ivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3. 6dnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Keſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ *—= pfangnahme und ie der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 7 eträgt: für Sen 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.* 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezreit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird † beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ——— ————— Die Siegwarts- Kapelle Wer verzweifelt an ſeinem Glückg Von C. Siebutß. .Ein ₰ U31 3 F31 Erſter Band. Nordhanſen, bei Ernſt Friedrich Fuͤrſ. 1 8 3 8. „So waͤren denn fuͤr heute die dringendſten Regierungsgeſchaͤfte erledigt, mein furſtlicher Herr Bruder!“ ſo redete der regierende Fuͤrſt Maximilian ſeinen auf dem reich geſtickten Divan ſitzenden Halbbruder Ferdinand an. „Nun kommen die Hausangelegenheiten an die Reihe, und da beduͤrfen Wir wie immer, ſo auch jetzt, Eurer Liebden brüderlichen Ra⸗ thes,“ ſetzte er, neben den Bruder ſich nie⸗ derlaſſend, in jovialiſcher Laune hinzu.„Eure Fuͤrſtliche Durchlaucht verpflichten Uns Hoͤchſt Dero ganzem Hauſe zu verbindlichſtem Danke!“ entgegnete Fuͤrſt Ferdinand, ſich etwas er⸗ hebend und leicht verbeugend.„Und,“ fuhr er fort,„worin möchte wohl der weiſere Herr Bruder Unſers ſchlichten Rathes beduͤrftig 1* 4 ſein?“„Eurer Liebden Durchlauchtige Frau Gemahlin celebriren wohl in acht Tagen Ihr Namensfeſt? Es iſt Unſer Wunſch, wir be⸗ auftragten den zufallig hier in Unſerer Reſi⸗ denz ſich aufhaltenden Maler Lichtung, in der alten Kapelle, in welcher zuweilen Ihro Durchlaucht Sich der Andacht hinzugeben pflegen, ein bibliſches Gemaͤlde der Decken⸗ woͤlbung einzuverleiben, da ſich dieſelbe noch in ziemlich gutem Stande erhalten hat.“ „Welches Stuͤck ſollte ſich dazu wohl am beſten eignen?“ fragte Fuͤrſt Ferdinand. „Unſtreitig wohl das, wo die Arche Noah's wieder auf dem Trocknen ſteht, Noah aber mit ſeiner ganzen Familie dem Herrn ein Opfer darbringt,— und der ſchoͤne Regen⸗ bogen als beſonderes Gnadenzeichen den from⸗ men Alten hoch entzuͤckt,“ ſagte mit Begei⸗ ſterung der frohgelaunte Fuͤrſt.„Die Arche Noah's? ich dachte gar! warum nicht lie⸗ ber das Kalb Aaron?“ rief Fuͤrſt Ferdi⸗ nand ironiſch.„Und warum denn gerade —— 5 dieſes Stuͤck?“ Halb ſcherzend und halb im Ernſte erinnerte Fuͤrſt Maximilian daran, wie die Durchlauchtige Frau Schwaͤgerin in dem nun fur dieſelbe bald verfloſſenen Jahre auf einer Fahrt nach Schoͤnthalau in Folge eines Durchgehens der Pferde in dem wilden Gießbache beinahe das koſtbare Leben einge⸗ bußt habe; daß ſie jedoch mit des Allmaͤch⸗ tigen Beiſtande noch gluͤcklich gerettet worden ſei. Nichts ſei mehr im Stande, dieſe Ret⸗ tung deutlicher zu bezeichnen, als das vor⸗ geſchlagene bibliſche Stuͤck. Der jungere Fuͤrſt gab nun zwar zu, daß dies eine paſſende Allegorie abgeben moͤge, daß er jedoch eine Wette von einhundert Stuͤck Friedrichsd'or eingehen wolle, behauptend, der eine Mann könne und werde das Gemälde in acht Tagen nicht fertigen.„Topp, es gilt!“ ſagte Fuͤrſt Maximilian,„und ich verpflichte mich, dafuͤr ſorgen zu wollen, daß dem Maler keine Huͤlfe zukomme. Morgens ſchließt man ihn in die Kapelle ein, Abends läßt man ihn — 6 wieder heraus. Für ſeine Bekoͤſtigung muß er ſelbſt ſorgen.“ Georg Lichtung wurde noch an dem⸗ ſelben Tage in das Schloß beſchieden, der Auftrag ihm gegeben, eine wahrhaft furſtliche Belohnung ihm verheißen, wenn die Arbeit zur feſtgeſetzten Zeit vollendet ſein wurde. Der geldhungrige Maler ging ſolches hoch⸗ erfreut ein und beſorgte ſogleich alles nöthige Material aufs Schloß, wo er uͤbernachtete, aber vor lauter ſchimmerndem Golde faſt die ganze Nacht hindurch kein Auge zuthun konnte. „O Laurentia, holdes Taͤubchen! harre nur noch kurzer acht Tage, dann ſoll dich und deinen ſtrengen Vater das gelbe Metall uͤber⸗ zeugen, daß deine Gunſt keinem Stuͤmper ſich zugewandt hat. Dem fuͤrſtlichen Hoſ⸗ maler darf ja dann auch der Papa aus zar⸗ ten Ruͤckſichten keinen Korb geben.— Ma⸗ chen aber die großen Herren nicht ein Weſen über das Fertig⸗ und Nichtfertigwerden! Freilich, mit andern Kunſtmalern verglichen, ——— 7 waͤr's allerdings bedenklich, ein ſolches Stuͤc Arbeit in acht Tagen zu fertigen. Allein, was thun dieſelben? Sie kritzeln oder kleck⸗ ſen hoͤchſtens zwei Stunden lang per Tag, und an manchem Tage ruͤhren ſie keinen Pin⸗ ſel an. Ich hingegen werde vom Sonnenauf⸗ bis Sonnenuntergang faſt ununterbrochen fortarbeiten; geſchieht's doch fur das Liebſte, das ich habe in der Welt, fuͤr dich, theuerſte Laurentia! Wenn der Menſch einmal et⸗ was will, ſo muß er es ganz wollen und nichts darf ſeinen Entſchluß vernichten.“ So philoſophirte oder phantaſirte der heroiſche Apollo⸗Schuͤler, mit kurzer Unterbrechung durch den Schlummer, bis zum Morgen. Er ſtand auf, ſchluckte haſtig den Thee hinunter, wobei er ſich ein wenig die Zunge verbrannte, ſteckte ſein Fruͤhſtuͤck und Mittags⸗ mahl ein, nahm ſeinen Farben⸗Apparat und wanderte mit großen Schritten und faſt hör⸗ barem Herzpochen der reich und gluͤcklich ma⸗ chenden ehrwurdigen Kapelle zu. ————— „ 8 Von Hollunder⸗ und Haſelgeſtraͤuch um⸗ geben, unter dem Schutze einer uralten viel⸗ äſtigen Eiche, ſtand, einem halb verwitterten Granitblocke ahnlich, die Ehrfurcht gebietende Kapelle, viel aͤlter als der nachbarliche Eich⸗ baum— ein an Winfrieds Zeiten erin⸗ nerndes Denkmal und des fruheſten Chriſten⸗ glaubens in deutſchen Gauen unverwerflicher Zeuge. Statt der Kuppel, mit der ſie einſt gekrönt geweſen, trug das Haupt weißlich graues Moos und heilenden Hauslauch. Man⸗ cher Quaderſtein war geborſten, mancher Theil hatte ſich untreu vom Ganzen getrennt, und lag, mit duͤnnem Graſe bewachſen, auf dem feuchten Erdboden. In einiger Hoͤhe befand ſich in drei Wänden eine gewölbte Sffnung, die vielleicht noch vor hundert Jahren mit einem Glasfenſter ausgefullt geweſen war; wenigſtens bewieſen ſolches dicht an dem Ge⸗ maͤuer daliegende Glasſtuͤckchen. In der vier⸗ ten— es war die Weſtſeite— war der Ein⸗ gang, mit einer ſtark mit Eiſen beſchlagenen —— 9 Thuͤr verſehen, aber keine Fenſteroffnung zu entdecken. Im Innern der Kapelle war es leer, nur ein morſcher hoͤlzerner Altar, unge⸗ kuͤnſtelt und ungeſchmuͤckt, einfach wie der Vortrag der chriſtlichen Lehre in den Zeiten, denen dieſes Gebaude ſein Daſein verdankte, aber ehrwuͤrdig, heilig, mahnte dieſe Reliquie den Eintretenden an Erhebung des Gemuͤths zum Ewigen, heiſchte ſie vom Nahenden Nie⸗ derſinken auf die Knie, Suͤndenbekenntniß und Gebet und der Gott erfullten Seele be⸗ geiſterten Lobgeſang. Geſchah dieſes, o dann verklaͤrte ſich dieſer mit Daͤmmerung erfullte Raum mit freundlichem Lichte, mit Erhoͤrung zuſagender Klarheit. Dieſe Kapelle war es, in welcher zu ge⸗ wiſſen Zeiten die fromme Gemahlin des Für⸗ ſten Ferdinand ſich der Andacht zu uͤber⸗ laſſen pflegte; hier war es, wo des Malers Georg Lichtung Meiſterhand ein meiſter⸗ liches Gemaͤlde ſchaffen ſollte. Nur daran den⸗ kend, was der in der Kapelle zuerſt vornehme, 10 womit er ſeine Arbeit beginnen wolle, mit der Hoffnung auf Lohn und in ſchmeicheln⸗ der Erwartung einer goldenen Zukunft, die ſeiner und Laurentiens warte, tritt er an die verſchloſſene Thuͤr, um die Ankunft des Mannes zu erwarten, der ſeine Standleiter ihm nachtrug und den großen Schluſſel brin⸗ gen mußte, dem er aber, in gluͤckſelige Ge⸗ danken verſenkt, vorgeeilt war. Er trippelte ungeduldig hin und her, und da er ihn ſo bald noch nicht entdeckt, verlaͤßt ihn die Ge⸗ duld. Er klagt das Schickſal an:„Wie kann ich Armſter,“ winſelt er,„wie kann ich in acht Tagen meine Arbeit vollenden, wenn gleich der Anfang ſo lamentable iſt! Sol ich denn bei allen meinen Unternehmungen kein Gluͤck haben?— Wo bleibt denn aber auch nur der Valencianiſche Eſel, der keuchende Klotz von Kerl!— Weiß der liebe Himmel, was der ſauertopfige Tolpel in den Beinen haben muß! Ich waͤre ja ihm ſchon entgegen gegangen, aber das thut man nicht gern, weil 11 man glaubt, daß einem das Ruͤckwaͤrtsgehen am fruͤhen Morgen den ganzen lieben Lag hindurch ruͤckgaͤngige Geſchaͤfte bereitet. Wenn mir nun zum Beiſpiel in dieſem alten dum⸗ pfen Kirchlein oder Tempelchen die Farben verſauerten, was dann anfangen?—„Na, kommſt Du ſchon, langſames Roͤhrenwaſſer?“ ſo rief er mit gellender Stimme den Leiter⸗ traͤger an. Dieſer nickte muͤrriſch, erſchloß die Thuͤr und faltete einige Minuten die Haͤnde, das Geſicht nach dem Innern der Kapelle ge⸗ wendet.„Nun, das fehlte noch,“ ſchnob ihn der Maler an,„daß mir der Pinſel auch noch den Weg verſperrt mit ſeinen Affengrimaſſen!“ und hiermit ſchob er ihn zuruͤck, nahm ſeine Leiter auf die Schulter und trat ein. In die⸗ ſem Augenblicke wurde von außen die Thuͤr verſchloſſen. Der Maler wußte recht gut, daß dieſes auf hoͤchſten Befehl geſchah und war deßhalb ruhig. Nachdem er nun ſeine Dop⸗ peltreppe am rechten Orte aufgeſtellt, bemerkt er, daß die Hle und Farben und der ganze 12 uͤbrige Apparat fehlen, weil er dieſes Alles draußen vor der Thuͤr liegen laſſen, indem ihn ſein Eifer zu hitzig hineingetrieben hatte. „Vermaledeite Wirthſchaft!“ ruft er zornig aus, wobei er ſeine Kopfbedeckung luͤftet, um ſich ein wenig die Haare zu zauſen.„Bah! nun ſtehen die Ochſen richtig am Berge. Nein, ſo ein Halunke ſchließt mir die Thuͤr zu und ſieht doch wohl, der Toͤlpel, daß mein ganzer Apparat noch da liegt. Doch viel⸗ leicht laͤßt er ſich noch mit der Stimme er⸗ reichen!“ Geſagt, gethan. Er ruckt, ſo ſchnell es gehen will, ſeine Standleiter an eine Seite, die eine Fenſteroͤffnung hat, ſteigt hinauf und ruft aus Leibeskräften:„He! heda! hu— ir he, Mann vom Schloſſe, zuruͤck!“ So ſtill⸗ ſchweigend jener das erſte Mal gekommen und fortgegangen war, kam er zum zweiten Male, offnete mit ſeinem gewaltigen Schluſ⸗ ſel, und als die nöthigen Sachen hineinge⸗ ſchafft waren, ſchloß er den Maler wieder ein und entfernte ſich. Der zu dieſer Mor⸗ 13 gen⸗ und Abendbedienung Georg Lich⸗ tung's beſtellte Mann war ein furſtlicher Ofenheizer, aber ſtumm wie ein Fiſch.— Waͤhrend des Auspackens der Farben und Zubereitung zur Miſchung derſelben, brummte unſer Kuͤnſtler, der nun vollends dem gegen⸗ waͤrtigen ganzen Tage nicht viel Gutes zu⸗ trauete, vor ſich hin, redete jedoch auch zu⸗ weilen ein lautes Woͤrtchen.„Habe ich mich doch gewaltig alterirt und ſoll ein Kunſtge⸗ maͤlde anfangen. Mit ſolcher Unruhe im Blute ſoll nicht einmal ein wackerer Maurermeiſter das mit brauner Erde beſtrichene Ofengeſims mit ei⸗ ner blauen oder gelben Kante verſehen koͤnnen, und ich— ich— ſoll malen!— Es wird ſich ja doch vielleicht bald geben. Will mir denn nichts Anderes beifallen, als immer nur die heutige Fatalitaͤt in doppelter Geſtalt? Ei doch, Laurentia.“ Er miſcht Farben mit SHl und Firniß, tritt hierauf mit in die Seite geſtaͤmmten Armen und pfeifend der einen Wand gegenuͤber und ruft:„Dorthin moͤchte 14 ich dich malen, Laurent ia! Ja, wenn ich nur wüßte——“ Indem er mit ſeinen Augen eine beſondere Stelle fixirt, die ſo eben von Sonnenſtrahlen beſchienen wird, die durch die Offnung in der gegenuberſtehenden Wand hindurchdringen, zeigt ſich ihm ein rieſenmaͤ⸗ ßiger Kopf mit ſtruppigem und empor ſtraͤu⸗ bendem Haar, das Sonderbarſte aber iſt, daß auf jeder Wange eine große Thraͤne lang⸗ ſam herunter gleitet, der bald eine zweite und dieſer eine dritte folgt und ſo fort. Dieſer Kopf war in einer hohen dunkeln Niſche und man konnte ihn nur zur Tag⸗ und Nacht⸗ gleiche ſehen, wenn die Sonnenſtrahlen Mor⸗ gens zwiſchen ſechs und ſieben Uhr die Niſche erhellten, indem ſie durch die öſtliche Fen⸗ ſteroͤffnung hindurch dringen. Die Fuͤrſtin hatte ihn daher nie geſehen, weil ſie zu dieſer Zeit nicht hier gegenwaͤrtig geweſen war. Der ſehr uͤberraſchte Maler kann ſich der Furcht nicht erwehren, wenigſtens will ihm weder Frühſtück, noch Mittagsmahl ſchmecken. Kurz, — 15 ſeine Arbeit ging fuͤr den ganzen Tag herz⸗ lich ſchlecht von Statten. Froh war er daher, als am Abende die Thuͤr wieder geoͤffnet wurde und er in die freie Natur eintreten durfte. Mit einem tiefen Seufzer verließ er die Kapelle und ſchlendert⸗ verdruͤßlich dem ſtummen Manne nach. Im Schloſſe ange⸗ kommen, ſucht er ſehr fruͤh ſeine Lagerſtaͤtte auf, wo ihn der Gedanke, morgen werde Al⸗ les deſto beſſer gehen, troͤſtet und ihn bald in Schlummer wiegt. Doch mehr wie einmal ſtört der Traum vom großen weinenden Ko⸗ pfe den Schlaf des Ruhe beduͤrfenden Kuͤnſt⸗ lers. Der anbrechende Morgen fuͤhrt ihn wieder in die Kapelle. Anfangs gluͤckte ihm die Arbeit. Als aber der Thurmſeiger des Schloſſes, hier kaum vernehmbar, ſeine ſechs Hammerſchlaͤge auf der Glocke angebracht hat, laͤßt ſich auch ſch ieder die garſtige Er⸗ ſcheinung in der Niſche ſehen. Große Tro⸗ pfen gleiten auch jetzt von den bleichen Wan⸗ gen herab in den grauen dichten Bart. Da 7 16 kann ſich Georg, dem Fortuna nun einmal, wenigſtens in der Kapelle, nicht wohl zu wol⸗ len ſcheint, nicht laͤnger maßigen. Mit wuͤ⸗ thender Gebehrde ſtemmt er die Arme in die Seite, tritt vor den Kopf, und zu ihm hinauf⸗ ſchauend redet er ihn ſo an:„Jammergeſicht, ſage an was weinſt Du? Ich wollte Dich bitten, Du ſolleſt mit einem armen Maley Mit⸗ leid haben; allein ich ſehe wohl, daß man Dich bemitleiden muß. Du ſchuͤttelſt? alſo, ſo iſt's nicht? wer biſt Du? etwa der weiner⸗ liche Demokrit? dann rathe ich Dir, Dich zu⸗ ruͤckzuziehen in das Land der Narren. Nun, Lrotzkopf, wird's bald? Du hoffeſt doch nicht etwa, von mir copirt zu werden?“ Der Kopf ſchuͤttelte und weinte fort; der Maler kreuzte in hochſter Unruhe ſeine Atme auf der Bruſt und ſprach:„Ei, ſo ſchaͤme Dich doch, Du alter Griesgram! wer wird immer weinen!“ Wie nun aber dieſe Vorſtel⸗ lungen in ſanfter Rede nicht wit der zur Verzweiflung gebrachte Kůnſter 12 hoͤchſter Aufregung die Fauſt und mit den Worten:„Nein, das iſt zu toll! meine Kunſt wird hier zur Bettlerin und ich werde durch den verfluchten Vagabonden da oben zum Landſtreicher!“ packt er die Standleiter, klappt ſie heftig zuſammen und ſtoͤßt ſie auf den Fußboden, an dem bereits auch der Zahn der Zeit bedeutend genagt hat. Ein Krachen und darauf ein dumpfer Wiederhall erfullt die ver⸗ ſchloſſenen Raͤume der Kapelle, denn der Fußboden hat ſich weit geoffnet und Georg Lichtung fährt, ſeine Leiter mit beiden Haͤnden feſthaltend, in das unten befindliche Gewölbe. Daſelbſt angelangt, quetſcht ihm die den Fuß⸗ boden beruͤhrende Leiter durch den raſchen Druck den rechten Fuß und ſchlagt ihm au⸗ ßerdem an die Stirne. Doch die Fahrt aus dem obern in den unterirdiſchen Raum war kurz, und er kam mit einer leichten Quet⸗ ſchung des Fußes und einer Stirnbeule gluck⸗ lich davon. Die Siegwarts⸗Kapelle. 1. — Ohne ſich von der Stelle zu bewegen, und noch immer die Leiter feſthaltend, exami⸗ nirt er erſt mit weit geoͤffneten Augen und dann mit den zart empfindenden Fingerſpi⸗ tzen ſeinen neuen Aufenthaltsort. Schon der Geruch ließ ihn ahnen, wo er ſei; noch deut⸗ licher uͤberzeugte ihn aber bald Geſicht und Gefühl, daß er ſich in einem Todtengewoͤlbe befinde.„Nun, Georg!“ ſo redete er ſich ſelbſt vertraulich an,„dein gehofftes Gluͤck war nur eine Seifenblaſe. Es iſt Alles vorbei, Alles verloren. Sah ich es dem hundsfoͤtti⸗ ſchen Kopfe bald an, daß er mein Verderben beſchloſſen habe, das ſah ich; denn will ein Kunſtmaler nicht ein Pfuſcher ſein, ſo muß er vor allen Dingen, beſonders wenn er Por⸗ traits zu malen beabſichtigt, die Phyſiogno⸗ mien, Gebehrden und Mienen ſtudiren und aus dieſen allen nicht bloß den Charakter im Allgemeinen, ſondern auch die gegenwaͤrtige Stimmung der Seele, die Situation des Ge⸗ Gemuͤths richtig zu deuten wiſſen. Nun wohl, 19 hierin beſteht eben meine groͤßte Kunſt, hier⸗ in habe ich meine Starke. Daß aber Frau oder Jungfer Fortuna mir nicht hold iſt, je nun, das iſt eine Sache per se. Aber warte, du ägyptiſches Mumiengeſicht, ich werde ſo⸗ gleich wieder oben ſein, da ſoll dich mein Pin⸗ ſelſiel ſo kizeln, daß du bald dein neidiſches Weinen und dein ſchadenfrohes Lauſchen auf⸗ geben ſollſt.“— Sofort ruckte der bis zur Raſerei erboſ'te Maler ſeine Leiter zurecht, ſtieg auf derſelben bis zur höchſten Stufe, um von da wieder in die Kapelle zu gelan⸗ gen; aber dazu war die Leiter nicht hoch ge⸗ nug. Da er aber wenigſtens die Niſche von dieſem Standpunkte aus, wenn auch nicht den Kopf ſelbſt ſehen konnte, ſo machte er ſeinem Herzen durch das Halten einer Straf⸗ predigt Luft. Das Hauptthema zu dieſem Monologe war die Vorſtellung a) im La⸗ chen und b) im Weinen. Nach Endigung dieſer Rede ging er zur Selbſtpruͤfung uͤber und das Reſultat war:„Ich habe dieſe mich 2* 20 ungluͤcklich machende Armuth eben ſo wenig verſchuldet, als Laurentia's Vater ſeine Wuͤrde und ſeinen Reichthum verdient hat. Wie ſo, Georg Lichtung? Mein Ur⸗Groß⸗ vater— Dein Ur⸗Großvater war— ich weiß es— war ein tapferer Ritter— im Nach⸗ zuge des kaiſerlichen Heeres. Er blieb unbe⸗ kannt und unbelohnt. Dein Großvater— Paul— ruͤhmlichſten Andenkens, war ein Maler, deſſen Meiſterſtuͤck noch bis auf den heutigen Tag die Bewunderung der Fremden auf ſich zieht: er hat ja die gebratene Schoͤp⸗ ſenkeule auf dem Schilde der Schenke im Dorfe Kalbshaide gemalt. Dein Vater— von Kindesbeinen an zu etwas Großem beſtimmt — lernte Latein, Griechiſch und Hebräiſch und wurde— ein Komodiant erſter Groͤße. Durch ihn erhielt der Familien⸗Name Lichtung erſt volles Gewicht. Denn hatte er nicht die ſchwerſte aller Theater⸗Funktionen uͤbernom⸗ men, ſtets für gehoriges Licht wahrend der Vorſtellung zu ſorgen? Er war Lichtputzer. A Schade, Jammerſchade war es um dieſen wichtigen Mann, daß er ſein junges Leben in Folge eines Beinbruches in ſeinem kaum zuruͤckgelegten einundſechzigſten Jahre ein⸗ buͤßte. Doch es geſchah in ſeinem wichtigen Berufe, und er ſtard alſo des ehrenvollen Maͤrtyrer⸗Todes fuͤr die Kunſt. Und nun du, Georg, haſt es noch in deiner Gewalt, dich beruͤhmt, reich und glucklich zu machen. Du ſtrebſt nach hohen Dingen. Pruͤfe des⸗ halb bei Zeiten deine Kraͤfte. Wer Großes zum Ziele ſich macht, muß Großes wagen.“ Was aber das unverdiente Gluck, deſſen Lau⸗ rentia's ſtolzer Vater ſich erfreuet, anlangt, ſo wiſſen wir dem kritiſchen Maler es Dank, uns veranlaßt zu haben, eine ſchickliche Gelegen⸗ heit aufzufinden, uns auf einige Stunden, bis Abends ſechs Uhr, aus GeorgLichtung's Todtengewoͤlbe und ſo auch von dem uͤbelge⸗ launten Eiferer zu entfernen, geraden Weges in die Reſidenz uns zu verſteigen, um mit gutigſter Erlaubniß in der Haus⸗ und Per⸗ 2 ſonal⸗Chronik der Familie Feſſelring, zu der Georg Lichtung's ſchmachtende Braut Laurentia gehoͤrt und deſſen Mitglied auch dieſer mit der Zeit zu werden hofft, ein we⸗ nig zu blaͤttern. Vor vierzig Jahren war der alte Bal⸗ thaſar Feſſelring noch ein ſehr unbemit⸗ telter Mann, von Gewerbe ein Maurergeſelle. Unerwartet zeigt ſich in der Haushaltung deſ⸗ ſelben ſteigende Fröhlichkeit und zunehmender Wohlſtand. Die fleißige Hausfrau, die bis⸗ her aus dem benachbarten Walde Holz ge⸗ tragen und das, was ſie vom eigenen Bedarf erubrigen konnte, zum Verkauf ausgeboten hatte, unterließ nicht nur dieſes Geſchäft, ſon⸗ dern ſie kaufte ſelbſt das ganze Brennmate⸗ rial und füͤhrte eine beſſere Koſt ein; ſie klei⸗ dete ſich und ihre Töchter nach der neueſten 23 Mode und nannte ihren Mann einen Grillen⸗ faͤnger, wenn er zur Sparſamkeit und zum Fleiße ermahnte.„Bedenke doch, Mutter!“ ſagte er oft zu der Gattin,„daß wir vier Kinder haben. Um unſerm Gaumen zu ſchmeicheln und uns alten Leute zu putzen, deßhalb, meine ich, hat uns doch gewiß der liebe Gott den ſchoͤnen Segen nicht geſchenkt, wir ſind an Arbeit, Maͤßigkeit und Niedrig⸗ keit des Standes gewoͤhnt, bleiben wir bei dieſer Gewohnheit bis an unſer Ende! aber da ſind erſtlich die beiden Jungen. Sie ha⸗ ben, wie die Lehrer verſichern, Kopf zum Lernen und dazu Ausdauer und Geduld. Gottfried— na, ſieh nur ſeinen ſpoͤttiſchen Blick, Mutterchen! hoͤrſt Du, der muß ein⸗ mal ein Advokat werden!“„Ach, geh' weg, Balthaſar, der Art Leuten weiche ich im⸗ mer gern aus. Ich weiß ſelbſt nicht, was in mir vorgeht, wenn ich einen ſolchen Herrn ſehe.“„Das iſt, will ich Dir nur ſagen, die Hochachtung fuͤr ihren Stand. Es geht mir 24 auch ſo, juſt ſo, wie Du ſagſt. Das ſind Dir ganze Leute, die Advokaten.„Gut, un⸗ ſer Gottfriedchen ſoll Advokat werden! aber Traugott ſoll das Predigen lernen, nicht wahr?“ nahm ſich die Mutter des zwei⸗ ten Sohnes an.„Das waͤre mein Wunſch auch,“ meinte Balthaſar,„der Junge hat ſo was Treuherziges an ſich und das ſteht einem geiſtlichen Herrn recht gut.“„Ja, ſo war's recht!“ ſchnarchte eine derbe Baßſtimme durch die halbgeoͤffnete Thuͤr herein,„ſo war's recht. Der Burſche taugt zum Pre⸗ digen gar nicht, ſo wenig wie ich zum Schul⸗ meiſter, der ich durchaus werden ſollte. Fragt ihn einmal ſelbſt, ob er wirklich Luſt zum geiſtlichen Stande habe, dann werdet Ihr zu Eurer Verwunderung ein Nein hören. Laßt Ihn einen Apotheker werden. Ein ſolcher muß eine eben ſo weiſe Miene annehmen können, wie ein Paſtor, und ein eben ſo gelehrtes Geſicht haben, wie ein Proſeſſor.“„Meinen der Herr Doctor wohl?“ fragte ſchuͤchtern 25 Frau Feſſelring.„Im Ernſte, ja wahr⸗ haftig!“ entgegnete er und wollte mehr ſagen, allein jetzt trat Traugott mit den Buͤchern unterm Arme in die Stube ein, gruͤßte den Herrn Doctor hoͤflich und legte ſeine Buͤcher ab.„Traugott!“ redete ihn der Vater an, „wir ſprachen ſo eben von Dir; geſtehe offenherzig, zu welchem Berufe haͤtteſt Du wohl am meiſten Luſt?“„Zu Allem, nur nicht zu Deiner Profeſſion, Vater!“„Das ſollſt Du auch nicht, mein Kind!“ beruhigte die Mutter.„Was moͤchteſt Du aber gern lernen?“ fragte ſie, ihm die Wangen ſtrei⸗ chelnd.„Ein Schulmeiſter—“ war die Ant⸗ wort,„doch, ſetzte er hinzu,„wenn Ihr nichts dawider habt.„Allerdings haben wir etwas und zwar recht viel dawider; dafuͤr magſt Du denn doch lieber ein Maurer wer⸗ den. Aber ein Prediger—“„Ach—!“ dehnte die einſylbige Erwiderung des Kna⸗ ben. Da fiel der Doctor hurtig ein:„Ein Apotheker, ein Apotheker, Kleiner, das iſt ein — S„ 26 herrlicher Mann Der zwölfjährige Trau⸗ gott überlegte, ſann hin und her und wenn man ihn fragte, zu was er ſich entſchloſſen habe, antwortete er immer:„Zu nichts.“— Jedoch es hatte damit ſein Bewenden: Gottfried ſtudirte endlich Jura und Trau⸗ gott ward ein Apotheker. Das koſtete frei⸗ lich viel Geld und woher den armen Leuten dieſes kam, wußte man nicht, ausgenommen, daß man ſich ins Ohr raunte, der Maurer⸗ geſelle Balthaſar Feſſelring habe in ei⸗ nem Keller viel Geld gefunden und heimlich mit nach Hauſe genommen. Faſt das ganze Vermoͤgen wurde an die Kinder gewandt. Auch die Toͤchter wurden gluͤcklich an den Mann gebracht, beſonders weil ſie eine recht huͤbſche Ausſtattung erhiel⸗ ten. Indeß, obgleich ſich die ſorglichen El⸗ tern von allem baaren Vermoͤgen beinahe ganz entbloͤßt hatten, ſo durſten ſie doch in ihrem Alter keine druͤckende Noth erfahren, denn Gottfried érwarb ſich als Advokat 4 5 27 manches ſchöne Suͤmmchen, ſo daß er ſich ein herrliches Wohnhaus kaufen und ſeine Eltern bis zu ihrem Tode verpflegen konnte. Sie erlebten beide das Gluͤck, daß Gottfried, der damals Gerichts⸗Actuar war, eine gute, ſanfte und ziemlich beguͤterte Jungfrau als Gattin heimfuͤhrte. Ganz vorzuglich erqui⸗ ckend muß ein ſorgenfreier Lebensabend fuͤr den ſein, der einen kummervollen Morgen und einen ſchwuͤlen Mittag durchlebt hat, und nun bei dauernder Geſundheit des Geiſtes und Koͤrpers noch einmal die dornenvolle Bahn uͤberſchaut, die auf immer zuruͤckgelegt iſt. Aber nicht weniger wonnevoll fuͤr Kin⸗ der, denen ein ſorgenfreies Alter gewaͤhren zu koͤnnen, durch die ſie groößtentheils ſelbſt in den Stand geſetzt ſind, ihre Dankbarkeit zu zeigen. Gottfried Feſſelring, von dem hier beſonders die Rede ſein muß, weil er der Vater Laurentia's, und dieſe, wie wir be⸗ reits wiſſen, des Malers Georg Lichtung's Hausglucks. Einige Erbſchaften verliehen der 28 Geliebte iſt, wurde fuͤrſtlicher Gerichtsamt⸗ mann und galt in kurzer Zeit für einen der reichſten Maͤnner in der Reſidenz. Auch durch dieſen Umſtand fuͤhlten die nie ruhenden Laͤ⸗ ſterzungen ſich berufen, entehrende Muthma⸗ ßungen uͤber den Herrn Gerichtsamtmann und deſſen Familie boͤswillig zu verbreiten. Man beſchuldigte ihn himmelſchreiender Un⸗ gerechtigkeiten, des Unterſchleifs und der Be⸗ ſtechung, da er doch ein ſtreng rechtlicher und braver Staatsbuͤrger, da er doch ein Mann war, dem als Richter, wie er ſich oft aus⸗ druckte, eine Hand voll Wahrheit mehr galt, als ein Land voll goldner Schurken. Doch eben der Gerechte iſt es, der viel leiden muß. Jemehr er aber beneidet ward, deſto beſſer gedieh das Wohl des Hauſes. Drei geſunde und wohlgeſtaltete Kinder, namlich ein Sohn — Robert— und zwei Toͤchter— He⸗ lene und Laurentia— ſind die Zierde der Ehegatten und der Schmuck der Krone des 20 Familie in finanzieller Hinſicht Zuwachs an Wohlſtand. Helene hatte nun ihr ſiebenzehntes Le⸗ bensjahr angetreten, als ſich ſchon einzelne ſauber parfumirte Herrchen bei derſelben ein⸗ fanden, denen auch ein etwas bloͤdes Auge anmerken konnte, daß ſie von jenem allbekann⸗ ten und gefurchteten goldenen Pfeile verwun⸗ det worden ſeien. Helene fuͤhlte ſich da⸗ durch geſchmeichelt und ihre jugendliche Phan⸗ taſie erhielt ſo einen nie geahnten Schwung. Von Tag zu Tag enthuͤllte ſie mehr Reize, und es war naturlich, daß durch die immer ſchoͤner ſtrahlende Glorie der von ihren Geſpielinnen beneideten Jungfrau auch immer mehr ergluͤhte Verehrer zu ihr ſich herangelockt fuͤhlten. Die Mutter, die feinen Sitten der vornehmen Welt mehr kennend und liebend als der Va⸗ ter, und dem Takte des zierlichen Anſtandes mehr huldigend als dieſer, glaubte es dem Glanze ihrer Familie ſchuldig zu ſein, die Vi⸗ ſiten im Geheimen beguͤnſtigen zu muͤſſen 30 und als ſüne Beobachterin mit des ſcharfen Mutterauges klarem Blicke den Geſchmack und die Neigung der geliebten Helene erſpaͤhen zu können. Dem Vater freilich war das ſtets rege Leben in ſeiner, bis dahin nur ernſten Geſchaͤften geweihten Wohnung ſehr zuwider. Jedoch ſo ſehr er auch gegen das ewige Cour⸗ machen, wie er es nannte— eiferte, ſo mußte er ſich's doch gefallen laſſen. Unterdeß entfal⸗ tete ſich auch die andere Roſenknospe— die Schoͤnheit der beſcheidenen Laurentia. Sie, mehr die Stille liebend, wich zwar dem Schwarme leidenſchaftlicher Verehrer, den Huldigungen ſußer Herrchen aus, aber mußte ſich doch Einiges gefallen laſſen, wollte ſie der uͤbeln Nachrede, ſie ſei menſchenſcheu, nicht immer mehr Wahrſcheinlichkeit geben. Alſo nur Einigen verſtattete ſie, ſich ihr zu nahen, und unter dieſen bevorzugte ſie offen⸗ var den melancholiſchen Maler Georg Lich⸗ tung, ſo wie die ältere Schweſter dem rei⸗ chen Juwelier Stein gold ihre Hand zum 31 unaufloslichen Ehebunde reichen durfte;— damit nun— wie der Gerichtsamtmann ſich ernſt ausdruckte, endlich einmal dem ihm ſo verhaßten Durcheinanderrennen der Freier und Freiwerber ein Ende gemacht wuͤrde. Stein⸗ gold hatte aus lauterer Liebe die reizende Helene zur Lebensgefaͤhrtin ſich erkoren; dieſe ihn mehr aus Prachtliebe, als aus wahrer herzlicher Neigung zum Gatten genommen. So konnte es nicht fehlen, daß Helene, da ſie durch den immer ſichtbarer werdenden Geiz ihres Gemahles in ihren Erwartungen ſich getaͤuſcht fand, bald ihre Wahl bereuend, kein wahrhaft gluͤckliches Leben genoß. Aus dieſer Urſache beguͤnſtigte man nun den Maler Lich⸗ tung, beſonders da es unzweideutig war, daß er und Laurentia einander im Temperament aͤhnlich ſeien und beide einander aufrichtig lieb⸗ ten. Der Vater meinte freilich, daß dieſer gute Mann doch wohl ein wenig zu arm ſei, indeß, da man allerdings Hoffnung habe, daß er naͤchſtens bei Hofe eine Anſtellung erhalten 32 werde, ſo wolle er ihm vor der Hand nicht die Thuͤr weiſen. In dieſer Hoffnung wurden die Ehegat⸗ ten beſtaͤrkt, als ſie auf geheimem Wege die Nachricht erhielten, daß Lichtung vom Fuͤr⸗ ſten beauftragt worden ſei, ein meiſterliches Gemaͤlde in der Kapelle zu verfertigen. Folg⸗ lich hing von der Ausfuͤhrung dieſer Aufgabe des armen Malers ganzes Gluͤck ab. Leider haben wir aber geſehen, daß er ſelbſt wenig Hoffnung mehr hat, dem Gemaͤlde nur einige Vollendung zu geben. Ungluͤcklicher Georg! Doch um dieſen Tag, an dem wir ihn in dem Todtengewoͤlbe verließen, zum ungluͤcklich⸗ ſten ſeines Lebens zu machen, muß er auch an Laurentia's Gegenliebe verzweifeln. Es war am zwei und zwanzigſten Maͤrz. Milde Waͤrme hauchte der Lenzgott herab von ſeinem wonnigen Throne in die des Fruͤhlings hattende Natur, das einſame Rothkehlchen 3 ſäng in dem noch blaͤtterloſen Gebuͤſche ſein zartes Lied und die bunte Bachſtelze vo 33 munter von einem Steine zum andern; nur in der Kapelle verlaſſenen Raͤumen war es ſchauerlich kalt, feucht und oͤde, und Grauſen erregend der Aufenthalt im Todtengewoͤlbe. Herabgeſtiegen von ſeiner Standleiter tappte Georg Lichtung mit ſteigender Angſt umher, konnte aber nur morſches Gemaͤuer und metallene Saͤrge entdecken; Hunger und Durſt ſtellen ſich ein, qualen ihn und machen ihm ſeine Lage ſehr bedenklich.