9 „ Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Gduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ineeen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für uhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M 50 Pf 2 M.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Ein Nachtſtück zur See Das Peſtſchiff Die Primuth der Beimuthlosrn. Eine Uovelle aus der Weſtſee. Die Heimnth de r Beimnthloſen. t zögernder Haſt hat ſich das Fährſchiff von der ſchleswigſchen Küſte, der ſogenannten faſten Wall, ge⸗ trennt und durchſchneidet die Wellen jener fabelhaften und ſagenreichen Waſſerwelt, die von Fluth und Ebbe wechſelsweiſe auf⸗ und abgetrieben, durch die Inſelketten der großen und kleinen Halligen von der Nordſee ge⸗ ſchieden iſt. Dort liegt der größeren Inſeln eine. Höher ſteigt ſie über den Rand der Weſtſee auf. Es iſt Sylt, das wie ein langgeſtrecktes Krokodil über den Waſſern ſchwebt. Auf ſeinem Rücken erheben ſich am Ufer die Kirche von Keitum und der neue Wunderthurm von Liſt mit ſeinem weithin ſtrahlenden Leuchtfener. Welch' ein ſchützendes Bollwerk iſt das Land. Das Waſſer iſt unter demſelben ſo glatt wie ein Spiegel. Meeresſtille und hohe See. 1* — Nein! das iſt kein Waſſer mehr. Das iſt der ſchwärz⸗ lich⸗graue, breiartige Boden der Weſtſee, die mit einem Zauberſchlage unter dem Kiel der Schiffe wegrollt und die Schiffenden verdammt, eine ganze Tide und länger über zuliegen, wenn ſie das Ziel, ſo zu ſagen, mit der Hand faſſen können. Macht es, wie Ihr wollt. Ihr werdet nicht hingelangen. „Dort liegt's! Ihr könnts erreichen mit den Augen; Hinüber dringen kann der Stimme Schall, Dort iſt der Kahn, der Euch hinüber trüge!“ Aber unerbittlich weicht die Ebbe immer weiter zu⸗ rück und erſt nach langen, träge vorüberſchleichenden Stunden, ſtrömt die Fluth allmählig über die kahlen Flächen und flottet den Kiel dem Bollwerk zu, an welchem ihr landen könnt. Welche ſeltſame Welt ſind dieſe Frieſen⸗Inſeln, die von zwei Meeren umwogt werden. Auf Shylt iſt der Weg von Albue⸗Odde bis Hörnum⸗Odde eine Wande⸗ rung, die einen nicht verlöſchenden Eindruck bei dem Wanderer zurückläßt. Er führt um den mit der Nordſee gränzenden Theil der Inſel und iſt mit einem Kranz von mächtigen Dünen umgürtet, gegen deren Fuß die Meeres⸗ wogen unaufhaltſam heranrollen und den dampfenden Giſcht bis zu den Gipfeln emporſchleudern. Welch' ein Blick von dieſen Dünenhäuptern in das Unermeßliche! Die unabläſſig wogenden Maſſen ſtrömen von drei Küſten zugleich heran. Jene Woge rollt von Norwegen herüber, dieſe von Schottlands Geſtaden, und die Welle, die keck zu Euren Füßen aufbrandet, bringt Euch einen Gruß von Englands Kreidefelſen. In einem der über das Eiland verſtreuten Dörfer, in dem lieblichen Weſterland, finde ich eine vorüberge⸗ hende Heimath. Ich wohne in einem der längs der Straße hingeſtreckten einſtöckigen Häuſer mit den hohen ſchmalen Giebeln in der Mitte, auf deren Spitze die Wetterfahne ſich kreiſchend dreht. Dieſe Häuſer, ſammt den daran ſtoßenden Gärten, von hohen Stein⸗ und Erd⸗ wällen umſchloſſen, ſind das Wahrzeichen des unantaſt⸗ baren Beſitzthums der Inſelfrieſen, in langer Reihe von dem Vater auf den Sohn vererbt. Die ſorgende Freundeshand führt mich in meine Stube. Nein, das iſt keine Stube. Das iſt eine Kajüte. Der frieſiſche Seefahrer, wenn er von ſeinen jahrelangen Kreuzzügen heimkehrt, will die Erinnerung an ſeinen früheren Stand ſtets unmittelbar vor Augen haben. Darum ſind die Gemächer ſeines Hauſes wie kleine wohn⸗ liche Kajüten eingerichtet. Die hölzerne Decke derſelben wird von ſchweren Balken getragen, die auf den Seiten⸗ mauern ruhen. Dieſe, ſammt den Holzbekleidungen, welche bis zu einem Drittheil vom Fußboden ab die Wände hinanſteigen, ſind mit hellen Farben angeſtrichen. Der übrige Theil der Wände iſt mit weißen, glaſirten Fliefen belegt, die man Aſtern nennt, wahrſcheinlich, weil ſie in der Regel mit farbigen Sternen bemalt ſind, oder die Form eines Sternes haben. Keine Bettſtelle beengt den Raum. Wie Schiffskojen ſind die Schlafſtätten, zwiſchen den Wänden angebracht und daneben findet ſich Spinde an Spinde, worin die Haus⸗ und Wirthſchafts⸗ geräthe aufgeſtellt ſind. Und ſelbſt die Bank, worauf Du ſitzeſt, iſt eigentlich eine große Lade, worin die Haus⸗ frau ihre Schätze an Leinen⸗ und Wollenzeug ſammelt. O, dieſe Hausfrauen! Sie find es im wahrſten Sinne. Sie ſchaffen und wirken in des Wortes eigent⸗ lichſter Bedeutung. Das Bett, worauf ſie ruhen, das Kleid, welches ſie und die Ihrigen vor der rauhen Wit⸗ terung ſchützt, ſind das Werk ihrer Hände. Der Inſel⸗ frieſe bleibt innerhalb ſeines Burgwalles von Allen un⸗ abhängig, weil er von ihnen unabhängig ſein will. Was er von den Vätern überkommen, das hält er aufrecht, ohne daran zu rütteln; der ächte Vertreter des Ueber⸗ lieferten, ein treuer Hüter des Geſetzes, ein König auf ſeinem Erbe. Von vielen Fenſtern glänzen die Häuſer„wohnlich hell.“ Aber, wie am Bord, iſt in jedem Raum nur eines zum Auf⸗ und Zumachen eingerichtet, um friſche Luft einzulaſſen. Die Andern ſind in die Mauern feſt eingefugt, um den Herbſtſtürmen und den Winterfröſten den Einzug ſoviel als möglich zu erſchweren. Und damit ſich der Seemann in dieſen Kajüten des Feſtlandes überall kundgebe, ſchaukelt unter der Decke der ſauber polirte Compaß, über der Thür ruht auf . meſſingnen Klammern das Fernrohr, welches der Capitains⸗ Junge den Kieker nennt und an der Südſeite hängt eine, mit hellen Waſſerfarben gemalte Bark oder Brigg, an deren Bord der Herr dieſes Hauſes einſt als Com⸗ mandant hauſte. Der Tiſch iſt gedeckt. Die Gläſer werden mit feu⸗ rigem Weine gefüllt, denn der frieſiſche Seemann weiß einen kräftigen Trunk zu würdigen. Man reicht mir das ſchimmernde Glas; man klingt mit mir an; man begrüßt mich mit ſchallendem Handſchlage und mit einem frommen Spruch. Die Gaſtfreunde möchten mich feſſeln an dieſen Platz. Aber ein guter Seemann gehört nicht in die Kajüte, ſondern auf Deck. Aus dem Kreiſe froher Menſchen, die mit rührender Sorge dem Wanderer die Stätte bereiteten, trete ich hinaus in das Freie. Es duldet mich nicht innerhalb jener Wände. Mich lockt die See mit ihrem fernhintönenden Syrenen⸗Geſange. Die Nordſee ruft, die mir das Wiegenlied geſungen. Mir winkt die Geſpielin meiner Kindheit, die mir erzählen will von vergangenen Tagen, wie ſie abwechſelnd mit mir zürnte und mich verhätſchelte. Sie ſingt von den Wunderſchiffen und deren Helden, welche vor Jahrhunderten an dieſer Küſte hauſten; von den ſteingethürmten Gräbern derſelben, woran ich eben jetzt vorüber ſchreite. Und zwiſchen dieſen Gräbern hindurch führt der Weg zu einem andern Grabe. Es iſt ein Friedhof, fern von der Stätte der Menſchen. Ein mäßig großes Stück Erde, von einem ſchützenden Wall umſchloſſen, darüber ſteht die Inſchrift: „Heimathſtätte für Heimathloſe.“ Der chriſtliche Sinn der Inſulaner hat dieſen Kirch⸗ hof für die Leichen unbekannter Schiffbrüchiger herge⸗ richtet, die von der See an ihre Küſte geworfen werden. Den Heimathloſen iſt hier eine Stätte bereitet. Und der Vater im Himmel, der auf dieſes Chriſtenwerk mit Wohl⸗ gefallen herabſchaut, hat den dunklen Erdwall, der den Friedhof umgürtet, mit zarten Gräſern und Blüthen ge⸗ ſchmückt. Zunächſt der Thür ſproßt eine Glockenblume. Sie läßt ihre blauen Glöckchen vom Winde läuten, und mir iſt, als ob ein leiſes Klingen mir geböte, einzu⸗ treten, mich niederzulaſſen auf den zuletzt aufgeworfenen Hügel und zu hören, was die unſichtbaren Stimmen mir zuflüſtern. Und dies iſt, was ich im wachen Träumen, unter dem Säuſeln der Blumenglocken, vernommen. Meinert Heick galt für einen Sylter mit Leib und Seele. Er war ein Inſelfrieſe wie keiner. In ſeiner Jugend pflügte er die See. In reiferen Jahren nahm er ein Weib und pflügte den ererbten Acker. In der Gemeinde, zu welcher er gehörte, war er gleichberechtigt mit allen Andern. Innerhalb der Umwallung ſeines Hauſes ein unumſchränkter Gebieter. Was darin athmete, war ſeinem Willen unterthan. Meinert Heick hatte einen Sohn. Er hieß Dirk; ein friſches, fröhliches Herz. Das Beſitzthum war nicht groß genug, um zwei Herren zu ernähren, darum ging Dirk Heick zur See, denn der Inſelfrieſe verdingt ſich Niemandem als Geſinde, ſondern geht lieber in die weite Welt, um dort ſein Glück zu ſuchen. Aber bevor Dirk Heick das Eiland verließ, trat er ſeinen Vater an, der eben mit dem Stiergeſpann von der Weide kam und ſagte: „Mit Verlaub vor Euch zu ſprechen, Vater.“ „Du haſt Verlaub. Was willſt Du?“ „Der Herbſt kommt heran und dann findet man in Flensburg oder Altona leicht eine gute Heuer. Darum möchte ich fort.“ „Thue das, Dirk Heick. Sieh Dir die Welt an. Vergiß aber draußen nicht, daß es auf Erden nichts Schöneres giebt, als unſer Eiland. Haſt Du Dich dann in andern Welttheilen genug umgethan und einen Thaler für Deine alten Tage geſpart, dann komme hierher zu⸗ rück, und nimm Haus und Hof von mir, wie ich es von meinem Vater übernommen habe. Trenne nichts davon ab und füge nichts hinzu. Es iſt gerade groß genug für einen frieſiſchen Mann und die Seinen.“ 1 „Für einen frieſiſchen Mann und die Seinen hat der Vater geſagt. So meine ich es auch. Es wird eine geraume Zeit dauern, bevor ich mich am eignen Heerde niederlaſſen darf, aber ich denke gern daran. Und dann halte ich mich an das Wort, was unſer guter Paſtor neulich ſagte.“ „Was hat der Herr Paſtor geſagt?“ „Jedes Ding hat ſeine Zeit, ſagte er zu mir. Das Saamenkorn, welches in die Erde geſenkt wird, wächſt nicht in derſelben Stunde zum Baume heran. Es keimt nur allmählich, aber dann auch um ſo kräftiger. Darf ich Ihm zum Abſchiede noch etwas ſagen, Vater?“ „Ein offnes Werk braucht nicht umkleidet zu werden. Nur das Nichtswürdige verſucht Winkelzüge zu machen. Ich fürchte, Dirk Heick, was Du mir ſagen willſt, iſt nicht viel nütze, da Du mit der Kelle um den Brei herum gehſt, ſtatt ihn aufzuſchüſſeln.“ „Mir iſt wunderlich zu Sinn, Vater. All mein Hoffen habe ich auf unſers Nachbars Tochter, auf Inken Bork geſetzt.“ „Daraus wird nichts!“ entgegnete der Vater hart. „Ich will es nicht haben.“. „Durchaus nicht?“ fragte der Sohn zitternd.„So will Er auch nicht haben, daß ich glücklich werde; und Er will mir auch nicht ſagen, warum ich die Dirne nicht kriegen ſoll?“ „Wenn der Vater ſagt, ſo ſoll es ſein, hat der Sohn nach keinem Warum zu fragen. Aber ich ſage es Dir aus eigenem Antriebe. Jens Bork iſt ein höfiſcher Mann. Er hat lange Zeit in Jütland gelebt; hat ſich vor den däniſchen Herren gebückt und iſt ihnen dienſt⸗ bar geweſen um Knechteslohn. Mit einem ſolchen Höfiſchen hat ein ächter frieſiſcher Mann nichts zu ſchaffen. Schlage Dir alſo die Geſchichte aus dem Sinn.“ „Iſt das Sein letztes Wort, Vater?“ fragte der junge Mann mit bebenden Lippen. „Es iſt mein letztes.“ „Dann lebe Er wohl, Vater. Er giebt mir Fluch, ſtatt Segen mit auf die Reiſe. Sein Haus wird ver⸗ waiſt bleiben, wenn ich gegangen bin, denn ich will nicht wieder dahin zurückkehren.“ „Was ſagſt Du, Burſche?“ fuhr der Vater auf. „Daß ich nicht wieder über eine Schwelle ſchreiten will, die einem Manne gehört, welcher mein Lebensglück mit Füßen tritt. Ich ſcheide mich von Ihm, Vater. Er ſieht mich nicht wieder.“ Dirk Heick ging. Der Vater war von dem Uner⸗ warteten ſo überraſcht, daß es ihm nicht in den Sinn kam, den Sohn zurückzurufen. Der junge Geiſtliche von Weſterland kam aus der Kirche. Oft pflegte er, wenn die äußere Welt ihn in ſeinen Betrachtungen ſtörte, die Kirche zu öffnen und dort ſeinen frommen Gedanken ungeſtört nachzuhängen. War dann ſeine Seele freudiger Empfindungen voll, trat er in den dämmernden Abend hinaus und inmitten der unendlichen Einſamkeit am öden Seeſtrande ſenkte ſich ein himmliſcher Frieden auf ihn herab. In dem Hauſe des Geiſtlichen war es ſtill. Noch war er unverheirathet, aber er ſehnte ſich nach einer Ge⸗ hülfin, die um ihn ſei. Unter den gungfrauen der Ge⸗ meinde war Inken Bork, die einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Ihr Vater hatte es wohl bemerkt und es ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit, daß der Geiſtliche, der vvn Allen geliebt und geehrt wurde, das Auge auf ſein Kind lenkte. Aber er dachte auch:„Wenn es ihm mit der Dirne Ernſt iſt, kann er, wie der Brauch es verlangt, um ſie werben. Ich gehe ihm keinen halben Schritt entgegen.“ Der Geiſtliche wagte nicht, ſeinen Gefühlen Wort zu geben. Er hatte das Mädchen öfter mit dem jungen Dirk Heick ſprechen ſehen und jedes Mal, wenn die Bei⸗ den zuſammen ſtanden, hatten ſie nur Auge und Ohr für ſich. Eine ſtille Trauer umdüſterte das Gemüth des Geiſtlichen von der Stunde an, da er ſ Entdeckung machte. Einmal redete er ſie an. Verlegen ſtotterte ſie eine Antwort und fragte mit brennenden Wangen, ob es 13 Sünde ſei, in der Liebe zu einem jungen Manne z beharren, wenn der Vater dieſer Liebe entgegen wäre? „Ehre Vater und Mutter, auf daß es Dir wohlgehe und Du lange lebeſt auf Erden!“ flüſterte der Geiſtliche kaum hörbar und ſchwieg dann. Er hatte auf die uner⸗ wartete Frage in dieſem Augenblick keine andere Antwort bereit. Inken Bork aber achtete auf ihn nicht weiter, denn ſie erblickte Dirk Heick, der über die nahe Koppel kam und eilte ihm mit freudeſtrahlendem Geſichte ent⸗ gegen. In ſich gekehrt, bleich und mit wankenden Knieen betrat er die Pfarrwohnung. Niemand hat erfahren, was dort zur Nacht geſchah. Keiner hat die Thränen gezählt, die dort floſſen, während er die mächtig keimende Neigung, die keine Erwiederung fand, niederkämpfte. Nur Er, deſſen Auge in die tiefſte Verborgenheit dringt und vor dem die dichteſte Finſterniß iſt, wie der hellſte Tag, weiß um die Kämpfe jener Stunden. Aber als am andern Morgen der junge Geiſtliche hinaustrat in den ſonnigen Tag, ſtrahlte ein himmliſcher Friede von ſeinem Angeſichte wieder und ein ſeliges Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen. Es war Sonntag. Die Glocke läutete hell und aus allen Tyüren traten die Gemeindeglieder, mit dem Ge⸗ ſangbuche in der Hand. Als der Geiſtliche aus dem Pfarrhauſe kam und an der Kirchhofspforte Inken Bork neben ihrem Geliebten erblickte, grüßte er ſie freundlich. Und als der Gottesdienſt geendet war und die Zuhörer ſich darüber einigten, daß der Herr Paſtor noch nie ſo eindringliche Worte geſprochen habe, ging dieſer zu den Vätern der jungen Leute, nahm Beide mit ſich und ſuchte ihre Einwilligung zu erlan Sie aber blieben bei ihrem Sinn. Jens Bork ſagte ſpöttiſch: Er ie gemeint, der Herr Paſtor erſcheine für einen ganz Andern als Frei⸗ werber und der wäre ihm willkommen geweſen; nun aber brauche er ſich nicht weiter zu bemühen. Meinert Heick vermaß ſich in ſeinem Stolze, indem er ſagte, er werde die Heirath nicht zugeben, wenn auch die Sterne vom Himmel fielen und ihm Haus und Hof verſengten. Da ließ der Geiſtliche ab mit Bitten und ſtrafte den Frevler mit ſtrengen Worten. Der aber hörte kaum darnach hin und Zens Bork ſagte im Baßbti⸗ ſchreiten: „Sollen die Sterne lieber Dein Haus verbrennen, ehe Dein Junge meine Dirne heirathet, ſo ſoll die Nordſee mir Haus und Hof wegſchwemmen, ehe ich leide, daß meine Tochter Deinen Jungen kriegt, und wenn Du ſie auf den Knieen von mir erbettelſt. Da haſt Du Deinen Beſcheid.“ Von den Vätern hatte der Geiſtliche abgelaſſen, da ſie ſeine liebreichen Ermahnungen verlachten und der ernſten Warnung ſpotteten. Aber auch die jungen Leute hörten nicht auf ihn. Von ihrer brennenden Leidenſchaft fortgeriſſen, blieben ſie taub für alles Andere, und nur wenn ſie zuſammen waren, fanden die erregten Gemüther wenigſtens äußerlich einige Ruhe. Weil ſie ſich aber öffentlich nicht ſehen durften, ſuchten ſie heimlich zu⸗ ſammen zu kommen. Und wie ſchwierig dies auch bei der Abgeſchloſſenheit der Inſulaner ſein mochte, gelang es ihnen doch zum öftern, ſich unbemerkt zu treffen, denn Liebe findet ihre Wege. Zu Tinum, dem angrenzenden Dorfe, war es, wo damals ein Mann lebte, aus deſſen Treiben kein Menſch klug werden konnte, und ſelbſt der Herr Landvoigt, der allda ſeinen Sitz hatte, wußte wenig mehr von dem Manne, als daß er Frerk Hanſen hieß und einen Theil ſeines Lebens auf der See zugebracht hatte. Seine Hütte war geringe, und das Feld, welches ſie umgab, ſo klein, daß es kaum eine Kuh ernährte. Und doch hatte er ſtets des Leibes Nothdurft und fiel Niemandem zur Laſt. Weil er überdies ein ſtiller Mann war, der nie ungerufen den Weg eines Nachbars kreuzte, ließ man ihn gewähren. Aber im Stillen dauerte das Gerede über dieſen Mann unter den Leuten fort. Frerk Hanſen war kein Inſelfrieſe. Er war nach Sylt gekommen; Niemand wußte, woher. Einige hielten ihn für einen Finnen, der den Wind zu ändern und das Wetter zu beſchwören vermöge. Andere ſagten, er ſei ein Jüte, der das Vieh verhere und böſe Zauberkünſte ausüben könne, wenn er nur wolle. Einige glaubten auch, er habe ein Bündniß mit dem Teufel, der ihm Geld durch den Schornſtein zuwerfe. Jemand, der in der Dunkelheit von einem luſtigen Schmauſe heimkehrte, wollte ſogar geſehen haben, wie Herzog Abels wilde Jagd an Frerk Hanſens Hauſe vorbeigezogen ſei und einer der wilden Jäger einen großen Schinken über den Wall geworfen habe. Nun wiſſe man doch, hieß es, von wem Frerk Hanſen zu eſſen kriege, denn von der Milch, die ſeine magere Kuh gebe, könne er nicht ſatt werden. Aber das Geheimnißvolle zieht an. Wer bei irgend etwas Verſtecktem vorübergeht, möchte gar zu gern den verhüllenden Schleier heben. Daher geſchah es, daß der einſame Mann in Tinum, der öffentlich von allen Leuten vermieden ward, in der Stille manche Beſuche empfing. Wer in ſeiner Bekümmerniß ſonſt nicht aus noch ein wußte, ſchlich im Dunkel der Nacht zu ihm, um ſich Raths zu erholen, und ſelten ging Jemand ohne Hülfe davon. Mochte die Sache auch noch ſo verzwickt ſein, er wußte ſtets einen Ausweg zu finden. An dieſen Helfer in der Noth dachten auch Inken Bork und Dirk Heick. Aber ſo groß war die Scheu, welche die Liebesleute vor Frerk Hanſen empfanden, daß ſie es nicht wagten, ſich ihr Vorhaben anzuvertrauen, ſondern ſie gingen, ZJeder für ſich, in derſelben Nacht von Weſterland aus den ſchmalen Steig, der über das einſtige Heideland nach Tinum führt. Als ſie ſich auf der Schwelle begegneten, erblaßten ſie und Keiner wagte, ein lautes Wort zu ſprechen. Frerk Hanſen aber führte die Gäſte zum Feuer und ſagte: „Was ſein ſoll, ſchickt ſich wohl und ich kann zwei Fliegen mit einer Klappe ſchlagen, denn, was Ihr bei mir wollt, kann ich mir denken.“ Da ſchwand die Scheu mit einem Male und Dirk Heick rief mit lauter Stimme: „Hilf uns in unſrer Noth und ich will Dir geben, was Du nur verlangſt; es mag kommen, woher es will.“ „Da iſt viel zu helfen!“ ſagte Frerk Hanſen, ſich auf ein umgeſtürztes Faß ſetzend und die Beine von ſich ſtreckend.„Wenn Eure naſſen Augen und des Prieſters fromme Reden die Alten nicht herum kriegen konnten, wird es mir noch weniger gelingen. Sie wären wohl gar im Stande, mich mit Hunden fortzujagen, wenn ich an das Hofthor pochte. Das iſt ausgemacht, Ihr junges Volk; hier werdet Ihr nie ein Paar werden, denn in keiner Shlter Kirche trauen ſie Euch. Damit iſt aber noch nichts verloren....“ Frerk Hanſen hielt inne und ſah Beide mit einem ſchlauen Seitenblick an. Dirk Heick gab ihm tauſend gute Worte und auch die Dirne ſtreifte den letzten Reſt von Furcht ab und bat ſchmeichelnd, er möge nicht länger Meeresſtille und hohe See. 2 — 18 ½ ſchweigen, ſondern mit dem guten Rathe herausrücken, den er doch gewiß zur Hand habe. Der Alte bog den Kopf etwas vorn über und flüſterte ihnen zu: „Daß Ihr auf Sylt nicht Mann und Frau werden könnt, wußtet Ihr, ehe ich es ſagte. Wer hindert Euch aber, nach der faſten Wall hinüber zu ſteuern, wo die Leute nicht ſo eigenſinnig ſind? Es wird auch anderwärts Brod gebacken, als auf Weſterland.“ Wie Schuppen fiel es den Beiden von den Augen. Dirk Heick jauchzte vor Freuden laut auf und Inken Bork ſchmiegte ſich mit leuchtenden Augen an ihn. Frerk Hanſen aber ſagte: „Die Leute ſprechen immer, guter Rath ſei theuer; ich aber gebe den meinigen umſonſt. Da Ihr nun auf die See hinaus müßt, bedürft Ihr eines Zeichens, woran Ihr Euch wiederfindet, wenn Ihr Euch in der weiten Welt von einander verirren ſolltet. Thue die Jacke her⸗⸗ unter, Jungkerl und zeige mir Deinen Arm.“ Dirk Heick that, wie ihm geheißen wurde und ſtreckte den Arm von ſich. Der Alte betrachtete denſelben auf⸗ merkſam und ſagte: „Weißt Du nicht, daß jeder Seemann ein Wahr⸗ zeichen an ſich tragen muß, woran er in der Fremde zu erkennen iſt? Mit der Nadel wird es ihm eingeimpft und mit Pulver ſchwarz gebrannt. Dies Liebeswerk will ich bei Euch verrichten und Ihr könnt bei der Gelegenheit 9— gut machen, was ich bei dem Rath, den ich Euch umſonſt gegeben, zu kurz kam. Setzt Euch!“ Die letzten Worte ſprach er mit gehobener Stimme, indem er ſich aufrichtete. Die jungen Leute gehorchten dem Befehl. Frerk Hanſen begann ſein Werk und ſagte dabei: „Ich brenne Dir ein Herz in den Arm, aus welchem eine große Flamme aufſchlägt. Das bedeutet die Liebe, die Euch verzehrt. Und mitten durch das Herz ziehe ich einen Pfeil, das ſtellt das Leid vor, welches Ihr tragen mußtet. Die Menſchen werden ſagen, es ſei ein heid⸗ niſches Zeichen, aber was Eure Väter an Euch thun, iſt auch nicht chriſtlich. Ueber Alles aber iſt es die Wahr⸗ heit und damit gut.“ Dirk Heick ſaß da, wie ein ſteinern Bild. Inken Bork zuckte klagend zuſammen, wenn die ſcharfe Nadel ſie traf und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Aber ſie ſchwieg und nur, als das eingeſtreute Pulver hell auf⸗ blitzte, konnte ſie einen Schmerzensſchrei nicht unterdrücken. In dieſem Augenblicke erſchien der Pfarrer auf der Schwelle. Entſchloſſen ging er vor und rief mit heller Stimme: „Haltet ein, in Chriſti Namen! Welches Teufels⸗ werk treibt Ihr um Mitternacht?“ „Wer unterſteht ſich, hier einzudringen und mich an meinem Heerdfeuer zu Rede zu ſtellen?“ rief der Alte, 25 ſich unwirſch erhebend. Als er aber den geiſtlichen Herrn erkannte, bückte er ſich tief vor demſelben und ſprach: „Verzeiht mir die harten Worte, ehrwürdiger Herr; aber ich habe Euch nicht gekannt. Ihr ſeid mir in mei⸗ ner armen Behauſung viel tauſend Mal willkommen und es thut mir nur leid, daß ich Euch nicht ſo aufnehmen kann, als es ein ſo vornehmer Beſuch verdient. Was aber das Teufelswerk betrifft, von dem Ihr redetet, ſo iſt mir davon nichts bewußt. Es geſchah hier nur, was überall vorkommt, wo Leute, die ſich auf See begeben, ein Wahrzeichen mit ſich nehmen. Die Beiden da ſind von mir gezeichnet und Ihr mögt ſelbſt urtheilen, ob ich ein gutes Stück Arbeit geliefert habe, oder nicht?“ Der Geiſtliche ſah die jungen Leute mit tiefer Be⸗ trübniß an und ſagte: „Wie konntet Ihr Euch ſo ſehr vergeſſen? Wer das Licht auf ſeinen Wegen ſcheut, wandelt im Argen. Ein 2 heidniſches Werk hat dieſer Mann an Euch vollbracht, und wer weiß, was noch geſchehen wäre, hätte ich nicht zufällig geſehen, daß die Dirne das Gehöft des Vaters verließ. Da bin ich, von banger Ahnung getrieben, ihr gefolgt, ſo ſchnell ich nur konnte. Anfangs verlor ich die Spur, aber ich bin, Gott ſei Dank, noch früh genug ge⸗ kommen, um das Aergſte zu verhüten.“ „Euer Ehrwürden ſind ſtets fleißig bei der Hand mit guten Werken und mit guten Worten,“ ſagte Frerk Han⸗ ſen, ſpöttiſch lachend.„Aber das Herz und den Pfeil werdet Ihr doch nicht von dieſen Armen herunterpredigen. Und die Flamme, die aus dieſen Herzen herausſchlägt, wird fortbrennen, ſo lange die Beiden noch einen Athem⸗ zug in der Bruſt haben.“ „Schweigt, Ihr gewiſſenloſer Spötter,“ entgegnete der Geiſtliche mit großem Ernſte.„Dies iſt Eure letzte Frevelthat. Fortan wird man Euch ſtrenge überwachen und die Diener des Voigts werden Euern Schritten fol⸗ gen. Aber auch dies letzte Werk ſoll nicht beſtehen blei⸗ ben; ich mache es zu Schanden. Rührt Euch nicht von der Stelle, Ihr Unſeliger, ſonſt laſſe ich Euch noch in dieſer Nacht feſtnehmen. Ihr wißt es, der Landvoigt wohnt nicht weit.“ Frerk Hanſen biß die Zähne zuſammen und ballte in ſeinem Grimm die Fäuſte. Aber er wagte es nicht, den Befehlen des Geiſtlichen zu trotzen, denn vor den Die⸗ nern des Voigts hatte er große Furcht. Darum blieb er mit übereinander geſchlagenen Armen am Heerde ſte⸗ hen und zog die Stirn in dichten Falten, als er ſah, wie der Geiſtliche die Beiden zu ſich rief, und ſich der um⸗ herliegenden Werkzeuge bediente. Er impfte ihnen das Kreuz des Glaubens ein, gekreuzt mit dem Anker der Hoffnung und als er ſein Werk vollendet hatte, ſagte er: „Kehret heim und unterwerft Euch dem Willen des Himmels, der durch den Mund Eurer Väter zu Euch ſpricht. Gehorſam ſei Euere Zierde. Wer die Eltern nicht ehrt, verachtet auch die Gebote Gottes.“ 22 Er redete noch viel und eindringlich zu Beiden, wäh⸗ rend Frerk Hanſen ſich auf ſein Lager warf und in das allmählich verlöſchende Feuer blickte. Als darauf der Geiſtliche mit einer eindringlichen Ermahnung ſchloß, nahm er die Hand des Mägdleins und indem er den jungen Mann voran gehen hieß, geleitete er die Jungfrau nach dem Hauſe des Vaters. Sie blieben unterweges ſtill und auch bei'm Abſchiede wechſelten ſie kein Wort. Aber die Bitten des Geiſt⸗ lichen hatten wenig gefruchtet. Dirk Heick fuhr am an⸗ dern Morgen mit dem Fährſchiffe vor aller Menſchen Augen nach dem Feſtlande, um ſein Glück zu machen und Jeder, der am Strande war, hörte, wie er ſich hoch und theuer vermaß, er werde nun und nimmer lebend nach Shlt zurückkehren. Das Vatererbe möge ſeinet⸗ halben nehmen, wem es behage; er wolle keine Hand darnach ausſtrecken. Und wenn es in Schutt und Staub zerfalle, ihm ſei es recht. Mit ſolchen frevelnden Worten, die von dem Fähr⸗ boot⸗Deck höhnend herüber tönten, ſchied Dirk Heick auf Nimmerwiederſehen. 3 Drei Tage darauf war ganz Weſterland in Aufruhr. Der alte Jens Bork wüthete im Orte herum und be⸗ gehrte, in jedes Haus gelaſſen zu werden, um nach ſeiner Tochter zu ſuchen. Sie ſei verſchwunden und Niemand Anders, als Dirk Heick habe ſie ihm geſtohlen. Er ver⸗ wünſchte Alle, die dabei ihre Hand im Spiele gehabt, — und ſchwur, er werde die ungerathene Dirne ſchon zu finden wiſſen. Aber er fand Niemand; weder die Dirne, noch den⸗ jenigen, der ihr zur Flucht behülflich war. Sie blieb verſchollen und, wie ihr Liebſter, ſchwand ſie allmählich aus dem Gedächtniß der Menſchen. In dem Schifferhauſe zum goldenen Anker, welches in der großen, allbekannten Seeſtadt auf der Spitze des Hafendammes liegt, war eine lebhafte Bewegung. Von dem Signalthurme her kam die Nachricht, daß die „Nummer Sieben“ im Anſegeln begriffen ſei. Die Nummer Sieben aber bezeichnete das Vollſchiff„Fortuna“ ge⸗ führt vom Capitain Dirk Heick. Dieſes Schiff war erſt vor fünf Monaten nach dem däniſchen Weſtindien, mit einer koſtbaren Ladung befrachtet, in See gegangen. Und jetzt ſollte es ſchon zurück ſein, ohne die geringſte Havarie und ohne einen Verluſt an Mannſchaft gehabt zu haben. Es konnte nicht ſein. und doch war es ſo. Der Lootſen⸗ Commandeur hatte es geſagt und der Hafenmeiſter be⸗ ſtätigte es. Man brauchte nur vor die Thür zu treten, um die„Fortuna“ binnen holen zu ſehen und zu gewah⸗ ren, daß der Capitain die Staatsſchaluppe beſtieg, um der Rhederei von dem Ses ſeiner Reiſe Bericht zu erſtatten. n Ein alter Capitain, der vor einigen Monaten mit ſchwerer Havarie binnen kam, und nachdem er den Scha⸗ den gebeſſert, vergebens auf eine Fracht wartete, brummte vor ſich hin: „Nun iſt es das dritte Mal. Ich glaube, der Kerl könnte nach Spitzbergen verſegeln und ſtatt im Eiſe um⸗ zukommen, brächte er von dort eine Ladung Roſinen und Mandeln heim.“ „Das mögt Ihr wohl ſagen,“ fiel ihm ein Leidens⸗ gefährte in's Wort.„Und ſo ein hergelaufener Burſche nimmt uns Inländern das Brod vom Munde weg.“ „Ihr wißt gewiß mehr von ihm, Landsmann? Theilt es mir mit. Iſt es nicht ein Frieſe?“ „Ja. Er ſoll von Föhr, oder da herum ſein. Wer kann die Namen aller dieſer Halligen behalten? Da kommt der Schiffsmakler Böhmer. Er hat eine Fracht für mich in Ausſicht. Wollen hören, was er ſagt. Nun, Herr, wie ſteht es? Was für Hoffnungen wegen der Fracht, wovon Ihr ſpracht?“ „Keine beſonders glänzende) lieber Capitain,“ ant⸗ wortete der Makler im raſchen Vorübergehen.„Als ich mit dem Befrachter geſtern davon ſprach, ward gerade die„Fortuna“ angeſagt. Da brach der Herr die Unter⸗ redung ab und meinte, er wolle erſt hören, ob er nicht jenes Schiff bekommen könne.“ 5 Der um ſeine Hoffnungen betrogene Schiffer mur⸗ melte eine Verwünſchung vor ſich hin und der Capitain der„Fortuna“, der gerade vorüberging, konnte ſich keines beſonders höflichen Grußes rühmen. Dirk Heick hatte daraus wenig Arg, machte ſeine Meldung im Comtoir, empfing daſelbſt große Lobeserhebungen und kehrte an Bord zurück. Allenthalben war man des Rühmens voll und jedes an ihn gerichtete Wort war eine Schmeichelei. Er hatte für Jedermann eine höfliche Erwiderung, konnte aber eine gewiſſe Ungeduld nicht unterdrücken und ſobald es nur irgend anging, zog er ſich in ſeine Kajüte zurück, einem Manne winkend, der ihm auf dem Fuße folgte. „Ich bringe auch dieſes Mal keinen Beſcheid,“ ſagte dieſer eintretend.„Alle meine Nachforſchungen ſind ver⸗ geblich geblieben.“ „Keine Nachricht?“ rief der Capitain erbleichend. „Nicht die geringſte,“ war die Antwort.„Ihr kennt mich genugſam und wißt, daß ich mir keine Mühe ver⸗ drießen laſſe. Ich habe ſelbſt eine Reiſe nach Sylt un⸗ ternommen und Ihr wißt, was das heißen will, ſowohl der Strapatzen, als auch der Leute wegen, die jeden Fremden mit Erſtaunen anblicken und nicht begreifen, was er bei ihnen will. Vielleicht, dachte ich, iſt Euer Weib von Reue ergriffen, zu den Ihrigen zurückgekehrt. Aber nichts von dem Allen. Ihr Vater iſt dem Eurigen in die Ewigkeit nachgefolgt und ihr Erbe ſteht verwaiſt. Von Euerm Weibe wollte Keiner etwas gehört haben.“ „Alles umſonſt!“ ſagte Dirk Heick mit tiefem Schmerz und drückte die Hand gegen das lautſchlagende Herz. „Ich habe auch den böſen Geſellen, den Frerk Han⸗ ſen aufgeſucht,“ fuhr Jener zu erzählen fort; aber nichts von ihm erfahren. Er ſagte mir nur, wenn ich Euch ſähe, möchte ich ſagen, die Verwünſchungen Eures Va⸗ ters wären in Erfüllung gegangen. Ich weiß nicht, was er damit meinte, aber ich muß Euch leider melden, daß Euer väterliches Gehöft bis auf den Grund abgebrannt iſt und zwar, ſeltſam genug, in einer Nacht, da ein gro⸗ ßer Sternſchnuppenfall geweſen iſt. Das Geweſen des alten Jens Bork aber iſt ein Opfer der letzten Sturm⸗ fluth geworden.“ Bei dieſen Worten gedachte Dirk Heick an den Schwur des Vaters, daß die Sterne vom Himmel fal⸗ len und ſein Haus verderben ſollten, ehe die Heirath zu Stande käme, ſammt Allem, was Jens Bork darauf ent⸗ gegnete. Er bat den Mann, ihn allein zu laſſen und brütete vor ſich hin, der vergangenen Freuden und Lei⸗ den gedenkend. Wie waren die Erſteren ſo kurz und die Andern ſo lang. Dirk Heick und Inken Bork hatten das heimiſche Eiland verlaſſen. Sie kamen in Gegenden, die ihr Fuß nie vorher betrat. Mit Mühe gelang es ihnen, ihre Heirath zu ſchließen, und den eignen Heerd zu gründen. Dirk Heick fuhr zur See, aber er unternahm nur kurze Reiſen, um bald wieder bei ſeiner Frau zu ſein. Waren die Beiden von einander getrennt, vermeinten ſie, die Sehnſucht möchte ihnen ſchier das Herz zerſprengen; — * wenn ſie ſich aber wieder hatten, war die Freude zwar ſtürmiſch, doch verrauchte ſie bald. Es kam ihnen ſtets vor, als ob irgend etwas Unſichtbares, etwas Unheim⸗ liches ſich zwiſchen ſie dränge. Das war der Fluch der Väter, der ihnen über See und Land folgte. Da faßte Dirk Heick einen raſchen Entſchluß. „So kann es nicht fortgehen,“ ſagte er zu ſeinem Weibe.„Der ſchmale Erwerb reicht nirgends aus und wir richten uns gegenſeitig zu Grunde. Darum iſt es beſſer, wenn wir uns auf längere Zeit trennen. Ich will ſehen, wie es auf der andern Seite des Oceans ausſchaut. Vielleicht iſt dort eher ein Ruheplatz zu finden und dann hole ich Dich. Bis dahin bleibe hier und ſuche Dich durchzubringen, ſo gut es gehen will. Was ich irgend entbehren kann, laſſe ich Dir zurück.“ Darüber wurden ſie einig. Dirk Heick nahm eine Heuer an als Unterſteuermann auf einem Oſtindienfahrer. Inken Bork ſetzte ſich in ihrem beſcheidenen Stübchen zum Spinnrade und zum Webeſtuhl. Als aber ihr Gatte nach dreijähriger Abweſenheit von ſeiner großen Reiſe, voll der ſchönſten Hoffnungen heimkehrte, war ſie ver⸗ ſchwunden. Wohin? Die Einſamkeit iſt eine gefährliche Geſellſchafterin. Nur charakterfeſte Menſchen dürfen ſich ihr mit Leib und Seele ohne Furcht hingeben. Schwankende Naturen verlieren ſich in ein Labyrinth von Grübeleien und ſtreuen eine Saat aus, die unheilvoll wuchernd empor ſchießt. Inken Bork war ein ſolches ſchwankendes Rohr im Winde. Aus dem engen Kreiſe der Heimath geriſſen, von hefti⸗ gen Leidenſchaften ungewöhnlich erregt, umherſtreifend in einer großen, ihr unbekannten Welt, jedem Eindruck offen, ſah ſich, nach der Abreiſe Dirk Heicks, das leichtſinnige Weib in einem kleinen Raume auf ſich ſelbſt beſchränkt. Mit ihrem unruhvollen Herzen und dem mahnenden Ge⸗ wiſſen vermochte ſie nicht allein zu bleiben. In ihrer Noth ſchloß ſie ſich an eine Nachbarin, ein altes, ver⸗ ſchmitztes Weib, welches ihr behülflich war, für ihre Ge⸗ ſpinnſte den nöthigen Abſatz zu finden. Das Weib war dienſtfertig und zuthunlich. Sie wußte nicht blos gute Abſatzſtellen für das Fertige, ſon⸗ dern ſorgte auch für neue Beſtellungen. Dabei ermahnte ſie die junge Frau, ſich nicht einem unnützen Grame hin⸗ zugeben. Der Mann werde ſeiner Zeit wiederkommen und mit ihm die beſſern Tage. Gram mache häßlich und dann möge der Mann ſie nicht mehr leiden. Als dieſer Troſt nicht mehr helfen wollte, meinte die verfüh⸗ reriſche Nachbarin, könne der Mann ſie ſo lange entbeh⸗ ren, dann wäre es mit ſeiner Liebe auch nicht weit her und ſie müſſe ſtolz genug ſein, ſich auch nichts aus ihm zu machen. Mit dem Arbeiten allein ſei es nicht gethan; das ermüde auf die Länge. Man müſſe ſich auch zer⸗ ſtreuen, um neue Kräfte zu ſammeln. Wenn die alten Bekannten ausblieben, müſſe man neue aufſuchen und mit ihnen fröhlich ſein, denn Lachen mache geſund. Dieſe und ähnliche loſe Worte fielen in ein williges Ohr und Inken Bork folgte der Verführerin zu einer ihrer Gevatterinnen, wo Abends eine muntere Geſellſchaft zu finden war. Zumeiſt traf man dort Seemannsfrauen und Seemannstöchter, deren Männer und Väter auf of⸗ fener See waren. Dazu fanden ſich Männer ein, die mit dieſer oder jener Frau bekannt waren und bald Nach⸗ richt von dieſem Schiffe, bald von jenem, hierher brach⸗ ten. Was an der Börſe und in den Comtoiren der Kaufleute über die Capitaine und deren Mannſchaften verlautete, das wurde auch hier verhandelt. Inken Bork fand ſich in dieſem Kreiſe bald zurecht, nachdem die erſte natürliche Scheu überwunden war und als ſie eines Abends aufgefordert wurde, ein Tanzvergnügen zu beſuchen, das mehrere von langen Seereiſen zurückkehrende Seefahrer in der Taverne zum goldenen Galion veranſtalteten, reichte ſie ſchon, ohne ſich erſt zu beſinnen, ihre Hand einem frem⸗ den Steuermann, den ſie den ſpaniſchen Matthes nannten, weil er von Mutter wegen aus dem dortigen Lande her⸗ ſtammte und ſtets auf Cadir, Mallaga oder Sevilla fuhr. Bald hatte dieſer ſpaniſche Matthes ſich ihr ganzes Zutrauen erworben. Sie nahm kleine Geſchenke von ihm an und hatte kein Arges daraus, als er ſie wie zufällig, im Vorbeigehen, wie er ſagte, in ihrer Wohnung auf⸗ ſuchte. Als eines Tages die Rede auf ihren Gatten kam und Jemand äußerte, derſelbe werde nun wohl bald aus Oſtindien zurückkommen, fing ſie an zu zittern und der ſpaniſche Matthes hatte genug zu thun, ſie zu beruhigen. Dieſer war längſt mit allen Verhältniſſen der jungen Frau bekannt und nahm jede Gelegenheit wahr, ſie von denſelben abwendig zu machen. „Der Mann hat Euch in's Unglück gebracht,“ ſagte er eifernd.„Er wird Euch immer tiefer hineinführen. Was weiß er von einem glücklichen Leben und was wißt Ihr davon? Eure Heimath iſt eben nur ein Nebelland, wo die Sonne höchſtens an hohen Feſttagen auf ein paar Stunden zum Beſuch kommt. Und wie das Land, ſo ſind die Menſchen, die es bewohnen; Alle miteinander kalt und trocken. Da ſollet Ihr mein Spanien kennen lernen. Nichts als blaue Luft und Sonnenſchein. Ueberall grüne Bäume mit weißen Blüthen und goldenen Aepfeln. Dort iſt es gar nicht möglich, an etwas Trübſinniges zu denken. Die Seeleute, die dahin fahren, haben es gut und ihre Weiber auch, denn wir dürfen ſie mit an Bord nehmen und mit uns reiſen laſſen. Darum haben unſere Weiber daſſelbe, was wir haben. Wir trennen uns niemals, während Ihr armen Geſchöpfe Gott danken müßt, wenn Eure Männer nach jahrelanger Abweſenheit auf einige Wochen zu Hauſe kommen und Euch die Ohren vollbrummen.“ Inken Bork ſog dieſe verführeriſchen Worte begierig von den Lippen eines Mannes, der zu den Schönſten gehörte, die je das Steuer eines Schiffes führten. Und als er, ob zufällig oder abſichtlich, eine Weile inne hielt, ſagte ſie ſeufzend: „Das glaube ich. So gut möchten es Viele haben. Wie muß Eure Frau zu beneiden ſein.“ „Was ſchwatzt Ihr da!“ entgegnete der ſpaniſche Matthes lachend.„Stellt Ihr Euch nur ſo, oder ſolltet Ihr wirklich nicht wiſſen, daß ich unverheirathet bin? Eine gewöhnliche Frau will ich nicht und die beſſeren ſind rar. Ja, wenn ich Eine finden könnte, wie Euch.“ Der gefährliche Funke war gefallen und hatte ge⸗ zündet. Die Flammen ſchlugen hoch empor. Die ſchlaue Nachbarin, die Alles einleitete und des verheißenen Lohnes harrte, war nicht wenig erſtaunt, daß man ihrer nicht weiter bedurfte. Als ſie eines Morgens erſchien, um mit dem ſpaniſchen Matthes zu reden, war dieſer nirgends zu finden und auch von Inken Bork wußte Niemand etwas zu ſagen. Bald nach dieſem verhängnißvollen Tage war es, daß Dirk Heick von ſeiner oſtindiſchen Reiſe heimkehrte. Die Kunde von der Flucht ſeines Weibes traf ihn wie ein Donnerſchlag. Alle ſeine Nachforſchungen waren umſonſt. Die Einzige, die vielleicht eine Auskunft ertheilen konnte, war die Nachbarin. Aber dieſe hütete ſich wohl, ein Wort zu ſagen. Konnte es doch bei dieſer Gelegenheit an den Tag kommen, daß ſie dabei die Hand im Spiele * — gehabt, und Dirk Heick ſich für die erduldete Unbill rächen werde. So ſchwieg ſie denn hartnäckig. Vergebens ſuchte der heimkehrende Oſtindier nach ſeinem Weibe. Jeder fehlgeſchlagene Verſuch feuerte ihn noch mehr an. Die fieberhafte Aufregung ſtieg. Und jemehr ſich auf dieſer Seite die Schwierigkeiten häuften, um ſo mehr ſchlug alles Andere zu ſeinen Gunſten aus. Was er unternahm, gelang ihm. Seine Reiſen hatten ſtets für den Rheder, für den Befrachter, wie für ihn ſelbſt, die ſchönſten Reſultate. Kehrte er dann von einer Reiſe heim, mit neuen Glücksgütern bereichert, geprieſen von allen Betheiligten und mit den ſchönſten Hoffnungen für die nächſte Fahrt entlaſſen, barg er ſich in dem innerſten Raum ſeiner Kajüte und verzehrte ſich in Schmerz um das Weib, das ihm auf eine ſo unerklärliche Art entriſſen wurde. Aber auch an ihn trat, wie an Inken Bork, der Ver⸗ ſucher wieder heran. Ihm, dem Reichen, dem vom Glücke Verhätſchelten kamen Alle mit leuchtenden Augen ent⸗ gegen. Er durfte nur die Hand ausſtrecken, um mühelos zu empfangen, wonach Hunderte vergebens trachteten und rangen.. Anfangs empfand er einige Scheu. Aber in den Kreiſen gleichgeſinnter Genoſſen, bei dem Klange der Becher, dem Raſſeln der Würfel, verlor ſie ſich und bald war Dirk Heick unter den Tollſten der Tollſte. Von dem Sturm des Lebens erfaßt, von Welle zu Welle ge⸗ ſchleudert, trieb ſein Schiff bald ſteuerlos auf der wüſten See. Und in dieſer verhängnißvollen Zeit begann ihm das Glück untreu zu werden. Mit dem ſcheidenden Glücke verminderten ſich auch bald die Freunde. Die Menge, die bisher in der Fülle ſeiner Schätze ſchwelgte, verlief ſich, und er befand ſich bereits allein, ehe er die Möglichkeit einer ſolchen Verlaſſenheit begriff. Mit dem Glücke und deſſen falſchen Freunden wich auch die Zu⸗ verſicht aus der Seele Dirk Heicks. Er verlor das Ver⸗ trauen zu ſich ſelbſt. Von einem Seezuge heimkehrend, litt er dicht vor dem Hafen Schiffbruch. Rheder und Befrachter, vertrauend auf das alte Glück des Capitains, hatten weder das Schiff noch deſſen koſtbare Ladung ver⸗ ſichert. Ein ſchnell wachſendes Mißtrauen nahm einfluß⸗ reiche Männer gegen den ſonſt ſo gefeierten Schiffsführer ein. Man wich ihm aus; man bedauerte und wies ſeine Anerbietungen zuletzt kühl zurück. Mit ſeinem allmälich zuſammenſchmelzenden, ſo ſchnell erworbenen Vermögen ſchmolz auch ſein Credit. Dem Bettler traute Niemand mehr. So wandte er der prächtigen Hafenſtadt, der Stätte ſeines Glanzes und ſeines Sturzes, den Rücken, von Vielen verſpottet, von Wenigen bedauert und bald von Allen vergeſſen. Und Jahre rollten vorüber. Meeresſtille und hohe See. 3 Das war in der goldenen Ebene von Sevilla, an den Ufern des prächtig dahinſtrömenden Guadalquivir und am Tage des heiligen Bonifaz. Der Strom wim⸗ melte von größeren und kleineren Fahrzeugen, bunt be⸗ wimpelt und beflaggt. Am Lande loderten gaſtliche Feuer, woran Sardinen und Kaſtanien geröſtet wurden, und in den Keſſeln brodelte die ſtark duftende Olla potrida. Die mannigfachſten Gruppen bildeten ſich. Landvolk und Seevolk, Weiber und Kinder ſprangen bunt durcheinander. Muſik erſchallte. Die Tänzer wirbelten im Fandango, im Valeo und El Ole dahin. Die Becher klangen; die Würfel raſſelten. Mitten in dem ſich ſtets bewegenden Menſchenknäuel lag hier und da auf dem Raſen eine Geſtalt regungslos am Boden, mit dem Kopf gegen einen Baum gelehnt, und ſah gedankenlos dem Rauche ſeiner Cigarre nach. Prieſter zogen vorüber mit bunten Fahnen, die Rauchfäſſer ſchwingend und einen feierlichen Choral anſtimmend. Schnell verſtummte das wirre Getöſe. Alle warfen ſich andächtig in die Kniee und ſprachen ihre Ge⸗ bete vor ſich hin. Von den Thürmen des unfernen Klo⸗ ſters erſchallte das Geläut. Aber kaum war die Pro⸗ zeſſion vorüber, als die Knieenden ſich wieder erhoben und das Feſt mit erneuerter Luſt ſeinen Fortgang hatte. Ein hochgewachſener Mann mit ſtarkem Bart und gebräuntem Geſicht ſchritt daher in der kleidſamen Se⸗ villa⸗Seemannstracht. Die leuchtende Reſilla, von dem Kopfe nachläſſig herabhängend, die rothe Schärpe um — . den Leib und daran hängend das blitzende Meſſer. Das Haar begann ſich bereits weiß zu färben, aber die Ge⸗ ſtalt war noch markig und feſt. Nachläſſig ſchlendernd, rauchte er ſeine Cigarre, ſcherzte mit den Kindern, die ſich an ihn drängten und warf ihnen lachend einige Vintems hin, um die ſie ſich lärmend balgten. Er war allgemein bekannt an dieſer Uferſtrecke und Grüße flogen ihm von allen Seiten entgegen, die er bald vertraulich, bald nachläſſig, bald gar nicht erwiederte. „Sennor Matteo, Ihr werdet alle Tage jünger,“ ſagte ſchmunzelnd ein alternder Seemann, der mit den gediegenen ſilbernen Knöpfen und der goldenen Kette lieb⸗ äugelte, womit ſich Matteo geſchmückt hatte.„Ihr habt es gut getroffen in dieſer Zeit der allgemeinen Noth und Bedrängniß. Euch ſieht man es auf den erſten Blick an, daß Ihr Eure Ladung ſicher im Raum geborgen und die Luken wohl verſchloſſen habt.“ „Es geht hin!“ ſagte Jener, gleichmüthig weiter rauchend. „Iſt das ein Unterſchied zwiſchen jetzt und damals, als wir uns zuerſt begegneten,“ fuhr der alte Beppo fort.„Wißt Ihr es noch, Sennor? Ihr kamt als ein Schiffbrüchiger uach Sevilla, um auf irgend einem Verdecke einen Platz zu finden, wäre er auch noch ſo klein. Befand mich damals gerade in der Nähe und als ich den Hunger ſah, mit dem Ihr zu kämpfen hattet — er ſtand deutlich auf Eurem Geſichte zu leſen— theilte 3* 36 ich meinen Vorrath mit Euch. Ein Stück Brod und zwei Orangen, Sennor Mattev.“ „Ihr habt ſo oft dieſes Brodes und der Orangen gedacht, Beppo, und ich habe ſie Euch ſo oft mit meinen Realen bezahlt, daß Ihr ſie drei Mal mit dem empfan⸗ genen Silber aufwiegen könnt!“ ſagte Jener, ihm eine Münze hinwerfend. „Danke Euch dafür, wie ich auch für den Realen danke, den Ihr mich jetzt wieder aus dem Sande zu Euren Füßen aufheben laßt. Aber ich weiß noch einen anderen Tag, der uns zu derſelben Zeit zuſammen führte, als Ihr gerade meines Beiſtandes bedurftet.“ „Wollt Ihr mir noch einen zweiten Realen abzapfen, Beppo?“ „Peſos, edler Sennor! Peſos und keine Realen. Wie hoch ſchätzt Ihr die Entführung jenes ſchönen Wei⸗ bes, Sennor Matteo? Sie war aus dem Lande, wo ſtatt der Orangen Eisfrüchte und Schneeblumen auf den Bäumen wachſen, was ein curioſer Anblick ſein muß, von dem ich mir keine rechte Vorſtellung machen kann. Ihr habt verſprochen, daß Ihr deshalb für alle Zeit mein Schuldner bleiben wolltet.“ „Den Reſt der Schuld löſe ich mit dieſem Peſos ein, Beppo. Rafft Euer Geld zuſammen und bringt Euch unter Segel auf Nimmerwiederſehen, oder...“ Das Auge Matteo's funkelte hell. Er warf die — Cigarre weg und legte die Hand an den Griff des Gürtelmeſſers. „Darf man Euer Gnaden, Sennor Don Matteo, fragen,“ ſagte Beppo, ſich vorſichtig zurückziehend,„ob Ihr jener Dame kürzlich einmal begegnet ſeid?“ „An den Galgen mit ihr und mit Euch!“ brauſte der Seemann auf.„Ich bin Euer Beider ganz und gar überdrüſſig und meine Geduld iſt am Ende.“ „Mutter aller Gnaden! Ich will Euer Ercellenza nicht weiter beläſtigen!“ rief Beppo mit ſcheinbarer Furcht und ſprang in den dichteſten Haufen.„Ich habe, was ich wollte und mache einem Anderen Platz. Leben Eure Excellenza viele tauſend Jahre.“ Der alte Matroſe war verſchwunden und an ſeiner Stelle erſchien eine Frau. Matteo ſtand ſtill und blickte auf die Frau, die, einem ſteinernen Bilde gleich, einen Anblick des Erbarmens darbot. Inken Bork war es, die er mit ſich fortriß auf der Bahn des Laſters und die nun mit fahlem Antlitz, erloſchenen Augen und abgemagerten Händen vor ihm ſtand. Sie ſah ihn mit einem Blicke des tiefſten Haſſes an und eine fieberhafte Röthe ſchoß in ihre Wangen. „Kennſt Du mich, Verräther?“ kreiſchte ſie ihm zu. „Schätzchen, was verlangſt Du von mir?“ fragte er, ſie höhnend.„Befehlen Euer Gnaden über Dero ganz ergebenen Knecht.“ Dann aber den Ton raſch ändernd, rief er: „Längſt ſind wir quitt und haben nichts mehr mit einander zu ſchaffen. Wir fanden uns zuſammen und ge noſſen gemeinſchaftlich, was das Leben bietet. Jetzt hat es mit der Herrlichkeit ein Ende. Du mußt Dich damit tröſten, mein reizloſes Kind, daß nichts in der Welt ewig dauert.“ „Du haſt mich zeitlich und ewig verderbt,“ ſprach das Weib.„Meinem Gatten haſt Du mich geſtohlen.“ S „Warum haſt Du Dich ſtehlen laſſen?“ höhnte er. „Hätteſt Du ihn nicht los ſein wollen, würdeſt Du ihn ſchon feſtgehalten haben. Geh' mir aus dem Wege, Weib, oder ich ſtoße Dich bei Seite.“ Sie war vor Schaam und Wuth niedergeſunken. Er wollte vorüber, aber ſie klammerte ſich feſt an ihn an und ſtammelte halb irrſinnig: „Ich will mein Recht von Dir. Ich will mein Recht! Du haſt mir meine Jugend, meine Schönheit, meine Ehre geſtohlen! Gieb ſie mir wieder.“ Matteo lachte laut:„Jugend? Schönheit? Ehre? Drei Würfe mit falſchen Würfeln. Du haſt ſie ver⸗ loren; ich habe ſie nicht gewonnen. Ergieb Dich darein.“ Er machte ſich von ihr los und ging davon. Sie kreiſchte ihm nach: „Ich finde Dich! Ich finde Dich wieder! Und dann Gnade Dir Gott! Beppo! Beppo!“ „Stets bin ich zu Euren Dienſten bereit, Sen⸗ nora.. Verzeiht, ich kann den ſeltſamen Namen nicht ausſprechen, den Ihr Euch gegeben habt,“ ſagte Beppo, der nun wieder zum Vorſchein kam und begierig nach dem Goldſtücke griff, das Matteo im Fortgehen ihr als ein Almoſen zuwarf und das von dem Weibe nicht beachtet ward.„Aber ſo viel Gefahr als dieſes Mal muß nicht dabei ſein, ſonſt ziehe ich mein gegebenes Wort zurück, denn des Matteo Meſſer iſt ſchärfer, als irgend eines in dieſer ganzen Gegend. Wenn Ihr mir aber Gelegen⸗ heit geben wollt, noch ein ſo ſchönes Goldſtück zu ver⸗ dienen, als dieſes, ſpreche ich weiter mit Euch von Eurem Landsmann.“ Das Weib ſah zu dem vorſichtig inne haltenden Beppo mit Zittern auf. „Landsmann? Ja, nun beſinne ich mich. Ihr flüſtertet mir vorhin einige Worte zu. Ich verſtand Euch nur nicht recht. Ihr wißt etwas von einem meiner Landsleute?“ „Gewiß. Es iſt einer hier. Aber, wie er heißt, habe ich vergeſſen und den Heimathsort auch. Die ver⸗ wünſchten, vor Froſt ſtarrenden Namen wollen nicht über meine caſtilianiſche Zunge. Ich muß Euch aber diesmal ſchon auf Credit dienen, denn Ihr habt gegen⸗ wärtig nichts und der Landsmann iſt auch nicht beſon⸗ ders mit Glücksgütern geſegnet. In Anbetracht dieſes Goldſtückes kann ich wohl die paar Schritte aus Barm⸗ herzigkeit thun.“ kürlich ſchwankte ſie näher. Sie gingen mit einaider zu einer entfernten Ufer⸗ ſtelle. Dort zeigte Beppo auf eine Gruppe von Ma⸗ troſen, die ſich beim fröhlichen Geſange mit Ballſchlagen ergötzte. „Nun helft Euch ſelbſt weiter,“ ſagte Beppo, ſich zurückziehend.„Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren um Euretwillen. In jenem Haufen ſind einige Burſche, denen ich nicht über den Weg traue. Wenn Ihr aber Euren Zweck erreicht, ſo denkt daran, daß ich es bin, der für Euch die Spur auffand, und liefert keinen neuen Beweis zu der Behauptung, daß die Welt von dem Laſter der Undankbarkeit voll iſt.“ Zögernd näherte ſich das Weib den Spielern. Mitten unter ihnen ſaß ein Mann mit ergrautem Kopfe, bar⸗ häuptig und mit groben Kleidungsſtücken ſpärlich bedeckt. Er ließ ahnen, daß er früher eine ſtattliche Erſcheinung geweſen ſein mußte; aber die Leidenſchaften hatten in allen Geſtalten unabläſſig an Leib und Seele gezehrt und ihn zu einer willenloſen Maſchine gemacht. Er holte den Spielern die verlorenen Bälle wieder und haſchte begierig nach dem Almoſen, das ſie ihm hinwarfen. Für ihre verletzenden Scherze hatte er kein Ohr. Sein Geiſt war allmählich ſtumpf geworden. Das Weib war näher getreten und bald fand ſie den Mann heraus, den ſie mit Zittern betrachtete. Ein jäher Schreck durchzuckte ſie bei dem erſten Anblick. Unwill⸗ Die Spieler waren ermüdet und lagerten ſich um die gefüllten Krüge. Der Mann ſaß auf einem Stein, legte die Bälle neben ſich auf einen Haufen und ſah, wie abweſend, vor ſich hin. Das Weib trat dicht an ihn heran. Mit Thränen in den Augen und laut klop⸗ fendem Herzen rührte ſie ſeine Schulter an, indem ſie ihn in frieſiſcher Sprache fragte: „Biſt Du mein Landsmann?“ Wie ein elektriſcher Schlag trafen dieſe Worte ſein Ohr. Er ſprang auf und ſah ſie mit den halb er⸗ loſchenen Augen an. Ein gewaltiger Aufruhr ging in ſeinem Innern vor. Mit ſeinen Blicken ſchien er die vor ihm ſtehende Geſtalt zu verſchlingen. Er wollte die Hände nach ihr ausſtrecken, um ſie an ſich zu reißen und ließ ſie kraftlos wieder ſinken. Er wollte zu ihr reden, aber ſeine Zunge verſagte ihm den Dienſt. Nur einige unzuſammenhängende Töne brachte er hervor und unter krampfhaftem Schluchzen ſank er ohnmächtig zu⸗ ſammen. Laut aufſchreiend warf ſie ſich über ihn. Dieſer Auftritt erregte die Aufmerkſamkeit der Ma⸗ troſen. Sie erhoben ſich und eilten herbei. Einer, welcher glaubte, das Weib ſei eine Diebin, legte Hand an ſie. Aber ſchnell wie der Blitz ſprang der Mann empor und griff dem Geſellen wüthend nach der Kehle. Nur mit Mühe befreiten ihn ſeine Genoſſen. Lachend, ſchimpfend und zugleich mit einiger Scheu auf die beiden verwilderten Geſtalten ſchauend, erklärten ſie, mit toll⸗ ₰ gewordenen Leuten nichts zu ſchaffen zu haben, und ent⸗ fernten ſich, um einen bequemeren Ruheplatz aufzu⸗ ſuchen. „Inken Bork, biſt Du es?“ fragte nach einer Pauſe der Mann mit tonloſer Stimme.„Sage mir, ob Du es biſt?“ „Ich bin es, Dirk Heick,“ antwortete ſie zitternd. „Dein treuloſes, verlaufenes Weib.“ Thränen hemmten ihre Sprache. Sie bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. Die Zeit verrann. Es war ſtill geworden an den Ufern des Guadalquivir. Die Sonne ſank in die glitzernden Wellen. Die Abendröthe verblaßte und gol⸗ dene Sterne funkelten am tiefblauen Himmel. Die Beiden ſaßen noch immer neben einander, ohne ſich anzuſehen; aber ſie hatten in ihrer Landesſprache Vieles mit einander geredet. Da erhob ſich Dirk Heick und ſagte: „Wir ſind die Heimathloſen in der Fremde. Wir ſind es, weil wir uns in unſrer raſenden Leidenſchaft ſelbſt aus der Heimath verbannten. Der Fluch der Vä⸗ ter jagte uns von Land zu Land; darum fanden wir keinen Frieden ſo lange wir zuſammenhielten, und als wir, den Heiden gleich, von einander liefen, ſtatt in der Noth feſter und inniger uns zu vereinigen, verhängte es der gnädige Gott als eine Strafe über uns, daß wir uns in gegenſeitiger Sehnſucht verzehren und bis zu dieſem Tage nicht finden ſollten.“ 5 1 „Und nun ſtehen wir hier auf fremder Erde,“ ſagte Inken Bork,„mit Schimpf und Schande beladen. Was wird uns noch geſchehen?“ „Ein freier Inſelfrieſe, der erniedrigt wurde zum Knecht der Knechte,“ entgegnet Dirk Heick mit Bitterkeit. „Aber noch iſt nicht alle Kraft von mir gewichen; ſie kehrt mir in dieſem Augenblicke wieder. Du haſt Dich ſchwer vergangen, Weib, vor Gott und mir; aber das enſchuldigt den Schurken nicht, der Dich verführte und dann in das Elend ſtieß. Bringe mich zu ihm, damit ich mit ihm abrechne.“ „Ich gehorche!“ antwortete ſie tonlos und Beide gingen längs dem Ufer des Stromes, bis der Pfad ſich an dem Saum eines Gehölzes verlor, wo ein invalider Seeſoldat eine verrufene Schenke hielt. Dort ſaß in der grell auf⸗ geputzten, weiten Stube der ſpaniſche Matthes, umſchwärmt von phantaſtiſch⸗ bunt gekleideten, leichtfertigen Tänze⸗ rinnen, denen er auf ſeiner Zither zum Tanze aufſpielte und ein halb verſtürmtes Seemannslied ſang, während ſein Diener unter dem gaffenden Volke Cigarren ver⸗ theilte, womit man die Herzen der Spanier am leichteſten gewinnt. Die beiden Frieſen traten ein, als der Jubel am Aergſten ward und der ſpaniſche Matthes ſtieß unter lautem Gebrüll einen läſterlichen Fluch aus, als Dirk Heick mit Donnerſtimme fragte: „Iſt es Der dort mit dem rothen Netze auf dem Kopfe und mit dem Klimperkaſten in der Hand?“ — 5 „Er iſt es,“ ſagte das Weib und wollte weiter ſprechen, aber Dirk Heick riß ſie mit ſich fort, trat dicht vor den ſpaniſchen Matthes hin und auf das Weib zeigend, rief er: „Iſt es dieſe, welche Du geſtohlen und mit Dir ge⸗ ſchleppt haſt?“ „Ich habe nichts geſtohlen, ſie iſt freiwillig mit mir gegangen,“ lachte der ſpaniſche Matthes.“„Aber was geht das Dich an...7“ „Du haſt ſie mit Deinen hölliſchen Künſten umſtrickt, daß ſie den letzten Reſt ihres irdiſchen Heiles daran gab,“ ſagte Dirk Heick,„und haſt ſie dann im ſchändlichen Uebermuth von Dir geſtoßen. Du haſt ſie mir geſtoh⸗ len! Mir!“. „Ha! ha! ha!“ unterbrach der ſpaniſche Matthes den Frieſen.„So biſt Du..!“ „Ich bin der Mann, den Du bis zum Tode belei⸗ digteſt und Du ſollſt dafür büßen. Wehre Dich!“ Mit wildem Grimm warf ſich Dirk Heick über den Seemann her, der, obgleich auf einen ſolchen Angriff nicht gefaßt, ſich dennoch wie ein Verzweifelter wehrte, bis er röchelnd am Boden lag. Die Anweſenden waren, von dem unerwarteten Auf⸗ tritt erſchreckt, auseinander geſprengt. Sie begriffen halb und halb, was hier vorging und wagten nicht, ſich darin zu mengen. Wüſtes Geſchrei ertönte. Loſe Geſellen löſchten die Lichter an der Wand, um den Wirrwarr zu mehren. Der Wirth ſchrie aus Leibeskräften nach den Dienern der heiligen Hermandad. Einige nahmen Partei für den fremden Sennor, der ſeine Ehre vertheidigte. Andere wollten ſich ſeiner bemächtigen. Mitten in dieſem allgemeinen Tumult, waren die Flüchtigen entkommen. Draußen in der Stille der Nacht, eilten ſie mit klopfendem Herzen weiter. Da wurden ſie von ſchnelleren Schritten überholt und eine Stimme rief ihnen in ihrer Landesſprache zu: „Die Spanier find Euch auf der Ferſe. Hierher Leute!“ Er zog ſie mit ſich fort zum Ufer, wo ein kleines Boot lag und ruderte mit ihnen davon. „Ich habe Euer Gebahren geſehen,“ ſagte er, als ſie eine Strecke weit waren, und habe Mitleid mit Euch. Ihr ſeid Frieſen und auch in meinen Adern fließt das⸗ ſelbe Blut. Mein Galiot lichtet Morgen den Anker, um nach unſerer Weſtküſte zu verſegeln. Wenn Ihr wollt, nehme ich Euch mit.“ Die Beiden vermochten nicht zu ſprechen. Sie reich⸗ ten ſich ſtumm die Hand und Inken Bork weinte bitterlich. Am folgenden Abend ſteuerte ein zweimaſtiges Galiot⸗ ſchiff, unter däniſcher Flagge der offnen See zu. Die beiden Flüchtigen ſtanden auf dem Deck neben einander und Dirk Heick flüſterte ſeinem Weibe zu: „Wir ſteuern der Heimath zu mit zerknirſchtem Ge⸗ müth, tiefe Reue im Herzen. Wird Gott barmher⸗ zig ſein und uns gönnen, daß wir dort in Frieden hauſen?“ — In die verdüſterte Seele des unglücklichen Mannes war noch immer nicht das klare Bewußtſein der Schuld gedrungen. Er wagte auf Frieden zu hoffen, den ungelöſten Fluch auf dem Herzen und vergoſſenes Blut an der Hand. Nach einer langen Reihe von Jahren wandte ſich der Blick wieder nach der Inſel Shlt zurück. Noch um⸗ kreiſete der Seeadler die Hörnum⸗Düne; noch brandete die Nordſeewelle am rothen Cliff. Die Häuſer von Weſterland ſtanden wie ehedem, unverändert von innen und außen, aber die Bewohner waren Andere geworden. Vergeſſen die alten Inſaſſen Jens Bork und Meinert Heick. Ihr Eigenthum, einſt von den Elementen ver⸗ heert, ward wieder aufgerichtet, aber es befand ſich längſt in andern Händen. Von den flüchtig gewordenen Kindern der ehemaligen Beſitzer ſprach kein Menſch mehr. Bis auf die Erinnerung waren ſie aus dem Gedächtniß des jüngern Geſchlechtes geſchwunden. Nur von Frerk Hanſen ging die unbeſtimmte Sage, daß er verunglückt ſei, als er die Vogelkoje habe beſtehlen wollen. Andere meinten, der Teufel, dem er zeitlebens diente, habe ihm den Hals umgedreht und ſei mit ihm abgefahren. Noch Andere behaupteten, Frerk Hanſen habe in ſeinem Uebermuth König Abels wilde Jagd angeſchrieen, als ſie um Mitter⸗ nacht über die Inſel weg nach Föhr gezogen ſei. Er ⸗ wäre von den ſchwarzen Jägern fortgeſchleppt und müſſe nun in dem Gefolge derſelben als ſchwarzer Hund blaffen. Genug, er blieb verſchollen, und das erſchütternde Er⸗ eigniß der vergangenen Tage war für die Gegenwart verloren. Nur Einer gedachte ihrer öfters im Stillen, wenn der Sturm die Weſtſee bis auf den Grund ſchüttelte. Das war der Pfarrer. Der junge, bleiche Mann war zum Greiſe geworden. Gebückten Hauptes ging er ein⸗ her. Sparſames Silberhaar hing an dem Scheitel herab. Aber ſein Herz war jugendlich⸗friſch geblieben und in hellen Farben ſtand die Vergangenheit vor ihm. Es war eine Hochzeit auf Weſterland. Der Pfarrer hatte die Brautleute zuſammen gegeben und die ganze Gemeinde durch ſeine erbauliche Rede erſchüttert. Mit vollem Orgelton ſaug die Nordſee das Brautlied dazu. Jetzt ſaßen die Gäſte bei dem fröhlichen Hochzeitsmahl und achteten wenig des Sturmes, der immer dumpfer brauſete. Nur der Pfarrer trat hinaus in die toſende Nacht, um die Natur in ihrem Zorne zu bewundern. Als er an den Gehöften vorüber kam, wo einſt Meinert Heick und Jens Bork haushielten, ſeufzte er tief und ging in ſeine einſame Wohnung, nicht achtend des blitzähnlichen Leuchtens, das in der Nacht aufzuckte, noch des dumpfen Donners, der durch die Sturmböen hinſchütterte. Der Strandwächter, der vom rothen Cliff in die See hinaus⸗ lugte, brummte vor ſich hin: „Ich ſetze meinen Kopf daran, das waren Nothſchüſſe. Helfe Gott da draußen; hier vermag es keiner“. Und am folgenden Tage um die Vesperzeit kam eine Botſchaft in den Pfarrhof: der Herr Pfarrer möge ſich hinab bemühen zum Strande, denn daſelbſt wären zwei unbekannte Leichen angetrieben, eine männliche und eine weibliche. „Es ſind ältliche Leute“, ſetzte der Bote hinzu,„die vielleicht ſchon einige Zeit von der See umher geworfen wurden. Aber ſie ſehen ſo gut aus, als wären ſie erſt eben geſtorben und ſind gar nicht ſo ſchreckbar anzuſehen, als es ſonſt wohl mit dergleichen Leichen zu ſein pflegt. Der Pfarrer folgte dem Rufe, die unbekannten Todten nach der„Heimathſtätte für Heimathloſe“ zu geleiten. Der Voigt von Weſterland empfing ihn mit den Worten: „Ehrwürden, wir wiſſen nicht, wer dieſe Leute ſein mögen; doch iſt es ſicher, daß wir Chriſtenmenſchen vor uns haben, denn ſie tragen das Zeichen des Kreuzes an ihrem Leibe.“ Der Pfarrer trat näher an die Bahre heran und ſah auf den Armen der Beiden ein flammendes Herz mit einem Pfeil durchſchoſſen, wie er ſolches in jener unglücklichen Nacht an dem Feuerheerde des Frerk Han⸗ ſen zu Tinum gewahrte und darüber das Chriſtenkreuz mit dem Hoffnungsanker. Er ward von dieſem uner⸗ warteten Anblick ſo tief ergriffen, daß er des Wortes nicht mächtig war. Seine Kniee zitterten und er mußte ſich auf den Boten ſtützen, der ihn bis hierher geleitet hatte. Der Voigt von Weſterland aber, der es gewahrte, ſagte zu ſeinem Beirath: „Um Gott, was iſt unſerm Pfarrer? Er vermag ſich kaum auf den Beinen zu erhalten. Und nun kniet er gar nieder und faltet die Hände. Was hat er doch nur?“— Als aber die Männer ſahen, daß der Herr Pfarrer inbrünſtig betete, fragten ſie nicht weiter, ſondern zogen die Hüte und ſprachen andächtig das Vaterunſer. Und als der Pfarrer ſich erhoben hatte, trugen die dazu ver⸗ ordneten Leute die Leichen zu ihrer letzten Ruheſtätte und begruben ſie, worauf ſie, mit ſtummen Grüßen, Zeder in ſeine Wohnung gingen. Der Pfarrer aber verweilte noch draußen auf dem ſtillen Friedhofe in tiefen Gedan⸗ ken, als die Sonne mit ihren letzten Strahlen die friſch aufgeworfenen Grabhügel vergoldete. Die Jahre ſind gekommen und gegangen. Die Hügel worunter die heimathlichen Heimathloſen ruhen, ſind mit blumigem Raſen bedeckt. Und aus demſelben taucht die blaue Glockenblume auf. Leiſe zuſammenſchauernd im Abendwinde flüſtert ſie Ruhe und Frieden Denen zu, die unter ihrem Schutze ruhen. Meeresſtille und bohe See. Sturmögrl. Eine Seenovelle. Sturmvögel. Die nordiſchen See'n ſind voll von Eilanden. Viele ragen ſteil aus den Wellen auf. Die granitne Bruſt iſt mit ſchimmernder Brandung bedeckt. Der glatte Scheitel, ohne Halm und Blatt, dient zum vorübergehen⸗ den Ruhepunkt für Schiffer und Lootſen. Andere Eilande ſind ſchmal und langgeſtreckt, einem ſchwimmenden Aligator gleichend, mit dürftigen Wieſen⸗ ſtreifen und noch dürftigerem Feld zwiſchen Steingeröll. Dort ſiedelt ſich der Menſch neben dem Menſchen an. Seine Hütte klebt an dem Stein und daneben liegt das Boot mit dem braungetheerten Segel, des armen Häus⸗ lers einziger Hort. Es iſt ein lichter Morgen voll Birkengrün und Sonnenſchein. Unfern von ihrer Hütte ſitzt Schön⸗Ella, die Braut des verwilderten Lucas Sören. Der Vater der Jungfrau hat ſie ihm zugeſagt und durch den Verlo⸗ bungsring an ihn gebunden. Ella zitterte, denn ſie ſah den Verlobten ſich nähern. Er kletterte die granitne Wand, welche die Schwalbenklippe heißt, zu ihr herab, und legte ein Neſt mit vier jun⸗ gen Vögeln in ihren Schooß. Sie ſah ihn zürnend an und ſagte: „Was thut Ihr, Lucas? Ihr wollt ſelbſt Euer Haus bauen und zerſtört ein anderes?“ „Pah!“ lachte Lucas Sören.„Sind ja nur dumme Vögel. Ich dachte, es würde Dir Spaß machen, zu ſehen, wie die Dingerchen den Schnabel aufſperren und quicken. Wenn es Dir nicht gefällt, will ich es wegwerfen.“ Sie hielt abwehrend die Hände darüber:„Iyr ſollt nicht, Ihr grauſamer Menſch.“ „So hätſchle ſie meinetwegen und füttere ſie, bis ſie groß werden, wie der Fulmer, der die Sturmwolke auf ſeinen ſchwarzen Flügeln trägt. Und höre, Ella! Unter⸗ ſtehe Dich nicht, mich noch einmal mit Ihr anzureden, das ziemt ſich nicht unter Brautleuten und alles junge Volk lacht mich aus, daß ich es leide.“ „Der Vater hat mich Euch anverlobt, nicht ich!“ entgegnete Ella.„Ihr wart ſein Gläubiger, und dräng⸗ tet ihn hart. „Das iſt nicht wahr. Ihm war der Schuldthurm gewiß. Da war ich barmherzig und ſagte: Gieb mir Deine Tochter zum Weibe, ſo iſt Alles bezahlt.“ „Er bezahlte Euch und ward zum Verräther an einem Andern, der mich liebte, wie ich ihn. Das brach des armen Mannes Herz. Er ſtarb voll Reue.“ „Was ſchwatzeſt Du mir von Deinem früheren Bräu⸗ tigam vor? Daß Du ſeinen Namen nicht mehr nennſt in meiner Gegenwart; ſonſt—“ Sein Blick machte das Mädchen erbeben. Er faßte ſie bei der Hand und ſagte: „Heute iſt der Juultanz. Ich komme, Dir zu ſagen, daß Du Dich gegen Abend bereit hältſt. Muß doch mit meiner Braut zur rechten Zeit auf dem Tanzplatze er⸗ ſcheinen. Und daß Du es weißt, ich habe es mit dem Ohm verabredet und er wird es Dir heute noch ſelbſt ſagen, daß in vierzehn Tagen unſere Hochzeit iſt. Vor meiner Abreiſe nach Oſtindien mußt Du meine Frau ſein; Du magſt Dich ſträuben, wie Du immer willſt.“ Ella blieb, das Neſt auf dem Schooße und weinte ſtill vor ſich hin. Nach einer Pauſe kam eine muntere Blaujacke herbei und ſagte: „Ich habe geſehen, daß der böſe Lucas Sören das Neſt von dem Stein riß. Ich konnte nur nicht ſchnell genug von der gelben Klippe herunter und zu ihm hin⸗ aufkommen, ſonſt hätte ich es verhindert.“ Ella ließ ihn nicht ausreden:„Um Gotteswillen, Hen⸗ drick, der Lucas Sören iſt noch in der Nähe.“ „Du meinſt wohl, ich fürchte mich vor ihm?“ ent⸗ gegnete Hendrick raſch.„Wenn ich mich bislang von Dir fernhielt, geſchah es nur, weil Du es mir befohlen haſt, ſonſt. Seine Augen funkelten; aber er bezwang ſich mühſam und ſagte: „Der Bube hat Dir das Neſt nur in den Schooß geworfen, um Dich zu erſchrecken. Gieb es mir her, ich trage es wieder hinauf. Siehſt Du nicht, wie die Alten ängſtlich umherflattern? Sie ſollen ihre Jungen wieder haben und einen Gruß von Schön⸗Ella bringen.“ Raſch wie ein Eichhörnchen kletterte der junge See⸗ mann die Felswand hinauf und kehrte bald darauf zu Ella zurück, die ihn mit einem dankbaren Blicke empfing. Er ſchlang ſeinen Arm um das ſchöne Mädchen und ſagte: „Mein Vater läßt Dich grüßen und Dir ſagen, Du ſollſt guten Muth behalten. Wohl biſt Du mit dem Lucas Sören verlobt, aber ohne, daß dié Verlobung zwiſchen uns Beiden aufgehoben iſt. Ich habe mich nicht von Dir, Du Dich nicht von mir losgeſagt. Hier am Finger trage ich den Ring, den Du mir vor Zeugen an⸗ ſteckteſt und darum iſt die zweite Verlobung ungültig. In drei Tagen kommt der Sohn vom Vaterbruder hier her zum Beſuch, der hat geiſtlich ſtudirt, und wird ſchon wiſſen, was zu thun iſt, um uns aus dieſer Wirrniß zu helfen.“ „Ich vertraue Dir,“ ſagte Ella.„Und was Dein Vater mir befiehlt, will ich als eine gehorſame Tochter thun. Nun aber gehe, Hendrick. Und wenn Du mich liebſt, komme nicht heute Abend zum Tanze.“ ———— „Weil Du es willſt, bleibe ich weg,“ entgegnete er, „nicht um des Sören willen, den ich nicht fürchte. Aber Du ſollſt Dich nicht ängſtigen, Du armes Kind; ich kann das Tanzen ſchon miſſen. Lebe wohl, Ella. Am dritten Tage von heute ab wird mein Vater Rath ſchaffen. Nun aber einen Kuß zum Abſchied.“ „Ich bin die Verlobte zweier Männer,“ ſagte Ella zurücktretend,„und küſſe keinen.“ Sie winkte ihm mit der Hand einen Gruß zu, und er ging langſam den Strandweg hinunter. Als am Abend Lucas Sören, die ſchöne Ella an der Hand, den mit gehackten Tannenzweigen beſtreuten und mit Kiehnfackeln erhellten Tanzplatz betrat, ſah er ſich nach allen Seiten um und ſagte dann höhnend: „Der Burſche, der Hendrick, iſt nicht da. Habe es mir wohl gedacht. Ein feiger Kerl, der vor Angſt mit den Zähnen klappert, wenn ſich ein Sturmböe auch nur von weitem zeigt.“ „Ihr ſolltet nicht ſo freventlich von einem Menſchen ſprechen,“ ſagte Ella zitternd. „Warum nicht?“ unterbrach er ſie rauh.„Ja ſo!“ ſetzte er mit rohem Lachen hinzu, als fiele es ihm erſt jetzt ein.„War ja Dein Herzallerliebſter. Ein ſauberer Burſche, den ich mit Schimpf und Schande vom Tanz⸗ platz jagen würde, wenn er ſo viele Courage hätte, ſich blicken zu laſſen.“ „Ihr wagtet es nicht!“ entgegnete Ella aufwallend. — „Wollteſt Du es mir verbieten?“ lachte der rohe Geſell.„Ei, da muß ich mich flotten, damit ich nicht auf das Trockene gerathe. Hollah! bringt einen Krug Meth!— Thu mir Beſcheid, Ella!“ „Ich trinke nicht!“ entgegnete dieſe. „Trinkſt nicht?“ fragte Lucas Sören raſch.„Höre Dirne, bringe mich nicht auf. S habe ke Einfälle und wenn ich denke. Das laute Sprechen zin die übrigen Tänzer her⸗ beigelockt. Sie ſteckten die Köpfe zuſammen und wagten nur leiſe zu flüſtern. Alle kannten den Lucas Sören und die Meiſten fürchteten ihn. Andere waren ihm auf⸗ ſäſſig und ſtießen Drohungen aus. Ein beſonnener Mann, der Zank und Streit vermeiden wollte, ging zu den Muſikanten und ließ einen fröhlichen auf⸗ ſpielen. „Muſik!“ rief Lucas Sören und warf den leerge⸗ trunkenen Krug hinter ſich.„Komm, Ella, wir wollen ſpringen und juchheien, ſo lange die Füße uns tragen wollen.“ „Ich tanze nicht!“ ſagte Ella und riß ſich von ihm los. „Du willſt auch nicht tanzen?“ ſchrie Lucas Sören aufgebracht.„Halloh Ahoi! Alle Mann hierher! Habt Ihr jemals von einer Dirne gehört, die mit ihrem Bräutigam zum Juulfeſte kommt und weder trinken, noch tanzen will?“ Die Tänzer umringten das Paar. Die Einen nah⸗ men Parthei für Ella, die Andern für Lucas Sören. Viele redeten gütlich zu. Einzelne ſuchten durch höh⸗ nende Worte den Erbitterten noch mehr aufzuſtacheln. Die Mägde ſchloſſen einen ſchützenden Wall um Ella, die bebend daſtand und ſich nicht zu helfen wußte. Schon flogen die zündenden Worte raſcher von hüben nach drü⸗ ben. Es hoben ſich geballte Fäuſte und es hätte nur eines Hauches bedurft, um die flackernde Gluth zur hellen Flamme zu entzünden. Da trat ein Mann in den Kreis und rief mit lauter Stimme: „Auseinander!“ „Still da!“ rief es von mehreren Seiten.„Das iſt Dirk Larſen, der Vater des Hendrick Larſen, der frühere Bräutigam der Ella. Laßt doch hören, was er hier will.“ „Habe als zeitiger Gemeinde⸗Aelteſter das Recht, über Sitte und Ordnung zu wachen,“ ſagte Dirk Lar⸗ ſen, als ſich der Tumult etwas legte.„Darum, weil Ihr den Frieden brecht und Zank und Hader an einem Orte erregt, wo nur Einigkeit und Ordnung herrſchen ſollen, mache ich aller Luſtbarkeit ein Ende, noch ehe ſie recht begann. Ihr da am Feuer, packt Eure Fiedeln und Eure Dudelſäcke zuſammen. Scheert Euch nach Hauſe und wage es Keiner, hierher zurückzukehren, bis ich es ausdrücklich freigebe. Euch, Lucas Sören, der Ihr die Urſache dieſes Streites ſeid, Euch verweiſe ich Euer Benehmen ernſtlich und ermahne Euch, fortan ſtill zu ſein und zu bleiben, widrigenfalls ich Euch in dem Hauſe des Gemeinde⸗Voigts zu finden wiſſen werde. Du aber, Ella, die als hülfloſe Waiſe eines Beſchützers be⸗ darf, Du gehſt mit mir. Ich will Dich an einen Ort führen, wo Du ſicher biſt. Wehe dem, der es ſich unterſteht, Dich dort zu beunruhigen, wo ich Dich in Frieden unterbringe.“ Er nahm die Hand der ſchönen Ella, die ſich ſchüch⸗ tern an ihn ſchmiegte. Lucas Sören wollte dem Dirk Larſen das Mädchen entreißen; aber einige beſonnene junge Männer hielten ihn auf, bis jene Beiden ſich ent⸗ fernt hatten. 8 Der Tanzplatz war leer. Die Kiehnfackeln, die zwiſchen den Bäumen noch matt aufglimmten, erlöſch⸗ ten. Die Tänzer hatten ſich nach allen Seiten hin zer⸗ ſtreut. Aber noch eine geraume Zeit hörte man das wüſte Schreien und Singen des Lucas Sören, der, von Rachegedanken erfüllt, im Dunkel der Nacht umher⸗ ſchweifte. Zwei Tage nach dieſem Ereigniſſe war es nun aber⸗ mals Abend. In dem Hauſe des Dirk Larſen ſah es feſtlich aus. Der Bruderſohn war angekommen. Ein junger, geiſtlicher Herr, der zu einer anſehnlichen Pfarre berufen war und ehe er dieſelbe antrat, ſein heimathliches 61 Dorf und die Verwandten darin noch einmal begrüßen wollte. An dieſen nun hatte ſich Dirk Larſen gewendet, und ihm vorgetragen, was ihn in ſeinem Hauſe bedrohte. Der Pfarrer des Ortes, ein ſchwacher, in der Ein⸗ ſamkeit verſchüchteter Greis, war mit ſich ſelbſt uneins und wußte ſich aus der Geſchichte mit den zwei Ver⸗ lobungen nicht heraus zu wickeln. Eigentlich fürchtete er den wilden Lucas Sören, der dem Pfarrhofe zunächſt wohnte und gedroht hatte, er werde den Pfarrer mit auf die See nehmen und drei Mal untertauchen, wenn er die Ella mit einem Andern, als mit ihm traue. Der junge Geiſtliche aber, als er alles genau erkundſchaftete, ſagte freundlich: „Seid guten Muthes, lieber Ohm und auch Du, mein lieber Vetter Hendrik, gräme Dich nicht. Deine Braut ſollſt Du behalten. Ihr ſeid in aller Form chriſtlich mit einander verlobt und tragt die Zeichen die⸗ ſes Gelöbniſſes am Finger. Ihr habt an Euren Eid feſtgehalten und es macht keinen Unterſchied, daß der Vater der Braut, von Angſt und Noth bedrängt, ſeine Tochter einem Zweiten zuſagte. Dieſe meine Anſicht will ich vertreten, vor wem es ſei und dadurch erhärten, daß ich es übernehme, das Ehebündniß feierlich einzu⸗ ſegnen, wenn mein Herr Amtsbruder Bedenken tragen ſollte. Ich will mich ſogleich zu ihm begeben und zweifle nicht, daß ich ihn zu meiner Anſicht bekehre. Habe gu⸗ ten Muth mein lieber Vetter Hendrick. Dir kommt es — 52— zu, feſt zu ſein. Was ſoll ſonſt die arme Ella thun, die, in Thränen aufgelöſt, in ihrer Kammer des erſehnten Friedens harrt? Wartet nur kurze Zeit, meine lieben Freunde; ich bin bald zurück.“ Der Pfarrer ging. Es koſtete ihm nicht wenig Mühe, die Bedenken ſeines Amtsbruders zu beſiegen. Das Paar ſelbſt einzuſegnen, dazu war der alte Herr nicht zu bewegen. Zögernd willigte er endlich ein, daß der junge Geiſtliche es thun dürfe. Der Kirchendiener ward gerufen und mit dieſem verabredet, daß die nöthi⸗ gen Vorbereitungen ſofort und in aller Stille getrof⸗ fen wurden. Als ſie beendigt waren, ſagte der alte Geiſtliche: „Geht in Gottes Namen. Ich aber will mein Herz nicht beſchweren und lehne es deshalb ab, Zeuge der Einſegnung zu ſein. Möge das geheimnißvolle Werk Euch Segen bringen.“ Der junge Pfarrer kehrte zu ſeinem Ohm ric. Er ſorgte dafür, daß die nöthigen Zeugen entboten wurden und alles Andere gehörig vorbereitet ward; dann zog er ſich in ſein Kämmerlein zurück, bis es Zeit war, die Kirche zu betreten. Die Verabredung war in der Stille geſchehen, aber doch nicht ſo heimlich, daß nicht ein Dienſtknecht der Pfarre etwas davon aufgefangen hätte. Er lief ſogleich hin, es dem Lucas Sören anzuſagen. Dieſer ſchrie vor Wuth auf, doch behielt er ſoviel Beſinnung, einzuſehen, 63 daß es ihm förderlicher ſein werde, wenn er der Liſt mit Liſt entgegentrete, als ſich mit Gewalt zu widerſetzen. Darum* beſchenkte er den Dienſtknecht und ſagte zu dieſem: „Gieb wohl Acht und wenn der Pfarrer ſich anſchickt, das Haus zu verlaſſen, ſage es mir an; ich will die Trauung ſchon verhindern. Sie wollen mich betrügen, aber ich komme ihnen zuvor.“ Während Lucas Sören ſich bereit hielt, dem alten Pfarrer in den Weg zu treten, verließ der junge Pfarrer das Haus des Oheims, begleitet von dem Brautpaar und den Zeugen. Sie traten in die Kirche und die hei⸗ lige Handlung ward vollzogen. Hendrick und Ella ſchie⸗ den hochbeglückt von dem Gotteshauſe. Der Pfarrer blieb mit dem Vater noch zurück, da Erſterer in der Sa⸗ criſtei den Trauſchein ausfertigte. Als Alles beendet war, ſchloß der Kirchendiener die Thüren und trug die Schlüſſel nach dem Pfarrhofe. Lucas Sören, der ſchon lange ungeduldig in der Nähe des Pfarrhofes auf und abging, ſchrie den Kirchen⸗ diener an: „Wo bleibt Ihr? Wird es endlich losgehen?“ Der Kirchendiener, der recht gut Beſcheid wußte und einen Zahn auf den rohen, verwilderten Geſellen hatte, ſagte ſpottend: „Wenn Ihr die Trauung des Hendrick Larſen mit der ſchönen Ella meint, ſo braucht dieſe nicht erſt zu —— beginnen. Sie iſt bereits vorüber und ich bringe dem Herrn Pfarrer die Schlüſſel wieder.“ „Das lügſt Du, Schuft! Der Pfarrer hat den Hof noch nicht verlaſſen; dafür bin ich Bürge.“ „Recht. Aber Hendrick's Vetter, der junge Paſtor Larſen, hat das Brautpaar eingeſegnet. Und nun Ihr das wißt, werdet Ihr Euch ja wohl beruhigen.“ Der Kirchendiener ging vorüber. Lucas Sören ſtieß einen entſetzensvollen Schrei aus; dann ſtürmte er nach dem Brauthauſe. Auf ſein ungeſtümes Pochen öffnete Dirk Larſen und ſagte: „Dachte es mir wohl, daß Du als ein Störenfried hier eindringen würdeſt. Aber Die, welche Du ſuchſt, ſind nicht hier, weil ich ihnen befohlen habe, ein Haus weiter zu gehen und Du giebſt Dir vergeblich Mühe, ihren Aufenthalt zu erforſchen. Darum finde Dich in Dein Schickſal und begieb Dich an Bord Deines Oſtindienfahrers, der ſegelklar liegt, ſonſt fahnden ſie auf Dich und machen Dir als Deſerteur den Prozeß.“ Mit dieſen Worten trat Dirk Larſen in ſein Haus zurück. Lucas Sören aber raſete die ganze Nacht in dem Dorfe umher, vergebens nach einer Spur der Ver⸗ ſchwundenen ſuchend. Am andern Tage war er abge⸗ reiſt. Dirk Larſen hatte Recht. Er durfte nicht länger ausbleiben, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, mit Gewalt an Bord geſchleppt zu werden. Zwei Tage ſpäter ſagte Hendrick zu ſeiner Ella, die — 6 unterdeſſen von dem Freunde, der ſie bis dahin verbarg, zum Vater zurückkehrte. „Nun iſt auch meine Zeit um. Noch heute verlaſſe ich Dich und weiß nicht, wann ich wiederkehre. Mein Vertrag lautet: Für die Dauer der Reiſe. Gräme Dich nicht allzuſehr, mein Kind, und denke in Deiner Betrüb⸗ niß daran, daß Hendrick in der Zeit ſeiner Abweſenheit nur darnach trachtet, genug zu erwerben, um Dich nach ſeiner Rückkehr nicht wieder verlaſſen zu müſſen.“ Während des Abſchiedes zog der Vater den Sohn ſeitwärts und flüſterte dieſem zu: „Für die Dauer der Reiſe. Das geht nach Oſt⸗ indien.“ „Ja Vater!“ „Dahin geht auch Lukas Sören.“ „Ich fürchte mich nicht. Mein Seemannswerk habe ich gelernt und vor ſeiner Tücke bin ich auf der Huth.“ Sie ſchieden. Ella blieb mit ſchwerem Herzen am Strande zurück und warf ſich laut weinend an die Bruſt des Vaters, als das Boot, welches Hendrick trug, mit ſtraff angezo⸗ genen Segeln durch die Fluth ſauſte. Und von Eiland zu Eiland ſteuerte der gewandte Seemann längs der Küſte, bis er den Hafen erreichte, wo die beiden ſtatt⸗ lichen Oſtindier lagen, die bereit waren, in See zu ge⸗ hen. Unterwegs hatte Hendrick vernommen, daß ſein Feind ſich nicht auf dem Schiffe befand, er zuge⸗ Meeresſtille und hohe See. — 66— theilt war. Als er längs dem andern Schiffe hinſteuerte, ſah er Lucas Sören auf dem Bugſpriet, wo er die Waſſerſtage anſetzen half und hörte, wie er ihm zurief: „Wir ſehen uns in Trankebar, mein Junge. In Trankebar, wo Du mir heimzahlen ſollſt, was Du mir ſchuldig geworden biſt. Hendrick antwortete nicht, aber er blickte den Lucas mit ſolcher Verachtung an, daß dieſer zähneknirſchend in den Bart murmelte: „Warum warf ich ihm nicht dieſes Splitzeiſen an den Schädel? Dann wäre er mit einem Male hin und ſeine Seele müßte ſich in den Leib des Sturmvogels bannen laſſen. Aber ich mache jenſeits des Oceans wett, was er mir dieſſeits des Oceans gethan hat.“ Er wurde in ſeinem Brüten durch die helle Pfeife des Hochbootsmanns unterbrochen, deren Töne ſchrillend über das Deck hinflogen. Eine Stunde ſpäter waren beide Oſtindier unter Segel und ſteuerten in die offene See hinaus. Mitten im Ocean. Die Paſſatwinde wehen ſchmeichelnd um die weiß⸗ leuchtenden Segel der Oſtindienfahrer, die bis hierher gute Gemeinſchaft mitſammen hielten. Voran ſteuert der„Malabar“, an deſſen Bord ſich Hendrick befindet. Der zweite Bootsmann deſſelben iſt von einem herabſtürzenden Ginblock getroffen und liegt in dem Lazareth des Doktors. Die Offiziere ſind zuſammengetreten und berathen, was zu thun. Das Herkommen am Bord ſagt, es ſei nicht gut, daß aus den Gleichgeſtellten Einer ausgewählt werde, und als Befehlender an die Spitze der Uebrigen trete. Es iſt gegen die Matroſen⸗Natur, darüber hinwegzukom⸗ men. Darum ſoll die mitſegelnde„Roſe“ aus ihrer Equipage einen tüchtigen Mann abgeben und dafür vom „Malabar“ Erſatz empfangen. Mit dem anbrechenden Tage wird dies Geſchäft ein⸗ geleitet. Eine Schaluppe des„Malabar“ bringt ihren tüchtigſten Toppmann zu der„Roſe“ hinüber und kehrt von dort mit einem befahrnen Mann zurück, der die Stelle des verunglückten zweiten Bootsmanns einnehmen ſoll. Dieſer Mann iſt Lucas Sören. Hendrick ſieht ſeinen Feind über den Fallreep ſteigen und fährt mit der Hand nach dem Herzen. Es iſt ſein böſer Geiſt, der in dieſem Augenblicke über das Deck ſchreitet. Lucas Sören würdigt ihn keines Blickes, ſon⸗ dern begiebt ſich zum Capitain, der ihn in Eid und Pflicht nehmen und dem Hochbootsman als Gehülfen überweiſen läßt. Das zweite Quartier wird ihm zuge⸗ theilt, deſſen erſter Mann Hendrick iſt. Als Lucas Sö⸗ ren das Quartiervolk übernimmt und der Hochbootsmann ihm die Namen der Männer nennt, ſagt er, als Hendrick vortritt: ₰ 68— „Den da kenne ich ſchon.“ Der Tag geht hin, wie alle Uebrigen. Hendrick be⸗ ſchließt, ſich der eiſernen Nothwendigkeit zu fügen. Er bleibt ſtill, gehorcht ohne Ja und Nein jedem Befehl und ſchließt ſein Ohr vor jedem verletzenden Ausdruck. Lucas Sören, der ihn zum Widerſtand anreizen will, verſucht das Aeußerſte. Sein Benehmen wird ſo auf⸗ fallend, daß es ſogar außerhalb des Ouartiers bemerkt wird und ſeine Maaten ihn auffordern, ſich das nicht gefallen zu laſſen. Aber er bleibt ſtumm und die ganze Backgenoſſenſchaft nennt ihn einen erbärmlichen Geſellen, der keine andere Behandlung verdient. Da wehte eines Nachts eine ſteife Briſe. Der „Malabar“ lief vor den gerefften Topſegeln und der gerefften Fock eine handliche Fahrt. Hendrick ſtand im Lee der Ankerwinde und ſah zu einem Vogel mit dunk⸗ lem Gefieder auf, der ſich matt und flügellahm auf der großen Raa niederließ. „Das iſt der Fulmer,“ ſprach er vor ſich hin.„Dieſe Nacht giebt es ein Unglück.“ „Wenn es ein Unglück giebt,“ erklang die Stimme des Lucas Sören dicht hinter ihm,„ſo haſt Du es ver⸗ ſchuldet oder gar angeſtiftet, denn Du biſt ein falſcher, heimtückiſcher Burſche. Nur heraus mit der Sprache! Was haſt Du angezettelt?“ Hendrick ſchwieg. „Willſt Du reden, Du Hund, oder ich preſſe Dir das Geheimniß mit Gewalt heraus.“ Er griff mit der Hand nach Hendrick. Dieſer ſchleu⸗ derte ſie weg und ſagte ernſt: „Ihr habt Euch ſchon ſo viel erlaubt, daß Euer Maaß voll iſt. Ein Wort noch und meine Geduld iſt am Ende.“ „Geduld? Was willſt Du ſagen mit einer Geduld, die am Ende iſt?“ rief Lucas Sören laut.„Vergißt Du, daß ich Dein Deckoffizier bin? Haſt Du Luſt, an der Nock der Fockraa zu baumeln, Rebell?“ „Ich bin kein Rebell und verlange, in Ruhe gelaſſen zu werden,“ entgegnete Hendrick.„Das Unglück, welches ich meine, ruht auf den Flügeln jenes Vogels, deſſen glühende Augen auf uns herabfunkeln.“ „Zum Teufel mit dem Vogel. Ich will die Beſtie herunterſchießen. „Ihr werdet es nicht, denn Ihr wißt nur zu gut, warum er ſo unſtät zwiſchen Luft und Waſſer umher irrt. Die Seele eines Matroſen, den dieſe Wellen be⸗ gruben, iſt in ihn gefahren und jagt ihn durch Nebel und Wind. Wißt Ihr es, wem die Seele gehörte, die das arme Thier ſo unſtät macht? Mich überrieſelt es kalt in der Nähe dieſes raſtloſen Wanderers. Wißt Ihr doch nicht, wo Euch über Bord zu fallen beſtimmt iſt und unter welchen Breiten Ihr zwiſchen Himmel und Welle gejagt werdet.“ „Furchtſam wie ein Weib und ſchwatzhaft wie ein Schiffspaſtor zu Orlog, das iſt Deine und Deines Gleichen Art. He! Schildwache! Gieb Dein Gewehr.“ Er nahm dem auf und abgehenden Soldaten das Gewehr aus der Hand und legte auf den Vogel an. Hendrick ſchlug den Lauf nieder. Der Schuß ging los und die Kugel drang in die Thür der Kajütskappe. Der wachthabende Offizier ſchrie vor Ueberraſchung laut auf. Lucas Sören, der das Schlimme ſeiner Lage begriff, faßte einen ſchnellen Entſchluß. Er faßte Hendrick bei der Bruſt und warf ihn mit dem Ausrufe:„Haltet den Rebellen feſt und bindet ihn!“ zu Boden. Die Aufregung verbreitete ſich über das ganze Deck. Hendrick war mit dem Hinterkopf auf einen Ringbolzen gefallen und ſchwer verletzt. Das Blut floß in Strö⸗ men. Man brachte ihn in des Doktors Kammer. Lucas Sören trug dem Offizier ſeine Klage vor, die ſchwer genug ausfiel, da Niemand gegenwärtig war, der wi⸗ derſprechen konnte. Der Kapitain des„Malabar,“ an die Wahrheit der Anklage glaubend, gab Ordre, den Re⸗ bellen, ſobald er verbunden und zur Beſinnung gekommen ſei, in Ketten zu legen. Der Befehl ward vollzogen. Das Urtheil folgte bald hinterher. Die Verhandlung des Kriegsgerichts war eine leere Form zu jener Zeit, wo man ein Unrecht leicht überſah, wenn nur der ſtrengen Disciplin genug geſchah. Ob Lucas Sören das Recht auf ſeiner Seite —— hatte, darüber ging man hinweg. Hendrick hatte ſich gegen ſeinen Deckoffizier in einem Augenblick aufgelehnt, da das Band des Gehorſams durch manchen Zufall am Bord zu lockern begann. Der Deckoffizier behauptete es, und die Kajüte hegte keinen Zweifel. Das Schickſal des unglücklichen Hendrick war entſchieden. Nach ſtrengem Rechte erwartete ihn der Tod. Der Kapitain des„Malabar“ hatte eine Scheu vor Blut⸗ vergießen. Er änderte das Urtheil dahin ab, daß Hen⸗ drick bis zur Ankunft in Trankebar mit den Ketten be⸗ laſtet bleibe und dann dem Gouverneur der Kolonie zur immerwährenden Zwangsarbeit überwieſen werden ſolle. Das war das Ende der oſtindiſchen Reiſe, die mit ſo großen Hoffnungen auf einen glücklichen Ausgang an⸗ getreten wurde. In der Präſidentſchaft Madras liegt zwiſchen zwei Armen des Kawari die Stadt Trankebar. Längs den ufern des Stromes dehnen ſich die Waldungen und Plan⸗ tagen aus, welche das kleine Colonialgebiet einer kleinen europüiſchen Macht bildeten. In dem Gouvernements⸗ hauſe zu Trankebar ſaß ein Mann zu Gericht über die Verbrecher der Colonie, der mit eiſerner Strenge nur das Schwerdt des Geſetzes, aber nie die Waage führte. Vor ihm erſchien Hendrick mit der Anklage der Meuterei belaſtet und von Seiten des Schiffskommandanten mit — 12— dem Bemerken abgeliefert, daß dem Verbrecher zwar das Leben geſchenkt ſei, er aber hoffe, der Gouverneur werde ihn zur ſtrengen Zwangsarbeit anhalten. Der Gouverneur ſah den bleichen jungen Mann in Ketten vor ſich und ſagte mit eiſiger Kälte: „Ihr habt den Tod verdient, Ihr Meuterer. Weil aber der Kapitain des„Malabar“ Euch das Leben ſchenkte und Euch mir zur Beſtrafung übergeben hat, will ich wenigſtens dafür ſorgen, daß Ihr den Lohn em⸗ pfangt, der Euch für Euer Vergehen gebührt. Der Plantagenmeiſter auf der Haralds⸗Plantage wird Euch ſagen, was Ihr zu thun habt.“ Auf ſeinen Wink eilten die Sklaven herbei, die den Verurtheilten an das Ufer des Kawari bringen ſollten. Als Hendrick in die glühenden Augen dieſer Schwarzen ſchaute, ſah er den ganzen Jammer ſeiner künftigen Tage mit einem Male vor ſich. Eine heiße Thräne brannte in dem Auge des ſchuldloſen Mannes. Drei Tage waren vorüber. Drei Tage lang hatte Hendrick bereits vor ſeinem harten Zuchtmeiſter geſtan⸗ den und die grauſamſte Behandlung mit dumpfem Schwei⸗ gen ertragen. Die Ufer des Kawari ſind ungeſund. Das Land iſt von großer Fruchtbarkeit, aber von Süm⸗ pfen durchſchnitten, denen ein giftiger Peſthauch entſteigt. Wer einen Monat lang an dieſen Lachen hauſt, ſchleppt das Fieber mit ſich herum, welches an dem innerſten Mark — zehrt und nur durch ein Wunder wird er am Leben er⸗ halten. Und es ſchien, als ſollte ſich ein ſolches Wunder an Hendrick offenbaren. Während ſeine Unglücksgenoſſen, vom Fieber niedergeworfen, in das Spital geſchickt wur⸗ den und demſelben erlagen, ſchleppte er ſich zwar müh⸗ ſam fort, aber er hielt ſich doch aufrecht. Es ſchien ſogar, als gewöhne ſich ſein abgehärteter Körper an dieſe verzehrende Luft. Ein Jahr ging in dieſer traurigen Einförmigkeit hin. Der Plantagenmeiſter, der in Hendrick nichts ſah, als einen Mann, der, zum Tode verurtheilt, hier ſo lange zu arbeiten hatte, bis er den Geiſt aufgab, häufte im⸗ mer neue Laſten auf ihn, indem er ſagte: „Wenn Du vor Deinen Kameraden die Geſundheit voraus haſt, ſollſt Du auch ihr Tagewerk thun. Von Morgen ab bleibſt Du eine Stunde länger draußen und gehſt eine Stunde früher an die Arbeit, als die Andern.“ Hendrick fügte ſich dem eiſernen Zwange. Im An⸗ fange ſeiner Sclaverei gedachte er des liebenden Weibes, das er verlaſſen mußte, da ſie kaum die Seinige ge⸗ worden war und von der er auf lange, lange Zeit, viel⸗ leicht auf immer getrennt war. Aber allmählig ſtumpften ſich ſeine Sinne ab. Er blieb körperlich rüſtig, aber ſein Geiſt verſank in ein dumpfes Brüten. Er glich einer Maſchine, die man trieb, wohin man ſie haben wollte und die nicht von der Stelle wich, wenn man ſie nicht dazu antrieb. Da verließ er eines Morgens ſein düſteres Gefängniß. Die Sonne tauchte, wie ein dunkelrother Feuerball aus den giftigen Nebeln auf, die ſich an dem Ufer zuſam⸗ men ballten. Sein Weg führte an einer Cactushecke vorüber. Sie begränzte den Garten, worin die Wohnung des Plantagenmeiſters lag. Hendrick horchte plötzlich auf. Ein Angſtſchrei drang an ſein Ohr. Dieſer Schrei traf ſein innerſtes Herz. Ihm klang die Stimme bekannt. Ihm war es, als ob Ella um Hülfe rief. Leben, glü⸗ hendes Leben flog durch die halb erſtorbene Geſtalt. Seine Wangen brannten, ſeine Glieder dehnten ſich. Abermals wiederholte ſich der Schrei, lauter, durchdrin⸗ gender. Da raffte er ſich gewaltſam auf. Der kecke Seemann, der den plötzlichen Stürmen ſo oft trotzte, flog ſchnell mit einem Satze über die ſtachelige Wand in den Garten. Ein Mägdlein, halb Kind, halb Jungfrau, ſtand vor ihm, an allen Gliedern bebend, bedroht von einer Schlange der giftigſten Art, die ſich ihr ringelnd näherte. Ohne zu wiſſen, was er wagte, zückte er das ellenlange Meſſer, das ſein wichtigſtes Arbeitszeug war. Ein furchtbarer Kampf entſpann ſich, als das Unthier ſich zu ihm wandte. Endlich lag es zuckend am Boden. Aber auch Hendricks Kraft war am Ende. Er ſank ohnmächtig nieder. Das von einem ſchrecklichen Tode befreite Mädchen wollte fliehen, aber ſie vermochte es nicht. Mit wachſender Angſt ſah ſie dem Kampfe zu. Ihr laut klopfendes Herz drohte zu ſpringen. Als aber nun Alles entſchie⸗ den war, eilte ſie, aufathmend, dem Hauſe zu, auf deſſen Schwelle der Plantagenmeiſter ihr begegnete. Der harte, grauſame Mann, der ſeine Untergebenen mit kaltem Blute peinigen konnte, war voll der rührend⸗ ſten Zärtlichkeit ſeinem Kinde gegenüber. Mit Beben vernahm er das Geſchehene und ſchwur, ihrem Retter die That reich zu vergelten. So gelangte er an den Platz, wo Hendrick noch immer bewußtlos lag, nicht wenig ſtaunend, einen der ihm untergebenen Verurtheilten zu finden. Er begriff kaum, wie der Mann hierher ge⸗ kommen ſein konnte; doch gedachte er ſeines Wortes und ſorgte, daß Hendrick an einen ruhigen Ort gebracht wurde. Während der Tage, die Hendrick in dem ihm gewor⸗ denen Aſyl zubrachte, wurde der Plantagenmeiſter näher bekannt mit ihm. Der junge Gefangene bewirkte durch ſein ſtilles, ſanftes Betragen, daß der rohe Mann ſich Zwang auflegte, und nach den näheren Schickſalen Hen⸗ dricks forſchte. Die Wahrheit trug auch hier den Sieg davon. Er glaubte an Hendricks Unſchuld, geſtand aber dies nicht ein, ſondern ſagte: „Mag es wahr ſein, was Du mir ſagteſt, oder nicht, darüber habe ich nicht zu richten. Ich habe nur darüber zu wachen, daß Du die über Dich verhängte Strafe auch wirklich erleideſt. Aber Du haſt i en großen Dienſt geleiſtet und der Retter meines Kindes kann von mir fordern, was er will. Dein ganzer Sinn ſtrebt nach dem Norden, wo Du Dein Weib wieder zu finden hoffſt. Ich will Dir beiſtehen, ſo viel ich vermag. Von Trankebar iſt jede Flucht unmöglich. Wie könnteſt Du auch an Bord eines zur Heimkehr beſtimmten Schiffes gelangen, ohne daß es entdeckt würde, woher Du kommſt? Du mußt auf britiſches Gebiet übertreten und um dies mit Sicherheit zu können, mußt Du aus den Augen der Menſchen verſchwinden. Erſt nach Deinem Tode biſt Du dem Leben zurückgegeben. Morgen ſtirbſt Du, ſtirbſt für Alle und auch für mein armes Kind, die an nichts Anderes denkt, als an Dich. Still, Mann, erwidere kein Wort. Du haſt ein Weib daheim. Geh'!“ Hendrick ging in großer Bewegung. Draußen wurde es Nacht. „Der Mitgefangene Hendrick iſt todt. Das Sumpf⸗ fieber hat ihn getödtet!“ Die Mitgefangenen hörten es ſeufzend und Mancher dachte vielleicht: „Wäre ich an ſeiner Stelle!“ Der Gouverneur erhielt den Bericht und ieß in der Liſte neben Hendricks Namen ein rothes Kreuz machen. Das war Alles. Am Abend des Todestages wurde ein Sih aus dem Hauſe des Plantagenmeiſters getragen und auf einen Karren geſetzt, der damit in die Nacht hineinfuhr. Zwei Eingeborene begleiteten ihn. Am andern Morgen kehrten ſie mit dem leeren Karren zurück. Wohin wurde der Sarg gefahren? Wo lag der Todte begraben? Keiner fragte darnach. Nur des Plantagenmeiſters Kind ging in den Garten und weinte bitterlich. Es iſt daſſelbe Eiland; derſelbe mit Birkengrün und Sonnenſchein geſchmückte Platz an der Schwalbenklippe, von wo aus Hendrick ſeinem Verhängniß zuſtenerte. Dort iſt Dirk Larſens Hütte; dort ſchaukelt ſein Boot auf den Wellen. Und auf dem glatt gewaſchenen Stein zwi⸗ ſchen Hütte und Boot ſitzt er ſelbſt, einen munteren Knaben zwiſchen den Knieen. Dirk Larſen iſt alt ge⸗ worden. Seit Hendricks jahrelanger Abweſenheit er⸗ bleichte ſein Haar. Das Auge wurde ſchwach. Ihm kam es hart vor und doch war es gut ſo, denn nun konnte er die vergrämten Züge der armen Ella nicht ſehen, die ſich in Sehnſucht nach ihrem Gatten ſchier verzehrte. Wohl fand ſie vorübergehend Troſt in ihrer Liebe zu dem kleinen Erick, den ſie gebar, als der Vater ſchon lange auf fernen Meeren ſchwamm. Aber indem ſie den Kna⸗ ben herzte und küßte, kam eine unendliche Wehmuth über die Verlaſſene. Mit Thränen in den Augen am Strande umherirrend, rief ſie den Geliebten mit den ſüß eſten Namen. Aber Alles blieb ſtill und nur das Echo, wel⸗ ches in dem Buchwald an der Küſte ſchlummerte, gab jeden Klagelaut zwiefach zurück. In ſtiller Trauer um den Verlornen verlebte ſie ihre Tage, als ein unerwartetes Ereigniß die kaum vernarbte Wunde aufriß. Der verſchollene Lucas Sören tauchte plötzlich auf. Benachbarte Fiſcher hatten ihn in der Handelsſtadt an der nahen faſten Wall geſehen. Er warf mit oſtindiſchen Goldſtücken um ſich und prahlte, er ſei ſo reich geworden, daß er nicht nur die heimiſche Inſel, ſondern alles Volk, welches darauf lebte, kaufen und bei Heller und Pfennig bezahlen könne. Nächſtens werde er dies Wort wahr machen. Die Meiſten glaubten es. Die Klügern hielten es für armſeliges Aufſchneiden. Sie wüßten auch, ſagten ſie, was ein Matroſe in einigen Jahren erübrigen könne. Es werde ſich halten laſſen mit dem Reichthum. Wenn er einige Zeit flott gelebt habe, ſei es der alte Bettel. Ella allein empfand einen tiefen, nachhaltigen Schmerz. Die Vergangenheit wurde in ihr lebendig. Sie gedachte an all' das Herzeleid, was ihr Lucas Sören zufügte und zitterte vor dem, was noch geſchehen könne. Als nun aber gar die Kunde kam, daß der Gefürchtete das Ei⸗ land betreten habe, ſtieg ihre Angſt und ſie wagte kaum, die Schwelle ihrer Behauſung zu überſchreiten. So ſtand es daheim, als Erick zu dem Großvater aufblickte, der ihm Märchen erzählte von Prinzeſſin Wall⸗ rabe und dem rothen Seekönig, von der ſtachelichten Rochenfürſtin und dem klugen Knurrhahn, der allein mehr ſpricht, als alle andern Fiſche zuſammen. „Das iſt eine wahre Geſchichte, kleiner Erick, die mir Claus mein Großvater erzählte, da ich ſo klein war, als Du jetzt biſt.“ „Wo lernen ſie denn ſprechen, Großvater?“ fragte der Knabe.„Du mußt'mal einen fangen, damit wir ihn fragen können.“ „Ich nicht, Söhnchen. Kann das Netz nicht mehr einpalmen, noch bei ſchwerem Wetter das Segel reffen und die Steuerpinne regieren.“ „Dann muß es der Vater thun, wenn er nach Hauſe kommt. Warum bleibt er nur ſo lange weg?“ „Er iſt auf der langen Reiſe. Du weißt es ja, und mußt nicht immer daſſelbe fragen.“ „Weiß wohl, Großvater. Er iſt in Oſtindien, wo der kalte Nordmann am heißen Fieber ſtirbt.“ „Wer ſetzt Dir ſolche Dinge in den Kopf? fragte der alte Mann erregt. Seine bebende Stimme verrieth, daß er längſt dergleichen gedacht; aber nun er es laut ſagen hörte, befiel ihn eine unſagbare Angſt. Der Junge aber antwortete: „Lucas Sören hat es mir zugerufen, als ich ihn ge⸗ ſtern fragte, ob er nichts von meinem Vater gehört habe. Er lachte dabei, Großvater, und ſah recht häßlich aus.“ „Lucas Stören!“ wiederholte der Alte.„Er iſt unſer böſer Geiſt. Gehe dem Manne aus dem Wege, mein Kind.“ Aber der Knabe hörte nicht. Er bemerkte einen Vo⸗ gel, nicht größer als eine Lerche, der kaum noch die Flügel regen konnte und unfern von der Hütte niederfiel. Erick griff ihn auf und lief damit zu dem Großvater. Dieſer ſagte: „Iſt eine Sturmſchwalbe, welche ſie den Petersvogel nennen. Wer weiß, von wo der bis hierher verſchlagen wurde.“ „Hat ſchöne braune Federn,“ ſagte Erik.„Die wei⸗ ßen Streifen an den Flügeln ſehen aus wie die weißen Striche am Dolbord unſerer Jolle. Willſt Du ihn zum Abend in der Pfanne haben?“ „Nein, Kind. Wollen ihn vielmehr ſorglich pflegen und dann fliegen laſſen. Tödte keinen Sturmvogel; das bringt Unglück.“ „Warum das, Großvater? „Wenn ein Matroſe auf offener See ſtirbt, fährt ſeine Seele in einen Sturmvogel, der ihn der Küſte zu⸗ trägt. Darum iſt verflucht, wer den frommen Vogel auf ſeiner Wanderung ſtört. Komm mit mir, Erick.“ Sie gingen in die Hütte, ſtreuten am offnen Fenſter reiches Futter aus und ſetzten den Vogel daneben, damit er ungeſtört weiter fliegen könne, wenn er ſich ausge⸗ ruht.“ Bald nachher ſaß der Großvater an der gewohnten Stelle und Erick baute emſig an ſeiner Fregatte, die er aus Holzſplittern zuſammenſetzte. Da kam Lucas St⸗ ren daher geſchlendert, eine Flinte in der Hand und rief dem Alten lachend zu: „So lange ich Seemann war, bin ich Dir ein Dorn geweſen, Dirk Larſen; darum bin ich willens, von jetzt ab am Lande zu leben und ein Jägersmann zu werden. Schan, welch' ſtattliches Gewehr ich führe.