S Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Re der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. Cduard Oltmünn in ieſte, ſwird. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: TM— 1N „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlvrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſegeſee und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Grzählungen Weinrich Smidt. 3 weiter Band. Inhalt: Meine Reiſe in die neue Welt⸗ Der Todtenkranz. —.* 8„ Leipzig 1327. bei Chriſtian Ernſt Kollmann⸗ ———— — „ ————— — meine Reise in die neue WMelt. Eine Erzählung aus den Papieren eines Seemanns herausgegeben und mit Anmerkungen begleitet Der Todtenkrani Ro e ie von Peinrich Smidt. Leipzig 18327. bei Chriſtian Ernſt Kollmann⸗ Deutſchlands wuͤrdigen Mimen Herrn Po fschauspieler LMeiss zu Berlin und Berrn Carl Lebrün, Mitdirector des Stadttheaters zu Hamburg, als ein Zeichen ſeiner beſondern Hochachtung der Verfaſſer. Forwort. Der erſte Theil dieſer Erzaͤhlungen erſchien im Maimonat des letztverfloſſenen Jahres in der Chriſtianiſchen Buchhandlung in Hamburg, als an welchem Ort ich eben damals fand. Mein dortiger Freund, den Rittmeiſer Dannenberg, der die Herausgabe uͤbernommen hatte, leitete, um das Erſcheinen des Werks moͤglichſt zu beſchleunigen, eine Snbſcription ein. Anderweitige Geſchafte verhinderten meinen Freund, auch die Herausgabe der folgenden Bände, wie er ſolches in der Vorrede zum er⸗ ſten Theil verſprochen hat, zu beſorgen. Un⸗ terdeſſen hat man im Publicum die Fortſetzung des Unternehmens gewuͤnſcht, und mich viel⸗ fach dazu aufgefordert. I„ch gebe alſo zunächſt den zweiten Band meiner Etzaͤhlungen im Vertrauen auf die Nachſicht der Leſer in die Haͤnde des Publi⸗ cums. Moͤge, was ich harmlos empfing und gab, eben ſo harmlos empfangen werden, und dieß freundliche Wohlwollen wird mir der groͤß⸗ te Sporn ſeyn, dahin zu ſtreben, immer et⸗ was Beſſeres und Vollkommneres zu liefern. Berlin im Januar 1827. Peinrich Smidt. Meine Reiſe in die neue Welt. Eine Erzaͤhlung aus den Papieren eines Seemanns. Mit Anmerkungen. ———— FVorwort. Man hat dem Seemanne ſehr oft Einfoͤrmig⸗ keit und Einſeitigkeit des Charakters vorge⸗ worfen, und den Beweis dieſer Behauptung aus der Eintönigkeit ſeiner Lebensweiſe herzu⸗ leiten geſucht. Ich kann in dieſe Beſchuldi⸗ gung nicht einſtimmen. Wahr iſt's, der Schif⸗ fer ſieht alle Tage dieſelben Geſichter, hoͤrt die⸗ ſelben Stimmen, ſieht Himmel und Waſſer, Sonne, Mond und Sterne, er kommt im Fluge an eine fremde Kuͤſte, Geſchaͤfte halten ihn am aͤußerſten Strande derſelben und im Fluge eilt er wieder fort auf das offene Meer 1 N hinaus. Die Einſeitigkeit ſeines Lebens iſt no⸗ toriſch, die ſeines Charakters iſt es nicht. Ich freue mich, den Gegenbeweis fuͤhren zu koͤn⸗ nen. Aus den Tagebuͤchern eines Freundes und mehrjährigen Reiſegefaͤhrten habe ich nachfol⸗ gende Erzählung genommen. Mein ganzes Verdienſt dabei iſt, die verſchiedenen Bruch⸗ ſtucke geordnet und zu einem Ganzen verbun⸗ den zu haben. Möge es hinreichend ſein, unkundige Schreier zu widerlegen und zum Schweigen zu bringen. Weinrich Smidt. —— — 16 — —,— — —— Die Macht des Korſen war gebrochen, das maͤchtige Albion hatte ſich von den Ufern der Elbe zuruͤckgezogen, frei rollte der majeſtaͤtiſche Strom dahin und ergoß ſich ſchaͤumend in die braunen Fluthen des Nordmeers. Auf dem Ruͤcken der langſam daher wogenden Fluth be⸗ wegten ſich die ſtolzen Schiffe aller Nationen und warfen die Anker vor Hammonia's ehrwuͤr⸗ digem Sitze; die fliegende Ebbe trug die hei⸗ miſchen Schiffe hinaus auf das Meer und uͤbergab ſie der Leitung hoͤherer Geſtirne. Wie auf dem Strom, ſo auch in dem alten, ſtol⸗ zen Hamburg ſelbſt, begann ein neues, thaͤti⸗ ges Leben. Der Kreis der Geſchaͤfte erwei⸗ terte ſich aufs Neue, nach allen Theilen der Welt hin ſandte Hamburg ſeine Flaggen und mit dem guͤnſtigſten Erfolg geſegnet kehrten die reichbeladenen Schiffe wieder heim. Bald wa⸗ ren die ſchweren Wunden des Krieges geheilt und vergeſſen und Wohlſtand und Fuͤlle kehr⸗ ten zu der gewohnten Staͤtte zuruͤck. Ein vieljaͤhriger Handlungsfreund eines mir bekannten Bremer Hauſes berief mich von da nach Hamburg, um die Leitung eines ſeiner Schiffe zu uͤbernehmen, welches nach den weſt⸗ indiſchen Inſeln beſtimmt war. Ich hatte gleichwohl Zeit genug, weil das Schiff ganz durchaus im ſegelfertigen Zuſtande war und die fuͤr daſſelbe beſtimite Ladung erſt von Am⸗ ſterdam erwartet wurde, ordnete meine haͤus⸗ lichen Angelegenheiten, nahm Abſchied von mei⸗ ner Familie und reiſte an einem heitern Au⸗ guſtmorgen von Bremen nach Hamburg ab. An einem Sonntag Nachmittag kam ich in der kleinen Stadt Haarburg an, ſetzte mich auf ein Faͤhrſchiff und ſegelte vollends auf Hamburg zu. Mit der Rachbarſtadt Altona dehnte es ſich uͤber die Waſſerfläͤche aus, und — machte auf mich, der ich fruͤher nie an die⸗ ſem Ort geweſen war, einen ganz beſondern Eindruck. Der Hafen war mit Schiffen an⸗ gefuͤllt, die bunten Wimpel von den hohen Maſten zeigten hinaus in das Nordmeer. Ich war in einer freudigen Stimmung, ich ſollte aus einer langen geſchaͤftsloſen Lage jetzt plotz⸗ lich in einen ehrenvollen Wirkungskreis ver⸗ ſetzt werden. Als wir nun aber zwiſchen den Elbinſeln herauskamen und ich die freie Aus⸗ ſicht uͤber den ganzen Strom gewann, als ich mit meinen Augen den Weg durchmaß, den ich jetzt bald antreten ſollte, da bemaͤchtigte ſich meiner plotzlich ein aͤngſtliches Gefuͤhl, deſſen ich nicht Herr werden konnte und das mich auch dann noch nicht verließ, als wir den Hafen durchſchifften und am alten Baum⸗ hauſe anlegten. Ich ließ meine Sachen in das Baumhans hinauftragen, und begab mich in die Gaſtſtube. Sie war leer. Die ge⸗ ſchaͤfttreibende Welt, die hier in den mannig⸗ fachſten Gruppen ſich bildet, hatte ſich an die⸗ ſem freundlichen Sonntag Nachmittag zerſtrent. Nachdenkend ſetzte ich mich mit meinem Glaſe Wein an das Fenſter und ſtarrte nach dem Hafen, wo kein Laut ſich regte; nur aus der Ferne toͤnten einige Ruderſchlaͤge. Das Ge⸗ raͤnſch kam naͤher, ein Boot landete, eine junge Dame und ein ſchon etwas bejahrter Mann ſtiegen aus, ſie ſahen ſich ſcheu um, der bleiche Schrecken war auf ihren Geſich⸗ tern zu leſen. Als ſie niemand gewahrten, ſtiegen ſie ſchnell das Vorwerk hinan und eil— ten die Straße entlang. Verwundert oͤffnete ich das Fenſter und blickte ihnen nach, bald waren ſie aus meinen Augen entſchwunden. Ein neues Geraͤuſch machte mich aufmerkſam, ich ſah mich um, ein zweites Boot war ge⸗ landet, ein ſtattlich gekleideter Mann ſtand dar⸗ in, er eilte das Vorwerk hinan, ſah ſich nach allen Seiten um und ſtieß einen lauten Fluch aus. Er lief die Straße entlang, ſah ſich —2—— nochmals nach allen Seiten um, kehrte im vollen Lauf zuruͤck und trat zu mir in das Zimmer. „Haben Sie Niemanden geſehen?“ rief er mir zu. „Wen ſoll ich geſehen haben?“ fragte ich ruhig. „Eine junge Dame, die, von einem alten Schiffer begleitet, hier eben gelandet ſein muß,“ antwortete er. „Das kann vielleicht wohl ſein,“— ſagte ich,—„ich habe nicht Acht darauf gegeben.“ „Wiederhaben muß ich ſie und waͤren ſie bis in den Mittelpunkt der Erde geflohen!“ rief er aus und ſtuͤrmte von dannen. Ich hatte den Mann mit kaltem Blute be⸗ trachtet. Er ſchien ein Vierziger zu ſein. Ei⸗ ne hochgebaute, kraͤftige Figur zeichnete den Mann vor andern aus. Auf ſeinem Geſichte ſchien eine dumpfe Schwermuth zu wohnen, welche aus den dunklen Angen wehmuͤthig — 10 hervorſchante. Sein augenblicklicher Zorn bil⸗ dete damit einen ſeltſamen Contraſt. Ich habe den Moment nie vergeſſen. Nachdem ich einige Zeit uͤber dqs eben Ge⸗ ſchehene ohne Erfolg nachgedacht hatte, ließ ich meine Sachen in einen Gaſthof bringen, und ging zu meinem Handelsfreunde, um ihn von meiner Ankunft in Kenntniß zu ſetzen, fand ihn aber nicht zu Hauſe. Ich begab mich in meine Wohnung, angegriffen von der Reiſe ging ich bald darauf zur Ru⸗ he. Schon fruͤhe war ein Bote vom Herrn Richard(ſo hieß mein Handelsfreund) da. Ich folgte ihm. „Sie ſind mir willkommen, lieber Kapi⸗ tain,“— trat Herr Richard mir entgegen,— „ich habe Sie bereits erwartet, kommen Sie mit mir nach dem Hafen, um das Schiff in Augenſchein zu nehmen.“ Wir gingen. Auf dem Wege dahin wur⸗ de viel von dem Zweck der Reiſe geſprochen 8 ——— 2— 2 und alle Vortheile ſorgſam erwogen, die dar⸗ aus erwachſen konnten. In einer engen Straße ſtreifte Jemand hart an mir voruͤber, ich ſah mich um; hatte ich mich nicht geirrt, ſo war es der alte Schiffer, der geſtern mit der jungen Dame am Baumhauſe gelandet war. Die Ereigniſſe des geſtrigen Tages tra⸗ ten wieder lebhaft vor meine Seele. Wir kamen an Bord. Die Atalanta*) war voͤllig ſegelfertig, nur die beſtimmte Ladung fehlte. Fuͤr jetzt hielt etwas Ballaſt der Takelage das Gleichgewicht. „Die Mannſchaft, ſoweit ſie bereits an Bord iſt, ſoll Ihnen ſogleich vorgeſtellt wer⸗ den,“— ſagte Herr Richard zu mir,—„die noch fehlenden koͤnnen Sie ſich ſelbſt waͤhlen; fuͤr diejenigen, die da ſind, ſtehe ich Ihnen ein, ſie haben bereits mehrere Reiſen mit dem Schiffe gemacht, es ſind gute und zuverlaͤſſige Leute.“ *) Name des Schiffs. 12 Ich hatte jetzt alles in Augenſchein ge⸗ nommen und war mit den Anordnungen des Herrn Richard ſehr zufrieden. Der Unter⸗ ſtenermann hatte unterdeſſen die Mannſchaft verſammelt. Herr Richard berief ſie ſaͤmmtlich auf das Hinterdeck und ſtellte mich als ihren Kapitain vor. Ich machte die Leute auf die Wichtigkeit unſerer Reiſe aufmerkſam, ermahn⸗ te ſie zur Einigkeit, zum Fleiß und zum Ge⸗ horſam und verſprach ihnen dagegen von mei— ner Seite eine freundliche, liebevolle Behand⸗ lung. Sie gaben mir alle den Handſchlag und gingen an ihre Arbeit. Wir fuhren nach dem Lande zuruͤck. Herr Richard ging aufs Comptoir, ich wollte anderweitige Geſchaͤfte be⸗ ſorgen. Zur voͤlligen Bemannung des Schiffs gehoͤrten noch ein Oberſteuermann und drei Matroſen. Die Letztern waren bald gefunden und wurden an Bord geſchickt. Einen Steuer⸗ mann zu finden, wie ich mir ihn wuͤnſchte, wollte mir ſo ſchnell nicht gelingen. Der Vor⸗ 1 mittag verſtrich unter allerlei Anordnungen Nachmittags machte ich einen Spatziergang längs den Ufern der Elbe. Es war eine druͤk⸗ kende Hitze und ich war ſehr erfreut, als ein freundlicher ſich weit ausdehnender Park mich in ſeinen Schatten aufnahm. Ich war wohl eine Stunde darin herum⸗ gegangen und wollte bereits zuruͤckkehren, als ich einen alten Mann gewahr wurde, der mit dem Ruͤcken an eine Eiche gelehnt, wehmuͤthig vor ſich hinſtarrte. Seine Kleidung war ein⸗ fach aber reinlich, ſein Aeuſſeres nicht impo⸗ nirend aber anziehend. Ich trat naͤher, es war derſelbe, der geſtern am Baumhanſe ge⸗ landet und heute Morgen bei mir vorbeigegan⸗ gen war. Ich ließ mich mit ihm in ein Ge⸗ ſpraͤch uͤber gleichguͤltige Gegenſtaͤnde ein. Er war nicht ſehr geſpraͤchig, aber auch nicht zu⸗ ruͤckhaltend, ſeine Fragen und Antworten beide gleich beſcheiden, ſeine Ausſprache verrieth den Englaͤnder. Von unſerm Standpunkt aus hat⸗ 14 M ten wir die Ausſicht auf die Elbe. Der Nord⸗ weſtwind hatte ſich ſiaͤrker erhoben, ein groſ⸗ ſer Dreimaſter ſchoß an uns vorbei nach Ham⸗ burg zu. „Moͤchteſt du doch mit eben der Schnel⸗ ligkeit den entgegengeſetzten Weg nehmen und ich waͤre dann mit dir!“ rief der alte Mann plotzlich aus. Verwundert ſah ich ihn an:„Sind Sie ein ſo großer Freund vom Seeleben?“ „Freund?“— fragte er,—„Freund?“ wiederholte er noch einmal mit einem lang— ſamen, ſchneidenden Ton. Eine dunkle Roͤthe flog uͤber ſein Geſicht.„Mein Geſchick will es,“— fuhr er nach einer Pauſe fort,— „daß ich Europa verlaſſe, wenigſtens auf einige Zeit.“ „Dazu werden Sie bald Gelegenheit fin⸗ den,“— antwortete ich,—„denn faſt taͤg⸗ lich gehen Schiffe nach den andern Welt⸗ theilen.“ 15 „Das denke ich auch,“— fuhr mein Al⸗ ter, nach einer augenblicklichen Pauſe fort,— „es fraͤgt ſich aber, ob ſich bald ein paſſender Dienſt fuͤr mich findet.“ „Sie ſuchen einen Dienſt, ſind alſo ſelbſt Seemann?“ „Das bin ich, ſeit ſechszehn Jahren be⸗ fahre ich die bedeutendſten Haͤfen von Europa und Amerika, als Ober⸗ und Unterſtener⸗ mann.“ „Es waͤre Ihnen alſo wohl ſehr darum zu thun, eine Anſtellung zu bekommen?“ „Mit tauſend Freuden nehme ich auch die ſchlechteſte an.“ „Wohl! kommen Sie morgen vor acht Uhr zu mir. Bringen Sie Ihre Zeugniſſe und uͤbrigen Papiere mit. Stimmt Ihre Ausſage damit uͤberein, ſo laͤßt ſich weiter davon re⸗ den.“ Ich gab ihm meine Addreſſe. Ein freudiger Blick ſchoß aus ſeinen Augen: „Wenn ich nur aus Europa komme,“— rief er aus,—„will ich alles uͤbrige Leid vergeſ⸗ ſen.“ Verwundert ſah ich ihn an. Der Alte bemerkte es.„Kehren Sie ſich nicht an mich,“ — ſagte er beguͤtigend,—„ich habe manch⸗ mal ſolche traurige Augenblicke, aber ſie ge⸗ hen bald voruͤber, es ſind Erinnerungen an eine fruͤhere, beſſere Zeit.“ „Sie haben wohl viel Ungluͤck gehabt?“ fragte ich theilnehmend. „Es waͤre viel davon zu ſagen,“ der Alte,—„indeß—“ er brach ab.„Ich mag mir nicht gern durch die Ruͤckerinnerung zum zweitenmal weh thun,“ ſagte er kurz dar⸗ auf. Ich fuͤhlte, daß ich Unrecht hatte, in das Geheimniß eines ganz Fremden dringen zu wol⸗ len, reichte ihm die Hand zum Abſchied und ging. Ungefaͤhr funfzig Schritt von ihm ent⸗ fernt, ſah ich mich nach ihm um, er war wie⸗ der in Nachdenken verſunken. Der alte Mann nit ſeinem geheimnißvollen Weſen intereſſirte mich. Sinnend trat ich den Heimweg an. Der Rordweſtwind hatte ein Gewitter zu⸗ ſammen getrieben, der Doͤnner rollte, die Bliz⸗ ze ziſchten durch die Luft. Ein großes Brigg⸗ ſchiff unter hollaͤndiſcher Flagge braußte die Elbe herauf. Ich erkannte es gleich; nach der Beſchreibung, die mir davon gemacht worden war, war es daſſelbe, welches uns die erwartete Ladung von Amſterdam zufuͤhren ſollte. Ploͤtz⸗ lich brach das Gewitter mit ſeiner ganzen Ge⸗ walt los, der Donner rollte lange und anhal⸗ tend, die Blitze krenzten ſich von allen Sei— ten, ein dichter Platzregen ſtürzte herab. „Herr Gott im Himmel, ſei uns gnädig!“ rief eine Stimme unfern von mir. Ich ſah mich um, ein alter Bauer ſtand mir zur Sei⸗ te. „Was giebt es denn?“ fragte ich betrof⸗ fen. „Ach Gott, ſieht denn der Herr nicht? das ſchone Schiff, was da eben die Elbe heraufſe⸗ gelt, es ſteht ja in hellen lichten Flammen!“ Ich ſah hin, die Blitze umkreuzten das Schiff in allen Richtungen, die Gefahr war augenſcheinlich, jeder Augenblick konnte es ent⸗ zuͤnden, aber jetzt brannte es noch nicht. Ich wandte kein Ange von der Scene. Mit der⸗ ſelben Schnelligkeit, womit der Sturm und das Gewitter heraufgekommen waren, flog bei⸗ des voruͤber, das Schiff hatte in dem entſchei⸗ denden Moment alle Segel geſtrichen, jetzt lag es unverſehrt unfern Neumuͤhlen vor Anker. „Ihr ſeid wohl nicht klug,“— wandte ich mich zu dem alten Bauer, der noch neben 6 mir ſtand,„wie konntet ihr mich ſo unnuͤtzer Weiſe in Schrecken ſetzen?“ „Daß Gott,“— ſagte der Bauer und rieb ſich die Augen,—„wenn das mit rechten Dingen zugeht, ſo weiß ich nicht, was ich ſa⸗ gen ſoll. Sah es doch aus, als ob das gan⸗ ze Ding da in vollen Flammen ſtuͤnde, und es kam mir ordentlich vor, als ob die Maſten ſchon rechts und links wegflogen. Ich bin ein alter Mann, aber in meinem Leben habe ich ſo etwas Schreckliches nicht geſehen.“ „Ihr moͤgt wohl die ganze Zeit getraumt haben,“ ſagte ich lachend. „Nein, lieber Herr, getraͤumt habe ich nicht. Was ich geſehen habe, das habe ich ge⸗ ſehen.“— Er hielt inne.—„Gott troͤſte alle die, die auf dem Schiffe ſind und ſchuͤtze die⸗ jenigen, die mit dem was drauf oder drinnen iſt, zu thun haben, ſie werden gewiß großes Ungluͤck erleben!“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, ruͤckte an dem Hut und ging querfeldein. Tief in Gedanken trat ich den Ruͤckweg an. Ich war ſo ernſt, ſo feierlich geſtimmt, als ob ich dem entſcheidendſten Gange meines Lebens entgegen ginge. Erſt ſpaͤt in der Nacht, als ich ſchon laͤngſt zu Hauſe angelangt war, wur⸗ de ich etwas ruhiger und ſchlief ein. 2* 20 MU Ich halte ganz recht geſehn, das Schiff, welches mich geſtern ſo in Schrecken geſetzt hatte, war wirklich das erwartete„die zwei Gebruͤder von Amſterdam“ geweſen, welches uns den groͤßten Theil unſerer Ladung zufuͤh⸗ ren ſollte. Herr Richard hatte mich ſchon fruh Morgens davon in Kenntniß geſetzt und mir aufgetragen, ſobald als moͤglich Anſtalten zum Laden zu treffen. So eben im Begriff auszugehn, trat der raͤthſelhafte Alte ein, der mit mir die Fahrt in die neue Welt als Steuermann antreten wollte. Ich ſah ſeine Papiere durch und hatte volle urſache damit mehr als zufrieden zu ſeyn, unterrichtete ihn von allen Verhaͤltniſſen und ſchlug ihm die Bedingungen vor, unter welchen ich ihn en⸗ gagiren wollte. Er war mit allem zufrieden. Wir begaben uns an Bord, ich ſtellte der Mannſchaft den Herrn Georg als ihren Ober⸗ ſtenermann vor, und ermahnte ſie, demſelben in allen Faͤllen wie mir ſelbſt zu gehorchen. 21 M Einige Tage waren verſtrichen, die La⸗ dung bereits eingenommen, die Mannſchaft gemunſtert“), nur ein anhaltender Weſtwind verzoͤgerte unſere Abreiſe. Eines Tages, nach⸗ dem die Boͤrſe geſchloſſen war, ging ich nach dem Jungfernſtieg, um ein dortiges Kaffe⸗ haus zu beſuchen und die Zeitungen zu leſen. Es war ſehr voll und ich verließ es bald wie— der, um noch einen Spatziergang vor's Thor zu machen. Als ich aus dem Hauſe trat, bemerkte ich den Fremden, der am Tage mei⸗ ner Ankunft von mir im Baumhauſe die Spur der Fluͤchtigen hatte erforſchen wollen. Ver⸗ wundert ſtand ich ſtill. Er war mit einem bekannten Schiffsmakler in einem eifrigen Ge⸗ ſpraͤch begriffen. Diefer Letztere wurde mich gowahr, gruͤßte und machte den Fremden auf mich aufmerkſam, indem er zu ihm ſagte: „da iſt er,“ und ging. *Md. h. feierlich vor dein Waſſer-Shout für dieſe Reiſe in Eid und Pflicht genommen. * 22 M Der Fremde trat auf mich zu:„Sind Sie der Kapitain Belton aus Bremen?“ „Der bin ich.“ „Sie wollen nach der Havannah, reiſen Sie bald ab?“ „Es iſt alles fertig, ſobald ein guͤnſtiger Wind eintritt, lichte ich die Anker.“ „Haben Sie Paſſagiere?“ fragte er raſch. „Es haben ſich keine gefunden,“ antwor⸗ tete ich,„wenn ſich aber noch welche finden ſollten, wird es mir lieb ſeyn.“ „Schoͤn,“ ſagte er,„ich kann Ihnen vielleicht behuͤlftich ſeyn; wollen Sie mich be⸗ gleiten?“ „Sehr gern.“ Wir gingen in ein unfern davon liegen⸗ des Weinhaus, die Gaſtſtube war noch faſt leer. Wir ſetzten uns in einen Winkel des dunklen Zimmers. Der Fremde forderte eine Flaſche Wein und ein Licht, beides wurde ge⸗ bracht. Er fuͤllte die Glaͤſer und begann: „Ich bin vor Kurzem mit meiner Toch⸗ ter aus Braunſchweig hierher gekommen, weil man mir gemeldet hatte, daß das hieſige Han⸗ delsgericht mir eine wichtige Mittheilung zu machen habe. Einer meiner Onkels, welcher vor vielen Jahren nach der Havannah gegan⸗ gen iſt, iſt daſelbſt geſtorben, hat ein bedeu⸗ tendes Vermoͤgen hinterlaſſen und mich zum Uuiverſalerben eingeſetzt. Die Verhaͤltniſſe fordern, daß ich einen ſichern Mann dahin ſende, der meine Geſchaͤfte dort in Ordnung bringe, ich habe lange gewaͤhlt und keinen gefunden, dem ich eine ſo ausgedehnte Voll⸗ macht uͤbertragen moͤchte, als hier noͤthig iſt, ich habe mich daher entſchloſſen, ſelbſt hin⸗ zureiſen. Meine Tochter—“ hier hielt er inne, ſah ſtarr vor ſich hin, faßte nach dem Glaſe und blieb unbeweglich ſitzen. Ich ſah ihn erwartungsvoll an; er ſchien es nicht zu bemerken.„Nun mein Herr, und Ihr Antrag?“ fragte ich nach einer Pauge. . 24 M „Ja, ja,“ ſagte er dumpf vor ſich hin und ich merkte, daß er meine Frage gar nicht gehoͤrt habe,„das Maͤdchen muß fort von hier, hier kann ich ſie nicht laſſen, und wenn——“ Er ſchien ſich zu beſinnen. „Das arme Maͤdchen,“ fuhr er zu mir ge⸗ wendet fort,„bedauf Zerſtrenung, ſie hat mit leidenſchaftlicher Liebe an der Mutter ge⸗ hangen, dieſe iſt geſtorben. Eine weite Reiſe iſt das ſicherſte Mittel, ihren Gram zu ver⸗ ſcheuchen und ihr ihre vorige Heiterkeit wie⸗ derzugeben. Deswegen,“ ſchloß er nach einer abermaligen Pauſe,„deswegen, lieber Ka⸗ pitain, frage ich Sie, ob Sie geneigt ſind, mich und das Maädchen mitzunch⸗ men?“ „Wenn Ihnen mit der Bequemlichkeit ge⸗ dient iſt, die Sie auf meinem Schiffe vor⸗ finden werden, und die ich allenfalls noch in der kurzen Zeit vor unſerer Abfahrt herbei⸗ ſchaffen kann, ſehr gern.“ 25 N „Gut,“ ſagte der Fremde,„ſo ſind wir einig; ich gehe zum Herrn Richard, um mit demſelben Ruͤckſprache zu nehmen, und wer⸗ de morgen bei Ihnen an Bord kommen. Bis dahin leben Sie wohl.“ „Darf ich vielleicht um Ihren Namen bitten, damit ich, wonn ich Herrn Richard fruͤher ſehen ſollte als Sie, denſelben benach⸗ richtigen kann?“ Er hielt einen Augenblick inne. Sollte er die ſo natuͤrliche Frage nicht erwartet ha⸗ ben? „John Blackwell aus Braunſchweig mit ſeiner Tochter Malvina,“ ſagte er nach einer Panſe,„und hier,“ indem er vier Doublonen auf den Tiſch legte,„dies zu Ihrer einſt⸗ weiligen Sicherheit.“ Er griff nach dem Hut, ſirirte mich ſcharf mit den Angen, wuͤnſchte mir eine gute Nacht und ging. Daß dieſer Mann, der ſich Blackwell nannte, mir nicht die Wahrheit geſagt hatte, war mir deutlich. Das Maͤdchen, welches am Tage meiner Ankunft in Hamburg mit meinem jetzigen Stenermann ſo aͤngſtlich vor ihm floh, war wahrſcheinlich Malvina. Hier mußte eine andere Sache auf dem Spiel ſte⸗ hen, gewiß war alles ganz anders, als er es mir erzaͤhlt hatte. Aber wie? Ich gerieth von Muthmaßung auf Muthmaßung und ver⸗ ſank in tiefe Gedanken. Das Zimmer hatte ſich nach und nach mit Gaͤſten gefuͤllt, das Geraͤuſch, welches dieſe verurſachten, weckte mich aus meinen Traͤumen, ich verließ das Haus. Als ich aus der Thuͤr trat, rollte ein Wagen vom Jungfernſtieg her voruͤber, das Maͤdchen, welches ich fuͤr die Tochter meines neuen Paſſagiers hielt, ſaß darin, dieſer ihr zur Seite. Das arme Maͤdchen ſchien von Kummer niedergebeugt zu ſein, und ſah ſtarr vor ſich hin, Blackwell bemerkte mich und gruͤßte freundlich, der Wagen rollte vor⸗ uͤber. 2 MM Ich ging auf Herrn Richards Comptoir, um ihn von dem eben contrahirten Geſchaͤft zu benachrichtigen. Er war nicht zu Hauſe, ich hinterließ meinen Auftrag an einen der Commis und ging an Bord. Es begann ſchon dunkel zu werden. Das Geſpraͤch mit Black⸗ well hatte alle Vorfoͤlle dieſer Dage wieder an⸗ geregt. Ich ging in die Kajuͤte, ließ den Steuermann rufen und befahl dem Schiffs⸗ jungen, eine kleine Bowle Punſch zu beſor⸗ gen. Der Steuermann kam, die Bowle dampfte ſchon auf dem Tiſch.„Kommen Sie, Steuermann Georg,“ rief ich ihm hei⸗ ter entgegen,„wir haben eine gute Priſe bekom⸗ men, zwei Paſſagiere haben ſich zur Ueberfahrt gemeldet; ein recht huͤbſcher Verdienſt, à Conto deſſen man immer ſchon ein Glas Punſch trin⸗ ken kann; ſtoßen Sie an.“ Ich fuͤllte die Glaͤ⸗ ſer, reichte ihm das eine hin und ſagte:„Nun denn auf das Wohl unſerer neuen Reiſegenoſ⸗ ſen, Herrn Blackwells und ſeiner Tochter!“ 28 MN Unbefangen nahm Georg das Glas, ſtieß mit mir an und leerte es in einem Zuge. Er verzog keine Miene und blieb ruhig und gelaſſen wie zuvor. Nun wurde es mir zur Gewißheit, daß mir der Fremde einen unrech⸗ ten Namen genannt habe. Welche Abſichten aber konnte er dabei gegen mich, den ganz Un⸗ bekannten, haben? Neue Raͤthſel. Mein Steuermann redete jetzt uͤber gleichguͤltige Ge⸗ genſtaͤnde mit mir, holte ſich uͤber manches meinen Rath, verlangte mein Gutachten uͤber gemachte Anordnungen, und brachte neue in Vorſchlag. Allmaͤhlig ging uns das Geſpraͤch aus, wir ſaßen ſtumm einander gegenuͤber.„Sind Sie, lieber Steuermann,“ unterbrach ich die Stille,„ſind ſie ſchon lange in Ham⸗ burg?“ „Drei Monat,“ antwortete er. „Drei Monat,“ wiederholte ich langſam, „und doch iſt es mir, als haͤtte ich Sie erſt 29 vor einigen Tagen mit einer Dame ankommen ſehen?“ Er ſchien ſichtlich betroffen und ward bald bleich bald roth.„Woher wiſſen Sie das? — ich weiß davon nichts,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. „Ich kann es Ihnen nicht verdenken,“ ſprach ich laͤchelnd,„Geheimniſſe, die man mit Damen hat, taugen ſelten fuͤr einen Dritten, indeſſen kann ich nicht laͤugnen, daß mich die⸗ ſer Fall intereſſirt.“ „Geheimniſſe?“ ſagte Georg,„ja wohl ſchlimme, ſchlimme Geheimniſſe, die zu er⸗ gruͤnden wohl vergebliche Arbeit ſein wuͤrde, ich wenigſtens mag nichts damit zu thun haben; laſſen wir das.“ Er ſtand auf und wollte gehen, es war mir zum erſtenmal in meinem Leben unheimlich. Da polterte etwas auf der Treppe, wir ſahen uns unwilltuͤhrlich an, die Thuͤr der Kajuͤte ſprang auf, wir ſchracken zuſammen. MMN Wir haͤtten nicht nothig gehabt zu erſchrek⸗ ken, es war der Lootſe, der uns bis zur ro⸗ then Tonne*) das Geleit geben ſollte. „Guten Abend, Ihr Herren,“ fing der Ein⸗ tretende an,„ich komme wie ein zweiter Ni⸗ codemus bei der Nacht. Der Wind iſt endlich nach Suͤd⸗Oſt gelaufen, bleibt er ſo bei, ſo muͤſſen wir morgen Mittag unter Segel. Es iſt doch alles in Ordnung?“ „Alles!“ erwiederte der Steuermann. „Nun denn, ſo halten Sie ſich bereit; mor⸗ gen um eilf Uhr, wenn ſich der Wind nicht wieder dreht, bin ich an Bord. Gute Nacht.“ Der Lootſe ging, auch mein Steuermann ging zur Ruhe, ich dachte noch uber alles nach, was ſich in dieſer letzten Zeit mit mir ereignet hatte, erſt ſpaͤt gegen Morgen ſchlief ich ein. *) Das Fahrwaſſer der Elbe iſt mit weißen und ſchwarzen Tonnen belegt, die letzte dieſer Tonnen, welche da liegt wo die Elbe ſich in die Nordſee er⸗ gießt, iſt eine rothe. Bis dahin begleiten die Lvot⸗ ſen die in Sre gehenden Schiffe. Am andern Morgen war weder Hſt⸗ noch Weſtwind, es war todtenſtill, die ganze Elbe war eine glatte Spiegelflaͤche. Mein Steuer⸗ mann war bereits mit dem großen Boot nach Altona gefahren, um verſchiedene Beduͤrfniſſe einzukaufen, die Mannſchaft war beſchaͤftigt alles zur Abfahrt in den Stand zu ſetzen. Ich habe vergeſſen zu melden, daß der Hafenmeiſter uns den Tag vorher ſchon aus dem Hafen her⸗ ausbogſiert hatte, wir lagen jetzt auf ganz freiem Waſſer. Ein Boot legte ſich uns zur Seite, es war Herr Richard mit und deſſen Tochter Malvina. Herr Richard wuͤnſchte mir Gluͤck, eine ſo angenehme Reiſegeſellſchaft gefunden zu haben. Blackwell beſah das Schiff und war ſehr zu⸗ frieden, als ich ihm die Lebensweiſe nannte, die wir einfuͤhren wuͤrden. Ich ließ ein Fruͤhſtuͤck ſerviren, wir aßen und tranken und waren gu⸗ ter Dinge. 32 N Der Lootſe kam, er beſtand darauf, mit der kommenden Ebbe mit dein Schiffe durch das Blankeneſer Sand zu treiben, um alsdann am andern Morgen, wenn der Weſtwind ſich erhe⸗ ben ſollte, in See gehen zu koͤnnen. Alle wa⸗ ren es zufrieden, de Lootſe ging auf das Ver⸗ deck, um Anſtalten zu treffen.„Nun denn,“ ſagte Herr Richard,„ſo wollen wir unver⸗ zuͤglich ans Land. Herr Blarkwell, beſor⸗ gen Sie Ihre Paͤſſe und ſchicken Sie Ihre Ef⸗ fekten an Bord; Sie, Kapitain, kommen zu mir aufs Comptoir und empfangen Ihre naͤ⸗ heren Inſtruktionen, dann ſind Sie alle drei heute Mittag meine Gaͤſte. Nach Liſch fah⸗ ren wir dem Schiffe nach. Ich begleite Sie bis Curhafen und von da gehe ich mit dem Pa⸗ quetboot nach Hamburg zuruͤck.