Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. † Seih- und Geſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 2 ½ Stun⸗ en angenommen. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3. Caution. eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. 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So wie ſich im menſchlichen Leben die Schickſale aͤußerlich weit von einander ent⸗ fernter Individuen oft durchkreuzen, wie ſo⸗ gar entfernte Zeitraͤume ſich beruͤhren und heterogene Verhaͤltniſſe, entgegengeſetzte Lagen und Umſtaͤnde zuweilen ein harmoniſches Ganzes bilden; wie feindliche und einander widerſtrebende Kraͤfte nicht ſelten in einander verſchmelzen,— kurz, wie oft die menſchliche Berechnung von Urſache zu Wirkung auf falſchen Hypotheſen ruht, oder wie nicht ſel⸗ ten der Schein taͤuſcht— wie dieſes alles nicht beſtritten werden kann, ſo muß auch in einzelnen Fällen das Urtheil unſter Vernunft 1 4 unzuverlaͤſſig ſein da freiſprechen, wo ver⸗ urtheilt werden ſollte, und da verdammen, wo gerechtfertigt, wohl gar geruͤhmt werden. muͤßte. Wenden wir dieſe Einſchaltung auf des Malers Lichtung Lebensverhaͤltniſſe an, in wiefern dieſe gleichſam an die Kapelle ge⸗ bunden ſind und in wiefern das Wohl oder Wehe dieſes ſonderbaren Mannes von der Unterſuchung des Gewölbes mit abhaͤngt, ſo wird ſich uns, außer den obigen Erfahrungs⸗ ſaͤtzen, noch manche Wahrheit herausſtellen, ja ſogar aufdringen. Doch muß bei Gewin⸗ nung ſolchen Reſultats die Bildungsſtufe, Denkweiſe, Gerechtigkeitspflege und ſo man⸗ ches Andere des ſiebzehnten Jahrhunderts in Anſchlag gebracht werden. Aus dem Hauſe beim Fortunen⸗Schachte ward, wie wir wiſſen, Georg Lichtung durch Diener ber fuͤrſtlichen Obrigkeit abge⸗ holt, wir blickten ihm einige Schritte weit nach, bis er den Berg hinab unſern Augen entſchwand. Gegenwaͤrtig nimmt er unſere „ Theilnahme wieder in Anſpruch und wird uns vielleicht gar als Zeugen ſeiner Hand⸗ lungen vor Gericht namhaft machen. Denn er ſcheint gar nicht geneigt zu ſein, ſich hier irgend eines Vergehens uͤberfuͤhren zu laſſen. Mit dem Blicke eines freimuͤthigen und recht⸗ lichen, aber verkannten und gekraͤnkten Man⸗ nes ſteht er vor dem Juſtiz⸗Gerichte. Seine Haͤnde ſind wieder entfeſſelt; Lichtung iſt ja kein Verbrecher, nur eines geringen Feh⸗ lers wegen war der Verhaftsbefehl gegen ihn erlaſſen, naͤmlich die Malerarbeit in der Ka⸗ pelle vor der Vollendung verlaſſen zu ha⸗ ben. Zwar ſchien ihm der Fuͤrſt dieſes verzeihen zu wollen, wenn er das Ver⸗ ſaͤumte wieder einholte; allein das galt nur fuͤr erzwungenen Gehorſam, und der Fuͤrſt hatte befohlen, ſeine Gruͤnde anzuhoͤren, warum er heimlich von der Arbeit weggegan⸗ gen ſei und falls dieſe nicht haltbar waͤren, ihm einen Tag lang gelinden Arreſt zu ge⸗ ben.— Gefragt, was ihn bewogen habe, aus 6 der Kapelle wegzuſchleichen, geſtand er dem Gerichte, daß es ihm nicht möglich geweſen ſei, in der Kapelle zu malen, bevor nicht der grinſende Kopf aus derſelben entfernt worden, weil ihn nicht bloß lebende Weſen, ſondern ſogar Bilder und Statuen ſo ſtörten, daß er nie ſeine Gedanken bloß und ausſchließlich auf ſeine Arbeit richten koͤnne. Nun habe er den Kammerdiener von jenem Ubelſtande be⸗ nachrichtigt und ihn gebeten, den garſtigen Kopf aus der Niſche wegnehmen zu laſſen, allein dieſer Hofmann habe ſich geſtellt, als ſaͤhe er den Kopf gar nicht, habe von uͤber⸗ ſpannter Phantaſie geſprochen, hoͤhniſch ge⸗ lacht und ihn dadurch ſo gereizt, daß er den ganzen gnadigen Auftrag als eine Poſſe betrachtet habe und davon gegangen ſei, dem ſuperklugen Kammerdiener die Verantwor⸗ tung der Nichtvollendung der Malerei uͤber⸗ laſſend. Der Gerichtsamtmann Feſſelring, der dem Maler wohlwollte, trug darauf an, daß der Kammerdiener zur Rechenſchaft gezo⸗ — gen und der Maler freigelaſſen werden moͤchtez allein ſo leichten Kaufes ſolte fuͤr diesmal Lichtung nicht davon kommen, Bereits hatte ſchon der Kaufmann ſeinen unterhalb der Kapelle erlittenen Verluſt angezeigt, die beiden reiſenden Handwerker, die deſſen Man⸗ telſack gefunden hatten, waren ſchon eingezo⸗ gen und hatten ausgeſagt, daß ſie mit einem Manne, der um die Zeit des Auffindens ha⸗ ſtig von dem Huͤgel herab in die Allee ge⸗ ſturzt ſei, was auch der ſtumme Ofenheizer beſtätigte, das gefundene Geld getheilt haͤtten. Der Maler erzaͤhlte die Sache der vollen Wahrheit gemaͤß, mußte aber freilich ſich nun eine Unterſuchung ſeines etwas ſchweren Ran⸗ zens gefallen laſſen. Hartnaͤckig weigerte er ſich deſſen, mit Rußerung der Beſorgniß, die darin enthaltenen Farben und aͤhnliche Stoffe duͤrften verderben, aber dadurch machte er ſich nur verdaͤchtig. Das Gericht beſtand darauf, beſonders da Lichtung als ein filziger Mann ſchon etwas bekannt war. Wie erſtaunten 8 die Richter, als ihnen eine Silberbarte nach der andern in die Augen ſtrahlte!„Sieben Stangen feines Gut! Woher das, Maler Lichtung?“ fragte der Amtmann.„Das iſt ein Erbſtuͤck unfter Familie, mein Herr!“ „Gut, allein man begreift nicht, warum dieſe Maſſe bei der bekannten Duͤrftigkeit Eures Hauſes nicht ſchon laͤngſt in baares Geld umgewandelt, das heißt, verkauft worden ſein folle,“ warf der Amtmann ein.„Das iſt's ja eben, weshalb ich gerade jetzt dieſe Stan⸗ gen mit mir trage, weil ich ſie fuͤr Geld ver⸗ ſetzen, aber nur verſetzen will, welches Schick⸗ ſal die guten und getreuen Silberſtaͤnglein ſchon manchmal erfahren haben mogen. Doch, da ſie immer wieder eingeloͤſ't worden ſind, ſollen ſie auch von mir und hoffentlich bald wieder eingeloͤſ't werden.“„Auch das,“ ent⸗ gegnete das Gericht,„allein die Sache er⸗ heiſcht natuͤrlich eine genauere Nachforſchung, und Ihr, Lichtung, werdet es Euch hier wohl noch einige Tage gefallen laſſen muͤſſen. Der — ———— 9 Aktuar muß etſt zuruͤckkommen und über Ei⸗ niges, was den Kaufmann und die beiden Handwerker betrifft, Auskunft geben.“ Dem Maler wurde ſein Ranzen abge⸗ nommen, er ſelbſt ward unter ſtrengere Auf⸗ ſicht geſtellt und ihm, dem von Natur ängſt⸗ lichen Manne, wurde ſehr bange, nicht als könne man ihn uͤberfuͤhren, daß die Silber⸗ barren von dem Theile des vom Funde er⸗ haltenen Geldes gekauft worden ſeien, ſondern darum, weil er den rechtmaͤßigen Beſitz nicht nachzuweiſen im Stande war. Doch beſchloß er, bei ſeiner erſten Ausſage zu beharren. Am dritten April endlich wohnte der Aktuar Gauderling der Gerichtsſitzung bei, legte die von dem Hkonomen Steinegk er⸗ haltene Halskette vor und ſagte, der Mann verlange aber dafuͤr ſeine einundzwanzig Gulden zuruͤck. Sie wurden in der Folge ausgezahlt und der Aktuar behielt ſie fuͤr ſich, weil er geizig genug war, die Schwaͤche ſei⸗ nes Freundes zu mißbrauchen.— Da es ſich 10 aber nun ergab, daß mehr denn zwei Drit⸗ theile von den Effekten des Kaufmannes wie⸗ der erlangt waren und auch der Maler außer⸗ dem des Theilhabens mit den Handwerksbur⸗ ſchen nicht wohl uͤberfuͤhrt werden konnte, ſo ſah das Gericht ein, daß man dieſen von Rechts wegen ſeiner Haft entlaſſen muͤſſe. Noch am Abende deſſelben Tages ward ihm ſein Ranzen mit der Nachricht wieder zugeſtellt, er ſei frei und entlaſſen. Schon war er im Begriffe, ſich aus ſeinem mehrtaͤgigen Aufent⸗ haltsorte zu entfernen, als ein Gerichtsdiener eintritt und ihm anzeigt, daß ein anderer Grund zur Fortdauer ſeiner Einſperrung ſo eben ſich vorgefunden habe. Er bedauere es uͤbrigens, daß er angewieſen ſei, dem Herrn Kunſtmaler einen andern weniger freundlichen Raum anzuweiſen. Da entbrannte Lich⸗ tung's Zorn.„Wie lange— ruft er aus— werde ich noch aller wetterwendiſchen Leute Spielball ſein muͤſſen! Ich will— denn ich bin ein freier Mann— ich will meine volle 11 Freiheit wieder haben, und kein Gericht, kein Fuͤrſt, der mich nur um mein verdientes Lohn zu bringen gedenkt, und kein Kaiſer hat das Recht, mich, der ich nichts verbrochen habe, einkerkern zu laſſen!“„Fuͤgt Euch in den Befehl ohne Widerrede und folgt mir jetzt!“ bedeutete ihm der Gerichtsdiener.„Ich will aber nicht mehr Arreſtant ſein!“ ſchnalzte Lichtung jenen an. In demſelben Augen⸗ blicke erſchien ein zweiter Diener des Gerichts. „Her mit Euch, Erzgauner! diesmal wird's. etwas beſſer kommen, glaubt das nur!“ ſpricht dieſer und packt ihn mit gewohntem Griffe. Lichtung wehrt ſich ganz verzweifeltz doch das iſt umſonſt: in weniger denn einer Vier⸗ telſtunde ſitzt er im tiefen Kerker, mit Ketten belaſtet. Ihm iſt das Warum? unbekannt. — Der Sohn ſoll nicht tragen die Miſſethat des Vaters; aber, ſetzen wir hinzu, nur dann nicht, wenn er derſelben nicht theilhaft iſt oder wird.— Der Sinn dieſer Worte in Bezug auf des Malers hartes Geſchick liegt 12 zur Zeit noch hinter einem dichten Schleier, das angedeutete Faktum ſelbſt faſt ein halbes Sekulum zuruͤck. Die in der Deckenwoͤlbung unter dem Altare in der Kapelle geſuchten Silberbarren waren nicht aufgefunden worden, wohl aber die Stelle deutlich zu erkennen, wo ſie gele⸗ gen hatten; ein Document mit faſt unkennt⸗ lichen Schriftzugen, in welchem ihre Nieder⸗ legung und der Zweck derſelben angefuͤhrt war, lag in der Höhlung, aus welcher das Silber entwendet worden war. Das war das Ergebniß der angeſtellten Unterſuchung. Es wußte der Ofenheizer, daß Lichtung im Todtengewoͤlbe geweſen war; er hatte dies durch Zeichen zu verſtehen gegeben. Kein Anderer als der Maler kann der Raͤuber ſein, da man, wenn auch ſtatt vierzehn nur ſieben, doch aber dieſe Barren bei ihm gefunden hat, ſo ſchloß man. Das ſei gewiß; aber wo er die fehlenden Silberſtangen habe? das muͤſſe er durchaus geſtehen und ſollten alle 13 Kraͤfte der Folter an ihm verſucht werden. Wie? Lichtung, iſt das uber deinem Haupte ſich aufthuͤrmende Gewitter etwa die Erfuͤl⸗ lung des„Wehe, wehe, wehe!“ das einſt der verlaſſene Greis— dein Großvater war's— an der Plätſcherin dir nachrief? Des Malers Zuſtand war entſetzlich. Er, dem es nicht einmal in einem ſchönen Zim⸗ mer gefiel, weil dieſes vielleicht hoch lag; nicht in der heiligen Kapelle gefiel, und nicht ein⸗ mal in der ſchoͤnen Natur, wo dem fuhlenden Menſchen der Freudenblumen ſo viele erblu⸗ hen; ihm, dem allerunzufriedenſten Tadler, konnte es im ſchaurigen Kerker unmoͤglich behagen; er hatte aber hier Muße, ſein Herz zu prufen, ſein Gewiſſen zu befragen. Die Angſt wegen der Zukunft trieb ihn zu ſolch heilſamem Geſchaͤfte nicht an, weil ſie durch den Gedanken, man werde ihm am Ende nichts beweiſen konnen, ſehr gemildert wurde. Statt deſſen grollte er mit dem Schickſal, verwuͤnſchte das ganze Men⸗ 14 ſchengeſchlecht, wenigſtens den gluͤcklichen Theil deſſelben und ſann auf bittere Rache, im Fall er bald wieder auf freien Fuß geſetzt werden wurde und muͤßte. So im düͤſtern Dahin⸗ bruͤten war ihm ein Abend und eine Nacht langſam voruͤber geſchlichen. Am andern Morgen begann ſein Verhoͤr. Welch' ein Schrecken aber bemaͤchtigte ſich ſeiner, als er bei ſeinem Eintreten in das Gerichtszimmer beim erſten Blicke erkennt, daß dieſes nicht mehr dasjenige iſt, in welchem er bisher ver⸗ nommen worden, und auch die Richter nicht mehr die ſind, die ihn verhoͤrt hatten! Er überzeugt ſich in Hinſicht dieſer letztern, daß dieſes Gericht aus geiſtlichen und weltlichen Herren beſteht. Die Erſtern verachtet er und die Andern ſind ein Gegenſtand ſeines Haſ⸗ ſes; dabei kann er dieſe Geſinnungen ſo we— nig verbergen, daß das geſammte Perſonal in ſeinen Mienen teufliſche Tuͤcke und Bos⸗ heit deutlich, ja ſprechend zu finden meint.— Der Praͤſident hob an:„Ihr ſeid der Kunſt⸗ 15 maler Georg Lichtung?“„Der bin ich leider!“ war ſeine Antwort.— Praͤſident: „Ihr habt kärzlich die Kapelle gemalt?“ Lich⸗ tung:„Ja wohl, leider. Beſſer haͤtte ich ge⸗ than, ich hätte mich ſtatt deſſen der erſten beſten Raͤuberhorde angeſchloſſen; denn dann wuͤßte ich doch einſt, warum ich meiner buͤrgerlichen Freiheit verluſtig waͤre.“ Präſident:„Ihr wollt damit ſo viel ſagen, daß Ihr noch ein ehrlicher Mann ſeid. Aber die Silberbarren, die der Kapelle ent⸗ wendet ſind— wie viel ſind deren?“— Lich⸗ tung:„Das, dächte ich, muͤßten die Herren beſſer wiſſen als ich. Gemalt habe ich in der Kapelle, aber nicht Diebſtahl begangen. über meine Silberbarren habe ich mich ja ſchon erklaͤrt; ich beſitze deren ſieben, und habe nie mehre gehabt.— Praͤſident:„Vier⸗ zehn muͤſſen es ſein: ſagt frei, wo ſind die fehlenden ſieben?“— Lichtung:„Vierzehn dergleichen Staͤnglein waͤren auch mir lieber: es kann mir daher nur erwuͤnſcht ſein, hier 16 zu erfahren, daß irgendwo noch ſieben ver⸗ borgen ſind; konnt' ich doch zugleich auch ih⸗ ren Ort kennen lernen!“— Das Gericht wurde unruhig ob dieſer kuͤhnen Rede.„Wir wuͤn⸗ ſchen Wahrheit, Lichtung!“ ſagte ein geiſt⸗ licher Herr, vom Sitze ſich erhebend, zu dem Maler.„Und Beſcheidenheit!“ ſetzte ein An⸗ derer hinzu.„Was ich geſagt und angedeu⸗ tet habe,“ ſagte Lichtung,„das iſt Wahr⸗ heit; wiſſen die hochweiſen Herren aber mehr als mein beſchränkter Verſtand, nun wohl, was ſoll ich hier?“„Geſtehen ſollt Ihr, frecher Mann, wo Ihr die fehlenden Silberbarren verborgen haltet oder wohin ſie aus Euern Haͤnden gekommen ſind!“„Gebt Euch keine Müuhe uns zu täuſchen, bekennt vielmehr, was Ihr gethan habt; noch kann man Euch we⸗ nigſtens entſuͤndigen!“„Dieſe ſieben Stan⸗ gen, die ſich in Euerm Ranzen befanden, gehoͤren der Kapelle; ſie tragen alle das Wap⸗ pen des Stifters der Kapelle, der ſie dort unterhalb des Altars unter einem Steine mit 17 Inſchrift hat niederlegen laſſen. Ihr waret im Todtengewolbe mit Eurer Standleiter.“ — So und Vhnliches redeten mehre der Rich⸗ ter, aufgebracht und gereizt durch des Malers Hartnaͤckigkeit.—„Das kann Alles ſein, nur ich habe das Silber nicht geſtohlen,“ betheu⸗ erte Lichtung mit feſter Stimme.„In den Kerker zuruͤck mit dem Boͤſewichte!“ ſchrien jetzt Mehre.„Morgen zur Folter, Maler Lichtung. Da werden wir ja ſehen, ob ſich noch ein Fuͤnkchen Wahrheitsliebe aus Euch herauspreſſen laͤßt!“ rief der Praͤſident und zog die Klingelſchnur.— Der Gerichts⸗ diener, der den Maler hergefuͤhrt hatte, er⸗ ſchien und erhielt den Befehl, dieſen Trotz⸗ kopf wieder in das Gefängniß zuruck zu brin⸗ gen und ihn dort ja recht ſtrenge zu beauf⸗ ſichtigen und Niemanden zu geſtatten, ihn zu beſuchen. Lichtung bebte vor Wuth, mußte jedoch ſich der Macht der Umſtaͤnde er⸗ gebenſt fuͤgen. Wieder nahm ihn der Kerker auf. Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 2 18 Wie des Hekla empörte Lavamaſſen ſie⸗ den, kochen, wallen, ſo ſtuͤrmte es in des Malers Innern.„So iſt denn alſo kein Er⸗ barmen in dieſem Jammerthale!“ ſpricht er zaͤhneknirſchend,„das waͤre denn bis hierher all' mein Gluͤck, meine Freude, meine Lebens⸗ wonne? Verkennt, verfolgt, gemißhandelt und — ha, mein Gluck ſteigt— eingekerkert,— das iſt mein Lebenslauf bis auf dieſe Stunde. Doch, wer weiß, vielleicht ſucht man mich zu erheben, emporzuziehen— an den Gal⸗ gen namlich. Abet ſollte es wohl dahin kom⸗ men, daß ich als Miſſethaͤter verurtheilt wuͤrde? Dem natuͤrlichen Rechtsgange zufolge nimmermehr; Niemand kann mich deſſen uberfuͤhren, was mir als Verbrechen ange⸗ rechnet wird. Der Widerſpruch iſt ſchon da, der mich rechtfertigen muß: vierzehn Bar⸗ ren, ha! vierzehn ſtatt ſieben! Geht die Sache ihren ordentlichen Gang, ſo muß das Ge⸗ richt mich freilaſſen; aber freilich mein Un⸗ gluck iſt immer mein Mißgeſchick— For⸗ 19 tuna! weibliches Ungeheuer; Du biſt meine erklaͤrte Feindin. Griechen und Roͤmer glaub⸗ ten an Goͤtter, die die Unſchuld beſchuͤtzten; ſie taͤuſchten ſich, die Narren. Des Chri⸗ ſten Glaube iſt vernuͤnftiger, allein das Chri⸗ ſtenthum hat mir noch keine Dienſte gelei⸗ ſtet: was ſoll ich ihm huldigen? Wo iſt in meinem ganzen Leben nur eine Spur, die mir bewieſe, ich muͤſſe ein Chriſt ſein, weil ich unter Chriſten lebe? Und ſomit ſtirb, armer Lichtung, ſtirb unter den Fuͤßen des grauſamen Geſchickes! vergehe ewig, Wurm, von den Giganten⸗Fuͤßen des Ungeheuers zer⸗ malmt, das ſich Beſtimmung nennt! Aber ſturze erſt Hundert, nein Tauſend, wenn Du kannſt, in namenloſes Elend! vergifte den Gluͤcklichen jeglichen ſuͤßen Biſſen! Mit bruͤl⸗ lender Stimme mache Verbrechen der ange⸗ ſehenſten Ehrenleute kund, die ſie nie be⸗ gingen!“ Auf ſolches Wuͤthen trat endlich eine Ermattung, eine Abſpannung der Kraͤfte bei 5 Lichtung ein und es erfolgte eine Art Be⸗ wußtloſigkeit, da oͤffnet ſich die Kerkerthuͤr ſo leiſe, daß Lichtung gar nicht darauf geach⸗ tet haben wuͤrde, waͤre nicht ein Lichtſchim⸗ mer hereingedrungen.„Halte ſich Jeder fern von mir, ich mag keinen Menſchen ſehen, weder beim Sonnenlichte, noch beim Scheine einer Kerze!“ ruft der Maler dem Eintreten⸗ den entgegen, der ſich aber dem Gefeſſelten nichts deſto weniger nähert. Auf den Bericht des Tribunals hatte nämlich Furſt Ferdinand, der ſich beſon⸗ ders fur den Maler intereſſirte, den Gerichts⸗ amtmann Feſſelring zu ſich kommen laſ⸗ ſen, hatte dieſen um Lichtung's Familie, um ſeine Schickſale und ſein Betragen be⸗ fragt und von dieſem erfahren, daß Georg Lichtung der Sohn des Paul Lichtung ſei, der lange Zeit hindurch allerlei kleine Verrichtungen vor und waͤhrend der theatra⸗ liſchen Vorſtellungen in der Reſidenz und an verſchiedenen andern Orten beſorgt, uͤbrigens, 21 ſo viel man wiſſe, immer als ein ehrlicher Mann gelebt habe. Sein einziger Sohn ſei dieſer Georg, der ſich der Malerkunſt ge⸗ widmet habe und ſtets in der Welt umher⸗ gezogen ſei. Er ſei ein ſehr eigenſinniger Kopf, dabei jedoch ſei ihm ein tiefes Gefuͤhl für Recht und Unrecht gar nicht abzuſpre⸗ chen, und im Fall ſeiner Unſchuld muͤſſe eine ſolche Behandlung ihm ungemein kraͤn⸗ kend ſein. Vielleicht hatte dieſer hohe Herr erfah⸗ ren, daß der Maler und des Gerichtsamt⸗ manns juͤngſte Tochter ſich fuͤr einander be⸗ ſtimmt hätten, vielleicht genoß aber auch wohl Feſſelring des Fuͤrſten beſonderes Ver⸗ trauen; kurz, er erhielt den Auftrag, ſich, ohne Aufſehen zu erregen, ſchleunigſt zu dem Gefangenen zu begeben, um ein aufrichtiges Geſtaͤndniß von demſelben zu erhalten und ſich uberhaupt zu uͤberzeugen zu ſuchen, ob er ſchuldig oder nicht ſchuldig ſei. In letz⸗ term Falle wolle der Fuͤrſt auf ſeine Freilaſ⸗ 2 ſung dringen und dafuͤr Sorge tragen, daß er fuͤr die erlittene Schmach entſchaͤdigt würde. Der Gerichtsamtmann, dem ſelbſt viel an Lichtung's Rechtfertigung gelegen war, verſprach, nichts unverſucht zu laſſen, was uber die Sache einiges Licht verbreiten könne. In Folge deſſen begab er ſich un⸗ verweilt nach dem Gefaͤngniſſe. Der Maler hatte ihn nicht ſobald er⸗ kannt, als auch gegen dieſen braven Mann das ſtärkſte Mißtrauen in ihm erwachte, und aller Verſicherungen von Wohlwollen unge⸗ achtet jedes offene Geſtaͤndniß zuruͤckhielt. Vergebens machte Feſſelring den Maler auf die große Gefahr aufmerkſam, die ihm drohez vergebens verſicherte er ihm, daß er ja gar nicht beweiſen konne, daß wenigſtens ſein Vater die Silberbarren ſchon beſeſſen habez vergebens ſagte er ihm, daß Ihro Durchlaucht die Frau Fuͤrſtin das eingeprägte Wappen für das ihres Stammhauſes erkannt habe, kurz, Lichtung war und blieb ſtumm. 23 Einem ſolchen Mann wie Feſſelring konnte es nicht entgehen, daß der Maler nichts weniger als ſchuldlos ſei; warum ſonſt ein ſo tiefes Stillſchweigen beobachten? „Lichtung iſt verloren, iſt nicht zu retten,“ ſagte er, als er ſich wieder im Kreiſe ſeiner Familie befand. Laurentia war untroͤſtlich. „Er iſt Deiner nicht werth, meine Tochter! vergiß ihn, den Verſtockten, den Mann ohne Religion,“ ſprach er zu dieſer. Auch die Mutter, Bruder Robert und Helene ba⸗ ten darum. Dem Maler wiederholte ſich die ſchreckliche Phantaſie, die ihn oben beim For⸗ tunen⸗Schachte beunruhigt hatte: ſein Groß⸗ vater und deſſen Bruder und eine weibliche Geſtalt mit einem Crucifir; in dieſer Perſon erkennt er ſeine Mutter, die ihm aͤngſtlich zu⸗ ruft:„Bete, bete, bete, Sohn, du mein verlornes Kind!“ Ferner die ſilbernen Sau⸗ len, die ſich zu einer vereinigen und einen Galgen bilden, den eine unzaͤhlbare Menge Volks umſteht, den Namen Lichtung, des M Tempelraͤubers und Erzketzers, verwuͤnſchend. „Eine entſetzliche Scene!“ ſpricht er zu ſich ſelbſt,„wohl eines geſchickten Pinſels wuͤr⸗ dig; das iſt meines boͤſen Geiſtes hoͤlliſches Werk; aber beten— nein, beten kann und mag ich nicht!“— Das iſt die Macht der ſchwarzen Melancholie, die ſie uͤber die Seele ausuͤbt, welche ſich mit dem Schilde des Glaubens und dem Harniſch der Zuverſicht nicht gewappnet hat. Mit Anbruch des Tages verbreitete die tauſendzuͤngige Fama durch die ganze Stadt, der Maler Lichtung werde heute durch die Martern der Folter zu einem Geſtaͤndniſſe ge⸗ bracht und in wenigen Tagen gehenkt wer⸗ den. Der Marterkammer nie einroſtende Thuͤr wurde erſchloſſen, die Henkersknechte hatten ihre Weiſung, des Malers wartend, wie das nimmer einſtuͤrzende Hochgericht. 25 Sanfte Waͤrme ergoß ſich von der mil⸗ den Sonne auf die gruͤnenden Fluren und Auen; liebliche Toͤne floͤteten die Schalmeien auf den belebten Triften, in hoͤhern Regionen ſang die harmloſe Lerche ihr munteres Lied, und Anmuth ſpendeten der ganzen Natur des Aprils erſte Tage. Schon campirten fort⸗ waͤhrend die Schafheerden im Freien, die Wohnungen des Landmanns fuͤr Menſchen und Vieh waren faſt leerz; der Fruͤhling in ſeiner ſchoͤnſten Glorie hatte bereits ſich nie⸗ dergelaſſen. Mit zufriedenem Lächeln betrach⸗ tete der Gutsbeſitzer ſeine Felder und rech⸗ nete auf ein reiches Jahr, uͤberſchlug im vor⸗ aus die Capitale, die er wieder werde auf Zinſen austhun koͤnnen, oder welche Summe er vom Ertrage ſeiner Ernte, ſo Gott wolle, werde abzutragen im Stande ſein. Auch dem Hkonomen Steinegk war das ſchoͤne Lenz⸗ wetter zu einladend, als daß er ſich nicht 25 hätte hinausſehnen ſollen in ſeine große Feld⸗ mark. Wir ſehen ihn, die Haͤnde auf dem Ruͤcken zufammengelegt; mit einem Rocke von grauem Tuche bekleidet, den Kopf mit der Sommerkappe bedeckt, an der Seite ſei⸗ ner lebensfrohen Gattin aus der Wohnung herausſchlendern in die Flur und ſeinen Schafheerden einen Beſuch abſtatten. Auf dieſem hausväteriſchen Gange wurden die Haus⸗ und Feldangelegenheiten beſprochen, und es fand ſich ohne Ubertreibung, daß er mit Recht fuͤr den wohlhabendſten Grundbe⸗ ſiter der Gegend gehalten wurde. Langſam zwar und ſehr bedaͤchtig war ſein Gang und nicht uͤbereilt ſeine Sprachweiſe, das wußte die Gattin; allein wenn Steinegk zuweilen plotzich ſtehen blieb und, die Kappe ruͤckend, ganz ſchwieg, ſo hatte dies immer etwas von einiger Wichtigkeit zu bedeuten. Auch auf dieſem Spaziergange trat ein ſolches Merk⸗ mal ein.„Was iſt Dir, mein Liebſter?“ fragte Hortenſia, ſich nach ihrem Gatten N umwendend.„Da faͤhrt mir— erwidert 8 jener— auf eintn ein Gedanke in den Kopf, wie der Donnerkeil, der voriges Jähr in des Nachbars Waizenfeld niedergeſchoſſen war; Gott wolle uns gnaͤdig vor einem ſol⸗ chen behuͤten und bewahren!“„Das muß ja ein ſchlimmer Gedanke ſein,“ ſcherzte Hortenſia.„Ach, das wohl nicht; ſieh', ich meine nur, ſo ſchnell wie jener kam mir der Gedanke an—— nun, was war's doch eigentlich? hm! hm!“„Vielleicht an den Kaufmann Feſſelring? oder wohl an den Aktuar?“„Nein, das war's eben nicht— ach ſo, jetzt fällt mir's plotzlich wieder ein. Uns hat doch der liebe Herr Gott mit Kin⸗ derchen geſegnet; da iſt das arme Mädchen, Eltern hat das gute Geſchoͤpf nicht mehr, und der Wirth zum goldnen Karpfen— Wild⸗ praten heißt er ja wohl?— der armen Waiſe harter Oheim, der Eſel, behandelt mir die geduldige Bertha ganz abſcheulich; wie waͤre es, wenn wir uns des leutſeligen Kindes an⸗ 28⁸ naͤhmen? ich meine zu unſerm Kindermaͤd⸗ chen?“„Ei, ſeht doch, wie allerliebſt!“ rief Hortenſia mit erzwungenem Lachen aus,„man muß geſtehen, daß Papachen Ge⸗ ſchmack beſitzt. Wer iſt denn aber die huͤb⸗ ſche Dirne? Geſehen habe ich ſie ſchon, aber das iſt auch Alles.“„Nun, Hortenſe, wenn ſie Dir gefaͤllt, ſo kannſt Du mir's nicht uͤbel nehmen, wenn ich ſie zu unſerm Maͤdchen zu haben wuͤnſche. Doch, Du ver⸗ langſt zu wiſſen, wer ſie ſei? ſo hoͤre denn! wir koͤnnen ſo gemach weiter gehen, wäh⸗ rend ich Dir berichte, was ich von Bertha weiß. Noch kaum vor zehn Jahren gehoͤrte das Ackergut, das wir gegenwaͤrtig beſitzen, einem gewiſſen Andreas Winkelhaus, der ein ſchlechtes Haus war, weil er ſich der Voͤllerei und Faulheit im hoͤchſten Grade hingegeben hatte. Seine Frau, ein ehrſames, fleißiges und ordentliches Weib, ſtemmte ſich aus Leibeskraͤften dem Verderben entgegen; W da ſie aber endlich ſah, daß Alles vergeblich war, ſtarb ſie vor Gram. Ihre Kinder wa⸗ ren ihr eines nach dem andern bereits voran⸗ gegangen, nur eine einzige Tochter, Namens Bertha, uͤberlebte die Mutter und weinte hinter ihrem Sarge bittere Wehmuthsthraͤ⸗ nen, waͤhrend der gefuhlloſe Vater, der rohe Mann, gar nicht einmal zu fuͤhlen ſchien, was er verloren habe;z denn er blieb fein da⸗ heim auf der Bank liegen, als die Gattin fortgetragen wurde. Auf den Schultern des armen Maͤdchens, das damals kaum vierzehn Jahre alt war, laſtete nun die ganze Schwere des Ungluͤcks. Die meiſten Icker und Wieſen waren ſchon verkauft, das übrige war verpfaͤndet, die Ar⸗ muth ſchritt an ihrem Bettelſtabe raſch und unaufhaltſam naͤher heran; die Schwelgerei wollte nach wie vor ihr Recht behaupten; da aber das nicht mehr ſo ging wie fruͤher— die Mittel waren faſt erſchoͤpft— wer mußte dann den Zorn in vollem Maaße fuͤhlen? 30 Bertha. Noch war ein Theil des mutterli⸗ chen Vermoͤgens da, dieſer ſollte gerettet wer⸗ den; Bertha bekam einen Vormund an ihrer ſeligen Mutter Bruder, der jedoch von ſeiner guten Schweſter keine Ader hat; das iſt eben der Menſch dort zum goldenen Kar⸗ pfen. Das ging nun ſo einige Jährchen er⸗ vaͤrmlich fort, daß ſich deß ein Stein haͤtte erbarmen moͤgen. In dieſer Zeit fand ſich ein, wie's ſchien, gebildeter junger Menſch, ein Maler, erſt bei Wildbraten, dannin die⸗ ſem Hauſe ein. Nicht lange, ſo verſtanden ſich die jungen Leutchen, er und Bertha naͤmlich, ſchworen einander ewige Liebe und Treue, und Bertha— wer haͤtte ihr das verargen moͤgen, da ſie Niemanden hatte, dem ſie ſich vertraulich mittheilen durfte?— unterſtuͤtzte den ſtillen, aber armen Kuͤnſtler ſo viel ſie konnte, aber heimlich. Der Vor⸗ mund, der ſelbſt wunſchte, daß ſich Bertha recht bald verheirathen möge, damit er der Laſt uͤberhoben wuͤrde, bewilligte endlich an⸗ 31 derthalb Hundert Gulden zur Ausfuͤhrung einer Kunſtreiſe. Der Maler— Lichtung iſt ſein Name—“„Wer? Lichtung? ei, was hore ich!“ rief Hortenſia beſtuͤrzt aus. „Doch weiter, weiter, ich bitte!“„Lichtung alſo hoͤrte nicht auf zu demonſtriren, daß ein Bildhauer und ein Maler ſich nur in Italien vervollkommenen koͤnnten, und daß, hätte er ſich dort erſt umgeſehen, es gar nicht fehlen koͤnne, daß er ſein und Bertha's Gluͤck machen werde. Nur fehle es ihm an dem nöthigen Gelde; mit hundert und funfzig Gulden waͤre ihm aber ſchon geholfen. So⸗ bald er zuruͤckkaͤme, wuͤrde er ſich in Frank⸗ furt, Aachen oder in irgend einer andern gro⸗ ßen Stadt niederlaſſen und mit Bertha ge⸗ wiß ein gluͤckliches Leben fuͤhren, da ſie Beide fur einander geſchaffen zu ſein ſchienen. Das einfaͤltige Maͤdchen glaubte einen heiligen En⸗ gel zu hoͤren und war gar nicht fähig, in dieſem Falle etwas Boͤſes zu ahnen. Sie verſprach, der Vormund bewilligte und zahlte 32 das Geldfummchen. Lichtung's Abreiſe nach dem geprieſenen Künſtlerlande erfolgte. Ach, das war ein Weinen und Heulen, ein Haͤndedruͤcken, Umarmen und Kuͤſſen, daß man haͤtte denken ſollen, die treueſten Herzen wuͤrden gewaltſam von einander getrennt, um ſich nie wieder zu vereinigen; ich war Augen⸗ zeuge von dem ruͤhrenden Schauſpiele. Nun war der Maler fort nach Italien, das ſchoͤne Geld auch; ob aber ein Kreuzer davon nach Florenz, Rom oder Neapel gelangt ſei, be⸗ zweifle ich ſehr.— Unterdeſſen war Winkel⸗ haus vollig verarmt. Alle noch beim Hofe befindlichen Grundſtucke wurden verkauft nebſt Haus und Hof und Mobilien. Ich erſtand Alles und kaufte nach und nach die fruͤher ver⸗ äußerten Icker wieder zum Hofe. Der fruͤhere Beſitzer endete bald ſein morſches Leben als Bettler. Man ſprach von Selbſtmord; doch das laͤßt man dahin geſtellt ſein.— Bertha mußte nun bei ihrem Oheim und Vormund einſtweilen Zuflucht ſuchen, bis der Maler 33 zuruͤck waͤre und ſie heirathete. Dieſer hatte verſprochen, von Zeit zu Zeit an Bertha zu ſchreiben; vier bis ſechs Wochen lang traf von acht Tagen zu acht Tagen ein Brief ein; dann blieben die Briefe aus. Ein Jahr war verfloſſen, und weder der Maler kam, noch ein Schreiben von ihm; endlich erfaͤhrt Bertha, daß er ſich im Fuͤrſtenthume um⸗ hertreibe: ſie will fort, ſie will ihn aufſuchen und das Ziel beſchleunigen helfen; allein der Oheim laͤßt das nicht zu, indem er ihr die Nothwendigkeit ihrer Gegenwart in ſeiner Wirthſchaft vorſtellt. Widerſprechen durfte und darf ſie nicht. Daher ſandte ſie einen zaͤrtlichen Brief ab nach Deiner Vaterſtadt, weil ſie glaubte, jedenfalls werde ſich Lich⸗ tung auch einige Zeit in der Reſidenz auf⸗ halten, wohl gar ſich dort zu etabliren ſuchen. Bald darauf kam Antwort, die ohngefaͤhr ſo lautete: „Liebe Bertha! Zwar iſt es mir ein wenig ſchmeichel⸗ Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 3 34 haft, zu erfahren, daß Du noch meiner ge⸗ denkeſt; und wahrlich auf dieſe Art erin⸗ nerſt Du mich auch wieder an Deine Exi⸗ ſtenz; allein Zeiten und Menſchen aͤndern ſich. Meine Reiſe iſt ſo ziemlich gluͤcklich zuruͤckgelegt. Meine Kunſt hat mich nir⸗ gends hinken laſſen. Fur den Gluckwunſch, den Du mir mit auf den Weg gabſt, danke ich Dir nochmals, und ich wuͤnſchte ſehr, Dir meine Dankbarkeit fuͤr Deine Gut⸗ meinung thaͤtig an den Tag legen zu kon⸗ nen. Da ich glaube, daß Du Dich freueſt, wenn Du hoͤrſt, daß mir's wohlgeht, ſo ſtehe ich nicht an, Dir zu verkuͤndigen, daß ich mit einem recht reichen Maͤdchen verſprochen bin, deren Namen ich Dir aber um deswillen nicht angeben mag, weil Du die Perſon doch nicht kennen wirſt; und was liegt am bloßen Namen? In Deinem lieben Briefe erwaͤhnſt Du uͤbrigens einiger Gulden, die Du mir als Reiſegeld gegeben haſt. Ich nahm die⸗ bauliche Nachſchrift des Inhalts, daß er— 35 ſes Geld als ein Geſchenk an und danke Dir nochmals dafuͤr und wuͤnſche Dir ei⸗ nen recht reichen Bauersmann zum Freier, deſſen Bildung der Deinigen vollkommen entſpreche. Den Liebhaber zu unterſtutzen, iſt ubrigens jedes Maͤdchens Pflicht. Du haſt dieſer Pflicht genugt. Von Seiner Durchlaucht dem gnaͤ⸗ digſten Furſten habe ich den Auftrag erhal⸗ ten, die Kapelle zu malen, und da ich mich dieſen Abend noch auf dieſes wichtige Ge⸗ ſchaͤft vorbereiten muß, weil ich morgen in der Fruͤhe die Arbeit beginnen will, ſo habe ich in aller Eile dieſe Zeilen geſchrie⸗ ben, bevor Du mir ein zweites, wohl gar ein drittes Brieſchen ſendeſt. Ich ver⸗ bleibe uͤbrigens Dein Freund Lichtung.