“ Er ſpielte mit der Flinte und Dirk Larſen ſagte zürnend: „Du haſt meinem Hauſe ſo vieles Herzeleid gebracht, daß wir uns nur neuer Schandthaten zu verſehen haben, da Du zurückgekehrt biſt.“ „Deine Schuld. Warum weigerſt Du, was ich be⸗ gehre? Ella iſt zwar verblüht und krank; aber ſie iſt noch immer ſchön und mein Begehren zu ihr neu er⸗ wacht. Ich habe es mir nun einmal in den Kopf geſetzt, ihr Mann zu ſein und kein Teufel ſoll mich davon ab⸗ bringen.“ „Im Namen Gottes, der Macht über alle Teufel hat, ſage ich Dir, Du wirſt ſie nicht bekommen.“ „Ich werde ſie mir nehmen, und mit ihr den Jungen da, der dem Hendrick ſo ähnlich ſieht!“ lachte Lucas Sören höhniſch und ſtreckte die Hand nach dem Knaben aus, der nicht mehr ſpielte, ſondern ängſtlich zu Lucas Sören aufſah. Dirk Larſen aber rief abwehrend: „Zurück! Dies unſchuldige Kind ſoll Deine Hand nicht berühren.“ „Nimm Dich in Acht!“ brauſte Lucas Sören auf. Meeresſtille und hohe See. 6 „Du weißt, ich habe eine Fauſt, die feſthält, was ſie einmal packt. Und nun habe ich in der Fauſt auch noch eine Flinte. Wollen ſehen, was ſie vermag.— Was krabbelt da auf Deinem Fenſterbrett? Ein Dieb, der Dir Deine letzten Brodkrumen ſtiehlt. Dem will ich das Handwerk legen.“ Lucas Sören legte an. Erſchreckt ſprang Dirk Lar⸗ ſen zu und ſchrie: „Was thuſt Du? Es iſt der Sanct Petersvogel.“ Das Thier, ſcheu gemacht durch das laute Reden, flog auf. Lucas Sören drückte in demſelben Augenblicke ab und mit zerſchoſſenem Flügel fiel der Vogel auf die Erde. „Unglücksmenſch!“ ſagte bebend Dirk Larſen.„Du haſt nicht den Vogel, Du haſt eine Menſchenſeele ge⸗ tödtet.“ „Und wenn es die Seele Hendricks wäre, mich küm⸗ mert es nicht,“ antwortete Lucas Sören und ſchritt trotzig weiter. „Hendrick, mein armer Sohn!“ ſagte der alte Mann und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. Er hob den ſterbenden Vogel auf und ſah ihn traurig an. Ella war herausgetreten und ſchlang ihren Arm um den Nak⸗ ken des Vaters. „Klage nicht mehr, alter Mann. Laß uns dieſes Thier begraben, von dem Du glaubſt, daß meines ar⸗ — men Hendricks Seele darin wohnte. Und merke Dir genau die Stelle, damit Du mich auch dort—“ Sie ſprach nicht zu Ende. Thränen erſtickten ihre Stimme. Auf dem feſten Lande war es und in der Hafen⸗ ſtadt, wohin Lucas Sören ſich oft begab, um Geſchäfte zu betreiben. Welcher Art dieſe waren, wußte Keiner. Sie mußten aber viel abwerfen, denn trotz ſeines flotten Lebens behielt er die Taſchen voll Geld. In einer Hin⸗ terſtube der Ankerſchenke hatte er mit zweien Fremden eine Zeitlang gerechnet, die ſich darauf empfahlen und um Er⸗ haltung der Kundſchaft baten. Er aber rief ihnen nach: „Zum Teufel mit der Kundſchaft dieſer Landratten. Wollen immer nur einſtreichen und kümmern ſich nicht darum, Wer die Schlinge zuzieht, wenn mein Kopf darin ſteckt.“ Hierauf ging er in die Schenkſtube, wo ihm der Wirth entgegentrat und ihm zuflüſterte: „Nimm Dich in Acht. Die Zolljacht kreuzt draußen. Sie haben es auf Dich gemünzt.“ „Schiert mich nicht, das Lumpenpack,“ antwortete er verächtlich und preite mit einem lauten:„Halloh Ahoi!“ einen Matroſen an, den das ſeidene Tuch um den Arm als einen Seemann von der langen Reiſe bezeichnete. Sie waren alte Backsmaateen von der„Roſe“ her und das Erzählen nahm kein Ende. Als aber nun der Lu⸗ ₰ — cas Sören von einem Seemann ſprechen hörte, der als Re⸗ bell ʒum Selavendienſt in den Plantagen von Trankebar ver⸗ urtheilt ward, dort aber nicht verſtorben, ſondern friſch und geſund entkommen ſei, gerieth er ſo in Wuth, daß er nicht zu bändigen war und ſein Backsmaat die Schenke mit den Worten verließ: „Es kommt immer anders, als man es ſich vorſtellt. Haſt Du dem Mann, von dem ich ſprach, den bitteren Trank eingerührt, daran er faſt erſtickt wäre, kann er Dich jetzt zwingen, ihm Beſcheid zu thun.“ „Soll kommen und mit mir anſtoßen!“ rief Lucas Sören.„Ich will ihn...“ Er ſprach es nicht aus, aber die Mordluſt, die aus ſeinen Augen leuchtete, drückte es deutlich aus, was er dachte. Und wie er über den Hafendamm hinraſte, prallte er plötzlich, wie vor einer Erſcheinung zurück. Hendrick ſtand vor ihm und ſagte: „Du meinteſt es übel mit mir, aber Gott machte Dein böſes Wollen zu Schanden. So lange ich die Sklavenkette trug, habe ich Dir geflucht. Rache war mein Dichten und Trachten. Seit mich der Herr ſo wunderbar rettete, vergab ich Dir. Aber ſiehe zu, daß ich Ruhe vor Dir habe, ſonſt wirſt Du erfahren, daß das Sumpffieber meine Hand nicht ſo geſchwächt hat, daß ſie Dich nicht greifen könnte.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Hendrick. Lucas Sören bedurfte eines Augenblicks, ſich von dem unver⸗ mutheten Zuſammentreffen zu erholen. Zugleich vertrat ihm der Ankerwirth den Weg und ſagte: „Komme jetzt nicht in mein Haus. Ein Zollwächter iſt do mit der Ordre, Dich zu greifen. Dein Boot iſt auch beſetzt. Siehe zu, daß Du Dich in Sicherheit bringſt.“ Lucas Sören ſtand rathlos. Wohin ſollte er zuerſt? Unterdeſſen war Hendrick ihm aus den Augen. Er wußte nicht, wohin ſich wenden. Ein trüber Herbſttag brach an. Das Birkengrün war verſchwunden. Die Sonne warf nur ſpärliche Blicke auf das Eiland. Die See grollte nach einem ſchweren Sturm und warf den brandenden Giſcht weit auf den Strand. Dirk Larſen ſaß daheim am Bette der bleichen Ella, die krank darniederlag und eingeſchlummert war. Da ſchlüpfte Erick herein und ſagte dem Großvater in das Ohr, der Strandvoigt ſtehe draußen und begehre mit ihm zu ſprechen. Dirk Larſen ging hinaus. Es war die außerordentlichſte Botſchaft, die er je vernommen. Seit Jahren hatte er ſich zögernd daran gewöhnt, Hen⸗ drick für todt zu halten, ſo daß es wie ein Blitzſtrahl vor ihm niederſchlug, als er hörte, ſein Sohn lebe. Ein Fiſcher habe die Nachricht von der faſten Wall mit her⸗ über gebracht. Der Strandvoigt hatte es übernommen, den Vater auf die Ankunft Hendricks vorzubereiten. Dirk Larſen mußte ſich ſetzen. Alles ging mit ihm im Kreiſe herum. Er konnte an dies Glück nicht glauben, ſondern hielt es für einen ſchönen Tranm, der in der nächſten Minute zerrinnen werde. Aber er zerrann nicht. Es war die ſchönſte, lebens⸗ volle Wahrheit. Noch ſelbigen Tages hielten Vater und Sohn ſich feſt umſchlungen. Erick ſprang jubelnd her⸗ bei und während Hendrick zum erſten Male ſeinen Kna⸗ ben an das Herz drückte und deſſen harmloſes Plaudern mit Entzücken hörte, ſaß Dirk Larſen an Ella's Lager und bereitete die Leidende mit vorſichtigh Zögern auf die Erſchütterung vor, die ihrer harrte. Unerwartete Freude wirft nieder, aber ſie richtet auch ſchnell wieder auf. Als Ella die Botſchaft des Vaters vernahm, ſank ſie bewußtlos in deſſen Arme. Aber ſchon nach wenigen Minuten ſchlug ſie die Augen auf und als Hendrick darauf eintrat, flog ſie laut ſchluchzend an ſeine Bruſt. Es war rauh und kalt draußen. Der Wind ſtürmte. Die See brandete. Aber in der Wohnung Dirk Larſens glühte es wie ein lieblicher Sonnentag. Schon umfing friedlicher Schlaf die Glücklichen. Drau⸗ ßen aber ſtürmte es fort. Die ganze See war eine übereinander hinſtürzende Woge, leuchtend und glänzend. 4 Und mitten in dieſer ruheloſen Wüſte, worin ſich Abgrund an Abgrund dehnte, ſchwamm ein Fiſcherboot. Es war Lucas Sören, der vom Feſtlande herüberkam. Umſonſt hatte man ihn gewarnt. Er folgte ſeinem blin⸗ den Haß, mit dem ſich die Furcht kreuzte. Hier die lauernden Zollwächter, denen er entweichen wollte, dort Hendrick, dem er den Untergang geſchworen hatte. Das Boot bebte vom Kiel bis zum Topp. Die See bedeckte es mit ihrem Giſcht. Im gewaltſamen Niederſtampfen riß das dicht gereffte Segel von oben bis unten. Die Finglinge des Steuers brachen und erbarmungslos ſchleu⸗ derte der Sturm das machtloſe Fahrzeug von Welle zu Welle. Lucas Sören ſtarrte in den dunklen Raum über und vor ſich hin. I der Finſterniß erkannte er noch einen finſterern Punkt, der ſich in dichten Kreiſen um das Wrack bewegte. Der Verlorene kreiſchte auf: „Huſſah! Der Sturmvogel iſt da! Lauerſt Du auf meine Seele, Beſtie? Was funkeln Deine Augen auf mich herab, wie zwei glühende Kohlen? Ich will nicht mit Dir. Ich will meine Rache! Meine Rache will ich!“ Das gellende Pfeifen des Sturmes verſchlang die Worte des Verzweifelnden. Eine heranvollende Welle warf ſich der ganzen Länge nach über das Boot hin und riß es, ſammt dem Schiffer, in die Tiefe. Als es am andern Tage abgeweht hatte, gingen Ella und Hendrick an den Strand. Trümmer aller Art be⸗ deckten ihn. Manches beſcheidene Glück der Gegenwart, manche hoffnungsreiche Zukunft lag hier begraben. Dirk Larſen ſtand mit einigen Andern bei einem halbzerſchell⸗ ten Boote, das die Brandung hoch auf den Strand ge⸗ worfen hatte. Sie ſahen am Vorderſteven einen weißen Stern und darin den Buchſtaben S. mit einem Meſſer gekreuzt. Alle wußten, daß es das Wahrzeichen von dem Boote des Lucas Sören war. Jeder ahnte, welches Ende es mit ihm genommen. Während die Männer noch beriethen, ſprang Erick herzu und rief: „Vater! Großvater! Seht den großen ſchwarzen Vo⸗ gel über uns.“ „Der Sturmvogel! Fullmer, der Sturmvogel!“ rief es hier und da. Alle Blicke waren auf dieſen gerichtet. Inimmer engeren Kreiſen ſenkte er ſich allmählich dem Strande zu. Ella lehnte ſich gegen Hendricks Schulter und ſagte: „Wie wird mir plötzlich ſo wunderſam zu Sinnen, da ich den Vogel auf jenem Stein raſten ſehe. Iſt es mir doch, als träte mit einem Male die Geſtalt des Lu⸗ cas Sören zu mir heran. Und Hendrick, die Wiedergefundene an ſein Herz drückend, ſagte: „Auf ſeinen ſchwarzen Flügeln trägt der Sturmvogel deſſen unſterbliches Theil. Jedes gebrannte Herzeleid hat dieſer Menſch mir angethan. Sein Tod tilgt alle Schuld. Und wenn die See ſeine Leiche an den Strand wirft, ſollen dieſe Hände ihn beſtatten.“ Mit einem dankbaren Lächeln ging Ella am Arm ihres Gatten nach dem Hauſe zurück. Der Sturmvogel aber erhob ſich mit heiſerem Gekrächz und flog in weit gezogenen Kreiſen wieder in die brandende See hinaus. —— Drr Bhrr. Kur⸗Brandenburgiſche Seenvvelle. Der Zapen. Su Pillau geſchah es um das Jahr 1656. War zu damal eine regſame Zeit in den preußiſchen Landen. Hatten ſich früher im Oberland, in Sammland und wo ſonſt der ſchwarze Adler horſtete, vielerlei herausnehmen dürfen. Die Herren von der Ritterſchaft und die freien Bürger hörten die Ermahnungen der kurfürſtlichen Kam⸗ mermeiſter geduldig oder ungeduldig an, je nachdem ihnen der Kopf ſtand und hernach thaten ſie, was ihnen be⸗ liebte. Wollten keine geworbenen Truppen im Lande haben, ſondern die eigenen Bewohner ſollten es mit Leib und Leben ſchützen. Aber wenn der Pole, oder ſonſt ein Feind ſich an der Grenze blicken ließ, blieben des Landes Kinder daheim und dachten:„Laßt den geſtrengen Herrn in Berlin nur ſelbſt ſorgen, das iſt ein tapferer Mann.“ Kam darauf eine Botſchaft von dorther, daß ſie den Beutel ziehen ſollten, damit die nöthigen Kriegskoſten zu⸗ N ſammen kämen, ſchlichen ſie achſelzuckend bei Seite und es gab Ausflüchte über Ausflüchte. Das ward anders als Herr George Wilhelm das Zeitliche ſegnete und den Kurhut vererbte auf ſeinen Sohn Friedrich Wilhelm, den bald Freund und Feind den gro⸗ ßen Kurfürſten nannte. Zwar blieben ſie noch immer aufſäſſig genug und hatten das große Wort; doch thaten ſie meiſtens des Fürſten Willen und man konnte ſpüren, daß ein Herr im Lande walte. Seit mehreren Wochen war es bei allen Bewohnern in Pillau zur Gewißheit geworden, daß es eheſtens etwas Abſonderliches geben werde. Es klang freilich unglaub⸗ lich und wollte Keinem anfänglich recht einleuchten; aber ſie mußten ſich endlich fügen. Es hieß, der Kurfürſt laſſe ſich mit der Herrſchaft zu Lande nicht mehr begnügen, ſondern wolle es auch zur See verſuchen, und es denen von Holland, Dänemark und Schweden gleich thun. Hat⸗ ten erſt weidlich darüber gelacht hinter den Bierkrügen und die Weiſen hatten mit den Köpfen geſchüttelt, oder die Hände ſeuſzend über den Bauch gefaltet, je nachdem. Was ſie aber bei dem Lachen nebenher noch insgeheim dachten, das ſchluckten ſie mit dem Bier wohlweislich hinunter, weil ſie es ſich nicht zu ſagen getrauten. Bald war es aber mehr als Spaß. Der kurfürſt⸗ liche Oberſt Johann Hille, welcher zugleich ein ſeebefah⸗ rener Mann und ein unerſchrockener Soldat war, wurde zum Kommandanten des erſten kurbrandenburgiſchen Kriegs⸗ ſchiffes ernannt,„der cleviſche Lindenbaum“ geheißen, welches ſechszehn Stücke führte. Wie vom Himmel ge⸗ fallen, war dies Schiff plötzlich vor dem Hafen von Pillau erſchienen. Kein Menſch wußte, woher es gekommen. Als eines Morgens die Sonne den Hafen beleuchtete, lag es dicht davor mit geöffneten Geſchützpforten, eine tüchtige Mannſchaft auf dem Decke, mit blendend weißen Se⸗ geln an den Raaen und dem kurbrandenburgiſchen rothen Adler an der Gaffel. Nun gab es ein Flüſtern und Ziſcheln und Köpfe⸗ zuſammenſtecken. Woher kommt das Schiff? Was will es hier? Wohin wird es gehen? Und was ſoll es draußen in der See? Müßiges Volk, welches ſich in jeder Hafenſtadt den geſchlagenen Tag am Waſſer her⸗ umtreibt, ſuchte ſich an die Mannſchaft zu drängen, wenn Etliche von derſelben zu Lande kamen und begehrten gute Kameradſchaft zu machen. Aber dieſe hatten entweder ſtrenge Ordre, oder ſie mochten ſich nicht mit den Tage⸗ dieben abgeben, und antworteten kurz, ſie wüßten von nichts. An den Herrn Kommandanten aber, wenn er vom Bord an das Land ging, oder zurück, wagten ſie ſich nicht zu wenden, denn dieſer ſah zu ernſt und ſtrenge darein. Und ſelbſt in der Herrenſtube, wo er manchmal einen friſchen Trunk begehrte, ſcheuten ſich die angeſehe⸗ nen Bürger, ihn um den eigentlichen Zweck des Orlog⸗ ſchiffes zu befragen, weil es bekannt geworden, wie er einem jungen Königsberger Patricier, der etwas mit dem —— Maule vorweg geweſen, zur Antwort gab: Kurfürſtliche Durchlaucht habe ihm zu ſchweigen befohlen und daſſelbe empfehle er ihm auch. Da traf es ſich eines Abends, als die Sonne ſich ſtark neigte und einen Scheideblick durch die Fenſter warf, der in den blanken Krügen wiederſpiegelte, daß zwei Männer, die miteinander über die ſchweren Zeitläufte einen weiſen Diskurs geführt hatten, ſich bei dem Ein⸗ tritt eines Dritten unterbrachen, indem der Eine ſagte: „Was wiſſen wir? Aber da kommt der Herr Kam⸗ mermeiſter Siegfried, der über dieſe Dinge genau unter⸗ richtet ſein muß, und uns, wenn er ſonſt will, mit Be⸗ ſtimmtheit ſagen kann, was all das Geheimthun in un⸗ ſerm Städtlein zu bedeuten hat.“ Der Kammermeiſter legte mit aller Gemüthsruhe ſei⸗ nen Regenmantel ab, hing Hut und Stock ſäuberlich an den Nagel und rückte die Perrücke zurecht. Dann ſetzte er ſich zu den beiden Herren, mit denen er von lange her befreundet war, an den Tiſch und ſagte nachdenklich: „Ihr meint, das Schiff mit ſeinen ſechszehn Ge⸗ ſchützröhren, das allen guten Pillauern zum Schrecken ſich plötzlich in dieſen Hafen hinein verirrt hat? Wer nur ſelbſt etwas wüßte. Aber das wird ja Alles ſo cachirt und ſecretirt, daß man nicht das Geringſte erfährt.“ „Gelt, Herr Kammermeiſter. Ihr wollt nur nicht mit der Sprache heraus, ſonſt wäre es Euch ein 6 Liegt ja Alles offen vor Euch da.“ 65— „Offen iſt in dieſer Angelegenheit nichts, als meine Caſſa,“ ſeufzte Herr Siegfried.„Weil ZJeder ſo oft und ſo viel exigiret, daß kaum eine Gelegenheit iſt, ſie nur unterweilen zu ſchließen. Dagegen arrivirt es ihr nim⸗ mer, daß ſie auch nur mit einem baaren Gulden berei⸗ chert wird.“ „Ja, das kennt man bei Euch Herrn. Hohe kur⸗ fürſtliche Kammer hat auf Nachfrage nie einen Groſchen. Und doch weiß ſie... Aber, da kommt, wenn ich mich nicht irre, einer Eurer Secretarien. Er hat ſich ſchon drei Mal verneigt, ehe er ſich über die Schwelle wagte, und macht ein gar pfiffiges Geſicht. Gelt, Gevatter Kammermeiſter, der bringt uns den gewünſchten Auf⸗ ſchluß.“ Der Kammermeiſter hatte ſich umgewendet und ſah einen der Kanzelliſten, der ihm zunickte, aber den Mund nicht zu öffnen wagte. „Warum dringt man hier ein? Was will man? Hat es ſo große Noth, daß man mir die nöthigſte Re⸗ creation mißgönnt?“ „Halten zu Gnaden, Euer Geſtrengen,“ ſagte Jener, mit den Achſeln zuckend und abwehrend.„Würde mich nicht unterſtanden haben, hierher zu kommen auf die Herrenſtube; allein eine hochwichtige Perſon verlangen expreß nach dem Herrn Kammermeiſter.“ „Und wenn es der Derfflinger, oder der Sparr in eigener Perſon wären.“ „Die ſind es aber nicht.“ „Oder meinetwegen des Kurfürſten Durchlaucht ſelbſt!“ ſagte der Kammermeiſter, ſich brüſtend. „Noch minder ſind es Seine Hochfürſtliche Gnaden, ſo ſich in der Kammermeiſterei befinden.“ „Man raiſonnire nicht. Wer iſt da?“ „Es ſind der Herr Oberſt Johann Hille, der das große Kanonenſchiff befehligt. Er geht in der Kanzlei mit großen Schritten auf und ab, und hat begehrt, Euch allſogleich zu ſprechen. Allſogleich und in des drei Teu⸗ fels Namen, befehlen der Herr Oberſt, und ich bin ge⸗ laufen was ich konnte, um Euch das anzuſagen.“ „Denken ſolche Herren, daß man nichts Anderes zu thun hat, als ſtets zu ihren Dienſten zu ſein?“ ſagte der Kammermeiſter, bluthroth vor Zorn und warf die Naſe hoch, als ſcheere er ſich nicht ſoviel um den Oberſten, ſtülpte aber doch den Hut auf den Kopf, vergaß in aller Haſt den Regenmantel und rannte mit einem mürriſchen guten Abend davon. „Das bedeutet etwas!“ ſagte einer der zurücgehli⸗ benen Bürger und ſein Nhn winkte dem Kanzeliſten zu ſich. „Sagt uns doch unbeſchwert, Herr Kanzellar“— Es war warm draußen und ein kühler Trunk nicht zu ver⸗ achten.—„Darf ich Euch meinen Krug anbieten?“ „Der Herr iſt gar zu gütig!“ entgegnete Jener und langte zu mit linkiſcher Haſt. —— „Erlaubt eine Frage,“ ſagte der Bürger.„Des Herrn Oberſten Gnaden iſt alſo auf der Kammermeiſterei? Habt Ihr nicht gehört, Herr... Hanſel! Noch einen Krug für den Herrn Kanzellar... Woher weht eigent⸗ lich der Wind?“ „Gerade Nord⸗Nord⸗Weſt, Herr!“ „Ihr Spaßvogel. Das meine ich nicht. Da iſt ein friſcher Krug. Wohl bekomm er Euch. Nun, was meint Ihr dazu? Ein feiner Trunk. Der arme Kammermeiſter muß das jetzt entbehren. Was kann der Oberſt zu ſo ſpäter Abendzeit noch wollen? Was ſoll es geben?“ Der Kanzeliſt machte ein gar wichtiges Geſicht, trank ſein Bier mit aller Gemüthlichkeit bis auf den letzten Tropfen, ſah ſich darauf nach allen Seiten um, ob auch ein Dritter da ſei, der ihn verrathen könne, beugte ſich zu dem horchenden Bürger herab, flüſterte dieſem zu: „Koperbriefe!“ und eilte ſpornſtreichs hinter ſeinem Herrn drein. Kaperbriefe! Das Wort war wie ein Donner auf das Haupt des friedlichen Bürgers herabgefahren. Er hatte auch ein Galiot draußen mit allerlei guten Dingen, als indiſchen Gewürzen und feinen Stoffen beladen, von denen er einen erklecklichen Gewinn hoffte. Und nun Kaperbriefe. „Dieſer Kurfürſt iſt zum Ruin des Landes auf die Welt gekommen!“ brummte er ingrimmig vor ſich hin, und ſprang auf, denn das Bier war ihm verſalzen. Er Meeresſtille und hohe See. „ 7 — ging in großer Aufregung nach Hauſe, die ſich noch be⸗ trächtlich erhöhte, weil ſeine erhitzte Phantaſie die bedroh⸗ lichen Kaperſchiffe, die der Feind zur Revange ausrüſten könne, nach allen Richtungen hin auf dem Straßenpflaſter vor ſich hertanzen ſah. In der Kajüte des„Cleviſchen Lindenbaums“ ſaß an der, inmitten derſelben am Boden feſt geſurrten Tafel der Artillerie⸗Oberſt und erſte kurbrandenburgiſche Capitain zur See, Johann Hille. Die vor ihm liegenden Karten ſchob er bei Seite, ſah hinauf zu dem Kompaß, der zu ſeinem Haupte hing und trommelte ungeduldig gegen die Lehne des Stuhls. Der Schreiber, der an dem Ende der Tafel ſeinen Platz hatte und wohl wußte, daß dieſe ſchlim⸗ men Zeichen ihm galten, tunkte die Feder, ſtatt in die Tinte, in den Streuſand und machte ein großes P für ein kleines, was man ſich damals überhaupt nicht übel nahm und ſprang dann auf, einen vollgeſchriebenen Bo⸗ gen vor dem Capitain niederlegend. Zu derſelben Zeit trat der erſte Offizier des Schiffes ein. Der Capitain⸗Oberſt ſah die Schrift an und rief dem Schreiber zu: „Kein Wort kommt von dem Allen über Eure Lippen, ſöuſti Der Schreiber legte die Hand auf das Herz, ver⸗ beugte ſich tief und verſchwand. Der erſte Offizier ſah dem Tintenkleckſer mit einem Blicke unausſprechlicher Verachtung nach, ſchenkte ſei⸗ nem Oberſten dafür, daß er ſich mit ſolchem Volke ab⸗ geben müſſe, einen Blick des Mitleids und harrte ge⸗ duldig, was Jener ſagen würde. „Lieutenant Lamm,“ ſprach Herr Johann Hille— nach einer Pauſe.„Hier iſt Arbeit vollauf. Es iſt Seiner Kurfürſtlichen Durchlaucht ſtrikter Befehl, daß die Flagge mit dem rothen Adler ſich jetzt vor aller Welt als Kriegsflagge in offener See zeigen ſoll.“ „Endlich!“ rief der Lieutenant.„Haltet es mir zu Gute, Capitain, daß ich von hier nicht hergehörenden Dingen ſchwatze, aber mir ſchlägt ordentlich das Herz, daß es endlich losgehen ſoll.“ „Verſchießt Euer Pulver nicht zur unrechten Zeit, alter Maat. Iſt nichts Halbes und nichts Ganzes. Ja, wenn die Sache ſo, wie Seine Kurfürſtliche Durchlaucht ſie begonnen haben, auch zu Ende geführt würde, dann möchte es hingehen. Aber, da reden die Berliner Ge⸗ heimräthe, die von dem Salzwaſſer nichts wiſſen, als daß der Dorſch darin umherſchwimmt, ſchon jetzt darein. Sie meinen dies und das, bis der Herr verdrießlich wird und den haltlos gewordenen Plunder bei Seite wirft.“ „Wie lautet denn, mit Verlaub, eigentlich die Ordre?“ fragte Lieutenant Lamm mit offenem Munde. „Da liegt das Kurfürſtliche Edikt. Sollen, Wind . — und Wetter dienend, ſogleich den Anker lichten und den Cours auf Colberg ſegeln, um unſere Ladung dort abzuſetzen. Dieſe Ladung, wißt Ihr, iſt ein purer Vorwand, um dort hin⸗ kommen zu können und einzuladen, was hier an Waffen und Munition für den Kurfürſtlichen Dienſt noth thut. Wer weiß, wie viel davon tauglich iſt für'nen ordent⸗ lichen Krieg, da die Berliner Perrücken das Ausſuchen gehabt haben. Aber das geht uns nichts an. Nun heißt es weiter: Wenn wir draußen fremdherrlichen Schiffen begegnen, zum Beiſpiel die von dem Orlog der Herrn Generalſtaaten, dann ſollen wir Miene machen, als woll⸗ ten wir den Flaggen⸗Salut zuerſt geben; eigentlich aber ſollen wir abwarten, ob ſie uns mit ihrem Gruße nicht zuvorkommen und dann wieder ſalutiren. Rühren ſie aber die Flaggenleine nicht an, dann ſollen wir es auch nur bleiben laſſen.“ „Bleiben laſſen!“ brummte der Lieutenant, in Ge⸗ danken ſeinem Capitain folgend, vor ſich in den Bart. „Wozu nutzt dieſer Schein?“ fuhr Jener fort. „Können wir nicht gleich brott genug ſein und ſagen: Wenn Ihr uns nicht zuerſt grüßen wollt, wir wollen es gewiß nicht, und ſomit hole Euch der Teufel. Sind Brandenburg und Preußen nicht eben ſo viel werth, als ſo ein Paar zuſammen gebackene Generalſtaaten? Der Kurfürſt, denke ich, kann mit ſeinen Generalen mehr Staat machen, als dieſe Holländer, die ſonſt ganz tüch⸗ tige Seeleute ſind, mit den ihrigen.“ 01 „Werde mich während meiner Wache ſtrikte an die kurfürſtliche Ordre halten,“ ſagte der Lieutenant, die Hand an die Mütze legend. „Das iſt auch Eure Schuldigkeit!“ fuhr der Capitain auf und ſagte dann gelaſſener:„Bleibt Euch übrigens unbenommen, Euch zu ärgern, daß wir uns drehen und wenden und jedenfalls zuerſt ſalutiren ſollen, wenn uns Dänen und Schweden, Engländer und Franzoſen und andere Königliche Kriegsfahrzeuge begegnen. Wozu das? Der rothe Adler kann ſo gut eine Krone auf dem Kopfe tragen, als der Däniſche Löwe und Brandenburgiſche Kurfürſten ſind ganz aus dem markigen Holze... Aber es ſoll einmal ſein, und ich ſchärfe es Euch ein, Lieute⸗ nant Lamm, daß Ihr buchſtäblich nach der erhaltenen Ordre verfahrt.“ „Mit allem ſchuldigen Reſpekt!“ ſagte der Lieutenant und legte abermals die Hand an die Mütze. „Nun kommt noch ein Einfall, der nur unter einer bockſteifen Perrücke ausgebrütet ward, aber zur See den Teufel nichts werth iſt. Wenn die fremden Orlogsſchiffe den Cleviſchen Lindenbaum nicht als Kriegsfahrzeug anerken⸗ nen wollen, ſagt das Papier, ſollen wir ihnen auf jede Weiſe, wie das zur See angänglich, zu verſtehen geben, daß dies ein Schiff Seiner Kurfürſtlichen Durchlaucht zu Branden⸗ burg iſt, deſſen Kriegsflagge ſich zum erſten Male in der Oſtſee zeigt.“ „Donnerwetter!“ brach der Lieutenant los. legte aber gleich darauf die Hand wieder an die Mütze und ſagte: „Nichts für ungut, Capitain.“ „Legt Euch keinen Zwang an, Lieutenant. Wollen Sie nicht auf der See den rothen Adler reſpectiren, vor deſſen Klauen ſie doch auf dem Lande zittern und beben? Wüßte ſchon ein Mittel, ihnen den Reſpect dafür unfehl⸗ bar beizubringen. Käme ſo ein engliſcher oder franzöſi⸗ ſcher Windbeutel daher und wollte nicht zu gleicher Zeit mit uns den Salut wechſeln, ließ ich die Bramſegel ſtreichen, damit der Top klar würde, dann, die Flagge dicht unter dem Knopf, ſcharf auf ſeine Breitſeite losge⸗ ſteuert und... „Feuer am Backbord und am Steuerbord!“ fiel Lieu⸗ tenant Lamm ein, der mit beiden Armen jede Seweh des Capitains nachgeahmt hatte. „Nein, Lieutenant, das geht nicht. Aber ich würde dicht an ſeinem Luf hinſtreichen und wenn er dann zuerſt anfinge— ohne daß man ihm eine Veranlaſſung giebt und ganz aus freien Stücken— dann ſollten ſie ſehen, daß der rothe Adler nicht blos Flügel, ſondern auch Krallen und einen ſcharfen Schnabel hat. Bei alledem, Lieutenant Lamm, iſt es nicht gut, wenn Offiziere über Kurfürſtliche Befehle ein loſes Maul haben. Geſchieht das auf dem Halbdeck, was ſoll erſt vor dem Fockmaſte geſchehen? Alſo behaltet Eure Weisheit für Euch, und ſagt mir, ob Ihr Euch in der Stadt nach einigen tüch⸗ tigen Kerlen umgeſehen habt?“ * — 03 „Habe, Capitain. Und einen der Beſten habe ich gleich mit zur Stelle gebracht. Lehnt am Treppengeländer auf dem Kajütsgange, wißt Ihr. Soll es jetzt losgehen?“ „Freilich ſoll es. Aber nicht offen, ſondern auf ber⸗ liniſche Weiſe und mit vielen Ceremonien. Da möchte man 41 Der Lieutenant ſah den Capitain erwartungsvoll an und ſtreckte ſchon wieder die Arme aus. Aber der Ca⸗ pitain zog die ſeinigen zurück und ſagte: „Wie der Cours angegeben wird, ſoll man ſteuern, keinen Viertelſtrich zu Luf oder Lee, und ginge es dem Teufel gerades Weges in den Rachen. Laßt den Mann kommen.“ „„Zu Befehl, Capitain!“ ſagte der Lieutenant und ging hinaus. Gleich darauf trat ein Mann in die Kajüte. Es war eine jener Geſtalten, wie ſie an den Küſten einer unſerer bei⸗ den deutſchen Meere oft geſehen werden, mittelgroß, kräftig und mit blitzenden Augen. Unbeholfen an der faſten Wall, flink wie ein Eichhörnchen in die Wanten hinauf und auf die äußerſten Raanocken hinaus. In einer Minute vom Deck bis zum Bramtopp; Kerle mit einem wettergebräunten Geſicht von Furchen durchzogen, mit einigem Anfluge von Kupfer auf den Backen und einigen Silberfäden im buſchigen Bart. „Behaltene Reiſe, Capitain und eine ſchmucke Kühlte allezeit. Was ſoll es geben?“ „Das muß ich von Euch hören, Mann. Was habt Ihr zu geben?“ „Ein Schiff mit ſtarken Rippen und ſechs Geſchützen. Tüchtiges Volk mit markigen Knochen am Bord, voll Luſt zum neuen Gewerbe. Zuletzt mich ſelbſt, was zwar nicht viel iſt, aber für den kurfürſtlichen Kaperdienſt gerade ausreicht.“ „Wer hat Euch denn geſagt, daß hier von Kaperei die Rede iſt?“ „Nicht?“ entgegnete Jener, und wandte ſich der Thür zu.„Dann wünſche ich Euch eine gute Rüſt.“ „Wartet doch!“ rief der Capitain.„Seid Ihr ſo kurz angebunden?“ „Kurz, wie das Wriftau am Poller. Alſo gebt'n Schrick nach und ſagt, daß gekapert werden ſoll.“ „Gut denn. Ihr könnt einen Kaperbrief haben. nur auf Danziger Gut.“ „Das iſt mir gerade recht. Ich liebe dies Danzig.“ „Was Ihr kapert, davon geht der zehnte Theil in die Kaſſe des Kurfürſten.“ „Wie es Kaper⸗Gebrauch iſt.“ „Das Andere bleibt Euch und Euren Leuten. Ihr lebt auf Eure Koſten und ranzionirt Euch ſelbſt. Wenn Ihr klug ſeid, bleibt Ihr unverletzt; laßt Ihr Euch fan⸗ gen, werdet Ihr aufgeknüpft.“ „Alles nach Seerecht!“ antwortete der Mann gleich⸗ gültig. — 105— „Wann könnt Ihr in See gehen?“ „Allſtunds, wenn es ſein muß. Sonſt in zwei Etmal auf's Höchſte.“ „Je eher, je beſſer. Laßt mich Eure Bürgſchaft ſehen.“ Der fremde Seemann legte einige Papiere auf die Tafel und blieb dann unbeweglich ſtehen. „Das genügt,“ ſagte der Capitain nach einer Pauſe. „Dieſe Papiere bleiben natürlich in meinem Gewahrſam. Dafür ſtelle ich Euch den verlangten Kaperbrief aus. Welchen Namen ſoll ich hineinſchreiben?“ „Danziger Todtenkopf!“ ſagte der Seemann und ſeine Augen leuchteten. „Schiffsname vermuthlich?“ „Das Schiff und ſein Führer ſind eins. Sie heißen mitſammen der Danziger Todtenkopf. Schreibt es nur hin, wenn es gefällig. Wann iſt es Euch genehm, bei mir an Bord zu kommen und nachzuſehen, daß Alles nach Kaper⸗Gebrauch vorhanden iſt?“ „Morgen früh um neun Uhr.“ „Will zur Minute parat ſein, Euch abzuholen.“ „Habt Ihr mir ſonſt noch etwas, wegen Lebens und Sterbens zu vertrauen?“ „Wüßte nicht. Mein Volk iſt los und ledig und kümmert ſich wenig um die faſte Wall. Wenn der Dan⸗ ziger Todtenkopf darauf geht.... Er iſt bezahlt, Herr, und es hat Niemand eines Pfennigs Werth daran zu — 106— fordern. Ehe er aber darauf geht, wird er ſich wehren, ſo gut er kann. Alſo, morgen früh um neun. Gute üſt. Der Kaper ging. Das war ein Flüſtern und Winken, ein Kommen und Gehen, ein Fragen und Antworten am Strande, als nun plötzlich ſtatt des einen bewaffneten Fahrzeuges deren zwei vor Pillau ankerten. Die Bürger wollten jetzt erſt recht viel wiſſen, der Kammermeiſter wußte noch weniger zu ſagen und der Kanzeliſt hatte nichts mehr zu verrathen. Von dem zuletzt angelangten Schiffe, deſſen Rumpf ganz ſchwarz geſtrichen und das ohne jedes Abzeichen war, ſtieß ein Boot ab, das zum „Cleve'ſchen Lindenbaum“ hinüber ruderte. Der Ca⸗ pitain⸗Oberſt fuhr in ſeiner Staatsſchaluppe nach dem fremden Fahrzeuge, welches nach dem vornehmen Be⸗ ſuche ſogleich die Anker lichtete und in See ging. Ein Etmal ſpäter ſetzte der„Cleve'ſche Lindenbaum“ ſeinen Cours nach Colberg. Es iſt auf hoher See. Rings umher die weite, grüne Fläche, die ruheloſe, ewig ſchwankende, in deren tiefem Schooße Alles ruht. Hügel und Thäler rauſchen und brauſen an einander vorüber, ſteigend und ſinkend, in ſtetem Wechſel bald ſo, bald anders, und doch in die⸗ ſem endloſen Wechſel immer daſſelbe. — — Ein breitgebauchtes dreimaſtiges Galiotſchiff taucht aus den Wellen auf. Seine Topſegel ſtehen ſtramm bei dem Winde; die Breitfock hängt in die Gey, die Stag⸗ und Bramſegel⸗Schvoten ſind ſcharf angeholt. Eine Flagge iſt nicht aufgehißt, weder am großen Top, noch an der Goaffel. In dem fußlangen Wimpel iſt das Danziger Stadtwappen gewirkt, aber ſo klein, daß es Niemand von unten her zu erkennen vermag. Drei Männer ſtehen bei der Kajütskappe zuſammen. Es ſind die beiden Schiffsoffiziere und der Eigenthümer der Ladung. Johannes Hanſen heißt der Letztere. Zu Dänemark geboren, in früheſter Ingend nach Danzig verſchlagen, hat er ſich dort feſtgeſetzt. Das Glück brachte ihn empor. Er gehörte zu den reichſten Handels⸗ herren der Stadt. Die ſtolzen Patricier betrachteten den Emporkömmling mit vornehmem Achſelzucken. Ihn küm⸗ merte es nicht, ſondern er ſuchte eifrig ſein Gut zu mehren. Endlich ſchloß er ſich an einen älteren Mann von gleicher Gefinnung und heirathete deſſen einzige Tochter. Es war eben ein Geſchäft, das zwiſchen den beiden Männern abgeſchloſſen wurde. Die junge Frau lebte ein freudenloſes Jahr an der Seite des aufgezwun⸗ genen Gatten, dann gebar ſie ihm eine Tochter und ſtarb. Ihr Tod kümmerte den herzloſen Mann wenig. Un⸗ zufriedenen Blickes ſah er auf die Tochter. Ein Sohn hätte ſein Gut nicht blos erben, er hätte es auch mehren und den Namen Johannes Hanſen zum Erſten in Dan⸗ — 108— zig machen können. Durch die Tochter konnte er höch⸗ ſtens mit einem vornehmen Patricierhauſe verwandt wer⸗ den. Da er auf nichts Weiteres rechnen durfte, ging all ſein Trachten dahin. Margarethe vermißte die roſige Heimath eines glücklichen Kindes, aber ſie erhielt dafür eine glänzende Erziehung. Alle jungen Männer ſagten, ſie ſei das ſchönſte Mädchen der Stadt. Die Armen und Kranken ſchwuren auf das Evangelium, Jungfrau Margarethe ſei ein Engel in Menſchengeſtalt. Ohne daß ſie es wußte, hatte ſie einen Schwarm von Anbetern jedes Alters und jeden Standes um ſich verſammelt. Bei Vielen half der Reichthum des Vaters die Reize der Tochter um das Doppelte erhöhen. Herr Johannes Hanſen ſchaute finſter darein. Es ſchmeichelte wohl ſeinem Stolze, aber von all den Leuten, die nach der Hand ſeines Kindes ſtrebten, war ihm Keiner recht und er wies ſie mit ſchneidender Kälte zurück. Es mußte beſſer kommen. Da fand ſich ein Landsmann ein. Ein Däne von den Inſeln, aber kein Kopenhagener Kind. Geſund an Leib und Seele, markig und ſtark, wie der Grund ſeines Eilandes, und doch freundlich wie die grünen Buchen, die ſich darüber wölben. Er hieß Haraldſen und war Seemann im Königlichen Orlog. Da die Flotte gute Tage hatte, machte er es wie Viele und übernahm die Führung eines Kauffahrers. So kam er nach Danzig und in das Haus des reichen Handelsherrn, und dieſer — 6— geſtattete, um der Landsmannſchaft willen, was er We⸗ nigen erlaubte. Der junge Schiffer durfte bei ihm verkehren nach Herzensluſt. Sonſt gab er gar nicht Acht auf ihn. Deſto mehr that es Margarethe. Sie fand Ge⸗ fallen an dem jungen, kecken Seemann, der vor Ueber⸗ muth ſprudelte und doch ſo ſchön Maaß zu halten wußte, wenn ſie das bittende Auge auf ihn richtete. Es dauerte nicht lange, da wußte die ganze Danziger Ju⸗ gend ſchon, was die Beiden eigentlich ſelbſt nicht wußten: daß ſie ſich liebten. Alle Patricierſöhne kreuzten und ſegneten ſich und machten ihre Gloſſen. Sie wetteten ſchon mit einander, was Johannes Hanſen zu dem Allen ſagen werde, bevor Haraldſen und Margarethe nur daran dachten, daß ſie ſelbſt dem Vater etwas zu ſagen hätten. Unterdeſſen ſchlugen die Flammen immer höher und die Maſſen kamen in Fluß. Verſchrobene alte Jungfern und zurückgeſetzte alte Baſen, die gewöhnlich das Geſchäft übernehmen, jedes junge Liebesglück zu ſtören, fanden ſich auch hier mit dem Scheine des Mitleids ein. Sie be⸗ klagten, wenn ſie mit Margarethen allein waren, daß der hartherzige, geldſtolze Vater ſich ihrer Herzensneigung, die doch ſo lieb und ſchuldlos ſei, widerſetzen werde; wieder unter vier Augen mit Johannes Hanſen, bedauer⸗ ten ſie dieſen, daß ſeine Tochter ſo wenig Stolz beſitze, daß ſie ſich an einen hergelaufenen Matroſenkerl weg⸗ werfe. Gleich darauf ſtand Alles in lichten Flammen. — 110— Haraldſen ward mit harten Worten verabſchiedet. Mar⸗ garethe erhielt den Befehl, bei Strafe des Fluches, nicht weiter an ihn zu denken und ſich gefaßt zu machen, mit nächſtem einen Mann zu heirathen, für den der Vater ſie beſtimmen werde. Dieſer Machtſpruch rollte wie ein dumpfer Donner durch das Haus. Die alten Hexen flogen erſchreckt, aber dennoch innerlich zufrieden, aus⸗ einander und bald ward kein Vesperſüppchen in Danzig gegeſſen, bei welcher dieſe Geſchichte nicht als angenehmes Zubrod verſpeiſt wurde. Haraldſen blieb gelaſſen. Es war ihm gelungen, die Geliebte noch einmal zu ſprechen und Beide ſchieden er⸗ leichterten Herzens, feſt entſchloſſen, ihr Gelübde unver⸗ brüchlich zu halten. Johannes Hanſen grollte mit dem Seemann, der ſeine fein geſponnenen Pläne kreuzte, und ſuchte ihm zu ſchaden, wie er konnte. Haraldſen fühlte den Alp, der immer ſchwerer auf ihm laſtete und deſſen er ſich nicht erwehren konnte. Er ſuchte für ſein Schiff eine Ladung und vermochte keine zu finden. Ueber die von ihm an die Stadt gebrachten Güter erhoben ſich ſeltſame Gerüchte. Der Eine wollte an Maaß und Ge⸗ wicht gekürzt ſein, während ein Anderer das Erhandelte weit unter dem gezahlten Preiſe fand. Wenig von dem, was man angeblich auf Treue und Glauben erſtanden, kam unbemäkelt davon. Der ganze Artushof war davon erfüllt, und man wurde einig mit ſich, daß es am beſten ſei, jede weitere Verbindung mit einem Manne abzu⸗ — 111— zubrechen, von dem ſelbſt ſein Landsmann, der ehren⸗ werthe Johannes Hanſen mit Achſelzucken ſpreche. Seit jenem Tage blieb Haraldſen auf ſeinem Platze im Artus⸗ hofe allein und wie ſtark auch manchmal das Gedränge war, er wurde nicht dadurch beläſtigt. Er rieb ſich den Kopf und konnte es nicht begreifen. Er ſtampfte un⸗ willig mit dem Fuße und die Vorübergehenden ſahen ihn kopfſchüttelnd oder achſelzuckend an. Er trat den Leuten, mit denen er ſonſt harmlos verkehrte, in den Weg, aber ſie wichen ſeinen Fragen mit einer verlegenen Entſchul⸗ digung aus. Endlich ſagte Einer:„Wenn ich an Eurer Stelle wäre, ſegelte ich heim und ginge anderswo, als bei Patricier⸗Töchtern auf die Freite.“ Da ſchoß es blendend vor ihm nieder. Er brach in ein gellendes Ge⸗ lächter aus und ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn; dann aber ſammelte er ſeine Gedanken und ging alles Ernſtes mit ſich zu Rathe. Johannes Hanſen war draußen auf ſeinem Landſitze. Inmitten der bewaldeten Hügel, die ſich ſcharfkantig in die See hinausſchieben, lag das freundlich eingerichtete Haus, wo er ſeinen Reichthum in aller Behaglichkeit genoß. Die Geſellſchaft hatte lange getafelt und erging ſich zur Erholung in den ſchattigen Gängen des nahen Wäldchens. Da trat plötzlich unter einer dichten Baum⸗ gruppe Haraldſen vor den Vater hin, der vor dem un⸗ erwartet Erſcheinenden zurückfuhr. Das Zuſammentreffen war heiß. Johannes Hanſen, — 112— ſtolz und hochfahrend, behandelte den Seemann mit der ausgezeichnetſten Verachtung und ſchalt ihn einen Zudring⸗ lichen, der ſich wiederholt eindränge, obgleich man ihm mehrfach die Thür gewieſen. Haraldſen blieb treu dem ſich gegebenen Worte, kalt und ruhig. Er ſagte dem Alten in's Geſicht, daß er ſeinen Ruf untergraben, und verlangte von ihm die Wiederherſtellung ſeiner Ehre. Jener lachte ihm höhnend in das Geſicht, ein Wort jagte das andere und Haraldſen war nahe daran, ſeine Faſ⸗ ſung zu verlieren, als Johannes Hanſen einige ſeiner Gäſte herbeirief, welche von dem lauten Wortwechſel an⸗ gezogen, ſich neugierig näherten. „Habe ſeither nicht glauben wollen,“ rief er ven Kommenden entgegen,„was man mir von dieſem Herrn Nachtheiliges geſagt hat. Nun aber habe ich den voll⸗ gültigen Beweis dafür in Händen. Drängt ſich in mein Eigenthum, das ihm verboten iſt und droht mit Brand und Mord, wenn ich ihm nicht ſeine verlorene Ehre herſtelle. Bitte Euch, werthe Herren! Kann ich ſeine Ehre herſtellen, die er ſelbſt leichtſinnig preisgege⸗ ben hat?“ „Lächerlich! Höchſt lächerlich!“ riefen die Herren dazwiſchen. „Und das ſage ich Euch, guter Freund!“ eiferte Johannes Hanſen.„Verſucht es nicht wieder, mir in den Weg zu treten, oder es nimmt kein gutes Ende. — Rathe Euch vielmehr, daß Ihr Danzig verſegelt, ſobald Ihr könnt, ſonſt ladet Ihr Euch noch eine Unterſuchung auf den Hals und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir Euch nicht ſo feſt machten, daß Ihr den Kopf nie wieder aus der Schlinge zieht.“ „Ihr ſeid ein armſeliger Menſch, Johannes Hanſen,“ entgegnete Haraldſen in großer Erregung.„Gott und ich wiſſen, daß Ihr wenig Urſache habt, Euch zu über⸗ heben. Auf Laland und Falſter erzählen ſich Jung und Alt, wie Ihr Eure Laufbahn damit begonnen habt, mit Schmugglern und Strandläufern gemeinſchaftliche Sache zu machen.“ „Er lügt! Er lügt!“ rief Johannes Hanſen, vor Angſt und Zorn an allen Gliedern zitternd, und einer der anweſenden Gäſte ſagte: „Laßt Euch das nicht kümmern, edler Herr. Es iſt nur natürlich, daß ein Mann, der ſolcher Dinge fähig iſt, wie man Herrn Haraldfen Schuld giebt, auch das Gewerbe eines Lügners treibt. Sich zum Schaden, ver⸗ ſteht ſich, denn hätte er bis heute noch einen Schein des Rechtes für ſich gehabt, in dieſem Augenblicke wäre der⸗ ſelbe unwiderbringlich erloſchen.“ N „Es iſt gut,“ ſagte Haraldſen mit einem Male ganz kalt.„Ich habe ertragen, was menſchenmöglich iſt. Fordert Ihr mich obenein heraus? Ich nehme den Kampf an. Wehren will ich mich, ſo gut ich kann, und laſſe nicht eher ab, bis Einer von uns am Boden liegt.“ Meeresſtille und hohe See. 8 — 114— Er war fort, raſch, wie er gekommen. Keiner ſah ihn in Danzig wieder. Anfangs gedachte noch Jemand Seiner, bald achſelzuckend, bald bedauernd. Aber bald darauf verdrängte ein neues Ereigniß die letzte Erinne⸗ rung an den Däniſchen Schiffer. Johannes Hanſen hatte Unglück zur See. Wie ein Sturmwind flog die Kunde davon durch die Stadt. Das Bedauern war all⸗ gemein. Viele kamen und boten, um ſich dem großen Handelsherrn angenehm zu beweiſen, Hülfe an, von der ſie wußten, daß ſie doch zurückgewieſen würde. Johan⸗ nes Hanſen widerſtand dieſem erſten Schlage mit kalter Gelaſſenheit. Aber die böſen Gerüchte wiederholten ſich. Eine holländiſche Kuff war mit einer werthvollen Ladung ge⸗ ſcheitert am Skager Rack. Ein Fluitſchiff ſank mit Mann und Maus im Norden von England. Mit der Rache hatte ſich das Unglück verbündet, den bisherigen Liebling des Glückes von ſeiner Höhe herabzuſtoßen. Schon fing man an, hier und dort, wo ſich die Kauf⸗ mannſchaft zuſammenfand, den Namen Johannes Hanſen mit ängſtlicher Vorſicht zu erwähnen, oder ihn ganz zu vermeiden. Der Ton ſtimmte ſich ſeltſam herab, wenn er unerwartet an eine Gruppe herantrat. Seine Hülfe bot Keiner mehr an, denn jetzt konnte ſie angenommen werden. Die Vorſichtigeren fingen ſogar an, die an ſie ergangenen Einladungen des Kaufmannes außer Acht zu laſſen. Da tauchte ein neues Gerücht auf, weit ſchreck⸗ — 115— licher als die erſten. Eines Tages fand man an der Hausthür des Johannes Hanſen einen gemalten Todten⸗ kopf. Einer der Markthelfer, der ihn zuerſt erblickte, wäre ſchier vor Schrecken eine Leiche geworden. Drei Tage darauf lief die Nachricht ein, daß ein Barkſchiff des Herrn Johannes Hanſen auf offener See von einem Kaper aufgebracht worden und daß dieſer eine ſchwarze Flagge mit einem weißen Todtenkopf geführt habe. Ein Kaper auf See. Ganz Danzig gerieth in Auf⸗ ruhr. Man wollte Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, um dieſen Frevel zu rächen. Man wollte, daß Kaiſer und Reich zu den Waffen griffen, um einen Kreuz⸗ zug, wie einſt gegen den Erbfeind der Chriſtenheit, gegen dieſen Kaper zu unternehmen. Aber die Kriegsfurie durchbrauſte das Vaterland und kümmerte ſich blutwenig um den Pfefferſack der Danziger Krämerſchaft. Da fand ſich eines Morgens auf offenem Markte ein An⸗ ſchlag des Inhalts: „Der Todtenkopf auf See hat es auf die Danziger abgeſehen, aber vorzugsweiſe auf Einen. Je mehr die Andern ſich von ihm fern halten, je weniger haben ſie zu fürchten.“ Neuer Schrecken, aber auch neuer Zorn. Um ſo ungeſtümer, je machtloſer er war. Johannes Hanſen verzweifelte. Er hatte ſeine letzten Kräfte daran geſetzt, um dem ihm drohenden Verhängniſſe zu entgehen. Mar⸗ garethe war einem alten, ſteinreichen Manne, der ſich in — 116— ihre Schönheit vergaffte, zur Beute geworden. Keine Bitten, keine Thränen halfen. Sie wurde mit dem Ver⸗ haßten vermählt. Seit jenem Tage ſiechte ſie hin. Sein Kind hatte Johannes Hanſen verloren; einen Bundes⸗ genoſſen hatte er gewonnen. Getragen von der Geld⸗ maſſe des Schwiegerſohnes betrat er den alten Weg mit dem alten Vertrauen. Vergebens. Der Todtenkopf hielt gute Wacht. Was Jener mit neuem Muthe geſchaffen, fiel ihm auf offener See als Beute zu. Scheu gemacht durch dieſen erſten Verſuch, wollte der Gatte Margarethens von keinem zweiten wiſſen. Er zog ſich trotz Bitten, Betheuerungen und Drohungen zurück. Die Härte, womit der Vater das Herz ſeines Kindes brach, rächte ſich. Margarethe war gleichgültig für Alles und merkte es kaum, wie ihr Eheherr täglich mürriſcher ward und etwas von einer Bettlerdirne zwiſchen den Zähnen murmelte, mit der er getraut ſei und die auch ihn bald an den Bettelſtab bringen werde, wenn er nicht ein Einſehen habe.— Und dahin hätte es kommen können, wenn er dem Drängen des ſonſt ſo ſtolzen Jo⸗ hannes Hanſen nachgegeben hätte. Einmal vom Unglück mit ſtarker Hand aus der rechten Bahn geſchleudert, konnte dieſer den früheren Halt nicht wieder finden. Er ſchwankte unaufhaltſam weiter und verwickelte ſich in abentheuerliche Unternehmungen. Zetzt hatte er das Letzte zuſammengerafft. Er fand einen Schiffer, der ſein Gut an Bord nahm, um mit — 1— ihm, nach damaligem Handelsgebrauch, von Hafen zu Hafen zu ſteuern, bis ſich ihm ein vortheilhafter Markt darbot. Das iſt das dreimaſtige Galiotſchiff auf hoher See, mit dem Danziger Stadtwappen in dem Wimpel am großen Topp. Die drei Männer ſtehen noch beiſammen unfern der Kajütskappe auf dem Halbdeck. Aber ſie ſprechen nicht mit einander. Einer von ihnen iſt der Capitain. Er giebt ſeinem Offizier einige Befehle für den Dienſt und ſetzt dann den gewohnten Gang auf der Steuerbordsſeite des Halbdecks fort. Der Offizier kehrt zu ſeinem Be⸗ ſteck zurück und der Kaufmann bleibt allein; allein mit den qualvollen Erinnerungen an ſeine gefallene Größe, ſeiner geſchwundenen Herrlichkeit und den trügeriſchen Träumen von der Wiederkehr des Verlorenen. Dazwi⸗ ſchen erſcheint ihm die bleiche, abgehärmte Geſtalt Mar⸗ garethens. Ihr verlöſchendes Auge bohrt ſich tief in ſeine Bruſt. Da tauchte ein Segel am Horizont auf. Kaum hatte es der Kaufherr geſehen, als ſein Herz hörbar klopfte. In jenen Tagen war es ſchlimm hauſen auf dem blauen Waſſer. Die Kaper fingen bereits an, in größerer An⸗ zahl zu ſchwärmen. Sah man eine Maſtenſpitze im Luf, vor dem Buge, oder hinter dem Spiegel, wußte Keiner, ob ſich ein Freund nahe, oder ein Feind. Der kleinſte Kauffahrer hatte ſeine Waffen, um ſein Vermö⸗ gen und ſein Leben gegen den Angreifer zu vertheidigelh ſo lange es gehen wollte. „Klar an die Geſchütze!“ rief der Capitain, als er den Segler vor ſich gewahrte.„Haltet Alles zum Ge⸗ fecht bereit.“ Der Kaufmann hörte es und ſtürzte erbleichend zu dem Capitain: „Iſt es ein Kaper?“ „Weiß nicht. Ich thue eben meine Schuldigkeit.“ Eine Stunde verging. Die Schiffe kamen ſich nä⸗ her. Das Galiotſchiff mußte aushalten, wollte es ſei⸗ nen rechten Cours nicht ganz und gar daran geben. Der Capitain beobachtete den raſch Heranſegelnden mit großer Aufmerkſamkeit: „Ein tüchtiger Segler. Allzuſcharf und vierkant im Takelwerk, um für den Frachtdienſt zu taugen. Sollte meinen, es iſt ein Orlogsmann.“ 3 Er ſetzte ſein Sehrohr ab, und wartete einen Augen⸗ blick, dem drängenden Kaufmann kurzweg zurufend: „Zum Teufel, macht es wie ich und wartet es ab!“ Der Offizier des Schiffs, welcher mit beſonders guten Augen geſegnet war, hatte im Vormars den neuen An⸗ kömmling ſcharf geprüft. Jetzt rief er zu Deck: „Orlogsmann voraus!“ „Welche Flagge?“ „Kurbrandenburg!“ — 119— „Seid Ihr toll? Welche Flagge, ſagt Ihr?“ „Kurbrandenburg. Ein rother Adler im weißen Felde.“ „Wer hörte jemals, daß der rothe Adler von der Gaffel eines Kanonenſchiffes abwehte? Waſcht Eure Augen mit Salzwaſſer.“ Der Offizier erwiederte nichts. Er ſah noch einmal ſcharf hin, dann verließ er ſeinen Platz und begab ſich nach dem Halbdeck. Der Capitain hatte unterdeſſen ſein Rohr wieder ausgelegt und ſetzte es nach einer Weile ab: „Kurbrandenburg zur See!“ ſagte er mit einem tie⸗ fen Athemzuge.„Es kommt eine neue Zeit.“ „Ehe wir ausliefen, ſagte ich Euch, daß ſie im An⸗ zuge ſei,“ antwortete der Offizier.„Aber ich predigte tauben Ohren. Habe einen Vetter, der auf der Kam⸗ mermeiſterei in Königsberg arbeitet, und für einen Krug Bier ſoviel durcheinander ſchwatzt, als das Ohr eines Neugierigen nur immer zu faſſen vermag.“ „Kurbrandenburg zur See,“ ſprach der Kaufmann den Offizieren mechaniſch nach.„Der Kurfürſt hat einen Zahn auf uns Danziger. Es kann ein ſchlimmer Beſuch werden.“ „Meine nicht. Wir führen die Däniſche Flagge. Hollah, Bootsmann! Den Wimpel zu Deck und den Da⸗ nebrog an die Flaggenleine. Habt Ihr kein Umden⸗ ken, zum Teufel? Zieht die Kugeln aus den Geſchützen — 120— und ſetzt dafür einen doppelten Pfropfen auf, damit es beſſer knallt, von wegen des Saluts.“ Die Befehle wurden vollzogen. Der Wimpel mit dem verrätheriſchen Wappen ſchwebte zu Deck und fand ſeinen Platz in dem verborgenſten Winkel der Steuer⸗ manns⸗Kammer. Die däniſche Flagge lag, fertig zum hiſſen, auf der Galerie und die Lunte bei den Ge⸗ ſchützen. Jetzt war das Orlogsſchiff nahe genug. Die kurfürſt⸗ liche Flagge wehte weit aus und ein Schuß forderte den. Kauffahrer auf, beizudrehen. Alsbald flogen die Marsſegel back und die Unter⸗ ſegel wurden aufgegeit. Das Schiff trieb über Steuer. Die Flagge ſtieg bis an die Gaffel. Als der Kauffahrer dem Orlogsmann gegenüber lag, ſenkte er die Flagge drei Mal und gab den Ehrenſalut aus ſeinem Geſchütz. Der Kurbrandenburger dankte mit einem Schuß für den erwieſenen Reſpekt, und ein Offizier rief durch ein Sprach⸗ rohr herüber: „Wie heißt das Schiff?“ „Emanuel von Kopenhagen.“ „Woher und wohin?“ „Von Riga nach London.“ „Papiere an Bord bringen.