“ Die Geſellſchaft fuhr ab, ich mußte noch bleiben, bis mein Stenermann zuruͤckgekom⸗ men war. Er kam, die mitgebrachten Sa⸗ chen wurden ausgeladen und verpackt. Ich 33 MMN fagte zu Georg, daß das Schiff gleich abgehen ſolle, daß ich ans Land gehen und mit den Paſ⸗ ſagieren heute Abend nachkommen werde. „Die Taue los!“ ſchrie der Looeſe; alles kam in Bewegung. Die Fluth hatte aufge⸗ hoͤrt, die Ebbe begann. Das Schiff fing an zu treiben, ein leiſer Luftzug aus Suͤd⸗Oſt ſchwellte die Seegel; ich bat den Steuermann, ja ſorgfaͤltig auf alles zu merken und fuhr ans Land. Meine Geſchafte mit Herrn Richard wa⸗ ren bald abgemacht. Meine Inſtruktionen empfing ich theils muͤndlich, theils waren ſie ſchriftlich und wurden mir verſiegelt uberge⸗ ben. Ich wollte ſie oͤffnen. „Laſſen Sie das,“ ſagte Herr Richard freundlich,„es hat Zeit. Wenn Sie erſt an Bord ſind, haben Sie Muße genug, ſich mit dem Inhalt diefer Papiere bekannt zu ma⸗ chen. Jetzt kommen Sie, die Geſellſchaft wartet auf uns⸗“ Wir gingen in den Speiſeſaal, es waren mehrere Herren und Damen da, mehrere ka— men noch, die Geſellſchaft wurde ſehr zahl⸗ reich. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Die Un⸗ terhaltung war ſchr lebhaft, die Zeit flog vor⸗ uͤber, es wurde faſt Abend. „Champagner!“ rief Herr Richard. Er wurde gebracht, die Propfen wurden geloͤſt, die Glaͤſer gefuͤllt. Hoch hob Richard das ſei⸗ nige.„Auf eine gluͤckliche Reiſe, Kapitain Belton!“ rief er mir zu, die ganze Geſell⸗ ſchaft ſtimmte mit ein. Der Rheinwein und Burgunder, der in ziemlicher Menge vorhan⸗ den war, that ſeine Wirkung, noch eine Stun⸗ de verſtrich, immer lauter wurde die Geſell⸗ ſchaft. „Und nun an Bord, Kinder, an Bord!“ rief Nichard dazwiſchen,„es iſt die hoͤchſte Zeit.“ Alles wurde ſtill. Wir gingen, die Gäſte bogleiteten uns bis nach dem Hafen. In nicht gar zu langer Zeit erreichten wir das Schiff, der Wind wehte ziemlich friſch aus Suͤdoſt. Wir legten auf der rechten Seite der Ata⸗ lanta an. Ich war der erſte auf dem Ver⸗ deck. Der Mann, der die Wache hatte, trat herzu; ich ſchickte ihn hin, den Steuermann zu wecken, unterdeſſen half ich den Uebrigen herauf. Alle waren oben, da trat der Steuer⸗ mann Georg aus der Kajuͤte: „Guten Abend, guten Abend!“ rief er uns entgegen,„kommen Sie endlich? wir ha⸗ ben Sie heute nicht mehr erwartet.“ Malvina ſchrie laut auf, wir eilten alle hin, ſie war in Ohnmacht geſunken. „Allmaͤchtiger Gott!“ rief Georg aus, „was iſt das?“ Blackwell faßte Georg ins Ange und rief aus, indem er auf ihn zuſtuͤrzte:„hab' ich dich?“ „Biſt du denn uͤberall, ſchandlicher Ver⸗ folger? giebt es keine Freiſtatt mehr auf der 3 Erde, wo ich mich vor dir verbergen kann?“ rief Georg aus. „Keine!“ knirſchte Blackwell. „Eine weiß ich,“ rief Georg aus,„es iſt das Grab!“ Er riß ſich los, eilte auf die Gallerie des Hinterdecks und ſtuͤrzte ſich in die ſchaͤumende Elbe. Ich ſchrie laut auf, Malvina lag noch re⸗ gungslos da, Blackwell ſah ſtarr nach der Stel⸗ le, wo Georg hinabgeſprungen war, Richard blickte ruhig auf uns alle. Dies alles war das Werk eines Augenblicks. Der Wind war ſtaͤr⸗ ker geworden, er zertheilte die Wolken, der Vollmond trat hervor, er beleuchtete eine graͤß⸗ liche Srene. Die ganze Mannſchaft war uͤber dem Laͤr⸗ men erwacht, und ſprang auf das Verdeck. „Schnell,“ rief ich,„ſchnell bemannt alle Boͤte, der Oberſteuermann iſt uͤber Bord ge⸗ fallen.“ „ AMMMM Wie ein Blitz waren die flinken Kerle hin⸗ ab in die Böte und ruderten fort. Wir brach⸗ ten Malvina in die Kajuͤte, ſie ſchlug die Au⸗ gen auf.„Iſt er todt?“ fragte ſie. „Ruhig, ruhig, Malvina!“ ſagte Black⸗ well. „Malvina? Malvina?“ fragte ſie. Als beſoͤnne ſie ſich, ſetzte ſie nach einer Pauſe hin⸗ zu:„Malvina iſt ſehr ungluͤcklich.“ „Geh zu Bette, Kind,“ ſagte Blackwell, „da wird dir beſſer werden.“ „Ich will ja alles, was du willſt,“ ſagte Malvina und wankte von Blackwell geleitet in ihre Kajuͤte. Ich war den Beiden gefolgt, um ihnen ihr Logis anzuweiſen und eilte dann aufs Verdeck zuruͤck. Der Lvotſe ſtand ganz auf dem Hinter⸗ deck und rief den ſuchenden Leuten durch das Sprachrohr zu. Herr Richard ging, die Haͤn⸗ de auf dem Ruͤcken, ruhig auf und nie⸗ der. „Mein Gott, was ſagen Sie dazu?“ fragte ich ihn. „Wozu?“ fragte er kalt und ruhig. „Mein Gott, Sie fragen noch? zu den Ereigniſſen des heutigen Abends.“ „Das ſind Geheimniſſe,“ ſagte er beſtimmt, „darnach muß man nie forſchen. Tangt es fuͤr uns zu wiſſen, ſo werden wir es zu ſeiner Zeit erfahren.“ „Es ſcheint ein ſeltſames Verhaͤltniß unter unſern Paſſagieren zu ſeyn, wie ſoll ich mich dabei nehmen?“ „Dabei nehmen?“ ſagte Richard,„wie Sie ſich dabei nehmen ſollen? ſeltſame Fra⸗ 36 „Ich moͤchte mir doch Ihren Rath aus⸗ bitten,“ fuhr ich fort. „Sie haben Ihre Inſtruktionen!“ ſagte er kurz und ging von mir. Nach geraumer Zeit kehrten die Böte frucht⸗ los zuruͤck. Der Steuermann war nicht ge⸗ 39 MNN funden, nur ſeinen Hut hatte man auf der Oberflaͤche des Waſſers treibend gefunden. Nach der Stadt durfte ich nicht mehr zuruͤck, der Wind war guͤnſtig, der Lootſe wollte von kei⸗ ner Zoͤgerung etwas wiſſen, ich mußte alſo die Reiſe ohne Oberſteuermann antreten. Der Morgen graute, die Fluth war verlaufen, die Boͤte wurden auf das Verdeck gewunden und befeſtigt. Noch eine halbe Stunde und der Anker wurde gelichtet, die Segel aufgezogen, wir fuhren den Strom hinab. Blackwell kam auf das Verdeck, Richard hatte es noch gar nicht verlaſſen. Letzterer trat auf mich zu: „Ich habe mich beſonnen, ich fahre nicht mit nach Cuxhafen, der Oſtwind kann durchſtehen, und ich wuͤrde dann eine ſchlimme Ruͤckreiſe ha— ben, auch erlauben mir meine Geſchaͤfte eine ſo lange Abweſenheit vom Hauſe nicht, alſo will ich lieber gleich umkehren. Beſorgen Sie mir mein Boot.“ 40 M Ich ließ das Boot, welches uns geſtern Abend an Bord gebracht, auf die Seite legen und zeigte Richard an, daß er abfahren könne. „Nun denn, lieber Blackwell,“ ſagte Richard, „leben Sie wohl, reiſen Sie gluͤcktich, und kommen Sie geſund und wohl zuruck. Adien, Kapitain Belton, leben Sie wohl und ſorgen Sie auf's Beſte fuͤr mein Schiff.“ Hier zog er wich auf die Seite.„Nehmen Sie Ihre Inſtrnktionen in Acht,“ rief er mir zwar leiſe, aber in ſehr beſtimmten Ausdruͤcken zu. Da⸗ mit kehrte er ſich von mir ab und ſprang ins Boot.„Adien, Kapitain Bekton, gluckliche Reiſe, Adien, ihr Leute,“ rief er der Mann⸗ ſchaft zu,„kommt mir geſund wieder.“ Das Boot fuhr ab und wir ſegelten dem Ausfluß der Elbe zu. 6 Ich war ſchon oft in See gegangen, und immer mit friſchem Muth, dießmal konnte ich es nicht, zentnerſchwer lag es mir auf der Seele. Ich wurde von tauſend qualenden Ge⸗ 41 MMMMMMM danken gepeitſcht, die alle wie in einen Nebel gehuͤllt, meinen Sinn durchkreuzten, aber zu einem Ganzen ſie zu geſtalten und ein Reſul⸗ tat daraus zu ziehen, das vermochte ich nicht. Immer ſtaͤrker braußte der Suͤdoſt, immer reiſ⸗ ſender wurde die Elbe, immer ſchneller ſegelte das Schiff. Als ich den Strom entlang ſah und mit den Angen den Weg durchmaß, den wir ſchon gemacht hatten, da zuckte es krampf⸗ haft in meiner Bruſt und lebhaft fuhlte ich daſſelbe, was ich damals fuͤhlte, als ich mit dem Poſtever(Fährſchiff) von Haarburg nach Hamburg ſegelte und zum erſtenmal den Strom entlang ſah. Ich ſah mich an das Ufer der Elbe verſetzt und ſah auf den Strom, das Ge⸗ witter tobte, der Bliß ſchlug in den Hollaͤn⸗ der, der eben die Elbe heraufkam, ich hoͤrte den Schreckensruf des mir zur Seite ſtehenden Bauers, ich war ganz aus mir heraus, in eine wunderbare Stimmung verſetzt. 42 „Aber mein Gott, Kapitain, Sie ſtehen ja ſo tief in Gedanken verſenkt, was haben Sie denn?“ Ich hoͤrte eine mich rufende Stimme, ein tiefer Seufzer entwand ſich meiner Bruſt, ich richtete mich auf, der Lootſe ſtand vor mir. „Ich weiß nicht, was Ihnen fehlt,“ ſagte er, „ich ſtehe nun eine ziemliche Weile neben Ih⸗ nen, und rufe Ihnen zu, aber Sie hoͤren nicht. Daß man ſo tief in Gedanken ſeyn koͤnnte, habe ich nie geglanbt.“ „Was giebt es denn?“ fragte ich, halb unwillig, geſtoͤrt zu ſeyn, halb beſchaͤmt, daß ich mich ſo hatte finden laſſen. „Was es giebt?“ lachte der Lootſe auf, „nichts, als daß wir gleich in See gehen, und wenn Sie daher noch Briefe mitzugeben haben, ſo beeilen Sie ſich, ich bin nur noch eine Stunde an Bord.“ Ich ſah mich um, ſah, daß wir ſchon weit hinaus waren und lief in die Kajuͤte, um ei⸗ 43 nen Brief an Herrn Richard aufzuſetzen, der ihm die Nachricht bringen ſolle, daß wir in See gegangen waͤren. Eine Stunde verſtrich, die Sonne war ihrem Untergange nahe, wir befanden uns bei der Lootſen-Galliote“), das Langboot derſelben legte uns zur Seite, unſer Lootſe ſtieg hinein und wir waren allein, in Weſten beruͤhrten die Strahlen der untergehenden Sonne die Waſ⸗ ſerflaͤche, in Suͤd-Oſt ſchlichtete ſich Welle auf Welle, es hatte das Anſehn, als wolle die Nordſee uns mit einem Sturm empfangen. Malvina ſtuͤrzte auf das Verdeck, Blackwell *) Galliote, ein ein- und zwei⸗, ſeltener ein dreimaſti⸗ ges Seeſchiff. Die Stadt Hamburg unterhaͤlt das am Ausfluß der Elbe bei der rothen Tonne ſtatio⸗ nirte. Es nimmt die Lootſen auf, die es von den in See gehenden Schiffen mit ſeinem Boote abholt. Die hier erwaͤhnte Galliote„der See⸗ ſtern,“ iſt in den Stuͤrmen des Jahres 1825 verſchwunden und nie mehr etwas von ihr gehdort worden. 44 M ihr nach. Malvina eilte auf mich zu:„Sind wir ſchon in See?“ rief ſie aus. „Ja, liebes Fraͤulein!“ antwortete ich. Sie ſah um ſich her, vergebens bemuͤhte ſie ſich, mit ihren verweinten Augen die ferne Kuͤſte zu erſpaͤhen.„Kann man denn das Land nicht mehr ſehen?“ fragte ſie mit Thraͤ⸗ nen in den Augen. Wie eine truͤbe Wolke ſchwebte das Land noch zwiſchen Himmel und Meer, ich gab mir Muͤhe es ihr zu zeigen, es wollte mir nicht ge⸗ lingen.„Laſſen Sie es gut ſeyn,“ ſagte ſie nach einer Pauſe.„Sie meinen es gut, ich werde mich oft an Sie wenden und Sie wer⸗ den mich troͤſten.“ Ich verſprach es ihr. „Das Land iſt fort, ich kann es nicht mehr ſehen!“ ſagte ſie bewegt, ein Thraͤnenſtrom entſtuͤtzte ihren Augen.„Ich werde es nie mehr wiederſehen!“ rief ſie aus. Ich verſuchte es, ſie zu troſten, vergebens. 45 „Sie meinen es gut,“ ſagte ſie,„ich dan⸗ ke Ihnen, eine liebende Seele thut uns noth auf Erden, und hier“— ſie ſah ſich aͤngſtlich um—„hier iſt nicht einmal die Erde mehr, hier iſt das Meer, das ewig unerſaͤttliche, auf deſſen wilden Wogen kein Bild der Freude zu ſchauen, unter deſſen Spiegelflaͤche Tod und Verderben droht.“ Blackwell trat herzu und faßte ihre Hand? „Kommm, Malvina, komm, die Nacht daͤm⸗ mert bereits herauf, hier iſt nicht gut ſeyn, komm herab.“ „Soll ich noch nicht Friede haben?“ ſagte das Maͤdchen,„was kannſt du noch von mir wollen? Hier kann ich dir ja doch nicht ent⸗ fliehen. Laß mich hier weinen; alles haſt du mir geraubt, alles genommen, Unmenſch, laß mir meine Thraͤnen.“ „Du verkennſt die Liebe und Sorgfalt dei⸗ nes treuen Vaters,“ ſagte Blackwell, und zu mir gewendet fuhr er fort:„Laſſen Sie das — 46 MMMMN Maäͤdchen gewaͤhren, ſie hat ſeltſame Launen, ich hoffe es wird ſich geben, wir ſprechen mehr davon. Gute Nacht!“ Er nahm Malvinens Hand und fuͤhrte ſie in die Kajute. Einen Oberſtenermann hatte ich nicht, mit meinem Unterſteuermann, einem tuͤchtigen und gewandten Mann, hatte ich mich verabredet, wie wir es waͤhrend der Reiſe halten wollten; er war mit meinen Vorſchlaͤgen zufrieden, ich hatte waͤhrend der Reiſe eine kräftige Stuͤtze an ihm. Die erſte Schiffswache*) hatte ich *) Fuͤr diejenigen meiner Leſer, die nicht wiſſen moͤchten, was es mit den Schiffswachen fuͤr eine PBewandniß hat, diene folgendes: Der Kapitain und der Steuermann theilen die Mannſchaft in zwei Theite. Jeder Theil ſieht unmittelbar unter dem Commando des einen oder des andern. Die Schiffswachen nehmen ihren Anfang, wenn das Schiff in See geht, oder wenn man gendthigt iſt, auf einer Seerhede vor Anker zu gehen. Dieſer Wachen ſind ſechs. Die Eintheilung derſelben geht von 8 Uhr zu 3 Uhr Abends. Die Stunden von 12 Uhr Mittags bis 8 Uhr Abends gehören aus⸗ 47 als Kapitain uͤbernommen, das milchweiße Feuer von Helgoland blickte uns zur Seite, ruͤckwaͤrts ſahen wir noch. das blutrothe Feuer von der Inſel Neuwerk“), von ferne tobte ſchon der nahende Sturm, die ſtreitenden Ele⸗ mente waren in voller Gaͤhrung⸗ Um Mitternacht, eben als ich dem Steuer⸗ mann die Wache uͤbergeben hatte, brach der Sturm los, der Wind lief von Suͤd⸗Oſt zu ſchießlich einem, um eine Abwechslung hineinzu⸗ bringen. Man benennt ſie Abend⸗ Hunde⸗Tag⸗ Vormittags„Nachmittags⸗Wache. Die letzten vier Stunden der Nachmittagswache heißen auch Plattfuß oder Plattſood. Was dieſer Name be⸗ denten ſoll, iſt mir nicht bekannt. *) Die von mir gewählte Bezeichnung der beiden Feuer iſt avbſichtlich. Beide ſind Lampenfener. Die Lampen auf Helgoland haben ein ſilbernes, die auf Neuwerk ein goldenes Schirmdach. Daher der weiße und rothe Schein. Dieſe Unterſcheidung iſt ſehr wichtig, weit in der Gegend unbekannte, und ſehr oſt auch bekannte Schiffer ſonſt leicht irre gefuͤhrt werden konnten. 48 M Suůd⸗Suͤd⸗Oſt, wir refften unſre Segel ein*), mit Blitzesſchnelle ſchoſſen wir durch die ſchaͤumenden Wogen. Ich will mich nicht des Breitern auslaſ⸗ ſen, es iſt hier nicht der Ort, das ſchrecklich ſchoͤne Schauſpiel eines Sturms zu beſchrei⸗ ben, ich eile daruͤber weg, um zu denkwuͤr⸗ digern Ereigniſſen zu kommen. Am fuͤnften Tage gegen Morgen ließ der Sturm nach, wir hatten den großen Ocean erreicht, die Nordſee war raſch durchſchnitten, eben ſo ſchnell waren wir an England vor⸗ uͤber geeilt. Um meine Paſſagiere hatte ich mich in dieſer Zeit wenig bekuͤmmern konnen, die Sorge fuͤr mein Schiff hielt mich in die⸗ ſer Zeit faſt immer auf dem Verdeck feſt. Ich war eben beſchoͤftigt, aus dem Aufgang der Sonne die Mihweiſung des Compaſſes zu er⸗ *) einreffen, Schifferausdruck fur das Kleinermachen der Segel⸗ ſorſchen*), als Blackwell auf das Verdeck zu mir kam. „Gott ſei gedankt,“ ſagte er, mir die Hand reichend,„daß das Wetter ſich endlich einmal geſetzt hat, das iſt eine ſchreckliche Zeit geweſen, man hat ja kaum zu ſich ſelbſt kommen koͤnnen; Malvina hat viel ausgeſtan⸗ den.“ „Das arme Maͤdchen! iſt ihr jetzt wohl?“ „So ziemlich, ich habe ſie ſchon mehrere Male an die freie Luft fuͤhren wollen, allein das Wetter war zu ungeſtuͤm, aber jetzt, was meinen Sie?“ „Thun Sie es unverzuͤglich, friſche Luft iſt das Zutraͤglichſte fuͤr dieſen Angenblick. Wir werden uͤberhaupt jetzt beſſere Witterung *) das iſt die Abweichung der Magnetnadel vom wahren Nord, ſie beläuft ſich in dieſer Gegend mit mehr oder minderer Abweichung auf 2 Coma paßſtriche nach Weſten, alſo N. N. W. 4 50 WM bekommen, der Sturm ſcheint ganz ausgetobt zu haben.“ Blackwell ging und kam bald darauf mit Malvinn zuruͤck. Dieſe trat auf mich zu. „Fuͤhren Sie mich umher,“ ſagte ſie zu mir, „mir iſt ſo wohl, daß ich die friſche Luft wieder genießen kann, ich habe in dieſer letz⸗ ten Zeit viel ausgeſtanden.“ „Es betruͤbt mich innig, daß ich nichts zn Ihrer Erleichterung habe beitragen koͤn⸗ nen „Das glaube ich Ihnen gern, Sie ſind ein guter, gefuͤhlvoller Mann.“ „Moͤchten Sie ſich bald erholen! das ſchlimme Wetter hat Sie ſehr angegriffen.“ „Das Wetter, und nur das Wetter?“ ſagte ſie.„O ja,“ fuhr ſie fort,„es hat einen Theil mit dazu beigetragen, aber haupt⸗ ſächlich—“ hierbei ſah ſie mich mit einem kummervollen Blick an—„hauptſaͤchlich die boͤſen Traͤume, die haben mich ſehr angegrif⸗ ſen. Wir wollen nicht weiter davon reden,“ ſchloß ſie,„ich fuͤhle mich geſtaͤrkt. O es iſt eine boͤſe Zeit geweſen, es iſt noch eine boͤſe Zeit, und wer weiß, ob die Zukunft nicht noch dreimal ſchrecklicher iſt.“ „Sie ſcheinen viel Kummer gehabt zu ha⸗ ben, und noch zu haben; kann es ſeyn, ſo theilen Sie ſich mir mit. Es iſt nicht Neu⸗ gierde, die mich dazu treibt, es iſt Mitlei⸗ den mit Ihrer traurigen Lage, vielleicht kann ich helfen, wo nicht, ſo habe ich doch Troſt fuͤr Sie.“ „Helfen? Nein, das koͤnnen Sie nicht, das kann kein Sterblicher. Troͤſten? Guter Menſch, was iſt der Troſt des wohlwollenden Freundes gegen mein Leid, ein einzelner Thau⸗ tropfen in einem Feuermeer.“ „Aber das Bewußtſeyn, eine gleichfuͤhlen⸗ de Seele gefunden zu haben, die unſre Leiden kennt, und ſie mit uns fuͤhlt, die unſte Thraͤ⸗ nen ſieht und verſteht und der es Troſt und 4 52 Beruhigung iſt, mit dem trauernden Freund zu trauern.“ „Ja, Sie haben Recht, aber hier im großen weiten Ocean, giebt es hier auch Men⸗ ſchen? hier ſorgt doch nur jeder fuͤr ſich ſelbſt, jeder iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte.“ „Wenn Sie mich nicht verkennen wol⸗ len,“ entgegnete ich ihr,„ſo ſchlaͤgt hier ein Herz, das gewiß ſo zaͤrtlich fuͤr Sie beſorgt iſt, als nur immer ein Bruder fuͤr ſeine Schweſter es ſeyn kann.“ Sie ſah mich lange mit einem durch⸗ dringenden Blick an und heftete das große blane Auge feſt auf mich:„Ja,“ rief ſie nach einer Pauſe aus,„ich vertrane Ihnen, ich muß ein Herz haben, dem ich mich oͤff⸗ nen kann, Elend ohne Mittheilung iſt ſchrock⸗ lich! Aber wann? wo? wie? der Raum dieſes kleinen Schiffes iſt ſo beengt, wir ſind nirgends allein, ſind uͤberall geſtoͤrt. Black⸗ well drangt ſich immer zwiſchen uns.“ Ich wollte eben antworten, als Blackwell herzutrat und das Geſpraͤch unterbrach. Es drehte ſich nun bis zu dem Mittageſſen um gleichguͤltige Gegenſtaͤnde, wo ich vorzuͤglich Aufklaͤrung uͤber manche Erſcheinungen geben mußte, die eigentlich alle ganz natuͤrlich zu⸗ ſammenhingen, die aber fuͤr meine neuen Seefahrer halbe Wunder waren. Nach Tiſch hatte ich mich auf dem Ver⸗ deck unter dem Sonnenzelt etwas zur Ruhe niedergelegt und war nahe daran einzuſchlum⸗ mern, als Malvina zu mir kam und ſagte: „Es wird ſchwer halten, daß wir unbemerkt mit einander ſprechen koͤnnen, Blackwell ſchoͤpft Verdacht, daß Sie mein Vertrauter ſind und er wird alles anwenden, uns von einander entfernt zu halten. Was ich Ihnen zu ſagen habe, kann daher nur ſchriftlich ge⸗ ſchehen. Nehmen Sie dieſe Brieftaſche und ſtellen Sie mir ſolche ſo unbemerkt als moͤg⸗ lich wieder zu.“ Mit dieſen Worten reichte 54 M ſie mir eine in rothem Saffian gebundene Brieftaſche und eilte wieder in die Kajuͤte zuruͤck. Nachdem ich mich einigermaßen von mei⸗ nem Erſtaunen erholt hatte, ſetzte ich mich ſo, daß ich jeden ſchon auf zehn Schritte be⸗ merken mußte, der zu mir wollte, ſteckte die Brieftaſche weg, nachdem ich die Papiere her⸗ ausgenommen hatte und begann zu leſen. Meine Spannung wuchs von Minnte zu Mi⸗ nute, die Schickſale dieſes jungen Maͤdchens nahmen meine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch. Ich gebe hier in einem ku zen Aus⸗ zuge wieder, was ich fuͤr die Dentlichkeit der Geſchichte, die ich eben erzähle, fur nothwen⸗ dig halte: Mittheilungen aus dem Tagebuche der Demoiſelle Eliza Robert⸗ genannt Malvina Blackwell*). I. Wir haben London verlaſſen muͤſſen, Va⸗ ter Robert hat nicht laͤnger zuruͤckbleiben wol⸗ ben, er hat ſich ſchon lange nach Deutſchland geſehnt, um ſeine Bruͤder zu beſuchen. Gott gebe, daß es alles gluͤcklich geht, ich habe ei⸗ ne große Furcht, auf das offene Meer hinaus zu kommen. Wir liegen hier bei Greenwich und warten auf einen guten Wind. Es wird mir ſchwer, von England zu ſcheiden; Alles was mir lieb und werth iſt, bleibt dort zu⸗ ruͤck. Ob ich Edmund je wiederſehen werde? Als ob es geſtern geweſen waͤre, denke ich *) das Tagebuch war in engliſcher Sprache geführt, „ noch jenes Tages, als wir uns zuerſt ſahen, und dann immer oͤfter und oͤfter, bis wir zuletzt gar nicht ohne einander ſeyn konnten. Aber ich fuͤrchte nichts! Habe ich ihm doch einen theuern Verlobungsring gegeben, einen Ring, den ich von meiner Mutter in ihrer Sterbeſtunde empfing, beſitze ich doch ein glei⸗ ches Kleinod von ihm. Er kann und wird mich nicht verlaſſen. Ich habe ihn wohl ge⸗ ſehen den wehmuͤthigen, vielſagenden Blick, den er mir zuwarf, als ich das Letztemal mit meinem Vater bei ſeinen Eltern zum Beſuch war. Solch ein Blick kann nicht luͤgen, ſolch ein Auge nicht die Unwahrheit ſagen. Ich will auf ihn bauen, er wird gewiß Mittel und Wege finden, wie wir uns wiederſehen koͤnnen, und wird mich dann zuverſichtlich nicht verlaſſen. Der Wind wird gut, die Matroſen lichten die Anker und loͤſen die Se⸗ gel. Es geht nach Deutſchland. Gott gebe Ausdauer uns Allen! — — M Unſere Reiſe geht ſtill und ruhig voruͤber wie ein Traum, wir haben noch kein Unge⸗ mach erduldet. Ich habe bereits einen ehr⸗ wuͤrdigen braven Seemann kennen gelernt, der mit nach Bremen will, um, wie er vor⸗ gegeben hat, Dienſte zu nehmen. Der alte Mann hat mir oft und vieles von ſeinen Rei⸗ ſen erzaͤhlt und ich habe ihm begierig zugehoͤrt. Auch von England aus hat er ſehr viele Rei⸗ ſen gemacht und iſt ſehr lange Zeit in Dien⸗ ſten bei meines Edmunds Vater geweſen. O wie freut es mich, jemand zu treffen, mit dem ich von dem Liebſten reden konnte, was ich hatte. Er vertraute mir, daß Edmund ihm befohlen habe, ja ein gutes Augenmerk zu haben, damit er immer wiſſe, wo ich waͤ⸗ re, denn Edmund wolle keinen Augenblick un⸗ gewiß ſeyn, wo er mich ſuchen ſolle, wenn ihn das Geſchick nach Deutſchland fuͤhre. Wir haben verabredet, uns immer gegenſeitig 58 N Nachrichten von einander zukommen zu laſ⸗ ſen, und mein alter Seemann,— der ſich Georg nennt,— hat mir verſprochen, ſich immer in meiner Naͤhe aufzuhalten. Ed⸗ mund will alſo nach Deutſchland kommen und England verlaſſen. Was koͤnnte ihn da⸗ zu bewegen, dies Land der Freiheit und Un⸗ abhaͤngigkeit zu verlaſſen, wenn es die Liebe nicht thate? Ja ich fuͤhl' es, wie ſelig ich bin, ich liebe und ich werde geliebt. III. Wir ſind in Bremen angekommen und von da gleich nach Braunſchweig abgereiſt. Mein alter Georg, von Edmund mit Reiſe⸗ geldern hinlaͤnglich verſehen, folgte uns im⸗ mer in einiger Entfernung, ohne bei dem Va⸗ ter Verdacht zu erregen. Einer meiner Oheime war nur in Braunſchweig und zwar der juͤng⸗ ſie; mein Vater war der aͤlteſte von drei Bruͤdern, der mittlere war ſchon vor mehre⸗ S ren Jahren nach Hamburg gegangen, hatte eine bedentende Heirath gethan, und mit Er⸗ folg ein angeſehenes Handlungshaus eroffnet. Was ich fruͤher noch nicht gewußt hatte, er⸗ fuhr ich jetzt; ich hatte bisher geglanbt, es ſei nur auf einen Beſuch in Deutſchland ab⸗ geſehn, wir wuͤrden, ſo meinte ich, zu ſeiner Zeit wieder nach England zuruͤckkehren, aber hier erſt erfuhr ich, daß mein Vater beſchloſ⸗ ſen hatte, ſich fuͤr ſeine ganze uͤbrige Lebens⸗ zeit in Deutſchland haͤuslich niederzulaſſen, er hatte alle ſeine Geſchaͤfte aufgegeben, hatte ſein Haus und ſein Landgut verkauft, ohne daß ich etwas davon erfahren hatte, und ſein ganzes Vermoͤgen in Gold und Wechſeln mit⸗ gebracht. Uum ſo mehr erſchrack ich, als ich einſt bei Tiſch meinen Onkel mit ſeinem Entſchluß bekannt machte. Dieſer war ſehr erfrent dar⸗ uͤber, erkundigte ſich nach den Vermoͤgensum⸗ ſtaͤnden meines Vaters, fand ſie mehr als 60 groß genug, um in Deutſchland einen fuͤrſt⸗ lichen Aufwand machen zu koͤnnen, und gab ihm Mittel und Wege an die Hand, wie er ſeine Gelder am beſten unterbringen koͤnne. Mein PVater fand die Vorſchlaͤge des Onkels gut und annehmbar, und dieſer Letztere ver⸗ ſprach, bei dem Geſchaͤft einen tuͤchtigen Mit⸗ telsmann abzugeben. Mein Vater war mit dem allen ſo zufrieden, daß er ſich vornahm, die Sache ſo fruͤh als moͤglich ins Werk zu richten und deshalb noch heute die Boͤrſe zu beſuchen. Man ſtand fruͤher vom Tiſch auf als gewoͤhnlich und mein Vater holte alle Pa— piere zuſammen, die er beſaß. Der Onkel ſah ſie mit ihm durch und beide freuten ſich, ihr Alter mit einander in Ruhe hinbringen zu koͤnnen. Bald darauf ging der Vater an die Boͤrſe, der Onkel blieb noch zu Hauſe, machte ſich mit den Papieren viel zu ſchaffen, und ſchrieb und rechnete ſehr viel. Endlich war er ſertig und ſchob alles ſtilllaͤchelnd vor — . — ſich hin. Unterdeſſen trat ein Fremder ein, der den Onkel ſprechen wollte, ich ging in das Nebenzimmer, hoͤrte aber bald einen hef⸗ tigen Wortwechſel, von dem ich nichts ver⸗ ſtehen konnte. Bald loͤſte ſich dieſer Strit in ein angelegentliches Geſpraͤch auf, wobei beide Partheien ſehr in Eifer geriethen, aber demungeachtet doch ſehr leiſe ſprachen⸗ W. Da der Fremde noch immer nicht gehen wollte und auch mein Vater noch immer nicht zuruͤckkam, beſchloß ich, einen Spatziergang zu machen. Ich ging. Es war ein ſchoͤner, heitrer Abend und die ganze Natur lachte mir froh und heiter entgegen. Ich mochte ungefaͤhr eine halbe Stunde gegangen ſeyn, als ich jemand gewahr wurde, der mich mit zieilich ſtarken Schritten verfolgte. Ungeach⸗ tet auch ich ziemlich ſchnell zuſchritt, hatte er mich gar bald erreicht; es war Georg. Er 62 flog auf mich zu und ſagte mir, daß er ſchon zwei Tage vergebens eine Gelegenheit ſuche, mich zu ſprechen, er haͤtte willkommene Neuigkeiten fuͤr mich. Willkommen waren ſie allerdings. Edmund war kurze Zeit nach uns in Handlungsgeſchaͤften nach Deutſchland abgereiſt, und hatte ſich,— von Georg ge⸗ nau unterrichtet,— ſogleich nach Braun⸗ ſchweig begeben. Ich fragte haſtig, wo Ed⸗ mund waͤre und wo ich ihn finden wuͤrde. Georg berichtete, daß er im Hotel d'Angle- terre logiere, daß ich ihn da freilich nicht aufſuchen koͤnnte, daß aber Edmund fuͤr die⸗ ſen Augenblick ſich in der Naͤhe befinde. Mit dieſen Worten bat er mich, in einen nahelie⸗ genden, oͤffentlichen Garten zu treten, und ging mir zur Seite. Er fuͤhrte mich die eine Allee entlang, an deren aͤußerſtem Ende eine Laube war, Edmund ſtuͤrzte aus derſelben her⸗ vor und lag zu meinen Fuͤßen. Georg ent⸗ fernte ſich. Selige Stunde des Wiederſehns! 63 Was hatten wir uns nicht alles zu ſagen, was hatten wir nicht alles gegen einander auszutauſchen! Geheimniß um Geheimniß, Liebe um Liebe! Die Stunden ſchwanden ſchnell dahin, ich mußte wieder zur Stadt zuruͤckkehren. Vorher wurde noch verabredet, dieſen Ort zu unſern fernern Zuſammenkuͤnf⸗ ten zu waͤhlen und uns ſo oft als moͤglich zu ſehen. Ich kehrte nach Hauſe zuruͤck. Mein Va⸗ ter und der Onkel waren allein im Wohnzim⸗ mer, als ich eintrat. Mein langes Ausblei⸗ ben hatte Verdacht erregt, ich wurde ziemlich ſcharf gefragt, wo ich ſo lange geweſen ſei. Auf meine Antwort, daß ich blos einen Spatziergang gemacht und mich dabei verſpaͤ⸗ tet hätte, ſchien man nicht viel zu geben. Es wurde mir jetzt durchaus verboten, das Haus allein zu verlaſſen, indem mein Onkel mir ſagte, daß Braunſchweig ein hoͤchſt ge⸗ fährlicher Ort ſei, wo junge Maͤdchen leicht 64 Schaden nehmen koͤnnten. Es wurde noch Verſchiedenes hin und wieder geſprochen, wie Kinder ohne Vorwiſſen ihrer Aeltern nie ein Liebesverhaͤltniß anknuͤpfen muͤßten, wie die Aeltern ehren und gehorchen das hoͤchſte und heiligſte Gebot ſei, welches man nie ohne Schauder und Entſetzen uͤbertreten koͤnne, und deſſen Verletzung die Strafe des Him⸗ mels nach ſich zoͤge. Nach allen dieſen Ein⸗ leitungen, die mich bis in das Innerſte mei⸗ nes Herzens trafen, eroͤffnete mir der Vater, wie ſein Bruder ſo eben fuͤr ſeinen Sohn um meine Hand geworben habe, und wie er ihm dieſe zugeſagt, ich alſo von dieſem Augenblick an als die Braut meines Couſins anzuſehen ſei, meine Hochzeit mit demſelben aber gleich nach der Zuruͤckkunft des Vetters aus Amſter⸗ dam, wohin ihn Handlungsgeſchaͤfte gefuͤhrt, ſtattfinden ſollte. Betaͤubend, wie ein ploͤtzlicher Donner⸗ ſchlag aus wolkenloſem Himmel, traf mich 65 NMN dieſe Nachricht. Nein, das hatte ich nicht erwartet! Edmund uͤber Meer und Land mir gefolgt, und mir ſo nahe, noch vor einer Stunde in ſeinen Armen, und jetzt die Braut eines Andern! Ich mußte meine ganze Faſ— ſung zuſammennehmen, um den Bericht mei⸗ nes Vaters zu Ende zu hoͤren und mich nicht vor der Zeit zu verrathen. Aber meine er⸗ kuͤnſtelte Faſſung mochte mir doch wohl nicht recht gelungen ſeyn, denn ploͤtzlich hielt mein Pater inne, ſah mich mit einem durchboh⸗ renden Blick an und ſagte ſehr ernſt:„Ich erinnere mich eines gewiſſen Edmund aus Lon⸗ don, ich weiß, daß der tollkuͤhne junge Menſch uns bis hierher gefolgt iſt, aber ich werde Mit⸗ tel und Wege finden, mich ſeiner zu entledi⸗ gen; dieſer Edmund iſt keine Parthie fuͤr dich, es kann aus tauſend Gruͤnden nie etwas dar⸗ aus werden, kurz ich will dieſen Roman als abgebrochen angeſehen haben.