“ „Pfui, der abſcheuliche Menſch!“ rief Hortenſia entruͤſtet aus.„Wir ſind noch nicht am Ende, denn es folgt noch eine er⸗ der Maler— Tag und Nacht in der Kapelle 3* 36 eingeſchloſſen ſei, daß er die Thur von innen nicht oͤffnen könne, und daß Niemand als der Fuͤrſt und ein taubſtummer Menſch von ſeinem Aufenthalte und ſeiner Kunſtarbeit wiſſe; der Letztere müſſe aufſchließen und ihn zuweilen mit Nahrungsmitteln verſorgen. Das heißt doch ernſtlich abgewieſen und auf im⸗ mer abgehalten.“„Und dieſer Elende will des Gerichtsamtmanns Feſſelring juͤngſte Tochter heirathen? Nimmermehr! Morgen werde ich einen Brief an die Eltern des Maͤdchens abſenden, in welchem ich dieſelben von dem benachrichtigen will, was ich von Dir jetzt erfahren habe,“ ſprach Horten⸗ ſia.„Was meinſt Du nun aber zu mei⸗ nem Vorſchlage? Man verdient ja den Him⸗ mel dadurch, daß man ſich einer armen ver⸗ laſſenen Waiſe liebreich annimmt,“ ſagte Steinegk. Hortenſia erwiderte:„Der Oheim wird ſie nicht miſſen wollen, und ſie gewiß vor dem ſiebenten Julius nicht frei ge⸗ ben, weil er an dieſem Tage eine große Schmauſerei und andere Beluſtigungen zu veranſtalten geſonnen iſt. Doch können wir einmal bei dem feiſten Wildbraten zufragen.“ Als beide Ehegatten wieder nach Hauſe gingen, geſellte ſich ein Reiſender zu ihnen, der von Hortenſia ſogleich erkannt wurde; es war ein Landsmann von ihr. Sie unter⸗ ließ nicht, ihn zu fragen, wohin er zu reiſen gedenke, und erhielt zur Antwort:„Nach Frankfurt, Frau Steinegk. Habt Ihr et⸗ was an Euern Herrn Bruder zu beſtellen? recht gern werde ich es ausrichten, da ich an den Befehlshaber ſeines Regiments Depe⸗ ſchen abzugeben habe. Es wird wieder Krieg geben; die Franzoſen regen ſich wie⸗ der: Ludwig der Vierzehnte hat den Trac⸗ tat gebrochen; Faiſer Leopold iſt aber geſonnen, den franzoͤſiſchen übermuth fuͤr dies Mal ernſtlich zu demuͤthigen,“ ver⸗ ſicherte er dabei ſo zuverſichtlich, als hatte er der geheimen Cabinets⸗Verſammlung bei⸗ gewohnt.„Großer Gott!“ rief Steinegk 38 aus, der jedem Menſchen auf's Wort zu glauben gewohnt war, ſchon wieder Krieg?“ „Ja, gewiß!“ betheuerte. der Fremde. „Noch einmal, habt Ihr etwas auszurichten an den Perrn Lieutenant?“„Ich danke Euch fur Euer gefaͤlliges Erbieten, einen ſchoͤnen Gruß von uns und die Bitte, er moͤge uns recht bald beſuchen,“ ſagte Hortenſia. Stei⸗ negk ſetzte hinzu:„Und wenn Krieg aus⸗ bräche, ſo waͤre ja ſein Wunſch erfuͤllt, doch gönnte ich ihm gern jede andere Gewährung, nur dieſe nicht!“ Der Reiſende wollte jetzt von dem Fußpfade nach der Straße ablenken; allein die redſelige Hortenſia hatte noch eine Frage an ihn in Bereitſchaft, dieſe näm⸗ lich:„Guter Freund, wie ſteht's mit dem Maler Lichtung?“„Schlecht, Frau Stei⸗ negk, er wird nächſtens gehangen werden, der gebrandmarkte Schurke. Heute wird er von der Folter tuͤchtig zerſchroben, gequetſcht und zerzauſ't ſein, der Kirchenraͤuber!“ ſo lautete die Antwort.„Wie? was? Kirchen⸗ 39 raͤuber ſagt Ihr, Freund? wie ſo?“ riefen und fragten zugleich die Eheleute Steinegk. „Ja, da hätte ich viel zu erzählen und lange zu ſchwatzen, wenn ich das Alles, was man dem Wichte ſchuld giebt, berichten wollte. Das werdet ihr außerdem bald haar⸗ klein erfahren. Wohl bekomm's, Goͤrge!“ Mit offen ſtehendem Munde ſahen die Gat⸗ ten einander an und dem wacker darauf los⸗ ſchreitenden Boten nach. Steinegk brach zuerſt das Stillſchwei⸗ gen wieder und ſagte:„Nun, daͤchte ich, brauchteſt Du nicht an Feſſelring zu ſchrei⸗ ben;z die klugen Leute werden ja außerdem, wenn die Sache nur halb ſo ſchlimm waäre, dem ſchlechten Manne ihre Tochter nicht ge⸗ ben, das verſteht ſich von ſelbſt.“„Und den⸗ noch ſchreibe ich, damit die ehrbare Familie den Maler auch noch von einer andern ſchlech⸗ ten Seite kennen lerne,“ entgegnete Hor⸗ tenſia.„Und ich nehme morgen oder uͤber⸗ morgen den Weg nach dem goldnen Karpfen 40 auf mich. Durchaus will ich fur die verlaſ⸗ ſene Bertha ſorgen,“ ſagte Steinegk mit kuhner Entſchloſſenheit. Hortenſia dachte: „So wahr ich morgen oder uͤbermorgen nach Rom komme, wird mein Mann in den gol⸗ denen Karpfen kommen.“ Doch ſie irrte ſich, denn mit Anbruch des dritten Tages fand Hortenſia ihren Hausherrn ſchon geruͤſtet zur Reiſe. Denn wenn der Phlegmatiſche et⸗ was ernſtlich will, ſo haͤlt ihn von der Aus⸗ fuhrung ſeines Planes nichts abz leichter laͤßt ſich zuweilen der Warmblutige davon abhalten und leichter giebt dieſer nicht ſelten ſeinen Plan ganz auf.„Ei, ei!“ rief Hortenſia ihrem reiſefertigen Gatten zu,„wie iſt mein Herr Ge⸗ mahl ſo flink, wenn er nach einem huͤbſchen Maͤd⸗ chen zu haſchen Willens iſt! Aber eilen thut ja nimmer gut!“ Dieſer gab zuruͤck:„Laß das immer ſein, Hortenſia, und erpedire Du heute Deinen Brief an Amtmanns und — meinetwegen auch an den jungen Kauf⸗ mann Feſſelring.“ Nach Verlauf einer 41¹ Viertelſtunde trabte er aus dem Hofe durch den Thorweg hinaus. Der Wirth zum goldenen Karpfen jauchz⸗ te dem wohlhabenden Steinegk, als er ihn kommen ſah, entgegen:„He da, willkommen, alter Freund! Zwar kommt Ihr etwas zu fruͤh, denn erſt den ſiebenten Juli ſolls hier ein⸗ mal recht luſtig hergehen, aber ich heiße Euch zu jeder Zeit tauſendmal willkommen!“„Glaub's wohl,“ entgegnete Steinegk vom Pferde ſteigend;„allein was die große Luſtbarkeit, von der Ihr immer prahlt, anbetrifft, ſo will ich Euch eben nicht viel Gluͤck ver⸗ ſprechen. Wer heißt Euch denn auch gerade dieſen Tag erwaͤhlen? Wißt Ihr denn nicht, daß auf den ſiebenten Juli—“„Nun, nun, was iſt da los, Freundchen?“ erkundigte ſich Wildbraten ängſtlich.„Erſtlich ein gro⸗ ßes Gewitter.“„Woher wißt ihr das ſo ge⸗ nau?“„Als ob unſer Einer nicht ſo viel wiſſen mußte! Ich habe es berechnet. Ein Mätz⸗Nebel. und zwar ein ſtarker am—“ 42 „Ach, ehe das Gewitter losbricht, iſt ſchon die ganze Nobleſſe bei mir; Niemand kann dann wieder abreiſen, die Lebensmittel wer⸗ den dann von Stunde zu Stunde theurer, und ich mache meinen Schnitt. Doch Ihr ſollt, wenn's eintrifft, billig davon kommen für Eure Nachricht. Das war erſtens, und nun zweitens?“„Zweitens haben wir bis dahin wieder Krieg im Lande, hu!“„Auch gut, ſo erfährt man doch immer etwas Neues, und Mancher kommt dann zu mir, um die Zeitung zu leſen und verzehrt bei mir ſein Geld.“ Steinegk hatte ſich ſchon, als er auf den Hof getreten war, daruͤber gewundert, daß Bertha ſich nicht ſehen ließ; noch mehr fiel es ihm auf, ſie auch in der Wirthsſtube nicht zu finden. Auf ſeine Anfrage erfuhr er, daß Bertha fort ſei, er wiſſe nicht, wohin, da ſie von ihrer Abſicht vorher nichts geaͤußert habe. Den Tag zuvor habe er ihr wegen ihrer Nachlaͤſſigkeit und Taͤndelei einen Ver⸗ 43 weis gegeben, ein nach Frankfurt reiſender furſtlicher Bote habe ſie darauf, als er— der Wirth— nicht in der Stube geweſen, deß⸗ halb bedauert und heimlich mit ihr geplaudert. Der Bote ſei bald wieder abgereiſ't und Ber⸗ tha am folgenden Morgen nicht mehr zu finden geweſen. Daher könne man wohl annehmen, daß Bertha nach Frankfurt entwichen ſei, um dort von dem Botenmanne bei deſſen vornehmen Verwandten, wie er ſie ſelbſt zu nennen pflegt, untergebracht zu werden. Längſt ſchon habe ſie gezeigt, daß es ihr in ihrer bisherigen Lage nicht mehr gefiele.„Dergleichen Madel, ſetze er lachend hinzu, wären in jedem Winkel und täglich anzutreffen und für die Gaſtwirthſchaft zu finden. Steinegkoffenbarte ihm hierauf, daß er Bertha zu ſich nehmen und als Toch⸗ ter behandeln wolle und bedauerte, daß ſie abweſend war.„Die Bertha ſollt Ihr be⸗ kommen, Freund Steinegk; Euer Tempe⸗ rament erliegt der Gallſucht nicht leicht,“ er⸗ widerte der Wirth.„Das waͤre meine Sorge, Du toller Menſch, wenn ſie doch aber nur da waͤre oder bald wiederkäme!“ ſagte Stei⸗ negk.„Ha ha! die wird nicht ausbleiben, die leichtfußige Dirne,“ entgegnete Jener. Nachdem Steinegk dem Gaſtgeber Wildbraten thätig bewieſen hatte, daß er ein raiſonnabler Gaſt fei, ſetzte er ſich wieder zu Pferde und mit dem Ausrufe:„Haltet Wort, geſtrenger Herr!“ trabte er davon. Bertha hatte von dem bei ihrem On⸗ kel eingekehrten Boten ſich nach Lichtung erkundigt und daſſelbe, was er dem Skono⸗ men Steinegk und Hortenſia von dem⸗ ſelben erzählt hatte, auch dieſer in ſchreckli⸗ cher Darſtellung berichtet. Sie entſchloß ſich daher, mit aller Frühe des folgenden Tages beimlich abzureiſen, um durch herzzerrei⸗ 45 ßende Bitten und Fußfall ihres geliebten, ob⸗ gleich treuloſen Malers Schickſal zu mildern, oder wenigſtens mit ihm zu leiden. Um deſto fruͤher in der Reſidenzſtadt anzukommen, hatte ſie einige Seitenwege betreten, ſich verirrt und kam eines Abends ganz erſchoͤpft bei den Wohnungen der Berg⸗Offizianten zum For⸗ tunen⸗Schachte an. Sie wurde gaſtfreundlich aufgenommen und ſehr theilnehmend behan⸗ delt. Dabei konnte ſie nicht umhin, als ſie um die Urſache ihrer großen Traurigkeit be⸗ fragt wurde, ihre Liebe zu dem Maler Lich⸗ tung zu geſtehen und uͤber deſſen Mißgeſchick zu klagen. Fortunette nahm ſich ihrer be⸗ ſonders liebreich an und ſuchte ſie uͤber den Gegenſtand ihrer großen Angſt zu beruhigen. „Weinet nicht zu viel, armes Kind,“ ſagte ſie zu Bertha;„wir werden ſchon Rath ſchaf⸗ fen, daß Euer lieber Trotzkopf wieder auf freien Fuß geſetzt werde, und der Eurige muß und ſoll er werden, dafuͤr buͤrge ich Euch; mir ſtehen Mittel zu Gebote, die ihren 46 Zweck nicht verfehlen koͤnnen. Doch darf ich Euch damit zur Zeit noch nicht bekannt ma⸗ chen, Ihr wuͤrdet der guten Sache faſt viel⸗ leicht mehr ſchaden als foͤrderlich ſein.“ Ber⸗ tha wurde ruhiger und erfreute ſich vier Tage lang der Wohlthaten dieſer guten Leute; dann bat ſie um die Erlaubniß, abreiſen zu dürfen, um wo moͤglich ihren Lichtung einmal zu ſehen und auch ihn zu beruhigen. Mit ge⸗ hoͤrigen Verhaltungsregeln verſehen und von Fortunette eine geraume Strecke Weges begleitet, reiſ'te ſie ab. Gluͤcklich war ſie ſchon bei der Kapelle angelangt, das Herz pochte ihr gewaltſam, als ſie dieſes ehrwuͤrdigen Gebaͤudes anſichtig wurde, und dabei bedachte, daß der Maler gerade in demſelben ſich ſein Ungluͤck bereitet habe. Sie wuͤnſchte eintreten zu koͤnnen; allein die Thuͤr war verſchloſſen. Daher be⸗ gnügte ſie ſich, neben der Kapelle niederzuknien und ein von heißen Thraͤnen begleitetes Gebet um Lichtungs Rettung zu dem Vater al⸗ 47 ler Weſen hinauf zu ſenden. Sie wurde aber vald durch nahendes Geraͤuſch erſchreckt und in ihrer Andacht geſtoͤrt; ſie blickte auf und ſah zu ihrem Schrecken zwei ſtarke Maͤnner,. dicke Pruͤgel in den Haͤnden haltend, aus dem Gebuͤſche hervortreten.„Jungfer oder Frau, was Ihr ſein moͤget, wir ſind nicht etwa hier, um mit Euch Grillen zu fangen, nein, Ihr ſeid eine recht huͤbſche Perſon und auch wohl nicht ohne Geld; ſo baben wir— wie Ihr hoͤret— eine doppelte Abſicht, Euch einen Beſüch abzuſtatten, und wahrlich, Ihr werdet ſo klug wie ſchoͤn ſein, wenn Ihr Euch in Beides mit Geduld ergebt.“ Die⸗ ſes waren die Anredeworte, die in Bertha's Ohren wie Lodesurtheil klangen. Ein ent⸗ ſetzlicher Schrei:„Huͤlfe, Huͤlfe, Hulfe!“ war ihre Antwort. Da ſtürzte der eine Boͤſe⸗ wicht auf ſie zu, hielt ihr den Mund zu und Sſchleuderte ſie zu Boden, während der An⸗ dere meinte, das Beſte ſei gewiß, zuerſt des Geldes oder was ſie ſonſt hätte, ſich zu be⸗ 48 mächtigen und dann—; allein noch einmal wand das Madchen ſich einen Augenblick frei und erneuerte aus allen Kraͤften ihren Huͤlfe⸗ ruf. Da packten beide Buben die Wehrloſe mit Kraft und Wuth, droheten, ſie auf der Stelle zu erſchlagen, wofern ſie noch einen Laut von ſich gaͤbe, und verſetzten ihr, zum Beweiſe, daß ihre Drohungen ernſtlich ge⸗ meint ſeien, einige Fauſtſchlaͤge ins Geſicht, daß das Blut aus Mund und Naſe heraus⸗ ſpritzte. Blind und taub aus doppelter Lei⸗ denſchaft bemerkten ſie nicht, daß bereits ein Zeuge und vielleicht ein Rächer ihrer Unthat zugegen ſei. Robert Feſſelring, leider un⸗ vewaffnet, aber beſeelt von Pflichtgefuͤhl, faßte mit den Worten:„Barbaren, was beginnet Ihr?“ den einen Straßenraäuber und ſchleu⸗ derte ihn ſeitwärts und behende ſo auch den andern. Beide jedoch rafften ſich ſchnell wie⸗ der auf und drangen mit ihren ſtarken Stä⸗ ben auf ihn ein. Geſchickt bog er zwar eine Weile ihren mit Wuth gefuͤhrten Streichen 49 aus; jedoch hätte er ſowohl als Bertha das Leben opfern muſſen, ware nicht ein bewaff⸗ neter Reiter, durch den aͤngſtlichen Huͤlferuf aufmerkſam geworden, von der Straße ab⸗ biegend, herangeſprengt.„Alle Blitz' und der Hagel, ihr Hoͤllenbeſtien!“ hallt fuͤrchter⸗ lich des Reiters droͤhnende Stimme, und: „Jeſus Maria!“ ſchreiet der eine,„Kreuz,Kreuz⸗ donnerwetter!“ bruͤllt der andere Schurke. Denn indem der beherzte Retter, der kein Anderer als Lieutenant Hadermann war, zwiſchen Robert Feſſelring und jenen Schurken Halt machte, hieb er dem einen in die rechte und dem andern in die linke Schul⸗ ter, worauf er abermals ſeinen Saͤbel ſchwang, um, wie es ſchien, jedem auch noch den üͤbri⸗ gen Arm vom Rumpfe zu trennen. Die Boͤſewichte, durch heftigen Schmerz zu ſer⸗ nerer Gegenwehr unfaͤhig, wollten die Flucht ergreifen; aber Hadermann ſtellte ſich vor ſie und verlangte, ſie ſollten ihm in die Stadt folgen, wenn ſie noch ein Weilchen zu Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 4 50 teben wunſchten, waren ſie aber nicht geneigt, ſich von der Obrigkeit vernehmen zu laſſen, ſo wolle er augenblicklich ihre verruchten Wolfsſeelen ins Fegefeuer erpediren.„Laß ſie, Bruder, laß ſie ihres Weges ziehen,“ rieth Feſſelring,„was ſie empfangen ha⸗ ben, wird hoffentlich hinreichen, ſie vor Wie⸗ derholung ihres Verbrechens zu warnen.“ Hadermann fand dieſen Rath auch aus andern Grunden vernünftig, und rief mit ſtarker Stimme:„Packt Euch, marſch Ihr Teufelsgeſindel!“„Nein, ſo ſchnell noch nicht! Bevor ſie nicht Alles, was ſie dieſem armen Maͤdchen geraubt haben, herausgege⸗ ben, ſollen ſie nicht einen Schritt von hier weichen,“ verlangte Robert und nahm ih⸗ nen verſchiedene Kleinigkeiten, die Bertha's Eigenthum waren und ſtellte ihr dieſes wie⸗ der zu. Mit Anmuth dankte ſie ihm und dem Lieutenant Hadermann, die ſie Beide als ihre Schutzengel betrachtete. Robert Feſſelring umarmte den Offizier und ſagte 54 ihm in ſchmeichelhaften Ausdruͤcken aufrichti⸗ gen Dank.„Ich habe damit nur einer blo⸗ ßen Schuldigkeit genuͤgt und noch lange nicht meine Verbindlichkeit gegen den edeln Kauf⸗ mann Feſſelring erfuͤllt“ ſagte Hader⸗ mann und, nach der Kapelle zeigend, rief er aus:„Da biſt du ja auch noch, alte morſche Reliquie. Lange iſt es, daß wir uns nicht geſehen habe; ich komme, nicht mehr ein ſchuͤchterner Bube, dem die geſpenſtigen Er⸗ ſcheinungen und froſtigen Toͤne in deiner Naͤhe nicht ſelten die Haare auf dem Kopfe emporgezogen haben,— ich komme als ruͤ⸗ ſtiger Streiter fuͤr's Vaterland und fuͤr dich, altes, mit Aberglauben erfuͤlltes Magazin!“ Die Sporen reizten des braunen Roſſes Flan⸗ ken, der Zuͤgel ward heftig zuruͤckgezogen, und faſt nur auf den Hinterfuͤßen paradirte das muthige Thier die wenigen Schritte nach der Kapelle. Robert, der fuͤr dieſes Manoͤver keine Augen zu haben ſchien, war nur mit Ber⸗ 4* 52 tha, die ſich immer noch nicht ganz von ih⸗ rem Schrecken und ihrem Bluten erholt hatte, angelegentlich beſchaͤftigt.„Aber,“ begann er im Tone der freundlichſten Theilnahme,„aber ſagt mir doch nur, gute Bertha, warum Ihr Euere, wie es ſcheint, ganze Baarſchaft mit auf die Reiſe genommen habt?“ Ber⸗ tha ſeufzte tief auf.„Wohl wahr,“ ſprach ſie,„meine ganze Baarſchaft; es ſind dieſes die Trinkgelder von braven Reiſenden, und auch das Eurige befindet ſich in dieſem Suͤmmchen, die ich mir geſammelt und weß⸗ halb ich manchem Vergnuͤgen entſagt habe.“ „Es hat Euch alſo Muͤhe gemacht, dieſes Geld ſo weit zuſammen zu bringen, und dennoch wagt Ihr, das ſauer Erworbene mit auf den unhekannten weiten Weg zu nehmen? Geſteht mir's doch, warum Ihr dieſes thatet; viel⸗ leicht kann ich Euch dienen,“ ſprach Robert. „Fuͤr den Maler Lichtung— ach! fuͤr ihn, den Unglücklichen, den Verfolgten, aber auch Verblendeten iſt dieſe Borſe Z ihn 53 gehoͤrt auch mein Leben. Verſchmaͤhet er beides, ach Gott, dann—“„Huͤlfe! um Gottes willen Huͤlfe!“ rief Jemand von der Seite her, nach welcher ſich Hadermann gewendet hatte. Er war es ſelbſt, der in größter Angſt dieſen Schrei des Entſetzens ausſtieß.„Helft, alle ihr Heiligen! was giebt's dort ſchon wieder?“ rief Robert und ſtuzzte nach der Gegend hin, woher der Ruf erſcholl, die erſchrockene Bertha dem Schutze Gottes empfehlend. Als er an der Kapelle anlangte, fand er den Lieutenant Hader⸗ mann am Pferde zappelnd, den linken Fuß noch im Steigbuͤgel, den Kopf auf dem Erd⸗ boden, die Klinge halb aus der Scheide, das Pferd aber gewaltig ſchnaubend und ſchnar⸗ chend, mit wildrollenden-Augen und weit ge⸗ oͤffneten Naſenlochern, ſich hoch und furchter⸗ lich bäͤumend. Beherzt nahete er ſich, befreiete den Fuß vom Buͤgel und ſprang am Pferde empor, dieſes beim Zaume faſſend, und wen⸗ dete es raſch um. Das Thier ſchien aus ei⸗ ner alle Nerven anſpornenden Raſerei jetzt wieder zu ſich ſelbſt zu kommen, holte wie ſein Herr, der ganz blaß geworden war, tief Athem und zitterte an allen Gliedern, der Schaum ſtand hoch vor dem Gebiſſe, und Hadermann trocknete ſich den Angſtſchweiß ab.—„In aller Welt,“ fragte Robert, „was iſt denn hier vorgefallen, Meiſter im Ritt?“„Ach, Freund, die entſetzliche Er⸗ ſcheinung!“ antwortete ſchaudernd der Lieute⸗ nant.„Immer habe ich nicht glauben wol⸗ len, daß es die Kapelle nicht leide, daß Je⸗ mand ſich ihr ohne Andacht nahe; ich— mit muthwilligem Geſpoͤtt— reite herzu— dunkel ward es ploͤtzlich vor meinen Augen und doch ſehe ich ſie roth, wie mit Blut uͤbergoſſen, hoͤre ein Stoͤhnen in ihrem Innern; plotzlich wieder iſt die ganze Kapelle aus lauter Spin⸗ nengewebe errichtet, ich kann hinein ſchauen in ihr Inneres; ein Sarg ſteht offen da, und wer liegt darin? Ich, ich ſelbſt, todt, re⸗ gungslos wie ein ſteinernes Bild. Mein 55 Pferd mußte noch fruͤher als ich ſo etwas Braßliches gewahr geworden ſein; denn kaum war es auf den Platz getteten, als es zu ſchnauben und zu brauſen begann; es baͤumte ſich, ließ ſich nicht herunter ziehen und weder vor⸗ noch ruckwaͤrts bewegen; ich verlor auf die Art das Gleichgewicht und mußte mich in Alles ergeben, was da kommen möchte. In dieſer entſetzlich gefährlichen Lage haſt Du mich gefunden und mich daraus befreiet. Nimm meinen herzlichſten Dank, Freund mei⸗ ner Seele!“„Danke nicht, Hadermann,“ ſprach Robert;„was ich that, war nur Schuldigkeit. Aber ſonderbar, ſonderbar! ich begreife nur nicht—“ a, ja,“ entgegnete Hadermann,„ich begreif' es auch nicht; aber ich mache der Kayelle drei S So!“ „Wer da?“ rief eine rauhe Stimme in der Gegend, wo Bertha noch wehmuͤthig ſaß, und ein heller Schrei beantwortete das wie⸗ derholte„Wer da!“„Freund,“ ſagte Ha⸗ dermannn, hier iſt's, ſoll mich gleich der T—“ Ein aͤngſtliches Stöhnen dringt in demſelben Augenblicke von der entgegengeſetzten Seite von der Kapelle heruͤber. Robert erblaßte, ſeine Fuͤße zitterten, Hadermann ſtieg be⸗ bend zu Pferde und dieſes fing wieder an zu ſchnauben.„Fort, fort von hier!“ ſchrie der Lieutenant.„Ja, aber der helle Schrei kam von Bertha, ihr zu Huͤlfe!“ rief Robert. „Hier iſt ein Verbrechen begangen und die Boͤſewichter ſind noch in der Naͤhe!“ ſagte Jemand, und:„Hier iſt ja Blut, wahr⸗ ſcheinlich Menſchenblut!“ rief ein Anderer.— Jetzt nahen der Lieutenant und der Kaufmann dem Orte, wo ſie Bertha verlaſſen hatten, und erblicken zu ihrem Erſtaunen einige Ge⸗ richtsperſonen und deren Diener, den gefeſſel⸗ ten Maler Lichtung in der Mitte, der mit bleichem Antlitz und geſenktem Kopfe die ver⸗ ſchmaͤhete Bertha anſieht, die uͤber den traurigen Anblick ihres Geliebten ohnmaͤchtig zuruͤckgeſunken war. Ihr Gewand zeigte 57 Blutflecken, einige Schritte von ihr ſah man Blut; ihr vom Schrecken ausgepreßter Schrei war gehoͤrt worden, man glaubte daher, an dem Maͤdchen waͤre ein Verbrechen begangen worden. Mit verſtortem Antlit, mit wilden Blicken, noch zitternd erſchien Robert und Hadermann.„Was iſt hier vorgefallen, meine Herren?“ ſo redeten die Richter dieſe Letztern an. Eben wollte Robert dieſe Frage umſtaͤndlich heantworten, als Hadermann ſeinen Degen zog und auf den Maler wu⸗ thend eindrang und ausrief:„Nichtswuͤrdi⸗ ger, bekenne, weißt Du, daß mein Großvater Silberbarren geſtohlen hat?“ Lichtung: „Wer ſeid Ihr, raſendes Ungethum?“„Ich bin der Lieutenant Hadermann, und bin gekommen—“„Ja, ja,“ unterbrach ihn der Maler,„ſo ein Hadermann fehlte eben noch!“ Aber gleichzeitig riefen die Richter: „Gekommen ſeid Ihr, um ins Gefaͤngniß zu wandern. Auch iſt ja Euer Degen mit Blut gefaͤrbt. Packt ihn!“ war der Befehl an die 58 Gerichtsdiener, die nicht unbewaffnet waren und augenblicklich auf den Lieutenant eindran⸗ gen. über das furchterliche Getoͤſe war Ber⸗ tha wieder zu ſich ſelbſt gekommen.„Mein Retter!“ rief ſie, auf Hadermann zeigend. „Um aller Heiligen willen, ſchont, meine Herren, ſchont dieſen braven Mann, er hat mich und die Jungfrau hier von Straßenräu⸗ bern befreit!“ flehte Robert Feſſelring, und berichtete, waͤhrend Hadermann und die Diener ihre drohende Stellung einſtwei⸗ len beibehielten, den Hergang der Sache. Bertha beſtätigte dieſes Alles. Hierauf wurde der Lieutenant um die Urſache ſeines Zorns gegen den Maler und um den Sinn ſeiner Worte befragt. Er erzaͤhlte Folgendes: „Vor acht Tagen läͤßt der Chef des Re⸗ giments, in dem ich zu dienen die Ehre habe, mich zu ſich beſcheiden und eroͤffnet mir, er habe von dem Magiſtrate meiner Vaterſtadt die Aufforderung erhalten, entweder mich ſelbſt zu ſenden, damit ich an Ort und Stelle uͤber 59 eine dunkle Angelegenheit Auskunft geben moͤchte, die Sache ſei mir nicht fremd, indem ſie mein ganzes Geſchlecht betreffe; wolle aber der Regiments⸗Chef mich nicht dahin beordern, ſo moͤchte er ſelbſt mich uber fol⸗ genden Punkt hoͤren: „Der Korporal Hadermann hat nach Ausſage eines Zweiten oder Dritten an Je⸗ manden ſieben Silberbarren, an Gewicht 35 Pfund, fuͤr 300, ſtatt ihrem wahren Werthe nach fuͤr 740 Gulden verkauft. Dieſer Kor⸗ poral Hadermann war des Lieutenants Caͤſar Hadermann's Großbvater. Woher derſelbe das Silber bekommen habe, daruͤber werde der Lieutenant gehoͤrt und deſſen Aus⸗ ſage uns baldigſt geſendet ꝛc.“ Durch den Boten, der das mich belei⸗ digende Schreiben uͤberbrachte, hatte ich ſchon erfahren, daß der Maler Lichtung gefaͤnglich eingezogen ſei, weil er im Verdachte ſtehe, die Kapelle beraubt zu haben, und daß dieſer Elende in groͤßter Verlegenheit geradezu mei⸗ 60 nen ehrlichen Großvater des Diebſtahls be⸗ ſchuldigt und behauptet habe, die in ſeinem Ranzen gefundenen Silberſtangen waͤren ein Familiengut, das die Lichtung's ſtets als ein Heiligthum bewahrt hätten. Auch hat es mich ſehr empoͤrt, daß er in unſerer Familie Zauber und Hexerei zu finden meint. Ich ſchwore bei Gott und bei Allem, was heilig iſt, dieſer erbaͤrmliche Wicht von Maler, die⸗ ſer Erzluͤgner ſoll bluten unter meinem Ra⸗ cheſchwerdt!“ „Lieutenant, Ihr ſeid im Irrthum,“ ver⸗ ſicherten die Gerichtsperſonen, Haderm ann's zornentflammte Rede unterbrechend,„nicht der Maler hat dem Gerichte jene Anzeige gemacht, ein juͤdiſcher Handelsmann that dieſes und verſicherte, das Silber ſelbſt von Euerm Großvater gekauft zu haben.“„Wer iſt dieſer Schurke, dieſe alte Beſtie? es muß der luͤgneriſche Sohn Iſtaels fallen; Euch aber, Lichtung, ſchenke ich füͤr diesmal das Leben!“ Hierauf gab er ſeinem Pferde den 61 Sporn und galoppirte von dannen. Lich⸗ tung aber rief ihm nach:„Dank Euch, Hadermann, fuͤr das Licht, das Ihr mir angezuͤndet!“„Was ſoll das heißen?“ frag⸗ ten die Richter.„Meine Herren,“ antwortete der Maler,„habt die Guͤte, mich in die Ka⸗ pelle zu begleiten; was die ausgeſprochenen Worte bedeuten moͤgen, wird zu ſeiner Zeit klar werden, ſo wahr ich unſchuldig leide.“ Robert Feſſelring und Bertha er⸗ hielten die Weiſung, ſich zu entfernen. Da ging das Maͤdchen, mit der linken Hand die Augen zuhaltend und laut ſchluchzend, auf den Maler zu und uͤberreichte ihm das mitgebrachte Geld mit den Worten:„Verſchmaͤhe, Liebſter, die kleine Gabe nicht. Bertha will Dir da⸗ mit zu erkennen geben, daß ſie Dir treu ſei und bleibe, und das Dargebotene kann Dir nützlich werden.“„Ich danke Dir, Bertha, ſagte der Maler.„Ich nehme Dein Geſchenk an, wenn Du dabei keine Nebenabſichten haſt.“ Bertha wandte ſich von ihm heſtig weinend 62 ab.„Moge Gottes Engel Dich ſchützen, ret ten und erhalten! Ich aber werde bald dem Grame erliegen,“ rief ſie ihm zu und verließ in Robert's Begleitung den grauenhaften Huͤgel. „Wieviel war es, was Ihr dem undank⸗ baren Maler gegeben habt?“ fragte Robert. „Ach, es waren nur funfzig Gulden. Gott weiß, daß ich nicht mehr geben konnte, weil ich nicht mehr hatte,“ entgegnete ſie.„Be⸗ ruhigt Euch, liebes Kind,“ troͤſtete Robert, „und Ihr erhaltet von mir den Erſatz. Kommt, ich fuͤhre Euch bei meinen Eltern und bei meiner Schweſter Laurentia ein und ſie Alle werden gewiß dafuͤr ſorgen, daß es Euch wohl gehe und in ihrem Hauſe gefalle,“ ſetzte er als gefuͤhlvoller Menſch hinzu, wobei er aber Bertha's Hand ergriff und ſie innig druͤckte, ſo daß des Maͤdchens Geſicht ſich hochroth faͤrbte. Wehmuth und ſanfte Freude, das fuhlte ſie, wechſelten jetzt in ihrem Herzen. Nit thraͤnenden Augen blickte ſie ihrem edelmu⸗ thigen Begleiter ſo ruͤhrend dankbar in's milde Antlitz; ihr war, als ſolle ſie ihm um den Hals fallen und ihn kuͤſſen. So durchbricht der holde Sonnenſtrahl den kalten Herbſt⸗Nebel und gießt mit einem heitern Blicke wohl⸗ thuende Waͤrme in das erſterbende Thal, auf den ſich entblaͤtternden Wald oder auf die modernden Stoppeln im Felde. Das iſt die ſanfte Macht der milden und warmen Naͤch⸗ ſtenliebe. Der Tag, an welchem der ſchon einige Male erwaͤhnte Bote bei Steinegk und Hortenſia und dann in Frankfurt angekom⸗ men, war zum Martertage des Malers be⸗ ſtimmt worden. Am Morgen deſſelben Ta⸗ ges kam der achtzigjaͤhrige Iſraelit Ismael Samstag, der als reicher Wechsler in den 64 vornehmſten Haͤuſern Zutritt hatte und ſonſt wegen ſeiner Redſeligkeit und feinen Witzes beliebt war, zum furſtlichen Praͤſidenten, um mit demſelben ein Geldgeſchaͤft abzumachen. Ismael bemerkte ſehr bald die verſtimmte Laune des Herrn Praͤſidenten und ſuchte ihn durch ſeine Spaͤßchen aufzuheitern.„Laßt mich, Freund Samstag,“ hieß es,„heute bin ich ſehr unruhig; das Gefuͤhl, das man bei allem Anſehen, ſelbſt dem hoͤchſten Range angehoͤrend, doch nur ein ſchwacher und kurz⸗ ſichtiger Menſch und nicht immer vermoͤgend ſei, das Recht vom Unrecht, das Wahre vom Falſchen zu unterſcheiden, daß man beim red⸗ lichſten Willen doch nicht immer im Stande ſei, den Schuldigen zu entdecken und zu be⸗ ſtrafen, und den Schuldloſen zu retten, dieſes Gefuhl, ſage ich, macht mich traurig und ſchlägt mich nieder und iſt beſonders heute mit mir erwacht.„Herr Praͤſident,“ fragte neugierig Is mael,„warum gerade doch wohl heute? Iſt's doch ein wunderſchoͤner Morgen⸗ 65 den der Herr Gott hat laſſen werden.“„Ja, mein Lieber,“ erwiderte der Präſident,„zu⸗ weilen iſt das Gemuͤth vermoͤge der eventuel⸗ len Koͤrperbeſchaffenheit zu dergleichen Gefuͤh⸗ len ſehr geneigt, ohne daß deshalb ein wah⸗ rer Grund in der Wirklichkeit vorliegt, zu⸗ weilen iſt aber auch die Gemuͤthsſtimmung bedingt durch die aͤußerlichen Umſtaͤnde, iſt, ſo zu ſagen, Product aus gegebenen Fac⸗ toren. Das Letztere, glaube ich, iſt heute der Fall.“„So? nun—? Aber verzeiht dem neugierigen alten Ismael. Koͤnnte er viel⸗ leicht nicht beitragen zu Eurer gluͤckſeligen Beruhigung ein Scherflein?“„Ach, Ismael, ich weiß nicht, was mit dem Maler Lich⸗ tung anzufangen. Entweder iſt dieſer Mann, zwar noch jung, aber dennoch ein ausgelern⸗ ter Boͤſewicht, oder er iſt, wie ſeine Mienen und Reden zu bezeugen ſcheinen, nur ein vom Schickſale verfolgter Menſch. Sprecht, kennt Ihr ihn vielleicht genauer als ich? Heute ſoll er durch die Qualen der Folter zu einem Die Siegwarts⸗Kapelle. II. S 66 Geſtäͤndniſſe gebracht werden.“„Au weh,“ rief der Iſraelit aus,„da wird Zeter und Mor⸗ dio geſchrien werden und dennoch kommt nicht ein erwuͤnſchtes Geſtaͤndniß, weil es nicht kann kommen.“„Wie ſo? ſprecht doch, Alter!“ „Na ſo hoͤrt denn, Herr Präſident: Es moͤ⸗ gen wohl zwei und fuͤnfzig Jaͤhrchen ſein, als ich da ſtehe in Gedanken auf der Bruͤcke und ein aͤltlicher Soldat kommt daher, graͤmlichen Geſichts, aber dennoch ein luſtiges Liedlein traͤllerte er; wie er mir nah iſt, frag' ich ihn, ob er etwa was hatte zu handeln mitgebracht aus fernen Gegenden.