“ Da half kein Singen und kein Beten. Der Orlogs⸗ mann auf offener See mit Flagge und Wimpel unter⸗ handelt nicht; er befiehlt. Fluchend ward die Jolle ge⸗ — 121— ſtrichen und der Capitain des Danziger Galiots ging mit den däniſchen Papieren an Bord des kurbrandenburgiſchen Kanonenſchiffes. Es war„der Cleveſche Lindenbaum,“ deſſen Führer ſich früher weidlich geärgert, als er die Ordre empfing, den fremden Schiffen die Anweſenheit einer brandenburgiſchen Kriegsflagge zu verkünden. Er hatte ſich für dieſes Mal ſeines Amtes wohl entledigt. Die Unterſuchung war genau. Der Capitain des Orlog wog jedes Wort. Als er Alles vernommen, ſagte er zu ſeinem erſten Offſizier: „Ich traue keinem Papier in ſolcher Zeit. Fahrt Ihr an Bord und lugt ſcharf aus. Wenn Ihr das geringſte Verdächtige wittert, kümmern wir uns wenig um die neutrale Flagge und bringen ihn auf.“ Das Orlogsboot und die Jolle des Kauffahrers fuh⸗ ren nach dem letzteren zurück. Alles ward auf das Strengſte unterſucht. Johannes Hanſen, mehr todt als lebendig, antwortetete auf alle an ihn gerichteten Fragen, und der Offizier ſagte: „Es iſt gut. Ihr könnt weiter ſteuern. Macht nicht ein ſo ärgerliches Geſicht und dankt Gott, daß Ihr ſo gnädig davon kommt. Seemoleſt iſt in Tagen, wie die jetzigen, an der Zeit.“ Er fuhr ab. Johannes Hanſen athmete leicht auf, als er das Orlogsboot hinter dem Spiegel verſchwinden ſah. Der Offizier ſtattete dem Capitain Bericht ab und ſchloß: — 122— „Nicht das kleinſte Tau, woran man ſich hätte halten können, ſchlenkerte in der Luft. Alles glatt und vierkant. Und doch ſchien hinter den dummen Geſichtern etwas zu ſtecken, was wie Spitzbüberei ausſah. Möchte rathen, ſich nicht allzuweit aus ſeinem Kielwaſſer zu ent⸗ fernen.“ „Wollen es!“ ſagte der Capitain. Laßt die Staats⸗ flagge einziehen und gebt Ordre am Steuer. Wenn ich einen der hochmüthigen Danziger als gute Priſe ein⸗ bringen könnte, ich gäbe etwas darum.“ Es war eine ſeltſame Nacht geweſen am Bord des Danziger Galiot. Die Mannſchaft zur Koje erſehnte den Schlaf nach dem mühſamen Tage und die Mann⸗ ſchaft auf Deck verrichtete mechaniſch ihr Werk. Aber Johannes Hanſen konnte nicht eine Minute auf derſelben Stelle ausdauern. Es war, als ob der Orlogsmann alle ſeine Ruhe mit ſich weggenommen hatte. Bald war er oben, bald unten, nach Allem verlangend und nichts ge⸗ brauchend, Jedes beginnend und Keines ausrichtend, ein geſchäftiger Müßiggänger. Die Matroſen lachten über ihn, und der wachthabende Offizier mahnte ihn mit nicht allzuhöflichen Worten, ſeine Koje zu ſuchen. „Wäre mir, wie Koje,“ brummte der Handelsherr. „Wer ſchließt die Angen, wenn Kanonenſchiffe ihn um⸗ ſchwärmen, wie Mücken im Sonnenſchein? Seht dort⸗ hin! Iſt er das nicht wieder?“ — 123— „Narrenspoſſen. Ein ſchwaches Seeblinken. Und dort und überall. Meint Ihr, daß aus jeder Welle ein Kaper auftaucht?“* „Und es iſt doch nicht geheuer!“ brummte Jener und verſchwand in der Kajütskappe. Aber nicht auf lange. Kaum dämmerte der erſte Strahl in Oſten, als er ſchon wieder zum Vorſchein kam. Die See, von einer ſchwachen Briſe leicht gekräu⸗ ſelt, glänzte im roſigen Lichte.„Der Cleviſche Linden⸗ baum,“ der mit ſcharfer Kühlte raſch fortbrauſte, war weit vom Kielwaſſer der Galiot. Reine See überall. Nur das Bugſpriet zeigte auf einen ſchwarzen Punkt voraus, der ſo unbeſtimmt war, daß ihn keiner hätte deu⸗ ten können, wenn man überhaupt darauf geachtet. Jo⸗ hannes Hanſen fand ihn endlich auf und wies kopfſchüt⸗ telnd darauf hin. Der Offizier wandte ihm ärgerlich den Rücken und ging, um nach ſeinem Beſteck zu ſehen. Einige Zeit verſtrich. Die Briſe friſchte auf zum Heil des„Cleviſchen Lindenbaums“, der das Kielwaſſer des Galiots verloren hatte. Die Hähne in den Hühner⸗ hocken fingen laut an zu krähen. Der Schiffshund ver⸗ ließ gähnend ſeine Matte, die zwiſchen den Bootsklam⸗ mern lag und warf einen lüſternen Blick nach der Cam⸗ büſe, worin das Feuer hell aufleuchtete. Der Bootsmann warf die Logge aus und die Halbmatroſen, die nach der Schamphilung ſahen, kehrten von den Toppen zu Deck. Der Koch zog die hölzernen Backen näher zu den dam⸗ — 124— pfenden Töpfen und ſein Maat begann die Schiffsglocke zu läuten.„Schaffen unten und oben!“ rief er, als der letzte Ton verhallte und die Mannſchaft verſchwand unter Deck, mit dem behaglichen Gefühl, den in der friſchen Morgenluft geſchärften Hunger zu ſtillen. Es war ein Stillleben auf See. Der ſchwarze Punkt hatte ſich indeſſen vergrößert. Der Segelmacher meinte, er ſei anzuſehen, wie der Mantel eines Leichenträgers, der ſich im Winde aufblähe. Ein luſtiger Halbmatroſe ſagte, wenn es eine Wolke wäre, müßte ſie dichter ſein, als eine Bergenopzoomer Regenjacke, und er möchte ſie ſich wohl um die Schul⸗ tern ſchlagen. Der Bootsmann, der von einer ſolchen Verweichlichung nichts wiſſen wollte, gab ihm einen Schlag auf den Rücken und ſagte: „Jede Wolke bringt ein Donnerwetter mit, und das kommt Dir ſelbſt über den Hals, Du Heide. Alles Volk auf der Back ſchlug ein lautes Gelächter auf. Der Halbmatroſe lief voll Aerger und Schaam nach dem Mitteldeck, rannte den Kaufmann faſt über den Haufen und ſagte dieſem: „Die Wolke da vorn kommt zum platzen und es giebt ein Donnerwetter. „Ich habe es wohl gedacht!“ antwortete dieſer und lief nach dem Halbdeck. Aber der Ernſt, der hier unter den Offizieren herrſchte, hielt ihn ab, ſie mit neuen Be⸗ fürchtungen zu ſtören. Der ſchwarze Punkt vor dem Buge war der Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit. Aber es war kein unſcheinbarer Punkt mehr, ſondern eine dichte Maſſe, wie der Rumpf eines Schiffes und zwei Maſte ragten aus demſelben hervor. Ein unbeſtimmtes Etwas ſagte Jedem, es ſei gut gethan, dieſem Unbekann⸗ ten, der jeden Vortheil des Windes für ſich hatte, aus dem Cours zu ſteuern. Aber alle Verſuche ſcheiterten. Man lugte ſcharf aus nach dem neuen Segler, der ſich mit überraſchender Schnelle näherte, und jeder Bewegung, die das ſchwerfällige Galiot machte, mit unheimlicher Haſt folgte. Johannes Hanſen ſah vor ſich nieder. Er wagte es nicht mehr, den Blick über die Waſſerfläche hinſchweifen zu laſſen, weil das erſchreckende Phantom ihm in immer klareren Umriſſen entgegen trat. Er ſaß auf der Bank mit halbgeſchloſſenen Augen und finſtere Bilder jagten vor ihm auf und nieder, als er plötzlich von einem dumpf heranrollenden Donner aus ſeinem Brüten aufgeſchreckt wurde. „Den Danebrog nach oben!“ ſchallte der Kommando⸗ ruf des Capitains.„Wen, zum Donner, haben wir hier?“ Es ſollte nicht lange zweifelhaft bleiben. Unter der Laſt aller ſeiner Linnen ſchoß das fremde Fahrzeug heran. Die Mannſchaft des Galiots ſchrie laut auf und alle Geſichter erbleichten. Ein ſcharfer Schuß aus dem vor⸗ derſten Geſchütz forderte zum Beidrehen auf und von B — * — 126— der Spitze des feindlichen Maſtes wehte eine ſchwarze Flagge mit dem weißen Todtenkopfe. „Hilf, Herr und Heiland!“ ſchrie der Kaufmann ent⸗ ſetzt und ſeine Kniee brachen zuſammen.„Das iſt der Todtenkopf, den eine verruchte Hand an meine Thür ge⸗ zeichnet hat.“ „Streicht die Segel!“ ſchallte es von dem Deck des Kaper herüber. „Zum Teufel mit Eurer unſinnigen Forderung!“ flog die Antwort zurück.„Seht Ihr nicht die Däniſche Flagge an meiner Gaffel? Wie dürft Ihr Euch unter⸗ ſtehen, mich aufzuhalten?“ „Es fährt in ſo ſchwerer Zeit vieles Geſindel unter neutraler Flagge. Darum ſtreicht die Segel und kommt mit Euern Papieren an Bord, oder ich brenne Euch ſo lange auf den Pelz, bis Euere Breitſeiten ausſehen, wie ein Heringsnetz.“ Der Kauffahrer zögerte und richtete einen fragenden Blick auf ſeine Offiziere. Ihre wenigen Geſchütze ge⸗ ringen Kalibers waren den ſchweren Stücken des Kapers nicht gewachſen. Johannes Hanſen bat und flehte, man möge dem verfluchten Todtenkopf aus dem Wege fahren und ſich nicht muthwillig in den Rachen des Teufels be⸗ geben. Der Kaper, der einige Augenblicke vergeblich auf Antwort gewartet hatte, rief hinüber: „Antwort, oder ich brenne los.“ Es blieb keine Wahl. Der Führer des Galiots winkte und während man die Jolle ausſetzte, holte er die Papiere. Einige tüchtige Ruderſchläge brachten ihn dem Kaper ſeitlängs. Der Danziger Todtenkopf empfing ihn mit gerunzelter Stirn und nahm die Papiere in Em⸗ pfang, die er ſogleich genau durchſuchte. Als er damit fertig war, ſchob er ſie in ſeine Taſche und ſagte: „Laßt Euch ein anderes Mal nicht doppelt nöthigen, ehe Ihr Euch zu gehorchen bequemt, ſonſt wird man es Euch eintränken. Euere Papiere ſind anſcheinend richtig, aber ehe ich ſie Euch zurückgeben kann, muß ich mich erſt überzengen, ob ſich Alles ſo verhält, als es hier an⸗ gegeben iſt. Bis das geſchehen, bleibt Ihr hier.“ Der Galiotmann gewahrte jetzt erſt, daß man ſeine Jollmannſchaft hatte zu Deck kommen laſſen und dieſe mit den Kapergaſten bemannt hatte. Zu dieſen ſtieg der Todtenkopf hinab und fuhr nach dem Galiot hinüber. Mit klopfendem Herzen ſah der Kaufmann die Jolle zurückkommen. Er glaubte, es ſei der Capitain und harrte der Entſcheidung. Als er ſeinen Irrthum gewahrte, wankte er mit zitternden Knieen der Kazüte zu. Eine furchtbare Ahnung preßte ihm das Herz zuſammen. Von vier ſeiner Gaſten begleitet, die bis an die Zähne bewaffnet waren, ſtieg der Kaper zu Deck. „Euer Capitain iſt bei mir wohl behütet, während ich hier nachſehe, ob Alles ſo iſt, wie es ſein ſoll!“ rief er dem Offizier zu, der ihm am Fallreep entgegen trat. Denke, Ihr werdet keine Umſtände machen, was für mich — 128— und Euch am beſten iſt. Hollah, Falkauge! Wo biſt Du?“ Einer der Kaper, ein flinker Junge mit hellen Augen, trat heran. „Der Burſche ſieht durch ein zölliges Brett, wenn Ihr es auch mit einer doppelten Perſenning umwickelt!“ ſagte der Todtenkopf zu dem Offizier.„Friſch, mein Junge, ſchaue Dich um, und gieb Beſcheid.“ Falkauge tauchte in das Zwiſchendeck hinab. Der Kaperführer ſelbſt begab ſich in die Kajüte und befahl dem Offizier, ihm zu folgen. Sein Auge war überall. Er entrollte die Karte und blickte mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit in das Schiffsjournal, als Falkauge, die Hände auf dem Rücken eintrat. „Haſt was gefunden, Junge?“ „Eine lange Kugel.“ „Eine lange Kugel!“ lachte der Kaper.„Wie ſieht ſo ein Ding aus?“ „So!“ rief Falkauge und hielt die Hand hoch, worin ſich ein Knäul von zuſammengerolltem Zeuge befand. Der Offizier erbleichte. Der Kaper, der es bemerkte, riß das Zeug an ſich und der Wimpel mit dem Danzi⸗ ger Stadtwappen rollte aus einander. Der Kaper ſchlug ein helles Gelächter auf. Unheim⸗ liche Gluth blitzte aus ſeinen Augen. „Was bedeutet das?“ rief er mit donnernder Stimme. — 129— „Wo das ſteckte, liegt mehr. He! Falkauge! Luge ſchärfer aus.“ Längſt war der Junge draußen. Umſonſt verſuchte es der Kaper, den Offizier zum Reden zu bewegen.„Ich verkehre nicht mit Euresgleichen“, ſagte er mit aufgewor⸗ fenen Lippen.„Seid Ihr Räuber, handelt als ſolcher und ſucht nicht noch einen Schein des Rechts.“ „Ihr habt wenig Grund, ein ſo unüberlegtes Wort zu ſagen,“ antwortete grollend der Kaper.„Ihr von Danzig nicht. Und am wenigſten, wenn der Todtenkopf erſcheint, um mit Euch abzurechnen.“ Falkauge kam zurück und zog den widerſtrebenden Kaufmann hinter ſich her: „Den Wimpel habt Ihr, jetzt bringe ich das Schiff dazu.“ Er ſtieß den Alten noch ein Paar Schritte vorwärts und lief dann zu Deck, als wiſſe er, daß nun Alles ge⸗ funden ſei. Johannes Hanſen wagte es nicht, den Kaper anzuſehen und ſtand, wie am Boden feſtgewurzelt. Der Kaper ſah ihn einen Augenblick prüfend an. Das Blut ſchoß ihm in's Geſicht und gleich darauf erbleichte er. Erſt nach einer Pauſe ſagte er in großer Erregtheit zu dem Offizier: „Laßt mich mit dieſem Manne allein.“ Die Beiden ſtanden ſich gegenüber. Der Kaper weidete ſich eine Minute an der Angſt, Opfers, dann ſprach er: Meeresſtille und hohe See. — 130— „Johannes Hanſen, ſieh mich an.“ Der Ton dieſer Stimme flog wie ein jäher Stich in das Herz des Kaufmannes. Er wagte es, ſein Ge⸗ ſicht vom Boden zu erheben und ſtarrte den Kaper an: „O Jeſus! Haraldſen!“ Er ward ohnmächtig. Der Kaper faßte ihn und warf ihn auf die Kajütsbank. Mühſam erholte ſich Jo⸗ hannes Hanſen, ſchrak fieberfröſtelnd zuſammen und ſprach vor ſich hin: „Ich bin ruinirt. Ich bin ein Bettler.“ „Ein Lump biſt Du!“ rief Haraldſen,„Ein Lump, der ſelbſt in dieſer Stunde keinen andern Gedanken hat, als ſein Geld und Gut. Weißt Du, was Du mir thateſt, und worüber ich mit Dir abzurechnen habe? Wir wollen eine ſcharfe Bilanz ziehen und es ſoll Dir keines Guldens Werth geſchenkt werden. Jetzt laſſe ich Dich allein. Das Leben nimmſt Du Dir nicht. Dazu biſt Du zu feige. Wenn ich Dich erſt am Bord meines Todtenkopfes habe, finden wir beſſere Zeit, um unſer letztes Geſchäft mitſammen abzuthun. Hollah! Deck ahvi! Bringt dieſen Geſellen zu Boot.“ Er ſtieg die Kajütstreppe hinauf. In Danzig war große Aufregung. Die See galt für unſicher überall. Die brandenburgiſchen Kaper waren der Schrecken der Stadt. Man machte Vorſchläge, be⸗ — 131— rieth und beſchloß und verwarf das Beſchloſſene wieder, ohne etwas Beſſeres zu finden. Alle Luſt war verſtummt. Zu keiner Feſtlichkeit verſammelten ſich mehr frohe Men⸗ ſchen und Mancher wälzte ſich den größten Theil der Nacht ſchlaflos auf ſeinem Lager. An Margarethen ging dies Alles ſpurlos vorüber. Ihr junges Leben war, kaum daß es ſich entfaltete, er⸗ barmungslos von dem herben Geſchick vernichtet. Dem Geliebten ihrer Wahl entriſſen, an einen eigenſinnigen alten Mann gekettet, der ſie als eine ihm aufgebürdete Laſt betrachtete, lebte ſie in ſtillſter Zuvückgezogenheit. Sie ward unempfindlich gegen die Schmähungen, womit ihr Gatte in ſeinem Unmuth ihren abweſenden Vater überhäufte und erwiderte nichts, wenn er ſie mit rohen Worten kränkte. Nur einmal, als er ihr mit kaltem Spotte zurief, es ſei doch Schade, daß ſie nicht mit dem großſprecheriſchen Haraldſen davon gelaufen, dann brauchte ſie ſich jetzt nicht über ihn zu ärgern, flammte es in ihren Augen wie Wetterleuchten und es ſah aus, als wollte die langverhaltene Wuth ſich Bahn brechen. Aber ſie bezwang ſich und ging ſchweigend hinaus. Ihr Gatte lachte in ſeiner rohen Weiſe hinter ihr her und fuhr einen ſeiner Comtoirleute an, der in die Stube trat. „Wenn es Euch nicht genehm iſt, kann ich auch wie⸗ der gehen,“ ſagte dieſer kurz.„Glaubte Euch einen Dienſt zu erweiſen, wenn ich Euch meldete, daß ſich Euer 9* Schwiegervater heute Mittag auf dem Artushofe hat blicken laſſen.“ „Was? Der Johannes Hanſen? Das bedeutet nichts Gutes. Er bringt Unglück über unſere Stadt.“ „Wohl möglich,“ fuhr Jener fort.„Es war ſchon geſtern ein Gerücht im Umlauf— Ihr müßt es ja ge⸗ hört haben— daß das Galiot, womit Euer Schwieger⸗ vater von hier verſegelte, als gute Priſe nach Pillau auf⸗ gebracht iſt. Ein kurbrandenburgiſcher Orlogsmann hat es dort binnen gelvotſt.“ „Die Peſt über Kurbrandenburg! Was giebt es weiter zu melden?“ „Habe es lange geſagt, daß die Kaper uns Danzigern tüchtige Schlappen beibringen werden. Das Ereigniß mit Eurem Schwiegervater iſt die erſte bedeutende, und um ſie uns zu melden, kommt er ſelbſt mit ſchlotternden Knieen und eingefallenen Backen. Er ſah aus wie ein Bild des Erbarmens und ſprach Einen nach dem An⸗ dern an. Allein Keiner wollte etwas mit ihm zu ſchaffen haben, und er ſtand allein mitten in der Menge.“ Es war, wie der Handelsdiener ſagte. Jeder hatte Furcht, daß er ſeinem Kredit ſchaden könne, wenn er mit einem Menſchen bekannt that, von dem man wußte, daß er nach dem letzten fehlgeſchlagenen Unternehmen ein Bettler ſei. Eine brennende Thräne trat ihm in die Au⸗ gen und er murmelte vor ſich hin: — 1¹33— „So that ich dem Haraldſen und dies iſt ſeine Ab⸗ rechnung.“ Die Glocke ſchlug und die Menſchen verliefen ſich allmählich. Da tratein Mann zu dem Verlaſſenen und ſagte: „Ihr könnt heute hier nichts mehr ſchaffen. Die Stunde iſt vorüber. Wollt Ihr nicht mit mir kommen?“ Johannes Hanſen ging gedankenlos mit dem Frem⸗ den, der ihm die Hand bot, wie ein wohlwollender Freund. Dieſer wohnte in einem Seitengäßchen. Als er mit ſeinem Gaſte in die niedrige Stube trat, ſagte er: „Nehmet damit verlieb. Ich bin Euer ehemaliger Buchhalter Bandler, den Ihr einſt im Zorn entließet, weil er für den unglücklichen Haraldſen ein begütigendes Wort ſprach. Armer Herr. Euer Eifer machte Euch blind und führte Euch in's Verderben.“ Das war zuviel für den von ſeiner Höhe herabge⸗ ſtürzten Mann. Die hochmüthige Geringſchätzung der Gleichgeſtellten hätte er verſchmerzen können; aber daß ein ehemaliger Diener, den er aus ſeinem Hauſe gewie⸗ ſen, ihm zum barmherzigen Samariter wurde, war zu viel. Er bedeckte das Geſicht mit den Händen und weinte bitterlich. So trieb er es zwei Tage lang. Sein gutmüthiger Wirth trug ihm Alles zu, was er bedurfte und verſuchte umſonſt zu tröſten. Endlich, am dritten Tage gegen Abend trocknete er ſeine Thränen, griff nach dem Hute und ſagte: — 431— „Ich danke Euch, Bandler. Ihr ſammeltet feurige Kohlen auf mein Haupt und ich ſtehe beſchämt vor Euch. Aber Ihr thatet mehr an mir, als Ihr gewollt. Ihr brachtet mich zur Erkenntniß meiner ſelbſt und ich weiß, welchen Weg ich fortan gehen muß. Seid unbeſorgt um mich. Ihr werdet erfahren, daß ich mich zurecht zu fin⸗ den weiß. Wir ſehen uns bald wieder.“ Es war bereits ſpät geworden und Margarethens Gatte ſehnte ſich nach ſeinem Schlafgemache, als es an der Thür klopfte und der Hausdiener einen Mann mel⸗ dete, der nothwendig gleich mit ihm ſprechen müſſe. Der Alte ſah ſich unwillkührlich nach Margarethen um, die an der gewohnten Stelle ſaß, ohne die geringſte Theilnahme zu verrathen und ſagte: „Zur nachtſchlafenden Zeit nehme ich keine Beſuche an. Er ſoll morgen wiederkommen.“ „Nein, nein! Ich muß Euch heute noch ſprechen,“ rief eine Stimme und der eben Gemeldete trat ein. Margarethe ſchreckte bei dem Ton dieſer Stimme zu⸗ ſammen. Sie ſah unwillkürlich auf und in das gram⸗ zerſtörte Antlitz ihres Vaters. „Dachte ich es doch!“ rief der Gatte,„daß dies ein Complott ſei, mich zu überrumpeln. Auf dieſe Weiſe verſucht Ihr es alſo, in mein Haus zu dringen, und mein Weib hat natürlich die Hand dabei im Spiel. Schade nur, daß es Euch nicht gelingt und man Euch ſchon die Wege weiſen wird. Euch aber, holdſelige Haus⸗ N — 135— frau, werde ich noch ganz beſonders meine Meinung ſagen.“ „Sprecht nicht weiter!“ unterbrach ihn Johannes Hanſen mit ſolcher Feſtigkeit im Ton, daß Jener un⸗ willkührlich ſchwieg.„Ich komme nicht, um mit Euch zu verkehren, oder Euch, wie Ihr meint, anzubetteln.“ „Aber Ihr bringt auch nichts. Nichts, um die große Schuld zu verringern, die Ihr noch bei mir zu ſtehen habt.“ „Es iſt eine von den mir auferlegten Strafen, daß ich dies hören und dazu ſchweigen muß. Ich erſchien bei Euch, um einige Worte mit meiner Tochter zu ſpre⸗ chen, und Ihr habt kein Recht, mir das zu wehren.“ „Aber nur in meiner Gegenwart.“ „Vermögt Ihr anzuhören, was ich zu ſagen habe, will ich es Euch nicht wehren. Margarethe, mein Kind, ich will mit Dir reden.“ Johannes Hanſen ging zu ſeiner Tochter, die ſich zitternd erhob. „Ich will mein Herz vor Dir ausſchütten. Wohl weiß ich, daß ich Deine Liebe weggeworfen und meine Rechte auf Dich an jenen Mann verkauft habe. Aber ich rufe Dein Mitleid an, und Du wirſt es mir nicht verweigern.“ „Ich höre Alles, was Ihr ſagt!“ antwortete Mar⸗ garethe mit leiſem Beben. „Als ich mein Letztes zuſammen gerafft und verloren — 136— hatte, kam ich zurück. Ich mußte. Ein Mann, den ich einſt in Verzweiflung jagte, bannte mich hierher, um ein gleiches Loos zu dulden. Auf dem Platze meiner ehe⸗ maligen Größe ſollte ich alſo, das Bild des Erbarmens, erſcheinen. Ich ſtand da, keines Wortes mächtig. Sie wieſen mich von ſich, alle, die ſich früher tief vor mir gebückt hatten. Mein Kopf brannte, meine Gedanken gingen in der Irre. Da ergriff ein frommer Samariter meine Hand und übte Barmherzigkeit. Unter ſeinem Dache habe ich die Ruhe des Gemüthes gefunden und den Weg erkannt, den ich jetzt betreten will. Ehe ich das vermag, muß es klar werden zwiſchen uns Beiden. Ich habe Dein junges Leben zerſtört, Margarethe. Den Mann, den Du liebteſt, habe ich von Deinem Herzen geriſſen und dieſen ſelbſt in ein großes Elend geſtürzt, um meinen beleidigten Stolz zu rächen. Er ging mit einem furchtbaren Schwur und hat das Gelübde ſeiner Rache gehalten. Aber, das wollte ich eigentlich nicht ſagen. Ach, Margarethe, Kind; Du mußt Geduld ha⸗ ben mit mir. Mein alter Kopf iſt ſchwach.“ Die junge, bleiche Frau ſtreckte die Hand nach ihm aus, die er raſch ergriff und an ſich drückte. „Ich will Danzig verlaſſen, und es nie wieder be⸗ treten,“ fuhr er fort.„Irgendwo wird ſich ein Ort finden, wo ich mein Haupt in Frieden niederlegen kann. Ehe ich das aber vermag, mußt Du die ſchwerſte Laſt von meinem Herzen nehmen.“ — 137— „Sagt mir, was ich thun ſoll,“ ſprach Margarethe. „Oh, hättet Ihr es in früheren Tagen der Mühe werth erachtet, mir Euer Herz zu öffnen und in das meine zu blicken, es wäre wohl nie eine Unzufriedenheit zwi⸗ ſchen uns entſtanden.“ „Du haſt mir Deine Hand gereicht. Laß ſie einUn⸗ terpfand des Friedens ſein. Ich habe Dir meine Schuld bekannt und bereue von Herzen, was ich gethan. Ver⸗ zeihe mir, Margarethe. Könnte ich nur ein Zehntheil deſſen mit meinem Herzblut auslöſchen, ich gäbe es wil⸗ lig hin. Sage mir, daß Du keinen Groll hegſt und..“ „Nicht weiter, Vater!“ rief Margarethe lebhaft und eine helle Röthe flog über ihr bleiches Geſicht.„Gott ſei geprieſen, der dies Alles an Dir und mir gethan hat. Er bricht die Eisrinde, die Dein Herz umſchloß, er läßt Dich menſchlich empfinden und ich habe, was ich in den Tagen des äußeren Schimmers entbehrte, ich habe einen Vater, der einen Händedruck, eine Thräne für ſein armes vereinſamtes Kind hat.“ Sie brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und warf ſich an ſeine Bruſt. „Das iſt zu viel für mich!“ rief Johannes Hanſen in lauter Herzensfreudigkeit.„Nun ſcheide ich getroſt und beginne meine Wanderung.“ „Aber nicht allein. Haſt Du mir Dein Herz ge⸗ öffnet und giebſt mir den Vater wieder, weiß ich, was — 138— meine Pflicht erheiſcht. Ich trenne mich nicht von Dir. Mein Arm ſoll Dich leiten, meine Hand für Dich ſchaf⸗ fen. Wir gehen miteinander, bis der Tod uns trennt.“ „Vortrefflich!“ ſagte ihr Mann.„Und das Alles wird in meiner Gegenwart beredet, als ob ich nicht mehr in der Welt wäre.“ Margarethe wandte ſich zu ihm und ſagte: „Als ich den Fuß über Euere Schwelle ſetzte, habe ich jeder Freude entſagt. Seit das Unglück meinen Va⸗ ter heimſuchte, habt Ihr mich mit Härte behandelt, und jedes Wort, das Ihr an mich richtetet, enthielt einen Vorwurf, oder eine Kränkung. Hundert Mal habt Ihr geſagt, ich wäre Euch eine Laſt, die Ihr gern abſchütteln möchtet. Ich war ſo niedergebeugt, durch alles Leid, daß ich nicht die Kraft hatte, eine ſo entehrende Kette zu zerreißem Nun aber iſt mir mit der neuen Pflicht der neue Muth zurückgegeben, und ich ſage mich von Euch los.“ „Und Ihr glaubt, ich willigte ein?“ „Ich will nichts mit mir hinwegnehmen. Keinen Anſpruch, welcher Art er ſei, erhebe ich gegen Euch. Wenn ich Euer Haus verlaſſen habe, ſoll es für Euch ſein, als wäre ich begraben. Wollt Ihr öffentlich das Band löſen, das uns verknüpfte, ich bin dazu bereit.“ „Wenn ich es thäte,“ ſagte Jener, innerlich froh, daß jetzt ohne ſein Zuthun geſchah, was er längſt gewollt und nur um der Leute willen nicht gewagt hatte.„In der erſten Zeit, wißt Ihr, als ich bei Eurem Vater um Euch warb, ſtellte ich ein Dokunteut aus— es war eine Schwachheit, aber ich that es, obgleich das Dokument beſtimmt, daß, wenn ich mich jemals von Euch trenute, ſo oder ſo, auf welche Weiſe es immer geſchehe, ich ge⸗ 2 halten ſein ſolle, Euch ein Wittthum zu ſichern, das den vierten Theil meines Vermögens beträgt. Wenn Ihr nun geht.. „Behaltet Euer Geld, ohne welches Ihr bettelarm ſeid. Ich trage kein Verlangen darnach. Wollt Ihr darin willigen, daß ich meinen Vater begleiten und nicht hierher zurückkehren darf, ſoll jenes Papier noch heute Abend in Euern Händen ſein.“ „Margarethe, mein Kind! Mein theures, geliebtes Kind! Wie tief beugſt Du mich und richteſt mich zugleich ſo tröſtend auf.“ Sie hielten ſich feſt umſchlungen. Mit wachſender Freude hörte der grämelnde Alte die Worte Margarethens. Aber es regte ſich doch ein leiſes Gefühl von Schaam in ihm, das ihn hinderte, ſeines Herzeus Meinung offen auszuſprechen, darum entgegnete er zögernd: „Wir wollen ſehen, was zu thun iſt. So, das be⸗ greife ich wohl, kann es am Ende nicht fortgehen, und wenig Frende möchte ich unter meinem Dache haben, wenn es eine Frau ſchirmte, die es für das Glück ihres — 140— Lebens erklärt, weit von mir entfernt zu ſein. Eine Nacht werdet Ihr wohl noch in meinem Hauſe verleben können. Sehe ich dann morgen, bei ruhigem Blute, daß es Euch Ernſt iſt mit dem, was Ihr ſo eben ſagtet, läßt ſich weiter darüber reden. Herr Johannes Hanſen habt eine geruhſame Nacht.“ Vater und Tochter trennten ſich mit einem ſtummen Händedruck. Der Erſtere athmete leicht auf, als er über die ungaſtliche Schwelle ſeines Schwiegerſohnes in die ſtille Nacht hinaustrat. Eine geraume Zeit war ſeit jenem Auftritt vergan⸗ gen. Die Kriegswirren hatten ſich immer mehr ver⸗ wickelt. Der Seemoleſt wurde unerträglich und bei allen Gelegenheiten war der Danziger Todtenkopf voran. Zu Pillau am Hafen war abermals eine luſtige Be⸗ wegung. Der„Cleveſche Lindenbaum“ war von ſeiner Fahrt nach Colberg heimgekehrt und löſchte allerlei Kriegs⸗ bedarf. Die Mannſchaft war ſo eifrig damit beſchäftigt, daß ſie das Herannahen eines zweiten Kanonenſchiffes erſt gewahrte, als es innerhalb des Bereiches ihrer Ge⸗ ſchütze lag. Der erſte Offizier ſtampfte mit dem Fuße und ſchalt mit allem Volk an Bord, daß Keiner die Augen aufge⸗ — knöpft habe, während es ihm doch beſonders obgelegen hätte, ein wachſames Auge zu haben. Sein Zorn ver⸗ ſtummte indeſſen, als er bei genauerer Prüfung den Danziger Todtenkopf erkannte und der Führer deſſelben ſich an Bord des Orlogſchiffes begab, um ſich zu melden. „Und nun denke ich, Herr!“ ſagte er, als dies ge⸗ ſchehen,„iſt die See für einige Zeit reingefegt. Ich kann in Ruhe den alten Rumpf kalfatern und meinem Volke gönnen, daß es die zerſchlagenen Knochen heilt; denn ich muß Euch ſagen, daß ſie es uns nicht immer ſo leicht machten, wie die Herren von der Danziger Galiot, die mit vollen Segeln in die Brandung liefen, wie die Maus in die Falle, wenn ſie den Speck riecht. Der vornehme Danziger Patrizier ſoll ſich hierher ge⸗ flüchtet haben, und Holz hacken, Steine karren, oder ſonſt eine ehrſame Hanthierung treiben. Der Todtenkopf will ſeine Geſchütze zu Lande bringen und den alten Rumpf kielholen, und ſtellt ſich für dieſe Zeit unter den Schutz des Cleveſchen Lindenbaums. Habt guten Tag, Herr.“ Der Kaper fuhr zu Lande. Sein munterer Schiffs⸗ junge ſprang ihm entgegen. „He, Falkauge! Haſt Dein Gewerbe ausgerichtet?“ „Habe es,“ ſagte der Bube.„Kaut an der Feder, und kritzelt damit auf das Papier.“ „Schreiberknecht!“ brummte Haraldſen vor ſich hin. —— „So und ſo viel Buchſtaben für'n Stück Brod. Ey iſt weit genug herunter, denke ich.“ Er folgte dem Buben, der den Weg nach der Kam⸗ mermeiſterei einſchlug. Hier war es, wo Johannes Hanſen nach vielen Mü⸗ hen und Sorgen einen Platz gefunden hatte. Die Herren von der Kammer nahmen ſonſt nur junge rüſtige Leute, denen ſie ein tüchtiges Tagewerk aufladen konnten. Aber es war gerade Mangel an Arbeitern und des Schreibens iſt von jeher viel geweſen in der Welt. Die Tagelöhner hinter den Schreibpulten machen es nicht beſſer, als die Tagelöhner auf dem Bau. Wenn die Glocke ſchlägt, werfen ſie die Feder hin und thun keinen Strich mehr. Die Herren Kanzellare und ihre Hülfsſchreiber ſchritten die Gaſſe entlang, ein mächtiges Aktenſtück unter dem Arm, das als ein öffentliches Zei⸗ chen ihres häuslichen Fleißes dienen ſollte. Johannes Hanſen folgte ihnen und trat bald darauf in die wohn⸗ liche Stube, wo Margarethe ihn mit kindlicher Herzlich⸗ keit empfing. Als Beide ihr einfaches Mahl verzehrt hatten und Johannes Hanſen ſein müdes Haupt in die Hand ſinken ließ, verſchwand leichten Schrit⸗ tes aus der Stube. Es war eine geraume Zeit ſun geweſen und der alte Herr ſchlug mit einem leiſen Seufzer die Augen auf, als der Kaper unerwartet eintrat. Er betrachtete den ehe⸗ mals ſo ſtolzen Kaufmann mit Hohn und fragte: — 143— „Nun, Johannes Hanſen, habe ich mein Wort ge⸗ halten?“ „Ich habe nicht geglaubt, daß ich Dich wiederſehen ſollte,“ entgegnete Jener.„Sei es. Du haſt mit dem⸗ ſelben Maaße gemeſſen, womit ich Dir maaß. Wie ich Dich einſt von meiner Schwelle zurückwies, ſo ſtießeſt Du mich in das dichteſte Marktgewühl meiner ehemaligen Heimath, und Alle, die ſich ſonſt ehrerbietig vor mir neigten, kehrten mir ſtolz den Rücken zu. Dieſe De⸗ müthigung war mir die ſchmerzlichſte. Sie iſt über⸗ wunden und Alles vorbei.“ „Meinſt Du?“ rief Haraldſen dazwiſchen. „Es iſt vorbei. Du wollteſt mich tief beugen und es mißlang Dir. Mit meinem Glücke ſtarb auch mein böſer Sinn. Was mich traf, iſt nur eine gerechte Ver⸗ geltung. Das habe ich vor Dir voraus. Du haſt Deine Luſt daran, Dich an dem Unglück zu weiden und knirr⸗ ſcheſt nun vor Zorn, weil Du mich nicht verzweifeln ſiehſt.“ „Du ſollſt doch verzweifeln. Glaube nicht, daß Du ſo wohlfeilen Kaufes davon kommſt. Du haſt mir nicht nur Geld und Gut, Du haſt mir auch das Glück mei⸗ nes Herzens geſtohlen.“ „Arme Margarethe!“ ſprach der Vater.„Es war der ſchwärzeſte Tag meines Lebens.“ „Ich bin gekommen, mit Dir abzurechnen und will nicht gehen, bis ich vollſtändig befriedigt bin. Du haſt —— Dein Kind Deinem Stolze geopfert. Ich will die Aermſte rächen, wie ich mich rächte. Ich erhebe die Hand zum Schwur... erih „Senke ſie wieder, ehe der Herr ſie faßt!“ ſagte Margarethe, die zwiſchen ihn und den Vater trat. „Margarethe!“ rief der Kaper. „Du haſt mir nicht Wort gehalten, Haraldſen!“ fuhr ſie fort.„Du wollteſt meiner werth bleiben, und nicht ruhen, bis wir vereint wären. Das habe ich geglaubt und dieſer Glaube war der einzige Troſt in der Zeit meines Kummers. Du haſt den Zorn durch den Zorn, die Rache durch die Rache bekämpft und biſt erlegen.“ „Und das höre ich von Dir? Für Deine zertretene Jugend, für Deine gemordeten Hoffnungen wollte ich Erſatz haben.“ „Während Du den Fluch ſäeteſt, haben wir Segen geerntet. Im Unglück erſchloß ſich mir des Vaters Herz. Was ich in den früheren Tagen des Glanzes entbehrte, habe ich hier gefunden, ſeine Liebe. Du haſt mit all Deinem Zorn zwei Glückliche gemacht. Wird es noch nicht hell in Deiner Seele?“ Haraldſen ſtand da, das Auge am Boden feſtgewur⸗ zelt. Aber es gab ſich eine mächtige Bewegung in ſei⸗ nem Innern kund und er fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Dann aber richtete er ſich auf, ſah in das An⸗ geſicht der Geliebten und ſagte: „So biſt Du glücklich?“ — 145— „Ich bin es. Und wenn ich noch einen Wunſch im Herzen trage, iſt es der, daß Du darnach trachteſt, es auch zu ſein.“ Er antwortete nichts, ſondern wandte ſich nach einer Pauſe zu Johannes Hanſen: „Sie hat meinen feſten Entſchluß wankend gemacht. Ich vergeſſe den Eid, den ich geſchworen und laſſe mein Werk liegen, ehe ich es vollendet. Mehr vermag ich nicht. Fortan haſt Du nichts mehr von mir zu be⸗ fürchten.“ Haraldſen entfernte ſich. Johannes Hanſen war tief erſchüttert. Margarethe ſah dem Scheidenden mit klo⸗ pfendem Herzen nach. Einmal machte ſie eine raſche Bewegung, als wollte ſie ihm nacheilen, ihn zurückhalten. Aber ſie vermochte es nicht, und warf ſich, von ihren Gefühlen überwältigt, in die Arme ihres Vaters. Es war eine geraume Zeit verſtrichen. Die Kriegs⸗ verhältniſſe hatten ſich geändert. Die Waffen ruhten. Die See war frei. Der„Cleveſche Lindenbaum“ lag abgetakelt in dem Hafen von Pillau und ſein Führer hatte die Kommandantſchaft von Pillau wieder übernom⸗ men. Der Danziger Todtenkopf war ganz verſchwun⸗ den; nirgends wo hatte man was von ihm gehört. Eines Morgens, als Johannes Hanſen ſich eben an ſein müh⸗ Meeresſtille und hohe See. 10 — 146— ſames Tagewerk begeben wollte, trat unerwartet der alte, ehrliche Bandler bei ihm ein. „Laßt Euch meine Gegenwart nicht erſchrecken, be⸗ ſter Herr. Ich bin der Ueberbringer einer guten Bot⸗ ſchuft Johannes Hanſen ſah den ehemaligen Diener und treuen Freund mit einem ungläubigen Lächeln an. „Es iſt eine ſchlimme Zeit,“ meinte Bandler.„Aber Treue und Glauben ſind doch nicht ganz verſchwunden. Ich bringe dafür einen Beweis. Ihr erinnert Euch des vermittelten Lieferungsgeſchäfts mit dem Hauſe Scerdzch in Warſchau, wobei Ihr mit großen Summen betheiligt waret? Der Sturz jenes Hauſes war der erſte harte Schlag, der Euch traf. Nun, Herr, die Inhaber jener Firma haben ſich wieder aufgerafft. Sie erfüllen ihre früheren Verpflichtungen ſo viel wie möglich, und ich bin als ihr Sachwalter beauftragt, Euch die Summe von zwanzigtauſend brandenburgiſchen Gulden anzubieten.“ Selten ſprach ſich der Uebergang vom ſtillen Kummer zum lauten Jubel beredter aus, als in dieſer Stunde. Als Alle ruhiger geworden, ſagte Bandler: „Ich hafte mit meinem Kopf für die Wahrheit mei⸗ ner Worte. Die genannte Summe liegt in Danzig für Euch bereit. Auch iſt Hoffnung vorhanden, Euer Haus zurück zu erhalten. Ihr ſollt unter Eurem eignen Dache leben. Das Letztere habe ich zu Stande gebracht. Wei⸗ teres ſage ich Euch ſpäter. 1 Euch nun von Euern — 147— hieſigen Verhältniſſen los, damit wir ſofort abreiſen können.“ Das Letztere war bald geſchehen und am folgenden Tage erklärte Johannes Hanſen, es ſtehe der Abreiſe nichts mehr im Wege. Bandler hatte für ein Schiff geſorgt und man ging noch ſpät Abends an Bord, weil in der erſten Morgenfrühe die Abreiſe vor ſich gehen ſollte. Als der Anker gelichtet war und die Segel ſich füllten, betraten die Paſſagiere das Verdeck. Johannes Hanſen ſchrie auf, als er auf dem Schiffe den ihm ſo verhängnißvollen Kaper und in dem Manne neben dem Steuer Haraldſen erkannte. Dieſer reichte ihm die Hand und ſagte: „Dies iſt der Todtenkopf von Danzig und Ihr ſeid zum zweiten Male an ſeinem Bord. Doch iſt die Flagge mit dem böſen Wahrzeichen verſchwunden.“ Er deutete auf die Gaffel, von welcher ab die Flagge der Stadt Danzig luſtig wehte. „Eure Galioten wurden als gute Priſen aufgebracht und daran iſt nichts zu ändern,“ fuhr Haraldſen fort. „Wenn Ihr aber den Antheil, der mir zufiel, dem bei⸗ fügt, was Bandler Euch rettete, ſeid Ihr von jeder Noth enthoben. Und nun ich Euch das mitgetheilt habe, iſt mir leicht ums Herz. Was ſagt Ihr, Margarethe?“ Margarethe antwor tete nichts. Aber die helle Freude die aus ihren Augen ſtrahlte und die Verwirrung, mit 10* — 148— welcher ſie ihm beide Hände hinreichte, waren beredter als alle Worte. „Die Schuldbriefe ſind zerriſſen hier und überall!“ rief Haraldſen.„Das Beſteck iſt in Ordnung und wir ſetzen von heute an einen neuen Cours, friſche Briſe und eine behaltene Reiſe allezeit.“ Sie reichten ſich laut aufjubelnd die Hände und als die Mannſchaft das Halbdeck ſo guter Dinge ſah, ſtimmte ſie, ohne zu wiſſen, weshalb, mit lautem Rufe ein, wäh⸗ rend das Schiff im raſchen Laufe durch die Salzfluth hinſchoß. 1— — — — — — — — FS — F — — — — — ₰ 8S 8 S 8 — S Dus Dünendorf. Bwiſchen den fruchtbaren Marſchſtrecken der langen und ſchmalen Küſte und der rollenden See liegt in meilen⸗ weiter Ausdehnung die weißleuchtende, hochgethürmte Dünc. Nur einige allmählich anſteigende Flächen ſind ſparſam mit Sandhafer bewachſen. Die meiſten Gipfel bleiben kahl und die Stürme wirbeln die Staubſäulen bis zur unglaublichen Höhe. Mühſam erklimmt der Wanderer dies ſchützende Bollwerk und ſteht inmitten einer Wüſte, die nichts Lebendes kennt, als die Berg⸗ enten, die in tiefen Höhlen niſten. Hierher kommt Nie⸗ mand, als um Mitternacht der ſchlaue Schmuggler und der Steuerjäger, der Schritt um Schritt, ein ſtummer* Schatten, mit angelegtem Gewehr ſeiner Spur folgt. Da plötzlich öffnet ſich in dieſer„Welt des Sandes“ ein Thal. Der Wanderer ſieht überraſcht ein Dorf mit einigen zwanzig Häuſern. Es ſind eigentlich nur Hütten, — 152— allein ſie ſind ſauber und wohl erhalten. Bäume ge⸗ deihen in der rauhen Seeluft nicht; aber vor jeder Haus⸗ thür iſt ein grünes Fleckchen und im Hochſommer ſchaut aus manchem Raſen ein helles Blumen⸗Auge zum ſon⸗ nigen Himmel auf. Es iſt eine Fiſcherkolonie, dies in den Dünenſand eingeheimte Dorf. Seine Bewohner, abgehärtet in Wind und Wetter, in dem Kampf mit den Elementen erſtarkt, haben zur Frühjahrs⸗ und Herbſteszeit manchen halbver⸗ lorenen Segler wieder auf den rechten Steuercours ge⸗ bracht. Aber, wenn die Andern auch das Ihrige erhiel⸗ ten, für ſich ſelbſt brachten ſie nie Etwas vor ſich. Sie waren zufrieden, wenn der für den Winter geſammelte Vorrath reichte, bis der neue Frühling neues Leben in die erſtarrten Eismaſſen brachte, die ſich zwiſchen See und Land aufbauten. 8 Die Hütten lagen in dem von zwei allmählich anſtei⸗ genden Höhen gebildeten Thalkeſſel. Nur zwei derſelben ſtanden an den entgegengeſetzten Enden der Kolonie ein Stück Weges die Anhöhe hinauf und ſahen, gleichſam als wären ſie die gebietenden Herren, vornehm auf das Dörfchen herab. Und doch waren die Bewohner dieſer beiden Hütten gerade die ärmſten. Wie vor ihrer Thür, die ihrer Lage nach den Seeſtürmen am meiſten ausgeſetzt war, nie ein Grashalm keimte, ſo hatte das Glück nie einen Fuß über die Schwelle dieſer Thür geſetzt. — 153— Die beiden Männer vom Berge hatten manchen Strauß zur See beſtanden und ſich bei harter Arbeit an einander gewöhnt. Die Bewohner des Thales hielten ſich ſtrenge abgeſchloſſen. Als Zene einſt an die eine oder andere Thür klopften, um ſich von den heranwach⸗ ſenden Töchtern eine zum Weibe zu erbitten, wurden ſie mit einem Korbe heimgeſchickt. Sie blieben unbeweibt. Da ſie für Niemand zu ſorgen hatten, wurde ihnen das Wenige, was ſie beſaßen, noch gleichgültiger. Der Re⸗ gen ſickerte durch das Dach ihrer Hütten. Der Wind ſtrich durch die zerbrochenen Fenſter. Sonſt mochte es kaum zwei Männer geben, die in einem ſo engen Verkehr ſtanden und zugleich ſo unähn⸗ lich an Charakter waren. Hans Blocker von der Weſter⸗ höhe war mürriſch, finſter, in ſich gekehrt. Er haderte mit ſeinem Geſchick und grollte mit der ganzen ihm be⸗ kannten Welt. Sah er irgendwo das Feuer auf dem Heerde heller brennen, oder den Hausmann ſeinen Vor⸗ rath keuchend heran ſchleppen, wandte er ſich fluchend ab, oder rief eine Verwünſchung hinter ihm her. Die Leute merkten es bald und gaben es ihm tüchtig heim. Wie ſollte das Licht in ein ſo umdüſtertes Leben dringen?. Auf der Oſthöhe wohnte Ropc Jans, ein ſtiller, beſonnener Mann. Er hatte keine Urſache, ſeinem Nach⸗ barn beſonders dienſtfertig zu ſein; aber er war freund⸗ lich, grüßte Jeden und ſtand bereitwillig Rede. 2 — 152— beneidete die Wohlhabenden nicht, ſondern ſagte nur man chmal kopfſchüttelnd, wenn er ſein Netz leer aus der See zog: „Wunderlich! die großen Fiſche kommen nicht zu dem kleinen Mann und für die kleinen ſind die Maſchen meines Netzes zu groß.“ Manchmal aber kam es doch vor, daß dieſer oder jener Fang gelungener ausfiel. Dann gingen die bei⸗ den Höhenbewohner in das nächſte Bauerndorf, wo ſich immer Aufkäufer fanden, die ihnen ihre Waaren ab⸗ nahmen. So ein Tag war heute geweſen. Sie hatten einige Schillinge in der Taſche, was lange nicht der Fall geweſen war. Beide waren auf dem Wege zur Schenke, um ſich vor dem Heimgange einmal gütlich zu thun. Da traf es ſich, daß ein Bauer den Broder Jans im Geſpräch aufhielt. Er hatte den armen Dünenfiſcher bei einer früheren Gelegenheit kennen gelernt und wohl im Ge⸗ dächtniß behalten. Darum grüßte er ihn jetzt freundlich und meinte, zur Schenke käme er noch frühzeitig genug; er ſolle nur mit ihm kommen, denn er wolle ihm einen Verdienſt nachweiſen. Nach zwei Stunden, als es bereits ſtark dämmerte, verließ Broder Jans den Bauernhof und ging der Düne zu. An die Schenke dachte er nicht mehr. Die Aus⸗ ſicht auf eine lohnende Arbeit war ihm eröffnet und dann hatte er mit dem Bauer eine reichliche Mahlzeit — 155— gehalten. Was ihn aber im Garzen fröhlich machte, das waren die guten Eindrücke, die er unter jenem Dache empfangen. Das ſtille Familienleben hatte ihn ange⸗ heimelt. Neidlos, wie er war, ſah er das fremde Glück nicht mit giftigen Augen an. Aber eine tiefe Sehnſucht erwachte in ſeinem Herzen und als er in ſeine einſame Hütte trat, ſeufzte er laut. Hans Blacker war geradesweges zur Schenke gegan⸗ gen und ſchimpfte bei ſeinem Kruge Bier auf den Nach⸗ bar, der ihn ſitzen laſſe. Da er die Zeit nicht hinzu⸗ bringen wußte, trat er an den nächſten Tiſch, wo einige loſe Burſche— Strandläufer oder andere Taugenichtſe — ſfaßen und doppelten. Nicht lange dauerte es und Hans Blacker ſaß mitten unter ihnen. Bald waren die wenigen Schillinge hin. Sie reichten nicht einmal, die Trink⸗- und Spielſchuld zu decken. Als er dem Wirth nicht gerecht werden konnte, warf ihn dieſer, von dem Gelächter der Uebrigen angefeuert, zum Hauſe hinaus. In dem Zuſtande der höchſten Aufregung kam Hans Blacker heim. Ein furchtbares Unwetter, welches ſchon während des ganzen Abends gedroht hatte, brach plötzlich los und warf ſich mit aller Macht auf die erſchrockene See. Der Blitz riß die herabhängenden Wolken auseinander und ließ die See taghell aufleuchten. Der Donner rollte durch die Dünenthäler. Von den einſchließenden Höhen ſtürzte der Regen herab. Wenn der Donner rollt und der Blitz leuchte ſpringt der Küſtenbewohner von ſeinem Lager auf und eilt dem Strande zu, wo die See ihm die ſchäumende Brandung in das Geſicht wirft. Sein geübter Blick erſpäht, was jedem Binnenländer ein Räthſel bleiben würde. Aber in dieſer Nacht lag der Schlaf bleiern auf den Bewohnern des Dünendorfes. Es hörte Keiner das Heulen des Sturmes, den herabrauſchenden Regen, die anbrandende See. Halb erſchreckt fuhr wohl Einer aus ſeinem Traumſchlaf empor, ſank aber gleich darauf, un⸗ verſtändliche Worte murmelnd, auf ſein Lager zurück. Nur auf der Oſt⸗ und Weſthöhe ward das Unglück gehört. Beide Bewohner derſelben waren von den Er⸗ lebniſſen des Tages zu erregt. Der Schlaf floh vor ihnen. Sie ſtanden vor der geöffneten Thür und ſchau⸗ ten erwartungsvoll auf die See. Jeder Augenblick konnte etwas Unerwartetes bringen, das eines entſchloſſenen Mannes Beiſtand erforderte. „Wenn ein Schiff in dieſem Sturm an unſer Eiland verſchlagen würde!“ ſprach Hans Blacker vor ſich hin. „Vielleicht bei der gelben Düne oder da herum. An ein Loskommen wäre nicht zu denken und alſo ein guter Fang zu machen.“ Hans Blacker dachté an das damals geltende Strand⸗ recht, das eigentlich das ſchreiendſte Unrecht war. Es gab einen geſetzlichen Bergelohn, der dem Geretteten die „ — 57— Haare ſträuben machte und in den Kirchen betete man mit Herz und Mund für einen geſegneten Strand. Der Sturm, ſo heftig er war, dauerte nicht lange. Bald hatte es abgeweht. Die Wolken verloren ſich und der Himmel wurde klar. Wer der wilden Boe entkom⸗ men war, fand einen Leitſtern, dem er getroſt nachſteuern konnte. „Es iſt ein Gang!“ ſagte Hans Blacker zu ſich ſelbſt. „Wenn ich etwas will, muß ich es gleich wollen, bevor ſie im Dorfe die Witterung kriegen, oder irgend ein ſchäbiger Steuerjäger von drüben heraufkommt. Das Volk hat eine feine Naſe. Friſch daran. Ich kenne jede Furth und bin mit Tagesanbruch der gelben Düne ſeit⸗ längs.“ Er verſah ſich mit dem Nothwendigſten und ging hinab zum Strande, wo ſein Boot lag. Vorſichtig ſteuerte er hart am Ufer entlang, durch die Binnenlaichen, oft von der ſchäumenden Brandung überholt, in ſteter Ge⸗ fahr, von einer Welle gefaßt und in die See geriſſen zu werden. Endlich kam er bis zu der vorſpringenden gel⸗ ben Düne, unter deren Schutz ſein Boot wie in einem Teiche lag. Hier war nirgends etwas zu ſehen. Aber der Morgen dämmerte auch kaum. „Vielleicht da oben!“ dachte Hans Blacker, ſprang aus ſeinem Fahrzeuge und ſtieg die Düne hinan. Oben angelangt ſchrie er laut auf. Ein kleines Küſtenſchiff, halb Schooner, halb Galeas, wie ſolche in jenen Ge⸗ — —— wäſſern häufig geſehen werden, lag, von der Brandung auf die Seite geworfen, in der Nähe des Strandes. Mit Blitzesſchnelle war er unten. Da lag auch das geken⸗ terte Boot des geſtrandeten Schiffes. Das Ende eines zerriſſenen Kabels hing darüber hin. Der kundige See⸗ mann begriff, daß die Mannſchaft verſucht hatte, eine Verbindung mit dem Schiffe und dem Lande herzuſtellen. Aber das Kabel riß und das Boot kenterte. Wohin hatte die Fluth die Leichen getrieben? Der vor einer Stunde umgeſetzte Stromgang hatte ſie vielleicht ſeewärts fortgeſchwemmt. Hans Blacker ſah ſich nicht weiter darnach um. Er dachte kaum daran, ob er es auch thun müſſe, ſondern haſtete ſich ab, an Bord zu kommen. Das gekenterte Boot mit den geknickten Rippen war nicht zu flotten. Die Ebbe ſtrömte reichlich ab. Er konnte vielleicht durch die Brandung waten. Das Glück war mit ihm. Der ſchäumenden See gewohnt, wußte er derſelben geſchickt auszuweichen und ſtand bald ſeitlängs an dem Wrack. Kaum auf dem Verdeck angelangt, bellte ihn ein Hund an, der mit einem Tau an den Maſt gebunden war, damit ihn die See nicht fortſpühle. Hans Blacker bekümmerte ſich nicht um das Thier und ging gerades⸗ weges in die Kajüte. Ein erſchreckender Anblick bot ſich dar. Auf dem Boden lag eine weibliche Leiche. Ein morſcher Decksbalken, der bei dem heftigen Stoße gebrochen war, hatte ihr im — 159— Herabſtürzen den Schädel zerſchmettert. Einen Augen⸗ blick ſtand er erbleichend vor der Leiche, dann aber wandte er ſich ab. Er war, von einer unſichtbaren Macht ge⸗ trieben, an Bord dieſes Schiffes gekommen. Von dem Ausbruche des Sturmes an, bis zu dieſer Minute hatte es in ſeinem Innern geſprochen:„Dein Glück blüht! Greife zu, aber ſchnell!“ „Und das will ich auch!“ antwortete er ſich ſelbſt. Keine Macht ſoll mich hindern zu nehmen, was ſonſt Andern in die Hände fällt, die nach mir kommen. Das da iſt eines von den Fahrzeugen, die mit den nordiſchen Inſeln Handel treiben und wenn ſie heimſteuern, iſt das Spind ja mit guten Silberthalern gefüllt. Da wäre ich auf einmal all mein Elend los.“ Raſch trat er zu den beiden Pfeilern, zwiſchen denen der Schrank befindlich iſt, worin der Capitain ſein eige⸗ nes, ſo wie das ihm anvertraute Geld, die Schiffspa⸗ piere und andere werthvolle Gegenſtände aufbewahrt. Die Thür war bald geſprengt. Eine reiche Beute lachte ihm entgegen. Was Hans Blacker auch immer erhoffte, ſoweit hatte ſeine Phantaſie ſich doch nicht verſtiegen. Ein großer Beutel mit Thalern ſtand vor ſeinen Augen. Hinter dem⸗ ſelben erblickte er einen zweiten, kleineren, worin er, als er ihn mit zitternden Händen öffnete, eine große Zahl blanker Goldſtücke fand. Es dauerte lange, bevor ſich ſeine Aufregung legte; dann aber ſteckte er das Gold in die weiten Taſchen ſei⸗ nes Wamſes und warf den Sack mit Thalern auf die Schultern. Als er hart bei der Leiche vorüber ging, ſchauerte er unwillkührlich zuſammen und murmelte, um ſein Gewiſſen zu beſchwichtigen:„Wenn ich das da in* Sicherheit gebracht habe, will ich ſie begraben.“ Er kam glücklich an den Strand xrück Das Geld konnte er nicht offen durch das Dorf tragen. Die Nach⸗ barn hätten es geſehen und ihm ſein Recht daran ver⸗ kümmert. So beſchloß er, den Sack zu vergraben und zur Nachtzeit in Sicherheit zu bringen. Bald war die leichte Arbeit geſchehen und als Wahrzeichen wurden einige Steine auf die Stelle gelegt. Nun dachte Hans Blacken flüchtig daran, an Bord zurück zu kehren und die todte Frau abzuholen. Da glitt, wie zufällig, ſein Blick längs der gelben Düne. Auf ihrer Spitze ſah er einen Mann ſtehen. Er erſchrack, denn er hielt ſich für entdeckt. Aber bald überzeugte er ſich, daß jener ſo ſtand, daß er ihn gar nicht ſehen konnte und ſchnell beruhigt ſagte er vor ſich hin: „Der da wird auch an Bord gehen und kann ſtatt meiner dies Wrack vernichten, um ſo mehr, als er nichts Anderes zu thun findet. Daheim aber können ſie ſich in Acht nehmen. Bis heute haben ſie mich mit Füßen ge⸗ treten, von dieſer Stunde an trete ich ſie.“ Er kehrte zu ſeinem Boote zurück und fuhr bis zu 4— 16— den Landungplate im Dorfe. Mit ſeinen leeren Netzen ſtieg er fluchend die Weſthöhe hinauf. Zwei Männer, die des Weges kamen, ſahen ſich an und der Eine ſagte: Da kommt Hans Blacker. Iſt bei dem Unwetter Nacht draußen geweſen und hat keine Floſſe gefangen. Thut mir eigentlich leid.“ öſt „Was leid!“ ſagte der Zweite.„So lange der Kerl lebt, hat er mit keinem Chriſtenmenſchen auch nur das geringſte Mitleid gehabt. Warum ſollen wir es mit ihm haben? Möchte es Euch auch gar nicht rathen, ihm ein freundliches Wort zu ſagen. Er würde Euch ſchön ab⸗ führen. Ob es heute Nacht etwas gegeben hat? Es ſoll tüchtig gebriſet haben.