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſtand er auf und wir gingen auseinander⸗ 5 66 V. Vier lange Wochen ſind vergangen, ſeit ich meinen Edmund nicht geſehen habe und ohne daß ich ihm nur einige Rachricht habe zuſenden koͤnnen. Georg iſt einige Mal vor⸗ uͤbergegangen, ich habe ihm aber nie einen Wink geben koͤnnen, denn ich war nie allein im Zimmer. Aus Holland ſind Briefe einge⸗ laufen, der Vetter wird bald da ſeyn, der Vater und der Onkel fangen ſchon an Anſtal⸗ ten zur Hochzeit zu treffen. Der Fremde, welcher ſich an dem Tage beim Onkel melden ließ, als ich meinen Edmund ſah, iſt heute wieder da geweſen. Ich war mit dem Onkel allein im Zimmer, mein Vater war ausge⸗ gangen; als der Fremde eintrat, ging ich in ein anſtoßendes Kabinet. Die beiden Herren waren noch nicht lange allein, als ſie in ei⸗ nen ziemlich lebhaften Wortwechſel geriethen. Sie wurden ſehr laut:„Genng, mein Herr,“ ließ ſich der Fremde unter andern vernehmen, — 9 „ich weiß, Sie haben Geld genng im Hau⸗ ſe, ich bin nicht willens, Ihnen laͤnger Kre⸗ dit zu geben, und wenn Sie mich daher nicht noch heute bezahlen, ſo gehe ich und mache die Sache bei den Gerichten anhaͤn⸗ gig.“ „Aber, mein Herr,“ erwiederte der On⸗ kel,„Sie wiſſen, wie zerruͤttet meine Finan⸗ zen ſind, Sie ſind genugſam mit meinen Ver⸗ haͤltniſſen bekannt und wiſſen recht gut, daß das Geld, was ich im Hauſe habe, durchaus nicht das meinige iſt, ſondern daß es mir von meinem Bruder ſo lange anvertraut, iſt, bis wir es ſicher unkerbringen koͤnnen.“ „Das iſt eine Sache,“ entgegnete der Fremde,„die mich durchaus nicht bekuͤmmert; genug, Sie ſind mir die bewußte Summe ſchuldig, Sie haben Geld in Haͤnden, dieſe Kleinigkeit mehr als ſechsmal zu bezahlen, Sie wollen aber nicht, alſo iſt es ein bloßer Eigenſinn von Ihnen, und dem nachzugeben 5* 68 W ℳ bin ich nicht gewohnt.“ Hiemit ruͤckte der Fremde den Stuhl und ſtand auf. „Bleiben Sie, mein Herr, bleiben Sie,“ rief der Onkel aus,„Sie ſollen befriedigt werden.“ Er verließ das Zimmer, und kam nach einer ziemlichen Weile zuruͤck.„Hier, mein Herr,“ ſagte er,„ſind Sie mit dieſen beiden Wechſeln zufrieden?“ „O ja,“ antwortete der Fremde nach ei⸗ ner Pauſe,„Sie erhalten noch funfzig Stuͤck Guineen heraus. Hier ſind ſie.“ Der Frem⸗ de ging bis an die Thuͤr, dann kehrte er wie⸗ der zuruͤck.„Waren Sie nicht ein rechter Narr,“ ſagte er,„ſich da in Sorgen und Bekuͤmmerniß ſtuͤrzen zu wollen? und war⸗ um? um einer armſeligen Marotte willen, die um die Worte mein und dein ſich draͤngt? Jetzt ſind Sie Ihre Schulden los und koͤn⸗ nien Ihr Haupt frei erheben; nun, und wenn Sie ja allzu gewiſſenhaft ſind, ſo ſchreiben Sie die ſo eben von Ihrem Bruder entlehnte 69 * Summe als empfangen à Conto der Aus⸗ ſtener, die er ſeiner Tochter am Hochzeittag mit Ihrem Sohne mitgeben wird.“ Bei die⸗ ſen Worten fing der Fremde an zu lachen und entfernte ſich. Mein Onkel ging mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und nieder. Ich wagte nicht herauszutreten, ſo hatte mich die eben ſtatt gehabte Scene angegriffen. Ich zitterte an allen Gliedern, die groͤßte Angſt im Herzen flehte ich leiſe zum Himmel, daß doch mein Vater bald erſcheinen moͤchte. An den Bewegungen des Onkels merkte ich, daß er das Zimmer verlaſſen wollte. Ich holte freier Athem. Plotzlich blieb er ſtehen, es mochte ihm einfallen, daß ich im Neben⸗ zimmer ſei und alles mit angehoͤrt habe. Er kam zu mir herein, ging ein Paarmal hin und her und ſtellte ſich dann gerade vor mir hin:„du haſt gehorcht,“ ſagte er beſtimmt. „Nein, lieber Onkel!“ ſagte ich zitternd. 70 „Du haſt gehorcht,“ wiederholte der On⸗ kel,„und alles gehoͤrt, was hier vorgegangen iſt. Ich wußte vor Angſt nicht, was ich ſagen ſollte und ſchwieg. „Dein Stillſchweigen iſt Geſtandniß,“ ſagte der Onkel mit ſchrecklicher Stimme, du glaubſt jetzt frei walten zu koͤnnen und mich in deiner Gewalt zu haben, aber du irrſt dich, mein Puͤppchen, du biſt in meiner Ge⸗ walt, ich halte dich durch deine Liebe, ich halte dich durch Edmund.“ Ich ſchrie laut auf:„Um Gotteswil⸗ len, was iſt mit Edmund, was wollen Sie thun?“ „Ich kenne dein Verhaͤltniß zu ihm. Geht ein Wort von dem, was hier mit mir und dem Fremden vorgegangen iſt, uͤber deine Lip⸗ pen, ſo iſt dein Geliebter des Todes und du ſelbſt ſollſt Zeuge ſeiner letzten Stunde ſeyn.“ Ich wollte reden. „Keine Weitlaͤuftigkeiten,“ ſprach der On⸗ kel,„nur eine kurze Entſcheidung ſollſt du von dir geben, entweder du ſchweigſt oder Edmund ſtirbt.“ Was ich in dieſem fuͤrchterlichen Moment ausgeſtanden habe, iſt ſchrecklich, ich moͤch⸗ te um alle Schaͤtze der Erde nicht einen zwei⸗ ten ſolchen Augenblick erleben.„Ich ſchwei⸗ ge,“ ſtammelte ich nach einer bedeutenden Pauſe. „So lange du Wort haͤltſt,“ ſagte der Onkel und ſah mich mit einem ſtechenden Blick an,„bleibt Edmund am Leben.“ Mit dieſen Worten ging er aus der Stube. Ich ſank entkraͤftet auf das Sopha., VI. Es war faſt finſter geworden, die Straßen beinah menſchenleer, ich ſtand am Fenſter. Georg ging voruͤber, er ſah mich mit einem wehmuͤthigen Blick an. Ich gab ihm einen 9 6 verſtohlnen Wink. Es koſtete, was es wolle, ich mußte Edmund ſprechen. Georg hatte mich verſtanden und blieb ſtehen. Ich eilte zum Schreibtiſch, riß einen Papierſtreifen ab und ſchrieb darauf:„Erwarte mich um Mit⸗ ternacht an der Hinterthuͤr unſeres Hauſes.“ Das Papier knitterte ich zuſammen und warf es aus dem Fenſter. Georg hob es auf und nickte, ich ging vom Fenſter zuruͤck. Nicht lange darauf trat mein Vater mit meinem On⸗ kel ein, es war viel die Rede von der Zu⸗ ruͤckkunft des Vetters, von unſerer Hochzeit⸗ feier, und wie wir dann alle zuſammen nur eine gluͤckliche Familie ausmachen wollten, und was dergleichen mehr war. Es war nahe an Mitternacht, ſaͤmmtliche Hausbewohner waren bereits zur Ruhe gegan⸗ gen. Mit hochklopfendem Herzen ſtand ich an dem beſtimmten Ort. Es hatte kaum zwoͤlf geſchlagen, als Georg ein Zeichen gab. Ich oͤffnete die Thuͤr, zwei Geſtalten beweg⸗ ten ſich naͤher und naͤher, es waren Georg und Edmund. Was hatten wir uns nicht alles zu ſagen und zu betheuern, wir kamen zu keinem vernuͤnftigen Entſchluß, Liebe und nur allein Liebe fand in unſern Herzen Raum. Schon war eine volle Stunde verſtrichen, als ſich im Hauſe ein Laͤrm erhob, wir hoͤrten es nicht, aber Georg machte uns aufmerkſam darauf, indem er uns rieth, uns zu trennen, und Edmund mit ſich fortzog. Ich flog eilig ins Haus zuruͤck und gelangte unbemerkt in mein Zimmer. Die Hinterthuͤr des Hauſes hatte ich in der Angſt offen gelaſſen. Der Laͤrm dauerte fort, und ich horte nun deut— lich die Stimme meines Oheims, welche „Moͤrder! Diebe!“ ſchrie. Bald war das ganze Haus wach und alle kamen zuſammen. Der Onkel zitterte an allen Gliedern, mein Vater trat beſorgt auf ihn zu und fragte, was ihm fehle. 4 74 „Es ſind Diebe im Comptoir geweſen und haben einen anſehnlichen Raub begangen,“ ſchrie der Oheim,„es waren ihrer zwei und beide bewaffnet; vielleicht waͤre es mir gelun⸗ gen, ſie aufzuhalten, wenn ſie nicht durch die offenſtehende Hinterthuͤr des Hauſes ent⸗ wiſcht waͤren.“ „Mein Gott!“ rief mein Vater aus. „Du armer Bruder,“ fuhr der Onkel fort, „mußteſt du darum nach Deutſchland kom⸗ men, um eine ſolche ſchreckliche Kataſtrophe zu erleben.“ Mein Vater horchte hoch auf:„Wie meinſt du das?“ „Ungluͤcklicher,“ rief der Onkel aus,„er⸗ raͤthſt dn mich nicht? Die Diebe haben ſich an deinem Vermoͤgen vergriffen; es iſt alles fort, baar Geld, Wechſelbriefe, alles.“ Mit einem Ausruf des Entſetzens ſtuͤrzte mein Vater zu Boden, regungslos lag er da. Mit vieler Muͤhe brachten wir ihn ins Leben — M zuruͤck und legten ihn anf das Sopha, der Onkel ging wuͤthend im Zimmer auf und nie⸗ der. „Iſt denn alles, alles unwiederbringlich verloren, haſt du denn gar keine Spur?“ fragte mein Vater. „Keine!“ erwiederte finſter der Onkel. „So ſei Gott mir und meiner armen Eliza gnaͤdig, wir muͤſſen beide als Bettler ſterben!“ rief mein Vater aus. „Nicht, ſo lange ich einen Heller mein nennen kann,“ ſagte mein Onkel. „Meinſt du,“ erwiederte mein Vater, „daß ich nach Deutſchland gekommen bin, um von der Gnade meiner Bruͤder zu leben und mich von ihnen zu Tode fuͤttern zu laſ⸗ ſen? Nein, dazu bin ich zu ſtolz. Alles, al⸗ les verloren!—“ rief er nach einer Pauſe wehmuͤthig aus,„nun bin ich ein Bettler!“ Er ſank in ſeinen bewußtloſen Zuſtand zu⸗ ruͤck. 76 MMMN Es gelang uns freilich, ihn nach vielen Bemuͤhungen ins Leben zuruͤckzurufen, doch ſchickten wir aus Beſorgniß zu einem Arzt. Dieſer verkuͤndigte uns im Voraus eine ſchwe⸗ re Krankheit, und ging, nachdem er einige Mittel verordnet hatte. Der Vater wurde wirklich ſehr krank, je⸗ de Nacht wachten der Onkel und ich gemein⸗ ſchaftlich an ſeinem Bette. Mich uͤberwaͤl⸗ tigte oft der Schlaf, aber den Onkel focht nichts an, er hatte immer den Kranken ins Auge gefaßt, horchte auf jeden Wunſch, den dieſer aͤußerte und erfuͤllte ihn, wenn es ir⸗ gend moͤglich war. Es war die ſechſte Nacht der Krankheit, noch ganz ſpaͤt kam der Doktor, er verord⸗ nete eine neue Medizin. Die Hausleute wa⸗ ren bereits alle zu Bette. Ich wollte ſie wecken, der Onkel gab es nicht zu:„Laß ſchlafen, wer ſchlafen kann,“ ſagte er,„ich will ſelbſt gehen, habe ſo lange wohl Acht.“ Er ging mit dem Doktor zugleich fort. Der Vater lag faſt ohne Beſinnung da. Nach ei⸗ ner halben Stunde kam der Onkel mit der Medizin zuruͤck, der Vater wurde geweckt und ihm der Trank eingegeben. Er redete etwas mit uns und ſchlief dann ein. Nicht lange darauf entſchlief auch ich. Ein Paar Stun⸗ den mochten ungefaͤhr verſtrichen ſeyn, als der Onkel mich ploͤtzlich weckte. Ich fuhr aus dem Schlafe auf:„Ermuntre dich, Eliza,“ rief mir der Onkel zu,„faſſe dich, du biſt Chriſtin, dein Vater iſt geſtorben.“ Mit einem Schrei des Entſetzens ſtuͤrzte ich auf das Bett des Vaters. Steif und kalt lag er da, kein leiſer Athem ging mehr aus ſeinem Munde, kein Pulsſchlag gab die geringſte Hoffnung zum Leben. Ich jammer⸗ te laut, jetzt war ich eine Waiſe, jetzt war ich von aller Welt verlaſſen, denn was ich von dem Onkel zu hoffen oder zu fuͤrchten hatte, hatte mir deſſen Betragen ſchon hin⸗ 78 länglich gezeigt. Verlaſſen? von aller Welt verlaſſen? Nein, von allen nicht! Einer leb⸗ te noch, der fuͤr mich ſorgen, der mich ſchuͤz⸗ zen wuͤrde, zu ihm wollte ich eilen. VII. Die Beſtuͤrzung, worin alle im Hauſe meines Onkels durch den Todesfall meines Vaters verſetzt worden waren, hatte mir Ge⸗ legenheit gegeben, mich Georg zu naͤhern und ihn von allem, was geſchehen, zu benachrich⸗ tigen. Er verſprach, mit Edmund zu uͤber⸗ legen, was zu thun ſei, und ging; der On⸗ kel kam zu Hauſe. Er zeigte mir an, daß ſein Sohn durch unvorhergeſchene Zufaͤlle, laͤn⸗ ger als er wuͤnſche, in Holland zuruckgehal⸗ ten werde, daß alſo, zumal da wir Trauer haͤtten, die Hochzeit fuͤr's erſte aufgeſchoben werden muͤſſe, daß ich uͤbrigens keine Furcht haben ſolle, verlaſſen zu ſeyn, da er mich als ſeine eigene Tochter anſehen werde; ich ſolle mich reiſefertig machen, da wir eine Rei⸗ ſe nach Hamburg antreten wollten.„Dort,“ ſetzte der Onkel hinzu,„werden wir dann er⸗ fahren, ob wir weiter reiſen muͤſſen oder nicht. Es iſt naͤmlich ein weitlaͤuftiger Ver⸗ wandter unſeres Hauſes in der Havannah ge⸗ ſtorben und hat mich zum Erben eingeſetzt. Wenn ich in Hamburg keinen Mann finde, der dahin geht, und den ich ſicher und ge⸗ ſchickt genug finde, um ihm ein ſolches Ge⸗ ſchaͤft zu uͤbertragen, ſo werden wir ſelbſt da⸗ hin reiſen.“ Ich war wie aus den Wolken gefallen: bis in die neue Welt wollte der Onkel mich mit ſich ſchleppen? was ſollte ich da, was konnte er da mit mir wollen? Ich wollte etwas erwiedern, aber zu ſpaͤt, es fanden ſich bereits mehrere Gaͤſte ein, der Vater ſollte begraben werden. Die traurige Ceremonie begann, ich ließ mich durch nichts abhalten, dem Vater die 80 M letzte Ehre zu erweiſen, und ſeine Leiche zu begleiten. Der Onkel ging mit. Als ich vor die Thuͤr kam, ſah ich Edmund und Georg, beide in Trauerkleidern, welche ſich dem Zuge anſchloſſen. Der Onkel ſchien ſie nicht zu bemerken, ich war innig erfreut daruͤber und dankte beiden mit einem frendigen Blick. Der Leichnam war der Erde uͤbergeben, Bekannte und Freunde umgaben uns, um uns ihr Bei⸗ leid zu bezeugen. Der Onkel war von Men⸗ ſchen umringt, dieſen Augenblick erſah Georg, welcher ſchnell auf mich zuſprang und mir ei— nen Brief gab, den ich eben ſo ſchnell ver⸗ barg. Wir kamen zu Hanſe an, ich ging ſchnell auf mein Zimmer, den Brief zu leſen, den ich eben empfangen. Er war von Ed⸗ mund. Er ſchrieb mir, ihm unbedingt zu vertrauen und mich ganz ſeiner Liebe zu uͤber⸗ laſſen, er wolle mir helfen und mich ſchutzen in meiner Noth. Er bat mich, dieſe Nacht doch wieder an der Hinterthuͤr unſers Hauſes 8¹ MNMNNV zu erſcheinen, indem er mir uͤber mehreres muͤndlich Auskunft geben wolle, was er dem Papier nicht haͤtte anvertrauen moͤgen. Mit Sehnſucht hatte ich Stunden und Minuten bis Mitternacht gezaͤhlt, endlich kam dieſe heran. Ich ſchlich an die Hinterthuͤr und oͤffnete. Edmund war ſchon da, Georg ſtand in einiger Entfernung. Nachdem wir eine nur der Liebe geweihte Viertelſtunde ge— lebt hatten, warfen wir einen ernſten Blick auf unſre jetzige Lage, es wurden Plaͤne ger macht und verworfen, ich erzaͤhlte Edmund, was der Onkel mit mir vorhabe, daß ich ihn nach Hamburg und vielleicht gar in die neue Welt begleiten muͤſſe. „Wohin es immer ſei,“ rief Edmund,„ich folge dir und werde keinen Augenblick aus deiner Näͤhe weichen; aber ſo weit darf es nicht kom⸗ men, uͤber See darſſt du nicht. Iſt es hier nicht mehr moͤglich, ſo ſchaffe ich in Hamburg gewiß Rath, dich ſeiner Gewalt zu entziehn.“ 6 82 M „Wenn dir nicht die Fluͤgel dazu gebun⸗ den ſind, Unverſchaͤmter!“ rief ploͤtzlich eine Stimme dicht hinter uns. Wir ſahen uns um, allmaͤchtiger Gott! welch ein Schreck! der Onkel ſtand da und hatte eine Piſtole ge— rade auf Edmund angelegt, eine zweite hielt er in der Linken. „Onkel, um Gotteswillen!“ rief ich aus, „wollen Sie uns ermorden?“ „Ruhig, liebe Eliza,“ ſagte Edmund,„ich beſchutze dich.“ „Thor der du biſt,“ donnerte ihm der Onkel entgegen,„du wagſt es noch zu reden? Schweig und verſtumme.“ „Mit welchem Recht,“ rief Edmund ſchaͤu⸗ mend,„draͤngſt du dich zwiſchen uns, die die Natur bereits mit ehernen Banden um⸗ wob?“ „Ich werde dir den Mund ſtopfen, vor⸗ witziger Knabe!“ lachte der Onkel auf. Die Piſtole krachte, Edmund ſank getroffen zuſam⸗ men. Georg ſprang ihm bei. Der Augen⸗ blick gab mir Rieſenkraft, ich ſiel dem Onkel in den Arm, entriß ihm das andere Piſtol und ſchleuderte es weit von mir. Er ſah mich kalt laͤchelnd an. „Moͤrder!“ kreiſchte ich. „Vielleicht!“ entgegnete er ruhig. Der Schuß hatte alles im Hauſe aufge⸗ weckt, die Dienſtleute ſtuͤrzten heraus. Er⸗ ſchoͤpft von der eben vorgefallenen Scene ſank ich ermattet zuſammen.„Dem Fraͤulein iſt nicht wohl geworden,“ ſagte der Onkel ganz kalt zu meinem Maͤdchen,„bringt ſie zur Ruhe.“ Das Maͤdchen fuͤhrte mich fort, ich ſchaute noch einmal um mich her, Edmund und Georg waren verſchwunden. Am andern Morgen trat der Onkel zu mir in das Zimmer. „Laß dir rathen, Maͤdchen,“ ſagte er guͤ⸗ tig,„ich meine es gut mit dir, dieſer Edmund iſt keine Parthie fuͤr dich, und waͤre es auch, 6 du darfſt ihn doch nicht lieben, denn dn biſt die verlobte Braut meines Sohnes.“ „Sie haben ihn ermordet!“ war alles, was ich hervorbringen konnte. „Edmund lebt!“ ſagte der Onkel,„die Piſtole war nur blind geladen. Ich ſchoß nach ihm, um ihn zu ſchrecken und von dir zu entfernen. Der ziemlich ſtarke Pfropfen mag ihm eine kleine Verletzung zugezogen ha⸗ ben, das dient zur Abkuͤhlung. Uebrigens diene dir zur Nachricht, daß wir morgen fruh bereits nach Hamburg abreiſen.“ „Morgen ſchon?“ „Duͤnkt dir die Zeit zu kurz, um dem Geliebten erſt einige Nachricht von dir geben zu koͤnnen? Sei nur ruhig, ich will ihn ſchon davon benachrichtigen.“ Er wollte gehen, kehrte aber auf halbem Wege zuruͤck.„Noch eins, Umſtaͤnde noͤthigen mich, meinen Na— men abzulegen und unter einem fremden in Hamburg aufzutreten. Ich werde mich John ———— 85⁵ n Blackwell nennen. Ich gehe jetzt, die Paͤſſe zu beſorgen, und laſſe dich darin als Malvina Blackwell auffuͤhren. Dieſen Namen wirſt du von morgen an gegen jedermann fuͤhren, wenn du nicht meinen hoͤchſten Zorn empfin⸗ den willſt“ Er ging und ließ mich allein. Stoff genug hatte ich zum Nachdenken: in welch eine elende jammervolle Lage war ich ver⸗ ſetzt. Meines Vaters und meines Vaterlandes beraubt, gezwungen, meinen vaͤterlichen Na⸗ men abzulegen und einen fremden zu fuͤhren, mein Geliebter verwundet, vielleicht gar ge⸗ toͤdtet, und ich am andern Morgen fort in ein andres Land und vielleicht ſogar in einen fremden Welttheil. O Himmel und Erde! Mein Maͤdchen kam mit noch einem Frauenzimmer herein und beide fingen an meine Sachen einzupacken. Auf meine An⸗ frage vernahm ich, daß es auf Befehl meines Onkels geſchaͤhe. Seufzend ließ ich ſie ge⸗ waͤhren. MMM Es war ſchon ſehr ſpät und der Onkel kam noch immer nicht zu Hauſe. Ein alter Bedienter wurde zu mir hereingefuͤhrt, der, wie man mir geſagt hatte, vom Onkel kaͤme. Ich fragte ihn nach ſeinem Auftrag. So wie er an zu ſprechen fing, hoͤrte ich, es ſei Georg. Er ſagte mir ganz kurz, daß mein Onkel mir ſagen ließ, er wuͤrde ſpät nach Hauſe kommen, ich mochte mich ruhig ſchla⸗ fen legen, morgen fruh bei der Abreiſe bliebe es, und, ſetzte Georg hinzu, wir beiden wuͤr⸗ den nicht allein die Landſtraße bereiſen. Wei— ter durfte er nichts ſagen, da mein Maͤdchen und das andre Frauenzimmer noch gegenwaͤr⸗ tig waren. Ich hatte den Wink verſtanden und dankte fuͤr ſeinen Beſcheid, Georg ging. Ich begab mich bald darauf zur Ruhe. Der Onkel kam wirklich erſt ganz ſpaͤt nach Hau⸗ ſe. 87 nN VIII. Der Morgen graute kaum, als der Onkel mich bereits weckte. Er war gar nicht zu Bette geweſen und ſchon voͤllig reiſefertig Ich mußte aufſtehen und mich ankleiden, der Reiſewagen ſtand bereits gepackt vor der Thuͤr, der Poſtillon fing draußen an zu blaſen. Nun war kein Haltens mehr, in ſchnellem Laufe ſlogen wir dahin. Wir fuhren die gerade Poſtſtraße uͤber Giffhorn und Uelzen. Die traurige Gegend, durch die wir kamen, ſtimm⸗ te mich nur noch mißmuthiger. Auf der Rei⸗ ſe fiel nichts Merkwuͤrdiges vor. Da wir auf den Zwiſchenſtationen ungebuͤhrlich lange auf⸗ gehalten wurden, trafen wir erſt den andern Tag gegen Mittag in Luͤneburg ein. Wir ſtiegen in einem Gaſthof ab, der Onkel ſtreck⸗ te ſich auf das Sopha, um etwas zu ruhen. Ich ſtand am Fenſter und ſah den neuen Po⸗ ſtillon, der uns weiter fahren ſollte, bereits mit den Pferden bei unſerm Wagen; ein 88 N fremder, feingekleideter Herr trat herzu, es war Edmund! mein Herz ſchlug hoͤrbar. Er ſprah angelegentlich mit dem Poſtillon, die⸗ ſer ſchien anfangs nicht auf das hoͤren zu wollen, was ihm geſagt wurde, als er aber ein Goldſtuͤck empfing, wurde er ſehr freund⸗ lich und nickte. Edmund entfernte ſich. Der Poſtillon machte ſich noch viel bei dem Wa⸗ gen zu ſchaffen und lachte ſchelmiſch vor ſich hin. Daß etwas geſchehen ſollte, hatte ich ſehr wohl bemerkt, was aber, daruͤber war ich noch nicht einig, ich war ſehr geſpannt auf die fernern Abenthener unſerer Reiſe. Es dauerte nicht lange, als uns gemel⸗ det wurde, daß wir fahren koͤnnten. Der Onkel raffte ſich auf, ſchalt ſich einen Lang⸗ ſchlaͤfer, lobte ſcherzend meine Wachſamkeit und fuͤhrte mich an den Wagen. Wir ſtie⸗ gen ein. Wir waren kaum zwei Stunden gefahren und einem ziemlich armſeligen Dorf nahe, als der Poſtillon anfing immer lang⸗ 3 89 MNMN ſamer und langſamer zu fahren; ich bemerk⸗ te es kaum, aber der Onkel bog ſich aus dem Wagen heraus und fragte den Poſtillon ſehr uͤbelgelaunt, was das zu bedeuten ha⸗ be? „Mit Gunſten, Herr,“ erwiederte dieſer, „daß ich ſo langſam fahre, geſchieht zu Ih⸗ rem Beſten, es iſt, wenn ich mich nicht irre, etwas an dem Wagen gebrochen, und ich fuͤrchte, daß wir kaum das Dorf, was da vor uns liegt, erreichen werden, wenn ich anfange zu jagen; deswegen fahre ich ſo langſam.“ „Poſſen,“ rief der Onkel,„ihr ſeid nur zu faul und moͤgt die Pferde nicht antreiben, ſeid auch wohl beſorgt um eure Pferde, daß ſie Schaden nehmen, wenn ſie in dem Sande raſcher als gewoͤhnlich ziehen ſollen?“ „Das nicht, Herr,“ erwiederte der Po⸗ ſtillon,„ich bin zeitlebens ein flinker, ruͤh⸗ riger Geſelle geweſen, habe ſchon mauchem 90 M Herrn gedient, und alle haben mich als ein Muſter des Fleißes und der Ordnung gelobt; und die Pferde? nun denen wird es nichts thun, wenn ſie einmal ein Bischen uͤber die Gebuͤhr antraben muͤſſen, ſie ſind das Dings da gewohnt; aber wie ich ſchon ge⸗ ſagt habe, der Wagen haͤlt's nicht aus, denn wie ich jett deutlich ſehe, ſo ſind die Federn gebrochen.“ „Gebrochen oder nicht,“ rief der Onkel, „ich kenne dergleichen Ausreden, nur immer friſch darauf los und ſtaͤrker zugefahren, oder ich werde euch auf der naͤchſten Station ver⸗ klagen und mein Recht zu erlangen wiſſen.“ „Nun, wie der Herr will,“ brummte der Poſtillon,„mir kann's recht ſeyn, aber es geht nicht.“ Mit dieſen Worten hieb er auf die Pfer⸗ de los, daß ſie im geſtreckten Trab zu lau⸗ fen anfingen. Der Onkel war zufrieden, lehnte ſich zuruͤck und ſagte:„Man muß ————— 9⁴ A mit ſolchen Leuten nur gleich vor die rechte Schmiede fahren, und ſich nicht von ihnen uͤbertolpeln laſſen, ſo iſt man gut berathen.“ Wir waren jetzt dem Dorfe naͤher gekom⸗ men und auf einen holprichten Steindamm gerathen. Der Wagen ſlog hin und her. Der Onkel wurde ungeduldig, wir waren un⸗ weit der Schenke. „Kann er denn,“ wandte ſich der Onkel an den Poſtillon, indem er ſich ſeitwaͤrts aus dem Wagen bog,„kann er denn auf dieſem gottslaͤſterlichen Steindamm die Pfer⸗ de nicht etwas anhalten?“ Aber kaum war ihm die Frage entflohn, als der Wagen zu⸗ ſammenbrach und unſer Fuhrmann nur mit Muͤhe die Pferde anhielt. Ich ſchrie laut auf und war voll Angſt und Schrecken. Der Onkel fluchte und tobte, der Poſtillon entſchuldigte ſich damit, daß er uns vorher gewarnt habe. Die Wirthsleute aus der Schenke traten herbei und leiſteten 92 uns thaͤtigen Beiſtand. Wir wurden in die kleine, aͤrmliche Wirthsſtube gefuͤhrt, weil kei⸗ ne andere bewohnbare im ganzen Hauſe war. Der Wagen bedurfte einer Reparatur und es war augenſcheinlich, daß viel Zeit erforderlich ſey, ehe er ſo weit in den Stand geſetzt ſeyn wuͤrde, daß wir weiter fahren koͤnnten. Doch wurden ſogleich alle Anſtalten getroffen und der Onkel ſelbſt wich nicht vom Platz und unterſtuͤtzte die angeſtellten Arbeiter mit Rath und That. In der Wirthsſtube ſelbſt ſaßen zwei Sol⸗ daten bei einer Kanne Bier. Der eine war ſchon ein aͤltlicher Mann; der andre, noch ein ganz junger Mann, trug den rechten Arm in einer Binde. Ich gab nicht viel Acht auf beide. Sie aber betrachteten mich mit durchdringenden Blicken und fingen an engliſch zu reden. Dies reizte meine Neu⸗ gierde, ich ſah auf und es war mir, als muͤſſe ich aus Beiden bekannte Zuͤge heraus 93 MM finden. Sie ſtanden auf und naͤherten ſich mir. Wer ſieht ſo ſcharf als der Falkenblick der Liebe? Trotz ihrer Verkleidung erkannte ich ſie, es waren Edmund und Georg. Sie erzaͤhlten mir nun, wie es auf ihre Veran⸗ ſtaltung geſchehen ſei, daß unſer Wagen eben hier haͤtte brechen muͤſſen, wie gewiß mehrere Stunden vergehen wuͤrden, ehe er wieder in den Stand geſetzt ſei, wie aber gleich ein raſcher Vierſpaͤnner kommen wuͤrde, den ſie beſtellt haͤtten, um mich, da es hier am beſten angehen koͤnne, von der Gewalt des Oheims zu befreien. Ich war auſſer mir vor Wonne und Ent⸗ zuͤcken und verſprach in meiner Freude, mich ganz ihren Anordnungen zu uͤberlaſ⸗ ſen. „Wir werden,“ ſprach Edmund weiter, „mit Blitzesſchnelle nach Hamburg eilen, wer⸗ den uns dort verbergen, bis wir uns nach England einſchiffen koͤnnen, und in dieſem Lande der Freiheit hat dann der Onkel keine weitere Gewalt uͤber Dich.“ Georg gab uns einen Wink, wir traten auseinander. Der HOnkel kam ins Zimmer. Er war ſehr boͤſe, daß die Reiſe nun noch laͤnger verzoͤgert wuͤrde, da in dem Dorfe keine Schmiede ſei, und nun Behufs deſſen erſt auf ein entferntes Dorf haͤtte geſchickt werden muͤſſen. Nicht lange dauerte es, ſo rollte ein Vierſpaͤnner die Straße daher. Der Onkel ſah hoch auf, mir ſchlug das Herz, Georg ging hinaus, Edmund richtete einen ſeligen Blick auf mich. Auf Georgs Wink hielt der Vierſpaͤnner an, er ſprach ſehr angelegentlich mit dem Fuhrmann, den Onkel nahm das hoͤchlich Wunder, er ſchuͤttelte den Kopf und brummte ein bedenkliches Hm, Hm! Angſt und Schrecken ſtiegen bei mir auf das Hoͤch⸗ ſte.„Edmund“ lispelte ich umwillkuͤhrlich. Ich erſchrack, als mir das Wort entflohen 9⁵ MW war, Edmund ging, als ich ſeinen Namen genannt, nach der Tiefe des Zimmers zu⸗ ruͤck, wo er zuerſt geſeſſen.„Was giebt's, was iſt's mit Edmund?“ rief der Onkel und drehte ſich raſch um. Ich ſtand und zitterte wie eine Verbrecherin.„Geſtehe,“ rief der Onkel,„geſtehe, was du haſt, ich habe ei⸗ nen fuͤrchterlichen Verdacht.“ Mit dieſen Worten drang er auf mich ein, Edmund warf ſich dazwiſchen. Mit einem Blick, als ob er ihn durchbohren wollte, ſah ihn der Alte lang und ſtarr an, endlich rief er hoͤh⸗ niſch lachend aus:„Seid Ihr's, Sir Ed⸗ mund, in dieſer Verkleidung? was wollt Ihr, was habt Ihr vor?“ Aber ohne Edmunds Antwort abzuwarten, rief er nach einer Pau⸗ ſe wildſchaͤumend aus:„Ich weiß, ich weiß alles, ja ich ſehe jetzt alles klar und deut⸗ lich: euer Werk iſt es, daß mein Wagen zerbrochen iſt, das Maͤdchen denkt ihr mir zu rauben, aber bei Gott, es ſoll euch 96 nicht gelingen.“ Der Onkel wollte mich faſ⸗ ſen, aber Edmund hinderte ihn daran, in⸗ dem er dazwiſchen ſprang und den Onkel, mit dem Degen in der Linken, abwehrte und in eine Ecke des Zimmers trieb. Auf das Ge⸗ raͤuſch war Georg herbeigekommen, er ſtand unſchluſſig in der Thuͤr und wußte nicht, was er thun ſollte. Kaum wurde Edmund ihn gewahr, als er ihm zurief:„Georg, rette meine Eliza! auf Leib und Leben befehle ich ſie dir an, ſchnell eilt, daß ihr fort⸗ kommt, in Hamburg ſehen wir uns wie⸗ der.