„Ja wehl, Schacher⸗ jude; aber haſt Du auch ſo viel Geld mitge⸗ bracht, um mit mir Dich einzulaſſen in einen Handel? Wo nicht, ſo ſchwoͤre ich Dir, will ich Dich hauen in Stüͤcken und mit Deinem Fleiſch die Hunde und Schweine futtern,“ antwortete mit der Kriegsmann.„Nun, nun,“ antworte ich,„hoff' ich doch, den gan⸗ zen Mann mit Sack und Pack bezahlen zu konnen, ſo laßt doch mal ſchauen!“ Nichts 67 weiter, gar nichts mehr als ſieben Silberbar⸗ ren holte er aus ſeinem Torniſter.“„Ha ha,“ dacht ich,„die liegen recht weit oben, die hat der Monſieur in der Nahe geraubt!“ Ich werde ſehr bald mit ihm des Handels einig; denn Ihr muͤßt nur wiſſen, daß er damit ſehr ge⸗ heim that und gewaltig eilte. Jedes Staͤng⸗ lein hielt nach dem Gewicht, das meine Hand verſteht, fuͤnf Mark; das Silber war ächt, 3 und doch erhandle ich die ganze Waare fuͤr nur dreihundert leichte Gulden.“„Und wer war der Mann?“ fragte der Praͤſident.„Et⸗ wa des Malers Vater?“„Ei, wohin denkt Ihr doch wohl! bewahre der Himmel; der Vater des Malers hat nie eine Muskete ge⸗ tragen; der kroch lieber in den Winkeln der Saͤle herum wie eine Ratte, die da ſucht ein Stuͤck fuͤr den Magen; nein, der Korporal Hadermann war es; derſelbe dachte wohl, ich kennte ihn nichtz aber er war es, dem ich die Silberſtuͤcklein abhandelte. Deſſen Sohnes Kind iſt der Lieutenant Cäͤſar Ha⸗ 5* * 68 dermann in Frankfurt. Fragt— vielleicht weiß er was.“ So war es alſo geſchehen, daß ein Bote nach Frankfurt abgefertigt wurde mit dem Schreiben, deſſen Inhalt uns ſchon bekannt iſt, und daß dieſer Tag fuͤr den Maler ohne heftige Schmerzen voruͤber gegangen war. Nach Verlauf von vier Tagen kam Antwort von dem Regiments⸗Chef. Hadermann haͤtte erklaͤrt, er wiſſe gar nichts von Silber⸗ varren, die je in ſeiner Eltern Hauſe gewe⸗ ſen waͤren. Entweder habe Jemand aus Irr⸗ thum oder aus Bosheit das Gericht belogen, oder man wiſſe in der Reſidenz ſelbſt nicht, was man eigentlich wolle. Nochmals ward der Maler aufgefordert, ein auftichtiges Bekenntniß abzulegen, wenn er ſich nicht wolle peinigen laſſen. Da er⸗ klärte er, daß es ihn ſehr wundere, daß man ihn noch nicht an den Ort geführt habe, wo er den Diebſtahl begangen haben ſolle. Er ſei uberzeugt, er werde, wenn dieſes geſchaͤhe, 69 Jedermann von ſeiner Unſchuld belehren kön⸗ nen.„Die Ausſage der Unterſuchungs⸗Com⸗ miſſion verwerfe ich; denn ſie beſteht aus Maͤnnern vom Hof, die dem Herrn Kammer⸗ diener gefaͤllig ſein wollen. Man geleite mich zur Kapelle!“ Dagegen war Rechtens nichts einzuwenden, man mußte es gewaͤhren. In Begleitung zweier Gerichtsherren und dreier Diener gelangt Lichtung auf dem Huͤgel der Siegwarts⸗Kapelle an, als ſich Bertha, die uͤber ſeinen Anblick ſo heftig erſchrak, daß ſie laut aufſchrie und ohnmächtig wurde, und Robert nebſt dem Lieutenant Hadermann ebenfalls dort befanden. Wir waren Zeuge des uber jenes Zuſammentreffen ſich entwickeln⸗ den ſturmiſchen Auftrittes. Nachdem Hadermann davon geſprengt und Feſſelring nebſt Bertha ſich ebenfalls entfernt hatten, ſchritt die erwaͤhnte und be⸗ reits bezeichnete Geſellſchaft der Kapelle zu. Ihr Anblick machte des Malers Blut in den Adern ſtocken; er wurde bleich und zitterte 70 heſtig.„Wie,“ dachte er,„wenn nun die Rachegeiſter wieder erſchienen?“ Eben ſollte geoffnet werden, da ließ ſich ein Ichzen und Stoͤhnen hoͤren; Lichtung bebte. Die Sa⸗ che wurde unterſucht, und ſiehe, die beiden Straßenraͤuber, welche von Hadermann verwundet worden waren, lagen da und ſchwammen in Blut. Zu tief und zu nahe an den Hals war der Hieb bei jedem derſelben eingedrungen, der Schmerz hatte ſie hier nahe hinter der Kapelle niedergeworfen. Die Gerichtsdiener verbanden die Wunden ſo gut ſie konnten, einer mußte dann bei ihnen Wache halten, waͤhrend die uͤbrigen ſich in das Gebaͤude begaben. Sie wurden geheilt und hierauf in das Gefaͤngniß geſetzt. Ha⸗ dermann aber hatte in der Folge viele Ver⸗ antwortung davon, weil er als Bewaffneter und noch dazu zu Pferde die beiden Maͤnner mit Huͤlfe des Kaufmanns leicht haͤtte un⸗ ſchaͤdlich machen und dieſelben der Obrigkeit zufuhren koͤnnen und ſollen. Doch greifen 71 wir der Erzaͤhlung nicht vor und warten die Entwickelung der Sache ſelbſt ab! Die Thuͤr der Kapelle wurde geoͤffnet und ein grauenhaftes Halbdunkel empfing die Eintretenden. Wohl kannte Lichtung dieſes Duͤſtere, jedoch eines Schauders konnte er ſich nicht erwehren. Hinter dem Altare lehnte noch ſeine Standleiter an der feuchten Wand. Einer der Richter redete ihn jetzt an:„Nun iſt es an Euch, Lichtung, uns zu zeigen, wie Iht in das Gewolbe gekommen ſeid.“ „Ja,“ antwortete er,„das wuͤrde ich Euch leicht begreiflich machen koͤnnen, wenn ich nur meine Haͤnde frei hoͤtte.“ Ohne auf dieſe Worte zu achten, ließen die Gerichtsherren Licht anzunden, um, wie ſie ſagten, den wei⸗ nenden Kopf auch zu ſehen. Es geſchah. Hierauf ſuchte man nach einer Leiter oder Stufe, um empor kommen zu koͤnnen. Lich⸗ tung's Standleiter wurde gefunden und hervorgeholt, an die weſtliche Wand geruͤckt und eine Gerichtsperſon ſtieg hinauf, die bren⸗ 72 nende Kerze in der Hand haltend und damit in die Niſche leuchtend. Er fand die bei al⸗ ler Vorſicht des Malers doch verſchobene Steinplatte, unter welcher ein leerer Raum war, in deſſen verweſ'tem Moͤrtel man die Abdrucke der Silberbarren deutlich erkennen konnte.„Ha ha!“ rief der gluͤckliche Finder; „nun ſeid Ihr uͤberfuͤhrt, Lichtung! nichts hilft Euch, noch Euer hartnaͤckiges Leugnen. Geſteht“„Was geht mich das an? das Silber iſt mein Eigenthum; es iſt mir teſt⸗ mentariſch vermacht,“ entgegnete der Maler ſtandhaft.—„Habt Ihr das Document noch?“—„Ich hatte es noch auf dem Fortunen⸗Schachte, weiß aber leider nicht, wohin es gekommen ſein mag.“„Poſſen, Herr Kunſtmaler, Poſſen!“ ſprach der unten befindliche Herr.„Aber,“ hob der auf der Leiter ſtehende wieder an,„hier koͤnnen nicht vierzehn ſolcher Silberſtangen gelegen haben, unterſuchen wir daher auch den Raum unter⸗ halb des Altars.“ Bei dieſen Worten ſtieg 73 er herab. Der Altar war unverſehrt. Von unten herauf vermoͤge ſeiner Leiter, ſo ſchloß man, koͤnnte der Maler den Diebſtahl began⸗ gen haben.„Jetzt ſollt Ihr uns zeigen, wie Ihr in das Gewoͤlbe hinabgekommen ſeid,“ befahlen die Richter. Lichtung verlangte nochmals ſeiner Feſſeln los zu werden, dann wolle er ihnen willfahren. Sie wurden ihm abgenommen. Er ergriff, wie damals, ſeine Standleiter mit beiden Haͤnden, ſtieß ſie hef⸗ tig vor ſich nieder, daß der Fußboden knackte und— fuhr zu aller Erſtaunen hinunter. In demſelben Augenblicke aber ließ eine dum⸗ pfe Stimme in der Tiefe ſich hoͤren:„Kommſt du und bringſt mein Gut wieder? oder du mußt ſterben!“ Unmittelbar auf dieſe Droh⸗ worte ſchallte ein jaͤmmerlicher Schrei herauf, es war Lichtung's Stimme. Keiner der Anweſenden getrauete ſich, in das Gewoͤlbe hinabzuſchauen, vielmehr ſahen Alle einander betroffen an und gingen ſchweigend hinaus und verſchloſſen die Kapelle wieder. Als ſie 74 dieſelbe ſammt dem Huͤgel, auf dem ſie ruht, verlaſſen hatten, riefen ſie aus:„Gott ſelbſt hat den Verſtockten gerichtet, oder Sieg⸗ wart's erzurnter Geiſt hat ihn zur Rechen⸗ ſchaft gezogen.“ Ihnen folgte der bei den Verwundeten zuruͤckgelaſſene Diener mit letz⸗ tern langſam nach.— Unverweilt gelangte dieſe Nachricht an den fuͤrſtlichen Hof, wo man unglaͤubig die Köpfe dazu ſchuͤttelte; der Praͤſident machte ein verdrußliches Ge⸗ ſicht, obgleich er ſich innerlich nicht gegraͤmt haben wuͤrde, wenn er verſichert geweſen waͤre, daß die ihm laͤſtige Unterſuchung damit ihre Endſchaft erreicht habe. Eine ungeſaͤumt angeſtellte Nachforſchung blieb fruchtlos. Der Koͤrper des Malers mußte ſich in Dunſt auf⸗ gelöſ't haben, da man nirgends eine Offnung im Gewoͤlbe entdecken konnte. 75 um des Gerichtsamtmanns Feſſelring jungſter Tochter Laurentia zu ihrem zwan⸗ zigſten Geburtstage Gluͤck zu wuͤnſchen, hat⸗ ten ſich der Juwelier Steingold und deſſen Gattin Helene fruh ſchon bei ihr eingefun⸗ den; und um der trauernden Schweſter eine kleine heimliche Freude zu bereiten, war der Kaufmann Robert am Morgen hinausge⸗ gangen nach dem Gebuͤſche bei der Sieg⸗ warts⸗Kapelle, woſelbſt immer die erſten Veil⸗ chen zum Vorſchein zu kommen pflegten, ein Kraͤnzchen aus ſolchen ſuͤß duftenden Bluͤm⸗ chen zu winden. Da war es, wo er Ber⸗ tha fand und Lieutenant Hadermann er⸗ ſchien. Ehe er zuruͤckkommt, gelangt ein Brief an. Hortenſia, Steinegk's Gat⸗ tin, hatte an dem Tage, an welchem ihr Mann zu dem Gaſtwirth Wildbraten ge⸗ reiſ't war, den Brief noch nicht geſchrieben, weil ſie aus guten Gruͤnden deſſen Ruͤckkehr 76 erſt abwarten wollte. Auch in den naͤchſten folgenden Tagen hatten ſich einige Hinder⸗ niſſe zwiſchen Vorſatz und Ausfuͤhrung geſtellt, ſo kam alſo das Schreiben erſt jetzt, an Lau⸗ rentia's Geburtsfeſte an, um dieſem Tage vollends alle Heiterkeit zu rauben. Als der Brief ſo eben entſiegelt werden ſollte, ließ der Lieutenant Hadermann ſich melden. Er wurde herzlich willkommen geheißen. Mit einem Blicke auf den Brief erkannte er ſo⸗ gleich die Handſchrift ſeiner Schweſter und rief deßhalb, voreilig wie immer, verwundert aus:„Hole mich doch der Geier, das iſt Hortenſia's Schrift!“ Der Gerichtsamt⸗ mann erbrach den Brief und las ihn erſt in der Stille, dann der ganzen Geſellſchaft laut vor. Daß er des Malers umoͤblichen Lebens⸗ wandel und eine Schilderung Bertha's, wie auch herzliches Bedauern uͤber ihr Miß⸗ geſchick enthielt, das wiſſen wir, weil die Verfaſſerin deſſelben es ſagte, daß ſie ſolche Dinge ſchreiben wolle. Auch ſchloß er ver⸗ 77 ſprochenermaßen mit einer Warnung vor der Verbindung Laurentia's mit Lichtung, und that kund, daß Hortenſia die arme Verlaſſene in ihr Haus nehmen wolle, ſobald dieſe zuruͤckgekehrt ſei. Einſtimmig wurde dieſer Entſchluß gelobt. Hadermann, der des Maͤdchens Verhaͤltniſſe naͤher kannte, druͤckte uber die uble Behandlung, die dem⸗ ſelben von dem Oheim widerfuhr, ſein Be⸗ dauern aus und lobte manche Tugend Ber⸗ tha's.„Siehſt Du, Kind,“ ſagte die Frau Gerichtsamtmaͤnnin zu Laurentia,„ſiehſt Du nun ſelbſt ein, daß der Vater wahr re⸗ dete, als er zu Dir ſagte, der Maler Lich⸗ tung ſei Deiner nicht werth?“ Laurentia ſeufzte.„Und uͤber dem allen,“ fuhr ſie fort, „hat ja, wie man hoͤrt, der Menſch ſchon fruͤher gewaͤhlt, getaͤuſcht und ein armes Maͤdchen ungluͤcklich gemacht. Seine Pflicht erheiſcht es, das beleidigte Maͤdchen ſo viel wie moͤglich zu entſchaͤdigen und ſein ihm gegebenes Wort zu erfuͤllen. Darfſt Du ihn 78 daran wohl hindern?“„Rein, liebe Mutter, bei Gott, das mag ich nicht!“ erwiderte Lau⸗ rentia.„Aber—“„Kein Aber iſt hier anwendbar!“ nahm der Vater das Wort, „die Gerechtigkeit laͤßt ſich nichts nehmen, wenn ſie den Namen verdienen ſoll. Ber⸗ tha muß— ich ſage— muß des Malers Gattin werden!“„Wenn ſie will!“ erſcholl es herein durch die ſich oͤffnende Thuͤr.„So haben wir zu dem Aber auch ein Wenn,“ ſagte Feſſelring zu ſeinem eintretenden Sohne Robert, der ſich nach dem Saale umblickte und rief:„Hiermit nehme ich mir die Freiheit, Euch, lieben Eltern und Schwe⸗ ſtern, des Herrn Malers geweſene Braut vorzuſtellen, die ich Eurem Wohlwollen be⸗ ſtens zu empfehlen wuͤnſche. Ei, da iſt jz auch der Herr Schwager Steingold!“ „Aufzuwarten!“ erwiderte dieſer.„Das Maͤdchen, von dem Ihr ſagtet, war fruͤher wohlhabend und iſt nun arm? Ja, durch Schaden wird man klug, aber nicht reich!“ 79 ſetzte Steingold hinzu mit Achſelzucken.— Bertha wurde nun in das Zimmer gefuͤhrt. Mit unerwartetem Anſtande erſchien ſie und ſtattete ihrer Nachfolgerin in Lichtung's Liebe, oder vielmehr in der Taͤuſchung und Beleidigung durch denſelben, ihren Gluͤck⸗ wunſch in kunſtloſer, aber gefaͤlliger Anrede ab. Robert erzaͤhlte nun die Art und Weiſe, wie er Bertha gefunden habe und berich⸗ tete Alles, was ſich in der Naͤhe der Kapelle zugetragen hatte, ausgenommen, daß Hader⸗ mann auf den Maler eingedrungen war, was er deshalb uͤberging, damit des Lieute⸗ nants Zorn nicht wieder auflodern moͤchte. In deſto helleres Licht wußte aber Robert Bertha's großmuͤthige Handlung zu ſetzen. Ihr Lob erſchallt faſt einſtimmig aus jedem Munde, nur der karge Juwelier findet daran etwas auszuſetzen.„Ich daͤchte aber doch,“ ſpricht er,„die Summe, und wenn ſie an ſich auch nur klein war, haͤtte die Jungfer wohl beſ⸗ ſer gebrauchen köͤnnen. Das Geld iſt theuer, ja, man konnte wohl ſagen, iſt der theuerſte Gegenſtand in unſerer Welt.“„Theurer moͤchte wohl die Ehre ſein, mein Herr!“ meinte Hadermann. Da nahm der Ge⸗ richtsamtmann das Wort und ſagte:„Jeder Menſch hat ſeine eigene Denk⸗ und Hand⸗ lungsweiſe. Bertha hatte dem Maler ein⸗ mal Treue angelobt und will ihn durch ihre Guͤte wieder gewinnen, den Verirrten. Ihr Grundſatz iſt rein menſchlich, iſt chriſtlich fromm. Und es kann nicht fehlen, der Him⸗ mel wird ſie ſegnen mit dauerhaftem Wohl⸗ ergehen. Doch, Kinder, ich daͤchte, wir lie⸗ ßen das Moraliſiren und waͤren heute froh⸗ lich. Denn bedenkt, welche Wohlthat von oben herab uns zu Theil geworden: meine Tochter und auch wir Eltern ſind durch den Brief der Frau Steinegk und durch das wunderbare Zuſammentreffen meines Soh⸗ nes mit Bertha vor Begehung eines boͤ⸗ ſen Fehltrittes geſchuͤtzt, Laurentia iſt be⸗ ruhigt worden, hoffe ich. Statt daß wir, —— 8¹ waͤre nicht Alles ſo gekommen, wie's ſich zu⸗ getragen hat, heute meiner lieben Tochter Ver⸗ lobung mit dem Maler feierten, wollen wir derſelben vielmehr Gluͤck dazu wuͤnſchen, daß der Schleier gefallen iſt, wollen wir der gu⸗ ten Bertha gratuliren, daß ſie im Stande ſein wird, einen Menſchen, und zwar ihren Liebſten, leiblich und geiſtig zu retten, zugleich aber auch der allwaltenden Vorſehung dafuͤr danken, daß ſie uns bei Zeiten die Augen ge⸗ öffnet hat und ihr vertrauen, ſie werde auch alles übrige, was unſer Loos auch ſein möge, gluͤcklich ausfuͤhren.“— Die ganze Geſell⸗ ſchaft war von dieſen aus dem Herzen eines Biedermannes geſprochenen Worten geruͤhrt und von der Wahrheit derſelben durchdrun⸗ gen. Die Frauenzimmer weinten, die Maͤn⸗ ner reichten einander vertraulich die Haͤnde und alleſammt ſetzten ſich an die mit einem koſtlich duftenden Mahle beſetzte Tafel. Laurentia empfing brillante Geſchenke, unter denen ſich beſonders dasjenige ihres Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 6 82 Schwagers, des Juweliers, hervorthat. Die⸗ ſer überreichte ihr naͤmlich einen ſehr werth⸗ vollen Hauptſchmuck, in welchem vorzuͤglich ein prächtiger Diamant ſtrahlte, mit den Worten:„So wahr ich Euch, liebſte Lau⸗ tentia, aus aufrichtiger Geſinnung zu Eu⸗ tem Wiegenfeſte Gluͤck wuͤnſche, daß daſſelbe wenigſtens noch ſechzig Male Euch heiter zuruͤckkehren moge, ſo wahr verſichere ich Euch, daß ich, wäre heute die Verlobung mit dem charakterloſen Maler gefeiert wor⸗ den, von dieſem Hauſe fern geblieben ſein wuͤrde.“ Jeder der Anweſenden ſagte ihr etwas Schmeichelhaftes, aber auch etwas auf die ab⸗ gebrochenen Verhaͤltniſſe mit Lichtung Be⸗ zůgliches. Endlich kam die Reihe auch an Bertha. Mit Anmuth erhob ſie ſich von ihrem Sitze, trat beſcheiden vor Laurentia und ſagte:„Nehmt an, verehrtes Fraͤulein, dieſes Violenſtraußchen. Auf geweihtem, hei⸗ ligem Boden hat die milde Fruͤhlingsſonne dieſe lieben Erſtlinge hervorgerufen, um den 83³ frommen Buſen Eurer Jungfraͤulichkeit zu ſchmuͤcken. Moͤge bald, ſo unerwartet Ihr dieſe Bluͤmchen aus meinen Haͤnden friſchduf⸗ tend empfanget, ein auserkorenes reines Giuck Euer liebes Herz erfteuen!“ Nach⸗ dem Laurentia der Geberin ihren unge⸗ heuchelten Dank geſagt hatte, erkundigte ſie ſich, ob Bertha wirklich fuͤr ſie die Blu⸗ men gepfluͤckt habe.„Es waͤre mir freilich angenehmer,“ ſagte Bertha,„dieſe Frage bejahen zu koͤnnen, allein dem iſt nicht ſo. Kurz vorher, ehe ich von den boͤſen Männern uberfallen wurde, fand ich die Veilchen in der Naͤhe der Kapelle, ich pfluͤckte ſie und legte ſie in mein Koͤrbchen, damit ſie nicht ſo bald welken moͤchten.“ Der Violenſtrauß mußte nun die Runde machen und Bertha ſich's gefallen laſſen, von Allen gekuͤßt zu werden. Den feurigſten Kuß erhielt ſie von dem Kaufmanne Robert und unvermerkt war durch ihn das Feuer der Liebe ange⸗ facht. Bald hatte die Freude ihre vollen 6* 8⁴ Segel ausgeſpannt und Toaſte folgten ſchnell auf Toaſte; bald merkte aber auch der Ge⸗ richtsamtmann als Menſchenkenner, daß ſein Sohn und Bertha einander nichts weniger als fremd waͤren. Denn auffallend oft be⸗ gegneten beider Blicke einander, obgleich Bertha ſich Muhe zu geben ſchien, ſolches zu vermeiden und, war's dennoch wieder ge⸗ ſchehen, fluͤchtig erröthend die Augen nieder⸗ ſenkte. Es wurde an die Thuͤr gepocht, Feſſel⸗ ring der Vater ſtand deßhalb auf und ſagte: „Entſchuldigt, meine Lieben, nur einen Au⸗ genblick— hoffentlich!“ Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, ſo rief er auch ſeine Gat⸗ tin hinaus. Vergnügt kehrten Beide in kur⸗ zer Friſt zuruͤck.„Wenn man auch glaubt,“ begann der Gerichtsamtmann,„Alles in's Reine gebracht zu haben, um ein paar Stun⸗ den ungehudelt bleiben zu koͤnnen, ſo finden ſich doch immer wieder Kleinigkeiten, die das Gegentheil beweiſen, und glücklich wenn's noch 85 dabei ſein Bewenden hat!“— Hell klangen wie⸗ der die Glaͤſer und Scherze loͤſ ten Scherze ab. Fußerſt aufgeheitert und vergnügt erhob ſich endlich der Gerichtsamtmann und ſagte:„Die⸗ ſes Glas meinem Robert und der holden Bertha!“„Ich ſtoße freudig an, meine Kinder!“ ſagte die gleichzeitig auftretende Mutter.„Das iſt vorhin verabredet,“ rief Hadermann;„doch edle Leute haben nur edle Abſichten. Holla! Herr Juwelier Stein⸗ gold, es ſollen leben—“ Heftig wurde jetzt an die Thuͤr gepocht; der Hausvater ſprang eiligſt auf und oͤffnete.„Was bringſt Du, Strangler?“ redete er den Gerichtsdiener an. „Eine ſonderbare Neuigkeit,“ antwortete die⸗ ſer.„Denkt daruͤber, was Euch beliebt; aber wahr iſt's, Wohlgeborner Herr!“„Nun ſo rede doch. Was giebts denn nur?“ fragte Feſſelring etwas ungeduldig. Mit Achſel⸗ zucken und bedenklicher Miene ſprach der Ge⸗ richtsdiener:„Verungluͤckt muß er wohl ſein, denn anders laßt ſich's gar nicht denken. Es 86 war furwahr graͤßlich, entſetzich, verſichere ich Euch, ſo wahr ich ehrlich bin.“—„Ei mein Gott, was denn? ſo ſprecht doch, ſo kommt doch nur einmal an's Ende, Strang⸗ ler. Wer iſt verungluͤckt und wo?“„Lich⸗ tung der Maler— in der Kapelle— im Ge⸗ wolbe— ich ſelbſt hab' es mit meinen Au⸗ gen geſehen, und meine Ohren gellen noch von dem graͤßlichen Schrei, und von den furchterlichen Drohworten des Geiſtes, der bei dem Todten Wache haͤlt.“— Bertha erblaßte uͤber dieſen Bericht, faltete die Haͤnde und blickte mit thraͤnenden Augen gen Him⸗ mel.„Du biſt ein Narr in Folio, Kerl! was ſchwatzeſt Du da? Dummes Zeug! Wo in aller Welt ſoll der Maler in der Kapelle ver⸗ unglückt ſein? und das übrige Deiner Erzäh⸗ lung iſt nicht einen Pfifferling werth. Tritt naͤher, furchtſamer, dummer Dorfteufel.“ Strangler that wie ihm befohlen worden und trug Alles, verſteht ſich mit ein wenig übertreibung vor, was ſich begeben hatte, wie 87 wir bereits wiſſen. Kaum hatte er ſeine Er⸗ zaͤhlung beſchloſſen, als ein Schreiben von dem Regiments⸗Chef aus Frankfurt ankam, worin dem Lieutenant Hadermann die Ordre ertheilt wurde, unverzüglich dort hin zuruͤckzu⸗ kehren, weil man wegen der ſchnellen Ruͤſtung der Franzoſen und ihres eiligen Zuſammen⸗ ziehens hier in Deutſchland auf der Hut ſein muͤſſe. Er ſchied demnach von der Familie, in deren Kreiſe es ihm ungemein wohl gefiel. Das Gebot der Pflicht uͤber⸗ wiegt die Forderungen der Sinnlichkeit. Die beiden Madchen waien auf einan⸗ der nicht etwa eiferſuchtig, aber ſie ſaßen ein jedes in einer andern Ecke und beweinten den Geliebten. Laurentia wußte, daß Be rtha frühere und ſtarkere Anſpruͤche auf Lichtungs Liebe und Dankbarkeit gehabt habe, ſie wußte dieſes durch den Brief Hortenſ iens. Aber aus angeſtammter Gerechtigkeitsliebe uͤberwand ſie den Sturm in ihrem Buſen und entſagte allen Anſpruͤchen auf den Maler, in ſo fern er noch lebe und uͤbrigens zu rekten ſei. Bertha, nicht ſo tief fuͤhlend als Lau⸗ rentia, aber nicht minder hochherzig denn ſie, hatte es von Fortunette erfahren, daß Lichtung Laurentiens Geliebter ſei; doch haͤtte auch ſie ſeinem Beſitze entſagt, haͤtte ſie ihn durch dieſes Opfer retten können. „O Lichtung, unglucklicher Lichtung!“ rief die Eine;„Ach, unſchuldig verfolgter Maler!“ rief die Andere aus.„Es iſt aber doch nun einmal nicht zu aͤndern, meine Fraͤulein!“ ſo troͤſtete Steingold.„Das iſt der Weg der Vorſehung; wer darf ihn tadeln?“ ſagte mit beruhigendem Tone die Mutter und wiſchte ſich ſelbſt eine Zahre von den Wangen. „Gut, daß es ſo gekommen iſt; wer weiß, was fur Ungluͤck wir außerdem erlebt haͤtten!“ declamirte Helene.„Kinder, ich wette, die Sache verhalt ſich anders. Ich verfuge mich augenblicklich nach der Kapelle; ich muß Licht haben, und Maͤhrchen glaube ich nicht. Gebt 8 Euch einſtweilen weder großer Traurigkeit ei⸗ ner⸗, noch zu großer Freude andererſeits hin,“ ſagte der Gerichtsamtmann. Seine Gattin bat ihn aber ſehr dringend, nicht dorthin zu gehen; Helene und Laurentia fielen ihm um den Hals und fleheten, er moͤchte ſich doch nicht ſo unbekannten Gefahren preis⸗ geben; umſonſt.„Der Beruf, er ſei welcher er immer wolle, kennt keine Gefahren; auch gehe ich nicht allein und werde ſchon Vorſicht anwenden. Seid daher außer Sorge und vergnugt Euch waͤhrend meiner kurzen Ab⸗ weſenheit, ſo gut Ihr koͤnnet,“ erwiderte Feſ⸗ ſelring. Robert wollte den geliebten Va⸗ ter begleiten; ach, ihm war ſo bange, ſo bange, als ſei er feſt uberzeugt, es ſei dies des ver⸗ ehrten theueren Vaters letzter Gang. Aber auch dieſer Wunſch und dieſes Anerbieten wurde abgewieſen mit den Worten:„Gericht⸗ lich ſoll und muß die Unterſuchung ſein, und deßhalb darf Niemand, weß Amt es nicht iſt, die Commiſſion begleiten; daß Du mein Sohn 90 biſt, aͤndert an dem Verhaͤltniſſe nichts ab. Lebt wohl! vielleicht bringe ich meiner Lau⸗ rentia auch ein Violenſtraͤußchen mit.“ Tages zuvor war Fortunette vom Fuͤr⸗ ſten Maximilian der hohen Gnade einer Audienz gewuͤrdigt worden, in der ſie fuͤr den Maler eine demuthige Fuͤrbitte zu thun wagte. Ehe wir aber den Erfolg dieſer Bitte ins Auge faſſen, oder, das hochfuͤrſtliche Reſultat zu vernehmen, die Ohren ſpitzen, wollen wir die ſonderbare Bittſtellerin ein wenig naͤher kennen lernen. Ihr Vater— Leopold Nordſturm— bei demſelben Theater in einem Staͤdtchen des Fuͤrſtenthums eine Zeit lang engagirt, bei welchem des Malers Vater— wie des Groß⸗ vaters Bruder, Rudolph Lichtung genannt — angeſtellt war, erntete nicht ſelten vor 91 allen andern Mitgliedern der Geſellſchaft rau⸗ ſchenden Beifall wegen ſeiner Leiſtungen. Dadurch ermuthigt wagte er zuweilen ſeiner Collegen Declamation oder Mimik zu corri⸗ giren, was oft zu hitzigem Streite und Wort⸗ wechſel Veranlaſſung gab. Ein vor allen ſtreitſuͤchtiger Brauſekopf war ein gewiſſer Komiker, der, eingenommen von ſeinen Kennt⸗ niſſen und ſeiner Geſchicklichkeit, weit entfernt war, ſein Spiel von Nordſturm meiſtern zu laſſen. Dieſer eitle Mann, dieſem ſeinem Collegen von Herzen gram, raffinirte auf Rache und wuͤnſchte ſich dazu nur eine paſ⸗ ſende Gelegenheit. Dieſe fand ſich bald und leider auch fuͤr ihn ſelbſt zu fruͤh.— Einſt brachte es das Stuͤck, das aufgefuͤhrt werden ſollte, ſo mit ſich, daß eine Perſon in Raſe⸗ rei ſich mit einer Piſtole erſchießt. Dieſe Rolle ward, wie immer das Heroiſche, unſerm Nordſturm zuertheilt. Mit Blitzes ſchnelle ſchiebt der Feind eine Kugel hinein. Da das Gewehr ſchon mit der uͤbrigen Ladung ver⸗ ſehen war, ſo konnte der Böſewicht auf Er⸗ reichung ſeiner Abſicht mit ziemlicher Gewiß⸗ heit rechnen. Niemand wird es gewahr au⸗ ßer Lichtung, von deſſen Naͤhe jedoch Jener nichts ahnet. Lichtung benutzt dieſen Au⸗ genblick zu Nordſturm's Rettung dadurch, daß er ihm ins Ohr fluſtert: die Piſtole ſei geladen, er moͤge ſich's aber nicht anmerken laſſen, daß er davon benachrichtiget ſei. Das Stuͤck beginnt, der Auftritt, der des Spielers letzte Minuten bringen ſollte, iſt da; Nord⸗ ſturm erſcheint. Im Ausbruche der hoͤchſten Wuth bruͤllt er, ſich die Stirn mit den Faͤu⸗ ſten ſchlagend:„Wie, Ungeheuer, das konn⸗ teſt, das wagteſt du? und zitterteſt nicht vor dem einſt erwachenden Gewiſſen, und bebteſt nicht beim Gedanken an's Weltgericht? Dein Kind, dein einziges Kind haſt du ermordet und du willſt leben? Nein, fahre hin in des duͤſtern Orkus ewige Nacht, verlorne Seele!“ Er reißt mit fuͤrchterlicher Gebehrde die Pi⸗ ſtole aus ſeinem Buſen, kruͤmmt ſich ruͤcklings, 93 druͤckt ab, taumelt und faͤllt. Da er wußte, daß das Gewehr mit einer Kugel verſehen war, ſo hatte er dieſes ſo gehalten und ſeinen Körper ſchnell ſo gewendet, daß die Kugel etwas ſchraͤge aufwaͤrts an ihm voruͤberfliegen mußte. Vor Blutdurſt hatte der Boͤſewicht die an die hintere Wand ſchlagende Kugel nicht bemerkt, obgleich ſie faſt uͤber ſeinem Kopfe hinweg geſauſ't war, und er war der Erſte auf dem Platze, obgleich ſeine Rolle ihn dorthin nicht rief. Rordſturm erblickt ihn, ſpringt auf und blickt ihn an:„Bah, die Kugel war waͤchſern, wie gewiſſe Naſen!“ Bei dieſen Worten faßt er wirklich ſeines Gegners Naſe und zieht ihn daran hinter die Couliſſen. Das Stuͤck war leck geworden, das ſchadete aber nicht viel: das Volk hatte zu lachen, und das war in jenen Zeiten der Pedanterie oft hinreichend. Jedoch beſtimmte dieſer Vorfall den verfolgten Nordſturm, nicht bloß von dieſer Scenerie abzutreten, ſondern uͤberhaupt ſeine dramatiſche Laufbahn zu beſchließen. Er war ſparſam und glück⸗ lich geweſen und hatte ſich ein anſehnliches Suͤmmchen erſpart; damit fing er das Geſchaͤft eines Unter⸗Lieferanten an; denn noch war des Krieges Ungewitter nicht voruͤbergezogen. Das Gluͤck beguͤnſtigte ihn auch hier ſo, daß er bald das Geſchaͤft im Großen treiben konnte. Doch einſt war der Stern ſeines Gluͤckes beinahe dem Erloͤſchen nahe. Er hatte auf Rechnung der Kaiſerlichen im ſaͤchſiſchen Voigtlande einen Handel abgeſchloſſen und befand ſich auf dem Ruͤckwege, als ein ſchwe⸗ diſches Streif⸗Corps ihn anhaͤlt und gefan⸗ gen nimmt, weil er fuͤr einen Spion gehalten ward. Zum Gluͤck fur ihn werden die Schwe⸗ den ploͤtzlich durch eine unerwartete Schwen⸗ kung eines wohl viermal ſtaͤrkern Corps Kai⸗ ſerlicher von ihrem Regimente abgeſchnitten und nach kurzer Gegenwehr gezwungen, ihre Waffen zu ſtrecken. Hier lernte Nordſturm des Hkonomen Steinegk's aͤltern Bruder kennen, deſſen Schweſter er kurz darauf hei⸗ 95 rathete und ſo zum reichen Manne wurde. Der anhaltenden Kriegsunruhen wegen, auch wohl deshalb, weil man ihn insgeheim be⸗ ſchuldigte, er ſei bei ſeinem Lieferanten⸗Ge⸗ ſchaͤfte wohl etwas zu pfiffig und zu wenig treu zu Werke gegangen und um einer etwa⸗ nigen Unterſuchung auszuweichen, ſchiffte er ſich bei nächtlicher Weile mit ſeinem jungen Weibchen und ſeinem Gelde ein, kam bald in das Rheingewaͤſſet, auf die See, in die Them⸗ ſe, nach London. In dieſer volkreichen Stadt jedoch ſich auf die Dauer niederzulaſſen, war nicht ſein Plan, ſo wenig, als ohne beſtimmte Berufsgeſchäfte zu leben. Den Handelsver⸗ kehr hatte er einmal liebgewonnen, daher kaufte er ſich in einer dazu geeigneten Gegend nicht fern vom Fluſſe ein nicht ſowohl ſchoͤnes, als geraͤumiges Gebaͤude, hielt ſich ſein Fuhrwerk zu Land und Waſ⸗ ſer ſelbſt und legte einen Getraidehandel an. Anfangs ſchien jedoch das Geſchäft nicht recht von Statten gehen zu wollen, allein ein 96 Mann von Erfahrung laͤßt ſich durch einige mißlungene Verſuche nicht ſogleich muthlos machen. Die Gattin freilich rieth taͤglich, wieder in's Vaterland zuruͤckzukehren, und ſie wuͤrde endlich doch wohl ihren Wunſch er⸗ fuͤllt geſehen haben, waͤre nicht ihre Entbin⸗ dung ſo nahe geweſen, und als dieſe erfolgt war, bluͤhte das Gewerbe ihres Mannes herr⸗ lich auf. Dazu hatte ein hochſtehender Herr, der um dieſe Zeit, es war am ſiebenten Julius deſſelben Jahres, von dem hier die Rede iſt,⸗ eines ubeln Wetters wegen bei Nordſturm eingekehrt war, ſehr viel bei⸗ getragen.„Ich daͤchte, lieber Mann,“ ſagte die Gattin zu Nordſturm,„da uns doch das Gluͤck wieder ſo freundlich lächelt, wir nennten unſer Toͤchterchen Fortunette, heißt nicht das ſo viel als Gluͤck?“„Ja, dann muͤßte das Kind Fortuna heißen, da Dir nun aber gerade dieſer Name, der allerdings mit jenem nahe verwandt iſt, zu gefallen ſcheint, ſo kann es ja dabei ſein Bewenden haben. 97 Alſo Fortunette heißt das Maͤgdlein!“ ent⸗ gegnete der Vater. 3war ordnungsliebend und ſparſam, je⸗ doch nie geizig oder habſuͤchtig, machten dieſe Leute ſich Viele zu Freunden, und da ſie auch wohlthätig waren, ſo ſtanden ſie auch bei dem geringern Stande in Achtung und hatten ſich der Liebe der aͤrmern Klaſſe zu erfreuen. Im Genuſſe einer guten Ge⸗ ſundheit, bei erwuͤnſchtem Fortgange ihres Geſchaͤftes und in Verbindung mit braven Freunden wurde ihnen mancher Freudenge⸗ nuß zu Theil. So waren drei Jahre des un⸗ unterbrochenen Glückes— ein langer Zeit⸗ raum!— ſeit ihrer Uberſiedlung verfloſſen. Beneide, der du vielleicht mit manchen Wi⸗ derwaͤrtigkeiten zu kaͤmpfen haſt und die Un⸗ zuverlaͤſſigkeit deſſen ſchwer fuͤhlſt, was man Gluͤck zu nennen pflegt, beneide ſie um ih⸗ res Wohlergehens halben nicht, denn auch ihr Geſchick iſt nicht das vollkommener Weſen. Zum zweiten Male war die Entbindung Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 7 98 der geliebten Gattin Nordſturm's herange⸗ kommen und mit derſelben— ihr Lebensende. Todt war das Kind, das die Mutter geboren, und in wenigen Minuten ſie ſelbſt des Todes Beute. Wer beſchreibt den namenloſen Schmerz des verlaſſenen Mannes?