“ „Meine Alte ſagt es!“ entgegnete der Erſtere.„Kön⸗ nen uns ja einmal umthun.“ Die beiden Männer beſchloſſen, ſich nach einem Wrack umzuſehen, das Hans Blacker ſchon ausgebeutet hatte und dem jetzt der Mann zuſchritt, der auf der Spitze der Düne ſichtbar wurde. DDieſer Mann war Broder Jens. Auch er trat in der Nacht vor die Thür hinaus und folgte dem Verlauf des kurzen, aber gewaltigen Unwetters mit kundigem Auge. Sein richtiger Blick zeigte nach der gelben Düne, die ſich zu Lande leichter erreichen ließ und da ſtand er nun. Als Hans Blacker an der Oſtkante ſeinen Schatz vergrub, ſtieg er, ohne eine Ahnung von dem zu haben, was in ſeiner Nähe vorging, an der Weſtkante herab. Er ſah Meeresſtille und hohe See. — 162 das geſtrandete Schiff und verſuchte, es zu ichen Mit einem tiefen Athemzuge betrat er das Deck. Der Hund am Maſt winſelte ihm entgegen. „Armes Vieh!“ ſagte Broder Jens und ba los. Der Hund ſprang empor; die Zunge hing it dem Halſe. „Dir fehlt's am Beſten,“ fuhr Broder Jens fort und ſah ſich nach dem Waſſerfaſſe um. Bald hatte er den Hund getränkt und da ein Fiſcher ſich ſelten auf eine Schwimmfahrt begiebt, ohne mindeſtens ein Stück Brod in der Taſche zu haben, theilte er ſeinen Vorrath mit dem hungernden Thier. Erſt dann ſah er ſich näher auf dem Verdeck um, des Hundes nicht achtend, der zur Ka⸗ jütskappe ſprang und als er die Thür eingeklinkt fand, jämmerlich winſelte. Als er endlich die Thür öffnete, ſprang der Hund heulend die Treppe hinab. Gleich darauf ſtand Broder Jens vor der erſchlagenen Frau. Er begriff, wie Alles gekommen war und ſagte: „Das Volk hat das Schiff verlaſſen, um Hülfe vom Lande zu holen. Dabei ſind ſie verunglückt. Das iſt mir klar. Aber laßt uns weiter ſehen.“ Ehe er dies ausführen konnte, ſah er, wie der Hund die Leiche verließ und an die Thür kratzte, welche in die anſtoßende Kammer führte. Raſch drückte er ſie auf und blieb vor Erſtaunen mit halboffenem Munde ſtehen. Von der Decke herab hing eine ſchwebende Wiege und in der⸗ ſelben lag ein dem Anſcheine nach dreijähriges Kind, das aus — 163— die Aermchen weinend dem Hunde entgegenſtreckte, der zu ihm hinaufſprang. „Das ſind ſeltſame Beuteſtücke!“ dachte Broder Jens.„Aber es iſt meine Chriſtenpflicht, zuerſt dieſes kleine unſchuldige Menſchenleben zu retten. Wir be⸗ halten wohl ſchmuckes Wetter den Tag über und ich tomme mit den Nachbarn zurück, um der todten Frau den letzten Liebesdienſt zu erweiſen. Erſt aber will ich ſehen, ob ich nichts von Papieren finde, die zu ber⸗ gen ſind, ſür den Fall, daß ein Unglück geſchieht, während ich weg bin.“ Er trat zu dem Spindje hin, aus welchem Hans Blacker das Geld genommen und fand zu ſeiner Verwunde⸗ rung denſelben nicht nur offen, ſondern den Inhalt auch durcheinander geworfen, während doch vor dem Beginn der Reiſe Alles ſo feſtgeſurrt wird, daß es ſich nicht ver⸗ rücken kann. Es mußte ſchon Jemand vor ihm hier geweſen ſein. Aber wer? Oder hatte der Schiffer ſelbſt, bevor er von Bord ging, das ihm Unentbehrlichſte heraus⸗ genommen? Darüber zu grübeln, war jetzt nicht Zeit. Er ſteckte mehrere Papiere und eine Brieftaſche zu ſich, nahm das Kind auf den Arm, pfiff dem Hunde und ſtieg vom Bord in die rauſchende See. Der Hund ſprang ihm bellend nach. Das war ein Wundern, als Broder Jens das Dorf betrat. Er erzählte, was geſchehen war und ſagte dann, die Gemeinde müſſe das Kind bei ſich aufnehmen. Als aber Einige dies mit barſchen Worten von ſich wieſen, meinte er, daß er es ſelbſt behalten wolle. Der Herr⸗ gott habe es ihm ſichtbarlich zugewieſen und er werde es nicht verſtoßen. Eine Frau, die hinzugetreten war, ſagte: „Das iſt gut gedacht, Nachbar. Gieb mir aber einſt⸗ weilen das Kind. Es weint zum Erbarmen und ich will es tränken. Derweile ſiehe Du zu, welches weitere Strandgut Du findeſt.“ So geſchah es. Alles, was im Dorfe an Manns⸗ volk vorhanden war, ging nach dem Steert des Sandes am Fuße der gelben Düne. Nur von Hans Blacker war nichts zu ſehen. Seine Thür blieb verſchloſſen. Beſonnen gingen die Männer an ihr Werk. Die Fluth war im Wachſen und das geſtrandete Schiff vom Lande nicht mehr zu erreichen. Darum wunden ſchnell die Böte geflottet. Ihr erſtes Geſchäft war, die Leiche an das Land zu bringen. Es gab noch keinen Gottes⸗ acker mit der Bezeichnung:„Heimathſtätte für Heimath⸗ loſe;“ darum bereiteten ſie ein Grab auf einer hochgele⸗ genen Stelle der Düne und als ſie die Leiche da hinein legten, ſprachen ſie ein ſtilles Gebet. Auf das zuge⸗ ſchüttete Grab legten ſie darauf ſieben Steine in Form eines Kreuzes. Das iſt der fromme Brauch am Strande. Mag auch der nächſte Sturm den Dünenſand darüber werfen, daß es vor den Augen der Menſchen verſchwin⸗ —— det, dem Auge Gottes iſt das Werk der Barmherzigkeit offenbar. Von den Kaufmannsgütern, die ſich am Bord befan⸗ den, vermochte man bis zum Abend nur wenig zu ber⸗ gen. Als die Sonne unterging, erhob ſich der Sturm auf's Neue und mit ſolcher Heftigkeit, daß beim Anbruch des Tages das Fahrzeug zu einem rettungsloſen Wrack geworden war. Die Strandreiter, die unterdeſſen auch Kunde bekom⸗ men, eilten mit dem Strandvoigt herbei und das Beute⸗ machen auf eigene Hand hatte ein Ende. Broder Jens ging in ſein einſames Haus auf der Oſthöhe zurück, nicht ohne das gerettete Kind mit ſich zu nehmen, begleitet von dem Hunde, der ſich nicht von ihm trennte. Das Kind war ein ſchmuckes Mädchen, das nur einzelne unzuſammenhängende Worte in einer Sprache zu ſagen wußte, die hierorts Niemandem ver⸗ ſtändlich war. Auch die Papiere, die Broder Jens rettete, waren ſo geſchrieben, daß die beiden einzigen Dorfbewohner, die überhaupt leſen konnten, nach einer gewiſſenhaften Prüfung erklärten, ſie verſtänden nichts davon. Wollte Broder Jens etwas Näheres wiſſen, möge er den Steuernvoigt oder den Paſtor im Kirch⸗ dorfe zu Rathe ziehen. Er verſprach es auch; aber die nächſte Sorge war immer die erſte. Gab viel zu ſchaf⸗ fen in ver Hütte eines armen Mannes, wo ſtatt eines Koſtgängers ſich plötzlich deren drei einfinden. So — 466— wurde die Unterſuchung der Papiere immer weiter hinaus⸗ geſchoben und am Ende gar vergeſſen. Aber mit dem Mägdelein war ein Segen in die Hütte des armen Fiſchers gekommen. Es hatte ein holdſeliges Angeſicht und die Aeugelein blickten ſo hell. Die Weiber im Dorfe, die ſelbſt Kinder hatten, rechne⸗ ten dem Broder Jens ſeine That hoch an. Sie leiſte⸗ ten ihm Vorſchub mit Kleidungsſtücken und ſonſtigen Dingen, die einem jungen Kinde nöthig ſind und wovon die Männer nichts wiſſen. Auch den Hausvätern ging es zu Herzen und ſie ſprangen mit Rath und That bei. Als die Kunde von dem Erxeigniß in das nahe große Dorf kam, wo der Bauer wohnte, der auf den armen Fiſcher ſo große Stücke hielt, hatte vollends alle Noth ein Ende. Es kamen der Liebesgaben ſo viele, daß er ſie kaum verbrauchen konnte. Was aber die Hauptſache war: die Kundſchaft vergrößerte ſich und er hatte ſo vielen Verdienſt, daß er bald ſein kleines, halbleckes Boot auflegen und an den Kauf eines neuen, ſeefeſten denken konnte. So gingen nun die Tage fröhlich hin. Eine Reihe von Jahren war verſtrichen. Das aus dem Schiffbruch gerettete Mägdelein war zu einer blü⸗ henden Jungfrau herangewachſen. Broder Jens nannte ſie Heilwig. So hieß ſeine Mutter und er hatte das hülfloſe Kind gleich im erſten Augenblicke ſo lieb gewon⸗ nen, daß er es nicht freundlicher zu nennen wußte, als — mit dieſem Namen. Aber Heilwig nahm ſich des Haus⸗ weſens tüchtig an und brachte im Arbeiten etwas vor ſich. Alle Weibsleute mußten es eingeſtehen. Herrſchte nun in der Hütte auf der Oſthöhe ein ſich mit dem Laufe der Tage ſteigendes, friedliches Glück, hatte es ſich dagegen unten im Dorfe allmählich gar ſehr verändert. Finſteres Unheil ſenkte ſich auf das einſame Dünendorf herab. Und dieſes Unglück braute zuſammen in der Hütte des Hans Blacker auf der Weſthöhe. Er hatte es den Dörflern geſchworen, daß er ihnen die Ver⸗ achtung, die ſie ihm bewieſen, heimzahlen wolle, ſobald er könne. Und er that es, wie ein rechter Teufel, als ihm die Macht dazu gegeben ward.„Von Haus und Hof ſollen ſie mir, ſo wahr ich das Leben habe!“ ſprach er damals in ſeinem Grimme, als er noch nicht wußte, wie er dieſe Worte wahr machen ſollte und er wieder⸗ holte ſie in jener Nacht, als er den am Fuße der gelben Düne vergrabenen, vom Bord der geſtrandeten Schoo⸗ ner⸗Galeas entwendeten Beutel heimbrachte. Ein paar Tage nach jenem Ereigniß begab er ſich mit großem Geräuſch auf die Reiſe. Ihm war darum zu thun, daß Jedermann erführe, er ſei nicht etwa nach dem nächſten Kirchdorfe gewandert, ſondern nach der Hafenſtadt am Weſtford. Dahin jage ihn ein Traum der letzten Sonntagsnacht, und man werde ſchon erleben, daß er das Glück mit ſich heimbringe auf die Weſterhöhe. — 168— Aber dann wolle er von derſelben herabkommen, daß alle zittern und beben ſollten. Das erzählten die Leute einander. Und wie es zu geſchehen pflegt, malte der Zweite das Bild mit grelle⸗ ren Farben, als der Erſte, und der Dritte ging noch einen Pinſelſtrich weiter, als der Zweite. So wuchs das Gerücht, bis Hans Blacker heimkam, einen Kittel von dem beſten Tuche auf dem Leibe, große Stiefeln an den Füßen und eine nagelneue Pelzmütze auf dem Kopfe; Alles Dinge, die man in dem Dünendorfe nur hier und da an hohen Feſttagen und auf der Weſterhöhe bislang nie ſah. Hans Blacker hatte nichts Eiligeres zu thun, als nach der Schenke zu gehen und ſich in ſeinem Glanze zu zeigen. Als er eintreten wollte, kam Broder Zens ge⸗ rade vom Strande herauf und der von ihm gerettete Hund ſprang bellend vor ihm her. Als das Thier den Hans Blacker erblickte, ſtellte er ſich ihm in den Weg und zeigte ihm grimmig fletſchend die Zähne. Das Thier ſchien den Mann wieder zu kennen, der erbar⸗ mungslos an ihm vorüber ging, als er an dem Maſt feſtgebunden war. Broder Jens hatte genug zu thun, den Hund an ſich zu locken. Sein früherer Maat ſah ihn mit einem grim⸗ migen Blicke an und rief höhniſch: „Thuſt Dir wohl etwas zu Gute auf das Beuteſtück, das Du Dir von Deiner Strandfahrt mitgebracht haſt? 162 Aber ſo hoch Du Deine Naſe auch trägſt, ich bringe Dich doch herunter von Deiner Oſthöhe, Du Lump!“ „Wenn Du über den Lump, den Du in Dir haſt, auch einen noch ſo feinen Kittel ziehſt, iſt er darum doch deutlich zu erkennen!“ entgegnete Broder Jens und wollte noch ein ſchweres Wort hinzufügen, da fiel ſein Blick auf den Hund, der noch immer unruhig war. Er ge⸗ dachte des offenen Schrankes am Bord der Schooner⸗ Galeas, worin Alles unter⸗ und übereinander lag. Ihm fiel die todte Frau ein und das hilfloſe Kind in der Kammer. Ihn überlief ein Fröſteln. Es ſchnürte ihm die Kehle zuſammen und er vermochte keinen Laut her⸗ vorzubringen. Hans Blacker hatte polternd und ſcheltend die Schenke betreten, wo ihm nichts gut genug war. Bald nachher erzählte die Wirthin der Nachbarin, Hans Blacker habe drei Nummern geträumt, die er in die Lotterie geſetzt und ein großes Geld darauf gewonnen habe. Ihr Mann ſei verſchuldet und der Hans Blacker habe ein Gebot auf das ganze Geweſen gethan. Viel werde, wenn die Schuld bezahlt ſei, nicht übrig bleiben; aber man komme doch von den Gläubigern los und könne an einem andern Orte von vorn anfangen. Als Hans Blacker ſpäter nach Hauſe ging, war er Herr der Schenke und die ſeitheri⸗ gen Beſitzer mußten andern Tages abziehen. Das hatte er bei dem Kaufe ausgemacht. Noch waren nicht drei Wochen in's Land gegangen, —— da beſaß der Bewohner der Weſterhöhe noch drei andere Geweſen, die der Schenke zunächſt lagen. Er hatte den bisherigen Beſitzern ihr Eigenthum abzuſchwatzen gewußt, indem er ſie in ihren Vorurtheilen beſtärkte. Es war nämlich auch bis in dieſe unwirthlichen Gegenden die Kunde gekommen von dem großen Glücke, das der deutſche Auswanderer mache, wenn er nach Amerika komme. Eine große Anzahl von Hufen des fetteſten Bodens würde für einen Spottpreis und ganz abgabenfrei verkauft und wer eine Hand voll Geld mitbringe, der könne mit leich⸗ ter Mühe ein großes Glück machen. Das gefiel den Leuten, die hier im ſteten Kampfe mit der See ein mühevolles Daſein friſteten und da ihnen die Ausſicht auf ein künftiges Herrenleben eröffnet ward, griffen ſie mit beiden Händen zu. Und wie Hans Blacker es mit dem Erſten machte, ſo that er es nach und nach mit den Uebrigen. Man konnte ſagen, daß er binnen Jahresfriſt Herr des Dorfes ward, denn entweder kaufte er Haus und Land an ſich, oder er ſchoß Geld vor und ließ ſich eine Verſchreibung geben. Die Häuſer der Ausgewanderten vermiethete er an Solche, die als erſte Bedingung geloben mußten, ſich nach ſeinem Gebote zu richten und nichts Anderes zu wollen, als was ihm recht ſei. Auf dieſe Weiſe gewann er eine immer größere Macht im Orte und man konnte ſagen, er habe ſeine Drohung wahr gemacht, alles Volk im Dorfe zu zwingen, ihm dienſtbar zu ſein. — 171— Nur mit Einem vermochte er nichts anzufangen und das war Broder Jens auf der Oſthöhe. Darum wuchs ſein Groll gegen dieſen und er ſann Tag und Nacht, wie er ihm ein Bein ſtelle. Es fiel ihm aber nichts bei und er konnte nichts thun, als in der Schenke ſeinen Zorn in Bier und Branntwein ertränken. In dieſer Schenke ging es wüſt her. Sonſt ließen die Dorfleute nur an Sonn⸗ und Feſttagen, oder wenn die See reiches Strandgut lieferte, Etwas darauf gehen. Jetzt war es anders. Sie hatten Nichts mehr zu verlieren und konn⸗ ten Nichts mehr gewinnen. Bei harter Arbeit friſteten ſie nothdürftig ihr Daſein. Was Wunder, daß ſie bei der Flaſche Zerſtreuung ſuchten. Da ward getrunken, ſo lange die ſauer erworbenen Pfennige reichten, oder der Wirth borgen wollte. Dazwiſchen ward geſpielt und das Spiel war der Deckmantel für Lug und Trug. Das gab Anlaß zu harten Worten und empfindlichen Reden. Vom Worte ſchritt man zur That und mancher Abend endete mit einer rohen Schlägerei. Anfangs ſtemmten ſich die Weiber dagegen. Als ſie aber ſahen, daß ihr Ermahnen nichts fruchtete, gingen ſie entweder lamentirend zum Dorfe hinaus, oder ſie folgten den Männern in die Schenke und ließen es zu Hauſe gehen, wie es wollte. So ſtürzte denn der letzte Reſt vollends zuſammen. Von all dem Treiben blieb die Oſthöhe unberührt. Broder ZJens hatte zwar nichts Sonderliches vor ſich ge⸗ bracht, aher er hatte ſtets einen ſolchen Verdienſt, daß er — 172— die drei Pfennige, die einem redlichen Arbeiter zu gönnen ſind, immer vorräthig hatte, nämlich den Zehrpfennig, von dem er lebt; den Nothpfennig zu dem er greifen mag, wenn Krankheit oder andere Trübſal ihn an ſeinem Heerde aufſucht und den Ehrenpfennig, der die Koſten decken muß, wenn ein frohes Ereigniß Einkehr bei ihm hält. Ein ſolcher Tag war nun auf der Oſthöhe noch nicht erſchienen, aber Broder Jens behielt guten Muth. Er dachte, indem er einen blanken Thaler zu dem zweiten in die Pappſchachtel legte, die in dem Wandſchranke ſtand: „Macht drei! Man kann nicht wiſſen, was kommt. Es iſt noch nicht aller Tage Abend und was heute nicht iſt, geſchieht vielleicht morgen.“ Und Broder Zens dachte nicht ohne Grund ſo. Es gab eines Tages ein eiliges Geſchäft für ihn. Ein Bauer, der ſeines Bootes benöthigt war, ſandte ſeinen Sohn auf die Oſthöhe. Nun fand der junge Peter Marten zwar den Schiffer nicht zu Hauſe, aber er traf die Heil⸗ wig, über deren Anblick er die ganze Beſtellung vergaß, ſehr geſchämig that, allgemach dreiſter ward, und zuletzt ein Langes und Breites ſchwatzte, was eigentlich Niemand verſtand, auch die Heilwig nicht. Aber es gefiel ihr gut. Als er ihr zum Abſchiede die Hand gab, ward ſie über und über roth, und lächelte verlegen als er hinzuſetzte, er werde bald wieder kommen! „Bald“ iſt eine längere oder kürzere Friſt, je nach⸗ dem die Leute ſind. Bei Peter Marten dauerte ſie drei — 173— Tage; das zweite Mal noch einen weniger. Stets hatte er ein Gewerbe zu beſtellen und ſtets vergaß er es aus⸗ zurichten. Und er blieb doch lange genug oben, um ſich auf das Vergeſſene wieder zu beſinnen. Ein wohlhabender Bauernſohn beſuchte eines armen Fiſchers Findelkind. Grund genug, die müßigen Weiber im Dorfe aufzuhetzen, die es der armen Heilwig nicht gönnten, daß ſie ſtill und ehrbar in dem Hauſe ihres Pflegevaters lebte, dieweil ſie ſelbſt immer tiefer in Noth und Elend verſanken. Peter Marten's Vater wußte bald von den Gängen ſeines Sohnes und wetterte das Blaue vom Himmel herunter. Broder Jens aber ſagte zu dem Burſchen: „Von heute ab kommſt Du mir nicht wieder. Dein Vater wird eine Heirath nicht zugeben und daß Du auf etwas Anderes ſinnſt, will ich nicht hoffen, ſonſt ſchlüge ich Dir die Knochen im Leibe entzwei. Du haſt hier ſo viele Gewerbe beſtellt, ſo beſtelle nun auch das, was ich Dir eben ſagte, Deinem Vater. Das iſt Dein Beſcheid und von Morgen ab mußt Du Dir einbilden, der Weg, der aus Deinem Dorfe hier heraufführt, ſei durch eine Sturmboe verſandet.“ Peter Marten ging traurig davon. Aber er mußte ſein Gewerbe richtig beſtellt haben, denn der Alte ſagte nach einiger Zeit zu ſeinem Gevattersmann: „Mein Peter thut mir leid, weil er ſich ſo grämt. Aber die Betteldirne, die noch obendrein ein Findelkind — 174— iſt, kann ich ihm doch nicht geben. Die ganze Gemeinde käme in Aufſtand. Dem Fiſcher muß ich es aber nach⸗ ſagen, daß er ein Einſehen hatte. Er wies dem Jungen die Thür und hat ſich für alle künftigen Beſuche be⸗ dankt.“ Mit der Heilwig ging es nicht beſſer, als mit dem Peter. Sie ſchwieg, aber ſie grämte ſich im Stillen. Die Dirne lachte nicht mehr. Die rothen Backen bleich⸗ ten; die Augen ſtanden oft voll Waſſer. Ihr Pflegevater grämte ſich auch; aber er vermochte es nicht zu ändern und ſagte, um ſich zu tröſten: „Ich that meine Pflicht. Wie hätte ich beſtehen ſollen hier und in der Ewigkeit, wenn die Eltern der Dirne vor mich hintreten und ihr Kind von mir wieder fordern, das der Herrgott in meine Arme legte?“ Wer hätte es gedacht, daß Jemand in der Nähe war, der ein Recht hatte, dies anvertraute Gut zurück zu fordern? Von dem Dünendorfe geht es in einem Augenblicke in die große nordiſche Königsſtadt am Sunde, die einer Perle im Golde gleicht. Ein ſchwerbeladener Kauffahrer ſteuert an den Hafenbatterien vorüber und legt bei der Zollbude an. Und kaum iſt der Verkehr hergeſtellt, als ein ältlicher Mann mit ergrautem Kopfe an das Land eilt, ſich in die Knie wirft, den Erdboden küßt und wei⸗ nend die Hände zum Gebete faltet. Eine dichte Men⸗ ſchenmenge ſammelt ſich um ihn. — 175— Der Mann iſt einer jener Unglücklichen, die ſich auf dem Schiffe eines Staates befanden, welcher mit dem Dey von Tunis und Algier keinen Vertrag geſchloſſen hatte, wodurch ihm gegen einen an die Barbaresken zu zahlenden Tribut geſtattet wurde, die Mittellandsſee zu befahren. Es gab eine ſolche Zeit, wo chriſtliche Könige ſich demüthigten vor den Türken, indem ſie mit ihnen ſolche Verträge ſchloſſen. Dieſe Zeiten ſind, Gott ſei Dank, vorüber. Damals beſtanden ſie noch. Das Schiff, welches keinen Türkenpaß hatte, wurde, wie es in der Seeſprache heißt, condemnirt und die Mannſchaft, ſo wie die Paſſagiere auf dem Sklavenmarkt verkauft. Sie tru⸗ gen dann dieſe ſchmachvollen Ketten ſo lange, bis es der chriſtlichen Barmherzigkeit gelang, ſie loszukaufen und ih⸗ nen die Freiheit wieder zu geben. Ein ſolches trauriges Geſchick hatte dieſer Mann viele Jahre ertragen. Jetzt ging er zur Freiheit ein. Er ward mit Jubel bewillkommt und von einer großen Menſchenmenge nach dem Hauſe geleitet, welches er frü⸗ her bewohnte, denn er war in der Königsſtadt am Sunde geboren.. Aber, wie hatte ſich hier Alles verändert. Als der Mann, der Knudſon hieß und ein angeſehener Handels⸗ mann war, ſich von ſeiner Familie trennte, geſchah es, um eine Reiſe nach der Mittellandſee zu thun, die zwar gefahrvoll aber auch lohnend war. Knudſon that es, um ſich die Möglichkeit zu verſchaffen, deſto eher in unab⸗ — 176— hängiger Ruhe nur den Seinigen leben zu können. Wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ſollte ſeine Familie auf dem Feſt⸗ lande leben. Um ſie ſicher dorthin zu bringen, hatte er ſelber eine Schooner⸗Galeas befrachtet und dem Schiffer Frau und Kind, ſo wie bedeutende Werthpapiere über⸗ geben. Er ſelbſt brachte die Seinigen an Bord und ſah ſie an der Zollbude abfahren. Tages darauf trat er ſeine Reiſe an, die für ihn ſo verhängnißvoll werden ſollte. Er betrat ſein Haus und kannte es nicht wieder. Fremde Menſchen wohnten darin, die nichts von ihm wußten. Ein Mann wies ihn achſelzuckend an einen Advokaten, der früher die Gerechtſame des verſchollenen Knudſon vor Gericht aufrecht erhalten haben ſollte. Nach vieler Mühe gelang es ihm, mit Hülfe dieſes Ehren⸗ mannes, einzelne Trümmer von dem Vermögen zu retten, das ihm gehört hatte. Schwer fiel es ihm auf das Herz, daß in der langen Zeit ſeiner Abweſenheit ſein Weib nicht Schritte gethan hatte, von ihm etwas zu erfahren. Mit großem Eifer, aber auch ſehr beklommen, machte er ſich daran, ſich nach ihr zu erkundigen. Seine Ver⸗ wandten auf dem Feſtlande wußten nichts. Man ant⸗ wortete, die Abreiſe von Kudſons Frau und Kind ſei zwar brieflich gemeldet, aber ihre Ankunft wäre nicht er⸗ folgt. Als man lange genug vergeblich gewartet, ſei an Frau Knudſon nach Kopenhagen geſchrieben. Der Brief kam uneröffnet und mit dem Bemerken zurück, daß die Empfängerin ſich nicht mehr dort befände. — 177— Jetzt wandte ſich Herr Knudſon an die Schifffahrts⸗ Kommiſſion und ließ Tag und Stunde der Abreiſe, ſo⸗ wie die Namen und die Zahl der Mannſchaften und Paſſagiere, nebſt dem Beſtande der Ladung, womit die Schooner⸗Galeas„Sorve“ befrachtet war, genau feſt⸗ ſtellen. Mit dieſem Dokumente begab er ſich nach dem Beſtimmungsorte des Schiffes und überzengte ſich, daß es weder zur Zeit, da es möglicherweiſe eintreffen konnte, noch überhaupt angelangt war. So blieb nun nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß es verunglückt ſei. Aber wo? Von hundert Unglücksfällen zur See erhielt er Kunde. Einer ereignete ſich an dieſer Stelle, der andere an jener. Auch von einer Schooner⸗Galeas, die nahezu der gelben Düne geblieben, war die Rede. Näheres konnte nicht angegeben werden, da ſchon Fiſchersleute am Bord ge⸗ weſen wären, bevor die Behörden von dem Fall Kenntniß erhalten hätten. Von den Schiffspapieren ſei nichts vor⸗ gefunden. Die gelbe Düne!— dieſer Name weckte eine weh⸗ müthige Empfindung in der Bruſt des vielgeprüften Man⸗ nes. Mit unſichtbaren Banden zog es ihn dahin. Im Dünendorfe trieb Hans Blacker ſein Unweſen fort. Die Seefahrer erzählen von der harten Behand⸗ lung, welche die Neger auf den Plantagen der weſtindi⸗ ſchen Inſeln erdulden müſſen. Männer, welche die afri⸗ kaniſchen Sklavenketten ſchleppten, können noch nach Jahr⸗ zehnten nicht ohne Thränen von dem Leid erzählen, wel⸗ Meeresſtille und hohe See. 12 — 8— ches ſie ertrugen. Von der Sklaverei in dem Dünen⸗ dorfe ſprach Keiner. Sie war eine freiwillig einge⸗ gangene. „Es iſt mein!“ ſagte Hans Blacker zu ſich ſelbſt und lachte dabei ingrimmig, denn er hatte Niemand, der Freude darüber empfand. Sein Leben beſtand darin, wucheriſche Zinſen einzuziehen, die ſeine Schuldner ihm zahlen mußten und die mit harter Grauſamkeit erpreßten Thaler durch die Gurgel zu jagen. Das trieb er heute, wie morgen, bis die Stimme des Gewiſſens ihn laut mahnend rief. Dann fuhr er von ſeinem Sitze auf und ſtürmte ruhelos in den Dünenthälern umher, bis er er⸗ mattet zuſammen brach. Broder Jens lebte in gewohnter Weiſe daheim. Nur Heilwig's Kummer betrübte ihn. Seit der Trennung von dem Geliebten lachte ſie nicht mehr. Eben jetzt trat ſie zum Vater und meldete mit einiger Erregtheit, daß Peter Martens Vater, der ſeit Kurzem das Amt des Bauernvoigts bekleidete, mit einem ſtädtiſchen Herrn die Oſthöhe hinaufſteige. Ihr Geſicht glühte bei dieſer Mittheilung und eine Thräne glänzte in den ſchönen Augen. Der Vater hatte es wohl bemerkt. Er ſagte ihr ein beruhigendes Wort und ging dann dem unerwar⸗ teten Beſuche entgegen. Es war Herr Knudſon, der in Begleitung des Bauern⸗ voigtes kam, um über die am Steerte der gelben Düne geſtrandete Schooner⸗Galeas Erkundigungen einzuziehen. — 179— Broder ZJens erzählte ihm, was er wußte, ohne gleich der Leiche und des geretteten Kindes Erwähnung zu thun und fügte hinzu: „Auch von den Papieren, die am Bord waren, weiß ich. Es war Alles, was ich in dem Spindje des Kapi⸗ tains fand. Die Thür deſſelben war erbrochen; es mußte alſo ſchon Jemand vor mir am Bord geweſen ſein.“ „Und wo ſind dieſe Papiere geblieben?“ fragte Knudſon haſtig. „Die nahm ich mit. Aber, was darin ſtand, weiß ich nicht, denn ich kann nicht leſen. Verlangt hat ſie Niemand. Wollte immer damit zum Paſtor oder auf das Amt; ward aber von einem Tage zum andern ver⸗ ſchoben und zuletzt habe ich ſie gar vergeſſen. Will aber gleich ſehen, wo ſie geblieben ſind.“ Broder Jens kramte in ſeiner Truhe und brachte ein Packet halb verwitterter Papiere zum Vorſchein. Knudſon ergriff ſie und rief, ſie entfaltend: „Sie ſind es! Hier der Baubrief der Schooner⸗ Galeas„Sorve“, der Meßbrief und die Connoiſſemente. Und da die Werthpapiere, die ich dem Schiffer anver⸗ traute. Ich hielt ſie für verloren und gewinne nun Alles wieder durch Euch. Aber, was rede ich viel von Geld und Gut, da mir doch etwas viel Wichtigeres am Herzen liegt.“ Er hielt inne, als fürchte er ſich, weiter zu fragen. Der Hund, den Broder Jens vom Wrack gerettet, war 12* — 180— herangekrochen. Das Thier war alt geworden und hatte das Springen längſt verlernt. Aber es zeigte eine eigen⸗ thümliche Unruhe und hielt ſich nahe an Knudſon. „Das war auch einer von der Beſatzung der„So⸗ roe“, ſagte der Fiſcher und zeigte auf den Hund, der ein dumpfes Geheul ausſtieß. Der Kaufmann betrach⸗ tete das Thier aufmerkſam und ſagte nach einer Pauſe: „Herr des Lebens, wenn es nicht gar ſo wunderbar wäre, würde ich ſagen, das iſt mein Tiras.“ Bei dieſem Namen richtete ſich der Hund hoch auf und bellte laut; dann aber ſprang er zu Knudſon hin und klammerte ſich feſt an dieſen. Der Kaufherr konnte ſeine Rührung kaum bemeiſtern. Er ſah zu dem Fiſcher auf und ſagte: „Und Ihr wißt nichts von den Paſſagieren, die am Bord geweſen ſind?“ „Ich weiß davon, Herr. Aber weil es Euch ſo nahe angeht „Sagt es nur gerade heraus, Weib und Kind, die am Bord waren, ſind todt.“ „Zum Theil iſt es, wie Ihr ſagt, Herr. Ich fand eine Frau, die von einem herabgeſtürzten Decksbalken erſchlagen ward. Sie hat auf der gelben Düne ein chriſtliches Grab bekommen. Was Ihr aber von einem Kinde ſagt; ein Mädchen war es doch, Herr?“ „Ja, ein Mädchen. Johanna hieß ſie und war mein einziges Kind. Wo?... — Broder Zens reichte dem Erſchütterten die Hand und ſagte: „Ich nannte das gefundene Kind Heilwig, nach mei⸗ ner ſeligen Mutter und habe ſie in Gottesfurcht erzo⸗ gen.— Wohin, Herr? Faßt Euch. Ihr ſollt Euer Kind ſehen. Aber ich muß ihr erſt ein Wort ſagen. Die Heilwig iſt zwar ein ſtarkes Mädchen, aber eine ſolche Kunde möchte ich ihr doch nicht unvorbereitet bringen. Ich will mit ihr ſprechen.“ Er that es. Und als Vater und Tochter ſich feſt umſchlungen hielten, ging er mit dem Bauernvoigt hin⸗ aus und ſagte: „Ihr habt groß aufgetrumpft, als Euer Sohn um das arme Fiſcherkind freite und wolltet von nichts wiſſen. Was werdet Ihr nun ſagen, wenn der reiche Kaufherr dem Sohne des Marſchbauern die Wege weiſt?“ Knudſon hatte ſeine Tochter wieder. Er hatte das Grab ſeines Weibes beſucht und ſagte auf dem Rück⸗ wege zu dem Fiſcher: „Was ich Euch ſchuldig ward, werde ich wohl nim⸗ mer zahlen können; doch findet ſich vielleicht ein Ausweg, Euch meine Dankbarkeit zu beweiſen. Aber noch Eins. Ihr meintet, es ſei ſchon Einer vor Euch auf dem Wrack geweſen und das muß ſein, denn von dem baaren Gelde, das ich dem Kapitain mit gab, habt Ihr nichts ge⸗ funden?“ Baares Geld! Wie Schuppen fiel es dem redlichen — 182— Fiſcher von den Augen. Er ſah zu der Weſterhöhe hin⸗ auf und rief, als hätte er eine Eingebung:„Hans Blacker!“ Dann aber zog er den Kaufherrn mit ſich fort und ging geraume Zeit mit ihm am Strande auf und ab. In jenen Gegenden wechſeln Wind und Wetter oft mit der Stunde. So heute. Dichte Wolkenmaſſen ſtie⸗ gen auf. Der Sturm brandete; die See wogte. Der Donner hallte in den Dünen wieder; Blitze fuhren ziſchend herab. Hans Blacker ſaß in ſeiner Stube hinter dem vollen Kruge allein. Er war ſo verhaßt, daß ſelbſt die Strandläufer und Schmuggler nicht mit ihm trinken wollten. Das mehrte ſeinen Grimm. Schwarze Ge⸗ danken reiften allmählich in ſeinem Hirn. Mit blöden Augen ſtierte er vor ſich hin und entſchlummerte mit einem Fluche auf den Lippen. Da rollte ein langhallender Donner über das Dach ſeines Hauſes hin. Ein Blitzſtrahl ſchlug ſo dicht vor dem Fenſter nieder, daß es in der Stube taghell ward. Dazwiſchen flammten die Fackeln auf, die man draußen anzündete. Broder Jens mit dem Kaufmann und Bauern⸗ voigt waren auf der Weſterhöhe erſchienen und traten in die Behauſung des Hans Blacker. Aber dieſer ſah ſie nicht. Die Traumbilder, die ihn in ſeinem wüſten Schlummer ängſtigten, dauerten fort. Er konnte die finſtern, formloſen Geſtalten nicht verjagen. Auch wachend trieben ſie mit ihm ihr entſetzenvolles Spiel und er fuhr aufſchreiend zuſammen, als es ihm in die Ohren gellte: „Steh auf, Hans Blacker! An der gelben Düne liegt ein Wrack.“ Er ſtöhnte. In ſeinen Ohren klang es fort: „Wir waten mit der Ebbe an Bord. Den Hund laſſen wir feſtgebunden, damit er nicht verräth, was wir in der Kajüte thun.“ „Weg mit dem Hund!“ lallte Hans Blacker.„Ich will hinunter.“ Er wälzte ſich ſtöhnend, während es vernehmlich um ihn forttönte: „Wie viele Goldſtücke waren in dem Beutel?“ „Hundert!“ antwortete er, auch im Traumſchlafe lügend. „Es waren fünfhundert, Hans Blacker. Und in dem großen Beutel waren tauſend Thaler, die Du auch ge⸗ ſtohlen haſt.“ „Nein! Nein!“ kreiſchte er hoch emporfahrend und die Stimme rief: „Nimm Dich in Acht! Du trittſt ja die todte Frau mit Füßen.“ Da brach er zuſammen. Er ſank in die Kniee und ſprach mit bebenden Lippen: „Ich will Alles bekennen.“ Die Männer, die herbeigekommen waren, traten vol⸗ lends ein. Hans Blacker war halb von Sinnen. Der — 184— Bauernvoigt hatte ein Paar handfeſte Burſchen bei ſich, die während der Nacht das Haus bewachen ſollten. Als der Gerichtsdiener früh Morgens erſchien, fand er Hans Blacker vom Schlage getroffen. Ein Jahr war vorübergegangen. Der Bauernvoigt hatte ſeinen Hof an den Sohn abgegeben und dieſer wirthſchaftete mit ſeiner jungen Frau ſo vergnügt, daß Alle ihre Luſt daran hatten. Broder Zens blieb in ſei⸗ ner Hütte, aber er lebte darin in aller Beha glichkeit. Auch Knudſon blieb. Die eigentliche Heimath war ihm entfremdet und er liebte ſein Kind über Alles. Auf der Weſterhöhe erhob ſich an der Stelle, wo die Hütte des wüſten Hans Blacker ſtand, ein ſchmuckes Häuschen, worin der Kaufherr manchen Tag zubrachte und Zeuge des Glückes ward, das über die Bewohner des Dünen⸗ dorfes gekommen war, ſeit er die Feſſeln brach, womit ſie ſeit vielen Jahren belaſtet waren. Frohe Geſichter ſchauten aus den Fenſtern und vor den Thüren grünten wieder die Raſenplätze, die der Sommer mit duftenden Blumen ſchmückte. ——— Bönchen vom Clif. * = * * 2 — 45 8 8 * 8 5 5 2 8 — — Böschen vom Cliff. Sun, Alles ſtill am weiten Strande. Kein Luftzug kräuſelt die Fluth. Sie ruht wie ein metellener Schild und alle Sterne ſpiegeln ſich darin wieder. Am äußerſten Horizont taucht der Mond aus den Wellen, halb vom leichten Gewölk verſchleiert und wirft ſeine magiſchen Strahlen gegen die glatten Dünenwände vom Eiland Sylt. Aus der ſandigen Hügelkette ſchiebt ſich ein Rücken derſelben faſt ſenkrecht weit vor in die See. Vom ober⸗ ſten Strande derſelben ziehen ſich nach unten zu rothe Adern, wie zerbröckelter Sandſtein, bald gerade geſchichtet, bald wellenförmig auslaufend. Darum nennen es die Eiländer das rothe Cliff. Und wenn zur Nachtzeit die Sterne funkeln, wenn die See nach langen, wilddurchtobten Tagen ruhig ſchläft, wenn der Mond ihrem Schooße entſteigt und ſein Licht — 188— von den Wänden des rothen Cliff wiederſtrahlt, dann ſieht es aus, als ob jene verſteinerten Adern lebendig würden. Sie rieſeln langſam niederwärts, bald goldig ſchimmernd, bald purpurroth, bald untereinander gemengt, nicht einem ununterbrochen fortlaufenden Streifen, ſon⸗ dern einzelnen Tropfen gleichend, die aus dem Sande hervorquellen und im Herabfallen leiſe klingen. Begierig ſaugt die See dieſe Perlen auf und ein altes Lied nennt ſie die Thränen des Röschens vom Cliff. Und wenn alle ſchönen und liebreizenden Mädchen von Keitum und Wennigſtädt, aus Morſum und Weſter⸗ land beiſammen ſtänden, es wäre doch keine darunter ſo ſchön, als Maren Geik aus Kampen mit den lichten blauen Augen, den roſigen Wangen und dem goldenen Ringelhaar, das über Bruſt und Schultern herabwallte und ſich kaum zuſammen flechten laſſen wollte. Und unter den Jungkerlen, die ſich in Syhlt alljähr⸗ lich zuſammen finden, um nach Hamburg oder Holland von dort aus in See zu gehen und nach allen Richtun⸗ gen der Windroſe die Welt zu bereiſen, war keiner kräf⸗ tiger und ſtärker als Jens Bathen aus Archſum. Wenn man eigends nach einem Paare hätte ſuchen wollen, das gut zuſammen paßte, es hätte kein beſſeres gefunden wer⸗ den können, als Maren Geik und Jens Bathen. Darum als ſie ſich beiſammen fanden beim Tanzen und leiſe flüſternd aus der Reihe der Tänzer traten; als neugie⸗ rige Mädchen und vorwitzige Burſche fragten und horchten — 189— und endlich erkundſchafteten, daß der Matroſe Jens Bathen allabendlich die Haideſtrecke durchwanderte, die zwiſchen Archſum und Kampen liegt, daß Maren Geik ſtets zur ſelben Stunde unter der Hausthür ſtünde, und Beide nach altem Sylter Brauch ſtundenlang eifrig ſprachen, da war es richtig und alle Welt wußte, daß aus Beiden ein Brautpaar werden würde. Aber was ſie mitſammen ſprachen, hat Niemand ge⸗ hört, denn die Sitte heiligt ſolche Schwelle. Wo ein ehrlicher Burſche einer ehrlichen Dirne nachgeht, um bei ihr zu Fenſtern und ſie ihm unter der Hausthür die Hand zum Willkomm bietet, wagt ſich kein Fremder heran. Was die Liebesleute ſich anvertrauen, das bleibt für immer in ihrer Bruſt geborgen. Wer ſie von weitem miteinander ſtehen ſah, wenn der letzte Schimmer des Tages ſie mit ſeiner Gluth anhauchte, meinte, er könne ſich kein Paar denken, das beſſer zu⸗ ſammen gehöre, als dieſes. Und doch war ein Zwie⸗ ſpalt zwiſchen Beiden, der ſich nimmer löſen ließ, ohne daß Einer dem Andern zur Liebe ſeinen harten Sinn beugte. Wie ſollte das aber bei zwei ſolchen Eiſenköpfen ge⸗ ſchehen? „So höre doch nur, Maren Geik,“ unterbrach er ſie haſtig, als ſie ihm mit aller Beredſamkeit jugendlicher Liebe ihre Gedanken offenbarte.„Ja, es iſt gut hier bei Euch auf Kampen, wie bei uns drüben in Archſum. — 190— Haus und Hof ſind nicht zu verachten. Ich liebe die weißen Schaafe auf der grünen Weide und die braune Kuh im Stalle. Ich liebe Alles, wie wir es daheim bei unſern Alten haben und wie wir es von ihnen erben, wenn ſie heimgehen. Aber draußen in der weiten Welt iſt es doch ſchöner. Hei, Dirne, haſt Du nie gehört, was ſich unſre Seefahrer von dem Süden erzählen? Habe ich nicht ſelbſt eine Reiſe nach Spanien und Portugal mitgemacht und die goldenen Früchte, die ich von dort mitbrachte, an den Bäumen wachſen ſehen?“ „Ja, es mag wohl ſchön ſein in dieſen Landen und der Mühe lohnen dorthin zu machen.“ „Und was iſt dies ſpaniſche und portugieſiſche Land gegen die Wunder des Oſtens? Daß du begreifen könnteſt, Mädchen, wie es ſo klar und deutlich vor mir ſteht, daß ich es mit Händen faſſen kann. Schimmernde Purpur⸗ trauben über der Erde, unter derſelben leuchtendes Gold. Auf dem Grunde der See ruht die Perle und über⸗ all, wohin das Auge ſieht, ſtehen leuchtende Zauber⸗ blumen... „Ich hatte Dir eine Blume zugedacht,“ entgegnete die Jungfrau, ohne auf die Fragen des Geliebten zu antworten.„Aber Du verſchmähſt wohl die kleine Gabe?“ Sie hielt die Blume in der Hand. Er nahm ſie und ſagte: „Das iſt eine Roſe. Eine Roſe, die Du ſelbſt ge⸗ zogen haſt. Das verſtehſt Du. Sie nennen Dich darum die Roſe von Kampen und als Du neulich auf dem Cliff ſtandeſt, ſagte der Schulmeiſter aus Weſterland, Du wärſt das Röschen vom Cliff. Seitdem nennen Dich Alle ſo und mein Vater meint, wenn ich ein rechter Burſche wäre, müßte ich das Röschen hegen und hät⸗ ſcheln, wie dieſe ihre Roſen im Garten hegt und hät⸗ ſchelt.“ „Aber Du biſt ein ungehorſamer Sohn und wilſſt das Gebot Deines Vaters nicht erfüllen?“ entgegnete das Mädchen muthwillig. „Nicht doch. Ich liebe Dich mit ganzer Seele und der Tag, wo ich erführe, daß ich Dich verlöre, würde mein letzter ſein. Aber ich kann unter dieſem grauen Himmel nicht leben, ſeit ich den Süden geſehen. Es reißt mich fort nach den fernen Oaſen der Wüſte, wo die Palmen im Sonnenlichte rauſchen.“ „Und wo unter den Palmen die Tempel und Woh⸗ nungen derer ſtanden, die unſern Heiland kreuzigten, ſagte die Jungfrau traurig.“ Ich habe alles behalten, was der Herr Paſtor uns in der Kirchenlehre von den Heiden und Türken erzählt hat. Unter Deinen Blumen, wie herrlich ſie auch ſein mögen, lauert die Schlange, ſelbſt bunt und glänzend, wie eine Blume, aber ihr Athem iſt Gift, ihr Biß der Tod.“ „Ja, das hat der Paſtor geſagt, der, ſo lange ein alter Mann denken kann, nicht von der Inſel gekommen iſt,“ entgegnete der junge Matroſe raſch.„Was er Dir erzählte, das hat er von Andern erfahren, die eben ſo alt und grämlich ſind, als er, oder er hat es aus den Büchern und Zeitungen, die manchmal von Ham⸗ burg hierher geſchickt werden. Es iſt nicht ſo ſchlimm, als es die Leute machen. Ziſcht mir eine Otter oder Eidechſe entgegen, zertrete ich ihren Kopf und gehe ruhig weiter.“ „Du läſterſt, Jens Bathen,“ ſagte die Jungfrau traurig.„Ich will Gott bitten, daß er Dir die Sünde nicht behalte. Hat Dir der Herr Paſtor, der ſo gern daheim hinter dem warmen Ofen hockt, nicht auch von dem Storch und der Schwalbe erzählt? Der Eine baut ſein Neſt auf dem Hauſe der Menſchen; die Andere in dem Innern deſſelben. Sie klappern und zwitſchern und fliegen aus und ein, ſie legen Eier und brüten Junge aus. Sollte man nicht meinen, ſie ſtürben, wenn ſie der Wind über die Dächer der Häuſer jagt, die ihre Neſter tragen? Aber ſobald der Winter kommt, ſind ſie auf und davon; ſie ziehen raſtlos weiter nach Süden. Unſere nordiſchen Seefahrer haben in Indien den Storch klap⸗ pern und die Schwalbe zwitſchern hören. Nun denn, Maren Geik, die unbezwingliche Sehuſucht, die den Vogel von dem heimiſchen Neſte jagt und nach dem Süden treibt, ergreift auch mich und ich kann ihr nicht widerſtehen.“ „Du ſprichſt wie im Fieber, Jens Bathen, meir — 0— ber Freund,“ ſagte das Mädchen zärtlich beſorgt.„Warum blickſt Du mich mit ſo leuchtenden Augen an? Deine Lippen beben. Iſt es ſo ſchwer, was Du noch zu ſagen haſt?“ „Wenn ich mir denke, wie es dort in jenem herr⸗ lichen Lande iſt, und wie es erſt ſein würde, wenn Du vort an meiner Seite alle dieſe Wunder anſchauteſt, ich geriethe von Sinnen. Maren Geik! Wenn Du Dich entſchlöſſeſt, mit mir dorthin zu ziehen.“ „Wo Deine Wiege ſtand, iſt Deine Heimath und wo die Aſche Deiner Eltern ruht, iſt auch Dein Grab,“ ſprach die Jungfrau.„Auf dieſem Eilande ſind wir ge⸗ boren; hier werden wir auch ſterben. Die Zwiſchenzeit iſt uns gegeben, um zu wirken und zu ſchaffen und uns untereinander zu lieben. So denke ich es zu halten in Freude und Leid. Kannſt Du nun nicht laſſen von die⸗ ſen Träumen, ſo folge Deinem Herzen und bleibe ihnen treuer, als Du es mir biſt. Wenn Du aber die Liebe verſtehſt, die ich für Dich empfinde, wenn Du ein Herz, das nur für Dich ſchlägt, mehr liebſt, als das ferne Land, das Du noch nie geſehen haſt, ſo denke auch nicht weiter daran und löſche es aus Deinem Gedächtniß. Nur bitte ich Dich, ſei ehrlich gegen mich. Sobald Du mir offen ſagſt: Maren Geik, ich liebe Dich, aber ich liebe die unbekannte Fremde noch mehr, ſo würde mich das tief betrüben, aber ich könnte es überbringen, un⸗ glücklich zu ſein, um Deines Glückes willen. Ben Du Meeresſtille und hohe See. — 194— aber ſprächeſt: ich ſterbe faſt vor Sehnſucht nach dem Anblick jener Wunder, aber Dich, mein ſüßes Kind, liebe ich noch mehr. Wenn Du das zu mir ſagteſt und mich hinterher doch betrögeſt, das überwände ich nicht. Nun, bedenke Alles wohl und ſage mir dann, wie es Dir um's Herz iſt.“ Jens Bathen war hingeriſſen von dem Ernſte des Mädchens, deſſen Hand er ergriff und einen feierlichen Eid ſchwören wollte, bei ihr zu leben und zu ſterben. Sie aber unterbrach ihn und ſagte: „Das thut nicht gut. Die Flamme, die mit einem Male hoch aufſchlägt, fällt eben ſo ſchnell und richtet nur Unheil an. Geh' nach Hauſe und erſt, wenn Du Alles wohl überlegt haſt, komme wieder zu mir, dann will ich Dich hören.“ Die Beiden trennten ſich. Am dritten Tage hatte eine Nachbarin ausgekundſchaftet, daß Jens Bathen, der ſeit zwei Abenden ausblieb, ſich wieder einfand, aber nur wenige Worte mit Maren ſprach. Am Nachmittage des andern Tages hielt der Vater des jungen Matroſen, Herr Knud Bathen, auf ſeinem lichtgrün angeſtrichenen Wagen, der mit zwei ſtattlichen Pferden beſpannt war, vor dem Hauſe des Herrn Matſen Geik auf Kampen. Der Gaſt ward in den ſtattlich aufgeputzten Peſel geführt und brachte ſein Gewerbe bei Marens Aeltern an. Die Jungfrau ward gerufen und hörte geſchämig, was der alte Herr ihr zu ſagen hatte. Und als der Vater ſie — 195— aufforderte, zu antworten, konnte ſie nicht die rechten Worte finden. Aber der Geliebte war nicht weit und ehe eine Stunde verging, ſtand ein glückliches Brautpaar neben einander. Nun brachen frohe Stunden an. Die Brautleute waren noch jung und es ward ausgemacht, daß es mit der Hochzeit noch drei Jahre lang dauern ſolle. Bis dahin könne der Jens noch einige Seereiſen machen und eine Summe Geldes erwerben. Dadurch werde er un⸗ abhängig von Andern, wie es einem frieſiſchen Manne ge⸗ zieme. Wäre dies geſchehen, dann wollten ſich Marens Aeltern auf ihr Altentheil zurückziehen und die jungen Leute wirthſchaften laſſen nach Herzensluſt. Die Zeit verſtrich. Jens Bathen hatte eine Reiſe nach England gemacht. Er brachte Geld und ſchönes Geräthe für die neue Wirthſchaft mit. Er lachte und ſcherzte mit der Braut und zog dann wieder fort über See. So war es nun ſchon dreimal gegangen und die zur Hochzeit anberaumte Friſt rückte immer näher heran. Maren Geik war über die Maßen fröhlich. Sie ſcherzte mit den jungen Mädchen und Frauen, wenn ſie ſich auf dem Felde bei der Arbeit trafen und ſagte den jungen Männern, die müßig zwiſchen ihnen herumwanderten, tüchtig die Wahrheit. Da näherte ſich ihr ein Mann, der ihr öfters nach⸗ gegangen war, ohne daß ſie ſein Werben beachtet hatte. Er war kein ächter Frieſe, ſondern ſein Vater war vom — 196— Feſtlande her eingewandert, und führte einen deutſchen Namen. Die Dirne, welche bemerkte, daß er ſich aber⸗ mals um ſie bemühte, wandte ſich raſch zu ihm und ſagte: „Ihr wißt, daß ich Braut bin, Anton. Darum ſoll⸗ tet Ihr von ſelbſt darnach ſtreben, nicht mit mir zuſam⸗ men zu kommen. Ich habe nichts von Euch zu hören.“ „Iſt auch gar nicht meine Abſicht, etwas von mir hören zu laſſen,“ antwortete Anton kurz ab.„Ich weiß recht gut, was ſich ziemt und will nur mit Ihr von Ihrem Liebſten ſprechen, der mun ſchon vier Wochen über die Zeit weg iſt.“ „Jeſus!“ rief Maren Geik erbleichend.„Iſt ihm ein Unglück begegnet?“ „Wird doch nicht?“ entgegnete Anton.„Unglücks⸗ rabe fliegt ſchnell. Wüßte er etwas, er hätte längſt ſeine Botſchaft an Euch ausgerichtet.“ „Ich weiß nicht, was Ihr wollt,“ ſagte Maren Geik unruhig.„Seht mich nicht ſo ſtier an. Euer Auge thut mir weh. Was wollt Ihr denn eigentlich ſagen?“ „Daß der Vogel aus dem Neſte entflohen iſt und vielleicht nicht wiederkommt,“ entgegnete Anton.„Habt Ihr denn vergeſſen, daß Jens Bathen es von jeher im Sinne hatte, ſich zu den Türken und Heiden zu begeben? Nun, dazu iſt endlich Rath geworden.“ „Ihr lügt!“ ſagte Maren Geik erregt.„Mein Bräu⸗ — 191 tigam hat geſchrieben, er mache eine Reiſe nach Bergen in Norwegen.“ „Das iſt nicht wahr!“ ſagte Anton entſchieden.„Nein, mein ſchönes Kind. Er iſt am Bord des Hamburger Schiffes„Sanct Martin,“ das nach der Mittellandsſee abgeſegelt iſt und zuerſt nach Smyrna geht. Wenn Ihr nicht wißt, wo das liegt, ſo laßt es Euch von dem Paſtor, oder dem Schulmeiſter klar machen. Wänſche der Jung⸗ fer einen guten Tag.“ Anton ging. Die Dirne blieb ſchweigend zurück. Als ſie nach Hauſe kehrte, rollten zwei ſchwere heiße Thränen die Wangen herab. Es blieb ſtill auf Kampen. Die Jungfrau hatte ihrem Vater Alles geſagt, was Anton ſprach. Der Alte gab ſich alle erdenkliche Mühe, um zu erfahren, was an dem Geſchwätze Wahres ſei. Er empfing auch einen Brief aus Hamburg, aber von dem Inhalte verlautete nichts. Der Bote, der dieſen Brief von dem Poſthauſe in Keitum nach Kampen brachte, erkundſchaftete, daß Matſen Geik, nachdem er den Brief mehrfach geleſen, mit demſelben in die Küche ging und ihn am Heerdfeuer verbrannte. Und von jener Stunde an ſei es geweſen, als ob ein böſer Geiſt den alten Mann beherrſche. Er ward ſtill; zitterte, daß ihm die Zähne wie im Fieber zuſammen ſchlugen und ſprach nur manchmal den Namen ſeiner Tochter aus. Wenn dieſe aber herbeieilte, wußte er nichts zu ſagen und weinte bitterlich. Nach dreien — 198— Tagen war es mit ihm aus. Maren Geik warf ſich laut ſchreiend über ihn. Er ſchlug nochmals die Augen auf, drückte ihr die Hand und ſagte:„Armes Kind! Er iſt fort!“ Dann ſtarb er. Maren Geik blieb allein. Nur Abends, wenn der letzte Strahl der ſcheidenden Sonne ſich auf den Kamm der Dünen herabſenkte, ſtand ſie auf dem rothen Cliff und ſchaute hinaus in die See, als ob ſie den treuloſen Flüchtling erſchauen könne, wie er hinein ſegle in die leuchtende Ferne und die Männer, welche ſie gewahrten, ſagten unter einander: „Da ſteht das Röschen vom Cliff. Wie ſchade, daß ſie vor der Zeit hinſiecht und welkt.“ Sie hörte dieſe Worte nicht, ſondern kehrte äußerlich ruhig heim. Aber in ihrem Innern war der Schmerz gewaltig, denn ihr war ſchon längſt offenbar geworden, daß Anton die Wahrheit geſprochen. Der treuloſe Freund war entflohen. Sein Kiel ſegelte weit weg, in der leuch⸗ tenden Mittellandsſee. Es war ein ſchweres Pinkſchiff, wie ſolche zu damal gebräuchlich, das unweit der Inſel Corſika unter allen ſeinen Linnen ging. Der Rumpf war unförmlich, ohne alle gefälligen Zierrathen. Ueber das Steuer thürmte ſich die Campagne auf. Die Takelage wies ſich breit — und unbeholfen im laufenden, wie im ſtehenden Gut. Vor allen ſeinen Segeln lief das Schiff doch nur eine mäßige Fahrt. Am Bord herrſchte eine unruhige Be⸗ wegung. Der Capitain ging mit ſeinen Steuerleuten auf dem Halbdeck hin und her. Der Bootsmann und ſeine Matroſen ſtanden am Fockmaſt. Jedermann am Bord hielt einen ſcharfen Guckaus. Ein Segler von durchaus fremder Bauart war es, der die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch nahm. Ein ſolches Fahrzeug, ohne ir⸗ gend eine Flagge am Topp, oder von der Gaffel, er⸗ weckte in jenen Tagen bei jedem Mittellandsſeefahrer die lebhafteſten Beſorgniſſe. Tunis, Tripolis und Algier waren die gefürchteten Namen zur See, die auch den gelaſſenſten Mann in ungewöhnliche Aufregung verſetzten. „Das iſt nichts, was Ihr da ſchwatzt, ſagte der Boots⸗ mann.„Alles das habe ich ſelbſt geſehen und mehr dazu. He, Matroſe Jens! Ihr ſeid mit geſegneten Augen be⸗ gabt. Könnt Ihr irgend etwas Abſonderliches gewahr werden? Jens Bathen ſaß riltlings auf dem Bugſpriet und antwortete, den Kopf rückwärts gewendet: „Mir iſts, als wäre vorn am Buge des S Schiffes ein großes Scharwerken. Wenn es ein ver⸗ dächtiges Fahrzeug iſt, werden wir es jetzt erfahren, denn dort ſollen ſie ihr größtes Geſchütz ſtehen haben.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als es laut über die See hindonnerte. Es ziſchte durch die Luft — 200— und die von dem feindlichen Fahrzeug abgeſchoſſene Ku⸗ gel ſchlug dicht vor dem Buge der Pinke in die auf⸗ ſpritzende See. „Flagge nach oben!“ befahl der Capitain und gleich darauf wehte die däniſche Flagge von der Gaffel ab. Er betrachtete ſie wohlgefällig und ſagte laut: „Die wird dieſen verdammten Piraten Reſpekt ein⸗ flößen. Die Barbaresken koſten dem Lande große Sum⸗ men; den Schimpf nicht zu rechnen, daß ehrliche Chriſten⸗ menſchen dieſen Heiden einen Tribut bezahlen müſſen, wenn ſie ihrer Hanthierung nachgehen wollen. Was ſagt Ihr, Steuermann? Läßt der Kerl abfallen? Wollte es ihm mindeſtens rathen.“ Trotz der ernſten Lage, worin man ſich befand, konnte der Steuermann doch ein Lächeln nicht unterdrücken, daß der Capitain dieſe Drohung einem ſchwer bewaffneten Fahrzeuge gegenüber ausſtieß, während er auch nicht die kleinſte Schußwaffe am Bord hatte. „Scheint nicht, Capitain, daß ſich der Korſar vor dem Danebrog beſonders zu fürchten ſcheint, denn er ſetzt noch mehr Segel und hält gerade auf uns ab. Der Kerl hat den Luf und in einer halben Stunde liegt er uns ſeitlängs.