“ „Und Sie, mein junger Herr, wollen Sie hier zuruckbleiben?“ ſagte Georg. „Du ſiehſt, ich muß,“ rief Edmund, „wenn ich uns nicht alle ins Verderben ſtuͤr⸗ zen will, ich werde ſchon Mittel und We⸗ ge finden, ench wieder einzuholen; nur um Gotteswillen fort. Vorſprung, Vor⸗ ſprung!“ 97 WN Mein Onkel tobte und raſete, kaum ver⸗ mochte Edmund ſeiner Rieſenkraft zu wider⸗ ſtehn. „Nun denn in Gottes Namen!“ rief Georg und faßte mich unter den Arm. Wir flohen aus dem Zimmer und eilten in den Wagen, die Pferde zogen an, wie ein Blitz flogen wir dahin. K. Da bin ich nun wieder in der Gewalt meines furchtbaren Onkels, meines Edmunds und Georgs beraubt, dem Hohn des Onkels gegenuͤber, eine unendliche Hoͤlle im Buſen. O Schreckenszeit, die war, o Schreckens⸗ zeit, die kommen wird! Wir fuhren noch nicht lange, als uns der Kutſcher darauf aufmerkſam machte, daß wir von einem Reiter verfolgt wuͤrden. Georg oͤffnete den Wagenſchlag und ſah ſich darnach um. Es kam allerdings ein Reiter hinter 7 98 ̃ uns her, es war der Onkel; doch ſchien ſein Pferd muͤde zu ſeyn, und nicht mehr recht fort zu wollen. Die Angſt hieß uns eilen, bald blieb der Reiter ganz zuruͤck. Wir hiel⸗ ten in einem Dorfe an und verlangten friſche Pferde, ſie ſchienen beſtellt zu ſeyn, denn wir wurden nur wenige Augenblicke aufge⸗ halten. Nicht lange, ſo gewahrten wir un— ſern Reiter wieder hinter uns, ſobald wir uns von Baͤumen und Heckeu verdeckt glaub⸗ ten, fuhren wir abſichtlich kreuz und queer, doch alles umſonſt, der Reiter verlor unſre Spur nicht, aber endlich an einer Stelle, wo der Weg etwas bergab ging und ſich nach mehreren Richtungen hin zertheilte, mochte er doch irre geleitet ſeyn, denn wir verloren ihn ganz aus den Augen. Wir erreichten das Ufer der Elbe, gingen in eine unanſehn⸗ liche Huͤtte und baten um Aufnahme fuͤr die Nacht. Den Wagen ſchickten wir zu⸗ ruͤck. Uns wurde eine kleine Kammer ange⸗ 99 wieſen. Ich legte mich zur Ruhe, Georg blieb draußen vor der Thuͤr, um Wache zu halten. Ich hatte einige Stunden geſchlafen, als Georg bleich vor Schrecken hereintrat, und mir erzaͤhlte, daß der Onkel ſo eben ab⸗ gemattet, und wie zerſchlagen vor der Hutte angekommen ſei, daß die gaſtfreien Bewoh⸗ ner ihm eine Stelle im Wohnzimmer einge⸗ raͤumt, indem ſie ſich entſchuldigt, keinen andern Platz zu haben, da ſchon ein Herr und eine Dame die einzige Kammer, die ſie noch haͤtten, in Beſchlag genommen. Der Onkel, dem es gleich aufgefallen ſeyn muͤſſe, daß wir die Fremden waͤren, hatte verlangt, zu uns gefuͤhrt zu werden, dieß haͤtte man aber durchaus nicht thun wollen, indem man uns nicht wollte ſtoren laſſen, ſondern den Alten bis Morgen fruͤh vertroſtet. Der On⸗ kel haͤtte ſich zufrieden gegeben, als man ihm verſichert haͤtte, wir könnten gar nicht anders aus dem Hauſe, oder wir muͤßten 5.* 100 M unter den Fenſtern des Wohnzimmers vorbei. Der Onkel habe ſich nun ans Fenſter geſetzt und laſſe die Hausthuͤr nicht aus den Augen, wobei er ſich gewaltſam des Schlafs erweh⸗ re Ich jammerte laut und brach in Thraͤnen aus.„Wir muͤſſen fliehen,“ ſagte Georg, „der Onkel darf uns hier nicht finden.“ Er trat hierauf an das einzige Fenſter, welches unſere Kammer hatte und durch welches ſo eben der erſte Strahl des erwachenden Tages⸗ lichts drang.„Laſſen Sie uns,“ ſagte Georg,„durch dies Fenſter entfliehn, es iſt nicht hoch, wir gehen dann immer hinter dem Hauſe weg, kommen dort hinter jene Fruchtgaͤrten, und auf die Weiſe iſt es viel⸗ leicht moͤglich, uns der Wachſamkeit des On⸗ kels zu entziehn.“ Wie er geſagt hatte, ſo geſchah es, er half mir aus dem Fenſter und wir traten gemeinſchaftlich unſere Wanderung an. Ich habe vergeſſen zu ſagen, daß Georg, um alles Aufſehen zu vermeiden, bereits auf der Zwiſchenſtation ſeine rothe Uniform mit einem Schifferanzug vertauſcht hatte. Wir eilten dem Strome zu, am Ufer deſſelben fanden wir eine leichte Schaluppe angebun⸗ den, ein Paar Nuder waren darin.„Wie, wenn wir unſere Reiſe zu Waſſer fortſetzten? Beſſer koͤnnten wir den Onkel nicht von der Spur abbringen,“ rief Georg. Ich gab meinen Beifall. Wir beſtiegen das Fahr⸗ zeng, Georg band es vom Ufer los und ru⸗ derte fort. Erſt als wir eine ziemliche Strek⸗ ke vom Ort unſerer Abfahrt entfernt waren, der Strom immer breiter wurde, und das Fahrzeng immer ſchneller durch die Wellen dahin ſchoß, wurde mir leichter ums Herz. Ich ſprach mit Georg uͤber mancherlei Ge⸗ genſtände, er gab mir frendigen Beſcheid, wir ſcherzten und lachten ſogar. Da erin⸗ nerten wir uns an Edmund, und alle Hei⸗ terkeit war plotzlich von uns entflohn, wie 102 MN waren er und der Onkel auseinander gekom⸗ men? wo ſollten wir uns wiederfinden, wo in der großen, weitlaͤnftigen Stadt ihn ſu⸗ chen? Alle dieſe Fragen beſtuͤrmten unſer Herz. Georg wurde ſehr mißmuthig, die hellen Thraͤnen ſtanden ihm in den Au⸗ gen. „Guter Menſch,“ ſagte ich,„du nimmſt ſehr viel Theil an mir und meinem Gelieb⸗ ten, ſei gewiß, daß ich dir das nie ver⸗ geſſe.“ „O Miß,“ ſagte Georg, indem er ei⸗ nen Augenblick mit Rudern inne hielt und mir wehmuͤthig die Hand reichte,„wenn Sie alles wuͤßten, Sie wuͤrden ſich nicht ſo wun⸗ dern.“ Ich ſah ihn betroffen an:„Mein Gott, Georg, was haſt du?“ „Nichts, liebe Miß,“ fuhr er fort,„ich erinnre mich nur an Ihren Edmund, an Ih⸗ ren Geliebten. Glauben Sie mir, Sie koͤn⸗ 103 N nen ihn nicht treuer, nicht redlicher lieben, als ich. Muͤßte ich je von ihm laſſen, ſo waͤre dies der ſchrecklichſte Moment meines Lebens.“ „Alter, trener Diener!“ „Treu,“ ſagte Georg,„ja ganz gewiß, treu wie Gold und noch treuer.“ Mit die⸗ ſen Worten ergriff er die Ruder wieder und immer raſcher und raſcher fuhren wir ſtrom⸗ abwaͤrts.“ Wir waren ſchon dem Hafen ganz nahe, als plotzlich Georg laut ausrief:„Wir ſind verrathen! wir werden von einem Boote ver⸗ folgt, Ihr Onkel iſt darin.“ Ich ſah mich um, ein Boot mit zwei Ruderern, worin mein Onkel ſich befand, kam hinter uns her⸗ doch war es noch ziemlich weit von uns ent⸗ fernt. Georg lenkte zwiſchen die Schiffe, um ihm aus dem Geſichte zu kommen, es gelang! wir erreichten das Ufer, ohne von dem Onkel bemerkt zu werden, ſtiegen aus 104 Nb und liefen die Straßen entlang. Wir dach⸗ ten nicht an Aufenthalt; die Angſt, daß der Onkel nahe hinter uns ſei, hatte uns alle Beſinnung geraubt. Ach nur zu bald hatte er uns eingeholt. Wir waren in einer ſehr lebhaften Straße, und wollten eben in eine andre hinein biegen, als uns der Onkel ent⸗ gegentrat. Wir ſtanden Beide wie angefeſſelt, das Blut wich mir aus dem Geſichte. Der Onkel lachte haͤmiſch und trat zu uns heran. „Um kein Aufſehen zu erregen,“ ſagte er, „geht zuſammen, ich werde mich an euch anſchließen; aber ich warne euch, daß ihr keinen Verſuch macht, mir zu entfliehen, oder ich werde alles in Bewegung ſetzen, euch wieder zu erhalten.“ Mit dieſen Wor⸗ ten bog er mit uns in eine Nebengaſſe und ſchritt ruͤſtig neben uns her. Nicht lange, ſo trat er in einen Gaſthof. Als wir ein Zimmer in Beſitz genommen hatten, ſagte er hämiſch zu Georg:„Ich danke Ihnen, mein Herr, fur alle Mühe, welche Sie ſich gege⸗ ben haben, mein Muͤndel an den Mann zu bringen, ich bedaure nur, daß es Ihnen ſo ſchlecht gelungen iſt.“ Georg knirſchte vor Wuth mit den Zaͤh⸗ nen. „Sie ſind boͤſe?“ fuhr der Onkel lachend fort,„ich kann es Ihnen nicht verdenken. Unterdeſſen mache ich Ihnen eine Empfeh⸗ lung von Ihrem Herrn, er wird ſich bald perſoͤnlich einſtellen.“ „Um Gotteswillen! wo iſt mein Herr, mein Edmund?“ rief Georg aus. „Geht, guter Freund,“ lachte der Onkel auf,„geht und ſetzt euch an das Ufer der Elbe, die naͤchſte Ebbe*) wird euch wohl den Leichnam entgegentreiben.“ Es braucht kaum erinnert zu werden, daß in der Elbe Fluth und Ebbe ſtiatt findet, daß die Fluth ſich aver nur von der Muͤndung bis etwa zwei Meilen oberhalb Hamburg erſtreckt, und da ganz aufhort. 106 MNM „So haſt du ſchaͤndlicher Menſch ihn ge⸗ mordet!“ rief Georg aus. „Als ich in der Schenke mich ſeiner er⸗ wehrt und ein Pferd erhalten hatte, um euch zu verfolgen, als ich euch am andern Morgen in der Bauernhuͤtte erhaſchen wollte und ihr mir wieder entflohen wart, trat er mir entgegen, als ich eben auf der Elbe mich einſchiffen wollte. Da, als wir mit einander rangen, ergriff mich die Wuth: er ſtuͤrzte von einem Fauſtſchlag getroffen, ruͤcklings in den Strom und ſank unter; nennſt du das Mord, ſo habe ich ihn gemordet.“ „Zweifacher, dreifacher Mord iſt es!“ rief Georg aus,„zittre, zittre, wenn du dereinſt vor dem Thron des ewigen RNichters erſcheinen mußt, ſeine Rache wird ſchrecklich ſeyn.“ Georg wandte ſich hierauf zu mir: „Nun iſt alles, alles aus! mein theurer Herr, mein Edmund iſt todt! Meines Bleibens iſt nicht laͤnger in Deutſchland, ja ſelbſt nicht in Europa; wo er nicht mehr athmet, ſoll mein Fuß nicht mehr wandeln. Ich will flichen, ſo weit ich kann, und mich in der entfernteſten Wuͤſte verbergen, um meinen Schmerz auszuweinen und dieſen kalten, hohnlaͤchelnden Teufel zu vergeſſen; darum lebt wohl, liebe Miß, wir trennen uns, um uns nicht wieder zu ſehn; ich ſlehe die Langmuth Gottes an, daß ſie euch beſchuͤtze und euch mit ihrer Allmacht umſchwebe. Lebt wohl, ich ſliehe nach Amerika, dort oben ſehen wir uns einſt wieder.“ Er preßte mei—⸗ ne Hand krampſfhaft an ſeine Lippen und ſloh aus dem Zimmer. Nun war ich ganz in der Gewalt meines Onkels. Auch den zweiten Bruder meines Vaters lernte ich hier kennen; es iſt ein kal⸗ ter, finſtrer Mann, der ſich mit dem Bruder wenig, mit mir aber noch weniger abgab. Wir reiſen mit ſeinem Schiffe nach der Ha— vannah und wieder zuruͤck; an Bord ſind 108 wir ſchon geweſen, ich habe mein Gefaͤng⸗ niß bereits geſehen. Gott ſei mir gnaͤ⸗ dig!— So weit die Bruchſtuͤcke aus Eliza's Ta⸗ gebuch. War mir auch noch manches dun⸗ kel geblieben, ſo ſah ich doch ſchon ziemlich hell in der ganzen Sache, und wenigſtens war mir Eliza's ganzes unſeliges Geſchick klar geworden. Daß der Eigenthuͤmer mei⸗ nes Schiffes, Herr Richard, ein Bruder von Eliza's Vater war, ſah ich deutlich ein. Aber warum dieſe Namensaͤnderung? warnm hatten die Bruder nicht ihren Familiennamen Robert beibehalten? Wozu die Namen Black⸗ well und Richard? Lauter Raͤthſel! Blackwell und Malvina erſchienen in die⸗ ſem Augenblick auf dem Verdeck. Ich ver⸗ barg die Papiere und unterhielt mich mit ih⸗ neß uber gleichgultige Gegenſtaͤnde. Da der 109 N Abend ſo ſchoͤn war, wuͤnſchten ſie den Thee auf dem Verdeck zu trinken. Ich ließ An⸗ ſtalt dazun machen und begab mich in die Ka⸗ juͤte, um einſam zu ſeyn. Ich kramte zwi⸗ ſchen meinen Buͤchern, Charten, Papieren und ſonſtigen Sachen umher, ohne zu wiſ⸗ ſen, was ich eigentlich wollte; ich ſuchte und ſuchte, aber ich fand nichts, denn ich wollte nichts beſtimmtes haben. Als ich end⸗ lich auch anfing, die Schiffspapiere durchzu⸗ muſtern, da fielen mir ploͤtzlich die Inſtruk⸗ tionen, die ich von Richard erhalten, in die Haͤnde. Es fiel mir ein ſchwerer Stein aufs Herz, mir war, als haͤtte ich dieſe geſucht und nun ge unden. Ich hielt ſie vor mir hin in der Hand, aber ich konnte ſie kaum halten; ich zitterte merkbar, eine duͤſtre Ah⸗ nung erfaßte mich, es war, als ob in die⸗ ſem Angenblick die ganze Hoͤlle gegen mich anruͤcke. Endlich ermannte ich mich, mir kam mein Betragen laͤcherlich und abgeſchmackt 11¹0 MNMN vor. Wovor fuͤrchtete ich mich denn? Vor einem verſiegelten Brief, der Inſtruktionen enthielt, wie ich mich beim Ein- und Ver⸗ kauf der Ladung und dergleichen Sachen in fremden Landen verhalten ſollte? Laͤcherlich, und dabei fing ich unwillkuͤhrlich ſelbſt an zu lͤcheln, ſchob alle Papiere bei Seite, und oͤffnete den ziemlich ſtarken Brief. Es wa⸗ ren, wie ich gedacht hatte, mancherlei In⸗ ſtruktionen und Anweiſungen, auf kaufmaͤn⸗ niſche Klugheit und praktiſche Erfahrung be⸗ gruͤndet. Ich lernte Herrn Richard als ei⸗ nen klugen, vielerfahrnen Kaufmann kennen, und ihn als ſolchen achten. Da ſiel mir noch ein verſiegelter Brief in die Haͤnde, er war an mich addreſſirt, mit der Anweiſung, ihn zu oͤffnen, ſobald wir den großen Ocean erreicht haͤtten. Richard ſchien alſo darauf gerechnet zu haben, daß ich die Inſtruktio⸗ nen durchſehen wuͤrde, ſobald ich in See gegangen waͤre. Schnell offnete ich den Brief 111 NP und las mit ſteigender Verwunderung, Stau⸗ nen und Entſetzen folgende Zeilen: „Als ich Sie von Bremen nach Ham⸗ burg berief, um die Leitung meines Schiffes zu uͤbernehmen, da geſchah es nicht in der Meinung, daß Sie ein ſo ganz vorzuͤglicher Seemann waͤren, mit dem ich vorzugsweiſe gut fahren wuͤrde, ſondern es hatte ſeine ganz andern Urſachen.“ „Ich moͤchte nicht, daß Sie von dieſem eitlen Wahn befangen geweſen waͤren, aus dem ich Sie doch jetzt ſo unbarmherzig wecken muͤßte, d Sie koͤnnen es ſich ſehr wohl denken, 3. im Stande war, hier in Hamburg einen Kapitain zu erhalten, dem ich mit dem beſten Erfolg mein Schiff haͤtte anvertrauen koͤnnen. Aber um einer ganz andern Urſache willen habe ich Sie kom⸗ men laſſen, und ich glaube mich nicht in Ihnen geirrt zu haben; Sie ſcheinen Muth und Entſchloſſenheit zu beſitzen, gegebene 112 Winke zum Leben zu geſtalten und auszu⸗ fuͤhren.“ „Sie haben eine ſchluͤpfrige Bahn betre⸗ ten, ſehen Sie ſich vor und gehen Sie mit Ruhe und Bedacht vorwaͤrts. Laſſen Sie ſich nicht hinreißen und geben Sie keinem leidenſchaftlichen Eindruck Raum, es koͤnnte gefäͤhrlich fuͤr Sie werden. Wer eine Sache unternommen hat, muß durch. In dem Falle bin ich, Sie ſind von mir zu mei⸗ nein Beiſtande erſehen und Sie moͤgen nun wollen oder nicht, ſo muͤſſen Sie mit mir fort; ſuchen Sie nicht, mir zu entrinnen, es moͤchte vergeblich ſeyn. S rden ſich ſelbſt Ihr Ungluͤck beizumeſſen haäben, wenn Sie meine Winke verſtehen S Futhwilig davon abgewichen ſind.“ „Sie befinden ſich jetzt im großen, wei⸗ ten Ocean, keine Seele, uͤber die Sie nicht befehlen koͤnnten, iſt um und bei Ihnen, Sie ſchwimmen auf Ihrem Schiffe im wei⸗ 113 MMNN ten Reich des Waſſers ein Herr, ein Koͤ⸗ nig, nur einzig und allein,— das vergeſſen Sie nicht,— nur einzig und allein mein Wille winkt aus der Ferne zu Ihnen her⸗ uͤber und dem ſind Sie unbedingt unterwor⸗ fen.“. „Wie befinden Sie ſich jetzt mit Ihren Paſſagieren? Was macht Blackwell mit ſei⸗ ner Malvina? Wiſſen Sie, junger Mann, daß Beide zu meinen Hauptfeinden gehoͤren; Blackwell und Malvina ſind die Steine des Anſtoßes, die mir im Wege liegen und die fort muͤſſen, es mag geſchehen, was da will; Blackwell und Malvina muͤſſen Deutſchland nicht wiederſehen, ſie muͤſſen fort auf ewig. Wie, wenn Sie nach Deutſchland zuruͤck⸗ kehrten, Kapitain, und Sie braͤchten mir die Nachricht mit, Blackwell und Malvina waͤren da, oder da, oder da geſtorben. Ha! welche Freude wuͤrden Sie mir machen, wie wuͤrde ich Sie belohnen, wie noch kein Koͤ⸗ 8 114 nig lohnte. Sie ſollten reich werden, ſehr reich. Die Wirklichkeit ſollte ihre kuͤhnſten Traͤume uͤbertreffen.“ „Wollen Sie meiner Aufmerkſamkeit ge⸗ gen Sie ſich wuͤrdig beweiſen, ſoll ich an Ihnen erleben, daß man nicht vergebens wohlthaͤtig iſt, dann verſcheuchen Sie dieſe beiden ſchrecklichen Sterne von meinem Le⸗ benspfad, huͤllen Sie ſie in Nacht, damit ſie nimmermehr leuchten und mir nicht im Wege ſind. Ich befehle es Ihnen, junger Mann, Acht zu haben auf meine Ruhe, nicht weil ich Ihr Vorgeſetzter bin, nicht darum, das waͤre laͤcherlich, ſondern weil ganz andre Bande zwiſchen uns geknuͤpft ſind, weil mir die Natur die Macht gege⸗ ben hat, dir zu befehlen und dir Geſetze vorzuſchreiben, denen du blindlings gehor⸗ chen mußt. Alſo weg mit dieſen beiden Men⸗ ſchen, laſſen Sie mich dieſelben nie mehr ſchauen, eine dunkle Nacht, ein Sturm, 115 NN ein Gewitter muß Ihnen zu Huͤlfe kommen, Beide zu vertilgen, und dem ſchweigenden Neich des Waſſers zu uͤbergeben. Laſſen Sie ſich dieſen Wunſch, dieſen Befehl auf die Seele gebunden ſeyn. Aengſtlich harre ich der Ruͤckkehr meiner Atalanta, groß ſoll der Jubel ſeyn, wenn alle meine Wuͤnſche er⸗ fullt ſind, aber eben ſo groß und noch groͤſ⸗ ſer meine Rache, wenn Sie meine Winke nicht beachteten und nicht gethan haben, was ich Ihnen gebot.“ „Richard.“ Mir gerann das Blut in den Adern vor Schauder und Entſetzen; Wuth und Schrek⸗ ken tobten abwechſelnd in meiner Bruſt. Wer haͤtte geglaubt, daß fern von aller Menſchen Laͤndern, mitten in einer grauen⸗ vollen Waſſerwuͤſte ſolch Entſetzliches ſich hät⸗ te begeben koͤnnen? War es wirklich Richard, der es ſich unterſtand, mir ſolche entehrende, moͤrderiſche Auftraͤge zu geben? Richard und 8* 146 MNN Blackwell; nun fuhr mir alles durch den Sinn. Brudermord! und warum? Ich ſtarrte ſinnend vor mir hin.„Thor!“— rief ich aus,—„aus Rache, nur aus Ra⸗ che! Erinnere dich aus Eliza's Tagebuch der Schreckensſcene an ihres Vaters Krankenbette, wie er nach der Arzenei, die der Onkel ge⸗ holt hatte, ploͤtzlich hinuͤbergeſchlummert war zu lichtern Regionen.“ Das war zu viel fuͤr mich, ich ſah Blackwell ſtehen, das Gift einmiſchen und dieſen armen, ungluͤcklichen Mann ermorden, ich ſah Richard toben und wuͤthen, ſah ihn, wie er den geſtorbenen Bruder an dem lebenden raͤchen wollte, und ſah ihn mich zum Werkzeng auserkieſen. Schreckliches Labyrinth! Ich ging heftig in der Kajuͤte auf und nieder, mein Blut war in furchtbarer Wallung, ich wußte ſelbſt nicht, wie mir geſchehen war. Nach einer Pauſe rief ich aus:„Laß ab von mir, Teu⸗ fel, laß ab, du haſt keine Macht uͤber mich! Was gehen mich die ſtreitenden Par⸗ theien an? was kuͤmmert mich ihr Mord und ihre Rache? Ich will rein ſeyn und blei⸗ ben von aller Schuld, und mich weder mit ſchuldigem, noch unſchuldigem Blut beflek⸗ ken.“ Eine Stunde verging, ich wurde ru⸗ higer, mein Gang wurde nach und nath ge⸗ maͤßigter, die erhitzte Phantaſie ſchuf nicht mehr ſolche graͤßliche Traumbilder. Ich wollte eben auf das Verdeck gehen, um in der kuͤhlen Abendluft in einem Geſpraͤch mit Malvina die eben empfangenen ſchreckli⸗ chen Eindrucke zu vertilgen, als der Schiffsjun⸗ ge mir anzeigte, daß der Bootsmann*) mich ſprechen wollte. Erfreut, mich ganz in das Geſchaͤftsleben zuruͤckgefuͤhrt zu ſehen, rief ich dem Jungen erheitert zu, den Bootsmann zu *) Bootsmann, der erſte der Matroſen, welcher die Anleitung und Aufficht bei ihren Arbeiten hat⸗ Er folgt im Range der Schiffsbeamten unmittel⸗ var nach den Steuerlenten⸗ M mir herunter zu beſcheiden. Dieſer kam, es war mir erfreulich ein Menſchengeſicht zu ſe⸗ hen, und ich lachte dem alten Griesgram recht freundlich entgegen, obgleich ich ihn ſonſt nicht gut leiden konnte. Er gehoͤrte zu den Leuten, die bereits auf dem Schiffe geweſen waren, als ich daſſelbe antrat. Eine widerwaͤrtige, zer⸗ riſſne Phhſiognomie, tiefliegende graue Augen, eine ziemlich hohe Stirn, und eine kahle Schei⸗ tel, woran nur wenige, mehr graue als ſchwar⸗ ze Haare hingen, charakteriſirten den Mann; er war mehr klein als groß, unterſaͤtzig und dabei ziemlich gewandt, ſprach immer ſehr raſch, aber auch ſehr wenig und konnte oft ſtunden— lang ſitzen, ohne ſich um das zu bekuͤmmern, was um ihn her vorging; uͤbrigens war er ein tuͤchtiger Seemann und dabei ein uner⸗ muͤdeter Arbeiter. „Nun, Bootsmann,“ rief ich ihm entge⸗ gen,„was ſoll es geben?“ 149 KMM „Allerlei, Kapitain, allerlei,“— ſagle er raſch,„wenn es Ihnen ſo gefaͤllig iſt.“ „Nun dann, das Beſte zuerſt.“ Er trat mir einen Schritt naͤher, faßte meine Hand und ſagte mit außerordentlicher Schnelle:„Kapitain, wie ſteht es mit dem Auftrag des Herrn Richard?“ „Mit welchem Auftrag?“ fragte ich erblei⸗ chend, einen Schritt zuruͤck tretend. „Nun,“ ſagte er,„mit dem Auftrag, den Sie in Ihren Inſtruktionen erhalten haben, und die doch gewiß ſchon geoͤffnet und geleſen ſind.“ „Was willſt du damit ſagen?“ „Sagen? ſagen?“ etwiederte er,„was ich damit ſagen will? nun das koͤnnen Sie doch wohl denken. Helfen will ich Ihnen, oder trauen Sie ſich ſo viel Kraͤfte zu, die Bei⸗ den ganz allein uͤber Bord werfen zu kon⸗ nen?“ 420 MWNNMM „Verdammter Kerl,“ rief ich wuͤthend, „was berechtigt dich dazu, mich in ein Moͤr⸗ derkomplott ziehen zu wollen?“ „Was mich dazu berechtigt?“ rief der Kerl,„nichts als der Befehl des Herrn Ri⸗ chard, der unſer Vorgeſetzter iſt.“ „Und der dir dein Bubenſtuͤck mit blan⸗ ken Guineen bezahlt.“ „Nun,“ ſagte er,„das verſteht ſich von ſelbſt; umſonſt iſt nichts und wer Dienſte ge⸗ leiſtet haben will, muß ſie auch bezahlen. Habt Ihr ſie denn etwa nicht bezahlt gekriegt, Kapitain? oder warum habt Ihr das ſchoͤne Schiff bekommen? Meint Ihr, daß Ihr Ka⸗ pitain geworden waͤret, wenn Herr Richard gewußt haͤtte, daß Ihr euch weigern wuͤrdet, die Beiden um's Leben zu bringen? das bildet euch ja nicht ein, ihr waͤrt's nicht geworden, gewiß und wahrhaftig nicht.“ Ich war ſehr ergriffen, mit ſtarken Schrit⸗ ten ging ich die Kajuͤte auf und ab, es galt 424 MMM hier einen Entſchluß zu faſſen. Der Boots⸗ mann, das ſah ich wohl, war ſo geſtimmt, daß wenn ich mich gleich unbedingt gewei⸗ gert haͤtte, ſo wuͤrde er allein aufs Verdeck gegangen ſeyn und die ſchreckliche That ver⸗ uͤbt haben; ſein wilder, trotziger Blick ließ Helfershelfer vermuthen. Retten mußte ich die Beiden um jeden Preis. Endlich faßte ich einen Gedanken, der in dieſem entſchei⸗ denden Augenblick Rettung oder doch wenig⸗ ſtens Aufſchub bringen konnte. Ich trat ge⸗ rade vor den Bootsmann hin, faßte ſeine Rechte und ſah ihn dabei ſcharf ins Auge. „Bootsmann,“ rief ich,„du biſt es ja nicht allein, der mir zu dieſem Mord behuͤlf⸗ lich ſeyn ſoll!“ „Hat er Euch das auch geſchricben?“ frag⸗ te er. „Allerdings,“ ſagte ich,„deshalb geſteh es nur.“ „ „Nun,“ ſagte er,„wenn Ihr es doch wißt, der alte James und Thomas ſollen ja helfen, das ſind auch ſo ein Paar alte Kerle, die ſchon lange in Richards Dienſten geweſen ſind, die moͤgen denn auch manches Stuͤck⸗ chen mit durchgemacht haben.“ Es lief mir eiskalt durch die Adern, aber ich zwang mich, ruhig zu ſeyn.„Nun,“ ſagte ich,„ſo bring mir den James und den Tho⸗ mas her.“ „Soll's losgehen?“ rief der Bootsmann, halb ſataniſch lachend, halb furchtſam,„nun ich bin dabei, gleich ſind wir hier.“ Er ging aufs Verdeck, ich war wieder al⸗ lein. Dieſe wenigen Augenblicke, in denen ich mich ſelbſt üͤberlaſſen war, waren fuͤr mich ſehr heilſam, ich konnte mich mehr ſammeln, mehr Ruhe und Faſſung gewinnen, doch waͤhrte dieſe Friſt nicht lange, denn bald dar⸗ auf traten James und Thomas mit dem Bootsmann in die Kajuͤte. 123 Ich rief den Schiffsjungen und befahl ihm, aufs Verdeck vor den Eingang der Ka⸗ jute zu gehen, und Keinen, es ſei unter wel⸗ chem Vorwand es auch immer wolle, hinunter zu laſſen; dann ſchte ich kalte Kuͤche, Wein und Rum auf den Liſch, ließ die drei Men⸗ ſchen eſſen und trinken, that ihnen Beſcheid und redete ſie nach einiger Zeit folgendermaſ⸗ ſen an: „Kinder! Malvina und Blackwell muͤſſen ſterben, Herr Richard hat es ſo befohlen und wir koͤnnen uns dagegen nicht auflehnen. Ihr Blut kommt uͤber ihn und nicht uͤber uns, denn er hat es ſo befohlen und wir als ſeine Untergebenen muͤſſen ihm gehorchen. Aber Herr Richard hat keine Zeit beſtimmt, und da er nur geaͤußert hat, daß ſie todt ſeyn muͤſſen, ehe wir auf der Inſel Cuba landen, ſo koͤn⸗ nen ſie gern noch etwas leben. Außerdem wiſſen ſie Beide nichts davon, daß ſie ſterben ſollen; wenn wir ſie nun ſo in ihren Suͤn⸗ 124 nMMMMM den dahin mordeten, ohne daß ſie einigermaſ⸗ ſen darauf vorbereitet waͤren, ſo waͤre dieß ſchrecklich, denn ſie wuͤrden ewig nicht ſelig werden, ſolche Rache aber wuͤrde Herr Richard nicht verlangen. Deswegen iſt mein Rath, wir laſſen ſie leben bis wir die Inſel Cuba zu Geſicht bekommen und mir uͤberlaßt das Geſchaͤft, ſie nach und nach zu ihrem Tode vorzubereiten, ſie ſollen dann vierundzwanzig Stunden vorher, ehe wir das Land betreten, ſterben und als gute Chriſten ohne Suͤnden dahin fahren.“ Dieſe meine Anrede verurſachte heftige Debatten, aber endlich drang ich durch, die drei Kerle begnuͤgten ſich mit meinem Wort, daß Beide vor Cuba ſterben ſollten, und waren es uͤbrigens zufrieden, daß ich ſie zum Tode vorbereiten wollte. Sie tau⸗ melten auf das Verdeck und halb trunke⸗ nen Muthes ſchienen ſie ihren Kamera⸗ den nicht undeutlich zu verſtehen zu ge⸗ 425 MN ben, welche Auszeichnung ſie von mir ge⸗ noſſen. Nun galt es ein raſches und bedaͤchtiges Handeln, dem Unweſen mußte geſteuert und kraͤftige Maßregeln dagegen genommen werden⸗ Nach einiger Ueberlegung ließ ich meinen Steuermann rufen. Ich nahm ihm ein eid⸗ liches Verſprechen ab, uber alles, was ich ihm anvertrauen wuͤrde, ein tiefes Schweigen zu beobachten und erzaͤhlte ihm nun alles, was ſich dieſen Abend ereignet. Der gute, argloſe Menſch erſchrack heftig, aber raſch und beſon⸗ nen wie er war, kam er bald mit einem Vor⸗ ſchlag an, den ich fuͤr durchaus zweckmaͤßig und ausfuͤhrbar hielt; er lief darauf hinaus, daß der Bootsmann nebſt James und Thomas unſchaͤdlich gemacht werden mußten, ſo lange bis wir auf Cuba landeten, dort ſollten ſie den Gerichten ubergeben werden. Der Steuer⸗ mann nahm eine Flaſche Rum, goß aus der Schiffsapotheke einigen Opinm dazu und ſtieg 126 damit aufs Verdeck. Der Bootsmann und ſeine beiden Helfershelfer trieben ein tolles Weſen. Der Steuermann zog ſie auf die Seite, ſagte, wie der Kapitain ihn mit ins Komplott gezogen, wie er ſich beſonnen und die beiden Reiſenden ſchon dieſe Nacht aus den Kajutsfenſtern werfen laſſen wolle, und wie ſie noch erſt einmal auf ein gutes Unternehmen trinken moͤchten. Die Kerle bruͤllten lant und tranken die Flaſche leer, der Opium that ſeine Wirkung, ſie ſanken bei einander hin und ſchliefen ein. Black⸗ well und Malvina waren in die Kajoͤte ge⸗ gangen, das Verdeck war leer. Ich ließ nun die Mannſchaft zuſammentreten, ſetzte ihnen alles auseinander und hatte die Freu⸗ de, zu ſehen, wie ſie alle von dieſer bei⸗ ſpielloſen Frechheit ergriffen waren. Nun wurden im Raum, welcher nicht ganz voll von Waaren war, drei verſchiedene Plaͤtze teer gemacht, welche in ziemlicher Entfer⸗ 1 127 nung von einander waren. Nachdem dies geſchehen, nahten wir uns den Dreien, fie⸗ len uͤber ſie her und banden ſie, alles ge⸗ ſchah mit ſolcher Geſchicklichkeit, daß die Kerl nicht erwachten, dann wurden ſie je— der in ſein beſonderes Gefaͤngniß gelegt. Hatten wir uns nun auch ihrer verſichert, ſo konnten ſie doch zufaͤllig loskommen und ein nicht zu berechnendes Unheil anſtiften; die⸗ ſem moͤglichſt zu begegnen, ſollte die Mann⸗ ſchaft bewaffnet werden, aber wie? Pulver und Blei hatte ich genug an Bord, nur an Schießgewehr mangelte es. Da erinnerte ich mich, daß die letzten Stuͤcke unſerer Ladung ſechs Gewehrkiſten geweſen waͤren. Ich ſtieg mit dem Stenermann und dem Schiffszimmermann in den Raum, ließ ei⸗ ne Kiſte oͤffnen und ſoviel Gewehre heraus⸗ nehmen, als zum Bewaffnen der uͤbrigen Mannſchaft nothwendig war, uͤberzeugt, dies gezwungene, gewaltſame Aufbrechen eines 128 M fremden Eigenthums verantworten zu koͤnnen. Jetzt ließ ich die Gewehre, Pulver und Blei austheilen, ermahnte die ſaͤmtliche Mann⸗ ſchaft bei Leib und Leben, um ihrer eignen Sicherheit willen, auf ihrer Hut zu ſeyn und ließ noch zwei der Schiffskano⸗ nen herbeibringen und mit der Muͤn⸗ dung in den Schiffsraum richten*), eine *) Ich moͤchte dieſe Stelle gern vor Mißdeutung ſichern. Man wird es vielleicht unbegreiflich fin⸗ den, daß Kapitain Velton die Muͤndung der Ka⸗ nonen in den Schiffsraum richtete, ſie hätten, wenn ſie losgebrannt worden waͤren,— ſo ſchließt man,— das Schiff in Grund und Boden ſchmet⸗ tern muͤſſen. Keinesweges! Für⸗s Erſte ſind die Kanonen eines Weſtindiſchen Kauffahrers keine Vierundzwanzigpſfuͤnder, ſondern es ſind kleine, zierliche Kandnchen auf kleinen zierlichen Walzen, zum Schein und zu Freudeufeſten, nicht aber zur Vertheidigung. Sotche Kanone aber, wäͤre ſie wirklich losgebrannt, haͤtte das Schiff nicht zum Sinken gebracht. Fuͤr's Zweite aber: Wer ſteht uns denn dafuͤr, ob die Kanonen wirklich geladen waren? Ich habe in den Tagebuͤchern meines 129 brennende Lunte lag daneben. Ueber dies al⸗ les war Mitternacht herangekommen und ich legte mich, in etwas beruhigt, zu Bette. Welches Geſchrei, ja ich mochte ſagen, wel⸗ ches Gebruͤll erhuben die Drei, als ſie am an⸗ dern Morgen erwachten! welche Fluͤche und Verwuͤnſchungen ſtießen ſie aus! Meinen Saͤ⸗ bel und zwei Terzerolen in der Hand ſtieg ich zu ihnen hinab, ſagte ihnen, daß dieſes eine Freundes nichts weiter daruͤber gefunden, aber ſo iel weiß ich, daß die Sklavenhandler, welche Neger von der Kuͤſte von Guinea brachten, zum Schrecken dieſer Unglücklichen das Mandver mit ungeladenen Kanonen anwandten, und ſo kann es denn auch vielleicht hier der Fall geweſen ſeyn. Man kant mir freitich einwenden: das wuͤrden dann auch wohl der Bootsmann und ſeine beiden Helfer, die ja tüchtige Seelente geweſen ſeyn ſol⸗ len, gewußt haben!