— Wenn der Menſch ein theures Erdengut auch ganz ohne Schuld verloren hat, klagt er ſich den⸗ noch oft als leichtſinnigen Stoͤrer ſeines Woh⸗ les an. So Nordſturm.„Waͤre ich ih⸗ rem Wunſche gemaͤß nach Deutſchland zu⸗ ruͤckgekehrt, ſo wurde ich meine gute Ama⸗ lie noch haben,“ ſagte Fortunetten's be⸗ truͤbter Vater zu ſich ſelbſt Von nun an ſchien das Gluͤck ihm den Ruͤcken zukehren zu wollen. Verrechnete Speculationen, kleine unfalle, Verluſte durch Betrug, das Alles ſagte ihm nur zu deutlich und wahr, daß auch das Wohlergehen ſeine Zeit habe. Noch vier Jahre waren yerfloſſen, Fortunette mußte einen Lehrer bekommen. Ein Prediger des naͤchſten Marktfleckens uͤbernahm es, das X 9 ſiebenjaͤhrige Kind in dem zu unterrichten und unterrichten zu laſſen, was nöthig ſei. Von ihm ſelbſt in Geſellſchaft mit ſeinen Kindern erhielt ſie Unterweiſung in den Lehren der anglikaniſchen Kirche, was auf ihr nach⸗ folgendes Leben, ſo weit wir daſſelbe betrach⸗ ten moͤgen, den entſchiedenſten Einfluß hatte, obgleich ſie dieſes Unterrichts nicht laͤnger als drittehalb Jahre theilhaft ward. Denn um dieſe Zeit entſtanden in Alt-England bedeu⸗ tende Gahrungen der Volkspartheien, ſo daß Nordſturm es fuͤr gerathen hielt, dieſes Land ganz zu verlaſſen und ſich in Deutſch⸗ lands nun ruhig gewordenen Auen anzuſie⸗ deln. Wohl hatte ſein Vermoͤgen abgenom⸗ men, doch war es immer noch hinreichend, einen großen Ackerhof, eine Domaine oder ein Rittergut dafuͤr anzukaufen. Er beſtieg mit Fortunette ein hollaͤndiſches Kauffahr⸗ teiſchiff— die Treue genannt— um ſich ein wenig in dem damals ſehr bluͤhenden Bata⸗ vien umzuſehen und einen alten Freund zu 7* 100 beſuchen, mit dem er gemeinſchaftlich die er⸗ ſten Lieferanten⸗Geſchaͤfte betrieben und der ſich in Holland als Hlmuͤller etablirt hatte. Im Dollart eingelaufen, wird das Schiff von einem heftigen Sturme aus. Suͤd⸗Oſt⸗ Suͤd uͤberfallen und immer noͤrdlich fortge⸗ trieben; der Abend kommt heran, der Sturm läßt nach, der Mond taucht zuweilen aus den jagenden Wolken hervor und beleuchtet die empoͤrte wild brauſende Meeresfluth. Da der Wind immer noch ſehr heftig blies, ſo druͤckte der Steuermann die Beſorgniß aus, das Fahrzeug moͤchte an einem Riffe ſcheitern. Eben war man im Begriffe, die Anker hin⸗ unterrollen zu laſſen, als aus einiger Ferne aͤngſtlicher Huͤlferuf herbeidrang. Mit eigener Gefahr ward der Gegend zugeſteuert, woher der Ruf ertoͤnte. Ein kleineres Schiff, an die harte Wand eines Riffs geſchleudert, lag in Truͤmmern, an und auf denen ſich noch der groͤßte Theil der Mannſchaſt befand. Die Treue fuhr ſo nahe als moͤglich an das Wrack 101 hin, und die Mannſchaft wurde auf Boͤten herübergebracht und in das Kauffahrteiſchiff aufgenommen. Alle dieſe Leute, etwa dreißig an der Zahl, hatten England zum Ziel ihrer Reiſe. Unter ihnen befand ſich jener Schau⸗ ſpieler, der einſt die Piſtole heimlich mit ei⸗ ner Kugel geladen hatte, damit Nordſturm ſich erſchießen moͤchte. Faſt kannte ihn dieſer nicht mehr. Abgezehrt und bleich, die Augen tief im Kopfe liegend und matt, gab er Zeug⸗ niß, daß auch ihn ſein Geſchick ereilt und wahrſcheinlich ihm etwas unfreundlich mitge⸗ ſpielt hatte. Nordſturm konnte es nicht unterlaſſen, denſelben um die Urſache ſeiner Entfernung vom Vaterlande zu fragen.„Ihr ſelbſt,“ hob er an,„Ihr ſelbſt, mein Herr, ſeid die erſte Veranlaſſung dazu, nicht, daß ich mich dazu entſchloſſen habe, ſondern ge⸗ zwungen bin, mein Gluͤck in einem andern Lande zu ſuchen, da es mich in dem ausge⸗ hungerten Vaterlande verlaſſen hat.“„Ei, was muß ich hoͤren!“ rief Nordſturm aus. 102 „Erklaͤrt Euch doch, wenn's beliebt, etwas naͤher, ich bitte.“„Nun, wenn Ihr es nicht anders wuͤnſcht,“ ſprach der Schauſpieler,„ſo muß ich Euch, beſonders da Ihr ein reicher und vornehmer Mann geworden ſeid, wohl willfahren. Ihr hattet es wahrlich nicht bloß um mich, nein, um uns Alle, die wir bei dem Theater damals angeſtellt waren, wohl verdient, daß eine Kugel Euer ſtolzes Herz durchbohrte. Aber wem einmal Fortuna laͤ⸗ chelt, der wuͤrde auch, glaube ich, aus des Satans Krallen wieder befreit, und ſollte ein Taͤubchen kommen und dem Boͤſen die Au⸗ gen aushacken. Meine Abſicht war verrathen und ich errieth auch ſogleich, durch wen die⸗ ſes nur geſchehen ſein konnte. Warte, du Eſel von Lichtung, dachte und fuͤhlte ich, du ſollſt die laͤngſte Zeit die Lichter geputzt haben, ich werde dir eheſtens einen ſo perfecten Bein⸗ oder Halsbruch ſetzen, daß des geſchickteſten Chirurgen Kuͤnſte an der Kur ſcheitern.“„So vollkommen naͤmlich,“ ſagte 103 Fortunette, die von ihrem Vater die Sache wußte,„ſo vollkommen, wie Ihr ſo eben geſchei⸗ tert ſeid?“„Pſt! ſchaͤme Dich, Fortunette, wie kannſt Du Dich denn nur unterſtehen—“ ſagte der Vater im Tone des Vorwurfs zu ihr.„Verzeihung, lieber Vater, ich will nie wieder vorlaut ſein,“ bat ſie, ihren Vater umhalſend.„Das naſeweiſe Maͤdchen iſt Eure Tochter? und Fortunette heißt das Fraͤulein, gnaͤdiger Herr?“„Was fuͤr einen Ton erlaubt Ihr Euch gegen mich, Freund?“ fragte Nordſturm.„Glaubt Ihr, meine Exiſtenz haͤnge von Eurer Erzaͤhlung oder, vielmehr wollte ich ſagen, von der Enthuͤl⸗ tung Eurer Bosheit ab, die ich längſt ge⸗ kennt haben werde?“ Mit dieſen Worten wollte ſich Nordſturm veraͤchtlich von ihm abwenden, allein dieſer faßte ihn beim Arme und ſagte:„So hoͤrt doch nur, alter Kame⸗ rad: erſt das Vergehen, dann die Strafe! hoͤrt mich doch nur auch an. Ich war alſo von Rachedurſt gegen Lichtung, den ich ſei⸗ 104 ner einfaͤltigen Miene und Ehrlichkeit wegen nie habe leiden moͤgen, ſo erfullt, daß ich bald nach Euerm Abgange eine Leiter, auf der er durchaus emporſteigen mußte, wenn er ſein Amt uͤben wollte, und die immer un⸗ verruͤckt an ihrem Platze ſtehen blieb, mir nichts dir nichts eingeſchnitten habe. Dies⸗ mal gelang's beſſer, als mit Eurem Todt⸗ ſchießen. Schon uͤber die Haͤlfte hinaufge⸗ ſtiegen, bricht die Leiter und Lichtung macht einen ſo praͤchtigen Purzelbaum, daß, hätte ich mir den Bauch nicht mit beiden Haͤnden gehalten, mir das Zwerchfell hätte ſpringen moͤgen. Es fand ſich ſogleich, daß er, eine kleine Contuſion am Kopfe abgerechnet, nur das linke Bein morſch abgebrochen hatte. Was aus ihm geworden, weiß ich nicht. Denn weiß der Teufel, auch das war verrathen und ich erhielt meinen Abſchied. Was ſchadet das? dachte ich; ubi bene ibi patria, und andre Staͤdtchen— andre Madchen! trara, trara! Leer, wie ich gekommen war, zog ich 105 wieder ab, mit meinen Schulden wollte ich mich nicht belaͤſtigen, die ließ ich zuruͤck. Al⸗ les gut, bis in das erſte Neſichen. Dort angekommen, melde ich mich bei einer Truppe, man fragt mich nach Namen und dergleichen gleichgultigen Saͤchlein; ich dummer Dorf⸗ teufel bin auch ſo ehrlich zu bekennen, wer, was, woher— und warum? nein, ſo weit ging denn doch die Verrucktheit des Schuͤ⸗ lers Thalias nicht. Aber was half mir das? Die Leutchen wußten das ohne mich, warum ich hatte davon ſchleichen muͤſſen; der uͤbri⸗ gens daͤmiſche Director hatte es in einer Flugſchrift auspoſaunt und jede Geſellſchaft vor meiner Aufnahme freundſchaftlichſt ge⸗ warnt. Ich machte noch einen Verſuch, un⸗ terzukommen, da ſprach man von Correc⸗ tionsanſtalten; noch einen— ich wurde aus⸗ gekeilt und— ausgepfiffen. In mehreren Staͤdten Hollands habe ich mich gemeldet, umſonſt. Mein Fußeres will den Fettbaͤu⸗ chen und Grobſchrot⸗Geſichtern nicht gefallen, 106 mag's der Geier holen! Aber in Holland ſchaͤtzt man dieſe meine Kunſt nicht; Eng⸗ land wird mich mit offenen Armen empfan⸗ gen. Brittania hoch!“„Viel Gluͤck dann auf den Weg, mein Freund!“ rief ihm Nord⸗ ſturm zu und druͤckte ihm einige Guineen in die Hand, ohne ſich weiter mit ihm ein⸗ zulaſſen. Am folgenden Morgen landete die Treue und ſetzte auch die geretteten Paſſagiere ans Land. Nordſturm beſuchte mit ſeiner Toch⸗ ter die vornehmſten Staͤdte dieſer Handels⸗ welt und ſprach endlich bei ſeinem Freunde Tafler, dem Hlmuller, ein. Mit unbeſchreib⸗ licher Freude wurden ſie von ihm, ſeiner Gattin und drei Kindern empfangen. Nord⸗ ſturm mußte verſprechen, wenigſtens einen Monat zu bleiben, um den Heringsfang mit anzuſehen. Während dieſes vierwoͤchentlichen Aufenthaltes der angenehmen Gäſte folgten Vergnuͤgungen aller Art auf einander; For⸗ tunette vermißte aber faſt bei Allem den — ————— ———— 107 engliſchen Geſchmack und Kunſtſinn, wiewohl ſie uͤber das Wie ſich ſelbſt keine Auskunft zu geben vermochte. Am beſten gefielen ihr jedoch die blumenreichen Gaͤrten, und ſie druͤckte ihrem Vater mehrmals den Wunſch aus, einſt auch einen ſolchen Garten beſitzen und nach ihrem Geſchmacke einrichten zu moͤ⸗ gen. Als ſie einſt auch in Tafler's Ge⸗ genwart ſich ſo aͤußerte, ſagte dieſer:„Freund, nur das einzige Kind haſt Du und außer ei⸗ ner alten Tante, wenn ſie noch lebt, Nieman⸗ den in der großen Gotteswelt, beruͤckſichtige ja des lieben Maͤdchens unſchuldige Wuͤn⸗ ſche. Hoͤre, ich will Dir einen Vorſchlag ma⸗ chen, thue dann, wie Dir's gefaͤllt.“ For⸗ tunette ruͤckte dem Muͤller naͤher und blickte ihn mit ihren großen ſchoͤnen Augen und bei manchen ſeiner Worte nickend an. „Ein alter Freund,“ hob Tafler wieder an,„der nun endlich ſich in Ruhe geſetzt hat, der alte Feldwebel Hadermann, fruͤher Cor⸗ poral, wie Du weißt, hat mir geſchrieben, der 108 Fuͤrſt Marimilian beabſichtige, ſeine Do⸗ maͤne Wonnefeld nebſt dem dazu gehoͤrigen Bergwerke Fortunenſchacht zu verkaufen. Na⸗ tuͤrlich behaͤlt er ſich bei letzterm gewiſſe Rechte vor. Allein ich glaube, daß die Domaͤne um ein Spottgeld losgeſchlagen werde, denn der leidige Krieg hat unſer liebes Vaterland gar zu ſehr mitgenommen und ausgeſogen. Dich wird man dort gewiß mit offenen Armen em⸗ pfangen. Sieh, Fortunette, da haſt Du Gelegenheit, Dir einen Garten nach Herzens⸗ luſt anzulegen. Was meinſt Du, Freund?“ „Ei nun, ich danke Dir fuͤr Deine gefaͤllige Mittheilung— das läßt ſich hoͤren,“ antwor⸗ tete Nordſturm, und Fortunette ſprang haͤndeklatſchend im ganzen Zimmer herum. Der Monat war voruͤber, Nordſturm und Fortunette hatten außer manchem An⸗ dern auch den Heringsfang mit angeſehen und reiſ'ten nun nach Deutſchland ab mit dem Plane, Wonnefeld zu kaufen. Aber For⸗ tunette's Vater kränkelte, wahrſcheinlich ——————————— hatte er ſich in der naßkalten Witterung, der er ſich oft ausgeſetzt hatte, erkaltet. Doch kamen ſie gluͤcklich an's Ziel ihrer Reiſe, und in weniger denn ſechs Wochen war Wonne⸗ feld Nordſturm's Eigenthum und ſollte der Hafen der Ruhe werden. Ja, er wurde die⸗ ſes im vollen Sinne des Wortes. Denn nach einem viertellährigen Beſitze der Domaͤne ver⸗ ſchlimmerte ſich ſein koͤrperlicher Zuſtand ſo ſchnell, daß er kaum noch ſo viel Zeit hatte, einige noͤthige Anordnungen, die Tochter be⸗ treffend, zu machen. Er beſtimmte den Berg⸗ richter Zumwerk zu Fortunette's Vor⸗ munde, und dieſe ward zur Waiſe, erſt zehn Jahre alt. Ihre Erziehung unter der Leitung des Bergrichters, der uͤber manches Vorur⸗ theil ſeiner Zeit erhaben war, wurde einem jungen Geiſtlichen, welcher dem Vormunde als ein Mann von großer Redlichkeit und klaren Anſichten uͤber Gegenſtaͤnde der Reli⸗ gion und des Lebens bekannt war, anver⸗ trauet. Dieſem zur Seite ſtand ein unver⸗ . 110 heirathetes dreißigjahriges Frauenzimmer, das zugleich die Wirthſchaft beaufſichtigte. Unter ſolchen guͤnſtigen Verhaͤltniſſen bluͤhete For⸗ tunette bald zur holden Jungfrau heran mit zartfuͤhlendem Herzen, aufgeklaͤrt, fein im Betragen, ohne ferneres Ungluͤck, ohne die Noth und Muͤhen der Welt zu erfahren. Aus voller Herzlichkeit konnte ſie in die blühende Natur hineinlachen, und es war ihr gegeben, auch die geiſtigen und koͤrperlichen Anſtren⸗ gungen als Spiel zu betrachten und zu be⸗ handeln. Freilich hatte ſie auch ihre Launen, wie jeder andere Menſch. Eine derſelben be⸗ ſtand darin, daß ſie wuͤnſchte, der Unterſtuͤ⸗ tzungs⸗Verein fuͤr arme Kuͤnſtler mochte ſich in dem prächtigen Saale zum Fortunen⸗ Schachte, ſtatt in einem Hauſe der Stadt verſammeln, weil ſie ſelbſt ſtets geneigt war, Nothleidende, vorzuglich aber unbemittelte Kuͤnſtler zu unterſtutzen. Oſt reicht ein ein⸗ ziges Wort, zufallig vernommen, ſchon hin, in des Menſchen Geiſte einen Funken zu ent⸗ „ 11¹ als der fluchtige Schauſpieler auf dem Kauf⸗ fahrteiſchiffe die engliſche Nation als empfaͤng⸗ lich fuͤr die Kuͤnſte und denſelben hold vor andern hochpreiſend lobte. Fortunette, in jenem ſtolzen Brittanien geboren, woſelbſt ſie auch die erſten Eindrucke von den Leiſtungen der Kuͤnſte erhalten hatte, wollte ihrem Mutter⸗ lande auf deutſchem Boden Ehre machen, und ſie erreichte ihren Zweck. Denn wirklich gab der Fuͤrſt dieſer Grille in ſo weit nach, daß jene Zuſammenkunft zwar in Fortu⸗ nettte's Naͤhe, jedoch in des Oberbergrich⸗ ters Wohnung, bei geheimern Angelegenheiten aber in einem unterirdiſchen, uͤberaus praächti⸗ gen Cabinette, in welches wir ſchon einen Blick geworfen haben, Statt finden ſolle, und auch erſt dann, wenn ſie ihre Volljaͤhrigkeit erreicht haben wuͤrde. Zum zweiten Male war der Kuͤnßiler⸗ Huͤlfsverein verſammelt, als der Maler Lich⸗ zuͤnden, der bald als lichte Flamme auflodert, ſegnend oder zerſtörend. Dieſes war der Fall 112 tung bei dem Fortunen⸗Schacht erſchien. Gern wurde ihm Fortunette ruͤtzlicher geweſen ſein, haͤtte er ſich nur nicht ſo gewaltig ihrer Wohlmeinung widerſetzt und waͤre nicht durch die Malerei in der Kapelle oder vielmehr durch Lichtung's Albernheit und Habſucht des Fraͤuleins Edelmuth entkraͤftet worden. Mußte ſie, um ihre Ehre nicht zu ſehr auf's Spiel zu ſetzen, den verblendeten Maler nicht einſtweilen ſeinem Schickſale uͤberlaſſen? — Dem Maler erſchien ihre große Heiterkeit und der Frohſinn aller Leute, die er zu For⸗ tunen⸗Schacht zu Geſicht bekam und mit de⸗ nen er in einiger Beruͤhrung ſtand, als Zau⸗ verkraft, geiſtige Magie, weil es ihm unbe⸗ greiflich war, wie bei der Unvollkommenheit des Lebensgenuſſes Menſchen ſich ſolcher durch⸗ aus ungetrubten Laune hingeben koͤnnten. Dahingegen war es fuͤr Fortunette unbe⸗ greiflich, warum ein Kuͤnſtler, ein gebildeter Mann, wie Lichtung, dieſe Heiterkeit nicht theilen wolle; noch unbegreiflicher war es ihr, 1¹3 als ſie die gegen ihn erhobenen Beſchuldigun⸗ gen vernahm, wie er als aufgeklaͤrter Menſch, als Sohn eines rechtſchaffenen Mannes bis zu einem Diebe oder Straßen- und Kirchen⸗ raͤuber habe hinabſinken koͤnnen. Sie benutzte ihr Anſehen bei den vornehmſten Maͤnnern der Reſidenz zur Erforſchung ſeiner Lage und der Beſchaffenheit der Dinge. Im Allgemeinen wurde der Maler, von den Hoͤhern naͤmlich, fuͤr unſchuldig gehalten; nur daß ſich dieſe Schuldloſigkeit nicht faktiſch beweiſen ließ. Schon dies war hinreichend, Fortunette zu beſtimmen, ihren Einfluß auch bei Hofe geltend zu machen; war es ihr doch nicht unbekannt, daß er auch hier nicht abſolut verdammt wuͤrde. Sie bat um ſeine Begna⸗ digung.„Warum,“ fragte der Furſt,„warum verwendet ſich Fortunette ſo ſtark fuͤr den abentheuerlichen Maler? Sollte etwa ein zärt⸗ liches Verhaͤltniß, das mir unbekannt geblie⸗ ben, die Veranlaſſung dazu gegeben baben?“ ſetzte er, des Fraͤuleins Wangen kneifend, Die Siegwarts⸗ Kapelle. II. 8 ſcherzend hinzu.„Allerdings, Durchlaucht! Dankbarkeit— eine Schuld, die ſich dem Va⸗ ter nicht abtragen ließ, erheiſcht, wo moͤglich den Sohn zu retten,“ antwortete Fortu⸗ nette ſehr ernſt und feierlich. Der Fuͤrſt verlangte Aufklärung dieſer Worte. Sie ward ihm durch Erzählung deſſen, was von des Malers Vater uns bereits bekannt iſt. „Wenn dem ſo iſt, ſo ſei des Trotzkopfs Geſchick in Deine Haͤnde gegeben!“ ſagte der Furſt.„Indeß eine Bedingung mußt Du mir eingehen, mein Taubchen,“ fuhr er gnaͤ⸗ digſt fort;„ſie beſteht darin, daß erſtens Ich aus dem Spiele gelaſſen werde, und zweitens, daß Meine Behoͤrden nicht ins Gedraͤnge kom⸗ men. Auch muß Lichtung Mein Land ver⸗ laſſen, und Alles. muß ſo heimlich geſchehen, daß man am Ende geneigt ſein moͤge, dabei an ein Wunder zu denken. Dieſe funfzig Dukaten ſtelle ihm gleichfalls ganz heimlich unter vier Augen zu; es iſt fuͤr die Arbeit in der Kapelle.“ Fortunette nahm das Gold ——— 1¹⁵ in Empfang und verſprach die Sache ſo ein⸗ leiten zu wollen, daß der Fuͤrſt mit ihr zu⸗ frieden ſein ſolle. Dieſer entließ ſie mit der huldvollen Ermahnung:„Nun, ſo ſei nur recht vorſichtig, damit Deine Tugend nicht in ein arges Licht gehuͤllt und Dein guter Name nicht gefaͤhrdet werde!“ Am Vorabende des gefuͤrchteten Tages ſchauderte der Maler, geaͤngſtigt durch das ſchreckliche Gebilde ſeiner fieberiſchen Phanta⸗ ſie, in ſich zuſammen, und ließ in gewiſſer Erwartung der kommenden Qualen und ſei⸗ ner nahen Hinrichtung ſchwermuͤthig den Kopf auf die Bruſt ſinken.„Beten, nein, beten kann ich nicht!“ hallte es in ſeinem Herzen wider, und ein kurzer Schlummer ſchien ſein Gemuͤth beſaͤnftigen zu wollen. Allein 116 bald flimmerte es vor ſeinen geſchloſſenen Au⸗ gen wie Sterne, die mit ihrem blaͤulichen Glanze durch fluͤchtige Herbſtnebel von Zeit zu Zeit hindurchbl licken. Er ſchlaͤgt die Au⸗ gen wieder auf, ſein Blick faͤllt auf die ge⸗ genüberſtehende Wand, er ſieht Schriftzuge, deren einzelne Beſtandtheile aus tauſendfachen Leben zu beſtehen ſcheinen; denn es webt ſo bunt unter einander auf einer ovalrunden⸗ Scheibe in der Groͤße eines Praſentirtellers ein roth⸗ blaͤuliches Licht, zu Buchſtaben ge⸗ goſſen. Er ſtarrt dieſes Taͤflein an, er lieſ't: „Fortuna iſt verſohnt.“ Lichuns begehre morgen in die Ka⸗ pelle gefuͤhrt zu werden. Er ergreife die Standleiter und verſinke mit der⸗ ſelben an bekannter Stels⸗ 5 Freiheitb“n „Freilich, freilich,“ ſagte er zu ſich ſe bſt, kurzſichtiger Thor, nur in der Kapelle, an Ort und Stelle ſoll man mich uberfuͤhrenʒ ha! und das kann man nicht. Ja, ich will 117 dir gehorchen, dies Mal, und gelingt's, dann ſtets; wo nicht, dann nimmer!“ Noch ein⸗ mal blickte er nach den ſchoͤnen Zuͤgen, die mit einem Kranze von Vergißmeinnicht⸗ Bluͤmchen umgeben waren, und ſie erloſchen. Das war Fortunette's Werk. Sie ſelbſt ohne fremdes Zuthun hatte die Schrift ver⸗ fertigt und durch einen zuverläſſigen verſchwie⸗ genen Bergmann, durch denſelben, der den Maler durch den Stollen in die Kapelle ge⸗ leitet hatte, durch ein Zugloch hineinhängen laſſen. Vermittelſt einer Leiter, die er auf der Nachbarſchaft heimlich geholt hatte, war er empor geſtiegen und hatte den mittelſten Stab des Gitters mit einer das Eiſen ſchnell verzehrenden Maſſe beſtrichen, um die etwas biegſame Platte mit der Schrift hindurchſchie⸗ ben zu koͤnnen. Morgens 8 Uhr oͤffnete ſich die Thuͤr des Gefaͤngniſſes, zwei Gerichtsdiener erſchie⸗ nen, um den Maler nach der Folterkammer zu fuͤhren.„Nicht alſo, Ihr harten Menſchen, 118 man läßt ſich nicht ſo ohne Grund und Ur⸗ ſache ſchinden. Ich will beſſer verhoͤrt ſein. Geht, ſagt das dem Praäͤſidenten oder wem Ihr wollt.“ Die Maͤnner ſagten, ſie haͤtten nun einmal den Befehl und er muͤſſe ſich gefallen laſſen, was ihn erwarte.„Ich will aber nicht; ich bin trotz den Ketten und Banden doch ein freier Mann. Geht, ſagt das!“ ſprach er, und die Diener, welche zum Gluck nicht zu dem ärgſten Schlage gehörten, ſag⸗ ten, ſie wollten es verſuchen, und gingen. Bald kamen ſie zuruͤck und verſicherten dem Gefangenen, es ſei das ganze Gericht ver⸗ ſammelt, um ihn noch einmal ſeinem Wunſche gemaͤß zu verhoͤren.„Was habt Ihr zu Eu⸗ rer Vertheidigung und zum Beweiſe Eurer unſchuld anzufuͤhren?“ fragte man ihn ziem⸗ lich freundlich.„Meine Herren,“ war ſeine Antwort,„ich glaube nur, daß es nicht meine Sache ſei, mich zu verantworten, ſondern daß es dem zukomme, mich zu uberfuhren, der mich angeklagt hat; und nür an Hrt und ————————— 119 Stelle, in der Kapelle naͤmlich, wird entweder meine Schuld oder meine Ehrlichkeit erſchei⸗ nen konnen.“ Die Richter machten den Ein⸗ wurf, die Kapelle ſei ja ſchon unterſucht wor⸗ den, und auf die Ausſage dieſer Commiſſion ſei ſeine Uberfuhrung wenigſtens zur Halfte ſchon begruͤndet.„Ich will aber die Commiſ⸗ ſion uͤberfuͤhren, daß, wenn das Silber, das ſich in der Kapelle befunden haben ſoll, nicht mehr vorhanden iſt, daraus noch gar nicht folgt, daß ich der Dieb ſein můſſe. Ich kenne das Lokal ziemlich genau, weil ich auch die Ehre gehabt habe, einen ganzen Tag hin⸗ durch dem Gruͤnder dieſes Gebaͤudes und deſ⸗ ſen hohen Nachſolgern Geſellſchaft zu leiſten. Alſo zur Kapelle, meine Herren, zur Kapelle!“ rief Lichtung aus. Hierauf wurde ein Aus⸗ ſchuß formirt, und eine Commiſſion ver⸗ fugte ſich mit dem Maler nach derſelben. Nach kurzem Aufenthalte im Innern der Kapelle ſank der Maler mit ſeiner Leiter in das Todtengewölbe. Dort angelangt, er⸗ 120 blickt et in ſchraͤger Richtung uͤber ſich den Schimmer eines blaͤulichen Lichtes, eine Strick⸗ leiter laͤßt ſich von da herab. Er klimmt daran empor, eine harte und rauhe Hand faßt ihn unter dem Arme und hebt ihn vol⸗ lends hinauf.„Wo bin ich?“ ſpricht er. „Um's Himmels willen keinen Laut!“ bekommt er zur Antwort, und in demſelben Augen⸗ blicke hoͤrt er dieſelbe Thuͤr verriegeln, durch welche er vorher ſchon einige Male ein⸗ und ausgegangen iſt. Nun iſt's ihm nicht mehr zweifelhaft, daß er ſich wieder in jenem Stol⸗ len befindet, der nach Fortunen⸗Schacht fuͤhrt. „Wer hat Euch, Alter,“ ſo redete er den Bergmann an,„wer hat Euch den Auftrag gegeben, mich hier abzuholen?“„Fragt nicht, Herr, denn es iſt vergebens. Auf hundert Erkundigungen erhaltet Ihr nicht eine Silbe Beſcheid!“ entgegnete Jener.— Endlich ge⸗ langten ſie da an, wo zu beiden Seiten des Schachtes ein Corridor hinterwaͤrts nach ei⸗ nem Zimmer fuͤhrt. Der Bergmann ſchob 121 den Maler in das Gemach links:„Hier ver⸗ halte ſich der Herr ruhig bis auf Weiteres. Gluͤck auf!“ Er ſchloß von außen die Thuͤr zu und entfernte ſich. Lichtung hatte nun fuͤr's Erſte nichts weiter zu thun, als das von fuͤnf Kerzen erleuchtete Zimmer zu be⸗ trachten. Es war jenem, in dem er ſchon einmal geweſen war und wo er ſich ſo lin⸗ kiſch benommen hatte, vollkommen gleich, nur mit dem Unterſchiede, daß hier Silber, dort aber Gold prangte. Im Hintergrunde hing ein rother Vorhang von ſehr feinem Stoffe herab; Lichtung hatte den Muth, dieſen Vorhang ein wenig zu läften.„Himmel, was ſehe ich?“ rieſ er erſtaunt aus,„dieſe Statue ſtellt das Sinnbild des Reichthums und überfluſſes dar: es iſt Plutus! Aber zu den Fuͤßen dieſes groͤßten aller Mam⸗ mons⸗Beſitzer ziſcht eine Schlange; ſie dro⸗ het ihn zu verwunden. Wohl wahr, wohl wahr! aber mich befaͤllt eine entſetzliche Angſt. Leb' wohl, Plutus, wir ſehen uns vielleicht 122 nie wieder.“ Mit dieſen Worten ſchob er den Vorhang wieder zuſammen und— „Gluͤck auf, Maler Lichtung!“ ertoͤnte es hinter ſeinem Ruͤcken, er wendete ſich raſch um, und Fortunette ſtand, ſchalkhaft la⸗ chend da und machte ihm einen leichtfertigen Knix. Lichtung erblaßte, aber Fortunette faßte ſeine Hand und ihn neben ſich auf's Sopha nieder ziehend, ſprach ſie:„Kommt, Freund, ſetzt Euch hier und ruhet aus von Euern Muͤhen. Nun hoͤrt mich ruhig an. Bei Euerm vorigen Hierſein verſtandet Ihr mich nicht, trauetet mir nicht, obgleich ich Euch verſichert hatte, daß ich Euch wohlwolle. Das hat ſchlimme Folgen gehabt.“ Lich⸗ tung ſeufzte.„Jetzt ſeid Ihr wieder frei; jedoch das Land muͤßt Ihr auf immer mei⸗ den. Ihr ſeid blos entfuͤhrt und nicht ſicher, wenn Ihr morgen noch im Fuͤrſtenthume Euch befindet, wieder ergriffen und in den Kerker zuruͤckgefuͤhrt zu werden. Nehmt dieſe funfzig Dukaten als Lohn fuͤr die 128 von Euch zur Zufriedenheit der hoͤchſten Herrſchaften ausgefuͤhrten Malerei. So ſteht Eure Angelegenheit gegenwaͤrtig.“„Schlimm genug fuͤr einen braven Mann!“ rief der Maler aus.„Wohl beſſer, als es dieſer ver⸗ meintlich brave Mann verdient hat, behaupte ich. Wollt Ihr Beweiſe, Lichtung?“ „Wozu das? ich erlaſſe ſie Euch, Fraͤulein, dieſe Beweiſe. Oder kann mir es nicht ganz gleichgultig ſein, von einem Menſchen mehr fuͤr einen Schurken gehalten zu werden?“ Fortunette zog ein Papier unter ihrem Buſentuche hervor, und indem ſie dieſes dem Maler darreichte, ſagte ſie mit jenem uͤber⸗ zeugenden Tone, der auch dem Ruchloſeſten an's Herz dringen muß:„Freund, die Selbſt⸗ taͤuſchung dauert nur ſo lange, als ſich helle Geiſter außer uns blenden laſſen. Dieſe Schrift, deren Inhait Ihr doch gewiß ken⸗ net, iſt mir durch ein Dienſtmaͤdchen, welches dieſelbe hinter der Spiegelwand gefunden hat und das gluͤcklicher Weiſe nicht leſen kann, zugekommen. Hier nehmt das Eure.“ Zu des Malers Erſtaunen war es daſ⸗ ſelbe Document, das er am Abende des Bal⸗ les zwar zu leſen angefangen, aber nicht hatte durchleſen koͤnnen, weil er durch hefti⸗ ges Pochen an der Thuͤr davon abgehalten ward. Er moͤchte jetzt die geſchriebenen Worte heißhungrig verſchlingen, denn von ih⸗ nen hing Sein und Nichtſein fur die Zu⸗ kunft ab. Es ſtand geſchrieben: Lichtung! fuͤnf und dreißig Mark Silber, zufallig entdeckt, lege ich in Deine Haͤnde zur Auf⸗ bewahrung nieder. Bei meiner Zuruͤckkunft ſtellſt Du mir gegen ein Geſchenk das Meinige wieder zu; kehre ich aber nicht zuruͤck, ſo ſchenke ich dieſes Silber Deinem aͤlteſten Sohne, der mein Pathe und nach Dieſe Metallſtangen, im Veith⸗ von „Rudolph Lichtung an Paul 2 125 meinem Namen Rudolph getauſt iſt. Dieſer ſoll dafuͤr die Gottesgelahrtheit ſtu⸗ diren. Rudolph Shthnn. Kibsi Musketier.“ Auf der Rücſeite war Briſen geſchrieben: „Rudolph Lichtung kommt nie wieder, denn ich habe ihn mit ſeinem Sei⸗ tengewehre getoͤdtet, als ich ihn einſt an einen Baum gelehnt ſchlafend fand. Ich that dieſes, um ſeinen Torniſter zu erhal⸗ ten, weil ich in demſelben viel Geld zu fin⸗ den hoffte. Da ich, wie ich nun wohl einſehe, ein großes Verbrechen begangen habe, ſo ſchenke ich dieſen Raub dem wei⸗ nenden Kopſe in dieſer Niſche, der ewig uͤber meine Unthat ſeine Zaͤhren fließen laſſen möge. Verflucht ſei aber die freche Hand, die dieſen blutigen Schatz hier zu rauben wagt. Mein Wönen ſei dann das ſeinige!“ Nun waren die Buchſtaben„. L.“ mit 125 Blut unterzeichnet.—„Wird dieſer Beweis, den ich Euch in die Hand gegeben habe, hin⸗ reichend ſein, daß Ihr die Silberbarren in der Kapelle genommen habt?“ fragte For⸗ tunette.„Genommen,“ erwiderte Lich⸗ tung,„genommen hab' ich ſie, aber nicht geraubt. Ich nehme, was mir mit Recht ge⸗ hoͤrt und zukommt; allein man raubt's, wenn man das heimlich oder gewaltſam nimmt, woran man keine rechtlichen Anſpruͤche hat. Niemand hat mich je gefragt, ob ich den Gegenſtand in der Kapelle irgendwo wegge⸗ nommen habe; nein, man beſchuldigt mich geradezu des Raubes.“„Glaubt Ihr denn wirklich, daß Ihr recht gehandelt, indem Ihr das Silber dort genommen habt?“ fragte Fortunette.„Allerdings, Fraͤulein, und ich bin gar nicht geſonnen, mich als einen Gebrandmarkten aus dem Laͤndchen weiſen zu laſſen, um mit Schimpf und Schande von Provinz zu Provinz zu wandern.“ „Was gedenkt Ihr denn anders vorzuneh⸗ 127 men?“„Ich ſtelle mich dem Gerichte mit dieſem Papier in der Hand, ſage, ich wäre aus dem Todtengewoͤlbe, in welches ich heute geſturzt ſei, durch einen umerirdiſchen Gang auf dem Fortunen⸗Schachte angelangt, haͤtte mich heimlich in das Zimmer geſchlichen, wo ich geglaubt, meine Schrift verloren zu haben. Ich haͤtte ſie nicht wieder entdecken koͤnnen, aber Ihr, Fraulein, haͤttet die Guͤte gehabt, ſie mir einzuhaͤndigen. Alſo werde ich meine Ehre retten, indem ich darthue, daß die Sil⸗ berbarren ein Gut der Familie Lichtung ſeien. Ich bin zu meinem rechtmäßigen Erbe gelangt, gleich viel wo. Und bin ich denn nicht auch in Hinſicht der Zahl gerechtfertigt? Sieben lieſ't man hier und nicht vier⸗ zehn. Nein, mein ehrlicher Name muß mir wiedergegeben werden, ſo wahr ich Georg Lichtung heiße!“„über die fehlenden ſie⸗ ben Barren wird man zur Zeit auch Auf⸗ ſchluß erhalten,“ ſagte Fortunette.„Doch,“ ſetzte ſie hinzu,„Euer Entſchluß macht mei⸗ 128 nem Plane Ehre! Und wahrlich, bald wer⸗ det Ihr die ſchwere Pruͤfung beſtanden haben. Ei, wie wird Eure Bertha ſich freuen, wenn Ihr dann wieder frei ſeid und Eure Ehre gerettet iſt! Nicht wahr, ich darf mich unter die Zahl Eurer Hochzeitgaͤſte miſchen?“ „Fraͤulein,“ entgegnete er,„davon ein ander⸗ mal! Eine Bitte gewaͤhrt mir nur noch, naͤm⸗ lich mir einen Biſſen Brod zu ſchenken und mich dann zu entlaſſen.“„Recht gern, und zwar ſogleich ſoll der zuerſt ausgeſprochene Theil Eures Wunſches in Erfuͤllung gehen,“ antwortete Fortunette und zog die Klingel⸗ ſchnur. Der einmal in dieſes Geheimniß ein⸗ geweihte Bergmann erſchien und erhielt den Befehl, hinaufzuſteigen und verſchiedene Lebensmittel herbeizuholen. Ehe dieſer Mann zuruͤckkam, erzaͤhlte Fortunette dem Maler, was ſein Vater an dem ihrigen Gutes ge⸗ than habe, und daß ſie ihm, dem Maler, nun dafuͤr herzlich und mit allen Kraften dankbar ſein wolle. Auch geſtand ſie ihm, daß der vor wenigen Wochen hier verſtorbene Groß⸗ vater Paul Lichtung ihr das Geheimniß S anvertrauet habe, welches unaufhoͤrlich pein⸗ lich fuͤr ihn geweſen ſei. Er habe naͤmlich den Bruder erſtochen, ohne zu wiſſen, daß der daliegende Soldat dieſes geweſen ſei, die Daͤmmerung habe ihn am Erkennen deſſelben verhindert. Da habe er das Silber, das er in deſſen Torniſter gefunden, in der Kapelle niedergelegt, deren Thuͤr er zerſchlagen gefun⸗ den habe. Dabei habe er das Geluͤbde ge⸗ than, dem Wunſche des erſchlagenen Bruders gemaͤß, ſeinen Sohn Rudolph einen Geiſt⸗ lichen werden zu laſſen. Dieſer habe aber dazu weder Fähigkeit gehabt, noch Luſt be⸗ zeigt. Das habe er fuͤr Zorn des Hiwmels angeſehen und gehofft, es werde nun wenig⸗ ſtens deſſen Sohn Georg in den geiſtlichen Stand treten koͤnnen und wollen, aber auch das ſei nicht in Erfüllung gegangen. Er ſeufzte und zagte und glaubte, nun muͤſſe ſeine Seele ſo lange im Fegefeuer bleiben, bis ir⸗ gend einſt einmal ein Urenkel dieſes fromme Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 9 130 Geluͤbde eines Verbrechers in Erfullung braͤchte. So wird,“ fuͤgte ſie halb ſcherzend und halb im Ernſte hinzu,„ſo wird einſt Euer Sohn—“„Nie ein katholiſcher Prie⸗ ſter werden durfen!