„Wie? wenn nun— denkt er— wenn nun der Mann vom Schloſſe meiner vergaͤße und Niemand weiter an mich dächte? Ja, wer weiß, ar⸗ mer, vom Geſchick verlaſſener, nein, das iſt zu wenig, vom Mißgeſchick verfolgter Georg, wer weiß, ob du je wieder einen Sonnenſtrahl erblicken wirſt! Schrecklich, ſo gerade zur Fruͤh⸗ lingszeit, wenn die ganze Natur vom Tode erwacht, dem Tode in die Arme ſinken zu muͤſſen! Ach, Laurentia, erblickt dein liebes Auge einen Schmetterling, der aus ſeinem Kerker an die Tageshelle hervorbricht, dann Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 3 34 denke meiner! gonne dem glücklichen Geſchoͤ⸗ pfe ſein neues Leben und weine mir, dem Schmetterlinge, dem es nicht vergoͤnnt war, die ſteinerne Huͤlle zu durchbrechen, eine mit⸗ leidige Thraͤne!“ Noch um einige Saͤrge bie⸗ gend, entdeckt er ein Zugloch, dem er ſich naͤhert und vor demſelben ſich niederkauert. Dieſe Offnung gewährt ihm die Ausſicht auf die unten ausgebreitete Wieſenaue, an der ſich eine Lindenallee hinzieht. In dieſer letztern vemerkt er bald ein geputztes junges Liebes⸗ paar, das vertraulich daher wandelt.„Wer ſind wohl die ſchoͤnen Leutchen, die der liebe Gott nur zur Freude beſtimmt zu haben ſcheint. Die Mannsperſon iſt ein furſtlicher Offizier, aber das Frauenzimmer— hm! gleicht doch das Fraͤulein meiner Laurentia! Wenn ich nun von ihrer Treue nicht zu feſt uberzeugt oder ſonſt mißtrauiſch waͤre, dann muͤßte es durchaus Laurentia ſein. Doch— ja— wahrhaftig ſie iſt's, die— Ungetreue, 8 Wortbruͤchige! Nun will ich gern ſterben 35 Nein, leben will ich, mich raͤchen! was ſage ich? ich rede von Wollen, ich, der ſchwaͤcher iſt als die Puppe!“ Ein Fieberfroſt ſchuttelte ihn ſo heftig, daß ſeine Zaͤhne klapperten. Er lehnte den Kopf an die Wand, faltete die Haͤnde und wuͤnſchte, in dieſer Stellung vom Schlummer, vom ewigen Schlummer uͤber⸗ mannt zu werden. Nur noch einmal die ge⸗ liebte Laurentia zu ſehen und dann, wo⸗ moöglich zu ſterben, blickt er durch die Off⸗ nung in dem Augenblicke, als Laurentia und ihr Begleiter aus der Allee in einen Sei⸗ tenweg abbiegen, der um den Huͤgel fuͤhrt, auf dem die Kapelle ſteht. Noch haften des Malers Augen ſtarr auf jenem Punkte, wo ihm Laurentia zum letzten Male er⸗ ſchienen iſt, als er einen Reiter, etwa einen Kaufmann, daher traben ſieht. Jetzt verliert der Reiſende ſeinen Mantelſack, der vom Pferde herunter gleitet. In des Malers Bruſt erwacht neuer Lebenstrieb, wie er denn denkt, daß er, wenn es jetzt eben ſechs Uhr 3 36 wäre und er vom Stummen nicht vergeſſen wurde, des daliegenden herrenloſen Schatzes habhaft und dadurch wohl glucklich werden könne; dann wolle er als reicher Mann die untreue Laurentia trotzig verlaſſen. Kaum hat er dieſen Gedanken ausgedacht, als er die Thuͤr der Kapelle ſich oͤffnen hoͤrt. Sogleich ſpringt er auf, erſteigt haſtig ſeine Leiter und ruft dem eingetretenen Manne zu, er ſolle den oben liegenden Strick mit einem Ende an eine Altarſaͤule befeſtigen, an dem an⸗ dern ſodann eine Schleife ziehen und ihMm dieſe hinunterlaſſen. Mit einiger Nachhuͤlfe des ſtummen Mannes erreichte Georg Lich⸗ tung den Fußboden der Kapelle und ſturzte wie ein Wahnſinniger, zu des Boten großer Verwunderung, hinaus und eilte der Allee zu. Noch liegt der Schatz unverſehrt da, ſchon wird unſerm Kuͤnſtler bange, ob er den⸗ ſelben auch wohl werde tragen koͤnnen, da ihm der heutige Tag alle Kraͤfte geraubt habe, da treten aus demſelben Wege, auf welchem 37 der Offizier und Laurentia vor wenigen Stunden dahin gewandelt ſind, zwei ſtarke Handwerksburſchen, mit tuͤchtigen Knuͤtteln in den Haͤnden, auf die Allee, und:„He, Kame⸗ rad, dort giebi's was fuͤr uns armen Schelme!“ jubelnd, erfaſſen ſie, beide zugleich, den rei⸗ chen Fund. Aber da kommt keuchend der Maler heran und verlangt das Gefundene fuͤr ſich, zuerſt ganz, dann zum dritten Theile nur, weil er den Schatz zuerſt entdeckt habe. Umſonſt ſind Bitten und Drohungen; die Handwerksgeſellen tragen im Geſchwindſchritt die koſtbare Beute in ein nahes dichtes Ge⸗ buͤſch, und drohen dem Maler, wenn er ſich unterſtaͤnde, ihnen dorthin zu folgen, ſo woll⸗ ten ſie ihm wohl ein Suͤmmchen aufzaͤhlen, daß ſein Ruͤcken ſo blau anlaufen ſolle, wie ihre Haͤnde waͤren. Ein Blick auf dieſe blauen zwanzig dicke Finger gab dem Maler den gluͤcklichen Gedanken ein, fuͤr dies Mal nachzugeben, ware wohl zweckmaͤßig. Viel langſamer freilich ging der Ruͤckweg als das 38 Hereilen von Statten. Ergrimmt und traurig zugleich erreichte er wieder die Kapelle, wo er den Boten noch fand, aber des großen Hungers ungeachtet nichts zu genießen ver⸗ mochte und ſo ſein Fruhſtuͤck und Mittags⸗ brod wieder zuruͤckbrachte, unangeruͤhrt und unverfehrt. Im Schloſſe angekommen laͤßt er den Kammerdiener, der allein unter allen Bedie⸗ nungen um des Malers Auftrag wußte, und an welchen dieſer gewieſen war, um eine geheime Unterredung bitten. Der Kammerdiener ge⸗ waͤhrt ihm ſolche und beſtellt den Maler zu ſich. Dieſer erzaͤhlt ihm den Vorfall in der Kapelle, veſchreibt ihm den garſtigen Kopf und ſetzt hinzu, er argere ſich nur daruͤber, daß ſich dieſer Kopf nur Morgens fruh zeige, dann aber in dichte Finſterniß ſich einhuͤlle, und daß er den Quell der Thraͤnen nicht entdecken koͤnne; das Alles beunruhige ihn ſo, daß, wuͤrde das fatale Stück nicht gaͤnzlich entfernt, er un⸗ möglich in der Kapelle arbeiten könne. Der Kammerdiener, dem alle Phyſiognomien zu⸗ wider waren, die einen Anſtrich von Schwer⸗ muth trugen, hielt nur ſchwer ein lautes Hohngelaͤchter zuruͤck und verſprach, am an⸗ dern Morgen, ſobald er die gnädigſte Herr⸗ ſchaft bedient haben werde, ihn in die ge⸗ heimnißvolle Kapelle zu begleiten. Hierdurch einigermaßen beruhigt, genoß der Maler noch etwas Speiſe und legte ſich ſchlafen. Am andern Morgen mußte er aber lange auf den Kammerdiener warten. Erſt um ſieben Uhr ließ er ſich bei Georg Lichtung ſe⸗ hen, erklaͤrte aber, er muͤſſe durchaus noch ein paar Stunden ſich gedulden. Dem Ma⸗ ler war jetzt Alles recht und er ließ ſich da⸗ her dieſen Aufſchub gern gefallen. Seine Ehre zu retten, das nur lag ihm am Her⸗ zen. Endlich kam der Kammerdiener und ging mit ihm nach der Kapelle. Dort war aber, was dieſer vorher geſagt hatte, vom Kopfe nichts mehr zu ſehen.„Es koͤnnte vielleicht, 40 mein lieber Mann, eine Eule dort in der Niſche geſeſſen haben, und bekannt iſt es uͤbrigens, daß Phantaſten ein Eulengeſicht ſehr leicht fuͤr ein Meduſenhaupt anſehen. Ja, ja! ſo wird's ſein; ha, ha!“ hohnlachte in übermaͤßigem Spotte der Kammerdiener. Da ergrimmte der Maler von neuem und drohete, beim Fuͤrſten uͤber ihn Klage fuͤhren zu wollen und ſetzte hinzu:„Haͤtte der Herr Kammerdiener es nicht auf eine Narrenpoſſe abgeſehen gehabt, ſo wuͤrde er ein Licht oder beſſer eine Laterne hierher beſorgt haben, wo⸗ zu ich ſchon geſtern Abend rieth.“ Hierauf packte er ſeine Farben zuſammen und nahm Ab⸗ ſchied von der Kapelle. Der Kammerdiener gerieth hieruͤber in Verlegenheit und verſuchte den Kuͤnſtler zu beſänftigen. Dieſer aber meinte:„Vielleicht hat der Herr Kammerdie⸗ ner dieſes Stuͤckchen Brod einem Vetterchen zugedacht, mit dem er es zu theilen gedenkt.“ Dem Kammerdiener blieb nichts uͤbrig, als die Sache ſo ſchnell wie moglich zur Kennt⸗ 4⁴ niß des Fuͤrſten zu bringen. Dieſer ließ nun daruͤber eine genaue Unterſuchung anſtellen. Der Kopf in der Niſche wurde gefunden, nicht aber Georg Lichtung, der Maler, uͤber deſſen Verſchwinden der Kammerdiener in die groͤßte Angſt gerieth, und Laurentia faſt untroͤſtlich war.— Fuͤrſt Ferdinand gewann die Wette. Wozu derſelbe aber die hundert Friedrichsd'or angewandt, wird die Folge lehren. Die Frau Gemahlin des Fuͤrſten Fer⸗ dinand Durchlaucht wollte zu ihrem Na⸗ mensrage einen glaͤnzenden Hofball geben, zu dem ſaͤmmtliche Honorationen der Reſidenz eingeladen wurden. Der Juwelenhaͤndler Steingold, der ſchon laͤngere Zeit nicht recht geſund geweſen, ſagte eines Tages zu ſeiner Gattin:„Liebe Helene, wenn ſich mein Zuſtand bis dahin nicht bedeutend verbeſſert, 42 ſo konnen wir an der Feſtlichkeit nicht Theil nehmen.“„Wir?“ entgegnete Helene.„Ei, liebes Maͤnnchen, ich bin ja geſund wie ein Fiſch, warum ſollte denn auch ich nicht auf dem Strome mit fortſchwimmen, auf dem ſo viele Andere—“„Mein Kind,“ erwiderte Steingold,„die Etiquette bei Hofe iſt ſtreng, und ein ehrenfeſter Buͤrger iſt, wenn er ſolch' einer Ehre gewuͤrdigt wird, ſtets verbunden, ſich dem Ceremoniel zu unterwerfen. Was wuͤrde man von uns, und insbeſondere von Dir denken, wenn wir uns eines ſolchen Ver⸗ ſtoßes ſchuldig machten.“„Alſo ich ſoll auch dieſes Vergnuͤgen Deiner klaͤglichen Laune op⸗ fern und mich unaufhoͤrlich nach Deinen groß⸗ väterlichen Grunvſaͤtzen geniren?“„Ja, meine Allerliebſte, das waͤre wohl immer das Beſte.“ Heftig weinend nahm ſie ihr Strickkoͤrbchen an den Arm und trat ſchluchzend in ihrer Eltern Wohnung ein, als gerade auch hier eine Differenz der Meinungen zwiſchen Vater und Mutter ſich durch ſcharf betonte Accente 43 kund gab. Die Mutter hatte nämlich den Wunſch ausgedruͤckt, Väterchen moͤchte doch Robert, den Sohn, der ſich als Kaufmann in der Reſidenz etablirt hatte, durch Vorſtel⸗ lungen dahin zu bringen ſuchen, daß er ſeine Reiſe nach Frankfurt bis nach Beendigung der Feſtivitäten aufſchiebe, um den hohen Ge⸗ burtstag auch ſeinerſeits zu celebriren. Der Gerichtsamtmann war dieſer Meinung nicht, ſondern meinte, wichtige Geſchaͤfte ließen ſich nicht immer aufſchieben, und gingen dann allemal dem Vergnugen vor; auch ſei er ſelbſt recht herz⸗ lich froh, daß Robert noch nicht aufidieſen Ge⸗ danken verfallen ſei, er als Vater werde ſei⸗ nem Kinde keinen Leichtſinn einimpfen, beſon⸗ ders da Robert ohnehin nicht frei von dem⸗ ſelben ware. Die Mutter entgegnete, etwas Leichtſinn ſtehe allemal einem jungen Menſchen beſſer an, als allzugroße Gravität. Ein Knabe von zwölf Jahren muͤſſe noch nicht ein er⸗ wachſener Jungling, und ein ſolcher noch kein weiſer Mann ſein wollen.„Ganz wohl!“ 44 ſtimmte der Amtmann bei,„allein der Knabe muß wie der Juͤngling und dieſer wie der erfahrene Mann ſich ſelbſt beherrſchen koͤnnen, und es immer mehr lernen. Aber apropos! wie alt mag doch wohl der Maler Lichtung ſein?“„Ich verſtehe,“ erwiderte die ge⸗ reizte Gattin,„der Maler hat, ich geſtehe das gern, fuͤr ſein Alter, oder vielmehr für ſeine Jugend, ein allzugroßes Maß von Ernſt, der gar an Schwermuth grenzt; jedoch bedenke doch, mein Schatz, daß auch unſere Laurentia, die doch noch juͤnger iſt, als er, ſchon die Miene einer alten Matrone an⸗ nimmt, und ſo, meinte ich, paßten ſie freilich beſſer zu einander, als die ungluͤcklichen Leute Steingold. Denn was muß nicht die, ſo zu ſagen aus dem elterlichen Hauſe vertrie⸗ bene unglückliche Helene von ihrem Gatten ertragen!“„Nun was denn zum Beiſpiel?“ fragte der Amtmann.„Ei, mein Gott! Du kannſt noch fragen? Beſſer waͤre es freilich,“ fugte die zärtliche Mutter unter Erguß eines 45 Thraͤnenſtroms hinzu,„beſſer ware es, Du koͤnnteſt helfen!“„Helene iſt und war von jeher eine Naͤrrin!“ entgegnete in ſtarker Ge⸗ muͤthsaufregung der Amtmann, als Helene die Thuͤr aufriß, ihr Koͤrbchen heftig auf ein rothlackirtes Tiſchchen niederſetzte, dann auf ihre Mutter zueilte und dieſe krampfhaft um⸗ armte. Mama richtete ihren niedergeſenkten Kopf empor, ſah der Tochter mitleidig und forſchend in die rothgeweinten Augen und redete ſie an:„Tochter, was iſt Dir? Wie kommt's, daß Du zu dieſer ungewoͤhnlichen Stunde, wo doch jede Hausfrau genug zu ſchaffen hat, bei uns ſein kannſt und zwar mit thraͤnenvollem Blicke?“— Unter wieder beginnendem Schluchzen ſprach ſie:„Lieben Eltern, zu wem— ſonſt— als zu Euch, kann— ich— ich— Erer Kind— meine Zuflucht nehmen, unbe— kuͤmmert um— die — die Zeit, ob Vor⸗ oder Nachmittag der hundertjährige alte— klappernde Wandſeiger zeige?“ Da polterte der Anlmann heraus: 46 „Potztauſend! Kind, maͤßige Dich. Ich wette, s iſt nichts, ganz und gar nichts.“„Nichts?“ fuhr ihn Helene an,„ja, bei Dir, ich weiß es ſchon, iſt nur das etwas, was in die Acten kommt, alles Andere— nichts. Doch—“ fuhr ſie auf immer reißender werdendem Strome der Rede mit meiſterlich gelöſ'ter Zunge fort— doch es kann, ja, es muß auch Etwas ſein, wenn ich Dir meine Noth, mein Leiden, mein Ungluͤck klage. Es kann ja zu den Acten genommen werden, daß des Gerichtsamtmanns Tochter lebendig in der Hölle ſchmachtet. Aber nein, Väterchen, ich will geſchieden—“„Schnick, ſchnack! ge⸗ ſchieden—! warum denn, he?!“ ſagte zorn⸗ entbrannt der Amtmann.„Mein Mann iſt immer krank.“„Schlimm fur ihn!“„Ich bin doch geſund, Gott Lob, bis hieher!“ „Gut fur Dich!“„Mein Mann will Krank⸗ lichkeit halber am Hofballe nicht Theil neh⸗ men.“„Das iſt vernuͤnſtig.“„Ja, aber ich ſoll darunter leiden, ſoll(heftiges Weinen) 47 auch zu Hauſe bleiben.“„Das iſt in der Ordnung.“„Alſo ſoll und muß ich mein ganzes Leben hindurch mich mit dem ſiechen Manne herumſchleppen?“„Das iſt Deine Pflicht— ſo lange Gott will.“„Ach hätte ich doch nie geheirathet!“„Hätteſt den kran⸗ ken Mann nicht nehmen ſollen!“„Damals war er ja geſund!“„Er wirds vielleicht auch wieder werden. Nur Geduld, Helenchen. Und ſomit Punktum.“„Ich wollte aber doch gern geſch.“ Da legte die Mutter auf Helenens Srnnene die Hand und ermahnte ſie ebenfalls zur Geduld, zur Selbſt⸗ beherrſchung und zu der Kunſt, ſich in die Zeit zu ſchicken; ſie ſagte ihr, daß ſich doch die Geſundheitsumſtände ihres Gatten in einigen Tagen noch beſſern koͤnnten, und daß ſie dann des Vergnuͤgens nicht verluſtig wuͤrde; und ware dies auch der Fall, ſo ſei ſie deßhalb bei weitem noch nicht ungluͤcklich, und ein Grund zur Eheſcheidung ſei gar nicht vorhan⸗ den. Unter dieſen Ermahnungen der ſanften 48 Mutter, die fortan ſchöne Fruͤchte trugen, wurde Helene entlaſſen. Aber auch der Vater verfehlte nicht, ihr einige kraͤftige Kern⸗ ſpruͤche mit auf den Weg zu geben, was als gute Arznei gute Wirkung hervorbrachte. „So wars recht, Mutter!“ ſprach der Amtmann zu ſeiner Gattin, als er Helenen uͤber die Straße hinſchreiten ſah;„in der Erziehung und weitern Fortbildung der Kin⸗ der muͤſſen die Eltern in Gegenwart derſelben ſtets einerlei Marimen beobachten und ſich nie uͤber paͤdagogiſche Grundſaͤtze ſtreiten, wo es die Kinder hoͤren koͤnnen, ſonſt iſt an der lie⸗ ben Erziehung Hopfen und Malz verloren. Denn wenn der Vater tadelt, die Mutter hingegen lobt; der Vater ſtrafen will, die Mutter aber ihre Fluͤgel uͤber die Kindlein ausbreitet; der Vater den Sohn oder die Tochter zurecht weiſ't, aber die Mutter im Bewußtſein ihrer Klugheit ihren Gatten un⸗ terbricht, ſeine Lehre corrigirt oder wohl gar lächerlich zu machen ſucht: dann gute Nacht 49 Kinderzucht!“„Du haſt immer Recht, Va⸗ terchen!“ ſagte ſcherzend die Frau Amtmann, kußte ihren biedern Gatten und eilte aus ſei⸗ nem Zimmer hinaus in die ihrer Anweſenheit beduͤrfenden Kuͤche. „Wahrlich,“ ſprach der Amtmann zu ſich ſelbſt,„mich dauert der Schwiegerſohn Stein⸗ gold, ein guter braver Mann, daß er ſich von ſo einer trotzigen Frau muß den Stuhl vor die Thuͤr ruͤcken laſſen. Etwas geizig ſoll er zwar ſein, indeß jeder Menſch hat ja ſeine Fehler. übrigens iſt es für die Frau allemal erſprießlicher, wenn der Mann kargt, als wenn er ein Verſchwender iſt.— Hoͤre ich recht, ſo kommt ſchon wieder Jemand uͤber den Saal nach meinem Zimmerz das iſt abermals ein Frauentritt. Richtig; Laurentia!“— „Vaͤterchen, liebes Papachen!“ redete ihn die Tochter beim Eintreten an,„er iſt nun fort! ach du lieber Gott—“ Eine Thraͤnenfluth hemmte ihre Sprache.„Wer oder was iſt denn fort?“„Der Maler Lichtung hat in Die Siegwarts⸗Kapele. J. 4 50 der Kapelle eine furchterliche Erſcheinung ge⸗ habt, o der Ungluͤckliche“„Eine Erſchei⸗ nung? und nun iſt er fort?“„Es iſt doch,“ ſprach ſie leiſe und ſich an den Vater ſchuͤch⸗ tern anſchließend,„es iſt doch vor Alters ein Geiſt in die Kapelle gebannt? den hat mein Lichtung geſehen; der boͤſe Geiſt hat ihn durchaus nicht malen laſſen, hat ihn bis aufs Blut geaͤngſtet, und ſo iſt er wie wahnſinnig den Huͤgel hinunter gelaufen, der Kammer⸗ diener hat's geſehen, und wenn er nur nicht aus Verzweiflung ſich den Tod gegeben.“ Bei letztern Worten ſchauderte ſie und legte ihr Geſicht an des Vaters Buſen.„Sei ru⸗ hig, liebes Kind, faſſe Dich; Du biſt zu ſehr erſchrocken, als daß Du fuͤr den Augenblick Wahres vom Falſchen unterſcheiden kannſt. Doch will ich Dir in der Kurze ſagen, was ich von der Sache halte, falls Lichtung, was ich jedoch bezweifle, wie ein Iltis vom Taubenſchlage heimlich entwichen ſein ſollte.“ Laurentia ſah ihren Vater an, als wolle 51 ſie aus ſeinen Augen Troſt holen.„Ein ge⸗ bildeter Mann, wofuͤr ich den Maler zu hal⸗ ten geneigt bin,“ ſprach in beruhigendem Tone der Amtmann,„glaubt nicht nur nicht an ſolche abgeſchmackte Erſcheinungen, ſondern er laͤßt ſich auch, ſollte ihm ja etwas Ver⸗ daͤchtiges vorkommen, dadurch nicht außer Faſſung bringen; er pruͤft vielmehr, unter⸗ ſucht und forſcht ſo lange, bis er ſich uͤber⸗ zeugt hat, daß auch dies, wie Alles in der Welt, ganz natuͤrlich zugehe. Mir iſt es wahrſcheinlicher, daß er bald wird eingeſehen haben, das ihm aufgetragene und von ihm uͤbernommene Werk uͤberſteige ſeine Kräfte. Entweder nun hat er, um die Leute zu taͤu⸗ ſchen, eine ſolche Erſcheinung vorgegeben, oder Andere haben dies erſonnen, um den Mann läͤcherlich zu machen; auf jeden Fall hat er Reißaus genommen, weil er ſich ſchaͤmte, ſein Wort nicht halten zu können. Er wird aber ſchon wiederkommen; doch ich glaube immer, er wird noch hier im Orte ſein.“ Jetzt wird 4* 52 an die Thuͤr gepocht, Laurentia draͤngt ſich wieder naͤher an den Vater; dieſer aber ruft: „Herein!“ und ein Lakei offnet und üͤberreicht mit einer hoͤfiſchen Verbeugung ein verſiegel⸗ tes Schreiben.„Das iſt ja das Handſiegel Sr. Durchlaucht.“ Der Lakei machte ſeine Reverenz und ſagte:„Da mir offenbaret worden, daß ich keine Antwort zuruͤckbrin⸗ gen wuͤrde, ſo habe ich die Ehre, dem Herrn Gerichtsamtmann mich gehorſamſt zu em⸗ pfehlen.“ Als der Lakei ſich entfernt und der Amt⸗ mann das gnadigſte Handſchreiben geleſen hatte, ſprach Letzterer:„So iſt es doch ge⸗ gruͤndet, daß der Maler ſich aus dem Staube gemacht hat. Das gefaällt mir nicht.“„Mir auch nicht,“ erwiderte Laurentia, ſich ſchon wieder die Augen trocknend.„Mir iſt nun aufgetragen, nichts unverſucht zu laſſen, wo⸗ durch man auf des Fluchtlings Spur gelan⸗ gen könne, und, würde man ſeiner habhaft, ihn ſeines Entweichens halber zur Rechen⸗ 53 ſchaft zu ziehen,“ ſagte der Amtmann und mit Achſelzucken ſetzte er hinzu:„Eine eben nicht ſchwere, aber fuͤr mich unangenehme Aufgabe.“„Allerliebſtes Papachen,“ ſchmei⸗ chelte Laurentia,„mur eine kleine Bitte!“ „Iſt mir ſchon bekannt, meine Tochter. Fuͤrchte nichts, ich werde ihn ſchonend behan⸗ deln, vertheidigen und ſchuͤtzen, ſo fern es ſich ergiebt, daß er nicht als Schurke gehan⸗ delt hat. Ohne Aufſchub gehe ich ans Werk, das hoffentlich zu Deiner Freude wohl ge⸗ rathen wird, und bis dahin faſſe Dich in Geduld!“„Dank, beſter Vater, Dank!“ ſprach Laurentia mit ſanfter Stimme. Der Amtmann ging in ſein Geſchaftsʒimmer und Laurentia in den Garten. Hier ließ ſie ſich auf eine Bank nieder und betrachtete die bluͤhenden Primeln und Aurikeln. Bald zit⸗ terten wieder große Thränentropfen in ihren ſchon trübe geweinten Augenz denn konnte ſie ſich wohl des Gedankens an den geliebten Maler erwehren? und dieſes Beet enthielt 54 ſeine Lievlingsblumen, auf deren Erbluͤhen er ſich ſchon lange gefreut hatte. Sie war eben im Begriffe, den Garten wieder zu ver⸗ laſſen, um vor der Mutter ihr Herz auszu⸗ ſchuͤtten, als ihr immer heiterer Bruder Ro⸗ bert in luſtigen Spruͤngen einher gehuͤpft kam,„guten Morgen, Schweſterchen!“ rief und in ausgelaſſener Froͤhlichkeit Laurentia an ſich druͤckte, ſogleich aber zuruͤckprallte, als er ihre rothen und noch naſſen Augen er⸗ blickte.„Sapperment, Maͤdel!“ rief er mit gellender Stimme, Du haſt ja geweint. Foͤnnte oder duͤrfte man wohl nicht die Urſache des Kummers erfahren?“„Ach Robert,“ ſagte ſie weich,„laß mich. Deine frohe Laune paßt heute gar nicht zu meiner Stimmung. Nur Diſſonanz wuͤrde unvermeidlich entſtehen, wollte ich heute Deine bruderliche Theilnahme anſprechen.“„Laß das ſein, Schweſterchen. Diſſonanz mit Conſonanz, Dur nach Moll und Moll nach Dur kann eine gute Modu⸗ lation hervorbringen, und dieſe ſchafft ſeelen⸗ 55 volle Harmonie. Aber damit meine ich nicht, Du ſollſt noch weinen und ich wolle dazu lachen, ſondern es muß Abwechſelung ſeinz an Dir ſteht nun das Lachen und an mir das Weinen.“„Ei pfui doch, Robert; Du biſt heute auch ganz unausſtehlich!“ ſagte Laurentia, das Geſicht ſeitwaͤrts wendend. Mit einem Sprunge ſtand Robert wieder vor ihr, faßte ihre beiden Haͤnde und ſagte: „Liebe Laurentia, entdecke mir den Quell Deiner haͤufigen Thraͤnen, ich bitte; nicht leichtfertiger Scherz ſoll Dich unterbrechen. Oder koͤnnteſt Du gar Spott befuͤrchten: dann, beſte Schweſter, wuͤrde ich Dir nicht Lebewohl ſagen und auf die ganze Dauer meiner Reiſe keine frohe Minute er⸗ haſchen können!“„So willſt Du doch ſchon abreiſen und den gewiß aͤußerſt prachtvollen Ball nicht frequentiren?“„Ich reiſe in zwei Stunden ab, und bin nur froh, daß ich ſo leichten Kaufes davon kommen kann; denn der ge⸗ und verſchrobenen Hof⸗Etiquette bin 56 ich— das weißt Du ja— recht hetzich gram. Du aber,“ fuhr Robert fort,„wirſt Dich doch nicht abhalten laſſen, in der Reihe der Fröhlichen zu erſcheinen?“„Ach, Ro⸗ bert, wie koͤnnte ich da Freuden zu finden hoffen, wo mein Lichtung fehlt!“„Der Maler Lichtung? arbeitet der gegenwaͤrtig nicht fuͤr den Fürſten? ſchwitzt— nein— friert ihn, wollt ich ſagen, nicht in der Ka⸗ pelle jetzt?“ fragte Robert mit erzwunge⸗ nem Ernſte. Hierauf erzaͤhlte ihm Lauren⸗ tia, was ſie von dem Vorgefallenen wußte, woruber zu ſpotten Robert nicht unterlaſ⸗ ſen konnte, beſonders weil der Maler ihm ein aͤußerſt lächerlicher Imaginant war. Doch ſuchte er der Schweſter einige Troſtgruͤnde aufzudringen, verfugte ſich mit derſelben in das Wohnhaus, ſagte ſeinen Eltern und ſei⸗ ner Schweſter Laurentia ein Lebewohl und beurlaubte ſich auch von ſeinen uͤbrigen naͤch⸗ ſten Anverwandten in der Stadt. Bald nach 57 Mittag raſſelte der ſchwere Poſtwagen durch das Pickelthor. Es war Laurentia's ernſtlicher Wille, an dem Hofballe nicht Theil zu nehmen. Die Mutter ſtellte ihr dagegen vor, daß es doch gar zu auffallend ſein wuͤrde, wenn we⸗ der Robert, noch Helene, noch Lauren⸗ tia dabei erſchien.„Und wenn Dir um ei⸗ nen Begleiter bange iſt, mein Kind, ſo läßt ſich Rath ſchaffen. Da iſt zum Exempel Richard, mit dem Du kuͤrzlich eine Pro⸗ menade gemacht haſt. Dieſer wird ſich's ein Vergnuͤgen ſein laſſen, Dich in den Saal zu geleiten und mit einem graciöſen Buͤck⸗ linge Dich zum Tanze auffordern. Und wie ſchoͤn nimmt ſich's nicht aus, wenn eine ſo reich geſchmückte Jungfrau mit einem Offi⸗ zier, deſſen geſchmackvolle Uniform wie ein Spiegel glaͤnzt, in einer rauſchenden Polonaiſe dahin ſchweben? Dazu kommt noch, daß die⸗ ſer allgemein geachtete Richard Dein Vet⸗ ter iſt. Noch heute werde ich ihn darum bit⸗ 58 ten, Dir ſeinen Arm zu bieten.“„Ach nein, Muͤtterchen!“ erwiderte Laurentia verdruͤß⸗ lich.„Doch, doch, Laurentia, ſo muß es ſein und dabei muß es ſein Bewenden haben ohne Widerrede. Bedenke doch nur, daß morgen ſchon der freudige Tag iſt, der noch vielmal wiederkehren moͤge!“ Mit dieſen Worten ging die Mutter hinaus und uͤber⸗ ließ die ſich in ihrer Erwartung getaͤuſchte Laurentia ihrer uͤbeln Laune.„Vater und Mutter wollen,“— ſagte ſie ſich ſelbſt—„ich ſoll nur den Maler ſo nach und nach vergeſſen. Bei dem Balle, meinen ſie, wuͤrde ſich ſchon eine andere Bekannt⸗ ſchaft anknuͤpfen. Um nun dieſe Hoffnung ſich nicht merken zu laſſen, ſoll der blatter⸗ narbige Vetter mich begleiten. Aber daraus wird nichts und kann nichts werden. Dem Einen bleibt mein Herz treu, unter allen Umſtaͤnden treu, wie ich ihm angelobt, und mir ſagt auch ein Etwas, daß Lichtung wiederkommen wird. Alſo wanke nicht, Lau⸗ 59 rentia!“ Sie eilte nun aus ihrem Zimmer, um ſich im Blumengarten etwas zu ſchaffen zu machen, aber ſiehe, da begegnen ihr auf der Treppe zwei Geſpielinnen, des Hofpredi⸗ gers zweite Tochter— Adelheid— und Leopoldine, des Kammerdirectors einziges Kind. Beide kommen in der Abſicht, mit Laurentia wegen des morgenden Abends Ruͤckſprache zu nehmen. Auch dieſen erklaͤrt die ſproͤde Laurentia ihre entſchiedene Ab⸗ neigung, ſich beim Balle einfinden zu wollen. Beide Freundinnen— gute, aufrichtige See⸗ len— ſtellen ihr vor, daß es undankbar ſei, das ſo gnaͤdig dargebotene Vergnuͤgen zu verſchmaͤhen, daß es ja auch nicht Untreue gegen irgend Jemanden genannt werden koͤnne, ein ſolches Vergnuͤgen zu genießen, und daß man es ſich ſelbſt ſchuldig ſei, dem Leben immer die angenehmſte Seite abzugewinnen und deſſen Freuden in aller Unſchuld anzu⸗ nehmen, nicht aber dieſelben ſchnoͤde von ſich zu weiſen.