag's und keine Laube's und der⸗ gleichen gelehrten Kram. Das mag für die Hoftheater und Stadtbühnen willkommenes Futter ſein. Meine braven Landſtädter, mein Publikum nach altem Schnitte wendet ſich verachtungsvoll von dieſen neumodiſchen Kunſtſtudien ab und verlangt, wie es unſere Väter thaten, eine althergebrachte, hausbackene Komödie. Wie ſteht es mit dem Balduin von Eichenhorſt, dem Kaspar der Tho⸗ ringer, und dem Urskoff in der Beſtürmung von Smolenks?“ ² „Dergleichen Waare liefere ich Ihnen auf Beſtellung Tag um Tag eine andere Rolle.“ „Und damit reichen wir vollkommen aus. Wir ſind alſo Handelseins.“ „Mann! Sie haben ja ein Repertoire, wie einſt das Königſtädtiſche Theater in Berlin.“ „Beſſer, mein Charmanter! Beſſer! Dort ſprangen ſie doch mitunter vom rechten Wege ab, und griffen hier und dort hin, ohne zu wiſſen weshalb. Aber bei uns bleibt Alles ſtehen und liegen, wie es einmal ſteht. Die Kreuzfahrer, die Johanna von Montfaucon und die Agnes Bernauerin. Höchſtens laſſe ich an hohen Feſt⸗ tagen den Ferdinand von Walter und den Karl Moor gaſtiren. Dann iſt aber auch Abonnement suspendu. Unter uns: Meine Garderobe, meine Decorationen, kurz, der ganze Habitus paſſen dazu. Zu dem neuen Kram müßte ich auch neue Schneider, neue Maler und was weiß ich haben; nicht zu gedenken der großmäuligen Dichter, die auf Honorar Anſpruch machen, oder gar auf Tantieme und mit dem ſchwarzen Regiſter in der Theater⸗ chronik drohen. Das iſt auch eine Errungenſchaft der nenern Zeit und eine Erfindung der großen Hoftheater, welche den Herren von Holbein und von Küſtner der liebe Gott vergebe. Sie gefallen mir und wenn es Ihnen recht iſt, brechen wir gleich zuſammen auf.“ „Das wäre allerdings kurz und bündig. Aber wir haben noch kein Wort von den Engagements⸗Bedingun⸗ gen geſprochen.“ „Liebſter Mann, das geht bei mir Alles nach der Chablone. Von dem Augenblicke an, da Sie bei mir in Engagement treten, bin ich Ihnen Vater und Mutter. Letzteres iſt eigentlich meine Frau, die für die Oekonomie „ ſorgt. Sie wohnen unter einem Dache mit mir; wir eſſen aus einem Topfe und trinken aus einem Becher. „Recht patriarchaliſch.“ „Darum habe ich auch gar keine Idee von Spiel⸗ honorar, Garderobengeld und ähnlichen, der Kunſt ver⸗ derblichen Erfindungen der Neuzeit. Hingegen ſpende ich zu jeder Vorſtellung, worin Sie eine Paraderolle haben, nach Umſtänden zwei bis drei Billets oder mehr für dieſen oder jenen händebegabten Freund. Sie verſtehen mich?“ Herr Blaumann machte die Pantomime des Ap⸗ plaudirens. „Alſo dieſe Atrappe der Neuzeit hat ſich doch Ihren Beifall erworben?“ „Schatz! Was will ich machen? Man muß mitunter ein Auge zudrücken. Aber um unſere Angelegenheit zu Ende zu bringen, und weil ich den Enthuſiaſten doch ein⸗ mal habe durchblicken laſſen, gebe ich Ihnen außerdem als Taſchengeld die Woche einen Thaler.“ „Einen ganzen Thaler fragte Adolf ironiſch. „Ich hoffe,“ entgegnete Herr Blaumann ſehr ernſt⸗ haft,“ daß die Einnahmen, die ich Ihrem Talente ver⸗ danken ſoll, ſo ausfallen, daß ich dieſem Verſprechen Ge⸗ nüge leiſten kann. Im Falle einer Inſolvenz, erzielt durch mangelhafte Einnahmen, erachte ich mich auch die⸗ ſer Zahlung ganz oder theilweiſe enthoben. Nun? Wes⸗ halb beſinnen Sie ſich noch lange? Ich biete Ihnen eine ſorgenloſe Exiſtenz und eine ehrenvolle künſtleriſche Wirk⸗ ſamkeit. Eine beſondere Wahl bleibt Ihnen nicht.“ „Das iſt wahr!“ entgegnete Adolf tragikomiſch. „Alles iſt vorbei und wenn nicht mein Freund, den ich v „ 1 — 9 eben die Treppe heraufkommen höre, Hülfe bringt, ſo iſt jede Ausſicht verſperrt.“ Friedrich trat unterdeſſen mit einem trübſeligen Ge⸗ ſichte ein. Adolf errieth ihn: „Es war vermuthlich ein vergeblicher Gang?“ „Alles umſonſt. Das Tigerherz ließ ſich durch nichts erweichen. Wir ſind noch miſerabler daran, als vorher, denn es geht ſtark auf Mittag und wir haben noch im⸗ mer kein Frühſtück.“ Herr Blaumann ſah die jungen Leute wechſelweiſe an. Er hatte den Enthuſiaſten ſchnell verjagt und der Direktor herrſchte unbeſchränkt. „Nun, mein Herr?“ ſagte er gemeſſen zu Adolf.„Die Zeit verſtreicht. Ich bitte um entſcheidende Antwort.“ Adolf bedachte ſeines Freundes Lage und die ſeine und fragte: „Du willſt alſo durchaus von hier?“ „Ich ſehe kein anderes Heil für Dich und mich. Hier gehen wir unter in Mangel und Müßiggang. Und oben⸗ ein verliere ich Kopf und Herz. Die hübſche Blondine von drüben— ſie ſtand am Brunnen und holte einen Krug mit Waſſer. Als ſie mich ſo unerwartet kommen ſah, erſchrak ſie und wäre gefallen, wenn ich ihr nicht beige⸗ ſprungen wäre. Wir müſſen gewiß und wahrhaftig fort.“ „Wohlan, Herr Blaumann; ich bin der Ihrige. Aber nur unter einer einzigen Bedingung, die unerläßlich iſt.“ „Und dieſe wäre?“ „Dort ſteht mein Freund, mit dem ich alle Trübſale, die aus zwei leeren Börſen entſpringen, durchgemacht habe. Er will fort und anderswo ſein Glück verſuchen. Dazu braucht er Reiſegeld und wenn ich mit Ihnen zie⸗ hen ſoll, müſſen Sie mir auf der Stelle einen monatli⸗ chen Vorſchuß geben.“ „Vier Thaler?“ „Und einen fünften dazu für mich als Handgeld.“ „Vorſchuß iſt eine Theater⸗Errungenſchaft, die für mich nicht vorhanden iſt.“ „So bleiben wir zuſammen und hungern weiter. Sie aber halten ſich gefälligſt nicht länger auf.“ „O Sie Tiger! Sie Hyäne! Sie Vampyr!“ ſchalt Herr Blaumann und zog die Börſe.„Sei es denn! Fünf blanke Preußen!“ „Geben Sie her! Da, Friedrich, nimm! Du vier, ich einen, das iſt brüderlich getheilt.“ „Adolf, das werde ich Dir nimmer vergeſſen. Ich trenne mich mit ſchwerem Herzen von Dir. Aber Eins wollen wir uns geloben.“ „Und was?“ „Bei uns ſoll es nicht heißen: aus den Augen, aus dem Sinn. Wir wollen einander treu bleiben und hel⸗ fen in Noth und Tod.“ „Du biſt und bleibſt der alte Enthnuſiaſt. Aber wenn es der Zufall will, daß mir ein glückliches Loos beſchie⸗ den wird und Du leideſt Noth, ſo biſt Du meiner Hülfe ſo gewiß wie heute.“ „Und ich!— Aber, was kann ich Dir verſprechen? Ich bin ein Pechvogel geweſen mein Lebelang und werde es bleiben, bis an mein ſeliges Ende. Lebe wohl, Adolf! Von dem matteſten Sonnenſtrahl, der meinen Weg er⸗ hellt, ſollſt Du Deinen Antheil haben.“ „Jetzt wäre ich in der Stimmung, den Carl von Moor zu ſpielen!“ rief Adolf.„Kommen Sie, Herr Direktor.“ „Nicht alſo!“ ſagte Dieſer. Man ſoll nicht von mir ſagen, ich ſei ein gefühlloſer Klotz, der eine ſolche Scene, ohne Thränen zu vergießen angeſehen hätte. Zwei ſolche Freunde ſollten ſich trennen, ohne mitſammen noch einmal gefrühſtückt zu haben? Das darf nicht geſchehen. Sie folgen mir in meinen Gaſthof. Wir eſſen mitſammen, trinken unſer Gläschen und wünſchen uns gegenſeitig eine glückliche Reiſe.“ Adolf trat erſtaunt einen Schritt zurück:„Woher kommt dieſe unerklärliche Großmuth?“ Blaumann machte ein klägliches Geſicht:„Habe ich es nicht geſagt, daß ich eine Doppel⸗Natur bin? Das iſt der Kerl, der Enthuſiaſt, der mich bei vernünftigen Leu⸗ ten um alles Renommé bringt. Aber Ihr Beide ſeid auch keine vernünftigen Leute. Kommt! Kommt! Wir ge⸗ hen in's goldene Horn und wenn wir tüchtig miteinander gezecht haben, wandert unſer Maler in die weite Welt hinein und wir Beide fahren mit der Landkutſche dreizehn Meilen weit nach Grüneiche, wo ich übermorgen meine Bühne zu eröffnen denke.“ Mit dieſen Worten eilte der Director die Treppe hin⸗ ab. Die Freunde folgten ihm, nicht ohne ſich wehmüthig in der kleinen Klauſe umzuſchauen, worin ſie ſo manchen trüben Augenblick hanſten und die ſie nun für immer ver⸗ laſſen ſollten. Und es däuchte ihnen einen Augenblick lang, als könnten ſie nicht von dannen. Und Wem, der aus tiefem Leid zu einem wolkenloſen 97— heitern Glücksſtand kam, iſt es nicht begegnet, daß er, in dem Schvoße der Fülle und des Ueberfluſſes ruhend, ſich zurückſehnte nach der verlaſſenen Klauſe des Elends, um in der Wolluſt des Schmerzes zu ſchwelgen? Die Schweſtern, durch häusliche Geſchäfte und an⸗ dere Beſorgungen kurze Zeit von einander getrennt, ſa⸗ ßen wieder beiſammen. Pauline erzählte ihr Erlebniß am Brunnen mit dem Maler. Caroline hörte ſchweigend zu und bedauerte nur, daß ſie nicht mit dem Waſſer⸗ kruge gegangen und daß es nicht der Schauſpieler gewe⸗ ſen, der ihr zu Hülfe geeilt, als ſie gerade fallen ſollte, oder wollte. Da vernahm man draußen Tritte. Die Mädchen fuhren auseinander und die muthwillige Caroline rief: „Horch! Dein Maler will ſich den Dank für ſeine Hülfe erbitten, und kommt geradesweges hierher. Wie denkſt Du Dich mit ihm abzufinden?“ „Sprich doch nicht ſo etwas. Es wird die alte Han⸗ delsfrau ſein, die uns die neue Arbeit bringt.“ Aber es war keiner von Beiden. Als die Thür ſich öffnete, gewahrten die Schweſtern eine alte in Trauer gekleidete Frau, die ihnen unbekannt war. Sie ſah ſich im Zimmer um und fragte nicht ohne Bewegung: „Bin ich hier recht in der Behauſung der verwittwe⸗ ten Kanzeliſtin Winter?“ „Das war unſere Mutter,“ ſagte Caroline. „Sie brauchen es nicht zu ſagen,“ entgegnete die alte Frau,“ denn Sie ſind ihr wie aus den Angen geſchnit⸗ ten. Wie heißen Sie denn?“ „Carvline, gute Frau.“ Smidt, Glöckchen. 7 „Sie ſind alſo die Aelteſte? Und jenes' gute ſanfte Kind iſt Pauline?“ „Allerdings,“ entgegnete Caroline.„Aber wollen Sie uns nicht ſagen, woher Sie uns kennen und was uns die Ehre Ihres Beſuches verſchafft?“ „Ja, ja, Kinder! Ich habe Euch Manches zu ſagen und weiß nicht, wie ich es eigentlich anbringen ſoll. Laßt mich aber niederſitzen; das viele Treppenſteigen hat mich ermüdet.“ Alle Drei ſetzten ſich neben einander und die Mäd⸗ chen harrten mit geſpannter Neugier der Dinge, die ih⸗ nen offenbar werden ſollten. „Daß ich's kurz mache,“ begann Jene.„Ihr wißt, Eure Mutter hatte ſich wider den Willen ihrer Ver⸗ wandten verheirathet und dadurch den Zorn derfelben erregt. Man ließ ſie ihres Weges gehen und kümmerte ſich nicht um ſie.“ „Das war ſehr hart und grauſam,“ ſagte Pauline. „Wohl war es das,“ fuhr Jene fort. Aber wer kann für die Leidenſchaften der Menſchen? Ich habe am mei⸗ ſten dabei gelitten, denn daß ich es nur gerade heraus⸗ ſage. Eure Mutter war meine Schweſter.“ „Sie ſind unſere Tante Lorenz?“ rief Caroline haſtig und Pauline rückte unwillkührlich ihren Stuhl ein we⸗ nig zurück. „Wohl verdiene ich Vorwürfe, aber doch nicht in dem Grade, als Ihr zu glauben ſcheint. Ich bin von jeher ein willenloſes Geſchöpf geweſen, das leicht einzuſchüch⸗ tern war. Als nun die ganze Familie ſich erhob, abſon⸗ derlich mein Mann, der ein eiſernes Hausregiment führte, — 656— und über die Heirath zornig war, weil Eure Mutter ſeinen Bruder hatte nehmen ſollen, wagte ich den Mund nicht zu öffnen und mußte es dulden, daß meine Schwe⸗ ſter mich für eben ſo ſchlecht hielt, als die Andern.“ „Sie hatte auch nicht Unrecht,“ dachte Caroline und Pauline ſeufzte:„Es wäre mir am Ende eben ſo ergan⸗ gen.“ Die Tante aber fuhr fort: „Was Anfangs gezwungen begann, wurde aus Ge⸗ wohnheit fortgeſetzt. Aber im Stillen dachte ich oft der Schweſter und ſandte ihr heimlich Dies oder Jenes, bis endlich mein Mann dahinter kam und mir nun auch dies nicht mehr vergönnt war. Ach, Kinder, laßt mich nicht mehr von jenen Zeiten ſprechen. Ich habe genug aus⸗ geſtanden, daß ich meine arme Schweſter nicht wieder⸗ geſehen habe. Mein Mann— Gott verzeihe ihm ſeine Härte!— iſt nun auch hinüber. Ich aber bin frei in mei⸗ nem Thun und hierher gekommen, Euch mit mir zu neh⸗ men, wenn Ihr mir folgen wollt und an Euch gut zu machen, was ich an Eurer Mutter verſchuldet habe, ſo⸗ viel ich kann. Seyd Ihr es zufrieden?“ Die beiden Mädchen ſaßen da, ſahen bald ſich, bald die Tante an und wußten nicht, was ſie zu der uner⸗ warteten Wendung ihres Geſchickes ſagen ſollten. End⸗ lich wurden ſie vertrauter mit einander. Das Geſpräch flog hin und h d das Ende der Beſprechung war, daß die Schweſtern ihre Habſeligkeiten zuſammen packten, um noch ſelbigen Tages nach Grüneiche zu fahren, wo Tante Lorenz die Beſitzerin des Gaſthofes zum weißen Engel war. Als die Schweſtern den Wagen beſtiegen, um dem — — 100— verheißenen Paradieſe entgegen zu fahren, geſchah es, daß ſie, wie unwillkührlich, zum fünften Stocke des Nach⸗ barhauſes hinaufſahen, aber ohne etwas zu entdecken. Ihre Blicke begegneten ſich. Sie errötheten und fuh⸗ ren davon. Ein unerwartetes Ereigniß war ihnen noch bereitet. Als ſie, eine Viertelmeile von ihrer Heimath entfernt, die Stelle erreichten, wo zwei große Landſtraßen ſich kreuzten, ſahen ſie zwei Landkutſchen neben einander hal⸗ ten, welche die Paſſagiere wechſelten. Auf der Imperiale der Einen ſaß Blaumann mit weinſeligem Geſicht. Ihm zur Seite ſtand Adolf laut rufend und mit dem Hute winkend, während Friedrich, den Knotenſtock in der Hand, ſich anſchickte, in's Blaue hineinzuwandern. Die beiden jungen Männer gewahrten ihre ſchönen Nachbarinnen in dem ſtattlichen Wagen. Ein Ruf der Ueberraſchung flog von ihren Lippen. Hüte und Tücher wurden wiederholt geſchwenkt. Aber in demſelben Au⸗ genblicke rückten die Landkutſchen auseinander. Es ward freie Bahn und die leichtfüßigen Braunen der Frau Lo⸗ renz flogen im geſtreckten Trabe davon. Wir hauſen nun in Grüneiche und zwei Orte ſind es, welche unſere Aufmerkſamkeit beſt de s feſſeln. Der Erſte iſt die abentheuerliche Wohnung des Theaterprinzi⸗ pals Blaumann und ſeiner Schauſpieler. Er hat ſie nach altpatriarchaliſcher Sitte um ſeinen Heerd verſam⸗ melt, nährt ſie mit mageren Suppen und ſucht ſie mit wohlwollenden Redensarten zu beſihtigen, wenn in —— —— — 101— 8* ihnen vie Sehnſucht nach Roſtbeef und klingender Münze lebendig zu werden droht. Unwillig ſträubt ſich das le⸗ bensluſtige Volk gegen dieſe Thrannei und ſtrebt dar⸗ nach, das Netz zu zerreißen, worin es zappelt. Aber es ſteht in dem Bann der Nothwendigkeit, denn hier iſt doch mindeſtens ein Engagement mit einer mageren Suppe, während hundert Andere vergebens nach einem ſolchen Aſyle ſeufzen: denn die Zeit ſteht auf dem Kopfe*) und mitten im tollen Mummenſchanz jagt die Politik als Pritſchenmeiſter umher und treibt alles Volk aus dem Kreiſe des Harmloſen in den tollen Wirrwar hinein. Nirgends, außer in ihm, ſoll das Himmelreich zu fin⸗ den ſein. Die zweite Behauſung die ein ſchützendes Dach dar⸗ beut, iſt der Gaſthof zum weißen Engel, der Tante Lo⸗ renz gehörig. Alle Gäſte, die darin verkehrten, waren der Meinung, daß die beiden Nichten der Wirthin mit dem weißen Engel anf dem Schilde nicht gemeint ſein konnten, denn dieſe hatten Wangen ſo roſenroth, daß der gemalte Engel an der Thür— ſichtlich aus Neid darüber— täglich bläſſer wurde, was die Leute, alberner Weiſe, auf den Einfluß der Witterung ſchoben. Der mänuliche Theil des Bühnenperſonales hatte bald herausgebracht, daß es in dieſem Gaſthofe nicht nur zwei hübſche Mädchen, ſondern auch einen guten Wein zu mäßigem Preiſe gab, und lenkte ſeine Schritte dahin, zum größten Aerger der Wirthin, die bei dieſen Beſu⸗ chen an Wein und Kreide immer ärmer wurde, denn je⸗ *) Schrieb's 1848. — 102— mehr von dem Erſteren getrunken wurde, jemehr mußte ſie von der Letzteren aufwenden. Adolf war keiner der Letzten, der dieſe Entdeckung machte und noch eine zweite dazu: Nämlich die, daß die ſtille Neigung aus der nachbarlichen Dachſtube ſich hier befand und eine wichtige Rolle ſpielte. Er wurde ſehr nachdenkend, ſah ſeufzend die Fleiſchtöpfe Aegyptens am hellen Feuer ſchmoren und bedauerte, nicht eine hinrei⸗ chend lange Gabel zu beſitzen, um beliebig zulangen zu können. Caroline ſchien dieſe Empfindungen dem vollen Werthe nach zu würdigen. So ſehr ſie ihrer Tante Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen und geſtehen mußte, daß ſie eine der tüchtigſten Gaſtwirthinnen ſei, war ſie doch auch der Meinung, daß an allen Ecken und Enden ein Mann fehle, um die Intereſſen des Hauſes zu vertreten und Niemand dazu geſchickter ſei, als der junge Herr Adolf. Hatte er ihr doch ſchon mehrere Male betheuert, daß er nur gezwungen Schauſpieler ſei und gern von den un⸗ dankbaren Brettern ſchiede, wenn er Gelegenheit fände, anderweit ſein Brod zu eſſen. Mit der Sprache der Bühnenwelt durchaus nicht vertraut, begriff ſie ſchlechter⸗ dings nicht, wie es undankbare Bretter gebeh könne. Sie kannte nur zweierlei, gehobelte und ungehobelte. Dieje⸗ nigen, welche gewiſſe Leute ſtets vor dem Kopf trugen, bemerkte ſie in ihrer Unſchuld ohnehin nicht. Unterdeſſen vertraute ſie ſich ihrer Schweſter Pauline an und dieſe, des Begegniſſes mit dem ſentimentalen Portraitmaler am Brunnen gedenkend, ſchloß lieb Schweſterchen in die Arme und gelobte ihr mit Rath und That beizuſtehen; vor Allem — 103— aber, die Angelegenheit der Tante an's Herz zu legen und auf eine Entſcheidung zu dringen, Dies Letztere geſchah und Tante Lorenz war in der äußerſten Beſtürzung, als ſie bemerkte, daß das Geſchick hier eben ſo ſeltſame Sprünge mache, als in ihrer Ju⸗ gend. Nur noch etwas ärger. Ihre Schweſter hatte zwar auch eine Mißheirath geſchloſſen, aber es war doch ein unbeſcholtener Mann in Amt und Brod geweſen. Und nun hatte die Schweſtertochter gar eine Liebelei mit einem Comödianten, der zwar nicht mehr in der Armen⸗ fünder⸗Ecke des Kirchhofs begraben ward, aber doch ei⸗ ner ehrſamen Bürgersfrau mit Haus und Hof ferner ſtand, als Apoll dem Satyr. Was ſollte Tante Lorenz thun? Sie hatte den unſe⸗ ligen Vorgang mit der Schweſter vor Augen und wollte daher nicht ſtrenge S Andererſeits aber konnte ſolches Bündniß nach ihrer Meinung nur zum Unheil ausſchla⸗ gen und darum hielt ſie ſich in ihrem Gewiſſen verbun⸗ den, es möglichſt zu verhindern. Sie verſuchte die Kunſt der Ueberredung, um Adolf zum Rücktritt zu bewegen und bot ihm für den Fall, daß er Luſt habe, die Welt zu ſehen, ein brillantes Reiſegeld an. Alles vergebens! Darüber ward Tante Lorenz ſo ärgerlich, daß ſie ſpöt⸗ tiſch zu Adolf ſagte, er möge ſo oft in den„Engel“ kommen, als er den Wein daſelbſt zu bezahlen ver⸗ möge. Daraus folgte, daß er bald ganz wegbleiben mußte, denn Blaumann zahlte überhaupt ſpärlich, ſeit Kurzem aber gar nicht, und die Fama wollte wiſ⸗ ſen, es ſei dem Direktor zugewispert: Je weniger Geld er dem Adolf gäbe, um es im„Engel“ zu ver⸗ — 104— thun, je mehr Credit ſollte ihm daſelbſt bewilligt werden. So ſaß Adolf manche Stunde in ſeiner einſamen Kammer und ſammelte immer mehr jener Ingredienzien, die zu einer rechtſchaffenen Melancholie nöthig ſind, als plötzlich von einer Seite, von welcher her ſie am wenig⸗ ſten vermuthet werden konnte, die rettende That erſchien und zwar in der Geſtalt eines jungen Poſt⸗Aſſiſtenten, der mit großer Höflichkeit in die Kammer des Schauſpielers trat. Nachdem er ſich durch einige Fragen überzeugt hatte, daß die Perſon, an die er geſendet, diejenige ſei, welche vor ihm ſtand, ſagte er höflich: „Entſchuldigen Sie dieſe Vorfragen. Aber zu allen Dingen iſt Vorſicht gut, am meiſten aber in Geldge⸗ ſchäften.“ „Sollen Sie Geld von mir einfordern?“ fragte Adolf unwillkührlich erſchreckend, denn ſo oft er von Geld ſpre⸗ chen hörte, glaubte er, er ſei es ſchuldig. „Im Gegentheil!“ ſagte der Aſſiſtent.„Ich ſoll Ih⸗ nen etwas bringen. Was ſage ich? Etwas? Viel! Sehr viel! Wenigſtens in den Augen eines armen Poſt⸗Aſſiſten⸗ ten. Hundert Louisd'or!“ „Hundert?“— das Wort erſtarb dem erſchreckten Adolf im Munde. Die beiden jungen Leute, die noch nie über eine ſo große Summe ſelbſtſtändig verfügten, betrachteten ſich ge⸗ genſeitig mit einem furchtſamen Staunen, bis endlich der Schauſpieler, ſich zuerſt ermannte und ſeine Rede fortſetzte: „Alſo hundert Louisd'or? Wollen Sie mir nicht gü⸗ — 105— tigſt erklären, wie dieſe ſeltſamſte aller Geſchichten ſich verhält?“ „Zu dienen. Es iſt in der Reſidenz ein Geldbrief zur Poſt gegeben, adreſſirt an Herrn Adolf, Schauſpieler bei der Truppe des Herrn Direktor Blaumann, derzeitig zu Grüneiche. Beſagter Herr Adolf ſind Sie?