“ ergaͤnzte Lichtung,„ja, im Brandenburgiſchen, in der Schweiz oder in Schweden— das moͤchte noch hingehen. Aber, ſagt mir doch nur, woher mag doch der Fuͤ⸗ ſelier, des Großvaters Bruder, die Silber⸗ barren hergehabt haben?“„Er und Korporal Hadermann ſtanden in einer und derſelben Compagnie.“— ſagte Fortunette. Der Bergmann brachte die verlangten Speiſen, und Fortunette noͤthigte den Maler zuzu⸗ langen, ſich entſchuldigend, daß ſie ihm hier⸗ bei nicht Geſellſchaft leiſten koͤnne, weil ſie erſt vor zwei Stunden zu Mittag geſpeiſ't habe.„Ihr werdet doch wohl nicht argwoͤh⸗ nen, daß ich Euch vergiften laſſe?“ ſagte ſie im Tone des Scherzes zu ihm.„Auch das muͤßte mir nuͤtzlich ſein,“ entgegnete er ſchmeichelnd, wenn's von FraͤuleinFortunette kaͤme!“„Ihr ſeid ein Schalk, Lichtung! 131 Doch, ich muß mich entfernen, damit Nie⸗ mand Verdacht ſchoͤpfen moͤge wegen meiner langen Abweſenheit!“ ſprach ſie und reichte dem Maler die Hand, die dieſer kußte, zum Abſchiede mit den Worten:„Der Bergmann — eine alte, gute, treue Haut— ſteht heute zu Eurem Befehle; dieſer wird Euch wieder in die Kapelle bringen und ſollte dieſe wider Erwarten geſchloſſen ſein, ſo kehrt in dies Zimmer zuruͤck. Iſt aber die Thuͤr offen, ſo ſehen wir uns erſt den ſiebenten Julius wieder. Bis dahin gehe es Euch wohl. Gott behüte Euch. Gluͤck auf!“ Der Maler wollte ihr danken; allein ſchon war ſie ihm verſchwun⸗ den. Er wollte eine Thraͤne in ihrem Auge entdeckt haben.„Das iſt ein Engel!“ rief er begeiſtert aus.„Was iſt Bertha mit ihrem halben Kreuzer⸗Verſtande, was iſt Lauren⸗ tia mit ihrem Blodſinne gegen Fortunette's Aufklaͤrung! Was iſt jener Beiden Herzensguͤte im Vergleich mit dem Edelmuthe dieſes holden 6 Weſens! Und ich Thor habe dieſen Engel je zu verkennen vermocht? Fort Georg; zeige, 6. 132 daß du ſolcher Gunſtbezeigungen nicht ganz unwuͤrdig ſeieſt. Fortunette hat den tief⸗ ſten Blick in mein Herz gethan ach, waͤre dieſes Herz nur halb ſo rein, als das ihrige!“ Er klingelte, der Bergmann erſchien mit ſei⸗ nem gewoͤhnlichen Gruße und erkundigte ſich, was dem Herrn beliebe.„In die Kapelle zu⸗ ruͤck, mein lieber Getreuer! ach könnte ich doch nur Eure Dienſte vergelten!“ ſprach Licht ung und wollte dem Bergmann einige Goldſtuͤcke in die Hand ſchieben; da antwor⸗ tete dieſer aber ſtoz:„Was ſoll das, Herr Maler? die junge Herrin laͤßt mich keine Noth leiden, ſie iſt reich und gut; und was ich thue, geſchieht wahrlich nicht aus Liebe zu Euch, ſondern aus ſchuldiger Treue zu ihr. Behaltet Euer elendes Gold, nach wel⸗ chem mich nie geluͤſtet hat. Das Bewußt⸗ ſein, recht, brav und edel gehandelt zu haben, iſt wahrlich mehr werth als Gold, Silber und Edelſteine. Kommt! vergeßt aber nicht, alles das mit Euch zu nehmen, was eben⸗ falls mehr werth iſt, als Eure Dukaten.“ 133 Wieder betraten Beide die Stiege, wie⸗ der gelangten ſie gluͤcklich in den Stollen bis zur Kapelle, in dieſe aber Lichtung allein, indem ſeinem Begleiter bloß das Amt des Sffnens und Schließens der Fallthuͤr oblag. Als der Maler ſich in dem dunkeln Raume hinter dem Altare befindet, hoͤrt er Maͤnner⸗ ſtimmen. Er lauſcht ihrer Rede und uͤber⸗ zeugt ſich bald, daß man hierher gekommen ſei, ihn zu ſuchen. Da es ſeine Abſicht iſt, ſich dem Gerichte wieder zu uͤberliefern, ſo will er eben hervortreten, um ſich als gegen⸗ wärtig zu melden, als er den Gerichtsamt⸗ mann befehlen hoͤrt, die mitgebrachte Leiter herbeizutragen und ſie in das Gewöͤlbe hinab⸗ zulaſſen.„Spart dieſe Muͤhe!“ ruft der aus ſeinem Schlupfwinkel hervortretende Maler. Alle erſchrecken. Der Gerichtsdiener Strang⸗ ler wirft die Leiter hin; er glaubt, Lich⸗ tung ſpuke hier, und mit dem Schreie: „Wehe uns!“ ſtürzt er aus der Kapelle hin⸗ aus; auch die beiden Schreiber haben nicht Luſt, ſich in eine Unterſuchung der Erſchei⸗ —— nung einzulaſſen, und mit emporſträubendem Haar ſchreiten auch ſie hinaus. Der Maler ſeinerſeits war ebenfalls erſchrocken, aber nur daruber, daß man vor ihm floh.„Wer da?“ ruft der beherzte Gerichtsamtmann. „um Vergebung, mein Herr, der Maler Lichtung wuͤnſcht als ehrlicher Mann—“ „Wirklich Ihr hier? Waret Ihr nicht ver⸗ ſunken?“ fragte Herr Feſſelring ganz ver⸗ wundert.„Das war ich, um zu meinem verlornen Documente zu gelangen, und wie⸗ der emporgeſtiegen, um mich dem Gerichte auf's Neue zu ſtellen, und dieſes wieder, um meine Unſchuld anerkennen zu laſſen,“ ſagte Lichtung.„Es ſollte mich freuen,“ entgeg⸗ nete der Gerichtsamtmann,„wenn letzteres der Fall wuͤrde. Aber dann müßt Ihr fur's Erſte wiederum in den Kerker kriechen.“„Ei, kann ich nicht noch heute dem Herrn Präſi⸗ denten mich praſentiren und meine Schuld⸗ loſigkeit documentiren?“ fragte der Maler. „Vielleicht, antwortete Herr Feſ ſelring, 135 „ich will Euch ſelbſt zu ihm begleiten. Kommt!“ Beide verließen die Kapelle, aber nicht auf immer. Bei Laurentia fanden ſich nach dem Mittagsmahle einige eingeladene Freundinnen ein. Adelheid, des Hoſpredigers, und Leo⸗ poldine, des Kammerdirectors Tochter und mehrere andere vornehme Maͤdchen erſchienen, um der traurigen Laurentia zu ihrem Ge⸗ burtsſeſte vieles Gute, beſonders aber eine heitere Gemuͤthsſtimmung zu wuͤnſchen. Zu größter Freude der Geſpielinnen fanden ſie ihre Freundin geſpräͤchig und ſcherzend. Ei⸗ nige Stunden lang wurde geplaudert, geſun⸗ gen und muſicirt. Schon wollte die Sonne in Thetis Schooß niederſinken und Lauren⸗ tia's Vater war noch nicht zuruͤck. Da ent⸗ ſtanden Beſorgniſſe, die mit ieder Viertel⸗ 136 ſtunde an Kraft zunahmen.„Robert, es waͤre doch wohl gut, wohl gar noͤthig, daß Du einen Gang nach der abentheuerlichen Kapelle unternaͤhmſt, aber nicht allein. Bitte den Nachbar Braune und Nachbar Fiſcher um die Gefaͤlligkeit, Dich zu begleiten. Nicht wahr, Du erfuͤllſt meine Bitte?“ ſagte die Mutter und eine Zaͤhre zitterte in ihrem Auge. „Wie, meine Mutter! Ihr ſprecht von Er⸗ fuͤlung einer Bitte? Nein, nein, mein iſt die Bitte um Euere Erlaubniß dazu.“ Er kußte ſeiner Mutter die Hand und griff nach ſeinem Spazierſtocke, empfiehlt ſich der Ge⸗ ſellſchaft und greift nach der Thuͤrklinke; dieſe aber wird ſchon von außen geoͤffnet, und— Freude uͤber Freude! der Vater iſt da. Alle ſpringen von ihren Sitzen auf, um ihn jauchzend zu begruͤßen, wanken jedoch erſchrocken zuruͤck, denn Lichtung tritt mit ein. Dieſer bleibt an der Thuͤr ſtehen, den ganzen Geſellſchafts⸗Zirkel mit pruͤfendem Blicke zu muſtern, ſchlaͤgt verwundert die Haͤnde zuſammen, als er Bertha erkennt. —— — 137 Laurentia und Bertha, Bertha und Laurentia in ſchweſterlicher Eintracht neben einander!. „Ja, ja, Herr Lichtung,“ ſagte der Gerichtsamtmann, indem er mit dem Zeige⸗ finger auf den Halbkreis der Mädchen zeigte, „hier habt Ihr die Wahl, tretet nur näher!“ Vor Gericht war er ſo verlegen nicht gewe⸗ ſen, als hier; indeß er drechſelte mit einer hoͤfiſchen Verbeugung einige Artigkeiten und niedliche Floskeln und ſetzte ſich„mit gutig⸗ ſter Erlaubniß!“ zur Linken Laurentia's, neben der rechts Bertha ihren Platz hatte. „Das iſt nicht richtig und auch nicht recht,“ ſagte der Hausvater zu ihm;„entweder der Sitz zu Bertha's rechter Seite gebuͤhrt Euch, oder Ihr muͤßt wenigſtens zwiſchen Beiden Euern Platz nehmen.“ Bertha er⸗ röthete, Laurentia ruͤckte mit ihrem Stuhle ängſtlich hin und her und der Maler ſtotterte als Entſchuldigung der von ihm verletzten Convenienz:„Ich bitte recht ſehr um Ver⸗ zeihung, meine geehrteſten Herrſchaften, der 138 Platz an ſich koͤnnte wohl eine gleichguͤltige Sache zu ſein ſcheinen, die ſich ſehr leicht nach den Regeln der Etikette modeln laͤßt; aber nicht ſelten liegt auch den anſcheinend unbedeutendſten Handlungen ein ernſter mo⸗ raliſcher Bewegungsgrund unter, was in vor⸗ liegendem Falle Anwendung finden moͤge!“ „Keine Sophismen hier, Maler. Jedem das Seinige!“ Mit dieſen Worten ſchritt der Gerichtsamtmann auf Lichtung zu, nahm ihn bei der Hand und fuͤhrte ihn zwiſchen Bertha und Laurentia. Da ſprach der Maler zu Bertha:„Aus bekannten Grun⸗ den wagte ich's nicht, mich Dir, gute Ber⸗ tha, an die Seite zu ſetzen.“ Der ganzen uͤbrigen Geſellſchaft war es gar nicht recht, daß Laurentia's Vater dieſen Sonderling — denn dafuͤr ward der Maler zum minde⸗ ſten gehalten— eingefuͤhrt hatte; doch im Vertrauen zu ſeiner Einſicht und Redlichkeit ließ jedes Mitglied ſich's angelegen ſein, die Freuden des Tages nicht zu truͤben, und die unterbrochenen Vergnuͤgungen wurden wieder 139 aufgenommen.„Du biſt ja aber doch recht lange in der Kapelle geweſen, lieber Mann,“ ſagte die Gattin zu dem Gerichtsamtmanne; „ſag' an, wie konnteſt Du uns ſo lange ver⸗ laſſen?“ Er erzählte nun, was vorgefallen ſei, und die ganze Geſellſchaft brach bei Er⸗ waͤhnung der Flucht des Dieners und des heimlichen Davonſchleichens der beiden Schrei⸗ ber in ein lautes Gelächter aus; auch der Juwelier Steingold lachte. Nun waren Alle geſpannt auf den Empfang des Malers und des Documents von Seiten des Juſtiz⸗ Präſidenten.„Der iſt Euch ein gar hexrlicher Nann,“ ſagte der Erzaͤhlet,„r freute ſich, daß der Vorfall in der Kapelle einen? ſolchen Erfolg gehabt, einen ſo gluͤcklichen Ausgang genommen haͤtte. Hierauf forderte er den Maler auf, anzuzeigen, von wem die furch⸗ terliche Anrede beim Verſinken mit der Leiter hergeruͤhrt habe. Dieſer aber verſicherte, wahr⸗ ſcheinlich wegen des Schreckens, in ſeinem Sturze nur ein dumpfes Gemurmel, aber keine verſtändlichen Worte vernommen zu 140⁰ haben. Der Präſident erkundigte ſich dann, wohin nun der Maler gekommen und wie er zum Beſitz dieſes Papieres gelangt ſei. Unſer Gaſt, mit gutem oder mit boͤſem Gewiſſen? das laſſen wir dahin geſtellt ſein,— unſer Gaſt erzaͤhlte auch dieſes,— ob der Wahr⸗ heit getreu oder nicht, das iſt nicht Gegen⸗ ſtand unſerer Unterſuchung, und es mag der⸗ ſelbe, wenn es ihm anders beliebt, ſein be⸗ ſtandenes Abentheuer ſelbſt zum Beſten ge⸗ ben.“„O recht gern,“ erwiderte Lichtun g, „und es wird mir ſehr angenehm ſein, die liebe Geſellſchaft ein Viertelſtundchen unter⸗ halten zu koͤnnen, falls dieſelbe ſolches wünſcht.“—„Wir bitten darum, Herr Lichtung, wir bitten!“ rief Helene. „Doch, lieber Vater,“ ſagte ſie zu dieſem, „was meinte der Herr Präſident dazu?“ „Morgen Vormittag ſoll die Sache zur Spra⸗ che kommen,“ ſagte erz„bis dahin freilich muͤßte der Maler wieder eingeſperrt werden; denn wenn dieſer auch verſichert, nicht entwi⸗ ſchen zu wollen und ſich zur Beglaubigung 141 2 dieſes Verſprechens darauf beruft, daß er ſich auch jetzt ganz freiwillig wieder geſtellt habe, ſo erwidere ich ihm, daß der Menſch ein ver⸗ aͤnderliches Weſen ſei, den das oft bald ge⸗ reuet, was er kaum erſt fur zweckmäßig und gut hielt. Ein Gedanke reicht dem andern die Hand, es entſtehen Combinationen, Ur⸗ theile, Schluͤſſe, neue Ideen, andere Gefühle, Erinnerungen, dieſes Alles muß natuͤrlich auf den Willen Einfluß haben und den gefaßten Entſchluß wankend machen, wohl gar aufhe⸗ ben.“ Er blickte nach dieſen Worten bald mich, bald den Maler an, gleichſam fragend, ob er nicht Recht habe? Was ließ ſich aber. dagegen einwenden? Herr Lichtung raus⸗ perte ſich, wollte reden, allein was ſollte er vorſchlagen, da das bloße Verſprechen nicht hinreichend war? Nach einer kleinen Pauſe ſagte der Herr Praͤſident zu mir:„Einen Vorſchlag kann ich thun, Herr Amtmann; es wird freilich einen ſonderbaren Klang haben, darum ſei es auch nur Vorſchlag. Wie wäre es, wenn Ihr dem jungen Manne bis mor⸗ 142 gen Quartier in Eurer Wohnung gabet? Freilich, wie ſchon geſagt, im Grunde ein wunderliches Anſinnen, denn Ihr haftet mir fuͤr den Maler unter allen Umſtaͤnden. Nun, was ſagt Ihr dazu?“ Ich ſah meines Schuͤtzlings bittende Miene und— ging den Vorſchlag ein, machte mich durch einen dem Herrn Praͤſidenten gegebenen Handſchlag an⸗ heiſchig, fuͤr den lieben Gaſt zu haften.“ „Tauſend Dank, Herr Gerichtsamtmann, fur Eure Güte! Meines Entweichens halber laßt Euch nicht bangen; o, deßhalb muͤſſe nicht ein Viertelſtuͤndlein der Nacht Euch ſchlaflos verſtreichen!“ ſagte Lichtung.„Nun entließ uns der Herr Praͤſident und troͤſtete mit den Worten:„Ich denke, nun ſoll Alles gut wer⸗ den!“ und das glaube ich auch.“ Alle nickten beifallig mit den Koͤpfen, nur der mißtraui⸗ ſchen Helene wollte diesmal ihres Vaters gethaner Schritt nicht klug und ſicher ſchei⸗ nen, ſo wie ſie ſich uͤberhaupt uͤber des Ma⸗ lers ſich guͤnſtiger geſtaltendes Schickſal nicht freuen mochte. 143 „Holla!“ rief Jemand, der zugleich an die Thuͤr pochte und ohne das„Herein!“ abzuwarten oͤffnete. Der Aktuar Gauder⸗ ling trat ein, ſein vielleicht ſtorendes Erſchei⸗ nen mit einigen Worten entſchuldigend. Ohne die umſtände, die ſeinetwegen gemacht wur⸗ den, zu beachten, wandte er ſich ſogleich an den Hausvater mit den Worten:„Verzeihet guͤtigſt, Herr Amtmann! daß ich ſo ſpaͤt noch in Eurer Behauſung erſcheine; allein es mußte geſchehen. Ich bitte Euch um die Gefaͤlligkeit, mich in einem andern Zimmer anzuhören; ich hobe Euch etwas Wichtiges zu entdecken, das keinen Aufſchub duldet. 2 „Betrifft's mich?“ fragte etwas unruhig der Amtmann.„Ja, Euch und—“ Hier warf er einen Seitenblick auf den Maler und ging mit dem Gerichtsamtmanne in ein anſtoßen⸗ des Zimmer. Die ganze Geſellſchaft ward in die größte Beſturzung verſetzt; doch ver⸗ hielten ſich alle Mitglieder ganz ſtill, wie das immer bei ſolchen Gelegenheiten der Fall iſt, wo die menſchliche Neugierde betheiligt und 144 angeſprochen wird. Jeder lauſchte den im Nebenzimmer leiſe geſprochenen Worten. Im Zuſammenhange ging das Geſpraͤch nach und nach, ſo wie die Redner in ihrer Extaſe der Horcher, wenn auch nicht an, aber doch jen⸗ ſeits der Thuͤr, vergaßen, in etwas lautere und deutlichere Accente uͤber. Beſonders lie⸗ ßen ſich die Worte ziemlich genau vernehmen: — hier ſei arger Betrug im Spiele— dann: — die Ungnade des Fuͤrſten— und:— den Galgen zu zieren.— Alle blickten den Maler halb veraͤchtlich und halb mitleidig an; aus Helenens Mienen konnte aber auch der weniger erfahrene Menſchenkenner einen hohen Grad von Schadenfreude erkennen, waͤhrend ihr Gatte mit ſeinem Seſſel der Thuͤr immer naͤher ruͤckte, um im Fall der Noth, das heißt im Fall des Reißausnehmens Lichtung's, ihm den erſten Ausweg zu verſperren, aus Liebe zum Schwiegerpapa. Dabei wahrte er jede Bewegung des Malers, wie eine Katze das im Vordergrunde ſeiner Behauſung ſchuchtern witternde Maͤuschen nicht aus dem 145 Auge laͤßt. Wieder ließen ſich die Worte hoͤren: das Document ſei untergeſchoben, er⸗ dichtet und falſch—— mit der Hinrichtung duͤrfe nicht gezoͤgert werden— und endlich: „Der Fürſt will's.“ Dem Maler ſah man die große Herzensangſt an; er rieb ſich faſt die Haͤnde wund. um Lichtung's Befreiung deſto ſiche⸗ rer zu bewirken, hatte an dieſem Tage, an welchem Laurentia's Wiegenfeſt gefeiert wurde und der Maler auf Fortunen⸗Schacht geweſen war, Fortunette an den regieren⸗ den Fuͤrſten geſchrieben und gemeldet, daß, da der Maler ſchriftliche Beweiſe ſeiner Un⸗ ſchuld in den Händen haͤtte, er es fuͤr zweck⸗ mäßig gehalten, das Land nicht heimlich zu verlaſſen, ſondern ſich dem furſtlichen Gerichte wieder zu ſtellen, um ſeine gekraͤnkte Ehre zu retten. Sie baͤte daher in ſeinem Namen, Seine Durchlaucht wollten gnädigſt geruhen⸗ zu befehlen, daß nun unverzuglich die Schluß⸗ Die Siegwarts⸗Kapelle. I. 10 146 Sentenz erfolgen moͤge. Auch ſei ſie beauf⸗ tragt, fuͤr die erhaltenen funfzig Stuͤck Du⸗ katen allerunterthaͤnigſt in ſeinem Ramen zu danken.— Des Fuͤrſten Zorn erwachte uͤber des Malers Frechheit. Sogleich wurde der Juſtiz⸗Praͤſident zu ihm beſchieden.„Wißt Ihr, Praͤſident, was mit dem Schurken Lich⸗ tung vorgefallen iſt?“„Wie ſollt' ich nicht, Durchlaucht?“„Habt Ihr das Schreiben geleſen, das ſeine Unſchuld beweiſen ſoll?“ „Ja, Durchlauchtigſter Herr!“„Beweiſ't das Schreiben dieſelbe?“„Zur Haͤlfte!“ „Habt Ihr das Document mitgebracht?“ „Allerdings; hier iſt es, unterthänigſt aufzu⸗ warten!“ Der Fuͤrſt las, und von Augen⸗ blick zu Augenblick wuchs ſein Zorn. End⸗ lich warf er das Schreiben auf den Fußboden. „Das elende Papier beweiſ't nur, daß Ver⸗ brechen auf Verbrechen begangen, daß der Kapelle die Silberbarren entwendet ſind, und daß ein Mord vorgefallen iſt. Hebt einmal das Schriftchen wieder auf und verſucht es, mir zu ſagen, daß des Malers Unſchuld zur 147 Haͤlfte documentirt ſei!“ Der Präſident it⸗ terte, buckte ſich und nahm die Schrift wieder auf.„Jetzt frage ich Euch: ſoll ich meine Silberſtangen, nur dieſe ſieben, wieder erhal⸗ ten oder nicht?“„Allerdings, das unterliegt gar keinem Zweifel, Ew. Durchlaucht.“ „Wollt Ihr, der Welt zum abſchreckenden Exempel, das Todesurtheil über den Verbre⸗ cher faͤllen und zwar morgen, oder nicht?“ „Durchlaucht, gnaͤdigſter Fürſt, großmaͤchtig⸗ ſter Herr!“ ſagte der Präſident mit zitternder Stimme,„gnädigſte Verzeihung, wenn ich fehle; aber nach meiner überzeugung hat Lichtung, dieſer Schrift gemäß, die Silber⸗ barren fuͤr ſein rechtmaͤßiges Erbtheil angeſe⸗ hen, und—“„Das iſt ein gottloſes Erbe, mit welchem Galgen und Rad verbunden iſt!“ ſchnaubte der erzuͤrnte Herr.„Alſo nach Eu⸗ ter überzeugung iſt der Tempelräuber ein ehrlicher Mann und kein Dieb, und nicht mit dem Tode der Verbrecher zu belegen? Geht, geht, und das ſchleunigſt, von Unſern Augen hinweg! Mein Gott, was iſt die 10* Zeiten! und was fuͤr ein Gericht iſt das?“ Der Praͤſident, der des Fuͤrſten aufwallendes Temperament kannte, und wußte, daß er ſich nicht ſelten in dem Sturme aufbrauſender Hitze vergaß und dann zu thun pflegte, was ſich nicht geziemte, entfernte ſich, und da ihm zufaͤllig der Aktuar Gauderling auf der Straße begegnete, ſo nahm er dieſen mit in ſeine Wohnung und trug ihm auf, den Ge⸗ richtsamtmann heimlich von dem Stande der Dinge zu benachrichtigen und ihm die ſchärfſte Aufſicht uͤber den Maler anzuempfehlen, weil ſonſt Beide, der Präſident und der Amtmann, ihrer Stellen entſetzt werden wuͤrden, wenn Lichtung etwa entwiſchen ſollte. Eine ſchwere Aufgabe fuͤr den Amtmann Feſſelring. Was ſollte er nun machen? Daß er in ſei⸗ ner Gefaͤlligkeit ſchon viel zu weit gegangen war, ſah er ein, nun kam es darauf an, die⸗ ſen Fehler ſo viel wie moglich ihm und ſei⸗ nem Hauſe unſchaͤdlich zu machen. Es leuch⸗ tete ihm kein anderes Mittel ein, als ein Gerechtigkeitspflege in dieſen unſern frivolen 149 Zimmer ſeiner Wohnung gewiſſermaßen zum Gefaͤngniſſe fur dieſe Nacht herzugeben. Aber wie das anfangen? Alle Gaͤſte waren durch dieſes Intermezzo verſtimmt, die Mitglieder der Familie Feſſelring in Angſt und Sorge, Laurentia weinend an dem einen Fenſter, Bertha ſchluchzend ſich in das andere leh⸗ nend. Draußen ein furchterliches Schneege⸗ ſtober auf einen warmen Apriltag, der Sturm peitſcht die Zweige der an der Wand ſtehen⸗ den brühenden Obſtboͤume, auf der ſchoͤn la⸗ ckirten Tafel verdampft ſich der Punſch; kurz es iſt, als ſei das große Frachtſchiff mit al⸗ lem Gute des Hauſes Feſſ elring unfern des Hafens untergeſunken.„Brr! brr! Be⸗ ſtie, willſt Du gleich ſtehen?“ ſchallte es un⸗ ter dem Fenſter von der Straße hinauf. Ratuͤrlich werden die Fenſter aufgeriſſen, um zu ſehen, was es dort unten ſo ſpaͤt am Abend noch giebt.„Kreuz Element, macht auf! ſoll ich hier umkommen?“ Dieſe nach⸗ vrucksvollen Worte bringen die nippenden Dienſtboten auf die Beine, und ehe der Amt⸗ 150 mann die Hffnung des Thorweges befiehlt, verkuͤndet das Knarren, daß ſo eben dem deutlich genug ausgeſprochenen Wunſche des Angekommenen genügt werde. Auch Robert war ſeinem Vater nachgeeilt und der Aktuar Gauderling haͤtte es ſicher ebenfalls gethan, waͤre er nicht gerade mit dem Leeren eines Glaſes Punſch beſchäftigt geweſen. Er, Lichtung und der Juwelier waren die einzigen, welche von Laurentia's Eltern den Vorwurf abwehren wollten, als ſeien dieſe heute allzu verſchwenderiſch zu Werke gegangen. Sie zogen daher vor, den Ankommenden im Zimmer erwarten und em⸗ pfangen zu wollen, blickten jedoch neugierig nach der offen ſtehenden Thuͤr.„Ei, guten Abend, Freund Hadermann!“ rief Ro⸗ bert auf der Treppe.„Woher noch ſo ſpät? glaubte ich Dich doch laͤngſt in Frankfurts Weichbilde!“„Alle Blitz und der Hagel!“ begann der Lieutenant,„drei Meilen von hier in einem Gaſthoſe laſſe ich mein Pferd fut⸗ tern. Wie ich ſo am Tiſche vor einem Glaſe 151 Wein ſitze, kommt Monſieur Randig, der reitende Polizeidiener, erzählt und ſchwoͤrt da⸗ bei, daß morgen der Maler Lichtung, der Schwindelkopf, gehenkt werden ſolle. Ha, dachte und rief ich, dieſes Schauſpiel muß ich ſehen; ich—“ Robert hielt ihm ſeine Hand vor den Mund und flͤſtert ihm zu, der Ma⸗ ler Lich tung ſei ja in dem naͤchſten Zim⸗ mer und das Gerücht ſei grundfalſch.„Huͤ⸗ tet Ihr Euch nur, mein beſter Herr, daß man mit Euch nicht ſo verfahre, denn die beiden Maͤnner, die Ihr ſo graͤßlich verwun⸗ det habt, werden wohl an ihren Bleſſuren ſterben, und uͤbrigens hattet Ihr auch eine andere Weiſung, als wieder hierher zu kom⸗ men,“ ſagte der Amtmann zu ihm und fuͤhrte ihn ins Zimmer.— Nachdem er ſich von ſeinem forcirten Ritte ein wenig erholt hatte, rief ihn der Hausherr hinaus auf den Saal und machte ihn hier mit dem bekannt, was ihn und ſeine Familie aͤngſtigte.„Der Menſch (naͤmlich Lichtung) muß die ganze Nacht hindurch beſchaͤftigt werden,“ ſagte Hader⸗ mann und verſprach, Sorge auf ſich zu nehmen. Der Maler ſaß jetzt betruͤbt in einem Winkel, von Allen, auch von Bertha und Laurentia verlaſſen, welche ſich wie alle uͤbrigen Frauenzimmer aus dem Zimmer ent⸗ fernt hatten, theils, um der Ruhe zu pfle⸗ gen, theils, um ungeſtort und unbemerkt wei⸗ nen zu können. Da trat Hadermann vor Lichtung und redete ihn ſo an? „Ich will hoffen, Freund, daß Ihr meine Außerung bei meinem Kommen nur fuͤr das werdet genommen haben, was ſie war und ſein ſollte— Scherz— und nichts weiter. Es iſt einmal ſo meine Art, ſtoße da freilich zuweilen etwas derb an und habe Verdruß von meinen Spaͤßchen; jedoch, wer kann ſein Temperament aͤndern?“„Es war aber — das bin ich feſt uͤberzeugt—“ erwiderte Lichtung,„nicht Scherzwort, und ich ver⸗ zeihe Euch von Herzen das, wozu Ihr Euch nur durch Eure Leichtglaͤubigkeit habt verlei⸗ ten laſſen. Ach Gott, wann werde ich mei⸗ 153 nen guten Ruf gerettet ſehen!“ ſetzte er ſeuf⸗ zend hinzu.„Ihr dauert mich, Maler! doch haͤngt dem Grame nicht zu ſehr nach, kommt, laßt uns eine Parthie Schach ſpielen!“„Bra⸗ vo, Lieutenant! Ich habe zwar geſagt, daß ich Euch Eure uble Außerung, die mich be⸗ traf, verzeihe, jedoch unter der ausdruͤcklichen Bedingung, daß Ihr bis zum hellen Mor⸗ gen hier am Liſche bei mir ſitzen bleibt, den Degen an der Seitez ich ſei Euer Gefangener, auf deſſen Entweichung die Kugel geſetzt ſei, und dieſes aus dem einfachen Grunde, damit mein Wohlthaͤter und deſſen edle Familien⸗ Mitglieder ſaͤmmtlich eine ſorgenfreie Nacht, einen ruhigen Schlummer genießen moͤgen!“ Der Gerichtsamtmann nahete ſich ihm, um ihm die Gruͤnde ſeiner Unruhe auseinander zu ſetzen; der Maler aber unterbrach ihn bei den erſten Worten und ſagte geruͤhrt:„Es bedarf's wahrlich nicht, daß Ihr deshalb noch Eure durch mich gefaͤhrdete Lage in's Licht zu ſetzen Euch bemuͤhet. Ich kenne ja die umſtaͤnde, die ſo, wie ſie ſind, eiſern ſind. 1⁵4 Lieutenant, ſagt, ſeid Ihr geſonnen, die Be⸗ dingung, die nicht ſo gar ſchwer ſein mochte, beſonders fur einen Kriegsmann leicht genannt werden koͤnne, anzunehmen?“„O recht gern,“ erwiderte dieſer,„wenn es Euch damit ein Ernſt iſt!“ Der Gerichtsamtmann, muͤde von des Tages Strapazen und Sorgen, deſſen Gat⸗ tin, der Aktuar Gauderling und Stein⸗ gold wuͤnſchten den beiden Schachſpielern viel Vergnugen und gingen ſchlafen.— Bald ſah Hadermann ein, daß er es mit einem Meiſter zu thun habe, und je laͤnger das Spiel dauerte, deſto gewandter und umſichti⸗ ger benahm ſich der Maler, deſto mehr Kunſt⸗ griffe entfaltete er.„Hole der Teufel das Spiel! zum Raſendwerden iſt's!“ polterte Ha⸗ dermann.„Gardez la reine rief Lich⸗ tung.„Alle Blitz!“ ſchrie Hadermann und wollte aufſpringen; da faßt. ihn Lichtung beim Arm und zieht ihn wieder nieder auf ſeinen Sitz.„Immer feſt ſitzen, mein Herr, wie Aber(zu Hadermann gewandt) Ihr, Herr 15⁵⁵ ein Dragoner im Quarrée!“ ermahnt der Ma⸗ ler. Hadermann ſieht ihm in's Geſicht, des Malers Augen funkeln, und unter dem ſorgfäͤltig zugeknöpften Rocke ſcheint etwas verborgen zu ſein, bald glaubt der Lieutenant von der Form auf das Vorhandenſein einer Piſtole ſchließen zu muͤſſen, und bald ſchauet die Muͤndung einer ſolchen Waffe unter dem Obergewande hervor.„Schach und— matt!“ ruft Lichtung.„Ei was, Maler,“ ſpricht Hadermann verdrüͤßlich geworden,„das iſt kein Spielen, wir ſind zu ungleich. Laßt uns etwas Anderes vornehmen! Ich werde hin⸗ unter gehen und ein paar Flaſchen Wein ho⸗ len.“„Ein Hundsfott, wer von ſeinem Stuhle aufſteht!“ ruft der Maler aus und greift zufaͤllig in ſeinen Buſen. Hader⸗ mann legt ſeine rechte Hand an den Degen⸗ knopf und Beide— ſehen einander ſtillſchwei⸗ gend an, und ſchweigend ſetzen ſie die Figu⸗ ren wieder auf. Ein matter Schein, als Widerglanz der ſich unſerer Hemisphaͤre von neuem nahen⸗ den Sonne, erfullt die oden Straßen der Re⸗ ſidenz, die mit einer dunnen Schneedecke uber⸗ zogen ſind und einzeln flogen die leichten Wolken am blauen Himmel dahin von Oſt nach Weſt. Auf verſchiedenen Punkten der Stadt ertonten die Hoͤrner der Nachtwache und das eintönige„Werda!“ vom Schloßhofe heruͤber zu Feſſelring's Wohnung. Duͤſter brannten die Kerzen in den meiſten Gemaͤchern dieſes ſonſt glucklichen Hauſes; es waren end⸗ lich die meiſten Bewohner deſſelben in einen wohlthatigen Schlummer verfallen; nur in einem Zimmer flackerten die Kerzen hell mit munterm Lichte. Hier ſaßen, vertieſt in ihr Spiel, Lieutenant Hadermann und Georg Lichtung der Maler. Nichts hatte ſie die ganze Nacht geſtört; jett aber bahnt der Ge⸗ ſang eines Nachtwächters ſich den Weg zu ihnen. Zwar laͤßt derſelbe ſein zimlich mo⸗ notones Lied erſt auf vorletztem Poſten er⸗ ſchallen; allein es ziehen doch einige Schre⸗ 157 cken erregende Worte die Aufmerkſamkeit der Spieler auf ſich. Beide wuͤnſchten das Lied im Zuſammenhange zu vernehmen, aber kei⸗ ner darf ja auſſtehen. Daher kommen ſie mit einander uͤberein, zuerſt ihre Stuͤhle et⸗ was fort nach dem Fenſter zu, dann den Tiſch eben ſo und ſo fort zu ziehen und zu ruͤcken, bis ſich das Fenſter oͤffnen laſſe, ohne daß ſie deßhalb ſich von ihren Sitzen zu er⸗ heben brauchten. Das ließ ſich ausfuͤhren. Nach einer Arbeit von einigen Minuten hat⸗ ten ſie ihren Zweck erreicht. Der Waͤchter ſtimmte an. Der Inhalt des Geſanges ver⸗ ſetzte den Maler in ſo verzweifelnde Angſt, daß er ſich durch das Fenſter auf das Stra⸗ ßenpflaſter geſtuͤrzt haben wuͤrde, haͤtte ihn nicht Hadermann zuruͤckgehalten mit den Worten:„Sitzen bleiben, Freund! Was dem Einen Recht iſt, das iſt dem Andern billig!“ In dieſer Stadt hatte ſich naͤmlich ſeit uralten Zeiten der Brauch erhalten, daß der Nachtwaͤchter fur das Stadtviertel, in welchem die höchſten Behoͤrden wohnten, allemal am 158 Morgen eines zur Hinrichtung eines Delin⸗ quenten beſtimmten Tages, vor den Wohnun⸗ gen der Richter ein gewiſſes Lied abſingen mußte. Nun hatte der uͤber Lichtung's Hartnäckigkeit entruͤſtete Furſt am Abend noch dem Polizei⸗Director den Befehl zukommen laſſen, dafuͤr zu ſorgen, daß der Nachtwaͤch⸗ ter am andern Morgen das ſogenannte De⸗ linquentenLied anſtimme. Dieſes lautete ſo: „Fuͤr Diebe, Moͤrder, Straßenraͤuber, und für Brandſtifter, Hochverräther Erhebet ſich des Hochgerichts Gebälk. Es ſchauet ernſt auf euch, ihr Maͤnner, Weiber; Mit Grimm auf alle Miſſethäter. Auf ſeinem mooſ'gen Haupt wird auch der Lorbeer welk. D'rum furchtet euch, denn des Geſetzes Strenge wacht Bei Tag und Nacht! Rur ſelten bleibt die That verborgen, Die werth des Beils, des Rades ſei. Schon wieder bricht ein blut'ger Morgen Mit Schrecken einem Suͤnder an, dem Gott verzeih'!“ Der Gerichtsamtmann hoͤrt dieſen Geſang, erſchrickt ebenfalls und verlaͤßt ſchnell die Lager⸗ ſtaͤtte, kleidet ſich geſchwind ein wenig an und eilt in das Zimmer, in welchem der getreue Lieute⸗ nant den nun gewiß zum Tode verurtheilten 159 Lichtung bewacht hatte. Bis dahin hatte dieſer immer noch an ſeine Befreiung geglaubt, aber nun, meinte der Amtmann, ſei der ſchlimmſte Augenblick da und nicht mehr als Alles von dem Maler zu befuͤrchten. Wie? konnte Hadermann vielleicht doch einge⸗ ſchlaſen ſein und konnte ſich der Maler in dieſem Zeitpunkte nicht des Degens bemaͤch⸗ tigt haben oder entwichen ſein? Allein zu ſeinem großen Erſtaunen findet er Beide noch vor dem Schachbrette ruhig ſitzend und den Maler in ruhiger Stimmung; dieſe Ruhe jedoch haͤlt er mit Recht fuͤr erkuͤnſtelt. Beide wundern ſich uͤber das fruhe Erſcheinen ihres Hauswirthes, merken aber freilich nur zu wohl die Veranlaſſung dazu. Was fuͤr einen Eindruck das Abſingen des Delinquenten⸗Liedes auf die uͤbrigen Be⸗ wohner und Bewohnerinnen dieſes Hauſes hervorbrachte, das uͤbergehen wir, weil ſich dieſe Scene, mit dem Abendauftritte in Ver⸗ bindung geſetzt, ſehr leicht denken und aus⸗ malen läßt. Wußte aber Fortunette auch, was hier vorging? Und wußte ſie dieſes, warum half ſie nicht? Hatte vielleicht ihr bis⸗ heriger Einfluß auf die Entſchluͤſſe des Fuͤr⸗ ſten ſeine Endſchaft erreicht, ſeitdem ſie ſich fuͤr den Maler bei demſelben verwendet hatte? Blaß und aͤußerſt erſchrocken trat jetzt auch die Frau Amtmaͤnnin mit den Worten ein:„Erſchreckt nicht uͤber das, was ich zu ſagen habe. Zwei Gerichtsdiener erwarten in der Hausflur den Maler, er moͤchte ſich—“ Hier ſtockte ihre Stimme, weil ſie ſich des Weinens nicht länger enthalten konnte.