— Alles gut, aber der erſte Schreck iſt der beſte, und gebunden im Schiffs⸗ raum liegen und in die Muͤndung einer Kanone ſchauen, von der man nicht weiß, ob ſie geladen oder ungeladen iſt, bleibt doch immer eine miß⸗ uche Sache.— 9 130 N Strafe ihrer boshaften Anſchlaͤge und ihres rebelliſchen Betragens ſei, ſagte ihnen ferner, was in der Havannah ihrer warte und ſtieg, ohne auf ihre mannigfachen Ausrufungen zu hoͤren, wieder auf das Verdeck zuruͤck. Blackwell, der den Laͤrm und das Geſchrei dieſer drei Boͤſewichter gehoͤrt hatte, kam auf das Verdeck geſtuͤrzt und fragte, was es gaͤbe? Ohne ein Wort zu ſprechen, legte ich die Waf⸗ fen von mir, faßte ihn an der Hand und fuͤhrte ihn, ein tiefes Schweigen beobachtend, auf die Seite.* „Mein Gott!“— rief er aus,„was haben Sie vor?“ „Ich ſoll Sie morden,“ ſagte ich ganz kaltbluͤtig. „Um Gotteswillen!“ ſchrie Blackwell auf und wollte ſich von mir losreißen. „Ruhig, Sir Robert,“ ſagte ich ganz be⸗ ſtimmt,„die Waffen ſind weggelegt, es ſoll Ihnen nichts geſchehen, aber ruhig muͤſſen 134 N Sie ſeyn und mir nicht den Spaß verder⸗ ben Bei der Nennung des Namens Robert wich alles Blut aus ſeinem Geſichte, er mußte ſich anlehnen, kaum konnte er ſich ſtehend erhal⸗ ten.„Wie kommen Sie zu dem Namen?“ fragte er mit zitternder Stimme. „Durch ihren Bruder Richard in Ham⸗ burg,“ ſagte ich. „Mein Bruder Richard? Richard mein Bruder?“ antwortete er. „Verwundern Sie ſich, ſoviel Sie wollen, aber laͤugnen Sie nicht. Ich weiß alles. Richard hat mir befohlen, Sie und Malvina zu toͤdten und mir Helfershelfer dazu mitge⸗ geben.“ 5 Blackwell ſchuͤttelte unglaͤnbig den Kopf. Ich fuͤhrte ihn in den Raum, zeigte ihm die gebundenen Gefangenen, die aufgepſlanz⸗ ten Kanonen, die bewaffnete Mannſchaft, und ging nun mit ihm zuruͤck.„Was ſa⸗ 9* gen Sie nun,“ fragte ich,„ſind Sie uͤber⸗ zeugt?“ „Noch kann ich nichts begreifen,“ ſagte Blackwell; was kann Herr Richard fuͤr Urſa⸗ che gehabt haben?“ „Sie wollen alſo,“ ſiel ich ihm in die Rede,„Richard nicht fuͤr Ihren Bruder gel⸗ ten laſſen? So muß ich denn wohl Zeugen ru⸗ fen.“ „Zeugen? Sie Zengen? und welche?“ Ich ergriff ſeine beiden Haͤnde und faßte ihn ſcharf ins Auge.„Ihren Bruder aus London, der eine Freiſtatt bei Ihnen ſuchte und ſein Grab fand, ich rufe ſeinen ſeligen Geiſt herab zu uns, daß er Zeuge ſei zwi⸗ ſchen mir und Ihnen.“ Blackwell wurde bleicher und bleicher, er drohte zu ſinken. Ich faßte ihn in den Arm und ließ ihn ſanſt auf eine Kanone nieder. Nach einer geraumen Zeit erholte er ſich, als aber ſeine Angen den meinigen begegne⸗ 133 ten, konnte er meinen Blick nicht aushalten und ſenkte den ſeinigen zu Boden. „Menſch, ſchrecklicher Menſch,“ rief ich aus,„was konnte dich dazu bewegen, dich mit dem Fluch des Brudermords zu bela⸗ Blackwell ſah noch immer ſtarr auf den Boden, er antwortete keine Sylbe. „Ja,“ fuhr ich fort,„du wirſt nie mehr zuruͤckkehren koͤnnen auf den Weg der Tu⸗ gend, das Verbrechen hat dich mit aller Macht erfaßt, du biſt verloren; du haſt deinen Bru⸗ der ermordet, du haſt Edmund ermordet um ſeiner unſchuldigen Liebe willen, du wirſt Malvina morden, denn ihr Herz verzehrt ſich in Gram und Kummer, ſie wird hin⸗ welken und ſterben.“ „Zuͤgle deine Zunge, ſchrecklicher Menſch,“ rief Blackwell aus,„iſt denn das juͤngſte Gericht ſchon da?“ 5 * „Noch nicht,“ erwiederte ich,„der Him⸗ mel wird dir Zeit und Raum zur Buße ge⸗ ben, bekenne und bereue deine Miſſethat, ſo wird dir der Herr verzeihen.“ „Ich will erſt bekennen und dann be⸗ reuen,“ ſagte Blackwell,„du haſt mir das Leben gerettet, und kann ich aus Dankbar⸗ keit mehr thun, als dich zu meinem Beich⸗ tiger annehmen, und dich zu bitten, mein Leiter und Fuͤhrer zu ſeyn?“* Blackwell erzaͤhlte mir nun nach und nach alles, was ich hier in gedraͤngter Kuͤrze mittheile: Blackwell's Bekenntniſſe. Jaques Robert machte ein großes Haus zu London, ſeine Schiffe waren faſt auf allen Meeren, ſeine Waarenlager aufgehaͤuft voll, ſein Vermoͤgen ſehr betraͤchtlich, ſein Kredit unermeßlich. Er hatte drei Soͤhne, 135 Jaques, Charles und Nudolph, die er alle drei gleich lieb und werth hielt, und mit beſonderer Liebe erzog. Eines Theils gluͤckte es ihm ſehr, dieſen Zweck zu erreichen, die drei Knaben lernten viel und ſammelten ſich nach und nach einen Schatz von Kenntniſſen, der nicht alltaͤglich war. Der alte Vater wollte ſeine Soͤhne zu Kauſlenten erziehen und auch hier hatte er das Vergnuͤgen, zu ſehen, daß alles nach ſei⸗ nem Wunſche ging, ſie ſchienen alle drei die⸗ ſem Fach mit Liebe zugethan zu ſeyn. Aber ſo ſehr es dem alten Robert gelang, auf dieſe Weiſe aus ſeinen Soͤhnen werden zu ſehn, was er daraus zu machen gedachte, ſo mußte er wiederum anderſeits den Kum— mer haben, zu ſehn, daß dieſelben durch eine innere Disharmonie faſt immer ausein⸗ andergezogen wurden. Es verging kein Tag, ja faſt keine Stunde, wo ſich nicht ein Streit zwiſchen den Knaben entſponnen haͤt⸗ 136 M te; kein Mittel, was dem Unweſen ſtenern ſollte, half; Bitten, Ermahnungen, Dro⸗ hungen, ja ſelbſt harte Strafen, alles war und blieb fruchtlos. Es war einzuſehn und die Erfahrung lehrte es zum Theil jetzt ſchon, daß an eine Wiederherſtellung des Friedens unter dieſen Dreien nicht zu denken ſeyn wuͤr— de, vielmehr wurde es von Tage zu Tage ſchlimmer und es ſchien, daß aller Friede aus dem Robertſchen Hanſe entweichen wer⸗ de. Vergebens berieth ſich der alte Vater mit ſeinen Frounden, er ſah die Groͤße und den blaͤhenden Wohlſtand ſeines Hauſes durch die Uneinigkeit ſeiner eignen Soͤhne unter⸗ gehn. Von den drei Soͤhnen liebte der alte No⸗ bert den Charles am meiſten und es ſchien auch, als ob er ihm ſichtliche Vorzuͤge vor den andern gab, wenigſtens glanbten dies die beiden Bruͤder. Es war dies der einzige Punkt, worin ſie ſich begegneten und bei⸗ 137 ſpiellos harmonierten, wenn es darauf an⸗ kam, dem Vater Vorwuͤrfe zu machen, daß er den Bruder ihnen in aller Hinſicht vor⸗ zoͤge. Kaum bemerkte Charles, daß des Va⸗ tets Guͤte gegen ihn die Bruͤder aufbrachte, als er alle Mittel und Wege aufſuchte, die ihm zu Gebote ſtanden, ſich immer mehr bei dem Vater einzuſchmeicheln und die Bruͤ⸗ der ganz in Mißkredit zu ſetzen. Es gelang ihm vollkommen, er beſaß ein gewiſſes ein⸗ ſchmeichelndes Weſen, welches den beiden uͤbrigen voͤllig abging, der Vater lernte die beiden andern nach und nach geringſchaͤtzen und bekuͤmmerte ſich faſt gar nicht um ſie. Nur Charles war ſein Ein und Alles. Die Bruͤder gluͤhten vor Rache. Die drei Bruͤder hatten jetzt das reifere Juͤnglingsalter erreicht, alle drei hatten un⸗ ter des Vaters Auſſicht ſich zu tuͤchtigen Kauſleuten ausgebildet, jetzt ſollten ſie reiſen und die Welt kennen lernen. Den Haß und 138 die Abneigung der Bruͤder gegen einander ken⸗ nend, ließ ſie der Vater nicht zuſammen rei— ſen, ſondern ſchickte Nudolph nach Deutſch⸗ land und Jaques nach Frankreich; ſein Lieb⸗ ling Charles ſollte zuerſt ſein eignes Vater⸗ land bereiſen und ſich nebenbei in Schottland und Irland umſehen. Es dauerte nicht lange nach der Abreiſe der drei Bruͤder, als Charles wieder nach London zuruͤckkehrte.„Er koͤnne ſich nicht vom Vater trennen,“ hieß es,„und er wolle lieber alles erdulden, als von einem ſo liebevollen und geliebten Vater getrennt ſehn.“ Der Vater nahm ihn mit offnen Ar⸗ men auf und verſprach mit ihm gemeinſchaft— lich eine große Reiſe zu machen, wenn die Bruͤder zuruͤckgekehrt ſeyn wuͤrden. In der erſten Zeit lauteten die Briefe von den beiden Bruͤdern ziemlich erfreulich und herzlich, und der Vater beantwortete ſie auf gleiche Weiſe. Aber bald wurden die Briefe immer ſeltner und weniger erfrenlich, nur haͤufige Wech⸗ 139 ſel, von den beiden Soͤhnen ausgeſtellt, lie⸗ fen ein. Die Beiden mußten es Fuͤrſten gleich thun, um es moͤglich zu machen, ſol⸗ che Summen durchzubringen. Durch ein ſol⸗ ches Betragen wandte ſich das Herz des Va⸗ ters, welches ohnedem ſuͤr die Entfernten gleichguͤltig ſchlug, immer mehr und mehr von ihnen und wandte ſich ganz dem Lieb⸗ ling Charles zu, welcher einen wirklich mu⸗ ſterhaften Lebenswandel unter den Augen des Vaters fuͤhrte. Wer ſieht aber nicht leicht ein, daß es ein feinangelegtes Spiel bon Char⸗ les war, die Bruder in ſolchen Mißkrebit bei dem Vater zu ſtellen? Die falſchen Wechſel, die von ihm herruͤhrten, einige untergeſcho⸗ bene Briefe, worin er die Hand ſeiner Bruͤ⸗ der vortrefflich nachahmte, reichten hin, den bethoͤrten Vater in dem Wahn zu beſtaͤrken, daß ſeine Soͤhne boͤſe, ſchlechte Menſchen waͤren. Endlich erreichte Charles ſeinen Triumph, er wurde oͤffentlich zum Univer⸗ 140 ſalerben ernannt, und den Bruͤdern mit der Weiſung, nie das vaͤterliche Haus mehr zu betreten, ein armſeliges Pflichttheil uͤber⸗ macht. Nichts halfen die feierlichſten Prote⸗ ſtationen der Bruͤder, ihre Briefe wurden von Charles kuͤhl und lakoniſch beantwortet, und ſpaͤter ihnen ſogar uneroffnet zuruͤckge⸗ ſchickt. Bald darauf, heftig ergriffen von dem vielfachen Kummer, den er gehabt, ſank der alte Robert auf das Krankenbett, und ſtarb binnen kurzem an einem Schlagſluß. Jetzt war Charles am Ziel ſeiner Wuͤnſche, er ſah ſich im Beſitz eines großen und glaͤn⸗ zenden Vermoͤgens, in allen Häͤfen Europa's lagen ſeine Schiffe, nach Amerika, Weſt⸗ und Oſtindien gingen ſeine Ordre's, ſeine Wechſel und Unterſchriften galten an allen Boͤrſen des Continents von Europa und Amerika. Er fuͤhlte ſich gluͤcklich im Beſitz aller dieſer Gluͤcksguͤter, ſein Ehrgeiz hatte die hoͤchſte Stufe erreicht; da ſah er Ma⸗ 141 N thilde, er entbrannte in Liebe fuͤr ſie und hielt um ihre Hand an. Mathilde bebte bei dem Antrag zuruͤck, denn ſie liebte ſeinen Bruder Rudolph, ſie flehte ihre Aeltern an, dieſe Verbindung aufzugeben, aber dieſe, de⸗ ren Eigenliebe geſchmeichelt war, einen der erſten Kaufleute Londons ihren Schwieger⸗ ſohn zu nennen, wollten nichts davon hoͤren, und ſo erhielt Charles Mathildens Hand, die, von dem Fluch der Aeltern bedroht, in dies Buͤndniß willigen mußte. Ihr Herz hat er nie beſeſſen. Malvina war die Frucht dieſer Ehe, die Mutter ſtarb bald nach der Ge⸗ burt. Unterdeſſen hatte die beiden Bruͤder die Nachricht von des Vaters Enterbung und Tod, von Charles Gluͤck und ſeiner Heirath, eben ſo unerwartet als ſchmerzhaſt betroffen; ſie ſahen ſich auf ein kleines, unzulaͤngliches Vermoͤgen beſchraͤnkt, aus einer glaͤnzenden Karriere geſchlendert, aller Hoffnungen und 142 N Ausſichten beraubt, ja auf gewiſſe Weiſe ſo⸗ gar aus dem Vaterlande verwieſen. Bei⸗ de Bruͤder trafen nach vorhergaͤngiger Verab⸗ redung in Berlin zuſammen. Ein Gaſthof nahm ſie auf. Die erſte Zuſammenkunft, zugleich die letzte der beiden Bruͤder, war ſchrecklich, ihr gegenſeitiger Haß ſtrahlte von ihren Angeſichtern wieder, ſie ſahen ſich feſt in die Augen und blieben ungefaͤhr fuͤnf Schritte von einander ſtehen, keiner von beiden ſprach ein Wort, eine tiefe lantloſe Stille herrſchte in dem Saal, aber es war, als ob zwei glutherfuͤllte Vulkane einander ge⸗ genuͤber ſtuͤnden, die ſich jeden Augenblick zu entladen drohten. Die Ereigniſſe der juͤngſtvergangnen Zeit ſtellten ſich lebhaft vor ihre Seele, der Haß, den ſie gegenſeitig hegten, verſchmolz mit dem Haß, den ſie gegen den dritten abweſenden Brader jetzt um ſo mehr gefaßt hatten. Da trat Rudolph einen Schritt vor und ſagte mit dumpfem 143 N Ton vor ſich hin:„O, daß Charles hier zwiſchen uns ſtaͤnde!“ Jaques richtete ſich auf, wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte es alle ſeine Nerven, ein feuriger Strahl ſchien aus ſeinen Augen zu dringen:„Wenn⸗ er hier waͤre,“ rief er,„zwiſchen uns, ver⸗ laſſen, entbloͤßt von allem, ein Opfer unſrer Wuth und unſrer Rache!“ Nun uͤberlegten beide Bruͤder, doch ohne ſich einander zu naͤ⸗ hern, ohne ſich anders als mit finſtern Blik⸗ ken anzuſehn, wie ſie in ihre alten Rechte wieder eingeſetzt werden koͤnnten; aber Char⸗ les war einmal zum Univerſalerben ernannt, die Gerichte hatten den letzten Willen des Vaters beſtaͤtigt, ſie kannten die Geſetze des Vaterlandes, jede Bemuͤhung waͤre fruchtlos geblieben. Sie ſahen ſich auf wenige Mittel beſchraͤnkt, einzig und allein auf ihre eigne Kraft angewieſen. „Wohlan, ſo ſei es,“ ſagte Rudolph dumpf und mit voller Reſignation,„ich fuͤge mich dem Unvermeidlichen, aber Rache dem Raͤuber unſerer Rechte uns unſeres Vermo⸗ gens, Rache dem Moͤrder unſerer Ehre.“ „Rache, dreimal Rache ihm!“ rief Jaques ans. tun „So ſei es,“ ſagte Rudolph, trat auf Jaques zu und reichte ihm die Hand,„wo wir ihn treffen, da falle er, ein Opfer unſe⸗ rer Rache, mit ſeinem Blut waſchen wir un— ſere Ehre rein.“. „Das wollen wir!“ rief Jaques mit leuchtenden Blicken und faßte die Hand des Bruders. Einige Minuten ſtanden ſie ſo, die Haͤn⸗ de krampfhaft gefaßt, und ſahen ſich mit ſtar⸗ ren, fuͤhlloſen Blicken an. Da ließ Rudolph die Hand fahren und ſprach:„Auch unſere Wege gehen auseinander, auch wir werden uns nicht wiederſehen, wir wollen es vermei⸗ den, uns zu begegnen, nur in Einem Wun⸗ ſche treffen wir fuͤrchterlich zuſammen, derje⸗ 145 MMNM nige von uns mag den beneiden, dem das Erſehnte gelang; ich gehe jetzt in die Welt, mit meinei Pfund zu wuchern. Ich ſage mich los von euch allen und will keine Ge⸗ meinſchaft mit euch haben; von heute an lege ich den vaͤterlichen Namen ab und will einen andern fuͤhren.“ Nach dieſen Worten verließ er den Saal, ohne den Bruder noch einmal anzuſehn. Bei⸗ de verließen bald darauf Berlin. Rudolph ging nach Hainburg, er legte den Namen ſeines Vaters ab und nannte ſich Richard. Durch eine unermuͤdete, raſtloſe Thaͤtigkeit gelang es ihm, ſich in eine Art von Wohlſtand zu verſetzen, und bald bluͤhte ſeine auf aͤcht merkantiliſche Grundſaͤtze begruͤndete Handlung immer mehr und mehr auf. Jaques wandte ſich nach Braunſchweig und auch ihm gelang es, durch eine kluge Ge⸗ wandtheit in Geſchaͤften, durch eine unermuͤr dete Sorgfalt ſich auf eine Stufe des Wohl⸗ 10 146 MMN ſtands zu ſchwingen, die, wenn ſie auch nicht mit ſeinen fruͤhern Ausſichten zu vergleichen war, doch immer fuͤr bedeutend gelten konn⸗ te. Wenden wir uns jetzt nach London. Jah⸗ ve waren vergangen, Malvina, die Lochter Charles, war zu einem wahrhaſten Engel her⸗ angebluht. Der Gluͤckszuſtand des Robert⸗ ſchen Hauſes hatte ſich keinesweges verringert, ſondern im Gegentheil, er war zu einer noch groͤßeren Hoͤhe geſtiegen. Aber im Innern war Charles um ſo mehr zerruͤttet; das her⸗ annahende Alter hatte ſeine ganze Sinnesart geaͤndert; was er einſt ſeinen Brudern gethan, begann jetzt ſein Gewiſſen auf das furchtbarſte zu quaͤlen, die ſchwaͤrzeſten Bilder traten vor ſeine Seele. Bereuen und gutmachen, das waren die Lichtpunkte, an den ſein zerrutteter Geiſt ſich hielt. Nach und nach wurde dies in ihm zur gaͤnzlichen Beſtimmtheit. Er be⸗ griff es gar nicht, wie er ſeine Bruͤder hätte 147 N haſſen koͤnnen, und beſchloß, ſich an ſie zu wenden und Friede und Verſoͤhnung einzu⸗ leiten. Er erkundigte ſich mit Vorſicht nach ihrem Aufenthaltsort und nun wandte er ſich zuerſt an ſeinen Bruder Rudolph in Ham⸗ burg. Dieſer erſchrack, als er einen Brief von ſeinem Bruder aus London erhielt. Der Brief zeugte von einer tiefempfundnen Reue; aber in Rudolphs Bruſt wachte die Erinnerung mit allen ihren Schreckniſſen auf, der ſeinem Bruder Jaques geleiſtete Eid ſchwebte ihm vor. Lange konnte er nicht mit ſich einig wer⸗ den, endlich ſetzte er ſich und antwortete; er lud den Bruder zu ſich ein, aber der innere Groll, den er gegen Charles hegte, lenchtete aus dem Briefe zu ſehr hervor, ſo daß Char⸗ les, als er den Brief empfing, dem Bruder nicht recht traute, und ſich an ſeinen zweiten Brnder in Braunſchweig wandte. Nicht minder als Rudolph erſtaunte Ja⸗ ques, als er den Brief des Bruders empſing; 10 148 MN das Gefuͤhl der Rache, welches ſo lange Jah⸗ re in ſeiner Bruſt verſchloſſen gelegen hatte, loderte auf einmal in hellen Flammen auf. Er brauchte lange Zeit, ehe er ſich faſſen konnte und einige Zeit zur Ueberlegung ge⸗ wann. Aber nach und nach kam ihm die klare Beſonnenheit, er ſchrieb an den Bruder in ungeheuchelten, liebevollen Ausdruͤcken, ſchrieb, daß er ſchon laͤngſt alles vergeſſen und vergeben haͤtte, und lud den Bruder ein, ihm die Freude zu machen und recht bald nach Deutſchland zu kommen. Nun wurde der Briefwechſel zwiſchen beiden Bruͤdern lebhaf⸗ ter, welcher am Ende bewirkte, daß Charles ſeine ſaͤmmtlichen Geſchaͤfte aufgab und an⸗ dern Haͤuſern uͤbertrug, ſeine Schiffe, Land⸗ haͤuſer ꝛc. ꝛc. verkaufte und alles in Geld oder Wechſel umſetzte. Auf eine naͤhere Ver⸗ abredung war zur vollkommnen Feſthaltung des neugeſchloſſenen Bundes beider Bruͤder Charles einzige Tochter Malvina mit Jaques 149 KMMM einzigem Sohne verlobt worden. Dieſes Ver⸗ ſprechens halber mußte auch Charles, ſo weh es ihm that, das Verhaͤltniß ſeiner Tochter zu einem jungen Kaufmann Edmund ſtoͤren, indem er Malvina als Verlobte eines Andern anſah, wovon er aber ſeiner Tochter noch nichts geſagt hatte. Endlich kam die Zeit der Abreiſe heran, mit frohem Herzen nahm Charles, mit zerriſſenem Herzen Malvina Ab⸗ ſchied von England. Sie kamen in Braunſchweig an, mit off⸗ nen Armen nahm Jaques ſeine Angehoͤrigen auf, des alten Zwiſtes wurde mit keiner Syl⸗ be gedacht; ſelbſt als Charles davon anfing, winkte Jaques ihm freundlichſt zu und rief la⸗ chelnd:„Still, Bruder, ſtill, laß die Ver⸗ gangenheit ruhn.“ Die Verlobung der beiden Kinder der Bruͤder wurde jetzt noch einmal beſprochen, beide lebten in Braunſchweig gluͤckliche Tage. Jaques ſchien ſeinen Eid vergeſſen zu haben. Unterdeſſen war in dem 150 M Geſchaͤftsleben der beiden Bruͤder in Deutſch⸗ land eine bedeutende Veraͤnderung eingetreten. Nudolphs Geſchaͤftskreis hatte ſich immer mehr erweitert, das Gluͤck war ihm guͤnſtig gr⸗ weſen, er hatte einen glaͤnzenden Gipfel er⸗ reicht, aber auch eine Begierde, alles an ſich zu reißen, war in ihm wach geworden, ſo daß ſeine Habſucht faſt in Geiz ausartete. Anders war es mit Jazues, dieſen hatte das Gluͤck nicht beguͤnſtigt, vielmehr verfolgte ihn ſeit langer Zeit das Ungluͤck auf allen Wegen, ſo daß er, als ſein Bruder Charles aus London eintraf, nicht allein ſein ganzes Vermögen beinah verloren, ſondern auch eine bedentende Schuldenlaſt auf ſich gewaͤlzt hat⸗ te. Mit vollem, argloſem Vertrauen wandte ſich Charles an ſeinen Bruder, und vertraute ihm alle ſeine Wechſel und Gelder an,— die er, um fruͤher begangenes Unrecht gut zu machen, mit ſeinen Bruͤdern zu theilen ſich erbot,— bis ſich eine Gelegenheit finden wuͤrde, ſie nach und nach unterzubringen. Das Geruͤcht von dem reichen Bruder aus Lon⸗ don, der angekommen und in Jaques Hände ſein ganzes Vermoͤgen niedergelegt hatte, ward bald allgemein und Jaques geſunkener Kredit begann ſich zu heben. Aber auch ſeine Glaͤu⸗ biger eilten herbei; einer derſelben war vor⸗ zuglich eifrig, er hatte noch mehrere Wechſel an ſich gekauft, die alle auf Jaques liefen und ſetzte nun dieſem auf eine unbarmherzige Weiſe zu. Das erſte Mal gelang es, ihn ab⸗ zuweiſen, aber das zweite Mal nicht, er be⸗ friedigte den Ungeſtuͤmen aus der Kaſſe ſeines Bruders. Nach und nach bezahlte er aus denſelben Mitteln alle ſeine andern Schulden, aber mit dieſem Verbrechen wich der gute Geiſt von ihm, der ſich auf kurze Zeit ſeiner bemaͤchtigt hatte, er trachtete nach des Bru⸗ ders glaͤnzendem Vermoͤgen, er dachte an den Schwur, den er in die Haͤnde Rudolphs nie⸗ 152 dergelegt hatte, und entwarf einen Plan, den er wirklich ausfuͤhrte. In einer Nacht erhob ſich ein ſchrecklicher Laͤrm:„Diebe! Moͤrder!“ bruͤllte er durch das Haus, alles kam in Be⸗ wegung. Die beiden Bruͤder trafen zuſam⸗ men.„Um Gotteswillen, was iſt dir?“ ſchrie Charles.„Ungluͤcklicher!“ rief Jaques mit gebrochner Stimme,„es ſind Diebe im Komp⸗ toir geweſen, die eiſerne Kiſte, worin dein ſuͤmmtliches Vermoͤgen lag, iſt erbrochen und geraubt, du biſt ein Bettler.“ Charles ſturz⸗ te lautlos zu Boden, er wurde zur Ruhe ge⸗ bracht und ein Aczt geholt. Die Krankheit wurde immer gefaͤhrlicher, Malvina wich nicht vom Bett des Vaters, ihm jede Erleichterung verſchaffend, die in ihren Kraͤften ſtand; auch Jaques wich nicht vom Krankenbett des Bru⸗ ders, von Moment zu Moment auf ſeinem leßzten Athemzug wartend. Wäaͤhrend dieſer Zeit traf ein Beſcheid vom Handelsgericht zu Hamburg ein, daß der 453 MN Kaufmann Edward Robert, ein Bruder des ehemaligen Kaufmanns Jaques Robert zu London, in der Havannah ohne alle Leibeser⸗ ben verſtorben ſei, und von ſeinen Neffen den mittleren Jaques Robert, den er aus der Taufe gehoben, zum alleinigen Erben ernannt habe. Jagques ward aufgefordert, entweder ſelbſt hinzureiſen, um die Erbſchaft zu heben, oder einen Andern zu dieſem Zweck mit guͤl⸗ tiger Vollmacht zu verſehen. Leicht waͤre es ihm geweſen, jemand zu finden, dem er die Ausführung dieſes Geſchaͤfts haͤtte uͤbertragen koͤnnen, aber,— ein teufliſcher Gedanke keimte jetzt in ſeiner Seele auf,— ein Stoß, und der feindſelige Bruder war nicht mehr, der Eid, den er geſchworen, war dann er— fuͤllt. Reiſte er ſelbſt in die nene Welt, ſo konnte er Malvina mit ſich nehmen, da Char⸗ les ihn bereits zum Vormund derſelben er⸗ nannt hatte, und wie leicht konnte er,— ſelbſt ohne alles Blutvergießen,— ſich dieſer 154 MM letzten verhaßten Zeugin entledigen, die ſchon zu viel wußte, kals daß er glauben konnte, daß ſie immer ſchweigen wuͤrde. Charles wurde immer ſchwaͤcher und ſchwaͤ⸗ cher, ſeine Kraͤfte nahmen zuſehends ab. Am ſechſten Tag erſchien der Arzt noch um Mit⸗ ternacht, er verordnete eine Medizin, es war ſo ſchnell keiner von den Hausleuten bei der Hand, Jagues eilte ſelbſt in die Apotheke. Nicht lange darauf kehrte er mit der Miene des Triumphös zuruͤck, er hatte jetzt bereits das Ziel ſeiner Wuͤnſche erreicht; ein ſichres, ſchnell tödtendes Gift, welches er ſich zu verſchaffen gewußt hatte, war in der Medizin aufgeloͤſet, noch ehe der Tag graute, war Charles ver⸗ ſchieden. So ſtark und ſicher Jaques ſich gefuͤhlt hatte, ſo muthlos wurde er jetzt, als er vor der Leiche des hingemordeten Bruders ſtand. Er hatte weder Raſt noch Ruhe, der Fluch des Brudermordes peitſchte ihn durch das Haus, 155 nur durch die Anſtrengung aller ſeiner Kraͤfte gelang es ihm, die aͤuſſere Ruhe und Faſſung zu beobachten, die durchaus noͤthig war, um ſich nicht zu verrathen. Aber zu peinlich war es ihm, den Namen des Gemordeten zu tra⸗ gen, und ſo wie er Braunſchweig verließ, nannte er ſich Blackwell. Unterdeſſen hatte der junge Edmund, der ſeiner Geliebten von London aus nach Deutſch⸗ land gefolgt war, alles aufgeboten, Malvina ſeiner Gewalt zu entziehen, aber vergebens, er hat ſeinen Zweck nicht erreicht. Blackwelk war wachſam und vereitelte alle ſeine Plaͤne. Der Begraͤbnißtag war voruͤber, ſie reiſten von Braunſchweig ab und kamen in Hamburg an. Die erſte Zuſammenkunft mit Richard war unheimlich; er hoͤrte von Blackwells Erbſchaft in der Havannah, hoͤrte von Char⸗ les Mord und vermuthete, daß Blackwell ſich bereits im Beſitz ſeines ſaͤmmtlichen Vermoͤgens geſetzt haͤtte, dieſer hatte deß auch keinen Hehl. 156 Richard wollte theilen, hartnäckig weigerte ſich Blackwell; allein, ganz allein wollte er die Frucht ſeines Mordes genießen. Richard ver⸗ ließ ihn in wilder Haſt, nicht lange darauf kehrte er zuruͤck, eine gewiſſe Ruhe lag uͤber ſein ganzes Geſicht ausgebreitet, er ſchritt auf Blackwell zu, faßte ſeine Hand und ſagte, in⸗ dem er ihn ſcharf anſah:„Du willſt alles allein beſitzen, ſei es; aber das ſage ich dir: ich bin unſchuldig an dieſem Mord.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich von ihm und lenkte das Geſpraͤch auf gleichgaͤltige Ge⸗ genſtaͤnde. Er ſchlug ihm vor, die Reiſe nach der Havannah mit einem ſeiner Schiffe zu machen, welches in einigen Tagen dahin ab⸗ gehen ſollte. Er nahm dies um ſo cher an, als er nothgedrungen mußte, da kein andres Schiff zu dieſer Zeit nach der Havannah ging. In den letzten Tagen des Augnſtmonds ſegelte er mit Malvina ab, begleitet von einem boͤſen Gewiſſen und unrechtmaͤßig erworbenen Schaͤz⸗ ———— zen, belaſtet mit dem Fluch des Brudermor⸗ des. Soweit die Nachrichten, die ich im Laufe des Tages aus dem Munde des heftig erſchuͤt⸗ terten Blackwell erfuhr. Ich war in einer Stimmung, die ſich nicht beſchreiben laͤßt; ich bedauerte, fuͤrchtete und verabſcheute zugleich den ſchrecklichen Menſchen, der einer ſolchen Unthat faͤhig geweſen war. Es graute mir mit ihm allein zu ſeyn, er aber draͤngte ſich jetzt immer gefliſſentlich in meine Naͤhe; er war nicht mehr der kalte, finſtre Mann, der er waͤhrend der ganzen Reiſe geweſen war, ſanft, ſtill und ruhig ſprach er uͤber alles, tiefe Reue ſchien ſein Innres zu zernagen, er war wie verwandelt.„Jnnger Mann,“ ſagte er einſt zu mir, als ich ihm den Brief gezeigt, worin Richard befahl, ihn zu ermorden,—„jun⸗ 158 M ger Mann, geh behutſam zu Werke, weun du nach Deutſchland zuruͤckkehrſt; ſturme nicht in blinder Wuth auf ihn ein, damit dich die Macht des Augenblicks nicht zu einer That verleite, die du nachher bitter bereuen wirſt.“ Mit dieſen Worten gab er mir den Brief zu⸗ ruͤck, wobei er auf folgende Stelle deutete: „Ich befehle es Ihnen, junger Maun, Acht zu haben auf meine Ruhe, nicht darum, weil ich Ihr Vorgeſetzter bin, nicht darum, das waͤre laͤcherlich, ſondern weil ganz andre Ban⸗ de zwiſchen uns geknuͤpft ſind, weil mir die Natur Macht gegeben hat, dir zu befehlen, und dir Geſetze vorzuſchreiben, denen du blind⸗ lings gehorchen mußt.