“ „Leibhaftig.“ „Brief und Geld gingen alſo ab und Alles war in Ordnung, bis zehn Meilen von hier, wo die Poſt durch einen dichten Wald muß. Sie ward hier von Räubern angefallen, welche uns zwar die Briefe gelaſſen, aber ſämmtliche Baarſchaften an ſich geriſſen haben. Es iſt über dieſen Unfall berichtet und höheren Orts entſchieden, daß die Poſt den Verluſt zu tragen und alle Summen, die ihr anvertraut waren, zu erſetzen habe. Auf dieſe Weiſe empfangen auch Sie hundert Louisd'or, woran Sie wohl noch kaum gedacht haben.“ Er zählte die genannte Summe auf den Tiſch, legte einen Brief dazu und ſagte:„Hier iſt Ihr Eigenthum. Ich bitte um Quittung.“ Adolf war wie im Traume. Er unterſchrieb blind⸗ lings, was man ihm vorlegte und fiel dann eifrig über den Brief her. Aber wie erſtaunte er, als er die Schrift⸗ züge ſeines Freundes erkannte, der folgende Worte flüch⸗ tig auf das Paper geworfen hatte: „Lieber Bruder! Das Blatt hat ſich gewendet. Ich bin am Ziel meiner Wünſche. Frage nicht nach Wo oder Wie? Vernimm uur, daß ich ſtehenden Fußes nach Ita⸗ lien, dem Lande meiner Sehnſucht, aufbreche. Bei mei⸗ nem Abſchiede nochmals Dank für Deine letzte Hülfe, die — 106— Du mir ſo tren gewährteſt. Als einen Beweis meiner Dankbarkeit empfange die beikommenden hundert Louis⸗ d'or, die ich recht gut entbehren kann, und mache Dir einen luſtigen Tag. Friedrich.“ „Iſt der Kerl ganz und gar verrückt?“ rief Adolf aus.“ Iſt er Räuber, Bandit, Bravo geworden? Hat er einen ſterbenden Californier beerbt? Haben fabelhafte Engländer einen Narren an ihm gefreſſen? Ach! die Fra⸗ gen nehmen kein Ende und Eine war noch thörigter, als die Andere.“ „Was hilft auch alles Grübeln?“ meinte er endlich. „Das Glück iſt da und wenn es des Himmels Wille iſt, werde ich auch über kurz oder lang das Wie erfahren. Friedrich! Ehrliche Seele! Das werde ich Dir nimmer vergeſſen. Was wird Caroline ſagen? Und was der Blondkopf Pauline, wenn ſie hört, daß der Maler mit ſeinem Gelde nach Italien gelaufen iſt, und nicht zu ihr? O weh! Da haben wir die Schattenſeite des Lichtbildes! Aber fort zum weißen Engel.“ Adolf ſtrich ſein Geld ein, und wohl bedenkend, daß die Umſicht der Jugend der Troſt der Alten ſei, ging er beſcheidentlich zur Tante Lorenz, erzählte, zu welcher an⸗ ſehnlichen Summe er gekommen ſei, und bat ſie, ihm wegen Verwendung derſelben mit Rath und That an die Hand zu gehen. Die Tante war gegen den jungen Mann wie ausgewechſelt und als Adolf fortfuhr, zu betheuern, daß er gern bereit ſei, die Schauſpielkunſt mit einem ſo⸗ liden Broderwerbe zu vertauſchen; daß er dieſen Glücks⸗ fall, als einen Fingerzeig betrachte und um ihren koſtba⸗ ren Rath bitte, da ward Tante ganz Sonnenſchein. Ihr — 107— Widerwille gegen den jungen Mann ſchmolz wie März⸗ ſchnee und ſie rief ihre Nichten herbei, damit auch dieſe ihren Theil an der ſeltſamen Begebenheit haben ſollten. Caroline und Adolf ſtanden ſich gegenüber und er flüſterte: „Nur um Ihretwillen iſt mir dieſer Glücksfall will⸗ kommen.“ Das junge Mädchen war in dieſem Augenblicke alles Muthwillens bar und ſagte erröthend: „Möge es Ihnen Glück und Freude bringen.“ „Das heißt: Sie!“ ſetzte Adolf ſchnell hinzu. Aber Caroline antwortete nichts, ſondern warf ſich in die Arme ihrer Schweſter. „Ich ſehe nun ſchon, wie die Sachen ſtehen,“ ſagte Tante Lorenz,„und will Euch nicht länger hinderlich ſein. Heirathet Euch in Gottes Namen und ſeid glück⸗ lich. Der junge Herr wird ſich hier in der Wirthſchaft zu thun machen und wenn ich alte Perſon einmal nicht mehr kann, dieſelbe für eigene Rechnung fortführen. Iſt's ſo recht?“ „Juchhe! Juchhe!“ rief Adolf und Caroline tanzte lachend und weinend mit der Tante im Zimmer herum. Pauline aber ſtand ſeitwärts und ſagte mit einem Seufzer vor ſich hin: „Er iſt mit ſeinem Glücke nach Italien gezogen. Er hat mich alſo nicht geliebt.“ Es waren zwei Jahre verfloſſen. Die Tante, welche an den Töchtern wieder gut machen wollte, was ſie an —65— der Mutter verſchuldete, beſchleunigte die Hochzeit, war eine Zeitlang Zeugin von dem Glücke der einen Nichte, tröſtete die andere, und hatte ihre Freude über die An⸗ ſtelligkeit ihres Schwiegerneffen, der die Geſchäfte eines Gaſtwirthes mit eben der Schnelle erlernte, wie eine neue Rolle. Niemand war über dieſe veränderte Geſtal⸗ tung der Dinge ärgerlicher, als Blaumann, der nun ſo ganz umſonſt vorſichtiger Director und ſplendider Enthuſiaſt geweſen war. Er verließ Grüneiche zur Badezeit brum⸗ mend und ſcheltend über den undankbaren Engelwirth, der das philiſterhafte Leben eines Schenkwirths der ruhmvollen Laufbahn eines Genies vorzog, und mit derſelben Unbefangenheit die Gläſer ſchwenkte, wie früher das Banner des Eſtavajel gegen den heimtücktſchen Laſarra. So ging es in Frieden fort und nur der Tod der Tante, der nach Jahr und Tag erfolgte, trübte den wolkenloſen Himmel des jungen Eheglücks. Adolf dachte an ſeinen Friedrich, dem er im eigentlichen Sinne des Wortes ſein Glück zu danken hatte, und ſtellte die mannigfachſten Nachforſchungen über ſeinen Verbleib an. So ſaß er eines Abends mit ſeinem Weibchen unter den blühenden Linden, die den Eingang des Gaſthofes beſchatteten, harmlos ſcherzend und über Vergangenheit und Zukunft ſchwatzend. Die Gegenwart beſpricht der Glückliche nicht. Er genießt ſie nur. Es war ein heißer Tag geweſen. Jetzt' ſtrich ein erfriſchender Wind über den nahen See hin. Adolf er⸗ zählte einige halbvergeſſene Theater⸗Abentheuer, als ihn Caroline raſch unterbrach: — 109— „Da kommt ein Fremder vom See herauf. Sein Gang iſt unſicher. Die Hitze mag ihn erſchöpft haben.“ „Ein Spiegelbild meines früheren Lebens,“ entgegnete Adolf.„Iſt mir noch tren im Gedächtniß, wie mir zu Muthe war, wenn ich Abends, völlig erſchöpft, mit klopfendem Herzen und leerer Börſe in die Herberge trat. Wenn der Fremde hier einkehren will, ſoll er wohl ge⸗ pflegt werden.“ „Er ſcheint es zu bedürfen,“ ſagte Caroline. Und ſeine Reiſetaſche iſt auch nicht von beſonderem Umfange.“ „Frau! Plagt mich der Teufel oder reitet er mich? Der Mann da... Erkennſt Du ihn nicht.“ „Nein!“ „Das iſt ja—! Aber nicht doch! Wie käme Jemand, der ſein Geld mit vollen Händen wegſchenkt, zu einem ſolchen Aufzuge? Ich muß mich irren. Und doch iſt er es.“ „Wer denn, Kind?“ „Friedrich! Friedrich!“ ſchrie Adolf laut, dem Frem⸗ den entgegen eilend, und ihn in ſeine Arme ſchließend. Die beiden Freunde— denn Friedrich war es wirk⸗ lich— ſaßen im traulichen Zimmer neben einander, den perlenden Wein vor ſich und fragten ſich kreuz und quer, ohne ſonderlichen Erfolg. Keiner ließ den Andern aus⸗ reden, ſondern ſetzte der letzten Frage eine allerletzte entgegen. Endlich blieb das Wort bei Adolf. Er ſchil⸗ derte ſeinen Glücksſtand und ſchloß mit den Worten: „Das dank ich Dir, denn ohne Deinen redlichen Bei⸗ ſtand wäre es nie dahin gekommen.“ „Ich verſtehe Dich nicht,“ ſprach Friedrich,„und — weiß nur, daß Du mir bei'm Abſchiede großmüthig faſt den ganzen Vorſchuß gabſt.“ „Rede davon nicht. Du haſt ihn mir hundertfach zurückgegeben.“ „Auf welche Art denn?“ „Die hundert Louisd'or, die Du mir ſandteſt.“ „Ach!“ unterbrach ihn der Maler erröthend.„Ich erinnere mich jetzt. Es war ein dummer Streich von mir. Es geſchah in der Verzweiflung und hat mich oft gereut.“ „Wirklich?“ entgegnete Adolf, über dieſe Naivetät empfindlich.„Nun, wie dem auch ſei, ſo ändert es meine Dankbarkeit nicht im Geringſten. Ich habe jenes Geſchenk überhaupt nur als ein Darlehen betrachtet und freue mich, daß ich in der Lage bin, es Dir unvetkürzt zu einer Zeit zurückzugeben, da Du es gewiß ſehr bedarfſt.“ Er nahm ein Käſtchen aus ſeinem Secretair und zählte vor dem ſtaunenden Maler hundert Lonis⸗ d'or auf. „Was wird das?“ rief dieſer. „Ich gebe Dir das Deinige zurück. Kann ich mit Mehrerem dienen, ſo ſage es gerade heraus, denn ich habe volle Urſache, Dir dienſtgefällig zu ſein.“ „Ich komme von Sinnen!“ rief Friedrich.„Einen ſolchen Spott— doch ich habe ihn verdient.“ „Spott?“ fragte Adolf.„Ich weiß gar nicht, wie Du mir vorkommſt. Nimm Dein Gold.“ „Nicht weiter!“ ſagte Friedrich,„oder ich werde ernſthaft böſe.“ — 11— Die Frauen, welche im Nebenzimmer Alles mit ange⸗ hört hatten, kamen jetzt herbei, und Friedrich ſtand in froher Beſtürzung vor Paulinen, die ihn mit verſchämtem Erröthen begrüßte. Caroline aber ſagte: „Damit nicht das erſte Wiederſehen ſolcher Freunde durch ein Mißverſtändniß getrübt werde, iſt es nöthig, klar zu ſehen. Darum, lieber Friedrich, erzählen Sie uns, wie Sie in die Lage gekommen ſind, das Geld mit vollen Händen zu verſchenken?“ „Ja!“ ſetzte Adolf hinzu.„Und dieſen Brief dazu zu ſchreiben, den ich aufbewahrt habe.“ „Es war ein kläglicher Ausbruch der Verzweiflung, der mich dieſen Brief ſchreiben ließ,“ ſagte Friedrich weh⸗ müthig.„Ich hatte auch nach unſerer Trennung überall daſſelbe Pech. Eines Abends irre ich im Freien, als ich plötzlich über irgend etwas ſtolpere. Ich hebe es auf. Es iſt ſchwer und hat die Form einer Geldrolle. Mit klopfendem Herzen eile ich nach Hauſe, reiße die Hülle ab und finde ein kurzes Stück einer eiſernen Stange. Wahrſcheinlich ein verloren gegangenes Theaterrequiſit oder dergleichen. Meine Wuth war gränzenlos. End⸗ lich befällt mich ein unauslöſchliches Gelächter. Ich glaube, es war der Teufel, der aus mir herauslachte, und mich auf den Gedanken kommen ließ, Dir einen gleichen Schrecken einzujagen. Aufgeregt, wie ich war, ſchrieb ich den Brief, hüllte das Eiſen wieder ein, und trug Alles zur Poſt. Als ſie fort war, bereute ich meine Uebereilung. Allein ich konnte es nicht mehr ungeſchehen machen und griff nach Hut und Stock, um mein Wanderleben fortzuſetzen. —— Da haſt Du die Löſung des Räthſels und laß uns nun nicht weiter davon reden.“ „Wir müſſen jetzt erſt recht davon reden,“ ſagte Adolf,„denn wiſſe, daß die Poſt, der Du Dein Eiſen anvertrauteſt, unterweges ausgeraubt wurde und das ge⸗ ſtohlene Gut dem betreffenden Empfänger auszahlte. So bin ich zu dem ſchönen Gelde gekommen, dem ich mein ganzes zeitliches Glück verdanke.“ Friedrich ſchrie vor Erſtaunen laut auf und Adolf fuhr fort: „Wir müſſen vor allen Dingen dem Staate wieder⸗ geben, was er garnicht zu erſtatten verpflichtet war, und das ſoll noch heute geſchehen. Und nun, Friedrich, wie ſteht es mit Dir?“ „Pechvogel, wie immer!“ ſagte er kleinlaut, und Pau⸗ line ſah ihn voll Mitleid an. „Da ſteht eine Jemand, die vielleicht geneigt iſt, Dich von dieſem Jpche zu befreien und ich will ebenfalls nach Kräften das meinige dazu thun, Dich zu erlöſen. Mein Geſchäft erweitert ſich täglich und ich brauche einen treuen, zuverläſſigen Gehülfen. Wie wäre es, wenn Du dem Crayon Valet ſagteſt und mein Premier würdeſt?“ Friedrich antwortete nichts, aber er ſchloß den Freund bewegt in ſeine Arme. Pauline flüchtete ſich zu ihrer Schweſter. Ein wüthendes Applaudiren ſcheuchte die Gruppen auseinander. Blaumann ſtand mitten im Zimmer und vollführte ganz allein den raſenden Lärm. „Herr, ſind Sie ganz und gar des Teufels?“ rief Adolf laut lachend. — 113— „Alles niwhlien Entzückens bin ich voll. Der Theaterdirektor iſt über alle Berge und der Enthuſiaſt regiert mich ganz und gar. Stehe mit Sack und Pack vor der Thür, um anzukündigen, daß meine Geſellſchaft Morgen mit Sang und Klang einzieht und erblicke eine Scene, wie ſolche nie lebendiger auf meiner Bühne hätte dargeſtellt werden können und das will viel ſagen.“ „Wir ſind im Begriff, alte Schulden auszugleichen,“ ſagte Adolf,„und da kommen Sie gerade zur rechten Zeit. Gedenken Sie noch des Frühſtücks, das Sie mir und meinem Freunde an dem Tage gaben, da Sie mich engagirten? Er iſt in der Verfaſſung, es Ihnen zurück⸗ zugeben und bittet Sie, mit uns dieſen Abend zu ſpei⸗ ſen. Marſch, Ihr Weiber, in die Küche. Dieſe folgten der Weiſung und bald vereinigte ſich im weißen Engel eine fröhliche Tiſchgeſellſchaft, die bis ſpät in die Nacht hinein zuſammen blieb. Smidt, Glöckchen. Schanſpielers Reiſeabenthenet. Novellette. In dem Gaſtzimmer der Weinſchenke„zum blauen Rebenkranze“ in Erfurt ſaß eine Geſellſchaft froher Män⸗ ner um den mit Flaſchen voll edlen Weines beſetzten Tiſch. Unter ihnen zeichnete ſich ein Mann aus, dem zu Ehren man dieſes kleine Feſt improviſirt hatte. Er erregte die allgemeine Aufmerkſamkeit. Seine ſtattliche Figur machte einen angenehmen Eindruck. Unter der ſorg⸗ fältig friſirten Perrücke blitzten ein Paar kluge Augen hervor, die im feurigen Glanze ſtrahlten, und das rothe, reich mit Gold geſtickte Kleid, die koſtbare Weſte und die mit Steinen ausgelegten ſilbernen Schuh- und Knie⸗ ſchnallen verliehen ihm kein geringes Anſehen. „Nun Herr College und lieber Freund,“ nahm der Nachbar dieſes Mannes das Wort.„Laßt es geſchehen, daß wir dieſes Glas auf Euer Wohlſein leeren. Ihr habt einen langen und beſchwerlichen Weg vor Euch, wo Euch treuer Freundesrath mangelt, und ſeid alſo der guten Wünſche wohl benöthigt. Am beſten wäre es frei⸗ lich, Ihr ließet den Gedanken an dieſe abenteuerliche Reiſe ganz und gar fallen und ſetztet Euch nicht unnütz ſo vielen Gefahren aus.“ „Gefahren?“ entgegnete der Mann im rothen Kleide. „Gefahren fürchte ich nicht. Mögen ſie immerhin kom⸗ — 115— men. Aber beruhigt Euch, meine Freunde; ſie ſind in dieſem Falle nahezu unmöglich. Bin ich nicht ein ruhi⸗ ger, unbeſcholtener Mann? Führe ich nicht die zuverläſ⸗ ſigſten Papiere bei mir? Und ſind meine Geſchäfte nicht die unſchuldigſten von der Welt?“ „Wohl habt Ihr Recht. Kein Menſch kann Eurer Ehrenhaftigkeit zu nahe treten. Eure Legitimationen ſind vortrefflich, und nichts iſt unſchuldiger und ange⸗ nehmer zugleich, als der Hochzeit eines guten Freundes beizuwohnen. Aber wenn der Weg zum Hochzeitsſaale mit großen Schwierigkeiten verbunden, und wohl gar ge⸗ fährlich iſt; wenn man ferner heilige Verpflichtungen in der Heimath hat, ſo dächte ich...“ „Larifari!“ lachte der Reiſeluſtige.„Seht nicht Alles ſchwarz, Gevatter. Ich bin mit meinem fröhlichen Muthe bisher noch immer durch die Welt gekommen. Warum nicht auch jetzt?“ „Nun, wie Ihr wollt. Wem nicht zu rathen iſt, dem iſt nicht zu helfen. Wir kehren Morgen nach Gotha zurück, und Ihr ſetzt Eure Reiſe nach Böhmen fort. Puh! Mir ſchaudert die Haut, wenn ich an alle die Kroa⸗ ten denke, denen Ihr in die Hände fallen könnt. Sie werden Euch Naſen und Ohren abſchneiden und Euch ſo verſtümmelt in die Heimath ſenden, wenn ſie es nicht gar für nöthig erachten, Euern Kopf auf einer Lanzen⸗ ſpitze im Triumph umherzutragen. Denkt nur daran, daß der Kommandant dieſer Teufels⸗Nation der Oberſt von Winkelmann iſt, und daß es nichts Geringes bedeu⸗ tet, gerade hier in ſeiner Vaterſtadt vor ihm gewarnt zu werden. 8 — 116— „Alſo der Herr Kroaten⸗Oberſt iſt ein Erfurter? Nun, da wäre doch auf eine erträgliche Civiliſation von ihm zu ſchließen. Aber laſſen wir doch den Oberſten ſammt ſeinen Kroaten und Panduren links liegen und ſetzen wir unſer Gelage fort, das iſt in alle Wege vernünftiger. Wer ſingt uns ein Liedel?“ Das Geſpräch wurde abgebrochen und die Luſtigkeit der Tiſchgenoſſen nahm bald wieder überhand, als der muntere Reiſende, ſeiner eigenen Aufforderung zuerſt nach⸗ gebend, ein luſtiges Trinklied anſtimmte. Die lebhafte Unterhaltung von vorhin hatte die Auf⸗ merſamkeit eines Gaſtes erregt, der in einer einſamen Niſche des großen Zimmers ſaß. Es war eine lange, robuſte Geſtalt mit einer faſt widerwärtigen Phyſiogno⸗ mie und von hochfahrendem Weſen. Seine Kleidung wies nichts Auffallendes. Aufmerkſam horchte er auf das Geſpräch der Fröhlichen, biß ſich auf die Lippen und zog die Augenbrauen zuſammen. Plötzlich trat er an den Tiſch. Der Geſang war ſo eben beendet. „Hollah, Ihr Herren!“ rief der Neuhinzugetretene. „Hier geht es ja ſo luſtig zu, daß man faſt verſucht wird, bei Euch Platz zu nehmen.“ „Welches angehen dürfte,“ antwortete der Rothrock gleichmüthig,„wenn man vorher darum höflichſt ſolicitirt und den Beſchluß der Geſellſchaft geziemend abwartet; nicht aber geradezu und ohne alle Umſtände.“ „Oho, der Herr iſt ja gewaltig vornehm, und weiß ſich ein rechtes Air zu geben! Der Herr hat auch ſchon vorher ganz kurioſe Redensarten geführt von Krvaten und Panduren, ſo wie von Naſen⸗ und — 17— Ohren⸗Abſchneiden. Wer iſt denn der gnädige Herr ſo eigentlich?“ „Ich bin der Abt.“ „Ei! Ei! Mache mein Compliment. Hätte ich doch nicht geglaubt, noch bei ſpäter Nachtzeit einen Hochwür⸗ digſten in ſo luſtiger Geſellſchaft anzutreffen. Auch habe ich bishero nicht gewußt, daß in dieſer guten Stadt Er⸗ furt ein Abt anſäſſig ſein ſoll.“ „Ich bin auch nicht der Abt von Erfurt, ſondern der Abt von Münſter.“ „Er verſteigt ſich ja immer höher, denn in Münſter gehört die Geiſtlichkeit ſo recht eigentlich zu Hauſe. Nun, ich bin auch dort wohl bekannt, und erſuche Ihn, mir die Lage Seines Kloſters zu beſchreiben, dann werde ich mich bald zurechtfinden. In welchem Theile der Stadt, oder deren Umgegend liegt es ſo eigentlich?“ „Ich habe kein Kloſter!“ „Ein Abt und kein Kloſter! Das kommt mir vor, wie ein Faß ohne Wein. Aber ich laſſe mir keine Flau⸗ ſen vormachen. Auch von einem Abte nicht. Was hat der Herr denn, wenn er kein Kloſter hat?“ „Eine recht hübſche Aebtiſſin.“ „Das wird ja ein recht luſtiger Spaß. Ein Abt ohne Kloſter, aber mit einer hübſchen Aebtiſſin. Aber ſolche Narrethei mit einem Fremden zu treiben, von dem man nicht weiß, wer er iſt, und was man ihm ſchuldet, geht zu weit. Darum mache man dieſem Scandal ein Ende und erkläre, daß man gelogen hat.“ „Daraus wird nichts, Herr Grobian. Aber ich kann Ihm ſagen, daß ich große Luſt in mir verſpüre, Er — 118— ungeſchliffener Geſelle, an Ihn eine prügelnde Hand zu legen, weil er ſich ungerufen in eine fremde Geſellſchaft drängt und die Gäſte inſultirt. Mein guter Rath iſt, daß der Herr ſich, bevor die Köpfe ſich noch mehr er⸗ hitzen, in aller Eile aus dem Staube macht.“ „Dieſe Drohung ſoll Euch theuer zu ſtehen kommen!“ ſagte der Fremde mit lauter Stimme und vor Zorn lichterloh glühend.„Eben jetzt beſinne ich mich zur rech⸗ ten Zeit, Wer ich bin und halte es unter meiner Würde, einen weiteren Diskurs mit Ihm zu halten. Aber ich habe ja vorhin gehört, daß Er nach Böhmen will. Nun, ich reiſe auch dahin. Vielleicht finde ich dort eine Gele⸗ genheit, mich Ihm zu nähern und die heutige Bekannt⸗ ſchaft fortzuſetzen. Bis dahin Adien, mein Herr Abt mit der ſchönen Aebtiſſin.“ „Geduld, Herr. Jeder Diskurs verliert an Wirkung, wenn man ihn nicht frei und offen zu Ende führt. Wenn Ihr etwas mit mir auf ehrliche Weiſe zu verhandeln habt, es ſei dies nun im Guten oder im Böſen, ſo ſtehe ich zu Euern Dienſten. Ich bin der Schauſpieldirektor Abt aus Münſter und habe noch niemals eine Rechnung unbezahlt gelaſſen.“ „Alſo ein Comödiant?“ ſprach der Fremde achſel⸗ zuckend, indem er ſich entfernte.„Dann wird die Co⸗ mödie um ſo luſtiger.“ Abt warf den Stuhl zurück und wollte dem ihn Ver⸗ höhnenden nacheilen; aber ſeine Gefährten hielten ihn zurück und ſuchten ihn auf alle Weiſe zu beſänftigen. Endlich gelang es ihren beharrlichen Bemühungen. Aber die Freude des Abends war durch dieſe unberufene Ein⸗ — 119— miſchung geſtört und man bezeigte keine Luſt, das Ge⸗ lage fortzuſetzen. Man nahm Abſchied von einander und wünſchte dem muthigen Kunſtgenoſſen eine glückliche Reiſe. Abt nahm ſich zuſammen und entließ die Freunde mit einem harmloſen Scherze. Als er aber allein auf ſeinem Zimmer war, ſagte er vor ſich hin: „Das Alles erſcheint mir wie ein böſes Omen und wenn mich nicht das Gerede der Leute genirte, bliebe ich beſſer davon. Nun aber muß ich hindurch und meine fröhliche Laune möge mir den ſchweren Weg leicht machen.