„Ihr habt gut predigen,“ erwi⸗ 60 derte Laurentia, die keine triftigen Gegen⸗ gründe aufſtellen konnte,„Ihr habt gut er⸗ mahnen, Ihr, deren Wuͤnſche alleſammt von jeher erfuͤllt worden ſind und die Ihr Euch gluͤcklich fuͤhlt.“„Koͤnnteſt Du im Ernſte dergleichen nur fur moͤglich halten?“ fragte Leopoldine.„Nein,“ ſetzte ſie hinzu,„gute Laurentia, Du irreſt, dem iſt nicht ſo; doch, uberlege es noch, wandle Deinen Ent⸗ ſchluß um, morgen Vormittag werden wir die Freude haben, Dich wieder zu beſuchen. Bis dahin wollen wir Vater Jupiter bitten, daß er es Sonnenſchein, auch in Deinem Antlitz heitern Sonnenſchein werden laſſe!“ Sie hielten Wort. Was aber der Erfolg ihres zweiten Beſuches war, deßgleichen was die liebevolle Mutter mit ihren freundlichen Wor⸗ ten, was der Vater durch ſeine ernſten De⸗ monſtrationen und Zurechtweiſungen und Vet⸗ ter Richard mit ſeiner Einladung— was alle dieſe guten Leute bewirkten, das wird ſich bald zeigen. Denn nach einigen Stun⸗ 61 den wollen wir auch einen verſtohlnen Blick in den Salon werfen; in der Zwiſchenzeit koͤnnten wir uns wohl ein wenig in der Um⸗ gegend der Reſidenz umſehen, daͤchte ich. Amphitheatraliſch lagern Gebirge, in ziemlich gleichbleibender Hoͤhe, am Fuße mit Weinpflanzungen und anmuthigen Gärten ge⸗ ſchmuͤckt, weiter hinauf mit Laubholz bedeckt, um die fruchtbare Feldmark. über dieſe naͤchſte Bergreihe ragen in betraͤchtlicher Ferne blaͤu⸗ liche Hoͤhen, auf denen das ſchauluſtige un⸗ verdorbene Auge mehrere verfallene Schloͤſſer und Burgen erblickt. Wie ferne Stimmen ſäuſelt es heruber:„Es iſt, was Menſchen⸗ baͤnde ſchufen, alles eitel!“ Aber hier zu unſern Füͤßen die mit hoffnungsreicher grüner Frühlingsſaat geſchmuͤckte Flur— iſt auch 62 ſie eitel? Zwar wechſelt ſie oft ihr Gewand, doch bleibt ſie ſelbſt, was ſie iſt, bleibt in ausgedehnter Ebene unverandert, waͤhrend jene ſtolzen Menſchenwerke, die der Ewigkeit trotzen ſollten, laͤngſt in unfoͤrmliche Stein⸗ maſſen ſich verwandelt haben, ſie ſind zu Ruinen, zu Truͤmmern geworden. Ein Fluͤß⸗ chen, zur Zeit noch etwas wild und truͤbe von den auf den Bergen geſchmolzenen Schnee⸗ maſſen, zieht nach Verlauf einiger Tage ru⸗ hig nd ſtill dahin, hell und klar. In der Naͤhe und Ferne ruhen friedliche Dorfſchaften, in ihrem Schooße nicht geringen Wohlſtand bergend; denn faſt vernarbt ſind die Wunden, die ein dreißig Jahre hindurch wuͤthender Krieg ihnen wie dem Vaterlande ſchlug. So weit das Auge die Flaͤche zu uͤberfliegen ver⸗ mag, erheben ſich einſame Thuͤrme, bald mit gewoͤlbter Kuppel, bald ſpitzig hinaufgebaut. In dem beſcheidenen Kreiſe derſelben prangen im Bewußtſein der Macht die dominirenden Kirchen und Paläſte der fuͤrſtlichen Reſidenz, 63 in deren vornehmſten Haͤuſern reges Leben herrſcht und eine faſt noch nie geſehene Pracht⸗ fuͤlle ſich entfaltet. Aber ſo wie das hohe Schloß alle Gebaͤude der Stadt uͤberſtrahlt, ſo iſt auch der Glanz des gegenwaͤrtigen Ta⸗ ges unvergleichlich, ſelbſt dem wohlhabendſten Buͤrger unerreichbar.— Noch ſind der Berge Gipfel in das Gold der reinen Strahlen der Abendſonne getaucht, noch durchwuͤhlt die Pflugſchaar den lockern Boden und noch drohnt der Axte Schall aus der hoͤhern Wald⸗ region herab in die Flur, da erzittert der Luftkreis von dem Krachen der hundertjaͤhri⸗ gen Kanonen. Das iſt das Signal zum Beginn der Feſtlichkeiten. Von nun an flie⸗ gen Reiter und Wagen in Galla durch die langen Straßen dem verehrten Fuͤrſtenſitze zu, und noch iſt die Tag und Nacht vermittelnde Dämmerung nicht gewichen, als auch ſchon in der ganzen Stadt die Illumination be⸗ ginnt und das Schloß, gleich einem magiſch erhellten Feenpalaſte, in voller Beleuchtung 64 herrlich prangt. Nach aufgehobener Tafel verkuͤndet eine rauſchende Polonaiſe den An⸗ fang des Balles. Welche Pracht zeigt nicht die Decoration des Salons! wie ſtrotzt nicht die Dienerſchaft von Gold und Silber! wie huldigen aber auch die Gaͤſte dem Luxus da⸗ maliger Zeit! Doch keine der anweſenden Damen oder Fraͤuleins darf ihren Putz mit dem reichen Schmucke Helenen's meſſen, die an der Seite ihres Gatten, des Juwe⸗ liers Steingold, auf einem mit rothem Sam⸗ met bekleideten und goldbefranzten Sopha da⸗ ſitzt, ſich ubergluͤckich fuͤhlend.„Ach, gute Adelheid,“ redet ſie aufſtehend dieſe freund⸗ lich an,„kannſt Du mir wohl ſagen, ob Schweſter Laurentia ihrer narriſchen Laune entſagt und ſich hier eingefunden hat?“ „Das kann ich beſtimmt verſichern, daß bei⸗ des nicht der Fall iſt. Denn Leopoldine und ich wir fuhren bei Deinen lieben Eltern vor, um, wenn's nöthig waͤre, die Eigenſin⸗ nige noch zu bereden, mit uns zu fahren. 65 Laurentia und wir Beide hatten uns an ein Fenſter geſtellt und mochten daſelbſt etwa ein halbes Viertelſtuͤndchen geplaudert haben, da ſa⸗ hen wir Deinen Vetter Richard auf das Haus zukommen und Laurentia ſtieß einen Schrei aus, den wir fur einen Jubelton hielten und noch ein Weilchen ſtehen blieben; allein Lau⸗ rentia kam nicht wieder. Dafuͤr hoͤrten wir aber in dem untern Raume des Hauſes ei⸗ nen heftigen Wortwechſel, und da wir bald ſo viel mit einander reimen konnten, daß Lau⸗ rentia weder von dem Herrn Vetter, noch von uns begleitet ſein wolle, ſo ſuchten wir ſo ſchnell wie moͤglich unſern Wagen wieder zu erreichen.“„An dieſer Verruͤcktheit mei⸗ ner Schweſter,“ ſagte Helene,„iſt der Maler Lichtung ganz allein ſchuld. Ich mochte dem weinerlichen Manne dafuͤr die Augen auskratzen.“„Doch mir nicht, verehrtes Ma⸗ damchen?“ ſcherzte der ſo eben herbei gekom⸗ mene Landjunker Juſt von Waͤgel, und ſich an Herrn Steingold wendend fragte Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 5 66 er, ob es ihm nicht vergoͤnnt ſei, wenn er be⸗ ſcheiden bitte, Veranlaſſung zu geben, daß der holden Frau Gemahlin Tanzfertig⸗ keit bewundert werde?„Moͤchte es doch dem gnaͤdigen Herrn belieben, ſich etwas deutlicher zu erklären!“ brummte der ein wenig miß⸗ trauiſche Juwelier. Der Landjunker ſtellte ſich, als habe er ſeinen Zweck erreicht, ver⸗ beugte ſich tief und raſch, ergriff Helenens Hand und ſchwebte mit der ihm laͤnger ſchon geneigten Frau in der Tanzenden glaͤnzende Reihe.„Dummer Tropf, der ich bin!“ ſchmollte Steingold mit ſich ſelbſt, tippte mit dem Zeigefinger der rechten Hand an ſei⸗ ne gewoͤlbte Stirn und murrte:„Wie konnte oder durfte das geſchehen, wenn ich deutlich und vernehmbar geſprochen haͤtte?— Sie mag immerhin tanzen, ſo lange ſie meinen Blicken nicht verſchwindet, nur gerade mit dem frivolen Juſt— nun, das Wort juſt kann ich in keiner Bedeutung leiden— mit dem Junkerchen ſoll ſie nicht tanzen. Da iſt 67 ihr Vetter Richard— ein recht hubſcher Burſche— ein wenig pockennarbig und bleich und im Sprechen etwas ſtammeld, vom Koͤr⸗ perbau compact, ſtäͤmmig, wie ſo ein Huſa⸗ ren⸗Offizier ſein muß— warum, frage ich, warum tanzt mein Weibchen nicht mit dieſem? Wenn dieſe Menuette voruͤber iſt, dann ſoll Lenchen entweder mit dem Vetterchen tanzen oder ganz und gar aufhoren Pour aujourd hui. — Wenn ſie doch nur ihre laͤppiſchen Gene⸗ ralpauſen da wegließen! das fehlt auch noch — das Pauſiren. Ja, ja, kommt mir nur wieder ſo ein Junkerchen und beginnt:„Duͤrfte ich nicht die Ehre, das Vergnuͤgen oder ſonſt etwas haben, mit— da antworte ich als Mann und Gatte:„Ich bedauere, mein Herr, daß wir, ich und meine Frau, uns an⸗ heiſchig gemacht haben, mit keinem Andern zu tanzen, als mit dem braven Herrn Vetter Richard.“ Denn ich will auch mit Nie⸗ mand anders tanzen, als mit dieſem. Aber den Henker auch, die Generalpauſe kann als 5* 68 Univerſalpauſe beſtehen. Was iſt, was heißt denn das nur, der Saal wird ja immer lee⸗ rer?“ Jetzt erſt, nachdem ſchon der ganze Hof und zwei Drittel der Gäſte ſich aus dem Sa⸗ lon entfernt haben und ſo eben der Reſt ſich in der Thuͤre geſtopft hat, wendet der phleg⸗ matiſche Juwelenhaͤndler auch ſeinen Blick dorthin in der Erwartung, Helen e werde im Moment zu ihm herbei eilen. Schon ſchallt Pferdegewieher und Raſſeln der Wagen von dem geraͤumigen Schloßhof herauf, und Steingold weiß immer noch nichts. „Nun hat ſich gewiß,“ ſpricht er,„der Ball in eine Comodie umgewandelt und man hat vergeſſen, mir auch eine Rolle zu uͤbertragen!“ Jetzt drohnt ein Kanonenſchuß aus einiger Entfernung, aber dennoch ſo ſtark, daß die Fenſterſcheiben klirren. Nun kann ſich Stein⸗ gold nicht mehr halten, er eilt— an's Fen⸗ ſter, oͤffnet und hort eben noch die Worte: „Antwort auf die ſtarke Frage!“ Da blitzt 69 es auf dem Vorſprunge des Schloſſes und ein Vierundzwanzigpfuͤnder bruͤllt mit gewal⸗ tigem Krachen die Parole zuruͤck.„Ja, nun verſtehe ich— es iſt alſo militaͤriſche Comoͤ⸗ die. Da ſpielt doch Vetter Richard auch mit, aber auch der Junker Juſt von— wie, Juſt mit meiner Frau? Sapperment, das macht das Blut mir warm, das geht nicht, nein, nein!“ und ſo ſtuͤrzte er, der Letzte, aus dem Sa⸗ lon und warf die Thuͤr wider Willen ſo heftig zu, daß ein wahrſcheinlich locker befeſtigter praͤch⸗ tiger Kronleuchter herabfiel und zertruͤmmerte. Durch das Klirren in paniſchen Schre⸗ cken verſetzt, ſuchte er in groͤßter Eilfertigkeit das Freie. Er rennt von einem Zimmer zum andern, kann durchaus die breite Marmor⸗ treppe nicht finden, die ins Erdgeſchoß fuhrt. Seine Angſt ſteigt auf's Hoͤchſte, als er„Wer⸗ da!“ rufen hort. In großter Verwirrung antwortet er auf wiederholten Anruf„Ich!“ „Fuͤr den Teufel“ ſchallt endlich eine Stimme aus dem Hintergrunde des langen Saales, „fangt mir doch den Irrwiſch! das geht ja immer huſch! huſch! bald hier, bald da.“ Plötzlich vertrat ihm ein Jaͤger den Weg und ſprach:„Herr! Ihr ſeid unſer Arreſtant.“ „Wer? ich? wieſo?“ fragte der Juwelier. „Machet keine Umſtaͤnde, Herr!“„Ei, ei, recht ſchoͤn;“ ließ ſich auf einmal eine andere Stimme hoͤren,„das iſt ja der reichlich bepu⸗ derte Herr, der den theuren Kronleuchter im Salon zertruͤmmert hat, er hatte auch einen blauen Frack mit goldenen Knoͤpfen an.“ „Wer? der Kronleuchter?“ witzelte der Wache habende Offizier.„Was hat mein blauer Frack mit dem Kronleuchter zu ſchaffen?“ ſchnob Steingold.„Ich bitte,“ fuhr der Lakei fort,„ich bitte recht ſehr, man halte dieſe Gnaden feſt!“ und damit tanzte er da⸗ von. Den Juwelenhaͤndler geleiteten die Jaͤ⸗ ger in ihre Wachſtube.„Weiß der Himmel,“ ſprach Steingold,„ich muß geſchlafen ha⸗ ben,— ich weiß ja gar nicht, und kann mich nicht entſinnen— war nicht heute oder ge⸗ 71 ſtern oder vorgeſtern der Durchlauchten Frau Fürſtin hohes Geburtsfeſt und— ein Ball?“ „Ganz recht,“ erhielt er zur Antwort,„das war heute Abend.“„Nun, nun,“ murmelte er kopfſchuͤttelnd,„wo iſt denn auf dieſe Art meine Helene, geborne Feſſelring?“ Ein allgemeines lautes Geläͤchter erſcholl ſtatt der Antwort. So ging es zwei Stunden fort. Wo iſt ſie denn aber auch nur und wo iſt man uͤberhaupt? fragen wir billig. Sie war, wenn auch nicht innerhalb, doch we⸗ nigſtens in der Naͤhe der Kapelle, verſteht ſich nicht einſam, ſondern in Geſellſchaft vie⸗ ler Leute, auch Juſt's von Waͤgel, des Landjunkers. War doch auch im Freien der Abend ſo reizend! 72 Mit dem Glockenſchlage neun hatte ein wieder nach Hauſe reiſender Buͤrger, den ſein Weg unfern der Kapelle voruͤber fuͤhrte, in der Gegend derſelben einen hoch empor zi⸗ ſchenden Feuerſtrahl geſehen, dem in kurzen Zwiſchenraͤumen mehre folgten. Die Urſache dieſer Erſcheinung zu ergrunden, naͤhert er ſich, durch das Gebuͤſch dringend, dem alten Ge⸗ baͤude; faſt geblendet werden ſeine Augen durch die ſtarke Erleuchtung deſſelben. Doch kann er keinen Menſchen hier entdecken, die Kapelle iſt wie immer verſchloſſen und tiefe Stille herrſcht an dieſem einſamen, ſchauerli⸗ chen Orte, nur graue Nachtvoͤgel, des blen⸗ denden Lichtes ungewohnt, flattern heulend und kreiſchend um ihn her. Da bemaͤchtigt ſich ſeiner Grauen und Furcht, ſeine Haare beginnen ſich zu kraͤuſeln, ſeine Knie zittern, er bereuet ſeinen Vorwitz und bietet alle ſeine Kraͤfte auf, dem Geiſterſpuk zu entrinnen. Dieſer Mann nun haͤlt es fuͤr Pflicht, als getreuer Unterthan ſogleich bei Hofe ſelbſt Anzeige zu machen. Keuchend und mit ver⸗ ſtoͤrtem Blicke dort angekommen, verlangt er unverweilt zu dem Fuͤrſten gelaſſen zu wer⸗ den. Im Geleite eines Offiziers ſtuͤrzt er in den Salon und vermag kaum vor ſeinem Fuͤr⸗ ſten die Worte:„Durchlaucht— die Ka⸗ pelle— im Feuer!“ zu ſtammeln.„Wie iſt das moͤglich, dieſelbe iſt ja ganz von Stein?“ erwidert der Fuͤrſt.„Das wohl— aber ſie gleicht dem Vulkan Hekla, Eure Durchlaucht!“ verſichert der Buͤrger.„Ha, ich verſtehe,“ ſprach Fuͤrſt Ferdinand,„eine Illumina⸗ tion, Eure Liebden, gewiß der Maler Lich⸗ tung. Ich daͤchte, wir—“„Wir ließen ſo⸗ gleich anſpannen, um des ſchoͤnen Schauſpiels theilhaft zu werden,“ unterbrach ihn Fuͤrſt Maxi⸗ milian.—„Anſpannen, um des ſchoͤnen Schauſpiels theilhaft zu werden!“ Dieſe Worte wurden waͤhrend der Generalpauſe, uͤber die der Juwelenhaͤndler Steingold ſich beinahe ein Gallenfieber zugezogen hätte, ſo laut ge⸗ ſprochen, daß ſie von ſehr Vielen gehoͤrt wur⸗ 74 den. Dieſes gab natuͤrlich Veranlaſſung zu ſchnellen Fragen. Man fluͤſterte, nickte und ſchuͤttelte. Endlich wußte man ſo ziemlich genau, warum ſich die geſammte fuͤrſtliche Familie, die Hoſchargen und die vornehmſten Gaͤſte entfernten. Die Neugier trieb zur Nach⸗ ahmung an, und bald war der Salon leer, den Juwelier ausgenommen. Schon hatten die Glieder des Fuͤrſtenhauſes im Wagen Platz genommen und der Kutſcher wollte ſo eben durch Klatſchen mit der Zunge den Pfer⸗ den das Signal zum Aufbruche geben, als der Kanonenſchuß von der Kapelle heruͤber vonnerte, der auf Befehl des regierenden Fuͤr⸗ ſten ungeſaͤumt erwidert wurde. Hierauf rollten eine Menge praͤchtiger Wagen in der breiten Allee dahin, die ſich unterhalb des Huͤgels, auf dem die Kapelle ſtand, in einer faſt un⸗ merklichen Kruͤmmung bis nach dem Luſt⸗ ſchloſſe Schönthalau erſtreckte. Den erwaͤhn⸗ ten Wagen folgten ſtattliche Ritter und den Nachzug bildete eine Menge Fußwandler in 13 Begleitung des ſchönen Geſchlechtes. Unter dieſen Nachzuglern befanden ſich, beiläufig geſagt, auch Junker Juſt von Wägel und des Juweliers Steingold treue Gattin He⸗ lene. Es hatte dieſe aus zaͤrtlicher Scho⸗ nung der ſchwachen Geſundheit ihres Gemahls dieſem nicht zumuthen wollen, dieſe Strapatze mit ihr zu theilen. Der Zug kommt am Huͤgel an. Ein⸗ ſchmaler Fußpfad leitet Jeden einzeln zu der Kapelle. Wie erſtaunen die Fuͤrſten uͤber die ſehr gelungene Illumination! Ringsum in ihrer halben Hoͤhe brennen in zierlichen Lamp⸗ chen farbige Feuer; hoͤher ſtrahlt ein Bogen, der in Regenbogenfarben der Fuͤrſtin hohen Taufnamen praͤchtig zeigt und aus der Spitze lodert eine dunkelrothe Flamme.„Wer hat dieſes veranſtaltet? wo jiſt der Kuͤnſtler?“ ſo fragt Einer den Andern; allein da Niemand auch nur einige Auskunft geben kann, ſo ent⸗ ſteht der Wunſch, die Kapelle geoͤffnet zu ſe⸗ hen.„Hat Niemand den Schluſſel mitge⸗ 76 bracht?“ ſo erkundigt ſich Furſt Ferdinand bei allen Dienern des Hofes.„Ich habe ihn zwar, dieſen Schluſſel, bei mir,“ erklaͤrte die Fuͤrſtin;„doch darf Niemand als wir Drei das Innere des heiligen Ortes betreten.“ Ein Gardiſt wurde ſofort beauftraft, Jedem ohne Anſehen der Perſon den Zutritt zu verweigern. Die Thuͤr wurde erſchloſſen, und Aller Au⸗ gen waren jetzt auf dieſen Punkt gerichtet; es entſtand ein Gedraͤnge, als man die Thuͤr knarren hoͤrte; jedoch man mußte ſich mit der aͤußern Pracht begnuͤgen. Auch nach der Kanone wurde vergeblich gefragt, die ſo ge⸗ waltig gekracht hatte. Waren die hoͤchſten Herrſchaften ſchon uͤber das außen Geſehene erſtaunt, ſo brachen ſie nun in Worte der hoͤchſten Bewunderung aus. Denn das ge⸗ wuͤnſchte Gemaͤlde prangte in der Kapelle Zauberlicht an der Deckenwoͤlbung, in zarten Umriſſen dargeſtellt, wie der nebelvollen Schat⸗ tenwelt entſtiegen. Drei Wachskerzen brann⸗ ten auf dem Altare und ein blaues Flämm⸗ 77 chen in jeglicher Niſche. Zaͤhren der Ruͤhrung glaͤnzten in der milden Fuͤrſtin ſanftem Auge; aber die beiden Fuͤrſten ſahen einander mit bedeutungsvollem Blicke an. Wild blickte der jetzt rothblau ſchimmernde Kopf hernieder und glaͤnzende Tropfen rollten herab in ſeinen entſetzlichen Bart. Fuͤrchtend, der Anblick moͤge der hochverehrten Frau Gemahlin ſcha⸗ den, erfaßte Fuͤrſt Ferdinand dieſelbe ſanft bei der Hand und fuͤhrte ſie ſtillſchweigend hinaus ins Freie.„So muͤſſen Wir Euer Liebden die Wette zuruͤckzahlen,“ ſprach er hierauf zu dem ältern Bruder!„denn der Maler Lichtung iſt ein Hexenmeiſter. Aber Dank ihm, dem braven Manne!“ Aber gluͤ⸗ hend von Zorn rief Fuͤrſt Maximilian aus: „Wir wollen Unſrer Seits die Wette keines⸗ weges gewonnen haben und tragen kein Ver⸗ langen nach den ausgezahlten Goldſtuͤcken; aber der Menſch ſoll Uns nie wieder vor die Augen kommen: das hätte ſchlimm, ſehr ubel ablaufen koͤnnen mit dem abentheuerlichen 78 Fratzenbilde in der Niſche!“„Ha, ha, ha!“ lachte die Fuͤrſtin.„Meinetwegen brauchten Eure Durchlaucht nicht in ſo großer Beſorg⸗ niß zu ſchweben: meine Augen haben den ſtets weinenden und zuweilen ſchuͤttelnden Kopf zwar noch nie geſehen, aber ſeine Exi⸗ ſtenz iſt mir erinnerlich.“ Beide Fuͤrſten: „Wie? was? waͤr' es moͤglich?“„Ja, ſo iſt's in der That; und ich werde einſt in ei⸗ nem trauten Abendſtuͤndchen das Alles, was ich von dem Kopfe und uͤberhaupt von der Kapelle weiß, gern zum Beſten geben. Der Naler iſt unſchuldig,“ ſagte beruhigend die herrliche fürſtliche Frau. Nach einer zweiſtuͤndigen Entfernung vom Schloſſe kehrten die hoͤchſten und hohen und uͤbrigen angeſehenen Perſonen in daſſelbe zuruͤck, wo Punſch, Gluͤhwein und andere Getraͤnke in hinreichender Maſſe ihrer warteten. — Kaum in den Salon eingetreten, wird Helene durch einen Jägerofſizier benachrich⸗ tigt, daß ihr Herr Gemahl als Arreſtant im 79 Gewahrſam ſich befinde, weil er Urſache ge⸗ weſen, daß ein Kronleuchter zerbrochen und er ſelbſt wie ein Raſender in der ganzen Etage umhergelaufen ſei. Helene erblaßte ob dieſer Kunde. Zwar war es ihr ſchon aufgefallen, ihren Gatten nicht mehr auf dem Sopha, vielleicht im Geſpraͤche mit Jeman⸗ den anzutreffen; indeß ſie meinte, entweder ſei er ebenfalls mit unter den Wallfahrern geweſen, oder ſei nach Hauſe gegangen. In beiden Faͤllen machte ſie ſich ſchon darauf ge⸗ faßt, morgen mit dem Fruͤheſten eine derbe Lection zu bekommen. Sie ließ ſich daher ſogleich in das bezeichnete Zimmerchen fuͤhren, umarmte ihren Steingold, beklagte ihn wegen ſeines fatalen Auftrittes und ſuchte ihn in Hinſicht des Schadenerſatzes zu beru⸗ higen. Da der Juwelier allgemein bekannt war, ſo trugen die Offiziere nach genomme⸗ ner Ruͤckſprache mit dem Kammerdiener, und als Steingold erklaͤrt hatte, er wolle den Kronleuchter erſetzen, kein Bedenken, ihn nebſt 8⁰ ſeiner Gattin wieder in den Ballſaal zu fuh⸗ ren, woſelbſt die Eheleute Steingold und die üͤbrigen Gaͤſte ſich noch bis kurz vor An⸗ bruch des Tages hoͤchlich ergötzten, was Stein⸗ gold ſeiner liebevollen Gattin und beſonders ſeine Befreiung durch dieſelbe herzlich Dank wußte. Nur leider kam ihm das Bischen Freude, welches ihm nach Abzug aller Schmach und alles Verdruſſes noch blieb, theuer genug zu ſtehen. Das Erſte, was am folgenden Mor⸗ gen oder vielmehr kurz vor Mittag Helene that, beſtand darin, daß ſie zu Laurentia eilte und dieſer die Feſtherrlichkeiten beſchrieb. Kalt, als ſei von ganz gewöhnlichen Dingen die Rede, blieb Laurentia, ja, der hohe Enthuſiasmus ihrer Schweſter verurſachte ihr Langeweile; als aber die Rede auf die Ka⸗ pellen⸗Illumination und gelegentlich auf den Maler Lichtung kam, da wurde ſie ganz Ohr.„Hat auch dem Fürſten meines guten Lichtungs Geſchmack gefallen? hat er den 81 Maler gelobt?“ fragte Laurentia raſch. „Ja, anfaͤnglich ruͤhmte man den Kuͤnſtler, der die Erleuchtung veranſtaltet habe und der wahrſcheinlich der Maler Lichtung ſei; al⸗ lein,“ ſagte Helene mit Achſelzucken,„er mag doch eines großen Verſtoßes ſich ſchuldig gemacht haben; denn ich hoͤrte, als die Furſten und die Frau Fuͤrſtin wieder aus der Kapelle traten, den regierenden Herrn ſagen, der Ma⸗ ler Lichtung ſolle nie wieder in der Reſi⸗ denz ſich blicken laſſe.“„Mein Gott, ſagte das der Fuͤrſt wirklich im Ernſte?“ forſchte die erſchrockene Laurentia.„Ja, Schweſter⸗ chen, Du glaubſt gar nicht, wie zornig und ungehalten er auf den Maler war.“„Ach, ich Ungluͤckliche!“ jammerte Laurentia, einer Ohnmacht nahe.„Und ich,“ erwiderte He⸗ lene in die Haͤnde klatſchend,„ich bin recht froh, daß es ſo gekommen iſt!“ Zorn im Blicke und mit bebenden Lippen ſchrie Lau⸗ rentia:„Verlaß augenblicklich mein Zim⸗ mer, Du ſchadenfrohe Seele, Natter, Unge⸗ Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 6 82 heuer! ich ſage Dir,“ wiederholte ſie und ſtampfte mit dem Fuße,„oder Du ſiehſt mich ſterben!“„He! wie ſich die kleine Naͤrrin da gebehrdet!“ ſpoͤttelte Helene.„Großer Gott!“ rief Laurentia ſchmerzlich aus, „womit habe ich das herbe Mißgeſchick ver⸗ dient, das durch den Hohn einer gefuͤhlloſen Schweſter noch geſteigert wird?“„Nun, laß nur gut ſein, Schweſterchen!“ ſagte Helene in einem Tone, der beruhigend ſcheinen ſollte, „laß nur gut ſein; biſt Du doch von einem Leide endlich erlöſtt, ich meine von der Lie⸗ bespein; denn der Maler Lichtung, will ich Dir nur offenbaren, wird nun ſeine Lie⸗ besabentheuer anderswo verſuchen koͤnnen. Er hat Luſt zu einem großen Hauſe: das Zuchthaus iſt—“„Was ſind das fuͤr Re⸗ den, Tochter Helene, mit dem Du Deine arme Schweſter bis aufs Leben qualſt? ſiehe ſie an—“ ſagte die ſchnell eingetretene Mutter und ſah ſich bei den letzten Worten ebenfalls nach Laurentia um. Wer aber 83 beſchreibt das Gefuͤhl des Mutterherzens, als die verſtaͤndige Frau ihre juͤngere treuherzige Tochter regungslos, die Augen geſchloſſen, die Haͤnde krampfhaft gefalten, das bleiche Antlitz auf die Bruſt geſenkt, erblicken muß! Helene, die gefühlloſe Helene, deren Herz an Harte mit den Geſteinen ihres Handels wetteifern zu koͤnnen ſchien, verließ Mutter und Schwe⸗ ſter und eilte nach Hauſe, wo ſie des Vor⸗ falles mit keiner Silbe erwaͤhnte. Der Mut⸗ ter Angſtgeſchrei ſchallte durchs ganze Haus. Alle Bewohner deſſelben eilten zur Huͤlfe herbei in das Zimmer, wo ſie mit dem Klage⸗ rufe empfangen wurden:„Laurentia, die gute Laurentia iſt nicht mehr!“ 6* — ———— 84 Zwiſchen dem Huͤgel, auf welchem die Kapelle ruhete, und dem gegenuͤberliegenden Berge wand ſich ein enges Thal, in welchem ein uͤber Granitbloͤcke und ſchwarze Kieſel ſchaͤumender Bach dahin rollte. Er durch⸗ ſchnitt die nach dem Luſthauſe Schoͤnthalau fuͤhrende Allee; auf dieſem Punkte befand ſich eine ſtarke maſſive Bruͤcke, allein der Wildbach bahnte ſich einen Weg auch ſeit⸗ waͤrts derſelben, wenn in Folge eines ſtar⸗ ken Platzregens ſeine Fluthen durch andere aus dem Gebirge hervorſturzende Gewäſſer hoch anſchwollen. Beſonders waſſerreich war eine Quelle, die Plaͤtſcherin genannt, aus ei⸗ nem felſigen und duͤſtern Thale kommend, vom einſamen Wanderer ſurgfaͤltig gemieden. Nur einem melancholiſchen oder menſchen⸗ ſcheuen Gemuͤthe konnte das Gemurmel der Plaͤtſcherin zuſagen.—„Was ſoll ich in der Reſidenz? was kann ich dort erwarten? — 85⁵ oder was hatte ich wohl da noch zu ſuchen, wo ich armer Mann der ſonderbarſten Laune zum Spielballe dienen muß? Ha, auch ſie iſt vom Nißgeſchick beſtochen, deren Lächeln mich noch vor wenigen Tagen entzuͤckte! Laurentia verſchmäht des verachteten Ma⸗ lers treues Herz.“ So fuͤhlte und ſo ſprach Georg Lichtung, als er dem Kammerdie⸗ ner an jenem Morgen, an welchem er in der Kapelle verhoͤhnt worden, aus dem Blicke verſchwunden war und unwillkurlich ſich vor dem Eingange des engen Thales befand. Er blickte in demſelben hinauf. Nur einzelne ſtruppige Hainbuchen und Erlen waren zwi⸗ ſchen den Felsſtuͤcken hervorgewachſen, zur Zeit noch unbelaubt, ein Pfad nicht zu ent⸗ decken. Hier hielt Lichtung Rath mit ſich ſelbſt, ob er ſich wohl in das rauhe Thal hineinwagen duͤrfe, oder ob es vielleicht doch nicht beſſer ſei, umzubiegen nach der Allee? Doch nein, ihn ekelt die Welt an mit ihren Grimaſſen. Unter Menſchen kann 86 er nicht mehr Menſch ſein, und ſchwach iſt nur noch der Trieb zum Leben bei ihm zu ſpuͤren.„Sieh da, Georg!“ ſo be⸗ gann von neuem das Selbſtgeſpraͤch—„eine Berggegend, ſo triſt wie Deine Seele. Wie kannſt Du Feiger auch nur einen Augen⸗ blick zoͤgern, die erwuͤnſchte Einladung zu be⸗ nutzen! Auf! an dem Buſen der Natur ruhet ſich's wohl, wenn auch wilde Verzweiflung in ihm tobt und Schwermuth ihr Antlitz in traurige Falten legt!“ Kuͤhn ſchreitet er der zu einem wilden Bache angeſchwollenen Quelle entgegen, deren hoch ſchaͤumendes Waſſer ihm den Eingang verwehren zu wollen ſcheint. Bald iſt dieſe Schwierigkeit uͤberwunden. Er geht, klettert, ſpringt, und gelangt ſo, wenn auch langſam, immer weiter hinauf, unbewußt des endlichen Zieles, ſich dem Zufall uͤberlaſ⸗ ſend, der nach ſeiner Meinung die Welt re⸗ giert. überhaupt war Georg Lichtung's grellſte Schattenſeite ſein Leichtſinn in religi⸗ oͤſen Dingen, ſeine Gleichgultigkeit, die ſaſt 87 Kälte genannt werden konnte, gegen die erha⸗ benen Gegenſtaͤnde des Chriſtenthums, Miß⸗ trauen und Zweifelſucht gegen die heilige Lehre. Fortuna, meinte er immer, ſei die einzige Gottheit,„und,“ ſetzte er jederzeit hinzu, mit dem emporgehobenen Zeigefinger der rechten Hand warnend und drohend,„wem dieſe ein⸗ mal nicht wohl will, der muͤhe ſich ab auf Schulbaͤnken und in der Werkſtatt, im Be⸗ ten und Faſten Tag und Nacht, es geht mit einem Solchen nur ſtets den Krebsgang. In dem Augenblick, wo der arme Menſch nach dem ihm gebotenen Gluͤcke haſcht, zerrinnt es — eine ſchoͤnfarbige Seifenblaſe.