“ Ich fragte Blackwell vergebens, was er wohl mit dieſen Worten gemeint haben koͤn⸗ ne, er betheuerte mir, daß er es nicht wiſſe, bat mich aber, ja auf meiner Hut zu ſeyn, indem hier vielleicht irgend ein Geheimniß verborgen liege. Da ſtand ich nun, neuen 159 nMÑ Zweifeln preißgegeben, und aufs Neue erwach⸗ te die Sehnſucht nach Europa, indem ich nach Aufklaͤrung ſchmachtete. Eines Morgens,— einige Wochen wa⸗ ren ſeitdem vergangen,— ſtand ich gerade auf dem Verdeck und ſchaute mit meinem Seh⸗ rohr in die Ferne, um das laͤngſterſehnte Land zu entdecken. Da hoͤrte ich Blackwell und Malvina in der Kajuͤte ziemlich laut reden; ich horchte auf, ploͤtzlich ſtieß Malvina einen Schrei aus,— dann eine augenblickliche Stille. Blackwells Stimme, die nach Huͤlfe rief, riß mich aus meinem Nachdenken, ich ſtuͤrzte die Treppe hinab. Malvina lag auf dem Boden von einer Ohnmacht befallen, Blackwelt kniete neben ihr, um ſie ins Leben zuruͤckzurufen. Ich erfuhr bald den Grund dieſes Ereigniſſes: getrieben von Angſt und Reue hatte Blackwell ihr alles geſtanden und ihr die Geſchichte ſeiner Bruͤder erzaͤhlt. Schrecklicher Moment, wo das Maͤdchen alles 160 W erfuhr! Es gelang uns, ſie ins Leben zuruͤck⸗ zurufen, aber eine finſtre Melancholie blieb zuruͤck, und es gab Stunden, in denen ſie vollig geiſtesabweſend von Dingen ſprach, die gar keinen Zuſammenhang hatten. Mir graute in der Naͤhe des armen Maͤdchens und des moͤrderiſchen Blackwells, und ich jauchzte laut auf, als wir eines Abends in den erſten Tagen des Rovembermonats vor der Stadt Havannah unſere Anker warfen. Das raſtloſe Thun und Treiben eines Ge⸗ ſchaͤftslebens, worin ich jetzt verwickelt wur⸗ de, verwiſchte ſo ziemlich die unangenehmen Eindruͤcke, die ich auf der Reiſe erhalten hat⸗ te. Meinen Bootsmann und die beiden Ma⸗ troſen James und Thomas lieferte ich an das dort ſtationirte ſpaniſche Kriegsſchiff ab, ſie erhielten dort die geſetzmaͤßige Strafe und. wurden dann unter die Beſatzung des Schif⸗ fes geſteckt; zum Erſatz erhielt ich, als man die Fähigkeit der drei Menſchen erprobt hat⸗ te, von dem Kommandeur der Fregatte drei andre Matroſen, geborne Deutſche, die von Ingend auf in ſpaniſchen Kriegsdienſten ge⸗ weſen, unter den ſtrengen Geſetzen der Dis⸗ ciplin, die auf ſolchen Schiffen herrſcht, auf⸗ gewachſen, und an Arbeit und Ordnung ge⸗ woͤhnt, ſich waͤhrend der ganzen Reiſe gut und tadelfrei betrugen. Blackwell und Mal⸗ vina waren gleich nach unſerer Ankunft ans Land gegangen, ich beſuchte ſie oft. Trotz der Kunſt der Aerzte, die gleich angenommen waren, wurde Malvina's Zuſtand immer be⸗ denklicher, das arme Maͤdchen welkte von Tage zu Tage mehr hin. Die Zeit meiner Abreiſe nahte wieder heran, Malvina trug mir mit Thraͤnen in den Angen und mit zit⸗ ternder Stimme Gruͤße an ihren Edmund auf, und Blackwell betheuerte mir, den jun⸗ gen, hoffnungsvollen Mann, damals als er nach Malvinens Flucht mit ihm zuſammen⸗ gekommen ſei, auf der Landſtraße erſchoſſen 1¹ 162 NMMN zu haben.„Belton,“ rief er mit herzzer⸗ ſchneidender Stimme aus,„wie kann ich ſelig werden? zweifacher Mord laſtet auf meiner Seele.“ Ich ſuchte ihn zu troͤſten, aber vergebens; ich ſah recht gut ein, daß er fuͤr das Leben verloren ſei, das Boͤſe hat⸗ te eine zu große Gewalt uͤber ihn ausgeuͤbt, er war nicht mehr zu retten. Am Tage vor meiner Abreiſe folgte ich mit ihm Malvinens Leiche.„Belton,“ ſagte er zu mir,„wir werden uns nicht wiederſehen, nehmen Sie dieſen Ring von mir zum Andenken und beten Sie fuͤr meine unſterbliche Seele.“ Er gab mir einen koſtbaren Brillantring. Ich wollte ihn bereden, mit mir nach Deutſchland zuruͤckzukehren, umſonſt; hier an Malvinens Grab, deren Tod er ſich zurechnet, wollte er bleiben, bis der ewi⸗ ge Richter ihn abrufen wuͤrde. Er ſchwur mir, ſich nicht mit Selbſtmord zu beflecken. Wir trennten uns tiefgeruͤhrt, ich eilte nach 163 dem Haſen, ein guͤnſtiger Wind ſchwellte unſere Segel. Frei athmete ich auf, als ich die Kuͤſte aus dem Geſicht verloren hatte, und von allem Geheimnißvollen und Schreck⸗ lichen entſernt, von frohlichen Menſchen umgeben, mich auf dem offenen Meer be⸗ fand⸗ Rachſchrift des Herausgebers⸗ Soweit teicht die Erzählung, die ich aus vielen Bruchſtuͤcken der Tagebuͤcher meines Freundes Belton gezogen und hier der Leſe⸗ welt mitgetheilt habe. Den völligen Beſchluß 164 NN der Geſchichte ergaͤnze ich aus einigen muͤnd⸗ lichen Unterhaltungen, die ich mit Belton uͤber dieſen Gegenſtand hatte, als wir einige Jahre nach ſeiner Ruͤckkehr aus der Havannah in Liſſabon zuſammentrafen. So guͤnſtig die Witterung anfangs geweſen, mit der Belton aus der Havannah abgeſegelt war, ſo traten doch nur zu bald widrige Winde ein, und es gelang ihm erſt in den letzten Tagen des Maͤrz, die Elbe, und nach einer achttagigen Quarantaine Hamburg zu errei⸗ chen. Es konnte nicht fehlen, daß er noch am Tage ſeiner Ankunft mit Richard zuſam⸗ mentraf; Schauder ergriff ihn, als dieſer al⸗ te, fuͤhlloſe Menſch, den er ſchon vor ſeiner Abreiſe mit Schrecken betrachtet hatte, ihm jetzt gegenuͤber ſtund, doch ſuchte er ſich zu faſſen. Sorzfaltig wich er allen Fragen aus, die Richard an ihn richtete, ſobald ſie Black⸗ well's und Malvinens Schickſal betrafen; eine Einladung, anf den Abend zu ihm zu kom⸗ men, konnte Belton nicht ausſchlagen. Er kam, ſie waren Beide ganz allein, das Ge⸗ ſpraͤch drehte ſich um gleichguͤltige Gegenſtaͤn⸗ de Als ſie geſpeiſt und die Bedienten die Tafel abgeraͤumt hatten, fragte Richard ganz beſtimmt, ob ſein Auftrag erfuͤllt ſei? Ein kaltes, trocknes„Nein“ ward ihm zur Ant⸗ wort. „Ungluͤcklicher,“ rief er aus,„konnteſt du es wagen?“ „Alle Vertrage und Verbindlichkeiten hoͤ⸗ ren auf, wo das Verlangen der Obern vom Wege der Gerechtigkeit und Ehre weicht, und an den Geſetzen frevelt,“ erwiederte Belton ruhig. Richard wurde wuͤthend, er wollte etwas ſagen, Belton kam ihm zuvor:„Herr Ri⸗ chard, beruhigen Sie ſich, ich weiß alles; das Schickſal hat gewollt, daß mir auch das Kleinſte nicht ſollte verborgen bleiben, ich kenne das ganze Verhaͤltniß Ihrer Familie. 166 Ihr Bruder Charles iſt von Jaques ge⸗ mordet, dieſer irrt troſtlos und voll Ver⸗ zweiflung in einem fremden Welttheil auf Malvinens Grab umher; Edmund iſt ein Opfer ſeiner Liebe geworden, und Georg hat ſeinen Tod in den Wellen der Elbe gefunden! wer ſoll noch umkommen, was wollen Sie noch bezwecken? Halten Sie ein, die Nemeſis hat ſchrecklich gewal⸗ tet; vergießen Sie kein Blut mehr, es iſt genug, es iſt mehr als zuviel geſche⸗ hen. Noch ſind Ihre Haͤnde rein von Mord, huͤten Sie ſich, in die Schlinge des Tenfels zu fallen, ſtreng iſt das Ge⸗ richt des ewigen Richters.“ Dieſe einfache Rede wirkte ſonderbar auf den eiſenfeſten Mann, das Blut wich aus ſeinem Geſicht, eine Thraͤne zitterte in ſei⸗ nem Auge.„Sie ſind hinuͤbergegangen,“ ſagte er,„ihnen iſt wohl, dort oben iſt keine Rache und kein Haß mehr, ſondern M Friede und Verſoͤhnung.“ Er ſtand auf und ging im Zimmer umher, nach einer Weile trat er vor Belton hin, faßte ſeine Hand, ſah ihn mit einem wehmuͤthigen Blick an und rief ſeufzend aus:„Belton, mein Sohn!“ indem er ihn in ſeine Arme ſchloß. „Dein Sohn!“ rief Belton erſtaunt aus,„ich dein Sohn?“ „Ja,“ ſagte Richard,„mein Sohn, den ich ins Verderben ſtuͤrzen wollte, und der mich dafuͤr vom ewigen Untergang erret⸗ tet. Weiſe ſind die Wege der Vorſehung, der wame des Herrn ſei gelobt.“ Folgendes war der Grund des Raͤthſels. Auf ſeinen Reiſen hatte ſich Richard auch ei⸗ nige Zeit in Bremen aufgehalten und dort die Bekanntſchaft eines arinen, aber ſehr ſchoͤnen Maͤdchens gemacht. Leidenſchaft riß ihn hin, es gelang ihm, das Maädchen ganz zu gewinnen, Belton war die Frucht 168 dieſer Verbindung. Aber nur zu bald war ſein Rauſch verftlogen, er verließ das Maͤd⸗ chen und ſeinen Sohn, doch ſorgte er fuͤr Mutter und Kind, ließ den Knaben nicht aus den Angen, der ſich zum Seeweſen neig⸗ te, und riß ihn dann aus ſeiner Dunkelheit hervor, um ihm zum Werkzeug ſeiner Plaͤne zu benußzen; aber, anders hatte es die Vor⸗ ſehung beſchloſſen. „Und nun,“ ſagte Richard,„mein Sohn, verlaß mich, wir wollen uns nicht wiederſehen. Ich will uͤberlegen, was ich thun muß, dann ſollſt du alles erfah⸗ eü Tief bewegt ging Belton fort. Die neuen Ereigniſſe hatten ſein ganzes Gemuͤth aufge⸗ regt, die ganze Nacht fand er keine Ruhe. Den andern Morgen machte er, um ſich zu zerſtrenen, einen Spatziergang laͤngs den Ufern der Elbe. Er blickte in die ſchaͤumen⸗ den Wellen, der Wind wehte aus Suͤden, N da landete ein Boot, das vom jenſeitigen ufer heruͤbergekommen war. Er ſah auf, ein alter und ein junger Mann ſaßen darin, Beide ſtiegen aus. Der Alte wandte ſich zu⸗ erſt um und blieb ſtehen; Belton trat be⸗ troffen zuruͤck, dann rief er ſeltſam uͤber⸗ raſcht aus:„Georg!“ „Ich bin's,“ erwiederte dieſer,„ich bin's, Kapitain, bin der ungluͤckliche Georg, den ihr hier vor euch ſeht.“ Nach vielen Fragen und Gegenfragen kam es zu folgenden Erklarungen. Als Georg Blackwell erblickt habe, ſei es ihm unmoͤg⸗ lich geweſen, auch nur einen Augenblick bei dem Moͤrder ſeines Herrn zu bleiben, noch unmoͤglicher ſei es ihm geweſen, jetzt noch in Eliza's Nähe zu ſeyn. Er ſei uͤber Bord geſprungen und ans Land geſchwommen, nur ſeinen Hut habe er in den Wellen ver⸗ loren; er habe ſich darauf verſteckt, bis er uͤberzeugt geweſen, daß das Schiff„die 170 N Atalante“ ſchon weit entfernt ſei. Nun ſei er fortgepilgert nach Hamburg und von da uͤber die Elbe weiter fort, um von ſeinem jungen Herrn etwas zu erfahren, wozu eine beſondere Sehnſucht ihn trieb. Aber— welch ein Entzuͤcken ergriff ihn, als er ſeinen Herrn auf ſeiner Wanderung in einem Bauerhauſe zwar ſehr ſiech und elend, aber doch am Leben antraf. Die bunde war nicht toͤdtlich geweſen, aber nichts deſto weniger war eine hartnaͤckige Kur zu vermuthen. Georg wich jetzt nicht von dem Bette ſeines Herrn, und endlich hatte er die Frende, ihn wieder hergeſtellt zu ſehn. Jetzt wollte Edmund gleich zur See und ſeiner Malvina nachreiſen, aber die Aerzte verboten dies durchaus, und Georg, fuͤr Edmunds Geſundheit zaͤrtlich beſorgt, ſuchte ihm ſeinen Vorſatz auszureden. Eine dumpfe Schwermuth befiel den kaum Gene⸗ ſenen, welche von Tag zu Tag mehr uͤber⸗ 17⁴ N hand nahm, er war nicht von den Ufern der Elbe wegzubringen, und hatte ſich ein Boot angeſchafft, um, wie er ſagte, Mal⸗ vina gleich entgegenfahren zu koͤnnen, wenn ſie zuruͤckkame. Georg wich nicht von ſeiner Seite. Regungslos ſtand der junge Menſch bei ſeinem Boot und hoͤrte ohne Spur von Theilnahme unſeren Geſpraͤchen zu. Armer Edmund, ſo biſt auch du ein Opfer dieſes graͤßlichen Bruderzwiſtes! Ich erzoͤhlte Georg, ihn abwaͤrts fuͤhrend, das Schickſal von Ed⸗ munds Geliebter, er war heftig erſchut⸗ tert. „Das habe ich wohl gedacht,“ ſagte plotz⸗ lich eine Stimme hinter uns. Wir ſahen uns um, der arme ungluͤckliche Edmund war uns geſolgt, ohne daß wir es bemerkt hat⸗ ten, alles hatte er gehoͤrt. Georg gerieth in Angſt uͤber das, was nun geſchehen wuͤr⸗ de. Edmund ergriff ſeine Hand und ſagte laͤchelnd:„das habe ich wohl gedacht, daß 172 MNN ihr dergleichen erſinnen wuͤrdet, um mich hier wegzubringen, aber ich glaube euch nicht; Eliza lebt und wird wiederkehren, und ich weiche nicht von hier, bis ich ſie in mei⸗ nen Armen halte.“ Er ging wieder zu⸗ ruͤck und ſtieg in ſein Boot. Georg folgte ihm. Noch iſt der Ungluckliche nicht ein⸗ gegangen zur ewigen Ruhe, er und Georg ſchiffen noch immer die Elbe ſtromauf und ſtromab; oft ſieht man ſie im wildeſten Wet⸗ ter die Fluthen durchſchneiden, oft ſitzen ſie ausruhend am Stande in ihrem Boot. Lautlos ſitzen ſie bei einander, nur dann und wann ſchwebt Eliza's Namen von Ed⸗ munds Lippen. Abſichtlich hatte Belton es vermieden, mit Richard zuſammen zu kommen, er hatte ihn ſeit jenem Abend nicht wieder geſehn, ſeinen Dienſt als Kapitain hatte er nieder⸗ gelegt. Einige Wochen waren vergangen und Belton eben im Begriff, eine neue 6 173 Verbindlichkeit einzugehn, als er ein Packet von Richard erhielt. Er oͤffnete es, es enthielt eine Schenkungsakte, durch wel⸗ che Belton ein betraͤchtlicher Theil des Ri⸗ chardſchen Vermoͤgens zuerkannt wurde. Ri⸗ chard ſelbſt hatte Hamburg verlaſſen, er war nach Amerika gegangen, nie hat man wieder etwas von ihm gehoͤrt Eingegangenen authentiſchen Nachrichten zufolge, iſt Blackwell in der letzten Nacht des Jahres 1823 auf Malvinens Grabe, von einem Schlagfluß getroffen, geſun⸗ den worden. Er iſt an ihrer Seite beer⸗ digt. Auch verbreitete ſich zu derſelben Zeit an der Hamburger Boͤrſe das Geruͤcht, daß das hollaͤndiſche Brigoſchiff:„die zwei Ge⸗ bruͤder von Amſterdam“ unweit Texel ge⸗ ſtrandet ſei. ——— o dtenkranz. Novelte. T — Der Lange genng hatte ich mich in der Naͤhe und Ferne umhergetrieben, ich ſehnte mich nach einem eignen Heerd. Mein Vermoͤgen, ſchon an ſich nicht unbedeutend und durch gluͤckliche Handelsſpekulationen anſehnlich ver⸗ mehrt, gab mir Gelegenheit, auf einen hoͤchſt anſtaͤndigen, ja glaͤnzenden Fuß zu leben, und ich, von jeher den Goͤttern des Frohſinns und der Heiterkeit ergeben, beſchloß Gebrauch davon zu machen. Des Lebens in den groſ⸗ ſen Stäͤdten mehr als uͤberdruͤſſig, wollte ich mir einen freundlichen Landſitz kaufen, und meine Nachforſchungen, die ich deshalb an⸗ ſtellte, waren von einem ſo guten Erfolg, daß ich ſchon nach einer Woche als Beſitzer des Ritterguts Liebenan von meinen gluͤckwuͤn⸗ 12 178 ſchenden Freunden in meinem Elyſium mich umgeben ſah. Unfern von meinem Landſitz lag die kleine Stadt L*. Die Honoratioren derſelben, de⸗ ren Anzahl, weil ziemlich viel Militair dort ſtand und ein fuͤrſtliches Kreis⸗Gericht ſei⸗ nen Sitz hier hatte, ſehr bedeutend war, hat⸗ ten ihre Sommerreſource in einem meiner Doͤrfer. Was Wunder, daß ich bald mit vielen dieſer Herren bekannt wurde, und ſehr oft in ihren Zirkeln verweilte. Ich war gluͤck⸗ lich und zufrieden. Der Geburtstag des Landesherrn ruͤckte her⸗ an, die ſaͤmmtlichen Mitglieder der Reſource be⸗ ſchloſſen, dieſen Tag nach hergebrachter Sitte feierlich zu begehn, und zu dem Ende ward eine Fahrt auf dem nahgelegenen Strom ar⸗ rangirt. In dem eine Meile von L* be⸗ legenen Dorf Milau wollte man den Nach⸗ mittag und Abend mit einander zubrin⸗ gen. Gern ſolgte ich der an mich ergan⸗ — — 79 M genen Einladung und ſchloß mich der Geſell⸗ ſchaft an. Wir kamen in Milau an. Auf der gan⸗ zen Fahrt war die ſehr zahlreiche Geſelſſchaft von Herren und Damen mehr als einſylbig ge⸗ weſen, hier am Kaffetiſch wurde ſie wenig belebter. Einige ſetzten ſich zum Spiel, an⸗ dere ſtrickten, noch andere rauchten, viele gaͤhnten. Jeder kannte den andern zu genau, und wiederum zu wenig, um ſich herzlich an⸗ ſchließen zu wollen; es fehlten die Tonangeber, die mit der ſeltnen Gabe einer hinreißenden unterhaltung zugleich das Talent verbinden, üͤber die verſchicdenen Nangverhaͤltniſſe hin⸗ wegzugehn, die an kleinen Orten vorzuͤglich im Cours ſtehen. Genug, L**s brillanter Zir⸗ kel war langweilig. Der gewoͤhnliche Fluch der Kleinſtaͤdterei, welcher im lieben deutſchen Paterland zur Genuͤge anzutreffen iſt.— Nie, oder doch nur hochſt ſelten, am wenigſten aber im Schooße der freundlichen 180 MN Natur zum Kartenſpiel zu bewegen, ging ich unmuthig am Gartenzaun des Gaſthofes ent⸗ lang, und hatte große Luſt die Geſellſchaft im Stich zu laſſen, um einen tuͤchtigen Spatzier⸗ gang zu unternehmen. Ich ging mit mir ſelbſt zu Rathe, welchen Weg ich wohl ein⸗ ſchlagen ſollte, und ſchaute nach allen Rich⸗ tungen hin, da ſiel mir die romantiſch ge⸗ legene Kirche des Dorfs ins Auge. Sie war in einem einfachen Styl erbaut, und ſchaute ſo friedeverkuͤndend aus den ſie um⸗ gebenden hohen Linden hervor, daß ich nicht ſchnell genug dahin kommen konnte. Auf dem Kirchhof traf ich den Stadtprediger, zu deſſen Filialen auch dieſes Dorf gehoͤrte. „Wahrſcheinlich,“ ſo redete der Prediger mich an,—„kommen Sie hierher, um die Kirche in Augenſchein zu nehmen. Sie wer⸗ den ſich aber taͤuſchen, das Innere ent⸗ ſpricht der romantiſchen Lage derſelben we⸗ nig.“ 181 M „Nichtsdeſtoweniger,“ antwortete ich,— „erlauben Sie mir den Beſuch der Kirche. Ich trete gern in eine irdiſche Wohnung des Herrn.“ 5 „Freilich wohl,“ erwiederte der Prediger, „indeſſen es ſindet ſich in unſerer Kirche auch nicht das Geringſte, was ſich einigermaſ⸗ ſen auszeichnet. Sie werden ſich in Ihren Erwartungen getaͤuſcht finden.“ „Erwartungen?“ fragte ich,„ich bin mit keinen Erwartungen hierher gekommen. Kunſtwerke will ich hier nicht ſehen, dazu hat mir die Peterskirche in Rom Gelegenheit dar⸗ geboten, hier will ich mein Herz ſtaͤrken. Der Anblick einer einfachen Dorfkirche hat immer etwas ſehr Ethebendes fuͤr mich. In den mit Gold und Schnitßwerk uͤberladnen Tempeln der großen Staͤdte wird mir immer angſtlich zu Muthe, und ich getraue mir die Augen nicht aufzuſchagen, es kommt mir im⸗ mer vor, als ob die Menſchen mit ihren 182 MW Pracht⸗ und Kunſtwerken der hohen Einfach⸗ heit ihrer Religion ſpotten wollen und das thut meinem Herzen wehe. Darum lobe ich mir das laͤndliche Gotteshaus, und von den lichtweißen Waͤnden deſſelben leuchtet, ſo daͤucht es mir, der reine Friede des glaͤubigen Herzens wieder.“ „Wenn Sie ſo denken,“ ſagte freudig der Prediger, mir die Hand druͤckend,„dann wer⸗ de ich Sie mit Freuden in unſere Kirche fuͤhren.“ Wir gingen Arm in Arm nach der Woh⸗ nung des Kuͤſters, um die Schluͤſſel zu ho⸗ len. Der Kuͤſter eilte geſchaͤftig voran und ſchloß auf. Wir traten ein. Vier lichtweiße Waͤnde umfingen uns, die zwei Reihen Sitzbaͤnke waren ohne alle Far⸗ be, ſo auch der unter der Kanzel ſtehende Altar. Die Kanzel allein war mit einer hellblanen Farbe angeſtrichen, ihr gegen⸗ uͤber hing ein Bild des großen Luthers. ————— — — Ich fuͤhlte mich in dieſen Umgebungen ſo wohl und ſo weh, eine ſanfte, wohlthaͤtige Ruhe ergoß ſich uͤber mein ganzes Weſen, ich war ſo freudig bewegt, in dieſem Augenblick haͤtte ich die ganze Menſchheit an meine Bruſt druͤcken koͤnnen. Unter der Decke der Kirche hingen mehrere Blumenkraͤnze, ſie waren mit ſchwarzen und weißen ſeidnen Baͤndern geziert, an dem un⸗ tern Ende des Kranzes ſtand auf einer klei⸗ nen ſchwarzen Tafel Name, Geburts⸗ und Todesjahr desjenigen, dem dieſes Zeichen der Erinnerung geweiht war. Ich ſah den Prediger fragend an. „Nicht wahr,“ ſagte dieſer,„die from⸗ me Sitte gefaͤllt Ihnen? Auch ich habe ſie immer mit Ruͤhrung ausuͤben ſehen. Laſſen Sie, da Sie in unſerer Gegend noch Fremde ling ſind, ſich dieſe Sitte erklͤren. Wenn ein junges Maͤdchen geſtorben iſt, dann ſam⸗ meln ſich die jungen Burſche des Dorfes und 184 MM haͤngen nach dem nächſten Gottesdienſt den ihr geweihten Kranz in der Kirche zum bleibenden Andenken auf; umgekehrt aber machen die Jungfrauen es eben ſo, wenn ein frommer Innggeſelle verſtorben iſt, und ſo iſt denn nach und nach die ehrwuͤrdige Sammlung entſtanden, welche Sie hier vor ſich ſehen. Lange ſtand ich in Nachdenken verſunken und blickte dieſe Denkmaͤler einer ſo fruͤh ver⸗ bluͤhten Jugend an, da drang der letzte Strahl der ſcheidenden Sonne durchs Fenſter und uͤbergoldete mit ſeinem rothlichen Lichte den zuletzt aufgehangenen Kranz. Dieſer zeichnete ſich vor den andern beſonders aus. Er war von dunkelrothen Biumen gewunden und nur einzig und allein mit ſchwarzen Baͤndern ge— ziert. Anf der ſchwarzen Tafel las man: Margaretha Blum. Gchurts-Jahr: 1775. Fodos- Jahr: 1815. — — w — Der Kuͤſter hatte unterdeſſen die Orgel beſtiegen und ſpielte einen Choral von Em⸗ manuel Bach. Mit frommer Ruͤhrung ver⸗ ließ ich au der Hand des Predigers die Kirche. Wir gingen uͤber den Friedhof, quer durchs Dorf, an den Sce. Die heitere Ruhe der anziehenden Gegend that meinem auſgeregten Gemuͤth ſehr wohl. „Ich glaube, daß meine Bemerkung nicht ganz unrichtig ſeyn wird,“ ſagte der Prediger nach einer bedeutenden Pauſe, waͤhrend wel⸗ cher er mich aufmerkſam betrachtete,„es kommt mir vor, als ob der Beſuch der Kirche Sie auf eine ganz eigne Weiſe ergriffen hätr ie „Sie haben wohl recht,“ erwiederte ich, „doch nur theilweiſe, es iſt nicht ſo eigentlich der Beſuch der Kirche, welcher mein inneres Weſen ſo ſehr aufgeregt hat, als die An⸗ ſchauung des Todtenkranzes der verſtorbenen Margaretha Blum. Ich machte Sie ſchon 186 vorher darauf aufmerkſam, daß dieſe Sitte uͤberall einen Reiz der Neuheit fuͤr mich haͤt⸗ te, dies brachte mein Gemuͤth zuerſt in Wal⸗ lung; als ich nun aber dies letzte Denkmal frommer Liebe ſah, da geſtehe ich Ihnen auf⸗ richtig, daß ein ganz eigenes Gefuͤhl ſich mei⸗ ner bemaͤchtigte, welchem ich keinen Namen zu geben weiß.“ „Sie ſind wohl nicht der Erſte,“ unter⸗ brach mich der Prediger,„der mit dieſer Empfindung von dem eben erwaͤhnten Kranz gegangen iſt.“ Dieſe Worte des Predigers machten einen ganz beſondern Eindruck auf mich. Die letzt⸗ vergangenen Augenblicke traten jetzt wieder lebhaft vor meine Seele. Ich erinnerte mich, daß als der Kranz von dem letzten ſcheidenden Sonnenſtrahl beleuchtet worden war, dieſer ſich leiſe hin und her bewegt und ein ſeltſa⸗ mes Geraͤuſch verurſacht hatte. Ich theilte dem Prediger dieſes mit. —— 187 MN „Sie haben ganz recht geſehen,“ ſagte dieſer,„es iſt allerdings etwas Eignes mit dieſem Todtenkranz. Das ganze Dorf kennt das Leben und die Schickſale der Verſtorbenen, ſo weit ſie dem Auge der Welt bekannt ſeyn konnten, warum alſo Ihnen ein Geheimniß daraus machen? Indeſſen moͤchte uns, des heutigen Feſtes wegen, die Zeit gebrechen, die auf Erzählung dieſes Gegenſtandes ver⸗ wendet werden muͤßte, auch ſind Sie viel zu aufgeregt, als daß das Anhoͤren derſel⸗ ben wohlthuend auf Sie wirken koͤnne. Ge⸗ dulden Sie ſich alſo bis Morgen, ich habe das Leben und Sterben der Margaretha Blum zu Papier gebracht, und bin ſehr gern er⸗ botig, Ihnen das Mannſcript mitzuthei⸗ len.“ Mit dem herzlichſten Dank nahm ich das Anerbieten an. Wir gingen zur Geſellſchaft zuruͤck. Ich verweilte nur noch eine kurze Zeit in dem fur mich jetzt doppelt langweiligen 188 Zirkel, und fuhr mit einem Miethwagen nach Hauſe. Der Prediger hielt Wort, ſchon am naͤch⸗ ſten Morgen ward mir beizeiten durch einen Boten ein ſauber geſchriebenes Manuſeript vom Prediger eingehändigt, aus welchem ich das Nachfolgende dem Publikum mittheile: Im Jahre des Herrn 1775, am fuͤnften April, gebahr die Ehefrau des Hufners Anton Blum ein geſundes und wohlgeſtaltetes Tochterlein, und am fuͤnfzehnten April deſ⸗ ſelben Jahres ſollte daſſelbe durch die Taufe in den Bund der Chriſten aufgenommen wer⸗ den. Da ereignete es ſich, daß der Prediger zu Milau— denn damals hatte dieſes Dorf noch einen eignen Seelenſorger— am Abend vor dem Tauftage bei dem Anton Blum ein⸗ ſprach, um noch uͤber dieſes und jenes mit ihm Ruͤckſprache zu nehmen, und auch wohl noch uͤber mancherlei Tagsbegebenheiten mit — —— 189 WN ihm zu diskurriren, denn Anton Blum galt in der ganzen Gegend fuͤr einen geſcheiten Kopf und wußte uͤber mancherlei Buͤcher und uͤber die Zeitung gar ernſthafte Geſpraͤche zu fuͤhren. Das neugeborne Kind aber lag ne⸗ ben dem Bette der Mutter in der Wiege. Wie nun die beiden verſtaͤndigen Maͤnner ſo ſaßen, und der Daͤmmerung nicht achteten, die ſich bereits in der Stube verbreitet hatte, da oͤffnete ſich auf einmal die Stubenthuͤr und eine Frau von zigeunerhaftem Anſehn trat herein und ſchritt auf die Wiege zu. Die Mutter lag eben in einem tieſen Schlaf, und die beiden Maͤnner achteten nicht darauf, glaubend, es ſei etwa die Magd, welche ein⸗ mal nach dem Kinde ſehen wollte, und ließen ſich in ihrem Geſpraͤche nicht ſtoͤren. Als aber die Alte von der Wiege gar nicht weichen wollte, ſondern ſich auf einen danebenſtehenden Schemel ſetzte, und mit ihren Händen aller⸗ lei ſeltſame Zeichen und Bewegungen uͤber das ſchlummernde Kind machte, ſo fing der alte Blum an Verdacht zu ſchoͤpfen, und fragte, indem er von ſeinem Stuhl aufſtand: „Annelieſe, was macht ſie da 22 Als er nun auf dieſe Frage keine Ant⸗ wort erhielt, trat er auf die Wiege zu⸗ und indem er die Alte beim Arm faßte und etwas unſanft emporriß, fragte er mit ziem⸗ lich barſcher Stimme:„Wer ſeid ihr? wie kommt ihr hierher und was macht ihr mit meinem Kinde?“ „Nichts, Anton Blum, gar nichts,“ kreiſchte die Alte auf,„Gott geſegne Euch das gute, herzliebe, ſchmucke Kind! Der Lleine Wurm iſt abſonderlich von dem Herrn geſegnet und wird euch viel Ehre und Freude ins Haus bringen.“ „Wer ſeid ihr denn?“ fuhr der alte Blum auf,„ich kenne euch ja gar nicht. Wenn ihr es ehrlich mit mir und meinem Kinde meint, ſo koͤnnt ihr mir doch ja wohl 194 euren Namen ſagen, und euch zu erkennen geben?“ „Ei warum denn das nicht?“ fuhr die Alte noch kreiſchender als vorher fort,„ich bin ja die alte Gertraut aus Koͤnigslinde, Ihr werdet mich ja wohl kennen.“ Das fuhr dem alten Blum gewaltig vor den Kopf, denn man war gar nicht gut auf dieſe Gertraut zu ſprechen, auch war nicht ein Einziger aus allen benachbarten Gemein⸗ den, der gerne irgend etwas mit ihr zu thun haben mochte, denn ſie kam in keine Kirche und mochte von der Bibel und dem uͤbrigen Gotteswort nichts wiſſen. Manch⸗ mal war ſie auch auf ganze Wochen abwe⸗ ſend, und wenn man alsdann glaubte, der Tod habe ſie auf ihren Wanderungen uͤber⸗ eilt, und allmaͤnniglich ſich daruͤber gar ſehr freute, ſo kam ſie ploͤtzlich wieder zum Vor⸗ ſchein, und trieb ihr Weſen wie vorher⸗ Man munkelte ſo manches von ihr, was ſie M gethan haben ſollte, doch konnte man ſie teines der Dinge rechtlich uͤberfuͤhren und ſo geſchah es denn, daß das Gericht ihr nichts anhaben konnte und man ſie frei gehen laſſen mußte, zumal da ſie auch ein kleines Ka⸗ pital als ihr rechtmßiges Eigenthum nach⸗ wies, von deſſen Zinſen ſie lebte. Waͤhrend nun dem alten Blum dieſes und jenes durch den Sinn fuhr, und er mit untergeſchlagenen Armen vor der Alten ſtand und ſie gar ernſthaft betrachtete, ge⸗ wann dieſe das Wort wieder und begann: „Ich habe mich recht darnach geſehnt, euer herzliebes Toͤchterchen zu ſehen, und freue mich, daß ich endlich dazu gelangt bin. Das Kind hat gar vortreffliche Anlagen mit auf die Welt gebracht, und wird Gluͤck, Ehre und Freude uͤber euer Haus bringen. Weil ich nun aber dem kleinen Wurm ſo gut ge⸗ worden bin, ſo will ich auch ein Uebriges chun, und da ich von ſo manchen Dingen 193 Kenntniſſe habe, die andern Erdenkinderu verborgen ſind, ich auch bald von hinnen muß, da ich doch ſchon weit uͤber Achtziz hinnus bin, ſo habe ich mich entſchloſſen, alles was ich etwa weiß, dir Kleine zu lehren, wenn ihr ſie mir; ſo bald ſie von der Bruſt entwoͤhnt ſeyn wird, auf rinige Tage uͤberlaſſen wollt:“ Daruͤber ward der alte Blum K nüd im hoͤchſten Zorn rief er aus:„Wenn ihr nun nicht gleich dieſe Sube und mein Gehoͤfte verlaßt, ſo ſollen ench meine Knech— te den Weg zeigen, und wenn ihr ench noch einmal wieder blicken laßt, ſo laſſe ich euch mit voin Hofe hetzen!“ tnn, nun!“ kreiſchte die Alte init gar eiitlti Stimme, zwenn ihr es nicht wollt, ſo koͤnnt ihe es mir mit Ord⸗ nung ſagen; ich will keinen Menſchen zu ſei⸗ nem Gluͤcke zwingen. uebrigens iſt auch noch nicht uller Tage Abend und wer weiß/ 13 was noch geſchehen kann, wobei ihr meines Raths und meiner Huͤlfe gar ſehr beduͤrfen werdet.