“ Am ſechsten Juni, als am Abend vor dem heiligen Pfingſtfeſte, hielt ein Reiter vor dem Thore des Gaſt⸗ hauſes in dem Oertchen Böhmiſch⸗Tausnitz an. Er warf dem Hausknecht die Zügel zu, empfahl ihm die Sorge für ſein ermüdetes Pferd und eilte ſodann in den Gaſt⸗ hof, um einen friſchen Trunk und ein Nachtlager zu begehren. Geſchäftig eilte der Wirth herbei, brachte dem Gaſte den verlangten Trunk und verſicherte, daß ſogleich Alles zu ſeiner Aufnahme in Bereitſchaft geſetzt werden ſolle. „Eigentlich,“ fuhr der Wirth geſchwätzig fort,„iſt der Gaſthof bereits überfüllt. Aber einem ſolchen ſchmucken Gaſt kann man doch nicht die Wege weiſen, und was thut man nicht, um dem vertrauten Leibjäger des Herrn Oberſten von Winkelmann gefällig zu ſein, der aber ei⸗ Sentlich Der Blick des anweſenden Gaſtes, dem die letzten Worte galten, traf den Wirth, der erſchreckt den Finger —— — 120— auf den Mund legte, und ſich mit einer Verbeugung zurückzog. „Das wollte ich Dir auch gerathen haben,“ entgeg⸗ nete der Leibjäger in ſeiner tölpelhaften, bramarbaſiren⸗ den Weiſe, die ihn ſogleich als Denjenigen kund gab, der in dem Gaſthofe zur blauen Weinrebe in Erfurt den Schauſpieler Abt auf eine ſo kränkende Art beleidigte. Es war eine böſe Laune des Schickſals, die den Schauſpieler gerade jetzt hierher führte. Hätte er ahnen können, was ihm bevorſtand, er hätte ſeinen müden Gaul angeſpornt, und wäre ein Paar Stunden Weges weiter geritten, wo die Freunde ſeiner ſehnſüchtig harrten. So aber dachte er in dieſem leidlich ausſehenden Gaſthofe zu übernachten und dann mit friſchen Kräften die Har⸗ renden in den erſten Morgenſtunden zu überraſchen. Plötzlich ſtand er dem Leibjäger gegenüber, und Abt, der ſich jeder Einzelheit der Scene in Erfurt deutlich erinnerte, fühlte ſich bei dieſem unerwarteten Zuſammen⸗ treffen nicht allzufröhlich angeregt. Er wünſchte ſich von dieſem widerwärtigen Geſichte hundert Meilen entfernt, und beſchloß, trotz des übermüdeten Gaules die Reiſe ſogleich fortzuſetzen. „Mit Gunſt, Herr!“ redete der Jäger mit ſpöttiſcher Schadenfreude den Schauſpieler an.„Da treffen wir ja nun wirklich zuſammen, wenn es gleich in Erfurt Sei⸗ nerſeits für Spaß gehalten wurde. Er weiß doch, was ich Ihm damals prophezeite? Nun, habe Er keine Furcht. Wir wollen gleich jetzt die alte Bekanntſchaft erneuern. Denke Er aber daran, daß Spione hängen müſſen. Heda! Herr Wirth!“ — 121— N Der Jäger ging hinaus, nachdem er dem Wirthe ei⸗ nige Worte zugeflüſtert hatte. Dieſer bemühte ſich, Abt zum Sitzen zu nöthigen und ihn auf das Reichlichſte mit Getränken aller Art zu bedienen. Abt fühlte ſich unbehaglich. Mit wachſender Unruhe gedachte er der Unannehmlichkeiten, die ihm bevorſtanden. Ein trübes Ahnen flog durch ſeinen Sinn. Er warf einen verſtohlenen Blick auf die Thür, und ob es nicht gerathen ſei, ſich heimlich zu entfernen; aber er gewahrte bald, daß ein rieſiger Kerl davor als Wache ſtand, und eine innere Stimme ſagte ihm, daß dieſe Maßregel um ſeinetwillen getroffen wurde. In dieſem Augenblicke kehrte der Jäger zurück, und ſetzte ſich, ſo unhefangen als möglich, zu dem Schauſpieler, indem er die Gläſer füllte: „Er iſt alſo der Abt, der kein Kloſter, wohl aber eine ſchöne Aebtiſſin hat? Nun, in Erfurt mochte das hinge⸗ hen, aber hier in den geſegneten römiſch⸗katholiſchen Landen ſind ſolche gottloſe Worte ein Hauptverbrechen, das Einem eine Kette um Hals und Fuß zuwege brin⸗ gen kann, wenn man vor die rechte Schmiede geführt wird. Verſtanden?“ „Mein werther Herr...“ ſtotterte Abt. „Einen Augenblick Geduld. Er iſt es ja auch wohl, der ſich vor dem Kroaten- und Panduren⸗Oberſt von Winkelmann nicht fürchtet? Nun, auf fernerweitige gute Bekanntſchaft. Stoße Er an!“ „Habe bereits genug getrunken.“ „Nur keinen Widerſpruch. Stoße Er an und trinke Er aus. Hollah! Da fällt mir in dieſem Augenblicke ein, daß ich damals nicht Gleiches mit Gleichem vergol⸗ ten habe. Nun, wir wollen es nachbringen. Angeſtoßen auf das Wohl des Oberſten von Winkelmann's Krvaten und Panduren, den Er nicht fürchtet und zu fürchten keine Urſache hat. Ich muß Ihm ſagen, daß ich der Leib⸗ jäger des Herrn Oberſten bin, und mich in alle Wege ſeines Vertrauens und ſeiner Gnade erfrene. Ver⸗ ſtanden?“ Der arme Schauſpieler war in Todesangſt:„Ich kann die Verſicherung ertheilen...“ Der Jäger unterbrach ihn:„Halte Er Sein Maul! Ertheile Er keine Verſicherungen, ſondern höre Er mich ruhig an. Er iſt alſo des Spionirens wegen hier?“ „Ihr wißt wohl, Beſter, weshalb ich hier bin,“ rief Abt, ſich gewaltſam ermuthigend,„denn Ihr habt die Unterredung, die ich mit meinen Freunden hatte, Wort für Wort gehört.“ „Richtig! Und im Laufe deſſelben ſagte Er, Er wolle ſich heimlich nach Langenau ſtehlen und ſie unverſehends überfallen.„Nun? Wer ſchleicht heimlich in ein Land, und bereitet den Ueberfall vor? Wer anders, als ein Spion. Alfo iſt Er ein Spion! Hört Er? Ich will, daß Er ein Spion ſein ſoll, und kein Rechtsverdreher ſoll Ihn wie⸗ der aus der Schlinge herausſchwatzen, die ich Ihm über den Kopf geworfen habe. Hat Er mich verſtanden?“ „Ihr könntet wirklich ſo gottlos ſein?“ rief Abt und das Blut wich aus ſeinem Geſichte. „Ich ſorge für das Wohl des Landes und der Armee und trachte darnach, mich meinem Herrn gefällig zu er⸗ weiſen. Darum gebe Er ſich in des Teufels Namen —. —— — 123— zufrieden. Und damit Er ſieht, daß ich es gut mit Ihm meine, weit mehr, als Er es verdient, nehme Er einen guten Rath von mir an.“ „Was ſoll ich hören?“ „So viel Gutes, als Er gar nicht werth iſt. Spione werden vor ein Kriegsgericht geſtellt und alſo wird man auch wohl mit Ihm keine beſonderen Umſtände machen. Dann ſei Er klug und beichte Er friſch von der Leber weg. Verheimliche Er den geſtrengen Herren nichts und bettle Er um Gnade, dann kann es ſich wohl begeben, daß Er aus beſonderen Rückſichten nur drei Tage nach⸗ einander durchgepeitſcht und dann über die Gränze ge⸗ jagt wird. Bleibt Er aber verſtockt, muß Er ohne Gnade und Barmherzigkeit hängen und es bleibt Ihm dann keine Gelegenheit mehr, ehrliche Leute mit Seinen ſchlech⸗ ten Späßen aufzuziehen, Er jämmerlicher Comödiant.“ „Unmöglich könnt Ihr ſo grauſam ſein,“ rief Abt voll Todesangſt,„und einen rechtlichen Mann um eines nichtsſagenden Scherzes willen in's Unglück ſtürzen.“ „Ich habe mit der ganzen Geſchichte nichts zu thun,“ antwortete der Jäger kaltblütig.„Nach Pflicht und Schuldigkeit habe ich dem Herrn Oberſten Rapport ab⸗ ſtatten laſſen und dieſer wird nun verfügen, was Rech⸗ tens iſt. Er hat meinen guten Rath empfangen, und Er kann damit thun, was Er will. Laſſe Er ſich peit⸗ ſchen oder hängen nach Belieben! Meinetwegen ziehe Er auch den Kopf aus der Schlinge, das heißt, wenn Er kann; ich werde mich nicht weiter darum grämen. Aber den Pfingſtjubel in Langenau will ich Ihm doch ver⸗ derben.“ — 124— In dieſem Angenblicke traten, von dem Wirthe ge⸗ führt, mehrere wild darein ſchauende Kroaten in die Stube und Einer derſelben rief: „Wo iſt das infame Spion?“ „Hier ſteht er!“ antwortete der Jäger, indem er auf Abt deutete, der bleich und zitternd da ſtand und keines Wortes mächtig war. „Du mir ein groß Spitzbub zu ſein biſt,“ ſprach der Kroat; packte den Künſtler mit ſeiner eiſernen Fauſt, und warf ihn ſeinen Begleitern zu. Sie bemächtigten ſich deſſelben mit wüſtem Schreien und banden ihm die Hände auf den Rücken. Obgleich mit ſeiner Lage durchaus nicht zu ſcherzen war, kam ihm dieſelbe doch ſo eigenthümlich vor, daß ſeine Lippen ſich zu einem eignen Lächeln verzogen und er mit Pathos ausrief: „Ja, wahrhaftig, Graf Appiani hat Recht! Nahe am Ziel, oder noch garnicht ausgelaufen ſein, iſt im Grunde einerlei.“ „Halt!“ ſchrie der Jäger und die Kroaten ſtanden ſtill.„Halt, Leute! Laßt uns doch die weiteren ſauberen Bekenntniſſe hören, die dieſer Spion abzulegen im Begriff ſteht. Was iſt das für ein Graf, deſſen Bekanntſchaft er ſich ſo eben rühmt, und welche verdächtige Reden hat derſelbe geführt?“ Abt lachte laut auf: „Großer Leſſing! Vergieb, daß die Geburten Deiner Phantaſie auf dieſe Weiſe verhöhnt werden. Ich bin unſchuldig daran.“ „In wie weit Er unſchuldig iſt, oder nicht!“ rief der — 125— eifernde Jäger,„das wird ſich finden. Darüber hat allein das Kriegsgericht zu entſcheiden. Aber er hat da noch einen Namen genannt, Leſſing, glaube ich. Iſt das eine Art von Helfershelfer des Grafen Appiani?“ Abt, den dieſer Zwiſchenfall beluſtigte, ſagte mit ziem⸗ lich heiterer Laune: „Ja, wie man will! Freilich kann der Eine ohne den Andern nicht exiſtiren und wenn es keinen Leſſing gäbe, gäbe es auch keinen Grafen Appiani.“ „Oho!“ rief der Jäger.„Das iſt alſo eine Geſchichte, von der man nicht am hellen Tage reden darf? Ja, ja! Es geſchehen zuweilen dergleichen ſaubere Dinge in ho⸗ hen Familien. Nun alſo! Dieſer Vater Leſſing und ſein Sohn Appiani ſind wahrſcheinlich die Hauptanſtifter des Complottes und Er iſt nur ſo gewiſſermaßen die Zange, womit man die gebratenen Kaſtanien aus dem Feuer holt. Meinetwegen. Er ſoll doch behandelt werden, als ob es von Ihm ganz allein ausginge. Aber bekenne Er nur immer friſch darauf los; das verſetzt Seine Richter in gute Laune und erleichtert Ihm Seine Strafe. Was weiß Er noch mehr von den beiden Kerls zu ſagen?“ „Wahrhaftig,“ ſagte Abt.„Ich befinde mich in die⸗ ſem Augenblicke nicht in einer belachenswerthen Lage, aber das geht über alle Gränzen der Möglichkeit hinaus. Iſt man denn in dieſem böhmiſchen Lande ſo ſehr weit zu⸗ rück, daß man nicht weiß, wie Leſſing ein berühmter dramatiſcher Dichter und Graf Appiani eine ſeiner poe⸗ tiſchen Figuren iſt?“ „Poetiſche Figur? Was für eine Art Figur iſt das, wenn es beliebt?“ — 126— „Eine poetiſche Figur iſt nichts und Alles. Man kann ſie nicht mit dem leiblichen Auge ſehen, noch mit den Händen faſſen. Aber erkennen und begreifen kann ſie Jeder, dem dazu der Verſtand verliehen iſt. Der Künſtler aber, dem das Talent gegeben iſt, eignet ſie ſich an, und läßt ſie, zu Fleiſch und Blut verkörpert, ange⸗ ſtaunt und bewundert über die Bretter ziehen, welche die Welt bedeuten.“ Der Jäger ſtand mit offenem Munde da und die Kroaten wußten nicht, was ſie zu all den unverſtändli⸗ chen Reden ſagen ſollten. Abt aber, der ſich einmal in die Begeiſterung hineingeſchwatzt hatte, ließ ſich nicht ſtören:“ „Wenn ich meine Freiheit wieder habe, will ich Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um dieſen Geiſt der Unwiſſenheit zu vertreiben. Giebt es nur irgend ein Theater hier in der Nähe, das die beſcheidenſten An⸗ ſprüche erfüllt, ſo wende ich einen Theil meiner Zeit daran, und laſſe alle jene edlen Geſtalten vor Euch er⸗ ſcheinen. Dann ſollt Ihr den Prinzen von Guaſtalla ſehen, den würdigen Oberſten Galotti und ſeine ewig reizende Emilia. Ich bringe Euch den Grafen Appiani und die hinreißende Gräfin Orſina, den wackern preu⸗ ßiſchen Major von Tellheim und ſeinen jovialen Wacht⸗ meiſter Paul Werner.“ „Hurrah!“ rief der Jäger lautjubelnd aus.„Das iſt eine köſtliche Entdeckung. Alſo die Preußen ſind auch mit im Complott? Das iſt ſchon weiter gegangen, als man es ſich hat denken können. Mit ſolchen wichtigen Nach⸗ richten reiſt Er im Lande umher, und weiß ſich nicht —,—— — 127— beſſer vor dem Arretiren in Acht zu nehmen? Aber ſo geht es den Ueberklugen. Er iſt uns willkommen mit Seiner Wiſſenſchaft. Jetzt geht es in einem Trabe nach dem Hauptquartier. Sei Er dort nur eben ſo aufrich⸗ tig gegen den Oberſten von Winkelmann, wie Er es gegen uns geweſen iſt; der gnädige Herr wird Sein Kauderwälſch wohl beſſer verſtehen, als wir, und hat auch beſſere Mittel in Händen, Ihn zu einer vernünf⸗ tigen Sprache zu bewegen. Angetreten! Marſch!“ Abt wollte noch mehrfache Proteſtationen einlegen, aber der Jäger hatte ſich bereits davon gemacht und die Handgreiflichkeiten der Kroaten belehrten ihn, daß es das Beſte ſein würde, ſich geduldig in ſein Schickſal zu fügen. Man brach alſo auf und ſtatt zum fröhlichen Schmauſe nach Langenau, zog Abt, inmitten eines Detachements Kroaten, von außen ruhig, aber innerlich tobend und wüthend, dem Hauptquartier Auſſig zu, im vollſten Maaße alle Annehmlichkeiten genießend, die Demjenigen erblü⸗ hen, der von einer Kavallerie⸗Abtheilung geleitet, zu Fuß über eine ſteinige und ſtaubige Landſtraße im Sturm⸗ ſchritt dahin eilen muß. Vor der Hauptwache auf dem Markte zu Auſſig ſchlenderten die Soldaten auf und ab, unterhielten ſich von dem nahe bevorſtehenden Ausbruche der Feindſelig⸗ keiten, vom guten Kaiſer Joſeph, von braven und ſtren⸗ gen Offizieren und ſonſtigen Dingen, die den Soldaten beſchäftigen, der dem Feinde ſchlagfertig gegenüber ſteht. Dazwiſchen hörte man öfters einen kräftigen Fluch, oder — 128— ein ſchallendes Gelächter, wenn irgend etwas Beſonderes die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Da vernahm man die Hauptſtraße entlang, die von dem Thore über den Marktplatz führte, ein dumpfes Ge⸗ murmel und ein Haufen Volkes, der immer mehr an⸗ ſchwoll, je raſcher er dem Markte zuſtrömte, kam immer näher. „Aufgeſchaut! Was giebt's da, Herr Vice⸗Gefreiter?“ fragte eine tiefe Baßſtimme aus dem Knäuel der Wacht⸗ mannſchaft hervor: „Weiß nit, Euer Gnaden, Herr Unterlieutenant,“ war die Antwort. „So geht's und ſchaut's nach.“ „Gleich, Euer Gnaden, Herr Unterlieutenant.“ Der Vice⸗Gefreite ging und kam bald darauf mit dem Rapport zurück, daß eine Abtheilung Kroaten einen Spion einbrächte, der vorläufig auf der Hauptwache be⸗ wahrt werden ſollte. Gleich darauf erſchienen einige Kroaten mit ſonnver⸗ brannten Geſichtern und langen Bärten, die ſo finſter und ernſt darein ſchauten, als ob ſie den furchtbarſten Ver⸗ brecher von der Welt eskortirten. Darauf folgte ein beſonders ſtämmiger Kerl, der das Pferd des armen Schauſpiel⸗Direktors am Zaum führte, während dieſer ſelbſt, geleitet von zwei Bewaffneten, hinter dem armen Pferde dareinſchritt, barhäuptig, den Schweiß in Strömen vergießend, völlig mit Staub bedeckt, und das ſtattliche Feſtkleid an mehrern Stellen arg zugerichtet. Trotz die⸗ ſer Leidensgeſtalt, die ſich den Blicken der zahlreichen Gaffer darſtellte und bei einigen Weichherzigen Mitleid „——— „——— ——— — 129— erregte, hatte die Erſcheinung dieſes im Ernſten, wie im Heitern gleich gewandten Schauſpielers unendlich viel Komiſches, das ſich beſonders in ſeinem beweglichen Minen⸗ ſpiel und in den liſtig blitzenden Augen kund gab. Eben ſo wenig, wie man den rohen Ausbruch des Spot⸗ tes und der Schadenfreude unterdrücken konnte, vermochte man es zu hindern, daß man dem Geängſtigten ein Troſteswort zuflüſterte und ihm einen Trunk friſchen Waſſers reichte. So war nun der Zug bei der Wache angelangt und nachdem der Offizier die ihm überbrachte Ordre geleſen hatte, wurde Abt in eine Kammer geführt, die nur ein ſchmales, dicht vergittertes Fenſter hatte, welches die Ausſicht auf einen engen Hofraum bot. Hier ward er endlich von dem läſtigen Stricke befreit, der bisher ſeine Hände zuſammenſchnürte, und ihm für ſchweres Geld die Hoffnung gemacht, daß der Kalfaktor ihm vielleicht einige Erfriſchungen beſorgen möchte. Auch ward ihm geſagt, daß bereits Alles höheren Ortes gemeldet ſei und daß er jeden Augenblick gewärtigen müſſe, vor das Kriegsgericht berufen zu werden. Abt warf ſich auf die harte Pritſche und hielt es ſchon für ein Labſal, hier eine kurze Zeit ungeſtört aus⸗ ruhen zu dürfen. In ſeinem Innern grollte er mit ſei⸗ nem Unſtern, der ihn in ein ſchlechtes Gefängniß führte, genau zu derſelben Zeit, wo man ſich zu dem hochzeit⸗ lichen Schmauſe niederſetzte, bei welchem er als hochgeehr⸗ ter Gaſt zu erſcheinen dachte. Dann aber fand er wieder die ganze Sache ſo ergötzlich, daß er nur mit Mühe ein lautes Gelächter unterdrückte, und ſich vornahm, die ver⸗ Smidt, Glöckchen. 9 — 1— ſchiedenen Ereigniſſe zu einem Poſſenſpiel zu verarbeiten, worin er ſeiner Zeit ſelbſt die Hauptrolle zu überneh⸗ men dachte. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür des Ge⸗ füngniſſes und herein traten drei Männer, abgefeimte Galgengeſichter in Kaiſerlicher Uniform, begleitet von einem Schreiber, die ſich als eine Deputation des Kriegs⸗ gerichts kundgaben und ſich des Auftrags entledigen wollten, ein vorläufiges Verhör mit dem Gefangenen anzuſtellen, welches, wie der Wortführer bemerkte, ihm durchaus überflüſſig erſcheine, da das Aeußere des Deli⸗ quenten ſo ſehr den Spitzbuben verrathe, daß es am gerathe⸗ ſten wäre, ihn ohne weitere Procedur hängen zu laſſen. Abt nahm ſich zuſammen. Er erkannte die Gefahr, worin eine einzige Unvorſichtigkeit ihn ſtürzen könne. Man hatte ihm bei ſeiner Gefangennahme alle Papiere abgenommen, und er verlangte dieſelben jetzt zurück zu erhalten. „Geht nit!“ entgegnete Einer.„Die Papiere ſind verdächtig, weil kein ordentlicher Paß dabei iſt.“ „Das iſt unmöglich!“ rief Abt lebhaft.„Ich habe einen ſächſiſchen Paß.“ „Wir bekümmern uns nit um einen Paß aus Sach⸗ ſen!“ war die Antwort.„Wer in Kaiſerlichen Landen reiſen will, muß einen Kaiſerlichen Paß aufweiſen und wer das nicht kann, iſt ein infamer Spion.“ „Eine verdammte Logik!“ rief Abt.„Wie ſoll man denn, kaum über die Gränze, ſchon einen Kaiſerlichen Paß herbekommen? Nehmt doch nur Vernunft an, Ihr Herren.“ — 131— „Wie kann Er uns zumuthen, daß wir Etwas an⸗ nehmen ſollen?“ ſchrie einer der Kerle, dem man es nur zu wohl anſah, daß er unter allen Umſtänden eine offene Hand hatte.„Ein kaiſerlicher Offizier und Beamter nimmt nie etwas an, als was ihm zukommt.“ Die Herren erhitzten ſich bei dieſen Worten ſo ſehr, daß ſie wild durcheinander ſchrieen und kaum ein Wort mehr zu verſtehen war. Der Schreiber ſchrie lauter als alle Uebrigen:„Zum Teufel mit dem Paſſe aus Sach⸗ ſen! Wir wollen keine Päſſe und keine Kerle von daher!“ „Hört, Ihr Herren,“ ſagte Abt nach ſeiner trocknen, ſarkaſtiſchen Weiſe, als die Ruhe einigermaßen wieder⸗ hergeſtellt war,„nun möchte ich mit dem Frauenzimmer⸗ chen des Wachtmeiſters fragen: Iſt es denn eine Schande aus Sachſen zu ſein?“ „Laſſe Er den Herrn Wachtmeiſter zufrieden, und be⸗ kümmere Er ſich nicht um deſſen Frauenzimmer!“ polterte einer der martialiſchen Richter, während die andern Beiden ihn zum Schweigen zu bringen verſuchten. Abt zuckte mitleidig die Achſeln und gab ſich dann mit ſo vieler Ruhe, als nur möglich, dem Verhöre hin, das, auf die barockeſte Weiſe von der Welt, von dem Hundertſten auf das Tauſendſte geführt ward und des⸗ wegen auch kein Reſultat ergab. Auch ſchien der Protocollführer der Feder nicht ge⸗ wachſen zu ſein, denn er benutzte ſie nur ſelten und be⸗ ſchäftigte ſich in jeder ſchicklichen Pauſe deſto angelegent⸗ licher mit einer ſchmalen Branntweinflaſche, die er mit großer Geſchicklichkeit an den Mund zu bringen wußte. 9* — 132— Als dieſe peinliche Scene länger als eine Stunde gedauert hatte, begaben ſich die Herren weg und bemerkten noch Jeder für ſich, wie ſie nicht glaubten, daß der Arreſtant mit dem Leben davon komme, und er daher am Beſten thun werde, ſein Teſtament in der nächſten guten Stunde zu machen. Dem armen Künſtler war bei dem Allen nicht wohl zu Muthe. Zwar haftete nicht die geringſte Schuld auf ihm und ſeine Papiere waren in der beſten Ordnung. Aber was half ihm das Alles, wenn der Jäger, den er in Erfurt beleidigte, und der das volle Vertrauen ſeines Herrn zu beſitzen ſchien, ſeinen Untergang wollte? Dieſe und ähnliche Gedanken ſchwirrten ihm durch den Kopf und er legte die glühende Stirn in die hohle Hand, um über ſeine ſchlimme Lage nachzudenken und auf Abhülfe zu ſinnen, als er durch eine eben ſo unerwartete, als liebliche Erſcheinung geſtört ward. Röſel, die Tochter des Kalfaktors, trat ein, um dem armen, lechzenden Gefangenen die Erfriſchungen zu brin⸗ gen, die dieſer längſt erſehnte und im Voraus mit ſchwe⸗ rem Gelde bezahlte. Sie packte das zierliche Körbchen mit reizender Geſchäftigkeit aus und reichte dem Gefan⸗ genen zum Schluß einen wohlgefüllten Krug duftenden Weines, den ſie ihm mit einem freundlichen„Wohl be⸗ komm's dem Herrn!