“ Das Schlimmſte dabei war noch, daß Georg Lich⸗ tung's Zweifelſucht durch jedes unange⸗ nehme Ereigniß und durch jegliches Fehlſchla⸗ gen eines Wunſches neuen Brennſtoff erhielt, und das er das ganze Gluͤck des menſchlichen Lebens nur im Genuß von Ehre und Ruhm und in dem Beſitz von Reichthum ſuchte und von einer hoͤhern Beſtimmung des Menſchen 88 gar keine Ahnung zu haben ſchien. Der ihm abgeneigten Fortuna zu trotzen, ſetzte er ſei⸗ nen Weg immer weiter fort, obgleich die Thalgegend eine immer wildere und fuͤrchter⸗ liche Geſtalt annahm, je hoͤher er hinan⸗ ſchritt. Um der ihn Haſſenden zu zeigen, er beduͤrfe ihrer Guͤter durchaus nicht und rechne auch nicht mehr auf ihr freundliches Lacheln, wollte er in der traurigen Einſamkeit leben und ſterben. Unbemerkt war er bei dem Felſen angekommen, aus dem die Plätſcherin hervor⸗ rieſelte, als er Athem holend wieder ſtehen blieb und, als wolle er gleichſam den glůͤcki⸗ chen Gedanken, der wie ein Lichtpunkt in ſei⸗ nem Geiſte auftauchte, mit beiden Haͤnden faſſen und feſthalten, ſtreckte er die Arme vor ſich hin geradlinig aus und rief:„Wahrlich, ich will mich an ihr raͤchen, die mich verfolgt und doch dabei verachtet. Fortuna werde von mir als Karrikatur gemalt. Ein Zu⸗ ſammenfluß aller abſcheulichen Gebilde der grie⸗ chiſchen und römiſchen und aͤgyptiſchen My⸗ 89 then. Ein Furienkopf, aber Fortuna's Geſicht, des Cerberus dreifach geſpaltener Hals, die Bruſt bedeckt mit einem Minerven⸗Schilde voller Krokodil⸗Schuppen, die Arme ein knoͤ⸗ chernes Gerippe, abgezehrt wie der Gelbſucht fleiſcharmer Leib, der Invidia blaͤuliche Haͤnde, Lumpen nur decken ihre uͤbrige Bloͤße; die ſo geruͤhmte glaͤſerne Kugel ſei ein Klumpen friſch gemengter Lehm! Der rechte Fuß iſt bereits eingeſunken in die geſchmeidige Maſſe, daher ſei ihre Stellung die einer Seiltaͤnzerin, die ſo eben das Gleichgewicht verloren hat! Wo aber dieſes Meiſterſtuck anbringen?“„In der einzigen und hoͤchſten menſchlichen Woh⸗ nung auf dieſes Berges Ebene!“ ſprach langſam und mit zitternder Stimme oberhalb der murmelnden Quelle ein Greis, von deſ⸗ ſen Wangen laͤngſt ſchon die Fuͤlle der Kraft gewichen, aber aus deſſen Augen noch nicht der Ausdruck der bedeutungsvollen Seelen⸗ ſprache entflohen war. Es hatte derſelbe ſich hier auf einen Stein niedergeſetzt, um ſein 90⁰ kaltes Blut durch der warmen Sonne Treib⸗ kraft aufthauen zu laſſen. Neben ihm ſtand eirr leerer Krug, den er mit köſtlichem Waſſer der verſchwenderiſchen Plätſcherin zu fuͤllen, heruͤber gekommen war. „So fuͤhrt mich dennoch mein Unſtern wieder zu Menſchen, die ich alle, ſo fern ſie ſich, gluͤckich fuͤhlen, haſſen mochte, und ich fuche die Einſamkeit!“„Wenn das iſt,“ ver⸗ ſetzle der Alte,„ſo verfuge ſich t chder junge Herr wieder in's Thal, dort iſt eine öde Ka⸗ pelle und Ihr wuͤrdet nur mit Siegwart's trartrigem Haupte ihren Beſitz theilen!“„In der Kapelle im Thale Siegwart's Haupt?“ rief erſchrocken der Maler aus.„Und wer war jener Siegwart?“„Ja, Herr,“ er⸗ widurte laͤchelnd der Greis,„da fragt Ihr zu viel. Ich kann's Euch nicht ſagen. übrigens die Todten— nun, die wuͤrden Euch nicht ſtö ren— ruhen ſie doch dann unter Euern Fü⸗ ßen— ſie gehoͤren alle dem Ritter Sieg⸗ wart an.“ Mit Schauder und Entſetzen 9¹ vernahm der Maler dieſe Explication.„Ich mag mit Lebenden nichts zu ſchaffen haben, aber mit Todten gar nicht verkehren!“„Nun ſo geht, wohin es Euch ſonſt noch beliebt; aber zuvor ſchenkt mir armen ſchwachen Manne— Geld mag ich nicht— aber einen Mund voll Brod, ein Reiſender pflegt—“ „Pflegt,“ unterbrach Lichtung den Greis, „fur ſich allein und nicht fuͤr Andere ſich mit einem Stuͤckchen Brod zu verſehen.“„Ihr irrt, junger Mann!“ entgegnete der Graukopf im verweiſenden Tone;„auch fuͤr andere Men⸗ ſchen hat er Gefuͤhl und Huͤlfe bereit. Ich bitte Euch um des Erloͤſers Barmherzigkeit willen, nur einen Biſſen, mir iſt unwohl.“ „Geht mich nichts an, Alter, labt Euch doch an Eures lieben Gottes Quellwaſſer; ah, das ſtarkt!“ Mit dieſen Worten wendete ſich Lichtung von dem Greiſe ab, um die be⸗ zeichnete Wohnung aufzuſuchen. Da redete ihn der Alte nochmals an:„Wer Ihr auch ſein moget, junger Herr,— ich wage es, Euch 92 zu prophezeien, daß, da Ihr uͤber kleine Un⸗ annehmlichkeiten ſo arg murret und der gan⸗ zen Menſchheit feind ſeid, des Herrn Zucht⸗ ruthe uͤber Euch ſich ſchwingen werde, um Euer gottvergeſſenes Herz zu laͤutern und zu beſſern.“„Ei, Du alter Thor,“ ſagte Lich⸗ tung ergrimmt zu ihm,„behalte Du Dei⸗ nen Aberglauben fuͤr Dich, Deine Kinder und Enkel, wenn anders Deine Rage an Dir nicht das letzte Exemplar aufzuweiſen hat!“ Er ging, aber:„Wehe! wehe! wehe!“ tönte es ihm von des Greiſes ehrwuͤrdigen Lippen nach, und:„Ha! ha! ha!“ ſchallte Georg Lichtung's hoͤhniſches Gelaͤchter fernhin in den Wald, der hier auf einmal aufhorte und einer freien Ebene, die mit vorjahrigem Heidekraute bedeckt war, Platz machte. Hier war die Spitze des Berges. Lichtung, ohne dieſes zu bemerken, prallt erſchrocken zuruͤck, als er plotzlich ſich angeredet hort und in dem⸗ ſelben Augenblicke ein freundliches Mädchen erblickt, an deſſen linkem Arme ein Bund 93 Schluſſel hing und das in der rechten Hand eine brennende Kerze hielt, deren Flaͤmmchen ſie mit der vorgehaltenen linken Hand gegen den hier herrſchenden Zugwind zu ſchuͤtzen ſuchte.„Willkommen zwar, ſchoͤner Herr, willkommen dem Vereine und— hier machte Fortunette, ſo hieß das Maͤdchen, einen Knix— und mir, Eurer dienſtwilligen Magd; willkommen, tauſendmal gegruͤßt zwar, aber ſchont mir das Licht! Ihr werdet doch wohl mit Euren ſchoͤnen blauen Vuglein das fla⸗ ckernde Flämmchen ſehen?“„Verzeihung, holdes Weſen!“ ſtotterte Georg,„ich war ſehr vertieft—“„In dem Labyrinthe der Liebe!“ ſchaͤkerte Fortunette.„Ei nicht doch, nicht doch! Ach,“ ſeufzte er,„ich armer Verlaßner!“„Wie? nur keine Grillen, mein Schatz!“ kicherte die Jungfrau,„wer hat Euch denn verlaſſen?“ fragte ſie ironiſch.„For⸗ tuna, die abſcheuliche Fortuna haßt und ver⸗ folgt mich und hat mich demnach verlaſſen!“ tobte Lichtung.„Wer? Fortuna— unſere 94 Ahnfrau?“„Ihr habt mich nicht verſtanden, Fraͤulein. Mag immerhin Eure gnadige—“ „Pſt! ſtill, mein Herr!“ unterbrach ihn Fortu⸗ nette, und mit einem Winke, ihr zu folgen, ſtieg ſie in die Erde, mit der einen Hand ſich und mit der andern die brennende Kerze hal⸗ tend. Lichtung, deſſen Neugier ihm dem Maͤdchen folgen hieß, ſchrak ploͤtzlich zuſam⸗ men, als er, ohne auf ſo etwas vorbereitet zu ſein, vor ſeinen Fuͤßen eine graͤßlich her⸗ aufgahnende Tiefe erblickt, in der Fortu⸗ nette mit ihrer Kerze ihm als eine der Eryn⸗ nien u das Flaͤmmchen als eine bloße Schnuppe erſchien.„Gehe es zum Leben oder Tode,“ ſpricht er,„ich werde folgen.“ Noch nie zwar hatte er einen Schacht befah⸗ ren, doch ſeine Raſerei ſtählte Muth und Arme. Schon eine geraume Strecke hatte er abwaͤrts paſſirt, ſchon erblickt er ſo etwas, das einem mit Silber uͤberzogenem Saale glich, nach der rechten Seite hin, aber unter ſeinen Fußen unabſehbare Tiefe, da lenkt die 95 Kerze rechts ab und verſchwindet, die dickſte Finſterniß hat ihn nun umfangen. Noch zu weit vom Saale entfernt, bleibt ihm nichts uͤbrig, als wieder empor zu ſteigen, und glücklich kommt er, mit einem langen, langen Zuge der Oberwelt reinere Luft einathmend, wieder zu Tage an. Ein langes modernes Gebaͤude mit einer langen Reihe Fenſter, deſſen er bei ſeiner erſten Ankunft nicht anſichtig geworden war, zieht jetzt ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. „Dort,“ meint er,„wird wahrſcheinlich einem Maler wohler ſein als in der dunkeln und geheimnißvollen Kapelle.“„Freund Maler!“ redet ihn Jemand an, deſſen Herannahen er nicht bemerkt hatte, ein ſtattlicher junger Mann in Bergoffiziers⸗Uniform, eine Schreib⸗ feder hinter dem rechten Ohre tragend,„Euch laͤßt durch mich der Verein erſuchen, ſogleich in deſſen Mitte zu erſcheinen, um als elfte Perle unſter allvetehrten Ahnfrau tauſendjaͤh⸗ 96 riges Diadem zu ſchmuͤcken; Fortunette wird's Euch lohnen; doch ſollt Ihr nicht wieder den Gruß in Eurem Raͤnzel ſtecken laſſen.“ Der Sprechende war wieder ver⸗ ſchwunden, und Lichtung, der ihn nicht hatte fortgehen ſehen, ſtand ganz verblüfft da, wußte nicht, ob er ſich im Zuſtande des Schlafens oder des Wachens befinde, oder ob er vielleicht gar in die Macht arger Zau⸗ berer gerathen ſei. Es wurde ihm fuͤrchter⸗ lich bange.„Nochmals wie immer zu Euern Dienſten, ſchoͤner Herr!“ ſagte daſſelbe Frauen⸗ zimmer, das ihn kaum erſt vor einem halben Stündchen zu einer Fahrt in den Orkus ein⸗ 3 geladen hatte. Es war dieſelbe Fortunette. Lichtung maß ſie jetzt mit großen Augen, aus denen der Zorn der Verzweiflung ſprach. „Wen habe ich die Ehre—“„Fortunette iſt der Name Eurer gehorſamen Dienerin, geſtrenger Herr!“ unterbrach ihn dieſe mit ſchalkhaftem Laͤcheln. Sie winkte wieder, aber da ſchopfte Lichtung noch mehr Muth 5 97 und fragte:„Wohin? doch nicht etwa in ein bezaubertes Labyrinth, Fraͤulein Fortunet⸗ te?“„Der Berggeiſt wird Euch ſchuͤtzen, Fortuna Euch reich machen und Fortunette Euch das ſchoͤnſte Loos zuertheilen. Kommt, allein verſtoßt nicht wieder gegen den alten ehrwuͤrdigen Brauch!“ ſagte die Jungfrau ernſt, hob ihre Kerze hoͤher, winkte nochmals und betrat wieder die jaͤhe Stiege. Lich⸗ tung haͤtte gern noch um Einiges gefragt, allein Alles ſchien ja hier ſo eilfertig zu ſein, als wenn ſtatt der Tage nur Minuten hier einem Jeden zugetheilt waͤren; wollte er da⸗ her nicht abermals unverrichteter Sache zu⸗ ruͤckkehren, ſo mußte auch er ſich beeilen. Er that es und mit dem Ausrufe:„Gluͤck auf!“ betrat er die oberſte Sproſſe der Stiege. Bange Ahnung erfullt ihn und die Erinne⸗ rung an die letzten Worte des Alten bei der Quelle, die plotzlich in ſeiner Seele wider⸗ hallen, macht ihn ſo aͤngſtlich, daß Haͤnde Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 7 98 und Fuͤße zittern und zwar ſo heftig, daß er ſich nicht mehr zu halten vermag und ruͤcklings hinabſtuͤrzt. Der dritte zur Malerei in der Sieg⸗ warts⸗Kapelle beſtimmte Tag neigte ſich ſei⸗ nem Endez laͤngſt ſchon waren die langen Schatten der Gebirge und Wälder über die freie Ebene dahingewandelt, in den Thalern lagerte ſchon nächtliches Dunkel, nur die knar⸗ rende Wetterfahne des Thuͤrmchens auf der hoͤchſten Wohnung dieſes Berges, deſſen Scheitel kurz vor Mittag der Maler Lich⸗ tung betreten hatte, drehte ſich noch in den letzten Strahlen der unterſinkenden Sonne,— da flackerten ſchon die hellen Kerzen in dem bronzenen Gemache des geheimen Bergver⸗ 99 eins. An der Decke prangte Flora in herr⸗ licher Schoͤne und in der Mitte des Zimmers ſtand ein goldner ovaler Tiſch auf einer in dem Fußboden angebrachten großen bläͤulich ſchimmernden Sternfigur. Auf weich gepol⸗ ſterten Divans ſaßen die zehn Mitglieder des Vereins, alle feſtlich gekleidet; ihre Augen ruhten auf dem einen Eingange, der nach dem ſilbernen Corridor fuͤhrte. Weit oͤffnet ſich die gebrochene Fluͤgelthuͤr und herein tritt eine Jungfrau, die glatte Stirn mit einem Juwelenkranze umwunden, das weite Fluͤgel⸗ kleid mit goldnen Sternen uͤberſäet und eine kunſtliche Lilie in der Rechten haltendz neben dieſer Grazie ſchreitet uber die niedere Thuͤr⸗ ſchwelle ein junger Mann mit entbloͤßtem Haupte; ſein Geſicht iſt bleich, ſein Gang zeugt von Unſchluſſigkeit, in ſeinen Mienen liegt Kuhnheit und Furcht, in der rechten Hand haͤlt er ſeinen runden abgetragenen Hut— ein Inventarium, das einſt den Groß⸗ papa bei ſeinem Gange zum Traualtare ge⸗ 7* 100 ſchmuͤckt hatte— auf dem Ruͤcken haftet wie angewachſen der mit Kunſt geſpickte Ranzen, kurz, Fortunette und der Maler Lichtung erſcheinen vor der glaͤnzenden Geſellſchaft. Statt des Letztern hatte Fortunette ihre Kerze in die finſtere Tiefe hinabfallen laſſen, den Maler aber mit ſtarkem Arme aufgefan⸗ gen.„Ha, wartet nur, Maler! Ihr wolltet von mir nur ein Pröbchen meiner Freund⸗ ſchaft ſehen,“ ſprach ſie zu ihm in dem Au⸗ genblicke, als ſie ihn mit ihrem Arm umfing. „Was gebt Ihr mir nun dafuͤr?“ ſetzte ſie hinzu.„Alles, was Ihr wuͤnſcht, ſo weit ſolches in meinen freilich ſehr beſchraͤnkten Kraͤften ſteht,“ antwortete der Maler ſehr trautig.„Gluͤck auf denn!“ triumphirte Fortunette.„Fraͤulein,“ redete Lichtung ſeine rettende Begleiterin an, die er in vollem Ernſte fuͤr nichts anders als fuͤr eine Hexe hielt,„wißt, ich bin der ungluͤcklichſte Menſch, den das Erdemund traͤgt, denn rufe ich wohl⸗ gemuthet:„Gluͤck auf!“ ſo geht mein Gluͤck 101 unter und ich ſtuͤrze hinunter; alſo ſprecht in meiner Gegenwart das unglückliche„Glück auf!“ nicht wieder aus. Ich verachte beides: das Gluͤck und deſſen bildliche Darſtellung in der Perſon der Heuchlerin Fortuna. Nun fuhrt mich hin, wohin es Euch beliebt.“ „Schoͤn, mein grollender Engel,“ ſprach Fortunette,„ſollt ſchon freundlich wer⸗ den!“ Sie oͤffnete die praͤchtige Doppel⸗ thür und ſtellte den Maler dem Vereine als ihren Schutzling vor.„Gluͤck auf! Gluͤck auf!“ Da Lichtung ſich nicht zu uberwin⸗ den vermochte, das Wort Gluͤck auszuſpre⸗ chen, ſo ließ er es bei einer ſtummen Ver⸗ beugung bewenden. „Was kann mir es helfen,“ denkt er, „die Albernheiten der Welt zu ehren, da ich wahrſcheinlich die größten Martern und den Tod vor mir habe?“ Gleichgultig bleibt er beim Anblicke der Pracht, und die ehrenvolle Begrüßung dunkt ihm eine Satyre. Es off⸗ net ſich, gerade als ihm der Wink gegeben 102 wurde, ſich zu ſetzen, eine Thür ihm gegen⸗ über, er erblickt— Schrecken uͤber alle Schre⸗ cken— die majeſtaͤtiſche Fortuna in menſch⸗ licher Groͤße, aber in uͤbermenſchlicher Herr⸗ lichkeit.„Edle Herren!“ ruft er beſturzt aus, „ich habe die Ehre, mich Euch beſtens zu empfehlen. Verzeiht, mein Blut kocht!“— „Maler, Maler!“ ruft jetzt eine bekannte Stimme,„ſeid Ihr toll und raſend? ſoll man Euch ins Irrenhaus ſchicken? Bleibt; ich befehle!“ Georg ſieht den Redenden ſcharf an und erblickt— neue Beſturzung, neuer Schrecken— erblickt ſeinen Fuͤrſten Maxi⸗ milian. Faſt ware er dieſem großmuͤthigen Herrn zu Fuͤßen geſunkenz allein er befindet ſich ja im Bereiche ſeiner Feindin Fortuna, die ihn mit allen Gaukeleien umgarnt. Dem⸗ nach iſt der Fuͤrſt nicht ſelbſt da. Ach, wie ſollte denn der erſt hier auf den Berg und dann hier herunter in den Zauberſchacht kom⸗ men! Sein Entſchluß iſt gefaßt.„Stolz,“ meint er,„muß man der Verachtung enigegen 103 ſetzen.“ Mit abgemeſſenen Schritten wendet er ſich und mit tiefer Verbeugung zu der verhaßten Statue und ſpricht:„Erlauben Dero Herrlichkeit wohl, daß ein Kunſtmaler ſich Euer Bild einpraͤge, um einen etwa einſt eintretenden Mangel an Phyſiognomien im. Harem des⸗ turkiſchen Sultans zu erſetzen?“ „Maler!“ ruft der Fürſt,„denkt an die Ka⸗ pelle!“„Das heißt,“ entgegnet Georg Lich⸗ tung,„an mein Ungluͤck!“„Ei was, Un⸗ gluck! an die Arbeit in der Kapelle ſollt Ihr denken, meine ich,“ ſagte der Fuͤrſt in ſtrengerm Tone.„Ich kann und mag in der Siegwarts⸗ Kapelle nicht mehr arbeiten; ich mag ſie auch nie wieder ſehen.“„Eure Durchlaucht,“ nahm ein Anderer das Wort,„ich behaupte, der Mann iſt krank, er phantaſiert ja. Ich werde ſogleich ſeinen Puls unterſuchen.“ Mit dieſen Worten ging der Arzt auf Georg Lichtung zu und bat ihn, ſeinen linken Arm ihm darzureichen.„Ich krank?“ ſchnob ihn Lichtung an;„Ihr macht mich ja krank 104⁴ mit Euerm Teufels⸗ und Hexenſpuk. Warum ſprecht Ihr nicht lieber gleich, der Mann iſt todt, da Ihr doch nur im Sinne habt, mich Armen Euerm Goͤtzenbilde dort zu opfern!“ „Was faſelt doch der wunderliche Mann da von Goͤtzen und Opfer!“ ſprach der Fuͤrſt. „Und wie uͤberzeugt man Euch denn nur vom Gegentheil alles deſſen, was Ihr in truge⸗ riſchen Geſtalten zu erblicken waͤhnt?“— „Mich?“ ſprach der Maler,„das will ich Euch galanten Herren ſogleich entdecken. Erſtens ſchafft mich an die freie Luft, und zweitens laßt mir ein gutes Abendbrod ver⸗ abreichen!“„Beides,“ hieß es,„iſt ſehr leicht und ſehr bald zu erfullen.“ Fortunette bot ihm ihren Arm und der Fuͤrſt rief ihm nach:„Nur vergeßt mir die Kapelle nicht, lieber Maler!“ Ruͤckwaͤrts uͤber die Schulter blickend rief dieſer: e wird gar nichts!“ Als Lichtung das Cabinet verlaſſen hatte, ſagte der Fuͤrſt zu dem hier wohnenden 105 Bergofficianten:„Die Sache iſt im Grunde von gar keiner Wichtigkeit, und außer dem trotzigen Maler ließe ſich gewiß bald ein an⸗ derer ausfindig machen, wenn es einmal ge⸗ malt ſein muͤßte. Indeß dieſer Schuft ſoll Wort halten und Uns nicht ſchnoͤde behan⸗ deln: daher fordere ich ihn allemal von Euch zuruͤck; haltet ihn alſo feſt, den hypochondri⸗ ſchen Faullenzer!“ Alle gaben das unter⸗ thaͤnigſte Verſprechen der genaueſten Befol⸗ gung des hoͤchſten Befehls.— Der Zweck der Zuſammenkunft der Ver⸗ einsmitglieder, deren Praͤſes der Fuͤrſt war, war ein ſehr edler, nämlich: Auf⸗ und Fort⸗ huͤlfe armer Kuͤnſtler und Preisbeſtimmung fuͤr wuͤrdiges Verdienſt. Man plflegte ge⸗ wöhnlich dieſe Berathungen in der eleganten Wohnung des Oberbergrichters Statt finden zu laſſen; allein gegenwärtiger Convent hatte noch eine andere und zwar ſehr geheime Ten⸗ denz, die wir nicht enthuͤllen wollen; denn 106 der Könige und Fuͤrſten Rath und Heimlich⸗ keit ſoll man verſchweigen. Kaum war Lichtung in das ihm ange⸗ wieſene Zimmer eingetreten und ein Diener des Hauſes war noch beſchaͤftigt, ihm bei dem Abſchnallen des Ranzens zu helfen, als auch ſchon der Tiſch mit kraͤftig duftenden Gerichten beſetzt ward, um des heißhungrigen Malers Appetit zu ſtillen. Doch wer ſollte wohl ſo etwas glauben: auch dies war ihm nicht recht.„Geſchwindigkeit, brummte er ſo vor ſich hin,„iſt keine Hexerei, aber dieſe Geſchwindigkeit iſt nicht gemeint; das hier geht mir nicht mit rechten Dingen zu.“ In⸗ deß da er nur froh ſein mußte, Speiſe zu erhalten, ſo durfte er dieſe Grille nicht zu laut werden laſſen. Daher verſuchte er, ob er auch wohl davon genießen koͤnne, doch es mundete vortrefflich. Auch wirkte der Wohlgeſchmack zuruͤck auf das Gemuͤth; denn ſeit drei Tagen wurde Georg zum erſten Mal wieder heiter. Beſonders half ein 107 Fläſchchen Wein zur Bewirkung dieſes Wun⸗ ders. Fort waren fuͤr jetzt alle peinigenden Grillen, fort alle Gaukeleien und Zaubereien. Seelenvergnuͤgt tritt er nach vollbrachter Mahl⸗ zeit ans Fenſter, oͤffnet es und freuet ſich der friſchen Abendluft. Aber da iſt ſchon wieder etwas nicht nach ſeinem Sinne: man wohnt hier zu hoch; die Natur iſt hier wie abgeſtorben, und—„Maler!“ ruft unter dem Fenſter Jemand.„Wer wuͤnſcht den Ma⸗ ter?“ antwortete er.„Eure Durchlaucht,“ ſagte wieder ein Aderer,„es iſt der Maler Lichtung ſelbſt.“„So? hat denn der Haſe wirklich ſo viel Herz, durch das Fenſter ei⸗ nes verwuͤnſchten oder bezauberten Schloſſes zu ſehen?“ rief der Fuͤrſt aus. In demſel⸗ ben Augenblicke ſtand der ſich bis zum Erd⸗ boden verneigende Maler vor ihm mit den Worten:„Eure Durchlaucht allerunterthaͤnig⸗ ſter Knecht beeilt ſich, zu Hoͤchſt Dero Fuͤ⸗ ßen um gnaͤdigſte Verzeihung zu bitten!“ „Das verlange ich nicht,“ erwiderte mild der 108 Fuͤrſt,„aber morgen fruͤh wieder in der Ka⸗ pelle ſich einzufinden! Präzis ſechs Uhr ſoll der Schluͤſſel da ſein.“„Ja, ja, hochfuͤrſt⸗ liche Durchlaucht, morgen fruͤh ſechs Uhr harrt Georg Lichtung vor der Thuͤr.“ Jetzt fuhr die Equipage vor, der Fuͤrſt ſtieg mit zwei hohen Beamten ein, die zuruͤckblei⸗ benden Perſonen umringten den Wagen, weil ein Jeder noch ein Woͤrtchen zu ſagen oder eine huldvolle Kußerung zu vernehmen wuͤnſchte; auch der Maler befand ſich in die⸗ ſem Kreiſe.„Lieber Maler,“ redete ihn eben der Fuͤrſt an,„ſetzt Euch dem Zugwinde nicht aus, Ihr ſeid erhitzt und koͤnntet Euch er⸗ kälten. Ruht wohl und jagt Eure wunder⸗ lichen Phantaſien zum Henker!“„Durch⸗ laucht!“ ſagte Lichtung—„ich werde—“ „Folgen,“ unterbrach ihn der Fuͤrſt,„das heißt fur jetzt, in die Stube gehen.“ Nach einigen Minuten hoͤrte der Maler das Rol⸗ len des abfahrenden Wagens. Nicht wenig wunderte ſich Lichtung, 109 daß man ihn den ganzen Abend allein auf ſeinem Zimmer ließ und daß auch nicht ein⸗ mal Fortunette bei ihm erſchien, in Hin⸗ ſicht welcher er mit ſich ſelbſt noch nicht im Reinen war, ob er dieſem Frauenzimmer trauen dürfe oder nicht. Alles war wie aus⸗ geſtorben: keine Fußtritte, kein Thuͤrauf⸗ und zumachen, kein Hundebellen, nichts, ganz und gar nichts war hier laut. Da fing es an, ihm wieder unheimlich zu werden, da be⸗ fürchtete er wieder, in der Macht böswilliger Weſen ſich zu befinden. Er wußte nicht, was er thun, oder wie er ſich nur einigerma⸗ ßen ſtaͤrken und beruhigen ſollte. Beten— ach, das fiel ihm nicht ein. Mit voller Be⸗ leidung legte er ſich auf ein Sopha, wo ihn die Mudigkeit bald ubermannte und der Schlaf ihn uͤberfiel. Er glaubte, kaum vor einer Stunde erſt eingeſchlummert zu ſein, als an ſeiner Thuͤr gepocht wurde.„Einen ſo fe⸗ ſten, ich möchte ſagen ſolchen eiſernen Schlaf habe ich in meinem Leben nicht gehabt,“ 1¹⁰ denkt er,„ja, ja, das iſt mir eben verdaͤchtig.“ Wie er aber die Augen voͤllig oͤffnet, da be⸗ merkt er, daß der Morgen grauet. Das Po⸗ chen an der Thuͤr wird wiederholt; er oͤffnet, eine ältliche Mannsperſon in Bergmanns⸗ tracht tritt mit dem Gruſſe ein:„Guten Morgen, mein lieber Herr! ich wuͤnſche Euch von Herzen, durch einen ruhigen Schlummer erquickt und geſtaͤrkt worden zu ſein, und bringe Euch hier ein Schälchen Thee und bin beauftragt, im Namen meines Herrn Euch den Morgengruß zu bringen; zugleich ſoll ich Euch bitten, an der Fruͤhandacht Theil zu nehmen und deshalb auf das Läuten eines Glockchens aufmerkſam zu ſein. Gleich hier gegenuber verſammeln wir uns. Gluͤck auf!“ „Dank, Dank!“ war Alles, was der Maler erwiderte.„Da haben wir's ja,“ ſagte er hierauf zu ſich ſelbſt,„ein erbaulicher An⸗ fang! das ſind hier zu Lande nichts als Ka⸗ pellen mit Todtenköpfen, Thuͤrmchen mit Betegloͤcklein, Saͤle zum Morgen⸗ und Abend⸗ 111¹ ſegen,— fuͤr die Domherren fette Ernten, aber fur den armen Lichtung kein Verdienſt. O Aufklärung, wie lange zoͤgerſt Du, auch einen Strahl in dieſe ſchmachvolle Nacht zu werfen!— Horch! wahrlich das Glockchen iſt ſchon wach! Nun, ein Mal iſt ja nicht immer; ich will hinuͤber gehen, man ſieht doch wenigſiens, wie weit der Aberglaube auch hier ſein Spiel treibt.“ Die Taſſe iſt geleert, er nimmt ſeinen Hut und ſchlendert nach dem Saale. Der letzte Glockenton ver⸗ hallt, der Geſang beginnt: „Empor am Firmamente ſteigt Des großen Vaters Sonne. Er iſt's, der Allen Huld erzeigt, uns ſchuf zu Gluͤck und Wonne. Falt nieder, preiſ't die Gnade laut: Gott, der auf uns hernieder ſchaut, Erzeigt uns neue Treue. Gott waltet in der finſtern Racht Mit Liebe und Erbarmen, Er tragt uns auch im tiefen Schacht Mit ſeinen mächt'gen Armen, Verläßt uns in Gefahren nichtz 112 Doch fleht ihn an, gebeut die Pflicht, Der Herr wird euch erhoͤren.“ Als der Geſang ſchwieg, las Derſelbe, der am vorigen Tage ſich dem Maler genahet und ihn angeredet hatte, aus einem mit ſchwar⸗ zem Einbande verſehenen und mit Goldſchnitt geziertem Buche eine kurze Betrachtung vor, die in verſchiedenen Punkten auf Lichtung's Gemuͤthsverfaſſung ſtark anzuſpielen ſchien. Der Hauptinhalt war:„Der religioͤſe Glaube iſt allein das beſte Verwahrungsmittel wider des Mißgeſchickes boͤſe Wetter.“ Lichtung ſeufzte. Ein Kampf begann in ſeinem In⸗ nern, ein Kampf des duſtern Vorurtheils ge⸗ gen die Macht des himmliſchen Lichts, je⸗ doch unentſchieden blieb der Sieg. Kaum war dieſer Vortrag und ein darauf fol⸗ gendes Gebet mit dem inhaltsſchweren Worte Amen geſchloſſen, da ruft Jemand durch die leiſe geoͤffnete Thuͤr herein:„Se⸗ lig ſind die Todten, die in dem Herrn ſtar⸗ ben!“„Ja, ſelig ſind ſie,“ wiederholte der 113 Vorleſer.„Nun, ſo laßt uns,“ redete er die Verſammlung auf's Neue an,„laßt uns noch zum Schluſſe unſerer Andacht fuͤr die un⸗ ſterbliche Seele des dahingeſchiedenen Dul⸗ ders unſer Gebet zu dem Throne der allerbar⸗ menden Liebe aufſteigen laſſen. Heiß war ſeines Lebens Tag und dornenvoll der Pfad zur Heimath.“ Jeder kniete nieder und faltete die Haͤnde. Nur der Maler konnte ſich da⸗ zu nicht entſchließen. Kannte er doch den Ge⸗ genſtand der Fuͤrbitte nicht.„Ihr wiſſet wohl nicht,“ ſo redete ihn der Steiger an,„wer der arme Erdenpilger war, fuͤr welchen ſich unſere Theilnahme an den Tag legte? Zwar, junger Mann,“ fuhr er ihm naͤher tretend fort,„zwar iſt jedes Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft es wohl werth, daß ihm ſeine hier zurückbleibenden Mitmenſchen von Her⸗ zen einen ſeligen Hingang wuͤnſchen, aber den Großvater—“„Weſſen Großvater?“ fragte betroffen Lichtung.„Paul Lichtung heißt der Verſtorbene, und waͤre, glaubt man, des Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 8 114 Malers Georg Lichtung's Großvater!“ „Wie? mein Großvater hier?“ rief der Ma⸗ ler aͤußerſt erſchrocken aus⸗„Ich will ihn ſe⸗ hen, wo iſt er?“ Man fuͤhrte den Maler in ein Seitengebaͤude, wo er denſelben Alten entſeelt da liegen ſah, dem er am vorigen Tage einen Biſſen Brod verſagt hatte. Noch immer wollte er nicht glauben, daß dieſer Todte Paul Lichtung und mithin ſein Großvater geweſen ſei. Doch einige Worte der Naheſtehenden uberzeugten ihn von der Wahrheit. Georg ſtand nun wie eine Bild⸗ ſäule da, ſein Blick war auf die regungsloſe Leiche geheftet, ſeine Haͤnde feſt in einander geſchlungen Endlich brach er in die Worte aus:„Die lette Beleidigung iſt dir, Armer, aber nun Unglucklicher, von mir wi⸗ derfahren. Ho, wie zürnſt du! Deine ge⸗ brochenen Augen ſtarren mich anz ſie haben keine Thranen mehr fuͤr mich, den Verworfe⸗ nen. Unglück weiſſagt mir dein Mund, Fluch entwindet ſich deinen zuſammengepreß⸗ 1¹⁵ ten blauen Lippen, und wehe, wehe, wehe! tönts ewig in meinen Ohren. Ewig? was ſage ich? Ha, ha!“ lachte er gräßlich, „die Gewuͤrme werden ſchon dafuͤr ſorgen, daß die Ewigkeit nicht gar zu lang ſei. Ja, ſeid barmherzig gegen mich, ihr Staubver⸗ wandte!“ Unterdeſſen waren die Bergleute zu ih⸗ ren Geſchaͤften gegangen und nur einer harrte des Malers in der offenen Thuͤr. Es war derſelbe, der ihm vor einem Stuͤndchen den Thee gebracht und ihn zur Morgenandacht eingeladen hatte. Als Lichtung dieſes Man⸗ nes anſichtig wurde, ſo erkundigte er ſich bei ihm, ob er nicht einigen Aufſchluß uͤber die Art und Weiſe geben koͤnne, wie der Greis hierher gekommen, wie und wo er geſtorben ſei? und erfuhr, daß der Alte etwa ſeit 12 Jahren abwechſelnd hier und im naͤchſten Dorfe ſich aufgehalten, bald hier und bald dort allerlei kleine Ge⸗ ſchaͤfte verrichtet, groͤßtentheils jedoch von Al⸗ 8 1¹⁵ moſen gelebt habe. Dabei ſei er ein Ge⸗ heimnißkräͤmer geweſen und man habe ihn immer nur den ſtillen Paul genannt, weil ſein Familienname nicht bekannt geweſen ſei. Wenn er von hier weg wieder nach dem Dorfe oder von da hierher gegangen ſei, habe er in der Regel ſeinen Weg nahe an der Quelle— die Plätſcherin genannt, genommen. Eine Magd, die am vorigen Abende noch ſpaͤt dort habe Waſſer holen wollen, habe ihn in einem aͤußerſt huͤlfsbeduͤrftigen Zuſtande gefunden, ſei ſchnell zuruͤckgeeilt und habe Huͤlfe geholt. Er mußte hereingetragen wer⸗ den. Ruͤhrend war es anzuhoͤren, wie er uber die Hartherzigkeit eines jungen Reiſen⸗ den, den er um einen Biſſen Brod gebeten habe, bittere Klage fuͤhrte.„Kinder,“ ſprach er hierauf,„ich fuͤhle mein Ende mit raſchen Schritten herankommen, ſo wißt denn, ich bin Paul Lichtung—“„Wir haͤtten ge⸗ wiß mehr über ſeine Verhältniſſe erfahren, haͤtte ihn nicht Jemand unterbrochen, der ge⸗ 117 rade zugegen geweſen war, als der Fuͤrſt nach Hauſe fahren wollte, und als da der Kammer⸗ diener noch leiſe um den Namen des jungen Malers gefragt wurde, den Namen Georg Lichtung nannte. Dieſer Mann nun platzte auch gleich heraus:„Mein Gott, alter Va⸗ ter, ſo ſeid Ihr wahrſcheinlich der Großvater des jungen Mannes, uber den Ihr Euch ſo⸗ eben beklagt habt; denn dieſer iſt der Maler Georg Lichtung!