“ Dainit war ſie zur Thuͤr hinaus, aber Blum war gar ſehr in Hitze gerathen und tobte auf und nieder, ſo daß der Prediger, der noch immer da war und bei der vorher⸗ gehenden Scene einen ſtummen Zuſchauer ab⸗ gegeben hatte, gar viele gute Worte anwen⸗ den mußte, den aufgebrachten Mann zu be⸗ ſaͤnftigen. Als dieſes endlich gelungen war, und die beiden Maͤnner ſahen, daß die Mutter ru⸗ hig fortſchlief und von der ganzen Verhand⸗ lung nichts gehoͤrt hatte, ſo beſchloſſen ſie, ihr nichts davon zu ſagen, um ſie nicht zu beunruhigen, anch die Sache uͤberhaupt ge⸗ heim zu halten, damit ſie nicht unnuͤtzer⸗ weiſe in das Gerede der Leute kaͤmen. Als nach einer Weile darauf der Prediger ſich ent⸗ fernte, und Blum, welcher ihn bis an den 195 — Ausgang des Gehoͤftes begleitet hatte, wieder in das Zimmer zuruͤckkam, hatte die Magd bereits Licht angezuͤndet und Fräu Blum, welche eben erwacht war, redete ihren ein⸗ tretenden Mann alſo an:„Setze dich hier zu mir her; Anton, damit ich dir erzaͤhle, was ich eben fuͤr einen ſonderbaren Traum gehabt habe. Es kam mir nehmlich vor, als ob unſere Tochter getauft worden ſei, und als man ſie mir aus der Kirche wieder zu Hauſe brachte, war ſie gar glaͤnzend an⸗ gethan mit allerlei ſeltnen auslaͤndiſchen Zeu⸗ gen, und da ich ſie noch immer betrachtete und mich verwunderte, oͤffnete ſie den Mund und fing zu aller Menſchen Verwunderung vernehmlich an zu reden und ſagte:„Wißt ihr denn nicht, daß ich ein Gluͤckskind bin⸗ und daß gar hohe und ernſte Dinge in mir verborgen liegen, die alleſanmt hervor muͤſs ſen, und deren keines verſchwiegen bleiben tann?“ Da ich mich nun auf das Hoͤchſte 13 196 M uͤber ſolche Dinge verwunderte, fuͤllte ſich die Stube mit gar vielen vornehmen Leuten, Herren und Damen, die wollten alle das Kind ſehen, und machten demſelben gar herrliche Geſchenke an Gold und Silber und andern werthvollen Sachen. Da ſprang die Kleine mit einemmale von meinem Schooß, ſtellte ſich mitten in der Stube auf einen Schemel und wurde zuſehends immer groͤßer und groͤßer, und redete gar viele Dinge, die ich nicht verſtund. Als ich mich daruͤber zu verwundern begann;, ſah ſie mich mit einem ſeltſamen Läͤcheln an und ſagte:„das verſteht ihr nicht, Mutter, das muß ſo ſeyn, denn darum iſt dieſe hohe Wiſſenſchaft uͤber mich gekommen, damit ich ſie allem Volke verkuͤn⸗ digen ſoll.“ Ich aber fuͤhlte mich davon ſo ergriffen, daß ich mich vor ihr fuͤrchtete und mit Herzklopfen erwacht bin.“ Pater Blum reichte ihr die Hand, redete ihr alles aus dem Sinn, proͤgte ihr das alte 197 Kernſprichwort feſt ein:„Traͤnme ſind Schaͤu⸗ me!“ und reichte ihr gutmeinend die Hand. Er ſelbſt aber war nichts weniger als ru⸗ hig, und kaum hatte er die Stube verlaſſen, ſo begab er ſich in den Stall und fattelte ſei⸗ nen alten Braunen. Mit haſtiger Eile trabte er nach Koͤnigslinde heruͤber, um die alte Gertraut aufzuſuchen und ſie fuͤr ihren frevent⸗ lichen Spuck zu zuchtigen. Als er aber in Konigstinde ankam, ſand er ihre Thuͤr ver⸗ ſchloſſen und keiner im Dorfe wollte ſie ſeit einigen Tagen geſehen haben. Manche der Nachbaren ſahen den Anton Blum mit gar ſonderbaren Seitenblicken an, als wollten ſie ſagen: was hat denn der Blum aus Milau bei der alten Gertraut zu ſuchen? und gin⸗ gen kopfſchuttelnd bei ihm voruͤber. Er aber ritt mißmuthig und in ſich gekehrt nach Hau⸗ ſe. 6 Am andern Morgen ward die Taufe gleich nach der Predigt in der Kirche vorgenommen. 198 M Wie nun die Taufzeugen und die ſoͤmmtlichen Anverwandten um den Altar herſtanden, und der Kuͤſter nach der gewoͤhnlich ſtattfindenden Rede ſich mit dem ſilbernen Waſſerbecken dem Prediger naͤherte, hatte er ſich dabei ſo un— geſchickt benommen, daß er an der Schwelle des Altars ſtolperte und der Laͤnge lang hin⸗ fiel. Als nun die Umſtehenden ob dieſes ſeltſamen Ereigniſſes beſturzt zuruͤckwichen, draͤngte ſich die alte Gertraut durch die Men⸗ ge, nahm dem Kuͤſter, der noch immer am Boden lag, das Becken aus der Hand und reichte es dem Prediger hin, mit den Wor⸗ ten:„Friſch, Herr Paſtor, in Gottes Na⸗ men! Margarethe ſoll das Kind heißen, 2 dem Willen der Aeltern.“ Allmaͤnniglich war uͤber die Dreiſigteit der alten Gertraut ſo beſtuͤrzt und erſchrocken, daß keiner ein Wort hervorbringen konnte, noch im Stande war, ſie in ihrem Unrer⸗ nehmen zu hindern; auch der Prediger war 199 A ſo uberraſcht von dem, was vorgegangen, daß er ſich nicht beſinnen konnte und halb im Traum die heilige Handlung vollzog. Gleich darauf aber, als dieſes beendet war, ſetzte die alte Gertraut das Taufbecken bei Seite und draͤngte ſich durch die Umſtehenden hin⸗ durch. Vater Blum gab ſich alle erſinnliche Muͤhe, die Gertraut aufzufinden, aber ſo⸗ wohl für den Tag als auch fur die Zukunft war ſeine Muͤhe fruchtlos, denn die alte Gertrant war und blieb aus dieſer Gegend verſchwunden und niemals hat jemand wieder etwas von ihr gehört. Seiner Frau ver⸗ ſchwieg Vater Blum das Vorgeſallene ſorg⸗ faltig. Nach und nach aber ſchien es, als ob die Prophezeiungen der alten Gertraut, ſo wie der Traum der Mutter, buchſtablich in Er⸗ fullung gehen ſollten, denn als Margaretha heranwuchs, lernte ſie alles, was man 3 nur oberflaͤchlich ſagte, mit einer ſolchen 200 MM außerordentlichen Leichtigkeit, daß alles da⸗ vor erſtannte. Der Schulmeiſter meinte, das muͤſſe nicht mit rechten Dingen zugehn, denn Blum's Margarethe wiſſe nicht allein alles, was er nur irgend einmal geaͤußert habe, ſon— dern ſie wiſſe auch ſonſt ſo manches, was er nie geſagt habe und wovon er ſich gar keinen Begriff machen koͤnne, daß es Eingang in das zarte Gemuͤth eines achtjaͤhrigen Maͤd⸗ chens haben koͤnne. Auch der Prediger, der⸗ ſelbe, der ſie getauft hatte, erklaͤrte, nach⸗ dem er ihr einige Zeit Unterricht ertheikt hat⸗ te, es ſei nun genug, und mehr zu wiſſen koͤnne ſie gar leicht irre leiten und auf Ab⸗ wege fuͤhren. Aber ſo wie ſie durch ihre ſelt⸗ non Faͤhigkeiten alles in Erſtannen ſetzte, ſo verſprach ſie auch durch ihr Aeußeres etwas ganz Vollkommenes zu werden, denn ihr goldnes Haar ringelte in natuͤrlichen Locken weit uͤber die Schultern herab, und ihre blauen Angen ſchauten ſo ſauft und milde 204 drein, daß man ſich gar nicht daran ſatt ſechen konnte.. Das Geſpraͤch von der Schoͤnheit und dem ſeltnen Wiſſen der kleinen Margarethe verbreitete ſich auch bis in die nahgelegenen Staͤdte, und gar oft kamen viele Herrſchaf⸗ ten gefahren, welche das Kind in Angen⸗ ſchein nahmen, und ſich von ihm erzaͤhlen ließen, bis ſie es denn nachher reich beſchenkt wieder verließen, auf daß der Traum der Mutter auch in dieſer Hinſicht erfuͤllt werden moͤchte. So wuchs denn das Kind heran zur groſ⸗ ſen Freude der Mutter, der die Ehrenbezei⸗ gungen, welche der Kleinen wiederſuhren, ei⸗ ne ganz außerordentliche Frende machten. Vater Blum aber ging ſtill und in ſich ge⸗ kehrt einher und ſchien an all' dem vorneh⸗ nen Weſen keine Frende zu finden; denn es ahnete ihm, als ob etwas Ueberirdiſches da⸗ bei im Spiel ſei und das Gauze kein gott⸗ 202 N N gefaͤlliges Ende nehmen wuͤrde. Anfangs hat⸗ te er woht ein Wort mit ſeiner Frau daruͤber geredet, als aber dieſe ſeine Bedenklichkeiten verſpottet und am Ende gar nicht mehr an⸗ gehoͤrt hatte, zog er ſich zuruͤck, und ver⸗ ſchloß ſeinen Gram tief in ſeiner Bruſt. So beredt aber und ſo froh die kleine Margarethe immer war, ſo kam ſie auch um ſo ſtiller und verſchloſſener nach einiger Zeit von einem Spatziergange aus dem Walde zuruͤck. So viel man auch in ſie drang, daß ſie doch reden moͤchte, ſo ſchwieg ſie dennoch und brachte nichts hervor, als die Worte: „Ich weiß ein ungluͤck, ich weiß ein Un⸗ gluͤck!“ Als indeſſen der Prediger ſie eines Tages zu ſich kommen ließ und ſie auf das Nachdruͤcklichſte vermahnte, geſtand ſie end⸗ lich unter vielen Thraͤnen, es habe ihr ge⸗ träͤumt, daß der Vater bald ſterben werde, die Mutter aber wuͤrde dieſen Todesfall nicht uͤberleben, und da ſie alsdann beide Aeltern 203 verloren haben wuͤrde, ſo ſei ſie deswegen ſo ſtill und in ſich gekehrt. Der Prediger ließ es ſich angelegen ſeyn, dem Kinde ſeinen Wahn zu benchmen, dieſes aber weinte heftig und ſagte:„Nein, ich weiß gewiß, daß es geſchehen wird, denn als ich in dem Walde eingeſchlafen war, hat es mir geträumt, und als ich wieder erwach⸗ te, trat eine alte Frau aus dem Buſch her⸗ vor, und ſagte mir daſſelbe, und ſetzte hin⸗ zu, ſie ſei die alte Gertraut aus Koͤnigs⸗ linde, und ſie wohne jetzt in dieſem Waide, wir moͤchten uns aber keine Muͤhe geben, ſie zu ſuchen, denn wir wuͤrden ſie doch nicht finden.“ Damit ging das Kind weinend fort. Das griff dem Prediger ans Herz, er konnte es nicht bei ſich behalten, und als er bald darauf dem Vater Blum auf dem Felde begegnete, reichte er ihm die Hand und entdeckte ihm alles, was ihm die kleine Mar⸗ 204 KMMNNN garethe erzaͤhlt hatte. Daruͤber gerieth der alte Blum ſo in den Harniſch, daß er ſich nicht zu faſſen vermochte und ohne auf den nachrufenden Prediger zu hoͤren, in den Wald hineinlief, um die alte Gertrant auf⸗ zuſuchen und ſie zur Rechenſchaft zu ziehen. Aber der Tag und die Nacht gingen hin, ohne daß der Vater zurückkam, und auch den folgenden Tag ließ er ſich noch nicht ſe— hen; ſeine Frau lief, von der heftigſten Un⸗ ruhe gequaͤlt, von einem Nachbar zum an⸗ dern, die kleine Margarethe aber ging im Garten auf und nieder und ſagte, ſtill vor ſich hin weinend:„der Vater iſt todt!“ Nech deſſelben Tages machten ſich die jungen Burſche des Dorfes auf, den Vater Blum aller Orten aufzuſuchen, denn er war ſehr beliebt im Orte und es nahm allmaͤnniglich viel Theil an ſeinem Schickſal. Aber weder in den benachbarten Doͤrfern, noch in den beiden nahegelegenen Landſtaͤdten wollte man MMNMMUMN etwas von ihm wiſſen. Endlich fanden ſie ihn nach vielem vergeblichen Suchen in einer Holzung, ausgeſtreckt unter einer Eiche lie⸗ gend. Er war ganz kalt und ſtarr, und kein Leben mehr in ihm zu erwecken; Spuren ei⸗ nes gewaltſaͤmen Todes waren nicht vorhan⸗ den, es ſchien, als ſei er ſanft und ſelig hinuͤbergeſchlummert. Die Burſche fertigten nun, als ſie ſahen, daß ihre Muͤhe vergeblich ſei, aus Aeſten und Zweigen eine Tragbahre an, legten den Vater Blum darauf, und trugen ihn langſam fort, des Weges nach Milau zu. Einige aber nahmen kleine Kien⸗ aͤſte, zuͤndeten ſolche an, und leuchteten dem Zuge voran, denn es war bereits fin⸗ ſter geworden. Am Eingang des Dorfs be⸗ gegnete ihnen der Prediger, welcher ſo eben von einem Amtsgeſchaͤft nach Hauſe zuruck⸗ kehrte. Dieſer ließ ſich von dem Vorfalle ge⸗ nau unterrichten, und eilte nun voraus, um die Fran Blum auf das Schreckliche, was — 206 ihr bevorſtand, vorzubereiten. Als aber die kraͤnkliche, leicht reizbare Frau nur obenhin vernahm, wovon die Rede ſei, ſtuͤrzte ſie, ohne weiter auf die Troſtſpruͤche des Predi⸗ gers zu hoͤren, an ihm voruͤber; und eilte hinaus auf die Straße. Der traurige Zug hielt eben unfern von ihrem Gehoͤfte, ſie eilte darauf zu, und als ſie alles ſah; was geſchehen war, fiel ſie auf den Leichnam des geliebten Mannes hin, und gab ihren Geiſt auf. Weder die augenblicklich angewendeten Huͤlfleiſtungen dienſtwilliger Nachbaren, hoch die Kunſt des ſchlehnig herbeigerufenen Arz⸗ tes, vermochten ſie wieder in das Leben zu⸗ ruͤckzurufen⸗ im naͤchſten Sonntage wurden die beiden Eheleute, gleich nach dem Nachmittagsgot⸗ tesdienſt, beerdigt. Margäretha folgte dem Leichenzug unter haͤufigen Thraͤnen. Als die traurige Handlung beendigt war und die An⸗ weſenden den Dahingeſchiedenen den letzten 207 NM Liebesdienſt erwieſen hatten, ging Wargarethe an der Hand ihres muͤtterlichen Oheims nach deſſen Behauſung, welcher im Angeſicht der ganzen Gemeine mit einem Handſchlag ver⸗ ſprochen hatte, ſich der verlaſſenen Waiſe anzunehmen und ihr Vermoͤgen gewiſſenhaft zu verwalten. Der alte Hackert hielt revlich Wort, er handelte an dem Kinde ſeiner Schweſter ſo, als ob es ſeine leibliche Tochter ſei. Sie ward mit vieler Liebe und Sorgfalt auferzogen, und alles angewendet, ihr die vorige Heiterkeit wie⸗ derzugeben, aber alles umſonſt; ſie war und blieb in ſich verſchloſſen, und nur hoͤchſt ſelten kamen einige Worte uͤber ihre Lippen. Man gab ſich im Hackertſchen Hauſe alle erſinnliche Mühe, ſie zu einer tuͤchtigen Wirthin zu machen, welches denn auch ſehr gut gelang, denn ſie lernte alles willig und gern, nur ein⸗ zig und allein die Sprache ſchien ſie verler⸗ nen zu wollen, von allem was ſie wußte und — fruͤher vom Prediger und Schultneiſter gelernt hatte, brachte ſie nichts mehr vor, und aüf alle Fragen, die man deshalb än ſie that, war ein krampfhaftes und ſchmerzliches Lüͤcheln die einzige Antwort. Run aber ging im Dorfe das Gerücht, die Margarethe Blum ſei von einem wahr⸗ ſagenden Geiſt beſeſſen, und wo irgend in einem Hauſe etwas Trauriges vder Erfreuli⸗ ches ſich ereignen ſolle, da ſage ſie es vorher, und freue oder betruͤbe ſich nuch bewandten Umſtaͤnden. Als nun dieſes Geruͤcht immet mehr und mehr in Umkauf kain und beinah das tägliche Geſpraͤch der Borfbewohner ward, ließ der Prediger den alten Hackert zu ſich kommen, um von ihm zü vernehmen, wus an dem Gerede der Leute ſei. Dieſer ver⸗ ſicherte nun treuhetzig, daß dieſes allerdings ſo ſei, und die Margarethe ſehr oft Hoch⸗ zeiten, Todesfalle, Krankheiten und derglei⸗ chen vorherſage; und wenn er ſie befrags, 209 NN woher ſie das habe, und wer ihr ſolches ge⸗ ſagt, ſo antworte ſie ſtets, daß ihr das immer ſo einfalle, ohne daß ſie daran denken wolle, und dann muͤſſe ſie es laut heraus ſagen, weil ſie ſonſt keine Ruhe in Herz und Gemaͤth habe. Dieſes alles erzaͤhlte der alte Hackert mit noch vielen Nebenumſtaͤnden dein Prediger, und bat ihn nebenher, ſoviel als moͤglich dazu zu thun, daß das Geruͤcht unterdruͤckt werde, eben ſo möge er auch die Margarethe einmal vornehmen, und ſie kraͤf⸗ tig vermahnen, welches beides auch geſchehen iſt, aber ohne irgend einen erheblichen Ere ſolg. So ging nun bei einer ganz gleichen Le⸗ bensweiſe und ohne irgend eine erhebliche Veranderung die Zeit dahin, und Marga⸗ rethe erreichte ihr ſechszehntes Jahr. Sie galt fuͤr das ſchoͤnſte Maͤdchen, nicht allein in Milau, ſondern auch in allen umliegen⸗ den Doͤrfern, und da ſie ven Vaterswegen 14 240 —̃ ein recht gutes Vermoͤgen hatte und dereinſt von ihrem Oheim Hackert auch noch ein Be⸗ traͤchtliches erwarten konnte, ſo fehlte es trotz der ſonderbaren Geruͤchte, womit man ſich trng, nicht an Freiern, worunter ſich ſogar einige aus dem benachbarten Staͤdtchen ein⸗ fanden. Unter den vielen Freiern, die ſich es ernſt⸗ lich angelegen ſeyn ließen, das ſchoͤne und reiche Maͤdchen als ihre ehrbare Hausfrau heimzufuͤhren, befand ſich auch Anton, der Foͤrſtersſohn aus Koͤnigslinde. Er war ein kraͤftiger und gewandter Burſche, der das Seinige gelernt hatte, freilich ohne Vermoͤ— gen, aber mit der gewiſſen Ausſicht, ehe⸗ ſtens eine eintraͤgliche Verſorgung zu erhal⸗ ten. Wenn ſein Vater oder andere Freun⸗ de ihm gutmeinend abriethen, und ihn baten ſich doch vorzuſehn, da er es recht gut wiſ⸗ ſe, wie man von der Margarethe Blum ſpreche, und was fuͤr eine ſeltſame Hand⸗ ——— 211¹ chierung ſie treibe, ſo ſagte er immer ruhig und gelaſſen:„Ich bin dem Maͤdchen recht gut, ſie iſt brav und hat nie ein Menſchen⸗ kind mit ihrem Wiſſen und Willen gekrankt. Was aber ihr weniges Reden und ihr Wahr⸗ ſagen anbetrifft, welches Ihr alle ſo ſehr verabſcheut, ſo ſehe ich darin eine beſondere Vorliebe, die der himmliſche Vater fuͤr ſie hat. Mir iſt dies ernſte tiefdenkende Weſen ganz recht, denn wenn ich mich von allen irdiſchen Dingen losgemacht habe, ſo pſiege ich auch mein Auge an die Sternendecke hin⸗ aufzuſchlagen, und es kommt mir vor, als lerne ich die Weisheit und Gute des Schoͤ⸗ pfers immer mehr erkennen.“ Damit ging Aunton fort und ertheilte den Fragenden fer⸗ ner keinen Beſcheid. Oheim Hackert konnte auf keine Anfrage, die an ihn erging, etwas erwiedern, und drang deshalb in Margarethe, ſie moͤge doch, da ſie gewiß nicht ledig bleiben wolle, ſich 14* gegen den Einen oder den Andern erklaͤren, ſie aber ſchuͤttelte den Kopf und ging. Margarethe pflegte jeden Tag, wenn es irgend das Wetter erlaubte, uͤber die Feld⸗ marken des Dorfes bis an die naͤchſte Wald⸗ ecke zu gehen, und wenn ſie einige Zeit ausgeruht hatte, langſam zuruͤckzukehren. Sie legte dann jedesmal ein Trauerkleid an, welches ſie, wie ſie ein fuͤr allemal erklaͤrt hatte, zur Erinnrung an ihre verſtorbenen Aeltern thue. Auf einem ſolchen Spazier⸗ gang litt ſie es nie, daß jemand mit ihr re⸗ dete, oder ſie begleitete, fing alsdann, ſobald dies geſchah, laut an zu weinen, und lief ohne anzuhalten ſo lange, bis ſie niemanden mehr bei ſich ſah. Das wußte auch bereits Jedermann und maͤnniglich ging ihr aus dem Wege, ſobald ſie nur von ferne er⸗ ſchien. Um ſo ſeltſamer war, was eines Abends geſchah und einige Feldarbeiter aus der Fer⸗ —— —— 243 ne mit anſahen, denn als Margarethe im Schatten einer hohen Buche ſaß, und ſich nun erhob, um weiter zu gehen, trat Anton, der Forſtersſohn aus Koͤnigslinde, welcher eben von einem Geſchaͤfte aus der Stadt zu⸗ ruͤckkehrte, aus dem Walde und ging auf das Maͤdchen zu, welche ihn ganz nahe kommen ließ und weder vorwaͤrts noch ruͤckwaͤrts ſich bewegte. Anton ging ganz nahe an ſie her⸗ an, ſaßte ihre Hand, ſahe ihr ganz weh⸗ muͤthig in die Augen und ſprach:„Liebe Margarethe, es dauert mich, daß Sie immer ſo ſtill und verſchloſſen einhergeht und keines Menſchen Seele zu Ihrer Vertrauten macht. Sie iſt fromm und gottesfurchtig erzogen, hat nie einem Menſchen etwas zu Leide gethan, und thut in der Stille Gutes, wo ſie kann und weiß. Solche Dinge ſind vor Gott und Menſchen angenehm. Ich habe immer ein ſo gutes und ehrbares Maͤdchen mir zu meiner Hausfrau gewuͤnſcht, und wenn Sie es nun 1 214 N uͤber ſich gewinnen kann, mir ein Bischen gut zu ſehn und Sie nichts gegen mich hat, ſo reiche Sie mir Ihre Hand und ziehe Sie mit mir heroͤber nach Koͤnigslinde, wo ich ge⸗ ſtern die Anwartſchaft auf meines Paters Dienſt erhalten habe.“ Margarethe ſah den Juͤngling mit einem wehmuͤthigen Blicke an, oͤffnete den Mund, als ob ſie etwas ſagen wollte, und wandte ſich dann abwaͤrts, indem ſie ihm mit der Hand fortwinkte. Anton aber ging nicht, ſondern umfaßte ſie, zog ſie ſanft an ſich heran und fuhr fort: „Ich habe Ihr alles ehrlich und gerade her⸗ ausgeſagt, und weil Sie ſo gut und freund⸗ lich iſt, wird Sie auch wiederum eben ſo frenndlich mit mir umgehen und mir ſagen, ob Sie mich leiden kann oder nicht?“ Margarethe aber entwand ſich ſeinen Ar⸗ men und nach einer Pauſe des innern Selbſt⸗ kampfes begann ſie mit ſanſter Stimme:„Ihr —— — M muͤßt es doch wohl ſchon laͤngſt bemerkt ha⸗ ben, daß ich Euch gut bin, und Euch allen andern jungen Leuten, die ſich um mich draͤn⸗ gen, vorziehe; aber eben deshalb, weil ich Euch recht lieb habe, und mir Euer Wohl und Weh nicht gleichguͤltig iſt, darf ich Eu⸗ ren Antrag nicht annehmen, und ich ſtiſte gewiß ein gottgefaͤlliges Werk, wenn ich Euch von mir weiſe.“ Als Anton ſich aber hiermit keinesweges zufrieden geben wollte, und nnaufhoͤrlich in ſie drang, ihm doch wenigſtens die Urſache zu ſagen, welche ſie abhalte, ihm ihre Hand zu reichen, begann ſie mit ſanftem Weinen:„Es iſt Euch, lieber Anton, auch gewiß nicht un⸗ vekannt geblieben, was die Lente ſagen: ich ſoll einen Wahrſagergeiſt beſitzen, und zukuͤnf⸗ tige Dinge vorher wiſſen. Dem iſt allerdings ſo. Ich habe ohne mein Zuthun darin eine ſolche Gewandiheit erlangt, daß ich jedes fro⸗ he und traurige Ereigniß auf die Stunde be⸗ 216 M ſtimmen kann, und wenn es einmal meinem innern Geiſt offenbar geworden iſt, kann ich ſolches nicht eigenmaͤchtig in meiner Bruſt verſchließen, ſondern ich muß es lant in die Welt hinausrufen, damit es jedermann hoͤre. Dies unſelige Wiſſen nun iſt es, lieber An⸗ ton, welches mich zwingt, Euren Antrag ab— zulehnen, ſo wie ich Euch auch zugkeich ſa⸗ gen muß, daß ich Euch recht herzlich gut und gewiß uͤberzengt bin, daß wenn ich im Stan⸗ de waͤre, Euch meine Hand zu reichen, ich mit Euch gewiß recht gluͤcklich ſeyn wuͤr⸗ de „Wenn das iſt,“— rief Anton aus,— „und Sie dasjenige, was ſie da zuletzt ge⸗ ſagt hat, feſt und zuverſichtlich glanbt, ſo uͤber⸗ winde Sie ſich und mache Sie mich gluͤcklich. Ich will gewiß Ihre Weiſſagungen mit Liebe und Nachſicht anhoͤren, und wir wollen alles thun, ſo viel wir koͤnnen und wiſſen, alle dieſe traurigen Erinnerungen zu verbannen.“ — 27 P „Das vermoͤgt Ihr nicht, und das ver⸗ mag keines Menſchen Macht,“ verſetzte Mar⸗ garethe langſam und traurig.„Laßt es nun gut ſeyn, Anton, und ſteht von Eurem Vor⸗ haben ab, darin ich doch nie willigen kann. Welches gluckliche Leben, denkt ihr wohl, wuͤrdet Ihr an meiner Seite fuͤhren koͤnnen, da ich jeden unglucksfall, der Ench und mich betraͤfe, vorherſehen und verkuͤndigen muͤßte? Kein Tag wuͤrde uns froh und heiter dahin⸗ gehn, aus Furcht, daß der naͤchſte Tag uns ein neues Ungluͤck vorherſagen wuͤrde.“ „Und wenn dieſes auch iſt,“ ſagte An⸗ ton,„ſo ſoll mich dieſes dennoch nicht ab⸗ halten, Sie noch einmal recht herzlich um Ihre Hand zu bitten. Das Ungluͤck, wel⸗ ches Sie mir verkuͤndet, ſoll mir um Ihret⸗ willen lieb und willkommen ſeyn, denn dazu liebe ich ſie von ganzer Seete, und wenn es der Himmel will, daß Sie mir einmal mei⸗ nen Sterbetag verkuͤndigen ſoll, ſo will ich 218 N dieſen ſtill und gottergeben erwarten, und in Ihren Armen hinuͤberſchlummern, ohne Ihr irgend einen Vorwurf zu machen.“ „Ungluͤcklicher!“ rief Margarethe aus, und trat einen Schritt zuruͤck, indem ſie ihn „mit funkelnden Angen anſah,„wiſſe, ich bin meines unſeligen Wiſſens wegen vom Schick⸗ ſal dazu verdammt, fuͤr immer in dem Jung— frauenſtand zu bleiben. Handle ich gegen den Willen des Schickſals, ſo bleibe ich zwar un⸗ verletzt, aber der Geliebte wird mir von der Seite geriſſen, noch ehe wir zum Traualtar gehen.“ Anton ſtand tief erſchuͤttert, Margarethe aber flog auf ihn zu, ſchloß ihn in ihre Ar⸗ me und rief mit gar weichmuͤthiger, gebroche⸗ ner Stimme:„Geh, und komme nie zu ei⸗ ner ſolchen Unterredung wieder, denn ich wuͤr⸗ de dir doch nimmermehr antworten. Geh, und wenn du mich lieb haſt, ſo ſprich über das Vorgefallene kein Wort, und laß es ſo — — —— — 249 ſeyn, als ob gar nichts geſchehen waͤre.“ Damit ließ ſie ihn los und ging ihren ge⸗ woͤhnlichen Weg nach Hauſe, Anton aber ſetz⸗ te beruͤmmerten Herzens ſeinen Weg nach Koͤnigslinde fort. „Du haſt den jungen Foͤrſter Anton von dir gewieſen, Margarethe,“— ſagte der alte Oheim Hackert nach einigen Tagen zu ihr, —„daran haſt du nicht wohl gethan; der junge Mann iſt ehrlich und brav, und in chriſtlicher Liebe dir zugethan, deine abſchlaͤ⸗ gige Antwort hat ihn tief gekraͤnkt, und er iſt ſehr traurig und niedergeſchlagen, ſo daß ſie zu Hauſe nichts mit ihm anfangen kon⸗ nen. Darnm ſage mir ein Wort des Troſtes fur ihn, damit ich es ihm bringe und ihn wieder aufrichte.“ Margarethe aber ſagte nichts darauf, ſon⸗ dern ging nachdenkend in der Stube auf und nieder, und ſchlug die Augen zu Boden. Ploͤhlich aber blieb ſie ſtehen, hob den Blick 220 bis an die Decke der Stube hinan, brei⸗ tete die Arme aus, und rief laut:„Anton wirbt um mich, aber ich kann nicht ſein Weib werden! Er wird ſich deshalb gar ſehr grämen, wird ſein vaͤterlich Haus verlaſſen und in den Krieg ziehen, aber laſſet euch dies nicht beſorgt machen, denn er wird unverletzt zuruͤckkommen, wenn ihr ihn auch ſchon laͤngſt verloren glaubt.“ Damit ſchwieg ſie ſtill und wollte eben fortgehen, als An⸗ ton hereintrat. „Ich komme, Abſchied von Euch zu neh⸗ men, Vater Hackert, und auch von Shi Jungfer Margarethe,“ ſagte dieſer. „Um Gott!“ fragte der Alte,„wo wollt Ihr denn hin?“ „Ihr wißt wohl,“ ſagte Anton,„was ich zeither in Eurem Hauſe geſucht habe, und es waͤre mir gewiß recht herzlich lieb geweſen, wenn es haͤtte geſchehen koͤnnen. Da ich mich aber der Jungfer entdeckt habe, 7 221 N ſie aber alles ausgeſchlagen, und mir auch erklaͤrt hat, warum dies alles nicht geſche⸗ hen duͤrſe, ſo habe ich mich denn endlich nach reifllichem Nachdenken in mein Schick⸗ ſal gefuͤgt, und will Gott den Vater walten laſſen.“ Der alte Hackert trocknete die Thraͤnen von den Backen und druͤckte dem Juͤngling tief bewegt die Hand, dieſer aber fuhr fort: „Macht mich nicht weich, Vater Hackert, und laßt mich enden. Seit ich nun gewiß weiß, daß die Jungfer nie die Meine wer⸗ den wird, ſo wird mir alles hier zur Laſt, und alles iſt mir zuwider, was ich thun und beginnen will. Darum habe ich mich nun anders beſonnen, und iſt es mein feſter und wohluͤberlegter Wille, daß ich von hier zie⸗ hen will, hinaus wo es Krieg und der⸗ gleichen giebt, um den Schmerz meines Innern draußen im lauten Getuͤmmel zu begraben.“ Der Alte wollte gar vieles einwenden, Anton ließ ſich aber gar nicht irre machen, druͤckte dem Alten die Hand zum Abſchied recht herzlich, und wandte ſich an Marga⸗ rethe:„Lebe Sie recht wohl, und moͤge es Ihr allezeit ſo gut gehen, als ich tag⸗ taͤglich zu Gott bitten will, daß er es mit ihr fuͤgen moͤge.“ Damit brach er in helle Thraͤnen aus, und eilte ſo ſchnell als moͤg— lich von dannen. Am andern Morgen war Anton ſchon weit vom Vaterhauſe entfernt, und nun hoͤrte man lange nichts von ihm, bis end⸗ lich nach einigen Wochen die Nachricht aus der großen Handelsſtadt Hamburg eintraf, daßh er in Nordamerikaniſche Dienſte getre— ten ſei, und ſich bereits nach Philadelphia eingeſchifft habe. Da gab es nun des Jammers und des Wehklagens in Ko⸗ nigslinde, in Milau und in der ganzen Umgegend ſehr viel; denn Anton war bei 223 jedermann beliebt und wohlgelitten geweſen, darum auch jedem das Schickſal des jun⸗ gen Mannes recht ſehr zu Herzen ging, und man es ſich ſehr angelegen ſeyn ließ, der Margarethe Blum, die an all dieſem ungluͤck Schuld ſey, deshalb die bitterſten Vorwuͤrfe zu machen; vorzugsweiſe aber war es Hackert, welcher das arme Maͤdchen ſehr oft ſchalt, und ſich uͤber den Verluſt des lieben jungen Mannes gar nicht troͤſten konn⸗ te. Margarethe aber trug dieſes alles mit Geduld und ließ nie eine Klage uͤber ihre Lippen gehen. Die betruͤbten Aeltern, die mit Anton ihres Lebens Stuͤtze und Freude verloren hatten, allein, machten dem be⸗ kuͤmmerten Maͤdchen keine Vorwuͤrfe, ſon⸗ dern trugen ihr Leiden ſtill und gottergeben, ohne laute Klage und Geſchrei, deshalb denn auch Margarethe auf ihren Wanderun⸗ gen, wenn ſie in die Naͤhe der Koͤnigs⸗ linder Forſthauſes kam, daſſelbe mit gar 224 NN wehmuͤthigen Blicken anſah und oft in ein lautes Weinen ausbrach.— So war nun ein volles Jahr vergan⸗ gen, als die zuverlaͤſſige Nachricht eintraf, daß dasjenige Schiff, womit Anton nach Amerika gegangen, in der Naͤhe von Phi⸗ ladelphia geſtrandet ſei und ſaͤmmtliche Mann⸗ ſchaft und Paſſagiere jaͤmmerlich ertrunken waͤren. Das brachte das Geſpraͤch uͤber den armen Anton, welches jetzt eben geruht hat⸗ te, wieder in vollen Gang, und Marga⸗ retha mußte wieder die haͤrteſten Worte hoͤ⸗ ren. Auch Anton's Vater, als er ihr einſt auf einem Spatziergange begegnete, ſagte mit thraͤnenden Augen zu ihr:„Vergebe es Ihr Gott, was Sie einſt an meinem Sohne ge⸗ than hat; ich habe es Ihr vergeben, um der Urſache willen, weil der Anton Sie ſo lieb gehabt hat, ich wuͤnſche nur, daß ſein Tod an jenem Tage nicht zu ſchwer in Ihre Waagſchale fallen moͤge.