“ kredenzte. Kaum hatte Abt die Speiſen und den Wein mit einem Kennerblicke gemuſtert, als er ſogleich wieder ſeine gute Laune gewann, und ſich zu einem tapfern An⸗ griff rüſtete. Das Mädchen betrachtete ihn mit großer Gutmüthigkeit, und als ſie ſah, mit welcher Behaglichkeit v — 133— er ſeine Mahlzeit zu ſich nahm, brach ſie unwillkürlich in die Worte aus: „Na! J glaub's nit, daß der Herr ein Spitz⸗ bub iſt.“ „Nein, mein liebes Kind, das bin ich gewiß und wahrhaftig nicht.“ „Na ſchaut's! der Vater ſagt's freilich, der Herr ſei ein Spion, der unſern guten Kaiſer Joſeph verrathen wolle, und Seine Gnaden der Herr Unterlieutnant und der Herr Vice⸗Gefreite ſagen daſſelbe. Aber i glaub's doch nit, denn wer einen ſolchen Appetit hat und ſo fröhlich drein ſchaut, wie der Herr, kann kein Böſewicht ſein. Nun ſage mir der Herr einmal recht ehrlich, iſt Er a Spitzbub oder nit?“ Abt ſah das reizende Böhmenkind, die das gutmü⸗ thigſte Geſchöpf von der Welt war, feſt in's Auge. Und wie dieſem Künſtler neben ſeiner unerſchöpflichen Komik zugleich eine Fülle von Gemüth zu Gebote ſtand, ent⸗ warf er, von der Empfindung des Augenblickes hinge⸗ riſſen, eine lebendige Schilderung des Mißgeſchickes, das er hatte erdulden müſſen, und nun ſchuldlos in einem Kerker ſchmachte, während treue Freunde ihn erwarteten und in der Heimath ein gutes Weib und zwei liebe Knaben täglich auf ſeine Rückkehr harrten. Hingeriſſen von ſeiner eignen Phantaſie, die mit den glühendſten Farben ſchilderte, erregte er ſich ſo ſehr, daß ihm endlich die Stimme verſagte und die hellen Thränen ihm über die Backen rollten. Röſel haſchte ein jedes Wort von ſeinen Lippen. Die Begeiſterung des Schauſpielers riß auch ſie mit fort — 134— ſein erregtes Gefühl erregte auch das ihrige und ſie brach laut weinend in die Worte aus: „Halte der Herr doch nur einmal ſtille mit Erzählen, daß i mi ausweine kann.“ „Du biſt ein gutes Kind!“ „Was iſt das für'n Jammer! Soviel zu leiden und doch unſchuldig zu ſein. Das bricht der armen Röſel das Herz. Denn der Herr iſt gewiß unſchuldig, darauf möcht i leben und ſterben.“ „Ganz gewiß, Röſel. Wie wohl thut mir Dein Mitleid.“ „Und Er hat wirklich zu Hauſe eine gute Frau, die ſich um Seinetwillen grämt?“ „Die habe ich.“ „Und liebe Kinderchens auch?“ „Zwei Knaben.“ „Und in Dings da drüben, in Langenau, warten's auf Ihn?“ „Schon ſeit Morgen. Deine Theilnahme, mein liebes Kind, rührt mich außerordentlich.“ „Ja, mit meiner Theilnahme wäre wohl dem Herrn nit viel gedient. Aber wann i was für Ihn thun könnt, das Ihn aus dieſem garſtigen Loch herausbrächte... „Das wollteſt Du?“ „Warum nit? Die Thüren kann i Ihm freilich nit aufſperren.'s Würd auch nir nutzen, dieweil ein ganzes Regiment Schildwachen draußen ſteht. Aber man müßt's auf eine andere Weiſe anfangen, denn i mögt's gar zu gern, ſieht Er. Zuerſt, damit Er wieder zu den Seini⸗ gen kommen kann, und dann auch um Seine Gnaden — dem Herrn Unterlieutenant einen Poſſen zu ſpielen, der mir einen böſen Schabernack anthut und den Michel ſchon zwei Mal in Arreſt gebracht hat.“ „Wer iſt denn dieſer Michel?“ „Das iſt einer der beſten Soldaten, die unſer guter Kaiſer Joſeph hat!“ entgegnete das Mädchen mit großer Haſt und ſetzte etwas langſamer hinzu:„Und mei Schatz!“ „Du haſt alſo auch einen Schatz?“ „Das will ich meinen. J bin ja vergangene Licht⸗ meſſen ſechszehn Jahr geweſen. Nun ſieht der Herr, die⸗ ſer Michel iſt ein verſchlagener Kopf und es trifft ſich ſo gut, daß er heute keinen Dienſt hat. Da könnte es wohl geſchehn, daß wann mi der Herr recht bittet, i den Michel nach Langenau ſchickte.“ „Himmliſcher Engel!“ rief Abt in Erſtaſe.„Wenn Du das thun wollteſt...“ „Was fallt Ihm denn ein?“ entgegnete Röſel, ihm ausweichend.„Werde Er doch nit närriſch. Sage Er mir nur ſchnell, wie die Leute drüben heißen, und wer Er ſelbſt iſt, damit wir der Geſchichte ein Ende machen.“ Abt erzählte Alles, was ihr zu wiſſen nöthig war, mit größter Ausführlichkeit und noch war er nicht völlig damit zu Ende, als man draußen mit heller Stimme rufen hörte: „Röſel! Röſel! Wo ſteckſt Du denn, Du Wetter⸗ mädel?“ Das Mädel lachte laut auf:„Da kann's der Herr hören, daß i mi ſchon zu lange aufgehalten hab. Das iſt mei Michel, der ſo ſchreit. Na, wart! J werd kom⸗ men und er wird ſich ſchön wundern, was ihm über'n — 136— Hals kommt. Gedulde ſich der Herr, es kann noch Alles gut gehn. Aber für gewiß verſpreche ich Ihm nir“ Und mit einem raſchen Sprunge war das flinke Mä⸗ del zur Thür hinaus. Abt aber gab ſchnell jeder mög⸗ lichen Hoffnung Raum und wurde ſo heiter geſtimmt, daß er nach dem Becher griff und aus voller Bruſt ein fröhliches Lied anſtimmte. An dem Tage, der auf die vorhin erzählten Bege⸗ benheiten folgte, war in dem Hauptquartier zu Auſſig große Mittagstafel bei dem Feldmarſchall, Generallieu⸗ tenant, Grafen von Rieſe. Unter den anweſenden vor⸗ nehmen Gäſten bemerkte man beſonders den liebenswür⸗ digen Prinzen Georg von Mecklenburg⸗Strelitz, der als General⸗Major in der Kaiſerlich Oeſterreichiſchen Armee diente. Außerdem waren viele Offiziere von hohem Range gegenwärtig, unter Andern auch Obriſt von Winkelmann, der in Dienſtgeſchäften nach dem Hauptquartier gekom⸗ men und von dem kommandirenden General zu dieſem Bankett geladen war. Die Stunden flogen vorüber. Die edelſten Weine, die mit größter Freigebigkeit geſpendet wurden, erheiterten die Geſellſchaft, die ſich einer harmlos-fröhlichen Unter⸗ haltung überließ. Das Geſpräch war allgemein. Jeder ſteuerte bei und auch der freigebige Wirth, ſo wie ſein durchlauchtigſter Gaſt, erzählten mit vieler Laune luſtige Geſchichten. Jetzt traf den Oberſten von Winkelmann die Reihe. Wohlgefällig ſtrich er ſich den Bart, lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück und begann: ———— — 137— „Die Herren Kameraden erinnern ſich, daß ich erſt kürzlich in Familien⸗Angelegenheiten eine Reiſe nach mei⸗ ner Heimath gemacht habe. Um in dieſer Zeit, wo man nicht vorſichtig genug ſein kann, jedes unnütze Aufſehen zu vermeiden, reiſte ich als mein Jäger verkleidet. Meine Geſchäfte habe ich glücklich auf dieſe Weiſe beendet, und außerdem in dem einfachen Jägerrock Abentheuer erlebt, die mir ſonſt wohl nicht begegnet wären und von denen ich Eines hier erzählen will.“ Der Oberſt erzählte die Scene im Gaſthauſe zur blauen Weinrebe zu Erfurt, ſo wie ſein ferneres Zu⸗ ſammentreffen mit„dem verdammten Kerl, dem Co⸗ mödianten,“ und ſchloß damit, daß er ihn, um ihn für ſeine Grobheit zu ſtrafen, als Spion habe ein⸗ ſtecken laſſen und ihn noch einige Zeit tüchtig zu ängſti⸗ gen gedenke. Aber dieſe Erzählung brachte eine ganz entgegenge⸗ ſetzte Wirkung, als beabſichtigt worden, hervor. Während des Vortrags vernahm man kein ermunterndes Lachen, kein halb unterdrücktes Bravorufen. Der Erzähler, der dies bemerkte, biß ſich in die Lippen. Er ward immer unſicherer, und als er endlich zum Schluſſe kam, ſchaute er nur in ernſte Geſichter. An der ganzen Tafel herrſchte tiefes Schweigen. Endlich, nach einer überaus peinlichen Pauſe nahm der Feldmarſchall das Wort: „Ich weiß nicht, ob ich dem Herrn Oberſten für ſeine Mittheilung beſonders dankbar ſein ſoll. Iſt ſie in der Wahrheit begründet, ſo iſt ſie zu grauſam, um zum Lachen zu reizen. Was muß der arme, unſchuldige Mann — 138— gelitte haben. Wenn nun Krankheit, oder gar Tod die Folgc iner ſolchen Barbarei wäre?“ „Pa!“ brummte der Oberſt in den Bart.„Wird ja nicht gleich ſo arg werden. Und was iſt denn am Ende an ſolchen Kerl gelegen! Ein Hanswurſt! Ein Comö⸗ diant! Ein Landſtreicher!“ „Sie irren ſich, Herr Oberſt!“ entgegnete im edlen Unwillen der Prinz.„Ich kenne Herrn Abt, der von Ihnen eine ſo harte Behandlung hat erdulden müſſen. Ich ſchätze es mir zur Ehre, ihn zu kennen, denn er iſt ein tüchtiger Künſtler, ein braver, rechtlicher Bürger. Ich möchte um Vieles nicht, daß es geſchehen wäre, und wir müſſen nun verſuchen, dieſe Angelegenheiten auf das Schonendſte auszugleichen. „Was das für Umſtände ſind mit ſolchem Lumpen⸗ kerl!“ murmelte der Oberſt in ſich hinein. „Vor allen Dingen wird es nöthig ſein, den ar⸗ men Teufel aus ſeinem Arreſt zu entlaſſen,“ ſagte der Feldmarſchall, als er von einer Ordonnanz unter⸗ brochen wurde, welche den Oberamtmann Trauſchke aus Langenau meldete, der um die Gnade bitte, dem Herrn Feldmarſchall eine wichtige Angelegenheit, die keinen Augenblick Aufſchub dulde, vortragen zu dürfen.“ „Was wetten wir!“ rief der Prinz,„das iſt einer von Abt's Freunden, der hierher kommt, um zu reclami⸗ ren. Oberſt! Oberſt! Sie haben uns da einen ſchlim⸗ men Streich geſpielt.“ Der Oberſt wandte ſich unwillig ab, denn er konnte noch immer nicht begreifen, weshalb man mit einem Poſ⸗ — 139— ſenreißer ſo viele Umſtände mache. Der Feldmarſchall aber legte ſich in's Mittel. L „Ich bitte die Herren ſämmtlich, zuſammen zu blei⸗ ben. Mir kommt ein Einfall, wie ſich die Sache auf eine geſchickte Weiſe beilegen läßt. Erſt will ich den Lan⸗ genauer Beſuch beruhigen, und dann das Uebrige aus⸗ gleichen.“ Er ging hinaus und wußte dem Oberamtmann ſo freundlich zuzuſprechen, daß dieſer, ganz zufrieden ge⸗ ſtellt, ein Zimmer in dem Hauſe des Generals annahm, um daſelbſt bis zur ausgemachten Sache zu verweilen. Als dieſe Angelegenheit beendet war, kehrte der General in den Saal zurück. Der Prinz ging dem General einige Schritte ent⸗ gegen, und Beide traten in eine Fenſterniſche, wo ſie ſich angelegentlich miteinander unterhielten. „Recht,“ ſagte der Prinz, als er den General ange⸗ hört hatte.„Strafe muß ſein, und die von Ihnen vor⸗ geſchlagene Beendigung der Sache wäre wirklich eine Strafe für den Oberſten, vorausgeſetzt, daß es mit dem Geize deſſelben ſeine Richtigkeit hat.“ „Verlaſſen ſich Euer Durchlaucht darauf. Der Oberſt iſt der ärgſte Filz in der ganzen Armee.“ „So rufen Sie ihn herbei.“ Der Oberſt ward durch den General zum Prinzen beſchieden, und ihm mitgetheilt, daß man die ärgerliche Sache möglichſt unterdrücken wolle und es daher für ge⸗ nügend anſehe, wenn der Oberſt dem Schauſpieler, den man alsbald erwarte, einige Worte der Entſchuldigung ſage; außerdem ſich aber verpflichte, demſelben als Ent⸗ — 140— ſchädigung für die erlittenen Unfälle und die verlorene Zeit eine Summe von zweihundert Kaiſer⸗Dukaten zu zahlen. Man denke ſich das Geſicht des Oberſten bei dieſem Antrage, den er übrigens mit aller Energie von ſich wies, indem er meinte, daß der ganze Kerl, um deſſen⸗ willen ſo viele Umſtände gemacht würden, noch nicht zweihundert Kreuzer werth ſei. Der Prinz und der General wußten aber ihre Sache ſo geſchickt zu machen, daß er ſich endlich entſchloß, funfzig Dukaten, wie er ſagte, wegzuwerfen. „Nein, lieber Oberſt,“ entgegnete der Prinz. Einen Abzug können wir uns nicht gefallen laſſen. Sie müſſen die von uns beſtimmte Summe zahlen, die für einen Mann von Ihrem Vermögen eine wirkliche Kleinigkeit iſt.“ „Nun denn,“ antwortete der Oberſt nicht vhne Wider⸗ ſtreben,„möge es denn um Euer Durchlaucht willen ge⸗ ſchehen, daß ich— aber es iſt in der That ein ſaurer Apfel, in den ich beiße— daß ich dem Comödianten Einhun⸗ dert Stück Dukaten gebe.“ „Nicht doch, Oberſt. Nicht einmal Einhundert Neun und Neunzig, ſondern rund Zweihundert voll. Das be⸗ trägt gerade die Summe, welche Sie ehegeſtern im Pha⸗ rao gewonnen haben. Sie können den Segen, den Ihnen dieſer heidniſche König zugewendet hat, nicht chriſtlicher anwenden.“ Raſch entgegnete der Oberſt, der einen Ausweg vor ſich ſah, der an ihn geſtellten Forderung zu entgehen: „Und wenn ich mich entſchlöſſe, eine ſolche Summe auszugeben, wozu ich die Nothwendigkeit übrigens gar — 141— nicht einſehe, kann ich verſichern, daß ich ſie durchaus nicht bei mir führe...“ Der General gab dem Prinzen einen Wink, ohne daß der Oberſt es bemerkte, und dieſer, der ihn richtig ver⸗ ſtand, erwiederte: „Das iſt freilich ein Anderes. Da Sie eine ſolche Summe nicht bei ſich führen, und auch nicht nach Hauſe ſchicken können...“ „Durchaus nicht.“ „Dann muß es freilich unterbleiben. Das thut mir ſehr leid.“ „Mir auch! Mir auch!“ ſprach der Obriſt haſtig. „Ich habe jetzt ſelbſt Mitleid mit dem Kerl und könnte mich, auf gnädige Verwendung wohl entſchließen, ihm die Summe zu ſchenken, aber Durchlaucht ſehen ſelbſt ein, daß man nicht geben kann, was man nicht hat.“ „Wenn es ſich nur darum handelt, mein lieber Oberſt,“ nahm jetzt der General das Wort und faßte ihn vertraulich unter den Arm,„wollen wir die Sache beſtens ausgleichen. Meine Kaſſe ſteht zu Dienſten. Und wenn Sie vielleicht noch Einhundert Dukaten zulegen en „Den Teufel will ich!“ ſagte der Oberſt, im höchſten Grade ärgerlich, daß er auf dieſe Weiſe hinter das Licht geführt war. Aber der General brachte ihn mit der liebenswürdigſten Zuvorkommenheit zu der in geſpannter Aufmerkſamkeit harrenden Geſellſchaft zurück: „Meine Herren, der Oberſt geſteht allerdings, daß der Scherz, den er ſich mit dem Schauſpieler Abt geſtat⸗ tete, etwas ſtark war; doch haben wir jetzt ermittelt, daß — 142— ſeine Leute weit über die ihnen ertheilten Inſtructionen hinausgegangen ſind. Dies wird ſich indeſſen ausglei⸗ chen. Seine Durchlaucht iſt entzückt über die liebens⸗ würdige Art und Weiſe, wie ſich der Herr Oberſt freiwillig entſchloſſen hat, Satisfaction zu geben, und zwar in unſerer Gegenwart.“ Die Offiziere verbeugten ſich vor dem Prinzen. Der Oberſt, der nun einmal in den ſauern Apfel gebiſſen hatte, nahm ſich vor, ihn vollends hinunter zu ſchlucken und verſicherte ſeinen Kameraden, daß er ſich mit Anſtand aus der Affaire ziehen werde. Eine Ordonnanz führte auf einen Wink des Generals den Schauſpieler Abt ein. Der gaſtfreie Wirth hieß ihn willkommen, ſtellte ihn dem Prinzen, ſo wie der übrigen Geſellſchaft vor, und lud ihn ein, am Deſſert Theil zu nehmen. Jetzt ſtellte ſich der Oberſt, der ſich bei dem Eintritt des Künſtlers etwas zurückgezogen hatte, dieſem gegenüber. Abt fiel aus den Wolken, als er den Jäger, der ihn ſo vielfach geängſtigt hatte, jetzt in der Uniform eines Kaiſerlichen Oberſten vor ſich ſah. Er begriff indeſſen den Zuſammenhang ſehr wohl und ſagte nicht ohne Bitterkeit: „In der That, Herr Oberſt, ſehe ich jetzt noch einen Grund weniger, weshalb ſie einen armen Schauſpieler ſo verfolgen, da Sie doch ſelbſt ein ſo ausgezeichnetes Talent beſitzen, und einen gewöhnlichen Jäger zum Ver⸗ wechſeln ſpielen können.“ „Behalte Er nur Seine Witzeleien für ſich, Herr Co⸗ mödiant,“ ſprach der Oberſt mit ſüßſaurer Miene.„Ich — 143— brauche nichts davon zu hören. Es thut mir übrigens leid, daß die Geſchichte Ihm ſo viel Kopfbrechen ver⸗ urſacht hat. Es ſollte ſo arg nicht werden und war nur auf einen Schreckſchuß abgeſehen, von wegen der Erfurter Grobheit. Revange muß ſein. Denke Er nicht mehr daran.“ „Herr Oberſt,“ antwortete Abt beſcheiden, aber feſt. „Ich bin Ihnen für die Erklärung dankbar, wenn es gleich für uns Beide beſſer geweſen wäre, wenn ſie gar nicht nöthig gethan hätte.“ Der General, welcher begriff, daß der Oberſt ein Geſpräch ſolcher Art nicht fortführen könne, legte ſich in's Mittel und ſagte: „Der Oberſt meint es mit der Ausſöhnung aufrich⸗ tig und hat mich gebeten, das Amt der Mittelsperſon zu übernehmen. Er wünſcht Ihm eine Aufmerkſamkeit zu erweiſen und bittet Ihn, mein lieber Abt, dieſe Börſe als eine kleine Entſchädigung für die Gaſtrolle zu nehmen, die Er wider Willen hat ſpielen müſſen.“ Abt war ſichtlich betreten und auch der General hielt inne, denn er begriff in dieſem Augenblicke, daß ſich eine ſolche Kränkung nicht durch Geld vergeſſen laſſe. Da übernahm es der Prinz, die peinliche Scene zu unter⸗ brechen, indem er dem Schauſpieler einige freundliche Worte über ſein Talent ſagte. Dieſer entgegnete raſch: „Ich möchte nicht gerne undankbar erſcheinen, indem ich zurückweiſe, was man mir bietet. Indeſſen glaube ich einen Ausweg gefunden zu haben, und dankbar nehme ich die mir gebotenen Goldſtücke an, wenn mir geſtattet wird, ſie nach meinem Belieben zu verwenden.“ — 144— „Er hat vollkommen freie Hand, mein lieber Abt!“ ſprach der General. „So muß ich gehorſamſt bitten, nach der Hauptwache zu ſchicken, und die Tochter des Kalfaktors, ſammt ihren Bräutigam, den Soldaten Michel, baldigſt hierher zu beſcheiden.“ Der General gab die nöthigen Befehle hierzu und ſagte: „Während nun aber die verlangten Perſonen herbei⸗ gerufen werden, will ich Ihm auch ein kleines Schauſpiel bereiten. Eine Ueberraſchungsſcene. Sehe Er ſich ein⸗ mal um.“ Abt gehorchte und fiel mit einem Aufrufe des freu⸗ digſten Staunens in die Arme ſeines Freundes, des Ober⸗ amtmanns Trauſchke aus Langenau. Bald darauf führte man das von Abt bezeichnete Paar ein. Michel nahm eine ſtreng⸗ſoldatiſche Haltung an. Röſel aber machte Knixe über Knixe und flüſterte dem Michel zu: „Schau, da iſt Seine Gnaden der Herr Prinz, und Seine Gnaden der Herr Feldmarſchall und Seine Gna⸗ den alle andern Herren Offiziere. Was ſoll's geben?“ Abt nahm Beide an der Hand und ſagte, ſie vor⸗ führend: „Dieſe guten Menſchen haben mir einen Dienſt erwie⸗ ſen, der mir die ſchönſten Früchte getragen hat. Sie lieben ſich. Gern möchte ich mich ihnen dankbar bewei⸗ ſen und bitte darum den Herrn Feldmarſchall um den nöthigen Conſens.“ „Zugeſtanden!“ ſprach dieſer. — 145— „So beſtellt Euere Hochzeit, Ihr guten Kinder. Und nehmt dieſe Rolle mit Dukaten zu Eurer häuslichen Ein⸗ richtung. Nehmt ſie und bedankt Euch dafür bei dem Herrn Oberſten von Winkelmann, der mir dieſe Summe für einen wohlthätigen Zweck gegeben hat. Heirathet Euch und ſeid glücklich.“ Röſel warf ſich mit überſtrömenden Augen vor dem Oberſten in die Kniee: „Euer Gnaden, gnädigſter Herr Oberſt, i küß den Rock.“ Michel aber, nicht minder bewegt, als ſeine Braut, vergaß doch den Reſpekt nicht. Er legte ſalutirend die Hand an die Mütze und ſagte vor ſich hin: „Das is a Freud!“ „Jetzt bitte ich um die Erlaubniß, mich mit meinem Freunde entfernen zu dürfen,“ ſprach Abt, ſich gegen die Geſellſchaft verneigend.„Wenn mein Erſcheinen auch kein freiwilliges war, glaube ich doch, es ein glück⸗ liches nennen zu dürfen, denn ich hoffe, keinen trüben Eindruck zu hinterlaſſen.“ „Den freundlichſten von der Welt!“ ſagte der Prinz. „Hier ſteht ein glückliches Paar.“ „Der Schluß eines jeden Luſtſpiels, Ener Durch⸗ laucht!“ antwortete der Künſtler.„Möge es Ihnen ge⸗ fallen und nie von dem Repertvire Ihrer Erinnerungen verſchwinden.“ Mit dieſen Worten verließ Abt unter dem allgemei⸗ nen Applaus der Verſammlung den Saal. Nur der Oberſt applaudirte nicht mit. 4 B Smidt, Glöckchen. 