“„Gott du biſt ge⸗ recht!“ ſprach er mit bebender Stimme;„mir iſt vergolten nach meinem Thun, und ihm werden des Großvaters Strafen zum Erb⸗ theil bleiben. Aber laßt ihn hertreten zu meinem Sterbelager, daß er die Qual des Gewiſſens ſehe. Auch ein wichtiges Geheim⸗ niß— es betrifft ein unerfuͤllt gebliebenes Gelubde. Doch nein, laßt ihn— ich— ſierde—— ſchon.“„Wie? ein Geheimniß? ein Gelubde?“ rief Lichtung erſchrocken aus, „und,“ fuhr er fort,„Niemand rief mich! Was ſoll ich davon venken?“„Denkt, lie⸗ 118 ber Herr, was Ihr wollt; doch ſo viel ſag' ich Euch, es war eine fuͤrchterliche Seene, den Greis, den wir nie heiter ſahen, ſolcher inneren Pein ſo nach und nach unterliegen zu ſehen. Er muß ein ſchweres Verbrechen begangen haben. Man ſoll zwar ſeinen Naͤch⸗ ſten nicht richten, allein, vergebe mir's der liebe Heiland, man will den alten Mann nie haben beten hoͤren, auch kam er nie zu unſe⸗ rer Fruͤh⸗ oder Abendandacht, und ſo ſoll er nie im benachbarten Dorfe den Gottesdienſt beſucht, nie communicirt haben.“ Georg Lichtung zuckte vornehm die Achſeln.„Doch,“ redete ihn der Bergmann von neuem an, „beſter Herr, es iſt hohe Zeit, daß wir uns von hier entfernen, das übrige, was ich aus des Verſtorbenen ſtammelndem Munde, freilich nur als Worte ohne Zuſammenhang, im Zu⸗ ſtande eines ſieberhaften Phantaſirens heraus⸗ gepreßt, vernommen habe, werde ich Euch un⸗ terweges mittheilen. Geht, um Euer Raͤnz⸗ lein zu holen, wir muͤſſen nun wirklich eilen.“ 1¹9 „Wohin, mein Lieber, gedenket Ihr mich zu begleiten? In die Fapelle?“„Ei das geht mich nichts an, ich habe Befehle erhalten, und bin gewohnt, zu folgen.“ Mit dieſen Worten trieb er den Maler fort. Als er zu⸗ ruͤckkam, fuͤhrte er ihn an den Schacht, in dem Lichtung am vorigen Tage ſchon zwei⸗ mal geweſen war.„Was ſoll das?“ rief der Maler und maß mit grimmigen Blicken den Begleiter.„Der Herr Maler wird ſich gefallen laſſen, mir nachzuſteigen“ war die Antwort.„Was ſoll ich dort unten? Ich bin ein Kunſtmaler und kein lichtſcheuer Berg⸗ mann oder Berggeiſt,“ erwiderte Lichtung. —„Eben darum, weil Ihr ein Kunſtmaler ſeid, iſt mir befohlen worden, Euch an Ort und Stelle zu bringen.“ Wie ein Lichtſtrahl ſiel es in Lichtung's Geiſt, daß er ja For⸗ tuna als Karrikatur malen wolle, daher rief er beruhigt aus:„Ach, ich weiß ſchon; nur hinunter! das iſt vortrefflich!“ und klatſchte dabei in die Hände. Der Bergmann, der * 120 ſchon einen Fuß auf die Stiege geſetzt hatte, blickte empor und ſah den Maler mit groͤßter Verwunderung an, brummend:„Der Kerl iſt naͤrriſch und es rappelt ſtark in ſeinem Gehirn.“ Und mit dem Vorſatze, ihn ſcharf zu beobachten, und im Fall er ſichs etwa einfallen ließe, ſich an ihm zu vergreifen, wolle er ihn entweder in die Tiefe hinunter⸗ ſturzen oder als ſtarker Mann ihm den Athem abdruͤcken; mit dieſem energiſchen Vorſatze kletterte er voran, der Maler ihm nach. Ohne ein Wort zu reden waren ſie an einem nie⸗ drigen Gange— einem trocken gelegten Stollen — angekommen. Da hub der Bergmann an und ſagte:„Ja, ich wollte Euch doch noch beſchreiben, was der arme Paul in ſeinem Fieberwahne ausſtieß. Das war ſchrecklich, Herr Maler.„Es war,“ lispelte er,„es war mein Bruder Rudolph. Fordert doch ſein Blut nicht von Ludoviko!“ Dann ſchrie er wieder laut:„Was grinſeſt Du mich an? Du haſt ja den ſilbernen Mammon, 121 Alter!“ Wieder im ruhigen Tone:„Ein Prieſter? ja, das geht. Wenn er aber keiner werden will und ſein Sohn auch nicht und deſſen Sohn wieder nicht?— Sagt doch dem böſen Georg, er ſei ſo gut verdammt wie ich. Er wirds wohl finden. Behalt's nicht, Georg, das Silber,'s iſt Hoͤllengeld!“ Die Entkraͤftung nahm zu und der arme Paul ſchloß auf eine Viertelſtunde die Augen, um bei ihrem Eroͤffnen von neuem zu raſen.“— „Ich wuͤnſche Euch, die Fortſetzung zu erſpa⸗ ren, um Eurer Lunge willen,“ ſagte Lich⸗ tung, dem die Furcht in dieſen unterirdiſchen Raͤumen die Haare hoch empor trieb und ſein Geſicht vor entſetzlichem Schauder zu⸗ ſammenſchrumpfte.„Sind wir nun bald zur Stelle?“ fragte der Maler.„Wohin denkt Ihr? wir haben ja kaum erſt den Stollen erreicht,“ entgegnete in barſchem Tone der Bergmann.„Hoͤrt,“ begann bald Lichtung wieder,„ſagt mir doch, wet war doch wohl die Hexe, die mich geſtern in den Slubb 122 führte?“„Wer? was? die Hexe? wo denn?“ Hierauf erzaͤhlte Georg Lichtung ſein ge⸗ habtes Abentheuer; der gute ehrliche Berg⸗ mann, der aber zu der Zeit, von welcher der Maler ſprach, eben in ſeinem Schachte gear⸗ beitet hatte, wußte nicht, was bei Lichtung's Ankunft vorgegangen war, und meinte bei ſich ſelbſt, des Malers Rappelgeiſt tauche jetzt wieder auf, weil er im Ernſte von einer Hexe zu ſprechen ſchien. Daher gab er zur Ant⸗ wort:„Ich wills Euch nur ſagen, Herr Ma⸗ ler: wer nicht an Gott glaubt, der glaubt an Zauberer, und wer nicht zu beten verſteht, der zittert da, wo andere Leute ganz ruhig ſind.“„Ich mag nicht unterſuchen,“ ſagte Lichtung,„ob Ihr da Recht habt, Alterz uͤbrigens haltet von mir, was Ihr wollt. Ihr ſeid freilich wohl noch wenigſtens zwei⸗ hundert Jahre zuruͤck mit Eurer Aufklaͤrung. Nur wuͤnſche ich, es klärte ſich hier endlich vor meinen leiblichen Augen auch auf. Sagt, geht Ihr denn auch mit in bes Satans fin⸗ 123 ſteres Reich?“ Nun riß dem Bergmanne der Faden der Geduld, er fluchte:„Euch ſoll das Donnerwetter hundert tauſend Millionen Klafter tief in den Erdboden hineinſchlagen, verruckter Rappelkopf! Verzeihe mir's der liebe Gott; aber thut Ihr Euern Mund in dieſem Stollen wieder auf, ſo ſchnure ich Euch die Gurgel zu!“ Lichtung erzitterte ob ſol⸗ cher derben, nie gehoͤrten Rede, als habe der Todesengel ihn beim Zopfe und ziehe ihn rücklings in die Höllengluth. Von nun an waren nur noch die Fußtritte der zweibeini⸗ gen Maulwuͤrfe und das Flackern des Gru⸗ benlichtes hoͤrbar. Endlich nahm der Berg⸗ mann den ſtarken Hammer, den er im Gur⸗ tel ſtecken hatte, heraus, und ſchlug dreimal oberhalb ſeines Kopfes an und dreimal hallte dumpf in den Stollen der kräftige Schlag, als ploͤtzlich ein hellerer Schall das Zuruͤck⸗ ſpringen eines eiſernen Riegels verkundigte. Der Bergmann griff uͤber ſich, und einiges Tageslicht begegnete ihren Blicken.„Hier 124 ſind wir zur Stelle, Herr Kunſtmaler,“ ſagte der Bergmann und hob dieſen wie ein ſechs⸗ jähriges Kind empor und ſchob ihn in den geoͤffneten Raum.„In zwoͤlf Stunden ſehen wir uns wieder, aber fruͤher nicht. Gehabt Euch wohl, und wenn's Euch etwa bangen ſollte, dann betet nur ein andäͤchtiges Vater⸗ unſer.“ Mit dieſen Worten ſiel die Thür wieder zu, der Riegel ſprang wieder ein und der Bergmann war verſchwunden⸗„Wo bin ich?“ ſprach der Maler. Er wagt ſich ein paar Schritte weiter hervor, und der weinende Kopf blickt ihn mit jammernder Gebehrde an. Freund Lichtung befand ſich demnach in der Siegwarts⸗ Kapelle. Hier befanden ſich auch noch ſeine Standleiter, einige Pinſel, Hle und dergleichen⸗ Vor allen Dingen nahm er einen herz⸗ haften Schluck aus ſeinem nebſt Tageskoſt ihm vom Bergmanne zuruͤckgelaſſenen Flaͤſch⸗ chen. Hierauf ruͤckte er ſeine Leiter an die Wand, in deren Niſche der abentheuerliche Thraͤnenheld wohnte, nahm eine ſo kriegeri⸗ — 1²5 ſche Miene an, als wolle er eine Burg mit Sturm erobern. Jetzt will er den gräͤmlichen Burgherrn packen und denſelben aus ſeiner eigenen Behauſung hinauswerfen, aber die Niſche iſt zu tief hinten in der Wand, ſein Arm iſt zu kurz, von dieſem Vorhaben muß er abſtehen.„He, warte, warte!“ ſpricht er, „ich werde Deinen Sitz unterminiren.“ Die vorderſte Steinplatte liegt aber zu feſt; er macht einen Verſuch mit der zweiten, dieſe töſet ſich ohne Mühe.„Ich glaube gar,“ brummt er vor ſich hin,„der alte Eiſenfreſ⸗ ſer hat hier ſeine Schatzkammer, die er mit Argus⸗Augen huͤtet und bewacht. Wahrlich, wahrlich!“ und vor Verwunderung bleibt ihm der Mund offen ſtehen.„5 und 5 macht 10 und 5 dazu 15, addire noch 5 iſt gleich 20, wieder 5 giebt 25, dazu 5 wird 30 und end⸗ lich 5 dazu iſt Summa 35, 35 Mark Sil⸗ ber! Ei komm her, du vortreffliche Beute! Fortuna, darf ich dir trauen, ſo haſt du heute aus einem armen Maler einen reichen 12²6 Mann gemacht. Dank dir! Und dir armen Tropf kann und will ich's nicht verdenken, wenn du nun weinſt.— Doch was giebt's denn da noch? Ein Portrait eines braven Kriegsmannes. Potztauſend! wie kommſt du hier her Kamerad? Auch Schrift, wohl dein glänzender Name?“ Allein ießt ward dem entzuckten Lichtung wieder trube vor den Augen; denn„RudolphLichtung“ war der glaͤnzende Name.„O wehe!“ rief Georg aus,„Rudolph Lichtung war des Malers Paul Lichtung's Bruder! Dieſe Silberbarren und gegenwaͤrtiges Portrait ge⸗ horen wahrſcheinlich zuſammen, und hier wal⸗ tet ein Geheimniß ob, das mir der Großpa⸗ pa vielleicht kurz vor ſeinem Tode noch hat anvertrauen wollen. Indeß ſo wird's beſſer ſein, wie es nun einmal iſt, erachte ich; denn was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß!“ Lichtung verbarg das Gefundene in ſeinem Ranzen und legte behutſam die Platte wieder uber die Offnung. WVie er nun aber 5 127 Alles recht wohl bedacht und wohlgemacht zu haben meint und auf ſeiner Leiter herabſtei⸗ gen will, da umſchweben ihn dunkele Geſtal⸗ ten, an zweien derſelben entdeckt er Blut, eine ringt die Haͤnde und ſchwebt, ein Crucifir in der Rechten haltend und dieſes ihm zunei⸗ gend, zu ihm nahe heran. Bald laͤßt ſich ein Summen und Brummen, bald ein Zi⸗ ſchen hören, gleich als gaͤlte es einen Kampf zwiſchen zornigen Weſpen und giftigen Nat⸗ tern. Nun fuͤllt der ganze Raum der Kapelle ſich mit wogendem Spinngewebe an, deſſen graue Farbe aber ſehr bald in hell⸗, dann dunkelroth und endlich in ſchwarz ubergeht. Es iſt Nacht. Die Leiter wankt, es iſt als ſanke ſie tief in der Erde Schooß und im⸗ mer tiefer hinab. Todesſtille tritt ein. Der Maler war ohnmaͤchtig von ſeiner Standleiter herabgeglitten und lag geraume Zeit am Fuße derſelben ohne Beſinnung. Als er die Augen wieder aufſchlaͤgt, kann er ſich nicht beſinnen, wo er ſich befindet; noch 128 immer iſt ein Flor vor ſeinen Augen ausge⸗ ſpannt. In dieſer hoͤchſten Noth und gren⸗ zenloſen Angſt faͤllt ihm der Rath des Berg⸗ manns ein, der ihn hierher gebracht hat. Er faltet ſeine zitternden Haͤnde, oͤffnet ſeine be⸗ benden Lippen, betet:„Herr, Gott! gnädig und barmherzig, gehe nicht ins Gericht mit dem reuevollen Suͤnder, der zu muthwillig wider deine Langmuth gefrevelt hat. Erloſe mich, Allmaͤchtiger! von allem übel.“ Da fullt die Kapelle ſich mit klarem Sonnenlichte an und alle Schreckbilder ſind zuruͤckgewichen ins Schattenreich. Bald erholt ſich der Ma⸗ ler, beginnt ſeine Arbeit, die ihm wider Er⸗ warten vortrefflich gelingt. Eine Freuden⸗ zaͤhre perlt in ſeinem Auge, er uͤberlegt, ob er den entdeckten Schatz mitnehmen oder wie⸗ der an ſeinen Ort legen und hier laſſen ſolle. Anfaͤnglich duͤnkt ihm das Letztere am beſten zu ſein, kurz vor dem Feierabende entſchließt er ſich aber, das Silber nebſt dem Bilde zu behalten. Es ſchlagt ſechs. Der eiſerne 129 Riegel wird vermittelſt des Hammers zuruͤck⸗ geſchlagen, die Thuͤr legt ſich zuruͤck und der Bergmann ruft. Hurtig packt Lichtung ſeine Sachen zuſammen, wirft den Ranzen fluͤchtig uͤber die Schulter und— die entſetz⸗ lichen Dunſtgebilde ſind wieder da. Er halt die Augen zu, bedeckt ſie mit ſeinen Haͤnden und waͤre in den Stollen hinabgeſtuͤrzt, hätte nicht der Bergmann ihn aufgefangen. Die Thuͤr wird wieder zugeſchlagen und der Rie⸗ gel vorgeſchoben. Da kracht es in der Ka⸗ pelle, als ſtuͤrze mit einem Male das ganze Gebaͤude in einen Schutthaufen zuſammen. Ganz einſylbig waren beide, der Maler und ſein Begleiter, waͤhrend des langen Weges bis in die Wohnung des Steigers. Am folgenden Morgen, an dem der Maler der Fruͤhandacht gern beiwohnte, weil er ſich vor ſeinem heutigen Tagewerke ſehr furchtete, betrat er die Kapelle, die er wirk⸗ lich eingeſtürzt glaubte, zu ſeiner großen Ver⸗ wunderung mit einer Att heiliger Gemuͤths⸗ Die Siegwarts⸗Kapelle.. 9 130 ſtimmung, die ihn antrieb, niederzufallen auf ſeine Knie und zu beten. Heiter begann er ſeine Arbeit wieder und vergnuͤgt fand ihn der Feierabend. So war es auch am fol⸗ genden Tage. Das Gemaͤlde war vollendet. Nun aber war auch der Fuͤrſtin Geburtstag herangekommen. Einer geheimen Unterredung mit dem Fuͤrſten zufolge wurden Anſtalten zum Illuminiren getroffen. Nur Lichtung und der Bergmann begaben ſich durch den Schacht und Stollen zu der Kapelle, wo der Maler das Innere erleuchten mußte; die uͤbri⸗ gen Bergleute, unter Anfuͤhrung ihrer Vor⸗ geſetzten, beſorgten das aͤußere Transparent und die uͤbrige Illumination. Die vergra⸗ bene Kanone, die im dreißigjahrigen Kriege auch das Ihre gethan hatte, wurde geladen und Abends neun Uhr abgebrannt. Der eine Mann, der damit beauftragt geweſen, war im Gebuͤſche verſteckt, die uͤbrigen hatten aber vorher den Weg nach dem Stollen einge⸗ ſchlagen, in welchem ſie ſich alle ſammt dem 131 Maler befanden, als der reiſende Buͤrger und ſpaͤter die Feſtgeſellſchaft hier erſchien. Fuͤrſt Maximilian wußte demnach allein im Schloſſe, was in der Kapelle und um dieſelbe herum vorging. Er zahlte ſei⸗ nem Bruder die Wette von 100 Goldſtuͤcken und ſtellte ſich verwundert bei der Nachricht, daß die Kapelle erleuchtet ſei. Und den Er⸗ folg haben wir bereits geſehen. übrigens war der Fuͤrſt geſonnen, dem Maler ſeinen Lohn am folgenden Tage auszuzahlen, und auch der juͤngere Fuͤrſt wollte ihm die Gold⸗ ſtuͤcke, die Fuͤrſt Maximilian nicht wieder annehmen wollte, am folgenden Tage ſchenken. Reicher Mann, gluͤcklicher, beneidenswerther Lichtung. Doch nein! ein ſchweres Gewit⸗ ter zieht am Horizonte deines Schickſals, kaum heiter geworden, mit brauſendem Stur⸗ me ſchwer wogend heran. Denke an des armen Greiſes an der Plaͤtſcherin nie ver⸗ ſtummendes„Wehe, wehe, wehe!“ „ 9* 132 Der Maler kehrte diesmal und wahr⸗ ſcheinlich zum letzten Male aus der Kapelle in die elegante Bergwohnung in Geſellſchaft des Steigers und der Arbeiter zuruͤck. In ihrer Abweſenheit waren die koſtlichſten Spei⸗ ſen und Getraͤnke aus der Reſidenz angekom⸗ men, mit dem Befehle, daß Jung und Alt, Vornehme und Gemeine, jegliche in ihrer Art und Weiſe, einen recht frohen Abend feiern moͤchten. Schnell waren die Tiſche ge⸗ deckt und beſetzt und bald war Alles in der heiterſten Laune. Das muntere Bergvolk jubelte und jauchzte. Nach Tiſche holte ein Jeder, der muſikaliſch war, ſein Inſtrument hervor und die ganze Maſſe beabſichtigte, dem Oberbergrichter, der zwar nur incognito da war, deſſen Anweſenheit aber dennoch von einigen ſpitzmaͤuſigen Naſen ausgewittert ſein mochte, eine recht rauſchende Abendmuſik zu bringen. 133 „Nun, Kinder, wenn Ihr einmal ſo etwas im Sinne habt,“ ſagte der verſtaͤndige Stei⸗ ger,„ſo ſputet Euch ein wenig. Das Schrau⸗ ben an den Klarinetten und Putzen der Floͤ⸗ ten und Stimmen der Saitenbretter will ja auch gar kein Ende nehmen!“ Da gab's eilfertige Leute, die alle ſelbſt es gern geſe⸗ hen, wenn alle Inſtrumente ohne Weiteres mit einander harmonirt haͤtten; auch kam wohl dazu ein bedeutendes Raͤuſchchen, kurz, es war ſobald an ein Fertigſein nicht zu den⸗ ken.„Was war das?“ rief ploͤtzlich Einer⸗ dem Andern zu.„Vivat! Victoria! das iſt ja Parademarſch!“ und im Augenblick war der Saal leer; Alle ſtuͤrzten hinaus, auch der Maler, der zwar die gute Gabe, weil ſie doch einmal aufgetragen worden war, ſich hatte beſtens munden laſſen, der aber uͤbrigens eine ziemlich ſtumme Rolle geſpielt hatte, wurde mit fortgezogen.„Ei ſo laßt mich! ich liebe die Muſik nicht!“ Dieſe Verſicherung war hinreichend, den wunderlichen Lichtung zum 134 Gegenſtande des allgemeinen Gelaͤchters zu machen.„Cameraden,“ rief Einer,„wundert Euch doch nicht daruͤber, daß der Herr Ma⸗ ler ſich nicht uͤber die ſchoͤne Muſik freut, ſein Großpapa iſt ja heute begraben worden, und wie ſehr er dieſen Alten liebte, das wißt Ihr ja Alle. Vivat hoch!“ Im glaͤnzenden Fackelſcheine ſchritt jetzt ein Corps Bergleute im Feſttags⸗Coſtuͤme und mit voller Muſik heran, paarweis die Treppe hinan in den Saal. Die hier woh⸗ nenden ſchloſſen ſich hinten dem Zuge an, den Nachzug bildete der Maler nebſt ſeinem treuen Begleiter durch den Stollen. Wie durch ei⸗ nen Zauber waren ſaͤmmtliche Tafeln ent⸗ fernt und eine praͤchtige Ampel hing von der Decke herab. Der Steiger konnte gar nicht begreifen, wer doch nur in aller Welt dieſes ſo raſch habe ins Werk ſetzen koͤnnenz ſeine Schaar ſtaunte, wie er, und Lichtung ſchuͤttelte bedenklich den Kopf und—„Huſch! Gott troͤſte mich in dieſer ſchweren Stunde 135 — das war Fortunette, und das Zauber⸗ ſpiel beginnt von neuem!“ lispelte er.— Ein Cabinet oͤffnet ſich und der Oberberg⸗ richter tritt heraus, klatſcht in die Haͤnde und ruft:„Gluͤck auf!“ da rauſcht der harmo⸗ niſche Klang, wie von einem Athem ausge⸗ haucht. Die fremden Bergleute werfen raſch ihr Oberkleid und ihre Beinkleider ab, und haben ſich im Nu in feſtlich gekleidete Fraden und Maͤdchen verwandelt. Lautes Jauchzen unter Trompetenſchall begleitet die Demas⸗ quirung; kaum ſind einige Minuten verfloſ⸗ ſen, ſo ſind die Paare zum Tanz gereihet und beginnen den Ball. Auch der Maler wird aufgefordert, ſich der froͤhlichen Schaar anzuſchließen; er entſchuldigt ſich mit ſeiner Unkenntniß des Tanzes und mit Mangel an Taktgefuͤhl. Plotzlich fliegt Fortunette da⸗ her auf ihn zu. Er wendet das Geſicht ab. „Schoͤner Herr!“ redet dieſe ihn an,„ge⸗ denkt an Euer Verſprechen im Fortunen⸗ Schacht, als Ihr in Fortunette's Armen 136 laget! Ich bitte mir Eure Kuͤnſtlerhand aus, zu ſchweben mit Euch in dem praͤchtigen Rei⸗ gen!“„Wie? was?“ ruft Lichtung aus, „ſoll ich mit Feen und Elfen tanzen?“„Ah, ſchaͤmt Euch, Maler! Ihr ſeid ein Kind. Hat Euch nicht Fortuna ſchon genugſam entſchä⸗ diget? Und iſt Euch das Silber zu wenig: wohl, Fortuna hat Gold!“ ſo ſprach pathe⸗ tiſch Fortunette im verweiſenden Tone. Durch Lichtungs Gebeine rieſelte es kalt: er fuͤrchtete Verrath ob ſeines Schatzes.„Ich muß Aufſchluß haben!“ ſprach er zu ſich ſelbſt, und:„Was fuͤr Silber meinet Ihr, Jungfrau? antwortet mir, ich bitte!“ ſagte er zu Fortunette.„Ei, mein herrlicher Maler,“ entgegnete dieſe,„Eure Hand iſt mir mehr werth, als all Euer Silber. Kommt!“ „Aber mir,“ verſetzte der trotzige Maler, „nicht die Eure. Wer biſt Du aber, raͤthſel⸗ haftes Weſen? das ſage mir in Wahrheit und Du wirſt mich ſehr verpflichten.“„Pah!“ grinſ'te ihn Fortunette ſcherzend an,„wer⸗ 137 den uns ſchon naͤher kennen lernen, wenn Deine Haͤnde, Undankbarer, nicht mehr dieſe Haut umſpannt. Soll ich nicht mit Dir tanzen, ſo zuͤrnt die Ahnfrau mit mir und Dirz aber Fortunette zuͤrnet nie.“ Noch einen wehmuͤthigen Blick warf Letztere dem Maler zu und war mit einem Male ver⸗ ſchwunden.„Daß du beim Teufel waͤreſt oder bei deſſen Großmutter ſammt deiner coquetten Ahnfrau, du Hexe aus dem Ere⸗ bus!“ brummte Lichtung und lief wie wahn⸗ ſinnig in ſeine Stube, ſchloß ſich ein und warf ſich in hoͤchſter Gemuͤthsaufregung aufs Sopha. Bald fallen ſeine Blicke auf ſeinen gruͤnen Ranzen.„In dieſem,“ denkt er, „ruht der Schluͤſſel zu des reichen Feſſel⸗ ring's hartem Herzen. Morgen— denn wer will mich hier zuruͤckhalten koͤnnen— morgen geh' ich in die Stadt, kaufe einen reichen und geſchmackvollen modernen Schmuck fur Laurentia. Sie hat mir Treue ge⸗ ſchworen und wird ihre feierliche Zuſage er⸗ 138 fullen. Aber der Offizier—? doch nein, wußte ſie ja doch, daß ich mich in der Ka⸗ pelle aufhielt. Hoͤchſt wahrſcheinlich hätte ſie wohl nicht gewagt, mit dieſem in meiner Naͤhe zu luſtwandeln, wenn ſie ihre Treue brechen wollte. Nein, Georg, du haſt dich in der Perſon dennoch geirrt: Lau⸗ rentia iſt gut.— Doch, es wird doch nicht auch etwa Blendwerk—“ Er erſchrickt, oͤffnet hurtig ſeinen Ranzen und überzeugt ſich von dem wirklichen Daſein der ſieben Silberbarren. Auch das Portrait betrachtet er genauer, und immer mehr erkennt er die Geſichtszuͤge ſeines Geſchlechtes. Eine unge⸗ meine Angſt befallt ihn, deren Grund er ſich nicht anzugeben weiß. Noch Etwas iſt zu betrachten uͤbrig, eine ebenfalls in der Niſche gefundene Pergamentrolle, die er beim Scheine ſeiner Kerze jetzt zum erſten Male entfaltet. Er lieſtt zuerſt die Worte:„Rudolph Lich⸗ tung an Paul Lichtung.“„Alſo der Bru⸗ der an den Bruder, der Großoheim an mei⸗ 139 nen Großvater.“ Das Docuwent lautet: „Dieſe Metallſtangen, ein Werth von fuͤnf und dreißig Mark Silber, zufällig entdeckt— lege ich——“ Es wird ſtark an die Thuͤr der Stube gepocht, in der Lichtung ſeine geheimnißvolle Unterſuchung begonnen hatz er kann ſo ſchnell zu ſeinem Ranzen nicht kommen und auch denſelben nicht oͤffnen, als ſchon gerufen wird:„Geſchwind, Maler, macht auf!“ Er verbirgt daher ſein Per⸗ gament hinter dem Spiegel und oͤffnet. Der woblbekannte Bergmann war der Eintretende, dem des Malers Verlegenheit nicht entging. „Der Oberbergrichter wuͤnſcht Euch zu ſpre⸗ chen, und uͤberdies hat Euch die Geſellſchaft ſchon laͤngſt vermißt; Ihr moͤchtet ſogleich wieder im Saale erſcheinen, Herr Maler, oder man wuͤrde Euren Murrſinn bei der Wurzel faſſen.“ Einen Augenblick bedachte ſich Lichtung, dann ſprach er:„Geht, ſagt, ich wuͤrde ſogleich wieder bei der Geſellſchaft ſein.“„Nun ſo kommt!“ entgegnete der 140 Bergmann.„Ich kann im Augenblicke nicht mitgehen,“ ſprach Lichtung mit ſteigender Verlegenheit„Warum nicht? es iſt ja hier Alles in der Ordnung, und ſchließt Ihr nicht die Thur ab?“„Das wohl, ja wohl! aber.. mir iſt nicht wohl!“„So werde ich durch dieſe Thuͤr nach Huͤlfe rufen. Noch einmal: kommt!“ Der Maler wollte den zudringlichen Bergmann hinausſchieben, das Blatt wendete ſich aber, und der ſtammige Metallgraͤber ſchob den Maler hinaus.„Nein, ſolche Behandlung!“ brummte Letzterer waͤh⸗ rend des Thurſchließens.„Für ſolchen Gaſt noch viel zu ſuße Koſt!“ erwiderte Jener und führte ihn wieder in den Saal ein, wo der Oberbergrichter, der Steiger und andere vor⸗ nehme Offizianten ihm bemerklich machten⸗ wie undelikat es ſei, ſo zu handeln wie er, und welche Geringſchaͤtzung er gegen die ganze Geſellſchaft, deren ſich ein Kunſtmaler nicht zu ſchaͤmen brauche, durch ſeine Ent⸗ fernung an den Tag gelegt habe. Auch zeige 14¹ ſein Benehmen nur zu deutlich, daß ihm an der Gnade des durchlauchten Fuͤrſten nichts liege. Zwar koͤnne er, meinte Georg Lich⸗ tung, dagegen manche Einwendung vorbtin⸗ gen, allein er ſei ein freier Mann, und als ſolcher weder an Sr. Durchlaucht, noch an deſſen Zauberer gebunden. Er werde ſich herzlich freuen, wenn er dieſem Käfige ent⸗ flohen ſei und nie, nie ſolle ſein Fuß den Ort der Schmach wieder betreten, weder frei⸗ willig, noch gezwungen; lieber wolle er ſich im Todtengewoͤlbe der Siegwarts⸗Kapelle le⸗ bendig begraben laſſen, als hier mit jedem Augenblicke den bitterſten Tod zu ſchmecken. „Gebe der Himmel, mein Herr!“ ſagte der Oberbergrichter,„daß Ihr nie, nie hier eine Freiſtaͤtte ſuchen muͤſſet. übrigens habe ich Befehl von meinem Herrn, Euch in meinem Wagen noch dieſe Nacht in die Reſidenz zuruͤckzubringen, und da ich hoͤre, daß es Euch hier nicht gefaͤllt, ſo wird Euch hoffent⸗ lich dieſer Umſtand ſehr erwuͤnſcht ſein. In 142 einer Stunde—“„Nichts weniger als er⸗ wuͤnſcht. Schon habe ich geſagt, daß ich ein freier Mann bin, und werde mich hier beurlauben, ſobald es mir beliebt, und in die Reſidenz kommen, wann ich will.“ Da hob der Bergrichter ſeinen Zeigefinger dro⸗ hend empor und ſagte:„Lichtung, Lich⸗ tung! einſt, vielleicht bald kommt die Zeit der Reue.“ Nit dieſen Worten wendet er dem Maler den Ruͤcken zu, gab Befehl zum Aufbruche, und zehn Minuten ſpaͤter war Al⸗ les ſtill und ode. Lichtung, der Störer der allgemeinen Freude, ſaß einſam in ſeiner Stube und bruͤ⸗ tete dem nach, was er hier erlebt hatte, wollte ſich einen Plan fuͤr die Zukunft entwerfen; allein einer wilden Brandung gleich ſchlugen die Gedanken an einander, ohne Wahl und Zuſammenhang. Er wuͤnſcht den Anbruch des Tages herbei; da aber dieſer noch ziem⸗ lich fern iſt, ſo muß ſich der Maler zum Ein⸗ nehmen des Nachtlagers bequemen. Ob er ——— 143 wache, oder ob er ſchlafe, das kann der arme Mann nicht unterſcheiden. Die Kerze iſt her⸗ unter und abgebrannt; dunkel wie der Fortu⸗ nenſtollen, wenn keine Fackel ihn erleuchtet, iſt ſein Zimmerchen. Nicht lange, ſo ſchafft ſeine unerſchoͤpfliche Phantaſie leuchtende Ge⸗ genſtaͤnde. Die Silberbarren funkeln, richten ſich auf, wachſen in die Hoͤhe und Breite, bilden ſilberne Saulenhallen; ſein verſtorbe⸗ ner Vater hinkt mit gebrochenem Beine in dieſem Glanzraume, er zuͤndet Licht an, die Helligkeit wird unerträglich. In dieſem Au⸗ genblicke wankt ein Schatten quer hindurch, er erkennt in ihm den Großvater, dieſem folgt ein anderer Schatten, aber bluttriefend in der Montur eines furſtlichen Fuͤſiliers— des Groß⸗ vaters Bruder— Rudolph Lichtung; im Hintergrunde noch zwei Weſen von jenſeits: eine weibliche Geſtalt ſucht einem Knaben ei⸗ nen ſchwarzen Chorrock und ein Crucifir auf⸗ zudringen, wogegen ſich dieſer Knabe aus allen Kraͤften zu ſtraͤuben ſcheint. 144 Jetzt drangen ſich die ſilbernen Saulen zuſammen, bilden eine, der Glanz verſchwin⸗ det immer mehr, die Spitze neigt ſich wieder zu einem Winkel, um dieſe eine viereckig ge⸗ wordene Saͤule wogt ein ungeheures Getum⸗ mel, bald ſchließt das Volk einen unüberſeh⸗ paren Kreis um den Galgen. Lichtung ſchaudert in ſich zuſammen, blickt mit ver⸗ ſtörtem Blicke ſich um, Alles iſt finſter. Da pocht es leiſe an die Thuͤr, bald nochmals und zum dritten Male.„Wer iſt da?“ ruft der Maler kaum vernehmbar.„Fortunette, die Freundin in der Noth. Laßt mich ein, ich will Euch retten.“„Will von Dir nicht gerettet ſein, weiß meinen Weg ſelbſt und allein zu finden,“ antwortete Lichtung.„Um Eures Heils willen bitte ich Euch, laßt mich einz es ſteht Euch ein—“ Die Stimme ſchwieg, wahrſcheinlich weil Fortunette ſchnell hatte entfliehen muͤſſen, um nicht hier angetroffen zu werden.„Alle Blit!“ ſprach der Maler ſodann,„das hieße ja mit dem Boͤſen einen 145 Braten wenden. Waͤrs doch nur einiger⸗ maßen hell, gern wollt' ich ja gehen. Wenn ich nur erſt die freie Anhohe hinter mir habe, die Stadt will ich wohl finden und, Lau⸗ rentia, dich auch. Abher wie? wenn mir nun wieder ſo ein paar hohlaͤugige Hand⸗ werköburſchen begegneten und meinen Ran⸗ zen plunderten? Aber ich weiß auch kein Mittel, mich gegen die Habſucht zu ſchuͤtzen, und ungluͤcklicher Weiſe iſt's der Fortunenberg. Wenn nun das Gluͤck vielleicht dieſem oder jenem Schlaͤmmer mehr wohl will als mir, wenn es vielleicht mich nur geaͤfft hat, je nun — doch die Malerei in der Kapelle muß ja wohl bezahlt werden: Gold kommt zum Sil⸗ ber, wie Reichthum zum Wohlſtande.