„Dank Euch, geehrteſte, beſte Frau Gerichtsamtmaͤn⸗ nin! Dank Euch, meine Herren, fuͤr die mir bewieſene Guͤte! Man ſchleppt mich alſo wie⸗ der in den Kerker und von da zum— So etwas heißt,“ ſetzte er mit bitterm Lächeln hinzu,„Fortuna iſt verſoͤhnt.“ Noch war der Tag nicht angebrochen, als Lichtung zum letzten Male zum Ge⸗ richte gefuͤhrt wurde; die Straßen, durch welche er kommen mußte, war wie die, in der der Gerichtsamtmann wohnte, von Ge⸗ 161 richtsdienern und Polizeimaͤnnern belebt. Doch nicht in das Gefaͤngniß, ſondern in das Ver⸗ hörzimmer wurde der Maler gebracht, deſſen Decoration durchaus nicht freundlich genannt werden konnte. Obgleich noch ſehr fruͤh, waren doch die Richter vollzaͤhlig ſchon ver⸗ ſammelt bei mattem Kerzenlichte. Tiefer Ernſt bildete ihre Geſichtszuͤge in furchtbar drohende Mienen um, als der Maler faſt ſo unbefangen wie immer, mit tiefer Verbeu⸗ gung eintrat. Sein Prozeß wurde ihm, ſummariſch abgefaßt, vorgeleſen, und als er ſich auf die dem Praſidenten uͤbergebene Schrift berief und aus dem Inhalte derſel⸗ ben die Rechtmaͤßigkeit ſeines Erbes, das er zufaͤllig in der Niſche entdeckt habe, herleiten wollte, bediente ſich der Praͤſident des am vorigen Abende vom Fuͤrſten gebrauchten Ausdruckes:„Ein gottloſes Erbe!“ und er ſetzte hinzu:„Lichtung, wenn Ihr glaubtet, das Silber kaͤme Euch zu, ſagt, warum mel⸗ detet Ihr nicht deſſen Vorhandenſein bei uns an? Ich antworte in Euerm Namen: das Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 11 162 daran erkannte Wappen ließ nur zu gewiß fürchten, daß hier Euer Eigenthum nicht zu finden wäre!“ Lichtung erwiderte:„So gehoͤrt folglich auch alles Geld, das ein Wappen zeigt, irgend einem großen Herrn?“ „Ihr wiſſet recht wohl, Lichtung, worin der Unterſchied zwiſchen beiden verglichenen Gegenſtänden zu ſuchen ſei, und von dem Augenblicke an, als Ihr Euch an den Sil⸗ berbarren vergriffet, rief Euch Euer Gewiſ⸗ ſen zu, es ſei ein Raub, und, ſeid ſo ver⸗ ſtockt wie immer moͤglich, Ihr fuhlt es ge⸗ wiß tief, daß Eure That durchaus nicht ent⸗ ſchuldigt, viel weniger gerechtfertigt werden kann.“ Als der Präſident dieſe Worte ge⸗ ſprochen hatte, rief er den erſten Sekretair auf und befahl ihm, das aufgeſchlagene Ge⸗ ſetz laut vorzuleſen. Das geſchah. Lich⸗ tung wurde ſichtbar von großer Angſt er⸗ griffen, er ſchlug die Augen nieder, aus de⸗ nen ein Paar große Zähren herabrollten, und legte die Hand aufs Herz. Nach einigen Foͤrm⸗ lichkeiten ſtand der Präſident auf und forderte 163 die uͤbrigen Mitglieder des Gerichtes auf, ihren Ausſpruch zu thun.„Sprecht es aus das Wort, das auch dieſem Prozeſſe ein Ende machen ſoll!“ rief er laut.„Schuldig, ſchuldig! reif zum Galgen!“ ertonte es aus jedem Munde. „Gnaͤdiger und barmherziger Gott,“ betete Lichtung auf die Knie geſunken,„heilig und gerecht ſind deine Wege! Nicht fuͤr dieſen Fehler ſtrafſt du mich, wenn es einer iſt, nein, laͤngſt ſchon habe ich dich nicht mehr geſucht, laͤngſt die Anbetung deines heiligen Namens fur Thorheit gehalten, und hart wie der Kie⸗ ſelſtein war mein Herz gegen meine Mit⸗ menſchen. Ein Barbar, ein Ungeheuer wird von dem Schauplatze deiner Erbarmung ab⸗ gerufen, um als Engel des Lichts, mit ewi⸗ ger Reue und in grenzenloſer Ehrfurcht dir zu dienen im Lichte deiner Allgegenwart. Vergieb mir, verzeihe alle übertretung dem gefallenen Kinde, vergieb um Chriſti willen! Amen.“ Die Richter ſahen einander mit fragen⸗ den Blicken an, da oͤffnet ſich die Thuͤr und 11* 164 — Fürſt Ferdinand erſcheint.„Lichtung iſt frei!“ ruft er aus.„Mein Bruder hat ſich ein wenig ubereilt, das geſteht er ſelbſt zu, wie das Gericht aus dieſem ſeinem eigen⸗ haͤndigen Schreiben erſehen wird. Die Ka⸗ pelle mit all' ihrem Inhalte iſt Eigenthum meiner Gemahlin. Sie laͤßt den Maler zur Herausgabe der Silberbarren auffordern und ſſt nicht abgeneigt, dieſe ihm ihrem jetzigen Werthe nach zu bezahlen. Das angezogene Geſetz, den Tempelraub betreffend, findet in vorliegendem Falle keine oder nur eine halbe Anwendung: denn nicht unterhalb des Altars, unter dem Steine hervor, auf dem die Worte ſtehen: Hic argentum de posui, quo aedes restauranda tibi, hat er die Staͤnglein ge⸗ nommen, ſondern aus einer Wandniſche, und dazu ſcheint ihn das dabei liegende Portrait des Großvaters Bruders und deſſen Hand⸗ ſchrift verleitet zu haben. Kurz, Wir verzei⸗ hen ihm und verſprechen, ſeine Freiſprechung noch heute veroffentlichen zu laſſen. Das ſo⸗ genannte Delinquenten⸗Lied ſoll nie mehr ge⸗ 165 ſungen werden.“ Hierauf wendete er ſich zu dem Maler und fragte:„Nun, Lichtung, ſeid Ihr geneigt, meine Dazwiſchenkunft zu billigen und—“„Dank, allerunterthänigſten Dank fuͤr dieſe unverhoffte gnädigſte Rettung⸗ furſtliche Durchlaucht!“ unterbrach ihn der Maler mit einer tiefen, tiefen Verbeugung⸗ Dabei war es ihm aber, als ſtehe an allen Waͤnden mit phosphorirten Lichtzuͤgen ge⸗ ſchrieben: Fortunette! und mit etwas ſchwaͤcherm Glanze darunter: Bertha! Lau⸗ rentia! Seine Ahnung täuſchte ihn nicht. Durch geheime Agenten hatte noch am vorigen Abende Fortunette von des Ma⸗ lers verſchlimmertem Zuſtande Kenntniß er⸗ halten. Ohne Zoͤgern ſetzt ſie ein Bittſchrei⸗ ben an die Frau Fuͤrſtin, des Fuͤrſten Fer⸗ dinand hochherzige Gemahlin, auf, in wel⸗ chem ſie um Begnadigung des Malers Lich⸗ tung dringend bittet, und zur Bewerkſtelli⸗ gung ihrer Bitte zur Anfuͤhrung der ubrigens wahren Gruͤnde raͤth, die wir ſo eben aus dem fuͤrſtlichen Munde hoch erfreut vernom⸗ 166 men haben. Am Morgen dieſes Tages, un⸗ ſtreitig des entſetzlichſten in Lichtung's gan⸗ zem Leben, hatte auch, als er ſchon vor Ge⸗ richt ſtand, Bertha und Laurentia eine mit Thraͤnen begleitete Furbitte für den Ma⸗ ler zu thun gewagt. Die Fuͤrſtin konnte ſich dabei des Lachens nicht enthalten und ſagte: „Lichtung wird frei, aber fuͤr's ganze Klee⸗ blatt? Drei Braͤute nur, warum deren nicht mehr, Ihr Kinder?“ In voller Bluͤthe ſtanden die Pfirſich⸗ und Aprikoſenbaͤume, über die Gärten hatte Flora, die ſchmuckreiche Fruͤhlingsgottin, ihr Fuͤllhorn ausgeſchuttet; mit lebendigem Gruͤn prangten die Waͤlder und Haine; die große Lindenallee, von geputzten Leuten jeden Alters wieder fleißig beſucht, breitete ihren hellgruͤ⸗ nen Baldachin uber ihre Verehrer mutterlich aus, und aus dem ſanft erwaͤrmten Haſel⸗ gebuſche flötete und ſchmetterte der Nachti⸗ gallen Wettgeſang. Lachend, wie die Natur 167 ihr ſchones, nimmer ſtockendes und ſtets ſich verjuͤngendes Werk anſchaut, blickte auch Bertha wieder mit klarem Auge und dank⸗ erfulltem Herzen die allgemeine Segen⸗ und Freudenſpenderin an, und huͤpfte, gleich mun⸗ tern Laͤmmchen, bald in dem unermeßlichen Garten der Fruhlingsflur, bald in dem engern mit einer Hainbuchenhecke begrenzten des Hausherrn. Neues Leben hatte ſich in die ganze Schoͤpfung ergoſſen, wie in ihre Seele, aus der nun endlich der nagende Kummer gewichen war, um dem jugendlichen Frohſinne den ihm gebüͤhrenden Platz zu räumen. Nicht minder als die ſchoͤne freie Gotteswelt trugen zu ihrer Erheiterung die haͤuslichen Verhaͤlt⸗ niſſe bei, und die Behandlung, die ihr zu Theil wurde, konnte in ihr nur den Wunſch erzeugen, dieſes Glüͤcks recht lange, ja wo moͤglich auf immer theilhaft zu ſein. Sie waltete mit kindlicher, mutterlicher und ſchwe⸗ ſterlicher Liebe in Steinegk's Hauſe.„Liebe Bertha, gute Bertha“ war das Rufwort, das ihr galt. Kein ſchweres Geſchaͤft wurde 168 ihr üvertragen; ſie ſollte ſich's nicht ſauer werden laſſen, dafuͤr waͤren ja die Dienſt⸗ boten da, erinnerten die wackern Leute faſt täglich, nur zuweilen nachſehen, ob auch jede Magd im Hauſe ihrer Schuldigkeit nach⸗ kaͤme und der Kleinen warten ſollte ſie. Doch weder die bluͤhende Natur, noch der geſchmack⸗ voll angelegte Garten, kurz alle die äußern angenehmen Verhaͤltniſſe haͤtten ihr Gemuͤth nicht zu beruhigen und zu erheitern vermocht, haͤtte nicht in ihrem Innern, im zartfuhlenden Herzen die Freude Anklang gefunden, waͤre nicht ihr gekraͤnktes Mitgefühl fur Lichtung's Geſchick durch die ſo heiß erſehnte Entwir⸗ rung der furchterlichen Umſtaͤnde verſoͤhnt wor⸗ den. Auch wußte ſie ihn befriedigt, gebeſſert, gluͤcklicher denn je. Und obgleich ſie zwei Tage fruher die Reſidenzſtadt verlaſſen hatte, ſo wußte ſie doch, daß er bei ihrem Oheim, dem Wirth zum goldnen Karpfen malte, und daß ſeine Kunſtleiſtungen zum ſiebenten Ju⸗ lius, als zum Erinnerungstage des hundert⸗ jaͤhrigen Beſtehens dieſes Gaſthauſes, zur 169 öffentlichen Schau geſtellt werden ſollten. Ihr wieder naher gebracht hoffte ſie, werde das ehemalige zaͤrtliche Verhaͤltniß bald und dann auf immer wieder hergeſtellt werden. „Waͤre es nicht der ſchwaͤrzeſte Undank, wenn L meine Liebe, von welcher ich ihm abermals die ſtaͤrkſten Beweiſe gegeben habe, ſchnoͤde zuruckweiſen wollte?“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, und im Gefuͤhle ihres nicht uber⸗ ſchätzten Werthes fragte ſie:„Iſt Lichtung nicht gebeſſert aus der Schule der Truͤbſal herausgetreten? und könnte wohl ein guter Menſch Freundſchaft und Liebe grauſam kraͤn⸗ ken? Nein, das kann, das wird ſein geläu⸗ tertes Herz nicht wollen,“ antwortete ſie ſich ſelbſt. Wohlan, Bertha! auch Taͤuſchung iſt oft ſuß. Gluͤck auf!“ Auch Laurentia freute ſich uber Lich⸗ tung's Gluͤck, und dieſe Freude war um ſo lebhafter, je mehr man an ſeiner Rettung ge⸗ zweifelt hatte.„In unſerm Hauſe hat Lich⸗ tung,“ dachte ſie,„ſo viel Unterſtutzung er⸗ balten, hier iſt ihm ſo viel Freundſchaft erwie⸗ 170 ſen worden, daß er der allerniedertraͤchtigſte Nenſch ſein mußte, wenn er mich vernachlaͤ⸗ ßigen wollte. Freilich Bertha hat groͤßere und aͤltere Anſpruͤche an ſeine Dankbarkeit; ſie werde die Seinige; dann bin ich befrie⸗ digt. Auch hat der Vater Recht, wenn er wünſcht, Lichtung moͤchte mehr geiſtlich ge⸗ finnt ſein. Ich meine aber, der Stand der Geiſtlichen iſt, mir wenigſtens, der liebſte. Die Maͤnner dieſes Standes haben ſo etwas, ich weiß ſelbſt nicht, mit welchem Ausdrucke ich es bezeichnen ſoll— ſo etwas Hausvaͤterli⸗ ches an ſich. Das Glaͤnzende und Geraͤuſch⸗ volle liebe ich nicht; an der Malerei kann ich mich nie ergotzen. Ei, wenn Lichtung ein Geiſtlicher waͤre!“— Heil dir, o gluck⸗ liche Reſignation! ————— „Wie gern haͤtte ich den albernen Maler zwiſchen Himmel und Erde ſchweben ſehen!“ rief Lieutenant Hadermann aus, als die Nachricht von deſſen Losſprechung in Feſſel⸗ 17¹ ring's Hauſe ankam.„Ich Narr, auf die bloße Sage hin reite ich beinahe eine halbe Tagereiſe zuruͤck, laſſe mich vom Sturme peit⸗ ſchen und waͤhrend der ganzen Nacht am Schachbrette haͤnſeln, verliere da eine Par⸗ thie nach der andern, bin in ſteter Lebensge⸗ fahr, ertrage den entſetzlichſten Durſt, darf mich faſt nicht regen, und dulde das Alles, bloß um das Vergnuͤgen zu haben, den elen⸗ den Wicht auf dem Karren und dann am Gal⸗ gen zu ſehen; und was noch das Schlimmſte an der ganzen Sache iſt— ich kann nun durch alle Eilfertigkeit die verſaͤumte Friſt nicht wieder einholen. Das iſt ein Narren⸗ ſpiel, eine Hunde⸗Komoödie iſt's, ſage ich. Doch nun nicht eine Minute länger, etwa um den ſaubern Burſchen noch zu becomplimentiren oder gar ihm zu gratuliren. Lebt wohl und habt Dank fuͤr Eure Guͤte!“ Dieſes ſagend ſtuͤrzte er aus dem Zimmer nach dem Stalle, in dem ſein Brauner ſtand, ſchwang ſich da⸗ rauf und rieft„Nochmals lebt wohl bis 172 auf Wiederſehen zum ſiebenten Julius!“ und jagte bei kaum anbrechendem Tage davon. Es war Vormittags zehn Uhr. Vor dem Gaſthofe zum goldenen Karpfen wie⸗ herte und ſtampfte ein hohes Roß, deſſen Herr ſich's bei einem Kruge Wein und einer ſtar⸗ ken Portion gekochtem Schinken an der lan⸗ gen Wirthötafel wohl ſein ließ. Jetzt zog er ſeine tombackne Uhr aus der Taſche und rief erſchrocken aus:„Alle Wetter! ſchon zehn Uhr? dann muß ich ja wahrlich eilen, wenn ich nicht das ganze Spiel verpaſſen will. „Was fuͤr ein Spiel?“ fragte der Wirth⸗ „Alter Tropf!“ antwortete der nun emſiger mit den Gebißwerkzeugen arbeitende Gaſt,„wie? Ihr wuͤßtet noch nicht?“„Nun was ſoll ich denn wiſſen, ins Teufel Namen? He, da bekom⸗ men wir noch einen Gaſt!“ Bei dieſen Worten trippelte Wildbraten unruhig an der Thür herum und:„So nennt mir doch nur end⸗ lich die Neuigkeit!“ rief er ungeduldig aus. Jener, der kein Anderer war, als der rei⸗ tende Polizeidiener, der durch ſeine vor⸗ „ 173 ſchnelle Nachricht den Lieutenant Hader⸗ mann zu eiliger, ebenfalls voreiliger Ruͤck⸗ reiſe verleitet hatte, rief.„Die ganze Welt weiß, nur Ihr nicht, Herr Taubohr, daß der Maler Lichtung heute Nachmittag praͤcis 4 uhr gehangen wird.“„Eine alte Nacht⸗ muͤtze, aber nicht der Maler Lichtung, Ihr altes Schwatzweib!“ donnerte der eben ein⸗ tretende Lieutenant Hadermann ins Zim⸗ mer herein, ſtuͤrzte wuthend auf den Polizei⸗ diener los, trommelte mit Faͤuſten und El⸗ lenbogen vor dieſem auf dem Tiſche und prahlte ihn an:„Bah, bah, bah! trom, trom, trom! Waſchweib, das den Kopf ſammt dem Bischen Gehirn in kochender Lauge ver⸗ brannt hat!“ Der Polizeidiener, ubrigens ein gutmuͤthiges Geſchoͤpf, aber jetzt durch den Genuß des Weines, noch mehr aber durch Hadermann's beleidigende Worte gereizt, ſchlug uͤber die Tafel heruͤber dem Lieutenant mit den Worten:„Dies zum Dank und Mor⸗ gengruß, verwuͤnſchter Vagabond! proſit!“ ſo ſtark ins Angeſicht, daß ein heller Blut⸗ 174 ſtrom aus deſſen Naſe und Mund hervor⸗ ſpritzte. Hadermann zog mit der linken Hand ſein Taſchentuch heraus, und hielt es vor die Blutquellen und mit der rechten ſei⸗ nen Degen.„Hervor!“ ſchrie er den Poli⸗ zeidiener an,„hervor, Elender! ich will Dir Dein Troͤpfchen Rebenſaft, das Du mit Dei⸗ nen Lugen verſchluckt haſt, wieder abzapfen!“ „Das iſt nicht von Nothen, wir ſind fuͤr dies Mal gquitt, mein Herr!“ erwiderte jener. ziemlich gelaſſen. Da vergaß Hadermann ſein Bluten, packte mit der linken Hand den Polizeidiener, um ihn hervorzuziehen, und wahrſcheinlich wuͤrde er ihm ubel mitgeſpielt haben, hatte ſich nicht der Wirth ins Mittel geſchlagen.„Wildbraten, laßt mich, oder es iſt Euer Letztes!“ bruͤllte er dieſen an. Unter Ausſtoßung furchterlicher Fluͤche wurde jetzt die Thür zugeworfen, und zu Hader⸗ mann's Aufſuchen beorderte Lanziers tra⸗ ten auf ihn zu. Der Lieutenant erſchrak bei ihrem Anblicke und ſteckte zitlernd ſeinen De⸗ gen wieder ein. Der Wirth wurde aufge⸗ fordert, zu berichten, wodurch dieſes Gezaͤnk herbeigefuhrt worden ſei. Er erzaͤhlte die Sache der Richtigkeit angemeſſen. Die Lan⸗ ziers entſchuldigten den Polizeidiener, nah⸗ men aber den Lieutenant als Arreſtanten mit, nachdem er ihnen ſeinen ſchon oft gemiß⸗ brauchten Degen hatte einhändigen muͤſſen. In Frankfurt angekommen, wurde er vor ein Kriegsgericht geſtellt, des Mißbrauchs ſei⸗, nes Offizier⸗Degens uͤberfuhrt, der unnützen und daher muthwilligen Verwundung der beiden Maͤnner in der Naͤhe der Siegwarts⸗ Kapelle und des zu langen Ausbleibens we⸗ gen der Inſubordination beſchuldigt. Das Urtheil lautete auf zweimonatliche Haft und Degradation. Nach uͤberſtandener Straſe ward es ihm freigeſtellt, zwiſchen der An⸗ nahme des Korporalgrades und Abſchied zu waͤhlen. Er gab letzterm den Vorzug, trat aus, verließ Frankfurt und ſuchte einſtweilen bei Steinegk ein Unterkommen. Hier war ihm nun eben kein ſehr freund⸗ licher Empfang bereitet, denn der Schwager, ubrigens fern von allem Hochmuthe, ſchaͤmte ſich ſeiner doch ein wenig, und Schweſter Hortenſia aͤrgerte ſich uͤber den mißlunge⸗ nen Plan, nach welchem ſie den Bruder mit Laurentia zu vermaͤhlen gedachte. Dabei unterließ der Herr Schwager Steinegk nicht, zuweilen ein Liedchen voll moraliſcher Wahrheiten anzuſtimmen. Zum Beiſpiel: „Das habe ich laͤngſt gedacht, daß es endlich ſo kommen muͤßte, und mich nimmt's nur Wunder, daß der Tollwurm noch ſo lange ziemlich gut durchgekommen iſt. Nein, Schwager, ich bin auch keine Schlafmutze, aber dennoch muß man doch im⸗ mer ſeinem Zorne Schranken ſetzen koͤnnen. Denn bedenkt doch nur, was wollte aus der Welt werden, wenn alle Menſchen ſolch' e böſes Temperament haͤtten, wie Ihr?“— Schweſter:„Ja das iſt nun wohl gut ge⸗ nug, daß das Bruͤderchen uns Geſellſchaft lei⸗ ſtet und uns vordeclamirt, was fuͤr Helden⸗ thaten durch ſeine Tapferkeit haͤtten verrichtet werden ſollen, wenn der Krieg wirklich aus⸗ 177 braͤche und er, mein Caſar, Offizier geblie⸗ ben waͤre, aber mein Himmel, wie mancher huͤbſche Gaſt ſchreckt vor ihm zuruͤck!“ und: „Was ſoll denn nur daraus werden?“ fragte ſie ihn ſelbſt. Entweder, gab er dann der Schweſter zur Antwort, der Krieg braͤche bald wieder aus— Ausſichten waͤren allerdings dazu da, und dann ſchlüge er ſich zu den Feinden, oder er wuͤrde die Bertha heira⸗ then und mit ihrem noch uͤbrigen Vermoͤgen einen Handel anlegen. Bis dahin, naͤmlich bis zur Ankunft Hadermann's bei Stei⸗ negk, waren ruhige Tage hier geweſen, bis dahin hatte Bertha volle Urſache gehabt, ſich fuͤr uͤberaus gluͤcklich zu halten. Aber das ſchien voruͤber zu ſein. Wo ein ſolcher Poltergeiſt raſ't, da flieht der Hausfriede. Taͤglich qualte Hadermann die arme Ber⸗ tha mit dem Geſtaͤndniſſe ſeiner Liebe zu ihr, täglich marterte er ſie ab um einen Kuß und tadelte den Maler uͤber die Gebuͤhr. Zum Glück füͤr ſie aͤnderte ſich des Peinigers Ge⸗ ſchick in kurzer Zeit auf's Neue. Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 42 178 „Leiht mir, beſter Schwager, ein Reit⸗ pferd,“ ſagte Hadermann einſt zu Stei⸗ negk,„Freund Robert Feſſelring harret mein. Bald erhaltet Ihr es mit großem Dank geſund und unverſehrt zuruͤck, zum ſiebenten Julius ſehen wir uns bei Wildbraten wie⸗ der und heute iſt ja ſchon der zweite des er⸗ ſehnten Monats!“„Auf die Art,“ meinte Steinegk,„ommt ein Teufelsbraten zum Wildbraten! dann mag ich nicht Tiſchgenoſſe ſein.“ Doch ertielt Hadermann das Pferd, damit Steinegk, wie er ſich ausdruͤckte, nur einmal wieder zu Gedanken kame. — An einem Sonntagsmorgen zu Ende des Monats Junius drang das Glockenge⸗ läute des nächſten Doͤrſchens herüber zum Gaſthofe mit dem goldenen Karpfen und in Lichtung's Wohngemach, als er eben mit innigem Wohlgefallen ſeine bisher gelungene Arbeit betrachtete. Iſt Etwas geeignet, im unverdorbenen Herzen eines Chriſten erhabene 179 Gefuhle zu erwecken, ſo iſt dies wohl— im Reiche der Toͤne— das ferne Kirchengelaͤute an einem Sonn⸗ oder Feſttage. Auch un⸗ ſern Maler ergriff der ehrwuͤrdige Klang mit Kraft aus der Höhe. Mehr als je war ihm heute, ohne zu wiſſen warum, Andacht ein Beduͤrfniß. Er blickte zum Fenſter hinaus nach der Gegend hin, woher die Glockentöne kamen; ſah den Thurm aus dem leichten Dunſte, der uͤber dem Doͤrfchen ſich gelagert hatte, in hellſtem Sonnenſcheine emporragen; die ganze ſchoͤne weite Flur zwiſchen hier und dort lag vor ihm wie ein aufgeſchlagenes Buch, und die ganze Natur ſchien durch ihre heilige Ruhe zu predigen:„Heut' iſt der Tag des Herrn, kommt, theure Bekenner ſei⸗ ner goͤttlichen Lehre, kommt zu vernehmen das Wort des Herrn in ſeinem Heiligthume!“ Ihm iſt's, als erneuere ſich wieder die Er⸗ ſcheinung, die er ſchon zweimal angeſtaunt hat: ein weibliches Weſen mit einem Cruci⸗ ſir zu ihm heranſchwebend. Es iſt ſeine Mut⸗ ter. Ein wonniger Schauer rieſelt durch ſein 12* Gebein, nicht länger kann er ſich halten, er eilt die Treppe hinab und fragt den Wircth, ob er ihn in das Doͤrfchen zur Kirche beglei⸗ ten wolle, von woher dieſes melodiſche Gelaute komme.„Warum nicht gar!“ antwortete die⸗ ſer. Lichtung:„Und warum nicht?“ Wirth:„Erſtens habe ich nur ſelten Luſt zum Beten, zweitens iſt das Neſt da druͤben von lauter Ketzern bewohnt und drittens pre⸗ digt heute nur ein Candidat.“ Lichtung: „Ketzer? Freund, uber die Bedeutung dieſes Wortes haͤtten wir viel zu ſprechen, doch ſagt, wie nennen ſie ſich?“ Wirth:„Lutheraner heißt die Rage.“ Lichtung:„Ich werde dennoch hingehen.“ Wirth:„Aber was werdet Ihr denn von einem Candidaten lernen können?“ Lichtung:„Vielleicht mehr als von einem ältern Prediger.“ Wirth:„So? ſo? iſt auch der Junger uber ſeinem Meiſter? Doch, da Ihr Euch einmal zur Ketzerei hinneigt, ſo geht ins——!“ Lichtung:„Pfui doch; das iſt Ketzerei, das iſt Suͤnde wider den heiligen Geiſt.“— Schnell hatte ſich der Ma⸗ 181 ler angekleidet und erreichte den Ort noch eine halbe Stunde vor Beginn des Gottes⸗ dienſtes. In der Zwiſchenzeit unterhielt er ſich mit mehren verſtaͤndigen Leuten des Dor⸗ fes, die bereits in ihren Sonntagskleidern in muſterhafter Stille eintraͤchtig in den Wein⸗ lauben an ihren Hausthuͤren ſaßen, und hatte die Freude, uͤber ihren Glauben viele beher⸗ zigenswerthe Außerungen zu vernehmen.— „Wenn dieſe Laien,“ dachte er,„ſchon ſo gut unterrichtet ſind, was wird man dann von ihrem Prediger erwarten koͤnnen?“ Er nahm ſich ernſtlich vor, kuͤnſtigen Sonntag wieder hierher zu gehen, um den Ortsprediger, den die Leute dem Vernehmen nach ſo hoch ſchaͤtzten und ſo innig verehrten, auch zu hoͤren. Das volle Gelaͤute erklang, Lichtung, einer der Erſten, trat in die Kirche ein, der Kuͤſter erſchien und wies dem Maler mit vie⸗ ler Artigkeit einen recht zweckmaͤßigen Platz an. Die Orgel ertönte und bald auch der Geſang der Gemeinde. Leider konnte der Maler nicht mit einſtimmen, weil ihm die 182 Melodien fremd waren. Endlich erſchien ein junger Mann, etwa ein Dreißiger, auf der Kanzel und hielt einen gut ausgearbeiteten und vortrefflich memorirten Vortrag uͤber das Evangelium vom verlornen Schafe.„Dies verlorne Schaf bin ich!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Aber,“ ſetzte er ermuthigend dazu, „ſchon hat der Herr ausgeſandt, dieſes ver⸗ lorne Weſen wieder zu ſuchen, und ja, es wird ſich finden laſſen. Rede, Herr! dein Knecht hoͤret.“ Immer ſtand der junge Geiſtliche dem Maler vor den Augen, wenn er allein war; immer kam es ihm vor, als duͤrfe er ihm nicht fremd bleiben. Nach dem Namen deſ⸗ ſelben hatte er gefragt, hatte dieſen auch er⸗ fahren; er war ihm ftemd, aber verwandt mit deſſen Herzen das ſeine. Der naͤchſte Sonntag rief den Maler wieder nach dem Doͤrſchen in die Kirche. Der Ortsgeiſtliche predigte. Dieſem fiel es auf, denſelben Fremden, den er erſt am vorigen Sonntage dem Gottesdienſte hatte beiwohnen 183 ſehen, jetzt wieder hier zu erblicken. Nicht Neugier war es, die den noch ruͤſtigen Pre⸗ diger veranlaßte, den Freiden nach Beendi⸗ gung des Gottesdienſtes anzureden. Da er in demſelben einen gebildeten Mann fand, ſo bat er ihn zu ſich zu Tiſche, was der Maler auch nicht ausſchlug. Bei Tiſche erkundigte ſich Lichtung nach dem Candidaten, der am vorigen Sonn⸗ tage gepredigt hatte und erfuhr Folgendes: „Der Vater des jungen Mannes, von dem die Rede iſt, war in Kalbshaide geboren und ſeinem Gewerbe nach ein Schauſpieler,“ ſo begann der Prediger ſeine Erzählung; „doch,“ fuhr er fort,„den eigentlichen Vater⸗ namen, ſagte der Candidat Bohne, trage er nicht, ſondern den Namen ſeines Pflegevaters, der nun auch in die Ewigkeit gegangen ſei. Ih unſerm Vaterlande hauſ'te vor dreißig Jahren noch der unſelige Krieg, Kuͤnſte und Wiſſenſchaften lagen darnieder und fuͤr Schau⸗ ſpieler war vollends kein Geld und kein Brod zu finden. Da wonderten mehre brave Kuͤnſt⸗ 184 ler, theils zu Lande, theils zu Waſſer aus, und gluͤcklich war der, welcher wußte, wovon er im Auslande ſich erhalten koͤnne. Im Daͤniſchen, als wohin des Candidaten Vater ſich gewendet hatte, lernte er— der Vater— in einem Landſtaͤdtchen eine anſtaͤndige, aber unbemittelte Familie kennen, der man es an ihrem Kunſtſinne wohl anmerken konnte, daß ihr Schifflein fruͤher auch guͤnſtigern Wind gehabt haben mochte. Es war der Vater derſelben Koͤniglicher Einnehmer der Commu⸗ nal⸗Gefaͤlle des Ortes. Dieſer Mann, reich an ſchoͤnen Kenntniſſen, fand großes Vergnuͤgen an declamatoriſchen Vortraͤgen; nicht weniger hold war dergleichen Leiſtungen deſſen Gattin und erwachſenen Kinder, unter denen ſich vorzuͤglich eine Tochter, Namens Ludovika, fuͤr Declamationen intereſſirte. Mit Huͤlfe des anweſenden Schauſpielers wurde ein recht nettes Familientheater errichtet, und er theils von den Mitgliedern deſſelben, theils von den eingeladenen Zuſchauern der Reihe nach ge⸗ ſpeiſ't. Bald war der Kuͤnſtler faſt der Licht⸗ 185 punkt des Städtchens; jeder Hausvater rech⸗ nete es ſich zur Ehre an, ihn einen Tag lang zu beherbergen und zu bekoͤſtigen, und beſon⸗ ders hoch angeſchrieben war er beim ſchoͤnen Geſchlechte. Schon laͤngſt hatte ſich zwiſchen ihm und Ludovika ein Liebesverſtaͤndniß angeknuͤpft, das ſie jedoch ſo lange wie moͤg⸗ lich geheim hielten, bis der Beweis klar vor Augen lag. Welcher Schrecken fuͤr die leicht⸗ ſinnigen Eltern! Um ihre Tochter nicht der Schande preiszugeben, mußten ſie das Ehe⸗ buͤndniß beider Unvorſichtigen eingehen, ſo ſehr auch Gevattern, Baſen und Nachbarinnen dagegen demonſtrirten. Ludovika Bohne wurde Mutter eines Knaben, der in der hei⸗ ligen Taufe die Namen Frederik Ehren⸗ preis— Bohne erhielt. Warum Bohne? fragt Ihr etwa. Der Schauſpieler hatte kurz vor der Entbindung ſeiner Frau heimlich das Haus und den Ort verlaſſen. Eine durch⸗ ziehende Schauſpieler⸗Truppe hatte ihn zu dieſem untreuen Schritte verleitet, indem ſie ihm vorgeſpiegelt, in Deutſchland ſei wieder 186 Friede und die Truppe wäre nach B. zu ei⸗ ner feſten Anſtellung berufen. Ludovika's Gatte wollte wahrſcheinlich, wenn er erſt Brod gefunden haben wuͤrde, ſeine Gattin nachholen. Den Eltern mochte er es nicht entdecken, ſo wenig als ihr, weil er fuͤrchtete, ſo kurz vor der Entbindung ſeiner Frau die Einwilligung nicht zu erhalten. Noch waren keine drei Wochen vergangen, ſo wußte man ſchon ſeinen Aufenthaltsort, auch daß er und die ganze Truppe nur für die Zeit vom erſten December bis zum letzten Februar dort ver⸗ vleiben koͤnnte, dann aber irgendwo anders unterzukommen verſuchen müßte. Lubovika drang in ihre Eltern, ſie ihrem Gatten nach⸗ ziehen zu laſſen, ſobald ſie ihren Kirchgang vollbracht haͤtte. Wie viele Gruͤnde hatten die Eltern, ihr dieſen Plan auszureden! aber alle Vorſtellungen, alle Bitten, Drohungen waren und blieben erfolglos. Als nun Alles nicht fruchten wollte, ſagte der Vater: „Wohlan, Undankbare, ziehe, wenn Dir's beliebt, aber einen Sohn habt Ihr nicht 187 mehr; Frederik bleibt zuruͤck und darf nie wiſſen, daß er Eltern hat. Dein Vater und Deine Mutter ſind des Knaben Eltern. Das ging in Erfuͤllung. Die grauſame Mut⸗ ter wußte, daß eine junge Nachbarin, die ihr Kind durch den Tod verloren hatte, das ihrige mit Muttermilch ernaͤhren koͤnne, und daß Vater und Mutter ſelbſt auf den Einfall kommen muͤßten, dieſe Perſon, die ſehr arm, aber geſund war, um dieſen Dienſt zu bitten und ſie dafuͤr zu belohnen. Unter heftigem Thraͤnenerguß nahm ſie Abſchied und ver⸗ ſprach, mit oder ohne Gatten bald wiederzu kommen; allein der Vater ſagte:„Entweder eine gute Tochter ſein und alſo hier bei uns bleiben, oder nie wiederkommen, weil Lu⸗ dovika nicht mehr unſere Tochter ſein will.“ Der Chriſtmond war ſchon zur Halfte verfloſſen, als ſich Ludovika bei heiterm, aber kaltem Wetter in den Poſtwagen ſetzte und durch dieſe Reiſe ihre Eltern faſt ent⸗ blößte. Sie war gluͤcklich in B. angekom⸗ men, hatte dort ihren Gatten geſund ange⸗ 188 troffen und ſich mit ihm über ihre Wieder⸗ vereinigung gefreut. Solches meldete ſie ihren Eltern in einem Briefe, uͤber deſſen Inhalt ſich dieſe dennoch herzlich freuten.— Fre⸗ derik wuchs heran, zeigte bald viele geiſtige Anlagen, ſtudirte— unterſtutzt von einigen Menſchenfreunden— Theologie, machte ſein Eramen, wurde Hauslehrer in einem hohen Hauſe, befindet ſich jetzt mit dem Herrn Prin⸗ zipale und deſſen beiden Soͤhnen auf Reiſen, wo der junge Bohne zuweilen um die Er⸗ laubniß, predigen zu durfen, nachſucht und gegenwaͤrtig ſich in Frankfurt befindet, von wo aus er einen Ausflug nach dem Geburts⸗ orte ſeines Vaters, nach Kalbshaide machen wird.„Auf jeden Fall,“ fragte der Maler, „kennt der Candidat nun ſeinen eigentlichen Vaternamen?“„Das wohl,“ erwiderte der WPrediger,„allein er behauptet, es ſei beſſer, den ihm nun einmal beigelegten beizubehal⸗ ten. Und wer wollte wohl ſo unverſchämt ſein, in ihn zu dringen, ſeinen wahren Na⸗ men zu nennen?“ 189 Hierauf wurden noch einige Betrachtun⸗ gen angeſtellt uͤber die Biographie des Boh⸗ ne, uͤber die Moral ſeiner Eltern u. ſ. f. dem Maler aber drangen ſich Betrachtungen ganz anderer Art auf, die er aber nicht au⸗ ßerte, ſondern, dem gaſtfreundlichen Geiſtlichen verbindlichſt dankend, den Ruͤckweg nach dem goldnen Karpfen antrat. Zu einer frugalen Abendmahlzeit— es war am 5ten Julius— hatte der Kaufmann Robert Feſſelring, bei dem der ſehr an⸗ genehme Beſuch von Seiten des verabſchie⸗ deten Lieutenants Hadermann richtig ange⸗ kommen war,— die lieben Eltern, Schwe⸗ ſtern und den Herrn Schwager Steingold eingeladen, um gemeinſchaftlich Raths zu pfle⸗ gen wegen Beſuchung Wildbratens und deſſen Feſtes. Noch ſaß die Geſellſchaft zu Tiſche, als ein Candidat der Theologie ſich anmelden ließ, deſſen Name— Bohne— hier durchaus unbekannt war. Et wurde 190 freundlich willkommen geheißen und genoͤthigt, mitzuſpeiſen. Es wies ſich bald aus, daß er um— Hadermann's willen hierher ge⸗ kommen war. Der Herr Hofrath v. W., ſagte er, bei deſſen Kindern er ſeit einem Jahre Informator ſei, wuͤnſche einen tapfern Militair zum Begleiter auf der Reiſe nach Padua zu haben. Da nun der Herr Hof⸗ rath in Erfahrung gebracht, daß der Herr Lieutenant Hadermann einen tapfern Arm habe und gegenwärtig außer Dienſt ſei, ſo habe er— der Candidat— den Auftrag, dieſen Herrn Offizier zu erſuchen, ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaͤlligſt auszuſprechen. Fuͤr gute Behandlung und anſtändigen Gehalt koͤnne und wolle er ihm ſelbſt Buͤrge ſein. Die Abreiſe von Frankfurt erfolge erſt den 10ten des Monats.