10 — 146— Wie gefüllt Ihnen meine Praut? I Peter Liebener war ein glücklicher und ein unglückli⸗ cher Kerl zu gleicher Zeit. Im gewiſſen Sinne winkten ihm des Lebens Güter vollauf und wieder im gewiſſen Sinne hatte er nicht einen überflüſſigen Groſchen. Onkel Baſtian und Tante Emerentia waren die beiden Pole, zwiſchen denen er ſich bewegte, denn von ihnen hing ſein Schickſal ab, das ſich ſehr glänzend geſtalten konnte, da Beide mit Glücksgütern geſegnet waren. Onkel war ein alter Junggeſelle, Tante eine alte Jungfer und obgleich leibliche Geſchwiſter, konnte es doch kaum zwei Perſonen von verſchiedenerer Sinnesart geben. Onkel Baſtian war früher viel gereiſt und auf dieſen Reiſen mit vornehmen und lebensluſtigen Leuten zuſammen gekommen. In ſeiner Heimath wieder angelangt, be⸗ ſchloß er, es ihnen gleich, wenn nicht zuvor zu thun und traf ſofort alle Anſtalten, um ein Haus zu machen. Herr⸗ ſchaftliche Wohnung, brillante Equipage, koſtbare Tafel, fürſtlicher Wein,— was brauchte es mehr, um dies neueſte Haus in der Reſidenz zu einem der beſuchteſten und berühmteſten zu machen? Onkel Baſtian befand ſich wohl, wie der Fiſch im Waſſer, ließ ſeine zahlreichen Gäſte in Champagner ſchwimmen und ſchwamm gele⸗ gentlich mit. — 147— Tante Emerentia war von alledem das Gegentheil und darum harmonirte ſie mit ihrem Bruder ganz und gar nicht. Sie war gerade ſo häßlich, als ſchielende Augen und citronengelber Teint ein Frauenzimmer machen können. Da ſie klug genug war, zu begreifen, daß die Männer, die ſich um ihre Gunſt bewarben, dies nur ihrer harten Thaler willen thäten, beſchloß ſie, auch ihr Herz zu ver⸗ härten und ledig zu bleiben. Etwas aber muß der Menſch haben, woran ſein Herz, und ſei es noch verknöchert, hängt. Da ſich für Tante Emerentia kein anderer Ge⸗ genſtand finden wollte, ſo liebäugelte ſie mit ihrem Golde und ſann darüber nach, wie ſie es möglichſt raſch verdoppele. Darum wurde ſie von allen Menſchen für einen Geizteufel gehalten und Jeder wiederholte es ſo oft und ſo laut, daß ſie ſelbſt es endlich glaubte und ſo lebte, als ob ſie den Groſchen zu Brod und Holz nicht für ſich ſelbſt, geſchweige denn für Andere im Hauſe hatte. Nebenbei pflegte ſie auch wohl— und dies war ihre eigentliche und einzige Ergötzlichkeit— armen, nothlei⸗ denden Mitbrüdern und Mitſchweſtern kleine Summen darzuleihen, verſteht ſich, gegen dreifache Sicherheit und wenn die Empfänger ſich verpflichteten, den erwieſenen Liebesdienſt durch zwiefache Zinszahlung zu vergelten. Trotz dieſer verſchiedenen Sinnesart fand ſich doch ein Momeut in dem Leben der Geſchwiſter, wo dieſe vollſtändig miteinander übereinſtimmten und das war in ihrer Abneigung, um nicht zu ſagen, ihrem Widerwillen gegen den Bruder Robert. Bruder Robert war der Aelteſte der Geſchwiſter. Kein Schlemmer und Praſſer, wie Onkel Baſtian, kein Geiz⸗ 5 10* — 148— teufel und keine Wucherſeele, wie Tante Emerentia. Ro⸗ bert war durch und durch eine Künſtlernatur. Seine Malerwerkſtatt, die herrliche, freie Natur und ein frohes Zuſammenleben mit Gleichgeſinnten waren ſeine Welt. Er fand ein ſchönes, liebenswerthes Mädchen und heira⸗ thetete ſie, ohne viel nach Herkunft und Vermögen zu fragen. Er vertraute einem Freunde, der ihm goldene Berge verſprach, den größten Theil ſeiner Habe und als dieſer das Geld in gewagten Spekulationen verlor, hatte der Leichtſinn es in wenigen Wochen vergeſſen. Obgleich arm geworden, blieb er doch reich, und nur als ſein Weib ihm ſtarb, brach auch ſein Herz und er ließ den Geſchwiſtern ſeinen einzigen Sohn, den kleinen Peter, als ein unerwünſchtes Erbe zurück. Er wurde nicht beſonders freundlich angeſehen, der arme Junge. Zu Hauſe wollte ihn keiner haben, weder der Onkel, noch die Tante, alſo mußte er anderweitig untergebracht werden. Die Geſchwiſter beſaßen ein ge⸗ meinſames Eigenthum, ein kleines Gut, welches als eine Familienſtiftung nicht veräußert werden durfte und daher verpachtet war. Zu dem Pächter dieſes Gutes wurde der Peter geſchickt und hatte bei demſelben eine harte Lehrzeit durchzumachen. Aber auch das Schlimmſte findet das willkommene Ende Der Pachter war ein ſtren⸗ ger, aber zugleich ein gewiſſenhafter Mann. Peter hatte auf dem Pachthofe keine Freudentage verlebt, aber er war ein tüchtiger Landwirth geworden. In einem An⸗ fall verwandſchaftlicher Schwäche geſtatteten Onkel und Tante, daß, als der Pachter dem Peter ein glänzen⸗ des Zengniß ausſtellte, dieſem die Pacht übergeben ———— ———— — 149— ward und er war nun der gehorſame Diener ſeiner Ver⸗ wandten. Peter war Tag und Nacht auf den Beinen und ſorgte ohne Aufhören. Aber auch der eifrigſte Landwirth kann ſich nicht ſtets mit Knechten und Mägden herum zanken; er muß zeitweiſe mit anderen Menſchenkindern verkehren, die nicht ſeine Knechte und Mägde ſind. Dann ging Peter in den nahen Wald ſpazieren, wo unter den ur⸗ alten Bäumen die Förſterwohnung gar anmuthig lag. Und da der Förſter, der über den jungen, anſtelligen Nachbar ein rechtes Vergnügen hatte, ihn ſtets freund⸗ lich grüßte, ſo kehrte er zuweilen bei demſelben ein und ward immer willkommen geheißen. Der Alte, der viele Jahre als Jäger in der hochfürſt⸗ lichen Leibeompagnie diente und dann ein beſchauliches Waldleben führte, wußte viel zu erzählen von Krieg und Frieden. Peter hörte aufmerkſam zu und ſchwatzte gern mit dem Alten. Noch lieber aber ſprach er mit des För⸗ ſters holdſeligem Töchterlein, der ſchönen Johanna, die ein lebensluſtiges, fröhliches Waldkind war und von ſtäd⸗ tiſchen Manieren, ſo wie von den guten und ſchlimmen Begleiterinnen derſelben keine Ahnung hatte. Johanna zeigte für den Peter eine gleiche Vorliebe und kaum konnte ſie die ſechste Abendſtunde erwarten, zu welcher Zeit der junge Herr Nachbar ſich täglich ein⸗ zufinden pflegte. Der Förſter, der trotz ſeiner vorgerück⸗ ten Jahre noch ein Paar geſunde Augen hatte, merkte bald, wie hoch es an der Zeit ſei und das die Stunde ſeines Töchterchens geſchlagen habe. Darum, als ſie Finſt traulich neben einander ſaßen, Hand in Hand, Auge — 150— in Ange, keines Wortes mächtig, ihre tiefinnerſten Ge⸗ fühle mit leſerlicher Schrift in allen Mienen ausgeprägt, trat der Förſter hinzu, legte ſeine Hände auf ihre Häup⸗ ter und ſagte: „Gott ſegne Euch, Kinder. Und wenn eines alten Mannes Fürbitte etwas gilt, werdet Ihr glücklich mit⸗ einander ſein. Mir kommt es vor, als müßte ich bald von hinnen und da iſt es mir eine Beruhigung, meine liebe Johanna von treuer Hand geſtützt zu wiſſen.“ Und als ob der alte Herr mit prophetiſcher Zunge geſprochen hätte, traf ihn mit dem Beginn des Jahres das Schickſal, von einem Wilddiebe hinterrücks erſchoſſen zu werden. Kummer und Trübſal herrſchten im Forſthauſe. Das Begräbniß war vorüber. Johanna begriff, daß ſie nicht im Forſthauſe bleiben und die Beſuche ihres jungen Freundes annehmen dürfe. Zur rechten Zeit er⸗ innerte ſie ſich, in der Reſidenz eine alte Muhme zu haben. Dieſe willigte ein, die Verwaiſete bei ſich aufzu⸗ nehmen, bis eine Verſorgung für ſie gefunden wäre und Peter, der gerade dahin wollte, um ſeinen Verwandten den Pacht zu zahlen und über den Zuſtand des Gutes den gewohnten Jahresbericht abzuſtatten, bot ſich zum Begleiter an. Kaum war dies beſprochen, als er ſowohl an den Onkel, als an die Tante ſchrieb, daß er ihnen ſeine Braut vorſtellen werde und geziemend bat, ihm ihren Segen zu ſeiner ehelichen Verbindung zu geben. Es er⸗ folgte darauf mit wunderbarer Uebereinſtimmung der Beſcheid, daß man eine ſolche Zuſage nicht ohne Weiteres ertheilen könne, ſondern dies erſt geſchehen werde, wenn man die Braut kennen gelernt und ſie Beiden gefallen — —„— 151— habe. Der Neffe möge ihnen deshalb das junge Mäd⸗ chen zuführen, worauf der Beſcheid ſeiner Zeit erfolgen werde. Peter theilte dieſe Nachricht ſeiner Geliebten mit und die Reiſe, welche demnächſt angetreten wurde, ver⸗ urſachte Beiden ein nicht geringes Herzklopfen, das immer beängſtigender wurde, je näher ſie der Reſidenz kamen. Onkel Baſtian hatte gerade mit ſeinem alten Diener die wichtige Frage erledigt, welche Arrangements für die kommende Woche getroffen werden ſollten und begab ſich, mit der Ausſicht anf ſieben anderweitige fröhliche Tage, in ſein Garderobenzimmer, als Peter ſich melden ließ, um den Pachtzins zu bringen und zugleich ſeine Braut vorzuſtellen. Johanna war in einer neuen Welt. Der Glanz, die Pracht, welche ſie hier umgaben und von der ſie nicht die entfernteſte Ahnung hatte, verblendeten ſie. Es wurde ihr unter dieſer Fülle von Sammet und Seide, dieſen Sta⸗ tuetten und Bildern faſt unheimlich und ſie ſah dem Ein⸗ treten des Onkels mit großer Angſt entgegen. Onkel Baſtian kam. Ein kleiner, zierlicher Herr, wohl friſirt, toupirt und mit großer Sorgfalt gekleidet. Er muſterte die fortdauernd knixende Schöne durch das Augenglas und hörte nicht darauf, daß ſein Neffe mit ſteigender Ungeduld zwei bis drei Mal nach einander fragte: „Wie gefällt Ihnen meine Braut?“ „Hm! Hm! ſagte Onkel Baſtian nach einer Pauſe. „Sie ſind willkommen, Kind. Und da wir, wenn es Gottes Wille iſt, nahe miteinander verwandt werden ſol⸗ len, iſt es nicht mehr als billig, daß wir uns genauer — 152— kennen lernen. Darum, Neffe, gehe getroſt Deiner Wege und beſorge Deine Geſchäfte; ich werde unterdeſ⸗ ſen ſchon für die Unterhaltung der jungen Dame be⸗ dacht ſein.“ Peter ging mit ſchwerem Herzen, denn er fürchtete, daß die Unterhaltung mit dem Onkel möglicherweiſe ſchlimm ausfallen könne. Unterdeſſen fand dieſe vorerſt gar nicht ſtatt, denn Johanna vermochte vor lauter Re⸗ ſpect kein Wort hervor zu bringen. Als aber die erſte Scheu überwunden war, holte ſie das Verſäumte redlich nach. Sie horchte den Mittheilungen des Onkels, der ihr einen hohen Begriff von ſeiner glänzenden Lebens⸗ weiſe beibringen wollte, und mit ſeinen Beſchreibungen ſtets das totale Gegentheil erreichte. Johanna ſchlug vor Verwunderung in die Hände und lachte aus vollen Halſe, als ſie hörte, daß man hier, ſtatt früh mit der Sonne aufzuſtehen, bis gegen Mittag im Bett bleibe, und wenn man auf dem Lande abgegeſſen hätte, den Morgenkaffee trinke. Sie begriff nicht, wie man ſich bei'm Dunkel⸗ werden zum Mittagseſſen begeben, drei bis vier Stunden am Tiſche ſitzen bleiben und von zwanzig Schüſſeln eſſen könne. Am lächerlichſten aber kam es ihr vor, daß zu der Zeit, wenn im Forſthauſe ſchon Alle längſt zur Ruhe waren, die Damen und Herren große Toilette machten und ſich anſchickten, Geſellſchaften zu beſuchen, die oft mit dem anbrechenden Morgen endeten. Onkel Baſtian hatte Unglück. Was er auch anbrachte, um Johanna's Theilnahme zu erregen, ſchlug in das gerade Gegentheil um. Er war außer aller Faſſung, wußte nichts weiter zu ſagen und hielt inne, indem er — — — —— — 153— in ſtummer Verzweiflung mit der flachen Hand auf der Stirn trommelte. Das that Johanna leid. Sie hielt den Onkel für krank und indem ſie ihn tröſten wollte, ſchüttete ſie, ohne es zu ahnen, eine Fluth von Oel in das ohnehin hell aufpraſſelnde Feuer. „Das kann ich mir wohl denken, lieber Herr,“ ſagte ſie bedauernd,„daß Sie bei einer ſolchen Lebensweiſe elend und miſerabel werden müſſen. Man ſieht es Ihnen ja auch auf den erſten Blick an.“ „Was?“ rief Onkel Baſtian und machte eine gewal⸗ tige Anſtrengung, um den aufſteigenden Zorn nieder zu kämpfen. Der alte, eitle Herr, der gern noch für einen Unwiderſtehlichen gelten mochte, ſollte ſo miſerabel und elend ſein, daß eine hergelaufene Bauerndirne ihm das Siechthum bei dem erſten Anblick von der Stirn abläſe? Johanna, die den Zornesruf für einen Schmerzensſchrei hielt, legte, wie beſchwichtigend, ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte gutmüthig: „Da wollen wir bald Rath ſchaffen. Wenn es Got⸗ tes Wille iſt, daß der Peter und ich ein Paar wer⸗ den, ziehen Sie zu uns hinaus auf den Pachthof. Da will ich Sie hätſcheln und pflegen, daß es eine Luſt iſt. Sie erben meines Vaters großen Sorgenſtuhl. Wenn Sie allein nicht fort können, will ich Sie führen. Sie dürfen ſich getroſt auf mich ſtützen, denn ich bin geſund und ſtark. Vom Kohlgarten aus, da wo die blau ange⸗ ſtrichene Bank ſteht, ſehen Sie die Sonne aufgehen und des Abends ſpielen Sie mit dem Peter eine Partie Deutſch⸗ Solo, wie er es früher mit meinem ſeligen Vater that. — 154— So treiben wir es einen Tag, wie alle Tage, außer Sonn⸗ tags, wo wir zur Kirche gehen und bald bei dem Herrn Paſtor, bald bei dem Herrn Schulzen oder dieſe bei uns das Mittagbrod eſſen. Das ſoll ein Leben werden.“ Johanna hielt erſchreckt inne, denn der Onkel fuhr ſo plötzlich vom Stuhl auf, als ſei er von einer Tarantel geſtochen. Er raſete im Zimmer auf und ab und rief ein Mal über das andere: „Tollheit! Wahnſinn! Verrücktheit in optima forma! Und das will in die Familie hinein! Alter Balthafar, wo biſt Du! Ich erſticke! Balthaſar! Balthaſar!“ „Hier, Herr!“ rief der alte Diener, erſchrocken herbei⸗ eilend, und Johanna rief händeringend: „Ach Gott! Was iſt nur das? Ich habe es ſo herz⸗ lich gut gemeint!“ In dieſem Augenblick kam Peter, der es nicht länger hatte aushalten können, zurück, und mit Mühe den auf⸗ und abrennenden Onkel feſthaltend, fragte er mit ver⸗ ſetztem Athem: „Wie gefällt Ihnen meine Braut?“ „Ganz und gar nicht!“ platzte der Alte heraus.„Ganz und gar nicht, Monſieur Peter. Und wenn Er noch irgend Etwas auf Seinen Onkel giebt, wenn Er in der Verwandſchaft bleiben und den fetten Pacht behalten will, ſchlage Er ſich dieſe Heirath aus dem Sinn, zu der ich nun und nimmer meine Einwilligung gebe. Damit hat er Seinen Beſcheid.“ Mit dieſen Worten rannte der alte Baſtian aus dem Zimmer, und Peter, der ſelbſt nicht wußte, wie ihm ge⸗ ſchah, hatte volle Mühe, die lautweinende Johanna zu „——— — ———— — 155— beruhigen und ſie von dem Onkel Baſtian zu der Tante Emerentia zu bringen. W Es war vierundzwanzig Stunden ſpäter und noch zu ziemlich früher Tageszeit, als Tante Emerentia ſich ſelbſt geſtehen mußte, daß ſie, wenn es ſo fortginge, einen ſehr glücklichen Tag habe. Zwei böſe Schuldner, die nach und nach ſo viele Zinſen bezahlt hatten, als das urſprüngliche Anlehen betrug, hatten die Anlehen ſelbſt zurückgegeben. Ein Dritter hatte, gegen Hergabe eines Pfandes, welches dreihundert Thaler werth war, einhundert Thaler von ihr empfangen. Sie lächelte der alten Dienerin zu, was ſie ſonſt nie that, und gab dieſer den Befehl zur Bereitung einer Milchſuppe, welche ungewohnte Freigebigkeit die Dienerin in ein ſolches Erſtaunen ſetzte, daß der Befehl ihr eigends mit dürren Worten wiederholt werden mußte. Kopfſchüttelnd ging die alte Barbara hinaus, feſt über⸗ zeugt, es ſei mit der Herrſchaft nicht recht richtig. Zu dieſer höchſt glücklichen Stunde traf Peter mit ſeiner Johanna bei der Tante ein. Er ſtellte ihr das junge blühende Mädchen vor und fragte bedeutend zag⸗ hafter als geſtern bei dem Onkel: „Wie gefällt Ihnen meine Braut?“ Die alte Dame nickte zum Gruße mit dem Kopfe und ſagte dann: „Reden wir zuerſt von Geſchäften. Wo iſt der Pacht⸗ ſchilling? Wo ſind die Rechnungen und Beläge? Wie ſteht es draußen auf dem Gute? Eines nach dem An⸗ dern, umſtändlich und deutlich.“ — 156— Peter mußte mit der größten Ausführlichkeit berichten. Tante Emerentia erließ ihm nicht das Geringſte. Als endlich der kleinſte Umſtand erſchöpft und die Quittung für den gezahlten Pacht unterſchrieben war, wiederholte Peter ſchüchtern ſeine Frage: „Wie gefällt Ihnen meine Braut?“ „Wie kann ich das jetzt ſchon wiſſen?“ entgeg⸗ nete die Tante faſt verdrießlich.„Um das zu ſagen, müßten wir erſt einen Scheffel Salz mit einander ver⸗ zehrt haben.“ Barbara, die eben durch das Zimmer ging, bekreuzte ſich ob ſolcher Verſchwendung, und die Tante fuhr fort: „Ich will der Mamſell ſchon auf den Zahn fühlen und dabei braucht der Herr Neffe nicht zu ſein. Gehe Er Seinen Geſchäften nach, unterdeſſen werde ich erfahren, was ich erfahren will und Ihm dann meine Meinung ganz offen ſagen.“ Peter mußte wohl oder übel ſeines Weges gehen, was nicht ohne ſchwere Seufzer geſchah, denn er war des geſtrigen Auftrittes bei dem Onkel eingedenk und fürchtete, daſſelbe könne ſich hier in umgekehrter Weiſe wiederholen, und dann ſei alle und jede Hoffnung für immer verloren. Ehe aber noch das inquiſitoriſche Frage⸗ und Ant⸗ wortſpiel beginnen konnte, war die Barbara mit der Suppe fertig und Tante Emerentia mußte, wohl oder übel, die Fremde zum Miteſſen einladen, was die Bar⸗ bara ſehr ungnädig aufnahm, weil ſie dabei den Kürzern zog, denn das Bereitete reichte nicht für Zwei, geſchweige denn für eine Dritte. — Man ſetzte ſich zum Eſſen. Tante Emerentia, welche ſcharf beobachtete, fragte mit aufgeworfenen Lippen: „Iſt Ihr etwas an der Suppe nicht recht?“ „Nehmen Sie es mir nicht übel,“ ſagte Johanna, nur mühſam das Lachen bezwingend,„aber Ihre Köchin muß ſich das Lehrgeld wiedergeben laſſen. Sie hat die Suppe ordentlich zu ſalzen vergeſſen und Butter hat ſie auch nicht hinein gethan.“ Barbara ſchrie laut auf. Die Tante aber erwiederte ſcharf: „Butter und Salz! Warum nicht gar Zimmt oder Vanille und Marzipan zum Zubeißen? Wie müßte denn die Suppe nach Ihrem Recept gekocht werden? Ich ſetze voraus, daß Sie überhaupt eine Suppe kochen kann.“ „Ob ich das kann!“ ſagte Johanna, vor Freude ſtrah⸗ lend, denn nun war ſie in ihrem Elemente. Sie ent⸗ wickelte ihre Anſicht von der Kochkunſt mit überra⸗ ſchender Sicherheit und war von ihrem Gegenſtande ſo ſehr erfüllt, daß ſie gar kein Arges daraus hatte, welche Wirkung dieſe Offenbarungen auf ihre Zuhörerin⸗ nen hervorbrachte. Barbara wäre vor Entſetzen faſt taub geworden und wünſchte es ganz zu ſein. Sie ſchnitt jämmerliche Ge⸗ ſichter und hielt ſich beide Ohren mit den Händen zu. Tante Emerentia aber lehnte ſich immer weiter vor, den Kopf ſeitwärts gebogen, damit der Zornesblick ihrer ſchielenden Augen das junge Mädchen deſto tödtlicher treffe; ſie wechſelte die Farbe zu dreien Malen und kreiſchte ihr endlich zu: „Halte ein! Halte endlich ein, unſeliges Geſchöpf! — 158— Das iſt die offenbarſte Verſchwendung, die mit der Zeit in's Elend führt!“ „O, nicht doch!“ entgegnete Johanna unbefangen. „Auch das Geſinde darf nicht verkürzt werden, ſonſt lei⸗ det die Herrſchaft ſelber Noth. Arbeiten, wenn es nöthig iſt, vom frühen Morgen bis in die ſinkende Nacht; dafür aber auch Krug und Schüſſel allzeit bis zum Rande ge⸗ füllt. Was haben denn Knecht und Magd für ihr müh⸗ ſeliges Daſein, wenn nicht das Bischen Eſſen und Trin⸗ ken? Sie müſſen ja für uns arbeiten, alſo müſſen wir auch den Ueberfluß mit ihnen theilen.“ „Bettelpack!“ ſtöhnte die Tante, welcher der Zorn die Sprache raubte. „Ach ja!“ entgegnete Jvhanna, die den Sinn dieſes Wortes mißdeutete. Armuth giebt es, Gott ſei es geklagt, überall genug, und man weiß nicht, wie man dem Uebel ſtenern ſoll. Da thut denn Jeder nach Kräften das Sei⸗ nige. Das hätten Sie ſehen ſollen, wie es Sonnabends bei uns auf der Förſterei zuging. Vom frühen Morgen kamen die Armen von den umliegenden Dörfern. Der Vater gab Jedem einen Dreier, Sechſer oder Groſchen, die Mutter ſtand am Heerde und hatte für die Kranken und Gebrechlichen ſtets ein Süppchen bei der Hand. Die Kinder kamen zu mir, denn ſie wußten, daß ſie da wohl aufgehoben waren. Ja, meine liebe Madame, es iſt wohl ſchön bei uns draußen, wenn wir Sonntags in der Kirche ſitzen und der Herr Paſtor uns das Chriſten⸗ thum predigt, aber es iſt noch ſchöner, wenn man die Hungrigen ſpeiſt, die Durſtigen tränkt, die Kranken pflegt und ſie dann mit hundert Segenswünſchen auf den Lip⸗ — 159— pen, getröſtet von dannen ziehen. Das iſt die köſtlichſte Erinnerung, die ich aus dem Vaterhauſe mit mir genom⸗ men habe, und die ich, wenn es Gottes Wille iſt, daß ich den Peter bekomme, in ſeinem Hauſe wiederherſtellen will.“ „Will Sie das?“ fragte ſcharf die Tante. „Ja, gewiß will ich es, ſagte Johanna treuherzig,“ denn das bringt dem Hauſe Segen für Kind und Kin⸗ deskind. Wie ſollte ich das meinem lieben Peter nicht gönnen?“ „Noch habe ich keinen Athem wieder,“ ſagte Tante Emerentia im vollen Zorn,„ſonſt würde ich Ihr meine Meinung ſagen, daß Sie zittern und beben ſollte. Mit ſolchen Anſichten iſt Sie im Stande, Millionen, ja ein ganzes Königreich zu vergenden, geſchweige denn ein klei⸗ nes Gut, welches nicht einmal dem Herrn Liebſten gehört, ſondern der Familie, und welches er nur aus Gnade und Barmherzigkeit verwalten darf. Verſteht Sie mich? Es gehört der Familie, in welche Sie ſich gern drängen möchte, aber zu der Sie keinen Zutritt haben ſoll, ſo lange ich noch den Mund bewegen und die Zunge rüh⸗ ren kann, Sie gewiſſenloſe Verſchwenderin, Sie!“ „Du mein himmliſcher Vater, was iſt doch nur das S rief, in Thränen ausbrechend, die geängſtigte Johanna. „Dort werde ich verſtoßen, weil ich eine dumme Gans bin, die ſpart und auf Ordnung hält und hier— O, Peter! Peter! Wo biſt Du? Komm doch und bringe mich von hier weg.