“ Mit verklaͤrtem Antlitz tritt er ans Fenſter und gewahrt zu ſeiner innigſten Freude eine ſchwa⸗ che Daͤmmerung. Nun erſt befaͤllt ihn eine große Muͤdigkeit, und ſo ſehr er ſich vemuͤht, munter zu bleiben, es uͤberwaͤltigt ihn der Schlaf. Beim Erwachen iſt faſt der ganz Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 10 146 helle Morgen ſchon da. Nochmals tritt er an das Fenſter, um die einzuſchlagende Rich⸗ tung zu erforſchen, da kommen drei Maͤnner, fuͤr Polizeidiener haͤlt ſie der Maler, auf der Hohe daher gegangen, die Augen nach den Fenſtern des Hauſes gerichtet, in dem er ſich befindet; einer von ihnen hat ſogar die Kuͤhnheit, gerade nach dem Fenſter zu zeigen, vor welchem eben Lichtung ſteht. Dieſer aber denkt:„Heute ſpielt man hier eine neue Co⸗ moͤdie, vielleicht wohl ein Drama. Fort, Georg, fort, wenn ſie dir heute nicht das Genick brechen ſollen!“ Ohne noch einen Au⸗ genblick zu verlieren, wirft er ſeinen Ranzen uber, druͤckt den Hut auf den Kopf, ergreift ſeinen Wanderſtab und drei Kreuze in die Luft beſchreibend tritt er mit„Gluͤck auf!“ aus der Thuͤr, prallt aber zuruͤck, als die drei Maͤnner ſchon davor Poſto gefaßt ha⸗ ben.„Guten Morgen, mein Herr!“ redet ihn der Eine an.„Ihr ſeid der Kunſtmaler Lichtung, nicht wahr? und ſteht im Be⸗ 147 griff nach der Reſidenz abzugehen, nicht wahr?“„Getroffen, errathen!“ rief Lich⸗ tung.„Nun ſo werden wir zuſammengehen. In unſerer Geſellſchaft reiſ't der Herr ſi⸗ cher.“„Seid Ihr meinethalben hierher ge⸗ kommen?“ fragte er etwas unruhig.„Was denn ſonſt? Der Herr wird bald mit uns bekannt werden.“„Wen meint Ihr?“„Euch, Georg Lichtung.“„Haͤnde her!“ ſchrie ihn der Eine an.„Was ſoll das? ich bin ein freier Mann—“„Geweſen!“ ergaͤnzte ein Anderer. Es war, als ſei ein Herenwerk ge⸗ ſchehen, ſo ſchnell ſtaken Lichtung's Haͤnde in dem eiſernen Geſchmeide.„Vorwaͤrts! marſch!“ droͤhnte die rauheſte Baßſtimme, die wohl je ſich in der reinen Atmoſphäre dieſes Berges hatte horen laſſen, in die na⸗ hen und fernen Gemaͤcher, ſo daß alle Be⸗ wohner ſich ſchnell ermunterten und den Fen⸗ ſtern zueilten. Kaum ſahen ſie aber, was da vorging, da öffneten ſie Alle die Fenſter und 10* 148 riefen:„Viel Vergnugen anderswo, Herr Kunſtmaler! Gluͤck auf! Gluͤck auf!“ Siegend mit vieltauſendjaͤhriger Macht uͤber der atmoſphaͤriſchen Duͤnſte zuſammen⸗ gedraͤngte Maſſen, flammte an einem der letz⸗ ten Tage des Lenzmondes die uͤber den Wen⸗ dekreis bereits empor geſchrittene Sonne in die zu Boden ſinkenden Nebelſchichten, und begann von Zeit zu Zeit ihre warmen Strah⸗ len in voller Klarheit zur feuchten Erde her⸗ nieder zu ſenden; heller wird dem Auge die Fernſicht und weniger dumpf erſchallt von Frankfurts Thuͤrmen der Glockenſchlag. „Erſt vier Uhr, meine Hortenſe; ſo werde ich eilen, meine Geſchaͤfte zu beendi⸗ gen, um, da es noch immer einige Stunden Tag bleibt und der Nebelfall uns heiteres 149 Wetter verſpricht, den von Dir, mein Hetz, gewuͤnſchten Spaziergang noch zu bewerkſtel⸗ ligen. Meinſt Du das nicht auch?“ ſo troͤſtete der SkonomSteinegk ſeine über den lange verwei⸗ lenden Nebel uͤbelgelaunte Gattin Hortenſia. „Gott Lob,“ erwiderte dieſe,„daß man doch⸗ nun endlich einmal der lieben Sonne wieder in's freundliche Antlitz ſchauen kann!“„Ja, das meine ich auch. Ich habe nachgerechnet, daß wir in Folge dieſes Phänomens gerade⸗ zum ſiebenten Juli— gerade im Heumonde — ein wahrſcheinlich ſtarkes Gewitter bekom⸗ men werden. Nun, geb's der Himmel uns nur in Gnaden. Freilich ſieht unſer Einer in der Zeit, es iſt zwiſchen Siebenſchlaͤfer und Siebenbrüder, die Gewitter eben nicht ganz gern; denn, wie geſagth die Heuerndte—“ „Haſt Recht, Maͤnnchen, aber Du ſprachſti ja von Beſeitigung Deiner Geſchaͤfte, ehe wir an einen Ausflug denken duͤrften; Du wollteſt ja eilen, mir zur Gefäl⸗ ligkeit eilen, und wie bald verfliegt bei * 150 Deinem Handel ein Stuͤndchen,“ ermahnte Hortenſia.„Leider wahr, ſehr wahr!“ begann der friedliebende Gemahl von neuem, „und wie bald werden auch die drei Viertel dieſes Jahres hinter uns liegen, und wie bald werden die paar Jahre, die ich vielleicht noch zu leben haben werde, verſchwunden ſein! Ja, ja, meine Beſte, die Zeit iſt fluch⸗ tig und darum muͤſſen wir Menſchen auch ein bischen flink auf den Beinen ſein, muͤſ⸗ ſen eilen, wenn wir weiſe ſein wollen.“ „Das Flinkſein und Eilen kann meinem lie⸗ ben Eheherrn nun aber heute gerade nicht zur Weisheit angerechnet werden,“ erinnerte Hortenſia lachelnd. Zufaͤllig ſieht ſie ſeit⸗ waͤrts durch das Fenſter in den Garten, er⸗ blickt dort einen ſchlanken, ſtattlich gekleideten jungen Herrn und ſiedend warm werden ihre Wangen, ſie ſteht auf Kohlen, denn ſchon vor mehreren Jahren hatte ſie mit demſelben jungen Manne— in aller Ehrbarkeit jedoch — eine intereſſante Bekanntſchaft angeknupft, 151 hatte ſich ſeiner ſeitdem oͤfters auf angenehme Weiſe erinnert und ihn endlich einmal wieder zu ſehen und zu ſprechen gewuͤnſcht, kurz, ſie ſah ihren Freund, um deſſen willen ſie vor⸗ zuglich mit ihrem Manne, der hier Geſchaͤfte hatte, die Reiſe von zwei Meilen unternom⸗ men haben mochte.„Maͤnnchen, Maͤnnchen,“ ſprach ſie aͤußerſt ungeduldig,„hier Dein Hut und Stab; die Boͤrſe haſt Du ſchon in der Taſche; ſo geh' nun auch raſch an's Werk. Ich kann nicht mehr im Zimmer dauern; ſollteſt Du mich, im Fall ſich etwa Dein Handel in die Laͤnge ziehen moͤchte, nicht mehr innerhalb dieſer vier Pfaͤhle antreffen, ſo nimm mir das nicht uͤbel und ſei ſo gut und hole mich aus dem Garten ab.“ Stei⸗ nigk ging, bis in die Hausflur von der allergetreueſten Gattin begleitet, welche als⸗ bald in den Garten ſchluͤpfte. Wirklich fand ſie bald den Gegenſtand ihrer Zuneigung. Robert Feſſelring war eben im Begriſſ, den Garten wieder zu verlaſſen und ſchritt 152 der Wohnung zu, als ihm Hortenſia den Weg vertritt. Eine hoͤfliche beiderſeitige Be⸗ grußung bricht der Zartlichkeit Bahn. Ohne es eben gewollt zu haben, ſitzen ſie auf einer von den wenigen Strahlen der Fruͤhlings⸗ ſonne etwas erwaͤrmten Moosbank. Bald beginnt die Unterhaltung enthuſiaſtiſch, feuri⸗ ger zu werden.„Warum,“ ſeufzt der junge Kaufmann,„warum mußte ich Euch, holde Schoͤne, nicht fruher heimfuͤhren, ehe Euch herrliches Taͤubchen der gierige Habicht mit ſeinen Krallen packte! Doch zu einiger Ent⸗ ſchädigung dieſen Kuß!“„Potz Hagel Sap⸗ perment!“ erſchallte es wie Todesbotſchaft in Beider Ohren,„Bube, ſtehe mir Rede! Doch nein, ich mag's nicht wiſſen; ſeid, wer und was Ihr wollt: im Namen meines Schwagers fordere ich von Euch ehrloſem Leichtfuße Genugthuung.“ Der junge Kauf⸗ mann gerieth in Verwirrung und legte ſich auf's Bitten. Sich mit einem gewandten Offizier zu duelliren, deſſen Papa in einem 153 der letztern Feldzuͤge tapfer gefochten hatte und zum Gluck ohne Narbe davon gekommen war, das ſchien dem ſuͤßen Herrn eine gar zu fuͤrchterliche Zumuthung zu ſein. Daher redete er dieſen Marsſohn demuͤthig an: „Herr Offizier, es freut mich unendlich, in Euch den Bruder dieſer herrlichen Frau ken⸗ nen zu lernen!“„Glaub's wohl,“ erwiderte Jener mit bitterm Laͤcheln und kruͤmmte da⸗ bei ſeinen dichten Schnurrbart nach rechts und links.„Nun, ſo habt die Guͤte,“ be⸗ gann der Kaufmann wieder,„mir das, was Ihr ſahet und hoͤrtet, nicht zu hoch anzurech⸗ nen. Schon der feinere Ton groͤßerer Staͤdte und dann wirklich die bezaubernden Reize Eurer lieben Frau Schweſter—“„Nichts mehr, mein Herr! oder ſoll ich Euch verach⸗ ten? Ich habe Euch mit Schimpfwoͤrtern gereizt oder wenigſtens reizen wollen, allein, wie ich ſehe, ſeid Ihr ein bloßer Stockfiſch, ein Mann ohne Geiſt und Herz, ein Laffe, dem auch nicht ein Quentchen von der Maſſe 154 zu eigen iſt, die von honetten Leuten Ehrge⸗ fuͤhl genannt zu werden pflegt. Geht, wenn ich Euch nicht ein paar Ohrfeigen geben ſoll!“„Herr Offizier!“ nahm jetzt der Kauf⸗ mann das Wort,„Ihr ſeid ein Grobian und ich hoffe, morgen Vormittag neun Uhr die Welt von dem Meiſter aller Gemeinheit zu befreien. Gerade weſtlich von hier im Nuß⸗ waͤldchen, mein Herr, werden die Klingen im Morgenſtrahl blitzen!“ Hortenſia ſaß blaß und unbeweglich da; als ſie aber die letztern Worte des ſich nun entfernenden Kaufmanns hoͤrte, ſtand ſie ſchnell auf, umarmte ihren Bruder und bat ihn unter Erguß eines Thraͤ⸗ nenſtroms, den Vorfall als ungeſchehen zu betrachten. Zornſchnaubend druͤckte er aber die Schweſter wieder auf die Moosbank nie⸗ der und rief aus:„Eben Deinethalben, Nichtswuͤrdige! ſoll das huͤbſche Buͤrſchchen bluten!“„Um Gottes willen, lieber Bruder, ubereile Dich nicht. Du machſt zu viel Auf⸗ hebens von einer Sache, die im Grunde 155 etwas ganz Alltaͤgliches iſt.“„Wird der Gatte auch damit zufrieden ſein? Schweſter, Schweſter! genug, wenn ich Dir mein Ehren⸗ wort gebe, daß ich Deinem Eheherrn davon nichts entdecken will.“„Ha, ha!“ lachte Hortenſia,„das kann er wiſſen, das kann die ganze Welt erfahren. Jetzt gleich werde ich meinem Manne das ganze Mißverſtaͤnd⸗ niß klar darlegen; dann verlaͤumde Deine Schweſter ſo viel es Dir beliebt; nur ſchone des unſchuldigen jungen Blutes!“„So wahr ich Caͤſar Hadermann heiße, nur heimliche und ehrloſe Flucht kann den Buben retten.“ Hortenſia ſchluchzte heftig; der ſanfte Bruder bot ihr freundlich den Arm und fuͤhrte ſie in den Gaſthof zuruͤck. Kaum war Hadermann mit ſeiner Schweſter in das Zimmer getreten, und hatte ſo eben gefragt, wer denn eigentlich der junge galante Herr ſei, dem ſie ihre Gunſt in ſo hohem Grade geſchenkt habe, als Hortenſia's Gatte eintrat, den Schwager gruͤßte, hierauf 156 ſich nachlaͤſſig auf einem Sopha niederließ und ſagte:„Mit dem Handel iſt's heute nichts; unſere Landeserzeugniſſe ſind von ſehr gedruͤcktem Preiſe, Modeſächelchen, ich meine Putzplunder und allerlei Luxusartikel werden mit enormen Summen bezahlt. Nun, mag's ſein; der liebe Herr Gott wird uns auch nicht verhungern laſſen, ſind wir doch geſund und unſere Kindlein! Beim Hereingehen habe ich auch gleich unſerm Martin geſagt, er ſolle ſogleich anſpannen; wir haben lieben Beſuch bekommen.“„Wer iſt der Gaſt oder wer ſind die Gäſte?“ fragte Hortenſia. „Gäſte— Gaͤſte—“ ſprach Steinegk mit gedehntem Accent;„aber meine Hortenſe, Du haſt ja wohl geweint, hat denn einmal das Bruderchen den lieben Frieden wieder ge⸗ ſtort?“„Ja, ja, leider der leidige Friede!“ ſprach Hadermann.„Ihr zwar, Herr Schwager, und Eures Gleichen moͤgt den ewi⸗ gen Frieden wohl ſegnen; aber ein braver Sol⸗ dat, dem das Herz auf dem rechten Fleck ſitzt, 137 kann nur ewigen Krieg wünſchen. Indeſſen,“ fuhr er heftiger werdend fort,„der durch mich geſtoͤrte Friede moͤchte wohl Euch ſelbſt einen dauerhaften Frieden begruͤnden.“„Ach, was iſt das fuͤr Unſinn, Herr Schwager! Habt gewiß einmal wieder zu tief in den Becher der freundlichen Wirthin hineingekuckt, nicht wahr?“ Jetzt bekam Hortenſia mehr Muth, ſie ruͤckte ihrem Steinegk naͤher und be⸗ gann, verſteht ſich mit Weinen:„Ja, hoͤre nur, mein guter Mann. Ich war—“„Im Garten dort bei einem Galan—“ unterbrach der Bruder.„Bruder, Du thuſt mir heute das haͤrteſte Unrecht an, das—“„Das ich verantworten kann und will. Hoͤrt, Herr Schwager, hoͤrt!“ rief Hadermann,„bei ih⸗ rem Galan, ſage ich, war Euer Weib; aber ich gebe Euch mein Ehrenwort, der Elende ſoll dafuͤr hart buͤßen!“„Du biſt heute ganz obſcheulich, Bruder!“ ſprach Hortenſia mit heftigem Schluchzen.„Haſt Recht, mein Engel!“ ſagte ganz gelaſſen Steinegk, 158 der den lieben Haus⸗ und Ehefrieden uͤber Alles liebte.„Mit ſeinem Galan da!“ fuhr er fort,„es iſt Gewaͤſch, und weiter nichts.“ Der Offizier fluchte, ſprach von Einfalt und Koketterie; Martin aber, Stei⸗ negk's Kutſcher, rief zur Thuͤr herein:„Der Wagen ſteht bereit, wenn's etwa gefaͤllig waͤre—“„Gut, wir kommen,“ lautete die Antwort.„Die Zeche iſt bezahlt, Hortenſia, Du muͤßteſt denn etwa dem Herrn Galan oder dem Herrn Haudegen da Etwas ha⸗ ben auftiſchen laſſen, he he!“ ſchaͤkerte der geradſinnige Naturſohn.„Steinegk, nehmt mir's nicht fuͤr ungut, Ihr ſeid ein Pinſel!“ fuhr ihn der Herr Schwager an. Der Ge⸗ meinte aber, ſtets kalt wie Oſterwaſſer, ent⸗ gegnete:„Schoͤn! in Friedenszeiten machen Gaͤnſefedern und Pinſel mehr Gluͤck als der Degen. Lebt wohl, Bruͤderchen, und laßt Euch hernach ein Glas Eis reichen, ich will es naͤchſtens bezahlen.“ Steinegk druͤckte und ſchüttelte dem erhitzten Offizier die Hand, Hortenſia reichte ihm zwei Finger ihrer Rechten und ſprach in bittendem Tone:„Nun, leb' wohl und gieb der Sanftmuth Raum, lieber Caͤſar!“„An dergleichen Raum fehlt es bei mir allenthalben, und ein Offizier nimmt ſein Wort nicht zuruͤck!“ verſicherte Hader⸗ mann. Als Schnger und Schweſter das Zim⸗ mer verlaſſen hatten, ſprach der Offizier zu ſich ſelbſt:„Nichts kann mich mehr empoͤ⸗ ren, als ſolch ein Gleichmuth, ſolch eine Kalte, wie ſie meinem Schwager eigen iſt. Ich moͤchte von Sinnen kommen. Wahrlich, haͤtte ich den elenden Wicht, den jungen Kaufmann oder was er ſonſt ſein mag, hier in der Stube— in Stuͤcken wollte ich ihn hauen. Doch morgen fruͤh neun Uhr! Da kuͤhlt ſich mein Blut wieder ab. Fort in's Freie!“ Er verließ das Zimmer und ging. Sobald aber Hortenſia im Wagen neben ihrem Gemahl Platz genommen hatte, fragte ſie, wer angekommen ſei, und woher 160 er die Nachricht von der Ankunft eines Ga⸗ ſtes habe.„Ein alter guter Schulkamerad, der jetzige Gerichts⸗Aktuar aus Deiner Vater⸗ ſtadt; wirſt doch wohl noch den Fritz Gau⸗ derling kennen, der bei unſerer Hochzeit immer ſo verdrußlich vor ſich hin ſah, als haͤtte ihm der Huͤhnerhahn ſein Butterſchnitt⸗ chen weggehackt!“ berichtete Steinegk.„Ach ſo, der iſt's. Er wird Dir doch willkommen ſein?“ fragte Hortenſia behutſam.„Dir doch nicht minder, Hortenſe?“ war die Gegenfrage. Hortenſe errothete ſanft; denn nach ihrer freien Wahl hätte dieſer Gauder⸗ ling, wenn ja nicht Robert Feſſelring, ihr Gatte werden ſollen. Allein Steinegk war reicher denn jene Beiden, und Horten⸗ ſia's Eltern drangen ihr dieſen Letztern auf. Wer mochte es ihr daher verargen, wenn ſie Beiden noch ein wenig guͤnſtig war? Steinegk erklarte hierauf ſeiner Gattin, wie er es erfahren habe, daß der Atmar it in ſeinem Hauſe als Gaſt ſei. Nach einer kui⸗ 161 nen Weile unterbrach Ho rtenſia die Stille und ſagte:„Ich weiß nicht, was fuͤr eine Bangigkeit mich befallen hat, ſeitdem ich weiß, daß Gauderling, der Aktuar, in unſerer Wohnung iſt. Du biſt vor einigen Tagen im Fuͤrſtenthum, wenn auch nicht in der Re⸗ ſidenz geweſen, hängt nicht etwa dieſe Reiſe mit dem Beſuche zuſammen? Etwas hat meine zunehmende Bangigkeit zu bedeuten.“ Steinegk verſicherte, er ſei ſich keiner ſchlech⸗ ten Handlung bewußt und mit ſeinem guten Gewiſſen koͤnne er ſelbſt dem Reichsoberhaupt getroſt unter die Augen treten. Obgleich die Fahrt ſehr ſchnell ging, ſo dunkte es den beiden Eheleuten doch, als kaͤmen ſie nicht von der Stelle. Endlich kamen ſie an und druckten ihre Freude über einen ſo unverhofften guti⸗ gen Beſuch auf das Deutlichſte aus. Es war acht Uhr Abends. 6 Nachdem Familien-und Freundſchaftsan⸗ gelegenheiten gehoͤrig beſprochen waren, fragte der Aktuar den Gutsbeſitzer Steinegk, ob er Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 11 162 nicht vor zwei Tagen in Kalbshaide geweſen ſei. Steinegk bejahete dieſes.„Haſt Du nicht auch in der dortigen Schenke, oder wie Du zu ſagen pflegſt, im Kruge unier andern zwei reiſende Handwerksburſchen bemerkt, die ſich's ganz bene ſein ließen?“„Auch das iſt an dem,“ antwortete der Gefragte.„Nun noch eine Frage, alter Schulkamerad!“ fuhr der Aktuar fort und Hortenſia blickte aͤngſtlich ihren Gatten an—„haſt Du nicht von dem einen Kerl einen ſilbernen Halsſchmuck fuͤr 21 Gulden gekauft?“„Da haben wir's auf einmal!“ rief Hortenſia,„kommt nicht, Steinegk, kommt nicht immer, ich will nicht einmal ſagen Dein Geiz, aber Dein allzuokonomiſcher Sinn ins Spiel?“ Ja, den Halsſchmuck habe ich,“ erwiderte Stei⸗ negk,—„aber beim Teufel, wer hat denn das verrathen? ich habe ihn freilich gekauft, und warum ſollte ich nicht?“„Ei, ei, li⸗ ber Freund, Du konnteſt allerdings wiſſen, daß der Menſch die Pretioſen nicht mit Recht 163 hatte, haͤtteſt ihn ſollen feſtnehmen laſſen und die Sache anzeigen muſſen. Nun, ſei nur ruhig; aber um Dich aus der Fatalitaͤt her⸗ auszuziehen, habe ich den Weg hierher über⸗ nommen.“„Ich danke Dir, Freund, und will gern Deinen Rath befolgen.“„Das hoffe ich,“ erwiderte der Aktuar,„allein die Halskette mit Zubehor wirſt Du mir mor⸗ gen fruͤh einhaͤndigen. Dabei kann ich lei⸗ der nicht verſprechen, daß Du Dein Geld wieder bekommen werdeſt.“„Und wenn ich Dir nun den Schmuck gebe, und Du nimmſt ihn mit ans furſtliche Gericht, und ich be⸗ komme meine ſchoͤnen Gulden nicht wieder und mag ſie auch nicht wieder haben: was dann?„Nichts, gar nichts!“ antwortete der Aktuar.„Dann brauche ich mich nicht vor Gericht zu ſtellen?“ fragte er ſehr aͤngſtlich. „Ei nicht doch, wofur bin ich denn hier?“ „So moͤgen die Gulden beim Henker ſein! und im Fall Du etwa zu dem Gelde kom⸗ men kannſt, ſo ſollſt Du es behalten.“„Ich 115 164 danke Dir, Freund Steinegk, habe aber wenig Hoffnung dazu, denn die beiden jungen Kerle werden das liebe Geld wohl ſchon durchgebracht haben. Und ihrem Koͤrper kann man doch kein Geld abpruͤgeln.“„Herr Aktuar,“ nahm Hortenſia das Wort,„hat⸗ ten die Handwerker den Schmuck geſtohlen und bei wvem?“ Der Aktuar antwortete: „Gefunden. Die Sache iſt die: am Aſten dieſes Monats reitet ein Handlungsdiener aus der Reſidenz, wo er eine tuͤchtige Ein⸗ nahme fur ſein Haus in Frankfurt in ſei⸗ nem Mantelſacke verwahrt hatte, in der Allee nach Schonthalau zu. Kurz vor der Bruͤcke, wo ſich einige brauſende Bäche vereinigen, ſtutzt ſein Pferd, er giebt ihm ſeitwaͤrts ei⸗ nen Hieb mit der Reitgerte, ſieht bei der Gelegenheit ſich um, und zu ſeinem großen Schrecken wird er den Verluſt gewahr. Na⸗ tͤrlich wendet er um, in der Hoffnung, das Verlorene wieder zu finden. Unterhalb der Siegwarts⸗Kapelle entdeckt er im weichen 165 Erdboden den ohngefaͤhren Abdruck des Pa⸗ kets. Die Fußtapfen, die er dabei wahr⸗ nimmt, biegen von der Allee ab nach bem buſchigen Hügel, auf dem die Kapelle ſtehtz in dem noch unbelaubten Gebuͤſche findet er zwar den ledernen Behaͤlter wieder, in dem die Geldſumme und einige Koſtbarkeiten ſich befunden hatten, aber leider— geleert. Zu Pferde konnte er der Spur nicht laͤnger fol⸗ gen, daher kam er in die Stadt zuruͤck und zeigte dem Gerichte den Vorfall an. Sofort wurden noch, obgleich ſchon Abend ſieben Uhr, Kundſchafter ausgeſchickt. Am 2L3ſten aber erhielten wir erſt die Nachricht, daß in einigen Wirthshaͤuſern zwei Handwerksbur⸗ ſchen ungewohnlich gut gelebt und bezahlt hätten, auch daß einer derſelben einen ſilber⸗ nen Halsſchmuck fuͤr 21 Gulden in Kalbshaide an den Gutsbeſitzer Steinegk losgeſchlagen habe. Endlich hatte auch der herrſchaftliche ſtumme Ofenheizer zu verſtehen gegeben, daß Abends ſechs Uhr der Maler Lichtung, als 166 er die Kapelle verlaſſen gehabt, in welcher er an demſelben Tage gemalt habe, ſehr be⸗ hende der Allee zugeeilt und erſt in einer hal⸗ ben Stunde auf dem fuͤrſtlichen Schloſſe an⸗ gelangt ſei. Koͤnnte— ſo ſchloß man— koͤnnte dieſer Mann nicht auch an dem Funde Theil haben? Allein er war nirgends zu fin⸗ den, und ob man ſeiner bis jetzt habhaft ge⸗ worden, weiß ich nicht, da ich ſchon vorge⸗ ſtern abgereiſet bin. Das plotzliche Verſchwin⸗ den macht dieſen Mann ſehr verdaͤchtig. Die Handwerker, die uͤbrigens arretirt ſind, ſag⸗ ten aus, daß ein junger Mann, den ſie nicht gekannt haͤtten, von dem Huͤgel herab in die Allee gekommen ſei, mit dem haͤtten ſie das Geld getheilt. Und ſollte dieſer junge Mann wohl nicht der Maler Lichtung geweſen ſein? Schon ehe dieſes Alles von ihm bekannt ſein konnte, war das Gericht vom Fürſten ſelbſt beauftragt worden, den Maler Lichtung ſei⸗ ner heimlichen Entweichung wegen aufſuchen und arretiren zu laſſen. Nun wird man ja 167 ſehen, wie ſich das Alles noch entwirren wird.“„Freund ſorge ja dafuͤr, ich bitte Dich ſehr,“ hob Steinegk an,„daß ich ungehu⸗ delt durchkomme. Wer haͤtte denn auch das gedacht? Aber ſind die Burſchen nicht dum⸗ me Leufel geweſen!“„Daran liegt's nicht,“ entgegnete der Aktuar,„ſondern unſere vor⸗ treffliche Polizei⸗Ordnung, muſterhaft, ich ver⸗ ſichere Dir, Freund! ſie hat ihres Gleichen nicht. Auch das Militär— aber apropos, Madame, wo ſteckt denn jetzt Ihr Bruder, der Lieutenant? Dieſen Herrn habe ich, Gott weiß, wie lange nicht in der Reſidenz geſe⸗ hen.“„Gewoͤhnlich ſteht er in Frankfurt, der Poltrian!“ antwortete Hortenſia ſchwach ſeufzend.„Koͤnnte ich ihn wohl nicht mor⸗ gen Nittag hier ſprechen? denn gleich nach Mittag reiſe ich wieder ab,“ ſprach der Ak⸗ tuar.„O, gewiß,“ verſicherte Hortenſia, und ihr Gatte ſetzte hinzu:„Morgen fruͤh will ich ihn durch meinen Wagen holen laſ⸗ ſen.“„Du biſt ſehr gefaͤllig, mein Freund!“ 168 ſchmeichelte Gauderling. Auf Horten⸗ ſie's Gemuͤth wirkten aber dieſe Worte un⸗ gefaͤhr ſo, als wenn Jemand aus einem fuͤrchterlichen Traume zur gluͤckſeligen Wirk⸗ lichkeit erwacht. Noch eine kleine Weile dauerte die Un⸗ terhaltung fort, man ſchluͤrfte nebenbei ſein Taͤßchen Thee und ſagte dann einander gute Nacht. Hortenſia, in Hinſicht auf den mor⸗ genden Zweikampf zwar etwas beruhigt, hatte doch keine Bürgſchaft für deſſen gaͤnzliche Aufhebung und wuͤnſchte den Beſuch von dem Aktuar mit dazu benutzen zu koͤnnen, daß eine Verſoͤhnung zu Stande komme, und zwi⸗ ſchen ihrem Bruder und Robert Feſſelring das Band der Freundſchaft geknuͤpft werden moͤchte. Daher ſann ſie einen Plan aus zu einem Zuſammentreffen derſelben in ihrer Wohnung. Ob ſie aber ihren Zweck erreicht habe, oder ob ihr Plan geſcheitert ſei, das werden wir ſpaͤterhin ſehen. Wenigſtens muͤſ⸗ 169 ſen wir jedoch an der Bewerkſtelligung des einen Theils, nämlich an einem Freundſchafts⸗ bündniſſe der einander ſchroff entgegenſtehen⸗ den Charaktere zweifeln. Robert, des Gerichtsamtmanns Feſ⸗ ſelring wohlgerathener Sohn, das beſte Kind der Familie, war von Natur fanft und mild, wenn gleich raſch in ſeinen Unternehmungen, ja, zuweilen voreilig handelnd. Selten legte er den Handlungen Anderer einen ſchlechten Bewegungsgrund unter und war daher ſtets geneigt, erlittene Beleidigungen zu verzeihen, meinte daher, auch Andere muͤßten dieſe Ge⸗ ſinnung mit ihm theilen und trug ſo dieſe Anwendung auf letzteren Fall uͤber.„Der Offizier,“ dachte er,„hat mich beleidigt; al⸗ lein ich habe ihm ja dazu eigentlich, wenn gleich unvorſätzlich, erſt Veranlaſſung gegeben, uberdies habe auch ich mich gegen ihn ver⸗ gangen. Koͤnnten wir nicht zugleich aufhe⸗ ben? muß denn nun gerade Blut die leich⸗ tere Schale der Wage niederdruͤcken?“ Noch 170 in der Nacht faßte er an Hortenſia's Bruder ein Schreiben ab, worin er nochmals „ zu beweiſen ſuchte, daß er ſo ſchuldig nicht ſei, als er in den Augen des Herrn Lieute⸗ nants erſcheine und worin er inſtaͤndigſt um Aufhebung des Zweikampfes bat und zu je⸗ der andern Genugthuung bereit zu ſein er⸗ klärte. Mit Tagesanbruch ſandte er dieſes Brieſchen ab und erhielt zur Antwort: „Junger Herr ohne Ehre!! Wollet Ihr nicht auf das Fuͤrchterlichſte oͤffentlich blamirt ſein und bei erſter Gele⸗ genheit von meinem Degen niedergeſtoßen werden: ſo ſtellt Euch zur beſtimmten Zeit am bezeichneten Orte ein. Wenigſtens hege ich das Zutrauen zu Euch, daß Ihr mit den Regeln des Zweikampfes nicht ganz unerfahren ſein werdet, und ſolltet Ihr dieſe Regeln auch nur aus Romanen kennen gelernt haben. Caͤſar Hadermann, Lieutenant allhier.“ 171 Als Feſſelring dieſe harte Erwiderung geleſen hatte, erwählte er ſich zwei Sekun⸗ danten und ſchrie— einen Wechſelbrief. Noch hat er die Feder nicht aus der Hand gelegt, als ein Wagen vor dem Gaſthofe haͤlt, den er ſogleich fur denjenigen erkennt, in wel⸗ chem er ſchon einige Male den Hkonomen Steinegk hat fahren ſehen. In demſelben Augenblicke tritt ein Marqueur bei ihm ein und meldet, daß der ſo eben angekommene Wagen den Herrn augenblicklich abzuholen gekommen ſei. Sogleich fragt Feſſelring den Kutſcher nach gllen Umſtanden ſeiner Sendung, und erfaͤhrt, daß der Lieutenant Hadermann durch ihn einen Brief erhal⸗ ten, allein erklaͤrt habe, erſt Nachmittags bei Steinegk und Hortenſia eintreffen zu können, weil er, wie dieſen bekannt ſein wer⸗ de, vorerſt ein nothiges Geſchäft zu beſorgen habe. Im Falle einer ſolchen Antwort hätte denn nun er, der Kutſcher, von Frau Stei⸗ negk die Weiſung erhalten, ihn, den Kauf⸗ 172 mann, mitzubringen, bei etwaniger Weige⸗ rung aber ihm nur zu ſagen, daß die Frau alle Verantwortung auf ſich nehmen wolle; nur muͤſſe er ohne Zögern den Wagen beſtei⸗ gen. Des Kaufmanns Verlegenheit wird groß.„Ach!“ ruft er aus,„warum habe ich mich den Freuden, die mir am Geburts⸗ feſte der Furſtin erblüheten, ſo undankbar entzogen? Dort in der Reſidenz wollte ich mich den Regeln der Hofetiguette nicht unter⸗ werfen,— und hier ſoll ich mich wie einen Hering aufſchlitzen und von einem Enaks⸗ Sohne erwuͤrgen laſſen! Guter Freund,“ ſo redete er den Kutſcher an,„gebt Rath.“ Mit wenigen Worten ſetzte er dieſem Alles aus⸗ einander, ſo daß der Kutſcher ſich nur im Gedanken an Feſſelring's Stelle zu ver⸗ ſetzen und den eigenen Verſtand zu befragen brauchte. Und da zeigte ſich, wie nicht ſelten, daß ein ungebildeter ganz gemeiner Menſchen⸗ verſtand oft hell genug ſieht, und daß er Ein⸗ faͤlle producirt, die zwar ſehr nahe zu liegen ſcheinen, demungeachtet aber von einem geüb⸗ ten Denker nicht ſogleich aufgefunden werden. „Sei doch der gute Herr,“ ſagte er,„deßhalb ganz außer Sorgen: da hat mich heute fruͤh, es war gegen vier Uhr, kurz vorher ehe ich fuhr, Frau Steinegk ſchon um Rath ge⸗ fragt, was dann zu thun ſei, wenn weder ihr Bruder, noch der Herr Kaufmann ſich ſo⸗ gleich in den Wagen ſetzen wollte, ſondern Beide auf der Ausfuͤhrung des Duells beſtaͤn⸗ den. Da mir der Narr ſehr bekannt iſt und ich zuverlaͤſſig zu wiſſen glaube, wie deſſen Kappe am beſten zu luͤften ſei, ſo hatte ich gut Rath geben.“„Und der Rath iſt, Alter? immer heraus damit!“ ſprach Robert. Der Futſcher aber entgegnete:„Begebt Euch nur, gleichviel ob mit oder ohne Sekundanten, an den einmal beſtimmten Platz; einen Degen werdet Ihr doch wohl haben, nicht wahr?“ Feſſelring bejahete dieſes.„Nun,“ ſprach ſodann der Kutſcher,„ſo laßt mich fuͤr das übrige ſorgen.“ Der Kaufmann nothigte ihn, ſeinen Wagen und Pferde in den Hof zu bringen und ſich mit einem Glaſe Wein und etwas Fruhſtuͤck bewirthen zu laſſen; allein dieſer erklarte, das ſei wider den Plan und er habe in der Zwiſchenzeit mehr zu bedenken, als ſich hinzuſetzen und zu ſchmauſen. Die neunte Stunde des Tages fand den Kaufmann Robert Feſſelring in Beglei⸗ tung zweier ehrenwerther Buͤrgersſöhne auf dem Kampſfplatze.„So waͤren wir denn an⸗ gekommen, meine Freunde,“ ſagte er zu ſeinen Sekundanten,„hier, wo der Tod mich um⸗ armen wird. O hatte ich doch wenigſtens die unuͤberlegte Herausforderung nicht uͤber meine Lippen gehen laſſen!