“ „Flagge von der Gaffel des fremden!“ ſchrie Jens Bathen laut auf.„Eine blutrothe Flagge, worin ſich ein krummer Säbel von Silber befindet.“ „Eine Piratenflagge!“ rief der Bootsmann gegen das Halbdeck gewendet und der Capitain, welcher ſie ebenfalls geſehen, ſagte: „Es iſt ein Tuneſer. Hier iſt nichts zu thun, als uns in unſer Schickſal zu ergeben. Ein Fluchtverſuch nützt nicht, denn er ſegelt ſchneller als wir. Zerſchießt uns dabei nur den Rumpf und chikanirt uns nachher drei Mal mehr. Laßt beidrehen, Steuermann. Wir haben unſern Türkenpaß. Was kann er uns thun, als Lebensmittel von uns erpreſſen? Die Peſt über ihn! Warum habe ich nicht die Macht? Ich würde ihn mit all ſeinem Ge⸗ ſindel in die Luft ſprengen.“ Das Pinkſchiff lag vor ſeinen backgebraßten Marsſe⸗ geln ſtill. Der Pirat näherte ſich und legte ſich ſeit⸗ längs. Er lantſchte ſeine Böte über Bord und mit dem Rufe„Allah! Allah!“ enterten die Barbaresken das Ver⸗ deck des Kauffahrers. Gelaſſen ging der Capitain dem Anführer entgegen, der, ſeinen Säbel ſchwingend, in gebrochenem Däniſch fluchte und wetterte, daß nicht Alles vor ihm auf den Knieen liege. „Was wollt Ihr?“ entgegnete barſch der Capitain. „Hier iſt mein Türkenpaß. Priüft ihn genau und dann geht Eurer Wege. Es iſt himmelſchreiend, daß Ihr eine Flagge anhaltet, die Ihr zu reſpektiren ſchuldig ſeid. Ich erhebe Proteſt wegen ungebührlichen Moleſt zur See.“ Laut ſchreiend unterbrach ihn der Pirat: — 202— „Moleſt zur See? Auf die Kniee, oder ich ſchlage Dir den Kopf vom Rumpfe. Weißt Du nicht, daß man uns ſeit zwei Jahren den Tribut nicht gezahlt hat? In das Feuer mit dem Türkenpaß. Schiff und Ladung ſind mein und die geſammte Beſatzung wird verkauft.“ Ein Schrei des Entſetzens hallte über Deck. Von der Verzweiflung getrieben ſetzte ſich Jeder zur Wehre. Aber von der Uebermacht bewältigt wurden ſie wieder niedergeworfen und gebunden an Bord des Piratenſchiffes geſchleppt. Mit den verſchiedenſten Gefühlen ergaben ſich die Beſiegten in ihr Schickſal. Einer tobte wie ein ange⸗ ſchoſſener Eber; ein Zweiter biß die Zähne zuſammen und verſchloß ſeinen Grimm im innerſten Herzen. Ein Dritter weinte bittere Thränen des Kummers. Jens Bathen lag in einem Winkel des Zwiſchen⸗ deckes. Er hörte nicht auf die Klagen ſeiner Gefährten und ließ die Scheltworte des barſchen Aufſehers unbeachtet verhallen. Sein Geiſt war weit von dieſem Schauplatze des Schreckens. Er weilte im Gedanken vor der Haus⸗ thür der Geliebten, die ihn ermahnte, daheim zu bleiben. Er ſah ihr in die ſanftblickenden Augen und ſprach zu ihr von der Pracht des Oſtens, von dem Baum mit den goldenen Aepfeln, unter deſſen Zweigen der ſilberne Vo⸗ gel wohnt und allen andern Wundern der fernen, fernen Welt. Und wie er ſo ſprach, ſchien es, als ob ſich Alles um ihn her verwandelte. Aus dem Hauſe des alten Geik wurde ein luftiger Kiosk, umgeben von blühen⸗ den Roſen und überwölbt von Palmen. Eine muntere Oruelle ſtieg blitzend und glitzernd ſteil in die Luft und floß dann in vielfarbigen Strahlen herab. Die züchtige Frieſen⸗Jungfrau verwandelte ſich in ein üppiges, indiſches Weib, angethan mit koſtbaren Gewändern, die von Per⸗ len und Edelſteinen glänzten. Das Angeſicht war mit einem Schleier verhüllt, aber durch das feine Gewebe erkannte er die Augen der Geliebten und hörte, wie ſie ihm zuflüſterte: „Bin ich auch ſchön in dieſer Tracht? Biſt Du zu⸗ frieden mit Deinem Frieſenkinde, nun ſie ſich mit dem Glanze des Oſtens umgeben hat?“ Es waren Bilder, die vor ihm auftauchten, die er aber nicht verſtand; Worte, die an ſein Ohr ſchlugen, ohne daß er ihren Sinn begriff; aber ſie weckten einen Sturm von Empfindungen in ihm, der alles Andere übertäubte und als er das Auge ſchloß, verkündigte ein ſeliges Lächeln das wonnige Entzücken, welches ihn ganz und gar erfüllte. Vierzehn Tage ſpäter ſtand die Mannſchaft des dä⸗ niſchen Pinkſchiffes vom Capitain bis zum Kajütenjungen auf dem Sclavenmarkte zu Tunis. Laut geprieſen wur⸗ den die Chriſtenhunde als zur ſchwerſten Arbeit tüchtig und an Entbehrungen aller Art gewöhnt. Der einzige Fehler ſei etwas Störrigkeit, aber die Peitſche des Auf⸗ ſehers werde dieſen Teufel bald austreiben. Dieſe An⸗ 204— preiſungen fanden gläubige Ohren. Die Waare ging reißend ab und da ihnen kein Abſchied vergönnt wurde, warfen ſich die alten Gefährten einen trüben Blick zu, als ihre neuen Herren ſie von dem Markte vor ſich her trieben. Jens Bathen ward das Eigenthum eines alten, fin⸗ ſtern Türken, der fern von der Stadt am Seeufer ein einſames Landhaus bewohnte, das mitten in einen rei⸗ zenden Garten lag. Er wurde dem Gärtner zugetheilt, der ſorglich ſchaffte und den neuen Sklaven zur ſteten Thätigkeit anhielt. Sonſt hatte er wenig Verkehr mit den übrigen Sklaven des Hauſes und der Herr deſſelben bekümmerte ſich noch weniger um ihn. Ibrahim war ein einſamer Mann, der viel in alten Schriften ſtudirte und für einen Weiſen ſeines Volkes galt. Von dem, was in dem Innern ſeines Hauſes vorging, wußte man we⸗ nig. Die Sklaven flüſterten unter ſich, Ibrahim habe ein ſchönes Weib gehabt, das er ſchwärmeriſch liebte. Eines Tages ſei ſie mit einem der Sklaven entflohen und ſeitdem wäre Ibrahim mürriſch und verſchloſſen. Andere meinten aber, er gebrauche dieſe äußere Rauhheit nur, um die Weichheit des Gemüthes darunter zu ver⸗ ſtecken. Sein flüchtiges Weib habe ihm eine Tochter zurückgelaſſen, welche der Mutter täglich ähnlicher werde, ſo daß der Vater oft vor ihr erſchrecke. Und weil er fürchte, daß er ſie auf ähnliche Weiſe verlieren könne, wie einſt die Mutter, bewache er ſie mit Argusaugen. — 205— Kur einer einzigen Dienerin von erprobter Treue ſei es vergönnt, ſich der reizenden Fatime zu nähern, welche in tiefſter Einfamkeit aufwachſe. Sie verlaſſe nie ihre Ge⸗ mächer am Tage und dürfe nur in den Garten, wenn vorher Alle daraus entfernt worden. Dies und mehreres Andere vernahm Jens Bathen nach und nach von dem Gärtner und wenn er gelegent⸗ lich mit den andern Sklaven zuſammen kam. Mit den früheren Träumen ſeiner Phantaſie vermiſchte ſich auch dieſer Traum und zog ein Netz, gewebt aus Blumen⸗ duft und Mondesſtrahlen, um das Haupt des nordiſchen Seemanns, der mitten im Orient, unter dem Rauſchen der Palmen erwachend und entſchlummernd, ſich faſt vor Sehnſucht verzehrte. Es war Abend. Am tiefblauen Himmel blitzten die goldenen Sterne. Ein ahnungsvolles Flüſtern ging durch die Wipfel der Palmen. Inm dichten Myrthengebüſch flötete die Nachtigall ihre ſehnſüchtig⸗wehmuthsvollen Weiſen. Glänzend⸗leuchtende Käfer ſummten gleich einem wandernden Sternenheere, von Baum zu Baum und hin⸗ gen ſich an Blätter und Blüthen. Alles ruhig in dem weiten Garten Prahims. Nur von fernher vernahm man das Brauſen der See. Da trat mit zurückgeſchlagenem Schleier ein blondes ſchönes Mädchen aus dem Hauſe. Es war Fatime, die Tochter Ibrahims, deren Angeſicht geſehen zu haben, außer ihm kein Sterblicher ſich rühmen durfte. Die alte Sklavin wollte ihr folgen, allein ſie vermochte es vor Müdigkeit nicht. Fatime rief ihr einige beruhigende Worte zu und eilte nach einem von Roſen⸗ und Jasminbüſchen umgebenen Kiosk, wo ſie in ruhigen Nächten manche Stunde zu verträumen pflegte. Leichten Schrittes trat ſie ein und fuhr erſchreckt zurück, denn auf dem ſchwellenden Divan lag ein ſchla⸗ fender Mann. Es war Jens Bathen, der an einer ab⸗ gelegenen Stelle des Gartens arbeitete. Der Gärtner hatte ihn vergeſſen, als er die übrigen Arbeiter hinaus⸗ trieb. Als die Nacht plötzlich hereinbrach, ſuchte Jens Bathen, der harten Strafe eingedenk, zu entkommen. Umſonſt. Die Pforte war feſt verſchloſſen. Die Mauer zu hoch und glatt. So gerieth er in den Kiosk und war, von dem ſtarken Blumenduft bewältigt, eingeſchlafen. Ein Schrei Fatimens weckte den Schläfer. Der Mond, welcher an dem dunklen Himmel aufſtieg, warf ein volles Licht auf die Beiden, die ſich ſchweigend und vor Furcht zitternd gegenüber ſtanden. Da vernahmen ſie die Stimme der Sklavin, die ſich dem Kiosk näherte. Fatime zuckte zuſammen und wollte fliehen, aber ſie ver⸗ mochte es nicht. Die Alte trat ein und ergriff die Hand Fatimens, um ſie in das Haus zurück zu geleiten. Dieſe ſträubte ſich. Da gewann der junge Frieſe, der bis da⸗ hin regungslos daſtand, plötzlich Leben. Er warf ſich auf — 207— die Alte, die bei dieſem unerwarteten Anblick bewußtlos niederſank. Der Jüngling ſtellte ſich ſchützend der ſchö⸗ nen Jungfrau gegenüber und rief: Es ſolle ihr Keiner etwas thun, er werde ſie beſchützen. Fatime verſtand ihn nicht, aber ſie errieth, was er ſagte, und neigte, die Arme kreuzend, ihre blendende Schönheit vor ihm. Eine Stunde ſpäter und Alle waren verſchwunden. Der junge Frieſe lag unweit der Pforte und kam am andern Morgen mit einem Verweiſe davon. Der Gärt⸗ ner hütete ſich wohl, dem Herrn zu ſagen, doß einer der Chriſtenſklaven die Nacht im Garten zubrachte. Die Rache des Herrn würde ihn zuerſt getroffen haben. Die Nächte kamen und gingen; ſüße, wolluſtathmende Nächte. Die Roſen und Jasminen am Kiosk ſchütteten ihren betäubenden Duft auf zwei Glückliche herab. Fa⸗ timens Thränen hatten die alte Sklavin beſtochen; dieſe beſtach mit dem Schmucke ihrer Herrin den Gärtner. Das ſchöne Türkenkind ſchwamm in der Wonne der erſten Liebe. Der junge Frieſe ſah nur die reizende Geliebte. Er fand in ihr die Pracht des orientaliſchen Himmels und die Majeſtät der leuchtenden Palmen. Alle Ver⸗ gangenheit war für ihn dahin. Sie erſchien wie ein fern liegendes Bild, deſſen Farben mit jedem Tage mehr ver⸗ blichen. Und wieder war ein langer Monat entflohen. Ein langer Monat, für Alle, welche die Sklavenkette trugen, früh mit der Sonne das ſchwere Tagewerk beginnen — 208— mußten und erſt am Abend zur kurzen Raſt heimgingen. Jens Bathen trug die Sklavenkette nicht mehr. Er ruhte in dem Hauſe des Gärtners, der ihn ſorglich pflegte und durch eine geheime Thür mit dem hereinbrechenden Abend in den Garten ließ. Dort fand er Fatime und das ſüße Geflüſter der Liebe begann jeden Abend von Neuem. Aber dieſes Mal nicht ungehört. Leiſe ſchlich es durch den Myrthengang, der zu dem Kiosk führte. Am Ein⸗ gange deſſelben hielt die alte Sklavin Wache und war, wie immer, feſt eingeſchlafen. Schreiend taumelte ſie auf und blickte in Ibrahims zornglühendes Geſicht. „Gnade!“ wollte ſie rufen, aber der Dolch des Gebieters durchbohrte ihre Briſt. Mit inbrünſtiger Liebe ſchloß Fatime den Geliebten an ihre Bruſt. Sie ſchlang den Arm um ſeinen Nacken und flüſterte ihm die zärtlichſten Worte zu, als Ibrahim herein ſtürzte und ſich blind vor Zorn auf Beide warf. Aber der junge Frieſe war kein ohnmächtiges Weib. Er hielt mit eiſerner Hand den gehobenen Arm des Vaters und entriß ihm die Waffe. Fatime floh in das Innere des Hauſes. Jens Bathen folgte dem Gärtner, der, zum Tode erſchrocken, herbei eilte. ₰ Still blieb es am Tage; ſtill auch zur Nacht. Der heimliche Eingang, der aus der Gärtnerwohnung in den Garten führte, ward vermauert. Von den Bewohnern des Hauſes vernahm man nichts. Monate, Jahre ver⸗ gingen. Keine Kunde ward offenbar. Aber unter den — 209— Sklaven lief es flüſternd von Mund zu Mund, daß einer der Ihrigen durch eine ſeltſame Gunſt des Zufalls die Liebe einer Türkin gewonnen; daß der Vater, anfänglich wuthentbrannt nach Rache dürſtend, den Thränen ſeiner Tochter, die er über Alles liebte, nicht habe widerſtehen können, und dem Sklaven, nachdem derſelbe Chriftus ab⸗ geſchworen und Türke geworden ſei, die Freiheit geſchenkt und ihn zu ſeinem Eidam angenommen habe. Aber Keiner von den früheren Genoſſen des ehemaligen Skla⸗ ven ſollte dieſen wiederſehen. Er war und blieb ver⸗ ſchwunden. Und wieder iſt es am Cliff. Auf dem Wege von Kampen dahin wandelte eine Frauengeſtalt, ohne ſich unzuſchauen, der bekannten Stelle zu. Da trat ihr aus dem dämmernden Abendlichte ein Mann entgegen: „Willſt Du mich anhören, Jungfrau?“ „Sie ſtand ſtill und blickte ihn fragend an. Sie fuhr mit der Hand über die Stirn, als müſſe ſie ſich be⸗ ſinnen. Es war das Röschen vom Cliff. Aber nicht das Röschen, welches wie das goldene Abendroth hell aufleuchtete, ſondern die bleiche, vom kältenden Schnee angehauchte weiße Roſe. „Du kennſt mich nicht; willſt mich nicht kennen,“ ſagte der Mann.„Ich bin Anton, der Dir in Liebe Meeresſtille und hohe See. 14 — 210— zugethan war und den Du zurückſtießeſt um eines An⸗ dern willen.“ Maren Geik ging ſchweigend weiter. „Ich bin von einer langen Reiſe zurückgekehrt und bringe neuen Reichthum zu dem alten. Ich wiederhole meinen Antrag. Werde meine Frau.“ Sie ſchüttelte mit dem Kopfe. „Du willſt nicht, weil Du thörichter Weiſe auf Jens Bathen's Rückkehr hoffſt, obgleich viele Jahre vergangen ſind. Seine Verwandten und die Deinigen ſind geſtor⸗ ben. Du biſt ganz allein. Nimm mich zum Manne. Er kommt nicht wieder.“ Maren Geik ſah ihn mit einem ſtrafenden Blicke an. „Schau nur ſo finſter drein, als Dir gefällt,“ ſagte Anton.„Du änderſt es doch nicht. Ich will Dir den Beweis in die Hand geben. Kennſt Du den Gundel Lundſen aus Keitum und glaubſt Du, daß er ein ehr⸗ licher Burſche iſt?“ Sie nickte mit dem Kopfe. „Er ſoll Dir die Wahrheit ſagen. Gundel Lundſen komm hierher und erzähle nochmals, was Du mir vor⸗ hin erzählt haſt.“ Ein junger Seemann erſchien und ſagte mit einem wehmüthigen Blick auf die Jungfrau: „Was ich Dir ſagen will, iſt ſo wahr, als das Evangelinm. Ich hatte mich auf einem Hamburger Schiffe als Halbmatroſe verdungen. Wir ſollten nach — 21— Genua und Livorno und weiter nach Konſtantinopel. Als wir die Straße von Gibraltar paſſirten, wurde viel von den Algieriſchen Corſaren geſprochen und daß wir unter Hamburger Flagge großes Riſico liefen. Am dritten Tage erfüllte ſich die Prophezeihung des Bootsmannes. Ein Pirat, der ſechs große Kanonen am Bord hatte, brachte uns auf und ſchleppte uns nach Tunis, wo wir auf offenem Markte ausgeboten wurden. Ich ſang in meiner Angſt das alte Lied vor mir hin, das meine Mutter beim Spinnen zu ſingen pflegte, wenn ihr ein⸗ mil ſchwer um's Herz wurde. Da ſtand plötzlich ein großer bärtiger Türke vor mir und redete mich frieſiſch an. Vor Schrecken konnte ich kaum ſprechen. Er kaufte mich los und ſagte, als er mich in die Freiheit führte: „Wenn Du heimkehrſt, ſo grüße das gute Eiland Sylt von Jens Bathen. Sage dem Röschen vom Cliff, der Treuloſe werde unter den afrikaniſchen Palmen, vor Sehn⸗ ſucht nach der Hörnum⸗Düne, in den Armen ſeines Tür⸗ kenweibes ſterben.“ Damit gab er mir Geld zur Heim⸗ reiſe und ich bin nun hier, um Euch zu ſagen, was mir jener Mann Euch zu ſagen befohlen hat.“ Die Jungfrau horchte hoch auf. Ihre Bruſt wogte, als ob ſie zerſpringen wollte. Als aber der junge Ma⸗ troſe endete, ſchüttelte ſie unwillig mit dem Kopfe und ſagte:„Ihr lügt!“ dann ging ſie ſchweigend weiter. 14* — 212— Und wieder gingen Jahre dahin. Der Leichtmatroſe Gundel Lundſen war ſchon Steuermann am Bord eines Weſtindienfahrers und Anton hatte Sylt verlaſſen, um in der Heimath ſeines Vaters zu wohnen. Maren Geik ging noch allabendlich zum rothen Cliff, ſetzte ſich an den gewohnten Platz und horchte in die aufrauſchende See hinaus. Ihr Haar erbleichte vor Alter und Gram, den Glanz ihrer Augen tödtete die Gluth bitterer Thrä⸗ nen; aber ſie ging hoch aufrecht und wies jede Stütze mit Heftigkeit zurück. Sie wollte allein bleiben; allein mit ihren Gedanken bei ihm. Es war eine laue Sommernacht. Sie ruhte auf dem vom Sandhafer überwucherten Stein und hielt die gefalteten Hände vor ſich in dem Schooß. „Bete auch für mich, Maren Geik!“ ſagte eine tiefe Stimme. Erſchreckt ſah ſie auf und erblickte einen Mann in einer fremden, ſeltſamen Tracht. Das Geſicht war zur Hälfte mit einem ſchwarzen Barte bedeckt: „Bete, Jungfrau für den Abtrünnigen, der Dir Deine Jugend ſtahl und Dir das Herz brach.“ Maren Geik war furchtbar aufgeregt. Sie ſtreckte ihre Hände flehend dem Unbekannten entgegen und ſchluchzte krampfhaft. „Unter den Palmen des Oſtens freite ich das Hei⸗ denweib und ward nicht glücklich,“ ſprach er weiter.„Die — 213— Sehnſucht nach der Heimath verzehrte mich. Du ſtan⸗ deſt vor mir im Wachen, wie im Traume. Und nun der Abend meines Lebens naht, ſtehe ich vor Dir, damit ich Dir beichte. Nimm die Angſt von mir, die mein Herz belaſtet, weil ich Dich unglücklich machte.“ „Ich wußte wohl, daß Du kommen würdeſt,“ ſagte ſie, ſich über den Knieenden herabbeugend. Sie hielt ihn mit ihren Armen umſchlungen. Als der erſte Schimmer des neuen Tages über die See hin⸗ glitzerte, erhob ſich der Mann und ſagte: „Ich habe empfangen, was ich bedurfte und danke Dir. Zetzt kehre ich nach dem Oſten heim, wohin mein Geſchick mich bannte. Niemand hat meine Landung am Cliff beachtet. Niemand ſoll meine Abfahrt ſehen. Lebe wohl, bis wir uns dort wiederfinden, wo keine Trennung ſtattfindet.“ Sie blickte ihn noch einmal lächelnd an. Es war kein irdiſches Lächeln mehr. Erſchreckt hielt er ſie in ſeinen Armen. Eine Stunde ſpäter hob ſich die Sonne aus der See und der Strandvoigt blickte zum Cliff empor: „Sollte ich mich geirrt haben? Und doch war es mir, als ob Jemand dort oben... Ich muß ſelbſt hinauf..“ Als der Strandvoigt die abgeplattete Stelle erreichte, — 214— ſah er Maren Geik mit geſchloſſenen Augen und lächeln⸗ dem Antlitz vor ſich. „Endlich iſt ſie erlöſt,“ ſprach er, die Mütze zwiſchen den gefalteten Händen haltend.„Die weiße Roſe vom Cliff hat ausgelitten. Gott verleihe ihr eine fröhliche Urſtätt.“ — — — S — 1 — — — — — — — — — — — — — * * G 8 — 2 8 — — 5 6 5 14 Der Qunrnntnine-Wlärhter. Ein Nachtſtück. Seewärts der Rhede von Breſt, zwiſchen der Inſel Longne und dem Vorgebirge Kelerne ſind zwei kleinere Inſeln, aus Granitſtein gebildet, belegen. Auf der erſten liegt das Quarantainehaus von Treberon. Auf der zwei⸗ ten, ehemals der Kirchhof und daher noch jetzt die Todten⸗ inſel genannt, liegt das größte Pulvermagazin der Ma⸗ rine. Die beiden Felſen, nur durch einen Arm des Meeres getrennt, ſind ungefähr ſechs Meilen von Breſt entfernt. Der äußere Anblick der Inſeln iſt wenig von einander unterſchieden. Außer einigen Häuſern ſieht man nichts, als mit Moos bedeckte Felſenſpitzen. Vergebens ſucht man andern Schutz, als den der Höhlen, anderen Schatten, als den die Mauern des Lazareths ſpenden, andere Spaziergänge, als die kurze geebnete Strecke vor — 218— den Häuſern. Nackt und kahl gleichen dieſe Felſen zwei mächtigen Rieſenarmen, welche ſich drohend aus den Wellen erheben. Ein lange wiederhallender Kanonenſchuß verkündet die nahe Ankunft einer Fregatte, welche, obwohl ſie ihre ganze Segelkraft entfaltet hat, doch nur langſam von einem ſchwachen Winde fortgeſchoben wird. Auf der oberſten Spitze von Treberon ſteht ein Mann in Seemannstracht und ſchaut nach dem ſtolzen Schiffe aus, daß ſich an dem Horizonte zeigt. Man kann leicht ſehen, daß der Wäch⸗ ter des Lazarethes, denn kein Anderer iſt es, dem An⸗ kömmling nur wenige Aufmerkſamkeit ſchenkt, denn ſeit der langen Reihe von Jahren, die er ſchon auf Tre⸗ beron zugebracht, iſt ihm dieſes Schauſpiel kein neues mehr. Seine Blicke ſchweifen bald nach einer anderen Richtung. Sie verfolgen einen kleinen ſchmalen Weg, welcher vom Quarantainehauſe zum Meeresſtrande führt und verweilen bald auf einer Gruppe, welche ihn mehr feſſelt, als alle Schiffe der Welt. Es war auch in der That ein maleriſcher, ächt romantiſcher Anblick. Zwei kleine Mädchen und eine Ziege gingen den fel⸗ ſigen Pfad hinab. Die Aelteſte, ungefähr eilf Jahre alt, führte das muntere Thierchen an einem von Seegras ge⸗ flochtenen Bande. Die ſchwarzen Haare fielen wie Ra⸗ benflügel auf den gebräunten Nacken herab und hätten dem Geſichte der Kleinen einen gewiſſen Ausdruck von — 219— Kühnheit verliehen, wenn nicht die ſchwärmeriſchen, ſammt⸗ ſchwarzen Augen das Ganze gemildert hätten. Die Jüngſte, welche auf der Ziege ritt, war weiß und zart, wie ein eben erblühtes Monatsröschen und hatte mit koketter Anmuth einen friſchen, grünen Kranz in die üppigen, goldenen Locken gedrückt. Es war reizend anzuſehen, wie die beiden Schweſtern mit ihrem Lieblinge, der Ziege, ſpielten, ihre Hörner mit Blumenguirlanden umwanden und die loſen Zügel ſtraffer anhielten, um ihren Schritt zu mäßigen. Brünette ließ ſich Alles ge⸗ fallen. Kein Anderer freilich, als Joſepha und Francine hätte die anmuthigen Neckereien wagen dürfen. Matthieu Rogars ſah eine Weile dem phantaſtiſchen Schauſpiel zu, als er plötzlich den leiſen Druck einer Hand fühlte. Er kehrte ſich um und blickte in die freund⸗ lich lächelnden Augen ſeiner Frau. „Sieh dort, unſere Kinder!“ ſprach er und zeigte auf die maleriſche Gruppe. „O Gott! Francine fällt!“ ſchrie die Mutter und wollte zu den Kindern hinſtürzen. Er hielt ſie zurück. „Nicht doch,“ ſagte er beruhigend.„Sie hat nichts zu fürchten, wenn Joſepha bei ihr iſt. Und glaubſt Du, daß Brünette ſie fallen laſſen würde, da ſie ſie doch ſo ſehr liebt? Die Kinder vergelten es ihr auch, denn nach uns iſt ihnen dies Thier das Theuerſte auf der Welt.“ „Und nach Herrn Gabriel,“ bemerkte die Mutter. — 6— „Wenigſtens was Joſepha anbetrifft. Denn obgleich er nur acht Tage im Lazareth zubrachte, und dies ſchon drei Jahre her iſt, ſpricht doch das Kind täglich von ihm.“ Es iſt auch wahr, daß der Lieutenant ſchwer zu ver⸗ geſſen iſt,“ erwiderte Rogars,„namentlich für Joſepha, für die er ſo liebevoll und hingebend war. Hat er nicht verſprochen, ihr Indiens Wunder mitzubringen? Wenn ihm übrigens nichts zugeſtoßen iſt, hoffe ich, daß die „Thetis“ ihn uns nächſtens herführen wird.“ „Unterdeſſen will ich den Kindern einen anderen Be⸗ ſuch verkünden, der ihnen zuch nicht wenig Freude ma⸗ chen wird. Vetter Dorot will mit ſeinem kleinen Michel herüber kommen.“ „Dorot kommt?“ fragte Rogars, und ſah nach der Todteninſel hinüber.„Woher weißt Du das?“ „Haben wir denn nicht eben ſo gut unſere Zeichen⸗ ſprache, als die Schiffe des Königs? Siehſt Du nicht an ſeinem Fenſter die drei rothen Punkte? Das bedeutet, daß er uns beſuchen will.“ „Das iſt herrlich!“ rief Rogars vergnügt aus. „Dorot und ſein Kleiner müſſen bei uns zu Abend eſſen, wenn nämlich Deine Speiſekammer nicht eben ſo leer iſt, wie unſer Hospital.“ Genevivve zählte wohlgefällig alle die Leckerbiſſen auf, mit denen ſie die Tafel zu zieren gedachte, und Matthieu verſprach, für ſeinen Freund eine Flaſche alten Weines aus ſeinem Keller zu holen. Eben jetzt kamen die Kinder von ihrem Spazierritte zurück. „Geſchwind, Kinder! Geſchwind!“ rief ihnen die Mutter ſchon von Weitem entgegen.„Wir bekommen Beſuch!“ „Herr Gabriel kommt!“ rief Joſepha und ſtürzte mit einem Freudengeſchrei herbei. „Nicht doch, Du Thörin. Vetter Dorot kommt mit ſeinem kleinen Michel.“ Joſepha ließ betrübt ihr Köpfchen hängen, aber Francine klatſchte jubelnd in ihre kleinen Händchen. Die Ziege, welche ſich ſelbſt überlaſſen war, hüpfte vergnügt fort und ſprang von Felsſpitze zu Felsſpitze. Während die Mutter das Abendeſſen bereitete, gingen die beiden Schweſtern Hand in Hand, den Meeresſtrand hinab, den Kommenden entgegen.. Joſephas Neigung für Herrn Gabriel ſchrieb ſich ſchon von vor drei Jahren her, wo Letzterer acht Tage Quarantaine in Treberon halten mußte, und von dem wunderbaren Weſen der Kleinen gefeſſelt, für dieſelbe die herzlichſte Freundſchaft hegte, welche Joſepha mit einer Leidenſchaftlichkeit erwiderte, die ihren Jahren weit vor⸗ aus war. Herr Gabriel war gegen ſeinen Willen in den Seedienſt getreten. Ein ſo abenteuerliches und an⸗ ſtrengendes Leben ſagte ihm wenig zu. Er ſchwärmte für die Einſamkeit und für das Familienleben. Deshalb ſchienen ihm die wenigen ruhigen Tage, die er in dem —= 25— Kreiſe dieſer glücklichen Menſchen verlebte, das Paradies auf Erden zu ſein. Er hatte in ſeine kurze Gefangenſchaft Bücher und eine Violine mitgenommen, welcher er ſtun⸗ denlang die herrlichſten Melodien entlockte. Wollte er ausgehen, war Joſepha ſeine treueſte Begleiterin. Sie führte ihn ſicher die felſigen Pfade und zeigte ihm bisher nicht entdeckte Pflanzen und Mooſe. Abends kehrten ſie von ihren Spaziergängen heim. Gabriel blieb noch im Kreiſe der Familie, ſang und ſpielte ihnen herrliche Lie⸗ der vor und ſuchte erſt ſpät ſeine einſame Zelle auf. So waren ihm acht ſelige Tage wie kaum ſo viele Stun⸗ den entflohen. Mit Bedauern erhielt er ſeine Freiheit wieder. Als er Treberon verlaſſen mußte, um wieder in See zu gehen, verſprach er, der Familie öfter zu ſchrei⸗ ben. Er hatte in der That Wort gehalten und wie wir vernommen haben, erwartete Rogars ihn bald ſelber. Für den Angenblick dachte Letzterer nur an den eben ange⸗ kündigten Beſuch, und ſah unverwandt nach der Todten⸗ inſel hinüber. Die geringe Entfernung ließ ihn Alles unterſcheiden. Bald ſah er ſeinen Vetter Dorot und den kleinen Michel den Kahn beſteigen. Noch ehe eine Heirath die beiden Familien verbunden, hatten ſich die Freunde ſchon lange gekannt. Beide hat⸗ ten in der Marine gedient, der Eine als Quartiermeiſter, der Andere als Artillerie-Sergeant. Als nach langer Trennung Rogars die Stelle zu Treberon bekam, freute er ſich unendlich, auf der Nachbarinſel ſeinen al⸗ — — 223— ten Freund Dorot mit ſeiner Frau, ſeinem Sohne und einer entfernten Verwandten wieder zu finden. Da das Lazareth faſt immer leer war, geſtattete es ihm ſeine Zeit, ſeine Beſuche dort recht bald zu wiederholen. Dorot's Couſine, Genevibve, ſchien ihn beſonders gern zu ſehen. Die arme junge Waiſe hatte bis zu ihrem ſechszehnten Jahre nur Elend und Jammer erfahren, war dann aus Mitleid von ihrem Vetter aufgenommen, deſſen Frau ſie es oft fühlen ließ, und war daher gewohnt, jede Freundlichkeit, die man ihr erzeigte, als eine Wohl⸗ that zu betrachten. Wie ſehr mußte ſie ſich alſo von Rogars Offenherzigkeit und Liebenswürdigkeit angezogen fühlen? Sie kam ihm mit kindlicher Zuneigung entgegen, womit ſich bald ein zärtlicheres Gefühl miſchte. Sie ſahen ſich oft und wurden einander täglich unentbehrlicher, ohne ſich indeſſen ihre gegenſeitige Neigung zu geſtehen. Genevidve war in ihrer erſten Jugendblüthe, und daher fiel es Matthien Rogars, welcher ſchon bei Jahren war, gar nicht ein, ſie zur Frau zu begehren. Genevibve war zufrieden, ihren Freund in der Nachbarſchaft zu wiſſen und ihn alle Tage zu ſehen. Ein Zufall ſollte die Bei⸗ den bald auftlären. Es wurde Genevibve eine Stelle in der Nähe von Breſt angeboten. Die Ausſicht auf die nahe bevorſtehende Trennung erfüllte Beide mit Trauer. Als Rogars die Thränen des jungen Mädchens fließen ſah, ermannte er ſich endlich. Er ſagte ihr, ſie könne die Trennung vermeiden, wenn die Inſel Treberon ihr eben — 224— ſo gut gefiele, als die Todteninſel, und ſeine Geſellſchaft ihr nicht unlieber wäre, als die des Vetters. Das arme, ſchöne Kind erröthete lieblich und ſank ihm, außer Stande zu antworten, in die Arme. Der Quartiermeiſter ſprach auf der Stelle mit Dorot. Die Heirath wurde geſchloſſen. Er zog mit Genevidve nach ſeiner Inſel, die ihm von nun an nicht mehr einſam ſchien. Die Ungleichheit des Alters vermochte ihr häusliches Glück nicht zu trüben, denn Beide hatten ein frommes, ehrliches Gemüth und einen offenen, heitern Sinn. Kin⸗ der knüpften bald das Band noch feſter. Ihre Wünſche ſchienen alle befriedigt. Als das Jüngſte geboren wurde, verlor der Vetter Dorot ſeine Frau und blieb mit ſeinem Sohne Michel allein zurück. Dies unerwartete Ereigniß brachte die beiden Freunde wieder häufiger zuſammen. Der Kahn, welcher die Verbindung zwiſchen den beiden Inſeln herſtellte, gehörte zur Todteninſel, ſtand alſo zu Dorots Verfügung, welcher daher jede Gelegenheit er⸗ griff, einige Stunden bei ſeinen Nachbarn zuzubringen. Aber der Dienſt war ſtrenge und erlaubte ihm nur ſel⸗ ten, ſich zu entfernen, weshalb auch ſein Beſuch auf Tre⸗ beron von Allen als ein großes Feſt betrachtet wurde. Als Rogars den Kahn abſtoßen ſah, ging er eben⸗ falls zum Strande, um ſeinen Freund zu begrüßen. Michel ſprang zuerſt an das Land, umarmte die kleinen Mädchen und lief mit ihnen dem Hauſe zu. Dorot und Matthieu gingen langſam hinterher. Auf der Höhe an⸗ — 225— gelangt, warfen ſie noch einen Blick hinter ſich auf das Meer. Der Artillerie⸗Sergeant bemerkte, daß die Fre⸗ gatte gerade ihre letzten Segel einzog. „Sie geht wahrhaftig vor Anker!“ rief er aus. ſt es Dir ſchon vorgekommen, Matthieu, daß ein Schiff ſich ſo entfernt vom Lande hält?“ „Warum nicht?“ erwiederte der frühere Quartier⸗ meiſter.„Man hält ſich fern, wenn man Klippen fürch⸗ tet, oder einen feindlichen Ueberfall vermuthet.— Aber davon kann ja hier keine Rede ſein. Hier ſind weder Klippen noch Feinde, ſondern lauter gute Freunde. Es muß durchaus etwas Außergewöhnliches vorgehen.“ „Vielleicht muß das Schiff Quarantaine halten, be⸗ merkte Rogars.„Wir erwarten die Thetis.“ „Das iſt der Name. Richtig!“ rief Dorot aus, und hielt die Hand vor die Augen, um beſſer ſehen zu kön⸗ nen.„Das iſt die Thetis, oder ich will ein Heide ſein. Ich hatte ſie acht Tage bei mir unten, als ſie ihre Pul⸗ vervoräthe einnahm. Ich erkenne ſie an den Maſten und an der Takelage.“ „Die Thetis bringt uns den Gabriel. Welche Freude für Joſepha. Das muß ich ihr ſchnell erzählen.“ Er wollte ſeine Schritte beſchleunigen, aber Dorot hielt ihn zurück: „Richt ſo voreilig, Rogars. Es kann ja auch ein Irrthum ſein. Warte lieber, bis der Lieutenant ſich ſelber einfindet.“ Meeresſtille und hohe See. 15 — „Ja, ja! Du haſt Recht!“ erwiderte Rogars.„Wenn ich nicht irre, kommt die Fregatte aus der Havanna 2 „Wer weiß, ob ſie Euch nicht Kranke bringt.“ „Sie ſollen willkommen ſein. Mit Genevidve und den Kindern fühle ich mich zwar nie allein, aber es iſt mir doch angenehm, einmal fremde Geſtalten zu ſehen. Wir erblicken Jahr aus Jahr ein faſt keinen Menſchen. Haben wir einmal Kranke im Lazareth, die uns von ihren Reiſen erzählen, ſammeln wir für lange Zeit Stoff zum Plaudern.“ Der Freund ſchüttelte bedenklich mit dem Kopfe: „Wenn ſie nur nicht das Fieber mitbringen. Man erzählt ſich noch immer von einer Quarantaine, wo dieſe beiden Inſeln nicht Raum genug für die Todten hatten und man die Leichen unter Kanonendonner in das Meer verſenken mußte.“ „Möge Gott uns vor einer ſo harten Prüfung be⸗ wahren,“ ſagte Rogars ernſt.„Du ſprichſt von einer längſt vergangenen Zeit, Dorot. Hoffentlich kehrt ſie nie wieder. Gott wird uns ſchützen.“ Seit den dreizehn Jahren, wo Rogars die Stelle zu Treberon bekleidete, hatte er nur Geſunde in das Lazareth aufgenommen, die ſich, um dem Geſetze zu genügen, einer kurzen Beobachtungs⸗Quarantaine unterwerfen mußten. Unter ernſten Geſprächen hatten die Freunde das Haus erreicht, wo Genevidve mit den Kindern auf der Schwelle ihrer wartete. Nach den erſten Begrüßungen — 227— ging die Frau mit den Männern in das Haus, während Michel und die kleinen Mädchen mit der Ziege ſpielten und ſie von Fels zu Fels verfolgten, ohne ſie haſchen zu können. Während die Kinder im Freien lärmten und jubelten, ſetzten ſich die drei Andern zu Tiſche. Matthien hatte ſeine Flaſche mit grünem Siegel heraufgeholt und Dorot beklagte ſich freundſchaftlich, daß man ſeinetwegen ſo viele Umſtände mache. Da Letzterer nicht lange vom Hauſe fortbleiben konnte, beeilte ſich Genevieve, das Abendeſſen aufzutragen, und die Kinder zu Tiſche zu rufen. Unter Leuten, die ihr ganzes Leben nur auf einer einſamen Inſel zubrachten, bewegt ſich die Unterhaltung in den engſten Gränzen. Rogars ſprach von dem zu erwartenden Schiffe und Dorot von ſeinem Kirſchbaum. Der Letztere hatte übri⸗ gens vollen Grund auf dieſen Schatz ſtolz zu ſein, denn Keiner ſeiner Vorgänger hatte es ſo weit gebracht. Es war der erſte Baum, den man jemals auf den beiden Inſeln geſehen hatte. Lucullus war wohl nicht ſtolzer, als er den erſten Kirſchbaum als Siegeszeichen aus Per⸗ ſien mitbrachte. Sobald man davon ſprach, warf der ſonſt ſo beſcheidene Dorot den Kopf in den Nacken. Er zeigte ſeinen Schatz nur den beſten Freunden oder ſeinen Vorgeſetzten und auch dazu ließ er ſich noch lange bitten. Durch ein unerwartetes Ereigniß war Dorots Stolz auf das Höchſte getrieben. Dies wollte er eben der Familie 15* — 228— mittheilen, als er ſich zur rechten Zeit beſann, daß er ſie noch ein Weilchen müſſe hin und her rathen laſſen. Nachdem man ſich weidlich den Kopf zerbrochen, erzählte ihnen der Vetter freudeſtrahlend: daß ſein Kirſchbaum blühe. Das war nun ein Jubel und ein Enutzücken. Rogars und Genevibve hatten ſeit Jahren keinen blühenden Baum geſehen, und die beiden Mädchen niemals. Das war ein Reden und ein Fragen ohne Ende. Blühte der Baum roth oder gelb? Würde er bald Früchte tragen? Wie lange könnte das dauern? Dorot antwortete auf die Fragen der Kinder nichts weiter, als daß er morgen früh die Familie in ſeinen Kahn abholen wolle, damit ſie ſeinen Wunderbaum ſehen und bei ihm zu Mittag eſſen könnten. Man denke ſich die Freude der beiden Schwe⸗ ſtern. Sie jubelten, klatſchten in die Hände und riefen: „Ach, wäre es nur erſt Morgen.“ Als der Vetter die Ungeduld der kleinen Mädchen ſah, wollte er ſie gleich mitnehmen. Die Eltern könnten ja andern Tages nachkommen und ihre Kinder abholen. Die Kleinen baten dringend, man möge ſie noch dieſen Abend fortlaſſen. Rogars lächelte, als willige er ſchon halb und halb ein, aber Genevidve widerſtand heftig: „Was ſoll ich anfangen, wenn ich Nachts nicht die Kinder bei mir habe? Wenn ich ihre ſanften Athemzüge nicht belauſchen kann? Würde ich nicht fortwährend — 229— träumen, daß die Pulvermühle Feuer gefangen und meine armen Kinder unter ihren Trümmern begraben hätte?“ Bei dieſen Worten traten ihr die Thränen in die Augen. Die Kinder hingen ſich an den Hals der Mutter, beruhigten ſie und verſprachen bei ihr zu bleiben. Der Vetter nahm ſeinen Michel bei der Hand, denn es war Zeit zum Aufbruch und ging, von der Familie gefolgt, zum Strande. Die untergehende Sonne vergoldete das Vorgebirge Kelerne und goß ihre letzten Purpurſtrahlen in's Meer. Eine ſchwache Briſe kräuſelte leicht den glatten Waſſerſpiegel; der friſche Duft der Kräuter würzte die Atmoſphäre. Die ganze Natur athmete eine heilige Ruhe. Ueberwältigt von dem herrlichen Anblick, welchen das endloſe Meer darbot, gingen die Familien ſchweigend neben einander her. Als man am Strande angelangt war, mußte man ſich zur Trennung bequemen. Nach⸗ dem Vetter Dorot noch einmal hatte verſprechen müſſen, ſie morgen ja recht früh abzuholen, beſtieg er mit ſeinem Sohne den Kahn und fuhr von dannen. Vetter Dorot hatte noch nicht ſeine Inſel erreicht, als er eine bisher nicht bemerkte Schaluppe auf Treberon zuſteuern ſah. Ihre ganze Bauart und Ta⸗ kelage verrieth ſogleich, daß ſie zu einem Kriegsſchiff ge⸗ höre. Als ſie den Kahn des Sergeanten kreuzen mußte, machte ſie ſchnell einen weiten Bogen, um ihm auszu⸗ weichen. Die letzten Strahlen des Tages ließen deutlich die gelbe Flagge erkennen. Bei dieſem Anblick ſchrieen Genevidve und die Kinder laut auf. Sie hatten alle drei geſehen, daß das Schiff Quarantaine halten mußte, und ihnen nun alle Verbin⸗ dung außerhalb der Inſel abgeſchnitten war. Der mor⸗ gende Beſuch war nun unmöglich geworden und wer weiß, ob der Kirſchbaum nicht abblühte, ehe ſie ihre Freiheit wieder erhalten hätten. Francine und Joſepha fingen bitterlich an zu weinen. Die Mutter, welche ſich ſelbſt ſo angſtvoll beklommen fühlte, nahm die Kinder bei der Hand und führte ſie in das Haus zurück. In der Thür kehrten ſie ſich unwillkürlich noch einmal um und warfen einen Blick auf das Meer. Der Kahn des Vetters, der ihnen Morgen Luſt und Freude bringen ſollte, war verſchwunden. Dicht unter ihren Füßen lag die ſchwarze Schaluppe, worin Gefangenſchaft, Krankheit und Trauer ihrer wartete. Unterdeſſen hatte Rogars den Männern von der Schaluppe das Lazareth geöffnet. Als er zurückkam, ſah er ſo bleich und verſtört aus, daß Genevieve ſich ent⸗ ſetzte. Er fragte ſie haſtig, wo Joſepha und Francine wären? „Siehſt Du ſie nicht dort in der Ecke ſitzen? Sie ſind ja nicht fort mit dem Vetter.“ „Ach, wären ſie es doch!“ ſagte Matthien leiſe vor ſich hin, ſo daß die Kinder es nicht hören konnten und ſeufzte tief. — 231— Genevidve ſtutzte:„Was bedeutet denn das? Rogars! Rede, um des Himmelswillen! Rede!“ „Die ſchwarze Schaluppe bringt uns den Tod!“ ſagte der Vater.„Am Bord der Thetis wüthet das gelbe Fieber. 2. Im Innern des Landes hört man von dem gelben Fieber nur wie von einer Fabel reden. Der Name allein erregt Furcht und Entſetzen und reißt tauſend alte Wun⸗ den wieder auf. Jede Familie hat in fernen Gegenden theuere Angehörige durch dieſe Krankheit verloren. Rogars hat mehr wie alle Andern Grund zu Be⸗ fürchtungen. Er hatte ſchon ein Mal, als er zur See fuhr, alle Schrecken dieſer verheerenden Krankheit durch⸗ lebt. Der Tod raffte Alle um ihn her fort und es war als ein Wunder betrachtet worden, daß er verſchont ge⸗ blieben. Dieſe ſchrecklichen Erinnerungen waren noch zu rege in ihm. Leider hatte er ſeiner Frau oft genug da⸗ von erzählt, um auch ſie bei dem Erwähnen des gelben Fie⸗ bers erbeben zu machen. Aengſtlich ſchloß ſie ihre Kin⸗ der in die Arme und beſchwor ihren Mann, mit ihnen zu fliehen. Der alte Seemann hatte Mühe, ihr ausein⸗ ander zu ſetzen, daß die Flucht ehrlos und jetzt auch ſchon unmöglich für ihn wäre. Die Schaluppe war wieder unter Segel gegangen und hatte die Fregatte bereits er⸗ reicht. Die gelbe Flagge wehte von dem Dache des — 232— Lazareths und zeigte den Bewohnern von Treberon den Beginn der Quarantaine an. Rogars zeigte Genevibve ein kleines Schiff, welches in einiger Entfernung von der Inſel vor Anker ging, um die Annäherung fremder Fahrzeuge zu verhindern. So waren ſie nun in das Reich des Todes gebannt und gezwungen, der Gefahr in das Auge zu ſehen. Nachdem der erſte jähe Schreck ſich gelegt, wurde Rogars immer gefaßter und ſuchte auch ſeine Frau zu beruhigen, indem er die Gefahren verminderte. In der That war auch hier das Klima weniger geſährlich, wie in den heißen Gegenden. Hier brannte keine braſilia⸗ niſche Sonne; hier wehte fortwährend ein erfriſchender, kühlender Seewind. Man konnte bei einiger Vorſicht dem Nebel leicht entgehen. Das Erſte und Nothwen⸗ digſte war, die Nähe der Krankenſäle, überhaupt das La⸗ zareth zu vermeiden. Joſepha und Francine wurden mit liebevollem Ernſte ermahnt, die Vorſchriften der Aeltern ſtrenge zu befolgen. Am folgenden Morgen führte Rogars raſch ein klei⸗ nes Gitter auf und befahl ſeiner Familie dieſe Gränze nicht zu überſchreiten. Zur größeren Vorſicht wurde auch die Ziege nicht mehr hinausgelaſſen, ſondern im Innern dieſes kleinen Raumes angebunden. Der Wächter ſeinerſeits ſchnitt alle Verbindungen mit den Kranken und mit den Aerzten ab. Er hätte das Schickſal der armen Opfer nicht erfahren, hätte er nicht allabendlich den Ton einer Glocke vernommen, und einige Männer zum Strande gehen ſehen, um im flachen Sande die Gruben für die Todten zu graben. Die Lücken wurden bald durch neue Kranke, welche die Schaluppe täglich von der Fregatte herbrachte, ausgefüllt. Die Krankheit ging ruhig ihren Gang, ohne ab⸗ oder zuzunehmen. Aber noch war kein Geneſener auf der Terraſſe des Lazareths erſchienen. Das kleine Quarantaine⸗Boot brachte jeden Morgen friſche Lebensmittel und Arzeneien und nahm dafür den Bericht des Arztes in Empfang. Nach den erſten Tagen hatte ſich Rogars und ſeiner Frau Unruhe bedeutend gelegt. Da ſie niemals die Schrecken und Qualen des Todes vor ſich ſahen, ſo war bei ihnen auch bald das Gefühl des Entſetzens abge⸗ ſtumpft. Es ging ihnen wie den Einwohnern einer be⸗ lagerten Stadt, die ſich an den Kanonendonner gewöh⸗ nen. Das Glöckchen mochte noch ſo oft ertönen, die Schaluppe immer neue Kranke zuführen, der tägliche An⸗ blick der Gefahr wurde ihnen zur Gewohnheit, brachte ihnen auch die Sicherheit wieder. Manchmal ſtimmte Genevidve ſogar ihre Lieder an; aber ein Blick auf die gelbe Flagge machte ſie verſtummen und der Geſang en⸗ dete mit einem langen, tiefen Seufzer. Rogars hatte ſich in den erſten Tagen nach Gabriel erkundigt und zu ſeiner Freude vernommen, daß er ſich noch nicht unter den Kranken befinde. Als er aber ſpäter den Verkehr mit dem Arzte abſchnitt, erhielt er auch keine — 234— weitere Nachrichten. Eines Morgens brachte man ihm ein in Eſſig getauchtes Billet, in welchem nur die weni⸗ gen mit Bleiſtift geſchriebenen Worte ſtanden: „Ich komme ſo eben an.... Wenn ich am Leben bleibe ſehen wir uns wieder.... ſollte ich ſterben, ſo bringt dieſe Zeilen meinem Capitain... und fordert von ihm mein Ebenholzkäſtchen für Joſepha. Gabriel.“ Die Schriftzüge waren faſt unleſerlich und zeigten nur zu deutlich, daß eine fieberkranke Hand ſie geſchrie⸗ ben. Matthieu Rogars war davon ſo ſchmerzlich über⸗ raſcht, daß er diesmal alle Vorſicht vergaß und zum La⸗ zareth hinſtürzte. Aber der Arzt erlaubte ihm nicht, den Lieutenant, deſſen Zuſtand bedenklich war, zu ſehen. Am Abend hatte ſich das Uebel bedeutend verſchlim⸗ mert. Am andern Morgen war ſchon jede Hoffnung verſchwunden. Joſepha hatte man den Namen der Fre⸗ gatte verſchwiegen, auf der das Fieber wüthete, und da⸗ her ahnte ſie die Gefahr ihres Freundes nicht. Dem⸗ ungeachtet hatte die Gefangenſchaft beiden Schweſtern ihren Frohſinn geraubt. Traurig und gedrückt ſaßen ſie beiſammen in dem engen Raum, den ihnen der Vater beſtimmt hatte. Die Ziege lag ausgeſtreckt zu ihren Fü⸗ ßen und hatte das ihr gereichte Futter noch nicht berührt. Joſepha hielt Francine zärtlich umſchlungen und ſchlug ihr alle möglichen Spiele vor; aber das Kind ſchüttelte verneinend das Köpfchen und ſtarrte auf die See hin. — 235— „Was wollen wir denn anfangen, Francine?“ fragte Joſepha, ebenfalls traurig. Die Schweſter antwortete nicht. Joſepha ließ ihre blonden Locken durch ihre Finger gleiten und fuhr dann fort: „Du möchteſt zu Deinem Michel hinüber? Nicht wahr? Aber es iſt ſchon zu ſpät. Der Kirſchbaum hat längſt abgeblüht.“ „Dann ſind die Kirſchen wohl ſchon reif?“ fragte die Kleine neugierig. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte die Aeltere.„Cir wol⸗ len die Mutter fragen. Aber denke lieber gar nicht daran. Du weißt, daß wir doch nicht hingehen dürfen.“ „Nirgends dürfen wir hin,“ fügte Francine leiſe hinzu und ließ das Köpfchen hängen. Joſepha, welche um jeden Preis ihre Schweſter beluſtigen wollte, zeigte ihr nun die Ziege, welche ſich aufgerichtet hatte, und, um ſich von ihrem Stricke zu befreien, ſo tolle und ſeltſame Sprünge machte, daß Francine in ein ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrechen mußte. Joſepha hatte auch anfäng⸗ lich gelacht, war aber bald ängſtlich geworden und wollte das Thierchen beruhigen, damit es ſich nicht losreißen ſollte. „Laß ſie doch! Laß ſie doch!“ rief Francine.„Sieh nur, wie ſie ſpringt und tanzt. Nur zu, Brünette! Nur zu!“ Das Kind kniete im Sande und ſchlug vor Vergnü⸗ — 236— gen in die Händchen. Die Ziege, durch das helle Lachen gereizt, machte immer wildere Sprünge, bis endlich das leichte Band der heftigen Erſchütterung nicht länger wi⸗ derſtehen konnte und riß. Als das Thier ſich frei fühlte, hüpfte es davon, dem andern Endpunkte der Inſel zu. Die beiden Schweſtern ſchrieen laut auf und liefen, ohne zu überlegen, ſchnell hinterher, um ſie wieder einzu⸗ fangen. Aber Brünette neckte ſie nach alter Gewohnheit, in⸗ dem ſie ſtillſtand, bis ſie ſie beinahe eingeholt hatten, und dann pfeilſchnell davon ſprang. So entfernten ſie ſich immer weiter vom Hauſe, bis ſie auf dem höchſten Punkt der Inſel angelangt waren, und ſich dann, immer der Ziege folgend, in den Hohlwegen verloren. Da erſt bemerkte Joſepha, daß ſie den Befehl der Eltern über⸗ ſchritten. Erſchrocken hielt ſie die Schweſter feſt: „Um Gotteswillen, nicht weiter, Francine! Die Mutter hat es verboten.“ Die Kinder blickten um ſich. Sie befanden ſich in einem weiten Felſenſpalt. Aus dem Erdboden ſchoſſen Blumen und Mooſe empor. Aus den kleinen Felſenriſſen nickten die Farrenkräuter und in Reihe und Glied ſtan⸗ den kerzengerade die ſchlanken Fingerhüte mit den herr⸗ lichen rothen und weißen Blüthen. Francine ſtand bewundernd ſtill. Es war das erſte Grün, es waren die erſten Blumen, welche ſie ſeit ihrer Gefangenſchaft erblickte. Der Raum vor ihres Vaters Hauſe war ſo öde. Darum konnte ſie auch der Verſu⸗ chung nicht widerſtehen. Sie riß ſich aus den Armen ihrer Schweſter los und eilte, ohne auf ihre Bitten zu hören, von Blume zu Blume. Nach vergeblichem Rufen folgte Joſepha der Schwe⸗ ſter, um ſie zurückzuführen, aber das Kind wollte durch⸗ aus nicht fort. Sie pflückte ſoviele Blumen, als ihre Schürze nur immer halten wollte, mochte Joſepha auch noch ſo oft: Genug! Genug! rufen. Endlich, als das Schürzchen keinen Raum für neue Blumen hatte, ſchickte ſie ſich an, Joſepha nach Hauſe zu folgen. Die Kinder waren kaum ein Paar Schritte gegan⸗ gen, als das Glöckchen zu ihren Häupten ertönte. Sie blickten auf und ſahen vier Krankenwärter mit ihrer trau⸗ rigen Laſt auf den Hohlweg zuſchreiten. Es gab auf der Inſel nur den einzigen geebneten Weg und die Kin⸗ der konnten dem Leichenzuge auf keine Art ausweichen. Erſchrocken verſteckten ſie ſich ſchnell hinter die hohen Farrenkräuter, um die Männer erſt vorbeizulaſſen. Das Glockengeläute kam immer näher. Sie ſahen die vier Geſtalten gerade auf die kleine Oaſe zuſchreiten, wohin ſie ſich geflüchtet hatten. Daſelbſt angelangt, legten ſie ihre Laſt auf den Erdboden hin und ſagten zu einander: „Ganz recht! Hier muß es ſein.“ Francine verſteckte angſtvoll ihr Köpfchen in Joſepha's Schooß. Aber die Letztere bog die Zweige auseinander, um das Vorhaben der Männer zu beobachten. Die Krankenwärter gruben im Sande eine Grube, nahmen — 238— aus einem Felſenloche ein Säckchen hervor, deſſen Inhalt ſie in dieſelbe hineinſchütteten und dann mit Seewaſſer begoſſen. Ein weißer Staub, der Alle, wie in eine Wolke einhüllte, verbreitete einen Kalkgeruch. Dieſe Vorbereitungen wurden unter lautloſem Stillſchweigen getroffen. Joſepha ſah mit ſtieren Augen und bangem Herzklopfen in die Grube, von der nur das Geſträuch ſie twennte. Jetzt ſchickten die Männer ſich an, den Leichnam, welcher in ein großes leinenes Tuch gehüllt war, vom Boden aufzuheben, und ihn in die Grube zu werfen. Ein leiſer Windſtoß erhob ſich und lüftete den einen Zipfel des Leichentuchs. Die letzten Sonnenſtrahlen beleuchteten ein ſchwarz⸗ blaues Antlitz. Joſepha ſtieß einen dumpfen Schrei aus, denn ſie hatte augenblicklich ihren Freund Gabriel erkannt. Die Männer hatten den Schrei nicht vernommen; der dumpfe Fall des Leichnams hatte ihn übertönt. Bebend vor Schmerz und Entſetzen fiel Joſepha in die Arme der jüngern Schweſter zurück, unfähig eine einzige Thräne hervorzubringen. In dieſem ſtarren, bewußtloſen Zu⸗ ſtande blieb ſie lange. Erſt als die Männer nach er⸗ füllter Pflicht den Platz wieder verlaſſen hatten, brach ſie in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Francine fragte ängſtlich die Schweſter, was ihr fehle und als ſie keine Antwort bekam, weinte ſie mit ihr. ——— — 239— Joſepha ſuchte vergebens ihre Thränen zurückzu⸗ halten: „Sei ruhig, Francine,“ flüſterte ſie mit halberſtickter Stimme.„Weine nicht! Fürchte Dich nicht!“ „Aber was fehlt Dir denn, Joſepha?“ fragte aber⸗ mals Francine und küßte die naſſen Wangen ihrer Schweſter. „Nichts! Nichts! Ich habe mich ſo entſetzt.“ „Sind die Männer fort?“ „Du ſiehſt es ja!“ erwiederte Joſepha ſchaudernd. „Was wollten ſie denn? Sie brachten einen Todten her. Nicht wahr? „O ſchweig davon!“ ſchrie Joſepha abwehrend, von Neuem in Thränen ausbrechend. „Du haſt ihn wohl geſehen?“ fragte halb ängſtlich, halb neugierig das Kind. „Ja, geſehen und erkannt,“ flüſterte bebend Joſepha. Es war unſer Gabriel.“ „Dein Freund Gabriel? Iſt das auch gewiß? Du irrſt Dich! Du mußt Dich irren. Unſer guter Gabriel liegt jetzt dort unten? Fort, fort von hier! Jetzt fürchte ich mich.“ Francine warf ſich ihrer Schweſter in die Arme, welche ſie zu beruhigen verſuchte, obſchon ſie ihrer eigenen Thrä⸗ nen nicht Herr werden konnte. „Um Gotteswillen, Francine, faſſe Dich, wenn Du — 240— die Mutter nicht beunruhigen willſt. Horch! Rief man nicht eben nach uns? Laß uns zu Hauſe gehen. Mit dieſen Worten zog Joſepha die Schweſter mit ſich fort und kam zitternd, außer Athem, mit ihr vor dem Hauſe an, wo die Mutter ſchon ihrer wartete. Die hereinbrechende Nacht verhinderte Genevidve, das ver⸗ ſtörte Weſen der Kinder zu bemerken. Sie führte ſie in das Haus, ließ ſie ihr Abendgebet verrichten, und hieß ſie zu Bette gehen. Die Kinder gehorchten, ohne etwas von ihrem Abenteuer zu erwähnen. 