“ Peter, der von ſeiner Ungeduld getrieben, eben ein⸗ getreten war, eilte auf Johanna zu und ſchloß ſie in ſeine Arme. Obgleich Alles ihm zeigte, daß hier nichts — 160— Tröſtliches vorgefallen ſei, fragte er doch, wenn auch mit großer Zerknirſchung: „Wie gefällt Ihnen meine Braut?“ Da brach die Tante los. Unaufhaltſam, wie eine Schleuſe, ergoß ſich ihr Zorn. Sie verbot dem Neffen auf das Strengſte jede Fortſetzung eines Verhältniſſes, das nicht nur eine Familie, ſondern Land und Leute zu Grunde richten könne, und verlangte, daß die ſchreckliche Perſon, welche ſolche verderbliche Grundſätze predige, ihr Haus ſogleich verlaſſen ſolle. Unterdeſſen war es dem Onkel Baſtian im Kopfe herumgegangen, daß der Peter mit ſeiner Waldgans zur Tante Emerentia gelaufen ſei und ſie günſtig für ſeine Pläne ſtimmen könne. Da ihm der Gedanke unerträg⸗ lich war, die Einfalt vom Lande in der Familie zu haben und ſie vielleicht in ſeinem Hauſe empfangen zu müſſen, machte er ſich ſofort auf den Weg, um dies Schreckliche zu verhindern und trat in das Zimmer der Schweſter, als dieſe gerade über die arme Johanna das Anathema ausſprach. Er blieb unfern der Thür ſtehen. Den Hut auf dem Kopf behaltend, rief er: „Was geht hier vor?“ „Ich ſterbe!“ ſagte Tante Emerentia ſchwach. „Das iſt kein Unglück!“ „So ein junger Naſeweis!“ „Aha, der Neffe. Um ſeinetwillen bin ich hier. Da ſteht er und hat die Mamſell Liebſte bei der Hand. Er will ſie heirathen. Was ſagſt Du?“ „Nimmermehr!“ — 161— „Du willſt es nicht? Bravv. Ich will es auch nicht. Braviſſimo! So eine Duckmeiſerin!“ „So ein Weltkind!“ „So eine Kopfhängerin!“ „So eine Sabbathſchänderin!“ „So eine Kokette!“ „Soll nicht in die Verwandtſchaft!“ „In Ewigkeit nicht!“ „Schweſter Emerentia!“ „Bruder Baſtian?“ „Wir ſind ſelten einig.“ „Niemals!“ „Aber diesmal ſind wir es. Die Jungfer da...“ „Wird Peters Frau nicht. Punktum.“ „Abgemacht! Ich komme ſobald nicht wieder daher.“ Onkel Baſtian ſprach es und war auf und davon. Johanna ſchwamm in Thränen und Peter, dem ſelbſt das Weinen näher war, als das Lachen, führte ſie, ihr tröſtlich zuſprechend, in das Haus der Frau Muhme. Geduldig hörte dieſe die Klagelieder der jungen Leute an und ſagte darauf: „Nichts iſt ſo ſchlimm, als es Anfangs ausſieht. Man muß nur den Muth nicht ſinken laſſen. Als ich von meinem Vater, der bei einer kleinen Truppe Schau⸗ ſpieler war, gezwungen ward, auf dem Theater zu tan⸗ zen und zu ſpringen, wollte ich mir auch die Augen aus dem Kopfe weinen, weil die Aeltern des jungen Mannes, mit dem ich halb und halb verſprochen war, von einer Theaterprinzeſſin nichts wiſſen wollten. Am Ende ging es leidlich. Mein Bischen Comödienſpiel Smidt, Glöckchen. 1¹ — 162— hat mir oft genützt und den guten Franz habe ich doch ſchließlich zum Mann bekommen. Darum ſage ich Dir, mein Kind, daß Du Deine Sache dumm angefangen haſt. Was der Menſch nicht iſt und nicht ſein kann, muß er den Narren zu Gefallen oft ſcheinen— das will »ich Dir ſpäter dentlich machen. Jetzt bleibſt Du bei mir und der Peter geht auf das Gut zurück. Wenn er über's Jahr wieder kommt, wollen wir weiter von der Sache ſprechen.“ Das wollte weder dem Peter noch der Johanna in den Kopf; aber ſie mußten ſich fügen. Nach einem herz⸗ brechenden Abſchiede fuhr Peter zur Stadt hinaus und wer kann ſagen, wie lang ihm das nun folgende Jahr geworden? Endlich aber, wie denn Alles einmal aus⸗ läuft, kam auch der lang erſehnte Tag heran und Peter fuhr, was ſeine beiden Rappen laufen konnten, vom Pachthofe herunter. III. „Brr!“ rief der Kutſcher zur Mittagsſtunde und die Kaleſche hielt, ſtatt bei dem Onkel oder der Tante, vor dem Hauſe der Muhme. Peter ſprang heraus und meinte, die Johanua werde ihm nun gleich um den Hals fallen. Aber ſie kam nicht. Verdutzt ging er in das Haus und in die Stube, wo die Muhme auf ſeine ſtürmiſchen Fra⸗ gen gelaſſen antwortete, die Nichte ſei nicht daheim, denn Onkel Baſtian geben heute ein Gala⸗Diner und Johanna mache daſelbſt ſchon ſeit längerer Zeit die Honneurs des Hauſes. Kopfſchüttelnd entfernte er ſich und kam, wie im wachen Traume in dem Hauſe des Onkels an. — 163— Das war ein Durcheinander und Uebereinander und wie viele galonirte Diener auch umherliefen, er fand kaum Einen, der ihm Rede ſtand und halb hinhorchend erwiederte: „Sprechen Sie doch ſelbſt mit dem gnädigen Fräulein. Auguſt, führen Sie dieſen Mann, der mit dem gnädigen Fräulein zu ſprechen hat.“ Auguſt that es und ging mit ihm durch mehrere Zim⸗ mer, fragte Jeden, wo das gnädige Fräulein ſei und ob keiner dieſelbe geſehen habe? „Das gnädige Fräulein iſt im Salon und zeigt dem alten Herrn die neuen Tafelaufſätze, welche ſie aus Paris hat kommen laſſen,“ antwortete ein Anderer.„Komm nur, es iſt genug zu thun. Der Mann kann ja hier warten.“ Die Diener liefen weg. Peter ſtand da und faßte ſich an den Kopf. Er glaubte, daß er träume. Der Lärmen dauerte fort, aber es kam Niemand, der ihn zu dem Onkel führte, wie es ſonſt der alte Balthaſar ſtets ge⸗ than. Der aber war nirgends zu ſehen und überall im Hauſe gab es nur fremde Geſichter. Endlich kam Johanna und mit ihr der Onkel. Der alte Herr war nicht wieder zu erkennen. Sein ganzes Geſicht ſtrahlte wie Sonnenſchein und zu Johanna ſprach er nie anders, als:„Mein Püppchen! Wie willſt Du das blaue Zimmer arrangirt haben?“ Oder:„Sage mir, mein Herzchen, was räthſt Du mir für den Mitt⸗ woch Abend?“ „Mittwoch nach der Oper habe ich Spiel und Souper angeordnet,“ ſagte ſie leichthin.—„Ah, guten Tag, Pe⸗ 1 — 164— ter! Läßt Du Dich auch einmal ſehen?— Ueberhaupt,“ fuhr ſie wieder gegen den Onkel gewendet fort,„iſt die ganze Woche beſetzt und höchſtens über den Donnerſtag wäre zu disponireu. Aber auch für den Abend können Sie nichts im Voraus beſtimmen, denn der Baron Vau⸗ breuil wird an dem Tage von Paris zurück kommen und Sie wiſſen wohl, daß er es ühel nimmt, wenn man ſeine erſte Soirée nicht wenigſtens eine Stunde beſucht. Es iſt zwar langweilig da...“ „Ledern!“ ſchob der Onkel dazwiſchen. „Wohl wahr. Aber der Baron gehört zur Créme der Geſellſchaft. Was will man machen?“ „Du haſt ganz recht, mein Täubchen,“ ſagte der On⸗ kel, ihr einen Kußfinger zuwerfend.„Wie geſagt, Deine Ideen ſind immer die beſten. Weiß der Himmel wie Du es nur anfängſt. Ah, da iſt ja auch der Vetter vom Pachthofe. Guten Tag, Vetter Peter.“ „Guten Tag, Onkel Baſtian,“ ſagte dieſer ſtotternd. „Ich bringe...“ das Wort blieb ihm in der Kehle ſtecken. „Petit paysan!“ ſagte der Onkel, wie entſchuldigend zu Johanna.„Man muß es ihm zu Gute halten.“ „O, nicht doch!“ entgegnete ſie raſch.„Man muß ihn im Gegentheil formiren und ich denke, es ſoll bald gethan ſein.“ „Da hörſt Du es, was Dir bevorſteht!“ ſagte Onkel Baſtian lachend.„Was bringſt Du denn, kleiner Peter?“ „Den Pachtzins, wenn es erlaubt iſt,“ antwortete er kleinlaut und Onkel Baſtian, die dargebotene Brieftaſche mit dem Gelde nehmend, ſprach zu Johanna gewendet: — 55— „Hier, Täubchen! Ein Beitrag zu Deiner Garderobe. Er wird nöthig ſein, denke ich.“ „Sehr nöthig,“ entgegnete ſie, mit einem leichten Knixe dankend.„Ich war mit meiner Börſe faſt am Rande und die Modiſtin ſchickte mir geſtern ein bedeutendes Conto. Nun, ich laſſe die Herren allein, um Ihnen Zeit zu laſſen, Ihr Geſchäft zu beenden.“ Darauf ſich ausſchließlich zum Peter wendend, ſagte ſie:„Wir ſehen uns wohl bei der Tafel?“ und war alsbald im nächſten Zimmer. Peter ſtand da und wußte nicht, ob er wache oder träume. Der Onkel lachte:„Das hätteſt Du Dir wohl nicht gedacht? Ja, ja! So kann man ſich in Leuten irren. That der armen Johanna im vorigen Jahre him⸗ melſchreiendes Unrecht. Hätte gleich ſoviel Verſtand ha⸗ ben und ſehen ſollen, welcher edle Kern in der Schaale ſteckte. Habe es ihr aber auch abgebeten.“ „Iſt es denn nur möglich?“ fragte Peter kopfſchüt⸗ telnd.„Das Mädchen, auf das Sie ſo geſcholten, iſt jetzt bei Ihnen Alles in Allem? Ach, Onkel! Herzens⸗ onkel! Wie gefällt Ihnen denn nun meine Braut?“ „So über alle Maßen, daß ich ſie ſelbſt heirathen würde, wenn ſie nur einen ſo alten Kerl möchte,“ entgeg⸗ nete Onkel Baſtian und man hörte es dem Ton der Stimme an, daß er es ſo meinte, wie er ſprach.„Aber Braut? Was will ein ſolcher Bauer mit dieſer Perle der Geſellſchaft? Schwatzen wir keinen ſolchen Unſinn. Du haſt gehört, daß Du bei der Tafel erſcheinen ſollſt. Sie hat es befohlen, alſo Ordre parirt und ohne alle Widerrede. Geh' in Deinen Gaſthof und mache eine — 166— möglichſt anſtändige Tvilette. Allons! Punkt vier Uhr wird bei mir ſervirt. Und dann iſt auch Johanna zurück, die wohl jetzt bei der Tante Emerentia ſitzt, und ſchein⸗ bar ihrem Geize huldigt, eigentlich aber, um ihr den Ge⸗ ſchmack am Weltleben beizubringen, was mein größtes Gaudium ſein ſoll, wenn es gelingt.“ Peter ging wie im Rauſche davon und kam in gleicher Weiſe zurück. Er ſtand wie verloren unter der Menge und wurde nicht bemerkt. Johanna hatte für ihn kaum einen flüchtigen Gruß Sie war zu ſehr von Herren um⸗ lagert, die ſich eifrig um ſie bemühten. Für jeden hatte ſie ein freundliches Wort, eine witzige Pointe, ein ange⸗ nehmes Compliment und als der Kammerdiener anzeigte, es ſei angerichtet, wäre ſchier ein gefährliches Ueberſtür⸗ zen eingetreten, denn Alle wollten ihr den Arm bieten. Sie aber zog ſich mit Grazie zurück, ging allein voran und nahm ihren gewohnten Platz an dem obern Ende der Tafel ein. Peter hatte ſich auf den unſcheinbarſten Platz geſetzt und da ſich kein Menſch mit ihm abgab, hatte er vollauf Gelegenheit zu ſehen, was um ihn her vorging. Er ge⸗ wahrte, daß Förſters Johanna in dieſem reichen Hauſe der Anfang und das Ende aller Dinge ſei, die einzige Sonne, um welche ſich die übrigen als gehorſame Pla⸗ neten drehten und daß hier, von dem unterſten Diener an, bis zu dem Onkel hinauf, Alle nach ihrer Pfeife tanzten. Zuletzt wurde ihm ganz wirr im Kopfe. Eben ſo unbemerkt, wie er ſich niederließ, ſtand er auf und ging nicht nur zum Saal, ſondern auch zum Hauſe hinaus. Schweigend ſaß er in ſeinem Stübchen. Er hatte ſo vieles Unerwartete erlebt und konnte den Schlüſſel dazu nicht finden. Die Johanna ſah noch eben ſo gut und herzig aus, wie ſonſt im Forſthauſe. Und doch war ſie ganz anders. Sie ſtand ihm ſo fern, daß es ihm ſchien, als habe er ſie gar nicht gekannt, oder ſie doch faſt bis auf die Erinnerung vergeſſen. Endlich erbarmte ſich ſeiner der Schlaf und verſetzte ihn in das heimiſche Forſthaus, wo er mit dem alten Herrn Förſter ſeine Pfeife rauchte und eine Parthie Deutſch⸗Solo ſpielte, während Johanna am Spinnrade ſaß und ihn freundlich anlächelte. IV. Mit dem anbrechenden Morgen waren freilich dieſe lieblichen Bilder verſchwunden und Alles mahnte ihn dringend an ſeine Pflicht. Hatte er doch geſtern in der Verwirrung ganz vergeſſen, zur Tante Emerentia zu ge⸗ hen, die dies Verſehen gewiß ſehr übel vermerkte. So ſteckte er denn das nöthige Geld ein und machte ſich zur ſchicklichen Stunde auf den Weg zur Tante. Die alte Barbara, die ihm ſchon auf der Schwelle entgegenkam, ſagte auf die Bitte, ihn zu melden, daß ſie hier nichts mehr zu ſagen habe und nur noch aus Gnade und Barm⸗ herzigkeit im Hauſe geduldet werde. Sie wolle es ſogleich dem Fräulein ſagen. Damit ging ſie hinein, kam aber alsbald in Johanna's Geſellſchaft wieder. Peter fuhr bei dieſem Anblick vor Staunen und Schrecken zurück. War das die prächtige Dame von ge⸗ ſtern? So ſcheu, ſo demüthig und mit einem ſo armſe⸗ — 168— ligen Fähnchen bekleidet, daß der härteſte Stein ein Er⸗ barmen gefühlt hätte. „Biſt Du es denn wirklich, Johanna?“ fragte er ſtotternd. „Ja, mein lieber Peter, ich bin es,“ antwortete ſie in einem ſingenden Tone.„Gott hat große Dinge an mir gethan, als er mich in dies fromme, chriſtliche Haus ſandte, wo ich Alles kennen lernte, was allein zum wah⸗ ren Heile dient und der guten Barbara hier, die ich wie eine Schweſter liebe, ſo wie der tugendſamen Jungfer Emerentia, die ich wie eine Mutter verehre, bin ich dafür ewig dankbar.“ „Es iſt ein braves Kind,“ ſagte Barbara, ſich die Augen trockend.„Und ſie braucht ſo wenig; faſt noch weniger als ich.“ Man kann den wahren Beruf des Lebens nicht eher würdig erfüllen, bis man ſich von allen irdiſchen Bedürf⸗ niſſen losgemacht hat,“ fuhr Johanna fort.„Darnach ſtrebe ich; bin aber noch weit vom Ziele entfernt. Von tauſend Dingen, die der Menſch zu ſeinem Daſein nöthig glaubt, macht er ſich leicht bis auf die unentbehrlichſten los und auch dieſe laſſen ſich noch beſchränken. Du, mein armer Freund, ſchmachteſt freilich noch in den Banden des ſchnö⸗ den Weltlebens. Aber höre auf mich, die zu der Er⸗ kenntniß gekommen iſt, und ich werde das Glück haben, Dich auf die Bahn des Heiles zu leiten, die allein zum wahren Frieden führt. Jetzt aber wird es ſchicklich ſein, daß Du Dich zu der Tante begiebſt. Folge mir.“ Tante Emerentia empfing den Neffen in der gewohn⸗ ten Weiſe. Johanna aber ſprach: — —— — 169— „Es iſt vieles in ihm, was mir mißfällt. Aber wenn er mich wahrhaft liebt, wird er es ablegen und als ein anderer Menſch vor uns erſcheinen. Jetzt aber würde es zunächſt an der Zeit ſein, von Geſchäften zu reden, wenn Sie es ihm erlauben.“ Tante Emerentia warf einen freudeſtrahlenden Blick auf das Mädchen und gab dem Neffen die Erlaubniß zu reden. Dieſer zählte das Pachtgeld auf und ſtattete den gewohnten Bericht ab. Die Tante erklärte ſich zufrieden und bat Johanna, die Quittung zu ſchreiben. Zu dieſem Zwecke verlangte das junge Mädchen von dem Peter die vorjährige Quittung, und als dieſer ſich entſchuldigte, er habe ſie nicht mitgebracht, weil er das nicht für nöthig gehalten, ſagte ſie ſtrenge: „Nicht mitgebracht? Da ſieht man es, wie gedankenlos Du doch eigentlich noch immer biſt. Wäre ſie jetzt zur Stelle, könnte man auf der Rückſeite die heutige Quittung ſchreiben. Nun muß ich ein neues Stück Papier nehmen, was recht gut geſpart werden konnte. Du biſt ſehr un⸗ bedachtſam, lieber Peter.“ Die Tante lächelte beifällig. Barbara bekreuzte ſich und Peter ſchaute drein, wie der Leithammel durch die halboffene Stallthür. Johanna hatte unterdeſſen die Quittung geſchrieben und ſie der Tante zur Unterſchrift darreichend, ſagte ſie: „Er hat ziemlich gut gewirthſchaftet, aber perfect iſt er noch nicht. Wenn es erlaubt iſt, mache ich ihn darauf aufmerkſam, wo noch hier und da hätte geſpart und ein höherer Ertrag erzielt werden können.“ Und nun fing ſie an, das Licht ihrer ökonomiſchen — 170— Weisheit leuchten zu laſſen, ſo hell, daß die Geſichter der beiden alten geizigen Weibsbilder vor Freude wider⸗ ſtrahlten und dem Peter grün und gelb vor den Augen wurde. Als darauf die Tante das abgezählte Pachtgeld einſtrich und Johanna ihr einen Plan vorlegte, aus wel⸗ chem ſie bewies, wie der Pachtzins in kurzer Zeit zu verdoppeln ſei, brach jene gerührt in die Worte aus: „Du biſt ein braves Kind!“ und ſchloß ſie in ihre Arme. Da hielt es den Peter nicht länger auf dem Stuhl. Er ſprang auf und fragte ſich: „Bin ich verrückt, oder ſind ſie es?“ Johanna hatte der Tante die Hand geküßt und ſagte:„Erlauben Sie es mir, ſo verlaſſe ich Sie jetzt und gehe meinem Berufe nach, ſo ſauer es mir auch ankommt.“ „Ja, mein Kind,“ entgegnete Tante Emerentia.„Thue, was Dein Herz Dir zu thun befiehlt. Gehe zu dem er⸗ grauten Sünder und ſprich ihm in's Gewiſſen, damit er nach und nach dem weltlichen Tand entſage. Wenn Du das endlich zu Stande bringſt, haſt Du Dir einen ganz beſondern Platz im Himmel verdient.“ Sie begleitete ſie mit den Augen bis über die Schwelle und ſagte dann, zu dem Neffen gewendet: „Mein Triumph iſt, daß ich das Mädchen in das Haus meines Bruders gebracht habe. Sie hat Gnade vor ſeinen Augen gefunden und es wird ihr über kurz oder lang gelingen, ihn vollſtändig zu bekehren. Dann ſoll große Freude in meinem Hauſe ſein und ich will—“ Barbara ſchaute bedenklich darein, denn ſie glaubte, — 171— ihre Herrin werde in der Herzensfrende allerlei leicht⸗ fertige Verſprechungen machen. Aber wenn ſie es auch gewollt hätte, ſie kam nicht dazu, denn Peter unterbrach ſie mit der haſtigen Frage: „Wie gefällt Ihnen meine Braut?“ „Ausnehmend, mein Söhnchen. Aber gegen die Hei⸗ rath habe ich ein Bedenken, denn die Johanna iſt für Dich viel zu gut. Mit dem Beſcheide kannſt Du Dich trollen.“ V. Peter war zum Hauſe hinaus, er wußte nicht wie. Aber auch draußen fand er nirgends Ruhe. Eben ſo wenig in ſeinem Gaſthauſe, noch bei dieſem oder jenem Bekannten. Als es zu dämmern begann, ſtand er, er wußte ſelbſt nicht, wie er dahin gekommen, in der Stube der Muhme, die ſeine Herzensergüſſe ruhig anhörte und dann gelaſſen ſagte: „Es iſt gekommen, wie ich es mir dachte und ich es Euch ſagte, als Ihr im vorigen Jahre in Kummer und Leid unterzugehen glaubtet. Der Menſch findet ſich in Alles und die Johanna, das muß ich ſagen, hat ſich ganz beſonders zurecht gefunden. Wenn es mit der Pächterei einmal nicht mehr recht fort will, kannſt Du Deine Zu⸗ künftige zuverſichtlich auf das Theater ſchicken, ſie wird Dir alle Ehre machen. Was aber ſonſt zu ſagen wäre, das magſt Du von ihr ſelbſt hören, denn da kommt ſie eben. Ich bin eine viel zu wohlerzogene Muhme, als daß ich Eure Vertraulichkeiten ſtören ſollte und mache 17 gern Platz, noch ehe Ihr darum bittet. — 172— Peter hatte in den beiden letzten Tagen vieles Unge⸗ wöhnliche erlebt. Als er nun aber die Johanna vor ſich ſah, blühend wie immer, in derſelben Tracht, wie er ſie daheim im Forſthauſe ſtets geſehen; als ſie, ihn treuherzig grüßend, ihm die Hand reichte und ihm einen Kuß gab, wie in früheren, ſchöneren Tagen, da hatte er ganz den Kopf verloren und war in Gefahr, ihn nicht wieder zu finden. „Setze Dich zu mir, lieber Peter,“ bat ſie ſchmeichelnd. „Ich will Dir Alles ſagen und ich hoffe, Du wirſt mit mir zufrieden ſein.“ Das that Peter, und wie Johanna erzählte, fiel es ihm nach und nach wie Schuppen von den Augen. Die Muhme⸗Comödiantin als Lehrerin und das aufgeweckte Förſterkind als Schülerin, der betrogene Onkel und die betrogene Tante, tanzten an ihm vorüber. Er begriff Alles und als Johanna endete, ſchloß er ſie in ſeine Arme und rief jubelnd: „Das danke ich Dir und werde zeitlebens darnach trachten, es Dir zu vergelten, Du liebe, herzige Jo⸗ hanna, Du.“ Sie hatten ſich noch Vieles zu erzählen, und als Peter endlich ſpät zu Hauſe anlangte, erließ er an Onkel Ba⸗ ſtian und an Tante Emerentia feierliche Schreiben, worin er wiederholt um ihre Einwilligung zu ſeiner Heirath bat. Am andern Tage aber ſprach er zur verabredeten Zeit zunächſt bei der Tante ein, um ſelbſt die Antwort zu holen und fand ſeine Johanna bereits auf einem Schemmel vor der Tante ſitzend und mit ihr den neuen Pachtanſchlag ernſtlich erwägend. Mitten in dies wich⸗ — 1— tige Werk aber platzte der Onkel Baſtian herein, und zur Schweſter tretend, ſprach er in der polternden Weiſe, die er ihr gegenüber annahm: „Schweſter Emerentia!“ „Bruder Baſtian?“ „Ich bin wieder daher gekommen.“ „Mitten in das Geſchäft hinein; wie ein Heide.“ „Will aber was Chriſtliches verkünden.“ „Verkündige! Ich höre.“ „In der Jungfer da habe ich mich geirrt.“ „Ich auch. Sie iſt ein Schatz.“ „Eine Perle.“ „So häuslich, ſo wirthſchaftlich.“ „So manierlich, ſo elegant.“ „So enthaltſam, ſo fromm.“ „So geiſtreich und witzig.“ „So demüthig und chriſtlich.“ „So bezaubernd und beſtrickend.“ „Ein Edelſtein für das Haus.“ „Ein Diamant für die Geſellſchaft.“ „Der Neffe wirbt um ſie.“ „Wollen wir es zugeben?“ „Unbedenklich.“ „Schweſter Emerentia!“ „Bruder Baſtian?“ „Wir ſind ſchon wieder einmal einig.“ „Es iſt erſtaunlich.