“ Da antwortete der eine Sekundant:„Flagen hilft nicht, Jammern auch nicht; Muth und Entſchloſ⸗ ſenheit kann helfen, kann retten. Ihr habt keine Gattin, keine Kinder: im Falle Ihr bliebet— nun, es iſt einmal unvermeidlich, und man ſtirbt nur einmal. Aber das iſt ja noch lange ſo weit nicht. Soll es nicht —— 175 ſein, ſo werden Hinderniſſe eintreten, an die man jetzt gar nicht denkt. Alſo noch einmal: habt Muth, ſeid gewandt, ſucht Euern Geg⸗ ner zu uͤberliſten; und das wird leicht ſein, weil er gewoͤhnlich um neun Uhr ſchon einen halben Rauſch hat.“— Robert hatte gegen dies Alles nichts einzuwenden; aber er hoͤrte faſt ſein Herz klopfen, und was hatte er nicht im Traume geſehen und gefuhlt! Seine letzte Stunde hat geſchlagen, wenn er ſich mit Ha⸗ dermann ins Gefecht einlaſſen muß. Jedes durch die Kronen der Nußbaͤume ſaͤuſelnde Luftchen, jedes rauſchende duͤrre Blatt, jede raͤuspernde Maus ſetzt ihn in Schrecken. „Aber was iſt das?“ ruft er aus,„ich glaubte meinen Gegner ſchon hier anzutreffen, es iſt bereits halb zehn und Hadermann noch nicht da?“„Er wird Euch und uns in den April ſchicken wollen,“ ſagte der eine Sekundant.„Und ich behaupte, er hat uns ſchon hineingeſchickt“ rief der andere.„Ganz recht,“ ſtimmte Robert bei,„wir haben 176 heute den erſten April; allein ich glaube, ſo ein Spaß faͤllt dem Lieutenant gar nicht ein, hat wohl nicht einmal gewußt und weiß es auch vielleicht bis dieſe Stunde nicht, daß dem ſo iſt. Aber hoͤrt, Freunde!“ fuhr er fort,„ſollte der Kampf gar nicht vor ſich gehen, oder auch, ſollte ich, ohne meinem Gegner großen Schaden zugefuͤgt zu haben, gluͤcklich davonkommen, ſo laſſe ich Euch durch Ertrapoſt zu meiner einſtigen Hochzeit abho⸗ len; wollt Ihr kommen?“„Ja, ja! hier unſre Haͤnde!“ rieken- beide und gaben den Handſchlag.„Heüte Abend indeß, das bitte ich mir aus,“ hob er wieder an,„ſeid Ihr meine Gaͤſte, wie ſich das von ſelbſt verſteht und wenn ich mein Leben unter guten Be⸗ dingungen rette. Sollte der Himmel mir gnaͤdig ſein und mein Gebet erhoͤrt haben, ſo reiſe ich erſt zu dem Sconomen Stei⸗ negk, der mich hat einladen laſſen, bin aber mit dem Abend wieder im Gaſthofe, wo ich Euch erwarte.“„Wir werden uns einſtellen,“ „ —— — —— entgegneten Jene;„aber wir wuͤrden an Eu⸗ rer Stelle den Sconomen Steinegk ſammt ſeiner albernen Hortenſia beim Henker ſein laſſen, da nur Gefahr—“„Wohl,“ erwi⸗ derte Robert,„jedoch es laͤßt ſich nicht wohl aͤndern. Denn erſtens ſchwebt Hor⸗ ten ſia meinetwegen in groͤßter Angſt; zwei⸗ tens wird Hadermann dorthin nicht kom⸗ men; drittens iſt ein Landsmann, der Aktuar Gauderling, dort, und endlich—“„Ja, ja, endlich kommen ſie!“ rief der eine Came⸗ rad aus; Robert war im Begriff, umzu⸗ ſinken, vor ſeinen Augen ſpielten alle Farben, vor ſeinen Ohren brauſ'te es wie der nächſte Rheinfall. Geraͤuſch in den trocknen Blät⸗ tern, die im vorigen Sommer der Baͤume und Stauden Schmuck geweſen waren, und Geſpraͤch in hochdeutſcher Mundart machten es dem armen Feſſelring mehr denn zu gewiß, daß die gefurchtete Gefahr da ſei. Noch einmal ſah er empor nach dem heitern Tagesgeſtirn, das ſo mild auch ihm Licht Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 12 178 und Waͤrme fuͤnf und zwanzig Jahre hin⸗ durch geſpendet hatte, und vor deſſem Glanze ſich das Auge bald, ach, zu bald ſchon und auf immer ſchließen ſollte.„Allmäͤchtiger! der du des Menſchen Tage hervorfuͤhrſt und peſchließeſt, wann und wo dir's gefallt, v moͤchte doch die Errettung meines Lebens und Verlaͤngerung deſſelben in deinem weiſen Plane liegen!“ ſo betet er in unausſprechli⸗ cher Angſt; und in dem Augenblicke, in dem er aus dem heitern Blicke der Sonne einigen Troſt ſchoͤpfen will, tritt eine dunkle Wolke vor die Sonnenſcheibe und ſetzt ſo dieſen Platz in Schatten. „Guten Morgen, Kameraden! guten Morgen! habt Euch wohl ſchon recht ſehr gelangweilt!“ riefen die aus dem Gebuͤſch Hervortretenden den Anweſenden zu.„Gu⸗ ten Morgen, wenn Ihr wirklich ſchon aus⸗ geſchlafen habt! Aber beim Teufel! wo habt Ihr denn die Hauptperſon?“ Robert, der auch den fuͤrchterlichen Hadermann nicht 179 entdecken konnte, ſchoͤpfte neuen Muth und ſpitzte das Ohr.„Wir waren kurz vor neun Uhr bei dem Lieutenant, um ihn abzurufen,“ begann der Bericht,„allein denkt den naͤr⸗ riſchen Kerl! ſitzt da vor dem Tiſche in voller Uniform, den Hut auf dem Kopfe, den De⸗ gen an der linken Huͤfte, das Haupt auf den rechten Arm und dieſen auf den Tiſch ge⸗ ſtuͤtzt, ſchlaͤſt— ſchlaͤft, ſage ich, ſo feſt, daß es rein unmoͤglich war, ihn zu ermuntern. Zwei geleerte Flaſchen ſtanden neben ihm; alſo berauſcht, total betrunken, war er nicht im Stande, nur ein Auge außzuſchlagen. Ihr werdet vaher die Gefälligkeit haben, mein Herr, einen andern Tag anzuberaumen, für heute iſt's vorbei!“ ſo ſprach der eine Se⸗ kundant des Lieutenants zu Robert.„Meine Herren,“ erwiderte dieſer,„ich halte dafuͤr, der Herr Lieutenant hat mich in den April ſchicken wollen, und ich halte es nun unter meiner Wuͤrde, mich je mit ihm zu ſchlagen⸗ Macht das Euem Oſſizier bekannt.“„Das —— 180 iſt nicht in der Ordnung!“ behaupteten Jene. „Entweder Ausſoͤhnung oder Duell,“ ſetzten ſie hinzu.„In der Ordnung oder nicht, das geht mich nichts an. Wenn man ſich ſchla⸗ gen will, muß man nicht ſchlafen, und mit einem Trunkenbolde mag ich nie einen Kampf eingehen,“ ſagte der wieder zu ſich ſelbſt ge⸗ kommene Kaufmann.„Waͤre es Euch aber gefällig, mit mir zu frühſtuͤcken, ſo wuͤrde ich mir das zur großen Ehre anrechnen,“ redete er jene Beiden und ſeine Begleiter an.„Mit Dank werden wir Euer guͤtiges Anerbieten annehmen und Euch ſogleich zuruͤckbegleiten,“ verſicherten alle Vier. Man ging nach der Stadt vergnuͤgt und wohlgemuthet zuruͤck. Die Frankfurter unterhielten ſich unter einan⸗ der uͤber Angelegenheiten der Stadtmilizz die Einen lobten, was die Andern tadelten. Ro⸗ bert hing aber ſeinen eigenen Gedanken nach, beſonders war ihm die Art ſeiner Rettung, die er für das Werk der Frau Steinegk und des Kutſchers zu halten geneigt war, ein ———— ———— 181 Räthſel. Er fann hin und her, ohne eine nur einigermaßen genuͤgende Erklaͤrung zu finden, die ihm freilich endlich zu Theil wurde, die wir aber des Zuſammenhanges wegen hier folgen laſſen wollen, beſonders da wir noch nicht wiſſen koͤnnen, ob Robert wirk⸗ lich mit zu Hortenſia fahren werde, und ob nicht etwa gar das nette Bruͤderchen der⸗ ſelben entweder Robert's Platz allein ein⸗ nimmt, oder vielleicht gar— denn unmoͤglich waͤr's nun eben wohl nicht— neben dem Kaufmanne ſich niederlaͤßt. In ſolchem Falle könnte ja aber dann dieſer weder den Kut⸗ ſcher auf der Reiſe, noch Hortenſien im Hauſe um jene Angelegenheit fragen. Die Sache war kuͤrzlich folgende: Der Kutſcher hatte von Hortenſia eine Taſche voll Gulden bekommen, wofuͤr er Wein nebſt Zuthat und Confect kaufen, Leute gewinnen und die er uͤberhaupt ſo anwenden ſollte, daß jedenfalls Robert, wenn er nicht ſogleich mitreiſen koͤnnte oder wollte, gerettet 182 wuͤrde. Der Kutſcher kaufte daher zwei Fla⸗ ſchen Wein, ging damit zu einem Manne, der mit allerlei ſpirituöſen und mediziniſchen Flüſſigkeiten handelte, ließ in den Wein eine unbedeutende Quantitaͤt Opium gießen; hier⸗ auf kauſte er einen ſehr feinen Porzellan⸗C Tel⸗ ler, ging damit zu einem Conditor und ließ von dem beſten Confect einen kleinen Berg aufthürmen; dann trat er in das Thor eines Gaſthofes, bei dem immer Soldaten voruͤber zu gehen pflegen, brauchte hier nicht lange auf die Ankunft eines ſolchen zu warten und uͤberreichte dem erſten gemeinen Militaͤr alle jene Effecten mit den Worten:„Mein Herr, der Herr Rath von Koͤler laͤßt dem Herrn Lieutenant Hadermann einen recht guten Morgen wuͤnſchen und bedauert es ſehr, daß der Herr Lieutenant ſich nicht fruͤ⸗ her bei dem Herrn Rath eingeſtellt habe, weil derſelbe ſogleich wieder abreiſen muͤſſe. Der Herr Lieutenant moͤchte auf des Herrn Rathö Geſundheit trinken, ſich's wohl bekommen laſ⸗ 183 ſen und recht wohl leben.„Es iſt nur gut, daß ich Euch eben jetzt hier ſehe, ich muͤßte ja ſonſt den weiten Weg auf mich nehmen, und dazu habe ich leider keine Zeit; denn an⸗ ſtatt ich auf ein Trinkgeld rechnen koͤnnte, muß ich jetzt ſelbſt damit herausruͤcken. Doch, es ſoll einmal nichts ſchaden, hier nehmt, Freund!“ mit dieſen Worten ſchob der Kut⸗ ſcher dem Soldaten einen Gulden in die Hand, welcher ſich ſreute, heute auch einmal einen frohen Tag feiern zu koͤnnen und mit: „Danke ſchoͤn! man wird gern ausrichten, wie befohlen,“ in der Straße hinauf ging. Der Kutſcher aber, liſtig wie die Schlange im Paradieſe, ſuchte dem tragenden Soldaten durch das Betreten einiger Seitengaͤßchen zu⸗ vorzukommen und ſich zu uͤberzeugen, daß das Fruͤhſtuͤck, das auf's Schlafengehen be⸗ rechnet war und vorbereiten ſollte, auch wirk⸗ lich an den Mann kaͤme. Dieſer Mann konnte ſich nun zwar nicht entſinnen, den Herrn Rath von Köler je gekannt zu ha⸗ 184 ben; doch ſchmeichelte ihm die Artigkeit des fremden Herrn gegen ihn und er nahm das Dargebotene mit Freuden an. Da er ſeiner Trinkluſt nie Meiſter werden konnte, ſo be⸗ rauſchte er ſich nicht nur ſehr ſtark, ſondern das Opium benahm ihm vollends aller Sinne Gebrauch. Er verfiel in einen feſten Schlaf. So fanden ihn ſeine Kameraden, die er als Sekundanten zu ſich beſchieden hatte. Die aus vier Mann beſtehende Geſell⸗ ſchaft hatte die Stadt erreicht, bog nun nach der Straße ein, an welchem der Gaſthof liegt, in welchem der Kaufmann Robert Feſſelring ſeinen vier Begleitern ein recht gutes Fruͤhſtuͤck geben will; da kommt ein Piquet Soldaten ſeitwaͤrts daher, angefuͤhrt von einem Offizier.„Wohin, Kameraden! wohin ſo ſchnell?“ ſo redet dieſelben einer der Begleiter Robert's an.„Zu Lieutenant Hadermann!“ war die Antwort.„Was wollt Ihr dorr? er ſchlaͤft.“„Wir wollen ihn ſchon ermuntern. Wir haben Befehl, ihn „ 185 zu arretiren.“„Warum, warum?“ wurde von dieſer Seite raſch gefragt.„Ja, warum!“ wurde von jener Seite erwidert,„warum? er hat das Geſetz uͤbertreten.“„Welches?“ „Das wiſſen wir nicht.“„Ah ha! wir wit⸗ tern etwas: Hadermann wollte ſich duel⸗ liren—“ Dieſe Anſpielung verſetzte dem Kauf⸗ mann einen ſo ſtarken elektriſchen Schlag, daß er auf der Stelle ſich entſchloß, davon zu laufen und weder dem Lieutenant Hader⸗ mann, der ſich mit ihm hatte duelliren wol⸗ len, noch dieſen beiderſeitigen Sekundanten je wieder unter die Augen zu kommen. Die Andern, die ihn wohl hatten wegrennen ſe⸗ hen, lachten uber ſeine kindiſche Furchtſamkeit und riefen ihm nach, er ſolle doch bleiben, er habe ja durchaus nichts zu befuͤrchten, al⸗ lein Robert dachte:„weit genug iſt gut vor dem Schuß,“ und in einigen Augen⸗ blicken war er den Spottenden entſchwunden. Wunder, daß tie Angſt ihn nur nicht gar * 186 den Gaſthof verfehlen ließ, wiewohl ſolches fur ihn beſſer geweſen wäre. Denn kaum hat ſich ſein Gemuͤth wieder etwas geſam⸗ melt und er wagt einen Blick durch das Fen⸗ ſter, als ſich die Schreckens⸗Scene erneuert. Derſelbe Offizier und daſſelbe Piquet Sol⸗ daten machen vor dem Gaſthofe plotzlich Halt. Der Erſtere tritt mit einem Unteroffizier ein, Beide kamen die Treppe herauf; Robert möͤchte vor Angſt durch einen Sprung in den Garten entfliehen oder ſich wenigſtens unſicht⸗ bar machen koͤnnen. Man pocht ſtark, die Thuͤr wird ſchnell aufgeriſſen, Robert moͤchte verſinken, doch zwingt er ſich, eine ruhige Miene anzunehmen. Er wollte ſo eben fra⸗ gen, was den Herren zu Dienſten ſtehe, als der Offizier ungefragt damit herausruͤckte. „Mein Herr!“ ſo redete er den Kaufmann an, deſſen Wangen ſich mit immer mehr Bläſſe uberzogen,„Ihr wolltet oder ſolltet Euch mit dem Lieutenant Hadermann ſchlagen, deshalb wolltet Ihr Euch dieſen Morgen um 187 neun Uhr im Nußwaͤldchen mit ihm einfin⸗ den. Ohr habt Wort gehaiten, Ihr habt Euch, obgleich mit wenig Soldatengeiſt und Kriegerherz, dennoch als einen Ehrenmann gezeigt.“„Auf dieſe Ehre,“ unterbrach ihn Robert,“ werde ich kuͤnftig verzichten, ſo wahr ich ehrlich bin!“„Haͤttet, begann Jener wieder,„hättet wahrlich auch darauf verzichlen muſſen, wäre nur Euer Gegner der Selbſtbeherrſchung ſo machtig wie ſeines De⸗ gens. Allein der jederzeit kampffaͤhige Löwe hat den Spaß verſchlafen und— ſchlaͤft noch. Habt Ihr ihm das Schiummerliedlein geſungen oder anſtimmen laſſen?“„Hm! daruͤber muß ich lachen,“ antwortete Robert, dem freilich das Weinen näher lag, als das Lachen,„wie ſollte ich denn das angefangen haben, meine Herren?“„Der Lieutenant iſt vergiftet, das leidet keinen Zweifel, und Ihr aus Furcht vor dem Zweikampf— ja, ja, mit Geld läßt ſich Alles anfangen und auch ausfuhren, durch einen Zweiten, Dritten und 188 Vierten. So iſt's. Ihr bleibt daher ein Weilchen in unſerer Haft, bis Ihr gerecht⸗ fertiget ſeid.“„Um Gottes willen, damit ver⸗ ſchont mich!“ rief Robert aͤngſtlich aus, „ich weiß ja beim Himmel nichts von dem Vorfalle, außer was mir des Lieutenants Sekundanten erzaͤhlt haben. Hadermann iſt ein Trunkenbold, aber ich habe ihn doch dazu nicht gemacht. Habe ich ſeinen Rauſch zu verantworten?“„Er iſt vergiftet!“ wuͤthete der Offizier.„Folgt uns, feiger Juͤngling, ſonſt gebrauchen wir Gewalt!“ ſchrie ihn der Unteroffizier an und ſchritt nach dem Fenſter, als wolle er die unten ſtehenden Soldaten herauf rufen.„Mit Geld, ſagtet Ihr vorhin, mein Herr!“ ſagte Robert, nach einer Wandtruhe gehend und einen Schluͤſſel aus der Taſche ziehend,„mit Geld ließe ſich Alles anfangen und ausfuͤhren: wie waͤre es, wenn ein paar Goldſtuͤckchen den Weg in Eure Taſchen zu finden wuͤnſchten? Doch es bleibt unter uns, ſo wahr ich ehrlich bin.“— ₰ 189 „Nun, laßt einmal ſehenz wenn ſichs der Muͤhe lohnt!“—„Hier! und hier!“ mit dieſem kurzen Worte druͤckte er dem Offizier drei und dem Unteroffizier zwei Goldſtuͤcke in die Hand. Beide lachten, dankten und gingen ab. Steinegk's Kutſcher war ſo eben im Begriff, den Kaufmann Feſſelring abzu⸗ holen, als er ſo daher fahrend die Soldaten⸗ Gruppe erblickt und auf die Frage, was vor⸗ gefallen ſei, erfaͤhrt, daß der Kaufmann im Verdachte ſtehe, den Lieutenant vergiftet zu haben.„Der hat's nicht gethan und wird ſich ſchon legitimiren, aber ich kann mich nicht rechtfertigen, weil ich den Spaß gemacht habe,“ denkt er, lenkt ſeitwaͤrts und fährt nach Hauſe, anfangs ohne ſich umzuſehen zu wa⸗ gen. Hortenſia wuͤnſcht ſich Gluck, ihren Freund durch ihre Liſt und ihres Kut⸗ ſchers treue Dienſtbarkeit gerettet zu haben, Steinegk gaͤhnt bei der freilich unwahren Berichterſtattung, als ſei der Lieutenant heute 1 vom Dienſte nicht frei und der Kaufmann unpaß, und der Aktuar ſchuͤttelt den Kopf. Er merkt etwas von dem Geheimniß: Hor⸗ tenſia hatte den ganzen Morgen über nicht Ruhe genug geheuchelt und des Kutſchers Bericht war nicht ganz ohne Widerſpruch. Zwei Stunden nach der Ruͤckkehr des Wagens reiſ'te der Aktuar ab, froh, wieder um 21 Gulden reicher geworden zu ſein. Der geaͤngſtete Kaufmann Feſſelring, des Lebens in Frankfurt uͤberaus muͤde, zahlte der Wirthin die Zeche und frug, ob er nicht ſogleich mit Extra⸗Poſt ahreiſen koͤnne. Dieſer Frau, die an dieſem Kaufmanne immer ei— nen prompt zahlenden Gaſt hatte, war es gar nicht angenehm, daß er ſchon ſobald wie⸗ der ihr Haus verlaſſen wollte. Sie ſuchte ihn daher in Hinſicht jenes beunruhigenden Auftrittes zu troͤſten und aufzuheitern.„Der Lieutenant Hadermann,“ ſprach ſie unter anderm,„ſollte nicht des Duells wegen, ſon⸗ dern ſeiner vielen Schulden halber verhaftet 191¹ werden.“„Iſt das gewiß?“ fragte Ro⸗ bert.„Ei ja wohl, ſo richtig als Eure Zahlung, mein Herr. Mir allein iſt er 50 Gulden ſchuldig. Ich habe ihn deshalb ver⸗ klagt. Bei einem Kaufmanne hier reſtirt er mit 40 Gulden. Dieſer Mann hat den Herrn Lieutenant ebenfalls verklagt. Seine Spiel⸗ ſchulden moͤgen ſich auf ohngefaͤhr 25 Gul⸗ den belauſen; kurz er iſt ein Bettler, ein Lump.“ Nach kurzem Bedenken ſagte Ro⸗ bert:„Frau Wirthin, beſorgt waͤhrend mei⸗ ner Abweſenheit eine Extra⸗Poſt, ich werde pald wieder hier ſein.“ Und wirklich ſchoͤpfte Robert nochmals Muth, eine Straße zu vetreten, ja ſogar auf ein Buͤreau zu gehen. „Euer Diener, mein Herr! Wie hoch be⸗ laͤuft ſich wohl die Euch angezeigte Schul⸗ denmaſſe des Lieutenants Habermann?“ „Werde ſogleich Beſcheid geben koͤnnen,“ er⸗ widerte Jener und zog ein Verzeichniß unter den Akten hervor.„Summa Einhundertund⸗ funf Gulden.“„Ich leiſte fuͤr denſelben auf 192 der Stelle volle Zahlung. Habt die Guͤte, dieſen Wechſel auf Einhundert Rhein. Gulden und fuͤnf Stuͤck in baarem Gelde anzuneh⸗ men, mir uͤber den Empfang derſelben einen Schein auszuſtellen und die Schuldangelegen⸗ heit des Lieutenants zu beſeitigen.“„Hier iſt der Schein,“ ſagte nach einigen Sekun⸗ den der Auditeur, waͤhrend welcher er den Kaufmann um ſeinen Namen, Stand und Wohnort befragt hatte, zu dieſem, und uͤber⸗ reichte ihm die Quittung. Aber nun duͤnkte es ihm hoch an der Zeit zu ſein, das Stra⸗ ßenpflaſter brannte ihm unter den Fuͤßen wie gluͤhende Kohlen; er eilte daher ſo ſchnell wie moͤglich, jedem Soldaten ſo viel wie moͤglich ausbiegend, nach dem Gaſthofe zuruͤck, ſagte der Wirthin, daß ſie ihr Geld nun in Em⸗ pfang nehmen koͤnne, indem er ihr die Quit⸗ tung vorzeigte, beurlaubte ſich und fuhr ab mit erleichtertem Herzen. Da er ſich zur Einnahme eines Mittagsmahles die Zeit nicht nehmen wollte, obgleich er den ganzen Tag 193 uͤber noch nichts genoſſen hatte, ſo ließ er einige Speiſe in den Wagen beſorgen, beſon⸗ ders da er Willens war, nirgends anzuhalten. Aber bald fuͤhlte er ſich unwohl; ein Fieber begann ihn zu beunruhigen, Appetitloſigkeit und Kopfweh ſtellten ſich ein; dabei fuͤhlte er ein Zittern in allen Gliedern, und ſein Zu⸗ ſtand ſchien ſich durch das Fahren zu ver⸗ ſchlimmern. Daher beſchloß er, im erſten Wirthöhauſe zu ubernachten, um ſeinem Koͤr⸗ per und Gemuͤthe wo moͤglich einige Ruhe zu verſchaffen. Noch bei guter Tageszeit war ein ſolches erreicht, wo er vorfahren laͤßt. Ein breitſchulteriger Mann, deſſen Außeres ſogleich den Inwohner des Gaſthauſes ver⸗ kuͤndigt, in deſſen Mienen aber etwas Abſchre⸗ ckendes zu liegen ſchien, bietet dem anſtaͤndig gekleideten Reiſenden ſeine Dienſte an, hilft ihm aus dem Wagen und geleitet ihn in ſeine beſte Stube. Robert bittet ſich vor allen Dingen ein Glas friſches Trinkwaſſer aus. „Waſſer?“ entgegnet der Wirth mit gedehn⸗ Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 13 194 ter Frage.„Doch auch wohl Wein dazu?“ „Bloß Waſſer, Herr Wirth, wenn Ihr mir gefaͤllig ſein wollt,“ erwidert der Kaufmann. „Onkelchen,“ ruft eine wohlklingende Stimme aus einem Alkoven, Robert blickt mechaniſch dahin, woher die Stimme kommt und ſieht eine Grazie,„Onkelchen, dringet doch dem jungen Herrn keinen Wein auf, es iſt ihm vielleicht nicht ganz wohl.“ Robert erhielt das Gewuͤnſchte, was eine gute Wirkung hervorbrachte Oder hatte vielleicht der Anblick der ſchoͤnen Jungfrau Theil daran, daß er ſeiner Unpaͤßlichkeit nur noch wenig gedachte. Denn allerdings kann eine geſpannte Aufmerkſamkeit auf einen an⸗ genehmen Gegenſtand auf die Koͤrperſtim⸗ mung gut wirken, was auch im umgekehrten Ver⸗ hältniſſe Statt findet. Bertha— ſo hieß das huͤbſche Maädchen— verſtand es recht wohl, den Reiſenden angenehm zu unterhalten. Arls ſich dieſer aber nach ihren Familienver⸗ haͤltniſſen erkundigte, nach ihrem Namen und 195 ihrer Abkunft fragte, erhielt er bloß die Antwort: „Ich heiße Bertha, werde hier in jedem Betrachte als aume Waiſe behandelt und Gott ſei Dank, daß ich nur ein Obdach gefunden habe. Was aber meine Familie anbetrifft, ſo muß ich Euch ſagen, mein Herr, daß das die empfindlichſte Seite iſt, die an mir nur beruͤhrt werden kann. Doch ſtill davon, ich hoͤre den Onkel wieder kommen. Aber nein, ſo feſt tritt er denn doch nicht anf.“ Bei dieſen letztern Worten heftete ſie ihre Augen wieder auf ihre Stickerei. Die Thuͤr fliegt auf und— wer malt Roberts Schrecken!— der Lieutenant Habermann tritt ein mit gezogenem Degen in der Hand.„Ha, da iſt ja der ſaubere Fluͤchtling!“ war ſein Gruß und ſeine Anrede.„Fluͤchtling, wie ſo, Lieu⸗ tenant?“ ſprach Robert und der Blutlauf begann in ſeinen Adern zu ſtocken. Nach kurzem, aber heftigem Wortwechſel wies ſich's aus, daß Hadermann einen langen Schlaf bloß fuͤr einen ganz ſchnell voruͤbergehenden 196 Nachſchlummer gehalten und gar nicht dar⸗ nach gefragt hatte, wie hoch es an der Zeit ſei. Dennoch beſtand er darauf, Robert muͤſſe ſich jetzt noch mit ihm ſchlagen, weil er— Hadermann— gegenwaͤrtig(wie jederzeit) dazu aufgelegt ſei.„Euer ganz ge⸗ horſamer Diener, Lieutenant Had ermann!“ ſagte Robert,„kurz vor dem Abendeſſen pflege ich mich nicht mit einem tapfern Offi⸗ zier zu duelliren; auch ſind wir ja nicht mehr in Frankfurts Weichbilde“„Keine Ercuſe, Herr! keine Umſtaͤnde, ſage ich. Kommt, oder ich haue Euch, der— ſoll mich holen! die ſchlaffen Fittige vom Leibe.“ Mit dieſen Worten faßte er Robert in die zier⸗ liche Peruͤcke und holte mit der Rechten aus, um einzuhauen. Bertha ſtieß einen lauten, Schrei aus und ſturzte aus dem Alkoven her⸗ vor und griff nach Hadermann's ausge⸗ ſtrecktem Arm.„Lieutenannt, beſinnt Euch und richtet kein Ungluͤck an.“ Der Offizier machte aber ſeinen Arm ſchnell wieder frei 197 und ſchrie:„Sterben ſoll, was nicht als Eh⸗ renmann zu leben verſteht.“ Ein entſetzlicher Hieb nach dem Scheitel des Kaufmanns wuͤrde ihm das Lebenslicht auf immer ausgeloſcht haben, haͤtte ſich nicht ploͤtzlich die Scene veraändert. Der rieſige Wirth in Begleitung eines Hausknechts trat ein und donnerte: „Narr aller Narren, armer Schlucker, Prahl⸗ hans! Euern Degen her, oder ich zerſplittere ihn wie Eure Knochen mit meinem Friedens⸗ ſtifter!“ und hob ſeinen mitgebrachten dicken Knotenſtock feſt in nervigter Fauſt. Im Nu. aber wandte ſich der Lieutenannt nach dem muthigen Redner um und ließ ſeinen Deßen nach ihm hinblitzen. Kling! kling!— und die Drohung des Hausherrn war in Erful⸗ lung gegangen, Hadermann's blanke Waffe war zertruͤmmert. Mit weit geoͤffneten Au⸗ gen und keuchend vor Wuth ſah der Lieute⸗ nant den zornigen Wirth an, nicht wagend, ihn von neuem anzureden.„Nun pockt Euch, Ihr Grobian! fort, fort mit Euch!“ ſchrie 198 der Wirth auf ihn ein, faßte ihn beim Kra⸗ gen, um ihn zur Thuͤr hinauszuſchieben; in demſelben Augenblicke aber trat den beiden Männern ein Fremder in der Thuͤr ent⸗ gegen.„Holla, was giebt's hier?“ rief der Ankommende;„das ſind gegenſeitige Real⸗Injurien, meine Herren!“„An ſol⸗ chem Schrot und Korn haften keine In⸗ jurien, geehrter Herr! fort mit dem!“ ſchrie der einmal in Harniſch gekommene Schenke und machte Ernſt, ſein Beginnen auszufüh⸗ ren.„Ei nicht doch, Freund!“ ſagte der Fremde,„denn ſehe ich recht, ſo iſt dieſer Herr mein Freund Hadermann. So ſehr ſich Robert beim Anblick des fremden Herrn ge⸗ freuet hatte, ſo ſehr erſchrak er, als er hoͤren mußte, daß Hadermann deſſen Freund ſei. „Alſo,“ dachte er„Hadermann der Erſte und Hadermann der Zweite; das kann ſchlimm ablaufenz“ denn er erkannte im Letz⸗ tern den Aktuar Gauderling, und dieſer wurde von dem Lieutenant ebenfalls erkannt. 199 Es trat jedoch nun ein Waffenſtillſtand ein, der Hausknecht entſernte ſich und der Wirth fragte in gangbarer Weiſe:„Was iſt dem Herrn gefallig?“„Vor allen Dingen ein Glas Waſſer!“ war die Antwort. Da ſtemmte der noch nicht beruhigte Wirth, der fruͤher auch von Hadermann gekraͤnkt und oͤffent⸗ lich beleidigt worden war, die runden Arme in die Seite und rief:„Meint Ihr denn, Ihr Herren, ich koͤnne auch von bloßem Waſ⸗ ſer leben?“„Wein her, Braten, Gebackenes, Fiſch und Paſtete!“ rief Robert Feſſel⸗ ring. Der Wirth ſchlug knallende Schnipp⸗ chen in die Luft und rief:„Bravo, braviſ⸗ ſimo! heraus, Bertha, haſt's ja ſelbſt ver⸗ nommen! flink!“„Ich bin ſchon da, On⸗ kelchen!“ ſagte Bertha, grußte freundlich nickend die Geſellſchaft und flog die Treppe hinunter. Als der Wirth ebenfalls ſich ent⸗ fernt hatte, fragte der Aktuar nach der Ver⸗ anlaſſung des rauſchenden Auftrittes; Hader⸗ mann begann in confuſen Redensarten die 200 Auseinanderſetzung der Gruͤnde und der Ur⸗ ſache; allein Robert bat um's Wort, was ihm vom Lieutenant wirklich bewilligt wurde. Nun erzaͤhlte Robert ohne Ruͤck⸗ halt und Heuchelei, wie auch ohne Schminke, Alles, wie es ſich von dem Kuſſe im Garten des Gaſthofes in der Stadt bis zur Ankunft des Aktuars zugetragen hatte.„Edler jun⸗ ger Mann!“ ſprach hierauf Hadermann, „jetzt erſt erkenne ich Euch wieder. Als ich, ein ſechszehnjaͤhriger Jungling, Eure und meine Vaterſtadt verließ, waret Ihr ein Knabe von eilf Jahren. In funfzehn Jahren ha⸗ ben wir uns nicht wieder geſehen, und ſo waͤre es wohl verzeihlich, wenn ich Euch hier nicht gekannt habe. Geſtehen muß ich Euch aber zugleich, daß ich Euch fuͤr einen gewiſ⸗ ſen Kraͤmer hielt, der ſo wie meine Schwe⸗ ſter zum Stadtgeſpraͤche geworden iſt und den ich auch nicht perſoͤnlich kenne, den ich aber bei erſter Gelegenheit zu ertappen und ihm dann eine derbe Lection zu geben wuͤnſchte. 201 — Sohn eines braven Mannes, ſagt, koͤn⸗ net Ihr wohl verzeihen?“„Hier meine Hand, Lieutenant, auf ewige Freundſchaft, wenn Ihr wollt!“ In dem Augenblicke trat der Wirth mit dem Beſten, was ſeine Kuͤche und ſein Keller vermochte, gravitaͤtiſch ein, hinter ihm Bertha. Beide brachten Eini⸗ ges von dem, was beſtellt worden war, aber nur Einiges.„Her, Wirth!“ rief Hader⸗ mann,„eine Flaſche des beſten!“„Hier, mein Herr, der iſt von anno 48— wie's Friede wurde nach dreißig Jahren Hader, Streit, Zank und Krieg.“„Alſo ein Frie⸗ densſoͤrtchen. Glaͤſer her, eins, zwei, drei, vier, ja unſer ſind— ſind fuͤnf. Schenkt ein. Gut. Bruder Feſſelring, ich trinke auf Deine Geſundheit, wenn Du nichts da⸗ wider haſt.“„Und ich auf die Deinige, Freund Caͤſar Hadermann!“„Wir ſto⸗ ßen an und wuͤnſchen dem Frieden eine lange, eine ewige Dauer!“ rief der Aktuar. Der Wirth:„Zum ſiebenten Julius laufen⸗ 202 den Jahres heiteres Sommerwetter!“ und: „An dieſem Tage dem Herrn Kaufmann Feſſelring ein holdes Braͤutchen!“ ſchloß Bertha den friſchen Kranz treu gemeinter Wuͤnſche. Nun erſt ſetzten ſich die drei Gäſte, und auch der Wirth nebſt Bertha mußten an der Tafel Platz nehmen, ſo wollte es Robert. So ſtuͤrmiſch, truͤbe und veaͤngſtigend der Tag geweſen war, ſo heiter, angenehm und gluͤcklich war fuͤr Robert der Abend. Es wurde feſtgeſetzt, daß der Aktuar, der Kaufmann und der Lieutenant ſich zum ſie⸗ benten Julius zu einer nicht unbedeutenden Volksbeluſtigung hier wieder einfinden woll⸗ ten.„Will ich doch auch zuvor von dem Maler Lichtung meinen geraͤumigen Saal malen laſſen,“ ſagte der Wirth.„So, ſo! von Georg Lichtung?“ entgegnete in zwei⸗ deutigem Tone der Aktuar.„Wenn nur die Farben nicht umſchlagen!