„O, wenn das iſt,“ rief Ha⸗ dermann,„ſo kann ich doch den 7ten noch mitfeiern! Aber, Herr Hofmeiſter, wie alt iſt Euer Prinzipal?“„Vierzig und einige Jahre.“„Sind Kinder mit auf der Reiſe?“ „Ja, zwei Soͤhne, von denen der älteſte funf⸗ 191 zehn und der andere dreizehn Jahr alt. Sie ſollen beide mit mir in Genf zuruͤckbleiben, wo des Herrn Hofraths Herr Bruder wohnt, und Ihr begleitet dann den Herrn weiter und bringt ihn und Euch ſelbſt glaͤcklich zuruͤck⸗ Es verſteht ſich aber wohl von ſelbſt, Herr Lieute⸗ nant, daß Ihr in den naͤchſten Tagen nach Frankfurt kommt, um Euch dem Herrn Hof⸗ rath vorzuſtellen und die gegenſeitigen Bedin⸗ gungen feſtzuſtellen, wenn es Euch mit der Sache ein Ernſt iſt.“„Ei ja wohl, verſteht ſich, mein Herr, nur nicht vor dem ſiebenten dieſes Monats.“ 1127151 Noch einmal ſo aufgeraͤumt wurde die ganze uͤbrige Geſellſchaft, als ſie dieſen Ent⸗ ſchluß Hadermanns vernahm, und Stein⸗ gold verſicherte, daß der Herr Hofrath an die⸗ ſem Offizier einen Meiſter von Haudegen haben wuͤrde. Man war faſt ausgelaſſen vor Froͤh⸗ lichkeit den Abend hindurch. Nach der Be⸗ rathung uͤber die Art der Reiſe nach dem Gaſthofe zum goldenen Karpfen, daß namlich der Gerichtsamtmann und der Juwelier nebſt 192 Gattinnen, desgleichen Herr Bohne und Laurentia fahren, der Kaufmann aber und der Lieutenant reiten wollten, wurde getanzt. Alles mußte auf die Beine kommen, auch Steingold, auch der Candidat wurde nicht verſchont. Laurentia fuͤhlte ein inniges Wohlbehagen, mit dem jungen Geiſtlichen tan⸗ zen zu duͤrfen und dachte wieder:„Ach, waͤre doch Lichtung ein ſolcher!“ Als man ein wenig auszuruhen ſich niedergelaſſen hatte, fluͤſterte Helene ihrer Schweſter boshaft ins Ohr:„Der geiſtliche Herr iſt ein Ketzer.“ Laurentia erſchrak, obgleich ſie ſich unter dieſem Ausdrucke nichts Beſtimmtes denken konnte, allein ſie tanzte dennoch wieder mit ihm. Der Candidat wollte ſich wieder ent⸗ fernen.„Wohin, mein Herr?“ ſagte Ro⸗ bert zu ihm.„In den Gaſthof zuruͤck“ war die Antwort.„Nein, durchaus nicht, Ihr bleibt bei mir und fahret morgen Mit⸗ tag mit der üͤbrigen Geſellſchaft.“ Er nahm dies an. Den andern Tag nach Tiſche fuhren die beiden Familienwagen bei heiterm Som⸗ 193 merwetter abk; Robert und Hadermann aber beſtiegen erſt den folgenden Morgen, als den ſiebenten, ihre Roſſe,— Alle froher Er⸗ wartungen voll. Die beiden Reiter ſchlugen den etwas kuͤrzern Weg uͤber Fortunen⸗Schacht ein, woſelbſt, als ſie dort ankamen, Alles ode und verlaſſen zu ſein ſchien. Schwul war die letztverfloſſene Nacht geweſen, und ſtechende Strahlen ſandte die rothgelb aufgehende Sonne von Neuem auf die duͤrren Berge, auf die lechzenden Fluren hernieder. Mißtrauiſch blickte der uͤbelge⸗ launte Wirth zum goldenen Karpfen aus dem Fenſter nach Oſten zu, kratzte ſich hinterm Ohr und brummte vor ſich hin:„Ich wollte, der Tölpel Steinegk waͤre mit ſeinem Maͤrz⸗ Nebel im Lande der Hottentotten geweſen, ſtatt bei mir die üble Prophezeiung herzuleiern, daß nun gerade heute den ſiebenten Julius ein ſtarkes Gewitter kommen werde! Dem Landwurm freilich waͤr's eben recht, wenn Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 13 194 alle zwei bis drei Tage ſo ein dichter Regen fiele, daß Niemand ſich mehr aus dem Neſte zu kriechen getrauete. Da hat mir der phleg⸗ matiſche Klumpen immer Angſt und Sorgen verurſacht ſo viele Wochen hindurch, und nun geht die Sonne auch auf, als ginge ſie heute ihrem ſauerſten Tagewerke entgegen und ſieht ſo verſchaͤmt aus, als ſei ſie zu einer ſchimpf⸗ lichen Strafe verurtheilt, daß ſie mir heute auch einmal ein Bischen leuchten ſoll.— Im⸗ mer matter, ſtatt klarer, wird ihr Licht; man ſieht ja faſt keine Strahlen mehr, bloß ihre verduſterte Scheibe blinzt noch ein wenig durch Steinegk's Maͤrz⸗Nebel. Ha, gute Nacht mein Feſt!“ Zu beiden Seiten thuͤrmten ſich dunkle Gewitterwolken hoch auf.„Lichtung! heda! Sapperment, wo ſteckt Ihr?“ ſchrie der Wirth.„Was giebt's? hier bin ich ja, mein freundlicher Herr Sauer⸗, wollt' ich ſagen Wildbraten!“ rief der herbeieilende Maler.„Seht mir doch nur da den Mor⸗ genhimmel an. Seid Ihr ein wenig Wet⸗ terprophet?“ tobte der Wirth.„Die Aſtro⸗ 195 nomie und Phyſik und wie die gelehrten Dinge alle heißen moͤgen, war nie Gegen⸗ ſtand meines Studiums; allein was das da druͤben heißt, kann ich Euch allenfalls auch ohne Beſitz jener Wiſſenſchaften deuten. Der Skonom Steinegk hat richtig gerechnet.“ „So? und was ſoll das nun wohl werden, wenn alle Welt da die Wolkenberge ſieht? heißt das wohl, Gluͤck haben?“„Ei, das iſt's ja eben, wie ich ſtets zu ſagen pflege: wem Fortuna einmal nicht wohl will, der zwingt mit ſeiner Klugheit nichts, nichts mit ſeinem Fleiße und nichts mit Tugend oder Laſter.“„Das wäre—“ antwortete der Wirth mit zweifelnder Miene.„Ei ſeht doch nur, da iſt ja das volle Gewitter ſchon im Anzuge, dort im Weſten!“ ſprach Lichtung. „Na, gewiß, heute bekomme ich eine ſolche Ohrſeige,“ meinte der Wirth,„daß mir's uͤber ein Jahr noch im Kopfe ſummen und brum⸗ men wird, wie ein Wespenſchwarm.“„Mir iſt das auch nicht lieb,“ ſagte der Maler, obgleich ſich der Landmann hoͤchlich freuen 196 wird, wenn der liebe Himmel einen ſchoͤnen Regen herabſendet auf die ausgebrannten Felder, Gaͤrten und Wieſen.“„Ja Ihr,“ ſchnob Wildbraten den Maler an,„Ihr habt auch nur immer der Bauern Wohl vor Augen. Da heißt's, wenn es ja einmal ſchoͤ⸗ nes Sommerwetter iſt: ach, der Roagen leidet, der Waizen bedarf Regen, damit er gehoͤrig vollſetzen kann; die Gerſte, der Hafer, das Gemuͤſe und dies und das und jenes ſchmach⸗ tet. Laßt ſein, wenn's hier nicht geräth, ſo kommt's anderswo deſto beſſer fort. Mit meiner Ernte iſt das anders, geräth die heute nicht, ſo iſt der Schade unerſetzlich.“„Aber doch nur fuͤr Euch und allenfalls fuͤr mich!“ ſagte Lichtung.„Ihr ſeid ein Pavian!“ ſchrie ihn der erboſ'te Wirth an und ſchritt aus dem Zimmer, die Thuͤr ſo heftig zuwer⸗ fend, daß die Fenſterſcheiben klirrten. Der Maler ſah ihm erſtaunt nach und ſagte halb⸗ laut:„Wahrlich Hadermann der Zweite!“ Plotzlich verfinſtert ſich der Himmel, die Nacht ſcheint zuruͤckkehren zu wollen; ſtill iſt 197 die Luft und fern und nahe hallt und kracht der Donner, dem einen Blitze folgt ſchnell ein anderer nach, der Erdboden zittert von anhaltendem Rollen der tiefen Donnerſtimme, des Hauſes Grundfeſten erbeben und noch faͤllt kein Tropfen Regen herab aus duͤſtern Wolken. Noch eine Minute und wirbelnd faͤhrt der Staub auf, der Wind brauſ't, ein dichter Hagelſchauer raſſelt hernieder, nach einigen Sekunden ſich in einen Regenguß verwandelnd. Jetzt blaͤſ't ein kuͤhler Wind uber die getraͤnkte Erde und bringt Staͤrkung für Menſch und Thier; die Wolken werden lichter, freundlich blickt des Himmels ſchoͤne Blaͤue durch die getrennten Duͤnſte; fern hin iſt das Gewitter gezogen, aber hier iſt's hei⸗ terer Sonnenſchein.— Einzeln kommen Gaͤſte an und des Wirthes krauſe Stirn wird im⸗ mer glatter, gleich dem Meeresſpiegel, der nur nach und nach wieder eine ebene Fläche wird, nachdem der Sturm ausgetoſ't hat. Immer zahlreicher wird die Geſellſchaft, im⸗ mer lebendiger wird's im Gaſthofe zum gol⸗ 198 denen Karpfen. Ach, waͤren doch unſere Leute auch erſt da! Vollen wir nicht nachſehen, wo ſie verweilen? Zwiſchen der fuͤrſtlichen Reſidenz und dem Gaſthauſe, das jetzt der Bekannten und Unbekannten, der Nahen und Fernen eine große Menge erwartet, liegen in gerader Li⸗ nie und ſeitwaͤrts noch einige Wirthshäuſer. In einem derſelben haben die Eheleute Feſ⸗ felring und Steingold, Herr Bohne und Laurentia uͤbernachtet. Dieſe alle hat⸗ ten es ſich gleich anfangs vorgenommen, dieſe Reiſe ſolle eine Spazierfahrt ſein, und daher wollten ſie nicht eilen. Beim Erwachen er⸗ vlickten ſie ſchon das Gewitter in ſeinem Ent⸗ ſtehen, ſie ſahen, wie es ſich ſo ſchnell aus⸗ bildete und beſchloſſen, den Ausgang abzu⸗ warten, ehe ſie das ſchuͤtzende Obdach aufgaͤ⸗ ben. Sie kommen daher erſt gegen den Mit⸗ tag am vorgeſteckten Ziel ihrer Reiſe an.— Robert Feſſelring und Hadermann, die beiden Reiter, haben kaum den Fertunen⸗ Schacht zweitauſend Schritte hinter ſich, als 199 das Gewitter, deſſen ſie auf der Höhe erſt anſichtig geworden, mit groͤßter Heſtigkeit ausbricht. Sie ſind im Begriff, bei Fortu⸗ nette einen Schutz wider des Wetters unwi⸗ derſtehlichen Angriff zu ſuchen und wollen ſo even ihre Pferde umdrehen, als ein Blitzſtrahl ziſchend aus der gerade uͤber ihnen ſtehenden Wolke herniederfaͤhrt und in der nächſten Se⸗ kunde ein hellklingender Donner erfolgt. Beide ſehen einander erſchrocken an, als wollte Je⸗ der den Andern fragen, ob er noch lebe. Daß es in der Nahe eingeſchlagen hat, das unter⸗ liegt keinem Zweifel, aber wo?„Sieh da, Freund Caͤſar!“ ruft plotzich Robert, nach der Gegend rechts zeigend,„ſieh da die un⸗ geheure Rauchwolke!“„Und die Flamme!“ ſetzt Hadermann hinzu.„Guͤtiger Gott! das iſt ja das Luſtſchloß Schönthalau!“ Und in dem Augenblicke giebt Hadermann ſei⸗ nem Pferde die Spornen und erreicht das Ziel in weniger denn anderthalb Viertelſtun⸗ den; Robert folgt ihm langſamer nach. Hoch und majeſtätiſch ſteigt die dunkelrothe Flamme 5 200 aus dem herrlichen Gebaude dahin empor, woher ſie ihren Urſprung erhalten hat, greift in jedem Moment weiter um ſich und wallt in groß⸗ ter Ausdehnung bei Hadermann's An⸗ kunft. Aus dem nächſten Dorfe waren ſchon eine Menge Leute hergeſtroͤmt; man rannte, ſchrie, befahl— und es geſchah nichts, um der Flamme Einhalt zu thun, und ſicher waͤre das theure Schloß ein Schutt⸗ haufen geweſen, wenn die Loͤſchmannſchaft aus der Stadt angekommen waͤre.„Platz gemacht, Platz!“ ſchrie Hadermann aus Leibeskraͤften und begann ſeinen Ritt um das freiſtehende Gebaͤude im geſtreckten Ga⸗ lopp auf Leben und Tod. Die breite Feuer⸗ ſaͤule neigte ſich rauſchend und kniſternd zur Erde und verfolgte den kuhnen Reiter in ſeiner kreisfoͤrmigen Bahn; und als er das Schloß zum dritten Male umritten hatte, ſchlug die Flamme nicht mehr nach ihm und nicht erhob ſie ſich wieder: ſie war erloſchen. „Reſpect vor dem!“ erſcholl es aus hundert Fehlen; Hadermann 8 ſprengte, ohne 20 ½ ſich umzuſehen, davon. Jetzt erhob ſich der Sturm, deſſen wir ſchon oben gedacht ha⸗ ben, allein es hatten ſich indeſſen doch einige Kuͤhne hier eingefunden, die die Thüren er⸗ brachen und ſo im Innern, wie andere auf Leitern emporſteigend von außen loͤſchend, und das Schloß wurde erhalten. Als ſchon alle Gefahr beſeitigt war, kamen die Füͤrſten nebſt den Behoͤrden und den zum Loͤſchen beſtimmten Maͤnnern an. Richt in laͤndlicher Einfachheit, ſtolz und prächtig, einer roͤmiſchen Villa nicht ganz unaͤhnlich, zog ein von Frankfurt einige Poſt⸗ meilen entferntes Haus durch ſeine Hoͤhe und ſeinen Glanz die Aufmerkſamkeit der Reiſenden ſtundenweit ſchon auf ſich. Die beiden untern Stockwerke waren maſſiv er⸗ vauet, das oberſte gezimmert. Trat man aus einer der vier Seiten der obern Etage her⸗ aus, ſo befand man ſich auf dem breitens den der untern Stocke, in einer Gallerie, bor 202 wo aus man die herrlichſte Ausſicht nach al⸗ len vier Himmelsgegenden hatte. Große Spiegelſcheiben, damals noch eine Seltenheit in dortiger Gegend, mit gruͤnen Jalouſien halb bedeckt, zierten das Gebäude, ſchon aus der Ferne geſehen, und kuͤnſtlich gearbeitete Thuͤren, in der Nähe. An zwei Seiten des Hauſes waren Staͤlle, aber ſo elegant gear⸗ beitet, daß man ſie nicht fuͤr Staͤlle halten mogte. Rings um das Haus herum waren niedrige bluͤhende Geſtraͤuche und in regelmä⸗ ßigen Zwiſchenräͤumen Blumen aller Art, oft wißbegieriger Forſchung oder Bewunderung willkommener Gegenſtand. Jenſeit dieſer An⸗ lage befanden ſich große mit Geſtein ausge⸗ legte Platze. Sſtlich ein ſolcher mit geflecktem Marmor belegter viereckiger Raum; weſtlich ein zirkelrunder Platz mit grauem Marmor; ſudlich ein vieleckiger mit ſchwarzem und noͤrd⸗ lich ein ovaler Platz mit Alabaſter ausgelegt. Lauben und Gezelte, bunt mit einander ab⸗ S gewaͤhrten Ruheſtellen und Schutz vider Sonne, Regen und Wind. Das 203 Ganze war mit einem klaren Waſſ erſtreifen ein⸗ gefaßt, in welchem muntere Fiſchchen ihr nie ruhendes Spiel trieben. Damit aber ein Jeder, der ſich nahete, nicht erſt nach dem Namen dieſes Hauſes und dieſen Anlagen zu fragen genöthigt waͤre, wenn er denſelben noch nicht wuͤßte und ihn erfahren wollte, ſo waren an allen vier Seiten des Hauſes Schilde ange⸗ bracht, auf deren einem in deutſcher, auf dem andern in franzoͤſiſcher, auf dem dritten in engliſcher und auf dem vierten in italieniſcher Sprache mit goldenen Buchſtaben auf blauem, rothem, gruͤnem und weißem Grunde die Worte ſtanden:„Gaſthaus zum goldenen Karpfen.“ Zur Feier des ſiebenten Julius waren noch kunſtliche Blumenvaſen, Guirlanden, Kraͤnze, Feſtons hier und da geſchmackvoll zur Zierde angebracht; der Maler Lichtung hatte dieſes, ſo wie die innere Ausſchmuͤckung der mittlern und hoͤchſten Etage geleitet. In einem ganz geoͤffneten Fenſter hatte er einen gemalten Frauenkopf angebracht, den man, von unten geſehen, allemal fur lebendig zu halten 8 204 zwungen war. Kußerſt freundlich ſchaute das uberaus ſchoͤne Angeſicht auf die wogende Volksmaſſe herunter; nur ſchade, daß man ſeine Augen nicht lange auf dieſe ſchone Fi⸗ gur heften konnte, weil die Sonnenſtrahlen ſich in dem Haar⸗ und Halsſchmucke ſo bra⸗ chen, daß ſie wie von den reinſten Diaman⸗ ten, Rubinen und Smaragden tauſendfach zu⸗ ruͤck funkelten. Es war Fortuna, nicht ſo⸗ wohl von ihren Guͤnſtlingen und Verehrern erkannt, als von ihren Kennern bewundert. Faſt gleichzeitig waren die Gatten Feſ⸗ ſelring und die übrigen zu Wagen und Robert nebſt Hadermann hier angekom⸗ men. Letztere hatten den Entſchluß ge⸗ faßt, von dem Brande des fuͤrſtlichen Luſt⸗ ſchloſſes nichts zu ſagen, um dem Gerichts⸗ amtmanne keine Unruhe zu verurſachen, und ſie blieben ihrem Vorſatze getreu. Kurz nach ihnen kommt auch Steinegk mit ſeiner Gat⸗ tin Hortenſia an, und unaufhoͤrlich bis Nachmittags drei Uhr finden ſich Gaͤſte zu Wagen, zu Roß und zu ein. Auf allen 3 205 vier Seiten ertoͤnt Muſik, auf allen vier Sei⸗ ten wird geſchmauſ't und getanzt; hier ſpielt man Karten, da Schach, dort ſchiebt man Kegel. Der Maler Lichtung ſchlendert ohne Beſchaftigung von einer Menſchengruppe zur andern, er ſucht, weiß aber ſelbſt nicht, wen oder was. Den Gerichtsamtmann Feſſel⸗ ring, deſſen Gattin und uͤbrigen Glieder der Familie hat er ſchon geſprochen: man war ziemlich kalt gegen ihn geweſen; Robert hatte eine gezwungene Freundlichkeit gegen ihn angenommen und Hadermann ihn hoͤh⸗ niſch verlacht. Nachdem er ſo die Runde ge⸗ macht, wendet er nach dem Gaſthofe wieder um; da ſieht er in einem der hoͤchſten Fenſter einen Kopf, ähnlich dem von ihm gemalten. Er ſtutzt.„Wer oder was iſt das?“ fragt er ſich ſelbſt.„Ha, Fortunette iſt's; er zieht ſeinen Hut, nach ihr hinauf blickend; aber jetzt eilt ein Fremder auf ihn zu, es iſt derſelbe Candidat, den er kuͤrzlich hat predi⸗ gen hoͤren.„Ihr Diener, mein Herr!“ wird er von dem Geiſtlichen angeredet.„Habe ich 206 das Vergnůgen, den Herrn Kunſtmaler Georg Lichtung vor mir zu ſehen?“„Aufzuwar⸗ ten, Herr Bohne, ich bin der Maler Georg Lichtung,“ antwortet er.„Und folglich mein— Bruder, mein lieber Bruder, der einzige Menſch, der—“„Wie? was? ſo hat mich meine Ahnung nicht getaͤuſcht, alſo Frederik Ehrenpreis Lichtung!“ und Beide liegen einander in den Armen, ihre Freudenzaͤhren fließen, es iſt, als ſolle das Herz ihnen zerſpringen vor Wonne. Sie ſehen nicht die Menge Leute, neugierig an ſie herangedraͤngt, ſie ſehen, hoͤren, fuhlen nur ſich ſelbſt. Es wird ihnen hier zu enge; hinaus aus dem geraͤuſchvollen Treiben zieht die Bruͤder das lebhafteſte Verlangen, ſich ein⸗ ander mitzutheilen, ſich einander ganz hinzu⸗ geben, fort in die freie Natur, wa keine neu⸗ gierigen Zeugen ſie behorchen und ihren Wor⸗ ten lauſchen, ruft ſie die Stimme brüderlicher Liebe. Manches gluckliche Herz mag wohl froh ſchlagen in der unzaͤhlbaren Menſchen⸗ maſſe, aber keins unter allen froher, als die 207 Herzen der Brüder Lichtung. Ja, ſie kon⸗ nen und duͤrfen ſich ruͤhmen, daß Fortuna heute mit aller Huld auf ſie herabgeblickt habe. Sie wandeln aus dem Bezirke des lauten Treibens hinaus in die von jungen Thren wallende Feldflur. Goͤnnen wir ihnen die ſuͤße Unterhaltung! Verwandte und Bekannte, junge und alte Freunde ſuchten einander hier auf und der meiſten Verlangen ging in erfreuliche Er⸗ fullung. War es doch, als ſei dieſes Feſt ein Rendezvous fuͤr alle Welt. So fanden ſich auch bei Feſſelring's Steinegk nebſt Gattin und Bertha ein, auch der Aktuar Gauderling blieb nicht aus. Noch einige Stunden angenehmer Unterhaltung und ſchonen Vergnuͤgens und die Friſt war ab⸗ gelaufen; man mußte an die Abreiſe denken. Als ſchon Anſtalten dazu getroffen wurden, erſcheint der Wirth Wildbraten, die Mütze in der Hand, mit einem tiefen Buͤcklinge vor dieſer Geſellſchaft mit den Worten:„Wollen die gütigen Herrſchaften es ſich nicht gefallen 208 laſſen, die Gemalde, die dieſem Tage zu Eh⸗ ren von Meiſterhand verfertigt ſind, in Au⸗ genſchein zu nehmen? ſie befinden ſich im Salon der zweiten Etage.“„Ei ja, warum ſollten wir nicht begierig ſein, Produkte der neuern Schule zu bewundern!“ ſagte der Gerichtsamtmann.„Lichtung iſt der Kuͤnſt⸗ ler, dem die Welt die neueſten Meiſterſtuͤcke verdankt?“ fragte Helene.„Ja, meine geehrteſte Dame; zwar wird Euch dieſer Mann ſchon bekannt ſein, allein, wie ich weiß, habt Ihr ſein Gemälde in der Sieg⸗ warts⸗Kapelle nicht und folglich von ſeiner Kunſt noch keine Probe geſehen!“ erwiderte der Wirth ironiſch.„Ja, ja, wir kommen!“ rief der Amtmann.„Aber Ille, meine Herren und Damen, ich bitte!“ ſagte der Wirth und ſchlenderte zuruͤck nach ſeiner Wohnung. In demſelben Augenblicke, als Georg und Frederik Lichtung mit rothgeweinten Augen, in denen aber ſtille Freude thronte, an der weſtlichen Fagade anlangten, waren Jene, die Wildbraten eingeladen hatte, ſo 209 eben im Begriffe, uͤber die Thuͤrſchwelle zu treten. Ha, da kommt ja der verehrte Kuͤnſt⸗ ler, das iſt ja herrlich!“ rief Robert, und Laurentia druͤckte ihrer Freundin Bertha, deren Wangen ſich roth faͤrbten, ſanft die Hand, als wolle ſie ſagen, an dieſes Zuſam⸗ mentreffen ſei ihr ganzes Gluͤck, ihres Lebens Loos unwiderruflich geknuͤpft. Der Wirth ſtand ſchon zum Empfange der lieben Gaͤſte bereit, da ſchmetterten ihnen die Trompeten entgegen. Sie ſtiegen die Treppe hinauf, in der Meinung bloß, Lichtung's Malerei zu betrachten, und dies nur, um dem Wirthe gefaͤllig zu ſein. Allein jetzt treten ſie durch die geoͤffnete Fluͤgelthuͤr in den Salon ein, und— auch der Maler ſtaunt— fuͤrſtliche Pracht entfaltet ſich vor ihren uͤberraſchten Blicken, es droͤhnt der Saal von der Trom⸗ peten ſtarken Stoͤßen, als Fortunette aus der Thuͤr dem Haupteingange gegenuͤber zum Empfange ihrer Gaͤſte erſcheint; denn ſie war es, die, auch ohne Vorwiſſen des Wirths, Hohe und Niedrige an dieſem Tage unent⸗ geldlich ſpeiſen ließ: ſie bezahlte naͤmlich jede Zeche, was ſie dem Wirthe erſt zu Mittag bei Erſcheinen der erſten Gaͤſte hatte bekannt machen laſſen. Ihr Urgroßvater, ein kaiſer⸗ licher Ritter und Edelmann, hatte vor einem Jahrhundert am ſiebenten Julius als Beſitzer der ganzen Gemarkung den Grundſtein zu dieſem Gebaͤude gelegt. Später beim Reichs⸗ oberhaupte in Ungnade gefallen, wie auch Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 14 110 durch Staatsumwaͤlzungen war die Familie Nordſturm verarmt, ſo, daß Fortunet⸗ ten's Vater, wie wit wiſſen, zu Schauſpie⸗ lerkuͤnſten ſeine Zuflucht nehmen mußte. Doch wir kehren in den glaͤnzenden Salon zurück, an deſſen Decke das ehemalige Wappen des Hauſes Nordſturm, verjungt durch Lich⸗ tung's Pinſelſtrich, in einer ſtrahlenden Ster⸗ nengruppe prangte. An jeder der vier Wände zeigten ſich mythologiſche Gemaͤlde: Flora, Ceres, Veſta, Fama. Aus Fortunetten's Munde ſtroͤmten Gluͤckwunſchungen in Fuͤlle, ſämmtlich ange⸗ knupft an die erwaͤhnten vier Gebilde, was Inhalt und Deutung betraf.„Schade, ewig ſchade,“ ſagte Steingold, auf Lichtung's Wahlſpruch hinzielend,„daß Fortuna hier vergeſſen iſt!“„Ei,“ antwortete Fortunette, „die Stellvertreterin iſt da,“ und zeigte dabei auf ſich ſelbſt.„Doch,“ fuhr ſie fort,„dafür nehme ich mir auch die Ehre, meine lieben Freunde und Freundinnen an den ihnen ge⸗ buͤhrenden Platz zu Tiſche zu fuͤhren.“ Zu Aller Erſtaunen wendete ſie ſich zuerſt an— Hadermann mit den Worten:„Fortu⸗ nette rechnet im Voraus auf Verzeihung, mein Vetterchen(Hadermann's Schweſter war Hortenſia, Steinegk's Gattin, und Fortunetten's Mutter war eine geborne Steinegk geweſen), wenn ſie die gute Bertha dem ehrenwerthen Buͤrger und Kaufmanne Robert Feſſelring zufuͤhrt!“ A1 Hadermann wurde blutroth und murrte: „Ein abgedankter Lieutenant, meint Ihr etwa, muͤſſe mit Allem zufrieden ſein? Aber wahrlich an meinem ganzen Ungluͤcke iſt der Maler Lich⸗ tung ſchuld. Denn hätte dieſer die Silberbarren nicht geſtohlen in der Kapelle, wo er malen ſollte, was auch nur eine große Barmherzig⸗ keit, eine Großmuth des Fuͤrſten gegen den armen Schelm war,— ſo wäre Alles ganz anders gekommen!“ Lichtung erblaßte und ſeufzte. Fortunette aber fragte, ob ſich die Familie Hadermann dergleichen, und zwar gerade dies nicht auch hatte zu Schul⸗ den kommen laſſen? ob er nicht eben ſo ſtrafbar ſei als Lichtung? und ob er ſolch' ein ſtarker Tugendheld ſei, daß er in des Ma⸗ lers Verhaͤltniſſen anders wuͤrde gehandelt ha⸗ ben?„Damit bin ich nicht zufrieden, mein Fräulein,“ verſetzte Hadermann,„ich will Thatſachen hoͤren und nicht Philoſophie der Britten!“„Sprecht Ihr das im Ernſte?“ fragte Fortunette.„Ja, im vollen Ern⸗ ſte verlange ich Beweiſe fuͤr das angemaßte Recht, meine Familie oͤffentlich blamirt zu haben. Ihr ſeid es Eurer und meiner Ehre ſchuldig, ohne Schminke aufzutragen, was Ihr haben moͤget!“ ſagte Hadermann tro⸗ tzig.„Wenn dem ſo iſt“ hob Fortunette wieder an,„ſo hoͤrt! Zwar liegt kein beſon⸗ deres Gewicht auf dem, was laͤngſt geſchehen und ohne Erfolg geblieben iſt; darauf näm⸗ lich, was ich erzaͤhlen will, gegen⸗ 2¹2 waͤrtig nichts mehr; jedoch moͤchten wir wohl Alle darin ein hoͤheres Walten, eine unbe⸗ ſtechliche Gerechtigkeit erkennen. Der Sohn ſoll nicht tragen die Schuld des Vaters; al⸗ lein nur das, was wir Gluͤck nennen, kann der Sohn der Nothwendigkeit entbinden, die Folgen der Fehler und Vergehungen des Va⸗ ters zu tragen. Doch zur Sache!“ und Alle hoͤrten auf den folgenden Vortrag aͤußerſt ge⸗ ſpannt und ſtehend zu:„In jenen ungluͤck⸗ chen Zeiten allgemeiner Zerſtoͤrung, als vom Suͤden her immer neue Schaaren unter Wal⸗ Jenſtein's Oberleitung in die deutſchen Flu⸗ ren drangen, um Verderben zu bringen und ihre Streithaufen durch Werbung zu verſtaͤr⸗ ken, in jenen Zeiten der Verblendung, Haͤrte und Grauſamkeit eilte mancher deutſche Mann zur Fahne des Barbaren, nicht nur fuͤr eine gerechte, gute Sache zu kaͤmpfen, ſondern aus Raubluſt, denn warum eigentlich Krieg ge⸗ fuͤhrt wurde, war ſehr vielen Straitern ſelbſt unbekannt. Die Landesgeſetze waren durch die Umſtaͤnde ſuspendirt, ſie ſchwiegen und mußten ſchweigen zu den tauſendfachen Fre⸗ veln, die täglich im Angeſichte der oͤffent⸗ lichen Behoͤrden begangen wurden. Dies konnte nicht andern Erfolg haben, als die Moralitat der Voͤlker zu untergraben. Jeder ſuchte nur ſeinen Luͤſten Genuͤge zu leiſten, und die Frage: Iſt's auch recht? kam gar nicht mehr in Betracht. Die Soldaten beſon⸗ ders hatten faſt gar keine Veranlaſſung zu die⸗ 2¹3 ſer Frage, woſern ſie nur gute Kerle waren im Gefecht und Lager; ſie waren ja angewie⸗ ſen, durch Pluͤnderung und Raub und andere Verletzungen des allgemeinen Menſchen⸗ und des Buͤrgerrechts ſich ſchadlos zu halten. Hatten nun wohl Leute, deren Bildung an ſich auf einer ſehr niedern Stufe und durch⸗ aus im Schatten des Aberglaubens und der Unwiſſenheit in göttlichen Dingen ſtand, hat⸗ ten rohe Krieger wohl Achtung fur geheiligte Anſtalten, fuͤr Kloͤſter, Kirchen und Kapellen? O, das war durchaus bei ſolchem Geſchlechte nicht zu erwarten. Bot nur ein kirchliches⸗ Gebäude Gelegenheit zum Raube, ſo ver⸗ uͤbte man dieſen ohne Scheu. So ohngefaͤhr war die Lage der Dinge, als der Korporal Hadermann und der Fuͤſelier Rudolph⸗ Lichtung der Verwuͤſtung Trommel folgten- Einſt als ſich einige Streif⸗Corps vom⸗ großen Kriegskorper getrennt haben, um in 36 umgegend zu fouragiren und ge⸗ legentlch zu brandſchatzen und zu rauben, ſchlagen ſich die beiden kaum erwahnten Hel⸗ den in der Gegend der Kapelle ab, vermuthen, daß in dem Gebaͤude Schätze aufbewahrt ſind, um dieſe den Feinden zu entziehen— wiewohl⸗ auch den Freunden damals nichts Beſſeres zu⸗ zutrauen war— kurz, ſie ſchlagen die ſtarke Thür entzwei, dringen in die Kapelle ein, zer⸗ trümmern einen Theil des hoͤlzernen, und frei⸗ lich wohl morſchen Altars; eine Marmorplatte faͤllt ihnen durch ihre Inſchrift auf. Lich⸗ 2¹4⁴4 tung hat einige lateiniſche Vocabeln gelernt, weiß, was das Wort argentum zu ſagen hat, und die Platte wird empor gehoben; 14 Sil⸗ berbarren ſind der Lohn ihrer Klugheit und Muͤhe. Sie theilen dieſes Silber, berathen, was ſie nun eigentlich damit anfangen wol⸗ len. Hadermann ſchlaͤgt vor, die Stangen heimlich an einen Juden zu verkaufen, und zwar ſogleich; allein Lichtung haält es fur beſſer, ſeinen Antheil ſeinem in Falbshaide wohnenden Bruder Paul zur Aufbewahrung anzuvertrauen. Jener marſchirt ſodann nach unſrer Stadt, und dieſer betritt den Weg nach Kalbshaide; uͤberlegt, ob es vielleicht nicht zweckmäßig und wohl gethan ſei, wenn er im Falle eines baldigen Todes ſeinem Pathchen Rudolph Lichtung den Schatz vermachte. Zufaͤllig mit einem Stuͤck Pergament verſe⸗ hen, benutzt er dieſes zu dem kleinen Aufſatze, der ſeine Willensmeinung deutlich ausſprach. Muͤde vom langen Umhertreiben, ſetzt er ſich an einen Baum, um auszuruhen, den Kopf auf den Torniſter geſtutzt, und ſchlaͤft ein, um nicht wieder zu erwachen. Paul Lichtung hatte an demſelben Tage ſeine Gattin, welche auf Beſuch geweſen war, abgeholt, und in der Beſorgniß, die Dunkelheit möchte ſie Beide uͤberraſchen, wenn ſich ihr Aufenthalt etwa dort verzoͤgern ſollte, ſich mit einer Laterne und mit. Feuerzeug verſehen. Unfern der Ka⸗ pelle bei Anbruch der Daͤmmerung erblicken ſie von oben herab den Torniſter des ſchla⸗ 2¹⁵ fenden Soldaten, aber ihn ſelbſt nicht, weil jener hellfarbig warz Paul ſagt zu ſeiner Gattin, ſie möge nur langſam weiter gehen, er wolle erſt unterſuchen, was dort läge⸗ Dort angekommen ſieht er den Schlafenden, und aus Begierde, deſſen zuſammengeraub⸗ tes Gut zu bekommen, ſchleicht er auf den Zehen hin zu ihm, zieht ganz facht deſſen Seitengewehr aus der Scheide und ſticht ihn todt. Hierauf bemächtigt er ſich des Torni⸗ ſters; ein Troſt fuͤr ihn, daß er ſchwer an Gewicht iſt! Er ruft ſeine Gattin zuruckz ſie entdeckten, daß die Kapelle offen iſt, ſie ſchauen hinein, ſie iſt leer. Da entſchließen ſie ſich, einzutreten und beim Scheine der Laterne des Torniſters Inhalt kennen zu lernenund Werth⸗ volles an ſich zu nehmen. Himmel, wer be⸗ ſchreibt den Schrecken der Eheleute Lichtung! Paul hat ſeinen Bruder Rudolph getodtet. Das Portraͤt des Ermordeten und das Per⸗ gament nebſt den Silberbarren bezeugen dies. Verzweiflung bemächtigt ſich des Malets Paul Lichtung, et faͤlltaufdie Knie undbittet Gott um Verzeihung ſeiner großen Suͤnde. Das Flämm⸗ chen in der Laterne wirft ſeiner Strahlen einige in die Niſche der einen Seite, nach welcher gerade Paul ſein Geſicht gewandt hat; er er⸗ blickt zu ſeinem größten Schrecken den weinen⸗ den Kopf und entſchließt ſich zu dem, was er auf die Ruckſeite des Pergaments geſchtieben hat⸗ und womit er ſagt, daß er dieſe Silberbarren dem weinenden Kopfe ſchenke, der ewig über 2¹6 die begangene Miſſethat ſeine Zahren fließen laſſen moͤge. Dort hat unſer Kunſtmaler dieſe Stangen gefunden und der Erfolg iſt bekannt. Allein der Großvater unſers gegen⸗ waͤrtigen Herrn Lichtung hat mir den Wunſch geaußert, es moͤchte doch bald ein Sproͤßling ſeiner Familie ein Geiſtlicher werden; dann nur, glaube er, ſei und werde ſein Geſchick verſoͤhnt und ſeine Seele aus dem Fegefeuer erloͤſet werden. Ha, ſie iſt demnach befreit, wie wir ſehen: ein Herr Lichtung iſt ein Geiſt⸗ licher! Nun frageich aber, mein Vetterchen: War der gemeine Fuͤſelier Lichtung ſtrafbarer als der Korporal Hadermann? Und wollt Ihr den gegenwärtigen Maler noch verdammen, da denſelben das Gericht nicht verdammen mochte?