“ Johanna und Peter ließen die beiden alten Leute nicht weiter reden. Sie zogen ſie mit in ihre Umarnung und es wurde in der ſtillen Stube der Tante Emerentia un⸗ gewöhnlich lebendig. Als aber drei Monate ſpäter der Peter wieder in die Reſidenz kam, als er in dem Stübchen der Tante getraut war mit der Geliebten und der Hochzeitsſchmaus bei dem Onkel endete; als er mit ſeinem jungen Weibe zur Stadt hinaus und in die ländliche Einſamkeit hineinfuhr, ſagte er, ſie an ſein Herz drückend: „Du haſt vortrefflich Comödienſpielen gelernt, aber es wird mir doch lieb ſein, wenn Du Dein Talent nicht weiter benutzeſt.“ „Sei ohne Sorgen,“ antwortete ſie heiter.„Ich werde fortan nur auf einem einzigen Schauplatz auftreten und auch dort nur in der Rolle Deiner Geliebten.“ Mein Herr Onkel. Auf dem Marktplatz einer anſehnlichen Provinzial⸗ ſtadt ſtand an der Mittagsſeite ein elegant gebautes Haus. Die untern Räume deſſelben wurden zu einem Kaffeehauſe benutzt; die übrigen Stockwerke waren zu einem Hotel garni eingerichtet. Alles in dieſem Hauſe war ſauber und mit einem gewiſſen Lurus hergeſtellt. Dabei waren die Preiſe nicht übermäßig angeſetzt. Hieraus folgte, daß man in den Billards⸗ und Speiſezimmern des Souterains ſtets eine gewählte Geſellſchaft aus der Stadt und der nächſten Umgegend fand, während die meublirten Zimmer der oberen Stockwerke fortwährend von durchreiſenden Frem⸗ den, die ſich längere oder kürzere Zeit hier aufhielten, in Beſchlag genommen wurden. Eben waren wieder zwei Herren angekommen, auf verſchiedene Weiſe und aus entgegengeſetzten Richtungen, die hier ein Obdach geſucht und gefunden hatten. Der Erſte, ein junger, eleganter Herr, einer von de⸗ nen, die in den Salons der Hauptſtadt ſtets eine Rolle ſpielen und ſich in Provinzialſtädten, wenn ſie der Zufall dahin verſchlägt, entweder ſträflich langweilen, oder durch ihre tollen Steiche Alles in Allarm ſetzen, kam bereits in der frühſten Morgenſtunde an. Er verſicherte, die ganze Nacht durchgefahren zu ſein und fragte, ob Herr von Salbach der Aeltere noch nicht angekommen ſei? Auf die desfalſige verneinende Antwort ging er ärgerlich auf ſein Zimmer, das er ſchon früher bewohnt hatte und ſich während ſeines kurzen Aufenthaltes nach der Haupt⸗ ſtadt reſerviren ließ. Der Andere langte erſt zu Mittag an und zwar ſo ſpät, daß ſich die gewöhnlichen Tiſchgäſte bereits entfernt hatten. Er kam beſcheiden zu Fuß; erklärte, daß ſein Wagen und ſein Gepäck morgen nachfolgen würden, bat, ihm ein Zimmer im zweiten Stock einzurichten und ging dann in den Speiſeſaal um das Verſäumte einzubringen. Der Oberkellner, der es ſich ſeit langer Zeit eingeredet hatte, ein großer Menſchenkenner zu ſein, wußte bei'm erſten Blick auf den abgetragenen Rock und die beſtäubten Stiefeln des Fremden, daß hier nicht beſonders viel zu holen ſei und beſchloß, ſich nicht allzuſehr anzuſtrengen⸗ Wirklich mußte der Fremde zwei Mal nach der Suppe rufen, ehe ihm dieſe vorgeſetzt wurde. Der junge Mann, der ſich vorher nach Herrn von Salbach dem Aelteren erkundigt hatte, war Herr von Salbach der Jüngere. Geſchäfte hatten ihn nach dieſer Provinzialſtadt geführt. Geſchäfte von Bedeutung. Es galt, eine Braut von großer Schönheit und noch größe⸗ rem Vermögen zu erobern. Aber er wurde des klein⸗ ſtädtiſchen Neſtes bald überdrüſſig. Brillante Hoffeſte lockten ihn gebieteriſch nach der Reſidenz und nachdem dieſe vvrüber waren, kehrte er in die Provinz zurück, um wie er ſagte, das früher unterbrochene Geſchäft wieder — 177— aufzunehmen. Er bedurfte aber hierzu, aus verſchiedenen Gründen ſeines Onkels und dieſer wollte noch immer nicht kommen, obgleich ihm der junge Herr die Sache klar auseinander geſetzt und ihn dringend gebeten hatte, ſeine Ankunft„aus dem Weſten“ zu beſchleunigen. Eben fuhr ein Wagen vor und der junge Herr von Salbach, der den Vornamen Emil führte, eilte an's Fen⸗ ſter. Der neue Ankömmling war bereits ausgeſtiegen. Emil ſchellte und der Kellner kam herein. „Iſt der Fremde, der ſo eben anlangte, Herr von Salbach der Aeltere?“ „Nein, gnädiger Herr. Aber dieſer Brief ward ſo eben für Sie abgegeben.“ Der Kellner ging und Emil, die Handſchrift des On⸗ kels erkennend, beeilte ſich, zu erforſchen, was das Schrei⸗ ben enthalte. Er las folgendes: Mein lieber Neffe! Mit Rührung habe ich geleſen, welche Sehnſucht Du nach mir haſt und es nicht erwarten kannſt, meine per⸗ ſönliche Bekanntſchaft zu machen. Freilich kann ich, Deine Aufrichtigkeit betreffend, einige kleine Zweifel nicht unter⸗ drücken, denn wäre Deine Liebe zu mir wirklich ſo über⸗ ſchwänglich und die Sehnſucht, mich von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, wirklich ſo groß, wie Du ſie mir ſchilderſt, ſo nimmt es mich Wunder, daß Du keiner mei⸗ ner Einladungen gefolgt biſt, mich auf meinem Gute, das allerdings weit von Deinem Reſidenz⸗Eldorado ent⸗ fernt iſt, zu beſuchen. Aber es wäre unbillig, Dich in Deinen Vergnügungen— Geſchäften ſollte ich ſagen— Smidt, Glöckchen. 12 — 178— zu ſtören, und ich leiſte gern auf das Vergnügen Verzicht, Dich kennen zu lernen, wenn ich dafür die Freude habe, Dich zufrieden zu wiſſen. Du haſt Dich alſo, wie Du ſagſt, durch verſchiedene Spekulationen, für deren Tiefe das Jahrhundert nicht reif iſt, ſo gut wie ruinirt und willſt Dich durch eine reiche Heirath retten? Ich wünſche Dir Glück und Dei⸗ nem künftigen Schwiegerpapa Dummheit genug, damit er Dir ſeine Tochter giebt, denn ein Kluger wird es ſchwer⸗ lich thun. Ich wünſche es um ſo mehr, als ich mit mei⸗ nen altfränkiſchen Anſichten, Deinem Vetter, der ſchon ſeit Jahren bei mir wohnt und ein tüchtiger Landwirth iſt, den Vorzug vor Dir gebe und er muthmaßlich mein Erbe ſein wird. Du haſt Himmel und Erde in Bewegung geſetzt, um mich zu veranlaſſen, Dich an dem Orte Deines jetzigen Aufenthaltes zu treffen und Tag und Stunde des Ren⸗ dezvous feſtgeſetzt. Es thut mir leid, Dir Deine Bitte abſchlagen zu müſſen, da ich während der Aerndte keine Zeit habe, was Dich befremden wird, da Du eine Zeit der Aerndte nicht kennſt, ſondern noch ſtets in den Tagen der Ausſaat lebſt. Wirb und heirathe alſo in dieſem Falle ohne mich. Iſt aber Alles nach Wunſch gegangen, ſo ſollte es mir angenehm ſein, Dich mit Deinem jungen Weibe bei mir zu ſehen. Um die vielen abſchlägigen Antworten, die ich Dir leider habe ertheilen müſſen, einigermaßen zu lege ich Dir einen Wechſel auf tauſend Thaler bei, da ich mir einbilde, daß Dir gerade in jetziger Zeit eine gefüllte Börſe beſonders willkommen ſein muß. Als eine außer⸗ — 179— ordentliche Liebenswürdigkeit mußt Du es mir anrechnen, daß der Wechſel, den ich Dir übermache, auf den Mann ausgeſtellt iſt, den Du Dir zum Schwiegervater auser⸗ ſehen haſt. Das wird Dir in dem Hauſe⸗Anſehn und Credit verſchaffen. Dein Onkel Ernſt von Salbach. „Verdammt!“ rief Emil, mit dem Fuße ſtampfend. Er will nicht kommen und doch muß ich einen Onkel haben, er mag herkommen wo er will, denn ich habe ver⸗ ſprochen, ihn heute zu präſentiren.“ Indem wir es Emil überlaſſen, ſich einen Onkel zu ſchaffen, wenn er einen bekommen kann, ſei es uns ver⸗ gönnt, den jungen Salonhelden mit wenigen Pinſelſtrichen abzukonterfeien. Emil war ein ſchlank gewachſener Junge, mit einem braunen Lockenkopf, lebhaften ſchwarzen Augen und mar⸗ kirtem Geſicht. In ſeiner Haltung lag etwas Vornehmes; ſeine Bewegungen verriethen den Salon, worin er auf⸗ gewachſen war. Er war einer von den Löwen des Ta⸗ ges, der alle Eigenſchaften eines ſolchen im hohen Grade beſaß. Er ritt, er fuhr, er focht und jagte mit Leichtig⸗ keit. Er arrangirte auf das Unvergleichlichſte Bälle und Pickniks; hatte den vorzüglichſten Schneider und den durchtriebenſten Schelm zum Kammerdiener. Galt es, irgendwo einen tollen Streich anzuzetteln, ſtand er gewiß an der Spitze der Verſchwörung. Galt es, ein junges 12* — 180— Gänschen zu beſchwatzen, ſo war er mehr als Don Iuan. Um der Ausübung aller dieſer Tugenden, die ihm in der„Geſellſchaft, wie ſie ſein ſoll“ einige Bedeu⸗ tung verliehen, mit Erfolg obliegen zu können, hatte ſein Herr Vater die Güte gehabt, ihm ein reſpektables Ver⸗ mögen zu hinterlaſſen, das nur den einzigen Fehler hatte unter Emil's gewiß bemerkenswerther Finanz⸗Verwaltung nicht länger als ſechs Jahre vorzuhalten. Er war bis auf eine Handvoll Louisd'or mit demſelben am Rande; beträchtlicher Schulden nicht zu gedenken. Da wurde ihm durch einen Zufall bekannt, daß ir der mehrgedachten Provinzialſtadt ein Mann lebe, zu welchem ſeine Familie früher in mehrfacher Beziehung geſtanden habe. Beſagter Mann war ſehr reich und hatte eine hübſche, heirathsfähige Tochter. Sogleich ward be⸗ ſchloſſen, um dieſe zu werben und ſie, ſammt ihrem Gelde zu heirathen. Sehen wir, wie Emil zum Siege eilt. Das Haupt dieſer Familie ſtand einem großen Han⸗ delshauſe vor. Die Firma deſſelben hieß urſprünglich: Goldfuß, Krautmann und Wollhaber, und hatte ſchon ſeit undenklichen Zeiten in dem Orte beſtanden. Aber obgleich die Firma noch immer in ihrer ganzen Länge und Würde, ſowohl auf dem Comtoirſchild, als unter den Wechſeln prangte, ſo waren doch zwei der Herren Compagnons nebſt den Ihrigen längſt den Weg alles Fleiſches gegangen. Nur der Goldfuß war noch vor⸗ handen und der ausſchließliche Beſitzer aller Activa. Paſſiva waren nicht vorhanden. — 181— Dieſer Goldfuß war ein kurzer, ſtämmiger Mann in den fünfzigern, mit einem freundlichen Geſicht, worauf die Geſundheit blühte und mit ſo vielen Geiſteskräften ausgerüſtet, als er zur Handhabung ſeines Geſchäftes brauchte. Alles, was hierüber hinausging, es mochte der Wiſſenſchaft, oder der Kunſt angehören, bezeichnete er mit dem Ausdrucke Bagatelle und zeigte durchaus keine Sympathieen für ſie, noch für die Leute, die ſich zufällig damit befaßten. Dagegen hatte er großen Reſpekt vor vornehmen Leuten und wenn auch dieſe ſich mit den ſo⸗ genannten„Bagatellen“ einließen, oder gar die Zeit mit Nichtsthun hinbrachten und endlich ihr eigenes, oder was noch ſchlimmer iſt, anderer Leute Geld verthaten, ſo hatte er wohl Augen dafür, aber er wagte nicht, ſich laut darüber zu äußern. Fielen dagegen ſolche Exceſſe unter ſeines Gleichen vor, war Herr Amandus Goldfuß gleich bei der Hand. Man ſieht, daß wir mit einem Manne zu thun haben, wie uns deren auf der Straße tagtäglich begegnen. Madame Goldfuß paßte dem Aeußern nach ganz und gar zu ihrem Eheherrn mittelſt ihrer kleinen, kugelrunden Figur und einer geſegneten Anlage zum Fettwerden, die ſich beſonders in einem bemerkenswerthen Doppelkinn kundgab. An geiſtigen Fähigkeiten ſtand ſie bedeutend hinter ihm zurück und war ſehr ſchweigſam. Sie theilte indeſſen des Gatten Vorliebe für hochgeborne Perſonen und begrüßte ſie ſtets mit einem auffallend tiefen Knire. Uebrigens war ſie eine perfekte Köchin, was die Gäſte des Hauſes bei den monatlichen Diners, die der Haus⸗ herr gab, zur Genüge erprobten, und herrſchte despotiſch — 182— in Küche und Keller. Auch dieſe Dame iſt keine äthe⸗ riſche Figur, ſondern in vielen Haushaltungen genau ſo zu finden, wie ſie hier beſchrieben wird, welches für die Wahrhaftigkeit dieſer Geſchichte ein abermaliger ſchlagen⸗ der Beweis iſt. Beider Tochter, Demoiſelle Eliſabeth Rebecca, war, wie Herr Emil von Salbach ſeinem Onkel ganz richtig bemerkte, ein ſehr hübſches und ſehr reiches Mädchen. Sie wußte recht gut, wie freundlich ſie von der Mutter Natur bedacht worden und that ſich nicht wenig darauf zu Gute. Sie wußte ferner, von welcher Bedeutſamkeit dereinſt ihre Ausſteuer ſein werde, und dies gab ihr noch mehr Selbſtbewußtſein. Ob ſie, was die Ehrfurcht vor hochgeſtellten Perſonen anlangt, die Neigung ihrer Aeltern theilte, darüber kann nichts Genaues berichtet werden. Sollte man aber nach dem Benehmen urtheilen, das ſie gegen Herr von Salbach beobachtete, ſeit dieſer in dem Hauſe der Aeltern aus⸗ und einging, ſo wäre dies faſt zu verneinen geweſen. Sie wurde bei ſeinem Eintritt, geſchah dieſer auch noch ſo unerwartet, nie roth und ſchien an ſeiner Unterhaltung kein beſonderes Ver⸗ gnügen zu finden. Der zuletzt in dem Hotel garni eingekehrte Fremde ſaß noch bei ſeinem Mittagsmahl, als Emil von Salbach eintrat und den Erſteren nachläſſig grüßend, an ihm vorüber in das Billardzimmer ging. Der Fremde ſah dem jungen Sauſewind nach und wandte ſich an den Oberkellner: — 183— „Auch ein Bewohner des Hauſes?“ „Ja!“ „Scheint mir nicht beſonders viel Lebensart zu beſitzen.“ Der Oberkellner, verdrießlich, daß ein einfacher Fuß⸗ gänger es wagte, ſich in einem ſolchen Tone über einen guten Kunden des Hauſes zu äußern, entgegnete hoch⸗ fahrend: „Sehr im Gegentheil. Herr Emil von Salbach iſt ein ſehr angenehmer Cavalier und der Liebling der gan⸗ zen Stadt.“ „Das alſo iſt Herr Emil von Salbach? So! So!“ ſagte der Fremde und warf einen neugierigen Blick in das Billardzimmer. Der Genannte erſchien in der Thür und beſtellte Kaffee. Als dieſer von dem Oberkellner gebracht wurde, ſagte er zu dieſem, der bereits ſein Vertrauter gewor⸗ den war: „Mein Onkel bleibt aus. Sehr fatal! Und ich brauche ihn doch ſo nöthig. Ich könnte morgen meine Verlo⸗ bung feiern.“ „Nun,“ lachte der Kellner liſtig.„Da wäre wohl zu helfen. Euer Gnaden müßten nur...“ „Was müßte ich?“ „Sich einen andern Onkel verſchaffen, der an die Stelle des erſten tritt.“ „Der Gedanke iſt gut. Aber, woher nehmen wir ſchnell einen ſolchen?“ „Der Zufall hat für Euer Gnaden geſorgt. Haben Sie wohl den Fremden bemerkt, der im Saale ſpeiſt?“ — 184— „So obenhin. Er ſcheint keine beſondere Figur zu machen.“ „Gewiß iſt es ein armer Teufel. Er kam zu Fuß, beſtellte ein Zimmer im zweiten Stock hinten heraus, ißt, außer der Suppe nur ein Gericht und hat keinen Wein beſtellt.“ „Und nun?“ „Nun, gnädiger Herr; ich denke, wir haben hier einen Schauſpieler ohne Engagement, oder ſonſt ein fahrendes Genie, das keine große Schwierigkeiten machen würde, wenn man ihm für die begehrte Gaſtrolle eine freie Zeche und ein Paar Füchſe bewilligte.“ „Nicht übel erſonnen. Wir wollen ſogleich ſehen, ob Dein Projekt ſich ausführen läßt. Verlaß mich jetzt, damit wir keinen Verdacht erregen.“ Der Kellner ging und nach einer Pauſe folgte ihm Emil in den Saal. Der Fremde hatte abgeſpeiſt und las ein Zeitungsblatt. Emil nahte ſich ihm und ſagte überaus freundlich: „Wie ich ſehe, leſen Sie den Hamburger Correſpon⸗ denten. Wenn Sie Ihre Lectüre beendet haben, werde ich darum bitten.“ „Das Blatt ſteht ſchon jetzt zu Dienſten. Sie wer⸗ den nicht ſonderlich viel darin finden.“ Emil ſah die Zeitung kaum an. Er hatte ſich neben dem Fremden niedergelaſſen und ſagte mit gewinnen⸗ dem Tone: „Sie bewohnen auch dieſes Hotel?“ Der Fremde bejahte. „Wir ſind alſo Hausgenoſſen!“ fuhr Emil fort. —— —— — 185— „In dieſem Falle ziemt es ſich, daß wir nähere Bekannt⸗ ſchaft miteinander machen. Es giebt hier im Orte der eigentlichen guten Geſellſchafter ſo wenig, daß man jede Gelegenheit ergreift, ſie an ſich zu ziehen, wo ſie ſich irgend bieten mag. Wollen Sie erlauben, daß ich, als der am längſten hier Weilende, Sie, nach der Väter Sitte, mit einem vollen Becher begrüße?“ Der Fremde bejahte abermals. „Kellner!“ rief Emil.„Champagner Cliquot! Kelch⸗ gläſer! Ich hänge darin der alten Sitte an, den Cham⸗ pagner nur aus Kelchgläſern zu trinken. Die breiten Glasſcherben, welche man uns jetzt aufzutiſchen pflegt, ſind mir zuwider. Ihnen nicht auch, mein Herr?“ Der Fremde trank erſt ſein Glas bis auf die Nagel⸗ probe aus und bejahte zum dritten Male. Ein Mann, der drei Mal nacheinander, ohne ſich zu bedenken, Ja ſagte, war für Emil eine traitable Perſonage. Er glaubte alſo nicht, beſondere Umſtände machen zu müſſen. ſondern ging ziemlich gerade auf ſein Ziel los. Der Fremde, der entweder Scharfſinn genug beſaß, den jun⸗ gen Herrn zu errathen, oder auch vorhin die von dem Kellner im Billardzimmer ertheilten Rathſchläge vernom⸗ men hatte, machte ihm den Angriff nicht ſchwer, ſondern nickte und nickte immer fort, bis er endlich den Redner unterbrach und ſagte: „Ich weiß mich in jegliche Rolle zu finden, mein Herr!“ „Der Tauſend! Ich habe alſo richtig gerathen. Oder vielmehr Auguſt, der Schelm, der ein Oberkellner von vie⸗ lem Verſtande iſt, und wohl verdiente, in ſeiner⸗Sphäre in der Reſidenz zu glänzen.“ — 186— „Und was errieth jener Menſchenkenner?“ „Er errieth in Ihnen den Menſchendarſteller.“ „Alſo ich ein Schauſpieler? Sie mögen nicht Unrecht haben. Ich bin in der That....“ „Erſparen Sie ſich ein Bekenntniß,“ unterbrach ihn Emil.„Sie haben ſich mit Ihrem Director erzürnt. Er ſpielt Ihr Fach und beneidete den Beifall, den Sie davontrugen und intriguirte gegen Sie. Ich kenne das. Solche Geſchichten kommen täglich vor. Nun ſind Sie außer Engagement und ich biete Ihnen, bis ſich ein ſolches findet, eine Gaſtrolle an, freilich nur eine und obenein in einer Comödie del arte, die gänzlich aus der Mode gekommen iſt. Aber ſie gewährt Ihnen, nach mühſamer Wanderung, einen angenehmen Ru⸗ hepunkt und wenn Sie Beifall erringen, können Sie ſich auf mich verlaſſen. Ich werde Sie honnet be⸗ zahlen.“ Der Fremde zuckte unmerklich, als er vom Bezahlen hörte, faßte ſich aber bald und nahm den gemachten An⸗ trag an. Man lachte und ſcherzte, trank eine zweite Flaſche, verabredete noch einige Scenen, die man mit einander durchſpielen wollte und trennte ſich dann, um nach einiger Zeit zum Beginn des Luſtſpiels zuſammen zu treffen. Herr Amandus Goldfuß ſaß in einer ſchattigen Laube ſeines Gartens und freute ſich des lieben Sonntags. Ihm zur Seite ſaß Frau Gertrude Suſanne, ſeine treue Eheliebſte, die ſich ebenfalls des Feiertages freute, außer⸗ ——— — 187— dem aber ſich noch mit einem Strickſtrumpfe viel zu ſchaffen machte. „Es iſt alſo Dein völliger Ernſt, Amandus?“ fragte ſie nach einer längern Pauſe. „Mein ſehr völliger ſogar,“ entgegnete Amandus. „Unſere Tochter wird Frau von Salbach heißen und in eine vornehme Familie eintreten...“ „Das iſt allerdings ſehr viel, aber.. „Ja, ja, ich weiß. Du willſt lieber Alles haben. Aber das iſt ein ſehr dummer Wortwitz und jetzt ganz aus der Mode. Kein Menſch macht jetzt mehr Wort⸗ witze, ſondern Sachwitze. Ich verſtehe zwar nicht, was das heißt, iſt aber auch für einen ehrſamen Kaufmann nicht nöthig.“ „Ich verſtehe Dich garnicht,“ ſagte Madame. „Was muß ich plötzlich für ein weiſer Mann gewor⸗ den ſein, daß meine Frau, mit der ich nun ſchon bis zur Gränze der ſilbernen Hochzeit zuſammen gegangen bin, mich nicht mehr verſteht. Nun denn, deutlich und deutſch; ntworte kurz und präciſe. Der junge Herr Emil von Salbach will unſere Tochter heirathen.“ „Ja!“ „Der junge Herr iſt ein Sauſewind, deſſen Haar auf dem Kopfe— für den Fall, daß er keine Perrücke trägt— höchſtens noch ſein Eigenthum iſt, ſonſt gehört er von der Stiefelſohle bis zur Halsbinde ſeinem Schuſter und Schneider.“ „Schrecklich.“ „In dieſem Betracht iſt es alſo ein Unſinn, an eine Heirath zu denken. Er bringt nichts in's Haus und es 7 — 188— iſt zu vermuthen, daß er von dem Unſrigen ein Beträcht⸗ liches herausnimmt. Aber er gehört einer angeſehenen Familie an, trägt einen vornehmen Namen und würde, als unſer Verwandter, gewiſſermaßen einen Schein auf uns werfen.“ „Sehr wahr.“ „Jetzt höre mich an. Ich habe ihm geſagt, ſein On⸗ kel ſolle den Ausſchag geben. Wenn dieſer käme und ſeinen Conſens zu der Heirath ertheilte, auch hinſichtlich der irdiſchen Güter, die dieſer reſpectable Herr in reich⸗ lichſtem Maaße beſitzt, ein Wort fallen ließe, ſo wolle ich die Heirath zugeben. Das wurde ausgemacht, bevor er vor ein Paar Tagen nach der Hauptſtadt reiſte.“ Ein alter Commis, der leicht ſeit der Einrichtung des Hauſes in dem Comptvir deſſelben fungirt haben mochte, kam jetzt herbei und ſagte: „Wollte hiermit einen Gruß von dem jungen Herrn von Salbach ausrichten, den Hochderſelbe ſo eben für Sie im Comptvir hinterlaſſen hat. Er präſentirte einen Wechſel, den ſein Herr Onkel ansgeſtellt hatte und den der Herr Caſſirer ſogleich mit der Baarſumme von tau⸗ ſend Thalern honorirt hat, ob es gleich gegen die Ordnung iſt, an einem Sonntage Wechſel zu präſentiren und aus⸗ zuzahlen.