3 Joſepha brachte eine unruhige Nacht zu. Als ſie am folgenden Morgen aufſtand, ſah ſie bleich und verſtört aus. Die Mutter fragte ängſtlich, ob ihr nichts fehle? Die Kleine ſchüttelte verneinend den Kopf, ſprach aber den ganzen Tag nicht und wurde ſie gefragt, füllten ſich ihre Augen mit Thränen. Am Abend fühlte ſie ſich matter, ohne Schmerzen zu empfinden. In der Nacht phantaſirte ſie und mit Tagesanbruch eilte Rogars zum Arzte und bat ihn, zu ſeinem Kinde zu kommen. Der Arzt erſchien bald und prüfte die Kranke; dann fragte er Mehreres, was Rogars lebhaft beunruhigte. Genevibve, deren Blicke von Einem zum Andern ſchweif⸗ ten, bemerkte ihres Gatten umdüſterte Stirn. Als die Beiden aus der Thür gingen, folgte ſie ihnen ſchnell und fragte zitternd: — 241— „Nicht wahr? Es iſt die Krankheit?“ Sie wagte gar nicht, den Namen des gelben Fiebers auszuſprechen. Der Arzt zögerte mit der Antwort. „Ich bin deſſen gewiß!“ rief ſie aus, durch dieſe Zögerung in ihrer Furcht beſtärkt.„Alſo alle Vorſicht war unnütz. Die Krankheit iſt da, und nun iſt Alles verloren. Sie ſank vernichtet auf die Steinbank vor ihrem Hauſe nieder und verhüllte ihr Geſicht. Der Arzt ſuchte ſie ſo viel als möglich zu tröſten; aber man konnte leicht hören, daß er ſelbſt nicht an das glaubte, was er ſagte. Und da er ſah, daß ſeine Worte, ſtatt die Frau zu be⸗ ruhigen, deren Angſt und Schmerz nur erhöhten, wandte er ſich raſch zu dem Wächter, wiederholte dieſem noch ein⸗ mal die nöthigen Verhaltungs⸗Maßregeln und ging dann in das Lazareth zurück. Rogars blieb eine Weile gedankenvoll ſtehen, als Ge⸗ nevibves heftiges Schluchzen ihn aus ſeinen Träume⸗ reien weckte. Er nahm ſeine Frau bei der Hand und ſprach ſanft, aber feſt zu ihr: „Du darfſt noch nicht verzweifeln. Erſt wenn Alles verloren ging, iſt es Zeit zu weinen. Für jetzt müſſen wir erſt daran denken, die Vorſchriften des Arztes zu erfüllen.“ „Hat er uns denn jede Hoffnung genommen?“ fragte die untröſtliche Mutter. „Nicht doch. Es kann ja noch Alles gut gehen,“ Meeresſtille und hohe See. 16 — 242— erwiederte liebevoll Rogars.„Iſt es aber Gottes Wille, uns das theuere Kleinod zu nehmen, ſo müſſen wir uns in Demuth ſeinem mnerſchütterlichen Rathſchluß unter⸗ werfen.“ Die fieberhaft⸗klingende Stimme des Kindes ließ ſich plötzlich vernehmen. „Gott! Sie ruft nach mir!“ ſchrie Geneviete und wollte ſich in das Zimmer ſtürzen. Rogars hielt ſie zurück. „Trockne erſt Deine Augen,“ ſagte er mit milder Freundlichkeit.„Joſepha darf Deine Bekümmerniß nicht ſehen, das könnte ihren Zuſtand verſchlimmern.“ „Sei unbeſorgt. Ich will nicht weinen. Nicht wahr, man ſieht mir nichts mehr an?“ Sie verſuchte zu lächeln, aber ihre Augen füllten ſich immer von Neuem mit Thränen: „Die Aerzte könnten ſich ja auch wohl irren. O Gott, Du wirſt barmherzig ſein.“ Bei dieſen Worten warf ſie ſich ihrem Manne in die Arme und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Als aber die Stimme ihres Kindes ſich von Neuem hören ließ, unterdrückte ſie gewaltſam ihren Schmerz und trat heiter lächelnd in das Haus. Joſephas Zuſtand wurde immer bedenklicher. Gegen Abend war das Fieber heftiger geworden. Sie ſprach in ihren Phantaſieen von Michel, von Fraucine, von dem blühenden Kirſchbaume, von ihrem lieben Gabriel. Letz⸗ — 243— teren glaubte ſie plötzlich zu hören. Sie fragte ihn, ob er ihr die verſprochenen Geſchenke mitgebracht habe. Dann rief ſie ſich wieder die ſchreckliche Scene im Hohlwege in das Gedächtniß zurück. Sie ſchrie und jammerte, daß er geſtorben wäre und daß ſie die Erde auf ſeinen Leich⸗ nam werfen höre. Der Arzt kam mehrere Male am Tage, aber ſeine Mittel hatten nicht den geringſten Er⸗ folg. Die Nacht war entſetzlich für die arme Mutter, welche ihr krankes Kind, deſſen Fieberphantaſieen immer wilder wurden, in ihren Armen hielt. Gegen Mor⸗ gen fiel Joſepha in eine Erſtarrung, wie ſie dem Tode voranzugehen pflegt. Am Mittage öffnete ſie noch ein Mal die Augen und hauchte mit einem matten Seufzer ihr junges Leben aus. Rogars und Genevidve waren nicht unvorbereitet auf den harten Schlag. Mit den unſäglichen Leiden und dem langen Todeskampfe der geliebten Tochter hatten ſie ſchon alle Qualen der Trennung empfunden und tropfen⸗ weiſe den Becher des Leidens geleert. Die Ruhe der Mutter war entſetzlich. Einen aufmerkſameren Beobach⸗ ter wie Rogars, der zu ſehr von ſeinem eigenen Gram gebeugt war, hätte ſie in neue Beſorgniſſe geſtürzt. Ge⸗ nevidve fing an, der theuren Todten die letzten Liebes⸗ S zu erweiſen. Sie legte ihr ein weißes Gewand kämmte ihre ſchönen ſchwarzen Hasre und faltete 5 die Händchen über der Bruſt zuſammen, wie Jo⸗ ſepha ſonſt immer im Schlafe gethan hatte. Genevibve 16* lächelte heiter und betrachtete wohlgefällig ihr Werk. Keine Thränen netzten ihre marmorbleichen Wangen. Sie beugte ſich zu Joſepha nieder, und bedeckte deren Antlitz mit heißen Küſſen. Dann ging ſie an das Fen⸗ ſter, brach von ihrem Roſenſtock die letzte weiße Roſe ab und entblätterte ſie auf das Leichentuch. Unterdeſſen war die Nacht hereingebrochen. Ueber dem Bette hing ein Chriſtusbild. Genevidve kniete nie⸗ der und flüſterte ein Gebet. Aber die Lippen bewegten ſich nur mechaniſch. Sie wußte nicht, was ſie betete; Ihr Geiſt war abweſend. In dieſer Stellung verharrte ſie lange, dann ſtand ſie auf, preßte mit einem dumpfen Schrei die Hände über der Bruſt zuſammen, als wollte ſie gewaltſam die Verzweiflung niederkämpfen, näherte ſich langſam der geöffneten Thür und trat in das Freie hinaus. Dort fand ſie ihren Mann bei Francine, welche zu ihres Vaters Füßen lag und ihren Kopf auf ſein Knie geſtützt hatte. Seit man die Kleine von Joſepha entfernte, ſprach ſie kein Wort. Bei dem Anblick des lieblichen Kindes, in deren blonden Locken die Mondesſtrahlen ſpielten, ſchien Genevidve ſich ſelber wieder zu finden und ihr Schmerz löſte ſich in einem endloſen Thränenſtrom auf. Sie riß Fre leidenſchaftlich in ihre Arme und er⸗ ſtickte ſie fa it ihren Küſſen. Francine verlangte heftig ſchluchzend nach ihrer Schweſter. Bei dieſen Worten, die Genevieve neue Thränen entlockten, zog Ro⸗ gars ſeine Frau mit ſich fort und ließ ſie auf der Stein⸗ bank niederſitzen. „O laß mich bei dem Kinde,“ lieber Rogars,“ flehte Geneviève. „Gleich ſollſt Du wieder zu ihr,“ erwiderte Rogars. „Aber erſt verſuche, mich ruhig anzuhören, denn ich habe Dir etwas ſehr Wichtiges zu ſagen. „Gern, wenn ich es vermag,“ flüſterte ſie und barg ihren Kopf in ihre Hände.„Aber zürne mir nicht; es wird mir nicht möglich ſein. Ich glaube noch immer, Joſepha's Todesſeufzer zu vernehmen. O, welche Qual.“ Rogars legte ſeine Hand auf ihr Haupt und ſagte beruhigend: „Faſſe Dich. Gott will, daß man ſich Seinem Willen beuge. Die Todte bedarf unſer jetzt nicht mehr; ſie wohnt im Himmel; aber ſie hat uns die Sorge für ihre jüngere Schweſter zurückgelaſſen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Genevidve, von neuer peinlicher Unruhe ergriffen. „Begreifſt Du denn nicht, daß wenn ſie in dieſer Atmoſphäre bleibt, ſie auch leicht von der Krankheit er⸗ griffen werden kann?“ „O Himmel!“ rief die arme Frau händeringend. „Auch Francine? Matthieu, ſage mir die Wahrheit. Haſt Du ſchon etwas an ihr bemerkt?“ 4 — 246— „Bis jetzt noch nicht,“ entgegnete leiſe der Wächter. „Aber wenn ſie hier bleibt, muß ich für ſie fürchten.“ „O, wir Unglückſeligen!“ rief die geängſtigte Mut⸗ ter.„Warum haſt Du mir das geſagt, Mann? Ich wollte dieſem Gedanken ſo gerne entfliehen. Auch Fran⸗ cine werde ich ſterben ſehen. Wie kannſt Du mir ſo den Dolch in mein Herz ſtoßen?“ „Genevisve, faſſe Dich; klage nicht mehr!“ ſagte Rogars ernſt und beſtimmt. Höre mich aufmerkſam an, denn was ich Dir zu ſagen habe, iſt wichtig. Francine darf nicht auf unſrer Inſel bleiben. Sie muß auf der Stelle fort.“ „Aber wie?“„ Rogars blickte vorſichtig umher, ob er auch von Nie⸗ mandem vernommen werden könne. 2 „Es giebt nur ein Mittel!“ flüſterte er. „Vetter Dorots Kahn?“ „Nein.“ „Das Wachtſchiff?“ „Nicht doch. Das iſt ja zur Bewachung der In⸗ ſebda. „Was iſt es denn?“ „Die Ebbe.“ Genevibve blickte ihren Mann fragend an. „Noch ehe eine Stunde vergangen iſt, iſt das Meer ſo weit zurückgetreten, daß nur vier Fuß Waſſer die Straße von Treberon nach der Todteninſel bedecken. Mit Gottes Hülfe und etwas Muth darf man den Ueber⸗ gang ſchon wagen. Ich werde das Kind zum Vetter Dorot bringen.“ Genevidve ſchrie vor Entſetzen auf. „Leiſer, Unglückliche!“ ſprach er mit gedämpftem Tone.„Willſt Du mich denn verrathen? Niemand kennt dieſen Weg, als der Vetter und ich. Wir haben ihn oft zuſammen gemacht, wenn wir fiſchen wollten und ſind noch immer davon gekommen.“ „Es war aber nicht Nacht,“ unterbrach ihn die Frau, und Ihr hattet kein Kind zu tragen.“ „Das Kind iſt nicht ſchwer und außerdem haben wir Vollmond,“ antwortete Rogars ungeduldig.„Ich habe heute viel hin und her gedacht; es giebt kein anderes Mittel zur Rettung. Es iſt meine Fflicht, für mein Kind das Aeußerſte zu wagen. Deine Klagen und Ein⸗ wendungen können wohl meinen Muth ſchwächen, aber nicht meinen Entſchluß wankend machen. Wenn das Waſſer von dem großen Felſen dort ganz zurückgewichen iſt, wird es Zeit, meine Reiſe anzutreten. Ergieb Dich in die Nothwendigkeit und bete für unſere Sicherheit.“ Genevidve wußte, daß wenn ihr Mann einmal einen Entſchluß gefaßt hatte, derſelbe unwiderruflich war. Des⸗ halb wagte ſie auch keinen Widerſtand mehr. Es blieb alſo nur noch übrig, das Kind zu überreden. Rogars und Genevidve nahmen Francine in ihre Mitte und lieb⸗ koſten ſie. — 248— „Möchteſt Du nicht gern den blühenden Kirſchbaum ſehen?“ fragte die Mutter. „Nicht mehr.“ „Aber warum denn nicht?“ fragte die Mutter mit Anſtrengung.„Dort haſt Du ja mehr Freiheit und kannſt mit Deinem lieben Michel ſpielen.“ „Nein,“ ſagte traurig das Kind.„Ich will lieber bei meiner Joſepha bleiben.“ Genevibve faltete die Hände und blickte zum Himmel empor. Sie war nicht im Stande, weiter zu reden. Da nahm Rogars die Kleine in ſeine Arme und ſagte leiſe zu ihr: „Siehſt Du nicht, daß wir Kummer haben? Du willſt ihn nicht vermehren. Nicht wahr?“ Statt aller Antwort ſchlang das Kind ſeine weißen Aermchen um des Vaters Nacken. „Du willſt alſo thun, was wir verlangen?“ Das Kind nickte bejahend. „So höre denn. Du mußt auf ein paar Tage zu Deinem Onkel Dorot hinüber und weil wir keinen Kahn haben, will ich Dich durch die Fluthen tragen. Nicht wahr? Auf Deines Vaters Armen fühlſt Du Dich eben ſo ſicher, als in einem Schiffe?“ Das Kind ſchauderte. „Laß mich lieber hierbleiben,“ flüſterte es kaum ver⸗ nehmlich. „Das geht nicht! Du mußt fort, und zwar auf der — 249— Stelle. Sei ruhig und weine nicht, denn das erſchwert mir den Weg, und mir könnte alsdann ein Unglück be⸗ begnen. Verſtehſt Du mich?“ „Ich will nicht fort!“ jammerte die Kleine. Genevibve beruhigte ſie wieder. „Fromme Kinder müſſen gehorchen,“ ſagte ſie.„Thue in Gottes Namen, was der Vater will, um Joſepha's willen. Könnte ſie Dich hören, würde ſie Dir Muth einſprechen. Du willſt doch nicht Deine Schweſter im Himmel betrüben?“ „O gewiß nicht!“ ſchluchzte das Kind. „So willſt Du kommen?“ fragte der Vater. „Ja!“ flüſterte Francine. „Und willſt nicht furchtſam ſein? Nicht weinen?“ „Nein!“ erwiderte ſie noch leiſer. „So wollen wir aufbrechen,“ ſagte der Wächter und ſtand auf.„Der große Fels liegt frei da. Wir haben keine Minute zu verlieren.“ Er nahm Francine auf ſeine Arme und ſtieg ſchnell zum Meeresſtrande hinab. Die Frau folgte ihm in un⸗ aus ſprechlicher Angſt. Unten angelangt, ſetzte Rogars das Kind auf den Boden, um die Richtung, die er zu nehmen gedachte, auszuſpähen. Das Meer, phantaſtiſch vom Monde beleuchtet, war nur leicht vom Winde be⸗ wegt und die Sterne tanzten auf ſeinen durchſichtigen Wellen. Die ſcharfen Umriſſe der Todteninſel traten deutlich hervor. Man konnte bei dem blendend hellen — 250— Mondlicht faſt jedes Fenſter drüben erkennen. In der Mitte der beiden Inſeln, etwas mehr ſeitwärts, lag das Wachtſchiff vor Anker. Nachdem Rogars Alles ſorgfältig geprüft, nahm er ſeine Frau bei der Hand, umarmte ſie zärtlich und ſprach zu ihr: „Jetzt iſt der Augenblick da! Lebe wohl und bete für uns.“ Die arme Frau erwiderte ſtumm ſeine Umarmung. Als er ſich aber von ihr losriß und das Kind auf ſeine Arme nehmen wollte, ſchrie ſie laut auf und Alles ver⸗ geſſend, was ſie ihm erſt kürzlich gelobt hatte, umſchlang ſie ihn mit beiden Armen, als ob ſie ihn nimmer laſſen wollte. „Du darfſt nicht fort!“ ſchrie ſie verzweifelt.„Ich laſſe Dich nicht. Du gehſt in den ſicheren Tod. Laß mich nicht allein mit Joſepha. Denke an Deinen Eid vor dem Altare. Du ſollſt meine Stütze ſein. Sieh' nur, wie weit und wie unermeßlich tief das Meer iſt. Es wird Dich und Franeine verſchlingen. Wenn es Gottes Wille iſt, daß wir ſterben ſollen, ſo wollen wir zuſammen ſterben. Ich laſſe Dich nicht, ich laſſe das Kind nicht.“ Rogars wollte ſie beruhigen, und rief ihr in das Ge⸗ dächtniß zurück, daß ſie kurz vorher ſelbſt das Kind dazu vermocht hätte. „Ich hatte Unrecht,“ erwiderte ſie.„Ich nehme — 251— meine Worte zurück. Wenn Du gehſt, ſo folge ich Dir. Verſuche mich nicht; ſei barmherzig. Was habe ich Dir gethan, daß Du von mir fort willſt? Biſt Du des Lebens mit mir überdrüſſig? Habe ich in meinem übergroßen Schmerze meine Pflichten gegen Dich ver⸗ ſäumt, ſo verzeihe mir, theurer Mann! Keine Thräne will ich mehr weinen, wenn Du verſprichſt, daß Du bleiben willſt.“ Sie war zu ſeinen Füßen niedergeſunken und hatte ſeine Hand an ihre Lippen gedrückt. Dieſer wollte ſie aufheben. „Genug, Genevibve,“ ſagte er mit leiſe zitternder Stimme.„Ich glaubte Dich ſtärker. Denke an Deine Verſprechungen! Bedenke, unglückliche Frau, daß die Zeit vergeht.“ Genevibve ſchluchzte und flehte von Neuem. Er blickte angſtvoll auf das Meer; ein längeres Zögern machte den Uebergang unmöglich. Er ergriff ſein Weib bei den Händen und blickte ihr feſt in das Auge: „Es iſt heute das erſte Mal, daß ich Dir ſagen muß, daß ich Dein Herr bin und daß Du mir unbedingten Gehorſam ſchuldig biſt. Jeder Verzug bringt dem Leben Deines Kindes Gefahr. Darum halte mich nicht länger auf und ſuche nicht, mich durch Deine Thränen zu er⸗ weichen, denn mein Entſchluß ſteht felſenfeſt. Erwarte hier meine Rückkehr; folge mir keinen Schritt mehr, oder ich verzeihe es Dir niemals.“ — 252— Er ſetzte ſeine Frau auf einen Felſen nieder, nahm das Kind auf ſeine Schulter und ſtürzte ſich in die Fluthen. Als Genevieve das Aufſpritzen des Waſſers hörte, ſah ſie auf. Rogars war ſchon weit fort und bis an die Bruſt im Waſſer. Sie wollte aufſtehen, aber die Kraft fehlte ihr; ſie fiel wieder zurück und ſtieß einen dumpfen Schrei aus. Rogars hörte dieſen Schrei und wandte ſich um. Er ſah auf dem Felſen die weiße Ge⸗ ſtalt ſeiner Frau, welche die Arme nach ihm ausſtreckte. Bei dieſem Anblicke übermannte ihn die Rührung ſo heftig, daß glühende Thränen ihm aus den Augen ſtürz⸗ ten. Er wandte ſich nochmals zum Ufer zurück und rief zu ihr hinüber: „Gott ſegne Dich, Genevidve! Weine nicht. Es wird Alles gut gehen.“ Als er ſich wieder umwandte, um weiter zu gehen, flimmerte es ihm vor den Augen. Er konnte die hellere Färbung des Waſſers, welche die Richtung nach der Todteninſel bezeichnete, nicht recht mehr unterſcheiden. Er mußte alſo auf die vor ihm liegende Inſel auf gut Glück losgehen. Den richtigen Pfad hatte er ſchon ver⸗ loren. Mit einer langen Stange bewaffnet, ſchritt er nur mühſam weiter. Der ungleiche, felſige Grund machte ihn oft ſtraucheln. Seine Augen durchbohrten faſt den Waſſerſpiegel, als wollten ſie die Tiefe des Meeres er⸗ — 253— gründen und den Pfad, auf dem ſie fortwandelten, er⸗ kennen. So hatte er ungefähr die Mitte des Weges erreicht, und war in die Nähe des Wachtſchiffes gekom⸗ men. Dort war Alles ſtill und regungslos. Auch die wachthabenden Matroſen waren nicht mehr auf ihren Poſten zu ſehen. Von der Nutzloſigkeit ihrer Bemühun⸗ gen überzengt, hatten ſie ſich wahrſcheinlich zur Ruhe gelegt. Rogars, der ihr Erwachen fürchtete, beſchleunigte ſeine Schritte. Aber in demſelben Augenblicke, als er in den Schatten trat, welchen der Hintertheil des Schiffes warf, fühlte er, daß der felſige Grund unter ſeinen Füßen aufhörte. Einen Schritt weiter, und er wäre in das Bodenloſe gefallen. Francine fühlte ſchon die Wellen ihre Locken benetzen und konnte einen lauten, durchdringenden Schrei nicht zurückhalten. Der erſchreckte Vater verſchloß ihr mit der Hand den Mund; aber zu ſpät. Der Schrei mußte gehört worden ſein, denn zwei Geſtalten erhoben ſich von dem Ver⸗ decke des Schiffes und richteten ihre Schritte nach der Gallerie. Rogars hatte kaum Zeit, eines der herunterhängenden Schiffstaue zu ergreifen, und ſich dicht unter dem Bug feſtzuhalten, bis die Matroſen ſich wieder entfernt hatten. Der eine Matroſe rief dem andern zu;„Ich — 254— will verdammt ſein, wenn ich nicht einen Schrei ge⸗ hört habe.“ „Mich hat er aus dem Schlafe aufgeweckt,“ fügte gähnend der Zweite hinzu. „Aber ich mag mir die Augen aus dem Kopfe ſehen, ich entdecke nichts.“ „Ich auch nicht.“ Nachdem ſie noch eine Weile furchtſam auf das Meer hinausgeſehen hatten, ſagte der Zweite zitternd zum Erſten: „Ich will Dir ſagen, was es geweſen iſt. Haſt Du denn noch nie gehört, daß die Seelen der armen Schiffbrüchigen, die in ihren Sünden geſtorben ſind, immer am Jahrestage ihres Unterganges aus den Wellen auftauchen und ein Wehgeſchrei ausſtoßen?“ „Ach was! Dummes Zeug!“ brummte der Andere, ſichtlich von ſeines Kameraden Angſt angeſteckt.„Es iſt nichts mehr zu hören, noch zu ſehen auf dem Meere, darum laß uns unſer Viertel Wein austrinken und uns dann wieder hinlegen; das iſt weit geſcheuter, als Mähr⸗ chen erzählen.“ Die Matroſen entfernten ſich und es wurde wieder ſtill. Nach einer Pauſe nahm Rogars das Kind feſter in ſeine Arme, empfahl ihr nochmals, ſich ruhig zu ver⸗ halten und ließ das Tau los, um ſeinen Weg weiter fortzuſetzen. Aber er kam nirgends auf feſten Grund und war daher genöthigt, mit ſeiner koſtbaren Laſt zu ſchwim⸗ * — men. Er hoffte bald wieder auf den felſigen Klippenweg gelangen zu können. Aber ſeine Anſtrengungen waren umſonſt; er konnte die rechte Richtung nicht wiederfin⸗ den und war genöthigt, weiter zu ſchwimmen, wollte er nicht in die bodenloſe Tiefe verſinken. So irrte er lange umher, bis ſich endlich ſeine Kräfte erſchöpften und ſeine Augen mit einem Schleier bedeckten, ſo daß er die Todteninſel nicht einmal mehr von Treberon zu unter⸗ ſcheiden vermochte. Er konnte gegen die Wellen nicht länger ankämpfen. Noch einen Schritt und er und Francine wären geſunken. Das Wachtſchiff, welches er hatte fliehen wollen, war ſeine letzte Rettung. Er nahm alle Kraft zu einem Hülferuf zuſammen; aber eine mäch⸗ tige Welle erſtickte ihn auf ſeinen Lippen. Halb ohnmäch⸗ tig überließ er ſich der Gewalt des Waſſers. Er fühlte ſich von Welle zu Welle geworfen, bis er endlich, dem Unterſinken nahe, auf etwas Hartes ſtieß. Es waren die Klippen. Schnell richtete er ſich auf, ſchöpfte tief Athem und blickte um ſich. Hundert Schritte von ſich erblickte er den von der Todteninſel losgeriſſenen Felſen. In wenigen Minuten konnte er ihn erreichen. Dort ange⸗ langt, rief et Francine bei Namen. Das zitternde Kind, außer Stand, zu antworten, ſchlang die Aermchen um ſeinen Nacken. Der Vater preßte ſie ſtürmiſch an ſein Herz. Es war eine lange und innige Umarmung. Sein erſter Gedanke war ſein Kind geweſen. Sein zweiter war Genevibve, die in Angſt ſeiner wartete. Mit er⸗ — 256— neuerter Kraft machte er ſich wieder auf den Weg und erreichte bald das Ufer der Todteninſel. Er mußte einen weiten Umweg machen, um die Schildwache zu vermeiden, und als er Dorots Thür er⸗ reichte, durfte er nur leiſe klopfen, damit es Niemand draußen höre. Der Vetter hatte zum Glück keinen feſten Schlaf, ſondern erſchien ſogleich am Fenſter. „Oeffne!“ rief Rogars leiſe. „Rogars?“ fragte verwundert der Sergeant. „Schweig, um Gotteswillen und öffne ſchnell!“ ant⸗ wortete der Seemann. Dorot kam ſchnell herunter und ließ ſie eintreten: „In des Himmels Namen! Wo kommt Ihr her?“ „Du ſiehſt, daß wir aus dem Meere kommen. Wir wußten keinen andern Weg hierher.“ Dorot konnte einen leiſen Ruf der Verwunderung nicht unterdrücken: „Iſt es möglich? Aber was kann Euch ven bewe⸗ gen, ſo Euer Leben auf das Spiel zu ſetzen?“ „Es blieb uns nichts Anderes übrig,“ antwortete Rogers tonlos.„Joſepha iſt dieſen Morgen am gelben Fieber geſtorben.“ „Um Gotteswillen!“ „Genevidve und ich wollten wenigſtens dies Kind ret⸗ ten, und darum habe ich es Dir hergebracht.“ „Der Himmel lohne Dir dieſen Einfall! Das Kind ſoll mir willkommen ſein.“ — Mit dieſen Worten reichte er dem Freunde die Hand hin. Aber dieſer ſchlug nicht ein. „Haſt Du wohl überlegt,“ fragte er feierlich,„was ich von Dir verlange? Francine kann Dir Krankheit und Tod in Dein Haus bringen.“ „Wie Gott will!“ war Dorot's einfache Antwort. „Alsdann kannſt Du, wenn es herauskommt, wegen Uebertretung der Quarantaine hart geſtraft werden.“ „Wie Gott will!“ wiederholte Dorot. „Bedenk' es wohl!“ „Hierbei iſt nichts mehr zu bedenken. Du haſt mir die Kleine gebracht. Sie iſt mein für jetzt.“ Er nahm bei dieſen Worten die Kleine auf ſeine Arme und trug ſie in das Zimmer, welches früher Ge⸗ nevidve bewohnt hatte. Er zog ihr ſelbſt die naſſen Klei⸗ der aus und brachte ſie zu Bette. Der Vater blieb bewegt in der Thür ſtehen. Als Dorot zurückkam, drückte dieſer ihm ſtumm die Hand. Der Vetter theilte ihm noch mit, daß die Anweſenheit des Kindes bei ihm Niemandem auffallen könne, denn die Wachtmannſchaft bei der Pulvermühle war erſt dieſen Morgen von einer neuen abgelöſt worden, welche ſeine Familie gar nicht kenne. Ueber dieſen Punkt völlig be⸗ ruhigt, verabredeten die Beiden neue Zeichen, damit die verlaſſene Mutter täglich Nachricht von ihrem Kinde er⸗ halten konnte. Als ſie mit Allem im Reinen waren, Meeresſtille und hohe See. 17 — 258— ging Rogars an das Fenſter. Der Himmel hatte ſich leicht bezogen und eine friſche Briſe bewegte das Meer. „Ich muß fort,“ ſagte er, ſich ermannend.„Gott möge Dir vergelten, Dorot, was Du an mir und meinem Weibe gethan. Wir bleiben ewig Deine Schuld⸗ ner „Davon laß uns ſpäter reden,“ erwiederte Dorot. „Für jetzt beunruhigt mich Dein Rückweg ſehr.“ „Sei ohne Sorge. Nun ich das Kind in Sicherheit weiß, wird mir der Weg leicht werden. Aber es iſt die höchſte Zeit. Ich muß fort. Genevibve harrt meiner am Ufer.“ „So geh denn, weil es ſein muß, in Gottes Namen!“ ſprach der Sergeant.„Aber ſei vorſichtig, Rogars; denke an Weib und Kind.“ „Ehe ich fortgehe, laß mich noch einmal meine Fran⸗ eine umarmen,“ rief Rogars, ſchlich behutſam in die Kammer und näherte ſich dem Bettchen des Kindes. Der Schlummer hatte die arme Kleine überwältigt und ließ ſie alle Angſt und Schrecken des Tages vergeſſen. Der Vater küßte ihr die noch naſſen Augen und Wan⸗ gen und ſchlich dann, ohne das Kind zu wecken, eben ſo leiſe, wie er gekommen, wieder fort. Er reichte ſeinem Vetter die Hand zum Abſchiede und ſagte tief bewegt zu demſelben: „Ich laſſe Dir meine Franeine. Behüte ſie wohl, und ſollte ſie bald eine Waiſe werden...“ — 250— „Gott möge ſolches Unglück verhüten,“ unterbrach ihn der Vetter.„Aber daß ſie in dem Falle meines Michels Schweſter wird, brauche ich Dir nicht erſt zu ſagen.“ „Ich danke Dir. Jetzt gehe ich ganz beruhigt von hier.“ „Aber es iſt unmöglich, daß Du fortgehſt, ohne etwas Stärkendes zu Dir genommen zu haben.“ „Ich darf keine Sekunde länger verziehen. Eine Stärkung brauche ich nicht, denn ich gehe froh und ge⸗ tröſtet von hinnen. Lebe wohl, bis wir uns entweder hier oder dort oben wiederſehen.“ Die Freunde umarmten ſich innig; dann riß ſich Matthien los und eilte zum Meeresſtrande hinab. Un⸗ geachtet das Waſſer ſchon zu ſteigen begann, erreichte er doch ohne Gefahr das Ufer von Treberon. Er ſtürzte athemlos zu dem Felſen hin, wo er ſein Weib ge⸗ laſſen hatte. Er fand ſie nicht mehr dort. Erſtaunt und erſchreckt, daß ſie ſeiner nicht gewartet hatte, eilte er den Pfad zu ſeinem Hauſe hinauf. Er fand die Thür offen. Niemand antwortete auf ſeinen Ruf. In der Dunkelheit konnte er nichts unterſcheiden. Er tappte zum Heerde und machte Licht; dann näherte er ſich vorſichtig dem Zimmer, wo das todte Kind lag. Aber auf der Schwelle blieb er entſetzt ſtehen. Gene⸗ vidve lag vor ihm auf dem Boden, leblos hingeſtreckt. Den Bemühungen des Arztes gelang es endlich, die 17* Frau in das Leben zurückzurufen. Aber die vielen Leiden und Erſchütterungen hatten ihr eigentliches Weſen ge⸗ brochen. Sie brachte den ganzen Tag, ohne ein Wort zu ſprechen, in unendlicher Hinfülligkeit zu. Schon gegen Abend trat ein heftiges Fieber ein. Sie kannte ihren Mann nicht mehr. Dennoch ſchien es nicht die Krankheit zu ſein, welche im Lazareth wüthete, von der Genevibve jetzt ergriffen war. Der Arzt war in der größten Unruhe und Ver⸗ legenheit. Nur daran gewöhnt, ſeine Schiffskranken zu behandeln, waren ihm die Leiden zarterer Naturen fremd geblieben. Vergebens ſuchte er dem Uebel, welches die arme Frau verzehrte, auf die Spur zu kommen. End⸗ lich erklärte er, daß er noch eines anderen Arztes bedürfe, um mit demſelben zu berathen. Welche neue Qualen für den beklagenswerthen Rogars. Wohl ſah er von fern die Schiffe vorbeiſegeln, die ihm Troſt und Hülfe hätten bringen können. Wohl ſah er am Horizont die Thürme von Breſt. Umſonſt! Er durfte die Inſel Treberon nicht verlaſſen. Er mußte in ſeinem Unglück geduldig ausharren und den bittern Kelch des Leidens bis auf den letzten Tropfen leeren. So vergingen ihm zwei Tage unter endloſen Qualen. Oft lief er zum Meeresſtrande hinab, blickte in die grü⸗ nen Fluthen und rang vergebens nach einem Mittel, in die Stadt zu gelangen. Nach vergeblichem Nachdenken verwünſchte er den Tag, an welchem er die Stelle zu — 261— Treberon, wo er wie ein Gefangener leben mußte, au⸗ genommen hatte, und rechtete mit Gott, daß er ihm ſo harte Prüfungen auferlege. Bald aber demüthigte ſich ſein frommes Gemüth wieder. Er kniete neben dem Bette der Sterbenden nieder und betete für ihre Ge⸗ neſung. Am dritten Tage glaubte er ſeine Bitten erhört. Das Fieber hatte nachgelaſſen und die Kranke fand ihr Bewußtſein wieder. Seine Freude war unbeſchreiblich. Aber Genevibve theilte ſie nicht. „Glaube nicht, theurer Mann, daß ich nun geſund werde,“ flüſterte ſie kaum vernehmlich.„ Zwar iſt die Krankheit bald überſtanden, aber ſie nimmt mich mit ſich fort. Als Du Dich in das Meer ſtürzteſt und die Wellen den Schrei des Kindes zu mir herüber trugen, glaubte ich Euch Beide verloren, und da fühlte ich mein innerſtes Leben gebrochen. Ich fühle, daß es mit mir bald vorbei ſein wird.“ Rogars beruhigte ſie und theilte ihr mit, daß der Arzt wieder Hoffnung gegeben habe. Genevidve blickte ihn traurig an: „Gott weiß, wie gern ich bei Dir bleiben würde; aber freue Dich nicht zu ſehr. Es iſt beſſer, daß Du Dich auf das Schlimmſte gefaßt machſt.“ „Nein, ich vertraue meinem Gefühl. Es ſagt mir, daß Alles gut gehen wird. Mein Herz ſchlägt wieder ſo leicht und froh. Ich bitte und beſchwöre Dich, ge⸗ — 262— winne das Leben wieder lieb, wäre es auch nur meinet⸗ wegen.“ Genevidve legte ihre kalte, feuchte Hand auf die des Freundes und ſagte mit Thränen in den Augen: „Du biſt ſo gut. Wie ſchmerzt es mich in dieſem Augenblicke, daß ich es Dir nun nicht mehr vergelten tann. O, Gott! Seit ich mein Bewußtſein wieder er⸗ langte, quält mich der Gedanke, daß ich Dir niemals dankbar genug war, daß ich meine Pflichten gegen Dich nicht gewiſſenhaft genug erfüllt habe. Matthieu, wirſt Du es mir verzeihen können?“ „Sprich nicht ſo, Genevidve,“ erwiederte der er⸗ ſchütterte Seemann.„Du weißt am beſten, daß ich keine beſſere Frau hätte finden können, und daß es an mir iſt, Dir zu danken.“ „Nein! Nein!“ ſprach die Kranke mit Erregung. „Ich habe es oft an Ausdauer und Geduld fehlen laſſen, nicht allein bei Dir, auch bei den Kindern. O, Joſepha, armes Kind meines Herzens, das zu früh ſterben mußte, wie oft habe ich Dich weinen gemacht. Wie brennen Deine Thränen in meinen Augen. O, Gott! Auch gegen Dich habe ich mich ſo oft verſündigt. Kannſt Du mir verzeihen? Und nach einer Pauſe fuhr ſie fort: „Es iſt unmöglich! Es iſt unmöglich! Rogars, bringe mir einen Prieſter.“ „Du vergißt,“ antwortete traurig der Seemann, „daß die Quarantaine uns verbietet, die Inſel zu ver⸗ laſſen.“ „So iſt mir denn nicht zu helfen,“ ſprach Genevibve und faltete die Hände.„Dem größten Verbrecher iſt es geſtattet, zu beichten, und ich muß ohne Abſolution ſterben.“ Nach einer Pauſe fuhr ſie fort: „Sagteſt Du mir nicht einſt, daß in dem Augenblicke der höchſten Gefahr ein Chriſt dem andern beichten dürfe?“ „Das habe ich allerdings geſagt,“ erwiederte Rogars, „und es iſt die Wahrheit.“ „Nun wohlan,“ ſagte die Sterbende,„ſo höre mich an, denn ich will Dir beichten.“ Sie hatte ſich bei dieſen Worten in ihrem Bette aufgerichtet. Rogars, erſtaunt und ergriffen zugleich, mußte ihr willfahren und machte das Zeichen des Kreuzes über ſie, indem ſie das Gebet leiſe ſprach, welches der Beichte vorangehen muß. Die erſten Strahlen der Sonne beleuchteten dieſe rührende Scene. Genevidve hatte ihren Kopf auf ſeine Schulter geſtützt; man hörte nur ein leiſes Geflüſter, oft von Seufzern und Thränen unterbrochen, und dazwiſchen die Gebete des alten See⸗ mannes. Als die Sterbende ihre Beichte vollendet hatte, nahm Rogars das Crucifix von der Wand, brachte es an ihre Lippen, legte ſegnend ſeine Hand auf ihre Stirn und ſagte in feierlichem Tone: „Möge Gott Dir vergeben, ſo wie ich Dir vergebe, —— — 264— und räume Dir, wenn er Dich mir nicht zu meinem Glücke mehr laſſen will, einen Platz in ſeinem Para⸗ dieſe ein.“ Das Antlitz der Sterbenden nahm einen verklärten Ausdruck an. Sie flüſterte: „Ich danke Dir. Du haſt mich mit meinem Gotte verſöhnt.“ Die Sonnenſtrahlen blickten ſo freundlich durch das Fenſter herein. Sie fuhr lächelnd fort: „Da iſt der neue Tag. Ich hoffte ihn nicht mehr zu erleben. Gott iſt gnädig. Er hat meine letzte Bitte erhört. Schlage Du ſie mir nicht ab, lieber Rogars.“ „Sprich, Genevidve. Alles, was ich thun kann, ſoll geſchehen.“ Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn zärt⸗ lich an: „Sagteſt Du mir nicht, daß der Vetter drüben Deine Zeichen ſehen und verſtehen könne?“ „Ja gewiß.“ „So bitte ich Dich, ihn zu benachrichtigen, Francine auf den äußerſten Felsrand der Inſel zu führen. Du nimmſt mich dann in Deine Arme und trägſt mich bis auf die Spitze des großen Felſens, der in das Meer hinein⸗ ragt. Dann werde ich mein geliebtes Kind noch einmal vor meinem Ende ſehen und ihm liebevoll die Arme ent⸗ gegenſtrecken.“ „Alles ſoll geſchehen, wie Du willſt,“ antwortete — 6— Rogars tonlos, denn auch er hatte von den Todes⸗ ahnungen ſeiner Genevidve angeſteckt, alle Hoffnung auf⸗ gegeben.. „So eile! Sile!“ flehte ſie,„che Gott mich zu ſich ruft.“ Rogars ſtürzte an das Fenſter, kehrte aber augenblicklich zurück mit der Nachricht, daß Francine mit Dorot auf der Felsterraſſe wäre. Die Sterbende ſtieß einen leiſen Freudenſchrei aus. Rogars hüllte ſeine geliebte Frau in einen warmen Mantel und trug ſie behutſam bis zum äußerſten Rande des fel⸗ ſigen Ufers. „Wo iſt ſie?“ rief ängſtlich die Kranke, vom Tages⸗ glanze geblendet.„Wo iſt mein Kind? Ich kann nichts unterſcheiden. Zeige mir das Kind.“ „Siehſt Du zu unſeren Füßen die ſchäumende Bran⸗ dung?“ „Siehſt Du die kleinen Felſenſpitzen, die aus dem Meere hervorragen, und die hellere Woſſerſtrömung?“ „Ja! Jal“ „Und wenn Du die Waſſerſtrömung verfolgſt, ſiehſt Du endlich die Felsterraſſe ſich aus der See erheben. Nicht wahr?“ „Nein, nein! Ich ſehe nichts, als einen dunklen Punkt. Es liegt wie Nebel vor meinen Augen. Wenn 1 — 18 — 266— es zu ſpät wäre! O, Du allbarmherziger Gott! Laß mich nur noch einmal mein Kind ſehen.“ Dieſe Worte wurden in einem ſo ſchmerzlichen Tone ausgeſtoßen, daß Rogars ſeine Thränen nicht zurückhalten konnte. Er drückte ſeine Frau feſter an ſich, ſtützte ihren Kopf mit der einen Hand und verdeckte ihr mit der an⸗ dern die Sonne:. „Muth, meine theure Genevibve. Nimm Deine letzten Kräfte zuſammen. Sieh' noch ein Mal ge⸗ rade aus.“ Sie unterbrach ihn mit einem Freudenrufe:„Da iſt ſie! Da iſt ſie! Sie hat mich geſehen; ſie ſtreckt die Arme nach mir aus. O, Francine, mein theures Kind!“ Sie beugte ſich ſoweit nach vorn, daß wenn Rogars ſie nicht gehalten, ſie den Fels hinunter in das Meer ge⸗ ſtürzt wäre. Ein neues Leben war für einen Angenblick über ihre Züge ausgegoſſen. Sie ſandte dem geliebten Kinde tauſend Küſſe und zärtliche Schmeichelworte. Lachend und weinend zugleich plauderte ſie lange mit ihrem Lieb⸗ ling. Endlich waren ihre Kräfte erſchöpft; ſie hob noch einmal die Hände ſegnend zum Himmel und fiel dann in Rogars Arme zurück. Dieſer wollte ſie in das Haus zurückführen, aber ſie bedeutete ihm, daß ſie unter freiem Himmel bleiben wolle. Er ſetzte ſie auf eine Felsbank nieder, wo die Familie in glücklicheren Tagen oft neben einander geſeſſen hatte. Nach einer langen Ohnmacht ſchlug ſie nochmals die Augen auf und verlangte nach ihrer Tochter. Rogars ſagte ihr, daß Dorot ſie ſchon fortgeführt habe. „Er hat wohl daran gethan,“ ſagte ſie ergeben. „Mein Blick verſchleiert ſich ſchon, ich könnte ſie doch nicht mehr ſehen. Ich habe Dir noch etwas Wichtiges zu ſagen. Komm näher, damit ich ſicher bin, daß Du meine Worte hörſt.“ Rogars kniete vor ihr und hielt ſie mit ſeinen Armen umfaßt. „Du bleibſt nun allein zurück,“ fuhr ſie fort.„An jedem andern Orte könnteſt Du es vielleicht ertragen; aber hier, mitten im Meere, wäre es ein zu hartes Schickſal für Dich, einſam zu bleiben. Wenn ich erſt todt bin, mußt Du Dir eine andere Gefährtin wählen.“ „Niemals!“ erwiederte Rogars beſtimmt. „O, ſchweig!“ flehte die Sterbende.„Wenn ich Dich erſt verlaſſen habe, wirſt Du fühlen, was Dir fehlt, und ich kann nicht ruhig ſterben, wenn ich denken ſollte, es könnte Dir je an etwas fehlen.“ „Genug!“ flüſterte der Seemann mit vor Thränen erſtickter Stimme. „Laß mich zu Ende reden,“ bat ſie.„ Wenn Du den Trauerflor von Deinem Arme nimmſt, mußt Du Dir eine Gefährtin und dem theuren Weſen, das Dir als ein Andenken von mir bleibt, eine Mutter wählen.“ „Was verlangſt Du von mir?“ —6— „Daß Du unſerm Kinde eine Mutter geben ſollſt, die es in der Furcht Gottes erzieht, wie ich es gethan haben würde. Verſprich mir das, Rogars, und ich ſterbe beruhigt.“ Rogars verſprach, von Rührung überwältigt, Alles, was Genevibve verlangte, und als er ſah, daß ihre letzten Kräfte erſchöpft waren, trug er ſie in das Haus zurück und legte ſie auf das Bett. Bald begann der lange, ſchwere Todeskampf, und mit einem Gebete für ihren Gatten und ihre Tochter hauchte ſie ihren Geiſt aus. Am folgenden Tage wurde das Grab, worin Joſepha ruhte, nochmals geöffnet, um Genevidve zu empfangen. Mutter und Tochter ruhten nun wieder beiſammen. Durch Zeichen von dem Vorgefallenen in Kenntniß ge⸗ ſetzt, führte Dorot Francine nochmals auf die Terraſſe und ließ ſie knieend für ihre Mutter beten, deren Leiche auf dem andern Eiland zu Grabe getragen wurde. Als Geneviöve zum Opfer gefallen war, ſchien der Todesengel verſöhnt. Vierzehn Tage ſpäter war die gelbe Flagge vom Lazarethſverſchwunden und die ſchwarze Schaluppe brachte die Geneſenen an Bord der Thetis. Ein Mann mit weißen Haaren und ein blondlockiges Kind in Trauerkleidung blieben allein auf der einſamen Inſel zurück. ———— —— Dns Pestsrhiff. Bwei Eilande ragen aus der Nordſee in der Entfernung von einer halben Meile empor. Das Eine, deſſen ſtarker granitner Fuß, jählings abfallend, in der Tiefe wurzelt, iſt mit fruchtbarer Erde und dichten Waldbäumen bedeckt. Unter den hohen Tannen liegt ein einſames Haus, von blühenden Beeten umgeben, weshalb es die Küſtenleute von weit und breit den Garten nennen. Ein alter See⸗ mann wohnte hier unlängſt, der von langen Seezügen ermüdet, die erſehnte Heimath unter dieſem Dache fand. Jetzt deckt ihn die kühle Erde und Jerta, ſeine jugendlich⸗ ſchöne Tochter, geboren unter einem ſüdlichen Himmel, wartet des Grabes. Das zweite Eiland, lang und öde in die See hinein⸗ geſtreckt, mit einer abgeplatteten Oberfläche, hat in ſeinen äußeren Umriſſen die Geſtalt eines Sarges. Es iſt kein Aufenthalt der Glücklichen. Kein Vogel niſtet dort, wo — 272— kein Baum, kein Strauch ihm ſeine Jungen ſchirmt. Der Menſch allein hat auf dieſem unfruchtbaren Stein ſeine Hütte erbaut; aber ihre Thür öffnet ſich keinem glück⸗ lichen Gaſte. Wer hier ſeine Einkehr hält, iſt bereits einem traurigen Schickſal verfallen. Auf dem äußerſten Vorſprung der Inſel liegt eine ſtarke gemauerte Schanze. Sie iſt mit Kanonen beſetzt und in der Mitte derſelben ſteht eine Flaggenſtange. Wehe dem Schiffe, das ſich dieſer öden Klippe naht, wenn von jener Stange eine bleichgelbe Flagge weht. Sie iſt das Zeichen der Peſt. Dies Eiland iſt der letzte Zufluchtsort der Hoffnungsloſen, welche die Welt ausſtieß. Wenn aber von der hohen Stange die gelbe Flagge nicht abweht, dann iſt zwiſchen dem Garten und dem Sarge ein zeitweiliger Verkehr. Der Quarantainevoigt iſt ein vom Unglück verfolgter Schiffer, der von der See nur einen ſiechen Körper heimbrachte und hier eine ärm⸗ liche Verſorgung fand. Er wurde dem Capitain des Gartens lieb und Beide beſuchten ſich öfters. Mit den Vätern kamen auch die Kinder zuſammen, und Jerta hatte ſtets einige Blumen oder Beeren in ihrem Körb⸗ chen, die Osrick auf ſeiner kahlen Klippe ſonſt nicht zu ſehen bekam. So fanden ſich die Kinder in unſchuldiger Neigung zuſammen und dieſe wuchs mit den Jahren zur innigften Liebe. Jerta's Vater war hinüber geſchlummert und hatte —— ihr die an fremden Küſten erworbenen Schätze hinter⸗ laſſen. Der Quarantaine⸗Voigt blieb vereinſamt auf ſeinem Sarge. Osrick, der ſchnell heranwuchs, wurde von einer unbezwinglichen Begier auf die See hinaus⸗ getrieben. Ihm war es, als müſſe er das Glück auf⸗ jagen und an ſich feſſeln, das den armen Vater ſein Leben lang neckte und irre führte. Oft, wenn der junge Seemann, von kurzen Seereiſen heimkehrend, zu dem Garten emporſtieg, bat ihn Jerta mit Thränen in den Augen, ſich mit dem begnügen zu laſſen, was ſie beſäße und mit ihr nach dem reichen Süden zu ziehen, der ihre eigentliche Heimath war. Aber Osrick vermochte nicht von ſeinem Vater zu laſſen und wollte nicht aus Jerta's Händen empfangen, was er dem eigenen Verdienſte zu danken hoffte, um ihrer würdig zu ſein. So ſchieden ſie ſtets mit kummerbelaſteten Herzen. getzt waren zwei Jahre vergangen, ohne daß ſie den Geſpielen ihrer Jugend ſah. In einem Briefe hatte er es ihr angezeigt, daß er ein großes Glück gemacht habe. Er war zum erſten Offizier einer Kauffahrtei⸗Brigg empor⸗ geſtiegen. Auf einer langen und gefahrvollen Reiſe war der Capitain erkrankt und geſtorben. Als er dem Eigner der Brigg Schiff und Ladung unverſehrt übergab, fand dieſer an dem jungen, friſchen Seemann ein ſolches Ge⸗ fallen, daß er ihm ſofort das Commando dieſes ſchönen Schiffes antrug. Osrick jubelte laut auf und ſteuerte Meeresſtille und hohe See. 18 — — 274— mit tauſend roſigen Hoffnungsträumen ſeiner neuen Be⸗ ſtimmung entgegen. Jerta ſaß auf einer Steinbank, die auf der äußerſten Spitze des Gartens errichtet war. Neben ihr ſtand Skuld, eine blühende, junge Nordländerin. Sie war mehr Geſpielin, als Dienerin. Die Blicke der jungen Herrin ſchweiften längs dem Horizont. Sie beugte ſich vornüber und die Geſpielin zog ſie erſchrocken zurück und rief: „Siehſt Du nicht die Brandung unter Dir? Wie leicht faßt Dich ein Schwindel und Du ſtürzeſt hinab in die Tiefe.“ „Fürchteſt Du Dich vor der brandenden See und biſt eine Tochter des Nordens?“ fragte Jerta lachend. „Ich bin im Süden geboren, wo die goldenen Aepfel an immergrünen Bäumen reifen, und fürchte ſie nicht. Sie iſt mir von Jugend auf tren geweſen und hat mich oft auf ihren Wellen gewiegt. Sie wird auch jetzt meine Bitten erhören und mir meinen Osrick bringen.“ „Sie wird es,“ antwortete Skuld.„Aber ſie thut es erſt dann, wenn ſie ihn mit ihren Armen zu faſſen vermag. Wer weiß, wo der Ruheloſe jetzt weilt; woran er denkt und was er treibt. Die Menſchen werden an⸗ ders, wenn ſie es zu etwas bringen und Osrick iſt ein vornehmer Capitain geworden.“ „Ich bin Dir böſe, weil Du mir den Freund ver⸗ dächtigen willſt,“ ſagte Jerta und eine Wolke des Un⸗ —* muths flog über ihre Stirn.„Aber es gelingt Dir nicht.“ Sie ſah der Freundin in das treue Auge und fuhr fort: „Nein, ich zürne Dir nicht, da ich weiß, daß Du dieſen Zweifel nur ausſprichſt, um meine Sehnſucht zu mildern, denn Du ſiehſt wohl, daß ſie mich verzehrt.“ Die beiden Jungfrauen umarmten ſich und Jerta ſagte, durch Thränen lächelnd, nach einer Weile: „Wenn mein Osrick aus dem ſchönen Süden heim⸗ kehrt, dann ſollen auch für Dich Frendentage anbrechen. Ich habe es wohl geſehen, daß Ole Steen, wenn er mit einer Botſchaft von dem Sarge herüberkommt, nur Augen für Dich hat. Und Du, Schelmin, ſiehſt das Boot, welches ihn trägt, immer zuerſt, wenn es auch noch ſo weit entfernt iſt. Osrick wird auf ſeinem Schiffe einen Platz für den ſchmucken, jungen Matroſen haben, und Du ziehſt dann mit mir in die blumenduftigen Thäler, wo die Sterne golden blinken und die See vom Purpur widerſtrahlt.“ „Wer weiß, wo dieſe Blumenthäler liegen und wo die goldenen Aepfel reifen, womit Du mich laben willſt,“ erwiederte Skuld mit einem trüben Lächeln. Dabei fiel ihr Blick auf den ſteinernen Sarg, über den gerade eine dunkle Wolke hinzog. Sie ſchauerte zuſammen und ging dem Hauſe zu. gerta aber blickte unverwandt auf die See. Plötz⸗ 18* — 276— lich deckte ein flammendes Roth ihre Stirn und ſie ſchrie laut auf: „Ein Segel! Er iſt es!“ Dann aber hatte ſie es wieder aus den Augen ver⸗ loren und konnte es in der auf⸗ und abwogenden Fluth nicht wieder finden, wie ſcharf ſie auch umherblickte. Es war auch kein Segel geweſen, ſondern das Blin⸗ ken einer zuſammenbrechenden Welle, über welche eine Möwe hinſtrich, die von dem letzten Schimmer des Abends angeſtrahlt wurde. Wo waren Oösrick und ſein gutes Schiff, nach wel⸗ chen Jerta ſich ſo ſehnte? Keine Kunde kam davon nach dieſen entlegenen nordiſchen Inſeln. Der Quaran⸗ taine⸗Voigt ging ungeduldig auf ſeinem Felſen hin und her. Jede Mahnung, die von Jerta an ihn gelangte, wies er mürriſch zurück. Aber im innerſten Gemüth war er tief bekümmert, daß er keinen Troſt hatte für die liebende Jungfrau. Da liegt die Mittellandsſee im vollen Glanze vor uns. Von fern herüber winkt das ſchwarze Meer und die mächtige Halbinſel, welche zwiſchen Beiden ruht, iſt das feuerathmende Natolien. Die langgeſtreckten Ge⸗ birgsketten des Taurus und Anti⸗Taurus durchziehen es und über die ſtolzen Kuppen ragt der dreizehntauſend — S Fuß hohe Argäus wie ein Rieſe in den klaren Morgen⸗ himmel hinauf. Eine Brigg, ſchmuck getakelt und handlich zu ſteuern, ſchießt mit vollen Segeln in die weite Seebucht hinein, welche man das Smhrnaer Meer nennt und ſteuert der Mündung des Meles zu, an deſſen Ufern, einen Berg hin⸗ anſteigend, die reichſte Handelsſtadt des Orientes, das goldene Ismir, welches die europäiſchen Seefahrer Smyrna nennen, ſich ausbreitet. Da liegt das ſtolze Handels⸗Emporium der Levante, mit ſeinem von Schiffen ſtrotzenden Hafen, ſeinen hunderttauſend buntgemiſchten Einwohnern, die den Werth der von ihnen im Laufe eines Jahres verſendeten Waaren nach Millionen be⸗ rechnen. Ein buntes Gewimmel iſt in dieſen engen, ſich zu einem kaum zu entwirrenden Labhrinth verkettenden Stra⸗ ßen. Türken, Griechen, Armenier, Juden und Franken ſtreichen raſtlos aneinander vorüber. Alle, die hier wan⸗ dern, ſind verſchieden in Glauben, Sitten und Gewohn⸗ heiten und jagen nur einem Phantom nach— dem Gewinn. Es ſtrömt herab aus dem hochgelegenen Tür⸗ kenquartier, es ſtürmt hinauf aus dem untern Theil der Stadt, wo die Griechen und Armenier wohnen; es prallt auf einander, ſich drängend und ſtoßend, ſich gegenſeitig verwünſchend, von dem Hafen nach der Börſe, von der Börſe nach dem Hafen ſich fortwälzend, ſich beneidend und anfeindend und wo es irgend möglich, ſich ein Bein 9— ſtellend. Zwiſchen ihnen durch ſchreitet der Franke, der aus ſeinem Quartier, wo luftige Häuſer in regelmäßigen Straßen ſtehen, in das fortbrauſende Gewühl tritt. Er ſieht mit einem Blicke der Ueberlegenheit auf die 8 verwahrloſten Kinder des Orients herab. Ernſt beſorgt er ſeine Angelegenheiten und kehrt dann wieder nach dem Franken⸗Quartier zurück, an deſſen ſtattlichſten Häuſern die Wappen der Conſuln prangen, von deren Dächern die Flaggen der Souveraine wehen, deren Stellen ſie hier vertreten und die Gerechtſame der Menſchen wahrnehmen, die von ihrem Vaterlande an dieſe Küſte verſchlagen ſind. Auf eines dieſer Häuſer, deſſen Portal mit dem Wappen einer hohen nordiſchen Macht geſchmückt iſt, ſchreitet ein junger Mann in ſeemänniſcher Tracht zu. Seine blauen Augen glänzen hell und ſein goldblondes Haar ringelt in natürlichen Locken auf die Schultern herab. Es iſt der Capitain der ſchmuckgetakelten Brigg, die den Meerbuſen von Smhrna durchſchnitt und ſeit einer Stunde wohlbehalten vor Anker liegt. Der Offi⸗ zier wird mit freundlicher Gaſtlichkeit empfangen und kehrt nach einiger Zeit mit den beſten Verſprechungen an Bord ſeines Schiffes zurück. Nachdem er ſeine Be⸗ fehle ertheilt, ſteigt er in die Kajüte hinab und ſteht vor einem Gemälde ſtill, welches einen Theil der Rückwand einnimmt. Das iſt die Nordſee, die dort auf⸗ und ab⸗ wogt und die Eilande, woran ſie aufbrandet, ſind der — Garten und der Sarg. Träumend ſteht er vor dieſem Bilde und ſagt vor ſich hin: „Noch dieſe Reiſe und wir werden uns wiederſehen, theure Jerta!“ Der neue Tag bricht an. Am Bord der Brigg iſt ein reges Leben. Die Luken, die in den Raum führen und gegen Regen und Seewaſſer wohl verſchalkt ſind, werden geöffnet. Der Ladebaum wird aufgerichtet; die ſchwere Gien⸗ und andere leichte Takeln werden daran befeſtigt. Die Stunde der Entlöſchung iſt gekommen und da die Brigg bereits für eine neue Fracht gewonnen iſt, arbeitet ſie mit doppelter Mannſchaft, um den Raum frei zu machen. Endlich, mit dem Schluſſe des dritten Tages, iſt das eine Werk gethan und das andere kann mit dem nächſten Morgen beginnen. Der Capitain und ſeine Offiziere entwickeln eine energiſche Thätigkeit. Die Mannſchaft, durch Beiſpiel und lockende Verſprechungen angefeuert, will nicht zu⸗ rückbleiben. Noch drei andere Tage verſtreichen und der größte Theil der neuen Güter befindet ſich binnen Bords. Endlich kommt der erſehnte Schluß: Koſtbare Stoffe in aller Pracht und Farbengluth des Orients; die ſelte⸗ neren Früchte des Südens, die edelſten Gewürze. Der Duft, den ſie ausſtrömen, wirkt faſt betäubend. Als das letzte Stück unter Deck und wohl verſtauet iſt, giebt der Bootsmann den Befehl, die Lucken zu dichten und Alles ſeefeſt zu machen. Sie haſten ſich ab, als ſei die größte — 280— Gefahr im Verzuge. Noch zwei Tage verſtreichen, wäh⸗ rend welcher die Papiere in Ordnung gebracht und die Lücken in der Proviantkammer ergänzt, die Waſſerfäſſer ₰ gefüllt werden. Die Brigg iſt ſegelklar und der Hafen⸗ meiſter begiebt ſich an Bord. Aufrecht ſteht Jeder bei ſeinem Werk und wartet der Ordre vom Halbdeck;— der erſte Offizier ſteht am Steuerbord und hält ſeinen Lugaus nach dem Lande. Von dort kommt das Conſular⸗Boot mit dem königlichen Wimpel. Der Conſul geleitet den jungen Capitain ſelbſt an Bord. Und kaum hat dieſer das Verdeck betreten, als der Anker auf und nieder gewunden wird und die Segel von den Raaen fallen. Die Marsſegel werden gehißt; die Schooten der Unterſegel fallen vor und durch die Mündung des Meles ſteuert die Brigg in den Meer⸗ buſen von Smyrna hinaus. Faſt eine Woche iſt die Brigg draußen. Die Strecke, welche ſie zurücklegte, iſt eine geringe. Während der er⸗ ſten Tage briſete es friſch und der ſilberne Schaum rauſchte zu beiden Seiten des Buges hin. Aber nach dem vierten Etmal ſchralte der Wind. Er ward ſchwä⸗ cher und füllte nur noch die leichten Oberſegel, während die ſchweren Unterſegel zeitweiſe aufbauchten und dann klatſchend an den Maſt zurückſchlugen. Ein Leichtmatroſe ſtand auf der Ankerwinde und pfiff.„ — 281— Der Bootsmann fuhr ihn deshalb an und der Junge erwiderte: „Will'n locken.“ „Wen willſt locken?“ fragte der alte Seefahrer. „Haſt noch nicht gehört, daß wenn Einer pfeift, ohne vorher ſeinen Morgenſegen, oder ſonſt etwas Geiſtliches herzuſagen, er alles Unheil an Bord zuſammen pfeift?“ „Weiß es, Bootsmann, und habe gebetet, antwortete der Leichtmatroſe.„Ueb' immer Treu und Redlichkeit, ſang des Vaters Nachbar am Morgen, als er Abends unſere letzte Speckſeite ſtahl und ich bete es ihm nach, weil es ſo geiſtlich klingt. Denke, die Briſe wird kommen.“ „Ja! Sie wird kommen. Aber der Teufelsſpuk mit ihr, weil Du die Sprüche eines Speckdiebes beteſt.“ „Wie kann ein Teufelsſpuk an Bord eines chriſtli⸗ chen Schiffes kommen?“ fragte der Leichtmatroſe.