“ Alle ſahen einander verwundert an und ſchwiegen; Fortunette aber, voller Regſam⸗ keit und Leben, ſchwebte wie eine Grazie von einem Paare zum andern, zu rangiren und zu ordnen. Es ſaßen nebeneinander: Robert Feſſelring und Bertha Winkelhaus, der Gerichtsamtmann Feſſelring und Gattin, Frederik Lichtung und Laurentia, der Ju⸗ welier Steingold und ſeine Gattin Helene und die Eheleute Steinegk, Gauderling und Adelheid, endlich Hadermann und Georg Lichtung, die beiden Letztern zwei einander gegenuͤberſitzenden Baſilisken aͤhnlich. Daß die Tafel mit den ausgeſuchteſten Speiſen und Getraͤnken reichlich beſetzt war, 217 wie auch daß bei Servirung derſelben die groͤßte Pracht ſich entfaltet habe, und daß Fortunette, die freundliche Geberin, zum froͤhlichen Genuſſe hinreichend aufforderte, das bedarf wohl keiner Erwaͤhnung. Niemand außer ihr wußte die Veranlaſſung zu dieſem Prachtmahle; erſt als man allerſeits ſich nie⸗ dergelaſſen hatte, machte ſie bekannt, daß die⸗ ſer Tag in ſehr vielfacher Hinſicht wichtig und erfreulich für ſie ſein muͤſſe. Am ſieben⸗ ten Julius habe ſie den Namen Fortunette bekommen; am ſiebenten Julius ſei ſie fuͤr muͤndig und ſelbſtſtaͤndig erklärt worden und habe an dieſem Tage die Verwaltung ihres Gutes ſelbſt uͤbernommen; heute, den ſiebenten Julius, habe ſie den Fortunen⸗Schacht an Ihre Fuͤrſtliche Durchlaucht wieder abgetreten, und ſo werde dieſer Tag auch Grund und Urſache genug in ſich enthalten, den ſiebenten Julius auch fernerhin Zeit ihres Lebens freudig dank⸗ bar zu feiern, indem ſie einer beſondern Gnade heute gewurdigt worden ſei, in deren Folge ſie die geehrteſten Gäſte erſuche, das ländlich beſcheidene Mahl zu beginnen. Alle verbeug⸗ ten ſich nochmals und blickten einander noch⸗ mals mit der Miene der Verwunderung und der Verlegenheit an. Aber was entdecken ſie; als ſie ihre Tellertuͤcher aufnehmen? Unter einem donnernden Paukenwirbel lieſ't der Ge⸗ richtsamtmann:„Der bisherige Fuͤrſtliche Ge⸗ richtsamtmann Feſſelring iſt von heute an Unſer Hof⸗Rath.“ Unter dem Tuche des A8 Sohnes lag ein Schreiben des Inhalts:„Wir ernennen den Kaufmann Robert Feſſel⸗ ring zu Unſerm Commerzien⸗Rathe von dato.“ Deſſen Tiſchnachbarin Bertha fand unter ihrem Tuche einen Wechſel von Ein Tauſend Gulden, dabei ein Stuͤckchen Papier mit Gold⸗ ſchnitt und den Worten:„Der duldſamen Liebe,“ auf der Ruckſeite Robert's Bildniß. Steingold war zum Hof-Juwelier und Helene zur Ehren⸗Dame ernannt. Dem Candidaten Frederik Lichtung war eine lutheriſche Predigerſtelle zugeſichert, und Lau⸗ rentia fand ſein in theure Steine eingefaß⸗ tes Bild. Nur Hadermann und Georg Lichtung gingen, wie es ſchien, allein leer aus; denn auch Steinegk und deſſen Gat⸗ tin hatten ein Hochfuͤrſtliches S Schreiben auf⸗ zuweiſen, in welchem ſie wegen ihrer Wohl⸗ chaätigkeit gegen Arme ſehr belobt wurden. Gauderling war zum Gerichtsamtmann ernannt.— Noch grimmiger, denn vorhin, blickten beide Nachbarn nun einander an, als ſie ſahen, daß man ihrer gar nicht ge⸗ dacht hatte. Lichtung zwar kannte For⸗ tunette's Laune heſſer als Hadermann, daher ließ er es auch bei bloßen miß vergnuͤg⸗ ten Mienen bewenden, nicht aber ſo der auf⸗ brauſende Hadermann, wie ſich bald zei⸗ gen wird. Das Schlimmſie war dabei frei⸗ lich, daß bei dem allgemeinen Jauchzen und Frohlocken, bei den lauten Ausbruͤchen der Freude und der Dankbezeigungen Fortu⸗ 2¹9 nette auf dieſe Beiden gar nicht zu achten ſchien, gleichſam als wären ſie blos zur Aus⸗ füllung einer Luͤcke da, oder ob das nur ſo ſein muſſe, weil es gar nicht anders ſein könne. Hadermann glaubte, der Maler ſei daran ſchuld, daß er uͤberſehen worden ſei, und dieſer maß jenem die Schuld bei. Lichtung hatte wenigſtens noch Urſache, ſich uber ſeines Bruders Gluͤck zu freuen, auch graͤmte er ſich daruber nicht, daß Lauren⸗ tia nicht mehr die Seinige ſein ſolle; fur Hadermann hingegen war es ein haͤrterer Schlag, er hatte gegruͤndete Urſache zu dop⸗ peltem, ja zu dreifachem Mißvergnügen, näm⸗ lich der Gram über fremdes Gluck, offenba⸗ re Vernichtung ſeiner Hoffnung auf Ber⸗ tha, und endlich die Nothwendigkeit, ſich mit italieniſchen Banditen und Straßenraubern herum zu balgen und zu hauen. Als daher des Wonnerauſches erſter Sturm voruüber war, benutzte er die eintretende Pauſe zu der Bemerkung, die er ganz laut ſprach, ſo, daß Jeder ſeinen Unmuth daraus wahrnahm: „Fuͤr mich ſind die Gemälde an den Waͤn⸗ den ſehr abgeſchmackt,“ rief er und fuͤgte hinzu:„Auch muß ich mir das Urtheil er⸗ lauben, daß ſowohl der oder die, ſo dieſelbe angeordnet hat, eben ſolchen Mangel an Ge⸗ ſchmack verraͤth, als der Herr Kuͤnſtler, der die Bilder fertigte. Warum, frage ich, warum vermißt man den Kriegsmann Mars hier? denn war nicht der Gruͤnder dieſes Hauſes 20⁰ ein kaiſerlicher Ritter? oder wenn's einmal nichts als Weibsbilder ſein ſollen, warum fehlt denn Bellona?“ Puff, puff, puff! krachte es dreimal raſch hinter einander drau⸗ ßen, zwar jenſeits der Geſtraͤuche, aber doch ſehr nahe. Alle ſprangen von ihren Sitzen auf, bleich und zitternd vor Schrecken.„Die Franzoſen! die Franzoſen! ein Uberfall!“ rie⸗ fen Steinegk und Steingold. Puff⸗ xuff, puff! donnerte eine zweite, und in ei⸗ ner halben Minute eine dritte Ladung ſo nahe, daß mehrere Fenſterſcheiben in Folge des heftigen Knalles zerſprangen. Auch For⸗ tunette war erſchrocken, wagte einen Blick durch das Fenſter, die Daͤmmerung war aber bereits ſo weit vorgeruͤckt, daß ſie nur leb⸗ haftes Gedraͤnge der wogenden Volksmaſſe erblicken kann. Verworrene Ausrufe, uͤber⸗ laute Stimmen erſchallen, und nur einige Commando⸗Worte laſſen ſich unterſcheiden. rollt uͤber Fortunette's Wange herab. Am fruͤhen Morgen hatte die Beſitzerin der Domaine Wonnefeld und des Fortunen⸗ Schachtes einen Boten nach der Reſidenz mit einem Schreiben an Fuͤrſt Maximilian abgeſandt. Dieſes Schreiben war eine Schen⸗ kungs⸗Urkunde, laut welcher Fortunette den Beſitz des Bergwerkes ohne Entſchadi⸗ 221 gung an das Pochfurſtliche Haus abtrat, weil die Verwaltung des Bergwerkes ihr zu läſtig, uͤberdies wenig eintraͤglich für ſie war⸗ Auf die Fuͤrſtliche Familie machte dieſer Schritt einen unausſprechlich freudigen Ein⸗ druck. Während des Leſens jener Schrift kommt das Gewitter heran, das zwar nicht lange anhaltend, dennoch aber ſehr ſtark wgr. Eine halbe Stunde nach der Entſtehung deſſelben trifft die erſchreckende Nachricht von dem Brande des Luſthau⸗ ſes Schoͤnthalau auf dem Schloſſe ein. So⸗ gleich werden hundert Fuͤße und hundert Arme in Bewegung geſetzt, und zehn Minu⸗ ten ſpäter faͤhrt der ſchnelle Wagen mit den hoͤchſten Herrſchaften aus dem Schloſſe und ein halbes Dutzend andere Wagen durch die Stadtthore dem Schauplatze des Ungluͤcks zu, Jedermann in der Furcht, das ganze herriſche Gebaͤude in einen Schutthaufen verwandelt zu finden. Welches freudige Staunen bemaͤch⸗ tigte ſich aller Ankommenden, als ſie das ſchoͤne Schloß noch in ſeinem vorigen Glanze erblickten! Nur einzeln ſtiegen noch ſchwache Rauchwoͤlkchen unter den Schindeln hervor, die freilich verkohlt waren. Nicht ſobald war der Furſt hier angekommen, als er benach⸗ richtigt wurde, daß der geweſene Lieutenant Hadermann durch ſeinen Kunſtritt dem wuͤ⸗ thenden Elemente Einhalt gethan habe. An der Perſon war nicht zu zweifeln, da viele umſtaͤnde zugleich eine Verwechſelung faſt 22 unmöglich machten. Das wollte der Fürſt nicht unbelohnt laſſen, ſo wenig, als die Er⸗ gebenheit Fortunetten's, die, beilaͤufig ge⸗ ſagt, ſeitdem Lichtung in ihrem Auftrage durch Wildbraten in dem Gaſthofe zum goldnen Karpfen malte, mit dieſem in ſtarker Correſpondenz geſtanden hatte. Zu betheuern brauchen wir wohl uͤbrigens nicht, daß dieſe Briefe anderer Art waren, als das Schrei⸗ ben an die arme verſchmaͤhte Bertha. Ha, wie ſpruͤhten die Funken der Liebe aus dem Gluͤhofen des Herzens! wie athmete jedes Wort Begeiſterung fuͤr die Vorzuge der An⸗ gebeteten! wie gut verſtand Georg Lich⸗ tung, die ſanften Farben der Ergebenheit und die brillanten der Schmeichelei aufzutra⸗ gen! welche Weisheit und Tugend in Grund⸗ ſatz und Entſchluß ſtrahlte aus ſeinen Brie⸗ fen! Nur eine Meinung herrſchte zwiſchen ihm und Fortunette in Hinſicht der kirch⸗ lichen Lehren und Gebraͤuche: zwei Sonnen ſchienen in eine einzige verſchmelzen zu wol⸗ len. Denn auch Fraͤulein Nordſturm hatte kein Bedenken getragen, ihre Meinung über die Angelegenheiten der Religion unumwun⸗ den zu entdecken und ihn deutlich genug mer⸗ ken laſſen, daß er ihr ſeiner ungewöhnlichen Aufklaͤrung wegen durchaus nicht gleichguͤltig ſei. Der Centralpunkt ihrer religioͤſen Grund⸗ ſätze war, ohne daß Beide ſich deſſen deutlich bewußt waren, in der evangeliſch-lutheriſchen Confeſſion. ———————————— 223 Bei Hoſe war der Briefwechſel zwiſchen Fortunette und Lichtung nicht ganz un⸗ bekannt geblieben. Warum ſollte denn auch Fama nicht vor allen andern die Peläſte mit Artikeln ihres nie alternden Verlags verſehen? Auch war es den beiden fuͤrſtlichen Herren Bruͤdern Durchlaucht nicht entgangen, daß Fortunete eine beſondere Zuneigung zum Maler hege, ohne Beider übereinſtimmung des Glaubens zu kennen. Kurz, der regie⸗ rende Fuͤrſt wollte, daß der von Fortunette zu einer allgemeinen Volksbeluſtigung und zur ihrer geheimen Plane auserkor⸗ ne Tag auch von ſeiner Seite verherrlicht wuͤrde. Daher die Standeserhoͤhungen dem kurzlich verblumt ausgeſprochenen Wunſche des Fraͤuleins gemaͤß; daher die Artillerie⸗ Salven, die, zur groͤßten Beluſtigung des Fuͤrſten in der Folge, von den im Salon zum goldnen Karpfen anweſenden Gäͤſten fuͤr feind⸗ en Kanonendonner gehalten wurde. Nun ſollte noch Hadermann die hochfuͤrſtliche Dankbarkeit auf uͤberraſchende Weiſe erhal⸗ ten: dieſes und noch einiges Andere behielt der jungere Fuͤrſt zur Ausfuhrung ſich vor.— reitender Artillerie verfugte er ſich, von Schoͤnthalau zuruͤckgekehrt, an Ort und Stelle, ohne daß Fortunette die geringſte Ahnung davon haben konnte. Auf Befehl des Fuͤrſten Ferdinand wurden die Feldſtuͤcke abgebrann und als dieſes zum dritten Male geſchah, blickte das Funn durch das Fenſter, eine 2¹4 Thraͤne fiel auf ihren Buſen herab— eine Freudenthraͤne war es, denn ſie erkannte ih⸗ res Fuͤrſten Stimme und wußte nun ſogleich was— mit dem Ausdrucke des gemeinen Le⸗ bens es buͤndig zu bezeichnen— was die Glocke geſchlagen habe.„Kinder!“ rief ſie geruhrt ihren lieben Gaͤſten zu,„gebt Euch Alle zufrieden! nicht feindliche Krieger haben uns umringt, nein, die allerbeſten und ge⸗ treueſten Freunde haben uns wie in ihr Herz eingeſchloſfen. Kinder, hebt die gefullten Glaͤſer hoch, ſtimmt mit ein in meiner Seele Wunſch, daß lange und herrlich, mit dem theuerſten Segen gekroͤnt, die Durchlauchten Fuͤrſten leben!“ und ſie gab ein Zeichen, da ſchmetterten die Trompeten und der Pauken Getoͤn erfuͤllte alle Raͤume des Hauſes und aller Unterthanen Mund in und außer dem Gaſthofe, im Saale und auf dem Plane ſtröͤmte über von jauchzenden Gluͤckwuͤnſchen. Waͤhrend dem hatte ſich Fortunette raſch hinaus begeben, um den hohen Goͤnner ein⸗ zufuͤhren. Er kam, empfangen von unbe⸗ ſchreiblich enthuſiaſtiſchem Vivatrufen. Jetzt trat eine faſt geheiligte Stille ein, denn der geliebte Fuͤrſt und Herr ſchien reden zu wol⸗ len. Dem war wirklich ſo, wie ſich nicht anders erwarten ließ. Nachdem er dem Fräulein Gluck gewuͤnſcht und viel Artiges geſagt hatte, wendete er ſich mit ſeinen Gluͤck⸗ 6 wuͤnſchen auch an die huldreich beguͤnſtigten Perſonen, empfing deren herzliche Dankworte und war Zeuge ihrer erſten Freude uͤber das ungehoffte Gluͤck. Hierauf mußte ihm Ha⸗ dermann gezeigt werden. Er ging auf dieſen zu und gratulirte ihm mit Einhaͤndi⸗ gung eines allergnaͤdigſten Reſcripts. Der Empfaͤnger, uͤberraſcht und im Grunde auch ein wenig beſchaͤmt, trauete faſt ſeinen unge⸗ ſchwaͤchten Augen nicht, als er las, daß er zum Schloßhauptmann mit achthundert Gul⸗ den Gehalt ernannt ſei. Er ſtammelte ſei⸗ nen Dank nur, denn er bereuete ſeine Uber⸗ eilung und daß er die gekrankt hatte, durch deren Vermittelung oder wenigſtens der zu Gunſten er dieſer Auszeichnung theilhaft wurde. „Was nun den Maler Lichtung be⸗ trifft,“ ſagte der Fuͤrſt,„ſo ſei er zwar zum Hofmaler ernannt,„allein ſein kuͤnftiges Gluͤck liege dennoch in Fortunette's Willen. Hier, mein Freund, die Beglaubigung.“ Mit die⸗ ſen Worten empfing der Maler Lichtung ebenfalls ein gnaͤdigſtes Schreiben.„Alſo wohlverſtanden, mein Fraͤulein,“ ſprach Fuͤrſt Ferdinand zu Fortunette mit einem ar⸗ tigen Lächeln,„der Maler Lichtung iſt auf jeden Fall Unſer Hofmaler, und daß er bei uns nicht darben ſolle, dafuͤr buͤrgen Wir; jedoch im übrigen iſt derſelbe an Euch ge⸗ wieſen!“ Da gluͤhten ploͤtzlich Fortunet⸗ te's Wangen, die Scene an den Waͤnden veraͤnderte ſich: die vier oben erwaͤhnten Fi⸗ Die Siegwarts⸗Kapelle. II. 15 guren verſchwanden und an ihre Stelle trat Fortuna in herrlicher Glorie und ihr gegen⸗ uͤber— die Siegwarts⸗Kapelle. Alles ſtaunte, auch Hadermann fand dies vortrefflich. Fetzt ergriff Fortunette ſchnell des Malers Pand, führte ihn vor den Fuͤrſten und wollte niederknieen, allein dieſer gab das nicht zu, ſondern ſtellte ſich zwiſchen Beide, ergriff ihre Hände und geleitete ſie vor die gemalte Kapelle. Allgemeine Bewunderung, allgemeine Rührung! Frederik Lichtung weinte laut. Der Maler und das Fräulein ließen ſich auf ein Knie nieder, konnten aber, uͤberwaͤl⸗ tigt von Gefuͤhlen, den Anblick des heiligen Gebaͤudes nicht lange ertragen und erhoben ſich nach wenigen Augenblicken wieder. Sſit ſolches Eures Verſtandes und Herzens Spruch, Fraͤulein?“ ſo redete der Fuͤrſt Fortunette an,„und iſt Lichtung von ſeiner Verblen⸗ dung zuruͤckgekommen, ſo daß er ſein Herz gegen das Eure ausgetauſcht? Fuͤrwahr, meine Kinder, dann preiſen Wir Euch begluͤckt von der, die mit holdem Laͤcheln auf Euch herabſiehet. Fortuna freuet ſich Eures Bun⸗ des und Wir heben unſere Gläſer auf, ſtoßen an auf Euer immer blühendes Wohlergehen!“ Rauſchender Beifall, Gluckwunſch, Pauken⸗ wirbel und Donner des Geſchuͤtzes. Bald wurde es aber der ganzen Geſell⸗ ſchaſt im Saale zu enge, ieuchteten doch durch die Fenſter ſchonfarbige Feuerflaͤmmchen herein. . i ———————— MB7 „Eine Illumination!“ riefen Alle, der Fürſt lächelte Fortunette, und dieſe den Fürſten an. Arm in Arm, Hadermann am Arme des Fuͤrſten, begab ſich die ganze Geſellſchaft hinaus ins Freie, wo uͤber ihnen das präch⸗ tige Firmament mit den Millionen Sternen und dem auftauchenden Monde ſich ausdehnte und fernes Wetterleuchten hernieder glaͤnzte, aber wo auch in niedern Raͤumen viele Tau⸗ ſend Flaͤmmchen die ganze Flaͤche mit faſt verſchwenderiſchem Lichte erfuͤllten. Daß der Fuͤrſten und der Fuͤrſtin erhabener Namens⸗ zug in ſymmetriſchem Verhaltniſſe hier pran⸗ gen wurden, das hatte der Furſt erwartet; daß aber Fortunette's Name in einem uberaus prächtigen Zuge das Auge ergotzen und ſie erfreuen wuͤrde, davon hatte ſie nicht die geringſte Ahnung gehabt. Wie überraſcht wurde ſie aber, wie wurde ihre Freude bis zum Entzuͤcken geſteigert, als ſie bei naͤherm Anſchauen zwiſchen den Buchſtaben§ und N ein v entdeckte!— Alſo Fortunette von Nordſturm!— Fuͤrſt Ferdinand zog noch ein Schreiben aus dem Buſen unter Schmet⸗ tern der Trompeten und Geſchuͤtzdonner und uberreichte es ihr mit den Worten:„Verdienſt und Tugend findet Verehrer.“ Dies war das Adels⸗Hiplom. Waͤhrend Fortunette nicht wußte, wie ſie die Gefuhle ihrer Dankbarkeit und Freude aͤußern ſolle, ſtand der Maler da mit niedergeſenktem Kopfe und trauriger 15* B8 Miene. Fortunette bemerkte dieſes nicht ſo bald, als ſie auf ihn zueilte, ihn umarmte und in die Worte ausbrach:„Der Herzen gegenſeitige feſtgegrundete Liebe iſt nicht an Zufälliges gebunden; alſo nicht traurigen Blickes und mit geſenktem Haupte Fortunas dankenswerthes Werk betrachten! nein, lieber Lichtung, auch Ihr werdet nicht abgeneigt ſein, eine Bitte mir zu gewähren, nämlich die, mich mit dem verttaulichen Woͤrtchen Du anzureden.“„Sei gluͤcklich, o Du gute Fortunette!“ rief Lichtung.„Und theile Du, theurer Lichtung, mit Fortunette der hehren Ahnfrau gutige Spenden!“ ent⸗ gegnete das Fraͤulein, und hell ſpiegelten ſich die Flaͤmmchen in ihren von Freudenzaͤhren feuchten Augen. Der Fuͤrſt, nachdem die ſchoͤne Aufgabe der Menſchen Erheiterung und der Begluͤckung wuͤrdiger Individuen ſo herrlich geloͤſ't war, dankte und empfing Dank, und fuhr, beglei⸗ tet von der reitenden Artillerie, unter lautem und freudigem Vivatrufen, und unter Beguͤn⸗ ſtigung des Mondlichtes, wieder ab. Auch alle übrigen machten baid darauf zur Abreiſe Anſtalt. Ehe dieſe aber wirklich erfolgte, mußten alle lieben Gaͤſte i s ihr verſprechen, den dritten Tag, als den neunten Julius, ſich bei ihr aufdem besge Wonnefeld einzufinden. Jedoch, ermahnte ſie, moͤchte indeß das, was ſie durch Plagirung an der Tafel habe 220 andeuten wollen, von denen, die es beträͤfe oder anginge, zu reiflicher Uberlegung gezogen wer⸗ den. Sie hoffte, ſetzte ſie mit einſchmeicheln⸗ dem Laͤcheln hinzu, es werde bei ihrer An⸗ ordnung verbleiben. Das wuͤnſchten und hofften auch Alle ohne Ausnahme. Man wollte dem Fräulein nochmals danken, allein ſchon war ſie verſchwunden, Niemand wußte, wohin? auch der Maler nicht. Man ſah ein⸗ ander an, druckte ſich die Haͤnde und lachte. „Der ſiebente Julius kann beſtehen!“ rief der Eine.„Das war ja ganz erſtaunlich!“ ſagte der Andere.„Alle Blitz und der Ha⸗ gel! das haͤtte ich nun und nimmermehr ge⸗ hofft!“ betheuerte ein Dritter.„Friſch auf, zum neunten ſehen wir uns Alle wieder!“ „Als Braut und Braͤutigam!“ fuͤgte Stei⸗ negk hinzu. Die Wagen und Pferde wurden beſtiegen, nur der Maler Lichtung und deſ⸗ ſen Bruder Frederik blieben im Gaſthofe zuruͤck, Letzterer, um zu ſeinem Prinzipale mit dem naͤchſten Morgen zuruͤckzukehren und um Erlaubniß, nach Wonnefeld reiſen zu duͤr⸗ fen, nachzuſuchen. Jetzt wurden die Pferde angehauen und die Wagen rollten dahin. „Gluͤck auf!“ rief der Maler nach und der mehr denn zu gut befriedigte Wirth warf ju⸗ belnd ſeine Kopfbedeckung in die Luft. Kaum glaubten die beiden Brüder ſich allein, da ſagte der Candidat:„Sag' mir doch nur, Bruder, war das heute wirklich 230 Natur oder Zauberei? Denn das verſichere ich Dir, noch ſchwindelt mir der Kopf, die Welt tanzt, und ich mit der Welt!“„Ja, Bruder, Du biſt ein gelehrter Mann, billig muß ich Dir ſelbſt die metaphyſiſche Un⸗ terſuchung überlaſſen. Doch, Du biſt ſchnell zu einer Braut gekommen, was meinſt Du dazu?“„Je nun, das Maͤdchen ſcheint ein wahrer Engel zu ſein. Ich greife zu, wer weiß, ob mir's in meinem Leben wieder ſo geboten wurde!“„Haſt Recht, Bruder,“ ſagte der Maler,„ich werde das Fraͤulein auch nicht von mir ſtoßen.“ Nach dieſem kurzen Geſprache ſuchten ſie ihre Ruheſtätte auf. ¹ Am Morgen des neunten Julius hatte Fortunette von Nordſturm fuͤnf präch⸗ tige Wagen ausgeſandt, naͤmlich vier in die Stadt zur Abholung des Hofraths und deſ⸗ ſen Gattin und Tochter Laurentia, ferner einen Wagen zu Gauderling, dem Gerichts⸗ amtmanne und Adelheid, dann zu dem Hof⸗ Juwelier Steingold nebſt Gattin; da Steingold aber wieder kraͤnkelte und He⸗ lene das Vergnuͤgen nicht aufgeben wollte, ſo war der Schloßhauptmann ſo gefaͤllig, ihr Geſellſchaft zu leiſten, und der vierte nahm den Commerzienrath Robert Feſſelring und Bertha Winkelhaus auf. Der präch⸗ 231 tigſte jedoch, mit 4 Schimmeln beſpannt, hielt vor dem goldenen Karpfen, um die beiden Brüder Lichtung abzuholen. Steinegk und deſſen Gattin hatten ſelbſt einen ſchoͤnen Wagen und Pferde, ſie koͤnnten und wuͤrden ſich deſſen vielleicht lieber bedienen, meinte Fortunette, und unterließ es folglich, ihnen einen ſolchen zu ſchicken. Hierdurch glaubten ſie ſich beleidigt, und außerdem dadurch ge⸗ krnkt, daß Bertha auf die Bitten Lau⸗ rentia's und deren Bruders mit dieſen ge⸗ reiſ't war, was ſie ihr freilich nicht geradezu verweigert hatten, beſchloſſen ſie, diesmal zu Hauſe zu bleiben, einen Boten zu Fortu⸗ nette zu ſenden und ſich durch denſelben bei ihr haͤuslicher und Feldgeſchaͤfte halber entſchuldigen zu laſſen. Jubelnd und frohlockend kamen die Ein⸗ geladenen, außer Steinegk's, zu Wonnefeld an, etwas fruher als die Bruͤder Lichtung die Städter. Hoch ſchlugen die jungen Her⸗ zen dem entgegen, was ihrer hier wartete. Aber wie oͤffneten ſich die Augen ſo weit bei Jung und Alt, als Fraͤulein Fortunette ihnen in zwar ſchoͤner, aber doch ſchlichter Kleidung entgegen trat, und man ſtatt eines aufgeputzten Palais nur ein zierliches Wohnhaus fand! Im Innern deſſelben war keine Pracht, nur Ordnung, Reinüichkeit und Geſchmack in Einrichtung des Möblements anzutreffen. „Ei, mein Fräulein,“ ſagte nach der allſeiti⸗ 232 gen Begruͤßung der Hofrath,„das muß ich geſtehen, das gefaͤllt mir ausnehmend wohl! Ja, ja, ſo nur iſt es zu erklaͤren, woher Euch die Mittel zum raſtloſen Wohlthun kommen.“ Nach Austauſch der dieſen Umſtand betreffen⸗ den Ideen und Grundſätzen bat Fortunette, es moͤchten ſich ihre lieben Gaͤſte dies Mal ſelbſt ihr Plaͤtzchen ſo ſuchen, wie ihnen ſol⸗ ches das erwuͤnſchteſte waͤre. Und ſiehe, ganz ſo wie am ſiebenten ſetzten ſich die Paare, mit dem Unterſchiede jedoch, daß Steinegks fehlten, was dem Fraͤulein wehe that, und daß Hadermann und Helene ſich zuſam⸗ men geſellten. Daß nun hier die foͤrmliche Verlobung vor ſich ging, braucht wohl nicht erwaͤhnt zu werden. Einfach, aber herzlich, prunklos, aber heiter, ohne Pomp, aber ruͤh⸗ rend war die Handlung, als das Fraͤulein vom Maler Lichtung der Geſellſchaft als ſeine Braut vorgeſtellt wurde; als ferner der Commerzienrath erklaͤrte, Bertha Winkel⸗ haus ſei die Seinige und Beide den elterli⸗ chen Segen erhielten; als ſich der Gerichts⸗ amtmann Gauderling mit Adelheid als Verlobte bekannten, und der Candidat Frede⸗ rik Lichtung bei dem Hofrath um Einwil⸗ ligung und väterlichen und muͤtterlichen Se⸗ gen bat zur Verlobung mit Laurentia. „Ja, meine Kinder, ich hoffe, daß die goͤttliche Vorſehung Euch einander zugefuͤhrt haben werde, daß Ihr als gute und treue Ehegatten — 233 ein muſterhaftes Leben fuͤhren moͤget und daß des Himmels Segen auf Euch ruhen werde immerdar. Dies iſt mein Segenz nehmt ihn hin!“ ſprach der brave Vater, und, „Komm, Mutter, ſegne mir die Kindlein auch!“ redete er die Gattin an, die aber vor Weinen nicht laut und zuſammenhaͤngend zu reden vermochte.„Bei der großen Schloßkanone, wahrlich und wahrlich!“ rief der jovialiſche Hauptmann aus,„wenn das noch lange ſo fort dauert, dann laufe ich Euch davonz aber nicht nach Padua unter die italieniſchen Ban⸗ diten; nein, hier gefällt mir's! hier will auch ich ein Bräutchen ſuchen!“„Aber leider muß ich die Reiſe dahin verſuchen,“ ſagte wehmuͤthig der Candidat. Das war Allen nicht erwuͤnſcht, jedoch nicht zu aͤndern. Ein⸗ mal im Dienſt, kann man nicht immer aus demſelben heraus treten, wenn es beliebt. Nach dem Mittagsmahle wurde der ſchoͤne große Garten bewundert, deſſen größte Flaͤche zum Gemuͤſe⸗ und Obſtbau benutzt wurde. Unter lehrreichen und angenehmen Geſpraͤchen war der Abend und ſo die Zeit zur Nach⸗ hauſe⸗Reiſe herangekommen. So war mit fanftem Ernſte der unſtreitig uberaus wichtige Tag fur alle Anweſende verfloſſen, ohne durck Glanz verherrlicht worden zu ſein; er war ja aber auch zum Tage der biederſten Entſchluſſe geweihet worden. Zu Herbſtanfang ſollten alle dieſe Trauungen, wenn auch nicht alle in ei⸗ * 5 234 ner und derſelben Kirche, vollbracht werden, war die übereinkunft, ehe man auseinander ging. Mit Aufgang des Mondes fuhren ſaͤmmtliche Gaͤſte, nicht ſo jubelnd als am ſiebenten, nicht uͤberraſcht wie damals, aber befriedigt nach Hauſe. Der Maler begleitete ſeinen Bruder bis zum Gaſthauſe zum golde⸗ nen Karpfen, von wo er nach einigen Tagen ſich als Hofmaler auf das Schloß begab, das Weitere ſeiner Braut uͤberlaſſend; Frederik Lichtung trat dann am beſtimmten Tage die Reiſe nach der Schweiz und von da nach Italien mit an. n Vor Beginn des Krieges hatte eine kleine Meile von der Reſidenz ein Dorf Na⸗ mens Hummeln geſtanden, war aber durch Lieferung eines Treffens zerſtoͤrt worden. Die meiſten der Einwohner deſſelben waren Luthe⸗ raner. Einigemal hatten ſie um Erlaubniß nachgeſucht, dieſes Doͤrfchen naͤher der Stadt anlegen zu duͤrfen; hatten aber immer ihren Zweck nicht erxeichen können. Noch einen Ver⸗ ſuch wagten ſie deßhalb und er gluͤckte, es wurde den noch uͤbrigen Einwohnern nicht nur ver⸗ ſtattet, ihr Dorf an der gewuͤnſchten Stelle anzubauen, ſondern ihnen auch die Sieg⸗ warts⸗Kapelle, als welche dem Plane gemaͤß an dem nordweſtlichen Ende des Ortes ſich ———— 235 befinden wuͤrde, als Bethaus eingeraͤumt. Sogleich wurde Hand ans Werk gelegt. Mit dem Monat Junius ward der Bau be⸗ gonnen, im Julius eine Reparatur der Ka⸗ pelle und die Einrichtung zum beſtimmten Zwecke vorgenommen. In der Mitte des Septembers war ſchon das Werk vollbracht und das Bethaus harrte nun ſeiner Einwei⸗ hung entgegen. „O weh! ſchon iſt der September zur Halfte verfloſſen, und mein Frederik iſt noch nicht wieder da!“ rief der Maler aus. „Ach Gott, ſeit fuͤnf Wochen keinen Brief von Lichtung und er ſelbſt noch nicht zuruͤck, wenn nur kein Ungluͤck ihn betroffen hat! ach, mir iſt immer ſo angſt, Vater, Du glaubſt gar nicht,“ jammerte Laurentia. Auch die uͤbrigen Freunde und Freundinnen fingen an, die Sache bedenklich zu finden. Ein Tag nach dem andern verſtrich, ohne daß der Gehoffte ſelbſt oder nur einige Nach⸗ richt von ihm eingetroffen waͤre, und mit je⸗ dem Tage war Laurentia der Verzweif⸗ lung näher gebracht. „ Die Einweihung der Kapelle wurde ge⸗ wuͤnſcht; dieſe Handlung war dem abweſen⸗ den Lichtung, der vorher in der evangeli⸗ ſchen Kirche der Reſidenz ordinirt werden ſollte, zugedacht. Aber er kam ja nicht wie⸗ der, wohl aber der zur Einweihung beſtimmte Tag, der einundzwanzigſte des Monats 236 war naͤher gekommen, und ſchon hatte der evangeliſche Stadtprediger den Auftrag dazu erhalten, als vlötzlich ein Reiſender inh kommt, in die Kapelle geht, dort niederkniet und dem Herrn uͤber Leben und Tod fuͤr die wunderbare Rettung aus großer Gefahr, die er beſtanden, laut und inbruͤnſtig danktez und dieſer Reiſende iſt der Erſehnte, von ei⸗ ner andern Seite her ankommend, als man erwartet hatte. Sein erſter Gang iſt zu Laurentia's Vater, der zweite aufs Schloß zum geliebten Bruder. Dort und hier war das Wiederſehen Gegenſtand einer ruͤhrenden Scene. Kaum erfaͤhrt der Fuͤrſt Ferdinand deſſen Ruͤckkunft, als er auch es ſeine erſte Sorge ſein laͤßt, daß der Candidat Lichtung zum Pfarrer der evangeliſch⸗ lutheriſchen Kirche ernannt werde. Am dreiundzwanzigſten em⸗ pfaͤngt er ſchon die Ordination. Bei Ge⸗ legenheit dieſer heiligen Handlung geht der Bruder und Fortunette, desgleichen Lau⸗ rentia nebſt ihrem Bruder und Bertha zur evangeliſchen Fonfeſſion uber, verſteht ſich unter Genehmigung der Eltern. Am folgenden Tage wird die Siegwarts⸗Kapelle als Bethaus der Gemeinde Hummeln ein⸗ geweihet, Frederik Lichtung als Pfarrer an dieſer Kirche eingefuͤhrt und ſeinem Wunſche gemaͤß ſeine Ehe mit Laurentia von dem Prediger des Dorfes, in welchem er zuletzt gepredigt und wo ihn ſein Bruder zum er⸗ 237 ſten Male erblickt hat, eingeſegnet. Die Trauung mit Fortunette verlangt der Ma⸗ ler aber von dem theuern Bruder, jedoch in der Kirche des Dorfes, wo jener ehrwuͤrdige Geiſtliche wohnt, dem er die erſte Kunde von ſeinem Bruder verdankt, jedoch der Fuͤrſt Mapimilian beſtand ausdruͤcklich darauf, daß Lichtung in der Siegwarts⸗Kapelle ge⸗ trauet wurde, und ſo mußte man gehorchen. Zwar befiel den Maler eine Art von Schwindel, als er mit Fortunette in das heilige Gebaͤude trat, das ihm unverdienter⸗ maßen ſo viel Glück bereitet hatte, doch überwand er auch dieſe Angſt und ſandte ein gefuhlvolles Dankgebet zum Throne des Al⸗ lerhoͤchſten. Die ganze fürſtliche Familie hatte dieſen Trauungen beigewohnt, und die Fur⸗ ſten wollten noch einen Beweis hoͤchſt Shrer Huld geben. Daher wurden Alle, die von Fortunette im Gaſthofe zum goldenen Kar⸗ pfen bewirthet worden waren, verſteht ſich, ſie ſelbſt ebenfalls nebſt ihrem Gatten, auf Fortunenſchacht unter rauſchender Muſik hin⸗ auf gefahren und von den Füͤrſten und der Furſtin gnädigſt empfangen. Jene 100 Fried⸗ richsd'or, die Fuͤrſt Ferdin and gewann, er⸗ hielt der Maler als Geſchenk. Ein glaͤnzen⸗ der Fackelzug, von den Bergleuten gebildet, mit Muſik und Kanonenſalven, beſchloß die⸗ ſen wichtigen, dieſen Ehrentag. Zu Mitter⸗ nacht ſtimmten ſaͤmmtliche Berg⸗ und Huͤt⸗ 238 tenleute dem Ballſaale gegenuͤber noch einen Geſang an, worin ſie zwar Fortuna als Patronin hochprieſen, jedoch vor allzugroßem Vertrauen zu ihrer Gunſt freundſchaftlichſt warnten.— Immer mehr kraͤnkelte der reiche Hof⸗ Juwelier Steingold und ſchon im fol⸗ genden Monate erfolgte ſein Lebensende, nur 36 Jahre hatte er die Welt geſehen. Bald vermaͤhlte ſich Helene wieder, ihr gluͤcklicher Gatte wurde Hadermann. 1 Ende des zweiten und letzten Bandes. — Bei dem Verleger dieſes iſt ferner er⸗ ſchienen und in allen guten Leihbibliothe⸗ ken und Buchhandlungen zu haben: Die Victualienbruͤder. Romantiſche Seeraͤubergeſchichte mit Beruͤck⸗ ſichtigung hiſtoriſcher Quellen, von Fr. Bar⸗ tels. 2 Bde. 1837. 1 Thlr. 22 ½ Sgr. Die Teufelsmuͤhle auf dem Ramberge. Romantiſches Gemaͤlde von Fr. Bartels. 2 Bde. 1837. 2 Thlr. Das Forſthaus am Karama, oder das Räubermaͤdchen und die Guerillas⸗ Anfuͤhrer. Romantiſches Gemaͤlde aus dem Raͤuberleben von C. F. Froͤhlich. 2 Bde. 1837. 2 Thlr. Die Zigeunermutter, oder: des Findlings Geſchick. Romantiſche Erzählung. 1837. 1 Thlr. 34 Sgr. — St. Domingo. Hiſtoriſch⸗Romantiſches Gemaͤlde aus den Zei⸗ ten der Negerrevolution von Bernhard Heß. 1837. 1 Thlr. Cola und die Helden ſeiner Bande. Eine italieniſche Raͤubergeſchichte von L. Zznafer. 2 Bde. 1837. 2 Thlr. 3½ Sgr. Bogislaw, der polniſche Rauberhauptmann. Eine Ge⸗ ſchichte aus der neueſten Zeit, von L. Zzna⸗ fer. 2 Bde. 1837. 2 Thlr. Contarino, Nachfolger Sallo Sallini's. Räubergeſchichte aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhun⸗ derts, von G. Bertrant. 1837. 1 Thlr. Der Ritter mit dem Monde. Romantiſche Erzahlung aus den Zeiten der Kreuzzuge, von Otto Stein. 1837. 1 Thlr. W Sgr. ——— 9 10 11 12 13 14 17 18 19 0 6 v L llillililall