“ „Ganz wohl, Herr Matthias, ich danke Ihnen.— Du ſiehſt, Eheliebſte, daß zwiſchen Onkel und Neffen ein ganz leidliches Verhältniß obwalten muß, denn ſonſt hätte der Alte nicht den Wechſel herausgerückt.— Aber worauf warten Sie noch Herr Matthias?“ „Habe annoch zu vermelden,“ entgegnete dieſer, daß — 189— der junge gnädige Herr ſich entſchuldigen ließ, nicht ſelbſt Ihnen eine Viſite im Garten abſtatten zu können. Er ſei ſehr preſſirt, ſagte er. Sein Onkel ſei vor einer Stunde angekommen und mit dieſem werde er ſpäter zu erſcheinen die Ehre haben.“ „Was? Der Onkel!— Frau! Nun iſt die Geſchichte richtig!— Bisher habe ich noch nicht daran glauben wollen.— Gehen Sie immer voran, Herr Matthias!— Nun komm, Madame Goldfuß, begieb Dich in's Haus und ſorge für die Gäſte, die uns gemeldet ſind; dann aber ſprich mit Deiner Tochter, damit ſie nicht unerwar⸗ tet mitten in die Verlobung hineinplumpt. Sie muß doch, nach altem Gebrauche, ſich erſt ein wenig zieren und drein reden. Komm nur! Komm!“ Während dieſes Geſpräch in dem vordern Theil des Gartens gehalten und abgebrochen wurde, ereignete ſich in dem entfernteren Theile deſſelben eine Scene anderer Art. Dort wandelte in dem Schatten einer dichtbelaub⸗ ten Lindenallee Mamſell Eliſabeth Rebecca Goldfuß, das ſchöne Köpfchen geſenkt, nicht rechts noch links blickend, aber mit einem angenehmen Lächeln, das um ihre Lip⸗ pen ſpielte. Während ſie nun, allem Anſchein nach, nichts von dem ſah, was um ſie her vorging, hörte ſie deſto mehr auf das, was in ihrer Nähe geſprochen wurde und beſagtes freundliches Lächeln verrieth, das ſie es gern hörte. Und wer ſprach zu ihr? — 190— Da ging ein junger Menſch neben ihr, recht artig anzuſchauen, mit blondem Haar und lichtblauen Augen. Er war ſorgſam, aber nicht auffallend gekleidet, hielt ſich in einer beſcheidenen Entfernung und in ſeiner Stimme lag etwas ganz beſonders Einſchmeichelndes. Er arbei⸗ tete ſeit einiger Zeit in dem Comptvir des Herrn Gold⸗ fuß, der ſonſt nicht gern junge Leute hinter ſeinen Comp⸗ toirpulten ſah, diesmal aber eine Ausnahme zu machen gezwungen war. Der alte Herr von Salbach hatte den⸗ ſelben auf das Dringendſte empfohlen und gebeten, dem jungen Manne, der ſich der Handlung mit Leidenſchaft widme, ein weiſer Führer zu ſein. Das war ihm Aman⸗ dus und führte ihn ſo geſchickt, daß ſein neuer Zögling bald allein gehen konnte. Möglicherweiſe hatte es dieſer auch ſchon früher gekonnt. Herr Franz declamirte ſehr eifrig. In der That hatte er ſich das dankbarſte Thema erwählt, das ein Declamator ausbeuten kann: die Liebe. Genau genom⸗ men, war es die Liebe zu Mamſell Goldfuß, die er ihr in aller Form erklärte und um Gegenliebe bat. Es war ſchon geſagt, daß Eliſabeth alles mit nieder⸗ geſchlagenen Augen anhörte, um ſich die Verwirrung zu erſparen, und dem jungen Manne Muth zu machen, weiter zu reden. Jetzt aber erhob ſie das Köpfchen und mit einem allerliebſten Erröthen ſagte ſie die Phraſe, die junge Mädchen immer ſagen, wenn ihnen der Antrag ihres Liebhabers gefällt: „Sprechen Sie mit meinen Aeltern.“ „Das will ich!“ entgegnete Herr Franz, ſeiner Er⸗ wählten die Hand küſſend.„Ich fürchte nur, daß meine „ — 191— Bewerbung keinen beſonders glänzenden Erfolg haben wird. Ich bin nur Herr Franz ſchlechtweg.“ „Niemals verlange ich etwas anderes zu ſein,“ ent⸗ gegnete ſie lebhaft. „Dank Ihnen für dies Geſtändniß, aber Ihre Aeltern ſcheinen anderer Meinung zu ſein. Sie protegiren einen jungen Cavalier...“ „Von dem ich nichts wiſſen will. Hören Sie! Gar⸗ nichts. Herr Emil von Salbach iſt mir zuwider und ich will lieber als alte Jungfer ſterben, ehe ich mich mit ihm verheirathe. Sobald mein Vater mit mir darüber ſpricht, werde ich es ihm gerade heraus ſagen.“ Mamſell Eliſabeth hatte dieſe Worte nicht ohne Eifer geſprochen. Man ſah es an dem feurigen Blick des Mannes, mit welcher Wonne er die Erklärung ſeiner Ge⸗ liebten entgegen nahm. Dieſe aber, ſich beſinnend, er⸗ kannte, daß ſie gar nicht hätte deutlicher ſein können und nichts konnte der lebhaft Erröthenden willkommener ſein, als die Stimme des Hausmädchens, die ſich jetzt eben in der Ferne vernehmen ließ. „Man ruft mich!“ ſagte ſie haſtig und entfernte ſich ſchnell, ohne Franz noch einmal anzuſehen. Dieſer rief ihr ein freundliches Lebewohl nach und ſagte zu ſich ſelbſt: „Der Onkel wird ſich freuen, wenn er ſieht, wie weit ich ſchon vorgeſchritten bin. Es macht mich ſehr glück⸗ lich, daß ich ſeinen Wunſch erfüllen und zugleich meinem Herzen genug thun kann. — Die Sonntagstafel des Herrn Amandus Goldfuß, an welcher er zwiſchen Frau und Tochter präſidirte und den Commis und Lehrlingen des Hauſes, die dazu ſtets eingeladen waren, im Eſſen und Trinken mit gutem Beiſpiel voranging, hatte heute noch ein beſonderes feier⸗ liches Ausſehen, da ſie Onkel uud Neffe Salbach als Theilnehmer zählte. Man war luſtig und guter Dinge, nnd als man zum Schluß außer Tokayer und ächtem Johannisberger, auch noch Champagner ſervirte, war der alte, ehrenfeſte Matthias ſo wein⸗ und redſelig, daß er mit dem blutjungen Franz auf die Fortdauer einer guten Kameradſchaft anſtieß. Als die Tafel aufgehoben war, zogen ſich die Wirthe des Hauſes mit ihren Ehrengäſten in ein Nebenzimmer zurück, um nach altem Gebrauch Caffee und Liqueur zu trinken. Auf dem Wege dahin flüſterte Emil dem enga⸗ girten Onkel zu: „Und nun ohne Weiteres zur Sache. Machen Sie es geſcheut und es wird mir auf eine Honorarzulage nicht ankommen.“ „Ohne Sorge, mein Herr,“ entgegnete Jener mit feinem Lächeln. Die Onkels waren von jeher mein Fach und ich ſpiele ſie mit Leidenſchaft.“ In der That ſchien ſich auch alles ſehr günſtig zu geſtalten. Als der Caffee präſentirt wurde, zog ſich der Onkel in eine Ecke des Zimmers zurück und ſprach an⸗ gelegentlich mit Goldfuß, während Emil ſich bemühte, die Damen zu unterhalten. Das Reſultat der Unterhaltung welche die beiden Herren mit einander führten, mußte ein ſehr zufriedenſtellendes geweſen ſein, denn ſie kamen v mit freudeſtrahlenden Geſichtern und indem ſie die Damen zu einer Promenade in den — 193— zur Geſellſchaft zurück Garten aufforderten, ſagte Herr Amandus Goldfuß zu ſeiner Frau: „Die Herren werden uns morgen abermals die Ehre ſchenken, mit uns zu ſpeiſen. Vor Tiſche wird aber eine beſonders beachtenswerthe Feierlichkeit ſtattfinden, wozu ich noch in dieſer Stunde unſere Verwandten und ge⸗ nauen Freunde einladen will Es koſte, was es wolle, nur daß es an nichts fehle. Nimm Hülfe an, ſoviel Du magſt, damit Alles wohl in einander greife, denn daß ich es nur ſage, der morgende Tag wird ein Ehren⸗ tag unſeres Hauſes ſein und Alle, die an der Feierlich⸗ keit Theil nehmen, werden ſich deſſen noch lange mit Vergnügen erinnern.“ Als Madame Goldfuß hörte, welche Laſt von Ge⸗ ſchäften ihr aufgebürdet ſei, hatte ſie wenig Luſt, jetzt noch einen Spatziergang zu beginnen, ſondern ging ſo⸗ gleich, um das dienende Perſonal um ſich zu verſam⸗ meln. Vorher aber fragte ſie noch ihren Mann, welche Veranlaſſung eigentlich zu einer ſchnell improviſirten Feſt⸗ lichkeit vorhanden ſei und ob ſie als Mutter— denn ſie ahne wohl, wovon die Rede ſei— nicht in das Ver⸗ trauen gezogen werden ſolle? Hierzu hatte aber Herr Goldfuß wenig Luſt und ließ ſeine Frau in Ungewißheit über Morgen; zog ſich auch mit dem Onkel in ſein Arbeitszimmer zurück, wo muth⸗ maßlich die angenehmſten Geſchäfte vorgenommen wur⸗ den, denn augenſcheinlich ſehr erfreut, beſtellte der Haus⸗ herr nach einer Weile Pfeifen nebſt einer Flaſche Smidt, Glöckchen. 13 — 194— zurückzog. Als Eliſabeth ſah, daß ſie allein mit Emil bleiben werde, fiel ihr plötzlich ein, daß ſie es unmöglich verant⸗ worten könne, wenn ſie ihre Mutter in der Zeit der Noth verließe und daß es ihre Schuldigkeit ſei, ihr bei⸗ zuſpringen und hülfreich zu ſein. Demgemäß entſchul⸗ digte ſie ſich mit einem höflichen Knix, ſtreifte mit einem zweiten au den eben eintretenden Franz vorüber, wobei es ohne Erröthen nicht abging und verließ das Zimmer. Franz ſchien nicht viel auf die vornehme Geburt Emils zu geben, denn er ſtellte ſich ihm mit einiger Nachläſſig⸗ keit gegenüber und fragte: „Euer Edlen beabſichtigen, wie allgemein verlautet, eine Mariage mit dieſem Hauſe?“ „Hat man ſich irgendwie darum zu bekümmern?“ entgegnete der Angeredete im hochfahrenden Tone. „Es iſt nur,“ fuhr Franz in ſcheinbarer Demnth fort, „weil ich für dieſen Fall, als ein Angehöriger des Hau⸗ ſes, doch einige Vorbereitungen treffen möchte, um die Liebe und Verehrung auszudrücken, welche ich ſowohl für meinen Herrn Prinzipal, als auch für alle diejenigen empfinde, die ihm angehören.“ „So! So!“ entgegnete Emil.„Nun, dazu wird ſich auch ſpäter Gelegenheit finden. Gedulden Sie ſich nur bis Morgen. Hören Sie? Bis Morgen. Dann werden Sie hoffentlich ſo klar ſehen, daß Ihnen die Augen über⸗ gehen, denn ich ſehe es deutlich, daß Sie ſelbſt einige Abſichten hatten und daß Sie nun grün und gelb vor Aerger auf dem Grabe Ihrer Hoffnungen ſtehen.“ Ungar, womit er ſich in die Stille ſeines Cabinettes 1 —,— 7— — 195— „Euer Edlen,“ ſagte Franz gut gelaunt,„irren ſich zu meiner Betrübniß ſehr. Ich bin ganz einfach der Meinung, daß Fräulein Eliſabeth morgen mit dem jun⸗ gen Herrn von Salbach verlobt werden ſoll.“ „Das ſoll ſie, mein Herr; das ſoll ſie.“ „Nun alſo. Sie ereifern ſich um nichts, denn ich glaube ganz daſſelbe. Es freut mich außerordentlich und ich verſpreche mir einen köſtlichen Spaß davon. Wie vielmehr muß dies bei Ihnen der Fall ſein, der Sie die Hauptperſon des kleinen Luſtſpiels ſind. Ach, wenn es doch nur erſt morgen wäre.“ „In der That, mein Herr, die ſchweren Deſertweine.“ „Sie meinen, ich wäre betrunken?“ lachte Franz. „Leicht möglich. Vielleicht hat auch die Freude, die Ue⸗ berraſchung mich um das letzte Reſtchen meines Verſtan⸗ des gebracht. Sei dem, wie ihm wolle; ich bin doch wegen Morgen außer mir. Leben Sie wohl, theurer Herr!“ „Der Menſch iſt ein ausgemachter Narr,“ brummte Emil vor ſich hin.„Ich will mich aber nach Hauſe be⸗ geben, denn hier wird es unausſtehlig langweilig. Bin ich erſt verheirathet, geht es am Tage nach der Hochzeit in die Reſidenz, denn in dieſem langweiligen Neſte bleibe ich keine Stunde länger, als ich muß.“ Er eilte in ſein Hotel, um die lieblichen Abend⸗ ſtunden auf dem grünen Plan des Billards zu ver⸗ träumen. 13* — 196— Der nächſtfolgende Tag war zum heutigen geworden und die mit großer Haſt nur einige Stunden vorher, aber ſehr dringend eingeladenen Gäſte begaben ſich nach dem Hauſe des Herrn Goldfuß, voll Ungeduld, die Ur⸗ ſache ſolcher übereilten Einladung kennen zu lernen und das Geheimniß zu erfahren, welches der Hausherr ſeinen Gäſten noch vor dem Beginn der Tafel verkündigen wolle. Manche Muhmen und Baſen, manche Couſins und Ge⸗ vattern wollten zwar in ihrer gediegenen Weisheit der Sache auf den Grund gekommen ſein und ſagten mit aufgeworfenen Lippen in der Sprechweiſe des Hamlets: „Wenn wir wollten, ſo könnten wir!“ Oder ſie flüſterten ſich ihre Vermuthungen zu, verſteht ſich, unter dem Sie⸗ gel des unbedingten Schweigens; ein Siegel, das aber wenig Haltbarkeit hatte, denn kurz darauf hallte das eben Geſagte, unter gleicher Zuſage, an dem andern Ende der Straße wieder. Unter dieſen Umſtänden, wo trotz des hellen Sonnenſcheins, Alles ein wüſtes Chaos blieb, konnte man nichts anderes thun, als ruhig das Bevorſtehende abwarten und eilte deshalb mit nicht geringer dem Hauſe des Feſtgebers zu. Jetzt waren die Gäſte, ſämmtlich im vollſten Put, verſammelt und flüſterten und ziſchelten miteinander, die ausgeſuchten Erfrichungen nicht verſchmähend, die im Ue⸗ berfluß herum gereicht wurden. Nach einer Pauſe er⸗ ſchien dann Herr Amandus Goldfuß mit einer nagel⸗ neuen Perrücke, ſeine Frau und Tochter gravitätiſch füh⸗ rend, die Anweſenden mit huldvollen Worten und mit der Miene eines Protectors begrüßend, eine Angewohn⸗ heit, die mit großer Sorgfalt, allen denen geläufig wer⸗ — den ſoll, die ſich eines geſegneten Eigenthums zu er⸗ freuen haben. Faſt zu gleicher Zeit trat Emil von Salbach von der einen Seite mit ſeinem Comödien⸗Onkel, wie er ihn nannte, feſtlich gekleidet, ein und auch Franz wurde unter den Gäſten bemerkt, ohne daß man darauf geachtet hatte, wie er hereingekommen ſei und leiſe fragend, was ein Comptoir⸗Diener in einer ſo erleſenen Geſellſchaft zu ſu⸗ chen habe. Noch höher ſtieg aber das Erſtaunen, als Goldfuß jetzt von der Gegenwart ſeines Dieners Notiz nahm und ihm freundlich zunickte. Endlich war der große Moment gekommen. Der Haus⸗ herr räusperte ſich, trat in die Mitte des Kreiſes und ſprach die gewichtigen Worte: „Die verehrte Geſellſchaft wird neugierig ſein, wes⸗ halb ich Sie ſo gewiſſermaßen Hals über Kopf zu mir eingeladen habe? Man erfahre, daß es ſich um die Ver⸗ lobung meiner Tochter handelt.“ Ein lautes Glückwünſchen und Fußſcharren erhob ſich. Aus dem allgemeinen Chaos der Redensarten wurden nur einzelne Töne und Worte vernehmbar. „Oho!“ ſagte überraſcht ein junger Student, der ſelbſt einige Hoffnung genährt hatte und eine ältliche Mam⸗ ſell in ſeiner Nähe ſeufzte:„Wie unendlich rührend!“ Mehrere aber riefen kecken Muthes:„Mit wem? Mit wem?“ Da trat der alte Herr von Salbach, oder vielmehr deſſen Stellvertreter vor und ſagte: „Mit meinem Neffen, wenn Sie es gefälligſt ge⸗ ſtatten wollen.“ — 198— Es erfolgten hierauf neue Ausrufe des Staunens, der Bewunderung und des Neides. Emil ward von Glückwünſchenden umdrängt und war nicht wenig erfreut, endlich das Ziel ſeiner Wünſche erreicht zu haben. Er ſammelte ſchon in Gedanken alle ſeine Gläubiger um ſich, ſchrieb im Geiſt auf ihre Rechnungen vidi und ſchickte ſie zum Schwiegervater. Er war ſo erfüllt vom ſteten Empfangen, daß er an nichts Anderes dachte, und ſehr erſtaunt war, als er erfuhr, daß er auch ge⸗ ben ſolle. Der Comödien⸗Onkel trat wieder vor und ſagte: „Wollen Sie mir nicht geſtatten, für meinen Nef⸗ fen das Wort zu nehmen? Er iſt zu blöde und ſchüchtern.“ Die Andichtungen dieſer Eigenſchaften, welche Emil durchaus fremd waren, ſetzten ihn in nicht geringes Er⸗ ſtaunen. Er fürchtete, daß es ſchlimm für ihn ausſchla⸗ gen könne, einen Redner für ſich eintreten zu laſſen und rief deshalb: „Erlauben Sie!“ „Erlaube vielmehr Du, mein lieber Neffe,“ fuhr Jener mit großer Ruhe fort,„daß nichts geſchieht, was gegen die Würde des Feſtes ſtreitet. Mein Neffe wünſcht nämlich ſeiner Braut ein kleines Geſchenk zu überreichen, und hat mich gebeten, in dieſer Angelegenheit ſein Ge⸗ ſchäftsträger zu ſein. Geſtatten Sie, ſchöne Eliſabeth, daß ich Ihnen dies Käſtchen überreichen darf und der Dolmetſcher der Gefühle meines Neffen bin.“ Er hatte den Deckel des Käſtchens zurückgeſchlagen und ein Diamantſchmuck blitzte der Braut entgegen. Sie — 199— ſtreckte zögernd die Hand darnach aus. Die zunächſt Stehenden, welche den Schmuck zu ſehen vermochten, äußerten ihre Verwunderung unverholen und geſtan⸗ den, nie etwas ſo Schönes geſehen zu haben. Emil, der ſich auch neugierig hinzu drängte, ſagte erſtaunt vor ſich hin: „Ein Meiſterſtück aus Lonado's Werkſtatt und ein Paar tauſend Thaler werth. Wo mag der Kerl das her haben?“ Der Comödien⸗Onkel, die Gedanken Emils errathend, breitete die Arme aus und ſagte mit bewegter Stimme: „Beſter Emil! Komm an das Herz Deines innig bewegten Onkels.“ Emil mußte wohl oder übel, gute Miene zum böſen Spiele machen und in die ausgebreiteten Arme des Pſeudo⸗ Onkels ſinken. Statt aber, wie in ſolchen Fällen üblich, ihm die Wange zu küſſen, flüſterte er ihm zu: „Satanskerl, was haben Sie gemacht?“ „Ich that, was Sie hätten thun ſollen,“ entgegnete Jener,„und Ihnen zugleich bewieſen, daß ich noch mehr Credit habe, als Sie, denn Sie hätten den Schmuck im Leben nicht geborgt erhalten. Hier iſt übrigens die Rechnung.“ Er ſteckte Emil ein zuſammen gefaltetes Papier in die Hand. Die fernhin Stehenden waren vor Bewun⸗ derung und Erſtaunen, auch wohl vor Neid außer ſich, denn Keiner vermuthete etwas Anderes, als daß dies Papier eine Notariatsakte ſei, wodurch der Onkel dem Neffen einen Theil ſeines enormen Vermögens abtrete. „Was der Kerl für ein Glück hat!“ ſeufzte ein blaß⸗ — 200— wangiger Referendar, für den es die höchſte Zeit war, an des dritten Examens Bedeutung zu denken. Der Pſeudo⸗Onkel hatte während deſſen den Nef⸗ fen aus ſeinen Armen entlaſſen und wandte ſich zu Goldfuß: „Mein lieber Freund, ich wäre unmaßgeblich der Meinung, Sie ließen die jungen Leute und die Geſell⸗ ſchaft nicht länger warten. Man ſehnt ſich darnach, zu Tiſche zu gehen und die Geſundheit des jungen Braut⸗ paares zu trinken.“ „Sei es ſo!“ ſagte der alte Goldfuß, indem er die Hand ſeiner Tochter ergriff und Emil that einen mäch⸗ tigen Schritt vorwärts, um an die Seite des Schwieger⸗ vaters zu gelangen, aber raſch ergriff ihn ſein Pſeudo⸗ Onkel am Arm und ſagte: „Stehen geblieben, Patron!“ Emil ſträubte ſich aus Leibeskräften und rief mit ge⸗ dämpfter Stimme: „Herr, das iſt Ihr Letztes! Ich erdroßle, ich er⸗ würge Sie.“ Ihres Gefallens!“ entgegnete Jener, Emils Hand fahren laſſend, und dieſer wollte nun ſchnell die Stelle einnehmen, die ihm gebührte, aber lebhaftes Erſtaunen feſſelte ſeinen Fuß, und mit weit aufgeſperrtem Munde ſah er, was er nie zu ſehen geglaubt hatte. Es hatte ſich zuſammen gefunden, was zuſammen gehörte. Neben der ſchönen Eliſabeth ſtand Franz und Papa Goldfuß ſagte: „So erkläre ich denn, daß meine Tochter Eliſabeth, Rebecca Goldfuß und Herr Franz von Salbach in aller — 201— Form mit einander verlobt ſind. Wechſelt die Ringe meine Kinder, und umarmt Euch; dann aber umarmt mich, Eure Mutter und ſpäter den Onkel da! So iſt die ganze Ceremonie erfüllt.“ „Wie gefällt Ihnen die Scene, mein Herr Neffe?“ fragte der Onkel den noch immer verſteinerten Emil. „Fangen Sie endlich an zu begreifen, daß das Sprich⸗ wort: Wer Andern eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein,“ ſich auch bei Ihnen bewährt? Ha! Ha! Ha! Armer Schelm, der Du einen Comödien⸗Onkel ſuchteſt und den rechten fandeſt. Hätteſt Du mich früher kennen zu ler⸗ nen getrachtet, wäre Dir dieſer Unfall nicht paſſirt. Die Goldſchmieds⸗Rechnung iſt übrigens quittirt. Jetzt aber laſſe gefälligſt das ſaure Geſicht fahren, gratu⸗ lire den Vetter und ſeiner ſchönen Braut, thue über⸗ haupt, wenn Du meinem Rathe folgen willſt, als hät⸗ teſt Du um Alles gewußt und meine Anordnungen gebilligt, denn ſonſt blamirſt Du Dich und wirſt aus⸗ gelacht. Emil begriff, daß dies der einzige Ausweg ſei, ſich mit Ehren aus der Affaire zu ziehen und ging mit füßſau⸗ rer Miene an die Ausübung des ſchweren Geſchäftes. Als aber Alle luſtig durcheinander tobten und jubelten, zag er ſeinen Onkel beiſeite und fragte mit höchſt betrüb⸗ ter Miene: „Und was wird aus mir, den Geprellten?“ „Du haſt Deine tauſend Thaler,“ entgegnete der Onkel.„Während Du ſie verzehrſt, haſt Du Zeit, nach⸗ zudeuken, ob Du zu mir auf's Land ziehen und dort lernen willſt, nützlich zu ſein. Anderen Falls überlaſſe ich Dich 20— 3 Deinem Schickſal. Wähle nach Bequemlichkeit. Jetzt aber haben wir keine Zeit mehr, denn ich höre einen Ruf, der auch uns an unſere Pflicht mahnt.“ Und heller klangen in dieſem Augenblicke im Saale die Gläſer zuſammen und lautjubelnd riefen Alle: „Hoch leben Braut und Bräutigam!“ d Inhalt. Königin Eliſabeth und ihr Hof. Der Fremde im grünen Baum. Der Klub der freien Männer Maler, Schauſpieler und Gaſtwirth Schauſpielers Reiſeabentheuer Wie gefällt Ihnen meine Braut?. Mein Herr Onkel ———————— 8 S — 3 E 8 — . 2 — *8 — 8 6 — — — 5 8 8 5 5 3 ſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 9 8 y 8 l