„Be⸗ antwortet mir das, wenn Ihr es wißt.“ „Auf einem wohl disciplinirten Schiffe fragen die Offiziere und die Jungens antworten!“ ſagte der Boots⸗ mann hochfahrend, da er keine andere Antwort wußte. Herunter da von der Ankerwinde und thue ſofort Dein Werk.“ „Ich habe es ſchon gethan antwortete der Leicht⸗ matroſe im Herabſteigen. „Dann thue es nochmals und halte den Mund, ſonſt giebt es Hanfaale ohne Butter, aber aus Pfeffer und — 282— Salz!“ ſchalt, ſich entfernend der Bootsmann und brummte vor ſich hin: „Dieſe grünen Jungens werden immer dreiſter. Man ſollte die Schulmeiſter bei den Beinen aufhängen, weil ſie ihnen ſo viele Gelehrſamkeit beibringen. Wie ſoll ich wiſſen, weshalb der Teufel ſich mit dem Chriſtenthum zuſammen giebt? Aber daß es geſchieht, will ich be⸗ ſchwören und wenn er uns nicht das ſtehende und lau⸗ fende Gut von oben herab auf die Köpfe wirft, ſo häm⸗ mert er zu unſern Füßen, bis er die Nägel aus dem Kiel geſtampft hat und von unten auf an die Deckplan⸗ ken ſchlägt.“ Der alte Seeſchwalker ſchauerte zuſammen, als er dieſe Worte ſprach. Er ſuchte ſeine Hängematte und ſank in einen traumähnlichen Schlaf. Als er jäh aus demſelben emporfuhr, vernahm er unter ſich ein ſchwa⸗ ches Hämmern. Er dachte an den Teufelsſpuk, den er vorher dem Leichtmatroſen prophezeite und eilte mit glü⸗ hendem Geſichte auf das Verdeck. Hier hatte ſich ſeit Kurzem eine handliche Briſe eingeſtellt. Die Brigg lief eine friſche Fahrt. Der Leichtmatroſe, der den Boots⸗ mann kommen ſah, rief ihm zu: „Es iſt noch eine Stunde, bevor Eure Wache beginnt, Herr. Wollt Ihr nicht wieder hinunter gehen? Ich rufe Euch zur rechten Zeit.“ Der Bootsmann ſchüttelte mit dem Kopfe und blieb. Wäre er hinunter gegangen, ſo würde er das leiſe — 283—— Hämmern abermals gehört haben. Durch eine Spalte der Scherwand, welche das Volkslogis von dem belade⸗ nen Zwiſchendeck trennt, ſchimmerte ein Licht. „Wer iſt ſo verwegen, in die Räume zu dringen, wo die Waaren lagern, welche die Landesflagge deckt? Wer legt Hand an die Ladung, die der Capitain, ſoviel an ihm iſt, ſchirmen und unverſehrt heimbringen ſoll, bei Verluſt von Ehre und guten Leumund?“ Zwei Matroſen ſind es. Kühne, wagehalſige Ge⸗ ſellen, die ein unbezwingliches Gelüſte nach einer der Ki⸗ ſten tragen, deren Deckel mit einer Flaſche bemalt iſt. Den letzten Tag kamen ſie an Bord und die Matroſen vermuthen einen herzſtärkenden Tropfen darin. Mit einem Brecheiſen haben ſie den Eingang in das Zwi⸗ ſchendeck erzwungen. Die losgebrochene Planke wird leiſe angelegt und die Nachforſchungen beginnen. Die Kiſten, welche ſie ſo emſig ſuchen, ſind nicht aufzufinden. Der Steuermann hat ſie zu ſchlan zu verſtecken gewußt. Mit ſteigendem Verdruß kriechen ſie von einem Winkel nach dem andern, fluchend über jede fehlgeſchlagene Hoffnung. Da entdecken ſie ein Faß und ſind ſchnell mit dem Boh⸗ rer zur Hand. Knirſchend frißt ſich dieſer durch das Holz und eine gelbe Maſſe drängt ſich durch die Oeff⸗ nung. Es iſt nicht Wein, es iſt Oel, das unaufhaltſam hervorquillt. Sie ſchreien laut auf und ſehen ſich ſtarr in das Geſicht. Endlich faſſen ſie ſich und ſuchen den angerichteten Schaden ſo wirkungslos als möglich zu 284— machen. Während der Eine mit ſeinem Daumen das Bohrloch ſchließt, wirft ſich der Andere auf einen Baum⸗ wollenballen, trennt die Hülle mit ſeinem Meſſer und dreht daraus einen Propfen, womit er die Oeffnung ver⸗ ſtopft. Das Oel hört auf zu fließen. Die Schiffsdiebe athmen auf. Sie kriechen durch die losgebrochene Planke aus dem Zwiſchendeck, löſchen die Laterne aus und ſchleichen ſich nach ihren Hänge⸗ matten. Es hat ſie Niemand bemerkt. Aber der Mann, der die Umhüllung von der Baumwolle abtrennte, be⸗ ginnt zu zittern. Ein leiſes Fröſteln rieſelt über ſeinen Leib und ſchüttelt ſeine Knochen an einander. Kalte Schweißtropfen treten ihm vor die Stirn. Ihm iſt es, als athme er auch hier den erſtickenden Geruch, der ihm aus dem Ballen entgegen ſtrömte. Er will laut auf⸗ ſchreien, aber er vermag es nicht. Mit dumpfem Stöh⸗ nen ſinkt er in ſeine Hängematte zurück. Der Wind friſcht auf und jagt die Brigg mit flie⸗ gender Eile vor ſich her. Der Offizier der neu antre⸗ tenden Wache muſtert ſeine Mannſchaft. Ihm fehlt Einer. Es iſt der Burſche, der den Pfropfen für das angebohrte Oelfaß drehte. Sein Gefährte tritt vor und ſagt: „Der Nils iſt krank, Herr. Denke, es hat nicht viel auf ſich. Morgen wird er wieder friſch ſein. Aber in dieſem Augenblick kann er nicht auf den Füßen ſtehen. — 285— Laßt ihn liegen, Herr. Ich werde ſeinen Turnus am Steuer aushalten.“ „Ich kenne den Nils,“ entgegnet der Ofſizier.„Er iſt ein liederlicher Burſche und hat ſich betrunken. Wenn er morgen nüchtern iſt, ſoll er ſeiner Strafe nicht ent⸗ gehen.“ Die Nacht geht ruhig vorüber. Am andern Tage fliegt die Brigg durch die Straße von Gibraltar und ſchießt hinaus in die ſpaniſche See. Der Offizier, der geſtern einen Mann von ſeinem Wacht⸗ volk vermißte, hat wieder den Dienſt. Er muſtert ſeine Leute und vermißt denſelben Mann. Auf ſeinen Befehl läuft einer der Schiffsjungen in das Volkslogis, um ihn zu ſuchen. Nach wenigen Augenblicken kehrt dieſer auf das Verdeck zurück, vorwärts getrieben von banger Furcht, alle Zeichen der Todesangſt im Geſicht. Er ſtürzt zu den Füßen des Offiziers und ruft mit ängſtlich⸗bebender Stimme: „Der Nils iſt ganz ſchwarz geworden. Seine Augen leuchten wie zwei glühende Kohlen.“ „Der Junge iſt toll!“ ſchilt der Offizier. Aber das Wort ſtirbt ihm auf der Zunge. Ein böſes Ahnen fliegt ihm durch den Sinn. Da entſteht auf dem Vorderdeck ein augenblicklicher Tumult. Das ganze Wachtvolk iſt —— 286— —5 dort verſammelt und bildet einen unentwirrbaren Knäuel. „Was giebt es da vorn?“ ruft der Offizier, auf der Scheide des Halbdecks ſtehend. „Peſt am Bord!“ hallt eine Stimme aus dem dich⸗ ten Haufen zurück. Wie ein Schrei des Verderbens fliegen dieſe Worte von einem Ende der Brigg, bis zum andern. Das Wachtvolk zur Koje hört ihn und fliegt in der größten Verwirrung das Deck hinauf. Die Offiziere vernehmen es in ihren Kammern und Capitain Osrick, der alsbald erſchien, fragt mit heller Stimme: „Wer wagt es, ein ſo unbedachtes Wort auszu⸗ ſprechen?“ „Ich, Herr!“ antwortet der Bootsmann, reſpektvoll vortretend.„Der Nils aus Stavanger iſt davon be⸗ fallen und hat ſo eben den Geiſt aufgegeben. Dachte wohl, daß ein Unheil über uns kommen würde, denn der Wind iſt gottloſer Weiſe aus ſeiner Ruhe gepfiffen und dann kommt der Teufel allemal über ehrliche Chriſtenmenſchen und wirft ſie nieder. Das hat uns der Türke auf den Hals gehetzt.“ „Schwatzt nicht ſolches unſinnige Zeug!“ unterbricht ihn der Capitain.“„Wo iſt der Todte?“ „Habe befohlen, ihn in ſeine Hängematte einzuſchnü⸗ ren und dann über Bord zu werfen. Aber die Kerle fürchten ſich und wollen nicht Hand anlegen!“ erwidert der Bootsmann.„Die Wahrheit zu geſtehen, Herr,“ ſagt — er leiſer,„verdenke ich es ihnen nicht, denn es iſt kein kleines Werk.“ „Feiges Volk ſeid Ihr und einfältiges Geſindel dazu,“ ſpricht Capitain Osrick.„Wenn Ihr Euch fürchtet, einem von Euren Maaten den letzten Dienſt zu erweiſen, ſo will ich es thun. Was ſcheltet Ihr die Türken, da Ihr doch drei Mal größere Heiden ſeid, als ſie?“ Der Capitain ſteigt nach dieſen Worten in das Volks⸗ logis herab. Der Bootsmann folgt ihm, indem er vor ſich hin brummt: „Will mit ihm gehen, da ich nun doch einmal Deck⸗ Offizier bin und mir den Reſpekt nicht verkürzen darf. Aber es rieſelt mir über den ganzen Leib und ich fühle kalte Tropfen auf der Stirn.“ Die Matroſen ſtehen mit bleichen Geſichtern und ſchlotternden Knieen umher, als ſie ſehen, daß die Offiziere in das Zwiſchendeck hinabſteigen. Es wird Abend. Der Matroſe Nils wird über Bord gelantſcht und ſein Maat, der mit ihm den nächtlichen Raubzug beſtand, fält, vom Fieber geſchüttelt, in die Kniee. Die Krankheit iſt am Bord der Brieg heimiſch. Die Briſe blieb günſtig. Aber ein paniſcher Schrecken herrſchte am Bord. Alle Bande der Ordnung waren gelsſt. Nur mit Mühe hielten die drei Offiziere die — 288— Fahrt aufrecht. Einer von ihnen ſtand am Steuer; die beiden Andern mühten ſich mit der Stellung der Se⸗ gel ab. Das Volk rottete ſich zuſammen und ſprach eifrig miteinander. Dann drangen ſie in geſchloſſener Reihe zum Halbdeck vor. Capitain Osrick trat ihnen mit ge⸗ waffneter Hand entgegen. „Thut die Dinger weg, Herr,“ rief der Zimmermann der ſich zum Wortführer aufſchwang.„Es denkt kein Menſch daran, Euch ein Leides zu thun. Aber das Un⸗ glück, welches über uns gekommen iſt, fordert, daß wir es zu bewältigen trachten und ich denke, Ihr werdet einem vernünftigen Worte nicht abgeneigt ſein.“ „Redet!“ „Die Türken haben die Peſt in unſer Schiff gebracht. Bleiben wir an Bord, ſind wir Alle geliefert. Laufen wir irgendwo binnen, ſtellt man uns unter Quarantaine und wir ſind nicht beſſer daran, denn der Giftſtoff bleibt in unſerer Nähe. Darum wollen wir uns davon machen, ſo lange wir noch geſund ſind. Laßt uns das nächſte Land andienen und mit den Böten landen. Jeder zieht dann des Weges, der ihm gefällt und wir ſind ge⸗ borgen.“ „Und das Schiffd Und die Ladung?“ entgegnete der Capitain.„Und die Verantwortung, die mich trifft, wenn ich das Alles, nach Euerm Rathe, treulos preis⸗ gebe?“ — 99— „Was kümmern uns Schiff und Ladung!“ kreiſchte eine Stimme aus dem Haufen.„Erſt kommen wir ſelbſt und dann die Andern. Wollt Ihr unſern Vorſchlag an⸗ nehmen?“ „Das heißt,“ antwortete der Capitain Osrick raſch, „wollt Ihr ein ehrloſer Schurke ſein, der anvertrautes Gut dem Winde und den Wellen überliefert, um ſein nacktes Leben zu retten? So mir Gott in meiner letzten Stunde gnädig ſei, ich will es nicht.“ „Dann ſetzen wir Euch vom Commando ab!“ rief der Zimmermann entſchieden.“ Denke wohl, daß wir die Verantwortlichkeit dafür übernehmen können.“ „Der Erſte, der die Hand nach mir ausſtreckt, iſt des Todes!“ ſprach Capitain Osrick kaltblütig und legte das Piſtol an. „Ihr tödtet den Eyſten vielleicht, dafür drückt Euch ganz gewiß der Zweite die Kehle zu!“ ſagte der Zim⸗ mermann.„Packt an alle Mann zugleich.“ Die Maſſe ſtürzte ſich, wie eine erhitzte Meute auf den Capitain. Das Piſtol ging los und verwundete einen Matroſen. Die Andern hatten den Capitain bald be⸗ wältigt und nöthigten ihn, in die Kajüte zu gehen. Der Zimmermann rief ihm nach: „Bleibt dort unbeläſtigt. Wir werden das Land allein finden und wenn der Kiel auf den Strand rennt, könnt Ihr denken, daß wir auf und davon ſind. Es Meeresſtille und hohe See. 19 — 290— ſteht dann noch immer in Euerm Belieben, zu handeln wie Ihr wollt.“ Sie zogen die Kajütskappe dicht zu und warfen die Thür in's Schloß. Capitain Osrick war von ſeinen Offizieren getrennt, allein in der dumpfigen Kajüte, in der nächſten Nähe des Zwiſchendeckes, wo in den Baum⸗ wollenballen der Giftſtoff lauerte, der Verderben über das Schiff brachte. Die Hülfloſigkeit, worin er ſich be⸗ fand, bewältigte ihn ſo ſehr, daß er ohnmächtig nieder⸗ ſank. Aber nicht lange dauerte dieſer Zuſtand der Schwäche. Die Energie des Geiſtes kehrte wieder und er ſann, wie er ſeiner Gefangenſchaft ledig werde. Unter dem Boden hing die Lampe. Er zündete ſie an und verſtopfte dann mit einer wollenen Decke die Höhlung des oberen Fenſters, damit die Matroſen ver⸗ hindert würden, ihn zu beobachten. Er hatte ſeine Ar⸗ beit ſo ſorgfältig gemacht, daß auch nicht der geringſte Schimmer durchdringen konnte. Nun warf er einen Blick auf die in dem Spiegel angebrachten Kajütsfenſter. 3 Nur durch dieſe allein war eine Verbindung mit der See möglich. Dieſe mußte er daher öffnen. Das Ge⸗ räuſch, welches die Arbeit verurſachte, konnte man vom Verdeck aus vielleicht hören; zu ſehen vermochte man nichts davon. Das Oberfenſter war verdeckt und die Heckjolle hing als Schutz über ihm. Mit großer Mühe gelang es ihm, ohne Hülfsmittel die Surrings zu löſen, wodurch die Fenſter gehalten wurden. — 291— Es ward tiefe Nacht draußen. Die Jolle, welche hinderte, daß man ihn von oben herab bemerkte, wenn er den Kopf aus einem der Fenſter ſteckte, ſchnitt auch ihm jede Ausſicht nach oben ab. Er ſah nichts, als das Schäumen des Waſſers um die Hacke des Steuers und das Blinken der See im Kielwaſſer. Auf dem Verdecke war Alles ſo ſtill, als ob die ſtrengſte Subordination am Bord herrſchte. Die Rebellen hatten den Steuer⸗ mann gezwungen, ihnen den Cvurs anzugeben, der nach dem nächſten Lande führte und dieſer, um Mißhandlun⸗ gen zu entgehen, hatte es gethan. Er hoffte, man werde ihn darauf freilaſſen und er ſich dem Capitain nähern können. Aber er verrechnete ſich. Man hatte ein ſcharfes Auge auf ihn. Der Mann am Steuer ward abgelöſt und gab ſeinem Nachfolger den Cours an. Capitain Osrick hörte es. Darauf ward es wieder ſtill. Plötzlich ſchlug ein herz⸗ zerreißendes Kreiſchen an ſein Ohr. Es ward hin und her gerannt. Dann ward es wieder ſtill und erſt nach einer Pauſe vernahm man außenbords einen dumpfen Schall. „Ein neues Opfer iſt gefallen!“ fagte der Capitain Osrick vor ſich hin.„Ich muß aus dieſem Gefängniſſe entkommen, auf welche Weiſe es immer ſei.“ Und, ſich ermannend, begann er auch das letzte Fenſter zu öffnen.— Das erſte Morgengrauen brach durch die — Ueber ſeinem Kopfe entſtand ein furchtbares Getrampel. Der kundige Seemann erkannte bald, welche Art von Arbeit man ausführe und daß die ruhige See, welche die Brigg ſo ſanft umſchloſſen hielt, dieſe Arbeit be⸗ günſtige. „Sie rüſten die Böte zur Abfahrt und beginnen da⸗ mit, die Heckjolle ins Waſſer zu bringen,“ ſprach er vopſich hin„Wenn ſie Aber er konnte es nicht ausdenken, denn ſchon ſauſte die Jolle an den Kazütsfenſtern vorbei in die Fluth. Der Mann, der ſich darin befand, um die Takeln aus⸗ zuhaken und die Fangleine gehörig zu befeſtigen, mußte mit Blindheit geſchlagen ſein, ſonſt hätte er die offnen Kajütsfenſter ſehen müſſen. Aber die Angſt vor dem ſchwarzen Tod nahm alle ſeine Sinne gefangen. Er verrichtete mechaniſch ſein Werk und enterte auf der ihm zugeworfenen Sturmleiter wieder zu Deck. Capitain Oösrick ſah das Alles mit klopfendem Herzen an. Es war als ob ein Traumbild an ihm vorüber ſchwebe. Da blitzte in der Kimmung des Horizontes der erſte Vorbote der aufgehenden Sonne und ſtreute roſiges Licht umher Oörick ſah in die aufleuchtende See und ſchrie vor und Entzücken laut auf, denn auf Kan gein Orlogſchiff vor ihm auf der ſpie Nit bebenden Knieen lehnte ſich üſtung hinaus und maß mit den Orlogſchiffes von dem ſeinigen. — 293— dann warf er einen Blick auf die Heckjolle, die an der Fangleine hängend im Kielwaſſer nachſchleppte und ein Strahl der Freude leuchtete aus ſeinen Augen. Auf dem Verdeck gingen der Zimmermann und der Bootsmann auf und ab. Der Teufel war über den Letztern gekommen und hatte ſeinem Chriſtenthum ſo völlig den Garaus gemacht, daß er offen zu den Rebellen übertrat. „Er ſitzt in ſeiner Kajüte warm,“ ſagte der treuloſe Deckoffizier höhnend,„und braucht nicht, wie wir, in der Morgenkühle mit den Zähnen zu klappern. Macht Euch keine unnützen Grillen.“ „Er hat unſern gerechten Bitten nicht nachgegeben und iſt deshalb unſer Gefangener,“ antwortete der Zim⸗ mermann, der das Haupt der Verſchwörung war.„Aber es iſt nicht nöthig, daß wir den Gefangenen verhungern und verdurſten laſſen. Das Land liegt zwar vor uns, aber es dauert noch eine Weile, bevor wir es erreichen; darum mag er mit Allem verſorgt werden. Allein da⸗ mit die Leute keinen Verdacht ſchöpfen, wenn wir mit ihm verkehren, ruft einen der Matroſen zum Beglei⸗ ter auf.“ Es geſchah. Als die drei Männer in die Kajüte traten, drang ihnen das helle Tageslicht entgegen. Laut aufſchreiend ſtürzten ſie an das Fenſter. Die Heckjolle war verſchwunden und der Capitain nirgends zu finden. — 294— Es war eine königliche Corvette, mit einer Reihe ſchwerer Geſchütze auf dem Deck. Alles am Bord war vorſchriftsmäßig hergerichtet und vierkant hinten und vorn. Der Offizier von der Wache ſtand auf der Cam⸗ pagne. Die Schildwachen am Fallreep und auf der Back ſchritten in gemeſſener Haltung auf und ab. Die Toppmänner in den Marſen hielten den Lugaus. Eine Brigg ward gemeldet, die im Lee der Corvette mit all ihrem Linnen nach dem Lande zu abhielt. Sie mußte das Kriegsſchiff bemerkt haben, denn ſie hatte die Flagge aufgezogen und den Klüver, ſowie ihre Bramſegel geſtrichen, drei Zeichen, womit der Kauffahrer auf offener See die bewaffneten Kriegsſchiffe zu begrüßen hat. Da gewahrte einer der Toppmänner eine leichte Jolle mitten auf der Salzfluth und in derſelben einen Mann, der mit dem Tuche in der Hand nach der Corvette hinüber winkte. Schnell war er mit dieſer Meldung zu Deck. Bevor er aber die Campagne erreichte, hatte man auf dem Deck der Brigg die Jolle ebenfalls geſehen und dieſer Anblick rief daſelbſt eine furchtbare Aufregung hervor. Der Bootsmann warf dem Zimmermann vor, daß er die Ordre zur Inſtandſetzung der Böte viel zu früh gegeben habe. Die Heckolle hätte überhaupt nicht ge⸗ ſtrichen zu werden brauchen, da ſie zur Aufnahme vieler Männer zu klein ſei. Der Zimmermann dagegen fluchte Himmel und Hölle auf ſeinen Gefährten herab, weil er einen Tölpel in die Jolle ſchickte, der ſo blind geweſen ſei, daß er nicht einmal die geöffneten Kajütsfenſter ge⸗ ſehen habe. Beide ſtürzten ſich auf den Unglücklichen, den ſie zu Boden warfen und unter gräßlichen Schimpf⸗ reden mit Füßen traten. Die Matroſen nahmen für und wider Parthei. Es war ein hitziger mit Mund und Fäuſten geführter Streit, worüber ſie den flüchtigen Ca⸗ pitain und die Corvette ganz vergaßen, welche letztere ein Paar Striche nach Lee abhielt und ſich mit ihren metallenen Feuerſchlünden in bedrohlicher Weiſe näherte. Nur Einer hatte am Bord der Brigg ſeine Sinne ſoweit zuſammen, daß er mindeſtens den Verſuch machte, der gefahrdrohenden Lage eine andere Richtung zu geben. Er flog die Kajütstreppe hinab, brachte eine geladene Flinte herauf und ſchlug auf den Capitain in der Jolle an. Dieſer war bereits weit aus dem Bereich der Kugel, aber der über die See himrollende Schuß brachte die wüthenden Kämpfer zur Beſinnung. Sie ließen von ein⸗ ander ab und wie der hochſchäumenden Fluth die matt dahin ſchleichende Ebbe folgt, war Allen der Muth geſunken. „Wir ſind verloren!“ ſagte der Zimmermann vor ſich hin und fuhr zuſammen, denn vom Bord der Corvette fiel ein Schuß, den Befehl andeutend, daß die Brigg ſo⸗ fort beizudrehen habe. Zugleich bemannte dieſelbe ein Boot, welches, von raſchen Ruderſchlägen fortgetrieben, der Heckolle entgegen flog. Osrick richtete ſich auf und rief dem das Boot ſteuernden Quartiersmanne zu: — 296— „Geht nicht an Bord der Brigg! Geht nicht an Bord der Brigg!“ „Habe meine Ordre!“ rief dieſer zurück und feuerte ſeine Mannſchaft an, friſch auszuholen. „Peſt dort am Bord!“ ſchrie ihnen Osrik nach. Aber ſie hörten ihn nicht mehr. Der Wind, der ſich ſoeben ſtärker aufgab, faßte die Breitſeite der Jolle und warf ſie mit einem Zuge an den Lufbord der Corvette. Osrik erlag der andauernden Aufregung und ſank ohn⸗ mächtig zuſammen. Flinke Enterer waren zur Hand. Die Jolle ward geborgen und Osrick auf das Deck ge⸗ bracht. Als er die Augen aufſchlug, ſah er den Offizier vom Dienſt neben ſich, der ihn fragte, was dies Alles zu bedeuten habe und ob er von jener Brigg geflüchtet ſei? „Das bin ich, Herr! Es iſt ein Unglücksſchiff, wel⸗ ches vor uns auf der See treibt. Ich bin der Ca⸗ pitain, den die Mannſchaft einſperrte, weil ich nicht zu⸗ gab, daß ſie das Schiff auf den Strand ſetzte. Sie wollte dem Tode auf dieſe Weiſe entgehen, Herr, denn wir kommen von Smhrna.“ „Ich weiß genug,“ ſagte der Offizier erbleichend und ſchrie laut: „Das Boot zurück!“ Das Orlogsboot hatte den Kauffahrer beinahe er⸗ reicht. Die Mannſchaft hielt ſich bereit, daſſelbe zu entern. Da vernahm ſie einen Kanonenſchuß und erblickte zwei weiße Wimpel übereinander am Vortopp. Es war 6 — 297— das Signal, daß ſie ſofort umkehren ſollten. Blind an Gehorſam gewöhnt warfen ſie die Ruder in das Waſſer und das Orlogsboot entfernte ſich von dem Kauffahrer, der ihm ein höhniſches Gelächter nachfandte. „Das Boot iſt gerettet!“ rief der Offizier, frei auf⸗ athmend. „Das Boot iſt gerettet!“ wiederholte Osrick.„Aber die Corvette nicht, denn jene Brigg kommt von Smyrna und ich bin ihr Capitain.“ Betroffen ſchwieg der Offizier. Erſt nach einer Pauſe ſagte er: „Nehmt Euern Platz neben jener Kanone und haltet Euch ſtill. Es iſt dies ein ſo überraſchend⸗ſeltſamer Fall, daß ich mit mir zu Rathe gehen muß. Halloh, Kadet Ballſtröm! Hierher, wenn es gefällig iſt.“ Die Corvette ſteuerte fort. Ein abermaliger Schuß deutete der Brigg an, daß ſie ſich in dem Kielwaſſer der Corvette zu halten habe. Gezwungen folgte ſie dieſer unwillkommenen Ordre. Der Offizier vom Dienſt hatte den Capitain der Corvette die nöthige Mittheilung gemacht und dieſer ver⸗ ſammelte ſämmtliche Offiziere zu einer Berathung um ſich. Beim Schluſſe derſelben ſagte er: „Wir ſind gezwungen, uns der Nothwendigkeit zu fügen. Mit einem angeſteckten Schiffe in Berührung gekommen, können wir den Kreuzzug nicht fortſetzen. Laßt den Doktor alle möglichen Vorkehrungen treffen. — 298— Sendet den Kauffarthei⸗Capitain an Bord ſeiner Brigg zurück und laßt ihn ſein Kommando wieder antreten. Unſere Kanonen werden ſeinen Worten Nachdruck ver⸗ ſchaffen. Es iſt unſer Amt, die Brigg bis an die Quarantaine⸗Station zu begleiten, damit auf offener See nicht noch mehr Unglück geſchehe. Es iſt genug, daß unſere Corvette in die Reihe der Verdächtigen ge⸗ treten iſt.“ Der Capitain entließ ſeine Offiziere, und dieſe gingen, trübe geſtimmt durch dies unerwartete Ereigniß, wohin die Pflicht des Tages ſie rief. Osrick empfing Nachricht von den gefaßten Beſchlüſſen und ſagte: „Ich bin bereit zu gehorchen. Aber Eins hätte ich zu bitten. Die Rebellen verdienen es zwar nicht, daß man ſich für ſie verwendet, allein die Menſchlichkeit be⸗ fiehlt, ſie vor größerem Leid zu ſchützen. Die Apotheke eines Kauffahrers iſt nur mangelhaft beſtellt und kein kundiger Mann am Bord, der die richtige Anwendung der Medikamente verſteht. Wenn alſo der Arzt ſich mit mir an Bord begeben dürfte....“ „Geſchieht ſchon ohne Euere Erinnerung,“ verſetzte dieſer, der, einen Kaſten unter dem Arm, den Fallreep beſchritt.„Ich gehe mit Euch und überlaſſe es meinem Kollegen, die geſunde Mannſchaft der Corvette bei der gewohnten Laune zu erhalten. Ihr ſeht mir nicht dar⸗ nach aus, Herr, als ob Ihr das Peſtgift mit Euch herum⸗ — 299— ſchlepptet und mit Gottes Hülfe gelingt es mir vielleicht, den böſen Geiſt aus Eurer Brigg zu bannen.“ „Und wenn nicht?“ fragte Osrick, von einem Gefühl banger Ahnung ergriffen. „Dann unterliegen wir mit dem tröſtenden Bewußt⸗ ſein, auf alle Weiſe unſere Pflicht gethan zu haben,“ ſagte der Arzt und beſtieg mit dem Capitain die Jolle. Sechs von den königlichen Matroſen hatten ſich freiwillig erboten, die beiden Männer zu begleiten, um die ge⸗ ſchwächte Beſatzung zu verſtärken. Sie waren ſofort be⸗ urlaubt worden. Unter dem Geleite der ſechs bewaffneten Seeleute betrat Osrick das Verdeck. Der Bootsmann und der Zimmermann wurden ergriffen und in das Kabelgat ge⸗ worfen. Von den Matroſen waren nur noch drei ge⸗ ſund, die übrigen lagen in ihren Hängematten und ſchüt⸗ telten ſich im Fieber. Der Arzt war ſofort bei ihnen und begann ſein trauriges Geſchäft. Osrick hielt den zitternden Matroſen eine ſcharfe Anſprache und warnte ſie, ſich auch nur mit einer Miene gegen ſeine Befehle aufzulehnen. Den Steuermann befreite er aus ſeinem Gefängniß und nach einer Stunde herrſchte die altge⸗ wohnte Ordnung. Die Brigg ſegelte vor einer leid⸗ lichen Briſe den Cours der Corvette, indem ſie deren Kielwaſſer entlang ſteuerte. — 300— Der Spätherbſt war über die nordiſche See ge⸗ kommen. Er hüllte ſie in ſeine trügeriſchen Nebel und durchwühlte die klippenreiche Fluth, die wildſchäumend aufſpritzte. Ole Neen, der wackere Gehülfe des Quarantaine⸗ Voigts vom Sarge, ſaß auf einem Stein am Ufer und ſah auf ſeinen kränkelnden Herrn, der, den Blick zu Boden geſenkt, an ſeinem Stabe auf und ab ſchlich. „Ich halte es nicht aus, ihn länger ſo zu ſehen,“ ſagte der treue Mann vor ſich hin.„Sein Körper lei⸗ det und außerdem reibt er ſich auf in der Sehnſucht nach ſeinem Sohne. Und je milder und zerknirſchter es in ſeinem Innern ausſieht, je rauher und abſtoßender wird er äußerlich. Ich kenne das.— Nun ſteht er ſtill und ſieht wieder hinüber nach dem Garten.— Der Ne⸗ bel läßt Nichts unterſcheiden, armer Herr!— Und doch! In der Kimmung blinkte es vorher auf. Vielleicht krie⸗ gen wir in einer Stunde klares Wetter und ſie haben drüben auf dem Garten von der faſten Wall her Nach⸗ richt erhalten. Ich will auf alle Fälle das Boot klar machen.“ Nach einer Stunde hatte, wie Ole Neen es prophe⸗ zeite, der auftommende Wind die Nebel auseinander ge⸗ legt und man ſah den Garten deutlich vor ſich. Ole Neen hatte mit dem Quarantainevoigt geſprochen und dieſer unter Schmerzen polternd und ſcheltend ſeine Ein⸗ willigung zu einem Kreuzzuge ſich abtrotzen laſſen, den — 301— er im tiefinnerſten Herzen ſehnlichſt herbei wünſchte. Ole Neen fuhr ab, dem Garten entgegen. Von dort aus hatte ihn das Auge der Liebe bald erkannt. „Ich ſage es Dir, Skuld,“ rief die froh erregte Jerta.„Ole Neen kommt und bringt Nachricht von dem Vater; vielleicht auch von dem Sohne.“ Sie ſagte das Letztere mit leichtem Erröthen. „Oder er will ſie von uns, die wir von nichts wiſ⸗ ſen!“ entgegnete Skuld ernſt. „Du gefällſt Dir darin, alle meine Hoffnungen zu zerſtören,“ ſagte Jerta unwillig. Komm mit herab zum Strande. Das Boot iſt ſchon nahe.“ Ole Neen landete. Es war eine gegenſeitig getäuſchte Hoffnung. Jerta, die ſich leicht in das Unerwartete fand, ſprach nach einiger Zeit: „Es iſt doch gut, daß Ihr gekommen ſeid, Ole Neen. Lange ſchon habe ich meine Sehnſucht nach Osricks Vater unterdrücken müſſen. Jetzt vermag ich es nicht länger. Ich muß mich an ſeinem Herzen ausweinen und ihm nachher die Grillen weglachen. Wie iſt es, mein wackerer Steuermann? Getraut Ihr Euch, uns Beide wohlbehalten nach dem Sarg zu bringen?“ „Wenn Ihr Euch beeilt, ja,“ ſagte Ole Steen. „Die Sonne geht allgemach zu Rüſte. Der Wind ſteht hoffentlich noch eine Weile durch und zwei gute Streck⸗ buge bringen uns hin. Aber aufhalten dürft Ihr mich nicht.“ — 302— „Allſtunds, wie Ihr Seeleute ſagt, ſind wir am Bord!“ antwortete Jerta in ihrer heiteren Weiſe.„Halte Dich klar für die nächſten fünf Minuten. Das Paſſa⸗ giergut iſt bald an Bord gebracht. Bald darauf ſtieß das Boot von dem Landungsplatze des Gartens ab. Kaum hatten ſie ihn verlaſſen, als es aus der Tiefe heraufbrauſte und an die Felswände empor⸗ ſtieg. Die baumreiche Inſel ward mit einem Nebelflor verhüllt. Skuld beachtete es und gab ihren trüben Em⸗ pfindungen Worte, aber Jerta verſcheuchte die Traurig⸗ keit der Freundin mit einem heitern Scherz und begann eine muntere Volksweiſe, worin Ole Neen freudig ein⸗ ſtimmte. Singend erreichten ſie den Strand des Sarges und der greiſe Vater empfing die Braut des vielgeliebten Sohnes mit einem Freudenrufe. Skuld folgte ihnen langſam. Rückwärts ſchauend warf ſie einen Blick nach der Richtung, wo der Garten lag. Aber der Nebel hatte ſich ſo verdichtet, daß man auch nicht das Geringſte gewahrte. „Ich werde das liebe Eiland nicht wiederſehen,“ ſagte ſie vor ſich hin und war ſo tief in Gedanken, daß ſie erſchrak, als Ole Neen ſich ihr näherte und ſie in ſeine Arme ſchloß. An eine Heimfahrt war für dieſen Abend nicht zu denken. Für ſolche Fälle, die ſich öfters ereigneten, war auf dem Sarge eine Stube eingerichtet. Als aber Ole Neen am andern Morgen nach dem Strande zuging, — — 303— ſah er einen gänzlich veränderten Himmel. Die Nebel waren verſchwunden. Ein ſcharfer Wind blies mit großer Heftigkeit von dem Garten her. Die See ging hoch und warf den ſchäumenden Giſcht auf den abgeplatteten Vorſprung, von welchem aus der Weg zur Signalſtange führte. „Wir kriegen Winter. Die klaren Wolken im Oſten und der ſchneidende Wind, der ſie vorwärts treibt, pro⸗ phezeihen es mir. In dieſer brauſenden See iſt an eine Ueberfahrt im offenen Boote gar nicht zu denken. Möchte nun bald wünſchen, daß ich die Weiber daheim gelaſſen hätte. Sollte Froſt einfallen und ſie wären gezwungen, hier zu bleiben...“ Ole Neen wurde in ſeinen Betrachtungen, die wenig Tröſtliches hatten, unterbrochen. Ihm ward es, als flirre etwas Weißes an ſeinem Auge vorüber. „Das iſt ein Segler!“ rief er aus und wurde in ſeiner Erwartung nicht, wie Jerta, von einer Möve ge⸗ täuſcht. Es war wirklich ein Segler, der von einem zweiten gefolgt wurde. Mit der höher ſteigenden Sonne erkannte er ſie ganz deurlich. Er ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte: „Segler um dieſe Zeit in einem Fahrwaſſer, das zu keinem Hafen führt, ſind eine ſeltene Erſcheinung. Hier⸗ her kommen nur ſolche Fahrzeuge, die von Stürmen ver⸗ ſchlagen wurden, oder ſolche, welche zwangsweiſe hierher beordert werden...“ — 304— Der junge Seemann vermochte nicht, den Gedanken auszudenken, ſondern eilte an das Bett des alten Herrn, der ſich eben erhob und in ſeinem Glücke einen freund⸗ lichen Gruß für den Gefährten ſeiner Einſamkeit hatte. Bald aber verſchwand die flüchtige Heiterkeit und Böſes ahnend rief er: „Du bringſt ein Unglück!“ „Ich melde zwei Segler, die auf unſer Eiland zu⸗ ſteuern!“ entgegnete Ole Neen.„Ihr müßt ſelbſt ur⸗ theilen, ob ſie uns Glück oder Unglück bringen.“ „Unglück bringen ſie!“ rief der Quarantaine⸗Voigt. Und wird.. Herr Gott, die Dirnen! Fort mit ihnen von dem Eilande, ſo lange es noch Zeit iſt.“ „Zu ſpät!“ entgegnete Ole Neen.„Wir können nicht mehr bei den anſegelnden Schiffen vorüber. Und wenn dies möglich wäre, geht die See ſo hohl, daß in unſerm offenen Boote die Ueberfahrt gewiſſer Tod wäre. Laßt ſie darum in ihrer Kammer ruhen, ſo lange es irgend geht. Sie werden der Unruhe noch vollauf haben. Wir wollen nach unſerm Werk ſehen.“ Faſt wäre der Quarantaine⸗Voigt aufgefahren, weil ihn Jemand an ſeine Fflicht erinnern wollte. Aber er be⸗ zwang ſich und nahm das Fernrohr mit ſich. Die ſteifer wehende Briſe hatte die Schiffe bedeutend näher gebracht. Die Rumpfe waren völlig aus dem Waſſer und die einzelnen Segel genau von einander zu unterſcheiden. „Einer von ihnen iſt ein Orlogsmann,“ ſagte der — 305— alte Herr, der das Fernrohr nicht von dem Auge ließ: „Er hat einen guten Vorſprung und ſcheint Jemand am Bord zu haben, der mit dem hieſigen Fahrwaſſer wohl vertraut iſt, denn er ſteuert dem Platze zu, wo bei einem Wetter, wie heute, ein Schiff gefahrlos vor Anker gehen kann. Er hat einen Kauffahrer hinter ſich, dem er das Geleite giebt. Wir wiſſen ſchon, was ſo ein Geleite ſagen will, Ole Neen, und müſſen uns darein finden. Wären nur die Mädchen nicht hier. Daß ich Dich geſtern auch nicht mit Gewalt zurückhielt, als Du, gegen meine Ordre, abfuhrſt, um ſie zu holen.“ Ole Neen, der ſeinen Herrn kannte, erwiederte nichts und dieſer ſetzte ſein Fernrohr wieder an: „Wollen doch den armen Teufel betrachten, der das Unglück zwiſchen ſeinen Planken hat. Laßt ſehen, was für eine Art von Fahrzeug es iſt.— Eine Brigg! Und wenn ich mich recht beſinne, eine Brigg, wie...“ Er ſetzte das Rohr ab und ſank auf einen Stein. Ole Neen ſprang beſorgt herzu und Jener fuhr fort: „Ich habe Dir den Brief Osricks vorgeleſen, worin er die Brigg beſchreibt, deren Capitain er geworden iſt. Das iſt derſelbe Bau, derſelbe Schnitt. Die Harzpeuſe auf dem Bregang und die weiße Farbe der Maſten. O, Jeſus! Es wäre ſchrecklich.“ Daſſelbe hatte Ole Neen gedacht, der mit ſeinen ſcharfen Augen die Fahrzeuge betrachtete. Aber er ſuchte ſeinem Herrn die Furcht auszureden und ihn zu beruhi⸗ Meeresſtille und hohe See. 20 — 306— gen. Dieſer aber blickte ſtill vor ſich hin und die Be⸗ ſinnung kehrte ihm erſt zurück, als auf dem Vorderdeck des Orlogſchiffes ein Schuß abgefeuert wurde. Zugleich entfaltete es die Königliche Flagge an der Gaffel und wies von dem Vortopp die bleichgelbe Peſtflagge. Das Letztere geſchah auch am Bord der Brigg. Beide Schiffe lagen in der gehörigen Entfernung vor ihren Ankern. Das Orlogsbvot fuhr dem Strande zu. Der Quarantaine⸗Voigt ging dem Offizier deſſelben ent⸗ gegen. Kaum aber hatte der Letztere zu ſprechen begon⸗ nen, als der alte Herr ſchwankte. Ole Neen war ſchnell zur Hand und ſagte zu dem überraſchten Offizier: „Kann mir denken, was geſchehen iſt. Ihr habt den Namen jener Brigg und den ihres Capitains genannt. Das iſt Herrn Osriks Vater. Nun wißt Ihr Alles.“ Der Offizier begab ſich in ſein Boot zurück, nachdem er das Nähere verabredet. Der Sarg war keine Qua⸗ rautaine⸗Anſtalt mit Hoſpitälern und andern Einrichtun⸗ gen. Es war eine Station, weit von jedem Fahrwaſſer belegen, wohin man ſolche Schiffe wies, die den gewiſſen Tod am Bord hatten und wo ſie ſo lange unter der Aufſicht eines bewaffneten Fahrzeuges aushalten mußten, bis die Beſatzung wie durch ein Wunder genas, oder eine Beute des Fiebers wurde. Ein gleiches Schickſal hatte der Offizier der Brigg vorhergeſagt. Der Quarantaine⸗-Voigt hatte es nicht mehr gehört. Aber Ole Neen hörte Alles. Nur drei von 6 — 307— der ganzen Beſatzung— unter ihnen der Capitain— waren noch übrig. Der Arzt, der ſich auf offener See freiwillig an Bord begab, hielt treu auf ſeinem Poſten aus. Aber ſeine Kunſt war nicht ſtark genug geweſen, die Krankheit zu brechen. Keiner blieb von ihrer Wuth unberührt. Mit ſchwerem Herzen geleitete Ole Neen ſeinen Herrn nach Hauſe. Zwei Tage vergingen. In dem Stand der Dinge änderte ſich nichts. Die jungen Mädchen ahnten das Schrecklichſte, allein der alte Herr blieb unerbittlich. Sein Mund war feſt verſchloſſen. Umſonſt verſuchte ZJerta ihre Schmeichelkünſte; umſonſt warf ſie ſich, in Thränen aufgelöſt, zu ſeinen Füßen. Sie erfuhr nichts. Aber Skuld war zu Ole Neen getreten und hatte ihn über das Schickſal der Brigg befragt. Die Jungfrau war dem Geliebten, den ſie vollſtändig beherrſchte, geiſtig überle⸗ gen und er konnte ihr nichts verbergen. Nach der erſten Viertelſtunde wußte ſie Alles. „Es iſt gut,“ ſagte ſie ruhig.„Als ich hierher fuhr, legte ſich eine Centnerlaſt auf mein Herz. Ich fühlte, daß mir ein Unheil bevorſtand, aber ich konnte es nicht klar erkennen. Nun weiß ich es und meine Angſt iſt — 308— verſchwunden. Jerta wird dieſen Kampf nicht überſtehen. Oesrick ſtirbt und ſie kann ohne ihn nicht leben. Ich aber bin mit Zerta unauflöslich verbunden im Leben wie im Tode. Treu dem Gelübde, das ſich die Jungfrauen des Nordens leiſten, will ich nie ein Glück genießen, das ihr nicht zu Theil werden kann. So ſind wir getrennt, mein Freund, nachdem wir uns kaum vereinten und ich bin Wittwe, bevor ich Weib geworden bin. Zetzt gehe ich, ſie von dem in Kenntniß zu ſetzen, was unſerer harrt.“ Sie ging und ließ den Geliebten in tiefſter Nieder⸗ geſchlagenheit zurück. Kaum hatte Jerta erfahren, welches große Unglück ſie traf, als ihr Charakter ſich wunderbar verwandelte. Die Jungfrau legte eine Stärke und Entſchloſſenheit an den Tag, von der Niemand eine Ahnung hatte. Sie be⸗ zwang ihre Thränen und die innere Erregung gewaltſam zurückdrängend, ſagte ſie: „Hier helfen nicht Klagen und Weinen; hier muß gehandelt werden. Mein Platz iſt an der Seite meines Osrick.“ Schnell war ſie zur Fahrt an Bord der Brigg ge⸗ rüſtet. Erſt als ihr dies verweigert wurde, brach ſie in Thränen aus. Nichts halfen die Bitten und Ermah⸗ nungen des greiſen Vaters; nichts das Flehen der treu bewährten Freundin. Sie blieb bei ihrem Vorſatze und als ſie auf beharrlichen Widerſpruch traf, ſank ſie in — 309— krampfhaften Zuckungen zu Boden. Man brachte die Bewußtloſe in ihre Kammer. Von dem Augenblicke an, da die Schiffe vor Anker gingen, veränderte ſich das Wetter auf eine merkwürdige Art. Es fror noch ſtärker, aber der Himmel bezog ſich. Der Wind hörte auf und eine dichte Schneemaſſe fiel herab. Um bei einem plötzlichen Eistreiben das einzige vorhandene Boot vor jeder Gefahr zu ſichern, hatte Ole Neen dies in eine verdeckte Bucht gebracht und mit Ket⸗ ten angeſchloſſen. Der Verkehr mit den Schiffen war aufgehoben und die Bewohner des Sarges waren, allem Anſcheine nach, für die Dauer des Winters, nur auf ſich angewieſen. Jerta kam nicht zum Vorſchein. Skuld berichtete, daß ſie, ſeitdem die Ohnmacht gewichen, un⸗ beweglich auf ihrem Lager ſitze und vor ſich hinbrüte, ohne auf einen Zuſpruch zu hören. Die Freundin hatte keine Ahnung davon, welche Gedanken in der Seele der ſo hart geprüften Jungfrau reiften. Abermals war ein Tag verſtrichen. Schon ſchwamm die See mit Eisſtücken; ſie war nahe daran, unfahrbar zu werden. Da böſte ſich von der Breitſeite der Brigg eine leichte Jolle und ſteuerte der Klippe zu. Es war der Arzt, der freiwillig auf den Kauffahrer übergetreten war. Der Quarantaine⸗Voigt kam ihm entgegen. „Ich bringe Euch keine Hoffnung,“ ſagte der Arzt. „Meine Kunſt iſt fruchtlos. Ich vermag die Gewalt des Fiebers nicht zu brechen.“ Der alte Herr war in tödtlicher Angſt: „Und mein Sohn? Ihr ſagt mir nichts von ihm.“ „Noch lebt er. Seine ſtarke Natur hat dem Gifte bis jetzt noch widerſtanden. Nur eine Stunde will ich, um mich zu ſtärken, hier athmen, dann kehre ich wieder zurück.“ „Und ich begleite Euch,“ ſprach der Vater.„Unver⸗ antwortlich iſt es von mir, daß ich den Sohn ſo lange in fremden Händen ließ.“ „Ihr bleibt auf dem Platze, den Euer Amt E Euch anweiſt,“ ſagte der Arzt.„Eure Inſtruction lautet, das Eiland unter keinen Umſtänden auch nur eine Stunde zu verlaſſen. Das werdet Ihr befolgen.“ „Ich werde es nicht. Ihr geht an Bord und ich begleite Euch.“ „Beſinnt Euch!“ ermahnte der Arzt.„Auf der Corvette wird ein ſcharfer Ausguck gehalten und die Kanoniere derſelben ſind zugleich gute Schützen. Ermannt Euch. Gott iſt barmherzig und kann in ſeiner Allmacht den Sohn für Euch erhalten. Will er es nicht, ſo wird Eure Gegenwart auch nichts frommen. Ihr könnt nicht einmal mit Euerm Sohne ſprechen, denn er iſt ohne Beſinnung. Warum ſeine verzerrten Züge ſehen und dieſe Schreckensgeſtalt Zeit Eures Lebens mit Euch her⸗ umtragen? Bewahrt Euch lieber das freundliche Bild des lebenskräftigen Jünglings. Kommt, Mann und laßt mich einen Augenblick in Euerm Hauſe ruhen.“ ——— — 311— Der Arzt nahm den Arm des Quarantaine⸗Voigts, der ſo ſchwach war, daß er ſich kaum aufrecht zu erhal⸗ ten vermochte. Aber nur wenige Schritte hatten ſie ſich entfernt, als der Mann, welcher den Arzt herüber ru⸗ derte, in der Jolle laut aufſchrie. Schnell wandte ſich Jener dorthin. „Das iſt der Schrei eines Mannes, der bald für immer verſtummen ſoll,“ ſagte der Arzt.„Wenn ich dieſen Ton höre, weiß ich, was ihm folgt. Er war der Letzte von Denen, die aus der Corvette mit mir her⸗ übergekommen ſind. Dachte, der kräftige Mann würde dem Fieber widerſtehen. Nun iſt auch dieſe Hoffnung h Er brachte den Matroſen mit vieler Mühe an das Land und ließ ihn darauf aus ſeinen Armen auf den Schnee gleiten: „Du bekommſt ein kühles Lager, mein Junge. Aber ich bin nicht ſtark genug, Dich auf ein anderes zu tra⸗ gen. He! Hollah! Iſt Niemand da, der mir eine Hand leiht?“ Ole Neen war bei Wege und trug den Kranken hinein. Es war ſtill am Strande. Skuld ging den Geſchäften des Hauſes nach. Jerta hatte ihr verſprochen, ruhig zu ſein, und darauf bauend, entfernte ſie ſich. Auf das Geräuſch, welches die Neu⸗ angekommenen verurſachten, erſchien Jerta, um ſich nach — 312— dem, was vorgefallen war, zu erkundigen; dann kehrte ſie in ihre Kammer zurück. In dem Hauſe war Alles ſtill. Der alte Herr war auf ſein Lager geſunken und ſtöhnte. Auf der andern Seite der großen Stube lag der erkrankte Matroſe. Der Arzt war mit ihm beſchäftigt. Er konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, den Hülfloſen zu verlaſſen, obgleich es ihn mächtig an Bord zurücktrieb. Skuld und Ole Neen ſtanden am Feuer und waren gewärtig, wo ihre Hülfe nöthig werden ſollte. So brach die Nacht herein. Da öffnete ſich die Thür von Zerta's Kammer. Sie huſchte die Treppe hinab und hielt einige Male an, zu horchen, ob man ſie auch höre. Alles blieb ruhig. Dann trat ſie hinaus vor die Thür und zog eine brennende Laterne hervor, welche ſie bis dahin mit dem Mantel ver⸗ ſteckte. Bei dem Schein derſelben fand ſie den Weg nach dem Boote des Doktors. Die nordiſchen Mädchen an der Küſte ſind von Ju⸗ gend auf mit der See vertraut. Sie führen das Ruder, oder das Steuer und wiſſen ihren Cours wohl zu hal⸗ ten. Mit Mühe löſte ſie die ſteifgefrornen Fangleinen, die Richtung erſpähend, welche ſie zu nehmen habe. Die See war erregt und eine tiefe Dunkelheit herrſchte. Hier und da blitzte es auf. Bald war es eine über⸗ rollende Welle, bald ein Stück Eis. Die einzelnen Schollen fuhren krachend zuſammen. Eine ſchob ſich unter die andere und ſie thürmten ſich allmählich zu — 313— Hügeln empor. Die Schrecken und Gefahren wuchſen mit der Minute. Jerta achtete nicht darauf. An dem großen Maſt der Königlichen Corvette hing eine bren⸗ nende Laterne. Das war ihr Leitſtern. Als ſie das Ruder ergriff, rollte eine Welle heran. Sie hob das leichte Fahrzeug und warf es ſeitwärts, daß es Waſſer ſchöpfte. Eine Eisſcholle ſchrammte da⸗ gegen und es war nahe am kentern. Einen Augenblick zitterte Jerta, dann warf ſie das Ruder herum und brachte die Spitze des Fahrzeuges der zunächſt heran⸗ rollenden Welle entgegen. Als dieſe wieder in die See zurückrauſchte, führte ſie die Jolle mit ſich fort. Sie war in dem Dunkel der Nacht verſchwunden. In der Gluth des Fiebers wälzte ſich Osrick auf ſeinem Lager. Die Beſinnung war ihm entſchwunden. Allein lag er in der finſtern Kajüte und ſtieß dumpfe Schmerzenslaute aus. Da öffnete ſich die Thür und herein ſchwebte eine weibliche Geſtalt. Es war Jerta, die im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit und durch die Allmacht ihrer Liebe, den Kampf mit den Elementen beſtand. Als ſie das Verdeck betrat, ſank ſie kraftlos zuſammen. Mit aller Anſtrengung vermochte ſie ſich nicht zu erheben. Unwillkührlich übermannte ſie der Schlaf. Die Augen ſchloſſen ſich. Todtenſtille herrſchte am Bord. Nur die See grollte und jagte einen ſchweren Eisblock, wie einen Spielball vor ſich her. Mit einer Gewalt ſchleuderte ſie ihn ge⸗ gen den Bug der Brigg, daß dieſe in allen Fugen er⸗ bebte. Von dieſem donnerähnlichen Schüttern ſchreckte Jerta aus ihrem Traumſchlafe auf. Einige Minuten vergingen, bis ihr die Beſinnung wiederkehrte, dann ſchwankte ſie dem Eingange der Kajüte zu und trat an das Lager des Freundes. Er kannte ſie nicht. Aber die nächtliche Erſcheinung wirkte ſo glücklich auf ihn, daß er ruhig in die Kiſſen ſeiner Hängematte zurückſank. Jerta betete inbrünſtig, beugte ſich dann zu dem Freunde herab und flüſterte: „Nun iſt es geſchehen, was ich ſo lange erſehnte. Sie wollten mich zurückhalten und Du ſollteſt hier in der Einſamkeit ſchmachten. Aber ſie verſtehen ſich ſchlecht auf die Liebe. Gott hat mich durch Sturm und Eis⸗ ſchollen geleitet; er wird mir auch Kraft geben, Dir bei⸗ zuſtehen und zu helfen. Bin ich aber zu ſchwach dazu, 4 dann ſterben wir mitſammen, mein theurer Freund.“ Osrick ſah einen Augenblick auf, als hätte er ſie ver⸗ ſtanden, dann ſchlummerte er ruhig weiter. Als Skuld am andern Morgen in Jerta's Kammer trat, war dieſe leer. Von banger Furcht ergriffen, ſchrie ſie um Hülfe, während Ole Neen ſeine Braut nicht zu —————————————— ben war verſchwunden. ——————————— S— Si beruhigen vermochte. Der Arzt aber, der Jerta nur 8 5 kurze Zeit ſah und wenig mit ihr ſprach, hatte doch einen tiefen Blick in ihr Inneres gethan und ſagte: „Was fragt Ihr viel? Iſt ſie nicht die Geliebte des jungen Capitains? Wo ſoll ſie anders ſein, als bei ihm?“ Dieſe Worte brachten den verſchiedenartigſten Ein⸗ druck hervor. Skuld verſtummte. Sie fühlte, daß es nicht anders ſein konnte. Der alte Herr un⸗ gläubig mit dem Kopfe und fragte: „Wie ſollte das nur möglich ſein?“ Ole Neen aber unterbrach ſeinen Herrn mit den Worten: „Es iſt nicht wahr. Ich ſelbſt habe unſer Boot mit der doppelten Kette ſo feſt angeſchloſſen, daß di kleinen Jungfernfingern es nicht losmachen können. Und ſelbſt dann, wenn es geſchähe, wie ſollte ſie das ſchwere Boot regieren, da ich die Ruder und das Steuer unter Verſchluß habe?“ „Das habt Ihr!“ entgegnete der Arzt.„Aber meine Jolle liegt frei am Strande und eine Jungfrau ihrer Art mag es wohl wagen, ſich darin der Wuth der Ele⸗ mente preiszugeben.“ Darauf erwiderte Keiner etwas. Allein wie auf ein gegebenes Zeichen gingen ſie zugleich nach dem Strande, der Stelle zu, wo der Arzt landete. Die Jolle deſſel⸗ — 316— „Wir wollen hinüber!“ rief der geängſtigte Vater, und Skuld faßte den Arm ihres Bräutigams, dieſen mit einem ernſten Blicke anſehend. Beide gingen der Stelle zu, wo das große Boot angekettet lag. Der Sturm, der nach dieſer Richtung hin wehte, hatte das Eis hoch um daſſelbe aufgeſtaut. Ein einziger Blick belehrte ſie, daß es eine Unmöglichkeit ſein würde, dieſes Fahrzeug zu flotten. Der Arzt war unterdeſſen an die Signalſtange ge⸗ treten und ſtrich die bleichgelbe Peſtflagge. Dies erregte die Aufmerkſamkeit des wachthabenden Offiziers an Bord der Corvette. Das hatte der Arzt gewollt. Mehrere Male machte er verſchiedene Zeichen mit den verſchiede⸗ nen Flaggen, die ihm zu Gebote ſtanden. Sie ähnelten den zwiſchen den Offizieren verabredeten Signalen. End⸗ lich ſchien man ihn verſtanden zu haben. Auf dem Verdecke ward es lebendig. Zwei Schaluppen wurden herabgelaſſen und bemannt. Die Eine ſteuerte in der Richtung nach dem Lande zu, die Andere hielt auf die Brigg ab. Die Mannſchaften arbeiteten mit rieſenmä⸗ ßiger Anſtrengung, aber umſonſt. Man mußte unverrich⸗ teter Sache wieder umkehren. Drei unerträglich lange Tage, drei ſängere, ſchreckens⸗ volle Nächte gingen vorüber. Da endlich, mit dem An⸗ bruch des vierten, wechſelte der Wind. Düſtere Regen⸗ wolken zogen aus dem Süden herauf. Die Eisblöcke ſchoben ſich allmählich ſeitwärts: eine freiere Strömung — — ſtellte ſich her. Den wohlgeſchulten Matroſen der Cor⸗ vette ward es möglich, mit ihren ſtarken Schaluppen an das Ufer zu gelangen. Mit wenigen Worten hatte der Arzt den Offizier über die Lage der Dinge aufgeklärt. Dieſer fand ſich bewogen, mit den Bewohnern des Eilandes nach der Brigg hinüber zu fahren. Nach einer Stunde waren ſie ſeitlängs. Ole Neen enterte zuerſt und half den Uebrigen. Sie be⸗ traten mit zitternden Knieen die Kajütstreppe. Der Athem ſtockte. Die Herzen ſchlugen nicht. Der Arzt, welcher voran ging, raffte all' ſeinen Muth zuſammen und öffnete die Thür. Osrick ſaß in einem Seſſel; bleich, abgezehrt, mit ſchmerzzerriſſenen Zügen. Aber das Auge blickte ruhig, das Fieber war aus denſſelben verſchwunden. Der Arzt faßte den Puls des Kranken und rief laut: „Er iſt gerettet!“ „Durch ſie!“ antwortete Osrick mit leiſer Stimme und blickte Jerta an, die verſchämt vor ihren Freunden ſtand und ihnen bittend die Hände entgegenſtreckte. Skuld warf ſich vor ihr in die Kniee und rief: „Ich war hart mit Dir, als Du mir Deinen Herzens⸗ wunſch verrietheſt und ſchalt Dich eine Thörin. Du aber haſt, was Du wollteſt, auch herrlich vollbracht.“ „Weil ich ihn liebte!“ ſagte Jerta. War es denn nicht genug, wenn ich nur mit ihm ſterben konnte?“ „Nun aber werdet Ihr mitſammen leben, lange und glücklich,“ ſchloß der Arzt. Der Vater hielt den Sohn innig umſchloſſen. Skuld aber ſagte zu Ole Neen: „Das hat meinen harten und ſtarren Sinn erweicht. Mein Stolz iſt gebrochen. Vergieb, wenn ich mich oft über⸗ hob. Fortan bin ich Deine demüthige Magd.“ Der ehrliche Burſche wußte nicht, wie ihm geſchah. Er drückte die Hand ſeines Mägdleins und ſein Herz ſchlug in frendiger Rührung. Und als der neu erwachende Frühling über die See hinſtrich und ſie ſo freundlich anlächelte, daß die Eisblöcke zerrannen und die ſtürmiſchen Wellen ſich glätteten, hatte ſich Alles herrlich verändert. Das Orlogsſchiff war ver⸗ ſchwunden und hatte, der erhaltenen Ordre gemäß, die Brigg an einen Platz gebracht, wo die verdächtige Ladung unter den nöthigen Vorſichts⸗Maaßregeln gelöſcht werden konnte. Ole Neen hatte das Amt eines Quarantaine⸗Voigts erhal⸗ ten. Skuld, als ſein angetrautes Weib, erfüllte ihre Pflich⸗ ten mit herzgewinnender Freundlichkeit. Nach dem Garten hinüber fuhren ſie oft in müßigen Tagen. Dort lebten Jerta und ihr Gatte in ungetrübter Freude und der alte Herr war Zeuge ihres Glückes. —— Es war ferner nicht die Rede davon, nach dem Süden überzuſiedeln, wo zwar auf immer grünen Bäumen die gol⸗ denen Aepfel wachſen, aber auch unter ihrer Hülle das ver⸗ derbliche Fieber lauert. Sie bedurften der hellen Pracht des Südens nicht unter den dunklen nordiſchen Tannen und Buchen, denn wo die wahre Liebe wohnt, iſt überall Früh⸗ lingswonne. in, Franzöſiſche Straße 37. Berl aatz in S ruck von Ertz& D 8 . 9 6 1 3 3 3 6 * * „