“ 225 Uum dieſe Zeit war es, als einſt bei dem Förſter zu Koͤnigslinde ein Brief aus den Rheingegenden eintraf, worin ihm gemeldet ward, daß ein entfernter Anverwandter ge⸗ ſtorben ſei, und er ſich aufmachen ſolle, um den Nachlaß deſſelben, der nicht ganz unbe⸗ deutend ſei, zu erheben. Alle Nachbarn und Freunde tiethen dein Föorſter, dieſe Reife doch baldmoͤglichſt anzutreten, da ſie ſehr dazu ge⸗ eignet ſeyn wuͤrde, ihm die Grillen zu vertrei⸗ ben; und ſo begab es ſich denn, daß der Foͤr⸗ ſter in Geſellſchaft ſeinet Frau ſchon nach Vektauf von acht Tagen die Reiſe antrat⸗ Als aber Margarethe den Reiſewagen dahin⸗ rollen ſah, rief ſie mit wehmuͤthiger Stimme? „Warum habt ihr ſie laſſen ziehen? Sie brin⸗ gen nenes Ungluͤck in die Heimath zuruͤck.“ Als nun der Foͤrſter mit ſeiner Frau an dem bezeichneten Ort ankam, fanden ſich Schwierigkeiten, die Erbſchaͤſt zu etheben⸗ denn ſie fanden einen jungen Menſchen vsts 15 welcher auch Anſpruͤche auf den Nachlaß mach⸗ te, indem er darthat, daß er im gleichen Grade der Verwandtſchaft als der Foͤrſter zu dem Verſtorbenen ſtand. Als hieruͤber nun noch von allen Seiten hin und her geſtritten wurde und der etwanige Widerſpruch die Par⸗ theien warm gemacht hatte, zog der Foͤrſter ſeine Frau auf die Seite und ſagte zu ihr mit gar herzlichen Worten:„Da ſtreiten wir uns nun hin und her, um etliche zeitliche Guͤter, die wir doch eigentlich ſo gar noͤthig nicht gebrauchen, da wir beide ſchon am Ran⸗ de des Grabes ſtehen, und unſer Anton, der ſich deß alles haͤtte erfrenen koͤnnen, laͤngſt eingegangen iſt zu einem beſſern Leben. Wir aber ſtehen in einem ſolchen Alter, daß es uns gewiß recht willkommen ſeyn muß, jeden Streit zu vermeiden, und alles in Frieden beizulegen.“ Die Frau Foͤrſterin gab ihrem Mann in allen Dingen recht, und dieſer fuhr nun wei⸗ M ter fort:„da iſt es mir nun durch den Sinn gefahren, wie wir all' dem unnuͤtzen Streit aus dem Wege gehen koͤnnen, und auch noch wohl im Stande waͤren, uns eine Freude fur unſte alten Tage zuzubereiten.“ Deſſen erfreute ſich die alte Foͤrſterin gar ſehr und bat ihren Mann, ſie doch davon in Kenntniß zu ſetzen, und dieſer faßte feierlich ihre Hand und ſagte:„der Himmel hat uns ſo ſehr mit zeitlichen Guͤtern geſegnet, daß wir dasjenige, welches uns hier aufs Neue zufaͤllt, ſo gar eigentlich nicht bedurfen⸗ Da iſt der junge Kuhnhart, der mit uns uͤber das Vermoͤgen ſtreitet, ein gar geſitteter und kenntnißreicher Mann. Wie wenn wir uns mit dem alſo vereinigten, daß keines von uns einigen Schaden erlitte? Unſer Anton iſt nun bei Gott, und wir haben Niemanden, der uns dereinſt die Angen zudruͤcke. Wie wenn wir nun zu dem jungen Kuhnhart herantraͤ⸗ ten und ich ſpraͤche alſo zu ihm: Wir beiden 455 228 ſind alt und ſchwach, und wollen nicht am Ziel unſeres Lebens hadern mit unſern lieben Verwandten. Wir haben einen einzigen Sohn gehabt, den aber der Herr zu ſich be— rufen hat, darum tretet ihr in deſſen Stelle, nehmt die ganze Erbſchaſt, und da ihr auch allein in der Welt daſteht, ſo zieht mit uns in unſere Heimath, ſeyd unſer guter Sohn und unſer einſtiger Erbe.“ Die Foͤrſterin freute ſich uͤber dieſen Aus⸗ weg, den ihr Mann gefunden hatte, und gab ihm ihren voͤlligen Beifall, bat ihn auch, dieſes doch ſo bald als moͤglich ins Werk zu richten. Der Foͤrſter nahm ſeine Fran bei der Hand, trat zu dem Herrn Kuhuhart her⸗ an, und begann mit freundlichen Worten: „Lieber Vetter, Ihr wollt ſo gut ſeyn und an⸗ hoͤren, was ich mit meiner lieben Frau ſo eben abgeredet und Euch vorzubringen habe. Es iſt nicht gut, daß wir als liebe Verwand⸗ te uͤber eine Verlaſſenſchaft ſtreiten, die als — — 229 M ein Werk der Liebe und Wohlthaͤtigkeit anzu⸗ ſehen iſt. Wir beide ſind alte Leute und kin⸗ derlos und haben ſoviel, daß wir anſtaͤndig und zufrieden leben koͤnnen, und wenn wir einmal ſterben, geraͤth doch alles in fremde Haͤnde. Darum nun ſind wir gewilligt, Euch die ganze Erbſchaft zu uͤberlaſſen, und wenn ihr Luſt habt, mit uns in unſere Hei⸗ math zu ziehen, und in unſerem Hauſe zu wohnen, und uns dereinſt an Sohnes Statt, nicht aus Barmherzigkeit, ſondern aus Liebe und Herzlichkeit, die Augen zudruͤcken wollt, ſo ſollt ihr Sohnes Rechte genießen fuͤr und fuͤr, und dereinſt unſer lieber und. einziger Erbe ſeyn.“ In dem Zimmer, wo dieſes vorging, wurde eine plotzliche Stille, denn einen ſol⸗ chen Ausgang hatte wohl Niemand erwartet; der junge Kuhnhart aber, nachdem er dein Foͤrſter gar herzlich die Hand gedruͤckt hatte, begann:„Ihr habt mich mit Eurem An⸗ 230 trag gar herzlich uͤberraſcht, und wenn ich ihn anzunehmen Bedenken trage, ſo iſt es nur einzig und allein aus der Urſache, weil ich nicht weiß, ob ich ſo viele herzliche und un⸗ eigennuͤtzige Liebe werde vergelten koͤnnen. Wenn Ihr aber glaubt, daß ich Euch an Sohnes Statt dienen kann, und Ihr mit dem zufrieden ſeyn wollt, was ich mit red⸗ lichem Willen und aus vollem Herzen fuͤr ſo gute und liebe Leute zu thun im Stande bin, ſo will ich den Tag gluͤcklich preiſen, da ich in Euer Haus trete, und bei Euch Euren aͤl⸗ terlichen Segen empfange.“ So ſchloß der jun⸗ ge Kuhnhart, und der alte Foͤrſter rief mit from⸗ mer Ruͤhrung:„Bis hierher hat uns Gott ge⸗ bracht, ſein Name ſei gelobt.“ Die Foͤrſterin aber rief unter lantem Schluchzen:„Unſern Ausgang ſegne Gott! unſern Eingang gleicher⸗ maßen!“— Mit lautem Frohloeken verließen die drei Gluͤcklichen nach beendigtem Geſchaͤft den Rhein und fuhren in ihre Heimath zuruͤck. — M Seit langer Zeit kehrte nun endlich die längſtentflohene Heiterkeit in die Foͤrſterwoh⸗ nung zu Koͤnigslinde zuruͤck. Die beiden Al⸗ ten erinnerten ſich nur noch mit einer ſtillen Wehmuth an ihren Anton, ſo ungefaͤhr, wie man ſich eines lieben Freundes erinnert, der in fernen Landen weilt und den man doch gerne bei ſich haͤtte, und frenten ſich taglich immer mehr und mehr uͤber ihren Vetter Kuhnhart, der ſich der Alten gar ſehr an⸗ nahm und ſie hegte und pflegte, ganz als ob er ihr eheleiblicher Sohn ſei. Daran hatten nnn die beiden guten Alten ihre herzliche Freu⸗ de, und wurde ihnen gar ſehr die Zeit lang, wenn der Vetter Kuhnhart einmal uͤber Land gegangen war, oder ſonſt um irgend einer an⸗ dern Urſache willen ſich auſſer dem Hauſe be⸗ fand. Solche Urſache aber kam gar oftmals vor, denn Kuhnhart hatte eines Tages Margarethe geſehn, von der er ſchon ſo viel gehoͤrt hatte, * 232 und fuͤhlte gleich in dem erſten Angenblick ei⸗ ne ſo heftige Liebe fuͤr ſie, daß er jede Gele⸗ genheit benutzte, wo er ihrer anſichtig werden konnte, und ihr auf allen Wegen und Ste⸗ gen nachſchlich. Auch wagte er es wohl, ſie dann und wann anzureden und ihr ſeine heiße Liebe zu geſtehen, ſie aber antwortete nicht ein Wort darauf, ſondern wieß ihn immer mit ſtrengen Blicken von ſich. Als er aber gar nicht nachließ, ſie zu verfolgen und das arme ungluͤckliche Maͤdchen immerfort mit ſei⸗ ner Liebe quaͤlte, da ſtand ſie einsmals plotz⸗ litz ſtill, ſah ihn lange an, und rief mit wil⸗ der Gebehrde:„Wie dürſt Ihr doch um mich werben, da Ihr wißt, daß ich Antons Braut bin, der mit nichten todt iſt, wie ihr es alle täſſchlich waͤhnt. Geht in Euch zuröck und bereut, was Ihr Boͤſes gethan, denn Ihr habt einen armen Ungluͤcklichen aus ſeiner Heimath und von ſeinem Heerde verdraͤngt, ſo daß er troſtlos umherirren wird, wenn er dereinſt — ———,— ———— — wiederkehrt, und ſeinen Platz im Vaterhauſe beſetzt findet durch einen Freinden.“ Dieſe und aͤhnliche Reden mußte Kuhnhart oft von ihr hoͤren, ſo daß er ſich verlegen von ihr wandte und ihren ſtechenden Blick nicht aus⸗ halten konnte. Eines Morgens fuhr der Forſter in die nahgelegene Stadt und konnte eine heimliche Frende nicht verbergen, antwortote aber ſeiner Frau und ſeinem Pſlegeſohn auf alle Fragen nichts und bat nur, ſie möchten ſich zu Hau⸗ ſe halten, denn er werde bald wiederkehren. Er kehrte auch wirklich noch den Vormit⸗ tag zuruͤck, und brachte zwei andere Herren mit, und zwar den Herrn Stadtrichter, einen ſehr wuͤrdigen und kenutnißreichen Mann, ſo wie deſſen Collegen, den Burgermeiſter des Staͤdtchens. Nachdem die angekommenen Her⸗ ren in der Eile, ſo gut es ſich thun ließ, mit einem Fruhſtuͤck waren bewirthet worden, kam auch ein Schreiber des Stadtrichters und ord⸗ 234 nete alles zum Schreiben an. Jetzt brach der Foͤrſter ſein geheimnißvolles Schweigen, er eroͤffnete: daß er die Herren zu ſich bemuͤht habe, weil er ſein Teſtament machen wolle, er und ſeine Frau aber den gegenwaͤrtigen Herrn Kuhnhart, einen weitlaͤuftigen Anver⸗ wandten, als ihren Adoptiv⸗Sohn anerkannt wiſſen wollten, und denſelben zum Univerſal⸗ erben ihres ſaͤmmtlichen Nachlaſſes ernenneten. Die Foͤrſterin ſtimmte dem Wunſche ihres Mannes lebhaſt bei und der Vetter Kuhnhart ſprach ein Langes und Breites von Liebe, Dankbarkeit, Vergeltung von Oben und der⸗ gleichen. Als die Gerichtsherren den Wunſch und das Verlangen der beiden Ehekente nach der Form vernommen hatten, wurde das benoͤthig⸗ te Inſtrument aufgeſetzt, und alsdann von dem Schreiber laut und deutlich verleſen. Als er aber an die Stelle kam, wo es hieß: 235 „Item: So ſoll der Herr Auguſt Vin⸗ „cent Kuhnhart, gebuͤrtig aus Nuͤrn⸗ „berg, hiemit von uins an Sohnesſtatt „angenommen ſeyn, und in allen Rechts⸗ „faͤllen als ein ſolcher geſchuͤtzt und ge⸗ „handhabet werden⸗ und ſoll er, der „fruͤher nur als ein Vetter unſeres Hau⸗ „ſes ſich bei uns aufhielt, als unſer „alleiniges Kind, an unſeres ſo fruͤh „dahingeſchiedenen Antons Statt, unſer „lieber Sohn ſeyn, darum weil derſelbe „Uns mit ſoviel Liebe und Ehrfurcht be⸗ „handelt hat. Ktem: ſoll Niemand ihm „ſein Eigenthum verkuͤmmern, ſondern „alles, was wir beiden alten Choleute „zuruͤcklaſſen, ſoll demſelben— trat auf einmal Margarethe in das Zimmer, ſchritt auf den Schreiber zu, und indem ſie ſeinen Arm feſthielt, worin er die Schrift hielt, alſo daß er nicht weiter leſen konnte, rief ſie aus:„Ihr ſollt nicht weiter gehen, 236 und ſollt dies unſelige Vorhaben nicht ausfuh⸗ ren, denn ich ſage Euch, Anton wird wieder⸗ kehren und ſein Leben in ſeinem Vaterlande beſchließen.“ Die Herren vom Gericht wußten nicht, was ſie ſagen ſollten, und ſahen ſich einander an, der alte Foͤrſter aber trat dazwiſchen und ſprach:„Ihr lieben Herren wollet nicht auf das Gerede dieſes Maͤdchens hoͤren, es iſt die Margarethe Blum, von deren ſeltſamen Be⸗ ginnen Ihr wohl ſchon manches werdet gehoͤrt haben. Wollt Euch deshalb in der Ausübung Eures Geſchaͤftes nicht ſtoren laſſen. Ihr aber,“— ſuhr er zu Margarethen gewendet fort,—„gehet, und beruhigt Euch bei dem einen Ungluͤck, welches Ihr meinem Hauſe zu— gefuͤgt habt, und laßt uns allein.“ „So ſei es denn,“ ſagte Margarethe, „wenn Ihr es nicht anders wollt. Ich will nur hoffen, daß Euch Eure jetzige Ausſnat nicht dereinſt ſchlimme Fruchte tragen möge. M Allein Ihr, Herr Kuhnhart,“ fuhr ſie gegen dieſen gewendet fort,„kehrt zuruͤck in Eure Heimath und laßt ab von Eurem Gott miß⸗ fäͤlligen Betragen, denn ich ſage Euch, Ihr ſtuͤrzet Euch ſonſt in große Angſt und Truͤb⸗ ſal⸗“ tn Kuhnhart aber, mit leivenſchaftlicher Liebe zu Margarethen erfuͤllt, wandte das Geſpraͤch ganz anders„bat ſie, doch alles alſo gehen zu laſſen, wie es gehe; ihm aber moͤge ſie doch ihre Liebe zuwenden, und indem ſie ſolches thue, und ihm ihre Hand reiche, werde ſie den Fehler wieder gut machen, den ſie fruͤher begangen, als ſie den Anton abgewieſen habe⸗ Als Margarethe ſolche Reden vernahm, ward ſie gar ſehr erboßt und fuhr gar hef⸗ tig fort:„So habt es denn, was Ihr haben wollt, und was Ihr von mir bittet, das will ich Euch zu ſeiner Zeit gewaͤhren, aber nicht Euch zum Lohn, ſondern zur wohlverdienten Strafe.“ 238 Mit den Worten ſchritt ſie langſam zur Stube hinaus; Kuhnhart aber war deß in ſeiner Seele froh, denn er ſah in ihrer Aeuſ⸗ ſerung nur eine Erfuͤllung ſeines Wunſches. Die unterbrochene Verhandlung begann wie⸗ der, und nachdem ohne Unterbrechung die ganze Schrift laus und deutlich vorgetragen, und von allen angehenden Theilen in der Form unterſchrieben und beſiegelt worden war, be⸗ gaben ſich die Herren des Gerichts, nach ein⸗ genommenem Mittagsmahl, wieder in die Stadt zuruͤck.. So verging nun Jahr auf Jahr und der junge Kuhnhart ward es nicht muͤde, ſeine Bemuͤhungen um Margarethe fortzuſetzen, er verfolgte ſie auf allen Stegen und Wegen. Der Foͤrſter und die Foͤrſterin hatten es oft verſucht, ſeine Neigung auf irgend ein an⸗ deres Maͤdchen in der umliegenden Gegend zu leiten; denn es gab der freundlichen Kinder gar viele, auch in der Stadt war manches 239 Maͤdchen, wohlerzogen und nicht arm, wel⸗ ches den jungen und wohlhabenden Pflegeſohn des Foͤrſters nicht ausgeſchlagen haͤtte, dieſer aber hatte fur kein anderes Maͤdchen Auge und Ohr, als nur ganz allein fuͤr Marga⸗ retha, und es ſchien beinahe, als ob dieſe es ihm angethan habe, denn je ſproͤder ſie ihn behandelte, und je mehr ſie ihn von ſich wieß, deſto eifriger wurde er in ſeinen Verfolgungen und in ſeiner Liebe, die er auf alle moͤgliche Weiſe an den Tag zu legen ſuchte. Aber ſo ſehr dieſes auch zu verwundern war, ſo war es doch noch ein viel groͤßzer Wunder und Niemanden erklaͤrbar, daß Mar⸗ garethe ſo ganz und gar nicht alterte und ihr Aeußeres ſich immer gleich blieb. Das Licht ihrer Angen ſchien im Gegentheil immer kla⸗ rer und klarer zu werden, das ſanfte Roth ihrer Wangen verblich nicht, und ihre gold⸗ nen Locken ringelten ſich noch immer ſo uͤber Hals und Schultern herab, als damals, da 240 ſie zum erſtenmal zum Liſche des Herrn ge⸗ gangen war. Dieſes war Jedermann aufge⸗ fallen und wußte Keiner den Grund dävon anzugeben, weshalb denn auch alle dähin uͤber⸗ einkamen, daß es dem Himmel gefallen habe, die Margarethe Blum, ſowohl dem Geiſte als dem Koͤrper nach zu einem vollkommenen Wunderwerk zu machen, auch ſagten die Leu⸗ te rings umher auf den Doͤrfern:„die Mar⸗ garethe hat's dem jungen Kuhnhart ange⸗ than, und guuͤlt ihn nun darum, weil Ke ihn nicht leiden kann.“ Der Krug zu Koͤnigslinde ſtand unfern vom Dorf, hart an der Heerſtraße, und ward ſehr viel und gern von ftemden Rei⸗ ſenden beſucht, den er lag, von herrlichen Fruchtbaͤumen umgeben, an einem kleinen See, und die Leute die ihn bewohnten, waren immer gar munter und geſptaͤchig⸗ Da fuͤgte es ſich einſt, daß, als der alte Joſt, der Wirth des Hauſes, im Schatten 241 MN des hohen Kaſtanienbaums ſaß, der unfern vom Eingange des Gartens ſtand, daß ein fremder Reiſender, welcher die große Straſ⸗ ſe, leicht bepackt, daherkam, ſich zu ihm ſetzte, und ihm Gruß und Geſpraͤch an⸗ bot. Als der alte Joſt hoͤrte, daß der fremde Herr aus fernen Landen kam, bat er ihn, zu verweilen, holte einen friſchen Trunk herbei und knuͤpfte ein Geſpraͤch mit ihm an, denn er hoͤrte gern aus fremden Landen er⸗ zaͤhlen, namentlich vom Krieg und von den Seefahrern, und weil ſein Gaſt ihm uͤber glles dieſes hinlaͤngliche Auskuhft geben konn⸗ te, ſo wurde er deſſen ſehr froh⸗ Als ſie aber einige Stunden geſchwatzt und die verſchiedenen Weltbegebenheiten ge⸗ hoͤrig erwogen und beſprochen hatten, lenkte der Fremde das Geſpraͤch klug und gewandt auf die dortige Gegend, und ließ ſich Aus⸗ kunft geben uͤber alle Leute, die dort wohnten 16 und gewohnt hatten. So kam denn natuͤrlich das Geſpraͤch auf Margarethe und auf den Koͤnigslindner Foͤrſter, und der Fremde er⸗ fuhr, zur gebuͤhrenden Vergeltung fuͤr ſeine fruͤheren Mittheilungen, das ganze Verhaͤlt⸗ niß Margarethens, welches der redſelige Wirth noch mit mancher frommen Bemerkung an⸗ ſehnlich verlaͤngerte. Der Fremde ſaß waͤhrend der ziemlich lan⸗ gen Erzaͤhlung ſtill und in ſich gekehrt da, als aber der alte Joſt geendet hatte und die Glaͤ⸗ ſer wieder voll ſchenkte, fragte er:„Alſo iſt es nun ganz gewiß, daß Margarethe Blum den Kuhnhart heirathen will, den der Foͤrſter als ſeinen Sohn angenommen hat, weil der ſeinige geſtorben iſt?“ Auf die desfalſige Verſicherung des Wirths ging der Fremde ins Haus, und indem er mehrere Leute daruͤber befragt und dieſelbe Antwort erhalten hatte, entfernte er ſich. Der Wirth 23 redete ihm freundlich zu und hielt ihn in der Thuͤr feſt, zu dieſem aber ſagte er:„Ich will keines Menſchen Frieden ſtoͤren, lebt wohl, an Margarethens Hochzeitstag komme ich wieder.“ Dies fagend ſchritt er von dan⸗ nen. Wie es denn gewoͤhnlich iſt, daß etwas Auſſerordentliches, welches ſich an kleinen Orten begiebt, gar ſehr leicht zur Sprache kommt, ſo war ſolches auch hier der Fall. Einige Gäſte, welche im Krug verſammelt waren, erfuhren von dem alten Joſt, was ſich mit dem Fremden begeben hatte, und es dauerte nicht lange, ſo wußte man es uberall. Auch in des alten Hackerts Hauſe wurde es erzaͤhlt. Als Margarethe dieſes vernahm, wurde ſie ganz ſtill, endlich aber ſing ſie heftig an zu weinen, ging haͤnderingend im Hauſe umher und betrug ſich ganz jaͤmmerlich. Auf alle Fragen, weiche man an ſie richtete, 16* MW ertheilte ſie keine Antwort und ging, als ſie ſich der laͤſtigen Frager am Ende Si ren konnte, waldeinwaͤrts. Des andern Tages begegnete ſie dem jun⸗ gen Kuhnhart auf dem Wege, und als dieſer ſie auf die gewoͤhnliche Weiſe anredete, faßte ſie ihn bei der Hand und ſagte:„Weil Ihr denn ſchon ſo lange und ſo eifrig um mich werbt, ſd will ich denn auch endlich Eure Bitte erhoren: ich bin von nun an Eure Braut und will Euch eine getrene Haus⸗ frau ſeyn, aber in acht Tagen iſt die Hoch⸗ zeit.“ Der junge Kuhnhart war r die Maſ⸗ ſen froh, daß er endlich das Ziel ſeiner Wuͤn⸗ ſche erreicht hatte, und alle Anſtalten zur Hochzeit wurden jetzt gar eifrig betrieben. Der Foͤrſter und die Foͤrſterin, welche zu⸗ erſt von dieſer Parthie gar nicht erbaut ge— weſen waren, fanden ſich endlich darein, 245 MN weil es der heiße Wunſch ihres Lieblings war. Margarethe betrug ſich jetzt ganz an⸗ ders als vordem, ſie ſtellte ihre gewohnten Spaziergaͤnge ein, ſchien es immer recht gern zu ſehn, wenn der junge Kuhnhart zu ihr kam, und unterhielt ſich jedesmal freundlich mit ihm. Aber mehr als ein freundlicher Haͤndedruck, den ſie immer mit einer gewiſſen Heſtigkeit erwiederte, war ihm nicht erlaubt, den erſten Kuß ſolle er erſt von ihr bekommen, ſo wie ſie den Weg zur Kirche antreten wuͤrden; es hatte Mar⸗ garethen viel Ueberredung gekoſtet, ehe der ſturmiſche Kuhnhart ſich darin gefuͤgt hatte, endlich war es ihr doch gelungen. Der Sonntag, an welchem die Trauung vollzogen werden ſollte, erſchien, die Kir⸗ chenglocken toͤnten feierlich und ſtill durch den Raum, von allen Seiten wanderten Neugie⸗ rige zum Gotteshauſe nach Milau. 246 N Die Kirche war gedraͤngt voll, die jungen Burſche ſtanden in zwei Reihen von der Kirchenthure bis an die Kirchenpforte, durch welche die Brautleute kommen ſollten. Mar⸗ garethe ſtand braͤutlich geſchmuͤckt am Fenſter und harrte auf den Braͤutigam. Endlich kam dieſer mit ſeinem Pflegevater angefahren, Mar⸗ garethe empfing ihn kalt und froſtig. Der Zug in die Kirche begann, vorauf ging Oheim Hackert, dieſem folgte das Brautpaar, dann der Foͤrſter und die Foͤrſterin und die uͤbrigen Verwandten des Haufes. Als der Zug den Kirchhof betrat, erſchien der Prediger in der Kirchthuͤr, die jungen Burſche bewillkomin⸗ ten das Paar. Unter ihnen befand ſich der Fremde, der vor einigen Tagen im Gaſthof geweſen war. Dieſer ſchaute mit einein ern⸗ ſten und wehmuͤthigen Blick auf Margarethe, wobei ihm die hellen Thränen uͤber die Backen liefen. Als die Braut ſeiner anſichtig war⸗ 247 M de, machte ſie eine ſchmerzliche Bewegung gegen ihn, faßte ihren Braͤutigam an der Hand und rief mit lauter, vernehmlicher Stimme:„Gar lange, lange Zeit ſeid Ihr mir nachgeſchlichen, und ich habe Euch nim⸗ mer nachgeben wollen, endlich aber hab' ich Euren dringenden Bewerbungen nicht laͤnger zuwider ſein wollen, und habe mich Euch verlobt, aber im Rathe des Himmels iſt es anders beſchloſſen, darum verſoͤhnt Euch mit Eurem Gott, und nehmt im Angeſicht die⸗ ſer Verſammlung von meinen Lippen den Er⸗ ſten Kuß und den Letzten.“ Damit fiel ſie ihm um den Hals, preßte ihn heftig an ſich und druͤckte einen langen Kuß auf ſeinen Mund. Der Foͤrſter und ſeine Fran ſagten Margarethen einige Worte uͤber ihr auffallendes Benehmen, und der Braͤutigam ergriff ihre Hand, um den unterbrochenen Gang wieder zu beginnen, aber ſeine Fuße verſagten ihm 248 ̃ den Dienſt, ſeine Kuice brachen zuſammen und ſeine Augen ſchloſſen ſich, um nie wie⸗ der das Tageslicht zu erblicken, er ſank in die Arme der Umſtehenden. Schrecken und Angſt ergriff die ganze Verſammlung und alle wichen ſcheu und beſtuͤrzt vor Margarethen zuruͤck, dieſe aber ſagte:„Was wollt Ihr? ich habe ihn nicht getoͤdtet, es iſt die Hand des Herrn, die durch mich ihr heiliges Amt verwaltet hat. Der Friede Gottes ſei mit ſeiner Seele.“ Die Foͤrſterin weinte heftig und knieete neben den Todten hin, der Foͤr⸗ ſter trat zu Margarethen, fuhr ſie mit harten Worten an und drohte mit allerlei weltlichen Strafgerichten; da trat der Fremde aus dem Haufen hervor und wandte ſich an den Foͤr⸗ ſter, indem er das Maͤdchen an ſich zog: „Was ſcheltet Ihr das Maͤdchen?“ rief er aus,„die doch nur den Willen einer hoͤhern Allmacht vollfuͤhrt? Ihr aber habt ihrer 249 Warnung nicht geachtet, und habt einem Frenden Thor und Thuͤr aufgethan, wähe rend Euer eigner Sohn in der Welt umher⸗ irret; Ihr erkanntet einen Fremden fuͤr Euer Kind an, und nanntet Euren leiblichen Sohn todt, ohne daß Euch irgend ein Be⸗ weis daruͤber zu Haͤnden gekommen war: Darum hat der Himmel dies Strafgericht — laſſen, um Euch dafuͤr zu ich⸗ tigen:“ Hier hielt der Fremde inne, der Zör ſter aber faßte ihn ſcharf ins Auge und ſtuͤrzte mit dem Ausruf:„Anton, mein verlorner, mein wheh Anton!“ in ſeine Arme. Ein nenes Erſtaunen bemichtigte ſich der Anweſenden, und als man endlich etwas zu ſich ſelbſt gekommen war, war Marga⸗ rethe verſchwunden⸗ 17 Anton kehrte mit ſeinen Aeltern in das vaͤterliche Haus zuruͤck, aber es litt ihn nicht lange da. Eine ſtille Schwermuth hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt, alles Flehens und Bittens ungeachtet, ging er davon, er zog in den Krieg nach Spanien; man hat nie wieder etwas von ihm gehoͤrt. Erſt nach geraumer Zeit erſchien Mar⸗ garethe wieder, aber ſie zeigte ſich nie mehr oͤffentlich, ſtill und eingezogen verlebte ſie ihre Tage, ſie kam zu Riemanden, duldete auch keine Beſuche, und hat auch nie wieder irgend eine Prophezeinng kund gegeben; es ſcheint, als ob von dieſem letzten Ereigniß an die innere Stimme ihr ginuch— gen habe. Am 5ten April des Jahres Eintauſend Achthundert und funfzehn fand man ſie am Rachmittage todt in ihrem Bette liegen; Spuren von Gewaltthaͤtigkeit waren nicht 251 ſichtbar, die Haͤnde hatte ſie gefaltet, unfern vom Bette lag die Bibel auf einem Stuhl; die Wanduhr war ſtehen geblieben, der Zei⸗ ger zeigte auf fuͤnf.— 16 Sie ward in der Stille von den jungen Leuten des Dorfes beerdigt, am Abend des Begraͤbnißtages hing man einen Kranz zu ihrem Gedaͤchtniß in der Kirche auf. Als am andern Sonntag der Kuͤſter des Morgens die Kirche oͤffnete, gab ſich ihm ein ſeltſames Wunder kund: die hellen Blumen des Kranzes gluͤhten alle dunkel⸗ roth, die weißen Baͤnder waren pech⸗ ſchwarz geworden. Als er noch zitternd daſtand, ſchien der Kranz ſich zu bewegen, und die Blaͤtter rauſchten wunderbarlich zu⸗ ſammen. Der erſchrockene Kuͤſter eilte hin⸗ aus und erzaͤhlte, was er geſehen; man eilte herzu und das Wunder beſtaͤtigte ſich vor aller Augen. M M Bis auf dieſen Augenblick ſchaut man nur mit geheimer Scheu zu dem Todtenkranz der Margarethe Blum empor und mancher Mund ſeufzt unwillkuͤhrlich:„Herr, fuͤhre uns nicht in Perſuchung!“— Bei dem Verleger dieſes Werkes ſind noch folgende Schriften erſchienen: Adolphi, M., die Schwaneninſel. Eine ſchwediſche Novelle. 8. 1827. Arminia, das Dreiblatt, drei Erzaͤhlungen. 8 —— die Stiefmutter, oder Edwin und Theo⸗ dora. Eine Erzaͤhlung. 8. 1826. Buͤhren, Ad., die Erzaͤhlung auf der Flucht, fluͤchtig erzaͤhlt. 8. 1827. —— das Feuerwerk, oder die ſeltſame Be⸗ kanntſchaft. 8. 2 Thle. 1826. Erich von ulfingen. Rittergeſchichte aus dem 14ten Jahrhundert. 8. 2 Thle mit Kpfr. 1826. Ewald, das Salzbergwerk zu Wieliczka. Anhang zur Fuͤrſtentochter. 8. 1827. —— die Rabenneſter und Wachtelbuben. Erzaͤhlung aus dem Aufange des 15ten Jahrhunderts. S. 2 Thle. 1826. —— Sandſteine. Kleine Erzahlungen. iſte und 2te Sammkung. 8. 4826. —— Sandſteine. Geſammelte Erzaͤhlungen. 3r und 4r Bd. 8. 1827. Ewald, das betruͤbte Thorn.(Jahr 1724.) 8. 2 Thle. 1826. Falckh, J., Gunhilde die Wilde, oder die Waldkapelle im Hubthale. 3 Thle. 8. 1827. Fels, Robert, die Entſcheidung des Augen⸗ blicks. 8. 1826. Floraldin, Eduard, die Calviniſten in Leip⸗ zig. Eine Erzaͤhlung aus dem 16ten Jahr⸗ hundert. 3 Bde. 1827. Fluͤchtling, der unbekannte, in der Muͤhle zu Koͤrau, ein Zeitgenoſſe Luthers. Er⸗ zaͤhlt fuͤr Proteſtanten, von einem Pro⸗ teſtanten in Anhalt. 8. 1826. Hildebrand, C., Lilienſtrom und Norden⸗ ſtern. Ein kriegeriſches Gemaͤlde aus den Zeiten Karls XII. 3 Thle. 8. 1827. —— Berthold von der Nidda, oder die Hor⸗ de im Schwarzwalde. 8. 3 Thle. m. Kpfr. 1826. —— die Familie von Manteufel. Ein hiſtor. romant. Gemaͤlde aus den Zeiten Friedrichs des Großen. 8. 3 Thle. 1826. Hildebrandt, Th., Marie oder das eifer⸗ ſuchtige Geſpenſt. 3 Thle m. Kpf. 8. 1827. —— Wirthshaus im Uri⸗Thal. 2 Thle. 1827. Hildebrandt, Th., Abentheuer des Grafen von Hohenſtein. Rittergeſch. 2 Thle. 1826. —— Aurora, od. das ungluͤckliche Opfer des Mutterleichtſinns. 8. 2 Thle. 1826. —— der Brillant, oder die Raͤuberhohle im Schwarzwalde. 8. 2 Thle. 1826. —— die Doppelehe, oder das Geſpenſt zu Reichenſtein. 8. 2 Thle. 1826. Kruſe, L., die Todtenbraut oder Deodats Ge⸗ burt. 3 Thle. 2te Aufl. 8 1827. —— Waldemar der Sieger. Hiſtor. Roman . von B. S. Ingemann. Dem Däniſchen nicherzählt. 3 Thle. 8. 1827. —— die Kleinſtaͤdtereien einer großen Stadt. Aus dem Franz. 8. 4 Thle. 1826. Leibrock, A., Bligger von Steinach der Ge⸗ aͤchtete. 2 Thle. M. K. 8. 1827. —— Hermine. Eine Erzaͤhlung. Mit deren Bildniß. 8. 1826. —— Raritaͤten⸗Kabinet. Samml. der neuſt. und beſten Anekdoten. 8. 4827. —— die Familie von Kronſtein. 8. 2 Thle m. K. 1826. —— Quorato Orſini, der große Raͤuberhaupt⸗ mann. 2 Thle m. K. 1826. Melindor, He, die Raubritter; hiſt. Roman von der Kucksburg auf der Teufelsmauer. 8. 3 Thle. 1826. —— Scherz und Ernſt auf einer Badereiſe. 8. 1826. Moͤnche, die) von Leadenhall z. Zeit Heinrichs VIII., vom Verf. d. Calthorpe. Aus d. Engl. v. G. Lotz. 3 Thle. Neue Aufi. 8. 1827. Sebaldo, C., Sommerfruͤchte. Mit Vor⸗ rede von*r. 2te Aufl. 8. 1827. Sellen, G., die Zwillingsburgen, der Wei⸗ berfeind. Erzaͤhlungen. 8. 1826. Wodomerius, E., der ſchwarze Born, der Egoiſt. 2 Etzählungen. 8. 1827. —— Eliſabeth und Anna von Rußland. 2 Thle. 87 1827. —— Madame Geoffrin und Aloyſe ꝛc. 2 Er⸗ zaͤhlungen. 8. 1826. 9 17 W 8 1 6 18 1 2 8 † S leelleltlilulu 4* 5 1 . 3 2 —