“ ſetzte er hinzu. Bertha wurde blaß, der Gaſtwirth bemerkte 203 dieſes und fragte, was ihr waͤre? Ach nichts, gar nichts, mir iſt ja wohl,“ erwiderte ſie. Der Aktuar, ohne die ſchnell voruͤbergehende Veraͤnderung an Bertha wahrzunehmen oder auf des Wirths Bemerkung gehoͤrt zu haben, fuhr fort:„Ein wackerer Maler mag Lichtung immerhin ſein, aber er iſt auch ein Erzfilz, der, glaube ich, bei Gelegenheit ſogar den Altar beraubte; aber hoffentlich werden ſie ihn wohl nun haben, und feſthalten wird man ihn gewiß, dafuͤr buͤrge ich Euch.“ „Hat der Mann etwas verbrochen?“ fragte der Gaſtgeber.„Jungfer Bertha, was iſt Euch?“ ſagte Robert zu derſelben; allein ſtalt eine Antwort zu geben, ſtand ſie ſchnell auf, verbarg ihr bleich gewordenes Geſicht im Tuche und eilte hinaus.„Was ſoll das?“ rief Robert.„Sie iſt,“ hob der Wirth an, „ie iſt ſehr weichherzig; laßt ſie, ſie wird. vald wiederkommen. Der Maler iſt naͤm⸗ lich—“„Paff!“ knallte eine Buͤchſe unter den Fenſtern, und„Holla, holla! Wirth! W4 verfluchter Faulpelz! will der Hundsfott wohl gleich erſcheinen?!“ Alle ſahen einander be⸗ troffen an, als wollte jeder fragen:„Was giebt's da?“ Der Wirth ſetzte das Glas, das er ſo eben an den Mund nehmen wollte, nieder, ſprang auf und hinaus; die übrigen ſtanden ebenfalls vom Tiſche auf und traten an's Fenſter. Funf Soldaten zu Pferde hielten vor dem Wirthshauſe; der Lieutenant erkennt in einem derſelben einen Offizier, deſſen Anblick ihn ſehr beunruhigte. Zetzt tritt der Gaſt⸗ geber auf den Hofraum, die Muͤtze unterm Arm, mit der Frage hinaus:„Was beliebt, meine Herren?“„Ihr habt den Lieutenant Hadermann in Eurer Kneipe, ſchickt ihn heraus oder nehmt uns die Pferde ab, aber hurtig, hurtig!“ riefen die Krieger.„Zu ge⸗ horſamſten Dienſten! ich werd's beſorgem“ ſagte der Wirth.„Alſo mich wollen die Herren ſprechen!“ rief Hadermann und wollte das Wiedereintreten des Wirthes nicht 205 abwarten; aber wehe! ein Offizier ohne De⸗ gen ſoll er ſich präſentiren? denn der ſeinige lag in Stuͤcken. Daher ließ er den Wirth eintreten und ſagte zu ihm, er moͤchte den guten Leuten draußen ſagen, wer etwas von ihm wuͤnſche, moͤchte ſich herauf bemuͤhen. Der Offizier erſchien deßhalb und meldete ihm, daß ſeiner vielen namhaft gemachten Schulden wegen er ihr Arreſtant ſei. Ha⸗ dermann, der ſich freilich nichts Gutes in dieſer Hinſicht bewußt war, erſchrak. Da trat aber der Kaufmann auf und zeigte dem Offizier ſeinen Schein uͤber Tilgung von Ha⸗ dermann's Schulden.„Waͤre es moͤglich, Freund, Ihr hättet— ja wirklich, es iſt ſo— o Großmuth ſonder Gleichen!“ rief Hader⸗ mann geruͤhrt aus und umarmte den Kauf⸗ mann. Herrliche Tugend! auch der Rohe huldigt deiner Erhabenheit! Auch dieſen Of⸗ fizier bewirthete Robert mit Wein und ließ auch den Soldaten dergleichen verabreichen. Dem Lieutenant wurde hierauf bewilligt, den 206 Abend uͤber bei der Geſellſchaft zu bleiben und ſich erſt am folgenden Morgen bei dem Auditeur zu ſtellen. Nach einigen angeneh⸗ men Stunden entfernte ſich Lieutenant Ha⸗ dermann, ſeinem edeln Freunde in den ver⸗ bindlichſten Ausdrucken dankend; am andern Morgen reiſ'ten der Aktuar Gauderling und Robert Feſſelring nach der Reſidenz ab, wo ſie am Abend gluͤcklich ankamen. Robert's Schweſter— Laurentia— die wir in ihrer Ohnmacht verlaſſen hatten, befand ſich bei ihres Bruders Ankunft zwar ſcheinbar wohl, aber ihr Gemuͤthszuſtand war nicht der beſte. Ihr war Lichtung's Ver⸗ haftung nicht unbekannt geblieben, ſo ſehr auch die ſorgſamen Eltern daruͤber gewacht hatten, daß ihr keine ſolche Kunde hinter⸗ bracht werden moͤchte. An ihrem Bruder Robert hatte ſie immer den beſten Freund und Rathgeber gehabt. Wie freute ſie ſich daher, als er ihr noch am Abende ſeiner Zu⸗ rückkunft einen freundlichen Beſuch abſtattete. 207 So fruh hatte ſie ihn nicht zuruck erwartet. Sie machte ihn mit Allem auf das Genaueſte bekannt, was ſeit ſeiner Abreiſe vorgegangen war, beſonders aber damit, was ſich in Hin⸗ ſicht ſeiner nachſten Anverwandten und mit ihr ſelbſt ereignet hatte. Dabei kam natuͤr⸗ lich auch das Geſpraͤch, und zwar ſehr bald, auf den Maler, uͤber deſſen Schickſal ſie ſich ſehr haͤrmte, denn Laurentia war eine treue Seele, deren Lichtung, der Griesgram, nicht werth war, wie ſich aus dem weitern Fortgange ſeiner Biographie ergeben wird. Doch die Zeit, der wir auch hier nicht vor⸗ greifen wollen, richtet und ſchlichtet alles. „Der arme, arme Lichtung!“ rief endlich Laurentia wehmuͤthig aus,„und Niemand nimmt ſich ſeiner an.“„Schweſter,“ verſetzte Robert,„ich weiß nicht, mit dem Maler kommt mir's ein wenig ſonderbar vor. Vo⸗ rigen Nachmittag ſteige ich einer kleinen Un⸗ paͤßlichkeit wegen vor dem Gaſthauſe zum goldnen Karpfen aus, ſpäter kommt der Lieu⸗ 208 tenant Hadermann, von dem ich Dir naͤch⸗ ſtens mehr erzäͤhlen werde und endlich der Aktuar Gauderling in mein Zimmer. Wir waren vergnuͤgt und noͤthigten den Wirth und ein junges Frauenzimmer, ſich zu uns zu ſetzen und mit uns zu ſpeiſen, was ſie auch thaten, denn ſolche Leutchen pflegen nie bloͤde zu ſein. Da kommt das Geſpraͤch auf Lich⸗ tung. Der Aktuar erlaubt ſich da eine Be⸗ merkung uͤber denſelben, die ihm eben nicht zum Ruhme gereicht; denke Dir, da erblaßt die Schoͤne, ſpringt auf wie naͤrriſch, faͤngt an zu heulen, als waͤre ihr ſonſt etwas wi⸗ „derfahren und rennt hinaus. Wir erkundig⸗ ten uns beim Wirthe, ob er uns nicht erklaͤ⸗ ren koͤnne, warum das Maͤdchen ſo außer ſich waͤre. Der wohlgenaͤhrte Gaſtgeber aber verſichert, das läge ſo in ihrer Natur, ſie waͤre ſehr weich. Er wollte wahrſcheinlich uns offenbaren, in was fur Verhaͤltniſſen ſie zum Maler ſtaͤnde oder geſtanden habe, als er in ſeiner Rede unterbrochen wurde. Nun 209 ſieh', Schweſter,“ fuhr er fort,„da meine ich, die huͤbſche Perſon iſt Lichtung's fruͤhere Geliebte.“„Oder ſeine Schweſter,“ unter⸗ brach ihn Laurentia.„Liebe Schweſter, Du haſt meinem Rathe immer Zutrauen ge⸗ ſchenkt, und Du kannſt glauben, Niemand meint es redlicher mit Dir als ich; hoͤre mich auch jetzt. Traue, das iſt mein Rath, traue Du dem Maler Lichtung nicht zu viel Redlich⸗ keit zu und graͤme Dich nicht zu ſehr uͤber ſein Mißgeſchick, das er ſich hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich ſelbſt bereitet hat. So viel uͤbri⸗ gens in meinen Kraͤften ſteht, ihm zu nutzen, ſoll von mir geleiſtet werden, das verſpreche ich Dir. Aber verſprichſt Du auch, mir zu folgen?“„Ja, lieber Robert, das will ich, ſieht doch Dein Auge heller als das meinige,“ ſagte Laurentia ſehr bewegt.„So ruhe wohl, mein Schweſterchen!“„Gute Nacht, mein Robert. Ich danke Dir nochmals fuͤr das koͤſtliche Geſchenk!“ Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 14 — 2¹0 In dem fuͤrſtlichen Schloſſe befand ſich ein Gemach, welches mit den Statuen und Portraits aller Ahnen des Fuͤrſtenhauſes ge⸗ ziert war. In dieſem Gemache, das geheime Conferenz⸗Zimmer genannt, befanden ſich an demſelben Abende, an welchem der junge Feſ⸗ ſelring von Frankfurt zuruckgekehrt war, Fuͤrſt Marimilian, Fuͤrſt Ferdinand und deſſen Fran Gemahlin. Letztere wurde an ihr gegebenes Verſprechen, die Geſchichte von der Kapelle erzaͤhlen zu wollen, erinnert. „Recht angenehm iſt es mir, mein Verſpre⸗ chen halten zu können, und ich habe mich auch ein wenig auf den Vortrag vorbereitet,“ entgegnete die hohe Frau und trug folgende Erzaͤhlung vor: „Vor etwa neuntehalb Jahrhunderten ließ ſich der Stammvater meiner Ahnen in dieſer Gegend nieder, erbauete ſich eine Burg auf einem ſteilen Vorſprunge eines unſerm Schloſſe . 2¹1 gegenuͤberliegenden Berges, theils darum, weil er von den uͤbrigen fraͤnkiſchen Edlen iſolirt leben wollte, theils auch der romantiſchen Ge⸗ gend zur Liebe, vielleicht hatte er aber auch den Plan, ſich hier einen Staat zu gruͤnden. Dieſer Franken-Herr hieß Siegwart. Alle ſeine getreuen Mannen folgten ihm hierher mit Weib und Kind, und das Ganze ſah einer Colonie nicht unaͤhnlich. Die Weiber und Leibeigenen baueten das unterhalb der Burg liegende Feld und legten Weinberge an, die Maͤnner folgten ihrem Gebieter in die Waͤlder, woſelbſt das Wild bald inne wurde, daß geuͤbte Jager ſeine Spur aufzu⸗ finden, den ſchlanken Edelhirſch nicht minder wie den ſchnaubenden Keuler zu erlegen ver⸗ ſtaͤnden. Gelegentlich wurden auch kleine Streifzuͤge unternommen in anderer Herren Gebiete. Dies diente aber nur zu einiger Abwechſelung und Erholung von dem ſteten Einerlei. Eine geraume Zeit hindurch ging Alles recht gut von Statten. Manner und 14* 2¹2 Juͤnglinge uͤbten ſich taͤglich im Kaͤmpfen, im Jagen; aber weder ſie, noch ihre Weiber und Schweſtern oder Kinder gedachten der chriſtlichen Lehre, die ſchon einige ihrer hellen Strahlen in das Land finſterer Abgoͤtterei ge⸗ worfen hatte. Bis auf dieſen Punkt, ſage ich, ging Alles recht gut; die Hunnen und Alanen in zahlloſen Schaaren waren laͤngſt voruͤber gezogen, auch die Gothen hatten ſich weſtlich und ſuͤdlich gewendet, die Franken⸗ ſtamme ſchienen ihre in Gallien und am Rheine einmal aufgeſchlagenen Gezelte und Huͤtten nicht mehr verlaſſen zu wollen, ſo waren auch die uͤbrigen Voͤlkerſchaften in uͤppigere Gefilde gezogen,— hier aber war es ruhig und ſtill, dem ritterlichen Siegwart erwuͤnſcht. Jagd⸗, Kampf⸗ und Zech⸗Gelage nach Herzensluſt, aber der Taufe heilige Weihe war vergeſſen, nach dem chriſtlichen Liebesmahle hungerte und duͤrſtete keine Seele, die ſtolze Burg ſtand in ihrer Pracht vollendet da, aber zu einem Bet⸗ hauſe fand ſich kein Platz, kein Geld, zur Er⸗ 2¹3 bauung keine Zeit. Ein großer Thier⸗Garten ward angelegt und mit den ſeltenſten Exempla⸗ ren des einheimiſchen Waldes und fremden Geholzes beſetzt und belebt. Niemand in den Gegenden jenſeit des Rheines und der Moſel wußte, wohin der Held Siegwart mit ſei⸗ nen Gewappneten gezogen ſei; aber der fromme Gottesmann, von welchem Siegwart nebſt ſeiner Gattin und ſeinen Dienſtleuten getauft worden war, wußte den Abtruͤnnigen zu fin⸗ den.— Eines Morgens, als Siegwart an das Fenſter tritt, um nachzuſehen, ob der ſeit mehren Tagen anhaltende Regen vielleicht endlich einem heitern Himmel Platz machen wolle, erblickt er einen alten Mann, der re⸗ gungslos auf dem Burghofe ſteht. Die Haͤnde des Greiſes ſind gefaltet, in ſeinem linken Arme haͤlt er einen Pilgerſtab nebſt ſchwarzem Crucifir, ſein Antlitz glaͤnzt im hellen Morgen⸗ lichte und ſein Schatten in rieſiger Lange er⸗ reicht das Erdgeſchoß des andern Burgflugels. Ritter Siegwart tritt einen Fuß zuruͤck, wie 2¹4 beherzt und furchtlos er auch uͤbrigens war. Er weiß gar nicht, warum oder vor was er ſich furchtet, iſt ſichs wohl nicht einmal be⸗ wußt, daß Furcht ihn vom Fenſter zuruckzieht; aber es grauſtt ihn an. Denn wie iſt dieſer alte ſchwache Mann, dieſer ſilberhaarige Greis den Berg herauf und wie iſt er in den Burg⸗ hof gekommen? Eine uͤbernaturliche Erſchei⸗ nung iſts, die ihn aͤngſtigt.— Da ſieht man wohl, daß, je unwiſſender Jemand in den Wahrheiten der Religion iſt, deſto furchtſamer aus Aberglauben er auch ſei.“„Ja wohl, ja wohl!“ rief Fuͤrſt Maximilian;„ich wuͤrde ſogleich Jemanden mit der Frage an den Alten abgeſchickt haben: wer er ſei und was er begehre.“„Alſo Jemanden abgeſchickt, nicht in hoͤchſt eigener Perſon Erkundigung eingezogen haben!“ erwiderte die Fürſtin mit Ironie.„Ei warum nicht, wenn ſich das ſo machen ließe, wenn es ſchicklich waͤre,“ ent⸗ gegnete der Fuͤrſt.„Aber apropos!“ fuhr er fort,„war es nicht bloße Verſtellung, als 215 Ihre Durchlaucht zwar meinten, den Kopf in der Kapelle ſchon gewußt zu haben, allein dennoch Uns zum Hinausgehen antrieben?“ Die Fuͤrſtin erwiderte: 8 „Sollte ich mich vor einem aus Holz ge⸗ formten Kopſfe furchten, ſo muͤßte ich mich ja in dieſem Zimmer, wo ſo viele uralte Figu⸗ ren auf mich ſchauen, zu Tode ängſtigen. Kurz,“ fuhr ſie in der Erzaählung weiter fort,„un⸗ ſer Ur⸗Großpapa wagte nicht das Fenſter zu offnen, blickte aber von Zeit zu Zeit ver⸗ ſtohlen auf den Hof und aͤrgerte ſich, daß der Burgwart noch nichts von ſich ſehen und ho⸗ ren ließ. Endlich erſcheint dieſer auf dem Platze, ſchreitet, wahrſcheinlich uͤber einen ge⸗ habten Traum nachgrüͤbelnd, alſo in Gedan⸗ zen vertieft, etwa dreißig Schritte an dem Greiſe voruͤber, nimmt gar keine Kenntniß von der Erſcheinung, bleibt ſtehen, blickt vor ſich nieder, hier und dahin blickt er, nur nicht nach dem Gegenſtande, der ihm ſogleich haͤtte in die Augen fallen ſollen. Da ſiegt Sieg⸗ 26 wart's auflodernder Zorn über die Furcht, er reißt das Fenſter auf und ſchilt hinab: „Traun, blinde Leute kann ich in meinen Dien⸗ ſten nicht gebrauchen. Schlummre, Du Traͤu⸗ mer, in's Teufels Namen!“ Der Burgwart erſchrickt ob ſolchen Morgengruſſes und er⸗ blickt nun auch den Alten, der jetzt ſeine ge⸗ falteten Haͤnde empor hebt, gleichſam als wolle er Verzeihung fuͤr den ausgeſtoßenen Fluch vom Himmel herabflehen. Der Waͤch⸗ ter tritt ihm einen Schritt naͤher, wagt ſich jedoch nicht in ſeine Nahe, ſondern begnügt ſich damit, ihn vom Kopfe bis zu den Fuͤ⸗ ßen und von den Fuͤßen bis zum Kopfe mit ſeinen großen Augen zu meſſen, verſucht es auch einige Male ihn anzureden, aber immer verſagt ihm die Stimme. Jetzt wendet ſich der Greis langſam um, und zwar nach ihm, dem Burgwart. Dieſer ſeufzt uͤber die Ge⸗ fahren ſeines Amtes und iſt entſchloſſen, der Schuldigkeit eines treuen Dieners eingedenk, ſein Leben zu wagen; er räuspert ſich daher, 27 wagt noch einen Schritt vorwaͤrts. Da öff⸗ net aber zu ſeinem Erſtaunen die Erſcheinung den Mund und ſpricht:„Der Herr laſſe das Licht ſeiner Gnaden uͤber Euch alle leuch⸗ ten, ſo hell wie das Licht ſeiner Sonne!“ Jetzt erkennt der alte Diener den Mann wieder, aus deſſen Hand das Waſſer der hei⸗ ligen Taufe ihm auf's Haupt getropfelt wor⸗ den war.„Sei doch ſchoͤn gegruͤßt, ehrwuͤr⸗ diger Vater! mein Herr und ſein ganzes Haus wird ſich uͤber Deine Ankunft hoͤchlich freuen.“ Bei dieſen Worten blickte er nach dem Fen⸗ ſter hinauf und rief:„Herr, welches Heil iſt Euch widerfahren! Pater Anſelmus Beatus ſegnet Euch.“ Dieſe Worte gingen dem Burgherrn durch Mark und Bein: er war kein guter Chriſt geweſen, wie ſollte er vor der unausweichbaren Pruͤfung beſtehen? Doch der heilige Mann war nun einmal da und war⸗ tete auf die Ankunft Siegwart's. Daher eilte er, ſich ein wenig anzukleiden, während deſſen die ganze Dienerſchaft einen Kreis um 218 den Pater gebildet hatte. Endlich erſchien Siegwart ſelbſt auf dem Hofe, beugte ſich demuͤthig vor ihm, kuͤßte ihn hierauf und fuhrte ihn in's Innere der Burg ein.„Edler Herr!“ hob endlich der Greis an,„es trieb mich zu Euch das ſehnſuͤchtige Verlangen, zu erfahren, ob Ihr mit Euerm Weibe auch noch den Pfad nach dem Himmel wandelt, ob Ihr die Stuͤcke des Heils haltet und im Geiſt und in der Wahrheit den großen Gott anbe⸗ tet. Aber leider— doch der Herr vergebe Euch nach ſeiner unendlichen Barmherzigkeit Eure Suͤnden— leider habe ichſſchon in Er⸗ fahrung gebracht, daß Ihr der chriſtlichen Lehre gar nicht mehr gedenket. Welch' ein undankbarer Sohn ſeid Ihr! noch nicht ein⸗ mal ein Kirchlein habt Ihr erbauet, haltet keinen Seelſorger in Euerm Schloſſe, ſagt, wohin ze. denkt Ihr nebſt Euerm hoffaͤhrtigen Weibe? Sd ich wiederkomme in zwoͤlf Monden, ſollt Ihr ein Bethaus aufgefuͤhrt und einen Prieſter auf A9 Eurer Burg halten und thun, was dieſer an⸗ ordnet zu Euerm Seelenfriedden. Aber wehe Euch, ſiebenmal wehe! wenn ſich das Hei⸗ denthum bei Euch noch ſo haͤlt wie geſtern und heute!“ Mit Thraͤnen in den Augen ertheilte hierauf der Greis Allen, die in der Burg wa⸗ ren, ſeinen Segen und ſchied von dieſen, ohne die mindeſte Speiſe anzunehmen.—„Das war eine ſcharfe Predigt, Herr!“ ſagte der Burgwart.„Halt's Maul, Du Affe und gehe auf Deinen Poſten, Du Eſel!“ war der Beſcheid. Alle hatten ſich den ganzen Tag uber faſt in einem unterirdiſchen Gewoͤlbe ver⸗ borgen, denn Niemand durfte in Gegenwart des erzuͤrnten Burgherrn ein lautes Wort re⸗ den.„Willſt Du denn den Bau bald be⸗ ginnen, lieber Siegwart?“ fragte Brun⸗ hilde, des Burgherrn zaͤrtliche Gattin. „Bauen muß ich, aber wann? das kann ich noch nicht beſtimmen und einen Mann, der das Beten verſteht, werden wir auch wohl 20 finden; allein erzeige mir die Gefallig⸗ keit, an dieſen Auftritt mich nicht mehr zu erinnern. Des gewaltigen Eiferers harte Rede hat mich tief erſchuͤttert!“ ſagte Siegwart mit abgewandtem Geſicht, beſtieg ſein Jagd⸗ roß und trabte aus der Burg hinaus. Die gewoͤhnliche Lebensweiſe ward fortgeſetzt, der Erbauung eines Bethauſes nicht mehr ge⸗ dacht, und obgleich ſchon zehn Monate wie⸗ der verfloſſen waren, ſo war noch nicht ein⸗ mal eine Stelle dazu erwaͤhlt und noch viel weniger ein Platz aufgeraͤumt. In dieſer Zeit nun uͤberzog ein ritterliches Heer, von Rachſucht entflammt, Siegwart's bluͤhen⸗ den Gau, ſendet Verheerung durch die ſchoͤne Gemarkung und ein ſtuͤrmiſcher Angriff dro⸗ het Verderben der hohen Burg. Sieg⸗ wart, an der Seinigen Spitze, ſchleudert To⸗ deswaffen ringsum ſich her; ſchon mancher tapfere Streiter aus dem von ihm oſft heim⸗ geſuchten Lande der Saſſen war von des Burgherrn Geſchoſſen niedergeſtreckt oder durch ;1 ſeine ſchwere Lanze dem Kreiſe der Lebenden entriſſen, ſchon bereitete ſich der Burgwart, das Viktoria zu blaſen, als der nimmer muͤde Anfuͤhrer der feindlichen Schaar mit einem ſtarken Trupp Hellebardiers auf Siegwart eindringt, und es waͤre um dieſen geſchehen geweſen, haͤtte ſich nicht Wolfer, ein Frei⸗ gelaſſener des Burgherrn Siegwart, plotz⸗ lich mit ſeinem Schilde zwiſchen ſeinen Herrn und den Saſſen⸗Edeln geworfen. Sein Bei⸗ ſpiel bewirkte, daß in dem naͤchſten Augen⸗ blicke ſich dreißig bis vierzig der Tapferſten mit Muth auf dieſen Punkt draͤngten und des raſenden Feindes Streithaufen bedeutend verringerten. Es flohen die Saſſen, weithin von dem Franken Siegwart und deſſen Mannen verfolgt. 6 Einige Zeit darauf ſendet jener Wolfer, dem Siegwart die Erhaltung des Lebens oder ſeine Freiheit zu verdanken hat, ſeinen ſechzehnjaͤhrigen Sohn in den Thiergarten, um dort ein dem Vater uͤbertragenes Geſchaͤft 222 zu verrichten. Kaum aber iſt der junge Menſch eingetreten, als ein Hirſch wuͤthend auf ihn eindringt und ihn mit ſeinem hohen Geweihe zu durchbohren droht. Beherzt nimmt der Juͤngling ſein neben ihm liegen⸗ des Meſſer auf und in den Mund, erfaßt die knotigen Stangen des ſchnaubenden Wildes zuerſt mit beiden Haͤnden, zieht das Thier nieder, ſo daß daſſelbe auf ſeine Vorderlaͤufe kniet, haͤlt es in dieſer Stellung mit der lin⸗ ken Hand feſt und ſtoßt ihm mit der rechten das Meſſer in's Genick. Dennoch war der junge Wolfer noch nicht außer Gefahr, denn der Hirſch mit unglaublicher Staͤrke ſpannt alle ſeine Kraͤfte an und ſpringt auf, ſeinen Gegner ziemlich hoch mit emporzie⸗ hend. Jetzt nimmt der Hirſch die drohendſte Stellung an, allein der Burgherr erſcheint, hinter ihm Wolfer, beide auf ihren Waid⸗ roſſen. Sie ſprengen herzu. Kaum wird Siegwart des Meſſers und des hervordrin⸗ genden Schweißes am Hirſche anſichtig, als 223 er in die furchterlichſten Fluͤche ausbricht und, mit den Worten:„Weißt Du auch, daß mir ein ſolches Stuͤck lieber iſt, als alle WVolfer in meinem Gaue?“ des Juͤnglings Haupt mit dem Schwerdte ſpaltet.„Gnade, Vergebung!“ waren des jungen Wolfer's letzte Worte; er ſank nieder, in Blut geba⸗ det. Der Vater ſtarrt die zuckenden Glieder ſeines herzlich geliebten Sohnes an, hoͤrt ſein Roͤcheln, ſieht die gebrochenen Augen ſeines Lieblings, in denen ſich die holde Anmuth der, ach! zu fruh verblichenen Gattin ſo treu⸗ lich malt. Stumm iſt Wolfer's Schmerz; allein der ſtumme und lautloſe Schmerz iſt der groͤßte.„Der Hirſch ſei Dein, Wolfer, ich ſchenke Dir ihn!“ ſagte der grauſame Burgherr, gleichſam des gerechteſten Schmer⸗ zes hohniſch ſpottend und ſprengte davon. Was aber Wolfer nun fuhlte und that, das zu erzaͤhlen liegt außer dem begrenzten Be⸗ reiche meiner Geſchichte. Doch das kann ich nicht ganz mit Stillſchweigen uͤbergehen, daß „ von dem ſchrecklichen Tage an Wolfer nie ſeinen Thraͤnen voͤllig Einhalt zu thun ver⸗ mochte. Auch beim Scherzen, waͤre er deſſen noch faͤhig geweſen, wurde er geweint haben. Als des jungen Wolfer's Leichnam der Erde uͤbergeben wurde, ſaß der dreijahrige Raimond, des Burgherrn juͤngſtes Kind, vor der Burg und pfluͤckte Beeren, die der Spaͤtſommer zur Reife gebracht hatte. Ein glattes ſchlankes Thier, deſſen Haut ſo praͤch⸗ tig in der Abendſonne glaͤnzte und deſſen Fuglein ſo munter um ſich blickten, zog Raimond's Aufmerkſamkeit auf ſich. Er nahet ſich behutſam, ſtreckt beide Haͤndchen wie nach einem Schmetterlinge oder einem Voglein aus und— huſch! iſt das ringelnde Thierchen gefangen. Doch dieſes, nichts an⸗ ders als eine Natter, ſpringt an des Kindes entbloͤßten Hals, beißt mit ſcharfem Zahne ein und impft toͤdtliches Giſt in den zarten Koͤrper. Raimond ſchreit heftig auf, ſo⸗ gleich erſcheint die Amme, der auf dem Fuße 225 des Knaben erſchrockene Mutter folgt. So eben hat das Thier Raimond's Hals wie⸗ der verlaſſen und ſchießt pfeilſchnell unter das erwärmte Geſtein. Die Amme ſah die Nat⸗ ter vom Knaben ablaſſen, die Mutter erblickt nur in einem Moment die fuͤrchterliche Creatur. Der Hals des Kindes ſchwillt au⸗ genblicklich an, und, aller Mittel ungeachtet, beim Untergange der Sonne ſcheidet die Seele des Knaben vom vergifteten Koͤrper. Siegwart, von der Jagd heimkehrend und ſein Kind noch in den letzten Zuͤgen lie⸗ gend und die Mutter in Verzweiflung fin⸗ dend, hat noch drei Toͤchter, aber ſein Sohn, der einzige, iſt nicht mehr.— Sei nicht zu kuͤhn, Redekunſt! wage dich nicht an die Dar⸗ ſtellung des Jammers, der nun in der gan⸗ zen Burg raſ'te, als der Knabe entſeelt da⸗ lag! Deine Schwingen ſind zu matt, auf denen du einherſchwebend die Schreckensſcene zur Schau tragen und darſtellen willſt. So oft in der Folge Siegwart die immer her⸗ Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 15 abrollenden Thraͤnen Wolfers ſah, gingen auch ihm die Augen uͤber, und Brunhilde war vom uͤbermaͤßigen Weinen faſt erblindet. In dieſer Zeit der groͤßten Angſte erſchien ein das Gemuͤth aufrichtender Engel.„Ha, ge⸗ wiß Pater Anſelmus Beatus! er wird wohl Wort gehalten haben!“ rief Fuͤrſt Fer⸗ dinand aus.„Richtig errathen, Beatus war das Werkzeug, deſſen ſich die Vorſehung bedienen wollte, nicht bloß die traurigen Ge⸗ muͤther zu troſten, ſondern auch wahren Chri⸗ ſtenglauben und Chriſtentugend hier zu pflanzen. Pater Anſelmus Beatus ſprach wi⸗ der Erwarten dieſes Mal milde Worte, ſtellte die Ermordung des jungen Wolfers als eine abſcheuliche Grauſamkeit dar, an welcher der Gott der Liebe kein Wohlgefallen haben konne, und das Ungluͤck Raimond's als eine geringe Zuͤchtigung fuͤr das begangene Böſe und als einen Fingerzeig der Vorſehung, daß mit Erbauung eines Bethauſes nicht laͤnger gezoͤgert werden ſolle.„Und damit Ihr Euch * ——————— 27 nicht mit Mangel an Raum entſchuldigen moͤget,“ ſagte der Geiſtliche,„ſo werde ich Euch an diejenige Stelle fuͤhren, die zu ei⸗ nem Kirchlein wohl geſchickt und tauglich ſei.“— Als ſie nun Alle eine geraume Strecke gegangen waren, ſprach Siegwart:„Ehr⸗ wurdiger Vater, Ihr fuͤhrt uns ja in die Wild⸗ niß; denn nicht lange mehr, ſo werden wir uns in meinem Thiergarten befinden.“ Wie erſtaunte aber der Ritter, als dort angelangt, er an der Stelle des erwaͤhnten Thiergartens einen See erblickte, in deſſen Mitte eine In⸗ ſel lag!„Dort auf dem Huͤgel, der aus dem Waſſer hervorragt, war es, wo Eure frevelnde Hand den braven Juͤngling erſchlagen hat, unter der Ruͤſter hat er ſich verblutet, dort, dort an der Stelle des Baumes erhebe ſich das Kirchlein, das Ihr von heute an erbauen ſollt. Und je hoͤher ſich der Bau erhebt, je ſchneller das Werk gefordert wird, deſto mehr wird dies Waſſer ſinken und deſto fruͤ⸗ her verſchwinden. Zuerſt ſollt Ihr aber ein 15* Begrabnißgewölbe anlegen laſſen, das ſoll Euren und Eures Freigelaſſenen Wolfers Sohn vor allen andern aufnehmen. Ober⸗ halb des Gewolbes ſoll der holzerne Altar ſtehen. Siebenzig Mark feines Silber in zweimal ſieben Barren, von denen jede fuͤnf Mark halten ſoll, naͤmlich die ungerechte und unchriſtliche Beute, ſo Ihr von Euren guten Nachbarn nach und nach geraubt habt, ſollen in dem Bogengewoͤlbe unterhalb des Altars niedergelegt werden. Und damit auch der Thraͤnenquell Eures Dienſtmannen verſiege und nicht etwa in Eurer Fmilie erblich werde, ſo ſeht Euch nach einem geſchickten Bildhauer um, der einen Kopf aus dem Holze der Ru⸗ ſter bilde, an welcher der Jungling den Geiſt aufgegeben hat. Doch daß dieſes Bild dem Muſter vollkommen gleiche, ſo leitet vermoͤge einiger verborgenen Röhren die Quelle, die auf jenem Berge plätſchert, ſo daß man es bei ſtiller Luft hier unten hoͤren kann, herab auf den Huͤgel und in der weſtlichen Wand em⸗ — 229 por, die den Kopf, der in einer dunkeln Riſche dieſer Wand ſtehen mag, mit ewigem Thraͤ⸗ nenerguß verſorge!“ Wieder war ein Jahr verfloſſen, die Kapelle ſtand fertig da und der geiſtliche Mann kehrte wieder, weihete ſie ein und führte dem Ritter Siegwart einen Seelen⸗ hirten zu für ihn und ſein ganzes Haus, ei⸗ nen Kapellan, der Jedermann belehren, war⸗ nen, troͤſten ſollte, je nachdem es Noth thaͤte. „Und wie Anſelmus Beatus ver⸗ kundigt hatte, ſo war es Alles eingetroffen. Das Waſſer um den Huͤgel zog immer mehr ab, je emſiger an dem Baue gearbeitet wurde und je mehr dieſer ſich ſeiner Vollendung naͤherte. Dieſer Umſtand beſtaͤrkte natürlich Alle in ihrem Glauben an die Zuverläſſigkeit der Lehre, die ihnen von dem geiſtlichen Manne wiederholt vorgetragen worden war. Daher wurde ihm auch in den uͤbrigen Stuͤ⸗ cken, die den Bau oder die Einrichtung der 23³0 Kapelle betrafen, Folge geleiſtet. Das Tod⸗ tengewoͤlbe iſt noch vorhanden, der Kopf hält Wache in der Niſche und weint ſeine bittern Zahren, zu welchen die Quelle, die von der Zeit an, als der Greis von ihr ſagte, ſie plätſchere da oben auf dem Berge, die Plaͤt⸗ ſcherin heißt, die Maſſe ſpendet.“„Und je⸗ denfalls iſt auch das Silber noch da, von welchem die Kapelle wahrſcheinlich in gutem Stande erhalten werden ſoll,“ ſagte Fuͤrſt Maximilian.„Doch,“ ſetzte er hinzu, „moͤchte ſich's wohl der Muͤhe lohnen, eine genaue Unterſuchung des merkwuͤrdigen Ge⸗ baͤudes voͤrnehmen zu laſſen, denn in den ſtuͤrmiſchen Kriegszeiten wurde auch das Hei⸗ ligſte oft nicht verſchont, und ich erinnere mich, gehoͤrt zu haben, die ſtarke Thuͤr an der Kapelle läge in Stucken, auch der Altar waͤre von rohen Feinden zertrummert. Mog⸗ lich daher, daß man auch den Weg zu dem verborgenen Schatze aufgefunden und dieſen ſelbſt entwendet haͤtte. Der Fuͤrſtin wurde aufrichtiger Dank gezollt fur die Mittheilung der Erzählung oder vielleicht nur Sage von der Siegwarts⸗ Kapelle, und der Entſchluß gefaßt, zuweilen dieſes ehrwuͤrdige Denkmal des grauen Alter⸗ thums zu beſuchen, vor allen Dingen aber wollte der regierende Furſt einige ſeiner zu⸗ verlaͤſſigſten und fähigſten Diener mit der Unterſuchung beauſtragen. Die Unterſuchung begann am andern Tage. Ende des erſten Bandes. ſſ 6 8 9 10 11 2 13 14 15 16 9 8 †